Dreißigstes Kapitel

Dreißigstes Kapitel

Die Schließer erwarteten den Karmeliter und Gelsomina und verwahrten, sobald diese fort waren, die Tür für die Nacht. Da die beiden nichts weiter mit den Leuten vom Gefängnisse zu tun hatten, so ließ man sie ungestört gehen. Aber am Ende des Korridors, der zu den Gemächern des Hauswarts führte, blieb der Mönch stehen.

»Fühlst du dich stark zu einem großen Unternehmen, das den Unschuldigen retten könnte?« fragte er schnell und doch mit so feierlichem Tone, daß sich darin die Wichtigkeit seines Vorhabens erkennen ließ.

»Vater!«

»Ich möchte wissen, ob dich deine Liebe zu dem jungen Manne mit Mut genug beseele zu einem gewagten Versuche. Denn ohne einen solchen muß er unvermeidlich sterben.«

»Ich wollte sterben, um Jacopo einen Seufzer zu ersparen.«

»Täusche dich nicht selbst, meine Tochter! Kannst du deinem gewöhnlichen Benehmen entsagen, die Ängstlichkeit, die dein Alter und dein Stand mit sich bringen, überwinden, furchtlos dastehen und sprechen vor den Hohen und Gefürchteten?«

»Ehrwürdiger Karmeliter, sprech ich doch täglich ohne Furcht, wenn auch nicht ohne Ehrerbietung zu einem, der furchtbarer ist als irgend jemand in Venedig.«

Der Mönch sah bewundernd auf das sanfte Wesen, in dessen Zügen mild die Entschlossenheit glühte, die Unschuld und Liebe verleihen. Er machte ein Zeichen, ihm zu folgen.

»So wollen wir denn, wenn nichts anderes hilft«, sagte er, »vor den Stolzesten und Furchtbarsten der Erde hintreten. Wir wollen unsere Schuldigkeit nicht versäumen, weder gegen den Bedrücker noch gegen den Unterdrückten, auf daß keine Unterlassungssünde unser Gewissen beschwere.«

Ohne weiteren Aufschluß zu geben, führte Vater Anselmo das bereitwillige Mädchen in den Teil des Palastes, der als die Privatwohnung des sogenannten Oberhauptes der Republik bekannt war.

Geschichtlich ist die Eifersucht der venezianischen Patrizier, die den Dogen zu einem Spielzeug in ihren Händen machten, indem sie ihn ihrer Regierungsmethode gemäß zu nichts weiter gebrauchten als zu einer Prunkfigur bei den imposanten Zeremonien, die ihr Schein suchendes System erforderte, und bei den Verhandlungen mit dem Auslande. Er wohnte in seinem Palaste wie die Bienenkönigin im Stocke, äußerlich geehrt und gepflegt, in Wahrheit aber von denen abhängig, die allein die Macht haben zu verletzen und, gleich demselben Insekt, mehr als einen gewöhnlichen Teil von den Früchten des gemeinsamen Fleißes zu verzehren.

Vater Anselmo verschaffte sich durch seine Entschlossenheit und durch die Zuversichtlichkeit seines Benehmens Zutritt zu den inneren Gemächern eines Fürsten, der so abgeschlossen und bewacht lebte.

Mehrere Schildwachen ließen ihn durch, aus seinem heiligen Stande und seinem gemessenen Schritte schließend, daß der Mönch in seinem gewöhnlichen Dienste herkomme, der ihm ein Vorrecht vor allen andern gab. Durch dies ruhige, stille Verfahren gelangte der Karmeliter mit seiner Gefährtin bis in das Vorzimmer des Fürsten, das Tausende durch weit künstlichere Mittel zu erreichen vergeblich sich bemüht hatten.

Nur zwei oder drei niedere Beamte vom Hause hielten schläfrig Wache. Einer stand jedoch schnell auf, als er die unbekannten Gäste so unerwartet hereintreten sah, und drückte durch das Überraschte und Verwirrte seines Blickes sein Erstaunen über den ungeahnten Besuch aus.

»Seine Hoheit erwartet uns wohl schon?« fragte Vater Anselmo ganz einfach und zwang seine bekümmerte Miene zu einem Blicke voll ergebener Höflichkeit.

»Santa Maria, heiliger Vater, das müßt Ihr am besten wissen, aber –«

»So wollen wir denn die Zeit nicht mit müßigen Worten verlieren, mein Sohn, da wir schon zu lange gezögert haben – führe uns in das Gemach Seiner Hoheit.«

»Wir dürfen niemanden ungemeldet vor –«

»Du siehst, dies ist kein gewöhnlicher Besuch. – Geh, sage dem Dogen, daß der Karmelitermönch, den er erwartet, und das junge Mädchen, an dem sein fürstliches Herz einen so väterlichen Anteil nimmt, seine Befehle erwarten.«

»Also hat Seine Hoheit befoh…«

»Sage ihm ferner, daß die Not dringend ist, denn die Stunde steht nahe bevor, in der die Unschuld leiden soll.«

Der Diener ließ sich durch den Ernst und die Zuversicht des Mönchs täuschen. Erst besann er sich noch, dann stieß er eine Tür auf und führte die Gäste in ein inneres Zimmer, wo er sie bat, seine Rückkehr zu erwarten. Demnächst begab er sich in das Kabinett seines Herrn, um seinen Auftrag auszurichten.

Es ward schon angeführt, daß der regierende Herr, wenn anders dieser Titel einem Fürsten beigelegt werden kann, der nur eine Puppe der Aristokraten ist, daß dieser ein bejahrter Mann war. Er hatte die Sorgen des Tages beiseite geworfen und las einen der Klassiker seines Vaterlandes. Seinen Putz hatte er, um sich bequemer und freier bewegen zu können, abgelegt. Der Mönch konnte keinen glücklicheren Augenblick für sein Geschäft gewählt haben, denn der Mann war nicht verschanzt mit den öffentlichen Insignien seines Ranges und sanft gestimmt durch das Eingehen in einen Schriftsteller, der es wohl verstand, des Lesers Gefühle nach seinem Belieben zu erregen und zu lenken.

Eben war der Doge so vertieft in seinen Gegenstand, daß er den eintretenden Kämmerling nicht bemerkte und daß dieser schon eine Minute lang dastand, den Wink des Herrn erwartend, ehe er gesehen wurde.

»Was willst du, Marco?« fragte der Fürst, als er von dem Buche aufsah.

»Signore«, entgegnete der Diener in der vertraulichen Weise, die denen verstattet ist, die der Person des Fürsten am nächsten stehen, »draußen warten der ehrwürdige Karmeliter und das junge Mädchen.«

»Was sagst du? – Ein Karmeliter und ein Mädchen?«

»Ja, Signore. Dieselben, die Ew. Hoheit herbestellt haben.«

»Was ist dies für ein freches Vorgehen?«

»Signore, ich wiederhole nur die Worte des Mönchs. – Sage Seiner Hoheit – sprach der Pater –, daß der Karmeliter, den er zu sprechen wünscht, und das junge Mädchen, an dessen Wohl sein fürstliches Herz so väterlich Anteil nimmt, seine Befehle erwarten.«

Über die alten Züge des greisen Fürsten zog die Glut des Unwillens röter als die der Scham, und sein Auge blitzte.

»Dies bietet man mir – in meinem eigenen Palaste!«

»Verzeihung, Signore! Dieser Priester ist nicht schamlos, wie so viele, die die Tonsur in Unehren bringen. Der Mönch und das Mädchen sehen beide unschuldig aus und arglos, und Eure Hoheit haben vielleicht vergessen –«

Die Röte von den Wangen verschwand, und sein Auge nahm wieder einen väterlichen Ausdruck an. Aber sein Alter und die Erfahrungen seiner schwierigen Stellung hatten den Dogen Vorsicht gelehrt. Er wußte recht gut, daß er nichts vergessen hatte, und ahnte, daß die ungewöhnliche Meldung eine verborgene Bedeutung haben müsse. Es konnte ein Anschlag seiner Feinde sein, denn er hatte deren viele und tätige, oder es war vielleicht ein anderer verzeihlicher Beweggrund, der zu einem so kecken Mittel, sich Zutritt zu verschaffen, geführt hatte.

»Hat der Karmeliter sonst noch etwas gesagt, guter Marco?« fragte er nach tiefem Sinnen.

»Signore, er sagte, daß die Sache dringend wäre, denn die Stunde sei nahe, wo die Unschuld leiden könnte. Ich zweifle nicht, daß er kommt, für irgendeinen jungen Extravaganten zu bitten, denn es sollen mehrere Jünglinge von Adel wegen ihrer Tollheiten beim Karneval verhaftet worden sein. Das Frauenzimmer mag eine verkleidete Schwester sein.«

»Laß einen von deinen Kameraden hereinkommen, und du, führe die Gäste mir zu, sobald ich klingle.«

Der Diener entfernte sich und ging auf einem anderen Wege in das Vorzimmer, um sich den Wartenden nicht zu früh zu zeigen. Der zweite Kämmerling erschien sogleich vor dem Dogen und wurde von diesem abgeschickt, einen vom Rate der Drei herbeizurufen, der in einem nahen Zimmer mit wichtigen Papieren beschäftigt war. Der Senator leistete dem Rufe sogleich Folge, denn er trat hier als der Freund des Fürsten auf und war als solcher öffentlich und mit den üblichen Ehrenbezeigungen hereingelassen worden.

»Man hat mir einen Besuch ungewöhnlicher Art angekündigt, Signore«, sagte der Doge und stand auf, den Mann zu empfangen, den er aus Vorsicht gegen sich selbst herbeschieden hatte. »Ich wünschte, daß Ihr Zeuge wäret von ihrem Begehren.«

»Es ist gut, daß Ew. Hoheit uns Senatoren Anteil an Ihren Geschäften vergönnt. Aber wenn der Irrtum, daß es durchaus so nötig sei, Euch bewegen sollte, die Gegenwart eines Rates zu verlangen, sooft jemand den Palast besucht –«

»Ich weiß, Signore«, unterbrach ihn der Fürst mit sanfter Stimme und schellte. »Ich hoffe, mein Begehren hat Euch nicht unangenehm gestört. Da kommen aber schon, die ich erwarte.«

Vater Anselmo und Gelsomina traten miteinander in das Gemach. Der Doge sah auf den ersten Blick, daß sie ihm gänzlich fremd waren. Er und das Mitglied des geheimen Rates blickten einander an und nahmen gegenseitiges Erstaunen wahr.

Dem Dogen gegenüberstehend, warf der Karmeliter seine Kutte zurück und enthüllte dadurch ganz seine asketischen Züge, während sich Gelsomina, aus Scheu vor dem hohen Range des Mannes, der sie empfing, schamhaft zurückzog und sich hinter dem Gewande des Mönchs halb versteckte.

»Was bedeutet dieser Besuch«, fragte der Fürst, »und diese ungewöhnliche Begleitung? Weder die Zeit noch die Art der Meldung ist herkömmlich.«

Vater Anselmo stand zum erstenmal vor dem Oberhaupt von Venedig. Gewohnt aber, wie alle seine Landsleute und mehr noch seine Altersgenossen, vorsichtig die Möglichkeit des Erfolges zu berechnen, ehe er seinen Gedanken Worte zu geben wagte, heftete der Mönch erst einen festen Blick auf den Fragenden. »Erlauchter Fürst«, sagte er dann, »wir kommen, um Gerechtigkeit zu bitten. In solcher Angelegenheit gilt es, kühn zu sein, um nicht seinem eigenen Charakter und der guten Sache etwas zu vergeben.«

»Gerechtigkeit ist der Stolz des heiligen Markus und das Glück seiner Untertanen. Dein Verfahren, Vater, ist nicht der bestehenden Ordnung und den heilsamen Schranken gemäß, doch es findet vielleicht seine Verteidigung – stelle dein Anliegen vor.«

»In den Gefängnissen sitzt einer, den die öffentlichen Gerichte zum Tode verurteilt haben und der, sobald der Tag wiederkehrt, sterben muß, wenn ihn Euer fürstlicher Machtspruch nicht rettet und ich habe bei der Ausübung meines heiligen Amtes ermittelt, daß er unschuldig ist.«

»Sagtest du, verurteilt von den gewöhnlichen Gerichten, Vater?«

»Zum Tode verdammt, Hoheit, durch einen Spruch des Kriminalgerichts.«

Der Fürst schien erleichtert. Solange die Sache öffentlich war, hatte er wenigstens Hoffnung, seiner natürlichen Menschenfreundlichkeit nachzuhängen und weiter zu hören, ohne der verschlungenen Staatspolitik zu nahe zu treten. Er warf einen Blick auf den unbeweglichen Inquisitor, gleichsam forschend, ob dieser es billige, und trat dem Karmeliter einen Schritt näher, mit zunehmender Teilnahme an dem Gesuche.

»Mit welcher Berechtigung, ehrwürdiger Priester, widersetzest du dich dem richterlichen Ausspruch?« fragte er.

»Signore, wie ich eben sagte, infolge der Kenntnis, die ich bei Ausübung meines heiligen Amtes gewonnen habe. Er hat mir sein Innerstes enthüllt als ein Mann, dessen Fuß bereits im Grabe steht, und obgleich ein Sünder vor Gott, wie alle, die vom Weibe geboren sind, ist er doch unschuldig vor der weltlichen Obrigkeit.«

»Denkst du, Vater, daß jemals das Gesetz sein Opfer erreichen würde, wenn wir nur auf Selbstanklagen hörten! Ich bin alt, Mönch, und habe lange diesen mühseligen Schmuck getragen«, er wies auf die gehörnte Mütze, das Symbol des Staates, die neben ihm lag, »und ich erinner mich nicht, daß jemals ein Verbrecher die Schuld auf etwas anderes geschoben hätte als auf ungünstige Umstände, deren Opfer er sei.«

»Daß die Menschen mit so betrüglichem Trost ihr Gewissen beschwichtigen, weiß ein Mann von meinem Berufe gar wohl. Unser Tagewerk ist ja hauptsächlich, denen ihre Täuschung nachzuweisen, die, ihre eigenen Sünden durch Bekenntnis und Selbsterniedrigung verdammend, auf ihre Demut stolz sind. Aber, Doge von Venedig! Es gibt noch eine Kraft in dem heiligen Sakramente, das ich diesen Abend zu verwalten gerufen worden bin, eine Kraft, die den Stolz des ausschweifendsten Gemütes überwältigen kann. Viele suchen sich selber zu betrügen bei der Beichte, aber durch Gottes Macht gelingt es wenigen.«

»Gepriesen sei dafür die gelobte Mutter und ihr Sohn, der Mensch geworden«, erwiderte der Fürst, von dem stillen Glauben des Mönchs ergriffen, und bekreuzigte sich fromm. »Vater, du hast vergessen, den Verurteilten zu nennen.«

»Es ist ein gewisser Jacopo Frontoni, der als Bravo verrufen ist.«

Der Fürst von Venedig stutzte, wechselte die Farbe, und sein Blick verriet unverstelltes Erstaunen.

»Sprichst du von dem blutigsten Stilett, das je die Stadt geschändet hat, als von der Waffe eines nur sogenannten Bravo? Die Kunstgriffe des Ungeheuers sind mächtiger gewesen als deine Erfahrung, Mönch! Das treue Bekenntnis eines solchen Elenden kann nur eine Geschichte blutiger und empörender Verbrechen sein.«

»Als ich in sein Gefängnis trat, war ich derselben Meinung, aber ich ging fort in der Überzeugung, daß ihm die öffentliche Stimme unrecht getan hat. Wenn Ew. Hoheit die Gnade haben will, seine Geschichte anzuhören, werdet Ihr ihn eher für einen Gegenstand des Mitleids als der Verdammung halten.«

»Unter allen Verbrechern in meinem Reiche hätte ich diesen für den letzten gehalten, zu dessen Gunsten etwas vorgebracht werden könnte! Aber sprich frei, Karmeliter. Meine Neugier ist so groß als mein Erstaunen.«

Der Doge ließ seinen Gefühlen so ganz freien Lauf, daß er im Augenblicke gar nicht an die Gegenwart des Inquisitors dachte, dessen Gesicht ihm sonst wohl mochte verraten haben, wie bedenklich die Sache zu werden anfing.

Der Mönch dankte dem Himmel, denn es war nicht immer leicht in diesem geheimnisvollen Staate, die Wahrheit vor die Ohren der Mächtigen zu bringen. Wenn ein so doppelsinniges Wesen in der ganzen Verfassung herrscht, so verwebt sich der entsprechende Sinn in die Gewohnheiten der Freimütigsten, wenn sie es auch selber nicht merken. Als daher Vater Anselmo zu der verlangten Erklärung schritt, berührte er schonend die Kunstgriffe des Staates und deutete mit Zurückhaltung die Gebräuche und Meinungen an, die ein Mann seines heiligen Berufes und seiner Redlichkeit unter anderen Umständen furchtlos verdammt haben würde.

»Es mag einem so hochgestellten Herrn, als Ihr seid, gebietender Fürst«, begann der Karmeliter, »vielleicht fremd sein, daß ein niedriger, aber fleißiger Arbeiter dieser Stadt, ein gewisser Francesco Frontoni, vor langer Zeit wegen Zollverbrechens verurteilt wurde. Dieses Verbrechen pflegt der Staat immer streng zu bestrafen, denn wenn die Menschen die Güter dieser Welt allem übrigen vorziehen, so verkennen sie den Zweck, der sie zum geselligen Verbande zusammengeführt hat.«

»Vater, wolltest du von einem gewissen Francesco Frontoni sprechen?«

»Ja, Hoheit, so hieß er. Der Unglückliche hatte einen Mann zum Freunde und Vertrauten, der als Freier seiner Tochter um seine Geheimnisse zu wissen schien. Als sich dieser falsche Freund, der Zollverbrechen verübt hatte, auf dem Punkte sah, entdeckt zu werden, ersann er einen Betrug, durch den er selbst entkam und auf seinen allzu vertrauensvollen Freund den Unwillen der Regierung lenkte. Francesco wurde zum Gefängnis unter den Bleidächern verurteilt, um ihn zum Geständnis von Tatsachen zu bringen, die nie geschehen waren.«

»Das ist ein hartes Geschick, ehrwürdiger Mönch, wenn die Sache so erwiesen werden kann!«

»Großer Doge, das ist das Übel bei Geheimhaltung und Intrige in der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten.«

»Hast du noch mehr von diesem Francesco zu sagen, Mönch?«

»Seine Geschichte ist kurz, Signore. In der Lebenszeit, die die meisten Menschen in Tätigkeit für ihr eigenes Wohl verwenden, schmachtete er im Kerker.«

»Ich erinnere mich, von einer solchen Anklage gehört zu haben – aber die Sache fiel während der Regierung des vorigen Dogen vor, nicht wahr, Vater?«

»Und hat fast bis zum Ende der Regierung des jetzigen gedauert, Hoheit.«

»Wie? Der Senat hat doch, von dem Mißgriff in Kenntnis gesetzt, sein Unrecht schnell wieder gutgemacht!«

Der Mönch sah den Fürsten ernst an, als wollte er sich Gewißheit verschaffen, ob das Erstaunen, das er wahrnahm, nicht ein hoher Grad von Verstellung wäre. Er überzeugte sich jedoch, daß die Sache zu denen gehörte, die, wie ungerecht, grausam und zerstörend sie auch für das Glück eines einzelnen sein mögen, doch nicht wichtig genug sind, um vor die gebracht zu werden, die an der Spitze einer Verwaltung stehen, die mehr ihr eigenes Bestehen als das Gemeinwohl ins Auge faßt.

»Signore Doge«, sagte er, »der Staat ist behutsam, wo es seinen eigenen guten Ruf gilt. Es sind Gründe, die ich mir nicht herausnehme zu untersuchen, die aber den Kerker des armen Francesco noch immer verschlossen hielten, als nach dem Tode und Bekenntnisse seines Anklägers schon längst seine Unschuld erwiesen war.«

Der Fürst sann nach, und sodann fiel ihm ein, die Mienen seines Gesellschafters zu Rate zu ziehen. Der Marmor des Pfeilers, an den dieser gelehnt stand, war nicht kälter und unbeweglicher als das Gesicht des Inquisitors. Der Mann hatte gelernt, vor den erkünstelten Pflichten seines Amtes jede natürliche Regung schwinden zu lassen.

»Und was hat diese Sache des Francesco mit der Hinrichtung des Bravo zu tun?« sagte der Doge nach einer Pause, während der er sich vergeblich bemühte, die gleichgültige Miene seines Rates anzunehmen.

»Das zu beantworten, werde ich hier der Tochter des Gefängniswärters überlassen! – Tritt vor, Kind, und erzähle, was du weißt. Gedenke daran, daß du, vor dem Dogen von Venedig redend, zugleich vor dem Könige der Himmel stehst.«

Gelsomina zitterte. Wie sie erzogen war, konnte sie, der Güte ihrer Sache ungeachtet, nicht leicht eine natürliche Scheu bekämpfen. Aber getreu ihrem Versprechen und ermutigt durch ihre Liebe zu dem Verurteilten, trat sie einen Schritt vor und versteckte sich nicht länger hinter dem Gewande des Karmeliters.

»Du bist die Tochter des Gefängniswärters?« fragte der Fürst mit mildem Tone, obgleich sich Erstaunen in seinem Auge malte.

»Hoheit, wir sind arm und unglücklich. Wir dienen dem Staate um Brot.«

»Ihr dient einem edeln Herrn, Kind. Weißt du etwas von diesem Bravo?«

»Hoher Herr, die ihn so nennen, kennen sein Herz nicht. Es kann keinen geben in Venedig, der gegen seine Freunde herzlicher, seinem Worte getreuer und den Heiligen ergebener wäre als Jacopo Frontoni.«

»Diesen Charakter kann die Kunst auch wohl einem Bravo beilegen. Aber wir verlieren die Zeit. Was haben die beiden Frontoni miteinander gemein?«

»Hoheit, sie sind Vater und Sohn. Als Jacopo so alt war, daß er das Unglück seiner Familie einsehen konnte, lag er den Senatoren mit Bitten für seinen Vater so lange an, daß diese befahlen, man sollte den Kerker des Gefangenen einem so frommen Sohne heimlich öffnen. Ich weiß wohl, daß die Regierenden nicht allwissend sein können, sonst wäre solch Unrecht nie möglich gewesen. Aber Francesco blieb jahrelang im Gefängnis, wo es winters kalt und dunstig und sommers eine glühende Hitze ist, bis es herauskam, daß er falsch angeschuldigt war. Da ließ man zu einigem Ersatz für die gar nicht verdienten Qualen Jacopo zu ihm.«

»Warum das, Mädchen?«

»Hoheit, war es nicht aus Erbarmen? Sie versprachen auch, daß die Dienste des Sohnes zu seiner Zeit dem Vater die Freiheit erwerben sollten. Die Patrizier waren aber schwer zu überzeugen und machten Bedingungen mit dem armen Jacopo, und er ging darauf ein, sich einem schweren Geschäft zu unterziehen, damit nur sein Vater noch einmal die freie Luft atmen möchte vor seinem Tode.«

»Du sprichst in Rätseln.«

»Ich bin nicht gewohnt, großer Doge, vor so vornehmen Herren zu reden, auch nicht über solche Sachen. Aber dies weiß ich, daß Jacopo drei lange Jahre Zutritt hatte zu seines Vaters Zelle und daß dies mit Erlaubnis der Obrigkeit geschah; mein Vater würde es sonst nicht gelitten haben. Ich begleitete ihn immer bei dem frommen Gange und will die gelobte Jungfrau und alle Heiligen zu Zeu –«

»Mädchen, hast du gewußt, daß er ein Bravo ist?«

»Ach, Hoheit, nein! Er schien mir immer ein pflichtliebender Sohn, der Gott fürchtete und seinen Vater ehrte. Ich möchte nie wieder solchen Schmerz empfinden, als mich damals durchschauerte, da sie sagten, der, den ich als den guten Carlo gekannt hatte, würde in Venedig verfolgt als der verabscheute Jacopo! Aber es ist vorüber, gelobt sei die Mutter Gottes!«

»Du bist diesem verurteilten Manne verlobt?«

»Ja, Hoheit. Wir hätten uns geheiratet, wenn es Gott gefallen hätte und diesen großen Senatoren, die so vielen Einfluß auf das Schicksal der Armen haben –«

»Und du bist noch jetzt, da du den Mann kennst, willens, dich einem Jacopo anzutrauen?«

»Weil ich ihn so kenne, wie er ist, großer Doge, darum muß ich ihn ehren. Er hat dem Staate seine Zeit und seinen guten Ruf verkauft, um seinen gefangenen Vater zu retten, und darin seh ich nichts Abschreckendes für eine, die er liebt.«

»Die Sache bedarf der Erklärung, Karmeliter. Das Mädchen hat eine erhitzte Phantasie und verwickelt, was sie entwirren will.«

»Erlauchter Fürst, sie wollte sagen, daß es der Republik genehm war, dem Sohne den Besuch bei seinem Vater zu verstatten und ihm Hoffnung zu dessen Befreiung zu machen, unter der Bedingung, daß sich der junge Mann zum Vorteil der Polizei für einen Bravo ausgab.«

»Und für diese unglaubliche Geschichte bürgt Euch nichts als das Wort eines verurteilten Verbrechers?«

»Der vor seinen Augen nichts sieht als den Tod. Es gibt Mittel, die Wahrheit klar zu durchschauen, und sie sind denen bekannt, die oft sterbenden Büßern beistehen, unbekannt aber den weltlichen Menschen. Jedenfalls, Signore, ist die Sache der Untersuchung wert.«

»Darin hast du recht. Ist die Stunde zur Hinrichtung bestimmt?«

»Mit Tagesanbruch, Fürst.«

»Und der Vater?«

»Ist im Kerker gestorben.« Eine Pause.

»Hast du vom Tode eines gewissen Antonio gehört?« nahm der erschütterte Doge, sich fassend, das Wort.

»Ja, Signore. Bei meinem heiligen Amte bezeuge ich, daß Jacopo an diesem Verbrechen unschuldig ist. Ich selbst habe dem Fischer zur Beichte gesessen.«

Der Doge wendete sich ab, denn die Wahrheit dämmerte in ihm auf, und die Glut auf seinen greisen Wangen enthielt ein Geständnis, das nicht jedes Auge merken konnte. Er suchte den Blick seines Gesellschafters, aber der Ausdruck seines menschlichen Gefühls traf auf die geregelten Züge des anderen wie Licht auf polierten Stein, davon es kalt zurückprallt.

»Hoheit«, sagte eine zitternde Stimme.

»Was willst du, Kind?«

»Es gibt einen Gott für die Republik so gut als für den Gondoliere! Wird Ew. Hoheit nicht diese große Sünde von Venedig abwenden?«

»Du sprichst geradeaus, Mädchen.«

»Carlos große Gefahr hat mich kühn gemacht. Das Volk liebt Euch sehr, und keiner spricht von Euch, ohne zugleich von Eurer Güte und Eurer Dienstwilligkeit für die Armen zu sprechen. Ihr seid unser Vater, und wir haben ein Recht, zu Euch zu kommen, auch wenn wir um Gnade bitten. Hier aber, Hoheit, fordere ich nur Gerechtigkeit.«

»Gerechtigkeit ist Venedigs Wahlspruch.«

»Die von der Vorsehung reichlich gesegnet sind, wissen nicht immer, was ein Armer zu tragen hat. Es hat Gott gefallen, meiner eigenen armen Mutter schwere Leiden aufzuerlegen, die ohne ihre Geduld und ihren christlichen Glauben schwer zu überstehen wären. Das bißchen Sorgfalt, das ich ihr spenden konnte, hat zuerst Jacopos Augen auf mich gezogen, denn sein Herz war voll von Kindespflicht. Wenn Ew. Hoheit nur Carlo besuchen wollten oder ihn hierherbringen ließen, so würde seine einfache Erzählung alle schändlichen Untaten, die sie ihm aufgebürdet haben, zur Lüge machen.«

»Das ist nicht nötig – das ist nicht nötig. Dein Glaube an seine Unschuld, Mädchen, ist beredter, als alle seine Worte sein können.«

Ein Freudenstrahl blitzte in Gelsominas Gesicht auf, sie wandte sich zu dem Mönche und sagte: »Seine Hoheit gibt Gehör, und wir werden durchdringen! Vater, sie mögen drohen in Venedig und den Furchtsamen ängstlich machen, aber sie werden das niemals tun, was wir gefürchtet haben. Ist nicht Jacopos Gott mein Gott und ihr Gott? Der Gott des Senates und des Dogen? Des Rates und der Republik? Ich wünschte, die geheimen Mitglieder vom Rate der Drei hätten den armen Jacopo gesehen, wenn er nach seinem Tagewerk, müde von der Arbeit, gepeinigt von dem ewigen Zögern, in die Winter- oder Sommerzelle trat, wie es nun gerade war, eisig kalt oder brennend heiß, und sich zwang, vergnügt zu sein, damit der fälschlich Angeklagte nicht noch mehr sein Elend fühlen möchte! – Ach, ehrwürdiger und gütiger Fürst, Ihr wisset wenig von der Last, die oft die Armen zu tragen haben, denn Euch ist das Leben Sonnenschein. Aber Millionen sind da, die tun müssen, was sie hassen, um nur nicht tun zu müssen, was sie fürchten.«

»Kind, du sagst mir nichts Neues.«

»Außer, daß ich Euch Beweise gebe, Hoheit, daß Jacopo kein solch Ungeheuer ist, als sie aus ihm machen wollen. Ich weiß nicht, aus was für geheimen Gründen der Rat den jungen Mann zu einem Betruge bewogen hat, der beinahe so unglücklich geendet hätte, jetzt aber, da alles aufgeklärt ist, haben wir nichts zu fürchten. Kommt, Vater! Wir wollen den guten und gerechten Dogen zur Ruhe gehen lassen, wie seinen Jahren zukommt, und wollen zurückgehen, Jacopos Herz aufzuheitern durch die Nachricht von unserem Erfolge, und wollen der gelobten Maria für ihre Gnade danken.«

»Halt!« rief der Greis mit erstickter Stimme. »Ist es wahr, was du mir gesagt hast, Mädchen? Vater, kann es so sein?«

»Signore, ich habe alles wahrhaft gesagt, wie mich mein Gewissen trieb.«

Des Fürsten Auge schweifte wild von dem bewegungslosen Mädchen zu dem gleichfalls unbewegten Mitgliede der Drei hinüber.

»Tritt hierher, Kind«, sagte er, und seine Stimme zitterte, »tritt her, daß ich dich segne.« Gelsomina trat schnell vor und ließ sich vor dem Herrn auf ihre Knie nieder.

