Viertes Kapitel

Viertes Kapitel

Während jenes lebendigen Treibens auf der Piazza San Marco lag der Überrest der Stadt still und einsam im Lichte des Mondes, der so hoch stand, daß sein Schein zwischen die Häuser fiel und hier und da auch die Oberfläche des Wassers flimmernd berührte. Zuweilen entfaltete ein Blick seines Lichtes auf die schweren Karniese eines Palastes den merkwürdigsten Kontrast finsterer Einsamkeit von innen und glänzend reicher Architektur des äußern Gebäudes. Zu einem von diesen Edelsitzen führt uns jetzt unsere Erzählung.

Eine schwerfällige Pracht herrschte in der Bauart des Hauses. Der geräumige Flur war massiv gewölbt, die marmornen Stufen breit und schwer. Die Zimmer überraschten durch Bildwerk und Vergoldung, und die Wände waren reichlich geschmückt mit unzähligen Meisterwerken der größten italienischen Künstler. Die kühlen, schönen Mosaikfußböden von den kostbarsten Marmorarten vollendeten den stolzen Stil, der Glanz und Geschmack vereinigte.

Das Gebäude, das auf zwei Seiten unmittelbar aus dem Wasser hervorstieg, hatte in der Mitte, wie gewöhnlich, einen dunkeln Hof. Den verschiedenen Seiten des Hauses folgend, konnte man durch manche zu dieser Stunde dem kühlen Zug der Seeluft geöffnete Tür in die langen Reihen der mit wahrhaft königlicher Pracht ausgestattetem Gemächer blicken, in denen umschattete Lampen ein sanftes, angenehmes Licht verbreiteten.

In der Ecke des Hauses, an dem kleineren der beiden Kanäle und ganz entfernt von dem Hauptkanale der Stadt, dem das Gebäude die Front zukehrte, befand sich eine Reihe von Zimmern, die nicht mindere Pracht als die zuvor beschriebenen verrieten, aber zugleich mehr Rücksicht auf die Bequemlichkeiten des gewöhnlichen Lebens. Die Vorhänge waren von schwerstem Sammet oder von glänzendem Seidenzeuge, die Spiegel waren groß und äußerst fein geschliffen, die Fußböden wieder von gefälligen heitern Farben und die Wände mit Kunstwerken bedeckt. Aber das Ganze zeigte doch mehr ein Bild häuslicher Behaglichkeit. Die Wandbekleidung und Vorhänge hingen in ungezwungenen Falten herab, die Betten waren zum Schlafen eingerichtet, die Gemälde waren zarte Kopien von der Hand einer jungen Liebhaberin, deren Muße sich in dieser artigen und weiblichen Beschäftigung ergötzte.

Die Schöne hatte eben in ihrem Gemach eine Unterredung mit ihrem geistlichen Ratgeber und mit einer Person ihres Geschlechts, die lange bei ihr die Stelle einer Erzieherin und Mutter vertreten hatte. Die Herrin des Palastes war noch in so zartem Alter, daß sie in nördlicherer Gegend für kaum mehr als ein Kind gegolten hätte, während in ihrem Lande das Ebenmaß und die Ausbildung ihrer Formen sowie der Ausdruck eines dunkeln, sprechenden Auges weibliche Reife in körperlicher und geistiger Hinsicht kundgaben.

»Für den guten Rat danke ich Euch, mein Vater, und meine vortreffliche Florinde wird Euch noch mehr dafür dankbar sein, denn Eure Ansicht stimmt mit der ihrigen immer so ganz überein, daß ich mich oft gewundert habe, wie die Erfahrung auf eine geheimnisvolle Art den Weisen und den Tugendhaften gleiche Gedanken eingibt, und noch dazu über einen Gegenstand von so wenigem persönlichem Interesse.«

Ein leichtes verstohlenes Lächeln umzog den Mund des Karmeliters, als er die naive Bemerkung seines freimütigen Zöglings vernahm.

»Du wirst lernen, mein Kind«, erwiderte er, »wenn dich die Zeit mit Weisheit ausgerüstet haben wird, daß wir in den Dingen, die unsere Leidenschaften und Interessen am wenigsten berühren, gerade am fähigsten sind, vorsichtig und unparteiisch zu urteilen. Wenn Donna Florinde auch noch nicht das Alter erreicht hat, in dem man endlich die Begierde unterjocht, und obgleich sie noch so vieles an die Welt fesselt, so wird sie dir doch diese Wahrheit bezeugen können.«

Obgleich der Redner, sich offenbar eben zum Fortgehen rüstend, die Kutte über den Kopf gezogen hatte und sein tiefliegendes Auge mit Wohlwollen auf dem schönen Antlitz seiner Schülerin ruhte, röteten sich doch die bleichen Wangen der mütterlichen Freundin.

»Ich darf glauben, daß Violetta dies nicht erst jetzt erfährt«, sagte Donna Florinde mit merklich weicher und zitternder Stimme.

»Es wird wenig geben, das einem so unerfahrenen Mädchen, als ich bin, gesagt werden kann, was sie mich nicht gelehrt hätte«, entgegnete schnell ihr Zögling und ergriff, ohne es selbst zu merken und ohne vom Gesicht des Karmeliters den Blick abzuwenden, die Hand ihrer treuen Führerin. »Aber warum verlangt der Senat über ein Mädchen zu verfügen, das, wie bisher, auch ferner leben möchte, glücklich in ihrer Jugend und zufrieden mit der Zurückgezogenheit, die ihrem Geschlechte geziemt?«

»Die Jahre sind unaufhaltsam, selbst ein unschuldiges Kind wie du muß einst die Versuchungen eines vorgerückten Alters fühlen. Es gibt in diesem Leben gebieterische, oft tyrannische Pflichten. Du weißt, welche Politik in einem Staate herrschen muß, der sich durch hohe Waffentaten, durch Reichtümer und weit verbreiteten Einfluß so berühmt gemacht hat wie dieser. Es gibt ein Gesetz in Venedig, das jedem, der in den Angelegenheiten der Stadt irgendeine Stelle einzunehmen berechtigt ist, verbietet, sich mit Ausländern der Art zu verbinden, daß seine Ergebenheit für die Republik dabei in Gefahr käme. So darf kein Patrizier des San-Marco in einem andern Staate Güter besitzen, keine Erbin eines so hohen und geehrten Namens wie du sich einem Ausländer von Bedeutung vermählen, es sei denn mit dem Wunsch und der Bewilligung derer, die über das Gemeinwohl zu wachen eingesetzt sind.«

»Hätte mir die Vorsehung durch die Geburt einen geringeren Stand angewiesen, so wär alles dies anders. Mich dünkt, es trägt nicht viel bei zum weiblichen Glück, dem Rate der Zehn besonders am Herzen zu liegen.«

»Du sprichst unbescheiden, und ich beklage es, sagen zu müssen, gottlos. Es ist unsere Schuldigkeit, uns den weltlichen Gesetzen zu unterwerfen, und mehr als Schuldigkeit, die Ehrfurcht gebietet uns, gegen die Vorsehung nicht zu murren. Aber die Last scheint mir auch gar so schwer nicht, gegen die du dich auflehnst, meine Tochter. Du bist jung, reicher, als ein vernünftiger Wunsch zu begehren erlaubt, von einem Adel, der einen verderblichen, weltlichen Stolz erregen könnte, und schön genug, um dir selbst der gefährlichste von allen Feinden zu werden – warum murrst du gegen ein Los, das ja doch allen deines Geschlechts und deiner Verhältnisse zuteil wird?«

»Wenn ich gegen die Vorsehung gemurrt habe, so fühle ich jetzt schon Reue darüber«, entgegnete Donna Violetta, »aber fürwahr, es würde weniger unangenehm sein für ein Mädchen von sechzehn Jahren, wenn die Väter des Landes so viel Wichtigeres zu tun hätten, daß sie des Mädchens Stand und Alter und etwa auch ihren Reichtum darüber vergäßen.«

»Es wäre eben kein Verdienst, mit einer Welt zufrieden zu sein, die wir nach unseren Grillen zugeschnitten hätten, und es ist die Frage, ob wir, wenn alles nach unserem Wunsch ginge, glücklicher wären als jetzt, wo wir uns fügen müssen in die Ordnung, wie sie einmal besteht. Den Anteil, den die Republik an deinem besonderen Wohl nimmt, meine Tochter, mußt du dir gefallen lassen und so ihr vergelten für die Sicherheit und Herrlichkeit, die sie dir gewährt. Wer in dunklerem Stande, weniger gesegnet mit Glücksgütern geboren wird, kann mehr Freiheit seines Willens haben, muß aber dafür den Glanz entbehren, der die Wohnung deiner Väter erfüllt.«

»Ich wollte, es wäre weniger Pracht und mehr Freiheit darin.« »Die Zeit wird dich lehren, anders hierüber zu denken, dein Alter sieht alles in goldigen Farben; das Leben erscheint dann gleich zwecklos, sobald auch selbst der unbesonnenste Wunsch unerfüllt bleibt. Indessen leugne ich nicht, daß gerade dein Schicksal mit ganz besondern Umständen verbunden ist. Es herrscht eine Politik in Venedig, die viel berechnet und die mancher darum vielleicht für grausam hält.« Die Stimme des Karmeliters war gesunken, und einen Augenblick innehaltend, warf er einen unruhigen Blick unter seiner Kutte hervor. Dann fuhr er fort: »Die Vorsicht erheischt vom Senate, daß er solchen Interessen die Waage halte, die gegeneinander ankämpfen und wohl gar die des Staates selbst gefährden. Daher kommt es, wie ich sagte, daß ohne Erlaubnis und Aufsicht der Republik niemand, der zum Stande der Senatoren gehört, Grundbesitzer im Auslande sein und keine Person von Bedeutung sich mit Fremden, die einen gefährlichen Einfluß besitzen, verheiraten darf. Der letztere Fall ist der deinige; von den verschiedenen Großen des Auslandes, die um deine Hand anhalten, kann der Senat keinen begünstigen, ohne zu fürchten, daß ein Fremder hier mitten in der Stadt eine ungebührliche Macht erwerbe. Don Camillo Monforte, der Kavalier, dem du dein Leben verdankst und dessen du neulich voll Erkenntlichkeit gedachtest, hat wahrhaftig mehr Ursache, sich über die Härte dieser Beschlüsse zu beklagen, als du irgendwie haben kannst.«

»Mein Kummer«, fiel Violetta schnell ein, »würde noch größer sein, wenn ein Mann, der für mich soviel Mut bewiesen hat, Grund hätte, zu empfinden, wie gerecht dieser Kummer ist. Was hat den Herrn von Sant‘ Agata gerade mir zum Glücke nach Venedig gebracht, wenn es anders für ein erkenntliches Mädchen nicht unziemlich ist, so zu fragen?«

»Dein Anteil hieran ist ganz natürlich und lobenswert«, erwiderte der Karmeliter mit einer Einfalt, die seiner Kutte mehr Ehre machte als seiner Beobachtungsgabe. »Er ist jung und ohne Zweifel durch seine Reichtümer und die Leidenschaftlichkeit der Jugend zu manchem Leichtsinn geneigt. Schließ ihn in dein Gebet ein, meine Tochter. Dies ist der Dank, den du ihm abstatten magst. Das weltliche Interesse, das er hier hat, ist aber allgemein bekannt, und ich kann deine Unwissenheit darüber nur deiner zurückgezogenen Lebensweise zuschreiben.«

»Mein Pflegling hat an andere Dinge zu denken als an die Angelegenheiten eines jungen Fremden, der in Geschäften nach Venedig kommt«, bemerkte Donna Florinde sanft.

»Aber wenn ich für ihn beten soll, mein Vater, so würde mein Gebet mehr Bestimmtheit haben, wenn ich wüßte, wessen der junge Edelmann am meisten bedarf.«

»Bitte nur allein für sein geistliches Wohl. In Wahrheit, von den zeitlichen Gütern dieser Welt fehlt ihm wenig, obgleich die fleischlichen Begierden den, der am meisten hat, verführen, immer noch mehr zu verlangen. Es hat den Anschein, als ob ein Vorfahre Don Camillos vorzeiten Senator in Venedig gewesen ist, als der Tod eines Verwandten kalabrische Güter in seinen Besitz brachte. Von seinen Söhnen übernahm der jüngere diese Güter infolge eines Gesetzes, das zugunsten einer Familie, die dem Staate treu gedient hatte, ausdrücklich erlassen worden war. Auf den älteren Sohn dagegen und auf dessen Nachkommen gingen die Senatorwürde und das Familienbesitztum in Venedig über. Die ältere Linie ist nun ausgestorben, und Don Camillo bestürmt seit Jahren den Rat, ihn wieder in die Rechte einzusetzen, denen sein Ahnherr entsagt hat.«

»Können sie ihm dies verweigern?«

»Um es zu gewähren, müßten sie vom Gesetz abgehen. Wenn er seinen kalabrischen Besitzungen entsagen wollte, so würde er mehr verlieren als gewinnen. Soll er aber beides haben, so wird gegen ein Gesetz gehandelt, das man nur sehr selten suspendiert. Ich verstehe nicht viel, meine Tochter, von den Verhältnissen des Lebens, aber es gibt Feinde der Republik, die da sagen, daß sie eine schwere Knechtschaft übt und selten eine Gunst gewährt, ohne reichlichen Ersatz dafür zu fordern.«

»Ist das aber recht? Wenn Don Camillo Monforte Ansprüche hat in Venedig, betreffe es nun Paläste an den Kanälen oder Ländereien auf dem Festlande oder einen Sitz im Senat, immer sollte ihm Gerechtigkeit werden ohne Verzug, damit es nicht heiße, die Republik prahle mehr mit dieser heiligen Tugend, als sie diese selbst übe.«

»So heißt dich dein argloser Sinn reden. Es gehört zur Gebrechlichkeit des Menschen, meine Tochter, daß er seine öffentlichen Handlungen von der ängstlichen Gewissenhaftigkeit seines Tuns als Privatmann fernhält, als ob Gott, den Menschen zugleich mit Vernunft und mit dem herrlichen Trost des Christentums beschenkend, ihm zwei Seelen gegeben hätte, für deren eine nur allein zu sorgen wäre.«

»Gibt es nicht Leute, mein Vater, die es glauben, es werde nur das Böse an uns gestraft, das wir als einzelne begehen, was aber von Staats wegen geschieht, falle der Nation auch zur Last?«

»Der Stolz der menschlichen Vernunft hat manche Spitzfindigkeit ersonnen, seinen eigenen Begierden zu frönen, aber er findet an keiner unglückseligeren Täuschung, als diese ist, seine Nahrung. Die Sünde, die andere mit fortreißt in ihre Schuld oder in ihre Folgen, ist eine doppelte Sünde, und wenn es auch die Natur der Sünde ist, ihre eigene Strafe nach sich zu ziehen, sogar schon in diesem Leben, so schmeichelt der sich doch mit falscher Hoffnung, der da meint, die Größe des Vergehens werde ihm zur Entschuldigung dienen. Die größte Sicherheit für uns Menschen ist, uns von der Versuchung zurückzuziehen; der ist am meisten geborgen vor den Lockungen der Welt, der sich von ihren Lastern am meisten entfernt hält. Ich wünsche zwar, daß der edle Neapolitaner sein Recht erlange, doch kann es vielleicht um seines ewigen Heiles willen sein, daß ihm diese Vergrößerung seines Reichtums, nach der er trachtet, vorenthalten wird.«

»Ich kann mir nicht einbilden, mein Vater, daß ein Kavalier, der sich so bereitwillig zeigte, dem Unglücklichen beizuspringen, die Gaben des Glücks so leicht mißbrauchen werde.«

Der Karmeliter heftete einen unruhigen Blick auf die klaren Züge der jungen Venezianerin. Väterliche Besorgnis und Ahnung sprachen aus seinem Auge.

»Dankbarkeit für deinen Lebensretter geziemt sowohl deinem Stande als deinem Geschlechte und ist eine Schuldigkeit. Halte dies Gefühl wert, denn es ist der Verpflichtung der Menschen gegen seinen Schöpfer gar sehr verwandt.«

»Ist es denn genug, Dankbarkeit nur zu fühlen?« fragte Violetta. »Eine Person von meinem Namen und Einflusse sollte doch mehr tun. Wir können die Patrizier, die mir verwandt sind, zugunsten des Fremden bewegen, ein schnelleres Ende dieses langwierigen Prozesses herbeizuführen.«

»Ei behüte, Tochter! Der Eifer einer jungen Dame, an der die Republik so vielen Anteil nimmt, könnte dem Don Camillo eher Feinde als Freunde erwecken.«

Donna Violetta schwieg. Der Mönch und Donna Florinde betrachteten sie mit besorgter Teilnahme; der erstere brachte darauf seine Kutte in Ordnung und rüstete sich zum Aufbruch. Violetta trat dem Karmeliter näher, und ihn mit unverstelltem Zutrauen und gewohnter Ehrerbietung anschauend, bat sie um seinen Segen. Nach dieser feierlichen Handlung wandte sich der Mönch zu der Gefährtin seiner Fürsorge. Donna Florinde ließ das Seidenzeug, an dem sie nähte, in ihren Schoß fallen und saß demütig schweigend mit gebeugtem Haupt, während der Karmeliter seine Hände über sie hinstreckte. Seine Lippen bewegten sich, aber man hörte die Worte des Segens nicht. Wäre das feurige Mädchen, das ihrer beiderseitigen Sorge anvertraut war, minder mit eigenen Gefühlen beschäftigt oder mit den Interessen der Welt, in die sie erst eintreten sollte, bekannter gewesen, so hätte sie wieder einen Beweis entdeckt von jener tiefen und sanften Gemütsverwandtschaft, die sich in dem schweigenden Verständnis ihres geistlichen Vaters mit ihrer Erzieherin kundgab.

»Du wirst uns nicht vergessen, mein Vater?« sagte Violetta mit einnehmendem Ernst. »Eine Waise, mit deren Schicksal sich die klugen Herren des Staates so ernstlich beschäftigen, bedarf eines zuverlässigen Freundes.«

»Gesegnet sei dein Fürsprecher«, sagte der Mönch, »und der Friede der Unschuldigen sei mit dir.«

Er erhob seine Hand noch einmal. Dann drehte er sich um und verließ das Zimmer. Donna Florindes Auge folgte den weißen Gewändern des Karmeliters, solange sie sichtbar waren, und als es wieder auf den Seidenstoff in ihrem Schoß fiel, schloß es sich für einen Augenblick, als schaute es innen hinein auf Regungen des Gewissens.

Die junge Herrin des Palastes rief indes einen Bedienten und befahl ihm, ihrem Beichtvater bis zu seiner Gondel das Geleite zu geben. Dann begab sie sich zu dem offenen Balkon. Es folgte ein langes Schweigen, jene italienische Ruhe atmend, wie sie dieser Stadt und der Abendstunde angemessen war. Plötzlich trat Violetta bestürzt einen Schritt vom offenen Fenster zurück. »Hörst du nicht diese Töne von oben?«

»Sind die so selten auf den Kanälen, daß sie dich vom Balkon treiben können?«

»Es sind Kavaliere unter den Fenstern am Mentonipalast, die ohne Zweifel unserer Freundin Olivia ein Ständchen bringen.«

»Auch diese Galanterie ist ganz gewöhnlich. Du weißt, daß Olivia binnen kurzem ihren Verwandten heiraten wird, nun bezeigt er ihr seine Verehrung.«

»Findest du nicht, daß solch ein öffentliches Liebeszeichen lästig ist? Wollte man um mich werben, so wünschte ich, daß niemand davon hörte als eben ich.«

»Diese Gesinnung ist schlimm für eine Dame, deren Hand der Senat zu vergeben hat. Ich fürchte, ein Mädchen deines Standes muß sich dareinfinden, daß ihre Schönheit gepriesen und ihre Talente besungen werden, vielleicht bis zur Übertreibung, und zwar selbst von Mietlingen unter einem Balkon.«

»Ich wollte, es wäre aus«, rief Violetta, sich die Ohren zuhaltend.

»Geh nur wieder auf den Balkon. Die Musik hört auf.«

»Dort singen Gondolieri am Rialto; das ist eine Musik, die ich liebe. Die süßen Töne beleidigen nicht unsere heiligsten Gefühle. Willst du heut abend fahren, liebe Florinde?«

»Wo wolltest du hin?«

»Ich weiß nicht, aber der Abend ist schön, und ich hab ein Verlangen, den Glanz und die Freude da draußen zu genießen.«

»Tausende gibt es auf den Kanälen, die ein Verlangen haben, den Glanz und die Freude da innen zu genießen. So ist es immer im Leben, was wir besitzen, wird gering geachtet, und was wir nicht haben, ist uns unschätzbar.«

»Ich bin meinem Vormund einen Besuch schuldig«, sagte Violetta. »Wir wollen nach seinem Palaste fahren.«

Trotz der moralischen Predigt meinte es Donna Florinde so streng nicht. Sie warf ihre Arbeit beiseite und machte sich bereit, ihrer Pflegebefohlenen zu willfahren. Es war die gewöhnliche Stunde für Standespersonen auszufahren und die Lockung, das Freie zu suchen, so reizend, wie sie nur Italien mit seinem milden Klima, Venedig mit seinem bunten Gedränge bieten konnte. Einer Dienerin ward befohlen, das Zimmer zu hüten. Die Gondolieri wurden gerufen, die Damen nahmen ihre Mäntel und Masken und waren geschwind im Boote.

Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Der Flug der Gondel brachte die schöne Venezianerin und ihre Erzieherin bald zu dem Wassertore des Edelmannes, dem vom Senate die besondere Aufsicht über die vornehme Erbin anvertraut war. Seine Wohnung war düsterer als gewöhnlich und bekundete all die feierliche, schwerfällige Pracht, wie sie die Privatwohnungen der Patrizier in dieser Stadt des Reichtums und des Stolzes auszeichnete. Der Umfang und die Architektur des Gebäudes waren weniger großartig als an Donna Violettas Palaste, zeigten aber doch ein Privathaus ersten Ranges und verrieten in allen ihren äußeren Zieraten die Wohnung eines Mannes von großer Bedeutung. Innen kamen der geräuschlose Schritt und die mißtrauische Miene der Bedienten zu der finsteren Größe der Zimmer hinzu, um dieser Behausung den Charakter der ganzen Republik im Kleinen zu geben.

Im Vorzimmer Signore Gradenigos verweilte die junge Dame nur einen Augenblick, denn kaum erfuhr der alte Senator ihre Gegenwart, so eilte er aus seinem Kabinett zu ihrem Empfange mit solchem Eifer herbei, daß zu erkennen war, wie er sich das ihm anvertraute Amt angelegen sein ließ.

Das Gesicht des alten Patriziers, das Nachdenken und Sorge mit dem Alter in Gemeinschaft gesucht hatte, glänzte in unzweideutiger Freude, als er sich beeilte, sein schönes Mündel zu begrüßen. Er hörte nicht auf die Entschuldigungen wegen ihres Eindringens, sondern führte sie hinein.

»Du kommst nie zur unrechten Zeit, da du das Kind meines alten Freundes bist und die Sorge der Republik«, setzte er hinzu. »Die Türen des Palastes Gradenigo würden sich von selbst öffnen, und wär es in der spätesten Stunde der Nacht, um solchen Gast aufzunehmen.«

»Ich bin für Eure Nachsicht dankbar«, sagte Violetta. »Nur fürchte ich, Euch mit meinen kleinen Anliegen zu belästigen, wenn Eure Zeit eben für das Wohl des Staates in Anspruch genommen ist.«

»Du überschätzest meine Wirksamkeit. Ich besuche wohl bisweilen den Rat der Dreihundert, aber mein Alter und meine Kränklichkeit verhindern mich jetzt, dem Staate, so wie ich gern möchte, zu dienen. Gelobt sei unser Patron San Marco. Seine Angelegenheiten stehen nicht schlecht im Verhältnis zu unserem abnehmenden Glücke. Wir haben die Ungläubigen jüngst ganz tapfer geschlagen, der Vertrag mit dem Kaiser ist nicht zu unserem Schaden, und der Zorn der Kirche über unseren anscheinlichen Treubruch neulich hat sich gelegt. In der letzteren Angelegenheit verdanken wir etwas einem jungen Neapolitaner, der sich in Venedig aufhält und der nicht ohne Einfluß beim Heiligen Stuhle ist, denn sein Oheim ist Kardinalsekretär. Freunde, zur rechten Zeit gebraucht, können viel helfen. Dies ist Venedigs Staatskunststück; was die Macht nicht zustande bringen kann, muß man mit Gunst und kluger Mäßigung ausrichten.«

»Eure Rede ermutigt mich zu einer neuen Bitte, und ich will Euch gestehen, daß mich der Wunsch hergeführt hat, Euern großen Einfluß in bezug auf ein ernstliches Anliegen, das ich habe, in Anspruch zu nehmen.«

»Sieh da! Unsere junge Schutzbefohlene, Donna Florinde, hat mit den Gütern ihrer Familie zugleich deren alte Liebe zur Fürsprache und Protektion geerbt! Wir wollen ihr aber diese Gesinnung nicht verwehren, denn ihr liegt etwas Gutes zugrunde, und wenn sie recht angewendet wird, kann sich dadurch der Vornehme und Mächtige in seiner Stellung befestigen.«

»Und sollen wir nicht sagen«, erwiderte Donna Florinde sanft, »daß der Reiche und vom Glück Begünstigte, wenn er sich für den Ärmeren bemüht, eine heilige Pflicht übt und seine Seele kräftig und heilsam dadurch bildet?«

»Ohne Zweifel! Nichts kann heilsamer sein, als jedem Stande in der Gesellschaft einen gehörigen Sinn für seine Obliegenheiten und ein richtiges Gefühl für seine Pflichten beizubringen. Die Ansicht billige ich gar sehr und wünsche, daß sie sich mein Mündel ganz aneigne.«

»Sie ist glücklich, so tüchtige Lehrer zu besitzen, die so bereitwillig sind, ihr alles Wissenswerte beizubringen«, sagte Violetta. »Demnach darf ich Signore Gradenigo bitten, meinem Gesuche ein Ohr zu leihen?«

»Deine kleinen Anliegen sind immer willkommen. Ich wollte nur noch bemerken, daß hochherzige und feurige Geister einem entfernten Gegenstand oft so eifrig nachjagen, daß sie andere übersehen, die näher liegen und dringender sind und auch leichter zu erlangen. Indem wir dem einen nützlich sein sollen, müssen wir uns vorsehen, nicht vielen anderen Nachteil zuzufügen. Hat vielleicht ein Verwandter eines deiner Hausleute sich unachtsamerweise anwerben lassen?«

»Wenn das wäre, so hoffe ich, daß der Rekrut nicht so unmännlich sein wird, seine Fahnen zu verlassen.«

»Oder deine Amme, die wenig dazu gemacht ist, den Dienst zu vergessen, den sie deiner Kindheit geleistet hat, wünscht vielleicht ein Mädchen für einen ihrer Verwandten beim Zollwesen?«

»Ich glaube, es gibt in ihrer ganzen Familie keinen Unangestellten mehr«, sagte Violetta lachend, »wir müßten denn der guten Mutter selbst einen Ehrenposten geben wollen. Nein, meine Bitte betrifft sie heute nicht.«

»Die vielen Bitten um Almosen haben wohl dein Taschengeld erschöpft, oder vielleicht hat dich eine wunderliche Mode viel gekostet?«

»Nichts von dem allen. Des Goldes bedarf ich wenig, da eine standesmäßige Pracht in meinem Alter noch nicht unumgänglich nötig ist. Nein, mein Vormund, ich komme mit einer viel wichtigeren Bitte.«

»Sie betrifft doch nicht etwa jemand, dem du wohlwillst und der sich mit unziemlichen Reden vergangen hat!« rief Signore Gradenigo, einen hastigen und forschenden Blick auf sein Mündel werfend.

»Nein, wer sich insoweit vergessen hat, möge auch die Strafe seines Vergehens leiden.«

»Du hast vollkommen recht. Man kann in diesem Zeitalter neuer Meinungen und aller Arten von Neuerungen die Leute nicht streng genug halten. Wenn der Senat die wüsten Theorien der Gedankenlosen und Törichten unbeachtet lassen wollte, da würden sie bald zu den untergeordneten Gemütern der Unwissenden und Faulenzer dringen. Geld fordere von mir, zwanzigfach, wenn du willst, nur nicht Verzeihung für einen Störer der öffentlichen Ruhe.«

»Ich begehre keine Zechine. Ich habe ein edleres Geschäft.«

»So rede denn und lasse mich nicht länger raten.«

Jetzt, da sie nun, was ihres Herzens Wunsch im stillen gewesen war, in eigene Worte fassen und aussprechen sollte, schien sich Donna Violetta davor zu fürchten. Sie wechselte mehrmals die Farbe und suchte im Auge ihrer aufmerksamen und verwunderten Gefährtin Rat. Diese aber, die ihr Vorhaben nicht kannte, vermochte die Bittstellerin durch nichts zu ermutigen als durch jenen Blick des Mitgefühls, den Frauen einander nicht vorenthalten, wenn ihre eigentümlich weiblichen Empfindungen irgend ins Gedränge kommen. Violetta stockte, sich selber mißtrauend, dann aber lachte sie über den eigenen Mangel an Selbstbeherrschung und fuhr fort zu reden. »Ihr wißt, Signore Gradenigo«, sagte sie mit einem Nachruck, der, wenn auch bei weitem verständlicher, doch nicht minder auffallend war als ihre Gemütsbewegung einen Augenblick früher, »Ihr wißt, daß ich von einem Geschlechte stamme, das seit Jahrhunderten groß war in Venedig.«

»So meldet unsere Geschichte.«

»Daß ich einen altberühmten Namen führe, den von aller Befleckung rein zu erhalten mir persönlich obliegt.«

»Das ist so wahr, daß es kaum einer so deutlichen Auseinandersetzung bedarf«, entgegnete der Senator trocken.

»Und daß ich trotz dieser reichen Geschenke des Glücks und der Geburt eine Gabe, die ich empfing, nicht vergolten habe, so daß es dem Hause Tiepolo keine Ehre macht.«

»Das wird ernsthaft. Donna Florinde, unser Mündel ist heute über allen Begriff feierlich gestimmt, und ich muß Euch um Aufklärung darüber bitten. Es ziemt ihr freilich nicht, Gaben der Art von irgend jemand anzunehmen.«

»Ich kenne zwar ihr Verlangen nicht«, entgegnete sanft die Gefährtin, »doch denk ich, sie spricht von der Rettung ihres Lebens.«

Signore Gradenigos Gesicht verfinsterte sich.

»Ich verstehe Euch«, sagte er kalt. »Es ist wahr, der Neapolitaner war schnell bereit, dich zu retten, als deinen Oheim von Florenz das Unglück betraf, aber Don Camillo Monforte ist kein gemeiner Taucher vom Lido, dem man für das Auffischen einer Kleinigkeit, die aus einer Gondel fiel, ein Trinkgeld gibt. Du hast dem Kavalier gedankt. Ich glaube, daß ein edles Mädchen in solchem Falle nichts weiter tun kann als dies.«

»Wohl hab ich ihm gedankt und recht herzlich gedankt«, beteuerte Violetta feurig. »Wenn ich seine Wohltat vergesse, heiligste Maria und ihr lieben Heiligen, so vergesset mich!«

»Mir kommt vor, Signora Florinde, als habe Euer Pflegekind mehr Zeit mit den leichtsinnigen Büchern in ihres Vaters Bibliothek und weniger Zeit mit ihrem Meßbuche zugebracht, als für den Stand geziemend ist.«

Violettas Auge glühte, und sie schlug einen Arm um ihre bebende Gefährtin, die bei diesem Vorwurf den Schleier fallen ließ und kein Wort entgegnete.

