Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Nilghai war ärgerlich über Torpenhow. Dick war ins Bett geschickt worden – blinde Leute stehen immer unter den Befehlen von denjenigen, die sehen können – und hatte seit der Rückkehr aus dem Parke heftig über Torpenhow und die ganze Welt geflucht, weil er lebe und sehen könne, während er, Dick, im Tode des Blinden tot sei, der nur eine Last für seine Gefährten wäre. Torpenhow hatte etwas von einer Mrs. Gummidge gesagt, worauf Dick in größter Wut sich zurückgezogen, um drei uneröffnete Briefe von Maisie in den Händen hin und her zu drehen.

Nilghai, fett, dick und streitsüchtig, befand sich in Torpenhows Zimmern. Hinter ihm saß Keneu, der Große Kriegsadler, während zwischen ihnen eine große Karte lag, besteckt mit weiß- und schwarzköpfigen Nadeln.

»Ich hatte mich geirrt in Betreff des Balkans,« sagte Nilghai. »Aber in dieser Sache irre ich mich nicht. Unser ganzes Werk im südlichen Sudan muß noch einmal verrichtet werden. Das Publikum kümmert sich natürlich nicht darum, wohl aber die Regierung, die in aller Stille ihre Vorbereitungen trifft. Sie wissen das ebenso gut wie ich.«

»Ich entsinne mich, wie das Volk uns verwünschte, als unsere Truppen sich von Omdurman zurückzogen. Die Sache mußte früher oder später wieder aufgenommen werden. Ich kann aber nicht mitgehen,« sagte Torpenhow. Er deutete durch die offene Thür; es war sehr heiß an jenem Abende. »Können Sie mich deswegen tadeln?«

Keneu schnurrte, mit der Pfeife im Munde, wie ein großer, sich glücklich fühlender Kater.

»Ich tadle Sie nicht im mindesten. Es ist außerordentlich gütig von Ihnen, alles zusammengenommen, doch ein jeder – auch Sie, Torp – muß Rücksicht auf seine Arbeit nehmen. Ich weiß, daß es brutal klingt, doch Dick ist ausgeschlossen von der Rennbahn – herunter, erschöpft, es ist vorbei mit ihm für immer. Er besitzt etwas Geld und wird nicht verhungern; Sie können seinetwegen nicht Ihre Laufbahn aufgeben. Denken Sie an Ihren eigenen Ruf!«

»Dicks Ruf war fünfmal größer als der meinige und der Ihrige zusammengenommen.«

»Das kam davon, weil er seinen Namen unter jedes Ding setzte, das er gemacht. Jetzt ist das alles vorbei. Sie müssen sich bereit halten, fortzugehen. Sie können Ihre eigenen Preise stellen und liefern bessere Arbeit wie drei von uns.«

»Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wie verlockend die Sache für mich ist. Ich werde eine Zeit lang hier bleiben und nach Dick sehen. Er ist so lustig wie ein Bär mit einem wunden Kopfe, aber ich glaube, er hat mich gern in seiner Nähe.«

Nilghai sagte etwas Unhöfliches über schwachköpfige Thoren, die ihre Laufbahn wegen anderer Thoren aufgeben. Torpenhow errötete ärgerlich. Die unausgesetzte Anstrengung bei der Pflege von Dick hatte seine Nerven gereizt.

»Es bleibt noch ein dritter Ausweg,« sagte Keneu nachdenklich. »Ziehen Sie denselben in Betracht und seien Sie kein größerer Thor, als es notwendig ist. Dick ist – oder war vielmehr – ein tüchtig gebauter Mann von mäßiger Anziehung und mit einer gewissen Kühnheit.«

»Oho!« bemerkte Nilghai, der sich an einen Vorfall in Kairo erinnerte. »Ich fange an zu sehen – Torp, es thut mir leid.«

Torpenhow nickte verzeihend. »Es that Ihnen noch mehr leid, als er Sie ausstach. Doch, fahren Sie fort, Keneu.«

»Ich habe oft gedacht, wenn ich Männer draußen in der Wüste sterben sah, daß, wenn die Nachrichten rascher verbreitet werden könnten und die Transportmittel schneller bei der Hand wären, sich mindestens eine Frau am Bette eines jeden Mannes befinden würde.«

»Da würde es manche höchst seltsame Offenbarungen geben. Lasset uns dankbar sein für die Dinge, wie sie sind,« bemerkte Nilghai. »Lasset uns lieber überlegen, ob Torpenhows unbeholfene Dienste genau das sind, was Dick gerade jetzt nötig hat. Wie denken Sie selbst darüber, Torp?«

»Ich weiß, daß sie es nicht sind. Aber was kann ich thun?«

»Die Sache uns als Gerichtshof vorlegen. Wir alle hier sind Dicks Freunde. Sie wissen am meisten aus seinem Leben.«

»Aber ich erfuhr es, als er nicht bei Besinnung war.«

»Um so mehr ist anzunehmen, daß es wahr ist. Ich glaubte, wir würden zum Ziele gelangen. Wer ist sie?«

Darauf berichtete Torpenhow als ein erfahrener Spezialkorrespondent in klaren Worten, was er wußte. Die beiden Männer hörten zu, ohne ihn zu unterbrechen.

»Ist es möglich, daß ein Mann nach Jahren wieder zu seiner Knabenliebe zurückkehren kann?« bemerkte Keneu. »Ist es wirklich möglich?«

»Ich berichte die Thatsachen. Er spricht jetzt gar nicht darüber, aber er sitzt da und zerdrückt drei Briefe von ihr in den Händen, wenn er denkt, daß ich nicht hinsehe. Was soll ich dabei thun?«

»Reden Sie mit ihm?« sagte Nilghai.

»O ja! An sie schreiben – ich weiß nicht einmal ihre genaue Adresse, bedenken Sie – und sie auffordern, ihn aus Mitleid bei sich aufzunehmen. Ich glaube, Nilghai, Sie sagten einmal zu Dick, er thäte Ihnen leid. Erinnern Sie sich noch, was da geschah, wie? Gehen Sie doch ins Schlafzimmer und schlagen Sie ihm ein volles Geständnis vor, sowie eine Berufung an diese Maisie, wer sie auch sein möge. Ich glaube ganz bestimmt, daß er versuchen würde, Sie zu töten; und die Blindheit hat ihn noch kräftiger gemacht.«

»Torpenhows Kurs liegt vollständig klar da,« sagte Keneu. »Er wird nach Vitry-sur-Marne gehen, das an der Bezières-Landes-Bahn liegt, einer einfachen Zweigbahn von Tourgus. Die Preußen schossen es 1870 in Brand, weil eine Pappel auf dem Gipfel eines Hügels stand, achtzehnhundert Ellen vom Kirchturm entfernt. Es liegt eine Eskadron Kavallerie dort in Garnison. Wo dieses Atelier sich befindet, von dem Torp gesprochen, kann ich nicht sagen; das ist Torps Sache. Ich habe ihm seinen Weg vorgezeichnet. Er wird dem Mädchen ohne alle Uebertreibung die Lage auseinandersetzen und dasselbe wird darauf zu Dick zurückkehren, um so mehr, da, um Dicks Worte zu gebrauchen, ›nichts als ihr verdammter Eigensinn sie von einander entfernt hält.‹«

»Dann haben sie zusammen auch vierhundertundzwanzig Pfund jährlich. Dick verlor – selbst nicht in seinem Delirium – nie den Kopf vor Gesichtern. Sie haben nicht die geringste Entschuldigung, nicht gehen zu können,« sagte Nilghai.

Torpenhow sah sehr unbehaglich aus. »Aber es ist thöricht und unmöglich. Ich kann sie doch nicht bei den Haaren zurückschleppen.«

»Unser Geschäft – das Geschäft, für welches wir unser Geld beziehen – ist ja, thörichte und unmögliche Dinge auszuführen, im allgemeinen ohne irgend einen andern Grund, als um das Publikum zu unterhalten. Hier haben wir einen Grund; das übrige thut nichts zur Sache. Ich will in dieser Wohnung mit Nilghai bleiben, bis Torpenhow zurückkehrt. Binnen kurzem wird eine ganze Schar von Spezialkorrespondenten aller Art nach London kommen, und dies hier kann als ihr Hauptquartier dienen. Ein zweiter Grund, Torpenhow fortzuschicken. Also, die Vorsehung hilft denen, die anderen helfen, und« – hier ließ Keneu seine Stimme sinken – »wir können nicht zugeben, daß Sie, wenn der Feldzug beginnt, mit einem Bein an Dick festgebunden sind. Es ist die einzige Möglichkeit für Sie, fortzukommen, und Dick wird Ihnen dankbar dafür sein.«

»Gewiß wird er das – um so schlimmer! Ich kann nur Hinreisen und es versuchen. Ich kann nicht begreifen, wie eine Frau bei gesundem Verstände Dick abweist.«

»Sprechen Sie darüber mit dem Mädchen. Ich habe gesehen, wie Sie ein böses Mahdiweib durch Schmeicheln dahin brachten, daß es Ihnen Datteln gab. Diese Sache hier wird nicht den zehnten Teil so schwierig sein. Es wäre besser, Sie würden morgen nachmittag nicht mehr hier sein, weil Nilghai und ich dann von diesen Zimmern Besitz ergreifen wollen. Es ist ein Befehl. Gehorchen Sie!«

»Dick,« sagte Torpenhow am folgenden Morgen, »kann ich irgend etwas für Sie thun?«

»Nein! Lassen Sie mich allein! Wie oft muß ich Sie daran erinnern, daß ich blind bin?«

»Könnte ich nirgends wohin gehen, um Ihnen etwas zu holen oder zu besorgen?«

»Nein. Ziehen Sie diese höllisch knarrenden Stiefel aus!«

»Armer Bursch!« sagte Torpenhow vor sich hin. »Wie sehr muß ich in letzter Zeit seine Nerven gereizt haben! Er bedarf eines leichteren Trittes.« Darauf fügte er laut hinzu: »Nun gut! Da Sie so unabhängig sind, will ich auf vier bis fünf Tage fortgehen. Sagen Sie mir doch wenigstens Adieu. Der Hausmeister wird nach Ihnen sehen und Keneu wohnt in meinen Zimmern.«

Dicks Gesicht verfinsterte sich. »Sie werden nicht länger als eine Woche fortbleiben? Ich weiß, daß ich in schlechter Stimmung mich befinde, doch ich kann ohne Sie nicht zurecht kommen.«

»Wirklich nicht? Sie werden binnen kurzem ohne mich fertig werden und froh sein, daß ich fortgegangen bin.«

Dick fühlte sich nach dem großen Armstuhle hin und wunderte sich, was diese Worte bedeuten könnten. Er wünschte nicht, von dem Hausmeister gepflegt zu werden, wahrend er Torpenhows ausdauernde Fürsorge noch in sich fühlte. Er wußte nicht genau, was ihm mangelte. Die Dunkelheit wollte nicht weichen und Maisies uneröffnete Briefe wurden von dem fortwährenden Hinundherwenden mürbe. So lange er lebte, würde er dieselben niemals lesen können; doch hätte ihm Maisie einige frische Briefe schicken können, um damit zu spielen. Nilghai trat mit einem Geschenk ein – einem Stück roten Modellirwachses. Er glaubte, Dick würde Interesse darin finden, seine Hände damit zu beschäftigen. Dick betastete und beklopfte den Stoff einige Minuten lang und sagte dann traurig: »Gleicht es irgend einem Dinge auf der Welt? Nehmen Sie es fort! Ich kann das feine Gefühl der Blinden vielleicht in fünfzig Jahren erlangen. Wissen Sie, wohin Torpenhow gegangen ist?«

Nilghai wußte nichts. »Wir bleiben in seinen Zimmern, bis er zurückkommt. Können wir irgend etwas für Sie thun?«

»Ich möchte am liebsten allein gelassen werden. Halten Sie mich nicht für undankbar, aber es ist mir am angenehmsten, wenn ich allein bin.«

Nilghai lächelte, während Dick sein träges Hinbrüten und seine plötzliche Auflehnung gegen das Schicksal wieder aufnahm. Seit längerer Zeit hatte er aufgehört, an die Arbeit zu denken, die er in früheren Tagen ausgeführt; auch der Wunsch, weiter zu schaffen, hatte ihn verlassen. Er war außerordentlich traurig über sein Los, während die Größe seines Herzenskummers dasselbe etwas milderte. Aber seine Seele wie sein Leib schrieen nach Maisie – Maisie, die ihn verstehen könne. Sein Verstand sagte ihm, daß Maisie, die ihre eigene Arbeit zu verrichten habe, sich nicht um ihn sorgen könne. Seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß, wenn die Geldmittel erschöpft waren, die Frauen fortgingen, und daß, wenn ein Mann aus der Bahn gestoßen worden, die übrigen auf ihn traten.

»Sie könnte mich dann wenigstens verwenden, wie ich Binat verwendete – als eine Art von Studie,« sagte sich Dick. »Ich wollte gar nicht mehr verlangen, als wieder in ihrer Nähe zu sein, selbst wenn ich wüßte, daß ein anderer Mann ihr Liebhaber wäre. Ach, was bin ich doch für ein Hund!«

Eine Stimme auf der Treppe begann fröhlich zu singen, während das Geräusch von Fußtritten ertönte, Torpenhows Thür zugeworfen wurde und Stimmen in eifrigem Gespräch sich hören ließen. Eine derselben rief: »Sehen Sie, meine wackeren Leutchen, ich habe eine neue Wasserflasche erfunden – Patent erster Klasse – wie, was sagen Sie? Sie öffnet sich selbst von innen.«

Dick sprang auf; er kannte diese Stimme ganz genau. »Das ist Cassavetti, der vom Festlande zurückgekehrt ist. Jetzt weiß ich, weshalb Torp fortgegangen ist. Es gibt irgendwo einen neuen Feldzug und – ich kann nicht mit.«

Nilghai befahl vergebens Schweigen.

»Das geschieht meinetwegen,« sagte Dick bitter. »Die Vögel sind bereit, auszufliegen, und wollen es mir nicht sagen. Ich kann Morton Sutherland und Mackay hören. Die Hälfte der Kriegskorrespondenten in London ist dort – und ich kann nicht mit.«

Er stolperte über den Flur und fiel fast in Torpenhows Zimmer. Er fühlte, daß dasselbe voll Leute war. »Wo ist der Krieg?« fragte er. »Endlich in den Balkanländern? Weshalb hat keiner von euch es mir gesagt?«

»Wir dachten, es würde Sie nicht interessiren,« antwortete Nilghai, der sich etwas schämte. »Im Sudan wird er sein wie gewöhnlich.«

»Ihr glücklichen Kerle! Laßt mich hier sitzen, während ihr plaudert. Ich werde kein Skelet beim Feste sein. – Cassavetti, wo sind Sie? Ihr Englisch ist noch ebenso schlecht wie früher.«

Man führte Dick zu einem Sessel. Er hörte das Rascheln der Karten, während das Gespräch weiter ging und ihn mit fortriß. Alle sprachen zugleich über die Zensur der Presse, Eisenbahnlinien, Transporte, Wasserversorgung, die Fähigkeiten der Generale – letzteres in Ausdrücken, die ein vertrauensvolles Publikum entsetzt haben würden – prahlend, streitend und lachend, so laut sie konnten. Jeden Augenblick erklang die glorreiche Gewißheit eines Krieges im Sudan. Nilghai sagte es, und es wäre wohl gut, sich bereit zu halten. Keneu hatte bereits nach Kairo telegraphirt, um Pferde zu bestellen; Cassavetti hatte ein ganz ungenaues Verzeichnis derjenigen Truppen gestohlen, die zu dem Feldzuge bestimmt waren, und las dasselbe unter allerlei Unterbrechungen vor, während Keneu Dick einen unbekannten Herrn vorstellte, der als Kriegsmaler von dem Central Southern Syndikate verwendet werden sollte. »Es ist sein erster Feldzug,« bemerkte Keneu. »Geben Sie ihm einige Winke über das Reiten auf Kamelen.« »O, diese Kamele!« stöhnte Cassavetti. »Ich werde wieder lernen müssen, dieselben zu reiten, und bin jetzt doch so zart und weich geworden! Hört, ihr wackeren Burschen! Ich kenne eure militärischen Vorbereitungen sehr gut. Die Royal Argalshire Sutherländer werden ebenfalls dort sein. Ich habe es aus der besten Quelle.«

Ein Ausbruch von Gelächter unterbrach ihn. »Setzen Sie sich hin,« rief Nilghai. »Die Listen sind noch nicht festgestellt im Kriegsdepartement.«

»Wird in Suakim ein Truppencorps sich befinden?« rief eine Stimme.

Ein allgemeines Stimmengewirr erhob sich darauf: »Wie viel ägyptische Truppen wird man verwenden? – Gott stehe den Fellahs bei! – In den Plumsteadsümpfen gibt es eine Eisenbahn, die ihren Dienst thut wie ein Uhrwerk! – Endlich wird auch die Linie Suakim-Berber gebaut werden, – Kanadische Reisende sind zu vorsichtig. Gebt mir einen halb betrunkenen Krumann in einem Walfischboot! – Wer kommandirt die Wüstenkolonne? – Nein, man sprengte niemals den großen Felsen in der Krümmung bei Ghineh. Wir werden wie gewöhnlich hinauf bugsirt werden. – Einer von euch sage mir, ob ein indisches Kontingent dort sein wird, oder ich will jedermann den Kopf einschlagen. – Reißen Sie die Karte nicht entzwei. – Es ist ein Occupationskrieg, sage ich Ihnen, um mit den afrikanischen Gesellschaften im Süden in Verbindung zu kommen. – In den meisten Brunnen und Quellen auf jener Route kommt der Guineawurm vor.« Darauf heulte Nilghai, der verzweifelte, die Ruhe herzustellen, wie ein Nebelhorn und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch.

»Aber was wird aus Torpenhow?« fragte Dick, als es endlich still geworden.

»Torp ist gerade jetzt noch unentschieden. Er ist irgendwo mit einer Liebelei beschäftigt, vermute ich,« erwiderte Nilghai.

»Er sagte, er wolle zu Hause bleiben,« sagte Keneu.

»So?« rief Dick mit einem Fluche aus. »Er wird es nicht thun. Ich bin jetzt nicht viel wert, aber wenn Sie und Nilghai ihn zurückhalten wollen, so werde ich ihn so lange bearbeiten mit Händen und Füßen, bis er Vernunft annimmt. Er zurückbleiben, in der That! Er ist der beste von euch allen. Bei Omdurman wird es ein hartnäckiges Stück Arbeit geben. Wir werden diesesmal dort bleiben. Doch ich vergaß. Ich wollte, ich könnte mit euch gehen.«

»Das wünschen wir alle, Dickie,« sagte Keneu.

»Und ich am meisten von allen,« bemerkte der neu engagirte Künstler des Central Southern Syndikates. »Könnten Sie mir sagen –«

»Ich will Ihnen einen guten Rat geben,« erwiderte Dick, während er nach der Thüre zu ging. »Wenn es Ihnen passirt, bei einem Scharmützel, einen Hieb über den Kopf zu erhalten, so pariren Sie ihn nicht, sondern sagen Sie dem Manne, er solle nur weiter hauen. Sie werden finden, daß es schließlich am billigsten ist. Danke, daß Sie mich hereingeführt haben.«

»Dieser Dick hat Verstand,« sagte Nilghai eine Stunde später, als alle, mit Ausnahme von Keneu, ihn verlassen hatten.

»Es war der heilige Ruf der Kriegstrompete. Bemerkten Sie, wie er denselben erwiderte? Armer Kerl! Wir wollen nach ihm sehen,« sagte Keneu.

Die Aufregung infolge des Gespräches war verschwunden. Dick saß am Tische im Atelier, mit dem Kopf auf den Armen, als die beiden Freunde eintraten. Er veränderte seine Stellung nicht.

»Es thut weh,« stöhnte er. »Gott verzeihe mir, aber es thut grausam weh; und doch hat die Welt ein Geschick, alles durch sich selbst herumzuwirbeln, wie ihr wißt. Werde ich Torp noch sehen, bevor er fortgeht?«

»O, gewiß werden Sie ihn sehen,« entgegnete Nilghai.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

»Was, denkst Du, wird sie mit uns anfangen, wenn sie uns erwischt? Wir durften ihn nicht kaufen, wie Du weißt,« sagte Maisie.

»Mich durchprügeln und Dich in Dein Schlafzimmer einsperren,« erwiderte Dick, ohne sich zu besinnen. »Hast Du auch die Patronen mitgenommen?«

»Ja, sie stecken in meiner Tasche, aber sie werden schrecklich zusammengerüttelt. Gehen Zündnadelpatronen nicht von selbst los?«

»Das weiß ich nicht. Nimm Du den Revolver, wenn Du dich fürchtest, und laß mich sie tragen.«

»Ich fürchte mich gar nicht!« Maisie schritt rasch weiter, mit einer Hand in der Tasche und kühn erhobenem Gesichte, Dick folgte ihr mit einem kleinen Zündnadelrevolver.

Die Kinder waren zu der Ueberzeugung gelangt, daß ihr Leben unerträglich sein würde, wenn sie nicht im Pistolenschießen sich üben könnten. Nach vielem Ueberlegen und mit großer Selbstverleugnung hatte Dick sieben Shilling und einen Sixpence erspart, den Preis eines schlecht konstruirten belgischen Revolvers. Maisie konnte nur eine halbe Krone in die gemeinschaftliche Kasse, zum Ankauf von hundert Patronen, beisteuern. »Du kannst besser sparen als ich, Dick,« hatte sie diesem erklärt, »ich esse sehr gern etwas Gutes, und Du machst Dir nichts daraus. Außerdem müssen Jungens mit Revolvern schießen.«

Dick murrte zwar etwas über diese Anordnung, doch fügte er sich, ging fort und besorgte den Einkauf der Sachen, welche die Kinder jetzt probiren wollten. Revolver waren keineswegs einbegriffen in dem Plane ihres täglichen Lebens, wie er von ihrer Behüterin, die in nicht ganz korrekter Weise bei den beiden Kindern Mutterstelle vertrat, festgestellt worden. Dick befand sich seit sechs Jahren unter ihrer Obhut; Mrs. Jennet war während dieser ganzen Zeit eifrig bemüht gewesen, möglichst viel Vorteil aus dem Zuschusse zum Kostgelde der ihr zur Anschaffung von Kleidungsstücken für ihre Pfleglinge bewilligt worden war, für sich herauszuschlagen. Sie war eine Witwe in reiferen Jahren, mit dem lebhaften Wunsche, sich wieder zu verheiraten, und hatte, teils aus Gedankenlosigkeit, teils aus angeborener Sucht, andere zu quälen, auf die jungen Schultern von Dick Lasten gelegt, die schwer genug zu tragen waren. Wo er sich nach Liebe gesehnt, gab sie ihm erst Widerwillen und dann Haß. Wo er, als er herangewachsen, ein wenig Teilnahme und Sympathie gesucht, hatte sie ihn lächerlich gemacht. Die zahlreichen Stunden, welche sie nach der Besorgung ihrer kleinen Haushaltung übrig hatte, verwandte sie dazu, Dick Heldar eine häusliche Erziehung zu geben, wie sie es nannte. Ihre Religion, ein Produkt ihres eigene« Verstandes und eines eifrigen Studiums der heiligen Schrift und frommer Bücher, kam ihr bei dieser Arbeit vortrefflich zu statten. In Zeiten, wenn sie persönlich nicht unzufrieden mit dem Betragen von Dick war, gab sie ihm zu verstehen, daß er eine schwere Abrechnung mit seinem Schöpfer auszugleichen habe; die Folge davon war, daß Dick lernte, seinen Gott ebenso aufrichtig zu verabscheuen, wie er bereits Mrs. Jennet verabscheute, ein Gemütszustand, der keineswegs ein heilsamer für die Jugend ist. Seitdem es ihr beliebte, ihn als einen hoffnungslosen Lügner zu betrachten, als die Androhung von Strafe und Schmerz ihn zu seiner ersten Unwahrheit getrieben, entwickelte er sich natürlich zu einem Lügner, doch zu einem mäßigen und sich selbst beherrschenden, der niemals die geringste unnötige Unwahrheit aussprach und nie vor der schwärzesten sich scheute, wenn es ihm klar war, daß dieselbe sein Leben einigermaßen erträglicher machen könnte. Diese Behandlung lehrte ihn schließlich die Kunst, allein zu leben, eine Erwerbung, die ihm von großem Nutzen war, als er in eine öffentliche Schule kam und die anderen Knaben seiner Kleider wegen, die ärmlich und vielfach ausgebessert waren, über ihn lachten. An den Feiertagen kehrte er zu den Lehren der Mrs. Jennet zurück und wurde, damit die Kette der Disziplin nicht durch die Gemeinschaft mit der Welt gelockert würde, meistens durchgeprügelt für daß eine oder das andere Vergehen, bevor er sich noch zwölf Stunden unter ihrem Dache befand. Im Herbste eines Jahres erhielt er eine Gefährtin in der Knechtschaft, ein langhaariges, grauäugiges, kleines Wesen, ebenso zurückhaltend wie er selbst, das sich schweigend im Hause bewegte und während der ersten Wochen nur mit ihrer Ziege sprach, ihrer teuersten Freundin auf Erden, die in einem Garten hinter dem Hanse lebte. Mrs. Jennet widersetzte sich dem Verkehre mit der Ziege aus dem Grunde, weil dieselbe unchristlich sei, – was sie sicherlich auch war. »Dann,« sagte das kleine Wesen, »dann werde ich an meinen Vormund schreiben und ihm mitteilen, daß Sie eine sehr böse Frau sind. Amomma ist mein, mein, mein!« Mrs. Jennet machte eine Bewegung nach dem Hausflur zu, wo in einem Ständer mehrere Sonnenschirme und Stücke sich befanden. Das kleine Wesen begriff ebenso gut wie Dick, was das bedeutete. »Ich bin früher geschlagen worden,« sagte sie mit ebenso leidenschaftloser Stimme wie vorher; »ich bin viel schlimmer geprügelt worden, wie Sie mich jemals prügeln können. Wenn Sie mich schlagen, so schreibe ich meinem Vormunde, daß Sie mir nicht genug zu essen geben. Ich fürchte mich gar nicht vor Ihnen.« Mrs. Jennet ging nicht in den Hausflur, und das kleine Wesen begab sich nach einer Pause hinaus, um sich zu versichern, daß alle Kriegsgefahr vorüber sei, und weinte bitterlich an Amommas Halse.

Dick lernte sie als Maisie kennen und mißtraute ihr anfänglich sehr, da er befürchtete, daß sie sich in die geringe Freiheit, die ihm geblieben, einmengen würde. Sie that es indes nicht und zeigte nicht eher Freundschaft ihm gegenüber, als bis Dick die ersten Schritte gethan. Lange bevor die Feiertage zu Ende waren, hatte der Druck der gemeinschaftlich geteilten Strafen die Kinder einander genähert, wenn es auch nur geschehen war, um bei den für Mrs. Jennet vorbereiteten Lügen sich gegenseitig zu unterstützen. Als Dick in die Schule zurückkehrte, lispelte Maisie: »Nun werde ich ganz allein sein, um mich selbst zu behüten; aber ich kann es ganz gut thun,« fügte sie hinzu, tapfer mit dem Kopfe nickend. »Du versprachst mir, für Amomma ein Grashalsband zu schicken; thue es bald,« Eine Woche später forderte sie ihn auf, das Halsband umgehend mit der Post zu schicken, und war sehr unzufrieden, als sie erfuhr, daß es viel Zeit erfordere, dasselbe anzufertigen. Als dann schließlich Dick sein Geschenk absandte, vergaß sie, ihm dafür zu danken.

