Wie der Wal zu seinem Rachen kam

Wie der Wal zu seinem Rachen kam

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Es war einmal im Ozean, o mein Meistgeliebter, ein Wal, und der fraß Fische. Er fraß den Sternfisch und den Sonnenfisch, und die Krabbe und die Dabbe, und den Barsch und den Dorsch, und den Kabeljau samt seiner Frau, und die Makrele und die Garnele und den wirklich echten Schlingel-Schlängel-Aal. Alle Fische, die er im ganzen Ozean finden konnte, fraß er so mit seinem Maul! Bis zuletzt nur noch ein kleiner Fisch im ganzen Ozean übrig war, und das war ein kleiner Schlaufisch, und der schwamm ein wenig hinter dem rechten Ohr des Wales, um in Sicherheit zu sein. Dann stellte sich der Wal auf seinen Schwanz und sagte: »Ich habe Hunger«. Und der kleine Schlaufisch sagte mit kleiner schlauer Stimme, »Edler und großmütiger Walfisch, hast Du jemals Mensch geschmeckt?«

»Nein,« sagte der Wal, »wie schmeckt das?«

»Nett,« sagte der Schlaufisch. »Nett aber knotig.«

»Dann bring mir was davon,« sagte der Wal, und schlug mit seinem Schwanz das Meer schaumig.

»Aber nur einen auf einmal« sagte der Schlaufisch. »Wenn du nach 50° nördlicher Länge und 40° westlicher Breite schwimmst (das ist magisch), wirst du auf einem Floss sitzend, mitten im Ozean, mit nichts bekleidet als einem Paar blauer Segeltuchhosen und einem Paar Hosenträger (du darfst die Hosenträger nicht vergessen, Meistgeliebter), und einem Taschenmesser, einen schiffbrüchigen Seemann finden, der, was ich dir aus Anstandsgefühl sage, ein Mann unendlicher Raffinesse und Findigkeit ist.«

So schwamm und schwamm der Wal nach 50° nördlicher Länge und 40° westlicher Breite, so schnell er schwimmen konnte, und auf einem Floß sitzend, mit nichts bekleidet als einem Paar blauer Segeltuchhosen, einem Paar Hosenträger (du mußt besonders die Hosenträger im Gedächtnis behalten, Meistgeliebter), und einem Taschenmesser, fand er einen einzelnen, einsamen schiffbrüchigen Seemann, der seine Zehen ins Wasser hielt.

Dann öffnete der Wal sein Maul weit und weiter und weiter, bis es fast seinen Schwanz berührte, und er verschluckte den schiffbrüchigen Seemann, und das Floss, auf dem er saß, und seine blauen Segeltuchhosen, und die Hosenträger (die du nicht vergessen darfst), und das Taschenmesser – er verschluckte das alles in seine warme, dunkle innere Speisekammer, und dann schmatzte er so mit den Lippen und drehte sich dreimal auf seinem Schwanz.

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Dies ist das Bild von dem Wal, wie er den Seemann mit der unendlichen Raffinesse und Findigkeit verschluckt, mitsamt dem Floß und dem Taschenmesser und seinen Hosenträgern, die du nicht vergessen darfst. Die Dinger mit den Knöpfen sind die Hosenträger des Seemanns, und direkt daneben kannst du das Messer sehen. Er sitzt auf dem Floß, aber es ist zur Seite gekippt, so dass du nicht viel davon siehst. Das weißliche Ding an der linken Hand des Seemanns ist ein Stück Holz, mit dem er versuchte, das Floß zu rudern, als der Wal vorbeikam. Das Holzstück wird Gaffelklaue genannt. Der Seemann ließ es draußen, als er hineinrutschte. Der Name des Wals war Grinser, und der Seemann hieß Mr. Henry Albert Bivvens. Der kleine Schlaufisch versteckt sich unter dem Bauch des Wals, sonst hätte ich ihn gezeichnet. Dass das Meer so wirbel-quirlig ist, liegt daran, dass der Wal es alles in sein Maul saugt, um Mr. Henry Albert Bivvens und das Floß und das Taschenmesser und die Hosenträger einzusaugen. Du darfst niemals die Hosenträger vergessen.

Aber sobald der Seemann, der ein Mann von unendlicher Raffinesse und Findigkeit war, sich wirklich in der warmen, dunklen inneren Speisekammer fand, stampfte er und hüpfte er, und er pochte und er klopfte, und er tollte und er tanzte, und er krawallte und er knallte, und er schlug und er biss, und er sprang und er kroch, und er graulte und er jaulte, und er hopste und er tobte, und er weinte und er greinte, und er krabbelte und er babbelte, und er schritt und er glitt, und er tanzte Hornpipe wo er nicht durfte, und der Wal wurde wirklich sehr unglücklich. (Hast du die Hosenträger vergessen?)

Also sagte er zu dem Schlaufisch, »Dieser Mann ist sehr knotig, und außerdem macht er mir einen Schluckauf. Was soll ich machen?«

»Sag ihm, er soll rauskommen,« sagte der Schlaufisch.

Also rief der Wal in seinen Rachen hinab dem schiffbrüchigen Seemann zu, »Komm raus und benimm dich. Ich habe den Schluckauf.«

»Nix da!« sagte der Seemann. »Nichts zu machen, sondern ganz im Gegenteil. Bring mich zu meinem Heimatstrand und den weißen Klippen von Albion, dann werde ich es mir durch den Kopf gehen lassen.« Und er begann, noch toller als zuvor zu tanzen.

»Du solltest ihn besser heimbringen,« sagte der Schlaufisch zu dem Wal. »Ich hätte ich warnen sollen, dass er ein Mann von unendlicher Raffinesse und Findigkeit ist.«

Also schwamm und schwamm und schwamm der Wal, mit beiden Flossen und dem Schwanz, so schnell er mit seinem Schluckauf konnte; und schließlich sah er des Seemanns Heimatstrand und die weißen Klippen von Albion, und er rutschte halb auf den Strand, und öffnete sein Maul weit und weiter und weiter, und sagte, »Umsteigen nach Winchester, Ashuelot, Nashua, Keene und Bahnhof Fitchburg Road;« und gerade, als er »Fitch« sagte, spazierte der Seemann ihm aus dem Maul. Aber während der Wal geschwommen war, hatte der Seemann, der wirklich eine Person von unendlicher Raffinesse und Findigkeit war, sein Taschenmesser genommen und das Floß zu einem kleinen Gitter geschnitzt, das ganz kreuz und quer verlief, und er hatte es mit seinen Hosenträgern zusammengebunden (jetzt weißt du, warum du die Hosenträger nicht vergessen solltest!) und er drückte das Gitter gut und fest in den Rachen des Wals, und da steckte es! Dann rezitierte er das folgende Sloka, welches, weil du es noch nicht gehört hast, ich jetzt vortragen werde-

Ein alter Gitterrost
verdirbt dir nun die Kost.

Denn der Seemann war auch Hi-ber-ni-er. Und er trat heraus auf den Strandkies und ging heim zu seiner Mutter, die ihn hatte gehen lassen, damit er seine Zehen ins Wasser halten konnte; und er heiratete und lebte fortan glücklich und in Frieden. Das tat auch der Wal. Aber von diesem Tage an verhinderte der Gitterrost in seinem Rachen, den er weder aushusten noch herunterschlucken konnte, das er irgendetwas anderes fraß als sehr, sehr kleine Fische; und das ist der Grund, warum Wale heutzutage niemals Männer oder Jungen oder kleine Mädchen fressen.

Der kleine Schlaufisch ging und versteckte sich im Schlamm unter der Türschwelle des Äquators. Er befürchtete, dass der Wal wütend auf ihn sein könnte.

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Hier sieht man, wie der Wal den kleinen Schlaufisch sucht, der sich unter der Türschwelle des Äquators versteckt. Der kleine Schlaufisch hieß Pingel. Er versteckt sich zwischen den Wurzeln des großen Seetangs, der vor den Türen des Äquators wächst. Ich habe die Türen des Äquators gezeichnet. Sie sind geschlossen. Sie werden immer geschlossen gehalten, weil eine Tür immer geschlossen sein sollte. Das Seil-Ding direkt darüber ist der Äquator selbst; und die Dinger, die wie Felsen aussehen, sind die beiden Riesen Moar und Koar, die den Äquator in Ordnung halten. Sie haben die Schattenbilder auf die Türen des Äquators gemalt, und sie haben auch all die verdrehten Fische unter den Türen geschnitzt. Die Fische mit den weißen Schnauzen werden Weißschnauzendelphine genannt, und die anderen Fische mit den komischen Köpfen nennt man Hammerhaie. Der Wal fand den kleinen Schlaufisch nicht, bis er sich beruhigt hatte, und dann wurden sie wieder gute Freunde.

Das Taschenmesser nahm der Seemann mit nach Hause. Er trug die blauen Segeltuchhosen, als er auf den Strandkies heraustrat. Die Hosenträger blieben zurück, du verstehst, um den Gitterrost zusammen zu binden; und das ist das Ende dieser Geschichte.

Wenn die Kabinenluken sind dunkel und grün,
Von den Wellen draußen auf See;
Wenn das Schiff macht wupp (mit ’nem Wackeln darin)
Und der Steward fällt in die Suppenterrin‘,
Und die Koffer rutschen davon;
Das Kindermädchen liegt wie ein Bündel auf Deck
Und Mama schickt dich müde hinaus,
Und du bist ungekämmt, ungewaschen und nackt,
Na dann wirst du wissen (wenn du’s nicht erraten hast)
du bist 50° Nord und 40° West!

Der Ursprung der Gürteltiere

Der Ursprung der Gürteltiere

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Dieses, o Meistgeliebte, ist eine weitere Geschichte aus den Erhabenen und Lang-Vergangenen Zeiten. Genau in der Mitte dieser Zeiten gab es einen stachlig-pieksigen Igel, und der lebte an den Ufern des schlammigen Amazonas, wo er schalige Schnecken und so was fraß. Und er hatte einen Freund, eine bedächtig-solide Schildkröte, die an den Ufern des schlammigen Amazonas lebte und sich von grünem Salat und so was ernährte. Und so weit war alles in Ordnung, Meistgeliebte. Verstehst du?

Aber außerdem, und zur gleichen Zeit, in jenen Erhabenen und Lang-Vergangenen Zeiten nämlich, gab es da einen Scheckigen Jaguar, und der lebte auch an den Ufern des schlammigen Amazonas; und er fraß alles, was er kriegen konnte. Wenn er keine Hirsche oder Affen kriegen konnte, fraß er Frösche und Käfer; und wenn er keine Frösche und Käfer kriegen konnte, ging er zu seiner Jaguarmutter, und sie erklärte ihm, wie man Igel und Schildkröten frißt.

Sie sagt es ihm so vielmals, wobei sie graziös mit dem Schwanz wedelte: »Mein Sohn, wenn du einen Igel findest, mußt du ihn ins Wasser werfen, dann wird er sich auseinanderrollen, und wenn du eine Schildkröte fängst, mußt du sie mit deiner Pfote aus ihrem Panzer kratzen.« Und damit war das in Ordnung, Meistgeliebte.

In einer wunderschönen Nacht an den Ufern des schlammigen Amazonas fand Scheckiger Jaguar den stachlig-pieksigen Igel und die bedächtig-solide Schildkröte, wie sie unter einem umgefallenen Baumstamm saßen. Sie konnten nicht weglaufen, also rollte Stachlig-Pieksig sich zu einem Ball zusammen, weil er ein Igel war, und Bedächtig-Solide zog den Kopf und die Füße unter den Panzer, so weit es ging, weil er eine Schildkröte war; und damit war das in Ordnung, Meistgeliebte. Verstehst du?

»Nun hört mir mal zu,« sagte Scheckiger Jaguar, »weil das jetzt sehr wichtig ist. Meine Mutter sagte mir, dass, wenn ich einen Igel treffe, ich ihn ins Wasser werfen soll, dann wird er sich auseinanderrollen, und wenn ich eine Schildkröte antreffe, soll ich sie mit der Pfote aus dem Panzer kratzen. Nun, welcher von euch ist der Igel, und welcher ist die Schildkröte? – denn, bei meinen Flecken, ich kann’s nicht sagen.«

»Weißt du genau, was deine Mama gesagt hat?« sagte Stachlig-Pieksiger Igel. Bist du ganz sicher? Vielleicht hat sie ja auch gesagt, dass du, wenn du eine Schildkröte auseinanderrollst, sie mit einem Kratzer aus dem Wasser panzern sollst, und wenn du einen Igel anfaßst, mußt du ihn auf den Panzer fallen lassen.«

»Weißt du genau, was deine Mama gesagt hat?« sagte Bedächtig-Solide Schildkröte. »Bist du ganz sicher? Vielleicht hat sie ja auch gesagt, dass du einen Igel in die Pfote fallen lassen musst, wenn du ihn ins Wasser tust, und dass du eine Schildkröte, wenn du sie antriffst, panzern mußt, bis sie sich auseinanderrollt.«

»Ich glaube, es war überhaupt nicht so,« sagte der Scheckige Jaguar, aber er war ein wenig verwirrt; »bitte, sagt das doch noch einmal etwas deutlicher.«

»Wenn du mit der Pfote Wasser kratzst, rollst du es mit einem Igel auseinander,« sagte Stachlig-Pieksig. »Vergiß das nicht, denn es ist wichtig.«

»Aber,« sagte die Schildkröte, »wenn du dein Fleisch in die Pfote nimmst, mußt du es mit einem Kratzer in die Schildkröte fallen lassen. Warum kannst du das nicht verstehen?«

»Von eurem Gerede tun mir die Flecken weh,« sagte Scheckiger Jaguar; »und nebenbei, ich wollte eure Ratschläge überhaupt nicht. Ich wollte nur wissen, wer von euch Igel ist und wer Schildkröte.«

»Ich werd’s dir nicht sagen,« sagte Stachlig-Pieksig. »Aber du kannst mich aus meinem Panzer kratzen, wenn du möchtest.«

»Aha!« sagte Scheckiger Jaguar. Jetzt weiß ich, dass du Schildkröte bist. Du dachtest, ich würde es nicht tun! Aber jetzt tu ich’s.« Scheckiger Jaguar schlug pfeilschnell mit seiner Patschpfote zu, gerade, als Stachlig-Pieksig sich einrollte, und natürlich war Jaguars Patschpfote sofort voller Stacheln. Was noch schlimmer war, er hatte Stachlig-Pieksig einen Schubs gegeben, so dass der wegrollte, weiter und weiter, in das Unterholz und die Büsche, wo es zu dunkel war, um ihn wiederzufinden. Dann steckte er sich die Patschpfote ins Maul, und natürlich taten die Stacheln nun noch mehr weh. Sobald er wieder sprechen konnte, sagte er: »Jetzt weiß ich, dass er auf keinen Fall Schildkröte ist. Aber«- und er kratzte sich mit der nicht-bestachelten Pfote am Kopf – »woran kann ich erkennen, dass dieser andere Schildkröte ist?«

»Aber ich bin Schildkröte,« sagte Bedächtig-Solide. »Deine Mutter hatte ganz recht. Sie sagte, du solltest mich mit der Pfote aus dem Panzer kratzen. Fang an.«

»Vor einer Minute hast du nicht gesagt, dass sie das gesagt hat,« sagte Scheckiger Jaguar, wobei er an den Stacheln in seiner Pfote saugte. »Du sagtest, sie habe etwas ganz anderes gesagt.«

»Gut, angenommen, du sagst, dass ich sagte, dass sie etwas ganz anderes gesagt habe, dann weiß ich aber nicht, worin der Unterschied bestehen soll; denn wenn sie gesagt hat, was du sagtest, dass ich gesagt habe, sie habe es gesagt, ist das ganz dasselbe, als wenn ich gesagt hätte, dass sie gesagt habe, was sie gesagt hat. Andererseits, wenn du meinst, dass sie gesagt habe, dass du mich mit einem Kratzer entrollen sollst, anstatt mich mit einem Panzer ins Wasser zu patschen, kann ich doch nichts dafür, oder?«

»Aber du sagtest, du wolltest mit meiner Pfote aus dem Panzer gekratzt werden,« sagte Scheckiger Jaguar.

»Wenn du noch einmal nachdenkst, wirst du erkennen, dass ich nichts dergleichen gesagt habe. Ich sagte, dass deine Mutter sagte, dass du mich aus dem Panzer kratzen solltest,« sagte Bedächtig-Solide.

»Was wird geschehen, wenn ich das tue?« fragte der Jaguar sehr verächtlich und sehr vorsichtig.

»Ich weiß es nicht, weil ich noch niemals aus dem Panzer gekratzt worden bin; aber ich sag’s dir ganz ehrlich, wenn du mich wegschwimmen sehen willst, mußt du mich nur ins Wasser werfen.«

»Das glaube ich nicht,« sagte Scheckiger Jaguar. »Du hast alles, was meine Mutter mir gesagt hat, mit dem durcheinandergeworfen, was du mich gefragt hast, ob ich sicher wäre, dass sie sie nicht gesagt hat, so dass ich nicht mehr weiß, ob ich auf dem Kopf oder auf meinem scheckigen Schwanz stehe, und jetzt kommst du an und erzählst mir Sachen, die ich verstehen kann, und es verwirrt mich noch mehr. Meine Mutter hat mir gesagt, dass ich einen von euch ins Wasser werfen muß, und weil du anscheinend so heiß darauf bist, geworfen zu werden, glaube ich, dass du nicht geworfen werden willst. Also spring‘ in den schlammigen Amazonas, und zwar ein bißchen plötzlich.«

»Ich mache dich darauf aufmerksam, dass deine Mami nicht erfreut sein wird. Sag ihr nicht, dass ich’s dir nicht gesagt hätte,« sagte Bedächtig-Solide.

»Wenn du noch ein Wort darüber verlierst, was meine Mutter gesagt hat-« antwortete der Jaguar, aber er hatte den Satz noch nicht ausgesprochen, als Bedächtig-Solide geräuschlos in den schlammigen Amazonas tauchte, eine weite Strecke unter Wasser schwamm und auf dem Ufer herauskam, wo Stachlig-Pieksig auf ihn wartete.

»Das war sehr knapp,« sagte Stachlig-Pieksig. »Ich hänsele den Scheckigen Jaguar nicht. Was hast du ihm gesagt, wer du wärst?«

»Ich habe ihm aufrichtig gesagt, dass ich eine wahrheitsliebende Schildkröte bin, aber er wollte es nicht glauben, und er ließ mich in den Fluß springen, um zu sehen, was ich bin, und das tat ich, und er ist erstaunt. Jetzt ist er weg, um es seiner Mami zu erzählen. Hör ihn dir an!«

Sie konnten Scheckiger Jaguar zwischen den Bäumen und Büschen längs des schlammigen Amazonas auf und ab brüllen hören, bis seine Mami kam.

»Sohn, Sohn,« sagte seine Mutter vielmals, wobei sie graziös mit dem Schwanz wedelte, »was hast du getan, das du nicht hättest tun sollen?«

»Ich habe versucht, etwas mit der Pfote aus seinem Panzer zu kratzen, das sagte, es wolle aus dem Panzer gekratzt werden, und meine Pfote ist voller Sta-hacheln,« sagte Scheckiger Jaguar.

»Sohn, Sohn,« sagte seine Mutter vielmals, wobei sie graziös mit dem Schwanz wedelte, »an den Stacheln in deiner Patschpfote sehe ich, dass das ein Igel gewesen sein muß. Den hättest du ins Wasser werfen sollen.«

»Das habe ich mit dem anderen Ding getan; und der sagte, er sei eine Schildkröte, und ich habe ihm nicht geglaubt, aber es war ganz wahr, und er ist in den schlammigen Amazonas getaucht, und er kam nicht wieder rauf, und ich habe überhaupt nichts zu essen, und ich glaube, wir sollten lieber woandershin umziehen. Die hier am schlammigen Amazonas sind zu schlau für mich Ärmsten!«

»Sohn, Sohn,« sagte seine Mutter vielmals, wobei sie graziös mit dem Schwanz wedelte, »nun hör mir zu und merk dir, was ich sage. Ein Igel rollt sich zu einem Ball zusammen, und seine Stacheln stehen in alle Richtungen auf einmal heraus. Daran kannst du den Igel erkennen.«

»Ich mag diese alte Dame kein kleines bißchen,« sagte Stachlig-Pieksig im Schatten eines großes Blattes. »Möchte mal wissen, was sie noch alles weiß?«

»Die Schildkröte kann sich nicht zusammenrollen,« fuhr Mutter Jaguar fort, wobei sie vielmals graziös mit dem Schwanz wedelte. »Sie zieht nur den Kopf und die Beine in den Panzer. Daran kannst du die Schildkröte erkennen.«

»Ich mag diese alte Dame gar nicht – gar nicht, sagte Bedächtig-Solide Schildkröte. Nicht einmal Scheckiger Jaguar kann diese Hinweise vergessen. Es ist sehr schade, dass du nicht schwimmen kannst, Stachlig-Pieksig.«

»Erzähl mir nichts,« sagte Stachlig-Pieksig. »Stell dir vor, wie viel besser es wäre, wenn du dich zusammenrollen könntest. Das ist ein Schlamassel! Hör dir Scheckigen Jaguar an.«

Scheckiger Jaguar saß am Ufer des schlammigen Amazonas, saugte Stachel aus seiner Pfote und sagte sich vor-

»Kann nicht rollen, aber schwimmt-
Bedächtig-Solide bestimmt!
Rollt sich auf, wird nicht gern nass-
Stachlig-Pieksig ist das!«

»Das wird er nicht vergessen, solange die Sonne scheint,« sagte Stachlig-Pieksig. »Halt mein Kinn hoch, Bedächtig-Solide. Ich werde schwimmen lernen. Es könnte nützlich sein.«

»Ausgezeichnet!« sagte Bedächtig-Solide; und er hielt Stachlig-Pieksigs Kinn, während Stachlig-Pieksig in den Wassern des schlammigen Amazonas strampelte.

»Du wirst noch ein hervorragender Schwimmer,« sagte Bedächtig-Solide. »Wenn du jetzt meine Rückenplatten ein wenig aufschnüren könntest, will ich mal versuchen, wie weit ich es im Zusammenrollen bringe. Es könnte nützlich sein.«

Stachlig-Pieksig half, die Rückenplatten der Schildkröte ein wenig aufzuschnüren, so dass Bedächtig-Solide es mit viel Drehen und Zerren tatsächlich schaffte, sich ein winziges kleines bißchen zusammen zu rollen.

»Ausgezeichnet!« sagte Stachlig-Pieksig. »Aber ich sollte es damit erstmal genug sein lassen. Du wirst schon ganz blau im Gesicht. Führ mich freundlicherweise noch einmal ins Wasser, und ich werde den Seitenschlag üben, den du so leicht findest.« Und so übte Stachlig-Pieksig, und Bedächtig-Solide schwamm nebenher.

»Ausgezeichnet!« sagte Bedächtig-Solide. »Noch ein bißchen üben, und du wirst ein richtiger Wal. Wenn ich dich jetzt noch einmal bitten dürfte, meine Bauch- und Rückenplatten um zwei weitere Löcher aufzuschnüren, werde ich diese faszinierende Krümmung versuchen, die du so einfach findest. Wird der Scheckige Jaguar staunen!«

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Dieses Bild zeigt die ganze Geschichte von dem Jaguar und dem Igel und der Schildkröte und dem Gürteltier auf einem Haufen. Es sieht ziemlich gleich aus, egal, wie du es drehst. Die Schildkröte ist in der Mitte und übt gerade, sich zusammenzurollen, darum sind die Teile ihres Panzer so auseinander gespreizt. Sie steht auf dem Igel, der wartet, bis er mit den Schwimmübungen anfangen kann. Der Igel ist ein Japanischer Igel, weil ich unsere eigenen Igel im Garten nicht finden konnte, als ich sie zeichnen wollte. (Es war heller Tag, und sie waren in ihren Betten unter den Dahlien.) Gescheckter Jaguar schaut um die Ecke, mit seiner Patschpfote, die seine Mami behutsam verbunden hat, weil er sich gestochen hat, als er den Igel auskratzen wollte. Er staunt sehr über das, was die Schildkröte da macht, und seine Pfote tut ihm weh. Das rüsselige Ding mit dem kleinen Auge, über das der Gescheckte Jaguar zu klettern versucht, ist das Gürteltier, in welches die Schildkröte und der Igel sich verwandeln werden, sobald sie mit ihrem Zusammenrollen und Schwimmen fertig sind. Es ist ein ganz magisches Bild, und das ist einer der Gründe, warum ich dem Jaguar keinen Backenbart gezeichnet habe. Der andere Grund ist, dass er noch so jung war, dass ihm noch kein Backenbart wachsen konnte. Der Kosename, mit dem seine Mami den Jaguar rief, war ›Stoffel‹.

»Ausgezeichnet!« sagte Stachlig-Pieksig, ganz nass von dem schlammigen Amazonas. »Ich konstatiere, dass ich dich nicht von einem aus meiner eigenen Familie unterscheiden könnte! Zwei Löcher hast du, glaube ich, gesagt? Ein bißchen mehr Ausdruck, bitte, und grunze nicht so sehr, der Scheckige Jaguar könnte uns hören. Wenn du fertig bist, möchte ich die lange Tauchstrecke versuchen, die du so einfach findest. Wird der Scheckige Jaguar staunen!«

Und so tauchte Stachlig-Pieksig, und Bedächtig-Solide tauchte nebenher.

»Ausgezeichnet!« sagte Bedächtig-Solide. »Ein bisken mehr darauf achten, dass du den Atem anhältst, und du wirst am Grunde des schlammigen Amazonas deinen Haushalt führen können. Jetzt werde ich versuchen, meine Hinterbeine um die Ohren zu wickeln, was du ja so besonders gemütlich findest. Wird der Scheckige Jaguar staunen!«

»Ausgezeichnet!« sagte Stachlig-Pieksig. »Aber es überdehnt deine Rückenplatten ein wenig. Sie überlappen einander, statt Seite an Seite zu liegen.«

»Oh, das macht die Übung,« sagte Bedächtig-Solide. »Ich habe auch bemerkt, dass deine Stacheln miteinander zu verschmelzen scheinen, und dass du anfängst, ziemlich wie ein Kiefernzapfen auszusehen, und nicht mehr so sehr wie eine Kastanienfrucht.«

»Tatsächlich?« sagte Stachlig-Pieksig. »Das kommt davon, dass das Wasser mich so aufgeweicht hat. Oh, wird der Scheckige Jaguar staunen!«

Sie fuhren mit ihren Übungen fort, halfen sich gegenseitig, bis der Morgen herankam; und als die Sonne hoch stand, ruhten sie aus und trockneten sich. Da sahen sie, dass sie sich beide sehr verändert hatten.

»Stachlig-Pieksig,« sagte die Schildkröte nach dem Frühstück, »ich bin nicht mehr, was ich gestern noch gewesen bin, aber ich glaube, dass ich für Scheckigen Jaguar immer noch sehr amüsant sein kann.«

»Das war genau, was ich gerade dachte,« sagte Stachlig-Pieksig. »ich glaube, dass Schuppen gegenüber Stacheln eine ungeheure Verbesserung darstellen – ganz zu schweigen von der Befähigung zum Schwimmen. Oh, wird der Scheckige Jaguar staunen! Laß uns gehen und ihn suchen.«

Nach einiger Zeit fanden sie Scheckigen Jaguar, der immer noch seine Patschpfote pflegte, die in der vorigen Nacht verletzt worden war. Er war so überrascht, dass er dreimal rückwärts ohne anzuhalten über seinen scheckigen Schwanz purzelte.

»Guten Morgen!« sagte Stachlig-Pieksig. »Und wie geht’s heute deiner lieben graziösen Mami?«

»Es geht ihr ganz gut, danke,« sagte Scheckiger Jaguar; »aber ihr müßt entschuldigen, wenn ich mich im Moment nicht ganz genau an eure Namen erinnere.«

»Das ist herzlos von dir,« sagte Stachlig-Pieksig, »wenn man bedenkt, das du mich gestern um diese Zeit mit der Pfote aus meinem Panzer kratzen wolltest.«

»Aber du hattest keinen Panzer. Es waren alles Stacheln,« sagte Scheckiger Jaguar. »Ich weiß es. Guck dir nur meine Pfote an!«

»Du hast mir befohlen, mich in den schlammigen Amazonas zu werfen und zu ertrinken,« sagte Bedächtig-Solide. »Warum bist du heute so grob und vergeßlich?«

»Kannst du dich nicht mehr erinnern, was deine Mutter dir gesagt hat?« sagte Stachlig-Pieksig.

»Kann nicht rollen, aber schwimmt –
Stachlig-Pieksig bestimmt!
Rollt sich auf, wird nicht gern nass –
Bedächtig-Solide ist das!«

Dann rollten sie sich beide zusammen und rollten immer um Scheckiger Jaguar herum, bis ihm seine Augen wirklich wie Wagenräder im Kopf herumgingen.

Dann ging er und holte seine Mutter.

»Mutter, sagte er, »es gibt heute zwei neue Tiere in den Wäldern, und der eine, wo du sagtest, der kann nicht schwimmen, schwimmt doch, und der andere, wo du sagtest, der kann sich nicht zusammenrollen, rollt sich doch zusammen; und sie haben sich ihre Stacheln geteilt, glaube ich, weil sie beide über und über geschuppt sind, statt dass der eine glatt und der andere sehr stachlig ist; und außerdem rollen sie immer im Kreis herum, und mir geht’s nicht gut.«

»Sohn, Sohn,« sagte seine Mutter vielmals, wobei sie graziös mit dem Schwanz wedelte, »ein Igel ist ein Igel, und kann nichts anderes sein als ein Igel; und eine Schildkröte ist eine Schildkröte, und kann niemals irgendetwas anderes sein.«

»Aber es ist kein Igel und keine Schildkröte. Es ist etwas von beidem, und ich weiß seinen richtigen Namen nicht.«

»Unsinn!« sagte Mutter Jaguar. »Alles hat einen richtigen Namen. Ich würde es ›Gürteltier‹ nennen, bis ich den richtigen herausgefunden hätte. Und ich würde die Pfoten davon lassen.«

Und der Scheckige Jaguar beherzigte, was ihm geraten wurde, besonders das mit dem Pfoten-davon-lassen; aber das Seltsame ist, das von jenem Tage an bis heute, o Meistgeliebte, niemand an den Ufern des schlammigen Amazonas für Stachlig-Pieksig und Bedächtig-Solide jemals einen anderen Namen benutzt hat als ›Gürteltier‹. Es gibt anderswo natürlich Igel und Schildkröten (einige sogar in meinem Garten); aber die echte alte und listige Sorte, die ihre Schuppen überlapp-lipp-lappend eine über der anderen liegen hat, wie Kiefernzapfen, die in den Erhabenen und Lang-Vergangenen Zeiten an den Ufern des schlammigen Amazonas lebte, wird immer Gürteltier genannt, weil sie so listig war.