»Signore Gradenigo«, sagte die junge Erbin, »ich mag meinen Lehrern Schande gemacht haben. Aber wenn der Zögling träge gewesen ist, soll der Tadel doch keinen Unschuldigen treffen. Indes hat es nicht den Schein, als würden die Vorschriften der heiligen Kirche verletzt, wenn ich für einen Mann, der mein Leben gerettet hat, ein gutes Wort einlege. Don Camillo Monforte macht schon lange ohne Erfolg so gerechte Ansprüche geltend, daß, wenn auch kein anderer Grund wäre, ihm zu willfahren, die Würde Venedigs schon allein den Senatoren gebieten sollte, ihn nicht länger hinzuhalten.«

»Mein Mündel hat zur Erholung bei den Doktoren von Padua studiert! Die Republik hat ihre Gesetze, und keiner, der ein Recht hat, wendet sich an sie vergeblich. Deine Dankbarkeit ist nicht zu tadeln, ist vielmehr deines Standes und deiner Stellung würdig. Aber, Donna Violetta, wir sollten uns erinnern, wie schwierig es ist, die Wahrheit von der Spreu der Täuschung und spitzfindigen Verkehrung zu sichten; vor allem aber sollte ein Richter, bevor er ein Dekret erläßt zugunsten eines Bittstellers, erst gewiß sein, ob er nicht einen andern dadurch beeinträchtige.«

»Sie schalten mit seinen Rechten! Weil er in einem fremden Staat geboren ist, verlangt man von ihm, daß er im Auslande weit mehr aufopfere, als er in der Republik gewinnen kann. Er verschwendet sein Leben und seine Jugendkraft an ein Phantom. Ihr vermögt viel im Senate, mein Vormund; wenn Ihr ihm die Hilfe Eurer einflußreichen Stimme und Eurer wichtigen Belehrung angedeihen ließet, so würde ein Fremder, dem Unrecht geschieht, zu seinem Recht gelangen, und Venedig würde vielleicht eine Kleinigkeit einbüßen, dafür aber seine Würde rechtfertigen, auf die es so eifersüchtig ist.«

»Du bist ein beredter Advokat, und ich will mir die Sache überlegen«, sagte Signore Gradenigo, den finsteren Zug, der um seine Brauen spielte, mit der Leichtigkeit dessen, der gewohnt ist, seine Mienen jedesmal seiner Politik anzupassen, in einen Blick des Wohlwollens verwandelnd. »Ich sollte den Neapolitaner nur als Richter, meinem öffentlichen Charakter gemäß, hören, aber der Dienst, den er dir geleistet hat, und meine Liebe zu dir bestimmen mich, dir zu willfahren.«

Donna Violetta empfing dies Versprechen mit leuchtendem, treuherzigem Lächeln. Sie küßte die Hand, die er ihr zum Pfande darbot, mit einer Glut, die ihrem aufmerksamen Vormund ernstliche Besorgnisse erregte.

»Du bittest zu einnehmend«, sagte er, »als daß dir jemand widerstehen könnte, auch wer schon bis zum Überdruß unzählige, scheinbare Ansprüche in seinem Leben hat abweisen müssen. Junge und edle Gemüter, Donna Florinde, meinen, alle Menschen wären gerade so, wie sie ihr Wunsch und ihre Einfalt gern haben möchte. Was Don Camillos Recht betrifft – aber nichts weiter! –, du willst es so haben, gut, es soll untersucht werden mit der Blindheit, die ja ein Fehler der Gerechtigkeit sein soll.«

»Das Bild meint aber doch nur blind gegen Vorliebe, keineswegs unempfindlich für das Recht.«

»Ich fürchte, in bezug auf diesen Sinn des Wortes könnten unsere Hoffnungen getäuscht werden – allein, wir wollen sehen! Mein Sohn, Donna Violetta, hat doch neuerlich nicht etwa seine schuldige Ehrerbietung versäumt? Man braucht freilich den jungen Menschen nicht zu treiben, daß er meinem Mündel, der schönsten Dame von Venedig, seine Aufwartung mache. Du empfängst ihn doch freundschaftlich wegen der Liebe zu mir?«

Donna Violetta verneigte sich mit Zurückhaltung.

»Die Tür meines Palastes ist dem Signore Giacomo zu jeder schicklichen Zeit offen«, setzte sie gleichgültig hinzu. »Der Sohn meines Vormunds kann mir nur ein ehrenwerter Gast sein.«

»Ich wünschte dem Jungen einige Aufmerksamkeit, und mehr noch, ein wenig von jener hohen Achtung – doch wir leben in einer eifersüchtigen Stadt, Donna Florinde, in einer Stadt, die Vorsicht zur größten Tugend macht. Wenn sich der junge Mensch weniger eifrig zeigt, als ich wünsche, glaubet mir, so geschieht es nur aus Besorgnis, die nicht zu aufmerksam zu machen, die sich um unserer Pflegebefohlenen Schicksale kümmern.«

Beide Damen verbeugten sich und verrieten durch die Art, wie sie ihre Mäntel zusammennahmen, daß sie sich zu entfernen wünschten, und zogen sich nach den üblichen Abschiedsgrüßen in ihr Boot zurück.

Signore Gradenigo ging das Zimmer, in dem er sein Mündel empfangen hatte, mehrere Minuten lang schweigend auf und nieder. Kein Laut war hörbar in dem ganzen weiten Hause, und der leise, vorsichtige Tritt der Bewohner entsprach der Ruhe, die auch draußen in der Stadt herrschte; endlich aber fesselte ein junger Mann, der alle Spuren der Lasterhaftigkeit in seinem Gesicht hatte und durch die Zimmer schlenderte, das Auge des Senators, und er hieß ihn näherkommen.

»Du hast Unglück wie gewöhnlich, Giacomo«, sagte er halb mit dem Tone väterlicher Zuneigung, halb des Vorwurfs. »Donna Violetta war noch vor wenigen Minuten hier, und du warst nicht zugegen. Eine unwürdige Intrige mit der Tochter eines Juweliers oder ein noch schlimmerer Handel mit ihrem Vater hat dir eine Zeit geraubt, die ehrenvoller und vorteilhafter angewendet werden konnte. Ich möchte wissen, Giacomo, ob du die schöne Gelegenheit, die dir meine Vormundschaft bietet, zu deinem Vorteil auch recht benutzest und ob du die Wichtigkeit dessen, worauf ich dringe, mit hinlänglichem Ernste bedenkst?«

»Zweifelt daran nicht, Vater. Wer so sehr Mangel an dem gelitten hat, was Donna Violetta so reichlich besitzt, bedarf nicht eben, daß man ihn treibe in solchen Dingen. Ihr habt mir’s dadurch abgenötigt, daß Ihr Euch weigert, mir so viel zu geben, als ich brauche. Kein Narr in ganz Venedig seufzt lauter unter dem Fenster seiner Gebieterin, als ich der Dame die Wünsche meines Herzens vorbringe – wenn Zeit und Gelegenheit ist und ich bei Laune bin.«

»Du kennst die Gefahr, den Senat aufmerksam zu machen?«

»Habt keine Furcht. Ich mache im stillen und nur allmählich Fortschritte. Weder meinem Gesicht noch meiner Seele ist die Maske so ungewohnt – Dank sei es der Not! Mein Geist war zu sprudelnd, als daß er mich nicht hätte mit der Verstellung vertraut machen sollen.«

»Du sprichst, als ob ich dir die Freiheit entzogen hätte, die man der Jugend deines Standes und Alters vergönnt. Deine Ausschweifungen hab ich beschränken wollen und nicht deinen Geist. Doch mag ich dich jetzt nicht mit Vorwürfen belästigen. Giacomo, du hast in dem Fremden einen Nebenbuhler. Seine Tat in der Giudecca hat ihm die Phantasie des Mädchens gewonnen, und wie edle und feurige Gemüter pflegen, hat sie sich, obgleich von seinen übrigen Verdiensten nichts wissend, doch seinen Charakter mit allen Tugenden ausgeschmückt, die ihr offener Sinn kennt.«

»Ich wollte, sie machte es mit mir so.«

»Bei dir hätte mein Mündel eher zu vergessen, als zu erfinden. Hast du Bedacht genommen, den Rat auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die seiner Erbin droht?«

»Allerdings.«

»Und wie?«

»Auf die einfachste und sicherste Weise – durch den Löwenrachen.«

»Ha! Das ist wahrhaftig ein keckes Unternehmen.«

»Und gelingt, wie alle kecken Unternehmungen, am leichtesten. Fortuna hat diesmal nicht geknickert gegen mich. – Ich hab zum Beweise des Neapolitaners Siegelring beigelegt.«

»Giacomo! Weißt du auch, was du bei deiner Verwegenheit wagst? Ich hoffe doch, du wirst dich nicht durch irgendein Kennzeichen in der Handschrift verraten haben oder durch die Art, wie du dir den Siegelring verschafft hast?«

»Wenn ich deine Ratschläge, Vater, auch in minder wichtigen Angelegenheiten oft in den Wind geschlagen habe, so vergesse ich doch deine Winke über Venedigs Politik nicht. Der Neapolitaner ist angeklagt, und wenn dein Kollegium auf Treu und Glauben hält, wird er verdächtigt, «wenn nicht gar verbannt werden.«

»Daß der Rat der Drei sein Amt verwalten wird, ist nicht zu bezweifeln. Wär ich nur ebenso gewiß, daß dich dabei nicht ein unvorsichtiger Eifer irgendwie bloßstellt.«

Der Sohn starrte den Vater einen Augenblick an und ging dann in die inneren Gemächer des Palastes, wie jemand, der an zweideutiges Handeln zu sehr gewöhnt ist, um eine Sache zweimal zu überlegen. Der Senator blieb zurück. Er ging schweigend auf und ab, augenscheinlich in großer Unruhe. Dann und wann fuhr er mit der Hand über sein Gesicht, wie bei schmerzlichem Nachdenken. Inzwischen stahl sich eine Gestalt durch die lange Reihe der Vorzimmer und blieb an der Türe des Gemachs stehen, in dem sich der Senator befand. Es war ein bejahrter Mann mit gebräuntem Gesicht und dünnem, altersgrauem Haar, in der armseligen und groben Tracht eines Fischers. Aber ein angeborner Adel und ein freies, verständiges Wesen sprachen sich in seinem kühnen Auge und in seinen hervorstechenden Zügen aus, während die entblößten Arme und die nackten Beine, wohlgebaut und muskulös, die Kraft des Mannes eher in ihrem Stillstand als im Abnehmen zeigten. Er stand einige Augenblicke mit abgezogener Mütze in gewohnter Ehrerbietung, aber unbefangen, ehe seine Gegenwart bemerkt wurde.

»Ha, bist du da, Antonio«, rief der Senator, als er ihn sah. »Weshalb kommst du?«

»Signore, mein Herz ist schwer.«

»Hat der Kalender keine Heilige, der Schiffer keinen Schutzpatron? – Der Schirokko hat wohl das Wasser der Bucht gerüttelt, und deine Netze sind ledig. Wart! Du bist mein Milchbruder und sollst nicht Not leiden.«

Der Fischer trat mit Würde zurück. »Signore, wir haben von der Zeit an, da wir unsere Milch von derselben Brust empfingen, bis in unser Alter hier gelebt. Habt Ihr mich je als einen Bettler gekannt?«

»Du pflegst zwar nicht um Geschenke zu bitten, Antonio, aber das Alter bezwingt unseren Stolz wie unsere Kraft. Wenn du nicht um Geld kommst, sage, was du sonst wünscht!«

»Gibt es nicht andere Bedürfnisse als die des Körpers, Signore, und andere Leiden als den Hunger?«

Das Gesicht des Senators verdüsterte sich. Er warf einen stechenden Blick auf seinen Milchbruder und schloß, ehe er antwortete, die Tür, die nach dem äußeren Zimmer führte.

»Deine Worte verkündigen Unzufriedenheit, wie gewöhnlich. Du hast dich gewöhnt, über Maßregeln und Verhältnisse zu sprechen, die über deinen beschränkten Verstand weit hinausgehen, und du weißt, daß dir deine Meinungen schon Tadel zugezogen haben. Die unwissenden Leute des niederen Standes sind im Staate wie Kinder, deren Schuldigkeit es ist, zu gehorchen, und nicht, zu klügeln. – Aber dein Geschäft?«

»Ich bin nicht der Mann, für den Ihr mich haltet, Signore, an Armut und Entbehrung gewöhnt, bin ich mit Wenigem zufrieden. Den Senat ehre ich als meinen Herrn, aber ein Fischer hat so gut Gefühl wie der Doge.«

»Wieder! – Dies dein Gefühl, Antonio, macht allzu hohe Ansprüche. Du bringst es bei jeder Gelegenheit vor, als wäre das die Hauptsorge im Leben.«

»Signore, und ist sie es nicht für mich? Obgleich ich genug an meine eigene Sorge zu denken habe, bleibt mir doch noch Gefühl für die Leiden derer, die mir wert sind. Als Ew. Exellenz‘ Tochter, die junge, schöne Dame, abgerufen ward und zu den Heiligen versammelt, da fühlte ich den Schlag, als wäre mein eigenes Kind gestorben. Und es hat Gott gefallen, wie Ihr wohl wißt, Signore, mich nicht unbekannt zu lassen mit dem Jammer eines solchen Verlustes.«

»Du bist ein wackerer Bursch, Antonio«, versetzte der Senator, heimlich eine Träne aus dem Auge wischend, »ein redlicher und hochherziger Mensch für deinen Stand.«

»Die, von der wir beide unsere erste Nahrung erhielten, Signore, hat mich oft ermahnt, nächst meinen eigenen Verwandten besonders das edle Geschäft zu lieben, zu dessen Erhaltung sie das ihrige getan hat. Ich rechne mir ein natürliches Gefühl nicht zum Verdienste an, denn es ist eine Gabe vom Himmel, um so weniger aber sollte der Staat solche Gefühle leichthin behandeln.«

»Wieder der Staat! – Sage mir dein Geschäft!«

»Ew. Exzellenz kennt meine traurige Lebensgeschichte. Ich brauche Euch nicht zu erzählen, Signore, von den Söhnen, die es Gott gefallen hat, mir zu schenken, noch wie mir sein Ratschluß einen nach dem andern wieder genommen hat.«

»Du hast Kummer erlebt, armer Antonio, ich weiß, daß du viel gelitten hast.«

»Jawohl, Signore! Fünf kräftige, wackere Söhne zu verlieren ist ein Unglück, das einen Stein rühren muß. Aber ich habe gelernt, Gott zu verehren und für alles zu danken.« »Braver Fischer, der Doge selbst könnte dich beneiden um diese Ergebung. Es ist aber oft leichter, den Tod eines Kindes als sein Leben zu ertragen, Antonio!«

»Signore, meine Söhne haben mich nie betrübt als durch ihren Tod. Und auch da«, der alte Mann wandte sich seitwärts, um die Bewegung seines Gesichts zu verbergen, »auch da hab ich gerungen, mir nur allein vorzustellen, wie vielem Kummer, wie vielen Mühen und Leiden sie entnommen sind, um zu einem seligen Zustand überzugehen.«

Signore Gradenigos Lippe bebte, und er ging mit schnelleren Schritten auf und nieder.

»Ich denke doch, Antonio«, sagte er, »ich denke doch, mein wackerer Antonio, daß ich für ihre Seelen habe Messen lesen lassen.«

»Das habt Ihr, Signore, der heilige Antonio gedenkt Eurer Liebe in Eurer letzten Stunde. Ich sagte mit Unrecht, daß die Knaben mich einzig durch ihren Tod betrübt haben. Denn es gibt einen Gram, den kein Reicher kennt, wenn man zu arm ist, um für sein gestorbenes Kind ein Gebet zu bezahlen.«

»Willst du mehr Messen haben? Deinen Kindern soll die Fürsprache der Heiligen nicht fehlen zu ihrer Seelen Seligkeit.«

»Ich danke Euch, Exzellenz, aber ich verlasse mich auf das, was geschehen ist, und noch mehr auf Gottes Barmherzigkeit. Doch mein jetziges Geschäft betrifft Lebende.«

Das Mitgefühl des Senators wurde plötzlich erkaltet, und er horchte mit forschender Miene. »Dein Geschäft?« wiederholte er einsilbig.

»Ist, Euch zu bitten, Signore, daß Ihr mir die Loslassung meines Enkels von den Galeeren auswirkt. Sie haben den Burschen, der erst vierzehn Jahre ist, ergriffen und ihn zum Kriege gegen die Ungläubigen verdammt, ohne an sein zartes Alter zu denken, ohne an das böse Beispiel zu denken, ohne an mein verlassenes Alter zu denken, ohne alles Recht, denn sein Vater ist in der letzten Schlacht gegen die Türken geblieben.«

Als der Fischer seine Rede beschloß, blickte er in die Marmorzüge dessen, zu dem er sprach, sehnsüchtig spähend, ob seine Worte Eindruck gemacht hätten. Aber jene Züge blieben kalt, teilnahmslos, ohne menschliches Mitleid. Die empfindungslose Ausübung einer scheinbaren Staatsklugheit hatte längst in dem Senator bei denjenigen Angelegenheiten, die mit einem in ihm so lebendigen Interesse, als Venedigs Seemacht war, zusammenstießen, alles Gefühl getötet. In dem kleinsten Anlauf gegen so delikate Rücksichten sah er das Unglück einer Neuerung, und die Politik hatte sein Gemüt zu einer unbarmherzigen Härte gewöhnt, wenn es das Recht des heiligen Markus, die Dienste seines Volkes zu fordern galt.

»Ich wollte, du wärest gekommen, mich um Seelenmessen oder um Geld oder um irgend sonst etwas zu bitten, Antonio, nur nicht um dies!« erwiderte er nach einer kleinen Pause. »Du hast, wenn ich nicht irre, den Jungen von seiner Geburt an immer um dich gehabt?«

»Signore, ja, ich hatte diese Freude. Er ward als Waise geboren, und ich hätte ihn gern behalten, bis er tüchtig gewesen wäre, in die Welt zu treten, ausgerüstet mit Redlichkeit und Glauben, um ihn vor Unbill zu behüten. Wär mein eigener tapferer Sohn hier, er würde auch um kein anderes Glück für den Jungen bitten, als ihm den Rat und Beistand nicht zu rauben, den auch ein armer Mann das Recht hat, seinem Fleisch und Blut angedeihen zu lassen!«

»Er fährt nicht schlimmer als andere, und du weißt, daß der Staat eines jeden Armes bedarf.«

»Exzellenz! Als ich in den Palast trat, sah ich Signore Giacomo aus seiner Gondel steigen.«

»Oh, über dich, Gesell! Machst du keinen Unterschied zwischen dem Sohn eines Fischers, zwischen einem, der von Rudern und von Handarbeit lebt, und dem Abkömmling einer alten Familie! Geh, anmaßender Mann, und denke an deinen Stand und an den Unterschied, den Gott zwischen unsere Kinder gesetzt hat.«

»Jawohl, die meinigen haben mir niemals Kummer gemacht als in ihrer Sterbestunde«, sagte der Fischer mit dem Ton eines ernsten Vorwurfs.

Signore Gradenigo fühlte die Schärfe dieses Tadels, der aber der Sache seines rücksichtslosen Milchbruders keineswegs frommte. Er ging sehr aufgeregt im Zimmer einigemal hin und her, bezwang aber seinen Unwillen insoweit, daß er mit der Milde antworten konnte, die seinem Stande geziemte.

»Antonio«, sagte er, »deine verwegene Gesinnung ist mir nicht fremd. Wenn du Seelenmessen für die Toten verlangtest oder Geld für die Lebendigen, du solltest es haben; aber mich um Verwendung beim General der Galeeren bitten, das heißt um etwas bitten, was in so kritischen Zeiten auch dem Sohne des Dogen nicht könnte zugestanden werden, wäre der Doge selbst…«

»… ein Fischer«, fiel Antonio ein, da er bemerkte, daß der Senator stockte, »lebt wohl, Signore! Ich möchte nicht im Groll von meinem Milchbruder scheiden. Mögen die Heiligen Euch segnen. Möget Ihr nie den Schmerz erleben, ein Kind schlimmer als durch den Tod zu verlieren – durch Untergang in Sünde.«

Nachdem Antonio geendigt hatte, verbeugte er sich und ging denselben Weg zurück, den er gekommen war. Der Senator bemerkte sein Weggehen nicht, denn er hatte sich abgewandt, in seinem Innern das Gewicht der Worte fühlend, die der andere in seiner Einfalt gesprochen hatte. Erst nach einer Weile bemerkte er, daß er allein war. Aber ein anderer Fußtritt fesselte alsbald seine Aufmerksamkeit; die Tür ging wieder auf, und ein Diener erschien. Er meldete jemanden, der um eine Privataudienz nachsuchte.

»Laß ihn herein«, sagte der Senator bereitwillig und ordnete seine Züge zu ihrem gewöhnlichen, vorsichtigen und mißtrauischen Ausdruck.

Der Diener entfernte sich, und ein maskierter Mann, in einen Mantel gehüllt, trat schnell ein. Er warf die Hülle über den Arm und nahm die Maske ab. Da zeigten sich die Züge und die Gestalt des gefürchteten Jacopo.

Achtundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Die Weise, in der der Rat der Drei seine offenen Zusammenkünfte hielt, wenn irgend etwas, was die mysteriöse Versammlung anging, offen genannt werden kann, ist bereits erzählt worden. Es waren wieder dieselben Anzüge, Masken und Offizianten der Inquisition wie bei jenem in einem früheren Artikel beschriebenen Auftritte. Nur der Charakter der Richter war ein anderer sowie der des Angeklagten.

Durch eine besondere Einrichtung der Lampe ward das meiste Licht auf den Fleck geworfen, wo der Gefangene stehen sollte, während die Seite des Zimmers, an der die Inquisitoren saßen, in einem Dunkel blieb, das zu ihrem düstern, geheimnisvollen Amte gar wohl stimmte. Ehe sich die Tür öffnete, durch die der Beschuldigte eintreten mußte, hörte man das Klirren der Ketten, ein sicheres Anzeichen, daß der vorliegende Fall als sehr ernstlich angesehen ward. Die Angeln drehten sich, und der Bravo stand vor den unbekannten Männern, die über sein Schicksal zu entscheiden hatten.

Da Jacopo oft vor dem Rat erschienen war, obgleich niemals als Gefangener, so verriet er weder Überraschung noch Bestürzung bei dem finsteren Anblick umher. Sein Gesicht war bleich, aber gefaßt, seine Glieder unbeweglich und seine Miene bescheiden. Als sich das kleine Geräusch gelegt hatte, das bei seinem Eintritt entstand, herrschte in dem Zimmer tiefe Stille.

»Du heißest Jacopo Frontoni?« sagte der Sekretär, der das Mundstück der Drei bei dieser Gelegenheit abgab.

»Ja.«

»Du bist der Sohn eines gewissen Ricardo Frontoni, eines durch Zolldiebstahl berüchtigten Mannes, von dem man glaubt, daß er nach den entfernten Inseln verbannt oder anderweitig bestraft wurde?«

»Signore – oder anderweitig bestraft wurde.«

»Du warst Gondoliere in deiner Jugend?«

»Das war ich.«

»Deine Mutter ist –«

»– tot«, sagte Jacopo, als er bemerkte, daß der andere schwieg, um seine Instruktion anzusehen.

Der tiefe Ton, mit dem er dieses Wort sprach, erregte eine Stille, die der Sekretär erst unterbrach, nachdem er einen Blick hinter sich auf die Richter geworfen hatte.

»Sie war nicht der Teilnahme an dem Verbrechen deines Vaters angeklagt?«

»Und wäre sie es gewesen, Signore, sie ist längst nicht mehr im Bereiche der Macht dieser Republik.«

»Bald nachdem dein Vater das Mißfallen des Staates erregt hatte, gabst du dein Geschäft als Gondoliere auf?«

»Signore, ja.«

»Du bist angeklagt, Jacopo, das Ruder mit dem Stilett vertauscht zu haben.«

»Signore, ja.«

»Die Gerüchte von deinen Bluttaten haben seit mehreren Jahren zugenommen in Venedig, bis in der letzten Zeit keiner mehr eines unzeitigen Todes starb, dessen Ermordung man dir nicht zugeschrieben hätte.«

»Das ist nur zu wahr, Signore Segretario. – Ich wollte, dem wäre nicht so.«

»Die Ohren Seiner Hoheit und die Ratskollegien sind nicht verschlossen geblieben vor diesen Gerüchten, sondern haben sie lange mit dem Ernst einer väterlichen und sorgsamen Regierung erwogen. Wenn sie dich frei herumgehen ließen, so geschah es nur, um nicht den Hermelin der Gerechtigkeit durch ein übereiltes und nicht hinlänglich begründetes Erkenntnis zu beflecken.«

Jacopo neigte sein Haupt und gab keine Antwort. Aber ein Lächeln, so wild und bedeutungsvoll, glitt bei dieser Erklärung über seine Züge, daß der Offiziant des geheimen Tribunals, der als Organ der Mitteilung diente, auf das Papier niederblickte, das er in der Hand hielt, als wollte er tiefer in die Schriften hineinsehen.

»Es ist nunmehr eine ganz besondere und fürchterliche Beschwerde gegen dich beigebracht worden, Jacopo Frontoni«, fuhr der Sekretär fort, »und aus Fürsorge für das Leben seiner Bürger hat der gefürchtete Rat selbst die Sache in die Hand genommen. Hast du einen gewissen Antonio Vecchio, Fischer hier auf unseren Lagunen, gekannt?«

»Ja, Signore, in der letzten Zeit, und ich bedaure, ihn nicht schon früher gekannt zu haben.«

»Du weißt auch, daß sein Körper ersäuft in der Bai gefunden worden?«

Jacopo schauderte und bejahte die Frage nur durch ein Zeichen. Die Wirkung, die diese schweigende Bejahung auf den Jüngsten der Drei hervorbrachte, war unverkennbar, denn er wandte sich zu seinen Kollegen in der Überzeugung, daß dieses Zeichen einem Geständnisse gleichkomme. Die beiden anderen machten zur Erwiderung würdevolle Verneigungen, und damit war die stillschweigende Mitteilung beendet.

»Sein Tod hat Unzufriedenheit unter seinen Kameraden erregt, und die Veranlassung dazu ist ein Gegenstand ernstlicher Untersuchung für den hohen Rat geworden.«

»Der Tod des geringsten Mannes in Venedig muß den Patriziern angelegen sein, Signore.«

»Weißt du, Jacopo, daß du angeklagt bist, ihn ermordet zu haben?«

»Signore, ja.«

»Man sagt, du seiest unter den Gondolieri in der letzten Regatta gewesen und würdest ohne diesen alten Fischer den ersten Preis gewonnen haben.«

»Darin hat das Gerücht nicht gelogen, Signore.«

»Du leugnest also nicht?« rief der Inquirent mit sichtlichem Erstaunen.

»Es ist gewiß, daß ich ohne diesen Fischer gewonnen hätte.«

»Und du hast den Preis gewünscht, Jacopo?«

»Gar sehr, Signore«, erwiderte der Angeklagte mit einem Ausdruck des Gefühls, den er bisher noch nicht gezeigt hatte. »Ich war bei seinen Kameraden ein verachteter Mensch, und doch ist das Ruder mein Stolz gewesen von meiner Kindheit an bis zu jener Stunde.«

Eine Bewegung des dritten Inquisitors verriet wieder dessen Anteil und Erstaunen.

»Gestehst du dein Verbrechen?«

Jacopo lächelte, aber mehr aus Spott als aus einem andern Gefühle.

»Wenn die erlauchten Senatoren hier gegenwärtig ihre Masken abnehmen wollen, so kann ich diese Frage vielleicht mit größerer Zuversicht beantworten«, sagte er.

»Dein Verlangen ist verwegen und außer der Ordnung. Niemand kennt persönlich die Patrizier, die im Staate die letzte Entscheidung haben. Bekennst du dein Verbrechen?«

In diesem Augenblick trat ein Offiziant hastig herein, legte eine Schrift in die Hand des rotgekleideten Inquisitors und entfernte sich. Nach einer kleinen Pause befahl man den Wachen, mit dem Gefangenen abzutreten.

»Hohe Senatoren«, sagte Jacopo, indem er ernst an den Tisch trat, als wollte er den Augenblick benutzen, um durchzusetzen, was er zu fordern im Begriff stand. »Gnade! Verstattet mir, einen Gefangenen unter den Bleidächern zu besuchen! Ich habe wichtige Gründe, dies zu wünschen, und bitte euch als Menschen und Väter, es mir zu erlauben.«

Das lebhafte Interesse der zwei für die eben gebrachte Nachricht, über die sie sich seitwärts besprachen, verhinderte sie, auf sein Gesuch zu achten. Der dritte Inquisitor, Signore Soranzo, war der Lampe näher getreten, begierig, in den Zügen eines so berüchtigten Menschen zu forschen, und staunte seine auffallende Gesichtsbildung an. Gerührt durch den ergreifenden Ton seiner Rede und zum Wohlwollen gestimmt durch die Züge, die er musterte, übernahm er die Verantwortlichkeit, allein den Wunsch des Gefangenen zu gewähren.

»Erfüllt ihm, was er verlangt«, sagte er zu den Hellebardieren, »aber haltet ihn bereit, wieder vorzutreten.«

Jacopo dankte ihm durch einen Blick; aber in Besorgnis, daß die andern noch plötzlich seinem Verlangen in den Weg treten möchten, verließ er eilig das Zimmer.

Der Weg der kleinen Prozession, die sich vom Zimmer des heimlichen Gerichts nach dem Sommeraufenthalt seiner Schlachtopfer begab, bezeichnete auf traurige Weise den Ort und die Regierung.

Er führte durch finstere, verdeckte Korridore, die dem uneingeweihten Auge verborgen waren, während sie nur dünne Wände von den Zimmern des Dogen trennten, die gleich jenem äußern Anstrich des ganzen Staates hinter Pracht und Glanz nichts als Nacktheit und Elend versteckten. Als das Obergeschoß erreicht war, blieb Jacopo stehen und redete seine Führer an: »Wenn ihr Menschen seid, von Gott geschaffen, so nehmt mir, wenn auch nur für einen Augenblick, diese klingenden Ketten ab.«

Die Schließer sahen überrascht einander an, keiner wollte das Liebeswerk auf sich nehmen.

»Ich will«, fuhr der Gefangene fort, »vermutlich zum letztenmal, einen bettlägerigen oder auch schon sterbenden Vater besuchen, und er weiß nichts von meiner Lage, soll er mich in diesem Zustande sehen?«

Mächtig mehr durch Ton und Gebärde als durch Worte, verfehlte diese Anrede ihre Wirkung nicht. Ein Schließer nahm ihm die Ketten ab und hieß ihn hineingehen. Mit vorsichtigem Tritt ging Jacopo, als die Tür geöffnet war, allein in das Zimmer, denn keiner nahm an der Zusammenkunft eines gemeinen Bravo mit seinem Vater so vielen Anteil, daß er sich deshalb hätte der brennenden Hitze dieses Ortes aussetzen wollen. Hinter ihm schloß sich die Tür, und das Gemach wurde dunkel.

Ungeachtet seiner angenommenen Festigkeit blieb Jacopo erschüttert stehen, als sich ihm so plötzlich das stille Elend des unglücklichen Gefangenen veranschaulichte. Ein schweres Atmen ließ ihn den Ort des Strohlagers erraten, denn die Mauern, die auf der Seite des Korridors massiv waren, verhinderten das Eindringen des Lichtes durchaus.

»Vater!« sagte Jacopo sanft. Er erhielt keine Antwort,

»Vater!« wiederholte er lauter.

Das Atmen wurde hörbarer, darauf sprach der Gefangene.

»Die heilige Maria erhört mein Flehen«, sagte er mit schwacher Stimme. »Gott hat dich mir geschickt, mein Sohn, mir die Augen zuzudrücken.«

»Verläßt dich deine Kraft, Vater?«

»Sehr, mein Stündlein ist gekommen – ich hatte gehofft, das Tageslicht wiederzusehen, deine teure Mutter und Schwester zu segnen – Gottes Wille geschehe!«

»Sie beten für uns beide, Vater. Sie sind nicht mehr in der Gewalt des Senats.«

»Jacopo – ich versteh dich nicht!«

»Meine Mutter und meine Schwester sind tot, sind Heilige im Himmel, Vater!«

»Das ist ein plötzlicher Schlag!« sprach der alte Mann leise. »Nun, so scheiden wir zusammen.«

»Sie sind längst tot, Vater.«

»Warum hast du mir das nicht früher gesagt, Jacopo?«

»Hattest du nicht ohnehin des Grams genug? Jetzt, da du im Begriff stehst, zu ihnen zu gehen, wird es dir Freude machen, zu erfahren, daß sie schon lange selig sind.«

»Und du, du wirst allein zurückbleiben – gib mir deine Hand – armer Jacopo.«

Der Bravo griff hin und faßte die schwache Hand seines Vaters. Sie war steif und kalt.

»Jacopo!« fuhr der Gefangene fort, denn sein Geist hielt noch den Körper. »Ich habe dreimal seit einer Stunde gebetet – einmal für meine eigene Seele – einmal für den Frieden deiner Mutter – und endlich auch für dich!«

»Dank, Vater, Dank! Mir tut Fürbitte not!«

»Knie hin, Jacopo – daß ich Gott noch einmal – bitten möge, deiner zu gedenken.«

»Ich bin neben dir, Vater.«

Der alte Mann hob seinen schwachen Arm empor, und mit einer Stimme, deren Kraft sich neu zu beleben schien, sprach er einen glühenden, feierlichen Segen.

