Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Einführung vier neuer Charaktere, einige philosophische Winke und Hauptgedanken über Staatsökonomie.

Die Gruppe, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog, bestand aus sechs Individuen, zwei waren Thiere von dem Genus »homo,« oder was gemeinlich genannt wird »Mensch« und die übrigen aus der Ordnung »primates,« Classe »mammalia« oder nach gewöhnlichem Sprachgebrauch »Affen« (Monikins.)

Die ersteren waren Savoyarden und können im Allgemeinen beschrieben werden als: »ungewaschen, zerlumpt und gefräßig,« in Farbe: »dunkelbraun,« in Zügen und Ausdruck: »habgierig und verschlagen,« und in Neigungen und Appetit: »alles verschlingend.« Die andern waren von der gewöhnlichen Art, gewöhnlichen Größe und erprobter Ernsthaftigkeit. Es waren zwei von jedem Geschlecht, ziemlich gleichgepaart nach Jahren und äußeren Vorzügen.

Die Affen waren alle mehr oder weniger in die gewöhnlichen Kleidungsstücke unsrer modernen Europäischen Civilisation gekleidet; aber besondre Sorgfalt war auf die Toilette des ältern der zwei Männchen verwandt worden. Dieß Individuum hatte einen Husaren-Wamms an, ein Umstand, der einem besondern Theil seines Körpers einen militairischeren Contour gegeben haben würde, als sein eigentlicher Charakter mit sich brachte, wäre nicht ein rother Weiberrock gewesen, der kürzer gemacht war als gewöhnlich, weniger jedoch, in der Absicht, einen seinen Fuß und Knöchel zu zeigen, als um den untern Gliedmaßen volle Freiheit zur Ausführung gewisser übertriebenen Anstrengungen zu lassen, die die Savoyarden unbarmherzig von seiner natürlichen Behendigkeit verlangten. Er hatte einen dreieckigen Hut, verziert mit einigen zerknitterten Federn, eine weiße Cocarde und ein hölzernes Schwert. Ausser diesem letztern führte er in der Hand einen kleinen Besen.

Als sie meine Aufmerksamkeit auf ihren Haufen bemerkten, begannen die übelberathenen Savoyarden alsbald eine Reihe von Vorstellungen im höheren Tanz, ohne allen Zweifel in der einzigen Absicht, meine Neugier auszubeuten. Die unschuldigen Opfer dieses Akts thierischer Tyrannei unterwarfen sich mit einer Geduld, die der tiefsten Philosophie würdig gewesen, und begegneten den Wünschen ihrer Herrn mit einer Bereitwilligkeit und einem Geschick, die ganz über alles Lob erhaben waren. Der eine kehrte den Boden, ein andrer sprang einem Hund auf den Rücken, ein dritter drehte sich um sich selbst herum, nochmals und nochmals, ohne auch nur ein Murren auszustoßen, und der vierte bewegte sich graziös hin und her wie ein junges Mädchen in einer Quadrille. All dieß hätte unbemerkt vorübergehen mögen (denn leider! sind solche Schauspiele nur zu häufig) wären nicht gewisse beredte Zusprüche gewesen, die mir das Individuum in der Husaren-Jacke mit den Augen machte; sein Blick war selten für einen Augenblick von mir gewandt, und so trat bald ein schweigender Verkehr zwischen uns ein. Ich bemerkte, daß sein Ernst unverwüstlich war. Nichts konnte ein Lächeln, eine Veränderung in seinem Antlitz hervorbringen; gehorsam der Peitsche seines brutalen Herrn, verweigerte er nie den verlangten Sprung, minutenlang auf ein Mal beschrieben seine Beine, sein Rock, wirre Kreise in der Luft, und schienen für immer von der Erde Abschied genommen zu haben; aber, die Anstrengung vollbracht, stieg er immer wieder zur Erde herab, mit einer ruhigen Würde, mit einer Haltung, welche zeigte, wie wenig der innere Affe Theil nahm an den wilden Sprüngen des äußeren Thiers. Ich zog meinen Gefährten ein wenig bei Seite, und wagte ihm einige Gedanken in dieser Hinsicht mitzutheilen.

»Wirklich, Capitain Poke, es scheint mir große Ungerechtigkeit, die armen Geschöpfe so zu behandeln,« sagte ich. »Welches Recht haben die zwei schelmisch aussehenden Schurken, für’s Auge weit interessantere, und ich darf wohl sagen, verständigere Wesen, als sie selbst sind, aufzugreifen, und sie mit Schlägen und ohne Rücksicht auf ihr Gefühl oder ihre Geneigtheit zu zwingen, ihre Beine auf diese übertriebene Art herumzuwerfen? Ich sage Euch, dies Verfahren scheint mir unerträglich tyrannisch, und fordert schnelle Abhülfe.«

»König!«

»König oder Unterthan, es ändert nichts in der moralischen Häßlichkeit der Handlung. Was haben diese unschuldige Wesen gethan, sie dieser Noth zu unterwerfen? Sind sie nicht Fleisch und Blut wie wir? Nähern sie sich nicht am meisten unsrer Gestalt, und, denn was wissen wir vom Gegentheil, unsrer Vernunft? Ist es erträglich, daß unser nächstes Ebenbild, unsre wahren Vettern, so behandelt werden sollten? Sind sie Hunde, daß sie wie Hunde behandelt werden?«

»Ei, nach meiner Meinung, Sir John, gibt es keinen Hund auf der Erde, der solche Sprünge machen könnte. Ihre Purzelbäume sind wirklich ganz außerordentlich.«

»Ja, und mehr als außerordentlich; sie sind tyrannisch. Setzt Euch, Herr Poke, einen einzigen Augenblick an die Stelle eines dieser Individuen. Denkt, Ihr hättet eine Husarenjacke über Eure braunen Schultern gemuffelt, einen Weiberrock über Eure untern Theilen; einen dreieckigen Hut mit zerknitterten Federn auf dem Kopf, ein hölzernes Schwert an Eurer Seite und einen Besen in der Hand! Diese zwei Savoyarden drohten Euch mit Streichen, bis Ihr zur Belustigung Fremder Sprünge machtet. Ich bitte Euch nur, den Fall zu dem Euren zu machen, und dann zu sagen, wie Ihr Euch benehmen, was Ihr thun würdet?«

»Ich würde ohne Anstand diese jungen Schelme fegen, Sir John, das Schwert und den Besen an ihren Köpfen zerschlagen, ihnen die Sinne wecken, bis sie nicht mehr sehen könnten, und meinen Lauf nach Stonington richten, wohin ich gehöre.«

»Ja, Herr, das ginge mit den Savoyarden, die jung und schwach sind, –«

»Es würde nichts an der Sache ändern, wenn zwei von diesen Franzosen an ihrer Stelle wären,« fiel der Capitain ein und spähte wie ein Wolf um sich herum. »Euch’s gerade herauszusagen, Sir John, als Mensch würde ich mich solchen Affenspässen nicht unterwerfen.«

»Gebraucht nicht, Herr Poke, diesen Ausdruck als Vorwurf, ich bitte; wir nennen diese Thiere zwar Affen, aber wir wissen nicht, wie sie sich selbst nennen. Der Mensch ist nur ein Thier, und Ihr müßt wissen –«

»Hört, Sir John,« fiel der Capitain ein, »ich bin kein Botaniker, und will nichts weiter von der Gelehrsamkeit wissen, als was ein Seemann braucht, um seinen Weg um die Welt zu finden; aber was das betrifft, daß der Mensch ein Thier wäre, will ich Euch jetzt nur fragen, ob nach Eurer Meinung ein Schwein auch ein Thier ist?«

»Ohne Zweifel, und Flöhe und Kröten und Seeschlangen und Eidechsen und Wasserteufel. Wir sind alle nicht mehr und nicht weniger als Thiere.«

»Nun, wenn ein Schwein ein Thier ist, will ich die Verwandtschaft anerkennen; denn bei meiner Erfahrung, die nicht gering ist, bin ich auf Menschen getroffen, die Ihr in jeder Hinsicht, nur Borsten, Schnauze und Schwanz ausgenommen, hättet für Schweine halten mögen. Ich will nicht läugnen, was ich mit eignen Augen gesehen, obwohl ich darunter leide, und deswegen, da Schweine Thiere sind, ist es mehr als wahrscheinlich, daß auch einige Menschen Thiere seyn müssen.«

»Wir nennen diese interessanten Wesen, Affen, aber woher wissen wir, daß sie das Compliment nicht wieder geben, und uns in ihrer eignen Sprache auf ganz ebenso beleidigende Art heißen? Es schickte sich für unser Geschlecht, billigere und philosophischere Gesinnungen zu zeigen, und diese interessanten Fremdlinge als eine unglückliche Familie zu betrachten, die Thieren in die Hände gefallen, und auf jede Weise auf unser Erbarmen und unsre thätige Verwendung ein Recht haben. Bis jetzt habe ich noch niemals meine Gefühle für die thierische Welt durch eine Actie auf Vierfüßler gehörig erregt, aber es ist meine Absicht, morgen meinem Englischen Agenten zu schreiben, einen Pack Hunde zu kaufen, und eine gehörige Masse Pferde, und um so lobenswerthe Entschlüsse zu beschleunigen, werde ich sogleich den Savoyarden wegen der schleunigen Emancipation dieser Familie liebenswürdiger Fremdlinge Anerbietungen machen. Der Sclavenhandel ist ein unschuldiger Zeitvertreib im Vergleich mit der grausamen Unterdrückung, die der Herr mit dem dreieckigen Hut besonders erleiden muß.«

»König!«

»Er mag freilich in seinem Lande, Capitain Poke, ein König sein; ein Umstand, der zehenfache Schmerzen zu seinem unverdienten Leiden hinzufügen würde.«

Hiermit schritt ich ohne viel Umstände zu Unterhandlungen mit den Savoyarden. Die vernünftige Anwendung von einigen Napoleons brachte bald ein glückliches Verständnis zwischen den contrahirenden Theilen hervor, wo denn die Savoyarden meinen Händen die Stränge, welche ihre Vasallen hielten, als das förmliche, gewöhnliche Anerkenntniß des Eigenthumsrechts, überlieferten. Die drei andern der Obhut des Herrn Poke überlassend, führte ich das Individuum in der Husaren-Jacke ein wenig bei Seite, und meinen Hut abnehmend, um ihm zu zeigen, daß ich über das gemeine Gefühl der Lehnsoberherrschaft hinaus wäre, redete ich ihn kurz mit folgenden Worten an:

»Obwohl ich dem Anschein nach das Recht erkauft habe, welches diese Savoyarden über Eure Personen und Dienste zu haben behaupteten, ergreife ich sogleich die Gelegenheit, Euch zu benachrichtigen, daß der Sache nach Ihr jetzt frei seid. Da wir uns jedoch unter einem Volke befinden, das Eure Raçe in Unterwürfigkeit zu sehen gewohnt ist, möchte es nicht klug seyn, das Wesen unsrer jetzigen Verhandlung bekannt zu machen, damit nicht eine neue Verschwörung gegen Eure natürlichen Rechte eintrete. Wir wollen uns daher sogleich in mein Hotel zurückziehen, wo Euer künftiges Glück der Gegenstand unsrer reiferen und vereinten Betrachtungen sein soll.«

Der ehrbare Fremde in der Husarenjacke hörte mich mit unnachahmbarem Ernste und Selbstbeherrschung an, bis in der Wärme des Gefühls ich einen Arm in ernster Gesticulation erhob, wo er denn, wahrscheinlich überwältigt von den Regungen des Entzückens, die in seinem Busen natürlich bei einem so plötzlichen Wechsel seines Schicksals erweckt wurden, drei Sprünge oder Purzelbäume, wie Capitain Poke seine Evolutionen recht passend genannt hatte, in so schneller Aufeinanderfolge machte, daß es für einen Augenblick zweifelhaft war, ob die Natur seinen Kopf oder seine Fersen obenhin gestellt.

Ich gab Capitain Poke ein Zeichen mir zu folgen, und wir nahmen nun gerade unsern Weg nach der Straße Rivoli. Wir wurden von einer beständig wachsenden Menge begleitet, bis das Thor des Hotels überschritten war; und ich war froh, meine Schutzbefohlenen sicher unter Obdach zu sehen, denn reichliche Anzeichen eines zweiten auf ihre Rechte abgesehenen Plans waren da in den Drohungen und Spöttereien der lebhaften Menge, die uns gleichsam auf den Fersen nachstürzte.

Als ich in mein Zimmer kam, legte ein Kourier, der auf meine Heimkunft gewartet hatte, und eben expreß von England angekommen war, ein Packet in meine Hand, mit der Nachricht, es käme von meinem Hauptagenten in England. Schnelle Befehle wurden gegeben, für die Bequemlichkeit und Bedürfnisse des Capitain Poke und der Fremden zu sorgen (Befehle, die nicht leicht vernachläßigt wurden, da Sir John Goldenkalb bei den bekannten Einkünften von drei Millionen Franken jährlich unbegrenzten Credit bei allen Bewohnern des Hotels hatte) und ich eilte in mein Kabinet und setzte mich eiligst hin, die verschiednen Mittheilungen zu lesen.

Ach, es war keine Zeile von Anna dabei. Das hartnäckige Mädchen spielte noch mit meinem Elend, und aus Rache faßte ich auf einen Augenblick den Entschluß, Mahmuds Lehre anzunehmen, um das Recht zu haben, einen Harem zu errichten.

Die Briefe waren von mancherlei Correspondenten, und unter ihnen viele von solchen, denen ich die Sorge für meine Interessen in sehr entgegengesetzten Theilen der Welt aufgetragen hatte. Eine halbe Stunde vorher verlangte mich’s sterblich darnach, intimere Verbindungen mit den interessanten Fremden anzuknüpfen, aber meine Gedanken nahmen alsbald eine neue Richtung, und ich fand, daß die peinlichen Gefühle, die ich über ihre Wohlfahrt und Glück gehabt, sich ganz in dem eben erweckten Interesse verloren, das vor mir lag. Auf diese einfache Weise bringt ohne Zweifel das System, dessen Anhänger ich bin, keinen geringen Theil seiner großen Endzwecke hervor. Nicht sobald wird ein Interesse peinlich durch Uebermaaß, als schon ein neues sich erhebt, um die Gedanken zu zerstreuen, und eine neue Anforderung an die Gefühle gemacht wird; indem es nun so unsre Neigungen von der Heftigkeit der Selbstsucht zu dem linderen und gleichförmigeren Gefühl der Unparteilichkeit herabstimmt, bringt es gerade jenen richtigen und edlen Zustand des Geistes hervor, nach welchem die Staatsökonomen streben, wenn sie sich über die Glorie und Vortheile ihrer Lieblingstheorie vom gesellschaftlichen Anhaltpunkt auslassen.

In dieser glücklichen Gemüthsstimmung machte ich mich an’s Lesen der Briefe mit Eifer und mit dem herrlichen Entschluß, die Vorsehung zu verehren und Recht zu thun – fiat justitia, ruat coelum!

Das erste Schreiben war von dem Agenten des vornehmsten Westindischen Landguts. Er benachrichtigte mich, daß alle Hoffnung einer zu erwartenden Ernte durch einen Orkan zerstört sei, und bat, ich möchte die nöthigen Mittel herbeischaffen, die Geschäfte der Pflanzung fortzuführen, bis die nächste Ernte den Verlust wieder ausgliche. Als Geschäftsmann bildete ich mir auf pünktliche Ordnung etwas ein, und ehe ich daher ein zweites Siegel erbrach, wurde ein Brief an einen Bankier in London geschrieben, mit dem Auftrag, den nöthigen Credit anzuschaffen, und den Agenten in West-Indien davon zu benachrichtigen. Da er Parlamentsmitglied war, ergriff ich die Gelegenheit, ihm auch die Notwendigkeit an’s Herz zu legen, daß die Regierung schnelle Maßregeln zum Schutz der Zuckerpflanzer treffe, einer sehr verdienstvollen Classe von Unterthanen, deren Gefahren und wirkliche Verluste laut Hülfe dieser Art erheischten. Als ich den Brief schloß, konnte ich mich nicht erwehren, mit Wohlgefälligkeit bei dem Eifer und der Schnelligkeit zu verweilen, womit ich gehandelt hatte, – ein sichrer Beweis von dem Nutzen der Theorie der Kapitalanlegung.

Die zweite Mittheilung war von dem Verwalter eines Ostindischen Besitzthums, die sehr zum Glück mit ihrer Anerbietung kam, die durch den Verlust der eben erwähnten Ernte entstandne Lücke auszufüllen. Zucker würde wahrscheinlich ein Handelsartikel für die Halbinsel werden, und so sagte denn mein Correspondent, da die Transportkosten so viel größer wären als von den andern Kolonien, dieser Vortheil ganz verloren gehen würde, wenn nicht die Regierung etwas thäte, dem Ostindier wieder zu seiner natürlichen Gleichheit zu verhelfen. Ich schloß diesen Brief in einen an Lord Sagund- Thu, der ja im Ministerium war, und fragte ihn in sehr lakonischen und spitzen Worten, ob das Reich wohl gedeihen könne, wenn zum Nachtheil aller andern ein Theil davon im Besitz ausschließlicher Vortheile bliebe? Da diese Frage in wahrhaft englischem Geiste gestellt war, hoffe ich, trug sie etwas dazu bei, Seiner Majestät Ministern die Augen zu öffnen; denn kurz nachher wurde viel in den Journalen und im Parlament über die Notwendigkeit gesprochen, unsere Ostindischen Mitbürger zu schützen, und natürliche Gerechtigkeit durch Feststellung der Nationalwohlfahrt auf die einzige sichre Basis des freien Handels ergehen zu lassen.

Der nächste Brief war von dem das Geschäft betreibenden Associé einer großen Manufaktur, welchem ich die eine ganze Hälfte des Capitals vorgestreckt hatte, um in eine teilnehmende Verbindung mit den Baumwollespinnern zu treten. Der Correspondent beklagte sich bitter über den Eingangszoll auf den rohen Artikel, machte einige spitze Anspielungen auf die wachsende Concurrenz in Amerika und auf dem Continent, und gab ziemlich klar zu verstehen, daß der Inhaber des Fleckens Householder bei einer Frage von solcher Wichtigkeit für die Nation sich der Verwaltung fühlbar machen sollte. Bei diesem Wink sprach ich. Ich setzte mich auf der Stelle hin und schrieb meinem Freunde Lord Pledge einen langen Brief, worin ich auf die Gefahr hinwies, die unsrer Staatsökonomie drohte; wir ahmten die falschen Theorien der Amerikaner nach (der Landsleute des Capitain Poke), die Gewerbe aber gediehen gewiß nie so, als wenn sie erfolgreich wären, daß Erfolg von den Anstrengungen abhinge und die Anstrengungen am wirksamsten wären, wenn am wenigsten belastet, und mit einem Wort, daß wie es augenscheinlich sei, der Mensch würde weiter springen, wenn er nicht in Fußangeln wäre, und härter schlagen ohne Handfesseln, so es auch von selbst einleuchte, daß der Kaufmann bessere Geschäfte für sich machte, wenn er die Sachen alle nach seiner Weise und woher er wolle, bekäme, als wenn sein Unternehmungsgeist und Kunstfleiß durch die unbefugte und selbstische Einmischung der Interessen andrer beengt würde. Zum Schluß folgte eine beredte Beschreibung der demoralisirenden Folgen des Schmuggels und ein stechender Angriff auf die Tendenzen der Taxen im Allgemeinen. Ich habe zu meiner Zeit manches gute gesagt und geschrieben, wie mir selbst mehrere meiner Clienten beschworen haben, und zwar auf eine Weise, daß selbst angeborne Bescheidenheit es nicht abweisen kann, aber man wird mir die Schwachheit vergeben, wenn ich jetzt hinzufüge, daß dieser Brief an Lord Pledge so schöne Sachen enthielt, als ich mir nur etwas in dieser Hinsicht erinnern konnte. Der letzte Satz war offenbar die feinste und best turnirtste Moral, die ich je vorgebracht.

Der Brief, Nummer vier, war vom Verwalter der Besitzungen zu Householder. Er sprach von der Schwierigkeit, die Renten einzutreiben, eine Schwierigkeit, die er ganz allein dem niederen Preis des Getreides zuschrieb. Er sagte, es würde bald nöthig werden, einige Meiereien von neuem zu verpachten, und fürchtete, das gedankenlose Schreien gegen die Korngesetze möchte auf die Bedingungen dabei Einfluß haben. Es läge dem Interesse der Landeigenthümer ob, ein Auge auf die Volkstendenzen in Hinsicht dieses Punktes zu haben, denn jede wesentliche Abänderung des gegenwärtigen Systems würde mit einem Schlag wenigstens um 30 pCt. die Einkünfte von allen Getreide erzeugenden Grafschaften verringern. Er schloß mit einem sehr harten Tadel gegen die Agrarier, eine Parthei, die sich gerade damals ein wenig in Großbritannien bemerklich machte, und mit einer seinen Wendung bewies er vollständig, daß der Schutz des Landeigenthümers und die Aufrechthaltung der protestantischen Religion unauflöslich mit einander zusammenhingen. Auch ein kräftiger Aufruf an den gesunden Menschenverstand der Bürger über die vom Volk für sich selbst zu befürchtende Gefahr folgte; er behandelte dieß auf eine Weise, daß, ein wenig mehr ausgeführt, es eine herrliche Rede über die Rechte des Menschen gegeben haben würde.

Ich glaube, ich dachte über den Inhalt dieses Briefs eine volle Stunde nach. Der Verfasser davon, John Dobbs, war ein so ehrlicher, würdiger Bursche, als vielleicht je einer lebte; und ich konnte nicht anders als die erstaunliche Menschenkenntnis bewundern, die sich in jeder Zeile zeigte. Etwas mußte geschehen, das war klar; und zuletzt beschloß ich, den Ochsen bei den Hörnern zu nehmen, und mich mit einem Male an Herrn Huskisson zu wenden, als den kürzesten Weg, um an das Uebel zu kommen. Er war der politische Repräsentant aller neuen Ideen in Betreff unsrer ausländischen Handelspolitik; und indem ich auf eine feste Weise die schrecklichen Folgen seines bis auf’s Aeußerste getriebenen Systems ihm vorlegte, hoffte ich, könnte noch etwas geschehen für die Eigentümer eines festen Besitzes, die Gebeine und Nerven des Landes.

Ich will nur noch hier hinzufügen, daß Herr Huskisson mir eine sehr höfliche und männliche Antwort zurückschickte, worin er sich gegen jede Absicht, auf irgend eine Weise ungehörig in Britische Interessen sich zu mischen, vertheidigte; Taxen seien unserm System nothwendig, und jedes Volk sei selbst der beste Richter über seine Mittel und Hülfsquellen, er aber strebe nur nach Aufstellung gerechter, edelmüthiger Grundsätze, wodurch Nationen, die mit Britischen Maßregeln nichts zu schaffen hätten, sie auch nicht auf ungehörige Weise anwenden möchten – gewisse ewige Wahrheiten sollten wie eben so viele wohlgebaute Fässer, jede auf ihrem eignen Boden stehen. Ich muß sagen, mir gefiel diese Aufmerksamkeit von einem allgemein als so tüchtig anerkannten Manne als Herr Huskisson, und von jener Zeit an ward ich ein Anhänger seiner meisten Ansichten.

Die nächste Mittheilung, die ich aufmachte, war vom Aufseher über meine Besitzungen in Louisiana; er benachrichtigte mich, der allgemeine Stand der Dinge in jenem Theil der Welt sei günstig, aber die Blattern hätten sich unter den Negern gezeigt, und die Arbeiten der Plantagen würden alsbald noch fünfzehn kräftige Männer mit dem gewöhnlichen Anhang von Weibern und Kindern verlangen. Er fügte hinzu, die Amerikaner hinderten die fernere Einbringung von Schwarzen aus irgend einem Lande ausserhalb der Union, aber ein sehr lebhafter und gewinnreicher Binnenhandel werde in diesem Artikel getrieben, und entweder von Carolina, von Virginien oder Maryland könnte man zu rechter Zeit den erforderlichen Zuschuß erhalten. Doch gab er zu, unter dem Vorrath dieser verschiedenen Staaten sei wieder eine Wahl zu treffen, und sie erfordere einige Umsicht. Der Neger aus Karolina sei mehr an’s Baumwollenfeld gewöhnt, habe weniger Kleidung nöthig, und wie die Erfahrung gezeigt, könne mit Bückingen genährt werden, während dagegen der Neger weiter nördlich den feinsten Instinkt habe, manchmal denken könne, ja man ihn sogar hätte predigen hören, wenn er bis nach Philadelphia hinaufgekommen. Er liebe auch sehr Schinken und Geflügel. Vielleicht wäre es nicht übel, Exemplare von allen verschiedenen Vorräthen auf dem Markte zu kaufen.

In meiner Erwiederung stimmte ich dem letztern bei, und sprach von der Nützlichkeit, einen oder zwei von den höhern Casten aus dem Norden zu erhalten. Ich hätte nichts gegen das Predigen, wenn sie zur Arbeit predigten, aber ich warnte den Aufseher besonders vor Sektirern. Das Predigen an und für sich könnte keinen Schaden thun, alles hinge von der Lehre ab.

Dieser Rath ward als das Ergebniß vieler ernster Beobachtungen gegeben. Jene europäischen Staaten, die am hartnäckigsten der Einführung der Wissenschaften widerstanden, hätten, wie ich kürzlich bemerkt, ihr System geändert, und verführen nun nach dem Grund, »Feuer Feuer bekämpfen zu lassen.« Sie nähmen schnell ihre Zuflucht zum Schreiben von Schulbüchern, und zwar ohne andre Vorsicht, als daß sie sie selbst schrieben, durch diese sinnreiche Erfindung werde Gift in Nahrung verwandelt und die Wahrheiten für alle Classen mit Einem Male über die Gefahren des Disputirens und der Ketzerei hinausgesetzt.

Nachdem ich dem Louisianer geholfen, wandte ich mich mit Freuden zur Eröffnung des sechsten Siegels. Das Schreiben war von dem wirklichen Vorstand einer Gesellschaft, zu deren Fonds ich reichlich beigetragen, um mich nämlich auch für Wohlthätigkeitsanstalten zu interessiren. Es war mir, kurz ehe ich die Heimath verlassen, aufgefallen, daß so positive Interessen, wie ich sie größten Theils hatte, den Geist leicht weltlich machten, und ich sah kein andres Auskunftsmittel gegen solch ein Uebel, als eine Verbindung mit den Heiligen zu suchen, um der gefährlichen Neigung ein Gegengewicht zu halten. Eine glückliche Gelegenheit zeigte sich in den Bedürfnissen der »Philo-Africanischen-Anti-Correctionel-Frei-Arbeit-Gesellschaft,« deren verdienstvollen Bemühungen aus Mangel an der großen Wohlthätigkeits-Kraft, dem Geld, eben aufhören sollte. Ein Wechsel von 5000 Pfd. erwarb mir die Ehre eines Mitglieds und Patrons, und ich weiß nicht warum, aber sicher ist, er machte, daß ich mit weit größerm Interesse nach den Resultaten davon fragte, als ich sonst früher bei irgend einem andern Institut gethan hatte. Vielleicht entstand diese wohlthätige Aengstlichkeit aus jenem Prinzip in unsrer Natur, welche uns veranlaßt, nach allem zu sehen, was ein Mal unser gewesen, so lange wir noch einen Theil davon erblicken können.

Der Hauptvorstand nun dieser Gesellschaft schrieb, einige der Spekulationen, die pari passu mit der Wohlthätigkeit gegangen, seien glücklich gewesen, und daß die Actieninhaber nach den Grundbestimmungen der Association zu einer Dividende berechtigt seien, aber – wie oft steht dieses Wort zwischen Becher und Lippe, – aber er sei der Meinung, die Errichtung einer neuen Faktorei an einem Punkt, wo die Sklavenhändler sich am meisten einfänden und Goldstaub und Palmöl in den größten Mengen und folglich zu den niedrigsten Preisen zu haben wären, würde gleicher Maßen Handel und Menschenliebe begünstigen. Durch eine vernünftige Anwendung unsrer Mittel könnten diese beiden Interessen, wie Ursache und Wirkung, so als Wirkung und Ursache gar schön Hand in Hand gehen; den Schwarzen würde eine unberechenbare Menge von Noth erspart, den Weißen aber eine schwere Sündenlast abgenommen, und die besondere Agenten eines so augenscheinlichen Guts könnten mit allem Recht wenigstens 40 pCt. das Jahr von ihrem Geld berechnen, während sie noch als Zugabe ihre Seelen retteten. Ich stimmte natürlich einem an sich so vernünftigen Vorschlag, der noch ausserdem so offenbare Vortheile darbot, von ganzem Herzen bei.

Das nächste Schreiben war vom Chef eines großen Handlungshauses in Spanien, wo ich einige Actien genommen, und dessen Interessen für einige Zeit, durch die Unruhen im Volke, in Unordnung gekommen, das für wirkliche oder eingebildete Bedrückungen Abstellung verlangte. Mein Correspondent äußerte bei dieser Gelegenheit einen gehörigen Unwillen, und sparrte überhaupt die Ausdrücke nicht, wenn er von Volksauflauf sprechen mußte; »was wollen die Wichte,« fragte er mit vieler Kraft, »unser Leben und unser Eigenthum! Ach, mein theurer Herr, diese traurige Thatsache legt uns allen (unter uns meinte er die merkantilischen Interessen) die Wichtigkeit strenger Mittel auf. Wo wären wir gewesen ohne die Bayonette des Königs? Was wäre aus unsern Altären, unserm Heerd und Personen geworden, hätte es nicht Gott gefallen, uns einen Monarchen zu verleihen, unerschütterlich in seinem Willen, tapfer von Muth und schnell in der That?« Ich schrieb eine passende glückwünschende Antwort, und wandte mich zu dem nächsten Brief, der der letzte der Mittheilungen war.

Der achte Brief war von dem Chef eines andern Handlungshauses in Neu-York, V. St. von Amerika, aus dem Lande Capitains Poke, wo es scheinen wollte, als wenn der Präsident durch eine entschiedene Ausübung seiner Gewalt sich den Fluch eines großen Theils der handelnden Interessen des Landes zugezogen; da die Wirkung der Maßregel, sie mochte nun recht gewesen oder unrecht, als unmittelbare Folge oder nicht, mit Rumpf und Stumpf, das Geld rar gemacht hatte. Niemand ist so scharf in seinen Philippiken, so listig im Entdecken, so schnell im Auseinandersetzen der Thatsachen, so feurig in seiner Philosophie, so beredt in seinen Klagen, als der Schuldner, wenn das Geld plötzlich selten wird. Credit, Bequemlichkeit, Beine, Nerven, Mark und alles scheinen von dem Erfolg abzuhängen; und es ist kein Wunder, daß bei so lebhaften Eindrücken, Leute, die bisher zufrieden gewesen, in den geregelten und ruhigen Gewohnheiten des Handels fortzugehen, da auf einmal sich zu Logiker, Politiker, ja selbst zu Magiker erheben. Dies war mit meinem jetzigen Correspondenten der Fall gewesen, der im Allgemeinen so wenig von der Politik seines Landes zu verstehen und sich darum zu bekümmern schien, als wenn er nie darin gewesen, aber der nun mit einem Metaphysiker Haare gespaltet, und nicht mit mehr Liebe über die Constitution hätte schreiben können, wenn er sie gelesen hätte. Die Schranken dieses Buchs wollen mir nicht erlauben, den ganzen Brief hierherzusetzen, aber einige Sätze daraus sollen gegeben werden. »Ist es erträglich, Sir,« so hieß es, »daß die vollstreckende Gewalt, ich will nicht sagen nur in unserm Land, sondern in irgend einem, solche unerhörte Gewalten besitze, oder, selbst zugegeben, sie besäße sie, ausübe. Unsre Lage ist schlimmer als bei den Muselmännern, die mit dem Verlust ihres Geldes gewöhnlich ihren Kopf verlieren, und dadurch in einer glücklichen Unempfindlichkeit ihrer Leihen bleiben; aber ach! es hat ein Ende mit der viel gerühmten Freiheit von Amerika! Die vollstreckende Gewalt hat alle übrigen Zweige der Regierung verschlungen, und nächstens wird sie uns auch verschlingen; unsre Altäre, unser Heerd und unsre Personen werden bald angegriffen werden, und ich fürchte sehr, Sie werden meinen letzten Brief erhalten, nachdem schon lange alle Correspondenz verhindert, jedes Verbindungsmittel abgeschnitten, und wir selbst am Schreiben gehindert werden, gefesselt, wie wir sein werden, gleich Lastthieren an dem Karn eines blutigen Tyrannen!« Dann folgte eine so schöne Reihe von Beiwörtern, als ich deren nur immer aus dem Mund des größten Schelms zu Billingsgate vernommen.

Ich konnte nicht anders, ich mußte die Kraft des »gesellschaftlichen Anhaltspunkts-Systems« bewundern, das den Menschen so sehr lebhafte Aufmerksamkeit auf alle ihre Rechte gibt, mögen sie nun leben, wo sie wollen, und unter welcher Regierungsform es auch sei; das so wunderbar geeignet ist, die Wahrheit aufrecht zu erhalten und uns gerecht zu machen. Als Antwort sandte ich zurück Schimpfwort um Schimpfwort, wiederholte alle die Seufzer meines Correspondenten und spottete, wie es einem Manne zukam, der mit einem verlierenden Geschäfte in Verbindung stand.

Dieß schloß für jetzt meine Correspondenz, und ich erhob mich, müde von meinen Arbeiten, doch sehr erfreut über ihre Früchte. Es war spät, aber die Aufregung schloß den Schlaf aus, und eh‘ ich mich für die Nacht zurückzog, konnt‘ ich mich nicht enthalten, nach meinen Gästen zu sehen. Capitain Poke war in ein Zimmer in einem andern Theil des Hotels gegangen, aber die Familie der liebenswürdigen Fremdlinge schlief fest im Vorzimmer. Sie hatten, wie ich versichert war, herrlich zu Nacht gespeist, und überließen sich nun, einen erprobten Ausdruck zu gebrauchen, einem glücklichen aber vorüber gehenden Vergessen aller ihrer Leiden. Zufrieden mit diesem Zustand der Dinge, suchte ich nun auch mein Kissen, oder nach einem Lieblingsausdruck Noah Poke’s ich auch »lief ein.«

Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Einige Erklärungen, – ein menschlicher Appetit,– ein Mittagessen und ein Trinkgeld.

Der Brigadier und ich blieben zurück, die Hauptpunkte des unerwarteten Auftritts zu besprechen.

»Ihr strenges Verlangen nach Beweggründen, mein Lieber,« bemerkte ich, »beschränkt doch gar sehr die Springniedriger politische Moralität, und setzt sie dem gesellschaftlichen Anhaltspunkt-System bei uns gleich.«

»Sie Beide, das ist richtig, haben zur Krücke die persönlichen Interessen; jedoch ist zwischen ihnen der Unterschied der Interessen eines Theils und der des Ganzen.«

»Und könnte ein Theil weniger richtig handeln, als das Ganze in diesem Fall gehandelt hat?« »Sie vergessen, daß sich Springniedrig gerade in diesem Augenblick unter einer moralischen Verfinsterung befindet; ich will nicht damit sagen, daß diese Verfinsterungen nicht so oft vorfallen, aber sie fallen in andern Theilen des Landes so oft vor, wie hier. Wir haben drei große Arten, die Monikin’schen Angelegenheiten zu leiten: durch Einen, durch Wenige, durch Viele – –«

»Ganz dieselbe Eintheilung besteht bei den Menschen,« fiel ich ein.