Nie hatte Vater Anselmo einen lauteren und glühenderen Segen gesprochen, als jetzt von den Lippen des Dogen von Venedig floß. Der letztere hob sodann die Tochter des Gefangenenwärters auf und bedeutete den beiden Gästen, sich zu entfernen. Gelsomina gehorchte gern, denn ihr Herz, voll Begierde, ihren Erfolg mitzuteilen, war schon in Jacopos Zelle, aber der Karmeliter warf noch einen zögernden Blick zurück als ein Mann, der besser bekannt war mit den Wirkungen weltlicher Politik, wenn diese mit dem Interesse solcher Leute zusammenhängt, die die Herrschaft zum Vorteil der Bevorrechteten anwenden. Im Hinausgehen aber war seine Hoffnung neu belebt, denn er sah den greisen Fürsten, unfähig, sein Gefühl länger zurückzuhalten, mit ausgestreckten Armen, mit tränenerfüllten Augen, mit einem Blicke, in dem sich Verlangen nach der Freude menschlichen Mitgefühls lebendig aussprach, auf seinen schweigsamen Gesellschafter zueilen.

Einunddreißigstes Kapitel

Einunddreißigstes Kapitel

Wieder rief der Morgen die Venezianer an ihr Tagewerk. Agenten der Polizei hatten geschäftig die Stimmung des Volkes bearbeitet, und sobald die Sonne über dem Meere emporstieg, fingen die Plätze an, sich zu füllen. Da fand sich der neugierige Bürger ein in Mantel und Mütze, da gafften verwundert barfüßige Arbeitsleute, da kam der vorsichtige, bärtige Hebräer in seinem weiten Rock, Edelleute zeigten sich in Masken und manche aufmerksame Fremde, von den Tausenden, die diese Stadt noch immer besuchten, obgleich der Glanz ihres Handels im Abnehmen war. Man erzählte einander, daß eine Handlung der vergeltenden Gerechtigkeit für die Ruhe der Stadt und die Sicherheit der Bürger gehandhabt werden sollte.

Die Dalmatier waren unfern des Meeres dergestalt aufmarschiert, daß sie die beiden Granitsäulen der Piazetta umgaben. Ihre ernsten soldatischen Gesichter waren nach ihnen, den afrikanischen Säulen, jenen wohlbekannten Grenzzeichen des Todes, zugekehrt. Einige grimmige Krieger von höherem Range durchschritten den Raum vor den Truppen, während sich ein dichtgedrängter Haufe hinter diesen anschloß. Aus besonderer Gunst hatte man über hundert Fischern vergönnt, sich innerhalb des bewaffneten Kreises aufzustellen, damit sie sehen sollten, wie ihr Stand gerächt würde. Zwischen den hohen Fußgestellen des heiligen Theodor und des Flügellöwen befanden sich Block und Axt, ein Tragekorb und Sägespäne, die damals üblichen Gerätschaften bei Hinrichtungen. Neben diesen stand der Scharfrichter.

Eine Bewegung in der Menge lenkte endlich jedes Auge nach dem Tore des Palastes. Ein Gemurmel erhob sich, die Menge wallte hin und her, und eine kleine Schar Sbirren wurde sichtbar. Ihr Schritt war schnell, wie der Gang des Geschicks. Die Reihe der Dalmatier öffnete sich zur Aufnahme dieser Handlanger des Schicksals und schloß sich wieder hinter ihnen, als verschlössen sie mit dem Verurteilten die Welt mit allen ihren Hoffnungen. Als sie bei dem Blocke zwischen den Säulen ankamen, teilten sich die Sbirren in Reihen und zogen sich ein wenig zurück, Jacopo blieb allein vor den Todeswerkzeugen mit seinem geistlichen Ratgeber, dem Karmeliter, der gaffenden Menge sichtbar.

Vater Anselmo war in der gewöhnlichen Ordenskleidung der Barfüßermönche. Die Kapuze des heiligen Mannes war zurückgeschlagen und zeigte den Umstehenden seine kasteiten Züge. Sein Gesicht war ein Bild verworrener Ungewißheit; oft blitzten Funken von Hoffnung fieberhaft darin auf. Während sich seine Lippen betend bewegten, schweifte sein Blick unwillkürlich von einem Fenster des Dogenpalastes zum andern. Er stellte sich indessen neben den Verurteilten hin und bekreuzigte sich dreimal mit innigem Eifer.

Jacopo stand in ruhiger Haltung vor dem Block. Sein Kopf war entblößt, seine Wange farblos, Hals und Nacken bis zu den Schultern unbedeckt, sein Oberleib war mit dem Hemd und sein übriger Körper nach Brauch der Gondolieri bekleidet. Er kniete nieder, das Gesicht dem Blocke zuwendend, und betete; dann stand er auf und überschaute die Menge mit Würde und Fassung. Während sein Auge über die Reihe menschlicher Gesichter langsam hinschweifte, überflog eine flüchtige Glut sein Antlitz; denn keines von allen verriet Gefühl für sein Leiden. Seine Brust hob sich, und die zunächst standen, bildeten sich ein, nunmehr verlasse den Unglücklichen seine Selbstbeherrschung. Aber so geschah es nicht. Er schauderte wohl zusammen, dann aber gewann er wieder die vorige Ruhe.

»Du hast dich vergeblich unter der Menge nach einem wohlwollenden Auge umgesehen!« sagte der Karmeliter, dem die konvulsivische Bewegung nicht entgangen war.

»Für einen Mörder hat hier keiner Mitleid.«

»Denk an deinen Erlöser, Sohn. Er litt Schmach und Tod für ein Geschlecht, das seine Gottheit leugnete und seine Qual verhöhnte.«

Jacopo bekreuzigte sich und beugte ehrfurchtsvoll sein Haupt.

»Hast du noch mehr zu beten, Vater?« fragte der Oberste der Sbirren, dem die Aufsicht über die ganze Handlung übertragen war. »Obgleich die erlauchten Räte unerschütterlich sind in der Gerechtigkeit, so haben sie doch mit den Seelen der Sünder Erbarmen.«

»Hast du auch bestimmte Befehle?« fragte der Mönch, indem er ungewiß sein Auge wiederum auf die Fenster des Palastes heftete. »Ist es gewiß, daß der Gefangene sterben muß?«

Der Offizier lächelte über die Einfalt der Frage. Mit der Fühllosigkeit eines Mannes, der zu vertraut ist mit menschlichen Leiden, um Mitleid zu haben, fügte er hinzu: »Es ist das Schicksal aller Menschen, ehrwürdiger Mönch, und namentlich derer, über die das Gericht des heiligen Markus ergangen ist. Es wäre besser, Euer Beichtling dächt an seine Seele.«

»Du hast doch auch gewiß besonderen und ausdrücklichen Befehl? Man hat dir doch die Zeit zur Vollführung des blutigen Werkes genau bestimmt?«

»Jawohl, heiliger Karmeliter. Die Zeit wird nicht langsam sein, und Ihr tätet gut, sie Euch zunutze zu machen, wofern Ihr nicht schon mit dem Seelenzustand des Gefangenen zufrieden seid.«

So sprechend, warf der Offizier einen Blick auf die Sonnenuhr des Platzes und ging kaltblütig fort, den Priester und den Gefangenen zwischen den Säulen wieder allein lassend. Der erstere von diesen konnte offenbar noch immer nicht an die wirkliche Vollstreckung des Urteils glauben.

»Hast du Hoffnung, Jacopo?« fragte er.

»Karmeliter, auf meinen Gott!«

»Sie können dies Unrecht nicht begehen! Ich war des Antonio Beichtiger – ich war Zeuge von seinem Tode, und das weiß der Fürst!«

»Was ist ein Fürst und seine Gerechtigkeit, wo die Selbstsucht einiger weniger regiert. Vater, du bist ein Neuling im Dienste des Senats.«

»Ich vermesse mich freilich nicht, vorauszusetzen, daß Gott die Verüber dieser Tat niederdonnern wird, denn die Geheimnisse seiner Weisheit sind unerforschlich. Dies Leben und alles, was diese Welt bieten kann, ist nur ein Punkt vor seinem allumfassenden Auge, und was uns als Übel erscheint, mag des Guten voll sein. Hast du Glauben an deinen Erlöser, Jacopo?«

Der Gefangene legte seine Hand auf das Herz und lächelte mit der stillen Zuversicht, die nur denen innewohnt, die solchen Trost haben.

»Wir wollen noch einmal beten, Sohn!«

Der Karmeliter und Jacopo knieten nebeneinander, und der letztere beugte seinen Kopf dem Blocke zu, während der Mönch schließlich die göttliche Gnade für ihn erflehte. Der Karmeliter stand auf, als der andere noch betend dalag. Der Mönch war so voll von heiligen Gedanken, daß er, seines früheren Wunsches vergessend, jetzt fast mit Zufriedenheit daran dachte, wie der Gefangene nunmehr in den Genuß der Seligkeit eingehen sollte, deren Hoffnung ihn selbst so freudig erhob. Der Offizier und der Scharfrichter traten näher; ersterer stieß Vater Anselmo an und deutete auf die entfernte Uhr.

»Der Augenblick ist da«, sprach er, mehr aus Gewohnheit als aus Schonung für den Gefangenen flüsternd.

Instinktmäßig wendete der Karmeliter sein Auge nach dem Palaste, in der plötzlichen Aufregung nur seines Begriffs von irdischer Gerechtigkeit eingedenk. Es zeigten sich Gestalten an den Fenstern, und er bildete sich ein, es sollte ein Signal gegeben werden, um den entscheidenden Schlag zu hemmen.

»Halt!« rief er. »Um die Liebe der Heiligen Jungfrau, hemmet Eure Hast!«

Sein Ausruf wurde von einer durchdringenden Weiberstimme wiederholt, und in demselben Augenblicke durchbrach Gelsomina, trotz aller Bemühung, sie zurückzuhalten, die Reihe der Dalmatier und erreichte die Gruppe zwischen den Granitsäulen. Erstaunen und Neugier ergriff die Menge, und ein dumpfes Gemurmel durchlief den Platz.

»Es ist eine Wahnsinnige!« schrie einer.

»Ein Opfer seiner Kunstgriffe«, sagte ein anderer, denn wenn jemand im Rufe eines besonderen Lasters steht, unterläßt die Welt gewöhnlich nicht, ihm alle übrigen gleichfalls beizumessen.

Gelsomina ergriff Jacopos Bande und machte wahnsinnige Anstrengungen, seine Arme zu befreien.

»Ich hoffte, du würdest dir diesen Anblick sparen, arme Gessina«, sagte der Verurteilte.

»Sei nicht besorgt«, erwiderte sie atemlos. »Es ist nur Neckerei – es ist nur eine List von ihnen, um zu berücken – aber sie können nicht – nein, sie dürfen kein Haar von deinem Haupte krümmen, Carlo!«

»Teuerste Gelsomina!«

»Nein, halte mich nicht. Ich will mit den Bürgern sprechen, und du wirst sehen, ich kann gut mit ihnen sprechen und ihnen dreist die Wahrheit bekanntmachen. Mir fehlt nur der Atem.«

»Geliebte! Du hast eine Mutter – einen Vater, denen deine Zärtlichkeit gehört. Deine kindliche Pflicht gegen sie wird dich beglücken.«

»Jetzt kann ich sprechen, und du sollst sehen, wie ich deinen Namen rechtfertigen will.«

Sie riß sich aus den Armen des Geliebten, der sie seiner Bande ungeachtet fest umschlungen hielt. Es wurde ihm schwerer, ihre zarte Gestalt aus seinen Armen zu lassen, als vom Leben zu scheiden. Jetzt schien der Kampf in Jacopos Seele vorüber. Geduldig legte er sein Haupt auf den Block, vor dem er kniete, und seine gefalteten Hände ließen vermuten, daß er für sie betete, die ihn eben verlassen hatte. Gelsomina aber, mit beiden Händen ihr Haar von der blendend reinen Stirn nach den Seiten streichend, trat zu den Fischern, die sie an den roten Mützen und nackten Beinen erkannte. Sie lächelte, wie man sich denken kann, daß Selige lächeln in ihrer Liebe.

»Venezianer«, sagte sie, »ich kann euch nicht tadeln. Ihr seid hier, um Zeugen zu sein vom Tode eines Mannes, der nach eurer Meinung nicht zu leben verdient.«

»Dessen, der den alten Antonio gemordet hat«, murmelte es durch den Haufen.

»Ja, des Mörders dieses alten, herrlichen Mannes. Aber wenn ihr erfahrt, daß ihr den für einen Mörder haltet, der ein frommer Sohn gewesen ist, ein treuer Diener der Republik, ein gewandter Gondoliere, ein aufrichtiges Gemüt, so werdet ihr nach Gerechtigkeit Verlangen tragen.«

Ein allgemeines Murren übertönte ihre Stimme, die schon so zitternd und leise war, daß man nur bei der größten Stille ihre Worte vernehmen konnte. Der Karmeliter war an ihre Seite getreten und bat durch ein Zeichen angelegentlich um Stille.

»Höret sie, Männer der Lagunen«, sagte er, »sie spricht heilige Wahrheit.«

»Dieser ehrwürdige, fromme Mönch und der Himmel sind meine Zeugen. Wenn ihr Carlo besser kennen und seine Geschichte gehört haben werdet, dann werdet ihr von selbst schreien, daß man ihn losgebe. Ich sage euch dies, damit ihr, wenn der Doge dort am Fenster das Zeichen der Begnadigung gibt, nicht ärgerlich werdet und glaubt, euerm Stande geschehe Unrecht. Der arme Carlo –«

»Das Mädchen rast!« unterbrachen sie die mürrischen Fischer.

Gelsomina lächelte in der Sicherheit ihrer Unschuld und fuhr fort, sobald sie wieder zu Atem kam, doch die heftige Aufregung störte noch ihre Rede.

»Der arme Carlo –«

»Ha! Ein Zeichen vom Palast!« rief der Karmeliter laut und streckte beide Arme dorthin aus, als wollte er ein Gnadengeschenk hinnehmen. In demselben Augenblick tönten die Trompeten, und von neuem wallte die Menge durcheinander. Gelsomina stieß ein Freudengeschrei aus und wandte sich schnell, um sich an die Brust des Geretteten zu werfen, da blitzte die Axt vor ihren Augen nieder, und Jacopos Kopf rollte auf dem Pflaster dahin, als suchte er sie. Eine allgemeine Bewegung unter der Menge verriet, daß alles vorbei sei.

Die Dalmatier schwenkten in Kolonnen. Die Sbirren drängten das Volk beiseite, um heimzugelangen; Wasser aus der Bucht wurde auf die Fliesen gegossen, die blutigen Sägespäne wurden zusammengerafft, und Kopf und Rumpf, Block, Tragekorb, Beil und Scharfrichter verschwanden. Der Haufe des Volkes ging um den verhängnisvollen Fleck herum.

Während dieses fürchterlichen Augenblicks standen Vater Anselmo und Gelsomina regungslos. Alles war vorüber, und noch schien der ganze Vorfall Täuschung.

»Schafft diese Verrückte fort!« sagte ein Polizeibeamter und deutete auf Gelsomina. Man gehorchte ihm mit venezianischer Bereitwilligkeit. Der Karmeliter atmete kaum. Er starrte die bewegliche Menge, er starrte die Fenster des Palastes und starrte die Sonne an, die so herrlich am Himmel strahlte.

»Du bist verloren in dieser Menge«, sprach eine Stimme neben ihm leise. »Ehrwürdiger Karmeliter, du wirst wohltun, mir zu folgen.«

Der Mönch war zu tief gebeugt, um sich zu besinnen. Sein Führer brachte ihn durch manche verborgene Straße bis zu einem Kai, wo er sogleich eine Gondel bestieg, die nach dem Festlande fuhr. Ehe die Sonne im Mittage stand, war der in Gedanken versunkene, zitternde Mönch auf dem Wege nach dem Kirchenstaate und in kurzem im Schlosse Sant‘ Agata wohnhaft.

Zur gewöhnlichen Stunde ging die Sonne hinter den Tiroler Bergen unter, und der Mond kam über den Lido herauf. Die engen Straßen Venedigs ergossen ihre Tausende wiederum auf die Plätze. Das sanfte Licht streifte die seltsame Architektur und den schwindlig hohen Turm und warf einen betrüglichen Glanz auf die Inselstadt.

Die Portikus erglänzten vom Scheine der Lampen. Die Fröhlichen lachten, die Unbekümmerten tändelten, die Maskierten verfolgten ihre versteckten Zwecke; die Balladensänger und Spaßmacher übten ihre Streiche, und Unzählige gaben sich dem leeren Ergötzen hin, wie es gedankenlose, müßige Leute lieben. Jeder lebte für sich, und die Staatsmaschine Venedigs behielt nach wie vor ihren lastenvollen Gang, der durch das verwegene Trugspiel, das er mit heiligen Grundsätzen trieb, die in der Wahrheit und im natürlichen Rechte ihre Wurzel haben, Regierer und Regierte entwürdigte und endlich ins Verderben stürzte.

Viertes Kapitel

Viertes Kapitel

Während jenes lebendigen Treibens auf der Piazza San Marco lag der Überrest der Stadt still und einsam im Lichte des Mondes, der so hoch stand, daß sein Schein zwischen die Häuser fiel und hier und da auch die Oberfläche des Wassers flimmernd berührte. Zuweilen entfaltete ein Blick seines Lichtes auf die schweren Karniese eines Palastes den merkwürdigsten Kontrast finsterer Einsamkeit von innen und glänzend reicher Architektur des äußern Gebäudes. Zu einem von diesen Edelsitzen führt uns jetzt unsere Erzählung.

Eine schwerfällige Pracht herrschte in der Bauart des Hauses. Der geräumige Flur war massiv gewölbt, die marmornen Stufen breit und schwer. Die Zimmer überraschten durch Bildwerk und Vergoldung, und die Wände waren reichlich geschmückt mit unzähligen Meisterwerken der größten italienischen Künstler. Die kühlen, schönen Mosaikfußböden von den kostbarsten Marmorarten vollendeten den stolzen Stil, der Glanz und Geschmack vereinigte.

Das Gebäude, das auf zwei Seiten unmittelbar aus dem Wasser hervorstieg, hatte in der Mitte, wie gewöhnlich, einen dunkeln Hof. Den verschiedenen Seiten des Hauses folgend, konnte man durch manche zu dieser Stunde dem kühlen Zug der Seeluft geöffnete Tür in die langen Reihen der mit wahrhaft königlicher Pracht ausgestattetem Gemächer blicken, in denen umschattete Lampen ein sanftes, angenehmes Licht verbreiteten.

In der Ecke des Hauses, an dem kleineren der beiden Kanäle und ganz entfernt von dem Hauptkanale der Stadt, dem das Gebäude die Front zukehrte, befand sich eine Reihe von Zimmern, die nicht mindere Pracht als die zuvor beschriebenen verrieten, aber zugleich mehr Rücksicht auf die Bequemlichkeiten des gewöhnlichen Lebens. Die Vorhänge waren von schwerstem Sammet oder von glänzendem Seidenzeuge, die Spiegel waren groß und äußerst fein geschliffen, die Fußböden wieder von gefälligen heitern Farben und die Wände mit Kunstwerken bedeckt. Aber das Ganze zeigte doch mehr ein Bild häuslicher Behaglichkeit. Die Wandbekleidung und Vorhänge hingen in ungezwungenen Falten herab, die Betten waren zum Schlafen eingerichtet, die Gemälde waren zarte Kopien von der Hand einer jungen Liebhaberin, deren Muße sich in dieser artigen und weiblichen Beschäftigung ergötzte.

Die Schöne hatte eben in ihrem Gemach eine Unterredung mit ihrem geistlichen Ratgeber und mit einer Person ihres Geschlechts, die lange bei ihr die Stelle einer Erzieherin und Mutter vertreten hatte. Die Herrin des Palastes war noch in so zartem Alter, daß sie in nördlicherer Gegend für kaum mehr als ein Kind gegolten hätte, während in ihrem Lande das Ebenmaß und die Ausbildung ihrer Formen sowie der Ausdruck eines dunkeln, sprechenden Auges weibliche Reife in körperlicher und geistiger Hinsicht kundgaben.

»Für den guten Rat danke ich Euch, mein Vater, und meine vortreffliche Florinde wird Euch noch mehr dafür dankbar sein, denn Eure Ansicht stimmt mit der ihrigen immer so ganz überein, daß ich mich oft gewundert habe, wie die Erfahrung auf eine geheimnisvolle Art den Weisen und den Tugendhaften gleiche Gedanken eingibt, und noch dazu über einen Gegenstand von so wenigem persönlichem Interesse.«

Ein leichtes verstohlenes Lächeln umzog den Mund des Karmeliters, als er die naive Bemerkung seines freimütigen Zöglings vernahm.

»Du wirst lernen, mein Kind«, erwiderte er, »wenn dich die Zeit mit Weisheit ausgerüstet haben wird, daß wir in den Dingen, die unsere Leidenschaften und Interessen am wenigsten berühren, gerade am fähigsten sind, vorsichtig und unparteiisch zu urteilen. Wenn Donna Florinde auch noch nicht das Alter erreicht hat, in dem man endlich die Begierde unterjocht, und obgleich sie noch so vieles an die Welt fesselt, so wird sie dir doch diese Wahrheit bezeugen können.«

Obgleich der Redner, sich offenbar eben zum Fortgehen rüstend, die Kutte über den Kopf gezogen hatte und sein tiefliegendes Auge mit Wohlwollen auf dem schönen Antlitz seiner Schülerin ruhte, röteten sich doch die bleichen Wangen der mütterlichen Freundin.

»Ich darf glauben, daß Violetta dies nicht erst jetzt erfährt«, sagte Donna Florinde mit merklich weicher und zitternder Stimme.

»Es wird wenig geben, das einem so unerfahrenen Mädchen, als ich bin, gesagt werden kann, was sie mich nicht gelehrt hätte«, entgegnete schnell ihr Zögling und ergriff, ohne es selbst zu merken und ohne vom Gesicht des Karmeliters den Blick abzuwenden, die Hand ihrer treuen Führerin. »Aber warum verlangt der Senat über ein Mädchen zu verfügen, das, wie bisher, auch ferner leben möchte, glücklich in ihrer Jugend und zufrieden mit der Zurückgezogenheit, die ihrem Geschlechte geziemt?«

»Die Jahre sind unaufhaltsam, selbst ein unschuldiges Kind wie du muß einst die Versuchungen eines vorgerückten Alters fühlen. Es gibt in diesem Leben gebieterische, oft tyrannische Pflichten. Du weißt, welche Politik in einem Staate herrschen muß, der sich durch hohe Waffentaten, durch Reichtümer und weit verbreiteten Einfluß so berühmt gemacht hat wie dieser. Es gibt ein Gesetz in Venedig, das jedem, der in den Angelegenheiten der Stadt irgendeine Stelle einzunehmen berechtigt ist, verbietet, sich mit Ausländern der Art zu verbinden, daß seine Ergebenheit für die Republik dabei in Gefahr käme. So darf kein Patrizier des San-Marco in einem andern Staate Güter besitzen, keine Erbin eines so hohen und geehrten Namens wie du sich einem Ausländer von Bedeutung vermählen, es sei denn mit dem Wunsch und der Bewilligung derer, die über das Gemeinwohl zu wachen eingesetzt sind.«

»Hätte mir die Vorsehung durch die Geburt einen geringeren Stand angewiesen, so wär alles dies anders. Mich dünkt, es trägt nicht viel bei zum weiblichen Glück, dem Rate der Zehn besonders am Herzen zu liegen.«

»Du sprichst unbescheiden, und ich beklage es, sagen zu müssen, gottlos. Es ist unsere Schuldigkeit, uns den weltlichen Gesetzen zu unterwerfen, und mehr als Schuldigkeit, die Ehrfurcht gebietet uns, gegen die Vorsehung nicht zu murren. Aber die Last scheint mir auch gar so schwer nicht, gegen die du dich auflehnst, meine Tochter. Du bist jung, reicher, als ein vernünftiger Wunsch zu begehren erlaubt, von einem Adel, der einen verderblichen, weltlichen Stolz erregen könnte, und schön genug, um dir selbst der gefährlichste von allen Feinden zu werden – warum murrst du gegen ein Los, das ja doch allen deines Geschlechts und deiner Verhältnisse zuteil wird?«

»Wenn ich gegen die Vorsehung gemurrt habe, so fühle ich jetzt schon Reue darüber«, entgegnete Donna Violetta, »aber fürwahr, es würde weniger unangenehm sein für ein Mädchen von sechzehn Jahren, wenn die Väter des Landes so viel Wichtigeres zu tun hätten, daß sie des Mädchens Stand und Alter und etwa auch ihren Reichtum darüber vergäßen.«

»Es wäre eben kein Verdienst, mit einer Welt zufrieden zu sein, die wir nach unseren Grillen zugeschnitten hätten, und es ist die Frage, ob wir, wenn alles nach unserem Wunsch ginge, glücklicher wären als jetzt, wo wir uns fügen müssen in die Ordnung, wie sie einmal besteht. Den Anteil, den die Republik an deinem besonderen Wohl nimmt, meine Tochter, mußt du dir gefallen lassen und so ihr vergelten für die Sicherheit und Herrlichkeit, die sie dir gewährt. Wer in dunklerem Stande, weniger gesegnet mit Glücksgütern geboren wird, kann mehr Freiheit seines Willens haben, muß aber dafür den Glanz entbehren, der die Wohnung deiner Väter erfüllt.«

»Ich wollte, es wäre weniger Pracht und mehr Freiheit darin.« »Die Zeit wird dich lehren, anders hierüber zu denken, dein Alter sieht alles in goldigen Farben; das Leben erscheint dann gleich zwecklos, sobald auch selbst der unbesonnenste Wunsch unerfüllt bleibt. Indessen leugne ich nicht, daß gerade dein Schicksal mit ganz besondern Umständen verbunden ist. Es herrscht eine Politik in Venedig, die viel berechnet und die mancher darum vielleicht für grausam hält.« Die Stimme des Karmeliters war gesunken, und einen Augenblick innehaltend, warf er einen unruhigen Blick unter seiner Kutte hervor. Dann fuhr er fort: »Die Vorsicht erheischt vom Senate, daß er solchen Interessen die Waage halte, die gegeneinander ankämpfen und wohl gar die des Staates selbst gefährden. Daher kommt es, wie ich sagte, daß ohne Erlaubnis und Aufsicht der Republik niemand, der zum Stande der Senatoren gehört, Grundbesitzer im Auslande sein und keine Person von Bedeutung sich mit Fremden, die einen gefährlichen Einfluß besitzen, verheiraten darf. Der letztere Fall ist der deinige; von den verschiedenen Großen des Auslandes, die um deine Hand anhalten, kann der Senat keinen begünstigen, ohne zu fürchten, daß ein Fremder hier mitten in der Stadt eine ungebührliche Macht erwerbe. Don Camillo Monforte, der Kavalier, dem du dein Leben verdankst und dessen du neulich voll Erkenntlichkeit gedachtest, hat wahrhaftig mehr Ursache, sich über die Härte dieser Beschlüsse zu beklagen, als du irgendwie haben kannst.«

»Mein Kummer«, fiel Violetta schnell ein, »würde noch größer sein, wenn ein Mann, der für mich soviel Mut bewiesen hat, Grund hätte, zu empfinden, wie gerecht dieser Kummer ist. Was hat den Herrn von Sant‘ Agata gerade mir zum Glücke nach Venedig gebracht, wenn es anders für ein erkenntliches Mädchen nicht unziemlich ist, so zu fragen?«

»Dein Anteil hieran ist ganz natürlich und lobenswert«, erwiderte der Karmeliter mit einer Einfalt, die seiner Kutte mehr Ehre machte als seiner Beobachtungsgabe. »Er ist jung und ohne Zweifel durch seine Reichtümer und die Leidenschaftlichkeit der Jugend zu manchem Leichtsinn geneigt. Schließ ihn in dein Gebet ein, meine Tochter. Dies ist der Dank, den du ihm abstatten magst. Das weltliche Interesse, das er hier hat, ist aber allgemein bekannt, und ich kann deine Unwissenheit darüber nur deiner zurückgezogenen Lebensweise zuschreiben.«

»Mein Pflegling hat an andere Dinge zu denken als an die Angelegenheiten eines jungen Fremden, der in Geschäften nach Venedig kommt«, bemerkte Donna Florinde sanft.

»Aber wenn ich für ihn beten soll, mein Vater, so würde mein Gebet mehr Bestimmtheit haben, wenn ich wüßte, wessen der junge Edelmann am meisten bedarf.«

»Bitte nur allein für sein geistliches Wohl. In Wahrheit, von den zeitlichen Gütern dieser Welt fehlt ihm wenig, obgleich die fleischlichen Begierden den, der am meisten hat, verführen, immer noch mehr zu verlangen. Es hat den Anschein, als ob ein Vorfahre Don Camillos vorzeiten Senator in Venedig gewesen ist, als der Tod eines Verwandten kalabrische Güter in seinen Besitz brachte. Von seinen Söhnen übernahm der jüngere diese Güter infolge eines Gesetzes, das zugunsten einer Familie, die dem Staate treu gedient hatte, ausdrücklich erlassen worden war. Auf den älteren Sohn dagegen und auf dessen Nachkommen gingen die Senatorwürde und das Familienbesitztum in Venedig über. Die ältere Linie ist nun ausgestorben, und Don Camillo bestürmt seit Jahren den Rat, ihn wieder in die Rechte einzusetzen, denen sein Ahnherr entsagt hat.«

»Können sie ihm dies verweigern?«

»Um es zu gewähren, müßten sie vom Gesetz abgehen. Wenn er seinen kalabrischen Besitzungen entsagen wollte, so würde er mehr verlieren als gewinnen. Soll er aber beides haben, so wird gegen ein Gesetz gehandelt, das man nur sehr selten suspendiert. Ich verstehe nicht viel, meine Tochter, von den Verhältnissen des Lebens, aber es gibt Feinde der Republik, die da sagen, daß sie eine schwere Knechtschaft übt und selten eine Gunst gewährt, ohne reichlichen Ersatz dafür zu fordern.«

»Ist das aber recht? Wenn Don Camillo Monforte Ansprüche hat in Venedig, betreffe es nun Paläste an den Kanälen oder Ländereien auf dem Festlande oder einen Sitz im Senat, immer sollte ihm Gerechtigkeit werden ohne Verzug, damit es nicht heiße, die Republik prahle mehr mit dieser heiligen Tugend, als sie diese selbst übe.«

»So heißt dich dein argloser Sinn reden. Es gehört zur Gebrechlichkeit des Menschen, meine Tochter, daß er seine öffentlichen Handlungen von der ängstlichen Gewissenhaftigkeit seines Tuns als Privatmann fernhält, als ob Gott, den Menschen zugleich mit Vernunft und mit dem herrlichen Trost des Christentums beschenkend, ihm zwei Seelen gegeben hätte, für deren eine nur allein zu sorgen wäre.«

»Gibt es nicht Leute, mein Vater, die es glauben, es werde nur das Böse an uns gestraft, das wir als einzelne begehen, was aber von Staats wegen geschieht, falle der Nation auch zur Last?«

»Der Stolz der menschlichen Vernunft hat manche Spitzfindigkeit ersonnen, seinen eigenen Begierden zu frönen, aber er findet an keiner unglückseligeren Täuschung, als diese ist, seine Nahrung. Die Sünde, die andere mit fortreißt in ihre Schuld oder in ihre Folgen, ist eine doppelte Sünde, und wenn es auch die Natur der Sünde ist, ihre eigene Strafe nach sich zu ziehen, sogar schon in diesem Leben, so schmeichelt der sich doch mit falscher Hoffnung, der da meint, die Größe des Vergehens werde ihm zur Entschuldigung dienen. Die größte Sicherheit für uns Menschen ist, uns von der Versuchung zurückzuziehen; der ist am meisten geborgen vor den Lockungen der Welt, der sich von ihren Lastern am meisten entfernt hält. Ich wünsche zwar, daß der edle Neapolitaner sein Recht erlange, doch kann es vielleicht um seines ewigen Heiles willen sein, daß ihm diese Vergrößerung seines Reichtums, nach der er trachtet, vorenthalten wird.«

»Ich kann mir nicht einbilden, mein Vater, daß ein Kavalier, der sich so bereitwillig zeigte, dem Unglücklichen beizuspringen, die Gaben des Glücks so leicht mißbrauchen werde.«

Der Karmeliter heftete einen unruhigen Blick auf die klaren Züge der jungen Venezianerin. Väterliche Besorgnis und Ahnung sprachen aus seinem Auge.

