Zweiundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der Schreck, der die Patrizier erfüllte, als sie das Geschrei der Fischer hörten, während sie auf ihrem Wege nach dem großen Platze bei den Reihen von Palästen vorüberfuhren, läßt sich leicht denken. Einige fürchteten, das letzte Ende ihrer künstlichen Existenz, das sie ein geheimer politischer Instinkt längst voraussehen ließ, sei nun gekommen, und dachten schon an Mittel zu ihrer persönlichen Sicherheit. Andere im Gegenteil gaben erstaunte Zuhörer ab, wähnten vielmehr, das Volk jauchze über einen Sieg, den der Staat davongetragen habe. Nur wenige, und zwar die nämlichen, die alle Vorteile des Staates an sich zu reißen wußten, faßten mit richtigem Blick die Gefahr ins Auge, erkannten ihren Umfang und die Mittel, sie zu entwaffnen.

Auf der anderen Seite waren die Aufrührer keiner Würdigung ihrer Kräfte fähig und wenig geschickt, ihre zufälligen Vorteile zu berechnen; sie folgten blind dem ersten Antriebe. Was ihre Gemüter zum Aufruhr vorbereitete, war der Triumph ihres bejahrten Gefährten am vorhergehenden Tage, die kalte Zurückweisung, die er vom Dogen erfuhr, und der Auftritt auf dem Lido, der eigentlich die nächste Veranlassung zu Antonios Tode abgab. Nachdem daher die Leiche gefunden war, warteten sie nur so lange, bis sich ihre Kameraden alle versammelt hatten, und der Leidenschaft gehorchend, eilten sie dem St.-Markus-Palaste zu, ohne sich vorher über ihr Vorhaben einen klaren Begriff zu machen.

Sobald sie in den Kanal einfuhren, drängte der enge Weg die Boote so dicht aneinander, daß dadurch die Ruder gewissermaßen nutzlos wurden und die Menge nur langsam vorwärts konnte. Alle wollten gern der Leiche Antonios so nahe als möglich sein, und wie immer bei Volksaufläufen, ging auch hier durch schlecht geleiteten Eifer der Zweck verloren. Ein paarmal hörte man laut die Namen einiger unbeliebter Senatoren, als wenn die Fischer damit umgingen, diese einzelnen Beamten für die Verbrechen des Staates verantwortlich zu machen. Diese Verwünschungen verschollen in der Luft und zogen keine Folgen nach sich. An der Rialtobrücke angekommen, stieg mehr als die Hälfte der Menge ans Land und nahm den kürzeren Weg durch die Straßen nach dem verabredeten Versammlungspunkt, und auch die in den Vorderreihen Rudernden legten jetzt, frei von dem Gedränge in ihrem Rücken, den Weg schneller zurück. Wie sie dem Hafen näher kamen, nahmen die Boote größere Entfernungen voneinander an, und das Ganze gewann so das Ansehen eines Leichenzuges.

Während diese Veränderung in der Stellung der Fahrzeuge vorging, kam eine stark bemannte Gondel, von gewaltigen Ruderschlägen getrieben, aus einem Seitenkanal heraus in den großen, so daß sie der Zufall der Schar von Booten gerade entgegenführte, die eben diesen Kanal hinanfuhr. Die Mannschaft stutzte bei dem außerordentlichen Anblick, der sich ihr so plötzlich darbot, und blieb einen Augenblick unentschlossen, ob sie vorwärts rudern solle.

»Eine Gondel der Republik!« schrien fünfzig Fischer. Eine einzelne Stimme setzte hinzu: »Canale Orfano!« Der bloße Verdacht, den diese Worte rege machten, war in solchem Augenblicke ausreichend, die Fischer aufzuregen. Ein Ausruf der Verwünschung, und sogleich machten einige zwanzig Gondeln zu wütender Verfolgung Anstalt. Es hatte indes bei dem drohenden Vorhaben sein Bewenden, denn geschwinder als die Verfolger trieben die Gondolieri der Republik dem Ufer zu, sprangen auf einen von den Brettergängen, die so viele Paläste Venedigs umgeben, und verschwanden in einem Seitengange.

Die Fischer, durch diesen Erfolg ermutigt, ergriffen das Boot als herrenloses Gut und bugsierten es unter Triumph ihrer eigenen Flotte zu. Einige traten aus Neugier in das Zelt, das einem Leichenwagen glich, und schleppten alsbald einen Priester darunter hervor.

»Wer bist du?« fragte mit heiserer Stimme einer, der den Anführer vorstellte. »Ein Karmeliter und Diener Gottes.«

»Dienst du dem heiligen Markus? Warst du im Canale Orfano, um eines Unglücklichen Beichte zu hören?«

»Ich bin hier in Begleitung einer jungen und edeln Dame, die meines Rates und meiner Fürbitte bedarf. Für Glückliche und Unglückliche, Freie und Gefangene sorg ich auf gleiche Weise!«

»Ha! Du wirst also tun, was deines Amtes ist! – Du wirst Seelenmesse abhalten für einen armen toten Mann?«

»Mein Sohn, ich mache, dies anbelangend, keinen Unterschied zwischen dem Dogen und dem ärmsten Fischer. Doch möcht ich die Frauen nicht gern im Stiche lassen.«

»Es soll den Damen nichts zuleide geschehen. Komm in mein Boot, hier ist deine heilige Verrichtung not.«

Pater Anselmo trat unter die Bedachung, seinen zitternden Gefährtinnen in wenigen Worten Aufschluß zu geben und dann den Fischern zu willfahren. Er ward bis zur vordersten Gondel gerudert und auf ein Zeichen zu dem Leichnam gebracht.

»Siehst du diese Leiche, Vater?« sagte sein Führer, »es ist die Gestalt eines Mannes, der ein aufrichtiger und frommer Christ war.«

»Das war er!«

»Wir alle kennen ihn für den ältesten und geschicktesten Fischer von den Lagunen, der immer bereit war, einem unglücklichen Kameraden beizustehen.«

»Ich kann dir glauben.«

»Das kannst du. Deine heiligen Schriften sind nicht wahrhaftiger als meine Worte. Gestern kam er im Triumph diesen selbigen Kanal herunter, weil er, den stärksten Ruderern von Venedig zuvor, den Ehrenpreis der Regatta davontrug.«

»Ich habe von seinem Glücke gehört.«

»Jacopo, der Bravo, der vordem das beste Ruder führte in den Kanälen, soll dabeigewesen sein! Santa Madonna! Solch ein Mann war zu gut, um zu sterben!«

»Es ist das Schicksal aller, reich und arm, stark und schwach, glücklich und unglücklich, so geht es mit allen zu Ende.«

»Nicht so, ehrwürdiger Karmeliter, denn sie haben Antonio, weil er ihr Mißfallen erregte mit seinen Bitten wegen seines Enkelkindes, das sie ausgehoben haben für die Galeeren, ins Fegefeuer fahren lassen, ohne eine christliche Hoffnung für seine Seele.«

»Es gibt ein Auge, das über den Geringsten von uns wacht, mein Sohn, wir müssen glauben, daß seiner nicht vergessen ward.«

»Cospetto! Es heißt, daß die Kirche denen nicht viel beisteht, denen der Senat nicht grün ist. Willst du für ihn beten, Karmeliter, und dein Wort wahrmachen?«

»Das will ich«, sagte Vater Anselmo mit Festigkeit. »Mach Platz, mein Sohn, daß keine Gebühr meines Amtes fehle.«

Die gebräunten, ausdrucksvollen Fischergesichter glänzten vor Freude, denn mitten im rohesten Tumult bewahrten sie ihre tiefeingewurzelte Ehrfurcht für die heiligen Verrichtungen der Kirche, in der sie erzogen waren. Bald war alles still, und die Boote zogen in größerer Ordnung als zuvor.

Es war ein auffallendes Schauspiel. – Vorn fuhr die Gondel, die die Überreste des Verstorbenen trug. Wo sich der Kanal, dem Hafen näher, erweitert, fielen die Strahlen des Mondes auf die starren Züge des alten Antonio, in denen man das Todesgefühl eines so plötzlich und schrecklich vernichteten Mannes recht wohl wahrnehmen konnte. Der Karmeliter, sein entblößtes Haupt gebeugt, mit gefalteten Händen, stand zu den Füßen des Leichnams; sein weißes Kleid flatterte im Mondlicht. Nur ein Gondoliere führte das Boot, und kein Laut war hörbar als das Plätschern des Wassers beim langsamen Fall der Ruder. Wenige Minuten dauerte dies Schweigen der Prozession. Dann hörte man die Stimme des Mönchs die Gebete für den Toten anstimmen. Die Fischer, dessen kundig, wie denn selten jemand unerfahren in den heiligen Gebräuchen war, nahmen die Responsorien auf. Das Plätschern des Wassers begleitete sanft ihre Stimmen. Die Fenster öffneten sich, wo sie vorüberfuhren, und Tausende von neugierigen und besorgten Gesichtern erschienen auf den Balkonen gedrängt und sahen den Leichenzug langsam dahinziehen.

In der Mitte des Haufens ward die Gondel der Republik von fünfzig leichteren Booten bugsiert, denn die Fischer hielten ihre Prise fest. So kam der feierliche Zug in den Hafen und näherte sich dem Kai am Fuße der Piazetta. Während sich zahllose Hände beeiferten, Antonios Leichnam ans Land zu bringen, erhob sich ein Geschrei mitten aus dem herzoglichen Palaste, zum Zeichen, daß sich der übrige Teil der Mannschaft bereits im Hofraum des Schlosses befinde.

Jetzt boten die Plätze des heiligen Markus ein neues Schauspiel dar. Gesang, Lachen und Spiel waren verstummt, verschwunden die Lichter in den Kaffeehäusern, die Schwärmer der Nacht hatten sich ihre Häuser gesucht, aus Furcht, mit denen vermengt zu werden, die sich vermaßen gegen den Zorn des Senats.

»Gerechtigkeit!« schrien tausend Stimmen, während Antonios Leiche in den Hof getragen ward. »Ruhmwürdiger Doge! Gerechtigkeit!«

Der Leichnam ward niedergelegt am Fuße der Riesentreppe, und der zitternde Hellebardier, der diese Treppe bewachte, fühlte kaum Kraft genug in sich, die Miene von Festigkeit zu behaupten, die ihm Disziplin und Soldatenstolz auferlegten. Sonst war keine militärische Macht herbeigeschafft, denn die Staatsgewalt Venedigs kannte ihr Unvermögen im drängenden Augenblicke zu gut, um zu reizen, wo sie nicht bezwingen konnte.

Der Rat der Drei hatte Kunde von der Ankunft der empörten Fischer und hielt, als der Haufe in den Hof drang, eine geheime Beratung, ob sich vermuten ließe, daß der Aufstand bedeutungsvoller sein könnte, als der Augenschein zunächst lehrte.

»Hat man die Dalmatier in Kenntnis gesetzt von diesem Aufruhr?« fragte ein Mitglied des geheimen Tribunals, dessen Nervenstärke seiner hohen Stellung nicht zu entsprechen schien.

»Wir könnten ihrer Kugeln bedürfen, ehe diese Empörung gedämpft sein wird.«

»Was das betrifft, Signore, setzt Euer Vertrauen nur auf die gewöhnlichen Autoritäten«, erwiderte der Senator Gradenigo. »Ich besorge jedoch, daß hier nur die Anzeichen einer noch verborgenen Verschwörung seien, in die auch die Treue des Militärs verwickelt sein könnte.«

»Was wollen die Elenden? Unser Seehandel gedeiht, die Bank hat Segen an tüchtigen Dividenden. Und ich versichere Euch, Signori, seit vielen Jahren hab ich nicht so bedeutenden Gewinn in allen Zweigen unserer Verwaltung bemerkt als heutzutage. Alle freilich können nicht zugleich Vorteil haben.«

»Ihr habt mit den blühenden Angelegenheiten zu tun, Signore; es gibt aber andere, mit denen es nicht so gut steht.«

»Kann denn nichts diese gierigen Gemüter zufriedenstellen? Sind sie nicht frei – sind sie nicht glücklich?«

»Es scheint, daß sie dafür bessere Bürgschaft verlangen als unsere Absicht oder unsere Versicherung.«

»Der Mensch ist ein neidisches, unzufriedenes Geschöpf. Die Armen wollen reich sein, die Schwachen stark.«

»Es gibt aber wenigstens die Ausnahme von Eurer Regel, Signore, daß die Reichen selten arm oder die Starken schwach zu sein wünschen.«

»Ihr verspottet heut meine Bemerkungen, Signore Gradenigo. Ich denke aber, daß ich spreche, wie es einem Senator von Venedig zukommt«

»Ist ein Reich in seiner schönsten Blüte, so übersehen die Untertanen in ihrem besonderen Glück die allgemeinen Mängel, ist aber ein Handelsstaat erst in Abnahme, so bekrittelt jeder Kaufmann die geringste wie die höchste Staatsmaßregel.«

»Das ist ihre Dankbarkeit! Haben wir nicht diese verschlammten Inseln in einen Markt für die halbe Christenheit umgewandelt? Nun aber sind sie unzufrieden, daß sie nicht alle die Vorrechte behalten können, die sich die Weisheit unserer Voreltern zu verschaffen wußte.«

»Sie beklagen sich nicht anders, als Ihr selber tut, Signore, aber Ihr habt recht, daß man den gegenwärtigen Aufstand nicht vernachlässigen darf. Seine Hoheit soll hinaus zum Volk mit den Patriziern, die gerade zugegen sind, und mit einem aus unserer Mitte als Augenzeuge. Mehr als dies können wir nicht tun, ohne uns der Entdeckung unseres Amtes auszusetzen.«

Der geheime Rat brach auf, um sogleich diesen Beschluß in Ausführung zu bringen, gerade in dem Augenblick, als die Fischer ihre Verstärkung vom Wasser her erhielten.

Als sie sahen, wie groß die Menschenmenge war, die sich im herzoglichen Palaste versammelt hatte, wurden die Verwegensten des Haufens dreister, und auch die noch Schwankenden wurden fest.

Eben erhob die gedrängte Masse im Hofe ihr lautes und drohendes Geschrei, als der Zug des Dogen in einer der langen, offenen Galerien erschien, die den Hauptflur des Gebäudes bilden. Die Gegenwart des ehrwürdigen Mannes, der dem Namen nach dies künstliche Staatsgebäude leitete, und die lange Gewöhnung der Fischer, Hochachtung vor den oberen Behörden zu hegen, verursachten, der gegenwärtigen mißvergnügten Stimmung ungeachtet, plötzlich eine tiefe Stille. Ein Gefühl der Ehrfurcht überschlich allmählich die Tausende von dunkeln Gesichtern, die hinauf starrten, dem kleinen Zuge der nahenden Patrizier entgegen. So tief war die plötzliche Stille, daß man das Rauschen der herzoglichen Gewänder hörte, als der Fürst, seines Alters wegen und der Würde seiner hohen Stellung gemäß, langsam daherschritt. Die vorige Heftigkeit der Fischer und ihre jetzige Ehrfurcht vor dem äußeren Prunk, der ihre Augen bestach, hatten beide dieselben Quellen – Unwissenheit und Gewohnheit.

»Weswegen seid ihr hier versammelt, meine Kinder?« fragte der Doge, als er bis an den Rand der Riesentreppe vorgetreten war. »Und vor allem, warum kommt ihr in den Palast euers Fürsten mit so unziemlichem Geschrei?«

Die Stimme des Greises war deutlich zu vernehmen, denn kaum ein Atemzug unterbrach sein leisestes Wort. Die Fischer sahen einander an und schienen den zu suchen, der kühn genug sein würde zu antworten. Endlich schrie einer, der mitten im Haufen stand und sich geflissentlich nicht sehen ließ: »Gerechtigkeit!«

»Das ist auch unser Zweck«, fuhr der Fürst mit sanftem Tone fort, »und das ist, will ich hinzufügen, was wir täglich üben. Weswegen seid ihr aber hier versammelt in einer Art, die für den Staat beleidigend und unehrerbietig gegen seinen Fürsten ist?«

Wiederum antwortete niemand.

»Will keiner reden? – Seid ihr so kühn mit euern Stimmen bereit, wo es nicht verlangt wird, und so schweigsam, wo es gilt?«

»Sprecht gelinde mit ihnen, Hoheit«, flüsterte der vom Rate, der beauftragt war, ein geheimer Zeuge der Zusammenkunft zu sein. »Die Dalmatier sind kaum fertig.«

Der Fürst beugte sich vor einem Ratschlag, der, wie er wohl wußte, nicht unberücksichtigt bleiben dürfte, und nahm seinen vorigen Ton wieder an.

»Wenn mir keiner sagen will, wessen ihr bedürft, so muß ich euch befehlen, euch zurückzuziehen, und während es meinem väterlichen Herzen wehe tut–«

»Gerechtigkeit!« wiederholte der versteckte Schreier aus dem Haufen.

»Nenne dein Begehr, daß wir’s erfahren!«

»Hoheit, habe die Gnade, auf diesen zu blicken!«

Einer, der kühner war als die übrigen, wendete Antonios Leichnam dem Mondlichte zu, daß dessen gespenstische Züge sichtbar wurden. Der Fürst staunte bei dem unerwarteten Anblick, und nachdem er, seine Gefährten und Wachen dicht hinter sich, die Treppe hinuntergestiegen war, blieb er eine Weile schweigend bei der Leiche stehen.

»Hat dies ein Mörder getan?« fragte er, auf den toten Fischer blickend und sich bekreuzend. »Was konnte der Tod eines solchen Mannes einem Bravo einbringen? Vielleicht ist der Unglückliche bei einer Schlägerei mit seinesgleichen gefallen?«

»Keins von beiden, durchlauchtigster Doge! Wir besorgen, daß Antonio den Unwillen von San Marco hat entgelten müssen.«

»Antonio! Ist dies der dreiste Fischer, der uns bei der Regatta lehren wollte, wie wir regieren müßten?«

»Derselbe, Exzellenz«, erwiderte der einfache Arbeitsmann von den Lagunen, »und eine tüchtigere Hand beim Netz oder ein treuerer Freund in der Not hat nie eine Gondel gerudert. Diavolo! Es müßt eine Freude für Eure Hoheit gewesen sein, den armen, alten Christen unter uns zu sehen am Tage eines Heiligen, wenn er unsere kleine Feierlichkeit anführte oder wenn er uns lehrte, wie unsere Eltern dem Handwerk Ehre zu machen pflegten.«

»Oder bei uns zu sein, durchlauchtigster Doge«, schrie ein anderer, denn wenn einmal Bahn gebrochen ist, sind die Zungen des Volkes bald kühn, »bei einer Lustbarkeit auf dem Lido, wo der alte Antonio immer der erste war im Lachen und immer am besten wußte, wann es Zeit war, ernsthaft zu sein.« Der Doge begann den Zusammenhang der Sache zu ahnen und warf einen Blick seitwärts, um die Mienen des ungekannten Inquisitors zu erforschen.

»Es ist bei weitem leichter«, sagte er, da ihm das abgerichtete Gesicht, das er angeschaut hatte, keinen Aufschluß gab, »die Verdienste des unglücklichen Mannes zu erfahren als die Art seines Todes. Kann einer unter euch erzählen, wie es zugegangen ist?«

Der Hauptsprecher der Fischer übernahm dies Geschäft gern und erzählte dem Dogen mit allen bei Leuten seines Standes beliebten Abschweifungen die Umstände von der Wiederfindung des Leichnams. Als er fertig war, suchte das Auge des Fürsten wiederum eine Erläuterung im Gesichte des Senators neben ihm, denn er wußte nicht, ob die Politik des Staates ein Exempel statuieren wolle oder nur den Tod dieses einzelnen für nötig erachtet habe.

»Ich finde in dem allen nichts, Ew. Hoheit«, bemerkte der vom Rate, »als was einem Fischer wohl begegnen kann. Der unglückliche alte Mann wird durch Zufall umgekommen sein, und es würde eine fromme Handlung sein, ein paar Messen für seine Seele lesen zu lassen.«

»Edler Senator«, rief der Fischer mit zweifelndem Tone, »San Marco war beleidigt.«

»Es sind viele müßige Gerüchte von San Marcos Gewogenheit und Ungewogenheit im Umlauf. Wenn wir glauben wollen, was die Leute erdenken in Angelegenheiten dieser Art, so werden die Verbrecher nicht in den Lagunen, sondern im Canale Orfano ersäuft.«

»Ganz recht, Exzellenz! Und wir dürfen dort unsere Netze nicht auswerfen, bei Strafe mit den Aalen auf dem Grunde zu wohnen.«

»Um so mehr ist Ursache, zu glauben, daß dieser alte Mann durch einen Zufall umgekommen ist. Läßt sich keine Spur eines gewaltsamen Todes an der Leiche wahrnehmen? – Denn obschon sich der Staat nicht mit einem seinesgleichen in der Art beschäftigen würde, kann es doch irgendein einzelner getan haben. Hat man den Zustand der Leiche untersucht?«

»Exzellenz, es war hinreichend, einen so alten Mann mitten in die Lagunen zu werfen. Der stärkste Arm von Venedig hätte ihn nicht retten können.«

»Es kann bei einem Zank zur Gewalttätigkeit gekommen sein, und die betreffende Behörde sollte die Sache untersuchen. Hier ist ein Karmeliter! – Vater, wißt Ihr etwas von der Sache?«

Der Mönch versuchte zu antworten, aber die Stimme versagte ihm.

»Du antwortest nicht, Mönch?« bemerkte der Doge, der durch das natürliche, gleichgültige Benehmen des Inquisitors wirklich getäuscht war wie alle anderen. »Wo fandest du diesen Leichnam?«

Vater Anselmo erzählte kurz, wie er von den Fischern zum Dienste gezwungen worden wäre.

Neben dem Fürsten stand ein junger Patrizier, der keine besondere Würde im Staate hatte als die allgemeine seines Standes. Getäuscht gleich den übrigen durch die Ruhe des einzigen, der von Antonios Tode die wirkliche Ursache wußte, fühlte er ein menschenfreundliches und lobenswertes Verlangen, sich zu vergewissern, daß dem armen Opfer nicht irgendein schändlicher Streich gespielt worden wäre.

»Ich habe gehört von dem Antonio«, sagte dieser Herr, der Senator Soranzo, dem die Natur ein empfindliches Herz gegeben hatte, »ich habe gehört von seinem Glück bei der Regatta. Hieß es nicht, daß Jacopo, der Bravo, sein Mitbewerber war?«

Ein dumpfes, bedeutungsvolles Gemurmel durchlief die ganze Menge.

»Ein so leidenschaftlicher, verwegener Mann als dieser kann wohl seine Niederlage durch Gewalttat haben rächen wollen.«

Ein zweites, lauteres Gemurmel zeigte, was diese Erklärung der Sache für Eindruck machte.

»Exzellenz, Jacopo gebraucht nur sein Stilett«, sagte der halb schon gläubige, aber doch noch schwankende Fischer.

»Wo er’s für nötig hält. Ein Mann von seinem Charakter und seiner Arglist kann auch wohl zu andern Mitteln, seine Bosheit zu befriedigen, Zuflucht nehmen. Seid Ihr nicht meiner Meinung, Signore?«

Diese Frage richtete der Senator Soranzo in seiner Unschuld an das unbekannte Mitglied des geheimen Rates. Dieser schien überrascht von der Wahrscheinlichkeit der Vermutung, die sein Gefährte aufstellte, begnügte sich aber, seine Anerkennung durch ein Nicken mit dem Kopfe kundzutun.

»Jacopo, Jacopo!« wiederholte eine Stimme nach der anderen im Haufen. – »Jacopo hat’s getan! Der beste Gondoliere in Venedig ist von einem alten Fischer besiegt worden, und nichts als Blut konnte die Schande auswischen!«

»Es soll untersucht werden, meine Kinder, und die Gerechtigkeit soll ihren Gang gehen«, sagte der Doge, indem er sich anschickte, sich zurückzuziehen. »Leute«, fügte er hinzu, sich an einige Beamten wendend, »bezahlet Messen, daß die Seele des unglücklichen Mannes zum mindesten nicht dabei leide. Ehrwürdiger Karmeliter, deiner Sorgfalt vertraue ich den Leichnam an, und du kannst keinen bessern Dienst verrichten, als die Nacht über bei ihm zu beten.«

Tausend Mützen wurden geschwenkt, den Beifall, den dieser gnädige Befehl fand, auszudrücken, und der ganze Haufen stand schweigend in Ehrfurcht, als sich der Fürst mit seinem Gefolge, wie er gekommen war, durch die lange gewölbte Galerie oben entfernte.

Ein geheimer Befehl der Inquisition ließ das Anrücken der Dalmatier absagen.

Wenige Minuten später war alles vorbereitet. Eine Bahre mit einem Zelt darüber ward von der anstoßenden Kathedrale hergeholt und der Leichnam darauf gelegt. Vater Anselmo an der Spitze, zog die Prozession durch das Haupttor des Palastes auf den Platz, die gewöhnliche Andacht absingend. Beide Plätze, der größere und der kleinere, waren noch menschenleer. Hier und da blickte das neugierige Gesicht eines Handlangers der Polizei oder eines etwas kühneren Beobachters unter den Bogen der Portikus hervor.

Aber die Fischer dachten nicht mehr an Gewalt. Mit der Unbeständigkeit von Leuten, die wenig an Überlegung gewöhnt sind, sich schnellen und heftigen Aufregungen hingeben, hatten sie alle Gedanken an Rache gegen die Diener der Polizei aufgegeben und ihre Aufmerksamkeit gänzlich dem frommen Dienste zugewendet, der, vom Fürsten selbst befohlen, für ihren Stand so schmeichelhaft war.

Einige stärkere Naturen unter ihnen mischten wohl auch Drohungen gegen den Bravo in die Gebete für den Toten, aber diese hatten keine Bedeutung für die gegenwärtige Handlung.

Das große Portal der ehrwürdigen Kirche ward aufgetan. Man trug die bescheidene Leiche des hingeopferten Antonio unter den Bogen, der die kostbaren Reliquien griechischer Kunst stützt, und setzte sie in das Schiff der Kirche nieder. Kerzen brannten vor dem Altare und umgaben die gespenstische Gestalt des Toten die ganze Nacht hindurch, und die Kathedrale San Marcos war erfüllt von den imposanten Gebräuchen der Katholischen Kirche, bis der Tag wieder heraufkam. Ein Priester folgte dem andern, um die Messe zu wiederholen, und der Haufe hörte aufmerksam zu, als fühlte sich ein jeder selber geehrt und erhoben durch diese Auszeichnung eines Mannes aus seinem Stande. Die Masken auf dem Platze waren allmählich wieder zum Vorschein gekommen, obgleich die Unruhe zu heftig und zu plötzlich gewesen war, um eine schnelle Rückkehr dem Leichtsinn zu erlauben, der gewöhnlich zwischen Sonnenuntergang und -aufgang auf diesem Flecke zu schauen war.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Als die Fischer auf dem Kai landeten, verließen sie die eroberte Gondel des Staates bis auf den letzten Mann. Donna Violetta und ihre Gouvernante hörten mit Bestürzung, wie sich ihre Räuber nacheinander lärmend entfernten, denn sie wußten beinahe gar nicht, aus welchem Grund man ihnen den Schutz des Vater Anselmo entrissen und was sie zu handelnden Personen in dem ungewöhnlichen Schauspiel gemacht hatte. Der Mönch hatte ihnen nur gesagt, daß sein Dienst zum Besten eines Toten verlangt würde. Donna Florinde jedoch, die durch die Fenster der Verdachung geschaut hatte und aus dem Geschrei ringsumher einen Schluß zog, ahnte die Wahrheit so ziemlich. Es schien ihr das Geratenste unter diesen Umständen, sich soviel wie möglich unbemerkt zu halten. Als die tiefe Stille, die der Landung der Aufrührer folgte, verriet, daß sie allein waren, bemerkten sie und ihr Zögling diese günstige Veränderung sogleich.

»Sie sind fort«, flüsterte Donna Florinde, mit zurückgehaltenem Atem horchend, sobald sie gesprochen hatte.

»Und die Polizei wird bald hier sein, uns zu suchen!«

Es bedurfte keiner weiteren Erklärung.

Im Augenblick standen die zitternden Flüchtlinge auf dem Kai. Keine menschliche Gestalt war auf der Piazetta. Aber ein dumpfes, brausendes Rauschen erscholl vom Hofe des herzoglichen Palastes, ähnlich dem Gesumme eines aufgestörten Bienenschwarms.

»Man hat Gewalttaten vor«, sagte die Gouvernante wiederum flüsternd. »Wollte Gott, Vater Anselmo wäre hier.«

Ein vorsichtiger Fußtritt ließ sich hören, und beide, sich umkehrend, sahen einen Knaben, der sich aus der Gegend des Broglio her näherte.

»Ein ehrwürdiger Karmeliter hat mir dies für Euch gegeben«, sagte der Bursche, verstohlen umherblickend, als fürchte er, entdeckt zu werden. Dann legte er in Donna Florindes Hand ein Streifchen Papier und verschwand.

Mit Hilfe des Mondlichts gelang es der Gouvernante, die Züge einer Hand zu entziffern, die ihr in jüngeren Tagen wohl bekannt gewesen war: »Rette Dich, Florinde. Kein Augenblick ist zu verlieren. Vermeide öffentliche Plätze und suche schnell einen Zufluchtsort.«

»Aber wohin?« fragte die Bestürzte, nachdem sie den Zettel laut gelesen hatte.

»Überall, nur nicht hier«, sagte Donna Violetta, »komm mit mir!«

Hätte Donna Florinde die natürliche Festigkeit und Entschiedenheit ihres Zöglings besessen, so würde sie nicht in dem einsamen Verhältnisse gelebt haben, das der weiblichen Natur wenig entspricht, und Vater Anselmo wäre kein Mönch geworden. Beide hatten ihre Liebe dem zum Opfer gebracht, was sie für ihre Pflicht hielten, und so war das unangemessene Lebensverhältnis der Gouvernante aus einem dem Sturm der Leidenschaften unzugänglichen Gemüte hervorgegangen. Nicht so Violetta. Sie war immer schneller bereit zum Tun als zum Überlegen, und obgleich in den meisten Fällen wohl die besonneneren Gemüter im Vorteil sein mögen, so gibt es doch auch hiervon Ausnahmen. Der gegenwärtige Augenblick war eine von den Lagen des Lebens, wo es immer besser ist, irgend etwas als gar nichts zu tun.

Kaum hatte Donna Violetta gesprochen, so war ihre Gestalt im Schatten unter den Bogengängen des Broglio. Ihre Gouvernante hielt sich dicht an ihrer Seite, mehr aus Liebe zu ihr als aus Willfährigkeit gegen den Rat des Mönchs oder das Gebot ihrer eigenen Vernunft. Ein unbestimmter, abenteuerlicher Gedanke, sich dem Dogen, der ein Seitenverwandter ihres eigenen alten Hauses war, zu Füßen zu werfen, stieg in der jungen Braut anfänglich auf, aber kaum hatten sie den Palast erreicht, so belehrte sie das Geschrei vom Hofraume her über dessen Lage und die Unmöglichkeit, in das Innere einzudringen.

»Wir wollen uns durch die Straßen nach deiner Wohnung zurückziehen, Kind«, sagte Donna Florinde, sich mit weiblichem Anstand in ihren Mantel hüllend. »Niemand wird Frauen unseres Standes beleidigen. Auch der Senat muß am Ende doch unser Geschlecht respektieren.«

»Das von dir, Florinde! – Du, die so oft vor seinem Zorn gezittert hat! Aber geh, wenn du willst. Ich gehöre dem Senate nicht länger. Don Camillo Monforte hat meine Treue.«

Donna Florinde war nicht willens, diesen Punkt zu bestreiten, und da der Augenblick gekommen war, wo Geistesstärke zum Führen berechtigte, so unterwarf sie sich still dem Willen ihres Zöglings. Donna Violetta hielt sich immer im Schatten der Arkaden. Als die Flüchtlinge bei dem Tore vorbeikamen, das auf der Seeseite liegt, konnten sie einen Blick auf die Szene im Hofe werfen. Der Anblick dieses Schauspiels beschleunigte ihre Schritte; sie liefen nicht, sie flogen die Bogenhalle entlang. Bald befanden sie sich auf der Brücke, die über den Kanal San Marco führt, noch immer in voller Flucht begriffen. Ein paar Matrosen sahen von ihren Feluken aus neugierig zu, aber zwei erschreckte Frauenzimmer waren nichts so gar Auffallendes.

In diesem Augenblick erschien eine Masse dunkler Gestalten von der andern Seite her. Waffen blitzten im Mondlicht, und man hörte den abgemessenen Tritt bewaffneter Männer. Es waren die Dalmatier, deren Trupp vom Zeughause heranrückte. Vorwärts und rückwärts schien jetzt den atemlosen Frauen die Flucht gleich unmöglich. Da Entschlossenheit und Besonnenheit sehr verschiedene Tugenden sind, dachte Donna Violetta nicht so schnell, als die Umstände erfordert hätten, daran, daß die Mietsoldaten der Republik höchstwahrscheinlich ihre Flucht für etwas sehr Natürliches halten würden.

Der Schreck raubte den Flüchtlingen die Besinnung. Sie dachten an nichts als an einen Zufluchtsort und würden selbst das Gerichtszimmer dazu erwählt haben, wäre Gelegenheit dazu gewesen. Sie wendeten sich um und eilten in die erste und in der Tat einzige offene Tür, die sich darbot. Es trat ihnen ein Mädchen entgegen, in deren ängstlichen Zügen sich jene sonderbare Mischung von Hingebung und Angst malte, die ihren Grund wahrscheinlich im Drange weiblichen Mitgefühls hat.

»Hier ist Sicherheit, edle Damen«, sagte die junge Venezianerin. »Keiner wird Euch innerhalb dieser Mauern zu verletzen wagen!«

»In welchem Palaste befinden wir uns?« fragte die fast atemlose Violetta. »Wenn der Besitzer einen Namen hat in Venedig, wird er einer Tochter vom Geschlecht Tiepolo die Gastfreundschaft nicht versagen.«

»Ihr seid willkommen, Signora«, entgegnete das freundliche Mädchen, sich tief verneigend, und führte sie noch weiter in das Innere des geräumigen Gebäudes. »Ihr führt den Namen einer erlauchten Familie.«

»Dienst du einem Edelmanne?«

»Dem vornehmsten in Venedig, Signora!«

»Nenne ihn, damit wir seine Gastfreundschaft erbitten mögen, wie sich’s geziemt.«

»San Marco.«

Donna Violetta und ihre Gouvernante blieben erstaunt stehen.

»Sind wir, ohne es zu wissen, in ein Portal des Palastes getreten?«

»Das wäre unmöglich, Signora, da der Kanal zwischen uns und dem Palaste des Dogen ist. Dennoch ist hier San Marco Herr. Ich hoffe, Ihr werdet Eure Sicherheit für nicht geringer halten, wenn Ihr sie auch im Staatsgefängnis findet und Euch des Hauswarts Tochter dazu verhilft.«

Der Augenblick übereilten Handelns war vorüber und die Besinnung nun zurückgekehrt.

»Wie heißest du, Kind?« fragte Donna Florinde, ihrem Zögling vorantretend und die Unterredung aufnehmend, während Violetta vor Erstaunen stillschwieg. »Wir sind dir aufrichtig dankbar für die Bereitwilligkeit, mit der du die Tür öffnetest und uns einließest in einem Augenblick solcher Bestürzung. Wie heißest du?«

»Gelsomina«, erwiderte das Mädchen bescheiden. »Ich bin des Hauswarts einziges Kind. Als ich Damen Eures Standes auf dem Kai fliehen sah und auf der einen Seite die Dalmatier im Anmarsch, auf der andern die tobenden Fischer, da dachte ich, auch das Gefängnis würde Euch willkommen sein.«

»Deine Herzensgüte hat dich nicht irregeleitet.«

»Wenn ich gewußt hätte, daß es eine Dame vom Geschlechte Tiepolo war, so würde ich mich noch mehr beeifert haben, denn es sind wenige dieses berühmten Namens übrig, uns Ehre zu erweisen.«

Violetta verneigte sich wegen dieser Artigkeit, aber sie schien unruhig, daß sie Übereilung und Adelsstolz verleitet hatten, sich zu verraten.

»Kannst du uns an einen minder öffentlichen Platz führen?« fragte sie, als sie bemerkte, daß ihre Führerin in einem freien Gange stehengeblieben war, um ihre Erklärung zu geben.