»Einige unsrer Verbesserungen wirken auch rückwärts, das Zwielicht geht ja dem Lauf der Sonne nicht nur voraus, sondern folgt ihm auch;« entgegnete ganz ruhig der Brigadier. »Wir denken, die Vielen brächten’s am nächsten in Verhindrung des Uebels, wiewohl wir auch diese für gar nicht unbefleckt halten. Gibt man zu, daß die Neigung zum Bösen in diesen drei Systemen gleich ist, (was wir indessen nicht zugeben, da wir der Meinung sind, unseres habe deren am wenigsten), so behauptet man doch, daß die Vielen einer großen Quelle des Drucks und der Ungerechtigkeit entgehen; sie brauchen nämlich nicht die schwierigen Vorkehrungen zu treffen, die die physische Schwäche zu machen gezwungen ist, um sich gegen physische Stärke zu wahren.«

»Das stößt eine sehr vorherrschende Ansicht unter den Menschen um, Sir, die gewöhnlich behaupten, die Tyrannei der Vielen sei die schlimmste von allen.«

»Diese Idee hat sich nur verbreitet, weil der Löwe nicht sich hat abkonterfeien lassen wollen. Da Grausamkeit gewöhnlich im Geleite der Feigheit geht, so ist Unterdrückung, neun Mal unter zehn; das Ergebniß der Schwäche. Es ist natürlich, daß die Wenigen die Vielen fürchten, nicht aber umgekehrt. Sodann werden unter Institutionen, worin die Vielen regieren, gewisse auf natürliche Gerechtigkeit gegründete Grundsätze offen anerkannt, und es ist wirklich selten, daß sie nicht auf die Staatsverhandlungen Einfluß haben. Andrerseits verlangt die Regierung der Wenigen, daß diese selben Wahrheiten entweder entstellt oder ganz unterdrückt werden, und die Folge davon ist Ungerechtigkeit.«

»Aber alle Eure Ansichten über die Vielen und Wenigen angenommen, Brigadier, müßt Ihr doch zugeben, daß hier in Eurem geliebten Springniedrig selbst die Monikins ihre eignen Interessen um Rath fragen, und das heißt doch nach dem Grundprincip des großen europäischen socialen Anhaltpunkt-Systems verfahren.«

Das heißt, die Güter der Welt sollten das Mittel zur politischen Macht sein. An der traurigen Verwirrung, die in diesem Augenblick unter uns herrscht, Sir John, müßt Ihr bemerken, daß wir eben nicht unter den heilsamsten aller politischen Einflüsse stehen. Ich gebe es zu, daß das große Erforderniß der Staatsgesellschaft ist, durch gewisse große moralische Wahrheiten beherrscht zu werden. Die Folgerungen und Korollarien aus diesen Wahrheiten sind Grundsätze, die vom Himmel kommen; nun ist aber nach Monikin’schen Dogmen die Liebe zum Geld von der Erde, irdisch, und bei’m ersten Anblick möchte es nicht ganz sicher sein, solch einen Antrieb als leitendes Princip für einen Monikin anzunehmen, und durch leichte Schlußfolge auch nicht für Viele. Ihr müßt auch bedenken, daß, wenn nur die Reichen Macht haben, beherrschen sie nicht allein ihr Eigenthum, sondern auch das derer, die weniger haben. Euer Grundsatz setzt voraus, daß bei Besorgung seiner eignen Besitzthümer der begüterte Wähler auch Sorge für das haben muß, was der übrigen Gemeinde gehört; aber unsre Erfahrung zeigt, daß ein Monikin ganz außerordentlich für sich Sorge haben und doch sich sehr wenig um seinen Nächsten bekümmern kann.«

»Ihr werft Alles um, Brigadier, ohne etwas besser zu finden.«

»Nur, weil es leicht ist, Alles umzustoßen, und sehr schwer, etwas Besseres zu finden. Aber in Hinsicht des Fundaments der Staatsgesellschaft, bezweifle ich nur, ob es weise, eine Befähigung aufzustellen, die, wie wir Alle wissen, auf schlechtem Grunde beruht. Ich fürchte sehr, Sir John, daß, so lange Monikins Monikins sind, wir nie ganz vollkommen sein werden, und in Hinsicht Eures socialen Anhaltpunkt-Systems mein‘ ich, daß, da die Gesellschaft aus Allen besteht, es nicht übel sein mag, wenn wir hören, was Alle über ihre Leitung zu sagen haben.«

»Vielen Menschen und wohl auch vielen Monikins darf man die Leitung ihrer eignen Angelegenheiten nicht anvertrauen.« »Sehr wahr; aber daraus folgt nicht, daß andre Menschen und andre Monikins deßwegen ihre eignen Interessen aus dem Gesichte verlieren werden, wenn man sie als ihre Stellvertreter hinstellt. Ihr seid lang genug Gesetzgeber gewesen, um einen Begriff zu bekommen, wie schwer es ist, einen eigentlichen und verantwortlichen Stellvertreter zur gehörigen Achtung der Interessen und Wünsche seiner Konstituenten zu bringen, und Thatsachen werden Euch beweisen, wie wenig der wohl an Andre denken wird, der als ihr Herr zu handeln vermeint und nicht als ihr Diener.«

»Das Ergebniß aus allem dem, Brigadier, ist, daß Ihr wenig an Monikin’sche Uneigennützigkeit in irgend einer Gestalt glaubt, daß Ihr meint, Jeder, der Gewalt hat, werde sie mißbrauchen, und so wollt Ihr denn das Anvertraute vertheilen, um auch die Mißbräuche zu theilen; daß ferner die Liebe zum Geld eine irdische Eigenschaft ist, der man für Leitung eines Staats nicht trauen darf, und endlich, daß das sociale Anhaltpunkt-System durch und durch schlecht ist, dieweil es nur ein Princip durchführt, das für sich selbst mangelhaft ist.«

Mein Freund gähnte, als mögte er gerne hiemit die Sache beruhen lassen; ich wünschte ihm guten Morgen und ging die Treppe hinauf, Noah zu suchen, dessen fleischverzehrende Blicke mir beträchtliche Unruhe gemacht hatten. Der Kapitän war aus, und nachdem ich eine oder zwei Stunden nach ihm gesucht hatte, kehrte ich in unsre Wohnung müde und hungrig zurück.

Nicht weit von der Thüre stieß ich auf Richter Volksfreund, der geschoren und niedergeschlagen war, und ich stand stille, ihm ein tröstendes Wort zu sagen, ehe ich die Leiter hinaufstiege. Man konnte nicht anders, wenn man einen Herrn sah, den man in guter Gesellschaft und unter bessern Umständen getroffen, der jetzt jedes Haar von seinem Leibe geschoren, und dessen Fleisch noch blutete von der frischen Amputation, in dessen Miene ferner republikanische Demuth lag, man konnte nicht anders, man mußte ihn trösten wollen. Ich drückte ihm deßwegen mein Beileid so kurz, wie möglich, aus und ermuthigte ihn mit der Hoffnung, er werde bald einen neuen Flaum kommen sehen, enthielt mich jedoch jeder Hinweisung auf seinen Schweif, dessen Verlust, wie ich wußte, unersetzlich war. Zu meinem größten Erstaunen antwortete jedoch der Richter freudig und legte für den Augenblick jeden Anschein von Selbsterniedrigung und Demuth ab.

»Wie ist das?« rief ich, »Ihr seid also nicht unglücklich?«

»Weit gefehlt, Sir John! ich hatte nie mehr Muth und bessere Aussichten in meinem Leben.«

Ich erinnerte mich der außerordentlichen Weise, wie der Brigadier Noah’s Haupt gerettet, und war vollständig entschlossen, nicht über irgend eine Darlegung Monikin’schen Scharfsinns erstaunt zu sein. Doch bat ich um einige Erklärung.

»Es mag Euch seltsam verkommen, Sir John, einen Politiker zu finden, der dem Anschein nach in der Tiefe der Verzweiflung liegt, und doch am Vorabend glorreicher Erhebung steht. So ist’s aber doch mit mir. In Springniedrig gilt Demuth Alles. Der Monikin, der Acht hat, und oft genug wiederholt, daß er der ärmste Teufel ist, gänzlich unfähig zum geringsten Amt im Lande, und sonst auch aus der Staatsgesellschaft gänzlich erstoßen zu werden verdiente, der kann sich mit Recht auf gutem Weg zu den Würden glauben, zu deren Erlangung er sich als den Unwürdigsten erklärt.«

»Dann braucht er also nur zu wählen, und am lautsten gerade für ein solches Amt seine Unfähigkeit auszuschreien.«

»Ihr habt Talente, Sir John, und würdet es weit bringen, wenn Ihr nur bei uns bleiben wolltet,« sagte der Richter zunickend.

»Ich begreife jetzt Euer Verfahren; Ihr seid also weder unglücklich, noch demüthig.«

»Ganz und gar nicht. Für Monikins meiner Art ist es am wichtigsten, eher Alles zu scheinen, als es zu sein. Meine Mitbürger begnügen sich gewöhnlich mit diesem Opfer, und da jetzt das Moralprincip verdunkelt ist, ist nichts leichter.«

»Aber wie kommt’s, Richter, daß Ihr mit Eurer Behendigkeit und Schnelle in allen Sprüngen und Gyrationen dazu gezwungen seid; sollte vielleicht der kleine Umstand mit Eurem Schweif?«

Der Richter lachte mir gerade in’s Gesicht. »Ich sehe, Ihr begreift uns doch immer noch nicht recht. Hier haben wir die Schweife als antirepublikanisch verbannt, da beide Meinungen sich dagegen erhoben, und doch kann auswärts ein Monikin einen tragen eine Meile lang, ohne Gefahr, nur muß er sich, kommt er nach Hause, einer neuen Verstümmlung unterwerfen und schwören, er sei der elendeste Wicht von der Welt. Lobt er dann noch die Hunde und Katzen in Springniedrig, dann, guter Gott! würden sie ihm selbst Hochverrath verzeihen.«

»Ich begreife jetzt Eure Politik, Richter, wenn auch nicht Eure Staatspolitik. Da Springniedrig eine Volksherrschaft ist, müssen nothwendig seine politischen Agenten volksthümlich sein. Da nun die Monikins natürlich an ihren eignen Vortrefflichkeiten sich ergötzen, macht nichts sie so geneigt, Andern zu glauben, als deren Versicherung, sie seien schlechter, als sie.«

Der Richter nickte und lachte.

»Aber noch ein Wort, mein Lieber! Da Ihr die Hunde und Katzen von Springniedrig zu preisen gezwungen seid, so gehört Ihr wohl zu der Schule von Katzenbegünstigern, die sich wegen ihrer Liebe zu diesen Vierfüßlern dadurch rächen, daß sie ihre Mitgeschöpfe wie Ratten benagen.«

Der Richter fuhr auf und schaute um sich, als fürchte er einen Taschendieb. Dann bat er mich ernstlich, seine Stellung zu berücksichtigen, und lispelte mir zu, daß des Volks Sache bei ihm heilig wäre, und er selten von ihm spräche ohne Verbeugung. Seine besondre Vorliebe für die Hunde und Katzen rühre auch von nichts Anderm her, nicht von einem eigenthümlichen Verdienst dieser Thiere, sondern blos daher, weil sie des Volkes Hunde und Katzen wären. In der Furcht, ich könnte noch etwas Unangenehmeres sagen, nahm der Richter eilig Abschied, und ich sah ihn nie wieder. Ich zweifle jedoch nicht, daß zu rechter Zeit sein Haar wieder wuchs, wie er in Gunst, und er bei allen passenden Gelegenheiten Mittel fand, die gehörige Schweiflänge wieder zu erhalten.

Jetzt zog ein Auflauf in den Straßen meine Aufmerksamkeit auf sich; ich näherte mich, und ein Kollege, der sich dort befand, erklärte mir gütigst die Ursache. Einige Springhocher hatten, wie es schien, nach Springniedrig Reisen gemacht, und, nicht zufrieden mit dieser Freiheit, hatten sie auch wirklich Bücher über das, was sie gesehen und auch nicht gesehen, geschrieben. Ueber das Letztre zeigte sich keine der beiden öffentlichen Meinungen sehr gerührt, obgleich viele der Schriftsteller streng über die große Nationalallegorie und die heiligen Rechte der Monikins geurtheilt; aber in Hinsicht des Erstern, des Gesehenen, war große Aufregung. Diese Schriftsteller hatten die Kühnheit, zu sagen, die Springniedriger hätten alle ihre Schweife abgehauen, und die ganze Gemeinde lag wegen so unerhörter Beleidigung in Krämpfen. Es wäre etwas ganz Andres, so etwas zu thun, und etwas Andres, es der Welt in Büchern sagen zu hören. Wenn die Springniedriger keine Schweife hätten, so sei das nur ihre Schuld, die Natur hätte sie ganz wie andre Monikins gebildet. Sie hätten sich nach einem republikanischen Princip abgestumpft, und Niemanden dürften seine Grundsätze auf diese rohe Weise vorgeworfen werden, besonders während einer moralischen Verfinsterung.

Die Vertheiler der Essenz aus den abgehauenen Schweifen drohten Rache, Karrikaturmaler wurden in Bewegung gesetzt, einige grinsten, einige drohten, einige fluchten, aber alle lasen.

Ich verließ den Haufen und ging wieder auf meine Thüre zu, immer über diesen seltsamen Zustand der Gesellschaft nachdenkend, in welchem eine vorbedachte und öffentlich angenommene Eigenthümlichkeit zu einer so ungewöhnlichen Reizbarkeit des Charakters Anlaß geben konnte. Ich wußte wohl, daß sich die Menschen gemeiniglich mehr der natürlichen Unvollkommenheiten schämen, als derer, welche größten Theils von ihnen selbst abhängen; aber dann stehen auch die Menschen, wenigstens nach ihrem eignen Ausspruch, an der Spitze der Schöpfung, und so ist es vernünftig anzunehmen, daß sie auf ihre natürlichen Vorrechte eifersüchtig sind. Der gegenwärtige Fall war aber nicht allgemein und ging nicht mehr blos Springniedrig an, und so konnte ich es mir nur durch die Voraussetzung erklären, daß die Natur in dem Springniedriger Körperbau einige Nerven an den unrechten Ort gesetzt.

Als ich in das Haus trat, begrüßte ein starker Geruch von gebratenem Fleisch meine Nase und erregte eine sehr unphilosophische Lust in meinen Riechnerven, – eine Lust, die auch sehr direkt auf die gastrischen Säfte des Magens zurückwirkte. Auf gut deutsch, ich hatte einen sehr sichtbaren Beweis, daß es nicht genug sei, einen Mann in das Monikinland zu bringen, ihn in’s Parlament zu schicken und eine Woche lang mit Nüssen zu ernähren, um ihn ganz ätherisch zu machen. Ich fand, es sei vergebens, gegen den Stachel zu lecken; der Geruch von dem Braten war stärker, als alles Vorbenannte, und ich gab gerne die Philosophie auf, um mich gänzlich dem Magen zu überlassen. Ich ging alsbald, von einem nicht geistreicheren Sinn geleitet, als der des Jagdhundes ist, in die Küche herab.

Bei’m Oeffnen der Thür unseres Speisesaals begrüßte ein so köstlicher Wohlgeruch die Nase, daß ich gleich einem romantischen Mädchen bei einem Wasserfall dahinschmolz, und, alle höheren, eben erst erlangten Wahrheiten aus dem Gesicht verlierend, fand ich mich der besondern menschlichen Schwäche hingegeben, daß ich, wie man’s gewöhnlich beschreibt, den Mund voll Wasser hatte.

Der Robbenfänger hatte die Monikin’sche Enthaltsamkeit ganz aufgegeben und ergötzte sich auf ganz menschliche Weise. Ein Gericht gebratenen Fleisches stand vor ihm, und seine Augen erglänzten gar sehr, als er sie von mir weg auf sein Essen wandte, so daß es etwas zweifelhaft wurde, ob ich ein willkommener Besuch sein werde. Aber jener ehrliche alte Grundsatz der Seeleute, der sich nie weigert, mit einem alten Tischgenossen zu gleichen Theilen zu theilen, siegte selbst über seine Gefräßigkeit.

»Setzt Euch her, Sir John!« rief der Kapitän, ohne mit Kauen aufzuhören, »und denkt nicht, es seien Knochen. Die Wahrheit zu gestehen, die letztern sind fast so gut, als das Fleisch; ich aß nie einen süßern Bissen.«

Ich wartete eine zweite Einladung nicht ab, das kann mir der Leser glauben, und in weniger, als zehn Minuten war der Tisch so rein, wie von Harpyen angefallen. Da auch dies Werk für eine Erzählung gelten soll, wo der Wahrheit streng nachgekommen wird, muß ich gestehen, daß ich mich keiner Befriedigung irgend eines Gefühls erinnre, das mir halb so viel Lust erzeugte, als dies kurze und eilige Mahl. Ich sehe es jetzt noch als das wirkliche Ideal eines Mittagessens an. Sein Fehler lag in der Quantität, nicht in der Qualität. Ich schaute mich gierig nach mehr um, da erblickte ich ein Antlitz, das mich mit trauernden Vorwürfen anzuschauen schien. Die Wahrheit blitzte in mir auf in einer Fluth schrecklicher Gewissensbisse. Ich stürzte auf Noah wie ein Tiger, ich faßte ihn an der Kehle, ich schrie mit einer Stimme der Verzweiflung:

»Kannibale! was hast du gethan?«

»Laßt mich los, Sir John! Wir lieben nicht diese Spässe in Stonington.«

»Elender! du hast mich zum Theilnehmer deines Verbrechens gemacht. Wir haben den Brigadier Geradaus aufgegessen!«

»Laßt nur los, Sir John! oder Menschen-Natur rebellirt.«

»Ungeheuer! gib dein unheiliges Mahl wieder von dir! Siehst du nicht tausend Vorwürfe in den Augen des unschuldigen Opfers deines unersättlichen Hungers?«

»Laßt los, Sir John, laßt los! so lange wir Freunde sind. Mich kümmert’s nicht, und wenn ich alle Brigadiers in Springniedrig verschlungen. Nur weg!«

»Nicht, bevor du nicht dein gottloses Mahl ausspei’st!«

Noah konnte es nicht länger aushalten, er ergriff nun mich nach dem Wiedervergeltungsrecht bei der Kehle, und ich hatte bald die Gefühle, wie sie Einer haben müßte, dessen Gurgel unter einer Schnüre sich befände. Ich will das Wunder, das jetzt folgte, nicht in’s Einzelne zu beschreiben versuchen. Das Hängen müßte ein wirksames Mittel für mancherlei Täuschungen sein; denn bei mir that der Zwang, unter dem ich lag, wirklich Wunder in sehr kurzer Zeit. Allmählig änderte sich die ganze Scene; erst kam ein Nebel, dann ein Taumel, und endlich, als der Kapitän mich losließ, erschienen die Gegenstände unter ganz neuen Gestalten, und statt in unserer Wohnung in Bivouac befand ich mich in meinem alten Zimmer in der Straße Rivoli zu Paris.

»König!« rief Noah, der mit vor Anstrengung rothem Gesicht vor mir stand, »das ist kein Kinderspiel, und wenn’s noch ein Mal so kommt, werde ich Seile gebrauchen. Was wär’s denn, Sir John, wenn Jemand einen Affen verzehrte?«

Staunen hielt mich stumm. Alles war noch so, wie ich es an dem Morgen verlassen, wo wir nach London auf unsrer Reise nach Springhoch uns aufmachten. Ein Tisch mitten im Zimmer war mit engbeschriebenen Papierbogen bedeckt, welche, bei näherer Untersuchung, dies Manuskript bis an’s letzte Kapitel enthielten. Der Kapitän und ich waren wie gewöhnlich gekleidet, ich à la Parisienne, er à la Stonington. Ein kleines, sehr sinnreich gefertigtes Schiff mit allem Tauwerk lag mit dem Namen Wallroß beschrieben auf dem Boden. Als mein zerstörtes Auge auf dies Fahrzeug fiel, sagte mir Noah, da er nichts weiter zu thun gehabt, als über meine Gesundheit zu wachen, (eine sehr höfliche Bezeichnung für seine Beaufsichtigung meiner Person, wie ich später fand,) so habe er seine Muse zur Erbauung dieses Spielwerks benutzt.

Alles war unerklärlich. Es war wirklich der Geruch von Fleisch noch da; ich hatte noch das besondre Gefühl der Fülle, das wohl auf ein Mittagessen folgt, und eine Schüssel voller Knochen stand mir vor den Augen. Ich nahm einen der letztern, um das genau zu bestimmen. Der Kapitän sagte mir gütigst, daß es das Ueberbleibsel eines Spanferkels sei, das zu erhalten ihn große Mühe gekostet, da die Franzosen, ein solches Schweinchen zu essen, für kaum weniger gefährlich hielten, als das Aufzehren eines Kindes. Ahnungen tauchten in mir auf, und ich sah mich nun nach dem Haupt und vorwurfsvollen Auge des Brigadiers um.

Das Haupt war, wo ich es vorher gesehen; über einen Koffer ragte es hinaus, aber es stand hoch genug, um zu sehen, daß es noch auf seinen Schultern war. Ein zweiter Blick ließ mich das nachdenkende, philosophische Haupt des Dr. Raisono erkennen; er war noch in seiner Husarenjacke und seinem Leibrock, obwohl er, da er zu Hause, mit vollem Recht den dreieckigen Hut mit den schmutzigen Federn bei Seite gelegt.

Ein Geräusch ließ sich im Vorzimmer vernehmen, und ein schnelles Reden in leisem, ernstem Ton folgte. Der Kapitän verschwand und ging zu den Sprechenden. Ich lauschte eifrig, konnte aber nichts von einem Dialekt nach dem Decimalsystem vernehmen. Alsbald öffnete sich die Thür und Dr. Etherington stand vor mir.

Der gute Geistliche betrachtete mich lang und ernst. Thränen erfüllten seine Augen, und beide Hände nach mir ausstreckend, sagte er:

»Kennt Ihr mich, Jack?«

»Euch kennen, Sir, wie sollte ich nicht?«

»Und verzeiht Ihr mir, Lieber?«

»Was, Sir? Sicher muß ich Eure Verzeihung für tausend Thorheiten erbitten.«

»Ach, der Brief, – der unfreundliche, unbedachte Brief!«

»Ich hab‘ seit einem Jahre keinen Brief von Euch erhalten, Sir; der letztere war nichts weniger, als ungütig.«

»Wenn auch Anna schrieb, diktirte ich doch.«

Ich fuhr mit der Hand über die Stirne, und die Wahrheit tagte in mir auf.

»Anna?«

»Sie ist hier, in Paris, unglücklich, sehr unglücklich um Euretwillen!«

Jedes Theilchen von Monikinschaft, das noch in mir geblieben, wich augenblicklich einer Fluth menschlicher Gefühle.

»Laßt mich zu ihr eilen, lieber Sir, jeder Augenblick ist ein Jahrhundert!«

»Nicht jetzt gerade, mein Junge; wir haben viel einander zu sagen, auch ist sie nicht in diesem Hotel. Morgen, wenn ihr beide besser vorbereitet, sollt ihr euch sehen.«

»Fügt bei, euch nie wieder zu trennen, Sir, und ich will geduldig sein, wie ein Lamm.«

»Euch nie wieder zu trennen, hoffe ich sagen zu können.«

Ich fiel meinem ehrwürdigen Führer um den Hals, und fand köstliche Erleichterung von einer schweren Last von Gefühlen in einer Fluth Thränen. Dr. Etherington brachte mich bald in eine ruhigere Gemüthsstimmung. Im Lauf des Tags wurde vieles besprochen und geordnet. Man sagte mir, Kapitän Poke sei eine gute Wärterin gewesen, jedoch auf Robbenfänger-Art, und das Geringste, was ich für ihn thun könnte, sei, ihn kostenfrei nach Stonington zu schicken. Das ward besorgt und der würdige aber absprechende Seemann mit den Mitteln versehen, eine neue »Debby und Dolly« auszurüsten.

»Diese Philosophen sollten wir wohl in eine Akademie bringen,« bemerkte lächelnd der Doktor und deutete auf die Familie der liebenswürdigen Fremdlinge; »da Herr Raisono besonders schon so hohe akademische Titel hat, ist er für gewöhnliche Gesellschaft nicht geschickt.«

»Thut mit ihnen, wie’s Euch gefällt. Ihr, mir mehr als Vater. Laßt jedoch die armen Thiere keinen physischen Mangel leiden.«

»Auf alle ihre Bedürfnisse, physische und moralische, soll Rücksicht genommen werden.«

»Und in ein oder zwei Tagen reisen wir alle in’s Pfarrhaus?«

»Uebermorgen, wenn Ihr stark genug.«

»Und morgen?«

»Wird Euch Anna sehen.«

»Und den Tag darauf?«

»Nein, nicht so schnell, Jack; aber sobald wir Euch hinlänglich uns wiedergegeben glauben, soll sie Euer Geschick für die übrige Zeit Eures Prüfungsstandes mit Euch theilen.«

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Ein wenig Freundschaft, – etwas Gefühl, viel Liebe, und – eine Abrechnung.

Eine Nacht süßer Ruhe ließ mich erfrischt und mit einem Puls, der weniger Bewegung verrieth, als am vorhergehenden Tag. Ich erwachte früh, nahm ein Bad und ließ Kapitän Poke rufen, den Kaffee mit mir einzunehmen, ehe wir schieden. Es war nämlich am vorhergehenden Abend festgesetzt worden, er solle ohne Weitres nach Stonington. Mein alter Tischgenosse, Kollege, Mitabenteurer und Reisegefährte gehorchte schnell meinem Ruf, und ich gestehe, seine Gegenwart war mir ein Trost; ich sah nicht gerne alle die Gegenstände, die so unerklärlich wieder vor meinen Augen erschienen, unbelebt durch die Gegenwart eines Mannes, der so viele ernste Auftritte mit mir durchgemacht.

»Das war eine sehr seltsame Reise, Kapitän Poke,« bemerkte ich, nachdem der würdige Robbenfänger sechzehn Eier, eine Omelette, sieben Kotelettes und verschiedene Nebensachen verschlungen. »Denkt Ihr Euer Tagebuch heraus zu geben?«

»Ei, nach meiner Meinung, Sir John, je weniger wir von der Reise sprechen, desto besser.« »Und warum? Wir haben die Entdeckungen von Kolumbus, Cook, Vancouver und Hudson gehabt, warum auch nicht die von Kapitän Poke?«

»Die Wahrheit zu sagen, wir Robbenfänger sprechen nicht gern von unsern Jagdgründen, und diese Monikins, was sind sie nütze? Ihr Fell wenigstens ist fast nichts werth.«

»Rechnet Ihr ihre Philosophie und ihre Jurisprudenz für nichts? Ihr waret ja so nahe daran, durch die Axt des Henkers Euer Haupt zu verlieren, und verlort wirklich Euern Schweif.«

Noah legte seine Hand hinter ihn und suchte mit offenbarer Unruhe nach dem Sitz der Vernunft. Zufrieden, daß ihm kein Leid geschehen, steckte er sehr ruhig ein halbes Tabacksröllchen in seine sogenannte Vorrathstasche.

»Ihr gebt mir wohl dies schöne Model von unserm guten alten Wallroß, Kapitän?«

»Nehmt es um’s Himmels willen, Sir John, und Glück dazu! Ihr gebt mir einen ausgewachsenen, großen Schooner und macht Euch nur schlecht durch dieß Spielwerk bezahlt.«

»Es ist dem theuern alten Schiff so ähnlich wie eine Krähe der andern.«

»Es mag sein; ich habe nie ein Model gesehen, das nicht in etwas dem Original gleich war.«

»Nun, mein guter Schiffsgefährte, wir müssen uns trennen. Ihr wißt, ich muß gehen, die Dame zu besuchen, die bald mein Weib sein wird, und die Diligence wird Euch nach Havre mitnehmen, ehe ich zurückkehre.«

»Gott segne Euch, Sir John, Gott segne Euch!« Noah schneuzte seine Nase, bis sie wie ein Posthorn erschallte, und mir däuchte, seine kleinen Kohlen von Augen glänzten selbst mehr als gewöhnlich, von Thränen wahrscheinlich. »Ihr seid ein drolliger Seemann und kümmert Euch nicht mehr um’s Eis, als ein Füllen um den Reif. Ist aber auch der Mann am Steuer nicht immer wach, schläft doch das Herz selten.«

»Wenn ›Debby und Delly‹ gehörig zu Wasser, werdet Ihr mir das Vergnügen machen, es mich wissen zu lassen.«

»Rechnet darauf, Sir John. Ehe wir jedoch scheiden, hab‘ ich eine kleine Gunstbezeugung zu erbitten.«

»Nennt sie!«

Hier zog Noah eine Art Basrelief, in Holz geschnitten, aus der Tasche. Es stellte Neptun mit einer Harpune statt dem Dreizack bewaffnet dar. Der Kapitän behauptete nämlich immer, der Gott der Meere sollte nie den letztern führen, statt dessen sollte er entweder mit der ihm gegebenen Waffe oder mit einem Bootshaken bewaffnet sein. Rechts von Neptun stand ein Engländer, der einen Beutel mit Guineen hielt, und an der andern Seite war ein Frauenzimmer, die, wie ich hörte, die Göttin der Freiheit vorstellen sollte, eigentlich aber ein etwas geschmeicheltes Portrait von Mad. Poke war. Das Antlitz des Neptun sollte einige Aehnlichkeit mit ihrem Gemahl haben. Der Kapitän bat nun mit der Bescheidenheit, die die unzertrennliche Begleiterin des Verdienstes in den Künsten ist, um die Erlaubniß, eine Kopie dieser Figur auf den Schooner stellen zu dürfen. Es wäre kindisch gewesen, solch ein Kompliment zu verweigern, und mit Widerstreben reichte ich Noah die Hand, als die Stunde der Trennung gekommen. Der Robbenfänger umarmte mich fester und schien mehr sagen zu wollen, als Adieu.

»Ihr werdet bald einen Engel sehen, Sir John.«

»Wie, wißt Ihr etwas von Miß Etherington.«

»Ich müßte ja blind wie ein Maulwurf sein. Während unsrer Reise sah ich sie oft.«

»Das ist seltsam. Aber Ihr habt offenbar etwas auf dem Herzen, mein Freund, sprecht frei.«

»Nun denn, Sir John, sprecht von Allem zu dem theuern Wesen, nur nicht von unsrer Reise. Ich denke, sie ist noch nicht ganz vorbereitet, von all den Wundern zu hören, die wir sahen.«

Ich versprach, klug zu sein, und der Kapitän, mir herzlich die Hand schüttelnd, wünschte mir endlich Lebewohl. In seiner Art lagen einige rohe Züge von Gefühl, die gewisse Saiten meines Systems berührten, und so war er schon einige Minuten fort, ehe ich mich erinnerte, es sei Zeit in das Hotel zu gehen. Zu ungeduldig, auf den Wagen zu warten, durchflog ich die Straßen zu Fuß, in der Ueberzeugung, meine eigne wilde Eile werde die Zigzag-Bewegung eines Fiakers oder Kabriolets übertreffen.

Dr. Etherington kam mir an der Thür seines Zimmers entgegen und führte mich, ohne zu sprechen, in ein inneres Zimmer. Hier blieb er, mir einige Zeit mit väterlicher Besorgniß in’s Gesicht blickend.

»Sie erwartet Euch, Jack, und weiß, daß die Schelle Euch ankündete.«

»Um so besser, Sir; laßt uns keinen Augenblick verlieren, laßt mich eilen, mich Ihr zu Füßen werfen, Ihre Verzeihung zu erlangen.«

»Wofür, mein guter Junge?«

»Daß ich glaubte, irgend ein socialer Anhaltpunkt könnte dem gleichkommen, den der Mann in den nächsten, theuersten Banden der Erde hat.«

Der herrliche Mann lächelte, aber offenbar wünschte er meine Ungeduld zu mäßigen.

»Ihr habt jetzt schon jeden möglichen Anhalt in der Staatsgesellschaft, Sir John Goldenkalb,« antwortete er, und nahm die Miene an, welche menschliche Wesen übereingekommen sind, für würdevoll zu halten, »den nur ein vernünftiger Mann wünschen kann. Das Euch von Eurem verstorbenen Vater hinterlassene Vermögen erhebt Euch in dieser Hinsicht zu den Reichsten im Lande, und nun, da Ihr Baronet seid, wird Niemand Eure Ansprüche in Zweifel ziehen, in den Rath der Nation einzutreten. Es wäre vielleicht besser, wenn Eure Standeserhöhung ein oder zwei Jahrhunderte dem Anfang der Monarchie näher wäre, aber in diesem Zeitalter der Neuerungen müssen wir die Dinge nehmen, wie sie sind und nicht wie wir sie wünschten; wie die Franzosen sagen: on fait ce qu’on peut, on ne fait pas, ce qu’on veut.

Ich rieb mir die Stirne, denn der Doktor hatte zufällig einen in Verlegenheit bringenden Gedanken ausgesprochen.

»Nach Euern Princip, Sir, müßte die Gesellschaft mit ihrem Urgroßvater beginnen, um fähig zu sein, sich selbst zu regieren.«

»Verzeiht mir, Jack, wenn ich etwas Unangenehmes sagte, ohne Zweifel wird Alles im Himmel recht werden. Anna wird sich über unser Zögern beunruhigen.« Diese Erinnerung trieb jeden Gedanken an des Geistlichen sociales Anhaltpunkt-System ganz aus meinem Kopfe; es war übrigens, wie man sich erinnern wird, dem Anhaltpunkt-System meines verstorbenen Vorfahren ganz entgegengesetzt. Ich eilte voran und gab dadurch dem guten Geistlichen hinlänglich zu verstehen, daß er sich weiter nicht zu bemühen brauche, unser Gespräch auf etwas Anderes zu bringen. Als wir durch ein Vorzimmer gekommen, zeigte er nach einer Thür und zog sich zurück, nachdem er mich ermahnt, vorsichtig zu sein.

Meine Hand zitterte, als sie die Thürklinke berührte, aber diese gab nach. Anna stand mitten im Zimmer, (sie hatte meinen Schritt gehört), ein Bild weiblicher Liebenswürdigkeit, weiblicher Treue, weiblichen Gefühls, doch durch große Anstrengung Herrin ihrer Bewegung. auf Seite 384 folgt Seite 285. Ist hier die Seitenreihenfolge durcheinander – oder nur die Numerierung? Ob auch ihre reine Seele mir entgegen fliegen zu wollen schien, sie hielt offenbar diese Regung zurück, um nicht mit meinen Nerven zu scherzen.

»Theurer Jack!« und ihre sanfte, weiße, schöne, kleine Hand kam mir entgegen, als ich mich näherte.

»Anna, theuerste Anna!« Ich bedeckte die rosigen Finger mit tausend Küssen.

»Laßt uns ruhig und auch vernünftig zu sein versuchen, Jack!«

»Könnte ich denken, daß dieß Euch, die Ihr stets so besonnen, Mühe kosten würde?«

»Auch der sonst Besonnene mag so gut, als ein Anderer, von seinen Gefühlen überwältigt werden, wenn er auf einen alten Freund trifft.«

»Wie glücklich würde es mich machen, Euch weinen zu sehen.«

Als hätte sie nur auf diesen Wink gewartet, brach Anna in eine Fluth von Thränen aus. Ich erschrack; denn diese Ausbrüche wurden hysterisch und krampfhaft. Jene köstlichen Gefühle, die so lange in ihrem jungfräulichem Busen gefangen gehalten worden, hatten die Herrschaft über sie bekommen, und ich wurde für meine Selbstsucht gehörig durch einen kaum weniger heftigen Schrecken bestraft, als es die Ausbrüche ihres eignen Gefühls gewesen.

In Hinsicht der Vorfälle, Bewegungen, der Unterredung der nächsten halben Stunde bin ich nicht willens, sehr mittheilend zu sein. Anna war aufrichtig, ohne Rückhalt, und wenn ich nach den rosigen Tinten urtheilen durfte, die ihr süßes Gesicht bedeckten, nach der Weise, wie sie sich meinen schützenden Armen entwand, glaube ich hinzufügen zu müssen, daß sie sich für unbesonnen hielt, so ohne Rückhalt so aufrichtig gewesen zu sein.

»Wir können jetzt ruhiger mit einander reden, Jack,« begann das theuerste Wesen wieder, nachdem sie die Zeichen ihrer Bewegung von ihren Wangen getrocknet, »ruhiger, wenn auch mit mehr Gefühl.«

»Salomo’s Weisheit ist nicht halb so köstlich, als die Worte, die ich gehört, und was die Sphären-Musik anlangt –«

»So ist das eine Melodie, der sich die Engel nur erfreuen können.«

»Und seid Ihr nicht ein Engel?«

»Nein, Jack, nur ein armes, vertrauendes Mädchen, versehen mit den Neigungen und Schwächen ihres Geschlechts, die Ihr jetzt halten und leiten müßt. Wenn wir damit anfangen, uns diese übermenschliche Namen zu geben, möchten wir früher aus der Täuschung erwachen, als wenn wir erst uns nur für das halten, was wir wirklich sind. Ich lieb‘ Euch Eures gütigen, herrlichen, edlen Herzens wegen, Jack; diese poetischen Wesen aber sind mehr nur sprichwörtlich, weil sie gar kein Herz haben.«

Während Anna mild der Uebertreibung meiner Sprache Einhalt that, (nach einer zehnjährigen Ehe selbst darf ich nicht zugeben, daß der Gedanke übertrieben war), legte sie ihre kleine Sammthand wieder in meine und lächelte alle Strenge des Verweises hinweg.

»Eines Dings, denk‘ ich, mögt Ihr fest überzeugt sein, Theuerste,« begann ich wieder nach einem Augenblick Nachdenkens: »alle meine alten Ansichten über Expansion und Kontraktion haben sich gänzlich geändert. Ich hab‘ den Grundsatz des sozialen Anhaltspunkt-Systems bis auf’s Aeußerste getrieben, und kann gar nicht sagen, daß ich mit dem Erfolg zufrieden gewesen. In diesem Augenblick bin ich Besitzer von Aktien, über die halbe Welt zerstreut; weit entfernt, meine Mitmenschen all dieser Anhaltspunkte wegen mehr zu lieben, muß ich sehen, wie der Wunsch, den einen zu schützen, mich beständig zu Handlungen der Ungerechtigkeit gegen alle andre treibt. Es liegt etwas Falsches, glaube mir, Anna, in dem alten Dogma der Staats-Oekonomen.«

»Ich weiß wenig von diesen Dingen, lieber John; aber einer so Unwissenden, wie mir, schiene die beste Sicherheit für den rechten Gebrauch der Gewalt die, daß sie auf gerechten Grundsätzen beruhe.«

»Wenn sie sich geltend machen können, freilich. Die, welche behaupten, die Niedrigen und Unwissenden seien untauglich, ihre Ansichten über das Gemeinwohl auszusprechen, müssen zugeben, daß sie nur durch Gewalt unten gehalten werden können. Da nun Erkenntniß Macht ist, ist ihre erste Vorkehrung, sie unwissend zu erhalten, und dann führen sie gerade diese Unwissenheit mit allen ihren erniedrigenden Folgen als einen Beweis gegen deren Theilnahme an der Macht mit ihnen an. Ich denke, es kann kein sichrer Mittelweg zwischen einer freimüthigen Annahme der Principien – –«

»Ihr solltet Euch erinnern, lieber Goldenkalb, daß dies ein Gegenstand ist, von dem ich nur wenig verstehe; es sollte uns hinreichen, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, und wenn eine Aenderung nöthig, sollten wir sie mit Klugheit und gehöriger Rücksicht auf Gerechtigkeit zu bewerkstelligen suchen.«

Während Anna mich gütig von meinen Spekulationen zurückführte, hatte das süße Wesen ein ängstliches, peinliches Aussehen.