»Dankbarkeit für deinen Lebensretter geziemt sowohl deinem Stande als deinem Geschlechte und ist eine Schuldigkeit. Halte dies Gefühl wert, denn es ist der Verpflichtung der Menschen gegen seinen Schöpfer gar sehr verwandt.«

»Ist es denn genug, Dankbarkeit nur zu fühlen?« fragte Violetta. »Eine Person von meinem Namen und Einflusse sollte doch mehr tun. Wir können die Patrizier, die mir verwandt sind, zugunsten des Fremden bewegen, ein schnelleres Ende dieses langwierigen Prozesses herbeizuführen.«

»Ei behüte, Tochter! Der Eifer einer jungen Dame, an der die Republik so vielen Anteil nimmt, könnte dem Don Camillo eher Feinde als Freunde erwecken.«

Donna Violetta schwieg. Der Mönch und Donna Florinde betrachteten sie mit besorgter Teilnahme; der erstere brachte darauf seine Kutte in Ordnung und rüstete sich zum Aufbruch. Violetta trat dem Karmeliter näher, und ihn mit unverstelltem Zutrauen und gewohnter Ehrerbietung anschauend, bat sie um seinen Segen. Nach dieser feierlichen Handlung wandte sich der Mönch zu der Gefährtin seiner Fürsorge. Donna Florinde ließ das Seidenzeug, an dem sie nähte, in ihren Schoß fallen und saß demütig schweigend mit gebeugtem Haupt, während der Karmeliter seine Hände über sie hinstreckte. Seine Lippen bewegten sich, aber man hörte die Worte des Segens nicht. Wäre das feurige Mädchen, das ihrer beiderseitigen Sorge anvertraut war, minder mit eigenen Gefühlen beschäftigt oder mit den Interessen der Welt, in die sie erst eintreten sollte, bekannter gewesen, so hätte sie wieder einen Beweis entdeckt von jener tiefen und sanften Gemütsverwandtschaft, die sich in dem schweigenden Verständnis ihres geistlichen Vaters mit ihrer Erzieherin kundgab.

»Du wirst uns nicht vergessen, mein Vater?« sagte Violetta mit einnehmendem Ernst. »Eine Waise, mit deren Schicksal sich die klugen Herren des Staates so ernstlich beschäftigen, bedarf eines zuverlässigen Freundes.«

»Gesegnet sei dein Fürsprecher«, sagte der Mönch, »und der Friede der Unschuldigen sei mit dir.«

Er erhob seine Hand noch einmal. Dann drehte er sich um und verließ das Zimmer. Donna Florindes Auge folgte den weißen Gewändern des Karmeliters, solange sie sichtbar waren, und als es wieder auf den Seidenstoff in ihrem Schoß fiel, schloß es sich für einen Augenblick, als schaute es innen hinein auf Regungen des Gewissens.

Die junge Herrin des Palastes rief indes einen Bedienten und befahl ihm, ihrem Beichtvater bis zu seiner Gondel das Geleite zu geben. Dann begab sie sich zu dem offenen Balkon. Es folgte ein langes Schweigen, jene italienische Ruhe atmend, wie sie dieser Stadt und der Abendstunde angemessen war. Plötzlich trat Violetta bestürzt einen Schritt vom offenen Fenster zurück. »Hörst du nicht diese Töne von oben?«

»Sind die so selten auf den Kanälen, daß sie dich vom Balkon treiben können?«

»Es sind Kavaliere unter den Fenstern am Mentonipalast, die ohne Zweifel unserer Freundin Olivia ein Ständchen bringen.«

»Auch diese Galanterie ist ganz gewöhnlich. Du weißt, daß Olivia binnen kurzem ihren Verwandten heiraten wird, nun bezeigt er ihr seine Verehrung.«

»Findest du nicht, daß solch ein öffentliches Liebeszeichen lästig ist? Wollte man um mich werben, so wünschte ich, daß niemand davon hörte als eben ich.«

»Diese Gesinnung ist schlimm für eine Dame, deren Hand der Senat zu vergeben hat. Ich fürchte, ein Mädchen deines Standes muß sich dareinfinden, daß ihre Schönheit gepriesen und ihre Talente besungen werden, vielleicht bis zur Übertreibung, und zwar selbst von Mietlingen unter einem Balkon.«

»Ich wollte, es wäre aus«, rief Violetta, sich die Ohren zuhaltend.

»Geh nur wieder auf den Balkon. Die Musik hört auf.«

»Dort singen Gondolieri am Rialto; das ist eine Musik, die ich liebe. Die süßen Töne beleidigen nicht unsere heiligsten Gefühle. Willst du heut abend fahren, liebe Florinde?«

»Wo wolltest du hin?«

»Ich weiß nicht, aber der Abend ist schön, und ich hab ein Verlangen, den Glanz und die Freude da draußen zu genießen.«

»Tausende gibt es auf den Kanälen, die ein Verlangen haben, den Glanz und die Freude da innen zu genießen. So ist es immer im Leben, was wir besitzen, wird gering geachtet, und was wir nicht haben, ist uns unschätzbar.«

»Ich bin meinem Vormund einen Besuch schuldig«, sagte Violetta. »Wir wollen nach seinem Palaste fahren.«

Trotz der moralischen Predigt meinte es Donna Florinde so streng nicht. Sie warf ihre Arbeit beiseite und machte sich bereit, ihrer Pflegebefohlenen zu willfahren. Es war die gewöhnliche Stunde für Standespersonen auszufahren und die Lockung, das Freie zu suchen, so reizend, wie sie nur Italien mit seinem milden Klima, Venedig mit seinem bunten Gedränge bieten konnte. Einer Dienerin ward befohlen, das Zimmer zu hüten. Die Gondolieri wurden gerufen, die Damen nahmen ihre Mäntel und Masken und waren geschwind im Boote.

Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Der Flug der Gondel brachte die schöne Venezianerin und ihre Erzieherin bald zu dem Wassertore des Edelmannes, dem vom Senate die besondere Aufsicht über die vornehme Erbin anvertraut war. Seine Wohnung war düsterer als gewöhnlich und bekundete all die feierliche, schwerfällige Pracht, wie sie die Privatwohnungen der Patrizier in dieser Stadt des Reichtums und des Stolzes auszeichnete. Der Umfang und die Architektur des Gebäudes waren weniger großartig als an Donna Violettas Palaste, zeigten aber doch ein Privathaus ersten Ranges und verrieten in allen ihren äußeren Zieraten die Wohnung eines Mannes von großer Bedeutung. Innen kamen der geräuschlose Schritt und die mißtrauische Miene der Bedienten zu der finsteren Größe der Zimmer hinzu, um dieser Behausung den Charakter der ganzen Republik im Kleinen zu geben.

Im Vorzimmer Signore Gradenigos verweilte die junge Dame nur einen Augenblick, denn kaum erfuhr der alte Senator ihre Gegenwart, so eilte er aus seinem Kabinett zu ihrem Empfange mit solchem Eifer herbei, daß zu erkennen war, wie er sich das ihm anvertraute Amt angelegen sein ließ.

Das Gesicht des alten Patriziers, das Nachdenken und Sorge mit dem Alter in Gemeinschaft gesucht hatte, glänzte in unzweideutiger Freude, als er sich beeilte, sein schönes Mündel zu begrüßen. Er hörte nicht auf die Entschuldigungen wegen ihres Eindringens, sondern führte sie hinein.

»Du kommst nie zur unrechten Zeit, da du das Kind meines alten Freundes bist und die Sorge der Republik«, setzte er hinzu. »Die Türen des Palastes Gradenigo würden sich von selbst öffnen, und wär es in der spätesten Stunde der Nacht, um solchen Gast aufzunehmen.«

»Ich bin für Eure Nachsicht dankbar«, sagte Violetta. »Nur fürchte ich, Euch mit meinen kleinen Anliegen zu belästigen, wenn Eure Zeit eben für das Wohl des Staates in Anspruch genommen ist.«

»Du überschätzest meine Wirksamkeit. Ich besuche wohl bisweilen den Rat der Dreihundert, aber mein Alter und meine Kränklichkeit verhindern mich jetzt, dem Staate, so wie ich gern möchte, zu dienen. Gelobt sei unser Patron San Marco. Seine Angelegenheiten stehen nicht schlecht im Verhältnis zu unserem abnehmenden Glücke. Wir haben die Ungläubigen jüngst ganz tapfer geschlagen, der Vertrag mit dem Kaiser ist nicht zu unserem Schaden, und der Zorn der Kirche über unseren anscheinlichen Treubruch neulich hat sich gelegt. In der letzteren Angelegenheit verdanken wir etwas einem jungen Neapolitaner, der sich in Venedig aufhält und der nicht ohne Einfluß beim Heiligen Stuhle ist, denn sein Oheim ist Kardinalsekretär. Freunde, zur rechten Zeit gebraucht, können viel helfen. Dies ist Venedigs Staatskunststück; was die Macht nicht zustande bringen kann, muß man mit Gunst und kluger Mäßigung ausrichten.«

»Eure Rede ermutigt mich zu einer neuen Bitte, und ich will Euch gestehen, daß mich der Wunsch hergeführt hat, Euern großen Einfluß in bezug auf ein ernstliches Anliegen, das ich habe, in Anspruch zu nehmen.«

»Sieh da! Unsere junge Schutzbefohlene, Donna Florinde, hat mit den Gütern ihrer Familie zugleich deren alte Liebe zur Fürsprache und Protektion geerbt! Wir wollen ihr aber diese Gesinnung nicht verwehren, denn ihr liegt etwas Gutes zugrunde, und wenn sie recht angewendet wird, kann sich dadurch der Vornehme und Mächtige in seiner Stellung befestigen.«

»Und sollen wir nicht sagen«, erwiderte Donna Florinde sanft, »daß der Reiche und vom Glück Begünstigte, wenn er sich für den Ärmeren bemüht, eine heilige Pflicht übt und seine Seele kräftig und heilsam dadurch bildet?«

»Ohne Zweifel! Nichts kann heilsamer sein, als jedem Stande in der Gesellschaft einen gehörigen Sinn für seine Obliegenheiten und ein richtiges Gefühl für seine Pflichten beizubringen. Die Ansicht billige ich gar sehr und wünsche, daß sie sich mein Mündel ganz aneigne.«

»Sie ist glücklich, so tüchtige Lehrer zu besitzen, die so bereitwillig sind, ihr alles Wissenswerte beizubringen«, sagte Violetta. »Demnach darf ich Signore Gradenigo bitten, meinem Gesuche ein Ohr zu leihen?«

»Deine kleinen Anliegen sind immer willkommen. Ich wollte nur noch bemerken, daß hochherzige und feurige Geister einem entfernten Gegenstand oft so eifrig nachjagen, daß sie andere übersehen, die näher liegen und dringender sind und auch leichter zu erlangen. Indem wir dem einen nützlich sein sollen, müssen wir uns vorsehen, nicht vielen anderen Nachteil zuzufügen. Hat vielleicht ein Verwandter eines deiner Hausleute sich unachtsamerweise anwerben lassen?«

»Wenn das wäre, so hoffe ich, daß der Rekrut nicht so unmännlich sein wird, seine Fahnen zu verlassen.«

»Oder deine Amme, die wenig dazu gemacht ist, den Dienst zu vergessen, den sie deiner Kindheit geleistet hat, wünscht vielleicht ein Mädchen für einen ihrer Verwandten beim Zollwesen?«

»Ich glaube, es gibt in ihrer ganzen Familie keinen Unangestellten mehr«, sagte Violetta lachend, »wir müßten denn der guten Mutter selbst einen Ehrenposten geben wollen. Nein, meine Bitte betrifft sie heute nicht.«

»Die vielen Bitten um Almosen haben wohl dein Taschengeld erschöpft, oder vielleicht hat dich eine wunderliche Mode viel gekostet?«

»Nichts von dem allen. Des Goldes bedarf ich wenig, da eine standesmäßige Pracht in meinem Alter noch nicht unumgänglich nötig ist. Nein, mein Vormund, ich komme mit einer viel wichtigeren Bitte.«

»Sie betrifft doch nicht etwa jemand, dem du wohlwillst und der sich mit unziemlichen Reden vergangen hat!« rief Signore Gradenigo, einen hastigen und forschenden Blick auf sein Mündel werfend.

»Nein, wer sich insoweit vergessen hat, möge auch die Strafe seines Vergehens leiden.«

»Du hast vollkommen recht. Man kann in diesem Zeitalter neuer Meinungen und aller Arten von Neuerungen die Leute nicht streng genug halten. Wenn der Senat die wüsten Theorien der Gedankenlosen und Törichten unbeachtet lassen wollte, da würden sie bald zu den untergeordneten Gemütern der Unwissenden und Faulenzer dringen. Geld fordere von mir, zwanzigfach, wenn du willst, nur nicht Verzeihung für einen Störer der öffentlichen Ruhe.«

»Ich begehre keine Zechine. Ich habe ein edleres Geschäft.«

»So rede denn und lasse mich nicht länger raten.«

Jetzt, da sie nun, was ihres Herzens Wunsch im stillen gewesen war, in eigene Worte fassen und aussprechen sollte, schien sich Donna Violetta davor zu fürchten. Sie wechselte mehrmals die Farbe und suchte im Auge ihrer aufmerksamen und verwunderten Gefährtin Rat. Diese aber, die ihr Vorhaben nicht kannte, vermochte die Bittstellerin durch nichts zu ermutigen als durch jenen Blick des Mitgefühls, den Frauen einander nicht vorenthalten, wenn ihre eigentümlich weiblichen Empfindungen irgend ins Gedränge kommen. Violetta stockte, sich selber mißtrauend, dann aber lachte sie über den eigenen Mangel an Selbstbeherrschung und fuhr fort zu reden. »Ihr wißt, Signore Gradenigo«, sagte sie mit einem Nachruck, der, wenn auch bei weitem verständlicher, doch nicht minder auffallend war als ihre Gemütsbewegung einen Augenblick früher, »Ihr wißt, daß ich von einem Geschlechte stamme, das seit Jahrhunderten groß war in Venedig.«

»So meldet unsere Geschichte.«

»Daß ich einen altberühmten Namen führe, den von aller Befleckung rein zu erhalten mir persönlich obliegt.«

»Das ist so wahr, daß es kaum einer so deutlichen Auseinandersetzung bedarf«, entgegnete der Senator trocken.

»Und daß ich trotz dieser reichen Geschenke des Glücks und der Geburt eine Gabe, die ich empfing, nicht vergolten habe, so daß es dem Hause Tiepolo keine Ehre macht.«

»Das wird ernsthaft. Donna Florinde, unser Mündel ist heute über allen Begriff feierlich gestimmt, und ich muß Euch um Aufklärung darüber bitten. Es ziemt ihr freilich nicht, Gaben der Art von irgend jemand anzunehmen.«

»Ich kenne zwar ihr Verlangen nicht«, entgegnete sanft die Gefährtin, »doch denk ich, sie spricht von der Rettung ihres Lebens.«

Signore Gradenigos Gesicht verfinsterte sich.

»Ich verstehe Euch«, sagte er kalt. »Es ist wahr, der Neapolitaner war schnell bereit, dich zu retten, als deinen Oheim von Florenz das Unglück betraf, aber Don Camillo Monforte ist kein gemeiner Taucher vom Lido, dem man für das Auffischen einer Kleinigkeit, die aus einer Gondel fiel, ein Trinkgeld gibt. Du hast dem Kavalier gedankt. Ich glaube, daß ein edles Mädchen in solchem Falle nichts weiter tun kann als dies.«

»Wohl hab ich ihm gedankt und recht herzlich gedankt«, beteuerte Violetta feurig. »Wenn ich seine Wohltat vergesse, heiligste Maria und ihr lieben Heiligen, so vergesset mich!«

»Mir kommt vor, Signora Florinde, als habe Euer Pflegekind mehr Zeit mit den leichtsinnigen Büchern in ihres Vaters Bibliothek und weniger Zeit mit ihrem Meßbuche zugebracht, als für den Stand geziemend ist.«

Violettas Auge glühte, und sie schlug einen Arm um ihre bebende Gefährtin, die bei diesem Vorwurf den Schleier fallen ließ und kein Wort entgegnete.

»Signore Gradenigo«, sagte die junge Erbin, »ich mag meinen Lehrern Schande gemacht haben. Aber wenn der Zögling träge gewesen ist, soll der Tadel doch keinen Unschuldigen treffen. Indes hat es nicht den Schein, als würden die Vorschriften der heiligen Kirche verletzt, wenn ich für einen Mann, der mein Leben gerettet hat, ein gutes Wort einlege. Don Camillo Monforte macht schon lange ohne Erfolg so gerechte Ansprüche geltend, daß, wenn auch kein anderer Grund wäre, ihm zu willfahren, die Würde Venedigs schon allein den Senatoren gebieten sollte, ihn nicht länger hinzuhalten.«

»Mein Mündel hat zur Erholung bei den Doktoren von Padua studiert! Die Republik hat ihre Gesetze, und keiner, der ein Recht hat, wendet sich an sie vergeblich. Deine Dankbarkeit ist nicht zu tadeln, ist vielmehr deines Standes und deiner Stellung würdig. Aber, Donna Violetta, wir sollten uns erinnern, wie schwierig es ist, die Wahrheit von der Spreu der Täuschung und spitzfindigen Verkehrung zu sichten; vor allem aber sollte ein Richter, bevor er ein Dekret erläßt zugunsten eines Bittstellers, erst gewiß sein, ob er nicht einen andern dadurch beeinträchtige.«

»Sie schalten mit seinen Rechten! Weil er in einem fremden Staat geboren ist, verlangt man von ihm, daß er im Auslande weit mehr aufopfere, als er in der Republik gewinnen kann. Er verschwendet sein Leben und seine Jugendkraft an ein Phantom. Ihr vermögt viel im Senate, mein Vormund; wenn Ihr ihm die Hilfe Eurer einflußreichen Stimme und Eurer wichtigen Belehrung angedeihen ließet, so würde ein Fremder, dem Unrecht geschieht, zu seinem Recht gelangen, und Venedig würde vielleicht eine Kleinigkeit einbüßen, dafür aber seine Würde rechtfertigen, auf die es so eifersüchtig ist.«

»Du bist ein beredter Advokat, und ich will mir die Sache überlegen«, sagte Signore Gradenigo, den finsteren Zug, der um seine Brauen spielte, mit der Leichtigkeit dessen, der gewohnt ist, seine Mienen jedesmal seiner Politik anzupassen, in einen Blick des Wohlwollens verwandelnd. »Ich sollte den Neapolitaner nur als Richter, meinem öffentlichen Charakter gemäß, hören, aber der Dienst, den er dir geleistet hat, und meine Liebe zu dir bestimmen mich, dir zu willfahren.«

Donna Violetta empfing dies Versprechen mit leuchtendem, treuherzigem Lächeln. Sie küßte die Hand, die er ihr zum Pfande darbot, mit einer Glut, die ihrem aufmerksamen Vormund ernstliche Besorgnisse erregte.

»Du bittest zu einnehmend«, sagte er, »als daß dir jemand widerstehen könnte, auch wer schon bis zum Überdruß unzählige, scheinbare Ansprüche in seinem Leben hat abweisen müssen. Junge und edle Gemüter, Donna Florinde, meinen, alle Menschen wären gerade so, wie sie ihr Wunsch und ihre Einfalt gern haben möchte. Was Don Camillos Recht betrifft – aber nichts weiter! –, du willst es so haben, gut, es soll untersucht werden mit der Blindheit, die ja ein Fehler der Gerechtigkeit sein soll.«

»Das Bild meint aber doch nur blind gegen Vorliebe, keineswegs unempfindlich für das Recht.«

»Ich fürchte, in bezug auf diesen Sinn des Wortes könnten unsere Hoffnungen getäuscht werden – allein, wir wollen sehen! Mein Sohn, Donna Violetta, hat doch neuerlich nicht etwa seine schuldige Ehrerbietung versäumt? Man braucht freilich den jungen Menschen nicht zu treiben, daß er meinem Mündel, der schönsten Dame von Venedig, seine Aufwartung mache. Du empfängst ihn doch freundschaftlich wegen der Liebe zu mir?«

Donna Violetta verneigte sich mit Zurückhaltung.

»Die Tür meines Palastes ist dem Signore Giacomo zu jeder schicklichen Zeit offen«, setzte sie gleichgültig hinzu. »Der Sohn meines Vormunds kann mir nur ein ehrenwerter Gast sein.«

»Ich wünschte dem Jungen einige Aufmerksamkeit, und mehr noch, ein wenig von jener hohen Achtung – doch wir leben in einer eifersüchtigen Stadt, Donna Florinde, in einer Stadt, die Vorsicht zur größten Tugend macht. Wenn sich der junge Mensch weniger eifrig zeigt, als ich wünsche, glaubet mir, so geschieht es nur aus Besorgnis, die nicht zu aufmerksam zu machen, die sich um unserer Pflegebefohlenen Schicksale kümmern.«

Beide Damen verbeugten sich und verrieten durch die Art, wie sie ihre Mäntel zusammennahmen, daß sie sich zu entfernen wünschten, und zogen sich nach den üblichen Abschiedsgrüßen in ihr Boot zurück.

Signore Gradenigo ging das Zimmer, in dem er sein Mündel empfangen hatte, mehrere Minuten lang schweigend auf und nieder. Kein Laut war hörbar in dem ganzen weiten Hause, und der leise, vorsichtige Tritt der Bewohner entsprach der Ruhe, die auch draußen in der Stadt herrschte; endlich aber fesselte ein junger Mann, der alle Spuren der Lasterhaftigkeit in seinem Gesicht hatte und durch die Zimmer schlenderte, das Auge des Senators, und er hieß ihn näherkommen.

»Du hast Unglück wie gewöhnlich, Giacomo«, sagte er halb mit dem Tone väterlicher Zuneigung, halb des Vorwurfs. »Donna Violetta war noch vor wenigen Minuten hier, und du warst nicht zugegen. Eine unwürdige Intrige mit der Tochter eines Juweliers oder ein noch schlimmerer Handel mit ihrem Vater hat dir eine Zeit geraubt, die ehrenvoller und vorteilhafter angewendet werden konnte. Ich möchte wissen, Giacomo, ob du die schöne Gelegenheit, die dir meine Vormundschaft bietet, zu deinem Vorteil auch recht benutzest und ob du die Wichtigkeit dessen, worauf ich dringe, mit hinlänglichem Ernste bedenkst?«

»Zweifelt daran nicht, Vater. Wer so sehr Mangel an dem gelitten hat, was Donna Violetta so reichlich besitzt, bedarf nicht eben, daß man ihn treibe in solchen Dingen. Ihr habt mir’s dadurch abgenötigt, daß Ihr Euch weigert, mir so viel zu geben, als ich brauche. Kein Narr in ganz Venedig seufzt lauter unter dem Fenster seiner Gebieterin, als ich der Dame die Wünsche meines Herzens vorbringe – wenn Zeit und Gelegenheit ist und ich bei Laune bin.«

»Du kennst die Gefahr, den Senat aufmerksam zu machen?«

»Habt keine Furcht. Ich mache im stillen und nur allmählich Fortschritte. Weder meinem Gesicht noch meiner Seele ist die Maske so ungewohnt – Dank sei es der Not! Mein Geist war zu sprudelnd, als daß er mich nicht hätte mit der Verstellung vertraut machen sollen.«

»Du sprichst, als ob ich dir die Freiheit entzogen hätte, die man der Jugend deines Standes und Alters vergönnt. Deine Ausschweifungen hab ich beschränken wollen und nicht deinen Geist. Doch mag ich dich jetzt nicht mit Vorwürfen belästigen. Giacomo, du hast in dem Fremden einen Nebenbuhler. Seine Tat in der Giudecca hat ihm die Phantasie des Mädchens gewonnen, und wie edle und feurige Gemüter pflegen, hat sie sich, obgleich von seinen übrigen Verdiensten nichts wissend, doch seinen Charakter mit allen Tugenden ausgeschmückt, die ihr offener Sinn kennt.«

»Ich wollte, sie machte es mit mir so.«

»Bei dir hätte mein Mündel eher zu vergessen, als zu erfinden. Hast du Bedacht genommen, den Rat auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die seiner Erbin droht?«

»Allerdings.«

»Und wie?«

»Auf die einfachste und sicherste Weise – durch den Löwenrachen.«

»Ha! Das ist wahrhaftig ein keckes Unternehmen.«

»Und gelingt, wie alle kecken Unternehmungen, am leichtesten. Fortuna hat diesmal nicht geknickert gegen mich. – Ich hab zum Beweise des Neapolitaners Siegelring beigelegt.«

»Giacomo! Weißt du auch, was du bei deiner Verwegenheit wagst? Ich hoffe doch, du wirst dich nicht durch irgendein Kennzeichen in der Handschrift verraten haben oder durch die Art, wie du dir den Siegelring verschafft hast?«

»Wenn ich deine Ratschläge, Vater, auch in minder wichtigen Angelegenheiten oft in den Wind geschlagen habe, so vergesse ich doch deine Winke über Venedigs Politik nicht. Der Neapolitaner ist angeklagt, und wenn dein Kollegium auf Treu und Glauben hält, wird er verdächtigt, «wenn nicht gar verbannt werden.«

»Daß der Rat der Drei sein Amt verwalten wird, ist nicht zu bezweifeln. Wär ich nur ebenso gewiß, daß dich dabei nicht ein unvorsichtiger Eifer irgendwie bloßstellt.«

Der Sohn starrte den Vater einen Augenblick an und ging dann in die inneren Gemächer des Palastes, wie jemand, der an zweideutiges Handeln zu sehr gewöhnt ist, um eine Sache zweimal zu überlegen. Der Senator blieb zurück. Er ging schweigend auf und ab, augenscheinlich in großer Unruhe. Dann und wann fuhr er mit der Hand über sein Gesicht, wie bei schmerzlichem Nachdenken. Inzwischen stahl sich eine Gestalt durch die lange Reihe der Vorzimmer und blieb an der Türe des Gemachs stehen, in dem sich der Senator befand. Es war ein bejahrter Mann mit gebräuntem Gesicht und dünnem, altersgrauem Haar, in der armseligen und groben Tracht eines Fischers. Aber ein angeborner Adel und ein freies, verständiges Wesen sprachen sich in seinem kühnen Auge und in seinen hervorstechenden Zügen aus, während die entblößten Arme und die nackten Beine, wohlgebaut und muskulös, die Kraft des Mannes eher in ihrem Stillstand als im Abnehmen zeigten. Er stand einige Augenblicke mit abgezogener Mütze in gewohnter Ehrerbietung, aber unbefangen, ehe seine Gegenwart bemerkt wurde.

»Ha, bist du da, Antonio«, rief der Senator, als er ihn sah. »Weshalb kommst du?«

»Signore, mein Herz ist schwer.«

»Hat der Kalender keine Heilige, der Schiffer keinen Schutzpatron? – Der Schirokko hat wohl das Wasser der Bucht gerüttelt, und deine Netze sind ledig. Wart! Du bist mein Milchbruder und sollst nicht Not leiden.«

Der Fischer trat mit Würde zurück. »Signore, wir haben von der Zeit an, da wir unsere Milch von derselben Brust empfingen, bis in unser Alter hier gelebt. Habt Ihr mich je als einen Bettler gekannt?«

»Du pflegst zwar nicht um Geschenke zu bitten, Antonio, aber das Alter bezwingt unseren Stolz wie unsere Kraft. Wenn du nicht um Geld kommst, sage, was du sonst wünscht!«

»Gibt es nicht andere Bedürfnisse als die des Körpers, Signore, und andere Leiden als den Hunger?«

Das Gesicht des Senators verdüsterte sich. Er warf einen stechenden Blick auf seinen Milchbruder und schloß, ehe er antwortete, die Tür, die nach dem äußeren Zimmer führte.

»Deine Worte verkündigen Unzufriedenheit, wie gewöhnlich. Du hast dich gewöhnt, über Maßregeln und Verhältnisse zu sprechen, die über deinen beschränkten Verstand weit hinausgehen, und du weißt, daß dir deine Meinungen schon Tadel zugezogen haben. Die unwissenden Leute des niederen Standes sind im Staate wie Kinder, deren Schuldigkeit es ist, zu gehorchen, und nicht, zu klügeln. – Aber dein Geschäft?«

»Ich bin nicht der Mann, für den Ihr mich haltet, Signore, an Armut und Entbehrung gewöhnt, bin ich mit Wenigem zufrieden. Den Senat ehre ich als meinen Herrn, aber ein Fischer hat so gut Gefühl wie der Doge.«

»Wieder! – Dies dein Gefühl, Antonio, macht allzu hohe Ansprüche. Du bringst es bei jeder Gelegenheit vor, als wäre das die Hauptsorge im Leben.«

»Signore, und ist sie es nicht für mich? Obgleich ich genug an meine eigene Sorge zu denken habe, bleibt mir doch noch Gefühl für die Leiden derer, die mir wert sind. Als Ew. Exellenz‘ Tochter, die junge, schöne Dame, abgerufen ward und zu den Heiligen versammelt, da fühlte ich den Schlag, als wäre mein eigenes Kind gestorben. Und es hat Gott gefallen, wie Ihr wohl wißt, Signore, mich nicht unbekannt zu lassen mit dem Jammer eines solchen Verlustes.«

»Du bist ein wackerer Bursch, Antonio«, versetzte der Senator, heimlich eine Träne aus dem Auge wischend, »ein redlicher und hochherziger Mensch für deinen Stand.«

»Die, von der wir beide unsere erste Nahrung erhielten, Signore, hat mich oft ermahnt, nächst meinen eigenen Verwandten besonders das edle Geschäft zu lieben, zu dessen Erhaltung sie das ihrige getan hat. Ich rechne mir ein natürliches Gefühl nicht zum Verdienste an, denn es ist eine Gabe vom Himmel, um so weniger aber sollte der Staat solche Gefühle leichthin behandeln.«

»Wieder der Staat! – Sage mir dein Geschäft!«

»Ew. Exzellenz kennt meine traurige Lebensgeschichte. Ich brauche Euch nicht zu erzählen, Signore, von den Söhnen, die es Gott gefallen hat, mir zu schenken, noch wie mir sein Ratschluß einen nach dem andern wieder genommen hat.«

»Du hast Kummer erlebt, armer Antonio, ich weiß, daß du viel gelitten hast.«

»Jawohl, Signore! Fünf kräftige, wackere Söhne zu verlieren ist ein Unglück, das einen Stein rühren muß. Aber ich habe gelernt, Gott zu verehren und für alles zu danken.« »Braver Fischer, der Doge selbst könnte dich beneiden um diese Ergebung. Es ist aber oft leichter, den Tod eines Kindes als sein Leben zu ertragen, Antonio!«

»Signore, meine Söhne haben mich nie betrübt als durch ihren Tod. Und auch da«, der alte Mann wandte sich seitwärts, um die Bewegung seines Gesichts zu verbergen, »auch da hab ich gerungen, mir nur allein vorzustellen, wie vielem Kummer, wie vielen Mühen und Leiden sie entnommen sind, um zu einem seligen Zustand überzugehen.«

Signore Gradenigos Lippe bebte, und er ging mit schnelleren Schritten auf und nieder.