Nun ja; na gut, Meistgeliebte. Verstehst du?

Ich reiste nie am Amazon,
erreichte nie Brazil;
Doch der Don und Magdalena
die fahren dauernd hin!

Ja, täglich von South-Ampton,
die Dampfer, weiß und Gold,
Roll’n runter bis nach Rio,
(Roll‘ hin – roll‘ hin nach Rio!)
Und ich möcht‘ so gern nach Rio
Noch bin ich nicht zu alt!

Ich sah noch nie den Jaguar,
das Gürteltier noch nie
das Tier mit einem Gürtel ‚rum,
das fehlt mir irgendwie.

Darum will ich nach Rio
zu Wundern mannigfalt –
Roll‘ hin, roll‘ hin nach Rio –
Roll‘ wirklich bis nach Rio!
O, so gern rollt‘ ich nach Rio
Bevor ich werd‘ zu alt !

Die Katze, die frei umherstreifte

Die Katze, die frei umherstreifte

Übersetzt von Erich Ferdinand

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Höre und merke auf und lausche; denn dieses geschah und ereignete sich und wurde und war, O meine Meistgeliebte, als die zahmen Tiere noch wild waren. Der Hund war wild, und das Pferd war wild, und die Kuh war wild, und das Schaf war wild, und das Schwein war wild – so wild wie es nur sein konnte – und sie streiften wild und im Alleingang in den Weiten Wilden Wäldern umher. Aber das wildeste aller wilden Tiere war die Katze. Sie streifte frei umher, und sie fühlte sich überall zu Hause.

Natürlich war auch der Mann noch wild. Er war schrecklich wild. Er wurde erst zahm, als er der Frau begegnete, die ihm sagte, dass sie so eine wilde Lebensweise nicht leiden konnte. Anstatt eines feuchten Blätterhaufens als Schlafstelle suchte sie eine nette trockene Höhle aus; und sie bestreute den Boden mit sauberem Sand; und hinten in der Höhle zündete sie ein nettes Holzfeuer an; und sie hängte ein getrocknetes Wildpferdfell mit dem Schwanz nach unten vor den Eingang der Höhle; und sie sagte: »Wisch dir die Füße ab, wenn du reinkommst, Lieber, und jetzt wohnen wir.«

An dem Abend, Meistgeliebte, aßen sie Wildschaf, auf heißen Steinen geröstet und gewürzt mit wildem Pfeffer und wildem Knoblauch; und Wildente, gefüllt mit Wildreis und wildem Bockshornklee und wildem Koriander; Markknochen vom Wildochsen; und Wildkirschen und wilde Grenadillen. Dann legte sich der Mann überglücklich beim Feuer schlafen; aber die Frau blieb noch auf und kämmte sich die Haare. Sie nahm den Knochen von der Hammelschulter – das große dicke Schulterblatt – und sie betrachtete die wundervollen Zeichen darauf, warf noch Holz auf das Feuer und machte einen Zauber. Sie machte den ersten Gesangszauber der Welt.

Draußen in den Weiten Wilden Wäldern versammelten sich alle wilden Tiere, wo sie aus der Ferne das Licht des Feuers sehen konnten, und fragten sich, was das bedeuten sollte. Dann stampfte das Wildpferd mit seinem wilden Huf und sagte: »O meine Freunde und O meine Feinde, warum haben der Mann und die Frau das große Licht in dieser großen Höhle gemacht, und welches Leid wird es uns zufügen?«

Der Wilde Hund hob seine wilde Nase, schnupperte den Geruch des gebratenen Hammels und sagte: »Ich werde hingehen und sehen und schauen und berichten; denn ich glaube, es ist etwas Gutes. Katze, komm mit.«

»Nein, nie!« sagte die Katze. »Ich bin die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause. Ich werde nicht mitkommen.«

»Dann können wir nie wieder Freunde sein,« sagte der Wilde Hund und trabte davon zur Höhle. Aber als er ein kleines Stück weit weg war, sagte die Katze zu sich selbst: »Ich bin überall zu Hause. Warum sollte ich nicht auch hingehen und sehen und schauen und wieder weggehen, wie es mir paßt.« Also schlich sie leise, ganz leise, dem Wilden Hund hinterher und versteckte sich, so dass sie alles hören konnte.

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Dies ist das Bild von der Höhle, in der der Mann und die Frau zu allererst lebten. Es war wirklich eine sehr nette Höhle und viel wärmer, als sie aussieht. Der Mann hatte ein Kanu. Es liegt am Flußufer im Wasser, damit es aufquillt. Das zerfledderte Ding am anderen Ufer ist das Lachsnetz des Mannes, mit dem er Lachse fängt. Hübsche saubere Steine führen vom Fluß zur Höhle hinauf, so dass der Mann und die Frau Wasser holen können, ohne Sand zwischen die Zehen zu kriegen. Die Dinger weit unten am Srand, die wie schwarze Käfer aussehen, sind in Wirklichkeit Stämme von toten Bäumen, die aus den Weiten Wilden Wäldern vom anderen Ufer herüber geschwommen sind. Der Mann und die Frau zogen sie aus dem Wasser, trockneten sie und machten Feuerholz daraus. Ich habe den Pferdefellvorhang am Höhleneingang nicht gezeichnet, weil die Frau ihn gerade zum Waschen heruntergenommen hat. Alle die kleinen Schmutzflecken im Sand zwischen der Höhle und dem Fluß sind Abdrücke von den Füßen des Mannes und den Füßen der Frau.

Der Mann und die Frau sind beide in der Höhle beim Mittagessen. Als das Baby kam, sind sie in eine gemütlichere Höhle ungezogen, weil das Baby immer zum Fluß gekrabbelt und hineingefallen ist, und der Hund es herausziehen mußte.

Als der Wilde Hund den Höhleneingang erreichte, hob er das getrocknete Pferdefell mit der Nase an und schnüffelte nach dem wunderbaren Geruch des gebratenen Hammels, und die Frau, die das Schulterblatt betrachtete, hörte ihn, lachte und sagte: »Da kommt der erste. Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, was willst du?«

Der Wilde Hund sagte: »O meine Feindin, Weib meines Feindes, was riecht hier so gut in den Wilden Wäldern?«

Da nahm die Frau einen gebratenen Hammelknochen auf und warf ihn dem Wilden Hund vor und sagte: »Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, probiere und versuch’s.« Der Wilde Hund nagte an dem Knochen, und der war leckerer als alles, was er je geschmeckt hatte, und er sagte: »O meine Feindin, Weib meines Feindes, gib mir noch einen.«

Die Frau sagte: »Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, hilf meinem Mann am Tag bei der Jagd und bewache in der Nacht diese Höhle, und ich werde dir so viele gebratene Knochen geben, wie du brauchst.«

»Ah!« sagte die Katze, als sie das hörte. »Das ist eine sehr kluge Frau, aber sie ist nicht so klug wie ich.«

Der Wilde Hund kroch in die Höhle und legte der Frau den Kopf auf den Schoß und sagte: »O meine Freundin, Weib meines Freundes, ich werde deinem Mann den ganzen Tag beim Jagen helfen, und bei Nacht werde ich eure Höhle bewachen.«

»Ah!« sagte die Katze. »Das ist ein sehr dummer Hund.« Und sie ging durch die Weiten Wilden Wälder davon, ihren wilden Schweif schwenkend, in ihrem wilden Alleingang. Aber sie verriet nichts.

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Dies ist das Bild von der Katze, die allein umherstreifte, wie sie im Alleingang durch die Weiten Wilden Wälder wandert und ihren Wilden Schweif schwenkt. Sonst ist außer ein paar Pilzen nichts auf dem Bild. Sie wuchsen da, weil die Wälder ziemlich feucht waren. Das klumpige Ding auf dem unteren Zweig ist kein Vogel. Es ist Moos, das da wuchs, weil es in den Wilden Wäldern so feucht war.
br> Unter dem richtigen Bild ist ein Bild von der gemütlichen Höhle, in die der Mann und die Frau umgezogen sind, als das Baby kam. Es war ihre Sommerhöhle, und davor pflanzten sie Weizen an. Der Mann reitet auf dem Pferd, um die Kuh zu suchen und zum Melken zur Höhle zurück zu bringen. Er hält die Hand hoch und winkt dem Hund, der auf die andere Seite des Flusses geschwommen ist, um dort Kaninchen zu suchen.

Als der Mann aufwachte, sagte er: »Was macht der Wilde Hund denn hier?« Und die Frau sagte: »Sein Name ist nicht mehr Wilder Hund, sondern Erster Freund, weil er für immer und immer und immer unser Freund sein wird. Nimm ihn mit, wenn du Jagen gehst.«

Am nächsten Abend schnitt die Frau einen großen grünen Armvoll frisches Gras aus den Wasserwiesen, trocknete es am Feuer, so dass es wie frischgemähtes Heu roch, und sie setzte sich an den Höhleneingang und flocht ein Halfter aus Pferdehaut, und sie schaute auf das Hammel-Schulterblatt – auf das große breite Schulterblatt – und machte einen Zauber. Sie machte den zweiten Gesangszauber der Welt.

Draußen in den Wilden Wäldern fragten sich alle wilden Tiere, was mit dem Wilden Hund geschehen war, und schließlich stampfte das Wilde Pferd mit dem Huf und sagte: »Ich werde gehen und sehen und berichten, warum der Wilde Hund nicht zurückgekommen ist. Katze, komm mit.«

»Nein, nie!« sagte die Katze. »Ich bin die Katze, die alleine umherstreift, und ich bin überall zu Hause. Ich werde nicht mitgehen.« Aber trotzdem folgte sie dem Wilden Pferd leise, ganz leise, und versteckte sich, so dass sie alles hören konnte.

Als die Frau das Wilde Pferd trappeln und über seine lange Mähne stolpern hörte, lachte sie und sagte: »Hier kommt der zweite. Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, was willst du?«

Das Wilde Pferd sagte: »O meine Feindin, Weib meines Feindes, wo ist der Wilde Hund?«

Die Frau lachte, nahm das Schulterblatt auf, schaute es an und sagte: »Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, du bist nicht wegen des Wilden Hundes hergekommen, sondern wegen dieses guten Grases.« ( In jenen Erhabenen Zeiten war der Genitiv noch überall verbreitet, Anm.d.Übers.)

Und das wilde Pferd, trappelnd und über seine lange Mähne stolpernd, sagte: »Das ist wahr; gib es mir zu fressen.«

Die Frau sagte: »Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, beuge deinen wilden Kopf und trage, was ich dir gebe, und du sollst dreimal täglich das wunderbare Gras fressen.«

»Ah,« sagte die Katze, als sie das hörte, »das ist eine schlaue Frau, aber sie ist nicht so schlau wie ich.« Das Wilde Pferd beugte seinen wilden Kopf und die Frau zog ihm den geflochtenen Lederhalfter über, und das Wilde Pferd atmete auf die Füße der Frau und sagte: »O meine Herrin, Weib meines Herrn, für dieses wunderbare Gras will ich euer Diener sein.«

»Ah,« sagte die Katze, als sie das hörte, »das ist ein sehr dummes Pferd.« Und sie ging durch die Weiten Wilden Wälder davon, ihren wilden Schweif schwenkend, in ihrem wilden Alleingang. Aber sie verriet nichts.

Als der Mann und der Hund vom Jagen kamen, sagte der Mann: »Was macht das Wilde Pferd hier?« Und die Frau sagte: »Sein Name ist nicht mehr Wildes Pferd, sondern Erster Diener, weil es uns für immer und immer und immer von einem Ort zum andern tragen wird. Reite auf seinem Rücken zur Jagd.«

Am nächsten Tag kam die Wilde Kuh zur Höhle, ihren wilden Kopf hoch erhoben, damit ihre wilden Hörner sich nicht in den wilden Bäumen verfingen, und die Katze folgte ihr und versteckte sich genau wie zuvor; und alles ging wieder genau so wie zuvor; und die Katze sagte dasselbe wie zuvor, und als die Wilde Kuh versprochen hatte, der Frau jeden Tag ihre Milch im Tausch für das wunderbare Gras zu geben, ging die Katze durch die Weiten Wilden Wälder, ihren wilden Schweif schwenkend und in ihrem wilden Alleingang davon, ganz genau wie zuvor. Aber sie verriet nichts. Und als der Mann und das Pferd und der Hund vom Jagen nach Hause kamen und die selben Fragen wie zuvor stellten, sagte die Frau: »Ihr Name ist nicht mehr Wilde Kuh, sondern Spenderin Guter Nahrung. Sie wird uns für immer und immer und immer die warme weiße Milch geben, und ich werde sie pflegen, während du mit dem Ersten Freund und dem Ersten Diener jagen gehst.«

Am nächsten Tag wartete die Katze, ob noch ein Wildes Ding zu der Höhle gehen würde, aber niemand rührte sich in den Weiten Wilden Wäldern, also ging die Katze allein hin; und sie sah, wie die Frau die Kuh molk, und sie sah das Licht des Feuers in der Höhle, und sie roch den Geruch der warmen weißen Milch.«

Katze sagte; »O meine Feindin, Weib meines Feindes, wo ist die Wilde Kuh hingegangen?«

Die Frau lachte und sagte: »Wildes Ding aus den Wilden Wäldern, geh‘ zurück in die Wälder, denn ich habe meine Haare hochgeflochten, und ich habe das magische Schulterblatt weggepackt, und wir haben keinen Bedarf mehr an Freunden oder Dienern in unserer Höhle.«

Katze sagte: »Ich bin kein Freund und ich bin kein Diener. Ich bin die Katze, die alleine umherstreift, und ich wünsche, in eure Höhle zu kommen.«

Frau sagte: »Warum bist du dann nicht am ersten Abend mit dem Ersten Freund gekommen?«

Katze wurde sehr wütend und sagte: »Hat der Wilde Hund Geschichten über mich erzählt?«

Da lachte die Frau und sagte: »Du bist die Katze, die frei umherstreift, und fühlst dich überall zu Hause. Du bist weder Freund noch Diener. Du hast es selbst gesagt. Hau ab und geh zu deinem Überall-Zu-Hause.«

Da tat die Katze so, als ob es ihr leid täte und sagte: »Darf ich niemals in die Höhle kommen? Darf ich niemals am warmen Feuer sitzen? Darf ich niemals die warme weiße Milch trinken? Du bist doch sehr weise und sehr schön. Du solltest nicht grausam sein, nicht einmal zu einer Katze.«

Die Frau sagte: »Ich wußte, dass ich weise bin, aber ich wußte nicht, dass ich schön bin. Also werde ich einen Handel mit dir machen. Wenn ich jemals ein Wort zu deinem Lob sage, darfst du in die Höhle kommen.«

»Und wenn du zwei Worte zu meinem Lob sagst?« sagte die Katze.

»Das werde ich niemals tun,« sagte die Frau, »aber falls ich zwei Worte zu deinem Lob sage, darfst du in der Höhle am Feuer sitzen.«

»Und wenn du drei Worte sagst?« sagte die Katze.

»Das werde ich niemals tun,« sagte die Frau, »aber falls ich drei Worte zu deiner Ehre sage, darfst du dreimal täglich die warme weiße Milch trinken, für immer und immer und immer.«

Da machte die Katze einen Buckel und sagte: »Nun mögen der Vorhang am Eingang der Höhle und das Feuer im Innern der Höhle und die Milchtöpfe, die am Feuer stehen, sich erinnern, was meine Feindin, das Weib meines Feindes, gesagt hat.« Und sie ging, ihren wilden Schweif schwenkend, in ihrem wilden Alleingang durch die Weiten Wilden Wälder davon.

Als an diesem Abend der Mann, das Pferd und der Hund vom Jagen kamen, erzählte die Frau ihnen nichts von dem Handel, den sie mit der Katze gemacht hatte, weil sie befürchtete, dass es ihnen nicht gefallen würde.

Die Katze lief weit, weit weg und vesteckte sich lange Zeit in den Weiten Wilden Wäldern in ihrem wilden Alleingang, bis die Frau sie ganz vergessen hatte. Nur die kleine Fledermaus – die kleine kopfüber-Fledermaus – die in der Höhle hing, flog mit den Neuigkeiten, die es gab, zur Katze.

Eines Abends sagte die Fledermaus: »In der Höhle ist jetzt ein Baby. Er ist neu und rosa, und fett und klein, und die Frau hat es sehr gern.«

»Ah,« sagte die Katze, »aber was hat das Baby sehr gern?«

»Es hat Sachen gern, die weich sind und kitzeln,« sagte die Fledermaus. »Es mag warme Sachen im Arm halten, wenn es einschläft. Es mag, wenn man mit ihm spielt. Das mag es alles gerne.«

»Ah,« sagte die Katze, als sie das hörte, »dann ist jetzt meine Zeit gekommen.«

In der nächsten Nacht ging die Katze durch die Weiten Wilden Wälder und versteckte sich ganz nah bei der Höhle, bis am Morgen der Mann und der Hund und das Pferd zum Jagen gingen. Die Frau war an dem Morgen sehr mit Kochen beschäftigt, und das Baby weinte und störte sie bei der Arbeit. Also trug sie es vor die Höhle und gab ihm eine Handvoll Kiesel zum Spielen. Aber das Baby weinte immer noch.

Da streckte die Katze ihr Patschpfötchen aus und tätschelte dem Baby die Bäckchen, und es gluckste; und die Katze rieb sich an seinen speckigen Knieen und kitzelte es mit dem Schwanz unter dem speckigen Kinn. Und das Baby lachte; und die Frau hörte es und lächelte.

Dann sagte die Fledermaus – die kleine kopfüber-Fledermaus, die am Höhleneingang hing: »O meine Gastgeberin, Weib meines Gastgebers und Mutter des Sohnes meines Gastgebers, ein wildes Ding aus den wilden Wäldern spielt sehr schön mit deinem Baby.«

»Gesegnet sei das Ding, was immer es auch sein mag,« sagte die Frau und streckte ihren Rücken, »denn ich war heute morgen eine sehr beschäftigte Frau und es hat mir einen Dienst erwiesen.«

In genau dieser Minute und Sekunde, Meistgeliebte, fiel der getrocknete Pferdefell-Vorhang, der mit dem Schwanz nach unten über den Eingang der Höhle gespannt war – wuusch! – herunter, weil er sich an den Handel erinnerte, den sie mit der Katze gemacht hatte, und als die Frau hinging und ihn aufhob – siehe da! – da saß die Katze ganz zufrieden in der Höhle.

»O meine Feindin, Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes,« sagte die Katze, »ich bin es: denn du hast ein Wort zu meinem Lob gesprochen, und jetzt darf ich für immer und immer und immer in der Höhle sitzen. Aber ich bin immer noch die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause.«

Die Frau war sehr wütend, nahm ihr Spinnrad auf und begann zu spinnen. Aber das Baby weinte, weil die Katze weggegangen war, und die Frau konnte es nicht beruhigen, weil es um sich schlug und trat und ganz blau im Gesicht wurde.

»O meine Feindin, Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes,« sagte die Katze, »nimm einen Faden von dem Garn, das du spinnst, binde es an deine Spinnwirtel und zieh sie über den Boden, und ich werde dir einen Zauber zeigen, der dein Baby so laut zum Lachen bringt, wie es jetzt schreit.«

»Ich werde das mal machen,« sagte die Frau, »weil ich mit meiner Weisheit am Ende bin, aber ich werde dir nicht dafür danken.«

Sie band den Faden an die kleine tönerne Spinnwirtel und zog sie über den Boden, und die Katze rannte hinterher, schlug mit den Pfoten danach und rollte Hals-über-Kopf, warf sie sich rücklings über die Schulter und jagte zwischen ihren Hinterbeinen danach, verlor sie zum Schein und sprang wieder darauf los, bis das Baby so laut lachte, wie es geschrieen hatte, und hinter der Katze her krabbelte und in der ganzen Höhle herumtollte, bis es müde wurde und sich mit der Katze in den Armen schlafen legte.

»Jetzt,« sagte die Katze, »werde ich dem Kind ein Lied singen, von dem es eine Stunde lang schlafen wird,« und sie begann zu schnurren, laut und leise, leise und laut, bis das Baby fest schlief. Die Frau lächelte, als sie auf die zwei herabschaute und sagte: »Das hast du wunderbar gemacht. Keine Frage, du bist sehr gescheit, O Katze.«

In der selben Minute und Sekunde, Meistgeliebte, kam der Rauch des Feuers hinten in der Höhle in Wolken von der Decke herab – puff! – weil er sich an den Handel erinnerte, den sie mit der Katze gemacht hatte, und als er sich verzogen hatte – siehe da! – saß die Katze ganz gemütlich direkt am Feuer.

»O meine Feindin, Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes,« sagte die Katze, »ich bin es, denn du hast ein zweites Wort zu meinem Lob gesprochen, und jetzt kann ich für immer und immer und immer an dem warmen Feuer hinten in der Höhle sitzen. Aber ich bin immer noch die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause.«

Da war die Frau sehr sehr wütend, und öffnete ihr Haar, legte Feuerholz nach, holte das breite Schulterblatt des Hammels hervor und begann einen Zauber zu machen, der sie davor schützen sollte, ein drittes Wort zum Lob der Katze zu sagen. Es war kein Gesangszauber, Meistgeliebte, es war ein Stummer Zauber; und nach und nach wurde es so still in der Höhle, dass eine kleine winzige Maus aus einer Ecke hervorkroch und über den Boden rannte.

»O meine Feindin, Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes,« sagte die Katze, »gehört die kleine Maus zu deinem Zauber?«

»Aah! Hieeh! Nein, überhaupt nicht!« sagte die Frau, und sie ließ das Schulterblatt fallen und sprang auf den Hocker, der vor dem Feuer stand, und drehte ihr Haar sehr schnell auf, aus Angst, dass die Maus daran herauflaufen würde.

»Ah,« sagte die Katze, als sie das sah, »dann wird die Maus mir nicht schaden, wenn ich sie auffresse?«

»Nein,« sagte die Frau und drehte ihre Haare auf, »friß sie schnell auf, und ich werde dir ewig dankbar sein.«

Katze machte einen Sprung und fing das Mäuschen, und die Frau sagte: »Tausend Dank. Nicht einmal der Erste Freund ist schnell genug, um so wie du Mäuschen zu fangen. Du mußt sehr klug sein.«

In diesem selben Moment und Augenblick, o Meistgeliebte, zerbrach der Milchtopf, der beim Feuer gestanden hatte, in zwei Stücke – ffft – weil er sich an den Handel erinnerte, den sie mit der Katze gemacht hatte, und als die Frau von ihrem Hocker sprang– siehe da! – schlabberte die Katze die warme weiße Milch aus einem der Bruchstücke.

»O meine Feindin, Weib meines Feindes und Mutter meines Feindes,« sagte die Katze, »ich bin es; denn du hast drei Worte zu meinem Lob gesprochen, und jetzt kann ich dreimal täglich für immer und immer und immer die warme weiße Milch trinken. Aber ich bin immer noch die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause.«

Da lachte die Frau und stellte der Katze eine Schale mit warmer Milch hin und sagte : »O Katze, du bist so klug wie ein Mensch, aber denk daran, dass dein Handel nicht mit dem Mann oder dem Hund abgeschlossen wurde, und ich weiß nicht, was sie machen werden, wenn sie nach Hause kommen.«

»Was interessiert mich das?« sagte die Katze. »Wenn ich meinen Platz am Feuer in der Höhle und dreimal täglich meine warme Milch habe, kümmert es mich nicht, was der Mann oder der Hund machen.«

Als an dem Abend der Mann und der Hund in die Höhle kamen, erzählte die Frau ihnen die ganze Geschichte von dem Handel, während die Katze am Feuer saß und grinste. Dann sagte der Mann: »Ja, aber mit mir hat sie keinen Handel gemacht, und auch nicht mit den anständigen Männern, die nach mir kommen werden.« Dann zog er seine beiden Lederstiefel aus und nahm seine kleine Steinaxt (das waren drei) und er holte ein Stück Holz und ein Beil (das macht zusammen fünf ), stellte alles in einer Reihe auf und sagte: »Jetzt werden wir unseren Handel machen. Wenn du nicht Mäuse fängst, so lange du in der Höhle bist, für immer und immer und immer, werde ich diese fünf Sachen nach dir werfen, sobald ich dich sehe, und alle anständigen Männer nach mir werden das auch so halten.«

»Ah,« sagte die Frau, als sie das hörte, »das ist eine sehr kluge Katze, aber sie ist nicht so klug wie mein Mann.«

Die Katze zählte die fünf Sachen (die sehr knorrig aussahen) und sagte: »Ich werde für immer und immer und immer Mäuse fangen, wenn ich in der Höhle bin; aber ich bin immer noch die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause.«

»Nicht, wenn ich in der Nähe bin,« sagte der Mann. »Wenn du das zuletzt nicht gesagt hättest, hätte ich alle diese Sachen für immer und immer und immer weggelegt; aber jetzt werde ich meine Stiefel und meine kleine Steinaxt nach dir werfen (das sind drei), wann immer ich dich sehe. Und alle anständigen Männer nach mir werden das auch so halten.«

Dann sagte der Hund: »Wartet mal. Mit mir und mit allen anständigen Hunden nach mir hat sie keinen Handel gemacht.« Und er zeigte seine Zähne und sagte: »Wenn du nicht für immer und immer und immer lieb zu dem Baby bist, so lange ich in der Höhle bin, werde ich dich jagen, bis ich dich habe, und wenn ich dich habe, werde ich dich beißen. Und alle anständigen Hunde nach mir werden das auch so halten.«

»Ah,« sagte die Frau, als sie das hörte, »das ist eine sehr kluge Katze, aber sie ist nicht so klug wie der Hund.«

Die Katze zählte die Zähne des Hundes (und die sahen sehr spitz aus) und sagte: »Ich werde für immer und immer und immer lieb zu dem Baby sein, wenn ich in der Höhle bin, so lange es nicht zu feste an meinem Schwanz zieht. Aber ich bin immer noch die Katze, die frei umherstreift, und ich bin überall zu Hause.«

»Nicht, wenn ich in der Nähe bin,« sagte der Hund. »Wenn du das zuletzt nicht gesagt hättest, hätte ich für immer und immer und immer meine Schnauze gehalten; aber jetzt werde ich dich auf einen Baum scheuchen, wann immer ich dich sehe. Und alle anständigen Hunde nach mir werden das auch so halten.«

Dann warf der Mann seine zwei Stiefel und seine kleine Steinaxt (das macht drei) nach der Katze, und die Katze rannte aus der Höhle, und der Hund scheuchte sie auf einen Baum; und von jenem Tage bis heute, Meistgeliebte, werden drei von fünf anständigen Männern immer mit Sachen nach einer Katze werfen, sobald sie sie sehen, und alle anständigen Hunde werden sie auf einen Baum scheuchen. Aber die Katze hält ihre Seite des Handels genauso ein. Sie wird Mäuse töten und lieb zu Babies sein, wenn sie im Haus ist, solange die sie nicht zu feste am Schwanz ziehen. Aber wenn sie damit fertig ist, und auch zwischendurch, und wenn der Mond aufgeht und die Nacht kommt, dann ist sie die Katze, die frei umherstreift, und ist überall zu Hause. Dann geht sie in die Weiten Wilden Wälder oder auf die Weiten Wilden Dächer, ihren wilden Schweif schwenkend, in ihrem wilden Alleingang.

 

Pussi sitzt am Feuer und schnurrt,
Pussi springt auf den Baum,
Spielt mit dem alten Kork an der Schnur,
Spielt für sich, beachtet mich kaum.
Viel lieber ist mir da Bello, der Hund
Der sich richtig benehmen kann,
Bello ist, was der Erste Freund war, und
ich bin der Höhlenmann.

Pussi ist nur Mein-Mann-Freitag geblieben,
Bis es Zeit war, die Pfoten zu rühren;
(Für Crusoe hat sie’n Fuß-Abdruck geschrieben)
Jetzt will sie auf Dächern spazieren.
Sie plustert den Schwanz und miaut
Und kratzt und rennt hin und her.
Doch Bello spielt mit und bellt fröhlich laut,
Mein Erster Freund, das ist er.

Pussi reibt ihr Köpfchen an meinem Knie
Tut so, als liebt‘ sie mich sehr;
Doch wenn ich zu Bett geh, seh ich sie nie,
Dann läuft sie im Hof hin und her;
Und da bleibt sie, bis die Sonne aufgeht,
Darum weiß ich, sie macht mir was vor;
Denn Bello schnarcht nachts bei mir vor dem Bett,
Mein Erstester Freund, das ist er!

Moglis Gesang wider die Menschen

Moglis Gesang wider die Menschen

        Ich laß los gegen euch die flinkfüßigen Ranken,
                Es bersten die Dächer!
                Die Pfosten zu Falle!
                Und Karela, die bittre Karela,
                Begrabe sie alle!

Meines Volkes Gesang euren Ratplatz durchschalle,
Die Fledermaus niste in Scheune und Halle;
                Am erloschenen Herdstein
                Halte, Schlange, die Hut,
                Karela soll fruchten,
                Wo zur Nacht ihr geruht!

Meine Streiter nicht seht ihr, ihr hört nur voll Graus,
Zur Nacht, eh‘ der Mond steigt, da send‘ ich sie aus,
                Der Wolf sei euch Hirte,
                Die Herde zerstiebt!
                Karela wird samen,
                Da, wo ihr geliebt!

