Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Das Meer hatte sich in der That nicht verändert. Das Wasser stand niedrig auf den Schlammbänken und die Glocken-Boje von Marazion klang und schwang sich in der Strömung der Ebbe. Auf dem weißen Sande am Strande zitterten und nickten sich vertrocknete Stiele von Seemohn einander zu.

»Ich sehe nicht den alten Wellenbrecher,« sagte Maisie. »Lassen Sie uns dankbar für das viele sein, was wir noch haben. Ich glaube nicht, daß man ein einziges neues Geschütz im Fort aufgestellt hat, seitdem wir hier waren. Kommen Sie, wir wollen nachsehen.«

Sie gelangten auf das Glacis von Fort Keeling und setzten sich in einem vor dem Winde geschützten Winkel unter der geleerten Mündung einer vierzigpfundigen Kanone.

»Wenn jetzt doch Amomma hier wäre!« rief Maisie aus.

Beide schwiegen längere Zeit; dann nahm Dick Maisies Hand und sprach ihren Namen aus.

Sie schüttelte den Kopf und blickte auf die See hinaus.

»Maisie, mein Liebling, macht es gar keinen Unterschied?«

»Nein!« erwiderte sie die Zähne zusammenbeißend. »Ich – ich würde es Ihnen sagen, wenn es der Fall wäre, aber das ist es nicht. O, Dick, ich bitte Sie, seien Sie vernünftig.«

»Glauben Sie nicht, daß es jemals geschehen wird?«

»Nein, ich bin fest überzeugt davon.«

»Weshalb?«

Maisie ließ ihr Kinn auf der Hand ruhen und sprach rasch, ihre Augen auf die See gerichtet:

»Ich weiß ganz genau, was Sie wünschen, aber ich kann es Ihnen nicht geben, Dick. Es ist nicht meine Schuld, wirklich nicht. Wenn ich fühlte, daß ich irgend jemand lieb haben konnte – aber das ist nicht der Fall. Ich verstehe einfach nicht, was ein solches Gefühl bedeutet.«

»Ist das wahr, Teuerste?«

»Sie sind so gut gegen mich gewesen, Dickie, und die einzige Möglichkeit, wie ich Ihnen dafür danken kann, ist, daß ich die Wahrheit spreche. Ich würde es nicht wagen, eine Lüge auszusprechen. Ich verachte mich selbst schon genug, daß es so ist.«

»Weswegen nur, um aller Welt willen?«

»Weil – weil ich alles von Ihnen annehme, was Sie mir geben, ohne Ihnen das geringste zurückzugeben. Es ist niedrig und selbstsüchtig von mir und quält mich, wenn ich daran denke.«

»Merken Sie sich ein für allemal, daß ich meine eigenen Angelegenheiten leiten kann, und wenn es mir gefällt, irgend etwas zu thun, so sind Sie deswegen nicht zu tadeln. Sie haben sich nicht das mindeste vorzuwerfen, Liebling.«

»Ja, ich habe es wohl; schon das Reden darüber macht es schlimmer.«

»Dann sprechen Sie doch nicht davon.«

»Wie kann ich es denn ändern? Sowie Sie mich eine Minute allein antreffen, sprechen Sie immer darüber, und ist das nicht der Fall, so liegt es in Ihren Mienen. Sie wissen gar nicht, wie sehr ich mich zuweilen verachte.«

»Großer Gott!« rief Dick aus, fast aufspringend. »Reden Sie jetzt die Wahrheit, Maisie, sollten Sie dieselbe auch nie wieder reden! Belästige ich Sie oder diese Quälerei?«

»Nein, durchaus nicht.«

»Wollen Sie mir es sagen, wenn es der Fall ist?«

»Ich glaube, daß ich es Sie wissen lassen würde.«

»Ich danke Ihnen. Die andere Sache ist verhängnisvoll. Aber Sie müssen lernen, einem Manne zu verzeihen, wenn er liebt; er ist dann stets lästig. Sie müssen das kennen gelernt haben?«

Maisie hielt diese letzte Frage nicht einer Antwort wert, so daß Dick genötigt war, dieselbe zu wiederholen.

»Natürlich gab es noch andere Männer. Sie plagten mich immer gerade dann, wenn ich mitten in meiner Arbeit war und zwangen mich, ihnen zuzuhören.«

»Hörten Sie zu?«

»Anfänglich wohl, doch sie konnten nicht begreifen, weshalb ich mich gar nicht um sie kümmerte. Gewöhnlich lobten sie meine Bilder, und ich glaubte, sie meinten es aufrichtig, so daß ich stolz auf ihr Lob wurde und es Kami erzählte, doch dieser – ich vergesse das niemals – lachte mich einmal aus.«

»Es gefällt Ihnen nicht besonders, ausgelacht zu werden, Maisie, nicht wahr?«

»Ich hasse es. Ich habe nie über andere Leute gelacht, außer – außer wenn sie schlechte Arbeit gemacht. Dick, sagen Sie mir ehrlich, was halten Sie von meinen Bildern im allgemeinen, von allen, die Sie gesehen haben?«

»Rechtschaffen, rechtschaffen, ganz rechtschaffen!« erwiderte Dick mit einem Stichworte aus früherer Zeit.

»Erzählen Sie mir, was Kami gesagt.«

Maisie zögerte. »Er – er sagte, es läge Gefühl in ihnen.«

»Wie können Sie mir nur eine solche Lüge erzählen? Denken Sie daran, daß ich zwei Jahre bei Kami gelernt habe. Ich weiß ganz genau, was er sagte.«

»Es ist keine Lüge.«

»Es ist noch schlimmer, es ist die halbe Wahrheit. Kami sagte, den Kopf auf eine Seite legend, – so – › Il y a du sentiment, mais n’y apas de parti pris.‹« Dabei schnarrte Dick das »r« so drohend heraus, wie Kami es zu thun pflegte.

»Ja, das hat er gesagt; ich fange an zu glauben, daß er recht hat.«

»Gewiß hat er das.« Dick fügte hinzu, daß zwei Leute auf der Welt weder unrecht handeln noch sprechen könnten. Kami sei der eine Mann.

»Und Sie sagen jetzt dasselbe. Es ist so entmutigend.«

»Es thut mir leid, aber Sie baten mich, die Wahrheit zu sagen. Außerdem liebe ich Sie viel zu sehr, um mir ein Urteil über Ihre Arbeit anzumaßen. Dieselbe ist tüchtig, mitunter fleißig – nicht immer, – zuweilen liegt auch Talent darin, doch kann man keinen besondern Grund herausfinden, weshalb sie überhaupt ausgeführt worden ist. Wenigstens ist es das, was ich dabei empfunden habe.«

»Es gibt für nichts einen besondern Grund, weshalb es je gemacht worden ist. Sie wissen das eben so gut wie ich. Ich brauche allein Erfolg.«

»Dann haben Sie den falschen Weg eingeschlagen, ihn zu erlangen. Hat Kami Ihnen das nie gesagt?«

»Reden Sie nicht von Kami zu mir; ich will wissen, was Sie denken. Meine Arbeit taugt nichts, um damit zu beginnen.«

»Das habe ich nicht gesagt, und denke es auch nicht.«

»Nun, dann ist es Dilettantenarbeit.«

»Das ist sie ganz bestimmt nicht. Sie sind ein fleißiges Mädchen, Liebling, durch und durch, und ich achte Sie deswegen sehr hoch.«

»Sie lachen nicht über mich hinter meinem Rücken?«

»Nein, meine Teure; Sie sehen, daß Sie mir mehr sind, als irgend sonst jemand. Nehmen Sie diesen Mantel um, oder Sie werden sich erkälten.«

Maisie hüllte sich in den sanften Marderpelz, das graue Känguruhfell nach außen wendend.

»Das ist köstlich,« sagte sie, ihr Kinn gedankenvoll an dem Pelzwerk reibend. »Nun? weshalb habe ich unrecht, wenn ich versuche, ein wenig Erfolg zu erreichen?«

»Gerade, weil Sie es versuchen. Verstehen Sie mich nicht, Liebling? Gute Arbeit hat nichts damit zu schaffen, – gehört nicht zu der Person, die sie ausführt. Das muß von außen kommen.«

»Aber wie wirkt das –«

»Warten Sie eine Minute. Alles, was wir thun können, ist, zu lernen, wie wir unser Werk ausführen müssen, die Meister unserer Stoffe zu sein, nicht die Diener, und uns nie vor etwas fürchten.«

»Das verstehe ich.«

»Alles übrige kommt von außen her. Wenn wir uns ruhig hinsetzen, um die Eindrücke auszuarbeiten, die wir empfangen, so können wir kaum etwas thun, was schlecht ist. Sehr viel hängt davon ab, die Steine und den Mörtel des Handwerks als Meister zu handhaben. Aber sowie wir dabei an den Erfolg und die Wirkung unsres Werkes zu denken beginnen – mit einem Auge nach der Galerie zu liebäugeln – verlieren wir Fähigkeit, Strich und alles übrige. Wenigstens habe ich es so gefunden. Anstatt ruhig zu sein und alles Talent, das man besitzt, auf die Arbeit zu verwenden, regt man sich über etwas auf, das man keinen Augenblick fördern noch verhindern kann. Sehen Sie das ein?«

»Für Sie ist es so leicht, in dieser Weise zu sprechen. Dem Publikum gefällt, was Sie malen. Denken Sie dabei niemals an die Galerie?«

»Viel zu oft, aber ich bin stets dafür durch den Verlust an Fähigkeit bestraft worden. Es ist das so einfach, wie die Regeldetri. Wenn wir unsere Arbeit zu leicht nehmen, indem wir dieselbe zu unseren Zwecken benützen, so wird unser Werk es auch leicht mit uns nehmen, und da wir die schwächeren sind, werden wir darunter zu leiden haben.«

»Ich habe meine Arbeit nie leichtsinnig aufgefaßt; Sie wissen, daß dieselbe alles für mich ist.«

»Natürlich; aber, ob Sie sich nun dessen bewußt sind oder nicht, Sie machen zwei Pinselstriche für sich selbst gegen einen für Ihr Werk. Es ist nicht Ihre Schuld, Liebling; ich thue genau dasselbe und weiß, daß ich es thue. Die meisten französischen Schulen, und sämtliche Schulen hier, halten die Schüler dazu an, um ihres eignen Kredits und ihres eigenen Stolzes willen zu arbeiten. Man sagte mir, alle Welt interessire sich für meine Arbeiten und lobte mich bei Kami, so daß ich ganz aufrichtig glaubte, die Welt bedürfe der Erhebung und der Beeinflussung, sowie aller Arten Unverschämtheiten durch meine Pinsel. Beim Himmel, ich glaubte das wirklich! Wenn mir mein schwacher Kopf zerbarst bei der Erkenntnis, daß ich nichts ausführen könne, weil es mir an hinreichender Kenntnis meines Handwerks fehlte, lief ich gewöhnlich umher, mich über meine eigene Herrlichkeit verwundernd und über meine Bereitwilligkeit, die Welt in Erstaunen zu versetzen.«

»Aber sicherlich kann man das zuweilen thun?«

»Sehr selten mit Ueberlegung, mein Liebling. Und wenn es geschieht, so ist es so ein winziges Ding, während die Welt so groß ist und doch nur ein millionster Teil derselben sich darum kümmert. Maisie, kommen Sie mit mir, ich will Ihnen etwas von der Größe der Welt zeigen. Man kann das Arbeiten ebenso wenig entbehren als das Essen, – das geht ganz von selbst, – aber man kann versuchen, einzusehen, für was man arbeitet. Ich kenne solche kleine himmlischen Plätze, wohin ich Sie mitnehmen könnte, – unter der Linie verstreute Eilande. Man erblickt sie, nachdem man sich wochenlang durch das Wasser gearbeitet hat, das so schwarz wie schwarzer Marmor ist, weil es eine solche Tiefe hat, während man vorn im Bug sitzt und die Sonne aufgehen sieht, die fast erschrocken ist über diese einsamen Meere.«

»Wer ist erschrocken? Sie, oder die Sonne?«

»Die Sonne, natürlich. Es gibt dort Geräusche unter dem Wasser und Töne oben in der Luft. Dann findet man die Insel belebt von feuchtheißen Orchideen, die gegen einen den Mund aufsperren und alles thun können, nur nicht sprechen. Da gibt es einen dreihundert Fuß hohen Wasserfall, gerade wie ein Vorhang aus grüner Seide mit Silber besetzt, während Millionen von Bienen oben in den Felsen leben; man hört, wie die fetten Kokosnüsse von den Palmen fallen, und befiehlt einem elfenbeinweißen Diener, eine lange gelbe Hängematte mit Quasten, wie reifer Mais, aufzuhängen, man streckt die Füße aus, hört die Bienen summen und das Wasser fallen, bis man einschläft.«

»Kann man dort arbeiten?«

»Gewiß. Man muß stets irgend etwas thun. Man hängt seine Leinwand an einem Palmenbaume auf und läßt die Papageien kritisiren. Wenn sie sich balgen, wirft man einen reifen Eiercrêmeapfel nach ihnen, der in einen Schaum von Crême zerplatzt. Es gibt dort Hunderte solcher Plätze. Kommen Sie mit und sehen Sie sich dieselben an.«

»Mir gefällt jener Platz durchaus nicht. Es klingt so träge. Erzählen Sie mir nun einem andern.«

»Wie denken Sie über eine große, rote, tote Stadt, ganz aus rotem Sandstein erbaut, zwischen dem rauhe grüne Aloë wachsen, verlassen auf honigfarbigem Sande liegend? Dort befinden sich vierzig tote Könige, Maisie, ein jeder in einem prächtigen Grabmale, eins immer schöner als das andere. Man blickt auf Paläste, Straßen, Läden und Zisternen, und denkt, daß Menschen dort leben müßten, bis man ein winziges graues Eichhörnchen sieht, das ganz allein seine Nase auf dem Marktplatze reibt, während ein wie Juwelen schimmernder Pfau aus einem geschnitzten Thorweg stolzirt und seinen Schwanz gegen ein marmornes Sieb ausbreitet, das so fein wie Spitzen durchbrochen ist. Dann wandert ein Affe, – ein kleiner schwarzer Affe – über den Hauptplatz, um aus einer vierzig Fuß tiefen Zisterne zu trinken; er gleitet an den Schlingpflanzen bis zum Wasserspiegel hinunter, während ein Freund ihn am Schwanze festhält, im Falle er hineinstürzen sollte.«

»Ist das alles wahr?«

»Ich bin dort gewesen und habe es gesehen. Der Abend kommt, das Licht wechselt, bis es gerade so ist, als ob man mitten in einem großen Opal stände. Etwas vor Sonnenuntergang, so pünktlich wie ein Uhrwerk, trabt ein großer, borstiger wilder Eber, gefolgt von seiner Familie, durch das Thor der Stadt, den Schaum von seinen Hauern schüttelnd. Man klettert auf die Schulter eines blinden Gottes aus schwarzem Stein und beobachtet, wie das Schwein sich einen Palast für die Nacht aussucht und, mit dem Schwanz wackelnd, hineintappt. Darauf erhebt sich der Nachtwind, der Sand bewegt sich und man hört die Wüste außerhalb der Stadt ertönen: ›Jetzt lege ich mich zum Schlafen nieder,‹ und alles ist finster, bis der Mond aufgeht. Teure Maisie, kommen Sie mit mir und sehen Sie, wie die Welt wirklich ist. Sie ist sehr lieblich und ist auch ebenso schrecklich – aber ich würde Sie nichts Schreckliches sehen lassen, – und weder Ihr noch mein Leben würde sich um Bilder oder sonst etwas kümmern, ausgenommen um unsere eigne Arbeit und unsere Liebe. Kommen Sie, ich werde Ihnen zeigen, wie man Sangaree braut und eine Hängematte aufschlingt, und – o, tausend andere Dinge; Sie werden dann selbst sehen, was Farben bedeuten, und wir werden zusammen erfahren, was Liebe bedeutet, dann wird es uns vielleicht vergönnt sein, gute Arbeiten zu machen. Kommen Sie mit!«

»Weshalb?« fragte Maisie.

»Wie können Sie etwas leisten, bevor Sie nicht alles gesehen haben, oder doch so viel als Ihnen möglich ist. Außerdem, mein Liebling, liebe ich Sie. Kommen Sie fort mit mir. Sie haben hier nichts zu schaffen, Sie gehöre» hier nicht her; Sie sind eine halbe Zigeunerin, – Ihr Gesicht sagt das; und ich – schon der Geruch des offenen, weiten Wassers macht mich ruhelos. Kommen Sie mit über das Meer und werden Sie glücklich!«

Er hatte sich erhoben und stand im Schatten der Kanone, während er auf das Mädchen herabsah. Der kurze Winternachmittag war verstrichen und der Wintermond wanderte über die ruhige See, bevor sie es wußten. Lange, regelmäßige Linien von Silber zeigten, wo ein Kräuseln der wachsenden Flut über die Schlammbänke lief. Der Wind hatte sich gelegt, in der vollständigen Stille konnten sie hören, wie ein Esel das gefrorene Gras, viele Ellen entfernt, abrupfte. Ein schwacher Schlag, wie der einer gedämpften Trommel, ertönte aus dem vom Monde beschienenen Nebel.

»Was ist das?« fragte Maisie rasch. »Es klingt wie Herzklopfen. Wo ist es?«

Dick war so zornig über diese plötzliche Unterbrechung seines Vortrags, daß er sich nicht getraute gleich zu sprechen, und hörte während dieses Schweigens ebenfalls den Ton. Maisie beobachtete ihn, von ihrem Sitze unter der Kanone aus, mit einer gewissen Furcht. Sie wünschte so sehr, daß er vernünftig sein und aufhören möchte, sie mit überseeischen Dingen zu quälen, die sie verstehen und auch wieder nicht verstehen konnte. Sie war indes auf den Wechsel in seinem Gesichte nicht vorbereitet, als er lauschte.

»Es ist ein Dampfer,« sagte er, »ein Zwillingsschraubendampfer, nach dem Schlage zu urteilen. Ich kann ihn nicht entdecken, doch muß er sehr nahe bei der Küste sich befinden. Ah!« rief er aus, als der rote Schein einer Rakete durch den Nebel zog, »er hält näher ans Land, um zu signalisiren, bevor er in den Kanal fährt.«

»Ist es ein Wrack?« fragte Maisie, für die diese Worte wie griechisch waren.

Dicks Augen waren auf die See gerichtet. »Ein Wrack! Was für ein Unsinn! Er meldet sich nur an. Eine rote Rakete vorwärts – jetzt ist ein grünes Licht hinten und zwei rote Raketen von der Kommandobrücke.«

»Was bedeutet das?«

»Es ist das Signal der Croß-Keys-Linie, die nach Australien fährt. Ich bin neugierig, welcher Dampfer es ist.«

Der Klang seiner Stimme war verändert; er schien mit sich selbst zu sprechen, was Maisie nicht besonders gefiel. Das Mondlicht brach einen Augenblick durch den Nebel, die schwarzen Seiten eines langen Dampfers streifend, der sich den Kanal hinunter arbeitete.

»Vier Masten und drei Schornsteine, – er hat viel Tiefgang; das muß der ›Barralong‹ oder der ›Bhutia‹ sein. Nein, der Bhutia hat einen Klipperbug, es ist der Barralong nach Australien. In einer Woche wird er das Kreuz des Südens über sich haben – glücklicher alter Kasten! – o, du glücklicher alter Kasten!«

Er starrte gespannt auf den Dampfer und ging die Böschung des Forts hinauf, um einen besseren Ausblick zu haben, doch verdichtete sich der Nebel auf der See wieder, wahrend der Schlag der Schraube schwächer wurde. Maisie rief ihm ärgerlich etwas zu, worauf er sich umwandte, die Augen noch immer seewärts gerichtet. »Haben Sie jemals das Kreuz des Südens über Ihrem Kopfe aufflammen sehen?« fragte er. »Es ist herrlich!«

»Nein!« erwiderte sie kurz, »und ich verlange auch gar nicht darnach. Wenn Sie dasselbe für so entzückend halten, weshalb gehen Sie denn nicht hin und betrachten es selbst?«

Sie lichtete ihr Gesicht aus der sanften Schwärze des Marderpelzes um ihren Hals empor, während ihre Augen wie Diamanten leuchteten. Das Mondlicht fiel auf den grauen Känguruhpelz und verwandelte denselben in gefrorenes Silber.

»Beim Himmel, Maisie, Sie sehen wie ein kleines heidnisches, hieher verschlagenes Idol aus.« Ihre Augen zeigten, daß ihr dieses Kompliment nicht besonders gefiel. »Es thut mir leid,« fuhr er fort. »Es ist nicht der Mühe wert, das Kreuz des Südens zu betrachten, wenn man niemand hat, der einem dabei hilft. Jener Dampfer ist außer Hörweite gekommen.«

»Dick,« sagte sie ruhig, »nehmen Sie an, ich wäre jetzt zu Ihnen gekommen – seien Sie eine Minute still – gerade wie ich bin, und hätte Sie lieb, gerade so viel, wie es wirklich der Fall ist.«

»Doch nicht etwa wie einen Bruder? Sie sagten damals im Park, das thäten Sie nicht.«

»Ich hatte niemals einen Bruder. Nehmen Sie an, ich sagte: Führen Sie mich zu jenen Plätzen und mit der Zeit könnte ich Sie vielleicht wirklich lieben, was würden Sie dann thun?«

»Sie in einem Kabriolet direkt dorthin schicken, woher Sie gekommen sind. Nein, das würde ich nicht thun, sondern Sie zu Fuß gehen lassen. Aber Sie würden es nicht thun können, Teure, und ich möchte nicht das Wagnis auf mich nehmen. Sie sind es wert, daß man wartet, bis Sie ohne Vorbehalt kommen können.«

»Glauben Sie das aufrichtig?«

»Ich habe eine unbestimmte Idee, daß ich es glaube. Ist es Ihnen nie in diesem Lichte erschienen?«

»O – ja. Ich komme mir deswegen so schlecht vor.«

»Schlechter als gewöhnlich?«

»Sie wissen gar nicht, was ich alles denke; es ist fast zu abscheulich, um es sagen zu können.«

»Denken Sie nicht daran. Sie versprachen mir ja, die Wahrheit zu sagen.« »Es ist so sehr undankbar von mir, aber – aber, obschon ich weiß, wie gern Sie mich haben und ich Sie sehr gern um mich habe, so – so würde ich Sie dennoch aufopfern, wenn ich dadurch erreichte, wonach ich verlange.«

»Mein armer kleiner Liebling! Ich kenne diesen Gemütszustand; derselbe führt zu keiner guten Arbeit.«

»Sie sind nicht böse? Bedenken Sie, daß ich mich selbst verabscheue.«

»Ich fühle mich nicht gerade besonders geschmeichelt – ich hatte wohl etwas mehr erwartet, – aber ich bin nicht böse. Ihretwegen thut es mir leid. Sie hätten vor Jahren eine solche Kleinlichkeit von sich abwerfen sollen.«

»Sie haben kein Recht, mich zu beschützen! Ich brauche nur das, wofür ich seit so langer Zeit gearbeitet habe. Sie erlangten es ohne viel Mühe, und – und ich glaube nicht, daß das ehrlich ist.«

»Was kann ich dabei thun? Ich würde zehn Jahre meines Lebens dafür hingeben, könnte ich Ihnen verschaffen, was Sie gebrauchen; aber ich kann Ihnen nicht helfen, durchaus nicht.«

Maisie murmelte einige widersprechende Worte.

Er fuhr fort: »Nach dem, was Sie mir soeben gesagt, weiß ich, daß Sie auf dem falschen Wege zum Erfolge sich befinden. Man erlangt denselben nicht, indem man andere Leute aufopfert – ich habe das häufig in mir unterdrückt; Sie müssen sich selbst aufopfern und unter strenger Aufsicht leben, niemals an sich selbst denken und nie wirkliche Befriedigung über Ihre Arbeit fühlen, ausgenommen im Augenblicke des Beginnens, nachdem Sie einen Gedanken erfaßt haben.«

»Wie können Sie alles das glauben?«

»Es ist gar nicht die Rede von glauben oder nicht glauben. Das ist das Gesetz und Sie müssen entweder dasselbe befolgen oder es von der Hand weisen, wie es Ihnen beliebt. Ich versuche, ihm zu gehorchen, aber ich kann es nicht, und dann wird unter den Händen meine Arbeit schlecht. Ich weiß, daß unter solchen Umständen vier Fünftel der Arbeiten eines jeden schlecht ausfallen müssen. Aber der Rest ist der Mühe wert, die man darauf verwendet hat.«

»Ist es denn nicht hübsch, auch für schlechte Arbeit Ruf zu erlangen?«

»Es ist viel zu hübsch. Aber – Darf ich Ihnen etwas erzählen? Es ist keine hübsche Erzählung, aber Sie sind in vieler Beziehung wie ein Mann, daß ich mich ganz vergesse, wenn ich mit Ihnen spreche.«

»Erzählen Sie.«

»Einst, als ich draußen im Sudan war, kam ich an eine Stelle, wo wir vor drei Tagen ein Gefecht gehabt; es lagen zwölfhundert Tote dort, da wir keine Zeit gehabt, sie zu begraben.«

»Wie gräßlich!«

»Ich war mit einer großen Skizze beschäftigt und neugierig, was die Leute zu Hause von derselben halten wurden. Der Anblick dieses Schlachtfeldes lehrte mich sehr viel; dasselbe glich genau einem Beete von schrecklichen Giftpilzen in allen Farben, und niemals hatte ich Menschen in solchen Massen zu ihrem Ursprunge zurückkehren gesehen. Da begriff ich, daß Männer und Weiber nur Material sind, mit welchem man arbeiten muß und alles, was dieselben sagten oder thaten, ohne jeden Belang sei, Sehen Sie das ein? Um mich genauer auszudrücken, so können Sie ebenso gut Ihr Ohr auf die Palette herniederbeugen, um zu hören, was Ihre Farben Ihnen sagen.«

»Dick, das ist abscheulich!«

»Warten Sie eine Minute. Ich sagte, um mich genauer auszudrücken: Unglücklicherweise muß ein jeder entweder ein Mann oder eine Frau sein.«

»Ich bin froh, daß Sie das wenigstens zugeben.«

»In Ihrem Falle thue ich es nicht. Sie sind keine Frau. Aber gewöhnliche Leute, Maisie, müssen sich als solche benehmen und arbeiten. Das macht mich eben so wild.«

Er schlenderte einen Kiesel ins Wasser, als er gesprochen.

»Ich weiß, daß es nicht meine Sache ist, mich um das zu kümmern, was die Leute sagen; ich kann einsehen, daß es meine Leistungen, meine Eigentümlichkeit verdirbt, wenn ich auf sie höre, und dennoch, – hol der Henker sie alle –,« ein zweiter Kiesel flog seewärts, »ich muß weiter, wenn ich auf den richtigen Weg gedrängt werde. Gerade wenn ich auf der Stirn eines Mannes sehen kann, daß er seine Lügen durch eine Menge schöner Redensarten verbirgt, so machen mich diese Lügen dennoch glücklich und spielen mir das Unheil in die Hand.«

»Und wenn der Mann keine schönen Redensarten macht?«

»Dann, meine Geliebte –« sagte Dick lächelnd, »vergesse ich, daß ich der Verwalter dieser Talente bin, und ich fühle das Verlangen, dem Manne die Liebe und Anerkennung für meine Arbeit mit einem dicken Stocke beizubringen. Es ist überhaupt zu demütigend; aber ich glaube, wenn jemand ein Engel wäre und malte menschliche Wesen ganz nach dem äußeren Eindrucke, so würde man im Strich verlieren, was man im Auffassen gewinnt.«

Maisie lachte bei der Idee, sich Dick als einen Engel vorzustellen.

»Sie scheinen demnach zu glauben,« sagte sie, »daß alles Angenehme, Hübsche Ihre Hand verdirbt.«

»O nein. Es ist die Regel, das Gesetz – gerade ebenso wie es bei Mrs. Jennet der Fall war. Alles, was niedlich ist, verdirbt Ihre Hand. Es freut mich, daß Sie das so klar sehen.«

»Ich liebe diese Ansicht nicht.«

»Auch ich nicht. Wenn man aber seine Aufträge erhalten hat, was kann man dann thun? Sind Sie stark genug, allein stand zu halten?«

»Ich denke, ich muß.«

»Lassen Sie mich Ihnen helfen, mein Liebling. Wir können einer den andern stützen und versuchen, geradeaus zu gehen. Wir werden schrecklich stolpern, aber es wird immer besser sein, als wenn jeder für sich allein strauchelt. Maisie, können Sie das Vernünftige davon nicht einsehen?«

»Ich glaube nicht, daß wir mit einander vorwärts gehen können. Wir würden zwei von demselben Geschäfte sein und niemals übereinstimmen.«

»Wie gern möchte ich den Mann antreffen, der dieses Sprichwort gemacht hat! Er lebte gewiß in einer Höhle und aß rohe Beeren. Ich würde ihn an den Spitzen seiner eignen Pfeile kauen lassen. Nun?«

»Ich würde mit Ihnen nur halb verheiratet sein. Ich würde mich wegen meiner Arbeiten quälen und plagen, gerade wie jetzt. Von sieben Tagen würde ich vier nicht dazu fähig sein.«

»Sie reden, als ob sonst kein Mensch auf der Welt gewöhnt sei, den Pinsel zu führen. Glauben Sie etwa, daß ich dieses Gefühl des Quälens und Aengstigens nicht kenne? Sie sind glücklich, wenn Sie dasselbe nur vier Tage von sieben haben. Was würde das für einen Unterschied machen?«

»Einen sehr großen, wenn Sie dieses Gefühl ebenfalls hätten.«

»Ja, aber ich würde es respektiren. Ein anderer thäte es vielleicht nicht; er würde Sie auslachen. Aber es hat ja gar keinen Zweck darüber zu sprechen; wenn Sie glauben, daß Sie in dieser Weise mich noch nicht lieben können.«

Die Flut hatte inzwischen die Schlammbänke beinahe vollständig bedeckt und zwanzig kleine Wellen brachen sich am Strande, bevor es Maisie beliebte zu sprechen. »Dick,« sagte sie langsam, »ich glaube wirklich, daß Sie viel besser sind als ich.«

»Das scheint sich nicht auf unsre Angelegenheit zu beziehen – aber was meinen Sie damit?«

»Ich weiß es nicht genau, doch jedenfalls besser in dem, was Sie über Arbeit und andere Dinge sagten; und dann sind Sie auch so geduldig. Ja, wirklich, Sie sind besser als ich.«

Dick vergegenwärtigte sich rasch das Traurige im Leben eines Mannes, der Schiffbruch mit seinen Hoffnungen gelitten, und erblickte nichts darin, was ihn mit einem Gefühle von Mut erfüllen konnte. Er hob den Saum des Mantels auf und führte ihn an seine Lippen.

»Wie können Sie Dinge sehen, die ich nicht sehen kann?« sagte Maisie, die so that, als ob sie nichts bemerkt hätte. »Ich glaube nicht, was Sie glauben; aber Sie haben recht, denke ich.«

»Wenn ich irgend etwas gesehen habe, so konnte ich es, weiß Gott, nur für Sie sehen, und es nur Ihnen allein sagen. Vor einer Minute schien Ihnen alles klar zu sein, doch ich handle nicht nach meinen Worten. Sie wollten mir helfen… Wir beide leben einsam in der Welt, und – und Sie möchten mich gern um sich haben?«

»Natürlich möchte ich das. Ich glaube kaum, daß Sie sich vorstellen können, wie schrecklich einsam ich bin.«

»Ich kann es wohl, mein Liebling.«

»Als ich vor zwei Jahren zuerst das kleine Haus bezog, wanderte ich gewöhnlich in dem Garten auf und nieder und versuchte zu weinen. Ich kann nie weinen. Können Sie es?«

»Es ist einige Zeit her, daß ich es versuchte. Was quälte Sie damals? Überanstrengung?«

»Ich weiß es nicht; aber ich träumte immer, daß ich zusammengebrochen wäre, kein Geld hätte und in London verhungern müsse. Ich mußte jeden Tag daran denken und fürchtete mich – o, wie sehr fürchtete ich mich!«

»Ich kenne diese Angst; es ist das schrecklichste von allem; zuweilen weckte sie mich in der Nacht auf. Sie brauchten indes dieselbe nicht kennen zu lernen.«

»Wie wissen Sie das?«

»Das ist einerlei! Sind Ihre dreihundert jährlich sicher?«

»Sie sind in Consols angelegt.«

»Sehr gut. Sollte jemand zu Ihnen kommen und Ihnen eine bessere Kapitalsanlage empfehlen – selbst wenn ich selbst es thäte – so hören Sie gar nicht darauf. Niemals legen Sie das Geld wo anders an und verborgen nie einen Pfennig davon, – selbst nicht dem rothaarigen Mädchen.«

»Zanken Sie nicht so mit mir! Ich bin nicht leicht so thöricht.«

»Die Erde ist voll von Männern, die ihre Seele für dreihundert Pfund jährlich verkaufen würden, während Weiber zu Ihnen kommen, schwatzen und hier eine Fünfpfundnote und dort eine Zehnpfundnote von Ihnen borgen; und eine Frau hat kein Gewissen für Geldschulden. Behalten Sie Ihr Geld für sich, Maisie, denn nichts ist schrecklicher auf der Welt, als arm zu sein in London. Es hat mich genug geängstigt. Beim Himmel, es jagte mir Furcht ein, und unsereins darf sich vor Nichts fürchten.«

Einem jeden Manne ist sein besonderer Schrecken bestimmt, ein Schrecken, der ihn bis zum Verlust seiner Mannhaftigkeit herunterdrückt, wenn er nicht gegen denselben ankämpft. Dicks Erfahrung rn Betreff des gemeinen Elendes aus Mangel war tief in sein Gemüt eingedrungen und, damit er nicht zu leicht übermütig werden möge, stand die Erinnerung daran hinter ihm, mit dem Versuche, ihn zu beschämen, wenn Käufer kamen, um seine Bilder zu erwerben. Wenn Nilghai wider seinen Willen zitterte beim Anblick des stillen grünen Wassers eines Sees oder eines Mühlteiches, wenn Torpenhow zurückbebte vor einem weißen Arme, der schlagen und stechen oder ihn für sein Zurückweichen strafen konnte, so fürchtete sich Dick vor der Armut, die er einmal halb aus Scherz gekostet hatte. Sein Schrecken war größer als der seiner Gefährtin.

Maisie beobachtete beim Mondschein sein bewegtes Gesicht. »Sie haben jetzt Geld genug,« sagte sie beruhigend.

»Ich werde nie genug bekommen,« begann er mit häßlichem Nachdruck. Dann fügte er lachend hinzu: »Ich werde immer um drei Pence in meiner Rechnung zu kurz kommen.«

»Weshalb um drei Pence?«

»Ich trug einmal den Reisesack eines Mannes von der Station Liverpool Street nach der Blackfriarsbrücke; es war ein Geschäft für einen Sixpence – Sie brauchen nicht zu lachen, es war wirklich so, und ich hatte das Geld verzweifelt nötig. Er gab mir nur drei Pence und war nicht einmal so anständig, dieselben in Silber zu bezahlen. So viel Geld ich auch verdienen mag, niemals werde ich jene drei Pence aus der Welt schaffen.«

Das war nicht die passende Sprache für einen Mann, der über die Heiligkeit der Arbeit gepredigt halte. Es verletzte Maisie, die es vorzog, ihre Bezahlung in Beifall zu erhalten, der die wahre Belohnung sein mußte, da alle Menschen ihn begehrten. Sie suchte ihre kleine Börse hervor und nahm ganz ernsthaft ein Dreipencestück heraus.

»Da ist es,« sagte sie. »Ich will Sie bezahlen, Dickie; quälen Sie sich nun nicht mehr deswegen, es ist nicht der Mühe wert. Sind Sie bezahlt?«

»Ich bin es,« erwiderte der menschliche Apostel der schönen Künste, das Geldstück annehmend. »Ich bin tausendfältig bezahlt und wir wollen jene Rechnung abschließen. Das Stück soll an meiner Uhrkette hängen; Sie sind ein Engel, Maisie.«

»Ich bin ganz steif und kalt geworden. Mein Mantel ist ganz weiß und Ihr Schnurrbart ebenfalls! Ich fühlte gar nicht, daß es so kalt sei.«

Ein leichter Frostreif hatte sich auf die Schultern von Dicks Ulster gelegt. Er hatte das Wetter ganz vergessen. Sie mußten beide lachen, und mit diesem Gelächter endigte jedes ernste Gespräch.

Sie liefen landeinwärts über die Ebene, um sich zu erwärmen, dann drehten sie sich um und blickten auf die Pracht der vollen Flut im Mondschein und die dichten schwarzen Schatten der Heckensträucher Es war eine neue Freude für Dick, daß Maisie gerade wie er die Farben sehen konnte, – das Blau in dem Weiß des Nebels, das Violet in den grauen Zaunpfählen und alles übrige, was sich dort befand – nicht von eurer einzigen Schattirung, sondern von tausend Farben. Der Mondschein erhellte Maisies Seele, so daß sie, die gewöhnlich so zurückhaltend war, über sich selbst und alles, was sie interessirte, plauderte, – von Kami, dem weisesten der Lehrer, und den Mädchen im Atelier, – von den Polen, die sich zu Tode arbeiten würden, wenn man sie nicht zurückhielte, von den Franzosen, die viel mehr schwatzten, als sie je ausführen würden, von den nachlässigen Engländern, die sich hoffnungslos abmühen und nicht begreifen können, daß Neigung nicht auch Talent mit sich bringt, von den Amerikanern, deren raspelnde Stimmen in der Stille eines heißen Nachmittags abgespannte Nerven zum Zerspringen bringen können und deren Nachtessen zu Indigestionen führt, von stürmischen Russen, die weder zu halten noch zu binden sind und den Mädchen Geistergeschichten erzählen, bis dieselben kreischen, von steifen Deutschen, die kommen, um eine einzige Sache zu lernen, und, sobald sie dieselbe bemeistert haben, ebenso steif wieder fortgehen und immerfort Gemälde kopiren. Dick hörte entzückt zu, weil es Maisie war, die erzählte. Er kannte dieses Leben von früher her.