»Ich denke doch, Antonio«, sagte er, »ich denke doch, mein wackerer Antonio, daß ich für ihre Seelen habe Messen lesen lassen.«

»Das habt Ihr, Signore, der heilige Antonio gedenkt Eurer Liebe in Eurer letzten Stunde. Ich sagte mit Unrecht, daß die Knaben mich einzig durch ihren Tod betrübt haben. Denn es gibt einen Gram, den kein Reicher kennt, wenn man zu arm ist, um für sein gestorbenes Kind ein Gebet zu bezahlen.«

»Willst du mehr Messen haben? Deinen Kindern soll die Fürsprache der Heiligen nicht fehlen zu ihrer Seelen Seligkeit.«

»Ich danke Euch, Exzellenz, aber ich verlasse mich auf das, was geschehen ist, und noch mehr auf Gottes Barmherzigkeit. Doch mein jetziges Geschäft betrifft Lebende.«

Das Mitgefühl des Senators wurde plötzlich erkaltet, und er horchte mit forschender Miene. »Dein Geschäft?« wiederholte er einsilbig.

»Ist, Euch zu bitten, Signore, daß Ihr mir die Loslassung meines Enkels von den Galeeren auswirkt. Sie haben den Burschen, der erst vierzehn Jahre ist, ergriffen und ihn zum Kriege gegen die Ungläubigen verdammt, ohne an sein zartes Alter zu denken, ohne an das böse Beispiel zu denken, ohne an mein verlassenes Alter zu denken, ohne alles Recht, denn sein Vater ist in der letzten Schlacht gegen die Türken geblieben.«

Als der Fischer seine Rede beschloß, blickte er in die Marmorzüge dessen, zu dem er sprach, sehnsüchtig spähend, ob seine Worte Eindruck gemacht hätten. Aber jene Züge blieben kalt, teilnahmslos, ohne menschliches Mitleid. Die empfindungslose Ausübung einer scheinbaren Staatsklugheit hatte längst in dem Senator bei denjenigen Angelegenheiten, die mit einem in ihm so lebendigen Interesse, als Venedigs Seemacht war, zusammenstießen, alles Gefühl getötet. In dem kleinsten Anlauf gegen so delikate Rücksichten sah er das Unglück einer Neuerung, und die Politik hatte sein Gemüt zu einer unbarmherzigen Härte gewöhnt, wenn es das Recht des heiligen Markus, die Dienste seines Volkes zu fordern galt.

»Ich wollte, du wärest gekommen, mich um Seelenmessen oder um Geld oder um irgend sonst etwas zu bitten, Antonio, nur nicht um dies!« erwiderte er nach einer kleinen Pause. »Du hast, wenn ich nicht irre, den Jungen von seiner Geburt an immer um dich gehabt?«

»Signore, ja, ich hatte diese Freude. Er ward als Waise geboren, und ich hätte ihn gern behalten, bis er tüchtig gewesen wäre, in die Welt zu treten, ausgerüstet mit Redlichkeit und Glauben, um ihn vor Unbill zu behüten. Wär mein eigener tapferer Sohn hier, er würde auch um kein anderes Glück für den Jungen bitten, als ihm den Rat und Beistand nicht zu rauben, den auch ein armer Mann das Recht hat, seinem Fleisch und Blut angedeihen zu lassen!«

»Er fährt nicht schlimmer als andere, und du weißt, daß der Staat eines jeden Armes bedarf.«

»Exzellenz! Als ich in den Palast trat, sah ich Signore Giacomo aus seiner Gondel steigen.«

»Oh, über dich, Gesell! Machst du keinen Unterschied zwischen dem Sohn eines Fischers, zwischen einem, der von Rudern und von Handarbeit lebt, und dem Abkömmling einer alten Familie! Geh, anmaßender Mann, und denke an deinen Stand und an den Unterschied, den Gott zwischen unsere Kinder gesetzt hat.«

»Jawohl, die meinigen haben mir niemals Kummer gemacht als in ihrer Sterbestunde«, sagte der Fischer mit dem Ton eines ernsten Vorwurfs.

Signore Gradenigo fühlte die Schärfe dieses Tadels, der aber der Sache seines rücksichtslosen Milchbruders keineswegs frommte. Er ging sehr aufgeregt im Zimmer einigemal hin und her, bezwang aber seinen Unwillen insoweit, daß er mit der Milde antworten konnte, die seinem Stande geziemte.

»Antonio«, sagte er, »deine verwegene Gesinnung ist mir nicht fremd. Wenn du Seelenmessen für die Toten verlangtest oder Geld für die Lebendigen, du solltest es haben; aber mich um Verwendung beim General der Galeeren bitten, das heißt um etwas bitten, was in so kritischen Zeiten auch dem Sohne des Dogen nicht könnte zugestanden werden, wäre der Doge selbst…«

»… ein Fischer«, fiel Antonio ein, da er bemerkte, daß der Senator stockte, »lebt wohl, Signore! Ich möchte nicht im Groll von meinem Milchbruder scheiden. Mögen die Heiligen Euch segnen. Möget Ihr nie den Schmerz erleben, ein Kind schlimmer als durch den Tod zu verlieren – durch Untergang in Sünde.«

Nachdem Antonio geendigt hatte, verbeugte er sich und ging denselben Weg zurück, den er gekommen war. Der Senator bemerkte sein Weggehen nicht, denn er hatte sich abgewandt, in seinem Innern das Gewicht der Worte fühlend, die der andere in seiner Einfalt gesprochen hatte. Erst nach einer Weile bemerkte er, daß er allein war. Aber ein anderer Fußtritt fesselte alsbald seine Aufmerksamkeit; die Tür ging wieder auf, und ein Diener erschien. Er meldete jemanden, der um eine Privataudienz nachsuchte.

»Laß ihn herein«, sagte der Senator bereitwillig und ordnete seine Züge zu ihrem gewöhnlichen, vorsichtigen und mißtrauischen Ausdruck.

Der Diener entfernte sich, und ein maskierter Mann, in einen Mantel gehüllt, trat schnell ein. Er warf die Hülle über den Arm und nahm die Maske ab. Da zeigten sich die Züge und die Gestalt des gefürchteten Jacopo.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Wir bemerkten schon, daß Gelsomina gewisse wichtige Schlüssel des Gefängnisses in Verwahrung hatte. Ihr dies Vertrauen zu schenken, fühlten sich die verschmitzten Wärter des Gefängnisses bewogen durch Hoffnung, daß sie arglos ihren Befehlen gehorchen würde, ohne zu vermuten, daß sie, dem Drange eines edeln Herzens nachgebend, diese in einer jener Hoffnung gefährlichen Weise gebrauchen könnte. Der Dienst aber, den die Schlüssel jetzt leisten sollten, bewies, daß die Schließer selbst, und unter diesen ihr Vater, nicht genügend wußten, wieviel Unschuld und Einfalt vermögen.

Gelsomina versah sich mit den erforderlichen Schlüsseln, nahm eine Lampe und stieg vom Zwischenstock, wo sie wohnte, nach dem ersten Stockwerke des Gebäudes hinauf, statt nach dem Hofe hinunterzugehen. Tür auf Tür öffnete sich, und manchen düstern Gang durchmaß das schuldlose Mädchen mit der Sicherheit dessen, der ein gutes Werk vorhat. Bald schritt sie über die Seufzerbrücke, ohne auf diesem unbesuchten Gange eine Störung zu befürchten, und ging in den Palast. Hier erreichte sie eine Tür, die nach den öffentlichen Ausgängen des Gebäudes führte. In der Sorge, ihre Tat der Entdeckung zu entziehen, löschte sie ihr Licht aus und drehte den Schlüssel. Im nächsten Augenblick befand sie sich auf der großen dunkeln Treppe. Schnell stieg sie hinunter und gelangte zu der bedeckten Galerie, die den Hof umgab. Wenige Schritte von ihr stand eine Schildwache. Der Soldat sah das ihm unbekannte Mädchen neugierig an, da ihm aber nicht oblag, die auszufragen, die das Gebäude verließen, so sprach er kein Wort, und Gelsomina ging weiter. Da warf eben, halb zögernd, ein rachsüchtiges Wesen eine Anklage in den Löwenrachen. Unwillkürlich blieb Gelsomina stehen, bis sich der geheime Ankläger nach seinem verräterischen Werke entfernte. Als sie ihren Weg nun fortsetzen wollte, sah sie, daß der Hellebardier oben auf der Riesentreppe über ihre Verwunderung lächelte, wie einer, der an solche Szenen gewöhnt ist.

»Ist es gefährlich, den Palast zu verlassen?« fragte sie den rauhen Bergbewohner.

»Corpo di Bacco! Vor einer Stunde mocht es so sein, schönes Mädchen, aber den Aufwieglern ist nun das Maul gestopft, und jetzt sind sie beim Gebet.«

Gelsomina zögerte nicht länger. Sie stieg die Treppe hinab und stand bald unter dem Torbogen. Hier zauderte das schüchterne und unerfahrene Mädchen wieder, denn sie wagte nicht, auf den Platz hinauszugehen, ohne sich vorher zu überzeugen, daß dort alles vollkommen ruhig sei.

Gelsomina fand beide Plätze großenteils mit Menschen angefüllt. Einige aufgeregte Fischer umdrängten die Türen der Kathedrale, aber diesseits der Kirche war kein Grund zu Besorgnis vorhanden. Wie wenig auch an solch ein Schauspiel gewöhnt, so begriff das sanfte Mädchen doch auf den ersten Blick, daß ihr gerade die Menschenmenge Unbemerktheit gewähren würde. Sie zog ihren einfachen Mantel dichter um ihre Gestalt, befestigte ihre Maske sorgfältiger und ging mit schnellem Schritt mitten in die Piazza hinein.

Jung, behende und von ihrem Zweck befeuert, hatte sie die Piazza bald hinter sich und erreichte den Platz San Nicolo, wo eine Landestelle der öffentlichen Gondeln war. Es war aber in diesem Augenblicke kein Fahrzeug da, weil Neugier oder Furcht die Gondolieri bewogen hatte, ihren Standort zu verlassen. Das Mädchen bestieg daher die Brücke und stand eben auf der Höhe des Bogens, als ein Gondoliere von der Seite des Canale Grande gemächlich daherruderte. Ihr zögerndes, unschlüssiges Benehmen fesselte seine Aufmerksamkeit, und er machte das gewöhnliche Zeichen zur Erbietung seiner Dienste. Da sie fast fremd war in den Straßen Venedigs – wahren Labyrinthen, dem Ungeübten schwieriger zu entwirren als in irgendeiner andern Stadt derselben Größe –, so ging sie auf das Anerbieten freudig ein. Die Stufen hinabsteigen, in das Boot springen, das Wort »Rialto« aussprechen und sich im Zelte verbergen, waren das Werk eines Augenblicks. Das Boot war sogleich in Bewegung.

Gelsomina durfte nun ihres Erfolges ziemlich gewiß sein, denn von der Kenntnis und den Plänen eines gewöhnlichen Bootsmannes konnte sie wenig zu fürchten haben. Auch konnte er ihr Vorhaben nicht ahnen, und es war sein Vorteil, sie sicher nach dem verlangten Orte zu bringen. Aber es lag ihr an dem glücklichen Ausgange so viel, daß sie ihn nicht für gewiß halten konnte, ehe nicht alles getan war. Sie sammelte indes ihre Entschlossenheit wieder so weit, daß sie hinausschaute auf die Paläste und Fahrzeuge, an denen sie vorbeifuhr; da fühlte sie die erfrischende Luft des Kanals ihren Mut beleben. Nun wandte sie sich, um das Gesicht ihres Gondoliere zu betrachten, und bemerkte, daß seine Züge durch eine so schlau verfertigte Maske verborgen waren, daß sie ein zufälliger Beobachter beim Mondlicht nicht zu erkennen vermochte.

Obschon es üblich war, daß sich die Schiffsleute der Vornehmen gelegentlich maskierten, so war dies doch bei einem öffentlichen Gondoliere etwas ganz Ungewöhnliches. Dieser Umstand an sich konnte wohl eine leichte Besorgnis erregen, aber Gelsomina fand bei weiterer Überlegung nichts darin, als daß der Mann vielleicht eben von einer Ergötzlichkeit zurückgekommen war oder von einer Serenade, bei der die Vorsicht des Liebhabers seine Begleiter genötigt hatte, sich so zu verbergen.

»Wollt Ihr auf dem öffentlichen Kai landen, Signora«, fragte der Gondoliere, »oder soll ich Euch nach der Tür Eures Palastes fahren?«

Gelsominas Herz schlug hoch. Der Ton der Stimme, obgleich durch die Maske gedämpft, gefiel ihr. Aber nicht gewohnt, anderer Angelegenheiten, am wenigsten so wichtige, zu besorgen, erzitterte sie vor der Rede, als wäre sie nicht in so gutem Werk begriffen.

»Kennst du den Palast eines gewissen Don Camillo Monforte, eines Adeligen aus Kalabrien, der hier in Venedig wohnt?« fragte sie nach einer augenblicklichen Pause. Der Gondoliere wurde merklich überrascht durch diese Frage.

»Soll ich Euch dorthin rudern, Signora?«

»Wenn du gewiß bist, den Palast zu kennen.«

Rasch drehte er die Gondel, und schnell glitt sie zwischen hohen Mauern hin. Gelsomina merkte an dem Schall, daß sie sich in einem der engen Kanäle befand, und schloß daraus, daß der Gondoliere wohl bewandert in der Stadt sein müsse. Bald hielten sie dicht vor einem Wassertore an, und der Mann erschien auf der Treppe, seinen Arm darreichend, um ihr beim Aussteigen zu helfen, wie Leute seines Gewerbes pflegen. Gelsomina hieß ihn ihre Rückkehr erwarten und ging hinein.

Es war eine merkliche Verwirrung in Don Camillos Haushalt, die einer erfahreneren Beobachterin gewiß aufgefallen wäre. Die Diener verrieten selbst bei Verrichtung der allergewöhnlichsten Geschäfte Ungewißheit, ihre Blicke wanderten mißtrauisch von einem zum andern, und als die schüchterne Fremde in den Hausflur trat, sprangen alle auf, keiner aber kam ihr entgegen. Ein maskiertes Frauenzimmer war kein ungewöhnlicher Anblick in Venedig, da wenige dieses Geschlechts die Kanäle besuchten, ohne ihre Züge zu verhüllen. Aus dem unentschlossenen Benehmen der Diener Don Camillos ging jedoch hervor, daß der Eintritt eines Mädchens diesmal auffiel.

»Bin ich in der Wohnung des Herzogs von Sant‘ Agata aus Kalabrien?« fragte Gelsomina, die hier einsah, wie nötig es sei, Festigkeit zu zeigen.

»Signora, ja!«

»Ist Euer Herr im Palast?«

»Signora, ja – und auch nein! Welch schöne Dame soll ich ihm melden, die ihm die Ehre erweist?«

»Wenn er nicht zu Hause ist, so ist es unnötig, ihm irgend etwas zu melden. Ist er aber da, so wünsche ich ihn zu sprechen.«

Die Diener, deren mehrere zugegen waren, steckten die Köpfe zusammen und schienen sich zu streiten, ob es ratsam sei, den Besuch anzunehmen. In diesem Augenblick trat ein Gondoliere in geblümter Jacke in den Hausflur. Gelsomina faßte Mut, als sie sein gutmütiges Auge und sein offenes Benehmen sah.

»Dient Ihr dem Don Camillo Monforte?« fragte sie, als er dem Kanal zu an ihr vorbeiging.

»Mit dem Ruder, schönste Donna«, erwiderte Gino, nach der Mütze greifend, aber sich kaum nach ihr umsehend.

»Kann man ihm nicht melden, daß ein Mädchen angelegentlich wünscht, ihn allein zu sprechen?«

»Ein Mädchen! Santa Maria! Schöne Donna, die Frauen, die in solchen Geschäften kommen, nehmen kein Ende in Venedig. Ihr könntet eher der Statue des heiligen Theodor auf der Piazza einen Besuch machen, als gegenwärtig meinen Herrn sehen. Der Stein würde Euch besser aufnehmen.«

»Heißt er Euch allen meines Geschlechts, die da kommen, solche Antwort geben?«

»Diavolo! Signora, Ihr versteht das Ausfragen. Vielleicht möchte mein Herr eine Euers Geschlechts, die ich nennen könnte, nötigenfalls empfangen, aber auf Gondoliersehre! Er ist in diesem Augenblick eben nicht der galanteste Kavalier in Venedig.«

»Wenn er einer diesen Vorzug geben würde – so seid Ihr sehr kühn für einen Diener: Wie wißt Ihr denn, daß ich nicht diese eine bin?«

Gino stutzte. Er betrachtete die Gestalt der Redenden und verbeugte sich, indem er seine Mütze zog.

»Signora, ich weiß gar nichts von der Sache«, sagte er, »Ihr möget Seine Hoheit der Doge sein oder der Gesandte des Kaisers. Ich maße mir seit kurzem nicht mehr an, irgend etwas zu wissen in Venedig.«

Ginos Worte wurden durch den öffentlichen Gondoliere unterbrochen, der hastig eingetreten war und ihm auf die Schulter klopfte. Dann flüsterte er dem Diener Don Camillos ins Ohr: »Dies ist nicht der Augenblick, jemand abzuweisen. Laß die Fremde hinauf!«

Gino zögerte nicht länger. Mit der Entschiedenheit eines Lieblingsdieners drängte er den Kammerdiener beiseite und erbot sich, Gelsomina selber zu seinem Herrn zu führen. Als sie hinaufgingen, entfernten sich drei von den untern Bedienten.

Don Camillos Palast hatte einen Anstrich von mehr als venezianischer Düsterkeit. Die Zimmer waren spärlich erleuchtet, viele Wände waren ihrer kostbarsten Gemälde beraubt, und auch in anderer Beziehung konnte ein aufmerksames Auge Spuren von der Absicht des Eigentümers, hier nicht für immer wohnen zu bleiben, wahrnehmen. Diese Umstände bemerkte aber Gelsomina nicht, als sie dem Gondoliere durch die Gemächer bis in die innern Teile des Hauses folgte. Hier schloß der Gondoliere eine Tür auf und nötigte sie durch ein Zeichen einzutreten.

»Mein Gebieter«, sagte er, »empfängt Damen gewöhnlich hier. Belieben Exzellenz einzutreten, während ich gehe, ihm sein Glück zu melden.«

Gelsomina tat entschlossen, obgleich es ihr gewaltig auf das Herz fiel, als sie hinter sich den Schlüssel im Schlosse drehen hörte. Sie befand sich in einem Vorzimmer, und da das Licht, das durch die Tür eines anstoßenden Gemaches fiel, sie schließen ließ, daß sie weitergehen sollte, so trat sie hinein. Hier sah sie sich plötzlich einem andern Mädchen gegenüber.

»Annina!« rief das unerfahrene Mädchen vom Gefängnisse im ersten Erstaunen.

»Gelsomina! Ei, die stille, scheue, sittsame Gelsomina!« entgegnete die andere.

Anninas Worte ließen nur eine Auslegung zu. Gelsomina nahm die Maske ab, denn teils gekränktes Gefühl, teils Erstaunen drohten sie des Atems zu berauben.

»Du hier?« fügte sie hinzu, kaum wissend, was sie sagte.

»Du hier?« nahm Annina dasselbe Wort auf, mit dem Gelächter der Gefangenen, wenn sie die Unschuld zu ihrer eigenen Niedrigkeit herabgesunken glauben.

»Was mich betrifft, so führte mich Mitleid hierher.«

»Santa Maria! Da haben wir ja beide gleichen Zweck!«

»Annina! Ich weiß nicht, was du sagen willst! Ist denn dies der Palast Don Camillo Monfortes – eines edeln Neapolitaners, der auf einen Sitz im Senat Anspruch macht?«

»Der galanteste, hübscheste, reichste und unbeständigste Kavalier in Venedig. Wärst du schon tausendmal hier gewesen, du könntest nicht besser unterrichtet sein.«

Gelsomina hörte schaudernd diese Worte. Ihre schlaue Cousine, die ihren Charakter so vollkommen kannte, als nur immer das Laster die Unschuld kennen kann, beobachtete ihre farblosen Wangen und ihre sich zusammenziehenden Augen mit geheimem Triumphe. Im ersten Augenblick hatte sie alles, was sie zu verstehen gab, wirklich geglaubt, aber eine zweite Erwägung und der Anblick der sichtlichen Angst, in die das erschreckte Mädchen gestürzt war, gaben ihrem Argwohn eine neue Richtung.

»Aber ich sage dir ja nichts Neues«, fuhr sie schnell fort. »Es tut mir nur leid, daß du mich findest, wo du ohne Zweifel den Herzog von Sant‘ Agata selber anzutreffen erwartetest.«

»Annina! Das von dir!«

»Du kamst doch gewiß nicht nach seinem Palaste, um deine Cousine aufzusuchen!«

Gelsomina war mit dem Kummer lange vertraut gewesen, hatte aber nie bis diesen Augenblick die tiefe Demütigung der Schande gefühlt, Tränen brachen aus ihren Augen, und unfähig, sich aufrecht zu halten, sank sie in einen Sessel.

»Ich wollte dich nicht so unerträglich kränken«, setzte die schlaue Tochter des Weinhändlers hinzu. »Aber daß wir uns beide in dem Kabinett des galantesten Kavaliers von Venedig befinden, ist doch außer allem Zweifel.«

»Ich habe dir gesagt, daß Mitleid mit einem andern mich hierhergeführt hat.«

»Nu ja, Mitleid mit Don Camillo.«

»Mit einer edeln Dame – einer jungen, tugendhaften, schönen Frau – einer Tochter des Hauses Tiepolo – bedenke, Annina, des Hauses Tiepolo!«

»Wie sollte eine Tiepolo zu den Diensten eines Mädchens aus dem Staatsgefängnisse kommen?«

»Doch! Weil die droben ungerecht gewesen sind. Die Fischer haben einen Tumult gemacht, und die Dame mit ihrer Gouvernante sind durch die Aufwiegler befreit worden – und Seine Hoheit hat mit ihnen im großen Hofe gesprochen – und auf dem Kai waren die Dalmatier – und da konnte auch das Gefängnis Damen ihres Standes in so großer Not zum Zufluchtsort dienen – und die heilige Kirche selbst hat ihre Liebe gesegnet –«

Gelsomina konnte nicht weiterreden: Atemlos durch den Eifer, sich zu rechtfertigen, und bis in die Seele verwundet durch die seltsame Verlegenheit, in die sie geraten war, schluchzte sie laut. So unzusammenhängend ihre Rede auch gewesen war, so hatte sie doch genug gesagt, um Annina die Sache unzweifelhaft zu machen. Und diese begriff sogleich nicht nur den Auftrag ihrer Cousine, sondern auch die ganze Lage der Flüchtigen.

»Und du schenkst diesem Märchen Glauben, Gelsomina?« sagte sie, sich stellend, als ob sie ihrer Cousine Leichtgläubigkeit bedauerte. »Die den St.-Markus-Platz besuchen, wissen recht gut, wes Geistes Kinder deine Tiepolo und ihre Gouvernante sind.«

»Hättest du nur die Schönheit und Unschuld der Dame gesehen, Annina, du würdest nicht so reden.«

»Gelobter San Teodoro! Was ist schöner als das Laster! Es ist das wohlfeilste Kunststück des Teufels, um schwache Sünder zu betrügen. Wenn dir dein Beichtvater das noch nicht gesagt hat, Gelsomina, so nimmt er es eben nicht so genau mit guten Sitten als der meinige.«

»Aber weshalb sollte sich eine Frau von solcher Lebensart in das Gefängnis flüchten?«

»Gewiß hatten sie alle Ursache, sich vor den Dalmatiern zu fürchten. Aber ich kann dir noch mehr von denen sagen, die du aufgenommen hast zur größten Gefahr deines eigenen Rufes. Es gibt Weiber in Venedig, die ihr Geschlecht auf verschiedene Weise verunehren, und diese, hauptsächlich die sogenannte Florinde, sind berüchtigt wegen ihres Geschäfts, den Staat um seine Einkünfte zu bringen. Sie hat von dem Neapolitaner ein Geschenk an Weinen bekommen, die auf seinen kalabrischen Bergen wachsen, und da sie meine Ehrlichkeit zu verführen wünschte, so bot sie mir das Getränk an und bildete sich ein, daß eine Person wie ich ihre Pflicht vergessen und den Staat betrügen würde.«

»Das läßt sich schwer glauben, Annina.«

Weshalb sollte ich dich täuschen? Sind wir nicht Schwesterkinder, und obschon mich meine Geschäfte auf dem Lido deiner Gesellschaft viel entziehen, herrscht nicht natürliche Liebe zwischen uns? Ich führte Klage bei der Obrigkeit, auf die Weine ward Beschlag gelegt, und die angeblich adeligen Damen mußten sich eben heute verstecken. Man glaubt, sie wollen mit ihrem liederlichen Neapolitaner aus der Stadt fliehen. Genötigt, Zuflucht zu suchen, haben sie dich abgeschickt, ihm ihr Versteck anzuzeigen, damit er ihnen zu Hilfe kommen möge.«

»Und weshalb bist du hier, Annina?«

»Ich wundere mich, daß du das nicht eher gefragt hast. Gino, Don Camillos Gondoliere, hat mir lange vergeblich die Cour gemacht, und als sich diese Florinde beschwerte, daß ich, was doch jedes ehrliche Mädchen in Venedig tun müßte, ihren Betrug bei Gericht angezeigt hätte, riet er seinem Herrn, mich ergreifen zu lassen, teils aus Rache, teils in der eiteln Hoffnung, ich würde mich bewegen lassen, meine Klage zurückzunehmen. Du hast wohl schon gehört von der verwegenen Gewalttätigkeit dieser Kavaliere, wenn man ihrem Willen entgegenhandelt?«

Annina erzählte hierauf mit hinlänglicher Genauigkeit die Umstände ihrer Gefangennahme, nur das verheimlichend, was sie nicht sagen durfte, ohne sich zu verraten.

»Aber, Annina, es gibt doch eine Erbin von Tiepolo.«

»So gewiß, als es Cousinen gibt, wie wir sind. Santa Madre di Dio! Daß diese verräterischen, frechen Weiber auf solche Unschuld stoßen mußten, wie du bist! Sie hätten nur in meine Hände kommen sollen, denn obgleich ich für ihre List auch zu unwissend bin, so kenn ich doch schon ihren wahren Charakter.«

»Sie haben auch von dir gesprochen, Annina.«

Des Weinhändlers Tochter schoß einen Blick auf ihre Cousine wie die tückische Schlange auf einen Vogel. Aber sie verlor ihre Besonnenheit nicht und sagte: »Gewiß nicht zu meinen Gunsten. Es sollte mir leid tun, wenn solche Personen mich lobten!«

»Sie sind deine Freundinnen eben nicht, Annina.«

»Sie haben dir vielleicht gesagt, Kind, daß ich im Sold des Senats stände!«

»Das haben sie in der Tat.«

»Es wundert mich nicht. Dies unehrliche Gesindel kann sich nicht einbilden, daß man etwas bloß wegen des Gewissens tun könne. Aber da kommt der Neapolitaner. – Sieh nur den Liederjan an, Gelsomina, und du wirst ihn so sehr als ich verabscheuen.«

Die Tür ging auf, und Don Camillo Monforte trat ein. Es war ein Mißtrauen in seinem Benehmen, das schließen ließ, daß er eine List von Seiten des Rates der Dreimänner vermutete. Gelsomina erhob sich, und obgleich durch die Erzählung ihrer Cousine und die vorangehenden Eindrücke aufgeregt, stand sie doch während seines Herannahens da wie ein anmutiges Bild der Sittsamkeit. Der Neapolitaner ward von ihrer Schönheit und von ihrem einfachen Wesen sichtlich ergriffen, aber seine Stirn war gerunzelt wie die eines Mannes, der sein Inneres gegen alle Täuschung stählen will.

»Du wolltest mich sprechen?« fragte er.

»Ich hatte diesen Wunsch, edler Herr, aber – Annina –«

»Da du eine andere siehst, hast du deine Absicht geändert.«

»Ja, Signore.«

Don Camillo sah sie ernstlich und mit Bedauern an.

»Du bist jung für deinen Stand – hier ist Gold. Geh, wie du gekommen bist. Aber halt – kennst du diese Annina?«

»Sie ist meiner Mutter Schwestertochter, edler Duca!«

»Per Diana, eine würdige Verwandtschaft. Geht miteinander, denn ich bedarf keiner von beiden. Aber höre!« Hierbei faßte er Annina beim Arme und führte sie beiseite, wo er mit leiser, aber drohender Stimme fortfuhr: »Du siehst, daß ich mich so gut wie dein Senat furchtbar machen kann. Nicht über die Schwelle deines Vaters kannst du gehen, ohne daß ich es erfahre. Wenn du klug bist, so wirst du deine Zunge im Zaum halten. Tu, was du willst, ich fürchte dich nicht. Aber nimm dich in acht, wenn du klug bist.«

Annina machte eine tiefe Verbeugung, gleichsam die Weisheit seiner Mahnung anerkennend, nahm ihre halb bewußtlose Cousine beim Arm, verneigte sich abermals und eilte aus dem Zimmer. Da, wie die Diener wußten, ihr Herr in seinem Kabinett gewesen war, hielten sie es für unnötig, sich der Flucht der Damen zu widersetzen. Gelsomina, die noch ungeduldiger war als ihre verschmitzte Gefährtin, einem Orte zu entgehen, den sie für befleckend hielt, war fast ohne Atem, als sie die Gondel erreichte. Ihr Besitzer wartete auf der Treppe, und in einem Augenblicke entschwebte das Boot dem Hause, das beide Frauen, obgleich aus ganz verschiedenen Gründen, froh waren, verlassen zu dürfen.

Gelsomina hatte ihre Maske in der Eile vergessen, und die Gondel war nicht so bald im Canale Grande, als sie sich dem Fenster des Pavillons näherte, um ihr glühendes Antlitz in der frischen Abendluft zu kühlen. Da ward ihre Stirn von einem Finger berührt, und als sie sich wendete, bemerkte sie, daß der Gondoliere ihr ein Zeichen machte, vorsichtig zu sein. Dann lüftete er seine Maske ein wenig.

