Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Ein sehr gewöhnlicher Fall, oder viel Gesetz und wenig Gerechtigkeit, – Köpfe und Schweife, und die Gefahren beider.

Ich war früh bei Noah am folgenden Morgen. Der arme Schelm, wenn man bedenkt, daß er wegen eines Kapitalverbrechens in einem fremden Lande, unter neuen Institutionen und vor einer Jury von einer verschiedenen Gattung gerichtet werden sollte, zeigte eine erstaunende Geistesstärke. Doch war die Liebe zum Leben noch stark in ihm, wie man aus der Weise sah, in der er das Gespräch eröffnete.

»Bemerktet Ihr, wie der Wind war diesen Morgen, Sir John, als Ihr hereinkamt?« fragte der geradsinnige Robbenjäger mit besonderm Interesse.

»Es ist ein hübscher Wind von Süden.«

»Gerade vom Ufer her! Wenn man wüßte, wo all die Schurken von Unteradmiralen und Kapitänen zu finden wären, – ich glaube nicht, Sir John, daß Ihr Euch viel daraus machtet, die fünfzigtausend Promessen zu bezahlen?«

»Meine Bürgschaft? Gar nicht, mein theurer Freund, wäre es nicht um unserer Ehre willen. Es wäre indeß kaum ehrenvoll für das Wallroß selbst, wollte es segeln und eine unbezahlte Rechnung seines Kapitäns zurücklassen. Was würde man zu Stonington sagen, was würde Eure eigne Gemahlin von einer so unmännlichen Handlung denken?«

»Ei, zu Stonington halten wir den für den Pfiffigsten, der sich am leichtesten aus einer Verlegenheit herauswindet, und ich sehe nicht recht, warum Miß Poke es wissen sollte oder, wenn es wäre, warum sie schlecht von ihrem Manne denken würde, daß er sein Leben rettete.«

»Weg mit diesem unwürdigen Gedanken! Macht Euch stark, dem Prozeß zu begegnen. Wir würden wenigstens einiges Licht über die Springhocher Rechtspflege erhalten. Kommt, ich sehe Euch schon für die Sache angezogen; laßt uns genau sein, wie Duellanten.«

Noah bestrebte sich, sich mit Würde zu unterwerfen; jedoch zögerte er auf dem freien Platz, um die Wolken auf eine Weise zu studiren, die zeigte, daß er die ganze Sache mit dem Vorderhauptsegel abgemacht haben würde, wenn er gewußt, wo er seine Mannschaft finden sollte. Zum Glück jedoch für alle Betroffene wußte er es nicht, und so alles einer Besorgniß Ähnliche aus seinen Blicken entfernend, trat der rauhe Seemann mit dem Schritt eines Mannes und der Festigkeit der Unschuld in Old-Bailey ein. Ich hätte früher sagen sollen, daß wir bald am Morgen benachrichtigt worden, die Instruktion habe man den Pagen abgenommen und eine neue Anklage dem obersten Kriminalhof von Springhoch eingereicht.

Brigadier Geradaus kam uns an der Thür entgegen, wo auch ein Dutzend ernster, fettblickender Räthe sich um uns stellten, und dadurch andeuteten, sie seien nicht ungeneigt, für den Fremden freiwillig ihre Dienste gegen den Empfang ihres gewöhnlichen Soldes anzubieten. Aber ich hatte beschlossen, mit Erlaubniß des Hofs, Noah selbst zu vertheidigen; denn mir ahnte, unsre Sicherheit würde mehr von Berufung auf die Rechte der Gastfreundschaft, als sonst einer legalen Vertheidigung in unsrer Macht abhängen. Da jedoch der Brigadier mir seine Hilfe für nichts anbot, hielt ich es für gut, seine Dienste nicht auszuschlagen.

Ich übergehe das Aeußere des Hofs, die Besetzung und Haltung der Jury; denn in Sachen blos legaler Formen ist kein großer Unterschied zwischen civilisirten Ländern, da alle in diesem Stück einander ähnlich sind. Die erste Anklage – denn unglücklicher Weise waren deren zwei, – legte Noah zur Last: er habe mit vorbedachter Bosheit des Königs Würde beleidigt, und zwar mit Stöcken, Dolchen, Musketen, Donnerbüchsen, Windbüchsen und andern ungesetzlichen Waffen, besonders aber mit der Zunge, indem er Se. Majestät von Angesicht zu Angesicht angeklagt, er habe ein Gedächtniß u.s.w. Die andre Anklage wiederholte die Formel der ersten, und legte dem ehrlichen Robbenfänger zur Last, er habe hochverrätherisch Ihre Majestät die Königin trotz des Gesetzes im Widerspruch mit der guten Moral und dem Frieden der Gesellschaft angeklagt, kein Gedächtniß zu haben u.s.w. Auf diese beiden Anklagen gaben wir so bald als möglich den Spruch: Nicht schuldig für unsern Schützling ein.

Ich hätte schon vorher sagen sollen, daß Brigadier Geradaus und ich gebeten hatten, nach einem alten Gesetz von Springhoch, als nächste Verwandte, Räthe des Angeklagten sein zu dürfen; ich nämlich als menschliches Wesen, und der Brigadier durch Adoption.

Nachdem die vorgängigen Formen gewahrt waren, wollte der Staatsanwalt eben zum Beweis übergehen, als mein Bruder Geradaus sich erhob und sagte, er wolle die kostbare Zeit des Hofs schonen, indem er die Thatsachen anerkenne, und die Vertheidigung solle sich nur auf die Gesetze für den Rechtsfall beschränken. Er setze voraus, die Jury sei nach dem Gesetz von Springhoch sowohl Richter des Gesetzes als der Thatsachen, und er und sein Bruder Goldenkalb wären bereit, zu zeigen, daß das Gesetz in dieser Sache ganz für uns sei. Der Hof nahm dies an, und die Thatsachen wurden als erwiesen der Jury überlassen; obgleich der Oberrichter Gelegenheit nahm, im Widerspruch mit Langbart, zu bemerken, daß, während die Jury freilich Richter über das Gesetz in dem einen Sinn wären, so gäbe es doch noch einen andern Sinn, worin sie nicht Richter darüber wären. Der Widerspruch von Baron Langbart aber ging dahin, daß, während die Jury Richter des Gesetzes in jenem andern Sinn wären, sie doch nicht Richter in dem einen genannten Sinn seien. Nachdem diese Schwierigkeit weggeräumt war, erhob sich der Staatsanwalt und sprach für die Krone.

Ich fand bald, daß wir im gegenseitigen Advokaten einen Mann von sehr scharfsinnigem und philosophischem Geiste gegen uns hatten; er begann seine Beweisführung mit einer sehr kräftigen und klaren Skizze über die Lage der Welt vor der Spaltung ihrer Einwohner in Nationen, Stämme und Klane, während sie noch in ihrem menschlichen oder Puppenzustand war. Von diesen Säzzen leitete er die regelmäßigen Abstufungen ab, wodurch die Menschen sich in Gemeinden trennten und den Gesetzen der Civilisation oder, wie er’s nannte, der Gesellschaft unterworfen wurden. Nachdem er soweit gekommen, berührte er leicht die verschiednen Phasen, die die Staatseinrichtungen der Menschen durchlaufen, und kam nach und nach zu den Grundprincipien des Gesellschaftsvertrags, wie sie bekanntlich unter den Monikins bestünden. Nach einigen Hauptbemerkungen, die recht eigentlich zum Gegenstand gehörten, sprach er von jenen Theilen der Elementar-Principien der Gesellschaft, die mit den Rechten des Oberhaupts verbunden sind. Diese theilte er in die Rechte der königlichen Prärogative, die Rechte von des Königs Person und die Rechte des königlichen Gewissens. Hier wurde er wieder ein wenig allgemein, und zwar sehr glücklich und so gut, daß alle Zuhörer im Zweifel blieben, an was er nachher kommen werde, als er plötzlich durch eine stolze logische Wendung auf die letztern von des Königs Rechten, als die am meisten zur Sache gehörigen, zurückkam.

Er zeigte triumphirend, daß der Zweig der königlichen Freiheiten, der hauptsächlich durch das Vergehen des Gefangenen vor den Schranken beleidigt worden, ganz klar mit den Rechten von des Königs Gewissen verbunden sei; »die Attribute des Königthums,« bemerkte der scharfsinnige Advokat, »dürfen nicht auf dieselbe Weise betrachtet werden, wie die Attribute des Unterthans. In der geheiligten Person des Königs concentriren sich viele, wenn nicht die meisten der interessanten Privilegien der Monikins; die königliche Person kann in politischem Sinn nicht Unrecht thun; officielle Infallibillität ist die Folge davon. Solch ein Wesen braucht nicht die gewöhnlichen Fähigkeiten der Monikins; wozu z. B. Urtheilskraft, Gewissen für einen Beamten, der nicht Unrecht thun kann? Das Gesetz hat daher, zur Erleichterung dessen, der auf seinen Schultern die Bürde des Staats hat, gerade diesen Letztern in die Obhut eines andern gegeben, Sr. Majestät erster Vetter ist der Bewahrer seines Gewissens, wie man im ganzen Königreich Springhoch weiß; ein Gedächtniß ist die am wenigsten wichtige Geisteskraft für eine Person, die kein Gewissen hat, und da man nicht behauptet, daß der Fürst vom Besitz seines Gedächtnisses durch ein positives Statut oder eine direkte verfassungsmäßige Vorkehrung befreit worden, so folgt daraus, nach unbestreitbarer Folgerung und gesetzlicher Auslegung, daß, da er solch eine Fähigkeit gar nicht nöthig hat, die legale Annahme Statt haben muß, daß er ganz ohne sie ist.«

»Jene Einfachheit, Klarheit und Helle, Mylords,« fuhr der Staatsanwalt fort, »die jedem wohlgeordneten Geiste nöthig ist, würde in dem Fall Sr. Majestät beeinträchtigt werden, sollten seine Geisteskräfte unnöthiger Weise auf diese nutzlose Art überfüllt werden, und der Staat würde darunter leiden. Mylords, der König regiert, aber er verwaltet nicht. Das ist ein Grundsatz der Konstitution, ja es ist noch mehr, es ist das Palladium unsrer Freiheiten. Mylords, es ist etwas Leichtes, in Springhoch zu regieren, es braucht nichts weiter, als die Rechte der Erstgeburt, hinlängliche Unterscheidung, um den Unterschied zwischen Regieren und Verwalten zu verstehen, und eine politische Mäßigung, die nicht leicht das Gleichgewicht des Staats stört. Aber es ist was ganz Verschiednes mit der Verwaltung. Von Sr. Majestät wird gar nicht verlangt, etwas zu verwalten mit Ausnahme der eben erwähnten geringen Interessen nicht ein Mal sich selbst braucht er zu leiten. Aber ganz anders ist es mit seinem ersten Vetter. Dieser hohe Beamte ist mit dem wichtigen Amte der Verwaltung bekleidet. Es hat sich in den früheren Zeiten der Monarchie gefunden, daß ein Gewissen oder vielmehr eine Reihe geistiger Vermögen im Allgemeinen kaum für den hinreichte, der zugleich regieren und verwalten müßte. Wir Alle, Mylords, wissen, wie unzulänglich für unsre persönlichen Zwecke unsre Privatvermögen sind, wie schwierig wir es finden, uns selbst nur, von unserm eignen Urtheil, Gewissen und Gedächtniß unterstützt, in Schranken zu halten, und darin sehen wir die große Wichtigkeit, den, welcher Andre lenkt, mit noch einer Reihe solcher wichtigen Geistesvermögen zu versehen. Mit gehöriger Berücksichtigung dieser Lage der Dinge hat das gemeine Gesetz (nicht das positive Recht, Mylords, das mit den Unvollkommenheiten der Monikinschen Vernunft in ihrem isolirten und besondern Zustand behaftet ist, und gewöhnlich den Eindruck des einzelnen Schweifs, von dem es ausgegangen, an sich trägt, sondern das gemeine Gesetz, der anerkannte Zusammenfluß alles gesunden Menschenverstandes in der Nation) schon seit Langem beschlossen, daß Sr. Majestät erster Vetter der Bewahrer von Sr. Majestät Gewissen sein soll, und ihn als nothwendige Folge hieraus mit Sr. Majestät Urtheilskraft, Vernunft und auch Gedächtniß versehen.

»Mylords, das ist die legale Voraussetzung. Es würde mir ferner durch tausend Thatsachen leicht sein, zu beweisen, daß nicht allein der Beherrscher von Springhoch sondern auch die meisten andern des Gedächtnisses entbehren und immer entbehrt haben; man könnte sagen, es sei unverträglich mit dem königlichen Standtpunkte, hätte ein Fürst Gedächtniß, so könnte er seine hohe Stellung aus dem Auge verlieren, indem er sich erinnerte, daß er wie ein Anderer geboren worden und zu sterben bestimmt sei; er könnte von Geschichten der Vergangenheit geplagt werden, ja das Bewußtsein seiner Würde selbst könnte durch einen lebhaften Rückblick auf den Ursprung des Königthums gestört und geschwächt werden. Versprechungen, Verpflichtungen, Zuneigungen, Pflichten, Grundsätze und selbst Schulden könnten sich zwischen die Ausführung seines heiligen Amts drängen, und so ist denn seit undenklichen Zeiten beschlossen worden, daß seine Majestät ganz ohne den Besitz von Vernunft, Urtheil und Gedächtniß ist, als eine unvermeidliche Folge von seinem Mangel an Gewissen.«

Der Staatsanwalt lenkte nun die Aufmerksamkeit des Hofes und der Jury auf ein Statut vom dritten Jahre der Regierung Firstborns VI., wodurch bestimmt war, daß Jeder, der Sr. Majestät den Besitz einer Geisteskraft aus hochverräterischer Absicht beilegte, und dadurch die Ruhe des Staates gefährdete, ohne Beistand eines Geistlichen den Schweif verlieren sollte. So weit betriebe er die Sache für die Krone.

Es entstand eine feierliche Pause, nachdem der Redner sich gesetzt hatte. Seine Beweisführung, seine Logik und besonders der gesunde Menschenverstand und das unweigerliche Gesetz machten tiefen Eindruck; auch machte ich die Bemerkung, daß Noah gierig Tabak kaute. Nach einem gehörigen Zwischenraum jedoch erhob sich Brigadier Geradaus, der trotz seiner kriegerischen Benennung nichts mehr und nichts weniger, als ein ausübender Anwalt und Rath in der Handelshauptstadt von Springniedrig Bivouac war, und verlangte seinerseits gehört zu werden. Dem Hof drang sich jetzt erst der Skrupel auf, daß der Advokat nicht gehörig befähigt sei, vor den Schranken zu plädiren und zu vertheidigen. Mein Bruder Geradaus verwies jedoch sogleich die Herren auf das Adoptionsgesetz, und auf die Bestimmung im Kriminalkodex, die dem Angeklagten vergönnte, sich durch seine nächsten Verwandten vertheidigen zu lassen.

»Gefangener vor den Schranken!« sagte der oberste Richter, »Ihr hört das Verlangen Eures Beistands; wollt Ihr die Vertheidigung Eurem nächsten Verwandten übertragen?«

»Jedermann, Ew. Ehren, wenn es dem Hof gefällt,« entgegnete Noah, wild sein geliebtes Kraut kauend; »jedermann, der es gut und wohlfeil thun will.«

»Und adoptirt Ihr unter den für solche Fälle gemachten Vorkehrungen des Statuts Aaron Geradaus als Euren nächsten Verwandten, und in welcher Kapacität?«

»Ja, ja, Mylords, mit Leib und Seel‘, ich adoptire den Brigadier als meinen Vater und meinen Mitmenschen und erprobten Freund, Sir John Goldenkalb hier als meine Mutter.«

Der Hof gab nun förmlich seine Beistimmung, die Thatsachen wurden in die Register eingeschrieben, und mein Bruder Geradaus ward aufgefordert, die Vertheidigung zu beginnen.

Der Rechtsbeistand für den Gefangenen war geneigt, gleich Dandie in Racine’s Komödie »les Plaideurs« die Sündfluth zu übergehen, und sogleich mit der Sache selbst zu beginnen. Er fing mit einer Uebersicht der königlichen Prärogative an, und mit einer Erläuterung des Worts »Regieren.« Mit Verweisung auf das Diktionar der Akademie zeigte er siegreich, daß »regieren« nichts weiter sei, als »verwalten, als Souverän,« und »verwalten« im gewöhnlichen Sinne nichts weiter, als verwalten im Namen eines Fürsten, als Stellvertreter. Nach Begründung dieses Punktes stellte er den Satz fest, daß das Größere das Geringere umfassen, aber das Geringere nicht wohl das Größere enthalten könnte. Das Recht zu regieren oder verwalten in der allgemeinen Bedeutung des Worts müsse alle rechtliche Attribute dessen einschließen, der nur im zweiten Sinne verwalte, und folglich regiere der König nicht nur, sondern verwalte auch. Er zeigte; denn Gedächtniß sei dem unumgänglich nöthig, der verwalte, denn ohne ein solches könne er sich der Gesetze nicht erinnern, nicht gehörige Vorkehrung zu Belohnung und Strafe treffen, oder sonst einen verständigen oder nothwendigen Akt verrichten. Ferner, werde behauptet, sei des Königs Gewissen nach dem Landesgesetz der Obhut seines ersten Vetters anvertraut; nun damit, daß es in solcher Obhut sei, wäre klar, daß er eins haben müsse, denn ein Nichtding könne nicht in der Obhut, in der Verwahrung eines Andern sein, und wenn er ein Gewissen hätte, folge nothwendig, daß er auch die Eigenschaften desselben hätte, unter denen das Gedächtniß den höchsten Rang einnehme. Das Gewissen werde ja definirt als die Eigenschaft, durch welche wir über die Rechtschaffenheit oder Schlechtigkeit unsrer eignen Handlungen urtheilen. Wie könne aber Jemand über die Rechtschaffenheit oder Schlechtigkeit seiner Handlungen oder über die Andrer urtheilen, wenn er nichts davon wisse? wie könne er aber anders etwas vom Vergangnen wissen, als durch’s Gedächtniß?

Ferner, es wäre ein aus den Instituten von Springhoch hervorgehender Folgesatz, daß der König nicht Unrecht thun könne. – –

»Verzeiht, Bruder Geradaus!« unterbrach der oberste Richter, »es ist kein Folgesatz, sondern ein Satz, und zwar einer, der als bewiesen dasteht; es ist das Grundgesetz des Landes.«

»Danke, Mylord!« fuhr der Brigadier fort, »Eure hohe Autorität gibt meinem Satz nur um so größres Gewicht. Es ist also feststehendes Recht, meine Herren Jury-Monikins, daß der Souverän dieses Reichs nicht Unrecht thun kann. Es steht auch fest, – die Herren werden mich zurechtweisen, wenn ich irre, – daß der Souverän die Quelle der Ehre ist, daß er Krieg und Friede beschließen kann, daß er die Gerechtigkeit verwaltet, die Gesetze ausüben läßt, –«

»Verzeiht nochmals, Bruder Geradaus!« unterbrach der oberste Richter; »das ist nicht Gesetz, sondern Prärogativ; es ist des Königs Vorrecht, aber nicht Gesetz all dieß zu sein und zu thun.«

»Macht der Hof, Mylord, etwa einen Unterschied zwischen Prärogativ und Gesetz?«

»Freilich, Bruder Geradaus! Wär‘ alles, was Prärogativ ist, auch Gesetz, wir könnten nicht eine Stunde fortkommen.«

»Prärogativ, mit Eurer Ehren Erlaubniß, oder praerogativa wird definirt als ausschließliches und besondres Privilegium .« (Der Redner sprach hier etwas langsam, damit Baron Langbart Noten machen konnte.) »Nun muß ein ausschließliches Privileg, nach meiner unmaßgeblichen Meinung über alle Erlasse und –«

»Gar nicht, Sir, gar nicht!« fiel Mylord der oberste Richter absprechend ein, und sah dabei dem Fenster hinaus nach den Wolken, um zu zeigen, daß seine Meinung ganz fest stehe; »der König hat seine Prärogative freilich, und sie sind heilig, ein Theil der Verfassung; sie sind ferner, wie Johnson sagt, ausschließlich und besonders, aber ihre Ausschließlichkeit und Besonderheit darf nicht im gewöhnlichen Sinn genommen werden. Bei Behandlung der großen Interessen eines Staates muß der Geist einen weiten Flug nehmen, und ich behaupte, nicht wahr, Bruder Langbart? daß kein Grundsatz fester steht, als die Thatsache, daß praerogativa eins ist, und lex oder Gesetz ein andres.« Der Baron nickte Beifall. »Unter Ausschließlichkeit ist in diesem Fall gemeint, daß das Prärogativ nur seine Majestät angeht, das Prärogativ ist ausschließlich sein Eigenthum, er kann damit machen, was ihm beliebt, aber das Gesetz ist für die Nation gemacht, und etwas Verschiedenes. Ferner unter Besonderheit wird offenbar gemeint, daß dieser Fall keinem andern analog ist und nach besondrer Logik behandelt werden muß. Nein, Sir, der König kann zwar nach seinem Prärogativ Friede und Krieg beschließen, aber dann ist auch sein Gewissen hart und fest in der Hand eines Andern, der allein alle legale Akte verrichten kann.«

»Aber, Mylord, Gerechtigkeit, obgleich von Andern, wird doch in des Königs Namen gesprochen.«

»Freilich in seinem Namen, das gehört zu seinen besondern Privilegien; auch Krieg wird in seinem Namen geführt, und so ist’s auch mit dem Frieden. Was ist Krieg? Ein persönlicher Konflikt zwischen Theilen verschiedener Nationen. Begibt sich Se. Majestät in diesen Konflikt? Gewiß nicht. Der Krieg wird durch Auflagen unterhalten; bezahlt diese Se. Majestät? Nein. So sehen wir, daß, während der Verfassung nach der Krieg des Königs ist, er praktisch dem Volk anheimfällt. Es folgt, da Ihr es gern mit Folgesätzen zu thun habt, Bruder Geradaus, daß es zwei Kriege gibt, der prärogativliche und der faktische. Nun ist das Prärogativ ein konstitutioneller Grundsatz, und zwar ein sehr heiliger; aber eine Thatsache fällt jedem Monikin anheim, und deßwegen haben die Gerichtshöfe schon seit Timid’s II. Regierung, seit sie es nämlich wagten, beschlossen, Prärogativ und Gesetz sei verschieden.

Mein Bruder Geradaus schien bedeutend durch die Distinktionen des Hofs in Verlegenheit und schloß weit früher, als er sonst wohl gethan hätte, indem er alle seine Beweisgründe zusammenfaßte und bewies oder zu beweisen suchte, daß, wenn selbst der König diese besondern Privilegien hätte, und nichts weiter, man ihm ein Gedächtniß zuschreiben müsse.

Der Hof rief jetzt den Staatsanwalt zur Erwiedrung auf; aber der schien seine Sache für fest genug zu halten, wie sie war, und Alles ward einstimmig nach einer kurzen Anrede vom Richterstuhl der Jury überlassen.

»Sie dürfen sich, meine Herren, durch die Beweisführung von des Gefangenen Rechtsbeistand nicht irre machen lassen,« schloß der oberste Richter, »er hat seine Pflicht gethan, und Sie müssen ebenso gewissenhaft sein. Sie sind in diesem Fall Richter über Gesetz und Thatsache; aber ich muß Ihnen sagen, was Beides ist. Durch’s Gesetz wird der König als ohne Geistesvermögen dargestellt; die daraus vom Rechtsbeistand gezogene Folgerung, daß der König vermöge seiner Infallibilität die höchst möglichen moralischen Eigenschaften und folglich ein Gedächtniß haben muß, ist unrichtig. Die Verfassung sagt, der König kann nicht Unrecht thun; diese Unvermögenheit kann aber aus verschiednen Ursachen herführen, wenn er z.B. nichts thun kann, kann er auch nicht Unrecht thun; die Verfassung sagt nicht, der König wird nicht Unrecht thun, sondern er kann nicht Unrecht thun. Nun, wenn etwas nicht geschehen kann, so wird es unmöglich, meine Herren, und ist folglich über allen Streit hinaus. Es ist von keiner Wichtigkeit, ob Einer ein Gedächtniß hat, wenn er es nicht gebrauchen kann, und in diesem Fall ist die gesetzliche Voraussetzung, daß er keins hat, denn sonst würfe die Natur, die immer weise und wohlthätig ist, ihre Gaben weg.

Meine Herrn Monikins, ich habe schon gesagt, Sie sind Richter in diesem Falle über Gesetz und Thatsache; das Schicksal des Gefangenen ist in Ihrer Hand; Gott verhüte, daß Sie in irgend einer Weise, von mir beengt sein sollten, aber es ist ein Vergehen gegen des Königs Würde und die Sicherheit des Staats; das Gesetz ist gegen den Gefangenen, die Thatsachen sind alle gegen ihn, und ich zweifle nicht, Ihr Spruch wird die freiwillige Entscheidung Ihres eignen vortrefflichen Verstandes sein, und der Art, daß er uns der Notwendigkeit überhebt, eine neue Untersuchung anzuordnen.

Die Geschwornen steckten ihre Schweife zusammen, und in weniger als einer Minute gab ihr Vorder-Monikin den Spruch ein: »Schuldig.« Noah seufzte und nahm eine frische Handvoll Tabak.

Die Sache mit der Königin ward unmittelbar darauf eröffnet; der Gefangene war vorher befragt worden, und hatte sich für »nicht schuldig« erklärt. Der Königin Prokurator griff den Willen, den animus des unglücklichen Gefangenen bitter an. Er beschrieb Ihre Majestät als ein Muster von Vortrefflichkeiten, als den Complex aller monikin’schen Tugenden, als ein Modell ihres Geschlechts. »Wenn sie, die mit so viel Recht durch die Eigenschaften der Wohlthätigkeit, Milde, Religion, Gerechtigkeit, Unterwerfung unter ihre weiblichen Pflichten ausgezeichnet wäre, kein Gedächtniß hätte, frage er, wer dann um Himmels willen eins hätte. Wie könne diese hohe Frau ihre Pflichten ihrem königlichen Gemahl, ihren königlichen Sprößlingen, ihrem eignen königlichen Selbst ohne Gedächtniß erweisen. Gedächtniß sei besonders ein königliches Attribut, ohne es könnte eigentlich Niemand – als von hoher, alter Geburt angesehen werden. Gedächtniß bezöge sich aufs Vergangene; die dem Königthum gebührende Hochachtung wäre kaum je eine gegenwärtige Hochachtung, sondern eine mit der Vergangenheit verknüpfte; wir verehrten die Vergangenheit, die Zeit sei vergangen, gegenwärtig oder zukünftig; die Vergangenheit sei immer ein monarchisches Interesse, die Gegenwart riefen die Republikaner an, die Zukunft gehöre dem Geschick. Würde entschieden, die Königin hätte kein Gedächtniß, so versetzten wir dem Königthum einen Schlag. Durch’s Gedächtniß, in Verbindung mit den öffentlichen Archiven, leite der König sein Recht auf den Thron ab; durch’s Gedächtniß, das die Thaten seiner Vorfahren zurückrufe, erhalte er unsre tiefste Verehrung.«

Auf diese Weise sprach der Königin Sachwalter ungefähr eine Stunde, wo er dann dem Rechtsbeistand des Gefangnen Platz machte. Aber zu meinem größten Erstaunen, denn ich wußte, diese Anklage sei die schwerere von beiden, da Noah’s Kopf auf dem Spiel stand, – sagte Geradaus, statt einer sehr geistreichen Erwiedrung, wie ich gewiß vermuthet hatte, nur wenige Worte, worin er so festes Vertrauen auf die Lossprechung seines Schützlings aussprach, daß er alle weitere Vertheidigung für gänzlich unnöthig hielt. Er hatte sich nicht so bald gesetzt, als ich ihm mein größtes Mißfallen mit diesem Benehmen äußerte, und meinen Entschluß kund that, selbst etwas für meinen armen Freund zu wagen.

»Seid ruhig, Sir John!« lispelte Geradaus zu mir, »der Advokat, der schon viele fruchtlose Anklagen unternommen hat, wird nach und nach gering geschätzt. Ich will schon für des Lord Oberadmirals Interessen sorgen; zu rechter Zeit will ich ihrer schon Acht haben!«

Ich hatte die tiefste Achtung vor des Brigadiers Gesetzkenntniß, und kein besondres Vertrauen in meine eigne; so folgte ich gern. Indeß ging die Verhandlung des Hofs vor sich, und die Jury, nach einer kurzen Anrede vom Richterstuhl, die so unparteiisch war, als nur immer ein positives Verlangen der Verurteilung sein konnte, gab er noch ein Mal den Spruch »Schuldig.«

Obwohl es in Springhoch für unschicklich gehalten wird, Kleider zu tragen, wird es doch auch für außerordentlich schön bei gewissen hohen Beamten gehalten, ihre Personen mit gehörigen Zeichen ihres Amtsranges zu schmücken. Wir haben schon Nachricht von der Hierarchie der Schweife gegeben, so wie eine Beschreibung von dem aus den Zehendhaaren zusammengesetzten Mantel; aber ich hatte vergessen zu sagen, daß sowohl der Lord Oberrichter als Baron Langbart Futterale über ihre Schweife aus Häuten von verstorbenen Monikins hatten, welches ihren intellektuellen Organen ein Aussehen größrer Entwicklung gab, und wahrscheinlich durch Zusammenhalten des Gehirns, das wegen unausgesetzten Gebrauchs große Sorgfalt und Aufmerksamkeit erforderte, von Einfluß war. Sie warfen nun über diese Schweiffutterale eine Art Gewand von sehr blutdürstiger Farbe, welches, wie man uns sagte, ein Zeichen wäre, daß sie Ernst machten und das Urtheil sprechen wollten; denn in Springhoch ist die Justiz von ganz besonders blutdürstigem Charakter.

»Gefangener an den Schranken!« begann der Oberichter mit anklagender Stimme, »Ihr habt den Spruch Eurer Pairs gehört, Ihr seid verurtheilt und beschuldigt worden des gehässigen Verbrechens, den Fürsten dieses Landes als im Besitz eines Gedächtnisses anzuklagen, habt dadurch den Frieden der Gesellschaft gefährdet, die socialen Verhältnisse gestört, und ein gefährliches Beispiel der Insubordination und der Verachtung der Gesetze gegeben. Dieses Verbrechens seid Ihr, nachdem man Euch ein ganz besonders ruhiges und unparteiisches Gehör geschenkt, schuldig befunden worden. Das Gesetz erlaubt dem Hof keine Einmischung in diesen Fall; meine Pflicht ist, alsbald den Spruch zu thun, und ich frage Euch nun feierlichst, ob Ihr etwas zu sagen habt, warum der Spruch des Schweifabhauens nicht gegen Euch ergehen soll.« Hier hielt der Oberrichter gerade lange genug ein, um aufzuathmen, und fuhr dann fort. »Ihr thut recht, Euch ganz der Gnade des Hofs zu überlassen, der besser weiß, was Euch gut ist, als Ihr selbst. Ihr werdet ergriffen werden, Noah Poke, oder Nro. 1. Meergrün, und ohne weitres zwischen den Stunden des Sonnenaufgangs und Untergangs heute in den Mittelpunkt des öffentlichen Platzes geführt werden, wo Euer Schweif abgehauen werden soll; und nachdem er in vier Theile getheilt, soll nach jedem der Hauptpunkte des Kompasses ein Theil ausgesteckt werden. Der Büschel davon soll verbrannt, und die Asche Euch in’s Gesicht geworfen werden. Alles dieß ohne geistlichen Beistand; und sei der Herr Eurer Seele gnädig!«

»Noah Poke oder Nro. 1. Meergrün,« fiel Baron Langbart, ohne dem Gefangnen Zeit zum Athmen zu lassen ein; »Ihr seid angeklagt, beurtheilt und schuldig befunden worden des ungeheuren Verbrechens, die königliche Gemahlin als jenes gewöhnlichen, wichtigen und alltäglichen Vermögens, des Gedächtnisses entbehrend dargestellt zu haben. Habt Ihr etwas zu sagen, warum der Spruch nicht alsbald gegen Euch ergehen soll? Nein, Ihr seid sicher vernünftig genug, Euch ganz der Gnade des Hofes anheim zu stellen, der Euch gerne sie ganz, so weit sie in seiner Macht steht, widerfahren lassen wird, in diesem Fall findet aber keine Statt. Ich brauche mich über die Schwere Eures Vergehens nicht auszulassen. Wenn das Gesetz zuließe, daß die Königin kein Gedächtniß hätte, könnten andre Frauen dasselbe Privilegium in Anspruch nehmen, und die Staatsgesellschaft würde zum Chaos werden. Ehegelübde, Pflichten, Neigungen, alle unsre nächsten und theuersten Interessen würden aufgehoben, und dieses herrliche Dasein in ein moralisches oder vielmehr unmoralisches Pandämonium ausarten. Im Hinblick auf diese so wichtigen Betrachtungen und besonders auf das gebietende Gesetz, das keine Einmischung duldet, verurtheilt Euch der Hof, ohne Aufschub von hier weg mitten auf den großen Platz geführt zu werden, wo Euer Haupt ohne geistlichen Beistand, durch den öffentlichen Henker vom Rumpf getrennt werden soll; worauf Eure Ueberreste den öffentlichen Hospitälern zum Seciren anheim fallen.«

Die Worte waren kaum aus Baron Langbart’s Mund, als die beiden Staatsanwälte sich erhoben, um den Hof Jeder für die größre Würde ihrer gegenseitigen Principale zu gewinnen. Der Staatsanwalt der Krone bat den Hof, in so weit seinen Spruch zu ändern, daß die Strafe für das Vergehen gegen den König den Vorgang erhielte, und der Prokurator für die Königin ersuchte den Hof, nicht so sehr die Rechte und Würde ihrer Majestät zu vergessen, um ein für beide Aussprüche so gefährliches Beispiel zu geben. Ich bekam einige Hoffnung, als ich die Augen meines Geradaus erblickte, der gerade lang genug gewartet hatte, um die Advokaten sich gegenseitig über diesen Punkt warm machen zu lassen, und jetzt aufstand und vom Hof einen Aufschub der Exekution verlangte, weil kein Spruch rechtskräftig sei; der des Lord Oberrichters enthalte einen Widerspruch, da er das Schweifabhauen zwischen die Stunden des Sonnenaufgangs und Untergangs und doch als alsbald Statt habend feststelle, der von Lord Langbart aber, weil er den Körper dem Seciren überweise, ganz gegen das Gesetz, was nur bei verurtheilten Monikins diese Vorkehrung treffe, hier aber gehöre der Gefangene einer ganz verschiednen Gattung an.

Der Hof nahm diese Einwürfe ernsthaft, sprach aber seine Inkompetenz, darüber zu erkennen aus. Es sei eine Frage für die zwölf Richter, die sich jetzt bald versammeln sollten, und denen sie die ganze Sache in zweiter Instanz überließen. Indeß könne die Gerechtigkeit dadurch nicht aufgehalten werden. Der Gefangene müsse auf den Platz geführt werden, und die Sachen ihren Lauf behalten; sollte aber einer der Punkte endlich zu seinen Gunsten entschieden werden, dann hatte er den Vortheil davon, so weit es die Umstände dann noch erlaubten. Hiemit brach der Hof auf, und die Richter, der Gesetzbeistand und die Sekretäre begaben sich zusammen in die Halle der zwölf Richter.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Immerbesser, – mehr Recht und mehr Gerechtigkeit, – Schweife und Köpfe, – die Wichtigkeit, jeden am Ort zu haben.

Noah wurde alsbald auf den Richtplatz geführt, wo ich ihn zu treffen versprach, um noch seinen Abschiedsseufzer aufzunehmen. Die Neugier trieb mich, den Ausgang der Apellation zu hören. Der Brigadier sagte mir auf dem Weg nach der Halle im Vertrauen, die Sache erhalte jetzt großes Interesse; bis jetzt sei Alles nur Kinderspiel gewesen, aber es würde künftig einen Beirath von großer Belesenheit und Forschung brauchen, um die Beweisgründe vorzubringen; er schmeichle sich, es werde wahrscheinlich für ihn eine gute Gelegenheit abgeben, um zu zeigen, was Monikin-Vernunft wirklich wäre.

Alle Zwölfe trugen Schweiffutterale, und alle zeigten furchterweckende intellektuelle Ausbildung in denselben. Da Noah’s Sache als von mehr als gewöhnlicher Dringendheit anerkannt ward, wurde nach nur drei oder vier andern kurzen Rechtshändeln von Seiten der Krone, (diese hat immer den Vortritt bei solchen Gelegenheiten) der königliche Staatsanwalt aufgefordert, die Sache zu eröffnen.