»Es hat sich nicht viel geändert,« sagte er. »Stiehlt man noch immer Farben während der Frühstückszeit?«

»Nicht stehlen; ›anziehen‹ ist die Bezeichnung dafür. Natürlich thut man es. Ich bin brav – ich zog nur Ultramarin an mich; es sind aber Schüler dort, die Bleiweiß anziehen.«

»Ich habe es selbst gethan. Man kann es nicht ändern, wenn die Paletten aufgehangen sind. Jede Farbe ist Gemeingut, sobald sie herunterrinnt – obschon man sie auch häufig durch einen Tropfen Oel zum Rinnen bringt. Es lehrt die Leutchen ihre Farbenblasen nicht herumliegen zu lassen und verschwenderisch damit umzugehen.«

»Ich möchte gern einige von Ihren Farben, ›anziehen‹, Dick. Vielleicht erhielte ich mit denselben Ihre Erfolge.«

»Ich will kein böses Wort sagen, obschon ich es wohl möchte. Was in der Welt hat Erfolg oder Mangel an Erfolg zu bedeuten, verglichen mit – Nein, ich will diese Frage nicht mehr berühren. Es ist Zeit, nach der Stadt zurückzukehren.«

»Ich bin betrübt, Dick, aber –«

»Sie haben viel mehr Interesse dafür, als für mich.«

»Ich weiß es nicht, doch glaube ich es kaum.«

»Was geben Sie mir, wenn ich Ihnen ein sicheres Mittel für alles sage, dessen Sie bedürfen, – für die Störung, den Lärm, die Verwirrung und alles übrige? Wollen Sie versprechen mir zu gehorchen?«

»Natürlich.«

»Zuerst müssen Sie niemals eine Mahlzeit vergessen, weil Sie zufällig bei der Arbeit sind, Sie vergaßen in voriger Woche zweimal Ihr Frühstück,« sagte Dick aufs Geratewohl, denn er wußte, mit wem er es zu thun hatte.

»Nein, nein, – nur einmal, wirklich.«

»Das ist schon schlimm genug. Dann müssen Sie nicht eine Tasse Thee mit einem Zwieback anstatt eines regelrechten Mittagessens zu sich nehmen, weil Mittagessen zufällig eine Störung ist.«

»Sie machen sich über mich lustig.«

»Nie in meinem Leben war ich ernsthafter. O, meine Liebe, meine Liebe, ist es niemals in Ihnen aufgedämmert, was Sie mir sind? Hier ist die ganze Erde verschworen, Sie zu erstarren, oder über den Haufen zu rennen, oder Sie bis auf die Haut zu durchnässen, oder Sie um Ihr Geld zu betrügen, oder Sie sterben zu lassen an Ueberanstrengung und Mangel an Nahrung, während ich nicht das mindeste Recht habe, nach Ihnen zu sehen. Wie, ich weiß nicht einmal, ob Sie verständig genug sind, sich warm anzukleiden, wenn es kalt ist.«

»Dick, Sie sind der abscheulichste Mensch, mit dem man sprechen kann, – wirklich! Wie, glauben Sie denn, daß ich mich eingerichtet habe, als Sie fort waren?« »Ich war nicht hier, und ich wußte es nicht. Nun ich aber zurückgekehrt bin, würde ich alles, was ich habe, hingeben für das Recht, Ihnen befehlen zu können, Sie möchten herein kommen, wenn es draußen regnet.«

»Ihre Erfolge auch?«

Diesmal kostete es Dick ernstliche Ueberwindung, um einige böse Worte zu unterdrücken.

»Wie Mrs. Jennet zu sagen pflegte. Sie machen einem viele Sorgen, Maisie, Sie sind zu lange in den Schulen eingesperrt gewesen und denken, daß jedermann auf Sie blickt. Es gibt nicht zwölfhundert Personen in der ganzen Welt, die etwas von Bildern verstehen; die übrigen behaupten es, kümmern sich aber nicht darum. Bedenken Sie, ich habe zwölfhundert tote Männer auf einem Bette von Giftpilzen gesehen. Es ist nur die Stimme des allerkleinsten Teiles der Leute, die den Erfolg macht; die wirkliche Welt kümmert sich nicht einen Pfifferling darum. So viel ich weiß, hat jeder Mann auf der Welt seine eigene Maisie, um sich mit ihr herumzustreiten.

»Arme Maisie!

»Armer Dick, denke ich. Glauben Sie etwa, daß er Lust hat, ein Bild zu betrachten, während er für das kämpft, was ihm teurer ist als sein Leben? Und selbst wenn er es thäte und die ganze Welt es thäte und tausend Millionen Menschen erhöben sich und fangen Hymnen zu meiner Ehre und meinem Ruhme, würde das alles bei mir das Bewußtsein aufwiegen, daß Sie an einem Regentage ohne Schirm ausgingen, um in Edgware Road Einkäufe zu machen? Jetzt wollen wir nach der Station gehen.«

»Aber Sie sagten am Strande…« beharrte Maisie, nicht ganz ohne Furcht.

Dick stöhnte laut: »Ja, ich weiß, was ich sagte. Meine Arbeit ist für mich alles, was ich habe oder bin oder zu sein hoffe, und ich glaube, ich habe das Gesetz gelernt, das dieselbe regiert; aber es ist mir etwas Sinn für Scherz geblieben, – obschon Sie mir denselben so ziemlich ausgetrieben haben. Ich kann gerade sehen, daß es nicht Alles für die übrige Welt ist. Handeln Sie nach meinen Worten, nicht nach meinen Thaten.«

Maisie hütete sich, die fragliche Debatte wieder zu eröffnen, so daß sie ganz vergnügt nach London zurückkehrten. Die Endstation unterbrach Dick mitten in einer beredten Lobpreisung über die Schönheiten der Leibesbewegung. Er wollte Maisie ein Pferd kaufen – ein Pferd, wie noch niemals eines seinen Kopf nach dem Gebiß heruntergebeugt, – wollte dasselbe einstellen, mit noch einem zweiten zusammen, einige zwanzig Meilen von London entfernt, und Maisie sollte, nur ihrer Gesundheit wegen, zwei- oder dreimal in der Woche mit ihm ausreiten.

»Das ist abgeschmackt,« sagte sie. »Es würde sich nicht schicken.«

»Nun, wer in ganz London würde genügendes Interesse oder die Keckheit haben, uns beide aufzufordern, Rechenschaft von dem abzulegen, was uns zu thun beliebt.« Maisie blickte auf die Lampen, den Nebel und den häßlichen Tunnel. Dick hatte recht; aber Pferdefleisch paßte nicht zur Kunst, wie sie dieselbe verstand.

»Sie sind zuweilen wirklich sehr nett und artig, aber noch häufiger sehr närrisch. Ich werde Ihnen nicht erlauben, mir ein Pferd zu schenken oder Sie heute Abend mitnehmen; ich will allein nach Hause gehen. Nur etwas müssen Sie mir versprechen; Sie sollen nicht mehr an die Extra-Dreipence denken, nicht wahr? Denken Sie daran, daß Sie bezahlt worden sind; ich kann nicht zugeben, daß Sie wegen einer solchen Geringfügigkeit zornig sind und schlechte Arbeit machen. Sie können so Großes leisten, daß Sie nicht so kleinlich sein dürfen.«

Das hieß den Spieß mit einer kleinen Rache umdrehen. Es blieb Dick nichts übrig, als Maisie in ein Kabriolet zu heben.

»Leben Sie wohl,« sagte sie einfach. »Sie kommen doch am Sonntag? Es war ein schöner Tag, Dick. Weshalb kann es nicht immer so sein?«

»Weil die Liebe dem Konturenzeichnen gleicht; man muß entweder vorwärts oder zurück gehen, stillstehen kann man nicht. Beiläufig, fahren Sie fort mit Ihrem Konturenzeichnen. Gute Nacht und schonen Sie sich, meinet- und auch Ihretwegen.«

Er wandte sich um und ging nachdenklich nach Hause. Der Tag hatte ihm nichts gebracht von dem, was er gehofft, aber er hatte sich doch Maisie mehr genähert, und das war gewiß manchen Tag wert. Das Ende war jetzt nur noch eine Frage der Zeit und der Preis wohl des Wartens würdig. Ganz instinktmäßig war er nach dem Flusse hingewandert.

»Sie verstand mich sogleich,« sagte er, auf das Wasser hinblickend. »Sie fand auf der Stelle meine kleine Schwachheit heraus und bezahlte die Sache. Mein Gott, wie gut verstand sie mich! Sie sagte auch, ich wäre besser als sie. Besser als sie!« Er lachte über die Thorheit dieser Bemerkung. »Ich möchte wohl wissen, ob Mädchen nur die Hälfte von dem Leben eines Mannes ahnen. Sie können es nicht, – sonst würden sie uns nicht heiraten.« Er nahm Maisies Gabe aus der Tasche und betrachtete dieselbe wie ein Wunder und als ein Unterpfand in dem Sinne, daß es eines Tages ihn zu vollständiger Glückseligkeit führen wurde. Inzwischen war Maisie allein in London, ohne jeden Schutz vor Gefahren aller Art, die es in dieser übervölkerten Wildnis gab.

Dick betete zu dem Fatum nach Art der Heiden und warf das kleine Silberstück in den Strom. Wenn irgend ein Unglück eintreffen müsse, so möchte die Schwere desselben auf ihn fallen und Maisie verschont bleiben, da dieses Dreipencestück ihm das teuerste von allem war, was er besaß. Es war ja nur eine kleine Münze, aber Maisie hatte sie gegeben und die Themse sie jetzt empfangen, das Fatum würde sicherlich für diesmal bestochen sein.

Die Versenkung des Geldstückes ins Wasser schien für den Augenblick seine Gedanken von Maisie abzulenken. Er entfernte sich von der Brücke und ging pfeifend in seine Wohnung mit einem heftigen Verlangen nach Unterhaltung mit Männern und einer Pfeife Tabak, nach dieser seiner ersten Erfahrung, einen ganzen Tag mit einem weiblichen Wesen zuzubringen. Noch ein stärkeres Verlangen hatte sein Herz empfunden, als sich so unerwartet vor ihm die Vision des Barralong erhob, wie derselbe tief in die See tauchte und nach dem Kreuz des Südens segelte.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Torpenhow beschäftigte sich damit, die letzten Blätter eines Manuskripts zu paginiren, während Nilghai, der gekommen war, um Schach zu spielen, und blieb, um über Taktik zu sprechen, den ersten Teil desselben durchlas und ihn inzwischen zornig kommentirte.

»Es ist pittoresk genug und auch skizzenhaft,« sagte er, »aber als eine ernsthafte Betrachtung der Verhältnisse im östlichen Europa ist es nicht viel wert.«

»Jedenfalls ist es von meiner Hand… Siebenunddreißig, achtunddreißig, neununddreißig Blätter zusammen; sind es nicht so viel? Das wird zwischen elf bis zwölf Seiten wertvoller falscher Berichte geben. Hallo!« Torpenhow schob die Schreiberei zusammen und summte:

»Hab‘ Lämmlein feil, hab‘ Lämmlein feil,
Wär‘ Geld und Gut mein Erb‘ und Teil,
Ich riefe nimmer: Hab‘ Lämmlein feil!«

Dick trat selbstbewußt und ein wenig mißtrauisch ins Zimmer, aber in der besten Laune von der Welt. »Endlich zurück?« fragte Torpenhow.

»Mehr oder weniger. Was haben Sie gethan?«

»Gearbeitet. Dick, Sie führen sich auf, als ob die Bank von England hinter Ihnen stände. Sonntag, Montag, Dienstag sind Sie ausgegangen und haben nicht einen Strich gemacht. Es ist skandalös!«

»Die Einfälle, die Ideen kommen und gehen, – sie kommen und gehen wie unser Tabak,« antwortete er, seine Pfeife stopfend. »Außerdem,« er hielt an, um einen Span in den Rost zu stecken, »streicht Apollo nicht immer seine – O, hol der Henker Ihre plumpen Spässe, Nilghai!«

»Dies ist nicht der Ort, um über die Theorie direkter Inspiration zu predigen,« sagte Nilghai, Torpenhows großen Blasebalg, der an einem Nagel an der Wand hing, nehmend. »Wir glauben an Schusterpech. Da! – wo wollen Sie sich hinsetzen?«

»Wenn Sie nicht so groß und fett waren,« erwiderte Dick, sich nach einer Waffe umschauend, »so würde ich…«

»Keine halsbrecherischen Kunststücke in meinen Zimmern! Ihr beide habt jüngst mein halbes Meublement zerbrochen, als ihr euch mit Kissen warft. Sie könnten wohl so viel Anstand haben, zu Binkie: ›Wie befinden Sie sich?‹ zu sagen. Sehen Sie ihn nur an!«

Binkie war vom Sofa heruntergesprungen und schmeichelte sich an Dicks Kniee an, wahrend er dessen Stiefel kratzte.

»Lieber kleiner Kerl,« sagte Dickie, ihn aufhebend und auf den schwarzen Fleck über dem rechten Auge küssend. »That dir der Onkel etwas, Binks? Hat dich der abscheuliche Nilghai vom Sofa gedrängt? Beiß ihn, Mr. Binkie!« Er warf ihn Nilghai auf den Magen, da der große Mann bequem ausgestreckt lag und Binkie sich anstellte, als ob er Nilghai Zoll für Zoll zerreißen wollte, bis ein Sofakissen ihn niederhielt, und ihn veranlaßte, keuchend seine Zunge gegen die Gesellschaft auszustrecken.

»Der kleine Binkie unternahm heute morgen einen Spaziergang, bevor Sie aufgestanden waren, Torp. Ich sah ihn, wie er sich beim Metzger an der Ecke liebenswürdig machte, als die Fensterläden abgenommen wurden – gerade als ob er in seinem eigenen Hause nicht genug zu fressen bekäme,« sagte Dick.

»Binks, ist das ein wahrhafter Bericht?« fragte Torpenhow streng. Der kleine Hund zog sich unter das Sofakissen zurück und zeigte durch sein feistes weißes Hinterteil, daß ihn die weitere Unterhaltung in der That nicht interessirte.

»Da fällt mir ein, daß heute früh noch ein anderer tadelnswerter Hund ausging, um sich herumzutreiben,« sagte Nilghai. »Weshalb sind Sie so zeitig auf den Beinen gewesen? Torp erzählte mir, Sie hätten vielleicht ein Pferd kaufen wollen?«

»Er weiß doch, daß für ein so ernstes Geschäft drei von uns erforderlich wären. Nein, ich fühlte mich einsam und unglücklich, deshalb ging ich fort, um das Meer zu sehen und die hübschen absegelnden Schiffe zu beobachten.« »Wohin gingen Sie?«

»Irgendwohin an den Kanal; Proply oder Snigly oder sonst eine Pferdeschwemme war der Name; ich habe ihn vergessen, aber es war nur eine Fahrt von zwei Stunden von London und viele Schiffe kamen und gingen.«

»Sahen Sie ein bekanntes Fahrzeug?«

»Nur den ›Barralong‹, der auswärts nach Australien ging, und ein Getreideschiff aus Odessa, tief geladen. Es war ein nebeliger Tag, doch die See roch gut.«

»Weshalb zieht man denn seine besten Hosen an, um den Barralong zu sehen?« bemerkte Torpenhow spitzig.

»Weil ich keine anderen habe außer meinen Mallumpen. Dann wollte ich auch der See Ehre erweisen!«

»Machte die See Sie wieder ruhelos?« fragte Nilghai.

»Ganz verrückt. Sprechen Sie nicht davon. Es thut mir leid, daß ich hinging.«

Torpenhow und Nilghai tauschten einen Blick aus, als Dick sich bückte und sich mit des ersteren Stiefeln und Schuhen beschäftigte.

»Diese werden passen,« sagte er schließlich. »Ich kann gerade nicht behaupten, daß Sie viel Geschmack in Pantoffeln haben, doch ist die Hauptsache, daß sie passen.« Er schlüpfte in ein Paar niedriger Lederpantoffel und legte sich ausgestreckt auf eine Chaiselongue. »Das sind meine Lieblingsschuhe,« sagte Torpenhow, »ich wollte sie gerade selbst anziehen.«

»Alles nur Ihre verwerfliche Selbstsucht! Gerade wenn Sie sehen, daß ich mich eine Minute glücklich fühle, müssen Sie mich plagen und stören. Suchen Sie sich ein anderes Paar.«

»Es ist wirklich gut für Sie, Torp, daß Dick nicht Ihre Kleider tragen kann. Ihr beide lebt in Gütergemeinschaft,« sagte Nilghai.

»Dick hat nie etwas, das ich tragen kann. Er schmarotzert nur gewöhnlich.«

»Hol Sie der Henker, Sie haben wohl in meinen Kästen herumgestöbert?« entgegnete Dick. »Ich legte gestern einen Sovereign in den Tabakskasten. Wie können Sie erwarten, daß jemand seine Rechnungen in Ordnung hält, wenn Sie…«

Hier fing Nilghai zu lachen an und Torpenhow ebenfalls.

»Versteckte gestern einen Sovereign. Sie sind nicht von dieser Sorte von Finanziers. Sie liehen mir vor etwa einem Monat einen Fünfer. Entsinnen Sie sich?« sagte Torpenhow.

»Ja, natürlich.«

»Entsinnen Sie sich auch, daß ich Ihnen denselben nach zehn Tagen zurückzahlte und Sie ihn auf den Boden des Tabakskastens legten?«

»Beim Himmel, that ich das? Ich dachte, ich hätte ihn in einen von meinen Farbenkästen gelegt.«

»Sie dachten! Vor einer Woche ging ich in Ihr Atelier, um mir etwas Tabak zu nehmen, und fand ihn.«

»Was thaten Sie damit?«

»Ich nahm Nilghai mit in ein Theater und gab ihm zu essen.«

»Sie konnten Nilghai nicht satt füttern für zweimal so viel Geld – selbst nicht, wenn Sie ihm Armeeochsenfleisch gaben. Nun, ich denke, ich würde es früher oder später entdeckt haben.«

»Sie sind in vieler Hinsicht ein erstaunlicher Kuckuck,« bemerkte Nilghai, noch immer kichernd bei dem Gedanken an das Diner. »Machen Sie sich nichts daraus. Wir beide hatten schwer gearbeitet, und es war Ihr unverdientes Geld, das wir ausgaben, und da Sie nur ein Bummler sind, so machte es nichts aus.«

»Das ist wirklich ergötzlich – von jemand, der beinahe platzt von meiner Mahlzeit. Ich werde mir das Diner dieser Tage zurückgeben lassen. Wie wäre es, wenn wir jetzt in ein Theater gingen?«

»Unsere Stiefel anziehen, uns umkleiden und waschen?« sagte Nilghai faul.

»Ich ziehe meinen Antrag zurück.«

»Ich denke, daß wir – das heißt wir alle, um der Abwechslung willen – einer ergreifenden Abwechslung, wie Sie wissen – unsere Kohle und Leinwand zur Hand nehmen und unsere Arbeit fortsetzen.« Torpenhow sprach etwas spitzig, doch Dick bewegte nur seine Zehen in den weichen ledernen Pantoffeln.

»Was für ein gedankenloser Vogel ist das! Wenn ich eine unvollendete Figur unter der Hand hatte, so fehlte es mir an einem Modell; wenn ich mein Modell hatte, so besaß ich kein Geld dafür, und niemals ließ ich eine Kohlenzeichnung unfixirt über Nacht; und wenn ich mein Modell und Geld hätte und zwanzig Photographien von Hintergründen, so könnte ich heute abend doch nicht arbeiten. Ich fühle mich nicht dazu ausgelegt.«

»Binkie, mein Hündchen, er ist ein faules Schwein, nicht wahr?« sagte Nilghai.

»Nun gut, ich will etwas thun,« sagte Dick, rasch sich erhebend. »Ich will das Nungabungabuch holen und ein anderes Bild zu der Nilghaisage hinzufügen.«

»Haben Sie ihn nicht vielleicht etwas zu sehr gequält?« fragte Nilghai, als Dick das Zimmer verlassen hatte.

»Vielleicht, aber ich weiß, was er leisten kann, wenn er will. Es macht mich ganz rasend, wenn ich ihn loben höre für seine früheren Arbeiten, da ich weiß, was er thun könnte. Sie und ich sind dazu da, um…«

»Durch das Kismet und unsere eigenen Vollmachten, das übrige ist Mitleid. Ich habe viel darüber nachgedacht.«

»Auch ich, aber wir kennen jetzt unsere Grenzen. Ich bin ganz niedergeschlagen, wenn ich daran denke, was Dick sein könnte, wenn er sich ganz seiner Arbeit hingeben würde. Das ist es, was mich seinetwegen so böse macht.« »Und wenn alles gesagt und gethan ist, so werden Sie mit vollem Rechte – eines Mädchens wegen beiseite geschoben werden.«

»Ich bin neugierig darauf. Wo meinen Sie, daß er heute gewesen ist?«

»An der See. Bemerkten Sie nicht den Blick in seinen Augen, als er von ihr sprach? Er ist so ruhelos wie eine Schwalbe im Herbst.«

»Ja, aber ging er wohl allein?«

»Ich weiß es nicht, und es kümmert mich auch nicht, doch hat er den Anfang des Reisefiebers in sich. Er hat Abwechslung und Bewegung nötig, die Anzeichen davon sind gar nicht zu verkennen. Was er auch vorhin gesagt haben mag, er fühlt den Ruf in die Ferne jetzt in sich.«

»Es könnte seine Rettung sein,« bemerkte Torpenhow.

»Vielleicht – wenn Sie die Verantwortlichkeit übernehmen wollen, sein Retter zu werden; ich selbst bin nicht geneigt, mich mit Seelen zu befassen.«

Dick kehrte mit einem großen verschlossenen Skizzenbuche zurück, welches Nilghai gut kannte und keineswegs liebte. Dick hatte in dasselbe während seiner freien Zeit alle Arten von aufregenden Ereignissen gezeichnet, die er entweder selbst erfahren oder von anderen gehört hatte aus allen vier Ecken der Erde. Doch der weite Umfang von Nilghais Körper und Leben zogen ihn am meisten an. Wenn es ihm an der Wirklichkeit fehlte, so griff er auf die wildeste Dichtung zurück und stellte Ereignisse aus Nilghais Laufbahn dar, die unziemlich waren, seine Heiraten mit verschiedenen afrikanischen Prinzessinnen, seinen schamlosen Verrat von Truppencorps des Mahdi für arabische Weiber, seine Tätowirung durch geschickte Operateure in Birmah, seine Unterredung mit dem gelben Henker auf dem blutgetränkten Hinrichtungsplatze in Canton und schließlich den Uebergang seiner Seele in die Körper von Walfischen, Elefanten und Tukans. Torpenhow hatte von Zeit zu Zeit sich reimende Beschreibungen hinzugefügt, so daß das Ganze ein merkwürdiges Kunstwerk war, weil Dick behauptete, mit Rücksicht auf den Namen des Buches, der eigentlich »nackend« bedeutete, daß es unrecht wäre, Nilghai unter irgend welchen Umständen mit Kleidern zu zeichnen. Infolge dessen war die letzte Skizze, welche den vielgeprüften Mann darstellte, wie er beim Kriegsministerium seine Ansprüche auf die ägyptische Medaille geltend machte, kaum besonders zartfühlend. Dick setzte sich bequem an Torpenhows Tisch und wandte die einzelnen Seiten des Buches um.

»Was für ein Glück wären Sie für Blake gewesen, Nilghai!« sagte er. »In einigen von diesen Skizzen herrscht ein saftiges Blaßrot, das mehr als lebensähnlich ist. Nilghai während des Badens umringt von den Leuten des Mahdi, das beruhte auf einer Thatsache, wie?«

»Es war fast mein letztes Bad, Sie unehrerbietiger Sudler. Ist Binkie noch nicht in die Sage gekommen?«

»Nein; Binkie hat nichts gethan als essen und Katzen töten. Laßt uns weiter sehen. Hier sind Sie als Heiliger aus geflecktem Glase in einer Kirche. Verteufelt dekorative Linien Ihres anatomischen Baues; Sie müßten eigentlich dankbar sein, daß Sie in dieser Weise der Nachwelt überliefert werden. Nach fünfzig Jahren werden Sie noch existiren in seltenen und merkwürdigen Facsimiles, das Stück zu zehn Guineen. Was soll ich jetzt zeichnen? Das häusliche Leben des Nilghai?«

»Habe gar keins geführt.«

»Also dann das unhäusliche Leben des Nilghai. Natürlich! Massenversammlungen seiner Weiber in Trafalgar Square! Das ist es. Sie kamen von allen Enden der Erde, um Nilghais Hochzeit mit einer englischen Braut beizuwohnen. Das soll in Sepia gemalt werden. Es ist ein süßes Sujet für einen Maler.«

»Es ist eine skandalöse Zeitverschwendung,« bemerkte Torpenhow.

»Schelten Sie nicht; es erhält einem die Hand in der Uebung, besonders wenn man ohne Stift beginnt.« Dick machte sich rasch an die Arbeit. »Das ist Nelsons Säule. Sogleich wird Nilghai oben darauf erscheinen.«

»Geben Sie ihm diesmal wenigstens einige Kleider!«

»Gewiß – einen Schleier und einen Kranz aus Orangenblüten, weil er verheiratet ist.«

»Wahrhaftig, das ist wirklich geschickt,« sagte Torpenhow über die Schulter blickend, als Dick mit drei raschen Pinselstrichen einen sehr fetten Rucken und gewaltige Schultern auf das Papier warf, die sich an den Stein lehnten.

»Stellen Sie sich vor,« fuhr Dick fort, »wenn wir etwas von diesen lieben kleinen Dingern veröffentlichen könnten, jedesmal wenn Nilghai einen Mann, der schreiben kann, mietet, um dem Publikum eine ehrliche Meinung von meinen Bildern beizubringen.«

»Sie werden mir doch zugeben, daß ich es Ihnen stets mitteile, wenn ich etwas Derartiges gethan habe. Ich weiß, daß ich Sie nicht verarbeiten kann, wenn Sie es nötig haben, deshalb übertrage ich den Spaß einem andern. Zum Beispiel der junge Maclagan –«

»Nein – nur eine halbe Minute, alter Herr; strecken Sie Ihre Hand nach der dunklen Wandtapete aus – Sie brummen nur immer und schimpfen mich. Diese linke Schulter ist gar nicht zu zeichnen; ich muß buchstäblich einen Schleier darüber werfen. Wo ist mein Federmesser? Nun, was ist es mit Maclagan?«

»Ich gab ihm nur den Auftrag, Sie im allgemeinen zu prügeln, weil Sie kein Werk geschaffen, das für immer dauern wird.«

»Worauf dieser junge Narr« – Dick bog den Kopf zurück und schloß ein Auge, als er das Blatt unter seiner Hand etwas änderte – »alleingelassen mit einem Tintenfaß und dem, was er für seine eigenen Gedanken hielt, beides in den Zeitungen über mich ausschüttete. Sie hätten wohl einen erwachsenen Menschen für das Geschäft engagiren können, Nilghai. Wie sieht der Brautschleier jetzt aus, Torp?«

»Wie, zum Henker, können drei Kleckse und zwei Ritze den Stoff so vom Körper abhalten, wie es der Fall ist?« sagte Torpenhow, für den Dicks Methoden stets neu waren.

»Es hängt nur davon ab, wohin man sie macht. Wenn Maclagan das bei seinem Geschäfte gewußt hätte, so würde er es wohl besser ausgeführt haben.«

»Weshalb wenden Sie denn diese verdammten Kleckse nicht bei etwas an, das von Dauer sein wird?« sagte Nilghai dringend, der wirklich viel Mühe und Verdruß gehabt hatte, als er zu Dicks Bestem die Feder eines jungen Mannes gemietet, der den größten Teil seiner Zeit einer eifrigen Betrachtung der Zwecke und Ziele der Kunst widmete, die, wie er schrieb, ein und unteilbar sei.

»Warten Sie eine Minute, bis ich sehe, wie ich meine Prozession von Weibern arrangiren muß. Sie scheinen sehr ausgedehnt geheiratet zu haben, und ich muß sie roh skizziren mit Bleistift – Mederinnen, Partherinnen, Edomiterinnen. – Nun, ich setze die Schwäche, Gottlosigkeit und Keckheit, eine Arbeit zu versuchen, die leben wird, wie man sagt, beiseite und bin zufrieden mit dem Bewußtsein, daß ich heute mein Bestes gethan habe; Aehnliches werde ich nicht wieder machen, in den nächsten Stunden wenigstens nicht, wahrscheinlich für Jahre nicht, höchst wahrscheinlich niemals.«

»Was! Haben Sie einen Stoff vorrätig für Ihr bestes Werk?« fragte Torpenhow.

»Haben Sie etwas verkauft?« sagte Nilghai.

»O nein. Es ist nicht hier und auch nicht verkauft; besser als das: es kann gar nicht verkauft werden, und ich glaube nicht, daß irgend jemand weiß, wo es ist… Immer noch mehr Weiber auf der Nordseite des Squares. Bemerken Sie das tugendhafte Entsetzen des Löwen?«

»Sie könnten uns wohl eine Erklärung geben,« sagte Torpenhow, worauf Dick den Kopf von dem Papier aufhob.

»Die See rief es in mein Gedächtnis zurück,« sagte er langsam. »Ich wünschte, sie hätte es nicht gethan. Es wiegt einige tausend Tonnen – wenn man es nicht mit einem scharfen Meißel herausschneidet.«

»Seien Sie nicht so blödsinnig. Sie können uns gegenüber keine Pose annehmen,« sagte Nilghai.

»Bei der ganzen Sache ist durchaus von keiner Pose die Rede. Es ist ein Faktum. Ich fuhr von Lima nach Auckland in einem großen, alten Passagierschiffe, das für untauglich erklärt und in ein Frachtschiff umgeändert worden war; es gehörte einer italienischen Firma zweiten Ranges. Es war ein hinfälliger Kasten. Wir waren auf fünfzehn Tonnen Kohlen täglich reduzirt worden und schätzten uns glücklich, wenn wir es bis auf sieben Knoten in der Stunde brachten. Dann stoppten wir gewöhnlich, ließen die Zapfenlager sich abkühlen und waren neugierig, ob der Sprung in der Welle größer geworden?«

»Waren Sie in jener Zeit Steward oder Heizer?«

»Ich war damals sehr verschwenderisch, deshalb reiste ich als Passagier, sonst, denke ich, wäre ich wohl Steward gewesen,« erwiderte Dick ganz ernsthaft, sich wieder mit der Prozession der Weiber beschäftigend, »Ich war der einzige Passagier von Lima, das Schiff hatte nur halbe Ladung und war voll von Ratten, Kakerlaken und Skorpionen.«

»Aber was hat denn das mit dem Bilde zu thun?«

»Warten Sie nur eine Minute. Der Dampfer war früher bei dem Handel in China beschäftigt gewesen, so daß im Zwischendeck Abteilungen für zweitausend Schweine angebracht waren. Diese waren geblieben, doch das Schiff leer, während das Licht durch die Seitenluken einfiel – ein sehr lästiges Licht, um dabei zu arbeiten, bis man sich daran gewohnt hatte. Ich war wochenlang ganz unbeschäftigt. Die Schiffskarten waren zerrissen, und unser Schiffer wagte es nicht, südlich zu segeln, aus Furcht, in einen Sturm zu geraten. So begnügte er sich damit, sämtliche Gesellschaftsinseln, eine nach der andern, anzulaufen, während ich ins Zwischendeck hinunterstieg und bei einer Schiffsluke, möglichst weit nach vorn, an meinem Bilde arbeitete. An Bord befand sich etwas braune und grüne Farbe, mit der man die Boote anstrich, sowie auch schwarze Farbe für das Eisenzeug; das war alles, was ich hatte.«

»Die Passagiere müssen Sie für verrückt gehalten haben.«

»Es war nur ein einziger an Bord, und der war eine Frau, doch gab diese mir die Idee zu meinem Bilde.«

»Wie sah sie aus?« fragte Torpenhow.

»Sie war eine Art von Negerjüdin aus Kuba mit moralischen Heiratsgedanken. Sie konnte weder lesen noch schreiben und hatte es auch nicht nötig; gewöhnlich kam sie herunter und sah mir beim Malen zu, obschon es dem Schiffer nicht besonders gefiel, weil er ihre Ueberfahrt bezahlt hatte und meistens auf der Kommandobrücke sein mußte.«

»Ich verstehe. Das muß lustig gewesen sein.«

»Es war die beste Zeit, die ich je erlebt. Erstens wußten wir nicht, ob wir hinauf oder hinunter gehen sollten, wenn die See unruhig war; wenn Windstille herrschte, war es ein Paradies, die Frau mischte gewöhnlich die Farben und sprach gebrochen englisch, während der Schiffer sich alle Minuten nach dem Zwischendeck hinunterschlich, weil er behauptete, er befürchte, daß Feuer entstehen könnte. Wir konnten daher niemals sicher sein, nicht erwischt zu werden: doch hatte ich ein glänzendes Sujet, das ich nur in drei Hauptfarben ausarbeiten konnte.«

»Was war es für ein Sujet?«

»Zwei Zeilen in Poesie:

›Nie können die Teufel tief unter dem Meer,
        Auch die Heere der Himmlischen nie
Mehr reißen die Seele mir los von der Seele
        Der löblichen Annabel Lee.‹

»Es entwickelte sich ganz von selbst auf der See. Ich zeichnete diesen Kampf, in grünem Wasser über der nackten, erstickenden Seele ausgefochten, während die Frau mir als Modell diente zu den Teufeln sowie auch gleichzeitig zu den Engeln – Seeteufeln und Seeengeln – die halb ertrunkene Seele zwischen sich. Es klingt nicht besonders großartig, aber wenn im Zwischendeck eine gute Beleuchtung war, so sah es sehr schön aus. Es war sieben Fuß hoch und vierzehn Fuß breit, alles in wechselndem Licht für eben solche Beleuchtung gemalt.«

»Inspirirte die Frau Sie?« fragte Torpenhow.

»Sie und das Meer gemeinschaftlich – ganz gewaltig. Es befand sich sehr viel falsche Zeichnung in jenem Bilde. Ich entsinne mich, daß ich gegen meine Gewohnheit Verkürzungen anbrachte, ganz allein aus Vergnügen an denselben; dennoch ist es das Beste, was ich je gemacht; jetzt vermute ich, daß das Schiff abgebrochen oder untergegangen ist. Ach, was war das für eine Zeit!«

»Was geschah dann später?«

»Es ging alles zu Ende. Als ich das Schiff verließ, wurde es mit Wolle beladen, doch selbst die Einlader ließen das Bild bis zuletzt frei. Die Augen der Dämonen jagten ihnen Furcht ein, wie ich aufrichtig glaube.«

»Und die Frau?«

»Sie fürchtete sich ebenfalls, als das Bild fertig war. Gewöhnlich bekreuzte sie sich, ehe sie hinunterging, um es zu betrachten. Genau drei Farben und keine Möglichkeit, andere zu bekommen, die See außerhalb und unbegrenzte Liebelei innerhalb, dabei die Furcht vor dem Tode fortwährend über uns, o Gott!«

Er hatte aufgehört, die Skizze zu betrachten, starrte aber gerade aus vor sich hin.

»Weshalb versuchen Sie jetzt nicht etwas Aehnliches?« fragte Nilghai.

»Weil dergleichen Dinge nicht durch Fasten und Beten über einen kommen. Wenn ich ein Frachtschiff und eine kubanische Jüdin sowie ein anderes Sujet mit demselben alten Leben wieder fände, möchte ich es wohl thun.«

»Sie werden das alles hier nicht finden,« bemerkte Nilghai.

»Nein, das glaube ich auch.« Dick machte heftig das Skizzenbuch zu. »Dieses Zimmer ist so heiß wie ein Ofen. Oeffne doch einer das Fenster.«

Er lehnte sich hinaus und betrachtete die dichte Finsternis Londons unter sich. Die Zimmer lagen viel höher als die nächsten Häuser und überragten hundert Schornsteine mit gebogenen Kuppen, die wie sitzende Katzen aussahen, wenn sie sich herumdrehten, und andere seltsame Dinge aus Ziegeln oder Zink, von eisernen Stützen gehalten und mit S-Klammern befestigt. Nördlich warfen die Lichter des Piccadillyzirkus und des Leicestersquare einen kupferfarbigen Schimmer über die schwarzen Dächer, während südlich die Reihen der Lichter auf der Themse lagen. Ein Zug rollte über eine der Eisenbahnbrücken, dessen Donner einen Augenblick den dumpfen Lärm in den Straßen übertonte. Nilghai blickte auf seine Uhr und sagte kurz:

»Das ist der Nachtzug nach Paris. Man kann von hier bis St. Petersburg ein Billet nehmen, wenn man will.«

Dick zwängte Kopf und Schultern durch das Fenster und sah über den Fluß. Torpenhow trat an seine Seite, während Nilghai sich an das Pianino setzte und dasselbe öffnete. Binkie dehnte sich, sich so breit wie möglich machend, auf dem Sofa aus wie jemand, der nicht so leicht zu stören ist.

»Nun,« fügte Nilghai zu den beiden anderen, »habt ihr früher niemals diesen Ort gesehen?«

Ein Dampfschlepper auf dem Flusse pfiff, als er die beladenen Fahrzeuge ans Werst schleppte. Dann drang der Lärm des Verkehrs ins Zimmer. Torpenhow stieß Dick an. »Ein guter Platz, um Geld zu verdienen – ein schlechter Platz, um darin zu leben, Dickie, nicht wahr?«

Dick stützte sein Kinn auf die Hand, als er mit den Worten eines nicht unberühmten Generals erwiderte: »Mein Gott, was für eine Stadt zum Plündern!«

Binkie fand, daß die Nachtluft seinen Bart kitzelte, und nieste kläglich.

»Wir werden dem armen Binkie eine Erkältung zuziehen,« sagte Torpenhow. »Kommen Sie herein.«

Sie zogen ihre Köpfe ins Zimmer zurück. »Sie, Dick, werden eines Tages in Kensal Green, wenn es inzwischen nicht geschlossen wird, begraben werden, zwei Fuß von irgend jemand anderem, Ihrem Weibe und Ihrer Familie, entfernt.«

»Allah wolle es verhüten! Ich werde weit fortgehen, bevor diese Zeit eintritt. Gib einem Menschen Platz, seine Beine auszustrecken, Mr. Binkie!« Dick warf sich aufs Sofa und zwickte Binkies Sammetohren, während er gewaltig gähnte.

»Sie werden diesen Garderobekasten sehr verstimmt finden,« bemerkte Torpenhow zu Nilghai, »Er wird, außer von Ihnen, von niemand berührt.« »Ein Stück großartiger Verschwendung,« brummte Dick, »Nilghai kommt nur, wenn ich nicht zu Hause bin.«

»Das ist nur der Fall, weil Sie stets fort sind, Heulen Sie los, Nilghai, und lassen Sie ihn etwas hören.«

Nur Totschlag und Trug hat der Nilglmi betrieben.
Verwässerter Dickens ist, was er geschrieben;
Doch erhebt er die Stimme auch nur von fern.
Dann stürben sogar die Mahdieh gern.

Dick führte diese Verse aus Torpenhows Niederschreibungen in dem Nungabungabuche an. »Wie nennt man das Elentier in Kanada, Nilghai?«

Dieser lachte. Das Singen war sein einziges gesellschaftliches Talent, wie manches Korrespondentenzelt in seinen Landen erfahren hatte.

»Was soll ich singen?« fragte er, sich in dem Stuhl umdrehend.

»Moll Roe am Morgen,« sagte Torvenhow aufs Geratewohl.