Eure Felder beernte das Heer meiner Schnitter,
Nachles‘ mögt ihr halten um Hähnchen und Splitter!
                Pflugstier sei das Rotwild
                Und pflüge das Feld!
                Es laube Karela,
                Wo die Saat ihr bestellt!

Ich ließ los gegen euch die vielfüßigen Ranken,
Euch zu tilgen, entband ich die Dschungel der Schranken:
                Der Wald, der Wald ist über euch,
                Die Pfosten zu Falle!
                Und Karela, die bittre Karela,
                Begrabe euch alle!

Die Leichenbestatter

Die Leichenbestatter

Sprichst du zu Tabaqui: »Mein Bruder!«
und lädst die Hyäne zu Gast,
Dann ist auch der Wanst auf vier Füßen,
Tschakala, dir nicht mehr verhaßt!
(Dschungelspruch.)

»Ehret das Alter!«

Eine fette Stimme war es – eine schlammige Stimme, vor der euch geschaudert hätte –, als ob etwas Weiches sich spaltet. Zittern war in ihr, Krächzen und Gewinsel.

»Ehret das Alter! Oh, ihr Gefährten vom Strom – ehret das Alter!«

Zu sehen war nichts auf der breiten Fläche des Stroms; nur einige Barken mit Quersegeln, bausteinbeladen, trieben stromabwärts unter der Eisenbahnbrücke hervor. Die plumpen Steuerruder legten sich um, kamen frei von der Sandbank, die an die Brückenpfeiler angeschwemmt war, und als sie zu dritt nebeneinander dahinzogen, erhob sich wieder die grausige Stimme.

»Oh, ihr Brahmanen vom Strom – ehret den Greisen und Gebrechlichen!«

Ein Schiffer, der am Bugspriet saß, wandte sich um, hob die Hand und rief etwas, das kein Segensspruch war; und weiter knarrten die Barken durch das Zwielicht. Der breite indische Fluß, der eher einer Kette von kleinen Seen glich, war glatt wie Glas, und der fahlrote Abendhimmel spiegelte sich in der Stromesmitte. An den leise bewegten Ufern aber zerrann er zu gelben und dunkelpurpurnen Tupfen. Kleine Rinnsale flössen ihm in der Regenzeit zu, jetzt aber gähnten die trockenliegenden Mündungen über dem Wasser. Am linken Ufer, fast schon unter der Eisenbahnbrücke, stand ein Dorf mit strohgedeckten Häuschen aus Lehmziegeln; die Hauptstraße lief geradlinig zum Strom hinab, auf der jetzt die Rinder heim in ihre Ställe zogen, und sie endete in einem gemauerten Molenkopf, wo die Frauen die Stufen zum Wasser hinabstiegen, um Wäsche zu waschen. Das war der Ghat des Dorfes Muggerghat.

Rasch sank die Nacht über die tiefliegenden Felder mit Reis, Linsen und Baumwollstauden, die alljährlich vom Strom überschwemmt werden, über Schilf und Ried, das die Strombiegung einsäumt, und über die dickichtbewachsenen Weidegründe, die sich hinter den stillen Binsen ausdehnten.

Papageien und Krähen, die beim abendlichen Trunke geschwatzt und gekreischt hatten, zogen heimwärts zu ihrem Schlafbaum und begegneten unterwegs den ausziehenden Scharen der fliegenden Hunde. Wolke auf Wolke von Wasservögeln zog pfeifend und knarrend dem deckenden Schilf zu: Gänse mit plumpen Köpfen und schwarzen Rücken, Krickenten, Speckenten, Brachvögel, Kreuzschnäbel und auch einige Flamingos.

Ein schwerfälliger Adjutantkranich bildete den Nachtrab und zog so langsam dahin, als ob jeder Schlag seiner Flügel der letzte wäre.

»Ehret das Alter! Ihr Brahmanen vom Strom – ehret das Alter!«

Der Adjutant drehte halb den Kopf, schielte in die Richtung, aus der die Stimme kam, und ließ sich langsam auf der Sandbank unter der Brücke nieder. Jetzt erst sah man, was für eine scheußliche Kreatur er war. Rückenansicht war ungemein würdevoll; denn er war beinahe sechs Fuß hoch und glich, von hinten gesehen, einigermaßen einem ehrwürdigen kahlköpfigen Pastor. Von vorn aber sah er ganz anders aus. Sein grotesker Kopf und Hals trug nicht ein Federchen, und unter dem Kinn hing ihm ein greulicher roter Hautbeutel, der Behälter für alles, was er mit seinem Spitzhackenschnabel zusammenraffen konnte. Die Beine waren lang, dünn und häutig, aber er bewegte sie zierlich und betrachtete sie mit Stolz, indes er sich die aschgrauen Schwanzfedern putzte, warf dann einen Blick über die Glätte seiner Schultern, steifte sich hoch – und stand stramm.

Ein kleiner, räudiger Schakal, der hungrig kläffend auf einem kleinen Hügel am Ufer gesessen hatte, hob Ohren und Schwanz und planschte dann durchs Wasser zu dem Adjutanten hinüber. Er war der geringste seiner Kaste; nicht etwa, daß der beste der Schakale viel taugte, aber dieser war besonders verlumpt, halb Bettler, halb Verbrecher, Aufräumer des Abfalls der Dörfer, verzweifelt feige und blindlings tollkühn, immer hungrig und voller Schläue, die ihm doch nie etwas eintrug.

»U-i, u-i, u-uu«, winselte er beim Landen und schüttelte sich das Wasser ab. »Möge die rote Räude über alle Hunde dieses Dorfes kommen! Drei Bisse für jeden Floh, den ich auf mir habe; und das alles nur, weil ich nach einem alten Schuh im Kuhstall hinschielte – denkt euch – nur schielte! Kann ich Staub fressen?« Und er kratzte sich hinterm linken Ohr.

»Ich hörte«, sagte der Adjutant mit der Stimme einer stumpfen Säge, die durch hartes Holz fährt, »ich hörte, daß ein neugeborener Hund in jenem Schuh steckte.«

»Hören und wissen ist zweierlei«, meinte der Schakal, der stets allerlei Sprichwörter aufschnappte, wenn er abends die Menschen an den Dorffeuern belauschte.

»Vollkommen richtig. Daher überzeugte ich mich auch und nahm das neugeborene Püppchen in Verwahrung, als die Hunde anderswo beschäftigt waren.«

»Sehr stark waren sie beschäftigt«, sagte der Schakal. »Na, so bald darf ich mich nicht wieder in dem Dorf sehen lassen, um mir die Schabsel zusammenzukratzen. Also war wirklich ein blinder junger Hund in dem Schuh?«

»Jetzt ist er hier«, sagte der Adjutant und schielte über den Schnabel hinweg nach seinem gefüllten Kröpf. »Eine Kleinigkeit nur, aber nicht zu verschmähen, jetzt, da es keine Wohltätigkeit mehr in der Welt gibt.«

»Ahai! Eisern ist heutzutage die Welt«, wehklagte der Schakal. Sein rastloses Auge erspähte ein kaum merkbares Kräuseln auf dem Wasser, und eilig fuhr er fort: »Hart ist das Leben für uns alle; ich zweifle nicht, daß selbst unser erhabener Meister, der Stolz des Ghats und Ruhm des Stroms – –«

»Lügner, Schmeichler und Schakal krochen alle drei aus einem Ei«, sagte der Adjutant zu niemandem im besonderen, denn er selbst konnte leidlich lügen, wenn es sich lohnte.

»Ja, selbst der Ruhm des Stroms«, wiederholte der Schakal mit lauter Stimme, »selbst er, ich zweifle nicht, wird finden, daß gutes Futter rar geworden ist, seitdem man die Eisenbrücke baute. Indessen würde ich ihm so etwas nie in sein erhabenes Antlitz sagen, ihm, der so weise ist und tugendhaft, wie ich – wie ich, ach, leider – es nicht bin –«

»Wenn der Schakal sagt, daß er grau ist – wie schwarz muß dann der Schakal sein«, murmelte der Adjutant. Er konnte nicht sehen, was herankam.

»Daß ihm Futter niemals fehlen wird, und daher –«

Ein weiches, knirschendes Geräusch war hörbar, wie wenn ein Boot auf seichten Grund auffährt. Der Schakal schnellte herum und sah dem Wesen, von dem er eben gesprochen hatte, gerade ins Gesicht (und das ist immer am sichersten).

Ein vierundzwanzig Fuß langes Krokodil war es, umpanzert von einem Gehäuse wie von dreifach vernieteten Kesselplatten, mit Nägeln beschlagen, verkielt und verpicht. Die gelben Spitzen der Oberzähne überragten anmutig den schön geriffelten Unterkiefer. Der stumpfnasige Mugger von Muggerghar war es, älter als die Ältesten in dem Dorfe, dem er seinen Namen gegeben hatte – der Dämon des Stromes, ehe die Eisenbahnbrücke kam, Mörder, Menschenfresser und Ortsfetisch in einem. Er lag halb aufgetaucht aus dem seichten Wasser und hielt sich mit einer kaum merklichen Bewegung des Schwanzes im Gleichgewicht. Der Schakal wußte genau, daß ein einziger Schlag dieses Schwanzes den Mugger auf das Ufer hinaufbringen konnte mit der Schnelligkeit einer Dampfmaschine.

»Glückverheißende Begegnung, Beschützer der Armen«, jaulte der Schakal, mit jedem Wort weiter zurückweichend. »Wir hörten eine liebliche Stimme und kamen hierher in der Hoffnung auf eine trauliche Plauderei. Meine schweiflose Kühnheit riß mich hin, von dir zu sprechen, während wir hier deiner harrten. Ich hoffe, man hat nichts davon vernommen.«

Der Schakal aber hatte natürlich geredet, just um vernommen zu werden, denn er wußte, daß man mit Schmeicheleien am besten noch etwas Futter erschnappt; der Mugger wußte, daß der Schakal nur deshalb laut geredet hatte; und der Schakal wußte, daß der Mugger wußte, und der Mugger wußte, daß der Schakal wußte, daß der Mugger wußte – und so waren sie alle ganz zufrieden miteinander.

Der greise Unhold schob sich keuchend und grunzend das Ufer hinan und mummelte: »Ehret den Bejahrten und Gebrechlichen!« Und dabei brannten die kleinen Augen wie Kohlen unter den schweren hornigen Augenlidern, oben auf dem dreieckigen Kopf, während er den gedunsenen Tonnenleib langsam mit den rindigen krummen Beinen nachzog. Dann lag er still. Der Schakal aber, so vertraut er auch mit der Art und Weise seines Gegenübers war, fuhr zum hundertsten Male entsetzt hoch, als er sah, wie täuschend der Mugger das Aussehen eines von den Wellen an das Ufer getriebenen Baumklotzes annahm. Er hatte sich sogar bemüht, genau in demselben Winkel zum Wasser zu liegen, wie ein natürlich gestrandeter Klotz in Hinsicht auf Strömung und Jahreszeit zum Stillstand gekommen wäre. Das aber war nur Sache der Gewohnheit, denn der Mugger war diesmal nur zu seinem Vergnügen an Land gekommen; aber ein Krokodil ist niemals satt, und hätte sich der Schakal durch die Ähnlichkeit täuschen lassen, würde er wohl kaum so lange gelebt haben, um darüber noch nachdenken zu können.

»Nichts hörte ich, mein Kind«, sagte der alte Mugger, eins seiner Augen schließend. »Ich hatte Wasser in den Ohren, und mir war ganz schwach vor Hunger. Seitdem man die Eisenbahnbrücke baute, liebt mich mein Dorfvolk nicht mehr, und das bricht mir das Herz.«

»Oh, Schmach und Schande!« sagte der Schakal. »Noch dazu ein so nobles Herz! Aber die Menschen sind sich alle gleich, nach meiner Meinung.«

»Kaum. Große Unterschiede gibt es da«, entgegnete der Mugger sanft. »Manche sind dürr wie Bootshaken, andere wieder fett wie junge Schak… Hunde. Nie werde ich Menschen ohne Grund schmähen; viele Sorten habe ich schon durchprobiert, und meine langjährige Erfahrung hat mir gezeigt, daß sie sehr gut sind, alle durch die Bank, Männer, Frauen und Kinder – vorzüglich finde ich sie. Und bedenke, Kind, wer die Welt verschmäht, der wird verschmäht.«

»Schmeichelei ist schlimmer als eine leere Konservenbüchse im Bauch. Aber was wir eben hörten, das ist Weisheit«, sagte der Adjutant und wechselte von einem Bein aufs andere.

»Dennoch, bedenke doch ihre Undankbarkeit gegen diesen Erhabenen«, flötete der Schakal sanft.

»Nein, nein, nicht Undankbarkeit!« verwahrte sich der Mugger. »Sie denken nur nicht an andere, das ist alles. Aber ich habe beobachtet, als ich an meinem Posten bei der Furt lag, daß die Stufen der neuen Brücke grausam schwer zu ersteigen sind, besonders für alte Leute und kleine Kinder. Die alten, in der Tat, kommen ja weniger in Betracht, aber traurig bin ich – aufrichtig betrübt – um der kleinen fetten Kinder willen. Ich hoffe aber, in einiger Zeit, wenn die Brücke nichts Neues mehr ist, dann werde ich die nackten braunen Beine meiner Leute wieder wacker durch die Furt planschen sehen wie ehedem. Dann kommt auch der alte Mugger wieder zu Ehren.«

»Ich sah aber doch Ringelblumenkränze an der Kante des Ghats entlangtreiben, erst heute nachmittag«, behauptete der Adjutant.

Ringelblumenkränze sind Zeichen der Verehrung in ganz Indien.

»Irrtum, Irrtum. Die Frau des Zuckerbäckers ist es gewesen. Von Jahr zu Jahr erblindet sie mehr und kann mich – den Mugger vom Ghat – nicht mehr von einem Holzklotz unterscheiden. Ich erkannte das Versehen, als sie die Kränze warf, denn ich lag unmittelbar am Gemäuer des Ghat. Hätte sie nur einen einzigen Schritt weiter abwärts getan, so würde ich ihr den Unterschied klargemacht haben. Indes – sie meinte es gut, und man muß den Willen für die Tat nehmen.«

»Was hat man von Blumenkränzen auf dem Kehrichthaufen?« fragte der Schakal, indes er sich flöhte, aber dabei stets ein wachsames Auge auf den »Beschützer der Armen« gerichtet hielt.

»Wahr, aber der Kehrichthaufen, der mich tragen wird, ist noch nicht begonnen. Fünfmal habe ich den Fluß vom Dorf zurückweichen und neues Land sich am Fuß der Straße bilden sehen. Fünfmal sah ich das Dorf neu erstehen an den Ufern, und fünf weitere Male noch wird es neu erbaut werden vor meinen Augen. Ich bin kein treuloser, fischjagender Gavial, ich bin der treue, ausharrende Wächter der Furt. Nicht umsonst trägt das Dorf meinen Namen, und ,wer lange wacht‘, sagt man, ,erhält endlich seinen Lohn‘.«

»Lange, sehr lange habe ich gewacht, fast durch mein ganzes Leben, und mein Leben waren Bisse und Schläge«, klagte der Schakal.

»Ho! ho! ho!« krächzte der Adjutant,

»Der Schakal kam August zur Welt;
September hat’s geregnet –
Sprach er: Daß so viel Regen fällt,
Ist mir noch nie begegnet!«

Der Adjutant hat eine unangenehme Eigentümlichkeit. Zuzeiten leidet er an plötzlichen Anfällen krampfartiger Unruhe in den Beinen; und obwohl er würdevoller anzusehen ist als jeder andere Kranich (die alle ungemein ehrbar sind), beginnt er dann doch, einen krüppelstelzigen Kriegstanz aufzuführen, bei dem er mit den halbgeöffneten Flügeln schlägt und den kahlen Kopf auf- und niederstößt; und aus Gründen, die nur ihm bekannt sind, kreischt er während des Tanzes die boshaftesten Bemerkungen heraus. Danach steht er mit einemmal wieder steif aufgerichtet da und sieht noch zehnmal adjutantenhafter aus als zuvor.

Der Schakal kniff den Schwanz ein, obwohl er schon drei Regenzeiten alt war; aber man darf einem, der einen meterlangen Schnabel hat und ihn wie einen Wurfspieß schwingen kann, keine Beleidigung übelnehmen. Der Adjutant war ein ausgemachter Feigling, aber der Schakal war es noch mehr.

»Leben müssen wir, bevor wir lernen«, sprach der Mugger, »und folgendes wäre zu sagen: kleine Schakale sind alltäglich, Kind, aber ein Mugger, wie ich, ist niemals alltäglich. Dennoch bin ich nicht stolz, denn Stolz bringt Verderben. Aber merke dir, es gibt ein Schicksal, und wider sein Schicksal soll keiner murren, der schwimmt, geht oder läuft. Ich bin wohl zufrieden mit dem Schicksal. Viel kann man erreichen mit etwas Glück, einem scharfen Auge und der Gewohnheit, zu prüfen, ob eine Bucht oder ein seichtes Wasser einen freien Ausgang hat, ehe man hineingeht.«

»Einst hörte ich, daß sogar der Beschützer der Armen einmal einen Irrtum beging«, sagte boshaft der Schakal.

»Allerdings, aber da half ihm sein Schicksal. Es war, bevor ich noch ganz ausgewachsen war, vor der letzten von den drei letzten Hungersnöten (bei den Rechten und Linken der Ganga, wie voll waren die Ströme in jenen Tagen!). Ja, ich war jung und unbedacht, und wenn die Flut kam – wer war froher als ich! Eine Kleinigkeit konnte mich damals glücklich machen. Das Dorf war überschwemmt von der Flut, und ich schwamm über den Ghat hinweg, weit hinein ins Land, nach den Reisfeldern, die tief bedeckt waren mit gutem Schlamm.

Ich erinnere mich, daß ich an dem Abend zwei Armbänder fand (aus Glas waren sie und machten mir nicht wenig Sorge), ja, Glasarmbänder; und auch eines Schuhs entsinne ich mich. Hätte ich nur beide Schuhe beseitigt! Aber mich hungerte. Später lernte ich mir besser zu helfen. Ja, und so fraß ich und ruhte mich dann aus. Aber als ich dann wieder nach dem Fluß zurück wollte, war die Flut gefallen, und ich mußte durch den Schlamm die Hauptstraße hinunterwaten. Ja, das tat ich! Da kam all mein Volk angelaufen, Priester, Weiber und Kinder, und ich blickte mit Wohlwollen auf sie. Schlamm ist kein guter Kampfplatz! Und ein Bootsmann rief: ›Nehmet Äxte und schlaget ihn tot, denn er ist der Mugger von der Furt!‹ – ›Nicht also‹, sagte der Brahmane, ›sehet, er treibt die Fluten vor sich her! Der Schutzgott ist es des Dorfes.‹ Darauf bewarfen sie mich mit Blumen, und zum Glück führte man eine Ziege über die Straße.«

»Wie gut – wie sehr gut ist doch Ziege«, unterbrach der Schakal.

»Haarig – zuviel Pelz, und wenn man eine im Wasser findet, hat sie oft einen krummen Haken irgendwo verborgen. Aber jene Ziege geruhte ich anzunehmen, und schritt hinab zum Ghat in großen Ehren. Später sandte mir mein Schicksal den Bootsmann, der mir den Schwanz mit der Axt abzuhacken gedacht hatte. Sein Boot strandete auf einer alten Sandbank, deren ihr euch wohl kaum entsinnt.«

»Alle sind wir nicht Schakale hier«, stichelte der Adjutant.

»War es die Sandbank, wo die steinbeladenen Boote sanken im Jahre der großen Dürre – eine lange Sandbank, die drei Überflutungen standhielt?«

»Zwei gab es«, verbesserte der Mugger, »eine obere und eine untere Sandbank.«

»Richtig, ich vergaß. Eine Rinne trennte sie, die später wieder austrocknete«, ergänzte der Adjutant, ungemein stolz auf sein Gedächtnis.

»Auf der unteren Sandbank, Kinder, strandete das Boot des Schiffers, der mir so wohlwollte. Er schlief gerade im Bug; halb erwacht, sprang er über Bord, bis zur Brust im Wasser – nein, nur bis zu den Knien –, um von der Sandbank freizukommen. Sein Boot trieb leer ab und blieb weiter unterhalb an der Biegung am Ufer hängen. Ich folgte, denn ich wußte, Männer würden kommen, um es an Land zu ziehen.«

»Kamen auch welche?« fragte der Schakal etwas entsetzt, denn diese Art von Jagd machte ihm starken Eindruck.

»Ja, ja, dort und dann weiter unten. Aber die erste Stelle genügte mir schon. Drei Stück brachte sie mir – alles wohlgenährte Schiffer, und außer bei dem letzten (wo ich etwas nachlässig war) drang kein Schrei hinüber, um die am Ufer zu warnen.«

»Ah, nobler Sport das! Aber Kennerblick gehört dazu und viel Geschicklichkeit«, schmeichelte der Schakal.

»Nicht Geschicklichkeit, Kind, aber Nachdenken. Denken im Leben ist wie das Salz am Reis, sagen die Schiffer, und ich habe immer tief nachgedacht. Der Gavial, mein Vetter, der Fischfresser, erzählte mir, wie schwer es für ihn wäre, die Fische zu ergattern, wie unterschieden sie wären, einer vom anderen, und wie er sie alle genau kennen müßte, die in Haufen und die einzelnen. Das ist Weisheit, sage ich; aber andererseits: mein Vetter, der Gavial, lebt auch unter seinem Volk. Mein Volk aber schwimmt nicht in Rudeln mit dem Rachen in der Luft, wie Rewa es tut. Auch steigen sie nicht ständig an die Oberfläche des Wassers und werfen sich auf die Seite, wie Mohu und der kleine Chapta; sie versammeln sich auch nicht in den Buchten nahe der Furt, wie Badchua und Chilwa.«

»Guter Fraß sind sie alle«, sagte der Adjutant und klapperte mit dem Schnabel. »So sagt mein Vetter auch und macht viel Wesens von solcher Jagd; aber sein Volk klettert auch nicht auf die Ufer hinauf, um seiner scharfen Nase zu entgehen. Anders ist mein Volk. Sie leben auf dem Lande in Häusern, mit ihren Rindern. Ich muß genau wissen, was sie tun oder was sie tun werden; und nehme ich Schwanz und Rüssel zusammen, wie man zu sagen pflegt, so kann ich mir den ganzen Elefanten zusammendenken. Hängen über einer Haustür ein eiserner Ring und ein grüner Zweig, so weiß der alte Mugger, daß in dem Hause ein Knabe zur Welt kam, der eines Tages zum Ghat hinunterkommen wird, um zu spielen. Soll ein Mädchen verheiratet werden – der alte Mugger weiß es, denn er sieht, wie man Geschenke in das Haus bringt; und das Mädchen kommt vor der Hochzeit zum Ghat hinunter zum Baden und … der Mugger ist da. Hat der Fluß seinen Lauf geändert und neues Land geschaffen, der Mugger weiß es.«

»Und wozu nützt dir dieses Wissen?« fragte der Schakal. »Selbst in meinem kurzen Leben hat der Fluß schon seinen Lauf geändert.«

Indische Ströme verschieben sich fast ständig in ihren Betten, manchmal bis zu drei Meilen in einer Regenzeit; sie überschwemmen dabei die Felder auf dem einen Ufer und lassen auf dem anderen fruchtbaren Schlamm zurück.

»Kein Wissen ist so wertvoll wie dieses«, sagte der Mugger, »denn neues Land bedeutet immer neuen Streit. Der Mugger weiß das. Hoho! Das weiß der Mugger! Sobald sich das Wasser verlaufen hat, schleicht er sich die kleinen flachen Buchten hinauf, wo sich, nach Meinung der Menschen, nicht einmal ein Hund verstecken könnte – und dort lauert er. Bald naht ein Landmann und überlegt, daß er hier Gurken pflanzen will und dort Melonen, auf dem Neuland, das der Strom ihm gegeben hat; und er befühlt mit seinen nackten Füßen den guten fruchtbaren Schlamm. Alsbald kommt ein zweiter des Wegs und sagt, hier will er Zwiebeln züchten und dort Rüben und dort Zuckerrohr. Dann treffen sich die beiden wie steuerlose Boote auf dem Wasser und rollen die Augen gegeneinander unter großem blauem Turban. Der alte Mugger sieht und hört. Sie nennen sich Bruder und schreiten zur Umgrenzung des Neulands. Der Mugger folgt ihnen von Grenzstein zu Grenzstein, tief im Schlick krauchend. Nun fangen sie an zu streiten, hitzige Worte fallen, die Turbane reißen sie sich herunter. Jetzt schwingen sie die Keulen, und endlich fällt einer rückwärts in den Schlamm, der andere läuft davon. Wenn er zurückkommt, ist der Streit beendet, davon zeugt der eisenbeschlagene Bambus des Verlierers, der allein noch am Boden liegt. Aber dennoch sind sie dem Mugger nicht dankbar. Nein, ›Mörder‹ schreien sie, und ihre Sippen kämpfen mit Stöcken, zwanzig auf jeder Seite. Mein Volk ist ein tapferes Volk – Jats vom Hochland, Malwahs vom Bêt. Zum Vergnügen schlagen sie nicht aufeinander los, und wenn der Kampf beendet ist, wartet der alte Mugger weit unten am Fluß, vom Dorf aus nicht sichtbar, dort, hinter dem Kikargestrüpp. Dann kommen sie hinabgestiegen, meine breitschultrigen Jats – acht oder neun zusammen –, unter dem nächtlichen Sternenhimmel, einen toten Mann auf der Bahre. Alte Männer sind sie, graubärtig, mit Stimmen, so tief wie die meine. Kleines Feuer zünden sie an – ach, ach, wie gut kenne ich das Feuer! – trinken Tabak und nicken mit den Köpfen, vorwärts im Kreise oder seitwärts nach dem Toten hin, am Ufer. Sie sagen, das englische Gesetz verhängt den Strick für solches Tun, und die Familie des Totschlägers sei geschändet, denn so ein Mann muß hängen im großen Hof des Gefängnisses. Dann sprechen die Freunde des Toten: ›Er soll hängen!‹ und dann fängt die Rede wieder von vorn an, einmal, zweimal, zwanzigmal in der langen Nacht. Endlich sagt einer: ›Der Streit war ein gerechter Streit. Nehmen wir Blutgeld, etwas mehr, als der Totschläger bietet, und schweigen wollen wir dann.‹ Dann feilschen sie lange über das Blutgeld, denn der Tote war ein starker Mann mit vielen Söhnen. Doch vor Amratvela (Sonnenaufgang) schieben sie den toten Mann ein wenig nach dem Feuer hin – das ist so ihre Gewohnheit –, und dann kommt er zu mir, und er redet nicht weiter von der Sache. Oho, meine Kinder, der Mugger weiß – der Mugger weiß –, und meine Malwahjats sind ein wackeres Volk.«

»Sie sind zu groß für meinen Kopf«, krächzte der Adjutant.

»Wert sind sie überhaupt nicht viel, denn wer kann nach dem Malwah noch Nachlese halten?« »Nun, ich halte unter ihnen selbst Nachlese«, sagte der Mugger.

»In alten Zeiten«, fuhr der Adjutant fort, »wurde in Kalkutta, dort im Süden, alles auf die Straße geworfen, und wir konnten sogar mit Auswahl aufschnabeln. Leckere Tage waren das! Heutzutage aber halten sie die Straßen so rein wie die Schale vom Ei, und unsereins findet nichts Rechtes mehr. Sauber zu sein ist ja ganz schön; aber wischen, fegen und sprengen, siebenmal an jedem Tag, das muß selbst die Götter verdrießen.«

»Ein Schakal vom Tiefland, der es von seinem Bruder gehört hatte, erzählte, in Kalkutta wären alle Schakale so fett wie Ottern in der Regenzeit«, sagte der Schakal, dem das Wasser im Munde zusammenlief.

»Äh, aber die Bleichgesichter sind dort, die Engländer, und die bringen Hunde mit in ihren Schiffen, irgendwoher unten im Fluß – große fette Hunde, und sorgen ebenso dafür, daß diese Schakale mager bleiben.«

»Dann sind also die Hunde ebenso hartherzig wie die Engländer? Das hätte ich mir denken können! Weder Erde noch Himmel noch Wasser sind barmherzig zum Schakal. Nach der letzten Regenzeit kam ich zum Zelt eines Bleichgesichts und stahl mir zum Fressen einen neuen gelben Zaum. Aber die Bleichgesichter gerben ihr Leder nicht richtig. Speiübel wurde mir danach.«

»Mir erging es noch schlimmer«, sagte der Adjutant. »Nach meiner dritten Regenzeit, als ich noch ein junger Vogel war, strich ich zum Flußdelta hinab, wo die großen Boote der Engländer einlaufen. Dreimal so groß wie das Dorf hier sind die Boote der Engländer.«

»Und bis nach Delhi kam er und erzählte dann, alle Leute dort liefen auf dem Kopf«, brüllte der Schakal. Der Mugger aber klappte das linke Auge hoch und blickte den Adjutanten scharf an.

»Es ist gewißlich wahr«, behauptete der große Vogel. »Ein Lügner lügt nur, wenn er hoffen kann, daß man ihm glaubt. Wer diese Boote nicht gesehen hat, der kann nicht glauben, daß es wahr ist.« »Das klingt schon vernünftiger«, sagte der Mugger. »Und weiter?«

»Aus dem Innern des Bootes brachten sie große Stücke eines weißen Stoffes heraus, die nach einer Weile zu Wasser wurden; viel splitterte ab und fiel auf das Ufer; den Rest trugen sie schnell in ein Haus mit dicken Mauern. Ein Schiffer nahm ein großes Stück davon, nicht größer als ein kleiner Hund, warf es mir zu und lachte dabei. Ich – mein ganzes Volk schlingt hinunter ohne Nachdenken – ich verschluckte das Stück nach unserer Gewohnheit. Gleich darauf wurde ich von einer furchtbaren Kälte gepackt, oben im Kopf fing es an und ging hinunter bis in die äußerste Zehenspitze, so kalt, daß mir die Sprache wegblieb. Der Schiffer aber lachte mich aus. Niemals habe ich eine solche Kälte gespürt! In meinem Schmerz und Entsetzen tanzte ich, bis ich wieder zu Atem kam. Und als ich wieder schnaufen konnte, da tanzte ich wieder und schrie Ach und Weh über die Falschheit der Welt; und die Schiffer lachten, bis sie umfielen. Und das Hauptwunder bei der Sache war, abgesehen von der unangenehmen Kälte, daß ich nicht das geringste im Kropf hatte, als mein Wehgeschrei zu Ende war.«

Der Adjutant hatte sein Bestes getan, um die Gefühle zu beschreiben nach Verschlingen eines sieben Pfund schweren Eisklumpens, der ihm aus einem amerikanischen, nach Kalkutta bestimmten Schiffe zugeworfen worden war in den Tagen, als Kalkutta noch nicht Maschineneis herstellte. Aber da er nicht wußte, was Eis war, der Mugger und der Schakal es noch weniger wußten, so verlor die Erzählung etwas an Glanz.