»Hier werdet Ihr so zurückgezogen sein wie in Euern eigenen Palästen, hohe Damen«, erwiderte Gelsomina, indem sie in einen Seitengang einbog und die Fremden den Wohnzimmern zuführte, von denen aus sie zuvor die Verlegenheit ihrer Gäste, am Fenster sitzend, bemerkt hatte. »Hier kommt niemand ohne Ursach her, außer meinem Vater und mir, und mein Vater ist mit seinem Dienste sehr beschäftigt.«

»Hast du keinen Dienstboten?«

»Nein, Signora! Eines Hauswarts Tochter darf nicht zu stolz sein, sich selbst zu bedienen.«

»Du hast recht. Ein so feinfühlendes Mädchen wie du, Gelsomina, wird einsehen, daß es für Frauen von Stande nicht geziemend ist, in ein Haus wie dieses, wenn auch nur durch Zufall, zu geraten, und du wirst uns einen großen Gefallen erweisen, wenn du mehr als gewöhnliche Vorkehrung triffst, daß man uns hier nicht sehe. Wir machen dir viel Mühe, aber sie soll nicht unbelohnt bleiben. Nimm dies Gold.«

Gelsomina antwortete nicht, aber als sie mit niedergesenkten Augen dastand, stahl sich eine Röte in ihre Wangen, daß ihr zuvor bleiches Gesicht sanft erglühte.

»Nein, ich habe dich verkannt«, sagte Donna Florinde, indem sie die Zechinen wieder einsteckte, und ergriff die Hand des Mädchens, das es schweigend geschehen ließ. »Wenn ich dich durch meine Unbescheidenheit gekränkt habe, so schreibe dies Anerbieten einzig unserer Furcht vor der Schande zu, hier gesehen zu werden.«

Das Mädchen erglühte noch mehr, und ihre Lippen bebten.

»Ist es denn eine Schande, unschuldig hier zu wohnen, Signora?« fragte sie mit abgewendetem Auge. »Ich habe das lange geargwohnt, aber ich hab es bisher noch von niemandem sagen gehört!«

»Verzeih mir! Wenn ich eine Silbe ausgesprochen habe, die dich kränken kann, so ist es unwissentlich und ungern geschehen.«

»Wir sind arm, Signora, und der Bedürftige muß sich gefallen lassen, auch das zu tun, was seinen Wünschen entgegen ist. Ich verstehe Eure Meinung und will dafür sorgen, daß Ihr verborgen bleiben sollt!«

Während die Damen verwundert waren über solche Beweise von Zartgefühl und Empfindung an diesem eigentümlichen Ort, entfernte sich das Mädchen.

»Das hätte ich nicht erwartet in einem Kerker!« rief Violetta.

»Wie nicht alles edel ist in einem Palast, so ist auch nicht alles zu verwerfen, was in einem Kerker vorkommt. Aber dies ist fürwahr ein außerordentliches Mädchen für ihren Stand, und wir müssen St. Theodor danken, daß er sie uns in den Weg geführt hat.«

»Können wir besseres tun, als sie zu unserer Vertrauten zu machen?«

Die Gouvernante war älter und weniger geneigt als ihr Zögling, auf den Schein hin zu trauen. Gelsomina kam zurück, ehe es Zeit war, zu überlegen, ob Violettas Vorhaben auch der Klugheit gemäß wäre.

»Du hast einen Vater, Gelsomina?« fragte die venezianische Erbin und ergriff die Hand des Mädchens, indem sie diese Frage tat.

»Gelobet sei die Heilige Jungfrau, daß ich dieses Glück habe.«

»Es ist ein Glück. Denn gewiß, ein Vater würde nicht das Herz haben, sein Kind dem Ehrgeiz und gewinnsüchtigen Hoffnungen aufzuopfern. Und deine Mutter?«

»Ist schon seit langer Zeit bettlägerig. Ich glaube, wir hätten sonst nicht hier zu sein brauchen, bei ihren Leiden aber paßt kein anderer Ort so gut für sie als dieses Gefängnis.«

»Gelsomina, du bist glücklicher als ich, selbst in deinem Gefängnis. Ich habe keinen Vater, keine Mutter, fast muß ich sagen, keinen Freund.«

»Und dies das Schicksal einer Dame aus dem Hause Tiepolo!«

»Es ist nicht alles, wie es scheint in dieser argen Welt, gute Gelsomina! Wir haben viele Dogen in der Familie gehabt, aber auch viele Leiden. Du hast vielleicht gehört, daß davon nichts mehr übrig ist als ein einziges Mädchen, jung wie du, die der Obhut des Senats anvertraut ist?«

»Es wird in Venedig wenig von diesen Sachen gesprochen, Signora, und von allen geht niemand so selten auf den Platz als ich. Doch von der Schönheit und dem Reichtum der Donna Violetta habe ich wohl gehört. Das letztere, hoff ich, wird wahr sein, das erstere seh ich jetzt selber.«

Die junge Tiepolo wurde ihrerseits rot, aber freilich nicht aus verletztem Gefühl.

»Sie sagen zuviel Gutes aus Mitleid für die arme Waise«, erwiderte sie, »obschon dieser unglückselige Reichtum vielleicht nicht überschätzt wird. Du weißt, daß sich’s der Staat angelegen sein läßt, alle Frauen von Adel, die vaterlos sind, zu hüten und unterzubringen.«

»Nein, Signora. Das ist aber schön von San Marco.«

»Du wirst bald anders darüber denken. Du bist jung, Gelsomina, und hast wohl dein Leben in Zurückgezogenheit zugebracht?«

»Ja, Signora. Ich gehe selten weiter als bis in meiner Mutter Stube oder in die Zelle eines kranken Gefangenen.«

Violetta sah ihre Gouvernante an, als wollte sie sagen, daß sie sich wohl schwerlich einem Mädchen würde verständlich machen können, das den Gefühlen der Welt so wenig zugänglich wäre.

»So wirst du freilich nicht begreifen, daß eine Frau von Adel wenig Lust haben mag, sich dem Verlangen des Senats zu fügen, wenn er über ihre Pflichten und Neigungen gebieten will.«

Gelsomina sah die schöne Rednerin starr an, aber es war sichtlich, daß sie die Frage nicht recht begriff.

»Ich habe gehört, daß die Damen von Adel die nicht sehen dürfen, mit denen sie verheiratet werden sollen, Signora, wenn es dies ist, was Ew. Exzellenz meinen. Mir hat diese Sitte immer ungerecht oder vielmehr grausam geschienen.«

»Und ist es Frauen deines Standes erlaubt, sich Freunde zu erwerben, von denen einer ihnen dereinst teuer werden kann?« fragte Violetta hastig.

»Signora, soviel Freiheit haben wir auch im Gefängnis.«

»Oh, dann bist du glücklicher als die, die in Palästen wohnen! Ich will dir vertrauen, edles Mädchen, denn du wirst die Schwache, Bedrängte, die deines Geschlechts ist, nicht verraten.«

Gelsomina hob ihre Hand auf, als wollte sie dem ungestümen Zutrauen ihres Gastes Einhalt tun, und horchte aufmerksam.

»Wenige kommen hierher«, sagte sie dann, »aber mancherlei Wege, hinter Geheimnisse zu kommen, gibt es in diesem Hause, die ich noch nicht kenne. Tretet tiefer in die Wohnung ein, edle Damen, hier ist ein Ort, der auch vor Lauschern sicher ist.«

Des Hauswarts Tochter ging voran in das kleine Gemach, wo sie sich mit Jacopo zu unterhalten pflegte.

»Ihr sagtet, Signora, daß ich Gefühl hätte für die Schwäche und Hilflosigkeit unseres Geschlechtes, und darin laßt Ihr mir Gerechtigkeit widerfahren.«

Violetta hatte Muße, einen Augenblick nachzudenken, während sie aus dem einen Zimmer in das andere ging, und sie fing an, ihre Mitteilungen mit mehr Behutsamkeit zu machen. Aber der lebhafte Anteil, den ein Wesen von so freundlicher Natur und so abgesonderter Lebensweise als Gelsomina an der Erzählung nahm, gab ihrer natürlichen Offenherzigkeit den Sieg, und auf eine ihr selbst fast unbewußte Weise setzte sie des Hauswarts Tochter von beinahe den meisten Umständen in Kenntnis, die sie bis in das Gefängnis geführt hatten.

Gelsominas Wangen wurden farblos, während sie zuhörte, und als Violetta geendet hatte, zitterte sie an allen Gliedern.

»Es ist furchtbar, sich der Macht des Senats zu widersetzen«, sagte sie leise, daß es kaum zu hören war. »Habt Ihr bedacht, Signora, was Eure Tat für Folgen haben kann?«

»Wenn auch nicht, so ist es jetzt doch zu spät, mein Vorhaben zu ändern. Ich bin des Herzogs von Sant‘ Agata Weib und kann nie eines andern Gattin werden!«

»Jesus! Das ist wahr! – Und doch, ich glaube, ich möchte lieber im Kloster sterben, als den Rat gegen mich aufbringen.«

»Du weißt nicht, gutes Mädchen, welches Mutes auch ein junges Weib fähig ist. Du hängst noch an deinem Vater, aber du kannst es noch erfahren, daß die Zeit im Leben kommt, wo sich alle deine Hoffnungen in einem andern vereinigen werden.«

»Der Staatsrat ist fürchterlich«, erwiderte sie, »aber es muß noch fürchterlicher sein, den zu verlassen, dem man Pflicht und Liebe am Altare gelobt hat.«

»Hast du Mittel, uns zu verstecken, gutes Mädchen?« unterbrach sie Donna Florinde, »und kannst du uns, wenn dieser Tumult vorüber sein wird, irgendwie zu ferner Verborgenheit oder zur Flucht verhelfen?«

»Nein, Signora. Sogar Venedigs Straßen und Plätze sind mir beinahe fremd. Was gäb ich drum, wenn ich die Wege der Stadt so gut wüßte als meine Cousine Annina, die, wenn es ihr nur behagt, von ihres Vaters Laden bis nach dem Lido geht und vom Markusplatz zum Rialto, ganz wie es ihr gefällt. Ich will nach meiner Cousine schicken, die wird uns raten in dieser schrecklichen Not.« »Deine Cousine? Hast du eine Cousine, die Annina heißt?«

»Annina, Signora, meiner Mutter Schwesterkind.«

»Die Tochter des Weinhändlers Tommaso Tosti?«

»Ja! Sie wird uns ihren Beistand in solcher Gefahr nicht versagen. Ich weiß, sie hält nicht viel von der Republik, denn ich habe sie von deren Angelegenheiten reden hören, kühner, als sich für ein Mädchen ihres Alters geziemt.«

»Gelsomina, deine Cousine ist eine geheime Dienerin der Polizei und deines Vertrauens unwert.«

»Signora!«

»Ich spreche nicht ohne Grund. Glaube mir, sie läßt sich zu Geschäften brauchen, die sich für ihr Geschlecht nicht geziemen.«

»Edle Damen, Ihr solltet mich nicht nötigen, so von meiner Mutter Nichte zu denken. Ihr seid unglücklich gewesen und mögt Grund haben, mit der Republik unzufrieden zu sein, und hier seid Ihr sicher – aber ich wünsche keinen Tadel über Annina zu hören.«

Donna Florinde und ihr Zögling kannten die menschliche Natur hinlänglich, um diese edle Ungläubigkeit als ein günstiges Zeichen für die Reinheit der Gesinnung ihrer jungen Wirtin anzusehen, und begnügten sich mit dem Ersuchen, daß Annina auf keine Weise von ihrer gegenwärtigen Lage Nachricht erhalte. Nach dieser Verständigung besprachen sich die drei mit mehr Muße über die Aussicht der Flüchtlinge, den Ort, sobald es Zeit wäre, unentdeckt zu verlassen.

Auf Antrieb der Gouvernante schickte Gelsomina einen Diener des Gefängnisses hinaus, um zu erfahren, wie es auf dem Platze stehe. Er erhielt besonders den Auftrag, er solle, ohne Verdacht zu erregen, nach einem Karmeliter vom Orden der Barfüßermönche suchen. Bald kam er mit der Nachricht zurück, daß die Fischer aus dem Hofe des Palastes gewichen und zur Kathedrale gezogen seien mit der Leiche des Fischers, der am vorigen Tage in der Regatta so unerwartet den Preis davongetragen hatte.

»Betet Eure Aves ab und geht zu Bett, schöne Gelsomina«, schloß der Untergefangenenwärter, »denn die Fischer haben aufgehört zu schreien, um nunmehr zu beten. Die Schufte sind so unverschämt, als ob San Marco ihr Eigentum wäre! Die edeln Patrizier sollten sie Anstand lehren und jeden zehnten von den Schurken auf die Galeeren schicken. Hunde! Die Ruhe einer ordentlichen Stadt mit ihren gemeinen Beschwerden zu stören!«

»Aber du sagst nichts von dem Mönche, ist er bei den Aufrührern?«

»Es ist ein Karmeliter am Altare – aber mein Blut kochte, als ich solche Vagabunden achtbaren Leuten die Ruhe stören sah, und ich hab wenig auf sein Gesicht und sein Alter achtgegeben.«

»Dann hast du die Hauptsache versäumt, um derentwillen ich dich geschickt habe. Es ist jetzt zu spät, den Fehler wieder gutzumachen. Du kannst wieder an dein Geschäft gehen.«

»Bitte tausendmal um Verzeihung, schönste Gelsomina, aber ein Mann im Amte muß unwillig werden, wenn er seine Rechte angetastet sieht. Schickt mich nach Korfu oder nach Kandia, wenn’s Euch beliebt, und ich will die Farbe von jedem Stein in ihren Gefängnissen mitbringen, aber schickt mich nicht unter die Rebellen. Mir schwillt die Kehle, wenn ich Schufte sehe!«

Da sich des Hauswarts Tochter entfernte, während ihres Vaters Gehilfe diese Beteuerung seiner Loyalität ergehen ließ, so sah sich der letztere genötigt, dem Rest seines Unwillens in einem Selbstgespräch Luft zu machen.

Gelsomina kehrte indessen bald zu ihren Gästen mit beruhigenden Nachrichten zurück. Der Tumult im Hofe des Palastes und das Ausrücken der Dalmatier hatten alle Augen genugsam beschäftigt, und wenn auch einige neugierige Gaffer die Damen in das Gefängnis hätten eintreten sehen, so war dieser Umstand doch so natürlich, daß es keinem einfallen konnte, daß Frauen von so hohem Rang dort auch nur einen Augenblick länger bleiben würden, als nötig wäre. Ihre Sicherheit ward dadurch noch größer, daß auch die wenigen Gefängniswärter nicht zugegen gewesen, indem sie sich um die offenen Teile des Hauses überhaupt nicht sonderlich bekümmerten und außerdem jetzt durch die Neugier hinausgelockt waren. Das anspruchslose Zimmer, in dem sich die Damen eben befanden, war ausschließlich für den Gebrauch ihrer Beschützerin bestimmt, und eine Störung kaum möglich, solange der Senat noch nicht Zeit noch Macht zur Anwendung jener furchtbaren Mittel wiedererlangt hatte, die alles Verborgene aufspürten.

Mit dieser Erklärung waren Donna Violetta und ihre Begleiterin sehr zufrieden. Sie gewannen Muße, Mittel zu ihrer Flucht zu ersinnen, und die erstere glühte von Hoffnung, sich bald ihrem Camillo wiedergegeben zu sehen. Doch war der Umstand noch böse, daß sie den letzteren auf keine Weise von ihrer Lage in Kenntnis setzen konnten. Als der Tumult aufhörte, beschlossen sie, ein Boot zu suchen und in solcher Verkleidung, als Gelsomina herbeischaffen könnte, nach seinem Palaste zu rudern. Indes überlegte Donna Florinde, daß dieser Schritt zu gefährlich sei, weil der Neapolitaner, wie bekannt, von der geheimen Polizei beobachtet wurde. Der Zufall, der zur Bekämpfung verwickelter Verhältnisse oft wirksamer ist als die List, hatte sie an einen Ort geführt, der für den Augenblick Sicherheit gewährte, und diese vorteilhafte Stellung hätten sie eingebüßt, wenn sie sich ohne die allergrößte Vorsicht allen auf den öffentlichen Kanälen möglichen Gefahren preisgegeben hätten.

Endlich fiel es der Gouvernante ein, die Dienste in Erwägung zu ziehen, die ihnen das niedliche Mädchen leisten konnte, das schon so viel Teilnahme für ihr Schicksal bewiesen hatte. Während der Geständnisse ihres Zöglings hatte Donna Florinde die geheimen Triebfedern wohl bemerkt, die die Gefühle der unerfahrenen Zuhörerin in Bewegung setzten. Gelsomina hatte mit atemloser Bewunderung gehört, wie sich Don Camillo in den Kanal geworfen, um Violettas Leben zu retten. Alle ihre Gedanken malten sich in ihren Zügen, als die junge Tiepolo von den Gefahren sprach, die er bestanden hätte, um ihre Liebe zu gewinnen. Weiblichkeit blickte aus jedem Zuge ihres sanften Gesichts, während die junge Braut das engere Band erwähnte, das sie jetzt vereinigt hielte, ein Band, viel zu heilig, als daß es die Politik des Senats zerreißen dürfte.

»Wenn wir Mittel hätten, Don Camillo von unserer Lage zu unterrichten«, sagte die Gouvernante, »so könnte noch alles gut gehen. Sonst aber wird uns dieser so glücklich gefundene Zufluchtsort nichts helfen.«

»Ist die Kühnheit des Kavaliers denn so gewaltig, daß er gar nicht vor denen droben zittert?« fragte Gelsomina.

»Er würde seine Getreuen aufbieten, und ehe der Tag anbricht, könnten wir außer dem Bereich ihrer Macht sein. Diese schlauen Senatoren wollen mit den Gelübden meines Zöglings umspringen, als wären es kindische Schwüre.«

»Aber das Sakrament der Ehe ist nichts Menschliches. Davor werden sie wenigstens Achtung haben.«

»Glaube das nicht. Keine Verpflichtung ist so heilig, daß sie Achtung davor haben sollten, wenn ihre Politik auf dem Spiele steht.«

»Kann es etwas Wichtigeres geben, Signora, als die Ehe?«

»Sie ist auch für sie wichtig als das Mittel, ihre Auszeichnungen und ihre stolzen Namen fortzupflanzen. Sonst aber kümmern sich die Räte nicht viel um häusliche Angelegenheiten.«

»Sind sie doch Väter und Gatten!«

»O ja, weil sie, um mit Recht das erstere sein zu können, zuvor das letztere werden müssen. Die Ehe ist für sie nicht ein Band heiliger und teurer Verwandtschaft, sondern ein Mittel, ihre Reichtümer zu vermehren und ihren Namen zu erhalten.«

So sagte die Gouvernante und beobachtete die Wirkung ihrer Rede auf dem Gesicht des unverstellten Mädchens. »Heiraten aus Liebe nennen sie Kinderspiel und handeln mit den Neigungen ihrer eigenen Töchter wie mit ihren Waren.«

»Ich wünschte wohl, daß ich für Donna Violetta etwas tun könnte.«

»Du bist zu jung, gute Gelsomina, und wie ich fürchte, nicht bekannt genug mit venezianischer Verschlagenheit.«

»Deswegen seid unbesorgt, Signora, ich kann in einer guten Sache so gut als ein anderer meine Schuldigkeit tun.«

»Wenn es möglich wäre, Don Camillo Monforte von unserer Lage zu unterrichten – aber du hast nicht Erfahrung genug, uns diesen Dienst zu leisten.«

»Glaubt das nicht, Signora«, fiel Gelsomina ein, deren Stolz nun als eine neue Triebfeder hinzukam zu dem natürlichen Mitgefühl für eine Frau, die fast in einem Alter mit ihr und derselben Leidenschaft, die ein weibliches Herz groß macht, unterworfen. »Ich kann wohl fähiger dazu sein, als mein Äußeres sollte denken lassen.«

»Ich will dir vertrauen, gutes Kind, und wenn uns die Heilige Jungfrau beschützt, so soll dein Glück nicht vergessen werden.«

Die fromme Gelsomina bekreuzigte sich. Darauf unterrichtete sie ihre Gefährtinnen von ihrer Absicht und ging hinein, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, während Donna Florinde ein Zettelchen schrieb in so vorsichtigen Ausdrücken, daß es bei einem schlimmen Ausgange nicht zu ihrer Entdeckung führen konnte, aber doch hinreichte, um dem Herzog von Sant‘ Agata über ihre gegenwärtige Lage einen Wink zu geben.

In wenigen Minuten kam des Hauswarts Tochter zurück. Ihr gewöhnlicher Anzug, die Tracht einer sittsamen Venezianerin aus dem niederen Stande, machte keine Verkleidung nötig, ihre Züge verdeckte die Maske, ein Stück der Kleidung, das jedermann in dieser Stadt besaß. Donna Florinde gab ihr nun den Zettel, bezeichnete die Straße und den Palast, den sie aufzusuchen hatte, sowie die Person des Herzogs von Agata, empfahl ihr nochmals die größte Vorsicht und entließ sie.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Wir bemerkten schon, daß Gelsomina gewisse wichtige Schlüssel des Gefängnisses in Verwahrung hatte. Ihr dies Vertrauen zu schenken, fühlten sich die verschmitzten Wärter des Gefängnisses bewogen durch Hoffnung, daß sie arglos ihren Befehlen gehorchen würde, ohne zu vermuten, daß sie, dem Drange eines edeln Herzens nachgebend, diese in einer jener Hoffnung gefährlichen Weise gebrauchen könnte. Der Dienst aber, den die Schlüssel jetzt leisten sollten, bewies, daß die Schließer selbst, und unter diesen ihr Vater, nicht genügend wußten, wieviel Unschuld und Einfalt vermögen.

Gelsomina versah sich mit den erforderlichen Schlüsseln, nahm eine Lampe und stieg vom Zwischenstock, wo sie wohnte, nach dem ersten Stockwerke des Gebäudes hinauf, statt nach dem Hofe hinunterzugehen. Tür auf Tür öffnete sich, und manchen düstern Gang durchmaß das schuldlose Mädchen mit der Sicherheit dessen, der ein gutes Werk vorhat. Bald schritt sie über die Seufzerbrücke, ohne auf diesem unbesuchten Gange eine Störung zu befürchten, und ging in den Palast. Hier erreichte sie eine Tür, die nach den öffentlichen Ausgängen des Gebäudes führte. In der Sorge, ihre Tat der Entdeckung zu entziehen, löschte sie ihr Licht aus und drehte den Schlüssel. Im nächsten Augenblick befand sie sich auf der großen dunkeln Treppe. Schnell stieg sie hinunter und gelangte zu der bedeckten Galerie, die den Hof umgab. Wenige Schritte von ihr stand eine Schildwache. Der Soldat sah das ihm unbekannte Mädchen neugierig an, da ihm aber nicht oblag, die auszufragen, die das Gebäude verließen, so sprach er kein Wort, und Gelsomina ging weiter. Da warf eben, halb zögernd, ein rachsüchtiges Wesen eine Anklage in den Löwenrachen. Unwillkürlich blieb Gelsomina stehen, bis sich der geheime Ankläger nach seinem verräterischen Werke entfernte. Als sie ihren Weg nun fortsetzen wollte, sah sie, daß der Hellebardier oben auf der Riesentreppe über ihre Verwunderung lächelte, wie einer, der an solche Szenen gewöhnt ist.

»Ist es gefährlich, den Palast zu verlassen?« fragte sie den rauhen Bergbewohner.

»Corpo di Bacco! Vor einer Stunde mocht es so sein, schönes Mädchen, aber den Aufwieglern ist nun das Maul gestopft, und jetzt sind sie beim Gebet.«

Gelsomina zögerte nicht länger. Sie stieg die Treppe hinab und stand bald unter dem Torbogen. Hier zauderte das schüchterne und unerfahrene Mädchen wieder, denn sie wagte nicht, auf den Platz hinauszugehen, ohne sich vorher zu überzeugen, daß dort alles vollkommen ruhig sei.

Gelsomina fand beide Plätze großenteils mit Menschen angefüllt. Einige aufgeregte Fischer umdrängten die Türen der Kathedrale, aber diesseits der Kirche war kein Grund zu Besorgnis vorhanden. Wie wenig auch an solch ein Schauspiel gewöhnt, so begriff das sanfte Mädchen doch auf den ersten Blick, daß ihr gerade die Menschenmenge Unbemerktheit gewähren würde. Sie zog ihren einfachen Mantel dichter um ihre Gestalt, befestigte ihre Maske sorgfältiger und ging mit schnellem Schritt mitten in die Piazza hinein.

Jung, behende und von ihrem Zweck befeuert, hatte sie die Piazza bald hinter sich und erreichte den Platz San Nicolo, wo eine Landestelle der öffentlichen Gondeln war. Es war aber in diesem Augenblicke kein Fahrzeug da, weil Neugier oder Furcht die Gondolieri bewogen hatte, ihren Standort zu verlassen. Das Mädchen bestieg daher die Brücke und stand eben auf der Höhe des Bogens, als ein Gondoliere von der Seite des Canale Grande gemächlich daherruderte. Ihr zögerndes, unschlüssiges Benehmen fesselte seine Aufmerksamkeit, und er machte das gewöhnliche Zeichen zur Erbietung seiner Dienste. Da sie fast fremd war in den Straßen Venedigs – wahren Labyrinthen, dem Ungeübten schwieriger zu entwirren als in irgendeiner andern Stadt derselben Größe –, so ging sie auf das Anerbieten freudig ein. Die Stufen hinabsteigen, in das Boot springen, das Wort »Rialto« aussprechen und sich im Zelte verbergen, waren das Werk eines Augenblicks. Das Boot war sogleich in Bewegung.

Gelsomina durfte nun ihres Erfolges ziemlich gewiß sein, denn von der Kenntnis und den Plänen eines gewöhnlichen Bootsmannes konnte sie wenig zu fürchten haben. Auch konnte er ihr Vorhaben nicht ahnen, und es war sein Vorteil, sie sicher nach dem verlangten Orte zu bringen. Aber es lag ihr an dem glücklichen Ausgange so viel, daß sie ihn nicht für gewiß halten konnte, ehe nicht alles getan war. Sie sammelte indes ihre Entschlossenheit wieder so weit, daß sie hinausschaute auf die Paläste und Fahrzeuge, an denen sie vorbeifuhr; da fühlte sie die erfrischende Luft des Kanals ihren Mut beleben. Nun wandte sie sich, um das Gesicht ihres Gondoliere zu betrachten, und bemerkte, daß seine Züge durch eine so schlau verfertigte Maske verborgen waren, daß sie ein zufälliger Beobachter beim Mondlicht nicht zu erkennen vermochte.

Obschon es üblich war, daß sich die Schiffsleute der Vornehmen gelegentlich maskierten, so war dies doch bei einem öffentlichen Gondoliere etwas ganz Ungewöhnliches. Dieser Umstand an sich konnte wohl eine leichte Besorgnis erregen, aber Gelsomina fand bei weiterer Überlegung nichts darin, als daß der Mann vielleicht eben von einer Ergötzlichkeit zurückgekommen war oder von einer Serenade, bei der die Vorsicht des Liebhabers seine Begleiter genötigt hatte, sich so zu verbergen.

»Wollt Ihr auf dem öffentlichen Kai landen, Signora«, fragte der Gondoliere, »oder soll ich Euch nach der Tür Eures Palastes fahren?«

Gelsominas Herz schlug hoch. Der Ton der Stimme, obgleich durch die Maske gedämpft, gefiel ihr. Aber nicht gewohnt, anderer Angelegenheiten, am wenigsten so wichtige, zu besorgen, erzitterte sie vor der Rede, als wäre sie nicht in so gutem Werk begriffen.

»Kennst du den Palast eines gewissen Don Camillo Monforte, eines Adeligen aus Kalabrien, der hier in Venedig wohnt?« fragte sie nach einer augenblicklichen Pause. Der Gondoliere wurde merklich überrascht durch diese Frage.

»Soll ich Euch dorthin rudern, Signora?«

»Wenn du gewiß bist, den Palast zu kennen.«

Rasch drehte er die Gondel, und schnell glitt sie zwischen hohen Mauern hin. Gelsomina merkte an dem Schall, daß sie sich in einem der engen Kanäle befand, und schloß daraus, daß der Gondoliere wohl bewandert in der Stadt sein müsse. Bald hielten sie dicht vor einem Wassertore an, und der Mann erschien auf der Treppe, seinen Arm darreichend, um ihr beim Aussteigen zu helfen, wie Leute seines Gewerbes pflegen. Gelsomina hieß ihn ihre Rückkehr erwarten und ging hinein.

Es war eine merkliche Verwirrung in Don Camillos Haushalt, die einer erfahreneren Beobachterin gewiß aufgefallen wäre. Die Diener verrieten selbst bei Verrichtung der allergewöhnlichsten Geschäfte Ungewißheit, ihre Blicke wanderten mißtrauisch von einem zum andern, und als die schüchterne Fremde in den Hausflur trat, sprangen alle auf, keiner aber kam ihr entgegen. Ein maskiertes Frauenzimmer war kein ungewöhnlicher Anblick in Venedig, da wenige dieses Geschlechts die Kanäle besuchten, ohne ihre Züge zu verhüllen. Aus dem unentschlossenen Benehmen der Diener Don Camillos ging jedoch hervor, daß der Eintritt eines Mädchens diesmal auffiel.

»Bin ich in der Wohnung des Herzogs von Sant‘ Agata aus Kalabrien?« fragte Gelsomina, die hier einsah, wie nötig es sei, Festigkeit zu zeigen.

»Signora, ja!«

»Ist Euer Herr im Palast?«

»Signora, ja – und auch nein! Welch schöne Dame soll ich ihm melden, die ihm die Ehre erweist?«

»Wenn er nicht zu Hause ist, so ist es unnötig, ihm irgend etwas zu melden. Ist er aber da, so wünsche ich ihn zu sprechen.«

Die Diener, deren mehrere zugegen waren, steckten die Köpfe zusammen und schienen sich zu streiten, ob es ratsam sei, den Besuch anzunehmen. In diesem Augenblick trat ein Gondoliere in geblümter Jacke in den Hausflur. Gelsomina faßte Mut, als sie sein gutmütiges Auge und sein offenes Benehmen sah.

»Dient Ihr dem Don Camillo Monforte?« fragte sie, als er dem Kanal zu an ihr vorbeiging.

»Mit dem Ruder, schönste Donna«, erwiderte Gino, nach der Mütze greifend, aber sich kaum nach ihr umsehend.

»Kann man ihm nicht melden, daß ein Mädchen angelegentlich wünscht, ihn allein zu sprechen?«

»Ein Mädchen! Santa Maria! Schöne Donna, die Frauen, die in solchen Geschäften kommen, nehmen kein Ende in Venedig. Ihr könntet eher der Statue des heiligen Theodor auf der Piazza einen Besuch machen, als gegenwärtig meinen Herrn sehen. Der Stein würde Euch besser aufnehmen.«

»Heißt er Euch allen meines Geschlechts, die da kommen, solche Antwort geben?«

»Diavolo! Signora, Ihr versteht das Ausfragen. Vielleicht möchte mein Herr eine Euers Geschlechts, die ich nennen könnte, nötigenfalls empfangen, aber auf Gondoliersehre! Er ist in diesem Augenblick eben nicht der galanteste Kavalier in Venedig.«

»Wenn er einer diesen Vorzug geben würde – so seid Ihr sehr kühn für einen Diener: Wie wißt Ihr denn, daß ich nicht diese eine bin?«

Gino stutzte. Er betrachtete die Gestalt der Redenden und verbeugte sich, indem er seine Mütze zog.

»Signora, ich weiß gar nichts von der Sache«, sagte er, »Ihr möget Seine Hoheit der Doge sein oder der Gesandte des Kaisers. Ich maße mir seit kurzem nicht mehr an, irgend etwas zu wissen in Venedig.«

Ginos Worte wurden durch den öffentlichen Gondoliere unterbrochen, der hastig eingetreten war und ihm auf die Schulter klopfte. Dann flüsterte er dem Diener Don Camillos ins Ohr: »Dies ist nicht der Augenblick, jemand abzuweisen. Laß die Fremde hinauf!«

Gino zögerte nicht länger. Mit der Entschiedenheit eines Lieblingsdieners drängte er den Kammerdiener beiseite und erbot sich, Gelsomina selber zu seinem Herrn zu führen. Als sie hinaufgingen, entfernten sich drei von den untern Bedienten.

Don Camillos Palast hatte einen Anstrich von mehr als venezianischer Düsterkeit. Die Zimmer waren spärlich erleuchtet, viele Wände waren ihrer kostbarsten Gemälde beraubt, und auch in anderer Beziehung konnte ein aufmerksames Auge Spuren von der Absicht des Eigentümers, hier nicht für immer wohnen zu bleiben, wahrnehmen. Diese Umstände bemerkte aber Gelsomina nicht, als sie dem Gondoliere durch die Gemächer bis in die innern Teile des Hauses folgte. Hier schloß der Gondoliere eine Tür auf und nötigte sie durch ein Zeichen einzutreten.

»Mein Gebieter«, sagte er, »empfängt Damen gewöhnlich hier. Belieben Exzellenz einzutreten, während ich gehe, ihm sein Glück zu melden.«

Gelsomina tat entschlossen, obgleich es ihr gewaltig auf das Herz fiel, als sie hinter sich den Schlüssel im Schlosse drehen hörte. Sie befand sich in einem Vorzimmer, und da das Licht, das durch die Tür eines anstoßenden Gemaches fiel, sie schließen ließ, daß sie weitergehen sollte, so trat sie hinein. Hier sah sie sich plötzlich einem andern Mädchen gegenüber.

»Annina!« rief das unerfahrene Mädchen vom Gefängnisse im ersten Erstaunen.

»Gelsomina! Ei, die stille, scheue, sittsame Gelsomina!« entgegnete die andere.

Anninas Worte ließen nur eine Auslegung zu. Gelsomina nahm die Maske ab, denn teils gekränktes Gefühl, teils Erstaunen drohten sie des Atems zu berauben.

»Du hier?« fügte sie hinzu, kaum wissend, was sie sagte.

»Du hier?« nahm Annina dasselbe Wort auf, mit dem Gelächter der Gefangenen, wenn sie die Unschuld zu ihrer eigenen Niedrigkeit herabgesunken glauben.

»Was mich betrifft, so führte mich Mitleid hierher.«

»Santa Maria! Da haben wir ja beide gleichen Zweck!«

»Annina! Ich weiß nicht, was du sagen willst! Ist denn dies der Palast Don Camillo Monfortes – eines edeln Neapolitaners, der auf einen Sitz im Senat Anspruch macht?«

»Der galanteste, hübscheste, reichste und unbeständigste Kavalier in Venedig. Wärst du schon tausendmal hier gewesen, du könntest nicht besser unterrichtet sein.«

Gelsomina hörte schaudernd diese Worte. Ihre schlaue Cousine, die ihren Charakter so vollkommen kannte, als nur immer das Laster die Unschuld kennen kann, beobachtete ihre farblosen Wangen und ihre sich zusammenziehenden Augen mit geheimem Triumphe. Im ersten Augenblick hatte sie alles, was sie zu verstehen gab, wirklich geglaubt, aber eine zweite Erwägung und der Anblick der sichtlichen Angst, in die das erschreckte Mädchen gestürzt war, gaben ihrem Argwohn eine neue Richtung.

»Aber ich sage dir ja nichts Neues«, fuhr sie schnell fort. »Es tut mir nur leid, daß du mich findest, wo du ohne Zweifel den Herzog von Sant‘ Agata selber anzutreffen erwartetest.«

»Annina! Das von dir!«

»Du kamst doch gewiß nicht nach seinem Palaste, um deine Cousine aufzusuchen!«

Gelsomina war mit dem Kummer lange vertraut gewesen, hatte aber nie bis diesen Augenblick die tiefe Demütigung der Schande gefühlt, Tränen brachen aus ihren Augen, und unfähig, sich aufrecht zu halten, sank sie in einen Sessel.

