Kapitel 2

Kapitel 2

Sie betraten die festungsartige Eisenbahn-Station in tief dunkler Nacht. Die elektrischen Lichter flammten noch über dem Güterschuppen, wo die bedeutende Getreideverladung nach dem Norden abgefertigt wird.

»Das ist das Werk von Teufeln,« sagte der Lama, schaudernd vor der hohl widerhallenden Dunkelheit, vor dem Glitzern der Schienen zwischen den Perrons von Backsteinen und vor dem Gewirre von Balken oben. Er stand in einer riesigen Steinhalle, die, wie es schien, mit übereinander gehäuften Toten gepflastert war, Passagieren dritter Klasse, die ihre Fahrkarten am Abend genommen hatten und in den Warteräumen schliefen. Alle Stunden bei Nacht und Tag sind den Orientalen gleich, und demgemäß ist der Reiseverkehr geordnet.

»Hierher kommen die Feuerwagen. Hinter dem Loch steht einer,« Kim wies nach der Billetausgabe – »der Dir ein Papier geben wird, das Dich nach Umballa bringt.«

»Aber wir wollen nach Benares,« sagte ängstlich der Lama.

»Ganz gleich. Benares also. Rasch! Er kommt.«

»Nimm Du die Börse.«

Der Lama, nicht so vertraut mit Eisenbahnzügen, wie er behauptet, fuhr zurück, als der 3 Uhr 25 Frühzug nach dem Süden in die Station brauste. Die Schläfer wurden lebendig, die Station war voll Tumult und Lärm; dazwischen Geschrei der Wasser- und Kuchenverkäufer, Rufe der eingeborenen Polizisten, Zetern der Weiber, die ihre Körbe, Kinder und Männer zusammen suchten.

»Es ist der Zug – nur der Zug. Er tut uns nichts. Warte hier.« Erstaunt über des Lamas wunderliche Naivität (er hatte ihm einen kleinen Sack ganz voll Rupien gegeben), holte und bezahlte Kim ein Billett nach Umballa. Ein verschlafener Beamter knurrte und warf ein Billett für die nächste Station, sechs Meilen entfernt, hinaus.

»Nein,« sagte Kim, es mit einem Grinsen betrachtend. »Das magst Du Bauern bieten, ich aber lebe in der Stadt Lahore. Du hast es geschickt gemacht, Babu. Nun gib das Billett nach Umballa!«

Der Babu brummte, gab aber das richtige Billett.

»Nun noch eins nach Amritzar,« rief Kim, der nicht einsah, weshalb er Mahbub Alis Geld an so etwas Überflüssiges wie eine bezahlte Reise nach Umballa verschwenden sollte. »Der Preis ist so viel, die kleine Münze, die man zurück bekommt, so viel. Ich weiß Bescheid mit den Eisenbahnen… Niemals hat ein Yogi einen Chela so nötig gehabt wie Du,« redete er lustig weiter zu dem bestürzten Lama. »Bei Mian Mir würden sie Dich hinausgeworfen haben, hätte ich nicht für Dich gesorgt. Dies ist der Weg. Komm!« Kim gab das Geld zurück und behielt nur eine Anna von jeder Rupie des Preises der Fahrkarte nach Umballa, als seine Kommission – die uralte Kommission von Asien.

Der Lama zögerte vor der offenen Türe eines überfüllten Wagens dritter Klasse. »Wäre es nicht besser, wir gingen?« fragte er schüchtern.

Ein stämmiger Sikh, Handwerker, streckte seinen bärtigen Kopf hinaus. »Fürchtet er sich? Fürchte Dich nicht. Ich weiß noch die Zeit, wo ich mich vor dem Zug fürchtete. Steig ein! Dies ist ein Werk der Regierung.«

»Ich fürchte mich nicht,« sprach der Lama. »Habt Ihr noch Platz für Zwei?«

»Nicht einmal Platz für eine Maus,« keifte die Frau eines wohlhabenden Farmers, eines Hildu-Jat aus dem reichen Jullundur-Distrikt. »Unsere Nachtzüge sind nicht so gut kontrolliert, wie die Tagzüge, wo die Geschlechter streng getrennt in besonderen Wagen sitzen.«

»O, Mutter meines Sohnes, wir können Platz machen,« sagte der blau beturbante Gatte. »Nimm das Kind auf den Schoß. Er ist ein heiliger Mann, siehst Du?«

»Und mein Schoß ist voll mit sieben mal siebzig Bündeln. Willst Du vielleicht, daß er auf meinem Knie sitzt? Schamloser! Aber so sind die Männer immer!« Sie sah sich nach Beifall um. Eine am Fenster sitzende Courtisane von Amritzar kicherte hinter ihren Kopftüchern.

»Steig ein, steig ein!« rief ein beleibter hindostanischer Geldverleiher, der sein Kontobuch, in ein Tuch gewickelt, unter dem Arm trug. Und mit einem fettigen Schmunzeln: »Es ist recht, gegen Arme gütig zu sein.«

»Aha! mit sieben Prozent monatlich und einem Pfandbrief auf das ungeborene Kalb,« sagte ein junger Dogra-Soldat, der auf Urlaub nach dem Süden war; und alles lachte.

»Wird er nach Benares fahren?« fragte der Lama. »Gewiß, weshalb sonst wären wir hier? Steig ein, sonst werden wir zurückgelassen,« rief Kim.

»Seht!« kreischte das Amritzar-Mädchen. »Er hat noch keinen Zug bestiegen. O, seht!«

»Nein, helft,« sagte der Farmer, eine große, braune Hand ausstreckend und den Lama hereinziehend. »So wird es gemacht, Vater.«

»Aber – aber – ich muß auf dem Boden sitzen. Es ist gegen die Vorschrift, auf der Bank zu sitzen. Und dann – es macht mir Krämpfe.«

»Ich sage,« begann der Geldverleiher, mit gekräuselten Lippen, »es gibt keine Regel gerechten Lebens, die diese Züge uns nicht zu brechen zwingen.« Wir sitzen, zum Beispiel, Seite an Seite mit allen Kasten und allem Volk.«

»Ja, und mit höchst Schamlosen,« sprach die Frau höhnisch nach dem Amritzar-Mädchen schielend, die einem jungen Sepoy verliebte Augen zuwarf.

»Ich sagte gleich,« meinte der Gatte, »wir sollen den Weg zu Wagen machen. Wir hätten noch Geld dabei gespart.«

»Ja, und das Gesparte doppelt für Essen ausgegeben auf dem Wege. Das ist doch zehntausendmal besprochen worden.«

»Ja,« murrte er, »und von zehntausend Zungen.«

»Die Götter mögen uns armen Weibern beistehen, wenn wir nicht sprechen dürfen. Der ist von der Sorte, die eine Frau nicht ansehen, noch mit ihr sprechen dürfen.« Der Lama hatte, seiner Regel gemäß, nicht die geringste Notiz von ihr genommen. »Und ist sein Schüler ebenso?«

»Nein, Mutter. Nicht wenn die Frau hübsch und barmherzig gegen die Hungrigen ist,« war Kims schlagfertige Antwort.

»Eine Bettler-Antwort,« sprach lachend der Sikh. »Du hast sie Dir selbst zugezogen, Schwester!« Kim hatte bittend die Hände gefaltet. »Und wohin gehst Du?« fragte die Frau, ihm aus einem fettigen Paket einen halben Kuchen reichend.

»Geradeaus nach Benares.«

»Gaukler vermutlich,« meinte der junge Soldat. »Könnt Ihr uns einige Kunststücke vormachen, um uns Zeit zu vertreiben? Warum antwortet der gelbe Mann nicht?«

Weil,« antwortete Kim hochmütig, »er heilig ist und an Dinge denkt, die Dir verborgen sind.«

»Das kann möglich sein. Wir,« sprach er rollend und volltönend, »wir von den Loodhiana Sikhs plagen unsere Köpfe nicht mit heiligen Lehren – wir fechten!«

»Meiner Schwester Brudersohn,« sprach gemessen der Sikh-Handwerker, ist Naik (Korporal) in dem Regiment. Es sind auch einige Dogra-Kompanien dabei.«

Der Soldat wurde still: denn ein Dogra ist von niederer Kaste, als ein Sikh; und der Geldmann kicherte.

»Mir sind die alle gleich wert,« sagte das Amritzar-Mädchen.

»Das glauben wir,« schnaubte boshaft des Farmers Weib.

»Nein, aber alle, die dem Sirkar (Regiment) mit Waffen in der Hand dienen, sind eine Brüderschaft. Da ist eine Brüderschaft von der Kaste – aber über dieser wieder –« sie blickte schüchtern um sich – »das Band des Pulton – das Regiment – nicht?«

»Mein Bruder ist in einem Jat-Regiment,« sagte der Farmer. »Dogras sind tüchtige Männer.«

»Deine Sikhs wenigstens dachten so,« sprach der Soldat mit einem Grinsen nach dem stillen, alten Mann in der Ecke. »Deine Shiks dachten so, als unsere beiden Kompanien ihnen vor noch nicht drei Monaten bei Pirzai Kotal auf dem Bergpaß, angesichts von acht Alfridi-Fahnen zu Hilfe kamen.«

Er erzählte die Geschichte einer Grenz-Aktion, bei der die Dogra-Kompanien von den Loodhiana-Sikhs sich tapfer gehalten halten. Das Amritzar-Mädchen lächelte: sie wußte, daß die Geschichte erzählt wurde, um ihren Beifall zu gewinnen.

»O weh!« sagte die Frau des Farmers. »So wurden ihre Dörfer verbrannt und ihre kleinen Kinder heimatlos?«

»Sie hatten unsere Toten gebrandmarkt. Sie hatten eine große Summe zu zahlen, nachdem wir von den Sikhs ihnen eine gute Lehre gegeben. So war es. Ist dies Amritzar?«

»Ja, und hier müssen wir die Fahrkarten vorzeigen,« sagte der Bankier, an seinem Gürtel herumtastend.

Die Lampen glommen fahl in der Dämmerung, als der Halbblutschaffner die Runde machte. Fahrkarten-Einsammeln ist im Osten ein langsames Geschäft, weil die Leute sie an allen möglichen sonderbaren Orten verstecken. Kim zeigte die seinige vor und wurde hinaus gewiesen.

»Aber,« protestierte er, »ich muß nach Umballa. Ich reise mit diesem heiligen Mann.«

»Du kannst meinetwegen nach Jehannum (Hölle) gehen. Dies Billet ist nur bis Amritzar. Hinaus!«

Kim brach in eine Flut von Tränen aus, beteuerte, der Lama sei sein Vater und seine Mutter, er sei die Stütze der alten Tage des Lama und dieser würde ohne seinen Beistand sicherlich sterben. Der ganze Wagen bat den Schaffner, Mitleid zu haben – der Geldmann besonders war sehr bereit – der Schaffner aber packte Kim und warf ihn auf den Bahnsteig.

Der Lama blinzelte mit den Augen; er begriff den Vorgang nicht; Kim erhob die Stimme und weinte draußen vor den Wagenfenstern.

»Ich bin so arm. Mein Vater ist tot. Meine Mutter ist tot. O, Barmherzige, wer soll für den alten Mann sorgen, wenn ich hier bleibe?«

»Was – was ist dies?« fragte der Lama. »Er muß nach Benares. Er muß mit mir fahren. Er ist mein Chela. Wenn Geld bezahlt werden muß –«

»O, schweige,« flüsterte Kim; »sind wir Rajahs, daß wir gutes Silber wegwerfen, wo die Welt so barmherzig ist?«

Das Amritzar-Mädchen stieg mit ihren Bündeln aus. Auf sie richtete sich Kims schlauer Blick. Damen von dem Bekenntnis, wußte er, sind großmütig.

»Ein Billet – ein kleines Billetchen nach Umballa – o, Herzenbrecherin!« Sie lachte. »Hast Du kein Erbarmen?«

»Kommt der heilige Mann vom Norden her?«

»Von weit, weit aus dem Norden her kommt er,« antwortete Kim. »Aus den Bergen her.«

»Schnee ist zwischen den Fichtenbäumen im Norden – auf den Bergen ist Schnee. Meine Mutter war aus Kulu. Hol‘ Dir ein Billet. Bitte ihn um einen Segen.«

»Zehntausend Segen.« kreischte Kim. »O, Heiliger, eine Frau hat uns barmherzig gegeben, so daß ich mit Dir kommen kann – eine Frau mit einem goldenen Herzen. Ich renne, das Billet zu holen.«

Das Mädchen blickte zu dem Lama auf, der Kim mechanisch auf den Bahnsteig nachgefolgt war. Er senkte das Haupt, um sie nicht anzusehen, und murmelte etwas in Tibetanisch, als sie in der Menge sich verlor.

»Leicht bekommen – leicht gegeben,« sprach höhnisch die Farmerfrau.

»Sie hat Verdienst erworben,« erwiderte der Lama, »gewiß ist sie eine Nonne.«

»Solcher Nonnen gibt’s in Amritzar allein zehntausend. Komm zurück, alter Mann, sonst geht der Zug ohne Dich ab,« rief der Bankier.

»Nicht nur für das Billet war’s genug,« sagte Kim auf seinen Platz springend, »auch für etwas zu essen. Nun iß, Heiliger. Sieh, der Tag bricht an.«

Golden, rosig, safrangelb und nelkenfarben lösten die Morgennebel sich auf über der flachen grünen Ebene. Das ganze Reich Punjab lag ausgebreitet im Glanz der strahlenden Sonne. Der Lama schreckte ein wenig zusammen, wie die Telegraphenstangen vorüberflogen.

»Groß ist die Schnelligkeit des Zuges,« sagte mit gönnerhaftem Grinsen der Geldverleiher. »Wir sind schon weiter von Lahore, als Du in zwei Tagen gehen könntest. Am Abend werden wir in Umballa sein.«

»Und das ist noch weit von Benares,« sprach der erschöpfte Lama an den Kuchen knabbernd, die Kim ihm gegeben. Alle öffneten jetzt ihre Bündel und hielten ihre Morgenmahlzeit. Dann bereiteten der Sikh, der Farmer und der Soldat ihre Pfeifen und füllten den Wagen mit scharfem ätzendem Rauch, spuckend und hustend, und fühlten sich sehr behaglich. Der Bankier und die Farmersfrau kauten Pan (narkotisches Kaumittel in präpariertem Betelpfefferblatt); der Lama schnupfte und zählte seine Perlen; Kim saß mit gekreuzten Beinen, die Annehmlichkeit eines gefüllten Magens lächelnd genießend.

»Welche Flüsse habt Ihr bei Benares?« fragte plötzlich der Lama, sich an den ganzen Wagen wendend.

»Wir haben Gunga,« antwortete der Bankier, als das Gekicher aufhörte.

»Welche noch?«

»Welche anders als Gunga?«

»Ah, ich dachte an einen gewissen Fluß des Heils.«

»Das ist Gunga. Wer in ihm badet, wird von Sünden rein und kommt zu den Göttern. Drei Mal bereits machte ich die Pilgerfahrt zum Gunga.« Er blickte sich stolz um.

»Es tat not,« sagte der junge Sepoy trocken, und das Kichern der Reisenden wandte sich gegen den Bankier.

»Nein – um zu den Göttern zurückzukehren,« murmelte der Lama. »Und um weiter zu wandeln die Runde durch neue Leben – noch immer an das Rad gefesselt.« Er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Kann sein, daß da ein Irrtum ist. Wer denn schuf Gunga zu Anfang?«

»Die Götter. Welchem bekannten Glaubensbekenntnis gehörst Du denn an?« fragte der Bankier, ganz entsetzt.

»Ich folge dem Gesetz – dem höchst vortrefflichen Gesetz. Die Götter also schufen Gunga? Welche Art von Göttern waren diese?«

Die Wagengesellschaft schaute ihn starr vor Staunen an. Es war unbegreiflich, daß irgend einer nichts von Gunga wußte.

»Was – was ist Dein Gott?« fragte endlich der Geldmann.

»Höret! denn ich rede nun von ihm! O, Volk von Hindostan, höre!«

Er begann die Geschichte vom Gott Buddha, im Urdu-Dialekt, aber, von seinen Gedanken fortgetragen, fiel er bald ins Tibetanische und den eintönig schleppenden Text eines chinesischen Buches über das Leben des Buddha. Die sanften, duldsamen Leute lauschten ehrerbietig. Ganz Indien ist voll von heiligen Männern, die in seltsamen Zungen heilige Lehren stammeln, die glühen und sich verzehren im Feuer ihres Eifers – Schwärmer, Visionäre, Schwätzer – wie es von Anfang an war und bis zum Ende bleiben wird.

»Hm,« machte der Soldat von den Loodhiana-Sikhs. »Bei einem mohammedanischen Regiment, das nächst dem unsrigen bei dem ›Pirzai Kotal‹ lag, war ein Priester – wie ich mich entsinne: ein Naik – der, wenn der Anfall über ihn kam, prophezeite. Aber die Wahnsinnigen sind alle in Gottes Schutz. Seine Vorgesetzten sahen dem Manne vieles nach.«

Der Lama fiel in Urdu zurück, sich besinnend, daß er in fremdem Lande war. »Höret die Geschichte von dem Pfeil, den unser ›Herr‹ vom Bogen abschoß,« sprach er.

Dies war mehr nach dem Geschmack der Leute, und sie hörten der Erzählung aufmerksam zu. »Nun, o Volk von Hindostan, ziehe ich aus, den Fluß zu suchen. Wißt Ihr etwas, das mir helfen kann? Denn wir alle, Männer und Weiber, leben in Verblendung.«

»Gunga – und Gunga allein ist es, der von Sünde rein wäscht,« rann das Murmeln durch den ganzen Wagen.

»Obwohl ohne Frage,« begann das Weib des Farmers, »wir auch gute Götter im Jullundur-Land haben.« Und aus dem Fenster sehend: »Sieh, wie sie die Aehren gesegnet haben.«

»Jeden Fluß in Punjab aufzusuchen ist keine Kleinigkeit,« sagte der Gatte. »Mir genügt ein Fluß, der guten Schlamm auf meinen Feldern zurückläßt, und ich danke Bhumia, dem Gott der Heimstätte.« Er zuckte die muskulöse, bronzefarbene Schulter.

»Glaubst Du, daß unser ›Herr‹ so weit nordwärts kam?« fragte der Lama, sich an Kim wendend.

»Es kann sein,« sagte Kim beschwichtigend und spie roten Betelsaft auf den Boden.

»Der Letzte der Erhabenen,« sprach mit Nachdruck der Sikh, »war Sikander JuIkarn (Alexander der Große). Er pflasterte die Wege von Jullundur und baute die große Zisterne bei Umballa. Das Pflaster hält heute noch, und die Zisterne ist auch noch da. Von Deinem Gotte habe ich noch nie gehört.«

»Laß Dein Haar lang wachsen und sprich punjabisch,« sagte der junge Soldat scherzhaft, ein nordisches Sprichwort zitierend, zu Kim. »Das ist alles, was einen Sikh ausmacht.« Er sagte das aber nicht gerade laut. Der Lama seufzte und sank in sich zusammen, eine braune, formlose Masse. In den Pausen ihrer Unterhaltung hörten die Reisenden das langsam hingezogene – »Om mane padme hum! Om mane padme hum!« – (buddhistisches Gebet) und das Klick-Klick der hölzernen Rosenkranz-Perlen.

»Es schmerzt mich,« sprach endlich der Lama. »Das Gerassel und die Schnelligkeit schmerzen mich. Und außerdem, mein Chela, denke ich, wir könnten über den Strom hinweg gefahren sein.«

»Ruhig, ruhig,« sagte Kim. »War der Fluß nicht nahe Benares? Wir sind noch weit von dem Ort entfernt.«

»Aber – wenn unser ›Herr‹ nordwärts kam, könnte es irgend einer von diesen kleinen Flüssen sein, über die wir wegfuhren.«

»Das weiß ich nicht.«

»Aber Du wurdest mir gesendet – bist Du mir nicht gesendet? – für das Verdienst, das ich erwarb im fernen Suchen. Von der Seite der Kanone kamest Du – und trugest zwei Gesichter und zweierlei Gewand.«

»Stille, stille,« wisperte Kim. »Von diesen Dingen muß man hier nicht reden. Ich war nur einer. Denke nach, Du wirst Dich erinnern – ein Knabe – ein Hindu-Knabe – bei der großen grünen Kanone.«

»Aber war nicht auch ein Engländer mit weißem Bart da, der zwischen Götterbildern saß und mich selbst noch sicherer machte in meiner Sicherheit über den Strom des Pfeils?«

»Er – wir – gingen in das Ajab-Gher zu Lahore, um vor den Göttern zu beten,« erklärte Kim der zuhorchenden Gesellschaft. »Und der Sahib von dem Wunderhaus sprach zu ihm – ja es ist die Wahrheit – wie ein Bruder. Er ist ein sehr heiliger Mann von weit her, jenseit der Berge. Ruhe Du! Zur rechten Zeit kommen wir nach Umballa.«

»Aber mein Strom – der Strom meines Heils?«

»Und dann, wenn Du es wünschest, wollen wir zu Fuß den Fluß suchen, so daß wir keinen verfehlen – selbst nicht den kleinsten Bach an einer Feldseite.« »Aber Du selbst bist ja auch auf einer Suche.« Der Lama, sehr erfreut über sein gutes Gedächtnis, richtete sich gerade auf.

»Ei, wohl,« sagte Kim gut gelaunt. Der Knabe war kreuzfidel, hier zu sitzen, Betel zu kauen und sich fremdes Volk anzusehen in der großen, gutherzigen Welt.

»Es war ein Stier – ein Roter Stier – der kommen soll, Dir zu helfen – und Dich zu tragen – wohin? Das habe ich vergessen. Ein Roter Stier auf grünem Felde, war’s nicht so?«

»Nein, er wird mich nirgendwo hintragen,« sagte Kim. »Ich habe Dir nur ein Märchen erzählt.«

»Was ist das?« Des Farmers Weib beugte sich so rasch vorwärts, daß die Spangen an ihren Armen klirrten.

»Träumt Ihr beide Träume? Ein Roter Stier auf grünem Felde, der Dich tragen soll in den Himmel oder sonst wohin? War es eine Vision, eine Prophezeiung? Wir haben einen roten Ochsen in unserem Dorf, hinter der Stadt Jullundur, der grast nach seinem Belieben in dem grünsten unserer Felder.«

»Gib einer Frau ein Altweibermärchen und einem Wasservogel ein Blatt und einen Faden, und sie werden wunderliche Sachen zusammenweben,« sprach der Sikh. »Alle heiligen Männer träumen Träume, und ihre Schüler, die sie begleiten, erwerben dieselbe Fähigkeit.«

»Ein Roter Stier auf einem grünen Felde, war es nicht so?« wiederholte der Lama. »In einem früheren Leben – kann sein – hast Du Verdienst erworben, und der Stier wird kommen Dich zu belohnen.«

»Nein – nein – es war nur ein Märchen, das mir, zum Scherz vielleicht, erzählt wurde. Aber ich will den Stier bei Umballa herum suchen, und Du kannst Umschau halten nach Deinem Fluß und vom Gerassel des Zuges Dich erholen.«

»Kann sein – daß der Stier es weiß – und daß er gesendet ist, uns beide zu führen,« sprach der Lama, hoffnungsvoll wie ein Kind. Dann –« zu der Gesellschaft sich wendend – und auf Kim deutend – »Dieser hier ward mir erst gestern gesendet. Er ist nicht, so glaube ich, von dieser Welt.«

»Bettler habe ich haufenweise getroffen und heilige Männer noch obendrein,« sagte die Frau, »aber noch niemals so einen Pogi oder so einen Chela.«

Ihr Gatte berührte seine Stirn leicht mit einem Finger und lächelte. Aber als der Lama das nächste Mal zu essen wünschte, gaben sie ihm ihr Bestes hin.

Und endlich – ermüdet, staubig und schläfrig – erreichten sie Umballa.

»Wir bleiben hier wegen eines Prozesses,« sprach des Farmers Frau zu Kim. »Wir wohnen bei meines Mannes Vetters jüngerem Bruder. Es ist Platz für Deinen Pogi und für Dich im Hofraum. Wird – wird er mir seinen Segen geben?«

»O, heiliger Mann! Eine Frau mit einem goldenen Herzen gibt uns Unterkunft für die Nacht. Es ist ein freundliches Land, dieses Land des Südens. Sieh, wie uns seit Tagesgrauen schon geholfen wurde.«

Der Lama beugte mit einer Segnung sein Haupt.

»Sollen wir meines Vetters jüngeren Bruders Haus mit Vagabunden füllen?« murmelte der Mann, seinen schweren Bambusstock schulternd.

»Deines Vetters jüngerer Bruder ist meines Vaters Vetter noch Geld schuldig von seiner Tochter Hochzeitsfest,« antwortete schnippisch die Frau. »Laß ihn ihr Futter auf dies Konto schreiben. Der Pogi wird auch zweifellos betteln.«

»Oho, ich bettle für ihn,« sagte Kim, bestrebt, den Lama baldmöglichst für die Nacht unter Obdach zu bringen, um selbst Mahbub Alis Engländer zu finden und sich von des weißen Hengstes Stammbaum zu befreien.

»Nun,« sagte er, als der Lama in dem inneren Hofe eines anständigen Hindu-Hauses hinter den Kasernen verankert war, »nun gehe ich eine Weile fort, um – um Lebensmittel im Bazar einzukaufen. Streife nicht umher, bis ich zurück bin.«

»Wirst Du zurückkehren? Wirst Du gewiß zurückkehren?« Der alte Mann hielt ihn am Handgelenk fest. »Und wirst Du in dieser selben Gestalt zurückkehren? Ist es zu spät, heute noch nach dem Strom auszuschauen?«

»Zu spät und zu dunkel. Beruhige Dich. Denke, wie weit Du schon auf dem Wege bist, wohl hundert Kos schon von Lahore.«

Kim stahl sich hinaus und fort – eine Gestalt, so unauffällig, als wohl je eine ihr eigenes und das Geschick einiger tausend anderer um den Nacken geschlungen trug. Mahbub Alis Beschreibung ließ ihm wenig Zweifel über das Haus, in dem sein Engländer wohnte, und ein Groom, der ein Dogcart vom Club heimbrachte, machte ihn vollständig sicher. Es blieb nur übrig, seinen Mann zu identifizieren. Kim schlüpfte durch die Gartenhecke und legte sich auf einen Haufen weiches Gras dicht an der Veranda. Das Haus strahlte von Licht, Diener bewegten sich um die mit Blumen, Kristall und Silber geschmückten Tafeln. Ein Engländer im Dinneranzug kam heraus und summte eine Melodie. Es war zu dunkel, um sein Gesicht zu sehen, so versuchte Kim ein Bettler-Experiment:

»Wohltäter der Armen!«

Der Mann trat schnell zurück, auf die Stimme zu.

»Mahbub Ali sagt –«

»Ha, was sagt Mahbub Ali?« Er machte keinen Versuch, den Sprecher zu sehen; das zeigte Kim, daß er Bescheid wußte.

»Der Stammbaum des weißen Hengstes ist vollständig festgestellt.«

»Welcher Beweis dafür?« Der Engländer hieb mit seiner Gerte gegen die Rosenhecke an der Seite der Auffahrt.

»Mahbub Ali gab mir diesen Beweis.« Kim warf das Päckchen zusammengefaltetes Papier in die Luft; es fiel neben dem Manne zur Erde, der den Fuß darauf stellte, als ein Gärtner um die Ecke bog.

Als der Diener vorüber war, hob er es auf, ließ eine Rupie fallen (Kim hörte den Klang) und schritt ins Haus, ohne sich umzudrehen. Rasch hob Kim das Geld auf; war aber, obschon als Inder aufgezogen, Irländer genug von Geburt, um Silber als das weniger Bedeutende bei einer Intrigue anzusehen. Was er wollte, war der sichtbare Effekt der Tat; und so, statt sich hinweg zu schleichen, legte er sich platt ins Gras und schlängelte sich an das Haus heran.

Er sah – indische Bungalows sind durch und durch offen – den Engländer in ein kleines Ankleidezimmer in eine Ecke der Veranda treten, das zugleich Bureau schien, denn Papiere und Depeschentaschen lagen verstreut umher – sich setzen und Mahbub Alis Botschaft studieren. Sein Gesicht, im vollen Licht der Petroleumlampe, veränderte, verdüsterte sich, und Kim, geübt wie jeder Bettler sein muß, Gesichter zu beobachten, nahm gute Notiz davon.

»Willy! Lieber Willy!« rief eine Frauenstimme.

»Du solltest in den Salon kommen. Sie können jeden Augenblick eintreffen.«

Der Mann las eifrig weiter.

»Willy!« rief die Stimme fünf Minuten später. »Er kommt. Ich höre die Reiter in der Avenue.«

Der Mann eilte barhäuptig hinaus, als ein großer Landauer, gefolgt von vier eingeborenen Reitern vor der Veranda hielt und ein stattlicher schwarzhaariger Mann gerade wie ein Pfeil sich hinaus schwang; ihm voraus ein junger, freundlich lächelnder Offizier.

Platt auf dem Bauche lag Kim, fast die hohen Räder berührend. Sein Mann und der dunkelhaarige Fremde wechselten einige Worte.

»Aber natürlich, mein Herr. Alles muß zurückstehen, wenn es sich um ein Pferd handelt,« sprach höflich der junge Offizier.

»Wir brauchen kaum mehr als zwanzig Minuten,« sagte Kims Mann. »Sie können die Honneurs machen – sorgen, daß man sich amüsiert und so weiter.«

»Heißt einen der Soldaten warten,« sagte der schlanke Mann, und die beiden traten in das Toilettenzimmer. Der Landauer rollte weg. Kim sah ihre Köpfe über Mahbub Alis Schreiben gebeugt und hörte ihre Stimmen – die eine leise und ehrerbietig, die andere scharf und bestimmt.

»Es ist keine Frage von Wochen. Es ist eine Frage von Tagen – von Stunden beinahe. Ich erwartete es seit einiger Zeit, aber dies – er tippte auf Mahbub Alis Papiere – macht der Sache ein Ende. Grogan speist heute hier?«

»Ja, Herr, und auch Macklin.«

»Sehr gut. Ich selbst will mit ihnen sprechen. Die Angelegenheit wird dem Rate unterbreitet werden, natürlich; doch ist dies ein Fall, wo man annehmen darf, daß wir berechtigt sind, sofort zu handeln. Benachrichtigen Sie die Pindi- und Peshawur-Brigaden. Es wird die Sommer-Urlaubsliste sehr aus der Ordnung bringen, aber das können wir nicht ändern. Das kommt davon, daß wir sie nicht gleich das erste Mal völlig niedergeschmettert haben. – Acht Tausend sollten genügen.«

»Und Artillerie, Herr?«

»Ich muß mit Macklin beraten.«

»Es bedeutet also Krieg?«

»Nein. Bestrafung. Wenn ein Mann durch das Tun seines Vorgängers gebunden ist –«

»Aber C 25 kann gelogen haben.«

»Er bestätigt die Mitteilung des anderen. Tatsächlich zeigten sie ihr Spiel schon vor sechs Monaten. Devenish aber war nicht abzubringen davon – es sei noch ein Ausweg zum Frieden zu finden. Natürlich benutzten sie dies, sich zu verständigen. Senden Sie diese Telegramme sofort ab – nach dem neuen Code – nicht dem alten – dem von mir und Wharton. Ich meine, wir brauchen die Damen nicht länger warten zu lassen. Wir können das Übrige bei der Zigarre abmachen. Ich wußte, daß es so kommen würde. Es ist Strafe – nicht Krieg.«

Als der Reiter fortgetrabt war, kroch Kim um die Ecke nach der Rückseite des Hauses, wo er, nach seinen Lahorer Erfahrungen, wußte, daß er Futter und Neuigkeiten finden werde. Die Küche war voll von aufgeregt hantierenden Küchenjungen, von denen einer nach ihm trat.

»O weh,« schrie Kim, Tränen heuchelnd, »ich wollte nur aufwaschen helfen, für einen Mundvoll.«

»Ganz Umballa überläuft uns aus demselben Grund. Mach, daß Du fortkommst. Die Suppe wird jetzt hineingetragen. Meinst Du, daß wir, in Creighton’s Dienst, fremde Küchenjungen brauchen, uns bei einem großen Diner zu helfen?«

»Es ist ein sehr großes Diner,« sagte Kim, nach den Schüsseln blickend.

»Kein Wunder. Der Ehrengast ist kein anderer als der Jang-i-Lat Sahib.« (Der Höchstkommandierende).

»Oho!« rief Kim in dem richtigen Gutturalton der Verwunderung. Er hatte erfahren, was er wissen wollte, und als der Küchenjunge sich umsah, war er fort.

»Und das alles,« sprach Kim zu sich selbst, wie immer wenn er über etwas nachdachte, in Hindostanisch – »um eines Pferdes Stammbaums willen. Mahbub Ali sollte zu mir kommen, um ein wenig lügen zu lernen. Bisher, wenn ich eine Botschaft auszurichten hatte, betraf sie stets ein Weib. Jetzt betrifft sie Männer. Besser! Der lange Mann sagte, er wolle eine große Armee los lassen, um jemand zu bestrafen – irgendwo. – Die Nachricht geht nach Pindi und Peshawur. Da sind auch Kanonen. Wollte, ich wäre noch näher herangekrochen. Es ist eine große Neuigkeit.«

Bei seiner Rückkehr fand er des Farmers Vetters jüngeren Bruder mit dem Farmer, dessen Frau und einigen Freunden eifrig dabei, den Familien-Prozeß nach allen Richtungen zu erörtern. Der Lama schlummerte. Nach der Abendmahlzeit gab man Kim eine Wasserpfeife, und er dünkte sich ein ganzer Mann, als er, mit ausgespreizten Beinen im Mondlicht liegend, an der glatten Kokosnußschale zog und ab und zu ein wenig mit der Zunge schnalzte. Seine Wirte waren sehr höflich, denn des Farmers Frau hatte ihnen von seiner Vision von dem Roten Stier erzählt und daß Kim wahrscheinlich aus einer anderen Welt stamme. Überdies war der Lama eine große und ehrwürdige Merkwürdigkeit. Später kam der Familien-Priester, ein alter, toleranter Sarsut-Brahmane, hinzu und brachte natürlich bald ein theologisches Argument vor, um Eindruck auf die Familie zu machen. Nach ihrem Bekenntnis waren sie natürlich alle auf ihres Priesters Seite; der Lama aber war der Gast und die Neuheit. Seine sanfte Freundlichkeit und seine eindrucksvollen chinesischen Zitate, die wie Zaubersprüche klangen, entzückten sie außerordentlich, und der Lama entfaltete sich in dieser einfachen, sympathischen Umgebung gleich des Bodhisats eigener Lotosblüte. Er erzählte von seinem Leben in den großen Bergen von Suchzen, bevor, wie er sagte: »ich mich aufmachte, um Erleuchtung zu suchen.«

Da kam es auch heraus, daß er in jenen weltlichen Tagen ein Meister im Horoskop- und Nativitäten-Stellen war. Der Familien-Priester bewog ihn, seine Methode mit seiner zu vergleichen. Jeder gab aufwärts nach den großen Sternen deutend, die durch die Dunkelheit der Nacht segelten, den Planeten Namen, die der andere nicht verstand. Die Kinder zupften, ungetadelt, an des Lamas Rosenkranz, und er vergaß selbst des Verbotes, Frauen anzusehen, als er von den ewigen Schneegipfeln, von Erdrutschen, von blockierten Pässen, den entlegenen Felsen sprach, wo man Saphire und Türkisen findet, und zuletzt von der wundervollen Hochlandstraße, die in das große China führt.

»Wie denkst Du über den da?« fragte der Farmer, den Priester bei Seite nehmend.

»Ein heiliger Mann – wahrhaftig ein heiliger Mann. Seine Götter sind nicht die Götter, aber seine Füße sind auf dem Wege,« war die Antwort. »Und seine Methode beim Nativitäts-Stellen – wenn das auch über Deinen Verstand geht, ist weise und sicher.«

»Sage mir,« fragte Kim schläfrig, »ob ich meinen Roten Stier auf einem grünen Felde finde, wie mir versprochen wurde?«

»Welche Kenntnis hast Du von Deiner Geburtsstunde?« fragte der Priester, aufschwellend vor Wichtigkeit.

»Zwischen dem ersten und zweiten Hahnkrähen in der ersten Nacht des Mai.«

»In welchem Jahr?«

»Ich weiß nicht; aber in der Stunde, wo ich den ersten Schrei tat, war das große Erdbeben in Srinagar, das in Kashmir liegt.« Dies hatte Kim von der Frau, die ihn beherbergte, und diese wieder von Kimball O’Hara. Das Erdbeben hatte man in ganz Indien gespürt, und es blieb für lange Zeit ein leitendes Datum im Punjab.

»Aha!« rief aufgeregt eine Frau. Dies schien ihr Kims übernatürliche Herkunft noch gewisser zu machen. »War nicht irgend jemandes Tochter auch da geboren?«

»Und ihre Mutter gebar dem Manne vier Söhne in vier Jahren – alles hübsche Knaben,« bestätigte die Farmersfrau, außerhalb des Kreises im Schatten sitzend.

»Kein in der Wissenschaft Erzogener,« sprach der Familien-Priester, »vergißt, wie die Planeten in jener Nacht in ihren Häusern standen.« Er begann in dem Staube des Hofes zu zeichnen. »Jedenfalls hast Du auf die Hälfte vom Hause des Stieres Anrecht. Wie lautet Deine Prophezeiung?«

»Eines Tages,« hub Kim an, entzückt von dem Aufsehen, das er erregte, »eines Tages werde ich durch Hilfe eines Roten Stieres auf einem grünen Felde mächtig werden; aber erst werden zwei Männer antreten, um alles bereit zu machen.«

»Ja, so ist es immer bei Beginn einer Vision. Eine tiefe Dunkelheit, die allmählich heller wird; dann kommt einer mit einem Besen und macht den Platz klar. Dann beginnt die Erscheinung. Zwei Männer sagst Du? Ei! Ei! Die Sonne, wenn sie das Haus des Stieres verläßt, tritt ein in das der Zwillinge. Daher die zwei Männer der Prophezeiung. Laß uns überlegen. Hole mir einen Zweig, Kleiner!«

Er zog die Augenbrauen zusammen, kratzte, wischte aus und kratzte wieder mysteriöse Zeichen in den Staub. Alle standen verwundert dabei, nur der Lama nicht, der sich mit seinem Takt vor jeder Einmischung hütete. Nach einer halben Stunde warf der Priester murrend die Rute fort. »Hm! So sprechen die Sterne. Innerhalb dreier Tage kommen die zwei Männer, um alles klar zu machen. Nach ihnen kommt der Stier, aber das Zeichen über ihm ist das Zeichen des Krieges und bewaffneter Männer.«

»Es war in der Tat ein Mann von den Ludhiana-Sikhs in dem Wagen von Lahore,« sagte die Farmersfrau, freudig aufgeregt.

»Tck, Bewaffnete Männer – viele Hunderte. Was hast Du mit Krieg zu tun?« fragte der Priester Kim. »Deins ist ein rotes und ein böses Zeichen von Krieg, der bald losbrechen wird.«

»Es geht ihn nichts an – nein – wir suchen nur Frieden und unseren Strom,« sprach ernsthaft der Lama.

Kim lächelte, sich dessen erinnernd, was er vor dem Toilettenzimmer erlauscht. Gewiß, er war ein Liebling der Sterne.

Der Priester strich mit dem Fuß über des Horoskop. – »Mehr als dies kann ich nicht sehen. In drei Tagen kommt der Stier zu Dir, Knabe.«

»Und mein Fluß, mein Fluß,« sprach flehentlich der Lama. »Ich hatte gehofft, der Stier würde uns beide zu dem Flusse leiten.«

»Ach, der wunderbare Fluß, mein Bruder,« antwortete der Priester. »Solche Dinge sind nicht gewöhnlicher Art.«

Am nächsten Morgen, trotz der Bitten ihrer Wirte, daß sie noch bleiben möchten, bestand der Lama auf der Abreise. Sie gaben Kim ein großes Bündel guter Lebensmittel und beinahe drei Annas in Kupfermünze mit auf den Weg, und mit vielen Segenswünschen sahen sie die beiden im Morgengrauen südwärts wandern.

»Schade ist es,« sprach der Lama, »daß diese und solche wie diese nicht frei werden können von dem Rad der Dinge.«

»Nein,« sagte Kim, »dann würde nur böses Volk auf der Erde zurückbleiben, und wer würde uns Obdach und Fleisch geben?« Und lustig schritt er aus mit seinem Bündel.

»Dort ist ein kleiner Fluß,« sprach der Lama. »Laß uns sehen.« – Er ging von der weißen Landstraße ab querfeldein und geriet in ein wahres Wespennest von herrenlosen Hunden.

Kapitel 3.

Kapitel 3.

Hinter ihnen schwenkte ein erboster Bauer eine Bambusstange. Er war ein Handelsgärtner von der Arain-Kaste und zog Gemüse und Blumen für die Stadt Umballa; und gut genug kannte Kim die Sorte.

»So ein Mann,« sprach der Lama, die Hunde nicht weiter beachtend, »ist unhöflich gegen Fremde, hart von Rede und unbarmherzig. Hüte Dich, mein Schüler, vor solchem Betragen.«

»Ho! Schamlose Bettler!« schrie der Bauer, »macht daß Ihr fortkommt!«

»Wir gehen,« sprach der Lama mit ruhiger Würde, »wir gehen von diesen ungesegneten Feldern.«

»Heh,« sagte Kim, »wenn Deine Ernte das nächstemal mißrät, gib Deiner eigenen Zunge die Schuld.«

Der Mann schlurfte unbehaglich in seinen Schuhen.

»Das Land ist voll von Bettlern,« begann er halb entschuldigend.

»Und woher weißt Du, daß wir betteln wollten, o Mali, unrechter Mensch?« fragte Kim scharf, den Namen brauchend, den ein Markthändler am wenigsten hören mag. Alles was wir hier wollten, war, den Fluß, der hinter dem Felde dort fließt, in der Nähe anzusehen.«

»Der Fluß? Nanu!« knurrte der Mann. »Aus welcher Stadt seid Ihr gebürtig, daß Ihr einen Kanal-Schnitt nicht kennt? Er fließt so gerade wie ein Pfeil, und ich zahle für das Wasser, als ob es geschmolzenes Silber wäre. Weiter hin ist ein kleines Flüßchen. Aber, wenn Ihr Wasser trinken wollt, kann ich Euch das geben – auch Milch.«

»Nein, wir wollen zu dem Fluß gehen,« sagte der Lama ausschreitend.

»Milch und ein Mahl,« stotterte der Mann, die fremdartige, hohe Gestalt musternd. »Ich – möchte mir selbst und – meinen Feldern nichts Übles zuziehen; aber es gibt so viele Bettler in diesen schlechten Zeiten.«

»Beachte wohl,« wandte der Lama sich zu Kim, »durch den Roten Nebel des Zornes ward er verleitet, harte Worte zu sprechen – nun, da der von seinen Augen weicht, wird er höflich und zeigt ein freundliches Herz. Hüte Dich, o Bauer, die Menschen zu rasch zu beurteilen: mögen Deine Felder gesegnet sein!«

»Ich bin Heiligen begegnet,« sprach Kim zu dem beschämten Mann, »die Dich vom Herdstein bis zum Kuhstall verflucht haben würden. Ist er nicht weise und heilig? Ich bin sein Schüler.«

Kim streckte die Nase hochmütig in die Luft und schritt mit großer Würde durch die schmalen Feldwege.

»Stolz,« sprach der Lama nach einer Pause, »Stolz gibt es nicht unter denen, die dem Mittleren Pfade folgen.«

»Aber Du sagtest, er wäre unhöflich und von niederer Kaste.«

»Von niederer Kaste sprach ich nicht, denn wie kann das sein, was nicht ist? Er entschuldigte sich nachher wegen seiner Unhöflichkeit, und ich vergaß die Beleidigung. Überdies, er ist, wie wir sind, gebunden auf das Rad der Dinge; aber er kennt den Weg der Befreiung nicht.« Er stand still bei einem kleinen Flüßlein zwischen den Feldern und betrachtete die von Hufen zertretenen Ufer.

»Nun, wie willst Du Deinen Fluß erkennen?« fragte Kim, im Schatten hohen Zuckerrohrs kauernd.

»Wenn ich ihn finde, wird mir sicher Erleuchtung kommen. Dies, ich fühle es, ist nicht der rechte Ort. O, kleinstes der Wässer, wenn Du mir nur sagen könntest, wo mein Strom fließt! Aber sei gesegnet, da Du die Felder fruchtbar machst!«

»Sieh! Sieh!« Kim sprang zu ihm hin und zerrte ihn rückwärts. Ein gelb und brauner Streifen glitt aus dem purpurn schimmernden, raschelnden Gebüsch nach dem Ufer, streckte den Hals zum Wasser, trank und lag still – eine große Cobra, mit unbeweglichen, lidlosen Augen.

»Ich habe keinen Stock – ich habe keinen Stock,« sagte Kim. »Ich will mir einen holen und ihr den Rücken zerbrechen.«

»Warum? Sie ist auf dem Rade, wie wir es sind – ein aufwärts oder abwärts steigendes Leben – weit entfernt von der Befreiung. Große Sünde muß die Seele begangen haben, die in solche Gestalt gebannt ward.«

»Ich hasse alle Schlangen,« sagte Kim. Selbst das Aufwachsen unter den Eingeborenen kann nicht des weißen Menschen Abscheu vor Schlangen bannen.

»Lasse sie ihr Leben ausleben.« Das geringelte Ding zischte und öffnete die Haube halb. »Möge Deine Erlösung bald kommen, Bruder,« fuhr der Lama mit sanfter Stimme fort. »Hast Du zufällig Kenntnis von meinem Strom?«

»Niemals sah ich einen Mann wie Du bist,« flüsterte Kim, überwältigt. »Verstehen die Schlangen selbst Deine Sprache?«

»Wer weiß?« Er ging nur einen Fußbreit am erhobenen Kopf der Cobra vorbei, und diese vergrub sich schnell unter den staubigen Ringeln.

»Komm Du!« rief er über seine Schulter.

»Ich nicht,« antwortete Kim. »Ich gehe um sie herum.«

»Komm. Sie tut Dir nichts.«

Kim zögerte. Der Lama unterstützte seine Aufforderung durch ein kurz gesprochenes, chinesisches Zitat, das Kim für eine Zauberformel hielt. Er gehorchte, sprang über das Flüßchen, und die Schlange rührte sich nicht.

»Niemals habe ich so einen Mann gesehen.« Kim trocknete den Schweiß von seiner Stirn. »Und nun, wohin gehen wir?«

»Das mußt Du bestimmen. Ich bin alt und ein Fremdling – fern von meiner Heimat. Wenn nicht der Eisenbahnwagen mir den Kopf mit Teufelstrommeln füllte, würde ich darin jetzt nach Benares reisen … und doch könnten wir auf diese Art den Fluß übersehen. Laß uns einen andern Fluß suchen.«

Wo das vielgenützte Erdreich drei-, selbst viermal im Jahre Ernten gibt – durch Strecken von Zuckerrohr, Tabak, von langen weißen Rettigen und Kolanuß, wanderten sie den ganzen Tag, jeden Schimmer von Wasser beachtend, die Dorfhunde und in der Mittaghitze schlafende Dörfer weckend. Der Lama antwortete auf die vielfachen Fragen mit unerschütterlicher Einfachheit: »sie suchten einen Fluß – einen Fluß von wunderbarer Heilkraft. Hatte irgend einer Kenntnis von so einem Strom?« Zuweilen lachten die Leute, öfter aber hörten sie die Geschichte bis zum Ende an und boten ihnen einen Platz im Schatten, einen Trunk Milch und ein Mahl. Die Frauen waren immer gütig und die Kinder, wie Kinder in der ganzen Welt sind, abwechselnd scheu und dreist. Der Abend fand sie in Ruhe unter dem Dorfbaum zwischen den lehmgedeckten und lehmwandigen Häuschen eines Weilers, mit dessen Dorfältesten sie sich unterhielten, während die Rinder von den Weideplätzen heimkehrten und die Frauen des Tages letzte Mahlzeit bereiteten. Den Bereich der Marktgärten rings um das vielverzehrende Umballa hatten sie passiert und befanden sich nun im meilenweiten grünen Stapelland des Getreides.

Der weißbärtige freundliche Dorfälteste war gewohnt, Fremde aufzunehmen. Er brachte für den Lama eine aus Schnüren zusammengeknüpfte Bettstatt herbei, setzte ihm gekochtes warmes Essen vor und schickte, als die Abend-Zeremonie im Dorftempel beendet, nach dem Dorfpriester.

Kim erzählte den älteren Kindern Geschichten von der Größe und Schönheit von Lahore, von Eisenbahnfahrten und dergleichen weltlichen Dingen, während die Männer mit einander redeten, langsam, wie ihr Rindvieh das Futter wiederkäute.

»Ich kann es nicht begreifen«, sagte der Älteste zum Priester. »Wie deutest Du diese Rede?« Der Lama, nachdem er seine Geschichte erzählt, zählte schweigend seine Perlen.

»Er ist ein Suchender. Das Land ist voll von solchen. Erinnere Dich an den, der erst im letzten Monat hier war – den Fakir mit der Schildkröte.«

»Ei, der Mann hatte Grund und Recht, denn Krishna selbst erschien ihm in einer Vision und verhieß ihm das Paradies ohne den Scheiterhaufen, wenn er nach Prayag wanderte. Dieser Mann sucht keinen Gott, von dem ich Kenntnis habe.«

»Schweige, er ist alt; er kommt aus weiter Ferne und ist geistesgestört,« erwiderte der glattgeschorene Priester. »Höre mich,« wandte er sich zum Lama, »drei Kos (sechs Meilen) westwärts läuft die große Straße nach Calcutta.«

»Aber ich wollte nach Benares – nach Benares.«

»Und nach Benares ebenfalls. Sie durchschneidet alle Ströme auf dieser Seite von Hind. Mein Rat, Heiliger, ist, ruhe hier bis morgen. Dann schlage den Weg ein (er meinte die große Haupt-Heer-Straße) und prüfe jeden Strom, über den er hinweg führt; denn wie ich Dich verstehe, beschränkt die Heilkraft des Stromes sich nicht auf einen kleinen Strich Wassers noch auf eine bestimmte Stelle, nein, sie erstreckt sich auf seine ganze Länge. Dann, sei versichert, wenn Deine Götter es wollen, wirst Du zu Deiner Befreiung gelangen.«

»Das ist wohl gesprochen.« Der Vorschlag machte großen Eindruck auf den Lama. »Morgen wollen wir das tun, und Segen über Dich, der Du alten Füßen so nahen Weg weisest.« Ein tiefer, eintöniger, chinesischer Halbsang beschloß die Rede. Selbst der Priester fühlte sich ergriffen, und der Älteste fürchtete einen bösen Zauber. Aber keiner konnte lange in des Lamas ernstes, sanftes Gesicht blicken und an ihm zweifeln.