»Der Segen eines sterbenden Vaters wird deine Tage versüßen, Jacopo«, sagte er nach einer Pause, »und deinen letzten Augenblicken Frieden geben.«

»Das wird er, Vater.«

Ein rauher Ruf von der Türe her unterbrach sie.

»Komm, Jacopo«, sagte einer von den Schließern, »der Rat verlangt dich.«

Jacopo fühlte das krampfhafte Zucken seines Vaters und gab keine Antwort.

»Wollen sie dich nicht – noch ein paar Minuten hierlassen?« stammelte der alte Mann. »Ich werde dich nicht lange mehr aufhalten.«

Die Tür ging auf, und ein Strahl der Lampe fiel auf die Gruppe im Gemach. Der Schließer war so menschlich, wieder zuzumachen und alles im Dunkel zu lassen. Jacopo gewann durch dies Streiflicht einen letzten Blick in seines Vaters Gesicht. Der Tod hauste darin entsetzlich, aber die Augen waren in unaussprechlicher Liebe dem Sohne zugekehrt.

»Das ist ein barmherziger Mann – er will dich nicht aussperren«, sagte der Vater leise.

»Sie können dich nicht allein sterben lassen, Vater.«

»Sohn, mein Gott ist bei mir – doch hätte ich dich freilich gern neben mir – hast du nicht gesagt – deine Mutter und deine Schwester sind tot?«

»Tot.«

»Deine junge Schwester auch?«

»Alle beide, Vater. Sie sind Heilige im Himmel.«

Der alte Mann atmete schwer, und es ward stille. Jacopo fühlte die Bewegung einer Hand im Dunkeln, als suchte sie ihn, er ergriff sie und legte sie in Ehrfurcht auf sein eigenes Haupt.

»Gott segne dich, Jacopo!« flüsterte eine Stimme, die der aufgeregten Einbildungskraft des Bravo aus der Luft herabzuschweben schien. Den feierlichen Worten folgte ein bebendes Seufzen. Jacopo barg sein Gesicht im Bettuch und betete. Darauf ward tiefe Stille.

»Vater«, fragte er, zitternd vor seiner eigenen gedämpften Stimme.

Keine Antwort. Er streckte die Hand aus und berührte das Gesicht eines Leichnams. Mit einer Gewalt, die an Verzweiflung grenzte, beugte er abermals seinen Kopf nieder und betete inbrünstig für den Toten.

Als sich die Tür der Zelle öffnete, erschien Jacopo vor den Schließern mit einer Würde der Haltung, die nur wirklichem Charakter eigen ist, und jetzt noch erhöht war durch die eben erlebten Augenblicke. Er bot seine Arme dar und stand unbeweglich, als sie ihm die Fesseln wieder anlegten. Darauf gingen sie miteinander nach dem geheimen Zimmer, und es währte nicht lange, so standen alle wie vorher vor dem Rate der Drei.

»Jacopo Frontoni«, nahm der Sekretär das Wort, »du bist noch einer andern schwarzen Tat verdächtig, die ganz kürzlich in unserer Stadt begangen worden. Hast du einen edeln Kalabrier gekannt, der auf die Senatorwürde Anspruch machte und sich lange hier in Venedig aufhielt?«

»Ja, Signore.«

»Hast du mit ihm zu tun gehabt?«

»Ja, Signore.«

Eine Bewegung unter den Zuhörern verriet den Anteil, den alle nahmen.

»Weißt du, wo Don Camillo Monforte sich gegenwärtig befindet?«

Jacopo zauderte. Er kannte die Mittel, die dem Senat zu Gebote standen, um sich von allem in Kenntnis zu setzen, so gut, daß er in Zweifel geriet, inwiefern es rätlich wäre, seinen Anteil an der Flucht der Liebenden zu leugnen. Außerdem hatte sich in diesem Augenblick ein tiefes, heiliges Gefühl für Wahrheit in seinem Gemüte eingedrückt.

»Kannst du Auskunft geben, warum der junge Herzog nicht in seinem Palaste gefunden wird?« wiederholte der Sekretär.

»Illustrissimo, er hat Venedig für immer verlassen!«

»Woher weißt du das? Hat er einen gemeinen Bravo zu seinem Vertrauten gemacht?«

Ein Lächeln voll überlegenen Selbstbewußtseins blitzte über Jacopos Züge und veranlaßte den wohlunterrichteten Agenten des geheimen Tribunals, tief in seine Papiere hineinzublicken, gleich einem, der sich getroffen fühlt.

»Bist du sein Vertrauter? Ich frage noch einmal.«

»Signore, in dieser Sache, ja! Ich habe die Versicherung aus Don Camillo Monfortes eigenem Munde, daß er nicht wiederkommen wird.«

»Das ist unmöglich, da er somit all seine schönen Hoffnungen und glänzenden Güter aufopfern würde.«

»Er tröstet sich mit dem Ersatze, Signore, den ihm die Liebe der jungen Tiepolo und deren Reichtümer bieten.«

Abermalige Bewegung unter den Dreien, die alle ihre Geübtheit in der Selbstbeherrschung und die mechanische Gravität ihres geheimnisvollen Amtes nicht zurückzuhalten vermochte.

»Die Schließer sollen sich entfernen«, sagte der Inquisitor im Scharlachkleide. Sobald der Gefangene mit den Dreien und ihrem immerwährenden Sekretär allein war, ging das Verhör fort, und selbst die Senatoren, im Vertrauen auf ihre Masken und einige Verstellung der Stimme, sprachen gelegentlich mit.

»Es ist ein wichtiger Aufschluß, den du uns gegeben hast, Jacopo!« fuhr der im roten Kleide fort. »Es kann noch dein Leben retten, wenn du klug genug bist, die Gelegenheit zu benutzen.«

»Was wünschen Ew. Exzellenz von mir? Offenbar hat der Rat Kenntnis von Don Camillos Flucht, und ich kann nicht glauben, daß Augen, die sich so selten schließen, die Erbin von Tiepolo noch nicht vermißt haben sollten.«

»Beides ist wahr, Jacopo. Aber was weißt du von den Mitteln zur Flucht? Bedenke, daß dein eigenes Schicksal von der Gunst abhängt, die du dir bei dem Rate erwirbst.«

Der Gefangene ließ wieder einen von jenen erstarrenden Blicken über sein Gesicht leuchten, vor dem seine Richter jedesmal niedersahen.

»An Mitteln zur Flucht kann es einem kühnen Liebhaber nicht fehlen, Signore«, erwiderte er. »Don Camillo ist reich und konnte tausend Diener in Bewegung setzen, wenn es nötig war.«

»Du suchst auszuweichen. Es ist dein eigener Nachteil, wenn du den Rat zum besten hast! Welche Diener benutzte er?«

»Er hatte eine ihm ergebene Dienerschaft, Exzellenz – viele dreiste Gondolieri und Leute aller Art.«

»Von diesen wollten wir nichts wissen. Er ist durch andere Mittel entkommen, oder bist du denn überhaupt ganz sicher, daß er entkommen ist?«

»Signore, ist er noch in Venedig?«

»Danach fragen wir dich eben. Hier ist eine Anklage im Löwenrachen gefunden worden, die dich zeiht, ihn ermordet zu haben!«

»Und Donna Violetta auch, Exzellenza?«

»Von ihr haben wir nichts gehört. Was erwiderst du auf diese Anklage?«

»Signore, warum sollte ich meine eigenen Geheimnisse verraten?«

»Ha, bist du doppelzüngig und treulos? Besinne dich, daß wir einen Gefangenen unter den Bleidächern haben, der dir die Wahrheit wohl abpressen kann!«

Jacopo richtete sich zu einer solchen Höhe auf, als man sich nur vorstellen kann, um die Erhebung eines freien Geistes auszudrücken. Sein Auge aber war dennoch traurig und seine Stimme, trotz der Anstrengung, sie zum Gegenteil zu zwingen, schwermütig.

»Senatoren«, sagte er, »euer Gefangener unter den Bleidächern ist frei.«

»Was! Du scherzest noch in deiner Verzweiflung!«

»Ich spreche wahr. Die so lang verzögerte Befreiung ist endlich gekommen.«

»Dein Vater –«

»– ist tot«, fiel Jacopo mit feierlichem Tone ein.

Die beiden älteren Mitglieder des Rates sahen einander überrascht an, während ihr jüngerer Kollege mit der Teilnahme zuhörte, die ein Neuling in geheimen und verwickelten Geschäften zu haben pflegt. Die ersteren berieten sich leise und sagten dann dem Signore Soranzo so viel von ihrem Beschluß, als sie in diesem Falle für nötig erachteten.

»Wirst du deine eigene Sicherheit in Erwägung ziehen, Jacopo, und uns eröffnen, was du von der Sache des Neapolitaners weißt?« fuhr der Inquisitor fort, als dieses Zwischenspiel zu Ende war.

Jacopo verriet keine Schwäche bei der Drohung des Senators, aber nach kurzer Überlegung antwortete er mit so viel Freimütigkeit, als er nur im Beichtstuhl an den Tag legen konnte: »Ihr wißt, erlauchter Senator, daß dem Staate daran lag, die Erbin von Tiepolo zu seinem eigenen Vorteile zu verheiraten, daß sie aber der neapolitanische Edelmann liebte und daß sie, wie unter jungen und empfindungsvollen Herzen zu geschehen pflegt, seine Liebe erwiderte in dem Maße, als einem Mädchen ihres Ranges und ihrer Jugend geziemend war. Ist da etwas Erstaunliches in dem Umstande, daß sich zwei Personen von so glänzenden Aussichten bemühten, ihr Unglück abzuwehren? Signori, in der Nacht, da der alte Antonio starb, war ich unter den Gräbern des Lido allein mit meiner Schwermut und meinem bittern Herzen, und mir war das Leben zur Last. Hätte der böse Geist, der damals die Oberhand gewonnen hatte, seine Meisterschaft behauptet, so wäre ich als ein hoffnungsloser Selbstmörder gestorben. Gott sandte aber Don Camillo Monforte, mich zu retten. Dort lernte ich die Wünsche des Neapolitaners kennen und begab mich in seine Dienste. Ich schwur ihm, Senatoren, gewissenhaft zu sein, für seine Sache zu sterben, wenn es nötig wäre, und ihm zu seiner Braut zu verhelfen. Die Verpflichtung hab ich erfüllt. Die glücklichen Liebenden sind jetzt im Kirchenstaate und unter dem mächtigen Schutze des Kardinalsekretärs, der Don Camillos Mutterbruder ist.«

»Narr, warum hast du das getan? Hast du nicht an dich selbst gedacht?«

»Sehr wenig, Exzellenz. Ich dachte mehr an die Wonne, mein Leid in eine menschliche Brust ausschütten zu können, als an Euer hohes Mißvergnügen. Seit Jahren hab ich keinen so süßen Augenblick gehabt, als da ich den Herzog von Sant‘ Agata seine schöne und vor Freuden weinende Braut an sein Herz drücken sah.«

Die Inquisitoren waren überrascht durch den stillen Enthusiasmus des Bravo, und die Verwunderung verursachte wieder eine Pause. Endlich nahm der Älteste von den Dreien das Verhör wieder auf. »Wirst du uns die Art ihres Entkommens mitteilen, Jacopo?« fragte er. »Bedenke, daß du noch ein Leben zu retten hast.«

»Signore, dieses eine ist kaum der Mühe wert. Aber Euch zu Gefallen soll nichts verschwiegen bleiben.« Jacopo erzählte nun einfach und ungeschminkt die Mittel, die Don Camillo zur Bewerkstelligung seiner Flucht angewendet hatte, die Hoffnungen, die Hindernisse und das endliche Gelingen. Er verheimlichte nichts bei dieser Erzählung als den Ort, wo die Damen auf kurze Zeit eine Zuflucht gefunden hatten, und Gelsominas Namen. Sogar Giacomo Gradenigos Anschlag auf das Leben des Neapolitaners und die Geschäftigkeit des Juden in dieser Sache machte er kund. Keiner hörte den Bericht so aufmerksam an als der junge Ehemann. Unbeschadet seiner öffentlichen Pflichten, klopften seine Pulse, als der Gefangene bei den wechselvollen Schicksalen der Liebenden verweilte, und als endlich ihre Vereinigung erzählt ward, hüpfte sein Herz vor Freuden. Auf der anderen Seite hörten seine erfahrenen Kollegen die Erzählung des Bravo mit berechnender Kälte. Den beiden Senatoren ward auf einmal klar, daß Don Camillo und seine schöne Gefährtin ihrer Macht entronnen waren, und sogleich sahen sie ein, daß man aus der Notwendigkeit eine Tugend machen müsse. Da sie Jacopos nicht weiter bedurften, so ließen sie die Schließer kommen und schickten ihn in sein Gefängnis zurück.

»Es wird geziemend sein, dem Kardinalsekretär ein Glückwunschschreiben wegen der Heirat seines Neffen mit einer so reichen Erbin unserer Stadt zuzusenden«, sagte der Inquisitor von den Zehnen, als sich die Tür hinter den Weggehenden geschlossen hatte. »Wir müssen uns den großen Einfluß des Neapolitaners geneigt halten.«

»Aber wenn er nun auf den Widerstand unseres Staates gegen sein Vorhaben Gewicht legte?« wandte Signore Soranzo ein, schwach genug gegen einen so kühnen Plan.

»So legen wir die Sache allein dem vorigen Rate zur Last. Solche Mißgriffe sind unausbleibliche Folgen des Eigenwillens in einer freien Verfassung, Signore. Das Roß, das im Naturzustande über die Ebene streift, kann nicht gleicherweise gelenkt werden wie das träge Tier, das den Karren zieht. Ihr sitzet heut zum erstenmal unter den Dreien, aber die Erfahrung wird Euch lehren, daß, wie vortrefflich wir auch in der Theorie sind, die Praxis nicht immer gleich vollkommen sein kann. Das ist eine wichtige Sache mit dem jungen Gradenigo, Signori!«

»Ich habe ihn längst als einen Taugenichts gekannt«, versetzte sein älterer Kollege. »Jammerschade, daß solch ein ehrenwerter und edler Patrizier ein so unwürdiges Kind gezeugt hat. Aber weder der Staat noch die Stadt darf Mordanschläge ungeahndet lassen.«

»Oh, kämen sie doch nur seltener vor!« rief Signore Soranzo in aller Aufrichtigkeit.

»Jawohl, jawohl. Es sind einige Winke in unserer geheimen Information, die Jacopos Aussage bestätigen. Auch hat uns lange Erfahrung gelehrt, daß man seinen Berichten vollkommen Glauben beimessen kann.«

»Wie? – Ist denn Jacopo ein Agent der Polizei?«

»Davon mehr bei größerer Muße, Signore Soranzo. Gegenwärtig müssen wir diesen Anschlag gegen das Leben eines unter dem Schutze unserer Gesetze gestandenen Mannes in Erwägung ziehen.«

Nun entspann sich unter den Dreien eine angelegentliche Diskussion über die beiden Verbrecher. Signore Soranzo hatte eine schöne Gelegenheit, seine hochherzige Gesinnung geltend zu machen. Er war zwar ein Verwandter des Hauses Gradenigo, nahm aber doch keinen Anstand, das Betragen des jungen Adligen ernstlich zu rügen. Er begehrte zuerst, daß ein schreckendes Exempel statuiert und der Welt bewiesen würde, daß in Venedig die Geburt nicht zu Verbrechen bevorrechtet. Von dieser Ansicht der Sache ward er jedoch durch seine verschlagenen Kollegen zurückgebracht, die ihn erinnerten, daß die Gesetze zwischen beabsichtigten und begangenen Verbrechen einen Unterschied machten. Von seiner ersten Meinung abgelenkt durch die kältere Erwägung seiner Kollegen, schlug der junge Inquisitor vor, die Sache zur Entscheidung den gewöhnlichen Gerichten zu übergeben. Es fehlte nicht an Beispielen, daß die venezianische Aristokratie einen aus ihrer eigenen Mitte dem Scheine der Gerechtigkeit zum Opfer gebracht hatte, denn solche Fälle, mit Klugheit geleitet, vergrößerten ihre eigene Macht nur, statt sie zu schwächen! Allein, das vorliegende Verbrechen war ein zu gewöhnliches, als daß es sich verlohnt hätte, so überschwenglich freigebig in Aufopferung eigener Gerechtsame zu sein, und die alten Inquisitoren widersetzten sich dem Verlangen ihres jüngeren Kollegen mit scheinbar sehr guten Gründen und einem Anstrich von Rechtmäßigkeit. Es blieb endlich dabei, daß sie selber die Sache entscheiden müßten.

Die nächste Frage war, welche Strafe zuerkannt werden sollte. Der verschmitzte Senior des Rates brachte eine Verbannung auf einige Monate in Vorschlag, denn Giacomo Gradenigo hatte schon sonst in mehr als einer Hinsicht den Zorn der Regierung verdient. Signore Soranzo widersetzte sich dieser Strafe mit dem Feuer eines unverderbten edeln Herzens. Er trug endlich den Sieg davon, indem seine schlauen Amtsgenossen besonders hervorhoben, daß sie seinen Argumenten nachgäben. Das Resultat des ganzen Manövers war, daß der junge Gradenigo auf zehn Jahre in die Provinzen verwiesen, Hosea aber auf Lebenszeit verbannt ward. Hierbei mußte der Jude froh sein, noch mit so blauem Auge davonzukommen.

»Wir dürfen diese Entscheidung und deren Veranlassung nicht geheimhalten«, bemerkte der Inquisitor von den Zehnen, sobald die Sache beendet war. »Es ist kein Nachteil für den Staat, wenn bekannt wird, wie er die Gerechtigkeit handhabt.«

»Und wenn sie wirklich geübt wird, will ich hoffen«, entgegnete Signore Soranzo. »Da aber unsere heutigen Geschäfte beendigt sind, beliebt es den Herren, daß wir nach Hause zurückkehren?«

»Vorher haben wir noch die Sache des Jacopo abzumachen.«

»Den mögen wir doch immerhin den ordentlichen Tribunalen überlassen!«

»Wie Euch beliebt. Ist es so Eure Meinung, Signori?«

Die beiden andern stimmten durch Verbeugungen bei, und man schickte sich zur Heimkehr an.

Bevor aber die beiden älteren Mitglieder des Rates den Palast verließen, hielten sie miteinander eine lange und geheime Konferenz ab, deren Resultat eine Privatinstruktion für den Kriminalrichter war. Dann gingen sie in vollkommener Gewissensruhe nach Hause. Auch Signore Soranzo begab sich nach seiner prächtigen und beglückten Wohnung. Zum erstenmal in seinem Leben betrat er sie mit einem Mißtrauen in sich selbst. Ohne zu wissen, wodurch, fühlte er sich verstimmt, denn der erste Schritt war getan auf jenem verschlungenen und verderblichen Wege, der unfehlbar zur Vernichtung aller edeln und reinen Gesinnungen führt und nur durch die Sophistereien und Täuschungen der Selbstsucht unterhalten werden kann.

Neunundzwanzigstes Kapitel

Neunundzwanzigstes Kapitel

Am folgenden Morgen wurde Antonio bestattet. Die Agenten der Polizei gebrauchten die Vorsicht, in der Stadt auszubreiten, daß der Senat diese Ehre dem Andenken des alten Fischers erweise wegen seines Sieges in der Regatta und als eine Art von Ersatz für seinen unverschuldeten und geheimnisvollen Tod. Alle Lagunenmänner versammelten sich zur festgesetzten Stunde auf dem Platze, in anständiger Kleidung, sich geschmeichelt fühlend durch die ihrem Stande erwiesene Ehre und mehr als zur Hälfte geneigt, allen früheren Groll vor der gegenwärtigen Gunst zu vergessen. So leicht wird es denen, die durch die Geburt oder das mittels künstlicher Organisation herbeigeführte Vorurteil höher gestellt sind als ihre Mitmenschen, so leicht wird es ihnen, durch ein wenig Herablassung ihr wirkliches Unrecht vergessen zu machen.

Noch immer wurden vor dem Altar des heiligen Markus Messen gelesen für die Seele des alten Antonio. Voran war unter den Priestern der gute Karmeliter, der nicht an Müdigkeit noch Hunger dachte, in der frommen Begier, die Dienste der Kirche zum Besten eines Mannes zu verrichten, von dessen Schicksal man fast sagen kann, daß er Augenzeuge gewesen. Doch blieb sein Eifer in diesem Augenblicke der Aufregung aller unbemerkt, nur nicht denen, deren Geschäft es war, jedes auffallendere Benehmen, jeden ungewöhnlichen Umstand argwöhnisch zu belauern. Als sich der Karmeliter endlich vom Altar entfernte, kurz ehe die Leiche weggetragen wurde, fühlte er sich leise am Ärmel seines Kleides fortgezogen. Er folgte der Bewegung und befand sich alsbald zwischen den Säulen der dunklen Kirche einsam einem Fremden gegenüber.

»Vater, du hast manchem Sterbenden die Absolution erteilt!« sagte der andere mehr mit zuversichtlichem, als mit fragendem Tone.

»Es ist die Pflicht meines heiligen Amtes, mein Sohn.«

»Der Staat wird deine Dienste anerkennen. Man wird deiner bedürfen, sobald die Leiche dieses Fischers beerdigt ist.«

Der Mönch schauderte, aber sich verbeugend, senkte er sein bleiches Antlitz zum Zeichen, daß er bereit sei, seine Pflicht zu erfüllen. In diesem Augenblick ward der Leichnam aufgehoben, und die Prozession begab sich hinaus auf die Piazza. Zuerst gingen wie gewöhnlich die Laienbrüder der Kathedrale. Dann folgten andere, die ihre erforderlichen Gebete absangen. Unter ihnen nahm der Karmeliter eilig seinen Platz. Hierauf kam die Leiche, aber nicht in einem Sarge, denn diesen Luxus bei der Beerdigung kannten die Leute aus dem Stande des alten Antonio nicht. Die Leiche war mit den Feiertagskleidern eines Fischers angetan. Hände und Füße waren nackt, ein Kreuz lag auf der Brust; die grauen Haare flatterten im Winde, und das Gespenstische des Todes war furchtbar gehoben durch einen an den Mund gelegten Blumenstrauß. Die Bahre war reich an Vergoldung und Schnitzwerk, wiederum ein trübes Zeichen, wie töricht das Sterben, wie falsch die Richtung menschlicher Eitelkeit ist.

Diesem eigentümlichen Aufzuge folgte ein Knabe, dessen braune Farbe, halbnackter Körper und dunkles, unstetes Auge ihn als das Enkelkind des Fischers kenntlich machten. Venedig verstand wohl zur rechten Zeit mit Anstand nachzugeben, und der Knabe war ohne weiteres von den Galeeren freigelassen worden, aus Mitleid, wie man hersagte, mit dem vorzeitigen Tode seines Großvaters. Der aufstrebende Blick, der kühne Geist und die strenge Redlichkeit Antonios sprachen sich auch schon in dem Benehmen des Knaben aus, aber diese charakteristischen Züge wurden verschleiert durch einen Anstrich von Kummer, und wie auch bei dem, dessen Leichenzuge er folgte, der Fall gewesen, ein wenig getrübt durch das harte Schicksal, das ihm zuteil geworden war. Von Zeit zu Zeit hob sich die Brust des gefühlvollen Knaben, während sie über den Kai zogen, dem Arsenal zu, und bisweilen bebten seine Lippen, daß der Schmerz seine männliche Kraft zu überwältigen drohte. Keine Träne netzte seine Wangen, bis endlich der Körper seinen Blicken entzogen ward. Da siegte die Natur. Er stahl sich aus dem Kreise, setzte sich beiseite und weinte, wie eben ein Kind in seinem Alter und in seiner Einfalt weint, wenn es sich allein findet auf dem wüsten Pfade durch das Leben.

So endete alles, was sich mit Antonio Vecchio, dem Fischer, begab, und sein Name ward bald nicht mehr genannt in der geheimnisvollen Stadt, wohl aber auf den Lagunen, wo die Genossen seines Handwerks noch lange seine Geschicklichkeit in Handhabung des Netzes rühmten und seinen Sieg über die besten Ruderleute von Venedig. Sein Enkel lebte und arbeitete gleich andern seines Standes, und wir wollen uns begnügen, von ihm nur noch als Beispiel, wie ganz er die Sinnesweise seines Großvaters geerbt hatte, dies anzuführen, daß er es vermied, sich in die Menge zu mischen, die einige Stunden später aus Neugier und Rachlust nach der Piazetta zog.

Vater Anselmo kehrte in einem Boote nach den Kanälen zurück und landete auf dem Kai des kleineren Platzes mit der Hoffnung, jetzt die aufsuchen zu dürfen, an denen er so lebhaften Anteil nahm und von deren Schicksal er nichts weiter erfahren hatte. Aber nein. Der Mann, der ihn in der Kathedrale angeredet hatte, stand dort, ihn offenbar erwartend, und da der Karmeliter wußte, daß seine Weigerung ebenso fruchtlos als gefährlich sein würde, weil der Staat mit im Spiele war, so ließ er sich führen, wohin jenem beliebte. Die beiden gelangten auf einem Umwege in das Gefängnis. Hier wies man den Priester in das Zimmer des Hauswarts und hieß ihn die weiteren Aufträge seines Führers erwarten.

Unsere Geschichte führt uns jetzt in Jacopos Zelle. Von dem Versammlungszimmer der Drei war er in sein düsteres Gemach zurückgeführt worden, wo er die Nacht zubrachte. Mit anbrechendem Tage ward der Bravo vor die gestellt, die dem Scheine nach beauftragt waren, Recht über ihn zu sprechen. Wir sagen: dem Scheine nach, weil Gerechtigkeit in einem Lande nicht herrschen kann, in dem die Regierenden durchaus ganz andere Interessen haben als die Regierten, weil bei einem solchen System immer, wenn das Übergewicht der bestehenden Autoritäten ins Spiel kommt, der Trieb der Selbsterhaltung so gewiß auf ihre Entscheidung Einfluß haben wird, als er den Menschen überhaupt treibt, Gefahren zu fliehen.

Wie im vorigen schon angedeutet worden, hatten die, die über Jacopo zu Gericht saßen, ihre Instruktionen, und das Verhör, das er ausstand, war eher ein dem äußern Schein gebrachtes Opfer als eine Huldigung der Gesetze. Alle Anklagepunkte wurden gehörig beigebracht, Zeugen wurden verhört, oder doch angeblich verhört, und man sorgte dafür, das Gerücht in der Stadt zu verbreiten, daß sich die Tribunale endlich damit beschäftigen, nunmehr die Sache des merkwürdigen Menschen zu entscheiden, der so lange seine blutigen Taten selbst mitten in der Stadt ungestraft verübt hatte. Während des Morgens waren die leichtgläubigen Handelsleute sehr emsig, einander die Untaten zu erzählen, die im Laufe der letzten drei oder vier Jahre verübt und ihm zur Last gelegt worden. Einer sprach von der Leiche eines Ausländers, die in der Nähe der Spielhäuser, wohin die Fremden zu gehen pflegen, gefunden worden war. Ein anderer erzählte von dem jungen Adeligen, der sogar auf dem Rialto erschlagen ward, und ein dritter wußte ausführlich von einem Morde zu sagen, der eine Mutter ihres Sohnes und eine junge Patrizierin ihres Anbeters beraubte. Indem so einer nach dem andern seinen Beitrag zollte, rechnete ein Häuflein, das auf dem Kai beisammen stand, nicht weniger als fünfundzwanzig Mordtaten zusammen, die Jacopo verübt haben sollte, wobei die rachsüchtige und zwecklose Ermordung des Mannes, den man eben bestattet hatte, noch nicht einmal mitgezählt war. Zum Glück vielleicht für seine Gemütsruhe wußte der, über den sich diese Gerüchte verbreiteten, nichts von ihnen und von den Verwünschungen in ihrem Gefolge. Vor seinen Richtern ließ er sich auf keinerlei Verteidigung ein und verweigerte standhaft die Beantwortung ihrer Fragen.

»Ihr Herren wisset, was ich getan habe«, sagte er stolz. »Und was ich nicht getan habe, wißt Ihr auch. Sorget Ihr nur für das, was Euch selber betrifft.«

Als er wieder in seinem Kerker war, begehrte er Speise und aß ruhig, aber wenig. Jedes Werkzeug, womit er sich möglicherweise selbst töten konnte, wurde hierauf entfernt, seine Ketten wurden zum letztenmal sorgfältig untersucht, und sodann überließ man ihn seinen Gedanken. So blieb er eine Zeitlang, da ließen sich Fußtritte vernehmen, die seiner Zelle näher kamen. Die Schlösser wurden gedreht, und die Tür ging auf. Zwischen ihm und dem Lichte erschien nunmehr die Gestalt eines Priesters. Dieser trug eine Lampe, die er, sobald die Tür hinter ihm wieder verschlossen war, auf das Brettchen stellte, worauf des Gefangenen Brot und Wasserkrug standen.

Jacopo empfing seinen Gast ruhig und mit der tiefen Ehrfurcht eines der Kirche ergebenen Mannes. Er stand auf, bekreuzigte sich und ging ihm so weit zum Empfange entgegen, als es die Ketten erlaubten.

»Sei mir willkommen, Vater«, sprach er, »ich sehe, daß mich die Ratsherren zwar von der Erde, aber doch nicht aus dem Himmel verdrängen wollen.«

»Das ginge über ihre Macht hinaus, mein Sohn. Der für sie gestorben ist, hat auch für dich sein Blut vergossen, wofern du seine Gnade nicht von dir weisest. Aber – der Himmel weiß, wie ungern ich so rede – ein Sünder, wie du bist, Jacopo, kann an keine Hoffnung denken ohne eine tiefe und herzliche Reue.«

»Kann das irgend jemand, Vater?«

Der Karmeliter staunte, denn die Schärfe der Frage und der ruhige Ton des Sprechers waren von gewaltiger Wirkung bei einer solchen Zusammenkunft.

»Jacopo, du bist nicht, wofür ich dich hielt!« erwiderte er. »Deine Seele ist nicht ganz verfinstert, und du mußt trotz deiner Verbrechen ein lebendiges Bewußtsein von deren Sündhaftigkeit in dir tragen.«

»Das ist, fürcht ich, wahr, ehrwürdiger Mönch!«

»Ihr Gewicht muß dir fühlbar sein in der Bitterkeit des Schmerzes – in –« Vater Anselmo hielt inne, denn ein Schluchzen ließ sich hören, das bewies, daß sie nicht allein waren. Der Mönch trat überrascht ein wenig zur Seite, und die zitternde Gelsomina, die durch die Gunst der Schließer mit hereingekommen war und sich hinter dem Gewande des Karmeliters versteckt hatte, wurde sichtbar. Jacopo stöhnte, als er sie erblickte, und lehnte sich mit abgewandtem Gesichte gegen die Mauer.

»Meine Tochter, was willst du hier – und wer bist du?« fragte der Mönch.

»Die Tochter des Oberschließers«, sagte Jacopo, da er bemerkte, daß sie nicht zu antworten vermochte, »ich habe sie bei meinen mancherlei Geschäften im Gefängnisse kennengelernt.«

Vater Anselmo sah die beiden abwechselnd an. Seine Miene war anfangs streng, milderte sich dann und wurde endlich ganz teilnehmend, als er ihren beiderseitigen Kampf bemerkte.

»Das ist die Folge menschlicher Leidenschaften«, sagte er halb im Tone des Trostes, halb des Vorwurfs. »So sind die Früchte des Verbrechens immer.«

»Vater«, sagte Jacopo ernst. »Mir allein mag dies Wort gelten, denn die Engel im Himmel sind nicht unschuldiger als dies weinende Mädchen.«

»Das höre ich gern. Ich will dir glauben, unglücklicher Mann, und freue mich, daß deine Seele nicht belastet ist mit der Sünde, solch junges Geschöpf verführt zu haben.«

Die Brust des Gefangenen hob sich, und Gelsomina schauderte.