»Ich wollte dich nicht so unerträglich kränken«, setzte die schlaue Tochter des Weinhändlers hinzu. »Aber daß wir uns beide in dem Kabinett des galantesten Kavaliers von Venedig befinden, ist doch außer allem Zweifel.«

»Ich habe dir gesagt, daß Mitleid mit einem andern mich hierhergeführt hat.«

»Nu ja, Mitleid mit Don Camillo.«

»Mit einer edeln Dame – einer jungen, tugendhaften, schönen Frau – einer Tochter des Hauses Tiepolo – bedenke, Annina, des Hauses Tiepolo!«

»Wie sollte eine Tiepolo zu den Diensten eines Mädchens aus dem Staatsgefängnisse kommen?«

»Doch! Weil die droben ungerecht gewesen sind. Die Fischer haben einen Tumult gemacht, und die Dame mit ihrer Gouvernante sind durch die Aufwiegler befreit worden – und Seine Hoheit hat mit ihnen im großen Hofe gesprochen – und auf dem Kai waren die Dalmatier – und da konnte auch das Gefängnis Damen ihres Standes in so großer Not zum Zufluchtsort dienen – und die heilige Kirche selbst hat ihre Liebe gesegnet –«

Gelsomina konnte nicht weiterreden: Atemlos durch den Eifer, sich zu rechtfertigen, und bis in die Seele verwundet durch die seltsame Verlegenheit, in die sie geraten war, schluchzte sie laut. So unzusammenhängend ihre Rede auch gewesen war, so hatte sie doch genug gesagt, um Annina die Sache unzweifelhaft zu machen. Und diese begriff sogleich nicht nur den Auftrag ihrer Cousine, sondern auch die ganze Lage der Flüchtigen.

»Und du schenkst diesem Märchen Glauben, Gelsomina?« sagte sie, sich stellend, als ob sie ihrer Cousine Leichtgläubigkeit bedauerte. »Die den St.-Markus-Platz besuchen, wissen recht gut, wes Geistes Kinder deine Tiepolo und ihre Gouvernante sind.«

»Hättest du nur die Schönheit und Unschuld der Dame gesehen, Annina, du würdest nicht so reden.«

»Gelobter San Teodoro! Was ist schöner als das Laster! Es ist das wohlfeilste Kunststück des Teufels, um schwache Sünder zu betrügen. Wenn dir dein Beichtvater das noch nicht gesagt hat, Gelsomina, so nimmt er es eben nicht so genau mit guten Sitten als der meinige.«

»Aber weshalb sollte sich eine Frau von solcher Lebensart in das Gefängnis flüchten?«

»Gewiß hatten sie alle Ursache, sich vor den Dalmatiern zu fürchten. Aber ich kann dir noch mehr von denen sagen, die du aufgenommen hast zur größten Gefahr deines eigenen Rufes. Es gibt Weiber in Venedig, die ihr Geschlecht auf verschiedene Weise verunehren, und diese, hauptsächlich die sogenannte Florinde, sind berüchtigt wegen ihres Geschäfts, den Staat um seine Einkünfte zu bringen. Sie hat von dem Neapolitaner ein Geschenk an Weinen bekommen, die auf seinen kalabrischen Bergen wachsen, und da sie meine Ehrlichkeit zu verführen wünschte, so bot sie mir das Getränk an und bildete sich ein, daß eine Person wie ich ihre Pflicht vergessen und den Staat betrügen würde.«

»Das läßt sich schwer glauben, Annina.«

Weshalb sollte ich dich täuschen? Sind wir nicht Schwesterkinder, und obschon mich meine Geschäfte auf dem Lido deiner Gesellschaft viel entziehen, herrscht nicht natürliche Liebe zwischen uns? Ich führte Klage bei der Obrigkeit, auf die Weine ward Beschlag gelegt, und die angeblich adeligen Damen mußten sich eben heute verstecken. Man glaubt, sie wollen mit ihrem liederlichen Neapolitaner aus der Stadt fliehen. Genötigt, Zuflucht zu suchen, haben sie dich abgeschickt, ihm ihr Versteck anzuzeigen, damit er ihnen zu Hilfe kommen möge.«

»Und weshalb bist du hier, Annina?«

»Ich wundere mich, daß du das nicht eher gefragt hast. Gino, Don Camillos Gondoliere, hat mir lange vergeblich die Cour gemacht, und als sich diese Florinde beschwerte, daß ich, was doch jedes ehrliche Mädchen in Venedig tun müßte, ihren Betrug bei Gericht angezeigt hätte, riet er seinem Herrn, mich ergreifen zu lassen, teils aus Rache, teils in der eiteln Hoffnung, ich würde mich bewegen lassen, meine Klage zurückzunehmen. Du hast wohl schon gehört von der verwegenen Gewalttätigkeit dieser Kavaliere, wenn man ihrem Willen entgegenhandelt?«

Annina erzählte hierauf mit hinlänglicher Genauigkeit die Umstände ihrer Gefangennahme, nur das verheimlichend, was sie nicht sagen durfte, ohne sich zu verraten.

»Aber, Annina, es gibt doch eine Erbin von Tiepolo.«

»So gewiß, als es Cousinen gibt, wie wir sind. Santa Madre di Dio! Daß diese verräterischen, frechen Weiber auf solche Unschuld stoßen mußten, wie du bist! Sie hätten nur in meine Hände kommen sollen, denn obgleich ich für ihre List auch zu unwissend bin, so kenn ich doch schon ihren wahren Charakter.«

»Sie haben auch von dir gesprochen, Annina.«

Des Weinhändlers Tochter schoß einen Blick auf ihre Cousine wie die tückische Schlange auf einen Vogel. Aber sie verlor ihre Besonnenheit nicht und sagte: »Gewiß nicht zu meinen Gunsten. Es sollte mir leid tun, wenn solche Personen mich lobten!«

»Sie sind deine Freundinnen eben nicht, Annina.«

»Sie haben dir vielleicht gesagt, Kind, daß ich im Sold des Senats stände!«

»Das haben sie in der Tat.«

»Es wundert mich nicht. Dies unehrliche Gesindel kann sich nicht einbilden, daß man etwas bloß wegen des Gewissens tun könne. Aber da kommt der Neapolitaner. – Sieh nur den Liederjan an, Gelsomina, und du wirst ihn so sehr als ich verabscheuen.«

Die Tür ging auf, und Don Camillo Monforte trat ein. Es war ein Mißtrauen in seinem Benehmen, das schließen ließ, daß er eine List von Seiten des Rates der Dreimänner vermutete. Gelsomina erhob sich, und obgleich durch die Erzählung ihrer Cousine und die vorangehenden Eindrücke aufgeregt, stand sie doch während seines Herannahens da wie ein anmutiges Bild der Sittsamkeit. Der Neapolitaner ward von ihrer Schönheit und von ihrem einfachen Wesen sichtlich ergriffen, aber seine Stirn war gerunzelt wie die eines Mannes, der sein Inneres gegen alle Täuschung stählen will.

»Du wolltest mich sprechen?« fragte er.

»Ich hatte diesen Wunsch, edler Herr, aber – Annina –«

»Da du eine andere siehst, hast du deine Absicht geändert.«

»Ja, Signore.«

Don Camillo sah sie ernstlich und mit Bedauern an.

»Du bist jung für deinen Stand – hier ist Gold. Geh, wie du gekommen bist. Aber halt – kennst du diese Annina?«

»Sie ist meiner Mutter Schwestertochter, edler Duca!«

»Per Diana, eine würdige Verwandtschaft. Geht miteinander, denn ich bedarf keiner von beiden. Aber höre!« Hierbei faßte er Annina beim Arme und führte sie beiseite, wo er mit leiser, aber drohender Stimme fortfuhr: »Du siehst, daß ich mich so gut wie dein Senat furchtbar machen kann. Nicht über die Schwelle deines Vaters kannst du gehen, ohne daß ich es erfahre. Wenn du klug bist, so wirst du deine Zunge im Zaum halten. Tu, was du willst, ich fürchte dich nicht. Aber nimm dich in acht, wenn du klug bist.«

Annina machte eine tiefe Verbeugung, gleichsam die Weisheit seiner Mahnung anerkennend, nahm ihre halb bewußtlose Cousine beim Arm, verneigte sich abermals und eilte aus dem Zimmer. Da, wie die Diener wußten, ihr Herr in seinem Kabinett gewesen war, hielten sie es für unnötig, sich der Flucht der Damen zu widersetzen. Gelsomina, die noch ungeduldiger war als ihre verschmitzte Gefährtin, einem Orte zu entgehen, den sie für befleckend hielt, war fast ohne Atem, als sie die Gondel erreichte. Ihr Besitzer wartete auf der Treppe, und in einem Augenblicke entschwebte das Boot dem Hause, das beide Frauen, obgleich aus ganz verschiedenen Gründen, froh waren, verlassen zu dürfen.

Gelsomina hatte ihre Maske in der Eile vergessen, und die Gondel war nicht so bald im Canale Grande, als sie sich dem Fenster des Pavillons näherte, um ihr glühendes Antlitz in der frischen Abendluft zu kühlen. Da ward ihre Stirn von einem Finger berührt, und als sie sich wendete, bemerkte sie, daß der Gondoliere ihr ein Zeichen machte, vorsichtig zu sein. Dann lüftete er seine Maske ein wenig.

»Carlo!« wäre beinahe ihren Lippen entfahren. Aber ein zweites Zeichen verhinderte den Ausruf. Gelsomina zog ihren Kopf zurück, und sobald ihr klopfendes Herz zu pochen nachließ, senkte sie ihr Gesicht und flüsterte ein Dankgebet, daß sie sich in solchem Augenblick im Schutz eines Mannes fand, der ihr ganzes Vertrauen besaß.

Der Gondoliere fragte nicht, wohin er seine Fahrt richten solle. Das Boot lief dem Hafen zu, und beiden Frauen schien dies ganz natürlich. Annina vermutete nämlich, daß es zum Platze zurückkehre, wohin sie sich auch begeben hätte, wenn sie allein gewesen wäre, und Gelsomina, die ihren Carlo für einen Gondoliere vom Handwerk hielt, bildete sich demgemäß ein, daß er sie nach ihrer Wohnung zurückbringe.

Aber wenn der Unschuldige auch die Verachtung der Welt ertragen kann, so ist es viel härter für ihn, sich denen, die er liebt, verdächtig zu wissen, und es drängte sie, ihm alles zu erzählen. Unter dem Vorwande, daß sie frische Luft schöpfen wolle, ließ sie ihre Cousine allein unter dem Zelte, und Annina bedauerte dies ganz und gar nicht, denn es tat ihr not, über alle die Windungen des krummen Weges nachzudenken, den sie eingeschlagen hatte.

Gelsomina kam glücklich an der Kajüte vorbei zur Seite des Gondoliere.

»Carlo«, sagte sie, da sie merkte, daß er stillschweigend weiterruderte.

»Gelsomina?«

»Du denkst doch nichts Arges von mir?«

»Ich kenne deine schändliche Cousine und kann mir denken, daß sie dich zu ihrem Spielzeug macht.«

»Kanntest du mich nicht, Carlo, als ich dich von der Brücke rief?«

»Nein. Jedes Geschäft war mir willkommen, um nur die Zeit hinzubringen.«

»Warum nennst du Annina schändlich?«

»Weil es in Venedig kein hinterlistigeres Herz und keine falschere Zunge gibt.«

Gelsomina dachte an Donna Florindes Warnung. Begünstigt durch die Blutsverwandtschaft und das Vertrauen, das der Unerfahrene immer in die Redlichkeit seiner Freunde setzt, bis ihn einmal der Schaden enttäuscht, hatte Annina ihre Cousine leicht überreden können, daß ihre Gäste nichts taugten. Jetzt aber hörte sie einen Mann, der ihre ganze Liebe besaß, Annina selbst beschuldigen. In solcher Ungewißheit tat das in Verwirrung gebrachte Mädchen, was die Natur und ihr Gefühl geboten. Sie erzählte leise und schnell die Vorfälle des Abends und Anninas Erdichtung von dem Betragen der Frauen, die sie im Gefängnisse zurückgelassen hatte.

Jacopo hörte so aufmerksam zu, daß sein Ruder im Wasser hinschleppte.

»Genug«, sagte er, als Gelsomina vollendet hatte. »Ich verstehe alles. Traue deiner Cousine nicht, denn der Senat selbst ist nicht arglistiger.«

Der vorgebliche Carlo sprach mit Vorsicht, aber mit fester Stimme. Gelsomina verstand ihn, obgleich sie seine Worte in Erstaunen setzten, und ging wieder hinein zu Annina. Die Gondel setzte ihren Lauf fort, als wäre nichts geschehen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Jacopo kannte die Schliche venezianischer Hinterlist genau. Er wußte, daß der Rat mit Hilfe seiner Agenten immerwährend die im Auge behielt, an denen ihm etwas gelegen war, und verließ sich deshalb nicht allzusehr auf die Vorteile, die ihm die Umstände in den Weg geführt zu haben schienen. Annina hatte er zwar in seiner Gewalt, aber eine Gebärde, eine Miene im Vorüberfahren bei den Toren des Gefängnisses, ein Schrei konnte einige von den tausend Spionen der Polizei in Bewegung bringen. Daher war das nächste und wichtigste Geschäft, Annina an irgendeinem sicheren Orte unterzubringen. Zum Palaste Don Camillos zurückzukehren hätte geheißen, den Mietlingen des Senats in die Falle zu laufen. Freilich hatte der Neapolitaner, sich auf seinen Rang und Einfluß stützend, diesen Schritt schon einmal getan; allein, damals lag weniger daran, das Mädchen festzuhalten, da alles, was sie wußte, ohnehin schon verraten war, jetzt aber verhielt sich die Sache anders, weil sie den Beamten zur Auffindung der Flüchtlinge zu verhelfen imstande war.

Die Gondel setzte ihre Fahrt fort. Ein Palast nach dem andern blieb zurück, und Annina warf sich ungeduldig in das Fenster, um zu sehen, wie weit man gekommen wäre. Da sich das Boot mitten unter den Schiffen im Hafen befand, vermehrte sich ihre Unruhe sichtlich. Unter einem ähnlichen Vorwand wie zuvor Gelsomina verließ die Tochter des Weinhändlers den Pavillon und stahl sich an die Seite des Gondoliere.

»Ich wünsche sogleich bei dem Wassertore vom Palaste des Dogen gelandet zu werden«, sagte sie und ließ eine Silbermünze in die Hand des Gondoliere gleiten.

»Ihr sollt bedient werden, bella Donna. – Aber – Diamine! Ich wundere mich, daß ein so kluges Mädchen die Schätze, die jene Feluke enthält, nicht wittert.«

»Meinst du den Sorrentiner?«

»Welch anderer Padrone bringt so blumenreichen Wein nach dem Lido! Sei nicht so ungeduldig zu landen, Tochter des ehrlichen alten Maso, und schließe mit dem Schiffer einen Handel, daß wir Leute von den Kanälen was zu schmecken bekommen.«

»Wie, du kennst mich also?«

»Die hübsche Weinhändlerin vom Lido. Corpo di Bacco! Du bist so bekannt bei uns Gondolieri wie der Wasserdamm.«

»Warum bist du maskiert? Solltest du Luigi sein? Unmöglich.«

»Es kommt wenig darauf an, ob ich Luigi, Enrico oder Giorgio heiße, ich bin dein Kunde, und mir ist das kleinste Härchen deiner Augenbrauen wert. Du weißt, Annina, daß die jungen Patrizier ihre Späße haben, und sie lassen uns Gondolieri schwören, daß wir uns verborgen halten wollen, bis die Gefahr der Entdeckung vorüber ist. Wenn mir ein unberufenes Auge nachblickte, so könnte ich am Ende darüber befragt werden, wie ich die Frühstunden zugebracht hätte.«

»Mich dünkt, dein Patrizier hätte besser getan, dir Gold zu geben und dich sogleich nach Hause zu schicken.«

»Damit man mir nachkäme bis an meine Türe? Nein, nein, wenn sich mein Boot unter tausend andere gemischt haben wird, dann wird es Zeit sein, mich zu demaskieren. Nun, willst du zur >Bella Sorrentina‹?«

»Es bedarf ja der Frage nicht, da du von selbst dahin fährst.«

Der Gondoliere lachte und nickte, als wollte er seiner Gefährtin zu verstehen geben, daß er ihre geheimen Wünsche kenne. Annina war noch im Überlegen, auf welche Weise sie ihn bewegen sollte, seine Absicht zu ändern, als die Gondel schon die Feluke berührte.

»Wir wollen hinaufgehen und mit dem Padrone reden«, flüsterte Jacopo.

»Es wird nichts helfen. Er hat keinen Wein.«

»Trau ihm nicht. – Ich kenne den Mann mit seinen Ausflüchten.«

»Aber du vergissest meine Cousine.«

»Sie ist ein unschuldiges Kind, ohne allen Argwohn.«

Jacopo hob Annina, während er sprach, auf das Verdeck des Sorrentiner Schiffes, halb galant und halb gewaltsam; darauf sprang er ihr nach. Ohne Zögern, ohne sie ihre Gedanken sammeln zu lassen, führte er sie zur Treppe der Kajüte, und sie stieg hinunter, verwundert über sein Benehmen, aber fest entschlossen, ihre geheimen Sünden gegen das Zollrecht nicht vor einem Fremden zu verraten.

Stefano Milano schlief auf dem Verdeck in einem Segel. Eine Berührung weckte ihn, und ein Zeichen gab ihm zu verstehen, daß der vermeintliche Roderigo vor ihm stände.

»Bitte tausendmal um Verzeihung, Signore«, sagte der Seemann gähnend. »Ist die Ladung da?«

»Nur zum Teil. Ich habe dir eine gewisse Annina Tosti gebracht, die Tochter des alten Tommaso Tosti, eines Weinhändlers auf dem Lido.«

»Santa madre! Hält es der Senat der Mühe wert, solch eine Person heimlich aus der Stadt zu schicken?«

»Ja – und zwar legt er auf ihre Aufbewahrung großen Wert. Ich habe sie hergebracht, ohne daß sie meine Absicht merkte, und hab mich eines Weingeschäfts zum Vorwand bedient, um sie hinunterzubringen in die Kajüte. Unserer früheren Verabredung gemäß wird es nun deine Sache sein, dich ihrer Person zu versichern.«

»Das ist leicht gemacht«, erwiderte Stefano, indem er hinging und die Kajütentür zumachte und verriegelte. »Sie ist nun allein mit dem Muttergottesbilde und hat die schönste Gelegenheit, ihre Aves zu beten.«

»Es ist gut, wenn du sie so festhalten kannst. Jetzt aber ist es Zeit, die Anker zu lichten und mit der Feluke die Reihen der übrigen Schiffe zu verlassen.«

»Signore, in fünf Minuten sind wir damit fertig.«

»So tu es in aller Eile, denn von der Erledigung dieses wichtigen Geschäfts hängt viel ab. Ich werde bald wieder bei dir sein. Höre, Meister Stefano, nimm die Gefangene in acht, denn dem Senat liegt viel daran, daß sie sicher verwahrt sei.«

Der Kalabrese machte ein Zeichen, wie Verschmitzte pflegen, wenn sie andeuten wollen, daß man sich auf ihre Schlauheit verlassen könne. Während der angebliche Roderigo wieder in seine Gondel stieg, weckte Stefano seine Leute, und als die Gondel in den Kanal San Marco einlief, fielen schon die Segel der Feluke, und das kalabrische Schiff mit seinem niedrigen Deck stahl sich längs der Reihe der Fahrzeuge in das offene Wasser.

Die Gondel legte schnell bei der Treppe des Wassertores des Palastes an. Gelsomina ging unter den Bogen, schlich die Riesentreppe hinauf, denselben Weg, auf dem sie den Palast verlassen hatte. Der Hellebardier, der Wache stand, war noch derselbe. Er sagte ihr eine Galanterie und ließ sie ungehindert hinein.

»Schnell, edle Damen, schnell!« schrie Gelsomina, in das Zimmer stürzend, in dem Violetta und ihre Gefährtin sie erwarteten. »Ich habe durch meine Schwäche Eure Freiheit in Gefahr gebracht, und es ist kein Augenblick zu verlieren. Folgt mir, solang es noch Zeit ist, und gönnt Euch nicht die Muße, ein Gebet zu flüstern.«

»Du bist eilig und atemlos«, erwiderte Donna Florinde, »hast du den Herzog von Sant‘ Agata gesprochen?«

»Fragt mich nicht, folgt mir nur, edle Damen.«

Gelsomina ergriff die Lampe, und mit einem Blick, der ihre Gäste aufforderte, stillschweigend zu folgen, führte sie diese in die Korridore. Man kam sicher aus dem Gefängnisse und über die Seufzerbrücke, denn Gelsomina hatte die Schlüssel noch, und die Gesellschaft eilte die große Treppe des Palastes hinab zur offenen Galerie. Man legte ihnen kein Hindernis in den Weg, und so gelangten sie in den Hof, indem sie für Frauen galten, die in Geschäften ausgehen.

Am Wassertore wartete Jacopo. In weniger als einer Minute kreuzte seine Gondel den Hafen, dem Laufe der Feluke folgend, deren weißes Segel im Mondlicht sichtbar war, bald im Winde schwellend, bald schlaff an die Stangen schlagend, wenn sie die Schiffer anzogen, um die Schnelligkeit der Fahrt ein wenig zu vermindern. Gelsomina beobachtete mit angestrengter Aufmerksamkeit den Flug des Bootes, dann ging sie über die Brücke des Kais und zur gewöhnlichen Türe in das Gefängnis zurück.

»Hast du auch des alten Maso Tochter in sicherer Verwahrung?« fragte Jacopo, als er das Verdeck der »Bella Sorrentina« wieder erreicht hatte.

»Sie ist wie Ballast, der hin und her fährt, bald auf einer Seite der Kajüte, bald auf der andern, aber Ihr seht, der Riegel ist noch vor.«

»Gut, hier ist wieder ein Teil der Fracht – du hast doch die gehörigen Pässe für die Wachtgaleere?«

»Alles in bester Ordnung, Signore. Wann hat Stefane Milano in einer dringenden Angelegenheit je etwas versäumt? Diamine! Laßt den Wind kommen, und wenn uns der Senat wieder zurück haben wollte, alle seine Sbirren sollte er umsonst hinterdrein schicken.«

»Trefflicher Stefano! Geh mit vollen Segeln, denn unsere Herren sind aufmerksam auf dein Tun und legen Wert auf die größte Eile.«

Während der Kalabrese gehorchte, half Jacopo den beiden Frauen aus der Gondel, und im Augenblick schwangen sich die schweren Segel wie im Fluge empor, und die Blasen, die an den Seiten der »Bella Sorrentina« aufblinkten, verrieten ihren schnellen Lauf.

»Du hast edle Damen zu Passagieren«, sagte Jacopo zu dem Padrone, als dieser von der Arbeit, sein Schiff in Gang zu bringen, verschnaufte. »Obgleich die Klugheit verlangt, daß sie für einige Zeit die Stadt verlassen, so wirst du dir doch Gunst erwerben, wenn du dich ihnen aufmerksam erweisest.«

»Laßt mich nur sorgen, Signore Roderigo, aber vergeßt nicht, daß ich noch keine Instruktion zur Fahrt habe. Eine Feluke ohne Kurs ist so schlimm daran wie eine Eule im Sonnenschein.«

»Das wird sich finden. Es wird ein Offizier der Republik an Bord kommen und das mit dir abmachen. Diese Damen, wünsche ich, sollen nicht erfahren, daß eine Person wie Annina ihre Reisegefährtin ist, solang sie noch in der Nähe des Hafens sind, sie möchten sich sonst über Geringschätzung beklagen. Du verstehst, Stefane?«

»Cospetto, bin ich ein Narr? Ein Stümper? Wenn ich’s bin, warum gebraucht mich der Senat? Sie hören hier nichts von der Dirne, und die mag bleiben, wo sie ist. Solange die edlen Damen die Nachtluft hier oben zu atmen wünschen, sollen sie von ihrer Gesellschaft nicht belästigt werden.«

»Sei unbesorgt. Die Landbewohner haben kein Verlangen nach dem Dunst deiner Kajüte. Hast du den Lido hinter dir, so erwarte meine Ankunft, Stefano. Wenn du mich vor ein Uhr nicht wiedersiehst, so segle nach dem Hafen von Ankona, wo du weitere Anweisung erhalten wirst.«

Stefano, der von dem angeblichen Roderigo oft seine Instruktionen bekommen hatte, nickte bereitwillig, und sie trennten sich. Es ist kaum nötig, hinzuzufügen, daß die Flüchtlinge in Kenntnis gesetzt waren, wie sie sich zu benehmen hätten.

Jacopos Gondel war noch nie schneller geflogen als jetzt dem Lande zu. Bei der lebhaften Passage so vieler Fahrzeuge war die Bewegung eines einzelnen Bootes nicht leicht zu bemerken, und als er den Kai das Platzes erreichte, fand er, daß niemand auf seine Abfahrt und Ankunft geachtet habe. Dreist nahm er die Maske ab und landete. Es war beinahe die Zeit herangekommen, auf die er dem Don Camillo ein Rendezvous in der Piazza zugesagt hatte, und er ging langsam den kleineren Platz entlang nach dem Begegnungsorte.

Jacopo war, wie in einem früheren Kapitel erzählt worden, gewohnt, unweit der Granitsäulen in den ersten Stunden der Nacht auf und nieder zu gehen. Nach der allgemeinen Annahme wartete er auf Kundschaft in seinem blutigen Geschäft, so wie Leute von unschuldigerem Beruf auch ihren Stand an besuchteren Orten nehmen. Jeder, dem sein Ruf lieb war oder der den Schein vermeiden wollte, pflegte ihm, wenn er ihn dort sah, auszuweichen.

Der verfolgte und doch sonderbarerweise geduldete Bravo schritt auf seinem Wege langsam über die Felsen hin, denn er wollte nicht vor der verabredeten Zeit ankommen, als ihm ein Lakai ein Zettelchen in die Hand steckte und sich davonmachte, so schnell ihn die Beine tragen wollten. Wir haben schon früher gesehen, daß Jacopo nicht lesen konnte, denn man hielt Leute seines Standes damals geflissentlich in der Unwissenheit. Er wendete sich daher an den ersten Vorübergehenden, der ihm fähig schien, seinen Wunsch zu erfüllen, und bat diesen um die Gefälligkeit, die Schriftzüge ihm zu erklären.

Er hatte seine Bitte an einen ehrlichen Krämer aus einem entfernten Stadtviertel gerichtet. Der Mann nahm das Blatt und fing gutmütig an, den Inhalt zu lesen: »Ich bin abgerufen worden und kann dich nicht treffen, Jacopo!« Bei dem Namen Jacopo ließ der Handelsmann das Blatt fallen und entfloh.

Der Bravo ging langsam wieder zurück nach dem Kai, über den widerwärtigen Zufall nachsinnend, der seine Pläne durchkreuzte. Da ward sein Arm berührt, und als er sich umdrehte, stand eine Maske ihm gegenüber.

»Du bist Jacopo Frontoni?« fragte der Fremde.

»Der bin ich.«

»Deine Faust ist bereit, einem anderen getreulich zu dienen, nicht wahr?«

»Ich pflege Wort zu halten.«

»Gut, du wirst hundert Zechinen in diesem Beutel finden.«

»Wessen Leben verlangt Ihr für dies Gold?« fragte Jacopo mit gedämpfter Stimme.

»Don Camillo Monfortes.«

»Don Camillo Monforte?«

»Ja, kennst du den reichen Edelmann?«

»Ihr bezeichnet ihn so gut, Signore, er würde seinem Barbier ebensoviel für einen Aderlaß zahlen.«

»Führe deine Tat gut aus, so soll der Lohn verdoppelt werden.«

»Um sicher zu sein, muß ich Euren Namen wissen. Ich kenn Euch nicht, Signore.«

Der Fremde sah sich vorsichtig um, dann lüftete er die Maske ein wenig, und es zeigte sich das Gesicht Giacomo Gradenigos.

»Reicht diese Bürgschaft hin?«

»Ja, Signore. Wann soll die Tat geschehen?«

»In dieser Nacht, ja noch in dieser Stunde.«

»Soll ich einen Mann seines Standes in seinem Palaste mitten unter seinen Freunden treffen?«

»Tritt hierher, Jacopo, so sollst du mehr erfahren. Hast du eine Maske?«

Der Bravo bejahte.

»So umwölbe dein Gesicht, das nicht in der besten Gunst hier steht, und begib dich in dein Boot. Ich komme nach.«

Der junge Patrizier, dessen Gestalt durch seinen Anzug unkenntlich gemacht war, verließ seinen Gefährten mit der Absicht, ihn wieder zu treffen, wo seine Person nicht geahnt werden könnte. Jacopo trieb sein Boot aus dem Gewirr des Kais hinaus in den Raum zwischen den Schiffsreihen, dann ruderte er nicht weiter, darauf rechnend, daß man ihn beobachte und ihm folgen werde. Er schloß richtig, denn in wenigen Augenblicken flog eine Gondel dicht an die Seite der seinigen, und zwei Masken stiegen aus dem fremden Boot in das des Bravo, ohne zu reden.

»Nach dem Lido«, sagte eine Stimme, in der Jacopo die eines neuen Kunden erkannte.

Jacopo gehorchte, und Giacomos Boot folgte in einer kleinen Entfernung. Als sie außerhalb der Reihen waren und demnach nicht mehr in Gefahr, behorcht zu werden, verließen die beiden Passagiere die Kajüte und machten dem Bravo ein Zeichen, nicht weiterzurudern.

»Du willst also den Dienst übernehmen, Jacopo Frontoni?« fragte der ruchlose Sohn des alten Senators.

»Soll ich den Herrn mitten in seinen Vergnügungen niederstoßen, Signore?«

»Das ist nicht nötig. Wir haben Mittel gefunden, ihn aus seinem Palaste zu locken, und er ist in deiner Gewalt ohne andere Verteidigung als seinen eigenen Arm und Mut. Willst du das Geschäft übernehmen?«

»Gern, Signore – es macht mir Freude, einem Tapferen entgegenzutreten.«

»Da wirst du zufrieden sein. Der Neapolitaner ist mir in die Quere gekommen in meiner – soll ich sagen Liebe, Hosea? Oder hast du ein besseres Wort?«

»Gerechter Daniel! Signore Giacomo, Ihr habt keine Achtung für Reputation und Sicherheit! Ich seh gar nicht ein, warum man ihn gerade stechen soll zu Tode, Signore Jacopo, eine tüchtige Wunde, die dem Herzog die Ehestandsgedanken wenigstens auf einige Zeit aus dem Kopf brächte und Bußgedanken an deren Stelle, wäre besser.«

»Stoß ihm ins Herz!« fiel Giacomo ein. »Nur um der Sicherheit deines Stoßes willen hab ich gerade dich aufgesucht.«

»Das ist wucherische Rache, Signore Giacomo«, versetzte der minder entschlossene Jude. »Es wird mehr als hinreichend sein für unseren Zweck, wenn wir den Neapolitaner zwingen, einen Monat lang das Haus zu hüten.«

»Ins Grab mit ihm. Hörst du, Jacopo, hundert Zechinen für den Stoß, hundert für die Gewißheit, daß er tief geht, und hundert, daß die Leiche im Canale Orfano so versunken liege, daß das Wasser das Geheimnis nicht wieder zurückgibt.«

»Wenn das erste und zweite durchaus geschehen muß, so wird das dritte kluge Vorsicht sein«, murmelte der Jude, der ein behutsamer Schurke war und immer Beimittel vorzog, die die Last seines Gewissens ein wenig leichter machten. »Wollt Ihr’s nicht wagen, junger Herr, auf eine tüchtige Wunde?«

»Nicht eine Zechine. Das würde nur dem Mädchen die Phantasie mit Mitleid und Hoffnung erhitzen. Nimmst du die Bedingungen an, Jacopo?«

»Ja.«

»So rudere zum Lido. Unter den Gräbern der Verbannten wirst du Don Camillo noch in dieser Stunde antreffen. Ein erdichteter Brief von der Dame, der wir beide nachgehen, hat ihn getäuscht, und er wird allein sein, weil er auf Flucht denkt. Diese wirst du auch, hoff ich, beschleunigen, wenigstens für den Neapolitaner. Verstehst du mich?«

»Vollkommen, Signore.«

»Genug, du kennst mich, und dein Lohn wird von der Art abhängen, in der du mir dienst. Hosea, unser Geschäft ist aus.«

Giacomo Gradenigo machte seiner Gondel ein Zeichen, sich zu nähern; er ließ einen Beutel fallen, der das Mietgeld für das blutige Geschäft enthielt, und stieg ein, mit der Gleichgültigkeit eines Menschen, der daran gewöhnt ist, solche Mittel zur Erreichung seines Zweckes für erlaubt zu halten. Nicht so Hosea, er war mehr Schurke als Bösewicht. Die Erhaltung seines Darlehns und die Aussicht auf eine noch größere, ihm von Vater und Sohn zugesicherte Summe, wenn Giacomo in der Bewerbung um Violetta Glück hätte, waren eine zu unwiderstehliche Lockung für einen Mann, der, zeitlebens von seinen Mitmenschen verachtet, sich bei dem meuchelmörderischen Plan damit tröstete, daß er ihm zu jenen Lebensgenüssen verhelfen würde, nach denen Christen und Juden auf gleiche Weise Verlangen tragen. Dennoch erstarrte ihm das Blut, daß Giacomo die Sache so weit treiben wolle, und er lauerte, dem Bravo noch ein leises Wort beim Abschiede zu sagen.

»Du hast den Ruf für ein sicheres Stilett, ehrlicher Jacopo. Eine Faust wie die deinige muß ebensogut bloß verstümmeln als töten können. Versetze einen wackeren Stoß dem Neapolitaner, aber sein Leben schone.«

»Du vergissest das Gold, Hosea!«

»Vater Abraham! Was bekomm ich in meinen alten Tagen für ein schwach Gedächtnis! Du hast recht, achtsamer Jacopo, das Geld soll gezahlt werden auf jeden Fall – das heißt, wenn nur so gemacht wird die Sache, daß mein junger Freund bekommt sein reiches Mädchen.«

Jacopo machte ein Zeichen der Ungeduld, denn er sah eben einen Gondoliere schnell einem gesonderten Orte des Lido zufahren. Der Jude lief seinem Gefährten nach, und das Boot des Bravo schoß fort. Es dauerte nicht lange, so hielt es an dem Strande des Lido. Mit schnellen Schritten eilte Jacopo demselben Begräbnisplatze zu, auf dem er dem nämlichen Manne, den er jetzt zu morden abgeschickt war, seine Bekenntnisse gemacht hatte.

»Bist du gesendet, mich hier zu treffen?« fragte jemand, der sich hinter dem Sandhügel erhob, vorsichtigerweise aber seinen Degen vorhielt.

»Ja, Herr Herzog«, entgegnete der Bravo, die Maske abnehmend.

»Jacopo! Das ist besser, als ich hoffen konnte! Hast du Nachrichten von meinem Weibe?«

»Kommt mit, Don Camillo, Ihr sollt sogleich bei ihr sein.«

Einer weiteren Unterredung bedurfte es nicht bei solchem Versprechen. Erst als beide in Jacopos Gondel und auf dem Wege nach einer von den Passagen des Lido waren, die dem Golf zuführt, fing der Bravo zu erzählen an. Er war schnell damit fertig und vergaß auch nicht Giacomo Gradenigos Anschlag gegen das Leben seines Zuhörers.

Die Feluke, die schon vorher von den Polizeibeamten selber mit dem erforderlichen Passe versehen worden war, hatte den Hafen mit leichtem Segel auf demselben Wege verlassen, der die Gondel jetzt in das Adriatische Meer führte. Das Wasser war still, der Landwind frisch, kurz, alle Umstände den Flüchtigen günstig. Donna Violetta und ihre Gouvernante standen an einen Mast gelehnt und beobachteten ungeduldig die fernen Kuppeln und die nächtliche Schönheit Venedigs. Gelegentlich drangen von den Kanälen Musiktöne bis zu ihren Ohren, und es war natürlich, daß Schwermut Violettas Seele erfüllte, da sie befürchtete, zum letzten Male diese Klänge ihrer Geburtsstadt zu hören. Aber reine Freude verdrängte jeden Kummer aus ihrem Gemüt, als Don Camillo aus der Gondel sprang und sie triumphierend an sein Herz drückte.

Stefano Milano war leicht überredet, die Dienste des Senats mit denen seines Lehnsherrn zu vertauschen. Die Versprechungen und Befehle des letzteren waren an sich hinlänglich, ihn mit diesem Tausche zu befreunden, und alle waren überzeugt, daß man keine Zeit verlieren dürfe. Die Feluke breitete ihr Segel bald dem Winde dar und entflog dem Strande. Jacopo ließ seine Gondel eine Seemeile weit bugsieren, ehe er wieder einstieg.