»Siehst Du meinen Chela?« sprach er, mit einem tiefen Griff in sein Schnupftabaks-Gefäß. Es war Pflicht, Höflichkeit mit Höflichkeit zu vergelten.

»Ich sehe – und höre.« Der Älteste wandte die Augen nach Kim, der mit einem blaugekleideten Mädchen schwatzte, das knisternde Dornen auf ein Feuer warf.

»Er auch,« sprach der Lama, den Blicken des Ältesten folgend, »sucht etwas für sich selbst. Keinen Strom, aber einen Stier. Ja, ein roter Stier auf grünem Felde wird ihn eines Tages zu Ehren bringen. Er ist, so glaube ich, nicht ganz von dieser Welt. Er ward mir plötzlich gesendet, mir bei meinem Suchen zu helfen, und sein Name ist: Freund der ganzen Welt.«

Der Priester lächelte. »He da, Freund der ganzen Welt« rief er durch den scharf riechenden Rauch, »was bist Du denn?«

»Der Schüler dieses Heiligen,« entgegnete Kim.

»Er sagt, Du bist ein »but« (ein Geist).«

»Können buts essen?« fragte Kim blinzelnd, »denn ich bin hungrig.«

»Es ist kein Scherz,« rief der Lama. »Ein gewisser Astrologe in der Stadt, deren Namen ich vergessen –«

»Das ist nur die Stadt Umballa, wo wir die letzte Nacht schliefen,« flüsterte Kim dem Priester zu.

»Ah, Umballa war es? Er stellte ein Horoskop und erklärte, mein Chela würde seinen Wunsch innerhalb zweier Tage erfüllt sehen. Aber was sagte er von der Bedeutung der Sterne, Freund aller Welt?«

Kim räusperte sich und sah sich um nach dem Graubärtigen des Dorfes.

»Die Bedeutung meines Sternes ist Krieg,« erwiderte er promphaft.

Irgend jemand lachte über die kleine zerlumpte Gestalt, die da auf der steinernen Sockelplatte unter dem großen Baum umherstolzierte. Bei Gelegenheiten, wo Eingeborene sich niederzulegen pflegen, brachte sein weißes Blut Kim meist auf die Füße.

»Ja, Krieg,« rief er.

»Das ist eine sichere Prophezeiung,« polterte eine tiefe Stimme heraus, »denn Krieg ist immer an den Grenzen entlang, so viel ich weiß.«

Es war ein alter, verwitterter Mann, der so sprach. In den Tagen der Meuterei hatte er, als eingeborener Offizier, dem Gouvernement gedient, in einem neu gebildeten Kavallerie-Regiment. Die Regierung hatte ihm einen guten Besitz in dem Dorfe überwiesen, und obwohl seine Söhne, nun auch graubärtige Offiziere, ihn für ihre eigenen Bedürfnisse genommen hatten, war er doch immer noch eine Person von Bedeutung. Englische Unterbeamte, Vizekommissare selbst, wichen von der Hauptstraße ab, um ihn zu besuchen. Bei solchen Gelegenheiten trug er die Uniform vergangener Tage und stand steif wie ein Ladestock.

»Aber dies soll ein großer Krieg sein – ein Krieg von acht Tausend.« Kims Stimme schrillte so über den sich schnell ansammelnden Haufen, daß es ihn selbst befremdete.

»Rotröcke oder von unseren eigenen Regimentern?« fragte eifrig der alte Mann, als spräche er mit einem Gleichgestellten. Der Ton flößte den Leuten Respekt vor Kim ein.

»Rotröcke,« sagte Kim auf gut Glück. »Rotröcke und Kanonen.«

»Aber – der Astrologe sagte kein Wort davon,« rief der Lama, in seiner Aufregung erstaunlich schnupfend.

»Aber ich weiß es. Das Wort ist mir zugekommen, der ich der Schüler dieses Heiligen bin. Es wird ein Krieg erstehen – ein Krieg von acht Tausend Rotröcken. Von Pindi und Peshawur werden sie herbei gezogen. Dies ist sicher.«

»Der Knabe hat Bazar-Geschwätz gehört,« sagte der Priester.

»Aber er war stets an meiner Seite,« sprach der Lama. »Wie sollte er es wissen? Ich wußte es nicht.«

»Das wird ein geschickter Gaukler, wenn der alte Mann tot ist,« flüsterte der Priester dem Ortsältesten zu. »Welch ein neuer Streich ist dies?«

»Einen Beweis, gieb mir einen Beweis,« polterte plötzlich der alte Soldat. »Wenn Krieg wäre, würden meine Söhne es mir gesagt haben.«

»Wenn alles bereit ist, zweifle nicht, werden Deine Söhne es erfahren. Aber es ist ein weiter Weg von Deinen Söhnen bis zu dem Mann, in dessen Händen dies alles liegt.« Kim wurde warm bei dem Spiel. Es erinnerte ihn an seine Briefbesteller-Karriere, wo er für ein paar Kupfermünzen heuchelte, mehr zu wissen als er wußte. Jetzt aber spielte er um größeren Preis – um den Reiz der Intrigue und das Gefühl der Macht. Er holte tief Atem und fuhr fort:

»Alter Mann, gieb Du mir einen Beweis. Geben Untergeordnete Befehl, daß achttausend Rotröcke marschieren sollen – mit Kanonen?«

»Nein.« Wieder antwortete der alte Mann, als ob Kim seines Gleichen wäre.

»Weißt Du denn, wer Er ist, der den Befehl gibt?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Und erkanntest Ihn!«

»Ich kenne Ihn, seit er Leutnant in der Top-Khana (Artillerie) war.«

»Ein großer Mann. Ein großer Mann mit schwarzem Haar, der so geht?« Kim tat ein paar Schritte in steifer, hölzerner Haltung.

»Ja; aber das kann jeder gesehen haben.« Unter den Zuhörern herrschte atemlose Stille während dieser Unterhaltung.

»Das ist wahr,« rief Kim. »Aber ich werde mehr sagen. Schau! Erstens geht der große Mann so . Zweitens, wenn er nachdenkt, tut er’s so :» (Kim strich mit dem Zeigefinger über seine Stirn und abwärts bis zum Mundwinkel.) »Gleich darauf zuckt er mit den Fingern, so. Darauf drückt er den Hut unter die linke Achselhöhle.« Kim illustrierte die Bewegung und stand da wie ein Storch.

Der alte Mann stöhnte, stumm vor Erstaunen; die Leute schauderten.

»So – so – so. Aber was tut er, wenn Er einen Befehl erteilen will?«

»Er reibt die Haut im Nacken – so. Dann klopft er mit einem Finger auf den Tisch und macht ein kleines schnüffelndes Geräusch mit der Nase. Alsdann spricht er: »Macht so und so ein Regiment mobil. Zieht diese Kanonen heraus!«

Der alte Mann stellte sich steif auf und salutierte.

»Denn« – Kim übersetzte die scharfen Sätze, die er vor dem Ankleidezimmer in Umballa erlauscht und gut behalten hatte, in die Landessprache – »Denn,« sagte Er, »wir haben viel zu lange gezögert. Es ist nicht Krieg – es ist Bestrafung. Snff!«

»Genug. Ich glaube Dir. Ich habe ihn so gesehen im Rauch der Schlachten. Gesehen und gehört. Er ist es.«

»Ich sah keinen Rauch« – Kims Stimme schraubte sich hinauf zu dem verzückten Singsang der Wahrsager von der Landstraße – »ich sah dies in der Dunkelheit. Erst kam ein Mann, den Platz klar zu machen. Dann kamen Reiter. Dann kam Er und stand in einem Kreis von Licht. Das Übrige folgte, wie ich gefügt habe. Alter Mann, habe ich Wahrheit gesprochen?«

»Das ist Er. Ohne jeden Zweifel, Er ist es.« Die Menge tat einen langen, zitternden Atemzug und starrte abwechselnd die Gestalt des noch immer erstaunten alten Mannes und des zerlumpten Kim an, die sich gegen das purpurne Zwielicht abhob.

»Sagte ich nicht – sagte ich nicht, daß er von einer anderen Welt stammt?« rief stolz der Lama. »Er ist der Freund der ganzen Welt. Er ist der Freund der Sterne!«

»Wenigstens,« rief ein Mann, »betrifft es uns nicht. He! Du kleiner Wahrsager, wenn die Gabe Dir jederzeit treu bleibt – ich habe eine rotgefleckte Kuh – vielleicht ist sie die Schwester Deines Ochsen – was weiß ich –«

»Oder was kümmert’s mich,« sprach Kim, »meine Sterne befassen sich nicht mit Deinem Rindvieh.«

»Aber,« fiel eine Frau ein, »sie ist so krank. Mein Mann ist ein Büffel, oder er hätte seine Worte besser gewählt. Sage Du mir, ob sie wieder gesund wird?«

Ein Knabe gewöhnlicher Art hätte wohl das Spiel weiter getrieben: Kim aber kannte nicht seit dreizehn Jahren die Stadt Lahore und vor allem die Fakire bei dem Taksali-Tor, ohne auch die menschliche Natur zu kennen.

Der Priester blickte seitwärts nach ihm hin mit einem etwas bitteren, trockenen Lächeln.

»Ist denn kein Priester in diesem Dorfe? Mich dünkt, ich hätte einen mächtigen gesehen, soeben noch,« rief Kim.

»Ja – aber –« begann die Frau.

»Aber Du und Dein Mann, Ihr wolltet die Kuh für eine Handvoll Dank kuriert haben!« Der Schuß traf: die beiden waren das geizigste Paar im Dorfe. »Es ist nicht recht, die Tempel zu verkürzen. Gebt Euerem eigenen Priester ein junges Kalb, und, wenn Euere Götter nicht unwiderruflich erzürnt sind, wird die Kuh innerhalb eines Monats Milch geben.«

»Ein Meisterbettler bist Du,« schnurrte der Priester. »Nicht die List von vierzig Jahren hätte es besser machen können. Sicherlich hast Du auch den alten Mann reich gemacht?«

»Ein wenig Mehl, ein wenig Butter und ein Mund voll Cardamom – kann man davon reich werden?« erwiderte Kim, von dem Lob geschmeichelt, aber stets vorsichtig. »Und, wie Du sehen kannst, er ist schwachsinnig. Aber es nützt mir, ihm zu dienen, weil ich wenigstens den Weg kennen lerne.«

Er wußte, wie es die Fakire vom Talsali-Tor trieben, wenn sie untereinander redeten, und ahmte selbst den Tonfall ihrer Schüler nach.

»Ist dieses Suchen denn Wahrheit, oder ein Mäntelchen für andere Zwecke? Vielleicht gilt es Gewinn.«

»Er ist verrückt – ganz und gar – verrückt. Es ist nichts weiter.«

Hier humpelte der alte Soldat herbei und fragte Kim, ob er seine Gastfreundschaft für die Nacht annehmen wolle. Der Priester riet ihm, es zu tun; bestand aber darauf, daß die Ehre, den Lama aufzunehmen, dem Tempel gebühre – wozu der Lama arglos lächelte. Kim blickte von einem Gesicht zum anderen und hatte seine eigenen Gedanken.

»Wo hast Du das Geld?« wisperte er, den alten Mann in die Dunkelheit mitziehend.

»Auf meiner Brust. Wo sonst?«

»Gib es mir. Schnell und leise gib es mir.«

»Aber warum? Hier ist keine Fahrkarte zu kaufen.«

»Bin ich Dein Chela, oder bin ich es nicht? Behüte ich nicht Deine alten Füße auf allen Wegen? Gib mir das Geld; beim Morgengrauen gebe ich es Dir zurück.« Er tauchte die Hand in des Lama’s Gürtel und nahm die Börse heraus.

»Sei es so – sei es so.« Der alte Mann senkte den Kopf. »Dies ist eine große und schreckliche Welt. Hätte nie geglaubt, daß es so viele Menschen darin gibt!«

Am andern Morgen war der Priester sehr schlechter Laune, der Lama aber ganz wohlgemut. Kim hatte einen interessanten Abend mit dem alten Soldaten verbracht, der, seinen Kavallerie-Säbel auf den mageren Knien balanzierend, Geschichten von der Meuterzeit und von jungen Obersten, die seit dreißig Jahren in ihren Gräbern ruhten, erzählte, bis Kim in Schlaf fiel.

»Wahrlich«, sprach der Lama, »die Luft dieses Landes ist gut. Ich habe leichten Schlaf wie alle alten Menschen; diese letzte Nacht aber schlief ich, ohne aufzuwachen, bis zum hellen Tag. Selbst jetzt bin ich noch schläfrig.«

»Nimm einen Trunk heiße Milch«, sagte Kim, der nicht selten den Opiumrauchern seiner Bekanntschaft solche Gegenmittel gebracht hatte. »Es ist Zeit, daß wir uns auf den Weg machen.«

»Auf den großen Weg, der alle Flüsse von Hind überschreitet«, sprach der Lama freudig. »Laß uns gehen. Aber wie denkst Du, Chela, sollen wir diesen Leuten, dem Priester besonders, ihre große Güte vergelten Sie sind but-parast (Götzendiener), das ist wahr, aber in anderen Leben kann ihnen möglicherweise Erleuchtung werden. Eine Rupie für den Tempel? Das Ding darinnen ist nichts weiter als Stein und rote Farbe: aber das Herz der Menschen müssen wir anerkennen, wenn und wo es gut ist.«

»Heiliger, bist Du jemals allein Deines Weges gezogen?« Kim blickte scharf aufwärts, gleich einer der auf den Feldern geschäftigen indischen Krähen.

»Sicherlich, Kind: von Kulu nach Pathankot – von Kulu, wo mein erster Chela starb. Wenn die Menschen gütig waren, boten wir ihnen Gaben, und alle Menschen in all den Bergen waren wohlgesinnt.«

»In Hind ist das anders«, sagte Kim trocken. »Ihre Götter sind vielarmig und übelgesinnt. Laß‘ die in Ruh!«

»Ich wollte Dich ein wenig auf Deinen Weg bringen, Freund der ganzen Welt – Dich und Deinen gelben Mann.«

Der alte Soldat Kam die noch in Dämmerschatten gehüllte Dorfstraße auf einem hageren, krummbeinigen Pony im Paßgang herabgeritten.

»In letzter Nacht sind die Quellen der Erinnerung ln meinem so vertrockneten Herzen aufgebrochen und das war mir ein Segen. Wahrlich, es ist Krieg in der Luft. Ich rieche es. Sieh, ich habe mein Schwert mitgebracht.«

Er saß langbeinig auf dem kleinen Tier, das große Schwert an der Seite – Hand am Schwertknauf – scharf über das flache Land nordwärts spähend.

»Erzähle mir noch einmal wie Er in Deiner Vision erschien. Komm und sitze hinter mir. Das Tier kann uns beide tragen.«

»Ich bin der Schüler dieses Heiligen«, sprach Kim, als sie das Dorftor passierten. Die Dorfleute schienen fast traurig, daß sie fortzogen, des Priesters Abschied aber war kalt und zurückhaltend. Er hatte sein Opium verschwendet an einen Mann, der kein Geld bei sich führte.

»Das ist wohlgesprochen. Ich verstehe mich nicht auf heilige Männer, aber Respekt ist immer gut. In heutigen Tagen gibt es keinen Respekt mehr – nicht einmal wenn ein Kommissar-Sahib mich zu besuchen kommt. Aber warum soll einer, dessen Stern ihn zum Kriege leitet, einem heiligen Manne folgen?«

»Aber er ist ein heiliger Mann«, sprach Kim eifrig. »In Wahrheit und in Rede und in Tat heilig. Er ist wie die andern. So einen sah ich noch nie. Wir sind keine Wahrsager, noch Gaukler oder Bettler.«

»Du nicht, das kann ich sehen; den andern kenne ich nicht. Er marschiert aber gut.«

In der ersten Morgenfrische trabte der Lama vorwärts mit langen, gemächlichen, kamelartigen Schritten. Er war in tiefer Meditation, mechanisch seinen Rosenkranz bewegend.

Sie wanderten weiter auf der durchfurchten, abgenutzten Landstraße, die sich zwischen großen, dunkelgrünen Mangowäldern hinzog, ostwärts, matt schimmernd die schneegekrönten Häupter des Himalaya. Ganz Indien war an der Arbeit auf den Feldern unter dem Geknarre von Wasser-Rädern, dem Schreien der Pflüger hinter ihren Ochsen und dem Lärm der Krähen. Das Pony selbst fühlte den belebenden Einfluß und setzte sich in eine Art von Trab, als Kim eine Hand auf den Zügel legte.

»Es reut mich, daß ich dem Schrein nicht eine Rupie hinterließ«, sprach der Lama bei der letzten seiner einundachtzig Perlen.

Der alte Soldat brummte in seinen Bart. Der Lama wurde seiner erst jetzt gewahr.

»Suchst auch Du den Fluß?« frug er, sich zu ihm wendend.

»Der Tag ist neu«, war die Antwort. »Was nutzt mir ein Fluß weiter, als vor Sonnenuntergang mein Pferd zu tränken? Ich kam, um Dir einen Richtweg nach der Großen Heerstraße zu weisen.«

»Das ist eine Höflichkeit, deren man gedenken soll, o Mann des guten Willens. Aber wozu das Schwert?«

Der alte Soldat blickte so verlegen wie ein Kind, das man bei einem Schabernack überrascht.

»Das Schwert,« sagte er, daran herumtappend, »oh, das war ein Einfall von mir – ein Einfall eines alten Mannes. Es ist wahr, der Polizeibefehl ist: daß kein Mann in ganz Hind Waffen tragen darf, aber« – sein Gesicht klärte sich auf und er klapste auf die Degenscheide – »aber alle Konstabler hier herum kennen mich.«

»Es ist kein guter Einfall«, sprach der Lama. »Welchen Vorteil bringt es, Menschen zu töten?«

»Sehr wenig, so viel ich weiß. Aber wenn böse Menschen nicht hier und da totgeschlagen würden, wäre es eine schlimme Well für waffenlose Träumer. Ich spreche nicht ohne Wissen, ich, der ich das Land von Delhi bis nach Süden mit Blut gewaschen sah.

»Welcher Wahnsinn war das denn?«

»Die Götter allein, die ihn als Heimsuchung sandten, wissen es. Ein Wahnsinn fraß sich in das Heer ein, und es wandte sich gegen seine Offiziere. Das war das erste Unheil; aber es wäre nicht hoffnungslos gewesen, hätten sie dann die Hände still gehalten. Aber sie verfielen darauf, die Weiber und die Kinder der Sahibs zu töten, und da kamen die Sahibs von jenseits des Meeres und zogen sie zur strengsten Rechenschaft.«

»Irgend so ein Gerücht drang zu mir einst, vor langer Zeit. Sie nannten das Jahr das schwarze Jahr, wie ich mich entsinne.«

»Welche Art von Leben hast Du geführt, um das Jahr nicht zu kennen? Ein Gerücht – in der Tat! Die ganze Erde wußte es und zitterte.«

»Unsere Erde bebte nur einmal – an dem Tage, als der höchst Vortreffliche Erleuchtung empfing.«

»Ach was! Delhi wenigstens sah ich zittern, und Delhi ist der Nabel der ganzen Welt.«

»So wandten sie sich gegen Frauen und Kinder? Das war eine schlechte Tat, für welche sie der Strafe nicht entgehen konnten.«

»Viele versuchten es wohl, aber mit sehr wenig Nutzen. Ich war damals in einem Kavallerie-Regiment. Es wurde vernichtet. Von 680 Säbeln blieben – wie viele denkt Ihr wohl? drei übrig, ihr Salz zu essen, und davon war ich einer.«

»Um so größer das Verdienst.«

»Verdienst! Wir betrachteten es nicht als Verdienst in jenen Tagen. Mein Volk, meine Freunde, meine Brüder fielen von mir ab. Sie fügten: »Die Zeit der Englischen ist erfüllt. Laßt jeden von uns eine kleine Habe für sich heraus schlagen.« Aber ich hatte mit den Männern von Sobraon, von Chillianwallah, von Moodkee und von Ferozeshah geredet. Ich sagte: »Wartet ein wenig, der Wind wird sich drehen. Bei diesem Werk ist kein Segen.« In jenen Tagen ritt ich siebzig Meilen mit einer englischen Mem-Sahib und ihrem Kindchen auf meinem Sattelsitz. Oh, Wunder! War das ein Pferd! Ich brachte sie in Sicherheit und zurück kam ich zu meinem Offizier – dem einen, der nicht getötet war von unsern Fünfen. »Gib mir Arbeit,« sprach ich, »denn ich bin von meiner eigenen Sippe ausgestoßen und das Blut meiner Vettern ist naß auf meinem Degen.« »Sei beruhigt,« sagte er. »Viel Arbeit liegt vor. Wenn dieser Wahnsinn vorüber ist, wartet die Belohnung.«

»Aye! Eine Belohnung wartet, wenn der Wahnsinn vorüber, in Wahrheit!« murmelte der Lama halb zu sich selbst.

»In jenen Tagen behingen sie nicht jeden, der zufällig eine Kanone donnern gehört, mit Medaillen. Nein! In neunzehn regelrechten Schlachten war ich: in sechsundvierzig Reiter-Scharmützeln und in kleinen Plänkeleien ohne Zahl. Neun Wunden trage ich: eine Medaille und vier Spangen und das Zeichen eines Ordens; denn meine Kapitäne, die jetzt Generäle sind, erinnerten sich meiner, als die Kaiser-i-Hind (Kaiserin von Indien) fünfzig Regierungs-Jahre vollendet hatte und das ganze Land froh war. Sie sprachen: »Gebt ihm den Orden von Britisch Indien.« Ich trage ihn nun an meinem Hals. Ich habe auch mein Iaghir (Besitz) von der Hand des Staates – eine freie Gabe an mich und die Meinen. Die Männer aus der alten Zeit – sie sind nun Kommissäre – kommen hoch zu Pferde über die Felder zu mir geritten, so daß das ganze Dorf es sieht, und wir reden von unsern alten Scharmützeln und der Name von einem toten Mann bringt uns auf den andern.«

»Und dann?« sagte der Lama.

»Oh, nachher gehen sie fort, aber nicht ehe das ganze Dorf sie gesehen hat.«

»Und am Ende – was wirst Du tun?«

»Am Ende werde ich sterben.«

»Und dann?«

»Laß die Götter das einrichten. Ich habe sie nie mit Gebeten gequält; ich denke, sie werden mich auch nicht quälen. Sieh! Ich habe in meinem langen Leben gemerkt, daß alle, welche die da oben ewig mit Klagen und Rapporten und Brüllen und Heulen belästigen, ganz plötzlich und in Eile abberufen werden, gerade so wie unser Oberst die lockerzungigen Bauernburschen vom niedern Land, die zu viel schwatzten, wegholen ließ. Nein, ich habe die Götter nie belästigt. Sie werden das bedenken und mir einen ruhigen Platz geben, wo ich mich in den Schatten meiner Lanze werfen und warten kann, bis ich meine Söhne bewillkommene – ich habe nicht weniger als drei, Ressaldar-Majore alle – bei den Regimentern.« (Risaldar, eingeborener Befehlshaber eines Risala.)

»Und diese ebenfalls, gebunden an das Rad, gehen von Leben zu Leben – von Verzweiflung zu Verzweiflung,« murmelte der Lama leise, »heiß, hastig, ruhelos.«

»Ei ja!« Der alte Soldat kicherte. »Drei Ressaldar-Majore in drei Regimentern. Spieler ein bißchen – aber das bin ich auch. Sie müssen gut beritten sein; und man kann die Pferde nicht nehmen, wie man in alten Tagen die Weiber nahm. Nun, nun, mein Besitz kann für alles zahlen. Siehst Du, es ist ein wohlbewässerter Landstreifen, aber meine Leute betrügen mich. Ich versteh‘ mich auf nichts anderes als mit der Lanzenspitze Forderungen einzutreiben, ich werde zornig und ich verwünsche sie, und sie heucheln Reue; aber hinter meinem Rücken, ich weiß es, nennen sie mich einen zahnlosen, alten Affen.«

»Hast Du niemals etwas anderes begehrt?«

»Ja – ja – tausend Mal. Einen strammen Rücken, ein fest durchgedrücktes Knie, flinke Hand und scharfes Auge noch einmal – und das Mark, das den Mann macht. O, die alten Tage – die guten Tage meiner Stärke!«

»Stärke ist Schwäche.«

»Dazu ist sie geworden; aber fünfzig Jahre früher hätte ich mich anders zeigen können,« grollte der alte Soldat, dem Pony seine Spornspitze in die magere Flanke treibend.

»Aber ich weiß einen Strom von großer Heilkraft.«

»Gunga-Wasser habe ich getrunken fast bis zur Wassersucht. Alles was ich davon hatte, war eine Diarrhoe, aber kein bißchen Stärke.«

»Es ist nicht Gunga. Der Fluß, den ich weiß, wäscht jeden Flecken von Sünde ab. Ersteigt man das jenseitige Ufer, ist man der Befreiung gewiß. Ich kenne Dein Leben nicht, Dein Antlitz aber ist das Antlitz der Ehrbaren und Gefälligen. Du hast an Deinem Wege festgehalten. Du hast Treue erwiesen, als es schwer war sie zu erfüllen, in dem schwarzen Jahr, aus welchem ich mich nun auch anderer Erzählungen entsinne. Betritt jetzt den Mittleren Pfad, der der Pfad zur Befreiung ist. Höre das höchst Vortreffliche Gesetz und folge nicht mehr Träumen nach.«

»Rede denn, alter Mann,« der Soldat lächelte, halb salutierend, »in unserem Alter sind wir alle Schwätzer.«

Der Lama kauerte nieder im Schutze eines Mangobaumes, dessen Schatten schachbrettartig über sein Gesicht spielten: der Soldat saß steif auf seinem Pony, und Kim, nachdem er sich versichert hatte, daß keine Schlangen da waren, legte sich in den gabelförmigen Einschnitt der Wurzelwindung.

Ringsumher einschläferndes Summen von kleinen Lebewesen im heißen Sonnenschein, ein Girren von Tauben, ein schläfriges Knarren von Wassertreträdern auf den Feldern. Der Lama begann, langsam und eindrucksvoll. Nach zehn Minuten glitt der alte Soldat von seinem Pony, um, wie er sagte, besser zu hören, setzte sich und wickelte die Zügel um sein Handgelenk. Des Lamas Stimme ward unsicher, die Pausen wurden länger. Kim beobachtete ein graues Eichhörnchen. Als das kleine, buschige Bündelchen Pelzwerk, dicht an einen Zweig gepreßt, nicht mehr sichtbar war, waren Prediger und Auditorium fest eingeschlafen, des allen Soldaten scharf geschnittener Kopf auf seinen Arm gebettet, der des Lama an den Baumstamm gelehnt, wo er sich abhob wie gelbes Elfenbein. Ein nacktes Kind trippelte herbei, stierte alle an und machte in einem plötzlichen Impuls von Ehrfurcht eine feierliche, kleine Verbeugung vor dem Lama – nur war das Kind so Kurz und fett, daß es seitwärts umpurzelte, und die zappelnden, plumpen Beinchen machten Kim laut lachen. Das Kind, erschrocken und zornig, schrie gellend.

»Ho! Ho!« rief der Soldat, auf seine Füße springend, »was ist los? Welche Ordres? … Es ist … ein Kind! Ich träumte, es wäre Alarm. Kleines – Kleines – schreie nicht. Habe ich geschlafen? Das war wirklich unhöflich!«

»Ich fürchte mich! Ich fürchte mich!« brüllte das Kind.

»Was ist da zu fürchten? Zwei alte Männer und ein Knabe? Wie willst Du jemals ein Soldat werden, Prinzchen?«

Der Lama war ebenfalls erwacht, nahm aber keine besondere Notiz von dem Kinde, sondern Klapperte mit seinem Rosenkranz.

»Was ist das?« rief das Kind, mitten im Schrei innehaltend. »Solche Dinger habe ich noch nicht gesehen. Gieb sie mir.«

»Aha,« machte lächelnd der Lama, und eine Schlinge von Perlen über das Gras ziehend, sang er:

Dies ist ’ne Handvoll Cardamom,
Dies ein Stück Ghi (Butter) dazu,
Dies ist Hirse, Pfeffer und Reis:
Nun schmausen wir, ich und Du!«

Das Kind kreischte vor Freude und haschte nach den dunklen, schimmernden Perlen.

»Oha!« rief der alte Soldat, »woher hast Du dieses Lied, Verächter der Welt?«

»Ich hörte es in Pathankot, wo ich auf einer Türschwelle rastete,« sagte schüchtern der Lama. »Es ist gut, freundlich mit Kindern zu sein.«

»Wie ich mich erinnere, sagtest Du mir, ehe der Schlaf über uns kam, daß Heirat und Geburt Verdunkler des wahren Lichtes sind. Steine des Anstoßes auf dem Pfade. Füllen in Deinem Lande die Kinder vom Himmel? Ist das so Sitte, ihnen Lieder zu singen?«

»Kein Mensch ist ganz fehlerlos,« sprach ernsthaft der Lama und zog den Rosenkranz ein. »Lauf nun zu Deiner Mutter, Kleiner.«

»Hör ihn!« wandle sich der Soldat zu Kim. »Er schämt sich, ein Kind erfreut zu haben. Es ist ein guter Hausvater an Dir verloren, mein Bruder. Heda, Kind!« Er warf ihm eine Kupfermünze zu – »Zuckerwerk ist immer süß.« Und, als die kleine Gestalt im Sonnenschein forthüpfte: »Die wachsen heran und werden Männer. Heiliger, ich bedauere, daß ich mitten in Deiner Predigt einschlief. Vergib mir.«

»Wir sind beide alte Männer,« sprach der Lama. »Mein ist der Fehler. Ich lauschte Deiner Rede von der Welt und ihrer Torheit und ein Fehler leitete zu dem nächsten.«

»Hör ihn! Welchen Schaden erleiden Deine Götter durch Dein Spiel mit einem Kinde? Und das Lied hast Du sehr gut gesungen. Laß uns weiter wandern und ich will Dir den Sang von Rikal Seyn vor Delhi singen – den alten Sang?«

Und sie verließen die schattige Dämmerung der Mango-Gruppe. Die schrille Stimme des alten Soldaten tönte über das Feld, wie er in langgezogener Wehklage die Sage von Rikal Seyn (Nicholson) vortrug – das Lied, das die Leute im Punjab bis zum heutigen Tage singen. Kim war entzückt, und der Lama hörte mit tiefem Interesse zu.

»Ahi! Rikal Seyn ist tot – er fiel vor Delhi! Lanzen vom Norden, nehmt Rache für Rikal Seyn.« Er tremulierte den Sang bis zu Ende, die Triller schlug er mit der flachen Seite des Degens auf des Pony’s Hinterteil.

»Und nun Kommen wir auf die große Heerstraße,« sagte er, als Kim sein Lob gesungen halte – der Lama war auffallend schweigsam. »Lang ist es her, daß ich diese Straße geritten bin; Deines Knaben Rede munterte mich dazu auf. Betrachte, Heiliger, die große Heerstraße, die das Rückgrat ist von ganz Hind. Zum größten Teil ist sie, wie hier, beschattet von vier Reihen von Bäumen; die Mittelstraße, ganz hart, nimmt der schwere Verkehr. In den Tagen vor den Eisenbahn-Wagen reisten die Sahibs hier zu Hunderten auf und ab. Jetzt sieht man nur Bauernwagen und dergleichen. Rechts und links ist der gröbere Weg für schwere Fuhrwerke – Getreide und Baumwolle und Bauholz, für Kalk, Häute und Felle. Hier geht man in Sicherheit – denn alle paar Kos weit ist eine Polizeistation. Die Polizisten sind Diebe und Erpresser, ich selbst würde hier mit Kavallerie abpatrouillieren lassen, mit jungen Rekruten unter einem tüchtigen Kapitän, aber sie dulden wenigstens keine Rivalen. Alle Arten und Kasten von Menschen bewegen sich hier. Schau! Brahmanen und Chumars (Schuster), Bankiers und Zimmerleute, Barbiere und Banjä (zur Baischiga-Kaste der Hindu gehörig, die sich des Fleischgenusses enthalten), Bunnias, Pilger und Töpfer – alle Welt kommt und geht. Mir scheint es wie ein Fluß, von dem ich fortgetrieben werde wie ein Klotz nach der Hochflut.«

Und wahrlich, die große indische Heerstraße bietet ein wunderbares Schauspiel. Sie läuft fünfzehnhundert englische Meilen geradeaus, trägt ohne Gedränge Indiens Handelsverkehr – ein Strom von Leben, wie er nirgendwo sonst in der Welt existiert.

Sie sahen die grün überwölbte, schattengesprenkelte Länge der Straße hinab, die mit langsam schreitendem Volk besät ist. Eine zweiräumige Polizei-Station lag am Wege.

»Wer trägt hier, dem Gesetz zuwider, Waffen?« rief lachend ein Konstabler, als er das Schwert des Soldaten erblickte. »Sind nicht genug Polizisten da, um Übeltäter umzubringen?«

»Gerade wegen der Polizei habe ich es gekauft,« war die Antwort. »Steht Alles wohl in Hind?«

»Ressaldar Sahib, Alles steht wohl.«

»Ich bin wie eine Schildkröte, siehst Du, die auf dem Ufer ihren Kopf heraus streckt und wieder einzieht. Ah, dies ist die Straße von Hindostan. Alle Menschen kommen dieses Weges …«

»Sohn eines Schweines, ist der weiche Teil der Straße dazu da, daß Du Deinen Rücken darauf kratzest?

Vater aller Töchter der Schande und Gatte von zehntausend Unkeuschen, Deine Mutter hatte sich einem Teufel ergeben und war von ihrer Mutter dazu verleitet; Deine Tanten haben seit sieben Generationen keine Nase gehabt! Deine Schwester! – Welche Eulen-Torheit hieß Dich Deine Karren quer über die Straße treiben? Ein zerbrochenes Rad? Nimm einen zerbrochenen Kopf dazu und flick die beiden gelegentlich wieder zusammen!«

Die Stimme und wütendes Peitschenknallen Kam aus einer fünfzig Yards entfernten Staubsäule, wo ein Wagen zusammengebrochen war. Eine hohe, magere Kattiwar-Stute schwang sich, mit glühenden Augen und Nüstern, schnaubend und ausschlagend aus dem Gewühl hervor. Ihr Reiter zwang sie quer über den Weg, einen schreienden Mann vor sich herjagend. Der Reiter, hochgewachsen und graubärtig, saß auf dem fast rasenden Tier, als wäre er ein Stück von ihm, und schlug ruckweise und gleichmäßig auf sein Opfer los.

Des alten Soldaten Gesicht leuchtete vor Stolz. »Mein Junge!« sagte er kurz und bemühte sich, den Hals des Pony in eine geziemende Wölbung zu zügeln.

»Muß ich mich vor den Augen der Polizei prügeln lassen?« schrie der Fuhrmann. »Gerechtigkeit! Ich fordere Gerechtigkeit – –«

»Muß ich mich blockieren lassen von einem schreienden Affen, der zehntausend Säcke vor der Nase eines jungen Pferdes umstürzt? Das verdirbt ein Pferd.«

»Er spricht wahr. Er spricht wahr. Aber das Pferd gehorcht gut dem Zügel,« rief der alte Soldat. Der Fuhrmann rannte unter die Räder seines Wagens, und von dort schwur er alle möglichen Rachemaßregeln.

»Starke Männer sind Deine Söhne,« sagte der Polizist, gleichmütig seine Zähne stochernd.

Der Reiter führte einen letzten, bösartigen Schlag mit der Peitsche und kam in kurzem Galopp heran. »Vater!« Er zügelte zehn Yards rückwärts und stieg ab.

Der alte Mann war augenblicklich von seinem Pony herunter, und sie umarmten sich wie Vater und Sohn im Osten tun. –

Kapitel 4.

Kapitel 4.

Dann sprachen sie leise mit einander. Kim wollt unter einem Baume ausruhen, der Lama aber zupfte ihn ungeduldig am Ellbogen.

»Laß uns weiter gehen. Der Fluß ist nicht hier.«

»Ho! Ho! Sind wir nicht für eine Weile genug gegangen? Unser Fluß wird nicht fortlaufen. Geduld! Er wird uns ein Almosen geben.«

»Dieser,« sagte plötzlich der alte Soldat, ist der Freund der Sterne. Gestern brachte er mir die Nachricht. In einer Vision sah er Ihn selbst, den Mann, der die Befehle für den Krieg gab.«

»Hm!« brummte sein Sohn tief in seiner breiten Brust, »er hörte zufällig ein Bazar-Geschwätz und zog Nutzen daraus.«

Der Vater lachte. »Wenigstens kam er nicht zu mir hergeritten, um ein neues Schlachtroß und, die Götter wissen wie viel Rupien zu erbetteln. Sind die Regimenter Deiner Brüder auch beordert?«

»Ich weiß es nicht. Ich nahm Urlaub und Kam rasch zu Dir, für den Fall – –«

»Für den Fall, daß sie Dir zuvorkommen könnten mit Betteln. Oh, Spieler und Verschwender alle zusammen! Aber Du hast bis jetzt nach keine richtige Attaque geritten. Ein gutes Roß ist dazu natürlich notwendig: ein guter Bursche und ein gutes Pony für den Marsch ebenfalls. Laß uns sehen – laß uns sehen«. Er trommelte auf den Sattelknopf.

»Dies ist kein Ort um Berechnungen anzustellen, Vater. Laß uns nach Deinem Hause gehen.«

»Bezahl‘ den Knaben wenigstens zuvor; ich habe kein Kupfergeld bei mir, und er brachte günstige Nachricht. Ho! Freund der ganzen Welt, ein Krieg steht bevor, wie Du gesagt hast.«

»Nein, wie ich weiß, der Krieg,« erwiderte Kim fest.

»Eh?« machte der Lama, seine Perlen fingernd, begierig weiter zu gehen.

»Mein Meister befragt die Sterne nicht um Lohnes willen. Wir brachten die Nachricht – merkt wohl – wir brachten die Nachricht, und wir gehen nun.« Kim drehte an seiner Seite die Hand halb um.

Der Sohn schleuderte eine Silbermünze durch das Sonnenlicht, etwas von Bettlern und Gauklern brummend. Es war ein Vierannastück, genügend, sie für einige Tage zu erhalten. Der Lama, den Schein des Metalles gewahrend, summte einen Segen.

»Ziehe Deines Weges, Freund der ganzen Welt,« rief der alte Soldat, sein knochiges Reittier wendend. »Einmal in all meinen Tagen bin ich einem wahren Propheten begegnet – der nicht Soldat war.«

Vater und Sohn schwenkten zusammen um; der alte Mann ebenso stramm aufrecht wie der junge.

Ein punjabischer Konstabler in gelben Leinwandhosen schlenderte über den Weg. Er hatte das Geldstück fliegen sehen.

»Halt!« rief er in nachdrücklichem Englisch, »wißt Ihr nicht, daß ein Takkus von zwei Annas für den Kopf erhoben wird für jeden, der die Straße von dieser Seite betritt? Es ist Sirkar-Befehl, und das Geld wird für das Pflanzen von Bäumen und für Verschönerung der Straße verwendet –.«

»Und für den Bauch der Polizei,« rief Kim, aus Armesweite entschlüpfend. »Besinn Dich ein Weilchen, Dummkopf. Denkst Du, daß wir aus dem nächsten Sumpf kommen, wie der Frosch, Dein Schwiegervater? Hast Du jemals den Namen Deines Bruders gehört?«

»Und wie hieß der? Laß den Knaben in Ruhe,« rief ungemein belustigt ein älterer Konstabler, als er in der Veranda niederhockte, seine Pfeife zu rauchen.

»Der nahm die Etikette von einer Flasche Belaittee-Pani (Sodawasser), nagelte sie an eine Brücke, sammelte einen Monat lang Taxen von allen, die passierten und sagte, es wäre Sirkar-Befehl; dann kam ein Engländer, der schlug ihm den Kopf entzwei. He, Bruder, ich bin eine Stadtkrähe, keine Dorfkrähe.«

Der Polizist zog sich verlegen zurück und Kim verspottete ihn, so lange er ihn sehen konnte.

»Hat es jemals einen Schüler wie mich gegeben?« frug er lustig den Lama. »Nicht zehn Meilen von Lahore würde schon alle Welt Dir die Knochen im Leibe zerschlagen haben, wenn ich Dich nicht beschützt hätte.«

»Zuweilen, in meinen innersten Gedanken, scheinst Du mir ein guter Geist zu sein und zuweilen ein böser Kobold,« sprach schwach lächelnd der Lama.

»Ich bin Dein Chela.« Kim trat an seiner Seite in den angemessenen Schritt – der unbeschreiblichen Gangart der Wanderer, die große Landmärsche machen.

»Nun laß uns wandern,« murmelte der Lama; und zu dem Klick, Klick des Rosenkranzes gingen sie schweigend Meile nach Meile, der Lama, wie gewöhnlich tief in Meditation, Kim mit weit offenen Augen. Dieser breite, heitere Strom von Leben gefiel ihm besser als das Gewühl und Gedränge in den Straßen von Lahore. Bei jedem Schritt neue Vorgänge und neue Gesichter – Kasten, ihm bekannt und Kasten, die er nie geahnt.

Da begegnete ihnen ein Trupp langhaariger, scharf riechender Sansis, Körbe voll Eidechsen und andere unreine Nahrungsmittel auf dem Rücken magere Hunde an ihren Fersen schnüffelnd. Diese Leute blieben an der ihnen bestimmten Seite des Weges und bewegten sich scheu in raschem, leichtem Trott und alle Kasten gaben ihnen Raum, denn der Sansi ist unrein. Hinter ihnen im Schatten, noch im Nachgefühl seiner Fußeisen breit und steif ausschreitend, ein frisch aus dem Gefängnis Entlassener, der durch seinen dicken Bauch und glänzende Haut bewies, daß die Regierung ihre Gefangenen besser füttert, als viele ehrliche Leute sich selber zu füttern vermögen. Kim kannte den Schritt wohl und spottete darüber. Dann Kam ein Ukali, ein wildhaariger, wildäugiger, frommer Sickh, in der blau gewürfelten Gewandung seines Glaubens, mit glitzernden, polierten Stahlscheiben an der Spitze seines hohen blauen Turbans, der von dem Besuch eines der unabhängigen Sickh-Staaten zurückkehrte, wo er den zur Ausbildung im Gymnasium befindlichen kleinen Prinzen in Stulpenstiefeln und weißbetreßten Hosen von dem alten Ruhm Khalsas gesungen Halle. Kim hütete sich wohl, diesen Mann zu erzürnen, denn des Ukalis Temperament ist hitzig und seine Hand flink. Hier und da begegneten sie oder wurden überholt von ganzen Dörfern bunt gekleideter Leute, die von einem nahen Jahrmarkt herkamen, die Frauen mit ihren Babys auf den Hüften, hinter den Männern gehend, die älteren Knaben mit Spazierstöcken von Zuckerrohr einherstolzierend, rohes, messingenes Spielzeug von Lokomotiven, wie man sie für ein Halbpennystück kauft, hinter sich herziehend oder mit billigen, winzigen Spiegelchen, die in der Sonne blitzten, die Augen ihrer Väter blendend. Man konnte sofort sehen, was jeder gekauft hatte und war man zweifelhaft, so brauchte man nur die Frauen zu beobachten, wie sie braunen Arm neben braunen Arm hielten, um die neu gekauften plumpen Glas-Armbänder, wie sie vom Nordwesten importiert werden, zu vergleichen. Diese lustigen Leute gingen langsam, standen unter Zurufen still, um mit Zuckerwerk Verkäufern zu handeln, oder um rasch ein Gebet zu verrichten vor einem Heiligengrab an der Wegseite – zuweilen ein Hindu-Grab, zuweilen ein mohammedanisches – welche die niedere Kaste beider Konfessionen mit wundervoller Unparteilichkeit behandelt. Eine dichte, blaue Linie, bald sich hebend, bald senkend, wie der Rücken einer rasch kriechenden Raupe, schwang sich durch den aufgewirbelten Staub und trottele unter einem Durcheinander von lebhaftem Geschwätz vorüber. Das war ein Trupp »Changars«-Weiber, die alle nördlichen Eisenbahndämme unter ihre Obhut nehmen – eine plattfüßige, hochbusige, starkgliedrige, blau berockte Sippschaft von Erdträgerinnen, die in Aussicht auf neue Arbeit nordwärts eilten und keine Zeit auf dem Weg verloren. Sie gehören zu der Kaste, deren Männer nicht mitzählen, und sie marschierten mit gespreizten Ellbogen, schaukelnden Hüften und hoch gehaltenen Köpfen, wie Frauen, die schwere Lasten tragen. Etwas später erschien mit Musik und Freudengeschrei, mit Geruch von Ringelblumen und Yasmin, stärker als selbst der Dunst des Standes, eine Heirats-Prozession auf der Großen Straße. Man sah die Sänfte der Braut, glitzernd von Flittergold und Rot, durch den Dunst schwanken, indes des Bräutigams bekränztes Pony sich seitwärts drehte, um ein Maulvoll von einem vorbeifahrenden Futterkarren wegzuschnappen. Kim stimmte ein in den andauernden Lärm von guten Wünschen und schlechten Scherzen, dem Paare hundert Söhne und keine Tochter wünschend, wie der Brauch ist. Noch aufgeregter und mit noch mehr Geschrei begrüßt wurde ein strolchender Gaukler mit einigen halbgezähmten Affen und einem keuchenden, schwachen Bären, oder ein Weib, das, Ziegenhörner an die Füße gebunden, auf einem schlaffen Seil tanzte, die Pferde scheuen und die Frauen vor Staunen in lang gezogenes, vibrierendes Geschrei ausbrechen ließ.

Der Lama blickte nicht auf. Er beachtete nicht den Wucherer, der auf kurzschwänzigem Pony dahin eilte, unmenschliche Zinsen einzutreiben, nicht das Häuflein tiefstimmiger, lärmender, eingeborener Soldaten, die auf Urlaub noch in militärischer Ordnung marschierten, sich freuten, der Gewehre und des Putzens ledig zu sein und den anständigsten Frauen die unanständigsten Worte zuriefen. Selbst den Verkäufer von Ganges-Wasser sah er nicht und Kim erwartete, daß er von dem kostbaren Stoff wenigstens eine Flasche kaufen würde. Er blickte ununterbrochen zu Boden und ebenso ununterbrochen wanderte er vorwärts, Stunde auf Stunde; seine Seele war anderswo beschäftigt. Kim aber war vor Freude im siebenten Himmel. An dieser Stelle war die Große Straße über einen Damm geführt, der sie gegen die Winterfluten von den Vorbergen schützen sollte, so daß man über dem Lande ging, wie auf einem stattlichen Korridor und rechts und links ganz Indien ausgebreitet zu Füßen sah. Es war prächtig, die verschiedenartig bespannten Getreide- und Baumwoll-Wagen schwerfällig über die Landstraßen sich bewegen zu sehen; das Knirschen der Achsen hörte man schon eine Meile entfernt, es kam näher und näher, bis unter Rufen und Schreien und bösen Worten sie den abschüssigen Abhang herauf klommen und dann mit einem plötzlichen Ruck auf der harten Hauptstraße anlangten, Fuhrmann auf Fuhrmann schimpfend. Nicht minder hübsch war es, die Leute zu sehen, wie sie zu Zweien und Dreien, in kleinen Klumpen von Rot und Blau und Weiß und Gelb, in ihre Dörfer zurückkehrten, kleiner und kleiner wurden und allmählich auf der flachen Ebene verschwanden. Kim fühlte das alles, aber er konnte seinen Empfindungen keine Worte geben; er kaufte sich abgeschältes Zuckerrohr und spuckte das Mark freigiebig auf den Weg. Von Zeit zu Zeit nahm der Lama Schnupftabak, und endlich konnte Kim das Schweigen nicht mehr ertragen.

»Dies ist ein gutes Land – das Land des Südens,« sagte er. »Die Luft ist gut, das Wasser ist gut. Eh?«

»Und sie alle sind an das Rad gefesselt,« sprach der Lama. »Gebunden von Leben zu Leben. Keinem von diesen ist der Weg gewiesen.« Er zwang sich selbst zurück in diese Welt.

»Nun sind wir weit gegangen,« sagte Kim. »Sicher kommen wir bald zu einem Parao (Rastort). Sollen wir da bleiben? Sieh, die Sonne sinkt.«

»Wer wird uns diesen Abend aufnehmen?«

»Das ist gleich. Die Gegend ist voll von gutem Volk. Außerdem« – er flüsterte es – »wir haben Geld.«

Die Menge wurde dichter, als sie sich dem Rastplatz näherten, der das Ende ihrer Tagesreise bezeichnete. Eine Reihe von Verkaufsbuden mit sehr einfachen Nahrungsmitteln und Tabak, ein Stoß Brennholz, eine Polizei-Station, ein Brunnen, ein Trog für die Pferde, einige Bäume und unter diesen etwas zertretener Boden, mit schwarzer Asche von früheren Feuern bedeckt, ist alles, was einen Parao an der Großen Hauptstraße ausmacht, wenn man die immer hungrigen Krähen und Bettler nicht mitzählt.

Bald sandte die Sonne breite goldene Streifen durch die unteren Zweige der Mangobäume; die Sittiche und Tauben kehrten heim zu Hunderten, die plappernden, graurückigen Elstern erzählten sich die Ereignisse des Tages und liefen zu Zweien und Dreien, vorwärts und rückwärts, fast unter den Füßen der Reisenden, und Schieben und Stoßen in den Zweigen zeigte an, daß die Fledermäuse sich zur Nachtarbeit rüsteten. Schnell flossen die Lichtstrahlen zusammen und färbten für einen Moment die Gesichter, die Wagenräder und die Hörner der Ochsen rot wie Blut. Dann senkte sich die Nacht hernieder, kühlte die bewegte Luft, breitete einen leichten, ebenmäßigen Nebel, gleich einem ans Marienfäden gewebten, blauen Schleier über das Antlitz der Gegend und verbreitete den Geruch von Holzrauch und Rindern und den Duft von in der Asche gebackenen Weizenkuchen. Mit bedeutsamem Husten und wiederholten Befehlen trat die Abend-Patrouille vor die Polizei-Station. Kims Auge blickte mechanisch auf die rot erglühende Kohle im Gefäß und auf das letzte Glitzern der Sonne auf den Messing-Beschlägen der Wasserpfeife eines am Wege lagernden Fuhrmannes.