»Nein,« sagte Dick scharf, so daß Nilghai seine Augen aufsperrte. Das alte Lied, dessen Worte er vollständig auswendig wußte, war kein hübsches, doch hatte es Dick früher häufig, ohne zu zucken, angehört. Ohne Vorspiel begann er nun den herrlichen Gesang, der die Herzen der Zigeuner des Meeres erfreut und bewegt:

»Lebt wohl und adieu, ihr spanischen Damen,
Ihr spanischen Damen, lebt Wohl und adieu!«

Dick warf sich unbehaglich auf dem Sofa umher, denn er konnte hören, wie der Bug des Barralong durch das grüne Wasser der See brach, auf seinem Wege zu dem Kreuz des Südens. Dann kam der Chor:

»Wir tollen und brüllen wie britische Segler,
Wir tollen und brüllen die Salzflut entlang,
Bis wir werfen das Lot im Kanal von Altengland –
Fünfundvierzig Meilen sind’s bis Scilly von Ushant.«

»Fünfunddreißig – fünfunddreißig,« rief Dick ausgelassen. »Mengen Sie sich nicht in die heilige Schrift. Weiter, Nilghai!«

»Zuerst sahn ein Land wir, das hieß der Tote.«

worauf sie mit vieler Kraft das Lied zu Ende sangen.

»Es würde ein besseres Lied sein, wenn sie ihren Bug nach der andern Seite hin gewendet hatten – nach den Lichtern von Ushant zum Beispiel,« meinte Nilghai.

»Ihre Arme herumwerfend wie eine wahnsinnige Windmühle,« sagte Torpenhow. »Lassen Sie uns noch ein anderes hören, Nilghai! Sie haben heute abend eine schöne Stimme wie ein Nebelhorn.«

»Singen Sie den ›Gangeslotsen‹; Sie sangen ihn im Carré in der Nacht vor der Schlacht bei El-Maghrib. Beiläufig, ich möchte wohl wissen, wie viele von dem Chore heute noch am Leben sind,« bemerkte Dick.

Trovenhow dachte einen Augenblick nach. »Beim Himmel, ich glaube, nur Sie und ich. Rayner, Vickory und Deanes – alle sind tot; Vincent bekam die Blattern in Kairo, brachte sie mit hierher und, und starb daran. Ja, nur Sie, ich und Nilghai sind übrig geblieben.«

»Hm! Dennoch sagen die Leute hier, die ihr Leben lang ihre Arbeit in einem wohl durchwärmten Atelier verrichtet haben mit einem Polizisten an jeder Straßenecke, daß ich in meinen Bildern zu viel übertreibe.«

»Sie kaufen Ihre Arbeiten, nicht Ihre Lebensversicherungspolicen, teures Kind,« bemerkte Nilghai.

»Ich setzte das eine ein, um das andere zu gewinnen. Predigen Sie nicht! Vorwärts mit dem Lotsen! Wo in aller Welt kamen Sie an dieses Lied?«

»Auf einem Grabsteine,« antwortete Nilghai. »Auf einem Grabsteine in einem fernen Lande. Ich machte dazu eine Begleitung mit einer Menge von Baßaccorden.«

»O, Eitelkeit! Fangen Sie an!«

Nilghai begann:

Mein Tau hab‘ gelöst ich, Maaten, werd‘ schon von der Flut gewiegt,
Ich hab‘ Befehl, zu segeln, da ihr vor Anker liegt!

An heit’rem Junimorgen fuhr nie ich hinaus aufs Meer
So hoffnungsreich, das Gewissen so rein und das Herz so sorgenleer.

Schulter an Schulter, Hans, mein Junge, hinein, wo die Massen sich staun!
Die Messer blank, ihr Maaten – doch nicht mit der Schneide gehaun!

»Den Brahminen schließt krumm,« ruft Sharnock, »vom Holzstoß reißt das Scheit,
Die blasse Witwe für mich, Hans, für dich die bräunliche Maid!«

Jung‘ Hans (bist nah an sechzig!), was hat dich so dunkel gemacht?
Sanft blau ist Käthchens Auge – was schwärzte deins? –
Horch! gib acht!

Sie sangen jetzt alle drei. Dick mit dem Brüllen des Windes auf hoher See in den Ohren, als er seine tiefe Baßstimme erschallen ließ.

Das Morgengeschütz! – He, aufgepaßt! – Die Artebusen her! –
Mein Blei drang Hollands Admiral ins Herz, wie es dringt ins Meer!

Treib, treib den Ganges hinunter, das Lot zum Wurfe bereit.
Und ank’re mich nahe bei Sharnock – zunächst meiner bräunlichen Maid

Mein Segen auf Käthchen in Fairlight, – Hollwell, für dich mein Dank! –
Frisch auf! Wir steuern gen Himmel, vorüber an Riff und Bank!

»Nun,« sagte Dick, als sie das Lied zu Ende gesungen, »was ist in diesem Unsinn enthalten, das einen Mann ruhelos machen könnte?«

»Das kommt auf den Mann selbst an,« meinte Torpenhow.

»Den Mann, der hinuntergefahren ist, um die See wieder zu sehen,« bemerkte Nitghai.

»Ich wußte nicht, daß sie mich in diesem Maße aufregen würde.«

»Das sagen Männer immer, wenn sie hingehen, um einer Frau Lebewohl zu sagen. Doch ist es leichter, drei Frauen los zu werden, als ein Stück aus seinem Leben und seinen Umgebungen.«

»Aber eine Frau kann sein –« begann Dick unbedacht.

»Ein Stück vom Leben eines Mannes,« fuhr Torpenhow fort. »Nein, das kann sie nicht.« Sein Gesicht verfinsterte sich einen Augenblick. »Sie sagt, sie müsse mit Ihnen sympathisiren und Ihnen helfen bei Ihrer Arbeit, sowie bei allem andern, was ein Mann doch offenbar allein machen muß. Dann schickt sie Ihnen fünf Briefchen täglich, um zu fragen, weshalb, zum Teufel, Sie Ihre Zeit nicht mit ihr verschwendet haben.«

»Verallgemeinern Sie nicht,« bemerkte Nilghai, »In der Zeit, bis Sie bei fünf Briefchen täglich angelangt sind, müssen Sie eine Menge anderer Dinge durchmachen und sich dementsprechend benommen haben. Sie sollten dergleichen Sachen nicht anfangen, mein Sohn.«

»Ich hätte nicht an die See hinuntergehen sollen,« erwiderte Dick, sehr begierig, die Unterhaltung zu wechseln. »Und Sie hätten nicht singen sollen.«

»Die See schickt Ihnen nicht fünf Briefchen täglich,« sagte Nilghai.

»Nein, aber ich bin verhängnisvoll kompromittirt. Sie ist eine ausdauernde alte Hexe; es thut mir leid, daß ich ihr begegnet bin.«

»Hört, wie er seine erste Liebe lästert! Weshalb sollten Sie denn nicht auf sie hören?« sagte Torpenhow.

Bevor Dick antworten konnte, erhob Nilghai seine Stimme und begann so kräftig, daß die Fenster klirrten, das Lied »Die Männer der See«, das, wie allgemein bekannt, anfängt:

»Die See ist ein böses altes Weib,«

und nach acht Zeilen voll lebhafter, wahrhaftiger Schilderung mit einem Refrain endigt, so schwerfällig wie das Geklapper eines Ankerspills, wenn das Schiff widerwillig auf die Barren kommt, wo die Leute schwitzen und auf den Planken umherstampfen.

»Habt gehegt uns, treu gepflegt uns!
Güt’ger noch ist das Meer,
Denn sein Ruf dringt uns zu Herzen!«
Sprach der Matrosen Heer.

Nilghai sang diesen Vers zweimal mit einfachem Ausdruck, in der Absicht, daß Dick ihn hören sollte; doch dieser wartete auf den Abschied der Männer von ihren Frauen.

»Müßt, ihr Lieben, uns betrüben?
Teurer noch ist das Meer,
Euer Schlummer ein so süßer!«
Sprach der Matrosen Heer.

Die rauhen Worte klangen wie der Anprall der Wellen gegen den Bug des gebrechlichen Dampfers von Lima in den Tagen, als Dick Farben mischte, liebte, Teufel und Engel im Halbdunkel zeichnete und neugierig war, ob nicht in der nächsten Minute das Messer des italienischen Kapitäns ihm zwischen den Schulterblättern sitzen wurde. Und das Reisefieber, das häufiger vorhanden ist als manche andere Krankheiten, erwachte und wütete in ihm, ihn, der Maisie mehr liebte als irgend sonst etwas auf der Welt, antreibend, fortzugehen und wieder die frühere Hitze, das alte Leben zu kosten, sich herumzubalgen, zu fluchen, zu spielen und mit seinen Gefährten leichtfertige Liebschaften aufzusuchen. Was hinderte ihn, ein Schiff zu nehmen und die See noch einmal kennen zu lernen, durch sie sich zu neuen Bildern zu begeistern, mit Binat auf dem Strande von Port Saïd zu plaudern, wahrend die gelbe Tina die Getränke mischte, das Krachen des Gewehrfeuers zu hören und den Rauch fortrollen, sich verdünnen und wieder verdichten zu sehen, bis die glänzenden schwarzen Gesichter durch denselben hervorbrachen; und in dieser Hölle war ein jeder allein für seinen eigenen Kopf verantwortlich und von einem ungefesselten Arm niedergeschlagen worden! Es war ja unmöglich, ganz unmöglich, dennoch –

»O, ihr Väter auf dem Kirchhof!
Aelter noch ist das Meer;
Unsere Gräber um so grüner!“
Sprach der Matrosen Heer.

»Was ist es, das Sie zurückhält?« fragte Torpenhow während des langen Schweigens, das auf den Gesang folgte.

»Sie sagten vor einiger Zeit, daß Sie an einer Reise um die Welt nicht teilnehmen würden, Torp.«

»Das war vor Monaten, und ich war nur dagegen, daß Sie Geld für die Kosten der Reise erwarben. Sie haben hier Ihren Bolzen abgeschossen, der auf Sie zurückgeprallt ist. Gehen Sie fort, arbeiten Sie und sehen Sie sich die Welt an!«

»Versuchen Sie, etwas von Ihrem Fett abzusetzen; Sie sind unverhältnismäßig dick geworden,« bemerkte Nilghai, vom Stuhl sich hinüber beugend und Dick oberhalb der rechten Rippen in die Seite packend. »Weich wie Glaserkitt – der reine Talg infolge von Ueberfütterung. Trainiren Sie es fort, Dickie!«

»Wir sind alle gleich dick, Nilghai. Nächstens werden Sie den Platz, auf dem Sie sitzen, nicht verlassen können, mit den Augen zwinkern, nach Luft schnappen und am Schlagfluß sterben.«

»Das thut nichts. Schiffen Sie sich ein. Fahren Sie nach Lima oder Brasilien. In Südamerika gibt es immer Unruhen.«

»Bilden Sie sich vielleicht ein, daß man mir sagen muß, wohin ich gehen soll. Du lieber Himmel, die einzige Schwierigkeit ist, zu wissen, wo ich anhalten soll. Aber ich werde hier bleiben, wie ich Ihnen vorhin sagte.«

»Dann werden Sie in Kensal Green begraben und mit den übrigen in Staub verwandelt werden,« sagte Torpenhow. »Denken Sie an Ihre festen Aufträge? Zahlen Sie Buße und gehen Sie. Sie haben Geld genug, um wie ein König reisen zu können, wenn es Ihnen beliebt.«

»Sie haben die gräßlichsten Begriffe von Vergnügen, Torv. Ich sehe mich schon an Bord eines Hotels von sechstausend Tonnen, Salon erster Klasse, und wie ich den dritten Ingenieur frage, was die Maschinen so herumdrehen macht und ob es im Heizraum nicht recht warm sei! Ho! ho! Ich würde zu Schiffe gehen als ein Bummler, wenn ich mich je zur See begeben sollte, was ich aber nicht zu thun beabsichtige. Ich werde einen Kompromiß machen und zum Anfange nur einen kleinen Ausflug unternehmen.«

»Das ist jedenfalls etwas. Wohin wollen Sie gehen?« fragte Torpenhow. »Es würde wirklich ganz vortrefflich für Sie sein, alter Sohn.« Nilghai bemerkte, wie Dick mit den Augen blinzelte und unterdrückte, was er sagen wollte.

»Ich werde zuerst in Rathreys Stall gehen, dort ein Pferd mieten und sehr vorsichtig bis Richmond Hill reiten. Dann werde ich wieder ebenso zurückkehren, im Falle es zufällig mit Schaum bedeckt sein und Rathrey ärgerlich werden sollte. Ich werde das schon morgen thun, der frischen Luft und der Bewegung wegen.«

»Pah!« Dick hatte kaum Zeit, seinen Arm auszustrecken, um sich vor dem Kissen zu schützen, das Torpenhow zornig ihm nach dem Kopfe warf.

»Luft und Bewegung in der That!« sagte Nilghai, sich schwerfällig auf Dick setzend. »Wir wollen ihm etwas von beidem geben. Nehmen Sie den Blasebalg, Torp.«

Bei diesem Punkte geriet die Konferenz in Unordnung, weil Dick den Mund nicht öffnen wollte, bis Nilghai ihm die Nase zuhielt; auch verursachte es einige Schwierigkeiten, die Spitze des Blasebalgs ihm zwischen die Zähne zu bringen; als es endlich gelungen, versuchte er schwach, gegen die Gewalt des Einblasens zu pusten, so daß seine Wangen mit einer starken Explosion sich aufbliesen. Da die Feinde vor Lachen nicht mehr konnten, schlug er sie mit einem Sofakissen über den Kopf, so daß die Nähte aufgingen und die Federn umherflogen, während Binkie, der sich zu Gunsten Torpenhows einmischte, in den halbleeren Ueberzug eingepackt wurde und sich wieder herauskratzen mußte, was ihm nach einiger Zeit auch gelang, indem er rasch auf dem Fußboden hin und her lief. Als er sich endlich befreit hatte, sah er mit Genugthuung, wie die drei Säulen seiner Welt sich die Federn aus ihren Haaren machten.

»Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande,« sagte Dick kläglich, seine Kniee abstaubend.

»Es geschah alles nur zu Ihrem Besten,« sagte Nilghai. »Nichts geht über Luft und Bewegung.«

»Alles zu Ihrem Besten,« fügte Torpenhow hinzu, ohne die mindeste Beziehung zu der soeben ausgeführten Balgerei. »Es wird Ihnen die Dinge in ihrem wirklichen Werte erscheinen lassen und verhindern, daß Sie in diesem Treibhause von einer Stadt schlapp werden. In der That würde das der Fall sein, alter Freund; ich würde es gewiß nicht sagen, wenn ich es nicht dächte. Leider machen Sie aus allem einen Spaß.«

»Bei Gott! ich thue es nicht,« sagte Dick rasch und ernst. »Sie kennen mich nicht, wenn Sie das von mir glauben.«

»Ich glaube es nicht,« bemerkte Nilghai.

»Wie können Männer gleich uns, die wissen, was Leben und Tod bedeuten, es wagen, einen Scherz aus allem zu machen? Ich weiß, wir beanspruchen das, um uns selbst vor dem Zusammenbrechen zu bewahren oder zu dem entgegengesetzten Extrem überzugehen. Kann ich etwa nicht sehen, alter Herr, wie besorgt Sie immer meinetwegen sind und versuchen, mir guten Rat zu geben, damit ich meine Arbeiten besser mache? Glauben Sie, daß ich selbst nicht darüber nachdenke. Aber Sie können mir nicht helfen – Sie können mir nicht helfen – selbst Sie nicht. Ich muß selbst auf meine eigene Weise mir durchhelfen.«

»Hört, hört!« rief Nilghai.

»Was ist das Einzige in der Nilghaisage, das ich nie in das Nungabungabuch gezeichnet habe?« bemerkte Dick zu Torpenhow, der über diese plötzliche Abschweifung etwas erstaunt war.

In dem Buche befand sich nämlich ein weißes Blatt, das für die Skizze bestimmt war, die Dick nicht gezeichnet hatte, nämlich für die der größten Heldenthat in Nilghais Leben, wie dieser Mann, als er noch jung war und vergessen hatte, daß sein Leib und seine Gebeine der Zeitung angehörten, die ihn in ihre Dienste genommen, in der Nachhut von Bredows Brigade über das von der Sonne verbrannte und schlüpfrige Gras geritten war, an jenem Tage, als diese tapferen Soldaten sich auf Canroberts Artillerie gestürzt, sowie auf zwanzig in Front aufgestellte Bataillone, um das geschlagene vierundzwanzigste deutsche Infanterieregiment zu retten und den Ihrigen Zeit zu geben, das Schicksal von Vionville zu entscheiden, und so zu erfahren, bevor der Rest der Brigade nach Flavigny zurückgekehrt war, da Kavallerie eine unerschütterte Infanterie angreifen, zersplittern und durchbrechen kann. Wenn er jemals geneigt war, nachzudenken über ein Leben, das vielleicht besser, über ein Einkommen, das größer, und eine Seele, die bedeutend reiner hätte sein können, so würde Nilghai sich bei dem Gedanken neu belebt und gestärkt haben: »Ich ritt mit Bredows Brigade bei Vionville,« und Mut gefaßt haben zu einer geringeren Schlacht, die der nächste Tag bringen konnte.

»Ich weiß,« sagte er sehr ernst. »Ich war immer froh darüber, daß Sie das fortgelassen haben.«

»Ich ließ diese Skizze fort, weil Nilghai mich gelehrt, was die deutsche Armee damals erfahren und was der General Schmidt ihrer Kavallerie beigebracht hatte. Ich kann nicht deutsch. Wie heißt es? ›Achtet auf das Tempo, und die Richtung wird sich von selbst ergeben.‹ Ich muß meine Linie nach meinem eigenen Takte reiten, alter Freund.«

»Tempo ist Richtung! Sie haben Ihre Lektion gut gelernt,« sagte Nilghai. »Er muß allein gehen, er spricht die Wahrheit, Torp.«

»Es kann sein, daß ich mich irre. Ich muß das selbst herausfinden, ebenso wie ich mir die Sujets selbst ausdenken muß; aber ich darf nicht meinen Kopf umdrehen, um mich nach dem Nebenmanne zu richten. Es schmerzt mich viel mehr, als ihr glaubt, daß ich nicht im stande bin, fortzugehen, aber ich kann nicht, das ist alles. Ich muß meine Arbeit verrichten und mein Leben hinbringen auf meine eigene Weise, weil ich für beides verantwortlich bin. Nur denken Sie ja nicht, daß ich leichtfertig handle, Torp. Ich habe meine eigenen Zündhölzchen und Schwefel und will mir meine eigene Hölle bereiten.«

Es trat eine unbehagliche Pause ein; dann sagte Torpenhow sanft: »Was sagte der Gouverneur von Nord-Carolina zum Gouverneur von Süd-Carolina?«

»Ein ausgezeichneter Gedanke. ›Es ist eine lange Pause zwischen dem Trinken.‹ In Ihnen steckt der Stoff zu einem feinen, aufgeblasenen Fant, Dick,« sagte Nilghai.

»Ich habe mein Gemüt erleichtert, achtungswerter Binkie mit den Federn im Maul.« Dick nahm den noch immer unwilligen Hund auf und schüttelte ihn zärtlich. »Du warst in einen Sack gebunden und mit verbundenen Augen wie ein Blinder umhergelaufen, Binkie, ohne jeden Grund, und das hat Deine kleinen Gefühle verletzt. Mach Dir nichts daraus. Sic volo, sic jubeo, stat pro ratione voluntas, und niese mir nicht in mein Auge, weil ich lateinisch spreche. Gute Nacht.«

Er verließ das Zimmer.

»Das ist deutlich etwas für Sie,« bemerkte Nilghai. »Ich sagte Ihnen ja, es sei vergeblich, sich hineinzumengen. Es hat ihm durchaus nicht gefallen.«

»Er hätte über mich geflucht, wenn es nicht der Fall gewesen. Ich kann es nicht herausbekommen. Er hat das Reisefieber im Leibe und will nicht fortgehen. Ich hoffe nur, daß er nicht eines Tages fortgehen muß, wenn er es nicht nötig hat,« sagte Torpenhow.

*

In seinem eigenen Zimmer stellte Dick sich selbst eine Frage – diese Frage war, ob die ganze Welt mit allem, was darin ist, sowie das glühende Verlangen, dieselbe auszubeuten, ein Dreipennystück wert sei, das in die Themse geworfen worden war.

»Es kam vom Anblick der See; ich bin wirklich ein schlechter Kerl, noch darüber nachzudenken,« entschied er. »Schließlich wird in den Flitterwochen jene Tour stattfinden – natürlich mit einigen Einschränkungen; nur glaubte ich wirklich nicht, daß die See eine solche Gewalt über mich habe. Ich würde es nicht so arg fühlen, wenn ich mit Maisie zusammen wäre. Diese verdammten Lieder waren daran schuld. Er fängt schon wieder an.«

Doch es war nur Garricks Serenade an Julia, welche Nilghai sang; und bevor dieselbe zu Ende war, erschien Dick wieder auf der Thürschwelle, keineswegs vollständig bekleidet, aber in der richtigen Stimmung, durstig und friedlich gesinnt.

Der Schlamm war mit der steigenden und fallenden Flut beim Fort Keeling gekommen und gegangen.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Während des Restes der Woche arbeitete er gar nichts. Dann kam wieder der Sonntag. Er fürchtete sich stets vor diesem Tage und sehnte sich auch wieder nach demselben, aber seitdem das rothaarige Mädchen ihn skizzirt hatte, überwog die Furcht bei ihm die Sehnsucht. Er fand, daß Maisie seine Ratschläge hinsichtlich des Konturenzeichnens vollständig vernachlässigt hatte. Sie hatte wohl zwanzig Skizzen gemacht von irgend einem albernen Studienkopf. Es kostete Dick große Anstrengung, seinen Unmut zu unterdrücken.

»Wozu nützt es, Ihnen guten Rat zu geben?« sagte er spitzig.

»Ah, aber das wird ein Bild geben, ein wirkliches Bild; ich weiß, daß Kami mir erlauben wird, es in den Salon zu schicken. Meinen Sie nicht?«

»Ich glaube es kaum. Sie werden aber keine Zeit mehr haben für den Salon.«

Maisie zögerte ein wenig, sie fühlte sich selbst etwas unbehaglich. »Wir gehen deshalb einen Monat früher hinüber nach Frankreich. Ich will das Sujet hier fertig skizziren und bei Kami ausarbeiten.«

Dicks Herz stand still; auch war es nahe daran, daß seine Königin, die nichts Unrechtes thun konnte, ihm verleidet wurde. »Gerade nun ich dachte, ich wäre ein gutes Stück bei ihr vorwärts gekommen, geht sie fort, um Schmetterlingen nachzujagen. Es ist zum Verrücktwerden.«

Es war nicht möglich, sie zu überreden, da das rothaarige Mädchen sich im Atelier befand. Dick konnte nur wie ein unausgesprochener Vorwurf aussehen.

»Es thut mir sehr leid,« sagte er endlich, »und ich bin überzeugt, daß Sie einen Irrtum begehen. Doch was ist denn das Sujet Ihres neuen Bildes?«

»Ich entnahm es einem Buche.«

»Das ist schlimm, um anzufangen. Bücher sind nicht die Orte, aus denen man Stoffe zu Bildern nimmt. Und –«

»Dieses ist es,« sagte das rothaarige Mädchen hinter ihm. »Ich las es Maisie neulich vor, aus ›Die Stadt der schrecklichen Nacht‹. Kennen Sie das Buch?«

»Ein wenig. Ich bedaure, daß ich etwas gesagt habe. Es sind wirklich Bilder darin. Was hat ihre Phantasie gefesselt?«

»Die Beschreibung der Melancholie.

Die ruhende Schwinge, wie sie Adler schlagen.
Jedoch zu machtlos, um den Stolz zu tragen
Der erdgebor’nen königlichen Kraft.

»Und hier weiter (Maisie, bitte, mache den Thee!)

Die Stirn wehmütiger Gedanken voll,
Das Schlüsselbund, der Hausfrau Kleiderschnitt,
        Gezähnelt, weit gebauscht, doch steif das Ganze
        Wie eine Bombe und von lichtem Glanze,
Ein Schuh, der alle Schwachheit niedertritt.“

Das junge Mädchen machte nicht den geringsten Versuch, den Spott, die Verachtung ihrer trägen Stimme zu verbergen.

Dick zuckte zusammen.

»Aber das ist ja bereits gemalt worden von einem obskuren Künstler Namens Dürer,« sagte er.

»Wie lautet das Gedicht weiter?«

Vor drei Jahrhunderten und sechzig Jahren
Mit seines Denkens hehrer Zauberwelt.

»Sie könnten ebenso gut versuchen den ›Hamlet‹ noch einmal zu schreiben. Es ist nichts als Zeitverschwendung.«

»Nein, das ist es nicht,« sagte Maisie, die Theetassen klirrend niedersetzend, um sich zu beruhigen. »Ich beabsichtige wirklich, es zu thun. Können Sie nicht einsehen, was für ein schönes Bild das geben wird?«

»Wie, zum Teufel, kann jemand eine Arbeit ausführen, wenn er nicht die erforderliche Übung dazu hat? Jeder Narr kann einen Gedanken, ein Sujet bekommen. Es erfordert Übung, die Sache durchzuführen – Übung und Überzeugung, nicht ein Nachjagen hinter der ersten besten Idee.«

»Sie verstehen mich nicht,« entgegnete Maisie »Ich denke, daß ich es fertig bringen kann.« Wieder ertönte die Stimme des Mädchens hinter ihm:

Ob oft enttäuscht, wirkt rastlos sie und schafft,
        Schafft um so mehr, je mehr der Trieb ihr schwand.
Gestärkt durch ungezähmte Willenskraft,
        Sinnt stets das Hirn und bildet stets die Hand,
Und all ihr Leid muß sich in Arbeit wandeln –

»Ich bilde mir ein, Maisie denkt daran, sich selbst in dem Bilde zu verkörpern.«

»Auf einem Thron von zurückgewiesenen Bildern sitzend?«

»Nein, das werde ich nicht. Der Gedanke an und für sich hat mich gefesselt. – Natürlich, Sie machen sich nichts aus Phantasieköpfen, Dick. Ich glaube kaum, daß Sie welche malen können, Sie lieben Blut und Knochen.«

»Das ist eine direkte Herausforderung. Wenn Sie eine Melancholie malen können, die weiter nichts ist als ein kummervoller weiblicher Kopf, so kann ich eine bessere malen, und ich will es sogar thun. Was wissen Sie von der Melancholie?«

Dick war fest überzeugt, daß er gerade dreiviertel von allem Kummer auf der Welt zu kosten bekam.

»Sie war ein Weib,« antwortete Maisie, »das viel zu erdulden hatte, bis sie es nicht mehr ertragen konnte; dann fing sie an, über all das zu lachen, worauf ich sie malte und in den Salon schickte.«

Das rothaarige Mädchen stand auf und verließ lachend das Zimmer.

Dick sah Maisie demütig und hoffnungslos an. »Denken Sie nicht mehr an das Bild,« sagte er. »Wollen Sie wirklich einen Monat vor der bestimmten Zeit zu Kami zurückkehren?«

»Ich muß, wenn ich das Bild fertig machen will.«

»Und das ist alles, was Sie wollen?«

»Natürlich. Seien Sie nicht so einfältig, Dick.«

»Sie besitzen nicht die Fähigkeit dazu. Sie haben nur die Idee – die Idee und das bißchen wohlfeilen Impuls. Wie Sie beständig zehn Jahre lang bei Ihrer Arbeit haben ausharren können, ist in der That ein Rätsel für mich. Sie wollen also wirklich gehen, einen Monat früher, als Sie es nötig haben?«

»Ich muß meine Arbeit ausführen.«

»Ihre Arbeit, pah! Nein, das wollte ich nicht sagen. Es ist alles gut so, Teuerste. Natürlich müssen Sie Ihr Werk ausführen, und ich denke, ich sage Ihnen Lebewohl für diese Woche.«

»Wollen Sie nicht einmal zum Thee bleiben?«

»Nein, ich danke Ihnen. Erlauben Sie, daß ich gehe? Es gibt ja nichts weiter, wobei Sie besonders meines Beistandes bedürften, und vom Konturenzeichnen ist ja nicht mehr die Rede.«

»Ich wünsche, Sie blieben noch, damit wir über mein Bild sprechen könnten. Wenn nur ein einziges Bild Erfolg hat, so zieht es die Aufmerksamkeit auf alle übrigen. Ich weiß, einige meiner Arbeiten sind gut, wenn die Leute sie nur sehen würden. Sie hatten gar nicht nötig, ihretwegen so streng und grob zu sein.«

»Es thut mir leid. Wir wollen an einem der nächsten Sonntage über die Melancholie sprechen. Es sind deren noch vier, bevor Sie gehen. Leben Sie wohl, Maisie.«

Maisie stand nachdenklich am Fenster des Ateliers, bis das rothaarige Mädchen wieder eintrat, ein wenig bleich um die Mundwinkel.

»Dick ist fortgegangen,« sagte Maisie, »gerade, nun ich ihn nötig hatte, um über das Bild mit ihm zu sprechen. Ist es nicht egoistisch von ihm?«

Ihre Gefährtin öffnete die Lippen, als ob sie etwas sagen wollte, doch schloß sie dieselben wieder und fuhr mit dem Vorlesen »der Stadt der schrecklichen Nacht« fort.

Dick befand sich im Park und ging immer um einen Baum herum, den er an manchen früheren Sonntagen zu seinem Vertrauten erwählt hatte. Er fluchte ganz laut, und als er fand, daß die englische Sprache seiner Wut nicht genügte, suchte er Trost im Arabischen, das expreß zum Gebrauch der Betrübten bestimmt zu sein scheint. Er war durchaus nicht erfreut über den Lohn für seinen geduldigen Dienst, noch weniger über sich selbst, und es dauerte lange, bevor er zu dem Satze gelangte, daß die Königin nichts Unrechtes thun könne.

»Es ist ein verlorenes Spiel,« sagte er. »Ich bin nichts mehr wert, sobald eine Laune von ihr in Frage steht. Doch verdoppelten wir in Port Saïd gewöhnlich den Einsatz und spielten weiter, wenn ein Spiel verloren war. Sie malt eine Melancholie! Sie hat nicht die Fähigkeit dazu, weder die nötige Einsicht noch die Übung, sie hat nur den Wunsch! Sie ist beladen mit dem Fluche von Rubens. Sie will nicht Konturen zeichnen, weil das wirkliche Arbeit bedeutet; dennoch ist sie stärker als ich. Ich werde ihr begreiflich machen, daß ich sie in ihrer eigenen Melancholie schlagen kann. Doch auch dann würde sie sich nicht in acht nehmen. Sie sagt, ich könnte nur Blut und Knochen malen; ich glaube kaum, daß sie Blut in ihren Adern hat. Trotzdem liebe ich sie und muß fortfahren, sie zu lieben, und wenn ich ihre große Eitelkeit demütigen kann, so werde ich es thun. Ich will eine Melancholie malen, die wirklich etwas wie eine Melancholie sein soll – ›die Melancholie, die allen Verstand übertrifft.‹ Ich will es sogleich thun, hol sie der – Gott segne sie!«

Er wurde gewahr, daß die Idee zu dem Bilde sich nicht recht festsetzen konnte und er sein Gemüt nicht auf eine Stunde von dem Gedanken an Maisies Abreise loszureißen vermochte.

Er interessirte sich nur sehr wenig für ihre ersten Studien zu der Melancholie, als er dieselben in der folgenden Woche besah. Die Sonntage flogen rasch vorüber und die Zeit kam, zu der alle Kirchenglocken in London Maisie nicht zu ihm zurückrufen konnten. Ein- oder zweimal sagte er zu Binkie etwas über »hermaphroditische Erbärmlichkeiten«, aber der kleine Hund erhielt so viele vertrauliche Mitteilungen von Torpenhow und Dick, daß er seine tulpenförmigen Ohren gar nicht mit Zuhören belästigte. Es wurde Dick gestattet, die beiden Mädchen abreisen zu sehen. Sie fuhren mit dem Nachtboot von Dover ab und hofften, im August zurückzukehren.

Es war jetzt Februar und Dick fühlte, daß er es kaum aushalten würde. Maisie war so beschäftigt, das kleine Haus jenseits des Parkes auszuräumen und ihre Bilder einzupacken, daß sie keine Zeit zum Denken hatte. Dick begleitete sie nach Dover und verschwendete dort einen Tag mit dem aufregenden Gedanken über eine wundervolle Möglichkeit. Würde Maisie ihm zum Abschied wohl einen kleinen Kuß erlauben? Er überlegte, ob er sie mit Gewalt kapern sollte, wie er im südlichen Sudan Frauen hatte kapern und fortführen sehen; doch Maisie würde sich niemals fortführen lassen. Sie würde ihre grauen Augen auf ihn richten und sagen: »Dick, wie egoistisch sind Sie!« Dann würde ihm der Mut versagen. Es würde besser sein, sie um den Kuß zu bitten.

Maisie sah mehr als sonst zum Küssen aus, als sie aus dem Nachtzuge auf den windigen Quai hinaustrat. Das rothaarige Mädchen sah nicht so reizend aus; ihre grünen Augen waren eingesunken und ihre Lippen trocken. Dick sah die Koffer bereits an Bord und trat an Maisies Seite in das Dunkel unter der Kommandobrücke. Die Postbeutel polterten in den Vorderraum, während das rothaarige Mädchen dieselben beobachtete.

»Sie werden heute nacht eine rauhe Überfahrt haben,« sagte Dick. »Es weht draußen ziemlich heftig. Ich setze voraus, daß ich hinüberkommen und Sie sehen darf, wenn ich brav bin?« »Nein, Sie dürfen nicht. Ich muß fleißig sein. Doch, wenn ich Ihrer bedarf, werde ich Ihnen schreiben. Von Vitry-sur-Marne werde ich Ihnen einen Brief schicken, da ich Sie wegen einer Menge Dinge um Rat fragen muß. O, Dick, Sie sind so gut gegen mich gewesen, so sehr gut!«

»Ich danke Ihnen für diese Worte, Teuerste. Es hat keine Zwistigkeiten, keinen Streit gegeben, nicht wahr?«

»Ich kann keine Lüge aussprechen. Es hat keine gegeben in diesem Sinne. Aber denken Sie nicht, daß ich undankbar bin.«

»Verdammt sei die Dankbarkeit,« sagte Dick heiser, zu dem Radkasten gewendet.

»Was hat es für einen Zweck, uns zu quälen? Sie wissen, daß ich Ihr Leben ruiniren würde, wie Sie das meinige, wie die Dinge jetzt liegen. Erinnern Sie sich an das, was Sie sagten, als Sie an jenem Tage so ärgerlich im Parke waren? ›Einer von uns muß gebrochen werden.‹ Können Sie warten, bis dieser Tag kommt?«

»Nein, Liebe. Ich will Sie ungebrochen haben – ganz für mich allein.«

Maisie schüttelte den Kopf. »Mein armer Dick, was soll ich dazu sagen?«

»Sagen Sie gar nichts. Wollen Sie mir einen Kuß geben? Nur einen einzigen Kuß, Maisie! Ich will schwören, daß ich nicht mehr nehmen werde. Sie könnten es wohl thun; ich kann dann sicher sein, daß Sie dankbar sind.« Maisie hielt ihre Wange hin und Dick nahm sich seinen Lohn in der Dunkelheit. Es war nur ein einziger Kuß, aber ein sehr langer, da keine Zeit für die Dauer desselben festgesetzt worden. Maisie wand sich ärgerlich frei, während Dick beschämt und vom Kopf bis zu den Füßen zitternd dastand.

»Leben Sie wohl, mein Liebling. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Es thut mir leid. Halten Sie sich gesund und machen Sie gute Arbeit – besonders bei der Melancholie. Auch ich will eine malen. Erinnern Sie Kami an mich und seien Sie vorsichtig beim Trinken; das Trinkwasser auf dem Lande ist überall schlecht, aber es ist abscheulich in Frankreich. Schreiben Sie mir, wenn Sie irgend etwas bedürfen, und nochmals, leben Sie wohl! Sagen Sie auch Adieu dem Mädchen mit dem roten Haar und – kann ich nicht noch einen Kuß bekommen? Nein? Sie haben ganz recht. Adieu!«

Ein Ruf sagte ihm, daß es nicht passend sei, auf der Ladebrücke für Postpakete zu bleiben; er erreichte den Quai, als der Dampfer sich zu bewegen begann und folgte demselben mit seinem Herzen.

»Und nichts – nichts auf der weiten Welt hält uns von einander getrennt als ihr Eigensinn. Diese Nachtboote nach Calais sind viel zu klein. Ich werde Torpenhow veranlassen, daß er in den Zeitungen etwas darüber schreibt. Das Boot fängt jetzt schon an zu stampfen.«

Maisie stand, wo Dick sie verlassen hatte, bis sie einen leisen, keuchenden Atem neben sich hörte. Die Augen des rothaarigen Mädchens leuchteten in einer kalten Flamme.

»Er küßte Sie,« sagte sie. »Wie konnten Sie ihm das erlauben, wenn er nichts für Sie ist? Wie durften Sie einen Kuß von ihm annehmen? O, Maisie, lassen Sie uns in die Damenkajüte gehen. Ich bin krank – sterbenskrank.«

»Wir sind noch nicht in offenem Wasser. Gehen Sie hinunter, Teure, ich will hier bleiben. Ich liebe nicht den Geruch der Maschinen. Armer Dick! Er verdiente einen – nur einen. Aber ich dachte nicht, daß er mich so erschrecken würde.«

Dick kehrte am folgenden Tage nach London zurück, gerade zur Lunchzeit, wie er aus Dover telegraphirt hatte. Zu seiner Enttäuschung fand er in seinem Atelier nur leere Schüsseln vor. Er erhob seine Stimme wie der Bär im Märchen, worauf Torpenhow mit schuldiger Miene eintrat.

»Pst!« sagte er. »Machen Sie keinen solchen Lärm; ich nahm Ihr Frühstück. Kommen Sie in mein Zimmer, so werde ich Ihnen den Grund davon zeigen.«

Dick blieb ganz erstaunt auf der Schwelle stehen, denn auf Torpenhows Sofa lag ein schlafendes und schwer atmendes Mädchen. Der kleine, wohlfeile Matrosenhut, der blau und weiß gestreifte Anzug, der mehr für den Juni als für den Februar sich eignete, an den Rändern mit Schmutz bespritzt, das mit imitirtem Astrachan besetzte Jaquet, dessen Nähte an den Schultern aufgetrennt waren, der wohlfeile Regenschirm und vor allem der elende Zustand der mit Ziegenleder besetzten Stiefel erklärten die Sache.