»Alles«, sagte der Mugger und klappte das linke Auge wieder zu, »alles ist möglich bei Dingen, die aus einem Boote kommen, dreimal so groß wie Muggerghat. Und nicht klein ist mein Dorf.«

Ein Pfiff ertönte von der Brücke her: Der Delhipostzug fuhr darüber hin, die Wagen waren hell erleuchtet, und ihre Schatten glitten über das Wasser hin. Der Zug donnerte über die Brücke und verschwand in der Dunkelheit; aber der Mugger und der Schakal waren so daran gewöhnt, daß sie nicht einmal die Köpfe wandten.

»Ist das etwa weniger wunderbar als ein Boot, dreimal so groß wie Muggherghat?« fragte der Adjutant und spähte zur Brücke hinauf.

»Das habe ich bauen sehen, Kind«, sagte der Mugger. »Stein kam zu Stein, und ich sah die Brückenpfeiler emporwachsen; wenn die Männer herabstürzten – merkwürdig sicher waren sie für gewöhnlich auf den Füßen –, aber wenn sie stürzten, war ich bereit. Nachdem der erste Pfeiler fertig war, dachte keiner mehr daran, den Strom abzusuchen nach der Leiche, um sie zu verbrennen. Auch damals wieder ersparte ich mir viel Mühe. Nichts Wunderbares war an dem Brückenbau.«

»Aber das, was da oben entlang läuft und die Wagen schleppt mit den Dächern, das ist doch wunderbar«, meinte der Adjutant.

»Das ist ohne Zweifel eine neue Art von Zugochsen. Es wird der Tag kommen, da verlieren sie das Gleichgewicht dort oben und werden herunterstürzen wie die Männer. Der alte Mugger wird dann bereit sein.«

Der Schakal sah den Adjutanten an. Eins wußten sie ganz gewiß: daß nämlich die Lokomotive alles andere in der Welt war als ein Ochse zum Ziehen. Der Schakal hatte das Ding oft genug beobachtet, in der Aloehecke versteckt, am Damm der Strecke; und der Adjutant kannte Lokomotiven von der Zeit an, als die erste in Indien lief. Aber der Mugger hatte immer nur tief unten hinaufgesehen und die Messingkuppel für den Buckel eines Ochsen gehalten.

»M…ja, eine neue Art von Ochsen«, wiederholte der Mugger mit Nachdruck, um sich selbst zu überzeugen.

Rasch fiel der Schakal ein: »Sicherlich ist es ein Ochse.«

»Wiederum könnte es sein«, hob der Mugger launisch an.

»Sicherlich – o ganz sicher«, unterbrach der Schakal, ohne den andern ausreden zu lassen.

»Was?« knurrte der Mugger ärgerlich, denn er fühlte, daß die andern mehr wußten als er. »Was könnte es sein? Ich sprach den Satz nicht zu Ende. Ein Ochse – so meintet ihr?«

»Alles ist es, was dem Beschützer der Armen beliebt. Ich bin sein Sklave – nicht der Diener des Dinges, das über die Brücke fährt.«

»Was es auch sein mag«, sagte der Adjutant, »jedenfalls ist es Bleichgesichterarbeit, und was mich anbelangt, so würde ich doch lieber nicht auf einem Platz lagern, der so nahe daran ist wie diese Sandbank.«

»Du kennst die Engländer nicht, wie ich sie kenne«, sagte der Mugger. »Als die Brücke gebaut wurde, war ein Bleichgesicht hier. Abends fuhr er immer in einem Boot herum, schnurrte mit den Füßen auf den Bodenplanken und flüsterte: ,Ist er hier? Ist er da? Reiche mir die Flinte her.‘ Ich vernahm ihn, noch ehe ich ihn sah – jeden Laut, den er gab, das Knarren und Schnurren und das Klappern mit der Flinte, stromauf und stromab. So sicher, wie ich ihm einen seiner Arbeiter weggeschnappt und ihm dadurch die Kosten für Holz zur Verbrennung erspart hatte, so sicher kam er abends herab an den Ghat und rief mit lauter Stimme, er werde mich jagen, werde den Strom von mir befreien – von mir, dem Mugger von Muggerghat! Kinder, ich schwamm unter dem Kiel seines Bootes Stunde für Stunde und hörte, wie er mit seiner Flinte schwimmende Holzklötze beschoß. Wußte ich dann, daß er müde geworden war, tauchte ich auf an seiner Seite und schnappte ihm den Kinnladen fast ins Gesicht. Als die Brücke fertig war, ging er fort. Alle Engländer jagen so, außer – sie werden selbst gejagt.«

»Wer jagt denn Bleichgesichter?« kläffte der Schakal erregt.

»Jetzt keiner mehr; aber zu seiner Zeit habe ich sie gejagt.«

»Ich entsinne mich noch dieser Hatz. Jung war ich damals«, sagte der Adjutant, mit dem Schnabel anzüglich klappernd.

»Ich hatte mich hier mit allen Rechten angesiedelt. Mein Dorf sollte gerade zum drittenmal neu erstehen, erinnere ich mich, als mein Vetter, der Gavial, mir Kunde brachte, daß oberhalb Benares die Wässer ungemein üppig wären. Anfangs wollte ich nicht recht dorthin wechseln, denn mein Vetter, der Fischfresser, weiß nicht immer das Gute vom Schlechten zu unterscheiden. Aber an den Abenden hörte ich mein Volk an den Ufern reden, und daraufhin beschloß ich, mich aufzumachen.«

»Und was sagten sie?« fragte der Schakal.

»Genug, um mich, den Mugger von Muggerghat, zu bestimmen, das Wasser zu verlassen und zum Fußwanderer zu werden. Ich reiste bei Nacht und benutzte unterwegs die kleinsten Flüsse, weil sie mir das Fortkommen erleichterten; aber es war zu Anfang der heißen Jahreszeit, und sehr seicht war das Wasser überall. Ich kreuzte staubige Landstraßen, kroch durch hohes Gras, erklomm Hügel im Mondlicht. Sogar Felsen erstieg ich, Kinder – bedenkt das wohl. Ich querte das Ende von Sirhind, der Wasserlosen, bis ich kleine Flüsse auffand, die zur Ganga flossen. Eine Monatsreise war ich entfernt von meinem Volk und den Ufern, die mir vertraut waren. Sehr wundersam war das!«

»Was gab es denn für Nahrung auf dem Wege?« unterbrach der Schakal, dessen Seele in seinem Magen saß und dem die Landreise des Muggers nicht wenig Eindruck machte.

»Ich fraß, was ich finden konnte, Vetter«, sagte der Mugger langsam, das letzte Wort stark betonend.

In Indien nennt man niemanden »Vetter«, wenn man nicht einen Grad von Blutsverwandtschaft nachweisen kann; und da es höchstens in Märchen vorkommt, daß der Mugger je einen Schakal heiratet, so wußte der Schakal sehr wohl, warum er plötzlich zu einem Mitglied der Muggerfamilie erhoben wurde. Wäre er mit dem Mugger allein gewesen, so hätte er sich nichts daraus gemacht; aber die Augen des Adjutanten zwinkerten vergnügt über den grausamen Witz.

»Sicherlich, Vater, ich hätte das wissen sollen«, erklärte der Schakal.

Einem Mugger liegt es nicht, Vater eines Schakals genannt zu werden; und der Mugger von Muggerghat sprach das aus – und noch viel mehr, was wir hier nicht wiederholen wollen.

»Der Beschützer der Armen erhob Anspruch auf Verwandtschaft. Wie kann ich mich des genauen Grades entsinnen? Überdies, wir fressen die gleiche Nahrung, er hat es selbst gesagt«, war die Antwort des Schakals.

Das machte die Sache noch schlimmer, denn der Schakal deutete an, daß der Mugger auf dem Überlandmarsche seine Nahrung frisch, und zwar jeden Tag frisch, gefressen hatte, anstatt sie aufzubewahren, bis sie in der richtigen anständigen Verfassung war, wie es jeder sich selbst achtende Mugger tut und auch die Mehrzahl der wilden Tiere. In der Tat ist »Frischfleischfresser« die tiefste Schmähung, beinahe so schmachvoll, als wenn man »Menschenfresser« zu jemandem sagt.

»Die Nahrung wurde vor dreißig Regenzeiten gefressen«, sagte der Adjutant ruhig. »Wenn wir auch noch dreißig Regenzeiten weiter reden, so kommt sie doch nicht wieder… Erzähle nun, was geschah, als du die guten Wasser erreichtest, nach der merkwürdigen Landreise. Lauschte man jedem Schakalgeheul, so würde das Stadtleben zum Stillstand kommen, wie man zu sagen pflegt.«

Der Mugger schien dankbar für die Unterbrechung, denn mit einem Ruck fuhr er fort zu erzählen: »Bei der Rechten und Linken der Ganga! Nie zuvor sah ich ähnliche Wasser, als ich dort ankam!«

»Waren sie besser als die große Flut in der vergangenen Regenzeit?« fragte der Schakal.

»Besser? Die Flut brachte nicht mehr als alle fünf Jahre – eine Handvoll ertrunkener Menschen, ein paar Hühner und einen toten Ochsen im Schlammwasser mit Querströmungen. Aber in der Zeit, von der ich rede, stand der Fluß niedrig, die Strömung war glatt und eben; und in der Tat, wie Gavial mir schon gesagt hatte, es kamen so viel tote Engländer den Fluß herunter, daß sie sich förmlich stauten. Damals erlangte ich meinen Umfang – meinen Umfang und meine Länge. Bei Agra, bei Etawah und in den breiten Wassern und Allahabad …«

»Ah, der Strudel unter den Mauern der Festung von Allahabad«, schwelgte der Adjutant. »Der saugte sie an, wie Speckenten ins Ried fallen, rund im Kreise wirbelten sie – so!«

Wieder verfiel er in seinen scheußlichen Tanz, während der Schakal neidisch dreinblickte. Er konnte sich natürlich nicht des grausigen Jahres der Meuterei entsinnen, von dem die anderen beiden sprachen. Der Mugger fuhr fort:

»Ja, bei Allahabad lag man still im trägen Wasser und ließ zwanzig vorbei, ehe man sich die Mühe nahm, einen zu erschnappen. Vor allem aber waren die Engländer nicht mit Schmuck behangen, hatten keine Nasenringe und Fußspangen, wie die Frauen hier am Ghat. Wer allzusehr am Schmuck hängt, endet mit einem Strick als Halsband, sagt das Sprichwort. Alle Mugger an allen Flüssen wurden damals fett, aber mein Schicksal fügte es, daß ich fetter wurde als alle. Man jage die Engländer in die Flüsse, hieß es, und bei der Rechten und Linken der Ganga: wir konnten die Nachricht glauben! Soweit ich südwärts trieb, bestätigte sich die Nachricht, und bis über Monghyr hinaus kam ich flußabwärts, vorbei an den Grabmälern, die auf den Strom hinaussahen.«

»Ich kenne den Ort«, nickte der Adjutant. »Seit den Tagen ist Monghyr eine verlassene Stadt. Nur wenige leben noch dort.«

»Dann zog ich wieder stromaufwärts, sehr langsam und behaglich. Und ein Stück oberhalb von Monghyr kam ein Boot mit Bleichgesichtern herab – alle lebend! Frauen waren es, entsinne ich mich. Sie lagen unter einem Tuch, das über Stangen ausgebreitet war, und weinten laut. In jenen Tagen wurde niemals eine Flinte auf uns Wächter der Furten abgefeuert. Alle Rohre waren anderswo beschäftigt. Landeinwärts hörten wir ihr Knattern Tag und Nacht, je nachdem der Wind wehte. Ich kam ganz an die Oberfläche, dicht neben dem Boot tauchte ich auf, denn ich hatte noch nie Bleichgesichter lebendig gesehen, obwohl ich sie auf andere Art recht gut kannte. Am Bootsrande kniete ein nacktes weißes Kind, beugte sich über und versuchte gerade, die Hände in das Wasser zu tauchen. Kinder tun das gern, und lieblich ist es, sie dabei zu beobachten. Ich hatte am Tage schon reichlich gefressen, aber ein leeres Plätzchen war immerhin noch da. Eigentlich also mehr zum Zeitvertreib fuhr ich auf die Kinderhände los. Ganz hell zeichneten sie sich ab, so daß ich kaum hinsah, als ich zuschnappte; aber sie waren so klein – bestimmt weiß ich, daß ich meine Kiefer fest schloß –, daß das Kind sie doch schnell und unbeschädigt hochzog. Offenbar sind sie zwischen Zahn und Zahn hindurchgeglitten – diese kleinen weißen Hände. Kreuzweise am Ellbogen hätte ich zupacken müssen; aber wie gesagt, eigentlich nur zum Zeitvertreib und aus Neugier war ich an die Oberfläche gekommen. Im Boot schrien sie auf, und wieder ging ich hoch, um sie zu beobachten. Und das Boot zum Umkippen zu bringen, dazu war es zu schwer. Nur Frauen saßen darin; aber wer einer Frau traut, heißt es, der schreitet auf Wasserlinsen über einen Teich. Und bei der Rechten und Linken der Ganga, Wahrheit ist das.« »Einmal gab mir eine Frau etwas getrocknete Fischhaut«, erzählte der Schakal. »Ich hatte gehofft, ihr Baby zu erschnappen, aber, wie das Sprichwort sagt, Futter vom Pferd ist immer noch besser als ein Tritt vom Pferde. Was tat deine Frau?«

»Mit einer kurzen Flinte, wie ich sie nie zuvor noch nachher gesehen habe, schoß sie auf mich: fünfmal hintereinander (der Mugger bekam es anscheinend mit einem alten Trommelrevolver zu tun); und ich verharrte mit offenem Maul gaffend, und mein Kopf war ganz von Dampf umhüllt. So ein Ding sah ich noch nie. Fünfmal, und so rasch, wie ich mit dem Schwanze schlage – so!«

Der Schakal, den die Erzählung mehr und mehr fesselte, hatte gerade noch Zeit, zur Seite zu springen, als der mächtige Schwanz wie eine Sense an ihm vorbeipfiff.

»Nicht vor dem fünften Schuß«, fuhr der Mugger fort, als hätte er nie gedacht, einen seiner Zuhörer zu treffen, »nicht vor dem fünften Schuß tauchte ich unter und kam dann rechtzeitig wieder hoch, um zu hören, wie der Bootsführer den weißen Frauen erzählte, ich wäre sicherlich tot. Eine Kugel war mir unter eine Nackenplatte gefahren. Ich weiß nicht, ob sie noch dort sitzt, denn so weit kann ich meinen Kopf nicht wenden, komm und sieh nach, Kind. Die Kugel wird beweisen, daß meine Geschichte wahr ist.«

»Ich?« sagte der Schakal zusammenfahrend. »Könnte einer, der alte Schuhe frißt und Knochen nagt, sich erdreisten, an dem Wort des Erhabenen zu zweifeln? Möge der Schwanz mir abgebissen werden von blinden neugeborenen Hunden, wenn auch nur der Schatten eines solchen Gedankens meinen demütigen Sinn gestreift hätte. Der Beschützer der Armen war leutselig genug, mir, seinem Sklaven, mitzuteilen, daß ihn einmal im Leben eine Frau verwundete. Das genügt, und ich will die Geschichte allen meinen Kindern erzählen, ohne nach Beweisen zu fragen.«

»Übergroße Höflichkeit ist so oft nicht besser als übergroße Unhöflichkeit; man kann einen Gast mit Quark ersticken, wie man zu sagen pflegt. Ich wünsche nicht, daß deine Kinder erfahren, die einzige Wunde des Muggers stamme von einer Frau. An ganz andere Dinge werden sie zu denken haben, wenn sie ihr Futter so elend zusammenkratzen müssen wie der Vater.«

»Es ist längst vergessen. Es wurde niemals ausgesprochen. Nie hat es eine weiße Frau gegeben. Kein Boot war da. Nichts – gar nichts ist geschehen.«

Die Rute des Schakals wischte durch die Luft, um zu zeigen, wie vollständig alles aus seinem Gedächtnis ausgelöscht war. Mit Würde ließ er sich nieder.

»Wahrlich, sehr vieles geschah«, sagte der Mugger, dem es zum zweitenmal in dieser Nacht mißglückte, den Freund zu überlisten.

(Aber das verübelte keiner dem anderen. Fressen und gefressen werden ist Gesetz und Recht am ganzen Strome hin; und dem Schakal blieb sein Teil von der Beute, wenn der Mugger sein Mahl beendet hatte.)

»Ich ließ das Boot weiterziehen und wandte mich stromaufwärts; als ich dann Arrah erreichte und den toten Flußarm dahinter, trieben keine toten Engländer mehr. Eine Zeitlang blieb der Fluß leer. Dann kamen zuerst ein bis zwei Tote vorüber, in roten Röcken, keine Engländer, aber alle von gleicher Art – Hindus und Purbiahs –, dann fünf bis sechs in einer Reihe nebeneinander; und zuletzt von Arrah nach Norden zu bis über Agra hinaus war es, als ob ganze Dörfer in die Wasser marschiert wären. Aus kleinen Buchten kamen sie heraus, einer nach dem anderen, wie Baumklötze in der Regenzeit heruntergeschwemmt werden. Wenn der Fluß stieg, dann kamen sie in Trupps von den Sandbänken hoch, auf denen sie gerastet hatten. Und die sinkenden Fluten schleiften sie mit sich an den langen Haaren über die Felder und durch die Dschungel. Die ganzen Nächte hindurch, während ich nordwärts zog, hörte ich die Flinten; am Tage aber durchwateten Männer mit beschuhten Füßen die Furten, und man hörte den Lärm von schweren Wagenrädern im Sande unter dem Wasser; und Tote, immer mehr Tote trug jede neue Welle herbei. Zuletzt erschrak auch ich, denn ich sagte mir: ›Wenn dies den Menschen geschieht, wie soll der Mugger von Muggerghat entkommen? Auch Boote waren da, die kamen hinter mir her, ohne Segel, und immerwährend brannten sie, wie Baumwollboote manchmal brennen–trotzdem sanken sie nicht.‹« »Ah!« sagte der Adjutant. »Solche Boote kommen nach Kalkutta im Süden. Hoch und schwarz sind sie, das Wasser peitschen sie auf hinter sich mit einem Schwanz, und sie …«

»Sind dreimal so groß wie mein Dorf. Meine Boote waren niedrig und weiß; sie peitschten das Wasser an beiden Seiten und waren nicht größer, als Boote sein sollten für jemanden, der die Wahrheit spricht. Sie machten mir große Furcht, und ich verließ die Wasser und wanderte wieder zu meinem Fluß zurück, verbarg mich am Tage und reiste bei Nacht, wenn ich nicht kleine Ströme fand, um mir vorwärtszuhelfen. Zu meinem Dorf kam ich wieder, aber hoffte kaum, daß ich mein Volk auch dort antreffen würde. Aber sie pflügten und säten und ernteten und gingen so ruhig in ihren Feldern hin und her wie ihre Rinder.«

»Und gute Nahrung war auch noch am Fluß?« fragte der Schakal.

»Mehr als ich meistern konnte. Sogar ich – und ich schlinge nicht Dreck – war übersatt und wurde, wie ich mich entsinne, etwas ängstlich bei dem endlosen Antreiben der Schweigenden. Mein Volk im Dorfe hörte ich sagen, alle Engländer wären tot; aber die, die herunterkamen mit dem Strom, Gesicht nach unten, waren keine Engländer, wie mein Volk sah. Da sprach mein Volk, das beste wäre, zu schweigen, die Steuern zu zahlen und das Land zu beackern. Erst lange Zeit danach klärte sich wieder der Strom, und die nun noch herabkamen, waren in den Fluten ertrunken, wie ich sehen konnte; und wenn es nun auch nicht mehr so leicht war, Futter zu finden, so war ich doch herzlich froh. Ein bißchen Morden ist nicht übel – aber der Mugger ist zuweilen befriedigt, wie man zu sagen pflegt.«

»Wunderbar! Höchst seltsam und wahrhaft wunderbar!« staunte der Schakal. »Von soviel gutem Essen nur erzählen zu hören, hat mich schon fett gemacht. Ist es wohl erlaubt zu fragen, was tat der Wohltäter der Armen danach?«

»Ich gelobte – und bei der Rechten und Linken der Ganga, ich schloß die Kiefer auf den Schwur –, niemals mehr umherzustreifen und zu wandern. So lebte ich denn Jahr um Jahr; sie aber liebten mich sehr und warfen mir Kränze auf das Haupt, wenn sie es hochsteigen sahen. Ja, sehr gnädig ist mir das Schicksal gewesen, der ganze Strom ist freundlich genug, meine arme gebrechliche Gegenwart zu ehren; nur – –«

»Keiner ist vollkommen glücklich vom Schnabel bis zum Schwanz«, tröstete der Adjutant. »Was kann der Mugger von Muggerghat noch wünschen?«

»Das kleine weiße Kind, das mir entkam«, sagte der Mugger und seufzte tief. »Sehr klein war es noch, aber ich habe es nicht vergessen. Ein Greis bin ich jetzt, aber ehe ich hinscheide, ist mein Wunsch, eins noch zu versuchen. Schon wahr ist es, sie sind ein schwerfüßiges, närrisches und lärmendes Volk, und das Vergnügen bei der Jagd würde nicht groß sein; aber ich denke der Tage von Benares, und wenn das Kind lebt, so wird es sich auch ihrer erinnern. Vielleicht schreitet es jetzt an den Ufern eines Stromes auf und ab und erzählte aller Welt, wie es einst seine Hände zwischen den Zähnen des Muggers von Muggerghat hatte und entkam. Sehr gnädig war mein Schicksal, aber das quält mich oft im Traum – der Gedanke an das kleine weiße Kind im Bug des Bootes.« Er gähnte und schloß den Rachen. »Ruhen will ich nun und sinnen. Haltet euch still, meine Kinder, und ehret den Bejahrten.«

Steif drehte er sich und schob sich auf die Höhe der Sandbank. Schakal und Adjutant zogen sich zurück in den Schutz eines gestrandeten Baumes nahe der Eisenbahnbrücke.

»Ein vergnügliches und einträgliches Leben war das«, grinste der Schakal und schielte zu dem Vogel hoch, der über ihm auftürmte. »Nicht ein einziges Mal, denke nur, fand er es angebracht, mir zu sagen, wo am Ufer vielleicht ein Happen für mich übriggeblieben wäre. Und dabei habe ich ihm wohl hundertmal von leckeren Sachen berichtet, die stromabwärts kamen. Wie wahr ist das Sprichwort: ›Schakal und Barbier sind vergessen, sobald das Neue erzählt ist.‹ Und jetzt will er schlafen! Arrah!«

»Wie kann der Schakal mit dem Mugger jagen!« sagte der Adjutant kühl. »Großer Dieb, kleiner Dieb; da weiß man, wer die Reste schlingt.«

Der Schakal drehte sich um, gereizt winselnd, war eben im Begriff, sich im Schutz des Baumes zusammenzurollen, als er sich plötzlich duckte und durch das zerfetzte Geäst nach der Eisenbahnbrücke äugte, die fast senkrecht über ihm war.

»Was ist?« fragte der Adjutant und lüftete besorgt einen Flügel.

»Warte, bis wir Genaues erkennen. Der Wind bläst von uns zu ihnen hin, aber nach uns schauen sie nicht – die zwei Männer dort oben.«

»Menschen sind es? Mein Amt schützt mich. Ganz Indien weiß, daß ich heilig bin.«

Der Adjutant ist der beste Gassenkehrer, frei kann er gehen, wohin es ihm immer beliebt; und so schrak er nicht hoch.

»Ich bin kaum den Tritt eines alten Schuhs wert«, sagte der Schakal, gespannt horchend. »Lausche den Schritten«, fuhr er fort, »das ist kein einheimisches Leder, das ist der beschuhte Fuß eines Bleichgesichts. Horch! Eisen schlägt auf Eisen dort oben. Eine Flinte ist es! Freund, die schwerfüßigen, närrischen Engländer sind gekommen, um mit dem Mugger zu reden!«

»Warne ihn denn. Eben noch wurde er Wohltäter der Armen genannt von einem, der nicht wenig einem verhungerten Schakal glich.«

»Möge der Vetter seine Haut selbst schützen. Stets erzählt er mir, daß von Bleichgesichtern nichts zu fürchten wäre. Und Bleichgesichter müssen es sein. Kein Dorfbewohner von Muggerghat würde es wagen, ihn anzugehen. Sieh doch, ich sagte, es wäre eine Flinte! Nun, mit etwas Glück werden wir noch vor Tag Fraß bekommen. Außerhalb des Wassers hört er schlecht und, und – diesmal ist es keine Frau!«

Ein Flintenlauf blitzte kurz auf im Mondlicht von den Trägern der Brücke herab. Der Mugger lag auf der Sandbank, reglos wie sein eigener Schatten, die Vorderfüße etwas gespreizt, den Kopf dazwischengelegt und schnarchte – wie ein Mugger.

Eine Stimme auf der Brücke flüsterte: »Ein komischer Schuß ist es – beinahe senkrecht hinunter –, aber sicher wie ein Haus. Halte hart hinter das Genick! Alle Wetter, ein Mordsbiest! Die Dörfler werden rasen, wenn er erschossen wird. Es ist der Deota (Schutzgott) der Gegend.«

»Mir gleich«, antwortete eine zweite Stimme. »An die fünfzehn meiner besten Kulis hat er weggeschnappt beim Bau der Brücke; höchste Zeit, ihm das Handwerk zu legen. Wochenlang habe ich ihm im Boot nachgestellt. Hilf mit dem Martini nach, sobald ich ihm beide Kugeln aufgebrannt habe.«

»Denke aber an den Rückschlag, eine Doppelflinte von dem Kaliber ist kein Spaß.«

»Das wird er dann schon merken. Achtung jetzt – los!«

Ein Donner krachte wie von einem kleinen Geschütz (die schwerste Elefantenbüchse dröhnt fast wie eine Kanone), und dem doppelten Feuerstrahl folgte der peitschende Knall einer Martini, deren langes Stahlmantelgeschoß einen Krokodilpanzer glatt durchschlägt. Aber schon die Explosionsgeschosse taten ihre Arbeit. Der erste Einschlag saß kurz hinter dem Genick des Muggers, eine Handbreit links vom Rückgrat, der zweite weiter unten am Ansatz des Schwanzes. In neunundneunzig von hundert Fällen gelingt es einem tödlich getroffenen Krokodil, noch in tiefes Wasser zu entkommen; aber der Mugger von Muggerghat war buchstäblich in drei Stücke geborsten. Kaum zuckte noch der Kopf, als das Leben entwich, und – platt lag er, wie der Schakal.

»Donner und Blitz! Blitz und Donner!« maunzte das kleine, erbärmliche Tier. »Ist das Ding endlich in den Fluß gestürzt, das die Wagen mit den Dächern über die Brücke zieht?«

»Eine Flinte ist es nur«, sagte der Adjutant, obgleich er bis in die Schwanzfeder zitterte. »Nichts weiter als eine Flinte. Tot ist er bestimmt. Die Bleichgesichter kommen herunter.«

Die beiden Engländer eilten die Brücke herab nach der Sandbank und standen bewundernd vor der Länge des Muggers. Ein Eingeborener trennte mit der Axt den ungeheuren Kopf vom Rumpf, und vier Männer schleppten ihn über die Landzunge fort.

»Als ich das letzte Mal meine Hand in den Rachen eines Muggers steckte«, erzählte einer der Engländer und bückte sich (es war der Erbauer der Brücke), »war ich etwa fünf Jahre alt. Ich fuhr damals in einem Boot den Fluß hinab nach Monghyr, war ein sogenanntes Meuterbaby. Meine arme Mutter war mit im Boot, und oft erzählte sie mir, wie sie Vaters alten Revolver gegen den Kopf der Bestie abgefeuert hatte.«

»Na, jedenfalls hast du Rache genommen an dem Führer der Sippschaft, wenn auch deine Nase etwas blutet von dem Rückschlag. He, Bootsleute! Bringt den Kopf ans Ufer, wir wollen ihn auskochen, um den Schädel zu bekommen. Die Haut ist zu zerfetzt und hat keinen Wert mehr. Komm jetzt schlafen. Die Nachtwache hat sich gelohnt, wie?«

Sonderbarerweise machten Schakal und Adjutant die gleiche Bemerkung, kaum drei Minuten, nachdem die Männer fortgegangen waren.

Lied der Welle

Lied der Welle

          Welle wogte an dem Strand,
Griff nach eines Mädchens Hand,
Das in Abendsonnengluten
Heimwärts wandert durch die Fluten.

Zarte Brust und schlanker Fuß,
Wahrt euch vor des Schmeichlers Gruß:
»Höre, Kind, mein sanft Gebot!
Warte! Bleib! Ich bin der Tod …«

»Drüben ruft der Liebe Glück,
Schmachvoll wär’s, ich blieb zurück.«
Dort im Fluß der helle Klang,
War’s ein Fisch, der spielend sprang?

Schlanker Fuß und zartes Herz
Harrt der Fähre heimatwärts!
»Hör‘ auf mich!« die Welle droht,
»Warte, Kind! Ich bin der Tod.«

»Liebster ruft, da muß ich eilen,
Schande träfe mich, wollt‘ ich weilen.«
Welle, Welle wogt und ringt,
Mächtig ihr den Leib umschlingt.