»Ihr steuert nach Ankona, Signore Don Camillo«, sagte der Bravo, an die Seite der Feluke gelehnt, sich schwer zum Scheiden entschließend, »begebt Euch sogleich unter den Schutz des Kardinalsekretärs. Wenn Stefano auf der See bliebe, könnte er leicht auf die Galeeren des Senats stoßen.«

»Verlaß dich auf uns. – Aber du, Jacopo – was soll aus dir werden in ihren Händen?«

»Seid unbesorgt um mich, Signore. Gott verhängt über alle, wie er für Recht findet. Ich habe Ew. Exzellenz gesagt, daß ich Venedig noch nicht verlassen kann. Wenn mir das Glück günstig ist, so bekomm ich vielleicht noch Euer starkes Schloß Sant‘ Agata zu sehen.«

»Keiner wird willkommener sein in seinen sicheren Mauern. Aber ich hab große Besorgnis um dich, Jacopo!«

»Signore, denkt daran nicht. Ich bin an Gefahren gewöhnt und an Elend und – an Hoffnungslosigkeit. Signora, mögen Euch die Heiligen behüten und Gott, der über allen ist, Euch vor Leid bewahren!«

Er küßte Donna Violettas Hand, die ihm, nur halb bekannt mit seinen Dienstleistungen, verwundert zuhörte.

»Don Camillo Monforte«, fuhr er fort, »traut Venedig niemals wieder. Laßt Euch durch keine Versprechungen, keine Aussichten, kein Verlangen, Eure Ehrenstellen und Reichtümer zu vermehren, jemals verleiten, Euch in ihre Gewalt zu geben. Niemand kennt die Falschheit dieses Staates besser als ich, und meine letzten Worte ermahnen Euch zur Vorsicht.«

»Du sprichst, als sollten wir uns nicht wiedersehen, Jacopo?«

Der Bravo wendete sich ab, und das Mondlicht fiel auf sein Antlitz. Ein Lächeln der Schwermut und ein inniges Wohlgefallen an dem Glück der Liebenden mischten sich in diesen Zügen mit einer Vorahnung seines eigenen Schicksals.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Als der nächste Morgen heraufdämmerte, war der Markusplatz leer. Die Priester sangen ihre Totenmessen bei des alten Antonio Leiche, und einige Fischer zauderten noch in der Kathedrale und in deren Nähe, nur halb überzeugt von der Art, wie ihr Kamerad um das Leben gekommen sein sollte. Aber die Stadt, wie es um diese Tageszeit gewöhnlich war, schien vollkommen ruhig.

Jacopo war wieder in dem oberen Stockwerk des Dogenpalastes, in Begleitung der sanften Gelsomina. Während sie durch die Windungen des Gebäudes hindurchgingen, erzählte er der begierig horchenden Gefährtin alle einzelnen Umstände, die sich bei der Flucht der Liebenden zugetragen hatten; nur Giacomo Gradenigos Anschlag auf Don Camillos Leben ließ er vorsichtigerweise aus. Das unerfahrene und einfache Mädchen hörte mit atemloser Aufmerksamkeit zu, während die Röte ihrer Wangen ihre lebhafte Teilnahme bei jedem Wendepunkt des kühnen Abenteuers verriet.

»Und glaubst du, daß sie denen droben noch entrinnen können?« flüsterte Gelsomina, denn nur wenige in Venedig hätten es gewagt, solch eine Frage laut auszusprechen. »Du weißt, daß die Republik immer Galeeren im Adriatischen Meere hat.«

»Wir haben das bedacht und dem Kalabrier Anweisung gegeben, nach dem Hafen von Ankona zu steuern. Ist er nur erst im Kirchenstaate, so wird Don Camillo durch seinen Einfluß und die Rechte der edeln Geburt seiner Gattin geschützt sein. Ist hier ein Ort, wo wir auf die See hinaussehen können?«

Gelsomina führte den Bravo in ein leeres Zimmer des oberen Stockwerks im Dogenpalast, der eine Aussicht auf den Hafen und das jenseitige Gewässer darbot. Der Landwind blies stark über die Dächer der Stadt, machte die Masten im Hafen schwanken und strich über die Lagunen außerhalb der Schiffsreihen. Von dort an bis zu der Sandbarre war an den niedergelassenen Segeln und der Anstrengung der Gondolieri, die dem Kai zuruderten, merkbar, daß der Wind sehr lebhaft wehte; außerhalb des Lido selbst war das Wasser schon getrübt und bewegt, während noch weiter ins Meer hinaus die krausen, schäumenden Wellen die Macht des Sturms verrieten.

»Santa Maria, sei gelobt!« rief Jacopo, als sein geübtes Auge dies Schauspiel nahe und fern übersah. »Sie sind schon weit an der Küste hinab und werden mit solchem Winde unfehlbar in wenigen Stunden den Hafen erreichen. – Laß uns nach der Zelle gehen.«

Gelsomina lächelte, als er die Sicherheit der Flüchtlinge für zuverlässig erklärte, aber als er das Gespräch ablenkte, trübte sich ihr Blick. Ohne zu antworten, tat sie, wie er verlangte, und in wenigen Augenblicken standen sie neben dem Lager des Gefangenen. Dieser schien ihr Eintreten nicht zu bemerken, und Jacopo war genötigt, ihn anzurufen.

»Vater«, sagte er mit dem schwermütigen Tone, der seiner Stimme jedesmal, wenn er mit dem Greise redete, eigen war, »ich bin da.«

Der Gefangene drehte sich um, und obgleich seine Schwäche seit dem letzten Besuche sichtbar zugenommen hatte, glomm ein bleiches Lächeln in seinen erstorbenen Zügen.

»Und deine Mutter, Sohn?« fragte er so heftig, daß sich Gelsomina schnell abwandte.

»Ist glücklich, Vater, recht glücklich.«

»Glücklich ohne mich?«

»Sie ist immer bei dir im Geiste, Vater. Sie gedenkt deiner in ihrem Gebete. Du hast eine Heilige zur Fürbitterin an meiner Mutter – Vater!«

»Und deine gute Schwester?«

»Auch glücklich – glaube mir, Vater. Sie sind beide geduldig und ergeben.«

»Und der Senat, Sohn?«

»Immer der alte: herzlos, selbstsüchtig, vermessen«, antwortete Jacopo streng. Dann wendete er sich ab vor bitterem Weh und verfluchte ihn mit unhörbar leisen Worten.

»Die edeln Signori haben sich getäuscht, daß sie mich in den Anschlag zur Umgehung der Zölle verwickelt glaubten«, entgegnete der geduldige alte Mann. »Einstmals werden sie ihr Unrecht einsehen und erkennen.«

Jacopo gab keine Antwort, denn obgleich er unterrichtet war und aller Kenntnisse entbehrte, mit denen eine väterliche Regierung ihre Untertanen auszurüsten sorgt, hatte ihm die natürliche Schärfe seines Geistes doch gezeigt, daß eine Verfassung, deren Grundzug offenbar die Überlegenheit weniger Bevorrechteter war, am wenigsten geneigt sein könnte, einen Mißgriff zuzugeben durch das Geständnis, daß sie geirrt habe.

»Du tust den Edeln unrecht, mein Sohn, sie sind erlauchte Patrizier und haben keine Veranlassung, einen Mann wie mich zu bedrücken.«

»Keine, Vater, als die Notwendigkeit, die Strenge ihrer Gesetze aufrechtzuerhalten, die sie zu Senatoren und dich zum Gefangenen machen.«

»Mitnichten, Sohn, ich habe würdige Herren vom Senate gekannt! Da war der letzte Signore Tiepolo, der mir in meiner Jugend viel Liebes erwies. Ohne diese falsche Anklage könnte ich jetzt einer der Wohlhabendsten in meinem Gewerbe sein von ganz Venedig.«

»Vater, wir wollen für die Seele des Signore Tiepolo beten.«

»Ist der erlauchte Senator gestorben?«

»So meldet ein prächtiges Grabmal in der Kirche des Redentores.«

»Wir müssen endlich alle sterben«, flüsterte der Greis und bekreuzigte sich, »Doge wie Patrizier, Patrizier wie Gondoliere. – Jaco –«

»Vater!« rief der Bravo so schnell dazwischen, daß er das Wort unterbrach. Dann kniete er an das Strohlager des Gefangenen nieder und flüsterte ihm ins Ohr: »Du vergissest, daß Grund vorhanden ist, mich nicht bei diesem Namen zu nennen. Ich hab dir oft gesagt, daß meine Besuche aufhören müssen, wenn du mich so heißest.«

Der Gefangene blickte verwirrt umher, denn die zunehmende Schwäche machte ihm undeutlich, was er einst klar eingesehen hatte. Er sah den Sohn lange starr an.

»Mir ist heiß, als wollten die Adern springen. Du vergissest, daß hier das obere Stockwerk ist, und hier die Bleidächer, und dann die Sonne – ach, die Sonne! Die erlauchten Senatoren bedenken die Qual nicht, den kalten Winter unterhalb der Kanäle und den brennenden Sommer unter glühendem Metall zuzubringen.«

»Sie bedenken nichts als ihre Macht«, sagte Jacopo halblaut, »was mit Unrecht besessen wird, muß durch unbarmherzige Ungerechtigkeit behauptet werden; aber was wollen wir davon reden, Vater? Hast du alles, wes du bedarfst?«

»Luft, Sohn, Luft! – Gib mir ein wenig von der Luft, die Gott seinem geringsten Geschöpfe gönnt.«

Der Bravo lief zu den Spalten der altehrwürdigen, durch Verbrechen befleckten Mauern, die er schon früher zu öffnen bemüht war, und strebte mit der Kraft des Wahnsinns, sie mit seinen Händen zu erweitern. Das Gemäuer widerstand der verzweifelten Anstrengung, obgleich das Blut aus seinen Fingern spritzte.

»Die Türe, Gelsomina, die Türe weit auf!« schrie er, sich von dem Platze abwendend, erschöpft durch die vergebliche Anstrengung.

»Laß es, jetzt leide ich nicht, mein Kind, aber wenn du weggegangen bist und ich allein bin mit meinen Gedanken, wenn ich deine weinende Mutter sehe und deine verlassene Schwester, dann fühl ich, daß mir Luft fehlt – sind wir nicht in dem brennenden August, mein Sohn?«

»Vater, es ist noch nicht Juni.«

»So werde ich noch mehr Hitze aushalten müssen. Gottes Wille geschehe, und Santa Maria gebe mir Kraft, es zu ertragen.«

Jacopos Auge blitzte wild, fast ebenso fürchterlich als der gespenstische Blick des alten Mannes. Seine Brust flog, seine Faust war geballt, und er atmete hörbar.

»Nein«, sagte er mit leisem, aber entschiedenem Tone, daß die Festigkeit seines Entschlusses klar ward, »du sollst ihre Qualen nicht wieder erwarten. Auf, Vater, komm mit mir. Die Türen sind offen, die Wege durch den Palast kenne ich in der finstersten Nacht, und die Schlüssel sind zur Hand. Ich will Mittel finden, dich zu verstecken, bis es dunkel ist, und wir wollen die verfluchte Republik für immer verlassen.«

Ein Hoffnungsstrahl glänzte in dem Auge des alten Gefangenen, als er diesen wahnsinnigen Vorschlag anhörte, aber als er eine Anstrengung machte aufzustehen, fiel er vor großer Schwäche sogleich wieder zurück. Da sah Jacopo erst, wie unausführbar sein Vorschlag war. Es folgte eine lange Pause. Jacopos schweres Atmen ließ allmählich nach, und sein Gesicht nahm wieder die gewöhnliche ruhige und gesammelte Miene an. »Vater«, sagte er, »ich muß dich verlassen, unser Elend ist seinem Ende nah.«

»Wirst du mich wieder besuchen?«

»Wenn es die Heiligen vergönnen. – Deinen Segen, Vater!«

Der Greis faltete seine Hände über Jacopos Haupt und sprach leise ein Gebet. Nach dieser frommen Pflicht waren der Bravo und Gelsomina einige Zeit geschäftig, für die Bequemlichkeit des Gefangenen zu sorgen. Dann gingen sie miteinander. Jacopo schien mit schwerem Herzen aus der Nähe des Vaters zu scheiden. Es war, als hätte eine trübe Ahnung seine Seele erfüllt, daß diese verstohlenen Besuche bald aufhören würden. Nach kurzem Zögern jedoch gingen sie nach den unteren Zimmern hinab, und da Jacopo den Palast zu verlassen wünschte, ohne wieder das Gefängnis zu betreten, schickte sich Gelsomina an, ihn durch den Hauptkorridor hinauszulassen.

»Du bist mißmutiger als sonst, Carlo«, bemerkte sie, mit weiblicher Sorglichkeit sein abgewandtes Auge beobachtend. »Mich dünkt, du solltest dich freuen über das Glück des Neapolitaners und der Dame von Tiepolo.«

»Daß diese entkommen sind, ist ein Sonnenstrahl an einem Wintertage. Gutes Mädchen – aber man beobachtet uns, wer ist es, der dort unsere Bewegungen spioniert?«

»Ein Diener des Palastes, sie kommen uns immer in die Quere in diesem Teile des Gebäudes. Tritt hier herein, wenn du müde bist. Dies Zimmer ist wenig in Gebrauch, und wir können wieder auf die See hinausschauen.«

Jacopo folgte seiner sanften Führerin in eines von den unbenutzten Gemächern des zweiten Geschosses, denn es war ihm in der Tat erwünscht, einen Blick auf den Stand der Dinge in der Piazza zu werfen, ehe er den Palast verließ. Er betrachtete zuerst das Wasser, das noch immer nach Süden flutete, vom Alpenwinde getrieben. Befriedigt durch diese für die Fliehenden günstige Aussicht, schaute er auf den Platz hinunter. In diesem Augenblick trat ein Beamter der Republik aus dem Tor des Palastes; ein Trompeter ging voran, wie üblich war, wenn der Senat irgendeinen Beschluß proklamieren wollte. Gelsomina öffnete die Fensterlade, und beide beugten sich vor, um zu hören. Als der kleine Zug sich vor der Kathedrale befand, blies der Trompeter, und darauf rief der Beamte aus:

»In Erwägung, daß neuerlich viele frevelhafte und ruchlose Mordtaten an verschiedenen redlichen Bürgern von Venedig verübt worden, hat der Senat, in seiner väterlichen Sorgfalt für alle, deren Schutz ihm obliegt, für recht befunden, zu außerordentlichen Mitteln zu greifen, zur Verhütung erneuter Verbrechen, die den göttlichen Gesetzen und der Sicherheit der menschlichen Gesellschaft solchermaßen zuwider sind. Daher bieten die erlauchten Zehn öffentlich eine Belohnung von hundert Zechinen dem, der den Täter einer von diesen höchst abscheulichen Mordtaten entdecken wird, und dieweil in der verwichenen Nacht der Leichnam eines gewissen Antonio, eines wohlbekannten Fischers und ehrenwerten Bürgers, der von den Patriziern höchlichst geschätzt wurde, in den Lagunen gefunden wurde, dieweil viel Grund ist zu dem Verdacht, daß selbiger zu Tode gekommen durch die Hand eines gewissen Jacopo Frontoni, der im Gerücht steht, ein gemeiner Bravo zu sein, von der Obrigkeit aber lange vergeblich beobachtet worden ist, in der Hoffnung, ihn bei Verübung einer der vorbenannten greulichen Mordtaten zu betreffen, so werden jetzt alle guten und redlichen Bürger der Republik insgeheim aufgefordert, der Obrigkeit zu verhelfen zur persönlichen Verhaftung des besagten Jacopo Frontoni, und wenn sie ihn aus dem Heiligtum reißen sollten, weil Venedig nicht länger einen Menschen, der solch blutiges Geschäft treibt, in seiner Mitte dulden kann, und verheißt der Senat in seiner väterlichen Sorgfalt zur Aufmunterung eine Belohnung von dreihundert Zechinen.«

Anrufung Gottes und Hinweisung auf die Souveränität des Staates machten wie üblich den Beschluß.

Da es nicht gewöhnlich war, daß die, die soviel im Dunkeln taten, ihr Vorhaben öffentlich kundmachten, so horchten alle, die nahe standen, mit Verwunderung und Furcht dem neuen Verfahren.

Niemand ward von den Worten des Beamten lebhafter ergriffen als Gelsomina. Sie beugte sich weit aus dem Fenster, damit ihr keine Silbe entgehen möchte.

»Hast du gehört, Carlo?« fragte sie eifrig, als sie ihren Kopf zurückzog. »Endlich bieten sie eine Belohnung aus für die Gefangennahme des Unmenschen, der so viele Mordtaten verübt hat!«

Jacopo lachte, aber dem Ohre seiner bestürzten Begleiterin schien der Ton seines Gelächters unnatürlich.

»Die Patrizier sind gerecht, und was sie tun, ist recht?« fragte er, »sie sind erlauchte Männer und können sich nicht irren! Sie wollen ihre Pflicht tun.«

»Aber hier ist keine andere Pflicht, als die sie dem Volke schuldig sind.«

»Von der Pflicht des Volkes hab ich viel reden hören, nichts aber von der des Senats.«

»Nein, Carlo, wir wollen ihnen unsere Billigung nicht entziehen, wenn sie sich bemühen, die Bürger vor Schaden zu behüten. Dieser Jacopo ist ein Ungeheuer, den alle verabscheuen, und seine Bluttaten sind schon zu lange ein Flecken für Venedig gewesen. Du siehst, daß die Patrizier mit ihrem Gold nicht knausern, wenn Hoffnung ist, seiner habhaft zu werden. Horch, sie rufen wieder aus.«

»Ich muß dich verlassen, Gelsomina. Geh zurück zum Zimmer deines Vaters, und ich will durch den Hof des Palastes hinausgehen.«

»Das geht nicht, Carlo – du kennst die Erlaubnis der Obrigkeit – ich habe sie übertreten – warum sollt ich es dir zu verheimlichen suchen? Du durftest nicht hereinkommen um diese Zeit.«

»Und du hast den Mut gehabt, die Erlaubnis zu überschreiten um meinetwillen, Gelsomina?«

»Du hast es so gewollt«, bekannte sie.

»Tausend Dank, teure, liebe, getreueste Gelsomina, aber zweifle nicht daran, daß ich mich unbemerkt aus dem Palaste stehlen werde. Hineinzukommen war gefährlich, aber die hinausgehen, haben das Ansehen, als ob sie ein Recht dazu hätten.«

»Niemand darf bei Tage maskiert bei den Hellebardieren vorbei, Carlo, wer nicht das Merkwort hat.«

Dem Bravo schien die Wahrheit dieser Bemerkung einzuleuchten, und große Verlegenheit drückte sich in seinem Benehmen aus. Er kannte die Bedingungen, unter denen er zugelassen worden, selber so gut, daß er dem Versuche mißtraute, durch das Gefängnis auf den Kai zu gelangen, wie er hereingekommen war, denn er zweifelte nicht, daß ihm der Rückzug von den Wachen des äußeren Tores, die jetzt vermutlich schon von seinem wahren Charakter unterrichtet waren, abgeschnitten werden würde. Der Ausgang auf dem anderen Wege schien nicht minder gefährlich. Es war nicht so sehr der Inhalt der Proklamation, der ihn in Erstaunen setzte, als die Öffentlichkeit, die der Senat für gut befand, seinem Verfahren zu geben, und er hörte die öffentliche Anklage gegen ihn zwar mit innerem Weh, aber doch ohne Schrecken. Indessen kannte er so viele Mittel, sich zu verbergen, und die Freiheit des Maskierens war so allgemein in Venedig, daß er sich um den Ausgang nicht eher besorgt fühlte, als bis er sich in dieser häßlichen Klemme sah. Gelsomina las seine Unentschiedenheit in seinen Augen und beklagte, ihn so unruhig gemacht zu haben.

»Es ist nicht so schlimm, als du zu glauben scheinst, Carlo«, bemerkte sie, »haben sie dir doch erlaubt, deinen Vater zu gewissen Zeiten zu besuchen, und dadurch bewiesen, daß sie nicht ohne Mitleid sind. Jetzt, da ich aus Nachsicht für deine Wünsche eine von ihren Vorschriften vergessen habe, werden sie nicht so hartherzig sein, diesen Fehler für ein Verbrechen zu rechnen.«

Jacopo sah sie mitleidig an, denn er wußte gar wohl, wie wenig sie die wahre Beschaffenheit und listige Politik des Staates kannte. »Es ist Zeit, daß wir scheiden«, sprach er, »damit du Unschuldige nicht für meinen Fehler büßest. Ich bin jetzt unweit des öffentlichen Korridors und muß es meinem Glück anvertrauen, mich auf den Kai zu bringen.«

Gelsomina hing sich an seinen Arm und wollte ihn in dem fürchterlichen Hause nicht sich selber überlassen.

Jacopo machte ihr ein Zeichen voranzugehen und folgte. Mit klopfendem, aber doch ein wenig erleichtertem Herzen schlüpfte Gelsomina durch die Gänge und schloß ihrer Gewohnheit nach sorgfältig jede Tür hinter sich zu. Endlich erreichten sie die wohlbekannte Seufzerbrücke. Das ängstliche Mädchen ging beflügelteren Schrittes, als sie sich ihrer eigenen Wohnung näherte, denn sie sann auf Mittel, ihren Gefährten in ihres Vaters Stube zu verstecken, wenn der Ausweg aus dem Gefängnis bei Tage zu gefährlich sein sollte.

»Nur eine einzige Minute, Carlo«, flüsterte sie und steckte den Schlüssel in die Tür, die zu diesem Gebäude führte – das Schloß ging auf, aber die Angeln der Tür wollten sich nicht bewegen. Gelsomina wurde bleich und rief: »Sie haben die Riegel inwendig vorgeschoben!«

»Tut nichts, ich steige in den Hof des Palastes hinab und gehe bei den Hellebardieren dreist ohne Maske vorüber.«

Gelsomina hielt es selbst für sehr unwahrscheinlich, daß er von den Lohnsoldaten des Dogen bemerkt würde, und ängstlich, ihn aus seiner schlimmen Lage zu befreien, flog sie zurück an das andere Ende der Galerie. Sie steckte den gehörigen Schlüssel in die Tür, durch die sie eben gekommen waren, aber mit demselben Erfolge. Gelsomina schwankte zurück und hielt sich an der Mauer.

»Wir können weder vorwärts noch rückwärts!« schrie sie erschreckt, ohne zu wissen warum.

»Ich seh es alles«, erwiderte Jacopo, »wir sind Gefangene auf dieser Unglücksbrücke.«

Der Bravo nahm, während er sprach, die Maske ruhig ab und zeigte die Züge eines Mannes, dessen Entschluß feststeht.

»Heilige Mutter Gottes! Was hat das zu bedeuten?«

»Nichts, als daß wir einmal zuviel über die Brücke gegangen sind, Liebe! Der Rat ist eifersüchtig auf diese Besuche.«

Die Riegel beider Türen wurden zurückgeschoben, und die Angeln knarrten zu gleicher Zeit. Ein bewaffneter Offizier der Inquisition trat ein, Handfesseln tragend. Gelsomina schrie auf, aber Jacopo bewegte kein Glied, keinen Muskel, während man ihm die Ketten anlegte.

»Mich auch!« schrie seine Gefährtin im Wahnsinn. »Ich bin die Schuldigste – bindet mich – werft mich in das Gefängnis – aber laßt den armen Carlo gehen.«

»Carlo?« wiederholte der Offizier mit fühllosem Lachen.

»Ist es ein so großes Verbrechen, einen Vater im Gefängnisse zu besuchen? Sie wissen von seinen Besuchen – haben sie selbst erlaubt – er hat nur die Stunde verfehlt.«

»Mädchen, weißt du auch, für wen du dich verwendest?«

»Für das beste Herz, für den treuesten Sohn in Venedig! Oh, wenn Ihr ihn hättet weinen sehen wie ich über die Leiden des alten Gefangenen, Ihr würdet Mitleid mit ihm haben.«

»Horch einmal«, entgegnete der Offizier mit hochgehobenem Finger.

Der Trompeter blies auf der Markusbrücke, dicht unter ihnen, und die Proklamation, die Gold für die Einfangung des Bravo bot, wurde wiederholt.

»Das ist der Beamte der Republik, der einen Preis setzt auf den Kopf eines Menschen, der ein feiles Stilett führt!« schrie Gelsomina fast ohne Atem und ohne in diesem Augenblicke viel auf den Vorgang unten zu achten. »Er verdient sein Schicksal.«

»Also warum bittest du noch für ihn?«

»Ihr sprecht ohne Sinn!«

»Närrisches Mädchen, dieser hier ist der Jacopo Frontoni!«

Gelsomina würde ihren Ohren nicht geglaubt haben, wenn sie nicht Jacopos banges Auge bemerkt hätte. Die gräßliche Wahrheit brach über ihre Seele herein, und leblos fiel sie zu Boden. In demselben Augenblick ward der Bravo schnell von der Brücke weggeführt.

Zwölftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Antonio stand also jetzt im Vorzimmer des eben beschriebenen geheimen und strengen Tribunals. Wie alle Leute seines Standes hatte der Fischer eine dunkle, unsichere Idee von dem Dasein und den Attributen des Gerichtshofes, vor dem er jetzt erscheinen sollte. Doch sein einfacher Verstand war weit entfernt, den ganzen Umfang zu erkennen oder die Beschaffenheit der Geschäfte zu begreifen, die ebensowohl die wichtigeren Angelegenheiten der Republik als die geringeren der Patrizierfamilien in sich schlossen. Während sich seine Seele mit dem möglichen Erfolg der erwarteten Zusammenkunft beschäftigte, öffnete sich eine innere Tür, und ein Diener gab Jacopo ein Zeichen zum Nähertreten. Das tiefe, feierliche Schweigen, das nach ihrem Eintritt in den Rat der Drei erfolgte, gab ihnen Zeit genug, das Zimmer und die darin Befindlichen näher zu betrachten. Ersteres war nicht groß für das Land und Klima, wohl aber der geheimen Ratsversammlung, die es enthielt, angemessen. Der Fußboden bestand aus schwarz und weiß gewürfelten Marmorstücken; die Wände waren mit schwarzem Tuch beschlagen, eine einzige Lampe von dunkler Bronze hing über einem in der Mitte stehenden Tisch, der, wie alle übrigen geringen Möbel, mit Schwarz behangen war. In jedem Winkel des Gemachs sah man vorspringende Kammern, die vielleicht waren, was sie schienen, vielleicht auch als Eingänge zu den anderen Zimmern des Palastes dienten. Alle Türen wurden durch Vorhänge dem Blicke entzogen, wodurch das Ganze einen einförmigen und schaudererregenden Charakter der Düsterkeit erhielt. An der einen Seite des Zimmers, Antonio gegenüber, saßen drei Männer auf kurulischen Stühlen, doch konnte man sie, da ihre Gesichtszüge und Gestalten durch Masken und weite Anzüge verhüllt waren, nicht erkennen. Einer dieser Machthaber trug eine karmesinfarbene Robe, als Repräsentant des Gerichtshofes des Dogen. Die beiden anderen in Schwarz waren die, die aus dem Rate der Zehn, selbst nur ein temporärer, gelegentlich berufener Gerichtshof, die glücklichen oder vielmehr unglücklichen Kugeln gezogen hatten. Zwei oder drei Subalternen, nahe dem Tische, sowie die noch niedrigeren Beamten des Ortes waren durch ähnliche Verkleidungen wie die der Oberhäupter unkenntlich gemacht. Jacopo schien dies Schauspiel wenngleich mit Achtung und Scheu, doch wie jemand, der dessen schon gewohnt ist, zu betrachten; der sichtliche Eindruck aber, den es auf Antonio machte, war nicht zu verkennen. Wahrscheinlich sollte die lange Pause, die nach seinem Eintritt erfolgte, diesen Erfolg hervorbringen, denn von allen Seiten bewachten ihn scharfe Blicke.

»Man nennt dich Antonio von den Lagunen?« fragte einer der Sekretäre nahe dem Tische, nachdem er von dem karmesinfarbenen Mitglied ein geheimes Zeichen zum Befragen erhalten.

»Ein armer Fischer, Exzellenz, der dem heiligen Antonio vom wunderbaren Zuge viel verdankt.«

»Und du hast einen Sohn, der deinen Namen trägt und dein Gewerbe treibt?«

»Es ist Christenpflicht, sich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Mein Sohn ist seit zwölf Jahren tot, seit dem Tage, als die Galeeren der Republik die Ungläubigen von Korfu nach Kandia jagten. Er ward mit vielen anderen von seinem Beruf in jenem blutigen Gefecht getötet, edle Signori.«

Eine Bewegung des Erstaunens zeigte sich unter den Schreibern, sie flüsterten einander zu und schienen die in ihren Händen befindlichen Papiere mit Eile und Verlegenheit zu untersuchen. Blicke wurden den unbeweglichen, in das undurchringliche Geheimnis ihrer Funktion gehüllten Richtern zugesandt. Ein geheimes Zeichen indes veranlaßte die bewaffneten Diener bald, Antonio und seinen Gefährten aus dem Zimmer zu führen.

»Hier mangelt etwas am Bericht!« sagte eine strenge Stimme aus der Zahl der Drei, sobald die Fußtritte der Abgeführten verhallten. »Es ist nicht schicklich, daß die Inquisition von St. Markus hierbei eine Unwissenheit offenbare.«

»Es betrifft ja bloß die Familie eines niedrigen Fischers, durchlauchtiger Signore«, erwiderte der zitternde Diener, »vielleicht sucht er uns beim Eingange des Verhörs durch List zu betrügen.«

»Du irrst«, unterbrach ein anderer der Drei, »der Mann heißt Antonio Vecchio, und wie er gesagt, fiel sein einzig Kind in der heißen Schlacht mit den Ottomanen. Der, von dem jetzt die Rede ist, ist sein Enkel und noch ein Knabe.«

»Der edle Signore hat recht!« erwiderte der Schreiber. »In der Eile haben wir ein Faktum mißverstanden, das die Weisheit des Rates schnell berichtigt. St. Markus ist glücklich, unter seinen stolzesten und ältesten Namen Senatoren zu haben, die sich so genau des Interesses seiner geringsten Kinder annehmen.«

»Führt den Mann wieder herein«, nahm der Richter das Wort, sich für das Kompliment leicht verneigend. »Dergleichen Vorfälle sind unvermeidlich im Drange der Geschäfte.«

Die nötigen Befehle wurden gegeben, und Antonio, mit seinem Gefährten stets zur Seite, trat zum zweiten Male ein.

»Dein Sohn starb im Dienste der Republik, Antonio?« fragte der Sekretär.

»So ist’s, Signore. Die heilige Maria mag sich seiner erbarmen und mein Gebet erhören! So ein gutes Kind und ein so tapferer Mann wird wohl vieler Seelenmessen nicht bedürfen, sonst müßte sein Tod doppelt betrübend für mich sein, da ich zu arm bin, sie zu bezahlen.«

»Du hast einen Enkel?«

»Ich hatte einen, edler Senator, ich hoffe, er lebt noch.«

»Arbeitet er nicht mit dir auf den Lagunen?«

»Wollte der heilige Theodor, es wäre so! Er ist aufgegriffen, Signore, mit vielen anderen von zartem Alter, für die Galeeren, von denen ihn unsere Liebe Frau erlösen mag! Wenn Ew. Exzellenz Gelegenheit hätten, mit dem General der Galeeren, oder irgend sonst jemandem, der in diesen Sachen einige Autorität hat, zu sprechen, so flehe ich hier auf meinen Knien, sprechen Sie zugunsten meines Kindes, eines guten, frommen Buben, der selten seine Leine ins Wasser wirft, ohne vorher ein Ave zu sprechen oder ein Gebet an den heiligen Antonio zu richten, und der mir nie Unruhe gemacht hat, bis er in die Klauen des heiligen Markus gefallen.«

»Steh auf! – In dieser Angelegenheit hab ich dich nicht zu fragen. Du hast heute von deiner Bitte an unseren durchlauchtigen Dogen gesprochen?«

»Ich habe Se. Hoheit gebeten, den Knaben freizugeben.«

»Und das hast du öffentlich und mit wenig Ehrfurcht gegen die hohe Würde und den heiligen Charakter des Oberhaupts der Republik getan?«

»Ich tat es als Vater und Mensch. Wenn nur die Hälfte von dem wahr wär, was man von der Güte und Gerechtigkeit des Staates spricht, so hätten Se. Hoheit mich angehört als Vater und Mensch.«

Eine leise Bewegung unter dem furchtbaren Triumvirat veranlaßte eine kurze Pause von seiten des Sekretärs; als er aber sah, daß seine Oberen schwiegen, fuhr er fort: »So tatest du einmal öffentlich und unter den Senatoren; als man dich aber zurückwies mit deiner am unrechten Ort angebrachten und unverständigen Bitte, suchtest du andere Mittel, dein Anliegen vorzubringen?«

»Es ist wahr, erlauchter Signore.«

»Du erschienst unter den Gondolieri der Regatta in unziemlicher Kleidung und stelltest dich in die vorderen Reihen mit denen, die sich um die Gunst des Senats und des Fürsten bewarben.«

»Ich erschien in derselben Kleidung, die ich vor der Heiligen Jungfrau und St. Antonio trage, und wenn ich im Wettlauf der vorderste war, so verdanke ich dies vielmehr der Güte und Gunst meines Nachbars als irgendeiner übrigen Kraft in diesen verwitterten Sehnen und ausgetrockneten Knochen. San Marco mag sich seiner in der Not annehmen für seine Guttat und mag die Herzen der Großen erweichen, damit sie das Flehen eines kinderlosen Vaters erhören.«

Wieder erfolgte eine leise Bewegung der Überraschung oder der Neugier unter den Inquisitoren und eine Pause beim Sekretär.

»Du hörst, Jacopo«, sagte einer der Drei, »was hast du dem Fischer zu antworten?«

»Signore, er spricht die Wahrheit.«

»Und du wagtest zu scherzen mit der Festlichkeit der Stadt und die Wünsche des Dogen geringzuachten?«

»Wenn es ein Verbrechen ist, erlauchter Senator, mit einem alten Mann Mitleid zu haben, der um sein Kind trauerte, und meinen eigenen einzelnen Triumph um seiner Vaterliebe willen aufzugeben, so bin ich schuldig.«

Eine lange, schweigsame Pause erfolgte auf diese Antwort. Jacopo hatte mit seiner gewohnten Ehrfurcht, doch mit der ernsten Ruhe gesprochen, die die Grundlage seines Charakters ausmachte. Die Blässe seiner Wangen blieb dieselbe, und das glühende Auge, das so sonderbar sein gleichsam mit dem Schatten des Todes bedecktes Antlitz aufklärte und belebte, veränderte kaum den Blick während der Antwort. Auf ein gegebenes geheimes Zeichen fuhr der Sekretär fort: »Du verdankst also deinen Sieg in der Regatta dem Wohlwollen deines hier gegenwärtigen Mitkämpfers, Antonio?«

»Unter der Gunst St. Theodors und St. Antonios, der Stadt und meines Schutzheiligen.«

»Dein ganzes Begehren war also, die abgewiesene Bitte hinsichtlich des jungen Schiffers zu wiederholen?«

»Ich hatte kein anderes, Signore. Was sind der Triumph unter den Gondolieri und das Spielzeug nachgeahmter Kette und Ruder für jemanden meines Alters und Standes?«

»Du vergißt, daß Kette und Ruder von Gold sind.«

»Exzellenz, Gold kann die Wunden des verschmachtenden Herzens nicht heilen. Gebt mir mein Kind zurück, damit nicht fremde Hände mein Auge zudrücken und damit ich seinen jungen Ohren gute Lehren gebe, solange noch Hoffnung ist, daß meine Worte gehört werden, und alles Metall des Rialto soll mich nicht reizen! Damit ihr sehet, daß ich nicht eitle Worte mache, biete ich mit schuldiger Ehrfurcht vor ihrer Weisheit und Größe den Edeln diese Kostbarkeit an.«

Bei diesen Worten näherte sich der Fischer mit den furchtsamen Schritten eines Mannes, der nicht gewohnt ist, sich in Gegenwart Vornehmerer zu bewegen, und legte auf die dunkle Decke des Tisches einen Ring, der, wenigstens wie es schien, von edeln Steinen funkelte. Der erstaunte Sekretär nahm den Ring und hielt ihn erwartungsvoll den Richtern vor.

»Was ist dies?« rief der, der unter den Drei am häufigsten teil am Verhör genommen hatte. »Das scheint ja das Pfand unseres Verlöbnisses?«

»Nicht anders, erlauchter Senator, mit diesem Ringe vermählte sich der Doge mit dem Adriatischen Meere in Gegenwart der Gesandten und des Volkes.«

»Hattest du damit auch etwas zu schaffen, Jacopo?« fragte der Richter streng.