Manche Feiertage waren seit jener Zeit gekommen und vorübergegangen; Dick war inzwischen zu einem schmächtigen Burschen herangewachsen, mehr als je sich seiner schlechten Kleider bewußt. Mrs. Jennet Hatte keinen Augenblick in ihrer zärtlichen Sorge für ihn nachgelassen, doch die kräftigen Prügel in einer öffentlichen Schule – Dick wurde ungefähr dreimal im Monate mit Stockschlägen bestraft – erfüllten ihn mit Verachtung ihrer Gewalt und ihrer Kraft. »Sie thut mir nicht weh,« erklärte er Maisie, die ihn zum Widerstande aufreizte, »und sie ist freundlicher gegen Dich, wenn sie mich ordentlich durchgewalkt hat.« Dick lebte dahin, schlecht gehalten, was den Körper anbelangte, und wild von Gemütsart, wie die kleineren Knaben in der Schule bald erfuhren; denn wenn der Geist über ihn kam, prügelte er sie weidlich durch, mit Geschick und Gründlichkeit. Derselbe Geist veranlaßte ihn mehr als einmal, zu versuchen, Maisie zu quälen, doch das Mädchen weigerte sich, noch unglücklicher zu werden. »Wir sind beide elend genug so, wie es jetzt ist,« sagte sie; »was hat es für einen Zweck, zu versuchen, die Dinge noch schlimmer zu machen? Laß uns etwas ausfinden, was uns Vergnügen macht, und das Böse vergessen.«

Der Revolver war das Ergebnis dieses Suchens. Derselbe konnte nur auf dem schlammigsten, äußersten Strande der Bucht benützt werden, weit entlegen von Bade-Einrichtungen und den Spitzen der Molen, unterhalb der mit Gras bewachsenen Böschungen des Forts Keeling. Die Ebbe lief beinahe zwei Meilen vom Strande hinaus, wobei die mannigfach gefärbten Schlammbänke unter den Strahlen der Sonne einen widerlichen Geruch von verfaultem Kraut aushauchten. Es war ziemlich spät nachmittags, als Dick und Maisie ihr Terrain mit Amomma, die geduldig hinter ihnen hertrabte, erreichten.

»Muff!« rief Maisie aus, die Luft einziehend. »Ich möchte wissen, was die See so stinken macht. Ich liebe das gar nicht.«

»Du liebst überhaupt nie etwas, das nicht gerade für Dich gemacht worden ist,« bemerkte Dick grob. »Gib mir die Patronen, ich will den ersten Schuß versuchen. Wie weit mag wohl einer von diesen kleinen Revolvern tragen!«

»O, eine halbe Meile!« sagte Maisie schnell. »Wenigstens macht er einen schrecklichen Lärm. Sei vorsichtig mit den Patronen; ich mag diese am Rande befestigten, eingekerbten Dinger nicht leiden. Dick, sei vorsichtig!«

» All right! Ich weiß, wie man laden muß. Ich will nach dem Wellenbrecher da draußen schießen.«

Er feuerte, und Ammoma lief meckernd davon. Die Kugel warf einen Strahl von Schlamm auf, rechts von den mit Seegras bewachsenen Pfeilern.

»Halte hoch und nach rechts. Du schießest jetzt, Maisie. Denke daran, daß er vollständig geladen ist.«

Maisie ergriff den Revolver und schritt vorsichtig bis an den Rand des Schlammes vor, mit der Hand fest den Kolben umfassend, den Mund und das linke Auge aufgesperrt. Dick setzte sich auf einen Büschel am Strande und lachte. Amomma kehrte sehr behutsam zurück. Sie war an seltsame Erfahrungen während dieser Nachmittagsspaziergänge gewöhnt und stellte, da sie die Schachtel mit den Patronen unbewacht fand, mit ihrer Nase einige Untersuchungen an. Maisie schoß, konnte indes nicht sehen, wohin die Kugel geflogen war.

»Ich denke, sie traf den Pfosten,« sagte sie, ihre Augen beschattend und über die See blickend, auf der kein einziges Segel wahrzunehmen war.

»Ich weiß, sie ist hinausgeflogen nach der Marazion-Glockenboje,« bemerkte Dick kichernd. »Schieße niedrig und nach links, dann wirst Du vielleicht die Boje treffen. – O, sieh doch die Amomma! Sie frißt die Patronen auf!«

Maisie drehte sich um, den Revolver in der Hand, gerade in dem Augenblicke, als Amomma vor den Kieseln davonsprang, die Dick hinter ihr her warf. Nichts ist heilig für eine lüsterne Ziege. Obschon wohl genährt und der Liebling ihrer Herrin, hatte Amomma natürlich zwei gefüllte Zündnadelpatronen hinuntergeschluckt. Maisie eilte herbei, um sich selbst zu überzeugen, ob Dick sich auch nicht verzählt habe.

»Ja wohl, sie hat zwei Stück aufgefressen!«

»Abscheuliches kleines Tier! Nun werden sie in ihrem Bauche durch einander gerüttelt werden und losgehen, was ihr ganz recht ist … O, Dick, habe ich Dich totgeschossen?«

Revolver sind gefährliche Dinge in jungen Händen. Maisie konnte sich nicht erklären, wie es geschehen, doch ein Schleier von Rauch trennte sie plötzlich von Dick und sie war fest überzeugt, daß der Revolver ihm gerade ins Gesicht losgegangen sei. Dann hörte sie ihn schnaufen und, an seiner Seite in die Kniee sinkend, rief sie weinend aus: »Dick, Du bist nicht getroffen, nicht wahr? Ich wollte es nicht absichtlich thun.«

»Natürlich thatest Du es nicht absichtlich,« sagte Dick, aus dem Rauche hervortretend und seine Wange abwischend. »Aber Du hast mich beinah blind gemacht. Das schmierige Pulver sticht schrecklich!«

Ein schmaler kleiner Spritzer von grauem Blei auf einem Steine zeigte, wohin die Kugel geflogen war. Maisie begann zu jammern.

»Weine nicht,« sagte Dick, auf seine Füße springend und sich schüttelnd. »Ich bin nicht ein bißchen verletzt.«

»Nein, aber ich hätte Dich totschießen können,« protestirte Maisie, deren Mundwinkel herabhingen. »Was hätte ich dann nur angefangen?«

»Nach Hause gehen und es Mrs. Jennet erzählen.« Dick grinste bei diesem Gedanken; dann sagte er, sie beruhigend: »Bitte, ängstige Dich nicht deswegen. Außerdem verlieren wir unnötig Zeit. Wir müssen zum Thee wieder zu Hause sein. Ich werde nun den Revolver nehmen.«

Maisie würde bei der geringsten Veranlassung jetzt geweint haben, doch die Gleichgiltigkeit von Dick, obschon seine Hand etwas zitterte, als er den Revolver aufhob, hielt sie davon zurück. Sie lag schluchzend auf dem Strande, während Dick methodisch den Wellenbrecher bombardirte. »Doch noch zuletzt getroffen!« rief er aus, als ein Büschel Seegras von dem Holze fortflog.

»Laß es mich auch versuchen,« sagte Maisie gebieterisch. »Mir ist jetzt wieder ganz wohl.«

Sie schossen abwechselnd bis der gebrechliche kleine, Revolver beinahe selbst in Stücke ging, während Amomma, die Verstoßene – weil sie in jedem Augenblick hätte auffliegen können – im Hintergrunde weidete und sich wunderte, weshalb Steine nach ihr geworfen wurden. Darauf fanden sie einen Balken von Zimmerholz in einer Pfütze unterhalb der seewärts gekehrten Böschung des Fort Keeling und setzten sich vor dieser neuen Scheibe nieder.

»In den nächsten Feiertagen,« sagte Dick, als der nun vollständig verdorbene Revolver gewaltig in seiner Hand stieß, »werden wir einen andern Revolver haben – einen mit Zentralfeuer – der wird weiter tragen.«

»Für mich wird es keine nächsten Feiertage geben,« erwiderte Maisie. »Ich gehe fort.«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht. Mein Vormund hat an Mrs. Jennet geschrieben, daß ich irgendwo erzogen werden soll – vielleicht in Frankreich – ich weiß nicht, wo; doch ich werde froh sein, von hier fortzukommen.«

»Ich bin nicht ein bißchen froh. Ich vermute, daß ich hier bleiben muß. Höre, Maisie, ist es wirklich wahr, daß Du fortgehst? Dann werden diese Feiertage Wohl die letzten sein, an denen ich etwas von Dir zu sehen bekomme; ich muß in der nächsten Woche wieder nach der Schule zurückkehren. Ich wünschte …«

Das junge Blut färbte seine Wangen scharlachrot. Maisie rupfte Grasbüschel aus und warf sie die Böschung hinunter nach einem gelben Seemohn, der einsam und allein dastand und zu den unbegrenzten Flächen des Schlammes und der milchweißen See hinabnickte.

»Ich wünschte,« sagte sie nach einer kurzen Pause, »ich könnte Dich zuweilen wiedersehen. Du wünschest das auch, nicht wahr?«

»Ja, doch es wäre besser gewesen, wenn … wenn Du dort unten geradezu geschossen hättest, da unten bei dem Wellenbrecher.«

Maisie blickte einen Augenblick mit weitgeöffneten Augen vor sich hin. Das war der Knabe, welcher erst vor zehn Tagen Amommas Hörner mit Krausen von ausgeschnittenem Papier verziert, mit einem großen Barte geschmückt und so auf den öffentlichen Weg hinausgeführt hatte! Sie schlug ihre Augen nieder; das war nicht derselbe Knabe.

»Sei nicht einsaitig,« sagte sie vorwurfsvoll und griff mit raschem Instinkte seine schwache Seite an. »Wie selbstsüchtig Du bist! Denke doch nur, was ich empfunden hätte, wenn das schreckliche Ding Dich getötet hätte! Ich bin deswegen schon unglücklich genug.«

»Weshalb? Weil Du von Mrs. Jennet fortgehst?«

»Nein.«

»Von mir also?«

Es erfolgte lange Zeit keine Antwort. Dick wagte es nicht, sie anzublicken. Er fühlte, obschon er sich dessen nicht bewußt war, was die letzten vier Jahre für ihn gewesen, und zwar um so mehr, als er nicht wußte, wie er seine Gefühle in Worten ausdrücken sollte.

»Ich weiß es nicht,« sagte sie endlich. »Ich vermute, es ist so.«

»Maisie, Du mußt es wissen. Ich vermute es nicht.«

»Laß uns nach Hause gehen,« sagte Maisie wehmütig.

Dick war jedoch nicht in der Stimmung, nachzugeben.

»Ich kann die Dinge nicht so sagen,« fuhr er fort, »und bin schrecklich betrübt darüber, daß ich Dich neulich so wegen Amomma geplagt habe. Jetzt ist alles ganz anders, Maisie; kannst Du das nicht sehen? Auch hättest Du mir wohl sagen können, daß Du fortgehst, anstatt es mich herausfinden zu lassen.«

»Du hast es nicht herausgefunden, ich habe es Dir gesagt. O Dick, was hat es für einen Nutzen, sich zu betrüben?«

»Gar keinen; aber wir sind doch Jahre und Jahre bei einander gewesen, und ich wußte gar nicht, wie sehr ich mich um Dich sorgte, wie gern ich Dich hatte.«

»Ich glaube nicht, daß Du jemals etwas gern gehabt hast.«

»Nein, ich that es nicht; doch ich thue es jetzt – ich habe Dich schrecklich gerne, Maisie,« sagte er schluckend, »Maisie, Liebling, sage, daß Du mich auch gern hast, bitte.«

»Ich habe Dich gern, wirklich, es ist so; es wird jedoch gar keinen Zweck haben.«

»Weshalb?«

»Weil ich fortgehe.«

»Ja, doch wenn Du mir etwas versprichst, bevor Du gehst. Sage es doch nur – willst Du?« Ein zweites »Liebling« kam auf seine Lippen, leichter als das erstemal. In Dicks häuslichem Leben oder in der Schule hatte er nur sehr wenig Zärtlichkeit erfahren; er fand sie aus Instinkt. Dick erfaßte die kleine Hand, welche von dem Rauche des Revolvers geschwärzt war.

»Ich verspreche es,« sagte sie feierlich, »doch wenn ich Dich gern habe, so bedarf es erst gar keines Versprechens.«

»Und Du hast mich gern?« Zum erstenmal während der letzten Minuten begegneten sich ihre Augen und sprachen für sie, die kein Geschick zum Sprechen hatten…

»O Dick, thu es nicht! Bitte, thu es nicht! Es war alles recht, wenn wir uns guten Morgen sagten; doch nun ist es ganz anders!« Amomma sah von weitem herüber. Sie hatte schon häufig über ihren Besitz streiten, doch noch niemals zuvor Küsse austauschen sehen. Der gelbe Seemohn war weiser und nickte beifällig mit dem Kopfe. Als Kuß betrachtet war es ein Mißlingen, doch, da es der erste war, ein ganz anderer als die von der Pflicht erheischten, der erste, den jeder von den beiden jemals gegeben oder empfangen hatte, so erschloß ihnen derselbe neue Welten, so köstliche, daß sie jeder Betrachtung irgend einer Welt überhaupt entrückt wurden – besonders derjenigen, in welcher Thee notwendig ist; sie saßen ruhig da, Hand in Hand, ohne ein Wort zu sprechen.

»Jetzt kannst Du mich nicht mehr vergessen,« sagte Dick endlich. Auf seiner Wange war etwas, das heftiger stach als Schießpulver.

»Ich würde Dich so wie so nicht vergessen haben,« erwiderte Maisie; sie blickten einander wieder an und bemerkten, daß jeder ein anderer geworden als der Spielgefährte, der er vor einer Stunde gewesen, zu einem Wunder und einem Geheimnis, das sie nicht begreifen konnten. Die Sonne begann sich zum Untergehen zu neigen und der Abendwind strich längs den Biegungen des Vorstrandes.

»Wir werden schrecklich spät zum Thee kommen,« sagte Maisie. »Laß uns nach Hause gehen.«

»Wir wollen erst den Rest der Patronen verschießen,« entgegnete Dick; er half Maisie darauf von der Böschung des Forts nach der See hinunter – ein Abstieg, den sie vollkommen befähigt war, in vollem Laufe zu bewerkstelligen. Ernsthaft nahm sie die beschmutzte Hand. Dick neigte sich ungeschickt vorwärts; Maisie zog ihre Hand zurück und Dick errötete.

»Sie ist wirklich hübsch,« sagte er.

»Puh!« machte Maisie mit einem kleinen Lächeln befriedigter Eitelkeit. Sie stand dicht neben Dick als er den Revolver zum letztenmale lud und über das Wasser hin schoß, mit einem unbestimmten Gefühle, daß er Maisie vor allen Nebeln der Welt beschützen möchte. Ein Wasserpfuhl weit draußen im Schlamme spiegelte die letzten Sonnenstrahlen wider, wie eine grimmige rote Scheibe. Der Schein fesselte Dicks Aufmerksamkeit für einen Augenblick, und als er den Revolver erhob, überkam ihn wiederholt das Gefühl des Wunderbaren, daß er bei Maisie stehe, die versprochen, ihn lieb zu haben für eine unbegrenzte Zeit, bis zu einem Tage, an welchem … Der stärker werdende Wind trieb das lange schwarze Haar des Mädchens ihm über das Gesicht, wie sie bei ihm stand, die eine Hand auf seine Schulter gelegt, Amomma eine kleine Bestie nennend; einen Augenblick lang befand er sich im Dunkeln, – ein Dunkel, das ihn prickelte. Die Kugel flog singend hinaus in die See.

»Mein Ziel verfehlt,« sagte er kopfschüttelnd. »Jetzt sind keine Patronen mehr da; wir wollen nach Hause laufen.«

Doch sie liefen nicht, sondern gingen ganz langsam, Arm in Arm. Es war ihnen gleichgiltig, ob die vernachlässigte Amomma, mit zwei Zündnadelpatronen im Leibe, in die Luft flog oder neben ihnen her trabte; denn sie hatten eine goldene Erbschaft angetreten und disponirten über dieselbe mit der ganzen Weisheit ihrer Jahre.

»Und ich werde sein …« sagte Dick kräftig. Dann schwieg er plötzlich. »Ich weiß nicht, was ich sein werde. Es scheint nicht, daß ich fähig bin, irgend ein Examen abzulegen, aber ich kann schreckliche Karikaturen von den Lehrern zeichnen. Ho! Ho!« »Dann werde ein Künstler,« sagte Maisie. »Du lachst immer über meine Versuche zu zeichnen, aber für Dich wird es gut sein.«

»Ich werde niemals über etwas lachen, was Du thust,« antwortete er. »Ich will ein Künstler werden und alles mögliche ausführen.«

»Künstler brauchen immer Geld, nicht wahr?«

»Ich habe hundertundzwanzig Pfund jährlich als mein Eigentum erhalten. Meine Vormünder sagten mir, daß ich das Geld bekommen würde, sobald ich großjährig wäre. Das wird genug sein, um damit zu beginnen.«

»O, ich bin reich,« sagte Maisie. »Ich habe dreihundert jährlich, die mir ganz allein gehören, wenn ich einundzwanzig Jahre alt bin. Deswegen ist Mrs. Jennet auch freundlicher gegen mich als gegen Dich. Ich wünschte jedoch, daß ich irgend jemand hätte, der zu mir gehörte – einen Vater oder eine Mutter.«

»Du gehörst mir für immer und ewig,« rief Dick aus.

»Ja, wir gehören einander – für immer. Es ist wirklich hübsch.«

Sie zwickte ihn in den Arm. Die gütige Dunkelheit umgab beide, und, ermutigt dadurch, daß er nur gerade Maisies Profil sehen konnte mit den langen, die grauen Augen verschleiernden Augenwimpern, wagte Dick an der Vorderthüre die Worte auszusprechen, über welche er während der letzten zwei Stunden gebrütet hatte: »Und ich – ich liebe Dich, Maisie,« sagte er in flüsterndem Tone, der ihm durch die ganze Welt zu klingen schien, – die Welt, welche zu erobern er morgen oder am folgenden Tage ausziehen wollte.

Es gab eine große Scene, als Mrs. Jennet über ihn herfiel, erstlich wegen schändlicher Unpünktlichkeit und zweitens weil er sich mit einer verbotenen Waffe beinahe getötet.

»Ich spielte mit dem Ding, als es plötzlich von selbst losging,« sagte Dick, als die Wange voll Pulverkörner nicht länger verborgen bleiben konnte, »doch wenn Sie meinen, mich deswegen schlagen zu können, so irren Sie sich. Sie sollen es nie mehr wagen, mich anzurühren! Setzen Sie sich und geben Sie mir meinen Thee. Sie können uns nicht darum betrügen, durchaus nicht.«

Mrs. Jennet schnappte nach Luft und wurde leichenblaß. Maisie sagte nichts, ermutigte jedoch Dick, der sich den ganzen Abend über höchst abscheulich benahm, mit den Augen. Mrs. Jennet prophezeite ein unmittelbar eintreffendes Gericht der Vorsehung und später eine Niederfahrt zur Hölle, nach Tophat, doch Dick wandelte im Paradiese und wollte nichts hören. Erst als er zu Bett gehen wollte, erholte sich Mrs. Jennet und begann wieder zu sich zu kommen. Er hatte mit niedergeschlagenen Augen und aus der Entfernung Maisie »Gute Nacht!« gesagt.

»Wenn Du auch kein Gentleman bist, so solltest Du wenigstens versuchen, Dich wie ein solcher zu betragen,« sagte Mrs. Jennet zornig. »Du hast Dich schon wieder mit Maisie gezankt.«

Das bezog sich darauf, daß der gebräuchliche Gute Nacht-Kuß unterblieben war, Maisie, blaß bis an die Lippen, reichte ihre Wange mit einer allerliebsten Miene von Gleichgiltigkeit hin und wurde pflichtschuldigst von Dick geküßt, der, rot wie Feuer, aus dem Zimmer stolperte. In jener Nacht hatte er einen wilden Traum. Er hatte die ganze Welt gewonnen und brachte dieselbe in einer Patronenschachtel zu Maisie, doch diese stieß sie mit dem Fuße um und rief, anstatt sich zu bedanken:

»Wo ist das Grashalsband, das Du mir für Amomma versprochen hast? O, wie selbstsüchtig bist Du!«

Das Lied des alten Kängurumannes

Das Lied des alten Kängurumannes

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Känguru war nicht immer so, wie wir ihn kennen, sondern ein ganz anderes Tier mit vier kurzen Beinen. Er war grau und wollig, und sein Stolz war beträchtlich: er tanzte auf einem Gesteinsaufschluß mitten in Australien und ging zu dem Kleinen Gott Nqa.

Vor dem Frühstück, um sechs, ging er zu Nqa und sagte: »Mach mich einzigartig unter allen Tieren, bis heute nachmittag um Fünf.«

Auf sprang Nqa von seinem Sitz in einer Sandgrube und schrie: »Geh weg!«

Er war grau, und er war wollig, und sein Stolz war beträchtlich: er tanzte auf einer Felsenklippe mitten in Australien und ging zu dem Mittleren Gott Nquing.

Nach dem Frühstück, um acht, ging er zu Nquing und sagte: »Mach mich einzigartig unter allen Tieren; und mach mich auch wunderbar berühmt, und zwar bis heute nachmittag um Fünf.«

Auf sprang Nqiung aus seiner Burg im Spinifex und schrie: »Geh weg!«

Er war grau, und er war wollig, und sein Stolz war beträchtlich: er tanzte auf einer Sandbank mitten in Australien und ging zu dem Großen Gott Nquong.

Vor dem Mittagessen, um Zehn, ging er zu Nquong und sagte: »Mach mich einzigartig unter allen Tieren; und mach mich wunderbar heiß begehrt, und zwar bis heute Nachmittag um Fünf.«

Auf sprang Nquong aus seinem Bad in einer Salzpfanne und schrie: »Ja, mach’ ich!«

Nquong rief Dingo – Gelber Hund Dingo – immer hungrig, staubig im Sonnenschein, und zeigte ihm Känguru. Nquong sagte: »Dingo! Wach auf, Dingo! Siehst du den vornehmen Herrn, der da auf einem Aschenloch tanzt? Er will berühmt und heiß begehrt sein. Dingo, tu das für ihn!«

Auf sprang Dingo – Gelber Hund Dingo – und sagte: »Was, dieses Katzen-Kaninchen?«

Los rannte Dingo – Gelber Hund Dingo – immer hungrig, grinsend wie eine Kohlenschütte, – rannte Känguru hinterher.

Los rannte das stolze Känguru auf seinen vier Beinen, wie ein Kaninchen.

Damit, o meine Geliebte, endet der erste Teil der Geschichte!

Er rannte durch die Wüste; er rannte durch die Berge; er rannte durch die Salzpfannen, er rannte durch die Riedbänke; er rannte durch die blauen Gummibäume; er rannte durch den Spinifex; er rannte, bis seine Vorderfüße weh taten.

Er mußte!

Immer noch rannte Dingo – Gelber Hund Dingo – immer hungrig, grinsend wie eine Rattenfalle, kam nicht näher, blieb nicht zurück, – rannte Känguru nach.

Er mußte!

Immer noch rannte Känguru – Alter Kängurumann. Er rannte durch die Ti-Bäume; er rannte durch den Mulgafarn; er rannte durch das lange Gras; er rannte durch das kurze Gras; er rannte durch die Wendekreise des Steinbocks und des Krebses; er rannte, bis seine Hinterfüße weh taten.

Er mußte!

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Das ist ein Bild vom alten Kängurumann, als er noch ein Anderes Tier mit vier kurzen Beinen war. Ich habe ihn groß und wollig gezeichnet, und du kannst sehen, wie stolz er ist, weil er einen Blumenkranz im Haar hat. Er tanzt auf einem Gesteinsaufschluß (das ist ein Stück Fels) mitten in Australien um sechs Uhr vor dem Frühstück. Du kannst sehen, dass es sechs Uhr ist, weil die Sonne gerade aufgeht. Das Ding mit den Ohren und dem offenen Mund ist der Kleine Gott Nqa. Nqa ist sehr erstaunt, weil er noch nie ein Känguru so tanzen gesehen hat. Der Kleine Gott Nqa sagt gerade: ›Geh weg‹, aber der Kängurumann ist so in den Tanz vertieft, dass er ihn noch nicht gehört hat.

Der Kängurumann hat keinen richtigen Namen. Er hat ihn verloren, weil er so stolz war.

Immer noch rannte Dingo – Gelber Hund Dingo – hungriger und hungriger, grinsend wie ein Pferdegeschirr, kam nicht näher, blieb nicht zurück; und sie kamen zum Wollgong-Fluß.

Nun gab es da keine Brücke, und es gab keine Fähre, und Känguru wußte nicht, wie er rüberkommen sollte; also stellte er sich auf seine Beine und hüpfte.

Er mußte!

Er hüpfte durch die Kacke; er hüpfte durch die Schlacke; er hüpfte durch die Wüsten mitten in Australien. Er hüpfte wie ein Känguru.

Zuerst hüpfte er einen Meter; dann hüpfte er drei Meter; dann hüpfte er fünf Meter; seine Beine wurden stärker; seien Beine wurden länger. Er hatte keine Zeit für eine Rast oder eine Erfrischung, aber er hatte große Sehnsucht danach.

Immer noch rannte Dingo – Gelber Hund Dingo – sehr verwundert, sehr hungrig, und fragte sich, was in aller Welt oder in allen Himmeln Alten Kängurumann zum Hopsen gebracht hatte.

Denn er hüpfte wie ein Grashüpfer; wie eine Erbse in der Saucenpfanne; oder wie ein neuer Gummiball im Kinderzimmer.

Er mußte!

Er zog seine Vorderbeine an; er hüpfte auf seinen Hinterbeinen; er streckte als Gegengewicht seinen Schwanz nach hinten – und er hüpfte durch die Darling-Hügel.

Er mußte!

Immer noch rannte Dingo – Müder Hund Dingo – hungriger und hungriger, sehr verwundert, und fragte sich, wann in aller Welt oder in allen Himmeln Alter Kängurumann stehen bleiben würde.

Da kam Nquong aus seinem Bad in den Salzpfannen und sagte: » Es ist Fünf Uhr.«

Hin setzte sich Dingo – Armer Hund Dingo – immer hungrig, finster im Sonnenschein; hängte seine Zunge heraus und heulte.