Das Treiben im Parao glich im Kleinen dem des Kashmir-Serai. Kim stürzte sich in die lustige, asiatische Unordnung, die, wenn ihr nur warten könnt, euch alles bringt, was ein einfacher Mensch bedarf. Seine Bedürfnisse waren gering und, da der Lama keine Kasten-Skrupel kannte, durch gekochtes Essen von der nächsten Bude zu befriedigen. Luxus halber kaufte Kim eine Handvoll Harzkugeln, um ein Feuer anzuzünden. Alles war in Bewegung, kommend und gehend, ringsum die kleinen Feuer. Hier rief man nach Öl oder Mais, dort nach Zuckerwerk oder Tabak: man stieß einander, um an den Brunnen zu gelangen, und zwischen den Männerstimmen ließ sich aus angebundenen, verhängten Wagen Gequiek und Gekicher von Weibern hören, deren Gesichter nicht gesehen werden durften.

Heutzutage pflegen gut erzogene Eingeborene ihre Frauen, wenn sie reisen – und sie sind oft auf Besuch unterwegs – in geziemend verwahrten Abteilungen, mit der Eisenbahn fahren zu lassen und diese Sitte breitet sich aus. Es bleiben aber noch genug vom alten Schlag, die an dem Brauch ihrer Vorfahren festhalten; und vor allem sind es die alten Frauen – konservativer als die Männer – die gegen die Neige ihrer Tage auf Pilgerfahrten ausziehen. Diese, verblüht und nicht begehrt, entschleiern sich, unter gewissen Umständen, ganz gern. Nach ihrer langen Abgeschlossenheit, während welcher sie mit der Außenwelt nur immer in geschäftliche Beziehung kamen, freuen sie sich des Lebens und Treibens der offenen Heerstraße, der Ansammlungen vor den Grabmälern und der nie mangelnden Gelegenheit, mit gleichgesinnten alten Damen zu schwatzen. Oft paßt es einer durch langes Dulden geprüften Familie, daß eine scharfzüngige, eigenwillige alte Dame auf diese Art Indien durchzieht, und eine Pilgerfahrt ist sicher den Göttern wohlgefällig. So kommt es, daß durch ganz Indien, an den entlegensten wie den besuchtesten Plätzen, ihr irgend einer Gruppe ergrauter Diener begegnet, die angeblich zur Aufsicht über eine alte vornehme Dame bestellt sind, welche mehr oder weniger hinter Vorhängen verborgen, in einem Ochsenwagen fährt. Diese Männer sind nüchtern und verschwiegen und wenn ein Europäer oder hochkastiger Eingeborener in der Nähe ist, verwahren sie ihre Schutzbefohlene mit sorgfältigster Vorsicht. Bei gewöhnlichen zufälligen Begegnungen auf der Pilgerfahrt werden diese Vorsichtsmaßregeln allerdings nicht angewendet, denn die alte Dame ist trotz allem leidenschaftlich weltlich und lebt, um Leben zu sehen.

Kim bemerkte eine bunt verzierte »Ruth« oder Familien-Ochsenkutsche mit einem gestickten Baldachin, auf dem zwei Kuppeln wie bei einem zweihöckerigen Kameel, hervorragten, der just in das Parao gezogen wurde. Acht Männer bildeten sein Gefolge, von denen zwei mit rostigen Säbeln bewaffnet waren – ein sicheres Zeichen, daß sie einer Person von Rang folgten, denn gewöhnliches Volk trägt keine Waffen. Ein außerordentlicher Redestrom von Befehlen, Klagen, Scherzen und, was ein Europäer Schimpfen genannt haben würde, kam hinter den Vorhängen hervor. Hier war zweifellos eine Frau, die zu befehlen gewohnt war.

Kim betrachtete das Gefolge mit kritischem Blick. Zur Hälfte waren es dünnbeinige, graubärtige Ooryas vom Flachland; die andere Hälfte in Düffelmänteln und Pelzhüten, Hügelleute vom Norden: und diese Mischung erzählte ihre eigene Geschichte, auch ohne daß man das unaufhörliche Gezänke zwischen beiden Abteilungen hörte. Die alte Dame war auf einer Besuchsreise nach dem Süden, vielleicht zu einem reichen Verwandten, wahrscheinlicher noch zu einem Schwiegersohn, der ihr als Zeichen der Achtung eine Eskorte gesandt. Die Hügelleute mochten von ihrem eigenen Volk sein – von Kulu oder Kangra. Offenbar führte sie keine zu verheiratende Tochter mit sich, sonst wären die Vorhänge fest zugeschnürt gewesen und die Wache hätte keinem erlaubt, sich dem Wagen zu nähern. – Eine lebhafte und kühne Dame, dachte Kim, den Harzklumpen in einer, die gekochte Speise in der andern Hand balanzierend und den Lama mit der Schulter vorwärts lotsend. Aus der Begegnung müßte etwas zu machen sein. Der Lama würde ihm nicht helfen, aber als gewissenhafter Chela würde er mit Entzücken für Zwei betteln.

Dem Wagen so nahe als möglich, legte Kim sein Feuer an, in Erwartung, daß einer von der Eskorte ihn fortweisen würde. Der Lama ließ sich schwerfällig auf die Erde nieder, gleich wie eine Fledermaus, die sich an Frucht schwer gefressen, sich niederläßt, und kehrte zu seinem Rosenkranz zurück.

»Geh weiter fort, Bettler!« Der Befehl in gebrochenem Hindostanisch, kam von einem Berginder.

»Hu! Es ist nur ein Pahari« (Gebirgler), sagte Kim über seine Schulter weg. »Seit wann haben die Bergesel ganz Hindostan in Besitz genommen?«

Die Entgegnung war eine schnell entworfene, brillante Skizze von Kims Stammbaum bis in die dritte Generation.

»Ah!« Kims Stimme war so süß wie möglich – und den Harzklumpen in Stücke brechend, sprach er: »In meinem Lande nennen wir das den Anfang eines Liebesgesprächs.«

Ein scharfes Gekicher hinter den Gardinen spornte den Gebirgler zu einem neuen Ausfall.

»Nicht so übel – nicht so übel,« sagte Kim mit Ruhe, »aber hüte Dich, Bruder! Wir – ich sage wir – könnten uns sonst veranlaßt sehen, Dir einen Fluch zurück zu geben. Und unsere Flüche haben das Geschick, in Erfüllung zu gehen.«

Die Ooryas lachten, der Gebirgler sprang drohend vorwärts: der Lama erhob den Kopf und brachte so plötzlich seine ungeheure runde Wollmütze in den Schein von Kims angezündetem Feuer.

»Was ist?« fragte er.

Der Mann hielt inne, wie zu Stein erstarrt. »Ich« – stammelte er – »ich bin vor einer großen Sünde bewahrt.«

»Der Fremde hat endlich gemerkt, daß es ein Heiliger ist,« flüsterte einer der Ooryas.

»He! Warum wird der Bettelbalg nicht gehörig durchgehauen?« rief die alte Dame.

Der Gebirgler ging zu dem Wagen hin und flüsterte etwas in die Gardine. Es folgte tiefes Schweigen, dann Geflüster.

»Das geht gut,« dachte Kim und tat, als ob er nichts sähe und hörte.

»Wenn – wenn – er gegessen hat,« – wisperte der Gebirgler demütig zu Kim, »bittet jemand den Heiligen um die Ehre, mit ihm sprechen zu dürfen.«

»Wenn er gegessen hat, wird er schlafen,« erwiderte Kim, von oben herab. Er wußte noch nicht recht, welche Wendung das Spiel nehmen würde, war aber entschlossen, den möglichst großen Nutzen daraus zu ziehen. »Jetzt muß ich gehen, ihm sein Essen holen.« Dies Letzte sprach er laut und endete mit einem Seufzer, wie von Erschöpfung.

»Ich – ich selbst und die andern von meiner Sippe werden das besorgen, wenn – es erlaubt ist.«

»Es ist erlaubt,« sagte Kim, mehr als je von oben herab. »Heiliger, diese Leute werden uns zu essen bringen.«

»Das Land ist gut. Alles Land im Süden ist gut – eine große und gewaltige Welt,« murmelte schläfrig der Lama.

»Laß ihn schlafen,« sagte Kim, »aber sorge dafür, daß wir gut gefuttert werden, wenn er aufwacht. Er ist ein sehr heiliger Mann.«

Wieder sagte einer der Ooryas etwas Geringschätziges.

»Er ist kein Fakir. Er ist kein bäuerischer Bettler,« sprach Kim feierlich, sich an die Sterne wendend. »Er ist der heiligste aller heiligen Männer.« »Er ist höher als alle Kasten. Ich bin sein Chela.«

»Komm hierher!« rief eine spitze Stimme hinter dem Vorhang; und Kim kam, sich wohl bewußt, daß Augen, die er nicht sehen konnte, ihn scharf beobachteten. Ein magerer brauner Finger, mit Ringen beschwert, lag auf der Wagenkante und die Rede ging so:

»Wer ist der dort?« »Ein außerordentlich heiliger Mann. Er kommt von fern her. Er kommt von Tibet.«

»Von wo in Tibet?«

»Von hinter den Schneegipfeln – von einem sehr fernen Platz. Er hat die Kenntnis der Sterne. Er stellt Horoskope; er weiß den Stand der Gestirne bei der Geburt. Aber er bemüht sich nicht für Geld. Er tut es aus Güte und Erbarmen. Ich bin sein Schüler. Ich werde auch Freund der Sterne genannt.«

»Du bist nicht von den Bergen?«

»Frage ihn. Er wird Dir sagen, daß ich von den Sternen ihm gesandt wurde, ihm das Ende seiner Pilgerfahrt zu zeigen.«

»Ach was! Bedenke, Schlingel, daß ich eine alte Frau und nicht ganz und gar eine Närrin bin. Lamas kenne ich wohl und ihnen erweise ich Ehrfurcht: aber Du bist eben so wenig ein gesetzmäßiger Schüler als mein Finger die Deichsel dieses Wagens ist. Du bist ein kastenloser Hindu, ein kecker, unverschämter Bettler, der sich dem Heiligen wohl um des Gewinnes willen angeschlossen hat.«

»Arbeiten wir nicht alle um Gewinn?« Kim änderte sofort seinen Ton und paßte sich der veränderten Stimme an. »Ich habe gehört« – dies wurde auf gut Glück gewagt – »ich hörte –«

»Was hast Du gehört?« schnauzte sie ihn an, mit dem Finger klopfend.

»Nichts, dessen ich mich so ganz genau entsinne, ein Bazar-Geschwätz, das sicher eine Lüge ist, daß selbst Rajahs – kleine Berg-Rajahs –«

»Aber dennoch von gutem Rajput-Blut.«

»Natürlich, von gutem Blut. Daß selbst diese die Hübscheren ihres Weibervolkes um Gewinn verkaufen. Nach dem Süden hinunter verkaufen sie sie – an Zemindars (erbliche Grundherren) und solche Art Leute in Oudh.«

Wenn es etwas in der Welt gibt, was die kleinen Rajahs ableugnen, so ist es just diese Beschuldigung: und just dieses glauben die Bazare, wenn von dem mysteriösen Sklavenhandel Indiens die Rede ist. Die alte Dame erklärte Kim in leidenschaftlichem Flüsterton und im raschesten Tempo, welch eine Art boshafter Lügner er wäre und wie, hätte er diese Andeutung gewagt, als sie noch ein Mädchen war, er noch am selbigen Abend von einem Elefanten zu Tode getreten worden wäre. Und dies war vollkommen wahr.

»Ahai! Ich bin nur eines Bettlers Balg, wie das Auge der Schönheit mich genannt,« jammerte er in großem Schreck.

»Auge der Schönheit, wahrhaftig! Wer bin ich, daß Du wagst, mir Bettler-Zärtlichkeiten an den Hals zu werfen?« Und doch lächelte sie bei dem lang vergessenen Wort. »Vor vierzig Jahren hätte man das von mir sagen können und nicht ohne Grund – nein, noch vor dreißig Jahren. Aber diese Landstreicherei auf und ab durch Hind ist schuld, daß eine Königswitwe mit dem Abschaum des Volkes zusammen stoßen und der Spott von Bettlern werden muß.«

»Große Königin,« sagte Kim schleunigst, denn er hörte sie sich schütteln vor Grimm, »ich bin eben das, was die Große Königin mich nannte: aber nichts destoweniger ist mein Meister heilig. Er hat noch nicht den Befehl der Großen Königin vernommen, daß er – –«

»Befehl? Ich einem Heiligen befehlen – einem Lehrer des Gesetzes – zu kommen, um mit einem Weibe zu sprechen? Niemals!«

»Erbarme Dich meiner Dummheit. Ich dachte, es wäre ein Befehl – –«

»Es war es nicht. Es war eine Bitte. Ist Dir nun alles klar?«

Eine Silbermünze prallte auf die Wagenkante. Kim nahm sie und salaamte tief. Die alte Dame begriff, daß man ihn, als das Auge und Ohr des Lama, günstig stimmen müßte.

»Ich bin nur der Schüler des Heiligen. Wenn er gegessen hat, wird er – vielleicht – kommen.«

»Du Taugenichts und schamloser Spitzbube!« Der juwelenbeschwerte Zeigefinger wurde drohend gegen ihn geschüttelt; aber er konnte die alte Dame kichern hören.

»Nun, was wünscht man denn?« fragte er in seinem zutraulichsten und liebenswürdigsten Ton, dem, er wußte es wohl, nur wenige widerstanden. »Wird in Deiner Familie ein Sohn begehrt? Sprich offen, denn wir Priester –« das Letzte war ein direktes Plagiat von einem Fakir am Taksali-Tor.

»Wir Priester! Du bist noch nicht alt genug, um – –« Sie unterbrach den Witz durch ein neues Gelächter. »Glaube mir ein für alle Mal, wir Frauen, Du Priester, haben auch an anderes als an Söhne zu denken. Außerdem, meine Tochter hat einen Knaben geboren.«

»Zwei Pfeile im Köcher sind besser als einer und drei sind noch besser.« Kim begleitete das Sprichwort mit nachdenklichem Husten und blickte diskret zur Erde.

»Wahr – o wahr. Aber vielleicht kommt das noch. Sicherlich aber sind diese Brahmanen auf dem Lande zu nichts nütze. Ich sandte Gaben und Geld und wieder Gaben, und sie prophezeihten –«

»Ah!« warf Kim mit unendlicher Verachtung hin, »sie prophezeihten!« Ein Prophet von Profession hätte es nicht besser machen Können.

»Und erst als ich mich meiner eigenen Götter erinnerte, wurde ich erhört. Ich wählte eine günstige Stunde; und – vielleicht hat Dein Heiliger von dem Abt der Lung – Cho-Lamasserie gehört. Ihm trug ich meine Angelegenheit vor, und siehe, zur bestimmten Zeit kam alles, wie ich es gewünscht. Der Brahmane im Hause des Vaters von meiner Tochter Sohn hat seitdem gesagt, durch seine Gebete wäre es geschehen, was ein kleiner Irrtum ist, wie ich ihm erklären werde, wenn ich das Ziel meiner Reise erreicht habe. Und dann später gehe ich nach Buddh Gaya, um die Totenfeier für den Vater meiner Kinder abzuhalten.«

»Dahin gehen auch wir.«

»Doppelt günstig,« frohlockte die alte Dame. »Bedeutet wenigstens einen zweiten Sohn.«

»O, Freund der ganzen Welt!« Der Lama war erwacht und einfach, wie ein Kind verwirrt, das sich in einem fremden Bette findet, rief er nach Kim.

»Ich komme! Ich komme, Heiliger!« Kim eilte an das Feuer, wo er den Lama schon umgeben von Schüsseln mit Speisen fand. Die Gebirgler beteten ihn sichtlich an und die vom Süden sahen mit sauren Gesichtern zu.

»Geht fort! Zieht Euch zurück!« rief Kim. »Essen wir öffentlich, gleich Kunden?« Sie beendeten schweigend ihr Mahl, Kim krönte es mit einer einheimischen Zigarette und sie rückten etwas von einander fort.

»Habe ich nicht hundert Mal gesagt, daß der Süden ein gutes Land ist? Hier befindet sich die tugendhafte und hochgeborene Witwe eines Rajah aus den Bergen auf einer Pilgerfahrt, sie sagt, nach Buddh Gaya. Sie ist es, die uns die Speisen schickte, und wenn Du ausgeruht hast, möchte sie Dich sprechen.«

»Ist das auch Dein Werk?«

»Wer sonst behütete Dich, seit unsere wundervolle Reise begann?« Die Augen tanzten Kim im Kopfe, wie er den Rauch kräftig durch die Nüstern blies, und er streckte sich auf den staubigen Boden. »Habe ich versäumt, Dein Wohlbefinden zu überwachen, Heiliger?«

»Ein Segen über Dich.« Der Lama neigte sein Ehrfurcht erweckendes Haupt. »Viele Menschen habe ich gekannt in meinem so langen Leben und der Schüler nicht wenige. Aber zu keinem Menschen, wenn auch Du von einem Weibe geboren bist, ist mein Herz hingegangen wie zu Dir – nachdenkend, weise und höflich – aber etwas von einem Kleinen Kobold.«

»Und ich sah noch niemals einen Priester, wie Du bist.« Kim betrachtete das wohlwollende gelbe Gesicht, Falte bei Falte. »Es sind noch Kaum drei Tage, daß wir zusammen unsere Reise antraten und mir ist, als wären es hundert Jahre.«

»Kann sein, in einem früheren Leben war es mir erlaubt. Dir einen Dienst zu erweisen. Kann sein,« – er lächelte – »ich befreite Dich aus einer Falle: oder ich hatte Dich an einem Angelhaken, in den Tagen, da ich nicht erleuchtet war, und warf Dich zurück in den Fluß.«

»Kann sein,« sagte Kim ruhig. Er hatte diese Art von Theorie wieder und wieder gehört aus dem Munde von Männern, die der Engländer nicht gerade für sehr geistreich gehalten hätte. »Nun, was diese Frau in dem Ochsenwagen betrifft, so denke ich, sie wünscht einen zweiten Sohn für ihre Tochter.«

»Das hat keine Beziehung zu dem Pfade,« seufzte der Lama. »Aber sie ist doch von den Bergen. Ach, die Berge! Und der Schnee der Berge!«

Er erhob sich und schritt zu dem Wagen. Kim würde seine Ohren darum gegeben haben, mitkommen zu dürfen, aber der Lama forderte ihn nicht auf, und die wenigen Worte, die er erlauschte, waren in ihm unbekannter Sprache. Sie redeten in einem in den Bergen gebräuchlichen Dialekt. Die Frau schien Fragen zu stellen, die der Lama erst nach Überlegung beantwortete. Zuweilen hörte er den Sing-Sang eines chinesischen Citates. Es war ein sonderbares Bild, das Kim durch halb geschlossene Wimpern sah: der Lama, gerade aufgerichtet, in seiner gelben, schwarzgeschlitzten Gewandung, im Schein der Parao-Feuer gleich einem knorrigen Baumstamm, den die Schattenlichter der scheidenden Sonne streifen, richtete sein Wort an eine goldgeschmückte, lackierte Ruth, die in demselben ungewissen Licht wie vielfarbiges Edelgestein glitzerte. Die Muster auf den golddurchwirkten Vorhängen tanzten auf und ab, verschwammen und bildeten sich wieder, wenn die Falten vom Nachtwind bewegt wurden; und als das Gespräch ernster wurde, blitzten Funken von dem juwelenbedeckten, lebhaft geschüttelten Zeigefinger über die Stickerei. Hinter dem Wagen war eine Wand von ungewisser, von kleinen Flammen unterbrochener Dunkelheit, belebt von halb sichtbaren Formen und Gesichtern und Schatten. Die Geräusche des frühen Abends hatten sich in ein sanftes Summen gewandelt, dessen tiefster Ton das gleichförmige Kauen der Ochsen an ihrem gehackten Stroh, und dessen höchster das Klingen der »Sitar« eines bengalischen Tanzmädchens war. Die Männer hatten meist gegessen und zogen tief an ihren gurgelnden, grunzenden Wasserpfeifen, die im vollen Blasen der Stimme des Ochsenfrosches ähneln.

Endlich kehrte der Lama Zurück. Ein Gebirgler trug ihm eine wattierte Decke nach und breitete sie sorgfältig am Feuer aus.

»Sie verdient zehntausend Großkinder,« dachte Kim. »Nichtsdestoweniger würden ohne mich solche Gaben nicht gekommen sein.«

»Eine tugendhafte Frau – und eine weise.« Der Lama ließ sich schlaff nieder, Glied bei Glied, wie ein schwerfälliges Kamel. »Die Welt ist voll von Barmherzigkeit für die, die den Weg wandeln.« Er warf die größere Hälfte der Decke über Kim.

»Und was sagte sie?« Kim wickelte sich in seinen Teil der Decke.

»Sie legte mir manche Frage vor und warf manches Problem auf – die meisten aber waren nichtige Märchen, welche sie von teufeldienerischen Priestern gehört, die vorgeben, dem Weg zu folgen. Einige beantwortete ich, von anderen sagte ich, daß sie töricht wären. Viele tragen das Kleid, aber wenige verharren auf dem Weg.«

»Wahr. Das ist wahr.« Kim sagte es gedankenvoll, um etwas anvertraut zu bekommen.

»Abgesehen von ihrem Mangel an Erkenntnis, ist sie sehr gut gesinnt. Sie wünscht sehr, daß wir mit ihr nach Buddh Gaya gehen, da, wie ich verstand, viele Tagereisen südwärts ihre Straße auch die unsrige ist.«

»Und?«

»Ein wenig Geduld! Auf dieses erwiderte ich, daß meine Suche allem vorginge. Sie hatte manche törichte Fabel vernommen, aber die große Wahrheit von meinem Strom hatte sie nie gehört. So sind die Priester von den Vorbergen! Sie kannte den Abt von Lung-Cho, aber sie wußte nichts von meinem Fluß, nicht die Geschichte des Pfeils.«

»Und?«

»Ich sprach deshalb von der Suche und von dem Weg und von verdienstvollen Dingen; sie aber begehrte nichts weiter, als daß ich mit ihr ginge und Gebete verrichte für einen zweiten Sohn.«

»Aha! Wir Frauen denken doch an nichts weiter als an Kinder,« sagte Kim schläfrig.

»Nun, da unsere Straße für eine Weile dieselbe ist, glaube ich nicht, daß wir irgendwie von unserer Suche abweichen, wenn wir sie begleiten, wenigstens so weit bis – ich habe den Namen der Stadt vergessen.«

»Ohe!« rief Kim, sich wendend und einen von den einige Meter entfernten Ooryas in scharfem Flüsterton anredend, »wo ist das Haus Eures Gebieters?«

»Etwas hinter Saharunpore, zwischen den Fruchtgärten.« Er nannte das Dorf.

»Das ist der Name,« sagte der Lama. »So weit wenigstens Können wir mit ihr gehen.«

»Fliegen gehen nach Aas,« sagte der Oorya mit unterdrückter Stimme.

»Für die kranke Kuh eine Krähe, für den Kranken Mann ein Brahmine.« Kim richtete das Sprichwort ganz harmlos an die Schattenwipfel der Bäume.

Der Oorya grunzte und war still.

»Also gehen wir mit ihr. Heiliger?«

»Gibt es einen Grund dagegen? Ich kann doch zur Seite treten und alle Flüsse prüfen, über welche die Straße führt. Sie wünscht, daß ich mitkomme. Sie wünscht es sehr.«

Kim erstickte ein Lachen unter der Decke. Wenn erst die mächtige Dame ihre natürliche Scheu vor einem Lama überwunden hatte, hielt er es für wahrscheinlich, daß man ihr gerne zuhören konnte.

Er schlief beinahe schon, als er den Lama plötzlich das Sprichwort zitieren hörte: »Den Gatten der Geschwätzigen wird eine große Belohnung in Zukunft.« Dann hörte Kim ihn dreimal schnupfen und schlummerte, noch lachend, ein.

Der diamantene Tagesanbruch erweckte Menschen, Krähen und Ochsen auf einmal. Kim saß aufrecht, gähnte, schüttelte sich und schauerte vor Entzücken. Dies hieß in Wahrheit die Welt sehen: das war Leben, wie es ihm gefiel – Hasten und Schreien, Geklingel von Glocken und Einfangen von Ochsen, und Knirschen von Rädern und Leuchten von Feuern und Kochen von Speisen – und neue Erscheinungen, wohin das neugierige Auge blickte. Der Morgennebel verschwand in einem Silberwirbel, die Papageien, in grünen, schreienden Schwärmen, schossen fort zu einem fernen Fluß, alle Schöpfräder in Hörweite fingen zu arbeiten an. Indien war wach, und Kim, in seiner Mitte, mehr wach und mehr rege als irgend einer, kaute an einem Zweiglein, das er zugleich als Zahnbürste benutzte, denn rechter und linker Hand profilierte er von den Bräuchen des Landes, das er kennen und lieben lernte. Er hatte nicht nötig, sich um Nahrung zu Kümmern, nicht nötig, auch nur ein Cowrie (Scheidemünze in Ostindien) an die gedrängt vollen Buden zu verschwenden. Er war der Schüler eines heiligen Mannes und angenommen von einer eigenwilligen alten Dame. Alles wurde für sie vorbereitet, und wenn sie ehrerbietig eingeladen würden, würden sie niedersitzen und essen. Im Übrigen – Kim kicherte hier beim Zähnebürsten – würde ihre Wirtin das Vergnügen der Reise nur erhöhen. Kritisch inspizierte er ihre Ochsen, als diese schnaufend und grunzend unter dem Joch herankamen. Wenn sie zu schnell gingen – es war nicht wahrscheinlich – würde er einen angenehmen Sitz auf der Deichsel finden? der Lama würde hinter dem Treiber sitzen. Die Eskorte natürlich würde gehen. Die alte Dame, ebenso natürlich, würde viel reden, und nach allem, was er gehört, würde es ihrer Rede nicht an Salz fehlen. Sie war schon jetzt dabei, zu befehlen, anzuordnen, bombastisch zu reden, zu schelten und es muß gesagt werden, ihre Diener wegen Saumseligkeit zu verfluchen.

»Bringt ihr ihre Pfeife. Im Namen der Götter bringt ihr ihre Pfeife und stopft ihren gotteslästerlichen Mund,« rief ein Oorya, ein ungefüges Bündel von Betten zusammenschnürend. »Sie und die Papageien sind sich gleich. Sie Kreischen in der Dämmerung.«

»Die Leit-Ochsen! He! Sieh nach den Leit-Ochsen!« Sie drängten rückwärts und schwenkten ab, als die Axe eines Getreide-Karrens sie bei den Hörnern faßte. »Sohn einer Eule, wohin fährst Du denn?« Dies zu dem grienenden Karrentreiber.

»Oho! Ahi! Ahi! Die da drinnen ist die Königin von Delhi, die auszieht, um einen Sohn zu erbeten. Raum für die Königin von Delhi und ihren Premierminister, den grauen Affen, der an seinem eigenen Schwert hinauf klettert,« rief der Treiber rückwärts über seine hohe Ladung hinweg. Ein anderer, mit Häuten für eine ländliche Gerberei beladener Wagen folgte dicht hinterher, und sein Lenker fügte einige Schmeicheleien hinzu, als die Ruth-Ochsen rückwärts und rückwärts drängten.

Hinter den bebenden Gardinen hervor kam ein Hagel von Schimpfreden. Er hielt nicht lange an, aber an Art und Beschaffenheit, an feurigem und beißendem Charakter überstieg er alles, was Kim bisher gehört. Er sah des Fuhrmanns nackte Brust vor Schreck zusammensinken; der Mann salaamte tief, sprang von der Deichsel und half der Eskorte ihren Vulkan auf die Hochstraße ziehen. Hier gab ihm die Stimme noch treulich zu wissen, welche Art Weib er gefreit hatte und was es in seiner Abwesenheit trieb.

»Oh, Shabash!« (Hoheit!) murmelte Kim, unfähig, sich zu fassen.

»Gut gemacht, nicht wahr? Es ist eine Schande und ein Skandal, daß eine arme Frau nicht reisen kann, um zu ihren Göttern zu beten, ohne von allem Auswurf Hindostans verspottet und beschimpft zu werden, daß sie Gali (Schmähungen) essen muß, wie Männer Ghi (Butter) essen! Aber noch kann ich meine Zunge rühren, noch finde ich ein oder zwei Worte, die für die Gelegenheit passen. Und noch bin ich ohne meinen Tabak! Wo ist der einäugige, gottverlassene Sohn der Schande, der meine Pfeife noch nicht fertig gemacht hat?« Die Pfeife wurde von einem Gebirgler hastig hineingereicht und Bäche von dickem Rauch, die aus jeder Spalte der Vorhänge drangen, zeigten, daß der Friede wieder hergestellt war.

War Kim den Tag zuvor stolz marschiert als Schüler eines heiligen Mannes, so schritt er heute mit zehnfach verdoppeltem Stolz einher, im Zuge einer halb königlichen Prozession, mit anerkanntem Platz und unter dem Schutz einer alten Dame von reizenden Manieren und enormen, geistigen Fähigkeiten. Die Eskorte, mit nach Landessitte beturbanten Köpfen, setzte sich zu beiden Seiten des Wagens in Schritt, furchtbare Massen von Staub aufwirbelnd.

Der Lama und Kim gingen in kleiner Entfernung an einer Seite, Kim, an seinem Zuckerrohr kauend und keinem unter dem Rang eines Priesters ausweichend. Sie hörten das Mundwerk der alten Dame klappern, so unermüdlich wie eine Reis-Schälmaschine. Sie befahl der Eskorte, zu berichten, was auf der Straße vorginge, und nicht sobald waren sie aus dem Parao, als sie die Gardinen zurückschlug und, den Schleier nur über ein Drittel des Gesichtes gezogen, heraus guckte. Ihre Leute sahen sie nicht direkt an, wenn sie zu ihnen redete, und so war der Anstand mehr oder weniger gewahrt.

Ein dunkelgelb-farbiger Distrikt-Oberaufseher der Polizei, tadellos uniformiert, ein Engländer, ritt auf müdem Roß heran, und an ihrem Gefolge erkennend, welche Art von Persönlichkeit sie war, neckte er sie.

»Oh, Mutter,« rief er, »ist das der Brauch in den Zenanas? (Harem) Denke nur, ein Engländer käme daher und sähe, daß Du keine Nase hättest!«

»Was?« schrillte es zurück – »Deine eigene Mutter hatte keine Nase? Warum sagst Du denn das auf der offenen Straße?«

Es war ein hübscher Gegenschlag. Der Engländer hob die Hand mit der Bewegung eines im Fechtspiel Getroffenen. Sie lachte und nickte.

»Ist dies ein Gesicht, um die Tugend in Versuchung zu führen?« Sie schlug den Schleier vollständig zurück und stierte ihn an.

Es war keinesfalls ein liebliches Gesicht; der Mann aber, seine Zügel anziehend, nannte es Mond des Paradieses, Verderber der Tugendhaftigkeit, und was dergleichen phantastische Schmeicheleien mehr waren, und ihre Heiterkeit verdoppelte sich.

»Das ist ein Nußknacker,« (Schelm) sagte sie. »Alle Polizei-Konstabler sind Schufte; aber die Polizei-Wallahs sind die schlimmsten. Hei, mein Sohn, das hast Du alles noch nicht gelernt, seitdem Du von Belait (Europa) gekommen bist. Wer säugte Dich?«

»Eine Pahareen – eine Bergfrau von Dalhousie, meine Mutter. Halte Deine Schönheit unter Schirm – o, Spenderin des Entzückens,« und fort war er.

»Das ist die rechte Art,« sie schlug einen feinen, kritischen Ton an und stopfte ihren Mund mit Betel, »das ist die Art, die die Gerechtigkeit überwachen sollte. Die kennen das Land und die Sitten des Landes. Die andern, die frisch von Europa kommen, von weißen Frauen gesäugt sind und unsere Sprache aus Büchern lernen, sind schlimmer als die Pestilenz. Die tun Königen unrecht.« Dann erzählte sie, der Welt im allgemeinen, eine lange, lange Geschichte von einem dummen, jungen Polizeibeamten, der einem kleinen Berg-Rajah, einem ihrer Vettern im neunten Grade, den Frieden gestört hatte, um einer gewöhnlichen Boden-Streitigkeit willen. Sie schloß mit einem Zitat, das keinesfalls aus einem Erbauungsbuch herrührte.

Dann wechselte ihre Laune, und sie befahl einem der Eskorte, den Lama zu bitten, dicht an ihrer Seite zu gehen, um Religionsfragen zu diskutieren. Kim trat also in den Staub zurück und nahm sein Zuckerrohr wieder vor. Länger als eine Stunde trat des Lama’s Tam-o’shanter (runde Wollmütze) wie ein Mond aus dem Staub hervor; und, nach allem, was er erlauschte, war es Kim, als wenn die alte Frau weinte. Einer der Ooryas entschuldigte sich halb und halb wegen seiner Grobheit am letzten Abend; sagte, er hätte seine Herrin noch niemals in so milder Stimmung gesehen und schrieb diese der Gegenwart des fremden Priesters zu. Er für seine Person glaubte an Brahminen, obgleich er, wie alle Eingeborenen, von ihrer Schlauheit und Habgier fest überzeugt war. Aber, wenn Brahminen die Mutter von seines Herrn Weib durch ihre Betteleien nur erzürnten, so, daß sie sie fortjagte, und sie dann so wütend wurden, daß sie das ganze Gefolge verfluchten, (woher es kam, daß der zweite Seiten-Ochse lahmte, und die Deichsel in der letzten Nacht zerbrach), dann war er bereit, sich mit irgend einem anderen Priester, von irgend einer anderen Partei, in oder außerhalb Indiens auszusöhnen.

Hierzu nickte Kim sehr weise und wies den Oorya darauf hin, daß der Lama kein Geld nähme, und daß die Kosten für seine und des Lama’s Unterhaltung hundertfach aufgewogen würden durch das gute Glück, das die Karawane fortan begleiten würde. Er erzählte darauf Geschichten aus Lahore und sang Lieder, welche die Eskorte lachen machten. Als eine Stadtmaus, wohlbekannt mit den neuesten Liedern der beliebtesten Komponisten – es sind meist Frauen – hatte Kim einen bedeutenden Vorteil über Leute aus einem kleinen Fruchtdorf hinter Scharunpore, aber er ließ sie diesen Vorteil nicht empfinden.

Am Nachmittag lenkten sie seitab, um zu essen. Das Mahl war gut, reichlich und auf Schüsseln von reinen Blättern serviert, anständig gesäubert vom Straßenstaub. Die Überreste gaben sie gewissen Bettlern, damit alle Vorschriften erfüllt würden, und setzten sich nieder zu langem, luxuriösem Rauchen. Die alte Dame hatte sich hinter ihre Vorhänge zurückgezogen, mischte sich aber sehr lebhaft ins Gespräch; sie diskutierte mit ihren Dienern, und diese widersprachen ihr, wie Diener es im ganzen Osten zu tun pflegen. Sie verglich die Kühle und die Kiefern der Kangra- und Kulu-Berge mit dem Staub und den Mangos des Südens; sie erzählte eine Geschichte von allen Orts-Gottheiten an der Grenze des Gebietes ihres Gatten; sie verwünschte rundweg den Tabak, den sie gerade rauchte, sie schalt auf alle Brahminen und spekulierte ohne Rückhalt auf das Kommen zahlreicher Enkel.

Kapitel 1.

Kapitel 1.

Er saß, in trotziger Mißachtung der behördlichen Vorschriften, rittlings auf der Kanone Zam-Zammah, die auf ihrem Ziegel-Unterbau gegenüber dem alten Ajaib-Gher stand – dem Wunderhaus – wie die Eingeborenen das Museum von Lahore nennen. Wer Zam-Zammah, »den feuerspeienden Drachen«, im Besitz hat, besitzt das Punjab; denn das mächtige, grünbronzene Geschütz ist immer des Siegers erste Beute.

Eine Rechtfertigung gab es für Kim – er hatte Lala Dinanaths Sohn von den Kurbellagern heruntergetreten – da den Engländern das Punjab gehörte – und Kim war Engländer. Obgleich so schwarz gebrannt, wie ein Eingeborener, obgleich mit Vorliebe die Landessprache gebrauchend und seine Muttersprache in einem undeutlichen Singsang radebrechend; obschon auf völligem Gleichheitsfuße mit den kleinen Bazar-Buben verkehrend, war Kim doch ein Weißer – ein armer Weißer – von den Allerärmsten einer. Die Halbblut-Frau, die ihm Quartier gab (sie rauchte Opium und behauptete, einen Möbelhandel aus zweiter Hand an dem Platz, wo die billigen Mietwagen stehen, zu betreiben), sagte den Missionären, sie sei Kims Mutterschwester. Seine Mutter aber war Kindermädchen in der Familie eines Obersten gewesen und hatte Kimball O’Hara geheiratet, einen jungen Fahnen-Unteroffizier von den Mavericks, einem irischen Regiment. Dieser nahm später Dienst bei der Sind-Punjab-Delhi-Eisenbahn, und sein Regiment ging ohne ihn heimwärts. O’Haras Weib starb in Ferozepore an der Cholera; er ergab sich dem Trunk und trieb sich mit dem dreijährigen, blitzäugigen Kinde an der Bahnlinie herum. Vereine und Geistliche, um den Knaben besorgt, suchten ihn einzufangen. Aber O’Hara machte sich stets aus dem Staube, bis er endlich auf das Weib traf, das Opium rauchte, von ihr diese Liebhaberei lernte und starb, so wie arme Weiße in Indien sterben. Seine Hinterlassenschaft bestand aus drei Schriftstücken; das eine nannte er sein » ne varietur « weil dies Wort unter seinem Namenszug geschrieben stand, das andere seinen Entlassungsschein; das dritte war Kims Geburtsschein. »Diese Dinger«, so pflegte er in seinen glorreichen Opiumstunden zu sagen, »würden den kleinen Kimbali noch zu einem Manne machen.« Auf keinen Fall dürfte Kim sich von den Papieren trennen, denn sie wirkten durch Magie – eine Magie, wie sie die Männer drüben hinter dem Museum übten, in dem großen blau und weißen Jadoo-Gher – dem magischen Hause – was wir Freimaurer-Loge nennen). Es würde, sprach O’Hara, eines Tages alles zum Rechten kommen und Kims Horn würde hoch erhoben zwischen Säulen hängen – ungeheuren Säulen – starken und schönen. Der Oberst selbst, an der Spitze des stolzesten Regimentes der Welt reitend, würde Kim aufwarten – dem kleinen Kim – der es besser haben sollte, als sein Vater. Neunhundert Teufel erster Klasse, deren Gott ein Roter Ochse auf grünem Felde war, würden Kim dienen, wenn sie nicht O’Hara vergessen hätten – den armen O’Hara, den Vorarbeiter auf der Strecke von Ferozepore. Dabei pflegte er in seinem zerbrochenen Binsenstuhl auf der Veranda bitterlich zu weinen. So geschah es, daß nach seinem Tode das Weib Pergament, Papier und Geburtsschein in ein ledernes Amulett-Etui einnähte und es Kim um den Hals hängte.

»Und eines Tages,« sprach sie, sich der Prophezeihung O’Hara’s verworren erinnernd, »wird ein großer roter Ochse auf grünem Felde zu Dir kommen und ein Oberst, auf hohem Pferde reitend, ja, und« – in’s Englische fallend – »neunhundert Teufel.«

»O,« rief Kim, »ich werde daran denken. Ein roter Ochse wird kommen und ein Oberst zu Pferde. Aber vorher, sagte mein Vater, kommen die zwei Männer, die den Grund klar machen für die Ereignisse. So machen sie’s immer, sagte mein Vater, wenn Männer Magie treiben.«

Hätte die Frau Kim mit seinen Papieren nach dem Orts-»Jadoo-Gher« gesandt, so würde er sicher von der Provinzial-Loge übernommen und in das Freimaurer-Waisenhaus im Gebirge geschickt worden sein; aber was sie von Magie gehört, machte sie mißtrauisch. Auch Kim hatte seine eigenen Ansichten. Als er in die Flegeljahre kam, ging er Missionaren und weißen Leuten von ernstem Aussehen, die zu fragen pflegten, wer er sei und was er treibe, geflissentlich aus dem Wege. Denn Kim trieb, mit großartigem Erfolge, gar nichts. Zwar die wundervolle, wallumgürtete Stadt Lahore kannte er durch und durch, vom Delhi-Tor bis zum äußersten Festungsgraben; zwar stand er auf Du und Du mit Leuten, die ein so seltsames Leben führten, wie selbst Harun al Raschid es sich nicht hätte träumen lassen; zwar lebte er selbst ein so seltsames Leben, wie in »Tausend und eine Nacht« – aber die Missionare und Beamten von wohltätigen Anstalten hätten dies alles ja nicht zu würdigen gewußt. Im Stadtbezirk war sein Spitzname »Kleiner Allerweltsfreund«. Da er klein und unauffällig war, hatte er sehr oft nächtliche Botschaften auf den belebten Hausdächern von fashionablen, geschniegelten jungen Herren auszurichten. Es waren Intriguen, natürlich – er wußte das nur zu genau, hatte er doch, seit er sprechen konnte, alles Böse kennen gelernt. Er lieble solche Streiche um ihrer selbst willen; dies heimliche Umherstreifen durch dunkle Winkel und Gäßchen, das verstohlene Hinaufschleichen durch ein Wasserrohr, den Anblick und die Laute der Frauenwelt auf den flachen Dächern und die ungestüme Flucht von Dach zu Dach im Schutze der schwülen Dunkelheit. Dann gab es heilige Männer, mit Asche beschmierte Fakire, unter ihren steinernen Schreinen bei den Bäumen am Flußufer, mit denen er ganz familiär stand. Er begrüßte sie, wenn sie von ihren Bettelreisen zurückkehrten, und, wenn es niemand sah, aß er auch mit ihnen aus derselben Schüssel.

Die Frau, die ihn in Obhut hatte, flehte unter Tränen, er solle europäische Kleider tragen: Hosen, ein Hemd und einen Schlapphut. Kim zog es vor, in ein Hindu- oder Mohammedaner-Gewand zu schlüpfen, wenn er in gewissen Geschäften unterwegs war. Einer der jungen, fashionablen Männer – es war derselbe, der in der Nacht des Erdbebens auf dem Grunde eines Brunnens tot aufgefunden wurde – hatte ihm einst einen vollständigen Anzug aus Hindu-Stoff, das Kostüm eines Straßenjungen niederer Kaste, gegeben. Kim verbarg es heimlich zwischen einigen Balken auf Nila Rams Zimmerplatz, hinter dem Punjab-Gerichtshof, dort, wo die wohlriechenden Deodar-Klötze zum Austrocknen lagerten, nachdem sie den Ravi herabgetrieben. Wenn Aussicht auf Geschäfte oder Schelmenstreiche bevorstand, holte Kim seinen verborgenen Besitz hervor und kehrte erst beim Morgengrauen zurück in die Veranda, erschöpft vom Jubilieren hinter einer Heiratsprozession her oder vom Schreien bei einer Hindu-Festlichkeit. Zuweilen fand er einen Happen im Hause, öfter aber nicht; dann ging er wieder fort und aß mit seinen eingeborenen Freunden.

Er trommelte mit den Hacken gegen Zam-Zammah und unterbrach bisweilen sein »König vom Schloß«-Spiel mit dem kleinen Chota Lal und Abdullah, des Kuchenbäckers Sohn, um dem eingeborenen Polizisten, der die Reihe von Schuhen vor dem Museum zu bewachen hatte, Grobheiten zuzurufen. Der dicke Punjabmann lächelte nachsichtig. Er kannte Kim schon lange – ebenso der Wasserträger, der die trockene Straße aus seinem ziegenledernen Sack besprengte. Auch der Jawahir Singh, der Museums-Tischler, der über neuen Packkisten gebückt dastand, war ein alter Bekannter Kims, wie überhaupt jedermann rundherum, ausgenommen die Bauern vom Lande, die nach dem Wunderhause kamen, um die Dinge anzustaunen, die in ihrer eignen Provinz ebenso wie auch anderswo angefertigt wurden. Das Museum war bestimmt für die Erzeugnisse indischer Kunst und Industrie. Wer etwas erklärt haben wollte, konnte den Direktor fragen.

»Herunter! Herunter mit Dir! Ich will hinauf,« schrie Abdullah, auf Zam-Zammah’s Rad kletternd.

»Dein Vater war Pastetenkoch. Deine Mutter stahl das »Ghi«, . sang Kim. »Alle Muselmänner sind längst von Zam-Zammah heruntergefallen.«

»Laß mich hinauf!« kreischte der kleine Chota Lal, unter seiner goldgestickten Mütze. Sein Vater war vielleicht eine halbe Million Sterling wert; aber Indien ist das einzige demokratische Land der Welt.

»Die Hindu sind auch von Zam-Zammah herabgefallen. Die Muselmänner stießen sie herunter. Dein Vater war Pastetenkoch« – Er hielt inne, denn um die Ecke, vom geräuschvollen Moti-Bazar her, kam schwerfälligen Ganges ein Mann, wie ihn Kim, der alle Kasten zu kennen glaubte, nie zuvor gesehen. Er war nahezu sechs Fuß hoch und gekleidet in dunkelbraunen Stoff, der, einer Pferdedecke ähnlich, Falte auf Falte schlug; und nicht eine Falte konnte Kim in Zusammenhang bringen mit irgendeinem ihm bekannten Geschäft oder Handwerk. An seinem Gürtel hing ein eiserner Federbehälter von durchbrochener Arbeit und ein hölzerner Rosenkranz, wie ihn heilige Männer tragen. Auf dem Haupte hatte er eine Art riesiger spitzer Deckelmütze mit einem Knopf in der Mitte. Sein Gesicht war gelb und runzelig wie das von Fook Shing, dem chinesischen Schuhmacher im Bazar. Seine Augen zogen sich nach den Winkeln aufwärts und sahen aus wie kleine Spalten aus Onyx.

»Wer ist das?« fragte Kim seine Kameraden.

»Vielleicht ist es ein Mann,« sprach Abdullah hinstarrend, den Finger im Munde.

»Ohne Zweifel,« erwiderte Kim; »aber es ist ein Inder, wie ich ihn noch nie sah.«

»Ein Priester vielleicht,« meinte Chota Lal, den Rosenkranz erspähend. »Sieh, er geht in das Wunder-Haus.«

»Nein, nein,« sagte der Polizist kopfschüttelnd. »Ich verstehe Deine Rede nicht.« Der Konstabler sprach Punjabi. »He, Du! Allerweltsfreund! was sagst Du?«

»Schicke ihn hierher,« rief Kim, von Zam-Zammah herab kletternd und seine nackten Füße schwenkend. »Er ist ein Fremder und Du bist ein Büffel.«

Der Mann drehte sich hilflos um und schob sich zu dem Knaben hin. Er war alt, und sein wollenes Obergewand dunstete noch von dem übelriechenden Wermut der Gebirgspässe.

»O, Kinder, was ist dies große Haus?« fragte er in sehr klarer Urdusprache.

»Das Ajaib-Gher, das Wunder-Haus.« Kim gab ihm keinen Titel, wie Lala oder Mian, denn er konnte des Mannes Glaubensbekenntnis nicht erraten. »Ah! Das Wunder-Haus! Kann da ein jeder eintreten?«

»Es steht über der Pforte geschrieben – jeder kann eintreten.«

»Ohne Bezahlung?«

»Ich gehe ein und aus. Und ich bin kein Bankier,« lachte Kim.

»Ach! Ich bin ein alter Mann, ich wußte es nicht.« Dann, seinen Rosenkranz fingernd, wandte er sich halb dem Museum zu.

»Welcher Kaste gehörst Du an? Wo ist Dein Haus? Kommst Du von ferne her?« fragte Kim.

»Ich kam über Kulu, von jenseits der Kailas – aber was wißt Ihr von den Bergen, wo« – er seufzte – »Luft und Wasser frisch und kühl sind.«

»Aha! Khitai« (ein Chinese), sagte Abdullah stolz. Fook Shing hatte ihn einmal aus seinem Laden gejagt, weil er nach dem Joß (chinesischer Götze) gespieen, der über den Stiefeln thronte.

»Pahari« (ein Bergbewohner), meinte der kleine Chota Lal.

»Ach Kind! Ein Bergbewohner, von Bergen, die Du niemals sehen wirst. Hörtest Du schon von Bhotiyal (Tibet)? Ich bin kein Khitai, aber ein Bhotiya (Tibetaner), wenn Du es wissen mußt – ein Lama – oder sage in Deiner Sprache: ein Guru.«

»Ein Guru von Tibet,« rief Kim. »So einen Mann sah ich noch nie. Sind sie Hindus in Tibet?«

»Wir sind Pilger des ›mittleren Pfades‹ und leben in Frieden in unseren Land-Klöstern; ich aber zog aus, um die Vier Heiligen Plätze zu sehen, bevor ich sterbe. Nun wißt Ihr, die Ihr Kinder seid, so viel als ich, der ich alt bin.« Er lächelte wohlwollend auf die Knaben hernieder.

»Hast Du gegessen?«

Er tappte auf seiner Brust herum und zog eine abgenutzte, hölzerne Bettelschale hervor. Die Knaben nickten. Alle Priester ihrer Bekanntschaft bettelten.

»Ich mag noch nicht essen.« Er bewegte seinen Kopf wie eine alte Schildkröte im Sonnenschein. »Ist es wahr, daß so viele Bildnisse im Wunder-Hause von Lahore stehen?« Er wiederholte die letzten Worte, wie jemand, der sich eine Adresse einprägt.

»Das ist wahr,« sagte Abdullah. »Es ist voll von heidnischen ›Buts‹. Du bist wohl auch ein Götzendiener?«

»Höre nicht auf ihn ,« sprach Kim. »Das Haus gehört der Regierung und Götzendienerei gibt es nicht darin; nur einen Sahib mit einem weißen Bart. Komm mit mir, ich will Dich führen.«

»Fremde Priester fressen Knaben,« wisperte Chota Lal.

»Und er ist ein Fremder und ein But-parast (ein Götzendiener)« sagte Abdullah, der Mohammedaner.

Kim lachte. »Er ist fremd. Lauft, versteckt Euch in Eurer Mutter Schoß, dann seid Ihr sicher. Komm!«

Kim schob sich durch das Drehkreuz am Eingang, der alte Mann folgte, blieb aber bald vor Erstaunen stehen. In der Eintrittshalle standen die größeren Figuren hellenistisch-buddhistischer Skulptur, die – Gelehrte mögen wissen vor wie langer Zeit – von vergessenen Künstlern gefertigt waren, deren Hände nicht ohne Geschick nach dem rätselhaft überkommenen griechischen Stil getastet hatten. Da waren vereinigt Hunderte von Figurenfriesen in Relief, Fragmente von Statuen und Steinplatten mit Figuren, welche die steinernen Wände der buddhistischen Stupas (bienenkorbförmige Baudenkmäler) und Viharas (Klöster) der nördlichen Gegenden bedeckt hatten, um nun, ausgegraben und etikettiert, den Stolz des Museums auszumachen. Mit staunender Bewunderung wandte der Lama sich von einem zum anderen, bis er endlich in verzückter Spannung still stand vor einem Hoch-Relief, das die Krönung oder Apotheose des Buddha wiedergab. Der »Herr« war dargestellt auf einer Lotusblume sitzend, deren Blätter so tief unterhöhlt waren, daß sie fast losgelöst erschienen. Eine anbetende Korona von Königen, Tempelältesten und Buddhas aus den Vorzeiten umgab ihn. Darunter lotusbedeckte Wasser mit Fischen und Wasservögeln. Zwei Dewas mit Schmetterlingsflügeln hielten einen Kranz über seinem Haupte; zwei andere trugen den Sonnenschirm, überragt von der juwelenstrahlenden Hauptbedeckung des Bodhisat.