»Warum hast du deiner Schwachheit nachgegeben und bist in den Kerker gekommen?« fragte der Karmeliter das Mädchen, indem er sich zwang, eine tadelnde Miene anzunehmen, der jedoch das Gefühl und die Milde seines Tones widersprachen. »Hast du den Charakter des Mannes gekannt, den du liebtest?«

»Heilige Maria!« schrie das Mädchen. »Nein – nein – nein!«

»Nun, so bist du jetzt, da du die Wahrheit erfahren hast, gewiß nicht mehr das Opfer törichter Einbildungen.«

Gelsominas Blick war verwirrt, obgleich Angst jeden andern Ausdruck verdrängte. Sie senkte den Kopf vor Scham und Schmerz und schwieg stille.

»Ich weiß nicht, Kinder, wozu diese Zusammenkunft dienen soll«, fuhr der Mönch fort. »Ich bin hergeschickt, die letzte Beichte eines Bravo anzuhören, und du, die du gewiß so viele Ursache hast, sein betrügliches Handeln zu verdammen, kannst nicht wünschen, seine einzelnen Taten mit anzuhören.«

»Es wird besser sein, Vater, daß sie mich für das abscheulichste Ungeheuer halte, das ihre Phantasie nur ersinnen kann«, sagte Jacopo mit fast erstickender Stimme. »So wird sie sich gewöhnen, mein Andenken zu hassen.«

Gelsomina erwiderte nichts, gab jedoch verneinende Zeichen mit der Gebärde des Wahnsinns.

»Das Herz des armen Kindes ist gar schmerzlich berührt«, sagte der Karmeliter teilnehmend. »Wir müssen eine so zarte Blume schonend behandeln. Höre mich an, meine Tochter, und laß deine Vernunft über deine Schwachheit Herrin werden.«

»Fragen Sie sie nicht, Vater! Lassen Sie sie mich verfluchen und gehen.«

»Carlo!« schrie Gelsomina auf.

Eine lange Pause folge. Der Mönch sah, daß seine Kunst hier nichts gegen die Leidenschaft vermochte und daß die Sache der Zeit überlassen bleiben müsse; der Gefangene seinerseits bestand einen härteren Kampf in sich, als ihm sein Schicksal bisher jemals auferlegt hatte. Das unaustilgbare Sehnen nach der Welt siegte endlich, und er brach das Schweigen.

»Vater«, sagte er feierlich und würdevoll, indem er so weit vortrat, als es seine Kette zuließ. »Ich hatte gehofft, ich hatte Gott gebeten, daß sich dies unschuldige Geschöpf von ihrer Liebe mit Schaudern abwenden möchte, wenn sie erführe, daß ihr Geliebter ein Bravo sei. – Aber ich habe dem weiblichen Herzen unrecht getan! – Sage mir, Gelsomina, und so lieb dir deine Seligkeit ist, täusche mich nicht – kannst du mich ansehen ohne Abscheu?«

Gelsomina zitterte, aber sie schlug die Augen auf und lächelte ihn an, wie das weinende Kind den zärtlich ernsten Blick der Mutter erwidert. Dies Lächeln wirkte so mächtig auf Jacopo, daß von dem Beben seines kräftigen Körpers der verwunderte Karmeliter die Ketten rasseln hörte.

»Genug«, sagte er und suchte Fassung zu erzwingen. »Gelsomina, du sollst meine Beichte hören. Du hast so lange das eine große Geheimnis besessen – es soll dir auch kein anderes verborgen bleiben.«

»Antonio!« ächzte das Mädchen. – »Carlo, Carlo! Was hatte jener alte Fischer dir getan, daß du ihm nach dem Leben trachtetest?«

»Antonio?« wiederholte der Mönch. »Hat man dir seinen Tod zur Last gelegt?«

»Um dieses Verbrechens willen bin ich zum Tode verurteilt.«

Der Karmeliter sank auf den Stuhl des Gefangenen und saß ohne Regung, den Blick mit Entsetzen von dem Gesichte des bewegungslosen Jacopo zur zitternden Gelsomina lenkend. Die Wahrheit fing an zu tagen in seiner Seele, obgleich sie sich noch nicht ganz aus dem venezianischen Truggewebe herauszuwinden vermochte.

»Hier herrscht ein fürchterlicher Irrtum«, sagte er leise. »Ich will zu deinen Richtern eilen, sie zu enttäuschen.«

Der Gefangene lächelte ruhig und streckte die Hand aus, um der Hastigkeit des einfachen Karmeliters Einhalt zu tun.

»Es wird nichts helfen«, sagte er. »Die Drei belieben einmal, mich für den Tod des alten Antonio büßen zu lassen.«

»So wirst du ungerechterweise sterben! Ich war Zeuge, daß er durch andere Hände fiel.«

»Vater!« schrie Gelsomina. »Oh, wiederhole dies Wort – sage, daß Carlo diese grausame Tat nicht kann getan haben!«

»An diesem Morde wenigstens ist er unschuldig.«

»Gelsomina«, sagte Jacopo und versuchte seine Arme nach ihr auszustrecken, indem sein volles Herz überströmte, »und an jedem andern auch.«

Ein wilder Schrei des Entzückens von den Lippen des Mädchens, und im nächsten Augenblick lag sie besinnungslos an seiner Brust.

Der Karmeliter überließ die beiden fast eine Stunde lang ungestört ihrem Schmerz und ihrer stillen Seligkeit, dann setzte er sich auf den Stuhl, und vor ihm knieten Jacopo und Gelsomina hin. Jacopo sprach angelegentlich, während seine Zuhörer jede Silbe haschten, die von seinen Lippen kam, mehr aus Freude an seiner Unschuld als aus Neugier.

»Ich habe Euch erzählt, Vater«, fuhr der Gefangene fort, »wie eine falsche Anklage, daß mein Vater die Zollgesetze übertreten habe, diesem unglücklichen Mann den Unwillen des Senats zuzog, weshalb man ihn viele Jahre lang in einem dieser verfluchten Löcher unschuldig eingesperrt hielt, während wir ihn auf die Inseln verbannt glaubten. Endlich gelang es uns, dem Rate Beweise vorzulegen, die hinreichend waren, die Patrizier ihrer Ungerechtigkeit zu überführen. Ich fürchte, daß die, die da annehmen, die Gewalt auf dieser Erde werde von Auserwählten geübt, wenig geneigt sein mögen, deren Fehlbarkeit zuzugeben, weil dies den Irrtum ihrer Annahme beweisen müßte. Der Rat schob es lange auf, uns Gerechtigkeit zu gewähren – so lange, daß meine arme Mutter endlich ihren Leiden erlag. Meine Schwester, ein Mädchen in Gelsominas Jahren, folgte ihr bald nach – denn die Regierung gab, zum Beweise gedrängt, keinen andern Grund an als den Verdacht, daß der Geliebte meiner Schwester des Verbrechens schuldig sein möchte, um das mein Vater verschmachtete.«

»Und haben sie sich geweigert, ihre Ungerechtigkeit wieder gutzumachen?« rief der Karmeliter.

»Sie konnten es nicht, Vater, ohne öffentlich den Ruf ihrer Unfehlbarkeit zu gefährden.«

»Das mag wahr sein, mein Sohn. Wenn eine Verfassung auf falschen Grundsätzen beruht, so kann sie natürlich nur durch Lug und Trug erhalten werden. Gott wird diese Sache anders ansehen!«

»Sonst wäre auch kein Trost in der Welt, Vater. Nach jahrelangen Bitten und Verwenden erhielt ich, nachdem man mir einen feierlichen Eid abgenommen hatte, Zutritt zum Gefängnis meines Vaters. Ich fühlte mich glücklich, daß ich für seine Bedürfnisse sorgen, seine Stimme hören, vor dem Segnenden knien durfte. Gelsomina war damals ein Kind, nahe zur Jungfrau. Mich zu meinem Vater zu führen, gebrauchte man sie, ich wußte nicht weshalb, obgleich es mir später klargeworden ist. Als sie mich genugsam in ihren Schlingen verstrickt glaubten, verleiteten sie mich zu den Mißgriffen, die alle meine Hoffnungen zerstört und mich in diese Lage gebracht haben.«

»Du hast deine Unschuld erwiesen, mein Sohn.«

»Keines Blutvergießens bin ich schuldig, Vater, wohl aber des Frevels, mich zu ihren Kunstgriffen hergegeben zu haben. Ich will Euch nicht die langwierige Geschichte der Mittel, durch die sie mein Gemüt bearbeiteten, hererzählen, frommer Mönch. Man vereidete mich, dem Staate eine Zeitlang als geheimer Agent zu dienen. Der Lohn sollte meines Vaters Freiheit sein. Hätten sie mich mitten aus dem Leben herausgefaßt und während ich Herr meiner Sinne war, nimmer würden sie gesiegt haben, aber da ich täglicher Augenzeuge war von den Leiden dessen, der mir das Leben geschenkt, der mir nunmehr alles war, was ich noch übrig hatte, so waren sie zu mächtig für meine Schwachheit. Sie sprachen mir heimlich von Foltern und Rädern, zeigten mir Gemälde von sterbenden Märtyrern, um mir die Qual begreiflich zu machen, die sie anwenden konnten. Morde fielen häufig vor und machten der Polizei Sorge – kurz, Vater«, Jacopo verbarg sein Gesicht in Gelsominas Gewändern, »ich willigte ein, daß man Gerüchte aussprengte, die die Aufmerksamkeit des Publikums auf mich ziehen mußten. Ich brauche nicht zu sagen, daß, wer sich zu seiner Schande selber herleiht, bald von ihr ereilt werden muß.«

»Wozu ward aber dieser elende Betrug erfunden?«

»Vater, man wandte sich an mich als an einen öffentlichen Bravo, und meine Denunziationen waren dem Rate in vielerlei Beziehung von Nutzen. Wenigstens ist für den Fehltritt, für das Verbrechen, darin ich verfallen bin, ein kleiner Trost, daß ich einige Menschenleben retten konnte.«

»Jetzt verstehe ich, Jacopo. Ich habe gehört, daß Venedig keinen Anstand nimmt, feurige und wackere Männer auf solche Weise zu gebrauchen. Heiliger Markus! Kann solch arger Betrug unter dem Schilde deines gelobten Namens geübt werden!«

»O ja, Vater, und noch ärgerer. Ich hatte mich der Republik auch noch zu anderen Diensten verpflichtet, in deren Ausübung ich denn auch Gewandtheit erlangte. Die Bürger wunderten sich, daß ein Mensch wie ich frei umhergehen durfte, während es die Rachsüchtigen für einen Beweis von Geschicklichkeit hielten. Wenn das Gerücht einmal zu anstößig wurde, so trugen die Drei Sorge, es anderswohin zu lenken, und wenn es ihnen zu schwach schien, so wußten sie es anzufachen. Kurz, drei lange, bittere Jahre hindurch hab ich dies Leben eines Verdammten geführt – nur durch die Hoffnung aufrecht gehalten, daß ich meinen Vater befreien würde, und beglückt durch die Liebe dieses schuldlosen Wesens.«

»Armer Jacopo, wahrlich, du verdienst Mitleid! Ich will in meinem Gebete deiner nicht vergessen.«

»Und du, Gelsomina?«

Die Tochter des Schließers gab keine Antwort. Sie hatte begierig jede Silbe seiner Rede eingesogen, und da nun die ganze Wahrheit in ihrer Seele aufstieg, strahlte ihr Auge mit einem Glanze, der den Anwesenden übernatürlich schien.

»Wenn ich dich nicht überzeugt habe, Gelsomina, daß ich nicht solch elender Mensch bin, als ich schien«, fuhr Jacopo fort, »so wollte ich lieber, ich wäre verstummt.«

Sie streckte eine Hand nach ihm aus, senkte ihr Haupt auf seine Brust und weinte.

»Ich sehe, wie sie dich in Versuchung geführt haben, armer Carlo!« sagte sie sanft. »Ich weiß, wie groß deine Liebe zu deinem Vater war.«

»Vergibst du mir, teure Gelsomina, daß ich deine Unschuld hintergangen habe?«

»Du hast mich ja nicht hintergangen. Ich hab dich für einen Sohn gehalten, der für seinen Vater sterben könnte, und ich finde nun, daß du bist, wofür ich dich hielt.«

Der gute Karmeliter betrachtete diese Szene mit teilnehmenden, nachsichtsvollen Blicken. Tränen netzten seine Wangen.

»Eure Liebe, Kinder«, sagte er, »ist so, daß Engel ihr verzeihen müssen. Hat euer Umgang miteinander lange gedauert?«

»Jahrelang, Vater!«

»Und du, meine Tochter, hast mit Jacopo die Zelle seines Vaters besucht?«

»Ich war immer seine Führerin bei dem frommen Gange, Vater.«

Der Mönch verfiel in tiefes Sinnen. Einige Minuten lang herrschte Schweigen, dann erfüllte er die Obliegenheiten seines heiligen Amtes. Er empfing die Beichte des Gefangenen und erteilte die Absolution mit einem Feuer, das seine innige Teilnahme an dem Schicksale des jungen Paares bewies. Hierauf gab er Gelsomina seine Hand und nahm mit milder Zuversicht in seinen Mienen von Jacopo Abschied.

»Wir verlassen dich«, sagte er, »aber sei mutig, mein Sohn. Ich kann mir nicht denken, daß selbst Venedig vor einer Geschichte, wie die deinige ist, die Ohren verschließen sollte! Vertrau vor allem deinem Gotte – und glaube, daß dies treue Mädchen so wenig als ich einen letzten Versuch zu deiner Rettung versäumen wird.«

Jacopo nahm diese Versicherung hin wie ein Mann, der an Wagnisse gewöhnt ist. Aber in sein Lächeln beim Abschied mischten sich Unglauben und Schwermut. Zugleich aber glänzte darin doch die Freude eines erleichterten Herzens.

Achtzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Die Stunden verflossen, als sei innerhalb der Stadt nichts vorgefallen, um ihren Lauf zu stören. Den folgenden Morgen gingen die Leute, wie seit vielen Jahren, an ihre verschiedenen Geschäfte oder Vergnügen, und keiner hielt inne, um seinen Nachbarn über das zu befragen, was sich etwa während der Nacht ereignet hätte.

Die Diener schlenderten mit mißtrauischen, vorsichtigen Mienen, kaum wagend, sich gegenseitig ihre geheimen Vermutungen über das Schicksal ihrer Gebieterin zuzuflüstern, um das Wassertor von Donna Violettas Palast. Die Residenz Signore Gradenigos zeigte sich in ihrer gewöhnlichen düstern Größe, während die Behausung Don Camillo Monfortes durch kein Zeichen die schmerzlich getäuschte Hoffnung ihres Herrn verriet. Die »Bella Sorrentina« lag noch im Hafen mit ausgebreitetem Segel über dem Verdeck, und das Schiffsvolk beschäftigte sich nach der gewöhnlichen trägen Weise der Seeleute, wenn nichts Dringenderes zu tun ist, mit Segelausbessern.

Die Lagunen waren mit Fischerbooten übersät, und Reisende kamen an und reisten ab auf den wohlbekannten Kanälen von Fusina und Mestre. Hier verließ ein Abenteurer aus dem Norden die Stadt, ihm schwebte das gefällige Bild der mitangesehenen Feierlichkeiten vor, vermischt mit einigen dunkeln Vermutungen über die den beargwöhnten Staat lenkende Gewalt; dort suchte ein Pächter vom Festlande seine kleine Meierei auf, zufriedengestellt durch das Schaugepränge und die Regatta des vorigen Tages. Kurz, alles erschien wie immer, und die Begebenheiten, die wir erzählten, blieben ein Geheimnis der Mitspielenden und des dabei so beteiligten Senats.

Wie der Tag mehr vorrückte, breitete sich manches Segel aus, und Feluken und Galeotten gingen und kamen, je nachdem der Land- oder Seewind vorherrschend war. Noch faulenzte der kalabrische Seefahrer unter dem Zelte, das sein Verdeck beschattete, oder hielt seine Siesta auf einem Haufen alter, von der Gewalt manch eines glühenden Schirokko zerrissener Segeltücher. Als die Sonne tiefer sank, da glitten die Gondeln der Großen und Müßigen über das Wasser, und nachdem die beiden Plätze durch die Luft des Adriatischen Meeres abgekühlt waren, füllte sich der Broglio mit denen, die das Vorrecht genossen, seine gewölbten Gänge zu durchschreiten. Unter ihnen zeigte sich auch der Herzog von Sant‘ Agata, der, obgleich den Gesetzen der Republik ein Fremdling, wegen seiner erlauchten Abkunft und keineswegs unbegründeten Ansprüche von den Senatoren als ein willkommener Teilnehmer dieser leeren Auszeichnung aufgenommen ward. Er trat zur gewohnten Zeit und mit seiner ihm natürlichen Ruhe in den Broglio, denn er verließ sich auf seinen geheimen Einfluß in Rom, ja zum Teil auf den guten Erfolg seiner Nebenbuhler. Nach reiflicher Überlegung schien es ihm nämlich gewiß, daß, wenn sie die Absicht hegten, ihn festzusetzen, dies schon längst geschehen wäre; ebenso glaubte er, daß es, um persönlichen Unannehmlichkeiten zu entgehen, am besten sein würde, Vertrauen auf eigene Macht zu zeigen. Als er daher am Arm eines hohen Beamten der päpstlichen Gesandtschaft erschien und mit Selbstvertrauen um sich blickte, sah er sich wie immer von jedem, der ihn kannte, auf eine seinem Range und seinen Erwartungen angemessene Weise begrüßt. Dennoch wandelte Don Camillo mit neuen Gefühlen unter den Patriziern der Republik umher. Mehr als einmal glaubte er in den schwankenden Blicken derer, mit denen er sich unterhielt, Zeichen ihrer Kenntnis seiner vereitelten Pläne zu entdecken, und mehr als einmal, wenn er es am wenigsten argwöhnte, sah er sich so aufmerksam betrachtet, als suche man seine künftigen Absichten zu ergründen. Außerdem hätte wohl niemand entdeckt, daß eine Erbin von solcher Wichtigkeit beinahe dem Staat entrissen oder daß ein Mann seiner Frau beraubt worden sei. Die große Verstellungskunst des Staates sowie die Entschlossenheit und Vorsicht des jungen Edeln entzogen alles übrige der Beobachtung.

So verging der Tag; keine einzige Zunge außer denen, die im geheimen flüsterten, machte irgendeine Anspielung auf die Begebenheiten unserer Erzählung.

Eben als die Sonne unterging, schwebte eine Gondel langsam dem Wassertore des herzoglichen Palastes zu. Der Gondoliere landete, band wie gewöhnlich sein Boot an den Treppensteinen fest und trat dann in den Hof. Er trug eine Maske, denn schon war die Stunde der Verkleidung gekommen, und sein einfacher Anzug glich so sehr dem von Leuten seines Standes, daß er eben durch seine Einfachheit alles Erkennen vereitelte. Nach einem vorsichtigen Blick um sich her ging er durch eine geheime Tür in das Gebäude.

Der Palast, in dem die Dogen von Venedig residierten, steht noch jetzt als ein düsteres Denkmal venezianischer Politik da und liefert an und für sich schon einen Beweis des zweideutigen Charakters der Fürsten, die es einst bewohnten. Es umgibt einen weiten, doch dunkeln Hof. Die eine seiner Fassaden macht die Seite der schon oft erwähnten Piazetta aus, die andere stößt an den Kai, zunächst dem Hafen. Die Architektur dieser beiden äußeren Fronten erhebt das Gebäude zum Bemerkenswerten. Ein niedriger Bogengang, der den Broglio bildet, unterstützt eine Reihe massiver, orientalischer Fenster, und über diesen zieht sich wieder eine mit wenigen Öffnungen versehene Mauer, die alle sonst gebräuchlichen Ordnungen der Baukunst umstößt. Die dritte Seite ist fast ganz verdeckt durch die Kathedrale St. Markus‘, und die vierte wird vom Kanal bespült. Auf der andern Seite des Kanals liegt das Staatsgefängnis, durch die so nahe Verbindung der Kraft der Gesetze und der Kraft der Strafe sehr beredt den Charakter der Regierung aussprechend. Die berühmte Seufzerbrücke ist das materielle Band zwischen beiden, wie sie denn auch ein Symbol ihres geistigen Zusammenhangs ist. Letzteres Gebäude steht auch auf dem Kai und ist trotz seiner geringeren Höhe und Weitläufigkeit in Hinsicht architektonischer Schönheit dem andern vorzuziehen, wenngleich der Umfang und die seltsame Bauart des Palastes geeigneter sein mögen, Aufmerksamkeit zu erregen.

Bald erschien der maskierte Gondoliere wieder unter dem Bogen des Wassertors und bestieg schleunigst sein Boot. Nur eines Augenblicks bedurfte er, um über den Kanal zu kommen, am gegenüberliegenden Kai zu landen und in die öffentliche Tür des Gefängnisses einzutreten. Er mußte wohl ein geheimes Mittel besitzen, der Wachsamkeit der verschiedenen Wächter zu genügen, denn Riegel wurden weggeschoben und Schlösser geöffnet, wo er erschien, ohne daß man viel fragte. Auf diese Weise durchschritt er schnell alle äußeren Schranken des Ortes und erreichte den Teil des Gebäudes, der zu einer Familienwohnung eingerichtet schien. Nach den Umgebungen zu urteilen, mußten die Bewohner hier Überfluß und Pracht nicht sehr hoch schätzen, wenngleich es weder an Gerät fehlte noch an der nötigen Bequemlichkeit in den Zimmern, wie es ihrem Stande, dem Klima und jenen Zeiten angemessen war.

Der Gondoliere stieg eine geheime Treppe hinauf und stand nun vor einer Tür, an der keine der Zeichen eines Gefängisses zu sehen waren, die sich so häufig in den anderen Teilen des Gebäudes befanden. Er stand ein wenig still und horchte, dann klopfte er vorsichtig an.

»Wer klopft?« fragte eine liebliche Frauenstimme, indem sich die Klinke bewegte, als wolle man nicht eher öffnen, als bis man überzeugt war, wer draußen sei.

»Gut Freund, Gelsomina«, war die Antwort.

»Ja, wenn man Worten trauen dürfte, so wär hier jedermann ein Freund der Wächter. Ihr müßt Euch nennen oder woanders Antwort holen.«

Der Gondoliere lüftete die Maske, die nicht nur sein Gesicht verhüllt, sondern auch seine Sprache verändert hatte.

»Ich bin es, Gessina«, sagte er, sich ihres vertraulichen Namens bedienend.

Die Riegel rasselten, und die Tür ward schnell geöffnet.

»Das ist wunderbar, daß ich dich nicht erkannte, Carlo«,sagte das Frauenzimmer hastig und mit Einfalt, »doch du verkleidest dich seit kurzem so vielfältig und ahmst so oft fremde Stimmen nach, daß deine eigene Mutter ihren Ohren nicht getraut hätte.«

Der Gondoliere schwieg ein Weilchen, um sich erst zu überzeugen, daß sie allein wären; dann legte er die Maske ab, und die Züge des Bravo erschienen.

»Du weißt, wie nötig die Vorsicht ist, und wirst mich deshalb nicht erkennen.«

»Das nicht, Carlo – aber deine Stimme ist mir so bekannt, und da finde ich es wunderbar, daß du wie ein Fremder sprechen kannst.«

»Hast du etwas für mich?«

Das hübsche Mädchen zauderte, ihm zu antworten.

»Hast du nichts Neues, Gelsomina?« wiederholte der Bravo, ihre unschuldigen Züge eifrig musternd.

»Es ist gut, daß du nicht früher ins Gefängnis gekommen bist. Ich hatte eben Besuch. Du hättest dich wohl nicht gern sehen lassen, Carlo?«

»Du weißt, daß ich gute Gründe habe, maskiert zu kommen. Vielleicht hätte mir dein Besuch gefallen, vielleicht auch mißfallen, wie er nun eben gewesen wäre.«

»Nein, da bist du unrecht«, erwiderte das Mädchen hastig, »es war niemand hier als meine Cousine Annina.«

»Denkst du, daß ich eifersüchtig bin?« sagte der Bravo, mit liebendem Lächeln ihre Hand fassend. »Wär es dein Vetter Pietro, Michele oder Roberto oder irgendein anderer Jüngling aus Venedig gewesen, so hätt ich doch nichts weiter gefürchtet, als erkannt zu werden.«

»Es war aber nur meine Cousine Annina – Annina, die du nie gesehen hast – und ich habe ja keine Vettern Pietro, Michele und Roberto. Wir sind unserer nicht viele. Annina hat einen Bruder, der kommt aber nie her. Es ist in der Tat schon lange her, daß sie ihrem Geschäft soviel Zeit entzieht, um diesen traurigen Ort zu besuchen. Wenige Geschwisterkinder sehen sich so selten wie Annina und ich.«

»Du bist ein gutes Mädchen, Gessina, bist immer bei deiner Mutter zu finden. Hast du nichts Besonderes, was mir wichtig wäre?«

Wieder senkten sich die Augen Gelsominas oder Gessinas, wie sie gewöhnlich genannt ward; indes erhob sie den Blick wieder, bevor er es gewahrte, und fuhr rasch in ihrem Gespräch fort: »Ich fürchte, Annina kehrt wieder, sonst wollte ich gleich mit dir gehen.«

»Ist denn deine Cousine noch hier?« fragte der Bravo unruhig. »Du weißt, ich möchte nicht gern gesehen werden.«

»Fürchte nichts. Sie kann nicht hereinkommen, ohne diese Riegel zu berühren, denn sie ist oben bei meiner bettlägerigen Mutter. Du kannst, wie gewöhnlich, ins innere Zimmer gehen, wenn sie kommt, und ihre müßigen Reden mit anhören, wenn du willst – oder – doch wir haben keine Zeit – denn Annina kommt selten, und ich weiß nicht warum, aber sie scheint die Krankenzimmer nicht zu lieben, indem sie immer nur wenige Minuten bei ihrer Tante verweilt.«

»Du wolltest wohl sagen: Oder ich möchte meinen Gang abkürzen, Gessina?«

»Das wollt ich, Carlo – aber ich bin sicher, daß uns meine ungeduldige Cousine zurückrufen würde.«

»Ich kann warten; ich bin geduldig, wenn ich bei dir bin, teure Gessina.«

»St! – Das ist der Gang meiner Cousine. – Geh hinein.«

Während sie sprach, klingelte es, und der Bravo ging ins innere Zimmer, ein Versteck, dessen er gewohnt schien. Er ließ die Tür ein wenig offen, denn die Dunkelheit der Kammer verbarg ihn hinlänglich. Unterdes öffnete Gelsomina die äußere Tür, um ihren Gast hereinzulassen. Beim ersten Ton der Stimme erkannte Jacopo die listige Tochter des Weinhändlers.

»Du lebst hier so recht bequem, Gelsomina«, rief Annina eintretend und sich wie jemand, der ermüdet ist, auf einen Sessel werfend. »Mit deiner Mutter geht es besser, indes bist du in Wahrheit die Gebieterin des Hauses.«

»Ich wollte, ich war es nicht, Annina, denn ich bin noch zu jung, bei meinem Kummer solchem Geschäft vorzustehen.«

»So unerträglich ist es doch nicht, Gessina, mit siebzehn Jähren Gebieterin des Hauses zu sein! Herrschaft ist süß, Gehorsam unausstehlich.«

»Ich finde keines von beiden so, und ich will die erstere mit Freuden aufgeben, wenn meine arme Mutter erst wieder mir wird die Sorge für das Hauswesen abnehmen können.«

»Das ist recht schön, Gessina, und macht dem guten Beichtvater Ehre. Doch Herrschaft ist den Weibern so teuer wie Freiheit. Du warst gestern nicht unter den Masken auf dem Platz?«

»Ich verkleide mich selten, auch konnte ich meine Mutter nicht verlassen.«

»Was doch wohl heißt, du hättest es gern getan. Du hast auch Ursache, es zu bedauern, denn eine fröhlichere Vermählung mit dem Meere oder eine lustigere Regatta hat Venedig seit deiner Geburt nicht gesehen. Aber die Vermählung konntest du ja aus deinem Fenster mit anschauen.«

»Ich sah die Staatsgaleere mit ihren Reihen von Patriziern auf dem Verdeck nach dem Lido segeln, sonst wenig.«

»Schadet nichts. Du sollst einen ebenso guten Begriff von der Herrlichkeit haben, als wenn du des Dogen Rolle selbst gespielt hättest. Erst kamen die Gardisten, in ihren antiken Anzügen –«

»Das erinnere ich mich oft gesehen zu haben, dies Schauspiel kommt alle Jahre vor.«

»Da hast du recht: Doch nie sah Venedig eine so lebhafte Regatta! Du weißt, den ersten Versuch machen immer die vielruderigen Gondeln, von den geschicktesten Gondolieri geführt. Luigi war auch dabei, und obgleich er den Preis nicht gewann, so verdiente er ihn doch durch die Art, wie er sein Boot regierte. Du kennst doch Luigi?«

»Ich kenne kaum einen Menschen in Venedig, Annina, denn die lange Krankheit meiner Mutter und das unglückliche Amt meines Vaters halten mich immer daheim, wenn andere auf den Kanälen sind.«

»Das ist wahr. Um Bekanntschaften zu machen, bist du nicht gut gestellt. Doch Luigi steht weder an Geschicklichkeit noch an Ruf irgendeinem unter den Gondolieri nach, und er ist bei weitem der fröhlichste Schelm von allen, die je den Fuß auf den Lido gesetzt haben.«

»Er war also wohl der Vorderste im großen Wettlauf?«

»Eigentlich hätte er es sein sollen, aber die Ungeschicklichkeit seiner Leute und einige Unredlichkeiten beim Durchkreuzen brachten ihn in die zweite Reihe. Doch das Wunderbarste von allem war, daß ein alter Fischer namens Antonio mit bloßem Kopf und nackten Beinen mit eintrat in den zweiten Wettlauf und den Preis davontrug; ein Mann von siebzig Jahren und in einem Boote, das nicht besser war als das, womit ich Getränke nach dem Lido führe.«

»Da muß er wohl keine kräftigen Nebenbuhler gehabt haben?«

»Die besten in Venedig, obgleich Luigi, der in dem ersten Wettlauf gewesen, den zweiten nicht mitmachen konnte. Man sagt auch«, fuhr Annina, mit gewohnter Vorsicht um sich schauend, fort, »daß einer, den man kaum in Venedig zu nennen wagt, die Kühnheit gehabt habe, maskiert in der Regatta zu erscheinen, und dennoch gewann der alte Fischer! Du hast doch von Jacopo gehört?«

»Den Namen haben viele.«

»Es trägt ihn jetzt nur einer in Venedig. Alle meinen nur ihn, wenn sie Jacopo sagen.«

»Ich habe wohl von einem Ungeheuer dieses Namens gehört. Gewiß hat er doch nicht gewagt, sich vor den Edeln an solch einem Festtage sehen zu lassen.«

»Gessina, wir leben in einem unbegreiflichen Lande! Der furchtbare Mann geht nach Gefallen auf der Piazza mit so stolzen Schritten einher wie der Doge, und niemand sagt ihm was. Oft schon sah ich ihn bei hellem Tage mit so stolzer Miene an dem Triumphmast oder an der Säule des San Teodoro lehnen, als war er dort hingestellt, um einen Sieg der Republik zu feiern!«

»Vielleicht ist er Herr eines schrecklichen Geheimnisses, von dem sie fürchten, daß er es enthülle.«

»Du kennst Venedig wenig, Kind! Heilige Maria! Ein solch Geheimnis war schon an und für sich ein Todesurteil. Wenn man mit St. Markus zu schaffen hat, so ist es ebenso gefährlich, zuviel zu wissen als zuwenig. Genug, man sagt, Jacopo sei dabeigewesen, dem Dogen gegenüber, Aug in Aug, und die Senatoren schreckend wie ein ungerufenes Gespenst aus der Gruft ihrer Väter. Aber das ist noch nicht alles, als ich heute durch die Lagunen ruderte, sah ich den Leichnam eines jungen Kavaliers aus dem Wasser ziehen, und die dabei waren, sagten, er trüge das Zeichen seiner mörderischen Hand.«

Die furchtsame Gelsomina schauderte.

