Zwanzigstes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

»Ich that, was thun kann Menschenhand,
Und Alles half nicht mehr;
Leb wohl, mein Lieb! mein Heimathland!
Denn ich muß über’s Meer;
Mein Lieb,
Denn ich muß über’s Meer.«
Schottische Ballade.

Im letzten Kapitel verließen wir die Kämpfenden, wie sie in ihrem engen Kampfplatz Athem schöpften. Gewohnt an die derben Spiele des Ringens und Schwingens, wie sie damals in Amerika und zumal an den Grenzen so gewöhnlich waren, besaß Hurry, neben seiner ungeheuern Stärke einen Vortheil, der den Kampf minder ungleich machte, als er sonst erscheinen mochte. Dieß allein hatte ihn in Stand gesetzt, so lang allein gegen so viele Feinde auszuhalten; denn der Indianer ist keineswegs ausgezeichnet durch Stärke oder Gewandtheit in athletischen Uebungen. Bis jetzt war noch Niemand ernstlich beschädigt, obwohl Einige von den Wilden schwere Fälle gethan hatten; namentlich derjenige, der der Länge nach auf die Plattform geschleudert worden, war, kann man wohl sagen, für den Augenblick kampfuntüchtig geworden. Einige der Uebrigen hinkten; und March selbst war nicht ohne alle Beulen durchgekommen, obgleich Erschöpfung des Athems der Hauptverlust war, den beide Parteien wieder herzustellen wünschten. Unter Umständen wie die, worin die Parteien sich befanden, konnte ein Waffenstillstand, welche Ursache er nun haben mochte, nicht wohl von langer Dauer seyn. Der Kampfplatz war zu enge, und die Besorgniß vor Verrätherei zu groß, um dieß zu gestatten. Was man bei seiner Lage gar nicht hätte erwarten sollen, war Hurry der Erste, der die Feindseligkeiten wieder eröffnete. Ob er dieß aus Politik that, oder in dem Gedanken, er könnte durch einen plötzlichen und unvermutheten Angriff irgend einen Vortheil gewinnen, oder ob es die Folge der Aufregung und seines nie ruhenden Hasses gegen die Indianer gewesen, ist unmöglich zu sagen. Sein Angriff indessen war wüthend, und zuerst trieb er Alle vor sich her. Er packte den nächsten Huronen um den Leib, hob ihn ganz von der Plattform empor, und schleuderte ihn in’s Wasser, als wäre er nur ein Kind. In einer halben Minute lagen noch Zwei neben ihm, von welchen Einer eine schwere Verletzung davontrug, weil er auf den ihm eben vorangegangenen Genossen fiel. Nur vier Feinde blieben noch übrig, und in einem Handgemenge, wo man sich keiner andren Waffen bediente, als der von der Natur selbst gegebenen, glaubte sich Hurry ganz Mannes genug, mit dieser Zahl von Rothhäuten es aufzunehmen.

»Hurrah! Alter Tom!« brüllte er; »die Schurken machen sich in den See und ich will sie bald Alle schwimmen sehen!« Wie er diese Worte gesprochen, schleuderte ein heftiger Stoß in’s Gesicht den verletzten Indianer, der den Rand der Plattform gefaßt hatte, und sich hinaufzuschwingen versuchte, rettungs- und hoffnungslos in’s Wasser. Als der Kampf vorüber war, sah man seinen dunkeln Leichnam durch das durchsichtige Element des Glimmerglases mit ausgestreckten Armen der Länge nach auf dem Grund der Sandbank liegen, worauf das Castell stand, in den Sand und das Seegras die Hände einwühlend, als ob durch dieß verzweiflungsvolle Anklammern im Tod das Leben zurückgehalten werden sollte. Ein Streich, einem Andern in die Magenhöhle versetzt, rollte ihn auf, wie einen getretenen Wurm; und nur noch zwei tüchtige Feinde blieben zu bekämpfen übrig. Einer von diesen jedoch war nicht nur der Größte und Stärkste unter den Huronen, sondern auch der Erfahrenste unter den anwesenden Kriegern, und derjenige, dessen Sehnen in Kämpfen und durch Märsche auf dem Kriegspfad am meisten gestählt waren. Dieser Mann hatte die riesenhafte Stärke seines Gegners wohl gewürdigt, und hatte seine Kraft sorgsam gespart. Er war auch auf’s beste gerüstet für einen solchen Kampf, denn er stand da nur in Beinkleidern, das Modell einer schönen, nackten Statue der Gewandtheit und Stärke. Ihn zu packen erforderte außerordentliche Behendigkeit und ungewöhnliche Stärke, dennoch bedachte sich Hurry nicht, und sobald er jenen Stoß versetzt, der in der That einem Mitmenschen das Leben kostete, band er auch mit diesem furchtbaren Feind an, und suchte auch ihn in’s Wasser zu drängen. Der nun folgende Kampf war in der That gräßlich. So wild wurde er im Augenblick, und so rasch und wechselnd waren die Bewegungen der Athleten, daß dem noch übrigen Wilden, hätte er auch den Wunsch gehabt, keine Möglichkeit blieb, sich einzumischen, sondern er von Staunen und Furcht wie gefesselt dastand. Er war ein unerfahrner Jüngling und das Blut gerann ihm, als er Zeuge ward von dem häßlichen Kampf menschlicher Leidenschaften, der sich dazu noch in ungewohnter Gestalt darstellte.

Hurry versuchte zuerst seinen Gegner zu werfen. In dieser Absicht packte er ihn an der Kehle und einem Arm, und suchte ihm mit der Gewandtheit und Stärke eines amerikanischen Grenzmannes ein Bein zu stellen, Dieß ward vereitelt durch die behenden Bewegungen des Huronen, der Hurry bei den Kleidern packen konnte, und dessen Füße jenem Versuch auswichen mit einer Geschwindigkeit, gleich der des Angreifers selbst. Dann folgte eine Art mêlée, wenn man einen solchen Ausdruck gebrauchen darf von einem Kampf zwischen Zweien, in welchem keine Anstrengungen einzeln zu unterscheiden waren, und die Glieder u»d Leiber der Kämpfenden so viele Stellungen und Verrenkungen annahmen, daß sie jeder Beobachtung spotteten. Dieß wirre aber wüthende Handgemenge dauerte jedoch nicht ganz eine Minute, worauf Hurry rasend, daß seine Stärke durch die Gewandtheit und Nacktheit seines Feindes in ihrem Erfolg getäuscht wurde, eine verzweifelte Anstrengung machte, welche den Huronen ihm vom Leibe schaffte, und ihn heftig gegen die Blöcke der Hütte schleuderte. Die Erschütterung war so groß, daß sie für einen Augenblick den Letztern betäubte. Auch der Schmerz erpreßte ihm ein tiefes Aechzen – ein Zoll, von Qual und Angst abgerungen, der in der Hitze des Kampfes einem rothen Mann nicht selten entfährt. Dennoch stürzte er sich aufs Neue seinem Feind entgegen, wohl wissend, daß seine Rettung von seiner Entschlossenheit abhinge. Jetzt packte Hurry den Andern um den Leib, hob ihn frei über die Plattform empor, und fiel mit seiner gewaltigen Wucht auf den unter ihm Liegenden. Diese weitere heftige Bedrängniß betäubte den armen Indianer so, daß sein gigantischer weißer Gegner ihn jetzt ganz und gar in seiner Hand hatte. Er legte die Hände um die Kehle seines Opfers und preßte sie zusammen mit der Gewalt einer Schraube, wobei er den Kopf des Huronen an dem Rand der Plattform ordentlich umbog, bis bei der höllischen Stärke, die er anwendete, das Kinn zuoberst war. Ein Augenblick schon zeigte die Folgen. Die Augen des Mißhandelten schienen herauszutreten, seine Zunge reckte sich heraus, und seine Nüstern dehnten sich fast zum Zerspringen. In diesem Augenblick ward ein Strick von Bast, mit einem Auge versehen, geschickt über die beiden Arme Hurry´s geworfen; das Ende ward durch das Auge geschoben, so daß eine Schlinge entstand, und jetzt wurden ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammengezogen mit einer Gewalt, der selbst seine gigantische Stärke nicht widerstehen konnte. Mit Widerstreben, selbst unter diesen Umständen noch, sah der erbitterte Grenzmann seine Hände zurückgerissen von ihrer tödtlichen Umspannung, denn alle bösen Leidenschaften tobten jetzt auf’s Höchste in ihm. Beinahe im selben Augenblick fesselte ein gleiches Band auch seine Knöchel, und sein Körper ward in die Mitte der Plattform hingerollt, so hilflos und so rücksichtslos, als wäre er ein Holzscheit. Sein befreiter Gegner aber stand nicht auf, denn während er wieder zu athmen anfieng, hing doch sein Kopf noch kraftlos über den Rand der Blöcke hinunter, und man glaubte anfangs, der Hals sey ihm verdreht. Nur allmählig erholte er sich wieder und Stunden vergingen, bis er gehen konnte. Manche glaubten, weder sein Leib noch sein Gemüth habe sich je wieder ganz erholt von diesem drohenden Vorschmack des Todes.

Hurry hatte seine Niederlage und Gefangennehmung der blinden Wuth zu danken, mit der er alle seine Kräfte gegen den gefallenen Feind aufbot. Während er mit diesem beschäftigt, waren die zwei von ihm in’s Wasser geschleuderten Indianer an den Pfeilern heraufgestiegen, schlichen jetzt diesen entlang daher, und gesellten sich zu ihrem Genossen auf der Plattform. Der Letztere hatte seine Geisteskräfte so weit wieder gesammelt, daß er die Stricke herbeigeholt hatte, die nun zum Gebrauch in Bereitschaft waren, als die Andern erschienen, und sie wurden in der nun schon erzählten Weise angewendet, während Hurry mit seiner ganzen Wucht seinen Feind niedergedrückt hielt, nur mit dem gräßlichen Wunsch beschäftigt, ihn zu erdrosseln. So hatte sich in Einem Augenblick das Blatt gewendet, er, der so nahe daran gewesen, einen vollständigen Sieg zu erringen, der mittelst Ueberlieferung Jahrhunderte hindurch in dieser ganzen Gegend wäre bekannt und gepriesen worden, lag jetzt da, hülflos, gebunden, gefangen. So furchtbar waren die Anstrengungen des Bleichgesichts gewesen, so wunderbar die Stärke, die er an den Tag gelegt, daß sie selbst, wie er so, einem gebundenen Schaafe gleich, vor ihnen dalag, ihn mit Achtung und nicht ohne Furcht betrachteten. Der kraftlose Leib ihres stärksten Kriegers lag noch ausgestreckt auf der Plattform; und wie sie ihre Augen auf den See warfen, den Kameraden zu suchen, der so unceremoniös hineingeschleudert worden war, und den sie in der Verwirrung des Handgemenges aus dem Gesicht verloren hatten, sahen sie, wie schon beschrieben, seine leblose Gestalt auf dem Grund des See’s, an’s Gras sich anklammernd, liegen. Alle diese Umstände zusammen machte den Sieg der Huronen für sie beinahe so betrübend wie eine Niederlage.

Chingachgook und seine Verlobte hatten diesem ganzen Kampf von der Arche aus zugesehen. Als die drei Huronen im Begriffe waren, die Stricke durch die Arme des daliegenden Hurry zu schieben, suchte der Delaware nach seiner Büchse; aber noch ehe er sich ihrer bedienen konnte, war der weiße Mann gebunden und das Unheil geschehen. Er konnte noch einen Feind niederschießen, aber den Skalp zu gewinnen war unmöglich, und der junge Häuptling, der so entschlossen sein Leben an eine solche Trophäe wagte, bedachte sich, einem Feinde das Leben zu nehmen, wenn er keine Aussicht auf jene hatte. Ein Blick auf Hist, und der Gedanke an die möglichen Folgen dämpfte jedes flüchtige Racheverlangen. Der Leser weiß schon, daß man von Chingachgook kaum sagen konnte, daß er die Ruder der Arche zu handhaben verstanden habe, so erfahren er auch im Gebrauche der Ruderschaufel auf Canoe’s seyn mochte. Vielleicht gibt es keine Handarbeit, bei der sich die Menschen so ungeschickt und linkisch geberden, wie bei den ersten Versuchen ein Ruder zu handhaben, und selbst der erfahrenste Seemann oder Bootsmann fällt durch mit seinen Bemühungen, neben dem gefeierten Kerbenrudern des Gondoliers zu figuriren. Kurz, es ist für den Augenblick für den neuen Anfänger unmöglich, Ein Ruder gut zu handhaben; hier aber war erforderlich, zwei auf einmal, und dazu zwei sehr große zu bewältigen. Große Ruderstangen jedoch werden von einer ungeübten Hand noch eher gehandhabt, als leichtere Werkzeuge, und dieß war der Grund, daß es dem Delawaren beim ersten Versuche doch noch so gut gelang, die Arche von der Stelle zu bringen. Aber dennoch hatte dieser Versuch hingereicht, ihn gegen sich selbst mißtrauisch zu machen, und er sah wohl, in welche kritische Lage er und Hist jetzt versetzt waren, falls die Huronen das Canoe, das noch unter der Fallthüre lag, nahmen und sich gegen sie wandten. In einem Augenblick dachte er daran, Hist in das in seinem Besitz befindliche Canoe zu setzen, und sich nach den östlichen Bergen zu wenden, in der Hoffnung, durch rasche Flucht die Delawarischen Dörfer zu gewinnen. Aber manche Betrachtungen drängten sich auf, um diesen unbesonnenen Schritt zu hintertreiben. Es war beinahe gewiß, daß Kundschafter den See auf beiden Seiten bewachten und kein Canoe so leicht der Küste sich nähern konnte, ohne von den Hügeln aus gesehen zu werden. Dann war eine Fährte vor einem indianischen Auge nicht zu verhehlen, und die Kraft Hist’s war einer Flucht nicht gewachsen, die so rasch und unausgesetzt ausgeführt werden mußte, um der Verfolgung geübter Krieger zu enteilen. Es war dieß eine Gegend Amerika’s, wo die Indianer den Gebrauch von Pferden noch nicht kannten, und Alles hing von der physischen Kraft der Flüchtigen ab. Die letzte, aber nicht die geringste Rücksicht war der Gedanke an Wildtödters Lage; ein Freund durfte in seiner Noth nicht so verlassen werden.

Hist dachte und folgerte in einigen Punkten, ja sie fühlte auch anders, obwohl sie zu demselben Schluß gelangte. Ihre eigene Gefahr beunruhigte sie weniger, als ihre Sorge um die zwei Schwestern, für welche ihre weibliche Sympathie jetzt aufs lebhafteste sich betheiligte. Das Canoe der Mädchen hatte sich, bis der Kampf zu Ende war, dem Castell auf dreihundert Schritte genähert, und jetzt hörte Judith auf zu rudern, da die Anzeichen des Kampfes erst hier dem Auge sichtbar wurden. Sie und Hetty standen aufrecht da, ängstlich bemüht zu erkunden, was vorgefallen, aber außer Stand, sich Gewißheit zu verschaffen, weil das Gebäude großentheils den Kampfplatz verdeckte. Die auf der Arche und im Canoe Befindlichen verdankten der Heftigkeit von Hurry’s Angriff ihre augenblickliche Sicherheit. In jedem gewöhnlichen Falle wären die Mädchen sofort gefangen worden – eine leicht zu vollziehende Maßregel, nachdem die Huronen im Besitz eines Canoe’s waren, ohne den demüthigenden Schlag, den die Kühnheit der Huronen in dem jüngsten Kampfe erlitten. Es erforderte eine Weile, bis sie sich von den Eindrücken dieser gewaltsamen Scene erholten; und das um so mehr, als der wichtigste Mann der Truppe, wenigstens was persönliche Tapferkeit betraf, so schwer zu Schaden gekommen war. Dennoch war es von höchster Wichtigkeit, daß Judith und ihre Schwester unverzüglich Zuflucht in der Arche suchten, deren Vertheidigungsmittel wenigstens für kurze Zeit Schirm und Schutz boten; und die nächste Aufgabe war, Mittel zu finden, sie hiezu zu veranlassen. Hist zeigte sich auf dem Hintertheil der Fähre, und machte, aber vergebens, allerlei Zeichen und Geberden, um die Mädchen zu veranlassen, mittelst eines Bogens das Castell zu vermeiden und sich der Arche von Osten her zu nähern. Aber diese Zeichen wurden verachtet oder mißverstanden. Wahrscheinlich erkannte Judith noch nicht hinlänglich den wahren Stand der Dinge, um volles Vertrauen in die eine oder andre Partei zu setzen. Statt zu thun, wie man ihr rieth, hielt sie sich vielmehr weiter entfernt; sie ruderte langsam zurück, nordwärts oder nach dem breitesten Theil des See’s, wo sie die weiteste Aussicht beherrschte, und das weiteste Feld zur Flucht vor sich hatte. In diesem Augenblick erschien die Sonne über den Fichten der östlichen Bergreihe, und ein leichter Südwind erhob sich, wie zu dieser Jahrszeit und Stunde ganz gewöhnlich war.

Chingachgook verlor keine Zeit das Segel aufzuziehen. Was auch seiner warten mochte, daran konnte kein Zweifel seyn, daß es in jeder Weise wünschenswerth war, die Arche in solche Entfernung von dem Castell zu bringen, daß die Feinde in die Nothwendigkeit versetzt wurden, sich der Arche in dem Canoe zu nähern, das die Wechselfälle des Krieges so ungelegen für seine Wünsche und seine Sicherheit ihnen in die Hände geliefert hatten. Der Anblick des schwellenden Segels schien die Huronen zuerst aus ihrer Thatlosigkeit zu wecken; und bis die Spitze der Fähre vor dem Winde abgefallen war – was unglücklicher Weise in der falschen Richtung geschah – wodurch sie der Plattform auf wenige Schritte sich näherte, fand es Hist nöthig, ihren Geliebten dringend zu ermahnen, wie wesentlich es sey, daß er seine Person gegen die Büchsen der Feinde sicher stelle. Dieß war eine unter allen Umständen zu vermeidende Gefahr, und um so mehr, weil der Delaware sah, daß Hist selbst keine Bedeckung suchen würde, so lange er bloß gestellt blieb. So überließ denn Chingachgook die Fähre ganz ihren eignen Bewegungen, drängte Hist in die Cajüte, deren Thüren er augenblicklich verschloß, und sah sich dann nach den Büchsen um.

Die Lage der Parteien war jetzt so eigenthümlich, daß sie eine besondere Schilderung verdient. Die Arche war sechzig Schritte vom Castell entfernt, etwas südlich davon, auf der Seite wohin der Wind blies, mit vollem Segel und ledigem Steuerruder. Das letztere war zum Glück nicht befestigt, so daß es keinen großen Einfluß übte auf die krebsartige Bewegung des ungefügen Fahrzeugs. Da das Segel dem Winde preisgegeben war, wie es die Matrosen nennen, oder keine Brassen hatte, drängte der Luftzug die Raa vorwärts, obgleich beide Schoten fest waren. Die Wirkung war eine dreifach starke bei einem Fahrzeug, das einen vollkommen flachen Boden hatte und nur etwa drei bis vier Zoll tief im Wasser ging. Das Vordertheil wurde langsam leewärts herum getrieben, die gesammte Masse wurde zugleich nach derselben Richtung kräftig gedrängt, und das Wasser, das nothwendig unter dem Lee anschwoll, gab der Fähre auch eine verstärkte Bewegung vorwärts. Alle diese Veränderungen jedoch waren ausnehmend langsam, denn der Wind war nicht nur schwach, sondern auch wie gewöhnlich unzuverlässig, und zwei oder dreimal schwankte das Segel. Einmal schlug es ganz und gar zurück. Hätte die Arche irgend einen Kiel gehabt, so wäre sie unausbleiblich auf die Plattform, den Bug voran, losgefahren, und dann hätte vermuthlich Nichts die Huronen verhindert, sie zu nehmen, zumal da das Segel ihnen möglich gemacht hätte, sich unter einer Deckung zu nähern. So aber trieb die Fähre nur langsam rund herum, an diesem Theil des Gebäudes nur eben vorbeigleitend. An den um einige Fuß vorstehenden Pfeilern jedoch glitt sie nicht vorbei, sondern die Spitze des langsam sich bewegenden Fahrzeugs fing sich zwischen zwei derselben mit einer seiner in rechten Winkeln auslaufenden Ecken und blieb hängen. In diesem Augenblick paßte der Delaware, aufmerksam durch ein Guckloch schauend, eine Gelegenheit ab, zu feuern, während die Huronen, auf das Gleiche bedacht, in dem Haus sich hielten. Der erschöpfte Krieger lehnte sich gegen die Hütte, da keine Zeit gewesen war, ihn wegzubringen, und Hurry lag beinahe so hülflos wie ein Klotz, gebunden wie ein Lamm auf der Schlachtbank, der Mitte der Plattform nahe. Chingachgook hätte den Erstern jeden Augenblick tödten können, aber sein Skalp wäre ihm doch entgangen, und der junge Häuptling verschmähte es, einen Schlag zu führen, der weder Ehre noch Vortheil brachte.

»Fahrt mit einem der Bootshaken heraus, Schlange, wenn Ihr es seyd,« sagte Hurry, unter das Stöhnen hinein, das ihm die Festigkeit der einschneidenden Bande auszupressen anfing, »fahrt mit einem der Bootshaken heraus und schiebt damit das Vordertheil der Fähre weg, dann kommt Ihr von uns los – und wenn Ihr Euch diesen Dienst geleistet, dann gebt mir zu Liebe diesem nach Luft schnappenden Schurken den Rest!«

Der Zuruf Hurry’s hatte jedoch keine andere Wirkung, als Hist’s Aufmerksamkeit auf seine Lage zu lenken. Dieß schnellauffassende Geschöpf begriff sie auf einen Blick. Seine Knöchel waren mit starken Baststricken mehrmals umwunden, und seine Arme über den Ellbogen auf ähnliche Weise über den Rücken gebunden, so daß er nur mit Händen und Fäusten wenig freies Spiel hatte. Sie setzte den Mund an ein Guckloch und sagte mit leiser, aber vernehmlicher Stimme:

»Warum Euch nicht her wälzen und in die Fähre fallen? Chingachgook Huronen schießen, wenn er nachsetzt!«

»Beim Himmel, Mädchen, das ist ein einsichtsvoller Gedanke, und soll versucht werden, wenn der Spiegel Eurer Fähre nur etwas näher kommen will. Legt nur ein Bett auf den Boden, daß ich darauf falle.«

Dieß ward in einem glücklichen Augenblick gesprochen, denn des Wartens müde, schoßen alle Indianer ihre Büchsen beinah in Einem Augenblick rasch ab, ohne Jemand zu treffen, obgleich mehrere Kugeln durch die Scharten gingen. Hist hatte einen Theil von Hurry’s Worten gehört, das Meiste aber war über dem heftigen Knallen der Gewehre verloren gegangen. Sie machte den Riegel der Thüre auf, die nach dem Hintertheil der Fähre führte, wagte aber nicht ihre Person auszusetzen. Diese ganze Zeit über hing die Spitze der Arche an den Pfeilern, aber immer lockerer und loser, sowie das andere Ende langsam sich umdrehte, und der Plattform näher und näher kam. Hurry, der jetzt mit dem Gesicht der Arche zu lag, gelegentlich sich wendend und bäumend, wie Einer, der große Schmerzen erduldet, Bewegungen, die er fortwährend gemacht, seit er gebunden war, beobachtete jede Veränderung, und endlich sah er, daß das ganze Fahrzeug frei war, und anfing, langsam an den Seiten der Pfeiler hinzustreifen. Das Wagestück war verzweifelt, aber es schien die einzige Auskunft, Martern und dem Tod zu entgehen, und es paßte für die rücksichtslose Kühnheit von dieses Mannes Charakter. Bis zum letzten Augenblick wartend, damit der Spiegel der Fähre sich ordentlich an den Plattform riebe, begann er wieder, wie in unerträglichen Schmerzen, sich zu bäumen, alle Indianer überhaupt, und die Huronen insbesondere verfluchend, und dann wälzte er sich plötzlich und rasch fort, seine Richtung nach dem Hintertheil der Fähre nehmend. Zum Unglück bedurften Hurry’s Schultern mehr Raum, um sich fortzuwälzen, als seine Füße, und bis er den Rand der Plattform erreichte, hatte sich seine Richtung so geändert, daß er gar nicht mehr in Einer Linie mit der Arche war, und da die Raschheit seiner rollenden Bewegung und die drohende Gefahr keinen Verzug gestatteten, fiel er hinter der Arche in’s Wasser. In diesem Augenblick verleitete Chingachgook nach einer Verabredung mit seiner Verlobten die Indianer noch einmal zum Feuern, von welchen Keiner bemerkte, auf welche Weise der Mann, den sie so fest gebunden wußten, verschwunden war. Aber Hist’s Gefühl nahm lebhaften Antheil an dem Gelingen eines so kühnen Anschlags, und sie bewachte die Bewegungen Hurry´s, wie die Katze die Maus. Sobald er sich in Bewegung gesetzt, sah sie die Folgen voraus, und dieß um so sicherer, als die Fähre sich jetzt mit einiger Stetigkeit zu bewegen anfing, und sie dachte auf Mittel, ihn zu retten. Mit einer Art von instinktmäßiger Besonnenheit öffnete sie die Thüre gerade in dem Augenblick, wo ihr die Büchsen in den Ohren knallten, und geschützt durch die dazwischen liegende Cajüte trat sie in den Spiegel der Fähre gerade zu rechter Zeit, um Zeugin von Hurry’s Fall in den See zu seyn. Halb unbewußt setzte sie ihren Fuß auf das Ende von einer der Schoten des Segels, die hinten angebunden war, und alles entbehrliche Tau abwindend mit der Unbeholfenheit, aber auch mit der großherzigen Entschlossenheit eines Weibes, warf sie es dem hülflosen Hurry zu. Das Tau fiel dem Sinkenden auf den Kopf und den Leib, und es gelang ihm nicht nur, Theile davon mit den Händen zu erhaschen, sondern er packte auch wirklich ein Stück davon zwischen den Zähnen. Hurry war ein erfahrener Schwimmer, und gebunden, wie er war, griff er zu dem Auskunftsmittel, das Philosophie und Nachdenken ihm auch hätten empfehlen müssen. Er war auf den Rücken gefallen, und anstatt zu zappeln, und durch verzweifelte Anstrengungen, auf die Füße zu stehen zu kommen, sich den Tod des Ertrinkens zu bereiten, ließ er seinen Körper so tief als möglich sinken, und war schon, mit Ausnahme seines Gesichts, ganz unter dem Wasser, als das Tau ihn erreichte. In dieser Lage hätte er möglicherweise bleiben können, bis ihn die Huronen herausgezogen hätten, seiner Hände in der Art, wie die Fische ihrer Floßen sich bedienend, wäre ihm keine andere Hülfe zu Theil geworden; aber die Bewegung der Arche machte bald das Seil straff, und natürlich war er sachte nachgezogen, gleichen Schritt mit der Fähre haltend. Die Bewegung half sein Gesicht über dem Wasserspiegel halten, und Einer, der an Erduldung lange dauernder Unbequemlichkeiten und Schmerzen gewohnt gewesen, hätte wohl eine Meile weit in dieser seltsamen, aber einfachen Weise sich fort bugsiren lassen können.

Es wurde schon gesagt, daß die Huronen das plötzliche Verschwinden Hurry’s nicht bemerkten. In seinem jetzigen Zustand war er nicht nur durch die Plattform dem Auge verborgen, sondern wie die Arche langsam weiter fuhr, von einem jetzt geschwellten Segel getrieben, erwiesen ihm die Pfeiler denselben Liebesdienst. Die Huronen waren wirklich zu sehr darauf erpicht, ihren Feind, den Delawaren, durch eine Kugel, durch eine der Scharten oder Gucklöcher der Kajüte gesendet, zu tödten, um nur an einen Mann zu denken, den sie so fest und stark gebunden wähnten. Ihre große Sorge war die Art und Weise, wie die Arche an den Pfeilern sich vorüber drängte, obwohl ihre Bewegung mindestens um die Hälfte durch die Reibung geschwächt wurde, und sie begaben sich nach dem nördlichen Theile des Castells, um Gelegenheit zu suchen, durch die Löcher und Scharten auf jener Seite des Gebäudes zu feuern. Chingachgook war ebenso beschäftigt, und der Zustand Hurry’s blieb ihm ebenso verborgen, wie seinen Feinden. Wie die Arche knarrend vorbeifuhr, spieen die Büchsen ihre kleinen Rauchwolken von einem Versteck zum andern aus, aber die Augen und Bewegungen der andern Partei waren zu rasch, als daß ihnen hätte ein Leid zugefügt werden können. Endlich hatte die eine Partei den Verdruß, und die andre die Freude, die Fähre gänzlich von den Pfeilern loskommen zu sehen, worauf sie sogleich mit einer wesentlich beschleunigten Bewegung gegen Norden weiter rückte.

Jetzt erst erfuhr Chingachgook von Hist die kritische Lage Hurry’s. Hätte einer von Beiden sich auf dem Spiegel der Fähre blicken lassen und ausgesetzt – so wäre dieß sichrer Tod gewesen, aber zum Glück reichte die Schote, woran der Mann sich festhielt, vorwärts bis an den Fuß des Segels. Der Delaware fand Mittel, sie von dem hintern Pflock loszumachen, und Hist, die schon zu diesem Behufe vorangeeilt war, begann sogleich das Tau einzuziehen. In diesem Augenblick trieb Hurry etwa fünfzig bis sechzig Fuß hinter dem Spiegel der Fähre her, nur das Gesicht über dem Wasser. Als er hinter dem Castell und den Pfeilern hervorgezogen ward, wurden erst die Huronen seiner ansichtig, die ein häßliches, gellendes Geschrei erhoben, und ein Feuer auf die schwimmende Masse, wie man wohl sagen darf, eröffneten. In diesem Augenblick begann auch Hist das Tau vorn anzuziehen – ein Umstand, der wahrscheinlich Hurry das Leben rettete, verbunden mit seiner eignen Fassung und Grenzmanns-Besonnenheit. Die erste Kugel schlug in’s Wasser gerade an der Stelle, wo die breite Brust des jungen Riesen durch das reine Element hindurch sichtbar war, und hätte ihm vielleicht das Herz durchbohrt, wäre der Winkel, in dem sie abgefeuert worden, weniger scharf gewesen. Aber statt in den See hinabzudringen, prallte sie von seiner glatten Fläche ab, und begrub sich in der That in den Blöcken der Cajüte, nahe an dem Platze, wo sich vor einer Minute Chingachgook gezeigt hatte, als er das Tau von dem Pflocke losmachte. Eine zweite, dritte und vierte Kugel folgten, aber allen leistete die Fläche des Wassers denselben Widerstand, obwohl Hurry deutlich die heftigen Erschütterungen spürte, die sie, so unmittelbar über seiner Brust, und so nahe in’s Wasser treffend, hervorbrachten. Ihren Mißgriff entdeckend, änderten jetzt die Huronen ihren Plan und zielten auf das nicht gedeckte Gesicht; aber jetzt zog Hist das Tau an, die Schießscheibe bewegte sich vorwärts, und die tödtlichen Geschoße fielen alle in’s Wasser. Im nächsten Augenblick ward der Riesenkörper an dem Hintertheil der Fähre vorbeigezogen und wurde jetzt den Feinden unsichtbar. Der Delaware und Hist arbeiteten ganz im Schutze der deckenden Cajüte, und in kürzerer Zeit als die Erzählung erheischt, hatten sie den gewaltigen Körper Hurry’s bis dahin, wo sie standen, herangezogen. Chingachgook stand mit seinem scharfen Messer bereit da, beugte sich über die Seite der Fähre hinab, und hatte bald den Bast durchschnitten, der die Glieder des Grenzmannes gefesselt hielt. Ihn hoch genug emporheben, um den Rand des Fahrzeugs zu erreichen, und ihm hereinhelfen, waren minder leichte Aufgaben, da Hurry seine Arme fast noch nicht brauchen konnte; aber Beides wurde doch bald geleistet, worauf der Befreite vorwärts taumelte, und erschöpft und kraftlos auf den Boden des Fahrzeugs hinfiel. Hier wollen wir ihn lassen, bis er seine Kraft und den freien Blutumlauf wieder gewinnt, während wir in der Erzählung von Ereignissen fortfahren, welche zu rasch sich herandrängen,, als daß sie einen Aufschub gestatteten.

Im Augenblick, wo die Huronen Hurry’s Körper aus dem Gesicht verloren, stießen sie Alle zusammen einen Schrei aus, der ihren Verdruß und ihre getäuschte Erwartung bezeugte, und drei der Rüstigsten von ihnen liefen nach der Fallthüre und traten in das Canoe. Es brauchte jedoch etwas längere Zeit, bis sie sich mit ihren Waffen einschifften, die Ruderschaufeln fanden, und wenn wir so sagen dürfen »aus dem Dock herauskamen.« Inzwischen war Hurry in die Fähre aufgenommen, und der Delaware hatte wieder seine Büchsen in Bereitschaft gesetzt. Da die Arche natürlich vor dem Wind segelte, hatte sie sich mittlerweile volle zwei hundert Schritte vom Castell entfernt, und glitt mit jedem Augenblick weiter und weiter, obwohl mit so leichter Bewegung, daß kaum das Wasser aufgewühlt wurde. Das Canoe der Mädchen war eine volle Viertelmeile von der Arche entfernt, und hielt sich, wie man deutlich sah, absichtlich in der Ferne, in Unkunde dessen, was vorgefallen, und aus Furcht vor den Folgen, wenn sie sich zu nahe heran wagten. Sie hatten die Richtung nach der östlichen Küste eingeschlagen, und suchten zu gleicher Zeit windwärts von der Arche ab, und gewissermassen zwischen die beiden Parteien zu kommen, wie mißtrauisch und ungewiß, Wen sie für Freund, Wen für Feind zu nehmen hätten. Die Mädchen führten in Folge langer Gewohnheit die Rudelschaufeln mit großer Gewandtheit; und Judith insbesondere hatte oft im Spiel bei Wettrennen gesiegt, wenn sie mit den gelegentlich den See besuchenden Jünglingen sich in der Schnelligkeit versuchte.

Als die drei Huronen hinter den Palisaden hervorkamen und sich auf dem offenen See sahen, in die Nothwendigkeit versetzt, ohne Schutzmittel gegen die Arche anzurücken, falls sie bei ihrem ersten Plane beharrten, da kühlte sich ihr Eifer merklich ab. In einem Rinden-Canoe waren sie gänzlich ohne Schutz, und indianische Klugheit war ganz einer solchen Aufopferung des Lebens zuwider, wie sie die wahrscheinliche Folge eines Angriffsversuchs auf einen Feind seyn mußte, der so kräftig verschanzt war wie der Delaware. Statt daher der Arche zu folgen, wandten sich die drei Krieger gegen die östliche Küste hin, in sicherem Abstand von Chingachgooks Büchsen sich haltend. Aber dieß Manöver machte die Lage der Mädchen ausnehmend kritisch. Es drohte, sie, wo nicht zwischen zwei Feuer, doch wenigstens zwischen zwei Gefahren zu bringen – oder was doch ihnen als solche erschien; und Judith, statt sich von den Huronen in einer Art von Netz, wie sie meinte, einschließen zu lassen, begann sogleich ihren Rückzug in südlicher Richtung, in nicht sehr großer Entfernung von der Küste. Zu landen getraute sie sich nicht; wenn sie überhaupt zu diesem Auskunftsmittel sich entschließen sollte, so konnte sie doch nur im äußersten Fall es zu ergreifen wagen. Zuerst schenkten die Indianer dem andern Canoe wenig oder keine Aufmerksamkeit; denn wohl wissend, Wen es enthielt, achteten sie seine Wegnahme für vergleichungsweise unwichtig, während die Arche mit ihren eingebildeten Schätzen, den Personen des Delawaren und Hurry’s und ihrem bedeutenden Apparat zur Ausführung von Bewegungen vor ihnen stand. Aber diese Arche hatte ihre Gefahren wie ihre Versuchungen; und nachdem sie beinahe eine Stunde mit schwankenden Bewegungen vergeudet, immer in sichrer Ferne von der Büchse, schienen die Huronen plötzlich ihren Entschluß zu fassen, und begannen ihn dadurch auszuführen, daß sie eine lebhafte Jagd auf die Mädchen eröffneten.

Als dieser letzte Plan angenommen wurde, waren die Verhältnisse aller Parteien, was ihre gegenseitigen Stellungen betrifft, wesentlich verändert. Die Arche war voll eine halbe Meile weit gesegelt und geschwommen, und war ziemlich eben so weit genau nördlich vom Castell entfernt. Sobald der Delaware merkte, daß die Mädchen ihm auswichen, hatte er, außer Stand sein ungefüges Fahrzeug zu bewältigen, und wohl wissend, daß der Versuch, einem Rinden-Canoe durch die Flucht entgehen zu wollen, falls dieß wirklich auf’s Verfolgen sich legte, ein nutzloses Unternehmen wäre, sein Segel eingezogen, in der Hoffnung, dieß könnte die Schwestern veranlassen, ihren Plan zu ändern, und in der Arche eine Zuflucht zu suchen. Diese Demonstration hatte keine andre Wirkung, als daß die Arche der Scene der Handlung näher blieb, und ihre Inhaber Zeugen der Jagd zu seyn in Stand gesetzt wurden. Das Canoe Judiths war etwa eine Viertelmeile südlich von dem der Huronen entfernt, etwas näher der östlichen Küste, und ungefähr eben so weit von dem Castell südlich entfernt, als von dem feindlichen Canoe, ein Umstand, der letzteres so ziemlich gegenüber von Hutter’s kleiner Feste brachte. So war die Lage und Stellung der Parteien, als die Jagd begann.

In dem Augenblick, wo die Huronen so plötzlich ihren Angriffsplan änderten, befand sich ihr Canoe eben nicht im glänzendsten Zustand zu einer Schnell- und Wettfahrt. Es waren nur zwei Ruderschaufeln da, und der dritte Mann war somit unnütze Ueberfracht. Sodann glich der Unterschied im Gewicht zwischen den Schwestern und den zwei andern Männern, zumal bei so äußerst leichten Fahrzeugen, beinahe ganz den Unterschied aus, der sich aus der größern Stärke der Huronen ergeben mochte, und machte den wetteifernden Versuch in der Schnelligkeit weit weniger ungleich, als er etwa scheinen mochte. Judith strengte ihre Kräfte nicht eher an, als bis die größere Annäherung des andern Canoes über die Absicht seiner Bewegungen nicht mehr zweifeln ließ, und dann ermunterte sie Hetty, ihr mit aller ihrer Kraft und Geschicklichkeit beizustehen,

»Warum sollen wir fliehen, Judith?« fragte das schwachsinnige Mädchen; »die Huronen haben mir nie ein Leib gethan, und werden es, denke ich, auch nie thun.«

»Das mag so seyn in Beziehung auf dich, Hetty, aber es wird ein ganz andrer Fall seyn mit mir. Kniee nieder und sprich deine Gebete, und dann stehe auf und thue dein Aeußerstes, um unsre Flucht zu fördern. Gedenke auch meiner, gutes Mädchen, wenn du betest.«

Judith sprach dieß in Kraft sehr gemischter Gefühle, erstlich weil sie wußte, daß ihre Schwester immer in Nöthen die Hülfe ihres großen Bundesgenossen suchte; und dann weil in diesem Augenblick der anscheinenden Verlassenheit und Prüfung ein Gefühl der Schwäche und Abhängigkeit plötzlich über ihren eignen stolzen Geist kam. Das Gebet ward indessen rasch gesprochen und das Canoe war bald in schneller Bewegung, doch boten beide Theile nicht gleich bei dem Beginn alle ihre Kräfte auf, da beide gleich gut wußten, daß die Jagd wohl heiß werden und lange dauern dürfte. Wie zwei Kriegsschiffe, die sich zu einem Treffen rüsten, schienen sie verlangend, zuerst das Verhältniß der beiderseitigen Schnelligkeit auszumitteln, um zu wissen, wie sie ihre Kraftentwicklung vor der Hauptanstrengung abzustufen hätten. Wenige Minuten schon zeigten den Huronen, daß es den Mädchen nicht an Erfahrung fehle, und daß sie all ihre Geschicklichkeit und Kraft brauchen würden, um sie einzuholen.

Judith hatte im Anfang der Jagd nach der östlichen Küste sich gewendet, mit einem unbestimmten Vorsatz, im letzten Nothfall zu landen, und in die Wälder zu fliehen; aber als sie sich dem Lande näherten, machte die Gewißheit, daß Kundschafter ihre Bewegungen beobachten müßten, ihre Abneigung, diese Auskunft zu ergreifen, ganz unüberwindlich. Dann war sie auch noch frisch und hegte sanguinische Hoffnungen, im Stande zu seyn, ihre Verfolger zu ermüden. In diesen Gefühlen leitete sie mit ihrem Ruder das Canoe in etwas andrer Richtung, entfernte sich von dem Saum von dunkeln Schierlingstannen, unter deren Schatten sie schon beinahe sich geborgen hatte, und steuerte wieder mehr der Mitte des See’s zu. Dieß schien der günstige Augenblick für die Huronen, ihre Kraftanstrengung zu machen, da sie jetzt die ganze Breite des Wassers dazu hatten, und das dazu auf dem weitesten Theile, sobald sie zwischen die Flüchtigen und das Land gekommen waren. Die Canoes flogen jetzt dahin; Judith ersetzte, was ihr an Stärke abging, durch ihre große Gewandtheit und Selbstbeherrschung. Eine halbe Meile weit gewannen die Indianer keinen Vortheil; aber die Fortsetzung so großer Anstrengungen während vieler Minuten griff alle Betheiligten merklich an. Hier bedienten sich die Indianer eines Auskunftsmittels, das sie in Stand setzte, je Einem von ihnen Zeit zum Aufathmen zu gönnen, indem sie mit dem Rudern abwechselten, und zwar ohne daß sie in ihren Anstrengungen merklich nachließen. Judith schaute sich von Zeit zu Zeit um, und bemerkte, daß dieß Auskunftsmittel ergriffen worden war. Das machte sie sogleich mißtrauisch gegen den Ausgang, weil ihre Kräfte und Ausdauer schwerlich es denen von Männern gleich thun konnten, die überdieß einander abzulösen vermochten; doch blieb sie standhaft, und gab ihre Befürchtung im Augenblick durch nichts in die Augen Fallendes zu erkennen.

Bis jetzt hatten die Indianer sich den Mädchen nur erst auf zweihundert Schritte nähern können, obgleich sie in ›ihrem Kielwasser,‹ oder in gerader Linie hinter ihnen waren, denselben Strich des Wassers durchschneidend. Dieß machte die Verfolgung zu einer bolzgeraden, oder Stern-Jagd, nach dem technischen Ausdruck, was sprichwörtlich eine ›lange Jagd‹ ist; und der Sinn ist der, daß in Folge der beiderseitigen Stellung der Parteien keine Veränderung sichtbar wird, außer derjenigen, die in einem direkten Gewinn auf der kürzesten Annäherungslinie besteht. So ›lang‹ indessen diese Art von Jagd zugestandener Maßen ist, konnte Judith doch wahrnehmen, daß die Huronen merklich näher kamen, ehe sie die Mitte des Sees gewonnen hatte. Sie war nicht ein Mädchen, das so leicht verzweifelte; aber es war ein Augenblick, wo sie daran dachte, sich zu ergeben, in dem Wunsche, in das Lager geführt zu werden, wo sie Wildtödter als Gefangnen wußte; aber die Erwägung der Mittel, die sie hoffte anwenden zu können, um seine Freilassung zu bewirken, trat alsbald hemmend dazwischen, und spornte sie zu erneuter Anstrengung ihrer Kräfte. Wäre Jemand dagewesen, der die Bewegung der beiden Canoe’s beobachtet, so würde er das der Judith pfeilschnell vor seinen Verfolgern dahinfliegen gesehen haben, als das Mädchen es mit frischem Eifer weitertrieb, während ihr Geist so über seinen glühenden und großmüthigen Entwürfen brütete. So bedeutend war in der That der Unterschied in dem Verhältniß der Schnelligkeit zwischen den zwei Canoe’s während der nächsten fünf Minuten, daß die Huronen anfingen sich zu überzeugen, sie müßten alle ihre Kräfte aufbieten, oder sie würden die Schmach erfahren, durch Weiber in ihrer Hoffnung und um ihren Raub betrogen zu werden. Als sie, von dieser kränkenden Ueberzeugung angespornt, eine wüthende Anstrengung machten, brach Einem der Stärkeren von ihnen die Ruderschaufel in dem Augenblick, wo er sie aus der Hand seines Kameraden genommen, um ihn abzulösen. Dieß entschied sogleich die Sache; denn ein Canoe mit drei Männern und nur Einer Ruderschaufel war gänzlich außer Stand, Flüchtlinge, wie die Töchter Thomas Hutter’s einzuholen.

»Da, Judith!« rief Hetty, welche den Unfall bemerkt, »jetzt, hoffe ich, wirst Du zugestehen, daß Beten Etwas hilft! den Huronen ist ein Ruder gebrochen, und sie können uns nicht mehr einholen! «

»Ich habe es nie geläugnet, arme Hetty; und manchmal wünsche ich, mit bitterem Leidwesen, ich hätte selbst mehr gebetet, und weniger an meine Schönheit gedacht! Wie Du sagst, wir sind jetzt gerettet, und müssen nur ein Wenig südlich uns wenden und Athem schöpfen.« Dieß geschah; denn der Feind gab seine Verfolgung so plötzlich auf, wie ein Schiff, das eine wichtige Spiere verloren hat, sobald jener Unfall sich begeben hatte. Statt Judiths Canoe zu verfolgen, das jetzt leicht auf dem Wasser südlich dahinschwamm, wendeten die Huronen den Bug ihres Canoe’s nach dem Castell zu, wo sie bald ankamen und ausstiegen. Die Mädchen, fürchtend, man möchte übrige Ruder in dem Gebäude oder in der Umgebung finden, fuhren immer zu; und sie hielten erst inne, als sie so weit von ihren Feinden entfernt waren, daß sie im Fall der Erneuerung der Jagd jede Aussicht hatten, zu entkommen. Es schien als ob die Wilden an keinen solchen Plan dachten; sondern nach Verfluß einer Stunde sah man ihr Canoe, angefüllt mit Männern, das Castell verlassen und nach der Küste steuern. Die Mädchen waren ohne Lebensmittel, und sie näherten sich jetzt dem Gebäude und der Arche, da sie endlich aus den Manöuvern der letztern geschlossen hatten, daß Freunde darauf sich befinden müßten.

Obgleich das Castell ganz verlassen schien, näherte sich ihm doch Judith mit äußerster Vorsicht, die Arche war jetzt eine volle Meile gegen Norden zu entfernt, strebte aber nun auch auf das Gebäude zu, und das mit so regelmäßiger Bewegung, daß Judith sich überzeugte, ein weißer Mann müsse am Ruder seyn. Hundert Schritte noch von dem Haus entfernt, begannen die Mädchen es zu umkreisen, um sich zu versichern, daß es leer stehe. Kein Canoe war in der Nähe, und dieß ermuthigte sie, näher und näher zu kommen, bis sie ganz um die Pfeiler herum waren und die Plattform erreichten.

»Geh Du ins Haus, Hetty,« sagte Judith, »und sieh, ob die Wilden fort sind. Sie werden Dir kein Leid thun, und wenn noch Jemand von ihnen da ist, kannst Du mich warnen. Ich glaube nicht, daß sie feuern werden auf ein armes, wehrloses Mädchen, und ich werde wenigstens entkommen, bis ich bereit bin, freiwillig mich unter sie zu wagen.«

Hetty that, was Judith verlangte – und diese zog sich, zur Flucht bereit, einige Schritte weit von der Plattform zurück. Aber dieß war unnöthig, denn kaum eine Minute verstrich, als Hetty mit der Nachricht zurückkehrte, daß Alles sicher sey.

»Ich bin in allen Gemächern gewesen, Judith,« sagte sie ernst, »und alle sind leer, außer Vater’s seines; er ist in seiner Stube, schlafend, aber nicht so ruhig als wir wünschen könnten.«

»Ist dem Vater Etwas zugestoßen?« fragte Judith, als sie mit dem Fuß die Plattform berührte; und sie sprach hastig, denn ihre Nerven waren in einem leicht aufzuregenden Zustand.

Hetty schien bekümmert, und sah sich verstohlen um, als wünschte sie, daß Niemand außer der Tochter höre, was sie mitzutheilen hatte, und daß auch diese es nur obenhin erfahre.

»Du weißt, wie es mit Vater manchmal ist, Judith,« sagte sie. »Wenn er von geistigem Getränk übermannt ist, weiß er nicht immer, was er sagt oder thut – und jetzt scheint er von geistigem Getränk übermannt.«

»Das ist sonderbar! Sollten die Wilden mit ihm getrunken und ihn dann verlassen haben? Aber das ist ein betrübender Anblick für ein Kind, Hetty, eine solche Verirrung an einem Vater zu sehen, und wir wollen uns ihm nicht nähern, bis er aufwacht.«

Aber ein Stöhnen aus dem innern Zimmer änderte diesen Entschluß, und die Mädchen wagten es, sich einem Vater zu nähern, den in einem Zustand zu finden, der den Menschen zum Thiere herabwürdigt, ihnen nichts Fremdes war. Er saß zurückgelehnt in einem Winkel des engen Gemaches, die Schultern durch die Ecke gehalten, den Kopf schwer auf die Brust herabgesunken. Judith trat in einer plötzlichen schlimmen Ahnung vor, und entfernte eine Leinwandmütze, die ihm so tief in den Kopf gedrückt war, daß sie das Gesicht, ja Alles bis auf die Schultern verhüllte. Sobald diese Bedeckung weggenommen war, zeigte das zuckende, rohe Fleisch, die entblößten Adern und Muskeln, und all‘ die andern schauerlichen Zeichen der Sterblichkeit, welche das Abziehen der Haut bloslegt, daß er skalpirt worden war, obwohl er noch lebte.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Leicht reden sie von dem Geist, der entfloh.
Und die Asche mit Hohn sie ihm schänden;
Doch er achtet es nicht, der Ruhestatt froh,
Die ihm ward von britischen Händen.
Verfasser bestritten.

Der Leser mag sich selbst das Entsetzen vorstellen, welches Töchter empfinden mußten beim Anblick eines so gräßlichen Schauspiels, wie dasjenige war, das sich nach der Erzählung am Schlusse des letzten Kapitels dem Auge Judiths und Hettys darbot. Wir gehen hinweg über die ersten Gemüthsbewegungen, über die ersten Geberdungen und Aeußerungen kindlicher Theilnahme und Liebe, und fahren in der Erzählung fort, die einzelnen Züge der empörenden Scene mehr der Einbildungskraft überlassend, als sie aufzeichnend. Der verstümmelte, zerfetzte Kopf war verbunden, das entstellende Blut aus dem Gesicht des Leidenden gewischt, die sonstigen Mittel und Erleichterungen, welche erforderlich und dienlich schienen, angewendet, und es war jetzt Zeit, nach den ernsteren Umständen des Falles sich zu erkundigen. Die Thatsachen wurden in all ihren Einzelnheiten, so einfach sie waren, erst nach Jahren bekannt; aber wir können sie hier schon erzählen, da dieß mit wenigen Worten sich thun läßt. In dem Kampf mit den Huronen war Hutter getroffen worden von dem Messer des alten Kriegers, der die Vorsicht gebraucht hatte, die Waffen aller Andern, nur seine eignen nicht, entfernen zu lassen. Da er von seinem stämmigen Feind hart gedrängt wurde, hatte das Messer die Sache beendigt. Dieß geschah gerade, als die Thüre geöffnet wurde, und Hurry, wie oben berichtet, auf die Plattform herausstürzte. Dieß war das Geheimniß, warum Keiner von beiden Theilen bei dem nun folgenden Kampfe sich blicken ließ; Hutter war im buchstäblichen Sinne kampfuntüchtig, und sein Sieger schämte sich, mit den Blutspuren an seiner Person sich sehen zu lassen, nachdem er so viele Beredsamkeit und Gründe aufgeboten, seine jungen Krieger von der Nothwendigkeit zu überzeugen, ihre Feinde lebendig zu fangen. Als die drei Huronen von der Jagd zurückkehrten, und es beschlossen war, das Castell zu verlassen und zu der Truppe auf dem Land zurückzukehren, ward Hutter einfach skalpirt, um die übliche Trophäe zu gewinnen, und dann ließ man ihn so zu sagen zollweis dahinsterben, wie die mitleidlosen Krieger dieses Theils des amerikanischen Festlandes in tausend Fällen schon gethan hatten. Hätte sich jedoch die Mißhandlung Hutter’s auf seinen Kopf beschränkt, so hätte er sich wieder erholen können, denn der Messerstoß war es, der tödtlich für ihn wurde.

Es gibt Augenblicke des lebhaften Bewußtseyns, wo die strenge Gerechtigkeit Gottes in so auffallenden Farben vor Einen hintritt, daß sie aller Bestrebungen spottet, sie dem Auge zu verschleiern, wie unangenehm sie auch das Gemüth berühren, wie beflissen man auch seyn mag, ihrer Anerkennung auszuweichen. So war es jetzt bei Judith und Hetty, welche beide den Rathschluß einer vergeltenden Vorsehung in der Art des Leidens ihres Vaters erblickten, als Strafe für die von ihm kürzlich gegen die Irokesen gemachten Anschläge. Dieß erkannte und fühlte Judith mit der scharfen Empfindung und Erkenntniß, die ihrem Charakter gemäß war; während der auf das einfältigere Gemüth ihrer Schwester gemachte Eindruck vielleicht weniger lebhaft war, obwohl er sich vielleicht als nachhaltiger auswies.

»Oh! Judith!« rief das schwachsinnige Mädchen, sobald sie dem Leidenden ihre erste Sorgfalt gewidmet hatte; »Vater ging selbst auf Skalpe aus, und wo ist jetzt der seinige? die Bibel hätte wohl diese fürchterliche Strafe vorhersagen können!«

»Still – Hetty – still, arme Schwester – er öffnet die Augen; er hört und versteht Dich vielleicht. Es ist, wie Du sagst und denkst; aber es ist zu schrecklich, davon zu sprechen.«

»Wasser!« stammelte Hutter wie mit verzweifelter Anstrengung, die seine Stimme fürchterlich tief und stark machte für einen sichtlich dem Tode so Nahen – »Wasser – närrische Mädchen – wollt Ihr mich Durstes sterben lassen?«

Wasser ward gebracht und dem Leidenden gereicht – das erste, das er in Stunden körperlicher Schmerzen und Pein gekostet hatte. Es hatte die doppelte Wirkung, seine Kehle rein zu machen und für einen Augenblick seine erlöschende Kraft wieder zu beleben. Seine Augen öffneten sich mit jenem ängstlichen, verzerrten Blick, der oft das Scheiden einer vom Tod überraschten Seele begleitet, und er schien sprechen zu wollen. »Vater –« sagte Judith, in unaussprechlicher Angst und Betrübniß über seinen jammervollen Zustand, und um so mehr, als sie nicht wußte, welche Mittel anzuwenden wären – »Vater, können wir Etwas für Euch thun? Kann ich und Hetty Eure Schmerzen erleichtern?«

»Vater!« wiederholte langsam der alte Mann. »Nein, Judith – nein. Hetty – ich bin kein Vater. Sie war Eure Mutter, aber ich bin kein Vater, Seht in dem Schranke nach – dort ist Alles – mehr Wasser!«

Die Mädchen erfüllten seinen Wunsch; und Judith, deren frühere Erinnerungen viel weiter zurück reichten als die ihrer Schwester, und die in jeder Hinsicht viel deutlichere Eindrücke von der Vergangenheit hatte, empfand, als sie jene Worte vernahm, eine nicht zu unterdrückende Anwandlung von Freude. Es hatte nie viel Sympathie zwischen ihrem vermeintlichen Vater und ihr geherrscht, und eine Vermuthung eben dieser Wahrheit hatte oft ihre Seele durchzuckt in Folge von Gesprächen zwischen Hutter und ihrer Mutter, die sie belauscht hatte. Vielleicht gienge es zu weit, wenn man sagte, sie habe ihn nie geliebt, aber das darf man keck behaupten, sie habe sich gefreut, daß es nicht mehr ihre Pflicht war. Hettys Empfindungen waren anders. Unfähig, alle die Unterscheidungen zu machen, wie ihre Schwester, war sie ihrer ganzen Natur nach voll Zärtlichkeit, und sie hatte ihren vermeintlichen Vater geliebt, obwohl viel weniger zärtlich als ihre wirkliche Mutter; und es betrübte sie jetzt, von ihm die Erklärung zu hören, daß er nicht durch natürliche Bande zu dieser Liebe berechtigt war. Sie fühlte einen doppelten Schmerz, als ob sein Tod und seine Worte zusammen sie doppelt des Vaters beraubten. Ihren Gefühlen nachgebend trat das arme Mädchen beiseite und weinte.

Die entgegengesetzten Gemüthsbewegungen der beiden Mädchen machten Beide lange Zeit stumm. Judith reichte dem Leidenden oft Wasser, aber sie enthielt sich, mit Fragen in ihn zu dringen. einigermaßen aus Rücksicht für seinen Zustand, aber wenn man die Wahrheit gestehen soll, ebenso sehr auch, damit nicht, was er bei einer weitern Erläuterung etwa hinzufügte, den angenehmen Glauben störte, daß sie nicht Thomas Hutter’s Kind sey. Endlich trocknete Hetty ihre Thränen, kam herbei und setzte sich auf einen Schemel neben den Sterbenden, welcher der Länge nach auf den Boden gelegt worden war, das Haupt auf einigen abgetragnen Kleidern aufliegend, die im Hause zurückgeblieben waren.

»Vater,« sagte sie, »Ihr werdet mich Euch Vater nennen lassen, obgleich Ihr sagt, Ihr seyd es nicht – Vater, soll ich Euch aus der Bibel lesen – Mutter sagte immer, die Bibel sey gut für Leute in Nöthen. Sie war selbst oft in Noth und Unruhe, und dann ließ sie sich von mir aus der Bibel lesen; denn Judith war nicht eine solche Freundin von der Bibel, wie ich – und es that ihr immer gut. Oft habe ich es erlebt, daß Mutter anfing zuzuhören, während Ihr die Thränen aus den Augen strömten, und am Ende ganz Lächeln und Heiterkeit war. O! Vater, Ihr wißt nicht, wie viel Gutes die Bibel wirken kann, denn Ihr habt es nie versucht; jetzt will ich Euch ein Kapitel lesen, und es wird Euer Herz besänftigen, wie es die Herzen der Huronen besänftigt hat.«

Während die arme Hetty so viel Ehrfurcht vor der Tugend der Bibel, und so viel Glauben daran hatte, war ihr Verstand zu schwach, als daß sie im Stande gewesen wäre, ihre Schönheiten vollständig zu würdigen, oder ihre tiefe, manchmal geheimnißvolle Weisheit zu ergründen. Jener instinktmäßige Sinn für das Rechte, der sie vor der Begehung eines Unrechts zu schützen schien, und selbst einen Mantel sittlicher Liebenswürdigkeit und Wahrheit um ihren Charakter warf, konnte nicht in tiefsinnige Wahrheiten eindringen, oder die feinen Fäden der Verkettung zwischen Ursache und Wirkung, neben dem in die Augen fallenden und unbestreitbaren Zusammenhang, auffinden und verfolgen, obwohl sie selten verfehlte, diesen letztern wohl einzusehen und sich allen gerechten Consequenzen zu unterwerfen. Mit Einem Wort, sie gehörte zu Denjenigen, die richtig empfinden und handeln, ohne im Stande zu seyn, logische Gründe dafür anzugeben, selbst wenn man ihr die Offenbarung als Autorität gelten ließ. Ihre aus der Bibel gewählten Abschnitte zeichneten sich daher gewöhnlich aus durch die Einfalt ihres eignen Gemüthes, und fielen eher dadurch auf, daß sie Bilder von bekannten und handgreiflichen Dingen enthielten, als jene höhern Züge sittlicher Wahrheiten, wovon die Blätter dieses wunderbaren Buches erfüllt sind – wunderbar und beispiellos, auch abgesehen von seinem göttlichen Ursprung, als ein Werk voll der tiefsten Philosophie, vorgetragen in der edelsten Sprache. Ihre Mutter hatte, in Kraft einer Ideenverbindung, die dem Leser auffallen wird, eine besondere Vorliebe für das Buch Hiob gehabt; und Hetty hatte großentheils das Lesen gelernt bei den häufigen Unterrichtsstunden, welche diesem ehrwürdigen und erhabnen Gedicht gewidmet waren, das man jetzt für das älteste Buch der Welt hält. Auch in diesem Falle folgte das arme Mädchen der Gewohnheit ihrer Erziehung und Bildung, und wandte sich zu diesem wohlbekannten Theile des heiligen Buches mit der schnellen Besonnenheit, mit der etwa der geübte Anwalt seine Autoritäten aus den Schätzen juristischer Weisheit citiren würde. Bei der Wahl des Kapitels ließ sie sich durch die Ueberschriften leiten, und wählte das, was in der englischen Übersetzung die Ueberschrift hat: ›Hiob rechtfertigt sein Verlangen nach dem Tod.‹ (Kap. 7.) Dieß las sie stetig, vom Anfang bis zum Ende, mit süßer, leiser und wehmüthigklagender Stimme, in der frommen Hoffnung, die allegorischen und tiefsinnigen Sprüche würden wohl dem Herzen des Leidenden den Trost bieten, dessen er bedürfe. Es ist auch eine Eigenthümlichkeit der umfassenden Weisheit der Bibel, daß man kaum ein Kapitel aufschlagen kann, es sey denn streng erzählender Art, das nicht irgend eine tiefer gehende Wahrheit enthielte, die ihre Anwendung findet auf den Zustand jedes menschlichen Herzens, so wie auf den zeitlichen Stand seines Besitzers, entweder mittelst der Regungen dieses Herzens, oder auch in noch unmittelbarerer Weise. Im gegenwärtigen Fall war schon der erste Spruch: ›Muß nicht der Mensch immer im Streite seyn auf Erden?‹ auffallend und zutreffend; und wie Hetty weiter las, fand Hutter manche Sätze und Bilder auf seinen eignen Zustand im leiblichen und geistlichen Sinne bezüglich, oder glaubte wenigstens, solche Beziehungen zu finden. Wenn das Leben rasch dahin fluthet, klammert sich der Geist begierig an jede Hoffnung, wofern er nicht ganz von Verzweiflung niedergedrückt ist. Die feierlichen Worte: ›Habe ich gesündigt, was soll ich dir thun, du Menschenhüter? Warum machst du mich, daß ich auf dich stoße, und bin mir selbst eine Last?‹ ergriffen Hutter noch lebhafter als die andern; und obgleich zu dunkel, als daß ein Mann von seinen abgestumpften Gefühlen und seinem schwerfälligen Geist sie in ihrem vollen Sinn hätte fühlen oder fassen können, fanden sie doch eine so unmittelbare Anwendung auf seinen Zustand, daß er davon heftig betroffen wurde.