»O, alter Herr, das ist zu schlecht! Sie dürfen diese Art Mädchen nicht herbringen. Dieselben stehlen Sachen aus den Zimmern.«

»Es sieht schlecht aus, das gebe ich zu, aber ich kam nach dem Frühstück zu Hause, als sie in die Halle stolperte. Ich glaubte erst, sie sei betrunken, doch sie wurde ohnmächtig. Unmöglich konnte ich sie liegen lassen, deshalb brachte ich sie hier herauf und gab ihr das für Sie bestimmte Frühstück. Sie war aus Mangel an Nahrung ohnmächtig geworden. Sobald sie gegessen, fiel sie in einen festen Schlaf.«

»Ich weiß etwas von diesem Elende zu erzählen. Sie hat von Wurst gelebt, vermute ich. Torp, Sie hätten sie einem Polizisten übergeben sollen, weil sie sich herausgenommen hat, in einem anständigen Hause ohnmächtig zu werden. Armes kleines Weibchen! Sehen Sie sich das Gesicht an! Es liegt keine Spur von Immoralität in demselben, nur Thorheit, Schwäche, Albernheit, Leichtsinn. Es ist ein typischer Kopf. Sehen Sie, wie die Knochen durch das Fleisch im Gesicht und auf den Backen schimmern?«

»Was das für ein kaltblütiger Barbar ist! Schlagen Sie nicht ein Weib, wenn es heruntergekommen ist. Können wir nicht etwas für sie thun? Sie ist einfach vor Hunger zusammengebrochen und fiel beinahe in meine Arme; als sie dann das Frühstück vor sich hatte, aß sie wie ein wildes Tier. Es war schrecklich.« »Ich kann ihr Geld geben, das sie wahrscheinlich in Getränk verschleudern wird. Schläft sie vielleicht für immer?«

Das Mädchen öffnete die Augen und starrte, zwischen Schrecken und Frechheit, die beiden Männer an.

»Fühlen Sie sich besser?« fragte Torpenhow.

»Ja, ich danke Ihnen, Es gibt nicht viele Gentlemen, die so gütig find, wie Sie es waren. Ich danke Ihnen.«

»Wann haben Sie Ihren Dienst verlassen?« fragte Dick, der die aufgesprungenen und mit Schrammen bedeckten Hände betrachtet hatte.

»Woher wußten Sie, daß ich in Dienst gewesen bin? Ich war Mädchen für alles. Es gefiel mir durchaus nicht.«

»Und wie gefällt es Ihnen, Ihre eigene Herrin zu sein?«

»Sehe ich so aus, als ob es mir gefiele?«

»Ich vermute es nicht. Einen Augenblick! Bitte, seien Sie so gut und wenden Sie Ihr Gesicht dem Fenster zu.«

Das Mädchen gehorchte, während Dick scharf das Gesicht derselben betrachtete – so scharf, daß es versuchte, sich hinter Torpenhow zu verbergen.

»Die Augen haben es,« sagte Dick auf und ab gehend. »Es sind prächtige Augen für meinen Zweck. In jedem Kopfe sind überhaupt die Augen die Hauptsache. Dieses Mädchen ist mir vom Himmel gesandt, um zu ersetzen, was mir fortgenommen. Nun die wöchentliche Aufregung von meinen Schultern genommen ist, kann ich ernstlich ans Werk gehen. Augenscheinlich vom Himmel gesandt. Ja. Bitte, richten Sie Ihr Kinn ein wenig auf.«

»Artig, alter Herr, artig! Sie können jemand um den Verstand bringen vor Angst,« sagte Torpenhow, der sah, wie das Mädchen zitterte.

»Leiden Sie nicht, daß er mich schlägt. O, bitte, leiden Sie es nicht! Ich bin heute schon grausam geschlagen worden, weil ich mit einem Manne sprach, Geben Sie nicht zu, daß er mich so ansieht! Er ist ein Bösewicht, dieser Mann da. O, es kommt mir so vor, als ob ich gar nichts anhätte, wenn er mich so ansieht!«

Die überspannten Nerven in ihrem schwachen Körper gaben nach; das Mädchen weinte wie ein kleines Kind und fing an zu schreien.

»Sie sind hier ganz sicher,« sagte Dick sanft. »Mein Freund kann einen Polizisten holen lassen und Sie können durch jene Thür dort fortlaufen. Kein Mensch will Ihnen etwas zu Leide thun.«

Das Mädchen schluchzte konvulsivisch einige Minuten lang, dann versuchte es zu lachen.

»Gar nichts wird Ihnen geschehen. Nun hören Sie mir ruhig zu. Ich bin, was man einen Künstler von Profession nennt. Sie wissen, was Künstler thun?«

»Sie zeichnen Dinge mit roter und schwarzer Tinte für die Etiketten der Flaschen mit Brauselimonade in den Läden.«

»So ungefähr. Ich habe mich noch nicht bis zu Etiketten für Flaschen mit Brauselimonade aufgeschwungen, die werden von Akademikern gemalt; ich möchte gern Ihren Kopf zeichnen.«

»Weshalb?«

»Weil er hübsch ist. Deshalb werden Sie dreimal wöchentlich in das Zimmer über dem Flur kommen, um elf Uhr morgens; ich werde Ihnen drei Pfund Sterling die Woche dafür geben, daß Sie nur still sitzen und gezeichnet werden. Hier ist ein Pfund auf Abschlag.«

»Für nichts? O, potztausend!« Das Mädchen drehte den Sovereign in der Hand hin und her und weinte vor Freude. »Fürchtet denn keiner von den beiden Gentlemen, daß ich Sie beschwindeln werde?«

»Nein, das thun nur garstige Mädchen. Versuchen Sie es nur und merken Sie sich diese Wohnung. Beiläufig, wie heißen Sie?«

»Ich bin Bessie – Bessie – es hat keinen Zweck, Ihnen den andern Namen zu sagen. Bessie Broke – Steinbruch, wenn es Ihnen beliebt. Wie heißen Sie? Aber – niemand gibt seinen wirklichen Namen an.«

Dick fragte Torpenhow mit den Augen.

»Mein Name ist Heldar, mein Freund heißt Torpenhow. Sie müssen aber ganz bestimmt herkommen. Wo wohnen Sie?«

»Südlich vom Wasser – ein Zimmer – fünf Schilling und sechs Pence die Woche. Machen Sie auch keinen Scherz mit mir wegen der drei Pfund?«

»Sie werden es ja später sehen. Und, Bessie, wenn Sie das nächstemal kommen, so brauchen Sie keine Schminke aufzulegen, denken Sie daran. Es ist schädlich für die Haut; auch habe ich alle Farben, die Sie nur wünschen können.«

Bessie entfernte sich, indem sie ihre Wangen mit einem zerrissenen Taschentuche abrieb. Die beiden Männer sahen einander an.

»Sie sind ein Mann,« sagte Torpenhow.

»Ich fürchte, daß ich ein Thor gewesen bin. Es ist nicht unsere Sache, die Erde zu durchstreifen, um Bessie Brokes zu bessern. Ein Weib, welcher Art dasselbe auch sei, hat keinen Anspruch auf diesen Flur.«

»Vielleicht kommt sie nicht wieder.«

»Sie wird schon kommen, wenn sie glaubt, hier etwas zu essen und Wärme zu finden. Ich weiß, daß sie wiederkommt, leider. Aber denken Sie daran, alter Freund, sie ist kein Weib, sondern mein Modell; und seien Sie vorsichtig.«

»Welche Idee! Sie ist eine liederliche kleine Vogelscheuche – eine Straßendirne und weiter nichts.«

»So glauben Sie. Warten Sie, bis sie etwas herausgefüttert ist und sich nicht mehr fürchtet. Dieser schöne Typus erholt sich außerordentlich rasch. In einer oder zwei Wochen erkennen Sie sie nicht wieder, wenn diese gemeine Furcht aus ihren Augen verschwunden sein wird. Sie wird nur zu glücklich sein und für meine Zwecke auch lächeln.«

»Gewiß nehmen Sie dieselbe doch nur aus Mitleid? – Um mir eine Freude zu machen?«

»Ich habe nicht die Gewohnheit, mit glühenden Kohlen zu spielen, um irgend jemand eine Freude zu machen. Sie ist mir vom Himmel gesandt worden, wie ich vorhin bemerkte, um mir bei meiner Melancholie zu helfen.«

»Niemals bis heute hörte ich ein Wort über diese Dame.«

»Was hat es für einen Vorteil, einen Freund zu besitzen, wenn man seine Ideen ihm in Worten kundgeben muß? Sie müssen wissen, worüber ich nachsinne. Sie haben mich neulich grunzen hören?«

»Ja wohl; aber grunzen bedeutet in Ihrer Sprache alles mögliche vom schlechten Tabak bis zu bösen Kunden. Auch glaube ich nicht, daß ich seit einiger Zeit besonders hoch in Ihrem Vertrauen stehe.«

»Es war ein hohes und seelenvolles Grunzen. Sie müssen doch begriffen haben, daß es die Melancholie bedeutete!« Dick wanderte mit Torpenhow schweigsam im Zimmer auf und ab. Darauf gab er ihm einen Rippenstoß. »Sehen Sie es jetzt noch nicht? Bessies gemeine Leichtfertigkeit, sowie der Schrecken in ihren Augen, zusammengenommen mit einigen Details von Kummer, den ich in letzter Zeit erfahren habe. Aehnlich wie Orange und Schwarz – zwei Hauptfarben jedes. Aber ich kann Ihnen mit leerem Magen nicht das alles erklären.«

»Es klingt verrückt genug. Sie thäten besser, bei Ihren Soldaten zu bleiben, Dick, anstatt über Köpfe, Augen und Erfahrungen zu grübeln.«

»Glauben Sie?« Dick fing an, auf den Hacken zu tanzen und dabei zu singen:

Sie sind stolz wie ein Truthahn, wenn das Geld im Beutel klingt:
Ihr solltet’s hören, wie das jauchzt und lacht!
Sie spassen und sie tollen, so lang die Füchse rollen –
Au! Doch seht sie, ist alles durchgebracht!

Darauf setzte er sich hin, um Maisie sein Herz auszuschütten in einem vier Bogen langen Briefe voll Ratschläge und Ermutigung und schwor einen feierlichen Eid, sich mit ungeteiltem Herzen an die Arbeit zu machen, sobald Bessie wieder erscheinen würde.

Das Mädchen verrichtete sein Amt ungeschminkt und ungeschmückt, abwechselnd erschreckt und übermütig. Als sie gesehen, daß man von ihr nur erwartete, still zu sitzen, wurde Bessie bald ruhiger und machte mit Freimut und nicht ohne Witz, einige Bemerkungen über die Ausstattung des Ateliers. Sie liebte Wärme und Behaglichkeit und Befreiung von Furcht vor körperlichem Schmerz. Dick machte zwei oder drei Studien von ihrem Kopfe in Kreide, doch die wirkliche Idee der Melancholie wollte ihm noch nicht klar werden.

»In welcher Unordnung halten Sie Ihre Sachen!« sagte Bessie einige Tage später, als sie sich bereits vollständig heimisch fühlte. »Ich vermute, Ihre Kleider befinden sich gerade in demselben Zustande. Gentlemen denken niemals daran, wozu Knöpfe und Zwirn da sind.«

»Ich kaufe die Sachen, um sie zu tragen, und trage dieselben so lange, bis sie entzwei gehen. Ich weiß nicht, wie Torpenhow es macht.«

Bessie stellt? eine genaue Untersuchung im Zimmer des letzteren an und zog einen ganzen Ballen zerrissener Socken aus den Winkeln hervor. »Einige davon will ich jetzt ausbessern,« sagte sie, »und die übrigen mit nach Hause nehmen. Wissen Sie, ich sitze den ganzen langen Tag zu Hause und thue nichts, gerade wie eine Lady, und bekümmere mich nicht mehr um die übrigen Mädchen im Hause, als ob sie alle Fliegen wären. Ich spreche nie ein Wort mit ihnen, außer den allernotwendigsten, und ducke sie sehr bald nieder, wenn sie mit mir reden, das kann ich Sie versichern. Nein; es war sehr nett die letzten Tage über. Ich schließe meine Thür ab, während sie mir durch das Schlüsselloch alle möglichen Schimpfworte zurufen und ich wie eine Lady im Zimmer sitze, Socken ausbessernd. Mr. Torpenhow zerreißt seine Socken an beiden Enden zugleich.«

»Drei Sovereigns wöchentlich von mir und der Genuß meiner Gesellschaft. Keine Socken mehr stopfen. Nichts mit Torp, als hin und wieder ein Kopfnicken auf dem Flur und seine sämtlichen Socken ausgebessert. Bessie ist ganz und gar ein Weib,« dachte Dick und blickte zwischen seinen halbgeschlossenen Augen auf dieselbe. Nahrung und Ruhe hatten das Mädchen vollständig verändert, wie Dick es vorhergesagt.

»Weshalb sehen Sie mich so an?« fragte sie rasch. »Thun Sie es nicht. Sie sehen immer ganz böse uns, wenn Sie mich so anblicken. Sie halten nicht viel von mir, nicht wahr?«

»Das hängt davon ab, wie Sie sich betragen.«

Bessie betrug sich wundervoll. Am Schlusse der Sitzung war es indes schwierig, sie aufzufordern, wieder fortzugehen. Sie zog das Atelier und einen Sessel am Ofen vor und benützte einige Socken in ihrem Schoße als Vorwand, länger dort zu bleiben. Dann würde Torpenhow hereinkommen und Bessie veranlassen, einige seltsame und wunderbare Geschichten aus ihrer Vergangenheit zu erzählen und noch seltsamere über ihre gegenwärtigen verbesserten Umstände. Sie würde ihnen dann Thee machen, als ob sie das Recht dazu hätte. Bei solchen Gelegenheiten bemerkte Dick einigemale, wie Torpenhows Augen auf der hübschen kleinen Gestalt ruhten, und da Bessies Umherflattern im Zimmer Dick mit glühender Sehnsucht nach Maisie erfüllte, so begriff er bald, wohin Torpenhows Gedanken strebten. Bessie nahm sich auch mit großer Sorgfalt Torpenhows Wäsche an. Sie sprach nur sehr wenig mit ihm, doch plauderten sie zuweilen mit einander auf dem Flur.

»Ich war ein großer Thor,« sagte sich Dick. »Ich weiß, was roter Feuerschein bedeutet, wenn ein Mann durch eine fremde Stadt wandert; unser Leben ist ein einsames, egoistisches im besten Falle. Ich wundere mich, daß Maisie das nicht mitunter fühlt. Aber ich kann Bessie nicht fortschicken. Das ist das Schlimmste, wenn man eine Sache anfängt, daß man nie weiß, wo sie aufhört.«

Nach einer bis zum Einbruch der Dämmerung verlängerten Sitzung wurde Dick eines Abends aus einem Schläfchen durch eine schluchzende Stimme in Torpenhows Zimmer aufgescheucht. Er sprang sofort auf. »Was soll ich jetzt thun? Es sieht närrisch aus, wenn ich hineingehe. – O, gesegnet seiest Du, Binkie!« Der kleine Dachshund stieß Torpenhows Thür mit seiner Nase auf und kam heraus, um von Dicks Lehnstuhl Besitz zu ergreifen. Die Thür öffnete sich unbeachtet ganz weit, so daß Dick über den Flur sehen konnte, wie Bessie im Halbdunkel eine Bitte an Torpenhow richtete. Sie kniete neben ihm, während ihre Hände über seinen Knieen gefaltet waren.

»Ich weiß – ich weiß,« sagte sie traurig. »Es ist nicht recht von mir, dieses zu thun, aber ich kann es nicht ändern; Sie waren so gütig – so sehr gütig, und nahmen dann nie wieder Notiz von mir. Ich habe alle Ihre Sachen so sorgfältig ausgebessert – ja, das habe ich gethan. O, bitte, es ist ja gar nicht, als ob ich Sie auffordern wollte, mich zu heiraten; daran würde ich nie denken. Aber könnten Sie mich nicht zu sich nehmen und mit mir leben, bis die rechte Miß kommt? Ich bin nur die unrechte Miß, ich weiß es, aber ich würde für Sie meine Hände bis auf die Knochen abarbeiten. Ich bin ja auch nicht häßlich von Ansehen. Sagen Sie, daß Sie es thun wollen.«

Dick erkannte kaum Torpenhows Stimme, als derselbe antwortete:

»Sehen Sie, Bessie, es hat keinen Zweck. Ich bin verpflichtet, in jeder Minute abzureisen, sowie ein Krieg ausbricht – in jeder Minute, Teure.«

»Was macht das aus? Dann, bis Sie fortgehen, bis Sie gehen. Es ist ja nicht so viel, um was ich bitte, und – Sie wissen nicht, wie gut ich kochen kann.« Sie hatte einen Arm um seinen Nacken gelegt und zog seinen Kopf zu sich herab.

»Nun denn – bis ich fortgehe.«

»Torp,« rief Dick über den Flur; er konnte kaum seine Stimme am Beben verhindern. »Kommen Sie doch einen Augenblick her, alter Herr, Ich bin m Verlegenheit. – Der Himmel gebe, daß er auf mich hört.«

Etwas wie ein Fluch kam über Bessies Lippen. Sie fürchtete sich vor Dick und eilte in panischem Schrecken die Treppen hinunter; doch schien es ein Jahrhundert zu dauern, bevor Torpenhow in das Atelier trat. Er ging zum Kamin, begrub seinen Kopf in den Armen und stöhnte wie ein verwundeter Stier.

»Was für ein Recht, zum Teufel, haben Sie, dazwischen zu treten?« sagte er schließlich.

»Wer tritt dazwischen und weshalb? Ihr eigener Verstand sagte Ihnen schon vor längerer Zeit, daß Sie nicht ein solcher Thor sein könnten. Es war eine scharfe Versuchung, Sankt Antonius, aber jetzt sind Sie wieder ganz in Ordnung.«

»Ich mochte nicht sehen, wie sie sich in diesen Zimmern bewegte, als ob dieselben ihr gehörten. Das brachte mich so in Aufregung; es erfüllt einen einsamen Mann mit einer Art von Sehnsucht, nicht wahr?« sagte Torpenhow etwas kläglich.

»Jetzt sprechen Sie vernünftig. Ja, es ist der Fall; da Sie aber nicht in der Lage sind, über die Nachteile einer doppelten Haushaltung nachzudenken, wissen Sie, was Sie nun thun sollten?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie müssen eine Zeit lang fortgehen und eine amüsante Tour machen, um die richtige Stimmung wieder zu erlangen. Sie gehen nach Brighton oder Scarborough und Prawle Point, um die Schiffe abfahren und ankommen zu sehen, und zwar werden Sie sofort abreisen. Ist es nicht das Beste? Ich werde für Binkie sorgen, aber Sie gehen ohne Zögern fort. Man widersteht nie dem Teufel; er hält die Bank. Fliehen Sie vor ihm. Packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie fort.«

»Ich glaube, Sie haben recht. Wohin soll ich gehen?«

»Und Sie nennen sich einen Spezialkorrespondenten! Packen Sie nur erst und nachher fragen Sie.« Eine Stunde später war Torpenhow in ein Kabriolet spedirt und in die Nacht hinausgeschickt worden.

»Während des Fahrens wird Ihnen gewiß irgend ein Ort einfallen, wohin Sie gehen können,« sagte Dick. »Fahren Sie nach Euston, um anzufangen, und, o ja – betrinken Sie sich heute nacht.«

Er kehrte in sein Atelier zurück und zündete noch einige Kerzen an, da ihm das Gemach sehr dunkel vorkam.

»O, du Jesabel! Du leichtfertige, kleine Jesabel! Wirst du mich morgen nicht hassen? – Binkie, komm her.«

Binkie drehte sich auf dem Rücken auf der Decke vor dem Kamin, wahrend Dick ihn nachdenklich mit dem Fuße hin und her wandte.

»Ich sagte, sie wäre nicht unmoralisch. Ich hatte unrecht. Sie sagte, sie könne kochen, das zeigte vorbedachte Sünde. O, Binkie, wenn Du ein Mann wärest, würdest Du ins Verderben geraten; wärest Du aber ein Weib und sagtest, Du könntest kochen, so würdest Du nach einem noch viel schlimmeren Orte gehen.«

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

»Nun, wie schmeckt der Erfolg?« fragte Torpenhow, etwa drei Monate später. Er war gerade von einem Ferienaufenthalte auf dem Lande zurückgekehrt. »Gut,« erwiderte Dick, der vor der Staffelei in dem Atelier saß und seine Lippen leckte. »Ich brauche mehr, ich hoffe auf mehr. Die mageren Jahre sind vorüber, ich heiße die fetten willkommen.«

»Seien Sie vorsichtig, Freundchen. Auf diesem Wege liegt viel Böses.« Torpenhow lag in einem großen Sessel und hatte einen kleinen, schlafenden Dachshund auf seiner Brust liegen, während Dick eine neue Leinwand aufspannte und auf derselben zu zeichnen begann. Eine Estrade im Hintergrund und eine Gliederpuppe waren die einzigen Gegenstände im Zimmer. Dieselben erhoben sich von einem wackeligen Podium, auf dem mit Filz überzogene Wasserflaschen, Gürtel, Fahnen, ein Ballen getragener Uniformstücke und eine Trophäe von verschiedenen Waffen sich befanden. Die Spuren von schmutzigen Füßen auf der Estrade zeigten, daß ein militärisches Modell soeben fortgegangen war. Der wässerige Sonnenschein eines Herbsttages verschwand allmälich, während die Ecken des Ateliers im Schatten lagen.

»Ja,« sagte Dick offenherzig, »ich liebe die Macht, einen Spaß, den Lärm, doch vor allem das Geld; am meisten jedoch liebe ich die Leute, die Lärm machen und das Geld bezahlen. Am meisten! Doch es ist eine sonderbare Bande, eine erstaunlich sonderbare Bande!«

»Wenigstens sind die Leute gut genug gegen Sie gewesen. Diese kleine armselige Ausstellung Ihrer Skizzen muß gut bezahlt worden sein. Haben Sie gesehen, daß die Zeitungen dieselbe eine ›wilde Arbeitausstellung‹ genannt haben?«

»Das thut nichts! Ich verkaufte jeden Faden Leinwand, den ich dazu gebraucht; ich glaube, auf mein Wort, sie hielten mich für einen Künstler, der alles aus sich selbst gelernt hat. Ich hätte gewiß noch bessere Preise erzielt, wenn ich meine Sachen auf Wolle gearbeitet oder auf Kamelknochen eingekratzt hätte, anstatt nur Schwarz und Weiß und Farbe zu gebrauchen. Wahrhaftig, diese Leute sind eine sonderbare Bande. Beschränkt ist nicht das richtige Wort, um sie zu beschreiben. Neulich traf ich einen Burschen, der mir sagte, es sei unmöglich, daß die Schatten auf weißem Sande blau – ultramarin – sein könnten, wie sie wirklich waren. Später erfuhr ich, daß dieser Mensch nicht weiter als bis zur Bucht von Brighton gekommen war, trotzdem wußte er alles, was Kunst betraf; hol ihn der Henker! Er hielt mir eine Vorlesung über dieselbe und empfahl mir, eine Schule zu besuchen, um die Technik zu lernen. Ich möchte wohl wissen, was der alte Kami dazu gesagt haben würde?«

»Wann waren Sie unter Kamis Leitung, Sie Mann von außergewöhnlichen Anfängen?«

»Ich studirte zwei Jahre bei ihm in Paris. Er lehrte vermittelst persönlichem Magnetismus. Das einzige, was er beständig sagte, war: ›continuez, mes enfants‹, während man daraus das beste entnehmen mußte, was man konnte. Er hatte einen göttlichen Strich und wußte auch manches über Farbe. Kami pflegte Farben zu träumen; ich möchte schwören, daß er nie den wirklichen, natürlichen Gegenstand gesehen; aber er entwickelte denselben, und es war gut.«

»Entsinnen Sie sich einer jener Ansichten im Sudan?« fragte Torpenhow mit herausforderndem Dehnen.

Dick erbebte ans seinem Platze. »Nichts davon! Es erweckt in mir das Verlangen, wieder dorthin zu gehen. Was waren das für Farben! Opal und Ambra, Bernstein und Weinrot, Ziegelrot und Schwefel – Kakaduschopfschwefel – gegen Braun, mit einem negerschwarzen Felsen, inmitten von dem Ganzen aufsteigend, und einem dekorativen Fries von Kamelen vor einem reinen, hell türkisfarbigen Himmel.« Er fing an auf und ab zu gehen. »Und dennoch, Sie wissen es ja, wenn man versuchte, diesen Leuten hier die Dinge wiederzugeben, wie Gott sie geschaffen, ihrer Fassungskraft angemessen abgeschwächt, und nach den Fähigkeiten, die er uns verliehen –«

»Bescheidener Mann! Fahren Sie fort.«

»Ein halbes Dutzend junger Heiden, die nicht einmal in Algier gewesen sind, wird Ihnen sagen, erstens, daß Ihre Idee entlehnt und zweitens, daß das nicht Kunst sei.«

»Das kommt davon, daß ich die Stadt einen Monat lang verlassen habe, Dickie. Sie sind zwischen den Spielzeugläden spazieren gegangen und haben die Leute schwatzen hören.«

»Ich konnte es nicht ändern,« entgegnete Dick reuevoll. »Sie waren nicht hier und diese langen Abende kamen mir so einsam vor. Ein Mann kann nicht immer arbeiten.«

»Ein Mann hätte in eine Schenke gehen und sich anständig betrinken können.«

»Ich wollte, ich hätte es gethan; aber ich kam mit allerlei Leuten zusammen. Sie sagten, sie wären Künstler, auch wußte ich, daß einige von ihnen zeichnen konnten, doch sie wollten nicht zeichnen, Sie gaben mir Thee – um fünf Uhr nachmittags Thee! – und sprachen über Kunst und den Zustand ihrer Seelen; als ob ich mich um ihre Seelen bekümmerte. Ich habe in den letzten sechs Monaten mehr über Kunst gehört und weniger davon gesehen, als während meines ganzen Lebens. Entsinnen Sie sich Cassavattis, der für irgend ein festländisches Syndikat arbeitete, da draußen bei einer Wüstenkolonne? Er war ein förmlicher Weihnachtsbaum, als er ins Feld zog mit seiner Wasserflasche, Tragbändern, Revolver, Schreibmappe, Haushälterin, Wagenlaternen und der Himmel weiß, was alles. Gewöhnlich tändelte er mit all den Dingen einher und zeigte uns ihren Gebrauch; aber niemals schien er besonders viel zu thun, außer die Berichte von Nilghai zu kopiren.«

»Der liebe alte Nilghai! Er ist in der Stadt und fetter als je. Er muß heute abend herkommen. Ich verstehe vollkommen den Vergleich. Sie hätten sich von all diesen männlichen Narren fern halten sollen; es geschieht Ihnen ganz recht, auch hoffe ich, daß es Ihren Verstand geklärt hat.«

»Es hat mich gelehrt, was die Kunst – die heilige, erhabene Kunst – bedeutet.«

»Geben Sie ihnen, was sie verstehen, und wenn Sie es einmal gethan, thun Sie es wieder.«

Dick holte eine Leinwand hervor, die an der Wand lehnte.

»Hier ist eine Probe von wirklicher Kunst; es soll eine Kopie für ein Wochenblatt werden. Ich nannte es ›Sein letzter Schuß‹. Es ist nach dem kleinen Aquarell gearbeitet, das ich vor den Thoren von El Maghaib anfertigte. Ich köderte mein Modell, einen schönen Schützen, mit einem guten Trunk; ließ ihn dann dursten und wieder dursten, und machte schließlich aus ihm einen wilden, verteufelten Burschen mit dem Helm auf dem Hinterkopfe und der größten Todesfurcht in den Augen, während das Blut aus einem Hiebe über seinen Knöchel tröpfelte. Er war nicht schön, aber ganz ein Soldat und ein Mann.«

»Noch einmal, bescheidenes Kind!«

Dick lachte. »Nun ja, ich spreche ja nur zu Ihnen. Ich malte ihn so gut ich konnte, indem ich Rücksicht auf die Weichheit der Oelfarben nahm. Der Kunstleiter jenes Blattes sagte mir, daß seinen Abonnenten das Bild nicht gefallen würde. Es sei grob, roh und gewaltsam, da ein Mann, wenn er um sein Leben kämpfe, natürlich sanft wäre; man wollte etwas Ruhigeres, mit ein wenig mehr Farbe haben. Ich hätte ihm manches darauf erwidern können, aber man kann eben so gut zu einem Schaf sprechen, als zu einem Kunstleiter. Ich zog meinen ›Letzten Schuß‹ zurück. Betrachten Sie das Resultat! Ich kleidete ihn in einen hübschen roten Rock, ohne einen einzigen Flecken. Das ist Kunst. Ich wichste seine Stiefel, – bemerken Sie das schöne Licht auf der Zehe. Das ist Kunst. Ich putzte auch seine Büchse – im Dienste sind die Büchsen stets geputzt – weil das Kunst ist. Seinen Helm machte ich mit Schlemmkreide blank, – Schlemmkreide wird immer im aktiven Dienste gebraucht und ist für die Kunst unentbehrlich. Dann rasirte ich sein Kinn, wusch seine Hände und gab ihm das Aussehen fetter Ruhe. Resultat: Musterbild für Militärschneider. Preis, dem Himmel sei Dank, doppelt so viel als für die erste Skizze, der ziemlich bescheiden gewesen.«

»Haben Sie die Absicht, das Ding als Ihre Arbeit auszugeben?«

»Weshalb nicht? Ich that es, nur im Interesse der geheiligten, einheimischen Kunst und ›Dickensons Wochenblatt‹.«

Torpenhow rauchte eine Zeit lang schweigend weiter, dann erfolgte der Urteilsspruch, begleitet von rollenden Tabakswolken: »Wenn Sie nur eine Masse von aufgeblähter Eitelkeit wären, Dick, so würde ich nichts sagen, ich würde Sie zum Henker gehen lassen mit Ihrem Malstock; wenn ich jedoch bedenke, was Sie mir sind, und sehe, daß Sie zu der Eitelkeit noch den kindischen Groll eines zwölfjährigen Mädchens hinzufügen, dann rühre ich mich Ihretwegen. Also!«

Die Leinwand riß auseinander, als Torpenhows gestiefelter Fuß hindurch fuhr, während der Teckel hinuntersprang, weil er glaubte, es seien Ratten da.

»Wenn Sie irgend etwas darauf zu erwidern haben, so thun Sie es. Sie können es nicht. Ich fahre also fort. Sie sind ein Idiot, weil kein vom Weibe geborener Mensch stark genug ist, sich mit seinem Publikum solche Freiheiten herauszunehmen, obschon es ist – alles, was Sie eben gesagt, daß es sei.«

»Aber die Leute verstehen nichts Besseres. Was kann man von Geschöpfen erwarten, die in diesem Lichte geboren und erzogen sind?« Dabei deutete Dick auf den gelben Nebel. »Wenn sie Möbelpolitur haben wollen, so laßt sie doch dieselbe haben, so lange sie dafür bezahlen. Sie sind nur Männer und Weiber; Sie sprechen, als ob es Götter wären.«

»Das klingt sehr schön, hat aber mit diesem Falle nichts zu schaffen. So sind die Leute, für die Sie arbeiten müssen, möge es Ihnen nun gefallen oder nicht. Sie sind Ihre Herren. Täuschen Sie sich nicht, Dickie, Sie sind nicht kräftig genug, um mit ihnen spielen zu können; oder mit sich selbst, was viel wichtiger ist. Außerdem, – kommen Sie her, Dickie; diese rote Sudelei hier findet nirgends Beifall; – wenn Sie sich nicht in acht nehmen, so werden Sie unter den Fluch des Checkbuches geraten, und das ist schlimmer als der Tod. Sie werden sich berauschen an leicht erworbenem Gelde, – halb berauscht sind Sie bereits. Für Geld und Ihre eigene höllische Eitelkeit sind Sie willens, leichtsinnig schlechte Arbeit in die Welt zu schicken. Sie werden, ohne es zu wissen, noch genug schlechte Arbeit liefern. Und, Dickie, da ich Sie liebe und weiß, daß auch Sie mich lieb haben, so werde ich nicht zugeben, daß Sie sich die Nase abschneiden, um Ihr Gesicht zu ärgern, nicht für alles Gold in England, So, das ist abgemacht. Nun fluchen Sie.«

»Ich kann nicht,« sagte Dick. »Ich habe versucht, zornig zu werden, aber ich kann nicht; Sie sind so abscheulich vernünftig. Ich denke, es wird viel Lärm bei ›Dickensons Wochenblatt‹ geben.«

»Weshalb gebraucht der Dickenson Sie, um für ein Wochenblatt zu arbeiten? Das heißt, seine Kraft langsam verbluten lassen.«

»Es bringt aber den höchst wünschenswerten Dollar ein,« erwiderte Dick, die Hände in den Taschen.

Torpenhow betrachtete ihn mit großer Verachtung. »Wirklich, ich glaubte, er wäre ein Mann,« sagte er. »Er ist ein Kind!«

»Nein, das ist er nicht,« entgegnete Dick, sich rasch umdrehend, »Sie haben gar keine Idee davon, was die Gewißheit, Geld einzukassiren für einen Mann bedeutet, der dasselbe stets schmerzlich entbehrt hat. Nichts kann mich bezahlen für einige Freuden meines Lebens; so zum Beispiel, als wir auf jenem chinesischen Schweineschiff zu jeder Mahlzeit Brot und Schinken aßen, weil Ho-Wang uns nichts Besseres erlauben wollte, und alles nach Schweinefleisch – chinesischem Schweinefleisch – schmeckte. Ich habe hierfür gearbeitet, geschwitzt und gehungert, Linie auf Linie und Monat nach Monat. Und nun ich es erreicht habe, will ich soviel als möglich daraus machen, so lang es dauert. Laß sie bezahlen – sie verstehen nichts davon.«

»Was beliebt Euer Majestät zu wünschen. Sie können nicht mehr rauchen, wie Sie jetzt thun; Sie wollen nicht trinken; Sie sind kein Feinschmecker und Sie kleiden sich in Schwarz, wie der Augenschein zeigt. Sie wollten sich neulich kein Pferd anschaffen, als ich es vorschlug, weil dasselbe, wie Sie sagten, lahm werden könnte, und wenn Sie über die Straße müssen, nehmen Sie ein Kabriolet. Sie sind auch nicht thöricht genug, zu glauben, daß Theater und alle lebenden Dinge, welche man da herum laufen kann, das Leben bedeuten. Was für irdische Bedürfnisse haben Sie für Geld?«

»Es ist da, gesegnet sei sein goldenes Herz,« sagte Dick, »es ist die ganze Zeit über da. Die Vorsehung hat mir Nüsse geschickt, da ich Zähne habe, sie aufzuknacken. Noch habe ich die Nuß nicht gefunden, die ich aufknacken möchte, aber ich erhalte inzwischen meine Zähne geschärft. Vielleicht gehen wir, Sie und ich, eines Tages auf eine Wanderung rund um die weite Welt.«

»Mit nichts zu arbeiten für uns, mit niemand, der uns quält, und niemand, mit dem wir wetteifern könnten? In einer Woche würden Sie unfähig zum Sprechen sein. Außerdem würde ich nicht mitgehen. Ich verlange nicht darnach, etwas zu profitiren, um den Preis einer Menschenseele; denn das würde es bedeuten. Dick, es verlohnt nicht der Mühe, darüber zu sprechen. Sie sind ein Narr!«

»Das sehe ich nicht ein. Als ich mich auf jenem chinesischen Schweineboote befand, erwarb unser Kapitän dadurch ganz gewaltigen Kredit, daß er etwa fünfundzwanzigtausend sehr seekranke Ferkel rettete, als unser alter Kasten von einem Dampfer mit einer Holz-Dschunk unklar wurde. Nehmen Sie nun diese Ferkel als eine Parallele …«

»O, hol der Teufel Ihre Parallele! Wenn ich mich bemühe, Ihre Seele zu retten, zu bessern, ziehen Sie immer eine von den unbedeutenden Anekdoten aus ihrer dunklen Vergangenheit herbei. Schweine sind nicht das britische Publikum; Kredit auf hoher See ist nicht Kredit hier, und Selbstachtung bleibt Selbstachtung in der ganzen Welt. Gehen Sie, aus, machen Sie einen Spaziergang und versuchen Sie, etwas Selbstachtung zu erlangen. Wenn Nilghai heute abend herauf kommt, kann ich ihm dann Ihre Sachen zeigen?«

»Gewiß. Nächstens werden Sie noch fragen, ob Sie an meiner Thür anklopfen müssen.« Darauf ging Dick fort, um in dein rasch dichter werdenden Londoner Nebel mit sich selbst Rat zu pflegen.

Eine halbe Stunde nachdem Dick sein Atelier verlassen, arbeitete sich Nilghai die Treppen hinauf. Er war sowohl der oberste als auch der ungeheuerlichste aller Kriegskorrespondenten; seine Erfahrungen datirten aus der Zeit, als das Zündnadelgewehr aufkam. Mit Ausnahme seines Verbündeten, Keneu, des »Großen Kriegsadlers«, gab es keinen mächtigeren Mann in der Zunft als ihn; er begann seine Gespräche stets mit der Neuigkeit, daß es im Frühjahre im Balkan Unruhen geben würde. Torpenhow lachte, als er eintrat.

»Machen Sie sich nichts aus den Unruhen im Balkan; diese kleine Staaten sind immer am Schreien. Haben Sie von Dicks Glück gehört?«

»Ja; er ist zu öffentlicher Anerkennung gelangt, nicht wahr? Ich hoffe, Sie halten ihn hübsch demütig. Er bedarf von Zeit zu Zeit einiges Niederdrücken.«

»Das ist richtig. Er fängt an, sich Freiheiten herauszunehmen mit dem, was er für seinen Ruf hält.«

»Schon! Beim Zeus, er besitzt Unverschämtheit! Ich weiß nichts von seinem Ruf, aber er wird eine Lerche schießen, wenn er derartiges versucht.«

»So sagte ich ihm; doch denke ich nicht, daß er es glaubt.«

»Das thut man nie, wenn man zuerst beginnt. Was ist das zerrissene Ding da auf dem Boden?«

»Eine Probe seiner letzten Unverschämtheit.«

Torpenhow legte die zerrissenen Stücke der Leinwand aneinander und zeigte Nilghai das Bild, der dasselbe einen Augenblick ansah und pfiff.