»Die Herrscher werden diese Nachlässigkeit vor Gott zu verantworten haben«, sagte sie, »wenn sie diesen Elenden länger so frei herumgehen lassen.«

»Der heilige Markus schütze seine Kinder! Man sagt, daß man viele dergleichen Sünden zu verantworten habe – doch den Leichnam sah ich mit meinen eigenen Augen, als ich diesen Morgen in die Kanäle einfuhr.«

»Schliefst du denn auf dem Lido, daß du schon so früh aus warst?«

»Auf dem Lido – ja – nein – ich schlief nicht, du weißt ja, mein Vater hatte einen geschäftigen Tag während des Festes, und ich bin nicht wie du, Gessina, Gebieterin des Hauses, daß ich tun könnte, was ich will. Doch ich stehe hier und plaudere mit dir, und zu Hause tun fleißige Hände not. Hast du das Paket, das ich dir bei meinem letzten Besuch anvertraute?«

»Hier ist es«, antwortete Gelsomina, ein Schubfach öffnend und ihrer Cousine ein dicht eingewickeltes Pack gebend, das, ihr unbewußt, einige verbotene Handelsartikel enthielt und das die andere in ihrer unermüdlichen Geschäftigkeit eine Zeitlang zu verbergen genötigt war. »Ich dachte, du hättest es vergessen, und wollte es dir schon zurücksenden.«

»Gelsomina, wenn du mich liebst, tue nie eine so unüberlegte Handlung! Mein Bruder Giuseppe – du kennst Giuseppe wohl kaum?«

»Für Verwandte kennen wir uns wenig.«

»Das ist gut für dich. Hätte Giuseppe dieses Paket durch irgendeinen Zufall zu sehen bekommen, so würde es dir viele Unruhe verursacht haben.«

»Ich fürchte deinen Bruder nicht noch sonst jemand«, sagte die Tochter des Gefangenenwärters mit der Festigkeit der Unschuld, »dafür, daß ich gefällig gegen eine Verwandte war, könnte er mir doch nichts Böses tun.«

»Du hast recht, allein, mir hätte er vielen Verdruß verursachen können. Heilige Maria! Wenn du wüßtest, welchen Kummer dieser unbedachtsame und mißleitete Junge seiner Familie macht! Bei alledem ist er mein Bruder, und du magst dir das übrige hinzudenken. Leb wohl, gute Gessina, ich hoffe, dein Vater wird dir endlich mal erlauben, die zu besuchen, die dich so sehr lieben.«

»Leb wohl, Annina, du weißt, daß ich gern käme, allein, ich verlasse ja fast meiner Mutter Bett nicht.«

Die listige Tochter des Weinhändlers gab ihrer schuld- und arglosen Verwandten einen Kuß, ließ sich die Tür öffnen und ging.

»Carlo«, rief Gessina mit sanfter Stimme, »du kannst nun herauskommen, jetzt haben wir keinen Besuch weiter zu fürchten.«

Der Bravo erschien, doch mit noch blasseren Wangen als gewöhnlich. Er blickte das liebliche Wesen traurig an, und die verunglückte Anstrengung, ihr unschuldiges Lächeln zu erwidern, gab seinen Gesichtszügen einen gespenstischen Ausdruck

»Annina hat dich wohl ermüdet mit ihrem müßigen Geschwätz von der Regatta und den Mordtaten auf den Kanälen. Du wirst sie wegen der Art, wie sie von Giuseppe sprach, nicht zu hart beurteilen, er verdient es, und wohl noch mehr. Doch ich kenne deine Ungeduld und will dich nicht noch mehr ermüden.«

»Dies Mädchen ist deine Cousine?«

»Ich sagte es dir ja schon, unsere Mütter sind Schwestern.«

»Und ist sie oft hier?«

»Gewiß nicht so oft, als sie wünschte, denn ihre Tante hat ihr Zimmer seit vielen, vielen Monaten nicht verlassen.«

»Du bist eine vortreffliche Tochter, gute Gessina, und möchtest andere ebenso tugendhaft machen, als du selbst bist. – Hast du diese Besuche erwidert?«

»Nie. Mein Vater untersagte es, denn sie sind Weinhändler und nehmen die schwelgenden Gondolieri auf. Aber Annina ist nicht zu tadeln wegen des Gewerbes ihrer Eltern.« »Ohne Zweifel – und das Paket? War es lange in deiner Verwahrung?«

»Einen Monat, Annina ließ es mir hier bei ihrem letzten Besuch, denn sie mußte eilig nach dem Lido. Aber warum diese Fragen? Dir gefällt meine Cousine nicht, weil sie ausgelassen ist und müßige Gespräche liebt, indes hat sie, wie ich denke, ein gutes Herz. Hörtest du, wie sie von dem Bravo Jacopo und von dem letzten Morde sprach?«

»Ich hörte es.«

»Du selbst hättest nicht mehr Abscheu über des Ungeheuers Verbrechen zeigen können. Nein, Annina ist wohl unbesonnen und könnte weniger weltlich gesinnt sein; allein, sie hat, wie wir alle, eine heilige Scheu vor der Sünde. Soll ich dich nach der Zelle führen?«

»Ja, geh voran.«

»Dein redlicher Sinn empört sich über die kalte Niederträchtigkeit des Meuchelmörders. Ich hab viel von seinen Mordtaten gehört und von der Weise, wie die droben mit ihm Nachricht haben. Man sagt allgemein, daß seine List die ihrige übertreffe und daß die Beamten nur auf Beweise warten, um keine Ungerechtigkeit zu begehen.«

»Meinst du, daß der Senat so zartfühlend ist?« fragte der Bravo rauh, machte aber zugleich ein Zeichen zum Fortgehen.

Das Mädchen blickte traurig wie jemand, der das Gewicht dieser Frage begriff, dann drehte sie sich um, öffnete eine geheime Tür und brachte eine kleine Schachtel zum Vorschein.

»Dies ist der Schlüssel, Carlo«, sagte sie, ihm einen in einem gewichtigen Bund zeigend, »und ich bin jetzt der einzige Wächter. So viel haben wir wenigstens ausgerichtet; vielleicht kommt noch die Zeit, wo wir mehr tun können.«

Der Bravo versuchte zu lächeln, er wollte damit andeuten, daß er ihre Güte zu schätzen wisse, allein, es gelang ihm nur, ihr seinen Wunsch weiterzugehen, begreiflich zu machen. Der Hoffnungsstrahl im Auge des gutmütigen Mädchens verwandelte sich in einen Blick des Kummers, und sie gehorchte.

Neunzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Wir wollen es nicht unternehmen, die gewölbten Galerien, dunklen Korridore und Gemächer, durch die des Gefangenenwärters Tochter ihren Gefährten führte, mit zu durchwandern. Wer jemals ein weitläufiges Gefängnis besucht hat, bedarf keiner Beschreibung, um sich die schmerzlichen Gefühle zurückzurufen, die ihm der Anblick vergitterter Fenster, rasselnder Riegel und all der anderen Dinge verursachte, die zugleich Mittel und Zeichen der Einkerkerung sind. Dies weitläufig, fest und labyrinthisch von innen, doch von außen, wie schon früher erwähnt, gleichsam seiner Bestimmung zum Hohn, von reiner, einfacher Schönheit.

Gelsomina trat in eine niedrige, schmale, mit Fenstern versehene Galerie, in der sie stehenblieb.

»Du suchtest mich wohl wie gewöhnlich zur bestimmten Stunde unter dem Wassertor, Carlo?« fragte sie.

»Ich wär nicht ins Gefängnis gekommen, hätt ich dich dort gefunden, denn du weißt, ich mag wenig gesehen sein. Doch da fiel mir deine Mutter ein, daher fuhr ich den Kanal herüber.«

»Du mußt bemerkt haben, daß wir nicht den gewöhnlichen Weg nach der Zelle genommen haben?«

»Das hab ich, allein, da wir nicht gewohnt sind, in deines Vaters Zimmer zusammenzukommen, wenn wir diesen Gang antreten, so dacht ich, dies sei der notwendige Weg.«

»Kennst du den Palast und das Gefängnis gut, Carlo?«

»Mehr als ich wünsche, gute Gelsomina, doch warum fragst du so, und gerade in einem Augenblick, wo ich wohl anders beschäftigt sein möchte?«

Das Mädchen schwieg. Der Bravo trat schnell an ein Fenster, sah hinaus, und sein Blick fiel auf die düstere Wasserpassage, die zwischen den beiden Mauern zweier massiver Gebäude nach dem Kai und dem Hafen hinführte.

»Gelsomina!« rief er aus, vor dem Anblick zurückbebend. »Dies ist ja die ganze Seufzerbrücke!«

»Sie ist’s, Carlo, bist du je auf ihr hinübergegangen?«

»Nein, auch begreif ich nicht, warum ich es jetzt tue. Lange schon dachte ich daran, ob es nicht vielleicht einmal mein Schicksal sein möchte, diesen traurigen Gang zu machen; doch von solch einem Führer ließ ich mir nichts träumen.«

Gelsominas Augen glänzten auf, und sie lächelte.

»Mit mir wirst du nie zu deinem Schaden hinübergehen.«

»Des bin ich sicher, Gessina«, antwortete er, ihre Hand fassend. – »Indes ist dies für mich ein unauflösliches Rätsel. Gehst du gewöhnlich über diese Galerie nach dem Palast?«

»Der Weg wird nicht benutzt, außer von den Wächtern und den Verurteilten, wie du ohne Zweifel oft gehört hast; aber dennoch haben sie mir die Schlüssel gegeben und mir die Windungen gezeigt, damit ich dir, wie gewöhnlich, als Führerin dienen könne.«

»Gelsomina, ich fürchte, ich bin zu glücklich in deiner Gesellschaft gewesen, um zu bemerken, wie es mir die Klugheit hätte eingeben sollen, welch seltene Güte mir der Rat durch diese Erlaubnis erzeigt!«

»Bereust du es, Carlo, meine Bekanntschaft gemacht zu haben?«

Der traurige Vorwurf im Ton ihrer Stimme rührte den Bravo so, daß er die Hand, die er hielt, mit Wärme küßte.

»Da müßte ich die einzigen glücklichen Stunden bereuen, die ich seit Jahren gekannt habe«, sagte er. »Nein, nein, nicht einen Augenblick hat’s mich gereut, dich zu kennen, meine Gelsomina! Ist es aber nicht sonderbar, daß einem Manne wie mir erlaubt wird, das Gefängnis so ohne andere Wächter zu besuchen?«

»Ich habe es nicht so gefunden; aber freilich, gewöhnlich ist es nicht.«

»Wir fanden gegenseitig so viel Vergnügen aneinander, teure Gessina, daß wir übersahen, was uns erschrecken sollte.«

»Erschrecken, Carlo?«

»Oder wenigstens mißtrauisch machen; denn diese listigen Senatoren sind nie gnädig ohne Ursache. Doch ist es jetzt zu spät, die Vergangenheit zurückzurufen, wenn wir es auch wollten; und in allem, was dich betrifft, möchte ich auch nicht das Andenken an einen einzigen Augenblick verlieren. Laß uns weitergehen.«

»Die Jahreszeit ist vorgerückt, Carlo«, antwortete sie kaum hörbar, »und wir würden ihn vergebens unter den Zellen suchen.«

»Ich verstehe dich«, sagte er.

Damit der Leser die Anspielungen, die unseren Liebenden so klar scheinen, verstehe, wird es nötig sein, ihn mit einem anderen schändlichen Zug der venezianischen Staatspolitik bekannt zu machen.

Im fürstlichen Gebäude gab es Sommer- und Winterzellen. Der Leser wird vielleicht glauben, daß bei dieser Einrichtung die Barmherzigkeit geringe Erleichterungen für die Unglücklichen beabsichtigt hatte; allein, dies hieße einem Kollegium Mitleid zuschreiben, das bis zu seinen letzten Augenblicken kein Band kannte, wodurch es mit Gefühlen für menschliche Schwachheit zusammengehangen hätte. Weit entfernt, die Leiden der Gefangenen zu beachten, hatte man vielmehr ihre Winterzellen unter der Oberfläche der Kanäle und ihre Sommerwohnungen unter den der Sonnenhitze jenes Klimas ausgesetzten Bleidächern angebracht. Den Gefangenen, den Jacopo und Gelsomina suchten, hatte man in der Tat kürzlich aus den feuchten Zellen, in denen er den Winter und Frühling verlebt, nach den glühenden Stuben unter dem Dache gebracht.

Gelsomina ging immer voran, doch mit so traurigem Auge und so umwölktem Gesicht, daß man daraus hinlänglich den Anteil erkannte, den sie an den Leiden ihres Gefährten nahm. Sie erstiegen schweigend mehrere Treppen, öffneten und schlossen zahllose Türen und durchwanderten einige enge Korridore, ehe sie den Ort ihrer Bestimmung erreichten. Während Gelsomina den Schlüssel zur Tür, vor der sie stillstanden, aus einem großen Bunde heraussuchte, atmete der Bravo in der heißen Luft des Daches wie jemand, der dem Ersticken nahe ist.

»Sie versprachen mir doch, daß dies nie wieder der Fall sein sollte«, sagte er, »doch Teufel wie sie vergessen ihr Versprechen!«

»Carlo! – Du vergißt, daß dies der Palast des Dogen ist!« flüsterte das Mädchen, einen furchtsamen Blick hinter sich werfend.

»Ich vergesse nichts, was mit der Republik in Verbindung steht! – Es steht alles hier«, an seine erhitzte Stirn schlagend, »und was nicht hier steht, ist in meinem Herzen!« »Armer Carlo! Das kann ja nicht immer währen – es wird ja ein Ende nehmen.«

»Du hast recht«, antwortete der Bravo dumpf. »Das Ende ist näher, als du denkst. Es tut nichts, drehe nur den Schlüssel um, damit wir hineinkommen.«

Gelsomina öffnete, und sie traten ein.

»Vater!« rief der Bravo aus und eilte zu einem auf der Erde ausgebreiteten Strohlager.

Die abgezehrte und schwache Gestalt eines alten Mannes erhob sich bei diesem Worte, und ein Auge, das innere Schwäche verriet und doch in diesem Augenblick selbst glänzender als das seines Sohnes war, blickte auf Gelsomina und ihren Gefährten.

»Du hast nicht gelitten, wie ich fürchtete, Vater, durch diesen plötzlichen Wechsel«, sagte der Bravo, an dem Strohlager niederkniend. »Dein Auge, deine Wange und dein ganzes Ansehen ist besser als unten in den feuchten Kellern.«

»Ich bin hier glücklich«, erwiderte der Gefangene, »hier ist Licht, und wenn sie mir auch zuviel davon gegeben haben, so kannst du doch nicht begreifen, wie groß das Vergnügen ist, Tageslicht nach einer so langen Nacht zu sehen.«

»Er ist besser, Gelsomina – sie haben ihn noch nicht zerstört. Sieh! Sein Auge ist glänzend, und seine Wange hat Glut!«

»Sie sind immer so, nachdem er den Winter in den unteren Kerkern verlebt hat«, flüsterte das Mädchen.

»Hast du mir was Neues zu erzählen, mein Sohn? – Wie steht’s mit deiner Mutter?«

Jacopo beugte das Haupt, um den Schmerz nicht zu zeigen, den ihm diese Frage verursachte, die er nun schon hundertmal gehört hatte.

»Sie ist glücklich, Vater – so glücklich, wie jemand sein kann, der dich, entfernt von dir, so sehr liebt.«

»Spricht sie oft von mir?«

»Das letzte Wort, was ich von ihren Lippen hörte, war dein Name.«

»Heilige Maria, segne sie! Ich hoffe, daß sie meiner in ihren Gebeten gedenkt?«

»Zweifle nicht daran, Vater, es sind die Gebete eines Engels.«

»Und deine geduldige Schwester? – Du hast ihrer noch nicht gedacht, mein Sohn.«

»Ihr ist auch wohl, Vater.«

»Hat sie aufgehört, sich zu grämen, weil sie die unschuldige Ursache meiner Leiden gewesen ist?«

»Ja, mein Vater.«

»So quält sie sich nicht mehr über ein Unglück, dem nicht abzuhelfen ist?«

Der Bravo schien in dem teilnehmenden Auge der blassen und sprachlosen Gelsomina Trost zu suchen.

»Sie hat aufgehört, sich zu quälen, Vater«, sagte er mit erzwungener Ruhe.

»Du hast deine Schwester immer mit Zärtlichkeit geliebt, mein Sohn. Dein Herz ist gut, wie ich aus Erfahrung weiß. Hat Gott mir Kummer gegeben, so hat er mich dagegen gesegnet in meinen Kindern.«

Eine lange Pause erfolgte, während der Vater über die Vergangenheit nachzudenken und der Sohn sich über das Aufhören der Fragen, die seine Seele marterten, zu freuen schien – indem die, von denen der Vater sprach, längst als Opfer des Familienunglücks gefallen waren. – Der Greis wandte seine gedankenvollen Blicke auf den noch immer knienden Bravo und fuhr fort: »Es ist wenig Hoffnung, daß sich deine Schwester verheiraten wird. Niemand mag sich gern mit den Geächteten verbinden.«

»Sie wünscht es nicht – sie wünscht es nicht – sie ist glücklich bei der Mutter.«

»Dies Glück wenigstens wird ihnen die Republik nicht mißgönnen. Ist gar keine Hoffnung, daß wir uns bald wiedersehen?«

»Du wirst meine Mutter sehen – ja, diese Freude kommt endlich.«

»Es ist eine schwere Zeit, seit ich keinen meiner Blutsverwandten, außer dir, gesehen habe. Knie nieder, damit ich dich segne.«

Jacopo, der sich unter seinen Seelenqualen erhoben hatte, beugte nun sein Haupt, um den väterlichen Segen zu empfangen. Die Lippen des Alten bewegten sich, und seine Augen blickten zum Himmel, doch sprach sein Herz mehr als seine Zunge. Gelsomina schien ihre Gebete mit denen des Vaters zu vereinigen. Als die stille, feierliche Handlung beendet war, machte jeder das gewöhnliche Zeichen des Kreuzes, und Jacopo küßte die runzlige Hand des Gefangenen.

»Hast du Hoffnung für mich?« fragte der Alte. »Versprechen sie noch immer, daß ich das Licht der Sonne wiedersehen soll?«

»Ja, sie versprechen alles Gute!«

»Ich wollte, ihre Worte wären wahr! Ich lebe seit langer Zeit von dieser Hoffnung – mich dünkt, ich bin schon länger als vier Jahre in diesen Mauern?«

Jacopo schwieg, denn er wußte, daß sein Vater nur die Zeit nannte, seit der es ihm selbst erlaubt gewesen war, ihn zu sehen.

»Ich baute auf die Hoffnung, daß sich der Doge seines alten Dieners erinnern und die Tür meines Gefängnisses öffnen würde.«

Immer noch schwieg Jacopo, denn der Doge, von dem der andere sprach, war längst tot

»Und dennoch bin ich nicht ohne Freuden in meiner Gefangenschaft. Sieh hierher, mein Sohn«, sagte der Alte, in dessen Auge fieberhafter Wahnsinn durchschimmerte, erzeugt durch die kürzliche Veränderung seines Kerkers und durch die, aus Mangel an Übung, wachsende Schwäche des Geistes, »Siehst du die Spalte in jenem Stückchen Holz? Sie öffnet sich nach und nach durch die Hitze, und seit ich hier wohne, ist die Spalte zweimal so lang geworden. Ich bilde mir manchmal ein, wenn sie das Astloch dort erreicht, dann werden sich die Herzen der Senatoren erweichen und meine Tür wird sich öffnen. Ich habe meine Freude dran, sie so Jahr für Jahr einen Zoll nach dem anderen wachsen zu sehen.«

»Ist dies alles?«

»Nein, ich habe noch andere Freuden. Vergangenes Jahr war eine Spinne hier, die ihr Gewebe an jenen Balken hängte, auch sie war mir eine Gesellschaft, die ich liebte. Sie können mich wegen falscher Anklage einsperren und mich jahrelang von Weib und Tochter trennen, all meine Freuden können sie mir doch nicht rauben.«

Der greise Gefangene schwieg gedankenvoll. Eine kindische Ungeduld glühte in seinen Augen, und er blickte von der Spalte, der Gefährtin so vieler einsamer Jahre, auf seinen Sohn, als fürchte er, seiner Freuden beraubt zu werden.

»Wohl! Mögen sie mir auch diese nehmen«, sagte er und zog die Decke über sein Haupt, »ich will ihnen dennoch nicht fluchen!«

»Vater!«

Der Gefangene antwortete nicht.

»Vater!«

»Jacopo!«

Jetzt war es der Bravo, der sprachlos dastand. Er wagte selbst nicht einmal, einen verstohlenen Blick auf die atemlos aufmerksame Gelsomina zu werfen, obgleich ihm das Herz vor Verlangen schlug, ihre offenen Züge zu lesen.

»Hörst du mich, mein Sohn?« fuhr der Gefangene, sein Haupt aufdeckend, fort. »Denkst du wirklich, daß sie das Herz haben werden, die Spinne aus meiner Zelle zu jagen?«

Jacopo beruhigte das Gemüt des Gefangenen und leitete seine Gedanken nach und nach auf andere Gegenstände. Er legte einige Nahrungsmittel, die man ihm erlaubt hatte mitzubringen, an das Lager nieder, sprach nochmals von der Hoffnung der Befreiung und schickte sich zum Fortgehen an.

»Ich will versuchen, dir zu glauben, mein Sohn«, sagte der alte Mann, der gute Gründe hatte, so oft getanen Versicherungen nicht zu trauen. »Ich will alles tun, was ich kann, um es zu glauben. Du wirst der Mutter sagen, daß ich nicht aufhöre, an sie zu denken und für sie zu beten, und wirst deine Schwester im Namen ihres armen, gefangenen Vaters segnen.«

Der Bravo verbeugte sich bejahend, erfreut, des Sprechens überhoben zu sein. Auf ein Zeichen des Alten kniete er nieder und empfing den Abschiedssegen. Nachdem er sich mit Ordnen des wenigen Gerätes in der Zelle beschäftigt und eine oder zwei Spalten, um mehr frische Luft hineinzulassen, zu erweitern versucht hatte, verließen sie das Gemach.

Auf ihrem Rückwege durch das Labyrinth, das sie nach dem Dache geführt, sprachen weder Gelsomina noch Jacopo eher ein Wort, als bis sie sich auf der Seufzerbrücke befanden. Selten betrat diese Galerie ein menschlicher Fuß, daher erwählte sie das Mädchen als den zur weiteren Unterhaltung sichersten Ort.

»Findest du ihn verändert?« fragte sie, unter dem Bogen stillstehend.

»Sehr!«

»Deine Worte haben eine traurige Bedeutung.«

»Ich habe meine Züge nicht gelehrt, dich zu täuschen, Gelsomina. «

»Doch ist noch Hoffnung – du sagtest ihm selbst, es sei noch Hoffnung.«

»Heilige Maria, vergib den Betrug! Ich konnte seinem Funken Leben den einzigen Trost nicht rauben.«

»Carlo! – Carlo! – Warum bist du so ruhig? Nie hörte ich dich von dem deinem Vater angetanen Unrecht und seiner Gefangenschaft so ruhig sprechen.«

»Das macht, weil seine Befreiung so nahe ist.«

»Eben diesen Augenblick war er ohne Hoffnung, und jetzt sprichst du von Befreiung?«

»Die Befreiung durch den Tod. Selbst der Zorn des Senats muß das Grab achten.«

»Glaubst du sein Ende so nahe? Ich hatte die Veränderung nicht bemerkt.«

»Du bist gütig, teure Gessina, treu deinen Freunden und ohne Argwohn der Verbrechen, die deine Unschuld nicht kennt. Aber jedem, der so viel Schlechtigkeit gesehen hat wie ich, kommt bei jeder Gelegenheit ein mißtrauischer Gedanke. Die Leiden meines armen Vaters sind ihrem Ende nahe, denn seine Natur ist erschöpft; wäre dies aber auch nicht der Fall, so sehe ich voraus, daß man Mittel finden würde, sie zum Ende zu bringen.«

»Du kannst doch unmöglich glauben, daß ihm hier irgend jemand etwas zuleide tun wird?«

»Niemand, der dir angehört. Dich und deinen Vater, Gelsomina, haben die Heiligen hierhergesetzt, damit die Teufel nicht zuviel Macht auf Erden haben möchten.«

»Ich verstehe dich nicht, Carlo – doch du bist oft so. Dein Vater bediente sich heute im Gespräch mit dir eines Wortes, von dem ich wünschte, er hätte es nicht gesprochen.« Der Bravo warf einen hastigen, argwöhnischen Blick auf seine Begleiterin und wandte sich schnell wieder ab.

»Er nannte dich Jacopo«, fuhr das Mädchen fort.

»Den Menschen wird oft durch die Güte ihrer Schutzpatrone ein Schimmer ihrer Schicksale zuteil.«

»Meinst du damit, Carlo, daß dein Vater argwöhnt, der Senat würde sich des genannten Ungeheuers gegen ihn bedienen?«

»Warum nicht? – Sie haben sich wohl ärgerer Menschen bedient. Wenn man der Sage trauen darf, so ist er ihnen nicht unbekannt. «

»Kann das wohl sein! – Du bist erbittert gegen die Republik, weil sie deiner Familie unrecht getan haben; aber du kannst doch nicht glauben, daß sie je den Dolch eines Banditen besoldet?«

»Ich sagte nicht mehr, als was man sich täglich auf den Kanälen zuflüstert.«

»Ich wünschte, dein Vater hätte dich bei diesem schrecklichen Namen nicht genannt, Carlo!«

»Du bist zu weise, um dich durch ein Wort irreleiten zu lassen, Gelsomina. Aber was denkst du von meinem unglücklichen Vater?«

»Dein Besuch war nicht wie die früheren Besuche, die du ihm in meiner Begleitung gemacht hast. Ich weiß nicht warum, aber mir schien es, du hegtest sonst selbst die Hoffnungen, mit denen du den Gefangenen aufzuheitern suchtest, während du jetzt ein schreckliches Vergnügen in der Hoffnungslosigkeit zu finden scheinst.«

»Deine Furcht täuscht dich«, sagte der Bravo kaum hörbar, »und wir wollen darüber nicht weiter sprechen. Der Senat wird uns endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es sind ehrenwerte Herren, hochgeboren und berühmt. Es wäre Tollheit, den Patriziern nicht zu trauen. Weißt du nicht, Mädchen, daß ein aus adligem Blut Entsprossener über alle Schwachheiten und Versuchungen erhaben ist, die uns von niedriger Geburt einengen? Sie sind Menschen, die schon ihre Geburt über die Schwachheit der Sterblichen erhoben hat, und da sie niemandem Rechenschaft zu geben haben, so sind sie sicher, immer recht zu tun. Das ist vernünftig, wer kann daran zweifeln?« Der Bravo lachte bitter, als er mit diesen Worten endete.

Das furchtsame Mädchen bebte zurück und dachte einen Augenblick daran, zu fliehen, denn nie hörte sie in ihren zahlreichen, vertraulichen Unterhaltungen ein so bitteres Lachen, und nie sah sie eine so wilde Glut in ihres Gefährten Auge.

»Fast möcht ich glauben, dein Vater gebrauchte den rechten Namen, Carlo«, sagte sie, als sie, sich fassend, einen vorwurfsvollen Blick auf seine noch immer aufgeregten Züge warf.

»Eltern kommt es zu, ihren Kindern Namen zu geben – doch genug. Ich muß dich verlassen, gute Gelsomina, und ich verlasse dich mit schwerem Herzen.«

Die arglose Gelsomina vergaß ihren Schreck. Sie wußte nicht warum, aber wiewohl der vermeintliche Carlo sie nie verließ, ohne daß es sie traurig machte, so fühlte sie doch, als er jetzt diese Worte sprach, ihr Gemüt mehr als sonst bedrückt.

»Du hast dein Geschäft, und das darf nicht versäumt werden. Hast du in der letzten Zeit Glück gehabt mit deiner Gondel, Carlo?«

»Gold und ich, wir sind uns fast fremd. Die Republik hat mir die Last aufgebürdet, den ehrwürdigen Gefangenen vom Ertrag meiner Arbeit zu ernähren.«

»Ich besitze nur wenig, wie dir bekannt ist, Carlo«, sagte Gelsomina halblaut, »doch gehört es dir. Daß mein Vater nicht reich ist, kannst du begreifen, sonst würde er nicht von den Leiden anderer leben und die Schlüssel zu ihren Gefängnissen bewahren.«

»Sein Geschäft ist besser als das Amt derer, die ihm diese Pflicht auferlegten. Hart ich die Wahl, ob ich lieber die gehörnte Mütze tragen, den Festen in ihren Hallen beiwohnen, in ihren Palästen leben, das glänzende Spielwerk ihrer Prachtgelage, wie des gestrigen, mitmachen, in ihren Gerichtshöfen Ränke mitschmieden und einer der herzlosen Richter sein, die ihre Mitmenschen zum Elend verdammen – oder der bloße Aufbewahrer der Schlüssel und Schließer sein wollte, so würde ich freudig das letztere Amt ergreifen, nicht nur als das unschuldigere, sondern auch als das bei weitem ehrenvollere!«

»Du urteilst nicht, wie die Welt urteilt. Ich fürchtete, du würdest dich schämen, eines Gefangenenwärters Tochter zum Weibe zu nehmen; ja, ich mag dir es nicht länger verbergen, da du nun so ruhig sprichst – ich habe gemeint, daß es so sein müsse.«

»Dann hast du weder die Welt noch mich begriffen. Wäre dein Vater beim Senat oder unter dem Gerichtshof der Dreimänner (wenn man überhaupt je erfahren könnte, wer zu dieser furchtbaren Dreizahl gehöre), dann hättest du Ursache zum Gram. Doch, Gelsomina, die Kanäle werden dunkel, ich muß fort.«

Das zögernde Mädchen sah die Wahrheit seiner Worte ein, drehte den Schlüssel und öffnete die Tür der bedeckten Brücke. Einige Windungen und eine kurze Treppe brachten den Bravo und seine Gefährtin zu den Kais hinab. Hier nahm er hastig Abschied und verließ das Gefängnis.

Zweites Kapitel

Zweites Kapitel

Als Don Camillo Monforte in die Gondel getreten war, setzte er sich nicht in die Kajüte. Einen Arm auf das Dach des Baldachins gelehnt, den Mantel nachlässig über eine Schulter geworfen, stand der junge Edle in Gedanken vertieft, bis seine geschickten Dienstleute das Fahrzeug mitten aus der kleinen Flotte, die sich am Kai drängte, losgewirrt und ins offene Wasser gebracht hatten. Nach diesem ersten Geschäft griff Gino an seine Scharlachmütze und sah seinen Herrn fragend an, des Befehls gewärtig, nach welcher Richtung er rudern solle. Eine stillschweigende Bewegung, die auf den Canale Grande deutete, diente zur Antwort.

»Du setzest eine Ehre darin, Gino, deine Geschicklichkeit in der Regatta zu zeigen?« bemerkte Don Camillo nach einer kleinen Weile. »Dies Streben verdient durch Erfolg belohnt zu werden. Du sprachst da mit einem Fremden, als ich dich zur Gondel rief?«

»Ich erkundigte mich, was es auf unseren kalabrischen Höhen Neues gäbe, bei einem, der mit seiner Feluke in den Hafen kam, obgleich er beim heiligen Januarius geschworen hatte, daß seine vorige unglückliche Reise hierher die letzte sein sollte.«

»Wie nennt er seine Feluke, und wie heißt der Padrone?«

»Das Schiff heißt ›La bella Sorrentina‹ und wird von einem gewissen Stefano Milano, dem Sohn eines alten Dieners auf Sant‘ Agata, kommandiert. Was die Schnelligkeit anbetrifft, ist das Schiff keins der schlechtesten und gilt auch für ziemlich schön.«

Der Edle schien jetzt dem Gespräch mehr Aufmerksamkeit zu schenken, da er es bisher in dem gleichgültigen Tone geführt hatte, mit dem ein herablassender Vorgesetzter seinen Untergebenen zu ermuntern pflegt.

»›La bella Sorrentina‹. Sollte ich nicht das Fahrzeug kennen?«

»Ei freilich, Signore! Der Padrone hat Verwandte zu Sant‘ Agata, wie ich Ew. Exzellenz berichtet habe, und sein Schiff hat manch frostigen Winter beim Schlosse auf dem Strand gelegen.«

»Was führt ihn nach Venedig?« »Wenn ich das erfahren könnt, ich gab meine neueste Livreejacke drum. Es ist gerade meine Sach nicht, mich um anderer Leute Tun zu kümmern, und freilich wohl ist Bescheidenheit die Haupttugend eines Gondoliere. Indes ich brachte so ’nen geheimen Wink über sein Gewerb hier an, wie alte Nachbarn wohl mögen, da war der Mensch aber so zurückhaltend, als hätt er die Beichten von fünfzig Christenseelen in Fracht genommen. Aber wenn’s Ew. Exzellenz gelegen ist, mir Vollmacht zu geben, ihn auszufragen, so müßt’s ja mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht so mit dem Respekt vor Ew. Exzellenz und mit guter Manier etwas mehr von ihm herausbrächten als einen falschen Frachtzettel?«

»Du magst unter meinen Gondeln eine zur Regatta auswählen, Gino!« bemerkte der Herzog von Sant‘ Agata und trat in die Kajüte, wo er sich auf die glatten, schwarzledernen Kissen warf, ohne weiter auf das Geschwätz seines Dieners zu achten.