»Carlo!« wäre beinahe ihren Lippen entfahren. Aber ein zweites Zeichen verhinderte den Ausruf. Gelsomina zog ihren Kopf zurück, und sobald ihr klopfendes Herz zu pochen nachließ, senkte sie ihr Gesicht und flüsterte ein Dankgebet, daß sie sich in solchem Augenblick im Schutz eines Mannes fand, der ihr ganzes Vertrauen besaß.

Der Gondoliere fragte nicht, wohin er seine Fahrt richten solle. Das Boot lief dem Hafen zu, und beiden Frauen schien dies ganz natürlich. Annina vermutete nämlich, daß es zum Platze zurückkehre, wohin sie sich auch begeben hätte, wenn sie allein gewesen wäre, und Gelsomina, die ihren Carlo für einen Gondoliere vom Handwerk hielt, bildete sich demgemäß ein, daß er sie nach ihrer Wohnung zurückbringe.

Aber wenn der Unschuldige auch die Verachtung der Welt ertragen kann, so ist es viel härter für ihn, sich denen, die er liebt, verdächtig zu wissen, und es drängte sie, ihm alles zu erzählen. Unter dem Vorwande, daß sie frische Luft schöpfen wolle, ließ sie ihre Cousine allein unter dem Zelte, und Annina bedauerte dies ganz und gar nicht, denn es tat ihr not, über alle die Windungen des krummen Weges nachzudenken, den sie eingeschlagen hatte.

Gelsomina kam glücklich an der Kajüte vorbei zur Seite des Gondoliere.

»Carlo«, sagte sie, da sie merkte, daß er stillschweigend weiterruderte.

»Gelsomina?«

»Du denkst doch nichts Arges von mir?«

»Ich kenne deine schändliche Cousine und kann mir denken, daß sie dich zu ihrem Spielzeug macht.«

»Kanntest du mich nicht, Carlo, als ich dich von der Brücke rief?«

»Nein. Jedes Geschäft war mir willkommen, um nur die Zeit hinzubringen.«

»Warum nennst du Annina schändlich?«

»Weil es in Venedig kein hinterlistigeres Herz und keine falschere Zunge gibt.«

Gelsomina dachte an Donna Florindes Warnung. Begünstigt durch die Blutsverwandtschaft und das Vertrauen, das der Unerfahrene immer in die Redlichkeit seiner Freunde setzt, bis ihn einmal der Schaden enttäuscht, hatte Annina ihre Cousine leicht überreden können, daß ihre Gäste nichts taugten. Jetzt aber hörte sie einen Mann, der ihre ganze Liebe besaß, Annina selbst beschuldigen. In solcher Ungewißheit tat das in Verwirrung gebrachte Mädchen, was die Natur und ihr Gefühl geboten. Sie erzählte leise und schnell die Vorfälle des Abends und Anninas Erdichtung von dem Betragen der Frauen, die sie im Gefängnisse zurückgelassen hatte.

Jacopo hörte so aufmerksam zu, daß sein Ruder im Wasser hinschleppte.

»Genug«, sagte er, als Gelsomina vollendet hatte. »Ich verstehe alles. Traue deiner Cousine nicht, denn der Senat selbst ist nicht arglistiger.«

Der vorgebliche Carlo sprach mit Vorsicht, aber mit fester Stimme. Gelsomina verstand ihn, obgleich sie seine Worte in Erstaunen setzten, und ging wieder hinein zu Annina. Die Gondel setzte ihren Lauf fort, als wäre nichts geschehen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Jacopo kannte die Schliche venezianischer Hinterlist genau. Er wußte, daß der Rat mit Hilfe seiner Agenten immerwährend die im Auge behielt, an denen ihm etwas gelegen war, und verließ sich deshalb nicht allzusehr auf die Vorteile, die ihm die Umstände in den Weg geführt zu haben schienen. Annina hatte er zwar in seiner Gewalt, aber eine Gebärde, eine Miene im Vorüberfahren bei den Toren des Gefängnisses, ein Schrei konnte einige von den tausend Spionen der Polizei in Bewegung bringen. Daher war das nächste und wichtigste Geschäft, Annina an irgendeinem sicheren Orte unterzubringen. Zum Palaste Don Camillos zurückzukehren hätte geheißen, den Mietlingen des Senats in die Falle zu laufen. Freilich hatte der Neapolitaner, sich auf seinen Rang und Einfluß stützend, diesen Schritt schon einmal getan; allein, damals lag weniger daran, das Mädchen festzuhalten, da alles, was sie wußte, ohnehin schon verraten war, jetzt aber verhielt sich die Sache anders, weil sie den Beamten zur Auffindung der Flüchtlinge zu verhelfen imstande war.

Die Gondel setzte ihre Fahrt fort. Ein Palast nach dem andern blieb zurück, und Annina warf sich ungeduldig in das Fenster, um zu sehen, wie weit man gekommen wäre. Da sich das Boot mitten unter den Schiffen im Hafen befand, vermehrte sich ihre Unruhe sichtlich. Unter einem ähnlichen Vorwand wie zuvor Gelsomina verließ die Tochter des Weinhändlers den Pavillon und stahl sich an die Seite des Gondoliere.

»Ich wünsche sogleich bei dem Wassertore vom Palaste des Dogen gelandet zu werden«, sagte sie und ließ eine Silbermünze in die Hand des Gondoliere gleiten.

»Ihr sollt bedient werden, bella Donna. – Aber – Diamine! Ich wundere mich, daß ein so kluges Mädchen die Schätze, die jene Feluke enthält, nicht wittert.«

»Meinst du den Sorrentiner?«

»Welch anderer Padrone bringt so blumenreichen Wein nach dem Lido! Sei nicht so ungeduldig zu landen, Tochter des ehrlichen alten Maso, und schließe mit dem Schiffer einen Handel, daß wir Leute von den Kanälen was zu schmecken bekommen.«

»Wie, du kennst mich also?«

»Die hübsche Weinhändlerin vom Lido. Corpo di Bacco! Du bist so bekannt bei uns Gondolieri wie der Wasserdamm.«

»Warum bist du maskiert? Solltest du Luigi sein? Unmöglich.«

»Es kommt wenig darauf an, ob ich Luigi, Enrico oder Giorgio heiße, ich bin dein Kunde, und mir ist das kleinste Härchen deiner Augenbrauen wert. Du weißt, Annina, daß die jungen Patrizier ihre Späße haben, und sie lassen uns Gondolieri schwören, daß wir uns verborgen halten wollen, bis die Gefahr der Entdeckung vorüber ist. Wenn mir ein unberufenes Auge nachblickte, so könnte ich am Ende darüber befragt werden, wie ich die Frühstunden zugebracht hätte.«

»Mich dünkt, dein Patrizier hätte besser getan, dir Gold zu geben und dich sogleich nach Hause zu schicken.«

»Damit man mir nachkäme bis an meine Türe? Nein, nein, wenn sich mein Boot unter tausend andere gemischt haben wird, dann wird es Zeit sein, mich zu demaskieren. Nun, willst du zur >Bella Sorrentina‹?«

»Es bedarf ja der Frage nicht, da du von selbst dahin fährst.«

Der Gondoliere lachte und nickte, als wollte er seiner Gefährtin zu verstehen geben, daß er ihre geheimen Wünsche kenne. Annina war noch im Überlegen, auf welche Weise sie ihn bewegen sollte, seine Absicht zu ändern, als die Gondel schon die Feluke berührte.

»Wir wollen hinaufgehen und mit dem Padrone reden«, flüsterte Jacopo.

»Es wird nichts helfen. Er hat keinen Wein.«

»Trau ihm nicht. – Ich kenne den Mann mit seinen Ausflüchten.«

»Aber du vergissest meine Cousine.«

»Sie ist ein unschuldiges Kind, ohne allen Argwohn.«

Jacopo hob Annina, während er sprach, auf das Verdeck des Sorrentiner Schiffes, halb galant und halb gewaltsam; darauf sprang er ihr nach. Ohne Zögern, ohne sie ihre Gedanken sammeln zu lassen, führte er sie zur Treppe der Kajüte, und sie stieg hinunter, verwundert über sein Benehmen, aber fest entschlossen, ihre geheimen Sünden gegen das Zollrecht nicht vor einem Fremden zu verraten.

Stefano Milano schlief auf dem Verdeck in einem Segel. Eine Berührung weckte ihn, und ein Zeichen gab ihm zu verstehen, daß der vermeintliche Roderigo vor ihm stände.

»Bitte tausendmal um Verzeihung, Signore«, sagte der Seemann gähnend. »Ist die Ladung da?«

»Nur zum Teil. Ich habe dir eine gewisse Annina Tosti gebracht, die Tochter des alten Tommaso Tosti, eines Weinhändlers auf dem Lido.«

»Santa madre! Hält es der Senat der Mühe wert, solch eine Person heimlich aus der Stadt zu schicken?«

»Ja – und zwar legt er auf ihre Aufbewahrung großen Wert. Ich habe sie hergebracht, ohne daß sie meine Absicht merkte, und hab mich eines Weingeschäfts zum Vorwand bedient, um sie hinunterzubringen in die Kajüte. Unserer früheren Verabredung gemäß wird es nun deine Sache sein, dich ihrer Person zu versichern.«

»Das ist leicht gemacht«, erwiderte Stefano, indem er hinging und die Kajütentür zumachte und verriegelte. »Sie ist nun allein mit dem Muttergottesbilde und hat die schönste Gelegenheit, ihre Aves zu beten.«

»Es ist gut, wenn du sie so festhalten kannst. Jetzt aber ist es Zeit, die Anker zu lichten und mit der Feluke die Reihen der übrigen Schiffe zu verlassen.«

»Signore, in fünf Minuten sind wir damit fertig.«

»So tu es in aller Eile, denn von der Erledigung dieses wichtigen Geschäfts hängt viel ab. Ich werde bald wieder bei dir sein. Höre, Meister Stefano, nimm die Gefangene in acht, denn dem Senat liegt viel daran, daß sie sicher verwahrt sei.«

Der Kalabrese machte ein Zeichen, wie Verschmitzte pflegen, wenn sie andeuten wollen, daß man sich auf ihre Schlauheit verlassen könne. Während der angebliche Roderigo wieder in seine Gondel stieg, weckte Stefano seine Leute, und als die Gondel in den Kanal San Marco einlief, fielen schon die Segel der Feluke, und das kalabrische Schiff mit seinem niedrigen Deck stahl sich längs der Reihe der Fahrzeuge in das offene Wasser.

Die Gondel legte schnell bei der Treppe des Wassertores des Palastes an. Gelsomina ging unter den Bogen, schlich die Riesentreppe hinauf, denselben Weg, auf dem sie den Palast verlassen hatte. Der Hellebardier, der Wache stand, war noch derselbe. Er sagte ihr eine Galanterie und ließ sie ungehindert hinein.

»Schnell, edle Damen, schnell!« schrie Gelsomina, in das Zimmer stürzend, in dem Violetta und ihre Gefährtin sie erwarteten. »Ich habe durch meine Schwäche Eure Freiheit in Gefahr gebracht, und es ist kein Augenblick zu verlieren. Folgt mir, solang es noch Zeit ist, und gönnt Euch nicht die Muße, ein Gebet zu flüstern.«

»Du bist eilig und atemlos«, erwiderte Donna Florinde, »hast du den Herzog von Sant‘ Agata gesprochen?«

»Fragt mich nicht, folgt mir nur, edle Damen.«

Gelsomina ergriff die Lampe, und mit einem Blick, der ihre Gäste aufforderte, stillschweigend zu folgen, führte sie diese in die Korridore. Man kam sicher aus dem Gefängnisse und über die Seufzerbrücke, denn Gelsomina hatte die Schlüssel noch, und die Gesellschaft eilte die große Treppe des Palastes hinab zur offenen Galerie. Man legte ihnen kein Hindernis in den Weg, und so gelangten sie in den Hof, indem sie für Frauen galten, die in Geschäften ausgehen.

Am Wassertore wartete Jacopo. In weniger als einer Minute kreuzte seine Gondel den Hafen, dem Laufe der Feluke folgend, deren weißes Segel im Mondlicht sichtbar war, bald im Winde schwellend, bald schlaff an die Stangen schlagend, wenn sie die Schiffer anzogen, um die Schnelligkeit der Fahrt ein wenig zu vermindern. Gelsomina beobachtete mit angestrengter Aufmerksamkeit den Flug des Bootes, dann ging sie über die Brücke des Kais und zur gewöhnlichen Türe in das Gefängnis zurück.

»Hast du auch des alten Maso Tochter in sicherer Verwahrung?« fragte Jacopo, als er das Verdeck der »Bella Sorrentina« wieder erreicht hatte.

»Sie ist wie Ballast, der hin und her fährt, bald auf einer Seite der Kajüte, bald auf der andern, aber Ihr seht, der Riegel ist noch vor.«

»Gut, hier ist wieder ein Teil der Fracht – du hast doch die gehörigen Pässe für die Wachtgaleere?«

»Alles in bester Ordnung, Signore. Wann hat Stefane Milano in einer dringenden Angelegenheit je etwas versäumt? Diamine! Laßt den Wind kommen, und wenn uns der Senat wieder zurück haben wollte, alle seine Sbirren sollte er umsonst hinterdrein schicken.«

»Trefflicher Stefano! Geh mit vollen Segeln, denn unsere Herren sind aufmerksam auf dein Tun und legen Wert auf die größte Eile.«

Während der Kalabrese gehorchte, half Jacopo den beiden Frauen aus der Gondel, und im Augenblick schwangen sich die schweren Segel wie im Fluge empor, und die Blasen, die an den Seiten der »Bella Sorrentina« aufblinkten, verrieten ihren schnellen Lauf.

»Du hast edle Damen zu Passagieren«, sagte Jacopo zu dem Padrone, als dieser von der Arbeit, sein Schiff in Gang zu bringen, verschnaufte. »Obgleich die Klugheit verlangt, daß sie für einige Zeit die Stadt verlassen, so wirst du dir doch Gunst erwerben, wenn du dich ihnen aufmerksam erweisest.«

»Laßt mich nur sorgen, Signore Roderigo, aber vergeßt nicht, daß ich noch keine Instruktion zur Fahrt habe. Eine Feluke ohne Kurs ist so schlimm daran wie eine Eule im Sonnenschein.«

»Das wird sich finden. Es wird ein Offizier der Republik an Bord kommen und das mit dir abmachen. Diese Damen, wünsche ich, sollen nicht erfahren, daß eine Person wie Annina ihre Reisegefährtin ist, solang sie noch in der Nähe des Hafens sind, sie möchten sich sonst über Geringschätzung beklagen. Du verstehst, Stefane?«

»Cospetto, bin ich ein Narr? Ein Stümper? Wenn ich’s bin, warum gebraucht mich der Senat? Sie hören hier nichts von der Dirne, und die mag bleiben, wo sie ist. Solange die edlen Damen die Nachtluft hier oben zu atmen wünschen, sollen sie von ihrer Gesellschaft nicht belästigt werden.«

»Sei unbesorgt. Die Landbewohner haben kein Verlangen nach dem Dunst deiner Kajüte. Hast du den Lido hinter dir, so erwarte meine Ankunft, Stefano. Wenn du mich vor ein Uhr nicht wiedersiehst, so segle nach dem Hafen von Ankona, wo du weitere Anweisung erhalten wirst.«

Stefano, der von dem angeblichen Roderigo oft seine Instruktionen bekommen hatte, nickte bereitwillig, und sie trennten sich. Es ist kaum nötig, hinzuzufügen, daß die Flüchtlinge in Kenntnis gesetzt waren, wie sie sich zu benehmen hätten.

Jacopos Gondel war noch nie schneller geflogen als jetzt dem Lande zu. Bei der lebhaften Passage so vieler Fahrzeuge war die Bewegung eines einzelnen Bootes nicht leicht zu bemerken, und als er den Kai das Platzes erreichte, fand er, daß niemand auf seine Abfahrt und Ankunft geachtet habe. Dreist nahm er die Maske ab und landete. Es war beinahe die Zeit herangekommen, auf die er dem Don Camillo ein Rendezvous in der Piazza zugesagt hatte, und er ging langsam den kleineren Platz entlang nach dem Begegnungsorte.

Jacopo war, wie in einem früheren Kapitel erzählt worden, gewohnt, unweit der Granitsäulen in den ersten Stunden der Nacht auf und nieder zu gehen. Nach der allgemeinen Annahme wartete er auf Kundschaft in seinem blutigen Geschäft, so wie Leute von unschuldigerem Beruf auch ihren Stand an besuchteren Orten nehmen. Jeder, dem sein Ruf lieb war oder der den Schein vermeiden wollte, pflegte ihm, wenn er ihn dort sah, auszuweichen.

Der verfolgte und doch sonderbarerweise geduldete Bravo schritt auf seinem Wege langsam über die Felsen hin, denn er wollte nicht vor der verabredeten Zeit ankommen, als ihm ein Lakai ein Zettelchen in die Hand steckte und sich davonmachte, so schnell ihn die Beine tragen wollten. Wir haben schon früher gesehen, daß Jacopo nicht lesen konnte, denn man hielt Leute seines Standes damals geflissentlich in der Unwissenheit. Er wendete sich daher an den ersten Vorübergehenden, der ihm fähig schien, seinen Wunsch zu erfüllen, und bat diesen um die Gefälligkeit, die Schriftzüge ihm zu erklären.

Er hatte seine Bitte an einen ehrlichen Krämer aus einem entfernten Stadtviertel gerichtet. Der Mann nahm das Blatt und fing gutmütig an, den Inhalt zu lesen: »Ich bin abgerufen worden und kann dich nicht treffen, Jacopo!« Bei dem Namen Jacopo ließ der Handelsmann das Blatt fallen und entfloh.

Der Bravo ging langsam wieder zurück nach dem Kai, über den widerwärtigen Zufall nachsinnend, der seine Pläne durchkreuzte. Da ward sein Arm berührt, und als er sich umdrehte, stand eine Maske ihm gegenüber.

»Du bist Jacopo Frontoni?« fragte der Fremde.

»Der bin ich.«

»Deine Faust ist bereit, einem anderen getreulich zu dienen, nicht wahr?«

»Ich pflege Wort zu halten.«

»Gut, du wirst hundert Zechinen in diesem Beutel finden.«

»Wessen Leben verlangt Ihr für dies Gold?« fragte Jacopo mit gedämpfter Stimme.

»Don Camillo Monfortes.«

»Don Camillo Monforte?«

»Ja, kennst du den reichen Edelmann?«

»Ihr bezeichnet ihn so gut, Signore, er würde seinem Barbier ebensoviel für einen Aderlaß zahlen.«

»Führe deine Tat gut aus, so soll der Lohn verdoppelt werden.«

»Um sicher zu sein, muß ich Euren Namen wissen. Ich kenn Euch nicht, Signore.«

Der Fremde sah sich vorsichtig um, dann lüftete er die Maske ein wenig, und es zeigte sich das Gesicht Giacomo Gradenigos.

»Reicht diese Bürgschaft hin?«

»Ja, Signore. Wann soll die Tat geschehen?«

»In dieser Nacht, ja noch in dieser Stunde.«

»Soll ich einen Mann seines Standes in seinem Palaste mitten unter seinen Freunden treffen?«

»Tritt hierher, Jacopo, so sollst du mehr erfahren. Hast du eine Maske?«

Der Bravo bejahte.

»So umwölbe dein Gesicht, das nicht in der besten Gunst hier steht, und begib dich in dein Boot. Ich komme nach.«

Der junge Patrizier, dessen Gestalt durch seinen Anzug unkenntlich gemacht war, verließ seinen Gefährten mit der Absicht, ihn wieder zu treffen, wo seine Person nicht geahnt werden könnte. Jacopo trieb sein Boot aus dem Gewirr des Kais hinaus in den Raum zwischen den Schiffsreihen, dann ruderte er nicht weiter, darauf rechnend, daß man ihn beobachte und ihm folgen werde. Er schloß richtig, denn in wenigen Augenblicken flog eine Gondel dicht an die Seite der seinigen, und zwei Masken stiegen aus dem fremden Boot in das des Bravo, ohne zu reden.

»Nach dem Lido«, sagte eine Stimme, in der Jacopo die eines neuen Kunden erkannte.

Jacopo gehorchte, und Giacomos Boot folgte in einer kleinen Entfernung. Als sie außerhalb der Reihen waren und demnach nicht mehr in Gefahr, behorcht zu werden, verließen die beiden Passagiere die Kajüte und machten dem Bravo ein Zeichen, nicht weiterzurudern.

»Du willst also den Dienst übernehmen, Jacopo Frontoni?« fragte der ruchlose Sohn des alten Senators.

»Soll ich den Herrn mitten in seinen Vergnügungen niederstoßen, Signore?«

»Das ist nicht nötig. Wir haben Mittel gefunden, ihn aus seinem Palaste zu locken, und er ist in deiner Gewalt ohne andere Verteidigung als seinen eigenen Arm und Mut. Willst du das Geschäft übernehmen?«

»Gern, Signore – es macht mir Freude, einem Tapferen entgegenzutreten.«

»Da wirst du zufrieden sein. Der Neapolitaner ist mir in die Quere gekommen in meiner – soll ich sagen Liebe, Hosea? Oder hast du ein besseres Wort?«

»Gerechter Daniel! Signore Giacomo, Ihr habt keine Achtung für Reputation und Sicherheit! Ich seh gar nicht ein, warum man ihn gerade stechen soll zu Tode, Signore Jacopo, eine tüchtige Wunde, die dem Herzog die Ehestandsgedanken wenigstens auf einige Zeit aus dem Kopf brächte und Bußgedanken an deren Stelle, wäre besser.«

»Stoß ihm ins Herz!« fiel Giacomo ein. »Nur um der Sicherheit deines Stoßes willen hab ich gerade dich aufgesucht.«

»Das ist wucherische Rache, Signore Giacomo«, versetzte der minder entschlossene Jude. »Es wird mehr als hinreichend sein für unseren Zweck, wenn wir den Neapolitaner zwingen, einen Monat lang das Haus zu hüten.«

»Ins Grab mit ihm. Hörst du, Jacopo, hundert Zechinen für den Stoß, hundert für die Gewißheit, daß er tief geht, und hundert, daß die Leiche im Canale Orfano so versunken liege, daß das Wasser das Geheimnis nicht wieder zurückgibt.«

»Wenn das erste und zweite durchaus geschehen muß, so wird das dritte kluge Vorsicht sein«, murmelte der Jude, der ein behutsamer Schurke war und immer Beimittel vorzog, die die Last seines Gewissens ein wenig leichter machten. »Wollt Ihr’s nicht wagen, junger Herr, auf eine tüchtige Wunde?«

»Nicht eine Zechine. Das würde nur dem Mädchen die Phantasie mit Mitleid und Hoffnung erhitzen. Nimmst du die Bedingungen an, Jacopo?«

»Ja.«

»So rudere zum Lido. Unter den Gräbern der Verbannten wirst du Don Camillo noch in dieser Stunde antreffen. Ein erdichteter Brief von der Dame, der wir beide nachgehen, hat ihn getäuscht, und er wird allein sein, weil er auf Flucht denkt. Diese wirst du auch, hoff ich, beschleunigen, wenigstens für den Neapolitaner. Verstehst du mich?«

»Vollkommen, Signore.«

»Genug, du kennst mich, und dein Lohn wird von der Art abhängen, in der du mir dienst. Hosea, unser Geschäft ist aus.«

Giacomo Gradenigo machte seiner Gondel ein Zeichen, sich zu nähern; er ließ einen Beutel fallen, der das Mietgeld für das blutige Geschäft enthielt, und stieg ein, mit der Gleichgültigkeit eines Menschen, der daran gewöhnt ist, solche Mittel zur Erreichung seines Zweckes für erlaubt zu halten. Nicht so Hosea, er war mehr Schurke als Bösewicht. Die Erhaltung seines Darlehns und die Aussicht auf eine noch größere, ihm von Vater und Sohn zugesicherte Summe, wenn Giacomo in der Bewerbung um Violetta Glück hätte, waren eine zu unwiderstehliche Lockung für einen Mann, der, zeitlebens von seinen Mitmenschen verachtet, sich bei dem meuchelmörderischen Plan damit tröstete, daß er ihm zu jenen Lebensgenüssen verhelfen würde, nach denen Christen und Juden auf gleiche Weise Verlangen tragen. Dennoch erstarrte ihm das Blut, daß Giacomo die Sache so weit treiben wolle, und er lauerte, dem Bravo noch ein leises Wort beim Abschiede zu sagen.

»Du hast den Ruf für ein sicheres Stilett, ehrlicher Jacopo. Eine Faust wie die deinige muß ebensogut bloß verstümmeln als töten können. Versetze einen wackeren Stoß dem Neapolitaner, aber sein Leben schone.«

»Du vergissest das Gold, Hosea!«

»Vater Abraham! Was bekomm ich in meinen alten Tagen für ein schwach Gedächtnis! Du hast recht, achtsamer Jacopo, das Geld soll gezahlt werden auf jeden Fall – das heißt, wenn nur so gemacht wird die Sache, daß mein junger Freund bekommt sein reiches Mädchen.«

Jacopo machte ein Zeichen der Ungeduld, denn er sah eben einen Gondoliere schnell einem gesonderten Orte des Lido zufahren. Der Jude lief seinem Gefährten nach, und das Boot des Bravo schoß fort. Es dauerte nicht lange, so hielt es an dem Strande des Lido. Mit schnellen Schritten eilte Jacopo demselben Begräbnisplatze zu, auf dem er dem nämlichen Manne, den er jetzt zu morden abgeschickt war, seine Bekenntnisse gemacht hatte.

»Bist du gesendet, mich hier zu treffen?« fragte jemand, der sich hinter dem Sandhügel erhob, vorsichtigerweise aber seinen Degen vorhielt.

»Ja, Herr Herzog«, entgegnete der Bravo, die Maske abnehmend.

»Jacopo! Das ist besser, als ich hoffen konnte! Hast du Nachrichten von meinem Weibe?«

»Kommt mit, Don Camillo, Ihr sollt sogleich bei ihr sein.«

Einer weiteren Unterredung bedurfte es nicht bei solchem Versprechen. Erst als beide in Jacopos Gondel und auf dem Wege nach einer von den Passagen des Lido waren, die dem Golf zuführt, fing der Bravo zu erzählen an. Er war schnell damit fertig und vergaß auch nicht Giacomo Gradenigos Anschlag gegen das Leben seines Zuhörers.

Die Feluke, die schon vorher von den Polizeibeamten selber mit dem erforderlichen Passe versehen worden war, hatte den Hafen mit leichtem Segel auf demselben Wege verlassen, der die Gondel jetzt in das Adriatische Meer führte. Das Wasser war still, der Landwind frisch, kurz, alle Umstände den Flüchtigen günstig. Donna Violetta und ihre Gouvernante standen an einen Mast gelehnt und beobachteten ungeduldig die fernen Kuppeln und die nächtliche Schönheit Venedigs. Gelegentlich drangen von den Kanälen Musiktöne bis zu ihren Ohren, und es war natürlich, daß Schwermut Violettas Seele erfüllte, da sie befürchtete, zum letzten Male diese Klänge ihrer Geburtsstadt zu hören. Aber reine Freude verdrängte jeden Kummer aus ihrem Gemüt, als Don Camillo aus der Gondel sprang und sie triumphierend an sein Herz drückte.

Stefano Milano war leicht überredet, die Dienste des Senats mit denen seines Lehnsherrn zu vertauschen. Die Versprechungen und Befehle des letzteren waren an sich hinlänglich, ihn mit diesem Tausche zu befreunden, und alle waren überzeugt, daß man keine Zeit verlieren dürfe. Die Feluke breitete ihr Segel bald dem Winde dar und entflog dem Strande. Jacopo ließ seine Gondel eine Seemeile weit bugsieren, ehe er wieder einstieg.

»Ihr steuert nach Ankona, Signore Don Camillo«, sagte der Bravo, an die Seite der Feluke gelehnt, sich schwer zum Scheiden entschließend, »begebt Euch sogleich unter den Schutz des Kardinalsekretärs. Wenn Stefano auf der See bliebe, könnte er leicht auf die Galeeren des Senats stoßen.«

»Verlaß dich auf uns. – Aber du, Jacopo – was soll aus dir werden in ihren Händen?«

»Seid unbesorgt um mich, Signore. Gott verhängt über alle, wie er für Recht findet. Ich habe Ew. Exzellenz gesagt, daß ich Venedig noch nicht verlassen kann. Wenn mir das Glück günstig ist, so bekomm ich vielleicht noch Euer starkes Schloß Sant‘ Agata zu sehen.«

»Keiner wird willkommener sein in seinen sicheren Mauern. Aber ich hab große Besorgnis um dich, Jacopo!«

»Signore, denkt daran nicht. Ich bin an Gefahren gewöhnt und an Elend und – an Hoffnungslosigkeit. Signora, mögen Euch die Heiligen behüten und Gott, der über allen ist, Euch vor Leid bewahren!«

Er küßte Donna Violettas Hand, die ihm, nur halb bekannt mit seinen Dienstleistungen, verwundert zuhörte.

»Don Camillo Monforte«, fuhr er fort, »traut Venedig niemals wieder. Laßt Euch durch keine Versprechungen, keine Aussichten, kein Verlangen, Eure Ehrenstellen und Reichtümer zu vermehren, jemals verleiten, Euch in ihre Gewalt zu geben. Niemand kennt die Falschheit dieses Staates besser als ich, und meine letzten Worte ermahnen Euch zur Vorsicht.«

»Du sprichst, als sollten wir uns nicht wiedersehen, Jacopo?«

Der Bravo wendete sich ab, und das Mondlicht fiel auf sein Antlitz. Ein Lächeln der Schwermut und ein inniges Wohlgefallen an dem Glück der Liebenden mischten sich in diesen Zügen mit einer Vorahnung seines eigenen Schicksals.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Als der nächste Morgen heraufdämmerte, war der Markusplatz leer. Die Priester sangen ihre Totenmessen bei des alten Antonio Leiche, und einige Fischer zauderten noch in der Kathedrale und in deren Nähe, nur halb überzeugt von der Art, wie ihr Kamerad um das Leben gekommen sein sollte. Aber die Stadt, wie es um diese Tageszeit gewöhnlich war, schien vollkommen ruhig.

Jacopo war wieder in dem oberen Stockwerk des Dogenpalastes, in Begleitung der sanften Gelsomina. Während sie durch die Windungen des Gebäudes hindurchgingen, erzählte er der begierig horchenden Gefährtin alle einzelnen Umstände, die sich bei der Flucht der Liebenden zugetragen hatten; nur Giacomo Gradenigos Anschlag auf Don Camillos Leben ließ er vorsichtigerweise aus. Das unerfahrene und einfache Mädchen hörte mit atemloser Aufmerksamkeit zu, während die Röte ihrer Wangen ihre lebhafte Teilnahme bei jedem Wendepunkt des kühnen Abenteuers verriet.