»Fühlt Ihr Euch jetzt nicht besser, Vater?« fragte Hetty, das Buch zumachend. »Mutter fühlte sich immer besser, wenn sie in der Bibel gelesen.«

»Wasser!« versetzte Hutter hierauf; »gib mir Wasser, Judith. Ich bin nur begierig, ob meine Zunge immer so heiß bleiben wird! Hetty, steht nicht auch Etwas in der Bibel von dem Kühlen der Zunge eines Mannes, der in den Flammen der Hölle Pein litt?«

Judith wandte sich entsetzt ab; Hetty aber suchte eifrig den Abschnitt, den sie dem von seinem Gewissen gequälten Opfer seiner habgierigen Anschläge laut vorlas.

»Das ist es, arme Hetty; ja das ist es. Meine Zunge bedarf jetzt der Kühlung; wie wird es drüben seyn?«

Diese Frage machte selbst die vertrauensvolle Hetty stumm, denn sie hatte für eine so verzweiflungsschwere Frage keine Antwort bereit. Wasser, so lange es dem Leidenden Erleichterung gewährte, vermochten ihm allein die Schwestern zu geben; und von Zeit zu Zeit ward es dem Munde des Dulders gereicht, wenn er darnach verlangte. Selbst Judith betete. Und Hetty, sobald sie fand, daß ihre Bemühungen, ihres Vaters Aufmerksamkeit für ihre Texte zu gewinnen, von keinem Erfolg mehr gekrönt waren, kniete neben ihm hin, und sagte andächtig die Worte her, welche der Erlöser als Muster für menschliche Bitten zu Gott hinterlassen hat. Damit fuhr sie, in Zwischenräumen, fort, so lange sie glaubte, daß dieser Akt dem Sterbenden wohlthun könne. Aber Hutter’s Kräfte erhielten sich noch länger, als die Mädchen für möglich gehalten hätten, wie sie ihn zuerst fanden. Zu Zeiten sprach er vernehmlich, öfter aber bewegten sich seine Lippen nur, um Töne auszustoßen, welche dem Geist keine deutliche Vorstellung gaben. Judith lauschte gespannt, und sie hörte die Worte: ›Gatte,‹ ›Tod,‹ ›Seeräuber,‹ ›Gesetz,‹ ›Skalpe‹ und verschiedene andere von ähnlicher Wichtigkeit, obgleich kein Satz den eigentlichen Zusammenhang dessen erläuterte, was sie aussprechen sollten. Doch waren sie hinlänglich bedeutsam, um von einer Person verstanden zu werden, deren Ohr die Gerüchte nicht überhört hatte, welche gegen den guten Namen ihres vermeintlichen Vaters im Umlauf waren, und deren Kombinationskraft eben so rasch, als ihre Fassungskraft lebhaft und aufmerksam war.

Während der ganzen peinlichen Stunde, die nun folgte, dachte keine der beiden Schwestern so viel an die Huronen, um ihre Wiederkunft zu fürchten. Es schien, als hätte ihr Jammer und ihre Betrübniß sie über die Gefahr einer solchen Störung hinausgesetzt; und als endlich der Ton von Rudern gehört wurde, erschrack selbst Judith, welche allein Grund hatte, den Feind zu furchten, nicht, sondern begriff sogleich, daß die Arche in der Nähe seyn müsse. Sie trat furchtlos auf die Plattform, denn wenn es sich auch zeigen sollte, daß Hurry nicht da, und die Huronen Meister der Fähre waren, war Flucht unmöglich. Dann besaß sie auch die Art von Zuversicht, welche der höchste Jammer einzuflößen pflegt. Aber es war kein Grund zu einer Unruhe vorhanden – Chingachgook, Hist und Hurry standen alle auf dem offnen Theil der Fähre, und besichtigten vorsichtig das Gebäude, um sich von der Abwesenheit des Feindes zu versichern. Auch sie hatten die Abfahrt der Huronen gesehen, so wie das Herankommen des Canoe’s der Mädchen an das Castell, und auf den letztern Umstand bauend, hatte March die Fähre auf die Plattform zugesteuert. Ein Wort genügte zu erklären, daß Nichts zu fürchten sey, und bald schwankte die Arche auf ihrem alten Ankerplatz.

Judith sagte kein Wort von dem Zustand ihres Vaters, aber Hurry kannte sie zu gut, um nicht zu merken, daß irgend etwas besonders Schlimmes vorgefallen. Er ging voran in das Haus, obwohl nicht ganz mit seinem gewöhnlichen, kecken und zuversichtlichen Wesen, und als er in das innere Gemach gelangte, fand er da Hutter auf dem Rücken liegend, und Hetty neben ihm sitzend, die ihm mit frommer Sorgfalt Kühlung zufächelte. Die Vorfälle des Morgens hatten eine merkliche Veränderung in Hurry’s Wesen zur Folge gehabt. Trotz seiner Geschicklichkeit als Schwimmer, und der Geistesgegenwart, mit welcher er das einzige Mittel, das ihn noch retten konnte, ergriffen, hatte doch sein hülfloser Zustand im Wasser, an Händen und Füßen gebunden, einen ähnlichen Eindruck auf ihn gemacht, wie nach der Erfahrung das drohende Herannahen der Strafe auf die meisten Verbrecher; hatte einen lebhaften Eindruck von den Schrecken des Todes in seinem Gemüthe zurückgelassen, und dieß dazu in Verbindung mit der Vorstellung von physischer Hülflosigkeit; – und die Kühnheit dieses Mannes war weit mehr die Folge ungeheurer physischer Kräfte, als von Willensstärke, oder auch von hitzigem Temperament. Solche Helden verlieren unausbleiblich einen großen Theil ihres Muths mit der Lähmung oder Beschämung ihrer Stärke, und obgleich Hurry jetzt ohne Bande, und so kräftig wie immer war, waren doch die Ereignisse noch zu frisch, als daß die Erinnerung an seinen kürzlich durchgemachten kläglichen Zustand schon irgend wäre geschwächt gewesen. Wäre er hundert Jahre alt geworden, die Begebnisse der wenigen gefahrvollen Minuten, die er im See zugebracht, würden einen dämpfenden Einfluß auf seinen Charakter, wenn auch nicht immer auf sein Benehmen geübt haben.

Hurry war nicht blos entsetzt, als er seinen Genossen von Kurzem her in dieser verzweiflungsvollen Lage fand, sondern auch höchlich überrascht. Während des Kampfes in dem Gebäude war er selbst viel zu sehr in Anspruch genommen gewesen, als daß er sich hätte darum bekümmern sollen, was aus seinem Kameraden geworden, und da gegen ihn keine tödtliche Waffe war gebraucht worden, man sich vielmehr alle Mühe gegeben hatte, ihn unversehrt zu fangen, glaubte er natürlich, Hutter sey überwältigt worden, während er sein Entkommen seiner gewaltigen Körperstärke und einem glücklichen Zusammentreffen außerordentlicher Umstände verdankte. Der Tod, in der Stille und in dem trüben Ernst eines Zimmers, war ihm etwas Neues. Obgleich an Scenen von Gewaltthätigkeit gewöhnt, war es ihm doch ganz fremd, an einem Bette zu sitzen, und den matten Schlag des Pulses zu beobachten, wie er allmälig schwächer und schwächer wurde. Trotz des in seiner Gemüthsstimmung vorgegangen Wechsels konnte er doch die Angewöhnungen eines Lebens nicht in einem Augenblick ganz bei Seite werfen und in seinem Benehmen verläugnen, und die unerwartete Scene entlockte dem Grenzmann eine ganz charakteristische Rede.

»Nun wie steht«, alter Tom!« sagte er; »haben Euch die Vagabunden einen Vortheil abgewonnen, daß Ihr nicht nur unten zu liegen gekommen, sondern wohl auch liegen bleiben werdet! Ich vermuthete Euch allerdings als Gefangenen, aber glaubte nicht, daß Ihr so hart mitgenommen wäret.«

Hutter öffnete seine gläsernen Augen und stierte den Redenden wild an. Ein Strom verworrener Erinnerungen stürmte beim Anblick des Mannes, der so kurz noch sein Kamerade gewesen, auf seinen verstörten Geist ein. Es war unverkennbar, daß er mit seinen eigenen Phantasiebildern kämpfte, und das Wirkliche vom Eingebildeten nicht zu unterscheiden vermochte.

»Wer seyd Ihr?« fragte er mit heiserem, hohlem Flüstern, denn seine ermattende Kraft weigerte sich, ihn zu einer lauteren Erhebung seiner Stimme zu unterstützen. »Wer seyd Ihr? – Ihr seht aus wie der Bootsmann von dem Schnee – er war auch ein Riese, und hätte uns beinahe überwältigt.«

»Ich bin Euer Bootsmann, Floating Tom, und Euer Kamerade, habe aber Nichts mit Schnee zu schaffen. Es ist jetzt Sommer, und Harry March verläßt immer die Berge sobald nach dem Eintreten des Frosts als irgend thunlich.«

»Ich kenne Euch – Hurry Skurry – ich will Euch einen Skalp verkaufen! – einen gesunden und von einem ausgewachsenen Mann – Was gebt Ihr dafür?«

»Armer Tom! Dieß Geschäft mit Skalpen ist gar nicht gewinnreich ausgefallen, und ich bin ziemlich entschlossen, es aufzugeben, und einen minder blutigen Beruf zu ergreifen.«

»Habt Ihr einen Skalp? Meiner ist fort – Wie fühlt es sich, wenn man einen Skalp hat? – Ich weiß wie es sich fühlt, wenn man einen verliert – Feuer und Flammen um das Hirn – und ein Zucken im Herzen – nein, nein! tödtet vorher, Hurry, und nachher skalpirt!«

»Was meint der alte Bursche, Judith? Er schwatzt wie Einer, der des Geschäfts eben so überdrüssig geworden, wie ich. Warum habt Ihr ihm den Kopf verbunden? oder haben ihm die Wilden mit dem Tomahawk Eins aufs Hirn versetzt?«

»Sie haben ihm das gethan, was Ihr und er, Harry March, so gern ihnen gethan hättet. Sie haben ihm Haut und Haare vom Kopf gerissen, um Geld vom Gouverneur von Canada zu bekommen, wie Ihr sie den Huronen gern herunter gerissen hättet, um Geld zu bekommen von dem Gouverneur von York.«

Judith sprach mit einer großen Anstrengung, sich den Schein der Fassung zu geben, aber es lag weder in ihrer Natur, noch in der Stimmung des Augenblicks, ganz ohne Bitterkeit zu sprechen. Ihr scharfer nachdrücklicher Ton sowohl als ihr ganzes Wesen veranlaßten Hetty vorwurfsvoll aufzuschauen.

»Das sind hohe Worte aus dem Munde der Tochter von Thomas Hutter, während Thomas Hutter sterbend vor ihren Augen liegt,« erwiederte Hurry scharf:

»Gott sey dafür gepriesen! – welchen Vorwurf es auch auf meine arme Mutter laden mag, ich bin nicht Thomas Hutter’s Tochter!«

»Nicht Thomas Hutter’s Tochter! – Verläugnet den alten Burschen nicht in seinen letzten Augenblicken, Judith, denn das ist eine Sünde, die der Herr nie vergeben wird. Wenn Ihr nicht Thomas Hutter’s Tochter seyd, Wessen Tochter seyd Ihr denn?«

Diese Frage demüthigte den rebellischen Geist Judiths; denn indem sie eines Vaters los ward, von welchem gestehen zu dürfen, daß sie ihn nie geliebt habe, sie als eine Herzenserleichterung empfand, übersah sie den wichtigen Umstand, daß kein Stellvertreter in Bereitschaft war, seinen Platz einzunehmen.

»Ich kann Euch nicht sagen, Hurry, wer mein Vater war,« antwortete sie milder, »ich hoffe, er war wenigstens ein ehrlicher Mann.«

»Was Mehr ist, als Ihr von dem alten Hutter glaubt sagen zu können? Nun, Judith, ich will nicht läugnen, daß arge Geschichten im Umlauf waren, Floating Tom betreffend, aber Wer ist, der nicht einen Kratz davon trüge, wenn ein Feind den Rechen führt? Es gibt Leute, die arge Sachen sagen von mir; und selbst Ihr, so eine große Schönheit Ihr seyd, entgeht ihnen nicht immer.«

Dieß ward gesagt in der Absicht, eine Art Gleichheit des Charakters und Rufs zwischen den Parteien zu begründen, und, wie die Politiker des Tages es auszudrücken pflegen, ›mit weitergreifenden Intentionen.‹ Was die Folgen gewesen waren bei einem Mädchen von Judiths bekannter Heftigkeit und ihrem zuverlässigen Widerwillen gegen den Sprecher, ist nicht leicht zu sagen; aber gerade jetzt verriet Hutter durch unzweideutige Anzeichen, daß er seinem letzten Augenblick nahe war. Judith und Hetty waren am Sterbebette ihrer Mutter gestanden; Keine von Beiden brauchte daher auf die eintretende Krise aufmerksam gemacht zu werden, und jede Spur Von Erbitterung schwand aus der Ersteren Antlitz. Hutter öffnete seine Augen, und versuchte sogar mit der Hand um sich zu tasten, ein Zeichen, daß ihn das Gesicht verließ. Eine Minute darauf wurde sein Atem röchelnd, – eine Pause folgte, wo die Respiration ganz aufhörte; und dann trat der letzte, langgezogene Seufzer ein, mit welchem, wie man glaubt, der Geist den Körper verläßt. Dies plötzliche Erlöschen des Lebens eines Menschen, der bisher eine so wichtige Stelle ausgefüllt auf der kleinen Szene, wo auch er eine Rolle zu spielen gehabt, machte allem Hin- und Herreden ein Ende.

Der Tag verstrich ohne weitere Unterbrechung, und die Huronen, obwohl im Besitz eines Canoe’s, schienen mit ihrem Erfolg so weit zufrieden, daß sie allen weiteren Anschlägen gegen das Castell unmittelbar vor der Hand entsagten. Es wäre in der Tat kein gefahrloses Unternehmen gewesen, sich ihm zu nähern unter den Büchsen derjenigen, die, wie man wußte, sich jetzt drinnen befanden, und wahrscheinlich von diesem Umstand mehr als von irgend einem andern, rührte die Waffenruhe her. Mittlerweile wurden Anstalten zur Bestattung Hutter’s getroffen. Ihn auf dem Land zu begraben war untunlich, und Hetty wünschte, sein Leichnam möchte an der Seite des Leichnams ihrer Mutter im See ruhen. Sie vermochte eine Rede von ihm anzuführen, worin er selbst den See, den ›Familienbegräbnisplatz‹ genannt hatte, und zum Glück geschah dies ohne Vorwissen ihrer Schwester, die sich dem Plan, wenn sie davon gewußt hätte, mit unüberwindlichem Widerwillen widersetzt haben würde. Aber Judith hatte sich nicht in diese Anordnung gemischt, und alle erforderlichen Vorbereitungen wurden ohne ihren Rat und ihre Kenntnisnahme getroffen.

Die für die schmucklose Zeremonie gewählte Stunde war die, wo gerade die Sonne unterging, und einen Zeitpunkt und eine Szene, die geeigneter gewesen wären, einem Wesen von friedvollem und reinem Geist die letzte Ehre zu erweisen, hätte man nicht erdenken können. Es ist ein Geheimnis und eine feierliche Würde im Tod verborgen, welche die Überlebenden geneigt machen, die Reste selbst eines Frevlers mit einer Art von Ehrfurcht zu betrachten. Alle weltlichen Unterschiede haben aufgehört; man denkt, der Schleier sei gelüftet, und der Charakter und das Schicksal des Abgeschiedenen seien jetzt ebenso über menschliche Meinungen, wie über menschliches Wissen erhaben. In Nichts ist der Tod in wahrerem Sinne ein Gleichmacher, weil, obschon es unmöglich sein mag, den Vornehmen mit dem Geringen, den Würdigen mit dem Unwürdigen ganz und gar zu vermengen, das Gemüt es doch als eine Anmaßung empfände, wollte es das Recht in Anspruch nehmen, diejenigen zu richten, die, wie man glaubt, vor dem Richterstuhle Gottes stehen. Als man Judith sagte, daß Alles bereit sei, trat sie auf die Plattform, der Bitte ihrer Schwester nachgebend, und jetzt erst beachtete sie die Vorkehrungen. Der Leichnam war in der Fähre, eingehüllt in ein Leintuch, und wohl ein Zentner Steine, die man von dem Feuerplatz genommen, waren mit demselben eingeschlossen, damit er gewiß sinke. Keine anderen Vorbereitungen erachtete man nötig, doch nahm Hetty ihre Bibel unter dem Arme mit.

Als alle an Bord der Arche sich befanden, ward diese eigentümliche Behausung des Mannes, dessen Leichnam sie jetzt zu seiner letzten Ruhestätte trug, in Bewegung gesetzt. Hurry war an den Rudern. In seinen gewaltigen Händen erschienen sie in der That als kaum Mehr, denn ein paar Ruderschäufelchen, die er ohne Anstrengung handhabte, und da er in ihrem Gebrauch geübt genug war, blieb der Delaware ein müßiger Zuschauer seiner Arbeit. Die Fahrt der Arche hatte Etwas von der feierlichen Langsamkeit eines Leichenzugs, das Eintauchen der Ruder geschah in gemessenem Takt, und die Bewegung war langsam und stetig. Das Anspülen des Wassers, wenn die Ruder sich hoben und senkten, hielt gleichen Schritt mit Hurry’s Anstrengung, und hätte mit dem gemessenen Schritt Von Leidtragenden verglichen werden können; dann war auch die ruhige Scene in schönem Einklang mit einem Ritus, der immer die Idee Gottes unwillkührlich aufdrängt. In diesem Augenblick war die spiegelglatte Fläche des See’s nicht auch nur im Mindesten gekräuselt, und das umfassende Panorama von Wäldern schien auf die heilige Ruhe der Stunde und der Ceremonie in melancholischem Schweigen herabzuschauen. Judith war bis zu Thränen ergriffen, und sogar Hurry, obgleich er selbst kaum wußte warum, war aufgeregt. Hetty behielt den äußern Anschein von ruhiger Fassung, aber ihre innere Betrübniß überstieg weit die ihrer Schwester, da ihr gefühlvolles Herz mehr aus Gewohnheit und in Folge eines langen Zusammenlebens liebte, als in Kraft der gewöhnlichen Verbindung von Gefühl und Geschmack. Sie ward jedoch aufrecht erhalten durch religiöse Hoffnungen, die in ihrem einfachen Gemüth gewöhnlich den Raum einnahmen, welchen in dem Gemüth Judiths weltliche Gefühle ausfüllten; und sie war nicht ganz ohne die Erwartung, Zeugin von einer offenen Kundgebung der göttlichen Macht bei einer so feierlichen Gelegenheit zu seyn. Doch war sie weder mystisch noch überspannt, da ihre geistige Schwäche beides verhinderte. Dennoch hatten ihre Gedanken überhaupt so viel von der Reinheit einer bessern Welt an sich, daß es ihr leicht ward, die Erde ganz zu vergessen und nur an den Himmel zu denken. Hist war ernst, aufmerksam und gespannt, denn sie hatte oft Beerdigungen von Bleichgesichtern gesehen, obwohl nie eine, die so eigenthümlich zu werden versprach, wie diese; während der Delaware, obwohl ernst und auch beobachtend, in seinem Wesen doch stoisch und kaltblütig blieb.

Hetty übernahm die Rolle des Lootsen, und wies Hurry an, wie er zu steuern habe, um die Stelle im See zu finden, welche sie der ›Mutter Grab‹ zu nennen pflegte. Der Leser wird sich erinnern, daß das Castell in der Nähe des südlichen Endes einer Sandbank lag, die sich beinahe eine halbe Meile nördlich erstreckte, und am äußersten Ende dieser Untiefe hatte Floating Tom für passend erachtet, die Reste seines Weibes und Kindes zu versenken. Jetzt sollten sofort die seinigen daneben beigesetzt werden. Hetty hatte Merkzeichen auf dem Lande, woran sie gewöhnlich die Stelle auffand, obwohl die Stellung der Gebäude, die Richtung der Sandbank überhaupt, und die schöne Durchsichtigkeit des Wassers zumal, das bis auf den Grund zu sehen gestattete, ihr dabei zu Hülfe kamen. Durch diese Mittel ward das Mädchen in Stand gesetzt, den Fortschritt der Arche zu beobachten, und zur rechten Zeit trat sie zu March und flüsterte ihm zu:

»Jetzt, Hurry, könnt Ihr aufhören zu rudern. Wir sind am Stein auf dem Grund vorbei, und der Mutter Grab ist nahe.«

March stellte seine Arbeit ein, warf sogleich den kleinen Anker aus, und faßte das Tau-Ende mit der Hand, um die Arche in ihrem Laufe zu hemmen. Die Arche drehte sich, in Folge dieser Hemmung, langsam im Kreise herum, und als sie ganz ruhig stand, sah man auf dem Hintertheil Hetty, in’s Wasser deutend, und die Thränen strömten ihr in unwiderstehlicher, natürlicher Rührung aus den Augen. Judith war bei der Bestattung ihrer Mutter gegenwärtig gewesen, hatte aber seitdem den Platz nicht mehr besucht. Diese Vernachlässigung hatte ihren Grund nicht in Gleichgültigkeit gegen das Andenken der Geschiedenen; denn ihre Mutter hatte sie geliebt, und hatte mit bitterem Schmerze Anlaß gefunden, ihren Verlust zu betrauern; aber sie hatte einen Widerwillen gegen die Betrachtung des Todes, und seit dem Bestattungstage waren in ihrem eignen Leben Begebenheiten vorgefallen, welche dieß Gefühl steigerten, und sie wo möglich noch abgeneigter machten, dem Platze sich zu nähern, welcher die Ueberreste einer Mutter enthielt, deren strenge Lehren und Einschärfungen von weiblicher Sittlichkeit und Anstand durch Reue über eigne Verfehlungen nur um so ernster und eindringlicher geworden waren. Bei Hetty war es ein ganz andrer Fall. Für ihr einfaches, unschuldiges Gemüth hatte die Erinnerung an ihre Mutter kein andres Gefühl zur Folge als milden Kummer; – einen Schmerz, den man so oft genußvoll oder wollüstig nennt, weil er verbunden ist mit den Bildern von Vortrefflichkeit und von der Reinheit eines bessern Daseyns. Einen ganzen Sommer hatte sie je nach Einbruch der Nacht an den Platz sich zu begeben die Gewohnheit gehabt; und ihr Canoe sorgfältig so vor Anker legend, daß der Leichnam nicht verstört wurde, saß sie dann da, und pflog eingebildete Gespräche mit der Geschiedenen, sang süße Hymnen in die Abendluft und sagte die Gebete her, welche das jetzt drunten schlummernde Wesen sie in ihrer Kindheit gelehrt hatte. Hetty hatte ihre glücklichsten Stunden in diesem mittelbaren Verkehr mit dem Geist ihrer Mutter zugebracht, und die wilden verworrenen indianischen Ueberlieferungen und Meinungen mischten sich, ihr unbewußt, mit der christlichen Lehre, die ihr in der Kindheit war beigebracht worden. Einmal war sie von jenen so weit beherrscht worden, daß sie daran dachte, an ihrer Mutter Grab einige jener physischen Bräuche zu verrichten, welche, wie man weiß, von den rothen Männern beobachtet werden; aber die vorübergehende Anwandlung war zurückgedrängt worden, durch das stetige, obwohl milde Licht des Christenthums, das in ihrer sanften Brust nie aufhörte zu brennen. Jetzt waren ihre Gemüthsbewegungen der natürliche Ausbruch des Gefühls einer Tochter, welche um eine Mutter weinte, deren Liebe ihrem Herzen unzerstörbar eingeprägt war, und deren Lehren zu ernstlich eingeschärft worden waren, um so leicht vergessen zu werden von einer Tochter, die so wenig Versuchung zu Verirrungen hatte.

Kein andrer Priester als die Natur war gegenwärtig bei diesem eigenthümlichen und kunstlosen Leichenbegängniß. March blickte in das Wasser, und durch das klare durchsichtige Element, beinahe so rein wie die Luft, sah er, was Hetty »der Mutter Grab« zu nennen pflegte, Es war ein niedriger, einzelner Erdhaufen, nicht durch Spaten gebildet, aus dessen einer Ecke ein Stück von der weißen Leinwand hervorsah, welche das Todtenkleid der Geschiednen ausmachte. Der Leichnam war auf den Grund versenkt worden, und Hutter hatte vom Land her Erde herbeigeführt und darauf geworfen, bis Alles zugedeckt war. In diesem Zustand war der Platz geblieben, bis die Bewegung des Wassers das einzige Zeichen, das wir so eben erwähnten, sichtbar machte, welches verrieth, wozu der Platz benützt worden war. Selbst die rohesten und lärmendsten Menschen werden durch die Ceremonie einer Bestattung weicher und gesitteter. March fühlte keine Lust, seine Stimme zu einem jener bei ihm so häufigen rohen Ausbrüchen zu erheben und war ganz geneigt, den Dienst, den er übernommen, in anständiger Nüchternheit zu vollziehen. Vielleicht sann er nach über die Vergeltung, die seinen bisherigen Kameraden betroffen, und dachte an die gräßliche Gefahr, worin sein eignes Leben vor so kurzer Zeit geschwebt. Er gab Judith zu verstehen, daß alles bereit sey, erhielt von ihr die Anweisung, Hand an’s Werk zu legen, hob, vermöge seiner ungeheueren Stärke, ohne andrer Unterstützung den Leichnam auf, und trug ihn an das Ende der Fähre. Das Seil ward unter den Füßen und unter den Schultern durchgezogen, wie unter den Särgen, und dann der Leichnam langsam in den See versenkt.

»Nicht hier – Harry March – nein, nicht hier!« sagte Judith unwillkührlich schaudernd, »versenkt ihn nicht so ganz nahe an dem Platz, wo Mutter liegt.«

»Warum nicht, Judith?« fragte Hetty einst. »Sie lebten miteinander im Leben und sollen im Tode bei einander ruhen.«

»Nein – nein – Hetty March – weiter weg, weiter weg. – Arme Hetty, du weißt nicht, was Du sagst. – Laß mich das anordnen,«

»Ich weiß, ich bin schwachsinnig, Judith, und du bist gescheut, – aber, gewiß, ein Ehemann soll immer neben die Frau gelegt werden. Mutter sagte immer, das sey die Art, wie man auf christlichen Kirchhöfen begrabe.«

Dieser kleine Streit wurde mit Eifer, obwohl mit gedämpfter Stimme geführt, als fürchteten die Sprechenden, der Todte möchte sie hören. Judith konnte in einem solchen Augenblick nicht mit ihrer Schwester hadern, aber eine bedeutsame Geberde von ihr bewog March, den Leichnam in einer kleinen Entfernung von dem der Mutter zu versenken, worauf er die Stricke heraufzog und der Akt geschlossen war.

»So hat’s ein Ende mit Floating Tom!« rief Hurry, sich über die Fähre vorbeugend, und durch’s Wasser den Leichnam anstarrend. »Er war ein braver Kamerad auf einer Kundschaft, und ein tüchtiger Kerl im Fallenstellen. Weint nicht, Judith – laßt Euch den Schmerz nicht übermannen, Hetty, denn die Rechtschaffensten von uns müssen Alle auch sterben, und wenn die Zeit kommt, können Wehklage»und Thronen die Todten nicht wieder zum Leben bringen. Euer Vater wird ein Verlust für Euch seyn, ohne Zweifel; die meisten Väter sind ein Verlust, besonders für unverheirathete Töchter, aber es gibt ein Mittel, dieß Uebel zu heilen, und Ihr seyd Beide zu jung und zu schön, als daß Ihr jenes Mittel lange nicht finden solltet. Wenn’s Euch angenehm ist, zu hören, was ein ehrlicher und anspruchsloser Mann zu sagen hat, Judith, möchte ich wohl ein wenig mit Euch sprechen, und das beiseite.« Judith hatte kaum auf Hurry’s rohen Tröstungsversuch gemerkt, obwohl sie natürlich die Abzweckung davon im Allgemeinen verstand, und einen ziemlich genauen Begriff von seiner Art und Weise hatte. Sie weinte bei der Erinnerung an ihrer Mutter frühere Zärtlichkeit, und schmerzliche Bilder von lange vergessenen Anweisungen und vernachlässigten Lehren stürmten auf ihr Gemüth ein. Aber Hurry’s Worte riefen sie wieder in die Gegenwart zurück, und so überraschend und unzeitig ihr Inhalt war, hatten sie doch nicht jene Aeußerungen von Widerwillen zur Folge, die man bei dem Charakter des Mädchens hätte erwarten können. Im Gegentheil, es schien ihr ein plötzlicher Gedanke aufzugehen, sie schaute einen Augenblick den jungen Mann scharf an, trocknete sich die Augen und begab sich nach dem andern Ende der Fähre, ihm winkend, ihr zu folgen. Hier setzte sie sich und bedeutete March, sich neben sie zu setzen. Die Entschiedenheit und der Ernst, womit dieß Alles geschah, schüchterten ihren Genossen ein Wenig ein, und Judith fand nöthig, selbst das Gespräch zu eröffnen.

»Ihr wünscht mit mir von Heirath zu sprechen, Harry March,« sagte sie, »und ich komme hieher, über dem Grabe meiner Eltern, gleichsam – nein, nein – über dem Grabe meiner armen, theuern, theuern Mutter, zu hören, was Ihr mir zu sagen habt.«

»Das ist ungewöhnlich, und Ihr habt ein so scheumachendes Wesen an Euch diesen Abend, Judith,« antwortete Hurry, verstörter als er selbst hätte gestehen mögen; »aber Wahrheit ist Wahrheit, und sie kommt an den Tag, folge dann was da will. Ihr wißt, Mädchen, daß ich Euch längst schon für das hübscheste junge Weib halte, das meine Augen je gesehen, und daß ich daraus kein Geheimniß gemacht habe, weder hier auf dem See, noch draußen bei den Jägern und Fallenstellern, noch in den Ansiedlungen.«

»Ja, ja, ich habe das sonst schon gehört, und glaube, daß es wahr ist,« antwortete Judith mit einer Art fieberhafter Ungeduld.

»Wenn ein junger Mann eine solche Sprache führt von einem bestimmten jungen Weibe, so ist es vernünftig, anzunehmen, daß er viel auf sie hält.«

»Wahr – wahr, Hurry – das Alles habt Ihr mir oft und viel gesagt.«

»Nun, wenn es angenehm ist, so sollte ich meinen, ein Weib könne es nicht zu oft hören. Alle sagen mir, das sey die Art Eures Geschlechtes – Nichts gefalle Euch mehr, als wenn man Euch hundert und aber hundert Mal wiederhole, daß man Euch gern habe – ausgenommen das, daß man Euch von Eurer Schönheit spreche.«

»Ohne Zweifel – wir haben Beides gern in den meisten Fällen; aber das ist ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, Hurry, und eitle Worte sollten nicht allzu frei gebraucht werden. Ich möchte Euch lieber ganz einfach reden hören.«

»Ihr sollt Euern Willen haben, Judith, und ich vermuthe halb, Ihr werdet ihn immer haben. Ich hab‘ Euch oft gesagt, daß ich Euch nicht nur lieber habe, als irgend ein junges Weib auf Erden, oder eigentlich lieber als alle jungen Weiber auf der Welt; aber Ihr müßt bemerkt haben, Judith, daß ich Euch nie mit offenen Worten aufgefordert habe, mich zu heirathen.«

»Ich habe Beides bemerkt,« versetzte das Mädchen, und ein Lächeln schwebte um ihren schönen Mund, trotz der seltsamen und derben Zutäppischkeit Hurry’s, die ihre Wangen flammen machte, und ihre Augen mit einem beinahe blendenden Glanz entzündete, – »Ich habe Beides bemerkt, und habe das Letztere auffallend gefunden an einem Mann von Harry March’s Entschlossenheit und Furchtlosigkeit.«

»Das hat seinen Grund gehabt, Mädchen, und einen, der mich noch jetzt unruhig macht, – nein, werdet mir nicht so roth, und seht nicht drein wie Feuer und Flammen, denn da gibt es freilich Gedanken, die einem Mann lang im Kopf stecken können, wie es Worte gibt, die ihm in der Kehle stecken bleiben – aber dann gibt es auch Gefühle, welche die Oberhand gewinnen über sie alle. und diesen Gefühlen, sehe ich, muß ich mich jetzt unterwerfen. Ihr habt keinen Vater und keine Mutter mehr, Judith, und es ist moralisch unmöglich, daß Ihr und Hetty hier allein leben solltet, selbst wenn es Friede und die Irokesen ruhig wären; aber wie die Sachen jetzt stehen, würdet Ihr nicht nur Hungers sterben, sondern auch Beide, vor Ablauf einer Woche, Gefangene oder skalpirt seyn. Es ist Zeit, an einen Wechsel und an einen Ehemann zu denken, und wenn Ihr mich nehmen wollt, so soll alles Vergangene vergessen seyn, und das ist Alles, was ich zu sagen habe.«

Judith hatte Mühe, ihre Ungeduld zu zügeln, bis diese rohe Erklärung nebst Antrag gemacht war, welche zu hören sichtlich ihr Wunsch gewesen, und die sie jetzt wirklich mit einer Bereitwilligkeit anhörte, die wohl einige Hoffnung erregen konnte. Sie ließ den jungen Mann kaum zum Schluß kommen, so begierig war sie, ihn auf den Hauptpunkt zu bringen, und so gefaßt mit ihrer Antwort.

»So, Hurry, das ist genug,« sagte sie, eine Hand erhebend, wie um ihm Einhalt zu thun. »Ich verstehe Euch so gut, als sprächet Ihr noch einen Monat fort. Ihr gebt mir den Vorzug vor andern Mädchen, und wünscht, daß ich Eure Frau würde.«

»Ihr faßt es in bessere Worte, als ich es vermag, Judith, und ich wünschte, Ihr dächtet, ich habe es in solchen Worten ausgedrückt, wie Ihr sie am liebsten hört.«

»Sie sind einfach genug, Hurry, und es ist auch angemessen, daß sie das sind. Es ist jetzt nicht am Orte zu tändeln oder zu täuschen. Hört denn meine Antwort, die in jedem Tüttelchen so aufrichtig seyn soll, wie Euer Antrag. Es ist ein Grund, March, warum ich nie würde –«

»Ich glaube, ich verstehe Euch, Judith; aber wenn ich bereit bin, diesen Grund zu übersehen, so geht das Niemand Etwas an, als mich. Nun, lodert nur nicht so auf, wie der Himmel beim Sonnenuntergang; ich will ja nichts Beleidigendes sagen, und Ihr solltet es nicht so nehmen.«

»Ich lodere nicht auf, und ich nehme Nichts als Beleidigung,« sagte Judith kämpfend, ihre Entrüstung zu unterdrücken, in einer Art, wie sie noch nie früher sich im Falle befunden, mit sich kämpfen zu müssen. »Es ist ein Grund, warum ich nie Euer Weib werden werde, es nicht kann, Hurry, den Ihr zu übersehen scheint, und welchen Euch jetzt zu sagen meine Pflicht ist, so unumwunden, wie Ihr Von mir verlangt habt, es zu werden. Ich liebe Euch nicht so, und weiß gewiß, daß ich Euch nie so lieben werde, daß ich Euch heirathen könnte. Kein Mann kann sich ein Weib wünschen, das ihn nicht allen andern Männern vorzieht; und wenn ich Euch dieß offen sage, werdet Ihr mir, denke ich, selbst danken für meine Aufrichtigkeit.«

»O Judith, die flunkernden, lustigen, scharlachröckigen Officiere von den Garnisonen haben all dieß Unheil angerichtet!«

»Still, March! verläumdet nicht eine Tochter über dem Grab ihrer Mutter! Gebt mir nicht, wenn ich nur ehrlich gegen Euch handeln will, Grund, in der Bitterkeit meines Herzens Unglück auf Euer Haupt herabzurufen! Vergeßt nicht, daß ich ein Weib bin, und Ihr ein Mann seyd; daß ich weder Vater noch Bruder habe, Eure Worte zu rächen.«

»Nun, am Letztern ist Etwas, und ich will nicht Mehr sagen. Nehmt Euch Zeit, Judith, und besinnt Euch eines Bessern.«

»Ich brauche keine Zeit; ich bin längst entschlossen und habe nur gewartet, bis Ihr offen sprechen würdet, um Euch offen zu antworten. Wir verstehen jetzt einander, und weitere Worte nützen Nichts.«

Der heftige, ungestüme Ernst des Mädchens machte den jungen Mann schüchtern, denn nie früher hatte er sie so streng und entschlossen gesehen. Bei ihren meisten frühern Gesprächen hatte sie seine entgegenkommenden Worte mit Ausflüchten oder Spöttereien beantwortet; aber diese hatte Hurry fälschlich für weibliche Koketterie genommen, und geglaubt, sie würden sich leicht in eine Einwilligung verwandeln. Der Kampf in seinem Innern hatte den Antrag betroffen; und nie hatte er im Ernst es für möglich gehalten, daß Judith sich weigern würde, das Weib des schönsten Mannes auf der ganzen Grenze zu werden. Jetzt, als diese Weigerung kam, und das in so entschiednen Ausdrücken, daß alle Spitzfindigkeiten außer Frage gestellt waren, war er, wenn nicht eigentlich betäubt und verwirrt, doch so gekränkt und überrascht, daß er keine Lust zu einem Versuch fühlte, ihren Entschluß wankend zu machen.

»Der Glimmerglas hat jetzt keine große Anziehungskraft für mich,« rief er aus, nachdem er eine Minute geschwiegen. »Der alte Tom ist dahin, die Huronen sind in solcher Menge auf den Küsten, wie Tauben in den Wäldern; und überhaupt wird es nachgerade ein unlieblicher Platz.«

»Dann verlaßt ihn. Ihr seht, er ist von Gefahren umgeben, und es ist kein Grund vorhanden, warum Ihr Euer Leben für Andere aufs Spiel setzen solltet. Auch wüßte ich nicht, wie Ihr uns einen Dienst leisten solltet. Geht, heute Nacht noch; wir wollen Euch nie anklagen, etwas Undankbares oder Unmännliches gethan zu haben.«

»Wenn ich gehe, so ist es mit schwerem Herzen, Eurethalb, Judith; ich nähme Euch lieber mit.«

»Davon kann jetzt nicht mehr die Rede seyn, March; aber ich will Euch ans Land setzen in einem der Canoe’s, sobald es dunkel ist, und Ihr Euch nach der nächsten Garnison flüchten könnt. Wenn Ihr das Fort erreicht, wenn Ihr uns könntet eine Truppe schicken –«

Judith erstarben die Worte im Munde, denn sie fühlte, daß es demüthigend für sie sey, sich so den Bemerkungen und Glossen eines Mannes preiszugeben, der ihr Benehmen gegenüber Allen denen, die in den Garnisonen sich befanden, eben nicht im günstigsten Licht anzusehen geneigt war. Hurry aber faßte die Idee auf; und ohne sie zu verdrehen, wie das Mädchen fürchtete, antwortete er in diesem Sinne.

»Ich verstehe, was Ihr sagen wolltet, und warum Ihr es nicht sagt,« versetzte er. »Wenn ich wohlbehalten in das Fort gelange, soll eine Truppe sich aufmachen zur Verfolgung dieser Vagabunden, und ich will selbst mitkommen; denn es würde mich freuen, Euch und Hetty sicher und wohlbehalten untergebracht zu sehen, ehe wir auf immer scheiden.«

»Ach, Harry March, hättet Ihr immer so gesprochen, so gefühlt, meine Gesinnungen gegen Euch wären wohl jetzt anders!«

»Ist es jetzt zu spät, Judith? Ich bin rauh und ein Waldmann; aber wir ändern uns Alle, wenn man uns anders behandelt, als wir gewohnt gewesen.«

»Es ist zu spät, March. Ich kann nie für Euch, oder irgend sonst einen Mann, Einen ausgenommen, die Gefühle haben, wie Ihr wünscht, daß ich sie gegen Euch hätte. So; ich habe jetzt sicherlich genug gesagt, und Ihr werdet mich nicht weiter mit Fragen bestürmen. Sobald es dunkel ist, setze ich oder der Delaware Euch ans Land; Ihr eilt was Ihr könnt an den Mohawk und zur nächsten Garnison, und schickt uns Beistand so viel Ihr könnt. Und, Hurry, wir sind jetzt Freunde, und ich kann Euch vertrauen, nicht wahr?«

»Gewiß, Judith; obwohl unsre Freundschaft bei weitem wärmer wäre, könntet Ihr mich so ansehen, wie ich Euch!«

Judith zauderte, und eine gewaltige Gemüthsbewegung kämpfte in ihr. Dann, als wäre sie entschlossen, alle Schwächen niederzudrücken und ihre Zwecke auszuführen, auf jede Gefahr hin, sprach sie sich noch offener aus.

»Ihr werdet einen Capitain mit Namen Warley auf dem nächsten Posten finden,« sagte sie, blaß wie der Tod, und zitternd während sie sprach; »Ich halte für wahrscheinlich, daß er sich an die Spitze der Truppe zu stellen wünscht; mir wäre es weit lieber, wenn es ein Andrer wäre. Wenn Capitain Warley zurückgehalten werden könnte, würde es mich sehr glücklich machen.«

»Das ist leichter gesagt, als gethan, Judith; denn diese Officiere thun eben meist was ihnen beliebt. Der Major wird Befehl geben, und Capitains und Lieutenants und Fähndriche müssen gehorchen. Ich kenne den Officier, den Ihr meint, einen rothaussehenden, muntern, lebenslustigen Gentleman, der Madeira hinunterschluckt, genug, um den Mohawk zu ertränken, und doch ein angenehmer Plauderer. Alle Mädels im Thal bewundern ihn; und es heißt, er bewundere alle Mädels. Es wundert mich nicht, wenn er Euch zuwider ist, denn er ist recht ein General-Liebhaber, wenn er auch kein General-Officier ist.«

Judith antwortete nicht, zitterte aber am ganzen Leib, und ihre Farbe wechselte von Weiß in Purpur, und Von Purpur wieder in Todesblässe.

»Ach, meine arme Mutter!« sprach sie jammernd im Geist, statt ein lautes Wort zu äußern; »wir sind über deinem Grabe, aber du weißt wohl nicht, wie sehr deine Lehren vergessen worden sind, deine Sorgfalt verachtet, deine Liebe getäuscht ist!«

Wie sie dieß Nagen des Wurmes fühlte, der nie stirbt, stand sie auf und bedeutete Hurry, daß sie ihm Nichts mehr mitzutheilen habe.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

                                            Jene Stufe
Des Elends, die den Unterdrückten macht
Für Nichts sein eignes Leben achten mehr,
Die macht ihn auch zum Herrn vom Leben seines
Bedrückers.
Coleridge.

Diese ganze Zeit über war Hetty im Vordertheil der Arche sitzen geblieben, kummervoll in das Wasser schauend, das den Leichnam ihrer Mutter barg, so wie den des Mannes, den man sie als ihren Vater anzusehen gelehrt hatte. Hist stand neben ihr in ruhiger Sanftmuth, konnte ihr aber mit Worten keinen Trost bieten. Die Gewohnheiten ihres Volks lehrten sie in dieser Beziehung Zurückhaltung ; und die Art und das Gefühl ihres Geschlechts hieß sie geduldig einen Augenblick abwarten, wo sie ein wohlthuendes Mitgefühl durch die That statt mit Worten an den Tag legen könnte. Chingachgook hielt sich in ernster Zurückhaltung etwas entfernt, wie ein Krieger drein schauend, aber fühlend wie ein Mensch.

Judith trat zu ihrer Schwester mit einer Würde und Feierlichkeit in ihrem Wesen, wie es sonst nicht in ihrer Art war zu zeigen; und obwohl auf ihrem schönen Gesicht noch die Schatten der innern Qual sichtbar waren, sprach sie doch fest und ohne Beben der Stimme. In diesem Augenblick entfernten sich Hist und der Delaware, und begaben sich ans andre Ende des Fahrzeugs zu Hurry.

»Schwester,« begann Judith freundlich, »ich habe Dir Viel zu sagen; wir wollen in dieß Canoe steigen und ein Wenig von der Arche weg rudern – die Geheimnisse von zwei Waisen dürfen nicht von jedem Ohr vernommen werden.«

»Aber gewiß, Judith, von dem Ohr ihrer Eltern. Laß Hurry den Anker lichten und mit der Arche wegfahren, und uns hier allein lassen, neben den Gräbern von Vater und Mutter, damit wir uns sagen, was wir zu sagen haben.«

»Vater!« wiederholte Judith langsam, und das Blut stieg ihr, zum erstenmal wieder, seit sie sich von March getrennt, in die Wangen; »er war nicht unser Vater, Hetty. Das haben wir aus seinem eignen Munde, und zwar in seiner Sterbestunde.«

»Freust Du Dich, Judith, zu erfahren, daß Du keinen Vater gehabt hast? Er sorgte für uns, und nährte uns, und kleidete uns, und liebte uns; ein Vater hätte nicht Mehr thun können. Ich verstehe nicht, warum er nicht unser Vater war.«

»Laß das, liebes Kind, aber wir wollen thun, wie Du gesagt hast. Es ist wohl gut, wenn wir hier bleiben und die Arche ein Wenig weiter fahren lassen. Setze Du das Canoe in Bereitschaft, und ich will Hurry und den Indianern unsre Wünsche sagen.«

Dieß war bald und ohne Weitläuftigkeit gethan; die Arche entfernte sich unter gemessenen Schlägen der großen Ruder etwa hundert Schritte weit von dem Platz, und die Mädchen blieben, fast wie in der Luft schwimmend, über der Begräbnißstätte der Todten, – so schwebend war das leichte Fahrzeug, das sie trug, und so durchsichtig das reine Element, auf dem es ruhte.

»Der Tod des Thomas Hutter,« begann Judith – nachdem eine kleine Pause ihre Schwester vorbereitet hatte, ihre Mittheilungen aufzunehmen, »hat alle unsre Aussichten verändert, Hetty. Wenn er nicht unser Vater war, so sind wir doch Schwestern, und müssen gleiche Gesinnungen haben und miteinander leben.«

»Wie weiß ich, Judith, ob Du nicht ebenso froh seyn würdest, zu erfahren, daß ich nicht Deine Schwester sey, wie Du es darüber bist, daß Thomas Hutter, wie Du ihn nennst, nicht unser Vater war? Ich bin nur halb klug, und wenige Leute haben eine Freude an halbklugen Verwandten; – und dann bin ich nicht schön – wenigstens nicht so schön wie Du – und Du wünschest Dir vielleicht eine schönere Schwester.«

»Nein, nein, Hetty, Du und Du allein bist meine Schwester – mein Herz und meine Liebe zu Dir sagen mir das – und Mutter war meine Mutter – auch darüber bin ich froh und stolz; denn sie war eine Mutter, auf die man stolz seyn durfte; aber Vater war kein Vater!«

»Still, Judith! Sein Geist ist vielleicht in der Nähe; es würde ihn schmerzen, seine Kinder so reden zu hören, und dazu noch über seinem Grabe. Kinder sollten die Eltern nie betrüben, sagte mir die Mutter oft, und besonders nicht, wenn sie todt sind!«

»Arme Hetty! Sie sind vielleicht über alle Sorgen in Beziehung auf uns erhaben! Nichts, was ich sagen oder thun kann, wird Mutter jetzt mehr betrüben – darin liegt wenigstens einiger Trost! – und Nichts, was Du sagen oder thun kannst, wird sie lächeln machen, wie sie im Leben bei Deiner guten Aufführung zu lächeln pflegte.«

»Du weißt das nicht, Judith. Geister können sehen, und Mutter sieht vielleicht so gut als irgend ein Geist. Sie sagte uns immer, Gott sehe Alles was wir thun, und wir sollten Nichts thun, ihn zu beleidigen; und jetzt, nachdem sie uns verlassen hat, will ich mich bestreben, Nichts zu thun, was ihr mißfallen könnte. Denke, wie ihr Geist trauern und sich bekümmern würde, Judith, wenn sie Eine von uns thun sähe, was nicht recht wäre, und Geister sehen ja doch auch; besonders die Geister von Eltern, welche in Sorgen sind um das Wohl ihrer Kinder!«

»Hetty, Hetty – Du weißt nicht was Du sagst!« murmelte Judith, beinahe leichenfahl vor innerer Bewegung. »Die Todten können nicht sehen, und wissen Nichts von dem, was hier vorgeht! Aber wir wollen hievon nicht weiter reden. Die Leichname von Mutter und Thomas Hutter liegen bei einander im See, und wir wollen hoffen, daß die Geister von Beiden bei Gott sind. Daß wir, die Kinder von Jenen, auf Erden zurückbleiben, ist gewiß; wir sollten aber jetzt auch wissen, was wir in der Zukunft anfangen werden.«

»Wenn wir auch nicht Thomas Hutter’s Kinder sind, Judith, wird uns doch Niemand unser Recht auf seine Habe bestreiten. Wir haben das Castell, und die Arche, und die Canoe’s, und die Wälder und die Seeen, gerade wie wenn er noch lebte; und was kann uns hindern, hier zu bleiben und unser Leben hinzubringen gerade so wie bisher?«

»Nein, nein – arme Schwester, das geht nicht mehr. Zwei Mädchen wären hier nicht sicher, sollte es auch diesen Huronen nicht gelingen, uns in ihre Macht zu bekommen. Selbst Vater hatte manchmal Alles, was in seinen Kräften stand, zu thun, um auf dem See unangefochten zu bleiben; und uns würde es ganz und gar nicht gelingen. Wir müssen diesen Platz verlassen, Hetty, und uns in die Anssiedlungen begeben.«

»Es thut mir leid, daß du so denkst, Judith,« versetzte Hetty, ließ den Kopf auf die Brust sinken und blickte nachdenklich hinab auf die Stelle, wo man gerade noch den Leichenhügel ihrer Mutter sehen konnte. »Es thut mir sehr leid, das zu hören. Ich würde lieber hier bleiben, wo ich, wenn nicht geboren bin, doch mein Leben zugebracht habe. Ich mag die Ansiedelungen nicht – sie sind voll Sünde und Herzbrennen, während Gott unbeleidigt in diesen Bergen wohnt. Ich liebe die Bäume, und die Berge, und den See und die Quellen; alles das hat seine Güte uns gegeben, und es würde mich bitter schmerzen, Judith, Alles verlassen zu müssen. Du bist schön, und nicht blos halb klug, und wirst einmal heirathen, und dann wirst du einen Gatten haben, und ich einen Bruder, der für uns sorgt, wenn Frauen wirklich an einem Platze wie dieser nicht für sich selbst sorgen können.«

»Ach! wenn das so seyn könnte, Hetty, dann wahrhaftig könnte ich jetzt tausendmal glücklicher in diesen Wäldern seyn, als in den Ansiedlungen! Sonst fühlte ich nicht so, aber jetzt. Aber wo ist der Mann, der diesen schönen Platz in einen solchen Garten Eden für uns verwandelte?«

»Harry March liebt dich, Schwester,« versetzte die arme Hetty, während sie sprach, unbewußt die Rinde von dem Canoe wegreißend. »Er würde gewiß mit Freuden dein Gatte werden, und ein kräftigerer und muthigerer Jüngling ist nicht zu finden in der ganzen Gegend weit umher.«

»Harry March und ich verstehen einander, und von ihm braucht nicht mehr die Rede zu seyn. Es ist Einer da – doch lassen wir das. Es ist Alles in den Händen der Vorsehung, und wir müssen in Bälde zu einem Entschluß kommen wegen unserer künftigen Lebensweise. Hier bleiben – das heißt, allein hier bleiben, können wir nicht – und vielleicht bietet sich nie eine Gelegenheit dar, so hier zu bleiben, wie du es meinst. Auch ist es Zeit, Hetty, daß wir, so Viel wir können, über unsere Verwandte und unsere Familie zu erfahren suchen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß wir ganz ohne Verwandte sind, und vielleicht freuen sie sich, uns zu sehen. Der alte Schrank ist jetzt unser Eigenthum, und wir haben ein Recht, ihn zu durchsuchen, und aus dem was er enthält, so Viel als möglich zu erfahren. Mutter war so verschieden von Thomas Hutter, daß ich jetzt, seit ich weiß, daß wir nicht seine Kinder sind, vor Verlangen brenne, zu erfahren, Wessen Kinder wir denn seyn mögen. Gewiß sind Papiere in jenem Schrank, und diese Papiere geben uns vielleicht allen Aufschluß über unsere Eltern und Blutsfreunde.«

»Nun, Judith, du weißt es am besten, denn du bist ungewöhnlich gescheut, das sagte die Mutter immer, und ich bin nur halb klug. Nunmehr Vater und Mutter todt sind, frage ich nicht mehr Viel nach Verwandten, außer dir, und glaube, ich könnte sie, die ich nie gesehen, nicht so lieben wie ich sollte. Wenn du den Hurry nicht heirathen magst, sehe ich nicht, Wen du zum Mann wählen solltest, und dann fürchte ich, werden wir am Ende doch den See verlassen müssen.«

»Was meinst du von Wildtödter, Hetty?« fragte Judith, indem sie sich vorwärts beugte, wie ihre arglose Schwester, und ihre Verlegenheit auf eine ähnliche Weise zu verhehlen suchte. Wäre das nicht ein Schwager nach deinem Geschmack?«

»Wildtödter!« wiederholte die Andere, in unverstelltem Erstaunen aufschauend; »ei, Judith, Wildtödter ist nicht im Mindesten hübsch, und ist gar kein Mann für Eine wie du bist!«

»Er sieht nicht übel aus, Hetty, und Schönheit ist bei einem Mann nichts Wichtiges.«

»Denkst du so, Judith? Ich weiß, daß Schönheit von keiner großen Wichtigkeit ist, bei Mann oder Weib, in den Augen Gottes; denn Mutter hat mir das oft gesagt, wenn sie dachte, ich möchte traurig darüber seyn, daß ich nicht so schön sey wie du; – obgleich sie darüber hätte ganz ruhig seyn können, denn ich gelüstete nie nach Etwas, das dein ist, Schwester; aber gesagt hat sie mir das; – dennoch aber ist Schönheit in den Augen Beider etwas sehr Einnehmendes, Ich glaube, wenn ich ein Mann wäre, ich würde mehr nach einem guten Aussehen mich sehnen, denn als Mädchen. Ein schöner Mann ist ein viel einnehmenderer Anblick, als ein schönes Weib.«

»Armes Kind! du weißt kaum was du sagst, oder was du meinst! Schönheit bei unserem Geschlecht ist Etwas, aber beim Mann gilt sie Wenig. Gewiß, ein Mann soll groß seyn, aber Andere sind auch groß, so gut wie Hurry: und rüstig – ich denke, ich kenne Solche, die rüstiger sind; – und stark – nun, er hat auch nicht alle Stärke auf der Welt allein; und muthig – sicherlich kann ich einen Jüngling nennen, der muthiger ist.«

»Das ist sonderbar, Judith. Ich hätte nicht geglaubt, daß auf Erden ein schönerer, oder stärkerer, ober rüstigerer, oder muthigerer Mann lebte, als Harry Hurry! Ich bin gewiß, ich sah nie Einen, der ihm in einem dieser Stücke gleichgekommen wäre.«

»Gut, gut, Hetty – sprich davon nicht mehr. Ich höre dich nicht gerne so schwatzen. Es paßt nicht für deine Unschuld, und Wahrheit und deine warmherzige Aufrichtigkeit. Laß den Harry March gehen. Er verläßt uns heute Nacht, und kein Bedauern folgt ihm von meiner Seite, wenn nicht etwa darüber, daß er so lange und so zwecklos dageblieben ist!«

»Ach, Judith, das ist es was ich lange gefürchtet, und ich hoffte so, er würde mein Schwager werden! Denke jetzt nicht mehr daran; laß uns von unserer armen Mutter und von Thomas Hutter sprechen.«

»So sprich denn, aber mild, Schwester, denn du kannst nicht gewiß wissen, ob nicht Geister hören und sehen. Wenn Vater nicht unser Vater war, so war er doch gut gegen uns, und gab uns Nahrung und Obdach. Wir können seine Steine auf ihre Gräber sehen, hier im Wasser, den Leuten das Alles zu erzählen, und so müssen wir es mit unsern Zungen bezeugen.«

»Sie werden sich darum Wenig kümmern, Mädchen. Es ist ein großer Trost, Hetty, zu wissen, daß, wenn Mutter je einen schweren Fehltritt beging, als jung, sie ihn aufrichtig bereute ihr Leben lang; ohne Zweifel wurden ihr ihre Sünden vergeben.«

»Es ist nicht recht an Kindern, Judith, daß sie von ihrer Eltern Sünden sprechen. Wir thäten besser, von unseren eigenen zu sprechen.«

»Von deinen Sünden sprechen, Hetty! – Wenn je eine Creatur auf Erden ohne Sünden war, so bist Du es! Ich wollte, ich könnte dasselbe von mir sagen oder denken; aber wir werden sehen. Niemand weiß, welche Veränderungen die Liebe zu einem guten Gatten im Herzen eines Weibes bewirken kann. Ich glaube, Kind, ich habe schon nicht mehr denselben Geschmack an schönen Putzsachen, wie früher.«

»Es wäre ein Jammer, Judith, wenn du über deiner Eltern Grabe an Kleider dächtest! Wir wollen diesen Platz nie verlassen, wenn Du so sagst, und wollen Hurry ziehen lassen, wohin es ihm beliebt.«

»Ich bin gern bereit, in das Letztere zu willigen, kann aber für das Erster nicht stehen – Wir müssen in Zukunft leben wie es anständigen jungen Mädchen geziemt, und können nicht hier bleiben, um das Geschwätz und der Spaß all der rohen und giftzüngigen Jäger und Fallensteller zu seyn, die an den See kommen. Laß Hurry seiner Wege gehen, und dann will ich Mittel finden, Wildtödter zu sehen, wo dann wegen der Zukunft Alles bald in’s Reine gebracht seyn wird. Komm, Mädchen, die Sonne ist unter, und die Arche entfernt sich von uns; laß uns zu der Fähre hinaufrudern und mit unsern Freunden uns berathen. Heute Nacht werde ich den Schrank durchsuchen und der morgende Tag soll entscheiden, was wir thun wolle». Was die Huronen betrifft, so werden die leicht zu erlaufen seyn, nunmehr wir ohne Scheu mit Thomas Hutter’s Schätzen schalten können. Laß mich nur erst Wildtödter aus ihren Händen befreit haben, so wird Eine Stunde die Dinge in’s Klare bringen.«

Judith sprach mit Entschiedenheit und in gebieterischem Tone, eine Gewohnheit, die sie gegenüber ihrer schwachsinnigen Schwester lange geübt hatte. Aber während sie so gewohnt war, ihren Willen durchzusetzen, mittelst ihres gewandten Benehmens und ihrer Herrschaft über die Sprache, legte Hetty gelegentlich ihren ungestümen Gefühlen und ihren hastigen Handlungen Zügel an, mittelst jener einfachen sittlichen Wahrheiten, die ihren eignen Gedanken und Gefühlen so tief eingeprägt waren, und sie mit einem schönen, milden Glanz durchleuchteten, der eine Art Heiligenschein über so Vieles warf, was sie sagte und that. Im gegenwärtigen Fall besthätigte sich dieser wohlthätige Einfluß, den das Mädchen von schwachem Verstand über ihre Schwester ausübte, die unter andern Umständen durch ihren Geist hätte glänzen und Bewunderung einten können – in der gewöhnlichen einfachen und ernsten Weise.

»Du vergißt, Judith, was uns hierhergeführt,« sagte sie im Tone des Vorwurfs. »Dieß ist der Mutter Grab, und eben erst haben wir Vaters Leichnam neben Ihr versenkt. Wir haben Unrecht gethan, so viel von uns zu sprechen an einem solchen Orte, und wir sollten jetzt zu Gott beten, uns zu vergeben, und ihn bitten, uns zu lehren, wohin wir gehen, und was wir thun sollen.«

Judith legte halb unwillkührlich ihr Ruder beiseite, wahrend Hetty auf ihre Kniee sank, und bald in ihrem andächtigen aber einfachen Gebete ganz verloren war, Ihre Schwester betet« nicht. Schon lange that sie es nicht mehr eigentlich und förmlich, obwohl geistige Leiden und Qualen ihr häufig hastige, stumme, innere Anrufungen des großen Urquells alles Segens erpreßten, um Hülfe, wo nicht um Erneuerung des Geistes. Doch sah sie nie Hetty knieen, ohne daß ein Gefühl wehmüthig süßer Erinnerung, so wie tiefer Betrübniß über die Erstorbenheit ihres eignen Herzens über sie kam. Das hatte sie selbst auch in der Kindheit gethan und selbst bis zu der Stunde ihrer unseligen Besuche in den Garnisonen, und sie hätte gern in solchen Augenblicken Welten darum gegeben, wenn sie im Stande gewesen wäre, ihre jetzigen Empfindungen zu vertauschen gegen den vertrauensvollen Glauben, die reinen, erhebenden Gefühle und die milde Hoffnung, welche jeden Zug und jede Bewegung ihrer sonst weniger begünstigten Schwester verklärten. Aber Alles was sie thun konnte, war, daß sie ihr Haupt auf die Brust sinken ließ, und in ihren Geberden und Haltung Etwas von der Andacht annahm, in welche recht einzustimmen ihr verstockter Geist sich weigerte.

Als Hetty nach ihrem Knieen wieder aufstand, zeigte ihre Miene einen Glanz und eine Heiterkeit, die ein immer angenehmes Angesicht wirklich schön machten. Ihr Gemüth hatte Frieden, und ihr Gewissen sprach sie wegen Versäumniß ihrer Pflicht frei.