Töricht Herze, treue Hand,
Kleiner Fuß trat nie ans Land.
Welle wandert, Welle rot,
Wogt hinab und trägt den Tod.

Des Königs Ankus

Des Königs Ankus

Das sind die vier, die nie gestillt, die nie gefüllt seit Urbeginn –
Des Schakals Schlund, des Geiers Gier, des Affen Hand, des Menschen Sinn.
(Dschungelspruch)

Kaa, der große Felsenpython, hatte vielleicht zum zweihundertstenmal seit seiner Geburt die Haut gewechselt; und Mogli, der nie vergaß, daß er in jener Nacht zu »Cold Lairs« der Riesenschlange sein Leben verdankte, kam, um ihr Glück zu wünschen. Hautwechsel verursacht den Schlangen immer etwas Unbehagen, und sie bleiben launisch, bis die neue Haut wieder hell und schön glänzt. Kaa machte sich schon längst nicht mehr über Mogli lustig; er erkannte ihn als Meister der Dschungel an, wie die übrigen Dschungelvölker es taten, und trug ihm alle Neuigkeiten zu, die ein Python von seiner Größe naturgemäß erfährt. Was Kaa von der Mitteldschungel, wie sie es nannten – dem Leben, das sich am Boden und dicht darunter abspielt, dem Felsblock-, Höhlen- und Baumwurzelleben –, nicht wußte, das hätte man leicht auf die kleinste seiner Schuppen schreiben können.

An diesem Nachmittag ruhte Mogli in einem von Kaas mächtigen Ringen und befingerte die zerschlissene, fleckige, alte Haut, die noch verschrumpft und gedreht zwischen den Felsen lag, so wie Kaa aus ihr geschlüpft war. Der Python hatte sich sehr höflich unter Moglis breite, nackte Schultern gepackt, so daß der Knabe in einem wahrhaft lebendigen Sessel ruhte.

»Bis zu den Augenschuppen ist sie noch ganz vollständig«, sagte Mogli vor sich hin, mit der Hand spielend. »Sonderbar, die eigene Kopfhülle vor den eigenen Füßen liegen zu sehen.«

»Nun, das ist so Sitte bei meinem Volk und hat für mich nichts Sonderbares«, sagte Kaa. »Aber Füße habe ich nicht. Fühlt sich nicht deine Haut auch zuweilen hart und alt an?«

»Dann gehe ich und bade, Flachkopf. Aber es ist schon wahr, in der Zeit der großen Hitze wünschte ich oft, ich könnte mir die Haut schmerzlos abstreifen und hautlos herumlaufen.«

»Ich bade und wechsle dabei doch meine Haut. Wie macht sich mein neues Kleid?«

Mogli ließ seine Hand über die schillernden Diagonalmuster des ungeheuren Rückens gleiten. »Der Schildkrötenrücken ist härter, aber nicht so bunt«, urteilte er. »Der Frosch, mein Namensvetter, ist bunter, aber nicht so hart. Prächtig sieht sie aus, deine neue Haut, wie Tupfen im Kelch der Lilie.«

»Sie hat Wasser nötig. Meine neue Haut bekommt ihre volle Farbe erst nach dem ersten Bade. Komm! Gehen wir schwimmen!«

»Ich will dich tragen«, sagte Mogli und bückte sich lachend, um Kaa in der Mitte seines großen Leibes aufzuheben, da, wo die Walze am dicksten war. Ebensogut hätte ein Mann versuchen können, einen zwei Fuß starken Mastbaum aufzuheben. Kaa lag still und blähte sich vor Vergnügen. Dann begannen sie ihr regelmäßiges Abendspiel; der Knabe in seiner überschäumenden Kraft und der Python im Prunk seiner neuen Haut richteten sich gegeneinander auf zu einem Ringkampf – zu einer Probe auf Kraft und Schnelligkeit des Blicks. Natürlich hätte Kaa, wenn er gewollt hätte, ein Dutzend Mogli zerquetschen können; aber er spielte vorsichtig und gebrauchte nie mehr als ein Zehntel seiner Kraft. Seit Mogli stark genug war, derbes Zupacken zu vertragen, hatte Kaa ihn das Spiel gelehrt, und es machte seine Glieder geschmeidig, wie kaum etwas anderes. Zuweilen stand Mogli bis an den Hals umschlungen von Kaas wogenden Ringen und bemühte sich, einen Arm frei zu bekommen, um die Schlange an der Gurgel zu packen. Dann gab Kaa weich und federnd nach; und Mogli versuchte mit raschem Sprung den ungeheuren Schwanz zu fassen, der, sich rückwärtsschwingend, nach einem Fels oder Baumstumpf als Stütze tastete. Hin und her schwankten sie, Kopf gegen Kopf, jeder auf eine günstige Gelegenheit lauernd, bis die herrliche Gruppe der beiden verschlungenen Körper sich in einem Wirbel von gelben und schwarzen Ringen, zappelnden Armen und Beinen löste, um von neuem sich gegeneinander auszurichten. »Jetzt! Und jetzt, und jetzt!« zählte Kaa und machte überraschende Ausfälle mit dem Kopf, daß selbst Moglis flinke Hände die Finte nicht parieren konnten. »Sieh her, ich treffe dich, kleiner Bruder! Hier und hier! Sind deine Hände gelähmt?! – und wieder hier!«

Das Spiel endete stets in derselben Weise: mit einem geraden, schwingenden Schlag des Kopfes der Schlange, worauf der Knabe einen Purzelbaum schoß. Mogli brachte es nie fertig, diesem blitzartigen Stoß auszuweichen; und Kaa meinte, es nütze ihm nichts, es zu versuchen, es würde ihm doch nie gelingen.

»Gute Jagd!« rief Kaa, und wie immer wurde Mogli ein paar Dutzend Meter weit fortgeschleudert. Keuchend und lachend erhob er sich, das Gesicht voller Erde, und folgte dem weisen Kaa zu seinem Lieblingsbadeplatz. Es war ein tiefer, pechschwarzer Teich, von Felsen umsäumt, und vom Grunde ragten seltsame Baumstrünke empor. Nach Dschungelart tauchte der Knabe lautlos hinein, schwamm unter Wasser dahin, stieg wieder geräuschlos auf, warf sich auf den Rücken, die Arme unter dem Kopf gekreuzt, und sah den Mond über den Felsen aufsteigen. Kaas diamantener Kopf durchschnitt messerscharf den Tümpel, tauchte auf und ruhte dann auf Moglis Schulter. Still lagen sie und ließen wohlig das kühle Wasser ihre Glieder umspülen.

»Herrlich ist das«, sagte Mogli schläfrig nach langem Schweigen. »Das Menschenvolk, wie ich mich entsinne, legte sich zu dieser Stunde auf harte Bretter im Innern einer Falle aus Lehm; alle reinen Winde schlossen sie sorgfältig aus, zogen stinkige Tücher über ihre Köpfe und sangen abscheulich durch die Nasen. Besser ist es, in der Dschungel zu sein.«

Eine hurtige Kobra glitt vom Felsen hinab, trank, bot ihnen »Gute Jagd!« und eilte weiter.

»Sssh!« züngelte Kaa, als ob ihm plötzlich etwas einfiele. »Die Dschungel gibt dir also alles, was du dir wünschen kannst, kleiner Bruder?«

»Nicht alles«, sagte Mogli lachend. »Es wäre denn, daß es in jedem Monde einmal einen starken Schir Khan zu töten gäbe. Jetzt könnte ich ihn allein mit meinen Händen zwingen und brauchte nicht mehr die Hilfe von Büffeln. Und dann habe ich oft in der Regenzeit gewünscht, die Sonne möge scheinen, und im hohen Sommer, Regenwolken möchten die Sonne verdunkeln. Niemals ging ich leer aus bei der Jagd, aber ich wünschte immer, ich hätte eine Ziege erlegt, und hatte ich eine Ziege, dann wünschte ich, es wäre ein Bock, war es ein Bock, sollte es lieber ein Nilghai sein. Aber so geht es uns allen.«

»Und andere Wünsche hattest du nicht?« fragte die große Schlange.

»Was könnte man noch wünschen? Die Dschungel habe ich, und die Gunst der Dschungel. Gibt es noch mehr zwischen Sonnenaufgang und Nacht?«

»Nun, die Kobra sagte …«, begann Kaa.

»Welche Kobra? Die eben fortglitt, sagte nichts, sie war auf der Jagd.«

»Eine andere war es.«

»Gibst du dich viel mit dem Giftvolke ab? Ich lasse sie ihrer Wege gehen. Tod tragen sie im Vorderzahn, das aber ist nicht gut, denn sie sind klein. Was war es für eine Kobra, mit der du sprachst?«

Kaa rollte sich langsam im Wasser wie ein Schiff in schwerer See. »Drei oder vier Monde sind es her, da jagte ich in ›Cold Lairs‹, einem Ort, den du wohl kaum vergessen wirst. Und das Ding, das ich hetzte, flog kreischend an dem Brunnen vorbei nach dem Hause, dessen Wand ich einbrach deinetwegen, und verschwand dann im Boden.«

»Aber die Völker von ›Cold Lairs‹ leben nicht in unterirdischen Höhlen.« Mogli wußte, daß Kaa vom Affenvolk sprach.

»Das Ding lebte nicht, es wollte leben«, erwiderte Kaa mit schwachem Zittern der Zunge. »Es verkroch sich in einem Gang unter der Erde, der sehr weit führte. Ich folgte, tötete und schlief. Als ich erwachte, drang ich weiter vor.«

»Unter der Erde?«

»Ja. Und zuletzt traf ich auf eine weiße Kobra. Sie redete von Sachen, die mir unverständlich waren, und zeigte mir vieles, das ich nie zuvor gesehen hatte.«

»Neues Wild? Gute Jagd gab es?« fragte Mogli und warf sich rasch auf die Seite. »Nein, kein Wild, ich würde mir alle Zähne daran ausgebrochen haben. Aber die Weiße Haube raunte, daß ein Mensch – sie schien die Brut gut zu kennen –, daß ein Mensch den Atem unter seinen Rippen hergeben würde, wenn er nur diese Dinge erschauen könnte.«

»Wir wollen nachsehen«, sagte Mogli. »Einst war ich ein Mensch, entsinne ich mich.«

»Gemach – gemach! Hast tötete die gelbe Schlange, die den Sonnenball fraß. Tief unter der Erde redeten wir zwei miteinander, und ich sprach auch von dir, nannte dich einen Menschen. Da sagte die Weiße Haube (wahrlich so alt ist sie wie die Dschungel selbst): ›Lange schon ist es her, seit ich Menschen sah. Laß ihn kommen, auf daß er sehe alle diese Dinge, für deren geringstes viele Menschen ihr Leben hingeben würden.‹«

»Das muß neues Wild sein. Dennoch, die Giftvölker melden uns nie, wenn neues Wild zu spüren ist. Ungefällig sind sie.«

»Es ist kein Wild. Es ist – es ist – ich kann nicht sagen, was es ist.«

»Laß uns hingehen. Noch nie erblickte ich eine Weiße Haube. Und auch die anderen Dinge möchte ich sehen. Hat sie die alle getötet?«

»Es sind alles tote Dinge. Sie sagt, sie sei der Wächter über sie alle.«

»Aha! So wie der Wolf über dem Fleisch steht, das er in sein Lager verschleppt hat. Gehen wir!«

Mogli schwamm zum Ufer, rollte sich im Grase, um sich zu trocknen; und beide machten sich auf den Weg nach »Cold Lairs«, der verlassenen Stadt, von der ihr schon vernommen habt. Damals fürchtete sich Mogli nicht im geringsten mehr vor dem Affenvolk, wohl aber packte die Affen Entsetzen, wenn Mogli erschien. In jener Nacht trieben sich die Affenherden gerade in der Dschungel umher, so lag »Cold Lairs« verlassen und schweigend im Mondlicht. Kaa führte die Terrassen hinauf zu den Ruinen des Sommerhauses der Königin, schlüpfte über das Geröll und glitt die halb verschüttete Treppe hinab, die von der Mitte des Pavillons in die Erde führte. Mogli gab den Schlangenruf: »Wir sind vom gleichen Blute, du und ich!« und ging ihr nach, auf Händen und Knien kriechend. Lange folgten sie dem schrägen Gang, der in Windungen abwärts führte, und kamen zuletzt an ein gähnendes Loch im Mauerwerk, gesprengt von den knorrigen Wurzeln eines Baumriesen, um dessen Wipfel, dreißig Fuß über ihnen, der Nachtwind pfiff. Sie zwängten sich durch das Loch und gelangten dann in eine weite, gruftartige Höhlung, deren gewölbte Decke ebenfalls von Baumwurzeln gesprengt war, so daß bläuliche Streifen des Mondlichts die Dunkelheit ein wenig erhellten.

»Ein sicheres Lager das«, sagte Mogli und richtete den sehnigen Körper auf, »nur zu weit ab, um täglich einzufahren. Nun, was gibt es hier zu sehen?«

»Bin ich nichts?« fragte eine Stimme in der Mitte der Gruft. Und Mogli sah etwas Weißliches sich bewegen. Langsam, ganz langsam richtete sich die ungeheuerste Kobra vor ihm auf, die er je gesehen hatte, beinahe acht Fuß lang und durch die ewige Dunkelheit zu elfenbeinernem Weiß verblichen. Selbst die Brillenzeichnung auf der gespreizten Haube war zu mattem Gelb verblaßt. Ihre Augen leuchteten rubinrot, und höchst wundersam war sie anzuschauen.

»Gute Jagd!« rief Mogli, den seine Höflichkeit so wenig wie sein Messer je verließ.

»Was Neues von der Stadt?« zischelte die weiße Kobra, ohne des Grußes zu achten. »Was Neues von der mächtigen, mauerumwallten Stadt – Stadt der hundert Elefanten, der zwanzigtausend Rosse und zahllosen Rinder –, dem Herrschersitze des Königs über zwanzig Könige? Taub werde ich hier, und schon lange ist es her, seit ich die Schlachtengongs vernahm.«

»Die Dschungel breitet sich über unseren Köpfen«, antwortete Mogli. »Von Elefanten kenne ich nur Hathi und seine Söhne. Baghira zerriß alle Pferde im Dorf; und – was ist ein König?«

»Ich sagte dir«, sprach Kaa sanft zu der Kobra, »ich sagte dir schon vor drei Monden, deine Stadt stünde nicht mehr.«

»Die Stadt – die machtvolle Feste im Walde, deren Tore beschirmt sind von den Türmen des Königs –, sie kann niemals vergehen. Gebaut wurde sie, bevor meines Vaters Vater aus dem Ei kroch, und bestehen wird sie noch, wenn meines Sohnes Söhne weiß sind wie ich. Salomdhi, Sohn des Tschandrabija, Sohn des Viyeja, Sohn des Yegasuri, schuf sie, die leuchtende Stadt in den Tagen von Bappa Rawal. Wessen Vieh seid ihr?«

»Eine verlorene Fährte ist es«, sagte Mogli zu Kaa. »Ich verstehe ihre Rede nicht.«

»Ich auch nicht. Sehr alt ist sie – Urahn der Kobras, nur die Dschungel ist hier und war es von Anbeginn an.«

»Wer aber ist er«, forschte die weiße Kobra, »der da vor mir sich niedersetzt, der ohne Angst ist, den Namen des Königs nicht kennt und unsere Sprache spricht mit Menschenlippen? Wer ist der mit dem Messer und der Schlangenzunge?«

»Mogli nennt man mich«, war die Antwort. »Von der Dschungel bin ich. Die Wölfe sind mein Volk, und Kaa hier ist mein Bruder. Ahn der Kobras, wer bist du?«

»Ich bin der Wächter der Schätze des Königs. Kurrun Radscha baute den Stein über mir in den Tagen, da meine Haut dunkel war, auf daß ich Tod bringe über alle, die kommen, um zu rauben. Dann senkten sie den Schatz durch die Steinplatte hernieder, und ich hörte den Gesang der Brahmanen, meiner Meister.«

»Hm«, brummte Mogli vor sich hin. »Mit einem Brahmanen habe ich schon einmal zu tun gehabt bei dem Menschenvolk – ich weiß, was ich weiß: Böses wird auch hier bald kommen.«

»Seitdem sitze ich zur Wacht. Fünfmal wurde der Stein gehoben, immer um noch mehr und mehr zu versenken, nie, um etwas fortzunehmen. Keine Schätze in der Welt gleichen diesen – den Schätzen von Hunderten von Königen. Aber lange, lange ist es her, seit der Stein zum letztenmal gehoben ward, ich glaube, daß meine Stadt mich vergaß.«

»Es ist keine Stadt da!« rief Kaa. »Schau hinauf. Wurzeln uralter Bäume spalten die Steine. Bäume und Menschen wachsen und wuchern nicht an ein und demselben Ort.«

»Zweimal, dreimal haben Menschen den Weg hierher gefunden«, antwortete grimmig die weiße Kobra, »aber sie sprachen nicht – bis ich über sie kam, sie im Dunkeln umklammernd, und dann wimmerten sie nur kurz. Aber ihr beide, Mensch und Schlange, kommt mit Lügen und wollt mich glauben machen, daß meine Stadt nicht mehr steht und meine Wacht zu Ende geht.

Die Menschen ändern sich wenig im Lauf der Zeiten. Aber ich, ich ändere mich nie. Bis der Stein hinweggenommen wird, bis die Brahmanen herabsteigen und die Gesänge singen, die ich kenne, mich füttern mit warmer Milch und mich hinauftragen ans Tageslicht – so lange halte ich hier – ich – ich – ich und kein anderer die Wacht bei dem Horte des Königs. Tot ist die Stadt, sagt ihr, und Wurzeln sprengen die Gruft! Gut, so bückt euch denn und nehmt, was ihr begehrt. Die Erde birgt keine größeren Schätze als diese. Mensch mit der Zunge der Schlangen, wenn du lebend den Weg zurückwanderst, den du gekommen bist, dann werden Könige deine Diener sein.«

»Wieder ist die Fährte verloren«, sagte Mogli kühl. »Sollte doch etwa ein Schakal so tief unter die Erde gewühlt und die Weiße Haube gebissen haben? Sicherlich redet sie irre. Ahn der Kobras, nichts sehe ich hier, was ich mit mir nehmen könnte.«

»Bei den Göttern von Sonne und Mond«, zischte die Kobra, »Todeswahnsinn ist über dem Knaben. Bevor deine Augen für immer sich schließen, will ich dir Gnade erweisen. Blicke hin und erschaue, was vor dir Menschen niemals erschauten.«

»Wer in der Dschungel zu Mogli von Gnade reden wollte, mit dem würde es schlecht stehen«, stieß der Knabe zwischen den Zähnen hervor. »Aber die Dunkelheit ändert alles, ich weiß wohl. Hinschauen will ich, wenn es dich freut.«

Mit zusammengekniffenen Augen blickte er im Gewölbe umher und hob vom Boden eine Handvoll glitzernder Dinge auf.

»Oh«, rief er, »das ist hier derselbe Stoff, mit dem das Menschenvolk spielt; nur ist dieser gelb, der andere war braun.«

Er ließ die Goldstücke wieder fallen und ging weiter. Der ganze Boden der Gruft war bedeckt mit einer fünf bis sechs Fuß hohen Schicht gemünzten Goldes und Silbers; es war aus den Säcken, in denen es ursprünglich lagerte, herausgequollen und hatte sich die vielen Jahre hindurch gesetzt und gehäuft, wie Sand bei der Ebbe. In und auf der Schicht, aus ihr hervorstehend wie Wracks aus dem Schlick, staken edelsteinglitzernde Elefanten-Hawdahs (Sessel) aus getriebenem Silber, mit Platten von gehämmertem Gold beschlagen und reich mit Karfunkeln und Türkisen besetzt. Da waren Tragbetten und Sänften für Königinnen aus Silber und Emaille, die Stangen mit Jadegriffen und Ringen aus Bernstein; güldene Kandelaber lagen zuhauf, an deren Armen Ketten von Smaragden zitterten; fünf Fuß hohe Bildsäulen vergangener Götter aus Silber mit Diamantenaugen; Kettenpanzer, mit Gold eingelegt und mit geschwärzten, verwitterten Perlen befranst; wappengeschmückte Helme mit taubenblutfarbenen Rubinen geziert; Schilde aus Schildpatt und Rhinozeroshaut, smaragdenübersät, die Buckel und Ränder aus rotem Gold; Schwerter mit Brillantengriffen, Dolche, Jagdmesser, goldene Opferschalen, tragbare Altäre, von einer Form, wie man sie nie im Tageslicht gesehen hat, Weihrauchbehälter, Jadeschalen, Kämme, Schminktöpfe für Henna und Augenpuder – alles aus rotem, getriebenem Golde. An den Wänden lagerten unzählige Ohrringe, Armspangen, Kopfbänder, Fingerringe und Gürtel. Da waren Schwertgehenke, sieben Finger breit, mit quadratisch geschliffenen Diamanten und Rubinen besetzt; hölzerne Truhen, dreifach mit Eisen umspannt, von denen das Holz wie Zunder abfiel, und aus denen nun ganze Haufen ungeschliffener Sternsaphire, Opale, Katzenaugen, Rubine, Diamanten, Smaragde und Granaten hervorschimmerten.

Die weiße Kobra hatte recht. Nicht abzuschätzen war der Geldeswert dieser Kostbarkeiten, zusammengetragen und gehäuft aus den Kriegen, dem Raub, dem Handel und den Tributen von Jahrhunderten. Die Münzen und Edelsteine waren kaum zu zählen; das tote Gewicht des Goldes und Silbers überstieg zwei- bis dreihundert Tonnen. Noch heutigentags besitzt jeder indische Herrscher, wie arm er auch sei, einen Hort, den er ständig vergrößert. Hin und wieder – sehr selten allerdings – kommt es wohl vor, daß ein aufgeklärter Fürst vierzig bis fünfzig Ochsenkarrenladungen Silbers gegen Staatspapiere austauscht, aber die meisten bewahren ihre Schätze und halten sie sorgfältig geheim.

Mogli natürlich ahnte nichts von der Bedeutung aller dieser Gegenstände. Die Messer fesselten ihn wohl, doch da sie nicht so gut im Griff lagen wie sein eigenes, ließ er sie wieder fallen. Zuletzt aber fand er doch etwas, was ihm begehrenswert erschien: es lag auf der Kante eines Elefantensessels, halb unter Münzen begraben, und war ein drei Fuß langer Ankus – Elefantentreibstock –, einem kleinen Bootshaken ähnlich. Ein runder, glühenden Rubin bildete den Knauf; der Handgriff, acht Zoll breit, war dicht mit ungeschliffenen Türkisen besetzt, die ein sicheres Anpacken ermöglichten; darüber zog sich ein Band aus Jade mit einem Blumenmuster, mit Blüten aus feurigroten Rubinen, die aus kühlen, grünen Blättern aus Smaragden hervorlugten. Der übrige Schaft war aus Elfenbein, der spitze Stachel mit dem Widerhaken aus Stahl mit Goldeinlegearbeit, die Bilder aus der Elefantenjagd darstellten. Diese Bilder vornehmlich fesselten Mogli, denn sie hatten offenbar mit seinem Freunde Hathi, dem Schweiger, zu tun.

Die weiße Kobra war ihm dicht auf den Fersen gefolgt.

»Ist das, was du erschautest, nicht wert, das Leben dafür zu lassen?« fragte sie. »Habe ich dir nicht eine große Gunst erwiesen?«

»Ich verstehe dich nicht«, antwortete Mogli. »Hart und kalt sind diese Sachen und zum Fraß nicht zu gebrauchen. Das hier aber« – er hob den Ankus auf –, »das möchte ich mitnehmen, damit ich es draußen in der Sonne beschauen kann. Dir gehört alles, sagtest du? Gib mir den Stachel, und ich will dir dafür Frösche bringen zum Fressen.«

Die weiße Kobra zitterte förmlich vor Schadenfreude. »Gewiß will ich ihn dir geben«, sagte sie. »Alles – alles sei dein eigen hier – alles – bis du von uns gehst.«

»Sogleich werde ich gehen. Dunkel und kalt ist dieser Ort. Ich will dieses dornspitzige Ding mit in die Dschungel nehmen.«

»Blicke hinab zu deinen Füßen. Was liegt da?«

Mogli hob etwas Glattes und Weißes auf. »Der Knochen von einem Menschenschädel ist es«, sagte er gelassen; »hier liegen noch zwei weitere.«

»Vor vielen Jahren kamen sie, um den Schatz zu heben. Im Dunkel der Gruft raunte ich ihnen zu, da lagen sie still.«

»Was soll ich mit dem, was du Schatz nennst? Aber schenkst du mir den Ankus, so bedeutet das ›Gute Jagd‹. Willst du ihn mir nicht geben, nun – ›Gute Jagd‹ ist dann auch. Mit den Giftvölkern streite ich nicht, und das Meisterwort deines Stammes ist mir bekannt.« »Hier gilt nur ein einziges Meisterwort: das meine!«

Kaa schwang sich vor mit blitzenden Augen. »Wer hieß mich den Menschen bringen?« zischte er grimmig.

»Ich natürlich«, lispelte die alte Kobra. »Lange ist es her, seitdem ich den Menschen sah, und dieser Mensch hier spricht unsere Sprache.«

»Aber von Töten war keine Rede«, entgegnete Kaa. »Kann ich zur Dschungel zurückkehren und sagen, daß ich ihn in den Tod geführt habe?«

»Ich spreche nicht von Töten – vor der Zeit. Und was dein Gehen oder Nichtgehen betrifft, dort ist das Loch in der Mauer. Friede nun, du fetter Affenvertilger! Ich brauche nur deinen Nacken zu berühren, und die Dschungel weiß nichts mehr von dir. Niemals drang ein Mensch an diesen Ort, der ihn wieder verlassen hätte mit Atem unter seinen Rippen. Der Hüter bin ich vom Schatz des Königs der großen Stadt.«

»Ich sagte dir bereits, du weißer Wurm der Nacht«, schrie Kaa, »weder König ist mehr da noch Stadt! Die Dschungel allein ist über uns.«

»Aber der Schatz ist noch da. Nur eins mag noch geschehen. Verharre noch ein Weilchen, Kaa von den Felsen, und sieh den Knaben rennen. Raum genug ist hier für große Hatz. Leben ist schön, Knabe, renne hin und her noch ein bißchen und belustige uns!«

Mogli legte ruhig seine Hand auf Kaas Haupt. »Die Weiße da hat bisher nur mit Menschen und Menschenvolk zu tun gehabt. Mich kennt sie nicht«, flüsterte er. »Jagd hat sie gefordert, sie soll sie haben.«

Mogli stand da, mit dem Ankus in der Hand, die Spitze nach unten gekehrt. Blitzschnell schleuderte er den Stab, die gabelförmige Spitze traf dicht hinter der Haube die große Schlange und nagelte sie auf dem Boden fest. Schon auch lag Kaas Gewicht auf dem sich windenden Körper und lähmte ihn von der Haube bis zum Schwanz. Die roten Augen der Kobra flackerten. Der freie Kopf peitschte wütend nach rechts und links.

»Töte!« rief Kaa, als Moglis Hand zum Messer fuhr.

»Nein«, sagte er und zog die Klinge heraus. »Nie wieder will ich töten, außer zur Nahrung. Aber sieh her, Kaa!« Er packte die Kobra hinter der Haube, zwang ihr mit der Klinge des Messers den Rachen auf und zeigte, daß die furchtbaren Giftzähne des oberen Kiefers schwarz und verdorrt im Zahnfleisch staken. Die weiße Kobra hatte ihr Gift überlebt, wie es bei Schlangen vorkommt.

»Sie sind verdorrt«, sagte Mogli, und Kaa zur Seite schiebend, zog er den Ankus aus dem Boden und gab die Kobra frei.

»Des Königs Schatz bedarf eines neuen Wächters«, sagte er ernst, »Thuu – das heißt ,Verdorrte‘ –, du hast ausgedient. Renne hin und her, Thuu, und belustige uns!«

»Geschändet bin ich, töte mich«, zischte die weiße Kobra.

»Zuviel war schon von Töten die Rede, jetzt wollen wir gehen. Das dornenspitze Ding nehme ich mit, Thuu, denn ich kämpfte mit dir und habe dich überwältigt.«

»So sieh denn zu, daß das dornenspitze Ding nicht dich tötet. Es ist der Tod! Vergiß nicht, der Tod! In dem Ding ist genug, um allen Menschen in meiner Stadt den Tod zu bringen. Nicht lange wirst du es behalten, Dschungelmensch, noch der, der es von dir nimmt. Töten, töten und töten werden sie um des Dinges willen. Verdorrt ist meine Kraft, aber der Ankus wird mein Werk für mich tun. Er ist der Tod – der Tod – der Tod!«

Mogli kroch durch das Loch in der Mauer. Als letztes sah er noch, wie die weiße Kobra wutentbrannt ihre verdorrten Giftzähne in die starren, goldenen Gesichter der Götter schlug, die auf dem Boden herumlagen, und dabei zischte: »Er ist der Tod!«

Wie erlöst waren sie beide, als sie wieder das Tageslicht erblickten. Heimgekehrt zur eigenen Dschungel, ließ Mogli den Ankus im Morgenlicht glitzern und freute sich fast so darüber, als wenn er sich ein Bündel frischer Blumen ins Haar gesteckt hätte.

»Heller glänzt er als die Augen Baghiras«, sagte er, den Rubin drehend und wendend. »Zeigen will ich es ihnen. Aber was meinte die Weiße Haube, als sie vom Tode sprach?«

»Ich kann es nicht sagen«, antwortete Kaa. »Traurig bin ich bis in die Spitze meines Schwanzes, daß sie nicht dein Messer zu fühlen bekam. Unglück stets lastet auf ›Cold Lairs‹ – über und unter der Erde. Jetzt aber hungert mich. Jagst du mit mir in der Morgendämmerung?« »Nein, Baghira soll das Ding gleich sehen. Gute Jagd!«

Mogli sprang davon, den schweren Ankus schwingend. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um ihn zu bewundern; dann kam er an den Teil der Dschungel, wo Baghira sich meist aufhielt. Er fand ihn saufend nach schwerem Töten. Mogli erzählte ihm seine Abenteuer, wobei Baghira ab und zu den Ankus beschnüffelte. Als Mogli die letzten Worte der weißen Kobra wiederholte, schnurrte Baghira zustimmend.