Der gelehrte Rechtsbeistand sprach im Voraus von den Einwürfen seiner beiden Gegner und begann mit denen meines Geradaus. Alsbald , behauptete er, könne nach der jedesmaligen Zeit, wo es gebraucht würde, jeder Augenblick der vierundzwanzig Stunden sein. So würde alsbald am Morgen heißen: am Morgen, alsbald am Mittag: am Mittag, u.s.w. bis zum Schluß des gesetzlichen Tags. So müsse auch im legalen Sinne alsbald zwischen Sonnenaufgang und Untergang bedeuten, indem das Statut verlange, alle Hinrichtungen sollten bei Tage Statt finden. Folglich bestätigten und bestärkten beide Ausdrücke einander, statt einen Widerspruch zu enthalten oder sich aufzuheben, wie sehr wahrscheinlich vom gegenseitigen Rechtsbeistand behauptet werden würde.

Zu all diesem sagte unser Geradaus, wie bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich, so ziemlich das Gegentheil. Er behauptete, alles Licht käme von der Sonne, und daher könnte das Statut nur meinen, es sollten keine Hinrichtungen während der Sonnenfinsterniß geschehen, wo alle Monikins mit Anbetung beschäftigt sein müßten. Alsbald ferner bedeutete nicht nothwendig alsbald, denn alsbald bedeutete sogleich; und zwischen Sonnenaufgang und Untergang bedeutete: zwischen Sonnenaufgang und Untergang; was sogleich sein konnte oder auch nicht.

Ueber diesen Punkt entschieden die Zwölfe: erstlich, daß alsbald nicht alsbald bedeutete; zweitens, daß alsbald alsbald bedeutete; drittens, daß alsbald zwei legale Bedeutungen hätte; viertens, es sei ungesetzlich, eine dieser gesetzlichen Bedeutungen zu unrechtem gesetzlichen Zweck anzuwenden, und fünftens, der Einwand sei, so weit er Nro. 1. Meergrün betreffe von keinem Belang. Beschluß daher, daß der Kriminal-Gefangene alsbald seinen Schweif verliere.

Der Einwurf gegen die zweite Sentenz hatte kein bessres Schicksal; Menschen und Monikins unterschieden sich nicht mehr, als einige Menschen von andern, oder einige Monikins von andern. Beschluß: daß die Sentenz bestätigt werde, nebst Kosten. Ich hielt diesen Beschluß für den vernünftigeren; denn, ich hatte oft zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß sehr erstaunende Aehnlichkeiten zwischen Affen und unserm Geschlecht sich finden.

Der Streit begann nun ernstlich zwischen den zwei Generalprokuratoren, und da der zu entscheidende Punkt eine blose Rangstreitigkeit war, erregte er ein lebhaftes, ja Alles verschlingendes Interesse bei den Zuhörern. Er ward jedoch nach einer lebhaften Diskussion zu Gunsten des Königs entschieden, dessen königlicher Würde, die zwölf Richter einmüthig der Meinung waren, der Vorrang über die Königin gebühre. Zu meinem größten Erstaunen brachte Geradaus einen Beweisgrund bei diesem verwickelten Punkt vor, und hielt, wie alle, die sie hörten, zugaben, eine außerordentlich geschickte Rede zu Gunsten der königlichen Würde. Alles beruhte hauptsächlich darauf, daß die Asche des Schweifs nach dem Spruch dem Sünder in’s Gesicht geworfen werden sollte; zwar könnte dies physisch nach der Enthauptung geschehen, aber nicht moralisch. Dieser Theil der Strafe hätte einen moralischen Zweck, und ihn zu erreichen, wäre Bewußtsein und Scham beides sehr nöthig. So könnte denn der moralische Akt, daß die Asche dem Schuldigen in’s Gesicht geworfen würde, nur so lange er lebte und beschämt werden könnte, vor sich gehen.

Meditation, der Oberrichter, sprach die Ansicht des Gerichtshofs aus. Sie enthielt die gewöhnliche Portion legalen Scharfsinns und Logik, wurde für sehr beredt in dem Theil gehalten, der den geheiligten und unverletzlichen Charakter der königlichen Prärogative berührte, und war so klar in der Darstellung des geringeren Rangs der Königin, daß ich froh war, daß Ihre Majestät nicht zugegen war, um sich und ihr Geschlecht so herabwürdigen zu sehen. Wie zu erwarten stand, legte man großes Gewicht auf die von dem Brigadier gemachte Distinktion; der Beschluß war wie folgt: »König und Königin gegen Nro. 1. Meergrün. Wird zu Recht erkannt: Die Diener der Gerechtigkeit sollen alsbald zum Schweifabschneiden bei dem Beklagten schreiten, ehe sie ihn enthaupten; vorausgesetzt, daß er nicht alsbald enthauptet worden, ehe er entschweift werden kann.«

Sobald dies Mandat dem geeigneten Beamten eingehändigt worden, zupfte mich Brigadier Geradaus am Knie und führte mich aus dem Justizpalast, als wenn unser beider Leben von unsrer Eile abhinge. Ich wollte ihm eben Vorwürfe machen, daß er zu Gunsten des königlichen Staatsprokurators gesprochen, als er mich bei der Wurzel des Schweifs ergriff (denn es war kein Knopfloch da) und mit augenscheinlicher Freude sagte:

»Die Sachen gehen sehr gut, mein lieber Sir John; ich erinnere mich nicht, seit vielen Jahren einen interessantern Proceß gehabt zu haben. Jetzt hat die Sache, die Ihr ohne Zweifel ihrem Ende nahe glaubt, gerade ihren Höhepunkt erreicht, und ich habe alle Aussicht, unsren Schützling, mir sehr zur Ehre, freizubringen.«

»Wie, mein guter Geradaus,« fiel ich ein; »der Angeklagte ist ja in letzter Instanz verurtheilt, wenn nicht schon hingerichtet!«

»Nicht so schnell, mein lieber Sir John, – noch gar nicht. Nichts ist im Gesetz völlig beendet, so lange noch ein Heller für Proceßkosten da ist oder der Angeklagte noch aufschnaufen kann. Ich glaube unsern Proceß herrlich im Gang, viel besser, als je, seit der Anklage.«

Erstaunen ließ mir nur so viel Kraft, um eine Erklärung zu erbitten.

»Alles hängt von dem einzigen Umstand ab, ob der Kopf noch an dem Rumpf des Angeklagten ist oder nicht. Geht Ihr so schnell, wie möglich, auf den Richtplatz; und sollte unser Klient seinen Kopf noch haben, dann haltet seine Geister durch geeignete religiöse Reden aufrecht, ihn stets auf’s Schlimmste vorbereitend, denn das ist das Klügste; aber sobald sein Schweif abgetrennt ist, eilt, so schnell Ihr könnt, mit der Nachricht davon hieher zu mir. Ich verlange nur zweierlei von Euch: Eile mit der Nachricht, und vollkommne Gewißheit, daß der Schweif mit dem übrigen Körper auch nicht mehr durch ein Haar zusammenhängt. Ein Haar bringt oft die Wagschalen der Gerechtigkeit zum Sinken.«

»Der Fall scheint verzweifelt; wäre es nicht eben so gut, gleich in den Palast zu eilen, eine Audienz von Ihren Majestäten zu begehren, mich vor dem königlichen Paar auf die Kniee zu werfen und Verzeihung zu erstehen?«

»Euer Vorhaben ist unthunlich aus drei hinreichenden Gründen; erstlich: es ist nicht mehr Zeit; zweitens: Ihr würdet nicht ohne besondre Erlaubniß vorgelassen; drittens: in Springhoch gibt es keinen König und keine Königin.«

»Kein König in Springhoch!«

»So sag‘ ich.«

»Erklärt Euch, mein Geradaus, oder ich muß Eure Aussage durch meine eignen Augen widerlegen.«

»Eure Augen werden dann falsche Zeugen sein; früher gab es einen König in Springhoch, einer, der sowohl verwaltete, als regierte. Aber der Adel und die Großen des Landes hielten es für unschicklich, Seine Majestät länger mit Staatssachen zu bemühen, und nahmen alle Last der Verwaltung auf sich, dem Fürsten nur die Pflicht des Regierens überlassend. Dies geschah unter dem Vorwand, seine Gefühle zu schonen, und eine Schranke gegen die physische Gewalt und die Mißbräuche der Menge zu errichten. Nach einiger Zeit hielt man es für unbequem und kostspielig, die königliche Familie zu ernähren und sonst zu unterhalten, und alle ihre Glieder wurden insgeheim in eine ferne Gegend geschifft, die noch nicht so weit in der Civilisation fortgeschritten, um zu wissen, wie man eine Monarchie ohne einen Monarchen aufrecht erhält?«

»Und gelingt Springhoch dieses Wunder?«

»Sehr gut. Durch Enthauptungen und Schweifabhauen können selbst noch größre Dinge ausgeführt werden.«

»Aber sagt Ihr wirklich, es sei gar kein Monarch in diesem Land?«

»Ganz eigentlich gesprochen.«

»Und das Vorstellen bei ihnen.«

»Geschieht wie ihre Processe, die Monarchie aufrecht zu erhalten.«

»Und die Purpurvorhänge?«

»Verbergen leere Stühle.«

»Warum dann nicht so kostbare Vorstellungen ganz aufgeben?«

»Wie könnten die Großen schreien, der Thron ist in Gefahr, wenn gar keiner da ist. Es ist was andres, keinen König – und keinen Thron haben. Aber indeß schwebt unser Klient immer in Gefahr; eilt und habt Acht, daß Ihr nach meinen Vorschriften verfahrt!«

Ich stand, aber erfuhr nichts mehr, und flog im nächsten Augenblick nach dem öffentlichen Platz. Man bemerkte leicht den Schweif meines Freundes, wie er über dem Haufen hervorragte; aber Gram und Furcht hatten sein Antlitz schon so düster gemacht, daß auf den ersten Blick ich sein Gesicht nicht erkannte. Er war jedoch noch im Fleische; denn zum Glück für ihn, und noch mehr für den Erfolg seines Hauptbeistands, hatte die Schwere der Verbrechen ungewöhnliche Vorkehrungen für die Hinrichtung nöthig gemacht. Da das Mandat des Hofs noch nicht angelangt war, – die Gerechtigkeit ist in Springhoch eben so schnell, als ihre Diener langsam, – waren zwei Blöcke zugerichtet worden, und der Sünder sollte auf allen Vieren zwischen sie, gerade als ich mich durch den Haufen an seine Seite drängte, sich hinbeugen.

»Ah, Sir John, das ist eine schreckliche Procedur.« rief der zerknirschte Noah; »eine wirklich schreckliche Lage für einen Christen-Menschen, seine Feinde quer vor und hinter sich liegen zu sehen!«

»So lange Leben, so lange Hoffnung! Aber es ist immer das Beßte, auf’s Schrecklichste gefaßt zu sein; wer so vorbereitet ist, kann nie unangenehm überrascht werden. Meine Herrn Scharfrichter,« (es waren deren zwei, für den König und die Königin, einer an jedem Ende des unglücklichen Verurtheilten) »ich bitte Sie, dem Sünder einen Augenblick zu gestatten, um seine Gedanken zu sammeln und mir seine Wünsche für seine ferne Familie und Freunde mitzutheilen.«

Gegen diese vernünftige Bitte hatte keiner der hohen Diener der Gerechtigkeit etwas einzuwenden, obwohl beide versicherten, daß, wenn sie nicht alsbald den Sünder zu dem Letzten vorbereiteten, sie ihre Plätze verlieren könnten. Sie sahen jedoch ein, man könne wünschen, einen Augenblick am Rande des Grabes stille zu halten. Es schien eine kleine Zwistigkeit zwischen den Vollstreckern selbst in Hinsicht des Vorrangs obzuwalten, die eine Ursache der Verzögerung gewesen, und dadurch weggeräumt worden, daß Beide zugleich operiren sollten. Noah lag nun auf Händen und Knieen, »vor Anker hinten und vornen,« wie der gefühllose Schelm Bob, der unter dem Haufen war, es ausdrückte, – zwischen zwei Blöcken, sein Nacken auf dem einen, sein Schweif auf dem andern; in dieser erbaulichen Lage durfte ich mit ihm sprechen.

»Ihr werdet wohl thun, Eurer Seele zu gedenken, mein lieber Kapitän,« sagte ich; »denn in Wahrheit, diese Beile haben einen sehr expeditiven und blutgierigen Anschein.«

»Ich weiß, Sir John, ich weiß; und Euch die Wahrheit zu gestehn, ich habe immer seit dem ersten Spruch tiefe Reue gefühlt. Die Sache mit dem Lord Oberadmiral besonders hat mir viel Kummer gemacht, und ich bitte Euch jetzt um Verzeihung, durch solch elenden Betrug irre geführt worden zu sein; an Allem ist das niedrige Geschöpf Doktor Raisono schuld, der einst noch seinen Lohn erhalten wird. Ich vergebe jedermann, und hoffe, jedermann wird mir vergeben. Für Mad. Poke wird’s ein schwerer Fall sein; denn sie ist schon ganz darüber hinaus, einen andern Gemahl hoffen zu können, und muß eine Wittwe bleiben.«

»Reue, Reue, mein theurer Noah, Reue ist das Einzige, was in Eurer Lage Noth thut!«

»Die hab‘ ich, Sir John, mit Leib und Seel‘, ich bereue aus dem Grunde meines Herzens, je diese Reise gemacht zu haben; ja, ich bereue selbst, je über Montauk-Point hinausgekommen zu sein. Ich könnte jetzt ein Schulmeister oder Gastwirth in Stonington sein, und das sind beide gute, gesunde Stellen, besonders die letztere. Gott segne Euch, Sir John! Wäre Reue zu etwas gut, mir würde auf der Stelle vergeben.«

Hier sah Noah, wie Bob in dem Haufen der Umstehenden grinzte, und bat die Vollstrecker, als eine letzte Gunst, daß sie den Jungen herbeibrächten, um zärtlich für immer Abschied von ihm zu nehmen. Diesem vernünftigen Verlangen wurde willfahrt, trotz des armen Bob’s Widerstreben, und der Junge hatte eben so gut Ursache zur herzlichen Reue, als der Verurteilte selbst. Gerade in diesem wichtigen Augenblick langte die Bestimmung in Hinsicht der Ordnung der Vollstreckungen an, und die Diener erklärten ernst, der Verurteilte müsse sich anschicken, die Strafe zu erleiden.

Die unerschrockne Art, wie Kapitän Poke dem tödtlichen Proceß des Schweifabhauens sich hingab, entlockte jedem anwesenden Monikin Beifall und erregte Theilnahme. Nachdem ich mich überzeugt, daß der Schweif wirklich vom Körper getrennt worden, lief ich so schnell, als meine Beine mich tragen konnten, nach der Halle der zwölf Richter. Mein edler Geradaus, der ungeduldig mein Erscheinen erwartete, erhob sich alsbald, und verlangte vom Gericht, es solle ein Mandat zum Aufschub der Exekution in der Sache »Königin gegen Noah Poke oder Nr. 1. Meergrün,« ergehen lassen. »Nach dem Statut vom zweiten Jahr der Regierung Longevity’s und Flirtilla’s ist vorgesehen, Mylords,« fuhr der Brigadier fort, »daß in keinem Fall ein verutheilter Majestätsverbrecher Verlust an Leib oder Leben erleiden soll, wenn bewiesen ist, daß er non compos mentis (geistesschwach) ist. Das ist auch eine Regel des gemeinen Gesetzes, Mylords, aber da es gesunde Monikins-Vernunft ist, hat man für gut gehalten, es noch durch ein besonderes Gesetz einzuschärfen. Ich hoffe, Herr Staatsanwalt, die Königin wird kaum in diesem Fall das Gesetz bestreiten –«

»Gewiß nicht, wiewohl ich die Thatsache noch bezweifle; die Thatsache muß festgestellt werden,« antwortete dieser, und schnupfte.

»Die Sache ist gewiß und wird keinen Zweifel zulassen. In der Sache »König gegen Noah Poke« bestimmte der Hof, die Strafe des Schweifabhauens sollte der Enthauptung in der Sache »Königin gegen denselben« vorgehen. Der Befehl war so ergangen, der Sünder hat also seinen Schweif verloren, mit ihm die Vernunft, ein Wesen ohne Vernunft ist immer für non compos mentis gehalten worden, und daher nach den Landesgesetzen nicht befähigt, an Leib oder Leben Strafe zu leiden.«

»Eure Einrede hat was für sich,« bemerkte der Oberrichter, »aber dem Gerichtshof müssen erst die Thatsachen vorgelegt werden. Bei der nächsten Sitzung werdet Ihr vielleicht besser vorbereitet sein.«

»Ich bitte, Mylord, zu bedenken, daß das ein Fall ist, der einen Aufschub von drei Monaten nicht wird zulassen können.«

»Wir können das Princip in einem Jahr so gut wie heute entscheiden, und wir haben heut‘ länger gesessen,« er sah nach der Uhr, »als weder gewöhnlich, angenehm, noch nützlich ist.«

»Aber, Mylords, der Beweis ist bei der Hand; hier ist ein Zeuge, um festzustellen, daß der Schweif Noah Poke’s, des Angeklagten, wirklich vom Rumpf getrennt ist.«

»Ei, mein lieber Geradaus, ein Gesetzkundiger von Eurer Erfahrung muß wissen, daß die Zwölfe nur nach beschwornem Protokoll sprechen können. Wenn Ihr ein solches bereit hättet, könnten wir vielleicht vor der Vertagung es noch hören, – wie’s nun steht, müssen wir es einer andern Sitzung aufsparen.«

Ich war nun in kaltem Schweiß, ich konnte genau den besondern Geruch des brennenden Schweifs riechen, und nachdem die Asche davon gehörig in Noah’s Antlitz geworfen worden, blieb kein weiteres Hinderniß für die Vornahme der Enthauptung übrig; der Spruch hatte ja nur, wie man sich erinnern wird, gerade zu diesem Zweck sein Antlitz auf seinen Schultern gelassen. Mein Geradaus jedoch war kein Gesetzesmann, der sich durch einen so einfachen Fallstrick zu Boden werfen ließ. Er ergriff ein Papier, das schon von einer gehörigen Advokatenhand zu einem andern Zweck beschrieben worden und zufällig vor ihm lag, und las es ohne Pause oder Anstoß, wie folgt:

»Königin gegen Noah Poke.

»Königreich Springhoch, Nüssezeit, am vierten des Monds:

»Erschien persönlich vor mir, Meditation, Lord Oberrichter des Gerichtshofs Königs-Bank: John Goldenkalb, Baronet, aus dem Königreich Großbritanien, der, nachdem er gehörig beeidigt worden, erklärt und sagt, nämlich: Daß er, der besagte Deponent, zugegen und Zeuge gewesen von der Entschweifung des in dieser Sache Beklagten, und daß der Schweif des besagten Noah Poke oder Nr. 1, Meergrün wahrhaft und physisch von seinem Leibe getrennt worden. – Und weiter sagt dieser Deponent nichts. Unterzeichnet u.s.w.«

Nachdem mein Geradaus sehr fließend das vorstehende Protokoll verlesen, das nur in seinem Kopf existirte, verlangte er, der Hof solle meine Erklärung zu Wahrheit annehmen.

»John Goldenkalb, Baronet,« sagte der Oberrichter, »Ihr habt gehört, was eben vorgelesen worden; beschwört Ihr dessen Wahrheit?« – »Ja!«

Nun wurde das Protokoll vom Lord Oberrichter und mir unterzeichnet, und gehörig einregistrirt. Ich erfuhr später, das von Geradaus bei dieser merkwürdigen Gelegenheit gebrauchte Papier sei kein andres gewesen, als die Noten selbst, die der Oberrichter über einen der Beweise in dem fraglichen Fall sich aufgesetzt hatte, und als er die Namen und die Aufschrift des Processes gefunden, und da er überhaupt seine eigne Hand nicht gut lesen konnte, habe dieser oberste Beamte der Krone sehr natürlich vorausgesetzt, Alles sei recht. Die Übrigen der Gerichtsbank waren in zu großer Eile nach ihrem Mittagessen, um sich aufzuhalten und Protokolle zu lesen, und so ward die Sache sogleich durch folgenden Beschluß entschieden:

»Königin gegen Noah Poke u.s.w. Zu Recht erkannt: daß der Schuldige als non compos mentis betrachtet und entlassen werde, unter Aufstellung von Bürgschaft, für’s Uebrige seines natürlichen Lebens Friede zu halten.«

Ein Diener ward sogleich auf den Platz mit dieser Lossprechung geschickt, und der Hof erhob sich. Ich zögerte noch ein wenig, um für Noah die nöthigen Anerkennungen zu machen und zugleich die am vorigen Tag für sein Erscheinen vor Gericht geleistete Bürgschaft zurückzunehmen. Nachdem diese Formalitäten gehörig durchgemacht waren, eilten Geradaus und ich auf den Richtplatz, um unserm Schützling Glück zu wünschen, wo denn Geradaus sich nicht wenig auf seinen Erfolg einbildete, der, wie er versicherte, seiner Erziehung nicht wenig Ehre machte.

Wir fanden Noah nicht wenig erleichtert durch seine Befreiung aus den Händen der Philister, auch blieb er gar nicht in Darlegung seiner Freude über die unerwartete Wendung zurück, die die Dinge genommen. Nach seiner eignen Darstellung der Sache setzte er keinen höheren Werth auf sein Haupt, als jeder Andre; doch sei’s bequem, eins zu haben; hätte er sich nothwendig davon trennen müssen, so zweifle er nicht, er hätte es männlich gethan, und bezog sich dabei auf die Geistesstärke, womit er das Abhauen seines Schweifs erlitten; er werde sich nun wohl in Acht nehmen, künftig jemand als im Besitz eines Gedächtnisses oder sonst etwas anzuklagen, und er sähe jetzt die Vortrefflichkeit der weisen Gesetzbestimmungen ein, die einen Verbrecher ausmerzten, um eine Wiederholung seiner Vergehen zu verhindern; er beabsichtige nicht, länger am Ufer zu bleiben, und glaube an Bord des Wallrosses weniger der Versuchung ausgesetzt zu sein, als unter den Monikins, und seine eignen Leute wolle er bald wieder im Schiff haben, da sie jetzt schon vierundzwanzig Stunden ohne ihr Pökelfleisch gewesen, Nüsse aber nur eine ärmliche Kost für Vordermast-Leute seien. Philosophen möchten von Staatsverfassung sagen, was sie wollten, nach seiner Meinung sei der einzige wirkliche Tyrann auf der Erde der Magen; er erinnere sich nicht, je einen Streit mit seinem Magen gehabt zu haben, – und er hätte deren tausend gehabt, – wo dieser nicht den Sieg davon getragen; es wäre seltsam, den Titel Lord Oberadmiral abzulegen, aber es sei leichter, diesen abzulegen, als das Haupt; was den Schweif betreffe (sei es auch angenehm, mit der Mode fortzugehen), den könne er gut entbehren, und käme er nach Stonington, so wolle er im schlimmsten Fall von einem Sattler dort sich mit einem eben so guten Muster versehen lassen, als er verloren; aber Madam Poke würde gewiß großen Anstand genommen haben, wenn er nach seiner Enthauptung nach Haus gekommen; es wäre vielleicht gut, so bald, wie möglich, nach Springniedrig zu segeln, denn in jenem Land, höre er, seien die Stümpfe Mode; er wolle aber nicht lange in Springhoch herumschlendern, er könne dann wie andre Leute sich tragen; er trage niemanden etwas nach, er vergebe aufrichtig jedem, nur nicht Bob, von welchem er mit Gottes Hülfe volle Genugthuung haben wolle, ehe das Schiff vierundzwanzig Stunden in See sein würde.«

Dahin gingen die gewöhnlichen Bemerkungen Kapitän Poke’s, während wir nach dem Hafen schritten, wo er sich einschiffte und an Bord des Wallrosses ziemlich eilig ging, da er vernahm, daß unsre Unteradmirale und Kapitäne wirklich dem Zug der Natur gefolgt und alle zu ihrer Pflicht zurückgekehrt waren, schwörend, sie wollten lieber Theerjakobs in einem gut proviantirten Schiff, als König von Springhoch mit Nüssen sein.

Der Kapitän hatte nicht sobald im Besitz seines Hauptes das Boot betreten, als ich meinem Geradaus für die geschickte Art meinen Dank sagte, in der er meinen Mitmenschen vertheidigt hatte, und zugleich den scharfsinnigen und wahrhaft philosophischen Unterscheidungen des juristischen Systems von Springhoch einige wohlverdiente Lobsprüche machte.

»Spart Euern Dank und Eure Lobsprüche, ich bitte, Sir John!« erwiederte der Brigadier, als wir in meine Wohnung zurückgingen. »Wir machten es so gut, als die Umstände erlauben wollten; indeß wäre unsre ganze Vertheidigung zu Schanden geworden, hätte der oberste Richter nicht glücklicher Weise seine eigne Handschrift nicht lesen können. In Hinsicht der Grundsätze und Formen der Monikin’schen Gesetze, – denn darin ist Springniedrig Springhoch sehr ähnlich, – die seht Ihr in diesen zwei Processen ganz so, wie wir sie haben. Ich gebe sie nicht für fehlerfrei aus, im Gegentheil, ich könnte selbst Verbesserungen andeuten, aber wir machen’s mit ihnen, so gut wir können; ohne Zweifel habt Ihr Menschen Gesetzbücher, die besser Probe halten.«

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Kapitel der Vorkehrungen, – Charakter-Unterscheidung, – enges Anpassen, nebst andern Convenienzen und einigem Urtheil.

Ich gehe leicht über die Begebenheiten des folgenden Monats hinweg. Während dieser Zeit ward die ganze Gesellschaft nach England übergesiedelt; ein geeignetes Schiff war gekauft und ausgerüstet worden, die Fremdlinge befanden sich im Besitz ihrer Kabinete, und ich hatte alle Anordnungen zu einer zweijährigen Abwesenheit von London getroffen. Das Fahrzeug war ein stark gebautes, bequemes Schiff, von etwa 300 Tonnen, und war gehörig eingerichtet, um dem Eis zu begegnen. Seine Bequemlichkeiten waren so, daß sie Monikins- und menschliche Bedürfnisse befriedigten, indem die Zimmer der Damen gehörig von denen der Herren getrennt waren, und ausserdem schön und bequem ausgerüstet worden. Dame Chatterissa nannte sehr artig ihr besondres Zimmer das Gynäceum, welches, wie ich später erfuhr, ein aus dem Griechischen hergeleitetes Wort für Frauengemach war; die Monikins sind nämlich ganz so eifrig, wie wir selbst, ihre Fortschritte durch aus fremden Sprachen hergenommenen Wörter zu zeigen.

Noah bewies große Sorgfalt in der Auswahl seiner Schiffsmannschaft, da der Dienst als beschwerlich anerkannt war, und große Verantwortlichkeit auf sich hatte. Zu diesem Zweck machte er ganz besonders eine Reise nach Liverpool (das Schiff lag in Grönland-Dock in London), wo er so glücklich war, fünf Yankee zu werben, eben so viele Engländer, zwei Norweger und einen Schweden, die alle gewohnt waren, so nahe den Polen zu steuern, als nur immer gewöhnliche Menschen sie erreichen können. Er war auch gut versehen mit Koch und Untersteuerleuten; aber ich bemerkte, daß es ihm schwer fiel, einen Schiffsjungen nach seinem Sinn zu finden. Mehr als zwanzig Bewerber wurden zurückgewiesen; der eine wegen Mangels der einen Eigenschaft, der andre wegen etwas anderm. Da ich bei einigen Prüfungen der verschiedenen Kandidaten zu diesem Amt zugegen war, bekam ich einige Einsicht in seine Weise, ihre verschiedenen Verdienste zu erproben.

Das unabänderliche Verfahren war, erst eine Flasche Rum und einen Krug Wasser vor den Jungen zu stellen, und ihn seine Hand in Mischung eines Glases Grog versuchen zu lassen. Vier Bewerber wurden ohne Weiteres verabschiedet, weil sie eine natürliche Unfähigkeit zeigten, das juste milieu in diesem wichtigen Stück des Schiffsdienstes zu treffen. Die meisten Kandidaten waren jedoch ziemlich erfahren in der Kunst, und der Kapitain ging bald zum zweiten Erforderniß über, welches war: Sir in einem Ton zu sagen, wie Noah sich ausdrückte, »etwas zwischen dem Zuschnappen einer Stahlfalle und dem bittendem Winseln eines Bettlers.« Vierzehn wurden wegen Mängel hierin abgewiesen, und der Kapitain bemerkte, die meisten von ihnen wären die schrecklichsten Strohköpfe, auf die er jemals getroffen. Als er endlich einen gefunden hatte, der einen Becher Grog mischen und Sir nach seinem Gefallen antworten konnte, machte er Experimente über ihre Geschicklichkeit, eine Suppenschüssel über ein schwankendes Brett zu tragen, Teller ohne ein Handtuch abzuwischen, und ohne dabei ihre Hemdärmel zu gebrauchen, Lichter mit den Fingern zu putzen, ein weiches Bett mit wenig Materialien ausser Brettern zu machen, die verschiedenen Compositionen Burgu, Lobskou und Dough zu verfertigen (das letztre sprach er affektirt Duff aus), Schweine mit Rindsknochen und Enten mit dem Kehricht des Verdecks zu mästen, Essenz anzusehen, ohne ihre Lippen zu lecken, und in verschiedenen ähnlichen Fertigkeiten, welche den Kindern von Stonington, wie er behauptete, eben so geläufig wären, als ihre Gesangbücher und die zehen Gebote. Der neunzehnte Bewerber schien in meinen ungeübten Augen vollkommen; aber Noah verwarf ihn wegen Mangel einer Eigenschaft, die, behauptete er, unerläßlich wäre zur Ruhe des Schiffs; es schien, er war zu knochig an einem wesentlichen Theil seines Baues, ein Umstand, der für einen Kapitain sehr gefährlich wäre, da er selbst einst so unglücklich gewesen, seine große Zehe zu verrenken, indem er einem dieser unglücklich gebildeten Jungen mit unvorsätzlicher Gewalt einen Tritt habe geben wollen, was einem Mann in Eile gar leicht begegnen könnte. Glücklicher Weise ging Nummer zwanzig durch, und bekam alsbald die erledigte Stelle; gleich den nächsten Tag ging das Schiff in sehr gutem Stande und mit aller Aussicht auf eine glückliche Reise in See.

Ich will hier noch bemerken, daß eine allgemeine Parlamentswahl die Woche, bevor wir absegelten, Statt fand; so eilte ich nach House-Holder, und ließ mich erwählen, um die Interessen derer vertreten zu können, die ein natürliches Recht auf diese kleine Gunst von mir zu haben schienen.

Wir entließen den Lootsen, als wir die Scilly-Inseln hinter uns hatten, und Herr Poke übernahm in allem Ernst den Befehl über das Schiff. So lange wir den Kanal hinunterfuhren, hatte er wenig mehr gethan, als in der Kajütte herumzustöbern, die Schlösser zu untersuchen, und seinen Fuß mit der anatomischen Beschaffenheit des armen Bob bekannt zu machen, (so hieß der Schiffsjunge) der nach des Kapitains langer Praxis zu urtheilen, ausserordentlich gut für seine Stelle wenigstens als Trittaushalter sein mußte. Aber als der letzte Anhaltspunkt mit dem Land durch des Lootsen Abgang gelös’t war, kam unser Schiffer in seiner wahren Gestalt hervor, und zeigte, aus welchem Stoff er wirklich bestand. Das erste, was er that, war eine Schlinge an jede Segelstange, Bogenlinie und Brüstung im Schiff machen zu lassen; er schimpfte dann beide Untersteurer recht aus, um ihnen zu zeigen, (wie er mir nachher im Vertrauen sagte) daß er Kapitain seines Schiffs sei, und gab dem Volke zu verstehen, er liebe nicht zwei Mal über dieselbe Sache und bei derselben Gelegenheit zu sprechen, dieses Vorrecht überlasse er gern den Congreß-Mitgliedern und Weibern; – dann schien er zufrieden mit sich und allen um ihn.

Eine Woche, nachdem wir abgereist, wagte ich Kapitain Poke zu fragen, ob es nicht passend wäre, eine Beobachtung anzustellen und durch ein oder das andre Mittel in Erfahrung zu bringen, wo das Schiff eigentlich wäre. Noah behandelte diese Idee mit großer Verachtung; er könne gar keinen Nutzen dabei sehen, ohne Noth die Quadranten vorzunehmen; unser Lauf wäre südlich, das wüßten wir, denn wir wollten ja nach dem Südpol; alles, was wir zu thun hätten, wäre Amerika rechts und Afrika links zu lassen; freilich müßte man etwas auf die Passatwinde dann und wann sehen, aber er und das Schiff würden bald damit bekannt werden, und dann würde alles wie ein Uhrwerk gehen. Einige Tage nach diesem Gespräch war ich auf dem Verdeck, gerade als es Tag ward und zu meinem Erstaunen rief der Kapitain, der in seiner Hangematte lag, dem Steuermann durch das Verdeckloch zu, ihn genau wissen zu lassen, wie das Land läge. Keiner hatte bis jetzt irgend Land gesehen, aber bei dieser Aufforderung sahen wir uns um, und allerdings eine Insel war dunkel sichtbar in Osten. Ihre Lage nach dem Kompas ward alsbald dem Kapitain mitgetheilt, der damit wohl zufrieden schien. Nachdem er dem Offizier auf dem Verdeck auf’s Neue anempfohlen hatte, Sorge zu tragen und Afrika links zu lassen, drehte er sich im Bette herum, um sein Schläfchen fortzusetzen.

Ich erfuhr später von den Untersteuerleuten, daß wir gar hübsch auf die Strömung gekommen und herrlich voranrückten; obgleich es ihnen ein eben so großes Geheimniß als mir war, wie der Kapitain wissen konnte wo das Schiff war, denn er hatte, seit wir England verlassen, seinen Quadranten nicht angerührt, ausser um ihn mit einem seidnen Tuch abzuwischen. Etwa vierzehn Tage, nachdem wir Cap Verde passirt, kam Noah in großer Wuth auf’s Verdeck, und begann über den Steuermann und den Mann am Rad zu schimpfen, daß sie das Schiff nicht in seinem Lauf hielten. Hierauf antwortete klug der erstre, daß der einzige Befehl, den er seit vierzehn Tagen erhalten, wäre, es südlich laufen zu lassen, die Umstände mitbegriffen; und jetzt eben laufe es so. Hierauf gab Noah dem Schiffsjungen, der gerade vorbeiging, eine ziemliche Application a posteriori, und schwur, der Kompas wär‘ eben ein solcher Thor als der Steuermann, das Schiff wäre um zwei Knoten aus seiner Richtung. Süden wäre hierherum nicht dort, er wisse am Anfühlen des Winds, daß er nichts Nördliches hätte, wir bekämen ihn von der Seite, statt von der Spitze, wir liefen nach Rio, statt nach Springhoch, und wenn wir je an den letztern Ort wollten, müßten wir eine gute Tau-Länge weg. Der Steuermann zu meinem Erstaunen beruhigte sich plötzlich, und brachte alsbald das Schiff in den Wind. Er sagte mir später in einem Lispeln, der zweite Steuermann hätte einige Harpune scharf gemacht, und unwillkührlich sie zu nahe bei dem Compas-Gehäuse gelassen, wirklich sei der Magnet von ihnen angezogen worden, und habe so den Mann am Rad und ihn getäuscht, und zwar um volle zwanzig Grade über die wahren Punkte des Compasses. Ich muß gestehen, diese kleinen Vorfälle ermuthigten mich sehr, und ließen keine Zweifel über unsre wirkliche und glückliche Ankunft, wenigstens bis zur Eisgrenze, die die Menschen- von der Monikins-Region trennt. Dieß Gefühl der Sicherheit benutzend, fing ich wieder die Unterredung mit den Fremdlingen an, die durch die neuen und unangenehmen Umstände des Seelebens theilweise unterbrochen worden war.