Hin setzte sich Känguru – Alter Kängurumann – streckte seinen Schwanz wie einen Melkschemel hinter sich und sagte: »Gott sei Dank ist das vorbei!«

Dann sagte Nquong, der immer ein vornehmer Herr ist: »Warum bist du dem Gelben Hund Dingo nicht dankbar? Warum dankst du ihm nicht für das, was er für dich getan hat?«

Dann sagte Känguru – Müdes Altes Känguru – »Er hat mich aus dem Heim meiner Kindheit verjagt; er hat mir durch sein Gehetze meine regelmäßigen Mahlzeiten verdorben; er hat meine Gestalt so verändert, dass ich sie niemals zurückerlangen werde; und er hat mit meinen Beinen Kratze gespielt.«

Dann sagte Nquong: »Vielleicht irre ich mich, aber hast du mich nicht gebeten, dich anders als alle anderen Tiere zu machen, sowie auch, dich wirklich begehrenswert zu machen? Und jetzt ist es Fünf Uhr.«

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Dieses Bild zeigt den Alten Kängurumann um fünf Uhr nachmittags, als er seine schönen Hinterbeine bekommen hatte, genau wie der Große Gott Nquong es versprochen hatte. Du kannst sehen, dass es fünf Uhr ist, weil die zahme Hausuhr des Großen Gottes Nquong es anzeigt. Das ist Nquong in seinem Bad, er streckt die Füße heraus. Alter Mann Känguru ist frech zu Gelbem Hund Dingo. Gelber Hund Dingo hat quer durch ganz Australien versucht, Känguru zu fangen. Du siehst, wie die Abdrücke von Kängurus neuen großen Füßen weit bis über die kahlen Hügel laufen. Gelber Hund Dingo ist schwarz gezeichnet, weil ich diese Bilder nicht mit richtigen Farben aus dem Malkasten malen darf; außerdem ist Gelber Hund Dingo schrecklich schwarz und staubig geworden, als er durch die Kacke und die Schlacke rannte.

Die Namen der Blumen, die rund um Nquongs Bad wachsen, weiß ich nicht. Die beiden Dinge, die draußen in der Wüste hocken, sind die beiden anderen Götter, mit denen Känguru frühmorgens gesprochen hatte. Das Ding mit den Buchstaben drauf ist Kängurus Beutel. Er mußte einen Beutel haben, genau so wie er Beine haben mußte.

»Ja,« sagte Känguru. »Ich wünschte, ich hätte das nicht getan. Ich dachte, du würdest das mit Zaubersprüchen und Gesängen machen, aber dieses war ein übler Scherz.«

»Scherz!« sagte Nquong aus seinem Bad in den Blauen Gummibäumen. »Sag das noch einmal, und ich pfeife Dingo, dass er dir die Hinterbeine abläuft.«

»Nein,« sagte Känguru. »Ich bitte um Entschuldigung. Beine sind Beine, und du brauchst sie nicht mehr zu verändern, was mich betrifft. Ich wollte Euer Gnaden nur erklären, dass ich seit heute morgen nichts zu essen bekommen habe und wirklich sehr ausgehungert bin.«

»Ja,« sagte Dingo – Gelber Hund Dingo – »ich bin in eben derselben Lage. Ich habe ihn einzigartig unter allen Tieren gemacht; aber was kriege ich jetzt zum Abendbrot?«

Da sagte Nquong aus seinem Bad in der Salzpfanne: »Kommt morgen wieder, um mich das zu fragen, weil ich mich jetzt waschen werde.«

So saßen sie verlassen mitten in Australien, Alter Kängurumann und Gelber Hund Dingo, und jeder sagte: »Das ist deine Schuld!«

Dies ist das vollmundige Lied
von dem Rennen des Kängurumanns
In einem einzigen Spurt gerannt – einzigartiges Ereignis
Gestartet vom Großen Gott Nquong von Warrigaborrigarooma,
Alter Kängurumann zuerst – Gelber Dingohund hinterher

Känguru raste davon,
Seine Hinterbeine stampften wie Maschinenkolben
Raste vom Morgen bis zum Dunkelwerden,
Machte fünfundzwanzig Fuß mit jedem Sprung
Gelber Dingohund lag zurück
Wie eine gelbe Wolke in der Ferne-
Viel zu beschäftigt, um zu bellen.
Meine Güte! Kamen die weit herum!

Niemand weiß, wo sie waren,
Oder folgte ihnen auf der Spur,
Denn der Kontinent
Hatte noch keinen Namen bekommen
Sie rannten über dreißig Grad,
Von der Torresstraße bis zum Kap Leeuwin
(Schau bitte im Atlas nach),
Und sie rannten denselben Weg zurück.

Stell dir vor, du könntest
Von Adelaide zum Pazifik trotten
An einem Nachmittag
Das ist die Hälfte nur von dem,
Was diese Sportler schafften
Dir wäre ziemlich heiß
Doch deine Beine würden sich kolossal entwickeln-
Ja, mein aufdringlicher Sohn,
Du wärest ein Fabelhaftes Kind!

Wie das Kamel zu seinem Höcker kam

Wie das Kamel zu seinem Höcker kam

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Das ist nun die nächste Geschichte, und sie erzählt, wie das Kamel seinen großen Höcker bekam.

Am Anfang der Zeit, als die Welt noch ganz neu war und alles, und die Tiere eben erst begannen, für den Menschen zu arbeiten, war da ein Kamel, und das lebte mitten in der Heulenden Wüste, weil es nicht arbeiten wollte; und nebenbei war es selbst auch ein Heuler. Also war es höchst unerträglich untätig und fraß Zweige und Dornen und Tamarisken und Wolfsmilch und Stacheln; und wenn irgendjemand es ansprach, sagte es »Höm!« Nur »Höm! Und weiter nichts.

Jetzt kam das Pferd am Montag morgen zu ihm, mit dem Sattel auf dem Rücken und einer Trense im Maul und sagte, »Kamel, Kamel, komm raus und trabe wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und das Pferd lief davon und erzählte es dem Menschen.

Jetzt kam der Hund zu ihm, mit einem Stöckchen im Maul, und sagte, »Kamel, o Kamel, komm und schleppe und trage wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und der Hund lief davon und erzählte es dem Menschen.

Jetzt kam der Ochse mit dem Joch auf dem Nacken zu ihm und sagte »Kamel, o Kamel, komm und pflüge wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und der Ochse lief davon und erzählte es dem Menschen.

Am Ende des Tages rief der Mensch das Pferd und den Hund und den Ochsen zusammen und sagte, »Drei, o Drei, ich habe sehr großes Mitleid mit euch (wo die Welt so neu ist und alles); aber das Höm-Ding in der Wüste kann nicht arbeiten, sonst wäre es jetzt hier, also werde ich es in Ruhe lassen, und ihr müßt doppelt arbeiten, um das auszugleichen.«

Das machte die Drei sehr wütend (wo die Welt so neu war und alles), und sie hielten ein Palaver, und ein Indaba, und ein Panchayet, und ein Pau-Wau am Rande der Wüste; und das Kamel kam, höchst unerträglich untätig, Wolfsmilch kauend, und lachte sie aus. Dann sagte es »Höm!« und ging wieder davon.

Jetzt kam der Dschinn Aller Wüsten in einer Wolke von Staub heran gerollt (Dschinns reisen immer so, weil es Magie ist), und er hielt an, um mit den Dreien zu palavern und zu pau-wauen.

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Das ist das Bild von dem Dschinn, wie er mit der Magie anfängt, die dem Kamel den Höcker brachte. Zuerst zog er mit dem Finger eine Linie in die Luft, die fest wurde; dann machte er eine Wolke und danach ein Ei –- du kannst beides unten auf dem Bild sehen –- und dann wurde das zu einem magischen Kürbis, der sich in eine große weiße Flamme verwandelte. Dann nahm der Dschinn seinen magischen Fächer und fachte die Flamme an, bis sie sich selber in Magie verwandelte. Es war eigentlich gute und sehr freundliche Magie, obwohl sie dem Kamel den Höcker geben mußte, weil das Kamel faul war. Der Dschinn Aller Wüsten war einer der nettesten Dschinns, deshalb tat er niemals etwas wirklich Unfreundliches.

»Dschinn Aller Wüsten,« sagte das Pferd, »darf irgendwer so untätig sein, wo die Welt so neu ist und alles?«

»Sicherlich nicht,« sagte der Dschinn.

»Nun,« sagte das Pferd, »da ist ein Ding mitten in deiner Heulenden Wüste (und es ist selbst ein Heuler) mit einem langen Hals und langen Beinen, und das hat seit Montagmorgen keinen Schlag Arbeit getan. Es will nicht traben.«

»Hui!« sagte der Dschinn und pfiff, »das ist mein Kamel, bei allem Gold von Arabien! Was sagt es dazu?«

»Es sagt ›Höm!‹ sagte der Hund; »und es will weder schleppen noch tragen.«

»Sagt es noch irgend etwas anderes?«

»Nur ›Höm!‹; und es will nicht pflügen,« sagte der Ochse.

»Sehr gut,« sagte der Dschinn. »Ich werde ihm das Höm schon zeigen, wenn ihr bitte einen Moment warten möchtet.«

Der Dschinn wickelte sich in seinen Staubmantel und flog über die Wüste, und fand das Kamel, höchst unerträglich untätig, wie es sein Spiegelbild in einem Wasserloch betrachtete.

»Mein langer und blubbernder Freund,« sagte der Dschinn, »was höre ich da, dass du nicht arbeitest, wo die Welt so neu ist und alles?«

»Höm!« sagte das Kamel.

Der Dschinn setzte sich hin, stützte das Kinn in die Hand und begann, eine Große Magie auszudenken, während das Kamel sein eigenes Spiegelbild in dem Wasserloch betrachtete.

»Du hast den Dreien seit Montagmorgen zusätzliche Arbeit beschert, alles wegen deiner unerträglichen Untätigkeit,« sagte der Dschinn; und er fuhr fort, Magie auszudenken, mit dem Kinn in der Hand.

»Höm!« sagte das Kamel.

»An deiner Stelle würde ich das nicht noch einmal sagen,« sagte der Dschinn; »du könntest es einmal zu viel sagen. Blubberer, ich will, dass du arbeitest.«

Und das Kamel sagte wieder »Höm!«; aber kaum hatte es das gesagt, als es seinen Rücken, auf den es sehr stolz war, anschwellen sah, zu einem großen, dicken, schwabbelnden Höcker anschwellen.

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Dies ist das Bild von dem Dschinn aller Wüsten, wie er mit seinem magischen Fächer die Magie entfacht. Das Kamel frißt einen Akazienzweig, und hat soeben einmal zu oft »Höm!« gesagt (der Dschinn hatte es ihm schon angekündigt), und deshalb kommt der Höcker. Das große handtuchähnliche Ding, das wie eine Zwiebel aus dem Ding wächst, ist die Magie, und man kann schon den Höcker obendrauf sehen. Der Höcker paßt auf die flache Stelle auf dem Rücken des Kamels. Das Kamel ist zu sehr damit beschäftigt, seine eigene Schönheit in dem Wasserspiegel zu betrachten, um zu bemerken, was ihm passiert.

Unter dem eigentlichen Bild ist ein Bild von der Welt-wie-sie-ganz-neu-war-und-alles. Es sind zwei rauchende Vulkane darauf, ein paar andere Berge und ein paar Steine und eine schwarze Insel und ein gewundener Fluß und eine Menge anderer Sachen, außerdem eine Arche Noah. Ich konnte nicht alle Wüsten zeichnen, für die der Dschinn verantwortlich war, also habe ich nur eine gezeichnet, aber das ist eine sehr wüste Wüste.

»Siehst du das?« sagte der Dschinn. »Das ist dein eigenes Höm, das du durch deine Verweigerung der Arbeit auf dich herab gebracht hast. Heute ist Donnerstag, und du hast keine Arbeit getan seit dem Montag, als die Arbeit anfing. Jetzt wirst du arbeiten.«

»Wie kann ich das,« sagte das Kamel, »mit diesem Höm auf meinem Rücken?«

»Das ist mit Absicht so gemacht,« sagte der Dschinn, »weil du die ersten drei Tage versäumt hast. Jetzt wirst du drei Tage lang ohne zu essen arbeiten können, weil du von deinem Höm leben kannst; und sage nie, dass ich nichts für dich getan hätte. Verlasse die Wüste und geh zu den Dreien, und benimm dich. Höm dich!«

Und das Kamel hömte sich, mit Höm und allem, und ging fort, um sich den Dreien anzuschließen. Und seit diesem Tage trägt das Kamel immer einen Höm (wir sagen jetzt »Höcker« dazu, um seine Gefühle nicht zu verletzen); aber es hat noch immer nicht die drei Tage aufgeholt, die es seit dem Anfang der Welt versäumt hat, und es hat noch immer nicht gelernt, sich zu benehmen.

Der Höm des Kamels ist ein häßlicher Klump
das sieht man ganz deutlich im Zoo
doch sehr viel häßlicher noch ist der Höm
der von Trägheit und Abhängen kommt.

Kinder und Große wie du-uu-uu,
mit etwas zu wenig zu tu-uu-un,
Kriegen den Höm,
kameelischen Höm,
den Höm, der trüb ist und grau-uu.

Aus dem Bett klettern wir mit krauslichem Kopf
Und mit Ächzen und Krächzen im Rachen,
Wir frösteln und blinzeln und grunzen verstopft
Beim Anblick von Bad, Schuh’n und Sachen.

Ich möchte mich gerne im Winkel vergraben
(Jawohl, und du solltest auch einen haben)
Krieg‘ ich den Höm-
Kameelischen Höm-
Den Höm, der trüb ist und grau.

Da hilft es nur, nicht herumzuhocken,
Nicht mit ’nem Buch am Kamin zusammenzusacken;
Man ergreife stattdessen Schaufel und Hacken
Und grabe, bis man schwitzt über alle vier Backen;

Und dann wirst du sehen, dass Sonne und Wind
Gemeinsam mit dem Gartendschinn
Wegpusten den Höm-
Den gräßlichen Höm-
Den Höm, der trüb ist und grau.

Ich krieg ihn genauso wie duuuuu-
Wenn ich manchmal zu wenig tu-uuuuu-
Wir kriegen alle den Höm-
Kamelischen Höm-
Kinder und Große au–uu-uuch!

Der Elefantenjunge

Der Elefantenjunge

Übersetzt von Erich Ferdinand

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In den Erhabenen und Lang-Vergangenen Zeiten hatte der Elefant, o Meistgeliebter, keinen Rüssel. Er hatte nur eine schwärzliche, knubbelige Nase, so groß wie ein Stiefel, die er hin und her wackeln lassen konnte; aber er konnte damit keine Sachen aufheben. Aber da gab es einen Elefanten – einen neuen Elefanten – einen Elefantenjungen – der voller unersättzlicher Neugier steckte, und das bedeutet, es stellte immer ganz viele Fragen. Und er lebte in Afrika, und er stopfte ganz Afrika mit seinen unersättzlichen Neugierigkeiten voll. Er fragte seinen großen Onkel Strauß, warum seine Schwanzfedern so wuchsen und nicht anders, und der große Onkel Strauß verhaute ihn mit seinen harten, harten Krallen. Er fragte seine große Tante Giraffe, wovon seine Haut so fleckig wurde, und die große Tante Giraffe verhaute ihn mit ihrem harten, harten Huf. Und er war immer noch voller unersättzlicher Neugier! Er fragte seine breite Tante Flußpferd, warum ihre Augen rot seien, und die breite Tante Flußpferd verhaute ihn mit ihrem breiten, breiten Huf. Und er fragte seinen haarigen Onkel Pavian, warum Melonen gerade so schmeckten und nicht anders, und der haarige Onkel Pavian verhaute ihn mit seiner haarigen, haarigen Pfote. Und er war immer noch voller unersättzlicher Neugier! Er stellte Fragen zu allem, was er sah, oder hörte, oder spürte, oder berührte, und alle Onkel und Tanten verhauten ihn. Und er war immer noch voller unersättzlicher Neugier!

Eines schönen Morgens, mitten in der Präzession der Äquinoktien, stellte dieser unersättzliche Elefantenjunge eine kluge Frage, die er noch nie gestellt hatte. Er fragte »Was frißt das Krokodil zu Mittag?« Da sagten alle in lautem und schrecklichem Tonfall: »Pssst!« und sie verhauten ihn unverzüglich und geradewegs, ohne aufzuhören, eine ganze Zeit lang.

Nach einer Weile, als das vorbei war, begegnete er einem Kolokolo-Vogel, der mitten in einem Wart-ein-Weilchen-Dornbusch saß, und er sagte: »Mein Vater hat mich verhauen, und meine Mutter hat mich verhauen; alle Onkel und Tanten haben mich wegen meiner unersättzlichen Neugier verhauen; und ich will immer noch wissen, was das Krokodil zu Mittag ißt!«

Da sagte der Kolokolo-Vogel mit trauriger Stimme: »Geh zu den Ufern des großen, graugrünen, öligen Limpopo-Flusses, die ganz mit Fieberbäumen bestanden sind, und finde es heraus!«

Sofort am nächsten Morgen, als von den Äquinoktien nichts mehr übrig war, weil die Präzession präzise abgelaufen war, nahm sich dieser unersättzliche Elefantenjunge einhundert Pfund Bananen (die kleine rote Sorte) und einhundert Pfund Zuckerrohr (die lange purpurne Sorte) und siebzehn Melonen (die grünlich-knackige Sorte), und sagte zu seinen lieben Familienangehörigen: »Auf Wiedersehen. Ich gehe zu dem großen, graugrünen, öligen Limpopo-Fluss, der ganz mit Fieberbäumen bewachsen ist, um herauszufinden, was das Krokodil zum Frühstück ißt.« Und sie verhauten ihn alle noch einmal, um ihm damit Glück zu bringen, obwohl er sie äußerst höflich bat, aufzuhören.

Dann wanderte er davon, etwas erhitzt, aber kein bißchen erstaunt, Melonen essend und die Rinde herumstreuend, weil er sie nicht aufheben konnte.

Er ging von Grahamstown nach Kimberley, und von Kimberley nach Khamas Land, und von Khamas Land ging er nordöstlich, die ganze Zeit Melonen essend, bis er zuletzt an die Ufer des großen, graugrünen, öligen Limpopo-Flusses kam, die ganz mit Fieberbäumen bestanden sind, genau wie es der Kolokolo-Vogel gesagt hatte.

Nun mußt du wissen und verstehen, o Meistgeliebter, dass der unersättzliche Elefantenjunge bis zu dieser Woche, bis zu diesem Tag, dieser Stunde und Minute noch nie ein Krokodil gesehen hatte, und nicht wußte, wie es aussieht. Es kam alles nur von seiner unersättzlichen Neugier.

Das erste, was er fand, war eine zweifarbige Python-Felsenschlange, die sich um einen Felsen geringelt hatte.

»’Tschuldigung,« sagte der Elefantenjunge äußerst höflich, »aber haben sie hier in dieser kunterbunten Gegend so etwas wie ein Krokodil gesehen?«

»Habe ich ein Krokodil gesehen?« sagte die zweifarbige Python-Felsenschlange mit schrecklich höhnischer Stimme. »Was wirst du mich als nächstes fragen?«

»’Tschuldigung,« sagte der Elefantenjunge, »aber könnten sie mir sagen, was es zu Mittag frißt?«

Da entringelte sich die zweifarbige Python-Felsenschlange sehr schnell von dem Felsen, und verhaute den Elefantenjungen mit ihrem schuppigen, ruppigen Schwanz.

»Das ist sonderbar,« sagte der Elefantenjunge, »weil mich mein Vater und meine Mutter, mein Onkel und meine Tante, ganz zu schweigen von meiner anderen Tante, dem Flußpferd, wegen meiner unersättzlichen Neugier verhauen haben – und ich nehme an, das hier ist schon wieder dasselbe.«

So sagte er sehr höflich ›Auf Wiedersehen‹ zu der zweifarbigen Python-Felsenschlange, half ihr noch, sich wieder um den Felsen zu ringeln, und wanderte weiter, ein bißchen warm, aber überhaupt nicht erstaunt, Melonen essend und die Rinde herumstreuend, weil er sie nicht aufheben konnte, bis er auf etwas trat, was er für einen Holzklotz hielt, der am Ufer des großen, graugrünen, öligen Limpopo-Flusses lag, das ganz mit Fieberbäumen bestanden war.

Aber das war in Wirklichkeit das Krokodil, o Meistgeliebter, und das Krokodil zwinkerte mit einem Auge – so!

»’Tschuldigung,« sagte der Elefantenjunge äußerst höflich, »aber haben sie zufällig in dieser kunterbunten Gegend ein Krokodil gesehen?«

Da zwinkerte das Krokodil mit dem anderen Auge und hob seinen Schwanz halb aus dem Schlamm; und der Elefantenjunge trat äußerst höflich einen Schritt zurück, weil er nicht noch einmal verhauen werden wollte.

»Komm hierher, Kleiner,« sagte das Krokodil. »Warum fragst du solche Sachen?«

»’Tschuldigen Sie,« sagte der Elefantenjunge äußerst höflich, aber mein Vater hat mich verhauen, meine Mutter hat mich verhauen, ganz zu schweigen von meinem großen Onkel, dem Strauß, und meiner großen Tante, der Giraffe, die so hart zutreten kann, ebenso wie meine breite Tante Flußpferd und mein haariger Onkel Pavian, ebenso die zweifarbige Python- Felsenschlange mit dem schuppigen, ruppigen Schwanz oben am Ufer, die fester zuschlägt als alle zusammen; und darum möchte ich, wenn es ihnen recht ist, nicht mehr verhauen werden.«

»Komm hierher, Kleiner,« sagte das Krokodil, »denn ich bin das Krokodil,« und zum Beweis weinte es Krokodilstränen.

Da ging dem Elefanten jungen fast die Puste aus, und er schnappte nach Luft und kniete am Ufer nieder und sagte: »Sie sind genau die Persönlichkeit, nach der ich alle diese langen Tage gesucht habe. Würden sie mir bitte sagen, was sie zu Mittag essen?«

»Komm hierher, Kleiner,« sagte das Krokodil. »Ich werd’s dir flüstern.«

Da neigte der Elefantenjunge seinen Kopf ganz nah an das stark riechende, stark gezähnte Maul des Krokodils, und das Krokodil schnappte sich seine kleine Nase, die bis zu dieser Woche, bis zu diesem Tag, dieser Stunde und Minute nicht größer als ein Stiefel gewesen war, allerdings viel nützlicher.

»Ich glaube,« sagte das Krokodil, und es sagte das durch die Zähne, so – »ich glaube, heute werde ich mit Elefantenjungem anfangen!«

Hierüber, o Meistgeliebter, war der Elefantenjunge sehr beunruhigt, und er sagte: durch die Nase sprechend, so, »Laff lof! Du dust mir meh!«

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Dies ist der Elefantenjunge, dem eben vom Krokodil die Nase langgezogen wird. Er ist sehr überrascht und erstaunt und verletzt, und er spricht durch die Nase und sagt: »Laff lof! Du dust mir meh!« Er zieht sehr feste, und das tut das Krokodil auch; aber die zweifarbige Python-Felsenschlange eilt durch das Wasser herbei, um dem Elefantenjungen zu helfen. Das ganze schwarze Zeug ist das Ufer des großen graugrünen öligen Limpopoflusses (aber ich darf ja diese Bilder nicht ausmalen), und der Flaschenbaum mit den verdrehten Wurzeln und den acht Blättern ist einer von den Fieberbäumen, die da wachsen.

Unter dem eigentlichen Bild sind Schatten von afrikanischen Tieren, die in eine afrikanische Arche gehen. Es sind zwei Löwen, zwei Strauße, zwei Rinder, zwei Kamele, zwei Schafe und zwei andere, die wie Ratten aussehen, aber ich glaube, das sind Felskaninchen. Sie haben nichts zu bedeuten. Ich habe sie hineingezeichnet, weil ich dachte, sie sähen hübsch aus. Sie würden sehr hübsch aussehen, wenn ich sie ausmalen dürfte.

Da kam die zweifarbige Python-Felsenschlange das Ufer herabgeschurrt und sagte: »Mein junger Freund, wenn du nicht jetzt sofort und unverzüglich so feste ziehst wie du nur kannst, dann ist meine Meinung, dass dein Bekannter in dem großgemusterten Ledermantel« (womit sie das Krokodil meinte) »dich in den klaren Strom da drüben ziehen wird, bevor du Jack Robinson sagen kannst.«

So reden die zweifarbigen Python-Felsenschlangen immer.

Und so zog sie, und der Elefantenjunge zog, und das Krokodil zog; aber der Elefantenjunge und die zweifarbige Python-Felsenschlange zogen am stärksten; und zuletzt ließ das Krokodil die Nase des Elefantenjungen mit einem Plopp los, den man den ganzen Limpopo rauf und runter hören konnte.

Da setzte sich der Elefantenjunge äußerst hart und abrupt hin; aber zuerst dachte er daran, der zweifarbigen Python-Felsenschlange »danke« zu sagen; und dann pflegte er seine arme langgezogene Nase und wickelte sie ganz in kühle Bananenblätter und hängte sie zum Kühlen in den großen, graugrünen, öligen Limpopo.

»Wozu machst du das?« fragte die zweifarbige Python-Felsenschlange.

»’Tschuldigen sie,« sagte der Elefantenjunge, » aber meine Nase ist bös aus der Form geraten, und ich warte darauf, dass sie wieder schrumpft.«

»Da wirst du lange warten müssen,« sagte die zweifarbige Python-Felsenschlange. »Manche Leute wissen nicht, was gut für sie ist.«

Der Elefantenjunge saß drei Tage lang da und wartete darauf, dass seine Nase schrumpfte. Aber sie wurde einfach nicht kürzer, und nebenbei machte sie ihn Schielen. Denn, o Meistgeliebter, du wirst sehen und verstehen, dass das Krokodil sie zu einem richtigen Rüssel gezogen hatte, wie ihn heutzutage alle Elefanten haben.

Am Abend des dritten Tages kam eine Fliege und stach ihn in die Schulter, und bevor er wußte, was er tat, hatte er den Rüssel erhoben und die Fliege mit dem Ende totgeschlagen.

»Vorteil Nummer eins!« sagte die zweifarbige Python-Felsenschlange. Das hättest du mit einer einfachen Schmiernase nicht geschafft. Versuch jetzt mal, ein bißchen was zu essen.«

Bevor er wußte, was er tat, streckte der Elefantenjunge seinen Rüssel aus und pflückte ein ansehnliches Grasbüschel, staubte es an seinen Vorderbeinen ab und stopfte es sich ins Maul.

»Vorteil Nummer zwei!« sagte die zweifarbige Python-Felsenschlange. Das hättest du mit einer einfachen Schmiernase nicht geschafft. »Was hältst du jetzt davon, dich mal wieder verhauen zu lassen?«

»’Tschuldigen Sie,« sagte der Elefantenjunge, »aber das würde ich überhaupt nicht mögen.«

»Und wie würde es dir gefallen, jemand anderen zu verhauen?« sagte die zweifarbige Python-Felsenschlange.

»Das würde ich wirklich sehr mögen,« sagte der Elefantenjunge.

»Gut,« sagte die zweifarbige Python-Felsenschlange, »du wirst sehen, dass diese deine neue Nase sehr nützlich ist, um damit Leute zu verhauen.«

»Danke schön,« sagte der Elefantenjunge, »ich werde daran denken; und jetzt werde ich nach Hause zu allen meinen Familienangehörigen gehen und mal sehen.«

Also ging der Elefantenjunge, mit dem Rüssel wischend und wedelnd, quer durch Afrika nach Hause. Wenn er Obst essen wollte, holte er es sich vom Baum herunter, anstatt zu warten, dass es herunterfiel, wie er es früher getan hatte. Wenn er Gras wollte, pflückte er es vom Boden, anstatt auf die Knie zu fallen, wie er es früher getan hatte. Wenn die Fliegen ihn stachen, brach er einen Ast vom Baum und benutzte ihn als Fliegenwedel, und er machte sich eine frische, kühle, matschig-patschige Lehmkappe, wenn ihm die Sonne zu heiß war. Wenn er sich einsam fühlte, auf seiner Wanderung durch Afrika, dann sang er sich eins durch seinen Rüssel, und machte dabei mehr Lärm als mehrere Blasorchester.