»Der Herr! Der Herr! Es ist Sakya Muni selbst,« sprach der Lama mit unterdrücktem Schluchzen, und er begann mit halber Stimme die wundervolle buddhistische Anrufung:

»Zu Ihm der Weg – die Lehre groß –
Den Maya trug in ihrem Schoß
Des Segens Herr – der Bhodisat!«

»Und ›Er‹ ist hier! Das höchst vortreffliche Gesetz ist auch hier. Meine Pilgerfahrt hat günstig begonnen. Und welch‘ ein Werk! Welch‘ ein Werk!«

»Dort ist der Sahib,« sagte Kim und hüpfte zwischen den Kasten der Kunstgewerbe und Industrie-Abteilung hindurch zur Seite.

Ein weißbärtiger Engländer blickte auf den Lama hin, der ihn feierlich grüßte und nach einigem Herumtasten ein Notizbuch und einen Streifen Papier zum Vorschein brachte.

»Ja, das ist mein Name,« sprach er, lächelnd auf die plumpe, kindliche Druckschrift deutend.

»Einer von uns, der die Pilgerfahrt nach den Heiligen Plätzen gemacht – er ist jetzt Abt des Lung-Cho-Klosters – gab mir dies,« stammelte der Lama. »Er sprach zu mir von ›Diesen‹.« Seine magere Hand wies zitternd rund umher.

»Willkommen denn, Lama von Tibet. Hier sind die Götterbilder; und hier bin ich,« – er blickte in des Lamas Gesicht – »um Wissen zu sammeln. Komm mit in mein Arbeitszimmer.« Der alte Mann zitterte vor Erregung.

Das Bureau war nur ein kleiner hölzerner, von der mit Skulpturen gefüllten Galerie abgeteilter Verschlag. Kim legte sich nieder, mit dem Ohr gegen einen Riß in der von der Hitze gespaltenen Tür von Zedernholz, um, seinem angeborenen Instinkte gemäß, zu horchen und zu beobachten.

Das Hauptsächlichste des Gesprächs ging über sein Verständnis. Anfangs zögernd sprach der Lama zu dem Direktor von seinem Lama-Kloster »Suchzen«, gegenüber dem Farbigen Felsen und wohl einen viermonatlichen Marsch entfernt. Der Direktor holte ein großes Buch mit Photographien herbei und zeigte ihm das genannte, auf hoher Felsspitze thronende Kloster, das auf das Riesenthal mit den vielfach getönten Felsstufen herniederschaute.

»Ei! Ei!« Der Lama setzte eine in Horn gefaßte Brille von chinesischer Arbeit auf. »Hier ist die kleine Tür, durch die wir das Holz für den Winter tragen. Und Du – der Engländer, kennst das? Der jetzt Abt von Lung-Cho ist, sagte mir, daß Ihr es wisset, aber ich glaubte es nicht. Der Herr, der Erhabene – man ehrt ihn auch hier? Und man kennt sein Leben?«

»Es ist alles in Stein gemeißelt. Komm und schaue, wenn Du ausgeruht hast.«

Der Lama schlürfte hinaus in die Haupthalle; der Direktor schritt ihm zur Seite durch die Sammlungen mit der Andacht des Verehrers und der Hochschätzung des Kunstkenners.

Ereignis auf Ereignis in der wundervollen Geschichte bezeichnete er auf den nachgedunkelten Steinen, zuweilen selbst etwas in Verlegenheit gebracht durch die ungewohnte griechische Stilart, aber entzückt wie ein Kind bei jedem neuen Fund.

Wo die Reihenfolge unterbrochen war, wie bei der Verkündigung, ergänzte der Direktor sie mit Hilfe seiner aufgestapelten französischen und deutschen Bücher, durch Photographien und Abbildungen.

Hier war der fromme Asita, Pendant des Simeon in der christlichen Geschichte, das heilige Kind auf den Knien haltend, während die Eltern andächtig lauschten; und hier waren Vorgänge aus der Legende des Vetters Devadatta. Hier war das böse Weib, das mit schändlicher Lüge den »Herrn« der Unlautbarkeit beschuldigte – hier die Predigt im Wildpark – das Wunder, von dem die Feueranbeter überwältigt wurden – und hier der Bodhisat als Prinz im Königlichen Schmuck; die wunderbare Geburt; der Tod zu Kusinara, wo der schwache Jünger in Ohnmacht sank. Fast unzählige Wiederholungen der Meditation unter dem Bodhisat-Baum fanden sich und die Anbetung der Almosen-Schale war überall zu sehen. Nach wenigen Minuten schon wußte der Direktor, daß sein Gast kein gewöhnlicher, Rosenkranzkugeln zählender Bettler, nein, ein ganzer Gelehrter war. Und sie gingen alles noch einmal durch; der Lama schnupfend, seine Brillengläser putzend und mit Eisenbahnschnelligkeit ein wunderbares Gemisch von Urdu und Tibetanisch redend. Er hatte von den Reisen der chinesischen Pilger Fo-Hian und Hwen-Thiang gehört und war begierig zu erfahren, ob Übersetzungen ihrer Berichte existierten. Mit angehaltenem Atem wendete er hilflos die Blätter von Beal und Stanislas Julien um. »Es ist alles hier – aber für mich ein verschlossener Schatz.« Dann suchte er sich zu beruhigen, um ehrfurchtsvoll den Bruchstücken zu lauschen, die ihm rasch in Urdu wiedergegeben wurden. Zum ersten Male hörte er von den Arbeiten europäischer Gelehrten, die mit Hilfe dieser und hundert anderer Dokumente die heiligen Plätze des Buddhismus festgestellt haben. Dann wurde ihm eine mächtige Karte gezeigt, fleckig, voll gelblicher Linien. Der braune Finger folgte des Direktors Stift von Punkt zu Punkt. Da war Kapilavastu, da das Königreich der Mitte und hier Mahabodhi, das Mekka des Buddhismus; und hier war Kusiganagara, der traurige Platz von des Heiligen Tod. Der alte Mann beugte für eine Weile schweigend das Haupt über die Blätter; der Direktor zündete sich eine neue Pfeife an. Kim war eingeschlafen. Als er erwachte, war die Unterhaltung noch im Flusse, aber ihm besser verständlich.

»Und so geschah es, o Brunnen der Weisheit, daß ich beschloß, nach den Heiligen Plätzen zu pilgern, die »sein« Fuß betreten. Nach dem Geburtsplatz, selbst nach Kapila; dann nach Maha Bodhi, was Buddh Gana ist – nach dem Kloster – dem Wildpark – nach dem Platz Seines Todes.«

Der Lama senkte die Stimme. »Und ich komme allein hierher. Seit fünf, sieben, achtzehn – vierzig Jahren trage ich es in meinen Gedanken, daß das Alte Gesetz nicht wohl befolgt wird. Es ist, Du weißt es, überladen mit Teufelei, Zauberei und Götzendienst. Gerade wie das Kind da draußen eben sagten ja, wie selbst das Kind sagte, mit »But parasti«.

»So ergeht es jeder Glaubenslehre.«

»Meinst Du? Die Bücher meines Klosters habe ich gelesen, und sie waren vertrocknetes Mark: und das späte Ritual, mit dem wir vom Reformierten Gesetz uns beladen haben – auch das hatte keinen Wert in diesen alten Augen. Selbst die Jünger des »Vollkommenen« leben in beständiger Fehde miteinander. Es ist alles Wahn! Ja, Maya, Wahn! Aber ich trage ein anderes Verlangen« – das gefurchte gelbe Gesicht näherte sich ganz dicht dem des Direktors und der lange Nagel des Zeigefingers tippte auf den Tisch – »Eure Gelehrten sind in diesen Büchern den Heiligen Füßen auf allen Wanderungen gefolgt; aber es gibt Dinge, denen sie nicht nachgeforscht haben. Ich weiß nichts – nichts weiß ich – aber ich gehe mich frei zu machen von dem Rad der Dinge, auf einem offenen, breiten Wege.« – (Rad der Dinge ist ein buddhistischer Begriff der Wiederkehr alles Seienden bis zur Erlösung.) Er lächelte mit naivem Triumph. »Als Pilger nach den Heiligen Plätzen erwerbe ich Verdienst. Aber es bleibt mehr zu tun. Höre auf ein wahres Wort. Da unser gnadenreicher Herr noch ein Jüngling war und eine Lebensgefährtin suchte, meinten die Männer an Seines Vaters Hof, daß Er zu zart zur Heirat wäre. Du weißt dies?«

Der Direktor nickte, neugierig, was nun folgen sollte.

»So wurde eine dreifache Kraftprobe mit allen herankommenden Bewerbern angeordnet. Bei der Prüfung des Bogens forderte unser »Herr«, nachdem Er den ihm überreichten Bogen durchgebrochen, einen Bogen, den keiner spannen könnte. Du weißt?«

»Es steht geschrieben. Ich habe es gelesen.«

»Und alle anderen Zeichen überschießend, flog der Pfeil fern und ferner, außer Sicht. Zuletzt fiel er; und wo er die Erde berührte, da brach ein Wasserstrahl hervor, der sogleich zum Strome wurde. Und durch unseres Herrn Gnade und das Verdienst, das Er erwarb, bevor Er Sich selbst frei machte, erhielt der Strom die Eigenschaft, jede Spur und jeden Flecken von Sünde abzuwaschen von dem, der in ihm badet.«

»So steht es geschrieben«, sagte traurig der Direktor.

Der Lama tat einen liefen Atemzug. »Wo ist der Strom, o Brunnen der Weisheit? Wo fiel der Pfeil?«

»O, mein Bruder, ich weiß es nicht.«

»O nein. Du hast es wohl vergessen – das Eine nur, was Du mir nicht gesagt. Sicher, Du mußt es wissen. Sieh, ich bin ein alter Mann! Ich frage Dich – mein Haupt zwischen Deinen Füßen – o, Brunnen der Weisheit! Wir wissen, der Wasserstrahl sprang hervor! Wo denn ist der Fluß? Ein Traum hieß mich ihn finden. So kam ich. Ich bin hier. Aber wo ist der Strom?«

»Wenn ich es wüßte, denkst Du, ich würde es nicht laut hinausrufen?«

»Durch ihn,« fuhr der Lama, ohne ihn zu beachten fort, »erlangt man Befreiung vom Rad der Dinge. Der Strom des Pfeiles! Denk‘ noch einmal nach! Ein kleines Flüßchen, – mag sein – vielleicht in der Hitze vertrocknet? – Aber der Heilige würde einen alten Mann nicht so täuschen.«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.«

Der Lama brachte sein tausendfach durchfurchtes Gesicht auf eine Handbreite dem des Engländers nahe.

»Ich sehe. Du weißt es nicht. Da Du der Lehre nicht angehörst, blieb Dir dieses verborgen.«

»Ach! Verborgen – verborgen.«

»Wir sind bald in Banden, Du und ich, mein Bruder. Aber ich« – er erhob sich mit einem Schwung seiner weichen, schweren Umhüllung – »ich gehe, um mich frei zu machen. Komm‘ mit!«

»Ich bin gebunden,« sagte der Kurator … Aber wohin gehst Du?«

»Erst nach Kashi (Benares), wohin sonst? Dort in dem Jaina-Tempel dieser Stadt werde ich einen von der reinen Lehre treffen. Auch er ist im Geheimen ein Sucher, und von ihm kann ich möglicherweise lernen. Kann sein, daß er mit mir nach Buddha-Gaya geht. Von da nördlich und westlich nach Kapilavastu, und da will ich nach dem Flusse suchen. Nein, überall, wohin ich gehe, will ich suchen – denn der Platz, wo der Pfeil fiel, ist nicht bekannt.«

»Und wie willst Du gehen? Es ist ein weiter Ruf bis Delhi, und weiter noch bis Benares.«

»Auf der Heerstraße und mit den Zügen. Von Pathankot, nachdem ich die Hügel verlassen, kam ich hieher in einem Zug. Er fährt schnell. Anfangs wunderte ich mich sehr über die hohen Stangen an der Seite des Weges, die die Fäden aufschnappen und aufschnappen,« er erläuterte pantomimisch das scheinbare Neigen und Wirbeln der Telegraphenstangen, wenn der Zug vorbeisaust. »Aber später, ich saß so zusammengepfercht, ich wünschte, ich hätte gehen können, wie ich es gewohnt bin.«

»Und kennst Du Deinen Weg denn sicher?« fragte der Direktor.

»O, was das betrifft, ich brauche nur zu fragen und Geld zu zahlen; die angestellten Personen befördern jeden nach dem bestimmten Platz. Das wußte ich schon in der Lamaserai aus sicherer Quelle,« sagte mit Stolz der Lama.

»Und wann willst Du fort?« Der Direktor lächelte über diese Mischung von altweltlicher Frömmigkeit und modernem Fortschritt, wie sie jetzt für Indien so bezeichnend ist.

»Sobald als möglich. Ich folge den Spuren Seines Lebens, bis ich zu dem Strom des Pfeiles komme. Es gibt indes ein geschriebenes Papier von den Stunden der Züge, die südwärts gehen.«

»Und Deine Nahrung?« Lamas führen in der Regel einen guten Vorrat an Geld irgendwo bei sich, aber der Direktor wünschte sich davon zu überzeugen.

»Auf der Reise trage ich die Bettelschale wie unser Meister. Ja. So wie Er ging, so gehe ich, mit Verzicht auf meines Klosters Versorgung. Da ich die Hügel verließ, hatte ich einen Chela (Schüler) bei mir, der, wie es die Regel erfordert, für mich bettelte; aber in Kulu, wo wir eine Weile hielten, ergriff ihn ein Fieber und er starb. Ich habe nun keinen Chela, aber ich will die Almosenschale tragen und den Mildtätigen Gelegenheit bieten, Verdienst zu erwerben.« Er nickte tapfer mit dem Kopf. Gelehrte Doktoren einer Lamaserai betteln nicht; aber der Lama war in diesem Punkte Idealist.

»Sei es so,« sagte lächelnd der Direktor. »Gönne mir nun, Dir einen Dienst zu erweisen. Wir beide sind Kollegen, Du und ich. Hier ist ein neues Buch, von weißem, englischem Papier, hier sind gespitzte Bleistifte, zwei und drei, dicke und dünne – alle gut für einen Schreiber. Nun erlaube mir noch Deine Brille.«

Der Direktor sah durch die Gläser. Sie waren arg zerschrammt, aber die Stärke fast genau wie die seiner eigenen Brille, welche er in des Lamas Hand gleiten ließ mit den Worten: »Versuche diese.«

»Eine Feder! Wahrhaftig, so leicht wie eine Feder auf dem Gesicht!« Der alte Mann bewegte entzückt den Kopf und runzelte die Nase aufwärts. »Kaum fühle ich sie. Wie klar ich sehe!«

»Die Gläser sind Bilaur (Krystall) und werden niemals schrammig. Mögen sie Dir zu Deinem Flusse helfen, sie sind Dein!«

»Ich will sie nehmen, und die Stifte auch und das weiße Buch, als Zeichen der Freundschaft zwischen Priester und Priester – und nun« – er tappte an seinem Gürtel herum, löste den eisernen Federbehälter von durchbrochener Arbeit los und legte ihn auf des Direktors Tisch. »Das soll ein Zeichen der Erinnerung sein zwischen Dir und mir – mein Federbehälter. Es ist etwas Altes – so wie ich bin.«

Es war eine Arbeit von altem Muster, chinesisch, von einem Eisen, wie es jetzt nicht mehr gegossen wird; und das Sammlerherz in des Direktors Brust hatte sie vom ersten Augenblick an ersehnt. Um keinen Preis wollte der Lama seine Gabe zurücknehmen.

»Wenn ich zurückkehre und den Fluß gefunden habe, will ich Dir ein geschriebenes Bild von der ›Padma Samthora‹ (heilige Lotosblume) bringen – so wie ich es in der Lamaserai auf Seide zu machen pflegte. Ja – und von dem Rad des Lebens,« sprach er mit halb unterdrücktem Lachen, »denn wir beide sind Kunstkenner, Du und ich.«

Der Kurator hätte ihn gern noch zurückgehalten; denn es gibt nur wenige in der Welt, die noch das Geheimnis der althergebrachten buddhistischen Pinselfederdarstellungen besitzen, die halb geschrieben, halb gezeichnet sind. Aber der Lama schritt bereits weitausgreifend und das Haupt hoch in der Luft, hinaus, stand einen Augenblick noch still vor der großen Statue eines Bodhisat in Meditation und schob sich sodann durch das Drehkreuz.

Kim folgte ihm wie sein Schatten. Was er erlauscht, hatte ihn wild erregt. Dieser Mann war ihm, trotz aller Erfahrung, vollständig neu und er wollte ihn weiter ergründen, genau so wie er ein neues Gebäude oder eine unbekannte Festlichkeit in Lahore ausspionierte. Der Lama war sein Fund und er wollte Besitz von ihm ergreifen. Kims Mutter war nicht umsonst eine Irländerin.

Der alte Mann hielt inne bei Zam-Zammah und schaute sich um, bis sein Auge auf Kim fiel. Der Enthusiasmus seiner Pilgerfahrt war für den Augenblick gedämpft; er fühlte sich verlassen, alt und sehr hungrig.

»Nicht unter der Kanone sitzen!« fuhr ihn der Polizist grob an.

»Hu! Du Eule!« war Kims Erwiderung an des Lamas Stelle. »Setze Dich nur unter die Kanone, wenn es Dir so gefällt. Wann hast Du der Milchfrau die Pantoffeln gestohlen, Dunnoo?«

Das war eine ganz grundlose, der Eingebung des Augenblickes entsprungene Beschuldigung; aber sie machte Dunnoo verstummen, der wußte, daß Kims gellende Stimme Legionen von bösen Bazar-Buben herbeirufen Konnte, wenn’s Not tat.

»Und wen hast Du angebetet da drinnen?« frug Kim leutselig, indem er sich im Schalten neben dem Lama niederkauerte.

»Ich betete keinen an, Kind. Ich verneigte mich vor dem Vortrefflichen Gesetz.«

Kim akzeptierte diese neue Gottheit ohne Gemütsbewegung. Er kannte schon eine gehörige Anzahl.

»Und was willst Du nun tun?«

»Ich bettle. Ich entsinne mich nun, es ist lange her, daß ich aß und trank. Wie ist der Brauch in dieser Stadt, wenn man Mildtätigkeit sucht? Tut man es schweigend, wie in Tibet, oder mit Worten?«

»Die mit Schweigen betteln, verhungern im Schweigen,« antwortete Kim, ein landesübliches Sprichwort anführend. Der Lama versuchte sich zu erheben, sank aber zurück und klagte um seinen Schüler, der in weiter Ferne, in Kulu, gestorben war. Den Kopf zur Seite, beobachtete Kim überlegend und interessiert.

»Gib mir die Schale. Ich kenne die Leute in dieser Stadt, alle, die barmherzig sind. Gib mir die Schale, ich bringe sie Dir gefüllt zurück.« Einfach wie ein Kind, reichte der alte Mann ihm die Schale.

»Ruhe Du. Ich kenne meine Leute.«

Er trottete fort zu der offenen Bude einer Kunjri-Gemüsehändlerin niederer Kaste, die gegenüber der Straßenbahnlinie am Motti-Bazar stand. Die Frau kannte Kim lange genug.

»Oho« rief sie, »bist Du ein Pogi geworden, mit Deiner Bettlerschale?«

»Nein,« sagte Kim stolz. »Es ist ein fremder Priester in der Stadt – ein Mann, wie ich noch nie einen sah.«

»Alter Priester – junger Tiger,« sprach das Weib ärgerlich. »Ich hab‘ die fremden Priester satt! Die fallen wie Fliegen über unsere Ware her. Ist der Vater meines Sohnes ein Brunnen der Barmherzigkeit, um allen zu geben, die betteln?«

»Nein,« antwortete Kim: »Dein Mann ist mehr ein Pagi (Brummbär) als ein Pogi (heiliger Mann). Aber dieser Priester ist neu. Der Sahib in dem Wunderhaus sprach zu ihm wie ein Bruder. O, meine Mutter, fülle mir die Schale! Er wartet!«

»Diese Schale? Meinst Du? Die hat ja einen Bauch wie eine Kuh. Du bist nicht besser als der heilige Stier des Shiwa; der hat mir heute früh schon das Beste von einem Korb voll Zwiebeln aufgefressen, und dann soll ich noch Deine Schale füllen? Da kommt er schon wieder.«

Der ungeheure, mausgraue Brahmini-Stier schob sich mit auf- und niederschaukelnden Schultern durch die vielfarbige Menge, ein gestohlenes Bananenbüschel im Maule. Er hielt gerade auf die Bude zu, sich seiner Privilegien als geheiligtes Tier wohl bewußt, senkte den Kopf und schnüffelte heftig an der Reihe von Körben herum, ehe er seine Wahl traf. Da flog Kims holzbeschuhter kleiner Fuß in die Luft und traf ihn auf die feuchte blaue Schnauze. Er grunzte ärgerlich und stapfte über die Bahnschienen zurück; sein Widerrist zitterte vor Wut.

»Sieh, ich habe Dir mehr gespart, als es kostet, wenn Du die Schale dreimal füllst. Nun, Mutter, ein wenig Reis und getrockneter Fisch obenauf – ja, und etwas Curry-Gemüse.«

Ein Knurren kam aus dem Hintergrund der Bude, wo der Mann lag.

»Er hat den Stier vertrieben,« sagte die Frau halblaut. »Es ist gut, den Armen zu geben.« Sie nahm die Schale und gab sie, mit heißem Reiß gefüllt, zurück.

»Aber mein Pogi ist keine Kuh,« sagte Kim ernsthaft, mit seinen Fingern ein Loch in den Reisberg machend. »Ein wenig Curry ist gut, und ein gebackener Kuchen und etwas eingemachte Frucht würden ihm behagen.«

»Das Loch ist so groß wie Dein Kopf,« sprach murrend das Weib. Aber sie füllte es trotzdem mit gutem, heißem Currygemüse, klappte einen getrockneten Kuchen oben darauf mit einem Stückchen geklärter Butter, legte ein Häufchen Tamarinden-Konserve an die Seite – und Kim betrachtete wohlgefällig die Ladung.

»So ist’s gut, wenn ich im Bazar bin, soll der Ochs nicht wieder an diese Bude kommen. Er ist ein frecher Bettelmann.«

»Und Du?« lachte die Frau. »Aber sprich nicht schlecht von Ochsen. Hast Du mir nicht gesagt, daß eines Tages ein Roter Ochse aus einem Felde kommen wird, um Dir zu helfen? Nun halte alles gerade und fordere des heiligen Mannes Segen für mich. Vielleicht weiß er auch ein Mittel, die kranken Augen meiner Tochter zu heilen? Fordere auch dies, Du kleiner Allerweltsfreund.«

Doch Kim war fortgetanzt vor dem Ende dieser Rede, herrenlosen Hunden und hungrigen Bekanntschaften aus dem Wege gehend.

»So betteln wir, die wir die Sache verstehen, sprach er stolz zu dem Lama, der die gefüllte Schale erstaunt betrachtete. »Iß nun und – ich will mit Dir essen. Heda! Bhisti!« er rief dem Wasserträger, der die Erotons (Krebsblumen) bei dem Museum begoß, »bring‘ Wasser. Wir Männer sind durstig.«

»Wir Männer!« lachte der Bhisti. »Ist ein voller Schlauch genug für so ein Paar? Trinkt denn, im Namen des Erbarmers.«

Er goß einen dünnen Strahl in Kim’s Hände, der nach Landessitte trank. Der Lama aber zog einen Becher aus seinem unerschöpflichen Obergewand und trank mit Feierlichkeit.

»Pardesi (ein Fremdling),« erklärte Kim, als der alte Mann in unbekannter Sprache etwas sagte, was offenbar ein Segen war.

Sie schmausten zufrieden zusammen, bis die Bettelschale geleert war. Dann schnupfte der Lama aus einem schwerfälligen, kürbisförmigen Holzgefäß, ließ seinen Rosenkranz eine Weile durch die Finger gleiten und fiel, als der Schatten von Zam-Zammah länger wurde, in den leisen Schlaf des Alters.

Kim bummelte zu der nächsten Tabakhändlerin, einer jungen, lebhaften Mohammedanerin hinüber und erbettelte sich eine ordinäre Zigarre, von der Sorte, wie sie den Studenten der Punjabi-Universitat, die englischen Brauch kopieren, verkauft werden. Dann rauchte er und, mit hochgezogenen Knieen unter dem Bauch der Kanone sitzend, dachte er nach. Das Resultat dieses Nachdenkens war ein rasches verstohlenes Hinhuschen nach der Richtung von Nila Rams Zimmerplatz.

Der Lama erwachte erst, als das abendliche Leben der Stadt begann mit Lampenanzünden und Rückkehr der weißgekleideten Ober- und Unterbeamten aus dem Gouvernement-Bureau. Verwirrt blickte er nach allen Seiten: niemand aber beachtete ihn, außer einem Hinduknirps in isabellfarbenem Gewand und schmutzigem Turban. Wehklagend beugte der Lama den Kopf auf die Kniee.

»Was ist los?« fragte der Knabe, vor ihm stehen bleibend. »Bist Du beraubt worden?«

»Ach, mein neuer Chela, er ist von mir gegangen: ich weiß nicht, wo er ist.«

»Und welch‘ eine Art Mensch war Dein Schüler?«

»Er war ein Knabe, der zu mir kam an Stelle dessen, der mir gestorben. Wohl weil ich Verdienst erworben, indem ich mich vor dem Gesetz verbeugte da drinnen.« Er wies nach dem Museum hin. »Er kam zu mir und zeigte mir den Weg, den ich verloren. Er leitete mich in das Wunderhaus und ermutigte mich durch seinen Zuspruch, mit dem Wächter der Götterbilder zu reden: das machte mich heiter und stark. Und als ich matt vor Hunger war, da bettelte er für mich, wie ein Chela für seinen Lehrer. Plötzlich ward er mir gesendet. Plötzlich ist er verschwunden. Und ich gedachte, ihn in dem Gesetz zu unterrichten, auf dem Wege nach Benares!«

Kim stand verwundert da. Er halte das Gespräch im Museum belauscht und wußte, daß der alte Mann nur Wahrheit redete. Und Wahrheit ist etwas, das ein Eingeborener selten einem Fremden darbietet.

»Aber ich sehe nun, er war mir nur zu bestimmtem Zweck gesendet; und ich weiß dadurch, daß ich einen gewissen Fluß, den ich suche, finden werde.«

»Den Fluß des Pfeiles,« sprach Kim mit überlegenem Lächeln.

»Ist dies abermals eine Sendung?« rief der Lama. Zu niemand sprach ich von dem, was ich suche, außer zu dem Priester der Götterbilder. Wer bist Du?«

»Dein Chela,« sagte Kim einfach auf den Hacken kauernd. »Niemals in meinem ganzen Leben habe ich einen Mann, wie Du es bist, gesehen. Ich gehe mit Dir nach Benares. Und, außerdem denke ich, daß ein so alter Mann, der zu jedem, der ihm zufällig begegnet, die Wahrheit spricht, stets eines Chela benötigt.«

»Aber der Strom – der Strom des Pfeiles?«

»O, das hörte ich, als Du mit dem Engländer redetest. Ich lehnte an der Türe.«

Der Lama seufzte. »Ich dachte, Du wärest ein Führer, mir geschenkt. Solches geschieht zuweilen – aber ich bin wohl nicht würdig. Du also kennst den Fluß nicht? –«

»Nicht ich.« Kim lachte etwas verlegen. »Ich gehe mit, um auszuschauen nach – nach einem Roten Ochsen auf einem Grünen Feld, der mir helfen soll.« Nach Knabenart hatte Kim, wenn ein Bekannter einen Plan hatte, gleich einen für sich selbst zur Stelle; und wirklich hatte er auch ein Viertelstündchen lang ernsthaft in seinem Knabensinn über seines Vaters Prophezeiung nachgedacht.

»Helfen zu was, Kind?«

»Gott weiß, aber mein Vater sagte mir so. Ich hörte Deine Rede in dem Wunderhaus von all den neuen fremden Orten in den Bergen; und wenn einer, der so alt und so wenig … so gewohnt ist, die Wahrheit zu sprechen – auszieht, um eine solche Kleinigkeit wie einen Fluß zu suchen, so schien es mir, daß auch ich auf die Reise gehen müßte. Wenn es unser Schicksal ist, die Dinge zu finden, so werden wir sie finden – Du Deinen Fluß und ich meinen Ochsen – und die hohen Säulen und noch andere Dinge; die ich vergessen habe.«

»Es sind keine Säulen, aber ein Rad, von dem ich frei werden wollte.«

»Das ist alles einerlei. Vielleicht machen sie mich zum König,« sagte Kim, in heiterer Bereitschaft für alles.

»Ich will Dich andere und bessere Wünsche lehren auf unserem Wege,« sprach würdevoll der Lama. »Laß uns nach Benares gehen.«

»Nicht bei Nacht. Es streifen Diebe umher, warte bis es Tag ist.«

»Aber ich habe keinen Platz zum Schlafen.« Der alle Mann, an die Ordnung seines Klosters gewöhnt, wenn er auch auf der Erde schlief, wie es die Regel war, begehrte doch in solchen Sachen etwas Wohlanständigkeil.

»Wir werden in der Kashmir-Herberge gutes Quartier finden,« meinte Kim, über die Verlegenheit des Lama lachend. »Ich habe dort einen Freund. Komm!«

Die heißen, vollen Bazare waren grell erleuchtet, als sie sich ihren Weg durch das Gedränge aller Rassen Ober-Indiens bahnten, und der Lama wandelte hindurch wie im Traum. Es war seine erste Erfahrung von einer großen, gewerbetreibenden Stadt. Die überfüllten Tramwagen mit den ewig kreischenden Bremsen erschreckten ihn. Halb geschoben, halb gezogen gelangte er an das hohe Gitter der Kashmir-Herberge, den ungeheuren quadratischen Platz gegenüber der Eisenbahnstation, umgeben vom gewölbten Kreuzgange, wo die Kamel- und Pferde-Karawanen bei der Rückkehr von Zentral-Asien einkehren. Hier waren Vertreter aller Stämme, angebundene Ponies und knieende Kamele versorgend, Ballen und Bündel auf- und abladend, Wasser zur Abendmahlzeit mit kreischenden Brunnenwinden heraufholend; vor den schreienden, wildäugigen Hengsten Gras aufhäufend, die knurrenden Karawanenhunde prügelnd, Kameltreiber bezahlend, neue Knechte anwerbend, schreiend, fluchend, streitend, feilschend auf dem vollgedrängten Platze. Die Kreuzgänge, durch drei oder vier gemauerte Stufen erhöht, bildeten den Zufluchtshafen in diesem stürmischen Meer. Die meisten der Gänge waren an Händler vermietet, so wie wir die Bogen eines Viaduktes vermieten. Die Plätze zwischen Säule und Säule waren mit Planken zu Kammern abgeteilt und diese durch schwere Holztüren mit plumpen Vorlegeschlössern von einheimischer Arbeit geschützt. Verschlossene Türen zeigten an, daß der Besitzer abwesend und einige roh – zuweilen sehr roh – gemalte oder mit Kalk geschmierte Striche sagten, wohin er gegangen. Ungefähr so:

»Lutuf Ullah ist nach Kurdistan gereist.« Darunter vielleicht in groben Versen: »O, Allah, der Du leidest, daß Läuse auf dem Rock eines Kabuli leben, warum erlaubst Du, daß diese Laus Lutuf so lange lebt?«

Kim, der den Lama zwischen aufgeregten Menschen und aufgeregten Tieren hindurch gängelte, hielt sich bis ans äußerste Ende seitwärts der Bogengänge nächst der Eisenbahnstation, wo Mahbub Ali, der Pferdehändler hauste, wenn er hereinkam von jenem geheimnisvollen Land, jenseits der Pässe des Nordens.

Kim hatte während seines jungen Lebens mit Mahbub schon mancherlei zu tun gehabt – hauptsächlich zwischen seinem zehnten und dreizehnten Jahre; und der große stämmige Afghane, der seinen Bart scharlachrot färbte (denn er war ältlich und wollte seine grauen Haare nicht zeigen). Kannte des Knaben Wert, was das Stadtgeschwätz betraf. Zuweilen gab er Kim den Auftrag, einen Mann, der durchaus nichts mit Pferden zu tun hatte, zu beobachten, ihm den ganzen Tag zu folgen und von jedem Menschen, mit dem er sprach, zu berichten. Kim machte am Abend seinen Bericht und Mahbub lauschte ohne Wort und Bewegung. Es handelte sich um irgend eine Intrigue. Kim wußte das, aber er wußte auch, daß ihr Wert darauf beruhte, daß er zu keinem Menschen außer Mahbub davon redete. Mahbub gab ihm dafür wundervolle Mahlzeiten, ganz heiß aus der Garküche in der Ecke der Herberge, und einmal sogar acht Anna in Gold.

»Er ist da,« sprach Kim, ein bösartiges Kamel auf die Nase knuffend. »Heda, Mahbub Ali!« Er hielt vor einem dunklen Bogen und schlüpfte hinter den erschrockenen Lama.

Der Pferdehändler, der seinen hohen gestickten Bokhaiiot-Gürtel gelöst hatte, lag, träge an einer immensen silbernen Hookah (Wasserpfeife) ziehend, auf einem Paar Satteltaschen aus Seidenteppichen. Er wendete bei dem Ruf ein wenig den Kopf, und da er nur die hohe schweigende Gestalt sah, lachte er halblaut in seinen Bart.

»Allah! Ein Lama! Ein Roter Lama! Es ist weit von Lahore zu den Pässen, was willst Du hier?«

Der Lama hielt mechanisch die Bettelschale hin.

»Gottes Verdammnis über alle Ungläubigen!« rief Mahbub. »Ich gebe keinem lausigen Tibetaner etwas. Bettle bei meinen Baltis da drüben hinter den Kamelen; die wissen vielleicht Deinen Segen zu würdigen. He! Pferdejungen, hier ist ein Landsmann von Euch, fragt, ob er hungrig ist.«

Ein glattköpfiger, gebeugter Balti, der mit den Pferden herunter gekommen und angeblich eine Art degradierter Buddhist war, grinste dem Priester entgegen und bat in tiefen Kehllauten den Heiligen, sich an das Feuer der Pferdejungen zu setzen.

»Gehe,« sagte Kim, ihn leicht fortschiebend, und der Lama schritt dahin und ließ Kim an der Kante des Kreuzganges zurück.

»Geh,« sagte auch Mahbub Ali, zu seiner Hookah zurückkehrend. »Kleiner Hindu, mach‘ Dich fort, Verdammnis auf alle Ungläubigen! Bettle bei den Leuten meiner Gefolgschaft, die Deines Glaubens sind.«

»Maharaj,« jammerte Kim, sich der Hindu Anrede bedienend und sich höchlich amüsierend, »mein Vater ist tot, meine Mutter ist tot, mein Magen ist leer.«

»Bettle bei meinen Pferdejungen, sage ich. Es müssen auch Kinder unter meinen Leuten sein.«

»O, Mahbub Ali, bin ich denn ein Hindu?« sagte Kim auf englisch.

Der Händler gab kein Zeichen des Erstaunens. Er blinzelte nur unter seinen zottigen Brauen.

»Kleiner Allerweltsfreund,« sagte er, »was soll das bedeuten?«

»Nichts. Ich bin jetzt der Schüler dieses heiligen Mannes, und wir pilgern zusammen nach Benares, sagte er. Er ist ganz verrückt und ich habe die Stadt Lahore satt. Ich sehne mich nach anderer Luft und Wasser.«

»Aber für wen arbeitest Du? Warum kommst Du zu mir?« Die Stimme war rauh vor Argwohn. »Zu wem sonst sollte ich gehen? Ich habe kein Geld. Ohne Geld ist schlecht reisen. Du wirst den Offizieren viele Pferde verkaufen. Es sind sehr feine Pferde diese neuen, ich sah sie mir an. Gib mir eine Rupie, Mabbub Ali, ich will Dir einen Schuldschein geben und bezahlen, wenn ich zu meinem Reichtum komme.

»Hm,« machte Mahbub Ali, nach kurzem Bedenken. »Du hast mich noch nie belogen. Rufe den Lama – und ziehe Dich zurück in die Dunkelheit.«

»O, wir reden eine Sprache,« lachte Kim.

»Wir gehen nach Benares,« sprach der Lama, sobald er verstand, wo hinaus Mahbub Alis Fragen zielten. »Ich und der Knabe. Ich, um einen gewissen Fluß zu suchen.«

»Mag sein – aber der Knabe?«

»Er ist mein Schüler. Er ward mir gesendet, so glaube ich, um mich zu dem Strom zu leiten. Unter einer Kanone saß ich, als er plötzlich zu mir trat. So etwas ist wohl Glücklichen, denen Führung gewährt wurde, zuteil geworden. Aber ich besinne mich jetzt, er sagte: er wäre von dieser Welt – ein Hindu.«

»Und sein Name?«

»Nach dem fragte ich nicht. Ist er nicht mein Schüler?«

»Sein Heimatland, seine Rasse, sein Dorf, – Muselmann – Sikh – Jaina – niedere Kaste oder hohe?«

»Warum sollte ich fragen? Auf dem mittleren Pfade gibt es weder hoch noch niedrig. Da er mein Chela ist. Kann jemand ihn mir nehmen? Denn siehe! Ohne ihn werde ich meinen Fluß nicht finden.« Er wiegte feierlich sein Haupt.

»Niemand soll ihn Dir nehmen. Gehe, setze Dich zu meinen Baltis,« sprach Mahbub Ali, und der Lama, beruhigt durch dies Versprechen, trottete fort.

»Ist er nicht ganz verrückt?« fragte Kim, wieder vorwärts ins Licht tretend. »Warum sollte ich Dich belügen, Hadje?«

Mahbub paffte schweigend an seiner Hookah. Dann begann er, fast flüsternd: »Umballa liegt auf dem Wege nach Benares – wenn wirklich Ihr beiden dahin geht –«

»Tck! Tck! Ich sage Dir, er versteht nicht zu lügen, wie wir beide es verstehen.«

»Und wenn Du eine Botschaft bis Umballa für mich befolgen willst, werde ich Dir Geld geben. Es betrifft ein Pferd – einen weißen Hengst – den ich einem Offizier auf meiner letzten Rückkehr von den Pässen verkaufte. Aber damals – tritt näher und halte Deine Hände empor, als ob Du betteltest – damals war das Pedigree des weißen Hengstes noch nicht vollständig festgestellt: und der Offizier, der jetzt in Umballa ist, forderte von mir, daß das klargestellt würde.« (Mahbub beschrieb nun das Pferd und das Äußere des Offiziers.) »Also, die Botschaft an den Offizier lautet: »Das Pedigree des weißen Hengstes ist vollständig festgestellt.« Dann wird er wissen, daß Du von mir kommst. Er wird dann fragen: »Welchen Beweis hast Du? Und Du wirst antworten: »Mahbub Ali hat mir den Beweis gegeben.«

»Und das alles um einen weißen Hengst,« kicherte Kim, aber mit flammenden Augen.

»Den Stammbaum will ich Dir jetzt geben in meiner eigenen Weise und etwas Schelten dazu.« Ein Schalten huschte hinter Kim vorbei und ein käuendes Kamel. Mahbub Ali hob die Stimme:

»Allah! Bist Du der einzige Bettler in der Stadt? Deine Mutter ist tot. Dein Vater ist tot. So sprechen sie alle. Na, na« – Er drehte sich um, als fühle er nach etwas auf dem Fußboden neben sich, und warf dem Knaben ein Stück weiches, fettiges, muselmännisches Brot zu. »Gehe nun und lege Dich für diese Nacht zu meinen Pferdejungen, Du und der Lama. Morgen vielleicht werde ich Dich in Dienst nehmen.« Kim schlich sich fort, die Zähne in dem Brot, und wie er erwartet, fand er ein kleines Päckchen zusammengefalteten Papieres, eingewickelt in Wachstafft, nebst 3 Silber-Rupien – eine enorme Großmut!

Er lächelte und schob Geld und Papier in sein ledernes Amulett-Etui. Der Lama, von Mahbubs Baltis reichlich bewirtet, schlief schon in einem Winkel der Ställe. Kim legte sich neben ihn und lachte. Er wußte, daß er Mahbub Ali einen Dienst erwies, und nicht einen Augenblick glaubte er an das Märchen von des Hengstes Stammbaum.

Aber Kim ahnte nicht, daß Mahbub Ali, bekannt als einer der besten Pferdehändler im Punjab, als reicher und unternehmender Handelsmann, dessen Karawanen tief ins Innere weltferner Länder eindrangen, eingeschrieben war in eins der Geheimbücher des indischen Überwachungs-Departements, als C. 25 I. B. Zwei oder dreimal jährlich pflegte C. 25 eine kleine Geschichte einzusenden, trocken erzählt, aber sehr interessant, und in den meisten Fällen erwies sich diese – durch Bestätigung von R. L. 7 und M. 4 – als ganz wahr. Die Geschichten betrafen alle möglichen abgelegenen Gebirgs-Fürstentümer, Forschungsreisende von nicht englischer Nationalität, den Handel mit Waffen – davon handelte, kurz gesagt, ein Teil jener großen Masse von übermittelten Informationen, nach denen das indische Gouvernement seine Maßregeln trifft. Aber kürzlich waren fünf verbündete Könige, höchst überflüssiger Weise verbündet, durch eine freundliche Macht des Nordens unterrichtet worden, daß Neuigkeiten aus ihren Territorien nach Britisch Indien durchsickerten. Die Premierminister dieser Könige waren ernstlich erzürnt und taten ihre Schritte nach orientalischer Weise. Unter vielen anderen hatten sie den unverschämten, rotbärtigen Roßhändler in Verdacht, dessen Karawanen, bis zum Bauch im Schnee, ihre Bergvesten durchfurchten. Wenigstens war seine Karawane vor kurzer Zeit auf dem Wege niederwärts zweimal überfallen und beschossen worden, wie Mahbubs Leute angaben, von drei fremden Strolchen, die zu dieser Leistung gedungen oder auch nicht gedungen sein konnten. Deshalb hatte Mahbub vermieden, sich in der ungesunden Stadt Peshawur aufzuhalten, und war ohne Zeitverlust durchmarschiert nach Lahore, wo er, der seine Landsleute kannte, auf merkwürdige Ereignisse vorbereitet war.

Und Mahbub Ali barg etwas bei sich, das er nicht eine Stunde länger als nötig zu behalten wünschte, ein Päckchen dicht zusammen gefaltetes Faserpapier, in Wachstaffet eingewickelt, einen unpersönlichen, nicht adressierten Bericht mit fünf mikroskopisch kleinen Löchern in einer Ecke, der die fünf verbündeten Könige, die freundlich gesinnte nordische Macht, einen Hindu-Bankier in Peshwaur, die Firma einer Waffenfabrik in Belgien und einen halb unabhängigen, wichtigen, mohammedanischen Regenten des Südens aufs Schmählichste verriet. Dieses letzte war das Werk von R. 17, welches Mahbub jenseits des Dora-Passes an sich nahm und für R. 17 weiter trug, da dieser, Umstände halber, über die er keine Macht hatte, seinen Beobachtungsposten nicht verlassen konnte. Dynamit war mild und harmlos neben diesem Rapport von C. 25, und selbst ein Orientale mit eines Orientalen Ansichten über den Wert der Zeit mußte sich sagen, daß der Bericht je früher je besser in den richtigen Händen sein mußte. Mahbub hatte keinen besonderen Wunsch, auf gewaltsame Weise zu sterben, weil zwei oder drei Familien-Blutfehden jenseits der Grenze noch unerledigt an seinen Händen hingen. Er beabsichtigte, sobald diese Schuld beglichen, sich als mehr oder weniger tugendhafter Bürger zur Ruhe zu setzen. Seit seiner Ankunft vor zwei Tagen hatte er das Gitter der Karawanen-Herberge noch nicht durchschritten, wohl aber ostentativ Telegramme versendet nach Bombay, wo er etwas Geld auf der Bank hatte, nach Delhi, wo ein untergeordneter Geschäftsteilhaber von einem Clan Pferde verkaufte an den Agenten eines Rajputana Staates, und nach Umballa, wo ein Engländer dringend den Stammbaum eines weißen Hengstes forderte. Der öffentliche Briefschreiber, der englisch verstand, verfaßte ausgezeichnete Telegramme, wie: – »Creighton, Laurel-Bank, Umballa-Pferd ist Araber wie bereits gemeldet. Bedaure Stammbaum Verzögerung, welchen übersetze.« Und später an dieselbe Adresse: »Bedauere sehr Verzögerung. Sende Stammbaum ab.« Seinem Unterpartner in Delhi drahtete er: »Lutuf Ullah. Drahtete 2000 Rupien Eurem Conto, Luchmann Narains Bank.« Das war alles ganz kaufmännisch, aber jedes dieser Telegramme wurde besprochen und wieder besprochen von Leuten, die sich für berechtigt hielten, die Telegramme zu lesen, bevor sie aus den Händen eines einfältigen Balti, der sie unterwegs alle möglichen Leute lesen ließ, zur Station gelangten.

Als Mahbub in seiner eigenen bilderreichen Sprache so den Brunnen der Nachforschung mit dem Stab der Vorsicht getrübt hatte, kam ihm Kim wie vom Himmel gesendet in den Weg, und gewöhnt, die geringsten Chancen zu nutzen, nahm er diesen, ebenso rasch entschlossen wie gewissenlos, in Dienst.

Ein wandernder Lama mit einem knabenhaften Diener niederer Kaste konnte wohl ein augenblickliches Interesse erregen auf der Pilgerfahrt nach Indien, dem Land der Pilger, aber verdächtigen würde man sie nicht, noch, was wichtiger war, berauben.

Er rief nach frischem Feuer für seine Hookah und überlegte noch einmal. Wenn im schlimmsten Falle der Knabe zu Schaden käme, konnte das Papier niemanden ernstlich kompromittieren, er würde zu passender Zeit nach Umballa gehen und mit geringem Risiko, daß neuer Verdacht entstünde, seine Geschichte mündlich den betreffenden Personen übermitteln. Aber der Rapport von R. L. 7 war der Kernpunkt der ganzen Sache, und käme er nicht in die rechten Hände, konnte das außerordentlich störend werden. Immerhin, Gott war groß, und Mahbub Ali war sich bewußt, alles, was möglich war, getan zu haben. Kim war das einzige Wesen in der Welt, das ihm niemals eine Lüge vorgebracht hatte. Das wäre nun ein fataler Fleck auf Kims Charakter gewesen, hätte Mahbub nicht gewußt, daß er in seinen eigenen Angelegenheiten andere Leute anlog wie nur irgendein Orientale.

So machte sich denn Mahbub Ali auf, quer durch die Herberge bis zu der Pforte der Harpyen, die ihre Augen malen und die Fremdlinge in ihren Netzen fangen. Nicht ohne Mühe fand er das Mädchen, das, wie er vermutete, die spezielle Freundin eines bartlosen Pundit von Kashmir war, der seinem dummen Balti mit den Telegrammen aufgelauert hatte. Es war ein ganz törichtes Unternehmen: denn alsbald fingen sie an, gegen des Propheten Gesetz, parfümierten Branntwein zu trinken, und Mahbub war bald glänzend betrunken. Die Gitter seines Mundes waren gelöst, er verfolgte die Blume des Entzückens mit den Füßen des Rausches, bis er platt auf die Polster fiel, wo dann die Blume des Entzückens mit Hilfe eines bartlosen Pundit von Kashmir ihn vom Kopf bis zu den Füßen gründlich durchsuchte.

Um dieselbe Stunde ungefähr hörte Kim in Mahbubs verlassener Abteilung leise Tritte schallen. Der Roßhändler hatte, sonderbar genug, seine Tür nicht verschlossen, und seine Leute waren vollauf beschäftigt, das ganze Schaf, das Mahbub großmütig zur Feier der Rückkehr gespendet, zu verzehren. Ein geschmeidiger junger Gentleman aus Delhi untersuchte mit Hilfe eines Schlüsselbundes, welche die Blume von des sinnlos Betrunkenen Gürtel losgehakt hatte, jeden Koffer und Ballen, Bündel und Satteltaschen in Mahbubs Besitz noch systematischer, als die Blume und der Pundit den Besitzer selbst.

»Und mir scheint,« sagte die Blume eine Stunde später verächtlich, den runden Ellbogen auf den schnarchenden Körper gestützt, »er ist nichts weiter als ein Schwein von Afghanischem Roßhändler, das nur an Weiber und Pferde denkt. Übrigens – er mag es fortgeschickt haben – wenn es überhaupt da war.«

»Nein – ein Ding, das fünf Könige betrifft, würde er nächst seinem schwarzen Herzen aufbewahren,« sprach der Pundit. »Hast Du nichts gefunden?« fragte er den Delhi-Mann, der lachend den Turban zurechtrückte, als er eintrat. »Ich durchsuchte die Sohlen seiner Pantoffeln, wie die Blume seine Kleider. Dies ist nicht der Mann. Es muß ein anderer sein. Ich lasse nichts unbesehen.«

»Sie sagten nicht, er ist der rechte Mann,« sprach nachdenklich der Pundit. »Sie sagten, sehet zu, ob es der Mann ist, da unsere Nachrichten nicht klar sind.«

»Der Norden ist so voll von Pferdehändlern wie ein alter Rock von Läusen. Da ist Sikhandar-Khan, Nur Ali Beg und Farrukh Shah – alle Führer von Karawanen – die dort Geschäfte machen,« sagte die Blume.

»Die sind noch nicht zurück gekommen,« meinte der Pundit. »Die mußt Du später in Deine Schlinge locken.«

»Pah!« meinte die Blume mit tiefer Verachtung, Mahbubs Kopf von ihrem Schoß rollend. »Ich verdiene mein Geld. Farrukh Shah ist ein Bär, Ali Beg ist ein Prahlhans, und der alte Eikandar Khan – pfui! Geh! Ich will nun schlafen. Dieses Schwein wird vor Tagesgrauen sich nicht rühren.«

Als Mahbub erwachte, hielt die Blume ihm strenge die Sünde der Trunkenheit vor. Asiaten zucken nicht mit der Wimper, wenn sie den Feind überlistet haben; Mahbub Ali aber war nahe daran, als er sich die Kehle reinigte, den Gürtel festschnallte und unter den frühen Morgensternen dahintaumelte, sich zu ärgern.