Lady Chatterissa und ihre Gefährtin, wie dieß meistens bei Frauenzimmern auf der See gewöhnlich ist, verließen selten das Gynäceum, aber als wir dem Aequator nahe kamen, verbrachten der Philosoph und junge Pair ihre meiste Zeit auf dem Verdeck oder in der Höhe. Doktor Raisono und ich brachten die Hälfte der milden Nächte im Gespräche über Gegenstände zu, die mit meinen künftigen Reisen zusammenhingen, und sobald wir im Klaren über Regen, Donner und Blitz dieser ruhigen Breitegrade waren, fing Kapitain Poke, Bob und ich das Studium der Sprache von Springhoch an. Der Schiffsjunge wurde dabei zugelassen, da Noah bemerkte, wir würden es passend finden, ihn mit an’s Ufer zu nehmen; ich hatte nämlich, meine Bestimmung zu verbergen, keinen Bedienten mitgenommen. Zum Glück für uns, hatte der Monikin’sche Scharfsinn das Erlernen sehr erleichtert. Die ganze Sprache wurde nach einem Decimalsystem geschrieben und gesprochen, was sie sehr leicht machte, wenn man erst die Elemente erlernt hatte. So, ungleich den meisten menschlichen Sprachen, wo die Regel gewöhnlich die Ausnahme ist, wurde keine Abweichung von ihren Gesetzen bei Strafe des Prangers erlaubt. Diese Vorkehrung, versicherte der Kapitain, wär‘ die beste Regel von allen, und sparte viele Mühe; denn, wie er aus Erfahrung wisse, könne man vollkommner Meister der Sprache in Stonington sein, und dann für seine Mühe in Neu-York ausgelacht werden. Die Kürze der Sprache wäre ein zweiter großer Vortheil, obwohl, gleich allen andern erhabenen Vorzügen und überschwenglichen Gütern, sie der nächste Nachbar eines ebenso großen Uebelstandes wäre. So, wie Mylord Chatterino sehr gefällig erklärte, heißt wi-witsch-it-mi-cum – »Madam, ich liebe Sie von der Krone meines Hauptes bis zur Spitze meines Schweifs; und da ich keine andre halb so sehr liebe, würde es mich zum glücklichsten Monikin auf der Erde machen, wenn Sie mein Weib werden wollten; damit wir Muster häuslichen Glücks vor aller Augen sein möchten von nun an bis in Ewigkeit.« Kurz es wäre die gewöhnliche und feierlichste Formel der Brautwerbung, und nach den Gesetzen des Landes für den Bittenden bindend, bis er eben so förmlich vom andern Theil abgewiesen worden. Aber unglücklicher Weise bedeutet eine andre Redensart: wi-switch-it-mi-cum. »Madam, ich liebe Sie von der Krone meines Hauptes bis zur Spitze meines Schweifes, und wenn ich nicht schon eine andre liebte, würde es mich zum glücklichsten Monikin auf der Erde machen, wenn Sie mein Weib werden wollten, damit wir Muster des häuslichen Glücks sein möchten, von nun an bis in Ewigkeit.« Nun verursachte aber diese feine und für’s Ohr und Aug unmerkliche Unterscheidung viel Herzbrechen und Täuschung unter dem jungen Volk von Springhoch. Mehrere ernsthafte Prozesse waren daraus entstanden, und zwei große politische Partheien hatten durch den Mißgriff eines jungen Monikins von Stande ihren Ursprung erhalten, blos weil dieser lispelte und das verhängnißvolle Wort unrecht gebrauchte. Dieser Zwist war jedoch jetzt glücklich beigelegt, nachdem er nur ein Jahrhundert gedauert hatte; aber es mochte weise sein, da wir alle drei Junggesellen waren, uns den Unterschied zu bemerken. Kapitain Poke sagte, er übrigens sei hinlänglich sicher, da er so ziemlich an das Wort switsch (auspeitschen) gewohnt sei, aber er hielte es für gut, gleich nachdem das Schiff geankert, zu einem Konsul zu gehen, und einen förmlichen Protest wegen unsrer Unbekanntschaft mit all diesen Feinheiten einzulegen, damit nicht die Reptile von Rechtsgelehrten einen Vortheil über uns erlangten; daß er besonders kein Junggeselle mehr sei, und Mad. Poke wild sein würde wie ein Orkan, wenn er sie zufällig vergessen sollte. Die Sache wurde künftiger Berathung vorbehalten.

Um diese Zeit auch hatte ich eine interessante Unterredung mit Doktor Raisono über die besondre Geschichte eines jeden der Gesellschaft, wovon er das Hauptmitglied war. Es wollte scheinen, als wenn der Philosoph, obgleich reich an Gelehrsamkeit, und Besitzer eines der bestausgebildeten Schweife in der ganzen Monikins-Welt, doch arm war an den gemeinern Dingen von Monikins- Reichthum. Während er daher freigebig von den Vorräthen seiner Philosophie durch die Academie von Springhoch allen mittheilte, sah er sich genöthigt, nach einem besondern Recipienten seiner Uebergelehrsamkeit in der Gestalt eines Zöglings sich umzusehen, um für die geringen Ueberreste des Animalischen, die noch in ihm zögerten, zu sorgen. Lord Chatterino, der verwaiste Erbe eines der edelsten und reichsten, sowie auch der ältesten Häuser von Springhoch, war in sehr zartem Alter seinem Unterricht übergeben worden, wie auch Lady Chatterissa der Mad. Lynx. Dieß junge und vollkommne Paar hatte sich bald, eins das andre in der Monikins-Gesellschaft wegen seiner ungewöhnlichen Grazie, seiner allgemeinen Bildung, gegenseitigen Neigung, Harmonie der Gesinnung und wegen seiner gesunden Grundsätze ausgewählt; alles war der lieblichen Flamme günstig, die sich in dem vestalischen Busen der Chatterissa entzündete und von einer heißen aber ehrfurchtsvollen Leidenschaft in dem glühenden Herzen von Nro. 8. Purpur erwiedert ward. Die Freunde von beiden Theilen hatten, sobald die knospende Leidenschaft zwischen ihnen bemerkt ward, um eine Täuschung so passender Wünsche zu verhindern, zur Unterstützung des allgemeinen Eheraths von Springhoch noch einen vom König im Rath ganz besonders ausersehenen Diener berufen, dessen Amt es ist, Kenntniß von allen einzelnen Verpflichtungen zu nehmen, die etwa den so ernsten und dauerhaften Charakter der Ehe annehmen möchten. Dr. Raisono zeigte mir das von dem Ehe-Departement ausgegangne Certifikat, welches er auf allen seinen Wanderungen glücklich in das Futter des dreieckigen Huts versteckt hatte, den die Savoyarden ihn zu tragen gezwungen, und welches er noch als ein Document aufbewahrte, das bei seiner Rückkehr nach Springhoch unumgänglich nothwendig werden würde, weil es ihm sonst nicht erlaubt wäre, zu Fuß in Gesellschaft von zwei jungen Leuten von Geburt und Reichthum und von verschiednem Geschlecht zu reisen. Ich übersetze das Certifikat, so wörtlich, als es die Armuth unsrer Sprachen nur erlauben will:

»Auszug aus dem Anpassungs-Buch; Ehe-Departement; Springhoch, Zeit der Nüsse, Tag des Glanzes, Bd. 7243. p. 82.

»Lord Chatterino; Domainen: 126,952¾ Acre Land; Wiesen, ackerbares Land, Wald in gehörigem Verhältniß.«

»Lady Chatterissa; Domainen: 115,999½ Acre Land; meistens ackerbar.«

»Beschluß, wie im Buch: es findet sich, daß die Ländereien von Mylady Chatterissa in Qualität besitzen, was ihnen an Quantität abgeht.«

»Lord Chatterino: Geburt: sechszehn Ahnen, rein; ein Bastard; vier Ahnen rein, einer verdächtig, einer rein, einer gewiß.«

»Lady Chatterissa: Geburt: sechs Ahnen rein, drei Bastarde, eilf Ahnen rein, einer gewiß, einer verdächtig, unbekannt.«

»Beschluß, wie im Buch: das Uebergewicht findet sich auf Seiten Mylord Chatterino’s, aber die Vortrefflichkeit der liegenden Gründe, andrer Seits muß wohl die Partheien ausgleichen.«

»Unterzeichnet Nro. 6. Hermelin. Getreue Abschrift.«

»Gegengezeichnet: Nro. 100,003 Tintenfarbe.«

»Verordnet: Beide Theile sollen die Erprobungsweise zusammen machen, unter Leitung des Professors der Probabilitäten auf der Universität Springhoch, Sokrates Raisono, und Madame Vigilanza Lynx, graduirte Duenna.«

Die Erprobungsweise ist dem Monikin-System so eigenthümlich, und könnte mit so vielem Nutzen unter uns eingeführt werden, daß es gut sein mag, es hier näher zu beschreiben.

So oft sich’s findet, daß ein junges Paar in allen wesentlicheren Stücken der Ehe zu einander passen, werden sie auf die genannte Reise geschickt, unter der Obhut kluger und erfahrner Mentor, die sich nämlich zu vergewissern, wie weit sie im Stande sind, vereint die gewöhnlichen Wechsel des Lebens zu ertragen. Bei Prüflingen von den niedern Classen sind eigne dazu beorderte Aufseher da, die sie durch einige Schmutz-Pfützchen ziehen, und dann an eine harte Arbeit setzen, die den öffentlichen Beamten besonders zum Nutzen gereicht, welchen gemeiniglich der größere Theil ihrer jährlichen Arbeit auf diese Art gethan wird. Aber da die moralischen Vorkehrungen des Gesetzes weniger für die erfunden sind, die 126,952¾ Acre Land besitzen, getheilt in Wiesen, Ackerland und Wald im gehörigen Verhältniß, als für die, deren Tugenden leichter der Feuerprobe der Lockung unterliegen, so ziehen sich die reichen und adligen, gewöhnlich nachdem sie gehörig und zum allgemeinen Nutzen ihre Unterwerfung unter den Gebrauch zur Schau getragen, auf ihre Landsitze zurück, wo sie die Zeit der Prüfung so angenehm als möglich zubringen, tragen jedoch Sorge, daß von Zeit zu Zeit gelegentliche Auszüge aus ihren Briefen in die Springhoch-Zeitung eingerückt werden, welche die Mühen und Beschwerden beschreiben, die sie zum Trost und zur Erbauung derer, die weder Ahnen noch Landhäuser haben, zu erdulden gezwungen sind. In vielen Fällen wird die Reise wirklich durch Stellvertreter gemacht. Aber der Fall mit Mylord Chatterino und Mylady Chatterissa machte eine Ausnahme selbst von diesen Ausnahmen. Der Magistrat hält dafür, daß die gegenseitige Zuneigung eines so hohen Paars eine gute Gelegenheit darbiete, die Springhoch-Unpartheilichkeit an den Tag zu legen; und nach dem wohlbekannten Grundsatz, der uns manchmal einen Grafen in England hängen läßt, wurde dem jungen Paar befohlen, wirklich mit allem nützlichen Aufsehen (zu gleicher Zeit wurde ihren Begleitern der geheime Befehl, alle mögliche Nachsicht zu gebrauchen) auf die Reise zu gehen, damit die Untergebenen die Strenge und Gewissenhaftigkeit ihrer Herrscher erkennten und sich darüber erfreuten.

Dr. Raisono hatte demnach wirklich aus der Hauptstadt nach den Gebirgen sich auf den Weg gemacht, wo er seine Mündel praktisch im Glück und Unglück dieses Lebens unterrichtete, indem er sie an den Rand der Abgründe und in die Luft der fruchtbarsten Thäler versetzte, (in welchen letztern er mit Recht behauptete, die größten Gefahren wären) indem er sie hungrig und frierend über die steinigten Pfade führte, um ihren Charakter zu erproben, und mit den rohesten Bauern Dienstverträge abschloß, um die Tiefe von Chatterissa’s Philosophie zu ergründen. So noch eine Menge ähnlicher, scharfsinniger Erfindungen, die sich leicht jedem selbst darbieten werden, der einige Erfahrung von der Ehe hat, mag er nun einen Palast oder eine Hütte bewohnen. Als dieser Theil der Erprobung glücklich beendet war, (es zeigte sich, daß Chatterissa, was Charakter betrifft, probefest war) ward die ganze Gesellschaft nach der Eisgrenze entsandt, die die Monikin- von der Menschen-Rasse trennt, um zu sehen, ob ihre Zuneigung Wärme genug enthalte, dem erstarrenden Contakt mit der Welt zu widerstehen. Hier verführte unglücklicher Weise (denn die Wahrheit darf nicht verschwiegen werden) den Dr. Raisono, der schon vieler gelehrten Gesellschaften Mitglied war, der aber einen peinigenden Ehrgeiz in sich verspürte, mehr zu werden, ein trauriges Verlangen zu der außerordentlichen Unklugheit, durch eine Oeffnung, wo er auf einer frühern Expedition derselben Art eine Insel entdeckt hatte, durchzufahren; hier hatte er nämlich einen Felsen zu finden geglaubt, der das Fundament von einem Theil der 40,000 Quadrat-Morgen Land gebildet, die durch das Zerspringen des großen Erdkessels zerrissen worden. Der Philosoph sah tausend interessante Erfolge von der Aufklärung über diesen Gegenstand voraus, denn da die ganze Gelehrsamkeit von Springhoch sich schon seit 500 Jahren in Bestimmung der weitsten Entfernung, zu welcher ein Bruchstück bei dieser merkwürdigen Begebenheit hätte geschleudert worden sein können, erschöpft hatte, so war in der letzten Zeit viel Aufmerksamkeit auf die Entdeckung der geringsten Entfernung hievon verwandt worden. Vielleicht sollte ich mit Rührung von den Folgen seines gelehrten Eifers sprechen, aber nur durch diese Unvorsichtigkeit fiel die ganze Gesellschaft in die Hände gewisser Seeleute, die nach der Nordküste eben jener Insel steuerten, (Freunde und Nachbarn, wie es sich hernach zeigte, von Noah Poke) welche unbarmherzig die Reisenden aufgriffen, und sie einem heimkehrenden Ostindienfahrer verkauften, auf den sie später bei St. Helena trafen. Die Insel St. Helena! das Grab dessen, der ein Muster ist für die Nachwelt wegen der Mäßigung seiner Begierden, der Einfachheit seines Charakters, der tiefen Verehrung für Wahrheit, der hohen Ehrfurcht vor Gerechtigkeit und unwandelbarer Treue, durch eine klare Würdigung aller edleren Tugenden sich auszeichnete!

Wir bekamen diese Insel gerade zu Gesicht, als Dr. Raisono seine interessante Erzählung schloß, und so fragte ich, zu Capitain Poke gewandt, feierlich diesen scharfsinnigen und schlauen Seemann, »ob er nicht glaube, die Welt werde künftig vollständige Rache nehmen an der Vergangenheit, ob die Geschichte der ungeheuren That nicht Gerechtigkeit werde widerfahren lassen, ob gewisse Namen nicht ewiger Schande überantwortet sein würden, daß sie den Helden an einen Felsen gekettet, ob sein Land, das Land freier Männer, sich jemals durch eine solche Handlung der Barbarei und Rache besudelt haben würde?«

Der Kapitain hörte mich sehr ruhig an, dann bedächtig einigen Taback nehmend, antwortete er:

»Hört, Sir John, zu Stonington, wenn wir ein wildes Thier fangen, setzen wir es immer in einen Käfig; ich bin kein großer Mathematiker, wie ich Euch oft gesagt, aber beißt mich mein Hund ein Mal, so schlage ich ihn, zwei Mal, treff ich ihn tüchtig, drei Mal kett‘ ich ihn an.«

Ach, es gibt so übel berathne Geister, daß sie kein Gefühl haben für die Größe. Alle ihre Neigungen sind gerade aus und nur nach dem gesunden Menschenverstand; solchen erscheint Napoleon wenig anders als wie ein Mann der unter seinen Mitmenschen mehr wie ein Tiger als wie ein Mensch lebte; sie verdammen ihn, weil er seine Begriffe von Größe nicht zu der hausbackenen Moralität herabbringen konnte; und unter sie muß nun auch, scheint es, Kapitain Poke gerechnet werden.

Der Wunsch zu erzählen, wie Doktor Raisono und seine Gefährten in die Hände der Menschen fielen, hat mich einen oder zwei Umstände von geringerer Bedeutung übersehen lassen, die jedoch, um mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, nicht ganz übergangen werden dürfen.

Als wir zwei Tage in See waren, ward der Monikins-Rasse eine sehr angenehme Ueberraschung vorbereitet und ausgeführt. Ich hatte eine gewisse Anzahl Jacken und Hosen aus verschiednen Thierfellen, von Hunden, Katzen, Schafen, Tigern, Leoparden, Schweinen u. s. w. mit dem gehörigen Anhängsel von Schnauzen, Hufen, Klauen machen lassen und als die Damen nach dem Frühstück auf’s Verdeck kamen, wurden ihre Augen nicht länger durch rohe Eingriffe in die Natur beleidigt, sondern die ganze Schiffsmannschaft kletterte auf dem Tauwerk herum, wie lauter Thiere von den besagten verschiednen Arten. Noah und ich erschienen als Seekälber, da jener zu verstehen gegeben, er kenne die Natur dieses Thiers besser als jedes andre. Diese zarte Aufmerksamkeit wurde denn auch gehörig geschätzt und gütig anerkannt.

Nachahmungen von Fellen hatte ich für die kältern Breitegrade von Baumwolle machen lassen, aber in der Nähe der Falklandsinsel nahm man die wirklichen Häute bereitwillig und mit Vergnügen wieder an.

Noah hatte Anfangs einige starke Einwendungen gegen diesen Plan gemacht; er würde sich nicht sicher in einem Schiff halten, das ganz und gar von wilden Thieren bemannt und bedient wäre: aber zuletzt gefiel’s ihm als ein guter Spaß, und er verfehlte nie die Leute, nicht bei ihrem Namen wie früher, sondern wie er sich ausdrückte, nach ihrem natürlichen zu rufen; »Du Katz‘, greif das auf! Du Tieger, spring hierher! Du Schwein, aus dem Schmutz! Du Hund, trott dorthin! Du Pferd, huf zurück!« und verschiedene ähnliche Witze, die ausserordentlich seine Einbildung kitzelten. Die Leute selbst griffen den Ball auf, und hielten ihn in Bewegung, noch ausgeschmückt mit allen Arten von Matrosen-Witzen. Ihren eigentlichen Namen, sie hatten nur einen, nämlich Smith, legten sie für die neuen Benennungen ganz ab, und der Ruf Tom Hund, Tom Katz, Tom Tiger u. s. w. flog auf dem Verdeck herum vom Morgen bis zur Nacht.

Gute Laune ist ein herrlicher Tröster bei körperlichen Entbehrungen. Seitdem wir Staaten-Land aus dem Gesicht verloren, hatten wir böses Wetter mit widrigen Winden von Süden und Westen, und konnten nur sehr schwierig die südliche Richtung beibehalten. Beobachtungen waren jetzt sehr schwer, da die Sonne eine ganze Woche hinter einander unsichtbar blieb. Der Seeinstinkt Noahs war um diese Zeit für alle an Bord von der höchsten Wichtigkeit. Er gab uns von Zeit zu Zeit die freudige Botschaft, daß wir nach Süden führen, obwohl die Seeleute erklärten, sie wüßten nicht, wo das Schiff wäre und hinginge; weder Sonne, Mond noch Sterne wären eine Woche lang sichtbar gewesen.

Vierzehn Tage blieben wir in diesem ängstlichen, zweifelhaften Zustand, als Kapitain Poke plötzlich auf dem Verdeck erschien, und in seiner gewöhnlichen unwiderstehlichen Stentorstimme den Schiffsjungen unter dem Namen: Du Affe Bob rief; denn da sein Amt ihn am meisten mit den Monikins in Berührung brachte, hatte ich ihm ein Gewand von Affenfellen zugelegt, als den Gästen anständiger als das eines Schweins oder Wiesels. Affe Bob kam bald herbei, und als er seinem Herrn nahe kam, wandte er ruhig das Gesicht ab, um gewohnter Maßen jene drei oder vier ermahnende Winke einzunehmen, die ihn zur Thätigkeit in aufzutragenden Geschäften ermuntern sollten. Bei der Gelegenheit machte ich eine seltsame Bemerkung. Bob hatte die größren Dimensionen seines Untergewands, die für einen weit größren Jungen bestimmt worden, (einen von denen, die bei der Aussprache des Sir durchgefallen) dazu benutzt, daß er eine alte Unions- und Service-Jacke hineingesteckt, die, wie er mir später sagte, ihm vieles Schinden und Winden ersparte. Um jedoch zu den Begebenheiten zurückzukehren, – nachdem Bob durch Püffe gehörig vorbereitet worden, drehte er sich mannhaft herum und fragte nach des Kapitains Befehlen. Er erfuhr, er solle den größten und schönsten Kürbis aus den Vorräthen (der Kapitain ging nie in See ohne dergleichen Artikel, die er Stoningtoner Futter nannte) heraufholen. Der Kapitain nahm den Kürbis zwischen die Beine, und nachdem er ihn sorgfältig seiner grün-gelben Umkleidung beraubt, sah man nur noch eine weiße Kugel. Er forderte dann den Theertopf, und zog mit den Fingern verschiedne Linien, die so ziemlich die Umrisse von den verschiednen Continenten und größren Inseln der Welt bildeten. Das Land jedoch in der Nähe vom Südpol wurde unangedeutet gelassen, wobei er zu verstehen gab, daß da gewisse Inseln wären, die er so ziemlich als Stoningtoner Privateigentum ansehe.

»Nun, Doktor,« sagte er, und deutete auf den Kürbis; »da ist die Erde und hier steht der Theertopf, bezeichnet gefälligst nach den besten Nachrichten, die Eure Academie davon hat, nur so eben die Lage Eurer Insel Springhoch. Macht einen Kleks hier und da, wenn Ihr wo von Felsen und Bänken wißt; dann könnt Ihr die Insel setzen, wo Ihr gefangen worden und im Allgemeinen eine Ansicht von ihrer Lage und dem Küstenzug geben.«

Doktor Raisono nahm ein Stöckchen und zeichnete mit seinem Ende, ziemlich schnell und geschickt, alles Verlangte hin. Noah untersuchte die Arbeit, und schien zufrieden, mit einem Monikin zusammengetroffen zu sein, der ziemlich richtige Begriffe von Lage und Entfernungen zu haben schien, auf dessen Lokalkenntnisse hin man selbst zur Nacht segeln könnte. Er skizzirte alsdann noch die Lage von Stonington, was ihm großes Vergnügen machte, bezeichnete das Versammlungshaus und das vorzüglichste Wirthshaus, und dann ward die Charte bei Seite gelegt.

Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Wie man klein steuert, – wie man das Schiff durch den Handschuh laufen läßt; – wie man klar geht; – eine neumodische Werfte und gewisse Meilensteine.

Kapitain Poke war nicht länger zweifelhaft über die Richtung, wie wir zu steuern hatten. Mit seinem Kürbis als Charte, seinem Instinkt als Beobachtung, seiner Nase als Compas hielt der derbe Robbenjäger kühn nach Süden; oder wenigstens er lief vor einem stätigen Wind hin, der, wie er mehrmals versicherte, so gewiß ein nördlicher war, als wenn er in Kanada erzogen und geboren worden.

Nachdem er mit schrecklicher Schnelle einen Tag und eine Nacht über die Wellen hingejagt, erschien der Kapitain mit einem Gesicht von ungewöhnlichem Ausdruck und einem mit Gedanken überladnen Gemüth auf dem Verdeck. Man erkannte dieß an dem vielsagenden Nicken, so oft er einen Satz von sich gab; eine Gewohnheit, die er wahrscheinlich in früher Jugend zu Stonington angenommen, denn sie schien ganz eben so alt, als durch und durch ihm eigen.

»Wir werden bald sehen, Sir John,« bemerkte er, und schob sein Robbenfell in Ordnung, »ob’s heißt sinken oder schwimmen.« »Bitte, erklärt Euch, Herr Poke,« rief ich, etwas erschrocken. »Wenn etwas ernstliches vorfallen kann, müßt Ihr es zeitig mittheilen.«

»Der Tod ist immer jeder Creatur unzeitig, Sir John.«

»Wollt Ihr das Schiff aufgeben, Kapitain?

»Wenn ich’s hindern kann, Sir John, nein; aber ein Schiff zum Wrack bestimmt, wird ein Wrack werden, trotz Reffen und auf- und einziehen. Sieh da, du Löwen-Richard, da habt‘ ihrs.«

Und freilich hatten wir’s. – Ich kann die Scene, die sich jetzt meinen Augen darstellte, nur dem plötzlichen Anblick der Oberländischen Alpen vergleichen, wenn der Schauende unerwartet am Rand des Abgrunds des Weißensteins steht. Da sieht er denn vor sich eine unendliche Mauer glizzernden Eises, in glorreiche, phantastische Formen von Altanen, Mauern und Thälern gebrochen, während hier wir alles Erhabene eines solchen Anblicks hatten, das noch erhöht wurde durch das schreckliche Wirken des lärmenden Meeres, das auf die undurchdringliche Schranke mit ruhloser Gewalt zu schlug.

»Guter Gott!« rief ich, sobald ich einen Blick von der schrecklichen Gefahr erhielt, die uns drohte; »Ihr werdet doch nicht, hoffe ich, Kapitain, rasend zufahren, bei solch einer Warnung vor den Folgen klar vor Augen!«

»Was wollt Ihr machen, Sir John? Springhoch liegt auf der andern Seite dieser Eisinseln. Ihr braucht ja nicht das Schiff anlaufen zu lassen, – warum dann nicht daran herum?«

»Weil sie um die ganze Erde in dieser Breite gehn. Nun kommt die Zeit zu reden, Sir John. Wenn wir nach Springhoch wollen, haben wir die Wahl zwischen drei gar verzweifelten Fällen; durch, unter oder über das Eis da zu gehen. Wenn wir zurück wollen, ist kein Augenblick zu verlieren, denn es ist jetzt schon die Frage, ob das Schiff weg kann bei dieser sandenden See und dem schweren Nord.«

Ich glaube, ich hätte in diesem Augenblick gerne alle meine socialen Anhaltspunkte darum gegeben, um aus dem Abentheuer heraus zu sein. Doch hinderte mich der Stolz, jener Stellvertreter so vieler Tugenden, der größte und mächtigste aller Häupter, meinen Wunsch umzukehren, zu verrathen. Ich berathschlagte, während das Schiff dahin flog, und als ich mich endlich zum Kapitain wandte, um ihm zu verstehen zu geben, daß, wenn er es früher gesagt, dieß die ganze Sache vielleicht geändert hätte, erwiederte er geradezu, es wäre zu spät. Es wäre sichrer voran zu gehen, als umzuwenden, wenn umwenden anders bei diesen Wellen und Wind möglich. Aus der Noth eine Tugend machend, stählte ich meine Nerven, um der Crisis zu begegnen, und blieb ein ergebener, dem Anschein nach ruhiger Zuschauer dessen, was kommen würde.

Das Wallroß, so hieß unser gutes Schiff, war indeß ruhig unter den Segeln, und fuhr vom Wind getrieben, mit beunruhigender Schnelle jener Schranke von Schaum und Dampf zu, wo das schon gefrorne und noch flüssige Element sich den Kampf lieferte. Die Gipfel der Eiszacken schwammen in ihrer glizzernden Glorie, als wollten sie ihr Flottsein bezeugen, und ich erinnerte mich, gehört zu haben, daß zu Zeiten, wenn ihr Grund geschmolzen, ganze Berge zusammen stürzten, und alles herum mit sich in den Abgrund rissen. Mir schien’s nur ein Augenblick, und das Schiff war gänzlich umschattet von diesen erglänzenden Klippen, die langsam hin und her wallend, ihre gefrornen Häupter an tausend Fuß in der Luft wiegten. Ich sah erschreckt auf Noah, denn er schien uns mit Vorsatz in’s Verderben stürzen zu wollen. Aber gerade als ich daran war, Vorstellungen zu machen, gab er ein Zeichen mit der Hand, und das Schiff bemeisterte den Wind. Doch war Rückkehr unmöglich, denn die Wuth der See schien zu mächtig, und der Wind zu stark, um uns hoffen zu lassen, das Wallroß lange zurückzuhalten, und sein Treiben auf die zackigen Spitzen zu verhindern, die zur Linken in eisiger Glorie erglänzten. Auch schien Kapitain Poke an so etwas gar nicht zu denken; denn statt den Wind zu stauchen, um vor der Gefahr zurück zu hufen, ließ er die Segel ganz viereckig legen, und wir rannen nun in großer Schnelle fast in einer Parallele mit der gefrornen Küste, obwohl wir uns ihr nach und nach näherten.

»Haltet ganz voll, fahrt gerade zu, du Tiger Jim,« sagte der alte Robbenjäger, dessen Amtseifer gehörig aufgeregt war; »nun, Sir John, wir sind gerade auf der unrechten Seite dieser Eisberge, aus dem einfachen Grund, weil Springhoch südlich liegt. Wir müssen uns also zusammen nehmen, denn kein Boot, das jemals vom Stapel gelassen, könnte länger als eine oder zwei Stunden, bei einem solchen Wind hinter sich, sich von diesen Spitzen fern halten. Unsere Hauptabsicht muß jetzt sein, nach einem Loch zu schauen, um hinein zu fahren.«

»Warum seid Ihr, bei Eurer Kenntniß von den Folgen, der Gefahr so nahe gegangen?«

»Die Wahrheit zu sagen, Sir, Natur ist Natur, und ich werde mit dem Alter ein wenig kurzsichtig; ausserdem weiß ich nicht, ob die Gefahr gefährlicher wird, wenn man ihr ein Mal standhaft in’s Gesicht sieht.«

Noah erhob seine Hand, als wolle er keine Antwort, und wir beide sahen alsbald unverwandt ängstlich zur Linken. Vor dem Schiff öffnete sich eben eine kleine Bucht im Eis, von etwa einer Tau-Länge in Tiefe und einer Viertelmeile in seinem äußersten und vorgestreckten Theil. Ihre Form war regelmäßig, ein Halbkreis, aber an ihrem Hintergrund war das Eis, statt wie alles übrige, an dem wir vorbeigekommen, eine zusammenhängende Schranke zu bilden, durch eine schmale Oeffnung geschieden, die auf jeder Seite durch finstre Abhänge begrenzt war. Die zwei Berge näherten sich offenbar einander, aber es fand sich noch eine Meerenge, ein Wasserschlund zwischen ihnen, zweihundert Fuß weit. Wie das Schiff vorwärts ging, eröffnete sich der Paß, und wir hatten einen Blick auf die ferne Aussicht zur Linken. Es war nur ein leichter Blick, das ungeduldige Wallroß erlaubte uns nur einen Augenblick Untersuchung, aber er schien hinreichend zu den Zwecken des alten Robbenjägers. Wir waren schon über die Mündung der Bucht hinaus, und wieder nur auf Tau-Länge vom Eis; denn als wir, was man das Kap nennen konnte, näher hatten, fanden wir uns wieder in größerer Nähe mit dem drohenden Berg. Es war ein Augenblick, wo alles auf Entschlossenheit ankam; und glücklicher Weise brauchte unser Robbenfänger, der so vorsichtig und zögernd in einem Handel war, in eiligen Fällen nie zwei Mal mit seinen Gedanken zu Rathe zu gehen. Als das Schiff östlich von der Bucht um das Vorgebirg fuhr, eröffnete sich uns wieder eine Eiskurve, welche links etwas mehr Wasser ließ. Reffen war unmöglich, und das Steuer wurde dem Wind gerade entgegen gekehrt. Der Bogen des Wallrosses kehrte, und als es auf der nächsten Welle in die Höhe stieg, glaubte ich, der Rückprall werde uns rettungslos auf den Berg werfen. Aber das gute Fahrzeug, dem Ruder gehorsam, sauste herum, als würdige es selbst die Gefahr, und in weniger Zeit, als ich je gedacht, daß es sich drehen könne, hatten wir den Wind von einer andern Seite. Unsre Katzen und Hunde beeilten sich, denn, den Kapitain etwa ausgenommen, war niemand, dessen Herz nicht schnell und voll schlug. In weit weniger Zeit als gewöhnlich, wurden die Segel an einer andern Seite entfaltet, und das Schiff pflügte sich schwer westlich durch die See. Es ist unmöglich, jemanden, der nie in ähnlicher Lage gewesen, einen rechten Begriff von der fieberhaften Ungeduld, dem Ebben und Fluthen der Hoffnung zu geben, wenn man die krabbengleiche Bewegung eines Schiffs beobachtet, das im Sturm gegen den Wind sich fortdrängt. Jetzt, während die See unergründlich war, waren wir der Gefahr so nahe gekommen, daß auch nicht der kleinste ihrer Schrecken sich dem Auge verbarg.

Während das Schiff sich fortarbeitete, sah ich die Wolken am Eisvorgebirg schnell im Wind dahin schießen, was zeigte, daß wir schnell fuhren, und bei unsrer Annäherung an den Punkt, ward unser Athmen mühsam und selbst hörbar. Hier nahm Noah einen Biß Tabak, ich glaube, um zum letzten Mal den köstlichen Saft zu genießen, sollten die Elemente sich verderblich erweisen, und dann ging er in eigner Person an das Rad.

»Laßt’s nach seinem Willen gehn,« sagte er, und gab mit dem Steuer etwas nach; »laßt’s ein wenig laufen, oder wir werden alle Herrschaft über es verlieren in diesem Teufelstopf.«

Das Fahrzeug fühlte die kleine Aendrung, und fuhr schneller durch die schäumende Brandung, uns in erhöhtem Lauf dem gefürchteten Punkt näher bringend. Als wir an’s Vorgebirg kamen, fiel das Wasser in Schaum zurück aufs Verdeck, und für einen Augenblick schien der Wind ganz auszubleiben. Glücklicher Weise war das Schiff so weit vorgekommen, daß man schon die gute Wirkung eines kleinen Wechsels in der Fluth bemerkte, was von der Luft herrührte, die schief in die Bucht drang; und da Noah, beim Wenden des Steuers, diese Veränderung voraus gesehn, die wir einen Augenblick vorher so widrig gefunden, während wir östlich vom Vorgebirg gesteuert waren, kamen wir nun schnell um das Eiskap, ließen aber, mit des Schiffes Spitze nach ihrem Grunde gerichtet, die Bucht sich erst recht öffnen.

Nur ein Augenblick blieb uns, um die Segel zum rechten Auffangen des Winds in der engen Straße zu richten. Indeß waren die beiden Berge immer näher an einander gerückt, so daß sie fast nur noch einen Bogen über die Tiefe bildeten, und auch den theilweise so nieder, daß es noch eine Frage war, ob hinlängliche Erhöhung sein würde, das Wallroß unten durch zu lassen. Aber Rückkehr war unmöglich, der Wind trieb das Schiff wild vorwärts. Die Weite des Durchgangs war jetzt wenig mehr als hundert Fuß, und es erforderte die sicherste Hand am Steuer, unsre Segelstangen von den gegenüber liegenden Abhängen fern zu halten, als das Schiff mit schäumenden Seiten in die Bucht stürzte. Der Wind trieb durch die Oeffnung mit schreckhafter Gewalt, heulend, als frohlocke er, einen Durchgang zu finden, durch den er seinen wilden Lauf fortsetzen könnte. Das Treiben von Wind und Wellen mag uns geholfen haben, beide wurden unaufhaltsam nach dem Engpaß gerissen, oder Kapitains Poke Geschicklichkeit that uns gute Dienste in dieser furchtbaren Lage; wie’s auch sei, durch das eine oder das andre, oder auch beides zusammen, das Wallroß schoß so genau in die Bucht, daß es beide Eisränder vermied. Doch die obern Segelstangen waren nicht ganz so glücklich; kaum war das Schiff unter dem Bogen, als eine Welle es hob, und sein Hauptmast wider das Kap stieß. Das Eis erdröhnte und krachte über unsern Häuptern, große Stücke fielen vor und hinter unser Schiff, einige kamen herunter auf unser Verdeck. Ein großes Stück fiel kaum einen Zoll von Dr. Raisono’s Schweif, der kaum der schrecklichen Noth entging, das Gehirn aus diesem Sitz aller Weisheit und Philosophie herausgeschlagen zu sehen. Dann war das Schiff durch den Engpaß, der sich alsbald nachher unter dem Donner eines Erdbebens vollständig schloß.