Der Bravo sah das Juwel mit Teilnahme an, doch behielt seine Stimme, als er antwortete, die gewöhnliche Tiefe und Festigkeit: »Signore, nein – erst jetzt erfahre ich vom Glück des Fischers.«

Auf ein Zeichen hob der Sekretär von neuem an: »Du mußt sagen, und zwar aufrichtig sagen, wie dieser geheiligte Ring in deine Hände gekommen ist, half dir jemand zu seinem Besitz?«

»Ja, Signore.«

»Nenn ihn uns, damit wir Maßregeln treffen, uns seiner zu versichern.«

»Das wäre nutzlos, Signore, ihn erreicht Venedigs Macht nicht.«

»Was meinst du, Mann? Kein Mensch, der in ihren Grenzen lebt, steht höher als das Recht und die Macht der Republik. Antworte ohne Umschweife, so lieb dir dein Leben ist.«

»Das würde ich hochschätzen, was wenig Wert hat, Signore, und mich einer großen Torheit und einer großen Sünde schuldig machen, wenn ich Euch betrügen wollte, bloß um einen alten und wertlosen Leichnam wie den meinigen vor Schlägen zu retten. Wenn mich Ew. Exzellenzen hören wollen, so bin ich bereit und willig, zu erzählen, wie ich zu diesem Ringe kam.«

»Sprich denn und suche nicht, die Wahrheit zu umgehen.«

»Ich weiß nicht, Signori, ob Sie so gewohnt sind, Unwahrheiten zu hören, daß Sie mich so sehr davor warnen, wir Leute von den Lagunen fürchten uns nicht, auszusprechen, was wir gesehen und getan haben, denn unser Hauptgeschäft ist mit Wind und Wellen, und diese erhalten ihre Befehle von Gott selbst. Unter uns Fischern gibt es eine Sage, Signori, daß vor langer Zeit einer von uns den Ring, mit dem sich der Doge mit dem Adriatischen Meere vermählt, aus dem Hafen hervorgeholt habe. Ein so kostbares Juwel war für jemand, dessen Netze ihm täglich Brot und Öl verschafften, von geringem Nutzen, er brachte ihn daher zum Dogen, wie’s einem Fischer zukam, in dessen Hände die Heiligen einen Schatz geworfen haben, auf den er keine Ansprüche hatte, gerade als wollten sie seine Ehrlichkeit auf die Probe stellen. Von dieser Handlung unseres Gefährten wird viel gesprochen auf den Lagunen und am Lido, und man sagt, einer unserer venezianischen Meister habe ein schönes Bild davon gemacht, das in der Halle des Palastes hängt und die ganze vorgefallene Geschichte erzählt. Es stellt den Fürsten dar auf seinem Thron und den glücklichen Fischer mit seinen nackten Beinen, Sr. Hoheit wiederbringend, was sie verloren. Ich hoffe, daß diese Erzählung wahr ist, Signori, sie schmeichelt unserem Stolz sehr und hält manchen von uns fester ans Rechttun und in größerer Gunst bei dem heiligen Antonio, als außerdem geschehen möchte.«

»Die Sache verhält sich so.«

»Und das Gemälde, Signore? Ich hoffe, unsere Eitelkeit hat uns darin nicht getäuscht?«

»Das erwähnte Bild ist im Palaste zu sehen.«

»Corpo di Bacco! Ich hatte meine Zweifel in dieser Hinsicht, denn es ist nicht gewöhnlich, daß die Reichen und Glücklichen soviel Aufhebens machen von dem, was der Arme tut. Ist das Werk vom großen Tizian selbst, Exzellenz?«

»Nein, das nicht, ein geringerer Name steht auf dem Gemälde.«

»Man sagt, daß Tizian die Kunst verstand, seinen Werken das Ansehen und die Fülle des Fleisches zu geben, und man sollte meinen, daß ein gerechter Mann in der Ehrlichkeit des Fischers Glanzes genug gefunden hätte, um selbst Tizians Auge zu befriedigen. Aber vielleicht sah der Senat Gefahr dabei, uns Lagunenbewohnern also zu schmeicheln.«

»Fahre nun fort, deine eigene Begebenheit mit dem Ringe zu erzählen.«

»Erlauchte Signori, oft träumte mir von dem Glück meines Kameraden aus der alten Zeit, und mehr als einmal zog ich im Traum mein Netz herauf mit dem Gedanken, den Edelstein vielleicht in den Maschen oder im Leibe irgendeines Fisches zu finden. Was ich mir so oft eingebildet habe, geschah endlich wirklich. Ich bin ein alter Mann, Signori, und es gibt nur wenig Teich und Sandbanken zwischen Fusina und Giorgio, die meine Angeln nicht ausgemessen und meine Netze nicht bedeckt hätten. Der Ort, der nach dem Buzentaur bei diesen Zeremonien segelt, ist mir gar wohl bekannt, und ich trug Sorge, den Grund rund umher mit meinen Netzen zu bedecken, in der Hoffnung, den Ring mit herauszuziehen. Als Seine Hoheit das Juwel hinabwarf, belegte ich mit einer Boje die Stelle – Signori, das ist alles –, mein Gehilfe war St. Antonio.«

»Hattest du denn einen Beweggrund, dies zu tun?«

»Heilige Mutter Gottes! War es nicht genug, meinen Knaben aus den Griffen der Galeeren zurückzuerhalten?« rief Antonio mit einer Energie und Einfalt zugleich, wie sich beide oft in einem und demselben Charakter vereinigen. »Ich dachte, wenn der Doge und der Senat geneigt waren, Gemälde malen zu lassen und einem armen Fischer soviel Ehre anzutun für einen Ring, sie vielleicht auch gern einen anderen durch die Freilassung eines Knaben belohnen würden, der der Republik so wenig Dienste leisten kann und seinem Vater alles ist.«

»Deine Bitte an Se. Hoheit, dein Kampf in der Regatta und dein Aufsuchen des Ringes, alles geschah für denselben Zweck?«

»Das Leben hat nur diesen einen für mich, Signore.«

Eine leise, unterdrückte Bewegung machte sich unter dem Ratspersonal bemerklich.

»Als deine Bitte von Sr. Hoheit abgewiesen ward, weil sie zur ungelegenen Zeit getan –«

»Ach! Exzellenz, wenn das Haupt ergraut ist und der Arm unsicher wird, kann man die schicklichen Augenblicke für solche Dinge nicht abwarten«, fiel der Fischer mit etwas von dem glühenden Ungestüm ein, der den Hauptzug des italienischen Charakters ausmacht.

»Als dir deine Bitte abgeschlagen ward und du den Lohn des Sieges zurückgewiesen hattest, gingst du nicht unter deine Kameraden und nährtest ihre Ohren mit Klagen über die Ungerechtigkeit des St. Markus und die Tyrannei des Senats?«

»Nein, Signore. Ich ging traurigen, zerrissenen Herzens fort, denn ich hatte nicht gedacht, daß der Doge und die Edeln einem siegreichen Gondoliere einen so geringen Lohn abschlagen würden.«

»Und du zögertest nicht, dies unter die Fischer und Müßiggänger des Lido zu verkünden?«

»Exzellenz, das war nicht nötig – meine Mitbrüder kannten mein Unglück, und es bedurfte meiner Zunge nicht, das Schlimmste weiterzuverbreiten.«

»Ein Tumult entstand, du an der Spitze, von Aufstand ward gesprochen und groß Rühmens gemacht von dem, was die Flotte der Lagunen gegen die der Republik tun könnte.«

»Es ist wenig Unterschied zwischen beiden, außer, daß die Leute der einen in Gondeln mit Netzen und die anderen in den Galeeren des Staates auslaufen. Wozu sollte ein Bruder des anderen Blut suchen?«

Jetzt ward die Bewegung unter den Ratsherren sichtlicher als je. Sie flüsterten untereinander und überreichten dem examinierenden Sekretär ein Papier, worauf einige schnell geschriebene Worte standen.

»Du sprachst zu deinen Genossen ganz öffentlich über das dir vermeintlich zugefügte Unrecht, du machtest Bemerkungen über die Gesetze, die die Dienste der Bürger begehren, wenn die Republik genötigt ist, eine Flotte gegen den Feind zu senden.«

»Es ist nichts Leichtes, Signore, zu schweigen, wenn das Herz voll ist.«

»Und Beratungen fanden unter euch statt, in Gemeinschaft nach dem Palast zu kommen und vom Dogen im Namen des Pöbels vom Lido die Freilassung deines Enkels zu begehren.«

»Signore, es waren einige so großmütig, dies Anerbieten zu machen, doch andere meinten, es sei wohl zu überlegen, ehe man so kühne Maßregeln ergriffe.«

»Und du – was meintest du in dieser Hinsicht?«

»Exzellenz, ich bin alt, und wenngleich nicht gewohnt, von so erlauchten Senatoren ausgefragt zu werden, hatte ich doch genug von der Regierung des St. Markus erfahren, um einzusehen, daß einige Haufen unbewaffneter Fischer und Gondolieri nicht würden angehört werden mit der …«

»Wie! Waren denn die Gondolieri von deiner Partei? Ich sollte meinen, sie wären neidisch und erzürnt gewesen über den Sieg eines Mannes, der nicht zu ihrer Zunft gehört?«

»Ein Gondoliere ist ein Mensch, und obgleich sie das natürliche menschliche Gefühl von Besiegten hatten, so hatten sie doch auch das natürliche menschliche Gefühl für einen Vater, dem man seinen Sohn geraubt. Signore«, fuhr Antonio mit großem Ernst und ganz besonderer Einfalt fort, »es wird großes Mißvergnügen entstehen auf den Kanälen, wenn die Galeeren mit dem Knaben davonsegeln.«

»Das ist deine Meinung! – Waren viele Gondolieri am Lido?«

»Als die Spiele beendet waren, kamen sie zu Hunderten, und ich muß den großmütigen Burschen Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie hatten ihren Mangel an Glück in der Liebe zur Gerechtigkeit vergessen. Diamine! Diese Gondolieri sind nicht so schlecht, als einige vorgeben, sie sind Menschen wie wir und haben für einen Christen ebensogut Gefühl wie ein anderer.«

Der Sekretär schwieg nun, denn sein Geschäft war beendet; eine tiefe Stille herrschte im ganzen Zimmer. Nach einer kurzen Pause hob einer der Drei an: »Antonio Vecchio, du hast auf denselben Galeeren gedient, denen du jetzt so entgegen bist, und brav gedient, wie ich erfahren.«

»Ich tat meine Pflicht gegen San Marco, Signore. Ich spielte meine Rolle gegen die Ungläubigen, doch erst nachdem mein Bart gewachsen und ich alt genug geworden war, um Gutes von Bösem zu unterscheiden. Wir alle erfüllen keine Pflicht freudiger, als die Inseln und Lagunen gegen unsere Feinde zu verteidigen.«

»Und alle Herrschaften der Republik. – Du kannst keinen Unterschied machen in den Rechten des Staates.«

»Den Großen ist eine Weisheit gewährt, die Gott den Armen und Schwachen versagt hat, Signore. Mir scheint es nicht recht klar, wie Venedig, eine auf wenigen Inseln erbaute Stadt, mehr Recht auf die Herrschaft von Kreta oder Kandia haben könne, als die Türken haben hierherzukommen.«

»Wie! Wagst du am Lido die Ansprüche der Republik auf ihre Eroberungen in Zweifel zu ziehen? Oder wagen es die unehrerbietigen Fischer, so leichtsinnig vom Ruhm des Staates zu sprechen?«

»Exzellenz, ich weiß wenig vom Recht des Stärkeren. Gott gab uns die Lagunen, daß er uns mehr gegeben hätte, davon weiß ich nichts. Der Ruhm, von dem Sie sprechen, mag den Schultern eines Senators leicht zu tragen sein, doch schwer drückt er des Fischers Herz.«

»Du sprichst von Dingen, kühner Mann, die du nicht begreifst.«

»Es ist ein Unglück, Signore, daß die Kraft des Verstandes denen nicht gegeben ist, die soviel Kraft zum Dulden besitzen.«

Eine ängstliche Pause folgte dieser Antwort.

»Du kannst jetzt gehen, Antonio«, sagte der eine, der anscheinend den Vorsitz führte in dem furchtbaren Rat der Drei. »Du wirst von dem, was geschah, nicht sprechen, sonst sei der unentrinnbaren Gerechtigkeit von St. Markus und deren Erfüllung gewärtig.«

»Ich danke, erlauchter Senator, ich werde gehorchen. Doch mein Herz ist voll, ich möchte wohl gern noch einige Worte wegen des Kindes sagen, ehe ich diese edle Versammlung verlasse.«

»Du magst sprechen – hier darfst du deine Wünsche und deinen Kummer frei ausschütten, wenn du einen hast. San Marco kennt keine größere Freude, als die Wünsche seiner Kinder anzuhören.«

»Ich glaube, man hat der Republik Unrecht getan, als man ihre Oberhäupter herzlos und ehrgeizig nannte«, sagte der Alte mit hochherziger Wärme, ohne den strengen, mißbilligenden Blick zu bemerken, der in Jacopos Auge glühte. »Ein Senator ist auch nur ein Mensch, und unter ihnen gibt’s auch Väter und Kinder wie unter uns auf den Lagunen.«

»Sprich, nur hüte dich vor aufrührerischen und ungebührlichen Reden«, sagte einer der Sekretäre halblaut »Fahre fort!«

»Ich hab nur noch wenig zu sagen, Signori, ich bin es nicht gewohnt, mich meiner dem Staate geleisteten Dienste zu rühmen, Exzellenzen, doch kommen zuweilen Zeiten, wo menschliche Bescheidenheit der menschlichen Natur nachgeben muß. Diese Narben erhielt ich an einem der ruhmvollsten Tage von St. Markus, und zwar auf den vordersten Galeeren, die zwischen den griechischen Inseln fochten. Der Vater meines Knaben weinte damals über mich, wie ich jetzt über seinen Sohn. – Ja – ich sollt mich schämen, dies unter Männern zu gestehen, doch, da einmal Wahrheit gesprochen werden muß – der Verlust des Knaben hat bittere Tränen aus meinen Augen gelockt, wenn ich lag in dunkler Nacht auf den einsamen Lagunen. Ich lag viele Wochen, Signori, mehr einem Leichnam als einem Menschen ähnlich, und als ich wieder heimkehrte zu meinen Netzen und meinem Tagewerk, da hielt ich meinen Sohn nicht zurück, wie die Republik seiner begehrte. Er ging statt meiner, mit den Ungläubigen zu kämpfen – einen Kampf, von dem er nie wiederkehrte. Es war dies eine Pflicht für Männer, die schon Erfahrung hatten und die sich nicht mehr zum Bösen verführen ließen durch die schlechte Gesellschaft auf den Galeeren. Doch dieses Wegrufen der Kinder in die Schlingen des Satans bekümmert einen Vater, und – ich gestehe meine Schwachheit ein, wenn es eine ist – ich bin jetzt nicht mehr so mutig und stolz, mein Fleisch und Blut in die Gefahren und Verderbnisse des Krieges und schlechter Gesellschaft zu schicken, als damals, da die Kraft des Herzens der Kraft der Glieder gleich kam. Gebt mir denn zurück meinen Knaben, bis er mein altes Haupt ins Grab gelegt hat und bis ich ihm mit Hilfe des heiligen Antonius und solcher Ratschläge, als ein armer Mann geben kann, mehr Festigkeit zum Rechten beigebracht und sein Leben so gestaltet habe, daß ihn nicht jeder willkürliche, betrügerische Wind, der seine Barke trifft, hin und her werfe. Signori, Sie sind reich, mächtig und geehrt, und wenn Sie auch zuweilen in Versuchung geraten, ein Unrecht zu tun, das Ihren großen Namen und Vermögen angemessen, so kennen Sie doch wenig die Prüfungen, denen der Arme ausgesetzt ist. Was sind selbst alle Versuchungen des heiligen Antonius gegen die der übeln Gesellschaft auf den Galeeren! Und nun, Signori, wenn Sie auch zürnen sollten, es zu hören, so muß ich es doch sagen, daß – wenn ein alter Mann keinen Angehörigen mehr auf Erden hat als einen einzigen, armen Knaben – daß St. Markus wohltun würde, daran zu denken, daß ein armer Fischer von den Lagunen ebensogut Gefühl hat wie der Doge auf seinem Thron. Ich sage dies, erlauchte Senatoren, im Schmerz, nicht im Zorn, denn ich möchte mein Kind gern zurück haben und mit meinen Oberen in Frieden sterben wie mit meinesgleichen.«

»Du kannst jetzt gehen«, sagte einer der Drei.

»Noch nicht, Signore, ich hab noch mehr zu sagen von den Männern der Lagunen, die mit lauter Stimme über das Wegschleppen der Knaben zum Dienst der Galeeren sprechen.«

»Wir wollen ihre Gesinnung hören.«

»Edle Herren, wenn ich hier alles aussprechen sollte, was sie gesagt, Wort für Wort, so möchte das Ihren Ohren nicht angenehm klingen! Der Mensch ist Mensch, wenngleich sein Ave an die Jungfrau und seine Gebete an die Heiligen unter einer wollenen Jacke und Fischermütze hervorkommen. Allein, ich kenne meine Pflicht gegen den Senat zu gut, um so dreist zu sprechen. Signori, sie sagen, abgesehen der Dreistigkeit ihrer Rede, daß St. Markus Ohren haben sollte ebensogut für den Niedrigsten seines Volkes als für den reichsten Edlen und daß kein Haar eines Fischers von dessen Haupt fallen sollte, ohne ebensogut gezählt zu werden wie die Locken unter der gehörnten Mütze, und daß, wo Gott kein Zeichen seines Mißfallens gegeben hat, die Menschen es auch nicht zeigen sollten.«

»So wagen sie zu klügeln?«

»Ich weiß nicht, ob dies Klugheit ist, erlauchte Signori, doch ist es das, was sie sprechen, und heilige, aufrichtige Wahrheit. Wir sind arme Arbeitsleute von den Lagunen, die mit Tagesanbruch aufstehen, um ihre Netze auszuwerfen, und abends heimkehren zu ihrem harten Lager und noch schlechterer Kost, aber damit wollten wir gern zufrieden sein, wenn uns der Senat nur als Menschen und Christen betrachten wollte. Daß Gott nicht einem jeden dasselbe Schicksal bestimmte, weiß ich wohl, denn wie oft zieh ich mein Netz leer heraus, wenn meine Kameraden unter der Last ihres Fanges stöhnen, doch dies geschieht meiner Sünden wegen und um mein Herz zur Demut zu neigen. Dagegen übersteigt es jedes Menschen Macht, die Geheimnisse der Seelen zu erspähen oder die Übeltaten des noch unschuldigen Kindes vorherzusagen. Der heilige Antonius mag wissen, wie viele Leidensjahre dieser Aufenthalt auf den Galeeren dem Kinde am Ende noch verursachen wird. Überlegen Sie dies, Signori, ich bitte Sie, und senden Sie Leute von festen Grundsätzen in den Krieg.«

»Du kannst jetzt gehen«, sagte der Richter nochmals.

»Es sollte mir leid tun«, fuhr der vom Eifer hingerissene Antonio fort, »wenn irgend jemand, der von meinem Blute stammt, schuld sein sollte am bösen Willen zwischen denen, die da herrschen, und denen, die zum Gehorchen geboren sind. Allein, die Natur ist stärker als das Gesetz, und ich würde ihre Gefühle nicht ehren, wenn ich fortginge, ohne als Vater gesprochen zu haben. Sie haben mir mein Kind genommen und es auf die Gefahr seines Leibes und seiner Seele für den Dienst des Staates bestimmt, ohne mir nur einen Abschiedskuß, einen letzten Segen zu erlauben. Sie haben mein Fleisch und Blut behandelt wie das Holz des Arsenals und haben es auf die See gesandt gleich dem fühllosen Metall der Kugeln, die Sie gegen die Ungläubigen werfen; meinen Bitten haben Sie Ihre Ohren verschlossen, als wären es Worte von Gottlosen, und als ich Sie anrief auf meinen Knien und meine steifen Glieder huldigend ermüdete, als ich den mir durch St. Antonius zugekommenen Ring zurückgab, damit er Ihre Herzen erweichen möchte und ruhig mit Ihnen über Ihre Handlungen rechtete, wandten Sie sich kalt von mir, als wär ich unfähig zur Verteidigung des Kindes, das Gott meinem Alter gelassen hat! Das ist nicht die gerühmte Gerechtigkeit von St. Markus, Senatoren Venedigs, es ist Herzenshartigkeit und Verschwendung der Mittel der Armen, die selbst dem geldgierigsten Hebräer vom Rialto schlecht anstehen würde.«

»Hast du noch mehr vorzubringen, Antonio?« fragte der Richter mit der hinterlistigen Absicht, des Fischers ganze Seele aufzudecken.

»Ist es nicht genug, Signore, daß ich meiner Jahre, meiner Armut, meiner Narben und meiner Liebe für das Kind erwähnt habe? Ich kenne Sie nicht; doch wenn auch verborgen hinter Gewändern und Masken, immer müssen Sie doch Menschen sein. Vielleicht befindet sich unter Ihnen ein Vater oder wohl auch jemand, dem eine noch heiligere Pflicht obliegt, die Sorge für das Kind eines toten Sohnes, zu ihm will ich sprechen. Vergebens redet Ihr von Gerechtigkeit, wenn die Last Eurer Macht auf den fällt, der sie am wenigsten zu tragen vermag; und wenn Ihr Euch auch selber täuscht, der geringste Gondoliere des Kanals weiß …«

Sein Gefährte legte ihm hier plötzlich die Hand auf den Mund und hinderte so seine weitere Rede.

»Warum unterstehst du dich, den Klagen Antonios Einhalt zu tun?« fragte streng der Richter.

»Es ist nicht anständig, so unehrerbietige Reden in so edler Versammlung anzuhören«, antwortete Jacopo, sich ehrfurchtsvoll verneigend. »Dieser alte Fischer, gefürchtete Signori, ist erhitzt von Liebe für sein Kind, er spricht jetzt, was ihn in kühleren Augenblicken gereuen wird.«

»San Marco fürchtet die Wahrheit nicht! Hat er mehr zu sagen, so laß ihn sprechen.«

Doch der aufgeregte Antonio begann sich zu besinnen. Die Hitze, die sein Gesicht überflogen hatte, verschwand, und die nackte Brust hob sich ruhiger. Er stand da wie jemand, den Bescheidenheit und Anstand mehr verdammten als sein Gewissen, mit ruhigem Blick, mit der Gelassenheit, die seinen Jahren, und der Ehrfurcht, die seinem Stande geziemte.

»Hab ich beleidigt, erhabene Patrizier«, sagte er sanfter, »so bitt ich, vergessen Sie den Eifer eines unwissenden alten Mannes, dessen Gefühl den Anstand überwältigt und der weniger geschickt ist, die Wahrheit edeln Ohren angenehm zu machen, als sie auszusprechen.«

»Du magst jetzt gehen.«

Die Bewaffneten näherten sich und führten Antonio und seinen Gefährten auf erhaltenen Wink durch dieselbe Tür ab, durch die sie gekommen waren. Die anderen Beamten des Tribunals folgten, und die geheimen Richter blieben allein im Urteilszimmer.

Dreizehntes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Eine Pause der Überlegung und vielleicht der Ungewißheit, was hierbei zu tun wäre, erfolgte. Sodann erhoben sich die Drei zu gleicher Zeit und legten die Verkleidung ab. Es zeigten sich die ernsten Gesichter bejahrter Männer, deren Züge die Sorgen und Leidenschaften der Welt mit tiefen Furchen durchzogen hatten. Das eben abgetane Geschäft hatte neue und unangenehme Gefühle in allen erregt. Sie näherten sich jetzt dem Tische und suchten Erholung von dem lang erduldeten Zwange.

»Man hat Briefe vom König von Frankreich aufgefangen«, sagte einer, nachdem sie Zeit genug gehabt, ihre Gedanken zu sammeln. »Es scheint, sie handeln von den neuen Absichten des Kaisers.«

»Sind sie dem Gesandten wiedergegeben worden, oder sollen die Originale dem Senat vorgelegt werden?« fragte ein anderer.

»Darüber wollen wir uns zu gelegener Zeit beraten. Ich habe nun nichts weiter mitzuteilen, außer, daß der Befehl, den Botschafter des Heiligen Stuhls aufzufangen, seinen Zweck verfehlt hat.«

»Davon haben mich schon die Sekretäre benachrichtigt. Wir müssen die Nachlässigkeit unserer Agenten untersuchen! Denn man hat guten Grund zu glauben, daß uns dieser Fang manche nützliche Kenntnis gebracht hätte.«

»Da der Versuch schon bekannt ist und viel darüber gesprochen wurde, so müssen Befehle zur Festnahme der Räuber ergehen, damit die Republik ihren guten Ruf nicht verliert bei ihren Freunden. Es sind Namen auf unseren Listen, die sich zur Bestrafung eignen, wie es denn in dieser Hinsicht bei uns nie an Proskribierten fehlt, mit denen man Vorfälle dieser Art verwischen kann.«

»Die Sache ist ohne Zweifel von Bedeutung, und es muß mit gutem Bedacht dabei verfahren werden.«

»Das Verfahren des habsburgischen Hauses raubt mir allen Schlaf!« rief der andere aus, die Papiere mißmutig beiseite werfend, in die er eben einen flüchtigen Blick geworfen hatte. »Heiliger Theodor! Welche Geißel des Menschengeschlechts ist die Begierde, seine Besitzungen zu vermehren und ein ungerechtes Regiment über die Grenzen der Vernunft und Natur auszudehnen! Wir waren hier in Venedig jahrhundertelang im unbestrittenen Besitz von Provinzen, die unseren Einrichtungen angemessen, unseren Bedürfnissen gelegen und unseren Wünschen genehm sind. Und diese Provinzen, die die Tapferkeit unserer Vorfahren erobert, sind jetzt dennoch der Gegenstand des begehrlichen Ehrgeizes unserer Nachbarn geworden, und zwar aus dem eiteln Vorwande einer Politik, die, wie ich fürchte, durch unsere eigene wachsende Schwäche an Stärke zunimmt. Zeichnet sich der Österreicher mit seiner Machtbegier nicht vor allen anderen Fürsten aus?«

»Wohl nicht mehr als der Kastilier, edler Signore. Sie übersehen die unersättliche Begierde des Königs von Spanien, seine Herrschaft über Italien auszubreiten.«

»Habsburger oder Bourbone, Türke oder Engländer, alle scheint derselbe Durst nach Gewalt zu beseelen; jetzt, wo Venedig nichts mehr zu hoffen hat als die Erhaltung seiner gegenwärtigen Vorteile, wird das geringste unseres Eigentums zum Gegenstand begehrlichen Neides für unsere Feinde.«

»Es ist wahr, diese Begierde der Fremden, unseren Privilegien zu nahe zu treten – und wohl kann man sagen, Privilegien, die wir mit unseren Schätzen und unserm Blut gewonnen –, wird täglich sichtlicher. Wird diesem Unwesen nicht gesteuert, so behält St. Markus zuletzt nicht einmal einen Landungsplatz für eine Gondel auf dem Festlande.«

»Der Sprung des Löwen ist sehr abgekürzt, Exzellenz, sonst wär es nicht so! Es steht nicht länger in unserer Macht, zu überreden oder zu gebieten wie ehemals; und unsere Kanäle fangen an sich mit Schneckenkraut, anstatt mit wohlbeladenen Silberschiffen und schnellsegelnden Feluken zu bedecken.«

»Der Portugiese hat uns unersetzlichen Schaden zugefügt, denn ohne seine afrikanischen Entdeckungen wär uns der Handel mit indischen Produkten geblieben. Ich hasse dies Geschlecht von ganzem Herzen. – Was gibt’s, Signore Gradenigo, so in Gedanken?«

Das dritte Mitglied des geheimen Rates, das seit dem Verschwinden des Angeklagten noch kein Wort gesprochen hatte, erhob sich bei dieser Anrede langsam aus seiner nachdenkenden Stellung.

»Das Verhör dieses Fischers hat Bilder aus meiner Kindheit in meinem Gedächtnis hervorgerufen«, antwortete der Gefragte mit einer Natürlichkeit, die selten in diesem Zimmer war.

»Ich hörte dich sagen, er sei dein Milchbruder«, erwiderte der andere, sich bemühend, das Gähnen zu verbergen.

»Dieselbe Milch nährte und dieselben Spiele erfreuten uns in den ersten Lebensjahren.«

»Diese eingebildeten Verwandtschaften beunruhigen uns oft sehr. Ich freue mich, daß Euer Mißmut keinen anderen Grund hat, denn, wie ich hörte, so hat der junge Erbe Eures Hauses einige Neigung zur Verschwendung blicken lassen, und ich fürchtete, daß Dinge Eure Ohren erreicht hätten, die einem Vater, der im Rat sitzt, nicht angenehm zu hören wären.«

Signore Gradenigo blickte neugierig und mißtrauisch in die Augen seiner beiden Gefährten, begierig, ihre geheimen Gedanken zu ergründen, ehe er seine eigenen aussprach.

»Gibt es irgendeine Klage gegen den Jüngling?« fragte er zögernd. »Sie begreifen eines Vaters Interesse und werden mir die Wahrheit nicht verhehlen.«

»Sie wissen, Signore, daß die Agenten der Polizei tätig sind und daß sie nur wenig erfahren, was nicht die Ohren des Rates erreicht. Doch im schlimmsten Fall geht die Sache nicht auf Leben oder Tod. Es kann den jungen Mann höchstens einen Besuch nach Dalmatien oder einen Sommeraufenthalt am Fuß der Alpen kosten.«

»Die Jugend ist die Zeit der Unvernunft, wie Sie wissen, Signori«, erwiderte der Vater, leichter atmend, »und da niemand alt wird, ohne vorher jung gewesen zu sein, so habe ich wohl nicht nötig, Ihre eigene Erinnerung an jugendliche Schwachheiten zu wecken. Ich will doch hoffen, daß mein Sohn unfähig ist, etwas gegen die Republik zu unternehmen?«

»In dieser Hinsicht wird er nicht beargwöhnt.« Ein leichter Schatten von Ironie flog bei diesen Worten über das Antlitz des alten Senators. »Aber er soll sich zu dreist um die Person und den Reichtum Euers Mündels bewerben, und daß dies, da sie unter besonderer Aufsicht von St. Markus steht, nicht ohne Bewilligung des Senats geschehen kann, muß ja einem seiner ältesten und ehrwürdigsten Mitglieder wohl bekannt sein.«

»So ist das Gesetz, und niemand, der von mir abstammt, soll ihm seine Achtung versagen. Ich habe meine Ansprüche an diese Verbindung mit Bescheidenheit, aber offen ausgesprochen und erwarte mit achtungsvollem Vertrauen die Entscheidung des Staates.«

Seine Kollegen neigten sich höflich, der Wahrheit seiner Rede und der Aufrichtigkeit seines Benehmens beistimmend; indes geschah es auf eine Weise, die zeigte, daß an Hinterlist gewöhnte Männer wie sie nicht leicht zu täuschen sind.

»Niemand zweifelt daran, würdiger Signore Gradenigo. Hast du hinsichtlich der jungen Erbin etwas mitzuteilen?«

»Mit Kummer muß ich sagen, daß die Verbindlichkeit, die sie gegen Don Camillo Monforte hat, auf ihr Gemüt einen tiefen Eindruck gemacht hat, und ich fürchte, daß der Senat in dieser Hinsicht mit dem Eigensinn eines Weibes zu kämpfen haben wird. Die Launen ihres Alters werden ihm mehr zu schaffen machen als die Leitung wichtigerer Gegenstände.«

»Ist die Dame in ihrem gewöhnlichen Leben mit angemessener Gesellschaft umgeben?«

»Der Senat kennt ihre Umgebungen. In so wichtigen Sachen werde ich ohne dessen Autorität und Zustimmung nichts tun, doch ist dabei mit großer Delikatesse zu verfahren. Der Umstand, daß so viele Güter meines Mündels im Kirchenstaat liegen, macht es nötig, den schicklichen Zeitpunkt zur Verfügung über ihre Rechte abzuwarten und den Bestand davon in die Grenzen der Republik zu versetzen, ehe wir etwas entscheiden. Haben wir ihr Vermögen erst sicher, so mag ohne Verzug über ihr Schicksal entschieden werden, wie es für den Staat am vorteilhaftesten scheint.«

»Die Dame ist von einem Range, besitzt Reichtümer und persönliche Vorzüge, die bei unseren bedenklichen Verhandlungen, die uns seit kurzem so sehr hemmen, von großem Einfluß sein könnten. Es gab Zeiten, wo sich ein Souverän um die Hand einer Tochter Venedigs bewarb, die nicht schöner war als diese.«

»Diese großen, glänzenden Tage sind nicht mehr, Signore. Sollte es für zweckmäßig erachtet werden, die natürlichen Ansprüche meines Sohnes unberücksichtigt zu lassen und mein Mündel zum Besten der Republik zu vermählen, so kann durch das Mittel doch höchstens nur eine günstige Einwilligung bei künftigen Verhandlungen oder eine neue Stütze für eine der vielen zerrütteten Interessen der Stadt verlangt werden. In dieser Hinsicht könnte sie freilich viel nützen. Damit sie aber frei schalten könne und ihrem Glücke nichts im Wege stehe, wird es nötig sein, den Ansprüchen Don Camillos ein Ende zu machen. Können wir dies besser bewerkstelligen als durch eine schleunige Ausgleichung, um ihn zur Rückkehr nach Kalabrien zu vermögen?«

»Die Sache ist von Wichtigkeit und bedarf der Überlegung.«

»Er klagt ohnehin über unser Zögern, und nicht ganz mit Unrecht. Seit fünf Jahren bereits sind seine Ansprüche vorgebracht.«

»Von diesem Herrn von Sant‘ Agata müssen Gegenbedingungen gemacht werden, sonst setzen wir unseren Vorteil gar zu sehr aus den Augen.«

»Ich erwähnte der Sache vor Ew. Exzellenzen, damit Dero Weisheit darüber entscheide. Mich dünkt, es wäre schon etwas gewonnen, wenn man einen so gefährlichen Gegenstand aus den Augen und dem Gedächtnis eines liebekranken Mädchens entfernte.« »Ist die Jungfrau so verliebt?«

»Sie ist aus Italien, und unsere Sonne erzeugt eine feurige Phantasie.«

»Schickt sie zum Beichtstuhl und zum Gebet! Der ehrwürdige Prior von St. Markus wird ihre Phantasie disziplinieren, bis sie den Neapolitaner für einen Mohren und einen Ungläubigen hält. Signori«, fuhr er dann fort, in einem Stoß Papier kramend, »wir müssen die Sache des Fischers vornehmen – doch wollen wir zuvor den Siegelring genauer untersuchen, den man vergangene Nacht in den Löwenrachen geworfen hat. Signore Gradenigo, Sie waren beauftragt, ihn zu untersuchen.«

»Meine Pflicht ward erfüllt, edle Signori, und mit einem Erfolg, den ich nicht erwartete. Die Eilfertigkeit unserer letzten Sitzung verhinderte das Durchlesen des Papiers, an dem er befestigt war, aber jetzt ist zu sehen, daß beide zusammengehören. Hier ist eine Anklage, die Don Camillo Monforte der Absicht beschuldigt, Donno Violetta, mein Mündel, aus dem Bereiche des Senats bringen zu wollen, um sich ihrer Person und ihrer Reichtümer zu versichern. Die Anklage spricht von Beweisen, die sich im Besitz des Anklägers, eines von dem Neapolitaner beauftragten Agenten, befänden. Wie ich vermute, sendet er als Pfand seiner Glaubwürdigkeit, denn nichts anderes wird dabei erwähnt, das eigne Handsiegel Don Camillos, das er nicht erhalten konnte, wenn er nicht des edeln Herrn Vertrauen besäße.«

»Ist der Ring auch ganz bestimmt der seinige?«

»Davon bin ich vollkommen überzeugt. Sie wissen, daß ich besonders beauftragt bin, sein persönliches Begehren beim Senat zu leiten, und so haben mir denn häufige Unterredungen Gelegenheit gegeben, zu bemerken, daß er früher den Siegelring trug, der ihm jetzt fehlt. Mein Juwelier auf dem Rialto hat diesen für den vermißten Ring erkannt.«

»Insoweit ist die Sache klar, obgleich der eigentümliche Umstand, daß sich der Siegelring des Angeklagten bei der Anklage vorgefunden, etwas dunkel scheint und die Klage unsicher und ungewiß macht. Haben Sie einen Schlüssel zu der Schrift oder Mittel, zu erfahren, woher sie kommt?«

Ein kleiner, fast unbemerkbarer roter Fleck auf der Wange Signore Gradenigos entging dem scharfen Mißtrauen seiner Gefährten nicht, indes verbarg er seine Verlegenheit und antwortete vernehmlich, daß er nichts dergleichen besitze.