»Und glaubst du, daß sie denen droben noch entrinnen können?« flüsterte Gelsomina, denn nur wenige in Venedig hätten es gewagt, solch eine Frage laut auszusprechen. »Du weißt, daß die Republik immer Galeeren im Adriatischen Meere hat.«

»Wir haben das bedacht und dem Kalabrier Anweisung gegeben, nach dem Hafen von Ankona zu steuern. Ist er nur erst im Kirchenstaate, so wird Don Camillo durch seinen Einfluß und die Rechte der edeln Geburt seiner Gattin geschützt sein. Ist hier ein Ort, wo wir auf die See hinaussehen können?«

Gelsomina führte den Bravo in ein leeres Zimmer des oberen Stockwerks im Dogenpalast, der eine Aussicht auf den Hafen und das jenseitige Gewässer darbot. Der Landwind blies stark über die Dächer der Stadt, machte die Masten im Hafen schwanken und strich über die Lagunen außerhalb der Schiffsreihen. Von dort an bis zu der Sandbarre war an den niedergelassenen Segeln und der Anstrengung der Gondolieri, die dem Kai zuruderten, merkbar, daß der Wind sehr lebhaft wehte; außerhalb des Lido selbst war das Wasser schon getrübt und bewegt, während noch weiter ins Meer hinaus die krausen, schäumenden Wellen die Macht des Sturms verrieten.

»Santa Maria, sei gelobt!« rief Jacopo, als sein geübtes Auge dies Schauspiel nahe und fern übersah. »Sie sind schon weit an der Küste hinab und werden mit solchem Winde unfehlbar in wenigen Stunden den Hafen erreichen. – Laß uns nach der Zelle gehen.«

Gelsomina lächelte, als er die Sicherheit der Flüchtlinge für zuverlässig erklärte, aber als er das Gespräch ablenkte, trübte sich ihr Blick. Ohne zu antworten, tat sie, wie er verlangte, und in wenigen Augenblicken standen sie neben dem Lager des Gefangenen. Dieser schien ihr Eintreten nicht zu bemerken, und Jacopo war genötigt, ihn anzurufen.

»Vater«, sagte er mit dem schwermütigen Tone, der seiner Stimme jedesmal, wenn er mit dem Greise redete, eigen war, »ich bin da.«

Der Gefangene drehte sich um, und obgleich seine Schwäche seit dem letzten Besuche sichtbar zugenommen hatte, glomm ein bleiches Lächeln in seinen erstorbenen Zügen.

»Und deine Mutter, Sohn?« fragte er so heftig, daß sich Gelsomina schnell abwandte.

»Ist glücklich, Vater, recht glücklich.«

»Glücklich ohne mich?«

»Sie ist immer bei dir im Geiste, Vater. Sie gedenkt deiner in ihrem Gebete. Du hast eine Heilige zur Fürbitterin an meiner Mutter – Vater!«

»Und deine gute Schwester?«

»Auch glücklich – glaube mir, Vater. Sie sind beide geduldig und ergeben.«

»Und der Senat, Sohn?«

»Immer der alte: herzlos, selbstsüchtig, vermessen«, antwortete Jacopo streng. Dann wendete er sich ab vor bitterem Weh und verfluchte ihn mit unhörbar leisen Worten.

»Die edeln Signori haben sich getäuscht, daß sie mich in den Anschlag zur Umgehung der Zölle verwickelt glaubten«, entgegnete der geduldige alte Mann. »Einstmals werden sie ihr Unrecht einsehen und erkennen.«

Jacopo gab keine Antwort, denn obgleich er unterrichtet war und aller Kenntnisse entbehrte, mit denen eine väterliche Regierung ihre Untertanen auszurüsten sorgt, hatte ihm die natürliche Schärfe seines Geistes doch gezeigt, daß eine Verfassung, deren Grundzug offenbar die Überlegenheit weniger Bevorrechteter war, am wenigsten geneigt sein könnte, einen Mißgriff zuzugeben durch das Geständnis, daß sie geirrt habe.

»Du tust den Edeln unrecht, mein Sohn, sie sind erlauchte Patrizier und haben keine Veranlassung, einen Mann wie mich zu bedrücken.«

»Keine, Vater, als die Notwendigkeit, die Strenge ihrer Gesetze aufrechtzuerhalten, die sie zu Senatoren und dich zum Gefangenen machen.«

»Mitnichten, Sohn, ich habe würdige Herren vom Senate gekannt! Da war der letzte Signore Tiepolo, der mir in meiner Jugend viel Liebes erwies. Ohne diese falsche Anklage könnte ich jetzt einer der Wohlhabendsten in meinem Gewerbe sein von ganz Venedig.«

»Vater, wir wollen für die Seele des Signore Tiepolo beten.«

»Ist der erlauchte Senator gestorben?«

»So meldet ein prächtiges Grabmal in der Kirche des Redentores.«

»Wir müssen endlich alle sterben«, flüsterte der Greis und bekreuzigte sich, »Doge wie Patrizier, Patrizier wie Gondoliere. – Jaco –«

»Vater!« rief der Bravo so schnell dazwischen, daß er das Wort unterbrach. Dann kniete er an das Strohlager des Gefangenen nieder und flüsterte ihm ins Ohr: »Du vergissest, daß Grund vorhanden ist, mich nicht bei diesem Namen zu nennen. Ich hab dir oft gesagt, daß meine Besuche aufhören müssen, wenn du mich so heißest.«

Der Gefangene blickte verwirrt umher, denn die zunehmende Schwäche machte ihm undeutlich, was er einst klar eingesehen hatte. Er sah den Sohn lange starr an.

»Mir ist heiß, als wollten die Adern springen. Du vergissest, daß hier das obere Stockwerk ist, und hier die Bleidächer, und dann die Sonne – ach, die Sonne! Die erlauchten Senatoren bedenken die Qual nicht, den kalten Winter unterhalb der Kanäle und den brennenden Sommer unter glühendem Metall zuzubringen.«

»Sie bedenken nichts als ihre Macht«, sagte Jacopo halblaut, »was mit Unrecht besessen wird, muß durch unbarmherzige Ungerechtigkeit behauptet werden; aber was wollen wir davon reden, Vater? Hast du alles, wes du bedarfst?«

»Luft, Sohn, Luft! – Gib mir ein wenig von der Luft, die Gott seinem geringsten Geschöpfe gönnt.«

Der Bravo lief zu den Spalten der altehrwürdigen, durch Verbrechen befleckten Mauern, die er schon früher zu öffnen bemüht war, und strebte mit der Kraft des Wahnsinns, sie mit seinen Händen zu erweitern. Das Gemäuer widerstand der verzweifelten Anstrengung, obgleich das Blut aus seinen Fingern spritzte.

»Die Türe, Gelsomina, die Türe weit auf!« schrie er, sich von dem Platze abwendend, erschöpft durch die vergebliche Anstrengung.

»Laß es, jetzt leide ich nicht, mein Kind, aber wenn du weggegangen bist und ich allein bin mit meinen Gedanken, wenn ich deine weinende Mutter sehe und deine verlassene Schwester, dann fühl ich, daß mir Luft fehlt – sind wir nicht in dem brennenden August, mein Sohn?«

»Vater, es ist noch nicht Juni.«

»So werde ich noch mehr Hitze aushalten müssen. Gottes Wille geschehe, und Santa Maria gebe mir Kraft, es zu ertragen.«

Jacopos Auge blitzte wild, fast ebenso fürchterlich als der gespenstische Blick des alten Mannes. Seine Brust flog, seine Faust war geballt, und er atmete hörbar.

»Nein«, sagte er mit leisem, aber entschiedenem Tone, daß die Festigkeit seines Entschlusses klar ward, »du sollst ihre Qualen nicht wieder erwarten. Auf, Vater, komm mit mir. Die Türen sind offen, die Wege durch den Palast kenne ich in der finstersten Nacht, und die Schlüssel sind zur Hand. Ich will Mittel finden, dich zu verstecken, bis es dunkel ist, und wir wollen die verfluchte Republik für immer verlassen.«

Ein Hoffnungsstrahl glänzte in dem Auge des alten Gefangenen, als er diesen wahnsinnigen Vorschlag anhörte, aber als er eine Anstrengung machte aufzustehen, fiel er vor großer Schwäche sogleich wieder zurück. Da sah Jacopo erst, wie unausführbar sein Vorschlag war. Es folgte eine lange Pause. Jacopos schweres Atmen ließ allmählich nach, und sein Gesicht nahm wieder die gewöhnliche ruhige und gesammelte Miene an. »Vater«, sagte er, »ich muß dich verlassen, unser Elend ist seinem Ende nah.«

»Wirst du mich wieder besuchen?«

»Wenn es die Heiligen vergönnen. – Deinen Segen, Vater!«

Der Greis faltete seine Hände über Jacopos Haupt und sprach leise ein Gebet. Nach dieser frommen Pflicht waren der Bravo und Gelsomina einige Zeit geschäftig, für die Bequemlichkeit des Gefangenen zu sorgen. Dann gingen sie miteinander. Jacopo schien mit schwerem Herzen aus der Nähe des Vaters zu scheiden. Es war, als hätte eine trübe Ahnung seine Seele erfüllt, daß diese verstohlenen Besuche bald aufhören würden. Nach kurzem Zögern jedoch gingen sie nach den unteren Zimmern hinab, und da Jacopo den Palast zu verlassen wünschte, ohne wieder das Gefängnis zu betreten, schickte sich Gelsomina an, ihn durch den Hauptkorridor hinauszulassen.

»Du bist mißmutiger als sonst, Carlo«, bemerkte sie, mit weiblicher Sorglichkeit sein abgewandtes Auge beobachtend. »Mich dünkt, du solltest dich freuen über das Glück des Neapolitaners und der Dame von Tiepolo.«

»Daß diese entkommen sind, ist ein Sonnenstrahl an einem Wintertage. Gutes Mädchen – aber man beobachtet uns, wer ist es, der dort unsere Bewegungen spioniert?«

»Ein Diener des Palastes, sie kommen uns immer in die Quere in diesem Teile des Gebäudes. Tritt hier herein, wenn du müde bist. Dies Zimmer ist wenig in Gebrauch, und wir können wieder auf die See hinausschauen.«

Jacopo folgte seiner sanften Führerin in eines von den unbenutzten Gemächern des zweiten Geschosses, denn es war ihm in der Tat erwünscht, einen Blick auf den Stand der Dinge in der Piazza zu werfen, ehe er den Palast verließ. Er betrachtete zuerst das Wasser, das noch immer nach Süden flutete, vom Alpenwinde getrieben. Befriedigt durch diese für die Fliehenden günstige Aussicht, schaute er auf den Platz hinunter. In diesem Augenblick trat ein Beamter der Republik aus dem Tor des Palastes; ein Trompeter ging voran, wie üblich war, wenn der Senat irgendeinen Beschluß proklamieren wollte. Gelsomina öffnete die Fensterlade, und beide beugten sich vor, um zu hören. Als der kleine Zug sich vor der Kathedrale befand, blies der Trompeter, und darauf rief der Beamte aus:

»In Erwägung, daß neuerlich viele frevelhafte und ruchlose Mordtaten an verschiedenen redlichen Bürgern von Venedig verübt worden, hat der Senat, in seiner väterlichen Sorgfalt für alle, deren Schutz ihm obliegt, für recht befunden, zu außerordentlichen Mitteln zu greifen, zur Verhütung erneuter Verbrechen, die den göttlichen Gesetzen und der Sicherheit der menschlichen Gesellschaft solchermaßen zuwider sind. Daher bieten die erlauchten Zehn öffentlich eine Belohnung von hundert Zechinen dem, der den Täter einer von diesen höchst abscheulichen Mordtaten entdecken wird, und dieweil in der verwichenen Nacht der Leichnam eines gewissen Antonio, eines wohlbekannten Fischers und ehrenwerten Bürgers, der von den Patriziern höchlichst geschätzt wurde, in den Lagunen gefunden wurde, dieweil viel Grund ist zu dem Verdacht, daß selbiger zu Tode gekommen durch die Hand eines gewissen Jacopo Frontoni, der im Gerücht steht, ein gemeiner Bravo zu sein, von der Obrigkeit aber lange vergeblich beobachtet worden ist, in der Hoffnung, ihn bei Verübung einer der vorbenannten greulichen Mordtaten zu betreffen, so werden jetzt alle guten und redlichen Bürger der Republik insgeheim aufgefordert, der Obrigkeit zu verhelfen zur persönlichen Verhaftung des besagten Jacopo Frontoni, und wenn sie ihn aus dem Heiligtum reißen sollten, weil Venedig nicht länger einen Menschen, der solch blutiges Geschäft treibt, in seiner Mitte dulden kann, und verheißt der Senat in seiner väterlichen Sorgfalt zur Aufmunterung eine Belohnung von dreihundert Zechinen.«

Anrufung Gottes und Hinweisung auf die Souveränität des Staates machten wie üblich den Beschluß.

Da es nicht gewöhnlich war, daß die, die soviel im Dunkeln taten, ihr Vorhaben öffentlich kundmachten, so horchten alle, die nahe standen, mit Verwunderung und Furcht dem neuen Verfahren.

Niemand ward von den Worten des Beamten lebhafter ergriffen als Gelsomina. Sie beugte sich weit aus dem Fenster, damit ihr keine Silbe entgehen möchte.

»Hast du gehört, Carlo?« fragte sie eifrig, als sie ihren Kopf zurückzog. »Endlich bieten sie eine Belohnung aus für die Gefangennahme des Unmenschen, der so viele Mordtaten verübt hat!«

Jacopo lachte, aber dem Ohre seiner bestürzten Begleiterin schien der Ton seines Gelächters unnatürlich.

»Die Patrizier sind gerecht, und was sie tun, ist recht?« fragte er, »sie sind erlauchte Männer und können sich nicht irren! Sie wollen ihre Pflicht tun.«

»Aber hier ist keine andere Pflicht, als die sie dem Volke schuldig sind.«

»Von der Pflicht des Volkes hab ich viel reden hören, nichts aber von der des Senats.«

»Nein, Carlo, wir wollen ihnen unsere Billigung nicht entziehen, wenn sie sich bemühen, die Bürger vor Schaden zu behüten. Dieser Jacopo ist ein Ungeheuer, den alle verabscheuen, und seine Bluttaten sind schon zu lange ein Flecken für Venedig gewesen. Du siehst, daß die Patrizier mit ihrem Gold nicht knausern, wenn Hoffnung ist, seiner habhaft zu werden. Horch, sie rufen wieder aus.«

»Ich muß dich verlassen, Gelsomina. Geh zurück zum Zimmer deines Vaters, und ich will durch den Hof des Palastes hinausgehen.«

»Das geht nicht, Carlo – du kennst die Erlaubnis der Obrigkeit – ich habe sie übertreten – warum sollt ich es dir zu verheimlichen suchen? Du durftest nicht hereinkommen um diese Zeit.«

»Und du hast den Mut gehabt, die Erlaubnis zu überschreiten um meinetwillen, Gelsomina?«

»Du hast es so gewollt«, bekannte sie.

»Tausend Dank, teure, liebe, getreueste Gelsomina, aber zweifle nicht daran, daß ich mich unbemerkt aus dem Palaste stehlen werde. Hineinzukommen war gefährlich, aber die hinausgehen, haben das Ansehen, als ob sie ein Recht dazu hätten.«

»Niemand darf bei Tage maskiert bei den Hellebardieren vorbei, Carlo, wer nicht das Merkwort hat.«

Dem Bravo schien die Wahrheit dieser Bemerkung einzuleuchten, und große Verlegenheit drückte sich in seinem Benehmen aus. Er kannte die Bedingungen, unter denen er zugelassen worden, selber so gut, daß er dem Versuche mißtraute, durch das Gefängnis auf den Kai zu gelangen, wie er hereingekommen war, denn er zweifelte nicht, daß ihm der Rückzug von den Wachen des äußeren Tores, die jetzt vermutlich schon von seinem wahren Charakter unterrichtet waren, abgeschnitten werden würde. Der Ausgang auf dem anderen Wege schien nicht minder gefährlich. Es war nicht so sehr der Inhalt der Proklamation, der ihn in Erstaunen setzte, als die Öffentlichkeit, die der Senat für gut befand, seinem Verfahren zu geben, und er hörte die öffentliche Anklage gegen ihn zwar mit innerem Weh, aber doch ohne Schrecken. Indessen kannte er so viele Mittel, sich zu verbergen, und die Freiheit des Maskierens war so allgemein in Venedig, daß er sich um den Ausgang nicht eher besorgt fühlte, als bis er sich in dieser häßlichen Klemme sah. Gelsomina las seine Unentschiedenheit in seinen Augen und beklagte, ihn so unruhig gemacht zu haben.

»Es ist nicht so schlimm, als du zu glauben scheinst, Carlo«, bemerkte sie, »haben sie dir doch erlaubt, deinen Vater zu gewissen Zeiten zu besuchen, und dadurch bewiesen, daß sie nicht ohne Mitleid sind. Jetzt, da ich aus Nachsicht für deine Wünsche eine von ihren Vorschriften vergessen habe, werden sie nicht so hartherzig sein, diesen Fehler für ein Verbrechen zu rechnen.«

Jacopo sah sie mitleidig an, denn er wußte gar wohl, wie wenig sie die wahre Beschaffenheit und listige Politik des Staates kannte. »Es ist Zeit, daß wir scheiden«, sprach er, »damit du Unschuldige nicht für meinen Fehler büßest. Ich bin jetzt unweit des öffentlichen Korridors und muß es meinem Glück anvertrauen, mich auf den Kai zu bringen.«

Gelsomina hing sich an seinen Arm und wollte ihn in dem fürchterlichen Hause nicht sich selber überlassen.

Jacopo machte ihr ein Zeichen voranzugehen und folgte. Mit klopfendem, aber doch ein wenig erleichtertem Herzen schlüpfte Gelsomina durch die Gänge und schloß ihrer Gewohnheit nach sorgfältig jede Tür hinter sich zu. Endlich erreichten sie die wohlbekannte Seufzerbrücke. Das ängstliche Mädchen ging beflügelteren Schrittes, als sie sich ihrer eigenen Wohnung näherte, denn sie sann auf Mittel, ihren Gefährten in ihres Vaters Stube zu verstecken, wenn der Ausweg aus dem Gefängnis bei Tage zu gefährlich sein sollte.

»Nur eine einzige Minute, Carlo«, flüsterte sie und steckte den Schlüssel in die Tür, die zu diesem Gebäude führte – das Schloß ging auf, aber die Angeln der Tür wollten sich nicht bewegen. Gelsomina wurde bleich und rief: »Sie haben die Riegel inwendig vorgeschoben!«

»Tut nichts, ich steige in den Hof des Palastes hinab und gehe bei den Hellebardieren dreist ohne Maske vorüber.«

Gelsomina hielt es selbst für sehr unwahrscheinlich, daß er von den Lohnsoldaten des Dogen bemerkt würde, und ängstlich, ihn aus seiner schlimmen Lage zu befreien, flog sie zurück an das andere Ende der Galerie. Sie steckte den gehörigen Schlüssel in die Tür, durch die sie eben gekommen waren, aber mit demselben Erfolge. Gelsomina schwankte zurück und hielt sich an der Mauer.

»Wir können weder vorwärts noch rückwärts!« schrie sie erschreckt, ohne zu wissen warum.

»Ich seh es alles«, erwiderte Jacopo, »wir sind Gefangene auf dieser Unglücksbrücke.«

Der Bravo nahm, während er sprach, die Maske ruhig ab und zeigte die Züge eines Mannes, dessen Entschluß feststeht.

»Heilige Mutter Gottes! Was hat das zu bedeuten?«

»Nichts, als daß wir einmal zuviel über die Brücke gegangen sind, Liebe! Der Rat ist eifersüchtig auf diese Besuche.«

Die Riegel beider Türen wurden zurückgeschoben, und die Angeln knarrten zu gleicher Zeit. Ein bewaffneter Offizier der Inquisition trat ein, Handfesseln tragend. Gelsomina schrie auf, aber Jacopo bewegte kein Glied, keinen Muskel, während man ihm die Ketten anlegte.

»Mich auch!« schrie seine Gefährtin im Wahnsinn. »Ich bin die Schuldigste – bindet mich – werft mich in das Gefängnis – aber laßt den armen Carlo gehen.«

»Carlo?« wiederholte der Offizier mit fühllosem Lachen.

»Ist es ein so großes Verbrechen, einen Vater im Gefängnisse zu besuchen? Sie wissen von seinen Besuchen – haben sie selbst erlaubt – er hat nur die Stunde verfehlt.«

»Mädchen, weißt du auch, für wen du dich verwendest?«

»Für das beste Herz, für den treuesten Sohn in Venedig! Oh, wenn Ihr ihn hättet weinen sehen wie ich über die Leiden des alten Gefangenen, Ihr würdet Mitleid mit ihm haben.«

»Horch einmal«, entgegnete der Offizier mit hochgehobenem Finger.

Der Trompeter blies auf der Markusbrücke, dicht unter ihnen, und die Proklamation, die Gold für die Einfangung des Bravo bot, wurde wiederholt.

»Das ist der Beamte der Republik, der einen Preis setzt auf den Kopf eines Menschen, der ein feiles Stilett führt!« schrie Gelsomina fast ohne Atem und ohne in diesem Augenblicke viel auf den Vorgang unten zu achten. »Er verdient sein Schicksal.«

»Also warum bittest du noch für ihn?«

»Ihr sprecht ohne Sinn!«

»Närrisches Mädchen, dieser hier ist der Jacopo Frontoni!«

Gelsomina würde ihren Ohren nicht geglaubt haben, wenn sie nicht Jacopos banges Auge bemerkt hätte. Die gräßliche Wahrheit brach über ihre Seele herein, und leblos fiel sie zu Boden. In demselben Augenblick ward der Bravo schnell von der Brücke weggeführt.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

An diesem Tage flüsterte man in den Straßen von Venedig in der furchtbaren, geheimnisvollen Weise, die diese Stadt charakterisierte, gar manche Gerüchte einander zu. Hunderte gingen bei den Granitpfeilern vorüber, als erwarteten sie, den Bravo auf seinem gewohnten Platze zu sehen, kühnlich der Proklamation trotzend. Denn man hatte ihm, seltsam genug, so lange Zeit gestattet, sich öffentlich zu zeigen, daß sich niemand einbilden konnte, er würde so schnell seine Gewohnheit aufgeben.

Der Tag verging jedoch ohne irgendein neues Ereignis, das die Bürger von ihren gewöhnlichen Geschäften abgerufen hätte. Die Gebete für den Toten wurden mit geringer Unterbrechung fortgesetzt, und in halb Venedig wurden Messen für die Seele des armen Fischers vor den Altären gelesen. Seine Kameraden, wenn auch ein wenig argwöhnisch, dennoch höchlichst geschmeichelt, behielten ein Auge auf die Zeremonien mit einem wunderlichen Gemisch von Mißtrauen und Triumph.

Der Markusplatz füllte sich zur gewöhnlichen Stunde, die Patrizier verließen den Broglio, und ehe noch die Uhr die zweite Stunde der Nacht schlug, herrschte wieder die alte Lustigkeit auf dem Platz. War es doch nicht der Mühe wert, den Gang des geselligen Verkehrs zu hemmen, nur weil das Unrecht ungestraft blieb und die Unschuld litt!

Damals standen am Canale Grande, wie noch jetzt, viele Paläste von beinahe königlicher Pracht. Der Leser hat Gelegenheit gehabt, mit einem oder zweien dieser glänzenden Gebäude bekannt zu werden, jetzt müssen wir seine Phantasie nach einem dritten versetzen.

Die eigentümliche Bauart Venedigs, die von seiner Lage auf dem Wasser herrührt, gibt allen vornehmeren Gebäuden dieser merkwürdigen Stadt im allgemeinen fast denselben Charakter. Das Haus, in das uns der Faden der Geschichte jetzt führt, hatte seine Tür an der Wasserseite, seine Flure, seine schweren Marmortreppen, seinen inneren Hof, seine Reihe prächtiger Zimmer im obern Stockwerk, seine Gemälde und Kronleuchter und seine kostbar mit Mosaik ausgelegten Fußböden gleich den übrigen, die wir schon zu beschreiben für nötig gefunden haben.

Es war, nach unserer Art, die Stunden zu zählen, zehn Uhr. Ein kleines freundliches Bild der Häuslichkeit bot sich innerhalb der Patrizierwohnung dar, auf die wir hingedeutet haben. Der Vater, ein Mann in mittleren Jahren, in dessen Auge Geist, Einsicht, Menschenfreundlichkeit und, in diesem Augenblick, väterliche Liebe glänzten, drückte in seinen Armen mit Vaterstolz ein lächelndes Bübchen von drei bis vier Jahren, das sich an dem Getändel freute, das den Urheber seiner Tage ihm selbst gleichzustellen schien. Eine schöne Venezianerin mit goldenem Haar und glühenden Wangen, so wie Tizian ihr Geschlecht zu malen liebte, lehnte sich daneben auf ein Sofa, folgte den Bewegungen beider, die Gefühle der Mutter und Gattin in sich vereinend, und lachte in reiner Freude über die laute Lust ihres hoffnungsvollen Kindes. Ein Mädchen, das jüngere Abbild ihrer selbst, mit langen, herunterhängenden Haarflechten, bemühte sich mit einem schreienden Kinde von so zartem Alter, daß kaum schon Bewußtsein in ihm rege geworden zu sein schien. Dies war die Szene, als eben die Turmglocke der Piazza die angedeutete Stunde schlug. Bei diesem Schall setzte der Vater den Knaben nieder und sah nach seiner Uhr.

»Wirst du heut abend ausfahren, Liebe?« fragte er.

»Mit dir, Paolo?«

»Nein, mein Herz. Ich habe Geschäfte, die mich bis zwölf in Anspruch nehmen.«

»Ach, du bist immer gleich dabei, mich fortzuschicken, wenn du wunderliche Launen hast«

»Sage das nicht. Ich habe auf diesen Abend bei mir eine Zusammenkunft mit meinem Geschäftsführer verabredet und kenne dein mütterliches Herz zu gut, um zu zweifeln, daß du mich so lange entbehren wolltest, als es die Sorge für das Wohl dieser Kinder erfordert.«

Donna Giulietta schellte nach ihren Dienern und ihrem Mantel. Der kleine Schreihals und der lustige Knabe wurden zu Bette gebracht, und die Frau vom Hause bestieg mit der älteren Tochter ihre Gondel. Der Mann ließ Donna Giulietta nicht ungeleitet zur Gondel gehen, denn diese Familie war eine von denen, in der glücklicherweise die Neigung mit den gewöhnlichen Berechnungen der Vorteile zusammentraf, als das eheliche Band geknüpft werden sollte. Ihr Mann küßte ihr zärtlich die Hand, als er ihr in die Gondel half, und das Boot flog schon fern von dem Palaste dahin, bevor er die nassen Stufen des Wassereingangs verlassen hatte.

»Hast du das Kabinett zum Empfang meiner Freunde in Bereitschaft gesetzt?« fragte Signore Soranzo, denn es war derselbe Senator, der sich bei dem Dogen befand, als dieser zu den aufgeregten Fischern hinausging und sie die Leiche Antonios in den Palast brachten.

»Ja, Signore!«

»Und alles still, und Licht, wie ich befohlen?«

»Exzellenz, alles wird bereit sein.«

»Du hast Stühle für sechs gestellt – wir werden sechs sein.«

»Signore, sechs Lehnstühle.«

»Gut. Wenn die ersten von meinen Freunden kommen, so will ich zu ihnen gehen.«

»Exzellenz, es sind schon zwei Kavaliere in Masken drinnen.«

Signore Soranzo stutzte, sah wieder nach der Uhr und ging hastig nach einem entfernten, sehr ruhigen Teile des Palastes. Er erreichte ohne Begleitung eine kleine Tür, schloß sie hinter sich zu und stand plötzlich vor den Männern, die ihn offenbar erwarteten.

»Bitte tausendmal um Verzeihung, Signori!« rief der Herr vom Hause. »Diese Pflicht ist wenigstens mir so neu – ich weiß nicht, wie es so ehrenwerte Herren gewohnt sein mögen –, daß mich die Zeit unvermerkt überraschte. Bitte um Nachsicht, meine Herren, künftig soll mein Eifer die heutige Nachlässigkeit wieder gutmachen.«

Die beiden Gäste waren älter als ihr Wirt, und ihre gehärteten Züge verrieten mehr Bekanntschaft mit der Welt. Sie nahmen seine Entschuldigung höflich an, und die Unterhaltung bewegte sich eine Zeitlang in den gewöhnlichen Umgangsformeln.

»Sind wir hier ganz in der Stille, Signore?« fragte der eine von den Gästen, nachdem so ein Weilchen verstrichen war.

»Wie im Grabe. Niemand kommt unaufgefordert hier herein als meine Frau, und diese genießt den Abend zu Wasser.«

»Ihr steht in dem Rufe einer glücklichen Ehe, Signore Soranzo. Ich hoffe, Ihr habt gehörig erwogen, wie nötig es ist, heute abend die Tür auch vor Donna Giulietta zu schließen.«

»Seien Sie unbesorgt, Signori. Die Angelegenheiten der Republik gehen allem vor.«

»Ich fühle mich dreimal glücklich, Signori, daß ich, durch das Los in den Rat der Drei gelangt, so vortreffliche Kollegen erhalten habe. Glaubt mir, ich habe dies beschwerliche Amt in meinem Leben schon mit nicht so erfreulichen Genossen verwaltet.«

Diese schmeichelhafte Rede, die der verschlagene alte Senator regelmäßig allen auftischte, mit denen ihn der Zufall in der Inquisition während seines langen Lebens zusammenführte, wurde gut aufgenommen und mit ähnlichen Höflichkeiten beantwortet.

»Es scheint, daß der würdige Signore Alessandro Gradenigo unter unsern Vorgängern war, ein braver Edelmann und dem Staate sehr ergeben!« fuhr er fort, unter einigen Papieren blätternd. Denn obgleich die Drei, die den Rat bildeten, solange sie im Amte blieben, niemandem bekannt waren außer einigen wenigen Sekretären und Beamten, so überlieferte die venezianische Staatsklugheit ihren Namen doch ihren Nachfolgern und so abwärts.

Die anderen stimmten bei als Männer, die gewohnt sind, vorsichtig zu reden.

»Wir hätten unsern Beruf beinahe in einem stürmischen Augenblick antreten müssen, Signori«, bemerkte der dritte, »doch gewinnt es den Anschein, als sei dieser Aufstand der Fischer bereits gedämpft. Ich glaube, die Schufte hatten einigen Grund, mißtrauisch gegen die Regierung zu sein.«

»Die Sache ist glücklich beigelegt«, versetzte der Senior der Drei, der sehr geübt war in der Kunst, alles zu vergessen, was die Politik nicht gern aufbewahrt haben mochte, sobald die Sache durchgesetzt war. »Die Galeeren müssen bemannt sein, sonst wird sich die Republik bald schämen müssen, den Kopf zu erheben.«

Signore Soranzo, der einige vorläufige Belehrungen über seine neuen Pflichten erhalten hatte, blickte schwermütig vor sich hin, aber auch er war nun das Geschöpf eines starren Systems.