»Jetzt magst du gehen, wenn du Lust hast, Judith,« sagte sie; »Gott ist gütig gegen mich gewesen, und hat mir eine Last vom Herzen genommen. Mutter hatte viele solche Lasten, so pflegte sie mir zu sagen, und schaffte sie sich immer auf solche Weise vom Herzen. Es ist die einzige Weise, Schwester, wie man so etwas thun kann. Einen Stein, oder ein Stück Holz kannst du mit der Hand aufheben; aber das Herz muß durch’s Gebet erleichtert werden. Ich meine, du betest nicht mehr so oft, Judith, als da du jünger warest!«

»Laß das – laß das, Kind,« antwortete Judith mit hohler Stimme – »davon handelt es sich jetzt nicht. Mutter ist dahin, und Thomas Hutter ist dahin, und die Zeit ist gekommen, wo wir für uns selbst denken und handeln müssen.«

Während das Canoe sich von der Stelle entfernte, unter den leisen Ruderschlägen der ältern Schwester, saß die jüngere in sinnendem Brüten da, wie sie pflegte, so oft ihr Geist durch eine abstraktere und schwerer zu fassende Idee beschäftigt und verwirrt war.

»Ich weiß nicht, was Du unter Zukunft verstehst, Judith,« bemerkte sie am Ende plötzlich. »Mutter pflegte den Himmel die Zukunft zu nennen, aber du scheinst damit die nächste Woche oder den morgenden Tag zu meinen.«

»Es bedeutet beides, liebe Schwester; Alles was noch kommen, soll in dieser Welt oder in einer andern. Es ist ein ernstes Wort, und am ernstesten, fürchte ich, für diejenigen, die am wenigsten daran denken. Der Mutter Zukunft ist die Ewigkeit; die unsrige kann noch bedeuten, was uns begegnen wird, so lange wir in dieser Welt leben – ist das nicht ein Canoe, was eben hinter dem Castell vorüberfährt? – Dort, mehr in der Richtung des Vorsprungs meine ich; es ist versteckt, jetzt; aber gewiß, ich sah ein Canoe hinter die Stämme sich stehlen.«

»Ich habe es schon einige Zeit gesehen,« versetzte Hetty ruhig, denn die Indianer hatten wenig Schreckliches für sie, »aber ich hielt es nicht für recht, über der Mutter Grab von solchen Dingen zu schwatzen. Das Canoe kam von dem Lager her, Judith, und ward gerudert von einem einzigen Manne; und der schien mir Wildtödter und kein Irokese zu seyn.«

»Wildtödter!« erwiederte die Andere wieder ganz mit ihrem natürlichen Ungestüm. »Das kann nicht seyn! Wildtödter ist ein Gefangener, und ich habe auf Mittel gedacht, ihn frei zu machen. Warum bildest du dir ein, es sey Wildtödter, Kind?«

»Du kannst selbst schauen, Schwester, da kommt uns das Canoe wieder zu Gesicht, diesseits der Hütte.«

Wirklich war das leichte Boot an dem Gebäude vorbeigefahren und näherte sich jetzt stetig der Arche, wo die an Bord befindlichen Personen sich schon im Vordertheile der Fähre zusammendrängten, um den Besuch zu empfangen. Ein einziger Blick genügte, Judith die Gewißheit zu verschaffen, daß ihre Schwester Recht hatte, und Wildtödter allein in dem Canoe sich befand. Aber sein Herankommen war so still und gemächlich, daß sie sich darüber wundern mußte, da ein Mann, dem es gelungen, seinen Feinden durch List oder Gewalt zu entfliehen, schwerlich im Stand seyn könnte, mit der Stetigkeit und Bedächtlichkeit sich zu bewegen, womit sein Ruder das Wasser durchschnitt. Mittlerweile neigte sich der Tag stark zum Ende, und man sah die Gegenstände an den Küsten nur noch dämmernd. Auf der Breite des See’s jedoch weilte noch das Licht, und gerade unmittelbar um die Scene der gegenwärtigen Ereignisse her, die weniger beschattet war als die meisten Gegenden des See’s, in dessen größter Breite sie lag, goß es einen Schimmer aus, der eine schwache Aehnlichkeit hatte mit den warmen Tinten eines italienischen oder griechischen Sonnenuntergangs. Die Stämme der Hütte und der Arche bekamen eine Art Purpurfarbe, vermischt mit der wachsenden Dunkelheit, und die Rinde an des Jägers Boot verlor ihre schärfere Deutlichkeit in reicheren aber weicheren Farben, als die sie beim hellen Sonnenglanz gezeigt hatte. Als die beiden Canoe’s sich einander näherten – denn Judith und ihre Schwester hatten sich mit ihren Ruderschaufeln so gerührt, daß sie dem unerwarteten Besuch begegneten, noch eh‘ er die Arche erreichte – da hatte selbst Wildtödters sonnverbranntes Gesicht ein glänzenderes Aussehen als gewöhnlich, unter den lieblichen Tinten, die in der Atmosphäre zu tanzen schienen. Judith bildete sich ein, die Freude, sie wieder zu sehen, habe einigen Antheil an diesem ungewohnten, einnehmenden Ausdruck, Sie wußte nicht, daß ihre eigne Schönheit in Folge derselben natürlichen Ursache sich noch vortheilhafter als gewöhnlich darstellte; auch wußte sie nicht, was zu wissen ihr eine so große Freude gemacht hätte, daß wirklich der junge Mann sie, als sie ihm näher kam, für die anmuthigste Creatur ihres Geschlechtes hielt, die seine Augen je gesehen.

»Willkommen – willkommen, Wildtödter!« rief das Mädchen, als die Canoes an einander heranschwammen, nachdem die Ruder ihre Dienste eingestellt hatten; »wir haben einen traurigen – einen entsetzlichen Tag gehabt – aber Eure Rückkehr ist wenigstens Ein Unglück weniger. Sind die Huronen menschlicher geworden, und haben Euch gehen lassen; ober seyd Ihr den Elenden durch Euern Muth und Eure Geschicklichkeit entkommen?«

»Keines von beiden, Judith, weder das eine noch das andere. Die Mingo’s sind noch Mingo’s, und werden als Mingo’s leben und sterben; es ist nicht wahrscheinlich, daß ihre Natur je eine Verbesserung erfahren wird. Nun, sie haben ihre Gaben, und wir die unsrigen, Judith, und es geziemt sich auch nicht, übel zu reden von dem, was der Herr geschaffen hat; obwohl, wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich es eine harte Probe finde, mild zu denken, oder mild zu reden von jenen Vagabunden. Was das betrifft, sie zu überlisten, so hätte das wohl geschehen können, und es ist auch geschehen, von der Schlange dort und von mir, als wir Hist auf der Spur waren –« hier hielt der Jäger inne und lachte in seiner geräuschlosen Weise; – »aber es ist nicht so leicht, den Ueberlisteten wieder zu überlisten. Selbst die Rehe lernen die Schliche der Jäger kennen, eh‘ Eine Jagdzeit vorüber ist; und ein Indianer, dem einmal durch eine Ueberlistung die Augen geöffnet worden sind, schließt sie nimmer wieder genau an demselbigen Platz. Ich habe weiße Männer gekannt, die das thaten, aber nie eine Rothhaut. Was sie lernen, das lernen sie durch Erfahrung, und nicht durch Bücher; und unter allen Schulmeistern gibt die Erfahrung die am längsten im Gedächtniß haftenden Lehren.«

»Das ist Alles wahr, Wildtödter; aber wenn Ihr den Wilden nicht entwischt seyd, wie kommt Ihr denn hieher?«

»Das ist eine natürliche Frage und zum Bezaubern gestellt. Ihr seyd wirklich wunderbar hübsch diesen Abend, Judith, oder Wilde Rose, wie Schlange Euch nennt, und wie ich wohl auch sagen darf, da ich in allem Ernst so denke. Ihr mögt sie wohl Mingo’s nennen, und Wilde auch, denn wild genug sind sie gesinnt. und wild genug handeln sie, sobald Ihr ihnen einmal Gelegenheit gebt. Sie empfinden ihren Verlust hier, bei dem letzten Scharmützel, bis ins innerste Herz, und sind bereit, ihn an jeder Creatur von englischem Blute zu rächen, die ihnen in den Weg kommen mag. Ja, was das betrifft, ich glaube, sie würden sich auch nicht besinnen, ihre Genugthuung an einem Holländer zu nehmen.«

»Sie haben Vater getödtet; das sollte ihren ruchlosen Blutdurst befriedigen,« bemerkte Hetty in vorwurfsvollem Tone.

»Ich weiß es, Mädchen – ich weiß die ganze Geschichte – theils aus dem, was ich von der Küste aus gesehen habe, denn sie führten mich von dem Landvorsprung dahin, – theils aus ihren Drohungen gegen mich und ihren übrigen Reden. Nun, das Leben ist im besten Fall ein ungewisses Ding, und wir Alle hängen Tag für Tag in dieser Beziehung vom Athem unsrer Nase ab. Wenn Ihr einen kräftigen Freund und Beschützer verloren habt, wie ich das nicht bezweifle, so wird Euch die Vorsehung neue an seiner Statt erwecken; und sintemal unsre Bekanntschaft auf diese ungewöhnliche Art begonnen hat, will ich dieß als einen Wink ansehen, daß es in Zukunft auch zu meiner Pflicht gehört, falls sich Gelegenheit zeigt, Sorge zu tragen, daß Ihr keinen Mangel an Lebensmitteln leidet im Wigwam. Ich kann die Todten nicht wieder zum Leben bringen, aber die Lebenden zu ernähren – darin thun es mir Wenige zuvor auf dieser ganzen Grenze, was ich aber nur aus Mitleid und zum Trost für Euch sage, und keineswegs in der Absicht zu prahlen!«

»Wir verstehen Euch, Wildtödter,« versetzte Judith hastig, »und nehmen Alles, was von Eurem Munde kommt, so wie es gemeint ist, in Wohlwollen und Freundschaft. Wollte Gott, alle Männer hätten so wahrhafte Zungen und so redliche Herzen!«

»In der Hinsicht sind die Menschen verschieden, ganz gewiß, Judith. Ich habe Solche gekannt, denen nicht weiter zu trauen war, als man sie mit Augen sehen konnte; und wieder Andere, auf deren Botschaften, mit einem kleinen Stück Wampum gesandt, man sich vielleicht ebenso sicher verlassen konnte, als sähe man das ganze Geschäft vor Augen beendigt. Ja, Judith, Ihr spracht nie ein wahreres Wort, als da Ihr sagtet, auf manche Männer könne man sich verlassen, und auf Andere nicht.«

»Ihr seyd ein unbegreifliches Wesen, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, nicht wenig verdutzt über die fast kindische Einfalt, die der Jäger so oft verrieth – eine so auffallende Einfalt, daß sie ihn nicht selten auf die gleiche Stufe mit der Schwachsinnigkeit Hettys zu stellen schien, obgleich immer gehoben durch die schöne, sittliche Wahrheit, die durch Alles durchschimmerte, was dieß unglückliche Mädchen sagte und that. »Ihr seyd ein höchst unerklärlicher Mann, und ich weiß oft nicht, wie ich Euch verstehen soll. Aber für jetzt lassen wir das; Ihr habt vergessen uns zu sagen, auf welche Weise Ihr hieher gekommen.«

»Ich! – Oh, das ist nicht sehr unerklärlich, wenn auch ich selbst es bin, Judith. Ich bin auf Urlaub

»Urlaub! Das Wort hat eine Bedeutung unter den Soldaten, die ich verstehe; aber was es bedeutet, gebraucht von einem Gefangnen, wüßte ich nicht zu sagen.«

»Es bedeutet gerade dasselbe. Ihr habt ganz Recht; die Soldaten gebrauchen das Wort, und gerade in demselben Sinne wie ich. Ein Urlaub ist das, wenn ein Mann Erlaubniß hat, ein Lager oder eine Garnison für eine gewisse, festbestimmte Zeit zu verlassen, nach deren Ablauf er zurückkommen und seine Muskete schultern, oder sich seinen Martern unterwerfen muß, je nachdem er zufällig ein Soldat oder ein Gefangner ist. Da das Letztere bei mir der Fall ist, so habe ich nothwendig auch die Aussichten einer Gefangenen.«

»Haben Euch die Huronen so gehen lassen, ohne Wache oder Begleitung?«

»Gewiß – ich konnte auf keine andere Weise kommen, es hätte denn durch eine kühne Erhebung oder durch Ueberlistung seyn müssen.«

»Welches Pfand haben sie denn, daß Ihr wieder kommen werdet?«

»Mein Wort,« antwortete der Jäger einfach. »Ja, ich gesteh‘ es, das gab ich ihnen, und große Narren wären sie gewesen, hätten sie mich ohne Das gehen lassen! Ha, in dem Fall wäre ich dann nicht genöthigt gewesen zurückzukommen, und mich allen Teufeleien zu unterwerfen, die ihre Wuth ausdenken mag, sondern hätte meine Büchse auf die Schulter und meinen Weg nach den Dörfern der Delawaren rasch unter die Füße nehmen können. Aber, o Herr! Judith, sie wußten das gerade so gut wie Ihr und ich, und wollten mich so wenig fort lassen, ohne meine Zusage, wieder kommen zu wollen, als sie die Wölfe die Gebeine ihrer Väter würden aufscharren lassen.«

»Ist’s möglich, denkt Ihr diese That unerhörter Selbsthinopferung und Gleichgültigkeit gegen Euer Leben zu begehen?«

»Was meint Ihr?«

«Ich frage, ist es möglich, daß Ihr glaubt im Stande zu seyn, Euch wieder in die Gewalt so grausamer Feinde zu liefern, indem Ihr Euer Wort haltet?«

Wildtödter starrte die schöne Fragerin einen Augenblick mit finsterm Mißfallen an. Dann veränderte sich plötzlich der Ausdruck seines ehrlichen und arglosen Gesichts, und glänzte auf wie von einem raschen Gedanken erleuchtet; dann lachte er in seiner gewohnten Weise.

»Ich verstand Euch anfänglich nicht, Judith, nein, wahrlich nicht! Ihr meint, Chingachgook und Harry Hurry würden es nicht leiden; aber Ihr kennt, wie ich sehe, die Menschen noch nicht von Grund aus. Der Delaware wäre der letzte Mann auf der Welt, der Einwendungen machte gegen das, was er als Pflicht erkannt; und was March betrifft, so kümmert er sich zu wenig um irgend eine Creatur außer sich selbst, um viele Worte über einen solchen Gegenstand zu verlieren. Doch wenn er es auch thäte, es machte nicht viel Unterschied; aber er thut es nicht – denn er denkt mehr an seinen Gewinn als selbst an sein eignes Wort. Meine Zusagen, oder die Eurigen, Judith, oder die von sonst Jemand, die fechten ihn wenig an. Seyd daher ganz unbesorgt. Mädchen; man wird mich zurückkehren lassen gemäß dem Urlaub; und wenn Schwierigkeiten erhoben würden, so bin ich nicht in den Wäldern aufgewachsen und erzogen, wenn man so sagen darf, ohne daß ich gelernt hätte, wie ich sie überwinden könnte.«

Judith antwortete eine Weile nicht. All ihre Gefühle als Weib, – und als Weib, das zum ersten Mal in ihrem Leben anfing jenem Gefühle sich hinzugeben, welches so großen Einfluß auf das Glück oder das Elend ihres Geschlechtes übt – empörten sich gegen das grausame Schicksal, das, wie sie dachte, Wildtödter sich zuziehen würde, während das Rechtsgefühl, das Gott in jede Menschenbrust gepflanzt hat, sie eine so unbezwingliche und anspruchslose Rechtlichkeit bewundern hieß, wie diejenige, welche der Andere zu unbewußt an den Tag legte. Gründe und Zureden, fühlte sie, waren fruchtlos; auch war sie in diesem Augenblick nicht geneigt, die Würde und die sittliche Hochherzigkeit, welche in den Gesinnungen des Jägers so auffallend hervortraten, zu schwächen durch den Versuch, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Daß noch Etwas eintreten könne, was die Nothwendigkeit dieser Selbsthinopferung ersparte, bestrebte sie sich zu hoffen; und dann erkundigte sie sich genauer nach dem Verhalt der Sachen, um ihre Handlungsweise nach ihrer Kenntniß der Umstände einrichten zu können.

»Wann ist Euer Urlaub aus, Wildtödter?« fragte sie, nachdem beide Canoe’s der Arche mit dem Vordertheile sich näherten, und mit kaum bemerklichen Ruderschlägen durch das Wasser dahinglitten.

»Morgen Mittag, – nicht eine Minute früher; und Ihr könnt Euch darauf verlassen, Judith, ich werde, was ich eine christliche Gesellschaft nenne, nicht einen Augenblick früher verlassen, als es schnurstracks nothwendig ist, um hinzugehen, und mich den Vagabunden dort auszuliefern. Sie fangen an, einen Besuch aus den Garnisonen zu besorgen, und wollten mir keine Minute länger zugeben; und es ist so ziemlich unter uns ausgemacht, daß, falls ich den Zweck meiner Sendung verfehle, die Martern anfangen sollen, wenn die Sonne anfängt unterzugehen, damit sie, sobald es dunkel ist, ihren Heimzug antreten können.«

Dieß ward in ernstem Tone gesprochen, als wenn der Gedanke an das, was seiner, wie er glaubte, wartete, ziemlich auf der Seele des Gefangenen lastete, und doch so einfach, und ohne seine Bedrängniß zur Schau zu stellen, daß offene Kundgebungen des Mitgefühls eher zurückgewiesen als herausgefordert wurden.

»Sind sie darauf erpicht, ihre Verluste zu rächen?« fragte Judith mit schwacher Stimme, da ihr eigner hoher Geist den Einfluß von des andern ruhiger aber würdevoller Rechtlichkeit und Entschlossenheit fühlte.

»Nicht wenig, wenn ich die Gelüste von Indianern aus den Anzeichen zu beurtheilen verstehe. Sie meinen zwar, ich vermuthe ihre Absichten nicht, so scheint es mir; aber Einer, der so lang unter Menschen von Rothhautgaben gelebt hat, läßt sich so wenig täuschen über indianische Gefühle, als ein ächter Jäger die Spur seines Wildes, oder ein tüchtiger Hund seine Witterung verliert. Mein eignes Urtheil verspricht mir wenig für mein Entkommen, denn ich sehe, daß die Weiber sehr erbost sind wegen Hist’s, obwohl ich das sage, der ich es eigentlich nicht sagen sollte, sintemal ich selbst die Hand dabei im Spiel hatte, das Mädchen los zu kriegen. Dann geschah in der letzten Nacht im Lager ein grausamer Mord, und jene Kugel hätte eben so gut durch meine Brust geschossen werden mögen. Indessen, komme was da will, Schlange und sein Weib werden gerettet seyn, und das ist immerhin ein Glück.«

»Oh! Wildtödter, sie werden sich eines Bessern besinnen, da sie Euch bis morgen Mittag Zeit gegeben haben, Euch in Eurem Gemüth zu fassen.«

»Ich denke nicht, Judith; ja, ich denke nicht. Ein Indianer ist ein Indianer, Mädchen, und es ist eine ziemlich leere Hoffnung, ihn zu täuschen, wenn er die Witterung bekommen hat, und sie verfolgt mit vorgestreckter Nase. Die Delawaren sind jetzt ein halb christlich gemachter Stamm – nicht daß ich eine solche Art von Christen für viel besser hielte, als die Vollblut-Ungläubigen – aber dennoch, was ein halbes Christenthum einem Mann Gutes bringen kann, dessen sind Einige unter ihnen theilhaft geworden, und doch haftet die Rachsucht noch fest an ihren Herzen, wie die verworrenen Schlingpflanzen hier an dem Baume! Dann hab‘ ich einen ihrer besten und kühnsten Krieger getödtet, wie sie sagen, und es wäre zu Viel, wenn man erwarten wollte, sie würden, wenn sie den Mann, der die That gethan, auf eben dem Streifzug, wo sie vorfiel, gefangen nehmen, ihm die Sache nicht in Rechnung bringen. Wäre ein Monat oder so darüber hingegangen, so würden ihre Gefühle sich gelegt haben, und wir hätten uns vielleicht freundschaftlicher verglichen, aber wie es ist, so ist es. Judith, wir sprechen da immer nur von mir und meinen Ungelegenheiten, während Ihr Noth genug gehabt habt, und vielleicht einen Freund ein Wenig über Eure Angelegenheiten zu Rathe zu ziehen wünscht. Ist der alte Mann in’s Wasser versenkt, wo, wie ich mir denke, sein Leichnam gern ruhen würde?«

»Das ist er, Wildtödter,« antwortete Judith in fast unhörbarem Tone. »Diese Pflicht ist so eben erfüllt worden. Ihr vermuthet recht, daß ich einen Freund zu Rathe zu ziehen wünsche; und der Freund seyd Ihr. Harry Hurry steht im Begriff, uns zu verlassen; wenn er fort ist, und wir ein Wenig über die Gefühle dieser ernsten Pflichterfüllung hinweg sind, werdet Ihr mir, hoffe ich, eine Stunde allein gönnen. Hetty und ich sind in Ungewißheit und Verlegenheit, was thun.« »Das ist ganz natürlich, da die Dinge so plötzlich und fürchterlich gekommen sind. Aber da ist die Arche, und wir wollen hievon Mehr sprechen bei besserer Gelegenheit.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die stärksten Stürm‘ auf höchsten Bergen wehen,
Die Ruhe wohnet unten in dem Thal;
Die gleiten leicht, die auf dem Eise gehen,
Sie finden Sorgen, der Vorwitz’gen Qual;
Wer stille lebt, und damit ist begnügt.
Geht Allen uns an ächter Weisheit vor;
Wer diese Lehre haßt, der heiß‘ ein Thor!
Churchyard.

Die Begrüßung zwischen Wildtödter und seinen Freunden auf der Arche war ernst und beklommen. Die beiden Indianer besonders erriethen aus seinem ganzen Wesen, daß er nicht ein glücklich Entflohener war, und wenige bedeutsame Worte genügten, ihnen die Natur des Urlaubs verständlich zu machen, wie ihr Freund sich ausgedrückt hatte. Chingachgook wurde sogleich nachdenklich; während Hist, wie gewöhnlich, ihre Theilnahme nicht besser kund zu geben wußte, als mittelst jener kleinen Aufmerksamkeiten, welche der liebevollen Art des Weibes eigenthümlich sind.

In wenigen Minuten jedoch war eine Art von allgemeinem Plan für das was in der Nacht geschehen sollte, angenommen, und ein uneingeweihter Beobachter hätte nach dem ersten Augenschein glauben können, es bewege sich Alles im gewöhnlichen Geleise. Es wurde jetzt nachgerade dunkel, und es ward beschlossen, die Arche zum Castell hinaufzurudern, und sie an ihrem gewohnten Ankerplatz in Sicherheit zu bringen. Zu diesem Entschluß war man zum Theil gekommen in Betracht des Umstandes, daß alle Canoe’s wieder im Besitz ihrer rechtmäßigen Eigenthümer waren; besonders aber in Folge der Sicherheit, in die man sich nach Wildtödters Angaben versetzt glaubte. Er hatte den Stand der Dinge unter den Huronen genau geprüft, und war überzeugt, daß sie während der Nacht keine weiteren Feindseligkeiten beabsichtigten, da der erlittene Verlust sie für den Augenblick zu ferneren Anstrengungen nicht geneigt machte. Dann hatte er auch einen Antrag mitzutheilen – der eigentliche Zweck seines Besuchs; und wenn dieser angenommen wurde, war der Krieg zwischen den Parteien auf einmal zu Ende; und es war unwahrscheinlich, daß die Huronen das Gelingen eines Entwurfs, an welchen offenbar ihre Häuptlinge ihr Herz gehängt hatten, dadurch im Voraus vereiteln würden, daß sie vor der Rückkehr des Gesandten wieder etwas Gewaltsames unternahmen.

Sobald die Arche gehörig in Sicherheit gebracht war, beschäftigten sich die verschiedenen Glieder der Gesellschaft jedes auf die ihm eigenthümliche Art; denn Hast und Uebereilung im Rath oder in der Entschließung gehörte so wenig zu der Verfahrungsart der auf der Grenze lebenden Weißen, als zu der ihrer rothen Nachbarn. Die Mädchen machten sich mit Vorbereitungen für die Abendmahlzeit zu thun, trüb und schweigsam, aber doch immer für die ersten Bedürfnisse der Natur sorgend.

Hurry machte sich beim Licht eines Feuerbrandes daran, seine Moccasins auszubessern; Chingachgook saß in düsterem Nachdenken da, während Wildtödter in einer Weise, die ebenso wenig Affektation als Unruhe verrieth, Killdeer, die Büchse Hutter’s besichtigte, deren schon einmal Erwähnung geschah, und die später so berühmt wurde in den Händen des Individuums, das jetzt ihre Vorzüge genau untersuchte. Das Gewehr war etwas länger als gewöhnlich, und kam augenscheinlich aus der Werkstätte eines ausgezeichneteren Waffenschmids. Es hatte einige wenige silberne Ornamente, obwohl die meisten Grenzmänner es im Ganzen für ein gewöhnliches Gewehr würden genommen haben, denn seine Hauptverdienste bestanden in der Genauigkeit, womit es gezogen war, in der Vollkommenheit der einzelnen Bestandtheile, und in der Trefflichkeit des Metalls. Zu wiederholten Malen lehnte der Jäger die Schwanzschraube an seine Schulter und prüfte mit dem Auge das Visir, und eben so oft beugte er sich mit dem Leibe vor, und erhob langsam die Waffe, wie im Begriff auf ein Wild zu zielen, um ihre Wucht zu erproben, und sich ihrer Tüchtigkeit zu raschem und genauem Feuern zu versichern. Alles dieß that er bei Hurry’s Fackel, unbefangen und einfach, aber mit einem Ernst und Eifer, welche jeder Beobachter, der zufällig die eigentliche Lage des Mannes gekannt hätte, rührend gefunden haben würde.

»Es ist eine prächtige Waffe, Hurry!« rief endlich Wildtödter, »und man könnte es Jammerschade finden, daß sie in die Hände von Weibern gefallen ist. Die Jäger haben mir von ihren Thaten erzählt; und nach Allem, was ich gehört, möchte ich behaupten, daß sie in erfahrenen Händen der sichere Tod ist. Hört nur das Schnellen dieses Schlosses – eine Wolfsfalle hat keine kräftigere Feder; Hahn und Pfanne stimmen zusammen und verstehen sich, wie zwei Singmeister, die zusammen einen Psalm singen. Ich habe nie einen so schön gebohrten Lauf gesehen, Hurry, das ist gewiß!«

«Ja, der alte Tom pflegte große Stücke auf das Gewehr zu halten, obgleich er nicht der Mann war, die Tugenden irgend einer Art von Feuerwaffen in der Praxis zu erproben,« versetzte March, indem er die Wildlederriemen mit der Kaltblütigkeit eines Schuhflickers durch den Moccasin zog. »Er war kein Schütze, das müssen wir Alle gestehen; aber er hatte seine guten Seiten, so wie seine schlimmen. Ich hatte die Hoffnung gehegt, Judith würde auf die Idee kommen, Killdeer mir zu geben.«

»Man kann nie dafür stehen, was junge Weiber thun werden, das ist gewiß, Hurry; und ich denke, Ihr habt so viel Aussicht, die Büchse zu bekommen, als ein Anderer. Dennoch, wenn die Dinge der Vollkommenheit so sehr nahe kommen, ist es Schade, wenn sie sie nicht erreichen.«

»Was wollt Ihr damit sagen? Würde sich nicht dieß Gewehr auf meiner Schulter so gut ausnehmen, als auf der irgend eines Mannes?«

»Was das Aussehen betrifft, so sage ich davon nichts. Ihr seht beide gut aus, und möchtet wohl, was man ein gut aussehendes Paar nennt, machen. Aber der Hauptpunkt liegt im Thun und Handeln. Mehr Wild würde in Einem Tage durch dieß Gewehr in der Hand gewisser Männer fallen, als in der Eurigen binnen einer Woche, Hurry! Ich habe Euch die Probe machen sehen; – Ihr erinnert Euch des Hirsches dieser Tage?«

»Der Hirsch war außer der Wildpretjahrszeit; und wer mag Wildpret schießen außer seiner Jahrszeit? Ich wollte nur die Creatur erschrecken, und ich denke, Ihr werdet gestehen müssen, er gerieth in nicht kleine Bestürzung!«

»Gut, gut, Ihr sollt Euren Willen haben. Aber das ist ein herrenmäßiges Gewehr, und würde einen mit steter Hand und raschem Auge zum König der Wälder machen.«

»Dann behaltet es, Wildtödter, und werdet König der Wälder!« sagte Judith ernst, die dem Gespräch zugehört, und ihr Auge nie abgewandt hatte von dem ehrlichen Gesicht des Jägers. »Es kann nie in bessere Hände kommen, als in denen es jetzt ist, und darin wird es, hoffe ich, fünfzig Jahre bleiben!«

»Judith, es kann Euch nicht Ernst seyn!« rief Wildtödter, so überrascht, daß er mehr Aufregung zeigte, als er sonst bei gewöhnlichen Gelegenheiten blicken ließ. »Ein solches Geschenk könnte wohl ein wirklicher König machen; ja, und ein wirklicher König annehmen!«

»Es war mir nie in meinem Leben größerer Ernst, Wildtödter; und es ist mir ebenso Ernst mit dem Wunsch wie mit dem Geschenk.« »Gut, Mädchen, gut, wir werden Zeit finden, wieder davon zu sprechen. Ihr müßt nicht niedergeschlagen seyn, Hurry, denn Judith ist ein flinkes Mädchen und sie hat einen raschen Verstand; sie weiß, daß der Ruf von ihres Vaters Büchse sichrer ist in meinen Händen, als er es möglicher Weise in Euren Händen seyn kann; und darum müßt ihr nicht niedergeschlagen seyn. In andren Dingen und zwar in solchen, die mehr nach Eurem Geschmack sind, werdet Ihr sehen, daß sie Euch den Vorzug gibt.«

Hurry machte seinem Mißvergnügen mit Brummen Luft; aber er war zu begierig, den See zu verlassen und seine Vorkehrungen hiefür zu treffen, als daß er seinen Athem über einen Gegenstand dieser Art hätte verschwenden sollen. Bald nachher war das Nachtessen bereit, es ward in Schweigen eingenommen, wie es meist die Gewohnheit derjenigen ist, welche die Tafel nur als einen Platz der physischen Erquickung betrachten. Im gegenwärtigen Falle jedoch trugen Traurigkeit und Nachdenken auch ihren Theil zu der allgemeinen Abneigung gegen eine Unterhaltung bei; denn Wildtödter machte in so weit eine Ausnahme von den Gewohnheiten der Leute seiner Gattung, daß er nicht nur gerne bei solchen Gelegenheiten ein Gespräch anknüpfte, sondern oft auch in seiner Gesellschaft dieselbe Lust dazu rege machte.

Nachdem die Mahlzeit zu Ende, und der bescheidene Apparat entfernt war, versammelte sich die ganze Gesellschaft auf der Plattform, um die erwartete Mitteilung von Wildtödter über den Zweck seines Besuchs zu vernehmen. Es war unverkennbar, daß er nicht eilte, seine Mittheilung zu machen; aber Judiths Gefühle duldeten keinen längern Aufschub. Stühle wurden aus der Arche und der Hütte gebracht, und alle Sechse setzten sich in einen Kreis nahe bei der Thüre, und beobachteten Eines des Andern Gesicht, so gut sie es vermochten bei dem spärlichen Licht, das eine liebliche, sternhelle Nacht bot. Die Küste entlang, unter den Bergen, lag die gewöhnliche Masse schwereren Dunkels; aber auf die Breite des See’s fiel kein Schatten und tausend Bilder der Sterne tanzten in dem durchsichtigen Element, das von der Abendluft nur so weit aufgeregt wurde, um sie alle schwankend und bewegt erscheinen zu lassen.

»Jetzt, Wildtödter,« begann Judith, deren Ungeduld keinen weitern Zwang litt; »jetzt, Wildtödter, sagt uns Alles, was die Huronen uns entbieten, und den Grund, warum sie Euch auf Parole entlassen haben, um uns ein Anerbieten zu machen.«

»Urlaub, Judith, Urlaub ist das Wort; und es hat dieselbe Bedeutung bei einem Gefangenen, dem man einige Freiheit gönnt, wie bei einem Soldaten, dem man gestattet, seine Fahnen zu verlassen. In beiden Fällen wird das Wort gegeben, zurückzukommen; und jetzt erinnere ich mich gehört zu haben, daß das die wirkliche Bedeutung ist, da Urlaub so viel heiße als ein Wort, darauf gegeben, daß man etwas thun wolle, oder dergleichen. Parole, glaube ich beinahe, ist holländisch, und hat Etwas mit dem Zapfenstreich der Garnisonen zu schaffen. Aber das macht weiter keinen Unterschied, sintemal die Tugend eines Pfandes in der Idee liegt, und nicht im Wort. Nun denn, wenn die Botschaft ausgerichtet werden muß, so muß sie; und vielleicht nützt es nichts, sie aufzuschieben. Hurry wird verlangend seyn, bald seine Reise an den Fluß anzutreten, und die Sterne gehen auf und unter, als ob sie weder um Indianer noch um Botschafter sich kümmerten, Ach, leider! Es ist keine angenehme, und ich weiß, es ist eine fruchtlose Sendung; – aber doch muß ich meinen Auftrag bestellen.«

»Hört, Wildtödter,« fiel Hurry etwas vornehm und gebieterisch ein; »Ihr seyd ein verständiger Mann auf einer Jagd, und ein so guter Kamerad auf einem Marsch, als sich Einer, der seine sechzig Meilen des Tags macht, nur wünschen mag; aber Ihr seyd entsetzlich langsam mit Botschaften, besonders solchen, wovon Ihr glaubt, daß sie nicht gut dürften aufgenommen werden; wenn etwas gesagt werden muß, nun so sagt es, und haust nicht zurück, wie ein Yankee Advokat, der behauptet, er verstehe eines Holländers Englisch nicht, nur um die doppelten Sporteln von ihm zu bekommen.«

»Ich verstehe Euch, Hurry, und mit Recht tragt Ihr Euren Namen heute Nacht, angesehen, daß Ihr keine Zeit zu verlieren habt. Aber laßt uns mit Einmal zum Hauptpunkt kommen, angesehen, daß dieß der Zweck dieser Berathung ist; denn eine Berathung kann es genannt werden, obschon Weiber unter uns Sitz haben. Die Sache ist einfach diese. Als die Truppe vom Castell zurückkam, hielten die Mingos einen Rath, und schlimme Gedanken walteten vor, wie deutlich zu sehen war aus ihren finstern Gesichtern. Niemand läßt sich gerne schlagen, und eine Rothhaut so wenig, als ein Bleichgesicht. Nun, als sie darüber geraucht, und ihre Reden gehalten hatten, und ihr Rathsfeuer herabgebrannt war, kam die Sache zum Beschluß. Es scheint, die Aelteren unter ihnen waren der Meinung, ich sey ein Mann, den man mit Vertrauen auf Urlaub wegschicken könne. Sie sind wunderbar scharf im Beobachten, diese Mingos, das muß ihnen ihr schlimmster Feind lassen; aber sie waren der Meinung, ich sey ein solcher Mann, und es geschieht nicht oft –« fuhr der Jäger fort, mit einem wohlthuenden Bewußtseyn und Selbstgefühl, daß sein früheres Leben dieß unbedingte Vertrauen zu seiner Redlichkeit rechtfertigte – »es ist nicht oft, daß sie eine gute Meinung haben von einem Bleichgesicht; aber von mir hatten sie sie, und darum bedachten sie sich nicht, ihre Gesinnungen auszusprechen, und die sind so. – Ihr seht den Stand der Dinge. Der See und Alles darauf, bilden sie sich ein, sey ihrer Willkür preisgegeben. Thomas Hutter sey todt, und was Hurry betrifft, so sind sie auf die Idee gekommen, er sey heute dem Tod nahe genug gewesen, um für diesen Sommer nicht zu wünschen, ihn noch einmal so in der Nähe zu sehen. Daher rechnen sie so, alle Eure Streitkräfte beschränken sich auf Chingachgook und die beiden Mädchen, und wie sie wissen, daß der Delaware von hohem Geschlecht und ein geborner Krieger ist, so wissen sie auch, daß er jetzt auf seinem ersten Kriegspfad ist. Was die Mädchen betrifft, so taxiren sie die natürlich eben nur so wie die Weiber überhaupt.«

»Ihr wollt sagen, sie verachten uns!« unterbrach ihn Judith mit Augen, die so leuchtend flammten, daß es allen Anwesenden auffiel.

»Das wird man am Ende sehen. Sie halten dafür, daß der See mit Allem darauf ihrer Willkühr preisgegeben sey, und daher senden sie durch mich diesen Gürtel Wampum,« und er zeigte, wie er so sprach, den fraglichen Artikel dem Delawaren, »mit diesen Worten: Sagt der Schlange, sprachen sie, er hat sich gut gehalten für einen Anfänger; er mag jetzt über die Berge sich wenden nach seinen Dörfern, und Niemand soll seiner Spur nachgehen. Wenn er einen Skalp gefunden, mag er ihn mit sich nehmen; die Tapfern unter den Huronen haben Herzen, und können mit einem jungen Krieger fühlen, der nicht mit leeren Händen heimzukommen wünscht. Wenn er schnellfüßig ist, so steht ihm eine Truppe zur Verfolgung zu Diensten. Hist aber muß zurück zu den Huronen; als sie sie in der Nacht verließ, nahm sie durch Versehen mit sich, was nicht ihr gehört.«

»Das kann nicht wahr seyn!« sagte Hetty ernst. »Hist ist kein solches Mädchen – sondern eines, das Jedermann gibt, was ihm gebührt –«

Was sie noch weiter für Einwendungen würde vorgebracht haben, kann man nicht wissen, denn Hist, halb lachend, und halb in Beschämung ihr Angesicht versteckend, legte ihre Hand der Sprechenden auf den Mund, um ihren Worten Einhalt zu thun.

»Ihr versteht nicht Mingo-Botschaften, arme Hetty,« fuhr Wildtödter fort, »welche selten das meinen, was dem Anschein nach zu oberst liegt. Hist hat die Neigung eines jungen Huronen mit sich genommen, und sie verlangen sie zurück, damit der arme junge Mann sie wieder da finde, wo er sie zuletzt gelassen! Schlange, sagen sie, ist ein zu vielversprechender junger Krieger, um nicht so viele Weiber zu finden als er verlangt, aber diese Eine kann er nicht haben. Das ist ihre Meinung und nichts Anderes, wie ich es verstehe.«

»Sie sind sehr verbindlich und einsichtsvoll, daß sie voraussetzen, ein junges Weib könne alle ihre eignen Neigungen vergessen, um diesen unglücklichen Jüngling die seinige finden zu lassen!« sagte Judith ironisch; aber im Weitersprechen wurde ihr Ton bitterer. »Ich denke, ein Weib ist ein Weib, sey ihre Farbe weiß oder roth; und Eure Häuptlinge verstehen sich wenig auf das Herz des Weibes, Wildtödter, wenn sie meinen, es könne je verzeihen, wenn es mißhandelt worden, oder je vergessen, wenn es innig liebt.«

»Ich denke das ist so ziemlich die Wahrheit bei manchen Weibern, Judith, aber doch habe ich auch Solche gekannt, die Beides konnten. Die nächste Botschaft ist an Euch. Sie sagen, die Bisamratze, wie sie Alle Euren Vater nennen, ist untergetaucht in den Grund des See’s; er wird nimmer wieder heraufkommen, und seinen Jungen wird es bald an Wigwams, wo nicht an Nahrung fehlen. Die Huronen-Hütten, meinen sie, sind besser als die Hütten von York; sie wünschen, daß Ihr kommt und einen Versuch macht. Eure Farbe ist weiß, das gestehen sie zu, aber sie meinen, Mädchen, die so lang in den Wäldern gelebt, würden ihren Weg verlieren in den Lichtungen. Ein großer Krieger unter ihnen hat neulich sein Weib verloren, und er würde sich freuen, die Wilde Rose auf ihre Bank an seiner Feuerseite zu setzen. Was die Schwachsinnige betrifft, so wird sie immer geehrt und gut besorgt seyn bei den rothen Kriegern. Eures Vaters Güter, meinen sie, sollen den Stamm bereichern; aber Eure eigne Habe, worin alle und jede Weibersachen eingeschlossen sind, soll, wie bei allen Weibern, mit in den Wigwam des Mannes kommen. Ueberdieß haben sie kürzlich ein junges Mädchen durch eine Gewaltthat verloren, und es erfordere zwei Bleichgesichter, ihren Platz auszufüllen.«

»Und Ihr bringt mir eine solche Botschaft!« rief Judith, obwohl der Ton, womit sie das sagte, mehr Kummer als Zorn verrieth. »Bin ich ein Mädchen, das eines Indianers Sklavin zu seyn verdient?«

»Wenn Ihr meine ehrlichen Gedanken über diesen Punkt zu hören wünscht, Judith, so will ich Euch antworten, daß ich nicht glaube, Ihr werdet je mit gutem Willen eines Mannes, sey er ein Weißer, oder eine Rothhaut, Sklavin werden. Ihr müßt mich jedoch nicht hart darum beurtheilen, daß ich die Botschaft so genau als ich nur konnte, in denselben Worten überbrachte, womit sie mir aufgetragen ward. Das waren die Bedingungen, unter welchen ich meinen Urlaub bekam, und ein Handel ist ein Handel, sey er auch mit einem Vagabunden geschlossen. Ich habe Euch berichtet, was sie gesagt haben, aber Euch noch nicht gesagt, was nach meiner Meinung Ihr insgesammt antworten solltet.«

»Ja, laßt uns das hören, Wildtödter,« versetzte Hurry. »Meine Neugier ist sehr gespannt bei dieser Erwägung, und ich wäre recht begierig Eure Ideen zu hören, was Ihr für räsonnabel hieltet, zu antworten. Zwar was mich betrifft, ich bin über meine Antwort ganz im Reinen und entschlossen, und werde sie sobald als nöthig kund thun.«

»Und ich ebenso, Hurry, über alle die verschiednen Hauptpunkte, und über keinen ist meine Ansicht entschiedener, als über das, was Euch betrifft. Wenn ich Ihr wäre, würde ich sagen: ›Wildtödter, sagt den Schurken drüben, sie kennen Hurry March nicht! Er ist menschlich; und wie er eine weiße Haut hat, so hat er auch eine weiße Natur, und diese Natur läßt ihm nimmermehr zu, daß er Weiber von seiner Race und von seinen Gaben in ihrer größten Noth verließe. So nehmt denn mich für Einen, der sich weigert, Eurem Vertrage beizutreten, und wenn Ihr auch einen Schweinskopf voll Taback darüber verschmaucht.‹«

March war etwas verlegen über diesen zurechtweisenden Vorwurf, der in hinlänglich warmem Tone ausgesprochen ward, und mit einer Schärfe, die seinen Zweifel über den Sinn davon übrig ließ. Hätte ihn Judith aufgemuntert, so hätte er sich nicht bedacht, dazubleiben, um sie und ihre Schwester zu vertheidigen, aber unter den obwaltenden Umständen trieb ihn ein Gefühl von Erbitterung vielmehr sie zu verlassen. Jedenfalls besaß Hurry Harry nicht so viel Ritterlichkeit, um sich bewogen zu finden, die Sicherheit seiner eignen Person auf’s Spiel zu setzen, wenn er nicht einen augenfälligen Zusammenhang zwischen den wahrscheinlichen Folgen und seinem eigenen Interesse sah. Man darf sich daher nicht wundern, daß seine Antwort gleicherweise seine Absicht und die Zuversicht verrieth, welche er so prahlerisch auf seine riesenhafte Stärke setze, die ihn, wo nicht immer muthig, doch gewöhnlich unverschämt machte gegenüber denen, mit welchen er verkehrte.

»Gute Worte erzeugen lange Freundschaften, Meister Wildtödter,« sagte er, ein wenig drohend. »Ihr seyd erst ein junger Laffe, und Ihr wißt aus Erfahrung, was Ihr seyd in den Händen eines Mannes. Da Ihr nicht Ich seyd, sondern nur ein Zwischenträger, von den Wilden an uns Christen gesandt, mögt Ihr Euren Auftraggebern sagen, daß sie Harry March nicht kennen, was ein Beweis ist sowohl von ihrem Verstand als von dem seinigen. Er ist menschlich genug, um der menschlichen Natur zu folgen, und die heißt ihn die Thorheit davon einsehen, wenn ein Mann mit einem ganzen Stamme kämpfen wollte. Wenn Weiber ihn im Stich lassen, so müssen sie gefaßt seyn, von ihm im Stich gelassen zu werden, ob sie nun von seinen Gaben, oder von andrer Menschen Gaben seyen. Sollte Judith es passend finden, ihren Sinn zu ändern, so ist sie mir willkommen zur Gesellschaft nach dem Fluß, und Hetty dazu; entschließt sie sich aber dazu nicht, so breche ich auf, sobald ich denken kann, daß die Kundschafter des Feindes für die Nacht im Gebüsch und Laubwerk unterzukriechen anfangen.«

»Judith wird ihren Sinn nicht ändern, und sie begehrt Eure Gesellschaft nicht, Meister March,« versetzte das Mädchen mit Lebhaftigkeit.

»Der Punkt ist also in’s Reine gebracht,« begann Wildtödter wieder, ganz unbeweglich bei der Heftigkeit des Andern. »Hurry Harry muß für sich selbst handeln, und thun, was seinem Geschmack am meisten zusagen mag. Die Handlungsweise, zu der er entschlossen scheint, wird ihm auf freies Feld für leichte Füße verhelfen, wenn auch nicht zu einem freien und leichten Gewissen. Dann kommt die Frage, Hist betreffend – was sagt Ihr, Mädchen? – wollt Ihr auch Eure Pflicht verlassen, und zu den Mingo’s zurückgehen, und einen Huronen zum Mann nehmen, und das Alles nicht aus Liebe zu dem Manne, den Ihr heirathen sollt, sondern aus Liebe zu Eurem eignen Skalp?«

»Warum Ihr so sprechen zu Hist?« fragte das Mädchen halb beleidigt. »Ihr denken, ein Rothhautmädchen seyn wie eines Kapitäns Lady, lachen und scherzen mit jedem Officier der kommt.«

»Was ich in dieser Sache denke, darauf kommt Nichts an. Ich muß Eure Antwort zurück bringen, und damit ich das thun kann, müßt Ihr sie zuerst geben. Ein treuer Bote richtet seinen Auftrag aus, Wort für Wort.«

Hist bedachte sich nicht länger, ihr Herz offen auszusprechen. In ihrer Aufregung stand sie von ihrer Bank auf, und ganz natürlich derjenigen Sprache sich bedienend, in welcher sie sich am leichtesten ausdrückte, erklärte sie sich über ihre Gesinnungen und Absichten, schön und mit Würde, in der Zunge ihres Volkes.

»Sagt den Huronen, Wildtödter,« sprach sie, »daß sie so unwissend sind wie Maulwürfe; sie wissen nicht den Wolf vom Hund zu unterscheiden. Unter meinem Volke stirbt die Rose auf dem Stengel, auf dem sie entknospet ist; die Thränen des Kindes fallen auf die Gräber seiner Eltern; das Korn reift, wo der Samen ausgestreut worden ist. Die Delawaren-Mädchen sind keine Boten, die man wie Wampumgürtel von Stamm zu Stamm sendet. Sie sind Gaißblattblüthen, die am süßesten duften in ihren eignen Wäldern; ihre eignen jungen Männer tragen sie an ihrer Brust, weil sie so wohlriechend sind; sie sind am süßesten, wenn man sie von ihren heimischen Stengeln pflückt. Selbst das Rothkehlchen und der Marder kommen Jahr für Jahr zurück zu ihren alten Nestern; soll ein Weib weniger treu seyn, als ein Vogel? Setzt die Tanne in Lehmboden, so wird sie gelb; die Weide wird nicht gedeihen auf dem Berge; die Tamariske ist am gesundesten im Sumpfe; die Stämme der See lieben am meinen die Winde zu hören, die über das Salzwasser herwehen. Ein Huronen-Jüngling, was ist er für ein Mädchen vom Lenni Lenape? Er mag flink seyn, aber ihre Augen folgen ihm nicht auf seinem Lauf; sie schauen zurück nach den Hütten der Delawaren. Er mag ein süßes Lied singen für die Mädchen von Canada, aber für Wah gibt es keine Musik als in der Zunge, der sie von Kindheit an gehorcht hat. Wäre der Hurone geboren aus dem Volke, das einst umherzog an den Küsten des Salzsee’s, es wäre umsonst, wenn er nicht aus der Familie der Unkas stammte. Die junge Tanne wird so hoch emporwachsen als irgend Einer seiner Väter. Wah-ta!-Wah hat nur Ein Herz, und es kann nur Einen Gatten lieben!«

Wildtödter lauschte dieser charakteristischen Antwort, welche ertheilt ward mit einem Ernst, wie er den Gefühlen gemäß war, aus welchen sie hervorging, mit unverhehlter Freude; und er erwiederte die glühende Beredsamkeit des Mädchens, als sie schloß, mit seinem herzlichen stillen, eigenthümlichen Lachen.

»Das ist mehr werth, als alle Wampums der Welt!« rief er. »Ihr versteht es nicht, Judith, denke ich; aber wenn Ihr Eure eignen Gefühle vor Euch nehmen wollt, und Euch einbilden, ein Feind habe Euch sagen lassen, Ihr sollet den Mann Eurer Wahl aufgeben, und einen Andern nehmen, der nicht der Mann Eurer Wahl wäre, so werdet Ihr Euch die Hauptsache schon denken können, dafür steh‘ ich! Ja, ich lobe mir ein Weib für wahre Beredsamkeit, wenn sie sich nur einmal entschließen, auszusprechen, was sie fühlen. Unter Sprechen verstehe ich aber nicht plaudern, denn das thun die Meisten von ihnen jede Stunde; sondern mit ihren ehrlichen, tiefsten Gefühlen in passenden Worten herausrücken. Und jetzt, Judith, nachdem ich die Antwort eines Rothhautmädchens habe, muß ich auch die eines Bleichgesichts bekommen, wenn anders ein so blühendes Gesicht wie das Eurige, irgend so genannt werden darf. Es ist ein schöner Name für Euch: Wilde Rose, und was die Farbe anlangt, sollte man Hetty die Gaißblattblüthe nennen.«

»Käme diese Sprache aus dem Munde eines der galanten Herren von der Garnison, so würde ich sie verlachen, Wildtödter; aber da sie aus Eurem kommt, kann ich mich, das weiß ich, darauf verlassen,« versetzte Judith, im Innersten geschmeichelt durch seine natürlichen und charakteristischen Complimente. »Es ist jedoch zu bald, meine Antwort zu verlangen; die Große Schlange hat noch nicht geredet.«

»Die Schlange! Herr; ich könnte seine Rede ausrichten, ohne ein Wort davon gehört zu haben! Ich dachte gar nicht daran, ihm die Frage auch nur vorzulegen, ich gesteh‘ es; obwohl es freilich wohl nicht ganz recht wäre, angesehen daß Wahrheit eben Wahrheit ist, und ich verpflichtet bin, diesen Mingo’s eben die Thatsache zu berichten, und sonst Nichts. So, Chingachgook, laßt uns Eure Gesinnung hören über diese Sache – seyd Ihr geneigt, Euch nach Eurem Dorfe zu wenden über die Berge, Hist einem Huronen abzutreten, und den Häuptlingen zu Hause zu melden: wenn sie rüstig und glücklich seyen, können sie möglicher Weise die Spur der Irokesen noch treffen, zwei oder drei Tage, nachdem der Feind auf und davon ist?«

Wie seine Verlobte stand auch der junge Häuptling auf, um seine Antwort mit der gehörigen Deutlichkeit und Würde zu geben. Hist hatte gesprochen, die Hände über der Brust gekreuzt, als wollte sie ihre innere Bewegung unterdrücken; der Krieger aber streckte einen Arm vor sich aus, mit einer ruhigen Energie, welche seinen Ausdrücken noch mehr Nachdruck gab.

»Wampum sollte gesandt werden für Wampum,« sagte er; »eine Botschaft muß beantwortet werden mit einer Botschaft. Hört, was die große Schlange von den Delawaren zu sagen hat den angeblichen Wölfen von den großen Seen, die durch unsere Wälder heulen. Sie sind keine Wölfe; sie sind Hunde, die gekommen sind, sich ihre Schwänze und Ohren durch die Hände der Delawaren stutzen zu lassen. Sie sind gut, junge Weiber zu stehlen, aber schlecht, sie zu verwahren und zu behaupten. Chingachgook nimmt sein Eigenthum, wo er es findet, – er fragt keinen Köter aus den Canada’s um Erlaubniß dazu. Wenn er ein zärtliches Gefühl in seinem Herzen hat, so geht das die Huronen Nichts an. Er sagt es ihr, die es am liebsten hört; er will es nicht in den Forst hinausbellen für die Ohren derjenigen, die nur das Geschrei der Angst verstehen. Was in seiner Hütte vorgeht, gebührt nicht einmal den Häuptlingen seines eigenen Volkes zu wissen, viel weniger den Mingo-Schuften.« –

»Nennt sie Vagabunden, Schlange,« unterbrach ihn Wildtödter, der seine Freude nicht zu zügeln vermochte – »ja nennt sie nur gerade heraus Vagabunden, was ein Wort ist, das sich leicht erklären läßt, und ihren Ohren am allerverhaßtesten, weil es so wahr ist. Seyd unbesorgt wegen meiner; ich will Eure Botschaft an sie bestellen Sylbe für Sylbe, Hohn für Hohn, Idee für Idee, Trotz für Trotz – und sie verdienen nichts Besseres von Euch. – Nennt sie nur Vagabunden, ein oder zweimal, und das wird den Saft in ihnen steigen machen von den untersten Wurzeln bis in die höchsten Zweige!«

»Viel weniger den Mingo-Vagabunden!« fuhr Chingachgook fort, gerne bereit, seines Freundes Verlangen zu willfahren. – »Sagt den Huronen-Hunden, sie müssen lauter heulen, wenn sie wünschen, daß ein Delaware sie in den Wäldern finde, wo sie sich verkriechen wie Füchse, statt zu jagen wie Krieger. Als sie ein Delawarenmädchen in ihrem Lager hatten, da war Grund, sie aufzujagen; jetzt wird man sie vergessen, wenn sie nicht Lärm machen. Chingachgook mag sich nicht die Mühe nehmen, von seinen Dörfern mehr Krieger herbeizuholen; er kann ihren flüchtigen Zug schon treffen; wenn sie sich nicht unter dem Boden verstecken, wird er sie nach Canada verfolgen, allein. Er wird Wah-ta!-Wah bei sich behalten, sein Wildpret zu kochen; sie Beide werden Delawaren genug seyn, um alle Huronen in ihr Land zurückzuscheuchen.«

»Das ist eine wichtige Depesche, wie die Officiere diese Dinge nennen!« rief Wildtödter; »sie wird alles Blut der Huronen in Bewegung bringen; ganz besonders der Theil, wo er ihnen sagen läßt, auch Hist werde ihnen nachsetzen, bis sie völlig aus dem Lande getrieben seyen. Ach, ja freilich! große Worte sind nicht immer große Thaten, bei alle dem! der Herr gebe, daß wir nur halb so tüchtig zu seyn vermögen, als wir verheißen! Und jetzt, Judith, ist die Reihe an Euch, zu reden; denn die Elenden werden eine Antwort erwarten von jeder Person, die arme Hetty vielleicht ausgenommen.«

»Und warum nicht von Hetty, Wildtödter? Sie spricht oft vernünftig und passend; die Indianer halten vielleicht ihre Worte in Ehren, denn sie haben Mitgefühl für Leute in ihrem Zustand.«

»Das ist wahr, Judith, und ein rascher, guter Gedanke von Euch. Die Rothhäute achten das Unglück in jeder Gestalt, und namentlich das Hetty’s. So, Hetty, wenn Ihr Etwas zu sagen habt, so will ich es den Huronen so getreulich ausrichten, als wären es die Worte eines Schulmeisters oder Missionärs.«

Das Mädchen bedachte sich einen Augenblick, und dann antwortete sie in ihrem sanften, milden Tone, so ernst als nur Einer unter ihren Vorgängern: »Die Huronen müssen den Unterschied zwischen weißen Leuten und ihnen selbst nicht begreifen können,« sagte sie, »sonst würden sie nicht verlangen, daß Judith und ich mit ihnen gehen und in ihren Dörfern wohnen sollen. Gott hat ein Land den rothen Männern, und ein anderes uns gegeben. Er wollte, daß wir abgesondert für uns leben. Dann sagte auch Mutter immer, wir sollten wo möglich nur immer unter Christen leben, und das ist ein Grund, warum wir nicht gehen können. Dieser See ist unser, und wir wollen ihn nicht verlassen. Vaters und der Mutter Gräber sind darin, und selbst die schlechtesten Indianer bleiben gern bei den Gräbern ihrer Väter. Ich will noch einmal kommen und sie sehen, wenn sie das von mir verlangen, und ihnen noch Mehr aus der Bibel vorlesen, aber des Vaters und der Mutter Grab kann ich nicht verlassen.«

»Das ist recht, das ist recht, Hetty, gerade so gut, als wenn Ihr ihnen eine zweimal so lange Botschaft schicktet,« unterbrach sie der Jäger. »Ich will ihnen Alles sagen, was Ihr gesprochen habt und was Ihr meint, und ich stehe dafür, daß sie leicht befriedigt seyn werden. Jetzt, Judith, kommt die Reihe an Euch, und dann ist dieser Theil meines Auftrags für heute Nacht zu Ende.«

Judith zeigte ein Widerstreben, ihre Antwort zu geben, das ein Wenig die Neugier des Boten rege machte. Nach ihrem bekannten lebhaften Geist urtheilend, hatte er nie gezweifelt, daß das Mädchen ihren Gefühlen und Grundsätzen nicht minder treu bleiben werde, als Hist oder Hetty; und doch war eine merkliche, schwankende Unentschlossenheit bei ihr sichtbar, die ihm einige Unruhe machte. Selbst jetzt, wo er sie geradezu aufforderte zu sprechen, schien sie sich zu bedenken, und sie öffnete nicht eher den Mund, als bis das tiefe Schweigen ihr zeigte, mit welcher Spannung man auf ihre Worte warte. Da sprach sie zwar, aber unsicher und mit Widerstreben.

»Sagt mir erst – sagt uns erst, Wildtödter,« begann sie, die Worte wiederholend, nur um den Nachdruck anders zu setzen – »welchen Einfluß werden unsere Antworten auf Euer Schicksal haben? Wenn Ihr das Opfer unserer trotzigen Keckheit seyn solltet, so wäre es besser gewesen, wenn wir Alle eine bedächtlichere und schlauere Sprache geführt hätten. Was also werden denn wohl die Folgen für Euch seyn?«

»Herr im Himmel, Judith. Ihr könntet mich eben so gut fragen, woher der Wind wehen werde in der nächsten Woche, oder wie alt das nächste Wild sey, das geschossen werde! Ich kann nur sagen, daß ihre Gesichter mich etwas finster anschauen; aber es donnert nicht jedesmal, wenn eine schwarze Wolke am Himmel aufsteigt, auch weht nicht jeder Windstoß Regen zusammen. Das ist somit eine Frage, die viel leichter zu machen als zu beantworten ist.«

»So ist es auch mit dieser Botschaft der Irokesen an mich,« versetzte Judith, aufstehend, als wäre sie für den Augenblick über ihre Handlungsweise entschieden. »Meine Antwort werde ich geben, Wildtödter, nachdem wir, Ihr und ich, miteinander gesprochen, und die Andern sich für die Nacht zur Ruhe begeben haben.«

Es war eine Entschiedenheit in dem ganzen Wesen des Mädchens, welche Wildtödter geneigt machte, sich dieß gefallen zu lassen, und er that dieß um so leichter, als der Aufschub nach keiner Seite hin wesentliche Folgen nach sich ziehen konnte. Die Versammlung brach jetzt auf, und Hurry kündigte seinen Entschluß an, sie bald zu verlassen. Während der Stunde, die man noch verstreichen ließ, damit inzwischen noch stärkere Dunkelheit eintrete, bis der Grenzmann aufbrach, machten sich die verschiedenen Individuen Jedes in seiner gewohnten Art zu schaffen, und der Jäger insbesondere brachte die meiste Zeit damit zu, die Trefflichkeit der schon erwähnten Büchse noch weiter zu untersuchen.