»So müssen wir denn die Entscheidung bis auf weitere Beweise verschieben. Die Gerechtigkeitspflege des heiligen Markus ist zu sehr hervorgehoben, als daß man ihren Ruf durch einen übereilten Ausspruch bei einer Sache, die einen mächtigen italienischen Edeln so nahe angeht, aufs Spiel setzen sollte. Denn Camillo Monforte trägt einen ausgezeichneten Namen und zählt zuviel bedeutende Personen unter seinen Verwandten, als daß man mit ihm wie mit einem Gondoliere oder mit dem Boten eines fremden Staates umspringen könnte.«

»In bezug auf ihn haben Sie unbezweifelt recht, Signore, werden wir aber durch zu große Delikatesse unsere Erbin nicht in Gefahr bringen?«

»Es gibt ja viele Klöster in Venedig, Signore.«

»Ein klösterlich Leben eignet sich wenig für mein Mündel«, bemerkte Signore Gradenigo trocken, »und ich fürchte das Experiment, Gold ist der Schlüssel zur festesten Zelle, übrigens können wir ein Kind des Staates auch nicht ohne einen Schein von Anstand unter Gewahrsam bringen.«

»Signore Gradenigo, wir haben über diesen Gegenstand schon lange und ernste Beratungen gepflogen, und da dies unsere Gesetze zulassen, wenn einer aus unserer Zahl ein augenscheinliches Interesse bei der Sache hat, so haben wir uns mit Sr. Hoheit beraten, die auch mit unserer Meinung einverstanden sind. Ihr persönliches Interesse hinsichts der Dame könne Ihr in der Regel vortreffliches Urteil verdunkelt haben, sonst, glauben Sie sicherlich, hätten wir Sie zu unserer Konferenz gezogen.«

Der alte Senator, der sich so unerwartet von der Beratung einer Sache ausgeschlossen sah, die ihm vor allen anderen seine temporäre Autorität wert machte, stand beschämt und schweigend – seine Kollegen indes, den Wunsch, mehr zu erfahren, in seinem Gesicht lesend, fuhren fort, ihm mitzuteilen, was er nach ihrer Absicht hören sollte.

»Es ist beschlossen worden, die Dame nach einem anständigen, einsamen Ort zu bringen, und für die Mittel zu diesem Zwecke hat man bereits Sorge getragen. So wirst du auf eine Zeitlang eine unangenehme Verpflichtung los, die nur zu sehr deinen Geist eingenommen und deine so schätzbare Brauchbarkeit für die Republik bei andern Dingen verringert haben muß.»

Diese unerwartete Mitteilung geschah mit ausgezeichneter Höflichkeit, aber auch mit einem Nachdruck und einem Ton, der Signore Gradenigo hinlänglich mit der Natur des gegen ihn gefaßten Argwohns bekannt machte. Daher lehrte er seine Züge ein ebenso verräterisches Lächeln wie das seiner listigen Gefährten und antwortete mit scheinbarer Dankbarkeit: »Se. Hoheit und Sie, meine vortrefflichen Kollegen, haben Ihre wohlwollenden Wünsche und Ihr gutes Herz zu Rate gezogen. Die Behandlung eines eigensinnigen Weiberherzens ist kein leichtes Geschäft, und indem ich für die gütige Berücksichtigung meiner Bequemlichkeit danke, werden Sie zugleich erlauben, meine Bereitwilligkeit auszudrücken, die Verpflichtung wieder zu übernehmen, wenn es dem Staate gefallen sollte, sie mir wieder zu übergeben.«

»Davon kann niemand mehr überzeugt sein als wir und niemand Ihre Fähigkeit, sich der Verpflichtung treu zu entledigen, besser beurteilen. Doch Sie werden darin mit uns übereinstimmen, daß es sowohl der Republik als auch einem ihrer ruhmwürdigsten Bürger nicht angemessen ist, ein Mündel der Republik in einer Stellung zu lassen, die einen Bürger unverdientem Tadel aussetzt. Glauben Sie mir, wir haben bei dieser Sache weniger an Venedig als an die Ehre und das Interesse des Hauses Gradenigo gedacht; denn sollte dieser Neapolitaner unsere Absichten vereiteln, so würde man Ihnen den größeren Teil der Schuld davon aufbürden.«

»Tausend Dank, vortrefflicher Signore«, erwiderte der abgesetzte Vormund. »Sie haben mir eine schwere Last vom Herzen genommen und mir etwas von der Frische der Jugend wiedergegeben. Die Ansprüche Don Camillos sind nun nicht länger drängend, da es Ihr Wille ist, die Dame auf einige Zeit aus der Stadt zu entfernen.«

»Besser wär’s, ihn noch in Ungewißheit zu lassen, wenn auch nur, um ihn zu beschäftigen. Setzen Sie Ihre Verbindung mit ihm fort, und berauben Sie ihn nicht aller Hoffnung, sie ist ein Belebungsmittel für ein durch Erfahrung noch nicht ertötetes Gemüt. Wir wollen es einem der Unsern nicht verhehlen, daß wir bald am Schluß einer Unterhandlung sind, die den Staat der Sorge für die Dame überheben und der Republik zum Vorteil gereichen wird. Ihre Güter, die außer unsern Grenzen liegen, erleichtern die Sache sehr, deren Kenntnis Ihnen nur vorenthalten worden ist, weil wir Sie seit kurzem zu sehr mit Geschäften überhäuft haben.«

Wieder verneigte sich Signore Gradenigo untertänig und mit scheinbarer Freude. Er sah, daß man trotz seiner geübten Hinterlist und scheinbaren Offenheit seine geheimen Absichten recht gut erkannt habe, und er unterwarf sich nun mit verzweiflungsvoller Resignation. Nach Beendigung dieses delikaten Geschäfts, das die höchstmögliche Freiheit venezianischer Politik erforderte, da es mit dem Interesse eines Mannes verflochten war, der jetzt eben zu demselben Gerichte gehörte, wandten die drei ihre Aufmerksamkeit auf andere Dinge, mit allem Anscheine von Gleichgültigkeit gegen persönliches Gefühl, den sich Männer auf den krummen Pfaden der Staatspolitik aneignen.

»Da unsere Meinungen in Hinsicht der Donna Violetta so glücklich übereinstimmen«, bemerkte der älteste Senator, »so lassen Sie uns die Liste unserer täglichen Pflichten durchmustern – was bringt uns heute abend der Löwenrachen?«

»Einige der gewöhnlichen und unbedeutenden Anklagen, die persönlicher Haß erzeugt«, erwiderte ein anderer. »Da beschuldigt jemand seinen Nachbarn der Hintansetzung religiöser Pflichten und der Nichtbeachtung der Fasttage der heiligen Kirche – törichte Verleumdungen, gut für die Ohren eines Priesters.«

»Sonst nichts?«

»Eine andere Klage beschuldigt einen Ehemann der Vernachlässigung. Es ist Weibergekritzel und trägt deutlich den Stempel weiblicher Rachsucht an der Stirn.«

»Die bald zu erwecken und ebenso bald zu besänftigen ist. Mag das Gerede der Nachbarn Ruhe bringen in den Hausstand. – Was folgt zunächst?«

»Ein Kläger bei dem Gerichtshofe klagt über die Saumseligkeit der Richter.«

»Das tastet den Ruf von St. Markus an und muß untersucht werden.«

»Halt« unterbrach Signore Gradenigo. »Das Tribunal handelt mit gutem Bedacht – es betrifft einen Hebräer, der um wichtige Geheimnisse weiß. Die Sache verdient Überlegung, ich versichere Euch.«

»Vernichtet die Klage. – Gibt’s noch mehr?«

»Nichts Bedeutendes. Die gewöhnliche Anzahl Witzeleien und scherzhafter Knittelverse, die nichts bezwecken.«

»Das ist der Übermut der Sicherheit. Mag’s immerhin durchgehn, denn alles, was zum Zeitvertreib dient, unterdrückt unruhige Gesinnungen. Wollen wir nun zu Sr. Hoheit, Signori?«

»Sie vergessen den Fischer«, bemerkte ernsthaft Signore Gradenigo.

»Da haben Ew. Gnaden recht. Was das für ein Geschäftskopf ist. Nichts Nützliches entgeht seinem stets regen Geist.«

Der alte Senator, wenngleich zu erfahren, um sich durch diese Sprache bestechen zu lassen, sah die Notwendigkeit ein, geschmeichelt zu scheinen. Wieder verneigte er sich und protestierte laut und wiederholt gegen Komplimente, die er so wenig verdiene. Als dies kleine Zwischenspiel vorüber war, beschäftigten sie sich angelegentlich mit der vorliegenden Sache.

Da die Entscheidung des Gerichts der Drei im Laufe dieser Geschichte bekannt werden wird, so wollen wir nicht weiter fortfahren, ihre bei diesen Beratungen gehaltenen Gespräche einzeln zu berichten. Die Sitzung währte lange, so lange, daß, als sie sich nach Beendigung ihres Geschäftes erhoben, die schwere Glocke des Platzes die Stunde der Mitternacht schlug.

»Der Doge wird ungeduldig sein«, sagte eines der namenlosen Mitglieder vor dem Weggehen. »Mir schien Se. Hoheit heute mehr ermüdet und schwächer, als sie sonst bei ähnlichen Stadtfestlichkeiten gewesen ist.«

»Se. Hoheit hören auf, jung zu sein, Signori. Wenn mir recht ist, so ist er uns allen an Jahren weit überlegen.«

»In Wahrheit, es zeigen sich Spuren von Hinfälligkeit in seinem System. Es ist ein ehrenwerter Fürst, und wir verlieren einen Vater an ihm, wenn wir seinen Verlust beweinen werden.«

»Sehr wahr, Signore; die gehörnte Mütze ist kein undurchdringliches Schild für die Pfeile des Todes.«

»Du bist heute abend verdrießlich, Signore Gradenigo, sonst pflegst du unter Freunden nicht so still zu sein.«

»Nichtsdestoweniger bin ich dankbar für Eure Güte. Scheint mein Antlitz beschwert, so hab ich ein erleichtert Herz. Wer seine Tochter so glücklich verheiratet weiß wie du, kann beurteilen, von welcher Last ich mich befreit fühle durch die Anordnung über mein Mündel. Die Freude äußert sich oft wie der Schmerz, ja oft sogar durch Tränen.«

Die beiden Gefährten blickten den Redenden mit scheinbarer Teilnahme an. Dann verließen sie das Zimmer des Gerichts. Die Diener kamen herein, verlöschten die Lichter und ließen alles in einer Dunkelheit, die kein schlechtes Bild der düsteren Mysterien des Ortes war.

Vierzehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Trotz der späten nächtlichen Stunde ließen sich noch häufig die Töne der Musik auf dem Wasser hören. Noch immer glitten Gondeln durch die dunkeln Kanäle, während Lachen und Gesang unter den Bogen der Paläste erschallten. Die Piazza und Piazetta glänzten noch vom Scheine der Lichter und hallten wider von der Fröhlichkeit der unermüdlichen Volksmenge.

Donna Violettas Wohnung lag fern von dem Schauplatz allgemeiner Fröhlichkeit, und dennoch erreichten die von fern hertönenden Klänge der Instrumente, gedämpft und zitternd, die Ohren der Bewohner.

Die Stellung des Mondes verschattete den engen Kanal, der unter den Fenstern ihrer Wohnzimmer vorüberfloß. Auf einem über das Wasser hängenden Balkon stand das junge Mädchen und hörte bezaubert auf eine der sanften Melodien, in der sich venezianische Stimmen gegenseitig in Gondolieregesängen antworteten. Ihre beständige Gefährtin und Erzieherin war ihr zur Seite, der geistliche Vater beider stand weiter im Hintergrunde des Zimmers.

»Wohl mag es anmutigere Städte, lebhaftere Residenzen geben auf dem festen Lande«, sagte die entzückte, sich aus ihrer lauschenden Stellung aufrichtende Violetta, nachdem die Stimmen schwiegen, »allein, welche Stadt mag sich vergleichen mit Venedig, in solcher Nacht und solcher zauberischen Stunde?«

»Die Vorsehung ist weniger parteiisch gewesen in Austeilung ihrer irdischen Güter, als es dem gewöhnlichen Auge scheint«, erwiderte der Karmeliter. »Wenn wir unsere eigentümlichen Augenblicke himmlischer Andacht besitzen, so haben andere Städte wieder ihre besondern Vorzüge. Genua und Pisa, Florenz, Rom und hauptsächlich Neapel –«

»Neapel, Vater!«

»Ja, Tochter, Neapel. Unter allen Städten des sonnigen Italiens ist dies die schönste und von der Natur am reichsten begabte. Von allen Regionen, die ich während meines Wander- und Büßerlebens besucht, ist dies das Land, wo sich des Schöpfers Hand am göttlichsten gezeigt hat.«

»Wahrlich! Das Land muß schön sein, das eines Karmelitermönchs Einbildungskraft so erwärmen kann.«

»Der Vorwurf ist gerecht. Ich sprach mehr unter dem Einfluß von Erinnerungen vergangener Tage des Müßiggangs und des Leichtsinns als mit dem demütigen Sinn, der die Hand des Schöpfers auch im einfachsten und geringsten seiner wunderbaren Werke erkennen sollte.«

»Sie machen sich ohne Ursache Vorwürfe, Vater«, bemerkte die sanfte Florinde, ihre Blicke auf das Antlitz des Mönchs richtend, »die Schönheiten der Natur bewundern, heißt den anbeten, der sie erschuf.«

In diesem Augenblick erhoben sich melodische Töne vom Wasser zu dem Balkon hinauf. Donna Violetta zog sich beschämt zurück und errötete bis an die Stirn.

»Ein Musikchor zieht vorüber«, bemerkte ruhig Donna Florinde.

»Nein, es ist ein Kavalier! Die Gondelführer sind Diener, in seiner Farbe gekleidet.«

»Dies ist ebenso kühn, wie es galant sein mag«, erwiderte der Mönch, der Musik mit sichtlichem Mißvergnügen zuhörend.

Es ließ sich nicht länger bezweifeln, es war eine Serenade. Obgleich in Venedig eine häufige Sitte, so war es doch das erste Mal, daß eine solche Huldigung unter den Fenstern der Donna Violetta erfolgte. Die gesuchte Zurückgezogenheit, in der sie lebte, ihre bekannte Bestimmung, die Eifersucht des Staates und vielleicht auch die Achtung, die ein so junges Mädchen ihres hohen Standes einflößt, hatten wohl bis jetzt den Verlangenden, den Eiteln und den Eigennützigen zurückgehalten.

»Es gilt mir«, flüsterte die verwirrte, entzückte Violetta.

»Einer von uns«, antwortete ihre vorsichtige Freundin.

»Gelte es, welcher es wolle, es ist sehr dreist«, fügte der Mönch hinzu.

»Welcher Geschmack in dieser Musik«, flüsterte sie, aus Furcht, ihrem Ohr einen Ton zu entziehen. »Es ist die Melodie von einer von Petrarcas Sonetten. Wie unbesonnen und doch wie edel!«

»Mehr edel als weise«, sagte Donna Florinde, indem sie auf den Balkon trat und mit scharfen Blicken das Wasser unten durchmusterte. »Da sind Musikanten in der Farbe eines Adeligen in einer Gondel«, fuhr sie fort, »und ein einzelner Kavalier in einer andern.«

»Hat er keinen Diener bei sich? Rudert er selbst?«

»In Wahrheit, den Anstand übersah er nicht; einer in geblümter Jacke führt das Boot.«

»Sprich denn, teuerste Florinde, ich bitte dich.«

»Würde sich das schicken?«

»Ich denke ja. Sprich nicht hart zu ihnen. Sage, daß ich dem Senate angehöre. Daß es nicht anständig sei, um eine Tochter des Staates so zu werben – sag, was du willst, nur sprich nicht hart zu ihnen.«

»Ha! Es ist Don Camillo Monforte! Ich erkenne ihn an seiner Gestalt und dem höflichen Winken seiner Hand.«

»Diese Tollkühnheit richtet ihn zugrunde! Seine Ansprüche werden zurückgewiesen – er verbannt. Ist nicht bald die Zeit, daß die Polizeigondel vorbeikommt? Rate ihm zum Fortgehen, gute Florinde – und dennoch, können wir gegen einen Signore seines Ranges so unhöflich sein?«

»Vater, raten Sie uns, Sie wissen, was er wagt, der Neapolitaner, mit seiner unbesonnenen Galanterie – hilf uns, mit deiner Weisheit, nicht ein Augenblick ist zu verlieren.«

Der Karmeliter hatte aufmerksam und nachsichtig die Bewegung beobachtet, die eine so neue Empfindung in dem warmen, unerfahrenen Herzen der schönen Venezianerin erregte. Bedauern, Kummer und Mitgefühl malten sich in seinem blassen Antlitz, als er bemerkte, wie sich das Gefühl eines so schuldlosen und warmen Herzens bemeisterte; doch war sein Blick eher der eines Mannes, der die Gefahr der Leidenschaften kannte, als daß er sie, ohne ihren Ursprung und ihre Macht zu berücksichtigen, verdammte. Als die Gouvernante die Bitte getan hatte, verließ er schweigend das Zimmer. Donna Florinde trat vom Balkon und näherte sich ihrem Zögling. Keine Erklärung, keine hörbare noch sichtbare Mitteilung erfolgte, Violetta warf sich in die Arme ihrer erfahreneren Freundin. Jetzt hörte die Musik plötzlich auf, und ein bloßes Plätschern der Ruder ließ sich hören.

»Er ist fort!« rief die Gefeierte der Serenade. »Die Gondeln schwimmen davon, und wir haben nicht einmal den gewöhnlichen Dank abgestattet für ihre Artigkeit.«

»Es bedarf dessen nicht – oder vielmehr, er würde die Gefahr, die so schon groß genug ist, nur vermehrt haben. Gedenke deiner hohen Bestimmung, mein Kind, und laß sie ziehn.«

»Und dennoch, mein ich, sollte es ein Mädchen meines Ranges an Höflichkeit nicht fehlen lassen. Vielleicht meint das Kompliment nichts als die gewöhnliche Sitte, und wir hätten sie ohne Dank nicht fortlassen sollen.«

»Bleib drinnen, Kind. Ich will auf die Bewegung der Boote aufpassen.«

Schnell war die Gouvernante auf dem Balkon. Aber wie eilig sie auch war, die Dunkelheit unten zu durchspähen, so erfolgte noch eiliger die schnelle Frage, was sie sähe.

»Beide Gondeln sind fort«, war die Antwort. »Die mit den Musikanten tritt schon in den Canale Grande, doch die des Kavaliers ist unbegreiflicherweise ganz verschwunden.«

»Nein, nein, sieh nur wieder zu, so schnell kann er uns nicht verlassen.«

»Ich habe nicht die rechte Richtung beachtet. Dort ist seine Gondel, nahe der Brücke unseres Kanals.«

»Und der Kavalier? Er wartet auf irgendein Zeichen der Höflichkeit, es ziemt nicht, ihm dies vorzuenthalten.«

»Ich sehe ihn nicht. Sein Diener sitzt auf den Landungsstufen, die Gondel selbst scheint leer. Der Mann sieht aus, als warte er, doch seinen Herrn seh ich nirgends.«

»Heilige Jungfrau! Sollte dem tapfern Herzog von Sant‘ Agata etwas zugestoßen sein?«

»Nichts als das Glück, hier zu Ihren Füßen zu liegen«, rief eine Stimme nahe der Erbin. Donna Violetta wandte ihren Blick vom Balkon und erblickte denjenigen, der ihre ganze Seele erfüllte, zu ihren Füßen.

Der Aufschrei des Mädchens und ihrer Freundin und die schnelle, eifrige Bewegung des Mönchs brachten bald die ganze Gruppe zusammen.

»Das darf nicht sein«, sagte letzterer im Tone des Vorwurfs. »Stehen Sie auf, Don Camillo, oder ich muß es bereuen, Ihren Bitten Gehör gegeben zu haben. Sie überschreiten unsere Bedingungen.«

»So sehr wie dieses Gefühl meine Hoffnung übertrifft«, erwiderte der Edelmann. »Vergebens widerstrebt man der Vorsehung, Vater! Die Vorsehung machte mich zum Retter dieses lieblichen Geschöpfes, als sie der Zufall in die Giudecca warf, und wiederum ist mir die Vorsehung so günstig, mich zum Zeugen ihres Gefühls zu machen. Sprich, schöne Violetta, du willst nicht ein Werkzeug des Eigennutzes des Senats werden – du willst nicht hören auf seine Wünsche, deine Hand einem Habsüchtigen zu geben, der mit dem heiligsten aller Schwüre seinen Spott treiben möchte, nur um deine Reichtümer zu besitzen.«

»Wem hat man mich bestimmt?« fragte Violetta.

»Was liegt daran, daß du es nicht für mich bist. Irgendein Glücksjäger, irgendein Unwürdiger, der die Gaben des Schicksals mißbraucht.«

»Du kennst die Sitten Venedigs, Camillo, und mußt wissen, daß ich ohne Hoffnung in ihren Händen bin.«

»Stehen Sie auf, Herzog von Sant‘ Agata«, sagte der Mönch befehlend, »als ich Ihnen erlaubte, diesen Platz zu betreten, geschah es nur, um den anstößigen Auftritt von den Toren zu entfernen und Sie selbst zu retten vor der übereilten Nichtachtung des Mißfallens des Staates. Vergebens ist es, Hoffnung zu nähren, die den Absichten der Republik entgegen sind. Stehen Sie denn auf und achten Sie Ihr Versprechen.«

»Das wird von der Entscheidung dieser Dame abhängen. Machen Sie mir Mut mit einem zustimmenden Blick, schönste Violetta, und nicht Venedig mit seinem Dogen und seiner Inquisition soll mich einen Zoll breit von Ihren Füßen entfernen.«

»Camillo«, antwortete das zitternde Mädchen, »du, der Retter meines Lebens, bedarfst des Kniens nicht!«

»Herzog von Sant‘ Agata – meine Tochter!«

»Achte nicht auf ihn, großmütige Violetta – seine Rede ist nicht die der Natur – er spricht wie alle seines Alters. Er ist ein Karmeliter und muß so weise scheinen. Die Übermacht der Leidenschaft ist ihm stets fremd geblieben. Die Kälte seiner Zelle erstarrte die Wärme seines Herzens. Wäre er menschlich, er hätte geliebt, hätte er geliebt, nie trüg er die Kapuze.«

Vater Anselmo trat einen Schritt zurück, als fühlte er sein Gewissen getroffen, und die Blässe seiner abgehärmten Züge wurde leichenfahl, seine Lippen bewegten sich, als wollte er sprechen, doch die Stimme erstickte wie unter schwerem Druck. Die gutmütige Florinde sah seinen Schmerz und versuchte die Vermittlerin zwischen dem ungestümen jungen Mann und ihrem Zöglinge zu sein.

»Wohl kann es sein, wie Sie sagen, Signore Monforte«, sagte sie, »daß der Senat aus väterlicher Sorgfalt einen Gatten sucht, würdig der Erbin eines so berühmten und reichen Hauses als das von Tiepolo. Was ist dabei aber so Ungewöhnliches? Suchen nicht alle Edeln Italiens eine ihrem Stande und ihren Glücksgütern angemessene Partie? Wie können wir wissen, ob die Güter meiner jungen Freundin mindern Wert haben in den Augen des Duca von Sant‘ Agata als in den Augen des, den der Senat zu ihrem Gemahl erwählt?«

»Könnte dies sein!« rief Violetta aus.

»Glaub es nicht; meine Reise nach Venedig ist kein Geheimnis. Ich suche die Zurückgabe von Ländereien und Häusern, die man meiner Familie lange vorenthalten hat, in Verbindung mit Senatswürden, die mir von Rechts wegen zukommen. Freudig geb ich alles auf für deine Liebe.«

»Hörst du es, Florinde? Nein, Don Camillo darf man nicht mißtrauen.«

»Was ist doch der Senat und alle Macht des St. Markus, daß sie unser Leben elend machen sollten? Sei mein, geliebte Violetta! Und in meinem festen Schlosse in Kalabrien wollen wir ihrer Rache und ihrer Politik trotzen. Ihre getäuschte Hoffnung soll Stoff zum Scherz für meine Vasallen liefern, und unser Glück soll das Glück von Tausenden machen. Ich heuchle weder Nichtachtung der Ratswürde noch Gleichgültigkeit für das, was ich verliere, doch für mich hast du bei weitem mehr Wert als die gehörnte Mütze selbst mit all ihrem eingebildeten Ruhm und Einfluß.«

»Großmütiger Camillo!«

»Sei mein und erspare den kalten Rechenmeistern im Senat ein neues Verbrechen. Sie gedenken über dich zu verfügen nach ihrem Vorteil, als seist du eine wertlose Ware. Doch du wirst ihre Absicht vereiteln. Ich lese deinen hochherzigen Entschluß in deinen Augen, Violetta, dein Wille wird triumphieren über ihre List und ihren Egoismus.«

»Verhandelt möcht ich nicht werden, Don Camillo, wohl aber erworben und gewonnen, wie sich’s ziemt für ein Mädchen meines Standes. Vielleicht lassen sie mir auch freie Wahl. Signore Gradenigo schmeichelte mir neulich mit dieser Hoffnung, als er von einer meinen Jahren angemessenen Verbindung sprach.«

»Glaub ihm nicht, ein kälteres Herz, einen lieblosern Sinn findet man nicht in Venedig. Er sucht deine Gunst für seinen verschwenderischen Sohn, einen Kavalier ohne Ehre, der Gefährte nichtswürdiger Menschen. Glaub ihm nicht, er ist geübt in der Verstellung.«

»Wenn das so ist, dann haben ihm seine Künste wenig geholfen, unter den jungen Männern in Venedig schätze ich keinen weniger als Giacomo Gradenigo.«

»Die Zusammenkunft muß endlich zu Ende gehen«, sagte der Mönch, kräftig dazwischentretend und den Herzog zum Aufstehen zwingend. »Leichter ist es, den Netzen der Sünde zu entgehen als den Agenten der Polizei. Ich zittere, daß dieser Besuch bekannt wird; wir sind umgeben von den Gehilfen des Staates, und kein Palast Venedigs wird so streng bewacht als dieser. Würdest du hier entdeckt, unbesonnener junger Mann, so müßte deine Jugend im Gefängnis verschmachten, und du würdest diesem unschuldigen und unerfahrenen Mädchen Verfolgungen und unverdiente Leiden zuziehen.«

»Im Gefängnis, sagtest du, Vater?«

»Nichts Geringeres, meine Tochter. Leichtere Vergehungen belegte oft schon der Senat mit schwerer Strafe, wenn seine Absichten dadurch vereitelt wurden.«

»Zum Gefängnis darfst du nicht verurteilt werden, Camillo.«

»Fürchte nichts. Das Alter und der friedliche Stand des guten Vaters machen ihn furchtsam. Lange schon bin ich vorbereitet auf diesen glücklichen Augenblick. Nur einer Stunde bedarf ich, Venedig und all seinen Schlingen Trotz zu bieten. Gib mir die Versicherung deiner Treue, und vertraue im übrigen mir.«

»Hörst du, Florinde!«

»Dem Geschlechte Don Camillos ziemt ein solch Benehmen, Teure, doch dir steht es schlecht an. Eine Jungfrau von Stande muß der Entscheidung ihres natürlichen Vormunds harren.«

»Auch wenn die Wahl auf Giacomo Gradenigo fällt?«

»Darauf wird der Senat nicht achten. Die Kunstgriffe des Vaters kennst du lange, und du mußt aus der Geheimhaltung seiner Werbung ersehen, daß er dessen Entscheidung nicht traut. Der Staat wird Sorge tragen, dich deinen Hoffnungen gemäß zu vermählen. Viele werben um dich, und die Wächter deines Vermögens warten nur Vorschläge ab, die deiner Geburt entsprechen.«

»Soll ich Don Camillo als unter meinem Stande betrachten?«

Hier trat der Mönch aufs neue dazwischen.

»Diese Zusammenkunft muß enden«, sagte er. »Die durch Ihre unbesonnene Musik auf uns gelenkten Blicke sind nur auf andere Gegenstände gerichtet, Signore, und Sie müssen Ihr Wort brechen oder gehen.«

»Allein, Vater?«

»Soll etwa Donna Violetta ihr Vaterhaus verlassen wie eine in Ungnade gefallene Dienerin?«

»Gewiß, Signore Monforte, Sie können vernünftigerweise von dieser Unterhaltung nicht mehr erwartet haben als die Hoffnung einer künftigen Bestimmung über Ihre Werbung – ein Versprechen –«

»Und dies Versprechen?«

Violetta wandte den Blick von ihrer Gouvernante auf ihren Geliebten, von diesem auf den Mönch und dann zur Erde.

»Ist dein, Camillo.«

Ein Ausruf entfuhr dem Mönch und gleichzeitig der Gouvernante.

»Verzeih mir, meine Freundin«, fuhr die errötende, aber entschiedene Violetta fort. »Wenn ich Don Camillo auf eine Weise Hoffnung gemacht habe, die deinem Rate und der Sittsamkeit zuwider ist, so überlege nur, daß es, wenn er gezögert hätte, sich in die Guidecca zu werfen, jetzt außer meiner Macht gewesen wäre, ihm diese geringe Gunst zu gewähren. Warum soll ich weniger großmütig sein als mein Erretter? Nein, Camillo, verurteilt mich der Senat, mich einem andern zu vermählen als dir, so sei dies mein Urteil zum Ledigbleiben, ich verberge meinen Gram in einem Kloster, bis ich sterbe!«

Feierlich und schrecklich unterbrach dies so schnell zur Erklärung gediehene Gespräch der Ton der Glocke, die zu läuten der Kammerdiener, ein treuer Diener, bevor er ins Zimmer trete, Befehl erhalten hatte. Da dieser Befehl mit dem begleitet war, nur dann zu erscheinen, wenn er aufgefordert oder durch einen dringenden Grund dazu vermocht würde, so verursachte der Ton, selbst in diesem begeisternden Augenblicke, eine plötzliche Pause.

»Was ist das!« rief der Karmeliter dem rasch eintretenden Diener entgegen. »Was bedeutet diese Nichtbefolgung meines Befehls?«

»Es sind Staatsbeamte unten, die Einlaß begehren im Namen der Republik.«

»Das wird ernsthaft«, sagte Don Camillo, der allein seine Geistesgegenwart nicht verlor. »Mein Besuch ist bekannt geworden, und die tätige Eifersucht des Staates ahnt dessen Zweck. Rufen Sie Ihre Entschlossenheit herbei, Donna Violetta, und Sie, mein Vater, seien Sie guten Muts! Ich will die Verantwortlichkeit des Verbrechens, wenn es ein solches ist, auf mich nehmen und alle andern von der schweren Bürde des Vorwurfs befreien.«

»Gib es nicht zu, Vater Anselmo. Teure Florinde, wir wollen seine Strafe mit ihm teilen!« rief die erschreckte, außer aller Fassung gebrachte Violetta aus. »Ich habe ja auch teil an seiner Unbesonnenheit, er tat ja nichts ohne Aufmunterung von meiner Seite.«

Der Mönch und Donna Florinde blickten sich in stummer Bestürzung an. Der Mönch gebot Schweigen durch einen Wink, indem er sich zum Diener wandte.

»Was für Abgesandte des Staates sind es?« fragte er.

»Vater, es sind dessen wohlbekannte Beamte und tragen die Zeichen ihrer Würde.«

»Und ihr Begehr?«

»Sie verlangen Donna Violetta zu sprechen.«

»Noch ist Hoffnung!« rief der Mönch aus, freier atmend. Durchs Zimmer schreitend, öffnete er eine Tür, die zur Hauskapelle führte. »Ziehen Sie sich zurück in die heilige Kapelle, Don Camillo, bis wir Aufklärung erhalten über diesen ungewöhnlichen Besuch.«

Die Zeit war dringend, der Aufforderung ward sogleich Genüge getan. Der Herzog ging in die Kapelle, und sobald die Tür hinter ihm geschlossen war, ward dem treuen, des Vertrauens würdigen Diener anbefohlen, die Wartenden einzuführen. Nur eine Person erschien. Auf den ersten Blick erkannte man in ihm einen öffentlichen und verantwortlichen Beamten der Regierung, der oft geheime und schwierige Pflichten auszuführen hatte. Donna Violetta ging ihm, aus Achtung vor denen, die ihn gesandt hatten, entgegen, und zwar mit Fassung.

»Ich fühle mich geehrt durch die Sorgfalt meiner erhabenen Vormünder«, sagte sie, sich verneigend für den tiefen Bückling, mit dem der Abgesandte die reichste Erbin von Venedig begrüßte. »Welchem Umstande verdanke ich diesen Besuch?«

Der Beamte blickte mit gewohnter argwöhnischer Vorsicht umher, wiederholte seine Begrüßung und antwortete: »Fräulein, ich habe den Befehl erhalten, der Tochter des Staates, der Erbin des erlauchten Hauses Tiepolo sowie der Donna Florinde Merkata, ihrer Gesellschafterin, dem Vater Anselmo, ihrem Beichtvater, und allen denen, die des Vergnügens ihrer Gesellschaft und der Ehre ihres Vertrauens genießen, meine Aufwartung zu machen.«

»Die Sie suchen, befinden sich hier gegenwärtig; ich bin Violetta Tiepolo, dieser Dame bin ich für Muttersorgfalt verpflichtet, und dieser ehrwürdige Karmeliter ist mein geistlicher Ratgeber. Soll ich meinen Haushalt herbescheiden?« »Das ist unnötig. Meine Sendung ist mehr vertraulicher als öffentlicher Art. Nach dem Tode Ihres verehrten und allgemein betrauerten Vaters, des erlauchten Senators Tiepolo, übertrug die Republik, Ihre natürliche und sorgsame Beschützerin, die Sorge für Ihre Person der besonderen Vormundschaft und Weisheit des Signore Alessandro Gradenigo, ausgezeichnet durch hohe Geburt und schätzbare Eigenschaften.«

»Es ist, wie Sie sagen, Signore.«

»Wenn die väterliche Liebe des Senats auch zu schlummern schien, so ist sie nichtsdestoweniger stets wachsam gewesen. Jetzt, da Jahre, Unterricht, Schönheit und andere Vortrefflichkeiten seiner Tochter zu so seltener Vollkommenheit gereift sind, wünscht er, die Bande, die sie verbinden, fester zu knüpfen und die Sorgfalt für Ihre Person unmittelbar selbst zu übernehmen.«

»Soll dieses mir andeuten, daß ich fernerhin nicht mehr Signore Gradenigos Mündel bin?«

»Fräulein, Ihr Scharfsinn hat schnell die Auflösung gefunden. Dem erlauchten Senator wurden seine teuern, wohlerfüllten Pflichten abgenommen. Morgen übernehmen andere Vormünder die Sorge für Ihre schätzbare Person und werden in dieser ehrenvollen Pflicht verharren, bis die Weisheit des Senats eine solche Verbindung für Sie erwählt haben wird, die Ihres hohen Namens und der Eigenschaften würdig sein wird, die einen Thron zu zieren verdienten.«

»Soll ich getrennt werden von denen, die ich liebe?« fragte Violetta ungestüm.

»Verlassen Sie sich auf die Weisheit des Senats. Ich kenne nicht seinen Willen hinsichts derer, die so lange mit Ihnen gelebt haben, doch kann kein Grund vorhanden sein, seine Klugheit und sein Zartgefühl zu bezweifeln. Ich habe nur hinzuzufügen, daß es, bis die von nun an mit dem ehrenvollen Amte Ihrer Beschützer beauftragten Personen ankommen, wohlgetan sein wird, dieselbe, wie bisher gewohnte, sittsame Zurückgezogenheit bei Empfang von Besuchenden zu beobachten und Ihre Tür, Fräulein, vor Signore Gradenigo, wie vor allen andern seines Geschlechts, verschlossen zu halten.«

»Nicht einmal danken soll ich ihm für seine Sorgfalt?«

»Er fühlt sich durch die Dankbarkeit des Senats zehnfach belohnt.«

»Es wäre freundlich gewesen, meine Gefühle für Signore Gradenigo in Worten auszusprechen, doch was man der Zunge versagt, wird wohl der Feder erlaubt sein.«

»Die Zurückhaltung, die den Verhältnissen einer so Begünstigten zukommt, ist ohne Einschränkung. San Marco ist eifersüchtig, wenn er liebt. Und nun, da mein Auftrag beendet ist, beurlaube ich mich ergebenst, mich sehr geschmeichelt fühlend, daß man mich solcher ehrenvollen Pflicht würdig genug achtete.«

Als der Abgesandte zu sprechen aufhörte und Violetta seinen Abschied erwidert hatte, wandte sie ihre ängstlichen Blicke auf die bekümmerten Züge ihrer Gefährtin. Die zweideutigen Worte solcher Botschafter waren zu wohlbekannt, um viele Hoffnung für die Zukunft zu lassen. Alle sahen ihrer morgigen Trennung entgegen, obgleich keiner den Grund dieses plötzlichen Wechsels in der Politik des Staates durchschauen konnte. Fragen war hier vergebens, denn der Schlag kam sichtlich vom geheimen Rat, dessen Motive ebensowenig zu ergründen als seine Beschlüsse vorherzusehen waren. Der Mönch erhob seine Hand zum schweigenden Segen gegen seine geistliche Pflegebefohlene, und unfähig, selbst in Gegenwart des Fremden ihren Schmerz zurückzuhalten, sanken Donna Florinde und Violetta weinend einander in die Arme.