»Es ist ein Chromo,« sagte er, – »ein Chromo – Citholeo-Margarino-Ding! Was hat ihn dazu veranlaßt? Und dennoch, wie durch und durch hat er dasjenige erfaßt, was ein Publikum fesseln kann, das mit seinen Stiefeln denkt und mit den Ellenbogen liest! Die kaltblütige Unverschämtheit dieser Arbeit rettet sie fast; aber er darf so nicht fortfahren. Ist er nicht vielleicht zu viel gelobt und aufgemuntert worden? Sie wissen, die Leute hier haben gar keinen Begriff von richtigem Maß und Ziel. Sie nennen ihn einen zweiten Detaille und einen künftigen Meissonier, so lange seine Manier in der Mode ist. Es ist lustige Kost für ein Füllen.«

»Ich glaube wohl, daß es Dick viel berührt. Man könnte ebenso gut einen jungen Wolf einen Löwen nennen und von ihm erwarten, das Kompliment gegen einen Knochen auszutauschen. Dicks Seele ist in der Bank; er arbeitet für seine Kasse.«

»Nun er die Kriegsarbeit aufgegeben, sieht er, wie ich vermute, nicht ein, daß die Verpflichtungen des Dienstes genau dieselben sind; nur die Eigentümer haben gewechselt.«

»Wie sollte er das wissen? Er glaubt, er sei sein eigener Herr.«

»So? Ich könnte ihn zu seinem eignen Besten enttäuschen, wenn noch etwas Macht in Druckerschwärze liegt. Er bedarf der Peitsche.«

»Dann thun Sie es gründlich mit Wissenschaft. Ich würde selbst ihn vornehmen, aber ich habe ihn zu lieb.«

»Ich habe keine Skrupeln. Er hatte die Keckheit, zu versuchen, mich einmal in Kairo bei einer Frau auszustechen. Ich vergaß das, aber nun erinnere ich mich daran.«

»Stach er Sie wirtlich aus?«

»Sie werden es sehen, wenn ich mit ihm fertig bin. Aber wozu ist es gut allem nach? Lassen Sie ihn allein; er wird schon wieder kommen, wenn er irgend wie das Zeug dazu hat, den Schwanz hinter sich herschleppend und wedelnd. In einer Woche liegt mehr Leben als in einem lebendigen Wochenblatte. Nichsdestoweniger will ich ihn zudecken, und zwar ganz gehörig in dem ›Kataklysmus‹.«

»Viel Glück dazu; doch ich bilde mir ein, nichts geringeres als eine Brechstange würde Dick zum Stutzen bringen. Seine Seele scheint durch irgend etwas entstammt gewesen zu sein, bevor wir mit ihm zusammen trafen. Er ist außerordentlich mißtrauisch und gänzlich subordinations-, gesetzwidrig.«

»Sache des Temperaments,« sagte Nilghai. »Dasselbe ist bei den Pferden der Fall. Wenn man einige durchprügelt, so arbeiten sie; andere schlagen aus, wenn man sie prügelt, während einige ausgehen, nachdem man sie geprügelt hat, um, mit den Händen in den Taschen, einen Spaziergang zu machen.«

»Genau das, was Dick gethan hat,« bemerkte Torpenhow. »Warten Sie, bis er zurückkommt; inzwischen können Sie anfangen, ihn hier gehörig vorzunehmen. Ich will Ihnen in seinem Atelier etwas von seiner letzten und schlechtesten Arbeit zeigen.«

Dick hatte instinktmäßig fließendes Wasser aufgesucht, um seine Gemütsstimmung zu beruhigen. Er lehnte über die Brüstung und beachtete die Strömung der Themse durch die Bogen der Westminsterbrücke. Er hatte angefangen, über Torpenhows Rat nachzudenken, sich indes sehr bald, seiner Gewohnheit gemäß, in das Studium der Gesichter der vorüberflutenden Menge verloren. Einige trugen den Tod auf ihren Gesichtern geschrieben, und Dick wunderte sich darüber, daß sie lachen konnten; andere, zum größten Teil plump und roh gebaut, strahlten vor Liebe, während viele die Spuren der Arbeit zeigten; doch aus allen war etwas zu entnehmen, wie Dick wußte. Der Arme wenigstens würde leiden, um zu lernen, und der Reiche bezahlen für die Ausnutzung dessen, was er gelernt hat. Sein Ruf in der Welt und seine Bilanz bei der Bank würden zunehmen; um so besser für ihn, Er hatte gelitten; jetzt wollte er von dem Bösen anderer Zoll erheben.

Der Nebel wurde einen Augenblick auseinandergetrieben, die Sonne schien wie eine blutigrote Scheibe auf dem Wasser. Dick betrachtete den Fleck, bis das Geräusch der Ebbe zwischen den Pfeilern dahin starb, wie das Waschen der See zur Zeit derselben. Ein von seinem Liebhaber hart bedrängtes Mädchen rief schamlos: »O, geh fort, du Bestie!«, während der Luftzug, welcher den Nebel auseinandergejagt, den schwarzen Rauch eines Flußdampfers, der unten an der Mauer lag, in Dicks Gesicht trieb. Er wurde einen Augenblick geblendet, drehte sich um und fand sich dem Gesichte von – Maisie gegenüber.

Es war kein Irrtum. Die Jahre hatten das Kind in eine Frau umgewandelt, aber nicht die dunkelgrauen Augen, die dünnen roten Lippen, den festgeschnittenen Mund und das Kinn verändert, und damit alles so wäre wie früher, so trug sie auch noch einen eng anschließenden grauen Anzug. Dick machte einen Schritt vorwärts und rief »Hallo!« nach Art der Schulknaben, worauf Maisie erwiderte: »O, Dick, sind Sie das?« Dann klopfte – unwillkürlich und bevor sein Gehirn Zeit gefunden hatte, von dem Gedanken an seine Bilanz in der Bank sich loszureißen und den Nerven zu gebieten – jeder Puls in Dicks Körper mächtig und der Gaumen wurde ihm trocken im Munde. Der Nebel schloß sich wieder; Maisies Gesicht erschien perlenweiß in demselben. Sie sprachen kein Wort, doch Dick ging neben ihr über das Trottoir der Brücke, vollkommen Schritt mit ihr haltend, gerade wie bei ihren nachmittäglichen Spaziergängen nach den Schlammbänken, Dann fragte Dick etwas heiser:

»Was ist aus Amomma geworden?«

»Sie ist gestorben, Dick. Nicht an den Patronen. Sie hatte zu viel gefressen. Sie war immer so gefräßig. Ist es nicht komisch?«

»Ja. Nein. Meinen Sie Amomma?«

»Ja. Nein. Dieses hier. Woher sind Sie gekommen?«

»Von dort her,« Er zeigte durch die Nebel nach Osten. »Und Sie?«

»O, ich wohne im Norden – dem schwarzen Norden, durch den ganzen Park hin. Ich bin sehr beschäftigt!«

»Was thun Sie?«

»Ich male sehr viel. Das ist alles, was ich zu thun habe.«

»Was, wie ist denn das gekommen? Sie hatten dreihundert jährlich.«

»Ich habe sie noch. Ich male; das ist alles.«

»Sind Sie denn allein?«

»Ein Mädchen lebt bei mir. Gehen Sie nicht so schnell, Dick; Sie sind aus dem Tritt gekommen.«

»Bemerkten Sie das denn?«

»Natürlich. Sie kamen immer aus dem Tritt.«

»Das ist wahr; thut mir leid. Sie malen immer noch?«

»Gewiß. Ich sagte ja, ich müßte. Ich war bei Slade, dann bei Merton in St. Johns-Word, dem großen Atelier, dann kam ich in die Nationalgalerie, und jetzt arbeite ich unter Kami.«

»Aber Kami befindet sich doch gewiß in Paris?«

»Nein; er hat sein Lehratelier in Vitry-sur-Marne. Ich arbeite bei ihm im Sommer, während des Winters lebe ich in London. Ich bin eine gute Haushälterin.«

»Verkaufen Sie viel?«

»Hin und wieder, aber nicht häufig. Da ist mein Omnibus; ich muß ihn nehmen, oder ich verliere eine halbe Stunde. Leben Sie wohl. Dick.«

»Adieu, Maisie. Wollen Sie mir nicht sagen, wo Sie wohnen? Ich muß Sie wieder sehen; vielleicht kann ich Ihnen helfen. Ich – ich male selbst ein wenig.«

»Ich werde vielleicht morgen im Park sein, wenn es kein gutes Licht zum Malen ist. Ich gehe gewöhnlich vom Marmorbogen herunter und wieder zurück; das ist mein kleiner Spaziergang, Natürlich werde ich Sie wieder sehen,« Sie stieg in den Omnibus und war bald im Nebel verschwunden.

»Nun – ich – bin – verdammt!« rief Dick aus, und kehrte nach Hause zurück.

Torpenhow und Nilghai fanden ihn auf den Stufen zur Atelierthüre sitzend und jene Worte mit furchtbarem Ernste wiederholend.

»Sie werden noch mehr verdammt sein, wenn ich mit Ihnen fertig bin,« sagte Nilghai, seinen kolossalen Umfang hinter Torpenhows Schulter aufrichtend und ein Blatt von einem Halbtrocknen Manuskripte hin und her wehend. »Dick, es ist allgemein bekannt, daß Sie an einem angeschwollenen Kopfe leiden.«

»Hallo, Nilghai! Wieder zurück? Wie steht es mit dem Balkan und all den kleinen Balkanen? Die eine Seite Ihres Gesichts ist, wie gewöhnlich, darauf aus, etwas zu entwerfen.«

»Kümmern Sie sich nicht darum. Ich bin beauftragt, Sie gedruckt zu züchtigen. Torpenhow weigert sich aus falschem Schamgefühl. Ich habe mir den Schund in Ihrem Atelier ungesehen; derselbe ist einfach schmachvoll.«

»Oho! Ist es das? Wenn Sie glauben, Sie können mich heruntermachen, so irren Sie sich. Sie können nur beschreiben, und brauchen auf dem Papier so viel Raum sich umzuwenden, wie ein P. und O. Frachtschiff. Aber fahren Sie fort und fassen Sie sich kurz; ich will zu Bett gehen.«

»Hm, hm! Der erste Teil beschäftigt sich nur mit Ihren Bildern. Hier ist der Schluß: ›Für eine ohne Ueberzeugung ausgeführte Arbeit, für ein an Trivialitäten verschwendetes Talent, für leichtfertig verwendete Mühe in der Absicht, den Beifall eines von der Mode beherrschten Publikums zu gewinnen –‹«

»Das ist ›Sein letzter Schuß‹, zweite Ausgabe. Jahren Sie fort,«

»›– zu gewinnen, da gibt es nur ein Ende, – die Vergessenheit, welcher Duldung vorausgeht und die Verachtung folgt. Mr. Heldar muß noch beweisen, daß er dieser Gefahr nicht ausgesetzt ist.‹«

»Wau–wau–wau–wau!« rief Dick aus. »Es ist ein ungeschickter Schluß und gemeine Journalistik, aber es ist ganz wahr. Und dennoch,« dabei sprang er auf und griff nach dem Manuskripte, »Sie benarbter, liederlicher, abgenutzter alter Gladiator! Sie werden, wenn ein Krieg ausbricht, fortgeschickt, um den bestialischen Blutdurst des blinden, rohen britischen Publikums zu befriedigen. Man hat jetzt keine Arenas mehr, aber man muß Spezialkorrespondenten haben. Sie sind ein fetter Gladiator, der durch eine Fallthür heraufkommt und über das spricht, was er gesehen hat. Sie stehen genau auf demselben Niveau wie ein energischer Bischof, eine liebenswürdige Schauspielerin, ein verwüstender Cyklon, oder – mein eignes süßes Selbst. Und Sie nehmen sich heraus, mir über meine Arbeit eine Vorlesung zu halten! Nilghai, wenn es sich der Mühe verlohnte, würde ich Sie in vier Zeitschriften karikiren!«

Nilghai zuckte zusammen; daran hatte er nicht gedacht.

»Ich will dieses Zeug, wie es da ist, nehmen und es in kleine Stückchen zerreißen. – So!« Das Manuskript flog in Fetzen hinunter in das dunkle Treppenhaus. »Gehen Sie nach Hause, Nilghai,« fuhr Dick fort, »gehen Sie heim, in Ihr einsames kleines Bett und lassen Sie mich in Ruhe. Ich will mich bis morgen schlafen legen.«

»Wie, es ist noch nicht sieben!« rief Torpenhow erstaunt aus.

»Es soll zwei Uhr morgens sein, wenn es mir so beliebt,« erwiderte Dick, sich mit dem Rücken an die Atelierthür lehnend. »Ich habe mit einer ernsten Krisis zu ringen und bedarf keines Mittagessens.«

Die Thür flog zu und wurde abgeschlossen.

»Was kann man mit einem solchen Menschen anfangen?« bemerkte Nilghai.

»Ihn allein lassen. Er ist verrückt, wie ein Hutmacher.«

Um elf Uhr wurde an die Thüre des Ateliers geklopft.

»Ist der Nilghai noch bei Ihnen?« fragte eine Stimme im Zimmer, »Dann sagen Sie ihm, er hatte seinen ganzen langweiligen Unsinn in ein Epigramm zusammenfassen können: ›Nur der Freie ist gebunden, und nur der Gebundene ist frei.‹ Sagen Sie ihm, er wäre ein Idiot, Torp, und ich ein zweiter.«

»Sehr richtig. Kommen Sie heraus und verzehren Sie Ihr Nachtessen. Sie rauchen bei einem leeren Magen.«

Es erfolgte keine Antwort.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Mm nächsten Morgen fand Torpenhow Dick in die tiefste Ruhe des Tabakrauchens versunken.

»Nun, Sie Wahnsinniger, wie fühlen Sie sich?«

»Ich weiß es nicht, ich bin dabei, es herauszufinden«

»Sie thäten viel besser daran, etwas zu arbeiten.«

»Mag sein, aber ich habe keine Eile. Ich habe eine Entdeckung gemacht Torp, in meinem Kosmos ist zu viel » ego« vorhanden.«

»Wahrhaftig! Verdanken Sie diese Entdeckung meinen oder Nilghais Vorlesungen?«

»Sie kam plötzlich über mich, ganz von selbst Viel zu viel ego, und nun will ich mich an die Arbeit machen.«

Er drehte einige halb vollendete Skizzen um, zog eine neue Leinwand auf, reinigte drei Pinsel, ließ Binkie in die Zehen der Gliederpuppe beißen, rasselte durch seine Sammlung von Waffen und Ausrüstungsgegenständen und ging dann plötzlich aus, indem er erklärte, er hatte für den Tag genug gethan. »Das ist entschieden unanständig,« sagte Torpenhow, »und das erstemal, daß Dick jemals an einem hellen Morgen fortgegangen ist. Vielleicht hat er entdeckt, daß er eine Seele besitzt oder ein Künstlertemperament oder irgend etwas ebenso Wertvolles. Das kommt davon, wenn man ihn einen Monat lang sich selbst überläßt. Vielleicht ist er in Abendgesellschaften gewesen. Ich muß doch das herausbringen.« Er läutete dem kahlköpfigen, alten Haushälter, den nichts in Erstaunen versetzen oder beunruhigen konnte.

»Hat Mr. Heldar außer dem Hause gespeist, so lange ich fort war, Benton?«

»Niemals hat er in der ganzen Zeit seinen Gesellschaftsanzug herausgelegt, Herr. Meistens dinirte er hier, aber, zuweilen brachte er einige sehr elegant aussehende junge Herren nach dem Theater mit herauf. Auffallend elegant waren sie. Die Herren hier im obersten Stockwerk thun meistens, was ihnen beliebt, aber es scheint mir, Herr, daß, einen Spazierstock fünf Treppen hinunterfallen lassen und dann zu vieren neben einander hinuntergehen, um ihn wieder zu holen und um halb zwei Uhr morgens dabei zu singen: ›Bring den Whiskey zurück, Willie, mein Liebling!‹ – nicht ein- oder zweimal, sondern sehr häufig – gerade nicht viel Mitleid für die übrigen Mitbewohner zeigt. Was ich sagen wollte, ist: ›Was du nicht willst, das dir geschieht, das füg auch keinem andern zu.‹ Das ist mein Wahlspruch.«

»Natürlich, natürlich! Ich fürchte, das oberste Stockwerk ist nicht das ruhigste im Hause.«

»Ich beklage mich nicht, Herr. Ich habe freundlich mit Mr. Heldar gesprochen, doch er lachte und machte mir ein Bild von meiner Frau, das ebenso gut ist wie ein kolorirtes Gemälde. Es hat nicht den hellen Glanz einer Photographie, aber ich sage ›Einem geschenkten Gaul steht man nicht ins Maul‹ Mr. Heldar hat seit Wochen seine Gesellschaftskleider nicht angehabt.«

»Dann ist alles gut,« sagte sich Torpenhow »Orgien sind gesund, und Dick hat einen Kopf für sich, doch wenn es sich träfe, daß Weiber mit ihm liebäugeln, so bin ich meiner Sache doch nicht so gewiß.«

Dick hatte sich nördlich durch den Park gewendet aber im Gerste wanderte er mit Maisie auf den Schlammbänken. Er lachte laut auf, als er sich des Tages entsann, an dem er Amommas Hörner mit Papierkrausen geschmückt und Maisie, ganz blaß vor Zorn, ihn geknufft hatte. Wie lang erschienen diese Jahre, wenn er darauf zurückblickte, und wie eng war Maisie mit jeder Stunde derselben verknüpft! Sturm auf dem Meere und Maisie in einem grauen Kleide am Strande, sich ihr nasses Haar aus den Augen streichend und lachend über den Wettkampf der heimwärts fahrenden Fischersmaks; heißer Sonnenschein auf den Schlammbänken und Maisie ärgerlich schnüffelnd mit erhobenem Kinn; Maisie vor dem Winde fliegend, der über den Strand fegte und ihr den Sand wie Schrotkörner um die Ohren jagte; Maisie, sehr ernsthaft und sicher, Mrs. Jennet Lügen erzählend, während Dick sie mit gröberen Unwahrheiten unterstützte; Maisie, sorgfältig ihren Weg von Stein zu Stein suchend, mit einem Revolver in der Hand und zusammengebissenen Zähnen; und Maisie in einem grauen Kleide auf dem Grase zwischen der Mündung einer Kanone und einem nickenden Seemohn sitzend. Diese Bilder zogen eins nach dem andern bei ihm vorüber, doch das letzte verweilte am längsten. Dick war vollkommen glücklich in diesem ruhigen Frieden, der für sein Gemüt ebenso neu war wie fremd für seine Erfahrung. Es fiel ihm gar nicht ein, daß es auch noch andere Ansprüche an seine Zeit geben könnte, als vormittags durch den Park zu bummeln.

»Das ist wirklich gutes Licht zum Arbeiten,« sagte er, gemütlich seinen Schatten betrachtend. »Mancher arme Teufel müßte dankbar dafür sein. Doch da ist Maisie.«

Sie kam vom Marmorbogen aufs ihn zu, während er bemerkte, daß die Zierlichkeit ihres Ganges sich nicht geändert. Es war gut, sie noch als Maisie und gleichsam als seine nächste Nachbarin zu finden. Es fand keine Begrüßung zwischen ihnen statt, weil es in früheren Tagen auch nie geschehen war.

»Was thun Sie zu dieser Stunde außerhalb Ihres Ateliers?« fragte Dick wie jemand, der das Recht dazu hatte.

»Faulenzen. Geradezu faulenzen. Ich wurde ärgerlich über ein Kinn und kratzte es aus. Dann ließ ich es zwischen einem kleinen Haufen von gemalten Schnitzeln und ging fort.«

»Ich weiß, was mit dem Palettemesser arbeiten bedeutet. Was war es für ein Stück?«

»Ein Studienkopf, der nicht gelingen wollte – abscheuliches Ding!«

»Ich arbeite nicht gerne über eine ausgekratzte Malerei, wenn ich Fleisch male. Die Striche kommen wollig heraus, wenn die Farbe trocknet.«

»Nicht, wenn man sorgfältig auskratzt.« Maisie schwenkte mit der Hand, um ihre Methode deutlich zu machen. Auf der weißen Manschette befand sich ein Klex von Farbe.

Dick lachte.

»Sie sind noch ebenso unordentlich wie früher.«

»Das kommt wohl von Ihnen. Sehen Sie nur auf Ihre eigene Manschette!«

»Beim Himmel, ja! Es ist noch schlimmer als bei Ihnen. Ich glaube, wir haben uns in nichts viel geändert. Lassen Sie uns doch einmal sehen.« Er blickte prüfend auf Maisie. Der blasse blaue Nebel eines Herbsttages hing zwischen den Baumstämmen des Parkes und bildete einen Hintergrund für das graue Kleid, die Toque aus blauem Sammet auf dem schwarzen Haar und dem entschlossenen Profile.

»Nein, nichts hat sich geändert. Wie gut das ist! Entsinnen Sie sich noch, wie ich Ihr Haar in dem Bügel eines kleinen Handkoffers einklemmte?«

Maisie nickte, zwinkerte mit den Augen und wandte ihr Gesicht voll Dick zu.

»Warten Sie eine Minute,« sagte er. »Der Mund hat sich in den Ecken ein wenig heruntergezogen. Wer hat Ihnen Kummer bereitet, Maisie?«

»Niemand als wie ich selbst. Ich schien mit meiner Arbeit niemals vorwärts zu kommen, obschon ich es hart genug versuchte; auch sagte Kami –«

»› Continuez, mesdemoiselles! Continuez tou-jours, mes enfants!‹ Kami ist entmutigend. Ich bitte um Entschuldigung.«

»Ja, das sagt er immer. Er erzählte mir im letzten Sommer, daß es besser mit mir ginge und ließ mich in diesem Jahre etwas ausstellen.«

»Nicht hier, nicht wahr?«

»Natürlich nicht. Im Salon.«

»Sie fliegen hoch.«

»Ich habe lange genug mit meinen Flügeln angestoßen. Wo stellen Sie aus, Dick?«

»Ich stelle nicht aus, ich verkaufe.«

»Was ist denn Ihr Genre?«

»Haben Sie nicht davon gehört?« Dick riß die Augen auf. War das möglich? Er sann auf ein Mittel, sie zu überzeugen. Sie befanden sich nicht weit vom Marmorbogen. »Kommen Sie ein Stückchen die Oxfordstreet hinauf, so werde ich es Ihnen zeigen.« Ein kleiner Haufe von Leuten stand vor einem Bilderladen, den Dick gut kannte. »Da drinnen befindet sich eine Reproduktion von einer meiner Arbeiten,« sagte er mit verhaltenem Triumph. Niemals zuvor hatte ihm der Erfolg so süß geschmeckt. »Sie sehen die Art von Dingen, welche ich male. Gefällt es Ihnen?«

Maisie erblickte den wilden Wirbel einer Feldbatterie, die im Feuer in Aktion trat. Zwei Artilleristen standen hinter ihr in der Menge.

»Sie haben das eine Vorderpferd verloren,« sagte der eine zum andern. »Es ist schrecklich zerrissen, aber sie kommen mit den übrigen gut vorwärts. Der Vorderfahrer fährt besser als Du, Tom. Sieh, wie verständig er sein Pferd leitet!«

»Nummer drei wird beim nächsten Stoß vom Vorderwagen fallen,« lautete die Antwort.

»Nein, er wird es nicht. Sieh nur, wie er seine Füße gegen das Eisen anstemmt. Es ist alles in Ordnung.«

Dick beobachtete Maisies Gesicht; sein Herz schwoll vor Freude – ein schöner, allgemeiner Triumph. Sie interessirte sich mehr für die kleine Menge als für das Gemälde. Das war etwas, was sie verstehen konnte.

»Und ich brauchte es so nötig! O, ich brauchte es so sehr!« sagte sie schließlich leise.

»Ich – alles ich!« sagte Dick gelassen. »Sehen Sie ihre Gesichter an. Es packt sie; sie wissen nicht, was sie veranlaßt, Augen und Mund aufzusperren, aber ich weiß es. Und ich weiß, meine Arbeit ist gut.«

»Ja, ich sehe es. O, was ist es doch für eine schöne Sache, es zu etwas gebracht zu haben!«

»Es zu etwas gebracht zu haben, in der That! Ich mußte dafür hinausgehen und mich darnach umschauen. Was denken Sie davon?«

»Ich nenne es einen Erfolg. Erzählen Sie mir, wie Sie hinausgingen!«

Sie kehrten in den Park zurück, wo Dick, mit der ganzen Anmaßung eines jungen Mannes einer Frau gegenüber, von seinen Thaten erzählte, wobei anfänglich seine Ich – Ich – Ich durch seinen Bericht blitzten, wie die Telegraphenstangen bei einem Reisenden vorüberblitzen. Maisie hörte zu und nickte mit dem Kopfe. Die Geschichten von Kampf und Entbehrung bewegten sie nicht um eine Haaresbreite. Bei dem Ende einer jeden Episode schloß er: »Und das gab mir die Kenntnis von der Behandlung der Farbe,« oder des Lichtes, oder was immer es sonst gewesen sein mochte, was ihn veranlaßt hatte, seine Zwecke zu verfolgen und zu verstehen. Er führte sie atemlos durch die halbe Welt, zu ihr sprechend, wie er noch niemals in seinem ganzen Leben gesprochen hatte. In der Flut seiner Begeisterung kam das große Verlangen über ihn, dieses Mädchen zu gewinnen, das mit dem Kopf nickte und sagte: »Ich verstehe. Fahren Sie fort!« – es zu gewinnen und mit fortzunehmen, weil es Maisie war, weil es ihn verstand, weil es sein Recht und eine Frau war, nach welcher er vor allen Frauen verlangte.

Dann hörte er plötzlich auf zu erzählen und sagte: »So nahm ich alles, was ich brauchte, und mußte dafür kämpfen. Jetzt erzählen Sie.«

Maisies Bericht war beinahe so grau wie ihr Anzug. Er umfaßte Jahre voll geduldiger, mühsamer Arbeit, unterstützt durch einen rasenden Stolz, der durch nichts gebrochen werden konnte, weder durch das Lachen der Kunsthändler noch durch die ihre Arbeit verzögernden Nebel, während Kami sich unfreundlich und spöttisch zeigte und die Mädchen in anderen Ateliers nur gezwungen höflich waren. Es gab nur wenige lichte Punkte, wenn Gemälde von ihr in Provinzausstellungen angenommen worden; doch sie schloß mit der oft wiederholten Klage: »Sie sehen, Dick, daß ich keinen Erfolg hatte, obgleich ich so hart arbeitete.«

Da wurde Dick von Mitleid ergriffen. Ebenso hatte Maisie gesprochen, als sie den Wellenbrecher nicht treffen konnte, eine halbe Stunde, bevor er sie geküßt. Das war wie gestern geschehen. »Machen Sie sich nichts daraus,« sagte er. »Ich will Ihnen etwas sagen, wenn Sie es glauben wollen.« Die Worte hatten Bezug auf jenen Vorfall. »Das ganze Ding, Schloß, Schaft und Lauf, ist nicht so viel wert, als ein großer, gelber Seemohn unter dem Fort Kerling.«

Maisie errötete ein wenig. »Sie haben gut reden, denn Sie hatten Erfolg und ich nicht.«

»Lassen Sie mich sprechen; ich weiß, Sie werden mich verstehen. Teure Maisie, es klingt thöricht, aber diese zehn Jahre haben niemals existirt, und ich bin zurückgekehrt. Es ist wirklich genau dasselbe. Sehen Sie das ein? Sie sind nun allein, ebenso wie ich. Weshalb soll man sich quälen, was nützt das? Kommen Sie anstatt dessen zu mir, mein Liebling!«

Maisie stocherte mit ihrem Sonnenschirm in dem Kies. Sie saßen auf einer Bank. »Ich verstehe,« sagte sie leise. »Doch ich habe meine Arbeit zu verrichten, und ich muß es thun.«

»Dann thun Sie es mit mir, Teuerste. Ich will Sie nicht hindern.«

»Nein, ich könnte es nicht. Es ist meine Arbeit – meine – meine! Ich bin mein ganzes Leben hindurch für mich allein gewesen und will niemand angehören, außer mir selbst. Ich erinnere mich an alles ebenso gut wie Sie, aber das zählt nicht mit. Wir waren damals Kinder und wußten nicht, was vor uns lag. Seien Sie nicht selbstsüchtig, Dick. Ich glaube, ich sehe meinen Weg zu einem kleinen Erfolge im nächsten Jahre vor mir. Nehmen Sie mir denselben nicht!«

»Ich bitte um Verzeihung, mein Liebling. Es ist meine Schuld, daß ich so thöricht gesprochen habe. Ich kann nicht erwarten, daß Sie meinetwegen Ihr ganzes Leben hingeben. Ich will auf meinen Platz zurückkehren und noch ein wenig warten.«

»Aber, Dick, ich möchte Sie nicht gern aus meinem Leben entfernen, nun Sie gerade zurückgekommen sind.«

»Ich stehe ganz zu Ihrem Befehle, verzeihen Sie mir!« Dick verschlang das beunruhigte kleine Gesicht mit seinen Augen. Es lag in denselben ein Triumph, weil er nicht begreifen konnte, daß Maisie sich weigern würde, ihn früher oder später zu lieben, da er sie doch liebte.

»Es ist schlecht von mir,« sagte Maisie, noch langsamer als vorher, »es ist schlecht und selbstsüchtig, aber ach, ich bin immer so einsam gewesen! Nein, Sie mißverstehen mich! Nun ich Sie wiedergesehen habe – es ist thöricht, aber ich möchte Sie gern in meinem Leben haben.«

»Natürlich. Wir gehören zu einander.«

»O nein, aber Sie verstanden mich stets, und in meiner Arbeit gibt es so vieles, wobei Sie mir helfen könnten. Sie verstehen die Sachen und kennen die Mittel und Wege, sie auszuführen. Sie müssen.«

»Ich thue es, denke ich, oder ich kenne mich selbst nicht. Dann nehme ich also an, Sie wünschen, daß wir uns nicht wieder ans den Augen verlieren und ich Ihnen bei Ihrer Arbeit helfen möchte.«

»Ja, aber denken Sie daran, Dick, daß nichts weiter daraus folgen wird. Das ist es, weshalb ich mich für selbstsüchtig halte. Lassen Sie die Dinge bleiben, wie sie sind. Ich bedarf Ihrer Hilfe.«

»Sie sollen dieselbe haben. Doch lassen Sie uns darüber nachdenken. Ich muß zuerst Ihre Bilder sehen und Ihre Skizzen durchblättern, um Ihre Richtung herauszufinden. Sie sollten nur sehen, was die Blätter über meine Richtung sagen! Dann will ich Ihnen guten Rat erteilen und Sie werden dementsprechend malen. Ist es nicht das, Maisie?«

Schon wieder lag ein unheiliger Triumph in Dicks Augen.

»Es ist wirklich gut von Ihnen – viel zu gut. Weil Sie sich selbst über das trösten, was niemals geschehen wird, ich weiß es, und dennoch wünsche ich, Sie festzuhalten. Tadeln Sie mich später nicht deswegen, bitte.«

»Ich trete mit offenen Augen in die Sache ein. Ueberdies, die Königin kann niemals unrecht thun. Es ist nicht Ihre Selbstsucht, die mich berührt; es ist Ihre Kühnheit, mir vorzuschlagen, mich benützen zu wollen.«

»Puh! Sie sind nur Dick – und ein Bilderladen.«

»Sehr gut: das ist alles, was ich bin. Aber, Maisie, glauben Sie denn nicht, daß ich Sie liebe? Ich möchte nicht, daß Sie irgendwie falsche Begriffe über Brüder und Schwestern haben.«

Maisie blickte einen Moment auf und schlug dann ihre Augen nieder.

»Es ist Unsinn, aber – ich glaube es. Ich wollte, ich könnte Sie fortschicken, bevor Sie böse auf mich werden. Aber – aber das Mädchen, welches bei mir wohnt, ist rothaarig und sehr empfindlich, und alle unsere Ansichten sind verschieden.«

»Die unsrigen ebenfalls, denke ich. Das thut nichts. In drei Monaten, von heute an, werden wir zusammen über alles das lachen.«

Maisie schüttelte traurig den Kopf. »Ich wußte ja, Sie würden mich nicht verstehen; es wird Sie um so stärker treffen, wenn Sie es einsehen. Blicken Sie mir ins Gesicht, Dick, und sagen Sie mir, was Sie dort sehen!«

Sie standen auf und blickten einander einen Augenblick an. Der Nebel wurde dichter und dämpfte den Lärm von London jenseits der Einfriedung. Dick wandte seine ganze, so mühsam erlangte Kenntnis von Physiognomien an, um jene Augen, den Mund und das Kinn unter der schwarzsammetnen Toque zu betrachten.

»Es ist dieselbe Maisie, und ich bin ebenfalls derselbe,« sagte er. »Wir haben beide genau ebenso viel eigenen Willen, und bei einem oder dem andern von uns muß derselbe gebrochen werden. Jetzt aber wollen wir über die Zukunft sprechen. Ich muß dieser Tage zu Ihnen kommen und mir Ihre Bilder ansehen; ich setze voraus, wenn das rothaarige Mädchen zugegen ist.«

»Sonntags habe ich am besten Zeit, Sie müssen an den Sonntagen kommen. Es gibt so sehr viele Dinge, über die ich mit Ihnen sprechen und Sie um Rat fragen mochte. Jetzt muß ich aber nach Hause gehen und arbeiten.«

»Versuchen Sie, bis zum nächsten Sonntag herauszufinden, was ich bin,« sagte Dick. »Begnügen Sie sich nicht mit meinem Worte für irgend etwas, was ich Ihnen erzählt habe. Adieu, mein Liebling, gesegnet mögen Sie sein.«

Maisie eilte davon wie eine kleine graue Maus. Dick blickte ihr nach, bis sie ihm aus den Augen gekommen; aber er hörte nicht, wie sie ganz nüchtern zu sich sagte: »Ich bin eine Elende – eine abscheuliche, selbstsüchtige Elende. Aber es ist Dick, und Dick wird es verstehen.«

Noch niemand hat erklärt, was wirklich geschieht, wenn eine unwiderstehliche Gewalt mit einem unbeweglichen Pfosten zusammentrifft, obgleich manche tief darüber nachgedacht haben, gerade wie Dick. Er versuchte sich selbst die Versicherung zu geben, daß Maisie in wenigen Wochen, allein durch seine Anwesenheit, sich würde leiten und auf bessere Gedanken bringen lassen. Dann erinnerte er sich wieder viel zu deutlich an ihr Gesicht und alles, was auf demselben geschrieben stand.

»Wenn ich irgend etwas von Physiognomien verstehe,« sagte er, »so steht alles andere auf diesem Gesichte als Liebe. Ich werde das selbst hineinlegen müssen; und dieses Kinn und dieser Mund werden nicht umsonst gewonnen werden. Aber sie hat recht. Sie weiß, was sie braucht, und will es erreichen. Was für eine Unverschämtheit! Mich! Von allen Leuten auf der weiten Welt mich zu benützen! Aber es ist Maisie. Darüber ist nicht hinauszukommen, und es ist so gut, sie wiederzusehen. Diese Sache muß seit Jahren in meinem Kopfe geschlummert haben … Sie will mich benützen, wie ich Binal in Port Saïd benutzt habe. Sie hat ganz recht. Es ist etwas verletzend. Ich soll sie jeden Sonntag sehen wie ein junger Mensch, der einem Dienstmädchen den Hof macht. Sie ist ihrer Sache sicher; und dennoch – dieser Mund ist kein Mund, der sich ergibt. Ich werde sie jedesmal küssen wollen und muß dabei auf ihre Bilder sehen – und dabei weiß ich nicht einmal, was für ein Genre sie malt und soll über Kunst sprechen – Frauenkunst! Deshalb, im einzelnen und ewiglich, verdammt seien alle Arten von Kunst! Einmal brachte sie mich gut vorwärts, und nun ist sie mir im Wege Ich will nach Hause gehen und etwas Kunst machen.«

Auf halbem Wege nach seinem Atelier überkam ihn ein schrecklicher Gedanke. Die Gestalt einer allein lebenden Frau erhob sich vor ihm im Nebel.

»Sie ist ganz allein in London mit einem rothaarigen, empfänglichen Mädchen, das wahrscheinlich die Verdauung eines Straußes besitzt. Die meisten rothaarigen Leute haben eine solche. Maisie ist ein galliges kleines Ding. Sie werden essen wie einsame Frauen – Mahlzeiten zu allen Stunden und Thee bei allen Mahlzeiten. Ich entsinne mich, wie die Studenten in Paris sich gewöhnlich durchfütterten. Sie kann jede Minute krank werden, und ich würde nicht im stande sein, ihr zu helfen. Pfui! Das ist zehnmal schlimmer, als eine Frau haben!«

Als es schummerig wurde kam Torpenhow in Dicks Atelier und blickte ihn mit Augen voll strenger Liebe an, die zwischen Männern entsteht, welche zusammen an demselben Ruder gezogen haben und durch Gewohnheit, Gebrauch und die Vertraulichkeiten der Arbeit an einander gefesselt sind. Das ist eine wahre Liebe, die nicht stirbt, obschon sie Streit, Tadel und die größte Aufrichtigkeit gestattet und ermutigt, sondern zunimmt und probehaltig ist gegen Abwesenheit und schlechte Ausführung.

Dick verhielt sich schweigsam, nachdem er Torpenhow die gestopfte Beratungspfeife überreicht hatte. Er dachte an Maisie und deren wahrscheinliche Entbehrungen. Es war für ihn etwas Neues, an jemand anders als Torpenhow zu denken, der für sich selbst denken konnte. Hier war endlich ein Ausgang für jene Kassenbilanz. Er konnte Maisie reichlich mit Juwelen schmücken, – ein dickes goldnes Halsband um den kleinen Nacken, Armbänder um die gerundeten Arme und wertvolle Ringe an den Fingern dieser kühlen, ringlosen Hände, die er zwischen den seinigen gehalten hatte. Es war ein alberner Gedanke, denn Maisie würde ihm nicht einmal erlauben, ihr auch nur einen einzigen Ring an einen Finger zu stecken und über goldne Schmucksachen lachen. Es würde besser sein, mit ihr ruhig in der Dämmerung zu sitzen, mit seinem Arme um ihren Nacken und ihr Gesicht an seiner Schulter, wie es sich für Mann und Frau schickte. Torpenhows Stiefeln knarrten an jenem Abende, während seine starke Stimme schnarrte. Dicks Augenbrauen zogen sich zusammen und er murmelte ein böses Wort, weil er allen seinen Erfolg als ein Recht und eine Abschlagszahlung für frühere Entbehrungen in Empfang genommen hatte und nun im Kampfe von einer Frau aufgehalten wurde, die diesen Erfolg zugab und doch nicht sofort ihn liebte.