Geräuschlos flog die Gondel dahin in jener gespenstischen Weise, die dieser Art von Fahrzeugen eigen ist. Gino, der, als der Vorgesetzte seines Gehilfen auf dem kleinen, geschweiften Verdeck des Hinterteils stand, bewegte sein Ruder mit gewohnter Behendigkeit und Geschicklichkeit, indem er das leichte Boot bald zur Rechten, bald zur Linken schwenken ließ, während es zwischen den zahllosen entgegenkommenden Barken von allerlei Form und Bestimmung hindurchglitt. Ein Palast nach dem andern und mancher von den Hauptkanälen, die nach den verschiedenen Schauspielhäusern und den übrigen Vergnügungsorten führten, die sein Herr zu besuchen pflegte, blieben dahinten, ohne daß Don Camillo eine neue Anweisung gab. Endlich befand sich das Boot einem Hause gegenüber, das mehr als gewöhnliche Erwartung zu erregen schien. Giorgio führte sein Ruder nur mit einer Hand und sah über seine Schulter nach Gino, und dieser ließ das seinige gemächlich auf dem Wasser schleppen. Beide schienen weiteren Befehl zu erwarten, nach Art jener mechanischen Übereinstimmung mit der Gewohnheit des Gebieters, die ein lang gebrauchtes Pferd in der Nähe einer Tür zu zeigen pflegt, die sein Herr selten unbesucht läßt.

Das Gebäude, das die Gondolieri so zögern machte, war eine von den Wohnungen Venedigs, die durch äußere reiche Verzierung ebensosehr auffallen als durch ihre seltsame Lage mitten im Wasser. Ein plumper, massiver Sockel von Marmor wurzelte so fest in der Flut, als wüchse er aus lebendigem Felsen, während Stockwerk auf Stockwerk merklich aufgesetzt war, in mutwilliger Anwendung der eigensinnigsten Regeln einer ausschweifenden Architektur, sich bis zu einer Höhe hinauftürmend, wie man sonst nur an Palästen der Fürsten zu sehen gewohnt ist. Kolonnaden, Medaillons und massive Karniese schwebten über dem Kanal, als hätte menschliche Kunst einen Stolz darein gesetzt, in der schweren Fülle des oberen Baues das unstete Element an seinem Fuße zu höhnen. Eine Reihe Stufen, an die jede leichte, von der vorüberfahrenden Barke erregte Wallung eine Welle antrieb, führte zu einem geräumigen Hausflur, der in verschiedener Beziehung die Dienste eines Hofraums tat. Zwei bis drei unbemannte Gondeln, die dicht dabei lagen, zeigten, daß sie für den Gebrauch der Hausbewohner da waren.

»Wohin belieben Ew. Exzellenz?« fragte Gino, als er merkte, daß sein Zögern keinen weiteren Auftrag bewirkte.

»Nach dem Palazzo!«

Giorgio warf einen Blick der Verwunderung auf seinen Kameraden, jedoch die folgsame Gondel schoß, wie auf plötzlichen inneren Antrieb, an der düsteren, aber reichen Wohnung vorüber. Einen Augenblick darauf drehte sie sich seitwärts, und an dem hohlen Rauschen, wie es Wasser zwischen hohen Mauern erzeugt, war zu merken, daß man in einen engeren Kanal einfuhr. Mit verkürzten Rudern ließen die Leute das Boot nach vorwärts gehen, jetzt in einen neuen Kanal kurz einbiegend, jetzt unter einer niedrigen Brücke hinschlüpfend, jetzt das bei Bootsleuten des Landes übliche helle, aber wohlklingende »già è« ausstoßend, das den Entgegenschiffenden zur Warnung dient. Bald jedoch wandte Gino mit einer Rückbewegung des Ruders den Bord des gehemmten Fahrzeugs einer kleinen Treppe zu.

»Folge mir«, sagte Don Camillo, indem er seinen Fuß mit gewohnter Vorsicht auf die nassen Steine setzte, und legte eine Hand auf Ginos Schulter. »Ich habe einen Auftrag für dich.«

Weder der Hausflur noch der Eingang und was sonst von der Wohnung zunächst in die Augen fiel, verriet so viel Pracht und Reichtum als jener Palast im großen Kanal, doch war immer noch die Wohnung eines Edelmanns von Bedeutung daran zu erkennen.

»Du wirst wohltun, Gino, dein Glück der neuen Gondel anzuvertrauen«, sagte der Herr, die schweren Steinstufen zu einem oberen Flur hinansteigend, und wies auf ein neues, schönes Boot, das in einem Winkel der geräumigen Halle lag, wie man etwa anderswo Kutschen im Hofe stehen sieht. »Du weißt, Freund, wer Gunst finden will bei Jupiter, muß selber Hand ans Werk legen.«

Ginos Auge glänzte vor Freude, und er ergoß sich in Danksagungen. Der erste Flur war erreicht, und schon befanden sich die beiden in einer Reihe düsterer Gemächer, ehe sich die Dankbarkeit und der Handwerksstolz des Gondoliere hinlänglich Luft gemacht hatten.

»Mit einem tüchtigen Arm und einer behenden Gondel kannst du so gut siegen, Gino, als ein anderer«, sagte Don Camillo, indem er die Tür schloß, sobald sein Diener im Zimmer war. »Jetzt kannst du mir einen neuen Beweis von deinem Eifer in meinem Dienste geben. Ist dir ein Mann namens Jacopo Frontoni persönlich bekannt?«

»Exzellenz!« rief der Gondoliere, nach Luft schnappend.

»Ich frage dich, ob du einen, der Frontoni heißt, von Angesicht kennst?«

»Von Angesicht, Signore?«

»Woran sonst wolltest du einen Mann erkennen?«

»Einen Mann, Signor Don Camillo!«

»Hast du deinen Herrn zum besten, Gino? Ich habe dich gefragt, ob dir ein gewisser Jacopo Frontoni von Person bekannt ist, der hier in Venedig wohnt?«

»Ja, Exzellenz!«

»Ich meine den, der längst durch das Unglück seiner Familie bekannt ist; sein Vater soll auf der dalmatischen Küste oder anderswo in Verbannung leben.«

»Ja, Exzellenz!«

»Es gibt viele dieses Namens, es ist daher wichtig, daß du den rechten Mann nicht verfehlst. Der Frontoni, den ich meine, heißt Jacopo, ist ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, hat eine behende Gestalt, ein schwermütiges Gesicht und kein so lebhaftes Wesen, als man in seinen Jahren zu haben pflegt.«

»Ja, Exzellenz!«

»Er unterhält nur wenig Umgang mit seinesgleichen und zeichnet sich mehr durch ein schweigsames Betreiben seiner Geschäfte als durch die gewöhnlichen Tändeleien und Vergnügungen von Leuten seines Schlages aus. Also, ein gewisser Jacopo Frontoni, der irgendwo in der Nähe des Arsenals wohnt, ist’s, den ich meine.«

»Cospetto! Herr Herzog, uns Gondolieri ist der Mensch so bekannt wie die Rialtobrücke, Exzellenz brauchen sich mit seiner Beschreibung nicht zu mühen.«

Don Camillo suchte unter den Papieren in seinem Schreibtische. Bei der Bemerkung seines Dieners blickte er etwas überrascht auf, fuhr dann aber gelassen wieder fort zu suchen, indem er sagte: »Wenn dir der Mann bekannt ist, desto besser.«

»Ja, Exzellenz! Und was ist Ihr Begehren von diesem verwünschten Jacopo?«

Der Herzog von Sant‘ Agata schien jetzt das Gesuchte gefunden zu haben, legte die umhergeworfenen Papiere wieder zusammen und schloß den Schreibtisch zu.

»Gino«, redete er nun seinen Diener in einem vertrauten und freundschaftlichen Tone an, »du bist auf meinen Gütern geboren, und obgleich in Venedig zum Schiffer erzogen, so hast du doch dein Leben in meinem Dienste zugebracht.«

»Ja, Exzellenz!«

»Es ist mein Wunsch, daß du dein Leben beschließen sollst, wo du es begannst. Ich hab in deine Verschwiegenheit bisher immer viel Vertrauen gesetzt, und es freut mich, sagen zu können, daß es mich nie getäuscht hat, wiewohl du Zeuge warst von einigen meiner Jugendtaten, die deinem Herrn manche Verlegenheit zuziehen konnten, wenn du minder verschwiegen warst.«

»Ja, Exzellenz!« Don Camillo lächelte, aber dies heitere Aufleuchten machte schnell einem ernsten und besorgten Blicke Platz.

»Da du den Mann kennst, den ich dir genannt habe, so ist unser Geschäft einfach. Nimm dies Paket«, sagte er und legte einen versiegelten Brief von mehr als gewöhnlicher Größe in die Hand des Gondoliere, zugleich einen Siegelring vom Finger ziehend, »und dies zum Wahrzeichen deiner Sendung. In dem Bogen des Dogenpalastes, der zum Kanal San Marco führt, unter der Seufzerbrücke, wirst du Jacopo finden. Gib ihm das Paket, und sollte er es wünschen, so zeige ihm auch den Ring. Erwarte sein Geheiß und bringe mir Antwort.«

Gino vernahm diesen Befehl mit vollkommener Ehrerbietung, aber mit unverhohlenem Schrecken. Die gewohnte Unterwerfung unter den Willen seines Herrn schien in ihm mit tiefem Abscheu gegen das ihm aufgetragene Geschäft zu kämpfen. Es zeigte sich sogar in seinem wenn auch unterwürfigen Zaudern eine Spur davon, daß der Grund zu seinem Widerwillen tiefer lag. Wenn dem Don Camillo der Blick und die Gebärdung seines Dieners überhaupt nicht entgingen, so tat er doch, als merkte er nichts.

»Beim gewölbten Durchgange des Palastes unter der Seufzerbrücke«, sagte er nochmals kaltblütig. »Mach, daß du zeitig hinkommst, möglichst kurz vor der ersten Stunde der Nacht.«

»Ich wollte, Signore, es hätte Euch beliebt, Giorgio und mir zu befehlen, Euch nach Padua zu fahren.«

»Das ist weit. Warum hast du mit einem Male Lust, dich so müde zu machen?«

»Weil es da auf den Wiesen keinen Dogenpalast gibt und keine Seufzerbrücke und keinen Hund von Jacopo Frontoni.«

»Mein Auftrag ist dir nicht genehm, aber du sollst wissen, daß ein treuer Diener gewissenhaft auszuführen hat, was ihm sein Herr befiehlt. Du bist geboren auf meinem Grund und Boden, Gino Monaldi, und obgleich du von Jugend auf dies Geschäft eines Gondoliere versehen hast, bist du doch eigentlich mein Vasall in Neapel.«

»St. Januarius verleih mir Dankbarkeit für solche hohe Ehre, Signore! Aber es gibt keinen Wasserhändler in den Straßen von Venedig und keinen Schiffer auf den Kanälen, der nicht diesen Jacopo überall hin wünschte, nur nicht in Abrahams Schoß. Er ist der Schrecken aller jungen Liebhaber und aller dringenden Gläubiger auf den Inseln.«

»Du siehst, einfältiger Schwätzer, daß es noch von den ersteren einen gibt, der sich nicht vor ihm fürchtet. Du suchst ihn auf unter der Seufzerbrücke, zeigst ihm den Siegelring und übergibst ihm das Paket, wie ich dir befohlen habe.«

»Ich bin um meine ganze Ehre, wenn man mich mit dem gottlosen Kerl reden sieht. Erst gestern sagte Annina, die hübsche Tochter des alten Weinhändlers auf dem Lido, in Jacopo Frontonis Gesellschaft gesehen zu werden sei ebenso schlimm, als wenn einer zweimal dabei ertappt wird, altes Tau aus dem Arsenal zu entwenden, wie es ihrer Mutter Vetter, dem Roderigo, erging.«

»Dein Gleichnis schmeckt nach der Moral vom Lido. Vergiß nicht, den Ring zu zeigen, damit er deiner Botschaft nicht mißtraue. «

»Hätte mir Ew. Exzellenz nicht befehlen können, die Flügel des Löwen zu kappen oder ein besseres Gemälde zu malen als Tiziano di Vezelli? Es ist mir in den Tod zuwider, auch nur gegrüßt zu werden von einem von Euern Kehlabschneidern. Sah mich einer von unsern Gondolieri mit dem Manne reden, Ew. Exzellenz‘ ganzer Einfluß reichte nicht hin, mir einen Platz bei der Regatta zu verschaffen.«

»Wenn er dich bleiben heißt, Gino, so warte ab, was ihm beliebt, wenn er dich aber gleich wieder fortschickt, so eile zurückzukommen, damit ich Bescheid erhalte.«

»Ich weiß sehr wohl, Signore Don Camillo, daß die Ehre eines Edelmannes von zarterer Natur ist als die seines Bedienten und daß ein Fleck auf der seidenen Senatorsrobe weiter gesehen wird als der Schmutz auf einer Livreejacke. Wenn aber einer, der Ew. Exzellenz‘ Aufmerksamkeit nicht wert ist, eine Beleidigung gewagt hat, sind Giorgio und ich jederzeit bereit, zu beweisen, wie sehr es uns am Herzen liegt, daß unseres Herrn guter Name nicht angetastet werde. Aber so ein Mietling für zwei oder zehn oder auch hundert Zechinen!« »Ich danke dir für den Wink, Gino. Geh schlafen in deine Gondel und schicke Giorgio in mein Kabinett.«

»Signore!«

»Bist du denn entschlossen, keinen von meinen Aufträgen auszuführen? «

»Befehlen Ew. Exzellenz, daß ich auf dem Fußweg zur Seufzerbrücke gehe oder durch die Kanäle?«

»Du könntest einer Gondel bedürfen – zu Wasser.«

»Ehe sich ein Gaukler umdrehen kann, soll Antwort da sein von Jacopo.«

So seine Absicht plötzlich ändernd, verließ der Gondoliere das Zimmer; sein Widerwille verstummte augenblicklich, als er sah, daß ein anderer das ihm vom Herrn geschenkte Vertrauen genießen sollte. Er stieg schnell eine geheime Treppe hinunter, um den Hausflur zu vermeiden, wo ein halbes Dutzend Dienstleute verschiedentlich beschäftigt war. Ein enger Korridor des Palastes führte ihn in einen inneren Hof und dann durch eine niedrige, unscheinbare Tür in einen dunklen Weg, der mit der nächsten Straße zusammenhing.

Es ist der Fehler der meisten Beschreibungen von Venedig, daß sie von den Kanälen viel zu rühmen wissen, aber nichts melden von den stillen, engen, gepflasterten, bequemen Straßen, die alle Inseln durchschneiden und miteinander durch zahllose Brücken; zusammenhängen.

In eine von diesen Straßen gelangte Gino, als er aus dem geheimen Gange trat, der zu dem Palast seines Herrn führte. Er brach sich durch die hin und her ziehende Menge Bahn, geschickt wie ein Aal, der sich durch die Wucherpflanzen der Lagunen schmiegt. Nickend nur beantwortete er die häufigen Grüße seiner Kameraden und hemmte seinen schnellen Schritt erst, als er in einem Stadtviertel, das Leute geringen Standes bewohnten, in die Tür einer niedrigen dunklen Wohnung trat. Zwischen Fässern, Tauwerk und Wegwurf aller Art umhertappend, gelang es dem Gondoliere, eine innere versteckte Tür zu finden, die in ein kleines Zimmer führte, das sein Tageslicht nur aus einer Art Spalt zwischen diesem und dem Nachbarhause erhielt.

»Gebenedeite St. Anna! Bist du’s, Gino Monaldi!« rief eine lebhafte venezianische Dirne, in deren Ton und Gebärde sich Koketterie und Erstaunen mischten. »Zu Fuß und durch die geheime Tür. Ist dies eine Stunde zu Geschäften deiner Art?«

»Du hast recht, Annina. Zu einem Handel mit deinem Vater ist es nicht Zeit, und für einen Besuch bei dir ist es zu früh. Aber hier gilt’s nicht schwatzen, sondern tun. Gib mir die Jacke, die ich trug, als wir miteinander zu der Lustbarkeit nach Fusina gingen. «

»Ich weiß nichts von deinem Handel, Gino, und von deinen Gründen, die Livree deines Herrn mit dem Anzug eines gemeinen Schiffers zu vertauschen. Diese seidenen Blumen stehen dir viel besser als der verblichene Samt, und wenn ich den einmal gelobt habe, so geschah es bloß, weil es eben auf die Lustbarkeit abgesehen war, und …«

»Zitto, zitto! Hier gibt’s nichts von Lustbarkeit, sondern eine wichtige Sache, die gleich zu Ende gebracht werden muß. Die Jacke, wenn du mich lieb hast.«

Annina warf das Kleidungsstück auf einen Stuhl und zeigte deutlich, daß ihr ein Bekenntnis dieser Art auch im unbewachtesten Augenblick nicht zu entlocken war.

»Wenn ich dich lieb habe? O ja! Da hast du die Jacke, Gino, und du magst dir in den Taschen die Antwort auf den Brief suchen, den du von des Herzogs Schreiber hast anfertigen lassen, was mir aber nicht lieb ist. Ein Mädchen muß vorsichtig sein in dergleichen Angelegenheiten, man weiß ja nicht, ob es nicht einen Nebenbuhler zum Vertrauten macht.«

»Jedes Wort darin ist so ehrlich, als hätt’s der Teufel selber für mich besorgt, Mädchen!« brummte Gino, indem er seine geblümte Jacke abwarf und die einfachere geschwind anzog. »Die Mütze, Annina, und die Maske!«

»Eine so falsche Physiognomie wie deine bedarf doch nicht erst des seidenen Läppchens, um sich zu verstecken«, sagte sie, ihm demungeachtet beides hinwerfend.

»Gut so – Pater Baptista selber, der sich rühmt, er könne einen Sünder von einem Reuigen durch den bloßen Geruch unterscheiden, soll doch in diesen Kleidern nicht Don Camillo Monfortes Diener ahnen! Sind deines Vaters Gondeln alle im Wasser?«

»Wie sollt er denn sonst nach dem Lido gekommen sein und mein Bruder nach Fusina und die zwei Arbeitsleute an ihre gewöhnlichen Geschäfte auf den Inseln, oder woher sollt ich sonst allein im Hause sein?«

»Diavolo! Ist kein Boot im Kanal?«

»Du hast ungewöhnliche Eile, Gino, jetzt mit deiner Maske und Samtjacke! Ich weiß nicht, ob ich einen darf in meines Vaters Haus hereinlassen, wenn ich allein bin, daß er dann so verkleidet und zu dieser Tageszeit fortschleiche. Du mußt mir deinen Auftrag sagen, damit ich urteilen kann, ob das zulässig ist.«

»So höre! Du hast von dem Abenteuer gehört, das meinem Herrn mit der Nichte des römischen Marchese begegnete, der in die Giudecca fiel durch die Unvorsichtigkeit eines Ankonafahrers, der über die Gondel hinging, als wäre seine Feluke eine Galeere von erstem Range gewesen.«

»Seit einem Monat spricht man ja hier auf dem Lido von nichts anderem; die aufgebrachten Gondolieri haben die Geschichte mit allen möglichen Variationen schon bis zum Überdruß wiederholt.«

»Gut, diese Sache, scheint’s, wird heut nacht zu Ende kommen. Mein Herr, fürcht ich, wird einen rechten Narrenstreich ausführen.«

»Sich trauen lassen?«

»Oder noch was Schlimmeres. – Ich soll möglichst schnell und heimlich einen Priester holen.«

Annina hörte mit großer Teilnahme dem Märchen des Gondoliere zu. Aber, war es mißtrauisches Temperament oder alte Gewohnheit oder Bekanntschaft mit der Art und Weise ihres Gefährten, genug, es regten sich in ihr einige Zweifel an der Wahrheit der Geschichte.

»Das wird ein sehr plötzliches Hochzeitsfest sein!« sagte sie nach einer Pause, »’s ist gut, daß nur wenig dazu gebeten sind, sonst möchten die Dreihundert die Freude verderben! Zu welchem Kloster bist du geschickt?«

»Ich hab keinen bestimmten Auftrag. Der erste beste kann’s sein, wofern er ein Franziskaner ist und ein Priester, der Herz hat für Liebende, denen Eile not tut.«

»Don Camillo Monforte, der Erbe eines alten, berühmten Gechlechts, vermählt sich nicht mit so wenig Umständen. Dein Lügenmaul, Gino, hat mich betrügen wollen, aber du solltest doch längst wissen, wie du damit bei mir unrecht ankommst. Sag mir die Wahrheit oder sollst nicht an dein Geschäft kommen, sondern hier mein Gefangener bleiben, solang mir’s beliebt.«

»Vielleicht, daß ich dir nicht von Geschehenem geredet habe, sondern was ich denke, daß binnen kurzem geschehen wird! Aber Don Camillo hat mich neuerlich so auf dem Wasser erhalten, daß ich fast alles im Traume tue, sobald ich nicht beim Ruder bin.«

»Du suchst mich umsonst zu hintergehen, Gino! Denn dein Auge sagt mir die Wahrheit, und wenn deine Zunge und dein Hirn wer weiß wohin geraten. Trink da einen Schluck und entlaste dein Gewissen als ein Mann.«

»Ich wollte, dein Vater machte mit Stefane Milano Bekanntschaft«, sagte der Gondoliere nach einem langen Atemzuge und noch längerem Trunk. »Das ist ein Padrone aus Kalabrien, der oft köstliches Getränk aus seiner Gegend in den Hafen bringt und der dir ein Faß roten Lacrimae Christi durch den Broglio selbst schafft, ohne daß es ein einziger von den Herren gewahren soll. Der Mann ist gegenwärtig hier, und wenn du willst, so könntet ihr bald um einige Schläuche handelseins werden.«

»Nun, und warum nicht jetzt gleich? Seine Feluke, sagst du, ist im Hafen, und du kannst ihn ja herführen durch die geheime Tür und die Gäßchen.«

»Du vergißt mein Geschäft. Don Camillo ist nicht gewohnt, zuletzt bedient zu werden. Cospetto! ’s war ein Jammer, wenn ein anderer den Wein bekäme, den der Kalabrese gewiß heimlich mitgebracht hat.«

»Dein Geschäft kann nicht so dringend sein als das, einen Wein von so besonderer Güte zu erlangen, oder wenn ja, so magst du erst deines Herrn Auftrag besorgen, und dann zum Hafen und Stefano aufgesucht. Damit wir um den Kauf nicht kommen, will ich selber eine Maske nehmen und mit dir gehn, um den Kalabresen zu sprechen. Du weißt, mein Vater hat in solchen Angelegenheiten viel Zutrauen zu mir.«

Während Gino über diesen Vorschlag halb verdutzt und halb erfreut dastand, wechselte die hurtige, verschmitzte Annina einige ihrer Kleidungsstücke, nahm eine seidene Maske vors Gesicht, verschloß sorgfältig die Tür und hieß den Gondoliere ihr folgen.

Der Kanal, mit dem die Wohnung des Weinhändlers in Verbindung stand, war eng, düster und wenig befahren. Eine Gondel der einfachsten Art lag dicht beim Hause angebunden, das Mädchen sprang ohne weitere Umstände hinein. Don Camillos Diener zauderte nur einen Augenblick, denn er merkte, daß der Plan, der ihm durch den Kopf fuhr, mit Hilfe einer andern Gondel zu entfliehen, unausführbar war, weil es an Gerät fehlte, und so nahm er seinen gewöhnlichen Platz im Hinterteil des Fahrzeugs ein und fing an, mit mechanischer Geläufigkeit zu rudern.

Zwanzigstes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Die Stunde war gekommen, wo die Piazza von Herumschwärmern und die Kanäle von Gondeln zu wimmeln pflegten. Masken stahlen sich wie gewöhnlich längs den Portikus, Gesang und Geschrei ließ sich hören, Venedig war wiederum der trügerischen Heiterkeit hingegeben.

Als Jacopo aus dem Gefängnis auf den Kai herauskam, mischte er sich unter den Menschenstrom, der nach den Plätzen hinwogte, durch seine Maske gegen alle Beobachtung gesichert. Wie er über die Brücke des Kanals von St. Markus kam, blieb er einen Augenblick stehen, um nach der eben verlassenen Galerie hinaufzuschauen, dann zog er weiter mit der Menge, das Bild der lieblichen und vertrauensvollen Gessina im tiefsten Herzen bewahrend. Unter den dunklen Bogen des Broglio suchten seine Blicke Don Camillo. An der Ecke des kleinen Platzes begegneten sie sich, wechselten geheime Zeichen, und der Bravo entfernte sich unbemerkt.

Hunderte von Booten lagen am Fuß der Piazetta: Unter diesen suchte Jacopo sein eigenes und ruderte es aus der schwimmenden Masse nach dem Stromwasser hin; wenige Ruderschläge, so lag er an der Seite der »Bella Sorrentina«. Der Schiffer schritt das Verdeck auf und ab, die frische Abendluft genießend, während sein Schiffsvolk am Vorderteil der Feluke gruppiert war und ein kalabrisches Schifferlied sang. Die Begrüßung war gutherzig, aber kurz, wie sie unter Männern dieser Klasse gebräuchlich ist. Aber der Padrone schien den Besuch zu erwarten, denn er führte seinen Gast, fern von den Ohren seiner Leute, ans andere Ende der Feluke.

»Hast du was Besonderes, guter Roderigo«, fragte der Seemann, der Jacopo an einem Zeichen zu erkennen pflegte und dennoch ihn nur unter jenem erdichteten Namen kannte. »Du siehst, wir sind nicht müßig gewesen, obgleich gestern Festtag war.«

»Bist du zur Fahrt in den Golf fertig?«

»Nach der Levante oder nach den Säulen des Herkules, wie es dem Senat gefällig ist. Wir haben unsere Segelstangen aufgezogen, seit die Sonne hinter den Gebirgen sank, und trotz unserer anscheinenden Gemächlichkeit bedürfen wir nur einer Stunde, um uns für die Außenseite des Lido zu rüsten.«

»Dann nehmt Eure Maßregeln.«

»Meister Roderigo, Ihr bringt Eure Neuigkeiten auf einen überfüllten Markt. Man hat mich schon unterrichtet, daß man uns diese Nacht brauche.«

Eine schnelle Bewegung des Mißtrauens von Seiten des Bravo entging dem Padrone, dessen Augen über den Windfang der Feluke liefen, mit der dem Seemann eigenen Aufmerksamkeit für diesen Teil des Schiffes, wenn sein Dienst begehrt wird.

»Du hast recht, Stefano. Indes doppelte Vorsicht schadet nicht. Bei einem schwierigen Auftrag ist Vorbereitung die Hauptpflicht. «

»Wollen Sie sich selbst überzeugen, Signore Roderigo?« sagte der Seemann mit leiser Stimme. »Die ›Bella Sorrentina‹ ist nicht der Buzentaur, auch keine Galeere des Großmeisters von Malta; doch im Verhältnis ihrer Größe sind in des Dogen Palast selbst keine besseren Zimmer zu finden. Als ich erfuhr, daß eine Dame zur Fracht gehöre, da kam die Ehre Kalabriens ins Spiel, ihr alles recht bequem zu machen.« »Gut. Wenn man dir alle Umstände mitgeteilt hat, so wirst du gewiß alles tun, um Ehre einzulegen.«

»Ich sage nicht, daß man mir die Hälfte davon mitgeteilt hätte, guter Signore«, unterbrach ihn Stefane. »Die Heimlichkeit bei euren venezianischen Ladungen ist eben das, was mir das Gewerbe am meisten verleidet. Mehr als einmal ist es geschehen, daß ich wochenlang in den Kanälen gelegen habe, meine Räume so rein wie ein Mönchsgewissen, und dann kam Befehl, die Anker zu lichten, und ein Bote, der im Hafen einstieg, ging als Fracht mit, um an der Küste von Dalmatien oder an den griechischen Inseln wieder hinauszukriechen.«

»Bei solchen Fällen hast du dein Geld leicht verdient.«

»Diamine! Meister Roderigo, hält ich einen Freund in Venedig, der mir beizeiten Nachricht gab, so könnte man die Feluke mit solchem Ballast beladen, der auf der jenseitigen Küste Gewinn brächte. Diene ich den edeln Herren nach Pflicht treu, was ginge es dann den Senat an, wenn ich nun auch zu gleicher Zeit meine Pflicht täte für mein gutes Weib und ihre kleinen braunen Kinder daheim in Kalabrien?«

»Es ist viel Vernunft in dem, was du sagst, Stefano; allein du weißt, die Republik ist ein strenger Gebieter. Ein Geschäft dieser Art will mit leiser Hand berührt werden.«

»Das weiß niemand besser als ich; denn als sie den Handelsmann mit all seinen Gerätschaften aus der Stadt sandten, da mußte ich gewisse Kisten in die See werfen, um Raum zu machen für seinen nichtswürdigen Plunder. Der Senat ist mir Ersatz schuldig für diesen Verlust, werter Signore Roderigo. «

»Den du dir wohl gern diese Nacht zueignen möchtest?«

»Allerheiligste Maria! Sie können der Doge selbst sein, Signore, so wenig kenne ich von Ihrem Angesicht, doch ich möchte am Altar drauf schwören, daß Sie, Ihres Scharfsinns wegen, zum Senat gehören müssen. – Wenn die Dame nicht gar zu sehr mit Sachen beschwert und es noch Zeit ist, so möchte ich wohl ein wenig für den Geschmack der Dalmatier sorgen, mit gewissen Artikeln, die aus den Ländern hinter den Herkulessäulen herkommen.« »Du kannst ja selbst darüber urteilen, da man dich von der Art deines Geschäftes unterrichtet hat.«

»St. Januarius von Neapel, öffne meine Augen! – Man sagte nicht ein Wörtchen weiter, als daß eine junge Dame, für die sich der Staat sehr interessiere, diese Nacht die Stadt verlassen wolle, um nach der Ostküste zu gehen. Wenn es für Ihr Gewissen nicht zu unangenehm wäre, Meister Roderigo, so würde es mich sehr beglücken, zu hören, wer Ihre Gesellschafter sein werden?«

»Davon sollst du zur rechten Zeit mehr erfahren. Bis dahin empfehl ich dir eine vorsichtige Zunge, denn St. Markus spaßt nicht mit denen, die ihn beleidigen. Ich freue mich, dich so vorbereitet zu sehen, werter Padrone, und dir eine gute Nacht und glückliche Reise wünschend, empfehle ich dich deinem Schutzpatron. Doch halt – ehe ich dich verlasse, möchte ich wohl die Stunde wissen, wann der Landwind eintritt?«

»Ihr seid in Euern Sachen exakt wie ein Kompaß, Signore, doch habt Ihr wenig Erbarmen mit Euern Freunden! Nach der heutigen brennenden Sonnenhitze zu urteilen, müssen wir die Alpenluft um Mitternacht haben.«

»Wohl – mein Auge wird dich bewachen. Nochmals, addio!«

»Cospetto! Du hast ja vom Kargo gar nichts gesagt?«

»Der wird an Wert beträchtlicher als an Umfang sein«, antwortete Jacopo, nachlässig und stieß ab von der Feluke. Während Stefano auf dem Verdeck stand und über den wahrscheinlichen Ertrag seiner Spekulation nachdachte, glitt das Boot schnell und behende nach dem Kai.

Gleich den Windungen des listigen Fuchses durchkreuzt Betrug oft seine eigenen Wege; demgemäß fallen in seine Schlingen nicht nur die, denen sie gelegt wurden, sondern auch die, die sie legten. Als Jacopo sich von Don Camillo trennte, verabredeten sie, daß ersterer all seinen angeborenen Scharfsinn oder seine Erfahrung anwenden sollte, um mit Gewißheit die Absichten des Senats hinsichtlich Donna Violettas zu erfahren. Dies war auf dem Lido geschehen, und da niemand außer ihm von ihrer Unterredung etwas wußte und ihre neuerlich geknüpfte Verbindung ahnen konnte, so übernahm der Bravo seinen neuen Auftrag nicht ohne Aussicht auf einen glücklichen Erfolg. Bei ganz besonders delikaten Geschäften ihre Agenten zu wechseln, war ein sehr gebräuchliches Mittel der Republik, um dadurch Nachforschungen zu entgehen. Oft war Jacopo ihr Werkzeug bei ihren Unterhandlungen mit dem Seefahrer, der häufig gebraucht ward, geheime polizeiliche Maßregeln auszuführen. Er hatte anfangs den Befehl bekommen, den Padrone aufzusuchen und ihm zu empfehlen, daß er sich jeden Augenblick zum Dienste bereithalten möge; seit dem Verhör Antonios aber waren ihm von seinen bisherigen Prinzipalen keine Instruktionen mehr erteilt worden. Unter diesen nachteiligen Umständen also war es, daß Jacopo seine neuen wichtigen Pflichten anzutreten hatte.