Währenddessen zögerte der Abgeordnete mit seinem Fortgehen gleich einem, der mit einem Entschlusse noch nicht ganz einig ist. Aufmerksam betrachtete er den unbefangenen Karmeliter, und zwar auf eine Weise, die die Gewohnheit anzeigte, lange vorher zu denken, ehe er entschied.

»Ehrwürdiger Vater«, sagte er, »darf ich wohl um einen Augenblick Eurer Zeit bitten, in betreff des Seelenheils eines armen Sünders?« Obgleich erstaunt, konnte doch der Mönch solchen Aufruf nicht unbeachtet lassen. Einer Bewegung des Beamten Folge leistend, ging er mit ihm aus dem Zimmer und blieb, während dieser die prächtigen Zimmer durchschritt und zur Gondel hinabstieg, an seiner Seite. »Der Senat muß Sie sehr ehren, heiliger Mönch«, bemerkte letzterer während ihres Ganges, »da er Ihnen eine so vertrauliche Stellung zu einer Dame einräumt, für deren Schicksal der Staat sich so sehr interessiert?«

»Ich nehm es dafür an, mein Sohn. Ein Leben voll Frieden und Gebet sollte mir wohl Freunde erworben haben.«

»Männer wie Sie, mein Vater, verdienen das begehrte Vertrauen. Sie sind schon lange in Venedig?«

»Seit dem letzten Konklave. Ich kam als Beichtvater des verstorbenen Ministers von Florenz nach der Republik.«

»Ein ehrenvoller Posten. So sind Sie denn lange genug bei uns gewesen, um zu wissen, daß die Republik nie ihre Diener vergißt und nie eine Beleidigung vergibt.«

»Es ist ein alter Staat, dessen Einfluß noch immer weit und nahe reicht.«

»Nehmen Sie sich in acht auf diesen Stufen. Ein unsicherer Fuß gleitet auf diesem Marmor.«

»Der meinige ist zu geübt im Hinabsteigen, um unsicher zu sein. Ich hoffe, ich steige diese Treppe nicht zum letztenmal hinab.«

Der Beamte tat, als verstände er die Frage nicht, und beantwortete nur die vorhergehende Bemerkung.

»Es ist in Wahrheit ein ehrwürdiger Staat«, sagte er, »nur ein wenig schwankend vor Alter. Alle Freunde der Freiheit müssen trauern über die Abnahme einer so glorreichen Herrschaft. Sic transit gloria mundi! Ihr barfüßigen Karmeliter tut wohl daran, euer Fleisch zu kreuzigen in der Jugend, dadurch entgeht ihr dem Schmerz abnehmender Kräfte. Jemand wie Ihr kann nur wenige Jugendsünden abzubüßen haben.«

»Niemand von uns ist ohne Sünde«, erwiderte der Mönch, sich bekreuzigend. »Wer sich damit schmeicheln wollte, daß seine Seele vollkommen sei, würde nur noch das schwere Gewicht der Eitelkeit zu seinem Leben hinzufügen.« »Männer meines Standes, heiliger Karmeliter, haben wenig Gelegenheit, in Ihr Inneres zu blicken, und ich segne die Stunde, die mich in Gesellschaft eines Gottesmannes wie Sie brachte. Meine Gondel wartet – wollen Sie einsteigen?« Mißtrauisch blickte der Mönch seinen Gefährten an, doch wohl wissend, daß Widerstand vergeblich wäre, murmelte er ein kurzes Gebet und stieg ein. Ein starker Ruderschlag verkündete ihre Abfahrt von den Stufen des Palastes.

Fünfzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Der Mond stand hoch. Flutend fielen seine Silberstrahlen auf Venedigs schwellende Kuppeln und massive Dächer. Kein Ruderschlag, kein Gesang, kein Gelächter störten die Stille der Nacht. Die Stadt und die Lagunen, alles lag in allgemeiner, großer Ruhe da. Plötzlich zeigte sich eine Gondel.

So schnell war der Lauf des Bootes, daß man daraus auf die Eile des einsamen Insassen schließen konnte. Seine Richtung nahm es nach dem Adriatischen Meere zu. Wohl eine halbe Stunde lang ruderte der Gondoliere unermüdlich fort, dann und wann besorgliche Blicke hinter sich werfend, als fürchte er Verfolgung, und ebensooft vor sich sehend, als wünsche er sehnlich, einen bis jetzt noch unsichtbaren Ort zu erreichen. Als sich indes eine weite Wasserfläche zwischen ihm und der Stadt befand, ließ er sein Ruder ruhen und schien mit großer Anstrengung seines Auges etwas entdecken zu wollen.

Ein kleiner dunkler Fleck zeigte sich näher nach der See zu. Wiederum schlug das Ruder des Gondelführers das Element hinter sich, und das Boot glitt fort; seine Unentschiedenheit hatte nun offenbar ein Ende. Bald zitterten die Strahlen des Mondes über den benannten dunkeln Punkt, der jetzt die Gestalt und Größe eines vor Anker liegenden Bootes annahm. Abermals hielt der Gondoliere mit Rudern ein und blickte scharf auf den noch unentschiedenen Gegenstand. In diesem Augenblick tönte sanfter Gesang von den Lagunen. Der einsame Mann im entfernten Boot sang ein Fischerlied.

Als der Gesang beendet war, bewegte das Ruder des Gondoliere das Wasser von neuem, und bald war er an der Seite des andern.

»Du bist schon früh geschäftig mit deiner Angel, Antonio«, sagte der eben Angekommene zum alten Fischer, indem er in dessen Boot trat. »Wie manchen hätte die Zusammenkunft mit dem Gerichtsrat der Dreimänner Gebet und Schlaflosigkeit eingetragen.«

»Es gibt keine Kapelle in Venedig, in der des Sünders Seele so ohne Hülle wäre als hier auf den kahlen Lagunen.«

»Ich hab an deine Lage gedacht, Antonio, hier ist etwas, was dein Leben erhalten und deinen Mut erheben wird. Sieh«, fuhr der Bravo fort, indem er einen Korb aus seinem Boote hob, »hier sind Brot aus Dalmatien, Wein aus Unteritalien und Feigen aus der Levante – iß denn und sei fröhlich.«

Der Fischer warf einen begehrlichen Blick auf die Speisen, doch ließ seine Hand den Faden nicht fahren, mit dem er zu angeln fortfuhr.

»Sind dies deine Gaben, Jacopo?« fragte er mit einer Stimme, die trotz seiner Fassung seinen nagenden Hunger verriet.

»Antonio, es sind die Gaben eines Mannes, der deinen Mut achtet.«

»Von seinem Verdienste gekauft?«

»Wie könnt es anders sein! – Ich bettle nicht, und nur wenige geben in Venedig ungebeten. Iß denn ohne Furcht, nicht oft wird dir’s so willig gereicht.«

»Nimm es fort, Jacopo, wenn du mich lieb hast. Versuche mich nicht über Vermögen.«

»Wie! Ist dir eine Bußübung auferlegt?« rief der andere hastig.

»Nein, das nicht – das nicht. Schon lange fand ich weder Zeit noch Herz zum Beichten.«

»Nun, warum willst du die Gabe eines Freundes nicht annehmen?«

»Ich kann nicht zehren vom Blutpreise.«

Wie elektrisiert zog sich die Hand des Bravo zurück. Durch diese Bewegung fiel der Schein des Mondes in sein funkelndes Auge, und wie fest auch Antonios Ehrlichkeit und Grundsätze waren, so erstarrte ihm doch das Blut im Herzen, als er dem wilden, feurigen Blick seines Gefährten begegnete. Eine lange Pause erfolgte, während sich der Fischer fleißig mit seiner Angel beschäftigte, ohne dabei an den Zweck zu denken, für den sie ausgeworfen war.

»Es ist einmal ausgesprochen, Jacopo«, fügte er endlich hinzu, »meine Zunge soll niemals die Gefühle meines Herzens Lügen strafen. Nimm das Essen fort und vergiß alles Vergangene, was ich sagte, war nicht böse gemeint, es geschah nur zum Heil meiner eigenen Seele. Du weißt, wie ich mich grämte über den Knaben, doch nächst seinem Verlust könnt ich über dich trauern – ja, wohl schmerzlicher als über irgendeinen der Gefallenen.«

Man hörte den schweren Atemzug des Bravo, doch schwieg er noch immer.

»Jacopo«, fuhr der besorgte Fischer fort, »du mußt mich nicht mißverstehen. Das Mitleid des Leidenden und Armen ist nicht wie die Verachtung des Reichen und Weltlichen. Wenn ich eine Wunde berühre, so zertrete ich sie nicht mit meinen Fersen. Dein jetziger Schmerz ist besser als all deine früheren Freuden.«

»Genug, Alter«, sagte der andere mit gedämpfter Stimme. »Deine Worte sind vergessen. Iß ohne Furcht, denn die Gabe ist gekauft von einem Verdienste, so rein wie die Ernte eines Bettelmönchs.«

»Ich verlasse mich auf die Güte des heiligen Antonius und auf das Glück meiner Angel«, erwiderte Antonio ganz einfach. »Wir von den Lagunen gehen ja so oft ohne Abendessen zu Bett; nimm den Korb fort, guter Jacopo, und laß uns von andern Dingen sprechen.«

Der Bravo nötigte den Fischer nicht weiter. Er stellte den Korb beiseite und brütete nachdenkend über das Geschehene.

»Hattest du sonst kein Ursach, so weit herüberzukommen, guter Jacopo?« fragte der alte Mann, in der Absicht, die zurückweisende Antwort wiedergutzumachen.

Die Frage schien Jacopo seine Fahrt ins Gedächtnis zu rufen. Er stand länger als eine Minute und sah mit scharfen Blicken und ganz in seine Absicht versenkt um sich. Länger und ernster war der Blick, den er auf die Stadt richtete, als der, den er auf die offene See warf, auch lenkte er ihn nicht eher von dort hinweg, als bis eine unwillkürliche Bewegung sein Erstaunen und seinen Schreck verriet.

»Ist das nicht ein Boot dort, in gerader Linie mit dem Turm des Campanile?« fragte er rasch, nach der Stadt hinweisend.

»So scheint es. Zwar ist’s noch früh für meine Kameraden, aber der Fischfang ist seit kurzem nicht bedeutend gewesen, und das gestrige Fest zog manchen der Unsern ab von seiner Arbeit. Der Patrizier muß essen und der Arme arbeiten, sonst stürben beide.«

Langsam setzte sich der Bravo und warf besorgliche Blicke auf seinen Gefährten.

»Bist du schon lange hier, Antonio?«

»Seit einer Stunde. Als sie uns aus dem Palast entließen, da sagte ich dir von meinem Bedürfnis. Im allgemeinen gibt es keinen bessern Fleck in den Lagunen als diesen, und dennoch fische ich schon lange vergebens. Du bist ja bekannt mit den Sitten dieser maskierten Edeln, Jacopo, glaubst du wohl, daß sie Vernunft annehmen werden? Ich denke doch nicht, daß ich aus Mangel an Erziehung der Sache geschadet habe, ich sprach offen und ehrlich, wie zu Vätern und Männern mit Herzen.«

»Als Senatoren haben sie keine Herzen. Du begreifst die Doppelzüngigkeit dieser Patrizier nicht, Antonio. In der Fröhlichkeit ihrer Paläste und unter den Gefährten ihrer Vergnügungen spricht niemand schöner über Menschlichkeit und Gerechtigkeit, ja selbst über Gott, als sie, doch in ihren Sitzungen, wo sie über die sogenannten Angelegenheiten des St. Markus beratschlagen, da gibt es keinen Felsen, der weniger menschlich, und keinen Wolf, der herzloser wäre.«

»Deine Worte sind stark, Jacopo – ich möchte selbst gegen die nicht ungerecht sein, die mir Übles getan haben. Die Senatoren sind Menschen, und Gott gab allen gleiche Gefühle und gleiche Naturen.«

»Dann wird die Gabe mißbraucht. Du hast den Mangel deines täglichen Gehilfen gefühlt, Fischer, und hast getrauert über dein Kind, dir wird es leicht, eines andern Gram mitzuempfinden; allein die Senatoren kennen keine Leiden. Ihre Kinder werden nicht auf die Galeeren geschleppt, ihre Hoffnungen nicht zerstört durch Gesetze, die von harten Tyrannen ausgehen, noch vergießen sie Tränen über ihre durch die Gesellschaft der Hefe der Republik verdorbenen Söhne. Sie sprechen von öffentlichen Tugenden und dem Staat geleisteten Diensten. Doch damit meinen sie nach ihrer Weise die Tugend des Ruhms und die Dienste, die Ehren und Belohnungen eintragen. Ihr Gewissen heißt: Staatsbedürfnisse, indessen tragen sie Sorge, daß ihnen diese Bedürfnisse so wenig als möglich unbequem werden.«

»Jacopo, die Vorsehung selbst hat einen Unterschied gemacht zwischen den Menschen. Der eine ist groß, der andere klein. Einer schwach, der andere stark. Dieser weise, jener dumm. Was die Vorsehung geschaffen hat, darüber sollten wir nicht murren.«

»Die Vorsehung hat keinen Senat geschaffen, das ist Menschenerfindung. Merk auf, Antonio! Deine Sprache hat beleidigt, und du bist nun nicht länger sicher in Venedig. Sie verzeihen alles, nur keine Klagen gegen ihre Gerechtigkeit. Die sind zu wahr, als daß sie vergeben werden könnten.«

»Können Sie wünschen, jemandem wehe zu tun, weil er sein Kind sucht?«

»Wärest du groß und geachtet, so würden sie eher dein Glück und deinen Ruf untergraben, ehe sie litten, daß du ihr System in Gefahr brächtest. Da du aber schwach und arm bist, so werden sie dir irgendein unmittelbares Leid zufügen, wenn du dich nicht mäßigst. Vor allen Dingen warn ich dich, da sie sonst ihren Willen durchsetzen werden.«

»Kann Gott das dulden?«

»Wir können seine Geheimnisse nicht ergründen«, erwiderte der Bravo, sich fromm bekreuzigend. »Wenn seine Herrschaft mit dieser Welt endete, dann wär es wohl ungerecht, daß die Gottlosen triumphieren, doch, wie es ist, so – jenes Boot naht schnell! Mir gefallen sein Äußeres und seine Bewegung nicht.«

»Es sind keine Fischer, das ist wahr, denn es hat viele Ruder und einen Baldachin.«

»Es ist eine Gondel des Staates«, rief Jacopo aus und trat in sein eigenes Boot, es von dem seines Gefährten losmachend; sichtlich war er in Zweifel, was ferner zu tun sei. »Antonio, wir täten wohl, uns davonzumachen.«

»Deine Furcht ist natürlich«, sagte der unbewegliche Fischer, »und es ist ein Jammer, daß Grund dazu da ist. Für einen wie du ist es aber noch Zeit, der schnellsten Gondel des Kanals zu entkommen.«

»Geschwind lichte den Anker, Alter, und mach dich davon – ich hab ein sicheres Auge. Ich kenne das Boot.«

»Armer Jacopo! Welch ein Fluch ist ein schuldiges Gewissen! Du bist gütig gegen mich gewesen in der Not, und wenn dir Gebete aus aufrichtigem Herzen helfen können, so sollen sie dir nicht fehlen.«

»Antonio!« schrie der andere und ließ sein Boot davonwirbeln, dann hielt er wieder unentschlossen an. »Ich kann nicht länger bleiben – trau ihnen nicht – sie sind falsch wie Teufel – es ist keine Zeit zu verlieren – ich muß fort.«

Der Fischer murmelte einen Ausruf des Mitleids, als er ihm ein Lebewohl zuwinkte.

Die Annäherung der fremden Gondel nahm jetzt des Alten ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Schnell schwebte sie heran, von sechs Rudern getrieben; des Alten Blick folgte fieberhaft dem Flüchtling. Jacopo hatte mit einer Schnelligkeit, die Notwendigkeit und lange Übung bei ihm fast zum Instinkt gemacht hatten, seinen Lauf durch einen der glänzenden Streifen genommen, die der Schein des Mondes auf dem Wasser gebildet und die durch ihr blendendes Licht dem Auge jenen Gegenstand entzogen. Als der Fischer den Bravo verschwinden sah, lächelte er und war ruhig.

»Nun laßt sie nur herkommen«, sagte er, »das gibt Jacopo desto mehr Zeit. Gewiß hat der arme Kerl, seit wir den Palast verließen, einen Streich vollführt, den der Rat nicht vergeben kann. Der Anblick des Goldes war zu mächtig, und er hat die beleidigt, die ihm solange durch die Finger gesehen haben. Gott verzeihe es mir, daß ich Umgang gepflogen mit solchem Menschen! Doch wenn das Herz schwer ist, so tut uns selbst das Mitgefühl eines Hundes wohl. Wenige Menschen bekümmern sich jetzt um mich, sonst hätte mir die Freundschaft eines solchen nicht eben willkommen sein können.«

Antonio schwieg, denn die Gondel des Staates rauschte jetzt heran und ward plötzlich durch Rückschlag des Ruders zum Stillstand gebracht. Noch war das Wasser in Bewegung, als schon eine Gestalt in des Fischers Boot trat; die größere Gondel schoß wiederum einige hundert Fuß fort und blieb dann ruhig liegen.

Antonio sah alles dies mit stiller Neugier geschehen; als aber die Gondolieri des Staates auf ihren Rudern ausruhten, da wandte er noch einen flüchtigen Blick nach der Seite hin, wo Jacopo verschwunden war, überzeugte sich von dessen Sicherheit und betrachtete dann seinen Gesellschafter mit Zuversicht. Der helle Mond zeigte ihm den Anzug und das Aussehen eines barfüßigen Karmeliters. Letzterer schien bestürzter als der Fischer, sowohl durch die Schnelligkeit der Fahrt als auch durch die Neuheit seiner Lage. Trotz seiner Verlegenheit aber schien er offenbar verwundert, als er die demütige Verfassung und das ganze Äußere und Betragen des alten Mannes wahrnahm, dem er sich gegenüber befand, und die Worte: »Wer bist du?« entfuhren ihm im ersten Erstaunen.

»Antonio von den Lagunen, ein Fischer, der dem heiligen Antonius manches unverdiente Gute verdankt.«

»Und wie hast du dir des Senats Mißfallen zugezogen?«

»Ich bin aufrichtig und bereit, anderen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wenn das die Großen beleidigt, so sind sie mehr zu bemitleiden, als zu beneiden.«

»Der Überführte ist immer geneigter, sich für unglücklich als für schuldig zu erkennen. Dieser Irrtum ist sehr verderblich und muß ausgerottet werden aus dem Gemüt, sonst führt er zum Tode.«

»Sagen Sie das den Patriziern. Die bedürfen guten Rats und Warnung von der Kirche.«

»Mein Sohn, deine Antwort zeigt Zorn und Stolz und ein verderbtes Herz an. Die Sünden der Senatoren – da sie Menschen sind, haben sie ihre Mängel – können auf keine Weise deine eigenen vertilgen. Wenn auch das Urteil, das jemand zur Strafe verdammt, ein ungerechtes ist, so behält doch die Sünde gegen Gott ihre ursprüngliche Mißgestalt. Die Menschen können den bemitleiden, der den Zorn der Welt mit Unrecht trägt, doch die Kirche verzeiht nur dem, der seine Vergehungen mit aufrichtiger Anerkennung ihrer Größe gesteht.«

»Sind Sie gekommen, eines Büßenden Beichte zu hören, Vater?«

»Dies ist mein Geschäft. Ich beklage die Veranlassung; und wenn das, was ich fürchte, wahr ist, so muß ich noch mehr trauern, daß ein so bejahrter Mann sein dem Verderben geweihtes Haupt unter den Arm der Gerechtigkeit gebracht hat.«

Antonio lächelte und wandte sein Auge wieder dem blendenden Lichtstreif zu, durch den die Gondel und die Person Jacopos unsichtbar blieben.

»Vater«, sagte er, nachdem er ihn lange mit tiefem Ernste angeschaut hatte, »es kann wohl wenig schaden, vor jemand deines heiligen Amtes die Wahrheit zu sprechen. Man hat dir gesagt, du würdest hier auf den Lagunen einen Verbrecher finden, der sich den Zorn des heiligen Markus zugezogen hat?«

»So ist es!«

»Es ist nicht leicht zu erkennen, wann St. Markus guter Laune ist und wann nicht«, fuhr Antonio fort, gleichgültig mit seiner Angel spielend, »denselben Mann, den er jetzt sucht, hat er lange geschützt. Ja selbst in des Dogen Gegenwart. Der Senat hat freilich seine Gründe, die dem Einfältigen unerreichbar sind, doch für des armen Jünglings Seele wär es besser und für den Senat schicklicher gewesen, hätte man von Anfang an einen mißbilligenden Blick auf seine Taten gerichtet.«

»Du sprichst von einem anderen! – Du bist also nicht der Verbrecher, den sie suchen?«

»Ich bin ein Sünder, ehrwürdiger Karmeliter, allein, meine Hand hat nie eine andere Waffe geführt als das gute Schwert, das die Ungläubigen schlug. Vor kurzem war jemand hier, der dies zu meinem Leidwesen nicht von sich sagen kann.«

»Und er ist fort?«

»Vater, Sie haben Augen und können sich die Frage selbst beantworten, er ist fort, obgleich er nicht ferne ist, doch ist er, Dank dem heiligen Markus, außer dem Bereich der schnellsten Gondeln Venedigs.«

Der Karmeliter neigte sein Haupt auf die Stelle hin, wo er saß, und seine Lippen bewegten sich, entweder zum Gebet oder zum Dank.

»Trauern Sie, Vater, daß ein Sünder entkam?«

»Ich freue mich, mein Sohn, daß der bittere Kelch an mir vorübergegangen ist, allein, ich trauere auch, daß eine Seele so entartet ist, um dessen zu bedürfen. Wir wollen die Diener der Republik rufen, um ihnen zu sagen, daß ihre Botschaft vergebens gewesen.«

»Sei nicht so eilig, guter Vater. Die Nacht ist mild, und jene Mietlinge schlafen auf ihren Rudern. Der Jüngling gewinnt mehr Zeit zur Reue, wenn man ihm Ruhe läßt.«

Der Mönch, der sich erhoben hatte, setzte sich sogleich wieder, als bewegte ihn ein mächtiger innerer Antrieb.

»Ich glaubte, er sei schon weit aus unserem Bereich«, murmelte er, sich gleichsam wegen seiner Eile entschuldigend.

»Er ist mehr als kühn, und ich fürchte, er kehrt in die Kanäle zurück; in diesem Fall begegnet ihr ihm näher der Stadt – oder vielleicht sind auch mehr Gondeln des Staates ausgelaufen – kurz, mein Vater, du wirst der Beichte eines Bravo besser entgehen, wenn du die eines Fischers anhörst, der längst auf eine Gelegenheit wartet, seine Sünden zu bekennen.«

Menschen, die denselben Wunsch hegen, verstehen sich bald. Der Karmeliter faßte sogleich die Meinung seines Gefährten, und seine Kapuze zurückwerfend, bereitete sich Vater Anselmo vor, die Beichte des alten Mannes anzuhören.

Antonio, der seine Leine an seinem Sitz befestigt und sein Netz mit gewohnter Sorgfalt aufbewahrt hatte, bekreuzigte sich andächtig und kniete vor dem Mönch nieder. Sein Sündenbekenntnis begann. Viel geistiger Schmerz gab den Worten und Gedanken des Fischers eine Würde und Hoheit, die sein Zuhörer nicht gewohnt war, unter Menschen dieser Klasse zu finden. Ein durch so lange Leiden gezüchtigter Geist war erhaben und edel geworden. Er sprach von seinen Hoffnungen in Hinsicht des Knaben, von der Weise, wie die ungerechte und eigennützige Staatspolitik diese vernichtete, von seinen verschiedenen Versuchen, die Freiheit seines Enkels zu bewirken, und von seinem kühnen Unternehmen auf der Regatta und bei dem Verlöbnis mit dem Adriatischen Meere. Als er auf diese Weise den Karmeliter vorbereitet hatte, den Ursprung seiner sündlichen Leidenschaften, die er jetzt beichten sollte, zu begreifen, sprach er von diesen Leidenschaften selbst und von ihrem Einfluß auf ein Gemüt, das gewöhnlich im Frieden mit dem ganzen Menschengeschlecht lebte. Die Erzählung geschah einfach und ohne Rückhalt, doch auf eine Art, die Achtung einflößte und das Mitgefühl des Zuhörers mächtig erweckte.

»Und diese Gefühle nährtest du gegen die Mächtigen Venedigs?« fragte der Mönch. »Du weißt, du mußt vergeben, wenn du Vergebung erhalten willst. Gedenkst du, im Frieden mit aller Welt, ferner nicht des dir zugefügten Unrechts, und kannst du mit Bruderliebe zu dem beten, der fürs ganze Menschengeschlecht gestorben ist, auch für die, so dir Leides getan?«

Antonio beugte sein Haupt auf die nackte Brust und schien sich zu beraten mit seiner Seele.

»Vater«, sagte er, »Vater, ich verzeihe ihnen!«

»Amen!«

Der Mönch erhob sich, beugte sein mildes, vom Monde verklärtes Antlitz über den knienden Antonio, sprach, seinen Arm zu den Sternen erhebend, mit inniger Andacht die Worte der Absolution. Des alten Fischers erwartungsvoll emporgerichtetes Auge, sein welkes Antlitz und die heilige Ruhe des Mönchs stellten ein schönes Gemälde der Hingebung und der Hoffnung dar.

Als ein kurzes, stilles Gebet gesprochen war, gab man der Gondel des Staates ein Zeichen, um sie herbeizurufen. Kräftig ruderten sie einher und, waren im Augenblick an ihrer Seite. Zwei Männer traten in Antonios Boot und halfen dienstbeflissen dem Mönch hinüber in die Gondel des Staates.

»Hat der Büßer gebeichtet?« fragte der angesehenste der beiden Männer, halb leise.

»Es ist hier ein Irrtum vorgefallen. Der, den du suchst, ist entflohen. Dieser alte Mann ist ein Fischer namens Antonio, der den heiligen Markus nicht ernstlich beleidigt haben kann. Der Bravo ist nach der Insel St. Giorgio gefahren und muß nun anderswo aufgesucht werden.«

Der Beamte ließ den Mönch, der schnell unter den Baldachin trat, fahren und warf einen raschen Blick auf Antonios Gesicht. Das Reiben eines Taues ward hörbar, Antonios Anker fuhr plötzlich heraus. Ein starkes Geplätscher erfolgte, und die beiden Boote schossen zusammen davon, gehorsam der heftigen Anstrengung der Ruderer. In der Gondel des Staates sah man die gewöhnliche Anzahl der Gondolieri bei ihrer Arbeit, samt dem dunkeln, einer Bahre ähnlichen Baldachin, doch des Fischers Boot war leer.

Das Rauschen der Ruder und Antonios Sturz verschlang eine allgemeine Woge. Als der Fischer nach seinem Falle emportauchte, sah er sich ganz allein mitten auf der weiten, doch ruhigen Wasserfläche. Ein Strahl von Hoffnung war ihm vielleicht aufgegangen, als er aus der Dunkelheit der See zur glänzenden Schönheit der Mondscheinnacht emporstieg. Allein, die schlafenden Kuppeln waren zu fern für menschliche Kräfte, und die Gondeln rauschten mit toller Hast der Stadt zu. Er wandte sich, schwach schwimmend, denn Hunger und frühere Anstrengungen hatten seine Kräfte erschöpft, und richtete seinen Blick nach dem dunkeln Fleck, den er beständig für des Bravos Boot erkannt hatte.

Jacopo hatte mit der größten Anstrengung seiner Sehkraft das Zusammentreffen bewacht. Durch seine Stellung begünstigt, konnte er sehen, ohne deutlich gesehen zu werden. Er sah, wie der Mönch die Absolution sprach und wie sich das größere Boot näherte. Er unterschied den Fall ins Wasser von dem nur plätschernden Ruderschlag und sah Antonios Boot leer hinweggleiten. Kaum hatten die Schiffsmannschaft der Republik mit ihren Rudern die Lagunen durchfegt, als auch das seine schon das Wasser bewegte.

»Jacopo! – Jacopo!« tönte es ängstlich und schwach an sein Ohr. Die Stimme ward erkannt und die ganze Begebenheit durchschaut. Dem Hilferuf folgte das Rauschen des Wassers, das sich vor dem Schnabel der Gondel Jacopos auftürmte. Alle seine Muskeln dehnten sich mit verdoppelter Kraft. Energie und Geschick zeigten sich bei jedem Schlag, und der dunkle Fleck kam wie eine Schwalbe, die mit ihren Flügeln das Wasser bestreicht, den Lichtstreif herab.

»Hier, Jacopo! Du steuerst zu weit!«

Der Schnabel des Bootes wandte sich, und das Feuerauge des Bravo erblickte des Fischers Haupt.

»Schnell, guter Jacopo! Ich kann nicht mehr!«

Wieder erstickte des Wassers Gemurmel die Worte. Wütend ward die Anstrengung des Ruders, die leichte Gondel schien bei jedem Schlage aus ihrem Elemente emporzusteigen.

»Jacopo – hier – lieber Jacopo!«

»Die Mutter Gottes steh dir bei, Fischer! – Ich komme.«

»Jacopo – der Knabe! Der Knabe!«

Das Wasser gurgelte; ein Arm war zu sehen in der Luft, jetzt verschwand er. Die Gondel trieb nach der Stelle, wo der Arm erschienen war, und ein Schlag rückwärts, der das eschene Ruder wie eine Gerte bog, legte das zitternde Boot bewegungslos bei. Die wilde Bewegung rührte die Lagunen auf, doch als der Schaum verschwunden, lagen sie ruhig da, wie das blaue, friedliche Himmelsgewölbe, das sie zurückstrahlten.

»Antonio!« erscholl es von den Lippen des Bravo.

Furchtbare Stille folgte dem Ruf. Weder Antwort zu hören noch Gestalt zu sehen. Mit eisernem Finger drückte Jacopo den Griff seines Ruders, und sein eigener Odem erschreckte ihn. Nach allen Seiten warf er irre Blicke, und auf allen Seiten sah er die tiefe Ruhe des trügerischen Elements, das so schrecklich ist in seiner Wut. Gleich dem menschlichen Herzen schien es zu sympathisieren mit der ruhigen Schönheit der Mitternacht; doch gleich dem menschlichen Herzen bewahrte es seine furchtbaren Geheimnisse.

Sechzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Als der Karmeliter zurückkehrte in das Gemach der Donna Violetta, bedeckte die Farbe des Todes sein Antlitz, und nur mit Mühe trugen ihn seine Füße zu seinem Sitze. Er bemerkte kaum, daß Don Camillo Monforte noch immer da war, noch weniger fielen ihm die Heiterkeit und Freude auf, die in den Augen Violettas glühten. Seine Ankunft ward auch in Wahrheit von den beiden Glücklichen nicht gleich bemerkt, und selbst der Blick der Donna Florinde ruhte erst auf dem Mönch, als er schon durchs Zimmer geschritten war.

Er schlug seine Kapuze zurück, um Luft zu schöpfen, wodurch die Todesblässe seines Gesichts zum Vorschein kam. »Fernando! – Vater Anselmo!« – rief Donna Florinde aus, ihre unwillkürliche Vertraulichkeit verbessernd, obgleich sie dem ängstlichen Ausdruck ihrer aufgeregten Züge nicht gebieten konnte. »Sprich mit uns – du bist leidend!«

»Herzenskrank, Florinde.«

»Täusch uns nicht, du hast üble Nachrichten – Venedig –«

»Ist ein furchtbarer Staat!«

»Warum verließest du uns, wie konntest du in einem für unseren Zögling so wichtigen Augenblick eine lange Stunde abwesend bleiben?«

Violetta blickte erstaunt und überrascht auf die Uhr, doch sprach sie nicht.

»Die Diener des Staates bedurften meiner«, erwiderte der Mönch, sein Herz durch einen Seufzer erleichternd.

»Ich verstehe dich, Vater, du hattest einem armen Sünder die Beichte abzunehmen?«

»So ist es, meine Tochter, und wenige sterben so in Frieden mit Gott und ihren Brüdern.«

Donna Florinde betete ein stilles Gebet für die Seele des Toten und bekreuzigte sich andächtig, als sie endigte. Ihrem Beispiel folgte ihr Zögling, und selbst Don Camillos Lippen bewegten sich scheinbar andächtig, während er sein Haupt nach seiner schönen Gefährtin hinneigte.

»War es ein gerechtes Ende, Vater?« fragte Donna Florinde.

»Ein unverdientes!« schrie der Mönch mit Eifer. »Oder alles ist Heuchelei im Menschen. Ich sah einen Menschen sterben, der besser zum Leben, ja glücklicherweise auch besser zum Sterben geeignet war als die, die sein Urteil gesprochen haben. Welch ein furchtbarer Staat ist Venedig!«

»Und dies sind deine Herren, Violetta«, sagte Don Camillo, »diesen mitternächtlichen Mördern soll dein Glück anvertraut werden! Sag uns, Vater, steht deine schmerzliche Tragödie auf irgendeine Weise mit den Angelegenheiten dieses herrlichen Wesens in Verbindung? Denn wir sind hier von Geheimnissen umgeben, die ebenso unbegreiflich und fast ebenso schrecklich sind als das Schicksal selbst.«

Der Mönch blickte von einem zum anderen, und ein menschlicherer Ausdruck fing an, sich in seinem Gesicht zu zeigen.

»Du hast recht«, sagte er, »so sind die Männer beschaffen, die über das Los unseres Zöglings entscheiden wollen. Der heilige Markus verzeihe den Mißbrauch seines verehrten Namens und beschütze sie mit der Kraft seines Gebetes!«

»Vater, sind wir würdig, mehr zu erfahren von dem, was du sahest?«

»Die Geheimnisse des Beichtstuhls sind heilig, mein Sohn; doch war dies eine Beichte, um die Lebenden und nicht die Toten zu beschämen.«

»Daran erkenne ich den Rat der Drei! Jahrelang haben sie mit meinen Rechten gespielt, um ihre eigennützigen Absichten zu erreichen, ja, zu meiner Schande muß ich es gestehen, sie haben mich, um Gerechtigkeit zu erlangen, zu einer Untertänigkeit vermocht, die ebensowenig mit meinen Gefühlen wie mit meinem Charakter übereinstimmt. Es ist eine schreckliche Regierung, und ihre Früchte sind gleich schädlich für den Herrscher und den Untertan. Die größte aller Gefahren, der Fluch des Geheimnisses bei ihren Absichten, ihren Handlungen und ihrer Verantwortlichkeit lastet auf ihr.«

»Für Menschen, die unter Venedigs Gesetzen leben, ist das eine kühne Sprache«, bemerkte Donna Florinde, furchtsam um sich blickend. »Da wir in der Staatsverwaltung weder etwas ändern noch verbessern können, so sollten wir lieber ganz darüber schweigen.«

»Wenn wir die Macht des Staatsrates nicht zu ändern vermögen, so können wir ihr vielleicht doch entgehen«, antwortete Don Camillo hastig, jedoch mit gedämpfter Stimme. Nachdem er der Sicherheit wegen das Fenster zugemacht hatte, warf er seine Blicke auf die verschiedenen Türen des Zimmers und fragte: »Können Sie sich auf die Treue der Diener verlassen, Donna Florinde?«

»Bei weitem nicht, Signore; wir haben zwar einige alte, bewährte Diener, doch haben wir auch solche, die der Senator Gradenigo erwählte und die ohne Zweifel nichts als Werkzeuge des Staates sind.«

»Auf diese Weise erforschen sie alle Familiengeheimnisse! Ich bin gezwungen, Taugenichtse in meinem Palast zu unterhalten, von denen ich recht gut weiß, daß es ihre Mietlinge sind, und dennoch find ich es besser, so zu tun, als bemerke ich ihre Absichten nicht, damit sie mich nicht auf eine Weise hintergehen, die sich minder leicht erraten läßt. Glauben Sie, Vater, daß meine Gegenwart hier den Spionen entgangen ist?«

»Es wäre zu gewagt, sich darauf zu verlassen. Niemand sah uns hereinkommen, dünkt mich, denn wir benutzten den geheimen Eingang; doch wer ist sicher, unbemerkt zu sein, wenn jedes fünfte Auge ein Mietling ist!«

Die erschreckte Violetta legte ihre Hand auf den Arm ihres Geliebten.