Die Stunde Neun kam jedoch bald heran, und dann, so war es bestimmt, sollte Hurry seine Reise antreten. Statt seinen Abschied freimüthig und mit großherziger Wärme zu nehmen, brachte er das Wenige, was er zu sagen nöthig fand, mürrisch und kalt vor. Erbitterung über Judiths Hartnäckigkeit, wie er es ansah, war gemischt mit Kränkung und Verdruß über die Begegnisse, die ihm zugestoßen, seit er den See erreicht hatte; und wie es gewöhnlich ist bei gemeinen und engherzigen Menschen, war er mehr geneigt, Andern wegen seiner Mißgeschicke Vorwürfe zu machen, als sich selbst zu tadeln. Judith reichte ihm die Hand, aber wohl völlig ebensosehr aus Freude als mit Bedauern, während die beiden Delawaren ohne Leidwesen erfuhren, daß er sie verlassen wolle. Unter der ganzen Gesellschaft zeigte nur Hetty ein wahres Gefühl. Verschämtheit und die Schüchternheit ihres Geschlechts und Charakters hielten auch sie einigermaßen entfernt, so daß Hurry in das Canoe trat, wo Wildtödter schon seiner wartete, ehe sie sich nahe genug heran wagte, um bemerkt zu werden. Dann aber trat das Mädchen in die Arche, und erreichte deren Ende gerade als die kleine Barke von ihr abstieß mit so leichter und stetiger Bewegung, daß man es kaum wahrnahm. Eine Aufwallung von Gefühl überwand jetzt ihre Schüchternheit, und Hetty sprach:

»Lebt wohl, Hurry,« rief sie mit ihrer süßen Stimme – »lebt wohl, lieber Hurry. Nehmt Euch in Acht in den Wäldern, und macht nie Halt, bis ihr die Garnison erreicht. Die Blätter auf den Bäumen sind kaum zahlreicher als die Huronen um den See herum, und sie würden einen starken Mann nicht so mild behandeln, wie sie mich behandeln.«

Die fesselnde Anziehungskraft, welche March für dieß schwachsinnige Mädchen hatte, das doch den Sinn und das Gefühl des Rechten besaß, beruhte auf einem Gesetz der Natur. Ihre Sinne waren eingenommen worden von den Vorzügen seiner Person; und ihr moralischer Verkehr mit ihm war nie innig und genau genug gewesen, um einem Eindruck das Gegengewicht zu halten, der sonst allerdings, selbst bei einem Wesen von so stumpfen Geisteskräften, hätte vermindert werden müssen. Hetty’s Instinkt für das Rechte, wenn ein solcher Ausdruck gebraucht werden darf von einem Wesen, das von einem guten Geist geleitet zu werden schien, um mit nie irrender Genauigkeit zwischen Gut und Böse dahinzusteuern, würde über tausend Punkte in Hurry’s Charakter sich empört haben, wäre Gelegenheit gewesen, sie darüber aufzuklären; aber während er, von ihr selbst sich ferner haltend, mit ihrer Schwester plauderte und tändelte, hatten seine vollendet schöne Gestalt und seine Züge allen Eindruck auf ihre einfache Einbildungskraft und ihr von Natur zärtliches Gemüth machen können, ohne durch den Zusatz und die Legirung seiner Gesinnungen und seiner Plumpheit beeinträchtigt zu werden. Zwar fand sie ihn roh und derb; aber das war auch ihr Vater, und die meisten andern Männer, die sie gesehen; und was ihr als eine Eigenthümlichkeit des ganzen Geschlechts erschien, fiel ihr in Hurry’s Charakter weniger ungünstig auf, als sonst wohl der Fall gewesen wäre. Doch war es nicht eigentlich Liebe, was Hetty für Hurry fühlte, auch möge man dieß nicht in unserer Schilderung finden, sondern nur die erwachende Empfänglichkeit des Gefühls und Bewunderung, die, unter günstigeren Verhältnissen, und immer vorausgesetzt, daß keine widerwärtigen Offenbarungen hinsichtlich des Charakters des jungen Mannes hindernd dazwischengekommen wären, bald zu jener allbeherrschenden Leidenschaft hätten heranreifen können. Sie fühlte für ihn eine keimende Zärtlichkeit, aber kaum irgend eine Leidenschaft. Vielleicht die stärkste Annäherung zu letzterer, die sich in Hetty’s Benehmen gezeigt, konnte man erblicken in der Empfindlichkeit, die sie hatte March’s Vorliebe für ihre Schwester entdecken lassen; denn, bei den zahlreichen Bewunderern Judiths war dieß das einzige Mal, daß der umwölkte Geist des Mädchens die zur Beobachtung der Verhältnisse erforderliche Schärfe aufgeboten hatte. Man hatte Hurry bei seinem Aufbruch so wenig Mitgefühl bezeigt, daß die milden Worte Hetty’s, wie sie ihm so nachrief, ihm ganz wohlthuend und tröstlich klangen. Er hielt das Canoe auf, und mit einem Schwung seines gewaltigen Armes brachte er es wieder neben die Arche zurück. Das war Mehr, als Hetty, deren Muth mit dem Weggehen ihres Helden gestiegen war, erwartet hatte, und sie bebte jetzt schüchtern zurück bei seiner unverhofften Rückkehr.

»Ihr seyd ein gutes Mädchen, Hetty, und ich kann Euch nicht ohne ein Händeschütteln verlassen,« sagte March freundlich. «Judith ist am Ende nicht so viel werth als Ihr, obgleich sie um eine Kleinigkeit besser aussehen mag. Was den Witz betrifft, wenn Redlichkeit und Offenheit mit einem jungen Mann ein Zeichen von Verstand bei einem jungen Weib ist, so wiegt Ihr zehn Judiths auf; ja und in Wahrheit die meisten Mädchen meiner Bekanntschaft.«

»Sagt Nichts gegen Judith, Harry,« erwiederte Hetty in bittendem Tone. »Vater ist todt, und Mutter ist todt, und Niemand ist übrig, als Judith und ich, und es ist nicht recht, wenn Schwestern übel von einander reden, oder zuhören, wenn man so redet. Vater ist im See, und Mutter auch, und wir sollten Alle Gott fürchten, denn wir wissen nicht, wenn wir vielleicht auch im See liegen werden.«

»Das klingt vernünftig, Kind, wie das Meiste, was Ihr sprecht. Nun, wenn wir uns je wieder sehen, Hetty, so werdet Ihr einen Freund an mir finden, thue auch Eure Schwester was sie wolle. Ich war kein großer Freund von Eurer Mutter, ich gesteh‘ es, denn wir dachten verschieden über die meisten Punkte; aber dafür Euer Vater, der alte Tom, und ich, paßten für einander so prächtig, wie ein hirschlederner Anzug einem wohlgebauten Manne paßt. Ich bin immerdar der gleichen Meinung gewesen, daß der alte Floating Tom Hutter im Grunde ein guter Kerl war, und will das gegen alle Feinde behaupten, um seinetwillen, wie Euretwillen.«

»Lebt wohl, Hurry,« sagte Hetty, die jetzt so sehnlich wünschte, den jungen Mann bald fortzubringen, als sie noch vor einem Augenblick gewünscht hatte, ihn zurückzuhalten, obgleich sie sich vom einen Gefühl so wenig als vom andern klare Rechenschaft zu geben wußte; »lebt wohl, Harry, nehmt Euch in Acht in den Wäldern; haltet Euch nicht auf, bis Ihr die Garnison erreicht. Ich will ein Kapitel in der Bibel für Euch lesen, eh‘ ich zu Bette gehe, und Euer in meinem Gebet gedenken.«

Dieß hieß einen Punkt berühren, rücksichtlich dessen March keine Sympathien hatte, und ohne weitere Worte schüttelte er dem Mädchen herzlich die Hand und begab sich wieder in das Canoe. Nach einer Minute waren die beiden Abenteurer hundert Fuß von der Arche entfernt, und nach etwa sechs Minuten hatte man sie schon ganz aus dem Gesicht verloren. Hetty seufzte tief, und trat zu ihrer Schwester und Hist.

Eine Zeit lang ruderten Wildtödter und sein Genosse schweigend fort. Es war beschlossen worden, Hurry gerade an dem Landvorsprung ans Land zu setzen, wo er sich, wie wir im Anfang unsrer Erzählung berichtet, eingeschifft hatte; nicht nur weil dieser Platz von den Huronen schwerlich so genau bewacht wurde, sondern auch weil Hurry auf diesem Platze mit den Zeichen der Wälder hinlänglich vertraut war, um auch bei Nacht sich in ihnen zurecht zu finden. Dorthin steuerte denn das leichte Fahrzeug, so emsig und rasch gerudert, als nur immer zwei kräftige und geübte Canoe-Männer ihr leichtes Schiffchen durch oder vielmehr über das Wasser treiben konnten. Weniger als eine Viertelstunde genügte für ihr Vorhaben, und als sie nach Verfluß dieser Zeit sich im Bereich der Schatten der Küste, und ganz nahe dem gesuchten Punkt befanden, hörten Beide in ihrer Arbeit auf, um ihre Abschiedsbesprechung außer der Gehörweite irgend eines Lauschers, der etwa in der Nähe seyn konnte, zu halten. «Ihr werdet wohl daran thun, die Officiere der Garnison zu bereden, daß sie einen Streifzug gegen diese Vagabunden unternehmen, sobald Ihr hineinkommt, Hurry,« begann Wildtödter; »und noch besser, wenn Ihr sie selbst als Freiwilliger und Führer wieder herauf begleitet. Ihr kennt die Pfade, und die Gestalt des See’s, und die Natur des Landes, und könnt es besser thun, als ein gewöhnlicher, allgemeiner Kundschafter. Geht zuerst auf das Lager der Huronen los, und folgt den Zeichen, die sich Euch dann darbieten werden. Ein paar Blicke nach der Hütte und der Arche werden Euch über den Zustand des Delawaren und der Weiber unterrichten; und in jedem Fall wird es eine schöne Gelegenheit seyn, den Mingo’s auf die Fährte zu kommen, und den Spitzbuben einen Denkzettel zu machen, den sie lange genug mit sich herumtragen sollen. Es wird dieß vermuthlich keinen großen Unterschied machen für mich, denn diese Sache wird abgemacht seyn, ehe die Sonne des morgenden Tages unter ist; aber es kann eine große Aenderung für Judiths und Hettys Hoffnungen und Aussichten bewirken!«

»Und was Euch selbst angeht, Nathaniel,« erkundigte sich Hurry mit größerer Theilnahme, als er sonst für Wohl und Wehe Anderer zu verrathen pflegte – »und was Euch selbst betrifft, was haltet Ihr für wahrscheinlich, daß Euch widerfahren werde?«

»Das weiß der Herr allein in seiner Weisheit, Henry March! Die Wolken sehen schwarz und drohend aus, und ich setze mein Gemüth in Verfassung, das Schlimmste zu erdulden. Rachsüchtige Gefühle herrschen vor in den Herzen der Mingo’s, und jede kleine Täuschung ihrer Erwartungen in Betreff des Raubes, oder der Gefangnen, oder Hist’s, kann die Marter zur Gewißheit machen. Der Herr in seiner Weisheit allein kann mein Schicksal bestimmen, oder das Eure!«

»Das ist ein schwarzer Handel, und sollte in irgend einer Art und Weise gehemmt werden,« versetzte Hurry, die Unterscheidungen zwischen Recht und Unrecht verwechselnd, wie gewöhnlich bei selbstsüchtigen und gemeinen Menschen der Fall ist. »Ich wünschte von Herzen, der alte Hutter und ich hätten jede Creatur in ihrem Lager skalpirt in der Nacht, da wir zuerst mit diesem Kapitalplan landeten! Hättet Ihr Euch nicht gesträubt, Wildtödter, es wäre vielleicht gelungen; dann hättet Ihr Euch nicht am Ende in der desperaten Lage gefunden, von der Ihr sprecht.«

»Besser hättet Ihr gesagt, Ihr wünschet, daß Ihr gar nie zu thun versucht hättet, was zu unternehmen eines weißen Mannes Gaben schlecht geziemt; in diesem Falle wäre uns nicht nur vielleicht jeder Kampf erspart geblieben, sondern Thomas Hutter würde auch jetzt noch leben, und die Herzen der Wilden würden nicht so rachgierig seyn. Auch der Tod jenes jungen Weibes, March, war eine unberufene That, und läßt eine schwere Last auf unserm Namen, wo nicht auf unserm Gewissen zurück!«

Dieß war so klar, und es leuchtete im Augenblick Hurry selbst so ein, daß er das Ruder ins Wasser tauchte, und anfing, das Canoe der Küste zuzurudern, als strebte er nur seiner eignen, lebhaften Reue zu entfliehen. Sein Begleiter gab diesem fieberhaften Drang nach Veränderung nach, und nach ein paar Minuten fuhr der Bug des Bootes mit einer leichten, hörbaren Reibung auf dem Kies des Strandes auf. Landen, sein Bündel und seine Büchse schultern, und sich marschfertig machen, dieß Alles war für Hurry nur das Werk eines Augenblicks, und mit einem halbgrollenden Abschied hatte er schon seinen Marsch angetreten, als eine plötzliche Anwandlung von Gefühl ihn jählings Halt machen ließ, und augenblicklich darauf befand er sich wieder an der Seite des Andern.

»Ihr könnt doch nicht gemeint seyn, Euch wieder in die Hände der mörderischen Wilden zu liefern, Wildtödter!« sagte er, ebenso sehr in zorniger Abmahnung als mit edlem Gefühl. «Es wäre die That eines Wahnsinnigen oder eines Thoren!«

»Es gibt Leute, die es für Wahnsinn halten, seinem Wort treu zu seyn, und Solche, die es nicht dafür halten, Hurry Harry. Ihr mögt Einer von den Ersteren seyn, ich gehöre zu den Letztern. Keine Rothhaut auf der Welt soll sagen können, daß ein Mingo sein Wort höher halte als ein Mann von weißem Blut und weißen Gaben in irgend Etwas, das mich betrifft. Ich bin weg auf Urlaub, und wenn ich Kraft und Vernunft habe, will ich meinem Urlaub gemäß zurückkehren vor morgen Mittag.«

»Was ist ein Indianer, oder ein gegebnes Wort, oder ein Urlaub, genommen von Creaturen wie diese, die weder Seelen noch Namen haben?«

»Wenn sie weder Seelen noch Namen haben, so haben dafür wir, Ich und Ihr, Harry March, Beides, und die eine ist für den andern verantwortlich. Dieser Urlaub ist nicht, wie Ihr zu wähnen scheint, ganz nur eine Sache zwischen mir und den Mingo’s, angesehen, daß es ein feierlicher Pakt ist, zwischen mir und Gott geschlossen. Wer da glaubt, er könne sagen was ihm beliebt in seiner Noth, und Alles gelte für Nichts, weil es im Walde gesprochen ist, und ins Ohr der rothen Männer, versteht Wenig von seiner Lage, von seinen Hoffnungen und Bedürfnissen. Die Worte sind geredet vor dem Ohr des Allmächtigen. Die Luft ist sein Athem, und das Licht der Sonne ist wenig Mehr, als ein Blick seines Auges. Lebt wohl, Harry! wir sehen uns vielleicht nie wieder; aber ich möchte Euch wünschen, daß Ihr nie einen Urlaub, oder sonst eine feierliche Zusage, wobei Euer christlicher Gott als Zeuge angerufen worden, als eine so leichte Pflicht behandelt, daß man sie vergessen dürfte nach den Bedürfnissen des Leibes, oder auch nach den Gelüsten des Geistes.«

March war jetzt wieder froh, loszukommen. Es war ihm ganz unmöglich, auf die Gesinnungen einzugehen, die seinen Genossen adelten, und er eilte von Beiden weg mit einer Ungeduld, die ihn heimlich fluchen machte auf die Thorheit, die einen Mann veranlassen könne, so zu sagen in sein eignes Verderben zu rennen. Wildtödter dagegen zeigte keine solche Aufregung. Aufrecht gehalten durch seine Grundsätze, unbeugsam in dem Entschluß, ihnen gemäß zu handeln, und erhaben über jede unmännliche Furcht, betrachtete er Alles was ihm bevorstand als eine Art Nothwendigkeit, und dachte so wenig daran, einen unwürdigen Versuch zu machen, ihm zu entgehen, als ein Moslem daran denkt, den Beschlüssen der Vorsehung entgegen zu handeln. Er stand ruhig auf der Küste, dem sorglosen Schritt horchend, womit Hurry seine Wanderung durch die Gebüsche verrieth, schüttelte den Kopf im Mißvergnügen über diesen Mangel an Vorsicht, und trat dann ruhig in sein Canoe. Ehe er die Ruderschaufel wieder in’s Wasser tauchte, sah sich der junge Mann um und betrachtete die Scene, die sich ihm in der sternhellen Nacht darbot. Es war dieß die Stelle, wo zuerst sein Auge auf den schönen Wasserspiegel gefallen war, auf dem er jetzt schwamm. War er damals prächtig in dem hellen Licht eines Sommermittags, so war er jetzt trüb und melancholisch unter den Schatten der Nacht. Die Berge stiegen rings um ihn her empor wie schwarze Mauern, um die Welt draußen auszuschließen, und die Streifen blassen Lichts, die noch auf den breiteren Theilen des See’s ruhten, waren keine übeln Symbole von der Schwäche der Hoffnungen, die nur so dämmernd noch über seiner Zukunft sichtbar waren. Schwer seufzend drängte er das Canoe vom Lande weg, und ruderte mit stetigem Fleiß zurück, der Arche und dem Castell zu.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Deine geheime Lust wird offne Schaam,
Dein heimlich Schwelgen öffentlich Entbehren;
Dein hoher Titel ein zerlumpter Nam‘,
Dein süßer Mund wird bittern Wermuth gähren;
Nie können deine Eitelkeiten währen.
Tarquintus und Lucretia.

Judith erwartete die Zurückkunft Wildtödters auf der Plattform mit steigender Ungeduld, bis er endlich das Castell erreichte. Hist und Hetty lagen Beide in tiefem Schlaf auf dem Bette, das gewöhnlich die Töchter des Hauses einnahmen, und der Delaware hatte sich auf dem Boden des anstoßenden Gemaches hingestreckt, seine Büchse neben ihm, und einen Teppich über sich gebreitet, schon träumend von den Begebnissen der letzten paar Tage. Eine Lampe brannte in der Arche; denn die Familie pflegte sich diesen Luxus bei außerordentlichen Gelegenheiten zu gestatten, und besaß auch die Mittel dazu; und das Gefäß war nach Form und Material von der Art, daß man mit Wahrscheinlichkeit vermuthen konnte, er sey auch einmal in dem Schranke gewesen.

Sobald das Mädchen des Canoes ansichtig wurde, gab sie ihr hastiges Aufundabschreiten auf der Plattform auf, und stand bereit zum Empfang des jungen Mannes, dessen Rückkehr sie nun schon einige Zeit mit Spannung erwartete. Sie half ihm das Canoe anbinden, und legte dadurch, daß sie ihm bei verschiedenen andern kleinen Geschäften behülflich war, ihr Verlangen an den Tag, sobald als möglich einen freien Augenblick eintreten zu sehen. Als dieß endlich geschah, benachrichtigte sie ihn auf seine Erkundigung, von der Art und Weise, wie ihre Genossen sich die Zeit zu Nutze machten. Er hörte ihr aufmerksam zu, denn das Benehmen des Mädchens war so ernst und bedeutungsvoll, daß er wohl merkte, sie habe Etwas von ungewöhnlicher Wichtigkeit auf der Seele. »Und jetzt, Wildtödter,« fuhr Judith fort, »seht Ihr, habe ich die Lampe angezündet und sie in die Cajüte der Arche gestellt. Das geschieht bei uns nur bei großen Veranlassungen, und ich betrachte diese Nacht als die wichtigste meines Lebens. Wollt Ihr mir folgen, und sehen, was ich Euch zu zeigen – hören, was ich Euch zu sagen habe?«

Der Jäger war etwas überrascht; aber er machte keine Einwendungen, und bald befanden sich beide auf der Fähre, in dem Gemache, wo das Licht brannte. Hier standen zwei Stühle neben dem Schranke, und auf einem dritten die Lampe, und in der Nähe ein Tisch, um die verschiednen Artikel aufzunehmen, so wie sie zum Vorschein kämen. Diese Anordnung hatte ihren Grund in der fieberhaften Ungeduld des Mädchens, die keine Verzögerung ertragen mochte, welcher zu begegnen in ihrer Macht stand. Selbst alle Schlösser waren weggenommen, und es blieb nur noch übrig, den schweren Deckel aufzuheben, und die Schätze dieses langverborgnen Hortes auszulegen.

»Ich sehe zum Theil, was dieß Alles bedeutet,« bemerkte Wildtödter, »ja ich durchschaue es zum Theil. Aber warum ist Hetty nicht anwesend? nachdem Thomas Hutter todt ist, ist sie Miteigentümerin dieser Merkwürdigkeiten, und sollte sehen, wie man sie eröffnet und was man damit anfängt.«

»Hetty schläft,« antwortete Judith hastig, »Zum Glück für sie haben schöne Kleider und Schätze für sie keinen Reiz. Zudem hat sie mir heute Nacht ihren Antheil an Allem, was dieser Schrank enthalten mag, übergeben, daß ich damit nach meinem Gutdünken verfahre.«

»Ist die arme Hetty hinlänglich ihrer Geisteskräfte mächtig dazu, Judith?« fragte der rechtlichgesinnte, junge Mann. »Es ist eine gute Vorschrift und eine gerechte, daß man Nichts nehmen solle, wenn die Gebenden den Werth ihrer Gaben nicht verstehen, und mit solchen, welche Gott so schwer heimgesucht hat in ihrem Verstande, sollte man so sorgsam umgehen, wie mit Kindern, die noch nicht zu ihrer Vernunft gekommen sind.«

Judith war verletzt durch diese Zurechtweisung aus dem Munde dieses Mannes, aber sie würde dieselbe noch weit lebhafter empfunden haben, hätte nicht ihr Gewissen sie von allen ungerechten, selbstsüchtigen Absichten gegen ihre schwachsinnige, aber vertrauensvolle Schwester freigesprochen. Es war jedoch nicht der Augenblick, irgendwie die bei ihr so gewöhnliche Aufwallung ihres stolzen Geistes zu verrathen, und die vorübergehende Empfindlichkeit ward unterdrückt von dem Wunsche, zu dem wichtigen Vorhaben, das sie im Auge hatte, zu gelangen.

»Hetty wird kein Unrecht geschehen,« antwortete sie mild; »sie weiß auch sogar nicht nur, was ich zu thun im Begriff stehe, sondern auch, warum ich es thue. So nehmt denn Euren Sitz, hebt den Deckel des Schranks auf, und dießmal wollen wir bis auf den Boden hinabdringen. Es sollte mich sehr wundern, wenn sich nicht Etwas fände, was uns über die Geschichte Thomas Hutter’s und meiner Mutter mehr aufklärte.«

»Warum sagt Ihr Thomas Hutter, Judith, und nicht Euer Vater? Den Todten soll man mit ebensoviel Ehrfurcht begegnen, als den Lebenden.«

»Ich habe schon lang geargwohnt, daß Thomas Hutter nicht mein Vater sey, obwohl ich ihn für Hetty’s Vater zu halten geneigt war, aber jetzt wissen wir, daß er der Vater von Keiner von uns ist. Er bekannte dieß förmlich in seinen letzten Augenblicken. Ich bin alt genug, um mich eines bessern Zustands zu erinnern, als worin wir auf diesem See gelebt haben, obgleich die Eindrücke davon in meinem Geiste so schwach sind, daß mir der frühere Theil meines Lebens wie ein Traum erscheint.«

»Träume sind armselige Wegweiser, wenn man sich über Wirklichkeiten zu entscheiden hat, Judith,« versetzte der Andere warnend. »Bildet Euch Nichts ein, und hofft Nichts ihrethalb: obwohl ich schon Häuptlinge gekannt habe, die sie für nützlich hielten.«

»Ich erwarte Nichts von ihnen für die Zukunft, mein guter Freund, kann aber nicht umhin mich dessen zu erinnern, was gewesen ist. Das ist aber eitel, wenn eine halbstündige Untersuchung uns Alles, oder sogar Mehr als ich wissen möchte, lehren kann.«

Wildtödter, der des Mädchens Ungeduld begriff, nahm jetzt seinen Sitz ein, und machte sich daran, von neuem die verschiedenen Artikel, welche der Schrank enthielt, auszukramen. Natürlich fand man Alles, was man früher schon durchsucht hatte, ebenso wie man es zuvor wieder eingepackt halte, und es erregte weit weniger Interesse und Bemerkungen, als bei der ersten Auffindung. Selbst Judith legte den kostbaren Brokat mit gleichgiltiger Miene bei Seite, denn sie hatte einen weit höhern Zweck im Auge als Befriedigung der Eitelkeit, und war ungeduldig, den noch verborgenen oder vielmehr unbekannten Schätzen auf den Grund zu kommen.

»All diese Dinge haben wir schon zuvor gesehen,« sagte sie, »und wollen uns nicht damit aufhalten, sie aufzumachen. Das Packet unter Eurer Hand, Wildtödter, ist ein neues, das wollen wir untersuchen. Gott gebe, daß es Etwas enthalte, was der armen Hetty und mir sage, Wer wir eigentlich sind.«

»Ja, wenn manche Packete reden könnten, sie würden von wunderbaren Geheimnissen zu erzählen haben,« versetzte der junge Mann, mit Bedacht die Falten eines neuen Stücks grober Leinwand auseinanderschlagend, um zum Inhalt einer auf seinen Knieen liegenden Rolle zu gelangen; »obwohl dieß hier nicht zu der Familie zu gehören scheint, angesehen, daß es nicht mehr und nicht weniger ist, als eine Art Fahne; aber von welcher Nation, das zu sagen, geht über meine Gelehrsamkeit.«

»Diese Flagge muß eine besondere Bedeutung haben,« fiel Judith hastig ein. »Oeffnet sie weiter, Wildtödter, damit wir die Farben sehen.« »Ha, ich bedaure den Fähndrich, der dieß Stück Tuch auf der Schulter zu schleppen, und damit im Feld zu paradiren hat. Es ist wahrhaftig groß genug, Judith, um ein Dutzend solcher Fahnen daraus zu machen, auf welche des Königs Officiere so große Stücke halten; das kann nicht die Fahne eines Fähndrichs, sondern muß die eines Generals seyn!«

»Ein Schiff könnte sie tragen, Wildtödter; und Schiffe, das weiß ich, führen solche Dinge. Habt Ihr nie schauerliche Geschichten gehört, daß Thomas Hutter einmal mit den Leuten in Verhältniß gestanden, die mau Bukkaniers nennt?«

»Bockohnnieren! Nein – ich nie – ich habe nie von ihm rühmen gehört, daß er ein guter Schütze auf Böcke gewesen wäre, von welcher Sorte sie seyn mochten. Hurry Harry sprach mir einmal davon, wie man glaube, daß er früher einmal in irgend einer Weise mit gewissen Seeräubern zu schaffen gehabt habe; aber, Herr im Himmel, Judith, es kann Euch doch wahrlich keine Befriedigung geben, das gegen Eurer Mutter Gatten herauszubringen, wenn er auch nicht Euer Vater ist.«

»Alles gibt mir Befriedigung, was mir Aufschluß gibt. Wer ich bin und mir die Träume meiner Kindheit erklären hilft. Meiner Mutter Gatte! Ja, er muß das gewesen seyn, obwohl es über eine menschliche Vernunft geht, zu erklären, wie eine Frau, wie sie, soll einen Mann gewählt haben, wie er! Ihr habt Mutter nie gesehen, und könnt daher nicht den unermeßlichen, unermeßlichen Unterschied empfinden, der zwischen ihnen stattfand.«

»Solche Dinge kommen aber doch vor; – ja, sie kommen vor; obwohl es über meine Begriffe geht, warum die Vorsehung sie zuläßt. Ich habe die trotzigsten Krieger gekannt mit den sanftesten Frauen im ganzen Stamm, und wieder gräßliche Zänkerinnen, welche Indianern zu Theil wurden, die zu Missionären sich geeignet hätten.«

»Das war es nicht, Wildtödter; das war es nicht. Oh! wenn es sich zeigen sollte, daß – nein; ich kann nicht wünschen, daß sie gar nicht sein Weib sollte gewesen seyn. Das kann keine Tochter von ihrer Mutter wünschen! Fahrt jetzt fort, und laßt uns sehen, was der viereckige Pack enthält.«

Wildtödter that nach ihrem Willen, und fand, daß er einen kleinen Koffer von hübscher Arbeit, aber geschlossen, enthielt. Das Nächste war, den Schlüssel zu finden; aber da alles Suchen fruchtlos blieb, wurde beschlossen, das Schloß aufzubrechen. Dieß bewerkstelligte Wildtödter bald mittelst eines eisernen Instruments, und man fand, daß er beinahe ganz mit Papieren angefüllt war. Viele davon waren Briefe; andere Bruchstücke von Manuskripten, Aufsätze, Rechnungen und ähnliche Urkunden. Der Falke stößt nicht mit plötzlicherer Gier auf das Huhn, als Judith herbeisprang, um sich dieses Schachts von bisher unbekannten Nachrichten und Kenntnissen zu bemächtigen. Ihre Erziehung und Bildung war, wie der Leser bemerkt haben wird, weit über ihre Stellung im Leben, und ihr Auge flog über die Briefe, Blatt für Blatt, mit einer Leichtigkeit hin, welche Folge ihrer guten Schule, zugleich aber auch mit einer Gier, welche das natürliche Ergebniß ihrer Gefühle war. Zuerst war das Mädchen sichtlich erfreut, und wir dürfen beisetzen mit Grund; denn die Briefe, von Frauen geschrieben, voll Unschuld und Zärtlichkeit, waren der Art, daß sie ihr wohl einigen Stolz einflößen konnten auf diejenigen, mit welchen sie, wie sie mit allem Grund glaubte, durch Bande des Blutes enge verbunden war. Es paßt jedoch nicht in unsern Plan, von diesen Briefen Mehr mitzutheilen, als einen allgemeinen Begriff ihres Inhalts, und dieß wird am besten geschehen, wenn wir die Wirkung schildern, welche sie auf das Benehmen, die äußere Erscheinung und die Gefühle des Mädchens hervorbrachten, das sie so begierig durchlief.

Es ist schon gesagt worden, daß Judith eine große Freude über die Briefe hatte, die ihr zuerst unter die Augen kamen. Sie enthielten die Briefe einer zärtlichen und liebevollen Mutter an eine entfernte Tochter, mit solchen Hindeutungen auf die Antworten, welche großen Theils die Lücke der fehlenden Erwiederungen auszufüllen dienten. Sie waren jedoch nicht ohne Ermahnungen und Warnungen, und Judith fühlte sich das Blut in die Schläfe steigen, und dann einen kalten Schauer, als sie einen Brief las, worin die Schicklichkeit davon, daß die Tochter sich einem so innigen und vertraulichen Verhältniß, wie diese selbst es in einem ihrer Briefe mußte geschildert haben, mit einem Officiere hingab, ›der von Europa kam, und von dem kaum anzunehmen war, daß er in Amerika eine ehrenhafte Verbindung zu schließen gesonnen sey,‹ in ziemlich kaltem Tone von der Mutter erörtert wurde. Ein seltsamer Umstand war, daß die Unterschriften bei allen diesen Briefen sorgfältig weggeschnitten und so oft ein Name im Brief selbst vorkam, dieser mit solcher Pünktlichkeit herausradirt war, daß man ihn unmöglich lesen konnte. Sie waren alle in Couvert’s eingeschlossen gewesen, der Sitte jener Zeit gemäß, und es fand sich auch nicht Eine Adresse. Doch waren die Briefe selbst mit gewissenhafter Sorgfalt aufbewahrt worden, und Judith glaubte auf einigen Spuren von Thränen entdecken zu können. Sie erinnerte sich jetzt, den kleinen Koffer vor ihrer Mutter Tod in der Verwahrung von dieser gesehen zu haben, und sie vermuthete, er sey nebst den andern vergessenen oder verheimlichten Gegenständen in der Kiste aufbewahrt worden, als die Briefe Nichts mehr zum Kummer oder zum Glück dieser Mutter beitragen konnten.

Dann kam ein andres Packet Briefe, und diese waren voll von Betheurungen der Liebe, allerdings mit Leidenschaft geschrieben, aber auch mit jener trügerischen Ueberredung, welcher gegenüber dem andern Geschlecht sich zu bedienen, die Männer so oft sich glauben gestatten zu dürfen. Judith hatte über das erste Packet reichliche Thränen vergossen, aber jetzt empfand sie sich durch ein Gefühl von Entrüstung und Stolz mehr aufrecht gehalten. Aber ihre Hand zitterte, und kalte Schauer zuckten durch ihren Leib, als sie auf einige Punkte stieß, welche starke Ähnlichkeit hatten mit Briefen, die zu erhalten ihr Schicksal gewesen war. Einmal legte sie wirklich das Packet hin, beugte ihr Haupt auf die Kniee nieder, und schien beinahe Krämpfe zu bekommen. Wildtödter saß diese ganze Zeit über da, ein stummer aber aufmerksamer Beobachter von Allem, was vorging. Wenn Judith einen Brief gelesen, gab sie ihn ihm, um ihn zu halten, bis sie den nächsten las; aber dieß schien ihren Genossen in keiner Weise aufzuklären, da er des Lesens gänzlich unkundig war. Doch war er nicht ganz auf dem falschen Wege in der Deutung und Enträthselung der Leidenschaften, die in der Brust des schönen Wesens neben ihm kämpften, und da ihr von Zeit zu Zeit leise gemurmelte Sätze und Ausrufe entschlüpften, war er in seinen Ahnungen oder Vermuthungen der Wahrheit näher, als dem Mädchen lieb gewesen wäre, wahrzunehmen.

Judith hatte begonnen mit den frühesten Briefen, was günstig war für ein schnelles Verständniß der Geschichte, die sie enthielten; denn sie waren sorgfältig in der Zeitfolge geordnet, und offenbarten Jedem, der sich die Mühe nahm, sie zu durchlesen, eine traurige Geschichte von befriedigter Leidenschaft, Kälte und endlicher Abneigung. Wie sie den Schlüssel dieses Inhalts gewonnen hatte, duldete ihre Ungeduld keinen Aufschub, und sie überlief rasch mit dem Auge ein ganzes Blatt, um auf die möglichst kurze Weise hinter die Wahrheit zu kommen. Mittelst dieses Verfahrens, zu dem Alle, die verlangend sind, ein Resultat zu erreichen, ohne sich mit Details zu belästigen, so gerne greifen, schritt Judith sehr schnell vor in dieser traurigen Enthüllung von ihrer Mutter Fehltritten und Strafe. Sie sah, daß der Zeitpunkt ihrer Geburt deutlich bezeichnet war, und erfuhr selbst, daß der einfache Name, den sie trug, ihr von dem Vater gegeben ward, von dessen Person sie einen so schwachen Eindruck behalten hatte, daß er fast einem Traume glich. Dieser Name war im Text der Briefe nicht ausgelöscht, sondern stand darin, als wäre durch seine Auslöschung Nichts zu erzielen gewesen. Hetty’s Geburt ward einmal erwähnt und dießmal war es der Name der Mutter; aber noch vor diesem Zeitpunkt traten die Anzeichen der Kälte ein, düstre Vorboten der Treulosigkeit, deren verlassenes Opfer sie bald wurde. In diesem Stadium der Correspondenz war es, daß ihre Mutter darauf verfallen war, eine Abschrift von ihren eigenen Briefen zu nehmen. Es waren dieser nur wenige, aber sie sprachen beredt die Empfindungen zerstörter Zärtlichkeit und der Zerknirschung aus. Judith schluchzte darüber, bis sie sich zu wiederholtenmalen genöthigt sah, sie wegzulegen, aus förmlichem, physischem Unvermögen zu sehen und zu lesen, da ihre Augen von Thränen im buchstäblichen Sinne verdunkelt waren. Doch kehrte sie immer wieder mit gesteigertem Interesse zu ihrer Aufgabe zurück, und endlich gelangte sie glücklich bis zum Schluß der letzten Mittheilung wahrscheinlich, die zwischen ihren Eltern ausgetauscht wurde.

Alles dieß nahm eine volle Stunde weg; denn beinahe hundert Briefe hatte sie mit einem Blick überflogen und etwa zwanzig genau durchlesen. Die Wahrheit lag jetzt klar vor dem scharfblickenden Geiste Judiths, was ihre und Hettys Geburt betraf. Sie ward tief betrübt bei dieser Ueberzeugung, und für den Augenblick war ihr die ganze übrige Welt wie abgeschnitten und sie hatte jetzt noch mehr Grund zu dem Wunsche, den Rest ihres Lebens auf dem See hinzubringen, wo sie schon so manche helle und so manche kummervolle Tage erlebt hatte.

Aber es waren noch mehr Briefe zu untersuchen übrig. Judith fand, daß diese eine Correspondenz zwischen ihrer Mutter und Thomas Hovey enthielten. Die Originale von beiden Theilen waren sorgfältig geordnet, Brief und Antwort nebeneinander; und sie erklärten die frühere Geschichte der Verbindung zwischen dem übel zusammenpassenden Paare weit deutlicher als Judith sie zu erfahren gewünscht hatte. Ihre Mutter that die entgegenkommenden Schritte zu einer Heirath zum Erstaunen, um nicht zu sagen: Entsetzen, ihrer Tochter; und es war ihr in der That ein Trost, als sie in den früheren Briefen dieses unglückseligen Weibes schon Spuren von dem entdeckte, was ihr als Wahnsinn auffiel, oder als eine krankhafte Gemüthsverfassung, die an jenen entsetzlichen Zustand grenzte. Die Antworten Hovey’s waren plump und verriethen Mangel an Bildung, obgleich sie ein hinlängliches Verlangen aussprachen, die Hand einer Frau von ausnehmenden persönlichen Reizen zu erlangen, deren große Verirrung er geneigt war zu übersehen in Betracht des Vortheils, eine ihm in jeder Hinsicht überlegene Gattin zu besitzen, die zudem, wie es schien, nicht ganz ohne Geld war. Das Uebrige von diesem Theile des Briefwechsels war kurz, und beschränkte sich bald auf einige wenige Mittheilungen über Geschäftssachen, worin das unglückliche Weib den abwesenden Gatten zur Eile antrieb in seinen Vorbereitungen, eine Welt zu verlassen, die, wie man anzunehmen Grund genug hatte, für das Eine von Beiden ebenso gefährlich, als für das Andere unangenehm war. Aber Ein Ausdruck war ihrer Mutter entschlüpft, woraus Judith den Beweggründen, die sie veranlaßten, Hutter oder Hovey zu heirathen, auf die Spur kam; sie fand diese in dem Gefühl der Erbitterung, das so oft die Mißhandelten verleitet, sich selbst Leiden zuzufügen, um so feurige Kohlen auf das Haupt derjenigen zu sammeln, durch welche sie gelitten haben. Judith hatte genug von dem lebhaften Geist dieser Mutter, um dieß Gefühl zu begreifen, und einen Augenblick sah sie die ausnehmende Thorheit ein, welche solche rachsüchtige Gefühle die Oberhand gewinnen ließ. Hiermit hörte der historische Theil der Papiere, wenn man so sagen darf, auf. Unter den vermischten Bruchstücken jedoch war eine alte Zeitung, einen Aufruf enthaltend, der eine Belohnung bot für die Festnehmung gewisser, mit Namen aufgeführter Freibeuter, worunter auch Thomas Hovey. Die Aufmerksamkeit des Mädchens ward auf diesen Aufruf und auf diesen Namen insbesondere hingelenkt durch den Umstand, daß beide mit Tinte schwarz unterstrichen waren. Sonst fand sich Nichts unter den Papieren, was zur Entdeckung des Namens oder des Wohnorts von Hutter’s Gattin führen konnte. Alle Daten, Unterschriften und Adressen waren von den Briefen weggeschnitten, und wo ein Wort im Text selbst vorkam, das einen Schlüssel liefern konnte, war es auf’s sorgsamste ausgelöscht. So fand Judith alle ihre Hoffnungen, zu erfahren, Wer ihre Eltern gewesen, getäuscht, und sie war genöthigt, in Betreff ihrer ganzen Zukunft wieder auf ihre eignen Hülfsquellen und Lebensgewohnheiten zurückzukommen. Ihre Erinnerung an ihrer Mutter Benehmen, Gespräche und Leiden ergänzten manche Lücken in den jetzt von ihr entdeckten historischen Umständen; und die Wahrheit stand in ihren allgemeinen Umrissen deutlich genug vor ihr, um ihr in der That alle Lust zu benehmen nach weiteren Details. Sie warf sich wieder auf ihren Sitz zurück und bat einfach ihren Genossen, die Untersuchung der übrigen Artikel in dem Schranke zu beendigen, da er noch Etwas von Wichtigkeit enthalten könne.

»Ich will es thun, Judith; ich will es thun,« versetzte der geduldige Wildtödter, »aber wenn noch mehr Briefe zum Lesen darin sind, werden wir die Sonne wieder am Himmel sehen, ehe Ihr mit dem Lesen fertig geworden! Zwei gute Stunden habt Ihr in diese Stücke Papier hineingeschaut!«

»Sie melden mir von meinen Eltern, Wildtödter, und haben meine Pläne für mein Leben bestimmt. Ein Mädchen ist wohl zu entschuldigen, das von seinem eignen Vater und Mutter liest, und dazu noch zum erstenmal in ihrem Leben. Es thut mir leid, daß ich Euch habe lange warten lassen.«

»Seyd unbekümmert wegen meiner, Mädchen, ganz unbekümmert. Es trägt Wenig aus, ob ich schlafe oder wache; aber obschon Ihr lieblich anzusehen und so schön seyd, Judith, ist es doch nicht ganz angenehm, so lange dazusitzen und Euch Thränen vergießen zu sehen. Ich weiß, daß Thränen nicht umbringen, und daß es manchen Leuten besser wird, wenn sie dann und wann ein paar vergießen, besonders Frauen; aber ich möchte Euch doch immer lieber lächeln als weinen sehen, Judith.«

Diese galante Rede ward belohnt mit einem süßen, obwohl melancholischen Lächeln; und dann bat das Mädchen ihren Genossen noch einmal, die Untersuchung des Schrankes zu beendigen. Das Durchsuchen dauerte nothwendig noch einige Zeit, während welcher Judith ihre Gedanken sammelte und ihre Fassung wieder gewann. Sie nahm an der Durchsuchung keinen Antheil, überließ Alles dem jungen Mann, und beobachtete selbst gleichgültig die verschiedenen Artikel, die zum Vorschein kamen. Es fand sich jedoch Nichts weiter von vielem Interesse oder Werth. Ein paar Degen, wie sie damals Gentlemen trugen, einige Schnallen von Silber, oder so stark plattirt, daß sie von Silber schienen, und einige wenige schöne weibliche Kleidungsstücke waren die wichtigsten Funde. Es fiel indessen Judith und Wildtödtern ein, daß manche von diesen Dingen wohl benutzt werden könnten, eine Unterhandlung mit den Irokesen einzuleiten; nur sah dabei der Letztere eine Schwierigkeit, die der Erstern nicht so in die Augen sprang. Das Gespräch ward zuerst wieder über diesen Umstand angeknüpft.

»Und nun, Wildtödter,« sagte Judith, »können wir von Euch sprechen, und von den Mitteln, Euch aus den Händen der Huronen zu befreien. Ein Theil oder Alles, was Ihr in dem Schrank gesehen habt, wird von mir und Hetty mit Freuden hingegeben, um Euch in Freiheit zu setzen.«

»Nun, das ist großmüthig – ja, es ist durchaus mit freigebigem Herzen und freigebigen Händen gehandelt und großmüthig. Das ist die Art bei Weibern, wenn sie eine Freundschaft fassen, so thun sie Nichts halb, sondern sind so bereit, ihr Hab und Gut hinzugeben, als hätte es gar keinen Werth in ihren Augen. Indessen so sehr ich Euch beiden danke, gerade wie wenn der Handel schon geschlossen, und Rivenoak, oder irgend ein Anderer von den Vagabunden hier wäre, um es in Empfang zu nehmen und den Vertrag zu schließen, sind dennoch zwei Hauptgründe, warum das nimmermehr geschehen kann, und ich kann sie Euch sogleich sagen, damit nicht in Euch unwahrscheinliche Erwartungen, oder in mir nicht zu rechtfertigende Hoffnungen rege werden.«

»Welcher Grund kann vorhanden seyn, wenn Hetty und ich bereit sind, Euretwillen diese Kleinigkeiten hinzugeben, und die Wilden geneigt, sie anzunehmen?«

»Das ist’s, Judith – Ihr habt die rechten Ideen, aber sie sind ein wenig aus der Ordnung gerückt, etwa wie wenn ein Hund der Spur rückwärts statt vorwärts folgte. Daß die Mingo’s geneigt seyn werden, diese Dinge anzunehmen, oder Alles, was Ihr ihnen von der Art noch weiter anbieten mögt, ist wahrscheinlich genug; aber ob sie Etwas dafür vergüten werden, ist eine ganz andere Sache. Fragt Euch selbst, Judith, wenn Euch Jemand eine Botschaft schickte, des Inhalts, für den und den Preis könnt Ihr und Hetty diesen Schrank sammt Allem, was er enthält, haben, würdet Ihr es der Mühe werth halten, über einen solchen Handel viele Worte zu verlieren?«

»Ha, dieser Schrank mit Allem was darin ist, ist schon unser; wir hätten keinen Grund, zu kaufen, was schon unser ist.«

»Gerade so rechnen die Mingo’s! Sie sagen, der Schrank sey schon ihr, oder so gut als ihr, und sie wollen für den Schlüssel Niemand großen Dank sagen.«

»Ich versteh‘ Euch, Wildtödter; sicherlich aber sind wir jetzt noch im Besitz des See’s, und können uns im Besitz behaupten, bis Hurry Truppen schickt, um den Feind zu verjagen. Das können wir sicherlich, vorausgesetzt, daß Ihr bei uns bleiben wollt, statt zurückzukehren und Euch wieder als Gefangner auszuliefern, wie Ihr jetzt entschlossen scheint zu thun.«

»Daß Hurry Harry so schwatzte, ist natürlich, und den Gaben des Mannes gemäß. Er versteht es nicht besser, und daher ist nicht zu erwarten, daß er besser fühlt oder besser handelt; aber Judith, ich lege es Euch an’s Herz und an’s Gewissen – würdet Ihr, könnntet Ihr von mir so vortheilhaft denken, als Ihr jetzt, wie ich hoffe und glaube, thut, wenn ich meinen Urlaub vergäße und nicht in’s Lager zurückkehrte?«

»Vortheilhafter von Euch zu denken, Wildtödter, als ich jetzt schon thue, wäre nicht leicht; aber ich würde fortwährend ebenso vortheilhaft von Euch denken – es scheint mir wenigstens so – ich hoffe ich könnte es; denn eine Welt würde mich nicht verlocken, Euch zu Etwas zu veranlassen, was meine wirkliche Meinung von Euch ändern könnte.«

»Dann sucht nicht mich zur Verletzung meines Urlaubs zu verlocken, Mädchen! Ein Urlaub ist etwas Heiliges unter Kriegern und Männern, die ihr Leben in ihren Händen tragen, wie wir in den Wäldern thun; und welch eine schmerzliche Täuschung würde es für den alten Tamenund, und Unkas, den Vater von Schlange, und meine andern Freunde im Stamme seyn, wenn ich mich auf meinem ersten Kriegspfade entehrte? Dieß gilt, das werdet Ihr auch noch einsehen, Judith, ohne daß man ein Gewicht legt auf natürliche Gaben und eines weißen Mannes Pflichten. Nichts zu sagen vom Gewissen. Das ist König bei mir, und ich suche nie seinen Befehlen zu widersprechen.«

»Ich glaube, Ihr habt Recht, Wildtödter,« versetzte das Mädchen nach kurzem Besinnen und mit trauriger Stimme; »ein Mann wie Ihr darf nicht handeln, wie die Selbstsüchtigen und Unehrenhaften zu handeln geneigt seyn würden; Ihr müßt in der That zurückkehren. Wir wollen denn hiervon nicht weiter sprechen; beredete ich Euch zu Etwas, das Euch nachmals leid wäre, so würde meine Reue nicht kleiner seyn als die Eurige. Ihr sollt nicht sagen dürfen, Judith – ich weiß selbst kaum recht, mit welchem Namen ich mich jetzt nennen soll!« »Und warum nicht? – warum nicht, Mädchen? Kinder führen die Namen ihrer Eltern, naturgemäß, und als eine Art Gabe; und warum solltet Ihr und Hetty nicht auch thun, was Andere vor Euch gethan? Hutter war des alten Mannes Name, und Hutter sollte auch seiner Töchter Name seyn; – wenigstens bis Ihr in gesetzmäßiger und heiliger Ehe weggegeben werdet.«

»Ich bin Judith, und nur Judith,« versetzte das Mädchen mit Bestimmtheit, »bis das Gesetz mir ein Recht auf einen andern Namen gibt. Nie will ich wieder den Thomas Hutter’s führen, und auch, mit meiner Einwilligung, Hetty nicht! Hutter war nicht sein eigentlicher Name, wie ich finde; aber hätte er auch ein tausendfaches Recht darauf, das würde mir keines geben. Er war nicht mein Vater, dem Himmel sey Dank! obwohl ich nicht Grund haben mag, stolz zu seyn auf den, der es war!«

»Das ist sonderbar,« sagte Wildtödter, das aufgeregte Mädchen scharf anstarrend, begierig, Mehr zu erfahren, aber nicht geneigt, sich nach Dingen zu erkundigen, die ihn streng genommen, Nichts angingen; »ja, das ist sehr seltsam und ungewöhnlich! Thomas Hutter war nicht Thomas Hutter, und seine Töchter sind nicht seine Töchter! Wer konnte denn Thomas Hutter seyn, und Wer sind seine Töchter?«

»Hörtet Ihr nie Gerüchte flüstern gegen das frühere Leben dieses Mannes, Wildtödter?« fragte Judith, »Obgleich ich für sein Kind galt, erreichten doch selbst mein Ohr solche Gerüchte.«

»Ich will es nicht läugnen, Judith; nein, ich will es nicht läugnen. Gewisse Dinge wurden gesagt, wie man mir erzählt hat; aber ich bin nicht sehr leichtgläubig gegen Gerüchte. So jung ich bin, habe ich doch lange genug gelebt, um zu lernen, daß es zwei Arten von Charakteren in der Welt gibt: solche, die man sich durch Thaten erwirbt, und solche die man durch Zungen erwirbt; und so ziehe ich es vor, für mich selbst zu sehen und zu urtheilen, statt daß ich jeden Rachen, der sich nur in Bewegung setzen mag, meinen Richter werden lasse. Harry Hurry äußerte sich ziemlich gerade heraus über die ganze Familie, als wir hieher reisten; und er ließ eine Anspielung fallen, daß Thomas Hutter in seinen jungen Jahren ein Freibeuter auf dem Wasser gewesen. Unter Freibeuter verstehe ich, daß er anderer Leute Hab‘ und Gut als freie Beute ansah und davon lebte.«

»Er sagte Euch, er sey ein Seeräuber gewesen – unter Freunden ist es nicht nöthig, die Sachen zu beschönigen. Lest das, Wildtödter, und Ihr werdet sehen, daß er Euch nicht Mehr als die Wahrheit gesagt hat. Dieser Thomas Hovey war der Thomas Hutter, den Ihr kanntet, wie man aus diesen Briefen sieht.«

Wie Judith so sprach mit flammender Wange und mit Augen, die im Glänze wilder Aufregung leuchteten, hielt sie ihrem Genossen das Zeitungsblatt hin, und deutete auf den schon erwähnten Aufruf eines Colonie-Gouverneurs.

»Gott tröste Euch, Judith!« versetzte der Andere lachend, »Ihr könntet eben so gut von mir verlangen, ich solle das drucken oder auch schreiben. Meine Erziehung und Bildung hab‘ ich ganz in den Wäldern erhalten; das einzige Buch, das ich lese, oder lesen mag, ist dasjenige, das Gott aufgeschlagen hat vor allen seinen Creaturen in den edeln Wäldern, breiten Seen, rollenden Strömen, blauen Himmel, Winden, Stürmen, Sonnenschein und andern prächtigen Wundern des Landes! Dieß Buch kann ich lesen, und finde es voll Weisheit und Einsicht.«

»Ich bitte Euch um Verzeihung, Wildtödter,« sagte Judith ernst, mehr beschämt als sie sonst zu seyn pflegte, als sie bemerkte, daß sie unabsichtlich ihrem Genossen eine Anmuthung gemacht, die seinen Stolz verletzen konnte. »Ich hatte Eure Lebensweise vergessen, und am allerwenigsten dachte ich Eurem Gefühl wehe zu thun.«

»Meinem Gefühl wehe zu thun! – warum sollte es meinem Gefühl wehe thun, wenn man von mir verlangt, ich solle lesen, während ich es nicht kann? Ich bin ein Jäger – und ich darf jetzt auch anfangen zu sagen: ein Krieger, und kein Missionär; und daher gelten Bücher und Papier einem Manne wie ich bin, Nichts. Nein, nein, Judith;« und hier lachte der junge Mann herzlich, »nicht einmal zu Pfropfen mag ich sie brauchen, angesehen, daß ein ächter Wildpretschütz immer der Haut eines Rehes sich bedient, wenn er eine solche hat, oder sonst eines Stückes ordentlich zugerichteten Leders. Es gibt Leute, die sagen, Alles was gedruckt ist, sey wahr; in diesem Fall, ich gesteh‘ es, muß ein ungelehrter Mann etwas zu kurz kommen; doch aber kann es nicht wahrer seyn, als was Gott mit eigner Hand gedruckt hat am Himmel, und in den Wäldern, und Strömen und Quellen.«

»Nun gut, also Hutter, oder Hovey, war ein Seeräuber; und da er nicht mein Vater war, kann ich auch nicht wünschen, ihn so zu nennen. Sein Name soll nicht länger mein Name seyn!«

»Wenn Euch der Name dieses Mannes nicht gefällt, so ist ja dann der Name Eurer Mutter da, Judith. Ihr Name kann Euch eben so gut dienen.«

»Ich weiß ihn nicht. Ich habe diese Papiere durchgesehen, Wildtödter, in der Hoffnung eine Andeutung zu finden, vermöge welcher ich entdecken könnte, Wer meine Mutter war; aber ich habe in dieser Beziehung so wenig eine Spur von der Vergangenheit gefunden, als der Vogel bei seinem Flug in der Luft eine zurückläßt.«

»Das ist ungewöhnlich und auch unvernünftig. Eltern sind verpflichtet, ihren Kindern einen Namen zu geben, wenn sie ihnen auch sonst Nichts geben. Nun stamme ich von einer niedrigen Familie, obgleich wir weiße Gaben und eine weiße Natur haben, aber wir sind doch nicht so armselig, daß wir keinen Namen hätten. Bumppo sind wir genannt, und ich habe sagen hören,« hier glühte ein Strahl menschlicher Eitelkeit auf seiner Wange, »daß eine Zeit gewesen, wo die Bumppo’s mehr Ansehen und Einfluß unter den Menschen hatten, als sie jetzt haben.« »Sie verdienten sie nie mehr, als jetzt, Wildtödter, und der Name ist ein guter, Hetty oder ich selbst würden tausendmal lieber Hetty Bumppo, oder Judith Bumppo uns nennen lassen, als Hetty oder Judith Hutter.«

»Das ist eine moralische Unmöglichkeit,« versetzte der Jäger gutmüthig, »falls nicht Eine von Euch sich so weit erniedrigen sollte, mich zu heirathen.«

Judith konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als sie sah, wie einfach und natürlich das Gespräch sich eben auf den Punkt gewendet hatte, wohin es zu führen ihr Augenmerk gewesen war. Obwohl keineswegs unweiblich oder frech, weder in ihren Gefühlen noch in ihrem Benehmen, war das Mädchen doch gestachelt durch das Gefühl nicht ganz verdienter Unbilden, aufgeregt durch die Hülflosigkeit einer Zukunft, die keinen Ruheplatz zu bieten schien, und noch mehr beherrscht von Gefühlen, die ihr eben so neu waren, als sie sich heftig und mächtig zeigten. Die Gelegenheit war daher zu gut, um versäumt zu werden, wiewohl sie ihrem Gegenstand recht auf den Umwegen und mit der vielleicht entschuldbaren List und Gewandtheit eines Weibes näher rückte.

»Ich denke nicht, daß Hetty je heirathen wird, Wildtödter,« sagte sie; »wenn Euer Name von Einer von uns geführt werden soll, so muß ich diese Eine seyn.«

»Es hat auch schöne Weiber gegeben, so sagt man mir, unter den Bumppo’s, Judith, vor diesen Zeiten; und wenn Ihr den Namen Euch gefallen ließet, so ungewöhnlich Ihr seyd in diesem Punkt, Solche, welche die Familie kennen, würden nicht so sehr überrascht seyn.«

»Das ist aber nicht gesprochen, wie es uns Beiden geziemt, Wildtödter; denn was über einen solchen Gegenstand zwischen Mann und Weib verhandelt wird, das sollte im Ernst und mit aufrichtigem Herzen geredet seyn. Der Verschämtheit vergessend, welche in den meisten Fällen Mädchen den Mund schließen muß, bis man zu ihnen spricht, will ich mit Euch so offen sprechen und handeln, wie es nach meiner vollen Ueberzeugung einem Manne von Eurer großmüthigen Natur am liebsten seyn muß. Könnt Ihr glauben – glaubt Ihr, Wildtödter, daß Ihr glücklich seyn könntet mit einem solchen Weibe, wie ein Mädchen, wie ich, eins geben würde?«

»Ein Mädchen wie Ihr, Judith! Aber was hat es für einen Sinn, über so Etwas zu spaßen und zu tändeln? Ein Mädchen wie Ihr, das schön genug ist, um eines Capitains Lady zu werden, und fein genug, und so viel ich verstehe, gebildet genug, kann wohl wenig geneigt seyn, daran zu denken, mein Weib zu werden. Ich denke, junge Mädchen, welche fühlen, daß sie proper und flott sind, und wissen, daß sie schön sind, finden eine gewisse Genugthuung darin, ihre Scherze zu treiben mit Solchen, die keines von beiden sind, wie ein armer Delawaren-Jäger.«

Dieß war in gutmüthigem Tone gesprochen, doch nicht ohne daß sich ein Gefühl verrieth, welches zeigte, daß Etwas, wie verletzte Empfindlichkeit ihren Antheil an dieser Antwort hatte. Nichts hätte begegnen können, was in höherem Grade Judiths großmüthige Reue erregen, oder sie mehr in ihrem Vorhaben bestärken und ihr dabei zu Hülfe kommen mußte, indem so zu ihren andern Beweggründen und Antrieben auch noch der Sporn eines uneigennützigen Wunsches: eine Kränkung gut zu machen, hinzukam, welcher Alles in eine so natürliche und gewinnende Gestalt kleidete, daß dadurch der unangenehme Zug einer ihrem Geschlecht nicht wohl anstehenden vorlauten Zudringlichkeit nicht wenig gemildert wurde.

»Ihr thut mir Unrecht, wenn Ihr mir einen solchen Gedanken oder Wunsch zutraut,« antwortete sie ernst. »Nie in meinem Leben war es mir größerer Ernst, und nie war ich bereitwilliger, bei jeder Verabredung, die wir heute Nacht treffen mögen, fest zu bleiben. Ich habe viele Bewerber gehabt, Wildtödter, – ja, kaum ist ein unverheiratheter Jäger oder Fallensteller seit den letzten vier Jahren an den See gekommen, der mir nicht angeboten hätte, mich mit sich zu nehmen, und ich fürchte auch einige, die verheirathet waren –«

»Ja, das will ich wohl glauben!« unterbrach sie der Andere – »ja, das will ich Alles wohl glauben! Alle zusammengenommen, Judith, trägt die Erde keine Sorte von Menschen, die so selbstsüchtig wäre, und so gleichgültig gegen Gott und sein Gesetz.«

»Nicht Einem von ihnen wollte ich – konnte ich mein Ohr leihen; ein Glück vielleicht für mich, daß dieß so war. Es sind auch gut aussehende junge Männer daruntergewesen, wie Ihr an Eurem Bekannten habt sehen können, an Harry March.«

»Ja Harry ist scheinbar fürs Auge, obwohl, nach meinen Ideen, weniger für das Urtheil. Ich glaubte im Anfang, Ihr seyet gemeint, ihn zu nehmen, ja wirklich: aber eh‘ er wegging, war es leicht genug, sich zu überzeugen, daß dieselbe Hütte nicht groß genug für Euch Beide seyn würde.«

»Ihr habt mir hierin wenigstens Gerechtigkeit widerfahren lassen, Wildtödter. Hurry ist ein Mann, den ich nie heirathen könnte, wenn er auch zehnmal hübscher wäre für das Auge, und ein hundertmal männlicheres Herz besäße, als er hat.«

»Warum nicht, Judith, warum nicht? Ich gestehe, ich bin neugierig zu erfahren, warum ein junger Mann wie Hurry nicht Gunst finden sollte bei einem Mädchen wie Ihr?«

»Dann sollt Ihr es auch erfahren, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, freudig die Gelegenheit benützend, diejenigen Eigenschaften zu preisen, welche sie an dem Frager so lebhaft interessiert hatten, und in der Hoffnung, auf diesem Wege unvermerkt dem ihr am meisten am Herzen liegenden Gegenstand näher zu rücken. »Erstlich ist das Aussehen bei einem Mann von keiner Bedeutung für ein Weib, vorausgesetzt, daß er männlich und nicht entstellt und mißgestaltet ist.«

»Da kann ich Euch nicht ganz beistimmen,« versetzte der Andere nachdenklich, denn er hatte eine sehr bescheidne Meinung von seiner eignen persönlichen Erscheinung; »ich habe bemerkt, daß die hübschesten Krieger gewöhnlich die am besten aussehenden Mädchen des Stammes zu Weibern bekommen; und Schlange drüben, der manchmal wundervoll sich ausnimmt in seiner Bemalung, ist der allgemeine Liebling bei allen jungen Delawarinnen, obgleich er selbst sich an Hist hält, als wäre sie die einzige Schönheit auf der Welt!«

»Es mag so seyn bei den Indianerinnen, aber bei weißen Mädchen ist es ganz anders. Wenn nur der junge Mann einen geraden und männlichen Körper hat, der verspricht, er werde ein Weib zu schützen im Stande seyn, und den Mangel fern vom Hause zu halten, fragen sie nicht weiter nach dem Aussehen. Riesen wie Hurry mögen wohl zu Grenadieren taugen, aber gelten Wenig als Liebhaber. Dann, was das Gesicht betrifft, eine ehrliche Miene, eine, die für das Herz innen bürgt, ist Mehr werth, als Züge oder Farbe, oder Augen, oder Zähne, oder solche Kleinigkeiten. Die letztern mögen wichtig seyn bei Mädchen, aber Wer denkt daran bei einem Jäger, oder Krieger, oder Ehemann! Wenn es so einfältige Weiber gibt, so gehört Judith wenigstens nicht darunter.«

»Nun, das ist wunderbar! Ich dachte immer, Schöne haben Gefallen an Schönen, wie Reiche an Reichen!«

»Es mag so seyn bei den Männern, Wildtödter, aber es ist nicht immer so bei uns Frauen. Wir haben Gefallen an Männern von tüchtigem Herzen, aber wir wünschen sie bescheiden zu sehen, sicher auf einer Jagd oder auf dem Kriegspfad, bereit für das Rechte und Gute zu sterben, und unfähig, dem Unrecht nachzugeben. Vor Allem verlangen wir Ehrlichkeit – Zungen, die sich nicht dazu brauchen lassen, zu sagen, was das Herz nicht meint, und Herzen, die ein Wenig für Andere fühlen, so gut wie für sich selbst. Ein treuherziges Mädchen könnte für einen solchen Gatten sterben, während der prahlerische und doppelzüngige Bewerber dem Auge nachgerade so verhaßt wird, wie er es dem Gemüthe ist.«

Judith sprach mit Bitterkeit, und mit ihrem gewöhnlichen Nachdruck, aber ihr Zuhörer war zu sehr betroffen von der Neuheit der Empfindung, die ihn ergriff, als daß er auf ihren Ton hätte viel achten sollen. Es lag etwas so Wohlthuendes für die Bescheidenheit eines Mannes von seiner Gemüthsart darin, Eigenschaften, welche zu besitzen er sich nothwendig bewußt war, so hoch gepriesen zu hören von dem lieblichsten Mädchen, das er je gesehen, daß für den Augenblick seine Geisteskräfte ganz aufgegangen schienen in einem sehr natürlichen und entschuldbaren Stolze. Da durchzuckte die Idee der Möglichkeit, daß ein Wesen wie Judith seine Lebensgefährtin werden könnte, zum erstenmal sein Gemüth. Das Bild war so lieblich und so neu, daß er länger als eine Minute völlig darin versunken blieb, gänzlich achtlos für die schöne Wirklichkeit, die vor ihm saß, den Ausdruck seines geraden und wahrhaftigen Gesichts mit einer Schärfe beobachtend, die ihr einen sehr schönen, wenn auch nicht durchaus richtigen Schlüssel zu seinen Gedanken gab. Nie zuvor war ein so reizendes Traumgesicht vor dem geistigen Auge des jungen Jägers geschwebt; aber vorzugsweise ans Praktische gewöhnt, und wenig geneigt, sich der Gewalt seiner Einbildungskraft zu unterwerfen, so viel ächtes poetisches Gefühl er auch namentlich in Beziehung auf Gegenstände der Natur besaß, faßte sich seine Vernunft bald wieder, und er lächelte über seine eigne Schwäche, als das Phantasiegebilde vor seinem geistigen Auge entschwand, und er wieder das einfache, ungelehrte, aber sittlich hochstehende Wesen wie zuvor war, in der Arche Thomas Hutter’s, beim Licht der einsamen Lampe dasitzend um Mitternacht, das holde Antlitz der vermeintlichen Tochter des geschiedenen Besitzers ihn anstrahlend mit ängstlich forschenden Blicken.