»Die Weiße Haube sprach also wahr?« fragte Mogli hastig.

»In den Käfigen des Königs zu Oodeypore kam ich zur Welt, und so weiß ich einiges von den Menschen. Viele würden dreimal in einer Nacht töten, nur um des einen großen roten Steins willen.«

»Aber der dumme Stein macht das Ding nur schwer in der Hand. Mein scharfes Messer ist viel nützlicher und – sieh, auch fressen kann man den roten Stein nicht. Warum also sollten sie töten um seinetwillen?«

»Mogli, geh‘ hin und leg‘ dich schlafen. Du hast unter Menschen gelebt und…«

»Und jetzt entsinne ich mich. Menschen töten nicht, um zu jagen, nein, zum Vergnügen und aus Bosheit. Wache auf, Baghira! Zu welchem Zweck diente denn das dornenspitze Ding?«

Baghira, sehr schläfrig, öffnete halb die Augen, und boshaft glänzten sie. »Die Menschen schufen es, um es in die Köpfe der Söhne Hathis zu stoßen, damit Blut herausfließt. Ich sah das oft in den Straßen von Oodeypore, vor unseren Käfigen. Das Ding da hat Blut von vielen Brüdern Hathis gekostet.«

»Aber warum stechen sie in die Köpfe von Elefanten?«

»Um sie Menschengesetz zu lehren! Da sie weder Klauen noch Hauer haben, machen die Menschen solches mit ihnen – und noch Schlimmeres.«

»Blut und immer wieder Blut, wenn ich an Dinge gerate, die vom Menschenvolk geschaffen wurden«, sagte Mogli angeekelt. Schwerer noch als zuvor schien ihm der Ankus. »Wenn ich das gewußt hätte, würde ich ihn nicht mitgenommen haben. Erst war es Messuas Blut an den Stricken, nun ist es das Blut Hathis und seiner Kinder. Ich will nichts mehr damit zu schaffen haben, schau her!«

Der Ankus flog blitzend im hohen Bogen durch die Luft und grub sich dann mit der Spitze in den Boden, dreißig Meter entfernt unter den Bäumen. »Nun sind meine Hände frei vom Tode«, sagte Mogli und rieb seine Handflächen auf der frischen feuchten Erde. »Die Haube sprach, Tod würde mir folgen. Alt ist sie, weiß und wirr.«

»Weiß oder schwarz, Tod oder Leben, ich geh‘ jetzt schlafen, kleiner Bruder. Ich kann nicht die ganz Nacht durch jagen und dann den ganzen Tag heulen, wie manche Völker.«

Baghira trabte fort, nach einer ihm bekannten Jagdhöhle, die zwei Meilen entfernt lag. Mogli suchte sich einen geeigneten Baum, knotete ein paar Schlingpflanzen zusammen und schaukelte in kürzerer Zeit, als sich’s erzählen läßt, in einer Hängematte fünfzig Fuß über dem Boden. Er hatte keine ausgesprochene Abneigung gegen Tageslicht, dennoch befolgte er die Sitte seiner Freunde und vermied es soviel wie möglich. Als er von dem vielstimmigen Lärm der in den Bäumen hausenden Völker geweckt wurde, war es wiederum Zwielicht; geträumt hatte er von den wundersamen Steinen, die er von sich geworfen.

»Wenigstens will ich mir das Ding noch einmal anschauen«, sagte er und ließ sich an einer Schlingpflanze auf den Boden gleiten. Baghira aber stand bereits vor ihm. Mogli hörte im Halbdunkel sein leises Fauchen.

»Wo ist das dornenspitze Ding?« rief Mogli.

»Ein Mensch hat es mitgenommen. Hier ist noch seine Fährte.«

»Nun werden wir sehen, ob die Haube die Wahrheit sprach. Wenn das spitze Ding der Tod ist, muß der Mensch sterben. Folgen wir ihm.«

»Jagen wir erst«, sagte Baghira. »Ein leerer Magen macht das Auge achtlos. Menschen gehen sehr langsam, und die Dschungel ist feucht genug, daß auch die schwächste Spur sichtbar bleibt.«

So schnell es ging, schlugen sie eine Beute; aber es vergingen doch fast drei Stunden, bis sie Mahl und Trank beendet hatten und der Fährte zu folgen begannen. Das Dschungelvolk weiß, daß nichts wichtig genug ist, um sich beim Fressen zu überhasten. »Glaubst du, daß das spitze Ding sich in der Menschenhand umdrehen und ihn töten wird?« fragte Mogli. »Die Haube sagte, es wäre der Tod.«

»Wir werden sehen, wenn wir finden«, gab Baghira zurück und trottete mit gesenktem Kopf dahin. »Einzelfuß ist es.« (Er meinte, daß die Spur nur von einem Manne herrührte.) »Und das Gewicht des Dinges hat seine Fersen tief in den Boden gedrückt.«

»Hei! Das ist klar wie ein Blitz in der Sommernacht!« antwortete Mogli. Sie fielen in den raschen, taktmäßigen Fährtentrab und folgten durch das wechselnde Mondlicht der Spur der zwei nackten Füße.

»Hier ist er schneller gelaufen«, sagte Mogli. »Die Zehen stehen weit auseinander.« Sie kamen nun über sumpfigen Grund. »Warum ist er hier seitwärts abgebogen?«

»Warte«, sagte Baghira und schwang sich mit einem mächtigen Satz voraus, soweit er nur konnte. Sobald eine Fährte unklar wird, ist es zunächst notwendig, einen Sprung nach vorwärts zu machen, um von den eigenen verwirrenden Fußspuren freizukommen. Als Baghira gelandet war, wandte er sich um und rief:

»Hier kommt eine andere Fährte mit der ersten zusammen. Ein kleinerer Fuß ist die zweite Spur, und die Zehen stehen einwärts.«

Mogli eilte hinzu und betrachtete die neue Spur. »Es ist der Fuß eines Gondjägers«, sagte er. »Sieh, hier schleifte er den Bogen über das Gras. Deshalb drehte die erste Fährte so schnell nach der Seite ab. Großer Fuß barg sich vor kleinem Fuß.«

»So ist es«, sagte Baghira. »Wenn wir jetzt gemeinsam folgen, trüben wir die Zeichen. Jeder von uns nimmt eine Fährte auf. Ich bin großer Fuß, kleiner Bruder, und du bist kleiner Fuß, der Gond.«

Baghira sprang zurück auf die ursprüngliche Fährte und ließ Mogli an der Kreuzung zurück. Der stand gebeugt über die sonderbare Spur der einwärtsstehenden Zehen des kleinen wilden Mannes der Wälder.

»Jetzt«, rief Baghira, Schritt für Schritt an der Kette der Fußspuren entlangtretend, »jetzt wende ich, großer Fuß, hier zur Seite. Jetzt verberge ich mich hinter einem Felsblock und verharre regungslos und wage nicht, meine Füße zu verschieben. Gib deine Fährte an, kleiner Bruder.«

»Ich, kleiner Fuß, komme zu dem Felsen«, rief Mogli, auf seiner Fährte laufend. »Nun setze ich mich unter dem Felsen nieder, stütze mich auf die rechte Hand und stelle den Bogen zwischen die Zehen. Lange warte ich so, denn tief ist hier die Spur meiner Füße.«

»Auch ich«, antwortete Baghira, hinter dem Felsen verborgen.

»Ich verharre, den Knauf des dornenspitzen Dinges auf einen Stein gestützt. Es gleitet ab, hier ist eine Schramme auf dem Stein. Gib Laut auf deiner Fährte, kleiner Bruder.«

»Ein, zwei dürre Zweige sind hier gebrochen und ein großer Ast«, antwortete Mogli gedämpft. »Wie deutet sich das? Aha! Nun ist alles klar! Ich, kleiner Fuß, gehe weg, geräuschvoll, laut stampfend, damit großer Fuß mich hören möge.« Schritt für Schritt bewegte sich Mogli von dem Felsen fort, und seine Stimme schwoll an, als er sich einem kleinen Wasserfall näherte. »Ich – gehe – weit – weg –, dort – dorthin – wo rauschendes – Wasser – mein – Geräusch – verdeckt; und – hier – warte ich. Künde deine Fährte, Baghira, großer Fuß.«

Der Panther sprang nach allen Richtungen, um auszumachen, wie die Fährte von großer Fuß von dem Felsen ab verlief. Dann rief er:

»Auf den Knien krieche ich hinter dem Felsen hervor, das dornenspitze Ding schleppe ich nach. Niemanden sehe ich; springe auf und renne. Großer Fuß rennt scharf. Deutlich ist die Fährte. Jeder folge der seinen. Ich laufe.«

Baghira fegte auf der deutlich gezeichneten Fährte hin, und Mogli folgte den Fußspuren des Gond. Kurze Zeit lag Schweigen über der Dschungel.

»Kleiner Fuß, wo bist du?« tönte es dann von Baghira herüber. Moglis Stimme antwortete kaum fünfzig Meter zur Rechten.

»Um!« knurrte der Panther. »Nebeneinander laufen die zwei, jetzt nähern sie sich langsam!«

Noch eine halbe Meile etwa liefen sie nebeneinander hin; dann rief Mogli, dessen Kopf nicht so nahe der Erde war wie der Baghiras: »Sie trafen zusammen. Gute Jagd! Schau! Hier stand kleiner Fuß, ein Knie auf einem Felsblock und dort, wahrhaftig, ist großer Fuß.«

Nicht zehn Meter von ihnen entfernt, über zerbröckelten Fels hingestreckt, lag der Leichnam eines Dörflers aus dem Distrikt, Rücken und Brust durchbohrt von einem befiederten Gondpfeil.

»War die Haube wirklich so alt und so wirr, kleiner Bruder?« fragte Baghira sanft. »Ein Tod ist hier zum wenigsten.«

»Folgen wir weiter. Aber wo kam der Elefantenbluttrinker hin – der rotäugige Dorn?«

»Kleiner Fuß hat ihn vielleicht. Jetzt ist wieder nur Einzelfuß.«

Die einzelne Spur eines leichten Mannes, der mit einer Last auf der linken Schulter schnell gelaufen sein mußte, führte über einen mit trockenem Gras bewachsenen Hang hin, wo jeder Fußtritt den scharfen Augen wie in glühendes Erz gegossen erschien.

Keiner gab Laut, bis die Fährte sie bis an die Asche eines Feldfeuers führte, das in einer Schlucht verborgen schwelte.

»Wieder!« sagte Baghira, plötzlich anhaltend, als wäre er zu Stein verwandelt.

Der Leichnam eines kleinen hageren Gond lag mit den Füßen in der Asche kohlend; Baghira äugte fragend zu Mogli hinüber.

»Das ist mit einem Bambus geschehen«, sagte der Knabe nach einem Blick auf den Toten. »Mit solchem Ding hütete ich Büffel, als ich dem Menschenvolk diente. Die Weiße Haube – betrübt bin ich, über sie gelacht zu haben – kannte gut das Gesicht; ich hätte es wissen können. Sagte ich nicht, Menschen töten aus Bosheit?«

»Ja, sie töten um der roten und blauen Steine willen«, sagte Baghira. »Bedenke, ich war in den Käfigen des Königs zu Oodeypore.«

»Eins, zwei, drei, vier Fußspuren«, zählte Mogli, über die Feuerstelle gebeugt. »Vier Fährten von beschuhten Männern. So schnell wie die Gond laufen sie nicht. Was kann ihnen der kleine Waldmensch Böses getan haben? Sieh, alle fünf standen beieinander und redeten zusammen, bevor sie ihn töteten. Kehren wir zurück, Baghira! Schwer ist mein Magen in mir, dennoch wippt er auf und ab, wie das Nest des Pfingstvogels auf der äußersten Spitze des Astes.«

»Keine gute Jagd ist es, wenn man das Wild entwischen läßt«, sagte der Panther. »Folge! Nicht weit sind die acht beschuhten Füße gegangen.«

Eine Stunde lang sprach keiner ein Wort, indes sie der breiten Fährte der vier Männer folgten.

Hell und heiß stand bereits die Sonne am Himmel, da sagte Baghira: »Rauch rieche ich.«

»Immer fressen die Menschen lieber als laufen«, antwortete Mogli, indes er das niedrige Gestrüpp der neuen Dschungel kreuz und quer durchspürte. Baghira, etwas zur Linken, machte plötzlich ein unbeschreibliches Geräusch in der Gurgel.

»Hier ist einer, der kein Futter mehr braucht«, sagte er. Ein Haufen zerschlissener, buntfarbiger Kleider lag unter einem Busch, und ringsum war Mehl verstreut.

»Das geschah wieder mit dem Bambus«, sagte Mogli. »Sieh, solchen weißen Staub essen die Menschen. Sie haben diesem, der ihr Futter trug, den Tod gegeben – geben ihn nun Tschil, dem Geier, zum Futter.«

»Der dritte ist es«, sagte Baghira.

»Frische dicke Frösche will ich der Weißen Haube bringen, sie fett zu machen«, sagte Mogli zu sich selbst. »Der Elefantentrinker ist der Tod selbst – aber noch verstehe ich nicht!«

»Folge!« rief Baghira.

Sie waren kaum eine halbe Meile weiter vorgedrungen, als sie Ko, die Krähe, das Totenlied singen hörten im Wipfel eines Tamarindenbaumes, unter dessen Schatten drei Männer hingestreckt lagen. In der Mitte des Kreises rauchte ein halberloschenes Feuer unter einer eisernen Platte, auf der Brotkuchen verkohlten. Dicht bei dem Feuer lag, hell im Sonnenlicht glitzernd, der mit Rubinen und Türkisen bedeckte Ankus.

»Schnell arbeitet das Ding. Hier endet alles«, sagte Baghira. »Wie aber kamen diese Menschen um, Mogli? Kein Fleck noch Wunde ist an ihnen.«

Ein Dschungelbewohner weiß aus Erfahrung mehr über giftige Pflanzen und Beeren als die meisten Ärzte. Mogli roch in den Rauch, der vom Feuer hochstieg, brach ein Stück des geschwärzten Brotes, kostete es und spie es wieder aus.

»Apfel des Todes«, hustete er. »Der erste muß ihn in das Futter gemischt haben für die anderen, die ihn töteten, nachdem sie den Gond getötet hatten.«

»Große Jagd – wahrlich«, rief Baghira, »Tod folgt auf Tod.«

»Apfel des Todes« nennt man in der Dschungel den Dornapfel oder Datura – das stärkste Gift in ganz Indien.

»Was nun?« fragte der Panther. »Du und ich, müssen wir nun einander töten, für den rotäugigen Schläger dort?«

»Kann er reden?« flüsterte Mogli. »Habe ich ihn beleidigt, als ich ihn fortwarf? Zwischen uns kann er nicht Unheil stiften, denn wir wünschen nicht, was Menschen begehren. Bleibt er aber hier liegen, wird er sicherlich weiter Menschen töten, einen nach dem anderen, so schnell, wie Nüsse von den Bäumen fallen im Sturm. Liebe zu Menschen habe ich nicht, aber selbst ich will nicht, daß sechs in einer Nacht umkommen.«

»Was tut es? Nur Menschen sind es! Sie töteten einander und fanden Lust daran«, sagte Baghira. »Gut jagte der erste kleine Waldmensch.«

»Junge sind sie nichtsdestoweniger; ein Junges würde sich ersaufen, um den Mond im Wasser zu beißen. Meine Schuld war es«, sprach Mogli, der redete, als ob er alles über alles wüßte. »Niemals wieder schleppe ich fremde Dinge in den Dschungel – und wären sie wie Blumen so schön. Dieser«, behutsam hob er den Ankus auf, »kehrt zu dem Ahn der Kobras zurück. Aber schlafen müssen wir erst und schlafen können wir nicht in der Nähe der Schläfer dort. Auch müssen wir ihn vergraben, er könnte sonst fortrennen und noch sechs weitere töten. Scharre ein Loch unter dem Baume.«

»Aber, kleiner Bruder«, wandte Baghira ein, dem Baum zuschreitend, »ich sage dir, nicht der Blutsäufer hat schuld. An den Menschen liegt alles.«

»Einerlei«, entgegnete Mogli. »Tief grabe das Loch. Wenn wir erwachen, hole ich ihn heraus und trage ihn zurück.« Zwei Nächte später, als die weiße Kobra im Dunkel der Gruft lag – geschändet, bestohlen, einsam –, wirbelte der von Edelsteinen funkelnde Ankus durch das Loch in der Mauer und fiel klirrend in das Meer güldener Münzen am Boden.

»Urahn der Kobras!« rief Mogli – er blieb wohlweislich außerhalb der Mauer –. »Nimm dir aus deinem Volke einen Jungen und Starken zu Hilfe, um den Schatz des Königs zu hüten, auf daß nie wieder ein Mensch diesen Ort lebend verlasse.«

»Ah, ah! Er kehrt also heim«, murmelte die alte Kobra und wand sich liebkosend um den Ankus. »Ich sagte doch, das Ding ist der Tod. Wie kommt es, daß du noch lebst?«

»Bei dem Bullen, für den Baghira mich in das Rudel der Sioniwölfe einkaufte, ich weiß es nicht! Das Ding hat sechsmal getötet in einer Nacht. Bewahre es wohl in ewiger Finsternis.«

Gesang des kleinen Jägers

Gesang des kleinen Jägers

                Eh‘ Mor, der Pfau, aufflattert,
      eh‘ das Affenvolk erwacht,
Eh‘ Tschil, der Geier,
      stößt zu Tal voll Gier –
Durch die Dschungel fliegt ein Schatten,
      und ein Seufzen stöhnet sacht –
Das ist Furcht, o kleiner Jäger –
      Furcht ist hier!

Sachte, sachte, an dem Hang
      heimlich, lauernd schleicht’s entlang,
Und ein Flüstern regt sich ängstlich
      fern und nah –
Und der Schweiß deckt dein Gesicht,
      denn vorüber strich’s ganz dicht –
Das ist Furcht, o kleiner Jäger –
      Furcht ist da!

Eh‘ der Mond den Fels erklomm,
      eh‘ den Grat in Licht er taucht,
Wann des Waldvolks Schwänze
      hangen schwer und feucht,
Ha! ein Atem heiß dich haucht –
      schnobernd durch die Nacht es faucht –
Das ist Furcht, o kleiner Jäger –
      Furcht da schleicht!

Auf die Knie, den Strang gestrafft,
      von der Sehne schnell den Schaft –
In das höhnend leere Dickicht
      wirf den Speer –
Bebend sinket dir die Hand,
      aus der Wang‘ das Blut entschwand –
Nah ist Furcht, o kleiner Jäger –
      Furcht schlich her!

Wenn die Wolke saugt den Sturm,
      krachend sich ihm beugt der Wald,
Wenn im Regensturz
      des Himmels Dach zerbricht,
Durch des Donners Toben hallt,
      horch – ein Ton, der lauter schallt –
Furcht, o kleiner Jäger,
      Furcht da spricht!

Höher schwillt des Stromes Lauf,
      wilder tanzt der Kiesel Hauf‘,
Zuckend Blitz auf Blitz
      das Blättermeer durchfurcht,
Angst vertrocknet Kehl‘ und Lippen,
      und das Herz tost an die Rippen,
Hämmert: Furcht – o kleiner Jäger –
      das ist Furcht!

Ein Sang des Kabir

Ein Sang des Kabir

        Oh, wie leicht wog die Welt in der Macht seiner Hand!
Wie weit zog sein Ruhm über Lehen und Land!
Er stieg nieder vom Thron, ließ die Macht und den Schein,
Ging in Bettlergewand, ein Bairagi zu sein.

Weiß glüht Delhis Straße, dem Fuß nun zur Matten,
Dammar und Akazie dem Haupt nun zum Schatten,
Sein Heim das Gewühl, Feld und Wald, Wüstenei’n,
Einen Pfad sucht im All der Bairagi allein.

Er schaute den Menschen, sein Auge ward klar
(Einer wird, spricht Kabir, einer ist, einer war),
Der Tat roter Nebel nicht hüllt ihn mehr ein,
Er wandelt den Pfad – ein Bairagi – allein.

Daß vom Bruder, dem Tier, seinem Bruder, der Erde,
Seinem Bruder, dem Gott, Erkenntnis ihm werde,
Ließ Thron er und Rat – er starb nun dem Schein
(Ihr hört? spricht Kabir), ein Bairagi zu sein.

Die Dschungel los!

Die Dschungel los!

        Hüllet sie, decket sie, schlinget sie ein,
Blüte und Ranke und Kraut!
Der Geruch und Geschmack soll vergessen sein,
Dieser Brut, ihr Blick und ihr Laut!
Schwarzfette Asche am Altarstein,
Weißflüssiger Regen, hierher!
Die Hirschkuh kalbt am verwilderten Rain,
Niemand erschrecke sie mehr.
Zerbröckelt die Mauern, zerstückelt der Schrein.
Keiner hause hier mehr!

Sicher erinnert ihr euch noch daran, wie das damals war, als Mogli Schir Khans Haut an den Rätefelsen heftete und dem Rest des Sionirudels erklärte, er wolle fortan allein in der Dschungel jagen. Nur die vier Jungen von Mutter und Vater Wolf taten sich zu ihm.

Aber leicht ist es nicht, sein ganzes Leben mit einemmal zu ändern – vornehmlich in der Dschungel. Als das aufrührerische Wolfspack abgezogen war, begab sich Mogli als erstes zur heimatlichen Höhle und schlief einen Tag und eine Nacht hindurch. Darauf erzählte er Vater und Mutter Wolf von seinen Erlebnissen bei den Menschen, soviel sie davon verstehen konnten; und als er die Morgensonne auf der Klinge seines Jagdmessers aufblitzen ließ – des Messers, mit dem er Schir Khan abgehäutet hatte –, sagten sie, er habe etwas gelernt. Dann berichteten Akela und Graubruder von ihrer Mitwirkung bei dem großen Büffeltreiben in der Schlucht, und Balu kam herangewackelt, um alles zu hören, während Baghira in seiner Freude über Moglis Kriegskunst sich am ganzen Körper kraulte.

Lange nach Sonnenaufgang war es schon, aber keiner dachte an Schlaf; von Zeit zu Zeit hob Mutter Wolf den Kopf hoch und schnupperte tief befriedigt, wenn der Wind ihr den Geruch des Tigerfells vom Rätefelsen zutrug.

»Ohne Akela und Graubruder hätte ich es nicht geschafft«, endete Mogli seine Erzählung. »O Mutter, Mutter! Hättest du die blauen Herdenbullen gesehen, wie sie die Schlucht hinabdonnerten oder durch die Tore stürmten, als das Menschenvolk mit Steinen nach mir warf.«

»Froh bin ich, das nicht gesehen zu haben«, sagte Mutter Wolf sehr steif. »Es ist nicht meine Art, zu dulden, daß meine Jungen wie Schakale gehetzt werden. Ich würde dem Menschenpack eine schöne Rechnung gemacht haben; aber die Frau, die dir Milch gab, hätte ich geschont. Ja, sie allein.«

»Frieden, halte Frieden, Raschka!« sagte Vater Wolf und dehnte sich faul. »Unser Frosch ist ja heimgekehrt und so weise geworden, daß sein eigener Vater ihm die Füße lecken muß. Was macht schon eine Schramme mehr oder weniger am Kopf? Laß die Menschen in Ruh!« – »Laßt die Menschen in Ruh!« wiederholten Balu und Baghira.

Mogli, den Kopf an Mutter Wolfs Seite gelegt, lachte zufrieden und sagte, was ihn angehe, so wünsche er nie wieder den Menschen zu sehen, zu hören oder zu riechen.

»Was aber dann«, sagte Akela, ein Ohr hochstellend, »was aber dann, wenn die Menschen dich nicht in Ruhe lassen, kleiner Bruder?«

»Wir sind unserer fünf«, rief Graubruder, sich im Kreise umsehend, und schnappte mit hartem Laut die Kiefer zusammen.

»Bei dieser Jagd möchten wir auch dabei sein«, sagte Baghira mit leisem »Switsch, switsch« des Schweifes und sah Balu an. »Aber warum jetzt an Menschen denken, Akela?«

»Darum!« entgegnete der Einsiedelwolf. »Als die Haut des gelben Diebes an den Felsen geheftet war, lief ich zurück auf unserer Fährte, dem Dorf zu; aber meiner Spur folgend, schwenkte ich bald nach rechts, bald nach links, bald wälzte ich mich, um die Fährte zu verwischen, falls jemand uns folgen sollte. Als ich aber die Fährte so getrübt hatte, daß ich sie selbst kaum wiedererkannte, kam Mang, die Fledermaus, angeschwirrt und hakte sich über mir an einem Aste fest. Sprach Mang: ›Im Dorf des Menschenpacks, wo sie das Menschenjunge ausstießen, summt es wie in einem Hornissennest.‹«

»Ich habe aber auch einen tüchtigen Stein geworfen«, lachte Mogli, der oft reife Papayas in die Nester der Hornissen geworfen hatte, um sich dann in den nächsten Pfuhl zu stürzen, ehe sie ihn einholen konnten.

»Ich fragte Mang, was er gesehen hätte. Er erzählte, die rote Blume blühe vor dem Eingang des Dorfes, und Männer mit Flinten säßen dabei. Ich aber weiß, und guten Grund habe ich dafür«, hier sah Akela nach seinen alten Narben auf Flanken und Schultern, »daß Menschen nicht zum Vergnügen Flinten tragen. Und jetzt, kleiner Bruder, sucht ein Mensch mit Flinte unsere Spur, wenn er sie nicht schon gefunden hat.«

»Aber warum sollte er?« fragte Mogli ärgerlich. »Sie haben mich ausgestoßen, die Menschen. Was wollen sie noch mehr?«

»Ein Mensch bist du, kleiner Bruder«, antwortete Akela. »Uns, den freien Jägern, steht nicht zu, dir zu sagen, was deine Brüder tun und warum.«

Er hatte gerade noch Zeit, seine Tatze hochzureißen, als Moglis Jagdmesser neben ihm tief in den Grund fuhr. Moglis Wurf war schneller, als ein menschliches Auge folgen konnte; aber Akela war ein Wolf, und selbst ein Hund, der dem Wolf, seinem wilden Vorfahren, bei weitem nachsteht, kann, aus tiefem Schlaf auffahrend, noch zur Seite springen, wenn ein Wagenrad schon seine Flanke berührt, ohne daß es ihn verletzt.

»Ein andermal«, sagte Mogli ruhig und steckte das Messer in die Scheide, »ein andermal sprich von dem Menschenvolk und Mogli nicht in einem Atemzuge.«

»Phff, das ist ein scharfer Zahn«, sagte Akela und beschnüffelte den Einschnitt, den das Messer im Boden gemacht hatte. »Aber das Leben unter den Menschen hat dein Auge verdorben, kleiner Bruder. In der Zeit, wo du das Messer warfst, hätte ich einen Bock reißen können.«

In diesem Augenblick sprang Baghira auf, warf den Kopf hoch, witterte und stand regungslos, jeden Muskel des Körpers gestrafft. Schnell folgte Graubruder dem Beispiel, sich links von ihm haltend, um den Wind zu bekommen, der von rechts kam; Akela sprang fünfzig Meter dem Wind entgegen und lag sprungbereit niedergeduckt. Mogli sah neidvoll zu. Vieles witterte er, wie kaum ein Mensch, doch nie erreichte er auch nur annähernd die haarscharfe Feinheit der Dschungelnase, und die drei Monate im Dorf unter Menschen hatten zudem seinen Geruchssinn abgestumpft. Indessen befeuchtete er den Finger, rieb ihn an seiner Nase und stand hoch aufgerichtet, um die obere Witterung zu bekommen, die, wenn auch die schwächste, doch die sicherste ist.

»Menschen«, knurrte Akela und setzte sich auf die Hinterläufe.

»Buldeo!« rief Mogli und ließ sich nieder. »Er folgt unserer Fährte; und seht, die Sonne glitzert auf seiner Büchse.«

Es war nur ein kurzes Aufblinken, der Bruchteil einer Sekunde, auf den Messingbeschlägen der alten Muskete; aber in der Dschungel blinkt niemals etwas so mit solchem Blitzen, sofern nicht Wolken über den Himmel jagen. Dann glitzert wohl im rasch wechselnden Licht ein Stück Glimmer, eine kleine Wasserpfütze oder ein glänzendes Blatt auf wie ein Sonnentelegraph. Aber heute war der Tag gleichmäßig klar und wolkenlos.

»Ich wußte, daß Menschen uns folgen würden«, sagte Akela triumphierend, »nicht umsonst war ich Führer des Rudels.« Moglis vier Wölfe schlichen schweigend, tief zur Erde geduckt, den Hügel hinab und verschwanden im Dorn und niederen Gestrüpp.

»Wohin lauft ihr denn, ohne ein Wort zu sagen?« rief Mogli.

»Still! Vor Mittag noch rollen wir seinen Schädel hierher«, antwortete Graubruder.

»Zurück! Zurück Ihr! Und wartet!« schrie Mogli. »Menschen fressen keine Menschen.«

»Wer wollte noch eben ein Wolf sein? Wer warf das Messer nach mir, weil ich sagte, er wäre ein Mensch?« und die vier krochen widerwillig gehorchend zurück.

»Muß ich Gründe nennen für das, was mir zu tun beliebt?« gab Mogli wütend zurück.