»Vielleicht wirst du selbst in diesem Augenblick beobachtet«, sagte sie, »und schon heimlich zur Strafe verurteilt.«

»Würde ich gesehen, so zweifle nicht, St. Markus wird eine so kühne Einmischung in seinen Willen nie vergeben. Und dennoch, süße Violetta, um deine Gunst zu gewinnen, hat die Gefahr nichts zu bedeuten, auch eine noch weit größere könnte mich nicht abbringen von meinem Vorhaben.«

»Die unerfahrenen und vertrauensvollen Seelen haben meine Abwesenheit benutzt und sich mehr mitgeteilt, als sich geziemte«, sagte der Karmeliter.

»Vater, die Natur ist zu mächtig für die schwache Vorsicht der Vernunft.«

Die Stirn des Mönchs bewölkte sich. Seine Gefährten bewachten die Bewegungen seiner Seele, die sich auf seinem gewöhnlich wohlwollenden, wenngleich stets traurigen Gesichte aussprachen. Einige Augenblicke lang schwiegen alle. Endlich fragte der Karmeliter, seinen unruhigen Blick zu Don Camillo erhebend: »Hast du auch die Folgen dieser Übereilung gehörig überlegt, mein Sohn? Was gewährt dir solche Sicherheit, dem Zorn der Republik zu trotzen, ihre Kunstgriffe, ihre geheimen Auskundschafter und ihre Schrecken herauszufordern?«

»Vater, ich habe wie alle meines Alters überlegt, wenn sie von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieben. Ich fühle, daß jedes Elend Glückseligkeit für mich sein würde im Vergleich mit dem Verlust Violettas und daß keine Gefahr dem Lohne ihrer Liebe gleichkommt. Dies sei genug auf deine erste Frage – auf die andere kann ich nur antworten, daß ich der Hinterlist des Senats zu gewohnt bin, um in den Kunstgriffen, ihr entgegenzuhandeln, ein Neuling zu sein.«

»Die Jugend hat nur eine Sprache, wenn sie die angenehme Täuschung betört, die die Zukunft in goldene Strahlen kleidet. Herzog von Sant‘ Agata, bist du gleich von hoher Abkunft, berühmtem Geschlechte und Herr vieler Vasallen, so bist du doch keine Macht – du kannst deinen Palast in Venedig nicht für eine Festung erklären noch den Dogen durch einen Herold herausfordern lassen.«

»Sehr wahr, ehrwürdiger Mönch, das kann ich nicht, auch wäre es nicht wohlgetan, sein Glück so aufs Spiel zu setzen. Indes die Staaten des San Marco bedecken nicht den ganzen Erdboden – wir können fliehen.«

»Der Senat hat einen langen Arm und tausend geheime Hände.«

»Das weiß niemand besser als ich, doch übt er keine Gewalttat ohne Beweggrund. Wenn mir sein Mündel erst angetraut ist, so kann er das Übel, das ihm daraus entspringt, nicht mehr ändern.«

»Denkst du dies! Mittel, euch zu trennen, fänden sich bald. Glaube nicht, daß sich Venedig so leicht seine Pläne vereiteln lasse. Der Reichtum dieses Hauses erkauft manchen unwürdigen Freier, und dein Recht würde nicht geachtet, vielleicht gar geleugnet werden.«

»Sie können doch die Feierlichkeit der Kirche nicht verachten, Vater!« rief Violetta aus.

»Meine Tochter, ich sag es mit Schmerz, aber die Großen und Mächtigen finden selbst Mittel, die ehrwürdigen und heiligen Sakramente der Kirche hintenanzusetzen. Dein eigen Gold würde nur dazu dienen, dein Elend zu besiegeln.«

»Dies könnte geschehen, Vater, wenn wir im Bereich von St. Markus blieben«, unterbrach ihn der Neapolitaner, »sind wir aber erst über seine Grenzen, so war es ein gar kühner Eingriff in die Rechte eines fremden Staates, wenn man Hand an uns legte. Überdies hab ich ein festes Schloß in Sant‘ Agata, das ihren geheimsten Hilfsmitteln Trotz bietet, bis sich vielleicht Fälle ereignen, die es ihnen wünschenswerter machen nachzugeben, als auf ihrem Willen zu beharren.«

»Wärst du, anstatt zwischen den Kanälen, jetzt innerhalb der Mauern von Sant‘ Agata, so hätte dieser Grund allerdings viel Kraft.«

»Es ist jetzt einer meiner Vasallen aus Kalabrien hier, ein gewisser Stefano Milano, und Padrone einer sorrentinischen Feluke, die hier im Hafen liegt; der Mann ist ein Freund meines Gondoliere – der der Dritte war in den Wettkämpfen dieses Tages. Ist dir unwohl, Vater, du scheinst unruhig?«

»Fahre fort mit deinem Vorschlag«, antwortete der Mönch, andeutend, daß er nicht wünsche, beobachtet zu werden.

»Mein treuer Gino brachte mir die Nachricht, daß dieser Stefano, wie er glaubt, jetzt im Auftrage der Republik auf den Kanälen ist, denn obgleich der Seemann weniger zur Mitteilung geneigt ist als gewöhnlich, so ließ er doch Winke fallen, die so etwas schließen lassen. – Die Feluke ist jede Stunde bereit, in See zu gehen, und ich zweifle nicht, daß ihr Besitzer lieber seinem natürlichen Herrn als den zweizüngigen Bösewichtern des Senats dienen wird. Ich kann so gut bezahlen wie sie, wenn ich gut bedient werde, und ich kann auch strafen, wenn man mich beleidigt.«

»Wären Sie außer dem Bereich der Arglist dieser mysteriösen Stadt, Signore, so würde dies alles ganz verständig sein. Doch wie wollen Sie sich einschiffen, ohne die Aufmerksamkeit derer auf sich zu ziehen, die wahrscheinlich alle unsere Handlungen bewachen?«

»Finden sich doch zu allen Stunden Verlangte auf den Kanälen, und wenn auch Venedig in seinem Aufpassersystem sehr weit geht, so weißt du doch, Vater, daß ohne außerordentliche Ursachen Masken Sicherheit genießen. Ohne dies kleine Privilegium würde die Stadt nicht einen Tag zu bewohnen sein.«

»Ich fürchte die Folgen«, bemerkte der zögernde Mönch, obgleich man aus seinen gedankenvollen Zügen deutlich sah, daß er die möglichen Fälle des Abenteuers berechnete. »Wird es bekannt, und werden wir angehalten, so sind wir alle verloren.«

»Vertraue mir, Vater, dein Schicksal soll nicht vergessen werden, selbst im schlimmsten Fall. Ich habe, wie du weißt, einen Onkel, der beim Papst hoch angeschrieben ist und den Scharlachhut trägt. Ich verpfände dir mein Ehrenwort, daß ich all meinen Einfluß bei diesem Verwandten aufbieten will, solche Fürbitte der Kirche zu bewirken, daß der Schlag, der ihren Diener treffen sollte, abgewandt werde.«

Das Gesicht des Karmeliters ward röter, und zum erstenmal bemerkte der eifrige junge Mann um dessen asketischen Mund den Ausdruck weltlichen Stolzes.

»Du hast meine Bedenklichkeiten unrecht verstanden, Herzog von Sant‘ Agata«, sagte er, »ich fürchte nicht für mich, sondern für andere. Dieses zarte, liebliche Kind ist meiner Sorge nicht anvertraut worden, ohne einen väterlichen Anteil an ihr Schicksal bei mir erregt zu haben«, er hielt inne und schien mit sich selbst zu kämpfen. »Zu lange kenne ich die milden, weiblichen Tugenden Donna Florindes, um sie gleichgültig der nahen und schrecklichen Gefahr ausgesetzt zu sehen. Unseren Zögling verlassen können wir nicht; auch sehe ich nicht ein, wie wir, als kluge und wachsame Beschützer, auf irgendeine Weise unsere Zustimmung zu diesem Wagestück geben können. Laßt uns hoffen, daß die, die regieren, doch noch die Ehre und das Glück der Donna Violetta berücksichtigen werden.«

»Das wäre, als wollten wir hoffen, den geflügelten Löwen in ein Lamm und den finsteren, seelenlosen Senat in eine Gesellschaft büßender, frommer Kartäuser verwandelt zu sehen! Nein, ehrwürdiger Vater, wir müssen den glücklichen Augenblick ergreifen – und wahrscheinlich kommt nie ein günstigerer als dieser – oder unsere Hoffnungen einer kalten, berechnenden Politik, die nichts achtet als ihre Zwecke, anvertrauen. Eine Stunde, ja eine halbe, wäre hinreichend, den Seefahrer zu benachrichtigen, und noch bevor der Morgen graute, könnten wir die Kuppeln Venedigs in ihre verhaßten Lagunen hinabsinken sehen.«

»Dies sind Pläne der zuversichtlichen, von Leidenschaft beflügelten Jugend. Glaube mir, mein Sohn, es ist nicht so leicht, die Agenten der Polizei irrezuführen. Wir könnten diesen Palast nicht verlassen, die Feluke nicht besteigen, noch irgendeinen der so vielen nötigen Schritte tun, ohne ihre Blicke auf uns zu ziehen. Horch – ich höre Rudergeplätscher – eine Gondel hält eben am Wassertor!«

Donna Florinde ging schnell auf den Balkon und kehrte ebenso schnell zurück, um zu erzählen, daß sie einen Beamten der Republik hätte in den Palast gehen sehen. Es war keine Zeit zu verlieren, Don Camillo mußte sich von neuem in der Kapelle verbergen. Kaum hatte man diese nötige Vorsicht beobachtet, als sich die Türe des Zimmers öffnete und der privilegierte Bote des Senats sich selbst anmeldete. Es war derselbe, der bei der schrecklichen Exekution präsidiert und das Ende der Macht von Signore Gradenigo angekündigt hatte. Als er ins Zimmer trat, blickte er argwöhnisch umher. Der Karmeliter zitterte an allen Gliedern, wie sein Blick dem seinigen begegnete. Doch alle unmittelbare Furcht verschwand, als das gewöhnliche, schlaue Lächeln, mit dem er seine unangenehmen Mitteilungen zu mildern suchte, die Stelle des momentanen Ausdrucks eines ungewissen Argwohns einnahm.

»Edle Dame«, sagte er, sich mit der ihrem Range angemessenen Ehrfurcht verbeugend, »aus dem Eifer seines Dieners werden Sie den Anteil erkennen, den der Senat an Ihrer Wohlfahrt nimmt. Ängstlich besorgt für das Vergnügen und für die Wünsche einer so jungen Dame, hat er beschlossen, Ihnen den Genuß und den Wechsel eines andern Schauplatzes zu geben, und zwar jetzt in dieser Jahreszeit, wo die Kanäle der Stadt durch ihre Wärme und die Menschenmenge, die in der freien Luft lebt, höchst unangenehm werden. Ich bin daher abgesandt worden, Sie zu ersuchen, daß Sie Einrichtungen treffen, wie sie zu einem Aufenthalt von wenigen Monaten in einer reineren Atmosphäre Ihrer Bequemlichkeit angemessen sind, und zwar so eilig als möglich, indem Ihre Reise, um Ihnen Ungemächlichkeiten zu ersparen, schon vor Sonnenaufgang beginnen soll.«

»Das ist eine sehr kurze Frist für eine Dame, die die Wohnung ihrer Ahnen verlassen soll.« »Die Liebe und väterliche Sorgfalt von St. Markus läßt ihn leere Zeremonien übersehen. So handelt stets der Vater gegen sein Kind. Es bedarf der großen Vorbereitungen nicht, da es ein Geschäft der Regierung sein wird, alles Benötigte nach dem Aufenthalt zu senden, den eine so erlauchte Dame mit ihrer Gegenwart beehren wird.«

»Für meine Person braucht es weniger Vorbereitung, allein, ich fürchte, daß die Dienerzahl, die meinem Stande angemessen ist, zu ihren Einrichtungen mehr Zeit bedürfen wird.«

»Edle Dame, diese Verlegenheit hat man vorausgesehen, und um ihr abzuhelfen, hat der Staatsrat beschlossen, Sie mit der einzigen Dienerin zu versehen, die Sie während einer so kurzen Abwesenheit von der Stadt bedürfen werden.«

»Wie, Signore? Will man mich von meinen Leuten trennen?«

»Von den Mietlingen Ihres Palastes, um Sie mit solchen zu umgeben, die Ihnen aus edleren Beweggründen ergeben sind.«

»Und meine mütterliche Freundin – mein geistlicher Ratgeber?«

»Diesen ist erlaubt, während Ihrer Abwesenheit zu ruhen von ihren Pflichten.«

Ein Ausruf der Donna Florinde und eine unwillkürliche Bewegung des Mönchs verrieten ihren beiderseitigen Schmerz. Donna Violetta unterdrückte mit mächtiger Anstrengung das bittere Gefühl ihres verwundeten Herzens, wobei sie ihr Stolz kräftig unterstützte; doch konnte sie eine andere Sorge, die ihre Blicke aussprachen, nicht ganz verbergen.

»Erstreckt sich dies Verbot auch bis auf die, die gewöhnlich meine eigene Person bedient?«

»So lauten meine Befehle, Signora.«

»Erwartet man, daß sich Violetta Tiepolo diese Dienste selbst leiste?«

»Nein, Signora. Man hat eine höchst liebenswürdige, vortreffliche Dienerin zu diesem Geschäft erwählt. Annina«, fuhr er, sich der Türe nähernd, fort, »deine erlauchte Gebieterin wünscht dich zu sehen.«

Auf seinen Ruf erschien die Tochter des Weinhändlers. Sie hatte den Schein der Demut angenommen, doch war er von einer gewissen Miene begleitet, die Unabhängigkeit von dem Willen ihrer neuen Gebieterin verriet.

»Diese Dirne also soll meine nächste Vertraute werden!« rief Donna Violetta aus, nachdem sie ihre Züge einen Augenblick mit sichtlichem Widerwillen gemustert hatte.

»Die Sorgfalt Ihrer erlauchten Vormünder, edle Dame, hat diese Wahl getroffen. Da das Mädchen schon von allem Nötigen unterrichtet ist, so will ich nicht länger beschwerlich fallen, sondern mich beurlauben, und Ihnen noch zuvor empfehlen, die wenigen Stunden zwischen jetzt und Sonnenaufgang zu benutzten, um in der Morgenfrische die Stadt verlassen zu können.«

Noch einen Blick warf der Beamte im Zimmer umher, jedoch, wie es schien, mehr aus gewohnter Vorsicht als aus irgendeinem andern Grund, verbeugte sich alsdann und ging.

Ein tiefes, schmerzliches Stillschweigen erfolgte. Dann blitzte die Furcht, Don Camillo möchte sich in Hinsicht ihrer Lage irren und zum Vorschein kommen, in Violettas Seele auf, daher beeilte sie sich, durch lautes Sprechen mit ihrer neuen Dienerin, ihn von der Gefahr zu unterrichten.

»Hast du schon früher gedient, Annina?« fragte sie laut, damit ihre Worte in der Kapelle gehört würden.

»Nie bei einer so schönen und erlauchten Dame, Signora. Doch hoffe ich, mich meiner Gebieterin angenehm zu machen, die, wie ich höre, so gütig gegen ihre Umgebung ist.«

»Die Schmeichelreden deines Standes sind dir nicht fremd! Geh denn und benachrichtige meine ehemaligen Diener von diesem plötzlichen Wechsel, damit ich den Senat durch mein Zögern nicht erzürne. Ich vertraue alles deiner Sorge an, Annina, da du mit dem Willen meiner Vormünder benannt bist – die Leute draußen werden dir beistehen.«

Das Mädchen zögerte, und ihre wachsamen Beobachter sahen Argwohn und Ungewißheit in der lässigen Art ihres Gehorsams. Sie gehorchte indessen und verließ mit dem Diener, den Donna Violetta aus dem Vorsaal herbeigerufen hatte, das Zimmer. Sowie die Türe geschlossen war, erschien Don Camillo, und die ganze Gruppe der Vier sah sich mit panischem Schrecken an.

»Kannst du jetzt noch zögern, Vater?« fragte der Liebende.

»Nicht einen Augenblick sähe ich Mittel, die Flucht zu bewerkstelligen.«

»Wie! Du willst mich also nicht verlassen!« rief Violetta voller Freude aus und küßte seine Hände. »Und auch du nicht, meine zweite Mutter?«

»Keiner«, antwortete die Freundin, die wie durch Eingebung des Mönchs Entschluß begriff. »Wir gehen mit dir, meine Liebe, nach dem Schlosse von Sant‘ Agata oder in den Kerker von San Marco.«

»Florinde, empfange meinen Dank!« rief die erleichterte Violetta. »Camillo, wir erwarten deine Leitung!«

»Halt«, rief der Mönch, »ein Fußtritt – in dein Versteck.«

Kaum war Camillo ihren Blicken entschwunden, als Annina wieder erschien, nach der unbedeutenden Frage zu urteilen, die sie an ihre Gebieterin hinsichts der Farbe eines Kleides tat, war ihr Kommen eher einer andern Ursache als diesem Vorwande zuzuschreiben.

»Tue, was du willst, Mädchen«, sagte Violetta ungeduldig, »du kennst meinen neuen Aufenthalt und wirst am besten beurteilen können, welches Anzugs ich bedarf. Eile mit deinem Geschäft, damit ich keinen Aufenthalt verursache. Enrico, führe meine neue Kammerfrau in die Garderobe.«

Zögernd entfernte sich Annina, denn zu bewandert war sie in Arglist und Verstellungskunst, um dieser unerwarteten Fügung in den Willen des Senats nicht zu mißtrauen oder nicht den Widerwillen zu bemerken, mit dem ihre Dienste angenommen wurden. Da ihr indes der treue Diener Donna Violettas zur Seite blieb, mußte sie wohl oder übel gehorchen und sich einige Schritte nach der Türe zu führen lassen. Plötzlich, als fiele ihr eine neue Frage ein, kehrte sie mit solcher Schnelligkeit zurück, daß sie schon im Zimmer war, ehe noch Enrico ihre Absicht ahnte.

»Tochter, vollbringe dein Geschäft und hüte dich, uns ferner zu unterbrechen«, sagte der Mönch ernsthaft. »Ich will eben diese Bußfertige beichten lassen, die vielleicht lange nach dem Trost der heiligen Kirche wird schmachten müssen, bevor wir uns wiedersehen. Wenn du kein dringendes Geschäft hast, so geh, ehe du der Kirche ernste Ursache zum Zorne gibst.«

Der strenge Ton des Karmeliters, sein befehlender Blick setzten die Dirne in Schrecken. Zitternd und wirklich in Furcht vor der Gefahr, Meinungen entgegenzuhandeln, die in allen Gemütern tief wurzelten und von denen ihr eigener Aberglaube nicht frei war, murmelte sie einige entschuldigende Worte und ging endlich, nachdem sie noch einen ihrer unruhigen, argwöhnischen Blicke umhergeworfen hatte. Als man sich wieder allein sah, empfahl der Mönch durch einen Wink dem ungestümen Don Camillo, der seine Ungeduld kaum so lange im Zaum halten konnte, bis die Überlästige entfernt war, Stillschweigen.

»Sei vorsichtig, mein Sohn«, sagte er, »wir sind von Verrätern umgeben, in dieser unglücklichen Stadt weiß man nicht, wem man trauen darf.«

»Ich denke, auf Enrico können wir uns verlassen«, sagte Donna Florinde, obgleich der Ton ihrer Stimme die Zweifel ausdrückte, die sie nicht zu fühlen vorgab.

»Daran ist wenig gelegen, meine Tochter. Er weiß nichts von Don Camillos Hiersein, und in dieser Hinsicht sind wir sicher. Herzog von Sant‘ Agata, können Sie uns aus diesen Schlingen erlösen, so sind wir bereit, Ihnen zu folgen.«

Ein Freudenschrei schwebte auf Violettas Lippen, doch den Blicken des Mönchs gehorsam, wandte sie sich zu ihrem Geliebten, als wolle sie seine Entscheidung erfahren. Don Camillos Einwilligung war auf seinem Gesichte zu lesen. Ohne ein Wort zu sagen, schrieb er eilig einige Zeilen auf das Kuvert eines Briefes, wickelte ein Stück Geld hinein und ging mit vorsichtigen Schritten auf den Balkon. Ein Signal ward gegeben, und alle erwarteten schweigend und mit angehaltenem Atem die Antwort. Alsbald hörten sie das Plätschern eines Bootes unter dem Fenster. Wieder vorgehend, warf Don Camillo mit sicherer Hand das Papier hinab, so daß er den Fall der Münze auf dem Boden der Gondel hörte. Der Gondoliere hob kaum seinen Blick zum Balkon empor, fing ein auf den Kanälen sehr gewöhnliches Liedchen an und ruderte gemächlich, als habe es keine Eile, davon.

»Das ist gelungen!« sagte Don Camillo, als er den Gesang Ginos hörte. »In einer Stunde hat mein Geschäftsträger die Feluke in Beschlag genommen, alles kommt nun darauf an, den Palast unbemerkt zu verlassen. Meine Leute werden uns in kurzem erwarten, und vielleicht wäre es wohlgetan, offen und frei unserer Schnelligkeit zu vertrauen, um das Adriatische Meer zu erreichen.«

»Noch ist eine feierliche und unerläßliche Pflicht zu erfüllen«, bemerkte der Mönch. »Meine Töchter, geht in eure Zimmer und besorgt das Nötige zu unserer Flucht: Dies kann, ohne Argwohn zu erregen, geschehen, indem es scheinen wird, als wolltet ihr den Wünschen des Senats genügen. In wenigen Minuten werde ich euch wieder hierher berufen.«

Verwundert, doch gehorsam entfernten sich die Damen. Der Karmeliter machte nun Don Camillo offen und kurz mit seinen Absichten bekannt. Letzterer hörte eifrig zu, und nachdem der andere geendet, gingen beide in die Kapelle.

Kaum vergingen fünfzehn Minuten, als der Mönch schon allein zurückkehrte und die Klingel zog, die in das Kabinett Violettas führte. Donna Florinde und ihr Zögling erschienen sogleich.

»Bereite dich zur Beichte vor«, sagte der Priester, sich mit ernster Würde in den Stuhl niederlassend, den er gewöhnlich einnahm, wenn er auf die Selbstanklagen und Geständnisse seiner geistlichen Tochter hörte.

Violetta erblaßte und errötete wechselweise, als drückte eine schwere Sünde ihr Gewissen. Sie warf einen flehenden Blick auf ihre mütterliche Ratgeberin, in deren milden Zügen sie einem ermutigenden Lächeln begegnete, dann kniete sie, mit schwerem Herzen und zu solcher Feierlichkeit wenig gesammeltem Gemüt, doch mit einer dem Gegenstande angemessenen Entschlossenheit, auf das Kissen nieder, das zu des Mönchs Füßen lag.

Die leisen Worte Donna Violettas waren nur den väterlichen Ohren hörbar, für die sie bestimmt waren. Zweimal lächelte der gute Vater unwillkürlich, und bei jeder gebeichteten Unbesonnenheit legte er wohlwollend seine Hand auf das Haupt der Beichtenden. Violetta hörte auf zu reden, und mit warmer Inbrunst, die durch die besonderen Umstände noch erhöht ward, in denen sich alle befanden, ward die Absolution gesprochen.

Nachdem diese Pflicht erfüllt war, trat der Mönch in die Kapelle. Mit fester Hand zündete er die Lichter auf dem Altare an und besorgte alles zur Messe Nötige. Währenddem stand Don Camillo an der Seite Violettas und flüsterte ihr mit der Wärme eines glücklichen Geliebten leise Worte zu. Florinde hielt sich an der Tür, den Ton der Fußtritte im Vorzimmer bewachend. Der Mönch trat vor den Eingang der kleinen Kapelle und wollte eben sprechen, als Donna Florindes schnelle Schritte seine Worte aufhielten. Kaum hatte Don Camillo Zeit, sich hinter der Draperie eines Fensters zu verbergen, als auch schon Annina die Tür öffnete und hereintrat.

Als die Dirne die Zubereitungen des Altars und des Priesters feierliches Antlitz sah, trat sie bestürzt einen Schritt zurück. Doch mit jener Besonnenheit, die ihr eben ihre gegenwärtige Anstellung verschafft hatte, sammelte sie ihre Gedanken bald, bekreuzigte sich andächtig und nahm ihren Platz seitwärts, wie jemand, der seine Stellung wohl kennt, aber doch an dem heiligen Gottesdienst teilzunehmen wünscht.

»Tochter, niemand, der diese Messe mit uns beginnt, kann sie verlassen, bevor sie geendet ist«, bemerkte der Mönch.

»Vater, es ist meine Pflicht, mich in der Nähe meiner Gebieterin aufzuhalten, und eine Glückseligkeit für mich, ihr in dieser frühen Morgenandacht nahe zu sein.«

Der Mönch war in Verlegenheit; er blickte unentschlossen von einer zur andern und wollte eben irgendeinen Vorwand ersinnen, sich der Überlästigen zu entledigen, als Don Camillo mitten ins Zimmer trat.

»Fahren Sie fort, ehrwürdiger Vater«, sagte er, »sie ist nur noch ein Zeuge meines Glückes mehr.«

Bei diesen Worten berührte der Edelmann mit einem Finger den Griff seines Schwertes und warf der halb versteinerten Annina einen Blick zu, der sehr erfolgreich den Ausruf zurückhielt, der ihr eben entschlüpfen wollte. Der Mönch schien diese schweigende Verabredung zu verstehen, denn mit tiefer Stimme begann er die heilige Messe.

Die Sonderbarkeit ihrer Lage, die wichtigen Folgen der Handlung, in der sie begriffen waren, die ausdrucksvolle Würde des Karmeliters und die große Gefahr, der sie sich alle aussetzten, verbunden mit der Gewißheit der Strafe, wenn es verraten ward, daß sie es wagten, dem Willen Venedigs zuwiderzuhandeln, machten einen tieferen Eindruck auf ihr Gefühl, als gewöhnlich bei Trauungen zu geschehen pflegt. Violetta zitterte bei jedem Ton der feierlichen Stimme des Mönchs, und gegen Ende der Handlung lehnte sie sich kraftlos an den Arm des Mannes, dem sie soeben ihre Treue verpfändet hatte. Die Augen des Karmeliters wurden indessen immer belebter, je weiter er in seinem Vortrage kam, und noch lange vor dem Schluß hatte er sich sogar der Gefühle Anninas so bemächtigt, daß er ihre feile Seele in Ehrfurcht erhielt. Die Endworte der Trauung wurden gesprochen und der Segen erteilt.

»Maria, die Reine, wache über dein Glück, meine Tochter«, sagte der Mönch, zum ersten Male in seinem Leben die Stirn der weinenden Braut küssend. – »Herzog von Sant‘ Agata, dein Schutzpatron erhöre dich nach Maßgabe deiner Güte gegen dies unschuldige, vertrauensvolle Kind!«

»Amen! Ha! Wir sind nicht zu früh vermählt, meine Violetta, ich höre Ruderschläge.«

Ein Blick vom Balkon überzeugte ihn von der Wahrheit seiner Worte und von der Notwendigkeit, jetzt den entscheidenden Schritt zu tun. Eine sechsrudrige Gondel, von einer den Wellen des Adriatischen Meeres in dieser Jahreszeit angemessenen Größe und mit einem geräumigen Kajütenpavillon, hielt am Wassertore des Palastes.

»Ich bewundere diese Kühnheit«, rief Don Camillo aus. »Wir dürfen nicht zögern, damit die Polizei nicht durch irgendeinen Spion der Republik Nachricht erhalte. Fort, teure Violetta! – Fort, Donna Florinde – Vater, fort!«

Die Gouvernante und ihr Zögling eilten schnell in die inneren Zimmer. Nach einer Minute kehrten sie mit Donna Violettas Schmuckkästchen und allem zu einer kurzen Reise Benötigten zurück. Alles war bereit bei ihrer Rückkehr, denn Don Camillo hatte sich auf diesen entscheidenden Augenblick längst vorbereitet, und der selbstverleugnende Karmeliter bedurfte keiner überflüssigen Bequemlichkeiten. Es war jetzt nicht Zeit zu unnötigen Erklärungen oder gewöhnlichen Einwürfen.

»Unsere Hoffnung beruht auf unserer Eile«, sagte Don Camillo. »Geheimhaltung ist unmöglich.«

Noch hatte er nicht vollendet, als der Mönch schon zur Tür schritt. Donna Florinde und die halb atemlose Violetta folgten ihm; Don Camillo zog den Arm Anninas unter den seinen und gebot ihr mit leiser Stimme, zu gehorchen, wenn ihr Leben ihr lieb wäre.

Die lange Reihe der äußeren Zimmer war zurückgelegt, ohne daß irgend jemand diesen sonderbaren Zug bemerkt hätte. Doch als die Flüchtlinge in die große Halle traten, die mit der Haupttreppe in Verbindung stand, sahen sie sich inmitten von wenigstens zwölf Dienern beiderlei Geschlechts.

»Platz da!« rief der Herzog von Sant‘ Agata, dessen Person und Stimme allen gleich unbekannt war. »Eure Gebieterin will die frische Luft auf den Kanälen genießen.«

Verwunderung und Neugier zeigte sich auf allen Gesichtern, doch war in den Zügen vieler Argwohn und eifrige Aufmerksamkeit vorherrschend. Kaum hatte Violettas Fuß das Pflaster der unteren Halle berührt, als mehrere Diener die Treppe hinunterschlüpften und den Palast durch verschiedene Türen verließen. Jeder suchte die Personen auf, die ihn hier in den Dienst gebracht hatten. Einer floh die engen Gassen der Inseln entlang, um zu Don Gradenigos Wohnung zu gelangen; ein anderer suchte dessen Sohn auf; ein dritter, unbekannt mit dem, der ihm für seine Dienste zahlte, suchte den Geschäftsträger Don Camillos, um ihm Umstände mitzuteilen, in denen dieser selbst eine so bedeutende Rolle spielte. In solch einen Zustand von Verderbtheit hatten Falschheit und Hinterlist den Haushalt der schönsten und reichsten Erbin Venedigs versetzt!

Die Gondel lag an den Marmorstufen des Wassertores, zwei Männer hielten sie fest an den Steinen. Don Camillo übersah mit einem Blick, daß die maskierten Gondolieri keine der ihnen von ihm vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln versäumt hatten, und er pries innerlich ihre Pünktlichkeit. Jeder von ihnen trug ein kurzes Rapier im Gürtel, und er glaubte unter den Falten ihrer Gewänder die damals üblichen, schwerfälligen Feuergewehre zu bemerken. Diese Beobachtungen wurden gemacht, während der Mönch und Violetta ins Boot traten. Dona Florinde folgte, und Annina wollte desgleichen tun, als sie Don Camillo beim Arm zurückhielt.

»Dein Dienst hat hier ein Ende«, sagte der Bräutigam. »Suche dir eine andere Gebieterin, in Ermangelung einer besseren rate ich dir, dich Venedig zu weihen.«

Bei dieser Unterbrechung sah sich Don Camillo um und betrachtete einen Augenblick lang die in ehrfurchtsvoller Ferne in der Halle des Palastes versammelte Menge.

»Lebt wohl, meine Freunde!« sagte er. »Wer seiner Gebieterin treu ist, soll nicht vergessen werden.«

Er wollte mehr sagen, da fühlte er sich plötzlich und rauh bei den Armen ergriffen. Die beiden Gondolieri am Ufer hatten ihn gepackt, während er sich ihnen zu entwinden suchte, schoß Annina auf einen erhaltenen Wink bei ihm vorbei und ins Boot. Die Ruder fielen ins Wasser. Don Camillo ward auf eine heftige Weise in den Palast zurückgedrängt, die Gondolieri nahmen ihre Plätze ein, die Gondel glitt von den Stufen hinweg und war bald aus dem Bereich der Zurückgebliebenen.

»Gino! Bösewicht! Was bedeutet diese Verräterei?«

Die Bewegung der abfahrenden Gondel ward nur von dem Ton des rauschenden Wassers begleitet. In sprachlosem Schmerz sah Don Camillo das Boot immer schneller und schneller die Kanäle entlanggleiten und dann, sich um die Ecke eines Palastes wendend, verschwinden. In Venedig war Verfolgung nicht so leicht wie in anderen Städten, denn dem Lauf der Gondel auf den Kanälen konnte man nur zu Wasser folgen. Verschiedene Familienboote lagen innerhalb der durch Pfähle abgetrennten Stelle des großen Kanals am Haupteingange, und schon wollte sich Don Camillo in eines stürzen und mit eigener Hand das Ruder führen, als Ruderschläge die Annäherung einer Gondel von der Brücke her ankündigten. Bald trat sie hervor aus dem dunkeln Schatten der Häuser, und Don Camillo erblickte eine große Gondel, die, genau wie die eben abgefahrene, von sechs maskierten Gondolieri gerudert ward. Die beiden Boote sahen sich so ähnlich, daß nicht nur Don Camillo, sondern alle andern, die zugegen waren, anfangs glaubten, letzteres habe schon mit außergewöhnlicher Eile die Tour um die nahegelegenen Paläste vollendet und nähere sich nun wieder dem Eingange von Donna Violettas Behausung.

»Gino!« schrie der betäubte Neuvermählte.

»Gnädiger Herr?« antwortete fragend der treue Diener.

»Komm näher, Bösewicht. Was soll der unnütze Scherz in diesem Augenblick?«

Don Camillo machte einen gewaltigen Sprung und erreichte glücklich die Gondel. Mit Blitzesschnelle stürzte er mitten durch das Schiffsvolk hindurch in das Zelt, wo ihn ein Blick überzeugte, daß es leer war.

»Niederträchtige, ihr habt gewagt, mich zu hintergehen!« schrie der bestürzte Herzog.

In diesem Augenblick schlug die Stadtuhr zwei; und jetzt erst, als dies verabredete Signal schwer und traurig durch die Nachtluft tönte, ging dem enttäuschten Camillo eine Ahnung von dem wahren Hergang der Sache auf.

»Gino«, sagte er, seine Stimme dämpfend wie jemand, der einen verzweifelten Entschluß fassen will, »sind deine Leute treu?«

»So treu als Ihre eigenen Vasallen, Signore.«

»Und du gabst wirklich meinem Agenten das Billett?«

»Er hatte es in seinen Händen, noch ehe die Tinte trocken war, Exzellenz.«

»Der feile Bösewicht! Er sagte dir, wo du die Gondel, ganz so wie diese ausgerüstet, finden würdest?«

»So ist’s, Signore, und ich muß dem Manne die Gerechtigkeit widerfahren lassen, er stellte ein Schiff, das weder an Schnelligkeit noch Bequemlichkeit etwas zu wünschen übrigläßt.«

»Ja! Er handelt sogar mit Duplikaten, so zart ist seine Sorgfalt!« murmelte Camillo zwischen den Zähnen. – »Rudert zu, Leute, eure eigene Sicherheit und mein Glück hängen von euren Armen ab. Tausend Dukaten, wenn ihr meiner Hoffnung entsprecht, meinen gerechten Zorn, wenn ihr sie täuscht!«

Don Camillo warf sich in der Bitterkeit seines Herzens bei diesen Worten aufs Kissen, doch machte er dabei eine Bewegung, die den Ruderern gebot fortzueilen. Gino, der auf dem Spiegel des Schiffes stand und das Steuerruder lenkte, öffnete ein kleines Fenster im Pavillon und bückte sich, um seines Gebieters Befehle beim Abfahren des Bootes zu vernehmen. Dann, sich aus seiner gebückten Stellung erhebend, tat der geübte Gondoliere einen Schlag mit seinem Ruder, daß sich das träge Element in der engen Durchfahrt in brausenden Wirbeln bewegte, und die Gondel glitt wie vom Instinkte getrieben in den großen Kanal hinein.