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Dies Bild hier zeigt nur, wie der Elefantenjunge sich ein paar Bananen von einem Bananenbaum pflücken will, nachdem er seinen schönen neuen Rüssel bekommen hatte. Mir gefällt das Bild nicht sehr gut; aber ich konnte es nicht besser machen, weil Elefanten und Bananen schwer zu zeichnen sind. Das Gestrichelte hinter dem Elefantenjungen ist morastiges Marschland irgendwo in Afrika. Der Elefantenjunge hat seine meisten Schlammkuchen aus dem Schlamm gemacht, den er dort fand. Ich glaube, es würde besser aussehen, wenn du den Bananenbaum grün und den Elefantenjungen rot ausmaltest.

Er machte extra einen Umweg, um einem breiten Flußpferd zu begegnen (das nicht mit ihm verwandt war) und er verhaute es sehr feste, um sicherzugehen, dass die zweifarbige Python-Felsenschlange die Wahrheit über seinen neuen Rüssel gesagt hatte. Die restliche Zeit hob er die Melonenrinden auf, die er auf dem Weg zum Limpopo fallen gelassen hatte – er war ein ordentlicher Dickhäuter.

Eines dunklen Abends kam er zu seinen lieben Familienangehörigen zurück, und er rollte seinen Rüssel zusammen und sagte: »Wie geht’s euch?« Sie waren sehr froh, ihn wiederzusehen, und sagten sofort, »Komm her und laß dich für deine unersättzliche Neugier verhauen.«

»Puh,« sagte der Elefantenjunge. »Ich glaube nicht, dass ihr Leute viel vom Verhauen versteht; aber ich verstehe was davon, und ich werd’s euch zeigen.« Da rollte er seinen Rüssel auseinander und warf zwei von seinen lieben Brüdern kopfüber. »O Verblüffung,« sagten die, »wo hast du denn diesen Trick gelernt, und was hast du mit deiner Nase gemacht?«

»Ich habe von dem Krokodil am Ufer des großen, graugrünen, öligen Limpopo-Flusses eine neue bekommen,« sagte der Elefantenjunge. »Ich habe es gefragt, was es zu Mittag ißt, und dafür hat es sie mir geschenkt.«

»Sie sieht sehr häßlich aus,« sagte sein haariger Onkel Pavian.

»Das tut sie,« sagte der Elefantenjunge. »Aber sie ist sehr nützlich,« und er packte seinen haarigen Onkel Pavian an einem haarigen Bein und hievte ihn in ein Hornissennest.

Dann verhaute dieser böse Elefantenjunge alle seine lieben Familienangehörigen ausgiebig, bis sie sehr warm und überaus erstaunt waren. Er riß dem großen Onkel Strauß die Schwanzfedern aus; und er packte die große Tante Giraffe am Hinterbein und zog sie durch einen Dornenbusch; und er schrie die breite Tante Flusspferd an und blubberte in ihr Ohr, als sie nach dem Essen unter Wasser schlief; aber er ließ es nicht zu, dass irgendwer den Kolokolo-Vogel anfaßte.

Zuletzt wurde es so anstrengend, dass alle seine lieben Familienangehörigen einer nach dem anderen zu den Ufern des großen, graugrünen, öligen Limpopoflusses wanderten, die ganz mit Fieberbäumen bestanden sind, um sich bei dem Krokodil neue Nasen zu besorgen. Als sie zurück kamen, verhaute niemand mehr irgend jemanden; und seit diesem Tag, o Meistgeliebter, haben alle Elefanten, die du jemals sehen wirst, einschließlich jener, die du nie sehen wirst, genau solche Rüssel wie der Rüssel des unersättzlichen Elefantenjungen.

Sechs treue Diener habe ich:
(sie lehrten all’s mich, was ich weiß)
Sie heißen Was und Wo und Wann
und Wie, Warum und Wer.
Ich schick‘ sie über Land und Meer
Ich schick‘ sie Ost und West;
Doch wenn die Arbeit fertig ist,
dann gönne ich ihnen Rast.

Sie haben frei von neun bis fünf,
weil ich dann tätig bin,
und auch zu Frühstück, Mittag, Tee
weil sie hungrige Männer sind.
Doch anders denke andere Leut‘
Ich kenn‘ eine kleine Person –
Die hält zehn Millionen Diener
Die niemals frei bekomm‘!
Sie schickt sie in die weite Welt
Aus Eigennutz – und windesschnell:
Eine Million Wie, zwei Millionen Wo,
und sieben Millionen Warum!

Der Schmetterling, der aufstampfte

Der Schmetterling, der aufstampfte

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Dieses, o meine Meistgeliebte, ist eine Geschichte – eine neue und wundervolle Geschichte – eine Geschichte, ganz anders als die anderen Geschichten – eine Geschichte über den Höchst Weisen Monarchen Suleiman-bin-Daoud – Salomon, den Sohn Davids.

Es gibt dreihundertfünfundfünfzig Geschichten über Suleiman-bin-Daoud; aber diese ist keine davon. Es ist nicht die Geschichte von dem Kiebitz, der das Wasser fand, oder von dem Wiedehopf, der Suleiman-bin-Daoud in der Hitze Schatten spendete. Es ist nicht die Geschichte von dem gläsernen Straßenpflaster oder von dem Rubin mit dem gekrümmten Loch, oder von den Goldbarren der Balkis. Es ist die Geschichte von dem Schmetterling, der aufstampfte.

Nun paß noch einmal auf und lausche!

Suleiman-bin-Daoud war weise. Er verstand, was die Tiere sprachen, was die Fische sprachen, was die Vögel sprachen und was die Insekten sprachen. Er verstand, was die Felsen tief unter der Erde sprachen, wenn sie sich ächzend zueinander neigten; und er verstand, was die Bäume sprachen, wenn sie mitten am Vormittag raschelten. Er verstand alles, vom Bischof auf der Kanzel bis zum Ysop an der Mauer, und Balkis, seine Hauptkönigin, die Wunderschöne Königin Balkis, war fast so weise wie er.

Suleiman-bin-Daoud war mächtig. Am dritten Finger der rechten Hand trug er einen Ring. Wenn er den einmal drehte, kamen Afrits und Dschinns aus der Erde, um alles auszuführen, was er ihnen befahl. Wenn er ihn zweimal drehte, kamen Feen vom Himmel herunter, um alles auszuführen, was er ihnen befahl; und wenn er ihn dreimal drehte, kam der sehr große Engel Azrael vom Schwert, als Wasserträger verkleidet, und erzählte ihm die Neuigkeiten aller drei Welten: der Oberen – der Unteren – und der Hiesigen.

Und doch war Suleiman-bin-Daoud nicht stolz. Er prahlte nur sehr selten, und wenn, dann tat es ihm nachher leid. Einmal versuchte er, alle Tiere der ganzen Welt an einem einzigen Tage zu füttern, aber als das Futter bereitgestellt war, kam ein Tier aus der Meerestiefe und fraß es mit drei Bissen auf. Suleiman-bin-Daoud war sehr erstaunt und sprach: »O Tier, wer bist du?« Und das Tier sprach: »O König, ewig sollst du leben! Ich bin der kleinste von dreißigtausend Brüdern, und unsere Heimat ist am Grunde des Meeres. Wir hörten, dass du alle Tiere der Welt füttern wolltest, und meine Brüder schickten mich zu fragen, wann das Mittagessen fertig wäre.« Suleiman-bin-Daoud staunte mehr als je und sprach: »O Tier, du hast das ganze Mittagessen verschlungen, welches ich für alle Tiere der Welt zubereiten ließ.« Und das Tier sprach: »O König, ewig sollst du leben, aber nennst du das wirklich ein Mittagessen? Wo ich herkomme, essen wir doppelt so viel zwischen den Mahlzeiten.« Da fiel Suleiman-bin-Daoud platt aufs Gesicht und sprach: »O Tier! Ich gab das Mittagessen, um zu zeigen, was für ein großer und reicher König ich bin, und nicht, weil ich wirklich gut zu den Tieren sein wollte. Jetzt schäme ich mich, und es geschieht mir recht.« Suleiman-bin-Daoud war ein wirklich und wahrhaftig weiser Mann, Meistgeliebte. Nach dieser Sache vergaß er nie, wie albern es ist, zu prahlen; und nun beginnt der eigentliche Geschichtenteil meiner Geschichte.

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Dies ist das Bild von dem Tier, das aus dem Meer kam und das ganze Futter fraß, das Suleiman-bin-Daoud für alle Tiere in der ganzen Welt bereitgestellt hatte. Er war wirklich ein ganz nettes Tier, und seine Mami mochte ihn sehr gerne, genau wie seine neunundzwanzigtausendneunhundertneunundneunzig anderen Brüder, die am Meeresgrund lebten. Du weißt, er war der kleinste von allen, und darum hieß er Klein-Porgies. Er fraß alle die Kisten und Pakete und Stapel und Sachen auf, die für alle Tiere bereitgestellt waren, ohne auch nur einen Deckel abzunehmen oder eine Schnur aufzuknoten, und es machte ihm überhaupt nichts aus. Die hochstehenden Masten hinter den Futterkisten gehören zu Suleiman-bin-Daouds Schiffen. Sie brachten gerade noch mehr Futter herbei, als Klein-Porgies zur Küste kam. Die Schiffe hat er nicht aufgefressen. Sie hörten mit dem Ausladen auf und segelten sofort aufs Meer hinaus, bis Klein-Porgies mit Fressen fertig war. Über Klein-Porgies Schulter kannst du sehen, wie einige Schiffe lossegeln. Ich habe Suleiman-bin-Daoud nicht gezeichnet, aber er ist gerade außerhalb des Bildes, und sehr erstaunt. Das Bündel, das am Mast des Schiffes in der Ecke hängt, ist eine Packung frischer Datteln, als Papageienfutter. Die Namen der Schiffe kenne ich nicht. Das ist alles, was es auf diesem Bild gibt.

Er heiratete sehr viele Frauen. Er heiratete außer der Wunderschönen Balkis noch neunhundertneunundneunzig Frauen; und sie lebten alle in einem großartigen goldenen Palast in der Mitte eines lieblichen Gartens voller Springbrunnen. Er wollte eigentlich keine neunhundertneunundneunzig Ehefrauen, aber in jenen Tagen heirateten alle Männer sehr viele Frauen, und natürlich mußte er als König die allermeisten heiraten, nur um zu zeigen, dass er der König war.

Manche der Frauen waren nett, aber einige waren einfach abscheulich, und die Abscheulichen zankten mit den Netten, bis die auch abscheulich wurden, und dann fingen sie alle an, mit Suleiman-bin-Daoud zu zanken, und das fand er abscheulich. Aber die Wunderschöne Balkis zankte nie mit Suleiman-bin-Daoud. Sie liebte ihn zu sehr. Sie saß in ihren Zimmern im Goldenen Palast oder ging im Palastgarten spazieren und hatte ehrliches Mitleid mit ihm.

Wenn er sich natürlich entschlossen hätte, den Ring an seinem Finger zu drehen und alle die Afrits und Dschinns herbeizurufen, dann hätten die alle neunhundertneunundneunzig zänkischen Frauen schon in weiße Wüstenesel oder Windhunde und Granatapfelsamen verwandelt; aber Suleiman-bin-Daoud hielt so etwas für zu prahlerisch. Wenn sie also zu viel zankten, ging er nur alleine in einem der schönen Palastgärten spazieren und wünschte, nie geboren zu sein.

Eines Tages, als sie drei Wochen lang gezankt hatten – sämtliche neunhundertneunundneunzig Frauen – ging Suleiman-bin-Daoud wie gewöhnlich aus, um Ruhe und Frieden zu finden; und unter den Orangenbäumen traf er die wunderschöne Balkis, die sich sehr sorgte, weil Suleiman-bin-Daoud so gequält war. Und sie sprach zu ihm: »O mein Herr und Licht meiner Augen, drehe den Ring an deinem Finger und zeige diesen Königinnen von Ägypten und Mesopotamien und Persien und China, dass du der große und schreckliche König bist.« Aber Suleiman-bin-Daoud schüttelte den Kopf und sprach: »O meine Herrin und Entzücken meines Lebens, erinnere dich an das Tier, das aus dem Meer kam und mich vor allen Tieren der Welt beschämte, weil ich prahlerisch war. Wenn ich jetzt vor diesen Königinnen von Persien und Ägypten und Abessinien und China prahlte, nur weil sie mich quälen, würde ich mich vielleicht noch mehr schämen als damals.«

Und die wunderschöne Balkis sprach: »O mein Herr und Schatz meiner Seele, was wirst du tun?«

Und Suleiman-bin-Daoud sprach: »O meine Herrin und Friede meines Herzens, ich werde mein Schicksal in den Händen dieser neunhundertneunundneunzig Königinnen, die mich mit ihrem unablässigen Gezänk belästigen, weiter ertragen.«

So ging er weiter durch die Lilien und Loquats und Rosen und Cannae und die schwer duftenden Ingwerpflanzen, die in dem Garten wuchsen, bis er zu dem großen Kampherbaum kam, der da genannt wurde: der Kampherbaum von Suleiman-bin-Daoud. Aber Balkis verbarg sich zwischen den hohen Irisstauden und dem gefleckten Bambus und den roten Lilien hinter dem Kampherbaum, um ihrem einzigen Geliebten nahe zu sein, dem Suleiman-bin-Daoud.

In dem Moment flogen zwei Schmetterlinge unter den Baum, die sich zankten.

Suleiman-bin-Daoud hörte, wie der eine zu dem anderen sprach: »Ich wundere mich sehr über deine Anmaßung, dass du so mit mir sprichst. Weißt du nicht, dass ich nur mit dem Fuß aufzustampfen brauchte, und sofort würde der ganze Palast von Suleiman-bin-Daoud, mitsamt diesem Garten hier, mit einem Donnerschlag verschwinden.«

Da vergaß Suleiman-bin-Daoud seine neunhundertneunundneunzig anstrengenden Frauen und lachte über die Großmäuligkeit des Schmetterlings, dass der Kampherbaum wackelte. Und er streckte einen Finger aus und sprach: »Kleiner Mann, komm her.«

Der Schmetterling war furchtbar verängstigt, aber er schaffte es, auf die Hand von Suleiman-bin-Daoud zu fliegen, hielt sich dort fest und fächelte sich Luft zu. Suleiman-bin-Daoud beugte den Kopf und flüsterte ganz leise: »Kleiner Mann, du weißt, dass all dein Stampfen nicht mal einen Grashalm biegen würde. Warum hast du deine Frau so schlimm angeschwindelt? – denn ohne Zweifel ist das deine Frau.«

Der Schmetterling schaute Suleiman-bin-Daoud an und sah, dass die Augen des höchstweisen Königs funkelten wie Sterne in einer frostigen Nacht, und er nahm seinen Mut in beide Flügel, legte den Kopf zur Seite und sprach: »O König, ewig sollst du leben. Sie ist meine Frau; und du weißt doch, wie Frauen sind.«

Suleiman-bin-Daoud lächelte in seinen Bart und sprach: »Ja, das weiß ich, kleiner Bruder.«

»Man muß sie irgendwie im Zaum halten,« sprach der Schmetterling, »und sie hat den ganzen Vormittag mit mir gezankt. Ich habe das gesagt, damit sie still ist.«

Und Suleiman-bin-Daoud sprach: »Möge es sie beruhigen. Geh zurück zu deiner Frau, kleiner Bruder, und laß mich euch zuhören.«

Zurück zu seiner Frau flog der Schmetterling, die hinter einem Blatt vor Aufregung zitterte, und sie sprach: »Er hat dich gehört! Suleiman-bin-Daoud persönlich hat dich gehört!«

»Mich gehört!« sagte der Schmetterling. »Natürlich hat er mich gehört. Ich wollte, dass er mich hört.«

»Und was hat er gesagt? Oh, was hat er gesagt?«

»Nun,« sprach der Schmetterling und fächelte sich wichtigtuerisch, »unter uns, meine Liebe – natürlich mache ich ihm keine Vorwürfe, denn sein Palast muß sehr teuer gewesen sein, und die Orangen werden gerade erst reif – er bat mich, nicht aufzustampfen, und ich habe ihm versprochen, es nicht zu tun.«

»Gütiger!« sprach seine Frau, und saß ganz still da; aber Suleiman-bin-Daoud lachte über die Unverschämtheit des bösen kleinen Schmetterlings, bis ihm die Tränen das Gesicht herabliefen.

Die wunderschöne Balkis erhob sich hinter dem Baum zwischen den roten Lilien und lächelte, denn sie hatte alles mit angehört. Sie dachte: »Wenn ich klug bin, kann ich meinen Herrn zukünftig vor den Verfolgungen dieser zänkischen Königinnen bewahren,« und sie streckte einen Finger aus und flüsterte der Schmetterlingsfrau leise zu: »Kleine Frau, komm her.« Auf flog die Schmetterlingsfrau, sehr verängstigt, und klammerte sich an Balkis weiße Hand.

Balkis neigte ihren schönen Kopf und flüsterte: »Kleine Frau, glaubst du das, was dein Ehemann eben gesagt hat?«

Die Schmetterlingsfrau schaute Balkis an und sah, daß die Augen der wunderschönen Königin wie tiefe Teiche im Sternenlicht glänzten, und sie nahm ihren Mut in beide Flügel und sprach: »O Königin, ewig sollst du lieblich bleiben. Du weißt doch, wie die Männer sind.«

Und die Königin Balkis, die Weise Balkis von Saba, hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Lächeln zu verbergen, und sprach: »Kleine Schwester, ich weiß es.«

»Sie werden wütend,« sprach die Schmetterlingsfrau, »und zwar ohne jeden Grund, aber wir müssen sie bei Laune halten, O Königin. Sie meinen nicht die Hälfte von dem, was sie sagen. Wenn es meinem Mann Spaß macht, zu glauben, dass ich glaube, er könne Suleiman-bin-Daouds Palast verschwinden lassen, indem er mit dem Fuß aufstampft, dann ist mir das herzlich egal. Morgen hat er alles vergessen.«

»Kleine Schwester,« sprach Balkis, »du hast ganz recht; aber wenn er das nächste mal anfängt, aufzuschneiden, dann nimm ihn beim Wort. Bitte ihn, aufzustampfen und sieh, was geschehen wird. Wir wissen, wie die Männer sind, nicht wahr? Er wird sehr beschämt sein.«

Weg flog die Schmetterlingsfrau zu ihrem Ehemann, und nach fünf Minuten zankten sie schlimmer denn je.

»Vergiß nicht!« sprach der Schmetterling. »Vergiß nicht, was ich tun kann, wenn ich mit dem Fuß aufstampfe.«

»Ich glaube dir kein kleines bißchen,« sprach die Schmetterlingsfrau. »Ich würde das wirklich gerne sehen. Stampf‘ doch einfach mal.«

»Ich habe Suleiman-bin-Daoud vesprochen, dass ich es nicht tun würde,« sprach der Schmetterling, und ich will mein Versprechen nicht brechen.«

»Es würde nichts ausmachen, wenn du es tätest,« sprach seine Frau. »Du könntest mit deinem Stampfen keinen Grashalm biegen. Du traust dich nur nicht,« sprach sie. »Stampf! Stampf! Stampf!«

Suleiman-bin-Daoud, der unter dem Kampherbaum saß, hörte jedes Wort, und er lachte, wie er noch nie in seinem Leben gelacht hatte. Er vergaß seine Königinnen; er vergaß das Tier, das aus dem Meer gekommen war;

er vergaß die Prahlerei. Er lachte einfach aus Freude, und Balkis, auf der anderen Seite des Baumes, lächelte, weil ihr einziger Geliebter so froh war.

Jetzt kam der Schmetterling sehr erhitzt und keuchend, in den Schatten des Kampherbaumes zurückgewirbelt und sprach zu Suleiman: »Sie will, dass ich stampfe! Sie will sehen, was passiert, O Suleiman-bin-Daoud! Du weißt, dass ich es nicht kann, und jetzt wird sie mir nie wieder ein Wort glauben. Sie wird mich bis ans Ende meiner Tage auslachen!«

»Nein, kleiner Bruder,« sprach Suleiman-bin-Daoud, »sie wird nie mehr über dich lachen,« und er drehte den Ring an seinem Finger – nur zum Nutzen des kleinen Schmetterlings, nicht, um zu Prahlen, – und siehe, aus der Erde kamen vier stattliche Dschinns!

»Sklaven,« sprach Suleiman-bin-Daoud, »wenn dieser kleine Edelmann auf meinem Finger« (da saß der unverschämte Schmetterling nämlich) »mit dem linken vorderen Fuß aufstampft, werdet ihr meinen Palast und diese Gärten mit einem Donnerschlag verschwinden lassen. Wenn er noch einmal aufstampft, werdet ihr alles sorgfältig zurückbringen.«

»Jetzt, kleiner Bruder,« sprach er, »geh zurück zu deiner Frau und stampfe, so viel du Lust hast.«

Weg flog der kleine Schmetterling, zu seiner Frau, die schrie: »Du traust dich ja nicht! Du traust dich ja nicht! Stampf! Stampf jetzt! Stampf!« Balkis sah, wie die vier ungeheuren Dschinns sich zu den vier Ecken des Gartens mit dem Palast in der Mitte herabbeugten, und sie klatschte leise in die Hände udnsprach: »Zuguterletzt wird Suleiman-bin-Daoud zum Nutzen eines Schmetterlings tun, was er schon längst zu seinem eigenen Nutzen hätte tun sollen, und die zänkischen Königinnen werden eingeschüchtert sein!«

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Dies ist das Bild der vier Dschinns mit Möwenflügeln, die Suleiman-bin-Daouds Palast hochwuchten, genau in der Minute, als der Schmetterling aufstampfte. Der Palast und der Garten und alles kam in einem Stück hoch wie ein Brett, und im Boden blieb ein großes Loch voller Staub und Rauch zurück. Wenn du in die Ecke guckst, siehst du ganz nah bei dem Ding, das wie ein Löwe aussieht, Suleiman-bin-Daoud mit seinem Zauberstab und die beiden Schmetterlinge hinter ihm. Das Ding, das wie ein Löwe aussieht, ist in Wirklichkeit ein aus Stein gehauener Löwe, und das Ding, das wie eine Milchkanne aussieht, ist tatsächlich ein Stück von einem Tempel oder Haus oder so was. Suleiman-bin-Daoud hatte sich da hingestellt, um nicht in dem Staub und Schmutz zu stehen, als die Dschinns den Palast hochwuchteten. Die Namen der Dschinns kenne ich nicht. Sie waren Diener von Suleiman-bin-Daouds magischem Ring, und änderten sich jeden Tag. Sie waren einfach gewöhnliche Dschinns mit Möwenflügeln.

Das Bild unten zeigt einen sehr freundlichen Dschinn namens Akraig. Er fütterte dreimal täglich die kleinen Fische im Meer, und seine Flügel waren aus reinem Kupfer gemacht. Ich habe ihn hineingezeichnet, um dir zu zeigen, wie ein netter Dschinn aussieht. Er hat nicht mitgeholfen, den Palast hochzuheben. Er war damit beschäftigt, die kleinen Fische im Arabischen Meer zu füttern, als es geschah.

Der Schmetterling stampfte auf. Die Dschinns rissen den Palast und die Gärten tausend Meilen in die Luft: es gab einen gewaltigen Donnerschlag, und alles wurde tintenschwarz. Die Schmetterlingsfrau flatterte im Dunkel herum und schrie: »Oh, ich werde lieb sein! Es tut mir so leid, was ich gesagt habe. Bring nur die Gärten zurück, mein lieber guter Mann, und ich werde nie mehr widersprechen.«

Der Schmetterling war fast so erschrocken wie seine Frau, und Suleiman-bin-Daoud lachte so sehr, dass es mehrere Minuten dauerte, bis er wieder genug Luft hatte, um dem Schmetterling zu zu flüstern: »Stampf noch einmal, kleiner Bruder. Gib mir meinen Palast zurück, großmächtiger Zauberer.«

»Ja, gib ihm seinen Palast zurück,« sprach die Schmetterlingsfrau, die immer noch wie eine Motte im Dunkeln umherflog. »Gib ihm seinen Palast zurück, und laß es mit der gräßlichen Zauberei genug sein.«

»Tja, meine liebe,« sagte der Schmetterling so tapfer wie er konnte, »jetzt siehst du, wohin deine Nörgelei geführt hat. Natürlich macht es mir überhaupt nichts aus – ich bin an diese Dinge gewöhnt – aber um Suleiman-bin-Daoud und dir einen Gefallen zu tun, stört es mich nicht, die Sache wieder in Ordnung zu bringen.«

Also stampfte er noch einmal auf, und im selben Augenblick ließen die Dschinns den Palast und die Gärten ohne jede Erschütterung wieder herunter. Die Sonne schien auf die dunkelgrünen Orangenblätter; die Springbrunnen spielten zwischen den rosafarbenen ägyptischen Lilien; die Vögel sangen weiter, und die Schmetterlingsfrau lag unter dem Kampherbaum auf der Seite, zuckte mit den Flügel und keuchte: »Oh, ich werde lieb sein! Ich werde lieb sein!«

Suleiman-bin-Daoud konnte vor Lachen kaum sprechen. Erlehnte sich zurück, ganz schwach und hicksend, drohte dem Schmetterling mit dem Finger und sprach: »O großer Zauberer, welchen Sinn hat es, mir meinen Palast zurückzugeben, wenn du mich im selben Moment mit Heiterkeit erschlägst!«

Dann kam ein schrecklicher Lärm auf, denn alle neunhundertneunundneunzig Königinnen rannten kreischend und schreiend und nach ihren Kindern rufend aus dem Palast. Sie stürmten die großen Marmorstufen unterhalb des Springbrunnens hinab, einhundert nebeneinander, und die weise Balkis trat ihnen würdevoll entgegen und sprach: »Was beunruhigt euch, O Königinnen?«

Sie standen, einhundert nebeneinander, auf den Marmorstufen und riefen: »Was uns beunruhigt? Wir lebten friedlich in unserem goldenen Palast, wie es unsere Gewohnheit ist, als plötzlich der Palast verschwand, und wir uns in einer dicken und ungesunden Dunkelheit wiederfanden; und es donnerte, und Dschinns und Afrits schwebten in der Dunkelheit herum! Das beunruhigt uns, O Hauptkönigin, und wir sind wegen dieser Beunruhigung ganz extrem beunruhigt, weil es eine beunruhigende Beunruhigung war, anders als alle Beunruhigung, die wir kannten.«

Da sprach Balkis, die Wunderschöne Königin – Suleiman-bin-Daouds Überaus Meistgeliebte – Königin war sie von Saba und Sable und der Goldenen Flüsse des Südens – von den Wüsten von Zinn bis zu den Türmen von Zimbabwe – Balkis, fast so weise wie der Höchst Weise Suleiman-bin-Daoud selbst: »Es ist nichts, O Königinnen! Ein Schmetterling hat seine Frau angeklagt, weil sie mit ihm gezankt hat, und es hat unserem Herrn Suleiman-bin-Daoud gefallen, ihr eine Lektion in Leise-Sprechen und Demut zu erteilen, weil das unter den Frauen der Schmetterlinge als Tugend angesehen wird.«

Da erhob eine ägyptische Königin – Tochter eines Pharaohs – die Stimme und sprach: »Unser Palast kann nicht zumNutzen eines kleinen Insekts mitsamt den Wurzeln herausgezogen werden wie eine Lauchstange. Nein! Suleiman-bin-Daoud muß tot sein, und was wir gehört und gesehen haben, war das Donnern und Verdunkeln der Erde wegen dieser Nachricht.«

Da winkte Balkis dieser kühnen Königin, ohne sie anzusehen, und sprach zu ihr und den anderen: »Kommt und seht.«

Sie kamen die Marmorstufen herab, hundert nebeneinander, und da, unter seinem Kampherbaum, noch immer schwach vor Lachen, sahen sie den Höchst Weisen König Suleiman-bin-Daoud vor- und zurückschaukeln, mit einem Schmetterling auf jeder Hand, und sie hörten, wie er sprach: »O Frau meines Bruders in den Lüften, vergiß hiernach nicht, deinem Ehemann in allen Dingen Freude zu bereiten, weil er sonst gezwungen wäre, noch einmal mit dem Fuß aufzustampfen; denn er hat gesagt, dass er an seine Magie gewöhnt ist, und er ist ganz offensichtlich ein großer Zauberer – einer, der den wirklichen Palast von Suleiman-bin-Daoud persönlich stehlen kann. Geht in Frieden, kleine Leute!« Und er küßte sie auf die Flügel, und sie flogen weg.