»Mensch ist das, so spricht Mensch!« murrte Baghira leise in seinen Bart. »Just so redeten die Menschen vor den Käfigen des Königs in Oodeypore. Wir von der Dschungel wissen, daß der Mensch das weiseste aller Geschöpfe ist. Dürften wir aber unseren Ohren trauen, so würden wir erkennen, daß er der törichste ist von allen.« Laut sagte er dann: »Das Menschenjunge hat recht. Menschen jagen in Rudeln. Einen zu töten, ohne zu wissen, was die anderen tun werden, ist schlechte Jagd. Kommt, laßt uns sehen, was dieser Mann gegen uns im Schilde führt.«

»Wir kommen nicht mit«, brummte Graubruder. »Jage allein, kleiner Bruder, wir wissen, was wir wollen. Jetzt könnte der Schädel schon fertig sein, um hierhergebracht zu werden.« Moglis Blicke wanderten von einem Freund zum anderen, seine Brust hob sich, und die Augen füllten sich mit Tränen. Er ging ein paar Schritte vor, fiel auf die Knie und sagte: »Weiß ich etwa nicht, was ich will? Seht mich an!«

Unsicher blickten sie auf ihn, und wenn ihre Augen sich abwenden wollten, rief er immer wieder und wieder: »Blickt mich an!« Bis jedes Haar an ihrem Körper sich sträubte und ihre Glieder zitterten unter Moglis starrendem Blick.

»Nun«, sagte er endlich, »wer ist der Führer unter den fünfen?«

»Du bist der Führer, kleiner Bruder«, sagte Graubruder und leckte Moglis Füße.

»So folgt denn«, befahl Mogli, und die vier schlichen hinter ihm drein mit eingekniffenen Schwänzen.

»Das hat man davon, wenn man sich mit Menschen abgibt«, zischte Baghira, ihm nachgleitend. »In der Dschungel gilt noch etwas anderes jetzt als Dschungelgesetz, Balu.«

Der alte Bär schwieg, aber dachte sich so manches. Geräuschlos durchquerte Mogli die Dschungel im rechten Winkel zu Buldeos Pfad. Als er das Unterholz teilte, sah er den alten Mann, die Muskete geschultert, auf der zwei Tage alten Fährte im Hundetrab herankeuchen.

Ihr entsinnt euch, wie Mogli das Dorf verließ, mit der schweren Last von Schir Khans Haut auf den Schultern, während Akela und Graubruder hinter ihm dreintrabten, so daß die Fährte sehr deutlich gezeichnet war. Nun aber kam Buldeo an die Stelle, von der aus Akela, wie ihr wißt, kreuz und quer zurückgegangen war, um die Spur zu verwischen. Buldeo setzte sich nieder, hustete, brummte, stand dann wieder auf und lief hierhin und dorthin im Dickicht, um die Fährte wiederzufinden, während er leicht hätte einen Stein werfen können auf die, die ihn belauschten. Kein anderes Geschöpf kann sich so leise bewegen wie der Wolf, wenn er nicht gehört sein will; und auch Mogli konnte kommen und gehen wie ein Schatten, wenn die anderen ihn auch plump und schwerfällig fanden. Sie umkreisten den alten Mann. Tümmlern gleich, die einen Dampfer in voller Fahrt umringen; dabei redeten sie sorglos weiter, denn ihre Sprache setzte erst nach dem untersten Ton der Skala ein, die für geübte menschliche Wesen vernehmbar ist. Das andere Ende der Skala gipfelt in dem schrillen Pfiff von Mang, der Fledermaus, die viele gar nicht hören können, und bei diesem Ton erst setzt die eigentliche Sprache der Vögel, Fledermäuse und Insekten ein.

»Das hier ist noch besser als Beute schlagen«, sagte Graubruder, indes Buldeo sich bückte, stierte und schnaufte. »Er sieht aus wie ein Schwein, das sich in der Uferdschungel verloren hat. Was sagt er?« Buldeo brummte wütend vor sich hin.

Mogli übersetzte: »Er sagt, daß hier das Wolfsrudel um mich herumgetanzt haben müßte. Er sagt, eine solche Fährte wäre ihm noch nicht in seinem ganzen Leben vorgekommen. Müde sei er.«

»Er wird zur Ruhe gebracht werden, bevor er noch die Fährte wiedergefunden hat«, sagte Baghira kühl und schlängelte sich um einen Baumstamm in ihrem gemeinsamen Blindekuhspiel. »Was tut das magere Ding jetzt?«

»Es frißt oder bläst Rauchwolken aus seinem Mund, Menschen müssen immer etwas tun mit ihrem Mund.« Und die stillen Treiber sahen, wie der alte Mann eine Pfeife füllte, anzündete und rauchte; und sie merkten sich genau den Geruch des Tabaks, um Buldeo, wenn nötig, auch in dunkelster Nacht ausmachen zu können.

Später kam ein kleiner Trupp von Köhlern des Wegs und hielt an, um mit Buldeo zu sprechen, dessen Ruhm auf zwanzig Meilen im Umkreis zum mindesten reichte. Alle setzten sich nieder und rauchten. Baghira und die anderen schoben sich näher heran und horchten, indes Buldeo die Geschichte von Mogli, dem Teufelskind, zu erzählen begann, mit allerlei Zutaten und Erfindungen. Er selbst hatte natürlich Schir Khan getötet, und Mogli hätte sich plötzlich in einen Wolf verwandelt und den ganzen Nachmittag mit ihm gekämpft, worauf er dann wieder Knabe wurde und Buldeos Büchse behexte, so daß die Kugel, als er auf Mogli schoß, um die Ecke flog und einen von Buldeos eigenen Büffeln traf; nun habe das Dorf ihn, den tapfersten Jäger in Sioni, ausgeschickt, um das Teufelskind zu erledigen. Inzwischen hätten sie im Dorf Messua und ihren Mann, zweifellos die Eltern des Teufelskindes, in ihrer eigenen Hütte eingesperrt und wollten sie nun bald foltern, damit sie geständen, Zauberer und Hexe zu sein, worauf sie dann verbrannt werden sollten.

»Wann wird das sein?« fragten die Köhler, denn sie wollten bei dem Fest nicht fehlen. Buldeo sagte, es würde nichts geschehen, bis er zurückgekehrt wäre, denn man wünsche im Dorfe, daß er zuvor den Dschungelknaben tötete. Danach sollten Messua und ihr Mann drankommen, und ihre Äcker und Büffel sollten unter die Dorfbewohner verteilt werden. Messuas Mann besäße einige kapitale Stücke. Es wäre sehr verdienstvoll, Zauberer zu vernichten, meinte Buldeo, und Leute, die Wolfskinder aus dem Dschungel aufzögen, wären sicher die allerschlimmsten Zauberer.

Aber wenn nun die Engländer davon erführen? meinten die Köhler. Die Engländer wären ein ganz verrücktes Volk, hätte man ihnen gesagt, und hinderten ehrbare Landleute daran, Hexen in Ruhe zu verbrennen.

Ach was, erklärte Buldeo, der Dorfvorsteher würde berichten, daß Messua und ihr Mann am Schlangenbiß gestorben wären. Das sei alles schon abgemacht. Die Hauptsache wäre nun, das Wolfskind zu töten. Ob sie vielleicht zufällig irgendwo eine solche Kreatur gesehen hätten?

Die Kohlenbrenner blickten sich scheu um und dankten den Sternen, einem solchen Wesen nicht begegnet zu sein; aber sie zweifelten nicht, daß ein so tapferer Mann wie Buldeo den Dämon finden würde, wenn der überhaupt zu finden wäre. Die Sonne stand schon tief, und ihnen kam der Gedanke, nach Buldeos Dorf zu wandern, um sich die Hexe anzusehen. Buldeo erklärte darauf, es wäre zuvor seine Pflicht, das Teufelskind zu töten, aber unbewaffnete Männer so ohne Schutz und Begleitung durch den Dschungel gehen zu lassen, wo jeden Augenblick der Wolfsdämon auftauchen könnte, das wäre sträflicher Leichtsinn. Er wollte daher mit ihnen gehen, und sollte das Hexenkind auftauchen – nun, dann würde er ihnen zeigen, wie der beste Jäger in Sioni mit so einem Ding fertig wird. Außerdem hätte ihm der Brahmane einen Talisman gegen den Dämon gegeben, so daß man also ganz sicher sein könne.

»Was sagt er? Was sagt er?« wiederholten die Wölfe alle Augenblicke, und Mogli übersetzte, bis er zu der Hexengeschichte kam, die etwas über seinen Verstand ging. Dann sagte er den Wölfen, daß der Mann und die Frau, die so gut zu ihm gewesen wären, in der Falle säßen.

»Fangen die Menschen denn andere Menschen in Fallen?« fragte Baghira.

»So sagt er. Ich verstehe das Geschwätz nicht. Verrückt sind sie alle zusammen. Was haben Messua und ihr Mann mit mir zu schaffen, daß man sie in der Falle fängt? Und was bedeutet das Gerede von der roten Blume? Ich muß gehen und nachsehen. Was sie auch immer vorhaben gegen Messua, sie werden nichts unternehmen, ehe Buldeo zurück ist, und so…« Mogli dachte scharf nach, mit den Fingern am Griff des langen Jagdmessers spielend, Buldeo aber und die Köhler entfernten sich, tapfer im Gänsemarsch schreitend.

»Ich muß sofort zum Menschenpack zurück«, sagte Mogli endlich.

»Und jene da?« fragte Graubruder und blickte gierig den braunen Rücken der Köhler nach.

»Singt sie heim«, sagte Mogli grinsend. »Ich wünsche nicht, daß sie vor Dunkelheit am Dorftor ankommen. Könnt ihr sie zurückhalten?«

Graubruder fletschte voller Verachtung seine weißen Zähne. »Rund herum im Kreise werden wir sie hetzen, wie festgebundene Ziegen – wie ich die Menschen kenne.«

»Das ist nicht nötig. Singt ihnen etwas vor, damit sie sich nicht einsam fühlen auf ihrem Wege, und, Graubruder, ein Wiegenlied braucht es nicht zu sein. Geh‘ mit ihnen, Baghira, und hilf singen. Wenn die Nacht gekommen ist, trefft mich bei dem Dorfe – Graubruder kennt die Stelle.«

»Leichte Jagd ist das nicht, fürs Menschenjunge zu spüren. Wann soll ich denn schlafen?« gähnte Baghira, aber seine Augen verrieten, wie er sich auf das Vergnügen freute. »Ich soll nacktem Menschenwild vorsingen? Na, versuchen wir’s!«

Er senkte den Kopf, damit der Schall weitertrage, und brüllte ein langes, langes »Große Jagd«. Ein Mitternachtsschrei am Nachmittag, Schreck erregend genug für den Anfang. Mogli hörte es rollen und steigen und fallen und hinsterben in eine Art grauenvollem Gewimmer, und lachend rannte er durch die Dschungel. Er sah, wie die Köhler sich angstvoll in einen Haufen zusammendrängten, und sah, wie der Büchsenlauf des alten Buldeo hin und her schwankte wie ein Bananenblatt im Winde. Dann gab Graubruder den Bocktreiberruf yalahei! yalaha!, mit dem das Rudel die Nilghai, die große, blaue Kuh, vor sich herjagt; und es schien vom Ende der Welt zu kommen, drang näher, näher und näher, bis es mit einem schrillen Schrei jäh abbrach. Die anderen drei antworteten, so daß selbst Mogli hätte schwören können, ein volles Rudel Wölfe stimme den großen Jagdschrei an. Dann fielen alle ein in den sieghaften Morgengesang, mit Schwingungen, Tusch und Trillern, wie sie jeder tiefmäulige Wolf des Rudels kennt. Dies hier ist nur eine ungefähre Wiedergabe des Sanges, aber stellt euch vor, wie er klingen mag, wenn er die Nachmittagsstille des Dschungels durchbricht:

        Still schlichen wir noch eben hier
Uns ohne Schatten fort,
Nun trifft er rund vor uns den Grund,
Drum auf, zum Lagerort!

Im Morgentraum ragt Fels und Baum,
Im Schweigen starrt die Welt –
Nun gebt in Hast den Ruf »Gute Rast«,
Wer Dschungelsatzung hält.

Es duckt sich schnell Horn, Zahn und Fell
In Höhle, Busch und Spalt,
Denn ruhen will, versteckt und still,
Das Freigeschlecht vom Wald.

Schon beugt vorm Flug den starren Bug
Der Stier ins Menschenjoch,
Und drohend loht des Frühlings Rot
Am Morgenhimmel hoch.

Zur Höhl‘ in Eil‘, schon schießt den Pfeil
Durchs Gras das Sonnenaug‘!
Und knisternd zieht durchs Bambusried
Des Frühlings Warnungshauch.

Fremd Busch und Strauch dem Dunkelaug‘,
Das scheu nur blinzeln mag,
In Lüften frei Wildentenschrei:
Des Menschen ist der Tag!

Und Fell und Gras, vom Taue naß,
In Sonne trocken dampft;
Es birst der Schlamm am Uferdamm,
den nächtens wir zerstampft.

Der Nacht Verrat deckt auf den Pfad
Von Pfot‘ und Klau‘ und Huf –
Nun – wer da Dschungelfrieden hält,
Gut Rast! – ihm gilt der Ruf!

Keine Übertragung aber kann die Wirkung wiedergeben noch den gellenden Hohn, den die vier in jedes Wort legten, als sie die Bäume krachen hörten, denn die Männer kletterten hastig hinauf ins Geäst, und Buldeo begann Beschwörungen und Zauberformeln vor sich hin zu lallen.

Dann legten sich die Wölfe nieder zum Schlafen, denn wie bei allen, die von eigener Körperkraft leben, war ihr Denken methodisch, und niemand kann gut arbeiten ohne Schlaf. Inzwischen legte Mogli neun Meilen in der Stunde zurück, sich leicht voranschwingend und erfreut darüber, daß er nach den einzwängenden Monaten unter den Menschen noch in so guter Form war. In seinem Kopf war der eine Gedanke, Messua und ihren Mann aus der Falle zu befreien, welcher Art diese auch sein mochte, denn er hatte ein natürliches Mißtrauen gegen Fallen. Späterhin, so gelobte er sich, würde er dem Dorf großzügig die Schuld heimzahlen.

Es begann schon zu dämmern, als er die wohlbekannten Weidegründe und den Dhâkbaum erblickte, unter dem Graubruder ihn erwartet hatte an jenem Morgen, da er Schir Khan erlegte. So zornig er auch war auf Menschen und Menschengemeinschaft, schnürte doch etwas seine Kehle zusammen, so daß er tief Atem schöpfen mußte, als er die Dächer des Dorfes erblickte. Ihm fiel auf, daß die Bewohner ungewöhnlich früh von den Feldern heimgekehrt waren, und anstatt die Abendmahlzeit zu bereiten, sich alle unter dem Dorfbaum versammelt hatten, schwatzten und schrien.

Menschen müssen immer Fallen stellen den Menschen, sonst sind sie nicht zufrieden, dachte Mogli. Vor zwei Nächten galt es Mogli, doch das scheint schon viele Regenzeiten her zu sein. Heute abend sind es Messua und ihr Mann. Morgen und viele weitere Nächte vielleicht wird wieder Mogli an der Reihe sein.

Er schlich sich an der Umwallung des Dorfes bis zu Messuas Hütte und blickte dann durch das Fenster ins Innere. Messua lag, geknebelt und an Händen und Füßen gefesselt, schwer stöhnend am Boden. Ihr Mann war an der buntbemalten Bettstatt festgebunden. Die Tür der Hütte, die sich nach der Straße öffnete, war fest verrammelt, und drei oder vier Männer saßen davor, den Rücken gegen die Tür gelehnt.

Mogli kannte Sitten und Gepflogenheiten der Dörfler ziemlich genau. Solange sie essen, schwatzen und rauchen konnten, überlegte er, würde nichts weiter geschehen; aber sobald sie gesättigt waren, wurden sie gefährlich. Buldeo mußte in Kürze beim Dorfe eintreffen, und wenn seine Begleitung ihre Pflicht getan hatte, würde er eine spannende Geschichte zu erzählen haben. Mogli stieg durch das Fenster, neigte sich über den Mann und die Frau, durchschnitt die Fesseln, zog die Knebel heraus und sah sich in der Hütte nach Milch um.

Messua war halb toll vor Schmerz und Angst, denn sie war den ganzen Morgen hindurch geprügelt und gesteinigt worden; und Mogli legte ihr noch gerade rechtzeitig die Hand auf den Mund, um sie am Schreien zu hindern. Der Mann war nur zornig und verwirrt, saß da und zupfte Schmutz und Splitter aus dem Bart.

»Ich hab’s gewußt – hab’s gewußt, er würde kommen«, schluchzte Messua endlich. »Jetzt weiß ich, daß er mein Sohn ist«, und sie preßte Mogli ans Herz. Bis dahin war Mogli vollkommen gleichgültig geblieben, aber nun begann er über und über zu zittern, und das setzte ihn in unbeschreibliches Erstaunen.

»Was sollten diese Stricke? Warum haben sie dich gebunden?« fragte er nach kurzem Schweigen.

»Um zu Tode gefoltert zu werden, weil wir dich als Sohn aufnahmen – was sonst?« sagte der Mann mürrisch. »Sieh her, ich blute.«

Messua schwieg. Aber nur ihre Wunden sah Mogli, und seine Zähne knirschten beim Anblick ihres Blutes.

»Wer hat das getan? Einen hohen Preis wird man dafür zahlen.«

»Das ganze Dorf tat es. Zu reich war ich, besaß zu viele Rinder. Darum sind sie und ich Zauberer, und weil wir dir Obdach gaben.«

»Ich verstehe nicht. Messua, erzähle du.«

»Milch gab ich dir, Nathu, weißt du noch?« begann Messua zaghaft. »Denn du bist mein Sohn, den der Tiger raubte, und ich liebe dich von Herzen. Sie sagten, ich wäre deine Mutter, die Mutter eines Teufels, und deshalb verdiente ich den Tod.«

»Und was ist ein Teufel?« fragte Mogli. »Tod habe ich schon gesehen.«

Der Mann blickte düster unter seinen Brauen hervor, Messua aber lachte. »Sieh«, sprach sie zu ihrem Mann, »ich wußte – wußte immer, daß er kein Zauberer ist. Mein Sohn ist er, mein Sohn!« »Sohn oder Zauberer, was nützt uns das«, entgegnete der Mann. »Töten wird man uns trotzdem.«

»Dort läuft der Weg durch die Dschungel –«, Mogli wies durch das Fenster. »Frei sind eure Hände und Füße, geht jetzt.«

»Wir kennen die Dschungel nicht, mein Sohn, wie – wie du sie kennst«, begann Messua. »Ich glaube auch nicht, daß ich weit wandern könnte.«

»Und die Männer und Frauen würden auch hinter uns her sein und uns hierher zurückschleppen«, sagte der Mann.

»Hm«, meinte Mogli und kitzelte seine Handfläche mit der Spitze des Jagdmessers. »Ich wünsche nicht, irgendwem im Dorf ein Leids zu tun – dennoch – aber ich glaube nicht, daß sie euch zurückhalten werden. Binnen kurzem werden sie an ganz anderes zu denken haben. Aha!« Er erhob den Kopf und lauschte auf das Schreien und Trampeln draußen. »So haben sie Buldeo nun heimkehren lassen.«

»Diesen Morgen wurde er ausgeschickt, dich zu töten«, rief Messua. »Bist du ihm begegnet?«

»Ja – wir – ich begegnete ihm. Eine Geschichte kann er erzählen, und während er redet, bleibt Zeit, vieles zu tun. Aber ich muß erst wissen, was sie vorhaben. Überlegt, wohin ihr euch wenden könnt, und sagt es mir, wenn ich zurückkomme.«

Er schwang sich aus dem Fenster und lief wieder außen an der Umwallung entlang, bis er in Hörweite der Menge gelangte, die um den wilden Feigenbaum versammelt war. Buldeo lag auf der Erde, ächzte und stöhnte, und alle bestürmten ihn mit Fragen. Das Haar hing ihm wirr um den Kopf, Arme und Beine waren zerschunden vom Klettern auf die Bäume; kaum vermochte er zu sprechen, aber war sich doch der Bedeutung seiner Person sehr bewußt. Ab und zu murmelte er etwas von Teufeln, singenden Teufeln und magischen Verzauberungen, um der Menge einen Vorgeschmack zu geben von dem, was folgen würde. Dann rief er nach Wasser.

»Bah«, dachte Mogli, »immer nur Geschwätz und Geschnatter. Blutsbrüder des Affenvolkes sind die Menschen. Jetzt muß er erst seinen Mund mit Wasser waschen, dann Rauch blasen; und wenn das alles getan ist, so hat er noch seine Geschichte zu erzählen. Wahrlich, ein weises Volk, diese Menschen! Niemanden werden sie zurücklassen, um Messua zu bewachen, bis ihre Ohren vollgestopft sind mit Buldeos Geschichten, und – ich werde auch so träge wie sie!«

Er schüttelte sich und schlich nach der Hütte zurück. Gerade, als er unter dem Fenster war, fühlte er eine Berührung am Fuß.

»Mutter«, sagte er, denn er kannte diese Zunge gut, »was hast du hier zu schaffen?«

»Meine Kinder hörte ich durch den Wald singen; und ich folgte ihm, den ich am meisten liebe. Kleiner Frosch, ich habe das Verlangen, die Frau zu sehen, die dir Milch gab«, sagte Mutter Wolf, die ganz durchnäßt war vom Tau.

»Man hat sie gefesselt und wollte sie töten. Die Stricke habe ich durchschnitten, und jetzt wird sie mit ihrem Mann durch die Dschungel gehen.«

»Ich will ihr folgen. Alt bin ich, aber noch nicht zahnlos.« Mutter Wolf stellte sich auf die Hinterläufe und äugte durch das Fenster in die dunkle Hütte.

Kurz darauf ließ sie sich wieder geräuschlos nieder und sagte nur: »Die erste Milch gab ich dir; aber Baghira spricht die Wahrheit: Mensch geht zuletzt immer zu Menschen.«

»Mag sein«, sagte Mogli mit düsterem Gesicht; »aber heute nacht bin ich dieser Fährte noch sehr fern. Warte hier, aber laß dich nicht sehen.«

»Angst hattest du niemals vor mir, kleiner Frosch«, sagte Mutter Wolf und verschwand rückwärts tretend im hohen Grase. Mogli schwang sich wieder durchs Fenster in die Hütte. »Jetzt«, sagte er heiter, »sitzen sie alle um Buldeo versammelt, der ihnen erzählt, was nicht geschah. Wenn aber sein Gerede zu Ende ist, so werden sie, wie sie sagen, hierherkommen mit der roten – mit Feuer, um euch beide zu verbrennen. Und ihr?«

»Ich habe mit meinem Mann gesprochen«, sagte Messua. »Kanhiwara ist dreißig Meilen von hier entfernt, aber dort in Kanhiwara werden wir die Engländer finden – –«

»Was sind die für ein Rudel?« sagte Mogli.

»Ich weiß nicht. Weiß sollen sie sein, und man sagt, daß sie das ganze Land regieren und nicht dulden, daß die Menschen totgeschlagen und verbrannt werden ohne ihre Erlaubnis. Wenn wir heute nacht dorthin gelangen, werden wir leben. Sonst aber müssen wir sterben.«

»Lebt denn. Heute nacht wird keiner im Dorf aus dem Tor gelassen. Aber was schafft er dort?« Messuas Mann lag in einem Winkel der Hütte auf den Knien und wühlte in der Erde.

»Sein weniges Geld ist es«, erklärte Messua; »nichts anderes können wir mitnehmen.«

»Ach ja. Das Zeug, das von Hand zu Hand geht und niemals wärmer wird. Braucht man das auch anderswo als in diesem Dorf?« sagte Mogli.

Der Mann schaute ärgerlich hoch. »Ein Narr ist er und kein Teufel«, murmelte er. »Mit dem Geld kann ich mir ein Pferd kaufen. Wir sind zu zerschunden, um weit gehen zu können, und in einer Stunde wird das ganze Dorf hinter uns her sein.«

»Ich sage, sie werden euch nicht folgen, bis ich es will. Aber das Pferd ist ein guter Gedanke, denn Messua ist müde.« Der Mann stand auf und knotete die letzten Rupien in sein Hüfttuch. Mogli half Messua durch das Fenster steigen; und die kühle Nachtluft belebte sie; aber im Glanz der Sterne ragte dunkel und furchtbar die Dschungel.

»Kennt ihr die Fährte nach Kanhiwara?« flüsterte Mogli.

Sie nickten.

»Gut. Und nun fürchtet euch nicht. Auch braucht ihr nicht rasch zu wandern. Nur – nur mag da etwas Gesang sein in der Dschungel, hinter euch her und vor euch.«

»Glaubst du, wir hätten gewagt, eine Nacht in der Dschungel zu sein, wenn wir nicht fürchteten, verbrannt zu werden? Besser ist es, von wilden Tieren getötet zu werden als von Menschen«, sagte Messuas Mann; aber Messua sah Mogli an und lächelte.

»Ich sage«, fuhr Mogli fort, fast so wie Balu, wenn er ein altes Dschungelgesetz dem unaufmerksamen Jungen zum hundertsten Male wiederholte, »ich sage, daß nicht ein Zahn in der Dschungel gegen euch gefletscht, nicht eine Tatze in der Dschungel erhoben sein wird. Weder Mensch noch Tier soll euch aufhalten, bis ihr in Sehweite von Kanhiwara gelangt sein werdet. Eine Wache werdet ihr um euch haben.« Er wandte sich rasch zu Messua: »Er glaubt nicht, aber du wirst glauben?«

»Ja, wahrlich, mein Sohn. Mann, Geist oder Wolf der Dschungel – ich glaube dir.«

»Er wird sich fürchten, wenn er mein Volk singen hört. Du aber wirst wissen und verstehen. Geh‘ jetzt, und langsam, denn zu hasten braucht ihr nicht. Die Tore sind geschlossen.«

Messua warf sich aufschluchzend zu Moglis Füßen, aber rasch, sehr rasch hob er sie wieder auf und erschauerte leicht. Dann umschlang sie seinen Hals und segnete ihn mit den zärtlichsten Worten, die sie finden konnte. Aber ihr Mann sah neidvoll über seine Felder hin und sagte: »Erreichen wir Kanhiwara und gewinnen das Ohr der Engländer, werde ich die Gerichte anrufen gegen den Brahmanen, den alten Buldeo und alle übrigen; der Prozeß soll das Dorf bis auf die Knochen kahlfressen. Zwiefach sollen sie mir bezahlen für mein Korn, das ich nicht ernten, und meine Büffel, die ich nicht füttern durfte. Ja, ein großer Richterspruch wird mir werden.«

Mogli lachte: »Ich weiß nicht, was Richterspruch ist, aber – kehre du zurück vor dem nächsten Regen und sieh zu, was von allem übriggeblieben ist.«

Sie wanderten gegen die Dschungel zu davon, und Mutter Wolf sprang hervor aus ihrem Versteck.

»Folge ihnen!« sagte Mogli. »Melde allen in der Dschungel, daß diese zwei sicher sind. Gib etwas Laut, ich möchte Baghira herbeirufen.«

Das lange, tiefe Geheul stieg auf und verebbte. Mogli sah Messuas Mann zusammenfahren und sich umwenden, halb entschlossen, zur Hütte zurückzuflüchten.

»Geht weiter!« rief Mogli heiter. »Ich sagte euch ja, es könnte etwas Gesang geben; der wird euch folgen bis Kanhiwara. Es ist die Gunst der Dschungel.«

Messua drängte ihren Mann vorwärts, und alsbald verschlang die Dunkelheit sie und Mutter Wolf. Im gleichen Augenblick tauchte Baghira fast unmittelbar vor Moglis Füßen auf, zitternd vor Lust an der Nacht, die das Dschungelvolk toll macht.

»Ich schäme mich deiner Brüder«, sagte er schnurrend.

»Wie? Haben sie Buldeo nicht hübsch vorgesungen?« sagte Mogli.

»Zu schön! Zu schön! Sie ließen selbst mich meinen Stolz vergessen; und, beim gesprengten Schloß, das mich befreite, ich spazierte singend durch die Dschungel, als wäre ich auf Freite im Lenz. Hast du uns nicht gehört?«

»Anderes Spiel hatte ich im Gange. Buldeo frage, ob ihm der Sang gefallen hat. Aber wo sind die vier? Ich will nicht, daß einer vom Menschenpack heute nacht die Tore verläßt.«

»Was brauchst du die viere dazu?« sagte Baghira mit lodernden Augen, von einem Bein aufs andere tänzelnd und lauter schnurrend denn je. »Ich allein kann sie halten, kleiner Bruder. Kommt es zum Töten am Ende? Das Singen und der Anblick der Männer, wie sie an den Bäumen hochkletterten, machten mir Lust dazu. Was ist der Mensch, daß wir ihn schonen sollten – den nackten, braunen Gräber, den Haarlosen und Zahnlosen, den Erdfresser? Gefolgt bin ich ihm durch den ganzen Tag – im weißen Sonnenglast. Ich trieb ihn in Herden, wie die Wölfe den Bock. Baghira bin ich! Baghira! Baghira! Wie ich mit meinem Schatten tanze, so tanzte ich mit jenen Männern. Sieh!«

Der mächtige Panther sprang, wie ein Kätzchen einem trockenen Blatt nachspringt, das über ihm im Winde wirbelt, schlug links und rechts in die leere Luft, daß sie unter den Streichen pfiff, fiel lautlos nieder, sprang wieder und wieder, halb schnurrend, halb knurrend, lauter und stärker, wie Dampf im Kessel rumpelt. »Ich bin Baghira – in der Dschungel – in der Nacht, und über mir ist meine Kraft. Wer kann meinem Streich widerstehen? Menschenjunges, mit einem Schlag meiner Tatze könnte ich dir den Kopf so platt schlagen wie einen toten Frosch im Sommer.«

»Schlage denn!« rief Mogli in der Sprache des Dorfes und nicht in der Zunge der Dschungel. Die Menschenworte brachten Baghira mit einem Ruck zum Stillstand. Er fiel hart zurück auf die Hinterläufe, die unter ihm zitterten, Kopf an Kopf mit Mogli. Wieder starrte Mogli, wie er die meuternden Jungen angestarrt, voll in die beryllgrünen Augen, bis die rote Lohe erlosch hinter dem Grün, wie wenn der Lichtkegel eines Leuchtturms, zwanzig Meilen über die See hin suchend, plötzlich ausgeschaltet wird; Mogli starrte weiter, bis die Augen des Panthers sich senkten und der mächtige Kopf mit ihnen tiefer und tiefer – und zuletzt die rote Raspel der Zunge über Moglis Fußspann leckte.