Immer vom Wind getrieben, flogen wir schnell nach Süden hin, auf einem Kanal, nicht eine Viertelmeile breit, die Berge augenscheinlich auf jeder Seite vor uns sich schließend, und das Schiff, gleichsam der Gefahr sich bewußt, mit Kapitain Poke am Rad, das Aeußerste aufbietend. In weniger als einer Stunde war das schlimmste vorüber; das Wallroß trat in ein offnes Becken, mehrere Meilen weit, jedoch vollständig von Eisbergen umgürtet. Hier warf Noah einen Blick auf den Kürbis und sagte dann ohne viel Umstände barsch zu Doktor Raisono, daß er sich bedeutend in Bestimmung der Lage von Gefangen-Insel geirrt; so nannte er selbst die Stelle, wo die liebenswürdigen Fremdlinge in die Hände der Menschen gefallen. Der Philosoph hielt etwas fest an seiner Meinung, aber was helfen Reden im Angesicht von Thatsachen. Hier war der Kürbis und da die blauen Wasser. Der Kapitain äusserte nun freimüthig seine Zweifel, ob es überhaupt einen solchen Ort gäbe, wie Springhoch, und da das Schiff auf einer herrlichen Stelle zu solchem Zweck läge, schlug er mir geradezu, jedoch insgeheim, vor, wir wollten all die Monikins über Bord werfen, das ganze Polarbecken auf seiner Charte als völlig frei von Inseln darstellen, und so auf den Robbenfang ausgehen. Ich verwarf den Vorschlag als zu frühzeitig, als unmenschlich, ungastlich, ungeziemend und unausführbar.

Es hätte über diesen Punkt ein sehr unangenehmer Streit zwischen uns entstehen können, denn Capitain Poke ward warm und schwur, ein guter Seehund mit dem rechten Fell sei hundert Affen werth, als zum Glück der Panther in dem Mastkorb ausrief, es trennten sich zwei von den Bergen südlich von uns, und er könne eine zweite Durchfahrt unterscheiden. Hierauf concentrirte Capitain Poke seine Flüche, und ließ sie wie eine Bombe herausfahren, steuerte aber alsbald nach der geeigneten Richtung hin.

Um drei Uhr Nachmittags waren wir zum zweiten Mal über den Handschuh zwischen die Berge durchgefahren, und befanden uns wenigstens einen Grad näher dem Pol in einem zweiten Becken.

Die Berge waren jetzt südlich ganz verschwunden, aber die See befand sich, weit wie das Auge reichte, mit Eisfeldern bedeckt. Noah fuhr ohne Besorgniß zu, denn das Wasser war seit unserm Eintritt in die erste Oeffnung ruhig gewesen; der Wind hatte nicht Kraft genug eine Welle zu erheben. Als wir nur noch eine Meile vom Rand der gefrornen und dem Anscheine nach unbegrenzten Ebene waren, ward das Schiff gestaucht und hielt.

Seit das Schiff die Werfte verlassen, hatten sechs Arten von Segelstangen von so seltsamer Form unter dem Holzwerk gelegen, daß sie oft der Gegenstand der Unterhaltung zwischen mir und den Steuermännern waren, da keiner ihren Gebrauch zu sagen vermochte. Diese Stangen waren nicht von bedeutender Länge, fünfzehn Fuß höchstens und von gesunder englischer Eiche. Zwei oder drei Paar waren gleich, sie waren in Paaren, und bei jedem Paar war die eine Seite ähnlich mit verschiednen Theilen des Schiffbodens, nur daß sie hauptsächlich concav waren, während dieser mehr convex ist. Am einen Ende war jedes Paar fest zusammengefügt durch ein kurzes, massives, eisernes Band, etwa zwei Fuß lang, und am entgegengesetzten Ende war eine große Schraube in jedes Stück eingefügt und gehörig vernietet. Als das Wallroß zum Stehen gebracht worden, lernten wir zum ersten Mal den Gebrauch dieser ungewöhnlichen Vorkehrungen. Ein Paar der Hölzer von großer Festigkeit und Stärke ward über das Hintertheil hinabgelassen, und als es unter den Kiel gekommen, wurden in die Schrauben andre Stangen eingefügt, diese dann vorwärts nach dem Bauche des Schiffs gezogen, wo sie mit Tauen so befestigt wurden, daß das Eisenband gerade unter den Kiel kam, und die Hölzer selbst fest an jeder Seite des Schiffs anlagen. Da man sehr sorgfältig Zeichen auf das Schiff und die Hölzer gemacht, so paßten sie vollkommen. Fünf Paare wurden so an und in die Nähe des Bauchs befestigt, und ebenso viele hinten und vornen, alles nach der, Beschaffenheit des Schiffbodens. Vor- und Hinterstücke, die von einer Bekleidung zur andern reichten, wurden dann zwischen die um den Bauch des Schiffs gesetzt, jedes mit einer gewissen Anzahl von Rippen, nach oben und unten, dadurch bekam das Schiff einen äußern Schutz gegen die Eisfelder, eine Art Netz von Holz, was auf der Werfte alles so genau angepaßt worden, daß es fest anlag. Diese Vorkehrungen wurden erst gegen zehen Uhr am folgenden Morgen vollendet, wo dann Noah gerade auf eine sich eben im Eis vor uns sich zeigende Oeffnung losfuhr.

»Mit unsrer Armirung werden wir nicht so schnell fortkommen,« bemerkte der vorsichtige alte Segler, »aber was uns an den Fersen abgeht, gewinnen wir am Boden.«

Diesen ganzen Tag arbeiteten wir uns mühsam weiter, immer nach Süden. Des Nachts befestigten wir das Wallroß an ein Eisstück und erwarteten so die Rückkehr der Sonne. Gerade jedoch als der Tag dämmerte, hörte ich ein furchtbar an die Seite des Schiffs anprallendes Getös, und fand auf’s Verdeck stürzend, daß wir gänzlich zwischen zwei ungeheure Eisfelder eingefangen waren, die sich einander zu keinem andern Zweck anzuziehen schienen, als um uns zu zermalmen. Hier zeigte Kapitain Poke’s Vorkehrung ihre ganze Vortrefflichkeit. Geschützt durch die massiven Hölzer und falschen Rippen, widerstand der Bau des Schiffs dem Drucke, und da unter solchen Umständen etwas nachgeben mußte, ward zum Glück nichts als die Gravitation aufgehoben. Die Stangen, wegen ihrer Neigung, wirkten als Wellbäume, und die Bänder drückten wider den Kiel, so daß in einer Stunde das Wallroß nach und nach durch den mächtigen Andrang der Eismassen mit Beibehaltung seiner aufrechten Stellung aus dem Wasser emporgehoben wurde. Dieß Experiment war nicht sobald glücklich vor sich gegangen, als Herr Poke auf’s Eis sprang und den Boden des Schiff’s zu untersuchen anfing.

»Hier ist eine trockne Werfte, Sir John,« rief der Seemann lachend; »ich werd‘ mir darauf ein Patent geben lassen, sobald ich nach Stonington komme.«

Ein Gefühl der ruhigen Sicherheit, das mir fremd gewesen, seit wir unter’s Eis gekommen, ward durch Noah’s Gleichmuth und Selbstglückwunsch über sein sogenanntes Projekt, den Boden des Wallrosses zu untersuchen, in mir rege. Indeß trotz all der schönen Redensarten von Freude und Erfolg, die er uns, die wir keine Seeleute waren, spendete, war ich sehr geneigt zu denken, daß gleich andern Leuten von ausserordentlichem Geist er den großen Zweck der Eiswerfte erreicht, ohne daß er vorhergesehen oder berechnet gewesen. Doch dem sei, wie ihm wolle, alle Hände waren bald auf dem Eisstück mit Besen, Bohrern, Hämmern und Nägeln beschäftigt und die Gelegenheit zum Ausbessern und Reinigen ward sehr benutzt.

Vier und zwanzig Stunden blieb das Schiff in derselben Stellung, fest wie eine Kirche, und einige von uns gaben schon der Furcht Raum, es möge auf den gefrornen Blöcken für immer bleiben. Dieß alles war nach Poke’s Berechnungen im 78° 13′ 26" der Breite vorgefallen, obwohl ich nie erfahren konnte, wie er sich diese genaue Kenntniß von unserm wirklichen Standpunkte verschaffte. In der Meinung, es möchte nicht übel sein, nach einem so langen und schwierigen Lauf einige genaure Begriffe über diesen Gegenstand zu bekommen, verschaffte ich mir den Quadranten vom Affen Bob, und brachte ihn auf das Eis, wo ich darauf, als auf einer besondern Gunst, bestand, unser Befehlshaber sollte, da das Wetter günstig und die geeignete Stunde nahe wäre, seinen natürlichen Instinkt durch einige Beobachtungen an der Sonne rektifiziren. Noah versicherte, ein alter Seemann, besonders ein Robbenjäger und ein Stoningtoner könne sich mit solchen geometrischen Operationen, wie er sie nannte, nicht abgeben; das passe noch und sei vielleicht nöthig für unsre Comptoir-Kapitaine mit seidnen Handschuhen, die zwischen New-York und Liverpool führen; die müßten wohl ihre Gläser abreiben und Sextanten putzen, denn sie wüßten kaum jemals, wo sie sich befänden, ausser dann; aber er brauche wenig den Sterngucker in seinem Leben herumzudrehen; er werde auch, wie er schon gesagt, kurzsichtig, und zweifle, ob er einen Gegenstand, wie die Sonne, die bekanntlich so viele tausend Millionen Meilen von der Erde entfernt wäre, noch recht unterscheiden könnte. Doch wurden diese Scrupel dadurch, daß ich die Gläser reinigte, gehoben; ich stellte für ihn ein Faß zurecht, damit er in der gewöhnlichen Erhöhung über seinem Horizont stünde und legte das Instrument in seine Hände. Die Steuerleute standen um ihn, bereit die Berechnung zu machen, wenn er die Abweichung der Sonne angäbe.

»Wir treiben südlich, das weiß ich,« sagte Herr Poke, ehe er seine Beobachtung begann; »ich fühl‘ es in meinen Beinen; wir sind in diesem Augenblick 79° 36′ 14", da wir seit gestern Mittag eine südliche Fahrt von mehr als achtzig Meilen gemacht haben. Nun gebt Acht auf meine Worte und seht, was die Sonne dazu sagen wird!«

Als die Berechnungen gemacht waren, fand sich unsre Breite 79° 35′ 47". Noah war etwas verblüfft über die Verschiedenheit, die er nicht annehmlich erklären konnte, da die Beobachtung ungewöhnlich gut und gewiß gewesen. Aber ein scharfsinniger Mann, der seine Ansicht hat, ist selten in Verlegenheit, hinlängliche Gründe zu finden, seine eigne Correktheit darzuthun, um die Mißgriffe andrer zu beweisen.

»Ah, ich sehe, wie’s ist,« sagte er nach ein wenig Nachdenken, »die Sonne ist falsch; es sollte mich nicht wundern, wenn die Sonne in diesen kalten Breitegraden ein wenig aus ihrem Lauf herauskäme. Ja, ja, die Sonne muß Unrecht haben!«

Ich war zu sehr erfreut zu wissen, daß wir auf dem rechten Weg wären, um den Punkt zu bestreiten, und das Licht der Welt blieb unter der Anklage, manchmal zu irren. Dr. Raisono lispelte mir gelegentlich ins Ohr, es wäre eine Philosophensekte in Springhoch, die lange der Genauheit des Planetensystems mißtraut, und die selbst zu verstehen gegeben, die Erde in ihrer jährlichen Umwälzung bewege sich in einer Richtung, der ganz entgegengesetzt, welche die Natur beabsichtigt hätte, als sie den ursprünglichen Polar-Impuls gab, aber er für seine Person halte sehr wenig von diesen Ansichten, da er häufig zu bemerken Gelegenheit gehabt, wie eine große Classe Monikins mit ihren Ideen immer gegen den Strom gingen.

Noch zwei Tage und Nächte ließen wir uns mit den Eisfeldern nach Süden treiben, oder so nah als möglich nach dem Hafen unsrer Wünsche. Am vierten Morgen war einiger Wechsel im Wetter; der Thermometer und Barometer stieg, die Luft ward mild und der größte Theil unsrer Hunde und Katzen, obwohl wir noch vom Eis umgeben waren, begann die Häute abzuwerfen. Dr. Raisono bemerkte diese Zeichen, und auf dem Eis hineilend, brachte er ein ziemliches Bruchstück davon mit; dieß ward in die Esse gethan, wo es, einige Zeit dem Feuer ausgesetzt, in einer gegebenen Anzahl Minuten, wie ich meinte sehr natürlich, zerschmolz. Dennoch ward der ganze Vorgang mit der größten Aengstlichkeit von der ganzen Monikins-Gesellschaft beobachtet, und als der Erfolg bekannt wurde, schlug die liebenswürdige und liebliche Chatterissa die kleinen Patschen vor Freude zusammen, und verrieth all die andern natürlichen Anzeichen des Entzückens, welche die Regungen des zarten Geschlechts andeuten, dessen so glänzender Schmuck sie war. Dr. Raisono ließ nicht lange auf eine Erklärung der Ursache einer so ungewöhnlichen Freude warten, denn bisher war ihr Benehmen durch die feine und ängstliche Rückhaltung ausgezeichnet gewesen, welche hohe Erziehung andeutet. Das Experiment hatte nach untrüglichen, wissenschaftlichen Beweisen der Monikinschen Chemie dargethan, daß wir schon unter dem Einfluß eines Dampfklimas wären, und ferner kein Zweifel über unsre endliche Ankunft im Polarbecken obwalten könnte.

Der Erfolg zeigte, daß der Philosoph Recht hatte. Gegen Mittag wichen die Eisfelder, die den ganzen Tag über, was man nennt, ein schlüpfriges Aussehen angenommen hatten, plötzlich, und das Wallroß ging wieder mit großem Gleichmuth und Anstand in sein eigentliches Element zurück. Kapitain Poke verlor keine Zeit, die Schiffswehren weg zu machen, und da ein frischer Wind schon sehr gesättigt mit Dampf im Westen sich erhob, segelten wir dahin. Unser Lauf war ganz südlich, ohne Rücksicht auf’s Eis, das vor unserm Bug wie dickes Wasser wich, und gerade als die Sonne unterging, kamen wir wieder in offne See, schwelgend im Genuß ihres herrlichen Climas.

Die ganze Nacht über blieben die Segel am Schiff, und gerade als es Tag wurde, kamen wir an den ersten Meilenstein – ein untrügliches Zeichen, daß wir jetzt wirklich im Monikins-Land waren. Dr. Raisono hatte die Güte, uns die Geschichte dieser Phänomene mit dem Wasser zu erklären. Es scheint, als die Erde barst, wurde ihre ganze Rinde in diesen Theilen so in die Höhe gehoben, daß sie der See eine sehr gleichförmige Tiefe gab, nie mehr als vier Faden. Daraus folgt, daß keine vorherrschende Nordwinde je die Eisberge über 78º südlicher Breite treiben können, da sie ohne Ausnahme auf den Boden aufstoßen, sobald sie den äussern Rand der Polarbank erreichen. Die dünnen Eisflächen schmelzen daher, und so wird durch diese wohlthätige Vorkehrung die Monikins-Welt ganz frei gerade von der Gefahr gehalten, der gewöhnliche Gemüther sie am meisten ausgesetzt glauben könnten.

Eine Zusammenkunft der Völker war vor ungefähr fünf Jahrhunderten gehalten worden; sie hieß die »Heilige Philo-Marine-Sicherheit-und-Find-Deinen-Weg-Allianz.« Auf diesem Congreß kamen die hohen contrahirenden Theile überein, eine Commission zur allgemeinen Sicherung der Seeschifffahrt zu ernennen. Eine der Hauptvorkehrungen derselben, die, beiläufig gesagt, aus sehr hohen Monikins bestand, war, massive Steinblöcke in gemessenen Entfernungen durch das ganze Bassin legen zu lassen, in die hernach andre aufrechte Steine eingefügt wurden. Die nöthigen Inschriften waren auf geeigneten Täfelchen geschrieben, und als wir dann einem schon genannten uns näherten, bemerkte ich, daß auf ihm ein Monikin auch in Stein ausgehauen war, den Schweif in einer geraden Linie ausgereckt, und wie Herr Poke versicherte, Süd gen West halb West zeigend. Ich hatte hinlängliche Fortschritte in der Monikins-Sprache gemacht, um beim Vorüberfahren »Nach Springhoch, 15 Meilen,« lesen zu können. Eine Monikins-Meile jedoch, erfuhren wir bald, ist gleich neun Englischen, und folglich waren wir unserm Hafen nicht ganz so nahe, als anfangs angenommen worden. Ich drückte jedoch meine große Freude aus, daß wir so recht auf dem Weg wären, und machte Dr. Raisono einige wohl verdiente Komplimente über den hohen Stand der Civilisation, den sein Geschlecht offenbar erreicht hatte. Der Tag wär‘ nicht fern, fügte ich hinzu, wo man vernünftiger Weise annehmen könnte, daß unsre Seen auch ihre schwimmenden Restaurants und Kaffeehäuser mit den nöthigen Schenken für die Matrosen haben würden; obwohl ich nicht recht sähe, was wir statt ihrer vortrefflichen Einrichtung mit den Meilensteinen wohl anordnen könnten. Der Doktor nahm mein Kompliment mit gehöriger Bescheidenheit an und sagte, ohne Zweifel würden die Menschen alle ihre Kräfte aufbieten, um gute Eß- und Trinkhäuser, wo sie nur immer errichtet werden könnten, zu haben; aber was See-Meilensteine beträfe, gab er mir recht, wäre wenig Hoffnung, bis erst die Erdrinde aufgetrieben würde, und nur noch vier Faden unter der Oberfläche der Wasser wäre. Andrer Seits hielt Kapitain Poke diese Verbesserung für sehr leicht. Er versicherte, es sei gar kein Zeichen von Civilisation, denn je weiter der Mensch käme, desto weniger brauche er Führer und Fingerzeige, und was Springhoch beträfe, könne jeder Schiffer leicht sagen, daß es Süd gen West halb West läge, immer eine Ablenkung von 135 engl. Meilen zugegeben.

Bei diesen Einwürfen war ich still, ich hatte häufig Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß die Menschen gewöhnlich einen Vortheil nicht gehörig würdigen, den sie der Vorsehung ohne ihr Zuthun verdanken.

Gerade als die Sonne im Meridian stand, schrie es von oben »Land vornen.« Die Monikins waren ganz Lächeln und Dankbarkeit, die Mannschaft voll Bewundrung und Staunen, und ich selbst buchstäblich daran, aus der Haut zu fahren, nicht allein vor Entzücken, sondern auch wegen der ausserordentlichen Hitze der Atmosphäre. Unsre Katzen und Hunde begannen sich zu häuten, Bob mußte seine am meisten ausgesetzte Seite durch Entfernung der Unionsjacke schwächen, und Noah selbst erschien auf dem Verdeck in Hemd und Nachtmütze. Die liebenswürdigen Fremdlinge waren zu sehr beschäftigt, um sich daran zu stoßen, und ich schlüpfte in mein Staatszimmer, mich in mein seidnes Gewand zu werfen, das so bemalt war, daß es dem Fell eines Polarbären glich, ein Widerspruch zwischen Schein und Sein, der bei uns zu häufig ist, um je aus der Mode zu kommen.

Wir näherten uns dem Lande mit großer Schnelle, da wir von einem Dampfzug getrieben wurden, und gerade als die Sonne am Horizont unterging, ließen wir die Anker in dem Aussenhafen der Stadt Aggregation fallen.

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Ankunft. Empfangsfeierlichkeiten. Einige neue Taufen. Ein offizielles Dokument. Terra firma

Es ist immer angenehm, nach einer langen, ermüdenden, gefährlichen Reise glücklich anzukommen. Aber das Vergnügen wird beträchtlich erhöht, wenn der Besuch einem neuen Lande gilt, mit einem Dampfklima und einer ganz neuen Art von Bewohnern. Meine Lust vereinte sich noch mit dem Bewußtsein, daß ich den vier sehr interessanten und wohl erzognen Fremdlingen von wirklichem Nutzen gewesen, die durch ein Mißgeschick in die Hände der Menschen gebracht worden, und mir weit mehr als ihr Leben verdankten, die Wiedereinsetzung nämlich in ihre natürlichen und erworbenen Rechte, in ihre wahre Stellung in der Gesellschaft und in die heilige volle Freiheit. Der Leser kann sich daher denken, mit welcher innern Selbstzufriedenheit ich jetzt die Danksagungen der ganzen Monikins-Gesellschaft und ihre feierlichen Versicherungen annahm, nicht allein alles das, was sie vereint und besonders besitzen möchten, Güter und Würden, als zu meiner gänzlichen Verfügung stehend zu betrachten, sondern auch ihre Personen als meine Sklaven anzusehen. Freilich stellte ich so gering als möglich jeden kleinen Dienst dar, den ich ihnen etwa gethan, und versicherte meiner Seits, daß ich das ganze mehr als eine Vergnügungsreise, als wie eine Aufgabe betrachte, sie erinnernd, wie ich nicht nur einen Blick in eine neue Philosophie gethan, sondern auch, Dank dem Decimalsystem, bedeutende Fortschritte in ihrer alten und gelehrten Sprache gemacht. Diese Höflichkeiten waren kaum vorüber, als das Boot des Hafenkapitains bei uns anlegte.

Die Ankunft eines Menschen-Schiffs war ein Ereigniß, das leicht Aufregung in einem Monikins-Lande hervorbringen konnte; und da man unsre Annäherung mehrere Stunden bemerkt, waren Vorkehrungen getroffen worden, uns einen gehörigen Empfang zu bereiten. Die Sektion der Academie, der der Schutz der »Wissenschaft der Anzeichen« anvertraut ist, ward auf Befehl des Königs schnell versammelt. Dieser spricht, beiläufig gesagt, nur durch den Mund seines ältesten ersten Vetters, der, nach den Fundamentalgesetzen des Reichs, für alle offizielle Akte (im Privatleben hat der König fast eben so viele Vorrechte, als jeder andre Monikin) verantwortlich, und wie recht und billig in staatsrechtlicher Beziehung die Funktionen der Augen, Ohren, Nase, des Gewissens und Schweifs des Monarchen auszuüben befugt ist. Die Gelehrten waren schnell, und da sie mit Methode und nach wohl begründeten Principien verfuhren, war ihr Rapport bald gemacht. Er enthielt, wie wir später erfuhren, sieben Blätter Einleitung, eilf Blätter Beweisführung, sechszehn Blätter Vermuthung und zwei Zeilen Schluß. Diese schwere Aufgabe für den Monikinschen Verstand wurde gehörig gelöst durch Vertheilung der Arbeit in eben so viele Stücke, als Mitglieder der Sektion gegenwärtig waren, nämlich in vierzig. Die Hauptsache ihrer Arbeit war, zu sagen, das ansichtig gewordne Schiff sei ein fremdes, es käme in ein fremdes Land, zu einem fremdartigen Zweck und sei von Fremden bemannt; seine Absichten seien wahrscheinlich eher friedlich als kriegerisch, da die Gläser der Academie [*Schreibfehler bei Silbentrennung korrigiert] keine Mittel zu schaden auf ihm entdecken konnten, mit Ausnahme gewisser wilder Thiere, die jedoch friedlich mit Lenkung des Schiffs beschäftigt schienen. All dieses war sententiös im reinsten Monikinsch ausgedrückt. Die Folge des Rapports war, daß alle feindliche Vorkehrungen abgestellt wurden.

Nicht sobald war das Boot des Hafen-Kapitains am Ufer mit der Nachricht zurück, das fremde Schiff habe Mylord Chatterino, Mylady Chatterissa und Dr. Raisono an Bord, als längst des ganzen Strandes ein allgemeines Freudengeschrei erschallte. Alsbald befahl der König, – oder eigentlich sein ältester erster Vetter, die gewöhnlichen Bewillkommnungen seinen ausgezeichneten Unterthanen zu erweisen; eine Deputation junger Herren, die Hoffnung von Springhoch, kamen heran, ihren Genossen zu empfangen, während ein Kranz schöner Mädchen von hoher Geburt sich um die lächelnde, anmuthige Chatterissa drängte, ihr Herz durch ihre liebegewinnenden Liebkosungen und Glückwünsche erfreuend.

Das edle Paar verließ uns in besondern Booten, jedes von einer gehörigen Suite begleitet. Wir vergaßen die kleine Nachlässigkeit, daß sie nicht Abschied von uns nahmen; Freude hatte sie ganz ausser sich gebracht. Zunächst kam eine lange Procession von lauter hohen Zahlen, alle von »braun-Stubenfarbe.« Diese gelehrten, würdevollen Personen waren eine Deputation von der Academie; sie hatte nicht weniger als vierzig geschickt, Dr. Raisono zu empfangen. Das Zusammentreffen der Monikinität und der Wissenschaft trug den Stempel der höchsten Vernunft. Jede Sektion (es sind deren in der Academie von Springhoch vierzig) hielt eine Rede, die alle Dr. Raisono gehörig beantwortete, immer genau dieselben Gedanken beibehaltend, aber den Gegenstand durch Versetzungen variirend, wie bekanntlich Wörterbücher durch die sinnreichen Combinationen der 24 Buchstaben zu Stande kommen. Dr. Raisono entfernte sich mit seinen Gefährten zu meinem Erstaunen Kapitain Poke und mir nicht einen Gran mehr Aufmerksamkeit schenkend, als in jedem hoch civilisirten Land der Christenheit bei einer ähnlichen Gelegenheit von einer Gesellschaft Gelehrter der zufälligen Gegenwart von zwei Affen geschenkt werden würde. Ich dachte, das fange schlecht an, und schon regten sich Gefühle, wie sie Sir John Goldenkalb, Baronet, von Householder-Hall im Königreich Großbritanien zukamen, als meine Gedanken durch die Ankunft der Registrirungs- und Circulirungs-Beamten abgewandt wurden. Es war das Amt der letztern, uns die geeigneten Pässe zu geben, um an’s Land und darin herum gehen zu können, nachdem die erstern vorher unsre Zahlen und Farben gehörig einregistrirt hätten, um uns dadurch unter die Taxen zu bringen. Der Registrirungs-Beamte war durch lange Praxis sehr schnell; er entschied sogleich, daß ich für mich eine neue Klasse bildete, von der ich natürlich Nro. 1. war. Der Kapitain und seine zwei Steuerleute bildeten eine zweite, Nro. l. 2. und 3. – Bob bekam auch eine Klasse für sich, und die Ehren von Nro.1. und das Schiffsvolk bildete wieder eine; sie wurden nach ihrer Größe gezählt, da das Register ihre Verdienste nur für körperlich hielt. Dann kam der wichtige Punkt der Farbe, wovon die Qualität der Klasse oder Kaste abhing, da die Zahlen nur unsre respektiven Stellungen in den besondern Divisionen andeudeten. Nach vielem Berathschlagen und Fragen ward ich Nro. 1. fleischfarben einregistrirt; Noah, Nro. 1., meergrün, und seine Steuerleute ebenso Nro. 2. und 3. Bob, Nro. 1., Schmutzfarben, und die Schiffmannschaft, Nro. 1. 2. 3. etc. Theerfarben. Der Beamte rief nun seinen Beigegebenen mit einer Art heiß gemachter Stricknadel heranzukommen, um uns allen nach der Reihe den offiziellen Stempel aufzudrücken. Zum Glück für uns, war Noah der erste, an den sich das Stempelamt wandte, daß er sich entblöße und zur Operation geschickt mache. Die Folge war einer jener Ausbrüche beredten, logischen Scheltens und remonstrirender Ausrüfe, denen jede neue persönliche Kraftäußerung in dem Robbenfänger nie Luft zu machen verfehlte. Seine Rede bei dieser Gelegenheit kann in folgende Hauptstücke eingetheilt werden, die alle sehr artig durch die gewöhnlichen Ausfüllpartikeln und Bilder verschönert waren. »Er sei kein Vieh, gebrannt zu werden wie ein Pferd, noch ein Sklave, sich behandeln zu lassen wie ein Congo-Neger; er sehe nicht die Nothwendigkeit ein, Menschen zu markiren, die schon hinlänglich von Affen unterschieden wären; Sir John habe ein Wörtchen vor seinem Namen, und wenn er wolle, möge er sich, des Gleichgewichts wegen, auch etwas hintenhin machen lassen, aber er brauche kein Anhängsel dieser Art und sei zufrieden mit dem simpeln Noah Poke; er sei Republikaner, und es sei antirepublikanisch, eingegrabene Zeichen an sich herumzutragen; er glaube auch, es heiße der heiligen Schrift zu nahe treten, oder was noch schlimmer sei, ihr den Rücken wenden; das Wallroß habe an seinem Hintertheil in guten lesbaren Buchstaben seinen Namen, und das wäre genug für sie beide!« er versicherte, verschwur seine Augen, er wolle nicht gebrandmarkt sein, wie ein Dieb; er wünsche sogleich den Großsiegelbewahrer zum Teufel, er bestand darauf, die ganze Gewohnheit habe gar keinen Nutzen, wenn man nicht alles vor sich wegstieße und gerade vorwärts in eine Gesellschaft träte, eine Rohheit, über welche menschliche Natur sich empörte; er kenne in Stonington einen Mann, der fünf Namen hätte, und er möchte doch wissen, was sie mit ihm anfangen wollten, wenn diese Gewohnheit dort aufkäme; er habe nichts gegen ein wenig malen, aber eine glühend rothe Stricknadel solle mit seinem Fleisch nicht Bekanntschaft machen, so lange er auf seinem Verdeck herumschreite.«

Der Siegelbewahrer hörte auf diese Vorstellungen mit seltner Geduld und Mäßigung, eine Artigkeit, die wahrscheinlich daher rührte, daß er kein Wort von dem Gesagten verstand. Aber es giebt eine allgemeine Sprache, und es ist eben so leicht zu verstehen, wenn ein Mensch leidenschaftlich ist, als jedes andre gereizte Thier zu erkennen. Der Offizier des Einregistrirungs-Departement fragte bei dieser Beobachtung mich höflichst, ob nicht etwa ein Theil seiner Amtspflichten ganz besonders Nro. 1. meergrün unangenehm wäre. Als ich gestand, der Kapitain weigre sich des Brandmals, zuckte er die Schultern, und bemerkte, daß die Gebote des Staats selten angenehm wären, aber Amtspflicht sei Amtspflicht, die Stempelakte laute peremtorisch, und kein Fuß von uns könne Springhoch betreten, bis wir alle auf diese Art in vollkommner Uebereinstimmung mit der Registrirung versehen wären. Ich war sehr in Verlegenheit, was bei diesem unbezwinglichen Vorsatz des Beamten, seine Pflicht zu erfüllen, zu thun sei; denn, die Wahrheit zu gestehen, meine eigne Haut hatte ganz eben so großen Abscheu vor der Operation, als nur immer die des Kapitains; es war nicht sowohl das Princip, als die Neuheit der Anwendung, die mich zur Verzweiflung brachte, denn ich war schon zuviel gereist, um nicht zu wissen, daß ein Fremder selten ein civilisirtes Land betritt, ohne mehr oder weniger geplagt zu werden, und daß nur die ganz Wilden ihn ungeschoren durchlassen. Es fiel mir plötzlich ein, daß die Monikins all den Rest ihrer besondern Vorräthe an Bord zurückgelassen, der aus einer großen Menge der herrlichsten Nüsse bestand. Ich ließ einen Sack der besten holen, und ihn in des Registrators Boot bringen, indem ich sagte, ich wisse, sie seien seiner ganz unwürdig, aber ich hoffte, wie sie wären, würde er mir erlauben, sie seiner Frau zum Geschenk zu machen. Diese Aufmerksamkeit ward gehörig empfunden und aufgenommen, und einige Augenblicke nachher wurde mir ein Certifikat folgenden Inhalts eingehändigt, nämlich:

»Springhoch, Versprechen-Zeit, Ausführungstag.«

»Dieweil gewisse Individuen von der Menschenklasse sich kürzlich zur Einregistrirung nach dem Statut: Unter Förderung der Ordnung und Classifizirung und über Eintreibung der Steuern« gestellt haben, und Dieweil diese Personen noch in der zweiten Classe des animalischen Prüfungsstandes stehen, und körperlichen Eindrücken mehr erliegen als die höheren oder Monikins-Arten, – So sei nun kund und zu wissen allen Monikins, daß sie mit Farbe gestempelt sind, und zwar nur nach ihrer Nummer, da jede Classe unter ihnen leicht von den andern an äusseren und unauslöschlichen Zeichen zu unterscheiden ist.

Unterzeichnet,

Nro. 8020, Amts-Farbe.«

Es wurde mir gesagt, alles, was wir nun zu thun hätten, wäre, uns mit Farbe oder Theer, wie wir wollten, zu markiren, der letztre wurde für die Schiffsmannschaft empfohlen; wir brauchten nur die Nummern, und wenn wir an’s Land kämen und ein Gensdarme fragte, warum wir nicht den gesetzlichen Stempel an uns hätten, was sehr möglich wäre, da das Gesetz keine Ausnahme mache, brauchten wir nur das Certifikat zu zeigen, und wenn das nicht hinlänglich, so wären wir ja Leute von Welt, und verstünden den Lauf der Dinge zu gut, um uns erst den einfachen Satz in der Philosophie lehren zu lassen: Gleiche Ursachen gleiche Wirkungen! Er setze nämlich voraus, ich könne seine Verdienste nicht so sehr überschätzt haben, daß ich alle meine Nüsse in sein Boot gebracht. Ich gestehe, es that mir nicht sehr leid, den Offizier diese Winke geben zu hören, denn sie überzeugten mich, daß meine Reise durch Springhoch mit weniger Schwierigkeiten verbunden sein würde, als ich gedacht, da ich jetzt klar bemerkte, daß die Monikins nach Grundsätzen verfahren, die nicht wesentlich von denen der Menschheit überhaupt verschieden sind.

Der gefällige Registrator und der Siegelbewahrer verabschiedeten sich zusammen, worauf wir alsbald der Anweisung gemäß uns zu numeriren anfingen. Da der Grundsatz schon fest stand, war seine Anwendung uns weiter nicht schwer, Noah, Bob, ich, die größten der Seeleute waren alle Nro. 1, die andern folgten. So ward es Nacht, die Wachboote erschienen auf dem Wasser und wir verzögerten unsre Ausschiffung bis zum Morgen.

Alles war früh auf. Es war festgesetzt worden, Capitain Poke und ich, von Bob als Diener begleitet, wollten landen, um eine Reise durch die Insel zu machen, während das Wallroß der Obhut der Steuerleute und Matrosen überlassen blieb; sie hatten Erlaubniß, von Zeit zu Zeit an’s Land zu gehen, wie dieß gewöhnlich bei allen Seeleuten im Hafen ist. Es brauchte viel Fegen und Schaben, ehe die ganze Gesellschaft in geeignetem Aufzug für diese Gelegenheit auf dem Verdeck erscheinen konnte. Poke trug ein dünnes Linnengewand, herrlich geeignet, ihm das Ansehen eines Seekalbs zu geben; eine Täuschung, die nicht nur seinem Herzen angenehm, und zu seinen Gewohnheiten passe, sondern auch etwas kühles, angenehmes habe, ganz und gar mit einem Dampf-Klima übereinstimmend. Ich stimmte mit dem Seehundfänger ganz überein, da ich gar keinen Unterschied zwischen diesem Gewand und gänzlicher Nacktheit zu finden vermochte. Mein Anzug war nach eignem Plan nach dem socialen Anhaltspunkt-System eingerichtet, oder mit andern Worten, es hatte etwas von fast allen Thieren in Exeter Change. In diese Menagerie war der Künstler, der es gemalt, ganz besonders geschickt worden, um die Natur zu berathen. Bob trug das Bild, wie sein Herr sich ausdrückte, von einem Pavian.

Die Monikins waren viel zu gebildet, um bei unsrer Landung mit unbescheidner, lästiger Neugier sich um uns herumzustellen. Vielmehr wurden wir ohne Beschwerde und Hindrung bis zur Hauptstadt selbst zugelassen. Da es weniger meine Absicht ist, das Physische zu beschreiben, als mich über die Philosophie und moralische Seite von Springhoch auszulassen, werde ich von ihren Häusern, häuslichen Einrichtungen und andern Fortschritten in den Künsten nicht viel mehr sagen, als man nebenbei im Verlauf der Erzählung abnehmen kann. Es mag hinreichen zu bemerken, daß in diesem Punkt die Springhoch-Monikins gleich den Menschen ihre Bequemlichkeit berücksichtigen, oder sie zu berücksichtigen glauben, – was, so lange sie’s nicht besser wissen, offenbar dasselbe ist, und zwar in jeder Hinsicht, den Beutel allein ausgenommen; und daß sie sehr löblich, es immer wie ihre Väter vor ihnen machen, sich selten Aenderungen erlaubend, es sei denn, sie hätten etwa die Empfehlung des »ausländischen« für sich, wo sie denn freilich angenommen werden, offenbar des großen Vorzugs wegen, daß sie als einem andern, fremden Zustand der Dinge angemessen erprobt worden sind.