»Welch ein plumper Streich!« sprach er zu sich selbst. »Als ob nicht jedes Mädchen in Peshawur es so anstellen würde. Aber sie hat es hübsch gemacht. Nun, Gott weiß, wie viele andere noch auf dem Weg sind mit Befehl mich zu untersuchen – vielleicht mit dem Messer. Es steht fest, der Knabe muß nach Umballa, aber mit dem Zuge, denn das Schreiben ist dringend. Ich bleibe hier, folge der Blume nach und trinke Wein, wie es einem afghanischen Roßkamm zukommt.«

Er hielt bei dem zweiten Abteil nächst dem seinen still. Seine Leute lagen in tiefem Schlaf. Von Kim oder vom Lama keine Spur.

»Auf!« Er rüttelte einen Schläfer. »Wohin sind sie gegangen, die hier letzten Abend lagen – der Lama und der Knabe? Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Nein,« murrte der Mann, »der alte verrückte Kerl erhob sich beim zweiten Hahnkrähen und sagte, er müßte nach Benares, und der Junge leitete ihn fort.«

»Allahs Fluch über alle Ungläubigen!« rief Mahbub und kletterte, in den Bart brummend, in seine eigene Abteilung.

Es war aber Kim, der den Lama geweckt – Kim, der, mit dem Auge an einem Astloch in der Bretterwand, des Delhi-Mannes Untersuchung der Koffer wahrgenommen halte. Das war kein gewöhnlicher Dieb, der Briefe, Rechnungen und Sättel durchsuchte, auch kein gewöhnlicher Einbrecher, der ein kleines Messer seitwärts zwischen die Sohlen von Mahbubs Pantoffeln schob und die Nähte der Satteltaschen so geschickt durchstach. Zuerst wollte Kim den Alarmruf geben – das langgedehnte »Cho-or cho-or!« (Diebe! Diebe), der nachts das Serai sofort auf die Beine bringt; aber er bedachte sich und zog, die Hand auf dem Amulett, seine eigenen Schlüsse.

»Es muß sich um den Stammbaum handeln, um diese faustdicke Pferdelüge,« dachte er, »das Ding, das ich nach Umballa trage. Besser wir gehen gleich. Die mit dem Messer Taschen untersuchen, könnten mit dem Messer auch bald Bäuche untersuchen. Höre! Höre!« flüsterte er dem leicht schlafenden, alten Manne ins Ohr. »Erhebe Dich. Es ist Zeit – Zeit nach Benares aufzubrechen.«

Gehorsam erhob sich der Lama, und wie Schatten schwanden sie aus dem Serai.

  1. Das Fünfstromland.
  2. Geschmolzene Butter

Kapitel 10.

Kapitel 10.

Lurgan Sahib sprach sich nicht so entschieden aus, aber sein Rat schloß sich dem Mahbubs an, und das Resultat war günstig für Kim. Er wußte nun etwas Besseres zu tun, als Lucknow in Verkleidung zu verlassen, und war Mahbub irgendwie durch eine Nachricht erreichbar, so suchte er ihn in seinem Lager auf und nahm seine Verwandlung unter des Pathans Auge vor. Hätte der kleine Tuschkasten, den er in der Schulzeit beim Kartenzeichnen brauchte, von seiner Verwendung in den Ferien reden können, so wäre Kim wohl relegiert worden. – Einmal zog er mit Mahbub und drei Wagen voll Pferden bis nach dem prächtigen Bombay, und Mahbub schmolz fast vor Zärtlichkeit: als Kim eine Reise durch den Indischen Ozean auf einem Kauffahrteischiff vorschlug, um Golf-Araber zu kaufen, die, wie er von einem Untergebenen des Händlers Abdul Rahman erfahren halte, bessere Preise erzielten, als die Kabuli-Pferde. Mit diesem bedeutenden Kaufmann wußte er anzuknüpfen, als Mahbub mit einigen Gleichgläubigen bei einem großen Haj-Schmaus war.

Bei dem Rückwege über Karachi, zur See, machte Kim die erste Bekanntschaft mit der Seekrankheit. Er saß an dem vorderen Gatter über der Luke, fest überzeugt, daß er vergiftet sei. Des Babus famose Medizin-Schachtel erwies sich nutzlos, obgleich sie in Bombay frisch gefüllt war. Mahbub hatte Geschäfte in Quetta, und dort verdiente Kim, mit Mahbubs Erlaubnis, sein Brot und etwas mehr als Küchenjunge im Hause eines fetten Kommissariats-Sergeanten. In einem unbewachten Augenblick nahm er aus dessen Bureau-Schrank ein kleines, in Pergament gebundenes Hauptbuch, das anscheinend nur Verkäufe von Rindvieh und Kamelen betraf, und im Mondenschein, hinter einem Hintergebäude liegend, kopierte er daraus. Dann legte er das Buch wieder an seinen Platz, verließ auf Mahbubs Rat seinen Dienst ohne Lohn und traf sechs Meilen weiter unten mit Mahbub wieder zusammen, die saubere Kopie auf der Brust tragend.

»Dieser Sergeant ist ein kleiner Fisch,« erklärte Mahbub, »mit der Zeit werden wir größere fangen. Dieser verkauft nur Ochsen zu zwei verschiedenen Preisen – zu einem Preise für sich selbst, zu einem anderen für die Regierung – was, glaube ich, keine Sünde ist.«

»Warum durfte ich das kleine Buch nicht mitnehmen und vollständig kopieren?«

»Das hätte ihn erschreckt, und er würde seine Vorgesetzten benachrichtigt haben. Dadurch hätten wir vielleicht eine große Zahl neuer Flinten verloren, die ihren Weg, von Quetta nach dem Norden suchen. Das Spiel ist zu weit ausgedehnt, man sieht nur wenig davon zurzeit.«

»Oho!« machte Kim und hielt den Mund. Das war in den Monsoon-Ferien, nachdem er den Preis in Mathematik erhalten. Die Weihnachts-Ferien – abgerechnet einige Tage für Privat-Amusements – brachte er bei Lurgan Sahib zu. Dort saß er meist vor einem lodernden Holzfeuer – auf dem Wege nach Jakko lag in dem Jahre vier Fuß tief Schnee – der kleine Hindu war fort, um verheiratet zu werden – und half Lurgan Perlen aufreihen. Nebenbei hatte er ganze Kapitel aus dem Koran auswendig zu lernen und zu wiederholen, bis er sie mit dem Hin- und Herwiegen und dem genauen Tonfall eines Mullah vortragen konnte. Ferner lernte er die Namen und Eigenschaften einheimischer Heilmittel kennen, wie die dunklen Sprüche, die beim Verordnen derselben hergesagt werden müssen. Am Abend schrieb er Zauberformeln auf Pergamente, kunstvoll ausgearbeitete Pentagramme mit den Namen von Teufeln Murra und Awan, dem Begleiter von Königen, gekrönt. In praktischer Weise unterwies Lurgan ihn in seiner eigenen Gesundheitspflege, im Heilen von Fieberanfällen und Anwendung einfacher Arzneimittel auf der Wanderung. Eine Woche vor der Abreise sandte Oberst Creighton – und das war nicht hübsch – eine Reihe von Prüfungs-Fragen, die sich nur mit Ruten und Ketten und Winkeln befaßten.

In den nächsten Ferien zog er mit Mahbub aus und auf einem Kamel, im tiefen Sand fast versinkend, war er dem Verdursten nahe. Sie kamen nach der geheimnisvollen Stadt Bikaneer, wo die Brunnen vierhundert Fuß tief und fast durchaus mit Kamelknochen bekleidet sind. Es war nicht erheiternd für Kim, daß der Oberst – in Nichtachtung des Kontraktes – ihm befahl, eine Karte von der wilden, ummauerten Stadt anzufertigen. Und da es auffallend wäre, wenn mohammedanische Pferdejungen oder Pfeifenreiniger Vermessungsketten um die Hauptstadt eines unabhängigen einheimischen Staates zögen, so war Kim gezwungen, seine Distanzen mit Hilfe der Perlen eines Rosenkranzes abzuschreiten. Zu Teilungen benutzte er gelegentlich den Kompaß, hauptsächlich nach Dunkelwerden, wenn die Kamele gefuttert halten, und mit Hilfe seines kleinen Tuschkastens mit sechs Farbentäfelchen und drei Pinseln brachte er etwas zu Stande, das nicht ungleich der Stadt Jeysalmir war. Mahbub lachte und riet ihm, auch einen geschriebenen Bericht zu machen, und auf den letzten Seiten eines großen Rechnungsbuches, das unter der Klappe von Mahbubs Lieblingssattel lag, fertigte Kim ihn aus.

»Er muß alles enthalten, was Du gesehen, berührt und beobachtet hast. Schreibe, als wenn der Jung-i-Lat (Oberbefehlshaber) selbst im Geheimen mit einer großen Armee, um in den Krieg zu ziehen, gekommen wäre.«

»Wie groß die Armee?«

»Oh, ein halbes Lakh (Ostindisch: Hälfte von 100 000) Männern.«

»Torheit! Bedenke doch, wie selten und wie schlecht die Brunnen in dem Sande sind. Nicht tausend Männer könnten ihren Durst löschen.«

»Dann schreibe das nieder – auch die alten Brüche in den Mauern – und wo das Brennholz geschnitten wird – und wie das Temperament und die Gesinnung des Königs ist. Ich bleibe hier bis alle meine Pferde verkauft sind. Ich will einen Raum beim Torvorbau mieten und Du bist mein Buchhalter. Es soll ein gutes Schloß an der Tür sein.«

Der Bericht, in der fließenden, deutlichen St. Xaviers-Handschrift und die braun und gelbe, mit Lack überzogene Karte war noch vor einigen Jahren vorhanden. (Ein nachlässiger Schreiber verdarb sie mit Notizen über die zweite Dienstreise nach Leistan von E. 23., jetzt aber werden die Bleistift-Bemerkungen ziemlich verwischt sein.) Am zweiten Tage der Rückreise übersetzte Kim, bei der Flamme einer Öllampe schwitzend, Mahbub einen Bericht. Der Pathan erhob sich und beugte sich über die bunten Satteltaschen.

»Ich wußte, er würde eines Ehrenkleides würdig werden und hielt es bereit,« sagte er lächelnd. »Wäre ich Emir von Afghanistan (und wir werden ihn eines Tages sehen) so würde ich Deinen Mund mit Gold füllen.« Er breitete die Gewänder feierlich zu Kims Füßen aus. Da war eine goldgestickte, zu einem Kegel aufsteigende Turban-Mütze von Peshawur, mit einem Turban-Tuch, das in einer breiten Goldfranze endete. Da war eine gestickte Weste von Delhi, die über einem milchweißen, an der rechten Seite schließenden, prächtig niederwallenden Hemde getragen wurde: grüne Pyjamas mit geflochtener, seidener Taillenschnur, und damit nichts fehle, Pantoffeln von russischem Leder, himmlisch riechend, mit kokett aufgebogenen Spitzen.

»An einem Mittwoch und in der Morgenfrühe neue Kleider anzulegen, ist gefährlich,« sprach Mahbub feierlich. »Und wir dürfen nicht vergessen, daß es böses Volk in der Welt gibt. Also!«

Er krönte die Herrlichkeiten, die Kim vor Entzücken den Atem benahmen, durch einen mit Perlmutter und Nickel beschlagenen 9 mm-Revolver mit Selbstentladung.

»Ich wollte erst eine kleinere Bohrung nehmen, besann mich aber, daß diese hier Gouvernements-Kugeln faßt. Mit diesen kann ein Mann überall hin- und hergehen – besonders über die Grenze. Steh auf und laß Dich betrachten.« Er klopfte Kim auf die Schulter. »Mögest Du nimmer ermüden zu schauen, Pathan! Oh, die Herzen, die da brechen, die Augen, die sich abwenden werden unter halb geöffneten Lidern!«

Kim drehte sich rundum, streckte die Zehe und fühlte mechanisch nach dem Schnurrbart, der just zu sprossen begann; dann bückte er sich auf Mahbubs Füße nieder, um diese, da sein Herz zu voll für Worte war, mit seinen bebenden Händen zu streicheln. Mahbub kam ihm zuvor und umarmte ihn.

»Mein Sohn,« sprach er, »bedarf es der Worte zwischen uns? Aber ist nicht die kleine Waffe zum Entzücken? Alle sechs Kartuschen kommen mit einer Drehung heraus. Man soll sie auf der Brust nächst der Haut tragen, damit sie immer wie geölt bleibt. Trage sie sonst nirgends und so es Gott gefällt, wirst Du eines Tages einen Mann damit töten.«

»Oha!« rief Kim kläglich, »wenn ein Sahib einen Menschen tötet, wird er im Gefängnis gehängt.«

»Wahr: aber einen Schritt jenseit der Grenze sind die Leute vernünftiger. Tue sie weg, aber füttere sie zuvor. Was nützt eine ungespeiste Flinte?«

»Wenn ich in die Madrissah zurückgehe, muß ich sie Dir wiedergeben. Sie gestatten keine Waffe. Du wirst sie mir aufbewahren?«

»Sohn, ich bin der Madrissah müde, wo sie einem Manne die besten Jahre nehmen, um ihn zu lehren, was er nur auf der Heerstraße lernen kann. Die Torheit der Sahibs hat weder Kopf noch Fuß. Schadet nichts. Kann sein, dieser geschriebene Bericht erspart die fernere Sklaverei; und Gott weiß, wir brauchen Männer, mehr und mehr, für das Spiel.«

Mit verbundenem Mund, um sich vor dem wehenden Sand zu schützen, wanderten sie durch die Salzwüste nach Jodhpore, wo Mahbub und sein schöner Neffe Habib-Ullah viel Geschäfte machten, und dann – traurig, in europäischen Kleidern, aus denen er fast herausgewachsen war – fuhr Kim in zweiter Klasse nach St. Xavier zurück. Drei Wochen später traf Oberst Creighton, der in Lurgans Laden nach dem Preise von Thibetanischen Geisterdolchen fragte, Mahbub Ali als offenbaren Meuterer an. Lurgan Sahib operierte als Reserve.

»Das Pony ist fertig – vollendet – mit Maul und Schritt – Sahib. Von nun an, wenn es zum Spaß festgehalten wird, wird es von Tag zu Tag seine guten Manieren verlieren. Nehmt ihm den Zügel vom Nacken und laßt ihn los,« sprach der Pferdehändler. »Wir haben ihn nötig.«

»Aber er ist noch so jung, Mahbub – kaum sechzehn – nicht so?«

»Als ich fünfzehn alt war, Sahib, hatte ich meinen Mann geschossen und meinen Mann gezeugt.«

»Du verstockter, alter Heide.« Creighton wandte sich zu Lurgan. Der schwarze Bart nickte dem scharlachgefärbten des Afghanen Beifall zu.

»Ich würde ihn längst verwandt haben,« sagte Lurgan. »Je jünger je besser. Deshalb lasse ich meine Kostbaren Juwelen von einem Kinde hüten. Ihr habt ihn mir gesendet, ihn auf die Probe zu stellen. Ich prüfte ihn in jeder Weise: er ist der einzige Knabe, den ich nicht dahin bringen Konnte, Dinge zu sehen –«

»Im Krystall – im Tintentopf?« fragte Mahbub.

»Nein. Unter meiner Hand. Das ist mir noch nicht vorgekommen. Das zeigt, daß er stark genug ist – aber Ihr meint, Oberst Creighton, das ist nicht so leicht, wie es aussieht – jeden nach seinem Willen tun zu lassen? Und das war vor drei Jahren. Seit der Zeit habe ich ihn vieles gelehrt, Oberst Creighton. Ich glaube, Ihr verwertet ihn jetzt nicht richtig.«

»Hm! Kann sein, Ihr habt Recht. Aber, wie Ihr wißt, ist augenblicklich keine offizielle Arbeit für ihn da.«

»Laßt ihn aus – laßt ihn rennen,« unterbrach Mahbub. »Wer erwartet von einem Füllen, daß es gleich schwere Lasten trägt? Laßt ihn auf gut Glück mit den Karawanen laufen wie unsere weißen Kamel-Füllen. Ich würde ihn zu mir nehmen, aber –«

»Da ist im Süden eine Kleinigkeit zu tun, wobei er sehr nützlich sein könnte,« meinte Lurgan, mit besonders sanftem Ton, seine schweren, blau getuschten Augenlider senkend.

»E. 23. hat das in Händen,« sagte Creighton, rasch einfallend.

»Er darf nicht dorthin. Außerdem versteht er nicht Türkisch.«

»Beschreibt ihm nur das Format und den Geruch der Briefe, die wir brauchen,« beharrte Lurgan, »und er wird sie uns bringen.«

»Nein. Das ist Arbeit für einen Mann,« sagte Creighton. Es betraf eine halsbrecherische Angelegenheit, eine ungehörige, aufwieglerische Korrespondenz zwischen einer Person, die sich als allein maßgebende Autorität in allen Dingen der mohammedanischen Religion durch alle Welt betrachtete, und einem jüngeren Mitglied eines königlichen Hauses, das wegen Frauenraubes auf britischem Territorium in den Geheimakten geführt wurde. Der muselmännische Erzbischof war emphatisch und überarrogant, der junge Prinz nur aufgebracht wegen sogenannter Verkürzung seiner Privilegien gewesen; aber er mußte verhindert werden, eine Korrespondenz weiter zu führen, die ihn schließlich kompromittieren konnte. Einer der Briefe war schon abgefaßt, aber der Finder wurde später, als arabischer Handelsmann gekleidet, tot am Wege gefunden; dies berichtete E. 23. (der die Arbeit übernommen) pflichtgemäß.

Diese Fakten und einige andere, nicht zu veröffentlichende, ließen Mahbub und Lurgan die Köpfe schütteln.

»Laßt ihn denn mit dem Roten Lama gehen,« sagte, mit sichtlicher Überwindung, der Roßkamm. »Er hat den alten Mann lieb. Er kann wenigstens bei dem Rosenkranz seine Schritte abzählen lernen.«

»Ich hatte mich ein paarmal mit dem alten Mann zu beschäftigen – brieflich,« sprach Creighton lächelnd. »Wohin geht er?«

»Er ist diese drei Jahre auf- und abgewandert im Lande. Er sucht einen Strom des Heils. Gottes Fluch über alle –« Mahbub verstummte plötzlich. »Er hat Quartier im Tempel der Tirthankeers oder zu Buddh Gaya, wenn er von der Wanderschaft kommt. Alsdann geht er nach der Madrissah, um den Knaben zu sehen: wir wissen es, denn der Knabe wurde zwei- oder dreimal deswegen bestraft. Er ist ganz verrückt, aber ein friedlicher Mann. Ich habe ihn getroffen. Auch der Babu hat mit ihm zu tun gehabt. Wir beobachteten ihn diese drei Jahre. Rote Lamas sind nicht so häufig in Indien, daß man die Spur verlieren könnte.«

»Babus sind zuweilen sonderbar,« sprach Lurgan nachdenklich. »Wißt Ihr, was Hurree Babu wirklich will? Er will Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften werden durch seine ethnologischen Berichte. Ich teilte ihm alles mit, was Mahbub und der Knabe mir über den Lama gesagt. Hurree Babu geht nach Benares – auf seine eigenen Kosten, denke ich.«

»Ich nicht,« sagte Creighton kurz. Er hatte, aus lebhafter Neugier zu erfahren, was der Lama eigentlich war, Hurrees Reisekosten bezahlt.

»Und er wandte sich an den Lama, wegen Unterweisung über Lamaismus und Teufelstänze und Zauberformeln, verschiedene Male in diesen drei Jahren. Heilige Jungfrau! All das hätte er von mir schon vor Jahren erfahren können. Ich glaube, Hurree Babu wird zu alt für das Umherstreifen. Er sammelt lieber Erfahrungen über Sitten und Lebensweise. Ja, er strebt danach, ein F. R. S. zu werden.« (Fellow of the Royal Society, Mitglied der Akademie der Wissenschaften.)

»Hurree denkt gut von dem Knaben, wie?«

»Oh, sehr! Wir hatten einige heitere Abende zusammen hier in meiner kleinen Behausung. Aber es wäre schade, den Knaben mit Hurree in den ethnologischen Dienst übergehen zu lassen.«

»Nicht für einen ersten Versuch. Was sagt Ihr, Mahbub? Lassen wir den Jungen sechs Monate mit dem Lama gehen! Später wollen wir sehen. Er kann wenigstens Erfahrungen sammeln.«

»Die hat er schon, Sahib – er kennt seinen Weg wie ein Fisch das Wasser, in dem er schwimmt. Aber jedenfalls wäre es richtig, ihn aus der Schule zu nehmen.«

»Gut also,« sprach Creighton halb zu sich selbst. »Er soll mit dem Lama gehen, und will Hurree Babu ein Auge auf sie haben, um so besser. Der Lama wird den Knaben nicht in Verlegenheit bringen, wie Mahbub. Sonderbar – dieser Wunsch ein F. R. S. zu werden! Und doch wie menschlich! Er paßt auch am besten für Ethnologie, Hurree –«

Weder Geld noch Bevorzugung würde Creighton bewogen haben, den Indischen Geheim-Dienst zu verlassen, aber tief in der Seele trug er den Ehrgeiz, F. R. S. hinter seinen Namen zu setzen. Gewisse Ehren waren durch Findigkeit und Hilfe von Freunden zu erzielen; aber, nach seinem besten Ermessen, konnte nur ein Leben voll wertvoller Arbeit einen Mann in die Gesellschaft erheben, die er seit Jahren mit Berichten über fremde asiatische Kulturen und unbekannte Sitten bombardierte. Neun von zehn Männern würden die Langeweile eines Abends in der Akademie fliehen, Creighton aber würde dieser Zehnte sein. Zuweilen sehnte er sich lebhaft nach dem behaglichen London, in die überfüllten Räume, wo silberhaarige und kahlköpfige Herren, die nichts von militärischen Angelegenheiten verstehen, spektroskopische Untersuchungen niedriger Pflanzenarten der eisigen Tundras oder elektrische Flugmaschinen vornehmen oder Apparate handhaben, um das linke Auge eines weiblichen Moskitos in millimetrische Teile zu schneiden. Nach Recht und Billigkeit hätte die Geographische Gesellschaft ihn berufen sollen; aber Männer sind so launisch wie Kinder bei der Wahl ihres Spielzeugs. – Creighton lächelte und dachte um so besser über Hurree Babu, da er mit ihm gleichen Ehrgeiz teilte.

Er legte den Geisterdolch aus der Hand und blickte zu Mahbub auf.

»Wann können wir das Füllen aus dem Stall holen?« fragte der Pferdehändler, in seinem Auge lesend.

»Hm! Wenn ich jetzt seine Entlassung anordne, was wird er, denkt Ihr, tun? Ich habe noch niemals die Erziehung von so einem geleitet.«

»Zu mir wird er kommen,« sagte Mahbub rasch. »Lurgan und ich werden ihn für die Reise vorbereiten.«

»So sei es denn. Sechs Monate mag er gehen wohin er will. Wer aber bürgt für ihn?«

Lurgan neigte leicht den Kopf. »Er wird nicht plaudern, wenn Ihr das fürchtet, Oberst Creighton.«

»Er ist immerhin noch ein Knabe.«

»J – ja; aber erstens, hat er nichts zu erzählen und zweitens, weiß er, was die Folge sein würde. Auch hat er Mahbub sehr lieb und mich ein wenig.«

»Wird er Gehalt beziehen?« fragte der praktische Pferdehändler.

»So viel als zu Nahrung und Wasser notwendig ist. Zwanzig Rupien im Monat.«

Ein Vorzug des Geheim-Dienstes ist, daß keine ermüdende Revision stattfindet. Der Dienst wird lächerlich knapp gehalten, aber die Fonds werden von Männern verwaltet, die weder die Aufführung der einzelnen Posten in den Rechnungen noch Quittungen verlangen. Mahbubs Auge leuchtete auf mit einer fast eines Sikhs würdigen Freude am Gelde und selbst Lurgans unbewegliches Gesicht belebte sich. Er dachte der Zeit, da Kim in das Große Spiel eingefügt würde, das, über ganz Indien verbreitet, weder Tag noch Nacht ruht; und der Ehre und des Ansehens, das ihm, als Lehrer dieses Schülers zu Teil werden würde von den wenigen Auserwählten. Lurgan Sahib hatte E. 23. aus einem verwilderten, frechen, verlogenen kleinen Kerl aus den nordwestlichen Provinzen zu dem gemacht, was E. 23. jetzt war.

Die Freude seiner Lehrer war aber nur schwach und bleich neben Kims Freude, als der Direktor von St. Xavier ihm ankündigte, daß Oberst Creighton ihn rufen lasse.

»Ich vermute, O’Hara,« sprach der Direktor, »daß der Oberst Ihnen eine Stelle als Meß-Assistent im Kanal-Departement ausgewirkt hat. Das ist der Lohn für Fleiß in Mathematik. Es ist ein großes Glück für Sie, denn Sie sind erst siebzehn Jahre alt; aber Sie begreifen, daß Sie nicht dauernd angestellt werden, bevor Sie Ihre Examen im Herbst bestanden haben. Sie müssen also nicht wähnen, daß Sie zum Vergnügen in die Welt hinaus gehen oder daß Ihr Glück nun ein für allemal gemacht ist. Es bleibt noch viel schwere Arbeit für Sie zu tun. Nur wenn es Ihnen gelingt ›pukka‹ zu werden, können Sie es bis zu vierhundert und fünfzig monatlich bringen.« Hierauf gab der Direktor ihm noch gute Lehren betreffs Führung, Sitten und Moral. – Ältere Schüler, die noch keine Aussicht auf Stellung hatten, sprachen wie nur Anglo-Indische Burschen sprechen können, von Begünstigung und Bestechung. Der junge Cazalet, dessen Vater seine Pension in Chunar verzehrte, sprach es unverblümt aus, daß Oberst Creightons Interesse für Kim direkt väterlich sei; und Kim, statt ihm zu vergelten, fluchte nicht einmal. Er dachte nur an das in Aussicht stehende Vergnügen, an Mahbubs gestrigen, in nettem Englisch geschriebenen Brief, der ihn für Nachmittag nach einem Hause hinbestellte, dessen Erwähnung allein des Direktors Haar vor Entsetzen gesträubt haben würde.

Am selben Abend sprach Kim zu Mahbub, bei dem Gepäckwagen auf der Lucknow-Station stehend: »Ich fürchtete, daß, bevor ich heraus wäre, mir das Dach noch auf den Kopf fallen könnte. Oh, mein Vater, ist es denn wirklich wahr?«

Mahbub schnappte mit den Fingern als Zeichen, daß alles wahr sei, und seine Augen funkelten wie rote Kohlen.

»Wo ist dann meine Pistole, daß ich sie trage?«

»Sachte! Ein halbes Jahr magst Du noch ohne Fersenstrick laufen. Das erbat ich für Dich von Oberst Creighton Sahib, mit zwanzig Rupien monatlich. Der alte Rot-Hut weiß, daß Du kommst.«

»Ich will Dir Dustoorie (Kommission) zahlen, drei Monate lang,« sprach Kim ernsthaft. »I – ja, zwei Rupien von meinem Gehalt jeden Monat. Vor allem aber muß ich dies los werden.« Er zupfte an seinen dünnen Leinwandhosen und zerrte an seinem Kragen. »Ich habe alles, was ich auf der Landstraße brauche, bei mir. Meinen Koffer habe ich Lurgan Sahib gesendet.«

»Der Dir seine Salaams sendet – Sahib.«

»Lurgan Sahib ist ein sehr kluger Mann. Und was wirst Du jetzt tun, Mahbub?«

»Ich gehe wieder nordwärts in dem Großen Spiel. Was sonst? Bist Du noch immer gewillt, dem alten Rot-Hut zu folgen?«

»Vergiß nicht, er macht mich zu dem, was ich bin – obwohl er es nicht wußte. Jahr auf Jahr sendet er das Geld für meine Erziehung.«

»Das hätte ich auch tun können,« brummte Mahbub, »wäre es mir nur in meinen Dickkopf gekommen. Laß uns gehen. Die Lampen sind schon angezündet; es wird Dich niemand im Basar bemerken. Wir gehen nach Huneefas Haus.«

Auf dem Wege dahin gab Mahbub Kim fast dieselben Ratschläge, die Lemuel (arabischer König) von seiner Mutter empfing, und, sonderbar genug, er war sehr darauf bedacht, hervorzuheben, wie Huneefa und ihresgleichen Könige zugrunde gerichtet hätten.

»Und dabei erinnere ich mich,« sprach er schelmisch, »eines, der da sagte: Trau einer Schlange mehr als einer Dirne und einer Dirne mehr als einem Pathan. Nun, ausgenommen das von den Pathans, da ich selbst einer bin, ist alles Übrige wahr. Besonders wahr ist es in dem Großen Spiel, denn nur die Weiber sind schuld, wenn Pläne mißlingen, nur Weiber sind schuld, wenn wir im Morgengrauen mit durchschnittener Kehle am Wege liegen. So geschah es dem und dem –,« er gab die grausigsten Details.

»Warum denn aber –?« Kim stockte vor einer schmutzigen Treppe, die in die warme Dunkelheit eines oberen Raumes im Hofe hinter Azim Ullahs Tabakladen führte. Die den Raum kennen, nennen ihn das Vogelbauer – so voll ist er von Wispern und Pfeifen und Flüstern. Das Zimmer, mit seinen unsauberen Kissen und halb ausgerauchten Pfeifen, roch abscheulich nach kaltem Tabak. In einer Ecke lag eine große, unförmliche, in grünliche Gaze gehüllte Frau, Stirn, Nase, Ohr, Nacken, Brust, Arme und Fußknöchel mit plumpen, einheimischen Schmucksachen beschwert. Bewegte sie sich, so war es, als ob kupfernes Geschirr aneinander klirrte. Eine magere Katze miaute hungrig draußen vor dem Fenster. Kim blieb verwirrt neben dem Türvorhang stehen.

»Ist das die Remonte, Mahbub?« frug Huneefa mit träger Stimme, kaum die Pfeifenspitze von den Lippen nehmend. »Oh, Buktanoos!« – wie meist alle von ihrer Art schwor sie bei den Djinns – »Oh, Buktanoos! Er ist hübsch anzuschauen.«

»Das bezieht sich auf den Pferdehandel,« erklärte Mahbub. Kim lachte.

»Solche Rede hörte ich seit meinem sechsten Tag,« erwiderte er, sich im Hellen niederlegend, »wohin soll sie führen?«

»Zu einer Beschützung. Heute Abend ändern wir Deine Farbe. Der Schlaf unter den Dächern hat Dich weiß gemacht wie eine Mandel. Huneefa kennt das Geheimnis einer Farbe, die haftet – kein Anmalen, das zwei oder drei Tage hält. Auch gegen Zufälle auf der Reise stärken wir Dich. Das ist mein Geschenk für Dich, mein Sohn. Lege alles Metallische, was Du an Dir trägst, ab und hierher. Mach‘ Dich bereit, Huneefa.«

Kim zog seinen Kompaß hervor, seinen Tuschkasten und den frisch gefüllten Arznei-Kasten. Diese Dinge hatten ihn auf allen Wegen begleitet, und er schätzte sie in kindlicher Weise sehr hoch.

Das Weib erhob sich langsam und bewegte sich mit vorgestreckten Händen vorwärts. Kim sah, daß sie blind war. »Nein, nein,« murmelte sie, »der Pathan spricht wahr, meine Farbe schwindet nicht in einer Woche oder einem Monat, und die, die ich beschütze, sind in starker Hut.«

»Wenn fern und allein, ist es bös, plötzlich fleckig und aussätzig zu werden,« sprach Mahbub. »So lange Du bei mir warst, konnte ich Dich behüten, und ein Pathan hat gesunde Haut. Entkleide Dich bis zu den Hüften und schau, wie Du gebleicht bist.« Huneefa tastete sich aus einem hinteren Raum zurück. »Es schadet nicht, daß sie nicht sehen kann.« Er nahm eine Zinnschale aus ihrer mit Ringen überladenen Hand. Der Farbstoff schien blau und klebrig. Kim probierte ihn auf seinem Rücken mit einem Klümpchen Baumwolle; Huneefa hörte es. »Nein, nein,« rief sie, »so nutzt es nichts, nur mit den richtigen Zeremonien. Die Farbe ist das Wenigste. Ich verleihe Dir den vollen Schutz des Weges.«

»Jadoo?« (Magie) rief Kim halb erschrocken. Die weisen, blicklosen Augen waren ihm unheimlich. Mahbubs Hand legte sich auf seinen Nacken und drückte ihn nieder, bis er mit der Nase fast den Boden berührte.

»Sei ruhig. Nichts Übles geschieht Dir, mein Sohn. Ich opfere mich für Dich.«

Kim konnte nicht sehen, was die Frau tat, er hörte nur einige Minuten das Klick-Klack ihrer Schmucksachen. Ein Zündholz leuchtete in der Dunkelheit auf, er hörte das wohlbekannte knisternde Geräusch von angezündeten Weihrauchkörnern. Der Raum füllte sich mit Rauch, schwer, aromatisch, betäubend. In wachsender Bewußtlosigkeit vernahm er die Namen von Teufeln – von Zulbazan, dem Sohn des Ebis, der in Bazaren und Paraos sein Wesen treibt und gottlose Bosheiten auf den Halteplätzen an der Wegseite verübt – von Dulhan, der unsichtbar über Moscheen schwebt, sich in die Pantoffeln der Gläubigen schleicht und sie am Beten hindert – von Musboot, dem Dämon der Lüge und der Panik. Bald flüsterte Huneefa ihm ins Ohr, bald hörte er sie wie aus weiter Entfernung reden. Sie berührte ihn mit schauderhaft weichen Fingern, und Mahbubs Griff lastete auf seinem Nacken,– bis der Knabe, endlich losgelassen, völlig bewußtlos lag.

»Allah! Wie er kämpfte! Es wäre uns nie gelungen, ohne daß wir ihn betäubten. Das macht, nehme ich an, sein weißes Blut,« erklärte Mahbub. »Fahre fort mit Dawut (Beschwörung). Gib ihm vollen Schutz.«

»Oh, Hörer! Du, der hört mit Ohren, sei gegenwärtig! Höre, o Hörer!« Huneefa wehklagte, ihre toten Augen wandten sich nach Westen. Der dunkle Raum war voller Wehklagen und Schnaufen.

Auf dem äußeren Balkon richtete eine plumpe Gestalt ihren runden Kugelkopf empor und hustete nervös.

»Unterbrich nicht diese bauchrednerische Zauberei, meine Freundin,« sprach sie auf Englisch, »ich bin der Meinung, daß es Dich wohl verdrießen mag, aber ein erleuchteter Beobachter ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen.«

»Ich will auf ihr Verderben sinnen! Oh, Prophet, habe Nachsicht mit den Ungläubigen! Laß sie eine Weile in Frieden!« Huneefas Antlitz, nun nordwärts gedreht, verzerrte sich schrecklich, und es war, als ob Stimmen von der Decke herab ihr antworteten.

Hurree Babu nahm sein Notizbuch wieder vor und bewegte sich auf der Schwelle des Balkons hin und her, aber seine Hände zitterten. Huneefa, in einer Art trunkener Extase, wiegte sich, mit gekreuzten Beinen neben Kims stillem Haupte sitzend, hin und her, und rief in der alten Ordnung des Rituals Teufel nach Teufel an und befahl ihnen, dem Knaben fern zu bleiben, möge er unternehmen, was es auch sei.

»Mit ihm sind die Schlüssel der geheimen Dinge. Keiner kennt sie neben ihm. Er weiß, was auf dem trockenen Lande ist, und er weiß, was in dem Meere ist!« Wieder brachen die unheimlichen, wispernden Antworten hervor.

»Ich – ich nehme an, daß nichts Verderbliches bei dieser Operation ist,« sagte der Babu, die bebenden und zuckenden Halsmuskeln Huneefas, die jetzt mit Zungen sprach, anstarrend. »Es – es ist doch wohl nicht wahrscheinlich, daß sie den Knaben umgebracht hat? Wenn ja – verweigere ich mein Zeugnis beim Verhör … Welchen hypothetischen Teufel nannte sie zuletzt?«

»Babuchen,« sagte Mahbub im Dialekt, »ich habe keinen Respekt vor den Teufeln von Hind, aber mit den Söhnen von Eblis ist das eine andere Sache; und ob sie nun jumalee (wohlwollend) oder jullalee (bösartig) sind, jedenfalls lieben sie die Kafirs (Ungläubigen) nicht.«

»Dann, meinst Du, wäre es besser, ich ginge?« sagte Hurree Babu, sich halb erhebend. »Sie sind natürlich entkörperte Phänomene. Spencer sagt –«

Huneefa’s Krisis endete wie gewöhnlich nach solchem Vorgang in einem Paroxismus von Heulen. Schaum auf den Lippen, lag sie erschöpft und bewegungslos neben Kim, und die wahnsinnigen Stimmen schwiegen.

»Uah! Das Werk wäre vollbracht. Dem Knaben wird wohl sein, und Huneefa ist sicherlich Meisterin in Zauberkünsten. Hilf sie bei Seite schleppen, Babu. Fürchte Dich nicht.«

»Wie könnte ich fürchten, was nicht existiert?« sagte Hurree Babu, Englisch sprechend, um sich zu beruhigen. – »Es ist ein eigen Ding, die Magie zu scheuen und zu verachten – und ihr doch heimlich nachzuspüren; Folklore-Berichte für die Akademie zu sammeln und an alle Mächte der Finsternis zu glauben.«

Mahbub schüttelte sich vor Lachen. Er kannte Hurree von der Wanderschaft her. »Laß uns die Malerei fertig machen,« sprach er. »Der Knabe ist gut beschützt, wenn – wenn die Herren der Lüfte Ohren haben zu hören. Ich bin ein Sufi (Freidenker); aber wenn man einer Frau, einem Hengst oder einem Teufel die schwache Seite abgewinnen kann, warum denn auf eine andere Seite gehen und sich einen Tritt holen? Bringe Du den Knaben auf den Weg, Babu, und paß auf, daß der alte Rot-Hut den nicht aus unserem Bereich leitet. Ich muß zu meinen Pferden zurück.«

»Sehr wohl,« sagte Hurree Babu. »Für den Augenblick sieht der Knabe sonderbar aus.«

Um den dritten Hahnenschrei erwachte Kim, mit dem Gefühl, als habe er tausend Jahre geschlafen. Huneefa, in ihrer Ecke, schnarchte laut. Mahbub war fort.

»Ich hoffe, man hat Euch nicht erschreckt,« sprach eine fettige Stimme an seiner Seite. »Ich überwachte die ganze Operation, welche sehr interessant, vom ethnologischen Standpunkt aus, war. Es war höchstklassige Dawut.«

»Huh!« machte Kim, Hurree Babu erkennend, der verbindlich lächelte.

»Ich hatte auch die Ehre, Euer gegenwärtiges Kostüm von Lurgan Sahib zu überbringen. Es ist nicht meine offizielle Obliegenheit, solchen Flittertand an Untergebene abzuliefern, aber« – er kicherte – »Euer Fall ist als eine Ausnahme in den Büchern vermerkt. Ich hoffe, Mr. Lurgan wird meine Tat notieren.«

Kim gähnte und reckte sich. Es war angenehm, sich wieder in losen Kleidern zu bewegen. »Was ist dies?« Er betrachtete neugierig den schweren, von nordischen Gerüchen durchzogenen Düffelstoff.

»Oho! Das ist das unverdächtige Kleid eines Chela, der dem Dienst eines lamaistischen Lamas zugewiesen ist. Vollständig in jeder Beziehung,« sprach Hurree Babu und ging schwerfällig auf den Balkon, um seine Zähne aus einem Wasserkühler zu reinigen. »Ich bin der Meinung, es ist nicht genau die Religion des alten Herrn, sondern eher abweichend von ihr. Ich habe über diese Dinge der Asiatischen Vierteljahrsschrift Berichte erstattet, die man aber ablehnte. Sonderbar, daß der alte Herr selbst aller Religiosität bar ist. Er nimmt es nicht im Geringsten genau.«

»Kennt Ihr ihn denn?«

Hurree Babu hielt die Hand in die Höhe, um anzudeuten, daß er mit dem vorgeschriebenen Zeremoniell beschäftigt sei, das ein wohlerzogener Bengale beim Zähneputzen und solchen Dingen beobachtet. Dann rezitierte er in englischer Sprache ein Arya-Somey-Gebet theistischer Natur und stopfte sich den Mund mit Pan und Betel.

»O-a! Ja. Ich traf ihn einige Mal zu Benares und Buddh Gay und befragte ihn über religiöse Punkte und Teufel-Anbetung. Er ist rein agnostisch gesinnt – eben so wie ich.«

Huneefa regte sich im Schlaf und Hurree Babu stürzte nervös nach der kupfernen Weihrauchschale, die farblos schwarz im Morgenlicht erschien, tauchte einen Finger in den angesammelten Ruß und fuhr damit diagonal über sein Gesicht.

»Wer starb in Deinem Hause?« fragte Kim im Dialekt.

»Niemand. Aber sie könnte den bösen Blick haben – die Zauberin,« entgegnete der Babu.

»Was wirst Du jetzt unternehmen?«

»Ich will Dich auf den Weg nach Benares bringen, wenn Du dahin gehst und Dir mitteilen, was Du von »Uns» wissen mußt.«

»Ich komme. Um wie viel Uhr geht der Zug?«

Er erhob sich, blickte sich in dem öden Zimmer um und in das wachsgelbe Gesicht Huneefas, beim Schimmer der tief stehenden Sonne. »Muß ich der Hexe was bezahlen?«

»Nein. Sie hat Dich durch Zauber geschützt gegen alle Gefahren und alle Teufel – im Namen ihrer Teufel. Es war Mahbubs Wunsch.« Auf Englisch: »Er ist sehr in der Bildung zurück, an solchem Aberglauben zu hängen. Es ist ja nur Bauchredekunst. Bauchsprache –«

Kim schnappte mechanisch mit den Fingern, um jedes Übel abzuwenden – Mahbub, wußte er, sann auf keins – das aus den Manipulationen Huneefas ihn befallen könnte und Hurlee kicherte wieder, vermied aber sehr vorsichtig beim Durchschreiten des Zimmers in Huneefas über den Boden gestreckten Schatten zu treten. Hexen, wenn ihre Zeit über ihnen ist, können eines Mannes Seele an den Fersen festhalten, wenn er in ihren Schatten tritt.

»Nun, hört wohl zu,« sprach der Babu, als sie draußen waren. »Zum Teil werden die Zeremonien, denen wir hier beiwohnten, auch bei der Lieferung von wirkungsvollem Zauberschutz für Die von unserm Departement angewendet. Fühlt an Euern Hals, Ihr findet da ein kleines silbernes, sehr billiges Amulett. Das ist Unseres . Versteht Ihr?«

»O–a, ja – hawa–dilli,« sagte Kim, an seinen Hals fühlend.

»Huneefa macht sie für zwei Rupien, zwölf Annas, eingeschlossen – o, alle Arten von Exorcismus. Sie sind ganz allgemein, ausgenommen, daß sie meist von schwarzer Email sind und inwendig ein Zettel liegt mit Namen von einheimischen Heiligen und solchem Zeug. Das ist Huneefas Werk, seht Ihr? Huneefa liefert sie nur für uns und tut sie es einmal nicht, so legen wir, bevor wir sie ausgeben, ein kleines Stück von einem Türkis hinein. Mr. Lurgan liefert das; eine andere Hilfsquelle gibt es nicht. Ich aber habe dies alles erdacht. Es ist geradezu unoffiziell, natürlich, aber paßt gut für Untergeordnete. Oberst Creighton weiß nichts davon. Er ist Europäer. Der Türkis ist in Papier gewickelt… ja, dies ist der Weg zur Station … Nun, vermutlich geht Ihr mit dem Lama, später, hoffe ich, mit mir oder mit Mahbub. Nehmt an, wir gerieten in eine verdammt kritische Lage. Ich bin ein ängstlicher Mann – sehr ängstlich – aber ich sage Euch, ich bin öfter in verdammt kritischen Lagen gewesen als ich Haare auf dem Kopf habe. Dann sprecht Ihr: ›Ich bin Sohn des Zaubers‹ – Sehr gut.«

»Ich verstehe nicht ganz. Man darf auch hier nicht hören, daß wir Englisch sprechen.«

»Sehr wohl. Ich bin nur ein Babu, der mit seinem Englisch prahlt. Wir Babus sprechen alle Englisch, um damit zu prahlen,« sagte Hurree, sein Schultertuch flott schwenkend. »Was ich sagen wollte: ›Sohn des Zaubers‹ bedeutet, daß Ihr Mitglied der Sat Bhai – der Sieben Brüder sein könntet – was Hindi und Tantric (Lehre der Tantras) ist. Es wird allgemein angenommen, daß es eine erloschene Genossenschaft ist, ich aber habe Berichte geschrieben, um zu beweisen, daß sie noch existiert. Ihr seht, es ist alles mein Gedanke. Sehr wohl! Sat Bhai hat viele Mitglieder und vielleicht – ehe sie Euch flott die Gurgel abschneiden – geben sie Euch eine Chance zum Leben. Das ist jedenfalls nützlich. Und überdies, diese närrischen Eingeborenen – wenn sie nicht gar zu exaltiert sind – besinnen sich, ehe sie einen Mann töten, wenn er sagt, daß er irgend einer spezifischen Organisation angehört, seht Ihr? Ihr sprecht also, wenn Ihr in kritischer Lage seid: ›Ich bin Sohn des Zaubers‹ und Ihr gewinnt – vielleicht – ah – günstigen Wind. Das ist nur für außergewöhnliche Gelegenheiten oder wenn Ihr Unterhandlungen mit einem Unbekannten anknüpfen wollt. Versteht Ihr ganz genau? Seht wohl! Nehmt nun an, ich, oder ein anderer von unserm Departement, träte in ganz fremder Kleidung zu Euch. Mich würdet Ihr nicht erkennen, wenn ich wollte, was wettet Ihr? Ich werde es Euch eines Tages beweisen. Ich komme also als Ladakhi-Händler – o, als irgend etwas – und ich spreche zu Euch: »Ihr wollt kostbare Steine kaufen?« Ihr antwortet: »Sehe ich aus, wie einer, der kostbare Steine kauft?« Und ich spreche: »Selbst ein sehr armer Mann kann Türkisen oder Tarkeean kaufen.«

»Das ist Kichree» (Kedjeree, ind. Gericht aus Reis, Erbsen, Zwiebeln usw. Mischmasch) sagte Kim – »Pflanzen-Curry.«

»Natürlich ist es das. Ihr sprecht: »Laß mich das Tarkeean sehen.« Ich sage: »Es ward von einem Weibe gekocht und ist vielleicht nicht gut für Deine Kaste.« Dann sprecht Ihr: »Es gibt keine Kaste, wenn Männer Tarkeean sehen – wollen.« Ihr pausiert ein wenig zwischen den Worten »sehen – wollen.« Das ist das ganze Geheimnis. Die kleine Pause zwischen den Worten.« Kim wiederholte versuchsweise diese Worte.

»Sehr wohl! Dann, wenn Zeit dazu ist, zeige ich Euch meinen Türkis und Ihr wißt wer ich bin, und dann tauschen wir Ansichten und Dokumente und solche Dinge aus. Und so ist es mit jedem von uns. Zuweilen reden wir von Türkisen, zuweilen von Tarkeean, aber stets mit der kleinen Pause zwischen den Worten. Es ist ganz leicht. Zuerst: »Sohn des Zaubers«, wenn Ihr in kritischer Lage seid. Vielleicht hilft Euch das – vielleicht nicht. Dann: Das, was ich Euch von Tarkeean sagte, wenn Ihr offizielle Geschäfte mit einem Fremden verhandeln wollt. Jetzt, natürlich, habt Ihr keine offiziellen Geschäfte, Ihr seid – ah – ah! Supernumerar auf Probe. Ganz einziges Specimen. Wäret Ihr Asiate von Geburt, könntet Ihr frischweg verwendet werden; dies halbe Jahr Urlaub soll Euch entenglischen, seht Ihr? Der Lama erwartet Euch, denn ich habe ihn halb offiziell unterrichtet, daß Ihr alle Euere Examina bestanden und bald Regierungs-Anstellung zu gewärtigen habt. Oh, ho! Ihr seid jetzt auf Vergünstigungsration gesetzt, seht Ihr? Wenn Ihr aber angerufen werdet, um Söhnen des Zaubers beizustehen, so versucht es flottweg. Nun sage ich Euch Lebewohl, mein lieber Kerl, und ich hoffe, Ihr werdet Euch – ha – das Oberste zu unterst – gut herausziehen.«

Hurree Babu trat einige Schritte in das Gedränge am Eingang der Station zurück und – war verschwunden. Kim tat einen tiefen Atemzug und schüttelte sich. Er fühlte den nickelbeschlagenen Revolver auf seiner Brust, das Amulett an seinem Hals; Bettelschale, Rosenkranz, Geisterdolch (Mr. Lurgan hatte nichts vergessen) waren zur Hand, nebst Medikamenten, Tuschkasten und Kompaß; und in einem alten, abgenutzten, mit Schildkrötenschalen-Muster gestickten Geldgürtel lag der Sold für einen Monat. Könige konnten nicht reicher sein. Er kaufte von einem Hindu Zuckerwerk in einer Blattdüte und aß voller Entzücken, bis ein Polizist ihn von den Stufen verwies.

Kapitel 11.

Kapitel 11.

Es folgte eine plötzliche, natürliche Reaktion.

»Nun bin ich allein – ganz allein,« dachte Kim. »In ganz Indien ist keiner so allein wie ich. Stürbe ich heute, wer würde davon sprechen – und zu wem? Lebe ich aber, und Gott ist gütig – dann wird ein Preis auf meinen Kopf gesetzt, denn ich bin ein Sohn des Zaubers – ich, Kim.«

Sehr wenige Weiße, aber viele Asiaten können sich in Verzückung versetzen durch fortgesetztes Wiederholen ihres eigenen Namens und indem sie den Geist ungestört sich versenken lassen in das, was persönliche Identität genannt wird. Wird man älter, so schwindet diese Gabe gewöhnlich, aber so lange sie vorhanden, kann sie in jedem Augenblick herbeigerufen werden.

»Wer ist Kim – Kim – Kim?«

Er hockte, die Hände im Schoß gefaltet, die Pupillen zu Stecknadelspitzen zusammengezogen, entfernt von jedem anderen Gedanken, in einem Winkel des geräuschvollen Warteraumes. In einer Minute, in einer halben Sekunde, das fühlte er, würde er an der Lösung des gewaltigen Rätsels sein; hier aber, wie es immer geschieht, fiel sein Geist herab von jenen Höhen mit der Schnelligkeit eines verwundeten Vogels und, die Augen mit der Hand bedeckend, schüttelte er den Kopf.