»Ihr seyd wundervoll schön, und verlockend und lieblich anzuschauen, Judith!« rief er in seiner Einfalt, als die Wirklichkeit ihre Macht über die Phantasie behauptete. »Wundervoll! Ich erinnere mich nicht, je ein so schönes Mädchen gesehen zu haben, selbst nicht unter den Delawaren; und ich bin nicht erstaunt darüber, daß Hurry Harry ebenso erbittert als getäuscht fortging!«

»Hättet Ihr gewollt, Wildtödter, daß ich das Weib eines Mannes wie Henry March geworden wäre?«

»Es spricht Manches zu seinen Gunsten, und wieder Anderes gegen ihn. Nach meinem Geschmack würde Hurry nicht eben den besten Ehemann abgeben, aber ich fürchte, der Geschmack der meisten jungen Weiber hier herum würde sich nicht so hart über ihn aussprechen.«

»Nein – nein – Judith ohne einen Namen würde nimmermehr einwilligen, Judith March genannt zu werden! Alles wäre noch besser als das

»Judith Bumppo würde nicht so gut lauten, Mädchen; und noch manche Namen würden, was den Wohlklang fürs Ohr betrifft, gegen March zurückstehen.«

»Ach! Wildtödter, der Wohlklang in solchen Fällen kommt nicht durch’s Ohr, sondern durch’s Herz. Alles ist angenehm, wenn das Herz davon befriedigt ist! Wäre Natty Bumppo Henry March, und Henry March Natty Bumppo, so würde mir der Name March schöner vorkommen als er ist; oder wäre er Ihr, so würde ich den Namen Bumppo abscheulich finden!«

»Das ist es gerade – ja, das ist der Grund der Sache. So ich, ich bin von Natur ein Feind von Schlangen, und hasse selbst das Wort, was, wie mir die Missionäre sagen, in der menschlichen Natur liegt, wegen einer gewissen Schlange bei der Erschaffung der Welt, welche das erste Weib überlistete; und doch seitdem Chingachgook den Titel sich erworben, den er jetzt trägt, ha, jetzt ist der Laut meinem Ohr so angenehm, als das Pfeifen des Ziegenmelkers an einem heitern Abend, ja gewiß! Die Gefühle machen allen Unterschied auf der Welt, Judith, in der Natur der Laute; ja sogar auch beim Aussehen.«

»Das ist so wahr, Wildtödter, daß ich überrascht bin darüber daß Ihr es bemerkenswerth findet, wenn ein Mädchen, welches selbst ziemlich hübsch seyn mag, es nicht für nothwendig hält, daß ihr Gatte denselben Vorzug, oder was Euch als ein Vorzug erscheint, besitze. Mir gilt das Aeußere an einem Manne Nichts, vorausgesetzt, daß sein Gesicht so ehrlich ist wie sein Herz.«

»Ja, Ehrlichkeit ist ein großer Vortheil auf die Länge; und die es am ehesten vergessen am Anfang, lernen das oft am besten am Ende. Aber doch, Judith, gibt es Mehrere, die auf den augenblicklichen Gewinn eher sehen, als auf den Segen, der nachher erst kommt. Jenen halten sie für etwas Gewisses, und diesen für etwas Ungewisses. Ich bin aber froh, daß Ihr die Sache im rechten Licht anseht, und nicht in der Art, wie so Viele, die sich gerne selbst täuschen.«

»Ich sehe sie so an, Wildtödter,« versetzte das Mädchen mit Nachdruck, immer noch mit dem Zartgefühl des Weibes zurückbebend von einem unmittelbaren Antrage ihrer Hand, »und kann von Grund meines Herzens versichern, daß ich lieber mein Glück einem Manne anvertrauen würde, auf dessen Wahrhaftigkeit und Gemüth man sich verlassen kann, als einem falschzüngigen und falschherzigen Elenden, der Kisten voll Gold, und Häuser und Ländereien hätte – ja, säße er selbst auf einem Thron!«

»Das sind wackre Worte, Judith; es sind recht wackre Worte; aber meint Ihr, daß die Gefühle gleichen Schritt damit halten würden, wenn die Wahl wirklich vor Euch läge? Wenn ein munterer und galanter Herr in einem Scharlachrock auf der einen Seite stände, sein Kopf duftend wie der Fuß eines Hirsches, sein Gesicht glatt und blühend wie das Eurige, seine Hände so weiß und weich, als ob Gott nicht darüber ausgesprochen hätte, daß der Mann im Schweiß seines Angesichts sein Brod essen soll, und sein Schritt so leicht, als Tanzmeister und ein leichtes Herz ihn nur immer machen können; und auf der andern Seite stände Einer, der seine Tage in der freien Luft verlebt hat, bis seine Stirne so roth geworden wie seine Wange, der sich durch Moräste und Büsche hindurchgearbeitet, bis seine Hand so rauh geworden wie die Eichen, unter denen er schlief; der die Witterung des Wildes verfolgt hat, bis sein Schritt so verstohlen geworden wie der des Panthers und der keinen Wohlgeruch an sich hätte, als welchen die Natur in der freien Luft und im Walde gibt – wenn jetzt diese beiden Männer hier ständen, als Werber um Eure Neigung; welcher, glaubt Ihr, würde Eure Gunst gewinnen?«

Judiths schönes Angesicht flammte; denn das Bild, das ihr Gesellschafter so unbefangen entworfen von einem lustigen Officier der Garnisonen, war einst ihrer Phantasie besonders angenehm gewesen, obwohl Erfahrung und Täuschung jetzt nicht nur alle ihre Gefühle erkältet, sondern ihnen auch eine entgegengesetzte Richtung gegeben hatte, und das vorübergehende Bild übte einen augenblicklichen Einfluß auf ihre Empfindungen; aber auf die ihr in’s Gesicht getretene Röthe folgte eine so tödtliche Blässe, daß sie ganz geisterhaft erschien.

»So wahr Gott mein Richter ist,« antwortete das Mädchen feierlich, »ständen diese beiden Männer vor mir, wie denn der Eine, ich darf es sagen, wirklich vor mir steht, meine Wahl würde, wenn ich mein eigenes Herz kenne, auf den Letztern gehen. Ich wünsche mir keinen Gatten, der irgend vornehmer ist als ich.«

»Das ist lieblich zu hören, und könnte einen jungen Mann wohl verführen, eine Zeit lang seine eigene Unwürdigkeit zu vergessen, Judith! Indeß, Ihr bedenkt doch kaum Alles, was Ihr sprecht! Ein Mann wie ich, ist zu roh und zu unwissend für ein Mädchen, das eine solche Mutter gehabt hat, sie zu lehren; Eitelkeit ist natürlich, glaub‘ ich; aber eine solche Eitelkeit würde die Vernunft überschreiten!«

»Dann wißt Ihr nicht, wessen eines Weibesherz fähig ist! Roh seyd Ihr nicht, Wildtödter, auch kann der nicht unwissend genannt werden, der, was vor seinen Augen ist, so genau studirt hat wie Ihr! Wenn die Neigung im Spiele ist, erscheinen alle Dinge in ihren lieblichsten Farben, und Kleinigkeiten werden übersehen oder vergessen. Wenn es im Herzen Sonnenschein ist, so ist Nichts düster und selbst trüb aussehende Gegenstände erscheinen hell und heiter; und so wäre es auch bei Euch und dem Mädchen, das Euch liebte, obwohl Euer Weib vielleicht in manchen Dingen Euch überlegen seyn möchte, wie die Welt es nennt.«

»Judith, Ihr stammt von viel vornehmeren Leuten in der Welt ab, als ich; und ungleiche Ehen, wie ungleiche Freundschaften, nehmen selten ein gutes Ende. Ich rede von dieser Sache ganz als von einer bloßen Einbildung, sintemal es von Euch wenigstens nicht wahrscheinlich ist, daß Ihr sie als Etwas behandeln solltet, was wirklich zu Stande kommen könnte.«

Judith heftete ihre tiefblauen Augen auf das offene, freimüthige Gesicht ihres Genossen, als wollte sie in seiner Seele lesen. Nichts verrieth hier einen versteckten Sinn, und sie war genöthigt, sich selbst zu gestehen, daß er das Gespräch als eine bloße Erörterung mehr von Grundsätzen als von Thatsachen betrachtete, und daß er noch ohne allen Verdacht sey, ihre Gefühle möchten ernstlich bei dem Ausgang und Ergebniß betheiligt seyn. Zuerst fühlte sie sich gekränkt; dann sah sie die Ungerechtigkeit ein, die Bescheidenheit und Selbsterniedrigung des Jägers ihm zum Verbrechen zu machen; und diese neue Schwierigkeit verlieh dem Stand der Dinge einen eigenthümlichen Reiz, der ihr Interesse für den jungen Mann wohl noch steigerte. In diesem kritischen Augenblick blitzte in ihrem Geist eine Veränderung ihres Planes auf, und mit einer Raschheit der Erfindung, welche besonnenen und geistesgegenwärtigen Menschen eigen ist, faßte sie jetzt einen Entwurf, der ihn, wie sie hoffte, wirksam und sicher an sie binden sollte. Dieser Entwurf trug eben so Viel von der Fruchtbarkeit ihrer Erfindungsgabe, als von der Entschiedenheit und Kühnheit ihres Charakters an sich. Damit jedoch das Gespräch nicht zu rasch abbreche, oder ein Verdacht von ihrer Absicht in Wildtödter rege werde, beantwortete sie seine letzte Bemerkung so ernst und wahrhaft, als wäre ihr ursprüngliches Vorhaben ganz unverändert geblieben.

»Ich habe gewiß keinen Grund, mich meiner Abstammung zu rühmen, nach dem, was ich heute Nacht erfahren habe,« sagte das Mädchen in traurigem Tone. »Ich habe eine Mutter gehabt, das ist wahr; aber nicht einmal ihren Namen weiß ich; und was meinen Vater betrifft, so ist es vielleicht besser, ich erfahre nie, Wer er gewesen, damit ich nicht zu bitter von ihm spreche!«

»Judith!« sagte Wildtödter, freundlich ihre Hand ergreifend und mit einer männlichen Aufrichtigkeit, die dem Mädchen an’s Herz griff, »es ist besser, wir sprechen heute Nacht Nichts weiter. Schlaft über dem, was Ihr gesehen und empfunden habt; am Morgen nehmen sich vielleicht Dinge, die jetzt düster erscheinen, freundlicher aus. Vor Allem, thut nie Etwas in der Bitterkeit des Herzens, oder weil Euch so zu Muthe ist, als nähmet Ihr gern an Euch selbst Rache für anderer Leute Verkehrtheiten. Alles was heute Nacht zwischen uns gesprochen und verhandelt worden, ist Euer Geheimniß, und ich werde nie davon reden, selbst nicht mit Schlange; und seyd gewiß, wenn er es nicht aus mir heraus kriegt, so kriegt es Niemand heraus. Wenn Eure Eltern sündhaft gewesen sind, so sey es die Tochter desto weniger; bedenkt, daß Ihr jung seyd, und die Jungen dürfen immer auf bessere Zeiten hoffen; daß Ihr schnelleren Verstandes seyd als gewöhnlich ist, und Solche meist leichter über Schwierigkeiten wegkommen, und daß Eure Schönheit eine ungemeine ist; das ist ein Vortheil bei Allen. Es ist Zeit, ein wenig Ruhe zu genießen, denn Morgen wird wohl für Eins oder das Andere von uns ein Tag heißer Prüfung werden.«

Mit diesen Worten stand Wildtödter auf, und Judith hatte keine Wahl als ihm zu folgen. Der Schrank ward geschlossen und verwahrt, und sie trennten sich schweigend; sie ging, um neben Hist und Hetty ihr Lager einzunehmen, und er suchte sich einen Teppich aus dem Boden der Cajüte, worin er war. Es dauerte kaum fünf Minuten, so lag der junge Mann schon in tiefem Schlafe; das Mädchen aber wachte noch lange. Sie wußte selbst nicht, sollte sie bedauern oder sich freuen, daß ihr nicht gelungen, sich verständlich zu machen. Einerseits war ihrem weiblichen Zartgefühl ein Opfer erspart, andererseits aber empfand sie den Verdruß, ihre Hoffnungen vereitelt, oder doch hinausgeschoben zu sehen, und die Ungewißheit einer so dunkel aussehenden Zukunft. Dann kam der neue Entschluß und der kecke Plan für Morgen; und als Schläfrigkeit ihr endlich die Augen schloß, war das Letzte, was sie noch schauten, ein Bild des glücklichen Erfolges, das ihre Phantasie unter dem Einfluß eines sanguinischen Temperaments und einer glücklichen Erfindungsgabe entwarf und ausmalte.

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

»So lange Edward herrscht im Land,
Hier nie der Kriegsgott ruht.
Es fallen Söhn‘ und Gatten Euch,
Und Eure Ström‘ füllt Blut.«
»O, Ihr verließt den rechten Herrn,
Als er im Mißgeschick; –
Sterbt für die gute Sach‘, gleich mir,
O kehrt zu ihm zurück!«
Chatterton

Die Ruhe des Abends stand wieder in eigenthümlichem Contrast mit den Leidenschaften der Menschen, während sein düster anwachsendes Dunkel in ebenso eigenthümlichem Einklang damit stand. Die Sonne war unter, und die Strahlen des geschiedenen Gestirns hatten aufgehört, die Ränder der wenigen Wolken zu vergolden, welche hinlängliche Risse hatten, um sein erbleichendes Licht durchzulassen. Der Wolkenbaldachin oben am Himmel war schwer und dicht, und verhieß wieder eine dunkle Nacht, aber die Fläche des See’s war kaum von einem Wellchen gekräuselt. Es wehte ein kleiner Luftzug – Wind konnte man es eigentlich nicht nennen. Doch hatte er, da er schwül und feucht war, eine gewisse Kraft. Die Gesellschaft im Castell war so trüb und schweigsam wie die Scene. Die beiden ausgelösten Gefangenen fühlten sich gedemüthigt und entehrt, aber ihre Beschämung hatte Etwas von der Erbitterung und Tücke der Rachsucht. Sie waren weit mehr geneigt, der Unwürdigkeit zu gedenken, mit der sie während der letzten paar Stunden ihrer Gefangenschaft behandelt worden waren, als Dankbarkeit zu fühlen für die vorhergegangene Milde. Und dann stachelte sie der scharfäugige Mahner, das Gewissen, indem er ihnen Alles, was sie erduldet, als verhängt von einer vergeltenden Gerechtigkeit darstellte, dennoch vielmehr ihren Grimm ihre Feinde entgelten zu lassen, als sich selbst anzuklagen. Die Uebrigen waren nachdenklich, halb aus Leid, halb aus Freude. Wildtödter und Judith hatten mehr die erstgenannte Empfindung, während Hetty für den Augenblick vollkommen glücklich war. Dem Delawaren gewährte ebenfalls die Aussicht, sobald seine Verlobte wieder zu gewinnen, lachende Bilder des Glückes. Unter solchen Umständen, und in solcher Stimmung, nahmen Alle das Abendbrod ein.

»Alter Tom!« rief Hurry in ein krampfhaftes, lärmendes Gelächter ausbrechend, »Ihr saht zum Erstaunen einem gebundenen Bären gleich, wie Ihr auf den Tannenzweigen ausgestreckt da laget, und ich wundre mich nur, daß Ihr nicht ärger brummtet. Nun, es ist vorüber und Seufzen und Wehklagen bessern die Sache nicht mehr! Da ist der Spitzbube Rivenoak, der uns hieherbrachte, der hat einen außerordentlichen Skalp, für den ich selbst so Viel gebe wie die Colonie. Ja, es ist mir jetzt, als wäre ich so reich wie der Gouverneur, was diese Sachen betrifft, und ich will Doublone gegen Doublone setzen. Judith, Schätzchen, habt Ihr recht um mich getrauert, als ich in den Händen dieser Philipsteiner war?«

Dieser Name bezeichnete eine Familie von deutscher Abkunft am Mohawk, gegen welche Hurry einen großen Widerwillen hegte, und die er mit den Feinden Judäas vermengt hatte.

»Unsre Thränen haben den See anschwellen machen, Harry March, wie Ihr an der Küste hättet sehen können«, versetzte Judith mit angenommenem Leichtsinn, von dem ihr Inneres weit entfernt war. »Daß Hetty und ich uns um den Vater grämten, war zu erwarten; aber um Euch ließen wir förmlich Thränen regnen.«

»Wir waren in Sorgen und Leid um den armen Hurry, wie um den Vater, Judith,« fiel ihre unschuldige und arglose Schwester ein.

»Wahr, Mädchen, wahr; aber wir fühlen Sorge und Leid, um Jeden der in Noth ist, weißt du,« erwiederte die Andere rasch, in zurechtweisendem aber leisem Tone, »dennoch aber, es freut uns, Euch zu sehen, Meister March, und das dazu erlöst aus den Händen der Philipsteiner.«

»Ja, es ist eine böse Rotte, und so ist auch die andre Brut, abwärts den Strom. Es ist mir zum Verwundern, wie Ihr uns los bekamet, Wildtödter; und ich verzeihe Euch Eure Einmischung, welche mich hinderte, an diesem Vagabunden Gerechtigkeit zu üben, in Betracht dieses kleinen Dienstes. Weiht uns in das Geheimniß ein, damit wir Euch im Fall der Noth denselben Dienst leisten können. Habt Ihr es mit Lügen oder mit Schmeicheln ausgerichtet?«

»Durch keines von beiden, Hurry, sondern durch Kaufen. Wir zahlten ein Lösegeld für Euch Beide, und das dazu ein so hohes, daß Ihr wohl thun würdet, auf Eurer Hut zu seyn, und Euch nicht noch einmal fangen zu lassen, weil sonst unser Vorrath an Gütern nicht ausreichen würde.«

»Ein Lösegeld! – Nun dann hat der alte Tom den Spielmann bezahlt, denn all‘ mein‘ Sach‘ hätte nicht das Haar, viel weniger die Haut losgekauft. Ich hätte nicht geglaubt, eine so wilde Rotte wie jene Vagabunden, würden einen Burschen so leicht wieder auf und loslassen, wenn sie ihn einmal fest gepackt und am Boden hätten. Aber Geld ist Geld, und es ist immer unnatürlich schwer, ihm zu widerstehen. Indianer oder Weißer, es ist so ziemlich das Gleiche. Man muß gestehen, Judith, es ist doch eigentlich ein gut Theil menschliche Natur in den Leuten überhaupt!«

Hutter stand jetzt auf, winkte Wildtödter, und führte ihn in ein inneres Gemach, wo er auf seine Frage zuerst den Preis erfuhr, der für seine Freilassung war bezahlt worden. Der alte Mann drückte weder Unwillen noch Ueberraschung aus über den Eingriff in seinen Schrank, den man sich erlaubt hatte, obwohl er einige Neugier an den Tag legte, zu erfahren, wie weit die Untersuchung von dessen Inhalt gegangen sey. Auch erkundigte er sich, wo man den Schlüssel gefunden habe. Wildtödters gewohnte Offenherzigkeit hinderte jede Täuschung, und die Besprechung endigte sich bald mit der Rückkehr Beider in das äußere Gemach, welches dem doppelten Behufe des Wohnzimmers und der Küche diente.

»Es soll mich wundern, ob Friede ist oder Krieg zwischen uns und den Wilden,« rief Hurry, gerade als Wildtödter, der einen Augenblick geschwiegen hatte, aufmerksam horchte und ohne sich aufzuhalten durch die äußere Thüre schritt. »Diese Zurückgabe von uns Gefangenen hat ein freundschaftliches Ansehen, und wenn Männer mit einander verkehrt und gehandelt haben auf einen ehrlichen und ehrenhaften Fuß, so sollten sie für das Mal wenigstens als gute Freunde scheiden. Kommt zurück, Wildtödter, und gebt uns Eure Meinung, denn ich fange an, Mehr von Euch zu halten, seit Eurem neuesten Benehmen, als ich früher that.«

»Hier ist eine Antwort auf Eure Frage, Hurry, wenn Ihr ja solchen Drang und Eile habt, wieder zum Schlagen zu kommen!«

Mit diesen Worten warf Wildtödter auf den Tisch, auf den sich der Andere mit dem einen Ellbogen stemmte, eine Art von Miniatur-Holzbündel, bestehend aus einem Dutzend Stecken, die mit einem Riemen von Wildleder eng zusammengebunden waren. March ergriff es begierig, hielt es ganz nahe an ein flammendes Tannenholzscheit, das auf dem Heerde lag, und von dem alles Licht im Zimmer ausging, und überzeugte sich, daß die Enden der sämmtlichen Stecken in Blut getaucht waren.

»Wenn das nicht gut Englisch ist,« sagte der trotzige Grenzmann, »so ist es doch gut Indianisch! Da haben wir was sie drunten in York eine Kriegserklärung nennen, Judith. Wie kamt Ihr zu diesem Zeichen der Herausforderung, Wildtödter?«

»Einfach genug. Es lag vor noch nicht einer Minute auf Floating Tom’s Thorhof, wie ihr es nennt.«

»Wie kam es dahin? Es fiel doch nicht aus den Wolken, Judith, wie manchmal kleine Kröten, und dann regnet es auch nicht. Ihr müßt darthun, woher es kommt, Wildtödter, sonst argwohnen wir einen Anschlag, Leuten Angst einzujagen, die längst ihren Verstand verloren hätten, wenn Furcht ihn verscheuchen könnte.«

Wildtödter hatte sich einem Fenster genähert und warf einen Blick hinaus auf den dunkel daliegenden See. Zufrieden scheinend mit dem, was er geschaut, trat er zu Hurry, nahm den Bündel Stecken in seine Hand, und besichtigte sie genau.

»Ja, es ist eine indianische Kriegserklärung, ganz gewiß,« sagte er, »und es ist ein Beweis, wie wenig Ihr gewöhnt seyd an den Weg, den sie gemacht hat, Hurry March, daß sie hieher kommen konnte, ohne daß Ihr die Art und Weise begreift. Die Wilden mögen Euch den Skalp auf dem Kopf gelassen, aber sie müssen Euch die Ohren abgeschnitten haben; sonst hättet Ihr das Rauschen des Wassers gehört, das der Junge verursachte, als er wieder auf seinen zwei Baumstämmen herfuhr. Sein Auftrag war, diese Stecken vor unsre Thüre zu werfen, was so viel sagen will: wir haben seit dem Handel in den Kriegspfahl gehauen, und unser Nächstes wird seyn, auf Euch einzuhauen.«

»Die herumstreichenden Wölfe! Aber reicht mir die Büchse, Judith, so will ich den Vagabunden durch ihren Boten eine Antwort schicken.«

»Nicht, solang ich dabei bin, Meister March,« entgegnete kaltblütig Wildtödter, und winkte dem Mädchen, es zu unterlassen. »Wort ist Wort, sey es einer Rothhaut oder einem Christen gegeben. Der Junge zündete ein Scheit an, und fuhr bei dessen Licht offen herüber, uns diese Warnung zu überbringen, und kein Mensch hier darf ihm ein Leid thun, während er eine solche Sendung ausführt. Worte nützen Nichts, denn der Knabe ist zu schlau, um den Spahn fortbrennen zu lassen, nachdem sein Gewerbe bestellt ist, und auch die Nacht ist zu dunkel, um mit einer Büchse irgend sicher zielen zu können.«

»Das mag wahr genug seyn von einem Gewehr, aber noch ist ein Canoe zu Etwas zu brauchen,« antwortete Hurry, mit ungeheuren Schritten, eine Büchse in der Hand, auf die Thüre zugehend. »Der Mensch lebt nicht, der mich hindern soll zu folgen, und des Wurmes Skalp zurückzubringen. Je Mehrere von ihnen Ihr im Ei zerdrückt, desto Weniger werden Euch in den Wäldern anfallen!«

Judith zitterte wie eine Espe, sie wußte selbst kaum warum, obwohl alle Aussicht auf eine Scene der Gewaltthat vorhanden war; denn wenn Hurry trotzig und übermüthig war im Bewußtseyn seiner Stärke, so besaß Wildtödter die ruhige Festigkeit, welche größere Beharrlichkeit verspricht, und eine Entschlossenheit, die mehr Aussicht hat ihren Zweck zu erreichen. Es war mehr das finstere, entschlossene Auge des Letztern, als die aufbrausende Heftigkeit des Erstern, was ihre Besorgniß rege machte. Hurry erreichte bald den Ort, wo das Canoe befestigt war, aber schon hatte auch Wildtödter mit dem Delawaren in raschem, ernstem Tone in seiner Sprache gesprochen. Dieser war in der That der Erste gewesen, der den Laut der Ruder vernommen hatte, und war in eifersüchtiger Wachsamkeit auf die Plattform getreten. Das Licht überzeugte ihn, daß eine Botschaft komme, und als ihm der Junge das Bündel Stecken vor die Füße warf, so erregte dieß weder seinen Zorn, noch überraschte es ihn. Er blieb nur auf seinem Wachtposten, die Büchse in der Hand, um sich zu versichern, daß keine Verrätherei hinter der Herausforderung laure. Da ihm jetzt Wildtödter rief, trat er in das Canoe, und entfernte schnell wie ein Gedanke die Ruder. Hurry war wüthend, als er sich der Mittel zur Ausführung seines Vorsatzes beraubt sah. Zuerst näherte er sich dem Indianer mit lauten Drohungen, und selbst Wildtödter war in tödtlicher Angst wegen der möglichen Folgen. March schüttelte seine hammerartigen Fäuste und schwang die Arme, als er auf den Indianer zutrat, und Alle erwarteten, er werde den Delawaren zu Boden zu werfen versuchen; Einer von ihnen wenigstens wußte wohl, daß Blutvergießen die unmittelbare Folge eines solchen Versuchs seyn müßte. Aber selbst Hurry ward etwas unheimlich zu Muth bei der finstern Fassung und Haltung des Häuptlings, und auch er wußte, daß ein solcher Mann sich nicht ungestraft mißhandeln ließ; daher wandte er sich, um seine Wuth an Wildtödter auszulassen, wo er keine so schreckliche Folgen voraussah. Was das Ergebniß dieser zweiten Demonstration gewesen wäre, wenn es zur Thätlichkeit gekommen wäre, läßt sich nicht sagen, aber es kam nicht so weit.

»Hurry!« sagte eine sanfte, begütigende Stimme dicht an seiner Seite, »es ist sündhaft, so grimmig zu seyn, und Gott wird es nicht übersehen. Die Irokesen haben Euch gut behandelt, und Euch den Skalp nicht genommen, obgleich Ihr und Vater ihnen die ihrigen nehmen wolltet.«

Die Macht der Milde und Sanftmuth über die Leidenschaft ist bekannt. Auch hatte Hetty sich eine Art Schätzung erworben, die man ihr früher nie zugestanden hatte, durch die Aufopferung und Entschlossenheit ihrer jüngsten Handlungsweise. Vielleicht steigerte ihre anerkannte Geistesschwäche, die jeden Verdacht beseitigte, als wolle sie sich eine Herrschaft anmaßen, ihren Einfluß. Wie nun aber die Ursache erklärt und gedeutet werden mochte, die Wirkung war gewiß genug. Statt seinen alten Reisegenossen zu würgen, kehrte sich Hurry gegen das Mädchen, und ergoß einen Theil seines Mißmuthes, wenn auch nicht seines Zorns, in ihr aufmerksames Ohr.

»Es ist zu schlimm, Hetty!« rief er aus; »so schlimm als ein Grafschaftsgefängniß, oder ein Biberfehljahr, eine Creatur in die Falle bekommen, und sie dann wieder los und ledig lassen! So viel als sechs Häute erster Qualität ist an Werth fortgerudert auf den plumpen Baumstämmen, während zwanzig Schläge einer wohlgeführten Ruderschaufel sie einholen würden. Ich sage an Werth, denn was den Jungen nach der Natur betrifft, so ist er eben ein Knabe, und nicht Mehr noch Weniger werth, als jeder Andere. Wildtödter, Ihr seyd untreu gewesen gegen Eure Freunde, daß Ihr einen solchen Vortheil meinen und auch Euren Händen entschlüpfen ließet.«

Die Antwort darauf ward mit Ruhe gegeben, aber in einem so festen Tone, wie nur immer eine furchtlose Natur und das Bewußtseyn der Rechtlichkeit ihn machen konnten. »Ich wäre dem, was recht ist, untreu geworden, hätte ich anders gehandelt,« erwiederte Wildtödter mit Fassung, »und weder Ihr noch sonst Jemand hat die Befugniß, das von mir zu verlangen. Der Junge kam in einem rechtmäßigen Auftrag, und die elendeste Rothhaut, die sich in den Wäldern umtreibt, hätte sich geschämt, seine Sendung nicht zu respektiren. Aber er ist jetzt außer dem Bereich Eures Zornes, Meister March, und es hilft Wenig, wie ein Paar Weiber von dem zu schwatzen, was nicht mehr zu ändern ist.«

Mit diesen Worten wandte sich Wildtödter weg, wie entschlossen, keine Worte weiter über der Sache zu verschwenden, während Hutter Hurry am Ermel zupfte und ihn in die Arche zog. Hier saßen sie lang in heimlicher Besprechung. Mittlerweile hatten auch der Indianer und sein Freund ihre geheime Berathung; denn obgleich es noch drei oder vier Stunden waren bis zum Aufgang des Sterns, konnte sich doch Jener nicht enthalten, seinen Plan vorzubereiten, und sein Herz gegen den Andern zu öffnen. Auch Judith gab sich ihren sanftern Gefühlen hin und hörte Hetty’s ganze kunstlose Erzählung von Allem, was sich begeben, nachdem sie an’s Land getreten, an. Die Wälder hatten wenig Schrecknisse für diese beiden Mädchen, so wie sie erzogen und gewohnt waren, täglich ihre weite, üppige Ausbreitung zu schauen, oder unter ihren dunkeln Schatten zu wandeln; aber das fühlte die ältere Schwester, daß sie sich bedacht haben würde, sich so allein in das Lager der Irokesen zu wagen. Im Betreff Hist’s war Hetty nicht sehr mittheilsam. Sie sprach von ihrer Güte und Sanftmuth und von ihrer Begegnung im Walde; aber das Geheimniß Chingachgook’s bewahrte sie mit einer Schlauheit und Treue, welche manches Mädchen von schärferem Verstande schwerlich bewährt haben dürfte.

Endlich wurde den verschiednen Besprechungen ein Ende gemacht durch Hutter’s Wiedererscheinen auf der Plattform. Hier versammelte er die ganze Gesellschaft, und theilte ihr von seinen Absichten mit, so Viel ihm passend dünkte. Den von Wildtödter gemachten Plan, das Castell während der Nacht zu verlassen und sich auf die Arche zu flüchten, billigte er ganz. Es leuchtete ihm ebenso wie früher den Andern ein, als das einzige wirksame Mittel, dem Verderben zu entgehen. Jetzt, nachdem die Wilden ihr Augenmerk auf Erbauung von Flößen gerichtet, konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß sie wenigstens einen Versuch machen würden, das Gebäude zu nehmen, und die Sendung der blutigen Stecken bewies hinlänglich ihr Vertrauen auf einen glücklichen Erfolg. Kurz, der alte Mann sah die Nacht als entscheidend an, und forderte Alle auf, sich so bald als möglich bereit zu machen, die Wohnung wenigstens für einige Zeit, wo nicht für immer zu verlassen.

Nachdem diese Mitteilungen gemacht waren, wurde Alles rasch und mit Einsicht betrieben: das Castell ward in der schon angegebenen Weise geschlossen, die Canoe’s unter dem Dock weggenommen und mit dem andern an der Arche befestigt; die wenigen Bedürfnisse, die man noch im Hause gelassen, wurden in die Cajüte geschafft, das Feuer ausgelöscht und Alle schifften sich ein.

Die Nähe der Hügel mit ihrer Tannenbekleidung hatte die Wirkung, daß finstere Nächte auf dem See noch dunkler als gewöhnlich waren. Wie immer jedoch, zog sich ein vergleichungsweise lichter Streifen mitten durch den Wasserspiegel, während die Finsterniß im Bereich der Schatten der Berge am schwersten auf dem Gewässer lastete. Die Insel, oder das Castell, stand innerhalb dieses Streifens, der verhältnißmäßig licht war, aber dennoch war die Nacht so dunkel, daß sie die Abfahrt der Arche dem Auge verbarg. Auf die Entfernung eines Beobachters von der Küste aus konnten ihre Bewegungen gar nicht gesehen werden, zumal da ein Hintergrund von dunkeln Bergen die Perspektive von jedem Gesichtspunkt begrenzte, den man schräg oder in gerader Linie über das Wasser hin nahm. Der vorherrschende Wind auf den Seeen dieser Gegend ist der Westwind, aber wegen der durch die Berge gebildeten Thaleinschnitte ist es häufig unmöglich, die eigentliche Richtung der Luftströmungen anzugeben, da sie oft in kleinen Entfernungen und Zeiträumen wechseln. Dieß gilt mehr von leichten, schwankenden Luftstößen, als von steten Lüftchen, obschon man in allen gebirgigen Gegenden und schmalen Gewässern recht gut weiß, daß auch die Stöße von den letztern unsicher und täuschend sind. Im gegenwärtigen Falle war Hutter selbst, als er die Arche von ihrem Ankerplatz neben der Plattform wegdrängte, in Verlegenheit zu sagen, welcher Wind wehe. In der Regel wurde diese Schwierigkeit gelöst durch die Wolken, die, hoch über den Bergspitzen schwebend, natürlich den eigentlichen Luftströmungen folgten; aber jetzt schien das ganze Himmelsgewölbe eine massive, finstre Mauer. Keine Oeffnung irgend einer Art war sichtbar, und Chingachgook zitterte schon, das Nichtaufgehen des Sterns möchte seine Verlobte abhalten, ihrem Versprechen pünktlich nachzukommen. Unter diesen Umständen zog Hutter sein Segel wie es schien nur in der Absicht auf, von dem Castell wegzukommen, da es gefährlich seyn mochte, viel länger in dessen Nähe zu verweilen. Der Wind schwellte bald das Tuch, und als das Fahrzeug in Bewegung kam, und das Segel gehörig aufgezogen war, zeigte sich’s, daß die Richtung südlich, mit einer Abweichung nach der östlichen Küste, war. Da sich für die Absichten der Gesellschaft keine bessere Richtung fand, ließ man das eigenthümliche Fahrzeug in dieser Richtung über eine Stunde auf der Wasserfläche hintreiben, als ein Wechsel in der Luftströmung sie hinüber dem Lager zu trieb.

Wildtödter beobachtete alle Bewegungen Hutter’s und Harry’s mit eifersüchtiger Wachsamkeit. Anfänglich wußte er nicht, ob er die Richtung, die sie hielten, dem Zufall oder einer Absicht zuschreiben sollte; aber jetzt begann er letzteres zu argwöhnen. So vertraut mit dem See, wie Hutter war, mußte es ihm eine leichte Sache seyn, Einen zu täuschen, der wenig Uebung auf dem Wasser hatte; und was immer seine Absichten seyn mochten, so Viel war, ehe zwei Stunden verstrichen, klar, daß die Arche so viel Wegs zurückgelegt, daß sie sich nur hundert Ruthen von der Küste entfernt und gerade in Einer Linie mit der bekannten Lage des indianischen Lagers befand. Eine ziemliche Zeit, ehe man diesen Punkt erreicht, hatte Hurry, der einige Kenntniß der Algonquinsprache besaß, eine heimliche Unterredung mit dem Indianer gehabt, und das Ergebniß ward jetzt von diesem dem Wildtödter mitgetheilt, der ein kalter, um nicht zu sagen mißtrauischer Beobachter alles Bisherigen gewesen.

»Mein alter Vater und mein junger Bruder, die Große Tanne,« – denn diesen Namen hatte der Delaware March gegeben – »möchten Huronenskalpe an ihren Gürteln sehen,« sagte Chingachgook zu seinem Freunde. »Es ist Raum für einige an dem Gürtel der Schlange, und sein Volk wird nach solchen sehen, wenn er zurückkommt in sein Dorf. Ihre Augen dürfen nicht lange in einem Nebel bleiben, sondern sie müssen sehen, was sie suchen und erwarten. Ich weiß, daß mein Bruder eine weiße Hand hat; er mag nicht einmal die Todten beschädigen. Er wird auf uns warten; wenn wir zurückkommen, wird er sein Angesicht nicht verbergen aus Schaam für seinen Freund. Die Große Schlange der Mohikans muß werth seyn, auf dem Kriegspfad zu schreiten mit Falkenauge.«

»Ja, ja, Schlange, ich sehe wie es ist; der Name soll mir bleiben, und bald werde ich unter ihm, statt unter dem Wildtödters bekannt seyn; nun gut, wenn solche Ehren kommen, so muß sie sich der Bescheidenste von uns gern gefallen lassen. Daß Ihr Euch nach Skalpen umseht, das gehört zu Euern Gaben, und ich sehe nichts Arges daran. Aber seyd barmherzig, Schlange; seyd barmherzig, darum bitte ich Euch. Es kann sicherlich der Ehre einer Rothhaut nicht schaden, etwas Barmherzigkeit zu zeigen. Was den alten Mann betrifft, den Vater der zwei Mädchen, die bessere Gefühle in seiner Brust zur Reife bringen sollten, und Harry March da, der, so eine hohe Tanne er ist, wohl besser die Früchte eines mehr christlichen Baumes tragen dürfte, was die Zwei betrifft, so stelle ich sie den Händen des Gottes der Weißen anheim. Wären nicht die blutigen Stecken, so sollte kein Mensch heute Nacht gegen die Mingo’s ausziehen, sintemal es unsre Treue und unsern Ruf entehren würde; aber die da Blut begehren, können sich nicht beklagen, wenn Blut vergossen wird auf ihre Aufforderung. Aber dennoch, Schlange, könnt Ihr barmherzig seyn. Beginnt Eure Laufbahn nicht unter dem Wehklagen von Weibern und dem Geheule von Kindern. Benehmt Euch so, daß Hist lächeln wird und nicht weinen, wenn sie Euch wieder sieht. Geht denn jetzt, und der Manitou schütze Euch!«

»Mein Bruder wird hier mit dem Fahrzeug warten. Wah! wird bald wartend an der Küste stehen, und Chingachgook muß eilen.«

Dann begab sich der Indianer zu seinen zwei Mitabenteurern, und nachdem sie zuerst das Segel herabgelassen, traten sie alle Drei in ein Canoe und stießen von der Arche ab. Weder Hutter noch March sprachen mit Wildtödter von ihrem Vorhaben, oder von der muthmaßlichen Dauer ihrer Abwesenheit, Alles dieß war dem Indianer anvertraut worden, der sich seines Auftrags mit charakteristischer Kürze entledigt hatte. Sobald man das Canoe aus dem Gesicht verloren – und das war der Fall, ehe die Ruder zwölf Schläge gethan hatten, traf Wildtödter die besten Vorkehrungen, die in seiner Macht standen, um die Arche so viel als möglich auf demselben Punkte beharren zu machen, und dann setzte er sich auf dem Ende der Fähre nieder, um an seinen bittern Gedanken zu kauen. Es stand jedoch nicht lang an, bis Judith sich zu ihm gesellte, die jede Gelegenheit aufsuchte, in seiner Nähe zu seyn, und ihre Angriffe auf seine Neigung mit der Geschicklichkeit ausführte, welche ihr angeborene Coketterie an die Hand gab, unterstützt von einer nicht kleinen Uebung, die aber ihre gefährliche Macht hauptsächlich von dem Anflug von Gefühl erhielt, die ihr Benehmen, Stimme, Ton, Gedanken und Handlungen mit dem unbeschreiblichen Zauber natürlicher Zärtlichkeit und Weichheit umkleidete. Wir verlassen den jungen Jäger, diesen gefährlichen Angreifern preisgegeben, und erfüllen die dringendere Pflicht, der Gesellschaft in dem Canoe an die Küste zu folgen.

Das gewaltige Motiv, das Hutter und Hurry zur Wiederholung ihres Versuchs gegen das feindliche Lager trieb, war genau dasselbe, das ihre erste Unternehmung veranlaßt hatte, etwas verstärkt vielleicht durch Rachgier. Aber Keiner von diesen zwei rauhen Wesen, so gefühllos in Allem, was die Rechte und Interessen der rothen Menschen betraf, obwohl in andern Dingen nicht ohne Regungen menschlicher Empfindung, war in bedeutendem Maße durch andere Beweggründe geleitet, als von herzloser Gewinnsucht. Hurry hatte zwar gleich Anfangs nach seiner Befreiung Zorn über seine durchgemachten Leiden gefühlt, aber dieser Affekt war bald verschwunden über der ihm zur andern Natur gewordenen Sucht nach Gold, nach dem er mehr mit der gewissenlosen Gier eines bedürftigen Verschwenders, als mit dem unablässigen Verlangen eines Geizigen trachtete. Kurz, das Motiv, das sie trieb, so bald wieder gegen die Huronen auszuziehen, war eine zur Gewohnheit gewordene Verachtung ihrer Feinde, welche zugleich die rastlose Habsucht, die der Verschwendung Mittel liefern mußte, in Bewegung setzte. Bei der Entwerfung des zweiten Planes jedoch nahmen auch die verstärkten Aussichten auf Erfolg ihre Stelle ein. Man wußte, daß ein großer Theil der Krieger, vielleicht alle, für die Nacht gerade gegenüber dem Castell sich gelagert hatten, und man hoffte, die Skalpe hülfloser Opfer würden die Folgen hiervon seyn. Die Wahrheit zu gestehen: Hutter besonders – er, der so eben zwei Töchter verlassen hatte – hoffte in dem Lager Wenige sonst außer Weibern und Kindern zu treffen. Auf diesen Umstand hatte er in seinen Besprechungen mit Hurry nur leise hingedeutet, und gegen Chingachgool hatte man ihn ganz aus dem Auge gelassen. Wenn der Indianer überhaupt daran dachte, so war das Niemand bekannt als ihm.

Hutter steuerte das Canoe; Hurry hatte mannhaft seinen Posten vorn eingenommen, und Chingachgook stand in der Mitte. Wir sagen stand; denn alle drei waren so geschickt in der Handhabung dieser Art von gebrechlichen Barken, daß sie im Stande waren, mitten in der Dunkelheit aufgerichtet darin zu stehen. Die Annäherung an die Küste geschah mit großer Vorsicht, und die Landung erfolgte ungefährdet. Jetzt setzten die Drei ihre Waffen in Bereitschaft, und begannen wie Tiger sich dem Lager zu nähern. Der Indianer war der Vorderste, und seine Begleiter traten in seine Fußtapfen mit einer verstohlenen Vorsicht, die ihre Schritte beinahe in buchstäblichem Sinne geräuschlos machte. Manchmal knackte ein dürrer Zweig unter der schweren Wucht des gigantischen Hurry, oder der ungeschickten Plumpheit des alten Mannes; aber wäre der Indianer auf der Luft dahingewandelt, sein Schritt hätte nicht leichter seyn können. Die Hauptaufgabe war, zuerst die Stellung des Feuers zu entdecken, das, wie man wußte, den Mittelpunkt des Lagers bildete. Endlich wurde das scharfe Auge Chingachgook’s dieses wichtigen Wegweisers ansichtig. Es glimmte in einiger Entfernung zwischen den Baumstämmen; es war seine Flamme, sondern nur ein verglühender Brand, wie es der Stunde gemäß war; denn die Wilden begeben sich gewöhnlich zur Ruhe und stehen auf mit dem Unter- und Aufgang der Sonne.

Sobald man dieses Feuersignals ansichtig geworden, schritten die Abenteurer rascher und sicherer vorwärts. In wenigen Minuten gelangten sie an den Rand des Kreises von kleinen Hütten. Hier machten sie Halt, um das Terrain in’s Auge zu fassen, und ihre Bewegungen zu verabreden. Die Finsterniß war so dicht, daß es schwer war, irgend Etwas zu unterscheiden außer dem glühenden Brand, den Stämmen der nächsten Bäume und dem endlosen Blätterdach, das den umwölkten Himmel verschleierte. Es wurde jedoch ausgemittelt, daß eine Hütte ganz in der Nähe war, und Chingachgook machte den Versuch, das Innere derselben auszukundschaften. Die Art, wie sich der Indianer dem Orte näherte, wo man Feinde vermuthete, glich dem tückischen Heranschleichen der Katze auf den Vogel. Als er nahe herankam, ließ er sich auf Hände und Kniee nieder, denn der Eingang war so nieder, daß er diese Stellung, als noch die bequemste, fast nothwendig gebot. Ehe er jedoch den Kopf hineinstreckte, horchte er lange, um Athemzüge von Schlafenden zu erlauschen. Kein Ton war zu hören, und diese menschliche Schlange schob den Kopf zur Thüre oder zu der Oeffnung hinein, wie eine eigentliche Schlange in das Nest würde hineingekrochen seyn. Kein Lohn vergalt das gefahrvolle Wagestück; denn als er vorsichtig mit der Hand umhertastete, fand er die Hütte leer.

In derselben behutsamen Weise kroch der Delaware noch in ein Paar Von den Hütten, fand aber alle in gleichem Zustand. Dann kehrte er zu seinen Genossen zurück, und benachrichtigte sie, daß die Huronen ihr Lager verlassen hätten. Einige weitere Nachforschung bestätigte dieß, und es blieb Nichts übrig, als in das Canoe zurückzukehren. Die verschiedene Art, wie die Abenteurer diese Täuschung ihrer Hoffnungen ertrugen, verdient eine flüchtige Bemerkung. Der Häuptling, der nur an’s Land gestiegen war, in der Hoffnung, Ruhm zu ernten, stand, an einen Baum gelehnt, unbeweglich da, die Ansicht und den Willen seiner Begleiter abwartend. Er war zwar gekränkt und etwas überrascht; aber er ertrug Alles mit Würde, und tröstete sich wegen des Unfalls mit den süßern Erwartungen, die ihm für diesen Abend noch vorbehalten blieben. Zwar konnte er jetzt nicht hoffen, seiner Geliebten entgegenzutreten, geschmückt mit den Zeichen seiner Kühnheit und Geschicklichkeit, aber er durfte doch noch hoffen, sie zu sehen; und der Krieger, der sich so eifrig in der Aufsuchung zeigte, durfte immer noch hoffen geehrt zu werden. Hutter und Hurry dagegen, die hauptsächlich durch das gemeinste aller Motive menschlichen Handelns, durch Gewinnsucht, waren angelockt worden, konnten ihre Affekte kaum zügeln. Sie streiften wüthend zwischen den Hütten herum, als hofften sie noch ein verlassenes Kind oder einen sorglosen Schläfer irgendwo zu treffen; und zu wiederholten Malen ließen sie ihren Grimm an den empfindungslosen Hütten aus, von denen einige wirklich in Stücke gerissen und auf dem Platz umhergestreut wurden. Ja, sie haderten auch unter einander, und heftige Vorwürfe wurden zwischen ihnen gewechselt. Es ist möglich, daß ernstere Folgen eingetreten wären, hätte sich nicht der Delaware in’s Mittel gelegt und sie an die Gefahr erinnert, sich so unvorsichtig zu benehmen, und an die Nothwendigkeit, zur Arche zurückzukehren. Dieß erstickte den Streit, und nach wenigen Minuten ruderten sie rasch zurück nach der Stelle, wo sie das Fahrzeug zu finden hofften.

Es wurde schon erzählt, daß bald nach der Abfahrt der Abenteurer Judith sich neben Wildtödter setzte. Eine kleine Weile blieb das Mädchen schweigsam, und der Jäger wußte nicht, welche von den Schwestern sich ihm genähert hatte; aber bald erkannte er die metallreiche, lebhafte Stimme der älteren, als sie ihren Gefühlen in Worten Luft mochte.

»Das ist ein schreckliches Leben für Frauen, Wildtödter!« rief sie aus. »Wollte Gott, ich sähe ein Ende davon ab!«

»Das Leben ist gut genug, Judith,« war die Antwort, »es ist eben so ziemlich, je nachdem man es gebraucht oder mißbraucht. Was wünschtet Ihr Euch denn dafür?«

»Ich würde tausendmal glücklicher feyn, wenn ich näher bei civilisirten Menschen lebte, – wo Pachthöfe und Häuser und will’s Gott von Christenhänden gebaute Häuser sind; und wo mein Schlaf bei Nacht süß und ruhig wäre! Eine Wohnung in der Nähe der Forts wäre weit besser, als der traurige Ort, wo wir leben!«

»Nein, Judith, ich kann nicht allzuleicht die Wahrheit von all diesem zugeben. Wenn Forts gut sind, Feinde abzuhalten, so enthalten sie dafür oft selbst Feinde. Ich glaube nicht, daß es zu Eurem oder Hetty’s Besten wäre, in der Nähe von einem zu wohnen; und wenn ich sagen soll, was ich denke, so fürchte ich, Ihr seyd so schon zu nahe dabei.« Wildtödter fuhr fort in der ihm eigenen gefaßten, ernsten, gleichmüthigen Weise, denn die Dunkelheit verbarg ihm die Gluten, welche die Wangen des Mädchens mit glänzendem Purpur überzogen hatten, während ihre eigene heftige Anstrengung die Töne des gewaltsamen Athmens, das sie fast ersticken wollte, unterdrückte. »Was Pachthöfe betrifft, die haben ihren Nutzen, und es gibt Leute, die gern ihr Leben darauf zubringen; aber welches Behagen kann ein Mensch von einer Lichtung hoffen, das er nicht in doppeltem Maß im Walde finden kann? Wenn es mit Luft, und Raum, und Licht etwas knapp zugeht, so liefern das die Windfluchten und die Ströme, oder da sind ja die Seen für Solche, die in dieser Hinsicht stärkere Wünsche haben; aber wo findet Ihr Eure Schatten, und lachenden Quellen, und hüpfenden Bäche, und ehrwürdigen, tausendjährigen Bäume auf einer Lichtung? Ihr findet sie nicht, sondern Ihr findet nur ihre verstümmelten Stämme, als Landmarken, wie Grabsteine auf einem Kirchhof. Mir scheint es, daß die Leute, die an solchen Orten leben, immer an ihr eignes Ende und an allgemeinen Verfall denken müssen, und zwar nicht an den Verfall, den Zeit und Natur herbeiführen, sondern an den Verfall, der auf Verheerung und Gewaltthat folgt. Dann was Kirchen betrifft, die sind gut, glaube ich, sonst würden nicht gute Leute sie erbauen und erhalten. Aber sie sind nicht durchaus nothwendig. Sie nennen sie Tempel des Herrn; aber Judith, die ganze Erde ist ein Tempel des Herrn für Solche, welche das rechte Gemüth dafür haben. Weder Forts noch Kirchen an sich machen die Menschen glücklicher. Indem ist in den Ansiedlungen Alles Widerspruch, während in den Wäldern Alles Einklang ist. Forts und Kirchen sind fast immer bei einander, und doch sind sie gerade Gegensätze; Kirchen sind ja für den Frieden, und Forts für den Krieg. Nein, nein – ich lobe mir die festen Plätze der Wildniß, nemlich die Bäume, und auch die Kirchen, nemlich die Hallen, die die Hand der Natur aufgeführt.«

»Das Weib ist nicht gemacht für Scenen, wie diese, Wildtödter; Scenen, von denen kein Ende abzusehen ist, so lange dieser Krieg währt.«

»Wenn Ihr Weiber von weißer Farbe meint, so glaube ich fast, Ihr seyd nicht weit vom Wahren entfernt, Mädchen; was aber die Weiber der rothen Männer betrifft, so sind solche Auftritte ganz nach ihrem Charakter. Nichts würde Hist zum Beispiel, die Verlobte Braut dieses Delawaren, glücklicher machen, als wenn sie wüßte, daß er in diesem Augenblick unter seinen natürlichen Feinden herumstreift und nach einem Skalpe trachtet.«

»Wahrhaftig, Wildtödter, wahrhaftig, sie kann doch kein Weib seyn, ohne Sorge zu fühlen, wenn sie denkt, der Mann, den sie liebt, sey in Gefahr!« »Sie denkt nicht an die Gefahr, Judith, sondern an die Ehre; und wenn das Herz auf’s Aeußerste auf solche Gefühle versessen ist, ha, dann bleibt wenig Raum übrig, daß sich die Furcht einschleichen könnte. Hist ist eine gutmüthige, sanfte, lachende, angenehme Creatur, aber sie liebt die Ehre so sehr als irgend ein Delawarisches Mädchen meiner Bekanntschaft. Sie soll Schlange binnen einer Stunde treffen auf dem Vorsprung, wo Hetty landete; und ohne Zweifel hat sie auch ihre Aengste darüber, wie jedes andre Weib; aber sie wäre nur um so glücklicher, wüßte sie, daß ihr Geliebter in diesem Augenblick einem Mingo, seines Skalpes wegen, aufpaßt.

»Wenn Ihr das wirklich glaubt, Wildtödter, kein Wunder dann, daß Ihr ein so großes Gewicht auf die Gaben legt. Ich weiß gewiß, kein weißes Mädchen könnte sich anders als elend fühlen, so lang sie ihren Geliebten in Lebensgefahr wüßte! Auch glaube ich, selbst Ihr, so unerschütterlich und ruhig Ihr immer scheint, könntet schwerlich Ruhe haben, wenn Ihr Eure Hist in Gefahr glaubtet.«

»Das ist ein andres Ding – das ist ein ganz andres Ding, Judith. Das Weib ist zu schwach und zart, um für solche Gefahren bestimmt zu seyn, und der Mann muß für sie fühlen. Ja, ich glaube fast, das ist ebenso rothe Natur wie weiße. Aber ich habe keine Hist, und werde schwerlich eine bekommen; denn ich halte es nicht für Recht, irgend wie die Farben zu mischen, außer in Freundschaft und Dienstleistungen.«

»Darin seyd und fühlt Ihr, wie es einem weißen Manne ziemt! Was den Hurry Harry betrifft, so glaube ich, ihm wäre Alles gleich, ob sein Weib eine Indianerin oder eine Gouverneurs-Tochter wäre, vorausgesetzt nur, sie wäre ein wenig hübsch, und könnte ihm dazu helfen, seinen gierigen Magen immer zu füllen,«

»Ihr thut March Unrecht, Judith, ja das thut Ihr! Der arme Kerl ist vernarrt in Euch, und wenn ein Mann sich wirklich eine solche Kreatur in den Kopf gesetzt hat, so wird ihm schwerlich ein Mingo- oder selbst ein Delawaren-Mädchen mehr den Kopf verrücken. Ihr mögt lachen über solche Männer, wie Harry und ich sind, denn wir sind rauh und ungelehrt in Büchern und andern Kenntnissen, aber wir haben unsre guten Seiten, wie unsre schlechten. Ein redliches Herz ist nicht zu verachten, Mädchen, wenn es auch nicht bewandert ist in all den Zierlichkeiten, die einem weiblichen Geschmack gefallen.«

»Ihr, Wildtödter! Und meint Ihr – könnt Ihr einen Augenblick glauben, ich stelle Euch Harry March an die Seite? Nein, nein. So weit bin ich nicht in der Thorheit und Blindheit gekommen. Niemand – Mann oder Weib – könnte daran lenken, Euer redliches Herz, Euer mannhaftes Wesen und Eure einfache Wahrheitsliebe zusammen mit der lärmenden Selbstsucht, der schmutzigen Habsucht und der übermüthigen Wildheit Henry March’s zu nennen. Das Beste noch, was von ihm gesagt werden kann, ist in seinem Namen Hurry Skurry zu finden, der, wenn nicht viel Schlimmes, auch eben nicht viel Gutes besagt. Sogar mein Vater, mit dem Andern der Befriedigung seiner Neigungen und Gefühle nachgehend, wie eben im jetzigen Augenblick, erkennt doch wohl den Unterschied zwischen Euch. Das weiß ich, denn das hat er mir selbst offen erklärt.«

Judith war ein Mädchen von schnellen Empfindungen und von ungestümen Gefühlen; und da sie wenig von dem Zwang wußte, welcher die Offenbarung der Gemüthsbewegungen junger, weiblicher Seelen bei Solchen beschränkt und hemmt, die in den Sitten und Gewohnheiten des civilisirten Lebens aufwachsen, verrieth sie die ihrigen mit einer Offenheit, die so rein natürlich war, daß sie weit über den Künsten der Koketterie stand, ebenso wie über ihrer Herzlosigkeit. Sie hatte sogar jetzt eine der harten Hände des Jägers ergriffen und sie mit ihren beiden Händen gedrückt, mit einer Wärme und einem Ernst, die zeigten, wie aufrichtig ihre Sprache war. Es war vielleicht ein Glück, daß sie gerade durch das Uebermaß ihrer Gefühle zum Schweigen genöthigt wurde, denn dieselbe Gewalt hätte sie dahin bringen können, Alles zu gestehen, was ihr Vater gesagt, – denn der Alte hatte sich nicht mit einer für Wildtödter vortheilhaften Vergleichung zwischen Hurry und dem Jäger begnügt, sondern auch in seiner derben, plumpen Weise seine Tochter kurz und gut angewiesen, den Erstern gänzlich fahren zu lassen, und sich darauf gefaßt zu machen, des Letztern Weib zu werden. Judith würde das nicht gern einem andern Manne gesagt haben, aber die arglose Treuherzigkeit Wildtödters erweckte so viel Vertrauen, daß ein Wesen von ihrem Naturell in beständiger Versuchung sich fühlen mußte, die Grenzen der Gewohnheit zu überspringen. Sie ging jedoch nicht weiter, ließ augenblicklich seine Hand wieder los, und nahm wieder die Zurückhaltung an, die ihrem Geschlecht und in der That auch ihrer natürlichen Sittsamkeit gemäßer war.

»Dank Euch, Judith, dank Euch von ganzem Herzen,« versetzte der Jäger, dem seine Bescheidenheit verbot, von dem Benehmen oder von der Sprache des Mädchens eine schmeichelhafte Auslegung zu machen, »Dank Euch, so herzlich, als wenn Alles wahr wäre. Harry fällt in’s Auge, ja er fällt in’s Auge wie die größte Tanne dieser Berge, und Schlange hat ihn dem entsprechend benamst; aber Manche finden Geschmack an gutem Aussehen, und Manche nur an guter Handlungsweise. Hurry hat Einen Vortheil und es kommt auf ihn an, ob er auch den andern haben soll, oder – horcht! Das ist Eures Vaters Stimme, und er spricht wie Einer, der über etwas ergrimmt ist.«

»Gott bewahre uns vor weitern solchen entsetzlichen Scenen!« rief Judith, ihr Gesicht zu den Knieen herunterbeugend und bestrebt, indem sie sich mit den Händen die Ohren zuhielt, die widerlichen Töne von sich fern zu halten. »Ich wünschte manchmal, ich hätte keinen Vater!« Sie sagte dieß mit Bitterkeit, und die quälenden Erinnerungen, die ihr diese Worte auspreßten, wurden bitter von ihr gefühlt. Es ist unmöglich zu sagen, was sie noch weiter hätte äußern mögen, hätte nicht eine sanfte, leise Stimme dicht an ihrer Seite gesprochen.

»Judith, ich hätte Vater und Hurry ein Kapitel lesen sollen!« sagte die unschuldige aber geängstigte Sprecherin, »das würde sie abgehalten haben, auf ein solches Unternehmen auszuziehen. Ruft Ihr ihnen, Wildtödter, und sagt ihnen, ich verlange nach ihnen, und es werde für sie Beide gut seyn, wenn sie umkehren und meinen Worten horchen.«

»Ach Gott! – arme Hetty, Ihr wißt wenig von der Gier nach Geld und Rache, wenn Ihr glaubt, sie lasse sich so leicht von ihrem Bestreben abziehen! Aber das ist ein ganz seltsamer Handel, in mehr als einer Weise, Judith! Ich höre Euren Vater und Hurry brüllen wie Bären, und doch kommt kein Laut aus dem Munde des jungen Häuptlings. Das Geheimthun hat sein Ziel gefunden, und doch schweigt sein Kriegsruf, der nach der Regel unter solchen Umständen an den Bergen widerhallen sollte!«

»Die Gerechtigkeit hat ihn vielleicht ereilt, und sein Tod hat das Leben von Unschuldigen gerettet!«

»Nicht so – nicht so – die Schlange ist es nicht, der es entgelten müßte, wenn das das Gesetz seyn sollte. Gewiß hat kein Angriff stattgefunden, und es ist höchst wahrscheinlich, daß die Männer das Lager verlassen gefunden haben und mit getäuschter Hoffnung zurück kommen. Das erklärt das Gebrülle Hurry’s und das Schweigen der Schlange.«

Gerade in diesem Augenblicke hörte man im Canoe einen Ruderschlag fallen, denn der Verdruß hatte March ganz rücksichtslos gemacht, und Wildtödter war jetzt von der Richtigkeit seiner Vermuthung überzeugt. Da das Segel herabgelassen, war die Arche nicht weit geschwommen, und nach wenigen Minuten hörte er Chingachgook in leisem, ruhigem Tone Huttern Anweisung geben, wie er steuern sollte, um sie zu erreichen. In kürzerer Zeit als die Erzählung erfordert, erreichte das Canoe die Fähre, und die Abenteurer stiegen auf diese herüber. Weder Hutter noch Hurry sprachen von dem Vorgefallenen; der Delaware aber sprach, als er an seinem Freunde vorbeikam, nur die Worte: »das Feuer ist aus!« Die, wenn nicht buchstäblich wahr, doch dem Andern die Wahrheit zur Genüge erklärten.