»Haben wir diesmal über irgendeinen dringend wichtigen Gegenstand zu beraten?« fragte er.

»Signori, wir haben Ursache, anzunehmen, daß die Republik soeben einen schweren Verlust erlitten hat. Ihr kennt beiderseits die Erbin von Tiepolo, wenigstens dem Rufe nach, wenn Euch auch ihre eingezogene Lebensweise ihre nähere Bekanntschaft nicht machen ließ.«

»Donna Giulietta ist voll vom Lobe ihrer Schönheit«, sagte der junge Gatte.

»Wir hatten kein beträchtlicheres Erbgut in ganz Venedig«, setzte der dritte Inquisitor hinzu.

»Vortrefflich, wie sie ist, an Tugenden und noch mehr an Reichtümern, fürchte ich, haben wir sie verloren, Signori! Don Camillo Monforte, den Gott behüte, bis wir seines Einflusses nicht weiter bedürfen, hätte fast den Sieg über uns davongetragen, aber eben als der Staat nahe daran war, seine wohlangelegten Pläne zu vereiteln, fiel die Dame durch Zufall in die Hände der Aufwiegler, und seitdem haben wir keine Nachricht von ihr.«

Paolo Soranzo hoffte im stillen, daß sie in den Armen des Neapolitaners sein werde.

»Ein Sekretär hat mir mitgeteilt, daß auch der Herzog von Sant‘ Agata verschwunden sei«, bemerkte der dritte. »Ferner ist die Feluke, die gewöhnlich bei entfernten und schwierigen Geschäften gebraucht wurde, nicht mehr vor Anker.«

Die beiden alten Männer sahen einander an, als ob sie zu argwöhnen anfingen, was sich zugetragen habe. Sie sahen, daß die Sache nichts mehr hoffen ließ, und wie denn ihre Pflicht eine ganz praktische war, verloren sie keine Zeit mit unnützem Bedauern.

»Wir haben zwei dringende Angelegenheiten«, bemerkte der Ältere. »Die Leiche des alten Fischers muß ruhig in die Erde kommen, wobei soviel als möglich allem künftigen Tumult zu begegnen ist. Und dann müssen wir über den berüchtigten Jacopo verfügen.«

»Der letztere muß zuerst eingefangen werden«, sagte Signore Soranzo.

»Das ist bereits geschehen. Solltet Ihr’s glauben, Ihr Herren! Im Palaste des Dogen selber ward er ergriffen.«

»Nun denn, zum Schafott mit ihm, ohne Verzug.«

Die beiden Alten sahen wieder einander an, als ob sie schon vorläufig beraten und eine Übereinkunft getroffen hätten, von der ihr Genosse nichts wußte. In ihren Blicken malte sich auch etwas wie ein Verlangen, seine Gefühle zu prüfen, ehe sie offener mit der Übung ihres Amtes hervortraten.

»Um des gelobten San Marcos willen, Signori, laßt die Gerechtigkeit frei walten in dieser Sache«, fuhr das unbefangene Mitglied der Drei fort. »Auf welches Mitleid kann ein feiler Bandit Anspruch machen? Und welche schöneren Pflichten hätten wir zu üben als die, ein öffentliches Beispiel strenger und unerläßlicher Gerechtigkeit zu geben?«

Die alten Senatoren verbeugten sich, die Gesinnung ihres Kollegen anerkennend, die dieser mit der Hitze junger Erfahrung und der Freimütigkeit eines aufrichtigen Gemütes aussprach; denn es gibt eine feststehende Moral, der man herkömmlich huldigt und ihr wenigstens dem Schein nach verstattet, auch auf den krümmsten Wegen der Politik mit beizuspielen.

»So wollen wir denn Jacopo Frontonis Sache vornehmen. Es wird aber nötig sein, daß wir im Zimmer der Inquisition zusammenkommen, um den Gefangenen mit seinen Anklägern zu konfrontieren. Es ist ein wichtiges Verhör, Signori, und Venedig würde sehr in der Achtung der Menschen verlieren, wenn nicht das höchste Tribunal an der Entscheidung Anteil nähme!«

»Zum Block mit dem Schurken!« rief Signore Soranzo wieder.

»Dies Schicksal kann ihn vielleicht betreffen, oder etwa gar die Strafe des Rades. Eine reiflichere Erwägung wird uns sehr aufklären über den Gang, den die Staatskunst hierbei vorschreiben mag.«

»Es kann die Staatskunst nur einen Weg haben, wenn das Leben unserer Bürger in Frage steht. Ich bin nie zuvor ungeduldig gewesen, jemandem seine Tage zu verkürzen, aber bei dieser Untersuchung verdrießt mich jeder Verzug.«

»Eure edle Ungeduld wird sich befriedigt fühlen, Signore Soranzo; denn in Erwägung der Wichtigkeit der Sache haben mein Kollege, der würdige Senator, der uns in dieser hohen Pflicht beigesellt ist, und ich bereits die dem Gegenstande entsprechenden Befehle erlassen. Die Stunde ist nahe, und wir wollen uns zeitig nach dem Zimmer der Inquisition begeben, um unserer Pflicht nachzukommen.«

Das Gespräch drehte sich darauf um allgemeinere Angelegenheiten. Dieses geheime und außerordentliche Tribunal, das nicht genötigt war, an irgendeinem bestimmten Orte seine Zusammenkünfte zu halten, sondern seine Beschlüsse überall fassen durfte, auf der Piazza oder im Palaste, unter dem Gewirr der Maskerade oder vor dem Altare, in lustiger Gesellschaft oder im eigenen Kabinett, hatte natürlich viele ganz gewöhnliche Angelegenheiten seiner Beurteilung zu unterwerfen. Da hier der Zufall der Geburt seine eigentliche Geltung hatte und Gott nicht allen Menschen zu solch einem herzlosen Amte die Fähigkeit gibt, so geschah es zuweilen, wie in dem gegenwärtigen Falle, daß die bewanderteren Mitglieder des Rates erst die großmütige Gesinnung eines Kollegen bekämpfen mußten, ehe die fürchterliche Maschine in Gang kommen konnte.

Signore Soranzo war von Natur ein Mann von trefflichem Charakter, und die freundliche Gestalt seiner Häuslichkeit hatte seinen natürlichen Anlagen neue Stärke gegeben. Gleich andern Männern seines Standes und seiner Aussichten hatte er die Geschichte und politische Handlungsweise seiner sich so nennenden Republik zu seinem Studium gemacht, und da ließen ihm die Größe der Gesamtinteressen und die scheinbare Notwendigkeit Theorien annehmlich erscheinen, die er, unter andern Umständen dargeboten, mit Abscheu zurückgewiesen haben würde. Und doch war Signore Soranzo noch weit davon entfernt, die ganze Wirkung des Systems zu kennen, zu dessen Stütze auch ihn die Geburt bestimmt hatte. Selbst Venedig zollte der öffentlichen Meinung Anerkennung und hielt der Welt nur ein Trugbild seiner wahren Staatsmaximen vor. Indessen gab es selbst dabei viele darunter, die zu auffallend waren, um nicht hervorzutreten und einem unbefleckten Gemüte Widerwillen einzuflößen. Der junge Senator suchte sich ihren Zweck lieber selber zu verbergen, oder wenn er bemerkte, wie sich ihr Einfluß auf alles erstreckte, nur nicht auf die arme, vernachlässigte, abstrakte Tugend, deren Lohn so fern lag, so suchte er sich irgendein Schutzmittel vorzuspiegeln oder einen scheinbaren und indirekten Nutzen zur Entschuldigung, daß er zu alledem stille schwieg.

In dieser Gemütsstimmung ward Signore Soranzo unerwarteterweise Mitglied im Rat der Drei. Oft in seinen Jugendträumen hatte er den Besitz dieser keiner Verantwortung unterworfenen Macht als das höchste Ziel seiner Wünsche angesehen. Tausend Bilder von dem Guten, das er stiften wollte, waren in seinem Kopfe aufgestiegen, und erst in späteren Jahren, als er das Truggewebe, das auch den Bestmeinenden umspann, näher kennenlernte, konnte er sich von der Unausführbarkeit seiner Pläne überzeugen. Wie die Sache stand, trat er in den Rat mit Zweifeln und bösen Ahnungen.

Signore Soranzos Kollegen fanden demungeachtet die Aufgabe, ihn vorzubereiten zu den Pflichten des Staatsmannes, die so sehr von denen abwichen, die er als Mann zu üben gewohnt war, bei weitem schwieriger, als sie vermutet hatten.

Mit mancherlei Anspielungen auf ihre Politik, aber ohne bestimmte Aufklärung über ihr Vorhaben setzten die Senioren des Rates die Unterredung fort, bis die Stunde der Zusammenkunft im Palaste des Dogen nahe war. Da trennten sie sich einzeln, wie sie zusammengekommen waren, damit sich das Geheimnis ihres offiziellen Charakters keinem uneingeweihten Auge enthüllte.

Der gewandteste von den Dreien besuchte eine Gesellschaft Adliger, die vornehme und schöne Damen mit ihrer Gegenwart beehrten, schlüpfte aber bald darauf hinweg, ohne daß die Gesellschaft wußte, wohin. Der andere eilte an das Totenbett eines Freundes und sprach dort lange und vortrefflich mit einem Mönch über die Unsterblichkeit der Seele und die Hoffnungen eines Christen. Als er ging, gab ihm der gute Mann seinen Segen, und die Familie war ganz voll von seinem Lobe.

Signore Soranzo gab sich den Ergötzungen seines Familienkreises bis zum letzten Augenblicke hin. Donna Giulietta war zurückgekommen, von der Seeluft belebt, frischer und liebenswürdiger als jemals, und in seinen Ohren klang noch ihre süße Stimme, noch das tönende Lachen seiner Erstgeborenen, des blühenden, lockigen Mädchens, als ihn sein Gondoliere schon unter der Brücke des Rialto an Land setzte. Hier maskierte er sich, nahm seinen Mantel um und ging mit dem Strom der Menge durch die engen Gassen nach dem St.-Markus-Platze. Einmal im Gewühle, war von zudringlicher Beobachtung nicht mehr viel zu fürchten. Die Verkleidung war den venezianischen Oligarchen ebensooft nützlich, als sie unentbehrlich war, ihrem Despotismus zu entgehen und dem Bürger die Stadt leidlich zu machen. Paolo sah gebräunte barfüßige Lagunenmänner hin und wieder in die Kathedrale treten. Er ging ebenfalls hinein und stellte sich neben den schwacherleuchteten Altar, wo noch immer Seelenmessen für Antonio gelesen wurden.

»Ist dies einer von deinen Kameraden?« fragte er einen Fischer, dessen dunkles Auge das Licht widerblitzte wie ein Basiliskenblick.

»Signore, das war er – ein braver und ehrlicherer Mann hat nie ein Netz in den Golf geworfen.«

»Ist er ein Opfer seines Berufs geworden?«

»Cospetto di Bacco! Niemand weiß recht, wie er ums Leben gekommen ist. Einige sagen, St. Markus habe ihn gern bald wollen ins Paradies befördern, andere meinen wieder, er sei durch die Faust eines Bravo, namens Jacopo Frontoni, gefallen.«

»Warum sollte sich ein Bravo an dem Leben eines solchen Mannes vergreifen?«

»Wenn Ihr so gütig wäret, Signore, Euch selber auf Eure Frage zu antworten, so spartet Ihr mir einige Mühe. Freilich, warum sollte er? – Sie sagen, Jacopo sei rachsüchtig, und Scham und Verdruß über seine Niederlage in der Regatta durch einen so alten Mann seien die Ursache.«

»Ist er so eifersüchtig auf seine Ehre im Rudern?«

»Diamine! Ich habe die Zeit gesehen, wo Jacopo lieber gestorben wäre, als im Wettfahren zu verlieren. Das war jedoch, ehe er das Stilett führte. Wär er beim Ruder geblieben, so konnte dergleichen geschehen, nun aber, da er einmal als Bravo bekannt ist, hat es gar keinen vernünftigen Anschein, daß er so gewaltig an dem Wettpreise auf den Kanälen hängen sollte.«

»Kann der Mann nicht zufällig in die Lagunen gefallen sein?«

»O ja, Signore! Das begegnet unsereinem alle Tage. Aber dann deucht es uns gescheiter, zum Boote zu schwimmen, als zu ertrinken. Der alte Antonio hatte einen Arm in seiner Jugend, der ihn vom Kai bis zum Lido trug.«

»Vielleicht hat er sich im Fallen verletzt, so daß er unfähig ward, sich selbst zu helfen.«

»Da müßten sich Spuren zeigen an der Leiche, Signore!«

»Würde aber nicht Jacopo sein Stilett gebraucht haben?«

»Vielleicht, Signore. Aber Antonio wurde ertränkt, denn man fand das Boot des alten Mannes in der Mündung des Canale Grande, eine halbe Meile von der Leiche und gegen den Wind! Wir geben auf solche Dinge acht, Signore, weil wir sie verstehen.«

»Gut Nacht, Fischer.«

»Schön gut Nacht, Exzellenza!« erwiderte der Lagunenmann, sehr zufrieden, daß er so lange mit einem Manne hatte reden dürfen, den er als einen bei weitem Vornehmeren ansah. Der maskierte Senator fand es nicht schwer, unbemerkt aus der Kathedrale zu kommen, und er hatte seinen geheimen Weg in den Palast, so ihm kein unberufener Beobachter hinderlich war. Er sah sich bald mit den Räten des fürchterlichen Tribunals zusammen.

Achtzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Die Stunden verflossen, als sei innerhalb der Stadt nichts vorgefallen, um ihren Lauf zu stören. Den folgenden Morgen gingen die Leute, wie seit vielen Jahren, an ihre verschiedenen Geschäfte oder Vergnügen, und keiner hielt inne, um seinen Nachbarn über das zu befragen, was sich etwa während der Nacht ereignet hätte.

Die Diener schlenderten mit mißtrauischen, vorsichtigen Mienen, kaum wagend, sich gegenseitig ihre geheimen Vermutungen über das Schicksal ihrer Gebieterin zuzuflüstern, um das Wassertor von Donna Violettas Palast. Die Residenz Signore Gradenigos zeigte sich in ihrer gewöhnlichen düstern Größe, während die Behausung Don Camillo Monfortes durch kein Zeichen die schmerzlich getäuschte Hoffnung ihres Herrn verriet. Die »Bella Sorrentina« lag noch im Hafen mit ausgebreitetem Segel über dem Verdeck, und das Schiffsvolk beschäftigte sich nach der gewöhnlichen trägen Weise der Seeleute, wenn nichts Dringenderes zu tun ist, mit Segelausbessern.

Die Lagunen waren mit Fischerbooten übersät, und Reisende kamen an und reisten ab auf den wohlbekannten Kanälen von Fusina und Mestre. Hier verließ ein Abenteurer aus dem Norden die Stadt, ihm schwebte das gefällige Bild der mitangesehenen Feierlichkeiten vor, vermischt mit einigen dunkeln Vermutungen über die den beargwöhnten Staat lenkende Gewalt; dort suchte ein Pächter vom Festlande seine kleine Meierei auf, zufriedengestellt durch das Schaugepränge und die Regatta des vorigen Tages. Kurz, alles erschien wie immer, und die Begebenheiten, die wir erzählten, blieben ein Geheimnis der Mitspielenden und des dabei so beteiligten Senats.

Wie der Tag mehr vorrückte, breitete sich manches Segel aus, und Feluken und Galeotten gingen und kamen, je nachdem der Land- oder Seewind vorherrschend war. Noch faulenzte der kalabrische Seefahrer unter dem Zelte, das sein Verdeck beschattete, oder hielt seine Siesta auf einem Haufen alter, von der Gewalt manch eines glühenden Schirokko zerrissener Segeltücher. Als die Sonne tiefer sank, da glitten die Gondeln der Großen und Müßigen über das Wasser, und nachdem die beiden Plätze durch die Luft des Adriatischen Meeres abgekühlt waren, füllte sich der Broglio mit denen, die das Vorrecht genossen, seine gewölbten Gänge zu durchschreiten. Unter ihnen zeigte sich auch der Herzog von Sant‘ Agata, der, obgleich den Gesetzen der Republik ein Fremdling, wegen seiner erlauchten Abkunft und keineswegs unbegründeten Ansprüche von den Senatoren als ein willkommener Teilnehmer dieser leeren Auszeichnung aufgenommen ward. Er trat zur gewohnten Zeit und mit seiner ihm natürlichen Ruhe in den Broglio, denn er verließ sich auf seinen geheimen Einfluß in Rom, ja zum Teil auf den guten Erfolg seiner Nebenbuhler. Nach reiflicher Überlegung schien es ihm nämlich gewiß, daß, wenn sie die Absicht hegten, ihn festzusetzen, dies schon längst geschehen wäre; ebenso glaubte er, daß es, um persönlichen Unannehmlichkeiten zu entgehen, am besten sein würde, Vertrauen auf eigene Macht zu zeigen. Als er daher am Arm eines hohen Beamten der päpstlichen Gesandtschaft erschien und mit Selbstvertrauen um sich blickte, sah er sich wie immer von jedem, der ihn kannte, auf eine seinem Range und seinen Erwartungen angemessene Weise begrüßt. Dennoch wandelte Don Camillo mit neuen Gefühlen unter den Patriziern der Republik umher. Mehr als einmal glaubte er in den schwankenden Blicken derer, mit denen er sich unterhielt, Zeichen ihrer Kenntnis seiner vereitelten Pläne zu entdecken, und mehr als einmal, wenn er es am wenigsten argwöhnte, sah er sich so aufmerksam betrachtet, als suche man seine künftigen Absichten zu ergründen. Außerdem hätte wohl niemand entdeckt, daß eine Erbin von solcher Wichtigkeit beinahe dem Staat entrissen oder daß ein Mann seiner Frau beraubt worden sei. Die große Verstellungskunst des Staates sowie die Entschlossenheit und Vorsicht des jungen Edeln entzogen alles übrige der Beobachtung.

So verging der Tag; keine einzige Zunge außer denen, die im geheimen flüsterten, machte irgendeine Anspielung auf die Begebenheiten unserer Erzählung.

Eben als die Sonne unterging, schwebte eine Gondel langsam dem Wassertore des herzoglichen Palastes zu. Der Gondoliere landete, band wie gewöhnlich sein Boot an den Treppensteinen fest und trat dann in den Hof. Er trug eine Maske, denn schon war die Stunde der Verkleidung gekommen, und sein einfacher Anzug glich so sehr dem von Leuten seines Standes, daß er eben durch seine Einfachheit alles Erkennen vereitelte. Nach einem vorsichtigen Blick um sich her ging er durch eine geheime Tür in das Gebäude.

Der Palast, in dem die Dogen von Venedig residierten, steht noch jetzt als ein düsteres Denkmal venezianischer Politik da und liefert an und für sich schon einen Beweis des zweideutigen Charakters der Fürsten, die es einst bewohnten. Es umgibt einen weiten, doch dunkeln Hof. Die eine seiner Fassaden macht die Seite der schon oft erwähnten Piazetta aus, die andere stößt an den Kai, zunächst dem Hafen. Die Architektur dieser beiden äußeren Fronten erhebt das Gebäude zum Bemerkenswerten. Ein niedriger Bogengang, der den Broglio bildet, unterstützt eine Reihe massiver, orientalischer Fenster, und über diesen zieht sich wieder eine mit wenigen Öffnungen versehene Mauer, die alle sonst gebräuchlichen Ordnungen der Baukunst umstößt. Die dritte Seite ist fast ganz verdeckt durch die Kathedrale St. Markus‘, und die vierte wird vom Kanal bespült. Auf der andern Seite des Kanals liegt das Staatsgefängnis, durch die so nahe Verbindung der Kraft der Gesetze und der Kraft der Strafe sehr beredt den Charakter der Regierung aussprechend. Die berühmte Seufzerbrücke ist das materielle Band zwischen beiden, wie sie denn auch ein Symbol ihres geistigen Zusammenhangs ist. Letzteres Gebäude steht auch auf dem Kai und ist trotz seiner geringeren Höhe und Weitläufigkeit in Hinsicht architektonischer Schönheit dem andern vorzuziehen, wenngleich der Umfang und die seltsame Bauart des Palastes geeigneter sein mögen, Aufmerksamkeit zu erregen.

Bald erschien der maskierte Gondoliere wieder unter dem Bogen des Wassertors und bestieg schleunigst sein Boot. Nur eines Augenblicks bedurfte er, um über den Kanal zu kommen, am gegenüberliegenden Kai zu landen und in die öffentliche Tür des Gefängnisses einzutreten. Er mußte wohl ein geheimes Mittel besitzen, der Wachsamkeit der verschiedenen Wächter zu genügen, denn Riegel wurden weggeschoben und Schlösser geöffnet, wo er erschien, ohne daß man viel fragte. Auf diese Weise durchschritt er schnell alle äußeren Schranken des Ortes und erreichte den Teil des Gebäudes, der zu einer Familienwohnung eingerichtet schien. Nach den Umgebungen zu urteilen, mußten die Bewohner hier Überfluß und Pracht nicht sehr hoch schätzen, wenngleich es weder an Gerät fehlte noch an der nötigen Bequemlichkeit in den Zimmern, wie es ihrem Stande, dem Klima und jenen Zeiten angemessen war.

Der Gondoliere stieg eine geheime Treppe hinauf und stand nun vor einer Tür, an der keine der Zeichen eines Gefängisses zu sehen waren, die sich so häufig in den anderen Teilen des Gebäudes befanden. Er stand ein wenig still und horchte, dann klopfte er vorsichtig an.

»Wer klopft?« fragte eine liebliche Frauenstimme, indem sich die Klinke bewegte, als wolle man nicht eher öffnen, als bis man überzeugt war, wer draußen sei.

»Gut Freund, Gelsomina«, war die Antwort.

»Ja, wenn man Worten trauen dürfte, so wär hier jedermann ein Freund der Wächter. Ihr müßt Euch nennen oder woanders Antwort holen.«

Der Gondoliere lüftete die Maske, die nicht nur sein Gesicht verhüllt, sondern auch seine Sprache verändert hatte.

»Ich bin es, Gessina«, sagte er, sich ihres vertraulichen Namens bedienend.

Die Riegel rasselten, und die Tür ward schnell geöffnet.

»Das ist wunderbar, daß ich dich nicht erkannte, Carlo«,sagte das Frauenzimmer hastig und mit Einfalt, »doch du verkleidest dich seit kurzem so vielfältig und ahmst so oft fremde Stimmen nach, daß deine eigene Mutter ihren Ohren nicht getraut hätte.«

Der Gondoliere schwieg ein Weilchen, um sich erst zu überzeugen, daß sie allein wären; dann legte er die Maske ab, und die Züge des Bravo erschienen.

»Du weißt, wie nötig die Vorsicht ist, und wirst mich deshalb nicht erkennen.«

»Das nicht, Carlo – aber deine Stimme ist mir so bekannt, und da finde ich es wunderbar, daß du wie ein Fremder sprechen kannst.«

»Hast du etwas für mich?«

Das hübsche Mädchen zauderte, ihm zu antworten.

»Hast du nichts Neues, Gelsomina?« wiederholte der Bravo, ihre unschuldigen Züge eifrig musternd.

»Es ist gut, daß du nicht früher ins Gefängnis gekommen bist. Ich hatte eben Besuch. Du hättest dich wohl nicht gern sehen lassen, Carlo?«

»Du weißt, daß ich gute Gründe habe, maskiert zu kommen. Vielleicht hätte mir dein Besuch gefallen, vielleicht auch mißfallen, wie er nun eben gewesen wäre.«

»Nein, da bist du unrecht«, erwiderte das Mädchen hastig, »es war niemand hier als meine Cousine Annina.«

»Denkst du, daß ich eifersüchtig bin?« sagte der Bravo, mit liebendem Lächeln ihre Hand fassend. »Wär es dein Vetter Pietro, Michele oder Roberto oder irgendein anderer Jüngling aus Venedig gewesen, so hätt ich doch nichts weiter gefürchtet, als erkannt zu werden.«

»Es war aber nur meine Cousine Annina – Annina, die du nie gesehen hast – und ich habe ja keine Vettern Pietro, Michele und Roberto. Wir sind unserer nicht viele. Annina hat einen Bruder, der kommt aber nie her. Es ist in der Tat schon lange her, daß sie ihrem Geschäft soviel Zeit entzieht, um diesen traurigen Ort zu besuchen. Wenige Geschwisterkinder sehen sich so selten wie Annina und ich.«

»Du bist ein gutes Mädchen, Gessina, bist immer bei deiner Mutter zu finden. Hast du nichts Besonderes, was mir wichtig wäre?«

Wieder senkten sich die Augen Gelsominas oder Gessinas, wie sie gewöhnlich genannt ward; indes erhob sie den Blick wieder, bevor er es gewahrte, und fuhr rasch in ihrem Gespräch fort: »Ich fürchte, Annina kehrt wieder, sonst wollte ich gleich mit dir gehen.«

»Ist denn deine Cousine noch hier?« fragte der Bravo unruhig. »Du weißt, ich möchte nicht gern gesehen werden.«

»Fürchte nichts. Sie kann nicht hereinkommen, ohne diese Riegel zu berühren, denn sie ist oben bei meiner bettlägerigen Mutter. Du kannst, wie gewöhnlich, ins innere Zimmer gehen, wenn sie kommt, und ihre müßigen Reden mit anhören, wenn du willst – oder – doch wir haben keine Zeit – denn Annina kommt selten, und ich weiß nicht warum, aber sie scheint die Krankenzimmer nicht zu lieben, indem sie immer nur wenige Minuten bei ihrer Tante verweilt.«

»Du wolltest wohl sagen: Oder ich möchte meinen Gang abkürzen, Gessina?«

»Das wollt ich, Carlo – aber ich bin sicher, daß uns meine ungeduldige Cousine zurückrufen würde.«

»Ich kann warten; ich bin geduldig, wenn ich bei dir bin, teure Gessina.«

»St! – Das ist der Gang meiner Cousine. – Geh hinein.«

Während sie sprach, klingelte es, und der Bravo ging ins innere Zimmer, ein Versteck, dessen er gewohnt schien. Er ließ die Tür ein wenig offen, denn die Dunkelheit der Kammer verbarg ihn hinlänglich. Unterdes öffnete Gelsomina die äußere Tür, um ihren Gast hereinzulassen. Beim ersten Ton der Stimme erkannte Jacopo die listige Tochter des Weinhändlers.

»Du lebst hier so recht bequem, Gelsomina«, rief Annina eintretend und sich wie jemand, der ermüdet ist, auf einen Sessel werfend. »Mit deiner Mutter geht es besser, indes bist du in Wahrheit die Gebieterin des Hauses.«

»Ich wollte, ich war es nicht, Annina, denn ich bin noch zu jung, bei meinem Kummer solchem Geschäft vorzustehen.«

»So unerträglich ist es doch nicht, Gessina, mit siebzehn Jähren Gebieterin des Hauses zu sein! Herrschaft ist süß, Gehorsam unausstehlich.«

»Ich finde keines von beiden so, und ich will die erstere mit Freuden aufgeben, wenn meine arme Mutter erst wieder mir wird die Sorge für das Hauswesen abnehmen können.«

»Das ist recht schön, Gessina, und macht dem guten Beichtvater Ehre. Doch Herrschaft ist den Weibern so teuer wie Freiheit. Du warst gestern nicht unter den Masken auf dem Platz?«

»Ich verkleide mich selten, auch konnte ich meine Mutter nicht verlassen.«

»Was doch wohl heißt, du hättest es gern getan. Du hast auch Ursache, es zu bedauern, denn eine fröhlichere Vermählung mit dem Meere oder eine lustigere Regatta hat Venedig seit deiner Geburt nicht gesehen. Aber die Vermählung konntest du ja aus deinem Fenster mit anschauen.«

»Ich sah die Staatsgaleere mit ihren Reihen von Patriziern auf dem Verdeck nach dem Lido segeln, sonst wenig.«

»Schadet nichts. Du sollst einen ebenso guten Begriff von der Herrlichkeit haben, als wenn du des Dogen Rolle selbst gespielt hättest. Erst kamen die Gardisten, in ihren antiken Anzügen –«

»Das erinnere ich mich oft gesehen zu haben, dies Schauspiel kommt alle Jahre vor.«

»Da hast du recht: Doch nie sah Venedig eine so lebhafte Regatta! Du weißt, den ersten Versuch machen immer die vielruderigen Gondeln, von den geschicktesten Gondolieri geführt. Luigi war auch dabei, und obgleich er den Preis nicht gewann, so verdiente er ihn doch durch die Art, wie er sein Boot regierte. Du kennst doch Luigi?«

»Ich kenne kaum einen Menschen in Venedig, Annina, denn die lange Krankheit meiner Mutter und das unglückliche Amt meines Vaters halten mich immer daheim, wenn andere auf den Kanälen sind.«

»Das ist wahr. Um Bekanntschaften zu machen, bist du nicht gut gestellt. Doch Luigi steht weder an Geschicklichkeit noch an Ruf irgendeinem unter den Gondolieri nach, und er ist bei weitem der fröhlichste Schelm von allen, die je den Fuß auf den Lido gesetzt haben.«

»Er war also wohl der Vorderste im großen Wettlauf?«

»Eigentlich hätte er es sein sollen, aber die Ungeschicklichkeit seiner Leute und einige Unredlichkeiten beim Durchkreuzen brachten ihn in die zweite Reihe. Doch das Wunderbarste von allem war, daß ein alter Fischer namens Antonio mit bloßem Kopf und nackten Beinen mit eintrat in den zweiten Wettlauf und den Preis davontrug; ein Mann von siebzig Jahren und in einem Boote, das nicht besser war als das, womit ich Getränke nach dem Lido führe.«

»Da muß er wohl keine kräftigen Nebenbuhler gehabt haben?«

»Die besten in Venedig, obgleich Luigi, der in dem ersten Wettlauf gewesen, den zweiten nicht mitmachen konnte. Man sagt auch«, fuhr Annina, mit gewohnter Vorsicht um sich schauend, fort, »daß einer, den man kaum in Venedig zu nennen wagt, die Kühnheit gehabt habe, maskiert in der Regatta zu erscheinen, und dennoch gewann der alte Fischer! Du hast doch von Jacopo gehört?«

»Den Namen haben viele.«

»Es trägt ihn jetzt nur einer in Venedig. Alle meinen nur ihn, wenn sie Jacopo sagen.«

»Ich habe wohl von einem Ungeheuer dieses Namens gehört. Gewiß hat er doch nicht gewagt, sich vor den Edeln an solch einem Festtage sehen zu lassen.«

»Gessina, wir leben in einem unbegreiflichen Lande! Der furchtbare Mann geht nach Gefallen auf der Piazza mit so stolzen Schritten einher wie der Doge, und niemand sagt ihm was. Oft schon sah ich ihn bei hellem Tage mit so stolzer Miene an dem Triumphmast oder an der Säule des San Teodoro lehnen, als war er dort hingestellt, um einen Sieg der Republik zu feiern!«

»Vielleicht ist er Herr eines schrecklichen Geheimnisses, von dem sie fürchten, daß er es enthülle.«

»Du kennst Venedig wenig, Kind! Heilige Maria! Ein solch Geheimnis war schon an und für sich ein Todesurteil. Wenn man mit St. Markus zu schaffen hat, so ist es ebenso gefährlich, zuviel zu wissen als zuwenig. Genug, man sagt, Jacopo sei dabeigewesen, dem Dogen gegenüber, Aug in Aug, und die Senatoren schreckend wie ein ungerufenes Gespenst aus der Gruft ihrer Väter. Aber das ist noch nicht alles, als ich heute durch die Lagunen ruderte, sah ich den Leichnam eines jungen Kavaliers aus dem Wasser ziehen, und die dabei waren, sagten, er trüge das Zeichen seiner mörderischen Hand.«

Die furchtsame Gelsomina schauderte.