Ein Hindu mit langem Haar, ein Bairagi (heiliger Mann), der eben ein Billett gelöst hatte, hielt vor ihm still in dem Moment und starrte ihn aufmerksam an.

»Ich auch habe es verloren,« sprach er betrübt. »Es ist eines der Tore zu dem Weg, für mich aber hat es sich seit vielen Jahren geschlossen.«

»Was soll die Rede?« fragte Kim verlegen.

»Du wolltest da mit Deinem Geist ergründen, was für ein Ding Deine Seele sein möchte. Der Anfall kam plötzlich. Ich weiß. Wer sollte wissen, wenn nicht ich? Wohin gehst Du?«

»Nach Kashi« (Benares).

»Dort sind keine Götter. Ich habe sie geprüft. Ich gehe nach Prayag (Allahabad) zum fünften Male – den Pfad zur Erleuchtung suchend. Von welchem Glauben bist Du?«

»Ich auch bin ein Sucher,« sagte Kim, eines von des Lamas Lieblingsworten brauchend. »Obwohl,« er vergaß für den Augenblick seine nordische Kleidung – »obwohl Allah allein weiß, was ich suche.«

Der alte Mann schob die Bairagi-Krücke in seine Armhöhle und setzte sich auf ein Stück rötliches Leopardenfell nieder, als Kim beim Ausrufen des Zuges nach Benares gerade aufstehen mußte.

»Gehe in Hoffnung, kleiner Bruder,« sprach er. »Es ist ein langer Weg zu den Füßen des Einen; aber dahin wandern wir alle.«

Kim fühlte sich nicht mehr so verlassen nach diesen Worten, und ehe er zwanzig Meilen in dem gedrängt vollen Wagen hinter sich hatte, erheiterte er seine Reisegefährten mit einer Reihe der wunderbarsten Geschichten von seinen und seines Meisters magischen Kräften.

Benares zeigte sich als eine besonders schmutzige Stadt, aber es gefiel ihm, daß sein Kleid respektiert wurde. Wenigstens ein Drittel der Bevölkerung betet beständig zu einer oder der anderen Gruppe der vielen Millionen Gottheiten, und so wird jede Art heiliger Männer verehrt. Kim wurde nach dem ungefähr eine Meile außerhalb der Stadt gelegenen Tempel der Tirthanker von einem ihm zufällig begegnenden Farmer aus dem Punjab geleitet, einem Kamboh von der Jullundur-Straße, der vergeblich jeden Gott seiner Heimatstätte um Genesung seines kleinen Sohnes angefleht hatte und nun, als letzte Hilfe, Benares versuchte.

»Du kommst vom Norden?« fragte er, sich schwerfällig durch die engen, übelriechenden Straßen schleppend, ähnlich seinem Lieblingsochsen zu Hause.

»Oh, ich kenne das Punjab. Meine Mutter war eine Pahareen, mein Vater aber kam von Amritzar, bei Jandiala,« sagte Kim, seine geläufige Zunge für die Reise vorbereitend.

»Jandiala–Jullundur? Oho! Dann sind wir so etwas wie Nachbarn.« Er nickte zärtlich dem wimmernden Kinde in seinen Armen zu. »Wem dienest Du?«

»Einem sehr heiligen Mann in dem Tempel der Tirthanker.«

»Alle sind sie heilige Männer und alle sehr geldgierig,« sagte der Jat mit Bitterkeit. »Ich bin um die Säulen gewandert, durch die Tempel gegangen, bis meine Füße geschunden waren, aber das Kind ist nicht die Spur besser. Und die Mutter ist ebenfalls krank … still, still, mein Kleiner … gaben ihm einen anderen Namen, als das Fieber kam. Wir steckten ihn in Mädchenkleider. Es gibt nichts, was wir nicht taten. Da sagte ich zu seiner Mutter, als sie mein Bündel nach Benares packte – sie hatte mit mir gehen wollen – ich sagte: Sakhi Sarwal Sultan wird uns am besten helfen. Seine Güte kennen wir, aber die Götter da unten sind uns fremd.« Das Kind bewegte sich auf dem Lager der es fest umschließenden Arme und blickte nach Kim unter seinen schweren Augenlidern hervor.

»Und war alles umsonst?« fragte Kim mit halbem Interesse.

»Alles umsonst – alles umsonst«, sagte das Kind mit vor Fieber zuckenden Lippen.

»Die Götter gaben ihm wenigstens einen guten Verstand,« sprach der Vater mit Stolz. »Zu denken, daß er so klug zugehört hat! Dort ist Dein Tempel. Nun, ich bin ein armer Mann – ich habe mit vielen Priestern zu tun gehabt – aber mein Sohn ist mein Sohn, und wenn ein Geschenk für Deinen Meister ihn heilen kann – ich bin zu Ende mit meinem Verstand.«

Kim bedachte sich eine Weile mit stolzem Gefühl. Vor drei Jahren würde er rasch Vorteil aus der Lage gezogen haben, ohne weiter nachzudenken; jetzt aber zeigte die Achtung, die der Jat ihm zollte, daß er ein Mann war. Überdies hatte er selbst schon einige Male Fieber gehabt und war klug genug zu erkennen, daß hier Hunger die Ursache war.

»Ruf ihn heraus und ich will ihm eine Schuldverschreibung auf mein bestes Joch Ochsen geben, wenn er mein Kind kuriert.«

Kim hielt vor der geschnitzten Außentür des Tempels. Ein weißgekleideter oswalischer Geldwechsler aus Ajmir, der seine Wuchersünden eben wieder frisch getilgt hatte, fragte ihn, was er wollte.

»Ich bin Chela des Teshoo Lama, eines Heiligen von Bhotiyal – da drinnen. Er befahl mir zu kommen. Ich warte. Willst Du ihm das sagen?«

»Vergiß nicht das Kind,« rief der ungeduldige Jat, und brüllte darauf in Punjabisch: »Oh, Heiliger – oh, Schüler des Heiligen – oh, Götter über allen Welten – sehet die Trauer an Eurer Pforte sitzen.« Der Ruf ist so gewöhnlich in Benares, daß die Vorübergehenden nicht einmal den Kopf wandten.

Der Oswale, in Frieden mit der Menschheit, brachte die Botschaft in die Dunkelheit hinter sich und die ungezählten, östlichen Minuten verstrichen, denn der Lama schlief in seiner Zelle und kein Priester wollte ihn wecken. Als das Klick-Klack seines Rosenkranzes endlich die Stille des inneren Hofes, wo die ruhevollen Bildnisse der Arhats stehen, unterbrach, flüsterte ein Novize ihm zu: »Dein Chela ist hier,« und der alle Mann vergaß das Ende seines Gebets und schritt vorwärts.

Kaum erschien die hohe Gestalt in der Pforte, als der Jat herbei eilte und, das Kind emporhaltend, rief: »Blicke auf dieses, Heiliger; und so die Götter wollen, wird er leben – leben!«

Er tastete in seinen Gürtel und zog eine kleine Silbermünze hervor.

»Was bedeutet dies?« Der Lama sah Kim an. Auffällig war, daß er weit besser Urdu sprach als damals, unter Zam-Zammah; aber der Jat wollte kein Privat-Gespräch aufkommen lassen.

»Es ist nur ein Fieber,« sagte Kim. »Das Kind ist nicht gut ernährt.«

»Er wird von jeder Kleinigkeit krank und seine Mutter ist nicht hier.«

»Erlaubst Du, Heiliger, daß ich helfe?«

»Wie! Sie haben Dich zu einem Heiler gemacht?« rief der Lama. »Warte hier,« und er setzte sich zu dem Jat auf die unterste Tempelstufe, indes Kim die kleine Betelschachtel behutsam öffnete. In der Schule hatte er geplant, wie er als ein Sahib zurückkommen und den alten Mann necken wollte, bevor er sich zu erkennen gab – Knabenträume. Er war ernst in diesem Auswählen der Medikamente, nur zuweilen von einer Pause zum Nachdenken und einer gemurmelten Anrufung unterbrochen. Chinin hatte er in Pastillen und dunkelbraune Fleischtäfelchen – vermutlich von Rindfleisch – doch das war nicht seine Sache.

»Nimm also diese sechs,« sprach Kim, sie dem Vater reichend. »Preise die Götter und koche drei davon in Milch, die anderen drei in Wasser. Wenn er die Milch getrunken hat, gib ihm dieses (es war die Hälfte einer Chinin-Pastille) und hülle ihn warm ein. Wenn er erwacht, gib ihm die in Wasser gekochten drei und die zweite Hälfte dieser weißen Pille. Ferner ist hier eine andere braune Medizin, die er auf dem Wege heimwärts nehmen mag.«

»Götter! Welche Weisheit!« rief der Kamboh, starr vor Staunen.

Es war alles, dessen Kim sich entsann aus seiner eigenen Behandlung bei einem Fall von herbstlicher Malaria – nur, daß er noch etwas Geplapper hinzufügte, um dem Lama ein wenig zu imponieren.

»Gehe nun! Am Morgen komme wieder.«

»Aber der Preis – der Preis,« rief der Jat, sich in die Brust werfend. »Mein Sohn ist mein Sohn. Wie kann ich nun, da er wieder gesund werden soll, zu seiner Mutter zurückkommen und sprechen: ich fand Hilfe am Wege und gab nicht einmal eine Schale Milch dafür?«

»Sie sind alle gleich, diese Jats,« sprach Kim ruhig. »Der Jat stand auf seinem Misthaufen, als die Elefanten des Königs vorbei kamen. ›Oh, Treiber,‹ rief er, ›wie teuer verkaufst Du diese kleinen Esel?‹«

Der Jat brach in ein schallendes Gelächter aus, entschuldigte sich aber sofort bei dem Lama. »So pflegt man bei uns zu sagen – ja, es ist die Redekunst meines Landes. So sind wir alle, wir Jats. Morgen werde ich mit dem Kinde kommen und der Segen der Götter meiner Heimstätte – welches gute kleine Götter sind – sei mit Euch beiden. Nun, Sohn, werden wir wieder stark. Speie es nicht aus, kleines Prinzlein! König meines Herzens, speie es nicht aus, und am Morgen werden wir wieder starke Männer sein, Wettkämpfer und Keulenschwinger.«

Er ging, leise singend und summend fort. Der Lama wandte sich zu Kim und seine ganze liebevolle alte Seele strahlte aus seinen schmalen Augen.

»Die Kranken heilen, ist Verdienst sammeln; zuvor aber muß man Weisheit erwerben. Das war weise gehandelt, oh, Freund aller Welt.«

»Durch Dich, Heiliger, bin ich weise gemacht,« sprach Kim, das eben gespielte kleine Spiel vergessend, St. Xavier vergessend, vergessend sein weißes Blut, ja selbst das Große Spiel, und nach Mohammedaner-Art sich niederwerfend in den Staub des Jain-Tempels, um seines Meisters Füße zu berühren. »Meine Kenntnisse danke ich Dir. Drei Jahre habe ich Dein Brot gegessen. Meine Zeit ist um. Von der Schule bin ich entlassen. Ich komme zu Dir.«

»Das ist meine Belohnung. Tritt ein! Tritt ein! Und alles ist wohl beendet?« Sie traten in den inneren von der Nachmittagssonne goldig überstrahlten Hof. »Stehe still, daß ich Dich anschaue. So!« Er betrachtete ihn kritisch. »Er ist nicht länger ein Kind; er ist ein Mann, reif an Weisheit, ein wandernder Arzt. Ich tat wohl – ich tat wohl, als ich Dich den Männern in Waffen überließ in jener dunklen Nacht. Erinnerst Du Dich unseres ersten Tages, unter Zam-Zammah?«

»Oho,« sagte Kim, »erinnerst Du Dich, wie ich vom Wagen sprang, den ersten Tag, als ich –«

»Als Du eintratest in die Pforte des Wissens. Ja. Und des Tages, wo wir die Kuchen zusammen aßen, hinter dem Fluß bei Nucklao. Aha! Oft hast Du für mich gebettelt, aber an dem Tage bettelte ich für Dich.«

»Mit gutem Grund. Ich war ein Schüler hinter den Toren des Wissens und wie ein Sahib gekleidet. Vergiß nicht, Heiliger,« fuhr Kim scherzend fort, »ich bin noch heute ein Sahib – durch Deine Gunst.«

»Wahr. Und ein Sahib in hoher Achtung. Komme mit in meine Zelle, Chela.«

»Wie kannst Du das wissen?«

Der Lama lächelte. »Zuerst durch Briefe des guten Priesters, den wir in dem Lager der bewaffneten Männer trafen; jetzt ist er nach seinem eignen Lande zurückgekehrt und ich sende das Geld seinem Bruder.« Oberst Creighton, der das Vertrauensamt übernommen hatte, als Vater Victor mit den Mavericks nach England ging, war allerdings nicht des Kaplans Bruder. »Aber ich verstehe nicht wohl Sahib-Briefe. Sie müssen mir übersetzt werden. Ich wählte einen sicheren Weg. Oft, wenn ich von meiner Suche zurückkam zu diesem Tempel, der mir stets ein Nest war, traf ich hier einen, der Erleuchtung suchte – einen Mann von Leh – der, wie er sagte, ein Hindu gewesen war – aber müde all der Götter.« Der Lama zeigte auf die Arhats hin.

»Ein fetter Mann?« fragte Kim, mit den Augen zwinkernd.

»Sehr fett. Ich bemerkte aber bald, daß sein Geist sich ganz und gar mit wertlosen Dingen beschäftigte – wie mit Dämonen und Zauberformeln und der Art und Gewohnheit unseres Teetrinkens in den Klöstern und auf welche Weise wir unsere Novizen einführten. Ein Mann, überschwänglich in Fragen; aber er war Dein Freund, Chela. Er erzählte mir, daß Du auf dem Wege zu großen Ehren als ein Schriftgelehrter wärest. Und ich sehe. Du bist ein Arzt.«

»Ein Schreiber bin ich, wenn ich ein Sahib bin und die Jahre, die ein Sahib darauf verwenden muß, habe ich hinter mir. Aber all das ist Nebensache, wenn ich zu Dir als Dein Schüler komme.«

»Eine Novize bist Du gewesen. Bist Du von der Schule gänzlich entlassen? Ich möchte Dich nicht unreif haben.«

»Ich bin ganz frei. Zur rechten Zeit erhalte ich Dienst als Schreiber unter der Regierung –«

»Nicht als ein Krieger. Das ist gut.«

»Aber jetzt bin ich hier, um mit Dir zu wandern. Deshalb kam ich her. Wer hat diese ganze Zeit für Dich gebettelt?« fuhr Kim rasch fort, um seine Rührung zu verbergen.

»Sehr oft bettelte ich selbst; aber, wie Du weißt, bin ich selten hier, nur wenn ich komme, um meinen Schüler wieder zu sehen. Von einem Ende zum andern von Hind bin ich gewandert zu Fuß und in dem Zug. Ein großes und ein wundervolles Land! Aber, wenn ich hier einkehre, ist es, als wäre ich in meinem eigenen Bhotiyal.«

Er schaute sich mit Wohlgefallen in der kleinen, reinlichen Zelle um. Ein niedriges Polster war sein Sitz, auf dem er sich niederließ, mit gekreuzten Beinen in der Stellung des Bodhisat, der aus Betrachtungen erwacht. Ein schwarzer, kaum zwanzig Zoll hoher Tisch von Eichenholz, kupferne Teelassen tragend, stand vor ihm. In einer Ecke befand sich ein kleiner Altar, ebenfalls aus schwerem, geschnitztem Eichenholz mit einer Statue des sitzenden Buddha aus vergoldetem Kupfer, einer Lampe, einer Zündholzbüchse und einigen kupfernen Blumentöpfen.

»Der Hüter der Bildnisse in dem Wunder-Haus erwarb Verdienst, indem er mir dies alles schenkte,« sprach der Lama, Kims Auge folgend. »Wenn man fern ist von seinem eigenen Lande, wecken solche Dinge die Erinnerung, und wir müssen den Herrn verehren, denn Er zeigte den Weg. Sieh!« Er wies auf einen sonderbar aufgerichteten Hügel von gefärbtem Reis, der von einem phantastischen Ornament aus Metall gekrönt war, »als ich noch Abt war in meinem eignen Platz – bevor ich besseres Wissen erlangte – brachte ich täglich diese Gabe dar. Es ist das Opfer des Universums für den Herrn. So bieten wir zu Bhotiyal jeden Tag die Welt dem Höchst Vortrefflichen Gesetz als Opfer dar. Und ich tue es selbst jetzt noch, obwohl ich weiß, daß der Vortreffliche erhaben ist über Habsucht und Geiz.« Er schnupfte aus seiner Dose.

»Es ist wohlgetan, Heiliger,« sagte Kim, sich in die Kissen lehnend, sehr glücklich, aber auch sehr schläfrig.

»Und,« der alte Mann lachte in sich hinein, »ich male auch Bilder von dem Rad des Lebens. Alle drei Tage ein Bild. Ich war damit beschäftigt, oder, kann auch sein, ich halte gerade meine Augen ein wenig geschlossen, als sie mir Deine Botschaft brachten. Es ist gut, daß Du da bist. Ich will Dich meine Kunst lehren – nicht aus Stolz – aber weil Du lernen mußt. Die Sahibs besitzen nicht alle Weisheit dieser Welt.«

Unter dem Tisch hervor zog er ein Blatt sonderbar riechendes, gelbes, chinesisches Papier, Pinsel und ein Täfelchen chinesischer Tusche. Mit klarsten, schärfsten Linien hatte er darauf das große Rad mit seinen sechs Speichen gezeichnet, dessen Achse die in einer Gestalt vereinten Tiere Schwein, Schlange und Taube bilden (Unwissenheit, Zorn, Wollust), und dessen Felder den ganzen Himmel und die ganze Hölle und allen Wechsel menschlichen Lebens bedeuten. Man erzählt, daß der Bodhisat selbst es zuerst mit Reiskörnern in Staub zeichnete, um seinen Schülern den Zusammenhang der Dinge zu erklären. Wie es so von Generation zu Generation kam, kristallisierte es sich zu einer wunderbaren, gewissermaßen verabredeten Figur, die von Hunderten kleiner Zeichen wimmelte, deren jedes eine besondere Bedeutung hatte. Es gibt nur wenige, die dieses gezeichnete Gleichnis zu deuten vermögen, und vielleicht nicht zwanzig auf der ganzen Welt, die es ohne Vorlagen genau wiederzugeben vermöchten. Und von diesen zwanzig wiederum bleiben nur drei übrig, die es sowohl zu zeichnen wie auszulegen wissen.

»Ich habe ein wenig zeichnen gelernt«, sagte Kim. »Aber dies ist ein Wunder über Wunder.«

»Vor vielen Jahren habe ich es gemalt,« sprach der Lama. »Es gab eine Zeit, wo ich ein Bild fertig malte zwischen einer und der nächsten Nacht. Ich will Dich die Kunst lehren, nach gehöriger Vorbereitung; und ich will Dir die Bedeutung des Rades klar machen.«

»Wir nehmen also unsere Wanderschaft wieder auf?«

»Unsere Wanderschaft und unsere Suche. Ich wartete nur auf Dich. In hundert Träumen ward es mir verkündet – besonders aber in dem, den ich träumte in der Nacht nach dem Tage, wo die Pforte des Wissens zum erstenmal hinter Dir sich schloß – daß ohne Dich ich meinen Strom nicht finden würde. Wieder und immer wieder, Du weißt es, suchte ich den Gedanken zu bannen, weil ich ein Blendwerk fürchtete. Deshalb wollte ich Dich nicht mit mir nehmen an dem Tage zu Lucknow, wo wir die Kuchen miteinander aßen. Ich wollte Dich nicht mit mir nehmen, bis die Zeit reif und günstig war. Von den Hügeln bis zur See und von der See bis zu den Hügeln bin ich gewandert, aber es war vergebens. Da gedachte ich der Jataka.«

Er erzählte Kim die Geschichte von dem Elefanten mit der Beinfessel, die er den Jan-Priestern so oft erzählt.

»Weiterer Offenbarungen bedarf es nicht,« fuhr er heiter fort, »Du warst mir als Hilfe gesendet. Ohne diese Hilfe konnte meine Suche nicht gelingen. Deshalb wollen wir wieder zusammen ausziehen und unsere Suche ist sicher.«

»Und wohin gehen wir?«

»Was liegt daran, Freund der ganzen Welt? Die Suche, sage ich, ist sicher. Wenn die Not es erfordert, wird der Strom zu unseren Füßen aus der Erde hervorbrechen. Ich erwarb Verdienst, da ich Dich zu den Toren des Wissens sandte, ich gab Dir das Juwel, das Weisheit heißt. Du kehrtest zurück, ich sah es eben – ein Nachfolger Sakyamunis, des Arztes, dessen Altäre viele in Bhotiyal sind. Es genügt. Wir sind zusammen und alles ist, wie vordem – Freund der ganzen Welt – Freund der Sterne – mein Chela!«

Dann sprachen sie von weltlichen Dingen; bemerkenswert war, daß der Lama nie nach Einzelheiten des Lebens in St. Xavier frug, noch den geringsten Wunsch äußerte, von den Sitten und Gebräuchen der Sahibs zu hören. Er lebte nur in der Vergangenheit und erinnerte sich jedes Schrittes ihrer ersten wundervollen gemeinschaftlichen Reise; er lächelte dabei und rieb sich die Hände, bis er, sich zusammenrollend, in den plötzlichen Schlaf des hohen Alters sank.

Kim sah den letzten staubigen Sonnenschein aus dem Hofe schwinden und spielte mit seinem Geisterdolch und Rosenkranz. Das Getöse von Benares, der ältesten aller Städte der Erde, die Tag und Nacht wach ist vor den Göttern, schallte rund um die Mauern, wie die Wogen der See gegen einen Wellenbrecher. Hin und wieder schritt ein Jain-Priester mit einer kleinen Opfergabe für die Götterbilder durch den Hof, seinen Weg vorher fegend, um kein lebendes Wesen zu zerstören. Eine Lampe schimmerte und der Laut eines Gebetes folgte. Kim sah nach den Sternen, die einer nach dem andern hervortraten in dem feuchtwarmen Dunkel, bis er in Schlaf fiel am Fuße des kleinen Altars. In dieser Nacht träumte er nur Hindostianisch, nicht ein Wort Englisch…

»Heiliger, denke an das Kind, dem wir die Medizin gaben,« sprach Kim, als der Lama gegen drei Uhr morgens aus Träumen erwachend, die Pilgerfahrt antreten wollte, »der Jat wird mit dem Tageslicht hier sein.«

»Du hast wohl gesprochen. In meiner Eile würde ich ein Unrecht begangen haben.« Er setzte sich wieder auf die Kissen und nahm seinen Rosenkranz vor. »In Wahrheit, alte Menschen sind wie Kinder,« sagte er betrübt. »Sie wünschen etwas – siehe da! – es muß sogleich erfüllt werden, sonst werden sie zornig und weinen. Oft auf meiner Wanderschaft war ich bereit, mit dem Fuß zu stampfen, wenn ein Ochsenkarren mir den Weg versperrte, ja selbst wenn es nur eine Staubwolke war. Das war nicht so, als ich noch ein Mann war – vor langer Zeit. Trotzdem ist es sündhaft –«

»Aber, Heiliger, Du bist doch wirklich alt.«

»Das Ding ist geschehen. Eine Ursache ist in die Welt gegangen und wer, krank oder gesund, wissend oder unwissend, alt oder jung, könnte die Wirkung dieser Ursache zügeln? Steht das Rad still, wenn ein Kind es dreht – oder ein Trunkener? Chela, dies ist eine große und eine schreckliche Welt.«

»Ich finde sie gut.« Kim gähnte. »Ist etwas zu essen da? Seit gestern Abend habe ich nicht gegessen.«

»Ich hatte vergessen, was Du brauchst. Dort ist kalter Reis und guter Tee von Bhotiyal.«

»Weit können wir nicht gehen mit solchem Stoff.« Kim sehnte sich, wie ein Europäer, nach Fleischnahrung, die in einem Jain-Tempel nicht zu erlangen ist. Doch statt mit der Bettelschale hinaus zu gehen, beruhigte er seinen Magen mit Klümpchen von kaltem Reis. Die Morgendämmerung brachte den Farmer, redselig stotternd vor Dankbarkeit.

»In der Nacht brach sich das Fieber und der Schweiß kam,« rief er. »Fühlt ihn an. Seine Haut ist frisch. Ihm schmeckten die gesalzenen Täfelchen und die Milch trank er mit Gier.« Er zog das Tuch vom Gesicht des Kindes, das Kim schläfrig anlächelte. Eine Gruppe von Jain-Priestern, schweigend, aber ganz Aufmerksamkeil, hatte sich bei der Tempeltür gesammelt. Sie wußten und Kim sah, daß sie wußten, wie der alte Lama seinen Schüler gefunden hatte. Höflich, wie sie sind, hatten sie sich während der Nacht weder durch Gegenwart, noch Wort, noch Bewegung aufgedrängt, wofür Kim ihnen, bei Sonnenaufgang, sich dankbar erwies.

»Danke den Göttern der Jains, Bruder,« sprach er zu dem Jat, den Namen der Götter nicht wissend. »Das Fieber ist wirklich gebrochen.«

»Schauet! Sehet!« rief der Lama, vor Freude strahlend, seinen Gastgebern zu. »Gab es jemals solchen Chela? Er folgt unserm Herrn, dem Heiler.«

Die Jains erkennen offiziell alle Götter des Hindu-Glaubens an, ebensowohl den Lingam, wie die Schlange. Sie tragen die Schnur der Brahmahnen und sind Anhänger jedes Rechtes der Kasten-Vorschrift der Hindu. Aber, weil sie den Lama kannten und liebten, weil er ein alter Mann war, weil er den Weg suchte, weil er ihr Gast war und endlich – weil er nachts oft lange Gespräche mit dem Oberpriester führte, der ein so freidenkender Metaphysiker, als je einer ein Haar siebzig Mal gespalten – deshalb nickten sie dem Lama Beifall zu.

»Vergiß aber nicht,« – Kim beugte sich über das Kind – »dieses Übel kann wiederkehren.«

»Nicht, wenn Du das richtige Zaubermittel hast,« erwiderte der Vater.

»Aber wir gehen bald fort.«

»Wahr,« sprach der Lama, sich an alle Jains wendend. »Wir gehen jetzt zusammen auf die Suche, von der ich oft geredet. Ich wartete, bis mein Chela reif wäre. Schauet ihn an! Wir gehen nach dem Norden. Niemals wieder werde ich auf diesen Ort meiner Ruhe blicken, o Männer des guten Willens.«

»Ich aber bin kein Bettler.« Der Landmann sprang auf, das Kind an sich pressend.

»Schweige. Störe den Heiligen nicht,« rief ihm ein Priester zu.

»Geh,« flüsterte Kim. »Triff uns wieder unter der großen Eisenbahnbrücke, und um aller Götter unseres Punjab willen, bringe Futter mit – Curry, Hülsenfrucht, in Fett gebacken« Kuchen und Zuckerwerk. Besonders Zuckerwerk. Beeile Dich.« Die Blässe des Hungers kleidete Kim gut, als er dastand, schlank und schmächtig, in seinen dunkelfarbigen, wallenden Gewändern, eine Hand auf dem Rosenkranz, die andere wie zum Segnen ausgestreckt, eine Stellung, die er dem Lama getreu nachahmte. Ein europäischer Zuschauer hätte sagen können, er gliche einem auf einem Kirchenfenster gemalten jungen Heiligen mehr, als einem Jungen im Wachsen, der bleich vor Hunger ist.

Lang und förmlich wurde der Abschied, dreimal beendet und dreimal von vorn angefangen. Der Sucher, er – der den Lama vom fernen Tibet her nach diesem Hafen geladen hatte, ein haarloser Asket, mit silberweißem Antlitz – nahm nicht teil daran: er weilte, wie immer, in Betrachtungen unter den Götterbildern. Die anderen waren menschlicher, nötigten dem alten Manne kleine Gaben auf, eine Betelschachtel, einen neuen, eisernen Federkasten, einen Beutel für Eßwaren und dergleichen mehr, warnten ihn vor den Gefahren der Welt draußen und prophezeiten ein glückliches Ende der Suche.

Kim indessen, einsamer denn je, hockte auf den Stufen und fluchte in St. Xaviers Art.

»Aber es ist mein eigener Fehler,« dachte er. »Mit Mahbub oder Lurgan Sahib aß ich ihr Brod; in St. Xavier drei Mahlzeiten am Tage. Hier kann ich zusehen, wo ich etwas bekomme. Ich fühle mich nicht wohl. Wie würde mir ein Teller mit Fleisch behagen … Heiliger, bist Du zu Ende?«

Der Lama, beide Hände erhoben, begann eine letzte Segenspendung in zierlichem Chinesisch. »Ich muß mich auf Deine Schultern lehnen,« sprach er, als die Tempelpforte sich hinter ihnen schloß. »Wir werden steif, glaube ich.«

Das Gewicht eines sechs Fuß hohen Mannes ist nicht leicht zu stützen durch Meilen von gedrängt vollen Straßen, und Kim, außerdem mit Bündeln und Päckchen für die Reise beladen, war froh, den Schatten der Eisenbahnbrücke zu erreichen.

»Hier essen wir,« sagte er entschlossen, als der Kamboh, blau gekleidet und lächelnd, in Sicht kam, einen Korb in einer Hand, das Kind an der anderen.

»Greift zu, Heilige,« rief er aus fünfzig Fuß Entfernung. (Auf einer flachen Stelle unter dem ersten Brückenbogen waren sie sicher vor den Blicken hungriger Priester.) »Reis und Curry, Kuchen, noch warm und gut gewürzt mit Hing (Asafötida), Käse und Zucker. König meiner Felder« – dies zu seinem kleinen Sohn – »laß uns diesen heiligen Männern zeigen, daß wir Jats von Jullundur einen Dienst vergelten können… ich hatte gehört, daß die Jains nur essen, was sie selbst gekocht haben, aber wahrlich,« – er blickte höflich weg nach dem breiten Strom – »wo kein Auge ist, ist keine Kaste.«

»Und wir,« sagte Kim, sich umdrehend und eine Blattschüssel für den Lama füllend, »sind erhaben über alle Kasten.«

Schweigend sättigten sie sich an der guten Speise. Erst, als er das Letzte von dem klebrig süßen Stoff von seinem Finger abgeleckt, bemerkte Kim, daß auch der Kamboh reisefertig dastand.

»Wenn wir denselben Weg haben,« sagte er hastig, »gehe ich mit Dir. Man findet nicht oft einen Wundertäter, und das Kind ist noch schwach. Aber ich bin auch kein schwaches Rohr.« Er hob seinen Lathi empor, einen fünf Fuß langen Bambusstock, mit polierten Eisenringen umgeben, und schwang ihn durch die Luft. »Man sagt, die Jats wären streitsüchtig, doch das ist nicht wahr. Nur wenn man uns in die Quere kommt, dann sind wir wie unsere Büffel.«

»So ist es,« sagte Kim. »Und ein guter Stock ist ein guter Beweis.«

Der Lama blickte in ruhiger Stimmung stromaufwärts, wo in grauer Perspektive unaufhörlich die Rauchsäulen von den Verbrennungs-Plätzen aufstiegen. Hin und wieder, ungeachtet aller behördlichen Verordnungen, trieben Überreste von halb verbrannten Leichen auf dem rasch fließenden Strom abwärts.

»Ohne Dich,« sprach der Kamboh, das Kind an seine rauhe Brust pressend, »wäre ich vielleicht heute dorthin gegangen – mit diesem hier. Die Priester lehren uns, daß Benares heilig ist – was niemand bezweifelt – und daß es begehrenswert ist, dort zu sterben. Ihre Götter aber kenne ich nicht, und Geld fordern sie auch; und hat man sein Gebet verrichtet, so behauptet irgend ein geschorener Kopf, es sei wertlos, wenn man nicht aufs neue betet. Wasch Dich hier! Wasch Dich dort! Begieße, bade, trinke und sammle Blumen – aber jedes Mal bezahle die Priester. Nein, das Punjab für mich und die Erde des Jullundur-Landes für die beste Scholle darauf.«

»Ich habe oft gesagt – in dem Tempel, glaube ich – daß, wenn die Not es erheischt, der Fluß zu unseren Füßen sich auftun wird. Deshalb wollen wir jetzt nordwärts wandern,« sprach der Lama, sich erhebend. »Ich erinnere mich eines angenehmen, von Fruchtbäumen umgebenen Platzes, wo man in Betrachtungen sich ergehen kann – und wo die Luft kühler ist. Sie kommt dort von den Bergen und von dem Schnee der Berge.«

»Wie ist der Name des Ortes?« fragte Kim.

»Wie sollte ich das wissen? Warst Du nicht – nein, das war, nachdem die Armee aus der Erde herauswuchs und Dich fortführte. Dort weilte ich im Nachsinnen in einem Raume unter dem Taubenschlag – hätte sie nur nicht immerwährend geredet.«

»Oho! die Frau von Kulu. Das ist bei Saharunpore.«

»Wie führt der Geist Deinen Meister? Wandert er zu Fuß wegen früherer Sünden?« fragte leise der Jat. »Es ist ein weiter Weg bis Delhi.«

»Nein,« antwortete Kim. »Ich will um ein Billet für den Zug betteln.« In Indien bekennt man sich nicht zum Besitz von Geld.

»Dann im Namen der Götter, laßt uns den Feuerwagen nehmen. Mein Sohn ist am besten in den Armen seiner Mutter aufgehoben. Die Regierung legt uns viele Steuern auf, aber ein Gutes gibt sie uns, den Zug, der Freunde verbindet, und die Sehnsucht haben, zusammenführt. Ein wundervolles Ding ist der Zug.«

Einige Stunden später drängten sie sich in den Zug hinein und schliefen wahrend der Tageshitze. Der Kamboh quälte Kim mit Fragen nach des Lamas Leben und Tun und erhielt merkwürdige Antworten. Kim sah behaglich in die ebene, nordwestliche Landschaft hinaus und plauderte mit den ein- und aussteigenden Passagieren. Noch heute halten die indischen Landleute die Fahrkarten und das Abknipsen der Fahrkarten für eine unerklärliche Unterdrückung. Sie begreifen nicht, warum, wenn sie für ein Zauberpapier bezahlt haben, Fremde große Stücke von dem Zauber abreißen. So gibt es immer noch lange und heftige Debatten zwischen den Reisenden und Billettabnehmern. Kim half dabei einige Male mit ernstem Rat und zeigte seine Klugheit vor dem Lama und dem bewundernden Kamboh. Bei Somna sandte das Schicksal ihm etwas zum nachdenken. Da polterte, als der Zug schon in Bewegung war, ein armer, magerer, kleiner Mann in den Wagen – ein Mahratta – wie Kim aus der Form des fest anliegenden Turbans schloß. Sein Gesicht war zerschnitten, sein Obergewand, von Musselin, zerrissen und ein Bein verbunden. Er erzählte ihnen, daß ein Bauernwagen umgestürzt und er beinahe getötet worden wäre; er wollte jetzt nach Delhi, wo sein Sohn lebte. Kim betrachtete ihn genauer. Wenn er, wie er erzählte, auf der Erde hin und her gerollt wäre, so hätte seine Haut geschrammt sein müssen. Aber alle seine Wunden schienen Schnitte zu sein, und durch einen einfachen Fall vom Wagen konnte ein Mann nicht so in Schrecken gesetzt sein. Als er mit zitternden Fingern das zerrissene Tuch um seinen Hals festknüpfen wollte, legte er ein Amulett blos, von der Art, die man Herzstärker nennt. Amulette sind gewöhnlich genug, aber nicht solche, die an plattiertem Kupferdraht hängen, noch weniger solche von schwarzer Emaille auf Silber. Außer dem Lama und dem Kamboh war niemand in dem Abteil, das glücklicherweise ein altmodisches, abgeschlossenes war. Kim tat, als ob er sich die Brust kratzen wollte und legte dabei sein eigenes Amulett blos. Des Mahrattas Gesicht veränderte sich sofort, und er legte sein Amulett frei auf die Brust.

»Ja,« wandte er sich an den Kamboh, »ich war in Eile, und der Wagen, von einem Mischling geführt, prallte mit einem Rad an einen Brückenpfeiler und außer dem Schaden, den ich nahm, ging eine volle Schüssel von »Tarkeean« verloren. Ich war kein Sohn des Zaubers (glücklicher Mann) an dem Tage.«

»Das war ein großer Verlust,« sagte der Kamboh, so gleichgültig wie möglich. Seine Erfahrungen in Benares hatten ihn mißtrauisch gemacht.

»Wer kochte es?« fragte Kim.

»Ein Weib.« Der Mahratta hob die Augen.

»Aber jedes Weib kann Tarkeean kochen,« sagte der Kamboh. »Es ist ein gutes Currygericht.«

»O ja,« sagte der Mahratta, »es ist ein gutes Currygericht.«

»Und billig,« sagte Kim. »Aber, was meint die Kaste?«

»O, es gibt keine Kaste, wo Männer Tarkeean sehen – – wollen,« erwiderte der Mahratta in dem vorgeschriebenen Tonfall. »In wessen Dienst bist Du?«

»In dem Dienst dieses Heiligen.« Kim zeigte auf den glücklichen, schläfrigen Lama, der mit einem Ruck bei dem vielgeliebten Wort erwachte.

»Ah, er ward vom Himmel gesendet, um mir zu helfen. Freund aller Welt ist er genannt. Auch Freund der Sterne nennt man ihn. Er wandelt als ein Heiliger – seine Zeit ist reif. Groß ist seine Weisheit.«

»Und ein Sohn des Zaubers,« flüsterte Kim. Der Kamboh zündete eilig seine Pfeife an, aus Furcht, daß der Mahratta ihn anbettelte.

»Und wer ist das?« fragte der Mahratta, nervös seitwärts schielend.

»Einer, dessen Kind ich – wir heilen, der uns sehr verpflichtet ist. – Setze Dich ans Fenster, Mann von Jullundur. Hier ist ein Kranker.«

»Humpf! Ich habe gar kein Verlangen, mit herumgelaufenen Landstreichern zusammen zu sitzen. Meine Ohren sind nicht lang, und ich bin kein neugieriges Weib.« Der Jat ließ sich schwer in eine entfernte Ecke fallen.

»Bist Du etwas wie ein Heiler? Ich bin zehn Klafter tief in Not,« flüsterte, an das letzte Wort Kims anknüpfend, der Mahratta.

»Der Mann ist über und über voll Wunden,« wandte Kim sich an den Kamboh. »Ich will versuchen, ihn zu heilen. Niemand störte mich, als ich Dein Kind behandelte.«

»Ich verdiene Tadel,« sagte demütig der Kamboh. »Ich schulde Dir das Leben meines Sohnes. Du bist ein Wundertäter – ich weiß es.«

»Zeige mir die Schnitte.« Kim neigte sich über des Mahrattas Brust, vom Klopfen seines Herzens fast erstickend, denn dies war das Große Spiel aus dem ff. »Nun erzähle mir Deine Geschichte, Bruder, schnell, indem ich Zaubersprüche murmele.«

»Ich komme vom Süden, wo ich mein Werk zu tun hatte. Einen von uns haben sie auf der Landstraße erschlagen. Hast Du es gehört?« Kim schüttelte den Kopf. Er wußte natürlich nichts über den Vorgänger des E. 23., der unten im Süden, im Anzug eines arabischen Händlers, tot gefunden war. »Nachdem ich einen gewissen Brief gefunden, den ich suchen sollte, eilte ich davon. Ich entkam aus der Stadt und kam nach Mhow. So sicher fühlte ich mich, daß ich nicht einmal mein Äußeres änderte. In Mhow erhob ein Weib Klage gegen mich wegen Juwelen-Diebstahls in der Stadt, die ich eben verlassen. Da merkte ich, daß die Meute hinter mir war. Aus Mhow entrann ich bei Nacht mittels Bestechung der Polizei, die ohne Zweifel ebenfalls bestochen war, um mich in die Hände meiner Feinde zu liefern. Darauf verbarg ich mich eine Woche als Büßer in einem Tempel in der allen Stadt Chitor; aber ich wußte nicht, wohin mit dem Brief, den ich bei mir hatte. Endlich begrub ich ihn unter dem Stein der Königin zu Chitor, an dem Platz, der uns allen bekannt ist.«

Kim wußte nichts davon, aber nicht um die Welt hätte er die Erzählung unterbrochen.

»Zu Chitor, siehst Du, war ich ganz in des Königs Macht; denn Kotah ostwärts ist außer dem Gesetz der Königin (von England, Viktoria), und Jeypur und Gwalior liegen ebenfalls ostwärts. Spione liebt man nicht, und Gerechtigkeit gibt es nicht. Ich wurde gejagt wie ein nasser Schakal, aber ich schlug mich durch bis Bandakui. Da hörte ich, daß ich eines Mordes angeklagt war in der Stadt, aus der ich eben kam – des Mordes an einem Knaben. Sie hatten beides zur Stelle, die Leiche und den Zeugen.«

»Aber gibt es keinen Schutz bei der Regierung?«

»Für uns von dem Spiel gibt es keinen Schutz. Wenn wir sterben, sterben wir. Unser Name wird in dem Buch ausgelöscht – das ist alles. In Bandakui, wo einer von uns lebt, suchte ich die Spur zu verwischen, indem ich mein Gesicht änderte und mich zum Mahratten machte. So kam ich nach Agra und wollte nun nach Chitor zurück, um den Brief zu holen. So sicher dachte ich ihnen entwischt zu sein. Deshalb sandte ich niemandem ein Telegramm, um anzugeben, wo der Brief sich befinde. Ich wünschte alle Ehre für mich zu haben.«

Kim nickte. Diese Empfindung verstand er gut.

»Aber in Agra, als ich durch die Straßen ging, hielt mich ein Mann wegen Schulden an, brachte Zeugen vor, und man schleppte mich vor Gericht hierhin und dahin. O, sie sind schlau dort im Süden! Er gab mich als seinen Baumwoll-Agenten an. Möge er in der Hölle dafür braten.«

»Und warst Du das?«

»O Tor! Der Mann, den man wegen des Briefes suchte, war ich! Ich flüchtete mich durch den Schlachthof und kam bei dem Hause des Juden heraus, der, einen Auflauf befürchtend, mich weiter beförderte. Zu Fuß kam ich bis Somna, ich hatte nur noch Geld zu einem Billett nach Delhi – und dort, als ich mit Fieber in einem Graben lag, sprang einer aus dem Gebüsch und stach mich und zerschlug mich und durchsuchte mich von Kopf bis Fuß – im Angesicht des Zuges!«

»Wie kam es, daß er Dich nicht vollständig tötete?«

»So dumm sind sie nicht. Wenn ich in Delhi, auf Veranlassung von Advokaten, wegen erwiesener Mordtat, verhaftet werde, so verfällt mein Leib dem Staat, der ihn fordert. Dann werde ich unter Bewachung zurück befördert und dann – sterbe ich langsam – als ein Beispiel für uns übrige. Der Süden ist nicht mein Geschmack! Im Kreise, wie – eine Ziege mit einem Auge – irrte ich umher. Seit zwei Tagen habe ich nichts gegessen. Ich bin gezeichnet,« – er berührte die schmutzige Bandage seines Beines – »so daß sie mich zu Delhi erkennen müssen.«

»So lange Du im Zuge bleibst, bist Du wenigstens sicher.«

»Sei ein Jahr in dem Großen Spiel und sage mir das dann wieder! In Delhi werden die Drähte gegen mich in Bewegung sein, jeder Schnitt, jeder Lumpen auf meinem Leibe wird beschrieben. Zwanzig – hundert – wenn nötig – werden bezeugen, daß ich den Knaben erschlug. Da ist nichts zu machen!«

Kim kannte genug von dem Charakter der Eingeborenen, um zu wissen, daß es so war, daß selbst der Leichnam des Knaben zur Stelle sein würde. – Des Mahratten Finger Zuckten vor Schmerz. Der Kamboh stierte verdrossen aus seiner Ecke heraus; der Lama war bei seinem Rosenkranz. Kim machte sich an des Mannes Brust zu schaffen, als ob er ärztlich untersuchte und dachte sich – Zaubersprüche murmelnd – einen Plan aus.

»Hast Du auch einen Zauber, meine Gestalt zu verändern? Sonst bin ich ein toter Mann. Hätte ich nur zehn – nur fünf Minuten Zeit gehabt, wäre ich nicht so gehetzt worden, so hätte ich – –«

»Ist er jetzt geheilt, Wundertäter?« fragte neidisch der Kamboh. »Gesungen hast Du lang genug.«

»Nein. Für seine Wunden gibt es, sehe ich, keine Heilung, wenn er nicht drei Tage im Gewande eines Bairagi sitzt.«

Diese Art Buße wird fetten Handelsleuten gewöhnlich von ihren geistlichen Beratern vorgeschrieben.

»Ein Priester sucht immer wieder einen Priester zu machen,« war die Erwiderung. Wie meist rohe und vorurteilsvolle Leute, Konnte er seine Junge nicht vor Verhöhnung der Kirche hüten.

»Also muß Dein Sohn ein Priester werden! Mir scheint, er muß wieder von meinem Chinin nehmen.«

»Wir Jats sind alle Büffel,« sagte der Jat, wieder Kleinlaut werdend.

Kim strich eine Fingerspitze voll bitteren Zeuges auf des Kindes bebende schmale Lippen. »Ich habe von Dir nichts verlangt als Speise. Mißgönnst Tu mir die? Ich will diesen Mann heilen. Habe ich Deine Erlaubnis – Fürst?«

Des Mannes große Fäuste flogen flehend in die Höhe. »Nein – nein. Verspotte mich nicht.«

»Es beliebt mir, diesen Kranken zu heilen. Du sollst Verdienst erwerben, indem Du mir beistehst. Welche Farbe hat die Asche in Deinem Pfeifenkopf? Weiß? Das ist günstig. Ist rohes Turmevic (Gelbwurz) unter Deinen Speiseresten?«

»Ich – ich –«

Öffne Dein Bündel!«

Es enthielt die gewöhnliche Sammlung kleiner Abfälle: Flicken von Zeug, quacksalberische Medikamente, billige Jahrmarkts-Geschenke, ein Tuch voll Atta (graues, grob gemahlenes Mehl), Röllchen von Bauern-Tabak, wohlfeile Pfeifenrohre und ein Pack Curry, in eine Decke gewickelt. Kim durchsuchte alles mit der Miene eines weisen Zauberers, mohammedanische Beschwörungen murmelnd.

»Dies ist Weisheit, die ich von den Sahibs lernte,« flüsterte er dem Lama zu: und wenn man an seine Erziehung bei Lurgan denkt, war das Wahrheit. »Die Sterne künden ein großes Unheil im Schicksal dieses Mannes, das – das setzt ihn in Schrecken. Soll ich es verhindern?«

»Freund der Sterne, Du hast stets das Rechte erwählt. Handle nach Deinem Belieben. Ist es eine neue Heilung?«

»Rasch! Mach rasch! Ehe der Zug hält.«

»Eine Heilung von dem Schatten des Todes,« flüsterte Kim. Er mischte das Mehl mit Kohlen- und Tabaksasche in dem Pfeifenkopf von rotem Ton. E. 23. nahm schweigend seinen Turban ab und schüttelte sein langes schwarzes Haar herunter.

»Das ist mein Essen, Priester,« grollte der Jat.

»Ein Büffel in dem Tempel! Hast Du gewagt, herzusehen? Narren muß man etwas vormachen. Aber hüte Deine Augen. Bemerkst Du schon einen Nebel vor ihnen? Ich rettete das Kind und als Dank – oh. Du Schamloser!«

Der Mann wich vor Kims scharfem, ernsten Blick zurück.

»Soll ich Dich verfluchen, oder soll ich –« Er riß das äußere Tuch vom Bündel und warf es über den gesenkten Kopf. »Wage nur den Wunsch, herzublicken und – und selbst ich kann Dich nicht retten. Sitz still! Sei stumm!«

»Ich bin blind – stumm. Nur verfluche mich nicht! Ko – Komm her, Kind! Wir wollen Blindekuh spielen. Um meinetwillen, piep nicht unter dem Tuch hervor.«

»Ich sehe Hoffnung,« flüsterte E. 23. »Was für einen Plan hast Du?«

»Das kommt später,« sagte Kim, ihm das leichte Hemd herabziehend. E. 23. wich zurück mit der Scheu des Nordwestlers vor Entblößung seines Körpers.

»Was heißt Kaste, wenn es uns an den Hals geht?« meinte Kim, das Hemd bis auf die Hüften niederstreifend.

»Wir müssen Dich zu einem gelben Saddhu machen. Entkleide Dich – entkleide Dich rasch und schüttele das Haar über die Augen, während ich die Asche streue. Nun ein Kasten-Abzeichen auf Deine Stirn.« Er nahm aus dem Kleinen Tuschkasten unter seinem Gewand ein Täfelchen Karminlack.

»Bist Du nur ein Anfänger?« fragte E. 23., buchstäblich um sein Leben ringend, indem er seine Körperhüllen abstreifte und nackt, nur mit dem Hüftentuch, dastand, indeß Kim ihm ein vornehmes Kastenzeichen auf die mit Asche beschmierte Stirn kleckste.

»Seit zwei Tagen erst in das Spiel eingetreten, Bruder,« antwortete Kim. »Schmiere mehr Asche auf Deine Brust.«

»Hast Du wohl einen Arzt – für kranke Perlen getroffen?«

Er faßte sein langes, fest verschlungenes Turbantuch, und mit flinker Hand rollte er es um und über seine Stiften, nach dem verwickelten Muster eines Saddhu-Gurtes.

»Hah! Erkennst Du seine Hand? Eine Weile war er mein Lehrer. Wir müssen Deine Beine verbinden. Asche heilt Wunden. Beschmiere sie nochmals.«

»Einst war ich sein Stolz. Du aber bist fast geschickter als ich. Die Götter sind uns gnädig! Gib mir das

Es war eine Zinnbüchse mit Opiumpillen zwischen dem Kehricht des Bündels. E. 23. verschluckte eine halbe Handvoll. »Sie sind gut gegen Hunger, Angst und Kälte. Und sie machen die Augen rot,« erklärte er. »Nun habe ich wieder Mut zum Spiel. Es fehlt mir nur die Zunge eines Saddhu. Was machen wir mit den alten Kleidern?«

Kim rollte sie fest zusammen und stopfte sie in die lockeren Falten seines Unterkleides. Mit gelber Ockerfarbe schmierte er breite Streifen auf Brust und Beine, auf den Hintergrund von Mehl, Asche und Turmeric.