»Hören Sie, alter Herr,« begann Torpenhow, der zwei oder drei vergebliche Versuche zu einem Gespräche gemacht; »ich habe Sie doch nicht verletzt, durch irgend etwas, was ich letzthin gesagt, wie?«

»Sie! Nein. Wie könnten Sie?«

»Die Leber nicht in Ordnung?«

»Der wirklich gesunde Mensch weiß gar nicht, daß er eine Leber hat. Ich bin nur im allgemeinen ein wenig verstimmt und ermüdet durch verschiedene Dinge. Ich vermute, es ist meine Seele.«

»Der wirklich gesunde Mensch weiß gar nicht, daß er eine Seele hat. Was haben Sie mit dergleichen Luxusartikeln zu schaffen?«

»Es kam ganz von selbst. Wer ist der Mann, der sagt, daß wir alle Eilande wären, die sich gegenseitig Lügen zuriefen über Meere von Mißverständnissen?«

»Er hat recht, wer es auch sein möge – ausgenommen, was die Mißverständnisse anbelangt. Ich glaube nicht, daß wir einander mißverstehen können.«

Der blaue Rauch ringelte sich in Wolken von der Decke zurück. Torpenhow fragte eindringlich:

»Dick, ist es eine Frau?«

»Gehangen mögen Sie werden, wenn es etwas ist, das nur im entferntesten einer Frau gleicht; und wenn Sie so zu sprechen anfangen, werde ich mir ein Atelier aus roten Ziegelsteinen mieten mit weiß gemalter Verputzung und Begonien, blauen Hungarien zwischen Topfpalmen zu drei Schilling und sechs Pennys, auch werde ich alle meine Bilder in anilinfarbige Plüschrahmen einfassen lassen und jede Frau einladen, die kläfft, jammert und klagt über das, was, wie ihr Guidebuch ihr gesagt, Kunst ist, und Sie, Torp, sollen sie empfangen, – in einem schnupftabakbraunen Sammetrock mit gelben Hosen und einem orangenfarbigen Halstuche. Das wird Ihnen gefallen!«

»Zu dünn, Dick. Ein besserer Mann als Sie leugnete mit Fluchen und Schwören bei einer denkwürdigen Gelegenheit. Sie haben zu stark aufgetragen, gerade wie er es that. Es ist nicht meine Sache, natürlich, aber es ist erquickend, zu denken, daß irgendwo unter den Sternen eine fürchterliche Tracht Schläge für Sie aufbewahrt ist. Ob dieselbe vom Himmel oder von der Erde kommen wird, weiß ich nicht, aber es steht fest, daß sie kommen und Sie etwas zusammenrütteln wird. Sie haben es nötig, etwas durchgehämmert zu werden.«

Dick schauerte es. »Vortrefflich,« sagte er. »Wenn dieses Eiland zerbröckeln sollte, wird es Sie rufen.«

»Ich werde um die Ecke kommen und helfen, es noch etwas mehr zu zerbröckeln. Wir reden Unsinn, Kommen Sie mit in ein Theater.«

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Einige Wochen später kehrte Dick an einem nebeligen Sonntage durch den Park nach seinem Atelier zurück. »Das sind offenbar die Schläge, die Torp meinte,« sagte er »Sie treffen mich härter, als ich erwartete, aber die Königin kann nichts Unrechtes thun, auch hat sie wirklich einen Begriff vom Zeichnen.« Er kam gerade von einem sonntäglichen Besuche bei Maisie – stets unter den grünen Augen des rothaarigen, empfindsamen Mädchens, welches er auf den ersten Blick hassen gelernt – und wurde von einem starken Gefühl der Scham geprickelt. Sonntag auf Sonntag war er, in seinen besten Kleidern, nach dem häßlichen Hause nördlich vom Park hinüber gewandert, anfänglich, um Maisies Bilder anzusehen, und dann dieselben zu kritisiren und seinen Rat darüber zu erteilen, da er gefunden, daß sie Erzeugnisse waren, denen guter Rat nicht schaden könne. Sonntag auf Sonntag war er, wahrend seine Liebe bei jedem Besuche wuchs, genötigt gewesen, sein Herz zum Schweigen zu zwingen, wenn dasselbe ihn antrieb, Maisie zu küssen. Sonntag auf Sonntag hatte der Kopf über das Herz gesiegt und ihn gewarnt, daß Maisie noch nicht erreichbar sei, und daß es besser wäre, so zusammenhängend als möglich über die Mysterien der Zunft zu sprechen, die alles für sie waren. Daher war es sein Los, jede Woche in dem über dem schmutzigen Garten erbauten Atelier Folterqualen zu erdulden und Maisie zu beobachten, wie sie mit den Theetassen hin und her ging. Thee war ihm in hohem Grade zuwider, aber seitdem er es ihm möglich machte, etwas länger in ihrer Gegenwart zu verweilen, trank er ihn mit großer Andacht, während das rothaarige Mädchen in einer Ecke saß und ihn beobachtete, ohne ein Wort zu sprechen. Das Mädchen beobachtete ihn stets. Nur ein einzigesmal, als es das Atelier verlassen hatte, zeigte Maisie ihm ein Album, das einige armselige Ausschnitte aus Provinzialzeitungen enthielt, möglichst kurz gehaltene, eilige Notizen über einige von ihren Bildern, die sie nach auswärtigen Ausstellungen geschickt hatte. Dick bückte sich und küßte den mit Farbe beschmierten Daumen auf dem offenen Blatte. »O, meine Liebe, meine Liebe,« murmelte er, »sind diese Dinge wohl Ihrer würdig? Werfen Sie dieselben in den Papierkorb!«

»Nicht bevor ich etwas Besseres erhalte,« sagte Maisie, das Album schließend.

Darauf machte Dick, angetrieben durch Mangel an Respekt vor seinem Publikum und die tiefste Rücksicht für das Mädchen, den Vorschlag, er wollte ein Bild malen und Maisie sollte dasselbe unterzeichnen.

»Das ist kindisch,« entgegnete Maisie; »ich dachte das wirklich nicht von Ihnen. Es muß meine Arbeit sein, meine, meine!«

»Dann gehen Sie hin und zeichnen Sie Medaillons zur Ausschmückung von Häusern reicher Brauer. Dazu sind Sie durchaus befähigt.« Dick war elend und wild zu Mute.

»Bessere Sachen als Medaillons, Dick,« lautete die Antwort in einem Tone, der ihn an das furchtlose Sprechen des grauäugigen kleinen Wesens Mrs. Jennet gegenüber erinnerte. Dick hätte sich bis aufs äußerste gedemütigt, wenn nicht gerade das andere Mädchen hereingekommen wäre.

Am nächsten Sonntage legte er zu Maisies Füßen kleine Geschenke von Pinseln nieder, die fast von selbst malen konnten, sowie von Farben, an deren Dauerhaftigkeit er glaubte, und war übertrieben aufmerksam bei der Arbeit, die sie unter den Händen hatte. Dasselbe erforderte, unter anderen Dingen, eine Darlegung seiner innersten Ueberzeugung. Torpenhows Haar würde sich aufgerichtet haben, hätte er die Flut von Worten gehört, mit denen Dick sein eignes Evangelium über die Kunst predigte.

Dick wäre einen Monat früher ebenso erstaunt gewesen; aber es war Maisies Wille und Belieben, so daß er seine Worte zusammensuchte, um ihrem Begriffsvermögen alles das klar zu machen, was ihm selbst einst von den Geheimnissen der Arbeit verborgen gewesen. Es liegt nicht die mindeste Schwierigkeit in der Ausführung einer Sache, wenn man nur weiß, wie es gemacht wird; das schwierigste ist, einem seine Methode auseinanderzusetzen.

»Ich könnte das da ganz richtig machen, wenn ich einen Pinsel in der Hand hätte,« sagte Dick verzweiflungsvoll mit Rücksicht auf die Zeichnung eines Kinns, das, wie Maisie klagte, nicht gelingen wollte; »sieht aus wie Fleisch«, – es war dasselbe Kinn, das sie mit dem Palettemesser ausgekratzt hatte, – »aber ich hielte es fast für unmöglich, Sie zu unterweisen. In Ihrer Art zu malen, liegt ein seltsamer häßlicher, holländischer Strich, der mir aber gefällt; indes kommt es mir so vor, als ob Sie schwach im Zeichnen wären. Sie machen Verkürzungen, als ob Sie niemals ein Modell benützt hätten und haben Kamis weichliche Manier angenommen, das Fleisch im Schatten zu behandeln. Dann wieder malen Sie zu hart, ohne es selbst zu wissen. Ich glaube, Sie verwenden ihre Zeit zu viel auf Entwürfe. Oel ist die Hauptsache, oft reißen drei Quadratzoll von dem aufgetragenen, schimmernden Zeug in der Ecke eines Bildes ein schlechtes Ding heraus – ich weiß es. Es ist unmoralisch. Zeichnen Sie eine kurze Zeit lang nur Konturen, dann kann ich Ihnen mehr über Ihre Fähigkeiten sagen, wie der alte Kami zu sagen pflegte.«

Maisie protestirte; sie machte sich nichts daraus, nur Konturen zu zeichnen.

»Ich weiß,« sagte Dick, »Sie möchten gern Ihre Studienköpfe mit einem Bündel Blumen am Halse malen, um die schlechte Modellirung zu verbergen.« Das rothaarige Mädchen lachte ein wenig. »Sie möchten gern Landschaften mit Vieh malen, das knietief im Grase steht, um die schlechte Zeichnung zu vertuschen. Sie möchten überhaupt ein gut Teil mehr malen als Sie können. Sie haben Verständnis von Farbe, aber es fehlt Ihnen die Form. Farbenkenntnis ist eine Gabe, – legen Sie das beiseite und denken Sie nicht mehr daran – was jedoch die Form anbelangt, so können Sie darin herangebildet werden. Nun, alle Ihre Studienköpfe, – und einige davon sind recht gut – werden Sie genau auf dem Standpunkte zurückhalten, auf dem Sie sich jetzt befinden. Beim Zeichnen von Konturen müssen Sie entweder vor- oder rückwärts gehen, auch werden Sie alle Ihre Schwächen dabei zeigen.«

»Aber andere Leute –,« begann Maisie.

»Sie müssen nicht darauf sehen, was andere Leute thun. Wenn deren Seelen Ihre Seele wären, so würde es etwas anderes sein. Sie stehen und fallen durch Ihre eigne Arbeit, denken Sie daran, und es heißt wirklich Zeit verschwenden, bei diesem Kampfe an irgend etwas anderes zu denken.«

Dick machte eine Pause, während die so lange entschlossen unterdrückte Sehnsucht wieder in seine Augen zurückkehrte. Er sah Maisie an, und in seinem Blick lag die Frage so deutlich, als wenn er sie in Worten ausgedrückt hätte: wäre es nicht Zeit, diese öde Wildnis von Leinwand und Ratschlägen zu verlassen und sich die Hände mit Liebe fürs Leben zu reichen?

Maisie stimmte dem neuen Schulprogramm so anbetungswert zu, daß Dick sich nur mit Mühe zurückhalten konnte, sie zu nehmen und nach dem nächsten Standesamte zu tragen. Unbedingter Gehorsam gegen das ausgesprochene Wort und reine Gleichgiltigkeit für das unausgesprochene Verlangen verhöhnten und bekämpften seine Seele. Er besaß in jenem Hause Ansehen, – ein in der That auf einen halben Nachmittag von sieben Tagen beschränktes Ansehen, aber doch ein wirkliches, so lange es währte. Maisie hatte gelernt, sich in vielen Dingen an ihn zu wenden, von der geeignetsten Verpackung von Bildern bis zu dem Zustande eines rauchenden Kamins. Das rothaarige Mädchen fragte ihn niemals um Rat; andererseits nahm es sein Erscheinen ohne Widerspruch an und beobachtete ihn stets. Er entdeckte, daß die Mahlzeiten des Haushaltes unregelmäßig und mangelhaft seien; dieselben bestanden hauptsächlich in Thee, Pickles und Zwieback, wie er von Anfang an vermutet hatte. Die Mädchen ließen glauben, daß sie wöchentlich einkauften, aber sie lebten, mit Hilfe einer Arbeitsfrau, so unregelmäßig wie junge Raben. Maisie verwendete den größten Teil ihres Einkommens auf Modelle, während das andere Mädchen für Gerätschaften schwärmte, die so verfeinert waren wie seine eigne Arbeit rauh war. Mit der seiner Zeit von den Docks her teuer erkauften Erfahrung, warnte Dick Maisie, und sagte ihr, daß die Folge dieses halben Verhungerns darin bestehen würde, ihre Fähigkeit zur Arbeit zu lähmen, was bedeutend schlimmer als der Tod wäre. Maisie beherzigte diese Warnung und achtete nun mehr auf das, was sie aß und trank. Wenn seine Unruhe ihn überkam, was gewöhnlich während der langen Dämmerstunden im Winter der Fall war, so traf die Erinnerung an diesen kleinen Ort häuslicher Autorität, sowie an seine Arbeit mit einer Herdbürste in dem rauchenden Kamine des Wohnzimmers, Dick wie ein Peitschenhieb. Er sah ein, daß der Gedanke hieran der Gipfel seiner Leiden sei, bis das rothaarige Mädchen ihm eines Sonntags ankündigte, es wolle eine Studie von Dicks Kopf anfertigen, er möchte daher so gut sein, still zu sitzen und – gerade wie ein Hintergedanke – Maisie anblicken. Er saß auch, weil er es füglich nicht abschlagen konnte, und dachte eine halbe Stunde lang an alle die Leute, die er früher für seine künstlerischen Zwecke benutzt hatte; am deutlichsten erinnerte er sich Binals, – jenes Binals, der einst ein Künstler gewesen und immer von seiner Entartung sprach.

Es war weiter nichts als die rohe Skizze eines Kopfes, aber sie stellte die stumme Erwartung, die Sehnsucht und vor allem die hoffnungslose Knechtschaft des Mannes mit einem Anfluge von bitterem Spotte dar.

»Ich will die Skizze kaufen,« sagte Dick plötzlich, »zu jedem Preise, den Sie verlangen.«

»Mein Preis ist zu hoch, aber ich denke, Sie werden ebenso dankbar sein, wenn –« Die noch feuchte Skizze flatterte aus der Hand des Mädchens und fiel in die Asche des Ofens im Atelier; als sie dieselbe wieder aufhob, war sie hoffnungslos beschmutzt.

»O, sie ist ganz verdorben!« rief Maisie aus. »Ich habe sie nicht einmal gesehen. War sie ähnlich?«

»Ich danke Ihnen,« sagte Dick leise zu dem rothaarigen Mädchen und entfernte sich rasch.

»Wie dieser Mann mich haßt!« bemerkte das Mädchen. »Und wie er Sie liebt, Maisie!«

»Was für ein Unsinn! Ich weiß, Dick ist sehr vernarrt in mich, aber er hat seine Arbeit und ich habe die meinige.«

»Ja, er ist vernarrt in Sie, und ich denke, er weiß, es ist etwas an der Empfänglichkeit für Eindrücke, trotz alledem. Maisie, können Sie nicht sehen?«

»Sehen? Was sehen?«

»Nichts; nur weiß ich, daß, wenn ich einen Mann dahin bringen könnte, mich so anzusehen, wie dieser Mann Sie ansieht, ich würde – ich weiß nicht, was ich thun würde. Aber er haßt mich. O, wie er mich haßt!«

Sie hatte hierin doch nicht ganz recht. Dicks Haß wurde auf einige Augenblicke durch Dankbarkeit gemildert, und dann vergaß er das Mädchen vollständig. Nur das Gefühl der Scham blieb zurück und nahm zu, als er im Nebel durch den Park ging. »An einem dieser Tage wird eine Explosion stattfinden,« sagte er ingrimmig. »Aber es ist nicht Maisies Schuld; sie hat recht, ganz recht, soweit sie es versteht; ich kann sie nicht tadeln. Diese Sache dauert nun seit beinah drei Monaten. Drei Monate! – und mich hat es zehn Jahre des Herumziehens draußen gekostet, um die Kenntnis, den rohesten Begriff von meiner Arbeit zu erlangen. Das ist richtig, aber dann mußte ich mich nicht jeden Sonntag mit Stiften, Zeichenstiften und Palettmessern verwunden. O, mein kleiner Liebling, wenn ich Dich jemals bändige, wird jemand sehr schlechte Zeiten davon haben. Nein, sie wird nicht. Ich werde ein ebenso großer Thor ihretwegen sein, wie ich es jetzt bin. Ich werde an meinem Hochzeitstage das rothaarige Mädchen vergiften; – es ist schädlich, gefährlich – und nun will ich die gegenwärtigen schlechten Zeiten an Torp auslassen.«

Torpenhow hatte sich in letzter Zeit mehr als einmal bewogen gefühlt, Dick eine Vorlesung über die Sünde der Leichtfertigkeit zu halten, die Dick angehört, ohne ein Wort zu erwidern. In den Wochen zwischen den ersten Sonntagen seines Lehramtes, hatte er sich weislich an seine Arbeit gefügt, entschlossen, daß Maisie wenigstens die volle Ausdehnung seiner Fähigkeiten kennen lernen sollte. Dann hatte er Maisie gelehrt, daß sie nicht die mindeste Aufmerksamkeit anderen Arbeiten als den ihrigen schenken müsse, und Maisie hatte ihm nur allzu gut gehorcht. Sie befolgte seine Ratschläge, interessirte sich jedoch nicht für seine Bilder.

»Ihre Sachen riechen nach Tabak und Blut,« sagte sie einmal. »Können Sie denn nichts anderes malen als Soldaten?«

»Ich konnte einen Kopf von Dir malen, über den Du Dich verwundern würdest,« dachte Dick – das war, bevor das rothaarige Mädchen ihn unter die Guillotine gebracht hatte, – aber er erwiderte nur »es thut mir leid,« und quälte an jenem Abende Torpenhows Seele mit Blasphemien gegen die Kunst. Später, ganz unmerklich und gegen seinen Willen, hörte er auf, sich für seine eignen Arbeiten zu interessiren. Um Maisies willen und um der Selbstachtung zu schmeicheln, die er an jedem Sonntage verlor, wie es ihm schien, wollte er nicht wissentlich schlechtes Zeug hervorbringen, aber seitdem Maisie sich nicht einmal um seine besten Sachen bekümmerte, wäre es wirklich besser, nichts zu thun und die Zeit zwischen den Sonntagen mit Warten hinzubringen. Torpenhow war empört, als die Wochen so nutzlos verstrichen und griff ihn eines Sonntagabends an, als Dick sich aufs äußerste erschöpft fühlte nach einer dreistündigen Selbstbeherrschung in Maisies Gegenwart. Es war ein sehr erregtes Gespräch, worauf Torpenhow sich zurückzog, um sich mit Nilghai zu beraten, der hereingekommen war, um über kontinentale Politik zu sprechen.

»Vollständig müßig ist er? Sorglos und in seiner Gemütsstimmung beunruhigt?« fragte Nilghai.

»Es ist nicht der Mühe wert, sich darüber zu ängstigen. Dick spielt wahrscheinlich den Narren bei irgend einer Frau.« »Ist denn das nicht schlimm genug?«

»Nein, Sie mag ihn wohl aus seiner Thätigkeit reißen und seine Arbeit eine Zeit lang aushalten; sie kann auch eines Tages hieherkommen und ihm eine Scene auf dem Treppenflur machen; man weiß ja das niemals, aber so lange Dick nicht aus eigenem Antriebe davon spricht, thäten Sie besser, die Sache gar nicht zu berühren. Er ist kein leicht zu behandelnder Mensch.«

»Nein, ich wollte, er wäre es. Er ist ein so aggressiver, selbstbewußter Bursche!«

»Er wird das mit der Zeit schon ablegen. Er muß lernen, daß man nicht mit einer Büchse voll Farbenblasen und einem schmierigen Pinsel die Welt auf und nieder stürmen kann. Sind Sie vernarrt in ihn?«

»Ich würde jede Strafe auf mich nehmen, die ihm bevorsteht, wenn ich es könnte; aber das schlimmste dabei ist, daß kein Mensch seinen Bruder davor bewahren kann.«

»Nein, und noch schlimmer ist es, daß es in einem solchen Kriege nicht zum Abfeuern, zur Entdeckung kommt. Dick muß seine Lektion lernen, so gut wie jeder von uns. Um von Krieg zu sprechen, im Frühjahre werden Unruhen im Balkan stattfinden.«

»Diese Unruhen sollen schon lange kommen. Ich bin neugierig, ob wir Dick mit hinausbringen können, wenn sie eintreten?«

Bald darauf trat Dick ins Zimmer; die Frage wurde ihm vorgelegt. »Nicht gut genug für mich,« erwiderte er kurz. »Ich befinde mich zu behaglich, wo ich bin.«

»Sie werden doch all das Zeug in den Blättern nicht für Ernst nehmen?« sagte Nilghai. »In weniger als sechs Monaten sind Sie nicht mehr in der Mode, – das Publikum wird dann Ihre Manieren kennen und zu etwas Neuem übergehen; wo werden Sie dann sein?«

»Hier, in England.«

»Wenn Sie anständige Arbeit bei uns ausführen könnten? Unsinn! Ich werde dorthin gehen; Keneu, Torp, Cassavatti, eine ganze Menge von uns werden dort sein, und wir so viel zu thun haben, wie wir nur leisten können, mit unbegrenzter Gelegenheit zum Fechten und Dinge zu sehen, die den Ruf von drei Weretschagins begründen könnten.«

»Hm,« machte Dick, die Lippen aufwerfend.

»Sie ziehen vor, hier zu bleiben und sich einzubilden, daß die ganze Welt Ihre Bilder angafft? Denken Sie doch daran, wie voll von Havarien, bezüglich seiner Bestrebungen und Vergnügungen, das Leben eines Mannes ist. Wenn zwanzigtausend von ihnen die Zeit finden, zwischen ihren Mahlzeiten sich umzublicken und irgend etwas zu murmeln über eine Sache, so sind dieselben nicht im mindesten dabei interessirt; das reine Resultat heißt: Ruhm, Ansehen, Anerkennung, dem Geschmacke der Maßgebenden entsprechend.«

»Ich weiß das ebenso gut wie Sie. Geben Sie mir Kredit auf ein wenig Verstand?« »Ich will gehangen werden, wenn ich es thue!«

»Dann lassen Sie sich hängen; wahrscheinlich werden Sie es auch – als ein Spion, von wütenden Türken. O! Ich bin müde, todmüde, alle Kraft hat mich verlassen!« Dick ließ sich in einen Stuhl fallen und war nach einer Minute fest eingeschlafen. »Das ist ein böses Zeichen,« sagte Nilghai leise. Torpenhow nahm ihm die Pfeife aus der Rocktasche, welche dort zu brennen angefangen, und legte ihm ein Kissen unter den Kopf. »Wir können es nicht ändern,« sagte er. »Es ist eine gute, häßliche Art von Kopf; ich bin vernarrt in ihn. Da ist die Narbe von dem Schmiß, den er erhielt, als er in jenem Carré über den Kopf gehauen wurde.«

»Es sollte mich gar nicht wundern, wenn das ihn nicht etwas verrückt gemacht hätte.«

»Ich doch. Er ist ein sehr eifriger Verrückter.« Darauf fing Dick schrecklich zu schnarchen an.

»O, keine Zuneigung kann gegen dergleichen standhalten. Wachen Sie auf. Dick, und schlafen Sie anderswo, wenn Sie dabei einen solchen Lärm machen wollen.«

»Wenn ein Kater die ganze Nacht auf den Dächern sich herumgetrieben hat,« murmelte Nilghai in seinen Bart, »so schläft er gewöhnlich den Tag über. Das ist aus der Naturgeschichte.«

Dick stolperte, sich die Augen reibend und gähnend, hinaus. Während der Nacht fiel ihm eine so einfache wie glänzende Idee ein, daß er sich wunderte, weshalb er dieselbe nicht schon früher gehabt. Er wollte Maisie an einem Wochentage besuchen, einen Ausflug vorschlagen und sie auf der Eisenbahn nach Fort Keeling mitnehmen; nach demselben Platze, auf dem sie vor zehn Jahren umhergeschweift waren.

»Nach einer allgemeinen Regel,« sagte er sich am folgenden Morgen, »ist es nicht gut, eine alte Fährte zweimal zu kreuzen; die Dinge erinnern einen an die Vergangenheit, ein kalter Wind erhebt sich und man fühlt sich traurig; aber dieses ist eine Ausnahme von jeder Regel, die jemals bestand. Ich will sogleich zu Maisie gehen.«

Glücklicherweise war das rothaarige Mädchen ausgegangen, um Einkäufe zu machen, als er dort eintraf, wahrend Maisie, in einer mit Farbe bespritzten Bluse, im Kriege mit ihrer Leinwand lag. Sie war nicht sonderlich erfreut, ihn zu sehen, denn Besuche an Wochentagen waren gegen die Verabredung; er bedurfte daher seines ganzen Mutes, um seine Absicht zu erklären.

»Ich weiß, Sie arbeiten viel zu angestrengt,« schloß er mit einer Miene von Autorität. »Wenn Sie so weiter machen, werden Sie zusammenbrechen. Sie thäten wirklich viel besser daran, mitzukommen.«

»Wohin?« fragte Maisie ermüdet. Sie hatte zu lange vor ihrer Staffelei gestanden und war in der That erschöpft.

»Wohin es Ihnen beliebt. Wir wollen morgen früh irgend einen Zug nehmen und sehen, wo er anhält. Irgendwo werden wir frühstücken und abends bringe ich Sie wieder zurück.«

»Wenn es morgen gutes Licht zum Arbeiten ist, verliere ich einen Tag.« Maisie balancirte unentschlossen die schwere Palette aus weißem Nußbaum.

Dick unterdrückte einen Fluch, der ihm auf die Lippen kam. Er hatte noch nicht gelernt, mit dem Mädchen Geduld zu haben, für welches die Arbeit alles in allem war.

»Sie werden noch sehr viel mehr verlieren, meine Teure, wenn Sie jede Stunde Licht zum Arbeiten benützen. Sich überarbeiten ist nur mörderischer Müßiggang. Seien Sie nicht unverständig. Ich werde Sie morgen gleich nach dem Frühstück abholen.«

»Aber Sie werden doch sicherlich auch –«

»Nein, sicherlich nicht. Ich will Sie haben und niemand anders. Außerdem haßt sie mich gerade so sehr, wie ich sie hasse. Es wurde ihr gar nichts daran liegen, mitzukommen. Also, auf morgen, und beten Sie, daß wir Sonnenschein haben.« Dick ging entzückt von dannen und arbeitete infolge dessen nicht einen Strich. Er kämpfte mit dem heftigen Verlangen, einen Extrazug zu bestellen, begnügte sich indes damit, einen großen grauen Känguruhmantel zu kaufen, der mit glänzend schwarzem Marder gefüttert war, und ging dann nach Hause, um nachzudenken.

»Ich gehe morgen den ganzen Tag mit Dick aus,« sagte Maisie zu dem rothaarigen Mädchen, als dasselbe später, müde von seinen Einkäufen in Edgware Road, zurückkehrte.

»Er verdient es. Ich will, während Ihrer Abwesenheit, den Fußboden im Atelier gründlich scheuern lassen; er ist sehr schmutzig.«

Maisie hatte sich seit Monaten an keinem Feiertage erfreut und blickte der kleinen Erholung fröhlich entgegen, wenn auch nicht ganz ohne Besorgnis.

»Es gibt keinen angenehmeren Menschen als Dick, wenn er vernünftig spricht,« dachte sie, »aber ich bin überzeugt, er wird albern sein und mich quälen, während ich ihm doch nichts von dem sagen kann, was er gern hört. Wenn er vernünftig wäre, würde ich ihn viel lieber haben.«

Als Dick am nächsten Morgen erschien und Maisie in ihrem grauen Ulster und schwarzsammetnen Hütchen im Hausflur stehen sah, strahlten seine Augen vor Freude. Marmorpaläste, aber nicht schmutzige Imitationen aus geädertem Holze, waren sicherlich passender als Hintergrund für eine solche Gottheit. Das rothaarige Mädchen zog sie einen Augenblick ins Atelier und küßte sie eilig. Maisies Augenbrauen erhoben sich bis zum Rande der Stirn, sie waren gar nicht an dergleichen Zärtlichkeiten für einander gewöhnt. »Denken Sie an meinen Hut,« sagte sie davoneilend und die Stufen hinunterlaufend zu Dick, der bei dem Kabriolet stand und auf sie wartete.

»Sind Sie auch warm genug? Möchten Sie nicht gern noch etwas frühstücken? Legen Sie diesen Mantel über Ihre Kniee.«

»Ich fühle mich ganz behaglich, danke. Wohin gehen wir, Dick? O, hören Sie doch auf, so zu singen; die Leute werden uns für verrückt halten.« »Lassen Sie dieselben denken, was sie wollen, wenn es ihnen nur keinen Schaden thut. Sie wissen nicht, wer wir sind. Auf mein Wort, Maisie, Sie sehen reizend aus.«

Maisie blickte gerade aus vor sich hin und erwiderte nichts. Der Wind eines scharfen, klaren Wintermorgens hatte Farbe in ihre Wangen gebracht. Ueber ihnen wurden die crêmefarbigen Rauchwolken fortgetrieben, um einem hellblauen Himmel Platz zu machen, während einige unvorsichtige Spatzen sich von einem Wassertümpel erhoben und das Kommen des Frühlings mit viel Geschrei verkündigten.

»Es wird reizendes Wetter auf dem Lande sein,« bemerkte Dick.

»Aber wohin gehen wir denn?«

»Abwarten und dann sehen.«

Sie hielten bei der Viktoria-Station, wo Dick Billets nahm. Einen Augenblick dachte Maisie, die behaglich vor dem Kaminfeuer im Wartesaale saß, daß es doch viel angenehmer wäre, einen Mann nach dem Billetschalter zu schicken als sich selbst mit dem Ellenbogen durch die Menge Bahn zu machen. Dick führte sie in einen Pullmanwaggon – nur, weil es dort warm war, während sie diese Verschwendung mit ernstlich entrüsteten Augen betrachtete, als der Zug sich in Bewegung setzte.

»Ich möchte wissen, wohin wir gehen,« wiederholte sie zum zwanzigstenmale. Der Name einer ihr wohl erinnerlichen Station ertönte gegen das Ende der Fahrt, und Maisie war nun aufgeklärt. »O, Dick, Sie Abscheulicher!«

»Nun, ich glaubte, Sie würden diesen Platz gern einmal wiedersehen. Sie sind ja seit langer Zeit nicht hier gewesen, nicht wahr?«

»Nein, Es verlangte mich niemals darnach, Mrs. Jennet wieder zu sehen; und sie war das einzige, was ich hier gekannt.«

»Nicht ganz. Sehen Sie eine Minute aus dem Fenster. Dort steht die Windmühle über den Kartoffelfeldern, man hat da noch keine Villen gebaut; entsinnen Sie sich, wie ich Sie in der Mühle eingesperrt hatte?«

»Ja. Wie Mrs. Jannett Sie dafür geprügelt hat! Ich sagte ihr nie, daß Sie es gewesen wären.«

»Sie vermutete es. Ich klemmte einen Stock unter die Thür und sagte Ihnen, ich wollte Amomma lebendig in den Kartoffeln begraben, was Sie auch glaubten. In jenen Tagen waren Sie vertrauender Natur.«

Sie lachten und lehnten sich hinaus, um sich umzuschauen, alte Landmarken mit manchen Erinnerungen identifizirend. Dick richtete sein Auge auf die Rundung von Maisies Wange, die sich sehr nahe der seinigen befand, und beobachtete, wie das Blut unter der reinen Haut pulsirte. Er gratulirte sich selbst zu seiner List und sah voraus, daß der Abend ihm eine große Belohnung bringen würde.

Als der Zug hielt, gingen sie fort, um eine alte Stadt mit neuen Augen zu betrachten. Zuerst besahen sie, aber von einer gewissen Entfernung, das Haus von Mrs. Jannet.

»Nehmen Sie an, sie käme jetzt heraus; was würden Sie thun?« fragte Dick mit verstelltem Schrecken.

»Ich würde ihr ein Gesicht schneiden.«

»Laß sehen,« sagte Dick, in die Sprache ihrer Kindheit verfallend. Maisie schnitt ein Gesicht nach der kleinen Villa hin, worüber Dick laut lachte.

»Das ist schändlich,« sagte Maisie, die Stimme von Mrs. Jennet nachahmend. »Maisie, Du gehst sofort hinein und lernst das Altargebet, das Evangelium und die Epistel für die nächsten drei Sonntage. Nach allem, was ich Dich gelehrt habe, auch noch drei Dankgebete jeden Sonntag nach dem Essen! Dick verleitet Dich immer zu Unfug. Wenn Du kein Gentleman bist, Dick, so könntest Du doch wenigstens –«

Der Ausspruch endete plötzlich. Maisie erinnerte sich, wann er zum letztenmale angewendet wurde.

»– versuchen, Dich wie ein solcher zu benehmen,« fiel Dick rasch ein. »Ganz recht. Jetzt wollen wir einen kleinen Lunch zu uns nehmen, und dann nach Fort Keeling gehen – wenn Sie nicht lieber dahin fahren wollen?«

»Wir müssen zu Fuß gehen, schon aus Respekt für den Ort. Wie wenig hat alles sich hier geändert!«

Sie wanderten durch unveränderte Straßen nach der See zu, unter dem Einflusse aller dieser alten Gegenstände. Sie gingen bei dem Laden eines Konfektionsgeschäftes vorbei, das in jenen Tagen, als ihr vereinigtes Taschengeld wöchentlich einen Schilling betrug, hoch in ihrer Achtung stand.

»Dick, haben Sie einige Pfennige?« fragte Maisie, halb zu sich selbst.

»Nur drei, und wenn Sie glauben, Sie bekommen zwei davon, um sich Pfefferminzkuchen zu kaufen, so irren Sie sich. Sie sagt, Pfefferminzkuchen schicken sich nicht für Damen.«

Sie lachten wieder und Maisies Wangen färbten sich, während in Dicks Herzen das Blut kochte. Nach einem reichlichen Lunch gingen sie nach dem Strande und Fort Keeling hinunter über eine weite, vom Winde gepeitschte Landstrecke, die kein Baumeister für wert gehalten hatte zur Bebauung. Die Winterbrise kam von der See her und summte in ihren Ohren.

»Maisie,« sagte Dick. »Ihre Nase bekommt an der Spitze einen Anstrich von Preußisch-blau. Ich will mit Ihnen um die Wette laufen, soweit Sie wollen und um was es Ihnen beliebt.«

Sie blickte sich vorsichtig um und fing dann lachend an zu laufen, so rasch als der Ulster es gestattete, bis sie außer Atem war.

»Wir liefen gewöhnlich meilenweit,« keuchte sie. »Es ist dumm, daß wir jetzt nicht laufen können.«

»Das Alter, Teuerste. Das kommt davon, wenn man fett und weichlich in der Stadt wird. Wenn ich Sie an den Haaren reißen wollte, liefen Sie gewöhnlich drei Meilen weit, dabei so laut kreischend, wie Sie konnten. Ich möchte wohl wissen, ob Sie so kreischten, um Mrs. Fennet mit einem Rohrstocke herbeizurufen, damit sie –«

»Dick, ich habe Ihnen nie in meinem Leben absichtlich Prügel zugezogen.«

»Nein, natürlich thaten Sie das nicht. Lieber Himmel! Blicken Sie auf die See.«

»Weshalb, sie ist noch ebenso wie sonst!« sagte Maisie. –

Torpenhow hatte von Mr. Beeton herausgebracht, daß Dick, sauber angekleidet und rasirt, das Haus um halb acht Uhr morgens, mit einer Reisedecke über dem Arm, verlassen hatte. Nilghai rollte gegen Mittag ins Zimmer, um Schach zu spielen und sich über Politik zu unterhalten.

»Es ist schlimmer, als ich mir vorgestellt,« sagte Torpenhow.

»O, der ewige Dick, wie ich voraussetze! Sie kakeln über ihn, wie eine Henne mit einem einzigen Küken. Lassen Sie ihn doch dumme Streiche machen, wenn er meint, daß es ihn amüsiren wird. Sie können wohl einen jungen Hund durchpeitschen, aber nicht einen jungen Mann.«

»Es ist nicht eine Frau; es ist ein Mädchen.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Er stand auf und ging um acht Uhr morgens aus – stand mitten in der Nacht auf, beim Himmel! etwas, das er niemals thut, ausgenommen, wenn er im Dienst ist. Und auch dann mußten wir ihn aus seinen Decken herausklopfen, ehe das Gefecht bei El-Maghrib anfing, wie Sie sich erinnern werden. Es ist ekelhaft.« »Es sieht eigentümlich aus; aber vielleicht hat er sich entschlossen, endlich ein Pferd zu kaufen. Er kann ja auch deshalb so früh fortgegangen sein, nicht wahr?«

»So einen feurigen Satan kaufen! Er würde es uns gesagt haben, wenn ein Pferd im Spiele wäre. Es ist ein Mädchen.«

»Seien Sie dessen nicht so gewiß. Vielleicht ist es nur eine verheiratete Frau.«

»Dick hat etwas Sinn für Humor, wenn Sie auch keinen haben. Wer steht denn in der Dämmerung auf, um eines andern Mannes Weib zu besuchen? Es ist ein Mädchen.«

»Dann lassen Sie es doch ein Mädchen sein. Sie kann ihn lehren, daß es auch noch etwas anderes auf der Welt gibt außer ihm selbst.«

»Sie wird seine Hand verderben, seine Zeit verschwenden, ihn heiraten und für immer seine Arbeit ruiniren. Er wird ein respektabler, verheirateter Mann sein, bevor wir es verhindern können, und nie wieder am langen Tau gehen.«

»Alles ganz gut möglich, aber die Erde wird sich nicht anders drehen, wenn es geschieht… ha! ha! Ich gäbe etwas darum, Dick zu sehen, mit den Jungens auf die Freite gehend. Quälen Sie sich deswegen nicht. Diese Dinge stehen bei Allah, wir können dieselben nur beobachten. Holen Sie die Schachfiguren.«–

Das rothaarige Mädchen lag in seinem Zimmer und starrte auf die Decke desselben; seine Hände öffneten und schlossen sich von Zeit zu Zeit fast krampfhaft.

Die Taglöhnerin, die den Fußboden des Ateliers scheuern sollte, klopfte an ihre Thür: »Bitte um Verzeihung, Miß,« sagte sie, »zum Reinigen des Fußbodens gebraucht man zwei, wohl auch drei Sorten von Seife, eine gelbe, eine mit bunten Flecken und eine desinfizirende. Nun, gerade bevor ich meinen Eimer in den Flur stellte, dachte ich, es wäre vielleicht gut, wenn ich heraufkäme, um Sie zu fragen, welche Sorte von Seife Sie wünschten, um die Tische und Bretter abzuscheuern. Die gelbe Seife, Miß –«

In dieser Frage lag durchaus nichts, was den Wutausbruch hätte verursachen können, der das rothaarige Mädchen mitten ins Zimmer trieb und dasselbe veranlaßte fast zu schreien: »Glauben Sie etwa, daß ich mich darum kümmere, was Sie gebrauchen? Eine Sorte wird es wohl thun! – irgend eine Sorte!«

Die Frau eilte davon, während das rothaarige Mädchen einen Augenblick auf sein eignes Bild im Spiegel sah und dann sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Es war, als ob es ein verschämtes Geheimnis laut hinaus geschrieen hätte.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

»Das ist ein lustiges Leben,« sagte Dick einige Tage später »Torp ist fort, Bessie haßt mich und ich kann nicht den richtigen Ausdruck der Melancholie erfassen; Maisies Briefe sind kurze Bruchstücke, und ich habe eine Indigestion, wie ich glaube Was verursacht einem Manne Schmerzen im Kopfe und Punkte vor den Augen, Binkie? Sollen wir einige Pillen für die Leber nehmen?«

Dick hatte gerade eine angenehme Scene mit Bessie überstanden. Sie hatte ihm zum fünfzigstenmale vorgeworfen, daß er Torpenhow fortgeschickt habe, und ihren ewigen Haß gegen Dick erklärt, sowie ihm deutlich gemacht, daß sie nur seines Geldes wegen ihm sitze. »Mr. Torpenhow ist ein zehnmal besserer Mann als Sie,« hatte sie geschlossen.