Unter den ersten, auf die wir trafen, als wir auf den großen Platz von Aggregation traten (so könnte man etwa den Namen der Hauptstadt von Springhoch wiedergeben) war Mylord Chatterino. Er spazierte freudig mit einer Gesellschaft junger Adligen herum, die alle ihre Jugend, Gesundheit, ihren Rang und ihre Vorrechte mit unendlichem Gout zu genießen schienen. Wir begegneten ihnen so, daß dadurch ein Entfliehen vor gegenseitigem Wiedererkennen unmöglich wurde. Zuerst schloß ich aus seinem abgewendeten Auge, es habe unser früherer Schiffsgenosse die Absicht, unsre Bekanntschaft als eine von den gefälligen Begegnungen zu betrachten, wie wir sie alle bekanntlich an Bädern, auf Reisen, auf dem Lande haben, und die in der Stadt aufzudringen von schlechter Erziehung zeugen würde; oder, wie Kapitain Poke es später bezeichnete, wie eine Bekanntschaft zwischen einem Engländer und einem Amerikaner, die im Hause des letztern gemacht worden, und bei besserm Wein als irgend wo sonst gefunden wird, die aber, soviel man weiß, noch nie den Einwirkungen des Britischen Nebels hat widerstehen können. »Ei, Sir John,« fuhr der Robbenjäger fort, »ich nahm ein Mal einen Eurer Landsleute unter meine Fittiche, zu Stonington, während des letzten Kriegs. Er war ein Gefangener, wie wir immer Gefangne machen, das heißt, er ging und that, so ziemlich, was er wollte; der Bursche bekam das beste von allem; Brandweinsyrup, ein Spahn hatte drinn stehen können, Schinken, ein Schiffsmast hätte sich nach ihm biegen mögen, und Neu-England-Rum, ein König hätte sich zu ihm hingesetzt, wäre aber nicht wieder davon weggekommen; – nun, was war das Ende von allem? so wahr wir unter diesen Affen sind, der Kerl brachte mich in’s Buch! Hätte ich nur halb soviel in’s Buch gebracht, als er verschlang, der Betrag wäre über die Competenz eines jeden Friedensgerichts im Lande gewesen. Er sagte darin, mein Schnapps war dünn, das Fleisch mager und der Rum infernalisch! das war Wahrheit und Dankbarkeit; er ließ das ganze drucken, als ein Müsterchen von dem, was er amerikanische Lebensart nannte.«

Da erinnerte ich denn meinen Gefährten, daß ein Engländer auch nicht Wohlthaten aus Zwang anzunehmen liebe; daß, wenn er auf einen Fremden in seinem Lande trifft, und Herr über seine Handlungen ist, niemand besser wahre Gastfreundschaft zu erweisen versteht, wie ich ihm eines Tags zu Householder-Hall zu beweisen hoffte; übrigens müsse er bedenken, daß ein Engländer Amerika nur wie das Land ansähe, und es von übler Erziehung zeuge, eine dort gemachte Bekanntschaft geltend machen zu wollen.

Noah war wie die meisten Leute in allen Stücken sehr billig, die nicht mit seinen Vorurtheilen und Ansichten in Berührung kamen, und gab sehr gerne die Nichtigkeit meiner Bemerkung im Allgemeinen zu.

»Es ist so ziemlich, wie Ihr sagt, Sir John,« fuhr er fort. »In England preßt Ihr Leute, aber Gastfreundschaft zu erpressen, das ginge nicht; ein Freiwilliger wär‘ was anders. Ich hätte mich nicht sehr um des Hasenfußes Buch bekümmert, wenn er nur nichts gegen den Rum gesagt. Ei, Sir John, als die Engländer Stonington mit Achtzehnpfündern bombardirten, schlug ich vor, unsern alten Zwölfer mit einer Gallone gerade aus demselben Faß zu laden, das hätte den Schuß wenigstens eine Meile weit getrieben.«

Aber diese Abschweifung bringt mich von meiner Erzählung ab. Mylord Chatterino drehte den Kopf ein wenig seitwärts, als wir vorübergingen, und ich ging mit mir zu Rathe, ob es unter den Umständen wohlgezogen sein würde, ihn an unsre alte Bekanntschaft zu erinnern, als die Frage durch Kapitain Poke entschieden ward. Er nahm eine Position an, daß es nichts leichtes war, um ihn, durch ihn oder über ihn zu kommen, oder er legte sich, was er nannte, »quer über seinen Lauf.«

»Guten Morgen, Mylord,« sagte der schlichte gerade Seemann, der gewöhnlich alles anfaßte, wie wenn er an einen Seehund ging. »Ein schöner warmer Tag, und der Landgeruch nach einer so langen Fahrt ist der Nase ganz angenehm, wie beschwerlich auch immer das Auf- und Absteigen den Beinen sein mag.«

Die Begleiter des jungen Edlen machten erstaunte Mienen; und einige von ihnen, fürcht‘ ich, verriethen trotz dem, daß Würde und Ernst der Monikins-Physiognomie eigen sind, einige Neigung zum Lachen. Nicht so Mylord Chatterino selbst.

Er musterte uns einen Augenblick durch ein Glas und schien dann plötzlich und im Ganzen angenehm erstaunt über unser Erscheinen.

»Wie, Goldenkalb!« rief er erstaunt; »Sie in Springhoch! das ist in der That eine unerwartete Freude, denn ich kann jetzt meinen Freunden einige von den Thatsachen beweisen, wovon ich eben aus eigner Erfahrung sprach. Hier sind zwei von der Menschengattung, Leute, wovon ich Euch so eben sagte« – – und als er in seinen Gefährten eine Neigung zum Lachen bemerkte, stellte er sich ausserordentlich ernst: »haltet Euch ein wenig, Ihr Herrn, bitte. – Das sind würdige Leute, versichere Euch, – nach ihrer Weise und dürfen nicht verlacht werden. Ich wüßte kaum selbst in unsrer eignen Marine einen bessern und kühnern Segler, als diesen ehrlichen Seemann; und was den bunthäutigen da betrifft, kann ich Euch sagen, er ist wirklich eine Person von einiger Wichtigkeit in seinem kleinen Kreise. Er ist, glaube ich, ein Par – Par – nicht wahr, Sir John, ein Par – –«

»Parlamentsglied, Mylord, ein M. P.«

»Ach, ich wußt’s wohl ein M. P. oder Parlamentsglied in seinem Land, was, glaube ich, bei seinem Volk so etwas ist, wie etwa bei uns ein öffentlicher Ausrufer der Gesetze, die von Sr. Majestät ältestem ersten Vetter ausgehen; so etwas, – eh, – s’ist – nicht? Sir John!«

»So etwas, Mylord.«

»Ganz recht, Chatterino;« fiel einer der jungen Monikins mit einem sehr verlängerten Schweif ein, den er fast senkrecht trug; »aber was wäre selbst ein Gesetzmacher, nichts zu sagen von einem Gesetz-Verlacher wie wir? Ihr solltet bedenken, mein Lieber, daß ein bloßer Titel oder ein Stand kein Zeichen von wahrer Größe ist; daß das Wunder eines Dorfs ein sehr gewöhnlicher Monikin in der Stadt sein kann.«

»Poh, Poh,« unterbrach Lord Chatterino, »du bist immer für Verfeinerung, Sir John Goldenkalb ist eine sehr ehrbare Person auf der Insel a – a; wie nennt Ihr die besagte Insel, Goldenkalb?«

»Groß-Britanien, Mylord.«

»Ja, ganz recht, Groß – Groß – Er ist eine angesehene Person, das darf ich sicher behaupten in Groß-Hoß (Great Breeches). Ich glaube, er besitzt keinen kleinen Theil davon selbst. Wie viel, Sir John, wenn wir die Wahrheit sagen?«

»Nur das Gut und Dorf Householder, Mylord, mit einigen zerstreuten Meierhöfen hier und da.«

»Nun, das ist nicht übel, freilich; dann haben Sie Geld bei der Hand?«

»Und wer ist Ihr Schuldner?« fragte schnippig der Baumläufer Hochschweif.

»Niemand anders, Mylord Hochschweif, als Großbritanien selbst.«

»Herrlich, hört! Eines Adligen Vermögen in dem Schuh von – von Gro – Griech –«

»Groß – Hoß!« fiel Lord Chatterino ein, der, ob wohl er schwur gegen seinen Freund, er sei ganz böse auf ihn wegen seiner Ungläubigkeit, doch sich selbst Gewalt anthun mußte, um nicht mitzulachen; »es ist ein sehr hübsches Land, versichre Euch; ich erinnre mich kaum, bessere Stachelbeeren irgendwo gegessen zu haben.« »Was, haben sie wirklich Gärten, Chatterino?«

»Gewiß, so’ne Art, und Häuser und öffentliche Anstalten und selbst Universitäten.«

»Du meinst doch gewiß nicht damit, daß sie ein System haben?«

»System, freilich, sie sind so an den Anfangsgründen. Ich kann freilich nicht sagen, daß sie ein System haben.«

»O ja, Mylord, – sicher wir haben eins, das sociale Anhaltpunkts-System.«

»Frag das Geschöpf,« lispelte hörbar der verächtliche Thor Hochschweif, »ob er selbst jetzt ein Einkommen hat.«

»Wie ist’s, Sir John, habt Ihr ein Einkommen?«

»Ja, Mylord, hundert und zwölf Tausend Souverains das Jahr.«

»Was, was,« fragten zwei oder drei Stimmen mit vornehmem, unterdrücktem Eifer; »Souverains, das heißt ja König!«

Es scheint, die Springhocher, obgleich sie nur des Königs ältestem ersten Vetter gehorchen, verrichten doch alle offizielle Akte im Namen des Souverains selbst, für dessen Person und Charakter sie ziemlich allgemein die tiefste Verehrung zeigen; gerade wie wir Bewundrung vor einer Tugend äußern, die wir doch nie ausüben. Meine Erklärung erregte daher großes Staunen und ich mußte mich bald erklären. Das that ich ganz der Wahrheit gemäß.

»Ah Gold, das heißt Souverain!« riefen drei oder vier herzlich lachend. »Wie, sind denn deine berühmten Groß-Hoßen-Männer, Chatterino, noch so weit in der Kultur zurück, daß sie Geld haben? Hört, Signor Baldkalb, habt Ihr kein Geld in Promessen?«

»Ich weiß nicht, Sir, ob ich die Frage recht verstehe.«

»Ei, wir armen Barbaren, die, wie Ihr uns seht, nur in einem Zustand der Einfachheit und Natur leben,« es lag in jeder Silbe, die der unverschämte Schelm sprach, Spott und Ironie; »wir armen Wichte, oder vielmehr unsre Vorfahren, machten die Entdeckung, daß der Bequemlichkeit wegen, (da, wie Ihr sehet, wir keine Taschen haben,) es gut sein würde, all unsre Münze in Promessen zu verwandeln. Nun wollte ich fragen, ob Ihr so etwas habt.«

»Nicht als Münze, aber als verwandt damit, Sir, haben wir deren reichlich.«

»Er spricht von verwandt, als spräche er von einem Stammbaum. Seid Ihr wirklich, Herr Schulterkalb, so weit zurück in Eurem Land, daß Ihr nicht die ungeheuren Vortheile einer Münze in Promessen kennt?«

»Da ich nicht genau die Art dieser Münze begreife, Sir, kann ich Ihre Frage nicht recht beantworten.«

»Laßt es uns ihm erklären, denn ich gestehe, ich bin wirklich neugierig, seine Antwort zu vernehmen. Chatterino sei du, du bist etwas mit des Wesens Gewohnheiten bekannt, unser Dollmetsch.«

»Die Sache ist die, Sir John. Etwa vor fünf hundert Jahren, als unsre Vorfahren jene Stufe in der Civilisation erreicht hatten, wo sie den Gebrauch der Taschen ablegten, fanden sie nöthig, an die Stelle der Metallmünze eine andre zu setzen, da jene unbequem zum Tragen war, geraubt und nachgemacht werden konnte. Das erste war, ein leichteres Surrogat zu versuchen; Gesetze ergingen, wodurch Linnen und Wolle roh Werth erhielten; dann gesponnen und verarbeitet, dann beschrieben und in kleine Stücke verwandelt, bis nachdem es die verschiednen Stufen durchgemacht, Packpapier, Braunpapier, Löschpapier, und nachdem man den Plan gehörig vorbereitet hatte und das Vertrauen gänzlich gewonnen war, das System durch ein coup-de-main vollendet ward, Versprechen, wörtliche Promessen an die Stelle aller andern Münze traten. Ihr seht den Vortheil auf den ersten Blick. Ein Monikin kann ohne Taschen und Gepäck reisen und doch eine Million bei sich führen; das Geld kann nicht nachgemacht, nicht gestohlen, nicht verbrannt werden.«

»Aber Mylord, bringt es nicht den Preis des Eigenthums herab?«

»Gerade das Gegentheil; ein Acre, der früher für eine Promesse gekauft ward, beträgt jetzt tausend.«

»Das ist freilich eine Verbesserung; wenn nur nicht Fallimente – –«

»Gar nicht. Es fand sich kein Bankrott in Springhoch, seit das Gesetz die Promesse als legale Münze creirte.«

»Ich wundre mich, daß kein Schatzmeister je daran daheim dachte.«

»So viel von Eurem Großhoß, Chatterino!« und dann erschallte ein zweites und sehr allgemeines Lachen. Ich fühlte nie so tief meine nationale Erniedrigung.

»Da sie Universitäten haben,« rief ein andrer Thor, »so hat vielleicht diese Person eine von ihnen besucht.«

»Freilich, Sir,« antwortete ich, »ich bin nach aller Regel graduirt.«

»Es ist nicht leicht zu sagen, was er mit seiner Wissenschaft angefangen hat, denn obwohl ich nicht kurzsichtig bin, kann ich doch nicht die geringste Spur von einem Schweif an ihm bemerken.«

»Ach!« erklärte Lord Chatterino gutmüthig, »die Bewohner von Groß-Hoß tragen ihr Gehirn in ihren Köpfen.«

»In ihren Köpfen!«

»Köpfen!«

»Das ist vortrefflich, bei Sr. Maj. Prärogativen. Hier rächt sich die Civilisation.«

Ich glaubte nun, das allgemeine Lachen würde mich zu Boden werfen. Zwei oder drei kamen wie vor Erbarmen oder Neugier näher und zuletzt rief sogar einer, ich trüge wirklich Kleider.

»Kleider, der Schelm. Chatterino, tragen alle deine menschlichen Freunde Kleider?«

Der junge Pair mußte die Wahrheit gestehen und nun erhob sich solch ein Geschrei, als etwa unter den Pfauen entstanden sein mag, als sie die Dohlen unter sich verkleidet entdeckten, Menschen-Natur konnte nicht länger aushalten, ich verbeugte mich vor der Gesellschaft und Lord Chatterino sehr eilig guten Morgen wünschend, ging ich auf’s Wirthshaus zu.

»Vergeßt nicht nach Chatterino-Haus zu kommen, Goldenkalb, ehe Ihr absegelt,« rief mein früherer Reisegefährte, sah über seine Schulter und nickte mir sehr freundlich zu.

»König!« rief Kapitain Poke, »der Schurke fraß einen ganzen Brod-Kasten voll Nüsse auf unsrer Reise und jetzt sagt er uns, nach Chatterino-Haus zu kommen, ehe wir absegeln.«

Ich versuchte, den Robbenjäger durch Anrufung seiner Philosophie zu beruhigen. Freilich vergäßen die Menschen nie Wohlthaten und wären ausserordentlich ängstlich darin, sie zu erwiedern; aber die Monikins wären ein gar unterrichtetes Volk; sie dächten mehr an ihre Seele als an ihren Leib, wie man klar sähe, wenn man die Kleinheit des letztern mit der Länge und Ausbildung des Sitzes ihres Verstandes betrachte. Ein Mann von seiner Erfahrung müsse wissen, daß gute Erziehung offenbar eine sehr willkührliche Sache ist, daß wir ihre Gesetze achten müssen, obwohl sie unsern frühern Gewohnheiten entgegen sind.

»Ich hoffe, Freund Noah, Ihr habt einen wesentlichen Unterschied zwischen den Sitten von Paris z. B. und denen von Stonington bemerkt?« »Freilich, Sir John; freilich, und zwar zum Vortheil von Stonington.«

»Wir haben alle die Schwachheit, unsre Sitten für die besten zu halten; und wir müssen viel gereist sein, ehe wir über so schwierige Punkte entscheiden können.«

»Und haltet Ihr mich nicht für einen großen Reisenden? Bin ich nicht sechszehn Mal auf dem Seehundfang gewesen, zwei Mal auf dem Wallfischfang, ohne meine Querreise über Land und diese letzte Tour nach Springhoch zu rechnen.«

»Ja, Ihr seid über viel Land und Wasser gegangen, Herr Poke, und Euer Aufenthalt ist gerade lange genug gewesen, die Fehler aufzufinden. Gebräuche muß man tragen, wie Schuhe, ehe man sagen kann, ob sie passen.«

Vielleicht würde Noah geantwortet haben, wäre nicht Mademoiselle Vigilanza Lynx in diesem Augenblicke auf eine Weise herbeigeschlichen, die zeigte, daß sie über ihre glückliche Rückkehr sehr erfreut war. In der That, während ich sie zu vertheidigen suchte, war ich durch Mylord Chatterino’s Gleichgültigkeit innerlich insgeheim etwas contrariirt, wie die Franzosen es nennen, da ich sie bald der Art und Weise zuschrieb, wie etwa ein Pair des Reichs Springhoch de haut en bas einen blosen Baronet von Großbritanien oder Groß-Hoß (wie der junge Edle hartnäckig unser berühmtes Land nannte) betrachten würde.

Nun, da Mademoiselle Vigilanza von »röthlicher Farbe,« einer untern Klasse war, zweifelte ich nicht, sie würde eben so gern ihre Bekanntschaft mit Sir John Goldenkalb von Householder-Hall anerkennen, als die andern sich gern davon frei machten.

»Guten Morgen, gute Mademoiselle Vigilanza,« sagte ich zutraulich und bemühte mich, auf eine Art zu grüßen, daß sich dabei ein Schweif bewegt haben würde, wenn ich damit versehen gewesen; »guten Morgen, es freut mich, Sie am Ufer wieder zu treffen.«

Ich erinnere mich nicht, daß Vigilanza, während unsrer ganzen Bekanntschaft besonders spröde oder zurückhaltend in ihrem ganzen Benehmen gewesen: es war aber bescheiden und lobenswerth. Jetzt indeß täuschte sie alle vernünftige Erwartung, schreckte zurück und stieß einen leichten Schrei aus und eilte davon, als wenn wir sie beißen wollten. In der That, ich kann ihr Betragen nur mit dem eines Frauenzimmers bei uns vergleichen, das so voller Eitelkeit ist, daß sie glaubt, alle Augen hingen an ihr, und sich ein Ansehn wegen eines Hunds oder einer Spinne geben will, weil sie meinet, das mache sie um so interessanter. Von Unterhaltung konnte gar keine Rede sein, denn die Duenna eilte davon, den Kopf auf den Boden gerichtet, als wenn sie sich einer unvorsätzlichen Schwäche herzlich schäme.

»Schön, gute Dame,« sagte Noah, dessen ernster Blick ihren Bewegungen folgte, bis sie sich ganz unter dem Haufen verloren hatte; »du hättest eine schlaflose Reise haben sollen, wenn ich das gedacht. Sir John, diese Leute starren uns an, als wären wir wilde Thiere.«

»Das kann ich nicht sagen, Kapitain. Mir scheinen sie nicht mehr Notiz von uns zu nehmen, als wären wir zwei Hunde auf den Straßen von London.«

»Ich begreife jetzt, was die Pfarrer meinen, wenn sie von dem verlornen Zustand des Menschen reden. Es ist wirklich schrecklich, zu welchem Grad von Gefühllosigkeit ein Volk herabsinken kann. Bob, geh aus dem Wege, du grinzender Schurke.«

Damit erhielt Bob einen Gruß, der seinen Hinterbau demolirt haben würde, wäre die Unionsjacke nicht gewesen. Gerade jetzt war ich erfreut, Dr. Raisono auf uns zukommen zu sehen. Er war von einer Gruppe aufmerksamer Zuhörer umgeben, welche alle nach ihren Jahren, ihrem Ernst und Benehmen ohne Zweifel Gelehrte waren. Als er näher kam, fand ich, er erzähle von den Wundern seiner letzten Reise. Sechs Schritte von uns blieb der ganze Haufe stehen, der Doktor fuhr zu erzählen fort und zwar mit einem Geberdespiel und auf eine Weise, daß man sah, der Gegenstand sei von besonderm Interesse für seine Zuhörer. Zufällig sein Auge nach unsrer Seite richtend, bemerkte er unsre Gestalten und nach einigen schnellen Entschuldigungen an seine Umgebung, kam der herrliche Doktor eifrigst auf uns zu, beide Hände ausgestreckt. Da war doch ein Unterschied zwischen seinem Benehmen und dem Lord Chatterino’s und der Duenna. Der Gruß ward warm erwiedert, und der Doktor und ich gingen ein wenig bei Seite, da er mir alsbald sagte, er wünsche mich allein zu sprechen.

»Mein lieber Sir John,« begann der Philosoph, »unsre Ankunft ist gerade zur rechten Zeit geschehen; ganz Springhoch ist schon davon voll, und Sie können kaum sich denken, welche Wichtigkeit man darauf legt. Neue Handelsquellen, wissenschaftliche Entdeckungen, moralische und physikalische Phänomene und Ergebnisse, die, glaubt man, die Monikins-Civilisation höher als jemals heben mögen. Zum Glück hält gerade heute die Academie ihre wichtigste Sitzung im ganzen Jahr und ich bin förmlich ersucht worden, der Versammlung eine Skizze von den Begebenheiten zu geben, welche vor kurzem unter meinen Augen vorgefallen sind. Des Königs ältester erster Vetter wird offen zugegen sein, und man vermuthet auf ganz zuverlässige Weise, daß der König selbst in eigner königlicher Person beiwohnen wird.«

»Wie« rief ich, »habt Ihr in Springhoch ein Mittel, Vermuthungen gewiß zu machen?«

»Ohne Zweifel, Sir, oder was nützte unsre Civilisation? Von Seiner Majestät reden wir immer in den offenbarsten Zweideutigkeiten. So bei vielen unsern Ceremonien, weiß man, ist der König moralisch zugegen, während er wirklich und physisch sein Mahl an einem andern Ende der Insel einnehmen kann. Diese wichtige Verherrlichung der königlichen Ubiquität wird vermittelst einer moralischen Fiktion bewirkt. Andrer Seits folgt oft der König seinem natürlichen Hang der Neugier, der Liebe des Scherzes, dem Abscheu vor Langeweile und kommt in Person, wenn die Hoffiction ihn auf seinem Thron in seinem königlichen Pallast sitzen läßt. O, in all diesen kleinen Vollkommenheiten und Reizen der Kunst der Wahrheit stehen wir hinter keinem Volk der Welt zurück.«

»Bitte, Doktor; so wird also diesen Morgen der König in der Academie erwartet?«

»In einer Privatloge. Nun diese Sache ist von der größten Wichtigkeit, für mich als Gelehrten, für Euch als Mensch (es wird unmittelbar dazu beitragen, Eure ganze Gattung in der Monikinschen Achtung zu heben), und drittens für die Gelehrsamkeit. Es wird unumgänglich nöthig sein, daß Ihr kommt und zwar mit so vielen Eurer Gefährten, als möglich, besonders von der besseren Classe. Ich war schon am Landungsplatz, in der Hoffnung, Euch zu treffen und ein Bote ist ins Schiff gegangen, damit die Leute alsbald ans Land gesetzt werden. Ihr werdet eine eigne Tribüne bekommen; und wirklich, ich mag nicht vorher sagen, was ich denke, welche Aufmerksamkeit man Euch schenken wird, aber so viel kann ich sagen, – Ihr sollt sehen.«

»Dieser Vorschlag, Doktor, hat mich ein wenig überrascht und ich weiß kaum, was ich antworten soll.«

»Ihr könnt nicht nein sagen, Sir John, denn sollte Seine Majestät hören, daß Ihr Euch weigertet, zu einer Versammlung zu kommen, der er beiwohnen soll, würde das ihn ernsthaft, und ich darf hinzufügen, mit Recht beleidigen; und ich könnte nicht für die Folgen stehen.«

»Ei, man sagte mir, alle Gewalt sei in den Händen von Seiner Majestät ältesten ersten Vetter, und so denke ich, könnt ich Seiner Majestät selbst ein Schnippchen schlagen.«

»Nicht in der öffentlichen Meinung, Sir John, die eine der drei Zweigen der Regierung ist. Unsre hat nämlich drei Gewalten: Gesetz, öffentliche Meinung und Praxis. Nach dem Gesetz regiert der König, nach der Praxis regiert sein Vetter, und nach der angenommenen Meinung regiert der König wieder. So wird der schwierige Punkt der Praxis durch die Gesetze und Meinung im Gleichgewicht gehalten. Das bewirkt die Harmonie und Vollkommenheit des Systems. – Nein, es ginge nie, Seine Majestät zu beleidigen.«

Obwohl ich des Doktors Beweisführung nicht recht begriff, hielt ich doch, da ich häufig in der menschlichen Gesellschaft Theorien getroffen, – politische, moralische, theologische und philosophische, an die Jedermann glaubte, und Niemand verstand, jeden weitern Streit für unnütz und gab nach, indem ich dem Doktor versprach, in einer halben Stunde, der zu unserm Erscheinen bestimmten Zeit, in der Academie zu sein. Nachdem er mir gehörig den Ort bedeutet, trennten wir uns, er seine Vorkehrungen zu beeilen, ich ein Wirthshaus zu erreichen, um mein Gepäck abzulegen, damit in nichts der Anstand bei einer so feierlichen Gelegenheit übersehen werde.

Zweiter Teil

Zweiter Theil

»Und du, du kanntest sie,« sprach dann der Ritter.

»O nein,« erwiederte der Knapp‘, »doch er, der mir die Geschichte erzählte, sagte mir, sie sei so wahr und gewiß, daß, wenn ich sie etwa wieder erzählte, ich eidlich versichern könne, ich hätte es mit eignen Augen gesehen.«

Don Quixote.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Ein Wirthshaus. – Vorausbezahlte Schulden und seltsame Spuren von Menschen-Natur, innig mit Monikins-Natur verwachsen.

Wir nahmen bald Zimmer, bestellten Essen, bürsteten uns und trafen all die kleinen nöthigen Vorkehrungen, um unsrer Gattung Ehre zu machen. Damit fertig, verließen wir das Wirthshaus und eilten nach dem Palais des Arts et des Sciences. Wir hatten jedoch das Wirthshaus noch nicht aus dem Gesicht verloren, als ein Garçon uns mit einer Nachricht von seiner Herrin nachsprang. Er sagte uns sehr ehrerbietig: sein Herr sei aus, und hätte den Schlüssel zur Geldkasse mitgenommen, es sei gerade nicht Geld genug in der Schublade, um ein Essen für so große Herrn zu bereiten, und so hätte sie sich die Freiheit genommen, uns eine Rechnung mit der Bitte zu schicken, lieber eine kleine Vorausbezahlung zu machen, als sie in die Verlegenheit zu setzen, so ausgezeichnete Gäste nicht nach Würden zu behandeln. Die Rechnung war, wie folgt:

  Nro. 1. Buntfarbe und Freunde an   Nro. 82,763. Traubenfarbe, Dr.  Für Zimmer, Essen, Licht, nach der  Uebereinkunft p.p. 300 täglich – einen  Tag . . . . . . . . . . . . . . p.p. 300.  Vorausbezahlt . . . . . p.p.  50.     ———————————  Rest schuldig . . . . . p.p. 250.  

»Ganz recht,« bemerkte ich zu Noah, »aber ich bin im Augenblick ganz eben so ohne Heller, als die gute Frau selbst. In der That, ich sehe nicht, was anfangen, es sei denn, daß Bob ihr seinen Vorrath von Nüssen schickt.«

»Hört, mein kleiner Springer,« fiel der Seemann ein, »was steht zu Befehl?«

Der Kellner zeigte auf die Rechnung, als hinlänglich seiner Herrin Wünsche ausdrückend.

»Was bedeuten diese p. p., die ich in der Rechnung finde, etwa payez, ye?«

»Promessen, Eure Gnaden.«

»O, dann fordert Ihr fünfzig Promessen, um unser Mahl zu bereiten.«

»Nichts weiter, Sir; für diese Summe sollen Sie speisen wie Herrn, ja, Sir, wie Rathsherrn.«

Es freute mich, diese würdigen Leute von seiner Klasse so ziemlich die nämlichen in allen Ländern zu finden.

»Da, nehmt hundert,« antwortete Noak und schnippte mit den Fingern, »und laßt sie nicht zu Knochen werden; hört, mein Lieber, jeder Heller ist für’s Mittagessen. Macht’s gut, und Niemand wird über die Rechnung brummen. Ich will selbst zur Noth das Wirthshaus kaufen und alles, was es enthält.«

Der Kellner ging vergnügt über diese Versicherungen fort, offenbar für seine eigne Bemühung guten Lohn voraussehend. Wir kamen bald in die Strömung, die nach dem Platz unsrer Bestimmung zufluthete. Als wir an’s Thor kamen, sahen wir, daß man uns ängstlich erwartete; denn ein Diener stand da, der uns sogleich zu den Sitzen führte, die für unsern Empfang bereitet worden. Es ist immer angenehm, sich unter den Privilegirten zu befinden, und ich muß gestehen, wir fanden uns alle nicht wenig geschmeichelt, als wir eine hohe Tribüne für uns in der Mitte der Rotunde zugerichtet sahen, in welcher die Akademie ihre Sitzungen hielt, so daß wir jeden Einzelnen in der dichten Versammlung sehen und von ihm gesehen werden konnten. Die ganze Schiffsmannschaft bis zum schwarzen Koch war schon vor uns angekommen, eine weitere Artigkeit, die ich nicht verfehlte, durch die gebührenden Verbeugungen gegen alle anwesende Mitglieder gehörig anzuerkennen. Nachdem die ersten Eindrücke der Lust und des Staunens etwas vorüber waren, hatte ich Zeit, mich umzusehen und einen Ueberblick über die Gesellschaft zu bekommen. Die Akademiker nahmen die ganze Ausdehnung der Rotunde ein, mit alleiniger Ausnahme des durch die Errichtung unsrer temporären Tribüne weggenommenen Raums; in den äußeren Kreisen und längs der Seitenwände der Halle waren Sopha, Stühle, Tribunen und Bänke für die Zuschauer. Da das Gebäude selbst sehr groß war, und durch den Geist die Materie in der Monikins-Art sehr vermindert wird, konnten nicht weniger, als 50.000 Schweife gegenwärtig sein. Kurz ehe die Feierlichkeiten begannen, näherte sich Dr. Raisono unserer Tribüne, und ging von Einem zum Andern, etwas Angenehmes und Ermuthigendes einem Jeden sagend, wodurch er hohe Erwartungen in uns allen von dem, was folgen würde, erregte. Wir waren so außerordentlich geehrt und ausgezeichnet, daß ich große Mühe hatte, jedes unwürdige Gefühl des Stolzes, als menschlicher Demuth widerstrebend, niederzukämpfen und einen philosophischen Gleichmuth bei den Aeußerungen von Achtung und Dankbarkeit zu behaupten, die, wie ich wußte, selbst über den Geringsten von uns verschwendet werden sollten. Der Doktor war noch in der Mitte seiner zierlichen Aufmerksamkeiten, als des Königs ältester erster Vetter eintrat und die Verhandlungen der Versammlung alsbald begannen. Ich benutzte jedoch eine kurze Pause, um einige Worte zu meinen Gefährten zu sprechen. Ich sagte ihnen, bald werde ihre Bescheidenheit auf eine ernsthafte Probe gestellt werden. Wir hätten eine große, edle Unternehmung ausgeführt, und es schicke sich nicht, ihr Verdienst dadurch zu mindern, daß wir eine eitle, ruhmsüchtige Selbstschätzung an den Tag legten. Ich bat sie alle, mich zum Muster zu nehmen, und versprach ihnen, zuletzt würden ihre neuen Freunde dreifach ihre Kühnheit, Selbstverläugnung und Geschicklichkeit hochschätzen.

Ein neues Mitglied der Akademie der latenten Sympathie’n sollte aufgenommen und eingesetzt werden. Eine lange Rede wurde von einem von diesem Departement der Monikins-Gelehrsamkeit vorgelesen, die die seltenen Verdienste des neuen Akademikers andeutete und erhob. Ihm folgte dieser, der in einem sehr ausgearbeiteten Produkt, dessen Lesen gerade 55 Minuten wegnahm, alles Mögliche versuchte, um zu beweisen, daß der Tod seines Vorgängers ein Verlust für die Welt gewesen, den kein Zufall, keine Bemühung wieder gut machen könnte; und daß er gerade der Geringste gewesen, der zu seinem Nachfolger hätte ausersehen werden können. Ich war ein wenig über die vollkommene Kälte erstaunt, mit welcher die gelehrte Versammlung einen Vorwurf anhörte, der so unumwunden und, so zu sagen, standhaft, ihr gerade zu an die Stirn geworfen ward. Aber eine genauere Bekanntschaft mit der Monikins-Gesellschaft überzeugte mich, daß Jeder, was er nur sagen wollte, sagen konnte, so lange er übrigens zugäbe, daß jeder Andere sonst ein herrlicher Bursche und er der ärmste Teufel auf der Welt wäre. Als das neue Mitglied seinen Satz siegreich begründet hatte, und ich gerade glaubte, seine Collegen würden sich nach dem gewöhnlichen Ehrgefühl für verbunden errachten, ihr Votum noch ein Mal zu überlesen, schloß er und nahm seinen Sitz unter ihnen ganz mit derselben stolzen Sicherheit als der beste Philosoph von ihnen allen ein.

Nach einer kurzen Pause und einer Fluth von Glückwünschen für seine vortreffliche und sich selbst herabwürdigende Rede, erhob sich das neuzugelassene Mitglied noch ein Mal und begann einen Versuch über einige Entdeckungen zu lesen, die er in der Wissenschaft der latenten Sympathien gemacht hatte. Nach seiner Ansicht von der Sache besaß jeder Monikin ein Fluidum, unsichtbar, wie die Thierchen, die alles Wesen durchdringen, das nur beschworen und unter strengere Gesetze gebracht zu werden brauchte, um Stellvertreter für die Sinne des Gesichts, Gefühls, Geschmacks, Gehörs und Geruchs zu werden. Dieses Fluidum wäre mittheilbar, und schon in so weit dem Willen unterworfen worden, daß es zum Sehen im Dunkeln, zum Riechen bei’m Schnupfen, zum Schmecken bei verdorbenem Gaumen und zum Fühlen durch Stellvertretung gebraucht worden. Ideen wären vermittelst seiner zweiundsechszig Meilen in einer und einer halben Minute fortgepflanzt worden. Zwei Monikins mit kranken Schweifen seien während der letzten zwei Jahre isolirt und mit diesem Fluidum gesättigt worden, hätten dann durch Operation diese Zierrathen zwar verloren, es sei aber eine Quantität dieses Fluidums so glücklich an deren Stelle getreten, daß die Patienten sich mehr als jemals ausgezeichnet glaubten durch die Länge und Feinheit eben dieser Schweife. Auch mit einem Gliede des Unterhauses des Parlaments sei ein glücklicher Versuch gemacht worden; es sei mit einer Monikin von ungewöhnlichem Geist verheirathet gewesen, und habe sich lange Zeit mit Ideen von ihr auf diese Weise versehen, obgleich seine Gemahlin habe zu Haus bleiben müssen, um das Hauswesen zu leiten, und zwar zweiundvierzig Meilen von der Stadt und während der ganzen Sitzung. Er empfahl ganz besonders der Regierung die Beförderung dieser Wissenschaft, da sie sehr dienlich sein könnte, um Beweise bei der Rechtspflege zu erhalten, bei Entdeckung von Verschwörungen, bei Einsammeln der Steuern und bei der Wahl von Bewerbern für wichtige, mit großer Verantwortung verknüpfte Aemter. Diese Darlegung wurde von des Königs Vetter wohl aufgenommen, besonders jene Theile, die Revolution und Einkünfte betrafen.