»Wahr, wahr!« erwiederte ich schnell; denn eine Welt hätte mich nicht reizen können, ihre Leiden einen Augenblick zu verlängern. »Ich bin thöricht und vergessen, so in einem solchen Augenblick zu sprechen; aber ich hab‘ zu viel gelitten, um mir gänzlich alte Theorien aus dem Sinn zu schlagen. Ich dachte wenigstens, es würde Euch angenehm sein, Anna, zu erfahren, daß ich in meinen Neigungen nicht mehr bei dem Ganzen mein Glück suche, und so um so geneigter bin, mich deßwegen an Eine zu wenden.«

»Unsere Nächsten wie uns selbst zu lieben, ist das letzte und höchste der göttlichen Gebote,« antwortete das theure Kind, tausend Mal lieblicher als jemals blickend; denn mein Schluß war weit entfernt, ihr zu mißfallen. »Ich weiß nicht, ob dieser Zweck dadurch zu erreichen ist, daß wir in unsrer Person so viele der Güter des Lebens vereinigen, wie möglich ist; aber ich denke, Jack, das Herz, das Einen treu liebt, wird auch um so eher gütige Gefühle gegen alle Andre hegen.«

Ich küßte die Hand, die sie mir gegeben, und wir sprachen dann etwas mehr wie Leute dieser Welt über unsre künftigen Schritte. Die Unterredung dauerte noch eine Stunde; da trat der gute Geistliche in’s Mittel, und schickte mich nach Hause, Vorbereitungen zu unsrer Rückkehr nach England zu treffen.

Eine Woche nachher waren wir wieder auf der alten Insel, Anna und ihr Vater gingen in’s Pfarrhaus, und mich ließ man in der Stadt, beschäftigt mit Advokaten, und Forschungen nach dem Gewinn oder Verlust meiner zahlreichen Aktien.

Ganz gegen die Erwartung Mancher, war ich bei den Meisten glücklich gewesen; im Ganzen sah ich mich durch die abenteuerlichen Schritte bereichert, und da solche Aussichten das Gewagte minderten, fand ich wenig Schwierigkeit, sie mit Vortheil wegzugeben. Die Summen daraus und die bedeutende Bilanz der Dividenden, die während meiner Abwesenheit gewachsen, blieben bei meinem Bankier, und ich suchte weitres Landeigenthum.

Ich kannte Annens Geschmack; so kaufte ich eine jener Stadtresidenzen, die auf St. James-Park gehen, wo der Anblick des grünen Buschwerks, der reizenden Felder beständig während der ihr so neuen Jahreszeit, eines Lond’ner Winters, oder von Ostern bis Sommer vor ihrem heitern Auge sein würde.

Ich hatte eine lange, freundliche Zusammenkunft mit Mylord Pledge, der noch im Ministerium war, so thätig, ganz so ehrbar, so logisch, so nützlich, wie immer. In der That, er war so ausgezeichnet in jener dritten Eigenschaft, daß ich mich wirklich einige Mal auf dem Spioniren ertappte, ob er wirklich ohne Schweif sei. Er gab mir die tröstliche Versicherung, er sei während meiner Abwesenheit im Parlament gut durchgekommen, und, wie er höflich hinzufügte, glaube nicht, daß ich vermißt worden. Wir brachten einige Präliminarien in’s Reine, wovon im nächsten Kapitel gesprochen werden soll, worauf ich denn auf den Flügeln der Liebe, – eigentlich in einer Postchaise mit Vieren, – nach dem Pfarrhaus eilte, zu dem süßesten, freundlichsten, lieblichsten, wahrsten Mädchen auf unsrer Insel, die so viele der süßen, freundlichen, lieblichen und wahren in sich einschließt.

Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Ansichten von dem Vorfahren unseres Verfassers, zusammt mit dessen eignen und fremden.

Doktor Etherington war beides, ein frommer Mann und ein Mann von Geburt. Als der zweite Sohn eines Baronet alter Herkunft war er so ziemlich in den Ansichten seiner Caste erzogen worden und wahrscheinlich nicht ganz über deren Vorurtheile hinaus; aber dieß zugegeben, hielten wenige Geistliche mehr auf die Moral und den Grund der Bibel als er. Seine Demuth nahm daher eine gebührende Rücksicht auf den Stand; sein Christenthum wurde verständig von den Glaubensartikeln geleitet, und seine Menschenliebe war von jenem unterscheidenden Charakter, wie sie einem warmen Vertheidiger von Kirche und Staat zukam.

Bei Annahme des vertrauten Pfandes, das ihm jetzt geworden, hatte er nur dem wohlwollenden Wunsche nachgegeben, das Sterbekissen meiner Mutter leicht zu machen. Mit dem Charakter ihres Gemahls bekannt, hatte er eine Art frommen Betrugs angewandt, indem er die Bedingung der Stiftung an seine Einwilligung knüpfte; denn trotz der angemessenen Sprache seiner Strafrede, des Versprechens und aller andern kleineren begleitenden Umstände dieses Abends hätte man noch fragen können, wer am meisten erstaunt war, nachdem der Wechsel eingehändigt und gehörig honorirt worden, er, der sich im Besitz der 10,000 Pf. Sterling befand, oder er, der sie verloren hatte. Immer verfuhr Dr. Etherington mit der gewissenhaftesten Rechtlichkeit in der ganzen Sache; und obgleich ich weiß, daß ein Schriftsteller, der so viele Wunder zu erzählen hat, als nothwendiger Weise die folgenden Seiten dieses Manuskripts zieren müssen, eine wohlbewachte Sparsamkeit beobachten sollte, wenn er den Glauben seiner Leser in Anspruch nimmt, so nöthigt mich dennoch die Wahrheit, hinzuzufügen, daß jeder Heller von dem Geld nur im Hinblick auf die Wünsche der sterbenden Christin verwandt ward, die vermittelst der Vorsehung das Werkzeug gewesen, den Armen und Ungelehrten solche Reichtümer zuzuwenden. Ueber die Weise, wie die Wohlthat endlich benutzt ward, werd‘ ich nichts weiter sagen, da keine Untersuchung meinerseits mich jemals in den Stand gesetzt hat, solche Nachweise zu erhalten, als mich zu einiger Glaubwürdigkeit berechtigen würden.

Was mich betrifft, so hab‘ ich wenig mehr über die Begebenheiten der folgenden zwanzig Jahre hinzuzufügen. Ich ward getauft, gesäugt, bekam Hosen, wurde geschult, reiten gelernt, konfirmirt, auf die Universität geschickt und zum Doctor gemacht, ganz wie dieß bei allen Herrn der Hochkirche in den vereinigten Königreichen Großbritannien und Irland der Fall ist. Während dieser wichtigen Jahre unterzog sich Dr. Etherington seiner Pflicht, welche er, nach den vorherrschenden Gefühlen der Menschheit zu urtheilen (die seltsam genug uns im allgemeinen nicht geneigt macht, von andrer Leute Geschäften uns belästigt zu sehen), ziemlich beschwerlich gefunden haben muß; er unterzog sich ihr ganz auf die Art, wie meine gute Mutter nur ein Recht zu erwarten hatte. Der größte Theil meiner Ferien ward in seiner Pfarrwohnung zugebracht; denn er hatte geheiratet, war dann Vater, dann Wittwer geworden, und hatte seine Stadtpfarrei mit einer auf dem Lande vertauscht, alles dieß in der Zeit von dem Tod meiner Mutter an bis zu meinem Abgange nach Eton; und auch nachdem ich Oxford verlassen, brachte ich weit mehr von meiner Zeit unter seinem freundlichen Dach als unter dem meines Vaters zu. In der That, ich sah den letztern wenig.

Er bezahlte meine Rechnungen, versah mich mit Taschengeld, und äußerte seine Absicht, mich reisen zu lassen, wenn ich volljährig geworden. Aber mit diesen Zeichen seiner väterlichen Fürsorge zufrieden, schien er gerne mich meinen eignen Weg gehen lassen zu wollen.

Mein Vater war ein schlagendes Beispiel von der Wahrheit jenes Satzes in der Staatsökonomie, der die Wirksamkeit der Trennung der Arbeit lehrt. Kein Fabrikarbeiter, der die Fertigung des Knopfs einer Stecknadel über sich hat, erreichte je größere Geschicklichkeit in seiner einförmigen Beschäftigung, als mein Vater erlangte in der einzigen Bestrebung, der er so weit als menschliches Wissen gehen konnte, Leib und Seele widmete. Wie jeder Sinn bekanntlich durch beständige Uebung an Schärfe zunimmt, und jede Leidenschaft durch langes Nachgeben wächst, so wuchs sein Eifer in Hinsicht des großen Gegenstands all seines Dichtens und Trachtens mit dessen Wachsthum, und ward immer auffallender, als schon, wie ein gewöhnlicher Beobachter denken möchte, der Grund von dessen Dasein beinahe gänzlich aufgehört hatte. Dieß ist ein moralisches Phänomen, das ich oft zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, und welches, wie man glauben muß, auf dem Grundsatz der Anziehung beruht, die bisher dem Scharfsinn der Philosophen entgangen ist, die aber eben so thätig in der immateriellen Welt ist, als die Gravitation in der materiellen. Talente wie die seinigen, so unaufhörlich und unermüdlich geübt, brachten die gewöhnlichen Früchte hervor. Er wurde stündlich reicher und zur Zeit, wovon ich spreche, war er den Eingeweihten so ziemlich allgemein als der reichste Mann bekannt, der etwas mit der Stockbörse zu thun hatte.

Ich glaube nicht, daß die Ansichten meines Vorfahren eben so viele wesentliche Veränderungen zwischen dem fünfzigsten und siebenzigsten Jahre erlitten, als dieß zwischen dem zehnten und vierzigsten der Fall gewesen. In der letzten Zeit treibt der Baum des Lebens gewöhnlich tiefe Wurzeln, seine Neigung ist bestimmt, mag er sie nun durch Beugen unter die Stürme oder durch sein Drängen nach Licht erhalten haben, und Früchte trägt er wahrscheinlich mehr von selbst als durch Bearbeitung und Wartung. Dennoch war mein Vorfahr nicht mehr ganz derselbe Mann, als er seinen siebzigsten Geburtstag feierte, der er an seinem funfzigsten gewesen. Erstlich besaß er drei Mal so viel und folglich war sein moralisches System all den Verändrungen unterworfen gewesen, die, wie man weiß, von einer Verändrung so wichtiger Art abhängig zu sein pflegen.

Zweifelsohne neigte sich aber auch mein Vorfahr, während der letzten fünf und zwanzig Jahre in der Politik ganz besonders zu Gunsten ausschließlicher Vorrechte und Begünstigungen. Ich meine nicht, er sei ein Aristokrat in der gewöhnlichen Bedeutung des Worts gewesen. Ihm war Lehnswesen ein Wort ohne Bedeutung. Er hatte wahrscheinlich es nicht ein Mal gehört; Fallgatter erhoben sich und fielen, Flankenthürme reckten ihre Häupter empor und verschanzte Wälle legten all ihre Pracht vergeblich dar, seine Einbildung ward dadurch nicht gerührt. Er kümmerte sich nicht um Hoftage noch um Baronen-Tage, noch um die Baronen selbst, noch um die Ehren eines Stammbaums (warum sollte er auch? kein Prinz im Lande konnte klarer seine Familie ins Dunkel hinaufführen als er selbst), noch um die Eitelkeiten eines Hofes, noch um die der Gesellschaft, noch um etwas sonst von derselben Art, was wohl Reize für den Schwachköpfigen, den Phantasiereichen oder den Eingebildeten hat. Seine politischen Vorurtheile zeigten sich auf eine ganz andre Art. Während der ganzen fünf und zwanzig Jahre, die ich erwähnt hatte, hörte man ihn nie auch nur lispelnd irgend einen Tadel gegen die Regierung aussprechen, mochten ihre Maßregeln und der Charakter ihrer Verwaltung sein, wie sie wollten; es war ihm genug, daß es die Regierung war. Selbst die Taxen erregten ferner seinen Grimm nicht, noch weckten sie seine Beredsamkeit, er sah ein, sie seien nöthig zur Ordnung und besonders zum Schutz des Eigenthums, ein Zweig der Staatswissenschaft, den er so studirt hatte, daß er gewisser Maßen seinen eignen Besitz sogar gegen diesen großen Alliirten selbst zu schützen vermochte. Nachdem er eine Million reich geworden, bemerkte man, wie alle seine Absichten der Menschheit weniger vortheilhaft wurden, und daß er sehr geneigt war, den Betrag und die Eigenschaften der wenigen Glücksgüter, die die Vorsehung den Armen verliehen, zu überschätzen. Die Nachricht von einer Versammlung der Whigs äusserte gemeiniglich einige Wirkung auf seinen Appetit; ein Beschluß, von dem man argwöhnte, er sei von Brockos Club ausgegangen, beraubte ihn gemeiniglich eines Mittagessens, und die Radicalen machten nie ernstlich eine Motion, ohne daß er eine schlaflose Nacht zubrachte, und einen bedeutenden Theil des nächsten Tags Worte murmelte, die zu wiederholen kaum moralisch wäre. Ich kann jedoch ohne Anstoß hinzufügen, daß bei solchen Gelegenheiten er Anspielungen über den Galgen nicht sparte; Sir Francis Burdett in’s Besondre ward häufig mit Billingsgate zusammenausgesprochen, und Männer so hochherzig und verehrt wie selbst die Lords Grey, Lansdowne und Holland wurden behandelt, als ob sie nicht besser wären, als sie sein sollten. Aber bei diesen kleinen Einzelheiten ist es unnöthig zu verweilen, denn Jedermann muß schon bemerkt haben, daß je erhabener und feiner die Menschen in ihrer politischen Moral werden, desto gewohnter sie sind, Schmutz auf ihren Nächsten zu werfen. Ich will jedoch nur noch hinzufügen, daß, was ich hier erzählt habe, mir größten Theils durch direkte mündliche Ueberlieferung mitgetheilt worden ist, denn ich sah selten meinen Vorfahren, und wenn wir zusammenkamen, geschah es nur, um Rechnungen in Ordnung zu bringen, einen Hammelsschlegel mit einander zu essen, und dann zu scheiden wie Leute, die sich wenigstens niemals gezankt haben.

Nicht so war es mit Dr. Etherington. Gewohnheit (um nichts von meinen eignen Verdiensten zu sagen) hatte ihn mir, der ich seiner Sorgfalt so vieles verdankte, so geneigt gemacht, daß seine Thüre mir immer offen stand, als wenn ich sein Sohn gewesen.

Ich habe schon gesagt, daß der größte Theil meiner müßigen Zeit, (die in der Schule verlorenen nicht gerechnet) in dem Pfarrhaus zugebracht wurden. Der tüchtige Geistliche hatte ein oder zwei Jahre nach meiner Mutter Tod eine sehr liebenswürdige Frau geheirathet, die ihn zum Wittwer und zum Vater eines kleinen Ebenbildes von sich gemacht hatte, ehe noch das Jahr herum war. Bei der Stärke seiner Liebe für die Verstorbene oder für seine Tochter, oder vielleicht weil er sich in einer zweiten Ehe nicht so wohl befinden konnte als in der ersten, hatte Dr. Etherington nie davon gesprochen, eine andre Verbindung einzugehn. Er schien zufrieden, seine Pflichten als Christ und Mann von Ehre zu erfüllen, ohne sie zu vermehren, indem er neue Verbindungen mit der Gesellschaft eingehe.

Anna Etherington war daher meine beständige Gefährtin während vieler langer und köstlicher Besuche in dem Pfarrhause. Da sie drei Jahre jünger als ich war, hatte die Freundschaft meinerseits mit hundert Handlungen kindlichen Wohlwollens begonnen. Zwischen dem siebten und zwölften Jahr schleppte ich sie herum in einem Gartenstuhl, stieß sie auf der Schaukel und trocknete ihre Augen und sprach ihr Worte freundlichen Trostens ein, wenn eine vorübergehende Wolke die sonnige Freude ihrer Kindheit verdunkelte. Vom zwölften zum vierzehnten erzählte ich ihr Geschichten, erstaunte sie durch Berichte von meinen Thaten zu Eton und machte ihre heiteren blauen Augen sich weit aufthun vor Staunen bei den Wundern von London. Im vierzehnten fing ich an ihr Taschentuch aufzuheben, auf ihren Fingerhut Jagd zu machen, sie in Duetten zu begleiten, und ihr Gedichte vorzulesen, während sie sich mit den kleinen zümferlichen Arbeiten der Nadel beschäftigte. Im Alter von siebzehn verglich ich Cousine Anna, so durfte ich sie nennen, mit den andern jungen Mädchen meiner Bekanntschaft und die Vergleichung fiel gemeiniglich zu ihren Gunsten aus. Um diese Zeit auch, wie meine Bewundrung wärmer und deutlicher wurde, zeigte sie sich weniger vertrauend und offen; ich bemerkte auch jetzt als etwas Neues, daß sie Geheimnisse hatte, die sie mir nicht mitzutheilen für gut fand, daß sie öfter bei ihrer Gouvernantin und weniger als früher in meiner Gesellschaft war, und ein Mal bitter fühlte ich die Vernachlässigung, erzählte sie wirklich ihrem Vater die ergötzlichen Vorfälle einer kleinen Geburtstagsfeier, bei der sie zugegen gewesen, und die durch einen Herrn in der Nachbarschaft veranstaltet worden, ehe sie mir nur einen Wink von dem Vergnügen gegeben, das sie dabei gehabt! Ich wurde jedoch größten Theils wieder dafür entschädigt, als sie am Ende ihrer lustigen und launigen Erzählung gütig hinzufügte:

»Es hätte Euch herzlich lachen machen, Jack, wenn Ihr die drollige Art mit angesehen, wie die Bedienten ihre Rolle spielten« (es hatte eine Art maskirter Comödie gegeben) »besonders der fette alte Kellermeister, aus dem sie, wie Dick Griffin sagte, einen Cupido gemacht, um daran zu zeigen, daß die Liebe schläfrig und dumm wird, durch zu gutes Essen und Trinken. Ich wünsche, Ihr hättet dabei sein können, Jack.« Anna war ein liebliches, jungfräuliches Mädchen, mit einem sehr liebegewinnenden Antlitz und ich hatte besonders gern, wenn sie das Wort Jack aussprach, es war so ganz verschieden von dem lärmenden Schreien der Eton-Jungen oder dem affektirten Ruf meiner Gefährten zu Oxford!

»Ich hätte es selbst gerne gewünscht, Anna«, antwortete ich, »besonders da Ihr Euch so sehr an dem Spaß erfreut zu haben scheint.«

»Ja, aber das konnte nicht sein«, fiel Fräulein Norton ein, die Gouvernante, »Sir Harry Griffin ist sehr schwierig in der Wahl seines Umgangs; und Ihr wißt, meine Theure, Herr Goldenkalb, obgleich selbst ein sehr ehrbarer junger Mann, konnte nicht erwarten, daß einer der ältesten Baronets des Landes sich so weit herablassen würde, den Sohn eines Stockreuters zu einem seinem Erben gegebenen Feste einzuladen.«

Zum Glück für Fräulein Norton war Dr. Etherington gleich, nachdem seine Tochter auserzählt hatte, herausgegangen, oder sie hätte einen unangenehmen Commentar über ihre Begriffe von schicklicher Gesellschaft vernehmen mögen. Anna selbst sah ernst auf ihre Gouvernante, und ich bemerkte, wie eine Glut über ihr sanftes Antlitz sich lagerte, die mich an die Morgenröthe erinnerte. Ihr sanftes Auge fiel dann zu Boden, und es dauerte einige Zeit, ehe sie sprach.

Den folgenden Tag brachte ich unter dem Fenster des Studierzimmers eine Fischangel in Ordnung; ich war vom Gebüsch versteckt, als ich die melodische Stimme Annens ihrem Vater guten Morgen wünschen hörte.

Mein Herz schlug stärker, als sie sich der Fensterbrüstung näherte, und zärtlich weiter fragte, wie er die Nacht zugebracht. Die Antworten waren so liebevoll als die Fragen, und dann trat eine kleine Pause ein.

»Was ist ein Stockreuter, Vater«, begann plötzlich Anna wieder, die ich in den Blättern über meinem Haupte ratschlen hörte.

»Ein Stockreuter, meine Liebe, ist ein Mann, der des Gewinns wegen Staatspapiere kauft und verkauft.«

»Und hält man dieß für ein so besonders entehrendes Geschäft?«

»Ei das hängt von Umständen ab; an der Börse ist es angesehen genug, unter Kaufleuten und Banquiers ist, glaube ich, etwas Gehässiges damit verknüpft.«

»Und weißt du warum, Vater?«

»Ich glaube,« sagte Doktor Etherington lachend, »aus keinem andern Grund, als weil es ein unsichres Gewerb ist, plötzlichem Wechsel unterworfen, – was man nennt ein Hazardspiel ist, – und alles, was das Eigenthum unsicher macht, hat notwendig etwas gehässiges bei denen, deren Hauptsorge dessen Vergrößerung ist, und die Zahlfähigkeit andrer als besonders wichtig für sich betrachten.«

»Aber ist es ein entehrendes Geschäft, Vater?«

»Wie jetzt die Zeiten sind, nicht geradezu, wiewohl es dazu leicht werden kann.«

»Und bringt es im Allgemeinen bei der Welt in Mißcredit?«

»Das hängt von Umständen ab, meine Liebe. Wenn der Stockreuter verliert, wird er wahrscheinlich verdammt; aber ich denke sein Charakter wird im Verhältniß zu seinem Gewinnst eher erhabener. Aber warum thust du alle diese Fragen an mich, Liebe?«

Ich meinte, ich hörte Anna tiefer aufathmen, und gewiß ist, sie lehnte sich weiter aus dem Fenster, um eine Rose zu pflücken.

»Miß Norton sagte, Jack sei nicht bei Sir Harry Griffin eingeladen worden, weil sein Vater ein Stockreuter wäre. Glaubst du, daß dem so ist?«

»Sehr wahrscheinlich, meine Liebe,« entgegnete der Geistliche, der, so bildete ich mir ein, bei der Frage lächelte; »Sir Harry hat den Vorzug der Geburt, und er vergaß wahrscheinlich nicht, daß unser Freund Jack nicht so glücklich ist; ferner ist aber Sir Harry, während er sich viel auf seinen Reichthum einbildet, um eine Million oder auch zwei weniger reich als Jack’s Vater: mit andern Worten, wie man auf der Börse sagt, Jack’s Vater könnte seiner zehen auskaufen. Dieser Grund hatte vielleicht mehr Gewicht auf ihn als der erstre. Noch mehr, Sir Harry steht im Verdacht, selbst in Papieren zu speculiren, durch Agenten nämlich, und ein Mann von Geburt, der zu solchen Mitteln greift, sein Vermögen zu vermehren, von dem läßt es sich wohl denken, daß er seine Vorrechte in der Gesellschaft erhöhen will durch Verachtung und Erniedrigung andrer.«

»Und Leute von Geburt werden wirklich Stockreuter, Vater?«

»Anna, die Welt hat heutiges Tags große Veränderungen erlitten. Alte Ansichten sind erschüttert worden, und Staatsverfassungen sind jetzt wenig mehr, als politische Einrichtungen, Gelderwerb zu erleichtern. Das ist jedoch etwas, was du nicht gut verstehen kannst, auch maße ich mir selbst nicht an, darin sehr tiefe Kenntnisse zu haben.«

»Und ist Jack’s Vater wirklich so sehr, sehr reich,« fragte Anna, deren Gedanken von dem Faden des Gesprächs ihres Vaters ganz abgekommen.

»Man hält ihn dafür.«

»Und Jack ist sein Erbe?«

»Sicher, – er hat kein andres Kind, wiewohl es nicht leicht ist, zu sagen, was so ein eigner Mann mit seinem Gelde thun mag.«

»Ich hoffe, er wird Jack enterben!«

»Du setzest mich in Erstaunen, Anna; du, so mild und vernünftig, warum unserm jungen Freunde John Goldenkalb ein solches Unglück wünschen?«

Ich blickte auf voll Erstaunen bei dieser seltsamen Rede und hätte im Augenblick all mein Interesse an dem fraglichen Glück darum gegeben, wenn ich ihr Antlitz, (denn sie war mit dem größten Theil des Körpers ausser dem Fenster, ich hörte sie wieder im Busch über meinem Haupte ratschlen) hätte sehen können, um über den Grund bei diesem ihrem Ausspruch zu urtheilen, aber eine neidische Rose wuchs gerade an dem einzigen Ort, wo es möglich gewesen einen Blick von ihr zu erhalten.

»Warum wünschest du so etwas grausames?« begann wieder Doktor Etherington, etwas ernstlich.

»Weil ich die Stockreuterei und ihre Reichthümer hasse, Vater. Wäre Jack ärmer, er würde, scheint mir, mehr geehrt werden.«

Als sie dieses ausgesprochen, zog sich das theure Mädchen zurück, und ich bemerkte nun, daß ich ihre Wange für eine der größten und blühendsten Blumen gehalten. Doktor Etherington lachte, und ich hörte ihn deutlich das erröthende Antlitz seiner Tochter küssen. Ich glaube, ich würde meine Hoffnungen zu noch einer Million aufgegeben haben, um der Pfarrer von Tenthpig in diesem Augenblick zu sein.

»Wenn dieß alles ist, Kind,« antwortete er, »so gieb deinen Geist in Ruhe; Jack’s Geld wird ihn nie in Verachtung bringen, es sei denn durch den Gebrauch, den er davon macht. Ach, Anna, wir leben in einer Zeit der Verdorbenheit und Gier. Edle Absichten scheinen bei dem allgemeinen Verlangen nach Gewinn ganz aus dem Auge verloren zu werden, und wer zu einer reinen und uneigennützigen Menschenliebe sich hinneigen würde, käme entweder in den Verdacht als ein Heuchler oder würde verlacht als ein Narr. Die fluchwürdige Umwälzung bei unsern Nachbarn, den Franzosen, hat die Ansichten ganz aus der gewöhnlichen Ordnung gebracht, und selbst die Religion hat gewankt unter der wilden Gesetzlosigkeit der Theorien, wozu sie Veranlassung gegeben. Kein weltlicher Vorzug ist strenger von den göttlichen Lehrern angeklagt worden, als der Reichthum, und doch erhebt er sich reißend zum Gott über alles übrige. Nichts von einer Zukunft zu reden, wird die Gesellschaft hier schon durch ihn bis in’s Innerste verderbt und selbst Achtung vor der Geburt weicht dem gewinnsüchtigen Streben.«

»Und hältst du nicht Stolz auf die Geburt, Vater, für ein eben so mißverstandnes Vorurtheil als Stolz auf den Reichthum?«

»Stolz, jeder Art, mein Kind, kann genau genommen nach evangelischen Grundsätzen nicht vertheidigt werden; aber sicher sind einige Unterschiede unter den Menschen nöthig, selbst schon der Ruhe wegen. Würde das gleichmachende Princip anerkannt, dann müßten die Unterrichteten und Gebildeten auf gleiche Linie mit den Unwissenden und Gemeinen herabsteigen, da nicht alle die Vorzüge der erstern erreichen können, und die Welt kehrte zur Barbarei zurück. Der Charakter eines christlichen Edelmanns ist viel zu kostbar, um zur Ausführung einer unthunlichen Theorie seinen Scherz damit zu treiben.«

Anna schwieg, wahrscheinlich war sie verwirrt durch die Ansichten, zu welchen sie sich am liebsten bekannte, und das leichte Glimmern von Wahrheiten, die wir durch die gewöhnlichen Verhältnisse des Lebens annehmen. Was den guten Geistlichen selbst betrifft, so war es mir nicht schwer, seine Vorliebe zu begreifen, obwohl weder seine Vordersätze noch sein Schluß die logische Klarheit hatte, die seine Predigten so angenehm machte, besonders wenn er über die höhere Bedeutung von des Heilands Lehre, von der Barmherzigkeit, allgemeinen Menschenliebe und der gebietenden Pflicht, uns vor Gott zu demüthigen, sprach.

Einen Monat nach diesem zufälligen Gespräch machte mich der Zufall zum Hörer alles dessen, was zwischen meinem Vater und Sir Joseph Job, einem andern berühmten Börsenspekulanten, vorging. Es war bei einer Zusammenkunft im Hause des erstern, in Cheapside. Da der Unterschied so patent war, wie der Franzose es ausdrückt, so will ich hier die Hauptsache anführen.

»Das ist eine sehr ernsthafte und beunruhigende Bewegung, Herr Goldenkalb,« bemerkte Sir Joseph, »und fordert Eintracht und Herzlichkeit unter denen, die etwas besitzen. Sollten diese verdammten Ansichten recht unter dem Volke bekannt werden, was würde aus uns werden?«

»Ich stimme darin mit Euch überein, Sir Joseph; es ist sehr beunruhigend, außerordentlich beunruhigend!«

»Wir werden Agrarische Gesetze bekommen, Sir; Euer Geld, Herr, und meine, unsere harten Ersparnisse werden der Raub politischer Räuber werden, unsere Kinder aber zu Bettlern, um das neidische Verlangen eines erbärmlichen Schurken ohne einen Heller zu befriedigen.« »Es ist ein trauriger Zustand der Dinge, Sir Joseph, und die Regierung ist sehr strafbar, daß sie nicht wenigstens zehen neue Regimenter errichtet.«

»Das schlimmste dabei ist, guter Herr Goldenkalb, daß es gewisse Hausnarren unter der Aristokratie giebt, die die Schurken anleiten, und ihnen die Sanktion ihres Namens leihen. Es ist ein großer Mißgriff, Sir, daß wir auf dieser Insel auf die Geburt so große Wichtigkeit legen, wodurch denn stolze Bettler die ungewaschnen Tollköpfe in Bewegung setzen, und die soliden Unterthanen darunter leiden müssen. Das Eigenthum, Herr, ist in Gefahr, und Eigenthum ist die einzige wahre Basis der Staatsgesellschaft!«

»Sicher, Sir Joseph, ich konnte nie den geringsten Nutzen der Geburt einsehen.«

»Sie ist zu nichts nütze, Herr Goldenkalb, als um Pensionaire zu machen; aber mit Eigenthum ist es anders; Geld ist der Vater des Gelds, und durch Geld wird ein Staat mächtig und glücklich. Aber diese verfluchte Revolution bei unsern Nachbarn, den Franzosen, hat die Ansichten ganz umgekehrt, und ach! Eigenthum ist in beständiger Gefahr!«

»Traurig, daß ich’s sagen muß, aber ich fühle es in allen meinen Nerven, Sir Joseph.«

»Wir müssen uns vereinen und vertheidigen, Herr Goldenkalb, sonst gerathen wir, ihr und ich, beide jetzt noch reiche und solide Männer, in den Abgrund. Seht ihr nicht, daß wir in wirklicher Gefahr einer Theilung des Eigenthums sind?«

»Gott behüte.«

»Ja, Herr, unser geheiligtes Eigenthum ist in Gefahr!« Hier schüttelte Sir Joseph meinen Vater herzlich bei der Hand und schied. Ich finde in einem Memorandum unter den Büchern meines verstorbenen Vorfahren, daß er dem Banquier Sir Josephs von diesem Tag an einen Monat nachher 62,712 Pfund Differenz (als Bull und Bär) ) bezahlen mußte, was daher kam, daß der letztre eine geheime Nachricht durch einen Schreiber auf einem der Staatsbüreau erhielt, ein Vortheil, der ihn in den Stand setzte, in diesem Fall wenigstens einen bessern Handel zu machen, als mein Vater, der gemeiniglich zu den verschlagensten Spekulanten der Börse gerechnet ward.

Meine Gedanken beschäftigten sich beträchtliche Zeit mit den einander so ganz entgegengesetzten Ansichten des Doktor Etherington und Sir Joseph Job. Auf der einen Seite lehrte man mich die Entweihung der Geburt, auf der andern die Gefahren des Eigenthums. Anna war gemeinlich meine Vertraute, aber in diesem Fall war meine Zunge gefesselt, denn ich durfte ihr nicht gestehen, daß ich ihre Unterredung mit ihrem Vater mitangehört, und so war ich genöthigt, die widersprechenden Lehren, so gut ich konnte, zu verdauen.

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Das Auf und Nieder, Hoffnungen und Befürchtungen, das Schwärmen der Liebe, einige Ansichten von Tod und eine Nachricht von einer Erbschaft.

Von meinem zwanzigsten bis drei und zwanzigsten Jahr trug sich nichts von einigem Belang mit mir zu. Vom Tag meiner Volljährigkeit an, warf mir mein Vater regelmäßig tausend Pfund jährlich aus, und ich zweifle nicht, ich würde meine Zeit so ziemlich wie andre junge Leute zugebracht haben, wäre nicht der besondre Umstand meiner Geburt gewesen, welcher, wie ich nun einsah, einige von den nothwendigen Erfordernissen abgingen, um mich mit Erfolg durch Ringen nach einer Stellung unter dem, was man große Welt nennt, durchzubringen. Während die meisten nichts eifriger zu thun wußten, als sich zur Dunkelheit hinaufzuführen, fühlte ich ein besondres Widerstreben, dieß auf die klare und bestimmte Art zu thun, wie es doch in meiner Macht war. Daraus und aus andern Zeugnissen bin ich daher geneigt zu schließen, daß die Dosis von Mystification, die zum Glück der Menschen nöthig ist, mit einer erfahrnen und zarten Hand gemischt werden muß. Unsre Organe sind physisch und moralisch so seltsam beschaffen, daß sie vor allem vor der Wirklichkeit geschützt zu werden verlangen. Wie das physische Auge eines dunklen Glases bedarf, um standhaft in die Sonne zu sehen, so scheint’s, muß auch das geistige Auge etwas nebliges haben, um standhaft auf die Wahrheit zu blicken.

Aber während ich vermied, das Geheimniß meines Herzens Annen zu eröffnen, suchte ich häufig Gelegenheit, mit Dr. Etherington und meinem Vater über jene Punkte zu sprechen, die mich am meisten beschäftigten. Von dem erstern hörte ich Sätze, welche zeigen sollten, daß die Gesellschaft nothwendiger Weise in gewisse Classen zerfalle, daß es nicht allein unklug, sondern selbst verbrecherisch sei, die Schranken zu schwächen, durch welche sie abgemarkt worden; der Himmel habe seine Seraphim und Cherubim, seine Erzengel und Engel, seine Heiligen und bloß Seligen, und nach einer in die Augen fallenden Induktion müsse auch diese Welt ihre Könige, Lords und Gemeinen haben. Der gewöhnliche Schluß aller Untersuchungen des Pfarrers war eine Klage über die Verwirrung der Klassen, die England wie eine Strafe Gottes heimsuche. Mein Vorfahr anderer Seits kümmerte sich wenig um gesellschaftliche Classifikation, oder um sonst ein andres conservatives Mittel, die Gewalt ausgenommen. Darüber konnte er den ganzen Tag sprechen, und Regimenter und Bayonette glitzerten in allen seinen Reden. Wenn er am beredtesten darüber war, pflegte er, wie Manners Sutton zu rufen: Ordnung! Ordnung! Auch erinnere ich mich keiner seiner Betrachtungen, die nicht damit endete: »Ach! Jack, das Eigenthum ist in Gefahr!« Ich will nicht behaupten, daß mein Geist ganz unverwirrt aus diesen widerstrebenden Ansichten herauskam, jedoch erlangte ich glücklicher Weise ein Glimmern von einer wichtigen Wahrheit; denn die beiden Commentatoren stimmten herzlich in der Furcht und folglich auch in dem Haß gegen die Masse ihrer Mitmenschen überein. Meine eigne natürliche Neigung trieb mich zur Menschenliebe, und da ich nicht gerne die Wahrheit von Lehren zugab, die mich in offene Feindseligkeit gegen einen so großen Theil der Menschen brachten, entschloß ich mich bald eine eigne aufzustellen, welche, während sie die Fehler vermiede, das Vortreffliche der beiden andern in sich fassen sollte. Es war freilich nichts grosses, nur solch einen Entschluß zu fassen, aber ich werde später Gelegenheit haben, ein Wort über die Weise zu sagen, wie ich sie in Ausführung zu bringen versuchte.