»Das ist er. Deshalb ist er ja gerade fortgegangen. Ich wäre hier geblieben und hätte eine Liebschaft mit Ihnen angefangen«

Das Mädchen saß da, mit dem Kinn auf die Hand gestützt, und machte ein finsteres Gesicht. »Mit mir! Ich würde es Ihnen angestrichen haben! Wenn ich nicht fürchtete, gehangen zu werden, würde ich Sie umbringen! Ja, das würde ich thun. Glauben Sie mir?«

Dick lächelte müde. Es ist nicht angenehm, mit einer Idee zu leben, die man nicht ausführen, einem Dachshunde, der nicht sprechen kann, und einem Weibe, das zu viel spricht. Er würde ihr geantwortet haben, doch in diesem Augenblick entrollte sich aus einer Ecke des Ateliers ein Schleier wie von der feinsten Gaze. Er rieb sich die Augen, doch der graue Dunst wollte nicht verschwinden.

»Das ist eine schändliche Indigestion. Binkie, wir wollen zu einem Medizinmanne gehen. Wir können unsere Augen nicht dadurch belästigen lassen, denn wir verdienen unser Brot mit denselben, auch gekochte Hammelknochen für kleine Hunde.«

Der Doktor war ein leutseliger, praktischer Arzt mit weißem Haar, der nichts sagte, bis Dick anfing, den grauen Schleier im Atelier zu beschreiben.

»Wir bedürfen alle von Zeit zu Zeit ein wenig des Flickens und Reparirens,« meinte er. »Gerade wie ein Schiff, mein werter Herr – genau wie ein Schiff. Zuweilen ist der Rumpf in Unordnung, dann konsultiren wir den Chirurgus; zuweilen das Takelwerk, und dann erteile ich meinen Rat; mitunter die Maschinerie, dann gehen wir zu einem Gehirn-Spezialisten; manchmal ist auch der Ausguck auf der Kommandobrücke erschöpft, und dann besuchen wir einen Augenarzt. Ich würde Ihnen raten, zu einem solchen zu gehen. Ein wenig flicken und ausbessern von Zeit zu Zeit ist alles, was wir brauchen. Einen Augenarzt auf alle Fälle.«

Dick suchte einen Augenarzt auf, – den besten in London. Er war überzeugt, daß der praktische Arzt nichts von seinem Gewerbe verstehe, und noch überzeugter, daß Maisie ihn auslachen würde, wenn er genötigt wäre, eine Brille zu tragen.

»Ich habe die Warnungen meines Herrn, des Magens, zu lange vernachlässigt. Daher rühren die Punkte vor den Augen, Binkie. Ich kann noch ebenso gut sehen als je.«

Als er in die dunkle Halle trat, die zu dem Sprechzimmer führte, lief ein Mann gegen ihn an. Dick erblickte sein Gesicht, als derselbe eilig auf die Straße hinausging.

»Das ist der Schreibertypus. Seine Stirn ist ebenso geformt als die von Torp. Er sieht sehr krank aus. Wahrscheinlich hörte er etwas, das ihm nicht gefiel.«

Als er noch hieran dachte, überkam Dick eine große Furcht, eine Furcht, die ihm den Atem versetzte, als er in das Wartezimmer des Augenarztes trat, mit der schweren geschnitzten Einrichtung, der dunkelgrünen Tapete und den nüchtern gefärbten Bildern an den Wänden. Er erkannte darunter eine Kopie von einer seiner eigenen Skizzen.

Viele Leute warteten vor ihm, bis die Reihe an sie kommen würde. Sein Auge wurde durch ein flammendrot und goldenes Weihnachtsliederbuch gefesselt. Kleine Kinder kamen zu jenem Augenarzte und bedurften einer derartigen Unterhaltung.

»Das ist abgöttisch schlechte Kunst,« sagte er, das Buch zu sich heranziehend. »Von der Anatomie der Engel, das ist in Deutschland gemacht worden.« Er öffnete mechanisch das Buch, ein in roter Farbe gedruckter Vers fiel ihm ins Auge:

Die nächste holde Freude ward
        Marien süß zu teil,
Als Christ, ihr lieber Sohn, gebracht
        Den Blinden Licht und Heil,
Den Blinden Licht, o güt’ger Herr,
        Und schenk uns Trost im Leid!
Preist Vater, Sohn und heil’gen Geist
        In alle Ewigkeit!

Dick las diesen Vers mehreremale, bis die Reihe an ihn kam; der Doktor beugte sich über ihn, nachdem er sich in einen Armstuhl gesetzt. Der Schein eines Gasmikroskopes, der in seine Augen fiel, ließ ihn zusammenzucken. Der Arzt berührte mit der Hand die Narbe des Säbelhiebes auf Dicks Kopfe, während Dick ihm kurz erklärte, wie er dazu gekommen. Als die Flamme entfernt war, sah Dick in das Gesicht des Doktors, und wieder ergriff ihn Furcht. Der Arzt hüllte sich in einen Nebel von Worten. Dick faßte nur Anspielungen auf Narbe, Stirnknochen, Sehnerv, äußerste Vorsicht und Vermeidung geistiger Aufregung auf.

»Urteil?« fragte er schwach. »Mein Geschäft ist das Malen, ich darf keine Zeit verschwenden. Was machen Sie aus der Sache?«

Wieder ein Wirbel von Worten, aber diesmal hatten dieselben eine Bedeutung.

»Können Sie mir irgend etwas zu trinken geben?«

Schon viele Urteile waren in jenem dunklen Zimmer ausgesprochen worden und oft bedurften die Gefangenen einer Stärkung. Dick fühlte ein Glas Cognac in seiner Hand.

»So weit ich Sie verstehen kann,« sagte er, nach dem Branntwein etwas hustend, »so nennen Sie es Abnahme des Sehnerves oder dergleichen, und daher hoffnungslos. Wie viel Zeit bleibt mir noch, wenn ich jede Anstrengung und jeden Kummer vermeide.«

»Vielleicht ein Jahr.«

»Mein Gott! Und wenn ich mich nicht schone?«

»Das kann ich wirklich nicht sagen. Man kann nicht genau die Schwere der Verletzung durch jenen Säbelhieb bestimmen. Die Narbe ist alt, und – ausgesetzt dem grellen Lichte der Wüste, sagten Sie? – mit außerordentlich vieler seiner Arbeit? Ich kann es wirklich nicht sagen.«

»Ich bitte um Entschuldigung, die Sache ist ohne jede Warnung über mich gekommen. Wenn Sie erlauben, will ich hier noch einen Augenblick sitzen und dann fortgehen. Es ist sehr gütig von Ihnen gewesen, mir die Wahrheit zu sagen. Ohne irgend eine Warnung, ohne jede Warnung, Ich danke Ihnen.«

Dick trat auf die Straße und wurde stürmisch von Binkie empfangen, »Wir haben es sehr schlecht getroffen, kleiner Hund! So schlecht, wie es nur sein kann. Wir wollen in den Park gehen, um darüber nachzudenken.«

Sie gingen zu einem gewissen Baume, den Dick wohl kannte, und setzten sich dort nieder, um nachzudenken, weil seine Beine unter ihm zitterten und die kalte Furcht ihm auf die Magengrube drückte.

»Wie konnte die Sache nur ohne jede vorherige Warnung kommen? Es ist so plötzlich, als wenn man erschossen wird. Es ist der lebendige Tod, Binkie. Wir werden in Dunkelheit eingehüllt sein nach einem Jahre, wenn wir uns schonen, und werden niemand sehen und nie haben, was wir brauchen, niemals, und wenn wir hundert Jahre lebten.«

Binkie wedelte fröhlich mit seinem Schwanze.

»Binkie, wir müssen nachdenken. Laß uns sehen, wie es thut, wenn man blind ist.« Dick schloß die Augen, worauf flammende Kommas und Feuerräder hinter den Augenlidern hin und her schossen. Als er durch den Park blickte, war seine Sehkraft noch nicht verringert; er konnte vollkommen gut sehen, bis eine Prozession von langsam sich drehenden Feuerrädern durch seine Augäpfel zog.

»Kleiner Knirps, wir befinden uns durchaus nicht gut. Laß uns nach Hause gehen. Wenn nur Torp jetzt wieder zurück wäre!«

Aber Torpenhow befand sich im südlichen England, wo er in Gesellschaft von Nilghai Werfte inspizirte. Seine Briefe waren kurz und geheimnisvoll.

Dick hatte nie jemand gebeten, ihm bei seinen Freuden oder seinem Kummer beizustehen. Er überlegte in der Einsamkeit seines Ateliers, daß er fortan mit einem Schleier von grauer Gaze in einem Winkel sitzen müsse und alle Torpenhows auf der Welt ihn nicht retten könnten, wenn es sein Schicksal sei, zu erblinden.

»Ich kann ihn nicht von seinem Ausfluge abrufen, um bei mir zu sitzen und für mich zu sorgen. Ich muß die Sache allein durchmachen,« sagte er. Er lag auf dem Sopha, kaute au seinem Schnurrbarte und war neugierig, wie die Dunkelheit der Nacht ihm vorkommen würde. Dann stieg die Erinnerung an eine seltsame Scene im Sudan in ihm auf. Ein Soldat war von einem breiten arabischen Speere fast in zwei Stücke getrennt worden; im ersten Augenblick hatte der Mann gar keinen Schmerz gefühlt. Als er dann an sich herunterblickte, sah er, wie er sein ganzes Blut verlor. Die verblüffte Verwirrung auf seinem Gesichte war so überaus komisch gewesen, daß Dick und Torpenhow, noch keuchend und abgespannt nach einem Kampfe um ihr Leben, in lautes Gelächter ausbrachen, in welches der Mann einstimmen wollte, wie es schien, doch als er seine Lippen zu einem blöden Grinsen öffnete, trat der Todeskampf ein und er stürzte stöhnend zu ihren Füßen. Dick mußte wieder lachen, als er an jenes Entsetzen dachte. Es kam ihm genau wie sein eigener Fall vor. »Aber es ist mir etwas mehr Zeit bewilligt,« sagte er. Er ging im Zimmer auf und ab, zuerst ruhig, bald aber, von Furcht ergriffen, mit eiligen Schritten, Es war ihm, als ob ein schwarzer Schatten neben ihm schritt und ihn antrieb, weiter zu gehen, während vor seinen Augen nur drehende Kreise und spitze Punkte sich hin und her bewegten. »Wir müssen ruhig sein, Binkie, wir müssen ruhig sein.« Er sprach ganz laut, um sich zu zerstreuen. »Dies ist durchaus nicht besonders hübsch. Was sollen wir anfangen? Wir müssen irgend etwas thun. Unsere Zeit ist kurz. Ich hätte das heute morgen nicht gedacht, aber jetzt liegen die Dinge anders. Binkie, wo war Moses, als das Licht erlosch?«

Binkie lächelte von einem Ohr zum andern, wie ein wohl erzogener Teckel, erhob indes keinen Einwand.

»Wenn noch Raum und Zeit genug vorhanden wäre, Binkie, so würde diese Scheu kein Verbrechen sein … Aber hinter mir höre ich stets –« Er wischte sich die Stirn ab, die ganz feucht geworden. »Was soll ich thun? Was soll ich thun? Ich habe keinen Begriff mehr und kann nicht zusammenhängend denken, doch muß ich irgend etwas thun, oder ich verliere den Verstand.«

Dick begann wieder rasch hin und her zu wandern, dann hielt er von Zeit zu Zeit an und zog lange vergessene Bilder und alte Notizbücher hervor; denn instinktmäßig hatte er sich seiner Arbeit zugewendet als einer Sache, die nicht versagen konnte. »Das wird es nicht thun, und das auch nicht,« sagte er bei der Betrachtung eines jeden Bildes. »Keine Soldaten mehr, ich könnte sie jetzt nicht malen. Ein plötzlicher Tod trifft zu rasch, und dies ist Kampf und Mord zugleich für mich.«

Der Tag sank. Dick glaubte einen Augenblick, daß die Dämmerung des Blinden ihn unverhofft überfallen habe. »Allmächtiger Allah!« schrie er verzweiflungsvoll, »hilf mir über die Zeit des Wartens hinweg, und ich werde nicht jammern, wenn meine Strafe über mich kommt. Was kann ich jetzt thun, bevor das Licht erlischt?«

Er fand keine Antwort darauf. Dick wartete, bis er wieder einigermaßen Fassung erlangt hatte. Seine Hände zitterten, während er sich mit ihrer Festigkeit gebrüstet, er fühlte, wie seine Lippen bebten und der Schweiß über sein Gesicht herunterfloß. Er wurde von der Furcht gegeißelt und dabei von dem Verlangen vorwärts getrieben, sogleich irgend eine Arbeit zu unternehmen und zu vollenden, während er fast wahnsinnig wurde, daß sein Gehirn sich weigerte, etwas anderes zu thun, als fortwährend den Gedanken zu wiederholen, daß er erblinden müsse. »Es ist ein erniedrigender Zustand,« dachte er; »ich bin froh, daß Torp nicht hier ist, um ihn mit anzusehen. Der Doktor sagte, ich müßte jede geistige Aufregung vermeiden. Komm her, Binkie, und laß dich von mir hätscheln.«

Der kleine Hund bellte, weil Dick ihm beinah‘ die Haut zerquetschte. Darauf horte er, wie der Mann in der Dämmerung mit sich selbst sprach, und begriff als ein kluger Hund, daß diese Erregung ihn nicht betreffe.

»Allah ist gut, Binkie. Nicht ganz so gütig, wie wir es wohl wünschten, doch wollen wir später darüber reden. Ich denke, ich sehe jetzt, was ich zu thun habe. Alle diese Studien von Bessies Kopf waren Unsinn und brachten deinen Herrn fast in die Klemme. Ich habe die Idee jetzt so klar wie Kristall vor mir, – die Melancholie, die alle Vernunft übertrifft. In dein Kopfe soll Maisie erscheinen, weil ich niemals Maisie gewinnen werde; und natürlich auch Bessie, weil sie alles weiß, was Melancholie sagen will, obschon sie sich dessen nicht bewußt ist; auch etwas Anziehendes soll darin liegen und alles soll mit einem Lachen endigen. Das ist für mich selbst. Soll sie kichern oder grinsen? Nein, sie soll auf der Leinwand gerade herauslachen, und jeder, Mann wie Weib, der jemals Sorgen und Kummer hatte, soll – wie heißt es doch in dem Gedichte?

Versteht die Rede, und als Bruder fühlt
Euch eins in jedem unheilvollen Streit.

In jedem unglücklichen Kampfe? Das ist bester, als die Melancholie zu malen, nur um Maisie zu kränken. Ich kann es nicht, weil es nicht in mir liegt. Binkie, ich will dich jetzt beim Schwanze aufheben. Du bist ein Omen für mich. Komm her.«

Binkie hing stumm eine Minute lang mit dem Kopfe nach unten.

»Als wenn man ein Meerschweinchen in die Höhe hielte; aber du bist ein braver kleiner Hund und bellst nicht, wenn man dich hoch hebt. Es ist ein Omen.«

Binkie ging auf seinen Stuhl und sah, so oft er aufblickte, wie Dick auf und ab ging, sich die Hände rieb und kicherte. An jenem Abende schrieb Dick an Maisie einen Brief voll der zärtlichsten Besorgnis für ihre Gesundheit, während er nur sehr wenig über seine eigene sagte, und träumte dann von seiner zu schaffenden Melancholie. Erst gegen Morgen entsann er sich, daß ihm in der Zukunft ein Unglück zustoßen würde.

Er begann, leise pfeifend, zu arbeiten und versank ganz in die reine, ungetrübte Freude des Schaffens, die nicht zu häufig einem Menschen zu teil wird, damit er sich nicht seinem Gotte gleich dünkt und deshalb zu der ihm bestimmten Zeit nicht sterben will. Er vergaß Maisie, Torpenhow und den zu seinen Füßen liegenden Binkie, aber dachte daran, Bessie, die nur geringer Aufreizung bedurfte, zu fürchterlicher Wut anzureizen,, um die aufsprühenden Lichter in ihren Augen zu beachten. Ohne Rückhalt vertiefte er sich in seine Arbeit und dachte gar nicht an das Schicksal, das ihm bevorstand, denn er war ganz eingenommen von seinem Sujet, so daß die Dinge dieser Welt keine Gewalt über ihn besaßen.

»Sie sind heute lustig,« bemerkte Bessie.

Dick schwenkte seinen Malstock in geheimnisvollen Kreisen und ging nach dem Buffet, um etwas zu trinken. Gegen Abend, als die Aufregung des Tages sich gelegt, trat er wieder ans Buffet und gelangte nach einigen Besuchen desselben zu der Ueberzeugung, daß der Augenarzt ein Lügner sei, da er jeden Gegenstand sehr deutlich sehen konnte. Er war der Ansicht, daß er sogar ein Heim für Maisie schaffen könne und diese seine Frau werden sollte, ob sie wolle oder nicht. Diese Stimmung war am folgenden Morgen vorüber, doch das Buffet mit allem, was sich darauf befand, blieb zu seinem ferneren Gebrauche. Er setzte sich wieder an die Arbeit, und bald störten ihn seine Augen aufs neue durch Flecken, Striche und Punkte, bis er sich am Buffet Rats erholt und die Melancholie auf der Leinwand wie in seinem Geiste lieblicher als je erschien. Er empfand ein entzückendes Gefühl von Unverantwortlichkeit, wie diejenigen haben, die, während sie sich noch zwischen ihren Gefährten bewegen, wissen, daß das Todesurteil der Krankheit über sie ausgesprochen ist und ausgelassen fröhlich sind, da Furcht nur Vergeudung der kurzen Zeit wäre, die ihnen geblieben.

Die nächsten Tage verstrichen ohne irgend ein Ereignis. Bessie traf stets pünktlich ein und obschon es Dick so schien, als ob ihre Stimme ans einer ziemlichen Entfernung ertöne; so war ihr Gesicht ihm doch stets nahe, so daß die Melancholie bald aus der Leinwand zu leuchten begann; sie sah einem Weibe ähnlich, das allen Kummer auf der Welt hatte kennen gelernt und doch darüber lachte. Es war richtig, daß die Ecken des Ateliers sich in graue Schleier hüllten und allmälich in Dunkelheit verschwanden, daß die Punkte vor den Augen und die Schmerzen im Kopfe immer störender wurden, und Maisies Briefe immer mühsamer gelesen und noch schwieriger beantwortet werden konnten. Er konnte ihr nichts von seinem Unglück erzählen und sie nicht auslachen wegen ihrer eigenen Melancholie, die stets nahe daran war, fertig zu werden. Aber die Tage eifrigster Arbeit sowie die Nächte voll wilder Träume boten für alles Ersatz, während das Buffet sein bester Freund auf Erden wurde. Bessie war merkwürdig still und trübe. Sie schrie gewöhnlich vor Wut laut auf, wenn Dick sie zwischen seinen halb geschlossenen Augen anstarrte. Dann war sie wieder verdrießlich und betrachtete ihn voll Abscheu, nur hin und wieder ein Wort sprechend.

Torpenhow war seit sechs Wochen fort. Ein unzusammenhängendes Billet hatte seine Rückkehr verkündet. »Neuigkeiten, große Neuigkeiten!« schrieb er. »Nilghai kennt sie, ebenso Keneu. Wir sind am Donnerstag alle wieder zurück. Halten Sie das Frühstück bereit und bringen Sie Ihre Ausrüstung in Ordnung.«

Dick zeigte Bessie den Brief, worauf sie ihn ausschimpfte, daß er Torpenhow fortgeschickt und ihr Leben ruinirt hätte.

»Nun,« sagte Dick barsch, »Sie sind doch so besser daran, als wie auf der Straße mit der ersten besten betrunkenen Bestie Liebschaft zu haben.« Er fühlte, daß er Torpenhow vor einer großen Versuchung bewahrt hatte.

»Ich weiß nicht, ob das etwa schlechter ist, als bei einer betrunkenen Bestie in einem Atelier zu sitzen. Sie sind seit drei Wochen nicht nüchtern gewesen. Sie haben die ganze Zeit hindurch getrunken, und dennoch behaupten Sie, daß Sie besser wären als ich!«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Dick.

»Sagen? Sie werden es sehen, wenn Torpenhow zurück ist.«

Sie brauchten nicht lange zu warten. Torpenhow traf Bessie auf der Treppe, ohne daß er das Geringste bei ihrem Anblicke empfand. Er brachte eine Neuigkeit mit, die ihm mehr galt als alle Bessies auf der Welt, während Keneu und Nilghai hinter ihm herstampften und laut nach Dick riefen.

»Er hat getrunken wie ein Fisch,« flüsterte Bessie.

»Er ist beinahe seit einem Monate damit im Gange.« Sie folgte verstohlen den Männern, um deren Urteil zu hören.

Sie traten voll Freude ins Atelier, um in überströmender Weise von einem verfallenen, verschrumpften, hageren Menschen empfangen zu werden, – der unrasirt war, mit blauweißen Flecken um die Nasenflügel, hängenden Schultern und nervös unter den Augenbrauen zwinkernd. Das Trinken war ebenso eifrig am Werke gewesen wie Dick.

»Sind Sie das?« rief Torpenhow aus.

»Alles, was von mir übrig geblieben ist. Setzt Euch hin. Binkie befindet sich ganz vortrefflich, und ich habe eine gute Arbeit gemacht.« Er schwankte auf seinen Platz.

»Sie haben das Schlechteste gethan, was Sie jemals in Ihrem Leben ausgeführt, Menschenkind, Sie sind –«

Torpenhow wandte sich appellirend seinen Begleitern zu, worauf diese das Zimmer verließen, um sich wo anders um ein Frühstück umzusehen. Dann fing er zu sprechen an; doch da Vorwürfe eines Freundes eine viel zu heilige und intime Sache sind, um gedruckt zu werden, und Torpenhow Bilder und Metaphern gebrauchte, die unziemlich und unübersetzbar sind. so wird es niemals bekannt werden, was er wirklich zu Dick sagte, der blinzelte, winkte und in seine Hände schlug. Nach einiger Zeit fing der Schuldige an, die Notwendigkeit einzusehen, etwas Selbstachtung zu fühlen. Er war überzeugt, daß er in keiner Weise vom Pfade der Tugend abgewichen sei und außerdem Gründe vorhanden wären, von denen Torpenhow nichts wußte. Er wollte die Sache erklären.

Er stand auf, versuchte seine Schultern aufrecht zu halten, und sprach zu dem Mann, dessen Gesicht er kaum sehen konnte.

»Sie haben recht,« sagte er, »ich aber gleichfalls. Nachdem Sie fortgegangen, bekam ich mit meinen Augen zu schaffen. Ich ging deshalb zu einem Augenarzte, der eine Gasmaschine in mein Auge leuchten ließ. Das wäre schon von langer Zeit her. Er sagte: ›Narbe auf dem Kopfe – Säbelhieb und Sehnerv.‹ Merken Sie sich das wohl. Ich werde also erblinden. Ich muß eine Arbeit ausführen, bevor ich blind werde; ich kann jetzt nicht viel sehen, aber ich sehe noch vortrefflich, wenn ich betrunken bin. Ich wußte gar nicht, daß ich betrunken war, bis man mir es sagte, aber ich mußte an meinem Bilde weiter arbeiten. Wenn Sie es sehen wollen, dort ist es.«

Er deutete auf die fast vollendete Melancholie und erwartete den Beifall Torpenhows.

Dieser sagte nichts, so daß Dick leise zu wimmern begann aus Freude, Torpenhow wiederzusehen, aus Schmerz über schlechte Arbeit, – wenn es in der That eine schlechte Arbeit wäre, die Torpenhow zurückhaltend und teilnahmslos machte – und aus verletzter kindischer Eitelkeit, weil Torpenhow kein Wort des Lobes für sein wundervolles Bild hatte.

Bessie blickte nach längerer Zeit durch das Schlüsselloch und sah die beiden, wie gewöhnlich, auf und ab gehen, Torpenhows Hand auf Dicks Schulter. Bei diesem Anblicke sagte sie etwas so Unpassendes, daß es sogar Binkie verletzte, der geduldig auf dem Flur wartete in der Hoffnung, seinen Herrn wieder zu sehen.

Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Es war am dritten Tage nach Torpenhows Rückkehr, Das Herz war ihm schwer.

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie ohne Whisky nicht mehr bei der Arbeit sehen können? Gewöhnlich ist das Gegenteil der Fall.«

»Kann ein Trinker bei seiner Ehre schwören?« fragte Dick.

»Ja, wenn er ein so tüchtiger Mann gewesen ist wie Sie.«

»Dann gebe ich Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Dick, rasch seine ausgetrockneten Lippen bewegend. »Alter Herr, ich kann jetzt kaum Ihr Gesicht sehen, Sie haben mich während zwei Tagen nüchtern gehalten, – wenn ich überhaupt je betrunken war, – und ich habe nichts arbeiten können. Halten Sie mich nicht länger zurück, denn ich weiß nicht, wann meine Augen erlöschen. Die Flecken und Punkte sowie die Schmerzen quälen mich ärger als je. Ich schwöre Ihnen zu, daß ich alles ganz vortrefflich sehen kann, wenn ich – wenn ich mäßig aufgewunden bin, wie Sie es nennen. Geben Sie mir noch drei Sitzungen mit Bessie, sowie allen Stoff, dessen ich bedarf, und das Bild wird fertig sein. Ich kann mich nicht in drei Tagen töten; es bedeutet nur einen Anfall von D. T. (Delirium tremens) schlimmsten Falles.«

»Wenn ich Ihnen drei Tage gestatte, wollen Sie mir dann versprechen, mit jeder Arbeit aufzuhören und dem andern Dinge, ob das Bild nun fertig ist oder nicht?«

»Ich kann es nicht. Sie wissen gar nicht, welche Bedeutung dieses Bild für mich hat. Aber natürlich könnten Sie Nilghai zu Ihrem Beistande nehmen, mich zu Boden schlagen und festbinden. Ich würde gewiß nicht wegen des Whisky kämpfen, wohl aber für meine Arbeit.«

»Nun, dann machen Sie weiter. Ich gebe Ihnen drei Tage, aber Sie brechen mir fast das Herz.«

Dick kehrte zu seiner Arbeit zurück, wie ein Besessener sich abmühend; der gelbe Teufel des Whisky stand neben ihm und verjagte die Punkte vor seinen Augen. Die Melancholie war fast vollendet und alles, oder doch beinah‘ alles geworden, was er gehofft hatte. Dick scherzte mit Bessie, die ihn daran erinnerte, daß er »eine betrunkene Bestie« wäre; aber der Vorwurf berührte ihn gar nicht.

»Sie können das nicht begreifen, Beß. Wir sind nun in Sicht von Land und werden bald still liegen und über das nachdenken, was wir gemacht haben. Wenn das Bild fertig ist, will ich Ihnen die Bezahlung für drei Monate geben, und nächstens, wenn ich wieder eine Arbeit vorhabe – aber das gehört nicht hieher. Wird das Geld für drei Monate Sie bewegen, mich weniger zu hassen?«

»Nein, das wird es nicht! Ich hasse Sie und werde Sie stets hassen, Mr, Torpenhow wird nie mehr mit mir sprechen. Er ist immer beschäftigt, Karten und rot eingebundene Bücher durchzusehen.«

Bessie sagte nicht, daß sie Torpenhow von neuem in Belagerungszustand versetzt hatte, noch daß er, am Schlusse ihrer leidenschaftlichen Bitten, sie aufgehoben, ihr einen Kuß gegeben und sie vor die Thür gesetzt hatte, mit dem Bemerken, sie möchte doch nicht eine kleine Närrin sein. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er in der Gesellschaft von Nilghai in Gesprächen über den in nächster Zeit stattfindenden Krieg, das Mieten von Transportschiffen und heimliche Vorbereitungen auf den Werften. Er wollte Dick nicht eher sehen, als bis das Bild vollendet sei.

»Er macht eine Arbeit ersten Ranges,« sagte er zu Nilghai; »dieselbe liegt gänzlich außerhalb seines bisherigen Genres. Aber ihretwegen allein trinkt er so infernalisch.«

»Thut nichts. Lassen Sie ihn mir allein. Wenn er wieder zur Vernunft gekommen ist, wollen wir ihn von hier fortbringen und ihn frische Luft einatmen lassen. Armer Dick! Ich beneide Sie nicht, Torp, wenn seine Augen erloschen sind.«

»Ja, es wird ein Fall sein von ›Gott helfe dem Manne, der an unsern Davie angekettet ist.‹ Das Schlimmste ist, daß wir nicht wissen, wann es geschehen wird; ich glaube, daß diese Ungewißheit, sowie die Erwartung mehr als alles übrige den armen Dick zum Whiskytrinken gebracht haben.«

»Wie würde der Araber grinsen, der ihm den Kopf eingeschlagen, wenn er das wüßte!«

»Er hat vollkommen Freiheit, zu grinsen, wenn er kann; er ist tot. Das ist jetzt ein armseliger Trost.«

Am Nachmittage des dritten Tages hörte Torpenhow, wie Dick nach ihm rief. »Alles fertig!« sagte er. »Ich habe es zu stande gebracht! Kommen Sie herein! Ist sie nicht eine Schönheit? Ist sie nicht lieb? Ich bin in die Hölle hinunter gestiegen, um sie zu erlangen; aber ist sie es nicht wert?«

Torpenhow erblickte den Kopf einer Frau, die lachte, einer Frau mit üppigen Lippen, hohläugig, die aus der Leinwand hervorlachte, wie Dick es beabsichtigt hatte.

»Wer lehrte Sie das zu malen?« rief Torpenhow aus. »Der Pinselstrich und das Sujet haben nichts zu schaffen mit Ihren bisherigen Arbeiten. Was für ein Gesicht das ist! Welche Augen und welche Unverschämtheit!« Unwillkürlich bog er seinen Kopf zurück und lachte der Frau zu. »Sie hat eingesehen, daß das Spiel vorbei ist, – ich glaube nicht, daß sie gute Zeiten davon gehabt hat, und jetzt macht sie sich nichts mehr daraus. Ist das nicht Ihre Idee?«

»Genau so.«

»Woher nahmen Sie den Mund und das Kinn? Dieselben gehören nicht Bessie.«

»Sie sind – von irgend jemand anderem. Aber ist es nicht gut? Ist es nicht verteufelt gut? War es nicht all des Whiskys wert? Ich habe es gemalt, ich ganz allein; es ist das Beste, was ich malen kann!« Er holte tief Atem und flüsterte: »Gerechter Gott! Was könnte ich nicht in zehn Jahren leisten, wenn ich das jetzt malen kann! Beiläufig, was halten Sie davon, Beß?«

Das Mädchen biß sich auf die Lippen. Sie war wütend auf Torpenhow, weil er gar keine Notiz von ihr genommen hatte.

»Ich denke, es ist gerade das abschreckendste, scheußlichste Ding, das ich jemals gesehen,« antwortete sie und wandte sich ab.

»Mehr, als Sie glauben, junges Weib. – Dick, es liegt in der Haltung des Kopfes eine Art von mörderischem, eigenartigem Ausdruck, den ich nicht verstehe,« sagte Torpenhow.

»Das ist ein Kunstgriff,« erwiderte Dick, kichernd vor Freude, daß er so vollständig verstanden worden. »Ich konnte einer kleinen Prahlerei nicht widerstehen. Es ist ein französischer Kunstgriff, den Sie nicht verstehen würden; aber man bringt ihn hervor, indem man rund um den Kopf eine Kleinigkeit drapirt und eine ganz geringe Verkürzung an einer Seite des Gesichts macht, von der Ecke des Kinnes bis zur Spitze des linken Ohres. Das und die Vertiefung des Schattens unter dem Ohrläppchen bilden den ganzen Kniff. Es ist ein offenbarer Kunstgriff; nachdem ich indes einmal die ganze Idee fest in mir aufgenommen, hielt ich mich berechtigt ihn anzuwenden. – O, du Schönheit!«

»Amen! Sie ist eine Schönheit. Ich fühle es.«

»So wird jedermann fühlen, der irgendwie Kummer hat,« sagte Dick, sich auf den Schenkel schlagend.

»Er wird dort seine Sorge erblicken und, bei Lord Harry, gerade, wenn er sich besonders kummervoll fühlt, sein Haupt zurückwerfen und lachen – wie sie lacht. Ich habe das Leben meines Herzens und das Licht meiner Augen in sie hineingelegt und kümmere mich nicht um das, was kommen wird. Ich bin erschöpft, furchtbar erschöpft und will mich schlafen legen. Nehmen Sie den Whisky fort, er hat ausgedient, und geben Sie Bessie sechsunddreißig Sovereigns und drei dazu auf gutes Glück. Decken Sie das Bild zu.«

Er fiel sofort auf der Chaiselongue in Schlaf, beinahe bevor er ausgesprochen hatte; sein Gesicht war ganz weiß und verstört, Bessie versuchte, Torpenhows Hand zu erfassen. »Werden Sie nie wieder mit mir sprechen?« fragte sie; doch Torpenhow blickte nur auf Dick.

»Was für eine gewaltige Eitelkeit der Mann besitzt! Ich will mich morgen seiner annehmen und viel aus ihm machen. Er verordnet es. – Eh! Was war das, Bessie?«

»Nichts. Ich will die Sachen hier etwas aufräumen und dann gehen. Sie konnten mir wohl die Bezahlung für drei Monate nicht jetzt gleich geben, wie? Er sagte, Sie sollten es thun.«

Torpenhow gab ihr einen Check und ging in sein eigenes Zimmer. Bessie räumte getreulich das Atelier auf, öffnete die Thür halb, um leichter entfliehen zu können, goß eine halbe Flasche Terpentin auf einen Wischlappen und fing an, das Gesicht der Melancholie damit abzureiben. Die Farbe wurde nicht rasch genug flüssig; sie nahm daher ein Palettemesser und kratzte die Farbe ab, jedem Strich mit dem feuchten Wischlappen folgend. In fünf Minuten war das Bild ein formloser, zusammengekratzter Schlamm von Farben geworden. Darauf warf sie den mit Farbe beschmierten Wischlappen in den Herd, streckte gegen den Schläfer ihre Zunge aus und flüsterte: »Angeführt!« worauf sie die Treppe hinunterlief. Sie wollte Torpenhow niemals wieder sehen, aber sie hatte wenigstens dem Manne Schaden zugefügt, der zwischen sie und ihr Verlangen getreten war und gewöhnlich seinen Scherz mit ihr getrieben hatte. Das Einkassiren des Checks war der Gipfelpunkt des Spasses für Bessie. Darauf segelte der kleine Freibeuter über die Themse und verschwand in der grauen Wildnis der Straßen südlich des Flusses.

Dick schlief bis spät in den Abend hinein, als Torpenhow ihn ins Bett schleppte. Seine Augen waren so klar, wie seine Stimme heiser klang. »Lassen Sie mich noch einmal das Bild ansehen,« sagte er bittend wie ein Kind.

»Sie gehen zu Bett,« entgegnete Torpenhow. »Sie befinden sich durchaus nicht wohl, obschon Sie es selbst kaum wissen mögen. Sie sind so herunter wie ein Kater.«

»Ich erhole mich schon bis morgen. Gute Nacht.«

Als er durch das Atelier zurückging, hob Torpenhow das Tuch über dem Bilde auf und hätte sich beinahe durch einen lauten Aufschrei verraten. »Ausgewischt! ausgekratzt und mit Terpentin abgewaschen! Wenn Dick das heute nacht erführe, würde er vollständig verrückt werden. Er ist so wie so schon am Rande des Abgrundes. Das ist Bessie gewesen – der kleine Teufel! Nur ein Weib hätte das thun können! Noch dazu während die Tinte auf dem Check noch naß war! Dick wird morgen wahnsinnig vor Wut sein. Ich allein bin daran schuld, weil ich versucht habe, Straßendirnen beizustehen. O, mein armer Dick, Gott schlägt Dich wirklich schwer!«

Dick konnte in jener Nacht nicht schlafen, teils aus reiner Freude und teils weil die ihm wohlbekannten Feuerräder in seinen Augen vielfarbigen berstenden Vulkanen Platz gemacht hatten. »Speit nur zu!« sagte er laut. »Ich habe mein Werk vollbracht, ihr könnt jetzt thun, was euch beliebt.« Er lag still, starrte auf die Zimmerdecke, während das lange zurückgehaltene Delirium des Trinkens in seinen Adern glühte, sein Gehirn in Flammen stand mit sich jagenden Gedanken und seine ausgetrockneten Hände sich ballten. Es kam ihm gerade so vor, als ob er das Gesicht der Melancholie aus einer sich drehenden Kuppel malte, die mit Millionen von Lichtern besät war, und alle diese wunderbaren Gedanken verkörpert viele hundert Fuß unterhalb seines schwachen schwankenden Brettes ständen, ihm zu Ehren einander zurufend, als etwas im Innern seiner Schläfe zerbarst, wie eine zu sehr angestrengte Sehne, während die glänzende Kuppel zusammenstürzte und er sich allein in dichter Finsternis befand.

»Ich will versuchen zu schlafen. Das Zimmer ist ganz dunkel. Wir wollen eine Lampe anzünden und sehen, wie die Melancholie aussieht. Es muß Mondschein sein.«

Darauf hörte Torpenhow, wie eine Stimme, die er in den polternden Tönen der Todesangst nicht erkannte, seinen Namen rief.

»Er sieht das Bild an,« war sein erster Gedanke, als er in das Schlafzimmer eilte, wo er Dick aufrecht sitzend und in der Luft mit den Händen umherschlagend fand.

»Torp! Torp! Wo sind Sie? Aus Mitleid, bitte, kommen Sie zu mir!«

»Was gibt es?«

Dick klammerte sich an seine Schulter an. »Was es gibt! Ich habe hier stundenlang im Finstern gelegen und Sie hörten mich nicht. Torp, alter Freund, gehen Sie nicht fort. Ich befinde mich ganz im dunkeln – im dunkeln sage ich Ihnen!«

Torpenhow hielt die Kerze einen Fuß von Dicks Augen, doch in diesen war kein Licht vorhanden. Er zündete das Gas an, und Dick hörte die Flamme knistern. Der Griff seiner Finger auf Torpenhows Schulter ließ diesen zusammenzucken.

»Verlassen Sie mich nicht. Sie wollen mich jetzt nicht allein lassen, nicht wahr? Ich kann nichts sehen. Verstehen Sie wohl? Es ist alles schwarz – ganz schwarz – und ich habe ein Gefühl, als ob ich tief hinunter fiele.«

»Standhaft, Freund!« Torpenhow legte seinen Arm um Dick und begann ihn sanft hin und her zu schaukeln.