Dieser Versuch wurde auch von den Gelehrten wohl aufgenommen, denn ich erfuhr später, daß sehr wenig der Akademie unrecht kam, und alsbald ernannten die Mitglieder ein Comitee um »die Thatsachen in Hinsicht unsichtbarer unbekannter Fluida, ihre Wirkung, Wichtigkeit und Beziehungen zu der monikin’schen Glückseligkeit« zu untersuchen.

Zunächst wurden wir mit einer Diskussion über die verschiedenen Bedeutungen des Worts »gorstchwzyb« beglückt, welches in unsern Sprachen etwa he! bedeutet. Der berühmte Philolog, der den Gegenstand behandelte, zeigte erstaunenden Scharfsinn, indem er sich über dessen Verzweigungen und Ableitungen ausließ. Zuerst versuchte er die Buchstaben durch Versetzung, wodurch er siegend bewies, daß das Wort von allen Sprachen der Alten abgeleitet sei; derselbe Versuch zeigte, daß es viertausend und zwei verschiedene Bedeutungen habe. Er philosophirte dann sehr geschickt und umfassend zehen Minuten lang, vorwärts und rückwärts, kein andres Wort, als dieses, gebrauchend, und zwar immer in einem verschiedenen Sinn; worauf er in der Controverse feststellte, daß dieser wichtige Theil der Rede so nützlich sei, daß er dadurch unnütz werde, und mit dem Vorschlag schloß, dem die Akademie durch Zuruf beitrat, daß er für immer und sogleich aus dem Springhoch-Wörterbuch getilgt werden sollte. Da der Vorschlag durch Zuruf durchging, erhob sich des Königs Vetter und erklärte, daß dem Schriftsteller, der sich so weit gegen den guten Geschmack verfehlen und künftig das verurtheilte Wort gebrauchen würde, zwei Zoll vom Ende seines Schweifs abgeschnitten werden sollten. Ein Schaudern unter den Damen, die, wie ich später erfuhr, ihre Schweife so hoch zu tragen liebten, wie unsre Weiber die Köpfe, zeugte von der Strenge des Beschlusses.

Ein erfahrnes und, wie’s schien, sehr geachtetes Mitglied erhob sich jetzt, folgenden Vorschlag zu machen. Er sagte, es sei bekannt, daß die Monikins-Raçe sich schnell der Vollkommenheit nähere; daß das Zunehmen des Geistes und die Abnahme der Materie zu augenscheinlich sei, um einen Zweifel zuzulassen, daß er für sich seine physischen Kräfte sich täglich mindern fühlte, während seine geistigen neue Klarheit und Stärke erlangten; er könne nicht länger sehen ohne Brille, nicht hören ohne Hörnchen, oder schmecken ohne starke Gewürze; aus allem diesen schließe er, daß sie sich einer wichtigen Veränderung näherten, und er wünsche, daß ein Theil der Wissenschaft der latenten Sympathie’n, die mit den unbekannten Fluidis verbunden sei und eben behandelt worden, einer Commitee des Ganzen überwiesen würde, um eine Vorkehrung für die Bedürfnisse einer Zeit zu treffen, wo die Monikins endlich ihre Sinne verlieren würden. Es war gegen einen so annehmbaren Vorschlag nichts einzuwenden, und er ward nemine contradicente mit Ausnahme Einiger in der Minorität angenommen.

Es entstand nun viel Lispeln, viel Wedeln mit den Schweifen, und andres Vieles, daß das Hauptgeschäft der Versammlung jetzt vorgenommen werden sollte. Aller Augen waren auf Dr. Raisono gewandt, der nach einer gehörigen Pause eine für feierliche Gelegenheiten bereitete Tribune betrat und seine Rede begann.

Der Philosoph, der nach auswendig gelernter Rede aus dem Stegreif sprach, begann mit einem schönen und sehr beredten Anruf an die Gelehrsamkeit, an den Enthusiasmus, der in der Brust eines jeden ihrer wahren Verehrer glüht, und sie gleich unempfindlich für ihre persönliche Ruhe, ihr zeitliches Interesse, für Gefahr, Leiden und Beschwerden des Geistes macht. Nach diesem Eingang, den man wegen seiner Einfachheit und Wahrheit für einzig erklärte, ging er ohne Weitres zur Geschichte seiner neulichen Abentheuer über.

Erst anspielend auf den bewundrungswürdigen Gebrauch von Springhoch, der die Erprobungsreise vorschreibt, sprach unser Philosoph, wie er erkoren worden, um Mylord Chatterino bei einer für seine künftigen Hoffnungen so wichtigen Gelegenheit zu begleiten. Er hielt sich bei den materiellen Vorkehrungen, dem vorausgegangenen Studium und all den moralischen Hülfsmitteln auf, die er bei seinem Zögling angewandt hatte, ehe sie die Stadt verließen, welches alles dem Zweck wohl angepaßt sein mußte, da er beständig von Beifallsgemurmel unterbrochen ward. Nachdem er sich einige Zeit bei diesen wichtigen Punkten aufgehalten, hatte ich endlich die Freude, ihn, Mademoiselle Lynx und ihre zwei Mündel in allem Ernst eine Reise antreten zu sehen, welche, wie er richtig bemerkte, so reich sein sollte an Begebenheiten von der größten Wichtigkeit sowohl für die Wissenschaft überhaupt, als für das Glück der einzelnen Raçen und einiger hoch interessanten Zweige des Monikin’schen Wissens insbesondre. Ich sage die Freude; denn, die Wahrheit zu gestehen, ich war begierig, die Wirkungen zu sehen, die auf das Monikin’sche Mitgefühl hervorgebracht werden würde, wenn er von meinem eignen Scharfsinn in Entdeckung ihres wahren Charakters unter Schande und Schmach sprechen wurde, in welcher ich sie zu finden so glücklich gewesen, von dem schnellen Eifer, womit ich zu ihrer Erlösung geschritten, und der Freigebigkeit und dem Muth, mit denen ich Mittel herbeigeschafft und den Gefahren getrotzt, um sie ihrem Vaterland wieder zu geben. Die Voraussicht dieses menschlichen Triumphs konnte nichts anders, als allgemeine Freude in unsrer Tribüne verbreiten; selbst die gemeinen Matrosen, wenn sie sich die Gefahren zurückriefen, die sie bestanden, fühlten das Bewußtsein, diesen Lohn zu verdienen, verbunden mit dem sänftigenden Gefühl, das immer im Geleite desselben ist. Als der Philosoph der Zeit näher kam, wo er nothwendig von uns sprechen mußte, warf ich einen triumphirenden Blick auf Lord Chatterino, der jedoch die beabsichtigte Wirkung verfehlte, indem der junge Pair zu seinen edlen Gefährten zu lispeln fortfuhr mit eben der Wichtigkeit von sich selbst und eben der Kälte, als wenn er nicht einer von den erlös’ten Gefangenen gewesen.

Dr. Raisono war mit Recht unter seinen Kollegen wegen seines Scharfsinns und seiner Beredtsamkeit berühmt. Die herrliche Moral, die er bei jeder Gelegenheit mit seinem Gegenstand verflocht, die Schönheit der Bilder, womit er sie erläuterte, und die männliche Tendenz seiner Beweisführung erfüllten die Versammlung allgemein mit Entzücken. Die Erprobungsreise wurde als das dargestellt, was sie nach den Vätern und Weisen von Springhoch hatte sein sollen, eine Erprobung voll von Ermahnungen und Belehrung. Die Alten und Erfahrnen, die durch die Zeit hart geworden, konnten ihre Lust nicht verbergen, die Reiferen und Leidenden sahen ernst und bedächtig drein, während die Jüngern und Sanguinischen etwas zitterten und ein Mal zweifelten. Aber da der Philosoph seine Pflegbefohlne heil und sicher von Abhang zu Abhang führte, da Felsen erstiegen und verführerische Thäler vermieden wurden, fing ein Gefühl der Sicherheit an, sich über die Versammelten zu verbreiten, und wir alle folgten ihm zum letzten Versuch unter dem Eis mit jenem blinden Vertrauen, welches der Soldat mit der Zeit zu den Befehlen eines erprobten und siegreichen Generals erhält.

Der Doktor war sehr malerisch in seiner Erzählung von der Art, wie er und seine Mündel sich diesen neuen Erprobungen überließen. Die liebliche Chatterissa (denn alle seine Reisegefährten waren anwesend) neigte seitwärts ihr Haupt und erröthete, als der Philosoph darauf anspielte, wie die reine Flamme, die in ihrem liebreichen Busen glühte, dem erstarrenden Einfluß dieser kalten Regionen widerstand, und als er eine heiße Erklärung erwähnte, die Mylord Chatterino mitten auf einem Eisfeld gemacht, und dann die gütige, liebreiche Antwort seiner Herrin hinzufügte, – dachte ich, der Beifall der alten Akademiker würde wirklich den gewölbten Dom über unsre Häupter krachend herunter bringen.

Endlich erreichte er den Punkt in der Erzählung, wo die lieblichen Wandrer auf die Seehundsjäger auf jener unbekannten Insel trafen, auf welche Zufall und ein Mißgeschick sie unglücklicher Weise auf ihrer Pilgerfahrt geführt hatte. Ich hatte insgeheim Maßregeln getroffen, Poke und meine übrigen Gefährten über die Art zu belehren, wie wir uns benehmen sollten, während der Doktor die Akademie mit jener ersten Beleidigung der Menschengier bekannt machte, nämlich mit der Gefangennehmung seiner selbst und Freunde. Wir sollten mit einem Male aufstehen und, unser Gesicht ein wenig auf die Seite wendend, unsre Augen zum Zeichen der Scham mit der Hand bedecken. Weniger als dies, sah ich ein, konnte kaum geschehen, ohne eine ungehörige Gleichgültigkeit gegen Monikins-Rechte zu verrathen, und mehr, als dies, hätte uns mit den besondern Individuen auf gleiche Stufe gestellt, die diese Unthat begangen. Aber die Gelegenheit kam nicht, diese zarte Aufmerksamkeit unsern gelehrten Gastfreunden zu erzeigen. Der Doktor, mit einer Feinheit des Gefühls, die in der That der Monikin’schen Civilisation Ehre machte, gab der ganzen Sache eine scharfsinnige Wendung und entfernte mit einem Male alle Ursache der Scham von unsrer Gattung, indem er, wenn irgend Jemand zu erröthen hatte, durch einen edlen Akt der Uneigennützigkeit die ganze Last sich selbst aufbürdete. Statt bei der unbarmherzigen Art zu verweilen, wie er und seine Freunde gefangen worden, benachrichtigte der Doktor sehr ruhig seine Zuhörer, daß, da er sich zufälliger Weise in Contakt mit einer andern Art gefunden, und die Mittel, wichtige Entdeckungen zu betreiben, unerwartet in seine Macht gegeben worden, er, wohl wissend, wie es schon längst ein Desideratum bei den Gelehrten gewesen, einen nähern Blick und richtigere Begriffe von der menschlichen Gesellschaft zu erhalten, und in der Meinung, er habe einige Vollmacht in Hinsicht seiner Mündel, so wie in Kenntniß gesetzt davon, daß die Einwohner von Springniedrig, einer Allen verhaßten Republik, ernstlich vom Aussenden einer Expedition zu eben diesem Zweck sprächen, – er also aus allen diesen Gründen sich schnell entschlossen, von den Umständen Nutzen zu ziehen, die Erforschung, so weit seine Kräfte gingen, zu betreiben und Alles für die Sache der Wissenschaft und Wahrheit zu wagen, indem er sogleich das Fahrzeug der Robbenfänger in Besitz nähme und ohne Furcht vor den Folgen, ohne Weitres mitten in die Menschenwelt steuerte.

Ich habe mit Staunen den Donner der Tropenländer angehört, – ich hab‘ den Athem angehalten, als die Geschütze einer Flotte ihr Feuer ausspieen und die Luft durch plötzliche Erschütterung zerrissen, – ich habe das Brüllen des stürzenden Stroms von Kanada gehört und staunend dagestanden bei dem Krachen eines Waldes im Wirbelwind, – aber nie vorher fühlte ich ein solch lebenerregendes, so ergreifendes Gefühl von Staunen, Furcht und Theilnahme, als das war, das sich in mir bei dem Ausbruch von Lob und Entzücken regte, womit diese Erklärung von Selbstaufopfrung und Unternehmungsgeist von den Zuhörern aufgenommen ward. Schweife wedelten, Pfötchen drückten sich in Begeistrung, Stimme lispelte zu Stimme, und ein allgemeiner Ausruf der Freude, des Enthusiasmus und Ruhms ertönte bei diesem Beweis, nicht von Monikin’schem, denn das würde den Triumph weggefröstelt haben, sondern von Springhoch’schem Muthe.

Während des Geschreis nahm ich Gelegenheit, meine Freude über die schöne Art auszudrücken, wie unser Freund, der Doktor, über eine anerkannte menschliche Vergehung hinausgegangen, so wie über den Scharfsinn, womit er das Ganze der unseligen Begebenheit zum Ruhm von Springhoch gewandt hatte. Noah antwortete, der Philosoph habe sicher Kenntniß von der Menschen-Natur und er denke, auch der Monikin’schen Natur in dieser Sache gezeigt; Niemand würde jetzt seine Erzählung bestreiten, da, wie er aus Erfahrung wisse, Niemand so leicht als ein Lügner dastehe, als der, der die gute Meinung zu untergraben unternehme, welche eine Gemeinde oder ein Einzelner von sich selbst hege. So wär’s in Stonington, und so auch wohl in Neu-York und, er getraue sich es zu behaupten, auf der ganzen Erde von einem Pol zum andern. Er wünsche jedoch eine Privatunterrednng von einigen Minuten mit dem Robbenfänger zu haben, um seine Erzählung von der Sache zu hören; er wisse nicht, ob ein Schiffseigenthümer in der Welt einen Kapitän sich gefallen lassen würde, der seine Reise auf solche Weise unter keiner bessern Sicherheit, als die Promessen eines Affen, aufgäbe, und zwar eines Affen, der ihm nothwendig ganz fremd sein müßte.

Als der Lärm des Beifalls ein wenig nachgelassen, fuhr Dr. Raisono in seiner Erzählung fort. Er berührte leichthin die Bequemlichkeiten in dem Schooner, welcher, wie er uns merken ließ, ganz und gar unter dem Rang seiner Reisenden gewesen, und fügte dann hinzu, wie er ein größeres und schöneres Schiff getroffen, das von Bombay nach Großbritanien gefahren, und die Gelegenheit benutzt hätte, die Fahrzeuge auszutauschen. Dieses Schiff habe auch die Insel Helena berührt, wo, nach des Doktors Bericht von der Sache, er Mittel gefunden, den größeren Theil einer Woche am Land zuzubringen.

Von der Insel St. Helena gab er eine lange wissenschaftliche und allerdings sehr interessante Nachricht. Die menschlichen Gelehrten, sagte er, gäben sie für vulkanisch aus; aber eine genauere Untersuchung und Vergleichung der geologischen Formation hätte ihn gänzlich überzeugt, daß ihre alte eigne Nachricht, die sich in den mineralogischen Werken von Springhoch befinde, die wahre sei, oder mit andern Worten, daß dieser Fels ein Bruchstück der Polarwelt wäre, der bei dem großen Durchbruch weggetrieben und von der übrigen Masse an dieser Stelle getrennt worden, wo er gefallen und ein Punkt im Ocean geworden sei. Hier brachte der Doktor gewisse Muster von Felsen vor, die er den anwesenden Gelehrten überließ, ihre Aufmerksamkeit auf deren Charakter richtete, und mit großem mineralogischen Vertrauen fragte, ob sie nicht ganz und gar einer wohlbekannten Grundlage von einem Berg, zwei Meilen gerade von dem Ort, wo sie sich jetzt befänden, glichen. Dieser siegende Beweis für die Wahrheit seines Satzes wurde mit Bewundrung aufgenommen, und der Philosoph noch besonders durch das Lächeln aller anwesenden Frauen belohnt; denn Damen sind gewöhnlich mit jeder Beweisführung wohl zufrieden, die ihnen die Mühe des Vergleichens, des Nachdenkens erspart.

Ehe er diese Seite seines Gegenstandes verließ, bemerkte der Doktor, daß, so interessant auch diese Beweise von der Genauigkeit ihrer Geschichten und der Umwälzungen in der unbelebten Natur wären, so sei doch noch etwas Andres mit Helena verknüpft, welches, wie er gewiß wäre, eine lebhafte Rührung in der Brust aller seiner Zuhörer erregen würde. Zur Zeit seines Besuchs sei die Insel zum Gefängniß für einen großen Erobrer und Störer seiner Mitgeschöpfe ausgewählt gewesen, und die öffentliche Aufmerksamkeit durch diesen Umstand sehr auf die Stelle gezogen worden, indem wenige Menschen dorthin kämen, die nicht alle ihre Gedanken durch die vergangenen Thaten und die jetzigen Schicksale des genannten Individuums in Anspruch nehmen ließen. Er freilich, für ihn wäre nicht viel Anziehendes in allen Begebenheiten, die mit blos menschlicher Größe verbunden seien, indem die kleinen Kämpfe und Störungen in dieser Gattung nur wenig Interesse für einen Anhänger der Monikin’schen Philosophie hatten; aber die Art, wie Aller Augen nach einer Seite gerichtet gewesen, habe ihm Freiheit im Handeln gelassen, und er sie eifrig auf eine Weise benutzt, die, wie er bescheiden hoffe, nicht ganz unwürdig ihrer Billigung gehalten werden würde. Während er unter den Klippen nach Mineralien gesucht, wäre seine Aufmerksamkeit auf gewisse Thiere gezogen worden, die in der Sprache jener Länder Affen genannt würden und, nach einer sehr in die Augen fallenden Verwandtschaft in ihrem physischen Wesen, wohl mit Recht als von gemeinsamem Ursprung mit den Monikins-Arten gehalten werden könnten. Die Akademie werde leicht sehen, wie wünschenswerth es wäre, all die interessanten Einzelheiten über ihre Gewohnheiten, Sprache, Sitten, Ehe, Begräbniß, religiöse Meinungen und Ueberlieferungen, so wie über den Zustand der Gelehrsamkeit und die allgemeine moralische Lage dieses interessanten Volkes zu erfahren, um sich zugleich zu versichern, ob sie nur eine von jenen Mißgeburten wären, welche die Natur bekanntlich zuweilen erzeugt, und die nur die äußre Gestalt von ihrer eignen Gattung hätten, oder ob, wie verschiedene ihrer beßten Schriftsteller annehmlich dargethan, sie wirklich ein Theil jener wären, die sie als die »verlornen Monikins« zu bezeichnen pflegten. Es sei ihm gelungen, Zugang zu einer Familie dieser Wesen zu erhalten und einen ganzen Tag bei ihnen zuzubringen. Das Ergebnis seiner Forschungen wäre, daß sie wirklich von der Monikins-Familie seien, und viel von dem Scharfsinn und den geistigen Begriffen ihres Ursprungs behalten hätten; aber ihr Verstand sei traurig abgestumpft, und vielleicht ihre vervollkommnungsfähigen Eigenschaften durch den Stoß der Elemente vernichtet, die sie hinausgestoßen hätten über die Oberfläche der Erde hin, hauslose, hoffnungslose, landlose Wandrer. Die Verschiedenheiten des Klimas und eine große Aendrung in ihren Gewohnheiten hätte freilich auch einige physische Veränderungen hervorgebracht; aber es bleibe immer noch eine hinlängliche scientivische Identität, um sie als Monikins zu erweisen. Sie hätten selbst noch in ihren Ueberlieferungen einige Spuren von der schrecklichen Katastrophe, wodurch sie von ihren übrigen Mitgeschöpfen getrennt worden, aber sie wären nothwendiger Weise vage und ohne Ergebniß. Nachdem er noch mehreres Andre, mit diesen außerordentlichen Thatsachen Verbundenes berührt hatte, schloß der Doktor mit den Worten, er sehe nur einen Weg, wie diese Entdeckung, außer dem Beweis für die Wahrheit ihrer Annalen, noch zu einem praktischen Urtheil führen könnte. Er deutete auf den Nutzen hin, Expeditionen auszurüsten, um zu diesen Inseln zu fahren und eine Anzahl Familien zu ergreifen, welche dann, nach Springhoch gebracht, eine Raçe nützlicher Diener begründen könnten und, während sie sich weniger lässig, als die erwiesen, welche alle Kenntniß der Monikins besäßen, wahrscheinlich verständiger und nützlicher erfunden würden, als irgend ein Hausthier, das sie jetzt hätten. Diese glückliche Nutzanwendung des Gegenstands fand entschiedene Empfehlung. Ich bemerkte, wie die meisten ältlichen Frauen sogleich die Köpfe zusammensteckten und sich einander über die Aussicht Glück zu wünschen schienen, bald von ihren Sorgen für das Haus sich befreit zu sehen.

Doktor Raisono sprach dann von seiner Abreise von St. Helena und endlichen Landung in Portugal. Hier miethete er, nach seiner Erzählung, gewisse Savoyarden. um ihm als Kouriere und Führer auf einer Tour zu dienen, die er durch Portugal, Spanien, die Schweiz, Frankreich u.s.w. zu machen beabsichtigte. Ich hörte voll Bewunderung. Nie in meinem Leben hatte ich einen so lebhaften Begriff von dem ungeheuren Unterschied, der in unsrer Ansicht von Sachen durch die Einwirkung einer thätigen Philosophie hervorgebracht wird, als mir jetzt durch die Erzählung des Sprechenden ward. Statt sich über die empfangene Behandlung und die Erniedrigungen zu beklagen, denen er und seine Gefährten ausgesetzt gewesen, sprach er von Allem als einer freiwilligen Unterwerfung seiner Seits unter die Gewohnheiten der Länder, in denen er sich gerade befand, und wie von Mitteln, um tausend wichtige Thatsachen, moralische und physische, zu begründen, die er sich vornehme, zu einer andern Zeit in einer besondern Schrift der Akademie vorzulegen. Jetzt werde er durch die Uhr zu schließen ermahnt, und wolle daher seine Erzählung so sehr, wie möglich, beschleunigen.

Der Doktor gestand mit großer Aufrichtigkeit, daß er gerne noch ein Jahr oder zwei länger in diesen fernen und hochinteressanten Ländern zugebracht hätte; aber er hätte nicht vergessen dürfen, daß er eine Pflicht gegen die Freunde von zwei edlen Familien zu erfüllen gehabt. Die Erprobungsreise sei unter den günstigsten Auspicien vollendet gewesen, und die Damen natürlich ängstlich geworden, nach Hause zurückzukehren; sie seien daher nach Großbritanien übergegangen, ein durch seine Seeunternehmungen merkwürdiges Land, wo er alsbald die nöthigen Vorkehrungen zu ihrer Abreise getroffen. Ein Schiff habe man sich unter dem Versprechen verschafft, es frei von Zoll mit Produkten von Springhoch befrachten zu lassen. Tausend Bewerbungen um Erlaubniß, die Fahrt mitzumachen, seien ihm zugekommen, da die Eingebornen natürlich wünschten, ein civilisirtes Land zu sehen; aber die Klugheit habe ihm gerathen, nur die anzunehmen, welche am wahrscheinlichsten nützlich werden zu können schienen. Der König von Großbritanien, kein geringer Fürst nach menschlicher Berechnung, hätte seinen einzigen Sohn und muthmaßlichen Thronerben seiner Sorgfalt überlassen, um sich durch Reisen zu vervollkommnen; und der Lord Ober-Admiral selbst habe um Erlaubniß gebeten, den Befehl über eine Expedition zu übernehmen, die von so großer Wichtigkeit für die Wissenschaft im Allgemeinen und seinen eignen Stand im Besondern wäre.

Hier stieg Dr. Raisono auf unsre Bühne, und stellte Bob der Akademie als den Kronprinzen von Großbritanien und den Kapitain Poke als dessen Lord Ober-Admiral vor. Er deutete auf gewisse Besonderheiten an dem Erstern hin, besonders auf den Schmutz, der so ziemlich mit seiner Haut verwachsen war, und erklärte sie für eben so viele Zeichen der königlichen Geburt; dann hieß er den Jungen sich ausziehen und zog die Unionsjacke hervor, die der Bursche sorgfältig an seiner Hinterseite als Schutzmittel trug, und stellte sie als sein Wappen dar, eine Verwechslung in ihrem Gebrauch, die nicht so weit fehlgeschossen hätte, wenn er nur einen andern Theil dafür angenommen. Was Kapitän Poke betrifft, so forderte er die Akademiker auf, sein nautisches Ansehn zu studiren, das im Allgemeinen einen hinlänglichen Beweis von seiner Beschäftigung und dem gewöhnlichen Ansehn menschlicher Seeleute gäbe.

Dann zu mir gewandt, ward ich allen Anwesenden als der Reisebegleiter und persönliche Diener Bob’s dargestellt, doch nach meiner Art als eine sehr ehrenwerthe Person. Er fügte bei, er glaube auch, ich gebe mich für den Entdecker von so etwas wie ein sociales Anhaltspunkt-System aus, welches, wie er denke, eine sehr rühmliche Entdeckung für einen von meinem Stande wäre.

Durch diesen schnellen Wechsel der Stände hatte ich wirklich mit dem Schiffsjungen die Plätze getauscht, welcher, statt mir aufzuwarten, künftig diese kleine Aufmerksamkeit von mir erhalten sollte. Die Steuermänner wurden als zwei Unteradmirale dargestellt, und die Schiffsmannschaft als Kapitäne in der Flotte von Großbritanien. Kurz, den Zuhörern wurde zu verstehen gegeben, daß wir alle nach Springhoch wie die Mineralien von St. Helena gebracht worden, als Muster und Exemplare von den Menschengattungen.

Ich kann nicht läugnen, Dr. Raisono hatte sich und seine Thaten sowohl, als mich und die meinigen in einem von dem sehr verschiedenen Lichte dargestellt, in welchem ich Alles betrachtete, und doch, bei näherem Ueberlegen, schien es mir so gewöhnlich, daß wir uns für etwas Anderes halten, als die Andern uns ansehen, daß ich im Ganzen mich nicht so sehr über seine Darstellungen beklagen konnte, als ich im Anfang es thun zu müssen geglaubt hatte. Auf jeden Fall hatte man mir vollkommen die Nothwendigkeit, über meine Großmuth und Uneigennützigkeit zu erröthen, erspart, und sonst auch hatte ich nicht das Unangenehme, daß meine Person durch die Seltenheit der erworbenen Verdienste zu sehr die Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich muß indeß doch sagen, daß ich erstaunt und auch ein wenig unwillig war. Aber die plötzliche und unerwartete Wendung, die der ganzen Sache gegeben worden, warf mich so gänzlich aus aller Fassung, daß ich, für mein Leben, nicht ein Wort für mich hätte vorbringen können. Es noch schlimmer zu machen, nickte der Affe Chatterino mir freundlich zu, als wolle er den Zuschauern zeigen, daß er im Ganzen mich für einen recht guten Burschen halte.

Nachdem die Vorlesung vorüber war, näherte sich uns die Versammlung, um uns zu untersuchen; sie nahm sich viele große liebenswürdige Freiheiten mit unsern Personen, und zeigte sonst auf alle Arten, daß man uns für Seltenheiten, die des Studiums würdig wären, halte. Des Königs Vetter selbst vernachlässigte uns nicht; er ließ der Versammlung verkünden, wir wären ganz willkommen in Springhoch, und aus Achtung vor Doktor Raisono wurden wir alle für die ganze Zeit unsres Aufenthalts im Lande zu Ehren-Monikins erhoben. Er ließ auch bekannt machen, wenn die Jungen uns auf der Straße beleidigten, sollten ihnen die Schweife mit Brenneisen gelockt werden. Der Doktor selbst wurde zu den höchsten akademischen Würden, die je ein Gelehrter von Springhoch erlangt, feierlichst erhoben.

Endlich war die Neugier befriedigt, und wir durften die Tribüne verlassen; die Gesellschaft schenkte uns keine Aufmerksamkeit mehr, um sich blos einander zu betrachten. Da ich jetzt Zeit hatte, mich zu fassen, verlor ich keinen Augenblick, nahm die zwei Steuerleute bei Seite und schlug ihnen vor, wir wollten allegesammt zu einem Notar gehen, um Protest gegen die unerklärbaren Irrthümer einzulegen, in welche Doktor Raisono verfallen war, wodurch die Wahrheit verletzt, den Rechten dieser Personen zu nahe getreten, die Menschheit entehrt, die Springhocher Philosophie irre geleitet worden. Ich kann nicht sagen, daß meine Gründe gut aufgenommen wurden; ich war genöthigt, die beiden Unteradmirale zu verlassen und die Schiffsmannschaft aufzusuchen, da ich daran dachte, daß ich diese ja erkauft. Ein Aufruf an die arglosen, freimüthigen, loyalen Naturen der gemeinen Seeleute, dachte ich, würde unfehlbar von mehr Erfolg sein. Auch hier sollte ich mich täuschen. Die Leute stießen ein paar schwere Flüche aus, und schwuren: Springhoch sei ein gutes Land. Sie erwarteten, wie natürlich, Sold und Rationen nach ihrem neuen Rang, und da sie die Süßigkeiten des Befehlens geschmeckt, fanden sie sich noch nicht in der Lage, mit ihrem guten Geschick zu streiten und die Silberschüssel für den Theertopf wieder wegzulegen.

Ich verließ die Schelme, deren Köpfe in der That durch ihre unerwartete Erhebung verrückt worden schienen, und beschloß Bob aufzusuchen, um vermittelst Poke’s gewöhnlicher Applikation ihn wenigstens, trotz der Unionsjacke, zum Gefühl seiner Pflicht zurück zu bringen und ihn zu nöthigen, seinen alten Posten als Diener meiner Bedürfnisse wieder anzutreten. Ich fand den kleinen Schelm mitten unter einem Schwarm von Monikins-Weibchen von allen Altern, die ihre Aufmerksamkeiten an seiner unwürdigen Person verschwendeten und überhaupt alles thaten, was sie konnten, um alle Demuth und was sonst von guten Eigenschaften noch in ihm sich vorfinden mochte, vollständig auszumerzen. Er gab mir in der That eine gute Gelegenheit, den Angriff anzufangen; denn er trug die Unionsjacke über seinen Schultern wie einen königlichen Mantel, während die Weibchen von niederm Rang sich um ihn drängten, den Saum davon zu küssen. Die Art, wie er diese Schmeichelei annahm, machte selbst auf mich Eindruck, und aus Furcht, die Monikinerinnen möchten mich steinigen, wenn ich versuchen würde, sie zu enttäuschen, – denn sie, sie mögen von welchem Rang sein, als sie wollen, hassen immer den Betrug, – gab ich meine feindseligen Absichten für den Augenblick auf und eilte Noah Poke nach, wenig zweifelnd, einen Mann von seiner angebornen Rechtlichkeit zur Vernunft zu bringen.

Der Kapitän hörte meine Vorstellungen mit geziemender Achtung an, er schien selbst meine Gefühle mit dem gehörigen Grad von Theilnahme zu erwiedern; er gab sehr freimüthig zu, daß ich von Doktor Raisono nicht gut behandelt worden, und schien zu denken, eine Privatunterredung mit ihm könnte ihn noch zu einer vernünftigeren Darstellung der Thatsachen bringen; aber in Betreff jedes plötzlichen und gewaltsamen Anrufs der öffentlichen Gerechtigkeit oder eines übelberathenen Zuhilfrufens eines Notars zeigte er große Abneigung. Der Inhalt seiner Einwürfe war etwa folgender:

»Er kenne nicht die Protestgesetze von Springhoch, und folglich könnten wir unser Geld für Gebühren ausgeben, ohne einigen Vortheil davon zu erlangen; der Doktor ferner sei ein Philosoph und habe alle mögliche gelehrte Titel, und gegen solche Sachen sei in jedem Lande schwer zu kämpfen, besonders in der Fremde. Er habe einen angebornen Widerwillen gegen Processe, der Verlust meines Ranges wäre freilich ein Schaden, aber man könne ihn noch ertragen; er habe nie das Amt eines Lord Großadmirals von Großbritanien begehrt, da es ihm aber zugewiesen worden, werde er Alles thun, diesen Charakter zu behaupten; er wisse, seine Freunde in Stonington würden erfreut sein, seine Beförderung zu vernehmen; denn wenn auch in seinem Vaterland keine Lords und selbst keine Admirale wären, hätten doch seine Landsleute immer große Freude, wenn einer von ihnen durch jemand anders, als sie, zu diesem Rang erhoben würde, indem sie die Einem übertragene Ehre für eine der ganzen Nation erwiesene anzusehen schienen; er liebe, seiner Nation Ehre zu machen, denn kein Volk der Erde habe Begriffe davon und theile sie besser unter sich, so daß jeder seinen Theil bekäme, als die Vereinigten Staaten; jedoch seien sie sehr vorsichtig, einige Ehrerweisung in den ersten Händen zu lassen, und so sei er entschlossen, so viel davon zu behalten, als nur möglich, so lange sie in seiner Macht wäre; er halte sich für einen bessern Seemann, als die meisten Lords Großadmirale, die ihm vorausgegangen, und in soweit fürchte er nichts; er sei begierig, ob seine Beförderung Mad. Poke zur Lady Großadmiral machen würde. Da ich so sehr wegen meines Ranges aufgebracht sei, wolle er mir das Amt eines Schiffskapitäns einstweilen geben (er glaube nämlich nicht, daß ich zum Seeofficier tauge), und zweifelsohne hätte er Einfluß genug, es daheim bestätigt zu erhalten. Ein großer Staatsmann in seinem Lande hätte gesagt: »wenige stürben und keine dankten ab,« und er wolle nicht der Erste sein, der eine neue Mode aufbrächte; er sehe Doktor Raisono als seinen Freund an, und es wäre unangenehm, mit seinen Freunden zu streiten; er wolle in der That Alles thun, nur nicht abdanken, und wenn ich den Doktor überreden könnte, daß er sage, in Hinsicht meiner besonders sei er in einen Irrthum verfallen, und ich wäre nach Springhoch entsandt worden als Lord Ober-Gesandter, Lord Oberpriester oder Lord Ober-sonst etwas, nur nicht Lord Ober-Admiral: ei, dann wolle er es beschwören, obwohl er mir voraussage, daß in einem solchen Fall ich nach dem Datum seiner eignen Bestallung eingereiht werden müßte. Wenn er seinen Rang einen Augenblick früher, als nöthig, aufgäbe, würde er seine eigne Selbstachtung verlieren und nie wieder in Madame Poke’s Angesicht zu schauen wagen; wirklich, er würde so etwas nicht thun, und er wünsche mir guten Morgen, da er eben den Lord Groß-Admiral von Springhoch besuchen wolle.

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Neue Lords. – Neue Gesetze. – Gyration, Rotation und noch eine Nation; auch eine Invitation.