Die Zeit rückte voran, und Anna ward jeden Tag schöner. Ich dachte zwar, sie hätte nach ihrer Unterredung mit ihrem Vater etwas von ihrer Freimüthigkeit und mädchenhaftem Frohsinn verloren, aber dieß schrieb ich der Rückhaltung und Besonnenheit zu, wie sie für den mehr entwickelten Verstand, das größre Schicklichkeitsgefühl, welches junge Weiblichkeit schmückt, sich paßten. Mit mir war sie immer offen und einfach, und sollte ich tausend Jahre leben, die engelgleiche Heitre des Antlitzes, womit sie unwandelbar auf die Theorien meines geschäftigen Gehirns hörte, würden meinem Andenken nicht entfallen.

Wir sprachen von all diesen Dingen eines Morgens ganz allein. Anna hörte mich mit Vergnügen, wenn ich am ruhigsten war, und lächelte schmerzlich, wenn der Faden meiner Beweisgründe durch ein Schwärmen der Phantasie sich verwickelte. Ich fühlte in meines Herzens Innerstem, welch ein Glück solch ein Mentor sein würde, und wie neidenswerth mein Loos wäre, wenn ich sie mir für’s Leben sichern könnte. Doch faßte ich nicht Muth (konnte es auch nicht), ihr meine innersten Gedanken darzulegen, und um ein Pfand zu bitten, das in diesen Augenblicken vorübergehender Demuth ich fürchtete, nie würdig zu sein zu besitzen.

»Ich habe selbst daran gedacht, mich zu verheirathen;« fuhr ich fort, zu sehr mit meinen Theorie’n beschäftigt, um den vollen Inhalt meiner Worte mit der Zartheit zu erwägen, wie sie der Offenheit und den überwiegenden Vorrechten zukommt, die der Mann über das schwächere Geschlecht besitzt; »könnte ich eine finden, Anna, so lieblich, so gut, so schön und so verständig wie Ihr, die die Meine sein wollte, ich würde nicht einen Augenblick anstehen; aber leider, fürchte ich, ist dieß nicht mein glückliches Loos. Ich bin nicht der Enkel eines Baronet, und Euer Vater gedenkt, Euch mit einem Manne zu vereinen, der wenigstens zeigen kann, daß die »blutige Hand« ein Mal auf seinem Schild getragen worden, und andrer Seits spricht mein Vater nur von Millionen.«

Während des ersten Theils dieser Rede sah das liebliche Kind gütig zu mir auf, offenbar mit dem Verlangen, mich zu beruhigen, aber gegen das Ende fielen ihre Augen auf ihre Arbeit und sie blieb schweigend.

»Euer Vater sagt, jeder, der ein Interesse am Staat nimmt, sollte ihm Garantie’n geben.« Hier lächelte Anna, aber so versteckt, daß ihr süßer Mund kaum eine Spur verrieth; »und daß niemand anders ihn mit Glück regieren kann. Ich habe daran gedacht, meinen Vater zu bitten, einen Burgflecken und eine Baronie zu kaufen, denn mit dem erstern und dem Einfluß, den sein Geld gibt, braucht er nicht lange auf das andere zu warten, aber ich öffne nie meine Lippe über etwas der Art, daß er nicht antwortet: »Follolderoll, Jack, mit deiner Ritterschaft und socialen Ordnung, und Bischofthümern und Burgflecken, – das Eigenthum ist in Gefahr, – Anlehen und Regimenter, wenn du willst, – gib uns mehr Ordnung! Ordnung! Ordnung! Bayonette brauchen wir, Junge, und gute, heilsame Taxen, die Nation zu gewöhnen, zu den Bedürfnissen des Staats beizutragen und seinen Credit zu erhalten. Ei, junger Mann, wenn die Interessen von der Schuld vier und zwanzig Stunden unbezahlt blieben, dann würde eure Corporation, wie ihr sie nennt, eines natürlichen Todes sterben, und was würde aus euren Rittern und Baronen werden, bar und ohne würden genug von ihnen sein durch ihre Verschwendung und Ausschweifungen. Verheirathe dich, Jack, etablire dich vernünftig; da ist der Nachbar Silberpfennig, hat eine einzige Tochter von gehörigem Alter, und ein gutes Weibsbild ist sie noch dazu. Die einzige Tochter von Oliver Silberpfennig wird ein passendes Weib abgeben für den einzigen Sohn von Thomas Goldenkalb; jedoch sag‘ ich dir, Junge, wirst du mit einer Competenz abgefunden werden; also halte deinen Kopf rein von ausschweifenden Luftschlössern, lerne Oekonomie bei Zeiten, und vor allem, mach keine Schulden.«

Anna lachte, als ich gut gelaunt die wohlbekannte Intonation des Sprechers Sutton nachmachte, aber eine Wolke verdunkelte ihre klaren Züge, als ich schloß.

»Gestern erwähnte ich die Sache bei Eurem Vater,« fuhr ich fort, »und er meinte mit mir, die Idee von dem Burgflecken und der Baronie sei gut. Ihr würdet der zweite Eures Geschlechts sein, Jack,« sagte er, »und das ist immer besser, als der erste; denn es gibt keine Sicherheit, daß jemand ein gutes Glied des Staats sei, die mit der zu vergleichen ist, wenn er vor seinen Augen die Beispiele jener hat, die ihm vorausgegangen, und durch ihre Dienste und Tugenden ausgezeichnet gewesen sind. Wollte Euer Vater ins Parlament kommen, und die Regierung in diesem kritischen Augenblick unterstützen, dann würde seine Geburt übersehen werden, und Ihr stolz auf seine Handlungen zurücksehen können. Wie’s jetzt ist, fürcht‘ ich, ist seine ganze Seele mit der unwürdigen und erniedrigenden Leidenschaft der blosen Gewinnsucht beschäftigt. Geld ist ein nothwendiges Hülfsmittel zum Rang, und ohne Rang kann keine Ordnung sein, und ohne Ordnung keine Freiheit; aber wenn die Liebe zum Geld die Stelle der Achtung vor der Abstammung und den vergangnen Thaten einnimmt, verliert eine Gemeinde eben dadurch sogar das Gefühl, worauf alle ihre Großthaten sich stützen. So seht Ihr, liebe Anna, halten unsre Eltern zu sehr verschiedene Ansichten über einen sehr wichtigen Punkt; und zwischen natürlicher Hinneigung und erworbener Verehrung weiß ich kaum, welche ich annehmen soll. Wenn ich jemand finden könnte, sanft, verständig, schön wie du, die sich meiner erbarmen wollte, würde ich morgen heirathen, und die ganze Zukunft auf das Glück bauen, das mit solch einer Gefährtin zu finden ist.«

Wie gewöhnlich hörte mich Anna stille an. Daß sie jedoch die Ehe nicht ganz so wie ich ansah, zeigte sich deutlich schon den nächsten Tag. Der junge Sir Harry Griffin (der Vater war todt) hielt in aller Form um sie an, und ward entschieden abgewiesen.

Obgleich ich immer im Pfarrhaus glücklich war, konnte ich doch nicht anders als fühlen (noch mehr als sehen), daß, wie der Franzose sagt, ich eine falsche Stellung in der Gesellschaft einnahm. Als der vermuthliche Erbe großer Reichthümer bekannt, konnte ich nicht leicht gänzlich in einem Lande übersehen werden, dessen Regierung auf eine Repräsentation des Eigenthums basirt ist, und wo Burgflecken öffentlich feil sind; doch suchten die, welche zufällig den Vortheil für sich hatten, daß ihr Reichthum durch ihre Vorfahren zusammengebracht worden, mir immer zu beweisen, daß meiner, so ungeheuer er auch sei, nur von meinem Vater herrühre. Zehen tausend Mal wünschte ich, (wie es seitdem durch den großen Feldherrn des Jahrhunderts ausgedrückt worden) daß ich mein eigner Urenkel gewesen; denn trotz der größren Wahrscheinlichkeit, daß wer am nächsten bei’m Gründer eines Vermögens, auch gewiß den größeren Theil von dem zusammengeraften erhält, sowie wer am nächsten in der Abstammung bei dem Urahnen, der sein Geschlecht berühmt gemacht, auch gewiß am meisten noch von dem Einfluß von dessen Charakter in sich verspürt – trotz allem diesem bemerkte ich bald, daß in hochgebildeten und verständigen Staatsgesellschaften, die allgemeine Meinung, insofern sie mit Ansehn und Einfluß zusammenhängt, was die Hauptsache ist, geradezu alle diese vernünftigen Vermuthungen in der Hinsicht verwirft. Ich war nicht an meinem rechten Platze, unruhig, beschämt, stolz und empfindlich, – kurz ich nahm eine falsche Stellung ein; und unglücklicher Weise eine, aus der ich keinen möglichen Ausweg sah, ausgenommen ich fiele nach Lombardstreet zurück, oder schnitte mir die Kehle ab. Anna allein, gütig, lieb, mit den heitern Augen, sie allein fand sich in alle meine Freuden, nahm Theil an allen meinen Bekümmernissen, und schien mich zu sehen, wie ich war, nicht bezaubert durch meinen Reichthum, nicht zurückgestoßen durch meine Geburt. Den Tag, wo sie den jungen Harry Griffin abwieß, hätte ich vor ihr niederknie’n und sie Heilige nennen mögen.

Man sagt, kein moralisches Uebelbefinden werde je durch sein Ergründen besser. Ich war ein lebendiges Beispiel von der Ansicht, daß Hinbrüten über sein Weh und seine Leiden nur das Uebel ärger macht. Ich fürchte sehr, es liegt in der Natur des Menschen, die Vortheile, die er wirklich genießt, gering zu schätzen, und die, welche ihm verweigert worden, zu übertreiben. Fünfzig Mal, während der sechs Monate, die auf die Abweisung des jungen Baronet folgten, entschloß ich mich Herz zu fassen, und zu Annens Füßen zu fallen; und ebenso oft ward ich durch die Besorgniß zurückgeschreckt, daß ich nichts hatte, mich würdig zu machen einer so herrlichen, die noch dazu die Enkelin des siebenten Englischen Baronets war.

Ich will mir nicht herausnehmen, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zu erklären, ich bin weder Arzt noch Metaphysiker, aber die Geistesunruhe, die aus so vielen Zweifeln, Hoffnungen, Befürchtungen, Entschlüssen und Aufgaben von Entschlüssen hervorging, fing an meine Gesundheit anzugreifen; und ich wollte eben den Rath meiner Freunde, unter denen Anna die ernsteste und bekümmertste war, nachgeben, und reisen, als ich unerwartet vor das Sterbebette meines Vaters beschieden ward. Ich riß mich vom Pfarrhaus los, und eilte zur Stadt mit der Eile und dem Eifer eines einzigen Sohns und Erben, der bei einer so feierlichen Gelegenheit herbeigerufen wird.

Ich fand meinen Vater noch im Besitz seiner Sinne, obwohl von den Aerzten schon aufgegeben, ein Umstand, der von ihrer Seite eine Uneigennützigkeit und Seltsamkeit bewieß, die man kaum gegen einen Patienten, der nach der allgemeinen Meinung mehr als eine Million reich war, hätte erwarten sollen. Mein Empfang bei dem Gesinde und zwei oder drei Freunden, die bei dieser traurigen Gelegenheit sich versammelt hatten, war voll Mitgefühl und warm, und zeugte von ihrer Besorgniß und Vorsicht.

Meine Aufnahme bei dem Kranken war weniger ausgezeichnet. Das gänzliche Versenken seiner Geisteskräfte in das eine große Streben seines Lebens, eine gewisse Hartnäckigkeit, welche leicht die Oberherrschaft bei denen gewinnt, die entschlossen sind zu erwerben, und welche sich gewöhnlich ihren Manieren mittheilt, ferner der Mangel jener zarteren Bande, die nur durch die Uebung der vertrauteren Liebeserweisungen während unsres Daseins sich ausbilden, – alles dieß hatte einen Bruch zwischen uns hervorgebracht, der durch das einfache, nicht unterstützte Faktum der Verwandtschaft nicht ausgefüllt werden konnte. Ich sage Verwandtschaft, denn trotz der Zweifel, die ihre Schatten auf jenen Zweig des Stammbaumes warfen, durch den ich mit meinem Großvater von mütterlicher Seite zusammenhing, ist offenbar das Recht des Königs auf seine Krone nicht offenbarer, als meine direkte Abkunft von meinem Vater. Ich hielt ihn immer für meinen Vorfahr de jure und de facto und hätte ihn wohl als solchen lieben und ehren mögen, wenn die Stimme der Natur auf meiner Seite zärtere Erwiederungen von ihm gefunden hätte.

Trotz der langen, und unnatürlichen Entfremdung, die so zwischen Vater und Sohn bestanden hatte, war das Zusammentreffen bei dieser Gelegenheit nicht ganz ohne einige Zeichen des Gefühls.

»Du bist endlich gekommen, Jack,« sagte mein Vorfahr, »ich fürchtete, Junge, du möchtest zu spät kommen.« Das schwere Aufathmen, der geisterhafte Blick und die gebrochene Sprache meines Vaters erfüllte mich mit Schrecken; es war das erste Sterbebett, an dem ich je gestanden und das mahnende Gemälde der zur Ewigkeit schreitenden Zeit ward unauslöschlich meinem Gedächtnis eingeprägt. Es war nicht nur eine Sterbescene, es war eine Familien-Sterbescene. Ich weiß nicht, wie es zuging, aber mir schien, mein Vorfahr gliche mehr einem Goldenkalb als je zuvor.

»Endlich bist du gekommen, Jack,« wiederholte er, »und das freut mich; du bist der einzige, der mir nun noch Sorge macht. Es wäre vielleicht besser gewesen, hätte ich mehr mit meiner Familie gelebt, – aber du wirst den Vortheil davon haben; ach, Jack, wir sind bei dem allem armselige Sterbliche; abgerufen zu werden so plötzlich und noch so jung.«

Mein Vorfahr hatte seinen siebzigsten Geburtstag erlebt, aber leider! hatte er noch nicht seine Rechnung mit der Welt abgeschlossen, obwohl er dem Arzt seinen letzten Sold gegeben, und den Pfarrer mit einem Geschenk für die Armen des Sprengels fortgeschickt hatte, das selbst einen Bettler für sein ganzes Leben würde froh gemacht haben.

»Du bist endlich gekommen, Jack, nun gut, mein Unglück wird dein Gewinn sein. Junge! Schick die Wärterin aus dem Zimmer.«

Ich that, wie er befohlen und wir waren allein.

»Nimm diesen Schlüssel;« er gab mir ihn unter seinem Kissen hervor, »und öffne die obere Schublade meines Sekretairs. Bring mir das Packet mit deiner Adresse.«

Ich gehorchte schweigend; worauf denn mein Vorfahr erst mit einer Trauer darauf blickte, die ich nicht gut beschreiben kann, denn sie war weder weltlich, noch ganz von einem ätherischen Charakter, sondern eine seltsame fürchterliche Zusammensetzung von beiden, worauf er dann die Papiere in meine Hand gab, langsam und mit Widerstreben sie loslassend.

»Du wirst warten, bis mich dein Auge nicht mehr sieht, Jack.«

Eine Thräne brach daraus hervor und fiel auf die abgemagerte Hand meines Vaters; er sah gedankenvoll auf mich und ich fühlte ein leises Drücken, das seine Rührung bezeugte.

»Es wäre wohl besser gewesen, Jack, hätten wir uns mehr gekannt. Aber die Vorsehung ließ mich den Vater nicht kennen und kinderlos lebte ich durch meine Thorheit. Deine Mutter war eine Heilige, glaub‘ ich, aber ich fürchte, ich erfuhr es zu spät. Nun, ein Segen kommt oft erst um Mitternacht.«

Da mein Vorfahr jetzt den Wunsch zu erkennen gab, ungestört zu bleiben, rief ich die Wärterin und verließ das Zimmer; in meine eigne bescheidne Stube zog ich mich zurück, wo der Pack Papiere, versiegelt und von der eignen Hand meines Vaters an mich adressirt, sorgfältig unter ein gutes Schloß gelegt ward. Ich traf mit meinem Vater nur noch ein Mal unter Umständen zusammen, die eine verständliche Mittheilung zuließen. Von der Zeit unsrer ersten Zusammenkunft an ward er allmählich schlimmer, seine Vernunft wankte und gleich Shakspeare’s sündhaftem Cardinal, »starb er und gab kein Zeichen von sich.«

Drei Tage nach meiner Ankunft jedoch ward ich allein mit ihm gelassen, und plötzlich erwachte er aus einem an Ohnmacht grenzenden Zustand. Es war das einzige Mal seit der ersten Zusammenkunft, wo er mich auch nur zu erkennen schien.

»Endlich bist du gekommen,« sagte er in einem Ton, der schon aus dem Grabe zu kommen schien. »Kannst du mir sagen. Junge, warum sie goldne Ruthen hatten, die Stadt auszumessen? (seine Wärterin hatte ihm ein Kapitel aus der Offenbarung gelesen, das er sich selbst ausgewählt). Du siehst, Junge, die Mauer selbst war von Jaspis und die Stadt von eitel Gold. Ich werd‘ kein Gold nöthig haben in meiner neuen Wohnung, ha! man wird dort keins brauchen! Ich bin nicht geizig, Jack; wollte Gott, ich hätte das Gold weniger geliebt, und meine Familie mehr! Die Stadt selbst ist von eitel Gold und die Mauern von Jaspis, herrliche Wohnung! ha! Jack; du hörst’s, Junge, – ich bin glücklich, zu glücklich! Gold! Gold!«

Die letzten Worte wurden mit einem Schrei ausgestoßen, sie waren die letzten, die je von den Lippen Thomas Goldenkalb’s kamen. Der Lärm brachte die Wärter herein, sie fanden ihn todt. Ich ließ sie das Zimmer verlassen, sobald die traurige Wahrheit gehörig feststand und blieb mehrere Augenblicke allein mit der Leiche. Das Gesicht lag im Tod, die Augen, noch offen, hatten den abstoßenden Glanz des wahnsinnigen Entzückens, womit der Geist abgeschieden, und das ganze Antlitz zeigte das furchtbare Bild eines hoffnungslosen Endes. Ich kniete nieder und betete, obwohl Protestant, inbrünstig für die Seele des Verstorbenen. Ich schied dann von dem ersten und letzten all meiner Vorfahren.

Diesem Auftritt folgte die gewöhnliche Zeit äußrer Trauer, das Begräbniß und dann die getäuschten Erwartungen der Überlebenden. Ich sah das Haus sehr besucht von vielen, die selten oder nie beim Leben seines früheren Eigenthümers seine Schwelle betreten hatten. Viel Munkeln und Blispern begann, man sah mich bedeutungsvoll an, ohne daß ich von dem allen etwas verstand; nach und nach mehrte sich die Zahl des regelmäßigen Besuchs, und belief sich zuletzt auf zwanzig. Unter ihnen war der Pfarrer des Sprengels, die Vorsteher einiger berühmten Wohlthätigkeitsanstalten, drei Procuratoren, vier oder fünf wohl bekannte Börsenmänner, unter ihnen der Vorderste Sir Joseph Job, und drei von den gewöhnlichen Barmherzigen, deren einzige Beschäftigung zu sein scheint, den versteckten Wohlthätigkeitssinn ihrer Nachbarn hervorzurufen und zu beleben.

Den Tag, nachdem mein Vorfahr für immer unsern Blicken entzogen worden, war das Haus mehr als gewöhnlich angefüllt. Die geheimen Verhandlungen nahmen zu an Ernst und Häufigkeit, und endlich ward ich aufgefordert, mit diesen lästigen Gästen in das Zimmer, das das sanctum sanctorum des früheren Hauseigenthümers gewesen, zusammenzukommen. Als ich unter zwanzig fremde Gesichter trat, voll Verwunderung, wie ich, der bisher so wenig bemerkt, durch’s Leben gegangen, so unzeitiger Weise belästigt werden sollte, stellte sich mir Sir Joseph Job als den Sprecher der Versammlung dar.

»Wir haben nach Ihnen geschickt, Herr Goldenkalb,« begann der Herr, sich gebührend die Augen wischend, »weil wir dafür halten, daß Achtung für unsern verstorbenen sehr geehrten, vortrefflichen und ehrbaren Freund es verlangt, nicht länger seinen letzten Willen hintanzusetzen, sondern ohne weitres zur Eröffnung seines Testaments zu schreiten, und dann die gehörigen Maaßregeln zu dessen Vollstreckung zu treffen. Es würde mehr in der Ordnung gewesen sein, wenn wir dies vor seiner Beerdigung gethan, denn wir könnten seinen Willen in Hinsicht seiner verehrten Ueberreste nicht so gerade errathen haben. Indeß ist es mein fester Vorsatz, alles so angeordnet zu wissen, wie er gewollt, sollten wir selbst genöthigt sein, die Leiche wieder auszugraben.«

Ich bin von Natur ruhig und vielleicht leichtgläubig, aber nicht ganz ohne die gehörige Empfindsamkeit. Was Sir Joseph Job oder sonst Jemand ausser mir mit dem Testament meines Vorfahrens zu thun hatte, wollte mir zuerst nicht einleuchten, und ich unterließ nicht, so etwas in Ausdrücken zu erkennen zu geben, die nicht leicht mißverstanden werden konnten.

»Als einziges Kind und noch dazu einzige Verwandte des Verstorbenen,« sagte ich, »sehe ich nicht recht ein, meine Herren, in wie fern diese Sache auf so lebhafte Art so viele Fremde interessiren kann.«

»Sehr scharfsinnig und passend, freilich Sir,« entgegnete Sir Joseph lächelnd, »aber sie sollten wissen, junger Mann, daß wenn es Leute giebt wie Erben, es auch solche wie Testamentsvollstrecker giebt.«

Das wußte ich schon, und ich hatte schon irgendwo die Ansicht gewonnen, daß der letztre gemeiniglich als der profitlichere Stand sich zeige.

»Haben Sie einigen Grund anzunehmen, Sir Joseph, daß mein verstorbener Vater Sie zum Vollstrecker bestellte?«

»Das wird sich besser am Ende zeigen, junger Herr! Ihr verstorbener Vater soll reich gestorben sein, sehr reich, – nicht daß er gegen eine halbe Million so viel hinterlassen, als das Gerücht behauptet, aber es ist ganz bedeutend, und es wäre unvernünftig anzunehmen, ein Mann von seiner großen Vorsicht und Klugheit sollte sein Geld an den gesetzlichen Erben übergehen lassen, dieser Erbe, ein junger Mann von nur 23 Jahren, unerfahren in Geschäften, nicht zu sehr mit Klugheit begabt, und mit all den Neigungen derer von seinen Jahren in dieser übelberathenen und ausschweifenden Zeit; – er hätte es ihm überlassen ohne gewisse Vorkehrungen und Sicherheiten, die sein hart Erworbenes für noch einige Zeit unter die Sorgfalt von Männern stellen, die wie er den vollen Werth des Goldes kennen?«

»Nein, niemals, es ist ganz unmöglich, es ist mehr als unmöglich!« riefen kopfschüttelnd die Beistehenden.

»Besonders da der verstorbene Herr Goldenkalb mit den meisten soliden Namen an der Börse, z. B. Herrn Joseph Job sehr vertraut war;« fügte ein anderer hinzu.

Sir Joseph nickte, lächelte, strich sich das Kinn und wartete auf die Antwort.

»Das Eigenthum ist in Gefahr, Sir Joseph!« sagte ich ironisch, »aber es thut nichts! Wenn ein Testament da ist, liegt es ebensowohl in meinem Interesse, als möglicher Weise in dem Ihrigen, seinen Inhalt zu kennen, und ich gebe gerne zu, daß auf der Stelle darnach gesucht werde.«

Sir Joseph blickte Dolche nach mir; aber als Geschäftsmann nahm er mich beim Wort, und nach Empfang der dargebotenen Schlüssel, ward sogleich eine geeignete Person in Thätigkeit gesetzt, die Schubladen zu öffnen. Das Suchen ging ohne Erfolg vier Stunden lang vor sich. Jede geheime Schublade wurde durchwühlt, jedes Papier geöffnet, und manch neugieriger Blick auf den Inhalt der letztern geworfen, um einige Winke über den wahrscheinlichen Belauf der ausstehenden Capitalien des Verstorbenen zu erhalten. Bestürzung und Unruhe stiegen sehr augenscheinlich unter den meisten der Zuschauer, während die fruchtlose Nachforschung vor sich ging und als der Notar mit der Erklärung endete, daß kein Testament zu finden sei, noch sonst ein Zeichen von Ausständen, heftete sich jedes Auge auf mich, als wenn ich im Verdacht stände, weggestohlen zu haben, was nach dem natürlichen Gange mein werden mußte, ohne die Notwendigkeit eines Verbrechens.

»Es muß irgendwo ein geheimes Fach für die Papiere sein,« sagte Sir Joseph Job, als wenn er mehr argwöhnte, als er für jetzt sagen wollte. »Herr Goldenkalb ist mit einer bedeutenden Summe in den Staatsschuldbüchern interessirt, und doch findet sich hier nicht ein Papierstreifen von einem Pfd. Sterling!«

Ich verließ das Zimmer und kehrte bald mit dem Bündel zurück, das mir von meinem Vater übergeben worden.

»Hier, Ihr Herren,« sagte ich, »ist ein großes Packet Papiere, das mir von dem Verstorbenen eigenhändig auf seinem Sterbebett eingehändigt ward. Es ist, wie Sie sehen, unter seinem Siegel und unter meiner Adresse, von seiner eignen Hand, und es ist wohl für keine Anmaßung anzunehmen, daß der Inhalt mich ganz allein betrifft. Doch da Sie sich für des Verstorbenen Angelegenheiten so sehr interessiren, soll es jetzt geöffnet werden, und der Inhalt, so weit Sie einiges Recht haben können, ihn zu erfahren, Ihnen nicht verborgen bleiben.«

Mir schien’s, Sir Joseph sah ernsthaft aus beim Anblick des Packs und nachdem er die Handschrift auf der Decke untersucht hatte. Alle jedoch bezeugten ihre Zufriedenheit, daß die Nachsuchung nun wahrscheinlich beendet sei. Ich zerbrach das Siegel, und legte den Inhalt des Couverts dar. Darin befanden sich verschiedene Packete, jedes unter dem Siegel des Verstorbenen und an mich, wie die äußere Decke von seiner eignen Hand adressirt. Jedes dieser kleineren Packete hatte auch eine besondere Aufschrift über seinen Inhalt. Ich nahm sie, wie sie lagen, und las die Aufschrift eines jeden, ehe ich zum nächsten überging. Sie waren auch numerirt.

»Nro. 1.,« fing ich an, »Scheine auf die Staatsschuld von Th. Goldenkalb. 12. Juni 1815.« Wir hatten damals den zwanzigsten desselben Monats und Jahrs. Als ich dieses Packet bei Seite legte, sah ich, daß die aufgeschriebene Summe weit eine Million überstieg.

»Nro. 2. Scheine der Bank von England.« Die Summe war mehrere hundert Tausende. »Nro. 3. Süd-See-Annuitäten,« fast 300,000 Pf. »Nro. 4. Schuldscheine und Verschreibungen.« 430,000 Pf. »Nro. 5. Verschreibung von Sir Peter Job, 63,000 Pf.«

Ich legte das Papier hin, und rief unwillkührlich aus: »Das Eigenthum ist in Gefahr!« Sir Joseph ward blaß, aber er winkte mir fortzufahren und sagte: »Wir werden bald an das Testament kommen, Sir.«

»Nr. 6.« Ich zögerte, denn es war eine Verschreibung an mich selbst, die, wie ich eben daraus sah, ein verunglückter Versuch war, die Zahlung der Erbschaftstaxe zu umgehen.

»Nun, Sir, Nro. 6?« fragte Sir Joseph mit tremulanter Freude.

»Ist ein Papier, das mich selbst betrifft, womit Sie nichts zu schaffen haben, Sir.«

»Wir werden sehen, Herr, wir werden sehen; wenn Sie, sich weigern, gibt’s Gesetze, Sie zu zwingen.«

»Zu was, Sir Joseph Job? Meines Vaters Schuldnern Papiere zu zeigen, die ausschließlich an mich adressirt sind, und mich nur betreffen können? Aber hier ist das Papier, meine Herren, das Sie so sehr zu sehen wünschen. Nro. 7. Letzter Wille und Testament des Th. Goldenkalb, 17. Juni 18l5.« (Er starb den 24. desselben Jahrs.)

»Ah, das köstliche Papier!« rief Sir Joseph Job aus, seine Hand eifrig darnach streckend, als erwarte er, er werde es erhalten.

»Dies Papier, wie Sie sehen, meine Herren,« sagte ich, und hielt’s in die Höhe, daß alle Anwesende es sehen möchten, »ist besonders an mich adressirt, und ich werd’s nicht aus der Hand lassen, bis ich ersehe, daß jemand anders ein besser Recht darauf hat.«

Ich gestehe, der Muth gebrach mir, als ich es eröffnete, denn ich hatte nur wenig meinen Vater gekannt, und wußte, daß er ein Mann von eben so besondern Ansichten als Gewohnheiten gewesen. Das Testament war ganz von seiner Hand und sehr kurz. Ich faßte Herz und laß laut folgendes vor:

»Im Namen Gottes, Amen. – Ich, Th. Goldenkalb aus dem Kirchsprengel Bow, in der Stadt London, verkünde und erkläre dieß Instrument als meinen letzten Willen und Testament. Nämlich:

»Ich vermache meinem einzigen Kind und sehr geliebten Sohn, John Goldenkalb, all mein Besitzthum in dem vorbesagten Sprengel Bow und der Stadt London, daß er es besitze als einfaches Besitzthum für sich, seine Erben und Stellvertreter für immer.«

»Ich vermache meinem einzigen Kind und vielgeliebten Sohn, dem besagten John Goldenkalb, all mein persönliches Eigenthum, von welcher Art und Beschaffenheit es immer sei, in dessen Besitz ich mich bei meinem Tode befinde, einschließlich Verschreibungen und Schuldscheine bei der Staatsschuld, Banknoten, einfache Scheine, Gut und Vieh, und alle andre Effekte, ihm, seinen Erben und Stellvertretern.«

»Ich ernenne und bestelle meinen genannten vielgeliebten Sohn, John Goldenkalb, zum alleinigen Vollzieher dieses meines letzten Willens und Testaments, und rathe ihm, keinem von denen, die sich für meine Freunde ausgeben mögen, zu vertrauen, besonders allen Ansprüchen und Bitten Sir Joseph Jobs ein taubes Ohr zu leihen. Zum Zeugniß von welchem u.s.w. u.s.w.«

Dieses Testament war gehörig ausgefertigt, und Zeugen waren die Wärterin, der Hauptcommis und das Hausmädchen.

»Das Eigenthum ist in Gefahr, Sir Joseph,« bemerkte ich trocken, als ich die Papiere, sie aufzuheben, zusammennahm.

»Dieß Testament kann umgestoßen werden, meine Herren,« schrie der Mann in Wuth, »es ist eine Schmähschrift.«

»Und wem zu Nutz, Sir Joseph?« fragte ich ruhig. »Mit und ohne dieß Testament, möchten meine Ansprüche auf meines Vaters Capitalien gleich triftig sein.«

Dieß war so augenscheinlich wahr, daß sich die Klügeren schweigend entfernten, und selbst Sir Joseph ging nach kurzem Zögern, während welchem er seltsam bewegt schien, weg. Die Woche darauf ward sein Bankrot, in Folge einiger übertrieben gewagten Spekulationen an der Börse, bekannt gemacht, und so erhielt ich für meine Verschreibung von 63000 Pf. nur 3 Shilling, 4 Pence vom Pfund.

Als mir das Geld ausbezahlt wurde, konnte ich mich nicht enthalten, bei mir auszurufen: »das Eigenthum ist in Gefahr!«

Am folgenden Tag schloß Sir Joseph Job seine Rechnung dadurch mit der Welt ab, daß er sich die Kehle abschnitt.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Von dem socialen Haltpunkt-System, den Gefahren des Concentrirens, und andere moralische und unmoralische Merkwürdigkeiten.

Die Geschäfte meines Vaters waren fast so leicht zu ordnen, als die eines Unvermögenden. In vier und zwanzig Stunden war ich in vollständigem Besitz von allem, und fand mich, wenn nicht den reichsten, so doch einen der reichsten Privatleute von Europa. Ich sage Privatleute; denn Fürsten haben häufig eine Weise, sich die Habe Andrer zuzueignen, die jeden Versuch mit ihnen zu wetteifern, lächerlich machen würde. Schulden waren keine da, und wären deren gewesen, so fehlte bares Geld nicht; die Billanz in klingender Münze zu meinen Gunsten an der Bank belief sich selbst wieder zu einem bedeutenden Vermögen.

Der Leser wird jetzt annehmen, ich wäre vollkommen glücklich gewesen. Ohne die geringste Beschränkung in meiner Zeit oder meinem Besitz, befand ich mich im Genuß eines Einkommens, das bedeutend die Revenuen vieler regierenden Fürsten überstieg. Ich hatte weder eine kostspielige noch eine lasterhafte Gewohnheit irgend einer Art. Häuser, Pferde, Hunde, Gepäck, Diener, nichts plagte oder hinderte mich. In jeder Hinsicht, eine ausgenommen, war ich vollkommen mein eigner Herr. Dieses war das tiefe, theure, geliebte Gefühl, das Anna in meinen Augen zu einem Engel machte (in der That war sie nicht viel weniger auch bei andern Leuten), zum Polarstern, nach dem jeder meiner Wünsche hinwieß. Wie gerne hätte ich gerade damals eine halbe Million bezahlt, um der Enkel eines Baronet mit Vorfahren aus dem siebzehnten Jahrhundert zu sein.

Es war jedoch noch eine andre und näher liegende Ursache der Unruhe, die mir selbst noch mehr Besorgniß machte, als der Umstand, daß meine Familie in die dunklen Jahrhunderte mit so verdrießlicher Leichtigkeit hinabreichte. Das, daß ich Zeuge von dem Todeskampfe meines Vorfahren gewesen, war mir eine schreckliche Lehre über die Eitelkeit, die Hoffnungslosigkeit, die Gefahren und Täuschungen des Reichthums, welche die Zeit nie ausrotten kann. Die Geschichte von dessen Aufhäufung war mir immer gegenwärtig, um das Vergnügen von seinem Besitz zu stören. Nicht als wenn ich, was die Welt nennt, Unredlichkeit geahnt hätte,– dazu war kein Grund, sondern nur, weil das engherzige, allem entfremdete Leben, der Aufwand von Kräften, die abgestumpfte Menschenliebe und der isolirte, mißtrauische Charakter meines Vaters mir nur schlecht durch den freudlosen Besitz seiner Millionen wieder gut gemacht schien. Ich würde viel darum gegeben haben, wenn mir jemand einen Weg gezeigt hätte, wo dem Verschlingen von Scylla’s Schlund entgehend, ich an den habsüchtigen Felsen der Charybdis hätte vorbeisteuern mögen.

Als ich aus den raucherigen Linien der Londoner Häuser in die grünen Felder zwischen den blühenden Hecken herausfuhr, schien mir diese Erde schön, wie gemacht, sie zu lieben. Ich sah in ihr das Werk eines göttlichen und wohlthätigen Schöpfers, und überzeugte mich leicht, daß, wer im Gewirr einer Stadt lebte, um Gold aus seines Nachbars Tasche in seine zu bringen, den Zweck seines Daseins verfehlte. Mein armer Vater, der nie London verlassen, stand vor mir mit seinem Kummer im Tode, und mein erster Entschluß war, mit meinen Nebenmenschen in Verbindung zu leben. So heftig in der That ward meine Angst, diesen Plan auszuführen, daß sie sich zum Wahnsinn hätte steigern können, wenn nicht ein glücklicher Umstand eingetreten, mich vor diesem schrecklichen Unglück zu retten.

Die Kutsche, in der ich die Reise machte (denn ich vermied vorsätzlich allen Pomp und die Beschwerde der Extrapost und der Bedienten) ging durch einen Marktflecken von anerkannter Loyalität, am Vorabend einer bestrittenen Wahl. Diese Berufung an den gesunden Verstand und Patriotismus der Wähler hatte stattgefunden, weil der frühere Bevollmächtigte ein Amt bekommen. Der neue Minister (er war nämlich Cabinetsmitglied) hatte eben seinen Ueberblick genommen und schickte sich an, seine Mitbürger aus dem Fenster des Wirtshauses, worin er logirte, anzureden. Obwohl ermüdet, doch begierig geistige Erholung auf irgend eine Art zu suchen, warf ich mich aus der Kutsche, sicherte mir ein Zimmer und ward einer von den Zuhörern.

Der begünstigte Bewerber nahm einen weiten Balkon ein, der von seinen Hausfreunden umringt ward, unter welchen ich mit Freuden Grafen, Lords und Baronets, geistliche Würdeträger, Handelsleute von Einfluß in dem Flecken, und selbst einen oder zwei Handwerker bemerkte, die in dem angenehmen Amalgam politischer Verwandtschaft zusammengedrängt waren. »Hier also,« dacht ich, »ist ein Beispiel himmlischen Segens. Der Bewerber selbst, der Sohn und Erbe eines Pairs, fühlt, daß er in Wirklichkeit dasselbe Fleisch und Blut ist wie seine Constituenten; wie lieblich er lächelt! wie angenehm sind seine Manieren! mit welcher Herzlichkeit schüttelt er die Hand des schmutzigsten und geringsten! Hier muß ein Mittel gegen Menschenstolz liegen! ein Antrieb zur Güte, eine nie endende Lehre des Wohlwollens, hier in diesem Theil unsrer herrlichen Staatsverfassung, und ich will es weiter verfolgen!« Der Bewerber erschien und seine Rede begann.