Daß sich die List, wie gesagt, oft selber überlistet, ist sprichwörtlich und bewährte sich aufs neue in dem gegenwärtigen Falle mit Jacopo und seinen Herren. Sie hatten ihn bisher bei ähnlichen Gelegenheiten aufgesucht, jetzt schwiegen sie. Dieser Umstand war ihm nicht entgangen. Als er daher auf seinem Gange längs des Kais die Feluke erblickte, so leitete der Zufall seine Nachforschungen, und wie sehr ihm dabei die Habgier des Kalabresen zu Hilfe kam, haben wir eben erzählt.

Kaum hatte Jacopo den Kai erreicht und sein Boot angebunden, als er wieder auf den Broglio eilte, der in diesem Augenblick von Maskierten und den Pflastertretern der Piazetta angefüllt war. Die Patrizier waren nicht mehr da, sie hatten sich zurückgezogen.

Jacopo schien es, hatte gemessene Befehle; denn nachdem er sich überzeugt hatte, daß Don Camillo nicht mehr auf dem Platze war, drängte er sich durch die Menge wie einer, der einen bestimmten Gang zu tun hat. Beide Plätze waren jetzt voll, und wenigstens die Hälfte derer, die in diesen Vergnügungsorten die Nacht zuzubringen gedachten, erschien maskiert. Der Bravo, obgleich eine entschiedene Richtung nehmend, schritt nicht so eilig einher, daß er nicht im Gehen die sich auf der Piazetta bewegenden Gestalten hätte mustern können. So kam er bis an den Punkt, der beide Plätze vereinigt, als er seinen Ellenbogen leise berührt fühlte.

Er war nicht gewohnt, sich auf dem St.-Markus-Platze, noch dazu in solcher Stunde, unnötigerweise durch Sprechen zu verraten. Aber seinem fragenden Blicke erwiderte ein Zeichen, daß er folgen möchte. Die Gestalt, die ihn angehalten hatte, war so vollständig in ihrem Domino verhüllt, daß er sich vergeblich bemühte, zu erkennen, wer es wäre. Da jedoch der Teil des Platzes, wo sie ihn hinwinkte, leer war und in der Richtung lag, die er eben nehmen wollte, so gab der Bravo ein einwilligendes Gegenzeichen und folgte. Sobald sie sich außerhalb des Gedränges und an einem Orte befanden, wo sich kein Lauschender verbergen konnte, stand der Fremde still, untersuchte unter seiner Maske hervor Jacopos Person, Wuchs und Anzug und endigte zuletzt mit einer Gebärde, die anzeigte, daß er den Rechten vor sich habe. Jacopo erwiderte ebenfalls in Zeichensprache, behauptete aber strenges Stillschweigen, bis sich jener gezwungen sah, das Gespräch zu eröffnen.

»Gerechter Daniel«, brummte er, »sollte man nicht glauben, erlauchter Signore, Ihr Beichtiger habe Ihnen Stillschweigen zur Begrüßung auferlegt? Warum reden Sie Ihren Diener nicht an?«

»Was willst du?«

»Da hat man mich hierhergeschickt in die Piazza unter die Gauner, Kammerdiener, Gondolieri und alle Arten von Zechern und Schmausern, die dieses christliche Land zieren, und da soll ich suchen den Erben von einem der ältesten und geehrtesten Häuser Venedigs?«

»Wie, so weißt du denn, daß ich der bin, den du suchst?«

»Signore, ein weiser Mann sieht manches, was dem Unachtsamen entwischt. Wenn junge Kavaliere Geschmack finden daran, sich vornehm maskiert zu begeben unters Volk, wie bei einem gewissen jungen Patrizier dieser Republik der Fall ist, so brauchen sie eben nicht aufzutun den Mund, man kennt sie schon an ihrer Haltung.«

»Du bist ein schlauer Bote, Hosea; doch dein Stamm lebt ja von seiner Schlauheit.«

»Sie ist das einzige, was wir entgegensetzen können dem Unrecht des Drängers. Gehetzt sind wir wie Wölfe, warum sollten wir also nicht bisweilen zeigen die wilde Natur der Bestien, für die Ihr uns haltet. Doch was erzähl ich die Trübsale unserer Leute einem, der da glaubt, daß das Leben eine Maskerade ist?« »Aber zu deinem Auftrag! Ich wüßte nicht, daß ich ein Pfand auszulösen hätte, auch bin ich dir kein Gold schuldig.«

»Gerechter Samuel! Ihr Kavaliere vom Senat gedenkt nicht immer an das, was vergangen ist, Signore, oder Ihr hättet Euch sparen können diese Worte. Wenn Ew. Exzellenz sind geneigt, Pfänder zu vergessen, kann ich was dafür? Sicherlich, was anbelangt die Rechnung, die nun schon so lange ist angewachsen unter uns, da ist auf dem ganzen Rialto kein Handelsmann, der die Beweise wird ziehen in Zweifel.«

»Und wär’s auch so, kommst du hierher auf den vollen St.-Markus-Platz als Gläubiger, meines Vaters Sohn zu mahnen?«

»Wo werd ich Schande antun, Signore, irgendeinem, der da kommt von diesem erlauchten Geschlecht! Darum wollen wir jetzt nicht weiter sprechen von der Sache, wohl zu merken allerdings, daß Ihr, wenn die Zeit da ist, Euch bekennet zu Eurer Handschrift und Siegel.«

»Deine Klugheit gefällt mir, Hebräer, sie ist mir Bürgschaft, daß dein Geschäft diesmal nicht von der gewöhnlichen unangenehmen Art ist. Da ich eben nicht viel Zeit habe, so wirst du wohl so gut sein und damit herausrücken.«

Hosea sah sich noch einmal verstohlen, aber genau auf dem menschenleeren Fleck um, trat dann näher auf den vermeintlichen Edelmann zu und fuhr fort: »Signore, Ihre Familie ist in Gefahr, einen großen Verlust zu erleiden! Sie wissen, daß der Senat hat gänzlich und plötzlich entfernt die Donna Violetta von der Bewachung des treuen und erlauchten Senators, Ihres Vaters.«

Jacopo trat erschrocken einen Schritt zurück, doch so leise, daß die Bewegung für einen Liebhaber, dessen Hoffnung vereitelt worden, nur natürlich erschien und den Irrtum des Juden noch bestärkte.

»Beruhigen Sie sich, junger Signore«, setzte Hosea hinzu, »Diese Striche durch die Rechnung erfahren wir alle in der Jugend, wie ich weiß, durch gar schwere Versuchungen. Lea ist auch nicht gewonnen worden ohne Müh, und zunächst dem Glück im Handel ist Glück in der Liebe vielleicht das, worauf am wenigsten kann gerechnet werden. Aber Gold tut viel bei beiden, und in der Regel setzt es die Sache durch. Aber Sie sind näher daran, die Dame, die Sie lieben, und ihre Besitztümer zu verlieren, als Sie sich einbilden, denn ich bin hergeschickt, ausdrücklich, daß ich Ihnen soll sagen, daß sie soll werden entfernt aus der Stadt.«

»Wohin?« fragte Jacopo hastig, und der vermutete Liebhaber ward dem guten Hosea dadurch nur um so deutlicher.

»Das ist es ja eben, Signore, was noch ist zu erfahren. Dein Vater ist ein scharfsinniger Senator und tief eingeweiht bisweilen in die Geheimnisse des Staates. Doch wenn ich etwas darf schließen von seinem Schwanken bei dieser Gelegenheit, so kommt’s mir vor, als wenn er sich richtete mehr nach Berechnungen als nach sicherem Wissen. Gottseliger Daniel! Es hat gegeben Augenblicke, wo ich hab vermutet, daß der ehrwürdige Patrizier ein Mitglied ist des Rates der Dreimänner!«

»Sein Adel ist alt, seine Privilegien wohlbegründet – warum sollte er nicht?«

»Ich sag ja nichts dagegen, Signore. Es ist ein weises Kollegium, das viel Gutes tut und verhütet viele Übel. Niemand auf dem Rialto sagt den geheimen Beratungen Böses nach; dort legen sich die Leute auf Broterwerb und klügeln nicht über die Handlungen ihrer Beherrscher. Aber, Signore, er möge nun gehören zu diesem oder jenem Rate oder bloß sein Senatsmitglied, so hat er fallen lassen einen behutsamen Wink über die Gefahr des Verlustes, in der wir uns –«

»Wir! Hast du etwa Absichten auf Donna Violetta, Hosea?«

»Das verhüte Lea und das Gesetz! Ich sagte darum wir, Signore, weil bei dieser Heirat das Interesse der Leute auf dem Rialto ebensogut auf dem Spiel steht als das des Hauses Gradenigo.«

»Ich verstehe, du fürchtest für dein Gold.«

»Wenn ich so leicht Besorgnisse schöpfte in dieser Sache, Signore Giacomo, so würde ich es nicht hergegeben haben so bereitwillig. Indessen, ist auch die einstige Erbschaft von deinem Vater vollkommen hinlänglich, sicherzustellen jede Anleihe, die ich armer Mann machen kann, so würde die Sicherheit doch dadurch nicht werden geringer, wenn die Reichtümer des Signore Tiepolo noch kämen hinzu.«

»Du bist scharfsinnig, das geb ich zu, auch begreif ich die ganze Wichtigkeit deiner Warnung; allein, sie scheint keinen andern Zweck noch Grund zu haben als deine persönlichen Befürchtungen. «

»Und einige hingeworfene Winke Ihres geehrten Vaters, Signore.«

»Was sagte er denn noch weiteres über den Gegenstand?«

»Er sprach in Gleichnissen, junger Edelmann, Gleichnisse aber sind nicht in den Wind gesprochen für orientalische Ohren. Daß man im Begriffe steht, wegzubringen die reiche junge Dame aus Venedig, ist gewiß, und zum Besten des bißchen Interesses, das ich habe an ihrem Schicksal, gab ich den schönsten Türkis in meinem Laden darum, wüßte ich, wohin.«

»Weißt du gewiß, daß es diese Nacht geschehen soll?«

»Ich verpfände mich zu nichts, wenn’s etwa anders sollte ausfallen, aber ich habe Gewißheit genug, junger Kavalier, um unruhig zu sein.«

»Genug – ich werde meine eigene Angelegenheit und die deinige im Auge behalten.«

Jacopo machte ein Abschiedszeichen mit der Hand und verfolgte seinen Weg, die Piazza hinauf.

»Was meine Angelegenheiten betrifft«, brummte der Hebräer für sich, »so wollt ich nur, ich hätte sie selbst besser behalten im Auge. Was ging es dann mich an, heiratete die Dirne dich oder einen Türken!«

»Pst, Hosea!« rief ihm hier eine Maske ins Ohr, »ein Wörtchen allein mit dir.«

Der Jude schrak zurück, als er fand, daß er sich im Eifer denn doch von jemand hatte belauschen lassen. Auch dieser Fremde war in einem Domino und durchaus unkenntlich.

»Was beliebt, Signore Maske?« fragte der vorsichtige Jude.

»Ein Wort in Freundschaft und Vertrauen. – Du leihest Gelder auf Wucherzinsen aus, nicht wahr?«

»Diese Frage wär in der Schatzkammer der Republik eher am rechten Ort! Ich hab viele Steine, die taxiert sind weit unter ihrem Karatgewicht, und lieb wär’s mir, könnt ich sie unterbringen bei jemand, der besser imstande ist als ich, sie zu behalten.«

»Nein, das hilft dir nichts – man weiß recht gut, daß du Zechinen hast die Hülle und Fülle; ein reicher Jude aber sagt nicht nein, wenn es gilt, sein Geld auf Hypotheken anzulegen, die so sicher sind wie Venedigs Gesetze. Tausend Dukaten in deiner bereitwilligen Hand ist keine Seltenheit.«

»Die mich reich nennen, Signore Maske, belieben ihren Spott zu treiben mit dem unglücklichen Sohn eines verfolgten Volkes. Daß ich vor Mangel geschützt, daß ich sogar nicht geradezu dürftig bin, ist vielleicht nicht unwahr; wenn man aber spricht von tausend Dukaten, so sind das Dinge, zu gewichtig für meine belasteten Schultern. Geruhten Sie vielleicht einen Amethyst zu kaufen oder einen Rubin, galanter Signore, so dürften wir wohl handelseinig werden.«

»Juwelen hab ich selber, alter Hebräer, Gold ist’s, was ich brauche, dringend brauche, gleich und ohne viele Worte haben muß – nenne nur deine Bedingungen.«

»Wer so gebieterisch spricht in Geldangelegenheiten, Signore, der muß stellen können gute Sicherheiten.«

»Du hast gehört, daß die Gesetze Venedigs nicht sicherer sind. Tausend Zechinen, geschwind! Die Höhe der Wucherzinsen setze nach deinem eigenen Gewissen fest.«

Das hieß nun freilich, der Unterhandlung weiten Spielraum zu geben, und Hosea fing an, die Sache ernstlicher in Erwägung zu ziehen.

»Signore«, sagte er, »tausend Dukaten liest man nicht beliebig auf vom Pflaster des großen Platzes. Wer sie will darleihen, der muß sie erst verdienen durch lange, geduldige Arbeit, und wer sie borgen –«

»– will, der steht neben dir –«

»– will, der muß haben einen Namen und ein Gesicht, welche kreditfähig sind auf dem Rialto.«

»Nun, du verleihest ja wohl auch an Masken, bedächtiger Hosea, wenn anders der Ruf dir nicht zuviel Gutes nachsagt.«

»I nun, ein hinlängliches Pfand macht mir freilich die Sache klar genug, der Borgende mag nun so verborgen sein wie der Rat der Drei selbst. Aber ich sehe nichts. Morgen komm zu mir, mit oder ohne Maske, ganz wie es dir beliebt, denn ich verlange nicht, mich weiter zu mischen in anderer Leute Angelegenheiten, als meine eigenen es erfordern, und dann will ich nachsehen in meinen Koffern, wiewohl kein präsumtiver Erbe in Venedig leerere haben kann als ich.«

»Ich brauche das Geld gleich, ohne allen Verzug. Hast du es, unter der Bedingung, dir selbst den Zinsfuß stellen zu können, so sprich.«

»Bei hinlänglicher Bürgschaft in Edelsteinen könnte ich vielleicht zusammenscharren unter unsern zerstreuten Leuten die Summe, Signore. Doch wer umhergeht auf der Insel, um zu borgen, wie ich werde tun müssen, muß können beschwichtigen alle Zweifel hinsichtlich der Bezahlung.«

»Also das Gold ist zu haben, das ist ausgemacht?«

Hosea zauderte, denn er hatte sich vergeblich bemüht, durch des andern Verhüllung zu dringen, und obgleich dessen Zuversicht ihm ein günstiges Zeichen schien, so wollte doch seinem Leihinstinkt dessen Ungeduld nicht recht gefallen.

»Ich hab gesagt, durch den freundschaftlichen Beistand unserer Leute«, antwortete er vorsichtig.

»Diese Ungewißheit verträgt sich nicht mit meinem Bedürfnis, leb wohl, Hosea, ich muß anderswo suchen.«

»Signore, Sie eilen ja, als brauchten Sie das Geld, um damit zu bestreiten Ihre Hochzeitskosten. Wenn ich Isaak und Aaron so spät noch fände zu Hause, so glaub ich ohne Gefahr für einen Teil des Geldes stehen zu können.«

»Auf diesen Zufall kann ich mich nicht verlassen.«

»Nun, Signore, der Zufall ist nur klein, da Aaron bettlägerig ist und Isaak niemals verfehlt, durchzusehen seine Bücher, sobald vorüber ist die Mühe des Tages.«

»Ich sag dir, Jude, unsere Sache muß durchaus frei von aller Ungewißheit sein. Das Geld gegen Unterpfand und mit deinem eigenen Gewissen als Schiedsrichter in der Zinsangelegenheit, aber keine Winkelzüge, die dir nachher die Wahl lassen, zurückzutreten unter dem Vorwand, die Zwischenhändler wollten nicht.«

»Gerechter Daniel! Ihnen einen Gefallen zu tun, Signore, glaub ich es wagen zu können! – Da hat mir der wohlbekannte Hebräer aus Livorno, Levi, einen Beutel gegeben zur Aufbewahrung, der genau enthält die verlangte Summe. Unter den genannten Bedingungen will ich ihn verwenden in meinen Geschäften und dem guten Juwelier sein Gold später zahlen aus meinen eigenen Mitteln.«

»Dank für die Mitteilung, Hosea«, sagte der andere, indem er die Maske ein wenig lüftete, doch schnell wieder zurechtsetzte. »Sie kürzt unsere Verhandlung bedeutend ab. Trägst wohl den Beutel des Livorneser Juden unter deinem Domino?«

Hosea stand sprachlos da. Das Lüften der Maske hatte ihn von zwei wesentlichen Dingen in Kenntnis gesetzt: erstens, daß er vorhin seinen Verdacht wegen der Absichten des Senats mit Donna Violetta einem Unbekannten, vielleicht gar einem Polizeibeamten anvertraut hatte, und zweitens: daß er sich des einzigen Grundes entäußerte, der ihm je gegen die dringenden Zumutungen Giacomo Gradenigos etwas geholfen hatte, indem er diesem selbst soeben einräumte, daß die verlangte Summe in seinem Besitze sei.

»Ich hoffe, das Gesicht eines alten Kunden zerschlägt unsern Handel nicht, Hosea?« sagte der verschwenderische Erbe des Senators, kaum sich die Mühe gebend, das Ironische der Frage zu verbergen.

»Vater Abraham! Hätt ich gewußt, daß Sie es sind, Signore Giacomo, so hätten wir können schneller fertig werden.«

»Ja, ja, indem du, wie so oft seit kurzem, kein Geld zu haben vorgabst.«

»I nu, ich pflege nicht zu verschlucken meine Worte, Signore; aber meiner Pflicht gegen Levi muß ich doch bleiben gedenk. Der sorgfältige Hebräer hat mich ein Gelübde tun lassen auf den Namen unseres Stammes, daß ich sein Gold geben wolle niemandem, der nicht besäße die Mittel, die Wiederbezahlung zu setzen außer allen Zweifel.«

»Das gehört nicht hierher, du borgst das Geld von ihm und leihest es mir.«

»Signore, Sie versetzen mein Gewissen in eine kitzlige Lage. Sie schulden mir bereits etliche sechstausend Zechinen, wenn ich nun verborg dieses anvertraute Geld und Sie es auch zurückzahlen – was ich beides nur gesagt haben will als Voraussetzung –, so könnte mich verleiten die natürliche Vorliebe für mein Eigentum, die Zahlung auf meine eigene Rechnung zu stellen und Levis Schuld zu bringen in Gefahr.«

»Mach du das mit deinem Gewissen ab, wie du willst, Hosea. Du hast dich zu dem Gelde bekannt, und hier sind die verpfändeten Juwelen – her mit den Zechinen!«

Wahrscheinlich würde bei dem steinernen Gemüt des Hebräers die Vorstellung Giacomo Gradenigos ohne Wirkung geblieben sein. Allein, nachdem er sich von seiner Bestürzung erholt hatte, setzte er dem Wüstling seine Besorgnisse in Beziehung auf Donna Violetta, deren Vermählung, wie man sich erinnern wird, nur den Trauzeugen und dem Rate der Drei bekannt war, auseinander, und da fand er denn, daß das Gold dazu gebraucht werden sollte, die Dame an einen sichern Ort zu schaffen. Da aber dies seinem eigenen Zwecke so sehr entsprach, so gewann der Handel dadurch freilich eine ganz andere Wendung. Überdies waren die dargebotenen Juwelen wirklich ein genügendes Unterpfand für die darzuleihende Summe, und Hosea, der die Wahrscheinlichkeit mit in Anschlag brachte, durch die Güter der Erbin auch zu seinen früher verliehenen Geldern zu kommen, glaubte endlich die Zechinen des angeblichen Freundes Levi nicht besser anlegen zu können.

Sobald sich die Parteien vollkommen verständigt hatten, verließen sie zusammen den Platz, um den Handel abzuschließen.

Einundzwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Die Nachtstunden nahten ihrem Ende. Melodische Töne unterbrachen wieder die gewöhnliche Stille der Stadt, aufs neue sah man alle Kanäle von den Fahrzeugen der Großen wimmeln. Aus den Fenstern der kleinen finstern Bootspavillons winkten wohl einige im Vorbeifahren einander zu, doch nur wenige wagten es, zum Austausch der Begrüßung anzuhalten, so sehr fürchtete jeder den in allen Ecken lauernden Verrat. Selbst die Abendluft schöpfte niemand ohne Ängstlichkeit, so sehr war diese zur zweiten Natur der Bürger geworden.

Mitten durch die leichteren und geschmückteren Barken der Patrizier kam eine gemeine Gondel von mehr als gewöhnlicher Größe den Canale Grande gemächlich dahergefahren; die Gondolieri hatten das Ansehen von Leuten, die ermüdet oder eben nicht sonderlich eilig sind. Der am Ruder, ein Virtuose in seinem Fach, leitete das Boot nur mit einer Hand, während seine drei Gehilfen ihre Ruder müßig das Wasser obenhin bestreichen ließen, nur dann und wann mit einem Schlage nachhelfend. So ungefähr nahm sich ein Fahrzeug aus, wenn es auf seinem Rückwege von einem Ausflug auf eine der etwas entfernter gelegenen Inseln war.

Aber plötzlich schwenkte die mehr schwimmende als geruderte Gondel aus der Mitte des Fahrwegs, und im Nu war sie in einem der am wenigsten belebten Kanäle. Schneller und regelmäßiger ging es jetzt vorwärts nach einem Stadtteile zu, den nur Leute der untersten Klasse bewohnten. An der Seite eines Magazins ward angehalten, und einer von der Mannschaft erstieg die Brücke, während sich die übrigen wie zum Ausruhen auf ihre Ruderbänke hinwarfen. Der ans Land Gestiegene wand sich durch einige kleine Durchgänge, wie sie in Venedig so zahlreich sind, und klopfte endlich an einem Fenster an. Bald ward aufgemacht, und eine weibliche Stimme fragte, wer draußen sei.

»Ich bin’s, Annina«, erwiderte Gino, der ohnehin kein seltener Supplikant an dieser Hintertür war. »Mach nur auf, Mädchen, mein Geschäft hat große Eile.«

Annina versicherte sich erst, ob ihr Bewerber auch allein sei, und tat dann, was er verlangte.

»Du kommst aber recht ungelegen, Gino«, hob die Weinhändlerstochter an, »eben wollte ich nach dem Markusplatze, um die Abendluft zu genießen. Vater und Brüder sind schon fort, ich wollte nur noch die Türen verschließen.«

»Konnte ihre Gondel nicht noch eine vierte Person fassen?«

»Sie haben den Fußweg genommen.«

»Und du getraust dich zu dieser Stunde allein auf den Straßen zu gehen, Annina?«

»Was hast denn du danach zu fragen?« erwiderte sie schnippisch. »Dank sei dem heiligen Teodoro, daß ich noch nicht die Sklavin des Bedienten eines Neapolitaners bin.«

»Der Neapolitaner ist ein mächtiger Herr, Annina, der den Willen und die Gewalt hat, seinen Dienern Achtung zu sichern.«

»Es wird sich zeigen, was er mit seiner Gewalt auszurichten vermag. Doch was willst du von mir in dieser unzeitigen Stunde? Wisse, Gino, daß ich mir aus deinen Besuchen überhaupt nicht viel mache, wenn sie mich aber vollends in meinen Geschäften stören, so sind sie mir geradezu unangenehm.«

Wäre die Leidenschaft des Gondoliere ernstlicher Art gewesen, so würde ihn solche unumwundene Sprache gekränkt haben, allein, er empfing die Zurückweisung mit derselben Gleichgültigkeit, mit der sie gegeben wurde.

»An deine Launen, Ninchen, bin ich schon gewöhnt«, sagte er und warf sich auf eine Bank, entschlossen, nicht zu weichen. »Gewiß hat dir ein junger Patrizier einen Handkuß zugeworfen, oder dein Vater hat heute ein gutes Geschäftchen gemacht, seine Börse und dein Stolz halten ja immer gleichen Schritt.«

»Ei, hör einer den Burschen! Sollte man nicht glauben, ich hätte ihm schon mein Jawort gegeben, und es fehlte weiter nichts, als die Kerzen in der Sakristei anzuzünden, um die Trauung zu vollziehen! Was hab ich nach dir zu fragen, Gino Monaldini, daß du dir mit einem Male dergleichen rausnimmst?«

»Und was hab ich nach dir zu fragen, Annina, daß du den Vertrauten des Don Camillo mit diesen abgenutzten Kunststückchen hinhalten willst?«

»Fort, Unverschämter! Ich mag meine Zeit nicht an dich verschwenden.«

»Bist diesen Abend gewaltig eilig, Annina.«

»Ja, um dich loszuwerden. Merk dir wohl, was ich dir jetzt sage, Gino, denn es sind die letzten Worte, die du von mir zu hören bekommst. Mit deinem Herrn ist’s bald zu Ende; nicht lange, so wird er mit Schande die Stadt räumen müssen, und seine sämtlichen Diener mit ihm. Ich aber ziehe es vor, in der Stadt zu bleiben, wo ich geboren bin.«

Der Gondoliere lachte hell auf, denn ihn rührte ihre angenommene Verachtung in der Tat sehr wenig. Doch schnell erinnerte er sich seines Auftrags wieder, gewann den vorigen Ernst und versuchte nun durch ein angelegentlicheres Benehmen des Unwillens seiner wankelmütigen Gebieterin Meister zu werden.

»Behüt mich der heilige Markus, Annina! Warum sollten wir nicht ein Geschäft in Wein abmachen können, wenn wir auch nicht bestimmt sind, zusammen vor dem guten Prior hinzuknien? Ich winde mich durch die dunkeln Kanäle bis Steinwurfweite vor deine Tür und führe dir eine Gondel voll alten Lacrimae Christi zu, wie ihn der ehrliche Tommaso, dein Vater, selten noch zu kaufen bekommen hat, und du behandelst mich wie einen Hund.«

»Ich habe diesen Abend weder für dich noch deine Weine Zeit übrig. Ohne dein Geschwätz wär ich nun schon fort und guter Dinge.«

»Schließ du nur die Tür zu, Mädchen, brauchst mit einem alten Freund keine Umstände zu machen.« Dabei bot er ihr dienstfertig seine Hilfe beim Verschließen an, was sie denn auch bereitwillig zugab, so daß das Haus bald in Sicherheit und die Eigensinnige mit ihrem Bewerber im Freien war. Ihr Weg führte über die schon erwähnte Brücke, Gino wies auf die Gondel hin mit den Worten: »So fühlst du denn gar keine Versuchung, Annina?«

»Deine Unvorsichtigkeit, die Schmuggler bis vor meines Vaters Haustür zu bringen, stürzt uns noch ins Unglück, alberner Junge.«

»Du irrst, gerade diese Kühnheit schläfert allen Verdacht ein.«

»Von welchem Weinberg ist das Getränk?«

»Vom Fuße des Vesuv, die Beeren hat die Hitze des Vulkans gereift. Wenn die Leute das Weinchen deinem Feinde, dem alten Beppo, zuschlagen, wird dein Vater untröstlich drüber sein.«

Annina, die zu keiner Zeit ihren Vorteil aus dem Auge verlor, blickte jetzt das Boot lange an. Das Zelt war zu, allein, ihre einmal in Gang gesetzte Einbildungskraft füllte ohne Mühe den ganzen Raum mit neapolitanischen Schläuchen an.

»Kommst du aber auch nicht wieder vor unsere Haustür, Gino?« »Das soll von dir abhängen. Jetzt komm nur mit hinab und koste.«

Sie zauderte und – tat, was die Frauen stets tun, wenn sie zaudern – sie willigte ein. Schnell war das Boot erreicht, die Leute lungerten noch auf ihren Ruderbänken, aber Annina glitt, ohne sie anzusehen, an ihnen vorbei in das Zelt. Jedoch statt Schläuchen und Gepäcks, wie in einem dem Schmuggelhandel gewidmeten Fahrzeuge, fand sie hier die gewöhnliche Einrichtung einer Kanalbarke, Polster und darauf einen fünften Gondoliere ausgestreckt.

»Hier seh ich nichts, was mich anginge!« rief die Getäuschte. – »Wollen Sie was von mir, Signore?«

»Willkommen. Diesmal trennen wir uns so bald nicht wieder.«

Der Fremde war beim Sprechen aufgestanden und legte mit dem letzten Worte die Hand auf die Schulter des Mädchens, die sich keinem andern gegenüber sah als dem Don Camillo Monforte.

Annina war in Verstellungskünsten zu geübt, um ein Zeichen wirklichen oder geheuchelten Schreckens zu verraten. Ihre Glieder bebten zwar, aber mit voller Gewalt über ihre Züge und mit erkünstelter Heiterkeit sagte sie: »Viel Ehre für den Schleichhandel, den edeln Herzog von Sant‘ Agata in seinen Diensten zu haben!«

»Ich bin zum Scherz nicht aufgelegt, Dirne, wie du sehen sollst. Wähle: offenherziges Bekenntnis oder meinen gerechten Zorn.«

Diese Worte wurden mit Ruhe gesprochen, doch so, daß Annina ohne Mühe merken konnte, sie habe es mit einem entschlossenen Manne zu tun.

»Was für Bekenntnis verlangen Ew. Herrlichkeit von der Tochter eines armen Weinhändlers?« fragte sie, unwillkürlich erzitternd.

»Die Wahrheit! Und bedenke, daß du diesmal nicht entkommst, bis ich zufriedengestellt bin. Zwischen der venezianischen Polizei und mir ist es nun einmal zum offenen Bruch gekommen.«

»Signore Herzog, solches Verfahren mitten in Venedig ist sehr kühn.«

»Dich wird dein eigener Vorteil lehren zu bekennen.«

»Da es Ihr Wille ist, das wenige, was ich weiß, zu erfahren, so soll es mir Vergnügen machen, es Ihnen mitteilen zu dürfen.«

»So sprich, die Zeit ist kurz.«

»Signore, leugnen will ich’s nicht, es ist Ihnen schlimm mitgespielt worden. Capperi! Welches Verfahren von dem Rate! Einen edeln Kavalier aus fremdem Lande, mit den gerechtesten Ansprüchen auf die Ehre, im Senat zu sitzen, so zu behandeln macht der Republik Schande! Kein Wunder, daß Ew. Herrlichkeit nicht gut auf sie zu sprechen sind.«

»Nichts davon, Dirne, heraus mit der Sache.«

Annina tat einen Blick seitwärts aufs Wasser und bemerkte, daß das Boot den Kanal schon hinter sich hatte und sich den Lagunen näherte. Völlig in der Gewalt Don Camillos, fühlte sie wohl, daß ihr längeres Ausweichen nichts helfen würde.

»Daß der Rat in Erfahrung zu bringen gewußt, daß Sie mit Donna Violetta aus der Stadt entfliehen wollten, das haben Ew. Herrlichkeit sich wohl schon selbst gedacht.«

»Versteht sich.«

»Mir ist’s unerklärlich, zu erraten, warum man gerade mich zur Dienerin der edlen Donna ausersah. Heilige Maria von Loretto! Ich bin nicht die Person, an die sich der Staat zu wenden hat, wenn er zwei Liebende auseinanderbringen will!«

»Jetzt ist die Gondel außerhalb der Stadt, Annina, und nun ist’s aus mit meiner Geduld. Wo hast du meine Frau gelassen?«

»Gebenedeiter San Teodoro! Signore, die Handlanger der Republik bedurften meiner Hilfe nicht; bei der ersten Brücke, durch die wir kamen, setzten sie mich aus.«

»Dein Streben, mich zu täuschen, ist vergeblich. Du warst noch in später Stunde auf den Lagunen, und als du von dem Boote der Donna Violetta zurückkamst, gegen Sonnenuntergang, warst du im St.-Markus-Gefängnisse zu Besuch, das weiß ich.«

Annina erstaunte nun wirklich. »Santissima Maria! Sie sind besser bedient, Signore, als sich der Rat einbildet!«

»Wie du zu deinem Schaden finden sollst, wenn du nicht die ganze Wahrheit gestehst. Aus welchem Kloster kamst du?«

»Signore, aus keinem. Wenn Ew. Herrlichkeit herausgebracht haben, daß der Senat die Signora Tiepolo im Gefängnis des heiligen Markus eingeschlossen hat, so bin ich daran nicht schuld.«

»Fruchtlose List, Annina«, erwiderte Don Camillo mit Ruhe. »Was du im Gefängnis zu tun hattest, ist mir wohl bekannt; du holtest gewisse Schmuggelwaren dort ab, die deine Base Gelsomina, des Wärters Tochter, für dich hatte aufheben müssen, ohne zu wissen, was es war.«

»Heilige Mutter Gottes!« rief sie voller Erstaunen.