»Das Blut auf Deinem Leib, Bruder, genügt um Dich zu hängen.«

»Kann sein; aber nicht Grund genug, ihn aus dem Fenster zu werfen … Es ist getan.« Seine Stimme klang hell vor Entzücken über die Verkleidung. »Wende Dich um, o Jat! Und schau!«

»Die Götter mögen uns schützen!« rief der Kamboh unter seiner Kopfdecke heraus springend wie ein Büffel aus dem Schilf. »Wo aber ist der Mahratta geblieben? Was hast Du mit ihm angefangen?«

Kim war von Lurgan Sahib erzogen; und E. 23. durch die Art seiner Tätigkeit kein schlechter Schauspieler. Statt des verängstigten zitternden Hausierers lehnte da in der Ecke mit auf dem Sitz gekreuzten Beinen ein mit Asche beschmierter, gelbstreifig bemalter Saddhu, aus dessen geschwollenen Augen (Opium wirkt schnell auf leeren Magen) List und Frechheit leuchtete. Kims braunen Rosenkranz trug er am Halse und ein ärmliches Stück geblümten Kattuns um die Schultern. Das Kind versteckte sein Gesicht an des erstaunten Vaters Brust.

»Schau auf, Prinzlein! Wir reisen mit Zauberern, aber Dir werden sie nichts tun. O, weine nicht … Wozu heilt man heute ein Kind, wenn man es morgen durch Furcht töten will?«

»Das Kind wird Glück haben in seinem ganzen Leben, denn es hat einer wunderbaren Heilung beigewohnt. Als ich noch ein Kind war, machte ich schon Menschen und Pferde aus Ton.«

»Das tat ich auch schon,« piepte das Kind. »Und Sir Banas kommt in der Nacht hinten in unsere Küche und macht sie lebendig.«

»Du also fürchtest Dich vor nichts, he, Prinzlein?«

»Ich fürchte mich, weil mein Vater sich fürchtete. Ich fühlte seine Arme beben.«

»Oh, furchtsames Hühnchen!« sagte Kim, und der beschämte Jat lachte. »Ich habe den armen Hausierer geheilt. Er muß nun seinen Verdienst und seine Rechnungsbücher im Stich lassen und drei Nächte an der Wegseite sitzen, um der Bosheit seiner Feinde Herr zu werden. Die Sterne sind gegen ihn.«

»Je weniger Wucherer, desto besser, sage ich. Aber Saddhu oder nicht Saddhu, er soll mir den Stoff um seine Schultern bezahlen.«

»So? Aber das da auf Deiner Schulter ist Dein Kind, das vor noch nicht zwei Tagen dem Scheiterhaufen verfallen war. Noch eins muß ich Dir sagen. Ich machte diese Wunderheilung in Deiner Gegenwart, weil die Not groß war. Ich änderte des Kranken Leib und Seele. Aber, o Mann von Jullundur, wenn Du jemals bei irgendeiner Gelegenheit Dich dessen entsinnst, was Du hier gesehen, sei es bei den Ältesten unter dem Dorfbaum oder in Deinem eigenen Hause oder in Gegenwart Deines Priesters, wenn er Dein Vieh segnet, so soll eine Seuche unter Deine Büffel kommen, und eine Flamme auf Dein Dach, und Ratten in Deine Korntenne und der Fluch der Götter über Deine Felder, daß sie verdorren vor Deinen Füßen und hinter Deiner Pflugschar.« Diesen Teil einer Verwünschung hatte Kim in den Tagen seiner Unschuld von einem Fakir am Taksali-Tor aufgeschnappt.

»Höre auf, Heiliger! Aus Barmherzigkeit, höre auf!« rief der Jat. »Verfluche meinen Haushalt nicht. Ich sah nichts. Ich hörte nichts. Ich bin Deine Kuh.« Und er streichelte Kims nackten Fuß, der rhythmisch den Boden klopfte.

»Aber da es Dir erlaubt wurde, mir beizustehen mit ein bißchen Mehl und ein bißchen Opium und solchen Kleinigkeiten, die anzunehmen ich Dir die Ehre erwies, so werden die Götter Dir dies vergelten durch einen Segen –« den Kim endlich, zu des Mannes unendlicher Erleichterung erteilte, und den er von Lurgan Sahib gelernt hatte.

Der Lama starrte hierbei aufmerksamer durch seine Brillengläser als er es bei der Verkleidung getan.

»Freund der Sterne,« sprach er, »Du hast große Weisheit erworben. Hüte Dich, daß sie nicht Stolz gebiert. Kein Mann, der das Gesetz vor Augen hat, wird übereilt von etwas reden, das er gesehen, oder das ihm begegnet ist.«

»Nein – nein – wahrlich nicht,« rief der Bauer, voller Angst, daß der Meister es noch schlimmer machen könnte als der Schüler.

E. 23. mit offenem Munde, lag im Banne des Opiums, der für einen erschöpften Asiaten Fleisch, Tabak und Medizin zugleich ist.

So, schweigend in Mißverständnis und Angst, erreichten sie Delhi zur Zeit, als die Lampen angezündet wurden.

Ein Roman aus dem gegenwärtigen [1901] Indien

Ein Roman aus dem gegenwärtigen [1901] Indien

Kim

Am 12. Juli 1899 übertrug Rudyard Kipling der Firma Vita, Deutsches Verlagshaus, G. m. b. H., Berlin-Charlottenburg, das ausschließliche Veröffentlichungsrecht seiner künftigen Werke für die deutsche Sprache

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

»Nun, wie schmeckt der Erfolg?« fragte Torpenhow, etwa drei Monate später. Er war gerade von einem Ferienaufenthalte auf dem Lande zurückgekehrt. »Gut,« erwiderte Dick, der vor der Staffelei in dem Atelier saß und seine Lippen leckte. »Ich brauche mehr, ich hoffe auf mehr. Die mageren Jahre sind vorüber, ich heiße die fetten willkommen.«

»Seien Sie vorsichtig, Freundchen. Auf diesem Wege liegt viel Böses.« Torpenhow lag in einem großen Sessel und hatte einen kleinen, schlafenden Dachshund auf seiner Brust liegen, während Dick eine neue Leinwand aufspannte und auf derselben zu zeichnen begann. Eine Estrade im Hintergrund und eine Gliederpuppe waren die einzigen Gegenstände im Zimmer. Dieselben erhoben sich von einem wackeligen Podium, auf dem mit Filz überzogene Wasserflaschen, Gürtel, Fahnen, ein Ballen getragener Uniformstücke und eine Trophäe von verschiedenen Waffen sich befanden. Die Spuren von schmutzigen Füßen auf der Estrade zeigten, daß ein militärisches Modell soeben fortgegangen war. Der wässerige Sonnenschein eines Herbsttages verschwand allmälich, während die Ecken des Ateliers im Schatten lagen.

»Ja,« sagte Dick offenherzig, »ich liebe die Macht, einen Spaß, den Lärm, doch vor allem das Geld; am meisten jedoch liebe ich die Leute, die Lärm machen und das Geld bezahlen. Am meisten! Doch es ist eine sonderbare Bande, eine erstaunlich sonderbare Bande!«

»Wenigstens sind die Leute gut genug gegen Sie gewesen. Diese kleine armselige Ausstellung Ihrer Skizzen muß gut bezahlt worden sein. Haben Sie gesehen, daß die Zeitungen dieselbe eine ›wilde Arbeitausstellung‹ genannt haben?«

»Das thut nichts! Ich verkaufte jeden Faden Leinwand, den ich dazu gebraucht; ich glaube, auf mein Wort, sie hielten mich für einen Künstler, der alles aus sich selbst gelernt hat. Ich hätte gewiß noch bessere Preise erzielt, wenn ich meine Sachen auf Wolle gearbeitet oder auf Kamelknochen eingekratzt hätte, anstatt nur Schwarz und Weiß und Farbe zu gebrauchen. Wahrhaftig, diese Leute sind eine sonderbare Bande. Beschränkt ist nicht das richtige Wort, um sie zu beschreiben. Neulich traf ich einen Burschen, der mir sagte, es sei unmöglich, daß die Schatten auf weißem Sande blau – ultramarin – sein könnten, wie sie wirklich waren. Später erfuhr ich, daß dieser Mensch nicht weiter als bis zur Bucht von Brighton gekommen war, trotzdem wußte er alles, was Kunst betraf; hol ihn der Henker! Er hielt mir eine Vorlesung über dieselbe und empfahl mir, eine Schule zu besuchen, um die Technik zu lernen. Ich möchte wohl wissen, was der alte Kami dazu gesagt haben würde?«

»Wann waren Sie unter Kamis Leitung, Sie Mann von außergewöhnlichen Anfängen?«

»Ich studirte zwei Jahre bei ihm in Paris. Er lehrte vermittelst persönlichem Magnetismus. Das einzige, was er beständig sagte, war: ›continuez, mes enfants‹, während man daraus das beste entnehmen mußte, was man konnte. Er hatte einen göttlichen Strich und wußte auch manches über Farbe. Kami pflegte Farben zu träumen; ich möchte schwören, daß er nie den wirklichen, natürlichen Gegenstand gesehen; aber er entwickelte denselben, und es war gut.«

»Entsinnen Sie sich einer jener Ansichten im Sudan?« fragte Torpenhow mit herausforderndem Dehnen.

Dick erbebte ans seinem Platze. »Nichts davon! Es erweckt in mir das Verlangen, wieder dorthin zu gehen. Was waren das für Farben! Opal und Ambra, Bernstein und Weinrot, Ziegelrot und Schwefel – Kakaduschopfschwefel – gegen Braun, mit einem negerschwarzen Felsen, inmitten von dem Ganzen aufsteigend, und einem dekorativen Fries von Kamelen vor einem reinen, hell türkisfarbigen Himmel.« Er fing an auf und ab zu gehen. »Und dennoch, Sie wissen es ja, wenn man versuchte, diesen Leuten hier die Dinge wiederzugeben, wie Gott sie geschaffen, ihrer Fassungskraft angemessen abgeschwächt, und nach den Fähigkeiten, die er uns verliehen –«

»Bescheidener Mann! Fahren Sie fort.«

»Ein halbes Dutzend junger Heiden, die nicht einmal in Algier gewesen sind, wird Ihnen sagen, erstens, daß Ihre Idee entlehnt und zweitens, daß das nicht Kunst sei.«

»Das kommt davon, daß ich die Stadt einen Monat lang verlassen habe, Dickie. Sie sind zwischen den Spielzeugläden spazieren gegangen und haben die Leute schwatzen hören.«

»Ich konnte es nicht ändern,« entgegnete Dick reuevoll. »Sie waren nicht hier und diese langen Abende kamen mir so einsam vor. Ein Mann kann nicht immer arbeiten.«

»Ein Mann hätte in eine Schenke gehen und sich anständig betrinken können.«

»Ich wollte, ich hätte es gethan; aber ich kam mit allerlei Leuten zusammen. Sie sagten, sie wären Künstler, auch wußte ich, daß einige von ihnen zeichnen konnten, doch sie wollten nicht zeichnen, Sie gaben mir Thee – um fünf Uhr nachmittags Thee! – und sprachen über Kunst und den Zustand ihrer Seelen; als ob ich mich um ihre Seelen bekümmerte. Ich habe in den letzten sechs Monaten mehr über Kunst gehört und weniger davon gesehen, als während meines ganzen Lebens. Entsinnen Sie sich Cassavattis, der für irgend ein festländisches Syndikat arbeitete, da draußen bei einer Wüstenkolonne? Er war ein förmlicher Weihnachtsbaum, als er ins Feld zog mit seiner Wasserflasche, Tragbändern, Revolver, Schreibmappe, Haushälterin, Wagenlaternen und der Himmel weiß, was alles. Gewöhnlich tändelte er mit all den Dingen einher und zeigte uns ihren Gebrauch; aber niemals schien er besonders viel zu thun, außer die Berichte von Nilghai zu kopiren.«

»Der liebe alte Nilghai! Er ist in der Stadt und fetter als je. Er muß heute abend herkommen. Ich verstehe vollkommen den Vergleich. Sie hätten sich von all diesen männlichen Narren fern halten sollen; es geschieht Ihnen ganz recht, auch hoffe ich, daß es Ihren Verstand geklärt hat.«

»Es hat mich gelehrt, was die Kunst – die heilige, erhabene Kunst – bedeutet.«

»Geben Sie ihnen, was sie verstehen, und wenn Sie es einmal gethan, thun Sie es wieder.«

Dick holte eine Leinwand hervor, die an der Wand lehnte.

»Hier ist eine Probe von wirklicher Kunst; es soll eine Kopie für ein Wochenblatt werden. Ich nannte es ›Sein letzter Schuß‹. Es ist nach dem kleinen Aquarell gearbeitet, das ich vor den Thoren von El Maghaib anfertigte. Ich köderte mein Modell, einen schönen Schützen, mit einem guten Trunk; ließ ihn dann dursten und wieder dursten, und machte schließlich aus ihm einen wilden, verteufelten Burschen mit dem Helm auf dem Hinterkopfe und der größten Todesfurcht in den Augen, während das Blut aus einem Hiebe über seinen Knöchel tröpfelte. Er war nicht schön, aber ganz ein Soldat und ein Mann.«

»Noch einmal, bescheidenes Kind!«

Dick lachte. »Nun ja, ich spreche ja nur zu Ihnen. Ich malte ihn so gut ich konnte, indem ich Rücksicht auf die Weichheit der Oelfarben nahm. Der Kunstleiter jenes Blattes sagte mir, daß seinen Abonnenten das Bild nicht gefallen würde. Es sei grob, roh und gewaltsam, da ein Mann, wenn er um sein Leben kämpfe, natürlich sanft wäre; man wollte etwas Ruhigeres, mit ein wenig mehr Farbe haben. Ich hätte ihm manches darauf erwidern können, aber man kann eben so gut zu einem Schaf sprechen, als zu einem Kunstleiter. Ich zog meinen ›Letzten Schuß‹ zurück. Betrachten Sie das Resultat! Ich kleidete ihn in einen hübschen roten Rock, ohne einen einzigen Flecken. Das ist Kunst. Ich wichste seine Stiefel, – bemerken Sie das schöne Licht auf der Zehe. Das ist Kunst. Ich putzte auch seine Büchse – im Dienste sind die Büchsen stets geputzt – weil das Kunst ist. Seinen Helm machte ich mit Schlemmkreide blank, – Schlemmkreide wird immer im aktiven Dienste gebraucht und ist für die Kunst unentbehrlich. Dann rasirte ich sein Kinn, wusch seine Hände und gab ihm das Aussehen fetter Ruhe. Resultat: Musterbild für Militärschneider. Preis, dem Himmel sei Dank, doppelt so viel als für die erste Skizze, der ziemlich bescheiden gewesen.«

»Haben Sie die Absicht, das Ding als Ihre Arbeit auszugeben?«

»Weshalb nicht? Ich that es, nur im Interesse der geheiligten, einheimischen Kunst und ›Dickensons Wochenblatt‹.«

Torpenhow rauchte eine Zeit lang schweigend weiter, dann erfolgte der Urteilsspruch, begleitet von rollenden Tabakswolken: »Wenn Sie nur eine Masse von aufgeblähter Eitelkeit wären, Dick, so würde ich nichts sagen, ich würde Sie zum Henker gehen lassen mit Ihrem Malstock; wenn ich jedoch bedenke, was Sie mir sind, und sehe, daß Sie zu der Eitelkeit noch den kindischen Groll eines zwölfjährigen Mädchens hinzufügen, dann rühre ich mich Ihretwegen. Also!«

Die Leinwand riß auseinander, als Torpenhows gestiefelter Fuß hindurch fuhr, während der Teckel hinuntersprang, weil er glaubte, es seien Ratten da.

»Wenn Sie irgend etwas darauf zu erwidern haben, so thun Sie es. Sie können es nicht. Ich fahre also fort. Sie sind ein Idiot, weil kein vom Weibe geborener Mensch stark genug ist, sich mit seinem Publikum solche Freiheiten herauszunehmen, obschon es ist – alles, was Sie eben gesagt, daß es sei.«

»Aber die Leute verstehen nichts Besseres. Was kann man von Geschöpfen erwarten, die in diesem Lichte geboren und erzogen sind?« Dabei deutete Dick auf den gelben Nebel. »Wenn sie Möbelpolitur haben wollen, so laßt sie doch dieselbe haben, so lange sie dafür bezahlen. Sie sind nur Männer und Weiber; Sie sprechen, als ob es Götter wären.«

»Das klingt sehr schön, hat aber mit diesem Falle nichts zu schaffen. So sind die Leute, für die Sie arbeiten müssen, möge es Ihnen nun gefallen oder nicht. Sie sind Ihre Herren. Täuschen Sie sich nicht, Dickie, Sie sind nicht kräftig genug, um mit ihnen spielen zu können; oder mit sich selbst, was viel wichtiger ist. Außerdem, – kommen Sie her, Dickie; diese rote Sudelei hier findet nirgends Beifall; – wenn Sie sich nicht in acht nehmen, so werden Sie unter den Fluch des Checkbuches geraten, und das ist schlimmer als der Tod. Sie werden sich berauschen an leicht erworbenem Gelde, – halb berauscht sind Sie bereits. Für Geld und Ihre eigene höllische Eitelkeit sind Sie willens, leichtsinnig schlechte Arbeit in die Welt zu schicken. Sie werden, ohne es zu wissen, noch genug schlechte Arbeit liefern. Und, Dickie, da ich Sie liebe und weiß, daß auch Sie mich lieb haben, so werde ich nicht zugeben, daß Sie sich die Nase abschneiden, um Ihr Gesicht zu ärgern, nicht für alles Gold in England, So, das ist abgemacht. Nun fluchen Sie.«

»Ich kann nicht,« sagte Dick. »Ich habe versucht, zornig zu werden, aber ich kann nicht; Sie sind so abscheulich vernünftig. Ich denke, es wird viel Lärm bei ›Dickensons Wochenblatt‹ geben.«

»Weshalb gebraucht der Dickenson Sie, um für ein Wochenblatt zu arbeiten? Das heißt, seine Kraft langsam verbluten lassen.«

»Es bringt aber den höchst wünschenswerten Dollar ein,« erwiderte Dick, die Hände in den Taschen.

Torpenhow betrachtete ihn mit großer Verachtung. »Wirklich, ich glaubte, er wäre ein Mann,« sagte er. »Er ist ein Kind!«

»Nein, das ist er nicht,« entgegnete Dick, sich rasch umdrehend, »Sie haben gar keine Idee davon, was die Gewißheit, Geld einzukassiren für einen Mann bedeutet, der dasselbe stets schmerzlich entbehrt hat. Nichts kann mich bezahlen für einige Freuden meines Lebens; so zum Beispiel, als wir auf jenem chinesischen Schweineschiff zu jeder Mahlzeit Brot und Schinken aßen, weil Ho-Wang uns nichts Besseres erlauben wollte, und alles nach Schweinefleisch – chinesischem Schweinefleisch – schmeckte. Ich habe hierfür gearbeitet, geschwitzt und gehungert, Linie auf Linie und Monat nach Monat. Und nun ich es erreicht habe, will ich soviel als möglich daraus machen, so lang es dauert. Laß sie bezahlen – sie verstehen nichts davon.«

»Was beliebt Euer Majestät zu wünschen. Sie können nicht mehr rauchen, wie Sie jetzt thun; Sie wollen nicht trinken; Sie sind kein Feinschmecker und Sie kleiden sich in Schwarz, wie der Augenschein zeigt. Sie wollten sich neulich kein Pferd anschaffen, als ich es vorschlug, weil dasselbe, wie Sie sagten, lahm werden könnte, und wenn Sie über die Straße müssen, nehmen Sie ein Kabriolet. Sie sind auch nicht thöricht genug, zu glauben, daß Theater und alle lebenden Dinge, welche man da herum laufen kann, das Leben bedeuten. Was für irdische Bedürfnisse haben Sie für Geld?«

»Es ist da, gesegnet sei sein goldenes Herz,« sagte Dick, »es ist die ganze Zeit über da. Die Vorsehung hat mir Nüsse geschickt, da ich Zähne habe, sie aufzuknacken. Noch habe ich die Nuß nicht gefunden, die ich aufknacken möchte, aber ich erhalte inzwischen meine Zähne geschärft. Vielleicht gehen wir, Sie und ich, eines Tages auf eine Wanderung rund um die weite Welt.«

»Mit nichts zu arbeiten für uns, mit niemand, der uns quält, und niemand, mit dem wir wetteifern könnten? In einer Woche würden Sie unfähig zum Sprechen sein. Außerdem würde ich nicht mitgehen. Ich verlange nicht darnach, etwas zu profitiren, um den Preis einer Menschenseele; denn das würde es bedeuten. Dick, es verlohnt nicht der Mühe, darüber zu sprechen. Sie sind ein Narr!«

»Das sehe ich nicht ein. Als ich mich auf jenem chinesischen Schweineboote befand, erwarb unser Kapitän dadurch ganz gewaltigen Kredit, daß er etwa fünfundzwanzigtausend sehr seekranke Ferkel rettete, als unser alter Kasten von einem Dampfer mit einer Holz-Dschunk unklar wurde. Nehmen Sie nun diese Ferkel als eine Parallele …«

»O, hol der Teufel Ihre Parallele! Wenn ich mich bemühe, Ihre Seele zu retten, zu bessern, ziehen Sie immer eine von den unbedeutenden Anekdoten aus ihrer dunklen Vergangenheit herbei. Schweine sind nicht das britische Publikum; Kredit auf hoher See ist nicht Kredit hier, und Selbstachtung bleibt Selbstachtung in der ganzen Welt. Gehen Sie, aus, machen Sie einen Spaziergang und versuchen Sie, etwas Selbstachtung zu erlangen. Wenn Nilghai heute abend herauf kommt, kann ich ihm dann Ihre Sachen zeigen?«

»Gewiß. Nächstens werden Sie noch fragen, ob Sie an meiner Thür anklopfen müssen.« Darauf ging Dick fort, um in dein rasch dichter werdenden Londoner Nebel mit sich selbst Rat zu pflegen.

Eine halbe Stunde nachdem Dick sein Atelier verlassen, arbeitete sich Nilghai die Treppen hinauf. Er war sowohl der oberste als auch der ungeheuerlichste aller Kriegskorrespondenten; seine Erfahrungen datirten aus der Zeit, als das Zündnadelgewehr aufkam. Mit Ausnahme seines Verbündeten, Keneu, des »Großen Kriegsadlers«, gab es keinen mächtigeren Mann in der Zunft als ihn; er begann seine Gespräche stets mit der Neuigkeit, daß es im Frühjahre im Balkan Unruhen geben würde. Torpenhow lachte, als er eintrat.

»Machen Sie sich nichts aus den Unruhen im Balkan; diese kleine Staaten sind immer am Schreien. Haben Sie von Dicks Glück gehört?«

»Ja; er ist zu öffentlicher Anerkennung gelangt, nicht wahr? Ich hoffe, Sie halten ihn hübsch demütig. Er bedarf von Zeit zu Zeit einiges Niederdrücken.«

»Das ist richtig. Er fängt an, sich Freiheiten herauszunehmen mit dem, was er für seinen Ruf hält.«

»Schon! Beim Zeus, er besitzt Unverschämtheit! Ich weiß nichts von seinem Ruf, aber er wird eine Lerche schießen, wenn er derartiges versucht.«

»So sagte ich ihm; doch denke ich nicht, daß er es glaubt.«

»Das thut man nie, wenn man zuerst beginnt. Was ist das zerrissene Ding da auf dem Boden?«

»Eine Probe seiner letzten Unverschämtheit.«

Torpenhow legte die zerrissenen Stücke der Leinwand aneinander und zeigte Nilghai das Bild, der dasselbe einen Augenblick ansah und pfiff.

»Es ist ein Chromo,« sagte er, – »ein Chromo – Citholeo-Margarino-Ding! Was hat ihn dazu veranlaßt? Und dennoch, wie durch und durch hat er dasjenige erfaßt, was ein Publikum fesseln kann, das mit seinen Stiefeln denkt und mit den Ellenbogen liest! Die kaltblütige Unverschämtheit dieser Arbeit rettet sie fast; aber er darf so nicht fortfahren. Ist er nicht vielleicht zu viel gelobt und aufgemuntert worden? Sie wissen, die Leute hier haben gar keinen Begriff von richtigem Maß und Ziel. Sie nennen ihn einen zweiten Detaille und einen künftigen Meissonier, so lange seine Manier in der Mode ist. Es ist lustige Kost für ein Füllen.«

»Ich glaube wohl, daß es Dick viel berührt. Man könnte ebenso gut einen jungen Wolf einen Löwen nennen und von ihm erwarten, das Kompliment gegen einen Knochen auszutauschen. Dicks Seele ist in der Bank; er arbeitet für seine Kasse.«

»Nun er die Kriegsarbeit aufgegeben, sieht er, wie ich vermute, nicht ein, daß die Verpflichtungen des Dienstes genau dieselben sind; nur die Eigentümer haben gewechselt.«

»Wie sollte er das wissen? Er glaubt, er sei sein eigener Herr.«

»So? Ich könnte ihn zu seinem eignen Besten enttäuschen, wenn noch etwas Macht in Druckerschwärze liegt. Er bedarf der Peitsche.«

»Dann thun Sie es gründlich mit Wissenschaft. Ich würde selbst ihn vornehmen, aber ich habe ihn zu lieb.«

»Ich habe keine Skrupeln. Er hatte die Keckheit, zu versuchen, mich einmal in Kairo bei einer Frau auszustechen. Ich vergaß das, aber nun erinnere ich mich daran.«

»Stach er Sie wirtlich aus?«

»Sie werden es sehen, wenn ich mit ihm fertig bin. Aber wozu ist es gut allem nach? Lassen Sie ihn allein; er wird schon wieder kommen, wenn er irgend wie das Zeug dazu hat, den Schwanz hinter sich herschleppend und wedelnd. In einer Woche liegt mehr Leben als in einem lebendigen Wochenblatte. Nichsdestoweniger will ich ihn zudecken, und zwar ganz gehörig in dem ›Kataklysmus‹.«

»Viel Glück dazu; doch ich bilde mir ein, nichts geringeres als eine Brechstange würde Dick zum Stutzen bringen. Seine Seele scheint durch irgend etwas entstammt gewesen zu sein, bevor wir mit ihm zusammen trafen. Er ist außerordentlich mißtrauisch und gänzlich subordinations-, gesetzwidrig.«

»Sache des Temperaments,« sagte Nilghai. »Dasselbe ist bei den Pferden der Fall. Wenn man einige durchprügelt, so arbeiten sie; andere schlagen aus, wenn man sie prügelt, während einige ausgehen, nachdem man sie geprügelt hat, um, mit den Händen in den Taschen, einen Spaziergang zu machen.«

»Genau das, was Dick gethan hat,« bemerkte Torpenhow. »Warten Sie, bis er zurückkommt; inzwischen können Sie anfangen, ihn hier gehörig vorzunehmen. Ich will Ihnen in seinem Atelier etwas von seiner letzten und schlechtesten Arbeit zeigen.«

Dick hatte instinktmäßig fließendes Wasser aufgesucht, um seine Gemütsstimmung zu beruhigen. Er lehnte über die Brüstung und beachtete die Strömung der Themse durch die Bogen der Westminsterbrücke. Er hatte angefangen, über Torpenhows Rat nachzudenken, sich indes sehr bald, seiner Gewohnheit gemäß, in das Studium der Gesichter der vorüberflutenden Menge verloren. Einige trugen den Tod auf ihren Gesichtern geschrieben, und Dick wunderte sich darüber, daß sie lachen konnten; andere, zum größten Teil plump und roh gebaut, strahlten vor Liebe, während viele die Spuren der Arbeit zeigten; doch aus allen war etwas zu entnehmen, wie Dick wußte. Der Arme wenigstens würde leiden, um zu lernen, und der Reiche bezahlen für die Ausnutzung dessen, was er gelernt hat. Sein Ruf in der Welt und seine Bilanz bei der Bank würden zunehmen; um so besser für ihn, Er hatte gelitten; jetzt wollte er von dem Bösen anderer Zoll erheben.

Der Nebel wurde einen Augenblick auseinandergetrieben, die Sonne schien wie eine blutigrote Scheibe auf dem Wasser. Dick betrachtete den Fleck, bis das Geräusch der Ebbe zwischen den Pfeilern dahin starb, wie das Waschen der See zur Zeit derselben. Ein von seinem Liebhaber hart bedrängtes Mädchen rief schamlos: »O, geh fort, du Bestie!«, während der Luftzug, welcher den Nebel auseinandergejagt, den schwarzen Rauch eines Flußdampfers, der unten an der Mauer lag, in Dicks Gesicht trieb. Er wurde einen Augenblick geblendet, drehte sich um und fand sich dem Gesichte von – Maisie gegenüber.

Es war kein Irrtum. Die Jahre hatten das Kind in eine Frau umgewandelt, aber nicht die dunkelgrauen Augen, die dünnen roten Lippen, den festgeschnittenen Mund und das Kinn verändert, und damit alles so wäre wie früher, so trug sie auch noch einen eng anschließenden grauen Anzug. Dick machte einen Schritt vorwärts und rief »Hallo!« nach Art der Schulknaben, worauf Maisie erwiderte: »O, Dick, sind Sie das?« Dann klopfte – unwillkürlich und bevor sein Gehirn Zeit gefunden hatte, von dem Gedanken an seine Bilanz in der Bank sich loszureißen und den Nerven zu gebieten – jeder Puls in Dicks Körper mächtig und der Gaumen wurde ihm trocken im Munde. Der Nebel schloß sich wieder; Maisies Gesicht erschien perlenweiß in demselben. Sie sprachen kein Wort, doch Dick ging neben ihr über das Trottoir der Brücke, vollkommen Schritt mit ihr haltend, gerade wie bei ihren nachmittäglichen Spaziergängen nach den Schlammbänken, Dann fragte Dick etwas heiser:

»Was ist aus Amomma geworden?«

»Sie ist gestorben, Dick. Nicht an den Patronen. Sie hatte zu viel gefressen. Sie war immer so gefräßig. Ist es nicht komisch?«

»Ja. Nein. Meinen Sie Amomma?«

»Ja. Nein. Dieses hier. Woher sind Sie gekommen?«

»Von dort her,« Er zeigte durch die Nebel nach Osten. »Und Sie?«

»O, ich wohne im Norden – dem schwarzen Norden, durch den ganzen Park hin. Ich bin sehr beschäftigt!«

»Was thun Sie?«

»Ich male sehr viel. Das ist alles, was ich zu thun habe.«

»Was, wie ist denn das gekommen? Sie hatten dreihundert jährlich.«

»Ich habe sie noch. Ich male; das ist alles.«

»Sind Sie denn allein?«

»Ein Mädchen lebt bei mir. Gehen Sie nicht so schnell, Dick; Sie sind aus dem Tritt gekommen.«

»Bemerkten Sie das denn?«

»Natürlich. Sie kamen immer aus dem Tritt.«

»Das ist wahr; thut mir leid. Sie malen immer noch?«

»Gewiß. Ich sagte ja, ich müßte. Ich war bei Slade, dann bei Merton in St. Johns-Word, dem großen Atelier, dann kam ich in die Nationalgalerie, und jetzt arbeite ich unter Kami.«

»Aber Kami befindet sich doch gewiß in Paris?«

»Nein; er hat sein Lehratelier in Vitry-sur-Marne. Ich arbeite bei ihm im Sommer, während des Winters lebe ich in London. Ich bin eine gute Haushälterin.«

»Verkaufen Sie viel?«

»Hin und wieder, aber nicht häufig. Da ist mein Omnibus; ich muß ihn nehmen, oder ich verliere eine halbe Stunde. Leben Sie wohl. Dick.«

»Adieu, Maisie. Wollen Sie mir nicht sagen, wo Sie wohnen? Ich muß Sie wieder sehen; vielleicht kann ich Ihnen helfen. Ich – ich male selbst ein wenig.«

»Ich werde vielleicht morgen im Park sein, wenn es kein gutes Licht zum Malen ist. Ich gehe gewöhnlich vom Marmorbogen herunter und wieder zurück; das ist mein kleiner Spaziergang, Natürlich werde ich Sie wieder sehen,« Sie stieg in den Omnibus und war bald im Nebel verschwunden.

»Nun – ich – bin – verdammt!« rief Dick aus, und kehrte nach Hause zurück.

Torpenhow und Nilghai fanden ihn auf den Stufen zur Atelierthüre sitzend und jene Worte mit furchtbarem Ernste wiederholend.

»Sie werden noch mehr verdammt sein, wenn ich mit Ihnen fertig bin,« sagte Nilghai, seinen kolossalen Umfang hinter Torpenhows Schulter aufrichtend und ein Blatt von einem Halbtrocknen Manuskripte hin und her wehend. »Dick, es ist allgemein bekannt, daß Sie an einem angeschwollenen Kopfe leiden.«

»Hallo, Nilghai! Wieder zurück? Wie steht es mit dem Balkan und all den kleinen Balkanen? Die eine Seite Ihres Gesichts ist, wie gewöhnlich, darauf aus, etwas zu entwerfen.«

»Kümmern Sie sich nicht darum. Ich bin beauftragt, Sie gedruckt zu züchtigen. Torpenhow weigert sich aus falschem Schamgefühl. Ich habe mir den Schund in Ihrem Atelier ungesehen; derselbe ist einfach schmachvoll.«

»Oho! Ist es das? Wenn Sie glauben, Sie können mich heruntermachen, so irren Sie sich. Sie können nur beschreiben, und brauchen auf dem Papier so viel Raum sich umzuwenden, wie ein P. und O. Frachtschiff. Aber fahren Sie fort und fassen Sie sich kurz; ich will zu Bett gehen.«

»Hm, hm! Der erste Teil beschäftigt sich nur mit Ihren Bildern. Hier ist der Schluß: ›Für eine ohne Ueberzeugung ausgeführte Arbeit, für ein an Trivialitäten verschwendetes Talent, für leichtfertig verwendete Mühe in der Absicht, den Beifall eines von der Mode beherrschten Publikums zu gewinnen –‹«

»Das ist ›Sein letzter Schuß‹, zweite Ausgabe. Jahren Sie fort,«

»›– zu gewinnen, da gibt es nur ein Ende, – die Vergessenheit, welcher Duldung vorausgeht und die Verachtung folgt. Mr. Heldar muß noch beweisen, daß er dieser Gefahr nicht ausgesetzt ist.‹«

»Wau–wau–wau–wau!« rief Dick aus. »Es ist ein ungeschickter Schluß und gemeine Journalistik, aber es ist ganz wahr. Und dennoch,« dabei sprang er auf und griff nach dem Manuskripte, »Sie benarbter, liederlicher, abgenutzter alter Gladiator! Sie werden, wenn ein Krieg ausbricht, fortgeschickt, um den bestialischen Blutdurst des blinden, rohen britischen Publikums zu befriedigen. Man hat jetzt keine Arenas mehr, aber man muß Spezialkorrespondenten haben. Sie sind ein fetter Gladiator, der durch eine Fallthür heraufkommt und über das spricht, was er gesehen hat. Sie stehen genau auf demselben Niveau wie ein energischer Bischof, eine liebenswürdige Schauspielerin, ein verwüstender Cyklon, oder – mein eignes süßes Selbst. Und Sie nehmen sich heraus, mir über meine Arbeit eine Vorlesung zu halten! Nilghai, wenn es sich der Mühe verlohnte, würde ich Sie in vier Zeitschriften karikiren!«

Nilghai zuckte zusammen; daran hatte er nicht gedacht.

»Ich will dieses Zeug, wie es da ist, nehmen und es in kleine Stückchen zerreißen. – So!« Das Manuskript flog in Fetzen hinunter in das dunkle Treppenhaus. »Gehen Sie nach Hause, Nilghai,« fuhr Dick fort, »gehen Sie heim, in Ihr einsames kleines Bett und lassen Sie mich in Ruhe. Ich will mich bis morgen schlafen legen.«

»Wie, es ist noch nicht sieben!« rief Torpenhow erstaunt aus.

»Es soll zwei Uhr morgens sein, wenn es mir so beliebt,« erwiderte Dick, sich mit dem Rücken an die Atelierthür lehnend. »Ich habe mit einer ernsten Krisis zu ringen und bedarf keines Mittagessens.«

Die Thür flog zu und wurde abgeschlossen.

»Was kann man mit einem solchen Menschen anfangen?« bemerkte Nilghai.

»Ihn allein lassen. Er ist verrückt, wie ein Hutmacher.«

Um elf Uhr wurde an die Thüre des Ateliers geklopft.

»Ist der Nilghai noch bei Ihnen?« fragte eine Stimme im Zimmer, »Dann sagen Sie ihm, er hatte seinen ganzen langweiligen Unsinn in ein Epigramm zusammenfassen können: ›Nur der Freie ist gebunden, und nur der Gebundene ist frei.‹ Sagen Sie ihm, er wäre ein Idiot, Torp, und ich ein zweiter.«

»Sehr richtig. Kommen Sie heraus und verzehren Sie Ihr Nachtessen. Sie rauchen bei einem leeren Magen.«

Es erfolgte keine Antwort.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Mm nächsten Morgen fand Torpenhow Dick in die tiefste Ruhe des Tabakrauchens versunken.

»Nun, Sie Wahnsinniger, wie fühlen Sie sich?«

»Ich weiß es nicht, ich bin dabei, es herauszufinden«

»Sie thäten viel besser daran, etwas zu arbeiten.«

»Mag sein, aber ich habe keine Eile. Ich habe eine Entdeckung gemacht Torp, in meinem Kosmos ist zu viel » ego« vorhanden.«

»Wahrhaftig! Verdanken Sie diese Entdeckung meinen oder Nilghais Vorlesungen?«

»Sie kam plötzlich über mich, ganz von selbst Viel zu viel ego, und nun will ich mich an die Arbeit machen.«

Er drehte einige halb vollendete Skizzen um, zog eine neue Leinwand auf, reinigte drei Pinsel, ließ Binkie in die Zehen der Gliederpuppe beißen, rasselte durch seine Sammlung von Waffen und Ausrüstungsgegenständen und ging dann plötzlich aus, indem er erklärte, er hatte für den Tag genug gethan. »Das ist entschieden unanständig,« sagte Torpenhow, »und das erstemal, daß Dick jemals an einem hellen Morgen fortgegangen ist. Vielleicht hat er entdeckt, daß er eine Seele besitzt oder ein Künstlertemperament oder irgend etwas ebenso Wertvolles. Das kommt davon, wenn man ihn einen Monat lang sich selbst überläßt. Vielleicht ist er in Abendgesellschaften gewesen. Ich muß doch das herausbringen.« Er läutete dem kahlköpfigen, alten Haushälter, den nichts in Erstaunen versetzen oder beunruhigen konnte.

»Hat Mr. Heldar außer dem Hause gespeist, so lange ich fort war, Benton?«

»Niemals hat er in der ganzen Zeit seinen Gesellschaftsanzug herausgelegt, Herr. Meistens dinirte er hier, aber, zuweilen brachte er einige sehr elegant aussehende junge Herren nach dem Theater mit herauf. Auffallend elegant waren sie. Die Herren hier im obersten Stockwerk thun meistens, was ihnen beliebt, aber es scheint mir, Herr, daß, einen Spazierstock fünf Treppen hinunterfallen lassen und dann zu vieren neben einander hinuntergehen, um ihn wieder zu holen und um halb zwei Uhr morgens dabei zu singen: ›Bring den Whiskey zurück, Willie, mein Liebling!‹ – nicht ein- oder zweimal, sondern sehr häufig – gerade nicht viel Mitleid für die übrigen Mitbewohner zeigt. Was ich sagen wollte, ist: ›Was du nicht willst, das dir geschieht, das füg auch keinem andern zu.‹ Das ist mein Wahlspruch.«

»Natürlich, natürlich! Ich fürchte, das oberste Stockwerk ist nicht das ruhigste im Hause.«

»Ich beklage mich nicht, Herr. Ich habe freundlich mit Mr. Heldar gesprochen, doch er lachte und machte mir ein Bild von meiner Frau, das ebenso gut ist wie ein kolorirtes Gemälde. Es hat nicht den hellen Glanz einer Photographie, aber ich sage ›Einem geschenkten Gaul steht man nicht ins Maul‹ Mr. Heldar hat seit Wochen seine Gesellschaftskleider nicht angehabt.«

»Dann ist alles gut,« sagte sich Torpenhow »Orgien sind gesund, und Dick hat einen Kopf für sich, doch wenn es sich träfe, daß Weiber mit ihm liebäugeln, so bin ich meiner Sache doch nicht so gewiß.«

Dick hatte sich nördlich durch den Park gewendet aber im Gerste wanderte er mit Maisie auf den Schlammbänken. Er lachte laut auf, als er sich des Tages entsann, an dem er Amommas Hörner mit Papierkrausen geschmückt und Maisie, ganz blaß vor Zorn, ihn geknufft hatte. Wie lang erschienen diese Jahre, wenn er darauf zurückblickte, und wie eng war Maisie mit jeder Stunde derselben verknüpft! Sturm auf dem Meere und Maisie in einem grauen Kleide am Strande, sich ihr nasses Haar aus den Augen streichend und lachend über den Wettkampf der heimwärts fahrenden Fischersmaks; heißer Sonnenschein auf den Schlammbänken und Maisie ärgerlich schnüffelnd mit erhobenem Kinn; Maisie vor dem Winde fliegend, der über den Strand fegte und ihr den Sand wie Schrotkörner um die Ohren jagte; Maisie, sehr ernsthaft und sicher, Mrs. Jennet Lügen erzählend, während Dick sie mit gröberen Unwahrheiten unterstützte; Maisie, sorgfältig ihren Weg von Stein zu Stein suchend, mit einem Revolver in der Hand und zusammengebissenen Zähnen; und Maisie in einem grauen Kleide auf dem Grase zwischen der Mündung einer Kanone und einem nickenden Seemohn sitzend. Diese Bilder zogen eins nach dem andern bei ihm vorüber, doch das letzte verweilte am längsten. Dick war vollkommen glücklich in diesem ruhigen Frieden, der für sein Gemüt ebenso neu war wie fremd für seine Erfahrung. Es fiel ihm gar nicht ein, daß es auch noch andere Ansprüche an seine Zeit geben könnte, als vormittags durch den Park zu bummeln.

»Das ist wirklich gutes Licht zum Arbeiten,« sagte er, gemütlich seinen Schatten betrachtend. »Mancher arme Teufel müßte dankbar dafür sein. Doch da ist Maisie.«

Sie kam vom Marmorbogen aufs ihn zu, während er bemerkte, daß die Zierlichkeit ihres Ganges sich nicht geändert. Es war gut, sie noch als Maisie und gleichsam als seine nächste Nachbarin zu finden. Es fand keine Begrüßung zwischen ihnen statt, weil es in früheren Tagen auch nie geschehen war.

»Was thun Sie zu dieser Stunde außerhalb Ihres Ateliers?« fragte Dick wie jemand, der das Recht dazu hatte.

»Faulenzen. Geradezu faulenzen. Ich wurde ärgerlich über ein Kinn und kratzte es aus. Dann ließ ich es zwischen einem kleinen Haufen von gemalten Schnitzeln und ging fort.«

»Ich weiß, was mit dem Palettemesser arbeiten bedeutet. Was war es für ein Stück?«

»Ein Studienkopf, der nicht gelingen wollte – abscheuliches Ding!«

»Ich arbeite nicht gerne über eine ausgekratzte Malerei, wenn ich Fleisch male. Die Striche kommen wollig heraus, wenn die Farbe trocknet.«

»Nicht, wenn man sorgfältig auskratzt.« Maisie schwenkte mit der Hand, um ihre Methode deutlich zu machen. Auf der weißen Manschette befand sich ein Klex von Farbe.

Dick lachte.

»Sie sind noch ebenso unordentlich wie früher.«

»Das kommt wohl von Ihnen. Sehen Sie nur auf Ihre eigene Manschette!«

»Beim Himmel, ja! Es ist noch schlimmer als bei Ihnen. Ich glaube, wir haben uns in nichts viel geändert. Lassen Sie uns doch einmal sehen.« Er blickte prüfend auf Maisie. Der blasse blaue Nebel eines Herbsttages hing zwischen den Baumstämmen des Parkes und bildete einen Hintergrund für das graue Kleid, die Toque aus blauem Sammet auf dem schwarzen Haar und dem entschlossenen Profile.

»Nein, nichts hat sich geändert. Wie gut das ist! Entsinnen Sie sich noch, wie ich Ihr Haar in dem Bügel eines kleinen Handkoffers einklemmte?«

Maisie nickte, zwinkerte mit den Augen und wandte ihr Gesicht voll Dick zu.

»Warten Sie eine Minute,« sagte er. »Der Mund hat sich in den Ecken ein wenig heruntergezogen. Wer hat Ihnen Kummer bereitet, Maisie?«

»Niemand als wie ich selbst. Ich schien mit meiner Arbeit niemals vorwärts zu kommen, obschon ich es hart genug versuchte; auch sagte Kami –«

»› Continuez, mesdemoiselles! Continuez tou-jours, mes enfants!‹ Kami ist entmutigend. Ich bitte um Entschuldigung.«

»Ja, das sagt er immer. Er erzählte mir im letzten Sommer, daß es besser mit mir ginge und ließ mich in diesem Jahre etwas ausstellen.«

»Nicht hier, nicht wahr?«

»Natürlich nicht. Im Salon.«

»Sie fliegen hoch.«

»Ich habe lange genug mit meinen Flügeln angestoßen. Wo stellen Sie aus, Dick?«

»Ich stelle nicht aus, ich verkaufe.«

»Was ist denn Ihr Genre?«

»Haben Sie nicht davon gehört?« Dick riß die Augen auf. War das möglich? Er sann auf ein Mittel, sie zu überzeugen. Sie befanden sich nicht weit vom Marmorbogen. »Kommen Sie ein Stückchen die Oxfordstreet hinauf, so werde ich es Ihnen zeigen.« Ein kleiner Haufe von Leuten stand vor einem Bilderladen, den Dick gut kannte. »Da drinnen befindet sich eine Reproduktion von einer meiner Arbeiten,« sagte er mit verhaltenem Triumph. Niemals zuvor hatte ihm der Erfolg so süß geschmeckt. »Sie sehen die Art von Dingen, welche ich male. Gefällt es Ihnen?«

Maisie erblickte den wilden Wirbel einer Feldbatterie, die im Feuer in Aktion trat. Zwei Artilleristen standen hinter ihr in der Menge.

»Sie haben das eine Vorderpferd verloren,« sagte der eine zum andern. »Es ist schrecklich zerrissen, aber sie kommen mit den übrigen gut vorwärts. Der Vorderfahrer fährt besser als Du, Tom. Sieh, wie verständig er sein Pferd leitet!«

»Nummer drei wird beim nächsten Stoß vom Vorderwagen fallen,« lautete die Antwort.

»Nein, er wird es nicht. Sieh nur, wie er seine Füße gegen das Eisen anstemmt. Es ist alles in Ordnung.«

Dick beobachtete Maisies Gesicht; sein Herz schwoll vor Freude – ein schöner, allgemeiner Triumph. Sie interessirte sich mehr für die kleine Menge als für das Gemälde. Das war etwas, was sie verstehen konnte.

»Und ich brauchte es so nötig! O, ich brauchte es so sehr!« sagte sie schließlich leise.

»Ich – alles ich!« sagte Dick gelassen. »Sehen Sie ihre Gesichter an. Es packt sie; sie wissen nicht, was sie veranlaßt, Augen und Mund aufzusperren, aber ich weiß es. Und ich weiß, meine Arbeit ist gut.«

»Ja, ich sehe es. O, was ist es doch für eine schöne Sache, es zu etwas gebracht zu haben!«

»Es zu etwas gebracht zu haben, in der That! Ich mußte dafür hinausgehen und mich darnach umschauen. Was denken Sie davon?«

»Ich nenne es einen Erfolg. Erzählen Sie mir, wie Sie hinausgingen!«

Sie kehrten in den Park zurück, wo Dick, mit der ganzen Anmaßung eines jungen Mannes einer Frau gegenüber, von seinen Thaten erzählte, wobei anfänglich seine Ich – Ich – Ich durch seinen Bericht blitzten, wie die Telegraphenstangen bei einem Reisenden vorüberblitzen. Maisie hörte zu und nickte mit dem Kopfe. Die Geschichten von Kampf und Entbehrung bewegten sie nicht um eine Haaresbreite. Bei dem Ende einer jeden Episode schloß er: »Und das gab mir die Kenntnis von der Behandlung der Farbe,« oder des Lichtes, oder was immer es sonst gewesen sein mochte, was ihn veranlaßt hatte, seine Zwecke zu verfolgen und zu verstehen. Er führte sie atemlos durch die halbe Welt, zu ihr sprechend, wie er noch niemals in seinem ganzen Leben gesprochen hatte. In der Flut seiner Begeisterung kam das große Verlangen über ihn, dieses Mädchen zu gewinnen, das mit dem Kopf nickte und sagte: »Ich verstehe. Fahren Sie fort!« – es zu gewinnen und mit fortzunehmen, weil es Maisie war, weil es ihn verstand, weil es sein Recht und eine Frau war, nach welcher er vor allen Frauen verlangte.