Mein Gedächtniß würde nicht ausreichen, wollte ich die eignen Worte des Redners anzuführen versuchen. Aber seine Ansichten und Lehren sind so tief in meine Erinnerung eingegraben, daß ich sie nicht zu entstellen fürchte. Er fing mit einem sehr passenden und beredten Lob der Constitution an, welche er unbedenklich in ihrer Art die größte Vervollkommnung menschlicher Vernunft nannte; es zu beweisen, führte er die feststehende Thatsache an, daß sie, bei allen Wechseln und Prüfungen so vieler Jahrhunderte sich, alle Veränderungen verabscheuend, nach den Umständen gerichtet. »Ja, meine Freunde,« rief er in einem Ausbruch patriotischer und constitutioneller Inbrunst, »wie unter den Rosen, so unter den Lilien, unter den Tudors, den Stuarts und dem hohen Hause Braunschweig hat dieß glorreiche Gebäude den Stürmen der Partheien widerstanden, hat unter sein schützendes Dach die entgegengesetzten Elemente bürgerlicher Streitigkeiten aufgenommen, Schutz, Wärme, ja auch Nahrung und Kleidung« (hier legte der Redner sehr passend seine Hand auf die Schulter eines Metzgers, der ein Flausgewand trug, das ihn nicht unähnlich einem stallgefütterten Vieh machte) »ja auch Nahrung und Kleidung, Lebensmittel und Trank dem geringsten Unterthan des Reichs verschaffend. Und das ist noch nicht alles; es ist eine ganz besonders englische Constitution, und wer ist so niederträchtig, so gemein, so untreu sich selbst, seinen Vätern, seinen Nachkommen, um einer Constitution den Rücken zu kehren, die so durch und durch, so wesentlich englisch ist; einer Constitution, die er von seinen Vorfahren geerbt, die nach göttlichen und menschlichen Gesetzen er verpflichtet ist, unverändert der Nachwelt zu überliefern?« Hier wurde der Redner, der jedoch zu sprechen fortfuhr, vom Beifallsgeschrei übertäubt, und diesen Theil des Gegenstandes konnte man wohl als definitiv bewiesen betrachten.

Unter Constitution als einem Ganzen, ging der Bewerber zunächst weiter, den besondern Theil von ihr, den Burgflecken Householder zu erheben. Nach seinem Bericht davon waren seine Bewohner von dem edelsten Geist der Unabhängigkeit erfüllt, von dem festesten Entschluß, das Ministerium aufrecht zu erhalten, wovon er selbst das geringste Glied sei, und besonders ausgezeichnet durch das, was er in der Begeisterung politischer Beredsamkeit, sehr glücklich das freigeborne Verständniß ihrer Rechte und Privilegien nannte. Diesen loyalen und vernünftigen Flecken habe man nie seine Gunst an solche verschwenden gesehen, die keinen Anhaltspunkt in der Gemeinde gehabt; er verstehe das Grundprincip guter Regierung, welches als Hauptsatz festgestellt, daß niemand Vertrauen verdient, er habe dann ein sichtliches und ausgedehntes Interesse am Land, denn was hätte ohne diese Pfänder der Rechtlichkeit und Unabhängigkeit der Wähler andres zu erwarten als Bestechung und Arglist, einen Handel mit den theuersten Rechten, ein Feilschen, das die glorreichen Institutionen, unter denen er lebte, zerstören könnte. Dieser Theil der Rede ward in ehrerbietiger Stille angehört, und bald darauf schloß der Redner, wo dann die Wähler wahrscheinlich mit einer bessern Meinung von sich und der Constitution auseinandergingen, als sie vielleicht seit der vorigen Wahl zu hegen das Glück gehabt.

Der Zufall brachte mich bei Tische (das Haus war voll) an dieselbe Tafel mit einem Notar, der den ganzen Morgen unter den Householdern sehr thätig gewesen, und wie ich von ihm selbst hörte, der eigentliche Agent des Eigenthümers von dem fraglichen unabhängigen Flecken war. Er sagte mir, er sei, in der Erwartung, das ganze Eigenthum an Sir Pledge, so hieß der ministerielle Candidat, übergeben zu können, hierher gekommen, aber die Geldmittel seien nicht zur Stelle gewesen, wie man ihn hätte hoffen lassen, und der ganze Handel so unglücklicher Weise in dem Augenblick abgebrochen worden, wo es von der höchsten Wichtigkeit gewesen, zu wissen, wem die unabhängigen Wähler eigentlich angehörten.

»Der Lord hat jedoch,« fuhr der Notar blinzelnd fort, »gethan, was recht war, und seine Wahl kann keinem Zweifel unterliegen, ebenso wenig wie die Ihrige, wenn der Flecken etwa Ihnen gehörte.«

»Und ist dieß Eigenthum jetzt zu verkaufen?« fragte ich.

»Freilich. – Der Herr kann’s nicht länger machen; der Preis steht fest, und ich hab‘ Vollmacht, den Handel vorläufig abzuschließen. Es ist Jammerschade, daß die öffentliche Meinung an dem Vorabend einer Wahl in diesem unentschiednen Zustand gelassen wird.«

»Dann, Sir, will ich es kaufen.«

Der andre sah mit Staunen und Zweifel auf mich. Er hatte jedoch schon zuviel Geschäfte der Art gemacht, um nicht erst weiter zu hören, ehe er ab- oder zuschlug.

»Der Preis des Fleckens ist 325000 Pf., und die Abgaben nur 6000, Sir.«

»Es mag sein. Mein Name ist Goldenkalb; wenn Sie mich in die Stadt begleiten wollen, sollen Sie das Geld erhalten.«

»Goldenkalb! Was, Sir, der einzige Sohn und Erbe des verstorbenen Thomas Goldenkalb von Cheapside?«

»Derselbe. Mein Vater ist noch keinen Monat todt.«

»Verzeihen Sie, Herr, beweisen Sie mir Ihre Identität, man muß bei solchen Dingen genau sein, – und Sie sollen noch zu rechter Zeit in den Besitz kommen, um Ihre eigne Wahl oder die eines Ihrer Freunde zu sichern. Ich werde Herrn Pledge seine geringen Vorschüsse zurückgeben, und künftig wird er sich nicht mehr unterstehen, sein Versprechen nicht zu halten. Wozu nützt ein Flecken, wenn eines Edelmanns Wort nicht heilig ist? Sie werden die Wähler insbesondre in jeder Hinsicht Ihrer Gunst würdig finden. Sie sind so freimüthige, loyale und gerade Constituenten, als nur irgend wo in England. Da ist kein Rückhalten mit dem Stimmen, in jeder Hinsicht sind sie furchtlose Engländer, die thun, was sie sagen, und sagen, was nur immer ihr Oberherr von ihnen verlangen mag.«

Da ich tausend Briefe und andere Dokumente bei mir hatte, war nichts leichter als den Notar von meiner Identität zu überzeugen. Er forderte Tinte und Feder; zog aus seiner Tasche den für Lord Pledge bestimmten Contrakt, und gab mir ihn zu lesen. Er füllte ihn aus, und meinen Namen einschreibend, rief er die Kellner zu Zeugen auf, und überreichte mir das Papier mit einer Schnelle und Ehrfurcht, die ich wirklich ergötzlich fand. So ein Mal, dacht‘ ich, der Gesellschaft durch den Ankauf eines Fleckens Sicherheits-Pfänder gegeben! Ich zog auf meine Bankiers 325,000 Pfund und stand wirklich als der Eigenthümer des Burgfleckens Householder und der politischen Gewissen aller seiner Bewohner vom Stuhl auf.

Eine so wichtige Begebenheit konnte nicht lange unbekannt bleiben, und in wenigen Minuten richteten sich Aller Augen im Kaffeehause auf mich. Der Wirth präsentirte sich, und bat, ich möchte ihm die Ehre erweisen, Besitz von seinem Wohnzimmer zu nehmen, da sonst keines zu seiner Verfügung stehe. Ich hatte mich dort kaum festgesetzt, als schon ein Diener in schöner Livree mir folgendes Schreiben überbrachte:

»Mein theurer Herr Goldenkalb!

»Ich hab‘ in diesem Augenblick vernommen, daß Sie hier sind und bin sehr froh darüber. Eine lange vertraute Freundschaft mit Ihrem verstorbenen vortrefflichen und sehr loyalen Herrn Vater rechtfertigt mich, wenn ich Sie meinen Freund nenne; so unterlasse ich alle weitere Ceremonien (ich meine Geschäftsceremonien, da von keinen andern zwischen uns die Rede sein kann), und bitte, mich eine halbe Stunde vorzulassen.– Mein theurer Herr Goldenkalb

Ihr sehr ergebener und aufrichtiger
Pledge.«

Ich bat, man möge den edlen Besuch nicht einen Augenblick warten lassen. Lord Pledge trat herein wie ein alter, vertrauter Freund. Er that hundert schöne Fragen nach meinem verstorbenen Vorfahren, sprach mit Gefühl von seinem Verdruß, nicht vor sein Sterbebett beschieden worden zu sein, und wünschte mir dann sehr aufrichtig und warm zu meiner Nachfolge zu so großem Reichthum Glück.

»Ich höre auch, Sie haben diesen Flecken gekauft, mein Lieber; ich konnte es gerade in diesem Augenblick nicht machen, um den Handel selbst abzuschließen; aber es ist nicht übel; 320,000 Pf., nicht, so war wenigstens zwischen mir und der Gegenparthie die Rede.«

»325,000 Pfund, Lord Pledge!«

Ich merkte an den Mienen des edlen Bewerbers, daß ich die schlechten fünf Tausend Pfund als eine Zugabe bezahlt, – ein Umstand, der die Bereitwilligkeit des Notars in der ganzen Verhandlung erklärte, da er wahrscheinlich den Ueberschuß selbst einsteckte.

»Sie denken also zu sitzen?«

»Ja, Mylord; doch erst nach der nächsten allgemeinen Wahl; für jetzt werde ich mich glücklich schätzen, Ihre Wiedererwählung zu unterstützen.«

»Mein lieber Herr Goldenkalb –«

»In der That, ohne Ihnen ein Compliment machen zu wollen, Lord Pledge, die edlen Gesinnungen, die ich Sie diesen Morgen äußern hörte, waren so geeignet, so außerordentlich eines Staatsmanns würdig, so wahrhaft englisch, daß ich weit lieber Sie selbst in dem erledigten Sitze als mich wünschen würde.«

»Ich ehre Ihre Vaterlandsliebe, Herr Goldenkalb, und wünsche nur, daß die Welt mehr solcher Männer besäße; aber Sie können auf unsre Freundschaft zählen, Sir; was sie eben bemerkten, ist wahr, sehr wahr, nur zu wahr, ist – ist, ich meine, mein lieber Herr Goldenkalb, gerade diese meine Gesinnungen, ich, ich, – ich sage es vor Gott, ohne Eitelkeit, aber es, – es, – wie Sie so ganz recht zu verstehen gegeben, sie sind recht geeignet und wahrhaft englisch.«

»Ich halte Sie in der That dafür, Lord Pledge, sonst hätte ich es nicht gesagt; – ich selbst befinde mich in einer seltsamen Lage, – bei ungeheurem Reichthume ohne Rang, Name, Verbindungen, – nichts ist leichter für einen von meinen Jahren, als mißleitet zu werden; und es ist daher mein heißer Wunsch, irgend ein Mittel zu finden, mich auf passende Art mit der Staatsgesellschaft zu verketten.«

»Ei, mein theurer junger Freund, wählen Sie ein Weib unter den Schönen und Tugendhaften dieser glücklichen Insel; leider kann ich selbst in dieser Hinsicht nichts vorschlagen; meine beiden Schwestern sind schon vergeben.«

»Ich hab‘ schon gewählt, ich danke Ihnen tausend Mal, mein theurer Lord Pledge, obgleich ich kaum selbst meine Wünsche zu erfüllen wage. Es sind Anstände, – wenn ich nur jetzt das Kind von eines Baronets zweitem Sohn wäre, oder – –«

»Werden Sie selbst Baron,« unterbrach mich nochmals mein edler Freund, der offenbar leichteren Herzens geworden; denn ich glaube wirklich, er dachte, ich würde ihn um etwas Höheres ansprechen. »Ihre Sache soll mit Ende der Woche gemacht sein, und wenn ich sonst etwas für Sie thun kann, nennen Sie es ohne Rückhalt!«

»Wenn ich noch etwas weiter von Ihren so bemerkenswerthen Gedanken über den Haltpunkt, den wir alle in der Staatsgesellschaft haben sollten, hören könnte, ich glaube, das würde mich sehr erleichtern.«

Der andere sah einen Augenblick mit sehr seltsamem Ernst auf mich, fuhr mit der Hand über die Stirn, sann nach und willfahrte mir dann sehr zuvorkommend.

»Sie legen, Herr Goldenkalb, zu große Wichtigkeit auf einige, freilich sehr wahre aber doch sehr übel geordnete Ideen. Daß ein Mann ohne einen gehörigen Haltpunkt im Staat wenig besser als das Thier des Feldes ist, halte ich für so augenscheinlich, daß es unnöthig ist, sich dabei aufzuhalten. Schließen Sie, wie Sie wollen, vorwärts und rückwärts. Sie kommen zu demselben Ergebniß; wer nichts hat, wird gewöhnlich von den Menschen wenig besser als ein Hund behandelt, und wer wenig mehr als ein Hund ist, hat gewöhnlich nichts. Ferner, was unterscheidet den Wilden vom Civilisirten? die Civilisation natürlich; – nun was ist Civilisation? Die Künste des Lebens. Was säugt, nährt, erhält die Künste des Lebens? Geld und Eigenthum. Folglich ist Civilisation Eigenthum und Eigenthum Civilisation. Wenn die Regierung eines Landes in den Händen derer ist, die Eigenthum besitzen, ist die Regierung eine civilisirte, aber im Gegentheil, ist sie in den Händen derer, die nichts besitzen, so ist sie nothwendig eine uncivilisirte. Es ist ganz unmöglich, daß jemand ein zuverlässiger Staatsmann werde, der nicht ein direktes Eigenthumsinteresse in der Staatsgesellschaft besitzt. Sie wissen, es gibt keinen Anfänger in unsrer politischen Sekte, der nicht die Wahrheit dieses Grundsatzes zugäbe.«

»Herr Pitt?«

»Ei Pitt war freilich gewisser Maßen eine Ausnahme, aber dann müssen Sie bedenken, war er der unmittelbare Vertreter der Tory, die das meiste Eigenthum in England besitzen.»

»Herr Fox.«

»Fox vertrat die Whigs, die, wie Sie wissen, alles übrige besitzen. Nein, mein lieber Goldenkalb, bedenken Sie, wie Sie wollen, wir werden immer zu demselben Resultat gelangen. Sie werden also, wie Sie eben gesagt, selbst einen der Sitze bei der nächsten Wahl einnehmen?«

»Ich bin zu stolz, Ihr College zu werden, um zu zögern.«

Diese Rede besiegelte unsre Freundschaft; denn sie war meinem edlen Bekannten ein Pfand für seine künftige Verbindung mit dem Flecken. Er war zu hoch geboren, seinen Dank in gewöhnlichen Phrasen auszudrücken (obwohl hohe Geburt selten alle ihre Vorzüge geltend macht, wenn es eine Wahl gilt) aber er war ein Mann von Welt, von jener Classe, deren Hauptgeschäft es ist, das »suaviter in modo« wie der Franzose sagt »en evidence« zu setzen, und so kann der Leser versichert sein, daß, als wir jenen Abend schieden, ich in vollkommen guter Laune mit mir und folglich mit meinem neuen Bekannten war.

Den folgenden Tag wurde das Abstimmen erneuert, und wir hatten eine zweite überzeugende Rede über die Wichtigkeit der Lehre, vom Anhaltspunkt in der Gesellschaft; denn Lord Pledge war Tactiker genug, gleich die Citadelle anzugreifen, nachdem er ihre schwache Seite erfaßt, und nicht seine Kräfte auf die Aussenwerke zu verschwenden. Am Abend kam der Notar aus der Stadt mit den Dokumenten; sie waren alle gehörig ausgefertigt, da sie für Lord Pledge schon einige Zeit bereit gewesen, und am folgenden Morgen frühe wurde den Einwohnern die gehörige Nachricht gegeben, mit einer zierlich abgefaßten Anrede von meiner Seite, zu Gunsten »des Haltpunkts in der Gesellschaft.« Um Mittag schritt Lord Pledge, wie es in Newmarket und Donkaster heißt, über den Kampfplatz; nach dem Essen schieden wir; mein edler Freund kehrte in die Stadt zurück, während ich den Weg nach dem Pfarrhaus einschlug.

Anna schien mir nie frischer, heitrer, über alles sterbliche erhabner, als damals, wo wir, eine Woche, nachdem ich Householder verlassen, in dem Frühstückzimmer von ihres Vaters Wohnung zusammentrafen.

»Ihr fangt wieder an, Euch selbst gleich zu sehen, Jack,« sagte sie, indem sie die Hand mit der einfachen Herzlichkeit einer Engländerin ausstreckte, »und ich hoffe, wir werden Euch vernünftiger finden.«

»Ach, Anna, wenn ich nur wagen dürfte, mich zu Euren Füßen zu werfen, und Euch zu sagen, wie sehr und was ich fühle, ich würde der glücklichste Mann in ganz England sein!«

»Wie’s nun ist, seid Ihr der unglücklichste,« antwortete das lachende Mädchen, als bis an die Schläfe erröthend, sie die Hand wegzog, die ich närrisch an’s Herz drückte; »laßt uns zum Frühstück geh’n, Herr Goldenkalb; mein Vater ist über Feld geritten, Doktor Liturgy zu besuchen.«

»Anna,« sagte ich, nachdem ich mich gesetzt, und eine Tasse Thee von Fingern genommen, die rosig waren, wie der Morgen, »ich fürchte, Ihr seid der größte Feind, den ich auf der Erde habe.«

»John Goldenkalb!« rief das entsetzte Mädchen, ward blaß und erröthete dann heftig; »bitte, erklärt Euch.«

»Ich liebe Euch im Innersten, – könnte Euch heirathen, und dann fürchte ich, verehre ich Euch, wie je ein Mann eine Frau verehrt.«

Anna lachte leise.

»Und so fühlt Ihr Euch in der Sünde der Götzendiener?« brachte sie zuletzt heraus.

»Nein, ich bin in Gefahr, meine Gefühle enger zu beschränken, einen festen, sichern Halt im Leben zu verlieren, meinen eigenthümlichen Standpunkt in der Gesellschaft aufzugeben, kurz, unnütz meinen Mitmenschen, wie mein armer, armer Vater zu werden, und ein ebenso erbärmliches Ende zu haben. O Anna, hättet Ihr die Hoffnungslosigkeit jenes Sterbebetts mitangesehn, Ihr könntet mir nie ein Schicksal wie das seinige wünschen!«

Meine Feder ist nicht im Stande eine angemessene Idee von dem Ausdruck zu geben, womit mich Anna betrachtete; Verwunderung, Zweifel, Befürchtung, Zuneigung und Angst, glänzte all in ihren Augen, aber die unnatürliche Gluth dieser widerstrebenden Gefühle war durch eine Sanftheit gemäßigt, die dem perlenden Glanz eines italienischen Himmels glich.

»Wenn ich meiner Neigung nachgebe, Anna, worin wird meine Lage von der meines unglücklichen Vaters sich unterscheiden? Er concentrirte seine Gefühle in der Liebe zum Geld, – und ich, ja ich fühle es hier, ich erkenne es hier, ich würde Euch so innig lieben, daß es jedes edelmüthige Gefühl für andre ausschlösse. Ich hab‘ eine schreckliche Verantwortung auf meinen Schultern, Reichthum – Gold – Gold über alle Maßen, und meine Seele zu retten, muß ich mein Interesse an meinen Mitgeschöpfen ausdehnen, nicht verengen. Gäb‘ es ein hundert solcher Anna, ich könnte euch alle an mein Herz drücken, aber Eine, nein, nein; es wäre Elend, es wäre Verderben. Gerade das Uebermaß einer solchen Leidenschaft würde mich zum herzlosen Geizhals machen, der unwürdig wäre des Vertrauens seiner Mitmenschen!«

Das strahlende und doch heitre Auge Annens schien in meiner Seele zu lesen; und als ich ausgesprochen, erhob sie sich, stahl sich furchtsam an meine Seite des Tisches, wie eine Frau sich nähert, wenn sie am meisten fühlt, legte ihre Sammethand auf meine brennende Stirn, drückte deren schlagende Pulse leise an ihr Herz, brach in Thränen aus und entfloh.

Wir speisten allein, auch sahen wir einander nicht wieder bis zur Mittagszeit. Annens Weise war sänftigend, lieb, selbst einnehmend, doch vermied sie sorgfältig das Gespräch vom Morgen. Ich selbst, ich brütete beständig über der Gefahr, die Interessen zu concentriren, und über der Vortrefflichkeit eines socialen Haltpunktsystems.

»Ihr werdet Euch, Jack, in einem Tag oder zwei besser befinden,« sagte Anna, als wir Wein nach der Suppe getrunken. »Landluft und Freunde werden Eure Frische, Eure Farben zurückbringen.«

»Gäb‘ es tausend Anna, dann könnt‘ ich glücklich sein, wie nie jemand zuvor; aber ich muß nicht, darf nicht meinen Halt an der Staatsgesellschaft aufgeben!«

»Dieß alles beweißt meine Unzulänglichkeit, Euch glücklich zu machen. Aber da kommt Francis mit der gestrigen Morgenzeitung, laßt uns sehen, was die Staatsgesellschaft in London macht!«

Nach einigen Augenblicken ernsthafter Beschäftigung mit dem Journal entfuhr dem lieblichen Kinde ein Ausruf des Vergnügens und Erstaunens. Als ich meine Augen emporrichtete, sah ich sie (wie ich mir einbildete) freundlich auf mich blicken.

»Les’t, was Ihr da habt, das Euch so viel Vergnügen zu machen scheint!«

Sie folgte und las mit eifriger und zitternder Stimme folgende Nachricht:

»Seine Majestät hat gnädigst geruht, John Goldenkalb von Householder-Hall in der Grafschaft Dorset und von Cheapside, Esquire, zur Würde eines Baronet der vereinigten Königreiche Großbritannien und Irland zu erheben.«

»Sir John Goldenkalb, ich habe die Ehre auf Eure Gesundheit und Glück zu trinken!« rief das entzückte Mädchen, freudestrahlend gleich dem Morgen und ihre schwellende Lippe mit einem Naß benetzend, das weniger roth war als diese. »Hier, Francis, füll‘ ein Glas und trink dem neuen Baronet zu.«

Der graugelockte Kellermeister that, wie ihm befohlen, und zwar mit viel Anstand und eilte dann in das Gesinde-Zimmer, die Nachricht zu hinterbringen.

»Hier wenigstens, Jack, ist ein neuer Anhalt, den die Gesellschaft an Euch hat, welchen Halt Ihr nun auch an die Gesellschaft haben mögt.«

Ich war erfreut, weil sie erfreut war, und weil es von Seiten Lord Pledge einige Dankbarkeit zeigte, (wie wohl er späterhin Gelegenheit nahm, zu verstehen zu geben, daß ich die Gunst hauptsächlich der Hoffnung verdankte) und ich glaube, meine Augen drückten nie mehr Freude aus.

»Lady Goldenkalb würde indeß doch auch nicht so übel lauten, liebste Anna!«

»Einer beigelegt, Sir John, wohl möglich, doch nicht wenn einem hundert.« Anna lachte, erröthete, brach nochmals in Thränen aus und entfloh wieder.

Welch‘ Recht hab‘ ich mit den Gefühlen dieses einfachen, trefflichen Mädchens zu spielen? sagte ich zu mir selbst; es ist offenbar, dieser Gegenstand betrübt sie, sie erträgt nicht seine Berührung, und es ist unmännlich und ungeeignet von mir, so zu verfahren. Ich muß meinem Charakter als ein Mann von Bildung treu bleiben; ja besonders jetzt als Baronet; ich will nie wieder, so lang ich lebe, davon sprechen.

Am folgenden Tag nahm ich Abschied von Dr. Etherington und seiner Tochter in der ausgesprochenen Absicht, ein Jahr oder zwei zu reisen. Der gute Geistliche gab mir viel freundlichen Rath, schmeichelte mir mit Versicherung seines Vertrauens in meine Vorsicht und mir warm die Hand drückend, bat er mich zu bedenken, daß ich immer eine Heimath im Pfarrhaus hätte. Als ich dem Vater Adieu gesagt, machte ich mich mit betrübtem Herzen auf, die Tochter aufzusuchen. Sie war noch in dem kleinen Frühstückzimmer, – jenem so geliebten Gemach. Ich fand sie blaß, schüchtern, gefühlvoll, schmeichelnd aber heiter. Nichts konnte je diese himmlische Heitre an dem lieben Kinde stören; wenn sie lachte, geschah es mit zurückgehaltener, gemäßigter Freude; wenn sie weinte, war es gleich Regen, der aus einer Luft fällt, die noch glänzt von dem hellen Sonnenschein. Nur wenn Gefühl und Natur unaussprechlich schwer in ihr war, führte ein unwiderstehlicher Trieb ihres Geschlechts zu Bewegungen, wie ich sie zwei Mal vor so kurzem in ihr wahrgenommen.

»Ihr wollt uns verlassen, Jack,« sagte sie und reichte freundlich und ohne affektirte Gleichgültigkeit, die sie nicht fühlte, ihre Hand. »Ihr werdet viele fremde Gesichter sehen, aber keine, die – –«

Ich wartete auf den Schluß des Satzes, aber ob sie auch eifrig nach Selbstüberwindung rang, er ward nie beendigt.

»Bei meinem Alter, Anna, bei meinen Mitteln, würde es unschicklich sein, zu Haus zu bleiben, während, wenn ich es so ausdrücken darf, die Menschheit draußen ist. Ich gehe meine Theilnahme an ihr zu beleben, mein Herz den Mitmenschen zu öffnen, und die grausamen Vorwürfe zu vermeiden, die meines Vaters Sterbebett zur Folter machten.«

»Gut, gut!« unterbrach das schluchzende Mädchen, »wir wollen nicht mehr davon sprechen; es ist am besten, Ihr reiset und so Adieu – mit Tausenden, mit Millionen meiner besten Wünsche für Euer Glück und sichre Wiederkehr. Ihr werdet zu uns zurückkommen, Jack, wenn überdrüssig Ihr geworden der andern Scenen.«

Dieß ward mit leichtem Ernst und einer so gewinnenden Aufrichtigkeit gesprochen, daß es fast meine ganze Philosophie umgestoßen; aber ich konnte ihr ganzes Geschlecht nicht heirathen, und meine Neigung auf eine zu beschränken, wäre der Todesstreich für die Entwicklung jenes erhabenen Grundsatzes gewesen, an dem ich so sehr hing, und der, wie ich schon beschlossen, mich würdig machen sollte meines Reichthums, und zur Zierde der Menschen. Doch wäre mir ein Königreich geboten worden, ich hätte nicht sprechen können. Ich nahm das nicht widerstrebende Kind in meine Arme, preßte sie an mein Herz, drückte einen brennenden Kuß auf ihre Wange und schied.

»Ihr werdet zu uns zurückkommen, Jack,« lispelte sie halb, als sie ihre Hand widerstrebend durch die meinige zog. O, Anna, es war in der That schmerzlich, von deinem freien, lieblichen Vertrauen zu scheiden, von deiner strahlenden Schönheit, deiner heitern Liebe und all den weiblichen Tugenden, nur um meine neuentdeckte Theorie in Ausübung zu bringen. Lange umschwebte deine Gegenwart mich, ja nie verließ sie mich gänzlich. Sie setzte meine Sündhaftigkeit auf eine strenge Probe, und drohte bei jeder Meile die sich verlängernde Kette anzuziehen, die mich schon band an dich, deinen Herd und deine Altäre. Aber ich triumphirte und trat hinaus in die Welt mit einem Herzen, allen Wesen geöffnet, obwohl dein Bild stets verschlossen blieb in seinem Innersten, und in weiblicher Glorie glänzte, rein, strahlend und ohne Fleck, gleich dem scheinenden Prisma, das den Glanz des Diamanten macht.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Eine Theorie von handgreiflicher Erhabenheit. – Einige praktische Ideen. – Anfang der Abentheuer.

Die Rückerinnerung an die tiefen Gefühle dieser wichtigen Periode meines Lebens hat gewisser Maßen den Zusammenhang der Erzählung gestört, und kann möglicher Weise einiges Dunkel in dem Gemüth des Lesers in Hinsicht der neuen Quellen von Glückseligkeit zurückgelassen haben, die über meinen Verstand hereingebrochen. Daher mag ein Wort hier zur Erläuterung nicht unnütz sein; wiewohl es mein Zweck ist, mich, um zu einem gehörigen Verständniß meiner Absichten zu führen, mehr auf meine Handlungen und die wunderbaren Vorfälle zu beziehen, die ich jetzt bald der Welt werde darlegen müssen, als auf wörtliche Erklärungen.

Glückseligkeit, Glückseligkeit, hier und jenseits war mein Ziel. Ich strebte nach einem Leben nützlichen, thätigen Wohlwollens, einem Sterbebett voll Freude und Hoffnung, und einer Ewigkeit der Vergeltung. Mit solch einem Plan vor mir, hatten meine Gedanken vom Augenblick an, wo ich den Kummer meines Vaters auf dem Sterbebett mit angehört, sich eifrigst mit den Mitteln seiner Erreichung beschäftigt. So wunderbar als es ohne Zweifel auch gewöhnlichen Gemüthern scheinen mag, ich kam auf die Spur dieses hohen Geheimnisses bei der letzten Wahl für den Burgflecken Householder und zwar durch Lord Pledge. Gleich andern wichtigen Entdeckungen ist es ganz einfach, wenn man es schon weiß, da es leicht dem schwerfälligsten Geiste verständlich gemacht werden kann, und so sollte es ja eigentlich mit jedem Grundsatz sein, der mit der Wohlfahrt des Menschen so nahe verbunden ist.

Es ist eine allgemein angenommene Wahrheit, daß Glückseligkeit der einzige wirkliche Zweck aller menschlichen Verbindungen ist. Die Beherrschten treten für die Wohlthaten des Friedens, der Sicherheit und Ordnung einen gewissen Theil ihrer natürlichen Rechte unter der wohlverstandnen Bedingung ab, daß sie den übrigen Theil als ihren unveräusserlichen Besitz genießen dürfen. Freilich bestehen unter den verschiednen Nationen auch sehr materiell verschiedne Ansichten über die Mengen des abzutretenden und zurück zu behaltenden Theils, aber diese Abirrungen von der rechten Mitte sind nur eben so viele Launen des menschlichen Geistes, und berühren keineswegs den Grundsatz selbst. Ich fand auch, daß gerade die weisesten und besten, oder was dasselbe ist, die verantwortlichsten allgemein behaupten, daß wer den größten Haltpunkt in der Gesellschaft besitzt, nach der Natur der Dinge auch am geeignetsten ist, ihre Geschäfte zu führen. Unter einem Haltpunkte der Staatsgesellschaft meint man, nach allgemeinem Uebereinkommen, eine Vervielfältigung jener Interessen, die uns in unserm täglichen Verkehr beschäftigen, oder was man gemeiniglich Eigenthum nennt. Dieser Grundsatz wirkt, indem er uns zum Rechtthun reizt, eben durch jenes schwere Pfand unsers Besitzes, das unvermeidlich leiden würde, wollten wir unrecht thun. Der Satz ist jetzt klar, auch kann, was wir vorausgeschickt, nicht mißverstanden werden. Glückseligkeit ist der Zweck der Staatsgesellschaft und Besitz, oder ein festes Interesse an dieser Gesellschaft das beste Pfand unsrer Uneigennützigkeit und Gerechtigkeit, und die beste Befähigung zu ihrer gehörigen Lenkung. Es folgt, als ein nothwendiger Folgesatz, daß eine Vermehrung jener Interessen das Pfand erhöhen wird, und uns mehr und mehr des Vertrauens würdig macht, indem sie uns, so nah als nur möglich, zu dem reinen und ätherischen Zustand der Engel erhebt. Einer jener glücklichen Zufälle, die manchmal die Menschen zu Kaiser und Könige machen, hatte mich vielleicht zum reichsten Unterthan von Europa gemacht. Mit diesem Polarstern der Theorie vor meinen Augen scheinend, und mit so reichen praktischen Mitteln, wäre es offenbar meine Schuld gewesen, hätte ich meine Barke nicht in den rechten Hafen gesteuert. Wenn der, der die größten Pfänder gegeben, auch wohl am meisten seine Mitmenschen liebte, so konnte für einen in meiner Lage sich wohl keine große Schwierigkeit finden, sich an die Spitze der Philanthropie zu stellen. Zwar bei oberflächlicher Betrachtung hätte man den Fall mit meinem eignen unmittelbaren Vorfahren für eine Ausnahme oder vielmehr einen Einwurf gegen die Theorie ansehen können; aber weit entfernt, beweist er gerade das Gegentheil. Mein Vater hatte größtentheils alle seine Pfänder in der National-Schuld concentrirt; nun liebte er ohne allen Scherz die Fonds außerordentlich, ward heftig, wenn sie angegriffen wurden, schrie nach Bayonetten, wenn die Massen gegen Taxen sprachen, hielt dem Galgen eine Lobrede, wenn man mit Empörung drohte, und zeigte auf hundert andere Arten, daß wo der Schatz ist, auch das Herz sein wird; der Fall mit meinem Vater also, wie alle Ausnahmen, bestärkte nur die Vortrefflichkeit der Regel. Er war nur in den Irrthum des Zusammenziehens verfallen, wo der einzige Weg der der größtmöglichen Eröffnung gewesen. Ich beschloß, mich zu öffnen, wozu sich vielleicht noch nie ein politischer Oekonom entschlossen; – kurz die Theorie vom socialen Anhaltspunkt auf eine Weise auszuführen, daß ich alles lieben müsse, und dadurch würdig würde, mit der Obhut von allem beauftragt zu werden.

Als ich in die Stadt kam, war mein erster Besuch der der Danksagung bei Lord Pledge. Erst hatte ich einige Zweifel verspürt, ob die Baronie das System der Philantropie unterstützen würde oder nicht; denn dadurch, daß sie mich über einen großen Theil meiner Mitmenschen erhob, war es in so weit wenigstens ein Entfernen von philantropischem Mitgefühl, aber als das Patent kam und die Kosten bezahlt waren, fand ich, daß sie wohl als ein Pfand in Geld betrachtet werden könnte, und folglich in den Bereich der Regel gehörte, die ich mir für mein eignes Regime vorgeschrieben.

Das nächste war, gehörige Agenten zu bekommen, um mich bei den Ankäufen zu unterstützen, die nöthig geworden, um mich an die Menschheit zu ketten. Ein Monat verging mit dieser eifrigen Beschäftigung. Da baares Geld nicht fehlte, und ich nicht sehr genau im Preis war, fing ich am Ende jener Zeit an, gewisse, sich regende Gefühle in mir zu verspüren, welche von dem triumphirenden Erfolg des Experiments zeugten. Mit andern Worten, ich erwarb viel, und fing an ein lebhaftes Interesse in allem dem zu nehmen, was ich erworben.

Ich machte Ankäufe in Gütern in England, Schottland, Irland und Wales; diese Zersplitterung des Eigenthums sollte meine Mitgefühle gerade zwischen den verschiednen Theilen meines Vaterlands vertheilen. Doch damit nicht zufrieden, dehnte ich das System auf die Kolonien aus; ich hatte Ostindische Actien, ein Schiff auf der See, Land in Canada, eine Plantage in Jamaica, Schafe auf dem Kap und zu Neu-Süd-Wallis, ein Indigo-Geschäft in Bengalen, ein Comptoir für Sammlung von Alterthümern auf den Ionischen Inseln, und stand in Verbindung mit einem Schiffseigenthümer zur allgemeinen Verproviantirung unsrer verschiednen Besitzungen mit Bier, Schinken, Käse, groben Tüchern und Eisenwerk. Vom Brittischen Reich dehnten sich meine Interessen bald auf andre Länder aus. An der Garonne und in Xeres kaufte ich Weinberge. In Deutschland nahm ich einige Actien in verschiednen Salinen und Kohlenbergwerken, ebenso in Südamerika in den edlen Metallen; in Rußland ließ ich mich tief in Talg ein; in der Schweiz errichtete ich eine ausgedehnte Uhrenfabrik, und kaufte alle nöthige Pferde zu einem Vetturin in großem Maßstab. Ich hatte Seidenwürmer in der Lombardei, Oliven und Hüte in Toskana, ein Bad in Lucca und eine Macaroni-Fabrik zu Neapel. Nach Sicilien schickte ich Fonds zum Ankauf von Waitzen, und in Rom unterhielt ich einen Kenner an der Spitze eines großen Geschäfts von englischen Artikeln, als: Senf, Porter, Bückinge und Hornvieh; sowie einen andern, um die Liebhaber der Künste und Virtuosität mit Gemälden und Statuen zu versehen.