Ich fühlte, meine Lage war nun ganz sonderbar. Freilich war meine Bescheidenheit ganz unerwartet durch die scharfsinnige Wendung geschont worden, die Doktor Raisono der Geschichte von unsrer Verbindung mit einander gegeben hatte; aber ich konnte nicht finden, daß ich irgend einen andern Vortheil dadurch erlangt hätte. Alle von meiner eignen Art hatten mich gewisser Maßen verstoßen, und ich war genöthigt, niedergeschlagen und gedemüthigt mich nach dem Wirthshaus zu wenden, wo das von Poke bestellte Gastmahl unserer wartete. Ich war auf den großen freien Platz gekommen, als ein Schlag auf mein Knie meine Aufmerksamkeit auf jemand neben mir zog. Der sich Aufdringende war ein Monikin, der alle physische Eigenthümlichkeiten eines Unterthans von Springhoch hatte, der sich jedoch von den meisten Einwohnern dieses Landes durch einen längern und weniger sorgfältig behandelten Wulst auf seinem Naturgewand, durch größere List im Ausdruck der Augen und des Mundes, durch ein geschäftiges Ansehn und, eine große Neuheit, durch einen gestutzten Schweif auszeichnete. Er war offenbar von dem am wenigsten begünstigten Wesen seiner Art begleitet, das ich jemals gesehen. Der Erstere redete mich an:

»Guten Morgen, Sir hohe Goldenkalb!« begann er mit einer Art Stoß, der, wie ich später erfuhr, ein diplomatischer Gruß sein sollte; »Ihr habt heute gerade nicht die beste Behandlung erfahren, und ich habe auf eine gute Gelegenheit gewartet, Euch mein Bedauern darüber zu bezeigen und meine Dienste anzubieten.«

»Sir, Ihr seid zu gütig; ich fühle mich etwas gekränkt, und muß sagen, Teilnahme ist meinem Gefühl sehr angenehm. Ihr müßt mir indeß erlauben, mein Erstaunen zu erkennen zu geben, daß Ihr mit meinem wahren Namen wie mit meinem Unglück bekannt seid.«

»Ei, Sir, die Wahrheit zu sagen, ich gehöre zu einem forschenden Volk. Die Bevölkerung ist in meinem Land sehr zerstreut, und so haben wir das Nachfragen uns angewöhnt, das bei einem solchen Zustand der Dinge sehr natürlich ist. Ich denke, Ihr müßt bemerkt haben, daß auf einer Landstraße Ihr selten an Einem ohne ein Nicken vorübergeht, während Ihr Tausenden in einer lebhaften Gasse ohne einen Blick begegnet. Diesen Grundsatz entwickeln wir weiter und lassen nur eine Thatsache aus Mangel an löblicher Neugier uns entwischen.«

»Ihr seid also kein Unterthan von Springhoch?«

»Gott bewahre! Nein. Herr, ich bin ein Bürger von Springniedrig, einer großen und glorreichen Republik, die drei Tagreisen zur See von dieser Insel liegt; eine ganz neue Nation, die alle Vortheile der Jugend und Kraft genießt, und ein wahres Wunder ist wegen der Kühnheit ihrer Begriffe, der Reinheit ihrer Einrichtungen und ihrer heiligen Achtung vor den Rechten der Monikins. Ich habe die Ehre, außerdem der außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister der Republik bei dem König von Springhoch zu sein, ein Volk, von dem wir ursprünglich abstammen, das wir aber auf der Laufbahn des Ruhms und Nutzens weit hinter uns gelassen. Ich muß Euch als Erwiedrung für den Vorzug, den ich in Hinsicht Eurer in diesem Punkt habe, mit meinem Namen bekannt machen.«

Hierauf legte mein neuer Bekannte mir eine von seinen Visitenkarten in die Hand, worauf stand, wie folgt:

»General – Kommodore – Richter – Kolonel, Volksvollmächtigter Minister der Republik Springniedrig bei Sr. Majestät dem König von Springhoch.«

»Herr,« sagte ich und nahm mit einer tiefen Verbeugung den Hut ab, »ich wußte nicht, mit wem ich die Ehre zu sprechen hatte. Ihr scheint eine große Menge von Aemtern und ohne Zweifel mit gleichem Geschick zu bekleiden.«

»Ja, Sir, ich glaube, ich bin in dem einen meiner Geschäfte so gut als in dem andern.«

»Ihr werdet mir jedoch die Bemerkung erlauben, General – Kom – Richter – ich weiß kaum, welcher dieser Titel am meisten nach Eurem Geschmack ist.«

»Nehmet, welchen Ihr wollt, Sir; ich begann mit General, war aber bis zum Kolonel herabgekommen, ehe ich die Heimath verließ. Volksfreund ist die einzige Benennung, woran ich halte. Nennt mich so, Sir, und dann mögt Ihr noch hinzufügen, was Euch beliebt.«

»Sir, Ihr seid zu gefällig. Darf ich fragen, ob Ihr in eigner Person wirklich alle diese verschiedenen Stellungen im Leben bekleidet habt?«

»Freilich, Sir; ich hoffe, Ihr haltet mich nicht für einen Betrüger.«

»Ich bin weit davon entfernt. Aber Richter und Kommodore zum Beispiel sind zwei Stände, deren Pflichten in Menschen-Angelegenheiten so gänzlich verschieden sind, daß ich selbst bei einem Monikin die Verbindung derselben ein wenig außerordentlich finde.«

»Gar nicht, Sir. Ich ward gehörig zu Beidem gewählt, diente meine Zeit darin aus und hab‘ für beide ehrenvolle Abschiede aufzuweisen.«

»Ihr müßt einige Schwierigkeit in der Ausübung so verschiedener Pflichten gefunden haben?«

»Ah, ich sehe. Ihr seid lang genug in Springhoch gewesen, um einige seiner Vorurtheile anzunehmen. Es ist ein in Vorurtheilen befangnes, trauriges Land. Ich selbst blieb mit meinem Fuß in einigen von ihnen stecken, sobald ich das Land berührte; ei, Sir, meine Karte ist eine Erklärung dessen, was wir in Springniedrig Rotation im Amt nennen.«

»Rotation im Amt?«

»Ja, Sir; es ist ein System, das wir für unsre eigne Bequemlichkeit erfanden, und das wahrscheinlich dauerhaft sein wird, da es auf ewigen Principien ruht.«

»Darf ich fragen, Kolonel, ob es einige Verwandtschaft mit dem socialen Anhaltspunkt-System hat.«

»Nicht im Geringsten. Dieses, wie ich’s verstehe, ist ein stationäres, während das andre ein rotirendes ist. Nichts ist einfacher. Wir haben in Springniedrig zwei ungeheure Kasten von der Gestalt der Räder. In den einen werfen wir die Namen der Bürger, in den andern die der Aemter. Wir ziehen dann, wie bei einer Lotterie, und das gilt für ein Jahr.«

»Ich finde diesen rotirenden Plan außerordentlich einfach, – geht er so gut, als er es verspricht?«

»Mit der größten Vollkommenheit. Wir schmieren natürlich die Räder zu gewissen Zeiten.« »Und werden nicht manch Mal Betrügereien von denen begangen, die zur Ziehung der Zettel auserwählt werden?«

»O, sie werden ganz auf dieselbe Art gewählt.«

»Aber die, welche für sie die Zettel ziehen?«

»Alles rotirend; sie werden ganz auf dieselbe Art gezogen.«

»Aber es muß doch ein Anfang sein; die wieder, die ihre Zettel ziehen, können das Vertrauen hintergehen.«

»Unmöglich; sie sind immer die patriotischsten Patrioten des Landes; nein, nein, Sir, wir sind keine solche Gimpel, um der Bestechung freies Feld zu lassen. Alles kommt auf den Zufall an; der Zufall macht mich heute zum Kommodore, zum Richter morgen. Der Zufall macht die Lotteriejungen und die Patrioten. Man muß sehen, um zu verstehen, wie viel reiner unser Lotterie-Patriot ist, als einer, der dazu erzogen worden.«

»Ei, das schmeckt aber immer nach der Lehre von der Abstammung, die wenig besser, als Sache des Zufalls ist.«

»Es wäre freilich so, Sir, wenn dieser Zufall nicht in einem patriotischen System wurzelte. Unsre erprobten Patrioten sind unsre Bürgen gegen Mißbräuche.«

»Hm!« fiel der Begleiter des Kommodore Volksfreund mit einer seltsamen Vernehmbarkeit ein, als wolle er sich uns bemerkbar machen. »Sir John, ich bitte, meine große Vergessenheit zu entschuldigen, laßt mich meinen Mitbürger, Brigadier Geradaus, Euch vorstellen, einen Mann, der, wie Ihr, auf der Reise ist, und ein so vortrefflicher Bursche, wie nur immer im ganzen Monikin-Land zu finden.«

»Brigadier Geradaus, bitte um die Ehre Eurer Bekanntschaft; aber, ihr Herren, auch ich bin sehr unhöflich gewesen. Ein Banket, das hundert Promessen gekostet, wartet auf mich; und da einige der erwarteten Gäste nothwendig abwesend sein müssen, könnten wir, wenn Ihr mich mit Eurer angenehmen Gegenwart beehren wollt, eine angenehme Stunde in fernerm Besprechen dieser wichtigen Interessen zubringen.«

Da keiner der Fremden das Geringste gegen den Vorschlag einwendete, saßen wir alle bald gemächlich am Tisch. Der Kommodore, der wohl genährt schien, erwies dem Banket nur wenig Ehre, aber Geradaus griff es an mit Zähnen und Nägel, und ich hatte nicht sehr Ursache, Poke’s Abwesenheit zu bedauern. Indeß stockte die Unterhaltung nicht.

»Ich denke, ich verstehe die äußeren Umrisse Eures Systems, Richter Volksfreund,« begann ich wieder, »nur den Theil ausgenommen, der sich auf die Patrioten bezieht. Dürft‘ ich noch um einige Belehrung über diesen besondern Punkt bitten?«

»Gewiß, Sir. Unser Staatsgebäude ist auf einen Wink von der Natur gegründet, eine Basis, wie Ihr zugeben werdet, breit genug, das Weltall zu tragen. Als Volk sind wir ein Schwarm, der früher von Springhoch ausging; und als wir uns frei und unabhängig sahen, machten wir uns alsbald daran, das Staatsgebäude nicht nur auf sichre Grundlage, sondern auch sichre Principien zu gründen. Da wir bemerkten, daß die Natur in Duplikaten verfährt, verfolgten wir den Wink als leitende Idee–«

»In Duplikaten, Kommodore?«

»Freilich, Sir John! Ein Monky hat zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher, zwei Lungen, zwei Arme, zwei Hände, zwei Beine, zwei Füße und so fort. Auf diesen Wink hin verordneten wir, daß in jedem Distrikt von Springniedrig zwei deutliche und getrennte Linien in der Idee gezogen werden sollten, die sich in rechten Winkeln durchschnitten. Diese hießen die politischen Landmarken des Landes, und man erwartete, jeder Bürger würde sich an einer oder der andern hin rangiren. All das müßt Ihr indeß nur als eine ideelle, nicht wirkliche Vorkehrung ansehen.«

»Ist die Verpflichtung dieser moralischen Vorkehrung gebietend?«

»Zwar nicht gesetzlich, aber wer sie nicht achtet, ist gleichsam aus der Mode und wird so allgemein für einen armen Teufel gehalten, daß der Gebrauch weit mehr, als Gesetzeskraft für sich hat. Erst wollte man es in die Konstitution aufnehmen. Aber einer unsrer erfahrensten Staatsmänner zeigte so klar, wir würden dadurch nicht nur das Wesen der Verpflichtung schwächen, sondern auch sehr wahrscheinlich eine Partei dagegen aufregen, daß die Idee wieder aufgegeben ward. In der That, wenn etwas, so scheint sowohl der Buchstab, als der Geist der Konstitution sich ein wenig dagegen aufzulehnen; aber da der Gebrauch gehörig durch Folgerung eingeführt worden, ist er jetzt Bein von unserm Bein und Fleisch von unserm Fleisch. Nun, Sir, nachdem diese beiden politischen Landmarken recht gezogen worden, muß es nun die erste Bemühung dessen, der für einen Patrioten gelten will, sein, eine Uebung darin zu erhalten, mit den Fußspitzen schnell und mit Leichtigkeit auf der Marke hinzugehn. Aber wenn ich meine Sätze durch einige Experimente erläutre, werdet Ihr Alles um so besser verstehn; denn obwohl freilich die wahren Evolutionen rein ideell sind, wie ich Euch schon zu sagen die Ehre gehabt habe, haben wir doch ein anschauliches Mittel angeordnet, das mit unsern Gewohnheiten sehr stimmt und womit der Neophyte immer anfängt.«

Hier nahm der Kommodore ein Stück Kreide und zog zwei sehr deutliche Linien mitten durch das Zimmer, die sich in rechten Winkeln durchkreuzten. Als dies geschehen, stellte er die Füße zusammen, und hieß mich dann untersuchen, ob es möglich wäre, etwas von den Dielen zwischen seinen äußersten Zehen und den Linien zu sehen. Nach einem genauen Blick mußte ich mit Nein antworten.

»Das nennen wir die Marke betreten; es ist sociale Stellung No. 1. Fast jeder Bürger wird darin auf der einen oder der andern Linie erfahren. Nachher beginnt, wer sein Glück weiter treiben will, seine Carriere mit dem großen rotatirenden Princip.«

»Verzeiht, Kommodore, wir nennen es rotirend.«

»Sir, das ist nicht ausdrucksvoll genug. Jetzt will ich Euch Stellung No. 2 zeigen.

Hier machte der Kommodore einen Sprung, und warf seinen Körper, wie ein Soldat es nennen würde, gerade rechtsum, und brachte zugleich seine Füße ganz auf die andre Seite der Linie, immer aber genau die Marke berührend.

»Sir,« sagte ich, »das war sehr brav; aber ist diese Evolution auch so nützlich, als sie geschickt ist?«

»Sie hat den Vortheil, daß sie die Fronte wechselt; ein Manöver, so nützlich in der Politik, als im Krieg.«

So zeigte er mir noch viele solcher Positionen, und ich äußerte meinen Beifall darüber, und fragte, ob Viele dieselbe Geschicklichkeit erlangten. Der Kommodore und Brigadier lachten über die Einfalt der Frage; der Erstere antwortete: »das Volk von Springniedrig sei so außerordentlich thätig und kühn, und beide Linien seien so geschickt geworden, daß auf’s Kommando-Wort sie ihre Sprünge eben so sehr auf’s Tempo und ganz so schnell machten, als ein Garde-Regiment die Patrontasche auf und zu klappte.«

»Wie, Sir,« rief ich voll Verwundrung aus, »die ganze Bevölkerung?«

»Allerdings, Sir, dann und wann findet sich ein Pfuscher, aber er wird alsbald weggebracht und zählt im Ganzen für nichts.«

»Aber bis jetzt, Kommodore, sind Eure Evolutionen viel zu allgemein, um die selt’ne Auswahl von Patrioten zuzulassen, da ja Patriotismus gewöhnlich ein Monopol ist.«

»Sehr wahr, Sir John! Ich will deßhalb ohne Weiteres zur Hauptsache übergehen. So weit ist es allerdings, wie Ihr sagt, Sache der ganzen Bevölkerung, da Wenige die Marke zu betreten oder die nöthigen Sprünge, wie Ihr es scharfsinnig genannt, zu machen sich weigern. Die Linien, wie Ihr bemerkt haben mögt, durchkreuzen sich in rechten Winkeln, und so ist natürlich einiges Drängen und manch Mal auch viel Zusammenstoßen an und nahe dem Punkt des Zusammentreffens der Linien. Wir nennen dann einen Monikin einen Patrioten, wenn er diese Evolution gerade an dieser Stelle ausführen kann.«

Hier warf der Kommodore seine Beine mit solcher Schnelligkeit in die Luft, daß ich nicht recht sagen konnte, was er machte, obgleich man deutlich sah, daß er nach dem rotirenden Princip verfuhr. Ich bemerkte, daß er mit selt’ner Genauigkeit an derselben Stelle wieder herunterkam, wo er vorher gestanden, und auf die Marke mit schöner Präcision trat.

»Das ist, was wir Gyration Nro. 3 oder Position Nro. 4 nennen. Wer das ausführen kann, wird als ein Adept in der Politik betrachtet, und nimmt seine Stellung unwandelbar nahe bei dem Feind ein oder bei dem Zusammentreffen der feindlichen Linien.«

»Wie, Sir, werden denn diese Linien, obgleich mit Bürgern desselben Landes besetzt, für feindlich gehalten?!«

»Sind Hunde und Katzen feindlich, Sir? Obgleich sie sich Gesicht gegen Gesicht gegenüber stehen, handeln sie doch nach denselben Grundsätzen oder dem rotirenden Impuls, und haben genau denselben Zweck im Auge, nämlich das allgemeine Beste, und sind also sociale, politische und, ich mögte fast sagen, moralische Antipoden von einander. Sie heirathen selten unter sich, und wollen häufig selbst nicht mit einander sprechen. Kurz, wie der Brigadier Euch sagen könnte, wenn er dazu geneigt wäre, sie sind Antagonisten, Leib und Seel, mit einem Wort: sie sind Feinde, Sir.«

»Das ist sehr seltsam für Bürger eines Staats.«

»So ist der Monikin-Charakter,« bemerkte Herr Geradaus, »gewiß sind die Menschen viel weiser.«

Da ich die Rede nicht gern von dem gegenwärtigen Gegenstand wegbringen wollte, nickte ich nur bei der Bemerkung, und bat den Richter, fortzufahren.

»O, Herr, Ihr könnt Euch leicht denken, begann er wieder, »daß die am Durchschneidungs-Punkt der beiden Linien keine Sinekuren haben; in Wahrheit, sie necken sich aus allen Kräften und der, welcher den meisten Erfindungsgeist in dieser hohen Eigenschaft zeigt, wird gewöhnlich für den tüchtigsten Burschen gehalten. Nun, Sir, niemand anders, als ein Patriot, könnte natürlicher Weise dies Alles ertragen, wenn er nicht seines Landes Bestes immer im Auge hätte, und dafür halten wir sie denn auch.«

»Aber die patriotischsten Patrioten, Kommodore?« – –

Der Gesandte in Springhoch führte einen sehr künstlichen Sprung aus, der ihn auf die Linie der Gegenkämpfer brachte, und sah dann mich an, als erwarte er Lob.

»Herrlich, Herr Richter! Ihr müßt auf diese Uebung großen Fleiß verwandt haben.«

»Ich habe dies Manöver, Sir John, fünf Mal im wirklichen Leben ausgeführt, und auf den jedesmaligen Erfolg gründet sich mein Anspruch auf den Titel des patriotischsten Patrioten. Ein einziger falscher Schritt hätte mich vernichtet; aber, wie Ihr sagt, Uebung macht vollkommen, und Vollkommenheit ist die Mutter des Erfolgs.«

»Und doch begreife ich nicht recht, wie ein so plötzliches Verlassen seiner eignen Seite, um auf diese schnelle Weise, Hals über Kopf, zur andern überzugehen, mit Recht einen Anspruch auf den so reinen Charakter eines Patrioten gibt.«

»Ei, Herr, ist nicht der, welcher sich vertheidigungslos gerade in die Mitte der feindlichen Reihen stürzt, der Held der Schlacht? Da nun dies ein politischer Wettstreit und kein feindlicher ist, einer, worin das Beßte des Landes allein berücksichtigt wird, muß offenbar der Monikin, der so die größte Hingebung für die Sache zeigt, der reinste Patriot sein. Auf meine Ehre, Sir, mein ganzer Anspruch ist nur auf dies besondre Verdienst gegründet.«

»Er hat Recht, Sir John, Ihr könnt jedes Wort glauben, was er sagt.« bemerkte der Brigadier nickend.

»Ich fange an, Euer System zu begreifen, das allerdings herrlich den Monikin’schen Gewohnheiten angepaßt ist, und einen edlen Wetteifer im Ueben des rotirenden Princips erregen muß. Aber, ich glaube, Ihr sagtet, Kolonel, das Volk von Springniedrig sei eine Kolonie von Springhoch?«

»Ganz so, Sir!«

»Wie kommt es aber denn, daß Ihr Euch das edle Glied stümpft, während die Einwohner jenes Landes es wie ihren Augapfel, ja als den Sitz der Vernunft selbst lieben?«

»Ihr meint unsre Schweife? Ei, Sir! die Natur hat diese Zierde mit sehr ungleicher Hand ausgetheilt, wie Ihr bemerken könnt, wenn Ihr dem Fenster hinausseht. Wir geben zu, daß der Schweif der Sitz der Vernunft, und die Enden der einsichtsvollste Theil sind; aber da die Regierungen angeordnet wurden, um diese natürlichen Ungleichheiten gleich zu machen, klagen wir sie als antirepublikanisch an. Das Gesetz verlangt daher, daß jeder Bürger, wenn er majorenn wird, nach einem in jedem Distrikt aufbewahrten Maas abgestümpft werde. Ohne solch ein Mittel könnte eine Aristokratie des Verstandes unter uns aufkommen, und alle unsre Freiheiten hätten ein Ende. Auch qualificirt es den Stimmberechtigten, und folglich streben wir alle darnach.«

Hier lehnte sich der Brigadier über den Tisch und lispelte: ein großer Patriot hätte einst bei einer sehr drängenden Gelegenheit einen Sprung von seiner auf die gegenkämpfende Linie gemacht, und da er alle die heiligen Principien mit sich genommen, für welche seine Partei viele Jahre wüthend gekämpft hätte, wäre er ohne Weiteres an seinem Schweif zurückgezogen worden, der unglücklicher Weise in den Bereich eines seiner ehemaligen Freunde gekommen, denen er den Rücken gewandt; so sei das Gesetz in Wahrheit zum Besten der Patrioten ergangen. Er fügte bei, das Gesetz erlaube einen längern Stumpf, als gewöhnlich getragen würde, aber man sehe es als einen Mangel an Erziehung an, einen Stumpf länger als zwei und dreiviertel Zoll in Gesellschaft zu haben, ja die meisten ihrer politischen Streblinge besonders begnügten sich mit ein und einviertel Zoll als Zeichen außerordentlicher Demuth.

Ich dankte Herrn Geradaus für seine klare und anschauliche Erklärung, und das Gespräch wurde fortgesetzt.

»Ich hatte gedacht, da Eure Institutionen auf Vernunft und Natur gegründet sind,« fuhr ich fort, »daß Ihr mehr geneigt sein würdet, dieses Glied zu pflegen, als zu verstümmeln, um so mehr, da ich höre, daß alle Monikins es für die wahre Quintessenz der Vernunft halten.«

»Freilich, Sir, wir pflegen unsre Schweife, aber nach dem vegetabilischen Grundsatz, wie der geschickte Gärtner die Zweige stümpft, damit sie kräftigere Schößlinge treiben. Freilich erwarten wir nicht, daß die Schweife selbst wieder treiben, aber wir sehen auf das Wachsthum der Vernunft darin und ihre allgemeinere Verbreitung in der Gesellschaft. Die Enden unsrer Schweife, sobald sie abgehauen sind, werden in die große intellektuelle Mühle geschickt, wo der Geist aus der Materie gezogen und der erstere auf Staatsrechnung den Herausgebern der täglichen Zeitungen verkauft wird. Das ist die Ursache, warum unsre Springniedrig-Journalisten so ausgezeichnet wegen ihres Scharfsinns und ihrer Fähigkeit sind; die Ursache, warum sie so treu die Höhe der Springniedrig-Bildung angeben.«

»Und auch die der Rechtlichkeit derselben, solltet Ihr hinzufügen,« murmelte der Brigadier.

»Ich sehe die Schönheit des Systems ein, Herr Richter. Diese Essenz der abgehauenen Schweife stellt die Höhe des Springniedrig-Gehirns dar, da sie ein Compositum von allen Schweifen des Landes ist; und da eine tägliche Zeitung an den allgemeinen Verstand einer Gemeinde sich richtet, so findet sich eine selt’ne Anpassung zwischen den Lesern und dem Gelesenen. Um mich jedoch vollständig über diesen Punkt zu belehren, werden sie mir die Frage erlauben, welche Wirkung dieses System auf die Gesammtheit des Springniedrig-Verstandes hat.«

»Eine wunderbare! Da wir ein Gemeinwesen sind, müssen wir eine Einheit des Gefühls in allen Hauptsachen haben, und indem wir so alle Extreme jeder einzelnen Vernunft zusammenkneten, erlangen wir, was man öffentliche Meinung nennt, die sich wieder durch die Journale ausspricht.«

»Und ein patriotischster Patriot wird immer zum Aufseher der Mühle erkoren,« fiel der Brigadier ein.

»Immer schöner! Ihr sendet alle feineren Theile eures besondern Verstandes zum Mahlen und Zusammenkneten; dies Compositum wird den Journalisten verkauft, die es wieder als die Ergebnisse der vereinten Weisheit des Landes aussprechen.«

»Und der öffentlichen Meinung; wir halten viel auf Vernunft in allen unsern Geschäften, und nennen uns immer das erleuchtetste Volk auf der Erde, aber wir sind dann auch wieder sehr gegen ein isolirtes Streben des Geistes, das beleidigend, antirepublikanisch, aristokratisch und gefährlich ist. Wir setzen unser ganzes Vertrauen auf diese Repräsentation des Verstandes, die ungemein, wie Sie einsehen müssen, mit dem Grundsatz unsrer Staatsgesellschaft harmonirt.«

»Wir sind auch ein Handelsvolk,« fiel der Brigadier ein, »und an die Assekuranzgesetze gewöhnt, lieben wir uns mit solchen Höheberechnungen zu beschäftigen.«

»Ganz recht, Bruder Geradaus; wir sind ganz besonders, gegen alle Ungleichheit; es ist fast eine eben so große Beleidigung von einem Monikin, wenn er mehr weiß, als seine Nachbarn, als wenn er nach seinen eignen Eingebungen verfährt. Nein, nein, wir sind gewiß, ein freies, unabhängiges Gemeinwesen, und unterwerfen jeden Bürger der öffentlichen Meinung in Allem, was er thut, sagt, denkt und wünscht.«

»Bitte, Herr! schicken die beiden großen politischen Linien ihre Schweife in dieselbe Mühle und bekennen sie sich zu denselben Gefühlen?«

»Nein, Herr! Wir haben zwei öffentliche Meinungen in Springniedrig.«

»Zwei öffentliche Meinungen?«

»Freilich, Herr! die horizontale und perpendikuläre.«

»Das zeigt von einer außerordentlichen Gedankenfruchtbarkeit, die ich fast für unmöglich hielte.«

Hier lachten der Kommodore und Brigadier sogleich beide, so laut sie konnten, und zwar mir grade in’s Gesicht.

»O, Sir John! Ihr seid in der That der drolligste Bursche von der Welt, die seltsamste Frage, die ich je hörte.« Er rieb sich jetzt die Thränen des Lachens aus den Augen, worauf er dann besser fortfahren konnte. »Nur eine öffentliche Meinung, Himmel! das hätte ich nicht gedacht! Ich sagte Euch ja gleich Anfangs, mein guter Sir John, daß wir, einem Wink der Natur folgend, nach Duplikaten verfahren und nach dem rotirenden Princip. Nach dem einen haben wir immer zwei öffentliche Meinungen, und obgleich die großen politischen Landmarken in einem, so zu sagen, stationären Sinn gezogen sind, sind sie doch auch eigentlich rotirend. Die eine, die man als parallel mit dem Fundamental-Gesetz denkt, der constitutionelle Meridian des Landes, wird die horizontale genannt, und die andere die perpendikuläre. Nun, da nichts wirklich stationär im Springniedrig ist, wirken diese zwei großen Landmarken stets gleichförmig auf das rotirende Princip, und ändern periodisch ihre Stellen; die also, welche die respektiven Marken betreten, bekommen dadurch nothwendig neue Ansichten von den Dingen, wie sie ihren Gesichtspunkt ändern. Diese großen Umwälzungen gehen jedoch höchst langsam vor sich, und sind für die ganz unmerklich, die sie mitmachen, ganz wie die Umwälzungen unseres Planeten seinen Bewohnern.«

»Und die Gyrationen der Patrioten, von denen der Richter eben gesprochen,« fügte der Brigadier hinzu, »sind so ziemlich dieselben, wie in excentrischen Bewegungen die Kometen, die das Sonnensystem verschönern, ohne es durch ihren ungewissen Lauf zu stören.«

»Nein, Sir!« begann der Richter wieder, »wir wären übel daran, wenn wir nur hier öffentliche Meinung hätten. O, ich wüßte nicht, was aus den patriotischsten Patrioten in solch einem Falle werden würde.«

»Bitte, erlaubt mir die Frage! Da Ihr die Plätze verloos’t, habt Ihr eben so viele Plätze als Bürger?«

»Freilich, Sir! Unsre Plätze zerfallen erstlich in die zwei großen Unterabtheilungen, die innern und äußern. Die, welche auf die Marke an der populärsten Seite treten, nehmen die ersten ein, und die aus der unpopulärsten natürlich alle übrigen. Die erstern jedoch, müßt Ihr wissen, sind die einzigen, bei denen es sich der Mühe lohnt – – –« Ich hätte gern die Unterhaltung fortgesetzt, die eine Fluth von Licht über meine politische Einsicht zu verbreiten versprach; aber grade jetzt erschien ein Bursche, dem Anscheine nach ein Bedienter, mit einem Paket an dem Ende seines Schweifs gebunden. Er wandte sich um und übergab seine Last mit tiefer Ehrfurcht, worauf er sich zurückzog. Ich fand, das Paket enthielt drei Schriften, mit folgenden Adressen:

»Sr. königl. Hoheit, Bob, Prinz von Wales u.s.w.«

»Mylord, Ober-Admiral Poke u.s.w.«

»Herren Goldenkalb, Schreiber u.s.w.«

Nach einer Entschuldigung gegen meine Gäste eröffnete ich eifrigst das Schreiben an mich. Es lautete so:

»Der hochedle Graf von Chatterino, aufwartender Kammerherr Sr. Majestät, benachrichtigt Herrn John Goldenkalb, Schreiber, daß ihm hiedurch aufgegeben wird, im Kabinet diesen Abend zu erscheinen, wo die Verlöbnißfeierlichkeiten zwischen Graf Chatterino und Lady Chatterissa, erster Ehrendame Ihrer Majestät der Königin, Statt finden werden.«

NB. »Die Herren erscheinen in voller Galla.«

Als ich den Inhalt meines Schreibens dem Richter mittheilte, sagte er mir, er wisse von der nahen Feierlichkeit, da auch er eine Einladung, in seinem officiellen Charakter zugegen zu sein, erhalten habe. Ich bat, als eine besondre Gunst, er möge, da England keine Gesandten zu Springhoch habe, in seiner Eigenschaft als fremder Minister mich vorstellen. Der Gesandte hatte nichts dagegen, und ich fragte nach dem nöthigen Costume; da, so viel ich gesehen, es zu Springhoch zur guten Sitte gehöre, nackt zu gehen. Der Gesandte hatte die Güte, mir zu bemerken, daß obwohl in Hinsicht bloßer Kleidung jede Bedeckung sowohl in Springhoch als Springniedrig außerordentlich anstößig wäre, doch im erstern Land sich Niemand, die fremden Minister allein ausgenommen, an den Hof begeben könnte, ohne einen Schweif. Da wir uns bald darüber verständigt hatten, trennten wir uns mit der Verabredung, daß ich, nebst meinen Gefährten, deren Interesse ich nicht vernachlässigt hatte, bereit sein sollte, zu einer bestimmten Stunde den Gesandten und den Brigadier zu begleiten.

Einleitung.

»Und du, du kanntest sie,« sprach dann der Ritter.

»O nein,« erwiederte der Knapp‘, »doch er, der mir die Geschichte erzählte, sagte mir, sie sei so wahr und gewiß, daß wenn ich sie etwa wieder erzählte, ich eidlich versichern könnte, ich hätte es mit eignen Augen gesehen.«

Don Quixote

Einleitung.

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß manche, die dies lesen, wünschen mögen zu erfahren, wie ich in Besitz des Manuscripts gekommen. Ein solch‘ Verlangen ist zu billig und natürlich, um ihm nicht zu willfahren, und die Sache soll so kurz als möglich erzählt werden.

Im Sommer 1828 auf einer Reise in jenen Schweizerthälern, die zwischen den zwei großen Alpenreihen liegen, und in welchen, beide, die Rhone und der Rhein ihren Ursprung nehmen, war ich von den Quellen des letzteren zu denen jenes Flusses fortgegangen, und hatte das Becken in den Gebirgen erreicht, das so berühmt ist, weil es den Gletscher der Rhone enthält, als der Zufall mir einen jener seltnen Augenblicke von Erhabenheit und Stille verschaffte, welche in dieser Halbkugel wegen ihres nicht häufigen Vorkommens nur um so köstlicher sind. Auf jeder Seite war die Aussicht durch hohe, zerrissene Berge begrenzt, deren Gipfel nahe an der Sonne erglänzten, während unmittelbar vor mir und auf gleicher Linie mit dem Auge jener wunderbare gefrorene See lag, aus dessen Ueberfluß die Rhone hervorstürzt, um, ein schäumender Strom, weg nach dem fernen Mittelländischen Meer zu enteilen. Zum ersten Mal, auf einer Pilgerfahrt von vielen Jahren, fühlte ich mich in Europa allein mit der Natur. Ach, der Genuß, wie nothwendiger Weise alle solche Genüsse im Drängen der alten Welt, war kurz und trügerisch. Ein Trupp kam um die Ecke eines Felsens herum, auf dem engen Maulthierpfad, in einzelnen Reihen; zwei Damen beritten, ebenso viel Herren zu Fuß, und voran der gewöhnliche Führer. Es war nichts weiter als Höflichkeit, aufzustehen und die Taubenaugen zu begrüßen, die blühenden Wangen der ersteren, als sie vorüberzogen. Sie waren Engländer und die Herren schienen mich für ihren Landsmann zu erkennen. Einer der letztern blieb stehen, und erkundigte sich höflich, ob der Uebergang über die Furka nicht durch Schnee gesperrt sei. Die Antwort war Nein, und für diese Belehrung sagte er mir, ich würde den Grimsel etwas schwierig finden, »aber,« fügte er lächelnd hinzu, »den Damen gelang der Uebergang, und Sie werden sich kaum bedenken.« Ich dachte, ich möchte wohl Schwierigkeiten überwinden, über die seine schönen Gefährtinnen hinausgekommen; er sagte mir dann, Sir Herbert Taylor sei Generaladjutant geworden, und wünschte mir guten Morgen.

Ich saß, sinnend über Charakter, Hoffnungen, Erstrebungen und Interessen der Menschen, eine Stunde lang, und schloß dann, daß der Fremde Soldat sein müsse, der selbst in dieser kurzen und zufälligen Zusammenkunft einiges von dem gewöhnlichen Arbeiten seiner Gedanken über sein Gemüth hatte überfließen lassen. Meine einsame Wanderung über die Rhone wieder aufzunehmen und mich den Weg der steilen Seite des Grimsel hinaufzuarbeiten, kostete zwei weitere Stunden, und froh war ich, als ich die kleine kaltblickende Wasserfläche auf seinem Gipfel zu Gesicht bekam, die der todte See heißt. Der Pfad war an einer sehr kritischen Stelle mit Schnee erfüllt, wo in der That ein fehlgesetzter Tritt den Unvorsichtigen in’s Verderben verlocken mochte. Eine große Gesellschaft erschien auf der andern Seite und erkannte vollkommen das Schwierige, denn sie hatte Halt gemacht, und war in ernster Berathschlagung mit dem Führer über die Möglichkeit des Durchgangs. Man beschloß es zu versuchen. Zuerst kam eine Dame mit dem lieblichsten, heitersten Antlitz, wie ich es nur je gesehen. Sie war auch eine Engländerin, und obwohl sie zitterte und erröthete und über sich selbst lachte, schritt sie vor mit Muth, und würde sicher meine Seite erreicht haben, hätte nicht ein unglücklicher Stein sich unter einem Fuße gedreht, der viel zu niedlich war für diese wilden Berge. Ich sprang vor und war so glücklich, sie vom Untergang zu retten. Sie fühlte die ganze Fülle ihrer Schuld, und bezeigte ihren Dank bescheiden aber mit Wärme. In einem Augenblick war ihr Gemahl bei uns; er ergriff meine Hand mit der Bewegung, die der empfinden mußte, der Zeuge gewesen war, wie er Gefahr gelaufen, einen Engel zu verlieren. Die Dame schien froh, uns zusammen allein zu lassen.

»Sie sind ein Engländer,« sagte der Fremde.

»Ein Amerikaner.«

»Ein Amerikaner! Das ist seltsam. – Wollen Sie mir eine Frage vergönnen? – Sie haben mehr als mein Leben gerettet, Sie haben mir wahrscheinlich die Vernunft erhalten. Wollen Sie mir eine Frage vergönnen? Kann Geld Ihnen dienen?«

Ich lächelte, und sagte ihm, daß, so närrisch es ihm auch scheinen möge, ich, obgleich ein Amerikaner, doch ein Mann von Ehre wäre. Er schien verlegen, und sein schönes Gesicht arbeitete sich ab, bis ich anfing ihn zu bemitleiden; es war augenscheinlich, er wollte mir irgendwie zeigen, wie sehr er sich für meinen Schuldner halte, und doch wußte er nicht genau, was er vorschlagen sollte.

»Wir können uns wieder treffen,« sagte ich, seine Hand drückend.

»Wollen Sie meine Karte hinnehmen?«

»Sehr gerne.«

Er legte »Viscount Householder« in meine Hand, und dafür gab ich ihm meinen unbedeutenden Namen.

Er sah von der Karte auf mich und von mir auf die Karte, und ein angenehmer Gedanke schien über seinen Geist hinzublitzen.

»Werden Sie Genf diesen Sommer besuchen?« fragte er ernst.