Da fielen alle Königinnen außer Balkis – der wunderschönen und herrlichen Balkis, die lächelnd abseits stand – platt aufs Gesicht, denn sie sagten: »Wenn er das tut, weil ein Schmetterling mit seiner Frau unzufrieden ist, was wird uns dann geschehen, die wir unseren König mit unserem lauten Sprechen und offenen Gezänk so viele Tage geärgert haben?«

Da zogen sie ihre Schleier vors Gesicht und hielten sich die Hände vor den Mund und gingen auf Zehenspitzen mucksmäuschenstill in den Palast zurück.

Dann schritt Balkis – die Wunderschöne und Hervorragende Balkis – durch die roten Lilien in den Schatten des Kampherbaums und legte ihre Hand auf Suleiman-bin-Daouds Schulter und sprach: »O mein Herr und Schatz meiner Seele, freue dich, denn wir haben den Königinnen von Ägypten und Äthiopien und Abessinien und Persien und China eine große und denkwürdige Lehre erteilt.«

Und Suleiman-bin-Daoud, der noch immer den Schmetterlingen nachschaute, wie sie im Sonnenlicht spielten, sprach: »O meine Herrin und Juwel meines Glücks, wann ist das geschehen? Denn ich habe, seit ich in den Garten kam, mit einem Schmetterling gespaßt.« Und er erzählte Balkis, was er gemacht hatte.

Balkis – die milde und Höchst Liebliche Balkis – sprach: »O mein Herr und Regent meiner Existenz, ich war hinter dem Kampherbaum versteckt und habe alles gesehen. Ich war es, die der Schmetterlingsfrau riet, den Schmetterling zum Stampfen aufzufordern, weil ich hoffte, dass mein Herr zum Spaß einen großen Zauber machen würde, und dass die Königinnen ihn sähen und verängstigt wären.« Und sie erzählte ihm,was die Königinnen gesagt und gesehen und gedacht hatten.

Da stand Suleiman-bin-Daoud vonseinem Sitz unter dem Kampherbaum auf, streckte seine Arme aus und freute sich und sprach: »O meine Herrin, Versüßerin meiner Tage, wisse: wenn ich aus Stolz und Ärger einen Zauber gegen meine Königinnen gemacht hätte, so wie ich das Fest für die Tiere gemacht habe, würde mich das sicherlich in Schande gestürzt haben. Aber durch deine Weisheit habe ich aus Spaß und zumNutzen eines kleinen Schmetterlings einen Zauber gemacht, und – siehe! – es hat mich auch von dem Ärger mit meinen ärgerlichen Frauen befreit! Sage mir also, O meine Herrin und Herz meines Herzens, wie bist du zu dieser Weisheit gekommen?« Und Balkis, die Königin, schön und hochgewachsen, schaute auf in Suleiman-bin-Daouds Augen und neigte den Kopf ein wenig zur Seite, gerade wie der Schmetterling, und sprach: Erstens, mein Herr, weil ich dich liebe; und zweitens, O mein Herr, weil ich weiß, wie die Frauen sind.«

Dann gingen sie in den Palast zurück und lebten glücklich und in Frieden.

Aber war das nicht listig von Balkis?

Einzig war Königin Balkis
Von hier bis zum Ende der Welt;
Denn Balkis sprach mit der Schmetterlingsfrau
Als wäre sie ihr Freund.

Einzig war König Salomon,
seit Anbeginn der Welt,
Denn Salomon sprach mit dem Schmetterling
Als wäre er sein Freund.

Sie war die Herrin Sabäas,
Ganz Asiens König war er;
Mit Schmetterlingen sprachen sie,
Wenn sie ins Ausland fuhr’n.

Wie das Alphabet erfunden wurde

In der Woche, nachdem Taffimai Metallumai (wir werden sie weiterhin Taffi nennen, Meistgeliebte) den kleinen Fehler mit dem Speer ihres Pappis und dem fremden Mann und dem Bilderbrief und allem gemacht hatte, ging sie wieder mit ihrem Pappi zum Karpfenfischen. Ihre Mami wollte, dass sie zu Hause blieb und half, Felle zum Trocknen auf die großen Trockenpfähle vor der neusteinzeitlichen Höhle zu hängen, aber Taffi riß ganz früh zu ihrem Pappi aus, und sie fischten. Auf einmal begann sie zu kichern, und ihr Pappi sagte: »Sei nicht albern, Kind.«

»Aber das war doch so anregend,« sagte Taffi. »Weißt Du nicht mehr, wie der Oberhäuptling seine Backen aufgeblasen hat, und wie komisch der nette fremde Mann mit dem Schlamm in den Haaren ausgesehen hat?«

»Das weiß ich noch sehr gut,« sagte Tegumai. »Ich mußte dem fremden Mann für alles, was wir ihm angetan haben, zwei Hirschfelle geben – weiche mit Fransen.«

»Wir haben ihm gar nichts getan,« sagte Taffi. »Es war Mami mit den anderen Neusteinzeitdamen – und der Schlamm.«

»Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte Tegumai. »Laß uns essen.«

Taffi nahm einen Markknochen und saß ganze zehn Minuten lang mäuschenstill, während ihr Pappi mit einem Haifischzahn auf Birkenrindenstücken herumkratzte. Dann sagte sie: »Pappi, ich habe mir eine geheime Überraschung ausgedenkt. Mach mal ein Geräusch – irgendeins.«

»Ah!« sagte Tegumai. »Genügt das für den Anfang?«

»Ja,« sagte Taffi. » Du siehst aus wie ein Karpfen mit offenem Maul. Sag’s bitte noch einmal.«

»Ah! Ah! Ah!« sagte ihr Pappi. »Sei nicht unverschämt, meine Tochter.«

»Ich meine es nicht unverschämt, wirklich und wahrhaftig,« sagte Taffi. »Das ist doch mein geheimer Überraschungsgedanke. Sag noch mal Ah, Pappi, und laß deinen Mund am Schluß offen, und leih mir mal den Zahn. Ich werde ein weit offenes Karpfenmaul malen.«

»Wozu?« sagte ihr Pappi.

»Verstehst du nicht?« sagte Taffi und kratzte auf ihrer Rinde. »Das wird unsere kleine geheime Überraschung. Wenn ich einen Karpfen mit weit offenem Maul hinten in den Ruß auf der Wand in unserer Höhle male – wenn Mami es erlaubt – wird er dich an das Geräusch erinnern. Dann können wir so tun, als würde ich aus dem Dunkeln hervorspringen und dich mit dem Geräusch erschrecken – genau wie ich es letzten Winter im Bibersumpf gemacht habe.«

»Tatsächlich?« sagte ihr Pappi mit der Stimme, die Erwachsene haben, wenn sie wirklich aufpassen. »Mach weiter, Taffi.«

»Ach Ärgernis!« sagte sie. »Ich kann keinen ganzen Karpfen malen, nur sowas, das wie ein Karpfenmaul aussieht. Weißt du nicht, wie sie auf dem Kopf stehen und im Schlamm wühlen? Also, das hier wäre wohl ein Karpfen (wir können so tun, als ob ich den Rest auch gemalt hätte). Hier ist genau sein Maul, und das heißt Ah.« Und das malte sie:

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»Das ist nicht schlecht,« sagte Tegumai und kratzte auf seinem eigenen Rindenstück; »aber du hast den Fühler vergessen, der ihm am Maul hängt.«

»Aber ich kann doch nicht malen, Pappi.«

»Du brauchst nichts von ihm zu malen als das offene Maul und den Fühler daran. Dann wissen wir, dass es ein Karpfen ist, weil die Barsche und Forellen keine Fühler haben. Guck, Taffi.« Und er malte das:

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»Das male ich jetzt ab,« sagte Taffi. »wirst du das verstehen, wenn du es siehst?«

»Haargenau,« sagte ihr Pappi.

Und sie malte das:

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»Und ich werde genau so erschrocken sein, wenn ich es irgendwo sehe, als wenn du hinter einem Baum hervorgesprungen wärst und »Ah!« gemacht hättest.

»So, jetzt mach‘ ein anderes Geräusch,« sagte Taffi sehr stolz.

»Yah!« sagte ihr Pappi sehr laut.

»Hhm,« sagte Taffi. »Das ist ein gemischtes Geräusch. Das Ende ist ein Ah-Karpfenmaul; aber was machen wir mit dem Vorderteil? Y-y-y und Ah! Ya!«

»Es ist dem Karpfenmaulgeräusch sehr ähnlich. Laß uns ein anderes Teil vom Karpfen malen und die beiden verbinden,« sagte ihr Pappi. Er war auch ganz angeregt.

»Nein. Wenn sie verbunden sind, kann ich es mir nicht merken. Mal‘ es einzeln. Mal‘ seinen Schwanz. Wenn er auf dem Kopf steht, kommt zuerst der Schwanz. Ausserdem kann ich den Schwanz am leichtesten malen, glaube ich,« sagte Taffi.

»Eine gute Idee,« sagte Tegumai. »Hier hast du einen Karpfenschwanz für das Y-Geräusch .« Und er malte das:

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»Jetzt versuche ich’s,« sagte Taffi. »Denk dran, ich kann nicht so malen wie du, Pappi. Genügt es wohl, wenn ich einfach das geteilte Ende vom Schwanz male, und das gerade Ende für die Verbindung?« Und sie malte das:

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Ihr Pappi nickte, und seine Augen leuchteten hell vor Aufregung.

»Das ist schön,« sagte sie. »Jetzt mach noch ein Geräusch, Pappi.«

»Oh!« sagte ihr Pappi sehr laut.

»Das ist ganz leicht,« sagte Taffi. »Du hast den Mund ganz rund gemacht, wie ein Ei oder einen Kieselstein. Also wird ein Ei oder ein Stein dafür gut genug sein.«

»Du wirst nicht überall Eier oder Steine finden. Wir müssen so ein ähnliches rundes Ding kratzen.« Und er malte das:

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»Mein Güte!« sagte Taffi, »was für eine Menge Geräusch-Bilder wir gemacht haben, – Karpfenmaul, Karpfenschwanz und Ei! Jetzt mach noch ein Geräusch, Pappi.«

»Sch!« sagte ihr Pappi, und runzelte die Stirn, aber Taffi war zu aufgeregt, um es zu bemerken.

»Das ist ziemlich einfach,« sagte sie und kritzelte auf die Rinde.

»Hä, was?« sagte ihr Pappi. »Ich meinte, du solltest mich nicht beim Nachdenken stören.«

»Es war ja trotzdem ein Geräusch. Das war das Geräusch, was die Schlangen machen, Pappi, wenn sie nicht beim Nachdenken gestört werden wollen. Ist das so richtig?« Und sie malte das:

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»So,« sagte sie. Das ist noch ein Überraschungsgeheimnis. Wenn du eine Zischel-Schlange an den Eingang von deiner kleinen Hinterhöhle, wo du die Speere reparierst, hinmalst, dann weiß ich, dass du nachdenkst; und dann bin ich ganz mäuschenstill, wenn ich reinkomme. Und wenn du fischen gehst, kannst du sie auf einen Baum am Fluß malen, dann weiß ich, dass ich ganz ganz mäuschenstill gehen muß, damit ich nicht das Ufer erschüttere.«

»Haargenau wahr,« sagte Tegumai. »An diesem Spiel ist mehr dran, als du denkst. Taffi-liebes, ich habe eine Ahnung, dass deines Pappis Tochter auf das tollste Ding gekommen ist, dass es je gab, seit der Stamm von Tegumai Haifischzähne statt Flintstein für die Speerspitzen genommen hat. Ich glaube, wir haben das große Geheimnis der Welt entdeckt.«

»Warum?« sagte Taffi, und auch ihre Augen leuchteten vor Anregung.

»Ich erkläre es,« sagte ihr Pappi. »Wie nennt man Wasser in der Tegumaisprache?«

»›Ya‹, natürlich, und das heißt auch Fluß – zum Beispiel ›Wagai ya‹ – der Fluß Wagai.«

»Wie nennt man schlechtes Wasser, von dem du Fieber kriegst, wenn du es trinkst – schwarzes Wasser – Sumpfwasser?«

»›Yo‹ natürlich.«

»Jetzt guck mal,« sagte ihr Pappi. »Angenommen, du sähest das hier an ein Wasserloch im Bibersumpf gemalt?« Und er malte das.:

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»Karpfenschwanz und rundes Ei. Zwei Geräusche vermischt! Yo, schlechtes Wasser,« sagte Taffi. »‘Türlich würde ich das Wasser nicht trinken, weil ich wüßte, das du gesagt hast, es ist schlecht.«

»Aber ich müßte gar nicht in der Nähe von dem Wasser sein. Ich könnte meilenweit weg sein, jagen, und trotzdem –«

»Und trotzdem wäre es wäre es genau so, als ob du da ständest und sagtest ›Geh weg, Taffi, oder du kriegst Fieber.‹ Das ist alles in dem Karpfenschwanz und dem runden Ei! O, Pappi, das müssen wir Mami erzählen, schnell!« und Taffi tanzte um ihn herum.

»Noch nicht,« sagte Tegumai; »erst, wenn wir etwas weiter sind. Laß mal sehen. Yo ist schlechtes Wasser, aber So ist auf dem Feuer gekochtes Essen, nicht wahr?« Und er malte das:

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»Ja. Schlange und Ei.« sagte Taffi. »›So‹ bedeutet, dass das Essen fertig ist. Wenn du das in einen Baum gekratzt sähst, wüßtest du, dass es Zeit ist, zur Höhle zu kommen. Ich auch.«

»Mein kluges Kind!« sagte Tegumai. »Das ist wahr. Aber warte mal. Ich seh‘ da eine Schwierigkeit. ›So‹ heißt: ›kommt zum Essen‹, aber ›Sho‹ heißen die Trockenpfähle, wo wir unsere Felle aufhängen.«

»Gräßliche Trockenpfähle!« sagte Taffi. »Ich hasse es, die schweren, heißen, haarigen Felle aufhängen zu helfen. Wenn du Schlange und Ei maltest, und ich dächte, es bedeutete Mittagessen, und ich käme aus dem Wald und müßte Mami helfen, die beiden Felle auf das Trockengerüst zu hängen, was dann?«

»Dann wärst du sauer. Und Mami auch. Wir müssen für ›sho‹ ein anderes Bild malen. Wir müssen eine gefleckte Schlange malen, die ›sh-sh‹ macht, und wir tun so, als ob die einfache Schlange nur ›ssss‹ machte.«

»Ich könnte aber vielleicht die Flecken nicht richtig reinmalen,« sagte Taffi. »Und v’leicht, wenn du es eilig hättest, würdest du sie weglassen, und ich würde denken, es wäre ›so‹ wenn es eigentlich ›sho‹ sein sollte, und Mami würde mich doch kriegen. Nein! Ich glaube,wir malen lieber ein Bild von den gräßlichen hohen Trockenpfählen selbst, dann ist es sicher. Ich ritze sie gleich hinter die Zischel-Schlange. Guck!« Und sie malte das:

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»V’leicht ist das am sichersten. Es sieht jedenfalls ziemlich genau aus wie unsere Trockenpfähle, sagte ihr Pappi. »Jetzt mache ich ein Geräusch mit einer Schlange und einem Trockenpfahl. Ich sage ›shi‹. Das bedeutet ›Speer‹ in Tegumai-Sprache, Taffi.« Und er lachte.

»Mach dich nicht über mich lustig,« sagte Taffi, weil sie an ihren Bilderbrief und den Schlamm in den Haaren des fremden Mannes dachte. »Mal du das, Pappi.«

»Diesmal ohne Biber oder Hügel, hm?« sagte ihr Pappi. »Ich male nur eine gerade Linie für meinen Speer.« Und er malte das:

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»Da würde nicht mal Mami denken, dass das bedeutet, dass ich ermordet werde.«

»Bitte sag das nicht, Pappi. Da wird mir ungemütlich. Mach noch ein paar Geräusche. Wir kommen schön voran.«

»Äh-hm!« sagte Tegumai. Wir sagen mal ›shu‹. Das bedeutet Himmel.«

Taffi malte die Schlange und den Trockenpfahl. Dann stutzte sie. »Wir müssen ein neues Bild für den Klang am Ende malen, oder ?«

»Shu-shu-u-u-u!« sagte ihr Pappi. »Was soll’s, das ist nur das runde Eigeräusch, etwas schwächer gemacht.«

»Also angenommen, wir malen ein schmales rundes Ei und tun so, als ob das ein Frosch wäre, der seit Jahren nichts gefressen hat.«

»N-nein,« sagte ihr Pappi. »Wenn wir das zu schnell malten, könnten wir es mit dem runden Ei selbst verwechseln. Sh-shu-shu! Ich sag‘ dir, was wir tun. Wir machen ein kleines Loch in das runde Ei, dann sieht man, wie das O-Geräusch schwächer wird, ooo-oo-oo. Genau so.« Und er malte das:

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»Oh, das ist hübsch! Viel besser als ein dünner Frosch. Mach weiter,« sagte Taffi und ritzte mit ihrem Haifischzahn. Ihr Pappi malte weiter, und seine Hand zitterte vor Anregung. Er hörte nicht auf, bis er das gemalt hatte:

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»Nicht nachgucken, Taffi,« sagte er. »Versuch mal, ob du herausfinden kannst, was das in der Tegumaisprache bedeutet. Wenn du es kannst, haben wir das Geheimnis gefunden.«

»Schlange-Trockenpfahl-Ei-mit-Loch-Karpfenschwanz und Karpfenmaul,« sagte Taffi. »Shu-ya. Himmel-Wasser (Regen).« Eben da fiel ein Tropfen auf ihre Hand, denn der Himmel hatte sich bewölkt. »Ach, Pappi, es regnet. Wolltest du mir das sagen?«

»Natürlich,« sagte ihr Pappi. »Und ich habe es dir gesagt, ohne ein Wort zu sprechen, stimmts?«

»Gut, ich dachte, ich hätte es in einer Minute rausgefunden, aber der Regentropfen hat es mir ganz klar gemacht. Das werde ich jetzt nie mehr vergessen. ›Shu-ya‹ heißt ›Regen‹, oder ›es wird gleich regnen‹. Ach, Pappi!« Sie sprang auf und tanzte um ihn herum. »Angenommen, du gingst weg, bevor ich wach wäre, und maltest ›shu-ya‹ in den Ruß auf der Wand, dann wüßte ich, dass es regnen wird und würde meine Biberfellkapuze mitnehmen. Wäre Mami nicht überrascht?«

Tegumai sprang auf und tanzte. (Pappis hatten in jenen Tagen keine Schwierigkeiten, so etwas zu tun.) »Mehr noch! Mehr noch!« sagte er.

»Angenommen, ich wollte dir sagen, dass es nicht sehr lange regnen wird und dass du zum Fluß kommen mußt, was würden wir malen? Sag‘ die Worte zuerst in der Tegumaisprache.«

»Shu-ya-las, ya maru. (Himmel-Wasser endet. Fluß hinkommen.) wie viele neue Geräusche! Ich weiß nicht, wie wir die malen sollen.«

»Aber ich weiß es – ich weiß es!« sagte Tegumai. Warte nur eine Minute, Taffi, und dann sind wir für heute fertig. Shu-ya haben wir schon, nicht wahr? Aber dieses ›las‹ ist schwierig. La-la-la« und er schwenkte seinen Haifischzahn.

»Die Zischel-Schlange ist am Ende, und das Karpfenmaul vor der Schlange – as-as-as. Wir brauchen nur la-la,« sagte Taffi.

»Das weiß ich, aber wir müssen la-la erfinden. Und wir sind die Ersten auf der ganzen Welt, die das jemals versucht haben, Taffimai!«

»Gut,« gähnte Taffi, denn sie war ziemlich müde. »›Las‹ bedeutet ›brechen‹ oder ‚beenden‘ oder auch ›aufhören‹, oder?«

»So ist es,« sagte Tegumai. »›To-las‹ heißt, dass kein Wasser mehr zum Kochen für Mami in der Zisterne ist – meistens, wenn ich jagen gehen will.«

»Und shi-las bedeutet, dass dein Speer zerbrochen ist. Wenn ich doch darauf gekommen wäre, anstatt alberne Biberbilder für den Fremden zu malen!«

»La! La! La!« sagte Tegumai und schwenkte mit grimmigem Gesicht seinen Stock. »Hach! Schwierig!«

»Ich hätte ›shi‹ ziemlich einfach malen können,« fuhr Taffi fort. »Da hätte ich deinen Speer ganz zerbrochen gemalt – so!« Und sie malte:

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»Das ist es,« sagte Tegumai. »Das ist ›la‹, ganz genau. Es ähnelt auch den anderen Zeichen überhaupt nicht.« Und er malte das:

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»Nun zu ›ya‹. Oh, das haben wir schon. Also ›maru‹. Mum-mum-mum. Mum schließt dir den Mund, oder? Wir malen so einen geschlossenen Mund. Und er malte:

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»Jetzt das offene Karpfenmaul. Das macht ›Ma-ma-ma‹! Aber was ist mit diesem rrrrr-Ding, Taffi?«

»Es klingt ganz rauh und kantig, wie deine Haifischzahnsäge, wenn du eine Planke für ein Kanu schneidest,« sagte Taffi.

»Du meinst, mit sehr scharfen Kanten, so wie das?« sagte Tegumai. Und er malte:

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»Genau,« sagte Taffi. Aber wir wollen nicht so viele Zähne; mach nur zwei.«

»Ich mache nur einen,« sagte Tegumai. »Wenn aus unserem Spiel das wird, was ich glaube, dann – je einfacher wir unsere Geräuschbilder machen, desto besser für alle.« Und er malte:

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»Jetzt haben wir’s,« sagte Tegumai, auf einem Bein stehend. »Ich male sie jetzt alle an eine Schnur, wie Fische.«

»Sollten wir nicht besser einen kleinen Stock oder so etwas zwischen jedes Wort tun, damit sie sich nicht aneinander reiben und sich anrempeln, als ob sie Karpfen wären?«

»Oh, dafür lasse ich Platz,« sagte ihr Pappi. Und sehr angeregt malte er sie alle, ohne anzuhalten, auf ein großes frisches Stück Birkenrinde:

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»Shu-ya-las ya-maru,« sagte Taffi, alle Geräusche einzeln vorlesend.

»Das ist genug für heute,« sagte Tegumai. »Außerdem wirst du müde, Taffi. Mach dir nichts draus, Liebes. Wir machen morgen alles fertig, und dann wird man sich noch nach Jahren und Jahren an uns erinnern, nachdem die größten Bäume, die du sehen kannst, schon längst zu Feuerholz zersägt sind.«

So gingen sie heim, und den ganzen Abend saß Tegumai auf der einen Seite des Feuers und Taffi auf der anderen, und sie malten ›ya‹ und ›yo‹ und ›shu‹ und ›shi‹ in den Ruß auf der Wand und kicherten miteinander, bis ihre Mami sagte: »Wirklich, Tegumai, du bist schlimmer als meine Taffi.«

»Bitte mach‘ dir nichts daraus,« sagte Taffi, »es ist nur eine geheime Überraschung, liebe Mami, und wir werden dir alles erzählen, sobald es fertig ist; aber bitte frag‘ mich jetzt nicht, was es bedeutet, sonst muß ich es sofort erzählen.«

Also war ihre Mami sehr bedacht, nicht zu fragen; und am hellen frühen nächsten Morgen ging Tegumai zum Fluß hinunter, um über die neuen Geräuschbilder nachzudenken, und als Taffi aufstand, sah sie ›Ya-las‹ (das Wasser ist alle) mit Kreide auf die Seite der großen steinernen Zisterne vor der Höhle gemalt.

»Hmm,« sagte Taffi, »diese Bildgeräusche sind ein ziemliches Ärgernis! Pappi hätte ebensogut selber herkommen und mir sagen können, dass ich Kochwasser für Mami holen muß.« Sie ging zu der Quelle hinter dem Haus und füllte die Zisterne mit einem Rindeneimer, und dann rannte sie zum Fluß und zog ihren Pappi am linken Ohr – an dem sie immer ziehen durfte, wenn sie brav war.

»Jetzt komm, wir malen alle übrigen Geräuschbilder,« sagte ihr Pappi, und sie verbrachten einen höchst anregenden Tag damit, mit einem schönen Mittagessen mittendrin und zwei Balgereien. Als sie zum ›T‹ kamen, sagte Taffi, weil ihr Name und der ihres Pappis und der ihrer Mami alle mit diesem Geräusch anfingen, sollten sie eine Art Familienbild von sich selber malen, wie sie sich an den Händen hielten. Das war ganz gut, wenn man es ein- oder zweimal malte; aber als sie es sechs- oder siebenmal getan hatten, malten Taffi und Tegumai es immer kritzeliger und kritzeliger, bis das T-Geräusch schließlich nur noch ein langer Tegumai war, der die Arme ausstreckte, um Taffi und Teshumai zu halten. An diesen drei Bildern könnt ihr teilweise sehen, wie das passierte:

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Viele von den anderen Bildern waren anfangs viel zu schön, besonders die von vor dem Mittagessen, aber als sie wieder und wieder auf Birkenrinde gemalt wurden, wurden sie einfacher und leichter, bis Tegumai schließlich sagte, dass er nichts mehr daran aussetzen könnte. Sie drehten für das Z-Geräusch die Zischel-Schlange um, damit zu sehen war, dass sie auch ganz scharf und unfreundlich zischen konnte

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und für das ›E‹ machten sie einfach einen Schnörkel, weil es so oft in den Bildern vorkam;

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und für das ›B‹ malten sie Bilder vom Heiligen Biber der Tegumais;

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und weil es ein nörgeliges, nasales Geräusch war, malten sie einfach Nasen für das N-Geräusch, bis sie müde wurden;

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und sie malten ein Bild vom Maul des großen Seehechts für das gierige Ga-Geräusch;

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und sie malten das Hechtmaul noch einmal, mit einem Speer dahinter, für das kratzige, schmerzhafte K-Geräusch;

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und für das nette, wendig-wendige W-Geräusch malten sie Bilder von einem kleinen Stückchen des gewundenen Wagai-Flusses;

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und so weiter und immer so fort, bis sie alle Geräuschbilder fertig gemalt hatten, die sie wollten, und das war das Alphabet, ganz vollständig.