Bis dieß alles durchgesetzt war, hatte ich die Hände voll zu thun. Jedoch die Methode, gehörige Agenten, und der feste Entschluß es zu Stande zu bringen, ebneten den Weg, und ich fing an um mich zu schauen und Athem zu schöpfen. Mich zu erholen, ging ich nun ins Einzelne; und einige Tage lang besuchte ich nun die Versammlungen der sogenannten »Frommen«, um zu sehen, ob etwas durch sie zur Erreichung meines Zwecks geschehen könnte. Ich kann nicht sagen, daß dieser Versuch mit allem Erfolg begleitet war, den ich erwartete. Ich hörte viel eitel Gerede, fand, daß die äußre Art von größrer Wichtigkeit als die Sache war, und sah meinen Beutel sehr unbescheiden und unaufhörlich in Anspruch genommen. Eine so zu nahe Ansicht von christlicher Barmherzigkeit mußte auch ihr tadelhaftes zeigen, wie bekanntlich der Glanz der Sonne Mängel auf dem Gesicht der Schönheit entdeckt, die dem Auge entgehen, wenn sie durch das künstliche Licht gesehen werden, das besser für sie paßt. Ich begnügte mich bald meine Beiträge in gehörigen Zwischenräumen einzusenden und hielt mich mit meiner Person fern. Dieser Versuch ließ mich bemerken, daß menschliche Tugenden wie kleine Lichter am besten im Dunklen scheinen und ihren Glanz hauptsächlich der Atmossphäre einer nichtigen Welt verdanken; jedoch vom Spekuliren kehrte ich zu Handlungen zurück.

Die Frage über Sklaverei hatte seit vielen Jahren die Wohlthätigen in Bewegung gesetzt, und da ich eine ganz besondre Theilnahmslosigkeit in dieser Hinsicht in mir fühlte, kaufte ich 500 von jedem Geschlecht, mein Mitgefühl zu erregen. Dieß führte mich den Vereinten Staaten von Amerika näher, ein Land, das ich aus meinem Sinn auszutilgen versucht hatte; denn während ich so eine Liebe für meine Mitmenschen hervorzubringen suchte, hatte ich kaum für nöthig gehalten, so weit von Haus wegzugehen. Da keine Regel ohne Ausnahme ist, gesteh‘ ich, war ich fast zu glauben geneigt, ein Yankee möge wohl in eines Engländers allgemeiner Menschenliebe ausgelassen werden. Aber, »läßt man sich für einen Penny ein, läßt man sich für ein Pfund ein.« Die Neger führten mich zu den Ufern des Mississipi, wo ich bald Eigenthümer von einer Zucker- und einer Baumwollen-Plantage war. Außer diesen Ankäufen nahm ich Actien in verschiedenen Süd-See-Schiffen, erwarb für mich allein eine Korallen- und Perlenfischerei, und schickte einen Agenten mit einem Vorschlag zu König Tamamaah, um zu unsrer beiden Besten ein Monopol von Sandelholz zu errichten.

Die Erde und was sie enthielt bekam neue Glorie in meinen Augen. Ich hatte die wesentliche Bedingung der Staatsökonomen, der Juristen, der Verfassungskünstler und aller die Talent und Anstand besaßen, erfüllt, und in der Hälfte der Staatsgesellschaften der ganzen Welt Anhaltspunkte erworben. Ich war im Stande zu regieren, Rath zu geben, den meisten Völkern der Christenheit zu gebieten, denn ich hatte direktes Interesse an ihrer Wohlfahrt genommen, indem ich sie zu meiner eignen machte. Zwanzig Mal wollte ich in eine Postchaise springen, und zum Pfarrhaus eilen, um meine neugeborne Verbindung mit den Menschenarten und alle sie begleitende Glückseligkeit zu den Füßen Annens niederzulegen, aber der schreckliche Gedanke der Monogamie und ihrer alles andre Gefühl vernichtenden Folgen hielt mich eben so oft wieder ab. Ich schrieb ihr jedoch wöchentlich, und machte sie zur Teilnehmerin meines Glücks, obgleich ich nie die Freude hatte, eine einzige Zeile als Antwort zu erhalten.

Gänzlich von Selbstsucht befreit, und meinen Mitmenschen verpfändet, verließ ich nun England, eine philanthropische Inspectionsreise zu machen. Ich werde den Leser nicht mit einer Beschreibung meiner Reise über die ausgetretenen Striche auf dem Continent ermüden, sondern ihn und mich mit einem Male nach Paris versetzen, in welcher Stadt ich am 17. Mai, im Jahr des Herrn 1819 ankam. Ich hatte viel gesehen, hielt mich für besser und durch beständiges Brüten über meinem System sah ich seine Vortrefflichkeit so klar, als Napoleon den berühmten Stern sah, der dem stumpferen Gesicht des Cardinals, seines Onkels, entging. Zu gleicher Zeit, wie dies gewöhnlich bei solchen geschieht, die alle ihre Kräfte auf einen gegebenen Punkt richten, erlitten die ursprünglich gewonnenen Ansichten von gewissen Theilen meiner Theorie mancherlei Aenderungen, je nachdem nähere und praktischere Blicke Folgewiedrigkeiten darlegten und Mängel mir zeigten. Was besonders Anna betrifft, so hatte dieß ruhige, liebliche, sich nicht aufdringende und doch klare Bild weiblicher Liebenswürdigkeit, das selten von meiner Seele abwesend war, seit dem vergangnen Jahre mit einer Beständigkeit von Beweiskraft mich umschwebt, die selbst die Newton’sche Philosophie hätte umstürzen mögen. Ich stellte schon wirklich mehr als in Frage, ob die von dem Beistand einer so Zugeneigten und Wahren zu erlangenden Hilfe nicht wohl vollständig den Mißstand einer zu großen Concentrierung in Hinsicht des weiblichen Geschlechts aufhebe. Diese entstehende Ansicht war sehr nahe daran zur Ueberzeugung zu werden, als ich eines Tages auf den Boulevards einem alten Nachbar des Pfarrhauses begegnete, der mir die beste Nachricht von der Familie gab, und hinzufügte, nachdem er Annens Schönheit und Vortrefflichkeit gepriesen, daß das theure Mädchen ganz kürzlich wirklich einen Pair abgewiesen, der all die anerkannten Vorzüge besessen: Jugend, Reichthum, Geburt, Rang und einen guten Namen, und sie aus tiefer Ueberzeugung von ihrem Werth und ihrer Tüchtigkeit ausersehen hatte, einen Mann von Gefühl glücklich zu machen. Wegen meiner Macht über Annens Herz hegte ich nie einen Zweifel. Sie hatte auf tausend Weisen und bei hundert Gelegenheiten es verrathen; auch war ich gar nicht zurückgeblieben, ihr verstehen zu geben, wie sehr ich die Theure schätzte, obwohl sich noch nie mein Entschluß so befestigt, daß ich um ihre Hand angehalten. Aber alle meine schwankenden Gedanken concentrirten sich, als ich diese willkommne Nachricht hörte; ich nahm schnell von meinem alten Bekannten Abschied, eilte nach Haus und schrieb folgenden Brief:

Theure, sehr theure, – ja theuerste Anna.

Ich begegnete diesen Morgen unserm alten Nachbar auf den Boulevards, und während einer Stunde sprachen wir nur von dir. Obwohl es mein feurigster und vorherrschendster Wunsch gewesen, mein Herz der ganzen Menschheit zu öffnen, fürcht‘ ich doch, Anna, habe ich nur dich allein geliebt; Abwesenheit, weit entfernt meine Gefühle zu erweitern, scheint sie zu beengen, und zu viele vereinen sich in deiner lieblichen Gestalt, deinen herrlichen Tugenden. Das vorgenommene Mittel ist unzureichend; und ich fange an zu denken, die Ehe allein könne mir hinlängliche Freiheit des Denkens und Handelns lassen, um die schuldige Aufmerksamkeit der übrigen Menschheit zuzuwenden. Du bist im Geiste bei mir gewesen an den vier Enden der Welt, zu Land und See; in Gefahren und Sicherheit, in allen Zeiten, Ländern und Lagen, und es ist kein eigentlicher Grund vorhanden, warum die, so im Geiste beisammen sind, materiell getrennt sein sollten. Du brauchst nur ein Wort zu sagen, eine Hoffnung zu lispeln, einen Wunsch anzudeuten, und ich werfe mich, ein zerknirschter Reuiger, zu deinen Füßen nieder, und flehe an dein Mitleid. Sind wir erst verbunden, dann wollen wir uns nicht in den schmutzigen und engen Pfaden der Selbstsucht verlieren, sondern vereint hinschreiten, einen neuen und noch mächtigeren Haltpunkt in dieser schönen Schöpfung zu erhalten, für deren göttlichstes Glied ich dich hiedurch anerkenne.

Theuerste, theuerste Anna,
dein und der Menschheit für immer
John Goldenkalb.

Wenn es je einen glücklichen Burschen auf der Erde gab, war ich’s, als dieser Brief geschrieben, gesiegelt und gehörig abgeschickt war. Der Würfel war gefallen; und ich wanderte in freier Luft, ein wiedergebornes, elastisches Wesen; mochte geschehen, was wollte, ich war Annens sicher; ihre Lieblichkeit mußte meine Reizbarkeit beruhigen, ihre Klugheit meine Thatkraft mäßigen, ihre freundliche aber ausdauernde Liebe meine Seele sänftigen. Ich fand mich, mich selbst inbegriffen, in Frieden mit allem um mich, ich fühlte eine süße Sicherheit in Hinsicht der Weisheit des Schrittes, den ich eben in Erweiterung des Mitgefühls gethan. Wenn dieß meine Gesinnungen waren, nun, da jeder Gedanke in Anna sich concentrirte, was würden sie nicht erst werden, wenn diese persönlichen Entzückungen durch Gewöhnung abgekühlt, und die Natur der Einwirkung gewöhnlicher Antriebe überlassen worden. Ich begann an der Unfehlbarkeit dieses Theils meines Systems zu zweiflen, der mir doch so viele Mühe gemacht, und mich zu der neuen Lehre hinzuneigen, daß durch Concentrirung auf besondre Punkte wir am meisten zur Liebe des Ganzen gelangen. Bei näherer Untersuchung konnte man selbst fragen, ob es nicht gerade dieser Grundsatz wäre, der mir als besondrer Landeigenthümer so großes Interesse an meine vaterländische Insel beibrachte; denn während ich offenbar nicht ganz Großbritanien besaß, fühlte ich doch ein tiefes Interesse für alles darin, was nur in irgend einer Weise, selbst der entferntesten, mit meinen eignen Besitzungen verbunden war.

Eine Woche flog in entzückenden Ahnungen vorüber; das Glück dieser kurzen aber himmlischen Zeit ward so aufregend, so ausgesucht, daß ich auf dem Punkt stand, meiner Theorie (oder vielmehr der Theorie der Staats-Oekonomen und Verfassungskünstler, denn es war in der That ihre und nicht meine) eine Verbesserung hinzuzufügen, als ich Annens Antwort erhielt. Wenn Ahnen ein Zustand so vielen Glücks ist, – Glück aber das ganze Streben des Menschen, warum nicht einen blos vermuthenden Zustand der Staatsgesellschaft erfinden? Warum nicht seine Grundzüge vom Positiven zu blos ahnenden Interessen abändern, die dem Leben mehr Reiz geben, und eine Glückseligkeit, nicht beeinträchtigt von dem Tand der Wirklichkeit, herstellen würden. Ich war schon entschlossen, diesen Grundsatz durch ein Experiment praktisch zu versuchen, und verließ das Hotel, um einem Agenten Auftrag zu geben, einen oder zwei Aufträge bekannt zu machen, und in Unterhandlungen darüber zu treten (ohne daß ich jedoch die geringste Absicht hatte, sie abzuschließen), als der Portier mir den heiß-ersehnten Brief überlieferte. Ich erfuhr daher nie die Wirkung von einem Anhaltspunkt in der Staatsgesellschaft, den man nur in Erwartung ahnend genommen, da der Inhalt von Annens Schreiben alles, was nicht mit der theuren Schreiberin und den traurigen Wirklichkeiten zusammenhing, vollständig mir aus dem Sinn trieb. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, daß sich die neue Lehre als falsch erwiesen hätte, denn ich habe oft Gelegenheit gehabt, zu bemerken; daß Erben (Erben, die leer ausgegangen z. B.) viel eher eine feindselige Gesinnung gegen das Eigenthum zeigen, indem sie den Grundsatz des Vorausgenusses in Ausführung bringen, als sonst eine jener klugen Rücksichten auf gesellschaftliche Folgen, worauf der Gesetzgeber doch so ängstlich sieht.

Annens Brief lautete so:

»Guter, – ja theurer John!

Dein Brief kam mir gestern zu Hand. Dies ist die fünfte Antwort, die ich begonnen, und du wirst also sehen, daß ich nicht ohne Ueberlegung schreibe. Ich kenne dein vortreffliches Herz, John, besser als du selbst. Es hat dich entweder zur Entdeckung eines Geheimnisses von der höchsten Wichtigkeit für deine Mitmenschen geführt, oder dich grausam mißleitet. Ein so edles, so preiswürdiges Experiment darf wegen einiger augenblicklichen Zweifel an seinem Erfolg nicht sogleich aufgegeben werden. Halt nicht ein den Adlerflug im Augenblick, wo du so nahe der Sonne streichst! Sollten wir beide es unserm gegenseitigen Glück zuträglich halten, kann ich wohl noch künftig dein Weib werden. Wir sind noch jung, und unmittelbare Vereinigung drängt nicht. Indeß will ich versuchen, mich vorzubereiten, die Gefährtin eines Philantropen zu werden, indem ich deine Theorie in Ausführung bringe, und meine eignen Gefühle mehr und mehr ausdehne, so zum würdigen Weibe eines Mannes mich machend, der einen so weiten Anhaltpunkt in der menschlichen Gesellschaft hat, und so viele und so wahr liebt.

Deine Nachahmerin und Freundin ohne Wechsel
Anna Etherington.

Nachschrift. Du kannst sehen, daß ich immer weiter in meiner Besserung komme; denn ich schlug des Lords Mac Dee’s Hand aus, weil ich fand, daß ich alle seine Nachbarn ganz eben so liebte als den jungen Pair selbst.«

Zehntausend Furien nahmen Besitz von meiner Seele in Gestalt eben so vieler Teufel der Eifersucht. Anna ihre Gefühle mehr und mehr ausdehnen! Anna einen andern Haltpunkt in der Staatsgesellschaft annehmen, als den, wie ich sicher glaubte, durch mich! Anna sich bestreben mehr als Einen zu lieben, und dieser Eine ich selbst! Der Gedanke war zum rasend werden. Ich glaubte nicht an ihre aufrichtige Abweisung des Lords Dee. Ich eilte, ein Exemplar des Pairverzeichnisses zu bekommen (denn seit meiner eignen Erhebung kaufte ich regelmäßig sowohl dies als das andere über die Baronen) und schlug die Seite auf, wo sein Name stand. Er war ein Schottischer Vicomte, der eben Baron des Reichs geworden, und sein Alter gerade wie mein eignes. Das war ein Nebenbuhler, Mißtrauen zu erregen! Durch einen seltsamen Widerspruch, setzte ich, je mehr ich seine Macht, mir zu schaden, fürchtete, um so mehr seine Mittel herunter. Während ich mir dachte, Anna spiele nur mit mir, und wolle in’s Geheim die Gemahlin eines Pair werden, zweifelte ich nicht, der Gegenstand ihrer Wahl sei übel gebildet und linkisch und habe Backenknochen wie ein Tartar. Während ich vom großen Alter seiner Familie las, die das Dunkel erst mit dem dreizehnten Jahrhundert erreichte, setzte ich als ausgemacht fest, daß der erste seiner unbekannten Vorfahren ein barbeiniger Dieb gewesen, und im Augenblick, wo ich mir Anna ihn anlächelnd dachte, indem sie ihre koquettische Weigerung zurücknähme, hätte ich schwören mögen, er spräche mit einem unverständlichen Grenzlandaccent, und hätte rothes Haar!

Die Folter solcher Bilder ward unerträglich, und ich eilte in freie Luft zur Erholung. Wie lange und wohin ich wanderte, ich weiß es nicht, aber am Morgen des folgenden Tags fand ich mich in einer Schenke am Fuße des Montmartre eifrigst ein Brödchen verzehrend und mich mit saurem Wein erfrischend. Als ich mich ein wenig von dem Schlag erholt, mich in einer so seltsamen Gesellschaft zu finden, (denn da ich keine Actien in Schenken genommen, nahm ich auch nicht den gehörigen Antheil an diesen Volks-Instituten, um sie auch nur je vorher zu betreten) hatte ich Muße, um mich zu blicken und mir die Gesellschaft zu betrachten. Gegen fünfzig Franzosen der arbeitenden Klasse tranken überall und sprachen mit einer Heftigkeit der Gestikulation und einem Geschrei, das jeden Gedanken geradezu vernichtete. Das ist also, dachte ich, eine Scene der Volksbelustigung. Diese Leute sind herrliche Bursche, sie erquicken sich an Getränken, die die Stadtaccise nicht bezahlt haben, vielleicht kann ich irgend etwas erhaschen, das mein System begünstigt, besonders unter so freimüthigen und schreienden Geistern. Sicher, besitzt einer von ihnen ein wichtiges Geheimniß über Staatsverfassung, so wird es ihm hier entfahren. Von Gedanken dieser philosophischen Art ward ich plötzlich durch einen heftigen Schlag vor mir aufgeschreckt. Er war in sehr erträglichem Englisch von dem Ausruf des Wortes »König« begleitet.

Auf der Mitte des Bretts, das als Tisch diente, und gerade vor meinen Augen lag eine geballte Faust von furchtbaren Dimensionen, die in Farbe und Auswüchsen eine ziemliche Aehnlichkeit mit einer frisch ausgegrabnen Jerusalem-Artischocke hatte. Ihre Sehnen schienen vor Spannung zu krachen, und der ganze Knollen war so angefüllt von gieriger Kampflust, daß unwillkührlich mein Auge das Gesicht ihres Eigenthümers suchte. Ich hatte, mir unbewußt, meinen Sitz gerade einem Mann gegenüber eingenommen, dessen Natur fast das doppelte von den gedrängten, geschäftigen, sich spreizenden und schwabbelnden kleinen Burschen betrug, die überall um uns sich bewegten, und deren dicke Lippen, statt in dem Lärm mitzumachen, so fest zusammengepreßt waren, daß die Spalte des Mundes nur bemerklich ward, wie eine Falte in der Stirn eines Sechszigers. Sein Gesicht war von Natur schön aber der Sonne ausgesetzt, war seine Haut von ihr gegerbt worden bis zur Farbe der krachenden Kruste eines gebratenen Spanferkels, und jene Theile, die ein Maler vielleicht die Höhen nennen würde, wurden bezeichnet durch Lagen von Roth, fast so dunkel als viermal rectificirter Brandwein. Seine Augen waren klein, fest, feurig und sehr grau; gerade im Augenblick, wo sie auf meinen verwunderten Blick trafen, glichen sie zwei zerstreuten Kohlen, die, irgend wie, von der Masse der anliegenden Hitze im Gesicht getrennt worden. Er hatte eine vorragende, wohlgebildete Nase, über welche sich die Haut ausbreitete wie ein auf dem Postillonsitz abgeriebenes Leder, und sein schwarzes hanfenes Haar war sorgfältig über Schläfe und Stirne gezogen, was zeigte, daß er eine Feiertags-Excursion vorhatte.

Als unsere Augen sich begegneten, warf mir dieß seltsam blickende Wesen einen Wink freundlichen Wiedererkennens zu, offenbar aus keiner andern Ursache, wie ich mir dachte, als weil ich kein Franzose zu sein schien.

»Hörte je ein Sterblicher solche Narren, Kapitain,« bemerkte er, gleichsam meiner Beistimmung gewiß.

»In der That, ich hörte nicht, was gesagt ward; es ist gewiß viel Lärm.«

»Ich will auch nicht behaupten, ein Wort von dem zu verstehen, was sie sagen; aber es klingt ganz wie Unsinn!«

»Mein Ohr ist noch nicht scharf genug, Sinn von Unsinn durch den bloßen Ton zu unterscheiden; aber Ihr sprecht, scheint es, nur Englisch.«

»Darin irrt Ihr Euch; denn als großer Reisender war ich genöthigt, um mich zu blicken, und als natürliche Folge spreche ich etwas von allen Sprachen. Ich will nicht sagen, daß ich die fremden Wörter immer so ganz recht gebrauche, aber dann arbeite ich mich durch den Gedanken durch, daß ich ihn doch leserlich und brauchbar mache, besonders was Essen und Trinken betrifft. Im Französischen z. B. kann ich sagen: donnez me some van und donnez vous some pan so gut als der Beste von ihnen, aber wenn ein Dutzend Kehlen auf ein Mal plärren, wie diese Kerls hier, ei, da könnte man eben so gut auf den Gipfel des Affenbergs gehen, und eine Unterredung mit dem Volk dort halten, als hier vernünftig reden und diskutiren. Ich für meinen Theil, wenn wo eine Unterredung ist, will, daß an jeden die Reihe komme, und im Sprechen einer den andern ablöse, wie auf der Wache; aber bei den Franzosen ist es, als wenn ihre Ideen im Käfig gesessen, und bei plötzlicher Eröffnung der Thür haufenweis herausflögen, und zwitscherten, blos um zu zeigen, sie seien frei.«

Ich bemerkte jetzt, daß mein Kumpan ein reflektirendes Wesen sei, da seine Schlüsse durch regelmäßige Glieder sich verketteten; daß er nicht philosophirte mit den bloßen Springstangen des Ungefährs, wie die meisten, die in allen Ecken der Schenke mit unermüdeten Lungen plapperten und schlossen und zankten. Ich schlug daher freimüthig vor, diesen Ort zu verlassen und auf der Straße herumzugehn, wo unsre Unterhaltung weniger gestört und folglich befriedigender sein würde. Der Vorschlag wurde gut aufgenommen, wir verließen die Schreier und gingen auf den äußern Boulevards nach meinem Hotel in der Straße Rivoli über die Champs Elisées.

Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Von einem Amphibium; eine ganz besondre Einführung und ihre Folgen.

Ich hatte bald Interesse an meinem neuen Bekannten. Er war mittheilend, klug und eigen; und obwohl er sich manchmal seltsam ausdrückte, geschah es doch mit der Kraft eines Mannes, der viel von wenigstens einem Theil seiner Mitmenschen gesehen. Unter solchen Umständen stockte denn die Unterhaltung nicht, im Gegentheil sie ward interessanter, da der Fremde anfing, seine Privatinteressen zu berühren. Er sagte mir, er sei ein Seemann, der durch einen der Zufälle seines Berufs an’s Land geworfen worden; und um ein Wort zu seinen Gunsten einfließen zu lassen, gab er mir zu verstehen, daß er viel, besonders von jener Klasse seiner Mitmenschen gesehen, die wie er auf der mächtigen Tiefe leben.

»Ich fühle mich glücklich,« sagte ich, »einen Mann getroffen zu haben, der mir Nachricht über eine ganze Classe von Menschen geben kann, mit denen ich bis jetzt nur wenig Verbindung gehabt. Um die Gelegenheit auf’s Beste zu benutzen, schlage ich vor, uns mit einem Male mit einander bekannt zu machen, und eine ewige Freundschaft zu schwören, – oder wenigstens so lange, bis wir es für dienlich finden mögten, die Verbindung wieder aufzuheben.«

»Ich, meines Theils, bin ein Mann, der die Freundschaft eines Hundes lieber hat, als seine Feindschaft,« erwiederte mein Gefährte mit einer Einfachheit, die ihn nicht viel Complimente machen ließ. »Ich nehme daher von ganzem Herzen das Anerbieten an, und um so lieber, weil Ihr der Einzige seid, den ich seit einer Woche getroffen, der mich fragen kann, wie ich mich befinde, ohne zu sagen: Come on dong portez vous? Da ich jedoch die Stürme kenne, werd‘ ich Euer Anerbieten unter der besagten Bedingung annehmen.«

Mir gefiel die Vorsicht des Fremden; sie zeigte eine gehörige Rücksicht auf Charakter und gab einen Beweis von Verantwortlichkeit. Die Bedingung ward daher von meiner Seite so freimüthig angenommen, wie sie von seiner vorgeschlagen worden.

»Und nun, Sir,« fuhr ich fort, nachdem wir einander herzlich die Hand geschüttelt, »darf ich um Euren Namen bitten?«

»Ich heiße Noah, und jeder darf’s wissen, ich schäme mich keines meiner Namen, wenn ich mich auch sonst zu schämen hätte.«

»Noah – –?«

»Poke, zu dienen.« Er sprach das Wort langsam und sehr deutlich aus, als ob, was er von seinem Selbstvertrauen gesagt, wahr gewesen. Da ich späterhin seine Unterschrift erfuhr, will ich sie hier in ihrer gehörigen Form geben: »Capitain Noah Poke.«

»Aus welchem Theil von England seid Ihr, Herr Poke?«

»Ich denke, ich kann sagen, aus den neuen Theilen.«

»Ich wußte nicht, daß ein Theil der Insel so genannt würde. Wollt Ihr Euch gütigst näher erklären?«

»Ich bin von Stonington im Staat Connekticut, in Alt-Neu-England. Nachdem meine Eltern gestorben, ward ich in See geschickt, vier Jahr alt, und nun wandere ich in Frankreich herum, ohne einen Centime in der Tasche, ein schiffbrüchiger Seemann. Indeß, die Wahrheit zu sagen, hart wie mein Loos ist, würd‘ ich lieber Hungers sterben, als ihr verd – –s Zeug sprechen.«

»Schiffbrüchig, Seemann, verhungernd und ein Yankee!«

»All das und vielleicht noch mehr, obwohl, mit Eurer Erlaubniß, Commodore, wir den letzten Titel weglassen wollen. Ich bin stolz genug, mich selbst einen Yankee zu nennen, aber der Kamm steigt mir, wenn ich einen Engländer das Wort gebrauchen höre. Wir sind noch Freunde und wir können es auch bleiben, bis etwas Gutes einem oder dem andern daraus entsteht.«

»Ich bitte Euch um Verzeihung, Herr Poke, und will Euch nicht wieder beleidigen; habt ihr die Welt umsegelt?«

Capitain Poke schnippte mit den Fingern aus purer Verachtung über die Einfalt der Frage.

»Hat der Mond je die Erd‘ umschifft? Seht ein wenig hierher, Commodore;« er nahm einen Apfel aus seiner Tasche, deren er auf dem Weg schon ein halbes Dutzend verzehrt, und hielt ihn mir vor die Augen. »Zieht eine Linie, wie Ihr wollt, auf dieser Kugel, kreuzweis oder in die Länge, auf oder nieder, Zig-Zag oder senkrecht, und Ihr werdet nicht mehr Kreise finden, als ich um den alten Ball gemacht.«

»Zu Land wie zur See?«

»Ei, zu Land hab‘ ich meinen Theil auch gemacht, denn mein hart Geschick ist’s gewesen, auf es anzurennen, wenn ein sanfteres Bett einen ruhigeren Schlaf verschafft hätte. Das ist grad meine jetzige Noth, denn ich schlenkere jetzt unter diesen Franzosen herum, um wieder flott zu werden, wie ein Krokodill, das im Schlamm steckt. Ich verlor meinen Schoner an der Nordostküste von Rußland, so etwa hier herum,« er deutete gerade auf die Stelle auf dem Apfel, »wir handelten dort mit Häuten, und da ich keine Mittel fand, die Heimath auf dem Weg, den ich gekommen, zu erreichen, und ich hier herunter zu Salzwasser roch, hab ich meinen Lauf die letzten achtzehn Monate westlich gesteuert, so daß es so ziemlich quer durch Europa und Asien ging, und bin nun endlich hier, von Havre zwei Tagreisen, und wenn ich gute Yankee-Bretter noch ein Mal unter mich bekommen kann, etwa achtzehn oder zwanzig Tagreisen von Hause.«

»Die Bretter erlaubt Ihr mir denn doch Yankee zu nennen?«

»Nennt sie, wie Ihr wollt, Commodore, obwohl ich Debby und Dolly von Stonington jedem andern vorziehen würde; denn das war der Name des Schiffs, das ich verlor. Nun, die besten von uns sind schwach, und der langathmigste ist kein Delphin, daß er mit dem Kopf unterm Wasser schwimmen kann.«

»Bitte, Herr Poke, erlaubt mir die Frage, wo Ihr das Englische mit so viel Reinheit sprechen lerntet?«

»Zu Stonington – –Ich hatte nie auch nur eine Messerspitze voll Gelehrsamkeit, ausser was ich zu Haus lernte. Es ist alles hausmachend. Ich rühme mich nicht, ein Gelehrter zu sein; aber in der Schifffahrt – seinen Weg zu finden um die Erde, – ich will Niemanden den Rücken kehren, ausser um ihn hinter mir zu lassen. Da haben wir Leute unter uns, die halten viel auf Geometrie und Astronomie, aber ich hänge nicht an so schwachen Fäden; meine Art ist, wenn ich irgendwohin fahren soll, mir die Stelle recht in den Sinn zu nehmen und dann gerade darauf los zu machen, wie es die Natur erlaubt, wenig bekümmert um Charten, die Euch eben so leicht unrecht als recht führen, und wenn sie Euch in eine Falle führen, ist es ein Elend! Verlaßt Euch auf Euch selbst und die Menschennatur, das ist meine Regel; obwohl ich zugebe, daß einiger Nutzen am Kompaß ist, besonders bei kaltem Wetter.«

»Kaltes Wetter! Ich verstehe das nicht.«

»Ei, ich meine, der Geruch wird einem stumpf beim Frost; aber das mag nichts weiter als Einbildung sein; indeß die zwei Mal, wo ich Schiffbruch gelitten, waren im Sommer, bei sehr starkem Wind und hellem Tagslicht, wo nichts Menschliches ausser einer Veränderung des Windes uns hätte retten können.«

»Und Ihr zieht diese Schifffahrt vor?«

»Allen andern, besonders im Robbenfang, was mein eigentliches Geschäft ist; es ist das beste Mittel in der Welt, Inseln zu entdecken, und Jeder weiß, daß wir Seehundsjäger immer nach so etwas lugen.«

»Wollt Ihr mir die Frage erlauben, wie oft Ihr um das Cap Horn herum seid, Capitain Poke.« Mein Schiffer warf einen schnellen mistrauischen Blick auf mich, als wenn er der Frage nicht traute.

»Ei, das ist weder hier noch da; vielleicht kam ich herum, vielleicht nicht. Ich komme in die Südsee mit meinem Schiff, und es liegt wenig daran, wie? Eine Haut gilt ganz eben so viel auf dem Markt, wenn auch der Pelzhändler kein Verzeichniß über den Weg hat, den sie gemacht.«

»Ein Verzeichnis?«

»Was liegt an dem Wort, Commodore, wenn man sich versteht? Diese Landreise hat mich erfindrisch gemacht. Denn Ihr müßt wissen, daß ich unter Völkern gereist bin, die nicht eine Sylbe von dem Hausmachenden sprechen konnten. So nahm ich des Schooners Dictionnair wie einen Landalmanach mit, und da sie zigeunerisch mit mir sprachen, hielt ich’s für’s Beste, es ihnen so ziemlich in ihrer eignen Münze zurückzugeben, in der Hoffnung, auf etwas zu treffen, was ihnen anstehen würde. Dadurch habe ich eine etwas geläufigere Zunge als gewöhnlich bekommen.«

»Die Idee war glücklich.«

»Freilich, war sie es, wie eben gezeigt. Aber nachdem ich Euch eine ziemlich klare Einsicht in meine Natur und Beschäftigung gegeben, ist es Zeit, daß ich Euch auch ein wenig ausfrage. Das ist etwas, was wir häufig zu Stonington thun, und worin wir gemeiniglich für geschickt gehalten werden.«

»Thut Eure Fragen, Capitain Poke, ich hoffe, die Antworten werden befriedigend sein.«

»Euer Name?«

»John Goldenkalb, durch die Gnade Seiner Majestät Sir John Goldenkalb Baronet.«

»Sir John Goldenkalb, durch die Gnade Seiner Majestät Baronet! Ist Baronet ein Gewerbe? oder was für ein Geschöpf oder Ding ist es?«

»Es ist der Rang im Königreich, wozu ich gehöre.« »Ich fange an zu verstehen, was Ihr meint. Unter Eurem Volk sind die Menschen, was man nennt, in Reihen abgetheilt, wie eine Schiffsmannschaft, die beordert wird; jeder hat seine bestimmte Berth in Eurem Reich, ganz wie in einem Schooner.«

»Ganz so, und ich denke, Ihr werdet zugeben, daß Ordnung, Schicklichkeit und Sicherheit aus dieser Methode unter den Seeleuten entspringt.«

»Freilich, freilich; wir machen jedoch die Eintheilung bei jeder Reise immer wieder anders, ich weiß nicht, ob es sich thun ließe, auch nur den Koch immer von Vater zu Sohn zu nehmen, das möchte ein schönes Gemengsel geben.«

Hier that der Seemann eine Reihe Fragen mit einer Kraft und Ausdauer, die, fürcht‘ ich, mir nicht eine einzige Thatsache meines Lebens verborgen ließ; nur was das heilige Gefühl, das mich an Anna band, betrifft, ausgenommen, und was viel zu hehr war, um mir selbst in der Feuerprobe unter einem Stoningtoner Inquisitor zu entschlüpfen. Kurz, da ich mich fast hilflos in solchen Händen fand, machte ich aus der Noth eine Tugend, und ließ meine Geheimnisse aus, wie das Holz unter einer Schraube das Wasser. Es war kaum möglich, daß meine Seele, der Wirkung eines solchen Paares moralischer Pressen unterworfen, nicht einige Winke über ihre vorherrschenden Neigungen hätte geben sollen. Der Capitain erhaschte diese Spur, und stürzte auf die Theorie los, wie ein Bullenbeißer nach dem Rüssel eines Ochsen.

Um mich ihm daher gefällig zu zeigen, ließ ich mich in einiger Länge in Erklärung meines Systems ein. Nach den allgemeinen Bemerkungen, die nöthig waren, um einem Fremden einen Blick in dessen Hauptgrundsätze zu geben, sagte ich ihm, daß ich mich lange nach einem solchen Mann umgesehen, zu einem Zweck, der jetzt dem Leser mitgetheilt werden soll. Ich hatte freilich einige Verbindungen mit Tamamaah unterhalten und war bei den Perlenfischereien und dem Wallfischfang interessirt, aber im Ganzen waren meine Verbindungen mit all jenem Theil der Menschheit, die die Insel des stillen Meers, die Nordwestküste von Amerika und die Nordostküste der alten Welt bewohnen, doch etwas lose und gemeiniglich in einem ungeordneten und wirren Zustand; und so schien ich mir denn ganz besonders dadurch begünstigt, daß mir die Vorsehung auf eine so ungewöhnliche Weise einen Mann gerade in den Weg geworfen, der so sehr zu deren Wiederbelebung und Herstellung geeignet war. Ich schlug ihm daher jetzt freimüthig vor, eine Expedition auszurüsten, theils zum Handel, theils zur Entdeckung, die meine Interessen in dieser neuen Richtung ausdehnen sollte, und meinen neuen Bekannten an ihrer Spitze hätte. Zehn Minuten ernster Darlegung meiner Seits waren hinreichend, meinem Gefährten die Hauptsache des Plans mitzutheilen. Als ich diesen direkten Aufruf an seinen Unternehmungsgeist beendet, antwortete er mir mit seinem Lieblingsausruf »König.«

»Ich wundre mich nicht, Kapitain Poke, daß Eure Verwunderung auf diese Weise ausbricht, denn ich denke, nur wenige gehen auf die Schönheit dieses wohlthätigen Systems ein, ohne gleichfalls von dessen Größe und Einfachheit betroffen zu werden. Aber ich rechne auf Euren Beistand.«

»Das ist eine neue Idee, Sir Goldenkalb!« –

»Sir John Goldenkalb, bitte Sir.«

»Eine neue Idee, Sir John Goldenkalb, und es braucht Umsicht. Umsicht bei einem Handel ist der sicherste Weg, gerade ohne Mißverständnisse durchzusteuern. Ihr wünscht einen Schiffer, Eure Ladung, welche es auch sei, in unbekannte See’n zu führen, und ich wünsche natürlicher Weise meinen Lauf gerade nach Stonington zu nehmen. Ihr seht, unser Handel ist gleich beim Anfang in der Erdferne!«

»Geld ist bei mir kein Hinderniß, Kapitain Poke.«

»Nun, das ist eine Idee, die manch schwierigen Contract mit einem Mal in die Erdnähe gebracht, Sir John Goldenkalb. Geld ist bei mir immer eine gar beträchtliche Rücksicht, und ich muß sagen, gerade jetzt weit mehr als gewöhnlich. Aber wenn ein Herr auf so schöne Art den Weg sauber macht, wie Ihr, kann man jeden Handel für mehr als halb zu Stande gekommen betrachten.« Einige nähere Verhandlungen brachten dieß in die Reihe, und Capitain Poke, nahm meine Bedingungen mit dem Geist der Freimüthigkeit an, indem sie ihm gemacht worden. Vielleicht ward sein Entschluß beschleunigt durch ein Anerbieten von zwanzig Napoleons, das ich nicht verfehlte auf der Stelle zu machen. Freundschaftliche und gewisser Maßen vertrauliche Verbindungen traten nun zwischen meinem neuen Bekannten und mir ein, und wir setzen unsern Weg fort, immer die zur Ausführung unsers Plans nöthigen Einzelheiten besprechend. Nachdem eine oder zwei Stunden auf diese Weise vergangen, lud ich meinen Gefährten in mein Hotel ein, da ich ihn an meiner Tafel haben wollte, bis wir beide nach England abreisen könnten, wo mein Plan war, ohne weitern Aufschub ein Schiff für die beabsichtigte Reise zu kaufen, auf dem ich mich auch in eigner Person einschiffen wollte.