»In einem Monat.«

»Ihre Adresse –

»Hotel de l’Ecu.«

»Sie sollen von mir hören. – Adieu.«

Wir schieden; er, seine liebliche Frau, seine Führer stiegen zur Rhone herab, während ich meinen Weg zum Grimsel-Hospiz fortsetzte. Nach einem Monat erhielt ich ein dickes Paquet im Ecu; es enthielt einen werthvollen Diamantring, mit der Bitte, ich möchte ihn als ein Andenken der Lady Householder tragen, und außerdem ein schön geschriebenes Manuscript. Das folgende kurze Schreiben erklärte das Weitere:

»Die Vorsehung brachte uns zu mehr Zwecken, als zuerst ersichtlich, zusammen. Ich habe lange gezögert, anliegende Erzählung herauszugeben, denn in England herrscht die Neigung vor, über außerordentliche Thatsachen zu spotten, aber die Entfernung Amerika’s von meinem Wohnort wird mich hinlänglich vor dem Lächerlichen schützen. Die Welt muß die Wahrheit haben, und ich sehe dazu kein besseres Mittel, als zu Ihnen meine Zuflucht zu nehmen. Alles, was ich erbitte, ist, daß Sie das Buch schön drucken lassen, und ein Exemplar an meine Adresse, Householder-Hall, Dorshetshire, England, und ein andres an Capitain Noah Poke, Stonington, Connecticut, in Ihrem Vaterland, schicken wollen. Meine Anna betet für Sie, und ist für immer Ihre Freundin. Vergessen Sie uns nicht.

Ihr ergebenster
Householder.

Ich bin genau dieser Bitte nachgekommen, und nachdem ich die beiden Exemplare, wie mir geboten, abgesendet habe, ist der übrige Theil der Auflage zur Verfügung eines jeden, der sich geneigt fühlen mag dafür zu bezahlen. Für das nach Stonington gesandte Exemplar erhielt ich folgenden Brief:

»An Bord des Debby und Dolly.
Stonington, 1. April 1835.

Dem Verfasser des Spion, Esq.

Sir,

Ihr Geehrtes ist mir zugekommen, und fand mich in guter Gesundheit, so wie ich hoffe, daß es mit diesen Zeilen bei Ihnen der Fall sein wird. Ich habe das Buch gelesen und muß sagen, es ist einiges Wahre darin, was, die Bibel, den Kalender und die Staatsgesetze ausgenommen, überhaupt alles ist, was man von einem Buch sagen kann. Ich erinnere mich des Sir John wohl, und werde dem, was er versichert, nichts entgegensagen, schon aus dem Grund, weil Freunde einander nicht widersprechen sollen. Ich war auch mit den vier Monikins bekannt, wovon er spricht, wiewohl ich sie anders nennen hörte. Meine Frau sagt, sie wundre sich, daß alles wahr sein sollte, und ich lasse sie dabei, da etwas Ungewißheit eine Frau vernünftig macht. Was mein Segeln ohne Geometrie betrifft, so war das kaum nöthig zu drucken, denn es ist nichts seltnes in diesen Breitegraden, wenn man nur ein oder zwei Mal des Tags einen Blick auf den Compaß wirft. Und so nehme ich Abschied von Ihnen, und erbiete mich, jeden Auftrag für Sie bei den Inseln zu besorgen, nach denen ich morgen, wenn es Wind und Wetter erlaubt, absegle. Ihr

Noah Poke.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Anfang der Wunder, die in Betracht ihrer Wahrheit um so ausserordentlicher sind.

Ich darf sagen, mein Haupt lag eine volle Stunde auf dem Kissen, ehe mir der Schlaf die Augen schloß. Während dieser Zeit hatte ich hinlängliche Gelegenheit, die Thätigkeit desselben kennen zu lernen, was man »geschäftige Gedanken« nennt. Meine Seele war fieberisch, glühend, ruhlos; sie wanderten über ein weites Feld; es begriff Anna mit ihrer Schönheit, ihrer milden Wahrheit, ihrer weiblichen Sanftheit und ihrer weiblichen Grausamkeit; es begriff Capitain Poke und seine besondern Ansichten, die liebliche Familie der Vierfüßler und ihr verwundetes Gefühl, und dann die Vortrefflichkeit des gesellschaftlichen Anhaltspunkts-Systems; kurz, den größten Theil dessen, was ich während der letzten vier und zwanzig Stunden gesehen und gehört. Als der Schlaf langsam kam, überraschte er mich gerade in dem Augenblick, wo ich bei mir schwur, meine herzlose Geliebte zu vergessen, und den übrigen Theil meines Lebens der Verbreitung der Lehre von dem »expandirenden-superhumanen-generalisirenden-Affektionsprinzip« zu widmen, um gänzlich auszuschließen alle engherzige und selbstische Absichten, dazu mich verbindend mit Capitain Poke, der einen großen Theil dieser Erde und ihrer Bewohner gesehen, ohne sein Mitgefühl zu Gunsten eines Ortes oder einer Person zu beschränken, Stonington und ihn selbst natürlich ausgenommen.

Es war heller Tag, als ich am folgenden Morgen erwachte. Mein Geist war durch den Schlaf beruhigt, meine Nerven waren besänftigt worden durch die balsamische Frische der Atmosphäre. Es schien, mein Diener war hereingekommen und hatte die Morgenluft zugelassen, sich aber dann wie gewöhnlich wieder zurückgezogen, um das Zeichen der Schelle zu erwarten, bevor er wieder einzutreten wagte. Ich lag viele Minuten in köstlicher Ruhe, im Genuß des periodischen Zurückkehrens zu Leben und Vernunft, die mit sich brachten die Vergnügungen des Gedankens und seine zehen Tausend liebliche, sich anschließende Bilder. Das entzückende Träumen indeß, worin ich unmerklich versank, wurde bald durch leise, lispelnde und, wie ich glaubte, klägliche Stimmen, nicht weit von meinem Bett entfernt, aufgehalten und gestört. Ich richtete mich auf, ich lauschte aufmerksam und mit vielem Staunen, denn es war nicht leicht sich zu denken, woher diese Töne, so ungewöhnlich zu dieser Stelle und Stunde, kommen könnten. Die Unterredung war ernst und selbst lebhaft, aber sie ward so leise geführt, daß sie ohne die tiefe Stille im Hotel gänzlich unhörbar gewesen. Gelegentlich traf ein Wort mein Ohr, aber ich vermochte ganz und gar nicht auch nur zu bestimmen in welcher Sprache. Daß es in keiner der fünf großen europäischen Sprachen war, wußte ich sicher, denn alle diese sprach oder las ich, und es fanden sich ganz besondre Töne und Inflexionen, die mich auf den Gedanken brachten, es schmecke nach der ältern von den beiden Classischen. Freilich ist die Aussprache dieser beiden, während sie selbst das Schibboleth der Gelehrsamkeit sind, ein strittiger Punkt, da der Ton der Vokale bei jeder Nation anders bestimmt ist; das lateinische Wort dux z. B. wird Docks in England, Duk’s in Italien und Dükes in Frankreich; doch ist, ich weiß nicht welche, Feinheit in dem Ohrengeschmack eines wahren Gelehrten, die ihn selten irre führen wird, wenn seine Ohren von Worten begrüßt werden, die Demosthenes oder Cicero (Tschitschero, Zizero oder Kikero, wie es dem Leser gefällt,) gebraucht haben. Im gegenwärtigen Fall hörte ich genau das Wort: »Meibomeinosfoskomeiton,« welches sicher ein Zeitwort im Dual und in der zweiten Person von einer griechischen Wurzel war, obwohl von einer Bedeutung, die ich für den Augenblick nicht herausbringen konnte; über allen Zweifel aber wird jeder Gelehrte anerkennen, daß sie eine starke Aehnlichkeit mit einem wohlbekannten Vers im Homer hat. Wenn ich wegen der Silben in Verlegenheit war, die mich manchmal erreichten, ward ich nicht weniger verwirrt von den verschiedenen Intonationen der Stimmen der Sprechenden.

Während man leicht wahrnehmen konnte, daß sie von verschiednem Geschlechte waren, hatten sie doch keine besondre Aehnlichkeit mit dem verschluckenden Gelispel der Engländer, der großen Monotonie der Franzosen, dem schallenden Wohllaut der Spanier, der geräuschvollen Melodie der Italiener, der ohrzerreißenden Octaven der Deutschen, oder der wallenden hals-über-kopf Aussprache der Landsleute meines intimen Bekannten Capitain Noah Poke. Von allen lebenden Sprachen, von denen ich einige Kenntniß hatte, kam die Aehnlichkeit der Dänischen und Schwedischen näher als irgend einer andern, aber ich zweifelte sehr, und beanstande es jetzt noch, ob wirklich selbst in diesen Sprachen so ein Wort zu finden ist wie: »Meibomeinosfoskomeiton.« Ich konnte die Zweifel nicht länger ertragen. Die classischen und gelehrten Bedenklichkeiten, die mich besessen, wurden ausserordentlich peinlich; ich stand mit der größten Vorsicht auf, um die Sprechenden nicht zu stören, und wollte dem allen durch den einfachen und natürlichen Proceß wirklichen Beobachtens ein Ende machen.

Die Stimmen kamen von dem Vorzimmer, dessen Thüre etwas offen war; ich warf einen Schlafrock über, fuhr in die Pantoffeln hinein, und auf den Zehen mich der Oeffnung nähernd; richtete ich mein Auge so, daß ich die Personen überschauen konnte, die noch ernstlich im anstoßenden Zimmer mit einander sprachen. Alles Erstaunen verschwand, sobald ich die vier Affen in einer Ecke des Zimmers gruppirt fand, wo sie eine lebhafte Unterredung miteinander pflogen, in der die zwei ältesten (ein Männchen und ein Weibchen) die Hauptsprecher waren. Man konnte nicht erwarten, daß selbst ein Graduirter von Oxford, wenn auch zu einer Sekte gehörig, die wegen ihrer classischen Studien so sehr zum Sprüchwort geworden ist, daß Viele von ihnen nichts weiter wissen, – daß selbst einer von ihnen bei’m ersten Anhören, über die Analogie und den Charakter einer Sprache hätte entscheiden mögen, die selbst in jenem alten Sitz der Gelehrsamkeit so wenig angebaut ist. Obwohl jetzt auf der Spur zur Wurzel des Dialekts der Sprechenden, fand ich es doch ganz unmöglich, eine nützliche Kenntniß von dem, was eigentlich unter ihnen vorgehe, zu erhalten. Da sie aber meine Gäste waren, und möglicher Weise etwas nöthig haben konnten, was ihren gewohnten Bedürfnissen abginge, oder vielleicht unter noch schwereren Verlegenheiten litten, hielt ich es für meine Pflicht, die gewöhnlichen gesellschaftlichen Gebräuche bei Seite zu setzen, und mit einem Male, was in meiner Macht stünde, anzubieten, selbst auf die Gefahr hin, in Umstände mich einzudrängen, die sie vielleicht geheim zu halten hätten wünschen mögen. Indem ich daher die Vorsicht gebrauchte, etwas Lärm zu verursachen, als das beste Mittel meine Annäherung bekannt zu machen, öffnete ich leise die Thür und stellte mich ihnen vor. Erst war ich in Verlegenheit, wie ich die Fremden anreden sollte, aber in der Voraussetzung, Leute, die eine so schwer auszusprechende und so reiche Sprache redeten, wie die eben gehörte, mußten, gleich denen die von Slavischer Wurzel abgeleitete Dialekte sprächen, alle andre inne haben, und in der Erinnerung, daß das Französische das Unterhaltungsmittel unter allen gebildeten Leuten sei, beschloß ich zu jener Sprache meine Zuflucht zu nehmen.

»Messieurs et Mesdames,« sagte ich und verbeugte mich grüßend, »mille pardons pour cette intrusion peu convenable,« aber da ich in einer andern Sprache schreibe, werde ich wohl im Fortgang der Erzählung die Reden übersetzen müssen, obwohl ich nur ungern den Vortheil aufgebe, sie hier buchstäblich mitzutheilen, und in der eigentlichen Sprache, in der sie gehalten wurden.

»Meine Herrn und Damen,« sagte ich, und verbeugte mich grüßend, »ich bitte tausend Mal um Verzeihung für dieses unschickliche Eindringen in Ihre Zurückgezogenheit, aber da ich etwas von dem, was, wie ich sehr fürchte, nur zu begründete Klagen über die falsche Stellung sind, in welcher Sie sich befinden, mit anhörte, und als der Besitzer dieses Zimmers und in diesem Sinne als Ihr Wirth habe ich’s gewagt, in keiner andern Absicht als mit dem Wunsche mich zu nähern, Sie möchten mich zum Vertrauten all Ihrer Noth machen, damit ich ihr, wo möglich, sobald als die Umstände es einiger Maßen erlauben mögen, abhelfen könne.«

Die Fremden waren natürlich ein wenig erstaunt über mein unerwartetes Erscheinen, und überlegten, was ich eben gesagt. Ich bemerkte, daß die beiden Damen selbst offenbar in einiger Weise betrübt darüber waren, da die jüngere in mädchenhafter Bescheidenheit den Kopf zur Seite kehrte, während die ältere, eine dummartig aussehende Person, die Augen auf den Boden warf, aber ihre Selbstbeherrschung und ihren Ernst besser zu behaupten vermochte; der ältere der beiden Herrn trat mir nach einem Augenblick Zauderns mit würdevoller Haltung entgegen, und meinen Gruß erwiedernd, indem er mit seltner Grazie und vielem Decorum mit dem Schweif wedelte, antwortete er mir, wie folgt. Ich darf wohl hierbei behaupten, daß er das Französische fast eben so gut wie ein Engländer sprach, der lange genug auf dem Continent gelebt, um sich einzubilden, er könne in den Provinzen reisen, ohne als Fremder entdeckt zu werden. Uebrigens war sein Accent ein wenig Russich und seine Aussprache lispelnd und harmonisch. Die Frauenzimmer, besonders in dem tiefern Schlüssel ihrer Stimmen, brachten Töne, nicht unähnlich dem Seufzen der Aeols-Harfe, hervor. Es war in der That ein Vergnügen sie zu hören, aber ich habe immer zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß in jedem Lande, nur eins ausgenommen, das ich nicht nennen will, die Sprache bei dem sanftern Geschlecht neue Reize annimmt und dem Ohr lieblicher erscheint.

»Sir«, sagte der Fremde, nachdem er mit dem Schwanz ausgewedelt hatte, »ich würde meinen Gefühlen und dem Monikins-Charakter im Allgemeinen groß Unrecht thun, wenn ich nicht einen kleinen Theil von der Dankbarkeit ausdrückte, den ich bei dieser Gelegenheit fühle. Verlassene, hauslose, beschimpfte Wanderer und Gefangne, sehen wir endlich, daß das Schicksal einen Strahl des Glücks über unsre traurige Lage geworfen hat, und die Hoffnung beginnt wieder durch die Wolken der Trübsal wie ein vorübergleitender Blick der Sonne zu scheinen. Bis von meinem Schweif an, Sir, in meinem und dieser herrlichen und klugen Matrone Namen, so wie auch in dem der zwei edlen, jugendlichen Liebenden danke ich Ihnen; ja verehrtes und menschliches Wesen von dem »genus: homo, species: Anglicus,« wir alle legen dir unsere schweif-gefühltste Anerkennung deiner Güte dar!«

Hier schwenkte die ganze Gesellschaft mit vieler Grazie den erwähnten Schmuck über ihre Häupter, berührte ihre zurückgebognen Stirnen mit den Zehen und verbeugte sich. Ich würde in diesem Augenblick zehen tausend Pfund darum gegeben haben, wenn ich rechte Actien in Schweifen gehabt, um ihre Art Höflichkeit nachmachen zu können; aber bloß, kahl und verlassen wie ich war, mußte ich mit einem erniedrigenden Gefühl mein Haupt ein wenig auf eine Schulter neigen, und als Erwiederung ihrer mehr ausgesuchten Höflichkeit, den gewöhnlichen englischen Knix machen.

»Wenn ich blos sagen wollte, Herr,« fuhr ich fort, als die eröffnenden Grüße gehörig ausgetauscht waren, »daß ich über diese zufällige Zusammenkunft erfreut bin, würde das Wort, mein Entzücken auszudrücken, sehr unzureichend sein. Betrachten Sie dieß Hotel wie Ihr eignes, seine Diener wie die Ihrigen, seine Vorräthe als Ihre Vorräthe, und seinen scheinbaren Inhaber als Ihren ergebensten Diener und Freund. Ich bin außerordentlich durch die Unwürdigkeiten beleidigt worden, denen Sie bis jetzt ausgesetzt gewesen, und verspreche Ihnen jetzt Freiheit, Güte und alle jene Aufmerksamkeiten, zu welchen Sie augenscheinlich durch Geburt, Erziehung und die Zartheit Ihrer Gefühle berechtigt sind. Ich wünsche mir tausendfach Glück, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Mein größtes Verlangen ist immer gewesen, mein Mitgefühl anzuregen, aber bis auf diesen Tag haben verschiedne Zufälle den Anbau dieser himmelgebornen Eigenschaft größtentheils auf mein eignes Geschlecht beschränkt; doch blicke ich jetzt vorwärts zu einer herrlichen Laufbahn neugeborner Interessen an der ganzen animalischen Schöpfung, – ich brauche kaum noch zu sagen, in’s Besondere an den Vierfüßlern Ihrer eignen Familie.«

»Ob wir zu den Vierfüßlern gehören oder nicht, ist eine Frage, die unsre eignen Gelehrten sehr in Verlegenheit gebracht hat,« entgegnete der Fremde. »Es ist eine Zweideutigkeit in unsrer physischen Einrichtung, die diesen Punkt etwas zweifelhaft macht, und deswegen glaub‘ ich, ziehen die höheren Classen unsrer Naturphilosophen es vor, lieber der ganzen Monikins-Spezies mit all ihren Varietäten den Namen caudam jactans, Schweifschwinger, zu geben, indem sie die Benennung von dem edleren Theil der animalischen Bildung hernehmen. Ist dieß nicht die bessere Meinung daheim, Mylord Chafferim?« fragte er und wandte sich zum Jüngling, der ehrerbietig an seiner Seite stand.

»Dieß, glaube ich, mein theurer Doktor, war die letzte von der Academie angenommene Classification;« erwiederte der edle Jüngling, mit einer Schnelligkeit, welche ihn als wohl unterrichtet und verständig darstellte, und zu gleicher Zeit mit einer Rückhaltung in seiner Art und Weise, welche seiner Bescheidenheit und Erziehung gleich viele Ehre machte. »Die Frage, ob wir Zweifüßler sind oder nicht, hat die Schulen seit länger als drei Jahrhunderte in Bewegung gesetzt.«

»Die Nennung des Namens dieses Herrn,« fügte ich hastig hinzu, »erinnert mich, Sir, daß wir nur halb mit einander bekannt sind. Erlauben Sie mir, alle Ceremonie bei Seite zu setzen, und mich sogleich als Sir John Goldenkalb, Baronet, von Householder-Hall im Königreich Großbritannien bei Ihnen anzukündigen; als einen demüthigen Bewundrer der Vortrefflichkeit, wo immer, und unter welcher Form sie auch zu finden ist, und als Anhänger des Systems vom »gesellschaftlichen Anhaltspunkt.«

»Ich fühle mich glücklich zur Ehre dieser förmlichen Einführung zugelassen zu werden, Sir John. Dagegen bitte ich, werden Sie mir erlauben zu sagen, daß dieser junge Edelmann in unsrer eignen Sprache Nro. 6. purpurn, oder den Namen zu übersetzen, Mylord Chatterino ist. Diese junge Dame ist Nro. 4. violet, oder Milady Chatterissa, diese vortreffliche, kluge Matrone ist Nro. 4,626243, röthlich oder Mistreß Vigelanza Lynx, u]m ihren Namen auch in’s Englische zu übertragen: und ich bin Nro. 22817, braun Stubenfarbe, oder der Raisono; um Ihnen eine buchstäbliche Erklärung meines Namens zu geben, nur ein ärmlicher Schüler der Philosophen unsres Geschlechts, ein Dr. der Philosophie und vieler gelehrten Gesellschaften Mitglied, der Reisegefährte dieses Erben eines der berühmtesten und ältesten Häuser der Insel Springhoch, von der Monikins-Section der Sterblichen.«

»Jede Sylbe, gelehrter Doktor Raisono, die von Ihren verehrten Lippen kommt, reizt nur meine Neugierde, und gibt neue Nahrung der Flamme des Verlangens, noch weiter in Ihre besondre Geschichte, Ihre künftigen Absichten, die Politik Ihres Geschlechts und in alle jene interessante Umstände zu dringen, die sich schnell einem Manne von Ihrer großen Fassungskraft und ausgedehnten Wissenschaft aufdringen werden. Ich fürchte für zudringlich gehalten zu werden, und doch, wenn Sie sich in meine Stelle sehen, hoffe ich, Sie werden ein so natürliches, brennendes Verlangen entschuldigen.«

»Entschuldigung ist unnöthig, Sir John, und nichts würde mir größere Freude machen, als alle und jede Fragen zu beantworten, die Sie an mich thun wollen.«

»Dann, Sir, alle unnöthige Umschweife abzuschneiden, lassen Sie mich Sie sogleich um eine Erklärung des Zahlensystems bitten, wonach Sie die Einzelnen benamen? Sie heißen Nro. 22,817, braun – Stubenfarbe – –.«

»Oder Dr. Raisono. Da Sie ein Engländer sind, werden Sie mich vielleicht besser verstehen, wenn ich mich auf eine bürgerliche Vorkehrung der neuen Londner Polizei beziehe. Sie werden bemerkt haben, daß die Leute Buchstaben in Roth und Weiß tragen, und Zahlen auf den Aufschlägen ihrer Röcke. Durch die Buchstaben kann der Fremde die Compagnie herausbringen, während die Zahl das Individuum bedeutet. Nun die Idee zu dieser Verbesserung kam zweifelsohne von unserm System her, wo die Gesellschaft der Harmonie und Subordination wegen in Kasten eingetheilt ist, und diese Kasten durch Nuancen von Farben bezeichnet werden, die ihren Stand und ihre Gewerbe andeuten. Der einzelne, wie bei der Polizei, wird durch die Zahl erkannt. Da unsre Sprache sehr sentenziös ist, ist sie im Stande die verwickeltste dieser Combinationen in sehr wenig Worten auszudrücken. Ich muß noch hinzufügen, daß zur Bezeichnung der Geschlechter kein weitrer Unterschied gemacht wird, nur daß jedes besonders gezählt wird, und jedes sein zu seiner Farbe gehöriges Gegenpaar von derselben Caste in dem andern Geschlecht hat. So sind Purpur und Violet beide adlig, das erste männlich, das andre weiblich, und röthlich ist das Gegenpart von Braun-Stubenfarbe.«

»Und – entschuldigen Sie mein natürliches Verlangen, mehr zu wissen, – tragen Sie in Ihrem Vaterland diese Zahlen und Farben auf Ihrer Kleidung?«

»Was Kleidung betrifft, Sir John, so sind die Monikins zu weit, geistig und physisch, um deren zu brauchen. In allen Fällen begegnen sich bekanntlich die Extreme. Der Wilde ist der Natur näher als die blos Civilisirten; und die Wesen, die über die Täuschungen des Mittelzustands hinaus sind, finden sich wieder näher den Gewohnheiten, Wünschen und Zwecken unsrer gemeinsamen Mutter. So wie der wahre Mann von Stand einfacher in seiner Haltung ist als der blose Nachahmer, wie Gewohnheiten und Moden in der Provinz übertriebener sind, als in gebildeten Hauptstädten, und der tiefe Philosoph weniger Ansprüche macht als der Anfänger, so lernt auch unser gemeinsames Geschlecht, so wie es der Erfüllung seiner Bestimmung und seinen höchsten Erstrebungen sich nähert, die Hochgeschätztesten Gebräuche des Mittelzustandes ablegen, und kehrt mit Eifer zur Natur wie zu einer ersten Liebe zurück. Aus diesem Grunde, Sir, trägt die Monikins-Familie nie Kleider.«

»Ich konnte jedoch nicht anders, ich mußte bemerken, daß die Damen, seitdem ich eingetreten, einige Verlegenheit gezeigt; wäre es möglich, daß ihr Zartgefühl über den Zustand meiner Toilette erschrocken?«

»Ueber die Toilette mehr selbst, als über den Zustand derselben, Sir John, wenn ich offen reden darf. Das weibliche Gemüth, auferzogen, wie es bei uns der Fall ist, von Kindheit an, in den Gebräuchen und Gewohnheiten der Natur, wird durch die geringste Abweichung von ihren Regeln unangenehm berührt. Sie werden dieß den Launen des schönen Geschlechts zu gut halten, denn ich glaube, in ihnen gleicht es sich ziemlich, es mag von einem Theil der Welt herkommen, woher es will.«

»Ich kann die anscheinende Unhöflichkeit nur durch meine Unwissenheit entschuldigen, Dr. Raisono. Ehe ich aber noch eine Frage thue, soll das Versehen gut gemacht werden. Ich muß, Herren und Damen, für einen Augenblick mich in mein Zimmer zurückziehen, und bitte Sie, bis ich zurückkomme, sich zu vergnügen, wie immer möglich. Nüsse sind, glaub‘ ich, in dieser Schublade, Zucker steht gewöhnlich auf dem Tisch und vielleicht könnten die Damen einige Unterhaltung finden, indem sie Uebungen an den Stühlen machten. In einem Augenblick werde ich wieder bei Ihnen sein.«

Hierauf zog ich mich in mein Schlafzimmer zurück, und legte den Schlafrock sowohl als das Hemd ab. Da mir jedoch einfiel, daß ich mir sehr leicht den Kopf verkältete, ging ich, Dr. Raisono zu bitten, ein wenig herein zu kommen. Als ich ihm meine Verlegenheit mittheilte, nahm dieser Herrliche es auf sich, die Damen vorzubereiten, den leichten Mißstand, daß ich nämlich noch eine Nachtmütze und Pantoffeln trug, zu übersehen.

»Die Damen würden sich nichts dabei denken,« bemerkte, um meine Betrübniß über Verwundung ihres Zartgefühls zu mindern, gutmüthig der Philosoph, »erschienen Sie selbst in einem Militair-Rock und Suwarow-Stiefeln, wenn man nur nicht glaubt, Sie wären von ihren Bekannten, und in ihrer unmittelbaren Gesellschaft. Ich denke, Sie müssen oft bemerkt haben, daß das schöne Geschlecht von Ihrer eignen Gattung oft ganz gleichgültig gegen Nuditäten ist (seine Vorurtheile sind nämlich nicht wie die unsern), welche auf der Straße erscheinen, während es sogleich aus dem Zimmer gestürzt wäre, wenn sie in der Person eines Bekannten zur Schau ausgestellt worden; diese conventionellen Ungleichheiten werden überall geduldet, weil sonst das Leben unerträglich würde.«

»Diese Unterscheidung ist zu vernünftig, Sir, um noch ein Wort der Erklärung zu bedürfen. Nun lassen Sie uns zurück zu den Damen gehen, da ich jetzt endlich einiger Maßen mich sehen lassen kann.»

Ich wurde für diese zarte Aufmerksamkeit durch ein billigendes Lächeln von der liebenswürdigen Chatterissa belohnt; und die gute Mad. Lynx warf nicht länger ihre Augen zu Boden, sondern richtete sie auf mich mit Blicken der Bewunderung und Dankbarkeit.

»Nun, da dieser kleine Zwischenfall weiter kein Hinderniß ist,« begann ich wieder, »so lassen Sie mich die Fragen fortsetzen, welche Sie bisher mit so viel Güte und so befriedigend beantwortet haben. Da Sie keine Kleider haben, wie wird dann jene Ähnlichkeit zwischen Ihrem Gebrauch und der neuen Londner Polizei ausgeführt?«

»Obgleich wir nicht bekleidet sind, hat uns doch die Natur, deren Gesetze nie ungestraft verletzt werden, sondern die eben so gütig als unbedingt gebietend ist, mit einer sanften Decke versehen, um die Stelle der Kleider, wo sie der Bequemlichkeit wegen nöthig werden, zu ersetzen. Wir haben Gewänder, die die Moden zu Schanden machen, keine Schneider brauchen und nie ihren Glanz verlieren. Aber es wäre unpassend ganz auf diese Art gekleidet zu sein; und deßwegen ist, wie Sie sehen, das Innere unsrer Hand ohne Handschuhe, und der Theil, worauf wir sitzen, unbedeckt gelassen, sehr wahrscheinlich, damit nicht durch zufällige und ungünstige Stellungen ein Mißstand entstehe. Dieß ist auch der Theil bei der Monikins-Art, der am besten geeignet ist, bemalt zu werden, und die Zahlen, wovon ich gesprochen, werden daher zu gewissen Zeiten von Staatswegen da angebracht. Unsre Buchstaben sind so klein, daß sie dem Menschenauge entgehen, aber wenn Sie dieses Opernperspectiv nehmen, zweifle ich nicht, werden Sie noch etwas von meiner Bezeichnung bei mir finden, obgleich, ach! ungewöhnliche Reibung, große Noth und ich darf wohl sagen, unverdiente Leiden mich hierin sowohl als in verschiedenen andern Stücken ganz entmonikint haben.«

Da Dr. Raisono die Güte hatte, sich umzudrehen und seinen Schweif wie ein Deutholz an einer schwarzen Tafel gebrauchte, gewahrte ich mit Hülfe des Glases sehr genau die besprochenen Figuren. Statt jedoch gemalt zu sein, wie er mich hatte vermuthen lassen, schienen sie unauslöschlich eingebrannt, wie wir gewöhnlich Pferde, Diebe und Neger brennen. Als ich es dem Philosophen bemerkte, erklärte er es mir mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und Höflichkeit.

»Sie haben ganz Recht, Sir,« sagte er, »das Weglassen der Malerei geschah zur Vermeidung der Tautologie, die ein Fehler gegen die Einfachheit der Monikins- Sprache wäre, sowie auch gegen den Geschmack, und leicht bei unsern Ansichten die Regierung umstoßen könnte.«

»Tautologie!«

»Tautologie, Sir John; wenn Sie den Grund des Gemäldes untersuchen, werden Sie finden, daß er schon von einer düstern, dunklen Farbe ist; da dieß nun von einem betrachtenden, ernsten Charakter zeugt, hat man es in unsrer Academie »braun-Stubenfarbe«genannt, und es wäre offenbar unnöthig gewesen, dieselbe Farbe noch darauf zu bringen. Nein, Sir, wir vermeiden Wiederholungen selbst in unsern Gebeten, indem wir sie für Beweise eines unlogischen und unconsequenten Geistes halten.«

»Dieß System ist herrlich, ich sehe jeden Augenblick neue Schönheiten. Sie haben z. B. durch diese Art der Aufzählung den Vortheil, ihre Bekannten von hinten zu erkennen, ganz so als wenn Sie ihnen gegenüber stünden.«

»Diese Folgerung ist scharfsinnig und zeugt von einem thätigen, beobachtenden Geist, aber sie erreicht nicht ganz die Ursache unseres politico-numerischen-Identitäts-Systems, wovon wir sprechen. Die Zwecke hiervon sind von einer höheren und nützlicheren Art; auch erkennen wir unsre Freunde gewöhnlich nicht an ihrem Antlitz, welche höchstens nur falsche Signale sind, sondern an ihren Schweifen.«

»Das ist bewundernswerth; mit welcher Leichtigkeit können Sie dann einen Bekannten erkennen, der auf einem Baum sitzt; aber darf ich fragen, Dr. Raisono, welches so die eigentlichsten Vortheile Ihres Systems sind? Ich brenne vor Begierde.«

»Sie hängen mit Staatszwecken zusammen. Sie wissen, Sir, die Staatsgesellschaft ist der Regierungen wegen da, und Regierungen selbst hauptsächlich, um Contributionen und Taxen leichter einzutreiben. Durch dieß numerische System nun haben wir jede Gelegenheit die ganze Monikinsrasse bei den Steuerbüchern beizuziehn, wenn sie von Zeit zu Zeit nach ihrer Zahl aufgeschrieben werden. Die Idee war ein glücklicher Gedanke eines unsrer ausgezeichnetsten Statistiker, der durch die Erfindung großen Credit bei Hofe erlangte, und wirklich in Folge seines Scharfsinns in die Akademie aufgenommen wurde.«

»Doch muß man zugeben, mein theurer Doktor,« fiel Lord Chatterino, doch immer mit der Bescheidenheit, und ich darf hinzufügen, mit der Großmuth eines Jünglings ein, »daß es unter uns viele giebt, die leugnen, daß die Staatsgesellschaften der Regierungen wegen da sind, und behaupten die Regierungen seien wegen der Staatsgesellschaften gemacht, oder mit andern Worten für die Monikins.«

»Bloße Theoretiker, mein guter Lord; auch wird nach ihren Ansichten, selbst wenn sie wahr wären, nie verfahren; Praxis ist alles in der Politik, und Theorien sind von gar keinem Werth, nur in soweit sie die Praxis bestätigen.«

»Beide, Theorie und Praxis sind vollkommen!« schrie ich, »und ich zweifle nicht, daß die Eintheilung in Farben und Kasten die Obrigkeiten in den Stand setzt, bei den Auflagen mit »den Reichsten, den Purpurnen« zu beginnen.«

»Sir, Monikins-Weisheit legt nie den Grundstein oben hin; sie sucht den Grund des Gebäudes auf, und da Auflagen die Mauern der Staatsgesellschaft sind, fangen wir am Boden an. Wenn Sie uns besser kennen, Sir John Goldenkalb, werden Sie anfangen, die Schönheit und Wohlthätigkeit der ganzen Monikins-Oekonomie zu begreifen.«

Ich wieß nun auf den häufigen Gebrauch dieses Wortes Monikin hin, und meine Unwissenheit eingestehend, bat ich um eine Erklärung des Ausdrucks, sowie um eine allgemeinere Nachricht über den Ursprung, die Geschichte, Hoffnungen und Politik der interessanten Fremdlinge, wenn sie anders noch so genannt werden können, da sie mir schon so wohl bekannt waren. Doktor Raisono gab zu, daß das Verlangen natürlich und zu ehren wäre, aber er zeigte auch auf die Notwendigkeit hin, erst die animalischen Funktionen durch einige Nahrung zu unterstützen, besonders da die Damen den Abend vorher nur ein unbedeutendes Nachtessen gehabt, und auch er, obgleich Philosoph, mit weit mehr Eifer und Erfolg die verlangten Erklärungen geben würde, wenn er erst die geringe Bekanntschaft, die er schon mit einigem Eingemachten in einem der Schränke angeknüpft, weiter fortsetze, als er im jetzigen Zustand seines Appetits möglicher Weise könnte. Diese Hinweisung war so augenscheinlich, daß man nichts entgegnen konnte; indem ich daher meine Neugier unterdrückte, zog ich die Schelle, und ging in mein Schlafzimmer zurück, wo ich soviel von meiner Kleidung wieder anzog, als die Halbbildung des Menschen nöthig macht, und dann den Bedienten die geeigneten Befehle gab; jene wurden, beiläufig gesagt, unter dem Einflusse der gewöhnlichen und gemeinen Vorurtheile gelassen, wie sie fast allgemein von der menschlichen gegen die Monikins-Familie gehegt werden.

Ehe ich mich jedoch von meinem neuen Freunde, Doktor Raisono, trennte, nahm ich ihn bei Seite, und teilte ihm mit, daß ich einen Bekannten im Hotel hätte, einen Mann von besondrer Philosophie, aber nach Menschen-Art und der viel gereist wäre; ich bäte daher um Erlaubniß, ihn in’s Geheimniß unsrer beabsichtigten Vorlesung über Monikins-Oekonomie einweihen und als Zuhörer mitbringen zu dürfen. Diese Bitte bewilligte Nro. 22,817, braun-Stubenfarbe oder Doktor Raisono sehr herzlich, gab aber auf zarte Art zugleich zu verstehen, wie er erwarte, dieser neue Zuhörer, der natürlich niemand anders als Kapitain Noah Poke war, werde es seiner Mannheit nicht für unwürdig halten, in soweit auf das Zartgefühl der Damen Rücksicht zu nehmen, daß er nur in den Gewändern jener anständigen und verehrungswerthen Schneiderin und Drappistin, der reinen Natur nämlich, erschiene. Diesen Wink billigte ich sogleich, worauf dann jeder, nach den gewöhnlichen Begrüßungen des Verbeugens und Schweifschwingens mit dem gegenseitigen Versprechen, pünktlich der Uebereinkunft nachzukommen, seines Wegs ging.