Und nach Tausenden und Tausenden und Tausenden von Jahren, und nach Hieroglyphikern und Demotikern, und Nilotikern, und Kryptikern, und Kufikern, und Runikern, und Doriern und Ioniern und allen Arten von -ikern und -iriern (weil die Woons und Negusse und Mullahs und Bewahrer der Tradition niemals eine gute Sache in Ruhe lassen würden, sobald sie sie sahen), bekam das gute alte, einfach zu verstehende Alphabet – A, B, C, D, E und der ganze Rest – seine richtige Form zurück, damit alle Meistgeliebten es lernen konnten, sobald sie alt genug waren.

Aber ich erinnere mich an Tegumai Bopsulai und Taffimai Metallumai und Teshumai Tewindrow, ihre liebe Mami, und die vergangenen Zeiten. Und so war es – genau so – vor einiger Zeit – an den Ufern des großen Wagai!

OF all the Tribe of Tegumai
Who cut that figure, none remain, –
On Merrow Down the cuckoos cry
The silence and the sun remain.

But as the faithful years return
And hearts unwounded sing again,
Comes Taffy dancing through the fern
To lead the Surrey spring again.

Her brows are bound with bracken-fronds,
And golden elf-locks fly above;
Her eyes are bright as diamonds
And bluer than the skies above.

In mocassins and deer-skin cloak,
Unfearing, free and fair she flits,
And lights her little damp-wood smoke
To show her Daddy where she flits.

For far – oh, very far behind,
So far she cannot call to him,
Comes Tegumai alone to find
The daughter that was all to him.

Wie der erste Brief geschrieben wurde

Wie der erste Brief geschrieben wurde

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Es war einmal vor langerlanger Zeit ein Neu-Steinzeitmann. Er war kein Jütländer oder Angelsachse, oder sogar Drawide, was er gut hätte sein können, Meistgeliebte, aber frag‘ nicht warum. Er war ein Primitiver, und er lebte kuschelig in einer Höhle, und er trug sehr wenig Kleidung, und er konnte nicht lesen und nicht schreiben und wollte das auch gar nicht, und außer, wenn er hungrig war, war er ganz glücklich. Sein Name war Tegumai Bopsulai, und das bedeutet: ›Mann-der-seinen-Fuß-nicht-eilig-vorwärts-setzt‹; aber wir, o Meistgeliebte, werden ihn einfach Tegumai nennen. Und seine Frau hieß Teshumai Tewindrow, und das bedeutet: ›Dame-die-sehr-viele-Fragen-stellt‹; aber wir, o Meistgeliebte, werden sie einfach Teshumai nennen. Und der Name seiner kleinen Tochter war Taffimai Metallumai, und das bedeutet: ›Kleine-Person-ohne-Manieren-die-verhauen-gehört‹; aber ich werde sie Taffi nennen. Und sie war Tegumai Bopsulais Meistgeliebte und ihrer Mami Bestgeliebte, und sie bekam nicht halb so viel Haue, wie ihr gut getan hätte; und alle drei waren sie sehr glücklich. So bald Taffi umherlaufen konnte, ging sie mit ihrem Pappi Tegumai überall hin, und manchmal kamen sie nicht bevor sie sehr hungrig waren zur Höhle zurück, und dann sagte Teshumai Tewindrow: »Wo in aller Welt seid ihr zwei gewesen und habt euch so entsetzlich dreckig gemacht? Wirklich, mein Tegumai, du bist nicht besser als meine Taffi.«

Nun paß auf und hör zu!

Eines Tages ging Tegumai Bopsulai durch den Biber-Sumpf zum Wagai-Fluß, um Karpfen zum Abendbrot zu speeren, und Taffi ging mit. Tegumais Speer war aus Holz, mit Haifischzähnen an der Spitze, und bevor er auch nur einen Fisch erwischt hatte, hatte er ihn sauber abgebrochen, als er ihn zu fest auf den Grund des Flusses stach. Sie waren meilenweit von zu Hause weg (natürlich hatten sie sich in einer kleinen Tasche etwas zu Essen mitgenommen), und Tegumai hatte nicht daran gedacht, ein paar Ersatzspeere mitzunehmen.

»Das ist ja eine schöne Bescherung!« sagte Tegumai. »Ich werde den halben Tag brauchen, um das zu reparieren.«

»Du hast doch noch den schwarzen Speer zu Hause,« sagte Taffi. »Laß mich zur Höhle zurück laufen und Mami bitten, dass sie ihn mir gibt!«

»Das ist zu weit für deine kleinen dicken Beine,« sagte Tegumai. »Außerdem könntest du in den Biber-Sumpf fallen und ertrinken. Wir müssen einfach das Beste draus machen.« Er setzte sich hin und nahm seinen kleinen ledernen Werkzeugbeutel heraus, der voller Rentiersehnen und Lederstreifen und Klumpen von Bienenwachs und Harz war, und fing an, den Speer zu reparieren.

Taffi setzte sich auch hin, ließ die Zehen ins Wasser hängen und stützte das Kinn in die Hand und dachte sehr stark nach. Dann sagte sie – »ich meine, Pappi, dass es ein ekelhafter Mist ist, dass du und ich nicht schreiben können, nicht wahr? Wenn wir es könnten, könnten wir eine Botschaft schicken und einen neuen Speer bestellen.«

»Taffi,« sagte Tegumai, »wie oft habe ich dir gesagt, dass du vernünftig sprechen sollst? ›Ekelhafter Mist‹ ist kein schöner Ausdruck, aber, wo du es gerade erwähnst, es könnte Vorteile haben, wenn wir nach Hause schreiben könnten.«

In dem Moment kam ein fremder Mann den Fluß entlang, aber der gehörte zu einem weit entfernten Stamm, den Tewaras, und er verstand nicht ein einziges Wort von Tegumais Sprache. Er stand am Ufer und lächelte Taffi an, weil er auch eine kleine Tochter zu Hause hatte. Tegumai zog einen Streifen Hirschsehen aus seinem Werkzeugbeutel und fing an, den Speer zu reparieren.

»Komm her,« sagte Taffi. »Weißt du, wo Mami wohnt?« Und der fremde Mann sagte »Um!«, weil er, wie du weißt, ein Tewara war.

»Dumm!« sagte Taffi. Und stampfte mit dem Fuß auf, weil sie einen Schwarm sehr großer Karpfen den Fluß hinaufziehen sah, gerade jetzt, wo ihr Pappi seinen Speer nicht benutzen konnte.

»Belästige keine Erwachsenen,« sagte Tegumai, so mit seiner Speerreparatur beschäftigt, dass er sich nicht einmal umdrehte.

»Tu ich doch gar nicht,« sagte Taffi. »Ich will nur, dass er tut, was ich will, und er versteht nichts.«

»Dann belästige mich nicht,« sagte Tegumai, und fuhr mit seinem Ziehen und Zerren an den Hirschsehnen fort, den Mund voller loser Enden. Der fremde Mann – ein echter Tewara war das – setzte sich ins Gras, und Taffi zeigte ihm, was ihr Pappi machte. Der fremde Mann dachte: ›Dieses ist ein sehr wundervolles Kind. Sie stampft mit dem Fuß vor mir auf und schneidet Gesichter. Sie muß die Tochter des edlen Häuptlings sein, der so bedeutend ist, dass er mich nicht einmal bemerkt.‹ Also lächelte er noch höflicher als zuvor.

»Also,« sagte Taffi, »ich möchte gerne, dass du zu meiner Mami gehst, weil deine Beine länger sind als meine, und weil du nicht in den Biber-Sumpf fallen wirst, und um Pappis anderen Speer bittest – den mit dem schwarzen Handgriff, der über unserer Feuerstelle hängt.«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) dachte, »Dieses ist ein sehr, sehr wundervolles Kind. Sie schwenkt die Arme und schreit mich an, aber ich verstehe nicht ein Wort, das sie sagt. Aber wenn ich nicht tue, was sie will, fürchte ich sehr, dass dieser stolze Häuptling, Mann-der-Besuchern-den-Rücken-kehrt, wütend wird.« Er stand auf, drehte ein großes Stück Rinde von einer Birke ab und gab das Taffi. Er tat das, Meistgeliebte, um zu zeigen, dass sein Herz so weiß war wie die Birkenrinde, und dass er nichts Böses im Schilde führte; aber Taffi verstand es nicht ganz richtig.

»Oh!« sagte sie. »Jetzt verstehe ich! Du willst Mamis Adresse haben? Natürlich kann ich nicht schreiben, aber ich kann Bilder malen, wenn ich etwas Spitzes zum Kratzen finde. Bitte leih mir den Haifischzahn von deiner Halskette.«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) sagte nichts, also streckte Taffi ihre kleine Hand aus und zog an der schönen Perlen-, Samen- und Haifischzahnkette, die er um den Hals trug.

Der fremde Mann (der ein Tewara war) dachte, ›Dieses ist ein sehr, sehr, sehr wundervolles Kind. Der Haifischzahn an meinem Hals ist ein magischer Haifischzahn, und man hat mir immer gesagt, dass jeder, der ihn ohne meine Erlaubnis berührt, unverzüglich anschwellen und zerplatzen würde, aber dieses Kind schwillt nicht an und zerplatzt nicht, und der bedeutende Häuptling, Mann-der-sich-nur-um-seine-Arbeit-kümmert, der mich immer noch nicht bemerkt hat, scheint keine Angst zu haben, dass sie anschwillt oder zerplatzt. Ich werde besser noch höflicher sein.‹

Also gab er Taffi seinen Haifischzahn, und sie legte sich flach auf den Bauch, die Beine in der Luft, wie manche Leute, wenn sie auf dem Wohnzimmerfußboden Bilder malen wollen, und sie sagte: »Jetzt werde ich dir ein paar schöne Bilder malen! Du kannst mir über die Schulter sehen, aber du darfst nicht wackeln. Zuerst male ich Pappi beim Fischen. Es sieht ihm nicht sehr ähnlich; aber Mami wird ihn erkennen, weil ich seinen Speer ganz zerbrochen gemalt habe. Gut, jetzt male ich den anderen Speer, den er braucht, den Speer mit dem schwarzen Griff. Es sieht aus, als ob er in Pappis Rücken steckte, aber das kommt nur, weil der Haifischzahn abgerutscht und dieses Rindenstück nicht groß genug ist. Das ist der Speer, den du holen sollst; also male ich jetzt noch ein Bild von mir, wie ich es dir erkläre. Meine Haare stehen nicht so hoch, wie ich es gemalt habe, aber so kann ich es besser malen. Jetzt male ich dich. Ich weiß, dass du in Wirklichkeit sehr nett bist, aber ich kann dich auf dem Bild nicht nett malen, also darfst du nicht beleidigt sein. Bist du beleidigt?«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) lächelte. Er dachte: »Es muß irgendwo eine große Schlacht geplant sein, und dieses außergewöhnliche Kind, die meinen magischen Zahn nimmt, aber weder anschwillt noch zerplatzt, befiehlt mir, alle großen Stammeshäuptlinge zusammenzurufen, damit sie ihm helfen. Er ist ein großer Häuptling, sonst hätte er mich bemerkt.«

»Schau,« sagte Taffi und zeichnete sehr angestrengt und kratzig, »jetzt habe ich dich gemalt, mit dem Speer, den Pappi haben möchte, in der Hand, um dich zu erinnern, dass du ihn hierher bringen mußt. Jetzt zeige ich dir, wie du Mamis Wohnung findest. Du gehst da lang, bis du zu zwei Bäumen kommst (das da sind Bäume) und dann gehst du über einen Hügel (das ist ein Hügel) und dann kommst du zu einem Bibersumpf voller Biber. Ich habe nicht die ganzen Biber reingemalt, weil ich keine Biber malen kann, aber ich habe ihre Köpfe gemalt, und mehr wirst du sowieso nicht von ihnen sehen, wenn du durch den Sumpf gehst. Paß auf, dass du nicht reinfällst! Dann ist unsere Höhle direkt hinter dem Bibersumpf. Sie ist nicht wirklich so hoch wie die Hügel, aber ich kann nicht so klein malen. Da draußen ist meine Mami. Sie ist schön. Sie ist die allerschönste Mami auf der Welt, aber sie wird nicht beleidigt sein, wenn sie sieht, dass ich sie so einfach gemalt habe. Sie wird sich freuen, weil ich malen kann. Also, falls du es vergißt, habe ich den Speer, den Pappi haben möchte, außen vor unsere Höhle gemalt. Eigentlich ist er drinnen, aber wenn du meiner Mami das Bild zeigst, wird sie ihn dir geben. Ich habe sie mit Händen hoch gemalt, weil ich weiß, sie freut sich, wenn sie dich sieht. Ist das nicht ein schönes Bild? Und verstehst du auch alles, oder soll ich es noch mal erklären?«

Der fremde Mann (der ein Tewara war) schaute das Bild an und nickte sehr kräftig. Er dachte bei sich: ›Wenn ich den Stamm dieses großen Häuptlings nicht herbeihole, um ihm zu helfen, wird er von seinen Feinden erschlagen werden, die von allen Seiten mit Speeren auf ihn zu kommen. Jetzt verstehe ich, warum der große Häuptling so getan hat, als bemerke er mich nicht! Er befürchtete, dass seine Feinde sich in den Büschen verstecken und ihn sehen könnten. Darum wendete er mir den Rücken zu und ließ dieses weise und wundervolle Kind das Bild malen, das mir seine Schwierigkeiten zeigt. Ich will los und bei seinem Stamm Hilfe für ihn holen.‹ Er fragte Taffi nicht einmal nach dem Weg, sondern raste wie der Wind los durch die Büsche, mit der Birkenrinde in der Hand, und Taffi, höchst zufrieden, setzte sich hin.

Und hier ist das Bild, das Taffi ihm malte!

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»Was hast du gemacht, Taffi?« sagte Tegumai. Er hatte den Speer repariert und schwenkte ihn vorsichtig hin und her.

»Ich habe ein bißchen was urganisiert, lieber Pappi,« sagte Taffi. »Wenn du mich nichts fragst, wirst du es gleich schon merken, und dann wirst du überrascht sein. Du weißt nicht, wie du überrascht sein wirst, Pappi! Versprich, dass du überrascht sein wirst.«

»Sehr gut,« sagte Tegumai und fing wieder an zu fischen.

Der fremde Mann – wußtest du, dass er ein Tewara war? – eilte mit dem Bild davon und rannte einige Meilen, bis er fast zufällig Teshumai Tewindrow am Eingang ihrer Höhle antraf, wie sie sich mit einigen anderen Neusteinzeitdamen unterhielt, die sie zu einer primitiven Mahlzeit eingeladen hatte. Taffi ähnelte Teshumai sehr, besonders in der oberen Gesichtshälfte und um die Augen herum, also lächelte der fremde Mann – immer ein reiner Tewara – höflich und überreichte Teshumai die Birkenrinde. Er war schnell gerannt, so dass er schnaufte, und seine Beine waren von Dornensträuchern zerkratzt, aber er versuchte trotzdem, höflich zu sein.

Sobald Teshumai das Bild sah, schrie sie wie sonstwas und stürzte sich auf den fremden Mann. Die anderen Neusteinzeitdamen schlugen ihn sofort nieder und setzten sich in einer Sechserreihe auf ihn, während Teshumai ihn an den Haaren zog.

»Es ist so offensichtlich wie die Nase im Gesicht dieses fremden Mannes,« sagte sie. »Er hat meinen Tegumai mit Speeren aufgespießt und meine arme Taffi so erschreckt, dass ihre Haare aufrecht stehen; und, damit nicht zufrieden, bringt er mir ein gräßliches Bild davon. Seht!« Sie zeigte das Bild allen Neusteinzeitdamen, die geduldig auf dem fremden Mann saßen. »Hier ist mein Tegumai mit gebrochenem Arm; hier ist ein Speer, der in seinem Rücken steckt; hier ist ein Mann mit wurfbereitem Speer; hier ist noch ein Mann, der einen Speer aus einer Höhle wirft, und hier ist eine ganze Bande« (das waren in Wirklichkeit Taffis Biber, aber sie sahen ziemlich wie Leute aus) die hinter Tegumai herankommen. Ist das nicht entsetzlich!«

»Höchst entsetzlich!« sagten die Neusteinzeitdamen, und sie schmierten dem fremden Mann Schlamm in die Haare (wovon er sehr überrascht war), und sie schlugen die Widerhallenden Stammestrommeln und riefen alle Häuptlinge von Tegumais Stamm zusammen, mit allen Hetmännern und Dolmännern, mit Negussen, Woons und Mullahs der Organisation, überdies die Kriegsherren, Schamanen, Jujumänner, Bonzen und alle, die dann beschlossen, dass sie der fremde Mann, bevor sie ihm den Kopf abhackten, sofort zum Fluß führen und ihnen zeigen sollte, wo er die arme Taffi versteckt hatte.

Inzwischen war der arme fremde Mann (obwohl er ein Tewara war) richtig verärgert. Sie hatten ihm ziemlich dicken Schlamm in die Haare geschmiert; sie hatten ihn auf knorrigen Kieseln rauf und runter gerollt; sie hatten in einer langen Reihe zu sechst auf ihm gesessen; sie hatten ihn herumgebufft und geknufft, bis er kaum noch atmen konnte; und obwohl er ihre Sprache nicht verstand, war er ziemlich sicher, dass die Namen, die die Neusteinzeitdamen ihm gegeben hatten, nicht damenhaft waren. Trotzdem sagte er nichts, bis der ganze Stamm von Tegumai versammelt war, und dann führte er sie zurück zum Ufer des Wagaiflusses, und da fanden sie Taffi, die Blumenkränze flocht, und Tegumai, der mit seinem reparierten Speer sorgfältig kleine Karpfen aufspießte.

»Toll, du warst aber schnell!« sagte Taffi. »Aber warum hast du so viele Leute mitgebracht? Lieber Pappi, da ist meine Überraschung. Bist du überrascht, Pappi?«

»Sehr,« sagte Tegumai; »aber damit ist das Fischen für heute erledigt. Auweh, der ganze liebe, freundliche, nette, saubere Stamm ist da, Taffi.«

Und so war es auch. Allen voran marschierte Teshumai Tewindrow mit den Neusteinzeitdamen, die den fremden Mann gut festhielten, dessen Haare voller Schlamm waren (obwohl er ein Tewara war). Hinter ihnen kamen der Oberhäuptling, der Vize-Häuptling, die Hilfs- und Assistenz-Häuptlinge (alle bis an die Schneidezähne bewaffnet), die Hetmänner und und Centurionen, Zugführer mit ihren Zügen, und Dolmänner mit ihren Divisionen; Woons, Negusse und Mullahs standen weiter hinten (aber auch bis an die Zähne bewaffnet). Hinter ihn der Stamm in hierarchischer Ordnung, angefangen bei Besitzern von vier Höhlen (eine für jede Jahreszeit) einer privaten Rentier-Rennstrecke und zwei Lachstreppen, über feudale Zinsbauern mit vorstehenden Zähnen und einem Anteil an einem halben Bärenfell im Winter, sieben Meter vom Feuer, bis hin zu adskribierten Leibeigenen, deren Erbteil aus der Anwartschaft auf einen ausgelutschten Markknochen bestand. (Sind das nicht schöne Wörter, Meistgeliebte?) Alle waren sie da, sprangen umher und lärmten, und sie verschreckten alle Fische im Umkreis von zwanzig Meilen, und Tegumai dankte ihnen in flüssiger neusteinzeitlicher Rede.

Dann rannte Teshumai Tewindrow hin und küsste und herzte Taffi sehr ausgiebig; aber der Oberhäuptling des Stammes von Tegumai ergriff Tegumai an den Federn in seinem Haarknoten und schüttelte ihn heftig.

»Erklären! Erklären! Erklären!« schrie Tegumais ganzer Stamm.

»Um’s Himmels willen!« sagte Tegumai. »Laß meinen Haarknoten los. Kann ein Mensch nicht mal seinen Karpfenspeer zerbrechen, ohne dass die ganze Landbevölkerung herbeigelaufen kommt? Ihr seid ein sehr distanzloses Volk.«

»Ich glaube nicht, dass ihr Pappis Speer mit dem schwarzen Griff überhaupt mitgebracht habt,« sagte Taffi. »Und was macht ihr da mit meinem netten fremden Mann?«

Sie bufften ihn zu zweit und zu dritt und zu zehnt, bis er die Augen verdrehte. Er konnte nur nach Luft schnappen und auf Taffi zeigen.

»Wo sind die bösen Leute, die dich mit dem Speer verletzt haben, Liebling?« sagte Teshumai Tewindrow.

»Solche Leute gab’s keine,« sagte Tegumai. »Mein einziger Besucher heute morgen war der arme Kerl, den ihr eben zu erwürgen versucht. Bist du nicht ganz gesund, oder bist du krank, o Stamm von Tegumai?«

»Er hat ein entsetzliches Bild gebracht,« sagte der Oberhäuptling, – »ein Bild, auf dem du voller Speere warst.«

»Äh-hm – v’leicht sollte ich erklären, dass ich ihm das Bild gegeben habe,« sagte Taffi, aber sie fühlte sich nicht ganz wohl dabei.

»Du!« sagte der ganze Stamm von Tegumai. »Kleine-Person-ohne-Manieren-die-verhauen-gehört! Du?«

»Taffi-liebes, ich fürchte, wir stecken ein bißchen in Schwierigkeiten,« sagte ihr Pappi und legte seinen Arm um sie, also machte es ihr nichts.

»Erklären! Erklären! Erklären!« sagte der Oberhäuptling des Stammes von Tegumai und hüpfte auf einem Fuß.

»Ich wollte, dass der fremde Mann Pappis Speer holen sollte, also habe ich ihn gemalt,« sagte Taffi. »Es waren gar nicht so viele Speere. Es war nur ein Speer. Ich habe ihn nur dreimal gemalt, um sicherzugehen. Ich konnte nichts dran ändern, dass es aussah, als ob er in Pappis Kopf steckte – es war nicht genug Platz auf der Birkenrinde; und das, was Mami böse Leute genannt hat, sind meine Biber. Ich habe sie gemalt, um ihm den Weg durch den Sumpf zu zeigen; und ich habe Mami am Höhleneingang gemalt, wie sie ihn freundlich anguckt, weil er ein netter fremder Mann ist, und ich glaube, ihr seid einfach die dümmsten Leute der Welt,« sagte Taffi. »Er ist ein sehr netter Mensch. Warum habt ihr ihm Schlamm in die Haare geschmiert? Wascht ihn!«

Lange Zeit sagte niemand etwas, bis der Oberhäuptling lachte; dann lachte der fremde Mann (der ein Tewara war); dann lachte Tegumai, bis er platt auf das Ufer fiel; dann lachte der ganze Stamm immer mehr und schlimmer und lauter. Die einzigen, die nicht lachten, waren Teshumai Tewindrow und ihre Neusteinzeitdamen. Sie waren alle immer höflich zu ihren Ehemännern und sagten sehr oft ‚Idiot’.

Dann rief und sagte und sang der Oberhäuptling des Stammes von Tegumai: »O Kleine-Person-ohne-Manieren-die-verhauen-gehört, du hast eine große Erfindung gemacht!«

»Das wollte ich nicht; ich wollte nur Pappis Speer mit dem schwarzen Griff,« sagte Taffi.

»Mach dir nichts draus. Es ist eine große Erfindung, und eines Tages werden die Menschen es ›Schreiben‹ nennen. Im Moment sind es nur Bilder, und, wie wir heute gesehen haben, werden Bilder nicht immer richtig verstanden. Aber es wird eine Zeit kommen, o Kind von Tegumai, da wir Buchstaben machen – alle sechsundzwanzig – und genauso gut lesen wie schreiben werden, und dann werden wir immer genau das sagen, was wir meinen, ohne jeden Fehler. Laßt die Neusteinzeitdamen den Schlamm aus dem Haar des Fremden waschen.«

»Das wird mich freuen,« sagte Taffi, »weil ihr schließlich, obwohl ihr jeden einzelnen anderen Speer aus dem Stamm von Tegumai mitbrachtet, Pappis Speer mit dem schwarzen Griff vergessen habt.«

Dann rief und sagte und sang der Oberhäuptling: »Liebe Taffi, das nächste Mal, wenn du einen Bilderbrief schreibst, schickst du besser einen Mann damit los, der unsere Sprache spricht, um zu erklären, was er bedeutet. Mit persönlich ist es egal, weil ich ein Oberhäuptling bin, aber es ist schlecht für den Rest des Stammes von Tegumai, und, wie du siehst, überrascht es den Fremden.«

Dann nahmen sie den fremden Mann (einen echten Tewara aus Tewar) in den Stamm von Tegumai auf, weil er ein feiner Mensch war und kein Theater machte wegen des Schlamms, den die Neusteinzeitdamen ihm ins Haar geschmiert hatten. Aber von jenem Tag bis heute (und das ist meiner Meinung nach alles Taffis Schuld), haben nur sehr wenige kleine Mädchen gerne Schreiben und Lesen gelernt. Die meisten ziehen es vor, Bilder zu malen und mit ihren Pappis zu spielen – genau wie Taffi.

Es blieb nur noch ein grüner Pfad
Vom alten Weg durchs Merrowtal –
Ein Stundenmarsch bis Guildford Stadt
Dem Flusse Wey gehört das Tal.

Hier regten alte Briten sich,
Sobald das Pferdeglöckchen klang
Neugierig auf Waren, wunderlich
Aus dunkelem Phönikerland.

Und irgendwo hier saß man nett
Mit Fremden im Gespräch und so –
Man tauschte Perlen gegen Jett
Und Zinn und hübsche Torcs und so.

Doch lang, sehr lang vor jener Zeit
(Als Bisons wanderten vorbei)
Da lebte Taffi hier im Tal
Mit ihrem Pappi Tegumai.

Dann gab es Biber dort am Bach
Auf ihrem Sumpf steht Bramley heut‘
Aus Shere kam Mancher, schaute nach
Wo Taffi war, ist Shamley heut‘.

Der Wey, von ihr Wagai genannt,
War seinerzeit sechsmal so groß;
Und nobel war der ganze Stamm,
Von Tegumai, ganz grandios!