Jetzt entstand die Frage, in welcher Richtung steuern. Eine kurze, mürrische Berathung wurde gehalten, wo Hutter entschied: das Klügste würde seyn, in beständiger Bewegung zu bleiben – als das sicherste Mittel, jeden Versuch einer Ueberraschung zu vereiteln; und zugleich kündigte er seine und March’s Absicht an, sich für den Verlust des Schlafs während ihrer Gefangenschaft schadlos zu halten, und sich niederzulegen. Da der Wind noch immer umschlug und leicht wehte, wurde am Ende beschlossen, vor ihm her zu segeln, komme er von welcher Richtung er wolle, so lange er nur die Arche nicht an den Strand treibe. Nachdem dieser Punkt festgesetzt war, halfen die befreiten Gefangenen die Segel aufziehen, und warfen sich dann auf zwei Pritschen, Wildtödter und seinem Freund überlassend, nach den Bewegungen der Arche zu sehen, da Keiner von den Letztern zu schlafen gesonnen war. Wegen der Verabredung mit Hist war diese Auftheilung der Rollen allen Theilen recht und daß Judith und Hetty auch aufblieben, verminderte in keiner Weise die Annehmlichkeiten der den Wachehaltenden zugetheilten Rolle.

Eine Zeit lang trieb die Fähre mehr an der westlichen Küste hin, als daß sie segelte, einer leisen südlichen Luftströmung folgend. Die Bewegung war langsam, nicht über ein paar Meilen in der Stunde, aber die zwei Männer bemerkten, daß sie sie nicht blos dem Punkte zu führte, den sie zu erreichen wünschten, sondern auch in einem Verhältniß der Schnelligkeit, wie es gerade die noch übrige Zeit erforderte. Aber Wenig ward in dieser Zeit gesprochen, selbst von den Mädchen, und dieß Wenige bezog sich mehr auf die Befreiung Hist’s, als auf andere Gegenstände. Der Indianer war dem äußern Anschein nach ruhig; aber wie Minute um Minute verstrich, wurden seine Gefühle immer aufgeregter, bis sie einen Stand erreichten, der die Ansprüche selbst der begehrlichsten Geliebten würde befriedigt haben. Wildtödter steuerte das Fahrzeug so viel in den Buchten hin, als die Vorsicht erlaubte, mit dem gedoppelten Zweck, unter dem Schatten der Wälder zu segeln, und Zeichen von einem Lager auf der Küste zu entdecken, an dem sie etwa vorbeikämen. In dieser Weise hatten sie einen tiefgelegenen Vorsprung umsegelt, und befanden sich schon in der Bai, welche zur nördlichen Grenze das Ziel hatte, auf welches sie los gingen. Das letztere war noch eine Viertelmeile entfernt, als Chingachgook schweigend zu seinem Freunde trat, und auf einen Punkt hindeutete, gerade vor ihnen. Ein kleines Feuer brannte gerade am Saum der Büsche, welche die Küste auf der Südseite des Absprungs einfaßten – und ließ keinen Zweifel daran übrig, daß die Indianer ihr Lager eben an den Platz, oder wenigstens auf den Landvorsprung verlegt hatten, wohin Hist sie beschieden!

Sechszehntes Kapitel.

Sechszehntes Kapitel.

Von Sonnschein du dem Thale bringst –
Von Blumen süße Kunden;
Mir aber du ein Mährchen singst
Von geisterhaften Stunden.
Wordsworth.

Die am Schluß des vorigen Kapitels gemeldete Entdeckung war in Wildtödters und seines Freundes Augen von großer Bedeutung. Fürs Erste war die Gefahr, ja beinahe die Gewißheit vorhanden, daß Hutter und Hurry einen neuen Versuch gegen dieß Lager unternehmen würden, falls sie aufwachten und dessen Position erkannten. Dann war es bedenklicher zu landen, um Hist aufzunehmen, und dann mußte auch überhaupt Unsicherheit und mußten weitere schlimme Wechselfälle die Folge des Umstandes seyn, daß ihre Feinde angefangen, ihre Stellung zu ändern. Da der Delaware wußte, daß die Stunde nahe war, wo er an dem verabredeten Punkte sich einstellen sollte, dachte er nicht weiter an Trophäen, die er seinen Feinden abziehen wollte, und eine der ersten Verabredungen zwischen ihm und seinem Genossen war die, die beiden Andern fortschlafen zu lassen, damit sie nicht die Ausführung ihres Plans durch einen neuen, von ihnen ausgesonnenen, durchkreuzten und vereitelten. Die Arche rückte langsam vor, und hatte in diesem Verhältniß der Schnelligkeit eine volle Viertelstunde gebraucht, den Landvorsprung zu erreichen, wodurch sie Zeit zu weiterem Bedenken gewannen. Die Indianer, in der Absicht, ihr Feuer dem Auge der im Castell (nach ihrem Wahne) Befindlichen zu entziehen, hatten es so nahe der südlichen Küste des Vorsprungs angezündet, daß es äußerst schwer hielt, hinter den Büschen die Aussicht zu versperren, obgleich Wildtödter die Richtung der Fähre nach Rechts und Links veränderte, in der Hoffnung dieß bewirken zu können.

»Einen Vortheil hat es, Judith, daß wir das Feuer so nahe beim Wasser finden,« sagte er, während er diese kleinen Manöuvers ausführte: »es zeigt uns, daß die Mingo’s uns in der Hütte glauben, und daß unser Herankommen von dieser Seite ein Ereigniß ist, das sie nicht erwarten. Aber es ist ein Glück, daß Harry March und Euer Vater schlafen, sonst würden sie wieder auf Skalpe Jagd machen wollen. Ha! so – jetzt fangen die Büsche an, das Feuer dem Auge zu entziehen – und jetzt sieht man es gar nicht mehr!«

Wildtödter wartete eine Weile, um sich zu versichern, daß er die gewünschte Stellung eingenommen, worauf er das verabredete Signal gab, und Chingachgook den Anker auswarf und das Segel herunterließ.

Die Lage, in welcher sich die Arche jetzt befand, hatte ihre Vortheile und ihre Nachtheile. Das Feuer war dem Auge dadurch entzogen worden, daß man der Küste entlang hinsteuerte, und dadurch war man dieser vielleicht näher, als wünschenswerth, gekommen. Aber man wußte, daß weiter einwärts im See das Wasser sehr tief war, und unter den Umständen, worin die Gesellschaft sich befand, war es, wenn immer möglich, zu vermeiden, in tiefem Wasser den Anker zu werfen. Man glaubte auch, es könne auf Meilen weit kein Floß um den Weg seyn; und obgleich die Bäume in der Dunkelheit beinahe auf die Fähre hereinzuhängen schienen, war es doch Wohl nicht leicht, sich ihr zu nähern und an Bord zu kommen, ohne sich eines Bootes zu bedienen. Auch die dichte Finsterniß, welche mit dem Wald verschwistert herrschte, diente als ein wirksamer Schirm und Schild, und so lang man sich recht hütete, kein Geräusch zu machen, war wenig oder keine Gefahr, entdeckt zu werden. Auf dieß Alles machte Wildtödter Judith aufmerksam, und unterwies sie, was sie zu thun hätte, falls Lärm entstände; denn man erachtete es für undienlich im höchsten Grade, die Schläfer zu wecken, außer im allerdringendsten Nothfall.

»Und jetzt, Judith, da wir einander verstehen, ist es Zeit, daß Schlange und ich uns in das Canoe begeben,« schloß der Jäger. »Der Stern ist zwar noch nicht aufgegangen, aber er muß jetzt bald kommen, obwohl heute Nacht schwerlich Einer von uns wird viel von ihm zu sehen bekommen vor den Wolken. Jedoch Hist hat einen entschlossenen und klugen Geist, und sie gehört zu Denen, die nicht gerade immer nöthig haben, Etwas vor Augen zu haben, um es zu sehen. Ich stehe Euch dafür, sie fehlt nicht um zwei Minuten und nicht zwei Fuß breit, wenn nicht die eifersüchtigen Vagabunden dort, die Mingo’s, aufmerksam geworden sind, und sie hingesetzt haben als eine Locktaube, um uns zu fangen, oder sie fortgeschleppt und versteckt, um sich gefaßt zu machen auf einen Huronen, statt eines Mohikan, zum Gatten.«

»Wildtödter,« unterbrach ihn das Mädchen ernst; »das ist ein sehr gefährlicher Dienst; warum befaßt Ihr Euch überhaupt damit?«

»Ha! Nun, Ihr wißt ja, Mädchen, wir wollen Hist, der Schlange Verlobte abholen, das Mädchen, das er zu heirathen gedenkt, sobald wir zu dem Stamm zurückkommen.«

»Das ist Alles recht für den Indianer – aber Ihr gedenkt nicht Hist zu heirathen – Ihr seyd nicht verlobt, und warum sollen Zwei ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel setzen, um zu thun, was Einer ebenso gut vollbringen kann?«

»Ha! – jetzt verstehe ich Euch, Judith – ja, jetzt fang‘ ich an Eure Idee zu fassen. Ihr denkt, da Hist Chingachgooks Verlobte sey, wie sie es nennen, und nicht die meinige, so sey es ganz und gar seine Sache; und da Ein Mann ein Canoe rudern könne, so sollte man ihn allein nach dem Mädchen ausziehen lassen. Aber Ihr vergeßt, das ist unser Vorhaben hier, am See, und es nähme sich schlimm aus, ein Vorhaben zu vergessen, gerade wenn das Mißlichste kommt. Dann, wenn die Liebe bei manchen Leuten, besonders bei jungen Weibern, so Viel gilt und erklärt, so gilt bei manchen Andern auch die Freundschaft Etwas, Ich glaube wohl, der Delaware kann allein ein Canoe rudern und allein Hist abholen, und vielleicht wäre er es ebenso zufrieden, als wenn ich ihn begleite; aber er könnte allein nicht ebenso List mit List begegnen, oder einen Hinterhalt aufstöbern, oder mit den Wilden kämpfen, und zugleich sein Liebchen davon führen, als wenn er einen Freund bei sich hat, auf den er sich verlassen kann, wenn auch dieser Freund kein Besserer ist als ich. Nein – nein – Judith, Ihr würdet nimmermehr in einem solchen Augenblick Jemand verlassen, der auf Euch gezählt hätte, und Ihr könnt es billigermaßen auch von mir nicht erwarten.« »Ich fürchte – ich glaube, Ihr habt Recht, Wildtödter, und doch wünsche ich, Ihr gienget nicht! Versprecht mir wenigstens Eines, und das ist: Euch nicht unter die Wilden zu wagen und nicht Mehr zu thun, als das Mädchen zu retten! Das wird für Einmal genug seyn, und damit solltet Ihr Euch zufrieden geben.«

»Gott tröste Euch, Mädchen; man sollte glauben, es sey Hetty, die so spreche, und nicht die raschbesonnene, wunderbare Judith Hutter! Aber Furcht macht die Weisen einfältig, und die Starken schwach. Ja, davon hab‘ ich oft und viel Beweise gesehen! Nun, es ist gütig und sanftherzig von Euch, Judith, solche Theilnahme zu fühlen für ein Mitgeschöpf, und ich werde es immer sagen, daß Ihr wohlwollend und von treuem Gefühl seyd, mögen die, die Euer schönes Aussehen beneiden, so viel müssige Mährchen von Euch erzählen, als sie Lust haben.«

»Wildtödter!« unterbrach ihn das Mädchen hastig, aber beinahe erstickt von ihrer heftigen Gemüthsbewegung; »glaubt Ihr Alles, was Ihr von einem armen, mutterlosen Mädchen hört? Soll die schändliche Zunge Harry Hurry’s mein Leben vergiften?«

»Nicht so, Judith, nicht so. Ich habe Hurry gesagt, es sey nicht mannhaft, diejenigen hinterrücks zu beißen, die er nicht durch offene Mittel gewinnen könne; und daß selbst ein Indianer immer rücksichtlich ist in Bezug auf den guten Namen eines jungen Weibes.«

»Wenn ich einen Brüder hätte, sollte er sich nicht erfrechen es zu thun!« rief Judith mit feuersprühenden Augen. »Aber da er mich ohne einen Beschützer findet, außer einem alten Mann, dessen Ohren ebenso stumpf zu werden anfangen als seine Gefühle, steht ihm allerdings frei zu thun, was ihm beliebt.«

»Nicht so ganz, Judith; nein, das doch nicht so ganz! Kein Mann, Bruder oder Fremder würde ruhig dabei stehen und zusehen, wie ein so schönes Mädchen wie Ihr verunglimpft und herabgerissen würde, ohne ein Wort zu ihren Gunsten zu sagen. Es ist Hurry Ernst mit dem Wunsch, Euch zu seinem Weibe zu bekommen, und das Wenige, was er zu Eurem Nachtheil äußert, kommt wohl mehr von Eifersucht her, als von einem andern Beweggrund. Lächelt ihm zu, wenn er erwacht, und drückt ihm die Hand nur halb so stark, als ihr die meinige vor einer Weile drücktet, und ich setze mein Leben darauf, der arme Kerl wirb Alles vergessen außer Eurem hübschen Gesicht, Heiße Worte kommen nicht immer aus dem Herzen, sondern öfter aus dem Magen, als sonst woher. Versucht es mit ihm, Judith, wenn er erwacht, und erkennt dann die Kraft und Tugend eines Lächelns!«

Wildtödter lachte auf seine Weise, als er schloß, und dann gab er dem geduldig aussehenden, aber innerlich sehr ungeduldigen Chingachgook seine Bereitwilligkeit zum Aufbruch zu erkennen. Als der junge Mann in das Canoe trat, stand das Mädchen regungslos wie Stein, versunken in das Nachsinnen, das die Sprache und das Benehmen des Andern wohl in ihr hervorrufen mochten. Die Einfachheit und Treuherzigkeit des Jägers hatte sie völlig getäuscht; denn in ihrer engen Sphäre war Judith Meisterin in Behandlung des andern Geschlechts; obwohl sie im gegenwärtigen Falle, bei Allem was sie gesagt und gethan, weit mehr durch unwillkürliche Gefühle als durch Berechnung war geleitet worden. Wir wollen nicht läugnen, daß einige von Judiths Betrachtungen bitter gewesen, obwohl wir auf den weitern Verlauf der Erzählung verweisen müssen, wo sich herausstellen wird, wie verdient oder wie heftig ihre Leiden waren.

Chingachgook und sein Bleichgesichtsfreund schickten sich zu ihrem gewagten und delikaten Unternehmen mit einer Kaltblütigkeit und Umsicht an, die Männern Ehre gemacht hätte, welche sich auf ihrem zwanzigsten, statt auf dem ersten, Kriegszug befanden. Der Indianer, wie seinem Verhältnis zu der schönen Flüchtigen geziemte, deren Dienst sie sich so zu sagen geweiht hatten, nahm seinen Platz vorn in dem Canoe ein, während Wildtödter dessen Bewegungen vom Hintertheil aus lenkte. Vermöge dieser Anordnung mußte Jener zuerst landen, und mithin auch zuerst seiner Geliebten entgegen treten. Der Andere hatte seinen Possen ohne weitere Bemerkung eingenommen, insgeheim jedoch geleitet von dem Gedanken, daß Einer, der so Viel auf dem Spiele stehen hatte, wie der Indianer, wohl schwerlich das Canoe mit derselben Stetigkeit und Einsicht würde steuern können, wie Einer, der mehr Herrschaft über seine Gefühle besaß. Von dem Augenblick an, wo sie von der Arche abstießen, glichen die Bewegungen der beiden Abenteurer den Manövern von trefflich dressirten Soldaten, die zum erstenmal berufen sind, dem Feind im Feld zu begegnen. Bis jetzt hatte Chingachgook noch nie einen Schuß in ernstem Kampfe abgefeuert, und das Probestück seines Kriegskameraden ist dem Leser bekannt. Zwar war der Indianer gleich bei seiner ersten Ankunft einige Stunden um das Lager des Feindes herumgestrichen, und hatte sich sogar, wie im vorigen Capitel erzählt worden, hineingewagt, aber beide Versuche waren ohne Folgen geblieben. Jetzt war gewiß, daß entweder ein wichtiges Ergebniß erzielt werden, oder ein schmerzliches Mißlingen der Ausgang seyn mußte. Die Befreiung oder die fortdauernde Gefangenschaft Hist’s hing von dem Unternehmen ab. Mit Einem Wort, es war in der That die Jungfern-Expedition dieser zwei ehrgeizigen jungen Waldkrieger, und während der Eine dabei beseelt wurde von Gefühlen, welche gewöhnlich Männer auf diese Bahn spornen, waren bei beiden alle Empfindungen des Stolzes und der Mannhaftigkeit rege in dem Eifer, einen guten Erfolg zu gewinnen.

Statt gerade auf den Landvorsprung los zu steuern, der jetzt nicht mehr eine Viertelstunde von der Arche entfernt war, lenkte Wildtödter das Vordertheil seines Canoes schräg gegen den Mittelpunkt des Sees, in der Absicht, eine Stellung zu gewinnen, von der aus er sich der Küste nähern könnte, so daß er die Feinde bloß vor sich hätte. Die Stelle, wo Hetty gelandet, und wo Hist versprochen hatte, sich einzufinden, war zudem eher auf der höhern als auf der niedern Seite des Vorsprungs; und um sie zu erreichen, hätten die zwei Abenteurer beinahe den ganzen Vorsprung dicht an der Küste hin umfahren müssen, hätten sie nicht jenen Schritt, um dem Vorzubeugen, gethan. So gut ward die Notwendigkeit dieser Maßregel begriffen, daß Chingachgook ruhig fortruderte, obgleich der Andere es gethan hatte, ohne ihn zu befragen, und dem Anschein nach das Canoe in eine Richtung brachte, welche der von ihm eigentlich, wie man hätte denken sollen, gewünschten, fast entgegengesetzt war. Wenige Minuten jedoch genügten, das Canoe so weit als nöthig zu fördern, wo dann beide junge Männer wie in instinktmäßiger Uebereinkunft zu rudern aufhörten und das Boot stehen blieb.

Die Dunkelheit nahm eher zu als ab, aber es war von dem Punkt aus, wo die Abenteurer sich befanden, doch noch möglich, die Umrisse der Berge zu unterscheiden. Umsonst wandte Wildtödter den Kopf nach Osten, um des verabredeten Sternes ansichtig zu werden; denn obgleich in dieser Himmelsgegend die Wolken in der Nähe des Horizonts sich ein wenig öffneten, blieb doch der Vorhang noch so dicht vorgezogen, daß er Alles dahinter ganz verbarg. Vor ihnen lag, wie man aus der Formation des Landes darüber und dahinten wußte, der Vorsprung in einer Entfernung von etwa tausend Fuß. Von dem Castell sah man keine Spur, auch konnte seine Bewegung, die auf jenem Theile des Orts vorging, vom Ohr vernommen werden. Der letztere Umstand mochte eben sowohl von der Entfernung, die einige Meilen betrug, als von der Thatsache herrühren, daß sich wirklich nichts bewegte. Die Arche, die von dem Canoe freilich kaum entfernter lag, als der Landvorsprung, war so vollständig in dem Schatten der Küste versenkt, daß sie nicht sichtbar gewesen seyn würde, wäre es auch um viele Grade Heller gewesen, als der Fall war.

Die Abenteurer hielten jetzt mit leiser Stimme eine Besprechung und beriethen sich, welche Zeit es wohl seyn möchte. Wildtödter meinte, es fehlten noch einige Minuten bis zur Zeit des Aufgangs des Sternes, während die Ungeduld des Häuptlings ihm die Nacht weiter vorgerückt erscheinen und ihn glauben ließ, seine Verlobte harre schon an der Küste seiner Ankunft. Wie man erwarten konnte, siegte des Letztern Meinung, und sein Freund schickte sich an, auf den verabredeten Platz loszusteuern. Die äußerste Vorsicht und Geschicklichkeit war jetzt bei der Handhabung und Leitung des Canoes nothwendig. Die Ruderschaufeln wurden aufs geräuschloseste emporgehoben und wieder in’s Wasser gesenkt; und als sie sich auf zweihundert Fuß dem Strande genähert, zog Chingachgook die seinige herein, und nahm dafür die Büchse zur Hand. Als sie dem Gürtel von Finsterniß noch näher kamen, der die Wälder einfaßte, sahen sie, daß sie zu weit nördlich steuerten und veränderten demgemäß ihre Richtung. Das Canoe schien jetzt von eigenem Instinkte geleitet, so vorsichtig und bedächtig waren alle seine Bewegungen, Doch rückte es noch immer vor, bis sein Bug auf dem Kiesboden des Strandes aufstieß, genau an der Stelle, wo Hetty gelandet hatte und von wo aus in der vorigen Nacht, als die Arche vorbeifuhr, ihre Stimme erschallt war. Wie gewöhnlich war der Strand schmal, aber Büsche faßten die Wälder ein und hingen an den meisten Stellen über das Wasser herein.

Chingachgook stieg auf dem Strande aus, und untersuchte ihn sorgfältig in einiger Entfernung zu beiden Seiten des Canoe’s. Er war dabei öfters genöthigt, bis an die Kniee im See zu waten, aber keine Hist war der Lohn seines Suchens, Bei seiner Rückkehr fand er seinen Freund auch an der Küste. Sie besprachen sich sofort in flüsterndem Tone, und der Indianer befürchtete, sie möchten sich in dem Ort der Verabredung geirrt haben. Wildtödter aber fand es wahrscheinlicher, daß sie die Stunde verfehlt hätten. Während er noch sprach, ergriff er den Arm des Delawaren, ließ ihn mit dem Gesicht dem See zu sich wenden, und deutete auf die Gipfel der östlichen Berge. Die Wolken waren ein wenig zerrissen, dem Anschein nach mehr hinter als über den Bergen, und der Abendstern schimmerte zwischen den Zweigen einer Fichte. Dieß war in jeder Weise eine schmeichelnde Vorbedeutung; und die jungen Männer lehnten sich auf ihre Büchsen, mit gespannter Erwartung dem Laute sich nähernder Schritte lauschend. Stimmen hörten sie oft, und gemischt damit war das unterdrückte Weinen von Kindern, und das leise aber anmuthige Lachen indianischer Weiber. Da die eingebornen Amerikaner ihrer Natur und Gewohnheit nach vorsichtig sind, und selten einem lauten Gespräche sich hingeben, erkannten die Abenteurer aus diesen Umständen, daß sie dem Lager sehr nahe seyn mußten. Es war leicht zu bemerken, daß in den Wäldern ein Feuer seyn müsse, aus der Art, wie manche der höhern Aeste der Bäume beleuchtet waren, aber es war von der Stelle aus, wo sie standen, nicht möglich, mit Genauigkeit zu ermitteln, wie nahe sie demselben wären. Ein paar Male schien es, als ob Personen vom Feuer her sich dem Ort der Verabredung näherten; aber diese Laute waren entweder eine reine Täuschung, oder diejenigen, welche sich genähert hatten, kehrten wieder um, ehe sie an die Küste kamen. Eine Viertelstunde verstrich in solcher gespannter Erwartung und Bangigkeit, als Wildtödter vorschlug, sie wollten im Canoe den Vorsprung umfahren, eine Position ganz in der Nähe, von wo aus man das Lager sehen könne, gewinnen, die Indianer rekognosciren und sich so in Stand setzen, sich beifallswerthere Vermuthungen über das Nichterscheinen Hist’s zu bilden. Der Delaware jedoch weigerte sich entschieden, den Platz zu verlassen und fühlte vernünftig genug als Grund hiefür die Verlegenheit und Noth des Mädchens an, wenn sie während seiner Abwesenheit ankäme. Wildtödter fühlte seines Freundes Besorgnisse mit, und erbot sich, die Fahrt um den Vorsprung herum allein zu machen, Während Chingachgook in dem Gebüsche versteckt zurückbleiben solle, um den etwaigen Eintritt eines glücklichen, seine Absichten begünstigenden Ereignisses abzuwarten. Mit dieser Verabredung trennten sie sich denn.

Sobald Wildtödter wieder auf seinem Posten im Hintertheil des Canoes sich befand, verließ er die Küste mit derselben Vorsicht lind in derselben geräuschlosen Weise, wie er sich ihr genähert hatte. Dießmal entfernte er sich nicht weit vom Lande, da die Büsche einen hinlänglichen Versteck boten, wenn man so nahe wie möglich an die Küste sich hielt. Man konnte sich in der That nicht leicht eine günstigere Gelegenheit erdenken, eine Rekognoscirung um ein indianisches Lager herum anzustellen, als welche die wirkliche Lage der Dinge darbot. Die Formation des Landvorsprungs gestattete, den Platz auf drei seiner Seiten zu umkreisen, und die Bewegung des Bootes war so geräuschlos, daß jede Besorgniß wegen eines dadurch zu verursachenden Lärmens beseitigt war. Der geübteste und vorsichtigste Fuß konnte in der Dunkelheit einen Haufen Blätter aufstöbern, oder einen dürren Zweig knicken, aber ein Rindenkanoe konnte man über die Fläche eines glatten Wassers dahingleiten machen, beinahe mit der instinktmäßigen Behendigkeit und gewiß mit der geräuschlosen Bewegung eines Wasservogels.

Wildtödter war beinahe in eine Linie zwischen dem Lager und der Arche gekommen, ehe er des Feuers ansichtig wurde. Es wurde ihm plötzlich und etwas unvermuthet sichtbar und verursachte ihm zuerst die Besorgniß, er habe sich unvorsichtig in den Kreis von Licht, den es um sich verbreitete, gewagt. Aber da er bei einem zweiten Blick wahrnahm, daß er vor Entdeckung ganz gewiß sicher wäre, so lange die Indianer sich in der Nähe des Mittelpunkts der Beleuchtung hielten, brachte er das Canoe in der vortheilhaftesten Position, die er finden konnte, zur Ruhe und begann seine Beobachtungen,

Wir haben dieß ungewöhnliche Wesen vielfach beschrieben, aber vergebens, wenn wir dem Leser jetzt erst zu sagen nöthig haben, daß er, unbewandert in der Gelehrsamkeit der Welt, und einfach wie er sich immer zeigte in allen Dingen, welche die Feinheiten des conventionellen Geschmacks betrafen, doch ein Mann von starkem natürlichem und poetischem Gefühl war. Er liebte die Wälder um ihrer Frische, ihrer erhabenen Einsamkeit, ihrer Riesenhaftigkeit und des Stempels willen, den sie überall an sich trugen von der göttlichen Hand ihres Schöpfers. Er durchwanderte sie selten, ohne stillstehend zu verweilen bei irgend einer eigenthümlichen Schönheit, die ihm Freude machte, obschon er selten den Gründen dieser Freude nachzuspüren suchte; und nie verging ein Tag, ohne daß er im Geist verkehrte – und das dazu ohne die Hülfe von Formen und Sprache – mit dem unendlichen Urquell von Allem, was er sah, fühlte und anschaute. Bei dieser geistigen und moralischen Organisation, und bei einer Kaltblütigkeit, welche keine Gefahr aus der Fassung bringen, kein kritischer Augenblick stören konnte, darf man sich nicht wundern, daß der Jäger jetzt einen Genuß empfand, die vor ihm liegende Scene zu beschauen, worüber er für den Augenblick den Zweck seines Besuchs vergaß. Diese wird man noch erklärlicher finden, wenn wir die Scene beschreiben.

Das Canoe lag gerade vor einer natürlichen Aussicht nicht blos durch die das Ufer einfassenden Büsche, sondern auch durch die Bäume, welche eine volle Ansicht des Lagers gestattete. Mittelst eben dieser Oeffnung hatte man von der Arche aus zuerst das Licht gesehen. In Folge ihrer ganz neuerlichen Lagerveränderung hatten sich die Indianer noch nicht in ihre Hütten zurückgezogen, sondern sich bei ihren Vorbereitungen, Wohnung und Nahrung zugleich betreffend, verspätet. Ein großes Feuer war aufgemacht worden, sowohl um den Dienst von Fackeln zu leisten, als auch zum Behuf ihres einfachen Kochens; und gerade in diesem Augenblick loderte es hell und lustig auf, da es neuerdings eine tüchtige Zulage von dürrem Reisig erhalten. Die Wirkung war, daß die Gewölbe des Waldes erleuchtet, und der ganze vom Lager eingenommene Platz so licht wurde, wie wenn Hunderte von Kerzen angezündet gewesen wären; die meiste Arbeit hatte aufgehört, und selbst das hungrigste Kind hatte seinen Appetit gestillt. Mit einem Wort, es war gerade der Augenblick der Abspannung und allgemeiner, träger Erschlaffung, wie er gern auf eine herzhafte Mahlzeit folgt, wenn die Mühen des Tages zu Ende sind. Die Jäger und die Fischer waren gleich glücklich gewesen; und da Lebensmittel, dieß eine große Bedürfniß des Wildenlebens, im Ueberfluß vorhanden waren, schien jede andre Sorge untergegangen in der Empfindung der von diesem hochwichtigen Umstand abhängenden Zufriedenheit.

Wildtödter sah auf den ersten Blick, daß viele von den Kriegern abwesend waren. Sein Bekannter, Rivenoak, jedoch war anwesend, und saß im Vorgrund eines Gemäldes, das ein Salvator Rosa mit Lust gemalt haben würde, seine dunkeln Züge ebenso von Freude erhellt, wie von der fackelgleichen Flamme während er einem Andern von dem Stamm einen der Elephanten zeigte, die unter seinem Volke so großes Aufsehen gemacht hatten. Ein Knabe schaute in dummer Neugier über seine Schulter herein, die Gruppe zu vervollständigen. Mehr im Hintergrund lagen acht bis zehn Krieger halb ausgestreckt auf dem Boden, oder saßen da, den Rücken an die Bäume gelehnt, ebenso viele Bilder träger Ruhe. Alle hatten ihre Waffen ganz in der Nähe; zum Theil lehnten sie an denselben Bäumen wie ihre Besitzer, oder lagen sie in nachlässiger Bereitschaft über ihren Leibern. Die Gruppe aber, welche Wildtödters Aufmerksamkeit am meisten anzog, war die aus den Weibern und Kindern bestehende. Alle Weiber schienen sich zusammen gemacht zu haben, und als eine Art Notwendigkeit waren ihre Kinder um sie her. Jene lachten und plauderten in ihrer gedämpften, ruhigen Weise, obwohl Einer, der die Sitten des Volks kannte, wohl gemerkt haben würde, daß nicht Alles im gewöhnlichen Geleise ging. Die meisten der jungen Frauen schienen wohlgemuth genug zu seyn; aber eine alte Hexe saß beiseite, mit einer lauernden, grämlichen Miene, die, wie der Jäger sogleich erkannte, verrieth, daß irgend eine Pflicht von unangenehmer Art ihr von den Häuptlingen war angewiesen worden. Worin diese Pflicht bestand, konnte er nicht errathen; aber er war überzeugt, daß sie sich einigermaßen auf ihr eigenes Geschlecht beziehen müsse, da die Alten unter den Weibern in der Regel nur zu solchen und keinen andern Diensten gewählt wurden.

Natürlich sah sich Wildtödter mit lebhaftem Eifer nach der Person Hist’s um. Sie war nirgends sichtbar, obgleich das Licht ansehnliche Entfernungen in allen Richtungen um das Feuer her durchdrang. Ein paar Mal fuhr er auf, da er ihr Lachen zu erkennen glaubte; aber sein Ohr war getäuscht worden durch die sanfte Melodie, welche man bei der Stimme der Indianerinnen so häufig findet. Endlich sprach das alte Weib laut und zornig, und dann wurde er ein paar dunkler Gestalten im Hintergrund der Bäume ansichtig, die sich, den Vorwürfen folgsam, wie es schien, umwandten, und mehr in den Kreis der Helle traten. Die Gestalt eines jungen Kriegers wurde zuerst deutlicher sichtbar; dann folgten zwei jugendliche Frauengestalten, von welchen Eine wirklich das Delawarische Mädchen war. Jetzt begriff Wildtödter Alles. Hist war bewacht, vielleicht von ihrer jungen Begleiterin, gewiß aber von dem alten Weibe. Der Jüngling war vermuthlich ihr oder ihrer Begleiterin Anbeter; aber selbst seiner Klugheit mißtraute man in Betracht seiner bewundernden Neigung. Die wohlbekannte Nähe Solcher, die man als ihre Freunde ansehen durfte, und die Ankunft eines unbekannten rothen Mannes am See hatte die gewöhnliche Sorgfalt noch geschärft, und das Mädchen hatte den sie Bewachenden nicht entschlüpfen können, um ihre Zusage zu erfüllen. Wildtödter errieth ihr Mißbehagen daraus, daß sie ein paar Mal durch die Zweige der Bäume empor zu blicken versuchte, um des Sterns ansichtig zu werden, den sie selbst als Zeichen für die Zeit der Zusammenkunft genannt. Alles jedoch war umsonst, und nachdem die beiden Mädchen noch eine Weile in erheuchelter Gleichgültigkeit um das Lager herumgeschlendert, verließen sie ihren Begleiter, und setzten sich unter ihr Geschlecht. Sobald dieß geschehen, vertauschte die alte Schildwache ihren Platz mit einem ihr angenehmeren, ein deutlicher Beweis, daß sie bisher ausschließlich der Wache gepflogen.

Wildtödter war jetzt sehr verlegen, was weiter vornehmen. Er wußte wohl, daß Chingachgook sich nimmer würde zur Rückkehr nach der Arche überreden lassen, ohne einen verzweifelten Versuch zur Wiedererlangung seiner Geliebten zu machen, und seine eigne Großherzigkeit machte ihn ganz geneigt, bei einem solchen Unternehmen Beistand zu leisten. Er glaubte bei den Weibern Zeichen ihrer Absicht zu bemerken, sich für diese Nacht zur Ruhe zu begeben; und falls er blieb, und das Feuer hell fortbrannte, konnte er vielleicht die Hütte oder das Laubgemach entdecken, worunter Hist schlief; ein Umstand von unendlichem Vortheil für ihr weiteres Beginnen. Aber wenn er noch viel länger an diesem Orte verweilte, so war große Gefahr, die Ungeduld seines Freundes möchte ihn zu irgend einer unbesonnenen That fortreißen. Wirklich erwartete er jeden Augenblick die dunkle Gestalt des Delawaren im Hintergrund erscheinen zu sehen, dem Tiger ähnlich, der um die Hürde herumschleicht. Alles gegen einander erwogen, gelangte er daher am Ende zu dem Schluß: es werde besser seyn, wenn er sich wieder zu seinem Freunde begebe, und seinen Ungestüm durch seine eigene Kaltblütigkeit und Besonnenheit zu mäßigen versuche. Es brauchte nur ein paar Minuten, diesen Plan in Ausführung zu bringen, und zehn oder fünfzehn Minuten, nachdem das Canoe den Strand verlassen, kehrte es wieder dahin zurück.

Vielleicht einigermaßen gegen seine Erwartung traf Wildtödter den Indianer auf seinem Posten, von dem er nicht gewichen war, aus Besorgniß, seine Verlobte möchte während seiner Abwesenheit ankommen. Eine Besprechung folgte, worin Chingachgook mit dem Stand der Dinge im Lager bekannt gemacht wurde. Als Hist den Vorsprung als Ort des Zusammentreffens nannte, that sie dieß in der Hoffnung, von der frühern Lagerstelle aus entfliehen, und sich an einen Platz begeben zu können, den sie gänzlich leer zu finden erwartete; aber der plötzliche Ortswechsel hatte alle ihre Plane vereitelt. Eine noch viel größere Wachsamkeit als früher war jetzt nöthig; und der Umstand, daß ein altes Weib auf den Wachposten gestellt war, zeugte auch von besondern Gründen zu Besorgnissen. Alle diese Erwägungen, und manche andere, die sich dem Leser leicht von selbst darbieten, wurden kurz besprochen, ehe die jungen Männer zu einer Entscheidung kamen. Da jedoch der Fall von der Art war, daß er Thaten vielmehr als Worte erheischte, ward die einzuschlagende Handlungsweise bald gewählt. Die jungen Männer brachten das Canoe in eine solche Stellung, daß Hist, wenn sie an den verabredeten Platz vor ihrer Rückkehr kam, es sehen mußte, untersuchten dann ihre Waffen, und begaben sich in den Wald hinein. Der ganze Vorsprung in den See hinein betrug etwa zwei Acres Land; und der Theil, welcher die Landzunge bildete, und wo das Lager stand, betrug eine Fläche von nur halb dieser Ausdehnung. Er war vornehmlich mit Eichen bedeckt, die, wie gewöhnlich in den Amerikanischen Wäldern, sehr hoch emporwuchsen, ohne Aeste auszusenden, und dann erst ein dichtes und üppiges Laubgewölbe bildeten. Unten war, außer dem Saum von dickem Buschwerk der Küste entlang, sehr wenig Unterholz; obwohl die Bäume, in Folge ihrer Gestalt, dichter beisammenstanden als in Gegenden gewöhnlich ist, wo das Beil frei geschaltet hat, und großen, geraden, rohen Säulen glichen, das gewöhnliche Blätterdach tragend. Der Boden war ziemlich eben, hatte jedoch eine kleine Erhöhung gegen die Mitte, welche ihn in eine nördliche und südliche Hälfte theilte. Auch kam ein Bach von den Seiten der benachbarten Hügel brausend herunter, und bahnte sich seinen Weg in den See auf der Südseite der Landspitze. Er hatte sich ein tiefes Bett gewühlt durch einige der höhergelegenen Theile des Landstriches, und in spätern Tagen, als dieser Platz für die Zwecke der Civilisation benutzt wurde, ist er vermöge seiner gewundenen und schattigen Ufer ein nicht geringer Zuwachs von Schönheit für die Gegend geworden. Dieser Bach lag westlich von dem Lager, und seine Wasser fanden ihren Weg in den großen Wasserbehälter der Gegend auf derselben Seite und ganz nahe dem Platze, den man für das Feuer gewählt hatte. Alle diese Umstände waren, soweit die Verhältnisse es gestatteten, von Wildtödter bemerkt, und seinem Freunde mitgetheilt worden.

Der Leser begreift, daß die kleine Erhöhung des Bodens hinter dem indianischen Lager die heimliche Annäherung der zwei Abenteurer sehr begünstigte. Sie verhinderte, daß das Licht des Feuers sich auf den Hintergrund geradezu ergoß, obgleich das Land dem Wasser zu abfiel, so daß die linke oder östliche Seite der Stellung dadurch ungeschützt blieb. Wir sagen »ungeschützt,« obgleich das nicht eigentlich das Wort ist, da der Buckel hinter den Hütten und dem Feuer den verstohlen sich Nähernden vielmehr einen Versteck, als den Indianern irgend einen Schutz bot. Wildtödter drang nicht durch den Gürtel von Buschwerk, unmittelbar parallel dem Canoe, denn dadurch hätte er zu plötzlich in den Bereich des Lichts kommen können, da der kleine Hügel nicht ganz bis an’s Wasser reichte, sondern er folgte dem Strande nördlich, bis er beinahe der Landzunge gegenüber sich befand, wodurch er unter den Schuß des leichten Abhangs und mithin mehr in Schatten kam.

Sobald die Freunde aus den Büschen heraus waren, machten sie Halt, um zu rekognosciren; das Feuer loderte noch hinter dem kleinen Buckel, und warf sein Licht aufwärts zu den Wipfeln der Bäume empor, was mehr einen schönen als für sie vortheilhaften Effekt hervorbrachte. Doch hatte das Lodern der Flamme seine Vortheile; denn während der Hintergrund dunkel, war der Vorgrund stark beleuchtet, so daß die Wilden dem Blick ausgesetzt, ihre Feinde versteckt waren. Den letztern Umstand benutzend, näherten sich die jungen Männer vorsichtig dem Hügelrücken, Wildtödter voran, denn er bestand auf dieser Anordnung, damit nicht der Delaware von seinen Empfindungen zu einem unbesonnenen Schritt sich hinreißen ließe. Es brauchte nur einen Augenblick, bis sie den Fuß der kleinen Anhöhe erreichten; und jetzt begann der kritischste Theil des Unternehmens. Mit ausnehmender Vorsicht sich bewegend, und seine Büchse so haltend, daß ihr Lauf nicht sichtbar wurde, und er sich ihrer sogleich bedienen konnte, rückte der Jäger nur einen Schritt um den andern vor, bis er hoch genug gekommen war, um über den Gipfel wegzusehen – nur sein Kopf in die Helle emporragend. Chingachgook war an seiner Seite, und Beide standen still, um das Lager noch einmal genau zu besichtigen. Um sich jedoch gegen etwaige Herumstreicher in ihrem Rücken zu decken, stellten sie sich hinter den Stamm einer Eiche, auf der Seite zunächst dem Feuer.

Die Ansicht vom Lager, welche sich jetzt Wildtödter darbot, war gerade die entgegengesetzte von derjenigen, die er von der Wasserseite her gehabt. Die dämmernden Gestalten, die er vorhin wahrgenommen, mußten auf dem Gipfel des Bergrückens gewesen seyn, wenige Schritte vorwärts von der Stelle, wo er jetzt stand. Das Feuer loderte noch lustig, und um es herum saßen auf Baumstämmen dreizehn Krieger, so viele, als er von dem Canoe aus gesehen hatte. Sie besprachen sich sehr angelegentlich und eifrig unter einander, und die Figur des Elephanten ging von Hand zu Hand. Der erste Ausbruch der Verwunderung der Wilden war vorüber, und die jetzt vorliegende Erörterung betraf die Wahrscheinlichkeit der Existenz, die Geschichte und Lebensweise eines so außerordentlichen Thieres. Wir haben nicht Zeit, die Meinungen dieser rohen Männer über einen Gegenstand zu wiederholen, der ihren Erfahrungen und ihrem Leben so fremd war; aber wir sagen schwerlich zu Viel, wenn wir behaupten, daß sie ebenso plausibel, und weit sinnreicher waren, als die Hälfte der Hypothesen, welche den Demonstrationen der Wissenschaft vorangehen. Wie sehr sie mit ihren Schlüssen und Vermuthungen fehlgeschossen haben mögen, gewiß ist, daß sie die Fragen mit eifriger und ungetheilter Aufmerksamkeit erörterten. Für den Augenblick war alles Uebrige vergessen, und unsre Abenteurer hätten sich in keinem glücklicheren Augenblick nähern können.

Die Weiber waren Alle beisammen, ungefähr so wie Wildtödter sie zuletzt gesehen hatte, beinahe in einer Linie zwischen dem Platz, wo er jetzt stand und dem Feuer. Die Entfernung von der Eiche, an die sich die jungen Männer lehnten, bis zu den Kriegern, betrug etwa dreißig Schritte; die Weiber mochten um die Hälfte näher seyn; ja sie waren wirklich so nahe, daß die äußerste Behutsamkeit, was Bewegungen und Geräusch betraf, unerläßlich war. Obwohl sie in ihrem leisen, sanften Tone sich unterredeten, war es doch bei der tiefen Stille der Wälder möglich, sogar ganze Stücke des Gesprächs zu belauschen, und das leichtmüthige Lachen, das den Mädchen entfuhr, konnte gelegentlich selbst das Canoe erreichen. Wildtödter spürte das Zittern, das den Körper seines Freundes durchzuckte, als dieser zuerst die süßen Töne vernahm, welche den derben, hübschen Lippen Hist’s entströmten. Er legte sogar die Hand auf die Schulter des Indianers, als eine Art Ermahnung zur Selbstbeherrschung. Als die Unterredung lebhafter wurde, beugten sich Beide vor, um zu horchen.

»Die Huronen haben merkwürdigere Thiere als diese,« sagte eines der Mädchen verächtlich, denn wie bei den Männern, drehte sich auch bei ihnen das Gespräch um den Elephanten und seine Eigenschaften. »Die Delawaren mögen diese Creatur wunderbar finden, aber keine Huronenzunge wird morgen mehr davon sprechen. Unsre jungen Männer werden sie zu finden wissen, wenn die Thiere in die Nähe unserer Wigwam’s zu kommen wagen.«

Dieß war eigentlich an Wah-ta!-Wah gerichtet, obgleich die Sprecherin ihre Worte mit einer angenommenen Schüchternheit und Bescheidenheit aussprach, die sie die Andern nicht anblicken ließ.

»Die Delawaren sind so weit entfernt, solche Creaturen in ihr Land zu lassen,« versetzte Hist, »daß noch keine Seele auch nur ihre Bilder davon gesehen hat! Ihre jungen Männer würden die Bilder wie die Bestien selbst fortscheuchen!«

»Die Delawarischen jungen Männer! – Die Nation besteht aus Weibern – selbst das Wild wandelt ruhig dahin, wenn es ihre Jäger kommen hört! Wer hat je den Namen eines jungen Kriegers der Delawaren vernommen!«

Dieß wurde in gutmüthigem Tone und mit Lachen gesprochen, aber zugleich doch etwas beißend. Daß Hist es so nahm, zeigte sich in der Lebhaftigkeit ihrer Antwort.

»Wer hat je den Namen eines jungen Delawaren vernommen?« wiederholte sie ernst. »Tamenund selbst, obwohl jetzt so alt wie die Tannen auf dem Berge, oder als die Adler in der Luft, war einst jung; sein Name ward vernommen von dem großen Salzsee bis zu den süßen Wassern des Westens. Was ist die Familie der Uncas?« – Wo ist eine andere so große, obgleich die Bleichgesichter ihre Gräber aufgewühlt und ihre Gebeine mit Füßen getreten haben? Fliegen die Adler so hoch, ist das Wild so schnell, oder der Panther so muthig? Ist kein junger Krieger dieses Stammes da? Laßt die Huronen-Mädchen ihre Augen weiter aufthun, so mögen sie Einen sehen, Chingachgook genannt, der so stattlich ist wie eine junge Esche, und so zäh wie die Hagenbuche.«

Wie das Mädchen dieß in ihrer bilderreichen Sprache sagte, und ihre Genossinnen die Augen weiter aufthun hieß, damit sie den Delawaren sähen, stieß Wildtödter mit den Fingern seinen Freund in die Seite, und überließ sich seinem herzlichen, wohlwollenden, leisen Lachen. Der Andere lächelte; aber die Sprache der Redenden war zu schmeichelhaft und die Töne ihrer Stimme zu süß für ihn, als daß er sich durch ein zufälliges, wenn auch komisches Zusammentreffen von Umständen in seiner Aufmerksamkeit stören ließ. Die Rede Hist’s zog eine Erwiederung nach sich, und der Streit, obwohl gutmüthig geführt, und weit entfernt von der plumpen Heftigkeit in Ton und Geberden, wie sie oft den Reizen des schönen Geschlechts im civilisirten Leben, wie man es nennt, Eintrag thut, wurde warm und etwas laut. Mitten unter dieser Scene hieß der Delaware seinen Freund sich ducken, so daß er ganz versteckt war, und ließ dann einen Ton hören, so ganz ähnlich dem Pfeifen der kleinsten Gattung des amerikanischen Eichhorns, daß Wildtödter selbst, obgleich er den Ton hundertmal hatte nachahmen gehört, wirklich glaubte, er rühre von einem der kleinen, über seinem Haupt herumkletternden Thierchen her. Der Ton ist in den Wäldern so gewöhnlich, daß keine von den Huroninnen im Geringsten darauf achtete. Hist aber hörte augenblicklich auf zu sprechen, und saß regungslos da. Doch behielt sie Selbstbeherrschung genug, den Kopf nicht umzuwenden. Sie hatte das Signal vernommen, mit dem ihr Geliebter so oft sie aus dem Wigwam zur heimlichen Besprechung rief, und es kam über ihre Sinne und ihr Herz, wie die Serenade im Land des Gesanges das Mädchen ergreift.

Von diesem Augenblick an war Chingachgook überzeugt, daß sie seine Gegenwart wisse. Dieß war wichtig, und er konnte jetzt hoffen, daß seine Geliebte ein weit kühneres Verfahren einschlagen werde, als sie, über seinen Aufenthaltsort ungewiß, gewählt haben würde. Es blieb kein Zweifel daran übrig, daß sie sich bestreben würde, seine Bemühungen für ihre Befreiung zu unterstützen. Wildtödter stand auf, sobald das Signal gegeben war, und obgleich er noch nie den süßen Verkehr gepflogen hatte, der nur Liebenden bekannt ist, entdeckte er doch sehr bald die große Veränderung, die mit dem Wesen und Benehmen des Mädchens vorgegangen war. Sie gab sich noch Mühe zu streiten, aber nicht mehr mit Geist und Unbefangenheit, sondern was sie sagte, war mehr nur als ein Köder hingeworfen, ihre Gegnerinnen zu leichtem Siege heranzulocken, als mit irgend einer Hoffnung, selbst Siegerin zu werden. Zwar ein paar Mal gab ihr ihre natürliche Besonnenheit eine rasche Erwiederung oder einen Beweisgrund ein, welche Lachen erregten und ihr für den Augenblick einigen Vortheil gaben; aber diese kleinen Einfälle, Früchte des Mutterwitzes, dienten nur, um besser ihre wahren Gefühle zu verhehlen, und dem Triumph der andern Partei einen natürlicheren Anstrich zu geben, als er ohne sie vielleicht gehabt hätte. Endlich wurden die Streitenden müde, und sie erhoben sich Alle gesammt, als wollten sie sich trennen. Jetzt zum ersten Mal wagte Hist das Gesicht nach der Richtung zu kehren, woher das Signal gekommen. Ihre Bewegung hiebei war natürlich, aber behutsam, und sie streckte den Arm aus und gähnte, wie von Schläfrigkeit übermannt. Wieder ließ sich das schrillende Pfeifen hören, und das Mädchen war jetzt gewiß, wo ihr Geliebter stehe, obgleich das starke Licht, in dem sie selbst stand, und die verhältnißmäßige Dunkelheit, welche die Abenteurer umgab, sie hinderte ihre Köpfe zu sehen, den einzigen Theil ihres Körpers, der über den Hügelrücken hervorragte. Der Baum, an den sie sich lehnten, war von einem dunkeln Schatten überzogen, der von einer ungeheuren, zwischen ihm und dem Feuer stehenden Fichte herrührte, und dieser Umstand allein schon würde alle Gegenstände, die in diesen Bereich fielen, in jeder Entfernung dem Auge entzogen haben. Das wußte Wildtödter wohl, und es war einer der Gründe, warum er gerade diesen Baum gewählt hatte.

Der Augenblick, wo Hist nothwendig handeln mußte, war nahe. Sie sollte in einer kleinen Hütte, oder Laube, schlafen, ganz in der Nähe des Orts, wo sie stand, aufgeschlagen, und ihre Genossin war die schon erwähnte alte Hexe. War sie einmal in dieser Hütte, und lag das schlaflose alte Weib, wie sie allnächtlich pflegte, quer über den Eingang hingestreckt, so war beinahe alle Hoffnung zum Entkommen zerstört, und sie konnte jeden Augenblick zu Bette gerufen werden. Zum Glück rief in diesem Augenblick einer der Krieger das alte Weib mit Namen, und hieß sie ihm Wasser zum Trinken bringen. Es war eine köstliche Quelle auf der Nordseite der Landspitze, und die Alte nahm einen ledernen Becher von einem Zweig, rief Hist an ihre Seite, und ging dem Gipfel des Hügelrückens zu, in der Absicht, über die Landspitze hin zu dem natürlichen Brunnen hinabzusteigen. Alles dieß sahen und verstanden die Abenteurer; sie traten in das Dunkel zurück und versteckten sich hinter Bäumen, bis die beiden Weiber an ihnen vorbei waren. Im Gehen hielt die Alte Hist fest an der Hand. Als sie an dem Baum vorüber kam, welcher Chingachgook und seinen Freund verbarg, griff Jener nach seinem Tomahawk, in der Absicht, ihn in dem Hirnschädel des Weibes zu begraben. Der Andere aber erkannte das Gefährliche einer solchen Maßregel, da Ein Schrei alle Krieger ihnen auf den Hals ziehen konnte, und er war auch aus Gründen der Menschlichkeit einer solchen That abgeneigt. Daher hinderte seine Hand den Streich. Als aber die Beiden vorüber geschritten, ward das Pfeifen wiederholt, und die Huronin blieb stehen und gaffte den Baum an, von welchem die Töne zu kommen schienen, und in diesem Augenblick stand sie nur sechs Fuß von ihren Feinden entfernt. Sie bezeugte ihr Erstaunen, daß ein Eichhorn so spät noch munter seyn sollte, und sagte, es bedeute Unheil. Hist antwortete, sie habe dasselbe Eichhorn dreimal binnen der letzten zwanzig Minuten gehört, und sie glaube, es spanne darauf, einige Brocken, die bei der Mahlzeit übrig geblieben, zu erlangen. Diese Erklärung schien befriedigend, und sie schritten der Quelle zu, auf dem Fuß und heimlich von den Männern gefolgt. Der Becher war gefüllt, und die Alte eilte zurück, die Hand immer an dem Handgelenk des Mädchens, als sie plötzlich so heftig an der Kehle gepackt wurde, daß sie ihre Gefangene loslassen mußte, und keinen andern Ton von sich geben konnte, als eine Art halbersticktes Gurgeln und Röcheln. Schlange umfaßte mit dem Arm den Leib seiner Geliebten, und stürzte sich mit ihr durch die Büsche auf der Nordseite der Landspitze. Hier bog er sofort ein, dem Strand entlang, und rannte nach dem Canoe. Er hätte eine geradere Richtung eingeschlagen, aber dieß hätte leicht zur Entdeckung des Landungsplatzes führen können.

Wildtödter spielte indeß immerfort auf der Kehle des alten Weibs wie auf den Tasten einer Orgel, ließ sie von Zeit zu Zeit athmen, und drückte dann wieder mit den Fingern beinahe zum Erwürgen. Aber die kurzen Fristen zum Athemholen wurden wohl benützt, und es gelang der Alten, ein paar kreischende Töne auszustoßen, welche das Lager in Allarm brachten. Das Stampfen der Krieger, als sie vom Feuer aufsprangen, war deutlich zu hören, und im nächsten Augenblick erschienen drei oder vier von ihnen auf dem Gipfel des Hügelrückens, die auf dem lichten Hintergrund sich wie die dämmernden Schatten einer Zauberlaterne ausnahmen. Jetzt war es die höchste Zeit für den Jäger, sich zurückzuziehen. Er unterschlug seiner Gefangnen ein Bein, klemmte ihr zum Abschied noch einmal die Kehle zusammen, ebensosehr aus Rache wegen ihrer unbezwinglichen Bestrebungen, Lärm zu machen, als aus Gründen der Klugheit, verließ sie auf dem Rücken liegend, und eilte den Büschen zu, – die Büchse im Gleichgewicht, den Kopf über die Schultern wendend, wie ein gehetzter Löwe.

Siebenzehntes Kapitel.

Siebenzehntes Kapitel.

Schaut, weise Heil’ge, dieß Eur‘ Licht und Stern!
Die Narr’n und Opfer seyd Ihr, scheint’s, ja gern!
Ist gnug jetzt? wollt von uns Ihr seyn betrogen,
Bis Eurer weisen Brust der letzte Hauch entflogen?
Moore.

Das Feuer, das Canoe und die Quelle, von der aus Wildtödter seinen Rückzug antrat, standen so gegeneinander, daß sie die Winkel eines so ziemlich gleichseitigen Dreiecks würden gebildet haben. Die Entfernung vom Feuer zum Boote betrug etwas Weniger, als die Entfernung vom Feuer zu der Quelle, während die von der Quelle bis zum Boot etwa der zwischen den zwei zuerst genannten Punkten gleich kam. Dieß Verhältniß aber war bei geraden Linien – und in dieser Art konnten die Flüchtigen ihre Flucht nicht ausführen. Sie waren gezwungen, sich zu einem Umweg zu entschließen, um den Schutz der Büsche zu gewinnen und der Krümmung des Strandes zu folgen. Unter solchen Nachtheilen also trat der Jäger seinen Rückzug an – Nachtheilen, deren Größe er nur um so mehr empfand, vermöge seiner Kenntniß der Gewohnheiten aller Indianer, die in Fällen plötzlichen Alarms, zumal mitten in einer gedeckten Stellung, selten verfehlen, augenblicklich Plänkler »ach den Seiten auszuschicken, in der Absicht, den Feinden auf allen Punkten entgegenzutreten, und wo möglich ihnen in den Rücken zu fallen. Daß so Etwas auch jetzt im Werke war, schloß er aus dem Stampfen von Füßen, das nicht blos, wie schon gemeldet, die Anhöhe herauf kam, sondern auch, wiewohl leiser, gehört wurde in ganz andrer Linie, nicht blos gegen den Hügel im Rücken zu, sondern auch gegen den äußersten Punkt der Landspitze, in einer Richtung, entgegengesetzt der, die er einzuschlagen im Begriffe stand. Schnelligkeit war daher jetzt von äußerster Wichtigkeit, da die verschiedenen Partien am Strand zusammentreffen konnten, ehe die Flüchtigen das Canoe zu erreichen vermochten.

Trotz der Dringlichkeit der Umstände zögerte Wildtödter doch einen Augenblick, ehe er sich in die die Küste einfassenden Büsche hineinstürzte. Seine Gefühle waren rege gemacht worden durch den ganzen Auftritt, und eine finstere Entschlossenheit war über ihn gekommen, wie sie ihm sonst fremd war. Vier dunkle Gestalten zeigten sich auf dem Hügelrücken, gegen die Helle des Feuers sich abhebend, und ein Feind konnte auf einen Blick geopfert werden. Die Indianer hatten Halt gemacht und starrten in das Dunkel, die alte kreischende Hexe zu suchen, und bei manchem Mann, der weniger gedacht hätte als der Jäger, wäre der Tod Eines von ihnen gewiß gewesen. Zum Glück war er umsichtiger. Obgleich die Büchse sich ein wenig gegen den Vordersten seiner Verfolger senkte, zielte oder feuerte er doch nicht, sondern verschwand in dem Versteck. Den Strand gewinnen, und ihm folgen bis herum zu dem Platz, wo Chingachgook schon mit Hist im Canoe war, ängstlich seine Ankunft erwartend, war das Werk eines Augenblicks. Seine Büchse auf den Boden des Canoe’s legend, bückte sich Wildtödter, um dem letztern einen kräftigen Stoß von der Küste weg zu geben, als ein gewaltiger Indianer aus den Büschen hervorstürzte und wie ein Panther ihm auf den Rücken sprang. Alles hing jetzt an einem, Haar; ein falscher Schritt richtete Alle zu Grunde. Mit einer Großherzigkeit, die einen Römer für alle künftige Zeiten hin berühmt gemacht haben würde, die aber in der Laufbahn eines so einfachen und niedrigen Mannes ohne diese anspruchslose Erzählung der Welt für immer fremd geblieben und verloren wäre, bot Wildtödter all‘ seine Kraft in einer verzweiflungsvollen Anstrengung auf, stieß das Canoe mit einer Gewalt hinaus, die es in einem Augenblick vielleicht hundert Fuß weit von der Küste wegtrieb, und stürzte selbst, mit dem Kopf voran, in den See; und sein Angreifer natürlich mit ihm. Obgleich das Wasser einige Schritte vom Strand entfernt tief war, hatte es doch so nah am Ufer, wie die Stelle war, wo die beiden Feinde hineinfielen, nur Brusthöhe, dieß war jedoch schon völlig genug, um einen Mann zu tödten, der unter so ungünstigen Umständen hineingestürzt war, wie Wildtödter. Doch hatte er die Hände frei, und der Wilde war genöthigt, seinen Hals fahren zu lassen, um selbst sein Gesicht über dem Wasser zu halten. Eine halbe Minute dauerte ein verzweiflungsvoller Kampf, ähnlich dem Gezappel eines Alligators, der eben eine gewaltige Beute ergriffen hat, und dann standen Beide aufgerichtet, Jeder des Andern Arme zu packen suchend, um ihn am Gebrauche des tödtlichen Messers in der Finsternis zu hindern. Was der Ausgang dieses heftigen Kampfes von Mann gegen Mann gewesen wäre, kann man nicht wissen; aber ein Halbdutzend Wilde sprangen ins Wasser ihrem Genossen zu Hülfe, und Wildtödter ergab sich zum Gefangenen mit einer Würde, die nicht minder bemerkenswerth war, als seine Aufopferung.

Den See zu verlassen und den neuen Gefangenen an’s Feuer zu führen, erforderte auch nur wieder eine Minute. So beschäftigt waren sie Alle mit dem Kampfe und dessen Folgen, daß sie das Canoe nicht sahen, obgleich es der Küste noch so nahe war, daß der Delaware und seine Verlobte jede Sylbe ganz deutlich hörten, die gesprochen wurde; und die ganze Truppe verließ den Platz, Einige setzten die Verfolgung Hist’s dem Strande entlang fort, die Meisten aber kehrten zum Feuer zurück. Hier gewann Wildtödters Gegner so weit seinen Athem und seine Besinnung wieder, denn er war beinahe erwürgt worden von den Griffen des Andern, daß er die Art und Weise erzählen konnte, wie das Mädchen davon gekommen. Es war jetzt zu spät, die andern Flüchtlinge anzugreifen, denn sobald sein Freund in die Gebüsche abgeführt war, senkte der Delaware seine Ruderschaufel ins Wasser, und das leichte Canoe glitt geräuschlos dahin, dem Mittelpunkt des See’s zusteuernd, bis es außer Schußweite war, und dann suchte es die Arche auf.