Wir mußten uns durch den Haufen drängen, der gewöhnlich den untern Theil der Champs Elisées bei gutem Wetter und gegen Abend erfüllt. Das war beinahe vollbracht, als meine Aufmerksamkeit ganz besonders auf eine Gruppe gezogen ward, die eben in den Sammelplatz eintrat, offenbar um die Scene der Müßigkeit und Lust zu vermehren. Aber da ich jetzt an den wesentlichsten Theil dieses ausserordentlichen Werks komme, wird es gut sein, die Eröffnungen einem neuen Kapitel aufzubewahren.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Politische Schranken, – politische Rechte, – politische Ausscheidungen, und politische Untersuchungen, nebst politischen Ergebnissen.

Die Wasser-Meilensteine der Monikins-Meere sind schon erwähnt worden; aber ich glaube, ich habe vergessen zu sagen, daß durch eine ähnliche Erfindung eine Demarkationslinie im Wasser gezogen war, um die Grenzen der Gesetzgebung jedes Staats anzudeuten.

Mit günstigem Wind konnte das Wallroß in dritthalb Tagen die Wassermarken von Springniedrig erreichen, und noch ein halber Tag war nöthig, um in den Hafen zu kommen. Als wir uns den legalen Schranken von Springhoch näherten, sah man viele kleine schnellsegelnde Schiffe schon außerhalb des königlichen Gebiets herumschweifen, die offenbar unsre Annäherung erwarteten. Das eine legte, gerade als der Vordermast aus der Springhoch-Herrschaft heraus war, bei uns an. Richter Volksfreund eilte auf diese Seite hin, und ehe noch die Schiffsmannschaft auf’s Verdeck gekommen, hatte er erfahren, daß die gewöhnliche Zahl Preise in das kleine Lotterierad gethan worden.

Ein Monikin mit einem sehr auffallenden Stumpf, der schon einer zweiten Amputation unterworfen schien, – es war, was man in Springniedrig Stumpf auf Stumpf nennt, – näherte sich jetzt und fragte, ob Emigranten an Bord sich befänden. Er erfuhr unsern Charakter und unsre Zwecke. Als er hörte, unser Aufenthalt würde nur von kurzer Dauer sein, war er offenbar ein wenig betroffen.

»Doch, meine Herren, bleiben Sie vielleicht lang genug hier,« fuhr er fort, »um zu wünschen, naturalisirt zu werden.«

»Es ist immer angenehm, in fremdem Lande zu Haus zu sein; aber sind keine gesetzliche Beanstandungen?«

»Nicht, daß ich wüßte, Sir, – Sie haben keine Schweife, denk‘ ich?«

»Nur die in unsern Felleisen. Ich vermuthete indeß, der Umstand, daß wir von einer ganz andern Gattung sind, könnte einige Hindernisse in den Weg legen.« »Gar nicht, Sir! Wir handeln nach viel zu liberalen Grundsätzen, um einen so engherzigen Einwand gelten zu lassen. Sie sind, sehe ich, Sir, nur sehr wenig mit den Institutionen und der Politik unseres geliebten und glücklichen Landes bekannt. Sie sind hier nicht in Springhoch, Springauf, Springab u.s.w., sondern in dem guten, alten, herzlichen, freien, liberalen, unabhängigen, geliebten, glücklichen, über alle Maßen gedeihenden Springniedrig. Gattungen sind nach unserm System von keinem Belang. Wir naturalisiren ein Thier so gut wie das andre, wenn es nur ein liberales ist. Ich sehe in keinem von Ihnen einen Mangel. Alles, was wir verlangen, sind nur gewisse Hauptgrundsätze.«

»Sie gehen auf zwei Beinen – –«

»Wie die Truthähne, Sir.«

»Sehr wahr; aber Sie haben keine Federn.«

»Auch der Esel hat keine.«

»Ganz recht, meine Herren; sie schreien jedoch nicht, wie er.«

»Dafür will ich nicht stehen,« fiel der Kapitän ein, und stieß sein Bein gerade vor sich hin, auf eine Weise, die Bob einen Schrei entriß, der fast des Springniedriger’s Vorschlag umgestoßen hätte.

»Auf alle Fälle, Sir,« bemerkte er, »gibt es ein Mittel, das mit einem Male der Sache ein Ende machen wird.«

Er verlangte nun von uns, wir sollten das Wort unser aussprechen: unsere Freiheiten – unser Vaterland, – unsre Heerde, unsere Altäre. Wer immer naturalisirt sein wollte und dies Wort auf die rechte Weise und an der rechten Stelle gebrauchte, hatte Anspruch auf das Bürgerrecht. Wir alle konnten es ziemlich gut, nur nicht der zweite Untersteuermann, der, aus Herefordshire gebürtig, für sein Leben das letztere Schibboleth nicht besser als »unsre Haltäre« herauszubringen vermochte. Ja er sprach es fast wie »unsre Halfter«; diese sind aber nach einem sehr philanthropischen Grundsatz in Springniedrig ganz verbannt; so oft ein Schelm sich vergeht, hat man, als das beßte Mittel, dem Uebel zuvorzukommen, statt Halfter und Stricke, die Bestrafung der Staatsgesellschaft, gegen welche er gesündigt, angeordnet. Durch dies scharfsinnige Verfahren bekommt natürlich die Gemeinde einen scharfen Blick im Verhindern aller Verbrechen. Diese herrliche Idee ist ganz holländisch; wenn man dort mit einem Beile sich verwundet hat, legt man immer Salbe und Verband auf den grausamen Stahl und läßt dann die Wunde so schnell, wie möglich, heilen.

Zu unserm Examen zurückzukehren; wir alle kamen durch, nur nicht der zweite Untersteuermann, der in seinem Halfter hängen blieb und als unverbesserlich erklärt ward. Naturalisationspatente wurden auf der Stelle ausgefertigt, die Kosten bezahlt, und der Schooner verließ uns.

Diese Nacht erhob sich ein Wind, und wir erhielten keinen Besuch mehr bis zum folgenden Morgen. Bei’m Aufgang der Sonne aber trafen wir auf drei Schooner unter Springniedriger Flagge; alle schienen auf lebensgefährliche Unternehmungen auszugehen. Der erste, der uns erreichte, schickte ein Boot an Bord, und eine Kommitee von sechs »Stumpf-auf-Stumpf« kamen zu uns, und stellten sich uns vor. Ich gebe ihre eigne Erzählung von ihrem Geschäft und Charakter.

Es schien, sie waren eine sogenannte »Ernennungskommitte« der Horizontalen für die Stadt Bivouac, wo auch wir hinsegelten und wo eine Wahl für Glieder des Nationalconseils vor sich gehen sollte. Bivouac hatte ein Recht auf sieben Glieder, und nachdem sie sich selbst ernannt, suchte die Kommittee jetzt ein siebentes Glied, um eine Vacanz auszufüllen. Die naturalisirten Interessen zu wahren, wollte man den neuest Angekommenen wählen. Auch sicherte man dadurch den Grundsatz der Liberalität in abstracto. Aus diesem Grund hatten sie den Springhoch-Gränzen so nah, als die Gesetze erlaubten, eine Woche lang gekreuzt, und sie wollten nun jeden Tauglichen wählen.

Diesem Vorschlag setzte ich wieder die verschiedene Gattung entgegen; aber sie lachten mir alle mit dem Brigadier Geradaus gerade in’s Gesicht, und gaben mir deutlich zu verstehen, ich müßte sehr engherzige Begriffe von den Dingen haben, um einen so geringen Umstand als Störung der Harmonie und Einheit eines horizontalen Votums anzusehen. Sie gingen nach einem Grundsatz aus, und der Teufel selbst könnte sie von einem so heiligen Zweck nicht abbringen.

Ich gestand dann aufrichtig, die Natur hätte mich nicht so wunderbar wie meinen Freund, den Richter, zum Purzelbaum-Machen ausgerüstet, und ich fürchtete, wenn es hieße: rechts um! möchte ich nur als ein Rekrut erfunden werden. Dies brachte sie ein wenig aus der Fassung, und ich sah sie einander sich zweifelhaft anblicken.

»Aber Ihr könnt Euch wenigstens plötzlich zur Noth herumdrehen,« fragte einer von ihnen nach einer Pause.

»Freilich, Sir!« antwortete ich, und gab auf der Stelle den Beweis davon, daß ich kein eitler Prahler war.

»Sehr gut!« riefen Alle in einem Athem. »Das große politische Haupterforderniß ist, die Evolutionen ihrem Wesen nach durchzumachen, die Leichtigkeit darin ist dann persönliches Verdienst.«

»Aber, ihr Herren, ich kenne wenig mehr von Eurer Constitution und Euren Gesetzen, als ich aus abgerissenen Unterhaltungen mit meinem Reisegefährten gelernt.«

»Das thut nichts, Sir; unsre Constitution ist niedergeschrieben, und jeder Bewerber kann sie lesen. Auch haben wir einen politischen Flügelmann im Versammlungshaus, der den Gliedern viele unnütze Studien und Nachdenken erspart; Ihr braucht nur auf alle seine Bewegungen Acht zu haben, und mein Leben zum Pfand, Ihr kommt so gut durch die Handgriffe durch, wie das älteste Mitglied.«

»Wie, Sir, sehen sich alle Glieder ihre Bewegungen von diesem Flügelmann ab?«

»Alle Horizontalen, Sir; die Perpendikularen haben ihren eignen Flügelmann.«

»Nun, meine Herren, ich sehe, ich habe darin kein Urtheil, und ich überlasse mich gänzlich dem Willen meiner Freunde.«

Diese Antwort fand viel Beifall, und verrieth, wie Alle versicherten, große politische Capacität; der Staatsmann, der Alles seinen Freunden überließe, verfehle nie den höchsten Gipfel der Ehrenstellen in Springniedrig zu erreichen. Die Kommittee schrieb meinen Namen auf und eilte in ihren Schooner zurück, um in den Hafen die Nachricht von der Wahl zu überbringen. Diese Gesellschaft war kaum vom Verdeck weg, als Andre von der entgegengesetzten Seite des Schiffs kamen. Sie stellten sich als die Ernennungskommittee der Perpendikularen mit derselben Absicht als ihre Gegner dar. Auch sie wünschten die ausländischen Interessen zu fördern und suchten einen geeigneten Bewerber. Kapitän Poke hatte allem, was meiner Ernennung vorausging, aufmerksam zugehört, und trat jetzt vor, seine Bereitwilligkeit zum Staatsdienst zu erklären. Da man auf der einen Seite eben so wenig Schwierigkeit machte als auf der andern, und die perpendikulare Kommittee nach ihrem eignen Geständniß durch die Zeit gedrängt wurde, indem die Horizontalen einen Vorsprung hatten, wurde die Sache in fünf Minuten abgemacht, und die Fremden gingen ab mit dem Namen Noah Poke’s, des erprobten Patrioten, des tiefen Juristen, des ehrlichen Monikins, hoch auf ein großes Brett geschrieben; – Alles war, außer dem Namen, schon vorher sorgfältig vorbereitet worden.

Sobald die Kommittee das Schiff verlassen, nahm mich Noah bei Seite und entschuldigte sich, daß er in dieser wichtigen Wahl mir entgegentrete. Seine Gründe waren zahlreich und scharfsinnig und, wie gewöhnlich, etwas weitläufig. Sie kamen auf Folgendes heraus: Er hätte nie im Parlament gesessen und wünsche das Gefühl davon zu haben; es würde die Achtung der Schiffsgesellschaft erhöhen, wenn sie ihrem Befehlshaber so hohe Wichtigkeit in einem fremden Hafen beigelegt sähen. Er hätte in Stonington einige Erfahrung durch Zeitungslesen erlangt, und zweifle nicht an seinen Fähigkeiten, – das mache ja immer den guten Gesetzgeber, – die Congreßleute bei ihm seien Leute wie er, und was der Gans stünde, stünde auch dem Gänserich; er wisse, Mad. Poke werde über seine Wahl erfreut sein; er mögte wissen, ob man ihn den ehrenwerthen Noah Poke nennen würde, und ob er acht Dollar täglich bekäme, und Reisegebühren von der Stelle an, wo das Schiff damals war. Die Perpendikularen könnten auf ihn zählen, sein Wort sei so gut als sein Pfand. Was die Constitution angehe, so sei er mit der zu Hause fortgekommen, und wer das könnte, käme wohl mit jeder fort; er beabsichtige nicht, viel im Parlament zu reden, aber was er sage, hoffe er, werde zu seiner Kinder Gebrauch aufgeschrieben werden; und so ging’s mit Beweisführung und Entschuldigung fort.

Nun kam der dritte Schooner; dies Fahrzeug hatte eine andre Kommittee an Bord, welche sich als die Repräsentanten der sogenannten Tangentenpartei auswies. Sie wären nicht zahlreich, aber doch immer stark genug, die Wagschale zu halten, wenn die Horizontalen und Perpendikularen in rechten Winkeln, wie jetzt, sich durchkreuzten; und sie wollten jetzt einen aus ihrer Mitte in die Höhe bringen. Sie auch wünschten sich durch ausländisches Interesse zu verstärken, wie dies ganz natürlich wäre, und suchten jetzt eine geeignete Person. Ich schlug den ersten Untersteuermann vor; aber Noah protestirte dagegen, und erklärte, es komme, wie es wolle, das Schiff dürfe nicht verlassen bleiben. Die Zeit drängte; und während der Kapitän und Subalterne sich eifrigst stritten, schlich Bob, der schon die Süßigkeiten politischer Wichtigkeit gekostet, in seinem angenommenen Charakter als königlicher Prinz, listig zur Kommittee und gab seinen Namen ein. Noah war zu beschäftigt, diese wohl ausgeführte Bewegung zu entdecken, und während er noch schwur, den Steuermann über Bord zu werfen, wenn er nicht sogleich alle ehrgeizigen Pläne dieser Art aufgebe, fand er, daß die Tangenten fort waren. In der Voraussetzung, sie seien zu einem andern Schiff gegangen, ließ sich der Kapitän besänftigen, und Alles ging wieder ruhig, fort. Von da, bis wir in der Bai von Bivouac ankerten, blieb die Ruhe und Zucht auf dem Wallroß ungestört. Ich benutzte die Gelegenheit, die Verfassung von Springniedrig, von der der Richter ein Exemplar hatte, zu studiren und alle Belehrung von meinen Gefährten zu erhalten, die mir auf meiner künftigen Laufbahn nützlich sein konnte. Ich dachte mir schon die Freude, wenn ich, ein Fremder, die Springniedriger ihre Gesetze lehrte und ihnen die Anwendung ihrer eignen Principien erklärte. Doch war wenig aus dem Richter heraus zu bekommen. Er war zu sehr mit einer Berechnung beschäftigt, die die Chancen des kleinen Rads betraf und welche er von dem Haupt der Ernennungskommitteen erhalten.

Ich fragte nun den Brigadier, wie es komme, daß in seinem Lande die Springhoch-Ansichten über Springniedriger Institutionen, Gesellschaft und Sitten so grossen Werth auf dem Markte hätten. Darauf erhielt ich nur eine ziemlich nichtssagende Antwort: es sei, weil seine Landsleute, nachdem sie die mit diesen Gegenständen verbundenen Interessen vom Rost der Zeit freigemacht und Alles nach der philosophischen Basis der Vernunft und des gesunden Menschenverstands in’s Werk gesetzt, nun auch sehr begierig wären, zu erfahren, was Andre vom Erfolg des Experiments dächten.

»Ich erwarte, eine Nation von Weisen zu sehen, Brigadier, wo selbst die Kinder gehörig in den großen Wahrheiten Eures Systems eingeübt werden, und was die Frauen betrifft, fürcht‘ ich wirklich meine theoretische Unwissenheit in Collision mit ihrer großen praktischen Kenntniß von den Grundsätzen Eurer Regierung zu bringen.«

»Sie werden frühzeitig mit politischem Brei genährt.«

»Freilich, Sir! Wie verschieden müssen sie von den Frauen andrer Länder sein, tief in den großen unterscheidenden Principien Eures Systems unterrichtet, der Erziehung ihrer Kinder in denselben Wahrheiten hingegeben, und unermüdlich in ihrer Unterscheidung unter den geringsten Geschäften ihres Haushalts!«

»Hm!«

»Ei, Sir, selbst in England, was hoffentlich nicht das schlechteste Land ist, werdet Ihr schöne, verständige, vollkommene, patriotische Frauen treffen, die aber ihre Kenntnisse von diesen Fundamentalstücken zu einem Parteieifer werden lassen und ihre ganze Beredtsamkeit über Nationalfragen auf einige herzliche Wünsche zum Untergang ihrer Gegner beschränken.«

»Es ist auch ziemlich so in Stonington, um der Wahrheit die Ehre zu geben,« bemerkte Noah, der zugehört hatte.

»Sie, statt die jungen Säuglinge, die sich an sie hängen, in richtigen Begriffen von Haupt-Gesellschaftsunterschieden zu unterweisen, nähren ihre jungen Antipathieen mit kleinlichen Philippiken gegen ein unglückliches Haupt der Gegenpartei.«

»Es ist so ziemlich so in Stonington, so wahr ich lebe!«

»Selten studiren sie die großen Lehren der Geschichte, um den künftigen Staatsmännern und Heroen des Reichs die Monumente der Verbrechen, die Reizmittel zur Staatstugend, die Karte ihrer Freiheiten darzulegen; sie sind dagegen unermüdlich, das Geschrei des Tags nachzuschallen, so falsch und gemein es auch sei, und bringen ihrer Nachkommenschaft Humanität bei, indem sie leise Wünsche ausdrücken; Herr Canning oder sonst ein Vernichter der Pläne ihrer Freunde möchte schon schön gehängt sein.«

»Ganz so in Stonington!«

»Wesen mit Engelsgestalten, sanft, lieblich, gebildet, voll Thränen wie der thauichte Abend, wenn von Menschlichkeit und Leiden die Rede ist; aber seltsam umgestaltet in Tiegerinnen, wenn Andre, als die sie billigen, zur Macht gelangen. Statt ihre Arme um ihre Männer und Brüder zu schlingen, um sie abzuhalten von dem heißen Streit der Meinungen, reizen sie sie durch ihren Beifall noch auf und werfen Schmutz mit der Leichtigkeit und dem Reiz von Fischerweibern um sich.«

»Das ist Madame Poke Zug für Zug!«

»Kurz, Sir, ich erwarte zu Springniedrig einen ganz verschiedenen Zustand zu finden. Wenn dort ein politischer Gegner mit Schmutz beworfen wird, beruhigen Eure liebreichen Monikinerinnen ohne Zweifel den Zorn durch milden Hauch der Philosophie, sänftigen den Eifer durch Weisheit und regeln den Irrthum durch geeignete, unbestreitbare Sätze aus der Charte, die gegründet ist auf die ewigen und unwandelbaren Principien des Rechts!«

»Nun, Sir John, wenn Ihr so beredt im Hause sprecht!« rief der entzückte Noah, »werde ich um Antwort verlegen sein! Ich zweifle, ob der Brigadier selbst Alles wiederholen könnte, was Ihr eben gesagt habt.«

»Ich habe vergessen, Herr Geradaus, Euch nach der Wahlberechtigung in Springniedrig zu fragen; das Stimmrecht ist zweifelsohne auf die Glieder der Gesellschaft beschränkt, die einen socialen Haltpunkt haben.«

»Freilich, Sir John! die leben und athmen.«

»Sicher stimmen nur die, die das Geld, die Häuser und den Grundbesitz des Landes haben.«

»Sir, Ihr irrt ganz und gar; Alle stimmen, die Ohren, Augen, Nasen, Stümpfe, Leben, Hoffnungen, Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse haben. Bedürfnisse halten wir für viel wahrere Pfänder der politischen Treue, als Besitzthümer.«

»Das ist eine neue Lehre in der That; aber es steht im offenbaren Widerspruch mit dem socialen Haltpunktssystem.«

»Ihr hattet nie mehr Recht, Sir John, in Hinsicht Eurer Theorie und nie mehr Unrecht in Hinsicht der Wahrheit. In Springniedrig behaupten wir und mit Recht, daß es keinen größern Irrthum gibt, als eine Repräsentation bloser Effekten, mögen es nun Häuser, Ländereien, Waaren oder Geld sein, für ein Pfand einer guten Regierung zu halten. Das Eigenthum wird von den Regierungsmaßregeln betroffen, und je mehr ein Monikin hat, desto größer ist die Bestechung, die ihn zur Berücksichtigung seiner eignen Interessen verführt, wenn auch die aller Andern darunter leiden.«

»Aber, Sir, die Interessen der Gemeinde bestehen aus dem Aggregat dieser Interessen.«

»Bitte um Verzeihung, Sir John! nur das Aggregat der Interessen einer Klasse. Ist Eure Regierung nur zu ihrem Besten eingesetzt, dann ist Euer sociales Haltpunktssystem ziemlich richtig; aber ist der Zweck das allgemeine Beste, dann habt Ihr keine andre Wahl, als die Bewahrung desselben der allgemeinen Obhut anzuvertrauen. Wir wollen zwei Menschen annehmen, – da Ihr nun ein Mal ein Mensch und kein Monikin seid. – zwei Menschen ganz gleich in Moral, Verstand, öffentlicher Tugend und Patriotismus; der Eine soll reich sein, der Andre nichts haben. Eine Krisis im Staat zeigt sich, und Beide werden aufgerufen, sich frei über eine Frage auszusprechen, die unvermeidlich einigen Einfluß auf Eigenthum im Allgemeinen hat; – alle große Fragen sind der Art. Wer würde am unparteiischsten stimmen? – der, welcher nothwendig seines persönlichen Interesses sich entkleiden muß, oder der, welcher kein solches Reizmittel, irre zu gehen, hat?«

»Sicher der, welcher nichts hat, was einen Einfluß, zu irren, haben kann. Aber die Frage ist unbillig gestellt.«

»Verzeiht, Sir John, sie ist recht gestellt, als eine abstrakte Frage, eine Frage, die ein Princip beweisen soll. Es freut mich, daß Ihr sagt, ein Mensch würde so entscheiden: es zeigt seine Identität mit einem Monikin. Wir denken, wir alle dächten am meisten an uns selbst bei solchen Gelegenheiten.«

»Mein theurer Brigadier, haltet nicht Sophistik für Vernunft. Sicher gehörte die Macht nur den Armen, und der Arme oder vergleichungsweise Arme macht immer die Masse aus, – so würden sie diese zur Beraubung des Reichen ausüben!«

»Wir glauben das nicht in Springniedrig. Fälle mag es geben, wo durch Reaktion ein solcher Zustand der Dinge entstünde; aber Reaktionen setzen Mißbräuche voraus und dürfen nicht zur Verteidigung eines Grundsatzes angeführt werden. Wer gestern betrunken gewesen, mag heute ein unnatürliches Reizmittel brauchen, während der Regelmäßige die gehörige Stimmung seines Leibes ohne Hülfe eines so gefährlichen Mittels wahrt. Solch ein Experiment kann unter wichtigen Umständen wohl gemacht werden; aber es ginge kaum zwei Mal bei irgend einem Volk, und selbst nicht ein Mal unter einem Volk, das sich zu rechter Zeit einer Theilung der Gewalten unterwirft, da es offenbar dem leitenden Princip der Civilisation gefährlich ist. Nach unsern Monikin’schen Geschichtschreibern sind alle Angriffe auf das Eigenthum daraus hervorgegangen, daß sich das Eigenthum mehr herausnahm, als seinen Freiheiten eigentlich zukommt. Macht Ihr politische Gewalt zur Begleiterin des Eigenthums, dann mögen beide freilich zusammengehn; aber sind sie getrennt, wird die Gefahr für das letztere nie größer als die sein, in welche es täglich durch die Künste der Geldspekulanten gesetzt wird, die in der That die größten Feinde des Eigenthums sind, in so weit es Andern gehört.«

Ich dachte an Sir Joseph Job, und mußte zugeben, daß der Brigadier wenigstens etwas Wahres für sich hatte.

»Aber gebt Ihr nicht zu, daß das Gefühl des Eigenthums den Geist erhebt, veredelt und reinigt?«

»Sir, ich will nicht bestimmen, wie das bei Menschen sein mag; aber wir Monikins behaupten, die Liebe zum Geld sei die Wurzel alles Uebels.«

»Wie, Sir, haltet Ihr die Erziehung, die Folge des Eigenthums, für nichts?«

»Wenn Ihr von dem sprecht, mein lieber Sir John, was das Eigenthum gewöhnlich lehrt, so ist dieses der Eigennutz; aber wenn Ihr als Regel aufstellt, daß, wer Geld hat, auch Erziehung hat, ihn recht zu leiten, so muß ich erwiedern, daß die Erfahrung, die besser als tausend Theorien ist, uns anders lehrt. Wir finden, daß bei Fragen zwischen denen, die haben und die nicht haben, die Habenden gemeiniglich einig sind, und das wird so sein, wären sie auch so sehr ohne Schutz wie die Bären, aber bei allen andern Fragen machen sie der Erziehung gewiß keine Ehre, Ihr müßt denn zugeben, es gäbe zwei Wahrheiten in jedem Fall; denn bei uns stellen sich die höchst Gebildeten gewöhnlich an die beiden Extreme. Ich sage das von Monikins, gebildete Menschen freilich werden weit einiger sein.«

»Aber, mein guter Brigadier, wenn Euer Satz von der größern Unparteilichkeit und Unabhängigkeit des Wählers, der durch Privatinteresse nicht beeinträchtigt wird, wahr ist, würde ein Land nicht übel thun, seine Wahlen einer Korporation ausländischer Schiedsrichter zu überlassen.«

»Freilich, Sir John, wenn man gewiß wüßte, diese ausländischen Schiedsrichter würden die Gewalt nicht zu ihrem Privatvortheil mißbrauchen; wenn sie die Gefühle, die Gesinnungen hätten, die eine Nation weit mehr veredlen und reinigen, als Geld; wenn es möglich wäre, daß sie gänzlich den Charakter, die Gewohnheiten, die Bedürfnisse und Hülfsquellen eines andern Volks kännten. Wie also die Dinge jetzt stehen, halten wir’s für das Klügste, unsre Wahlen uns selbst anzuvertrauen, – nicht einem Theil von uns, nein uns allen.«

»Die Robben mit eingeschlossen,« fiel der Kapitän ein.

»Ei, diesen Grundsatz befolgen wir allerdings bei Herren, wie Ihr,« entgegnete der Brigadier höflich; »aber Freisinnigkeit ist eine Tugend. Als Grundsatz hat Eure Idee, Sir John, die Wahl unsrer Repräsentanten Fremden zu überlassen, mehr Werth, als Ihr vielleicht glaubt, wiewohl sie aus den angeführten Gründen unausführbar ist. Wenn wir Gerechtigkeit suchen, sehen wir uns gemeinlich nach einem unparteiischen Richter um. Solch ein Richter ist jedoch in Staatssachen nicht zu finden, weil diese Art Gewalt, beständig ausgeübt, nach dem Grundsatz der Selbstsucht, die der Monikin-Natur eingepflanzt ist, notwendig beeinträchtigt und abgelenkt wird. Ich zweifle aber nicht, daß Ihr Menschen gänzlich über eine so unwürdige Leidenschaft erhaben seid.«

Hier konnte ich dem Brigadier nur sein Hm! abborgen.

»Nachdem wir uns überzeugt, daß es nicht angehen würde, die Leitung unsrer Angelegenheiten blos Fremden anzuvertrauen, oder solchen, deren Interesse nicht mit dem unsern identisch wäre, wollten wir sehen, was mit einer Wahl aus unsrer Mitte zu machen wäre. Hier begegnete uns wieder derselbe zudringliche Grundsatz der Selbstsucht, und zuletzt mußten wir zu dem Versuch unsere Zuflucht nehmen, die Interessen Aller der Leitung Aller zu überlassen.«

»Aber sind das die Ansichten von Springhoch?«

»Weit gefehlt! das ist gerade der Unterschied zwischen diesem und Springniedrig. Da die Springhocher ein altes Volk mit tausend eingewurzelten Interessen sind, so müssen sie, wie die Zeit fortschreitet, Ursachen für das Bestehende aufsuchen, während wir Springniedriger, von allen Fesseln frei, das Bestehende nach Gründen und vernunftmäßig einrichten konnten.«

»Warum leget Ihr denn aber so viel Gewicht auf Springhocher Ansichten über Springniedriger Thatsachen?«

»Warum hält jeder kleine Monikin seine Eltern für die weisesten, besten, tugendhaftesten und besonnensten alten Monikins in der ganzen Welt, bis Zeit, Gelegenheit und Erfahrung ihm seinen Irrthum zeigen?«

»Macht Ihr denn gar keinen Unterschied in Euren Rechten und Freiheiten, und laßt jeden Bürger zum Stimmen zu, der, wie Ihr sagt, Nase, Ohren, Stumpf und Bedürfnisse hat?«

»Vielleicht sind wir darin weniger genau, als wir sein sollten, da bei uns selbst nicht Unwissenheit und Charakterlosigkeit von dem Rechte ausschließt. Eigenschaften außer Geburt und Leben mögen nützlich sein; aber sie sind schlecht gewählt, wenn man sie nur auf den materiellen Besitz beschränkt. Man ist in der Welt darauf gekommen, weil die, welche Eigenthum hatten, Gewalt hatten, nicht aber, weil sie sie haben sollten.«

»Mein lieber Brigadier, das heißt aller Erfahrung entgegen treten.«

»Aus der eben angegebenen Ursache, und weil alle Erfahrung bis jetzt am falschen Ende angefangen hat. Die Staatsgesellschaft sollte wie ein Haus aufgebaut werden; nicht von dem Dach abwärts, sondern vom Fundament hinauf.«

»Wenn wir aber auch zugeben, Euer Haus sei anfangs schlecht gebaut worden, würdet Ihr bei Ausbesserung die Wände geradezu ausreißen, auf die Gefahr hin, daß Euch Alles über dem Kopf zusammenstürze.«

»Ich würde erst gehörige Stützen unterzustellen bedacht sein, und dann mit Macht, jedoch mit Vorsicht verfahren. Muth ist hiebei weniger zu fürchten, als Furchtsamkeit. Die Hälfte der Uebel des Lebens, sociale, persönliche und politische, sind eben so sehr Folgen moralischer Feigheit, als des Betrugs.«

Ich sagte dann dem Brigadier, daß, da seine Landsleute alle Rücksicht auf Eigenthum bei der Wahl der politischen Staatsgrundlage verwürfen, ich wohl ein Hauptsurrogat dafür an Tugend erwarten müsse. »Ich habe immer gehört, Tugend sei das Wesentliche bei einem freien Volk und Zweifels ohne seid Ihr Springniedriger vollkommne Muster in diesem Punkt?«

Der Brigadier lächelte, bevor er mir antwortete, und sah erst rechts und links um sich, als wolle er sich an dem Wohlgeruch der Vollkommenheit regaliren.

»Viele Theorieen hat man darüber aufgestellt,« erwiederte er, »worin aber Ursache und Wirkung verwirrt wurden. Tugend ist eben so wenig Ursache der Freiheit, ausgenommen in Verbindung mit Einsicht, als Laster Ursache der Sklaverei. Beide mögen in Wechselwirkung stehen, aber man kann nicht gerade sagen, wie eins die Ursache des andern ist. Wir haben unter uns Monikins ein Sprichwort, das hier sehr gut paßt: Nimm einen Schelm, um einen andern zu fangen. Nun ist aber das Wesen einer freien Verfassung in der Verantwortlichkeit ihrer Agenten zu finden; wer ohne Verantwortlichkeit herrscht, ist ein Tyrann; der aber unter wirklicher Verantwortung ein Diener. Das ist das einzige wahre Pfand einer Regierung, mögen sie in andrer Hinsicht täuschen, wie sie wollen. Verantwortlichkeit gegen die Masse des Volkes ist das Kriterium der Freiheit. Verantwortlichkeit ist das Surrogat der Tugend bei einem Staatsmann, wie Kriegszucht das des Muths bei einem Soldaten. Ein Heer tapfrer Monikins ohne Kriegszucht könnte von einem andern mit weniger natürlichem Muth, aber mit Kriegszucht besiegt werden. So könnte ein Korps ursprünglich tugendhafter Staatsmänner ohne Verantwortlichkeit mehr selbstische, gesetzlose und verworfene Handlungen begehen, als eins ohne Tugend, das aber gehörig unter der Ruthe der Verantwortung gehalten würde. Unumschränkte Gewalt ist an und für sich eine große Verderberin der Tugend, während die Wichtigkeiten einer beschränkten sie gar sehr im Zaum halten. So ist’s wenigstens bei uns Monikins, bei den Menschen geht’s wahrscheinlich anders.«

»Laßt mich Euch sagen, Herr Geradaus, daß Ihr jetzt den Ansichten der Welt schnurstracks entgegen sprecht; sie betrachtet Tugend als ein unentbehrliches Ingredienz zu einer Republik!«

»Die Welt, – ich meine immer die Monikin’sche,– versteht wenig von wahrer politischer Freiheit, außer in der Theorie. Wir von Springgniedrig sind wirklich die einzigen, die viel davon erfahren haben, und ich will Euch jetzt das Ergebniß meiner Erfahrungen in meinem Lande sagen. Wären die Monikins rein tugendhaft, so brauchte man überhaupt keine Regierung; aber da sie sind, wie sie sind, halten wir’s für das Weiseste, sie einander bewachen zu lassen.«

»Aber die Eurige ist Selbstregierung, die Selbstbeherrschung einschließt, und Selbstbeherrschung ist nur ein anderes Wort für Tugend.«

»Beruhten die Vorzüge unsres Systems auf Selbstregierung in Eurem Sinne oder auf Selbstbeherrschung in irgend einem Sinne, dann brauchten wir nicht so viel darüber zu sprechen; es wäre der Mühe nicht werth. Das ist eine der süßen Täuschungen, womit übelurtheilende Moralisten die Monikins zu guten Thaten anzutreiben streben. Unsere Regierung ruht auf einem ganz entgegengesetzten Princip, nämlich: Uns einander zu bewachen und zu beschränken, statt uns auf unsre Tüchtigkeit, uns selbst zu beschränken, zu verlassen. Es ist der Mangel einer Verantwortlichkeit und nicht ihre beständige und thätige Gegenwart, der Tugend und Selbstbeherrschung einschließt. Niemand würde gern in irgend etwas sich selbst gesetzliche Schranken setzen, während Alle im Beschränken ihres Nächsten sehr glücklich sind. Dies führt zu den positiven und nothwendigen Regeln des Verkehrs und zur Feststellung der Rechte; in Hinsicht bloser Moralität vermögen Gesetze sehr wenig. Moral kommt von Belehrung, und erst wenn Alle politische Macht haben, wünschen Alle Belehrung als eine Sicherheit.«

»Aber, wenn Alle stimmen, können Alle ihr Votum zum besondern Vortheil mißbrauchen wollen, und ein politisches Chaos kann die Folge sein.«

»Solch eine Folge ist unmöglich, es sei denn, daß besondrer Vortheil mit dem Allgemeinen identisch wäre. Eine Gemeinheit kann eben so wenig sich auf diese Weise selbst bestechen, als ein Monikin sich selbst essen kann, sei er auch noch so ausgehungert. Wenn man auch annimmt, Alle wären Schelme, so würde die Nothwendigkeit einen Vergleich hervorbringen.«

»Ihr stellt eine annehmbare Theorie auf, und ich zweifle gar nicht, ich werde bei Euch die weiseste, logischste, besonnenste und konsequenteste Staatsgesellschaft finden, die ich noch je besucht. Aber noch ein Wort: Wie kommt es, daß unser Freund, der Richter, seinem Chargé d’affaires so zweideutige Verhaltungsregeln gab, und warum bestand er insbesondre so sehr auf Anwendung von Mitteln, die so geradezu Alles, was Ihr eben gesagt, Lügen strafen.«

Brigadier Geradaus fuhr sich hier über’s Kinn und bemerkte, wir könnten einen Windwechsel bekommen; auch wunderte er sich ganz hörbar, wann wir landen würden. Ich brachte ihn später dazu, einzugestehen, ein Monikin sei doch immer nur ein Monikin, er möge nun allgemeines Stimmrecht haben, oder unter einem Despoten leben.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Ankunft, – Wahl, – Architektur, – Welgerholz und Patriotismus vom reinsten Wasser.