Dann hörte er plötzlich auf zu erzählen und sagte: »So nahm ich alles, was ich brauchte, und mußte dafür kämpfen. Jetzt erzählen Sie.«

Maisies Bericht war beinahe so grau wie ihr Anzug. Er umfaßte Jahre voll geduldiger, mühsamer Arbeit, unterstützt durch einen rasenden Stolz, der durch nichts gebrochen werden konnte, weder durch das Lachen der Kunsthändler noch durch die ihre Arbeit verzögernden Nebel, während Kami sich unfreundlich und spöttisch zeigte und die Mädchen in anderen Ateliers nur gezwungen höflich waren. Es gab nur wenige lichte Punkte, wenn Gemälde von ihr in Provinzausstellungen angenommen worden; doch sie schloß mit der oft wiederholten Klage: »Sie sehen, Dick, daß ich keinen Erfolg hatte, obgleich ich so hart arbeitete.«

Da wurde Dick von Mitleid ergriffen. Ebenso hatte Maisie gesprochen, als sie den Wellenbrecher nicht treffen konnte, eine halbe Stunde, bevor er sie geküßt. Das war wie gestern geschehen. »Machen Sie sich nichts daraus,« sagte er. »Ich will Ihnen etwas sagen, wenn Sie es glauben wollen.« Die Worte hatten Bezug auf jenen Vorfall. »Das ganze Ding, Schloß, Schaft und Lauf, ist nicht so viel wert, als ein großer, gelber Seemohn unter dem Fort Kerling.«

Maisie errötete ein wenig. »Sie haben gut reden, denn Sie hatten Erfolg und ich nicht.«

»Lassen Sie mich sprechen; ich weiß, Sie werden mich verstehen. Teure Maisie, es klingt thöricht, aber diese zehn Jahre haben niemals existirt, und ich bin zurückgekehrt. Es ist wirklich genau dasselbe. Sehen Sie das ein? Sie sind nun allein, ebenso wie ich. Weshalb soll man sich quälen, was nützt das? Kommen Sie anstatt dessen zu mir, mein Liebling!«

Maisie stocherte mit ihrem Sonnenschirm in dem Kies. Sie saßen auf einer Bank. »Ich verstehe,« sagte sie leise. »Doch ich habe meine Arbeit zu verrichten, und ich muß es thun.«

»Dann thun Sie es mit mir, Teuerste. Ich will Sie nicht hindern.«

»Nein, ich könnte es nicht. Es ist meine Arbeit – meine – meine! Ich bin mein ganzes Leben hindurch für mich allein gewesen und will niemand angehören, außer mir selbst. Ich erinnere mich an alles ebenso gut wie Sie, aber das zählt nicht mit. Wir waren damals Kinder und wußten nicht, was vor uns lag. Seien Sie nicht selbstsüchtig, Dick. Ich glaube, ich sehe meinen Weg zu einem kleinen Erfolge im nächsten Jahre vor mir. Nehmen Sie mir denselben nicht!«

»Ich bitte um Verzeihung, mein Liebling. Es ist meine Schuld, daß ich so thöricht gesprochen habe. Ich kann nicht erwarten, daß Sie meinetwegen Ihr ganzes Leben hingeben. Ich will auf meinen Platz zurückkehren und noch ein wenig warten.«

»Aber, Dick, ich möchte Sie nicht gern aus meinem Leben entfernen, nun Sie gerade zurückgekommen sind.«

»Ich stehe ganz zu Ihrem Befehle, verzeihen Sie mir!« Dick verschlang das beunruhigte kleine Gesicht mit seinen Augen. Es lag in denselben ein Triumph, weil er nicht begreifen konnte, daß Maisie sich weigern würde, ihn früher oder später zu lieben, da er sie doch liebte.

»Es ist schlecht von mir,« sagte Maisie, noch langsamer als vorher, »es ist schlecht und selbstsüchtig, aber ach, ich bin immer so einsam gewesen! Nein, Sie mißverstehen mich! Nun ich Sie wiedergesehen habe – es ist thöricht, aber ich möchte Sie gern in meinem Leben haben.«

»Natürlich. Wir gehören zu einander.«

»O nein, aber Sie verstanden mich stets, und in meiner Arbeit gibt es so vieles, wobei Sie mir helfen könnten. Sie verstehen die Sachen und kennen die Mittel und Wege, sie auszuführen. Sie müssen.«

»Ich thue es, denke ich, oder ich kenne mich selbst nicht. Dann nehme ich also an, Sie wünschen, daß wir uns nicht wieder ans den Augen verlieren und ich Ihnen bei Ihrer Arbeit helfen möchte.«

»Ja, aber denken Sie daran, Dick, daß nichts weiter daraus folgen wird. Das ist es, weshalb ich mich für selbstsüchtig halte. Lassen Sie die Dinge bleiben, wie sie sind. Ich bedarf Ihrer Hilfe.«

»Sie sollen dieselbe haben. Doch lassen Sie uns darüber nachdenken. Ich muß zuerst Ihre Bilder sehen und Ihre Skizzen durchblättern, um Ihre Richtung herauszufinden. Sie sollten nur sehen, was die Blätter über meine Richtung sagen! Dann will ich Ihnen guten Rat erteilen und Sie werden dementsprechend malen. Ist es nicht das, Maisie?«

Schon wieder lag ein unheiliger Triumph in Dicks Augen.

»Es ist wirklich gut von Ihnen – viel zu gut. Weil Sie sich selbst über das trösten, was niemals geschehen wird, ich weiß es, und dennoch wünsche ich, Sie festzuhalten. Tadeln Sie mich später nicht deswegen, bitte.«

»Ich trete mit offenen Augen in die Sache ein. Ueberdies, die Königin kann niemals unrecht thun. Es ist nicht Ihre Selbstsucht, die mich berührt; es ist Ihre Kühnheit, mir vorzuschlagen, mich benützen zu wollen.«

»Puh! Sie sind nur Dick – und ein Bilderladen.«

»Sehr gut: das ist alles, was ich bin. Aber, Maisie, glauben Sie denn nicht, daß ich Sie liebe? Ich möchte nicht, daß Sie irgendwie falsche Begriffe über Brüder und Schwestern haben.«

Maisie blickte einen Moment auf und schlug dann ihre Augen nieder.

»Es ist Unsinn, aber – ich glaube es. Ich wollte, ich könnte Sie fortschicken, bevor Sie böse auf mich werden. Aber – aber das Mädchen, welches bei mir wohnt, ist rothaarig und sehr empfindlich, und alle unsere Ansichten sind verschieden.«

»Die unsrigen ebenfalls, denke ich. Das thut nichts. In drei Monaten, von heute an, werden wir zusammen über alles das lachen.«

Maisie schüttelte traurig den Kopf. »Ich wußte ja, Sie würden mich nicht verstehen; es wird Sie um so stärker treffen, wenn Sie es einsehen. Blicken Sie mir ins Gesicht, Dick, und sagen Sie mir, was Sie dort sehen!«

Sie standen auf und blickten einander einen Augenblick an. Der Nebel wurde dichter und dämpfte den Lärm von London jenseits der Einfriedung. Dick wandte seine ganze, so mühsam erlangte Kenntnis von Physiognomien an, um jene Augen, den Mund und das Kinn unter der schwarzsammetnen Toque zu betrachten.

»Es ist dieselbe Maisie, und ich bin ebenfalls derselbe,« sagte er. »Wir haben beide genau ebenso viel eigenen Willen, und bei einem oder dem andern von uns muß derselbe gebrochen werden. Jetzt aber wollen wir über die Zukunft sprechen. Ich muß dieser Tage zu Ihnen kommen und mir Ihre Bilder ansehen; ich setze voraus, wenn das rothaarige Mädchen zugegen ist.«

»Sonntags habe ich am besten Zeit, Sie müssen an den Sonntagen kommen. Es gibt so sehr viele Dinge, über die ich mit Ihnen sprechen und Sie um Rat fragen mochte. Jetzt muß ich aber nach Hause gehen und arbeiten.«

»Versuchen Sie, bis zum nächsten Sonntag herauszufinden, was ich bin,« sagte Dick. »Begnügen Sie sich nicht mit meinem Worte für irgend etwas, was ich Ihnen erzählt habe. Adieu, mein Liebling, gesegnet mögen Sie sein.«

Maisie eilte davon wie eine kleine graue Maus. Dick blickte ihr nach, bis sie ihm aus den Augen gekommen; aber er hörte nicht, wie sie ganz nüchtern zu sich sagte: »Ich bin eine Elende – eine abscheuliche, selbstsüchtige Elende. Aber es ist Dick, und Dick wird es verstehen.«

Noch niemand hat erklärt, was wirklich geschieht, wenn eine unwiderstehliche Gewalt mit einem unbeweglichen Pfosten zusammentrifft, obgleich manche tief darüber nachgedacht haben, gerade wie Dick. Er versuchte sich selbst die Versicherung zu geben, daß Maisie in wenigen Wochen, allein durch seine Anwesenheit, sich würde leiten und auf bessere Gedanken bringen lassen. Dann erinnerte er sich wieder viel zu deutlich an ihr Gesicht und alles, was auf demselben geschrieben stand.

»Wenn ich irgend etwas von Physiognomien verstehe,« sagte er, »so steht alles andere auf diesem Gesichte als Liebe. Ich werde das selbst hineinlegen müssen; und dieses Kinn und dieser Mund werden nicht umsonst gewonnen werden. Aber sie hat recht. Sie weiß, was sie braucht, und will es erreichen. Was für eine Unverschämtheit! Mich! Von allen Leuten auf der weiten Welt mich zu benützen! Aber es ist Maisie. Darüber ist nicht hinauszukommen, und es ist so gut, sie wiederzusehen. Diese Sache muß seit Jahren in meinem Kopfe geschlummert haben … Sie will mich benützen, wie ich Binal in Port Saïd benutzt habe. Sie hat ganz recht. Es ist etwas verletzend. Ich soll sie jeden Sonntag sehen wie ein junger Mensch, der einem Dienstmädchen den Hof macht. Sie ist ihrer Sache sicher; und dennoch – dieser Mund ist kein Mund, der sich ergibt. Ich werde sie jedesmal küssen wollen und muß dabei auf ihre Bilder sehen – und dabei weiß ich nicht einmal, was für ein Genre sie malt und soll über Kunst sprechen – Frauenkunst! Deshalb, im einzelnen und ewiglich, verdammt seien alle Arten von Kunst! Einmal brachte sie mich gut vorwärts, und nun ist sie mir im Wege Ich will nach Hause gehen und etwas Kunst machen.«

Auf halbem Wege nach seinem Atelier überkam ihn ein schrecklicher Gedanke. Die Gestalt einer allein lebenden Frau erhob sich vor ihm im Nebel.

»Sie ist ganz allein in London mit einem rothaarigen, empfänglichen Mädchen, das wahrscheinlich die Verdauung eines Straußes besitzt. Die meisten rothaarigen Leute haben eine solche. Maisie ist ein galliges kleines Ding. Sie werden essen wie einsame Frauen – Mahlzeiten zu allen Stunden und Thee bei allen Mahlzeiten. Ich entsinne mich, wie die Studenten in Paris sich gewöhnlich durchfütterten. Sie kann jede Minute krank werden, und ich würde nicht im stande sein, ihr zu helfen. Pfui! Das ist zehnmal schlimmer, als eine Frau haben!«

Als es schummerig wurde kam Torpenhow in Dicks Atelier und blickte ihn mit Augen voll strenger Liebe an, die zwischen Männern entsteht, welche zusammen an demselben Ruder gezogen haben und durch Gewohnheit, Gebrauch und die Vertraulichkeiten der Arbeit an einander gefesselt sind. Das ist eine wahre Liebe, die nicht stirbt, obschon sie Streit, Tadel und die größte Aufrichtigkeit gestattet und ermutigt, sondern zunimmt und probehaltig ist gegen Abwesenheit und schlechte Ausführung.

Dick verhielt sich schweigsam, nachdem er Torpenhow die gestopfte Beratungspfeife überreicht hatte. Er dachte an Maisie und deren wahrscheinliche Entbehrungen. Es war für ihn etwas Neues, an jemand anders als Torpenhow zu denken, der für sich selbst denken konnte. Hier war endlich ein Ausgang für jene Kassenbilanz. Er konnte Maisie reichlich mit Juwelen schmücken, – ein dickes goldnes Halsband um den kleinen Nacken, Armbänder um die gerundeten Arme und wertvolle Ringe an den Fingern dieser kühlen, ringlosen Hände, die er zwischen den seinigen gehalten hatte. Es war ein alberner Gedanke, denn Maisie würde ihm nicht einmal erlauben, ihr auch nur einen einzigen Ring an einen Finger zu stecken und über goldne Schmucksachen lachen. Es würde besser sein, mit ihr ruhig in der Dämmerung zu sitzen, mit seinem Arme um ihren Nacken und ihr Gesicht an seiner Schulter, wie es sich für Mann und Frau schickte. Torpenhows Stiefeln knarrten an jenem Abende, während seine starke Stimme schnarrte. Dicks Augenbrauen zogen sich zusammen und er murmelte ein böses Wort, weil er allen seinen Erfolg als ein Recht und eine Abschlagszahlung für frühere Entbehrungen in Empfang genommen hatte und nun im Kampfe von einer Frau aufgehalten wurde, die diesen Erfolg zugab und doch nicht sofort ihn liebte.

»Hören Sie, alter Herr,« begann Torpenhow, der zwei oder drei vergebliche Versuche zu einem Gespräche gemacht; »ich habe Sie doch nicht verletzt, durch irgend etwas, was ich letzthin gesagt, wie?«

»Sie! Nein. Wie könnten Sie?«

»Die Leber nicht in Ordnung?«

»Der wirklich gesunde Mensch weiß gar nicht, daß er eine Leber hat. Ich bin nur im allgemeinen ein wenig verstimmt und ermüdet durch verschiedene Dinge. Ich vermute, es ist meine Seele.«

»Der wirklich gesunde Mensch weiß gar nicht, daß er eine Seele hat. Was haben Sie mit dergleichen Luxusartikeln zu schaffen?«

»Es kam ganz von selbst. Wer ist der Mann, der sagt, daß wir alle Eilande wären, die sich gegenseitig Lügen zuriefen über Meere von Mißverständnissen?«

»Er hat recht, wer es auch sein möge – ausgenommen, was die Mißverständnisse anbelangt. Ich glaube nicht, daß wir einander mißverstehen können.«

Der blaue Rauch ringelte sich in Wolken von der Decke zurück. Torpenhow fragte eindringlich:

»Dick, ist es eine Frau?«

»Gehangen mögen Sie werden, wenn es etwas ist, das nur im entferntesten einer Frau gleicht; und wenn Sie so zu sprechen anfangen, werde ich mir ein Atelier aus roten Ziegelsteinen mieten mit weiß gemalter Verputzung und Begonien, blauen Hungarien zwischen Topfpalmen zu drei Schilling und sechs Pennys, auch werde ich alle meine Bilder in anilinfarbige Plüschrahmen einfassen lassen und jede Frau einladen, die kläfft, jammert und klagt über das, was, wie ihr Guidebuch ihr gesagt, Kunst ist, und Sie, Torp, sollen sie empfangen, – in einem schnupftabakbraunen Sammetrock mit gelben Hosen und einem orangenfarbigen Halstuche. Das wird Ihnen gefallen!«

»Zu dünn, Dick. Ein besserer Mann als Sie leugnete mit Fluchen und Schwören bei einer denkwürdigen Gelegenheit. Sie haben zu stark aufgetragen, gerade wie er es that. Es ist nicht meine Sache, natürlich, aber es ist erquickend, zu denken, daß irgendwo unter den Sternen eine fürchterliche Tracht Schläge für Sie aufbewahrt ist. Ob dieselbe vom Himmel oder von der Erde kommen wird, weiß ich nicht, aber es steht fest, daß sie kommen und Sie etwas zusammenrütteln wird. Sie haben es nötig, etwas durchgehämmert zu werden.«

Dick schauerte es. »Vortrefflich,« sagte er. »Wenn dieses Eiland zerbröckeln sollte, wird es Sie rufen.«

»Ich werde um die Ecke kommen und helfen, es noch etwas mehr zu zerbröckeln. Wir reden Unsinn, Kommen Sie mit in ein Theater.«

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Einige Wochen später kehrte Dick an einem nebeligen Sonntage durch den Park nach seinem Atelier zurück. »Das sind offenbar die Schläge, die Torp meinte,« sagte er »Sie treffen mich härter, als ich erwartete, aber die Königin kann nichts Unrechtes thun, auch hat sie wirklich einen Begriff vom Zeichnen.« Er kam gerade von einem sonntäglichen Besuche bei Maisie – stets unter den grünen Augen des rothaarigen, empfindsamen Mädchens, welches er auf den ersten Blick hassen gelernt – und wurde von einem starken Gefühl der Scham geprickelt. Sonntag auf Sonntag war er, in seinen besten Kleidern, nach dem häßlichen Hause nördlich vom Park hinüber gewandert, anfänglich, um Maisies Bilder anzusehen, und dann dieselben zu kritisiren und seinen Rat darüber zu erteilen, da er gefunden, daß sie Erzeugnisse waren, denen guter Rat nicht schaden könne. Sonntag auf Sonntag war er, wahrend seine Liebe bei jedem Besuche wuchs, genötigt gewesen, sein Herz zum Schweigen zu zwingen, wenn dasselbe ihn antrieb, Maisie zu küssen. Sonntag auf Sonntag hatte der Kopf über das Herz gesiegt und ihn gewarnt, daß Maisie noch nicht erreichbar sei, und daß es besser wäre, so zusammenhängend als möglich über die Mysterien der Zunft zu sprechen, die alles für sie waren. Daher war es sein Los, jede Woche in dem über dem schmutzigen Garten erbauten Atelier Folterqualen zu erdulden und Maisie zu beobachten, wie sie mit den Theetassen hin und her ging. Thee war ihm in hohem Grade zuwider, aber seitdem er es ihm möglich machte, etwas länger in ihrer Gegenwart zu verweilen, trank er ihn mit großer Andacht, während das rothaarige Mädchen in einer Ecke saß und ihn beobachtete, ohne ein Wort zu sprechen. Das Mädchen beobachtete ihn stets. Nur ein einzigesmal, als es das Atelier verlassen hatte, zeigte Maisie ihm ein Album, das einige armselige Ausschnitte aus Provinzialzeitungen enthielt, möglichst kurz gehaltene, eilige Notizen über einige von ihren Bildern, die sie nach auswärtigen Ausstellungen geschickt hatte. Dick bückte sich und küßte den mit Farbe beschmierten Daumen auf dem offenen Blatte. »O, meine Liebe, meine Liebe,« murmelte er, »sind diese Dinge wohl Ihrer würdig? Werfen Sie dieselben in den Papierkorb!«

»Nicht bevor ich etwas Besseres erhalte,« sagte Maisie, das Album schließend.

Darauf machte Dick, angetrieben durch Mangel an Respekt vor seinem Publikum und die tiefste Rücksicht für das Mädchen, den Vorschlag, er wollte ein Bild malen und Maisie sollte dasselbe unterzeichnen.

»Das ist kindisch,« entgegnete Maisie; »ich dachte das wirklich nicht von Ihnen. Es muß meine Arbeit sein, meine, meine!«

»Dann gehen Sie hin und zeichnen Sie Medaillons zur Ausschmückung von Häusern reicher Brauer. Dazu sind Sie durchaus befähigt.« Dick war elend und wild zu Mute.

»Bessere Sachen als Medaillons, Dick,« lautete die Antwort in einem Tone, der ihn an das furchtlose Sprechen des grauäugigen kleinen Wesens Mrs. Jennet gegenüber erinnerte. Dick hätte sich bis aufs äußerste gedemütigt, wenn nicht gerade das andere Mädchen hereingekommen wäre.

Am nächsten Sonntage legte er zu Maisies Füßen kleine Geschenke von Pinseln nieder, die fast von selbst malen konnten, sowie von Farben, an deren Dauerhaftigkeit er glaubte, und war übertrieben aufmerksam bei der Arbeit, die sie unter den Händen hatte. Dasselbe erforderte, unter anderen Dingen, eine Darlegung seiner innersten Ueberzeugung. Torpenhows Haar würde sich aufgerichtet haben, hätte er die Flut von Worten gehört, mit denen Dick sein eignes Evangelium über die Kunst predigte.

Dick wäre einen Monat früher ebenso erstaunt gewesen; aber es war Maisies Wille und Belieben, so daß er seine Worte zusammensuchte, um ihrem Begriffsvermögen alles das klar zu machen, was ihm selbst einst von den Geheimnissen der Arbeit verborgen gewesen. Es liegt nicht die mindeste Schwierigkeit in der Ausführung einer Sache, wenn man nur weiß, wie es gemacht wird; das schwierigste ist, einem seine Methode auseinanderzusetzen.

»Ich könnte das da ganz richtig machen, wenn ich einen Pinsel in der Hand hätte,« sagte Dick verzweiflungsvoll mit Rücksicht auf die Zeichnung eines Kinns, das, wie Maisie klagte, nicht gelingen wollte; »sieht aus wie Fleisch«, – es war dasselbe Kinn, das sie mit dem Palettemesser ausgekratzt hatte, – »aber ich hielte es fast für unmöglich, Sie zu unterweisen. In Ihrer Art zu malen, liegt ein seltsamer häßlicher, holländischer Strich, der mir aber gefällt; indes kommt es mir so vor, als ob Sie schwach im Zeichnen wären. Sie machen Verkürzungen, als ob Sie niemals ein Modell benützt hätten und haben Kamis weichliche Manier angenommen, das Fleisch im Schatten zu behandeln. Dann wieder malen Sie zu hart, ohne es selbst zu wissen. Ich glaube, Sie verwenden ihre Zeit zu viel auf Entwürfe. Oel ist die Hauptsache, oft reißen drei Quadratzoll von dem aufgetragenen, schimmernden Zeug in der Ecke eines Bildes ein schlechtes Ding heraus – ich weiß es. Es ist unmoralisch. Zeichnen Sie eine kurze Zeit lang nur Konturen, dann kann ich Ihnen mehr über Ihre Fähigkeiten sagen, wie der alte Kami zu sagen pflegte.«

Maisie protestirte; sie machte sich nichts daraus, nur Konturen zu zeichnen.

»Ich weiß,« sagte Dick, »Sie möchten gern Ihre Studienköpfe mit einem Bündel Blumen am Halse malen, um die schlechte Modellirung zu verbergen.« Das rothaarige Mädchen lachte ein wenig. »Sie möchten gern Landschaften mit Vieh malen, das knietief im Grase steht, um die schlechte Zeichnung zu vertuschen. Sie möchten überhaupt ein gut Teil mehr malen als Sie können. Sie haben Verständnis von Farbe, aber es fehlt Ihnen die Form. Farbenkenntnis ist eine Gabe, – legen Sie das beiseite und denken Sie nicht mehr daran – was jedoch die Form anbelangt, so können Sie darin herangebildet werden. Nun, alle Ihre Studienköpfe, – und einige davon sind recht gut – werden Sie genau auf dem Standpunkte zurückhalten, auf dem Sie sich jetzt befinden. Beim Zeichnen von Konturen müssen Sie entweder vor- oder rückwärts gehen, auch werden Sie alle Ihre Schwächen dabei zeigen.«

»Aber andere Leute –,« begann Maisie.

»Sie müssen nicht darauf sehen, was andere Leute thun. Wenn deren Seelen Ihre Seele wären, so würde es etwas anderes sein. Sie stehen und fallen durch Ihre eigne Arbeit, denken Sie daran, und es heißt wirklich Zeit verschwenden, bei diesem Kampfe an irgend etwas anderes zu denken.«

Dick machte eine Pause, während die so lange entschlossen unterdrückte Sehnsucht wieder in seine Augen zurückkehrte. Er sah Maisie an, und in seinem Blick lag die Frage so deutlich, als wenn er sie in Worten ausgedrückt hätte: wäre es nicht Zeit, diese öde Wildnis von Leinwand und Ratschlägen zu verlassen und sich die Hände mit Liebe fürs Leben zu reichen?

Maisie stimmte dem neuen Schulprogramm so anbetungswert zu, daß Dick sich nur mit Mühe zurückhalten konnte, sie zu nehmen und nach dem nächsten Standesamte zu tragen. Unbedingter Gehorsam gegen das ausgesprochene Wort und reine Gleichgiltigkeit für das unausgesprochene Verlangen verhöhnten und bekämpften seine Seele. Er besaß in jenem Hause Ansehen, – ein in der That auf einen halben Nachmittag von sieben Tagen beschränktes Ansehen, aber doch ein wirkliches, so lange es währte. Maisie hatte gelernt, sich in vielen Dingen an ihn zu wenden, von der geeignetsten Verpackung von Bildern bis zu dem Zustande eines rauchenden Kamins. Das rothaarige Mädchen fragte ihn niemals um Rat; andererseits nahm es sein Erscheinen ohne Widerspruch an und beobachtete ihn stets. Er entdeckte, daß die Mahlzeiten des Haushaltes unregelmäßig und mangelhaft seien; dieselben bestanden hauptsächlich in Thee, Pickles und Zwieback, wie er von Anfang an vermutet hatte. Die Mädchen ließen glauben, daß sie wöchentlich einkauften, aber sie lebten, mit Hilfe einer Arbeitsfrau, so unregelmäßig wie junge Raben. Maisie verwendete den größten Teil ihres Einkommens auf Modelle, während das andere Mädchen für Gerätschaften schwärmte, die so verfeinert waren wie seine eigne Arbeit rauh war. Mit der seiner Zeit von den Docks her teuer erkauften Erfahrung, warnte Dick Maisie, und sagte ihr, daß die Folge dieses halben Verhungerns darin bestehen würde, ihre Fähigkeit zur Arbeit zu lähmen, was bedeutend schlimmer als der Tod wäre. Maisie beherzigte diese Warnung und achtete nun mehr auf das, was sie aß und trank. Wenn seine Unruhe ihn überkam, was gewöhnlich während der langen Dämmerstunden im Winter der Fall war, so traf die Erinnerung an diesen kleinen Ort häuslicher Autorität, sowie an seine Arbeit mit einer Herdbürste in dem rauchenden Kamine des Wohnzimmers, Dick wie ein Peitschenhieb. Er sah ein, daß der Gedanke hieran der Gipfel seiner Leiden sei, bis das rothaarige Mädchen ihm eines Sonntags ankündigte, es wolle eine Studie von Dicks Kopf anfertigen, er möchte daher so gut sein, still zu sitzen und – gerade wie ein Hintergedanke – Maisie anblicken. Er saß auch, weil er es füglich nicht abschlagen konnte, und dachte eine halbe Stunde lang an alle die Leute, die er früher für seine künstlerischen Zwecke benutzt hatte; am deutlichsten erinnerte er sich Binals, – jenes Binals, der einst ein Künstler gewesen und immer von seiner Entartung sprach.

Es war weiter nichts als die rohe Skizze eines Kopfes, aber sie stellte die stumme Erwartung, die Sehnsucht und vor allem die hoffnungslose Knechtschaft des Mannes mit einem Anfluge von bitterem Spotte dar.

»Ich will die Skizze kaufen,« sagte Dick plötzlich, »zu jedem Preise, den Sie verlangen.«

»Mein Preis ist zu hoch, aber ich denke, Sie werden ebenso dankbar sein, wenn –« Die noch feuchte Skizze flatterte aus der Hand des Mädchens und fiel in die Asche des Ofens im Atelier; als sie dieselbe wieder aufhob, war sie hoffnungslos beschmutzt.

»O, sie ist ganz verdorben!« rief Maisie aus. »Ich habe sie nicht einmal gesehen. War sie ähnlich?«

»Ich danke Ihnen,« sagte Dick leise zu dem rothaarigen Mädchen und entfernte sich rasch.

»Wie dieser Mann mich haßt!« bemerkte das Mädchen. »Und wie er Sie liebt, Maisie!«

»Was für ein Unsinn! Ich weiß, Dick ist sehr vernarrt in mich, aber er hat seine Arbeit und ich habe die meinige.«

»Ja, er ist vernarrt in Sie, und ich denke, er weiß, es ist etwas an der Empfänglichkeit für Eindrücke, trotz alledem. Maisie, können Sie nicht sehen?«

»Sehen? Was sehen?«

»Nichts; nur weiß ich, daß, wenn ich einen Mann dahin bringen könnte, mich so anzusehen, wie dieser Mann Sie ansieht, ich würde – ich weiß nicht, was ich thun würde. Aber er haßt mich. O, wie er mich haßt!«

Sie hatte hierin doch nicht ganz recht. Dicks Haß wurde auf einige Augenblicke durch Dankbarkeit gemildert, und dann vergaß er das Mädchen vollständig. Nur das Gefühl der Scham blieb zurück und nahm zu, als er im Nebel durch den Park ging. »An einem dieser Tage wird eine Explosion stattfinden,« sagte er ingrimmig. »Aber es ist nicht Maisies Schuld; sie hat recht, ganz recht, soweit sie es versteht; ich kann sie nicht tadeln. Diese Sache dauert nun seit beinah drei Monaten. Drei Monate! – und mich hat es zehn Jahre des Herumziehens draußen gekostet, um die Kenntnis, den rohesten Begriff von meiner Arbeit zu erlangen. Das ist richtig, aber dann mußte ich mich nicht jeden Sonntag mit Stiften, Zeichenstiften und Palettmessern verwunden. O, mein kleiner Liebling, wenn ich Dich jemals bändige, wird jemand sehr schlechte Zeiten davon haben. Nein, sie wird nicht. Ich werde ein ebenso großer Thor ihretwegen sein, wie ich es jetzt bin. Ich werde an meinem Hochzeitstage das rothaarige Mädchen vergiften; – es ist schädlich, gefährlich – und nun will ich die gegenwärtigen schlechten Zeiten an Torp auslassen.«

Torpenhow hatte sich in letzter Zeit mehr als einmal bewogen gefühlt, Dick eine Vorlesung über die Sünde der Leichtfertigkeit zu halten, die Dick angehört, ohne ein Wort zu erwidern. In den Wochen zwischen den ersten Sonntagen seines Lehramtes, hatte er sich weislich an seine Arbeit gefügt, entschlossen, daß Maisie wenigstens die volle Ausdehnung seiner Fähigkeiten kennen lernen sollte. Dann hatte er Maisie gelehrt, daß sie nicht die mindeste Aufmerksamkeit anderen Arbeiten als den ihrigen schenken müsse, und Maisie hatte ihm nur allzu gut gehorcht. Sie befolgte seine Ratschläge, interessirte sich jedoch nicht für seine Bilder.

»Ihre Sachen riechen nach Tabak und Blut,« sagte sie einmal. »Können Sie denn nichts anderes malen als Soldaten?«

»Ich konnte einen Kopf von Dir malen, über den Du Dich verwundern würdest,« dachte Dick – das war, bevor das rothaarige Mädchen ihn unter die Guillotine gebracht hatte, – aber er erwiderte nur »es thut mir leid,« und quälte an jenem Abende Torpenhows Seele mit Blasphemien gegen die Kunst. Später, ganz unmerklich und gegen seinen Willen, hörte er auf, sich für seine eignen Arbeiten zu interessiren. Um Maisies willen und um der Selbstachtung zu schmeicheln, die er an jedem Sonntage verlor, wie es ihm schien, wollte er nicht wissentlich schlechtes Zeug hervorbringen, aber seitdem Maisie sich nicht einmal um seine besten Sachen bekümmerte, wäre es wirklich besser, nichts zu thun und die Zeit zwischen den Sonntagen mit Warten hinzubringen. Torpenhow war empört, als die Wochen so nutzlos verstrichen und griff ihn eines Sonntagabends an, als Dick sich aufs äußerste erschöpft fühlte nach einer dreistündigen Selbstbeherrschung in Maisies Gegenwart. Es war ein sehr erregtes Gespräch, worauf Torpenhow sich zurückzog, um sich mit Nilghai zu beraten, der hereingekommen war, um über kontinentale Politik zu sprechen.

»Vollständig müßig ist er? Sorglos und in seiner Gemütsstimmung beunruhigt?« fragte Nilghai.

»Es ist nicht der Mühe wert, sich darüber zu ängstigen. Dick spielt wahrscheinlich den Narren bei irgend einer Frau.« »Ist denn das nicht schlimm genug?«

»Nein, Sie mag ihn wohl aus seiner Thätigkeit reißen und seine Arbeit eine Zeit lang aushalten; sie kann auch eines Tages hieherkommen und ihm eine Scene auf dem Treppenflur machen; man weiß ja das niemals, aber so lange Dick nicht aus eigenem Antriebe davon spricht, thäten Sie besser, die Sache gar nicht zu berühren. Er ist kein leicht zu behandelnder Mensch.«

»Nein, ich wollte, er wäre es. Er ist ein so aggressiver, selbstbewußter Bursche!«

»Er wird das mit der Zeit schon ablegen. Er muß lernen, daß man nicht mit einer Büchse voll Farbenblasen und einem schmierigen Pinsel die Welt auf und nieder stürmen kann. Sind Sie vernarrt in ihn?«

»Ich würde jede Strafe auf mich nehmen, die ihm bevorsteht, wenn ich es könnte; aber das schlimmste dabei ist, daß kein Mensch seinen Bruder davor bewahren kann.«

»Nein, und noch schlimmer ist es, daß es in einem solchen Kriege nicht zum Abfeuern, zur Entdeckung kommt. Dick muß seine Lektion lernen, so gut wie jeder von uns. Um von Krieg zu sprechen, im Frühjahre werden Unruhen im Balkan stattfinden.«

»Diese Unruhen sollen schon lange kommen. Ich bin neugierig, ob wir Dick mit hinausbringen können, wenn sie eintreten?«

Bald darauf trat Dick ins Zimmer; die Frage wurde ihm vorgelegt. »Nicht gut genug für mich,« erwiderte er kurz. »Ich befinde mich zu behaglich, wo ich bin.«

»Sie werden doch all das Zeug in den Blättern nicht für Ernst nehmen?« sagte Nilghai. »In weniger als sechs Monaten sind Sie nicht mehr in der Mode, – das Publikum wird dann Ihre Manieren kennen und zu etwas Neuem übergehen; wo werden Sie dann sein?«

»Hier, in England.«

»Wenn Sie anständige Arbeit bei uns ausführen könnten? Unsinn! Ich werde dorthin gehen; Keneu, Torp, Cassavatti, eine ganze Menge von uns werden dort sein, und wir so viel zu thun haben, wie wir nur leisten können, mit unbegrenzter Gelegenheit zum Fechten und Dinge zu sehen, die den Ruf von drei Weretschagins begründen könnten.«

»Hm,« machte Dick, die Lippen aufwerfend.

»Sie ziehen vor, hier zu bleiben und sich einzubilden, daß die ganze Welt Ihre Bilder angafft? Denken Sie doch daran, wie voll von Havarien, bezüglich seiner Bestrebungen und Vergnügungen, das Leben eines Mannes ist. Wenn zwanzigtausend von ihnen die Zeit finden, zwischen ihren Mahlzeiten sich umzublicken und irgend etwas zu murmeln über eine Sache, so sind dieselben nicht im mindesten dabei interessirt; das reine Resultat heißt: Ruhm, Ansehen, Anerkennung, dem Geschmacke der Maßgebenden entsprechend.«

»Ich weiß das ebenso gut wie Sie. Geben Sie mir Kredit auf ein wenig Verstand?« »Ich will gehangen werden, wenn ich es thue!«

»Dann lassen Sie sich hängen; wahrscheinlich werden Sie es auch – als ein Spion, von wütenden Türken. O! Ich bin müde, todmüde, alle Kraft hat mich verlassen!« Dick ließ sich in einen Stuhl fallen und war nach einer Minute fest eingeschlafen. »Das ist ein böses Zeichen,« sagte Nilghai leise. Torpenhow nahm ihm die Pfeife aus der Rocktasche, welche dort zu brennen angefangen, und legte ihm ein Kissen unter den Kopf. »Wir können es nicht ändern,« sagte er. »Es ist eine gute, häßliche Art von Kopf; ich bin vernarrt in ihn. Da ist die Narbe von dem Schmiß, den er erhielt, als er in jenem Carré über den Kopf gehauen wurde.«

»Es sollte mich gar nicht wundern, wenn das ihn nicht etwas verrückt gemacht hätte.«

»Ich doch. Er ist ein sehr eifriger Verrückter.« Darauf fing Dick schrecklich zu schnarchen an.

»O, keine Zuneigung kann gegen dergleichen standhalten. Wachen Sie auf. Dick, und schlafen Sie anderswo, wenn Sie dabei einen solchen Lärm machen wollen.«

»Wenn ein Kater die ganze Nacht auf den Dächern sich herumgetrieben hat,« murmelte Nilghai in seinen Bart, »so schläft er gewöhnlich den Tag über. Das ist aus der Naturgeschichte.«

Dick stolperte, sich die Augen reibend und gähnend, hinaus. Während der Nacht fiel ihm eine so einfache wie glänzende Idee ein, daß er sich wunderte, weshalb er dieselbe nicht schon früher gehabt. Er wollte Maisie an einem Wochentage besuchen, einen Ausflug vorschlagen und sie auf der Eisenbahn nach Fort Keeling mitnehmen; nach demselben Platze, auf dem sie vor zehn Jahren umhergeschweift waren.

»Nach einer allgemeinen Regel,« sagte er sich am folgenden Morgen, »ist es nicht gut, eine alte Fährte zweimal zu kreuzen; die Dinge erinnern einen an die Vergangenheit, ein kalter Wind erhebt sich und man fühlt sich traurig; aber dieses ist eine Ausnahme von jeder Regel, die jemals bestand. Ich will sogleich zu Maisie gehen.«

Glücklicherweise war das rothaarige Mädchen ausgegangen, um Einkäufe zu machen, als er dort eintraf, wahrend Maisie, in einer mit Farbe bespritzten Bluse, im Kriege mit ihrer Leinwand lag. Sie war nicht sonderlich erfreut, ihn zu sehen, denn Besuche an Wochentagen waren gegen die Verabredung; er bedurfte daher seines ganzen Mutes, um seine Absicht zu erklären.

»Ich weiß, Sie arbeiten viel zu angestrengt,« schloß er mit einer Miene von Autorität. »Wenn Sie so weiter machen, werden Sie zusammenbrechen. Sie thäten wirklich viel besser daran, mitzukommen.«

»Wohin?« fragte Maisie ermüdet. Sie hatte zu lange vor ihrer Staffelei gestanden und war in der That erschöpft.

»Wohin es Ihnen beliebt. Wir wollen morgen früh irgend einen Zug nehmen und sehen, wo er anhält. Irgendwo werden wir frühstücken und abends bringe ich Sie wieder zurück.«

»Wenn es morgen gutes Licht zum Arbeiten ist, verliere ich einen Tag.« Maisie balancirte unentschlossen die schwere Palette aus weißem Nußbaum.

Dick unterdrückte einen Fluch, der ihm auf die Lippen kam. Er hatte noch nicht gelernt, mit dem Mädchen Geduld zu haben, für welches die Arbeit alles in allem war.

»Sie werden noch sehr viel mehr verlieren, meine Teure, wenn Sie jede Stunde Licht zum Arbeiten benützen. Sich überarbeiten ist nur mörderischer Müßiggang. Seien Sie nicht unverständig. Ich werde Sie morgen gleich nach dem Frühstück abholen.«

»Aber Sie werden doch sicherlich auch –«

»Nein, sicherlich nicht. Ich will Sie haben und niemand anders. Außerdem haßt sie mich gerade so sehr, wie ich sie hasse. Es wurde ihr gar nichts daran liegen, mitzukommen. Also, auf morgen, und beten Sie, daß wir Sonnenschein haben.« Dick ging entzückt von dannen und arbeitete infolge dessen nicht einen Strich. Er kämpfte mit dem heftigen Verlangen, einen Extrazug zu bestellen, begnügte sich indes damit, einen großen grauen Känguruhmantel zu kaufen, der mit glänzend schwarzem Marder gefüttert war, und ging dann nach Hause, um nachzudenken.

»Ich gehe morgen den ganzen Tag mit Dick aus,« sagte Maisie zu dem rothaarigen Mädchen, als dasselbe später, müde von seinen Einkäufen in Edgware Road, zurückkehrte.

»Er verdient es. Ich will, während Ihrer Abwesenheit, den Fußboden im Atelier gründlich scheuern lassen; er ist sehr schmutzig.«

Maisie hatte sich seit Monaten an keinem Feiertage erfreut und blickte der kleinen Erholung fröhlich entgegen, wenn auch nicht ganz ohne Besorgnis.

»Es gibt keinen angenehmeren Menschen als Dick, wenn er vernünftig spricht,« dachte sie, »aber ich bin überzeugt, er wird albern sein und mich quälen, während ich ihm doch nichts von dem sagen kann, was er gern hört. Wenn er vernünftig wäre, würde ich ihn viel lieber haben.«

Als Dick am nächsten Morgen erschien und Maisie in ihrem grauen Ulster und schwarzsammetnen Hütchen im Hausflur stehen sah, strahlten seine Augen vor Freude. Marmorpaläste, aber nicht schmutzige Imitationen aus geädertem Holze, waren sicherlich passender als Hintergrund für eine solche Gottheit. Das rothaarige Mädchen zog sie einen Augenblick ins Atelier und küßte sie eilig. Maisies Augenbrauen erhoben sich bis zum Rande der Stirn, sie waren gar nicht an dergleichen Zärtlichkeiten für einander gewöhnt. »Denken Sie an meinen Hut,« sagte sie davoneilend und die Stufen hinunterlaufend zu Dick, der bei dem Kabriolet stand und auf sie wartete.

»Sind Sie auch warm genug? Möchten Sie nicht gern noch etwas frühstücken? Legen Sie diesen Mantel über Ihre Kniee.«

»Ich fühle mich ganz behaglich, danke. Wohin gehen wir, Dick? O, hören Sie doch auf, so zu singen; die Leute werden uns für verrückt halten.« »Lassen Sie dieselben denken, was sie wollen, wenn es ihnen nur keinen Schaden thut. Sie wissen nicht, wer wir sind. Auf mein Wort, Maisie, Sie sehen reizend aus.«

Maisie blickte gerade aus vor sich hin und erwiderte nichts. Der Wind eines scharfen, klaren Wintermorgens hatte Farbe in ihre Wangen gebracht. Ueber ihnen wurden die crêmefarbigen Rauchwolken fortgetrieben, um einem hellblauen Himmel Platz zu machen, während einige unvorsichtige Spatzen sich von einem Wassertümpel erhoben und das Kommen des Frühlings mit viel Geschrei verkündigten.

»Es wird reizendes Wetter auf dem Lande sein,« bemerkte Dick.

»Aber wohin gehen wir denn?«

»Abwarten und dann sehen.«

Sie hielten bei der Viktoria-Station, wo Dick Billets nahm. Einen Augenblick dachte Maisie, die behaglich vor dem Kaminfeuer im Wartesaale saß, daß es doch viel angenehmer wäre, einen Mann nach dem Billetschalter zu schicken als sich selbst mit dem Ellenbogen durch die Menge Bahn zu machen. Dick führte sie in einen Pullmanwaggon – nur, weil es dort warm war, während sie diese Verschwendung mit ernstlich entrüsteten Augen betrachtete, als der Zug sich in Bewegung setzte.

»Ich möchte wissen, wohin wir gehen,« wiederholte sie zum zwanzigstenmale. Der Name einer ihr wohl erinnerlichen Station ertönte gegen das Ende der Fahrt, und Maisie war nun aufgeklärt. »O, Dick, Sie Abscheulicher!«

»Nun, ich glaubte, Sie würden diesen Platz gern einmal wiedersehen. Sie sind ja seit langer Zeit nicht hier gewesen, nicht wahr?«

»Nein, Es verlangte mich niemals darnach, Mrs. Jennet wieder zu sehen; und sie war das einzige, was ich hier gekannt.«

»Nicht ganz. Sehen Sie eine Minute aus dem Fenster. Dort steht die Windmühle über den Kartoffelfeldern, man hat da noch keine Villen gebaut; entsinnen Sie sich, wie ich Sie in der Mühle eingesperrt hatte?«

»Ja. Wie Mrs. Jannett Sie dafür geprügelt hat! Ich sagte ihr nie, daß Sie es gewesen wären.«

»Sie vermutete es. Ich klemmte einen Stock unter die Thür und sagte Ihnen, ich wollte Amomma lebendig in den Kartoffeln begraben, was Sie auch glaubten. In jenen Tagen waren Sie vertrauender Natur.«

Sie lachten und lehnten sich hinaus, um sich umzuschauen, alte Landmarken mit manchen Erinnerungen identifizirend. Dick richtete sein Auge auf die Rundung von Maisies Wange, die sich sehr nahe der seinigen befand, und beobachtete, wie das Blut unter der reinen Haut pulsirte. Er gratulirte sich selbst zu seiner List und sah voraus, daß der Abend ihm eine große Belohnung bringen würde.

Als der Zug hielt, gingen sie fort, um eine alte Stadt mit neuen Augen zu betrachten. Zuerst besahen sie, aber von einer gewissen Entfernung, das Haus von Mrs. Jannet.

»Nehmen Sie an, sie käme jetzt heraus; was würden Sie thun?« fragte Dick mit verstelltem Schrecken.

»Ich würde ihr ein Gesicht schneiden.«

»Laß sehen,« sagte Dick, in die Sprache ihrer Kindheit verfallend. Maisie schnitt ein Gesicht nach der kleinen Villa hin, worüber Dick laut lachte.

»Das ist schändlich,« sagte Maisie, die Stimme von Mrs. Jennet nachahmend. »Maisie, Du gehst sofort hinein und lernst das Altargebet, das Evangelium und die Epistel für die nächsten drei Sonntage. Nach allem, was ich Dich gelehrt habe, auch noch drei Dankgebete jeden Sonntag nach dem Essen! Dick verleitet Dich immer zu Unfug. Wenn Du kein Gentleman bist, Dick, so könntest Du doch wenigstens –«

Der Ausspruch endete plötzlich. Maisie erinnerte sich, wann er zum letztenmale angewendet wurde.

»– versuchen, Dich wie ein solcher zu benehmen,« fiel Dick rasch ein. »Ganz recht. Jetzt wollen wir einen kleinen Lunch zu uns nehmen, und dann nach Fort Keeling gehen – wenn Sie nicht lieber dahin fahren wollen?«

»Wir müssen zu Fuß gehen, schon aus Respekt für den Ort. Wie wenig hat alles sich hier geändert!«

Sie wanderten durch unveränderte Straßen nach der See zu, unter dem Einflusse aller dieser alten Gegenstände. Sie gingen bei dem Laden eines Konfektionsgeschäftes vorbei, das in jenen Tagen, als ihr vereinigtes Taschengeld wöchentlich einen Schilling betrug, hoch in ihrer Achtung stand.

»Dick, haben Sie einige Pfennige?« fragte Maisie, halb zu sich selbst.

»Nur drei, und wenn Sie glauben, Sie bekommen zwei davon, um sich Pfefferminzkuchen zu kaufen, so irren Sie sich. Sie sagt, Pfefferminzkuchen schicken sich nicht für Damen.«

Sie lachten wieder und Maisies Wangen färbten sich, während in Dicks Herzen das Blut kochte. Nach einem reichlichen Lunch gingen sie nach dem Strande und Fort Keeling hinunter über eine weite, vom Winde gepeitschte Landstrecke, die kein Baumeister für wert gehalten hatte zur Bebauung. Die Winterbrise kam von der See her und summte in ihren Ohren.

»Maisie,« sagte Dick. »Ihre Nase bekommt an der Spitze einen Anstrich von Preußisch-blau. Ich will mit Ihnen um die Wette laufen, soweit Sie wollen und um was es Ihnen beliebt.«

Sie blickte sich vorsichtig um und fing dann lachend an zu laufen, so rasch als der Ulster es gestattete, bis sie außer Atem war.

»Wir liefen gewöhnlich meilenweit,« keuchte sie. »Es ist dumm, daß wir jetzt nicht laufen können.«

»Das Alter, Teuerste. Das kommt davon, wenn man fett und weichlich in der Stadt wird. Wenn ich Sie an den Haaren reißen wollte, liefen Sie gewöhnlich drei Meilen weit, dabei so laut kreischend, wie Sie konnten. Ich möchte wohl wissen, ob Sie so kreischten, um Mrs. Fennet mit einem Rohrstocke herbeizurufen, damit sie –«

»Dick, ich habe Ihnen nie in meinem Leben absichtlich Prügel zugezogen.«

»Nein, natürlich thaten Sie das nicht. Lieber Himmel! Blicken Sie auf die See.«

»Weshalb, sie ist noch ebenso wie sonst!« sagte Maisie. –

Torpenhow hatte von Mr. Beeton herausgebracht, daß Dick, sauber angekleidet und rasirt, das Haus um halb acht Uhr morgens, mit einer Reisedecke über dem Arm, verlassen hatte. Nilghai rollte gegen Mittag ins Zimmer, um Schach zu spielen und sich über Politik zu unterhalten.

»Es ist schlimmer, als ich mir vorgestellt,« sagte Torpenhow.

»O, der ewige Dick, wie ich voraussetze! Sie kakeln über ihn, wie eine Henne mit einem einzigen Küken. Lassen Sie ihn doch dumme Streiche machen, wenn er meint, daß es ihn amüsiren wird. Sie können wohl einen jungen Hund durchpeitschen, aber nicht einen jungen Mann.«

»Es ist nicht eine Frau; es ist ein Mädchen.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Er stand auf und ging um acht Uhr morgens aus – stand mitten in der Nacht auf, beim Himmel! etwas, das er niemals thut, ausgenommen, wenn er im Dienst ist. Und auch dann mußten wir ihn aus seinen Decken herausklopfen, ehe das Gefecht bei El-Maghrib anfing, wie Sie sich erinnern werden. Es ist ekelhaft.« »Es sieht eigentümlich aus; aber vielleicht hat er sich entschlossen, endlich ein Pferd zu kaufen. Er kann ja auch deshalb so früh fortgegangen sein, nicht wahr?«

»So einen feurigen Satan kaufen! Er würde es uns gesagt haben, wenn ein Pferd im Spiele wäre. Es ist ein Mädchen.«

»Seien Sie dessen nicht so gewiß. Vielleicht ist es nur eine verheiratete Frau.«

»Dick hat etwas Sinn für Humor, wenn Sie auch keinen haben. Wer steht denn in der Dämmerung auf, um eines andern Mannes Weib zu besuchen? Es ist ein Mädchen.«

»Dann lassen Sie es doch ein Mädchen sein. Sie kann ihn lehren, daß es auch noch etwas anderes auf der Welt gibt außer ihm selbst.«

»Sie wird seine Hand verderben, seine Zeit verschwenden, ihn heiraten und für immer seine Arbeit ruiniren. Er wird ein respektabler, verheirateter Mann sein, bevor wir es verhindern können, und nie wieder am langen Tau gehen.«

»Alles ganz gut möglich, aber die Erde wird sich nicht anders drehen, wenn es geschieht… ha! ha! Ich gäbe etwas darum, Dick zu sehen, mit den Jungens auf die Freite gehend. Quälen Sie sich deswegen nicht. Diese Dinge stehen bei Allah, wir können dieselben nur beobachten. Holen Sie die Schachfiguren.«–

Das rothaarige Mädchen lag in seinem Zimmer und starrte auf die Decke desselben; seine Hände öffneten und schlossen sich von Zeit zu Zeit fast krampfhaft.

Die Taglöhnerin, die den Fußboden des Ateliers scheuern sollte, klopfte an ihre Thür: »Bitte um Verzeihung, Miß,« sagte sie, »zum Reinigen des Fußbodens gebraucht man zwei, wohl auch drei Sorten von Seife, eine gelbe, eine mit bunten Flecken und eine desinfizirende. Nun, gerade bevor ich meinen Eimer in den Flur stellte, dachte ich, es wäre vielleicht gut, wenn ich heraufkäme, um Sie zu fragen, welche Sorte von Seife Sie wünschten, um die Tische und Bretter abzuscheuern. Die gelbe Seife, Miß –«

In dieser Frage lag durchaus nichts, was den Wutausbruch hätte verursachen können, der das rothaarige Mädchen mitten ins Zimmer trieb und dasselbe veranlaßte fast zu schreien: »Glauben Sie etwa, daß ich mich darum kümmere, was Sie gebrauchen? Eine Sorte wird es wohl thun! – irgend eine Sorte!«

Die Frau eilte davon, während das rothaarige Mädchen einen Augenblick auf sein eignes Bild im Spiegel sah und dann sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Es war, als ob es ein verschämtes Geheimnis laut hinaus geschrieen hätte.