»Du siehst, mich kannst du nicht betrügen. In der Regel pflegtest du deine Base nicht zu besuchen, doch diesen Abend, als du in den Kanal kamst –«

Ein tosender Lärm vom Wasser unterbrach Don Camillos Worte. Er schaute hinaus und erblickte einen gedrängten Schwarm von Booten, sämtlich wie mit einem Ruderschlage der Stadt entgegentreibend. Tausend Stimmen schwirrten durcheinander, von Zeit zu Zeit ein gemeinschaftliches Trauergeschrei erhebend, was schließen ließ, daß die rudernde Menge von einem und demselben Gefühl beseelt war. Der eigentümliche Auftritt und der Umstand, daß die Hunderte von Booten geradewegs auf seine Gondel lossteuerten, nahmen den Edelmann so in Anspruch, daß er für den Augenblick das eben vorgenommene Verhör seiner Gefangenen ganz vergaß.

»Was ist das, Jacopo?« fragte er leise den Gondoliere, der am Steuer stand.

»Fischerleute, Signore, und schwerlich auf einer friedlichen Fahrt begriffen, wenn ich mich auf ihre Art, sich der Stadt zu nähern, gut verstehe. Schon seit der Zeit, da sich der Doge geweigert hat, den Knaben ihres Kameraden von den Galeeren zu befreien, herrscht Unzufriedenheit unter ihnen.«

Einen Augenblick zauderten Don Camillos Leute, neugierig das Schauspiel anstaunend, dann aber überzeugten sie sich von der Notwendigkeit, Platz zu machen, denn die Masse von Booten kam wie ein wütender Strom herangeflutet. Allein, jetzt erscholl der drohende Befehl zu halten, und Don Camillo sah ein, daß keine Wahl übrigblieb.

»Wer bist du?« fragte einer, der die Rolle eines Anführers übernommen hatte. »Seid ihr Lagunenleute und Christen, so stoßt zu euren Freunden, und vorwärts nach St. Markus, Gerechtigkeit zu fordern!«

»Was bedeutet dieser Aufruhr?« fragte Don Camillo, dessen Kleidung seinen Rang verbarg und der des venezianischen Dialekts mächtig genug war, um sich durch die Sprache nicht zu verraten. »Warum seid ihr in solcher Anzahl versammelt, Freunde?«

»Schau her!«

Don Camillo wandte sich hin und erblickte die blassen Züge und offenen Augen des alten Antonio, starr vom Tode. Hundert Stimmen zugleich erzählten ihm den Hergang, aber so verwirrt und mit so vielen bitteren Verwünschungen vermischt, daß er nichts daraus hätte entnehmen können, wenn er nicht schon durch Jacopo vom Ganzen unterrichtet gewesen wäre.

Antonios Leiche hatten die Leute beim Fischen gefunden, die nächste Folge war eine Beratung über die mutmaßliche Art, wie er zu seinem Tode gekommen sein möchte, dann rotteten sie sich in immer größerer Anzahl zusammen, was den eben beschriebenen Auftritt herbeiführte.

»Gerechtigkeit!« schrie es aus hundert Kehlen.

»Tragt eure Forderung dem Senate vor!« erwiderte Jacopo, ohne sich zu bemühen, das Ironische in seinem Tone zu verbergen.

»Glaubst du, daß unser Kamerad wegen der Kühnheit, die er gestern bewies, bestraft worden ist?«

»Das wäre nicht das Seltsamste, was sich schon in Venedig zugetragen hätte.«

»Ha, sie verbieten uns, im Kanal Orfano, wo die geheimen Hinrichtungen sind, das Netz auszuwerfen, damit die Geheimnisse der Justiz nicht herauskommen, und doch nehmen sie sich nun schon heraus, einen unserer Leute mitten unter unseren Gondeln zu ersäufen!« »Gerechtigkeit, Gerechtigkeit!« schrien zahllose Stimmen bis zum Heiserwerden.

»Fort nach St. Markus! Legt die Leiche dem Dogen zu Füßen! Fort, Brüder! Sie haben Antonios Blut auf ihren Seelen!«

Ohne geordneten Plan, nur von dem erlittenen Unrecht erfüllt, begaben sie sich nun wieder ans Ruder, und die ganze Flotte fuhr dahin, als bestände sie aus einer einzigen zusammenhängenden Masse.

Nur wenige Minuten hatten sie angehalten, doch fehlte es inzwischen nicht an allen jenen Zeichen der Wut, die einen Volkstumult zu begleiten pflegen. Nicht ohne sichtbare Wirkung blieb dies auf die Nerven Anninas, und Don Camillo benutzte ihre Angst, um ihr die Wahrheit abzutrotzen, denn zum Zaudern war nun keine Zeit mehr.

Durch ihre Aussagen bestimmt, ließ Don Camillo, während die tobende Menge in die Mündung des großen Kanals einfuhr, seine Gondel quer über die weite ruhige Fläche der Lagunen gleiten.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der Schreck, der die Patrizier erfüllte, als sie das Geschrei der Fischer hörten, während sie auf ihrem Wege nach dem großen Platze bei den Reihen von Palästen vorüberfuhren, läßt sich leicht denken. Einige fürchteten, das letzte Ende ihrer künstlichen Existenz, das sie ein geheimer politischer Instinkt längst voraussehen ließ, sei nun gekommen, und dachten schon an Mittel zu ihrer persönlichen Sicherheit. Andere im Gegenteil gaben erstaunte Zuhörer ab, wähnten vielmehr, das Volk jauchze über einen Sieg, den der Staat davongetragen habe. Nur wenige, und zwar die nämlichen, die alle Vorteile des Staates an sich zu reißen wußten, faßten mit richtigem Blick die Gefahr ins Auge, erkannten ihren Umfang und die Mittel, sie zu entwaffnen.

Auf der anderen Seite waren die Aufrührer keiner Würdigung ihrer Kräfte fähig und wenig geschickt, ihre zufälligen Vorteile zu berechnen; sie folgten blind dem ersten Antriebe. Was ihre Gemüter zum Aufruhr vorbereitete, war der Triumph ihres bejahrten Gefährten am vorhergehenden Tage, die kalte Zurückweisung, die er vom Dogen erfuhr, und der Auftritt auf dem Lido, der eigentlich die nächste Veranlassung zu Antonios Tode abgab. Nachdem daher die Leiche gefunden war, warteten sie nur so lange, bis sich ihre Kameraden alle versammelt hatten, und der Leidenschaft gehorchend, eilten sie dem St.-Markus-Palaste zu, ohne sich vorher über ihr Vorhaben einen klaren Begriff zu machen.

Sobald sie in den Kanal einfuhren, drängte der enge Weg die Boote so dicht aneinander, daß dadurch die Ruder gewissermaßen nutzlos wurden und die Menge nur langsam vorwärts konnte. Alle wollten gern der Leiche Antonios so nahe als möglich sein, und wie immer bei Volksaufläufen, ging auch hier durch schlecht geleiteten Eifer der Zweck verloren. Ein paarmal hörte man laut die Namen einiger unbeliebter Senatoren, als wenn die Fischer damit umgingen, diese einzelnen Beamten für die Verbrechen des Staates verantwortlich zu machen. Diese Verwünschungen verschollen in der Luft und zogen keine Folgen nach sich. An der Rialtobrücke angekommen, stieg mehr als die Hälfte der Menge ans Land und nahm den kürzeren Weg durch die Straßen nach dem verabredeten Versammlungspunkt, und auch die in den Vorderreihen Rudernden legten jetzt, frei von dem Gedränge in ihrem Rücken, den Weg schneller zurück. Wie sie dem Hafen näher kamen, nahmen die Boote größere Entfernungen voneinander an, und das Ganze gewann so das Ansehen eines Leichenzuges.

Während diese Veränderung in der Stellung der Fahrzeuge vorging, kam eine stark bemannte Gondel, von gewaltigen Ruderschlägen getrieben, aus einem Seitenkanal heraus in den großen, so daß sie der Zufall der Schar von Booten gerade entgegenführte, die eben diesen Kanal hinanfuhr. Die Mannschaft stutzte bei dem außerordentlichen Anblick, der sich ihr so plötzlich darbot, und blieb einen Augenblick unentschlossen, ob sie vorwärts rudern solle.

»Eine Gondel der Republik!« schrien fünfzig Fischer. Eine einzelne Stimme setzte hinzu: »Canale Orfano!« Der bloße Verdacht, den diese Worte rege machten, war in solchem Augenblicke ausreichend, die Fischer aufzuregen. Ein Ausruf der Verwünschung, und sogleich machten einige zwanzig Gondeln zu wütender Verfolgung Anstalt. Es hatte indes bei dem drohenden Vorhaben sein Bewenden, denn geschwinder als die Verfolger trieben die Gondolieri der Republik dem Ufer zu, sprangen auf einen von den Brettergängen, die so viele Paläste Venedigs umgeben, und verschwanden in einem Seitengange.

Die Fischer, durch diesen Erfolg ermutigt, ergriffen das Boot als herrenloses Gut und bugsierten es unter Triumph ihrer eigenen Flotte zu. Einige traten aus Neugier in das Zelt, das einem Leichenwagen glich, und schleppten alsbald einen Priester darunter hervor.

»Wer bist du?« fragte mit heiserer Stimme einer, der den Anführer vorstellte. »Ein Karmeliter und Diener Gottes.«

»Dienst du dem heiligen Markus? Warst du im Canale Orfano, um eines Unglücklichen Beichte zu hören?«

»Ich bin hier in Begleitung einer jungen und edeln Dame, die meines Rates und meiner Fürbitte bedarf. Für Glückliche und Unglückliche, Freie und Gefangene sorg ich auf gleiche Weise!«

»Ha! Du wirst also tun, was deines Amtes ist! – Du wirst Seelenmesse abhalten für einen armen toten Mann?«

»Mein Sohn, ich mache, dies anbelangend, keinen Unterschied zwischen dem Dogen und dem ärmsten Fischer. Doch möcht ich die Frauen nicht gern im Stiche lassen.«

»Es soll den Damen nichts zuleide geschehen. Komm in mein Boot, hier ist deine heilige Verrichtung not.«

Pater Anselmo trat unter die Bedachung, seinen zitternden Gefährtinnen in wenigen Worten Aufschluß zu geben und dann den Fischern zu willfahren. Er ward bis zur vordersten Gondel gerudert und auf ein Zeichen zu dem Leichnam gebracht.

»Siehst du diese Leiche, Vater?« sagte sein Führer, »es ist die Gestalt eines Mannes, der ein aufrichtiger und frommer Christ war.«

»Das war er!«

»Wir alle kennen ihn für den ältesten und geschicktesten Fischer von den Lagunen, der immer bereit war, einem unglücklichen Kameraden beizustehen.«

»Ich kann dir glauben.«

»Das kannst du. Deine heiligen Schriften sind nicht wahrhaftiger als meine Worte. Gestern kam er im Triumph diesen selbigen Kanal herunter, weil er, den stärksten Ruderern von Venedig zuvor, den Ehrenpreis der Regatta davontrug.«

»Ich habe von seinem Glücke gehört.«

»Jacopo, der Bravo, der vordem das beste Ruder führte in den Kanälen, soll dabeigewesen sein! Santa Madonna! Solch ein Mann war zu gut, um zu sterben!«

»Es ist das Schicksal aller, reich und arm, stark und schwach, glücklich und unglücklich, so geht es mit allen zu Ende.«

»Nicht so, ehrwürdiger Karmeliter, denn sie haben Antonio, weil er ihr Mißfallen erregte mit seinen Bitten wegen seines Enkelkindes, das sie ausgehoben haben für die Galeeren, ins Fegefeuer fahren lassen, ohne eine christliche Hoffnung für seine Seele.«

»Es gibt ein Auge, das über den Geringsten von uns wacht, mein Sohn, wir müssen glauben, daß seiner nicht vergessen ward.«

»Cospetto! Es heißt, daß die Kirche denen nicht viel beisteht, denen der Senat nicht grün ist. Willst du für ihn beten, Karmeliter, und dein Wort wahrmachen?«

»Das will ich«, sagte Vater Anselmo mit Festigkeit. »Mach Platz, mein Sohn, daß keine Gebühr meines Amtes fehle.«

Die gebräunten, ausdrucksvollen Fischergesichter glänzten vor Freude, denn mitten im rohesten Tumult bewahrten sie ihre tiefeingewurzelte Ehrfurcht für die heiligen Verrichtungen der Kirche, in der sie erzogen waren. Bald war alles still, und die Boote zogen in größerer Ordnung als zuvor.

Es war ein auffallendes Schauspiel. – Vorn fuhr die Gondel, die die Überreste des Verstorbenen trug. Wo sich der Kanal, dem Hafen näher, erweitert, fielen die Strahlen des Mondes auf die starren Züge des alten Antonio, in denen man das Todesgefühl eines so plötzlich und schrecklich vernichteten Mannes recht wohl wahrnehmen konnte. Der Karmeliter, sein entblößtes Haupt gebeugt, mit gefalteten Händen, stand zu den Füßen des Leichnams; sein weißes Kleid flatterte im Mondlicht. Nur ein Gondoliere führte das Boot, und kein Laut war hörbar als das Plätschern des Wassers beim langsamen Fall der Ruder. Wenige Minuten dauerte dies Schweigen der Prozession. Dann hörte man die Stimme des Mönchs die Gebete für den Toten anstimmen. Die Fischer, dessen kundig, wie denn selten jemand unerfahren in den heiligen Gebräuchen war, nahmen die Responsorien auf. Das Plätschern des Wassers begleitete sanft ihre Stimmen. Die Fenster öffneten sich, wo sie vorüberfuhren, und Tausende von neugierigen und besorgten Gesichtern erschienen auf den Balkonen gedrängt und sahen den Leichenzug langsam dahinziehen.

In der Mitte des Haufens ward die Gondel der Republik von fünfzig leichteren Booten bugsiert, denn die Fischer hielten ihre Prise fest. So kam der feierliche Zug in den Hafen und näherte sich dem Kai am Fuße der Piazetta. Während sich zahllose Hände beeiferten, Antonios Leichnam ans Land zu bringen, erhob sich ein Geschrei mitten aus dem herzoglichen Palaste, zum Zeichen, daß sich der übrige Teil der Mannschaft bereits im Hofraum des Schlosses befinde.

Jetzt boten die Plätze des heiligen Markus ein neues Schauspiel dar. Gesang, Lachen und Spiel waren verstummt, verschwunden die Lichter in den Kaffeehäusern, die Schwärmer der Nacht hatten sich ihre Häuser gesucht, aus Furcht, mit denen vermengt zu werden, die sich vermaßen gegen den Zorn des Senats.

»Gerechtigkeit!« schrien tausend Stimmen, während Antonios Leiche in den Hof getragen ward. »Ruhmwürdiger Doge! Gerechtigkeit!«

Der Leichnam ward niedergelegt am Fuße der Riesentreppe, und der zitternde Hellebardier, der diese Treppe bewachte, fühlte kaum Kraft genug in sich, die Miene von Festigkeit zu behaupten, die ihm Disziplin und Soldatenstolz auferlegten. Sonst war keine militärische Macht herbeigeschafft, denn die Staatsgewalt Venedigs kannte ihr Unvermögen im drängenden Augenblicke zu gut, um zu reizen, wo sie nicht bezwingen konnte.

Der Rat der Drei hatte Kunde von der Ankunft der empörten Fischer und hielt, als der Haufe in den Hof drang, eine geheime Beratung, ob sich vermuten ließe, daß der Aufstand bedeutungsvoller sein könnte, als der Augenschein zunächst lehrte.

»Hat man die Dalmatier in Kenntnis gesetzt von diesem Aufruhr?« fragte ein Mitglied des geheimen Tribunals, dessen Nervenstärke seiner hohen Stellung nicht zu entsprechen schien.

»Wir könnten ihrer Kugeln bedürfen, ehe diese Empörung gedämpft sein wird.«

»Was das betrifft, Signore, setzt Euer Vertrauen nur auf die gewöhnlichen Autoritäten«, erwiderte der Senator Gradenigo. »Ich besorge jedoch, daß hier nur die Anzeichen einer noch verborgenen Verschwörung seien, in die auch die Treue des Militärs verwickelt sein könnte.«

»Was wollen die Elenden? Unser Seehandel gedeiht, die Bank hat Segen an tüchtigen Dividenden. Und ich versichere Euch, Signori, seit vielen Jahren hab ich nicht so bedeutenden Gewinn in allen Zweigen unserer Verwaltung bemerkt als heutzutage. Alle freilich können nicht zugleich Vorteil haben.«

»Ihr habt mit den blühenden Angelegenheiten zu tun, Signore; es gibt aber andere, mit denen es nicht so gut steht.«

»Kann denn nichts diese gierigen Gemüter zufriedenstellen? Sind sie nicht frei – sind sie nicht glücklich?«

»Es scheint, daß sie dafür bessere Bürgschaft verlangen als unsere Absicht oder unsere Versicherung.«

»Der Mensch ist ein neidisches, unzufriedenes Geschöpf. Die Armen wollen reich sein, die Schwachen stark.«

»Es gibt aber wenigstens die Ausnahme von Eurer Regel, Signore, daß die Reichen selten arm oder die Starken schwach zu sein wünschen.«

»Ihr verspottet heut meine Bemerkungen, Signore Gradenigo. Ich denke aber, daß ich spreche, wie es einem Senator von Venedig zukommt«

»Ist ein Reich in seiner schönsten Blüte, so übersehen die Untertanen in ihrem besonderen Glück die allgemeinen Mängel, ist aber ein Handelsstaat erst in Abnahme, so bekrittelt jeder Kaufmann die geringste wie die höchste Staatsmaßregel.«

»Das ist ihre Dankbarkeit! Haben wir nicht diese verschlammten Inseln in einen Markt für die halbe Christenheit umgewandelt? Nun aber sind sie unzufrieden, daß sie nicht alle die Vorrechte behalten können, die sich die Weisheit unserer Voreltern zu verschaffen wußte.«

»Sie beklagen sich nicht anders, als Ihr selber tut, Signore, aber Ihr habt recht, daß man den gegenwärtigen Aufstand nicht vernachlässigen darf. Seine Hoheit soll hinaus zum Volk mit den Patriziern, die gerade zugegen sind, und mit einem aus unserer Mitte als Augenzeuge. Mehr als dies können wir nicht tun, ohne uns der Entdeckung unseres Amtes auszusetzen.«

Der geheime Rat brach auf, um sogleich diesen Beschluß in Ausführung zu bringen, gerade in dem Augenblick, als die Fischer ihre Verstärkung vom Wasser her erhielten.

Als sie sahen, wie groß die Menschenmenge war, die sich im herzoglichen Palaste versammelt hatte, wurden die Verwegensten des Haufens dreister, und auch die noch Schwankenden wurden fest.

Eben erhob die gedrängte Masse im Hofe ihr lautes und drohendes Geschrei, als der Zug des Dogen in einer der langen, offenen Galerien erschien, die den Hauptflur des Gebäudes bilden. Die Gegenwart des ehrwürdigen Mannes, der dem Namen nach dies künstliche Staatsgebäude leitete, und die lange Gewöhnung der Fischer, Hochachtung vor den oberen Behörden zu hegen, verursachten, der gegenwärtigen mißvergnügten Stimmung ungeachtet, plötzlich eine tiefe Stille. Ein Gefühl der Ehrfurcht überschlich allmählich die Tausende von dunkeln Gesichtern, die hinauf starrten, dem kleinen Zuge der nahenden Patrizier entgegen. So tief war die plötzliche Stille, daß man das Rauschen der herzoglichen Gewänder hörte, als der Fürst, seines Alters wegen und der Würde seiner hohen Stellung gemäß, langsam daherschritt. Die vorige Heftigkeit der Fischer und ihre jetzige Ehrfurcht vor dem äußeren Prunk, der ihre Augen bestach, hatten beide dieselben Quellen – Unwissenheit und Gewohnheit.

»Weswegen seid ihr hier versammelt, meine Kinder?« fragte der Doge, als er bis an den Rand der Riesentreppe vorgetreten war. »Und vor allem, warum kommt ihr in den Palast euers Fürsten mit so unziemlichem Geschrei?«

Die Stimme des Greises war deutlich zu vernehmen, denn kaum ein Atemzug unterbrach sein leisestes Wort. Die Fischer sahen einander an und schienen den zu suchen, der kühn genug sein würde zu antworten. Endlich schrie einer, der mitten im Haufen stand und sich geflissentlich nicht sehen ließ: »Gerechtigkeit!«

»Das ist auch unser Zweck«, fuhr der Fürst mit sanftem Tone fort, »und das ist, will ich hinzufügen, was wir täglich üben. Weswegen seid ihr aber hier versammelt in einer Art, die für den Staat beleidigend und unehrerbietig gegen seinen Fürsten ist?«

Wiederum antwortete niemand.

»Will keiner reden? – Seid ihr so kühn mit euern Stimmen bereit, wo es nicht verlangt wird, und so schweigsam, wo es gilt?«

»Sprecht gelinde mit ihnen, Hoheit«, flüsterte der vom Rate, der beauftragt war, ein geheimer Zeuge der Zusammenkunft zu sein. »Die Dalmatier sind kaum fertig.«

Der Fürst beugte sich vor einem Ratschlag, der, wie er wohl wußte, nicht unberücksichtigt bleiben dürfte, und nahm seinen vorigen Ton wieder an.

»Wenn mir keiner sagen will, wessen ihr bedürft, so muß ich euch befehlen, euch zurückzuziehen, und während es meinem väterlichen Herzen wehe tut–«

»Gerechtigkeit!« wiederholte der versteckte Schreier aus dem Haufen.

»Nenne dein Begehr, daß wir’s erfahren!«

»Hoheit, habe die Gnade, auf diesen zu blicken!«

Einer, der kühner war als die übrigen, wendete Antonios Leichnam dem Mondlichte zu, daß dessen gespenstische Züge sichtbar wurden. Der Fürst staunte bei dem unerwarteten Anblick, und nachdem er, seine Gefährten und Wachen dicht hinter sich, die Treppe hinuntergestiegen war, blieb er eine Weile schweigend bei der Leiche stehen.

»Hat dies ein Mörder getan?« fragte er, auf den toten Fischer blickend und sich bekreuzend. »Was konnte der Tod eines solchen Mannes einem Bravo einbringen? Vielleicht ist der Unglückliche bei einer Schlägerei mit seinesgleichen gefallen?«

»Keins von beiden, durchlauchtigster Doge! Wir besorgen, daß Antonio den Unwillen von San Marco hat entgelten müssen.«

»Antonio! Ist dies der dreiste Fischer, der uns bei der Regatta lehren wollte, wie wir regieren müßten?«

»Derselbe, Exzellenz«, erwiderte der einfache Arbeitsmann von den Lagunen, »und eine tüchtigere Hand beim Netz oder ein treuerer Freund in der Not hat nie eine Gondel gerudert. Diavolo! Es müßt eine Freude für Eure Hoheit gewesen sein, den armen, alten Christen unter uns zu sehen am Tage eines Heiligen, wenn er unsere kleine Feierlichkeit anführte oder wenn er uns lehrte, wie unsere Eltern dem Handwerk Ehre zu machen pflegten.«

»Oder bei uns zu sein, durchlauchtigster Doge«, schrie ein anderer, denn wenn einmal Bahn gebrochen ist, sind die Zungen des Volkes bald kühn, »bei einer Lustbarkeit auf dem Lido, wo der alte Antonio immer der erste war im Lachen und immer am besten wußte, wann es Zeit war, ernsthaft zu sein.« Der Doge begann den Zusammenhang der Sache zu ahnen und warf einen Blick seitwärts, um die Mienen des ungekannten Inquisitors zu erforschen.

»Es ist bei weitem leichter«, sagte er, da ihm das abgerichtete Gesicht, das er angeschaut hatte, keinen Aufschluß gab, »die Verdienste des unglücklichen Mannes zu erfahren als die Art seines Todes. Kann einer unter euch erzählen, wie es zugegangen ist?«

Der Hauptsprecher der Fischer übernahm dies Geschäft gern und erzählte dem Dogen mit allen bei Leuten seines Standes beliebten Abschweifungen die Umstände von der Wiederfindung des Leichnams. Als er fertig war, suchte das Auge des Fürsten wiederum eine Erläuterung im Gesichte des Senators neben ihm, denn er wußte nicht, ob die Politik des Staates ein Exempel statuieren wolle oder nur den Tod dieses einzelnen für nötig erachtet habe.

»Ich finde in dem allen nichts, Ew. Hoheit«, bemerkte der vom Rate, »als was einem Fischer wohl begegnen kann. Der unglückliche alte Mann wird durch Zufall umgekommen sein, und es würde eine fromme Handlung sein, ein paar Messen für seine Seele lesen zu lassen.«

»Edler Senator«, rief der Fischer mit zweifelndem Tone, »San Marco war beleidigt.«

»Es sind viele müßige Gerüchte von San Marcos Gewogenheit und Ungewogenheit im Umlauf. Wenn wir glauben wollen, was die Leute erdenken in Angelegenheiten dieser Art, so werden die Verbrecher nicht in den Lagunen, sondern im Canale Orfano ersäuft.«

»Ganz recht, Exzellenz! Und wir dürfen dort unsere Netze nicht auswerfen, bei Strafe mit den Aalen auf dem Grunde zu wohnen.«

»Um so mehr ist Ursache, zu glauben, daß dieser alte Mann durch einen Zufall umgekommen ist. Läßt sich keine Spur eines gewaltsamen Todes an der Leiche wahrnehmen? – Denn obschon sich der Staat nicht mit einem seinesgleichen in der Art beschäftigen würde, kann es doch irgendein einzelner getan haben. Hat man den Zustand der Leiche untersucht?«

»Exzellenz, es war hinreichend, einen so alten Mann mitten in die Lagunen zu werfen. Der stärkste Arm von Venedig hätte ihn nicht retten können.«

»Es kann bei einem Zank zur Gewalttätigkeit gekommen sein, und die betreffende Behörde sollte die Sache untersuchen. Hier ist ein Karmeliter! – Vater, wißt Ihr etwas von der Sache?«

Der Mönch versuchte zu antworten, aber die Stimme versagte ihm.

»Du antwortest nicht, Mönch?« bemerkte der Doge, der durch das natürliche, gleichgültige Benehmen des Inquisitors wirklich getäuscht war wie alle anderen. »Wo fandest du diesen Leichnam?«

Vater Anselmo erzählte kurz, wie er von den Fischern zum Dienste gezwungen worden wäre.

Neben dem Fürsten stand ein junger Patrizier, der keine besondere Würde im Staate hatte als die allgemeine seines Standes. Getäuscht gleich den übrigen durch die Ruhe des einzigen, der von Antonios Tode die wirkliche Ursache wußte, fühlte er ein menschenfreundliches und lobenswertes Verlangen, sich zu vergewissern, daß dem armen Opfer nicht irgendein schändlicher Streich gespielt worden wäre.

»Ich habe gehört von dem Antonio«, sagte dieser Herr, der Senator Soranzo, dem die Natur ein empfindliches Herz gegeben hatte, »ich habe gehört von seinem Glück bei der Regatta. Hieß es nicht, daß Jacopo, der Bravo, sein Mitbewerber war?«

Ein dumpfes, bedeutungsvolles Gemurmel durchlief die ganze Menge.

»Ein so leidenschaftlicher, verwegener Mann als dieser kann wohl seine Niederlage durch Gewalttat haben rächen wollen.«

Ein zweites, lauteres Gemurmel zeigte, was diese Erklärung der Sache für Eindruck machte.

»Exzellenz, Jacopo gebraucht nur sein Stilett«, sagte der halb schon gläubige, aber doch noch schwankende Fischer.

»Wo er’s für nötig hält. Ein Mann von seinem Charakter und seiner Arglist kann auch wohl zu andern Mitteln, seine Bosheit zu befriedigen, Zuflucht nehmen. Seid Ihr nicht meiner Meinung, Signore?«

Diese Frage richtete der Senator Soranzo in seiner Unschuld an das unbekannte Mitglied des geheimen Rates. Dieser schien überrascht von der Wahrscheinlichkeit der Vermutung, die sein Gefährte aufstellte, begnügte sich aber, seine Anerkennung durch ein Nicken mit dem Kopfe kundzutun.

»Jacopo, Jacopo!« wiederholte eine Stimme nach der anderen im Haufen. – »Jacopo hat’s getan! Der beste Gondoliere in Venedig ist von einem alten Fischer besiegt worden, und nichts als Blut konnte die Schande auswischen!«

»Es soll untersucht werden, meine Kinder, und die Gerechtigkeit soll ihren Gang gehen«, sagte der Doge, indem er sich anschickte, sich zurückzuziehen. »Leute«, fügte er hinzu, sich an einige Beamten wendend, »bezahlet Messen, daß die Seele des unglücklichen Mannes zum mindesten nicht dabei leide. Ehrwürdiger Karmeliter, deiner Sorgfalt vertraue ich den Leichnam an, und du kannst keinen bessern Dienst verrichten, als die Nacht über bei ihm zu beten.«

Tausend Mützen wurden geschwenkt, den Beifall, den dieser gnädige Befehl fand, auszudrücken, und der ganze Haufen stand schweigend in Ehrfurcht, als sich der Fürst mit seinem Gefolge, wie er gekommen war, durch die lange gewölbte Galerie oben entfernte.

Ein geheimer Befehl der Inquisition ließ das Anrücken der Dalmatier absagen.

Wenige Minuten später war alles vorbereitet. Eine Bahre mit einem Zelt darüber ward von der anstoßenden Kathedrale hergeholt und der Leichnam darauf gelegt. Vater Anselmo an der Spitze, zog die Prozession durch das Haupttor des Palastes auf den Platz, die gewöhnliche Andacht absingend. Beide Plätze, der größere und der kleinere, waren noch menschenleer. Hier und da blickte das neugierige Gesicht eines Handlangers der Polizei oder eines etwas kühneren Beobachters unter den Bogen der Portikus hervor.

Aber die Fischer dachten nicht mehr an Gewalt. Mit der Unbeständigkeit von Leuten, die wenig an Überlegung gewöhnt sind, sich schnellen und heftigen Aufregungen hingeben, hatten sie alle Gedanken an Rache gegen die Diener der Polizei aufgegeben und ihre Aufmerksamkeit gänzlich dem frommen Dienste zugewendet, der, vom Fürsten selbst befohlen, für ihren Stand so schmeichelhaft war.

Einige stärkere Naturen unter ihnen mischten wohl auch Drohungen gegen den Bravo in die Gebete für den Toten, aber diese hatten keine Bedeutung für die gegenwärtige Handlung.

Das große Portal der ehrwürdigen Kirche ward aufgetan. Man trug die bescheidene Leiche des hingeopferten Antonio unter den Bogen, der die kostbaren Reliquien griechischer Kunst stützt, und setzte sie in das Schiff der Kirche nieder. Kerzen brannten vor dem Altare und umgaben die gespenstische Gestalt des Toten die ganze Nacht hindurch, und die Kathedrale San Marcos war erfüllt von den imposanten Gebräuchen der Katholischen Kirche, bis der Tag wieder heraufkam. Ein Priester folgte dem andern, um die Messe zu wiederholen, und der Haufe hörte aufmerksam zu, als fühlte sich ein jeder selber geehrt und erhoben durch diese Auszeichnung eines Mannes aus seinem Stande. Die Masken auf dem Platze waren allmählich wieder zum Vorschein gekommen, obgleich die Unruhe zu heftig und zu plötzlich gewesen war, um eine schnelle Rückkehr dem Leichtsinn zu erlauben, der gewöhnlich zwischen Sonnenuntergang und -aufgang auf diesem Flecke zu schauen war.