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Hier ist die Geschichte von Taffimai Metallumai, wie sie vor langer Zeit von den Alten Völkern auf einen alten Stoßzahn geschnitzt wurde. Wenn du meine Geschichte liest oder dir vorlesen läßt, kannst du sehen, wie alles auf dem Stoßzahn beschrieben ist. Der Stoßzahn gehörte zu einer alten Stammestrompete, die dem Stamm von Tegumai gehörte. Die Bilder wurden mit einem Nagel oder so etwas hineingeritzt, und dann wurden die Ritze mit schwarzem Wachs ausgefüllt, aber die Trennlinien und die fünf kleinen Kreise am unteren Ende wurden mit rotem Wachs ausgefüllt. Als er noch neu war, hatte er eine Art Netz aus Perlen und Muschelschalen und Edelsteinen an einem Ende; aber das ist entzwei und verlorengegangen – alles außer dem kleinen bißchen, das du siehst. Die Buchstaben rund um den Stoßzahn waren Magie – Runenmagie – und wenn du sie lesen kannst, wirst du etwas ziemlich Neues herausfinden. Der Stoßzahn ist aus Elfenbein – sehr gelb und zerkratzt. Er ist zwei Fuß lang und zwei Fuß im Umfang und wiegt elf Pfund und neun Unzen.

Wie das Rhinozeros zu seiner Haut kam

Wie das Rhinozeros zu seiner Haut kam

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Es war einmal auf einer unbewohnten Insel an der Küste des Roten Meeres, da lebte ein Parse, von dessen Hut die Sonnenstrahlen in mehr als orientalischer Pracht reflektiert wurden. Und der Parse lebte am Roten Meer mit nichts als seinem Hut und seinem Messer und einem Kochherd von der Art, den man keinesfalls anfassen darf. Und eines Tages nahm er Mehl und Wasser und Korinthen und Pflaumen und Zucker und so weiter und machte sich einen Kuchen, der zwei Fuß breit und drei Fuß dick war. Es war wirklich ein Erlesenes Nahrungsmittel (das ist magisch), und er setzte ihn auf den Herd, weil er auf dem Herd kochen durfte, und er buk ihn und buk ihn bis er ganz fertig braun war und höchst sentimental duftete. Aber gerade, als er anfangen wollte, ihn zu essen, kam aus dem Gänzlich Unbewohnten Binnenland ein Rhinozeros zum Strand herunter, mit einem Horn auf der Nase, zwei Schweinsäuglein und wenig Manieren. In jenen Tagen paßte dem Rhinozeros seine Haut ganz genau. Es waren nirgendwo irgendwelche Falten darin. Es sah genau wie das Rhinozeros von der Arche Noah aus, aber natürlich viel größer. Jedenfalls hatte es damals keine Manieren, und es hat heute keine Manieren, und es wird nie Manieren haben. Es sagte „Hau!“ und der Parse ließ den Kuchen liegen und kletterte auf die Spitze eines Palmenbaums, mit nichts an als seinem Hut, von dem die Sonnenstrahlen in mehr als orientalischer Pracht reflektiert wurden. Und das Rhinozeros warf den Ölkocher mit seiner Nase um, und der Kuchen rollte in den Sand, und es spießte den Kuchen auf das Horn auf seiner Nase, und es fraß ihn und ging, wobei es mit dem Schwanz wedelte, in das verlassene und Gänzlich Unbewohnte Binnenland, welches an die Inseln Mazanderan, Socotra und die Vorgebirge des Grösseren Äquinoktiums angrenzt. Dann kam der Parse von seinem Baum herunter und stellte den Herd wieder auf die Beine und rezitierte folgendes Sloka, welches, weil du es noch nicht gehört hast, ich nun vortragen werde:-

Der, wer tut versuchen
des Parsenmanns Kuchen
wird fürchterlich fluchen.

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Dieses Bild zeigt, wie der Parse anfängt, an einem sehr heißen Tag auf der Unbewohnten Insel im Roten Meer seinen Kuchen zu essen; und von dem Rhinozeros, wie es aus dem Insgesamt Unbewohnten Binnenland herabkommt, welches, wie du wahrhaftig sehen kannst, völlig felsig ist.

Die Haut des Rhinozeros ist ziemlich glatt, und die drei Knöpfe, mit der sie zugeknöpft ist, sind unten drunter, deshalb kann man sie nicht sehen. Das Schillernde auf dem Hut des Parsen sind die Sonnenstrahlen, die in mehr als orientalischer Pracht reflektiert werden, denn wenn ich echte Strahlen gezeichnet hätte, würden sie das ganze Bild ausfüllen. In dem Kuchen sind Rosinen; und das Rad-Ding, das vorne im Sand liegt, gehörte zu einem der Streitwagen des Pharaohs, als er versuchte, das Rote Meer zu überqueren. Der Parse hat es gefunden und behalten, um damit zu spielen. Der Name des Parsen war Pestonji Bomonji, und das Rhinozeros wurde Strorks genannt, weil es durch den Mund atmete anstatt durch die Nase. Über den Kochherd würde ich an deiner Stelle keine Fragen stellen.

Aber das hatte viel mehr zu bedeuten, als du denkst.

Weil es vier Wochen später eine Hitzewelle am Roten Meer gab, und alle ihre sämtlichen Kleider auszogen. Der Parse nahm seinen Hut ab; aber das Rhinozeros zog seine Haut aus und trug sie über der Schulter, als es zum Strand herabkam, um zu baden. In jenen Tagen wurde sie am Bauch mit drei Knöpfen zugeknöpft und sah wie ein Regenmantel aus. Es sagte überhaupt nichts über den Kuchen des Parsen, weil es ihn ganz aufgefressen hatte; und es hatte überhaupt keine Manieren, weder damals, noch seitdem, noch künftig. Es watschelte geradewegs ins Wasser und blies Blasen aus der Nase, die Haut ließ es am Strand liegen.

Jetzt kam der Parse vorbei und fand die Haut und er lächelte ein Lächeln, das zweimal ganz um sein Gesicht herum lief. Dann tanzte er dreimal um die Haut herum und rieb sich die Hände. Dann ging er in sein Lager und füllte dort seinen Hut mit Kuchenkrümeln, denn der Parse aß nichts anderes als Kuchen und fegte nie sein Lager. Er nahm die Haut und schüttelte sie, und er schrubbte sie, und er füllte sie so voll mit alten, trockenen, abgestandenen, kitzligen Kuchenkrümeln und verbrannten Korinthen, wie nur hineingehen wollten. Dann kletterte er in den Wipfel seines Palmenbaums und wartete, dass das Rhinozeros aus dem Wasser käme und sie anzöge.

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Dieses Bild zeigt, wie der Parse anfängt, an einem sehr heißen Tag auf der Unbewohnten Insel im Roten Meer seinen Kuchen zu essen; und von dem Rhinozeros, wie es aus dem Insgesamt Unbewohnten Binnenland herabkommt, welches, wie du wahrhaftig sehen kannst, völlig felsig ist.

Die Haut des Rhinozeros ist ziemlich glatt, und die drei Knöpfe, mit der sie zugeknöpft ist, sind unten drunter, deshalb kann man sie nicht sehen. Das Schillernde auf dem Hut des Parsen sind die Sonnenstrahlen, die in mehr als orientalischer Pracht reflektiert werden, denn wenn ich echte Strahlen gezeichnet hätte, würden sie das ganze Bild ausfüllen. In dem Kuchen sind Rosinen; und das Rad-Ding, das vorne im Sand liegt, gehörte zu einem der Streitwagen des Pharaohs, als er versuchte, das Rote Meer zu überqueren. Der Parse hat es gefunden und behalten, um damit zu spielen. Der Name des Parsen war Pestonji Bomonji, und das Rhinozeros wurde Strorks genannt, weil es durch den Mund atmete anstatt durch die Nase. Über den Kochherd würde ich an deiner Stelle keine Fragen stellen.

Und das Rhinozeros tat das auch. Es knöpfte sie mit den drei Knöpfen zu, und das kitzelte wie Kuchenkrümel im Bett. Da wollte es sich kratzen, aber davon wurde es nur schlimmer; und dann legte es sich in den Sand und rollte und rollte und rollte herum, und bei jedem Rollen kitzelten die Kuchenkrümel schlimmer und schlimmer und schlimmer. Da rannte es zu dem Palmenbaum und rieb und rieb und rieb sich daran. Es rieb sich so sehr und so feste, dass es die Haut zu einer großen Falte über den Schultern verschob, und noch einer Falte unten, wo die Knöpfe waren (aber es rieb die Knöpfe ab), und es rieb sich noch ein paar Falten über den Beinen. Und damit verdarb es sich die Laune, machte aber nicht den geringsten Eindruck auf die Kuchenkrümel. Sie blieben unter der Haut und kitzelten.

Aber der Parse kam von seinem Palmenbaum herab, mit dem Hut auf dem Kopf, von dem die Sonnenstrahlen in mehr als orientalischer Pracht reflektiert wurden, packte seinen Kochherd zusammen und ging davon, Richtung Orotavo, Amygdala, Hochlandweiden von Anantarivo und Marschen von Sonaput.

Diese unbewohnte Insel
Liegt vor Kap Guardafui,
Bei den Stränden von Socotra,
Und dem rosa Meer von Arabie:
Aber heiß – zu heiß von Suez
darum können wir nicht buchen
bei P&O
oder so
und den Kuchen-Parsen besuchen!

Wie der Leopard zu seinen Flecken kam

Wie der Leopard zu seinen Flecken kam

Übersetzt von Erich Ferdinand

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In den Tagen, als alle glücklich anfingen, Meistgeliebter, lebte der Leopard in einer Gegend, die ›das Hohe Veldt‹ genannt wurde. Denk‘ dran, es war nicht das Tiefe Veldt oder das Buschveldt oder das Saure Veldt, sondern das gänzlich kahle, heiße, besonnte Hohe Veldt, wo es Sand gab und sandfarbene Felsen und nur Büschel von sandig-gelbem Gras. Da lebten die Giraffe und das Zebra und die Elenantilope und der Kudu und die Kuhantilope; und sie waren vollständig über und über sandgelb-bräunlich; aber der Leopard, der war der vollständig sandgelbst-bräunlichste von allen – eine Art grau-gelblich katzenförmiges Tier, das aufs Haar zu der vollständig gelblich-gräulich-bräunlichen Farbe des Hohen Veldts passte. Das war schlecht für die Giraffe und das Zebra und die Übrigen; denn er legte sich zu einem vollständig gelblich-gräulich-bräunlichen Stein oder Grasflecken, und wenn die Giraffe oder das Zebra oder die Elenantilope oder das Kudu oder der Buschbock oder der Bontebock vorüberkamen, schreckte er sie aus ihrem sprunghaften Leben. O ja, das tat er! Und außerdem gab es da noch einen Äthiopier mit Pfeil und Bogen (das war damals ein gänzlich gräulich-gelblich-bräunlicher Mann), der bei dem Leopard im Hohen Veldt lebte; und sie jagten zusammen – der Äthiopier mit seinem Pfeil-und-Bogen, und der Leopard ausschließlich mit seinen Zähnen und Krallen – bis die Giraffe und die Elenantilope und das Kudu und das Quagga und alle die Übrigen nicht mehr wußten, wohin sie noch springen sollten, Meistgeliebter. O nein, sie wußten es wirklich nicht mehr!

Nach langer Zeit – sie hatten alle ein langes Leben in diesen Zeiten – lernten sie, allem aus dem Weg zu gehen, was wie ein Leopard oder Äthiopier aussah; und Schritt für Schritt – die Giraffe zuerst, weil sie die längsten Beine hatte – verließen sie das hohe Veldt. Sie machten sich davon, tage- und tage- und tagelang, bis sie zu einem großen Wald kamen, vollständig voller Bäume und Büsche und streifiger, fleckiger, klecksiger Schatten, und da versteckten sie sich: und nach langer Zeit, weil sie halb im Schatten und halb in der Sonne standen, und wegen der flimmer-flackernden Schatten der Bäume, die auf sie fielen, wurde die Giraffe fleckig, und das Zebra streifig, und die Elenantilope und das Kudu wurden dunkler, mit kleinen welligen grauen Strichen auf dem Rücken, wie Rinde auf einem Baumstamm; so dass du sie, obwohl du sie hören und riechen konntest, nur selten sehen konntest, und das nur, wenn du genau wußtest, wo du nachschauen mußtest. Es ging ihnen wunderbar in den vollständig fleckig-streifigen Schatten des Waldes, während der Leopard und der Äthiopier im vollständig gräulich-gelblich-bräunlichen Hohen Veldt draußen herumrannten und sich wunderten, wo alle ihre Frühstücke und Mittagessen und Abendbrote geblieben waren. Schließlich waren sie so hungrig, dass sie Ratten und Käfer und Felskaninchen aßen, der Leopard und der Äthiopier, und dann hatten sie das Grosse Bauchweh, alle beide; und dann trafen sie Baviaan – den hundeköpfigen, bellenden Pavian, der das Wirklich Weiseste Tier in Ganz Süd-Afrika ist.

Sprach Leopard zum Pavian (und es war ein sehr heißer Tag)

»Wo ist das ganze Wild hingegangen?«

Und Baviaan zwinkerte. Er wußte es.

Sprach der Äthiopier, »Kannst du mir den derzeitigen Aufenthalt der eingeborenen Fauna benennen?« (Das bedeutete genau dasselbe, aber der Äthiopier benutzte immer so lange Wörter. Er war erwachsen.)

Und Baviaan zwinkerte. Er wußte es.

Dann sagte Baviaan, »Das Wild ist zu anderen Flecken gegangen; und mein Rat an dich, Leopard: gehe auch zu anderen Flecken, so bald du kannst.«

Und der Äthiopier sagte: »Das ist alles sehr schön, aber ich möchte wissen, wohin die eingeborene Fauna gewandert ist.«

Da sagte Baviaan, »Die eingeborene Fauna hat sich der eingeborenen Flora angeschlossen, weil es höchste Zeit für eine Veränderung war; und mein Ratschlag für dich, Äthiopier, ist, dass du dich verändern solltest, so bald du kannst.«

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Dies ist der weise Baviaan, der Hundskopfpavian, welcher Ziemlich Das Weiseste Tier in Ganz Südafrika ist. Ich habe ihn nach einer Statue gezeichnet, die ich mir in meinem eigenen Kopf ausgedacht habe, und auf seinen Gürtel und seine Schulter und auf das Ding, auf dem er sitzt, habe ich seinen Namen geschrieben. Ich habe es in Schriften geschrieben, die man heute Koptisch und Hieroglyphisch und Cuneiformisch und Bengalisch und Burmisch und Hebräisch nennt, weil er so weise ist. Er ist nicht schön, aber sehr weise; und ich würde ihn gerne mit Wasserfarben ausmalen, aber das darf ich nicht. Das regenschirmähnliche Ding um seinen Kopf ist seine gewöhnliche Mähne.

Das verwirrte den Leoparden und den Äthiopier, aber sie gingen los, um die eingeborene Flora zu suchen, und plötzlich, nach so-und-so-vielen Tagen, sahen sie einen großen, hohen, hochgewachsenen Wald voller Baumstämme, die alle vollständig gefleckt und verdeckt und verdreckt und bematscht und beklatscht und bekleckst und befleckt und kreuz-und-quer mit Schatten bedeckt waren. (Sag das mal schnell und laut, dann wirst du sehen, wie sehr schattig der Wald gewesen sein muß.)

»Was ist das,« sagte der Leopard, »was da so vollständig dunkel und doch so voller kleiner Lichtstückchen ist?«

»Ich weiß es nicht,« sagte der Äthiopier, »aber es muß die eingeborene Flora sein. Ich rieche Giraffe, und ich höre Giraffe, aber ich kann keine Giraffe sehen.«

»Das ist seltsam,« sagte der Leopard. »Ich nehme an, das kommt, weil wir gerade aus dem Sonnenschein gekommen sind. Ich rieche Zebra, und ich höre Zebra, aber ich kann kein Zebra sehen.«

»Warte mal,« sagte der Äthiopier. »es ist lange her, dass wir sie gejagt haben. Vielleicht haben wir vergessen, wie sie aussehen.«

»Quatsch!« sagte der Leopard. Ich weiß noch genau, wie sie auf dem Hohen Veldt waren, besonders die Markknochen. Giraffe ist ungefähr siebzehn Fuß hoch, und von Kopf bis Fuß vollständig rötlichocker-goldgelb; und Zebra ist ungefähr viereinhalb Fuß groß, vollständig grau-rehbraun gefärbt von Kopf bis Fuß.«

»Ähm,« sagte der Äthiopier und schaute in die fleckig-klecksigen Schatten des eingeborenen Flora-Waldes. »Dann sollten sie auf diesem dunklen Hintergrund auffallen wie reife Bananen im Räucherhaus.«

Das taten sie aber nicht. Der Leopard und der Äthiopier jagten den ganzen Tag; und obwohl sie sie riechen und hören konnten, sahen sie kein einziges von ihnen.

»Um Gottes Willen,« sagte der Leopard zur Abendbrotzeit, »laß uns warten bis es dunkel wird. Dieses Jagen bei Tageslicht ist absolut skandalös.«

So warteten sie die Dunkelheit ab, und da hörte der Leopard ein schnüffelndes Atmen in dem Sternenlicht, das ganz streifig durch die Zweige fiel, und es roch wie Zebra, es fühlte sich wie Zebra an, und als er es umwarf, trat es wie Zebra, aber er konnte es nicht sehen. Also sagte er, »Sei still, o Person ohne Form. Ich werde mich bis zum Morgen auf deinen Kopf setzen, weil du etwas an dir hast, was ich nicht verstehe.«

Gleichzeitig hörte er ein Grunzen und ein Krachen und ein Scharren, und der Äthiopier rief: »Ich habe ein Ding gefangen, das ich nicht sehen kann. Es riecht wie Giraffe, und es tritt wie Giraffe, aber es hat keine Form.«

»Trau‘ ihm nicht,« sagte der Leopard. »Setz dich bis zum Morgen auf seinen Kopf – so wie ich. Sie haben keine Form – keins von ihnen.«

So saßen sie auf ihnen, akkurat bis zur hellen Morgenzeit, und dann sagte der Leopard, »Was hast du an deinem Tischende, Bruder?«

Der Äthiopier kratzte sich am Kopf und sagte: »Es sollte vollständig zart gräulich-rehbraun sein, und es sollte Zebra sein; aber es ist über und über mit schwarzen und purpurnen Streifen bedeckt. Was in aller Welt hast du mit dir angestellt, Zebra? Weißt du nicht, dass ich dich auf dem Hohen Veldt aus zehn Meilen Entfernung sehen könnte? Du hast überhaupt keine Form.«

»Ja,« sagte das Zebra. »Aber hier ist nicht das Hohe Veldt. Kannst du das nicht sehen?«

»Jetzt kann ich’s,« sagte der Leopard. Aber gestern ging es überhaupt nicht. Wie macht man das?«

»Laßt uns aufstehen,« sagte das Zebra, »und wir zeigen es euch.«

Sie ließen das Zebra und die Giraffe aufstehen; und Zebra ging zu einem kleinen Dornbusch, wo das Sonnenlicht ganz streifig schien, und Giraffe

ging zu ein paar höheren Bäumen, wo die Schatten ganz fleckig waren.

»Jetzt paßt auf,« sagten das Zebra und die Giraffe. »So wird’s gemacht. Eins-zwei-drei! Und wo ist euer Frühstück?«

Leopard glotzte, und Äthiopier glotzte, aber alles was sie sahen, waren streifige Schatten und fleckige Schatten im Wald, aber keine Spur von Zebra und Giraffe. Die waren einfach weggegangen und hatten sich im schattigen Wald versteckt.

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Dies ist das Bild von dem Leoparden und dem Äthiopier, nachdem sie den Rat des Weisen Baviaan angenommen hatten und der Leopard zu anderen Flecken gegangen war und der Äthiopier seine Haut verändert hatte. Der Äthiopier war eigentlich ein Schwarzer, und sein Name war Sambo. Der Leopard hieß Spots, und so nennt man ihn in England immer noch. Sie jagen in dem fleckig-klecksigen Wald, und sie suchen Herrn Eins-zwei-drei-wo-ist-dein-Frühstück. Wenn du ein wenig suchst, wirst du Herrn Eins-zwei-drei finden, gar nicht weit weg. Der Äthiopier ist hinter einem gescheckten verdeckten Baum versteckt, weil der zu seiner Haut paßt, und der Leopard liegt neben einer fleckig-klecksigen Steinbank, weil die zu seinen Flecken paßt. Herr Eins-zwei-drei-wo-ist-dein-Frühstück steht da und frißt Blätter von einem hohen Baum. Das ist in Wirklichkeit ein Suchbild wie ›Wo ist die Katze?‹

»Hi! Hi!« sagte der Äthiopier. »Den Trick sollte man lernen. Nimm dir ein Beispiel, Leopard. Dich sieht man in diesem Dunkel wie ein Stück Seife im Kohlenkasten.«

»Ho!Ho!« sagte der Leopard. »Würde es dich sehr verwundern zu hören, dass du in dieser Dunkelheit auffällst wie ein Senfpflaster auf einem Kohlensack?«

»Gut – mit Beleidigungen fängt man kein Mittagessen,« sagte der Äthiopier. »Kurz und knapp gesagt: wir passen nicht zu unserem Hintergrund. Ich werde Baviaans Rat annehmen. Er sagte: ich sollte mich verändern; und da ich außer meiner Haut nichts habe, was ich verändern könnte, werde ich die ändern.«

»Wozu?« sagte der Leopard in fürchterlicher Aufregung.

»Zu einer nett aussehenden schwarz-bräunlichen Farbe, mit ein wenig Purpur darin und einer Spur schieferblau. Es wird das Optimale sein, um sich in Löchern und hinter Bäumen zu verstecken.«

So änderte er an Ort und Stelle seine Hautfarbe, und der Leopard wurde aufgeregter als je zuvor; er hatte noch niemals gesehen, dass ein Mensch seine Hautfarbe änderte.

»Aber was ist mit mir?« sagte er, als der Äthiopier seinen letzten kleinen Finger in die feine neue schwarze Haut verwandelt hatte.

»Du nimmst auch Baviaans Rat an. Er sagte: du solltest zu Flecken gehen.«

»Das habe ich doch getan,« sagte der Leopard. »Ich bin so schnell ich konnte zu neuen Flecken gegangen. Ich bin mit dir zu diesem Flecken gegangen, und das hat mir viel Gutes gebracht.«

»Oh,« sagte der Äthiopier. »Baviaan hat keine Flecken in Süd-Afrika gemeint. Er meinte Flecken auf deiner Haut.«

»Was soll das bringen?« sagte der Leopard.

»Denk an Giraffe,« sagte der Äthiopier. Oder, wenn du Streifen bevorzugst, denk an Zebra. Sie sind mit ihren Streifen und Flecken perfekt zufrieden.«

»Ähm,« sagte der Leopard. »Ich möchte nicht wie Zebra aussehen – niemals.«

»Gut, dann denk dir was aus,« sagte der Äthiopier. »weil ich es hassen würde, ohne dich jagen zu gehen, aber das muss ich wohl, wenn du darauf bestehst, wie ein Sonnenblume vor einem geteerten Zaun auszusehen.«

»Ich nehme dann also Flecken,« sagte der Leopard; »aber mach sie nicht so vulgär groß. Ich möchte nicht wie Giraffe aussehen – niemals.«

»Ich mache sie mit den Fingerspitzen,« sagte der Äthiopier. »Auf meiner Haut ist noch reichlich Schwarz übriggeblieben. Stell dich her!«

Dann preßte der Äthiopier seine fünf Finger fest zusammen (es war noch viel Schwarz auf seiner neuen Haut übrig) und drückte sie überall auf den Leoparden, und überall, wo seine fünf Finger hinkamen, machten sie fünf kleine schwarze Abdrücke, alle ganz eng zusammen. Du kannst sie auf jedem beliebigen Leopardenfell sehen, Meistgeliebter. An eingen Stellen rutschten die Finger, und die Abdrücke wurden etwas verschmiert; aber wenn du dir jetzt irgendeinen Leoparden genau anschaust, wirst du sehen, das es immer fünf Flecken sind – von fünf fetten schwarzen Fingerspitzen.«

»Jetzt bist du eine Schönheit!« sagte der Äthiopier. Du kannst draußen auf dem nackten Boden liegen und wie ein Haufen Kieselsteine aussehen. Du kannst auf den nackten Felsen liegen und aussehen wie ein Stück Lavagestein. Du kannst auf einem beblätterten Zweig liegen und aussehen wie Sonnenschein, der durch die Zweige fällt; und du kannst gerade mitten auf dem Weg liegen und aussehen wie nichts Besonderes. Stell dir das vor und schnurre!«

»Aber wenn ich das alles bin,« sagte der Leopard, »warum bist du dann nicht auch fleckig geworden?«

»Oh, glattes Schwarz ist für einen Neger am besten,« sagte der Äthiopier. »Jetzt komm, laß uns sehen, ob wir nicht mit Herrn ‚Eins-zwei-drei-wo-ist-euer-Frühstück klarkommen!«

So gingen sie und lebten fortan glücklich und in Frieden, Meistgeliebter. Das ist alles.

Oh, und gelegentlich wirst du Erwachsene sagen hören, »Kann der Äthiopier seine Hautfarbe ändern, oder der Leopard seine Flecken?« Ich denke, so etwas Dummes würden nicht einmal Erwachsene immer wieder sagen,wenn der Leopard und der Äthiopier es nicht wenigstens einmal getan hätten – was meinst du? Aber sie werden es nie wieder tun, Meistgeliebter. Sie sind ganz zufrieden, wie sie sind.

Ich bin der hochweise Baviaan, hör‘ mein weises Wort
»Laß uns in der Landschaft aufgehen – nur wir zwei geh’n fort«
Leute sind gekommen – mit der Kutsche – zu Besuch. Aber Mama ist da…
Ja, ich darf gehen, wenn du mitkommst – Kindermädchen sagte »Ja«.
Zu den Schweineställen gehen und uns auf den Hofzaun setzen!
Den Kaninchen was erzählen, schau’n, wie sie durchs Gatter wetzen.
Wir sollen – ach, egal, Papi, Hauptsache, wir allein zu zweit
Wir sollen auf Entdeckung gehen, bis zum Abendbrot ist Zeit!
Hier, deine Stiefel bring ich dir, die Mütze und den Stock,
Hier, auch noch Pfeife und Tabak – komm schnell, wir hauen ab.

Die Krabbe, die mit dem Meer spielte

Die Krabbe, die mit dem Meer spielte

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Vor den Erhabenen und Weit Zurückliegenden Zeiten, o meine Meistgeliebte, war die Zeit des Ersten Anfangs; und das waren die Tage, als der Älteste Magier die Sachen in Gang brachte. Zuerst brachte er die Erde in Gang; dann brachte er die Sonne in Gang; und dann sagte er allen Tieren, dass sie zum Spielen herauskommen konnten. Und die Tiere sagten: »O Ältester Magier, was sollen wir spielen?« und er sagte: »Ich zeige es euch.« Er nahm den Elefanten – Alles-was-es-an-Elefant-gab – und er sagte: »Du spielst, ein Elefant zu sein.« Und Alles-was-es-an-Elefant-gab spielte. Er nahm den Biber – Alles-was-es-an-Biber-gab – und sagte: »Du spielst, ein Biber zu sein.« Und Alles-was-es-an-Biber-gab spielte. Er nahm die Schildkröte – Alles-was-es-an-Schildkröte-gab – und sagte: »Du spielst, eine Schildkröte zu sein.« Und Alles-was-es-an-Schildkröte-gab spielte. Einen nach dem anderen nahm er alle Tiere und Vögel und Fische und sagte ihnen, was sie spielen sollten.