Zu rechter Zeit erschien die Küste von Springniedrig, gerade links vom Steuer. So plötzlich war unsre Ankunft in dieses neue und außerordentliche Land, daß wir fast auf es angerannt wären, bevor wir noch seine Küsten zu Gesicht bekommen. Die Seekunde Kapitän Poke’s jedoch hielt uns noch bei Zeit, und vermittelst eines sehr geschickten Lootsen lagen wir bald sicher im Hafen von Bivouac vor Anker. In diesem glücklichen Land gab es kein Registriren, keine Pässe, »kein Garnichts,« wie H. Poke es sehr treffend ausdrückte. Die Förmlichkeiten waren bald vorüber; wiewohl ich bemerken konnte, wie viel leichter man mit Schlechtigkeit in dieser Welt durchkommt, als mit Tugend. Ein einem Zollbeamten angebotenes Trinkgeld ward zurückgewiesen, und so entstand die einzige Mühe, die ich dabei hatte, aus dem unzeitigen sich Aufdringen einer Gewissenhaftigkeit. Doch kamen wir durch, wie wohl nicht so bald und so leicht, als wenn Douceurs Mode gewesen, und durften mit all unsern nöthigen Effekten landen.

Die Stadt Bivouac stellte einen seltsamen Anblick dar, als ich zuerst meinen Fuß in ihre heiligen Straßen setzte. Die Häuser waren all mit großen Zetteln bedeckt, die ich Anfangs für Waarenlisten des Verkaufs hielt, denn der Ort treibt bekanntlich Handel; aber bei näherer Betrachtung waren es nur Wahlaufrüfe. Der Leser wird sich mein Vergnügen und Staunen denken, als ich den ersten las, der so lautete:

»Horizontale Ernennung.«

»Horizontale, Systematische, Doktrinäre, Republikaner, merkt auf!«

»Eure heiligen Rechte sind in Gefahr; Eure theuersten Freiheiten sind bedroht. Eure Weiber und Kinder sind am Rand des Verderbens; die schändliche, unkonstitutionelle Ansicht, daß die Sonne bei Tag, der Mond bei Nacht leuchtet, wird offen und ohne Scham verbreitet, und jetzt ist die einzige Gelegenheit, die sich vielleicht je darbietet, einen Irrthum aufzuhalten, der von Täuschung und häuslichen Uebeln so voll ist. Wir stellen Eurer Aufmerksamkeit einen gehörigen Vertheidiger dieser nahen und theuern Interessen in der Person des John Goldenkalb vor, einen bekannten Patrioten, erprobten Gesetzgeber, tiefen Philosophen, unbestechlichen Staatsmann. Unsern adoptirten Mitbürgern brauchen wir ihn nicht zu empfehlen, denn er ist in der That einer von ihnen; den Eingebornen sagen wir nur: »Erprobt ihn, und Ihr werdet mehr als zufrieden sein.«

Ich fand diesen Anschlag sehr nützlich, denn er gab mir die erste Nachricht von den Pflichten, deren Erfüllung man von mir erwartete; ich sollte nur in der kommenden Sitzung beweisen, der Mond scheine bei Tag, und die Sonne bei Nacht. Folglich suchte ich sogleich in mir geeignete Beweisgründe auf.

Der nächste Zettel war zu Gunsten – »Noah Poke’s, des erfahrnen Seglers, der das Schiff des Staats in den Hafen des Glücks führen wird, des praktischen Astronomen, der durch häufige Beobachtungen weiß, daß Mondsüchtige nicht im Dunkeln zu finden sind. Perpendikuläre, seid stark, werft Eure Feinde nieder!«

Nach diesem kam ich auf den: »hochachtbaren Bob Schmutz, im Vertrauen empfohlen allen ihren Mitbürgern durch die Ernennungskommittee der Politik-Tangenten als ein wahrer Ehrenmann, ein reifer Gelehrter (so nennt man in Springniedrig allgemein jeden Herrn, der eine Brille trägt), ein erleuchteter Staatsmann und gesunder Demokrat.«

Aber ich würde nur hievon zu schreiben haben, wollte ich eine Fluth von Empfehlungen und Lügen erwähnen, die in Hinsicht unsrer von einer Gemeinde ergingen, der wir noch ganz fremd waren. Nur noch ein Beispiel vom Letztern:

Protokoll. »Erschien persönlich vor mir, John Aequitas, Friedensrichter; Peter Verax, u.s.w., der nach gehöriger Beeidigung auf die heiligen Evangelisten hinterlegt und sagt: daß er mit einem gewissen John Goldenkalb in seinem Vaterland vertraut bekannt gewesen, und persönlich weiß, wie der besagte John Goldenkalb drei Weiber und sieben uneheliche Kinder hat; ferner bankbrüchig und ohne Charakter ist, und durch Schafsdiebstahl auszuwandern gezwungen worden.«

»Geschworen u.s.w.«
Unterzeichnet
»Peter Verax.«

Ich fühlte natürlich einigen Unwillen über diese unverschämte Behauptung und wollte mich eben bei’m nächsten Vorübergehenden nach der Adresse des Herrn Verax erkundigen, als mich einer von der horizontalen Ernennungskommittee am Saume meines Fells faßte und mit Glückwünschen über meine glückliche Wahl überhäufte. Erfolg ist ein herrliches Pflaster für alle Wunden, und ich vergaß wirklich, die Sache mit dem Schaf und den sieben unehelichen Kindern zu untersuchen, obwohl ich jetzt noch versichre, wäre mir das Glück weniger günstig gewesen, der Schelm, der diese Verläumdung verbreitete, hätte mir für seine Verwegenheit büßen sollen. In weniger als fünf Minuten kam Kapitän Poke an die Reihe; auch ihm wurde in gehöriger Form Glück gewünscht, denn wie Noah sich ausdrückt, »das Robbeninteresse hatte wirklich einen Bewerber durchgesetzt«. So weit ging Alles gut; denn nachdem ich so lange mit ihm zu Tisch gesessen, hatte ich nichts im geringsten dagegen, mit dem würdigen Robbenjäger im Springniedriger Parlament zu sitzen. Aber unser gegenseitiges Staunen und, ich darf wohl hinzufügen, unser Unwille wurde gehörig erregt, als wir kurz darauf eine Nachricht lasen über die bei’m »Empfang des hochachtbaren Bob Schmutz« zu beobachtenden Feierlichkeiten.

Es schien, die Horizontalen und Perpendikularen hatten so viele falsche Stimmzettel verfertigt, um sich die Tangenten günstig zu machen und einander zu täuschen, daß dieser junge Schelm wirklich an die Spitze kam, ein politisches Phänomen, das, wie ich später erfuhr, ganz und gar nicht selten in der Geschichte der Springhocher Wahlen vorkommt.

Es muß natürlich das Interesse steigern, wenn man bei’m Eintritt in ein fremdes Land sich an allen Straßenecken der Hauptstadt getadelt und gepriesen findet, und an demselben Tag in sein Parlament gewählt wird. Doch ließ ich mich weder so sehr dadurch erheben, noch erniedrigen, um mich nicht umzusehen und so genau und so schnell, als möglich, eine Einsicht in Charakter, Geschmack, Sitten, Wünsche und Bedürfnisse meiner Constituenten zu erhalten. Ich habe schon erklärt, daß ich mich hauptsächlich über die moralischen Vortrefflichkeiten und Besonderheiten des Volks der Monikinwelt verbreiten will; doch konnte ich durch die Straßen von Bivouac nicht gehen, ohne einige physische Gebräuche zu bemerken, die ich erwähnen will, weil sie mit dem Gesellschaftszustand offenbar zusammenhängen, so wie auch mit den historischen Rückerinnerungen dieses interessanten Theils der Polargegend.

Erstlich bemerkte ich, daß alle Arten vierfüßiger Thiere ganz eben so zu Haus in den Spaziergängen der Stadt sind, als die Einwohner selbst; was offenbar mit dem Princip gleicher Rechte, worauf die Institutionen des Landes ruhen, sehr nahe zusammenhängt. Zweitens mußte ich sehen, daß ihre Wohnungen auf der kleinstmöglichen Basis errichtet sind und einander stützen, als Zeichen der durch das republikanische System erlangten Hülfe; sie suchen ihre Entwicklung, aus Mangel an Breite, hoch in der Luft, was ich auf die noch nicht ferne Epoche bezog, wo man auf Bäumen lebte. Drittens fand ich, daß, statt nahe am Boden, wie die Menschen, in ihre Wohnungen zu gehen, oder, wie fast alle ungeflügelte Thiere, sie vermittelst äußrer Stufen fast halbwegs zwischen Dach und Boden in eine Oeffnung steigen, wo, ein Mal eingelassen, sie auf und niedersteigen, je nach Gelegenheit. Dieser Gebrauch rührte ohne Zweifel von einer noch nicht fernen Periode her, wo die wilde Lage des Landes sie nöthigte, gegen die Verwüstungen wilder Thiere Schutz zu suchen, indem sie zu Leitern ihre Zuflucht nahmen, welche der Familie nach hoch auf die Bäume gezogen wurden, sobald die Sonne unter den Horizont sank. Diese Stufen oder Leitern sind gewöhnlich aus einem weißen Material gemacht, damit sie selbst jetzt noch in drängender Gefahr im Dunkeln gefunden werden möchten, obwohl jetzt Bivouac, so viel ich weiß, gerade keine unordentlichere oder unsichrere Stadt ist, als jede andere gegenwärtig. Alle Gewohnheiten bleiben in den Sitten eines Volks und zögern darin selbst dann noch als Moden, nachdem der Grund ihres Entstehens aufgehört hat und vergessen worden. Als Beweis hievon haben noch viele Häuser in Bivouac, nahe den steinernen Leitern, ungeheure eiserne spanische Reuter vor der Thüre, ein Gebrauch, offenbar aus den ursprünglichen unsophistischen häuslichen Vertheidigungen dieser kriegerischen und unternehmenden Raçe herrührend. Unter vielen spanischen Reutern bemerkte ich gewisse eiserne Bilder, die den Königen der Kassenleute glichen, und die ich anfangs für Symbole der berechnenden Eigenschaften der Eigenthümer, für eine Art republikanischer Heraldik hielt; aber der Brigadier sagte mir, es sei nur eine Mode, die von der Sitte übrig geblieben, in den frühsten Tagen der Niederlassung ausgestopfte Bilder vor den Thüren zu haben, um bei Nacht die wilden Thiere wegzuschrecken, ganz wie wir Popanze in die Kornfelder stellen. Zwei dieser wohlausstafftirten Schildwachen, auf einem Stock wie eine Flinte angelegt, versicherte er mir, hätten oft Wochen lang eine Belagerung gegen eine Wölfin und ihre zahlreiche Familie in alten Zeiten ausgehalten; und jetzt, da die Gefahr vorüber, glaube er, die Familien, die diese eisernen Monumente hätten errichten lassen, wollten nur das Andenken an die Gefahren dieser Art erhalten, denen ihre Vorväter durch ein so scharfsinniges Mittel entgangen.

Alles trägt in Bivouac den Stempel des hohen Princips seiner Einrichtungen. Die Häuser der Privatleute z.B. überragen die Dächer der Staatsgebäude, zum Zeichen, daß der Staat nur Diener des Bürgers ist. Selbst die Kirchen haben das Besondre, zum Zeichen, daß der Weg zum Himmel vom Volkswillen nicht unabhängig ist. Die große Justizhalle, ein Gebäude, worauf die Bivouaker außerordentlich stolz sind, ist in demselben niedrigen Styl ausgeführt; der Baumeister, dem Verdacht zu entgehen, er glaube, das Firmament sei im Bereich seiner Hand, hatte, die Vorsicht gebraucht, einen hölzernen Wegweiser mitten auf das Gebäude zu stellen, der nach dem Platze zeigt, wo, nach der Ansicht aller andren Leute, der Gipfel des Gebäudes selbst sein sollte. So auffallend wäre diese Besonderheit, bemerkte Noah, daß es ihm schiene, als wäre die ganze Erde durch ein großes politisches Welgerholz gewalzt worden, um dem Lande seine endliche Gestalt zu geben. Während ich diese Bemerkungen machte, kam Jemand im schnellen Trott herbei, der, wie Geradaus behauptete, unsere Bekanntschaft zu machen wünschte. Ich war erstaunt, daß er ohne vorherige Mittheilung dieß wisse, und fragte ihn daher, warum er glaube, wir wären das Ziel von des Andern Eile.

»Blos weil ihr Neuangekommene seid. Dieser ist einer von einer sehr zahlreichen Klasse unter uns, die, von kleinlichem Ehrgeiz verzehrt, bekannt zu werden wünschen; – was sie, beiläufig gesagt, oft in mehrerer Rücksicht erlangen, als sie wohl selbst wünschen; deßwegen drängen sie sich an jeden Fremden, der unsre Küsten berührt. Es ist nicht eine edle, freimüthige Gastfreundschaft, die gern Andern dienen möchte, sondern eine reizbare Eitelkeit, die sich berühmt machen möchte. Der freigebige und erleuchtete Monikin ist leicht von dieser Clique zu unterscheiden; er schämt sich weder, noch verliebt er sich in Gebräuche, blos weil sie die heimischen sind, bei ihm sind die Zeichen der Würdigkeit, Schicklichkeit, Geschmack, Thunlichkeit, Angemessenheit; er unterscheidet, während diese zusammenwerfen; er verwirft sie weder, noch lebt er gänzlich nach Nachahmung, sondern urtheilt für sich, und gebraucht seine Erfahrung als eine zu verehrende nützliche Führerin; während jene denken, alles, was sie über den Bereich ihrer Nachbarn erlangen können, sei eben dadurch der einzige Zweck ihres Lebens. Fremde suchen sie auf, weil sie schon seit Langem beschlossen, dieses Land mit seinen Gebräuchen, seinem Volke und allem, was es enthält, sei dadurch, daß es auf Volksrechte gegründet, so herabgewürdigt und gemein, als nur möglich, sie selbst und einige ihrer besondern Freunde ausgenommen; und sie sind nie so glücklich, als wenn sie an den sekundären Verfeinerungen dessen, was wir das alte Land nennen, hängen und sich daran erfreun. Da ihre eignen Vorzüge jedoch meist nur zufällig sind, so, wie wir sie alle in unserer täglichen Unterhaltung auffangen, so verstehen sie nichts von einem fremden Land, außer etwa von Springhoch, dessen Sprache wir zufällig sprechen; und da auch Springhoch gerade das schönste Ideal der Ausschließlichkeit in seinen Gebräuchen, Ansichten und Gesetzen ist, halten sie alle, die daher kommen, als noch viel mehr berechtigt zu ihrer tiefsten Huldigung, als andre Fremdlinge.«

Hier verließ uns Richter Volksfreund, der die Ernennungskommission in Hinsicht der Chancen des kleinen Rads kräftig ausgeforscht hatte, plötzlich mit einer verlegnen, verschämten Miene, und mit der Nase auf dem Boden, gleich einem Hund, der eben erst eine frische Fährte aufgespürt hat.

Als wir dem Exambassadeur wieder begegneten, war er in Trauer wegen eines politischen Sturzes, den ich nie begriff. Er hatte sich einer neuen Schweifabkürzung unterworfen, und so gänzlich den Sitz der Vernunft gedemüthigt, daß selbst der Neidischste und Bösartigste nie auf den Glauben hätte kommen können, es sei ihm noch ein Stückchen Gehirn übrig gelassen. Er hatte sich ferner jedes Haar vom Leibe scheeren lassen, der jetzt so nackt wie eine Hand war und durchaus ein erbauliches Gemälde der Reue und Selbstdemüthigung darstellte. Ich erfuhr später, diese Reinigung sei für vollkommen genügend betrachtet und er wieder als innerhalb des Kreises der patriotischsten Patrioten angesehen worden.

Indeß war der Bivouaker zu mir gekommen und als Herr Gildet Wriggle eingeführt worden.

»Graf Poke von Stonington, Sir,« sagte der Brigadier, der bei dieser Gelegenheit Ceremonienmeister war, »und der Mogul Goldenkalb, – beides Edelleute von alter Linie, merkwürdigen Privilegien und vom reinsten Wasser, – Edelleute, die zu Hause sechs Mittagessen täglich haben, immer auf Diamanten schlafen, und deren Schlösser keines weniger, als sechs Meilen in der Länge hat.«

»Mein Freund, General Geradaus, hat sich zu viele Mühe gegeben,« fiel unser neuer Bekannter ein; »Ihr Rang und Herkommen ist von selbst einleuchtend. Willkommen in Springniedrig! Ich bitte, über mein Haus, meinen Hund, meine Katze, mein Pferd, über mich selbst nach Gefallen zu verfügen. Ich bitte besonders, Ihr erster, letzter und alle zwischenliegenden Besuche mögen mir gehören. Nun, Mogul, was denken Sie in Wahrheit von uns? Sie sind nun lang genug am Lande gewesen, um sich einen ziemlich genauen Begriff von unsern Institutionen und Gewohnheiten machen zu können. Ich bitte, Sie wollen nicht von uns allen nach dem, was Sie auf den Straßen sehen, urtheilen.«

»Das ist nicht meine Absicht, Sir.«

»Sie sind vorsichtig, merk‘ ich. Wir sind, ich gestehe es, in einer schrecklichen Lage, vom gemeinen Volk niedergetreten und weit, – sehr weit von dem Volk, was Sie zu finden erwarteten. Ich könnte nicht Schultheisen-Adjunkt werden, wenn ich’s auch wollte; zu viel Jakobinismus. Die Leute sind Narren, Sir, wissen nichts, Sir, sind nicht im Stande, sich zu regieren, Sir, geschweige Bessere, als sie. Da haben einige von uns, einige Hunderte eben in dieser Stadt, ihnen gesagt, welche Narren sie sind, wie unfähig, ihre eigene Angelegenheit zu führen, und wie schnell sie schon seit diesen zwanzig Jahren zum Teufel fahren, und dennoch haben wir sie noch nicht überzeugt, einem von uns Macht anzuvertrauen. Die Wahrheit zu gestehen, wir sind in einer sehr elenden Lage, und wenn etwas dieses Land verderben könnte, schon seit 35 Jahren hätte die Volksherrschaft es ruinirt.«

Hier wurden die Klagen des Herrn Wriggle durch den Grafen von Poke de Stonington unterbrochen. Dieser hatte, während er voll Bewunderung auf den Sprecher schaute, seine Zehe gegen eine der 43760 Ungleichheiten auf dem Pflaster angestoßen (Alles ist nämlich in Springniedrig vollkommen gleich, nur nicht das Pflaster und die Landstraßen) und war vorwärts auf die Nase gefallen. Ich habe schon auf des Robbenfängers Geneigtheit angespielt, beleidigende Beiwörter zu gebrauchen. Dieser Zwischenfall trug sich in der Hauptstraße von Bivouac oder dem sogenannten Weitpfad zu, einer Straße, mehr als eine Meile lang, aber trotz ihrer Länge begann Noah an dem einen Ende und schalt sie bis an das andre mit einer Genauigkeit, Treue, Schnelle und Treffendheit durch, die allgemeine Bewunderung erregten. Es wäre die schmutzigste, schlechtgepflastertste, gemeinste, elendeste Straße, die er je gesehen, und wenn sie sie zu Stonington hätten, würden sie sie, statt sie überhaupt als Straße zu gebrauchen, am einen Ende zumachen und in einen Schweinstall umwandeln.

Hier zeigte Brigadier Geradaus unzweideutig einige Besorgniß. Er zog uns auf die Seite und fragte heftig den Kapitän, ob er toll wäre, auf diese unerhörte Weise den Probirstein des Bivouak’schen Gefühls, Geschmacks und Schönheitssinns anzutasten. Von dieser Straße spräche man nie, außer in Superlativen, welchen Gebrauch übrigens Noah gar nicht übertreten hatte; man halte sie für die längste und kürzeste, die breitste und engste, die am beßt- und schlechtest gebaute in der ganzen Welt. »Was Ihr immer sagt oder thut,« fuhr er fort, »was Ihr auch denkt und glaubt, nie verwerft die Superlative bei dem Weitpfad. Fragt man Euch, ob Ihr je eine so belebte Straße saht, obgleich für ein Regiment zum Schwenken Raum genug ist, so schwört, sie sei vollgepfropft; fordert man von Euch, einen andern von Unterbrechung so freien Spaziergang zu nennen, so versichert bei Eurer Seele, der Ort sei eine Wüste. Sagt, was Ihr wollt, von den Institutionen des Landes ––«

»Wie?« rief ich, »von den heiligen Rechten der Monikins!«

»Bewerft sie und die ganze Masse der Monikins dazu mit so viel Schmutz, als Euch gefällt; ja, wenn Ihr frei in guter Gesellschaft verkehren wollt, würde ich Euch selbst rathen, häufig die Wörter: Jakobiner, gemeiner Haufe, Hefe des Volks, Agrarier, Canaille, Demokraten zu gebrauchen, denn sie machen Viele bekannt, die sonst nichts für sich haben. In unserm glücklichen, unabhängigen Land ist es ein sichres Zeichen von hohen Gesinnungen, vollkommner Erziehung, geregeltem Verstand und feinem Benehmen, jenen ganzen Theil Eurer Mitgeschöpfe zu verspotten, die in einem einstöckigen Hause wohnen.«

»Ich finde alles dieß seltsam, da Eure Regierung anerkannter Maßen eine Regierung der Massen ist.«

»Sie haben ganz die Ursache getroffen! Ist es nicht überall Mode, über die Regierung zu schimpfen? Was Ihr immer im vornehmen Leben thut, muß auf liberale und hohe Grundsätze sich stützen, und so tadelt denn alles Belebte in Springniedrig, die gegenwärtige Gesellschaft mit ihren Verwandten und Vierfüßlern ausgenommen; aber erhebt Eure Lästerzunge nie gegen etwas Unbelebtes. Achtet, ich bitt‘ Euch, die Häuser, die Bäume, die Flüsse, die Berge, vor Allem in Bivouac achtet den Weitpfad. Wir sind Leute von großer Reizbarkeit und sind empfindlich für den Ruf selbst unsrer Stöcke und Steine; selbst die Springniedrig-Philosophen sind in dieser Hinsicht alle einmüthig,«

»Könnt Ihr diese Eigenthümlichkeit erklären, Brigadier?«

»Sicher müßt Ihr wissen, daß alles Eigenthum heilig ist. Wir haben große Achtung dafür, Sir, und lieben unsre Waaren nicht heruntergesetzt zu sehen; aber legt Euch um so härter mit Eurem Tadel auf die Masse, und man wird Euch darum nur für einen geistreichern und gebildeteren Kopf halten.«

Hier wandten wir uns wieder zu Herrn Wriggle, der vor Verlangen starb, noch ein Mal bemerkt zu werden.

»Ah, Ihr Herren, Ihr kommt eben von Springhoch,« er hatte einen unsrer Begleiter gefragt; »wie geht’s mit diesem großen und consequenten Volke?«

»Wie gewöhnlich, Sir, – groß und consequent.«

»Ich glaube jedoch, wir stehen ihnen gleich, eh? Säulen aus denselben Blöcken?

»Nein, Sir, Blöcke aus denselben Säulen.«

Herr Wriggle lachte, und schien über das Kompliment erfreut; und ich wünschte, ich hätte es selbst noch ärger gemacht.

»Nun, Mogul, was machen unsre Vorväter? Immer noch in Stücke zerschlagend das feine Gebäude einer Verfassung, das so lange das Wunder der Welt und meine besondere Bewunderung gewesen?«

»Sie sprechen von Veränderungen, Sir; wiewohl sie vielleicht nicht viel durchgesetzt haben. Der Primat von ganz Springhoch hat immer noch, wie ich sah, sieben Anhängsel zu seinem Schweif.«

»Ach, sie sind ein wundervolles Volk, Sir,« sagte Wriggle, und sah bedauernd nach seinem eignen Stumpf, welcher, wie ich später erfuhr, eine blose natürliche Mißgeburt war. »Ich verabscheue den Wechsel, Sir! Wär‘ ich ein Springhocher, ich wollte mit meinem Schweif sterben.«

»Einem, für den die Natur so viel gethan, muß man einigen Enthusiasmus zu Gute halten.« »Ein sehr wunderbares Volk, Sir, das Wunder der Welt, und seine Institutionen sind das größte Staunen aller Zeiten.«

»Das ist wohl bemerkt, Wriggle,« fiel der Brigadier ein; »denn sie haben sie umgeschmolzen und geändert schon seit 550 Jahren, und doch bleiben sie dieselben.«

»Sehr wahr, Brigadier, das Wunder unsrer Zeiten. Aber, Ihr Herren, was denkt Ihr eigentlich von uns? Ich werde Euch nicht mit Allgemeinheiten durchlassen. Ihr seid jetzt lang genug an der Küste gewesen, um Euch gehörige Begriffe von uns zu machen; und ich gestehe, ich möchte sie hören. Redet die Wahrheit aufrichtig. Sind wir nicht bei allem dem die erbärmlichsten, verlassensten, verschmähtesten Teufel?«

»Ich wies die Möglichkeit von mir, nach einer so kurzen Bekanntschaft über die Staatsverfassung eines Volks zu urtheilen; aber darauf wollte Herr Wriggle nicht hören. Er bestand darauf, ich müßte ganz besonders von der Rohheit und Bildungslosigkeit des gemeinen Haufens abgestoßen worden sein. Er meinte damit die Masse des Volks, die mir, beiläufig gesagt, schon als der vergleichungsweise bessere Theil der Bevölkerung aufgefallen war, in so weit, als ich etwas Sittsameres, Ruhigeres und Artigeres, als gewöhnlich, gesehen hatte. Herr Wriggle bat auch sehr ernstlich und inständig, ich möchte das Ganze nicht nach solchen Beispielen beurtheilen, wie ich sie auf den Landstraßen treffen würde.

»Ich hoffe, Mogul, Sie werden christliche Liebe genug besitzen, um versichert zu sein, daß wir nicht alle ganz so schlecht sind, wie der Anschein uns macht. Diese rohen Wesen sind durch unsre jakobinische Gesetze verdorben; aber wir haben auch noch eine andre Klasse. Doch wenn Ihr nicht vom Volk reden wollt, wie findet Ihr die Stadt, Sir? Ein armseliger Ort, gewiß, gegen Eure eignen alten Hauptstädte?«

»Die Zeit wird das schon machen, Herr Wriggle.«

»Meint Ihr denn wirklich, wir brauchten Zeit? – Ei, das Haus an der Ecke dort, nach meinem Geschmack paßte es für einen Herrn in jedem Land; nicht?«

»Freilich, Sir, für Einen.«

»Dieser Weitpfad da ist, ich weiß es, nur eine ärmliche Straße in den Augen von Euch Reisenden; doch halten wir ihn für etwas Erhabnes.«

»Ihr thut Euch selbst Unrecht, Herr Wriggle; wenn er auch Vielen nicht gleich – – –«

»Wie, Sir, der Weitpfad nicht gleich Allem auf der Welt? Ich kenne Mehrere, die in der alten Welt gewesen, (so nennen die Springniedriger Springhoch, Springauf u.s.w.) und sie schwören, es gebe nirgends eine so schöne Straße. Ich bin nicht so glücklich gewesen, zu reisen, Sir; aber, Sir, erlauben Sie mir, Sir, zu sagen, Sir, daß einige von denen, Sir, die gereist sind, Sir, glauben, Sir, der Weitpfad, Sir, sei die prächtigste öffentliche Straße, Sir, die Ihre erfahrnen Augen je erblickten, Sir, – ja, Sir, die Ihre erfahrnen Augen je erblickten, Sir.« »Ich hab‘ bis jetzt noch so wenig davon gesehen, Herr Wriggle, daß Sie mir verzeihen werden, wenn ich zu hastig gesprochen.«

»O, keine Beleidigung! Ich verachte den Monikin, der nicht über Lokaleitelkeiten und Provinzbewundrung hinaus ist. Sie mußten das sehen, Sir; denn ich gebe freimüthig zu, Sir, daß kein Pöbel schlechter sein kann, als unsrer, und daß wir alle so schnell, wie nur möglich, zum Teufel fahren. Nein, Sir, ein nichtswürdiger Pöbel, Sir, aber unser Weitpfad, unsre Häuser, unsre Katzen und Hunde, und gewisse Ausnahmen, Ihr versteht mich, Sir, – das ist etwas Andres. Bitte, Mogul, wer ist jetzt in Eurem Volk der größte Mann?«

»Vielleicht sollte ich den Herzog von Wellington nennen, Sir.«

»Nun, Sir, darf ich fragen, ob er in einem bessern Hause, als das vor uns, wohnt? Ich sehe, Ihr seid entzückt, nicht? Wir sind eine arme, neue Nation niedriger Krämer, Sir, halb wild, wie Jedermann weiß, aber wir schmeicheln uns, daß wir wissen, wie man ein Haus baut. Wollt Ihr nur eben hineintreten und ein neues Sopha betrachten, das sein Eigentümer erst gestern kaufte? Ich kenne ihn genau, und nichts macht ihm so viel Freude, als sein neues Sopha zu zeigen.«

Ich schlug die Einladung wegen Ermüdung aus, und ward dadurch eine so lästige Bekanntschaft los. Doch bat er bei’m Abschied, ich möchte nicht verfehlen, sein Haus zu meiner Heimath zu machen, fluchte schrecklich gegen den Pöbel, und lud mich ein, eine sehr gewöhnliche Aussicht zu bewundern, die man hätte, wenn man in einer besondern Richtung den Weitpfad hinaufsehe, und dadurch seine eigne Wohnung zu Gesicht bekäme. Als mich Herr Wriggle nicht mehr hören konnte, fragte ich den Brigadier, ob Bivouac oder Springniedrig viele solcher Wunder enthielte.

»Genug, um sich sehr lästig und eben so lächerlich zu machen,« entgegnete Gradaus. »Wir sind eine junge Nation, Sir John, die eine große Fläche mit einer vergleichungsweise kleinen Bevölkerung bedeckt, und, wie Ihr seht, von den ältern Theilen des Monikinlands durch das Meer getrennt. In gewisser Hinsicht sind wir wie Leute auf dem Land, und haben ihr Gutes und Schlimmes. Vielleicht hat keine Nation mehr nachdenkende und wesentlich ehrbare Einwohner, als Springniedrig; aber nicht zufrieden mit dem, wozu günstige Umstände sie machten, befindet sich eine Clique unter uns, die unter dem Einfluß des größern Ansehens älterer Nationen nach dem verlangen, was gerade jetzt weder Natur, noch Erziehung, noch Sitten und Fähigkeiten sie wollen werden lassen. Kurz, Sir, wir sind mit der bösen Sünde einer jungen Gemeine, – der Nachahmung behaftet. In unserm Fall ist auch die Nachahmung nicht ein Mal glücklich, da sie nothwendig auf Beschreibungen beruht. Wäre das Uebel auf blose sociale Thorheiten beschränkt, so könnte man darüber lachen; aber das angeborne Verlangen der Auszeichnung, welches, leider!, am heftigsten und reizbarsten bei denen ist, welche am wenigsten geschickt sind, etwas mehr, als gemeines Bekanntwerden zu erlangen, ist gerade hier so thätig, als wo anders, und Einige, die Reichthum erlangt, und nie mehr erlangen können, als was gerade vom Reichthum abhängt, stellen sich, als verachteten sie die, die in diesem besondern Stück nicht so glücklich sind, als sie. In ihrem Verlangen nach Vorrang wenden sie sich zu andern Staaten, – besonders nach Springhoch, das das Ideal aller Nationen und Völker ist, die eine Kaste dem Despotismus entgegen zu setzen wünschen, – und schreien gegen eben jene Masse, die doch der Grund ihres Glücks ist, indem sie hartnäckig eine wesentliche Neuerung in den gemeinen Rechten verweigern. Außerdem haben wir noch unsre politischen Doktrinärs.«

»Doktrinärs! Wollt Ihr den Ausdruck erklären?«

»Sir, die doktrinäre ist die politische Schule, die auf die Stärke gewisser Theorieen viel hält, welche nur aufgestellt worden, um eine Reihe zufälliger Thatsachen zu rechtfertigen; dies ist besonders in unserm Musterbild Springhoch der Fall. – Wir sind hier in einer besondern Lage; hier sind, der Regel nach, Thatsachen, politische und sociale, weit über alle Theorie, eben weil sie in ihrer Wirkung gänzlich frei gelassen sind, die letztere aber wird nothwendig durch Gewohnheit und Vorurtheil beschränkt. Im alten Land dagegen steht Theorie als Regel und als leitende und bessere Theorie weit über den Thatsachen, weil dort diese durch Gebrauch und persönliche Interessen beschränkt sind, die Theorie aber durch Studium und die Nothwendigkeit des Wechsels begünstigt wird.«

»Ich muß Euch sagen, Brigadier, ich finde Eure jetzigen Institutionen ein seltsames Resultat für Befolgung eines solchen Systems.«

»Sie sind Ursache mehr, als Folge. Ansichten sind im Ganzen überall voran, und auch hier mehr, als anderswo. Der Zufall hat die Gründung eines Gesellschaftsvertrags begünstigt, und als er ein Mal gegründet war, sind die Thatsachen schneller zu ihrer Vollendung geeilt, als daß der Monikin-Geist ihnen hätte folgen können. Dies ist der merkwürdige, aber wahre Zustand des ganzen Landes. In andern Monikin-Ländern seht Ihr die öffentliche Meinung nach eingewurzelten Gewohnheiten spüren und verzweifelte Anstrengungen machen, um sie aus ihrem Bett feststehender Interessen loszureißen; während Ihr hier die Thatsachen die öffentliche Meinung wie einen Schweif nach sich ziehen seht. Unsre rein socialen Nachahmungen und Thorheiten aber, da sie absurd sind, sind nothwendig auf eine kleine und immaterielle Klasse beschränkt; der doktrinäre Geist ist aber etwas viel Ernsthafteres. Der erschüttert das Vertrauen, macht oft unschuldig und unbewußt Neuerungen in den Rechten, und bewirkt, daß das Schiff des Staats dahin segelt, als sei es gestaucht in seinem Lauf.«

»Das ist in der That eine seltsame Lage für eine erleuchtete Monikin-Nation.«

»Freilich, die Menschen machen’s besser; aber von allem diesem werdet Ihr mehr im großen Rath erfahren. Ihr mögt es vielleicht für seltsam halten, daß bei uns die Thatsachen im Gegensatz gegen einen so mächtigen Feind, als die öffentliche Meinung, das Uebergewicht behaupten; aber Ihr müßt bedenken, daß eine große Mehrheit unsers Volks, wenn auch nicht gänzlich auf gleicher Höhe mit den Umständen, da sie rein praktisch ist, doch dieser Höhe näher kommt, als die sogenannten Doktrinärs. Die letzern sind mehr lästig und trügerisch, als obsiegend.«

»Zu Herrn Wriggle zurückzukommen, – ist seine Sekte zahlreich?«

»Seines Gleichen finden sich am meisten in den Städten; in Springniedrig fehlt es uns sehr an einer Hauptstadt, wo die Gebildeten und Wohlgesitteten sich versammeln können und, durch ihre Gewöhnung und ihren Geschmack über die gemeinen Gefühle und Beweggründe der weniger Aufgeklärten erhaben, eine gesundere, unabhängigere, angemessenere und männlichere öffentliche Meinung bilden mögten, als die ist, die jetzt das Land durchdringt. Wie’s jetzt steht, ist die wahre Elite dieser Gemeinde so zerstreut, daß sie von der Gesellschaft eher einen Eindruck empfängt, als ihn ihr gibt. Die Springniedriger Wriggles, wie Ihr eben bemerkt, sind selbstisch und anmaßend in Hinsicht ihrer persönlichen Anforderungen, reizbar, vertrauend auf die Verdienste eines besondern Vorzugs, der ihre Erfahrung einengt, und wüthend verfolgerisch gegen solche, die sie für weniger glücklich als sich halten.«

»Guter Gott, Brigadier! wie ist dies Alles auch so außerordentlich menschlich!«

»Wie, wirklich? Nun, so ist’s wenigstens mit uns Monikins; unsre Wriggles schämen sich gerade des Theils der Nation, worauf sie am meisten stolz sein sollten, nämlich der Masse, und sind stolz auf die, derer sie sich schämen sollten, nämlich ihrer selbst. Aber es wird sich genug Gelegenheit bieten, dies weiter zu untersuchen, und wir wollen jetzt zum Wirthshaus eilen.«

Da der Brigadier der Sache müde schien, schwieg ich und folgte ihm, so schnell ich konnte, aber mit offnen Augen, wie der Leser sich denken kann. Eine Besonderheit mußte ich nothwendig in dieser seltsamen Stadt bemerken, nämlich, daß alle Häuser mit einer farbigen Erde bedeckt waren, und daß man dann nach dieser Mühe einen Künstler genommen, um weiße Linien um jedes besondre Theilchen des Baues zu machen (deren Millionen waren). Dies gab dann den Wohnungen einen sehr angenehmen Anstrich des Einzelnen und verschaffte der Architektur im Allgemeinen eine Erhabenheit, die auf das Multiplikations-Täfelchen basirt war. Fügt man dazu das Schwarze der spanischen Reiter, das Weiße der Eingangsleitern und eine Art stehender Colliers gleich unter der Dachbrüstung von einer sehr auffallenden Farbe, so war der Effekt nicht unähnlich dem von einem Peloton Trommler in ihren Scharlach-Wämsern, Baumwollen-Schnüren und weißen Aufschlägen und Krägen. Was die Aehnlichkeit noch auffallender macht, ist, daß nicht zwei von demselben Peloton genau von einer Größe erscheinen, wie sehr häufig auch bei unsern Künstlern in Militär-Musik der Fall ist.