»Bruder – Bruder – Bruder!« flüsterte der Knabe, sanft und gleichgültig über Baghiras Hals und wogenden Rücken streichend. »Sei ruhig, ruhig! Es ist Schuld der Nacht, nicht deine Schuld.«

»Die Gerüche der Nacht waren es«, sagte Baghira reuevoll. »Die Luft schreit laut zu mir. Aber wie weißt du das?«

Die Luft um ein indisches Dorf ist durchschwängert mit Gerüchen aller Art; und für Wesen, die fast nur durch die Nase denken, sind Gerüche ebenso berauschend wie Musik und geistige Getränke für die Menschen. Mogli streichelte den Panther noch einige Minuten, bis dieser sich niederlegte wie die Katze vor dem Feuer, die Pfoten unter die Brust gezogen, die Augen halb geschlossen.

»Du bist von der Dschungel und bist nicht von der Dschungel«, sagte er zuletzt. »Ich bin nur ein schwarzer Panther, aber ich liebe dich, kleiner Bruder.«

»Sehr lange reden sie schon unter dem Baum«, sagte Mogli, ohne auf Baghiras letzte Worte zu achten. »Viel Schwindelgeschichten scheint Buldeo ihnen erzählt zu haben. Bald werden sie nun kommen, um die Frau und den Mann aus der Falle zu zerren und in die rote Blume zu werfen. Die Falle werden sie zersprungen finden. Ha! Ha!«

»Nein, höre«, sagte Baghira. »Das Fieber ist jetzt fort aus meinem Blute. Mich sollen sie dort finden! Wenige aber werden ihre Hütten wieder verlassen, nachdem sie mich erblickt haben. Nicht zum erstenmal bin ich im Käfig, und glaube nicht, daß sie mich binden werden mit Stricken.«

»Sei aber vernünftig«, lachte Mogli, denn auch er wurde nun übermütig wie der Panther, der bereits in die Hütte hineinglitt.

»Puh!« fauchte Baghira, »hier stinkt es nach Mensch! Aber da ist just so ein Lager, wie sie mir gaben in den Käfigen des Königs zu Oodeypore. Dort lege ich mich nieder.« Mogli hörte das Geflecht des Lagers sich dehnen unter dem Gewicht der großen Katze. »Beim gesprengten Schloß, das mich befreite, sie werden glauben, großes Wild gefangen zu haben! Komm, kleiner Bruder, setz dich an meine Seite; wir wollen ihnen gemeinsam ›gute Jagd‹ bieten.«

»Nein, in meinem Wanst ist ein anderer Gedanke. Das Menschenvolk soll nichts erfahren von meiner Rolle im Spiel. Mache deine Jagd für dich. Ich will sie nicht sehen.«

»Sei es denn«, sagte Baghira. »Jetzt kommen sie!«

Die Versammlung unter dem Feigenbaum am entferntesten Ende des Dorfes war lauter und lauter geworden und zuletzt in gellendes Geschrei übergegangen. Nun kamen Männer und Frauen die Straße heraufgestürmt, Keulen, Bambusstöcke, Sicheln und Messer schwingend. Buldeo und der Brahmane führten die Menge an, aus der es tobend schrie: »Die Hexe und der Zauberer! Laßt sehen, ob glühendes Eisen sie zum Geständnis bringt! Zündet ihnen die Hütte an über dem Kopf! Lehren wollen wir sie, Wolfsteufel aufzunehmen! Nein, peitscht sie erst! Fackeln! Mehr Fackeln her! Buldeo, glüh‘ den Flintenlauf an!«

Das Öffnen der Tür machte Schwierigkeiten. Sie war fest verrammelt, aber die Menge brach sie ein, und der Schein der Fackeln strömte hell in den Raum – und auf dem Lager ausgestreckt lag Baghira, die Tatzen gekreuzt und leicht überhängend, schwarz wie die Hölle und furchtbar wie ein Dämon. Einen Augenblick herrschte Schweigen des Entsetzens, dann suchten die vordersten der Menge stoßend und schlagend sich zurückzudrängen. Nun erhob Baghira den Kopf und gähnte – langsam, ausgiebig und prahlerisch –, wie er gähnt, wenn er seinesgleichen verspottet. Die gefransten Lefzen schoben sich zurück und aufwärts, die rote Zunge rollte sich, der Unterkiefer sank und sank, bis man tief in den heißen Schlund hineinsah. Die grimmigen Eckzähne ragten entblößt bis zur Wölbung des Gaumens und schnappten ein mit dem Klang einer Panzertür, die in das Schloß fällt. In der nächsten Minute schon war niemand mehr in der Tür der Hütte zu sehen. Baghira sprang durch das Fenster und stand an Moglis Seite, während eine heulende, kreischende Menge, übereinander stolpernd, in panischem Schrecken in die Hütten flüchtete.

»Bis der Tag kommt, rühren sie sich nicht heraus«, sagte Baghira gelassen. »Und jetzt?« Die Stille der Nachmittagsruhe schien über dem Dorf zu liegen; aber als sie lauschten, hörten sie Geräusche, wie wenn schwere Kornkisten über den Boden geschoben und gegen die Türen gestellt würden. Baghira hatte recht; das Dorf würde sich nicht rühren vor Anbruch des Tages. Mogli aber saß unbeweglich, in Gedanken versunken; düsterer und düsterer wurde sein Antlitz.

»Was tat ich?« sagte Baghira endlich, ihn umschmeichelnd.

»Nur Gutes. Bewache sie jetzt, bis es Tag ist. Ich will schlafen.« Mogli lief in die Dschungel, warf sich auf das Moos und schlief den Tag und die folgende Nacht durch. Als er erwachte, saß Baghira an seiner Seite, und ein frisch gerissener Bock lag zu seinen Füßen. Der Panther äugte gespannt, während Mogli mit seinem Messer ans Werk ging, aß und trank und dann still saß, das Kinn in die Hand gestützt.

»Der Mann und die Frau gelangten sicher in die Sehweite von Kanhiwara«, sagte Baghira. »Deine Mutter sandte die Kunde durch Tschil, den Geier. Unterwegs in der Nacht ihrer Befreiung fanden sie ein Pferd und kamen rasch davon. Ist das nicht gut?«

»Ja, gut«, sagte Mogli.

»Und das Menschenvolk im Dorfe rührte sich nicht, bis am Morgen die Sonne hoch stand. Dann aßen sie ihr Futter und rannten schnell wieder in ihre Hütten.«

»Haben sie dich etwa gesehen?«

»Kann sein. Als der Morgen dämmerte, rollte ich mich im Staub vor dem Tore; ich mag mir wohl auch ein wenig vorgesungen haben. Nun, kleiner Bruder, bleibt nichts mehr zu tun. Komm, jage mit mir und Balu. Frische Bienenstöcke hat er entdeckt, die will er dir zeigen; wir alle aber wünschen, daß du wieder unter uns lebst wie ehedem. Lege das Gesicht ab, das sogar mir Furcht macht. Der Mann und das Weib werden nicht in die rote Blume geworfen, und in der Dschungel geht alles gut. Ist das nicht wahrlich so? Laß uns das Menschenvolk endlich vergessen.«

»Sie sollen vergessen sein – in einer kleinen Weile. Wo ist Hathi heute nacht?«

»Wo immer ihm beliebt. Wer kann wissen, was der Schweigsame tut. Aber warum? Was wäre, das Hathi tun könnte und wir nicht?«

»Richte ihm aus, er soll mit seinen drei Söhnen zu mir hierherkommen.«

»Aber, wirklich und wahrhaftig, kleiner Bruder, es – es schickt sich nicht, zu Hathi zu sagen ›Komm‹ und ›Geh‹. Bedenke, er ist der Meister der Dschungel; und bevor das Menschenpack den Ausdruck auf deinem Gesicht wandelte, lehrte er dich ein Meisterwort der Dschungel.«

»Ganz gleich. Ich habe für ihn jetzt ein Meisterwort. Bitte ihn zu Mogli, dem Frosch, zu kommen, und hört er nicht gleich, dann sage, er solle kommen, um der Verwüstung der Felder von Bhurtpore willen.«

»Verwüstung der Felder von Bhurtpore«, wiederholte Baghira zwei- oder dreimal, um es sich genau zu merken. »Ich gehe. Schlimmstenfalls kann Hathi zornig werden. Ich aber würde die Jagd eines Mondes darum geben, ein Meisterwort zu vernehmen, das den Schweigsamen zwingt.«

Er glitt davon und ließ Mogli zurück, der wütend mit seinem Jagdmesser in die Erde stieß. Nie zuvor im Leben hatte er Menschenblut gesehen, bis er sah und – was ihm viel mehr bedeutete – roch das Blut von Messua an den Stricken, mit denen man sie gebunden hatte. Messua aber war gut zu ihm gewesen, und soviel er von Liebe wußte, liebte er Messua so tief, wie er das übrige Menschenvolk haßte. Aber so sehr er auch die Menschen, ihre Sprache, ihre Grausamkeit und ihre Feigheit verabscheute, so hätte er doch für nichts, was die Dschungel ihm bieten konnte, es über sich gebracht, Menschenleben zu nehmen und den schrecklichen Blutgeruch wieder vor die Sinne zu bekommen. Sein Plan war einfacher, aber gründlicher; und er lachte vor sich hin, als ihm einfiel, daß der alte Buldeo ihm den Gedanken eingegeben hatte, als dieser wieder einmal am Abend unter dem Feigenbaum eine von seinen Geschichten erzählte.

»Wohl war es ein Meisterwort«, flüsterte ihm Baghira ins Ohr. »Sie weideten am Strom, und sie gehorchten, als ob sie zahme Ochsen wären. Sieh, dort rücken sie schon an.« Lautlos, wie gewöhnlich, waren Hathi und seine drei Söhne herangekommen. Der Flußschlamm klebte noch frisch an ihren Flanken; und Hathi kaute, in Gedanken versunken, am grünen Stamm eines jungen Pisangbaumes, den er mit den Stoßzähnen ausgegraben hatte. Aber jede Falte des wuchtigen Körpers verriet Baghira, der die Dinge richtig zu sehen verstand, wenn sie ihm vor die Augen kamen, daß es nicht der Meister der Dschungel war, der zu einem Menschenjungen kam, sondern einer, der Angst hatte, zu treten vor den, der ohne Angst war. Die drei Söhne stellten sich Seite an Seite hinter dem Vater auf.

Kaum hob Mogli den Kopf, als Hathi ihm »Gute Jagd« bot. Lange Zeit ließ Mogli den Elefanten sich wiegen und schaukeln von einem Fuß auf den anderen, ehe er endlich zu sprechen anhub, und dann wandte er sich zu Baghira, nicht zu Hathi.

»Ich will eine Geschichte erzählen, die ich von dem Jäger vernahm, den ihr heute getrieben habt«, begann Mogli. »Um einen alten und weisen Elefanten handelt es sich, der in eine Fallgrube geriet, und der spitze Pfahl im Boden der Grube brachte ihm eine große Wunde bei, und sie hinterließ eine weiße Narbe, die ihm von der Fessel bis zum Schulterblatt reicht.«

Mogli streckte seine Hand aus, und als Hathi sich zur Seite drehte, erglänzte im Mondlicht eine lange weiße Narbe, die, wie von einer rotglühenden Peitsche geschlagen, sich über die schiefergraue Haut hinzog. »Männer kamen, um ihn aus der Fallgrube zu ziehen«, fuhr Mogli fort, »aber die Stricke zerriß er, denn er war stark, und er zog von dannen, bis seine Wunde geheilt war. Dann, eines Nachts, kehrte er zornerfüllt zurück zu den Feldern dieser Jäger. Und jetzt fällt mir auch ein, er hatte drei Söhne. Das alles geschah vor vielen, vielen Regen, und sehr weit weg von hier – in den Feldern von Bhurtpore. Was wurde aus den Feldern bei der nächsten Ernte, Hathi?«

»Ich erntete sie ab und meine drei Söhne«, sagte Hathi.

»Und was wurde mit dem Pflügen, das dem Ernten folgt?«

»Es wurde nicht gepflügt«, sagte Hathi.

»Und was wurde aus den Menschen, die bei den grünen Feldern in der Ebene lebten?«

»Sie zogen fort.« »Die Dächer rissen wir in Stücke, und die Dschungel verschlang die Mauern«, sagte Hathi.

»Und was geschah noch außerdem?« fragte Mogli weiter.

»Soviel guten Boden nahm die Dschungel ein, wie ich in zwei Nächten durchwandern kann, von Osten nach Westen und in drei Nächten von Norden nach Süden. Die Dschungel ließen wir kommen über fünf Dörfer; und in den Dörfern, auf den Feldern und Wiesen, Weidegründen und weichen Äckern ist heute kein Mensch mehr, der dort Nahrung findet. Das war die Verwüstung der Felder von Bhurtpore durch mich und meine drei Söhne; und jetzt frage ich, Menschenjunges, wie dir davon Kunde wurde?« endete Hathi.

»Ein Mensch erzählte sie mir, und nun sehe ich, daß selbst Buldeo einmal Wahrheit sprechen kann. Gut getan war es, weißnarbiger Hathi; aber zum zweitenmal wird es noch besser geschehen, denn ein Mensch wird nun alles leiten. Du kennst das Dorf des Menschenvolkes, das mich ausstieß. Träge sind sie, unverständig und grausam; sie spielen mit ihren Mäulern, und sie töten die Schwächeren nicht zur Nahrung, sondern zum Spaß. Sind sie vollgefressen, wollen sie die eigene Brut in die Flamme werfen. Das alles habe ich gesehen. Es ist nicht gut, daß sie hier noch länger leben. Ich hasse sie!«

»So töte sie!« rief der jüngste von Hathis drei Söhnen, riß ein Büschel Gras aus, schlug es um seine Vorderbeine und warf es wieder fort; und die kleinen roten Augen blinzelten verstohlen von einer Seite zur anderen.

»Was soll ich mit weißen Knochen?« antwortete Mogli heftig. »Bin ich ein Wolfsjunges, um mit einem nackten Schädel in der Sonne zu spielen? Ich habe Schir Khan getötet, und seine Haut modert nun auf dem Rätefelsen; aber – aber ich weiß nicht, wohin Schir Khan geraten ist, und mein Magen ist leergeblieben. Nun will ich nehmen, was ich sehen kann und berühren. Laß die Dschungel los gegen das Dorf. Hathi!«

Baghira schauderte und duckte sich nieder. Er konnte, wenn es zum Schlimmsten kam, sich wohl einen plötzlichen Einbruch in die Dorfstraße denken, mit Tatzenhieben rechts und links in die Menge, oder auch ein lustiges Töten von Menschen, die in der Dämmerung hinter den Pflügen gehen – aber ein ganzes Dorf mit Vorbedacht auslöschen vor den Augen von Mensch und Tier, das erschien ihm fürchterlich. Nun verstand er, warum Mogli nach Hathi geschickt hatte. Nur der langlebende Elefant allein vermochte es, einen solchen Krieg zu planen und durchzuführen.

»Mache, daß sie davonfliehen, wie die Menschen aus den Feldern von Bhurtpore! Das Regenwasser allein soll der einzige Pflug sein, und das Rauschen des Regens auf den festen Blättern soll das Schnurren ihrer Spindeln ersetzen. Baghira und ich wollen lagern im Haus des Brahmanen, und der Bock soll aus der Zisterne des Tempels trinken. Laß die Dschungel los, Hathi!«

»Aber ich – aber wir haben keinen Streit mit ihnen; und erst der roten Raserei großer Schmerzen bedarf es, ehe wir Plätze niederreißen, wo Menschen wohnen«, sagte Hathi und wiegte sich nachdenklich.

»Seid ihr die einzigen Grasfresser in der Dschungel? Treibt eure Völker hinein. Lasset das Wild und die Sauen und die Nilghai die Sache besorgen. Keine Handbreit deiner Haut brauchst du zu zeigen, bis die Felder nackt sind. Laß die Dschungel los, Hathi!«

»Wird da kein Töten sein? Rot wurden meine Hauer bei der Verwüstung der Felder von Bhurtpore, und den Geruch möchte ich nicht wieder erwecken.«

»Auch ich nicht. Nicht einmal ihre Knochen will ich auf unserer reinen Erde bleichen sehen. Fortwandern sollen sie und sich ein neues Lager suchen. Nicht länger sollen sie hierbleiben! Das Blut der Frau, die mir Nahrung gab, habe ich gesehen und gerochen; und sie hätten die Frau getötet, wäre ich nicht gekommen. Nur der Duft frischen Grases auf den Schwellen ihrer Hütten kann diesen Geruch tilgen – er verbrennt mir den Mund. Laß die Dschungel los. Hathi!«

»Ja«, sagte Hathi, »so auch brannte die Narbe von dem spitzen Pfahl in meiner Haut, bis wir ihre Dörfer untergehen sahen im Blühen des Frühlings. Nun verstehe ich! Dein Krieg sei unser Krieg! Die Dschungel lassen wir los!«

Mogli hatte kaum Atem geschöpft – er bebte vor Wut und Haß –, als auch schon der Platz leer war, wo eben noch die Elefanten gestanden hatten. Baghira aber blickte voller Entsetzen auf Mogli.

»Beim gesprengten Schloß, das mich befreite!« rief der schwarze Panther nach einer Pause. »Bist du der nackte Frosch, für den ich sprach vor dem Rudel, als alles jung war? Meister der Dschungel, wenn meine Kraft von mir geht, sprich für mich – sprich für Balu – sprich für uns alle. Junge sind wir vor dir! Zerknacktes Gesträuch unter deinen Füßen! Rehkitze sind wir, von der Ricke verlassen!«

Sich Baghira als verirrtes Rehkitz vorzustellen, brachte Mogli aus der Fassung; er lachte, rang nach Atem, schluchzte und lachte wieder, bis er zuletzt, um sich zu beruhigen, in den nahen Teich sprang. Dort schwamm er in Kreisen, tauchte zwischen den Mondstrahlen hindurch, wie sein Namensvetter, der Frosch.

Indessen waren Hathi und seine drei Söhne von dannen gezogen, jeder in einer anderen Richtung der Windrose, und schritten geräuschlos durch die Täler. Weiter und weiter zogen sie, zwei Tagesmärsche – das sind sechzig Meilen – durch die Dschungel; und jeder Schritt, den sie machten, jeder Schwung der Rüssel, wurde bemerkt, beachtet und besprochen von Mang und Tschil, von dem Affenvolk und allen Vögeln. Dann begannen sie zu weiden – ruhevoll, etwa eine Woche lang. Hathi und seine Söhne sind darin wie Kaa, der Felsenpython. Niemals eilen sie, ehe es not tut. Am Ende dieser Zeit durchdrang ein Geraune die Dschungel, und niemand wußte, woher es kam; bessere Nahrang und besseres Wasser sei zu finden in dem und dem Tal. Die Wildschweine – die um eines besseren Futterplatzes willen bis ans Ende der Welt zu laufen bereit sind – zogen zuerst in Scharen, grunzend, fort über die Felsen. Dann machte sich das Rotwild auf den Weg, gefolgt von den kleinen wilden Füchsen, die von den Toten und Sterbenden der Herde leben; in gleicher Richtung mit dem Wild zogen die schwerschultrigen Nilghai, und hinter den Nilghai stampften die wilden Büffel aus den Morästen. Der geringste Anstoß hätte ausgereicht, die zerstreuten weidenden Herden, die grasten, dahinschlenderten, tranken und wieder grasten, zur Umkehr zu bestimmen; aber sobald Unruhe ausbrach, war immer einer da, der sie besänftigte. Manchmal war es Ikki, das Stachelschwein, mit guter Botschaft über reiche Nahrung nur ein kleines Stück weiter; bald erschien Mang, die Fledermaus, pfiff ermutigend und flatterte über eine Lichtung hin, um zu zeigen, daß alles frei war; oder Balu, das Maul voller Wurzeln, trottete längs einer schwankenden Reihe dahin, und halb scheuchte, halb drängte er sie wieder auf den richtigen Pfad zurück. Viele der Tiere brachen dennoch aus, liefen weg und verloren die Lust am Weiterwandern; aber sehr viele blieben und drängten vorwärts. Nach etwa zehn Tagen stand es so: Das Wild, die Sauen und die Nilghai bildeten, immer weiterziehend, einen Kreis von acht bis zehn Meilen im Durchmesser, die Fleischfresser scharmützelten außen herum, und der Mittelpunkt dieses Kreises war das Dorf. Rings um das Dorf aber reiften die Saaten, und in den Feldern saßen Männer auf sogenannten »Machans« – hohen Kanzeln, wie Taubenschläge auf vier Pfählen ruhend –, um Vögel und anderes Diebsvolk zu verscheuchen. Nun wurde das Wild schärfer gedrängt. Die Fleischfresser waren ihm dicht auf den Fersen, zwangen sie voran und hinein in den Kreis.

Eine dunkle Nacht war es, als Hathi und seine drei Söhne aus der Dschungel herangetrottet kamen und mit den Rüsseln die Pfähle der Machans aus der Erde rissen. Sie sanken um wie geknickte Schierlingstengel, und die Männer, die von den Kanzeln herabstürzten, hörten ganz dicht an ihrem Ohr das tiefe Gurgeln der Elefanten. Dann brach die Vorhut der von rückwärts gedrängten Armee des Wildes herein und überflutete die Weidegründe und die Saaten; das scharfhufige, wühlende Wildschwein kam mit ihnen und zerstörte, was das Wild übrigließ. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Rudel Wölfe zwischen die Herden, die dann verängstigt hin und her jagten, die junge Gerste niedertraten und die Dämme der Bewässerungskanäle platt trampelten. Vor Anbruch der Morgendämmerung gab der Druck an einer Stelle des Außenringes nach; die Fleischfresser fielen zurück und ließen einen Ausgang nach Süden frei; und Herde auf Herde von Böcken flüchtete hohen Laufs hindurch. Andere, die verwegener waren, lagerten sich im Dickicht, um das Mahl in der folgenden Nacht fortzusetzen. Aber das Werk war fast schon völlig getan. Am Morgen sahen die Dorfbewohner, daß ihre Ernte für dieses Jahr verloren war. Das bedeutete den Tod für sie, so sie nicht fortziehen konnten, denn jahraus, jahrein lebten sie so nahe dem Verhungern, wie die Dschungel ihnen nahe war. Als die Büffel des Dorfes hinausgelassen wurden, fanden die hungrigen Tiere die Weidegründe vom Wild kahlgefressen, und so wanderten sie in die Dschungel hinein und trieben fort mit ihren wilden Verwandten. Als es dunkelte, lagen die vier Konies, die das Dorf besaß, mit eingeschlagenen Köpfen in ihren Ställen. Nur Baghira konnte solche Streiche geführt haben, und Baghira nur konnte es sein, der frech den letzten toten Körper offen auf die Straße zerrte.

Die Dorfbewohner wagten nicht, in dieser Nacht Feuer in den Feldern anzuzünden; so hielten Hathi und seine drei Söhne Nachlese, und wo Hathi Nachlese hält, ist kein Halm mehr zu finden. Die Menschen beschlossen, bis zur Regenzeit von dem lagernden Saatkorn zu leben und dann als Tagelöhner Arbeit zu suchen, um den Verlust des Jahres einzubringen.

Der Kornhändler überlegte noch, welche Preise er für seine wohlgefüllten Saatkörbe erzielen könnte, als Hathi bereits mit seinen mächtigen Stößern die Lehmmauern des Vorratshauses umlegte und die Körbe mit der kostbaren Saat zertrat.

Nachdem man diesen letzten Verlust entdeckt hatte, war es an dem Brahmanen, sich zu äußern. Er hatte zu seinen Göttern gefleht, ohne Erhörung zu finden. Möglich wäre es, meinte er nun, daß das Dorf unwissentlich einen der Götter der Dschungel beleidigt habe, denn zweifellos wäre die Dschungel gegen sie.

Da schickten die Dörfler Boten zu dem Führer des nächsten Stammes der wandernden Gonds; es sind kleine weise und sehr dunkelfarbige Jäger, die tief in der Dschungel hausen; sie gehören zu der ältesten Rasse Indiens, und ihre Vorfahren waren die ursprünglichen Beherrscher des Landes. Als der Führer der Gonds eintraf, bewirtete man ihn mit dem, was man noch besaß. Der Gond stand auf einem Bein, seinen Bogen in der Hand, zwei bis drei vergiftete Pfeile durch seinen Haarbüschel gesteckt und blickte halb ängstlich, halb verächtlich auf die trauernden Dorfleute und ihre verwüsteten Felder. Wissen wollten sie von ihm, ob seine Götter – die alten Götter – ihnen zürnten, und welche Opfer man ihnen darbringen müßte.

Der Gond aber schwieg, hob eine Ranke der Karela auf, der Schlingpflanze, die den wilden bitteren Kürbis trägt, und flocht sie hin und her über das Tempeltor, dem starrenden, roten Hindubildnis gerade gegenüber. Darauf stieß er mit der Hand in die Luft, in Richtung der Straße nach Kanhiwara, und wanderte dann heim nach seiner Dschungel.

Die Dorfbewohner brauchten nicht nach der Deutung zu fragen: Der wilde Kürbis würde wuchern dort, wo sie zu ihren Göttern gebetet hatten, und je eher sie flüchteten, desto besser für sie.

Aber es ist schwer, sich von seiner Heimat und seiner Scholle zu trennen. Sie zögerten, solange sie noch etwas Nahrung fanden; sie versuchten, Nüsse in der Dschungel zu sammeln, aber Schatten mit glühenden Augen verfolgten sie und zeigten sich selbst am hellen Mittag auf ihrem Wege. Und wenn sie dann verängstigt zurückflohen zu ihren schützenden Mauern, dann fanden sie die Rinde der Baumstämme, an denen sie vor kaum fünf Minuten vorbeigekommen waren, zerkratzt und gemeißelt vom Schlage irgendeiner großen, bekrallten Pranke. Je mehr sie sich in ihren Mauern hielten, um so dreister wurden die wilden Tiere, die auf den Weidegründen spielten und brüllen, dort am Waingungafluß.

Die Menschen fanden nicht mehr den Mut, die Hinterwände der leeren Kuhställe auszuflicken, die nach der Dschungel zu lagen. Die Wildschweine trampelten sie nieder, und die knotenwurzeligen Schlingpflanzen drängten nach und streckten ihre Fühler aus über den neugewonnenen Grund, während hinter ihnen das harte Gras hochschoß.

Zuerst flohen die ledigen Männer und verbreiteten die Kunde, daß ein Fluch auf dem Dorfe läge. Wer könnte kämpfen, sagten sie, gegen die Dschungel oder gegen die Götter der Dschungel, denn selbst die Dorfkobra habe ihre Höhle unter dem Fuß des Feigenbaums verlassen. So schrumpfte der kleine Handel mit der Außenwelt immer mehr zusammen, und die Pfade, die über die Lichtung führten, verwischten sich und wuchsen zu. Die nächtlichen Trompetenschreie Hathis und seiner drei Söhne beunruhigten die im Dorf nicht mehr, denn sie hatten nichts mehr zu verlieren. Alle Saaten waren verschwunden, schon verloren die Umrisse der Felder ihre Gestalt. Zeit war es jetzt, sich der Barmherzigkeit der Engländer in Kanhiwara anzuvertrauen.

Nach Art der Eingeborenen verschoben sie den Abzug von Tag zu Tag, bis die ersten Regen sie überraschten und die Fluten durch die durchlöcherten Dächer strömten. Bald waren die Weidegründe fußhoch überschwemmt, und nach der langen Sommerhitze schoß plötzlich überall das Grün hervor. Nun wateten sie fort – Männer, Frauen und Kinder – durch die grauen Schleier des heißen Morgenregens und wandten sich noch einmal um zu einem letzten Abschiedsblick auf ihre Heimat.

Als die letzte Familie schwerbeladen durch das Tor schlich, hörten sie das Krachen von stürzenden Balken und Strohdächern hinter den Mauern. Sie sahen einen schwarzen, schlangenartigen Rüssel für Augenblicke auftauchen und fauliges Dachstroh umherschleudern. Dann verschwand er, und abermals ertönte ein Krachen, gefolgt von einem ärgerlichen Quarren. Hathi pflückte die Dächer der Hütten ab, wie man Wasserlilien pflückt, und dabei hatte ihn ein zurückschnellender Balken empfindlich getroffen. Das hatte nur noch gefehlt, um seine volle Wut zu entfesseln, und von allen Geschöpfen in der Dschungel ist der Elefant im Wutrausch der wollüstigste Zerstörer. Jetzt trampelte Hathi rückwärts gegen eine Lehmwand, die unter seinem Stoß zerbröckelte und in gelblichem Schmutz zerfloß. Dann schwenkte er um und fegte, hell trompetend, durch die engen Straßen, rechts und links gegen die Hütten wuchtend, die Türen zersplitternd und die Dachrinnen zerknitternd; und seine drei Söhne wüteten hinter ihm, wie sie gewütet hatten bei der Verwüstung der Felder von Bhurtpore.

»Die Dschungel wird diese Reste verschlingen«, sprach eine ruhige Stimme inmitten der Vernichtung. »Die Außenmauern muß man umlegen!« Und Mogli, von dessen nackten Schultern der Regen tropfte, sprang von einer Hauswand hinweg, die eben hinsank wie ein müder Büffel.

»Alles zu seiner Zeit«, keuchte Hathi. »Ah! Aber rot waren meine Stößer in Bhurtpore. An die Außenmauern, Söhne! Jetzt zu–gleich!«

Seite an Seite stießen die vier; die Außenmauer bog sich, barst und fiel. Die Dorfbewohner, stumpf vor Entsetzen, sahen die furchtbar dräuenden Schädel der Zerstörer lehmbedeckt aus der Bresche ragen. Da flohen sie, arm und heimatlos, in das Tal hinab; und ihr Dorf, zerstückt, zerfetzt, zerstampft, versank hinter ihnen.

Einen Monat danach war der Ort, wo das Dorf gestanden hatte, ein flacher Hügel, bedeckt mit jungem grünem Gras; und zu Ende der Regenzeit herrschte schrankenlos die rauschende brausende Dschungel dort, wo vor kaum sechs Monden noch Menschen pflügten und ernteten.