Als Wildtödter beim Feuer ankam, sah er sich umringt von nicht weniger als acht grimmigen Wilden, worunter sein alter Bekannter Rivenoak. Sobald dieser das Gesicht des Gefangenen erblickt hatte, redete er heimlich mit seinen Genossen, und ein leiser aber allgemeiner Ausruf der Freude und Ueberraschung entfuhr ihnen. Sie hatten erfahren, daß der Besieger ihres, jüngst auf der gegenüberliegenden Küste des See’s gefallenen Freundes in ihren Händen, ihrer Barmherzigkeit oder Rachsucht preisgegeben war. Es lag eine nicht geringe Beimischung von Bewunderung in den trotzigen Blicken, die auf den Gefangenen geworfen wurden, Bewunderung, die ebensosehr durch seine jetzige Fassung, als durch seine vorangegangnen Thaten rege gemacht wurde. Man kann sagen, diese Scene war der Anfang des großen und schreckenverbreitenden Rufes, dessen Wildtödter, oder Falkenauge, wie er nachmals genannt wurde, unter allen Stämmen von Neu-Jork und Canada genoß; – ein Ruf, der freilich, was die Ausdehnung nach Länderstrecken und Menschenzahl betrifft, weit beschränkter war als der Ruf von Menschen im civilisirten Leben, aber der vielleicht, was ihm in diesen Punkten fehlte, durch seine größere Rechtmäßigkeit, und durch die gänzliche Ausschließung von Täuschung und künstlicher Pflege vergütete.

Die Arme Wildtödters wurden nicht gebunden, und es blieb ihm der freie Gebrauch seiner Hände, nachdem man erst sein Messer ihm weggenommen hatte. Die einzige Vorsichtsmaßregel, die man traf, um sich seiner Person zu versichern, war unablässige Wachsamkeit, und ein starkes Seil von Bast, das von einer Knöchel zur andern ging, nicht sowohl um ihn im Gehen zu hindern, als um einem etwaigen Fluchtversuche mittelst eines plötzlichen Satzes ein Hinderniß in den Weg zu legen. Selbst diese außerordentliche Vorbeugungsmaßregel gegen einen Fluchtversuch ward erst getroffen, nachdem man den Gefangenen an’s Licht geführt und seine Person erkannt hatte. Es war in der That ein Compliment, das man seiner Kühnheit machte, und er war stolz auf diese Auszeichnung. Daß er würde gebunden werden, wenn die Krieger schliefen, war ihm wahrscheinlich; aber gebunden zu werden im Augenblick seiner Gefangennehmung, war ein Beweis, daß er schon, und so frühe, einen Namen gewann. Während die jungen Indianer das Seil befestigten, dachte er bei sich selbst nach, ob wohl Chingachgook ebenso behandelt worden wäre, wäre auch er dem Feinde in die Hände gefallen. Auch rührte der Ruf des jungen Bleichgesichts nicht ganz von dem glücklichen Erfolg seines früheren Kampfes, oder von der Klugheit und Kaltblütigkeit her, die er bei der Unterhandlung erwiesen hatte; sondern er hatte auch durch die Ereignisse der Nacht einen großen Zuwachs erhalten. Unbekannt mit den Bewegungen der Arche, und mit dem Zufall, der die Feinde ihr Feuer hatte erblicken machen, schrieben die Irokesen die Entdeckung ihres neuen Lagers der Wachsamkeit eines so schlauen Feindes zu. Die Art und Weise, wie er sich auf die Landspitze gewagt hatte, die Entführung oder Flucht Hist’s, und ganz besonders die Selbstaufopferung des Gefangnen, verbunden mit der Besonnenheit, womit er das Canoe hinausgestoßen, waren ebenso viele wichtige Glieder in der Kette von Thatsachen, worauf sein wachsender Ruhm beruhte. Manche dieser Umstände hatten die Indianer selbst gesehen, manche waren ihnen erklärt worden, und alle wurden gewürdigt. Während solche Bewunderung und Ehren so ohne Rückhalt Wildtödtern gezollt wurden, entging er doch nicht einigen Beschwerlichkeiten seiner Lage. Man gestattete ihm, sich auf das Ende eines Blockes in der Nähe des Feuers zu setzen, um seine Kleider zu trocknen, und sein Gegner von Kurzem her stand ihm gegenüber, bald Stücke seiner eignen ärmlichen Kleidung an die Hitze haltend, bald sich die Kehle befühlend, wo die Spuren von seines Feindes Fingern noch recht gut sichtbar waren. Die übrigen Krieger rathschlagten in der Nähe miteinander, da Alle, die aus gewesen, mit der Nachricht zurückgekehrt waren, daß keine anderen Herumstreifer in der Nähe des Lagers zu finden seyen. Während dieses Stands der Dinge näherte sich das alte Weib, deren indianischer Name verdollmetscht Bärin bedeutete, Wildtödtern mit geballten Fäusten und feuersprühenden Augen. Bisher hatte sie sich mit Kreischen begnügt, eine Aufgabe, bei der sie ihre Rolle mit nicht geringem Erfolg gespielt hatte, aber nachdem sie auf’s wirksamste Alles in Alarm gesetzt hatte, was im Bereich einer durch lange Uebung gekräftigten Lunge lag, richtete sie zunächst ihre Aufmerksamkeit auf die Unbilden, die ihre eigne Person bei dem Kampfe erlitten hatte. Diese waren in keiner Weise von Bedeutung, obwohl von einer Art, daß sie wohl alle Wuth eines Weibes erwecken konnten, das längst nicht mehr mittelst sanfterer Eigenschaften anzog, und sehr geneigt war, die Mühsale, die sie so lange erduldet, als vernachlässigte Gattin und Mutter von Wilden an Jedem, der in ihre Gewalt kam, zu rächen. Wenn Wildtödter sie nicht auf die Dauer verletzt, hatte er ihr doch für einige Zeit Schmerzen bereitet, und sie war nicht die Person, ein Unrecht dieser Art um des Beweggrunds willen zu übersehen.

»Stinkthier der Bleichgesichter,« begann diese erbitterte und halbpoetische Furie, dem unerschütterlichen Jäger die Faust unter die Nase schüttelnd, »Ihr seyd nicht einmal ein Weib. Eure Freunde, die Delawaren, sind Weiber, und Ihr seyd ihr Schaaf. Euer eignes Volk wird Euch nicht anerkennen, und kein Stamm von rothen Männern würde Euch in seinen Wigwams dulden; Ihr schleicht herum unter Kriegern in Unterröcken. Ihr unsern tapfern Freund erschlagen, der uns verlassen hat? – nein! seine große Seele verschmähte es, mit Euch zu kämpfen, und verließ lieber ihren Leib, als daß sie die Schmach auf sich geladen, Euch zu tödten! Aber das Blut, das Ihr vergosset, als der Geist nicht zusah, ist nicht in die Erde geflossen. Es muß begraben seyn in Eurem Stöhnen – welche Musik höre ich! Das ist nicht das Aechzen eines rothen Mannes! – kein rother Krieger stöhnt und grunzt so wie ein Schwein. Diese Töne kommen aus einer Bleichgesichtskehle – einer Dengeese-Brust – und tönen so lieblich, wie eines Mädchens Singen. – Hund – Stinkthier – Wiesel – Iltiß – Stachelschwein – Ferkel – Kröte – Spinne – Nengee –« Hier mußte wohl die Alte, nachdem sie ihren Athem aufgewendet, und ihren Schatz von Schimpfwörtern erschöpft hatte, einen Augenblick inne halten, obwohl sie noch immer beide Fäuste dem Gefangenen in’s Gesicht schüttelte, und ihr ganzes mit Runzeln bedecktes Gesicht voll wilder, erbitterter Rachgier war. Wildtödter betrachtete diese ohnmächtigen Versuche, ihn aufzubringen, mit der Gleichgültigkeit, womit in unserm Zustand der Gesellschaft ein Gentleman auf die Schimpfreden eines Lumpen herabsieht; er fühlte, daß die Zunge eines alten Weibes nimmermehr einen Krieger verunehren konnte, so wie dieser weiß, daß Lüge und Gemeinheit auf die Länge nur diejenigen beschimpfen, die sich ihrer bedienen mögen; aber für den Augenblick wurden ihm weitere Angriffe erspart durch das Dazwischentreten Rivenoak’s, der die Hexe bei Seite schob, sie den Ort verlassen hieß, und sich anschickte, sich neben den Gefangenen zu setzen. Das alte Weib entfernte sich, aber der Jäger erkannte wohl, daß er der Gegenstand aller ihrer Belästigungen und Quälereien, wenn auch nicht thätlicher Mißhandlungen seyn würde, so lang er in der Gewalt seiner Feinde blieb; denn Nichts wurmt tiefer, als das Bewußtseyn, daß ein Versuch, Jemand in Zorn zu bringen, mit Verachtung aufgenommen worden ist, – einem Gefühl, das gewöhnlich das passivste von allen in der menschlichen Brust gehegten zu seyn pflegt. Rivenoak nahm ruhig seinen Sitz, wie wir schon erwähnt, ein, und nach einem kurzen Stillschweigen begann er ein Gespräch, das wir natürlich wieder zum Besten der Leser übersetzen, welche die nordamerikanischen Sprachen nicht studirt haben. »Mein Bleichgesichtfreund ist sehr willkommen,« sagte der Indianer mit einem vertraulichen Kopfnicken, und mit einem so versteckten Lächeln, daß es Wildtödters ganze Aufmerksamkeit brauchte, es zu entdecken, und nicht wenig von seiner Philosophie, um dabei ganz ruhig zu bleiben, »er ist willkommen. Die Huronen unterhalten ein heißes Feuer, des weißen Mannes Kleider daran zu trocknen.«

«Ich danke Euch, Hurone, oder Mingo, oder wie ich Euch eigentlich zu nennen habe,« versetzte der Andere; »ich danke Euch für den Willkomm und danke Euch für das Feuer. Beide sind gut in ihrer Art, und das letztere ist sehr gut, wenn Einer in einem so kalten Bade gewesen, wie der Glimmerglas ist. Selbst Huronenwärme mag in einem solchen Zeitpunkt angenehm seyn einem Mann mit einem Delawarenherzen.«

»Das Bleichgesicht – aber mein Bruder hat einen Namen? Ein so großer Krieger hat doch wohl nicht ohne einen Namen gelebt!«

»Mingo,« sagte der Jäger, und Etwas von der Schwäche der menschlichen Natur offenbarte sich in dem Blicke seines Auges und in der Farbe seiner Wangen, »Mingo, Euer Tapfrer nannte mich Falkenauge, ich glaube wegen meines raschen und sichern Zielens, als er mit seinem Haupt in meinem Schooß lag, ehe sein Geist nach den glücklichen Jagdrevieren aufflog!«

»Es ist ein guter Name, Der Falke ist seines Stoßes sicher. Falkenauge ist kein Weib; warum lebt er bei den Delawaren?«

»Ich verstehe Euch, Mingo, aber wir betrachten das Alles als eine Tücke von Einigen Eurer listigen Teufel, und läugnen die Beschuldigung. Die Vorsehung hat mich jung unter die Delawaren versetzt, und abgerechnet was christliche Gebräuche von meiner Farbe und meinen Gaben fordern, hoffe ich in ihrem Stamme zu leben und zu sterben. Doch aber bin ich nicht gemeint, meine angebornen Rechte ganz wegzuwerfen, und werde mich bestreben, die Pflicht eines Bleichgesichts in Gesellschaft von Rothhäuten zu erfüllen.« »Gut; ein Hurone ist eine Rothhaut, so gut wie ein Delaware. Falkenauge ist mehr ein Hurone als ein Weib.«

»Ich denke, Mingo, Ihr kennt Eure eigne Meinung; wenn nicht, so ist sie doch, wie ich nicht zweifle, dem Satan wohl bekannt? Aber wenn Ihr etwas von mir heraus bringen wollt, so sprecht deutlicher, denn einen Handel kann man nicht abschließen mit verbundnen Augen und gelähmter Zunge.«

»Gut; Falkenauge hat keine Gabelzunge, und er liebt zu sagen, was er denkt. Er ist ein Bekannter der Bisamratze,« – mit diesem Namen bezeichneten alle Indianer Hutter, – »und er hat in seinem Wigwam gewohnt, aber er ist nicht ein Freund von ihm. Es ist ihm nicht um Skalpe zu thun, wie einem armseligen Indianer, sondern er kämpft wie ein mannhaftes Bleichgesicht. Die Bisamratze ist weder weiß noch roth, weder Thier noch Fisch. Sie ist eine Wasserschlange; manchmal im Wasser, manchmal auf dem Land. Er trachtet nach Skalpen wie ein Räuber, Falkenauge kann zurückgehen und ihm sagen, wie er die Huronen überlistet habe, wie er entkommen sey; und wenn dann seine Augen in einem Nebel sind, wenn er nicht mehr von seiner Kajüte bis zu den Wäldern sehen kann – dann kann Falkenauge die Thüre öffnen für die Huronen. Und wie wird der Raub getheilt werden? Ha! Falkenauge wird das Meiste hinwegnehmen und die Huronen werden nehmen, was er übrig lassen mag. Die Skalpe können nach Canada wandern, denn ein Bleichgesicht hat keine Lust daran.«

»Nun gut, Rivenoak, denn so höre ich Euch nennen, das ist einmal deutlich gesprochen, obwohl auf Irokesisch. Ich verstehe wohl Alles, was Ihr meint, und muß sagen, diese Teufelei geht selbst über Mingoteufelei hinaus. Ohne Zweifel, es wäre leicht, zurückzugehen, und der Bisamratze zu sagen, daß ich von Euch losgekommen, und dazu noch durch die That einiges Lob und Ansehen zu gewinnen.«

»Gut; das ist es, was ich von dem Bleichgesicht wünschte.« »Ja, ja – das ist klar genug. Ich weiß ohne weitere Worte, was Ihr von mir verlangt. Während ich im Hause der Bisamratze sitze, und sein Brod esse, und mit seinen hübschen Töchtern lache und plaudere, könnte ich seine Augen mit einem dicken Nebel umhüllen, daß er nicht einmal die Thüre, geschweige das Land sähe!«

»Gut. Falkenauge sollte ein Hurone geboren seyn! Sein Blut ist kaum halb weiß!«

»Da irrt Ihr, Hurone: ja, da irrt Ihr so gewaltig, wie wenn Ihr einen Wolf für einen Panther hieltet. Ich bin weiß an Blut, Herz, Natur und Gaben, obwohl ein wenig Rothhaut in Gefühlen und Lebensart. Aber wenn des alten Hutter’s Augen recht benebelt sind, und seine hübschen Töchter vielleicht in tiefem Schlaf liegen, und Harry Hurry, die große Fichte, wie Ihr Indianer ihn nennt, von Allem eher als von Unheil träumt, und Alle denken, Falkenauge versehe den Dienst einer treuen Schildwache, hätte ich weiter nichts zu thun, als irgendwo eine Fackel zum kenntlichen Signal auszustecken, die Thüre zu öffnen und die Huronen einzulassen, um sie Alle niederzuschlagen.«

»Gewiß ist mein Bruder im Irrthum; er kann nicht weiß seyn! Er ist würdig, ein großer Häuptling unter den Huronen zu seyn!«

»Das ist sehr wahr, glaube ich gern, wenn er dieß Alles zu thun im Stande wäre. Jetzt merkt auf, Hurone, und hört auch einmal ein paar ehrliche Worte aus dem Mund eines geraden, einfachen Mannes. Ich bin als Christ geboren, und die von einem solchen Stamme kommen, und den Worten horchen, die zu ihren Vätern geredet wurden, und zu ihren Kindern werden geredet werden, bis die Erde mit Allem was darin ist, vergeht, können sich nimmermehr zu solcher Verruchtheit hergeben. Listen im Krieg mögen rechtmäßig seyn, und sind es; aber Listen und Trug, und Verrätherei unter Freunden passen nur für die Teufel unter den Bleichgesichtern. Ich weiß, daß es weiße Männer genug gibt, die Euch eine so falsche Idee von unsrer Natur geben können, aber die sind untreu ihrem Blut und ihren Gaben, und sollten, wenn sie es nicht wirklich sind, Ausgestoßene und Vagabunden seyn. Kein rechtliches Bleichgesicht könnte thun, was Ihr verlangt, und um so offen gegen Euch zu seyn, als es meine Art und mein Bestreben ist, nach meinem Urtheil auch kein rechtlicher Delaware; mit einem Mingo mag es ein andrer Fall seyn.«

Der Hurone hörte diese Abfertigung mit sehr begreiflichem Widerwillen an, aber er hatte seine Zwecke fest im Auge, und war zu schlau, um alle Aussicht, sie noch zu erreichen, durch eine übereilte Kundgebung seines Unmuths zu vereiteln. Sich zu einem Lächeln zwingend, schien er eifrig zuzuhören, und erwog dann nachdenklich, was er vernommen hatte.

»Liebt Falkenauge die Bisamratze?« fragte er plötzlich; »oder liebt er seine Töchter?«

»Keines von beiden, Mingo. Der alte Tom ist nicht der Mann, meine Liebe zu gewinnen, und was die Töchter betrifft, die sind hübsch genug, um jedem jungen Manne zu gefallen; aber Gründe genug sind gegen eine sehr große Liebe für die Eine oder die Andere, Hetty ist eine gute Seele, aber die Natur hat eine schwere Hand auf ihren Geist gelegt; – das arme Geschöpf!«

»Und die Wilde Rose!« rief der Hurone – denn der Ruf von Judiths Schönheit hatte sich unter denen verbreitet, welche in der Wildniß so gut zu reisen wußten, als auf der Heerstraße, mittelst alter Adleronester, Felsen und geborstener Bäume, die ihnen durch Sage und Ueberlieferung bekannt waren: so gut wie unter den weißen Grenzbewohnern – »und die wilde Rose, ist sie nicht süß genug, um an die Brust meines Bruders gesteckt zu werden?«

Wildtödter besaß zu viel vom gebornen Gentleman, um das Mindeste gegen den guten Ruf eines durch Natur und Stellung so hülflosen Wesens zu äußern; und da er keine Unwahrheit reden mochte, schwieg er lieber ganz. Der Hurone mißverstand den Beweggrund, und vermuthete, seiner Zurückhaltung liege eine nicht erhörte Neigung zu Grunde. Immer noch trachtend, seinen Gefangenen zu verführen ober zu bestechen, um in den Besitz der Schätze zu kommen, womit seine Einbildungskraft das Castell anfüllte, setzte er seine Angriffe beharrlich fort.

»Falkenauge spricht mit einem Freund,« sagte er. »Er weiß, daß Rivenoak der Mann seines Wortes ist, denn sie haben miteinander gehandelt, und Handel öffnet die Seele, Mein Freund ist hieher gekommen, wegen einer kleinen Schnur, von einem Mädchen festgehalten, welche den mannhaftesten Krieger ganz und gar nach sich reißen kann?«

«Jetzt seyd Ihr der Wahrheit näher, Hurone, als je zuvor, seit unser Gespräch begonnen. Aber das eine Ende dieser Schnur war nicht an meinem Herzen befestigt, auch haftete keines an der Wilden Rose.«

»Das ist wunderbar! Liebt mein Bruder mit seinem Kopf und nicht mit seinem Herzen? Und kann die Schwachsinnige so hart an einem so mannhaften Krieger zerren?«

»Da ist es wieder! manchmal richtig und manchmal falsch! Die Schnur, davon Ihr sprachet, ist befestigt an dem Herzen eines großen Delawaren; eigentlich Eines vom Mohikanstamm, der unter den Delawaren lebt seit der Zerstreuung seines eignen Volkes und der Familie der Unkas – Chingachgook mit Namen, oder Große Schlange. Er ist hieher gekommen, geleitet von jener Schnur, und ich bin ihm gefolgt, oder vielmehr ging ihm voran, denn ich kam zuerst hieher, durch nichts Stärkeres hergezogen, als durch Freundschaft, die stark genug ist bei solchen, die nicht neidisch sind mit ihren Gefühlen und gern auch ein Wenig für ihre Mitgeschöpfe leben, so gut wie für sich selbst.«

»Aber eine Schnur hat zwei Enden – eines ist befestigt am Herzen eines Mohikans, und das andere –?«

»Ha, das andere war hier, dicht am Feuer, noch vor einer halben Stunde. Wah-ta!-Wah hielt es in ihrer Hand, wenn es nicht an ihrem Herzen haftete.«

»Ich verstehe, was Ihr meint, mein Bruder,« versetzte der Indianer ernst, jetzt erst dem Zusammenhange der Ereignisse des Abends auf die Spur kommend. »Die Große Schlange, als der Stärkste, zog an der Schnur und Hist war gezwungen, uns zu verlassen.«

»Ich denke nicht, daß es viel Ziehens brauchte,« erwiederte der Andere, immer in seiner stillen Weise lachend, und das so herzlich, als wäre er kein Gefangener in Gefahr von Martern und Tod schwebend, gewesen. »Ich glaube nicht, daß es da viel Ziehens brauchte; nein, wahrhaftig nicht. Gott tröste Euch, Hurone; er hat das Mädchen gern, und das Mädchen ihn, und es ging über Huronenlist, zwei junge Leute von einander getrennt zu halten, wenn ein so starkes Gefühl sie an einander knüpfte.«

»Und Falkenauge und Chingachgook kamen nur mit diesem Vorhaben in unser Lager?«

»Das ist eine Frage, die sich selbst beantwortet, Mingo! Ja, wenn eine Frage reden könnte, sie würde sich selbst beantworten zu Eurer vollkommnen Befriedigung. Warum sonst sollten wir kommen? Und doch ist es nicht ganz genau so; denn wir kamen gar nicht in Euer Lager, sondern nur bis an die Fichte dort, die Ihr auf der andern Seite de« Hügelrückens seht, wo wir standen und Euer Thun und Treiben beobachteten, so lang es uns beliebte. Als wir fertig waren, gab Schlange sein Signal, und dann ging Alles genau wie es gehen konnte, bis zu dem Augenblick, wo der Vagabund dort mir auf den Rücken sprang. Gewiß! deßhalb kamen wir und in keiner andern Absicht; und wir erreichten, weßhalb wir kamen; es wäre nutzlos, etwas Anderes behaupten zu wollen. Hist ist auf und davon mit einem Mann, der so gut wie ihr Gatte ist, und begegne mir was da wolle; das ist wenigstens etwas Gutes gewonnen.« »Welches Zeichen oder Signal benachrichtigte das junge Mädchen, daß ihr Liebhaber in der Nähe sey?« fragte der alte Hurone mit größerer Neugier, als er sonst zu verrathen pflegte.

Wildtödter lachte wieder, und schien sich des Gelingens der That mit so herzlicher Fröhlichkeit zu freuen, wie wenn er nicht das Opfer davon geworden wäre.

»Eure Eichhörner sind große Nachtschwärmer, Mingo!« rief er, noch immer lachend – »ja, die sind gewiß rechte Nachtschwärmer! Wenn andrer Leute Eichhörner zu Hause sind und schlafen, sind die Eurigen noch auf den Bäumen lustig und munter, und pfeifen und singen in einer Weise, daß selbst ein Delawarisches Mädchen ihre Musik verstehen kann! Nun, es gibt vierbeinigte Eichhörner und es gibt zweibeinigte Eichhörner, und ich lobe mir die letztern, wenn eine gute, zähe Schnur zwei Herzen zusammenknüpft. Wenn diese sie zusammenbringt, so sagt jenes, wann es gilt, es am stärksten zu ziehen!«

Der Hurone sah ärgerlich aus, doch gelang es ihm, jede heftige Aeußerung seiner Erbitterung zu unterdrücken. Er verließ bald seinen Gefangnen, begab sich zu den andern Kriegern, und theilte ihnen das Wesentliche dessen, was er erfahren hatte, mit. Wie er selbst, so fühlten auch die Uebrigen Bewunderung neben ihrem Verdruß über die Keckheit und die gelungene That ihrer Feinde. Drei oder vier von ihnen stiegen auf die kleine Anhöhe hinauf, und betrachteten den Baum, wo sich die Abenteurer, wie sie gehört, aufgestellt hatten, und Einer stieg sogar hinab und suchte unten herum nach Fußtapfen, um sich zu versichern, daß jene Angabe wahr sey. Das Ergebniß bestätigte die Erzählung des Gefangenen, und Alle kehrten mit erhöhter Verwunderung und Achtung zum Feuer zurück. Der Bote, der mit einigen Mittheilungen von der Truppe weiter oben angekommen war, während die zwei Abenteurer das Lager beobachteten, ward jetzt mit einer Antwort fortgeschickt, und nahm ohne Zweifel den Bericht alles hier Vorgefallenen mit sich. Bis zu diesem Augenblick hatte der junge Indianer, den man hatte mit Hist und einem andern Mädchen herumgehen sehen, keine Schritte gethan, eine Unterredung mit Wildtödter anzuknüpfen. Er hatte sich selbst von seinen Freunden ferngehalten, und war an der Versammlung jüngerer Weiber auf und abgeschritten, die wie gewöhnlich abgesondert sich zusammengethan hatten, und leise über die Flucht ihrer bisherigen Genossin sich besprachen. Vielleicht wäre der Wahrheit gemäß zu sagen, daß diese Letztern über das Vorgefallene ebenso vergnügt als ärgerlich waren. Ihre weiblichen Gefühle sprachen für die Liebenden, während ihr Stolz bei dem Erfolge ihres eignen Stammes betheiligt war. Es ist auch möglich, daß die überlegenen persönlichen Vorzüge Hist’s sie für Einige von dem jüngern Theile der Gruppe gefährlich machten, und es diesen nicht leid war, sie der Macht ihrer Reize nicht mehr im Wege stehen zu sehen. Im Ganzen jedoch herrschte das bessere Gefühl vor; denn weder der wilde Zustand, worin sie lebten, und die Stammesvorurtheile der einzelnen Völkerschaften, noch ihr hartes Loos als indianische Weiber hatten die unvertilgbare Hinneigung ihres Geschlechtes zu sanfteren Gefühlen gänzlich zu besiegen vermocht. Eines von den Mädchen lachte sogar über die trostlosen Mienen des Burschen, der sich als verlassen betrachten mochte, ein Umstand, der plötzlich seine Thatkraft zu erwecken schien, und ihn veranlaßte, zu dem Stamm hinzutreten, auf welchem der Gefangene noch immer, seine Kleider trocknend, saß.

»Das ist Pantherkatze!« sagte der Indianer, prahlerisch mit der Hand auf die nackte Brust sich schlagend, indem er jene Worte sprach in einer Weise, die zeigte, welchen großen Eindruck er von ihnen erwartete.

»Das ist Falkenauge,« versetzte ganz ruhig Wildtödter, den Namen sich beilegend, unter welchem er künftighin allen Männern der Irokesen bekannt zu werden gewiß war. »Mein Gesicht ist scharf; reicht meines Bruders Sprung weit?« »Von hier bis zu den Dörfern der Delawaren. Falkenauge hat mein Weib gestohlen; er muß sie zurückbringen, oder sein Skalp wird an einem Pfahl hängen und in meinem Wigwam trocknen.«

»Falkenauge hat Nichts gestohlen, Hurone. Er stammt nicht von einem Diebsgeschlecht und hat keine Diebesgaben. Euer Weib, wie Ihr Wah-ta!-Wah nennt, wird nie das Weib Eines der Rothhäute aus den Canada’s werden; ihre Seele ist in der Hütte eines Delawaren, und ihr Leib ist gegangen sie zu suchen. Die Pantherkatze ist schnell, das weiß ich, aber ihre Füße können nicht Schritt halten mit den Wünschen eines Weibes.«

»Die Schlange der Delawaren ist ein Hund; er ist ein armseliger Ochsenfrosch, der sich im Wasser hält; er fürchtet sich auf festem Boden zu stehen, wie ein tapfrer Indianer,«

»Ei, ei, Hurone, das ist ziemlich unverschämt, sintemal es nicht eine Stunde ist, daß Schlange nur hundert Fuß von Euch entfernt stand, und die Dicke Eurer Haut mit einer Büchsenkugel probirt haben würde, als ich ihm auf Euch hindeutete, hatte ich nicht das Gewicht einiger Ueberlegung auf seine Hand gelegt. Ihr mögt Mädchen in den Ansiedlungen fangen mit Eurem Pantherkatzengeheule, aber das Ohr eines Mannes kann Wahrheit von Unwahrheit unterscheiden.«

»Hist lacht über ihn! Sie sieht, er ist lahm und ein ärmlicher Jäger, und ist nie auf dem Kriegspfad gewesen. Sie wird einen Mann zum Gatten nehmen, und nicht einen Narren,«

»Wie wißt Ihr das, Pantherkatze? wie wißt Ihr das?« versetzte Wildtödter lachend. »Sie ist auf den See gegangen, das seht Ihr, und vielleicht zieht sie eine Forelle einer Bastardkatze vor. Was die Kriegspfade betrifft, so haben weder Schlange noch ich viele Erfahrung, wie wir gerne gestehen; aber wenn Ihr dieß keinen nennen wollt, so müßt Ihr es, wie die Mädchen in den Niederlassungen, doch die Hochstraße zum Ehestand nennen. Nehmt meinen Rath, Pantherkatze, und sucht Euch ein Weib unter den jungen Huroninnen; unter den Delawarinnen werdet Ihr nie Eine mit ihrem guten Willen bekommen.«

Pantherkatze’s Hand fühlte nach seinem Tomahawk, und als die Finger den Griff faßten, zogen sie sich krampfhaft zusammen, als wenn der Indianer zwischen Klugheit und Ingrimm schwankte. In diesem kritischen Augenblick näherte sich Rivenoak, veranlaßt durch eine gebieterische Geberde den jungen Mann, sich zu entfernen, und nahm selbst seinen früheren Sitz neben Wildtödter auf dem Baumstamm ein. Hier blieb er eine kleine Weile stumm sitzen, mit der ernsten Zurückhaltung eines indianischen Häuptlings.

»Falkenauge hat Recht,« begann endlich der Irokese; »sein Gesicht ist so scharf, daß er die Wahrheit sieht in einer dunkeln Nacht, und unsre Augen sind blind gewesen. Er ist eine Eule, und das Dunkel verbirgt ihm Nichts. Er darf seine Freunde nicht beschädigen und erschlagen; er hat Recht.«

Es freut mich, daß Ihr so denkt, Mingo,« versetzte der Andere, »denn ein Verräther ist nach meinem Urtheil schlimmer als eine Memme. Ich frage so wenig nach der Bisamratze, als ein Bleichgesicht nach dem andern fragen darf; aber doch liegt er mir zu sehr am Herzen, als daß ich ihm in der Weise, wie Ihr wünschtet, einen Hinterhalt legen sollte. Kurz, nach meinen Ideen sind alle Listen, außer Listen im offenen Krieg, gegen das Recht, und wie wir Weißen es nennen, auch gegen das Evangelium.«

»Mein Bleichgesichtbruder hat Recht; er ist kein Indianer, der seinen Manitou und seine Farbe vergäße. Die Huronen wissen, daß sie einen großen Krieger zum Gefangnen haben, und sie werden ihn als Solchen behandeln. Wenn er gemartert werden soll, so werden seine Martern von der Art seyn, wie kein gewöhnlicher Mann sie ertragen kann, und wenn er als Freund behandelt wird, so wird die ihm erwiesene Freundschaft die Freundschaft von Häuptlingen seyn.«

Während der Hurone diese Versicherung seiner außerordentlichen Hochschätzung gab, blickte sein Auge verstohlen nach dem Gesicht des Andern, um zu entdecken, wie dieser das Compliment aufnehme, obgleich sein Ernst und seine anscheinende Aufrichtigkeit Jeden, der nicht in Listen und Künsten erfahren gewesen, seine Beweggründe schwerlich hatte entdecken lassen. Wildtödter gehörte zu den Arglosen; und bekannt mit den indianischen Begriffen, worin die Achtung, in Behandlung von Gefangenen, sich kund that, fühlte er sein Blut gerinnen bei dieser Ankündigung, wiewohl er eine so gestählte Fassung und Miene behauptete, daß sein scharfblickender Feind darin keine Spur von Schwäche lesen konnte.

»Gott hat mich in Eure Hände gegeben, Hurone,« versetzte endlich der Gefangene, »und ich denke, Ihr werdet nach Eurem Willen mit mir verfahren. Ich will mich nicht dessen rühmen was ich thun werde unter den Martern, denn ich bin noch nie auf die Probe gestellt worden, und vorher kann kein Mensch so Etwas behaupten; aber ich will mein Möglichstes thun, um dem Volk keine Schande zu machen, unter dem ich aufgewachsen bin. Indeß wünschte ich jetzt, daß Ihr mir bezeugtet, daß ich ganz von weißem Blute bin, und natürlich auch von weißen Gaben; somit, wenn ich sollte übermannt werden und mich vergessen, werdet Ihr, hoffe ich, den Fehler dahin stellen, wohin er eigentlich gehört, und ihn in keiner Weise den Delawaren, oder ihren Verbündeten und Freunden, den Mohikans, zurechnen. Wir sind Alle mit mehr oder weniger Schwäche erschaffen, und ich fürchte, die eines Bleichgesichts besteht darin, unter großen körperlichen Martern zu erliegen, während eine Rothhaut seine Lieder singt und den Feinden in’s Gesicht trotzig sich seiner Thaten rühmt.«

»Wir werden sehen; Falkenauge hat eine gute Miene und er ist zäh. – Aber warum sollte er gemartert werden, wenn die Huronen ihn lieben? Er ist nicht als ihr Feind geboren; und der Tod Eines Kriegers wird nicht für immer eine Wolke zwischen sie werfen.«

»Um so besser, Hurone, um so besser. Dennoch möchte ich Nichts einem Mißverständnis über unsre beiderseitigen Gesinnungen zu verdanken haben. Es ist um so besser, wenn ihr keinen Groll nachtragt wegen des Verlustes eines Kriegers, der im Kampfe fiel; doch aber ist es unwahr, daß keine Feindschaft – rechtmäßige Feindschaft meine ich – zwischen uns bestehe. So weit ich überhaupt Rothhautgefühle habe, habe ich Delawarengefühle; und ich überlasse es Euch selbst zu beurtheilen, in wie weit sie freundschaftlich gegen die Mingo’s seyn können.«

Wildtödter hielt inne, denn eine Art Gespenst stand vor ihm. das plötzlich den Fluß seiner Worte hemmte, und ihn in der That einen Augenblick zweifeln machte an der Treue seines gerühmten Gesichts. Hetty Hutter stand neben dem Feuer, so ruhig, als gehörte sie zu dem Stamme.

Während der Jäger und der Indianer dasaßen, Jeder die Gemüthsbewegungen beobachtend, die sich im Gesicht des Andern aussprachen, hatte sich das Mädchen unbeachtet genähert, ohne Zweifel von dem Strand auf der südlichen Seite der Landspitze her, oder derjenigen, die dem Ort zunächst war, wo die Arche geankert hatte, und war zu dem Feuer herangeschritten mit der ihrer Einfalt eigenthümlichen und durch ihre frühere Behandlung bei den Indianern allerdings gerechtfertigten Furchtlosigkeit. Sobald Rivenoak das Mädchen erblickte, erkannte er sie auch wieder, und zwei oder drei der jüngern Krieger herrufend, sandte sie der Häuptling auf Kundschaft aus, besorgt, Hetty’s Erscheinung möchte der Vorbote eines neuen Angriffs seyn. Dann winkte er Hetty, näher heranzukommen.

«Ich hoffe, Euer Besuch ist ein Zeichen, daß Schlange und Hist in Sicherheit sind,« sagte Wildtödter, sobald das Mädchen der Aufforderung des Huronen gehorcht hatte. »Ich denke nicht, daß Ihr wieder mit dem Vorhaben an die Küste kommt, das Euch das letzte Mal herführte.«

»Judith hieß mich dießmal gehen, Wildtödter,« versetzte Hetty; »sie ruderte mich selbst in einem Canoe an’s Land, sobald Schlange seine Hist gezeigt und seine Geschichte erzählt hatte. Wie schön ist Hist heute Nacht, Wildtödter, und wie viel glücklicher sieht sie aus, als da sie bei den Huronen war!«

»Das ist Natur, Mädchen; ja, das kann man als menschliche Natur setzen. Sie ist bei ihrem Verlobten und fürchtet nicht mehr einen Mingo zum Mann zu bekommen. Nach meinem Urtheil würde Judith selbst den größten Theil ihrer Schönheit verlieren, wenn sie dächte, sie müßte sie ganz einem Mingo hingeben! Zufriedenheit thut Viel zur Befestigung des guten Aussehens; und ich will Euch dafür stehen, Hist ist zufrieden genug, nachdem sie den Händen dieser Elenden entronnen und bei ihrem auserwählten Krieger ist! Sagtet Ihr nicht, Eure Schwester habe Euch an’s Land gehen heißen – wie kam Judith dazu?«

»Sie bat mich zu gehen, um nach Euch zu sehen, und den Versuch zu machen, die Wilden zu bereden, daß sie noch mehr Elephanten nähmen für Eure Loslassung; aber ich habe die Bibel mitgebracht, die wird mehr ausrichten, als alle Elephanten in Vaters Schranke!«

»Und Euer Vater, gute kleine Hetty – und Hurry; wußten sie von Eurem Vorhaben?«

»Nichts. Beide schlafen; und Judith und Schlange hielten es für’s Beste, daß sie nicht geweckt würden, damit sie nicht wieder gelüstete, auf Skalpe auszuziehen, wenn Hist ihnen gesagt hätte, wie wenige Krieger und wie viele Weiber und Kinder hier im Lager seyen. Judith ließ mir keine Ruhe, bis ich an’s Land ging, um zu sehen, was aus Euch geworden.«

»Nun, das ist auffallend, was Judith betrifft! Warum ist sie denn auch wegen meiner so in Sorgen? Ja, jetzt sehe ich, wie die Sache ist; ja, jetzt durchschaue ich die ganze Sache. Ihr müßt verstehen, Hetty, Eure Schwester ist unruhig darüber, Harry March möchte erwachen und ungeschickterweise wieder dem Feind in die Hände laufen, weil er leicht die Idee haben könnte, er müsse als Reisegesellschafter mir in dieser Sache beistehen! Hurry ist ein zu täppischer Mensch, das geb‘ ich zu; aber ich glaube nicht, daß er meinetwillen so Viel wagen würde, wie für sich selbst.«

»Judith kümmert sich nicht um Hurry, wenn schon Hurry Wohl um sie,« versetzte Hetty, unschuldig, aber mit großer Bestimmtheit.

»Ich habe Euch das schon früher sagen hören; ja, ich habe das sonst schon von Euch gehört, Mädchen; und doch ist es nicht wahr. Man lebt nicht unter einem Stamm, ohne auch Etwas zu sehen von der Art und Weise, wie die Neigung im Herzen eines Weibes arbeitet. Obgleich selbst keineswegs gesonnen, zu heirathen, bin ich doch unter den Delawaren ein Beobachter gewesen, und das ist eine Sache, worin Bleichgesicht- und Rothhaut-Gaben ganz gleich sind. Wenn das Gefühl anfängt, ist das junge Weib nachdenklich, und hat Augen und Ohren nur für den Krieger, der ihr Gemüth eingenommen hat; dann folgt Schwermuth und Seufzen und derlei Geberdungen; darnach, besonders wenn die Sachen nicht zu deutlicher Erörterung kommen, legt sie sich oft auf´s Tadeln und Fehlerfinden, und schilt den Jüngling eben wegen der Dinge, die ihr am besten an ihm gefallen. Manche junge Creatur ist gar geneigt, in dieser Weise ihre Liebe zu zeigen, und ich bin der Meinung, zu diesen gehört auch Judith. Nun habe ich sie so gut als läugnen hören, daß Hurry ein gutes Aussehen habe; und mit dem jungen Weib, das das thut, muß es in der That weit gekommen seyn.«

»Das junge Weib, das Hurry liebte, würde gestehen, daß er schön sey. Ich halte Hurry für sehr schön, Wildtödter, und gewiß muß Jedermann, wer Augen hat, so denken. Judith mag den Harry March nicht, und das ist der Grund, warum sie so viel an ihm aussetzt.«

»Gut– gut – meine gute kleine Hetty, sey es, wie Ihr wollt. Wenn wir auch von jetzt bis zum Winter fortschwatzten, würde doch Jedes bei seiner Meinung bleiben, und so nützen Worte nichts. Ich muß glauben, daß Judith sehr in Hurry verschossen ist und daß sie ihn früher oder später nehmen wird; und dieß nur um so mehr, nach der Art zu schließen, wie sie ihn schilt und mißhandelt; Ihr aber, glaube ich fast, denkt gerade das Gegentheil. Aber merkt, was ich Euch sage, Mädchen, und gebt Euch die Miene, es nicht zu wissen,« fuhr dieser Mann fort, der so blind war, in einem Punkt, wo Männer gewöhnlich scharfsichtig und rasch genug sind, Entdeckungen zu machen, und so scharfblickend in Dingen, welche der Beobachtung bei weitem des größten Theils der Menschen spotten würden; »ich sehe, wie es ist mit diesen Vagabunden. Rivenoak hat uns verlassen, wie Ihr seht, und spricht mit den jungen Männern dort, und obgleich es zu weit entfernt ist, um zu hören, kann ich doch sehen, was er ihnen sagt. Er gibt ihnen Befehl, Eure Bewegungen zu beobachten und ausfindig zu machen, wo das Canoe Euch treffen soll, um Euch zur Arche zurück zu führen, und dann fest zu nehmen Wen und Was sie können. Es thut mir leid, daß Judith Euch geschickt hat, denn ich denke mir, sie wünscht Eure Rückkehr.«

»Alles das ist schon in’s Reine gebracht, Wildtödter,« versetzte das Mädchen in leisem, vertraulichem und bedeutsamem Tone; »und Ihr könnt mir zutrauen, daß ich die besten Indianer dort alle überlisten werde. Ich weiß, ich bin schwachsinnig, aber doch habe ich einigen Sinn und Verstand, und ihr sollt sehen, wie ich damit zurückzukommen weiß, wenn mein Vorhaben beendigt ist!«

»Ach, armes Märchen, ich fürchte, das Alles ist leichter gesagt als gethan. Es ist das ein giftiges Gezücht von Gewürmen, und ihr Gift ist nicht vermindert und milder worden durch den Verlust Hist’s. Sehr froh bin ich, daß es Schlange gerade gelang, mit dem Mädchen sich zu retten, denn jetzt werden Zwei wenigstens glücklich seyn, während, wenn er in die Hände der Mingo’s gefallen wäre. Zwei unglücklich und einem Dritten keineswegs so zu Muthe gewesen wäre, wie es einem Zufriedenen ist.«

»Jetzt erinnert Ihr mich an einen Theil meines Vorhabens, den ich beinahe vergessen hätte, Wildtödter. Judith trug mir auf, Euch zu fragen, was Ihr glaubt, daß die Huronen mit Euch thun würden, wenn Ihr nicht könntet losgekauft werden, und womit sie Euch am wirksamsten dienen könne? Ja, das war der wichtigste Theil des Auftrags – was sie thun könne, um Euch am wirksamsten zu dienen.«

»So denkt Ihr, Hetty; aber daran liegt nichts. Junge Weiber sind geneigt, am meisten Werth auf das zu legen, was ihre Gefühle berührt – aber das ist einerlei, sey es, wie Ihr wollt, nur nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht die Vagabunden sich eines Canoe’s bemächtigen laßt. Wenn Ihr auf die Arche zurückkommt, sagt ihnen, sie sollen immer scharfe Wache, aber immer sich in Bewegung halten, ganz besonders bei Nacht. Es können nicht mehr viele Stunden vergehen, ohne daß die Truppen am Fluß von dieser Bande hören, und dann können Eure Freunde nach Unterstützung und Entsatz sich umsehen. Es ist nur ein Tagmarsch von der nächsten Garnison hieher, und rechte Soldaten werden nie müßig hinliegen, wenn der Feind in ihrer Nachbarschaft ist. Das ist mein Rath, und Ihr möget Eurem Vater und Hurry sagen: auf Skalpe Jagd machen, werde jetzt ein ärmliches Gewerbe seyn, da die Mingo’s auf den Beinen und wach sind, und Nichts sie retten könne, bis die Truppen anlangen, als wenn sie einen tüchtigen Wassergürtel zwischen sich und den Wilden ziehen.«

»Was soll ich Judith von Euch sagen, Wildtödter? Ich weiß, sie wird mich wieder zurück schicken, wenn ich ihr nicht die Wahrheit über Euch berichte.«

»Dann sagt Ihr die Wahrheit. Ich sehe keinen Grund, warum Judith Hutter von mir nicht so gut die Wahrheit hören sollte, als eine Lüge. Ich bin ein Gefangener in den Händen der Indianer, und die Vorsehung allein weiß, was der Ausgang seyn wird! Hört, Hetty –« und er ließ die Stimme sinken und sprach noch heimlicher und noch mehr im Vertrauen, »Ihr seyd ein wenig schwachsinnig, muß man gestehen, aber Ihr versteht Euch ein Wenig auf Indianer. Hier bin ich in ihren Händen, nachdem ich einen ihrer muthigsten Krieger getödtet, und sie haben versucht, mich durch Furcht vor den Folgen ihrer Rache zu bearbeiten, Euern Vater und Alle in der Arche zu verrathen. Ich verstehe die Spitzbuben so gut, als wenn sie Alles geradezu mit ihren Zungen herausgesagt hätten. Sie halten mir die Lockungen der Habgier auf der einen und Furcht auf der andern Seite vor, und glauben, die Ehrlichkeit werde zwischen beiden zu Fall kommen. Aber thut Eurem Vater und Hurry zu wissen, daß es vergeblich ist, Schlange weiß es schon.«

»Aber was soll ich Judith sagen? Sie wird mich gewiß wieder zurück schicken, wenn ich ihr Gemüth nicht beruhige.«

»Nun, sagt Judith dasselbe. Ohne Zweifel werden die Wilden ihre Martern versuchen, um mich zur Schwäche zu bringen und den Verlust ihres Kriegers zu rächen; aber ich muß mich gegen natürliche Schwäche zu behaupten suchen, so gut ich immer kann. Ihr könnt Judith sagen, sie solle sich um mich keinen Kummer machen – es wird hart kommen, das weiß ich, sintemalen eines weißen Mannes Gaben nicht dahin gehen, unter Martern zu prahlen und zu singen, denn er empfindet in der Regel am wenigsten, wenn er am ärgsten leidet – aber Ihr mögt ihr sagen, sie solle sich keinen Kummer machen. Ich denke, ich werde es schon zu ertragen wissen; und sie darf sich darauf verlassen, mag ich auch noch sehr den Gleichmuth verlieren, und ganz und gar bewähren, daß ich weiß bin durch Wimmern und Stöhnen und selbst durch Thränen, – doch werde ich nie so weit kommen, daß ich meine Freunde verrathe. Wenn es daran geht, daß man mit glühenden Ladstöcken Löcher in’s Fleisch brennt, und den Körper zerhackt, und das Haar mit den Wurzeln ausrauft, mag wohl die Natur die Oberhand gewinnen, was Aechzen und Klagen anbetrifft, aber damit wird der Triumph der Vagabunden enden; nichts Geringeres, als wenn ihn Gott den Teufeln Preis gibt, kann einen ehrlichen Mann seiner Farbe und seiner Pflicht untreu machen.«

Hetty hörte mit großer Aufmerksamkeit zu, und ihr mildes, aber sprechendes Gesicht verrieth lebhafte Theilnahme an der so vorläufig geschilderten Todesqual des künftigen möglichen Dulders. Anfänglich schien sie verlegen, wie sie sich benehmen sollte; dann ergriff sie eine Hand Wildtödters und empfahl ihm dringend und liebevoll, ihre Bibel zu borgen und darin zu lesen, während ihn die Wilden mit ihren Martern peinigten. Als der Andre redlich gestand, daß das Lesen über sein Vermögen gehe, erbot sie sich sogar, bei ihm zu bleiben, und selbst diesen heiligen Dienst zu versehen. Das Anerbieten ward freundlich abgelehnt, und da Rivenoak im Begriff stand, wieder zu ihnen zu treten, bat Wildtödter das Mädchen, ihn zu verlassen, wobei er ihr jedoch nochmals einschärfte, denen in der Arche zu sagen, daß sie volles Vertrauen in seine Treue setzen sollten. Jetzt entfernte sich Hetty und näherte sich der Gruppe von Weibern mit solcher Zuversicht und Selbstbeherrschung, als wäre sie eine Eingeborne des Stammes. Andrerseits nahm der Hurone seinen Sitz neben dem Gefangenen wieder ein, und fuhr fort, ihm mit all der tückischen Schlauheit eines geübten indianischen Rathsmannes Fragen vorzulegen, während der Andere seine List zu Schanden machte mit den Mitteln, die, wie man weiß, auch die wirksamsten sind, die Feinheit der anspruchsvolleren Diplomatie der Zivilisation zu vereiteln – oder sich in seinen Antworten auf die Wahrheit und die Wahrheit allein, beschränkte.

Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

            So starb sie. Nie wird sie erfahren
Mehr Schmerz und Schmach; unfähig, daß sie trägt
Die inn´re Last im Lauf von Monden, Jahren,
Gleich kältern Herzen, bis in’s Grab sie legt
Das Alter. Ihre Tag‘ und Freuden waren
Kurz, aber schön, wie sie das Schicksal pflegt
Nicht lang zu gönnen. Doch am Meeresstrand
Schläft sie nun wohl, wo sie sich gern befand.
Byron.

Die jungen Männer, die bei Hetty’s plötzlichem Erscheinen auf Kundschaft waren ausgesandt worden, kehrten bald zurück mit dem Bericht, daß es ihnen nicht gelungen, irgend Etwas zu entdecken. Einer von ihnen war sogar am Strand bis an den Platz, der der Arche gegenüber lag, hingegangen, aber die Dunkelheit hatte dieß Fahrzeug seinen Blicken gänzlich entzogen. Andre hatten in verschiedenen Richtungen sich umgesehen, und überall hatten sie nur die Stille der Nacht mit dem Schweigen und der Einsamkeit der Wälder vermählt gefunden.

Man glaubte daher, das Mädchen sey, wie bei ihrem ersten Besuch und in einem ähnlichen Zweck, allein gekommen. Die Irokesen wußten nicht, daß die Arche das Castell verlassen hatte, und es waren mittlerweile Bewegungen im Plane, wenn nicht schon in wirklicher Ausführung begriffen, welche auch das Gefühl der Sicherheit mächtig verstärkten. Eine Wache ward daher ausgestellt, und Alle außer den Schildwachen schickten sich zum Schlafe an.

Man hatte hinlängliche Sorge getroffen, den Gefangenen sicher verwahrt zu halten, ohne ihm unnöthige Leiden anzuthun, und Hetty gestattete man, sich unter den indianischen Mädchen so gut sie konnte, eine Schlafstätte zu suchen. Die freundliche Dienstfertigkeit Hist’s fand sie freilich nicht, obwohl ihr Charakter nicht blos gegen Unbilden und Gefangenschaft sie sicher stellte, sondern ihr auch eine Berücksichtigung und Achtung verschaffte, vermöge der sie, was Bequemlichkeit betraf, völlig den wilden aber gutmüthigen Geschöpfen um sie her gleichgestellt wurde. Man gab ihr eine Haut, und sie machte sich selbst ihr Bett zurecht aus einem Haufen von Zweigen, ein wenig beiseite von den Hütten. Hier lag sie bald, wie Alle um sie her, in tiefem Schlafe.

Es waren jetzt dreizehn Männer bei der Truppe, und je drei auf einmal hielten Wache. Einer jedoch blieb im Schatten, nicht weit vom Feuer, zurück. Seine Obliegenheit war, den Gefangnen zu bewachen, dafür Sorge zu tragen, daß das Feuer nicht so aufflackerte, daß es den Platz beleuchtete, und doch es nicht ganz erlöschen zu lassen, und auf den Zustand des Lagers überhaupt ein wachsames Auge zu haben. Ein Zweiter ging von einem Strand zum andern herüber und hinüber, und durchkreuzte die Basis der Landspitze, während der dritte langsam an dem äußersten Rand der Küste auf- und abschritt, um eine Wiederkehr der Ueberraschung, die schon einmal in dieser Nacht stattgefunden, zu verhüten. Diese Einrichtung war keineswegs gewöhnlich bei Wilden, die sich in der Regel mehr auf die Heimlichkeit ihrer Bewegungen, als auf eine derartige Wachsamkeit verlassen; aber sie war veranlaßt durch die eigenthümlichen Umstände, in welchen sich die Huronen eben jetzt befanden. Ihre Stellung war ihren Feinden bekannt, und sie konnte nicht wohl geändert werden zu einer Stunde, welche Schlaf und Ruhe verlangte. Vielleicht setzten sie auch hauptsächlich ihr Vertrauen auf das, was, wie sie für gewiß zu wissen glaubten, weiter aufwärts auf dem See vorging, und was, wie sie wähnten, sämmtlichen in Freiheit befindlichen Bleichgesichtern nebst ihrem einzigen indianischen Bundesgenossen alle Hände voll zu thun geben würde. Auch wußte vermuthlich Rivenoak, daß, so lange er den Gefangenen behielt, er den Gefährlichsten von allen seinen Feinden in Händen hätte. Die Sicherheit, mit welcher diese an Wachsamkeit oder an ein Leben, dessen Ruhe oft gestört wird, gewöhnten Menschen einschlafen, ist eines der nicht am wenigsten merkwürdigen Phänomene unsers geheimnißreichen Daseyns. Nicht sobald ruht der Kopf auf dem Pfühl, so ist auch das Bewußtseyn entschwunden; und doch, zur erforderlichen Stunde, scheint der Geist den Körper aufzuwecken, so rasch und sicher, als hätte er die Zeit über Schildwache bei ihm gestanden. Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß diejenigen, die so ihren Schlummer abbrechen, aufwachen vermöge der Macht des Gedankens über die Materie, obwohl die Art und Weise, wie diese Macht, dieser Einfluß geübt wird, unsrer Forschbegier verborgen bleiben muß, bis er einst, falls diese Stunde je eintritt, wird erklärt werden durch die vollständige Erleuchtung der Seele hinsichtlich aller menschlichen Räthsel. Dieß war nun auch der Fall bei Hetty Hutter. Für so schwach auch der immaterielle Bestandteil ihres Wesens galt, war er doch kräftig genug, ihre Augen um Mitternacht zu öffnen. Um diese Stunde wachte sie auf, verließ ihr Lager, aus Zweigen und einer Haut bestehend, schritt arglos und offen zu der Glut des Feuers, und fachte diese ein wenig an, da die Kühle der Nacht und der Wälder, in Verbindung mit einem über die Maßen kunstlosen Bett, sie ein wenig frieren gemacht hatte. Als die Flamme aufloderte, beleuchtete sie das braune Gesicht des wachehaltenden Huronen, dessen dunkle Augen bei diesem Licht blitzten wie die Augen des Panthers, der mit Feuerbränden zu seiner Höhle verfolgt wird. Aber Hetty fühlte keine Furcht, und sie näherte sich dem Platz, wo der Indianer stand. Ihre Bewegungen waren so natürlich, und so gänzlich frei von der verstohlenen Art der List oder Täuschung, daß er dachte, sie sey nur aufgestanden wegen der Kälte der Nacht, ein in einem Bivonak nicht seltenes Vorkommniß, und ein solches, das vielleicht unter allen am wenigsten Verdacht zu erregen geeignet ist. Hetty sprach zu ihm, aber er verstand kein Englisch, dann starrte sie beinahe eine Minute den schlafenden Gefangenen an, und entfernte sich dann langsam, Trauer und Betrübniß in ihrem Wesen.

Das Mädchen nahm sich nicht die Mühe, ihre Bewegungen zu verhehlen. Alle schlauen Auskunftsmittel dieser Art gingen gänzlich über ihr Vermögen; doch war ihr Schritt von Natur leicht und kaum hörbar. Wie sie die Richtung nach der äußersten Landspitze, oder nach dem Platz einschlug, wo sie bei ihrem ersten Abenteuer gelandet, und wo Hist sich eingeschifft hatte, sah die Schildwache ihre leichte Gestalt allmälig im Dunkel verschwinden, ohne darüber unruhig zu werden oder ihre Stellung zu ändern. Der Indianer wußte, daß Andere auf Wache ausgestellt waren, und glaubte nicht, daß diejenige, die zweimal freiwillig ins Lager gekommen war, und es schon ganz offen verlassen hatte, sich durch die Flucht ihnen werde zu entziehen suchen. Kurz, das Thun und Treiben des Mädchens erregte nicht mehr Aufmerksamkeit, als das irgend einer geistesschwachen Person in civilisirten Ländern erregen würde, während man ihrer Person mit weit mehr Achtung und Rücksicht begegnete.

Hetty hatte freilich keine sehr deutliche Vorstellung von den Lokalitäten, aber doch fand sie den Weg zum Strande, den sie auf derselben Seite des Vorsprungs erreichte, wo auch das Lager aufgeschlagen war. Dem Rand des Wassers folgend, und die Richtung nach Norden einschlagend, stieß sie bald auf den Indianer, der als Schildwache am Strand auf- und abschritt. Es war dieß ein junger Krieger, und als er ihren leichten Tritt auf dem Kiesgrunde hörte, näherte er sich rasch, obwohl keineswegs in drohender Weise. Die Finsterniß war so dicht, daß es nicht leicht war, innerhalb der Schatten des Waldes auf eine Entfernung von zwanzig Fuß Gestalten zu entdecken, und beinahe unmöglich, Personen zu unterscheiden, als bis man sie beinahe greifen konnte. Der junge Hurone ließ einigen Verdruß blicken, als er merkte, wem er begegnete, denn die Wahrheit zu gestehen, erwartete er seine Auserkorene, welche ihm versprochen, die Langeweile einer Wache um Mitternacht durch ihre Anwesenheit ihm zu versüßen. Auch dieser Mann verstand kein Englisch, aber er fand gar nichts Befremdendes daran, daß das Mädchen zu dieser Stunde auf den Beinen war. Solche Dinge kamen in einem indianischen Dorf und Lager, wo der Schlaf so unregelmäßig ist wie die Mahlzeit, ganz gewöhnlich vor. Dann kam der armen Hetty ihre bekannte Geistesschwäche auch bei dieser Gelegenheit, wie in den meisten Dingen gegenüber den Wilden, sehr zu Statten. Verdrießlich über die Täuschung seiner Erwartung, und unmuthig über die Erscheinung eines unbequemen Besuchs, wie er dachte, winkte der junge Krieger dem Mädchen weiter zu gehen in der Richtung des Strandes. Hetty gehorchte; aber im Weitergehen sprach sie laut Englisch in ihrem gewöhnlichen, weichen Ton, den die Stille der Nacht auf einige Entfernung vernehmbar machte.

»Wenn Ihr mich für ein Huronenmädchen nahmet, Krieger,« sagte sie, »so wundert es mich nicht, daß Ihr so unzufrieden seyd. Ich bin Hetty Hutter, Thomas Hutter’s Tochter, und bin noch nie Nachts mit einem Mann zusammengetroffen, denn Mutter sagte immer, das sey unrecht, und sittsame Mädchen dürften es nie thun – sittsame Mädchen von den Bleichgesichtern, meine ich; denn die Bräuche sind verschieden in verschiedenen Theilen der Welt, das weiß ich. Nein, nein; ich bin Hetty Hutter, und möchte selbst Hurry Harry nicht begegnen, sollte er auch auf die Kniee niederfallen und mich darum bitten! Mutter sagte, es sey unrecht.«

Während Hetty so sprach, hatte sie den Platz erreicht, wo die Canoe’s gelandet hatten, und vermöge der Krümmung des Landes und der Gebüsche dem Auge der Schildwache sogar am hellen Tage verborgen geblieben wären. Aber ein andrer Fußtritt hatte das Ohr des Liebhabers erreicht, und er befand sich schon außer dem Bereich der Silberstimme des Mädchens. Noch immer sprach Hetty fort, ganz ihren Gedanken und Wünschen nachhängend, aber bei ihrer so leisen Stimme konnten die Töne nicht weit in den Wald hineindringen. Uebers Wasser hin verbreiteten sie sich weiter.

»Da bin ich, Judith,« fuhr sie fort, »und Niemand ist in meiner Nähe. Der Hurone auf der Wache ist seinem Liebchen entgegengegangen, einem indianischen Mädchen, das du kennst, und das nie eine christliche Mutter gehabt, die ihr hätte sagen können, wie unrecht es ist, bei Nacht sich mit einem Manne zu treffen –«

Hetty’s Reden ward unterbrochen durch ein »Bscht!« das vom Wasser her kam, und dann wurde sie, wiewohl undeutlich, des Canoe’s ansichtig, welches sich geräuschlos näherte, und bald mit seinem Bug auf den Kieseln auffuhr. Sobald Hetty’s Last in das leichte Fahrzeug aufgenommen war, entfernte sich das Canoe wieder, das Hintertheil voran, wie wenn es Leben und Willen hätte, bis es hundert Schritte vom Ufer entfernt war. Dann wandte es sich, und indem es einen weiten Bogen beschrieb, ebensosehr um die Fahrt zu verlängern, als um außer Gehörweite zu kommen, nahm es seinen Lauf der Arche zu. Einige Minuten lang ward Nichts gesprochen, dann aber begann Judith, welche sich in einer günstigen Lage zu befinden glaubte, um mit ihrer Schwester sich zu besprechen, und – das Canoe mit einer Geschicklichkeit handhabend, die der eines Mannes Wenig nachgab, allein im Hintertheil saß, ein Gespräch, welches anzufangen sie vor Begierde brannte, seit sie die Landspitze verlassen hatten.