»Die Herrscher werden diese Nachlässigkeit vor Gott zu verantworten haben«, sagte sie, »wenn sie diesen Elenden länger so frei herumgehen lassen.«

»Der heilige Markus schütze seine Kinder! Man sagt, daß man viele dergleichen Sünden zu verantworten habe – doch den Leichnam sah ich mit meinen eigenen Augen, als ich diesen Morgen in die Kanäle einfuhr.«

»Schliefst du denn auf dem Lido, daß du schon so früh aus warst?«

»Auf dem Lido – ja – nein – ich schlief nicht, du weißt ja, mein Vater hatte einen geschäftigen Tag während des Festes, und ich bin nicht wie du, Gessina, Gebieterin des Hauses, daß ich tun könnte, was ich will. Doch ich stehe hier und plaudere mit dir, und zu Hause tun fleißige Hände not. Hast du das Paket, das ich dir bei meinem letzten Besuch anvertraute?«

»Hier ist es«, antwortete Gelsomina, ein Schubfach öffnend und ihrer Cousine ein dicht eingewickeltes Pack gebend, das, ihr unbewußt, einige verbotene Handelsartikel enthielt und das die andere in ihrer unermüdlichen Geschäftigkeit eine Zeitlang zu verbergen genötigt war. »Ich dachte, du hättest es vergessen, und wollte es dir schon zurücksenden.«

»Gelsomina, wenn du mich liebst, tue nie eine so unüberlegte Handlung! Mein Bruder Giuseppe – du kennst Giuseppe wohl kaum?«

»Für Verwandte kennen wir uns wenig.«

»Das ist gut für dich. Hätte Giuseppe dieses Paket durch irgendeinen Zufall zu sehen bekommen, so würde es dir viele Unruhe verursacht haben.«

»Ich fürchte deinen Bruder nicht noch sonst jemand«, sagte die Tochter des Gefangenenwärters mit der Festigkeit der Unschuld, »dafür, daß ich gefällig gegen eine Verwandte war, könnte er mir doch nichts Böses tun.«

»Du hast recht, allein, mir hätte er vielen Verdruß verursachen können. Heilige Maria! Wenn du wüßtest, welchen Kummer dieser unbedachtsame und mißleitete Junge seiner Familie macht! Bei alledem ist er mein Bruder, und du magst dir das übrige hinzudenken. Leb wohl, gute Gessina, ich hoffe, dein Vater wird dir endlich mal erlauben, die zu besuchen, die dich so sehr lieben.«

»Leb wohl, Annina, du weißt, daß ich gern käme, allein, ich verlasse ja fast meiner Mutter Bett nicht.«

Die listige Tochter des Weinhändlers gab ihrer schuld- und arglosen Verwandten einen Kuß, ließ sich die Tür öffnen und ging.

»Carlo«, rief Gessina mit sanfter Stimme, »du kannst nun herauskommen, jetzt haben wir keinen Besuch weiter zu fürchten.«

Der Bravo erschien, doch mit noch blasseren Wangen als gewöhnlich. Er blickte das liebliche Wesen traurig an, und die verunglückte Anstrengung, ihr unschuldiges Lächeln zu erwidern, gab seinen Gesichtszügen einen gespenstischen Ausdruck

»Annina hat dich wohl ermüdet mit ihrem müßigen Geschwätz von der Regatta und den Mordtaten auf den Kanälen. Du wirst sie wegen der Art, wie sie von Giuseppe sprach, nicht zu hart beurteilen, er verdient es, und wohl noch mehr. Doch ich kenne deine Ungeduld und will dich nicht noch mehr ermüden.«

»Dies Mädchen ist deine Cousine?«

»Ich sagte es dir ja schon, unsere Mütter sind Schwestern.«

»Und ist sie oft hier?«

»Gewiß nicht so oft, als sie wünschte, denn ihre Tante hat ihr Zimmer seit vielen, vielen Monaten nicht verlassen.«

»Du bist eine vortreffliche Tochter, gute Gessina, und möchtest andere ebenso tugendhaft machen, als du selbst bist. – Hast du diese Besuche erwidert?«

»Nie. Mein Vater untersagte es, denn sie sind Weinhändler und nehmen die schwelgenden Gondolieri auf. Aber Annina ist nicht zu tadeln wegen des Gewerbes ihrer Eltern.« »Ohne Zweifel – und das Paket? War es lange in deiner Verwahrung?«

»Einen Monat, Annina ließ es mir hier bei ihrem letzten Besuch, denn sie mußte eilig nach dem Lido. Aber warum diese Fragen? Dir gefällt meine Cousine nicht, weil sie ausgelassen ist und müßige Gespräche liebt, indes hat sie, wie ich denke, ein gutes Herz. Hörtest du, wie sie von dem Bravo Jacopo und von dem letzten Morde sprach?«

»Ich hörte es.«

»Du selbst hättest nicht mehr Abscheu über des Ungeheuers Verbrechen zeigen können. Nein, Annina ist wohl unbesonnen und könnte weniger weltlich gesinnt sein; allein, sie hat, wie wir alle, eine heilige Scheu vor der Sünde. Soll ich dich nach der Zelle führen?«

»Ja, geh voran.«

»Dein redlicher Sinn empört sich über die kalte Niederträchtigkeit des Meuchelmörders. Ich hab viel von seinen Mordtaten gehört und von der Weise, wie die droben mit ihm Nachricht haben. Man sagt allgemein, daß seine List die ihrige übertreffe und daß die Beamten nur auf Beweise warten, um keine Ungerechtigkeit zu begehen.«

»Meinst du, daß der Senat so zartfühlend ist?« fragte der Bravo rauh, machte aber zugleich ein Zeichen zum Fortgehen.

Das Mädchen blickte traurig wie jemand, der das Gewicht dieser Frage begriff, dann drehte sie sich um, öffnete eine geheime Tür und brachte eine kleine Schachtel zum Vorschein.

»Dies ist der Schlüssel, Carlo«, sagte sie, ihm einen in einem gewichtigen Bund zeigend, »und ich bin jetzt der einzige Wächter. So viel haben wir wenigstens ausgerichtet; vielleicht kommt noch die Zeit, wo wir mehr tun können.«

Der Bravo versuchte zu lächeln, er wollte damit andeuten, daß er ihre Güte zu schätzen wisse, allein, es gelang ihm nur, ihr seinen Wunsch weiterzugehen, begreiflich zu machen. Der Hoffnungsstrahl im Auge des gutmütigen Mädchens verwandelte sich in einen Blick des Kummers, und sie gehorchte.

Neunzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Wir wollen es nicht unternehmen, die gewölbten Galerien, dunklen Korridore und Gemächer, durch die des Gefangenenwärters Tochter ihren Gefährten führte, mit zu durchwandern. Wer jemals ein weitläufiges Gefängnis besucht hat, bedarf keiner Beschreibung, um sich die schmerzlichen Gefühle zurückzurufen, die ihm der Anblick vergitterter Fenster, rasselnder Riegel und all der anderen Dinge verursachte, die zugleich Mittel und Zeichen der Einkerkerung sind. Dies weitläufig, fest und labyrinthisch von innen, doch von außen, wie schon früher erwähnt, gleichsam seiner Bestimmung zum Hohn, von reiner, einfacher Schönheit.

Gelsomina trat in eine niedrige, schmale, mit Fenstern versehene Galerie, in der sie stehenblieb.

»Du suchtest mich wohl wie gewöhnlich zur bestimmten Stunde unter dem Wassertor, Carlo?« fragte sie.

»Ich wär nicht ins Gefängnis gekommen, hätt ich dich dort gefunden, denn du weißt, ich mag wenig gesehen sein. Doch da fiel mir deine Mutter ein, daher fuhr ich den Kanal herüber.«

»Du mußt bemerkt haben, daß wir nicht den gewöhnlichen Weg nach der Zelle genommen haben?«

»Das hab ich, allein, da wir nicht gewohnt sind, in deines Vaters Zimmer zusammenzukommen, wenn wir diesen Gang antreten, so dacht ich, dies sei der notwendige Weg.«

»Kennst du den Palast und das Gefängnis gut, Carlo?«

»Mehr als ich wünsche, gute Gelsomina, doch warum fragst du so, und gerade in einem Augenblick, wo ich wohl anders beschäftigt sein möchte?«

Das Mädchen schwieg. Der Bravo trat schnell an ein Fenster, sah hinaus, und sein Blick fiel auf die düstere Wasserpassage, die zwischen den beiden Mauern zweier massiver Gebäude nach dem Kai und dem Hafen hinführte.

»Gelsomina!« rief er aus, vor dem Anblick zurückbebend. »Dies ist ja die ganze Seufzerbrücke!«

»Sie ist’s, Carlo, bist du je auf ihr hinübergegangen?«

»Nein, auch begreif ich nicht, warum ich es jetzt tue. Lange schon dachte ich daran, ob es nicht vielleicht einmal mein Schicksal sein möchte, diesen traurigen Gang zu machen; doch von solch einem Führer ließ ich mir nichts träumen.«

Gelsominas Augen glänzten auf, und sie lächelte.

»Mit mir wirst du nie zu deinem Schaden hinübergehen.«

»Des bin ich sicher, Gessina«, antwortete er, ihre Hand fassend. – »Indes ist dies für mich ein unauflösliches Rätsel. Gehst du gewöhnlich über diese Galerie nach dem Palast?«

»Der Weg wird nicht benutzt, außer von den Wächtern und den Verurteilten, wie du ohne Zweifel oft gehört hast; aber dennoch haben sie mir die Schlüssel gegeben und mir die Windungen gezeigt, damit ich dir, wie gewöhnlich, als Führerin dienen könne.«

»Gelsomina, ich fürchte, ich bin zu glücklich in deiner Gesellschaft gewesen, um zu bemerken, wie es mir die Klugheit hätte eingeben sollen, welch seltene Güte mir der Rat durch diese Erlaubnis erzeigt!«

»Bereust du es, Carlo, meine Bekanntschaft gemacht zu haben?«

Der traurige Vorwurf im Ton ihrer Stimme rührte den Bravo so, daß er die Hand, die er hielt, mit Wärme küßte.

»Da müßte ich die einzigen glücklichen Stunden bereuen, die ich seit Jahren gekannt habe«, sagte er. »Nein, nein, nicht einen Augenblick hat’s mich gereut, dich zu kennen, meine Gelsomina! Ist es aber nicht sonderbar, daß einem Manne wie mir erlaubt wird, das Gefängnis so ohne andere Wächter zu besuchen?«

»Ich habe es nicht so gefunden; aber freilich, gewöhnlich ist es nicht.«

»Wir fanden gegenseitig so viel Vergnügen aneinander, teure Gessina, daß wir übersahen, was uns erschrecken sollte.«

»Erschrecken, Carlo?«

»Oder wenigstens mißtrauisch machen; denn diese listigen Senatoren sind nie gnädig ohne Ursache. Doch ist es jetzt zu spät, die Vergangenheit zurückzurufen, wenn wir es auch wollten; und in allem, was dich betrifft, möchte ich auch nicht das Andenken an einen einzigen Augenblick verlieren. Laß uns weitergehen.«

»Die Jahreszeit ist vorgerückt, Carlo«, antwortete sie kaum hörbar, »und wir würden ihn vergebens unter den Zellen suchen.«

»Ich verstehe dich«, sagte er.

Damit der Leser die Anspielungen, die unseren Liebenden so klar scheinen, verstehe, wird es nötig sein, ihn mit einem anderen schändlichen Zug der venezianischen Staatspolitik bekannt zu machen.

Im fürstlichen Gebäude gab es Sommer- und Winterzellen. Der Leser wird vielleicht glauben, daß bei dieser Einrichtung die Barmherzigkeit geringe Erleichterungen für die Unglücklichen beabsichtigt hatte; allein, dies hieße einem Kollegium Mitleid zuschreiben, das bis zu seinen letzten Augenblicken kein Band kannte, wodurch es mit Gefühlen für menschliche Schwachheit zusammengehangen hätte. Weit entfernt, die Leiden der Gefangenen zu beachten, hatte man vielmehr ihre Winterzellen unter der Oberfläche der Kanäle und ihre Sommerwohnungen unter den der Sonnenhitze jenes Klimas ausgesetzten Bleidächern angebracht. Den Gefangenen, den Jacopo und Gelsomina suchten, hatte man in der Tat kürzlich aus den feuchten Zellen, in denen er den Winter und Frühling verlebt, nach den glühenden Stuben unter dem Dache gebracht.

Gelsomina ging immer voran, doch mit so traurigem Auge und so umwölktem Gesicht, daß man daraus hinlänglich den Anteil erkannte, den sie an den Leiden ihres Gefährten nahm. Sie erstiegen schweigend mehrere Treppen, öffneten und schlossen zahllose Türen und durchwanderten einige enge Korridore, ehe sie den Ort ihrer Bestimmung erreichten. Während Gelsomina den Schlüssel zur Tür, vor der sie stillstanden, aus einem großen Bunde heraussuchte, atmete der Bravo in der heißen Luft des Daches wie jemand, der dem Ersticken nahe ist.

»Sie versprachen mir doch, daß dies nie wieder der Fall sein sollte«, sagte er, »doch Teufel wie sie vergessen ihr Versprechen!«

»Carlo! – Du vergißt, daß dies der Palast des Dogen ist!« flüsterte das Mädchen, einen furchtsamen Blick hinter sich werfend.

»Ich vergesse nichts, was mit der Republik in Verbindung steht! – Es steht alles hier«, an seine erhitzte Stirn schlagend, »und was nicht hier steht, ist in meinem Herzen!« »Armer Carlo! Das kann ja nicht immer währen – es wird ja ein Ende nehmen.«

»Du hast recht«, antwortete der Bravo dumpf. »Das Ende ist näher, als du denkst. Es tut nichts, drehe nur den Schlüssel um, damit wir hineinkommen.«

Gelsomina öffnete, und sie traten ein.

»Vater!« rief der Bravo aus und eilte zu einem auf der Erde ausgebreiteten Strohlager.

Die abgezehrte und schwache Gestalt eines alten Mannes erhob sich bei diesem Worte, und ein Auge, das innere Schwäche verriet und doch in diesem Augenblick selbst glänzender als das seines Sohnes war, blickte auf Gelsomina und ihren Gefährten.

»Du hast nicht gelitten, wie ich fürchtete, Vater, durch diesen plötzlichen Wechsel«, sagte der Bravo, an dem Strohlager niederkniend. »Dein Auge, deine Wange und dein ganzes Ansehen ist besser als unten in den feuchten Kellern.«

»Ich bin hier glücklich«, erwiderte der Gefangene, »hier ist Licht, und wenn sie mir auch zuviel davon gegeben haben, so kannst du doch nicht begreifen, wie groß das Vergnügen ist, Tageslicht nach einer so langen Nacht zu sehen.«

»Er ist besser, Gelsomina – sie haben ihn noch nicht zerstört. Sieh! Sein Auge ist glänzend, und seine Wange hat Glut!«

»Sie sind immer so, nachdem er den Winter in den unteren Kerkern verlebt hat«, flüsterte das Mädchen.

»Hast du mir was Neues zu erzählen, mein Sohn? – Wie steht’s mit deiner Mutter?«

Jacopo beugte das Haupt, um den Schmerz nicht zu zeigen, den ihm diese Frage verursachte, die er nun schon hundertmal gehört hatte.

»Sie ist glücklich, Vater – so glücklich, wie jemand sein kann, der dich, entfernt von dir, so sehr liebt.«

»Spricht sie oft von mir?«

»Das letzte Wort, was ich von ihren Lippen hörte, war dein Name.«

»Heilige Maria, segne sie! Ich hoffe, daß sie meiner in ihren Gebeten gedenkt?«

»Zweifle nicht daran, Vater, es sind die Gebete eines Engels.«

»Und deine geduldige Schwester? – Du hast ihrer noch nicht gedacht, mein Sohn.«

»Ihr ist auch wohl, Vater.«

»Hat sie aufgehört, sich zu grämen, weil sie die unschuldige Ursache meiner Leiden gewesen ist?«

»Ja, mein Vater.«

»So quält sie sich nicht mehr über ein Unglück, dem nicht abzuhelfen ist?«

Der Bravo schien in dem teilnehmenden Auge der blassen und sprachlosen Gelsomina Trost zu suchen.

»Sie hat aufgehört, sich zu quälen, Vater«, sagte er mit erzwungener Ruhe.

»Du hast deine Schwester immer mit Zärtlichkeit geliebt, mein Sohn. Dein Herz ist gut, wie ich aus Erfahrung weiß. Hat Gott mir Kummer gegeben, so hat er mich dagegen gesegnet in meinen Kindern.«

Eine lange Pause erfolgte, während der Vater über die Vergangenheit nachzudenken und der Sohn sich über das Aufhören der Fragen, die seine Seele marterten, zu freuen schien – indem die, von denen der Vater sprach, längst als Opfer des Familienunglücks gefallen waren. – Der Greis wandte seine gedankenvollen Blicke auf den noch immer knienden Bravo und fuhr fort: »Es ist wenig Hoffnung, daß sich deine Schwester verheiraten wird. Niemand mag sich gern mit den Geächteten verbinden.«

»Sie wünscht es nicht – sie wünscht es nicht – sie ist glücklich bei der Mutter.«

»Dies Glück wenigstens wird ihnen die Republik nicht mißgönnen. Ist gar keine Hoffnung, daß wir uns bald wiedersehen?«

»Du wirst meine Mutter sehen – ja, diese Freude kommt endlich.«

»Es ist eine schwere Zeit, seit ich keinen meiner Blutsverwandten, außer dir, gesehen habe. Knie nieder, damit ich dich segne.«

Jacopo, der sich unter seinen Seelenqualen erhoben hatte, beugte nun sein Haupt, um den väterlichen Segen zu empfangen. Die Lippen des Alten bewegten sich, und seine Augen blickten zum Himmel, doch sprach sein Herz mehr als seine Zunge. Gelsomina schien ihre Gebete mit denen des Vaters zu vereinigen. Als die stille, feierliche Handlung beendet war, machte jeder das gewöhnliche Zeichen des Kreuzes, und Jacopo küßte die runzlige Hand des Gefangenen.

»Hast du Hoffnung für mich?« fragte der Alte. »Versprechen sie noch immer, daß ich das Licht der Sonne wiedersehen soll?«

»Ja, sie versprechen alles Gute!«

»Ich wollte, ihre Worte wären wahr! Ich lebe seit langer Zeit von dieser Hoffnung – mich dünkt, ich bin schon länger als vier Jahre in diesen Mauern?«

Jacopo schwieg, denn er wußte, daß sein Vater nur die Zeit nannte, seit der es ihm selbst erlaubt gewesen war, ihn zu sehen.

»Ich baute auf die Hoffnung, daß sich der Doge seines alten Dieners erinnern und die Tür meines Gefängnisses öffnen würde.«

Immer noch schwieg Jacopo, denn der Doge, von dem der andere sprach, war längst tot

»Und dennoch bin ich nicht ohne Freuden in meiner Gefangenschaft. Sieh hierher, mein Sohn«, sagte der Alte, in dessen Auge fieberhafter Wahnsinn durchschimmerte, erzeugt durch die kürzliche Veränderung seines Kerkers und durch die, aus Mangel an Übung, wachsende Schwäche des Geistes, »Siehst du die Spalte in jenem Stückchen Holz? Sie öffnet sich nach und nach durch die Hitze, und seit ich hier wohne, ist die Spalte zweimal so lang geworden. Ich bilde mir manchmal ein, wenn sie das Astloch dort erreicht, dann werden sich die Herzen der Senatoren erweichen und meine Tür wird sich öffnen. Ich habe meine Freude dran, sie so Jahr für Jahr einen Zoll nach dem anderen wachsen zu sehen.«

»Ist dies alles?«

»Nein, ich habe noch andere Freuden. Vergangenes Jahr war eine Spinne hier, die ihr Gewebe an jenen Balken hängte, auch sie war mir eine Gesellschaft, die ich liebte. Sie können mich wegen falscher Anklage einsperren und mich jahrelang von Weib und Tochter trennen, all meine Freuden können sie mir doch nicht rauben.«

Der greise Gefangene schwieg gedankenvoll. Eine kindische Ungeduld glühte in seinen Augen, und er blickte von der Spalte, der Gefährtin so vieler einsamer Jahre, auf seinen Sohn, als fürchte er, seiner Freuden beraubt zu werden.

»Wohl! Mögen sie mir auch diese nehmen«, sagte er und zog die Decke über sein Haupt, »ich will ihnen dennoch nicht fluchen!«

»Vater!«

Der Gefangene antwortete nicht.

»Vater!«

»Jacopo!«

Jetzt war es der Bravo, der sprachlos dastand. Er wagte selbst nicht einmal, einen verstohlenen Blick auf die atemlos aufmerksame Gelsomina zu werfen, obgleich ihm das Herz vor Verlangen schlug, ihre offenen Züge zu lesen.

»Hörst du mich, mein Sohn?« fuhr der Gefangene, sein Haupt aufdeckend, fort. »Denkst du wirklich, daß sie das Herz haben werden, die Spinne aus meiner Zelle zu jagen?«

Jacopo beruhigte das Gemüt des Gefangenen und leitete seine Gedanken nach und nach auf andere Gegenstände. Er legte einige Nahrungsmittel, die man ihm erlaubt hatte mitzubringen, an das Lager nieder, sprach nochmals von der Hoffnung der Befreiung und schickte sich zum Fortgehen an.

»Ich will versuchen, dir zu glauben, mein Sohn«, sagte der alte Mann, der gute Gründe hatte, so oft getanen Versicherungen nicht zu trauen. »Ich will alles tun, was ich kann, um es zu glauben. Du wirst der Mutter sagen, daß ich nicht aufhöre, an sie zu denken und für sie zu beten, und wirst deine Schwester im Namen ihres armen, gefangenen Vaters segnen.«

Der Bravo verbeugte sich bejahend, erfreut, des Sprechens überhoben zu sein. Auf ein Zeichen des Alten kniete er nieder und empfing den Abschiedssegen. Nachdem er sich mit Ordnen des wenigen Gerätes in der Zelle beschäftigt und eine oder zwei Spalten, um mehr frische Luft hineinzulassen, zu erweitern versucht hatte, verließen sie das Gemach.

Auf ihrem Rückwege durch das Labyrinth, das sie nach dem Dache geführt, sprachen weder Gelsomina noch Jacopo eher ein Wort, als bis sie sich auf der Seufzerbrücke befanden. Selten betrat diese Galerie ein menschlicher Fuß, daher erwählte sie das Mädchen als den zur weiteren Unterhaltung sichersten Ort.

»Findest du ihn verändert?« fragte sie, unter dem Bogen stillstehend.

»Sehr!«

»Deine Worte haben eine traurige Bedeutung.«

»Ich habe meine Züge nicht gelehrt, dich zu täuschen, Gelsomina. «

»Doch ist noch Hoffnung – du sagtest ihm selbst, es sei noch Hoffnung.«

»Heilige Maria, vergib den Betrug! Ich konnte seinem Funken Leben den einzigen Trost nicht rauben.«

»Carlo! – Carlo! – Warum bist du so ruhig? Nie hörte ich dich von dem deinem Vater angetanen Unrecht und seiner Gefangenschaft so ruhig sprechen.«

»Das macht, weil seine Befreiung so nahe ist.«

»Eben diesen Augenblick war er ohne Hoffnung, und jetzt sprichst du von Befreiung?«

»Die Befreiung durch den Tod. Selbst der Zorn des Senats muß das Grab achten.«

»Glaubst du sein Ende so nahe? Ich hatte die Veränderung nicht bemerkt.«

»Du bist gütig, teure Gessina, treu deinen Freunden und ohne Argwohn der Verbrechen, die deine Unschuld nicht kennt. Aber jedem, der so viel Schlechtigkeit gesehen hat wie ich, kommt bei jeder Gelegenheit ein mißtrauischer Gedanke. Die Leiden meines armen Vaters sind ihrem Ende nahe, denn seine Natur ist erschöpft; wäre dies aber auch nicht der Fall, so sehe ich voraus, daß man Mittel finden würde, sie zum Ende zu bringen.«

»Du kannst doch unmöglich glauben, daß ihm hier irgend jemand etwas zuleide tun wird?«

»Niemand, der dir angehört. Dich und deinen Vater, Gelsomina, haben die Heiligen hierhergesetzt, damit die Teufel nicht zuviel Macht auf Erden haben möchten.«

»Ich verstehe dich nicht, Carlo – doch du bist oft so. Dein Vater bediente sich heute im Gespräch mit dir eines Wortes, von dem ich wünschte, er hätte es nicht gesprochen.« Der Bravo warf einen hastigen, argwöhnischen Blick auf seine Begleiterin und wandte sich schnell wieder ab.

»Er nannte dich Jacopo«, fuhr das Mädchen fort.

»Den Menschen wird oft durch die Güte ihrer Schutzpatrone ein Schimmer ihrer Schicksale zuteil.«

»Meinst du damit, Carlo, daß dein Vater argwöhnt, der Senat würde sich des genannten Ungeheuers gegen ihn bedienen?«

»Warum nicht? – Sie haben sich wohl ärgerer Menschen bedient. Wenn man der Sage trauen darf, so ist er ihnen nicht unbekannt. «

»Kann das wohl sein! – Du bist erbittert gegen die Republik, weil sie deiner Familie unrecht getan haben; aber du kannst doch nicht glauben, daß sie je den Dolch eines Banditen besoldet?«

»Ich sagte nicht mehr, als was man sich täglich auf den Kanälen zuflüstert.«

»Ich wünschte, dein Vater hätte dich bei diesem schrecklichen Namen nicht genannt, Carlo!«

»Du bist zu weise, um dich durch ein Wort irreleiten zu lassen, Gelsomina. Aber was denkst du von meinem unglücklichen Vater?«

»Dein Besuch war nicht wie die früheren Besuche, die du ihm in meiner Begleitung gemacht hast. Ich weiß nicht warum, aber mir schien es, du hegtest sonst selbst die Hoffnungen, mit denen du den Gefangenen aufzuheitern suchtest, während du jetzt ein schreckliches Vergnügen in der Hoffnungslosigkeit zu finden scheinst.«

»Deine Furcht täuscht dich«, sagte der Bravo kaum hörbar, »und wir wollen darüber nicht weiter sprechen. Der Senat wird uns endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es sind ehrenwerte Herren, hochgeboren und berühmt. Es wäre Tollheit, den Patriziern nicht zu trauen. Weißt du nicht, Mädchen, daß ein aus adligem Blut Entsprossener über alle Schwachheiten und Versuchungen erhaben ist, die uns von niedriger Geburt einengen? Sie sind Menschen, die schon ihre Geburt über die Schwachheit der Sterblichen erhoben hat, und da sie niemandem Rechenschaft zu geben haben, so sind sie sicher, immer recht zu tun. Das ist vernünftig, wer kann daran zweifeln?« Der Bravo lachte bitter, als er mit diesen Worten endete.

Das furchtsame Mädchen bebte zurück und dachte einen Augenblick daran, zu fliehen, denn nie hörte sie in ihren zahlreichen, vertraulichen Unterhaltungen ein so bitteres Lachen, und nie sah sie eine so wilde Glut in ihres Gefährten Auge.

»Fast möcht ich glauben, dein Vater gebrauchte den rechten Namen, Carlo«, sagte sie, als sie, sich fassend, einen vorwurfsvollen Blick auf seine noch immer aufgeregten Züge warf.

»Eltern kommt es zu, ihren Kindern Namen zu geben – doch genug. Ich muß dich verlassen, gute Gelsomina, und ich verlasse dich mit schwerem Herzen.«

Die arglose Gelsomina vergaß ihren Schreck. Sie wußte nicht warum, aber wiewohl der vermeintliche Carlo sie nie verließ, ohne daß es sie traurig machte, so fühlte sie doch, als er jetzt diese Worte sprach, ihr Gemüt mehr als sonst bedrückt.

»Du hast dein Geschäft, und das darf nicht versäumt werden. Hast du in der letzten Zeit Glück gehabt mit deiner Gondel, Carlo?«

»Gold und ich, wir sind uns fast fremd. Die Republik hat mir die Last aufgebürdet, den ehrwürdigen Gefangenen vom Ertrag meiner Arbeit zu ernähren.«

»Ich besitze nur wenig, wie dir bekannt ist, Carlo«, sagte Gelsomina halblaut, »doch gehört es dir. Daß mein Vater nicht reich ist, kannst du begreifen, sonst würde er nicht von den Leiden anderer leben und die Schlüssel zu ihren Gefängnissen bewahren.«

»Sein Geschäft ist besser als das Amt derer, die ihm diese Pflicht auferlegten. Hart ich die Wahl, ob ich lieber die gehörnte Mütze tragen, den Festen in ihren Hallen beiwohnen, in ihren Palästen leben, das glänzende Spielwerk ihrer Prachtgelage, wie des gestrigen, mitmachen, in ihren Gerichtshöfen Ränke mitschmieden und einer der herzlosen Richter sein, die ihre Mitmenschen zum Elend verdammen – oder der bloße Aufbewahrer der Schlüssel und Schließer sein wollte, so würde ich freudig das letztere Amt ergreifen, nicht nur als das unschuldigere, sondern auch als das bei weitem ehrenvollere!«

»Du urteilst nicht, wie die Welt urteilt. Ich fürchtete, du würdest dich schämen, eines Gefangenenwärters Tochter zum Weibe zu nehmen; ja, ich mag dir es nicht länger verbergen, da du nun so ruhig sprichst – ich habe gemeint, daß es so sein müsse.«

»Dann hast du weder die Welt noch mich begriffen. Wäre dein Vater beim Senat oder unter dem Gerichtshof der Dreimänner (wenn man überhaupt je erfahren könnte, wer zu dieser furchtbaren Dreizahl gehöre), dann hättest du Ursache zum Gram. Doch, Gelsomina, die Kanäle werden dunkel, ich muß fort.«

Das zögernde Mädchen sah die Wahrheit seiner Worte ein, drehte den Schlüssel und öffnete die Tür der bedeckten Brücke. Einige Windungen und eine kurze Treppe brachten den Bravo und seine Gefährtin zu den Kais hinab. Hier nahm er hastig Abschied und verließ das Gefängnis.