Aber gegen Abend, als die Leute und alles unruhig und müde wurden, kam der Mensch (Mit seiner eigenen kleinen Tochter?) – Ja, mit seinem eigenen meistgeliebten kleinen Tochtermädchen auf den Schultern, und er sagte: »Was ist das für ein Spiel, Ältester Magier?« Und der Älteste Magier sagte: »Ho, Sohn Adams, es ist das Spiel des Ersten Anfangs; aber du bist zu verständig für dieses Spiel.« Und der Mensch salutierte und sagte: »Ja, ich bin zu verständig für dieses Spiel; aber sieh zu, dass alle Tiere mir gehorsam werden.«

Nun, während die beiden miteinander sprachen, verdrückte sich Pau Amma die Krabbe, die als nächstes dran gewesen wäre, seitwärts, und schlüpfte in das Meer, wobei sie vor sich hinmurmelte: »Ich werde mein eigenes Spiel in den tiefen Wassern spielen, und ich werde diesem Sohn Adams nie gehorsam sein.« Niemand sah sie verschwinden, außer der kleinen Tochter, die sich an die Schulter des Menschen lehnte. Und das Spiel ging weiter, bis alle Tiere ihre Aufgaben bekommen hatten; und der Älteste Magier wischte sich den feinen Staub von den Händen und ging auf der Welt umher, um zu sehen, wie die Tiere spielten.

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Dieses Bild zeigt, wie die Krabbe Pau Amma wegläuft, während der Älteste Magier mit dem Menschen und seiner kleinen Tochter sprach. Der Älteste Magier sitzt auf seinem magischen Thron, in seine magische Wolke gehüllt. Die drei Blumen vor ihm sind die drei Magischen Blumen. Oben auf dem Hügel kannst du Alles-was-es-an-Elefant-gab sehen, und Alles-was-es-an-Kuh-gab, und Alles-was-es-an-Schildkröte-gab, wie sie losgehen, um zu spielen, wie es der Älteste Magier ihnen gesagt hatte. Die Kuh hat einen Buckel, weil sie Alles-was-es-an-Kuh-gab war; deshalb mußte sie alles haben, was nachher alle Kühe brauchen würden, die es je geben würde. Unter dem Hügel sind Tiere, die gelernt haben, welche Spiele sie spielen sollen. Du kannst Alles-was-es-an-Tiger-gab sehen, wie er Alles-was-es-an-Knochen-gab anlächelt, und du siehst Alles-was-es-an-Elch-gab, und Alles-was-es-an-Papagei-gab, und Alles-was-es-an-Kaninchen-gab auf dem Hügel. Die anderen Tiere sind auf der anderen Seite des Hügels, also habe ich sie nicht gezeichnet. Das kleine Haus auf dem Hügel ist Alles-was-es-an-Haus-gab. Der Älteste Magier hat es gebaut, um dem Menschen zu zeigen, wie er sich ein Haus bauen könnte, wenn er wollte. Die Schlange rund um den spitzigen Hügel ist Alles-was-es-an-Schlange-gab, und sie spricht mit Alles-was-es-an-Affe-gab, und der Affe ist frech zu der Schlange, und die Schlange ist frech zu dem Affen. Der Mensch ist sehr in sein Gespräch mit dem Ältesten Magier vertieft. Die kleine Tochter schaut zu, wie Pau Amma wegläuft. Das bucklige Ding vorne im Wasser ist Pau Amma. Sie war damals keine gewöhnliche Krabbe. Sie war eine Königskrabbe. Deshalb sieht sie anders aus. Das Ding in dem der Mensch steht, und das wie aus Ziegelsteinen aussieht, ist das große Miz-Labyrinth. Wenn der Mensch seine Unterhaltung mit dem Ältesten Magier beendet hat, wird er in das Miz-Labyrinth gehen, weil er das muß. Das Zeichen auf dem Stein unter dem Fuß des Menschen ist ein magisches Zeichen: und unten drunter habe ich die drei magischen Blumen hingezeichnet, ganz in die magische Wolke verwoben. Dieses ganze Bild ist Große Medizin und Starke Magie.

Er ging nach Norden, Meistgeliebte, und er fand Alles-was-es-an-Elefant-gab, der mit seinen Füßen auf den schönen neuen Erdboden stampfte, der für ihn gemacht war, und ihn mit seinen Stoßzähnen umgrub.

»Kun?« sagte Alles-was-es-an-Elefant-gab, und das hieß: »Ist das so in Ordnung?«

»Payah kun,« sagte der Älteste Magier, und das hieß: »Das ist ganz in Ordnung«; und er hauchte die großen Felsen und Erdklumpen an, die Alles-was-es-an-Elefant-gab aufgeworfen hatte, und daraus wurde das große Himalaya-Gebirge, und das kannst du dir auf der Landkarte anschauen.

Er ging nach Osten, und er fand Alles-was-es-an-Kuh-gab, die fraß auf dem Feld, das für sie gemacht war, und sie schleckte mit ihrer Zunge um einen ganzen Wald auf einmal herum, und verschluckte ihn und ließ sich nieder, um wiederzukäuen.

»Kun?« sagte Alles-was-es-an-Kuh-gab.

»Payah kun,« sagte der Älteste Magier; und er hauchte den kahlen Flecken an, wo sie gefressen hatte, und die Stelle, auf der sie sich niedergelassen hatte, und eines wurde die Große Indische Wüste, und das andere wurde die Wüste Sahara, und die kannst du dir auf der Landkarte anschauen.

Er ging nach Westen, und er fand Alles-was-es-an-Biber-gab, der einen Biberdamm über die Mündungen großer Flüsse baute, die für ihn gemacht waren.

»Kun?« sagte Alles-was-es-an-Biber-gab.

»Payah kun,« sagte der Älteste Magier; und er hauchte die gefällten Bäume und das ruhige Wasser an, und sie wurden zu den Everglade-Sümpfen in Florida, und du kannst sie dir auf der Landkarte anschauen.

Dann ging er nach Süden und fand Alles-was-es-an-Schildkröte-gab, die mit ihren Flossenhänden in dem Sand kratzte, der für sie bereitgestellt worden war, und Sand und Felsen wirbelten durch die Luft und fielen weit weg in das Meer.

»Kun?« sagte Alles-was-es-an-Schildkröte-gab.

»Payah kun,« sagte der Älteste Magier; und er hauchte auf den Sand und die Felsen, wo sie ins Meer gefallen waren, und sie wurden zu den wunderschönen Inseln Borneo, Celebes, Sumatra, Java und den anderen des Malaiischen Archipels, und du kannst sie dir auf der Landkarte anschauen!

Zuguterletzt traf der Älteste Magier den Menschen an den Ufern des Flusses Perak und sagte: »Ho! Adams Sohn, sind dir alle die Tiere gehorsam?«

»Ja,« sagte der Mensch.

»Ist dir die ganze Erde gehorsam?«

»Ja,« sagte der Mensch.

»Ist dir das ganze Meer gehorsam?«

»Nein,« sagte der Mensch. »Einmal am Tag und einmal in der Nacht läuft das Meer in den Fluß Perak und treibt das Süßwasser zurück in den Wald, so dass mein Haus naß wird; einmal am Tag und einmal in der Nacht läuft es den Fluß hinunter und zieht das ganze Wasser mit sich, so dass nichts als Schlamm zurückbleibt und mein Kanu umkippt. Hast du ihm gesagt, es sollte dieses Spiel spielen?«

»Nein,« sagte der Älteste Magier. »Das ist ein neues und schlechtes Spiel.«

»Schau!« sagte der Mensch, und als er das sagte, kam das große Meer die Mündung herauf und trieb den Fluß Perak zurück, bis er alle die dunklen Wälder Meilen und Meilen weit überschwemmte und das Haus des Menschen überflutete.

»Das ist verkehrt. Setz dein Kanu ins Wasser, und wir werden herausfinden, wer da mit dem Meer spielt,« sagte der Älteste Magier. Sie setzten sich in das Kanu; die kleine Tochter kam auch mit; und der Mensch nahm seinen Kris – einen kurvigen, welligen Dolch mit flammenförmiger Klinge – und sie stießen ab in den Fluß Perak. Dann fing das Meer an, zurück und zurück zu fließen, und das Kanu wurde aus der Mündung des Flusses Perak gesaugt, an Selangor vorbei, an Malacca vorbei, an Singapur vorbei, hinaus und hinaus bis zu der Insel Bintang, als ob es an einem Faden gezogen würde.

Da stand der Älteste Magier auf und rief: »Ho! Tiere, Vögel, Fische, die ich am Ersten Anfang in meine Hände genommen habe und die ich die Spiele gelehrt habe, die sie spielen sollen, welches von euch spielt mit dem Meer?«

Da sagten alle Tiere, Vögel und Fische zusammen: »Ältester Magier, wir spielen die Spiele, die du uns gelehrt hast – wir und und unsere Kindeskinder. Aber nicht eines von uns spielt mit dem Meer.«

Dann ging der Mond groß und voll über dem Wasser auf, und der Älteste Magier sagte zu dem buckligen alten Mann, der im Mond sitzt und eine Angelschnur spinnt, mit der er hofft, eines Tages die Welt zu fangen: »Ho! Fischer im Mond, spielst du mit dem Meer?«

»Nein,« sagte der Fischer; »ich spinne eine Schnur, mit der ich eines Tages die Welt fangen werde; aber ich spiele nicht mit dem Meer.« Und er fuhr fort, seine Schnur zu spinnen.

Nun gibt es da auch noch eine Ratte auf dem Mond, die die Schnur des alten Fischers genauso schnell zernagt, wie sie gesponnen wird, und der Älteste Magier sagte zu ihr: »Ho! Ratte im Mond, spielst du mit dem Meer?«

Und die Ratte sagte: »Ich bin zu sehr damit beschäftigt, die Schnur zu zernagen, die dieser alte Fischer spinnt. Ich spiele nicht mit dem Meer.« Und sie fuhr fort, die Schnur zu zernagen.

Da hob die kleine Tochter ihre weichen braunen Arme mit den schönen weißen Muschelketten hoch und sagte: »O Ältester Magier! Als mein Vater hier am Ersten Anfang mit dir sprach, und ich auf seiner Schulter lehnte, während die Tiere ihre Spiele lernten, ging ein unartiges Tier ins Meer, bevor du ihm sein Spiel erklärt hattest.«

Und der Älteste Magier sagte: »Wie verständig sind kleine Kinder, die sehen und schweigen! Wie sah das Tier aus?«

Und die kleine Tochter sagte: »Es war rund und es war flach; und seine Augen saßen auf Stielen; und er ging so seitwärts; und er trug eine starke Rüstung am Körper.«

Und der Älteste Magier sagte: »Wie verständig sind kleine Kinder, die die Wahrheit sprechen! Jetzt weiß ich, wohin Pau Amma gegangen ist. Gebt mir ein Paddel!«

Also nahm er das Paddel; aber es war gar nicht nötig, zu paddeln, denn das Wasser floß gleichmäßig an allen Inseln vorbei, bis sie zu dem Ort kamen, der Pusat Tasek heißt – das Herz des Meeres – wo das große Loch ist, das ins Herz der Welt führt, und in dem Loch wächst der Wunderbaums Pauh Janggi, der die magischen Zwillingsnüsse trägt. Dann ließ der Älteste Magier seinen Arm bis zur Schulter durch das warme Wasser gleiten, und unter den Wurzeln des Wunderbaumes berührte er den breiten Rücken der Krabbe Pau Amma. Und Pau Amma beruhigte sich unter der Berührung, und das Meer hob sich, wie Wasser in einem Bassin sich hebt, wenn man seine Hand hineintaucht.

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Dies ist das Bild der Krabbe Pau Amma, wie sie aus dem Meer emporsteigt, so hoch wie der Rauch von drei Vulkanen. Ich habe die drei Vulkane nicht gezeichnet, weil Pau Amma so groß war. Pau Amma versucht, eine Magie zu machen, aber sie ist nur eine dumme alte Krabbe und kann überhaupt nichts. Du siehst, dass sie nur aus Beinen und Klauen und leerer hohler Schale besteht. Das Kanu ist das Kanu, in dem der Mensch und das Mädchen und der Älteste Magier vom Flusse Perak hergesegelt sind. Das Meer ist ganz schwarz und blubberig, weil Pau Amma gerade aus Pusat Tasek emporgestiegen ist. Pusat Tasek ist unten drunter, also habe ich es nicht gezeichnet. Der Mensch schwenkt sein gekrümmtes Kris-Messer vor Pau Amma. Die kleine Tochter sitzt ruhig mitten in dem Kanu. Sie weiß, dass sie bei ihrem Pappi ganz sicher ist. Der Älteste Magier steht am anderen Ende des Kanus und fängt gerade mit einer Magie an. Er hat seinen magischen Thron am Strand zurückgelassen und seine Sachen ausgezogen, damit sie nicht nass werden, und die magische Wolke hat er auch da gelassen, damit das Boot nicht umkippt. Das Ding, das auch wie ein Kanu aussieht, nennt man einen Ausleger. Das ist ein Stück Holz, an Stangen festgebunden, und es verhindert, dass das Kanu umschlägt. Das Kanu ist aus einem einzigen Stück Holz gemacht, und an einem Ende hat es ein Paddel.

»Ah« sagte der Älteste Magier. »Jetzt weiß ich, wer mit dem Meer gespielt hat.« Und er rief laut: »Was machst du, Pau Amma?«

Und tief unten antwortete Pau Amma: »Einmal am Tag und einmal in der Nacht gehe ich aus, um mir Futter zu suchen. Einmal am Tag und einmal in der Nacht kehre ich zurück. Laß mich in Ruhe.«

Da sagte der Älteste Magier: »Höre, Pau Amma. Wenn du aus deiner Höhle gehst, ergießen sich die Wasser des Meeres nach Pusat Tasek, und alle Strände aller Inseln fallen trocken, und die kleinen Fische sterben, und Radscha Mojang Kaban, der König der Elefanten, seine Füße werden schlammig. Wenn du zurückkommst und dich in Pusat Tasek verkriechst, steigen die Wasser des Meeres, und die kleinen Inseln werden halb ertränkt, und das Haus des Menschen wird überschwemmt, und Radscha Abdullah, der König der Krokodile, sein Maul füllt sich mit Salzwasser.«

Da lachte Pau Amma tief unten und sagte: »Ich wußte nicht, dass ich so wichtig bin. Von jetzt an werde ich sieben Mal täglich ausgehen, und die Wasser werden nicht mehr stillstehen.«

Und der Älteste Magier sagte: »Ich kann dich nicht zwingen, das Spiel zu spielen, das du spielen solltest, Pau Amma, weil du mir am Ersten Anfang entkommen bist; aber wenn du dich nicht fürchtest, dann komm hoch, damit wir darüber reden können.«

»Ich fürchte mich nicht,« sagte Pau Amma, und sie kam im Mondlicht herauf, an die Oberfläche des Meeres. Niemand auf der Welt war so groß wie Pau Amma – denn sie war die Königskrabbe aller Krabben. Keine einfache Krabbe, sondern eine Königskrabbe. Eine Seite ihrer riesigen Schale berührte den Strand von Sarawak; die andere berührte den Strand von Pahang; und sie war höher als der Rauch aus drei Vulkanen! Als sie sich durch die Zweige des Wunderbaums Pauh Janggi erhob, riß sie eine der großartigen Zwillingsfrüchte ab – der magischen doppelkernigen Nüsse, die jung machen – und die kleine Tochter sah sie am Kanu vorbeispringen und zog sie hinein und fing an, die weichen Augen mit ihrer kleinen goldenen Schere auszustechen.

»Nun,« sagte der Magier, »mach einen Zauber, Pau Amma, um zu zeigen, dass du wirklich wichtig bist.«

Pau Amma rollte mit den Augen und schwenkte die Beine, aber sie konnte nur das Meer aufwühlen, denn, obwohl sie eine Königskrabbe war, war sie doch nichts anderes als eine Krabbe, und der Älteste Magier lachte.

»Du bist am Ende doch nicht so wichtig, Pau Amma,« sagte er. »Nun laß mich mal versuchen,« und er machte mit seiner linken Hand etwas Magisches – nur mit dem kleinen Finger der linken Hand – und, siehe da, Meistgeliebte, Pau Ammas harte, blau-grün-schwarze Schale fiel von ihr ab wie die Hülle von einer Kokosnuß, und Pau Amma war auf einmal ganz weich – weich wie die kleinen Krabben, die du manchmal am Strand findest, Meistgeliebte.

»Du bist ja tatsächlich sehr wichtig,« sagte der Älteste Magier. »Soll ich den Menschen hier bitten, dich mit dem Kris aufzuschneiden? Soll ich nach Radscha Moyang Kaban senden, dem König der Elefanten, damit er dich mit seinen Stoßzähnen piekt, oder soll ich Radscha Abdullah, den König der Krokodile, rufen, damit er dich beißt?«

Und Pau Amma sagte: »Ich schäme mich! Gib mir meine harte Schale zurück und laß mich nach Pusat Tasek zurückkehren, und ich werde mich nur einmal am Tage und einmal in der Nacht rühren, um Futter zu suchen.«

Und der Älteste Magier sagte: »Nein, Pau Amma, ich werde dir deine Schale nicht zurückgeben, denn dann wirst du größer und stolzer und stärker werden, und vielleicht dein Versprechen vergessen und wieder mit dem Meer spielen.«

Da sagte Pau Amma: »Was soll ich machen? Ich bin so groß, dass ich mich nur in Pusat Tasek verstecken kann, und wenn ich woanders hingehe, so weich wie ich jetzt bin, werden die Haie und Hundsfische mich fressen. Und wenn ich, so weich wie ich bin, nach Pusat Tasek gehe, bin ich zwar in Sicherheit, kann aber nicht ausgehen, um mir Futter zu suchen, und dann werde ich sterben.« Und sie fuchtelte mit den Beinen und jammerte.

»Höre, Pau Amma,« sagte der Älteste Magier. »Ich kann dich nicht zwingen, das Spiel zu spielen, für das du bestimmt bist, weil du mir am Ersten Anfang entkommen bist; aber wenn du dich freiwillig dafür entscheidest, kann ich jeden Stein und jedes Loch und jedes Algenbüschel in allen Meeren für immer zu einem sicheren Pusat Tasek für dich und deine Kinder machen.«

Da sagte Pau Amma: »Das ist gut, aber ich entscheide mich noch nicht. Guck! Da ist der Mensch, der am ersten Anfang mit dir sprach. Wenn er dich nicht abgelenkt hätte, wäre ich nicht des Wartens müde geworden und weggelaufen, und dieses alles wäre nie geschehen. Was wird er für mich tun?«

Und der Mensch sagte: »Wenn du dich entscheidest, werde ich einen Zauber machen, damit das tiefe Wasser und auch das trockene Land für dich und deine Kinder eine Heimat sein können – so dass du dich sowohl am Land als auch auf dem Meer verstecken kannst.«

Und Pau Amma sagte: »ich entscheide mich noch nicht. Guck! da ist das Mädchen, das mich am Ersten Anfang weglaufen sah. Wenn sie gleich was gesagt hätte, hätte der Älteste Magier mich zurückgerufen, und alles dieses wäre nie geschehen. Was wird sie für mich tun?«

Und die kleine Tochter sagte: »Ich esse hier gerade eine gute Nuß. Wenn du dich entscheidest, werde ich einen Zauber machen und dir diese Scheren geben, die sehr scharf und stark sind, so dass du und deine Kinder jeden Tag solche Kokosnüsse essen könnt, wenn ihr vom Meer auf das Land kommt; oder ihr könnt euch mit euren eigenen Scheren selbst ein Pusat Tasek graben, wenn kein Stein und keine Höhle in der Nähe ist; und wenn die Erde zu hart ist, könnt ihr mit der Hilfe dieser selben Scheren auf einen Baum klettern.«

Und Pau Amma sagte: »Ich entscheide mich noch nicht, denn, so weich wie ich bin, werden mir diese Geschenke nichts nützen. Gib mir meine Schale zurück, o Ältester Magier, dann werde ich euer Spiel spielen.«

Und der Älteste Magier sagte: »Ich werde sie dir für elf Monate im Jahr zurückgeben, Pau Amma; aber im zwölften Monat jeden Jahres wird sie wieder weich werden, um dich und alle deine Kinder daran zu erinnern, dass ich ein Magier bin, und um dich in Demut zu halten, Pau Amma; denn ich sehe, dass du zu eingebildet werden wirst, wenn du sowohl unter Wasser als auch auf dem Land laufen kannst; und wenn du Bäume erklettern und Nüsse knacken und mit deinen Scheren Löcher graben kannst, wirst du zu gierig werden, Pau Amma.«

Da dachte Pau Amma ein wenig nach und sagte: »Ich habe mich entschieden. Ich werde alle Geschenke annehmen.«

Da machte der Älteste Magier mit der rechten Hand einen Zauber, mit allen fünf Fingern der rechten Hand, und siehst du, Meistgeliebte, da wurde Pau Amma kleiner und kleiner, bis am Ende nur noch eine kleine grüne Krabbe im Wasser neben dem Kanu schwamm, die mit sehr zarter Stimme rief: »Gebt mir die Scheren!«

Und die Tochter nahm sie auf die Fläche ihre kleinen braunen Hand, setzte sie auf den Boden des Kanus und gab ihr Scheren, und Pau Amma nahm sie mit seinen winzigen Armen, öffnete und schloss sie und ließ sie schnappen und sagte: »Ich kann Nüsse essen. Ich kann Schalen knacken. Ich kann Löcher graben. Ich kann Bäume erklettern. Ich kann in der trockenen Luft atmen, und ich kann unter jedem Stein ein sicheres Pusat Tasek finden. Ich wußte nicht, dass ich so wichtig bin. Kun?« (Ist das so in Ordnung?)

»Payah-kun,« sagte der Älteste Magier, und er lachte und gab ihr seinen Segen; und die kleine Pau Amma schlüpfte über die Bordwand des Kanus ins Wasser; und sie war so winzig, dass sie sich an Land im Schatten eines trockenen Blattes hätte verstecken können, oder unter einer leeren Muschelschale am Grunde des Meeres.

»Haben wir das gut gemacht?« sagte der Älteste Magier.

»Ja,« sagte der Mensch. »Aber jetzt müssen wir nach Pusat Tasek zurück, und das ist eine ermüdende Paddelstrecke. Wenn wir gewartet hätten, bis Pau Amma von Pusat Tasek nach Hause zurückgekommen wäre, hätte das Wasser uns von selbst dorthin getragen.«

»Du bist faul,« sagte er Älteste Magier. »Also werden deine Kinder auch faul sein. Sie werden die faulsten Leute auf der Welt sein. Man wird sie oft als Faultiere bezeichnen;« und er richtete seinen Finger auf den Mond und sagte:

»O Fischer, hier ist ein Mensch, der zu faul ist, um nach Hause zu rudern. Zieh sein Kanu mit deiner Schnur nach Hause, Fischer.«

»Nein,« sagte der Mensch. »Wenn ich mein Leben lang faul sein soll, laß das Meer für immer zweimal täglich für mich arbeiten. Das wird mir viel Paddeln ersparen.«

Und der Älteste Magier lachte und sagte: »Payah kun« (Das ist in Ordnung).

Und die Ratte im Mond hörte auf, die Schnur zu zernagen; und der Fischer ließ seine Schnur herab, bis sie das Meer berührte, und er zog das ganze tiefe Meer, vorbei an der Insel Bintang, vorbei an Singapur, vorbei an Malacca, vorbei an Selangor, bis das Kanu in die Mündung des Flusses Perak zurück wirbelte. »Kun?« sagte der Fischer im Mond.

»Payah kun,« sagte der Älteste Magier. »Nun sieh zu, dass du das Meer für immer zweimal am Tag und zweimal bei Nacht hin- und herziehst, so dass dem faulen Fischern viel Paddeln erspart bleibe. Aber paß auf, dass du nicht zu stark ziehst, sonst werde ich einen Zauber auf dich werfen wie auf Pau Amma.«

Dann fuhren sie allen den Fluß Perak hinauf und gingen zu Bett, Meistgeliebte.

Nun höre und paß auf!

Von jenem Tage an bis heute hat der Mond das Meer immer hinauf und hinunter gezogen und das gemacht, was wir die Gezeiten nennen. Manchmal zieht der Fischer des Meeres ein bißchen zu stark, und dann kriegen wir die Springflut; und manchmal zieht er ein wenig zu schwach, und dann kriegen wir das, was man Nippflut nennt; aber fast immer ist er vorsichtig, wegen des Ältesten Magiers.

Und Pau Amma? Wenn du an den Strand gehst, kannst du sehen, wie alle Babies von Pau Amma sich kleine Pusat Taseks unter jedem Stein und Algenbüschel im Sand machen; du kannst sehen, wie sie mit ihren kleinen Scheren winken; und in manchen Teilen der Welt leben sie wirklich auf dem trockenen Land, rennen die Palmenbäume hinauf und fressen Kokosnüsse, genau wie es die kleine Tochter vorausgesagt hatte. Aber einmal im Jahr müssen alle Pau Ammas ihre Schalen abwerfen und weich sein – um sie daran zu erinnern, was der Älteste Magier tun könnte. Und darum ist es nicht gerecht, Pau Ammas Babies zu töten oder zu jagen, nur weil die alte Pau Amma vor sehr langer Zeit so dumm und unverschämt war.

Oh Ja! Und Pau Ammas Babies mögen es nicht, aus ihren kleinen Pusat Taseks geholt und in Einmachgläsern nach Hause gebracht zu werden. Deshalb zwicken sie dich mit ihren Scheren, und das geschieht dir recht!

P’s und O’s auf Chinafahrt
Streifen Pau Ammas Spielplatz hart
Pusat Tasek ist irgendwie
Nah bei der Strecke von B.I.
U.Y. und N.D.L.
kennen Pau Ammas Lieblingsstell‘
Wie auch der Meeresfischer kennt
Bens, Rubattino und M.M.
Jedoch, (und das erscheint mir dumm)
ATL fährt andersrum;
O. & O. und D.O.A.
Fahr’n nur nach Amerika.
Orient, Anchor, Bibby, Hall,
Fahr’n so weit auf keinen Fall.
U.C.S. vermeidet lieber
die Gegend: wegen Dschungelfieber.
Und wenn ›Beavers‹ seine Fracht
Hätte nach Penang gebracht,
Oder ›Shaw-Savill‹ brächt‘ nur
Passagier‘ nach Singapur,
Oder ›White Star‹ führ‘ – au weia!
Ungeniert nach Surabaya,
Oder B.S.A. getraute
sich nach Cheribon trotz Flaute
Dann käm‘ der große Mister Lloyd
und schleppte sie zurück noch heut‘!

Mein Rätsel kannst du leicht ermessen,
Sobald du Mangosteens gegessen.

Oder, wenn du nicht so lange warten kannst, frag‘ mal, ob sie dir das erste Blatt der »Times« geben können; auf Seite 2 siehst du links oben die Überschrift »Reedereien«; dann nimm den Atlas (und das ist das schönste Bilderbuch der Welt) und schau nach, wie die Namen der Orte, zu denen die Dampfer fahren, zu den Namen auf der Landkarte passen. Jedes Dampfer-Kind sollte das können; wenn du aber nicht lesen kannst, bitte jemanden, es dir zu zeigen.