»Hier sind wir sicher, Hetty,« sagte sie, »und können plaudern, ohne Furcht belauscht zu werden. Du mußt aber leise sprechen, denn übers Wasser hört man in einer stillen Nacht die Töne weit hin. Ich war einen Theil der Zeit über, während welcher du am Lande wärest, dem Ausläufer so nahe, daß ich die Stimmen der Krieger hörte, und ich hörte deine Schuhe auf dem Kies des Strandes, noch ehe du sprachest.« »Die Huronen, Judith, wissen, glaube ich, nicht, daß ich sie verlassen habe.«

»Wahrscheinlich nicht, denn ein Liebhaber gibt eine schlechte Schildwache ab, wenn er nicht etwa auf sein Liebchen wartet oder sie bewacht! Aber sag‘ mir, Hetty, hast du Wildtödter gesehen und gesprochen?«

»Oh! ja – er saß am Feuer, mit gebundnen Füßen, aber die Arme hatte man ihm freigelassen, daß er sie bewegen konnte, wie er wollte.«

»Gut; was hat er dir gesagt, Kind? Sprich schnell; ich sterbe vor Verlangen, zu wissen, welche Botschaft er mir sendet.«

»Was er mir gesagt hat? ha, was denkst Du, Judith! er hat mir gesagt, er könne nicht lesen! Bedenke nur, ein weißer Mann und nicht einmal seine Bibel lesen können! Er hat wohl nie eine Mutter gehabt, Schwester!«

»Laß das ruhen, Hetty. Nicht alle Menschen können lesen; obgleich unsre Mutter so Viel wußte, und uns so Viel lehrte, versteht doch Vater sehr Wenig von Büchern, und kann kaum nur die Bibel lesen, wie du weißt.«

»Oh, ich dachte auch nie, daß die Väter gut lesen könnten, aber die Mütter sollten alle lesen, denn wie können sie es sonst ihre Kinder lehren? Glaube mir, Judith, Wildtödter kann nie eine Mutter gehabt haben, sonst würde er auch lesen können.«

»Hast du ihm gesagt, ich habe dich an’s Land geschickt, Hetty, und daß ich so bekümmert sey um sein Unglück?« fragte die Andere ungeduldig.

»Ich glaube so, Judith; aber du weißt, ich bin schwachsinnig und kann es vergessen haben. Ich habe ihm gesagt, du habest mich ans Land geführt. Und er trug mir Vieles auf, was ich dir sagen sollte, dessen ich mich wohl erinnere, denn das Blut erstarrte mir, wie ich ihm zuhörte. Er trug mir auf zu sagen, seine Freunde – ich denke, zu denen gehörst du auch, Schwester?«

»Wie kannst du mich so martern, Hetty! gewiß gehöre ich zu den treuesten Freunden, die er auf der Welt hat!«

»Dich martern, ja, jetzt besinne ich mich wieder auf Alles! Ich bin froh, daß du das Wort gebrauchtest, Judith, denn es ruft nur wieder Alles in die Seele zurück. Nun er sagte, er könnte wohl von den Wilden gemartert werden, aber er wolle versuchen, es zu ertragen, wie es einem christlichen, weißen Manne gezieme, und es dürfe Niemand in Forcht seyn – warum sagt denn Wildtödter: in Forcht, während uns doch Mutter immer sagen lehrte: in Furcht?«

»Laß das, liebe Hetty, laß doch jetzt das,« rief die Andere, beinahe außer Stand zu athmen. »Hat Wildtödter dir wirklich gesagt, er glaube, die Wilden würden ihn martern? Besinne dich recht, Hetty, denn das ist eine höchst ernste und entsetzliche Sache.«

»Ja, das hat er; und es fällt mir darüber ein, daß du sagtest, ich martere dich. Oh! es ward mir sehr leid und bange um ihn, und Wildtödter nahm Alles so ruhig und so geräuschlos! Wildtödter ist nicht so schön wie Hurry Harry, Judith, aber er ist ruhiger.«

»Er ist so viel werth, als eine Million Hurry’s! ja, er ist so viel werth als alle die jungen Männer, die je an den See kamen, zusammengenommen,« sagte Judith mit einer Lebhaftigkeit und Bestimmtheit, welche ihre Schwester staunen machte. »Er ist wahr! es ist keine Lüge in Wildtödters Mund und Seele. Du, Hetty, weißt vielleicht nicht, welches Verdienst an einem Manne die Wahrheit ist, aber wenn du einmal – nein, ich hoffe du wirst es nie erfahren. Warum sollte ein Geschöpf, wie du, je die harte Schule des Hasses und Mißtrauens durchmachen?«

Judith beugte, so dunkel es war, und so wenig sie von irgend einem Auge außer dem der Allmacht gesehen werden konnte, ihr Haupt herunter zwischen ihre Hände und stöhnte tief auf. Dieser plötzliche Paroxysmus von Affekt dauerte jedoch nur einen Augenblick, und sie fuhr dann ruhiger fort, immer noch freimüthig zu ihrer Schwester sprechend, in deren Verstand und Verschwiegenheit in Allem, was sie betraf, sie nicht das mindeste Mißtrauen setzte. Ihre Stimme war aber jetzt leise und hohl, während sie zuvor klar und lebhaft gewesen war.

»Es ist eine harte Sache, die Wahrheit fürchten zu müssen, Hetty,« sagte sie: »und doch fürchte ich Wildtödters Wahrhaftigkeit mehr als irgend einen Feind. Man kann nicht markten mit solcher Wahrhaftigkeit – solcher Redlichkeit – solcher hartnäckigen Geradheit! Aber sind wir nicht gänzlich ungleich, Schwester – Wildtödter und ich? Ist er nicht in Allem mir überlegen?«

Es war etwas Ungewöhnliches bei Judith, sich so weit herunterzugeben, daß sie an Hetty’s Einsicht und Urtheil sich fragend wandte. Auch redete sie sie nicht oft mit dem Namen Schwester an, – eine Auszeichnung, die gewöhnlich die Jüngere der Aelteren erweist, selbst da wo in allen andern Beziehungen Gleichheit der Personen stattfindet. Wie geringfügige Abweichungen vom gewohnten Ton oft stärker auffallen, als wichtigere Veränderungen, bemerkte auch Hetty diese Umstände, und wunderte sich darüber in ihrer einfachen Weise.

Ihr Ehrgeiz war ein wenig aufgestachelt; und ihre Antwort war eben so wenig dem gewöhnlichen Lauf der Dinge entsprechend, als die Frage; denn das arme Mädchen suchte sich über ihr Vermögen fein und klug vernehmen zu lassen.

»Ueberlegen, Judith?–« wiederholte sie mit Stolz. »In was kann Wildtödter dir überlegen seyn? Bist du nicht der Mutter Kind – und kann er lesen – und that es nicht Mutter darin allen Frauen in dieser Gegend der Welt zuvor? Ich sollte meinen, weit entfernt, daß er dir überlegen wäre, dürfte er sich kaum mir überlegen glauben. Du bist hübsch und er ist häßlich–«

»Nein, nicht häßlich, Hetty,« unterbrach sie Judith, »Nur unansehnlich. Aber sein ehrliches Gesicht hat einen Ausdruck, der weit besser ist, als Schönheit. In meinen Augen ist Wildtödter hübscher als Harry Hurry.«

»Judith Hutter! Du erschreckst mich. Hurry ist der hübscheste Sterbliche auf der Welt – hübscher sogar als du selbst; weil, wie Du weißt, das gute Aussehen eines Mannes immer besser ist, als das gute Aussehen eines Weibes.«

Dieser kleine unschuldige Zug von natürlichem Geschmack gefiel der ältern Schwester im Augenblick nicht, und sie stand nicht an, dieß zu erkennen zu geben.

»Hetty, du sprichst jetzt thöricht, und sagtest lieber Nichts mehr über diesen Gegenstand,« versetzte sie. »Hurry ist weit nicht der schönste Sterbliche auf der Welt; und es sind Officiere in den Garnisonen –« bei diesen Worten stammelte Judith – »es sind Officiere in den Garnisonen in unsrer Nähe weit hübscher als er. Aber warum glaubst Du, daß ich Wildtödtern gleich sey – davon sprich, denn ich höre es nicht gern, wenn du solche große Bewunderung an den Tag legst für einen Mann wie Hurry Harry, der weder Gefühl, noch Benehmen, noch ein Gewissen hat. Du bist zu gut für ihn, und das sollte man ihm geradeheraus sagen!«

»Ich, Judith, wie Du Alles vergißt! Ha, ich bin ja nicht schön, und schwachsinnig!«

»Du bist gut, Hetty, und das ist mehr, als sich von Henry March sagen läßt. Er mag ein Gesicht, und einen tüchtigen Körper haben, aber er hat kein Herz. Doch genug hievon für jetzt. Sage mir, was mich Wildtödtern gleich stellt.«

»Daß dir einfällt, mich das zu fragen, Judith! Er kann nicht lesen und du kannst es. Er weiß nicht, schön zu reden, sondern spricht schlechter, sogar als Hurry; denn, Schwester, Harry spricht seine Worte nicht immer richtig aus. Hast du das auch schon bemerkt!«

»Ganz gewiß; er ist so roh im Sprechen, wie in Allem sonst. Aber ich fürchte, du schmeichelst mir, Hetty, wenn du meinst, ich könne mit Recht Wildtödtern gleich gestellt werden. Es ist wahr, ich habe mehr gelernt; bin in Einem Sinne hübscher; und vielleicht dürfte ich nach Höherem trachten – aber dann seine Wahrhaftigkeit – seine Wahrhaftigkeit – die macht einen fürchterlichen Unterschied zwischen uns! Nun, ich will hievon nicht weiter sprechen; und wir wollen auf Mittel denken, ihn aus den Händen der Huronen zu befreien. Wir haben Vaters Schrank in der Arche, Hetty, und könnten es mit der Lockspeise weiterer Elephanten versuchen; aber ich fürchte, solche Spielsachen werden nicht die Freiheit eines Mannes wie Wildtödter erkaufen. Ich fürchte Vater und Hurry werden nicht so bereitwillig seyn, Wildtödter auszulösen, als er es war, sie auszulösen!«

»Warum nicht, Judith? Hurry und Wildtödter sind Freunde und Freunde sollten immer einander beistehen?«

»Ach, arme Hetty, du kennst die Menschen wenig! Anscheinende Freunde sind oft mehr zu fürchten, als offene Feinde, zumal von Frauen. Aber Du sollst am Morgen noch einmal an’s Land, und versuchen, was für Wildtödter geschehen kann. Gemartert soll er nicht werden, so lange Judith Hutter lebt, und Mittel finden kann, es zu verhindern.«

Das Gespräch kam jetzt auf allerlei Punkte und spann sich fort, bis die ältere Schwester von der jüngern alle Umstände herausgezogen hatte, welche zu behalten und mitzutheilen dieser ihre schwachen Geisteskräfte gestatteten. Als Judith befriedigt war – obgleich man eigentlich nicht sagen kann, daß sie befriedigt worden, da ihre Gefühle so mit Allem verwoben waren, was sich auf den Gegenstand bezog, daß eine fast nicht zu stillende Neugier in ihr rege geworden war – also, als Judith keine Fragen mehr zu ersinnen wußte, ohne sich nur zu wiederholen, ward das Canoe zu der Arche hingerudert. Die dichte Finsterniß der Nacht, und die tiefen Schatten, welche die Hügel und Wälder auf das Wasser warfen, machten es schwer, das Fahrzeug zu finden, da es so nahe an der Küste vor Anker lag, als nur irgend die Rücksicht auf Sicherheit räthlich machte. Judith war erfahren in der Handhabung eines Rindencanoes, dessen Leichtigkeit mehr Geschicklichkeit als Kraft erheischte; und sie trieb ihr kleines Fahrzeug rasch über das Wasser hin, sobald sie ihre Unterredung mit Hetty beendigt und den Entschluß zurückzukehren, gefaßt hatte. Aber noch immer war keine Arche zu sehen. Einige Male glaubten die Schwestern, sie zu erblicken, hervorragend in der Finsterniß, wie ein niedrer, schwarzer Fels; aber jedesmal fand sich, daß es entweder eine optische Täuschung, oder ein Auswuchs von Laubwerk an der Küste gewesen war. Nach einem halbstündigen Suchen drängte sich den Mädchen die unwillkommne Ueberzeugung auf, daß die Arche sich entfernt habe.

Die meisten Mädchen hätten wohl die peinliche Verlegenheit ihrer Lage im physischen Sinne unter den Umständen, in welchen sich die verlassenen Schwestern befanden, eher empfunden, als irgend sonstige Besorgnisse. Bei Judith verhielt sich dieß nicht so; und selbst Hetty empfand mehr Unruhe wegen der Beweggründe, die ihren Vater und Hurry möchten geleitet haben, als Besorgnisse wegen ihrer Sicherheit.

»Es kann doch nicht seyn, Hetty,« sagte Judith, als die genaueste Nachsuchung Beide überzeugt hatte, daß keine Arche zu finden war; »es kann doch nicht seyn, daß Indianer auf Flößen oder gar ohne solche herangeschwommen sind, und unsre Freunde im Schlaf überrascht haben?«

»Ich glaube nicht, daß Hist und Chingachgook schlafen würden, ehe sie einander Alles gesagt, was sie sich nach einer so langen Trennung zu sagen hatten – glaubst du es, Schwester?«

»Vielleicht nicht, Kind. Vielerlei konnte sie wach halten, aber Ein Indianer mochte überrascht werden, selbst wenn er nicht schlief, zumal da seine Gedanken bei andern Dingen verweilt haben mögen. Doch aber sollten wir ein Geräusch hören; denn in einer Nacht, wie diese, hätte ein Fluch Harry Hurry’s an den östlichen Bergen widerhallen müssen, wie ein Donnerschlag.«

»Hurry ist sündhaft und rücksichtlos in seinen Worten,« versetzte Hetty leise und bekümmert.

»Nein – nein; es ist unmöglich, daß die Arche sollte genommen worden seyn, ohne daß ich ein Geräusch gehört hätte. Es ist nicht eine Stunde, seit ich sie verließ, und die ganze Zeit über lauschte ich auf das kleinste Geräusch. Und doch kann man nicht leicht glauben, daß ein Vater absichtlich seine Kinder preisgeben würde!«

»Vielleicht hat Vater uns in unserem Gemache schlafend geglaubt, und hat zurück nach Hause gesteuert, Du weißt, daß wir oft bei Nacht mit der Arche Bewegungen machen.«

»Das ist wahr, Hetty, und es muß so seyn, wie du denkst. Es ist etwas mehr Südwind, als zuvor, und sie sind den See hinaus gefahren – «

Judith stockte; denn als das letzte Wort ihrer Zunge entschwebte, ward die Scene plötzlich, obwohl nur für einen Augenblick, durch ein aufflammendes Licht erhellt. Das Krachen einer Büchse folgte darauf, und dann das Rollen des Echo’s die östlichen Berge entlang. Beinahe in demselben Augenblick stieg ein durchbringender weiblicher Schrei in langem Kreischen in die Lüfte empor. Die entsetzliche Stille, die darauf folgte, war wo möglich noch gräßlicher, als die plötzliche, wilde Unterbrechung des tiefen, mitternächtlichen Schweigens. Judith, so entschlossen sie von Natur und durch Gewohnheit war, athmete kaum, während die arme Hetty ihr Angesicht verbarg und zitterte.

»Das war eines Weibes Schrei, Hetty!« sagte die Erstere mit feierlichem Ernst; »und es war ein Schmerzensschrei! Wenn die Arche sich von dieser Stelle bewegt hat, so konnte sie bei diesem Wind nur nördlich segeln, und der Schuß und der Schrei kamen von der Landspitze. Sollte Hist Etwas zugestoßen seyn?«

»Laß uns hin und sehen, Judith; sie bedarf vielleicht unsers Beistandes – denn außer ihr sind nur Männer auf der Arche.«

Es war kein Augenblick zum Zaudern, und ehe Judith aufgehört zu sprechen, war schon ihr Ruder im Wasser. Die Entfernung von der Landspitze, in gerader Linie, war nicht groß, und die Gemüthsbewegungen, welche die Mädchen trieben, waren zu aufregend, als daß sie ihnen gestattet hätten, die kostbaren Augenblicke mit nutzlosen Vorsichtsmaßregeln zu vergeuden. Sie ruderten ohne große Vorsicht vorwärts, aber dieselbe Aufregung hinderte auch Andre, ihre Bewegungen zu beobachten. Bald gewahrte das Auge Judiths einen Lichtschimmer durch eine Lücke in den Gebüschen, und darauf zusteuernd, lenkte sie das Canoe so, daß sie denselben im Gesicht behielt, während sie dem Lande sich so weit näherte, als nothwendig und klug war.

Die Scene, die sich jetzt den Blicken der Mädchen darbot, war in den Wäldern, auf der Seite des oft erwähnten Abhangs, vom Boot aus vollkommen übersehbar. Alle im Lager waren da versammelt, und sechs oder acht trugen Kienholzfackeln, die ein starkes, aber leichenhaftes Licht auf Alles unter den Laubhallen des Waldes warfen. Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, und auf einer Seite unterstützt von der jungen Schildwache, deren Nachlässigkeit Hetty hatte entkommen lassen, saß das Mädchen, dessen erwarteter Besuch die Schuld seines Dienstfehlers trug. Bei dem grellen Lichte der Fackel, die man ihr gegen das Gesicht hielt, erkannte man deutlich, daß sie mit dem Tode rang, während das von ihrer nackten Brust herabträufelnde Blut die Beschaffenheit des Unfalls, der sie betroffen, verrieth. Auch der scharfe, eigenthümliche Geruch von Schießpulver war noch in der schweren, feuchten Nachtluft wahrzunehmen. Es konnte kein Zweifel seyn, daß sie erschossen war. Judith verstand Alles auf Einen Blick. Der Lichtblitz hatte auf dem Wasser gezuckt in kleiner Entfernung von der Landspitze, und entweder war die Büchse aus einem Canoe, das die Küste umkreiste, oder von der Arche aus im Vorbeifahren abgefeuert worden. Ein unvorsichtiger Ausruf, ein Lachen, mochte den Angriff veranlaßt haben, denn es war kaum möglich, daß dem Schützen beim Zielen etwas Anderes zu Hülfe gekommen, als ein Laut. Die Wirkung war noch viel augenscheinlicher, denn der Kopf des Opfers hing herunter, und der Leib schlotterte in der Auflösung des Todes. Dann wurden alle Fackeln bis auf eine gelöscht – eine Klugheitsmaßregel; und der traurige Zug, der den Leichnam in’s Lager trug, konnte eben kaum noch unterschieden werden bei dem noch übrigen dämmernden Lichte.

Judith seufzte tief auf und schauderte, als sie ihr Ruder wieder eintauchte, und das Canoe umfuhr vorsichtig die Landspitze. Ein Anblick hatte sich ihren Sinnen dargeboten und schwebte jetzt vor ihrer Einbildungskraft, der noch härter zu ertragen war, als selbst der frühe Tod und der vorübergehende Todeskampf des verschiedenen Mädchens. Sie hatte bei dem grellen Licht aller der Fackeln die aufgerichtete Gestalt Wildtödters erblickt, der, Mitleid und wie ihr vorkam, Schaam in seinem Angesicht sich aussprechend, neben der Sterbenden stand. Er selbst verrieth weder Furcht noch Kleinmüthigkeit, aber aus den Blicken, welche die Krieger auf ihn warfen, sah man deutlich, daß in ihrer Brust heftige Leidenschaften kämpften. Alles dieß schien von dem Gefangenen nicht beachtet zu werden; aber Judiths Gedächtniß blieb es die ganze Nacht hindurch schauerlich eingepägt.

Man traf kein Canoe, das um die Landspitze herumstreifte. Eine Stille und Dunkelheit, so vollständig, als wäre das Schweigen des Waldes nie gestört worden, oder hätte die Sonne nie diese entlegene Scene beschienen, herrschte jetzt auf der Landspitze und dem düstern Wasser, auf den schlummernden Wäldern, und selbst an dem unlustigen Himmel. Es war daher Nichts weiter zu machen, als einen sichern Platz zu suchen; und der war nur zu finden in der Mitte des See’s. Dahin ruderten sie in aller Stille; man ließ das Canoe nördlich hintreiben, und die Mädchen suchten Rast und Ruhe, so gut ihre Lage und ihre Gefühle sie ihnen gönnen wollten.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

O welche Lust im Wald, pfadlos, verschlungen!
O welch Entzücken am entleg’nen Strand!
Dort ist Gesellschaft, die nicht aufgedrungen,
Am Meer, in dessen Sturm Musik ich fand!
Den Menschen lieb‘ ich, doch noch mehr verstand
Ich die Natur; mit ihr, will ich nicht fragen
Was ich wohl könnte seyn, einst war! Verwandt
Durch sie dem All, fühl‘ ich, was auszusagen
Ich nicht vermag, noch ganz mit Schweigen kann ertragen.
Childe Harold

Ereignissehaben für die menschliche Vorstellung die Wirkungen der Zeit. So kann sich, wer weit gereist ist und Viel gesehen hat, leicht einbilden, lange gelebt zu haben, und diejenige Geschichte, welche am reichsten ist an wichtigen Begebenheiten, nimmt am frühesten den Charakter und Schein eines weit zurückreichenden Alters an. Auf keine andere Weise vermögen wir uns das Gepräge von Ehrwürdigkeit zu erklären, das schon den Annalen Amerikas anhaftet. Wenn der Geist zurückschaut in die frühesten Tage der Geschichte der Colonieen, so scheint jene Periode fern und dunkel, da die tausend Wechselfälle, welche an die Kettenglieder der Erinnerung sich herandrängen, den Ursprung der Nation in eine Ferne rückwärts schieben, die scheinbar im Nebel unvordenklicher Zeit liegt, und doch würden vier Menschenalter von gewöhnlicher Lebensdauer hinreichen, um von Mund zu Mund, in der Gestalt der Tradition, Alles zu überliefern, was civilisirte Menschen im Bereich der Republik geleistet haben. Obgleich Neu-York allein eine Bevölkerung besitzt, größer in Wahrheit, als die der vier kleinsten Königreiche Europa’s, oder auch als die der gesammten Schweizerischen Eidgenossenschaft, ist es doch erst Wenig mehr, als zwei Jahrhunderte her, seit die Holländer ihre Niederlassungen begannen und das Land aus dem wilden Zustand emporhoben. So wird, was durch die Häufung von wechselnden Ereignissen den ehrwürdigen Schein des Alters annimmt, zu vertrauterer Gewöhnlichkeit zurückgeführt, wenn wir es ernst und nüchtern nur in seinem Zeitverhältniß in’s Auge fassen.

Dieser Blick auf die Perspective der Vergangenheit wird den Leser vorbereiten, daß er die Gemälde, die wir zu entwerfen im Begriffe stehen, mit weniger Ueberraschung betrachtet, als er vielleicht sonst empfunden hätte, und einige weitere Erläuterungen führen vielleicht seine Einbildungskraft zurück zur genauern und deutlichern Anschauung desjenigen Gesellschaftszustandes, den wir zu schildern wünschen. Es ist eine geschichtliche Thatsache, daß die Niederlassungen an den östlichen Ufern des Hudson, wie Claverack, Kinderhook und selbst Poughkeepsie vor hundert Jahren als nicht sicher vor Einfällen der Indianer galten, und noch steht an den Uferhöhen des genannten Flusses, nur einen Musketenschuß weit von den Cajen von Albany, ein Schloß eines jüngern Zweiges der Van Rensselaers mit Schießscharten zur Vertheidigung gegen eben jenen schlauen Feind, obgleich es aus einer kaum so fernen Zeit stammt. Andere ähnliche Erinnerungen und Urkunden von der großen Jugend des Landes findet man hin und wieder selbst in den Gegenden, die als der eigentliche Mittelpunkt amerikanischer Civilisation betrachtet werden, – zum klarsten Beweise, daß alle unsere Sicherheit vor Einfällen und feindlicher Gewaltthat die Frucht einer nicht viel längern Zeit ist, als welche nicht selten Ein Menschenleben umfaßt.

Die Begebenheiten dieser Erzählung fallen zwischen die Jahre 1740 und 1745, wo die mit Niederlassungen besetzten Striche der Colonie Neu-York sich auf die vier Atlantischen Bezirke, einen schmalen Landgürtel auf jeder Seite des Hudsons, von dessen Mündung bis zu den Fällen in der Nähe seines Ursprungs, und auf einige wenige vorgeschobne »Nachbarschaften« am Mohawk und Schoharie beschränkten. Breite Gürtel der Urwildniß reichten nicht nur bis an die Ufer des ersten Stromes, sondern kreuzten ihn sogar, indem sie nach Neu-England hin sich fortsetzten und mit ihren Wäldern Schutz und Versteck boten dem geräuschlosen Moccasin des eingebornen Kriegers, wenn er auf dem verborgnen und blutigen Kriegspfad daherschlich. Ein Blick aus der Vogelperspektive auf die ganze Gegend östlich vom Mississippi mußte damals eine unermeßliche Ausdehnung von Wäldern zeigen, abwechselnd mit einem vergleichungsweise schmalen Saum angebauten Landes der See entlang, punktirt gleichsam durch die schimmernden Spiegel der Seen, und durchschnitten von den bewegten Linien der Ströme. In einem so ungeheuern Bilde feierlich ernster Einsamkeit verliert sich der Landstrich, dessen Schilderung wir beabsichtigen, fast in Unbedeutenheit, doch fühlen wir uns ermuthigt, zur Ausführung zu schreiten, durch die Ueberzeugung, daß, leichte und unwesentliche Unterschiede abgerechnet, derjenige, dem eine genaue Anschauung eines Theils dieser wilden Gegend zu verschaffen gelingt, nothwendig auch einen ziemlich richtigen Begriff vom Ganzen dem Leser geben muß.

Welche Veränderungen und Verwandlungen auch durch die Menschenhand mögen bewirkt worden seyn, der ewige Kreis der Jahreszeiten ist nicht zerrissen worden. Sommer und Winter, Saat- und Ernte-Zeit kehren mit erhabener Genauigkeit immer wieder in der ihnen gesetzten Ordnung, und bieten dem Menschen eine der alleredelsten und genußreichsten Gelegenheiten, die hohe Macht seines weitreichenden Geistes zu bestätigen, indem er die Gesetze erfaßt, welche ihre strenge Gleichförmigkeit beherrschen, und ihre nie endenden Umkreisungen berechnet. Hunderte von Sommersonnen hatten die Wipfel der edeln Eichen und Fichten erwärmt, und ihre Glut selbst bis in die zähen Wurzeln hinabgesendet, als man Stimmen einander rufen hörte in den Tiefen eines Waldes, dessen laubreiche Höhe in dem glänzenden Licht eines wolkenlosen Juniustages schwamm, während die Stämme der Bäume in dem Schatten unten in düstrer Größe sich erhoben. Die Anrufungen waren von verschiedenem Ton, und rührten unverkennbar von zwei Männern her, die den Weg verloren hatten, und jetzt in verschiedenen Richtungen den rechten Pfad wieder suchten. Endlich zeugte ein jauchzender Schrei von glücklichem Erfolg und im Augenblick darauf brach ein Mann hervor aus dem verworrenen Labyrinth eines kleinen Sumpfes und trat in eine Lichtung, welche theils durch die Verheerungen des Windes, theils durch die des Feuers entstanden zu seyn schien. Dieser kleine, offene Platz, der eine freie Ansicht des Himmels gestattete, obgleich er ziemlich angefüllt war mit gefallnen Bäumen, lag neben einem der hohen Hügel oder niedern Berge, aus welchen beinahe die ganze Oberfläche der benachbarten Gegend bestand.

»Hier ist ein Platz zum Athemschöpfen!« rief der befreite Waldmann, sobald er sich unter blauem Himmel befand, und schüttelte seinen gewaltigen Körper, wie ein Spürhund, der eben einer Schneewehe entronnen ist: »Hurrah! Wildtödter; hier ist wenigstens Tageslicht und dort der See!«

Diese Worte waren kaum gesprochen, als der zweite Waldmann bei dem Buschwerke des Sumpfes hervortauchte und auf dem freien Platze erschien. Nachdem er in der Eile seine Waffen und seine in Unordnung gekommene Kleidung wieder zurecht gemacht, kam er zu seinem Genossen heran, der schon Anstalten zu einem Aufenthalt machte.

»Kennt Ihr diese Stelle?« fragte der als ›Wildtödter‹ Angerufene; »oder habt ihr so gejauchzt bei dem Anblick der Sonne?«

»Beides, Junge, beides; ich kenne die Stelle und es thut mir nicht leid, einen so nützlichen Freund zu erblicken, als die Sonne ist. Jetzt haben wir doch wieder die Richtungen des Compasses im Kopf, und es ist jetzt unser eigner Fehler, wenn wir sie uns wieder durch irgend Etwas kunterbunt durcheinander werfen lassen, wie uns vorhin geschah. Mein Name ist nicht Hurry Harry, wenn dieß nicht der Platz ist, wo die Land-Jäger im letzten Sommer lagerten und eine Woche zubrachten. Seht, dort sind die abgestorbenen Büsche von ihrem Zelt, und hier ist die Quelle. So sehr ich die Sonne liebe, Junge, so brauche ich mir doch jetzt nicht von ihr sagen zu lassen, daß es Mittag ist; dieser mein Magen ist ein so guter Zeitmesser, als es nur immer in der Colonie gibt, und er weist schon auf halb ein Uhr. So öffnet denn den Quersack, damit wir uns wieder aufziehen, um weitere sechs Stunden zu gehen.«

Auf diesen Vorschlag machten sich Beide daran, die nöthigen Vorbereitungen zu ihrem gewöhnlichen frugalen, aber herzhaften Mahle zu machen. Wir wollen diese Unterbrechung des Gesprächs benützen, dem Leser einen Begriff von der äußern Erscheinung der Männer zu geben, welche beide bestimmt sind, eine nicht unbedeutende Rolle in unserer Erzählung zu spielen. Es wäre nicht leicht gewesen, ein edleres Bild kraftvoller Männlichkeit zu finden, als welches in der Person desjenigen sich darbot, der sich selbst Hurry Harry nannte. Sein wahrer Name war Henry March; aber die Grenzmänner haben von den Indianern die Sitte angenommen, sobriquets (Spitznamen) zu geben, und so wurde die Bezeichnung: »Hurry« weit öfter gebraucht, als sein eigentlicher Name und nicht selten wurde er Hurry Skurry genannt, ein Spitzname, den er wegen seines fahrigen, rücksichtslosen, kurzangebundenen Wesens bekommen hatte, und wegen einer physischen Rastlosigkeit, die ihn in so beständiger Bewegung erhielt, daß er auf der ganzen Linie der zwischen der Provinz und den Canada’s zerstreuten Wohnungen bekannt war. Die Statur Hurry Harry’s betrug über sechs Fuß einen Zoll, und da er ungemein wohl gebaut war, entsprach seine Stärke vollkommen den Begriffen, die sein riesenhafter Körper erweckte. Das Gesicht paßte gar nicht übel zu dem übrigen Manne, denn es war gutmüthig und hübsch. Sein Wesen war frei und offen, und obgleich sein Benehmen und seine Art nothwendig von der Rohheit des Grenzlerlebens Etwas annehmen mußten, verhütete doch die einer so edeln Natur angeborne Großartigkeit, daß er nie ganz gemein werden konnte.

Wildtödter, wie Hurry seinen Begleiter nannte, war seinem Aeußern wie seinem Charakter nach, ein ganz andrer Mensch. Was den Wuchs betrifft, so maß er wohl gegen sechs Fuß in seinen Moccasins, aber sein Körper war vergleichungsweise leicht und schlank, zeigte jedoch Muskeln, die, wo nicht ungewöhnliche Stärke, doch ungewöhnliche Gewandtheit verriethen. Sein Antlitz hätte wenig Empfehlendes gehabt, außer der Jugendlichkeit, wäre nicht darin ein Ausdruck gewesen, der selten seines gewinnenden Eindrucks bei Allen verfehlte, die Gelegenheit hatten, es genauer zu prüfen, und dem Gefühle des Vertrauens, das es einflößte, sich zu überlassen. Dieser Ausdruck war einfach der: argloser Wahrhaftigkeit, gepaart mit einem Ernst des Willens und einer Lauterkeit des Gefühls, die man sonst nicht leicht sah. Zu Zeiten erschien dieß Gepräge von aufrichtiger Redlichkeit in solcher Einfalt, daß es auf den Verdacht bringen konnte, es fehle ihm an der Fähigkeit, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden; aber Wenige kamen in nähere, innigere Berührung mit dem Manne, ohne dieß Mißtrauen gegen seine Einsichten und Beweggründe zu verlieren.

Beide Grenzmänner waren noch jung, denn Hurry Harry hatte erst das sechs- oder achtundzwanzigste Jahr erreicht, und Wildtödter zählte noch einige Jahre weniger. Ihr Anzug bedarf keiner genauen Beschreibung, nur so viel mag erwähnt werden, daß er zu einem nicht kleinen Theile aus zugerichteten Hirschhäuten bestand, und die gewöhnlichen Spuren an sich trug, welche verriethen, daß er Männern gehörte, die ihr Leben auf der Grenze zwischen der civilisirten Gesellschaft und den endlosen Wäldern zubrachten. Dennoch bemerkte man einige Aufmerksamkeit und ein Bestreben, sich proper und malerisch zu zeigen in Wildtödters Anzug, und ganz besonders im Punkt seiner Waffen und seines Jagdzeuges. Seine Büchse war im vollkommensten Stand, der Handgriff seines Waidmessers war zierlich geschnitzt, sein Pulverhorn mit passenden Sinnbildern, leicht eingeschnitten in den Stoff, woraus es bestand, verziert, und seine Jagdtasche mit Wampum geschmückt. Dagegen trug Hurry Harry, sey es nun aus natürlicher Gleichgültigkeit, oder im geheimen Bewußtseyn, wie wenig seine äußere Erscheinung einer künstlichen Nachhülfe bedurfte, Alles in nachläßiger, liederlicher Weise an sich, als fühle er eine edle Verachtung gegen die ärmlichen Nebendinge, wie Kleidung und Schmuck. Vielleicht wurde der eigenthümliche Eindruck, den sein hoher Wuchs und seine schöne Gestalt machten, durch diese unstudirte, hochmüthige Gleichgültigkeit in seiner äußeren Erscheinung, eher verstärkt als vermindert.

»Kommt, Wildtödter, haut ein, und beweist, daß Ihr einen Delawaren-Magen habt, wie Ihr nach Eurer Behauptung eine Delawaren-Erziehung gehabt!« rief Hurry, der mit gutem Beispiel voranging, und den Mund aufriß, um ein Stück kalten Wildprets aufzunehmen, das für einen europäischen Bauern eine ganze Mahlzeit gewesen wäre; »haut ein, Bursche, und zeigt Eure Mannhaftigkeit an diesem armen Teufel von Damthier mit Euern Zähnen, wie Ihr es schon gethan mit Eurer Büchse.« »Nein, nein, Hurry, daran ist nicht viel Mannhaftigkeit, ein armes Thier zu tödten, und dazu noch außer der rechten Zeit, wohl aber mag es eine seyn, eine Unze oder einen Panther zu fällen,« versetzte der Andere, sich anschickend, der Aufforderung zu folgen. »Die Delawaren haben mir meinen Namen gegeben nicht so wohl in Betracht eines kühnen Herzens, als vielmehr eines scharfen Auges und eines flinken Fußes. Es mag nichts Feiges daran seyn, ein Thier zu fällen, aber gewiß ist es keine große Tapferkeit.«

»Die Delawaren selbst sind keine Helden,« murmelte Hurry zwischen den Zähnen, da er den Mund zu voll hatte, um ihn ganz aufthun zu können, »sonst hätten sie sich nimmermehr von den lumpigen Vagabunden, den Mingo’s, zu Weibern machen lassen.«

»Die Sache ist nicht recht bekannt – ist nie recht erklärt worden,« versetzte Wildtödter ernst, denn er war ein eben so eifriger Freund, wie sein Begleiter als Feind gefährlich war; »die Mingo’s füllen die Wälder mit ihren Lügen, und mißdeuten Worte und Verträge. Ich lebe jetzt zehn Jahre unter den Delawaren, und kenne sie als so mannhaft wie jede andre Nation, wenn die rechte Zeit zum Schlagen kommt.«

»Hört, Meister Wildtödter, weil wir einmal bei dem Gegenstand sind, können wir wohl unser Herz gegen einander öffnen, wie es sich unter Männern ziemt; antwortet mir auf Eine Frage: Ihr habt so viel Glück gehabt mit dem Wild, daß Ihr davon einen Ehrentitel führt, wie es scheint, aber habt Ihr je eine menschliche oder vernünftige Creatur getroffen? – habt Ihr je abgedrückt auf einen Feind, der im Stande war, auch auf Euch abzudrücken?«

Diese Frage erzeugte in der Brust des Jünglings eine eigenthümliche Collision zwischen Kränkung und richtigem Gefühl, die sich leicht im Mienenspiel seines redlichen Gesichts lesen ließ. Der Kampf war jedoch kurz; die Aufrichtigkeit des Herzens gewann bald die Oberhand über falschen Stolz und die Prahlsucht des Grenzmanns.

»Die Wahrheit zu gestehen, niemals,« antwortete Wildtödter, »aus dem Grunde, weil sich nie eine geeignete Gelegenheit zeigte. Die Delawaren sind friedlich gewesen die ganze Zeit meines Aufenthaltes unter ihnen, und ich halte es für unrecht, einem Menschen das Leben zu nehmen anders als in offenem, ehrlichem Kriege.«

»Was! habt Ihr nie einen Kerl betroffen, der diebisch unter Euren Fallen und Häuten herumschlich, und habt an ihm mit eigner Hand das Gesetz exequirt, um den Behörden die Mühe zu ersparen in den Ansiedlungen, und dem Burschen selbst die Kosten des Prozesses?«

»Ich bin kein Fallenjäger, Hurry,« erwiederte der junge Mann stolz: »ich lebe von der Büchse, einer Waffe, in deren Handhabung ich keinem Manne von meinen Jahren nachstehen will zwischen dem Hudson und dem St. Lawrence. Ich biete nie eine Haut zum Verkauf, die nicht ein Loch am Kopf hat neben denen, welche die Natur dort gemacht hat zum Sehen und zum Athmen.«

»Ja, ja, das ist Alles recht gut mit den Thieren, aber es macht doch eine armselige Figur neben Skalpen und Hinterhalten. Einen Indianer aus einem Hinterhalt niederschießen, heißt nur nach seinen eignen Grundsätzen handeln, und jetzt, da wir einen rechtmäßigen Krieg haben, wie Ihr es nennt, wird, je eher Ihr diese Schmach von Eurem Gewissen wischt, um so gesünder Euer Schlaf seyn, wenn auch nur dadurch, daß Ihr wißt, es schleicht und heult Ein Feind weniger in den Wäldern. Ich werde nicht lange Eure Gesellschaft suchen und hegen, Freund Natty, wenn Ihr den Sinn nicht höher tragt, als Eure Büchse gegen vierfüßige Creaturen zu gebrauchen.«

»Unsre Reise ist beinahe zu Ende, wie Ihr sagt, Meister March, und wir können heute Nacht uns trennen, wenn es Euch gelegen scheint. Ich habe einen Freund, der auf mich wartet, und der es für keine Schande halten wird, mit einem Mitmenschen umzugehen, der noch keinen seiner Gattung erschlagen hat.«

»Ich möchte wohl wissen, was den schleichenden Delawaren in diese Gegend des Landes geführt hat, so früh in der Jahreszeit,« murmelte Hurry vor sich hin in einer Weise, die ebenso sehr Mißtrauen zeigte, als auch Gleichgültigkeit dagegen, ob er es verrathe. »Wo sagt Ihr, daß der junge Häuptling Euch zu treffen verabredet habe?«

»Auf einem kleinen, runden Felsen, unten am See, wo, wie »man mir sagt, die Stämme ihre Verträge zu machen und ihre Streitäxte zu begraben pflegen. Diesen Felsen habe ich oft von den Delawaren nennen hören, obgleich See und Fels mir gleich unbekannt sind. Der Landstrich wird von den Mingo’s und von den Mohikans in Anspruch genommen, und ist in Friedenszeit eine Art von gemeinsamem Grund und Boden zum Fischen und Jagen; was es aber in Kriegszeiten werden mag, weiß der Himmel allein!«

»Gemeinsamer Grund und Boden!« rief Hurry, laut lachend. »Ich möchte wohl wissen, was Floating Tom Hutter dazu sagen würde. Er spricht den See als sein Eigenthum an, in Kraft fünfzehnjährigen Besitzes, und wird ihn schwerlich weder den Mingo’s noch den Delawaren abtreten, ohne darum zu kämpfen.«

»Und was wird die Kolonie sagen zu einem solchen Streit? diese ganze Gegend muß einen Eigenthümer haben, da die Herrenleute ihre Begehrlichkeit selbst bis in die Wildniß ausdehnen, auch da wo sie nicht das Herz haben, in eigner Person sich darin umzusehen.«

»Das mag in andern Theilen der Kolonie angehen, Wildtödter, aber hier nicht. Kein menschliches Wesen, den Herrn ausgenommen, hat einen Fußbreit Boden in dieser Gegend des Landes als sein anzusprechen. Nie ward eine Feder eingetaucht, Etwas zu Papier zu bringen in Betreff des Hügels oder des Thales hier herum, wie ich den alten Tom oft und viel habe sagen hören, und so hat er den besten Anspruch darauf unter allen Menschen die athmen; und was Tom anspricht, das wird er wohl auch behaupten.«

»Nach dem, was ich von Euch gehört habe, Hurry, muß dieser Floating Tom ein außergewöhnlicher Sterblicher seyn; weder Mingo, noch Delaware, noch Bleichgesicht. Auch sein Besitz wäre, nach Eurem Sagen, schon alt, und weit älter als die Grenzansiedlungen. Was ist des Mannes Geschichte und Wesen?«

»Ha, was des alten Tom’s menschliche Natur anlangt, so gleicht die wenig anderer Leute menschlicher Natur, sondern mehr der menschlichen Natur einer Bisamratze, angesehen daß er mehr die Art dieses Thieres, als die Art anderer Mitgeschöpfe hat. Einige glauben, er sey in seiner Jugend Freibeuter auf dem Salzwasser gewesen, und der Genosse eines gewissen Kidd, der wegen Seeräuberei gehängt wurde, lang ehe Ihr und ich geboren oder bekannt wurden, und er sey in diese Gegend gekommen in der Hoffnung, des Königs Kreuzer würden nie über die Berge herüber kommen, und er könne sich in den Wäldern im Frieden des Raubes erfreuen.«

»Dann war er im Irrthum, Hurry, sehr im Irrthum. Des Raubes kann sich ein Mensch nirgends im Frieden erfreuen.«

»Das ist, je nachdem er eine Gemüthsart hat. Ich habe Solche gekannt, die sich dessen gar nicht anders erfreuen konnten, als in wilder Lustbarkeit, und wieder Andre, die ihn am besten genossen in einem einsamen Winkel. Manche Menschen haben keinen Frieden und Ruhe, wenn sie keinen Raub finden, und Andre nicht, wenn es ihnen gelingt. Die menschliche Natur ist kurios in diesen Dingen. Der alte Tom scheint zu keiner von beiden Arten zu gehören, denn er genießt seinen Raub, wenn er das Seinige wirklich so erworben, sehr ruhig und behaglich mit seinen Töchtern, und wünscht nicht mehr.«

»Ja, er hat auch zwei Töchter; ich habe die Delawaren, die in der Gegend herum jagten, ihre Geschichten von diesen jungen Weibern erzählen hören. Ist keine Mutter da, Hurry?«

»Es war eine da, wie natürlich, aber sie ist jetzt gute zwei Jahre todt und versenkt.«

»Ha, wie!« sagte Wildtödter, seinen Begleiter mit einigem Erstaunen anschauend.

»Todt und versenkt, sag‘ ich, und ich denke, das ist gut und klar gesagt. Der alte Kerl versenkte sein Weib in den See, als er von ihr scheiden mußte, wie ich als Augenzeuge der Ceremonie versichern kann; aber ob Tom dieß gethan, um sich das Graben zu ersparen, was kein Spaß ist unter Wurzeln, oder in der Einbildung, daß Wasser die Sünde eher abwasche als Erde, ist mehr als ich sagen kann.« »War das arme Weib eine ungewöhnliche Sünderin, daß sich ihr Gatte so viel Mühe mit ihrem Leichnam gab?«

»Keine außerordentliche, obgleich sie wohl ihre Fehler hatte. Ich denke, daß Judith Hutter ein so christliches und eines guten Endes so würdiges Weib war, als nur irgend Eine, die so lang außer dem Bereich des Läutens von Kirchenglocken lebte; und ich meine, der alte Tom versenkte sie wohl fast eher, um sich Mühe zu ersparen, als daß er sich welche gemacht hätte. Es war freilich ein wenig Stahl in ihrem Temperament, und da der alte Hutter ein ziemlicher Flintenstein ist, so gab es wohl hin und wieder Funken zwischen ihnen, aber im Ganzen konnte man sagen, daß sie sich freundschaftlich vertrugen. Wenn sie Feuer fingen, so wurden den Zuhörern solche Blicke in ihr früheres Leben zu Theil, wie man sie etwa in den dunkleren Theilen der Wälder bekommt, wenn ein verirrter Sonnenstrahl, bis herab zu den Wurzeln der Bäume dringt. Aber ich werde Judith immer werth schätzen, da es immer Lob und Empfehlung genug für ein Weib ist, die Mutter eines solchen Geschöpfs, wie ihre Tochter, Judith Hutter, zu seyn.«

»Ja, Judith war der Name, den die Delawaren nannten, obgleich sie ihn auf ihre Weise aussprachen. Nach ihren Gesprächen sollte ich nicht meinen, daß das Mädchen sehr nach meinem Geschmack wäre.«

»Nach deinem Geschmack!« rief March, ebenso über der Gleichgültigkeit als über der Anmaßung seines Genossen Feuer fangend; »was Teufels habt Ihr da von Eurem Geschmack zu schwatzen, und dazu noch, wenn es ein Weib, wie Judith, betrifft? Ihr seyd nur erst ein Knabe – ein Schößling, der kaum Wurzeln geschlagen. Judith hat Männer unter ihren Anbetern gezählt, seit sie ihr fünfzehntes Jahr zurückgelegt hat, was jetzt beinahe fünf Jahre her ist, und wird nicht Lust haben, auch nur einen Blick auf ein halbgewachsenes Bürschchen zu werfen, wie Ihr seyd.« «Es ist Junius, und kein Wölkchen zwischen uns und der Sonne, Hurry, und somit braucht es all diese Hitze nicht,« versetzte der Andere, im mindesten nicht aus der Fassung gebracht; »und Jeder darf seinen Geschmack haben, und ein Eichhörnchen hat das Recht, sich sein Urtheil über einen Panther zu bilden.«

»Ja, aber es möchte nicht immer klug seyn, es den Panther wissen zu lassen,« brummte March. »Aber Ihr seyd jung und gedankenlos, und ich will Eure Unwissenheit übersehen. Kommt, Wildtödter,« fuhr er mit gutmüthigem Lachen fort, nachdem er eine Weile nachdenklich geschwiegen, »kommt, Wildtödter, wir sind geschworene Freunde, und wollen nicht hadern um ein leichtsinniges, gefallsüchtiges Weibsbild, weil es zufällig schön ist, – zumal da Ihr sie noch gar nie gesehen. Judith ist nur für einen Mann, der vollkommen abgezahnt hat, und es ist thöricht, einen Knaben zu fürchten. Was haben denn die Delawaren von der Hexe gesagt? denn ein Indianer hat am Ende doch auch seine Begriffe vom Weibsvolk, so gut als ein weißer Mann.«

»Sie sagten, sie sey schön anzusehen, und gefällig im Gespräch; aber zu sehr Bewunderern sich hingebend und leichtsinnig.«

»Das sind eingefleischte Teufel! Welcher Schulmeister und Gelehrte ist am Ende einem Indianer gewachsen, was den Blick in die Natur betrifft? Manche Leute meinen, sie seyen nur gut auf der Fährte des Wildes oder auf dem Kriegspfad, aber ich sage: es sind Philosophen, und sie verstehen sich auf einen Mann so gut wie auf einen Biber, und auf ein Weib so gut wie auf beide. Nun, das ist wirklich Judith’s Charakter auf ein Tüpfelchen! Euch die Wahrheit zu gestehen, Wildtödter, ich hätte das Mädchen schon vor zwei Jahren geheirathet, wären nicht zwei ganz besondere Umstände, – und der eine ist eben ihr Leichtsinn.«

»Und was mag der andere seyn?« fragte der Jäger, der fort aß, wie Einer, der sich eben nicht sehr für den Gegenstand interessirte.

»Der andre Umstand war die Ungewißheit, ob sie mich nähme. Das Mädel ist schön, und das weiß sie. Knabe, kein Baum, der auf diesen Hügeln wächst, ist gerader, oder schwankt mit leichterer Beugung im Winde, und nie habt Ihr das hüpfende Reh in natürlicherer Beweglichkeit gesehen. Wenn das Alles wäre, würde jede Zunge ihr Lob verkündigen; aber sie hat solche Mängel, daß ich es schwierig finde, sie zu übersehen, und manchmal schwöre ich, nie wieder den See zu besuchen.«

»Und was ist der Grund, daß Ihr immer wieder kommt? Nichts wurde je dadurch sicherer, daß man darüber schwur.«

»Ach, Wildtödter, Ihr seyd in diesen Angelegenheiten ein Neuling; Ihr klebt so an Eurer frühern Erziehung, als hättet Ihr nie die Ansiedlungen verlassen. Bei mir ist es ein andrer Fall, und nie empfinde ich das Bedürfnis, eine Idee festzuhalten, daß ich nicht auch Lust fühle, darüber zu schwören. Wenn Ihr in Betreff Judith’s alles wüßtet, was ich weiß, würdet Ihr ein wenig Verfluchen wohl gerechtfertigt finden. Nun, die Offiziere streifen manchmal hinüber an den See, von den Forts am Mohawk, um zu fischen und zu jagen, und dann scheint die Kreatur ganz außer sich! Ihr könnt das sehen an der Art, wie sie ihre Schmucksachen trägt, und dem vornehmen Wesen, das sie bei den galanten Herrn annimmt.«

»Das ist unpassend bei eines armen Manns Tochter,« versetzte Wildtödter ernst; »die Offiziere sind alle vornehme Leute, und können ein Mädchen wie Judith nur mit bösen Absichten ansehen.«

»Das ist die Ungewißheit und der Dämpfer! Ich habe meine Besorgnisse wegen eines gewissen Kapitains, und Judith hat nur ihre eigne Thorheit anzuklagen, wenn ich Unrecht habe. Ueberhaupt wünschte ich, sie als sittsam und anständig ansehen zu dürfen, und doch sind die Wolken, die an diesen Bergen herumtreiben, nicht unsichrer und unzuverlässiger. Nicht ein Dutzend Weiße haben seit ihrer Kindheit sie mit Augen angesehen, und doch das Benehmen, das sie gegen zwei oder drei dieser Offiziere zeigt, löscht meine Flammen!« »Ich würde nicht mehr an ein solches Weib denken, sondern meinen Sinn ganz dem Walde zuwenden; der wird Euch nie täuschen, beherrscht und bemeistert von einer Hand, die nie bebt.«

»Wenn Ihr Judith kenntet, würdet Ihr sehen, wie viel leichter dieß zu sagen als zu thun ist. Könnte ich mein Gemüth beruhigen wegen der Offiziere, so würde ich das Mädchen mit Gewalt an den Mohawk entführen, sie zwingen mich zu heirathen, trotz ihrem flatterhaften Geiste, und den alten Tom der Sorge Hetty’s, seiner andern Tochter, überlassen, die, wenn nicht so schön, noch von so schnellem Witz wie ihre Schwester, doch bei weitem die pflichtgetreuere ist.«

»Ist denn noch ein Vogel in demselben Nest?« fragte Wildtödter, sein Auge mit einer Art halberwachter Neugier emporhebend, – »die Delawaren sprachen mir nur von Einer!«

»Das ist ganz natürlich, wenn es sich von Judith Hutter und Hetty Hutter handelt. Hetty ist nur hübsch, während ihre Schwester, das sag‘ ich dir, Knabe, ein Geschöpf ist, wie man es nicht mehr findet zwischen hier und der See; Judith ist so voll Witz, Beredsamkeit und Schlauheit, wie ein alter indianischer Redner, während die arme Hetty im besten Fall nur einen guten Willen, aber einen schwachen Verstand hat; sie steht, möchte ich sagen, auf der Grenzscheide der Unwissenheit und manchmal taumelt sie auf die eine, manchmal auf die andre Seite hinüber.«

»Das sind Geschöpfe, die Gott in seine besondere Obhut, nimmt,« sagte Wildtödter feierlich; denn er sieht mit Sorgfalt auf Alle herab, die um ihr bescheiden Theil Vernunft zu kurz kommen. Die Rothhäute ehren und achten die so beschränkt Begabten, weil sie wissen, daß der schlimme Geist es mehr liebt, in einem schlauen Wesen zu wohnen, als in einem, das keinen tiefen Verstand hat, auf den er wirken kann.«

»Dann will ich dafür bürgen, daß er nicht lange hausen wird bei der armen Hetty, denn das Kind ist, wie gesagt, gar einfältigen Geistes. Der alte Tom hat ein Gefühl für das Mädchen, und so auch Judith, so prächtig und raschen Witzes sie auch selbst ist; sonst möchte ich nicht dafür stehen, daß sie ganz sicher wäre unter der Art von Männern, wie manchmal an das Ufer des See’s kommen.«

»Ich dachte, das Wasser sey ein unbekannter und wenig besuchter Platz,« bemerkte der Wildtödter, dem es sichtlich unbehaglich ward beim Gedanken, der Welt zu nahe zu seyn.

»So ist es auch ganz, mein Junge; nicht die Augen von zwanzig weißen Männern haben ihn erblickt; aber doch können zwanzig Grenzmänner von ächtem Schrot und Korn, – Jäger und Fallensteller und Kundschafter und dergleichen – genug Unheil anrichten, wenn sie den Versuch machen. Es wäre mir etwas Entsetzliches, Wildtödter, wenn ich nach einer Abwesenheit von sechs Monaten Judith verheirathet fände!«

»Habt Ihr des Mädchens Wort und Zusage, die Euch zu besserer Hoffnung berechtigen?«

»Ganz und gar nicht. Ich weiß nicht, was es ist. Ich sehe gut genug aus, Junge! so viel kann ich in jeder Quelle sehen, worauf die Sonne scheint, – und doch konnte ich die kleine Hexe nie zu einer Zusage oder auch nur zu einem herzlichgemeinten Lächeln bringen, obgleich sie oft Stunden lang lacht. Wenn sie gewagt hat, in meiner Abwesenheit zu heirathen, wird sie wohl die Süßigkeit des Wittwenstandes zu kosten bekommen, noch ehe sie zwanzig Jahre alt ist!«

»Ihr würdet doch dem Mann, den sie gewählt, Nichts zu Leid thun, Hurry, blos darum, weil sie ihn mehr nach ihrem Geschmack gefunden, als Euch?«

»Warum nicht? Wenn ein Feind meinen Weg durchkreuzt, sollte ich ihn nicht hinausschlagen? Seht mich an – bin ich ein Mann, dem es gleich sieht, daß er von irgend einem kriechenden, schleichenden Hautkrämer sich den Rang ablaufen ließe in einer Sache, die mich so nahe angeht als die Zärtlichkeit der Judith Hutter? Zudem, wenn wir außer dem Bereich des Gesetzes leben, müssen wir uns selbst Richter und Vollstrecker seyn. Und wenn auch ein Mann in den Wäldern todt gefunden würde: Wer sollte auftreten und sagen, Wer ihn erschlagen, selbst den Fall gesetzt, daß die Colonie die Sache aufnähme und Lärm darüber schlüge?«

»Wenn der Mann der Judith Hutter Gatte seyn sollte, so könnte ich, nach dem was vorgegangen, wenigstens genug sagen, um die Colonie auf die Spur zu leiten.«

»Ihr! – ein halbgewachsener Wildbretschütz und junger Laffe! Ihr wagt es, daran zu denken, als Ankläger aufzutreten gegen Hurry Harry, und wenn es auch nur eine Waldtaube beträfe oder einen Iltiß?«

»Ich würde wagen die Wahrheit zu reden, Hurry, beträfe es Euch oder irgend einen Sterblichen.«

March starrte einen Augenblick seinen Begleiter in stummem Staunen an; dann faßte er ihn mit beiden Händen an der Kehle und schüttelte den vergleichungsweise Zartgebauten mit einer Heftigkeit, die einige Knochen zu verrenken drohte. Auch geschah dieß nicht im Scherz, denn Zorn flammte aus den Augen des Riesen, und gewisse Zeichen schienen weit mehr Ernst anzukündigen, als der vorliegende Fall dem Anschein nach erheischte oder rechtfertigte. Was immer March’s eigentliche Absicht seyn mochte – und wahrscheinlich hatte er selbst keine bestimmte und klarbewußte – gewiß ist, daß er ungewöhnlich aufgebracht war; und wohl die Meisten, die sich von einem solchen Giganten, in solcher Gemüthsaufregung und in einer so tiefen, hülflosen Einsamkeit so gewürgt gesehen hätten, würden eingeschüchtert und versucht worden seyn, selbst in gerechter Sache nachzugeben. Nicht so Wildtödter. Sein Gesicht blieb unbewegt; seine Hand zitterte nicht, und er gab seine Antwort in einem Tone, der nicht einmal zu dem künstlichen Mittel einer erhöhten, lautern Stimme griff, um wenigstens die Entschlossenheit der Seele kund zu geben.

»Ihr könnt mich schütteln, Hurry, bis Ihr den Berg einfallen macht,« sagte er ruhig, »aber Nichts als die Wahrheit werdet Ihr aus mir heraus schütteln. Wahrscheinlich hat Judith Hutter keinen Gatten zum Erschlagen, und Ihr keinen Anlaß, einem aufzupassen, sonst würde ich ihm von Eurer Drohung sagen in der ersten Unterredung, die ich mit dem Mädchen habe.«

March ließ seine Hände los, und saß da, den Andern mit schweigendem Staunen betrachtend.

»Ich dachte, wir seyen Freunde,« sagte er endlich, »aber Ihr habt das letzte Geheimniß von mir gehört, das in Euer Ohr kommen soll.«

»Ich verlange auch keine mehr, wenn sie diesem gleichen sollten. Ich weiß, wir leben in den Wäldern, Hurry, und man nimmt an, daß wir außer dem Bereich menschlicher Gesetze seyen – und vielleicht sind wir es wirklich der That nach, wenn es auch dem Rechte nach anders sich verhält – aber es gibt ein Gesetz und einen Gesetzgeber, die über den ganzen Continent walten und herrschen. Wer jenes oder diesen in’s Angesicht schlägt, darf mich nicht seinen Freund nennen.«

»Ich will verdammt seyn, Wildtödter, wenn ich nicht glaube, daß Ihr im Herzen ein Mährischer Bruder seyd, und kein wohlgesinnter, treuherziger Jäger, wie Ihr zu seyn vorgegeben.«

»Wohlgesinnt oder nicht, Hurry, Ihr werdet mich so treuherzig und gerade in Werken finden, wie in Worten. Aber dieß Auflodern in plötzlichem Zorne ist thöricht, und zeigt, wie wenig Ihr mit den rothen Männern gelebt. Judith Hutter ist ohne Zweifel noch ledig, und Ihr schwatztet nur wie die Zunge lief, nicht wie das Herz empfand. Hier ist meine Hand, und wir wollen nicht mehr davon sprechen noch daran denken.« Hurry schien noch verblüffter als je zuvor; dann brach er in ein lautes, gutmüthiges Lachen aus, das ihm die Thränen in die Augen trieb. Darauf ergriff er die dargebotene Hand und die Freunde versöhnten sich.

»Es wäre närrisch gewesen, um eine bloße Idee zu hadern,« rief March, indem er wieder zu essen anfing, »und ziemte eher den Rechtsmännern in den Städten, als vernünftigen Menschen in den Wäldern. Man sagt mir, Wildtödter, viel böses Blut komme von Vorstellungen und Ideen unter den Leuten in den untern Bezirken, und sie erhitzen sich darüber manchmal bis zum Aeußersten.«

»Das thun sie – das thun sie; und über andere Dinge, die man besser sich selbst überließe. Ich habe von den Mährischen Brüdern sagen hören, es gebe Länder, wo die Menschen sogar über ihre Religion hadern; und wenn sie sich über einen solchen Gegenstand erhitzen können, Hurry, so habe der Herr Erbarmen mit ihnen! Wir jedoch haben keinen Anlaß, ihrem Beispiel zu folgen, zumal nicht über einen Gatten, den diese Judith Hutter vielleicht nie sieht oder zu sehen wünscht. Ich meines Theils fühle mehr Neugierde hinsichtlich der schwachsinnigen Schwester, als Eurer gepriesenen Schönheit. Es ist Etwas, das die Gefühle eines Mannes anspricht und rührt, wenn er einem Mitgeschöpf begegnet, das ganz das äußere Wesen eines zurechnungsfähigen Sterblichen hat, und das doch nicht ist, was es scheint, nur wegen eines Mangels an Vernunft. Das ist schlimm genug bei einem Manne, aber wenn es einem Weibe geschieht, und es ist ein junges und vielleicht einnehmendes Geschöpf, so regt es alle Gefühle von Barmherzigkeit und Mitleid auf, die in seiner Natur liegen. Gott weiß, Hurry, solche arme Wesen sind schutzlos genug mit samt all ihrem Witz; aber ein grausames Geschick ist es, wenn dieser große Beschützer und Führer ihnen fehlt.«

»Hört, Wildtödter – Ihr wißt, was die Jäger und Fallensteller und Pelzwerkleute überhaupt für Menschen sind; und ihre besten Freunde werden nicht läugnen, daß es hitzige und eigenwillige Menschen sind, die nicht viel nach Andrer Rechten und Gefühlen fragen – und doch, glaub‘ ich, fände sich in dieser ganzen Gegend kein Mann, der Hetty Hutter ein Leid thäte, wenn er auch könnte; nein, nicht einmal eine Rothhaut!«

»Hierin, Freund Hurry, laßt Ihr den Delawaren wenigstens und all den ihnen verbündeten Stämmen nur Gerechtigkeit widerfahren, denn eine Rothhaut sieht ein so von Gottes Macht heimgesuchtes Wesen als Gegenstand seiner besondern Obhut an. Ich freue mich indessen zu hören, was Ihr sagt, ich freue mich, es zu hören, aber da die Sonne jetzt gegen den Nachmittagshimmel hin sich wendet, thäten wir nicht besser, die Fährte wieder zu verfolgen und weiter zu ziehen, damit wir Gelegenheit bekommen, diese wunderbaren Schwestern zu sehen?«

Hurry March gab freudig seine Zustimmung; die Ueberbleibsel der Mahlzeit waren bald gesammelt; dann schulterten die Wanderer ihre Taschen, nahmen ihre Waffen auf, verließen die kleine Lichtung, und begruben sich wieder in den tiefen Schatten des Waldes.