»Das thut gut. Sprechen Sie jetzt nicht. Wenn ich mich eine Zeit lang ganz ruhig verhalte, wird die Dunkelheit aufhören. Es scheint gerade so, als ob sie dazu im Begriff wäre. Still!« Dick runzelte die Augenbrauen und starrte verzweiflungsvoll vor sich hin. Die Nachtluft erstarrte Torpenhows Füße.

»Können Sie eine Minute so bleiben?« fragte er. »Ich will meinen Hausrock und ein paar Pantoffeln anziehen.«

Dick umklammerte das Kopfende des Bettes mit beiden Händen und wartete, daß die Dunkelheit verschwinden würde. »Wie lange Sie fort gewesen sind!« schrie er, als Torpenhow zurückkehrte. »Es ist noch so schwarz wie vorhin. Womit stoßen Sie denn gegen die Thür?«

»Eine Chaiselongue, – eine Pferdedecke, – ein Kissen. Ich will bei Ihnen schlafen. Legen Sie sich jetzt nieder; am Morgen wird Ihnen besser sein.«

»Nein, das werde ich nicht!« Die Stimme erhob sich zu einem Jammern. »Mein Gott! Ich bin blind! Ich bin blind, und die Finsternis wird niemals aufhören!«

Er that so, als ob er aus dem Bett springen wollte, doch Torpenhow legte seine Arme um ihn, während sein Kinn auf Dicks Schulter ruhte, der nur das Wort »blind« keuchen und sich schwach hin und her bewegen konnte.

»Standhaft, Dickie, standhaft!« sagte die tiefe Stimme ihm ins Ohr, wahrend Torp ihn fester umfaßte. »Beißen Sie auf die Kugel, alter Freund, und lassen Sie die Leute nicht denken, daß Sie sich fürchten.« Dabei mußte er ihn immer fester fassen, so daß beide Männer schwer atmeten. Dick warf seinen Kopf von einer Seite zur andern und stöhnte.

»Lassen Sie mich los,« keuchte er. »Sie drücken nur die Rippen ein. Wir – wir müssen sie nicht glauben lassen, daß wir uns fürchten, – müssen wir – die ganze Macht der Finsternis und dieses Schicksal?«

»Legen Sie sich nieder. Es ist jetzt alles vorüber.«

»Ja,« sagte Dick gehorsam »Doch würden Sie mir wohl erlauben, Ihre Hand festzuhalten? Ich habe das Gefühl, als ob ich mich an irgend etwas festhalten müßte. Man fällt so tief durch die Finsternis.«

Torpenhow reichte ihm von der Chaiselongue aus seine Hand hinüber, die Dick fest umklammerte und nach einer halben Stunde einschlief. Torpenhow zog seine Hand zurück, beugte sich über Dick und küßte ihn sanft auf die Stirn, wie Männer wohl mitunter emen verwundeten Kameraden in seiner Todesstunde küssen, um ihm das Scheiden zu erleichtern. In der grauen Morgendämmerung hörte Torpenhow, wie Dick mit sich selbst sprach. Er trieb auf den uferlosen Fluten des Deliriums und sprach sehr schnell.

»Es ist ein Jammer – ein großer Jammer; aber es ist nicht zu ändern und muß gegessen werden, Master George. Die Blindheit allein genügt schon hinreichend, deshalb ist es offenbar notwendig, alle Melancholie und verkehrten Ansichten beiseite zu lassen, wie zum Beispiel die war, daß die Königin nicht unrecht thun könne. Torp weiß das nicht; ich werde es ihm erzählen, wenn wir etwas weiter in die Wüste gelangt sind. Was für eine Pfuscherei machen diese Bootsleute mit den Dampfertauen! In einer Minute werden sie eine vierzöllige Trosse durchgerieben haben. Ich sagte es Ihnen ja – da geht er hin! Weißer Schaum auf grünem Wasser, während der Dampfer herum wendet. Wie gut das aussieht! Ich will ihn zeichnen. Nein, ich kann nicht. Ich leide an einer Augenentzündung. Das war eine von den zehn Plagen Aegyptens und erstreckt sich sogar auf den Nil in Gestalt von Katarakten. Ja, das ist ein Spaß, Torp! Lache doch, Du feierliches Gesicht, und halte Dich klar von der Trosse … Sie wird Dich ins Wasser schleudern und Deine Kleider schmutzig machen, teure Maisie.«

»O!« sagte Torpenhow. »Das ereignete sich früher, in jener Nacht auf dem Strome.«

»Sie wird gewiß sagen, es sei meine Schuld, wenn Du voll Schlamm wirst, und Du bist nun nahe genug bei dem Wellenbrecher. Maisie, das ist nicht schön. Ah! Ich wußte ja. Du würdest vorbeischießen. Niedrig und nach links halten, Liebling. Aber Du hast keine Ueberzeugung, alles auf der Welt, nur keine Ueberzeugung. Werde doch nicht ärgerlich, Teuerste. Ich würde mir die Hand abhacken, wenn das Dir etwas anderes als diesen Eigensinn geben könnte. Meine rechte Hand, wenn es nützen würde.«

»Jetzt dürfen wir nicht horchen. Hier ist eine Insel, über Meere von Mißverständnissen nach Rache rufend. Aber sie ruft die Wahrheit, denke ich,« sagte Torpenhow. Das Schwatzen wurde fortgesetzt. Es bezog sich alles auf Maisie. Mitunter sprach Dick weitläufig über seine Kunst, dann verfluchte er sich selbst wegen seiner Thorheit, ein solcher Sklave zu sein. Er bat Maisie um einen Kuß – nur einen einzigen Kuß – bevor sie fortginge, und forderte sie auf, von Vitry-sur-Marne zurückzukehren; doch zwischen all seiner Raserei rief er Himmel und Erde zum Zeugen an, daß die Königin nicht unrecht thun könne.

Torpenhow hörte aufmerksam zu und erfuhr jede Einzelheit aus Dicks Leben, die ihm bisher verborgen geblieben. Drei Tage lang phantasirte Dick in dieser Weise über Vorgänge in seinem Leben, dann fiel er in einen natürlichen Schlaf.

»Was für Aufregungen hat der arme Kerl durchgemacht!« sagte Torpenhow. »Dick, von allen Männern sich wie ein Hund hingebend, wahrend ich ihn wegen Anmaßung heruntermachte! Ich hätte wissen müssen, daß es nichts nützt, einen Mann zu verurteilen. Doch ich that es. Was für ein Dämon muß dieses Mädchen sein! Dick hat ihr sein Leben gegeben – hol sie der Henker! – und sie hat ihm augenscheinlich nur einen Kuß gegeben.«

»Torp,« sagte Dick vom Bett aus, »gehen Sie aus und machen Sie einen Spaziergang, Sie sind hier zu lange gewesen. Ich will aufstehen. Ha! ist das verdrießlich; ich kann mich nicht selbst ankleiden. O, es ist zu albern!«

Torpenhow half ihm in die Kleider und führte ihn zu dem großen Sessel im Atelier. Er saß ruhig da und wartete mit angespannten Nerven, daß die Finsternis weichen möchte. Weder an jenem Tage noch in den nächsten wich dieselbe. Dick wagte einen Rundgang längs den Wänden. Er stieß seine Schienbeine gegen den Ofen, was ihn auf die Idee brachte, auf allen Vieren zu kriechen und eine Hand vor sich auszustrecken. Torpenhow fand ihn so auf dem Fußboden.

»Ich versuche, die Geographie meiner neuen Besitzungen kennen zu lernen,« sagte Dick. »Erinnern Sie sich des Negers, dem Sie in dem Carré das Auge ausdrückten? Schade, daß Sie das Auge nicht behalten haben; es würde nun von Nutzen sein. Sind Briefe für mich da? Geben Sie mir alle in dicken grauen Couverts mit einer Art von Krone auf der Außenseite. Sie sind nicht wichtig.«

Torpenhow gab ihm einen Brief mit einem schwarzen »M« auf dem Umschlage. Dick steckte denselben in die Tasche. Es stand nichts in dem Briefe, was Torvenhow nicht hätte lesen können, doch er gehörte ihm und Maisie, die ihm niemals gehören würde.

»Wenn sie sieht, daß ich nicht schreibe, so wird sie aufhören, mir zu schreiben. Es ist besser so. Ich kann ihr jetzt von gar keinem Nutzen sein,« dachte Dick, wahrend er die Versuchung fühlte, sie seinen Zustand wissen zu lassen. Jeder Nerv in ihm widersetzte sich. »Ich bin bereits tief genug gefallen und will nicht um Mitleid betteln. Außerdem würde es grausam gegen sie sein.«

Er bemühte sich, nicht mehr an Maisie zu denken; aber die Blinden haben vielfache Gelegenheiten, nachzudenken, und als in den langen unthätigen Tagen seine Kraft zurückkehrte, wurde Dicks Seele bis ins Innerste erregt. Ein zweiter und ein dritter Brief von Maisie trafen ein; dann folgte Schweigen, und Dick saß am Fenster, zu dem die warme Sommerluft hereindrang, und malte sich aus, wie ein anderer Mann, kräftiger als er, sie gewann. Seine Phantasie, um so kühner je finsterer der Hintergrund war, gegen den sie ankämpfte, ersparte ihm kein einziges Detail, das ihn rasend im Atelier auf und ab jagte, sich an dem Ofen stoßend, der an vier Stellen zugleich sich zu befinden schien. Das Schlimmste von allem war, daß ihm in der Dunkelheit der Tabak nicht schmeckte. Die Anmaßung des Mannes war verschwunden; an ihre Stelle war die Verzweiflung getreten, die Torpenhow kannte, und blinde Leidenschaft, die Dick in der Nacht seinem Kopfkissen anvertraute. Die Pausen zwischen den Ausbrüchen wurden ausgefüllt durch unerträgliches Warten und die Last unerträglicher Finsternis.

»Kommen Sie hinaus in den Park,« sagte Torpenhow. »Sie sind nicht draußen gewesen, seitdem die Geschichte angefangen hat.«

»Was hat das für einen Zweck? Im Dunkeln gibt es keine Bewegung; und außerdem –« er zögerte unentschlossen oben auf der Treppe, »wird irgend etwas mich umrennen.«

»Nicht, wenn ich bei Ihnen bin. Nur mutig vorwärts.« Der Lärm in den Straßen verursachte Dick nervösen Schrecken, so daß er sich fest an Torpenhows Arm anklammerte. »Es ist, als ob man mit dem Fuße nach einer Gosse fühlen müßte!« sagte er verdrießlich, als er in den Park eintrat. »Lassen Sie uns Gott verfluchen und sterben.«

»Den Schildwachen ist es verboten, unberechtigte Honneurs zu machen. Dort kommen die Garden!«

Dicks Gesicht wurde straff. »Lassen Sie uns näher heran gehen und sie betrachten. Gehen wir auf dem Grase vorwärts, ich kann die Bäume riechen.«

»Nehmen Sie sich vor der niedrigen Einfassung in acht. So ist es gut!« Torpenhow riß ein Büschel Gras aus und sagte: »Riechen Sie daran; ist es nicht gut?« Dick sog begierig den Duft ein. »Jetzt heben Sie Ihre Füße auf und laufen Sie.«

Sie näherten sich dem Regimente soweit es möglich war. Dicks Nasenflügel zitterten beim Klirren der Bajonette, die nicht aufgesteckt waren.

»Lassen Sie uns noch näher herangehen. Sie sind in Kolonne, nicht wahr?«

»Ja. Wie wissen Sie das?«

»Ich fühle es. O, meine Burschen! – meine schönen Burschen!« Er drängte vorwärts, als ob er sehen könne. »Ich könnte diese Leute sofort zeichnen. Wer wird sie jetzt zeichnen?«

»Sie werden in einer Minute abmarschiren. Erschrecken Sie nicht, wenn die Musik beginnt.«

»Ha! Ich bin kein Neuling. Nur das Stillschweigen verwundert mich. Näher, Torp, näher! O, mein Gott, was gäbe ich darum, sie noch einen Augenblick sehen zu können! Nur eine halbe Minute!«

Er konnte die bewaffnete Truppe fast in seinem Bereiche hören, konnte hören, wie der Paukenschläger den Tragriemen über seine Brust warf, als er die große Trommel vom Boden aufnahm.

»Er hat die Trommelstücke über seinem Kopfe gekreuzt,« flüsterte Torpenhow.

»Ich weiß, o, ich weiß! Wer sollte das besser wissen als wie ich! Still!«

Die Trommelstöcke fielen mit einem Bum! Bum! herunter, worauf die Mannschaft nach den Klängen der Musik vorwärts marschirte. Dick fühlte den Luftzug der sich bewegenden Masse in seinem Gesichte, hörte die Fußtritte und das Geräusch der sich an den Gürteln reibenden Brotbeutel. Die große Trommel markirte den Takt. Es war ein bekanntes Konzertstück, das einen ausgezeichneten Marsch im Geschwindschritt abgab.

Ein Mann muß er sein, stolz, stattlich und hoch.
        Ein Mann, mit Gewicht bedacht.
Muß sein bei klarem Verstande noch.
        Kommt Samstag er heim bei Nacht;
Er muß verstehn, mich zu lieben,
        Und er muß zu küssen verstehn;
Und wenn er genug für uns beide hat,
        Soll glücklich er sich sehn.

»Was gibt es?« fragte Torpenhow, als er sah,, wie Dick sein Haupt sinken ließ, nachdem der letzte Mann des Regiments abmarschirt war.

»Nichts. Ich fühle mich ein wenig ermattet von dem Laufen; das ist alles. Torp, bringen Sie mich zurück. Weshalb führten Sie mich hierher?«

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Nilghai war ärgerlich über Torpenhow. Dick war ins Bett geschickt worden – blinde Leute stehen immer unter den Befehlen von denjenigen, die sehen können – und hatte seit der Rückkehr aus dem Parke heftig über Torpenhow und die ganze Welt geflucht, weil er lebe und sehen könne, während er, Dick, im Tode des Blinden tot sei, der nur eine Last für seine Gefährten wäre. Torpenhow hatte etwas von einer Mrs. Gummidge gesagt, worauf Dick in größter Wut sich zurückgezogen, um drei uneröffnete Briefe von Maisie in den Händen hin und her zu drehen.

Nilghai, fett, dick und streitsüchtig, befand sich in Torpenhows Zimmern. Hinter ihm saß Keneu, der Große Kriegsadler, während zwischen ihnen eine große Karte lag, besteckt mit weiß- und schwarzköpfigen Nadeln.

»Ich hatte mich geirrt in Betreff des Balkans,« sagte Nilghai. »Aber in dieser Sache irre ich mich nicht. Unser ganzes Werk im südlichen Sudan muß noch einmal verrichtet werden. Das Publikum kümmert sich natürlich nicht darum, wohl aber die Regierung, die in aller Stille ihre Vorbereitungen trifft. Sie wissen das ebenso gut wie ich.«

»Ich entsinne mich, wie das Volk uns verwünschte, als unsere Truppen sich von Omdurman zurückzogen. Die Sache mußte früher oder später wieder aufgenommen werden. Ich kann aber nicht mitgehen,« sagte Torpenhow. Er deutete durch die offene Thür; es war sehr heiß an jenem Abende. »Können Sie mich deswegen tadeln?«

Keneu schnurrte, mit der Pfeife im Munde, wie ein großer, sich glücklich fühlender Kater.

»Ich tadle Sie nicht im mindesten. Es ist außerordentlich gütig von Ihnen, alles zusammengenommen, doch ein jeder – auch Sie, Torp – muß Rücksicht auf seine Arbeit nehmen. Ich weiß, daß es brutal klingt, doch Dick ist ausgeschlossen von der Rennbahn – herunter, erschöpft, es ist vorbei mit ihm für immer. Er besitzt etwas Geld und wird nicht verhungern; Sie können seinetwegen nicht Ihre Laufbahn aufgeben. Denken Sie an Ihren eigenen Ruf!«

»Dicks Ruf war fünfmal größer als der meinige und der Ihrige zusammengenommen.«

»Das kam davon, weil er seinen Namen unter jedes Ding setzte, das er gemacht. Jetzt ist das alles vorbei. Sie müssen sich bereit halten, fortzugehen. Sie können Ihre eigenen Preise stellen und liefern bessere Arbeit wie drei von uns.«

»Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wie verlockend die Sache für mich ist. Ich werde eine Zeit lang hier bleiben und nach Dick sehen. Er ist so lustig wie ein Bär mit einem wunden Kopfe, aber ich glaube, er hat mich gern in seiner Nähe.«

Nilghai sagte etwas Unhöfliches über schwachköpfige Thoren, die ihre Laufbahn wegen anderer Thoren aufgeben. Torpenhow errötete ärgerlich. Die unausgesetzte Anstrengung bei der Pflege von Dick hatte seine Nerven gereizt.

»Es bleibt noch ein dritter Ausweg,« sagte Keneu nachdenklich. »Ziehen Sie denselben in Betracht und seien Sie kein größerer Thor, als es notwendig ist. Dick ist – oder war vielmehr – ein tüchtig gebauter Mann von mäßiger Anziehung und mit einer gewissen Kühnheit.«

»Oho!« bemerkte Nilghai, der sich an einen Vorfall in Kairo erinnerte. »Ich fange an zu sehen – Torp, es thut mir leid.«

Torpenhow nickte verzeihend. »Es that Ihnen noch mehr leid, als er Sie ausstach. Doch, fahren Sie fort, Keneu.«

»Ich habe oft gedacht, wenn ich Männer draußen in der Wüste sterben sah, daß, wenn die Nachrichten rascher verbreitet werden könnten und die Transportmittel schneller bei der Hand wären, sich mindestens eine Frau am Bette eines jeden Mannes befinden würde.«

»Da würde es manche höchst seltsame Offenbarungen geben. Lasset uns dankbar sein für die Dinge, wie sie sind,« bemerkte Nilghai. »Lasset uns lieber überlegen, ob Torpenhows unbeholfene Dienste genau das sind, was Dick gerade jetzt nötig hat. Wie denken Sie selbst darüber, Torp?«

»Ich weiß, daß sie es nicht sind. Aber was kann ich thun?«

»Die Sache uns als Gerichtshof vorlegen. Wir alle hier sind Dicks Freunde. Sie wissen am meisten aus seinem Leben.«

»Aber ich erfuhr es, als er nicht bei Besinnung war.«

»Um so mehr ist anzunehmen, daß es wahr ist. Ich glaubte, wir würden zum Ziele gelangen. Wer ist sie?«

Darauf berichtete Torpenhow als ein erfahrener Spezialkorrespondent in klaren Worten, was er wußte. Die beiden Männer hörten zu, ohne ihn zu unterbrechen.

»Ist es möglich, daß ein Mann nach Jahren wieder zu seiner Knabenliebe zurückkehren kann?« bemerkte Keneu. »Ist es wirklich möglich?«

»Ich berichte die Thatsachen. Er spricht jetzt gar nicht darüber, aber er sitzt da und zerdrückt drei Briefe von ihr in den Händen, wenn er denkt, daß ich nicht hinsehe. Was soll ich dabei thun?«

»Reden Sie mit ihm?« sagte Nilghai.

»O ja! An sie schreiben – ich weiß nicht einmal ihre genaue Adresse, bedenken Sie – und sie auffordern, ihn aus Mitleid bei sich aufzunehmen. Ich glaube, Nilghai, Sie sagten einmal zu Dick, er thäte Ihnen leid. Erinnern Sie sich noch, was da geschah, wie? Gehen Sie doch ins Schlafzimmer und schlagen Sie ihm ein volles Geständnis vor, sowie eine Berufung an diese Maisie, wer sie auch sein möge. Ich glaube ganz bestimmt, daß er versuchen würde, Sie zu töten; und die Blindheit hat ihn noch kräftiger gemacht.«

»Torpenhows Kurs liegt vollständig klar da,« sagte Keneu. »Er wird nach Vitry-sur-Marne gehen, das an der Bezières-Landes-Bahn liegt, einer einfachen Zweigbahn von Tourgus. Die Preußen schossen es 1870 in Brand, weil eine Pappel auf dem Gipfel eines Hügels stand, achtzehnhundert Ellen vom Kirchturm entfernt. Es liegt eine Eskadron Kavallerie dort in Garnison. Wo dieses Atelier sich befindet, von dem Torp gesprochen, kann ich nicht sagen; das ist Torps Sache. Ich habe ihm seinen Weg vorgezeichnet. Er wird dem Mädchen ohne alle Uebertreibung die Lage auseinandersetzen und dasselbe wird darauf zu Dick zurückkehren, um so mehr, da, um Dicks Worte zu gebrauchen, ›nichts als ihr verdammter Eigensinn sie von einander entfernt hält.‹«

»Dann haben sie zusammen auch vierhundertundzwanzig Pfund jährlich. Dick verlor – selbst nicht in seinem Delirium – nie den Kopf vor Gesichtern. Sie haben nicht die geringste Entschuldigung, nicht gehen zu können,« sagte Nilghai.

Torpenhow sah sehr unbehaglich aus. »Aber es ist thöricht und unmöglich. Ich kann sie doch nicht bei den Haaren zurückschleppen.«

»Unser Geschäft – das Geschäft, für welches wir unser Geld beziehen – ist ja, thörichte und unmögliche Dinge auszuführen, im allgemeinen ohne irgend einen andern Grund, als um das Publikum zu unterhalten. Hier haben wir einen Grund; das übrige thut nichts zur Sache. Ich will in dieser Wohnung mit Nilghai bleiben, bis Torpenhow zurückkehrt. Binnen kurzem wird eine ganze Schar von Spezialkorrespondenten aller Art nach London kommen, und dies hier kann als ihr Hauptquartier dienen. Ein zweiter Grund, Torpenhow fortzuschicken. Also, die Vorsehung hilft denen, die anderen helfen, und« – hier ließ Keneu seine Stimme sinken – »wir können nicht zugeben, daß Sie, wenn der Feldzug beginnt, mit einem Bein an Dick festgebunden sind. Es ist die einzige Möglichkeit für Sie, fortzukommen, und Dick wird Ihnen dankbar dafür sein.«

»Gewiß wird er das – um so schlimmer! Ich kann nur Hinreisen und es versuchen. Ich kann nicht begreifen, wie eine Frau bei gesundem Verstände Dick abweist.«

»Sprechen Sie darüber mit dem Mädchen. Ich habe gesehen, wie Sie ein böses Mahdiweib durch Schmeicheln dahin brachten, daß es Ihnen Datteln gab. Diese Sache hier wird nicht den zehnten Teil so schwierig sein. Es wäre besser, Sie würden morgen nachmittag nicht mehr hier sein, weil Nilghai und ich dann von diesen Zimmern Besitz ergreifen wollen. Es ist ein Befehl. Gehorchen Sie!«

»Dick,« sagte Torpenhow am folgenden Morgen, »kann ich irgend etwas für Sie thun?«

»Nein! Lassen Sie mich allein! Wie oft muß ich Sie daran erinnern, daß ich blind bin?«

»Könnte ich nirgends wohin gehen, um Ihnen etwas zu holen oder zu besorgen?«

»Nein. Ziehen Sie diese höllisch knarrenden Stiefel aus!«

»Armer Bursch!« sagte Torpenhow vor sich hin. »Wie sehr muß ich in letzter Zeit seine Nerven gereizt haben! Er bedarf eines leichteren Trittes.« Darauf fügte er laut hinzu: »Nun gut! Da Sie so unabhängig sind, will ich auf vier bis fünf Tage fortgehen. Sagen Sie mir doch wenigstens Adieu. Der Hausmeister wird nach Ihnen sehen und Keneu wohnt in meinen Zimmern.«

Dicks Gesicht verfinsterte sich. »Sie werden nicht länger als eine Woche fortbleiben? Ich weiß, daß ich in schlechter Stimmung mich befinde, doch ich kann ohne Sie nicht zurecht kommen.«

»Wirklich nicht? Sie werden binnen kurzem ohne mich fertig werden und froh sein, daß ich fortgegangen bin.«

Dick fühlte sich nach dem großen Armstuhle hin und wunderte sich, was diese Worte bedeuten könnten. Er wünschte nicht, von dem Hausmeister gepflegt zu werden, wahrend er Torpenhows ausdauernde Fürsorge noch in sich fühlte. Er wußte nicht genau, was ihm mangelte. Die Dunkelheit wollte nicht weichen und Maisies uneröffnete Briefe wurden von dem fortwährenden Hinundherwenden mürbe. So lange er lebte, würde er dieselben niemals lesen können; doch hätte ihm Maisie einige frische Briefe schicken können, um damit zu spielen. Nilghai trat mit einem Geschenk ein – einem Stück roten Modellirwachses. Er glaubte, Dick würde Interesse darin finden, seine Hände damit zu beschäftigen. Dick betastete und beklopfte den Stoff einige Minuten lang und sagte dann traurig: »Gleicht es irgend einem Dinge auf der Welt? Nehmen Sie es fort! Ich kann das feine Gefühl der Blinden vielleicht in fünfzig Jahren erlangen. Wissen Sie, wohin Torpenhow gegangen ist?«

Nilghai wußte nichts. »Wir bleiben in seinen Zimmern, bis er zurückkommt. Können wir irgend etwas für Sie thun?«

»Ich möchte am liebsten allein gelassen werden. Halten Sie mich nicht für undankbar, aber es ist mir am angenehmsten, wenn ich allein bin.«

Nilghai lächelte, während Dick sein träges Hinbrüten und seine plötzliche Auflehnung gegen das Schicksal wieder aufnahm. Seit längerer Zeit hatte er aufgehört, an die Arbeit zu denken, die er in früheren Tagen ausgeführt; auch der Wunsch, weiter zu schaffen, hatte ihn verlassen. Er war außerordentlich traurig über sein Los, während die Größe seines Herzenskummers dasselbe etwas milderte. Aber seine Seele wie sein Leib schrieen nach Maisie – Maisie, die ihn verstehen könne. Sein Verstand sagte ihm, daß Maisie, die ihre eigene Arbeit zu verrichten habe, sich nicht um ihn sorgen könne. Seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß, wenn die Geldmittel erschöpft waren, die Frauen fortgingen, und daß, wenn ein Mann aus der Bahn gestoßen worden, die übrigen auf ihn traten.

»Sie könnte mich dann wenigstens verwenden, wie ich Binat verwendete – als eine Art von Studie,« sagte sich Dick. »Ich wollte gar nicht mehr verlangen, als wieder in ihrer Nähe zu sein, selbst wenn ich wüßte, daß ein anderer Mann ihr Liebhaber wäre. Ach, was bin ich doch für ein Hund!«

Eine Stimme auf der Treppe begann fröhlich zu singen, während das Geräusch von Fußtritten ertönte, Torpenhows Thür zugeworfen wurde und Stimmen in eifrigem Gespräch sich hören ließen. Eine derselben rief: »Sehen Sie, meine wackeren Leutchen, ich habe eine neue Wasserflasche erfunden – Patent erster Klasse – wie, was sagen Sie? Sie öffnet sich selbst von innen.«

Dick sprang auf; er kannte diese Stimme ganz genau. »Das ist Cassavetti, der vom Festlande zurückgekehrt ist. Jetzt weiß ich, weshalb Torp fortgegangen ist. Es gibt irgendwo einen neuen Feldzug und – ich kann nicht mit.«

Nilghai befahl vergebens Schweigen.

»Das geschieht meinetwegen,« sagte Dick bitter. »Die Vögel sind bereit, auszufliegen, und wollen es mir nicht sagen. Ich kann Morton Sutherland und Mackay hören. Die Hälfte der Kriegskorrespondenten in London ist dort – und ich kann nicht mit.«

Er stolperte über den Flur und fiel fast in Torpenhows Zimmer. Er fühlte, daß dasselbe voll Leute war. »Wo ist der Krieg?« fragte er. »Endlich in den Balkanländern? Weshalb hat keiner von euch es mir gesagt?«

»Wir dachten, es würde Sie nicht interessiren,« antwortete Nilghai, der sich etwas schämte. »Im Sudan wird er sein wie gewöhnlich.«

»Ihr glücklichen Kerle! Laßt mich hier sitzen, während ihr plaudert. Ich werde kein Skelet beim Feste sein. – Cassavetti, wo sind Sie? Ihr Englisch ist noch ebenso schlecht wie früher.«

Man führte Dick zu einem Sessel. Er hörte das Rascheln der Karten, während das Gespräch weiter ging und ihn mit fortriß. Alle sprachen zugleich über die Zensur der Presse, Eisenbahnlinien, Transporte, Wasserversorgung, die Fähigkeiten der Generale – letzteres in Ausdrücken, die ein vertrauensvolles Publikum entsetzt haben würden – prahlend, streitend und lachend, so laut sie konnten. Jeden Augenblick erklang die glorreiche Gewißheit eines Krieges im Sudan. Nilghai sagte es, und es wäre wohl gut, sich bereit zu halten. Keneu hatte bereits nach Kairo telegraphirt, um Pferde zu bestellen; Cassavetti hatte ein ganz ungenaues Verzeichnis derjenigen Truppen gestohlen, die zu dem Feldzuge bestimmt waren, und las dasselbe unter allerlei Unterbrechungen vor, während Keneu Dick einen unbekannten Herrn vorstellte, der als Kriegsmaler von dem Central Southern Syndikate verwendet werden sollte. »Es ist sein erster Feldzug,« bemerkte Keneu. »Geben Sie ihm einige Winke über das Reiten auf Kamelen.« »O, diese Kamele!« stöhnte Cassavetti. »Ich werde wieder lernen müssen, dieselben zu reiten, und bin jetzt doch so zart und weich geworden! Hört, ihr wackeren Burschen! Ich kenne eure militärischen Vorbereitungen sehr gut. Die Royal Argalshire Sutherländer werden ebenfalls dort sein. Ich habe es aus der besten Quelle.«

Ein Ausbruch von Gelächter unterbrach ihn. »Setzen Sie sich hin,« rief Nilghai. »Die Listen sind noch nicht festgestellt im Kriegsdepartement.«

»Wird in Suakim ein Truppencorps sich befinden?« rief eine Stimme.

Ein allgemeines Stimmengewirr erhob sich darauf: »Wie viel ägyptische Truppen wird man verwenden? – Gott stehe den Fellahs bei! – In den Plumsteadsümpfen gibt es eine Eisenbahn, die ihren Dienst thut wie ein Uhrwerk! – Endlich wird auch die Linie Suakim-Berber gebaut werden, – Kanadische Reisende sind zu vorsichtig. Gebt mir einen halb betrunkenen Krumann in einem Walfischboot! – Wer kommandirt die Wüstenkolonne? – Nein, man sprengte niemals den großen Felsen in der Krümmung bei Ghineh. Wir werden wie gewöhnlich hinauf bugsirt werden. – Einer von euch sage mir, ob ein indisches Kontingent dort sein wird, oder ich will jedermann den Kopf einschlagen. – Reißen Sie die Karte nicht entzwei. – Es ist ein Occupationskrieg, sage ich Ihnen, um mit den afrikanischen Gesellschaften im Süden in Verbindung zu kommen. – In den meisten Brunnen und Quellen auf jener Route kommt der Guineawurm vor.« Darauf heulte Nilghai, der verzweifelte, die Ruhe herzustellen, wie ein Nebelhorn und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch.

»Aber was wird aus Torpenhow?« fragte Dick, als es endlich still geworden.

»Torp ist gerade jetzt noch unentschieden. Er ist irgendwo mit einer Liebelei beschäftigt, vermute ich,« erwiderte Nilghai.

»Er sagte, er wolle zu Hause bleiben,« sagte Keneu.

»So?« rief Dick mit einem Fluche aus. »Er wird es nicht thun. Ich bin jetzt nicht viel wert, aber wenn Sie und Nilghai ihn zurückhalten wollen, so werde ich ihn so lange bearbeiten mit Händen und Füßen, bis er Vernunft annimmt. Er zurückbleiben, in der That! Er ist der beste von euch allen. Bei Omdurman wird es ein hartnäckiges Stück Arbeit geben. Wir werden diesesmal dort bleiben. Doch ich vergaß. Ich wollte, ich könnte mit euch gehen.«

»Das wünschen wir alle, Dickie,« sagte Keneu.

»Und ich am meisten von allen,« bemerkte der neu engagirte Künstler des Central Southern Syndikates. »Könnten Sie mir sagen –«

»Ich will Ihnen einen guten Rat geben,« erwiderte Dick, während er nach der Thüre zu ging. »Wenn es Ihnen passirt, bei einem Scharmützel, einen Hieb über den Kopf zu erhalten, so pariren Sie ihn nicht, sondern sagen Sie dem Manne, er solle nur weiter hauen. Sie werden finden, daß es schließlich am billigsten ist. Danke, daß Sie mich hereingeführt haben.«

»Dieser Dick hat Verstand,« sagte Nilghai eine Stunde später, als alle, mit Ausnahme von Keneu, ihn verlassen hatten.

»Es war der heilige Ruf der Kriegstrompete. Bemerkten Sie, wie er denselben erwiderte? Armer Kerl! Wir wollen nach ihm sehen,« sagte Keneu.

Die Aufregung infolge des Gespräches war verschwunden. Dick saß am Tische im Atelier, mit dem Kopf auf den Armen, als die beiden Freunde eintraten. Er veränderte seine Stellung nicht.

»Es thut weh,« stöhnte er. »Gott verzeihe mir, aber es thut grausam weh; und doch hat die Welt ein Geschick, alles durch sich selbst herumzuwirbeln, wie ihr wißt. Werde ich Torp noch sehen, bevor er fortgeht?«

»O, gewiß werden Sie ihn sehen,« entgegnete Nilghai.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

»Maisie, gehen Sie zu Bett.«

»Es ist so heiß, ich kann nicht schlafen. Quälen Sie mich nicht.«

Maisie lehnte sich mit den Ellenbogen aufs Fensterbrett und blickte auf den im Mondlicht liegenden geraden, von Pappeln eingefaßten Weg. Der Sommer hatte Vitry-sur-Marne völlig ausgedörrt; das Gras auf den Wiesen war verbrannt, die Kreide an den Ufern des Flusses war zu Ziegeln gebrannt, die Blumen an den Seiten des Weges waren seit langer Zeit verdorrt und die Rosen im Garten hingen vertrocknet an ihren Stielen. Die Hitze in dem niedrigen kleinen Schlafzimmer unter der Dachrinne war fast unerträglich. Das Mondlicht an den Wänden von Kamis Atelier über der Straße schien die Nacht noch heißer zu machen, während der Schatten des großen Glockengriffes an der geschlossenen Thüre einen Strich von schwarzer Tinte bildete, der Maisies Auge beleidigte.

»Abscheuliches Ding! Es müßte alles weiß sein,« murmelte sie. »Auch ist die Thür nicht in der Mitte der Wand. Ich habe das früher gar nicht bemerkt.«

Es war Maisie in dieser Stunde nichts recht zu machen. Erstens hatte die Hitze der letzten Wochen sie sehr ermattet; dann war ihre Arbeit, und besonders die Studie eines weiblichen Kopfes, der die Melancholie darstellen sollte, nicht zur richtigen Zeit fertig geworden und unbefriedigend ausgefallen; drittens hatte Kami vor zwei Tagen vieles daran auszusetzen gehabt, und viertens hatte Dick, ihr Eigentum, seit länger als sechs Wochen nicht mehr an sie geschrieben. Sie war ärgerlich über die Hitze, über Kami, über ihre Arbeit, am meisten jedoch über Dick.

Sie hatte demselben dreimal geschrieben – jedesmal eine neue Bearbeitung ihrer Melancholie vorschlagend – und Dick gar keine Notiz von diesen Mitteilungen genommen. Sie war entschlossen, nicht mehr an ihn zu schreiben. Wenn sie im Herbst nach England zurückkehrte – denn ihr Stolz duldete keine frühere Rückkehr – würde sie mit ihm reden. Die Konferenzen an den Sonntagnachmittagen fehlten ihr mehr, als sie zugeben wollte. Alles, was Kami sagte, war: » Continuez, mademoiselle, continuez toujours!« und er hatte diesen langweiligen Rat während des ganzen heißen Sommers wiederholt, gerade wie eine Grille – eine alte graue Grille in einem schwarzen Alpakarocke, weißen Beinkleidern und einem mächtig großen Filzhute. Aber Dick war gebieterisch in ihrem kleinen Atelier in London auf und nieder geschritten und hatte zehnmal schlimmere Dinge als » continuez« gesagt, ehe er ihr den Pinsel aus der Hand nahm und ihr zeigte, worin sie geirrt. Sein letzter Brief enthielt, wie sich Maisie erinnerte, einige triviale Ratschläge, daß sie nicht in der Sonne Skizzen machen und kein Wasser in den Bauernhäusern am Wege trinken solle; und er hatte das nicht einmal, sondern dreimal gesagt – als ob er nicht wüßte, daß Maisie sich selbst in acht nehmen könne!

Aber womit war er beschäftigt, daß er keine Zeit hatte, an sie zu schreiben? Ein Murmeln von Stimmen auf der Straße veranlaßte sie, sich zum Fenster herauszulehnen. Ein Kavallerist von der kleinen Garnison der Stadt plauderte mit Kamis Köchin; der Mondschein glitzerte aus seiner Säbelscheide, die er in der Hand hielt, um ein störendes Klappern zu verhindern. Die Mütze der Köchin warf einen tiefen Schatten auf ihr Gesicht, das sich dicht bei dem des Soldaten befand. Dieser legte seinen Arm um ihre Taille, worauf das Geräusch eines Kusses erfolgte.

»Pfui!« sagte Maisie zurücktretend.

»Was gibt’s?« fragte das rothaarige Mädchen, das sich unruhig auf seinem Bette umherwarf.

»Nur einen Soldaten, der die Köchin küßt,« erwiderte Maisie. »Sie sind jetzt fortgegangen.« Sie lehnte sich wieder zum Fenster heraus und nahm einen Shawl über ihr Nachtkleid zum Schutze gegen die Kälte, denn es wehte eine leichte Nachtbrise. Wäre es möglich, daß Dick seine Gedanken von ihrer und seiner eigenen Arbeit abgewendet hätte, um so tief zu sinken wie Susanne und der Soldat? Das konnte er nicht! Dick konnte es nicht; »weil,« dachte Maisie, »er mir gehört, mir. Er sagte es ja selbst. Es ist wahr, ich bekümmere mich nicht um das, was er thut; es wird nur seiner Arbeit schaden und der meinigen dazu, wenn er es thut.«

Es war durchaus kein Grund vorhanden, weshalb Dick sich nicht belustigen sollte, wenn es ihm beliebte, ausgenommen, daß er durch die Vorsehung, die Maisie war, berufen worden war, Maisie bei ihrer Arbeit beizustehen. Ihre Arbeit bestand darin, Bilder zu malen, die zuweilen an englische Provinzialausstellungen geschickt wurden, wie die Notizen in den Katalogen bewiesen, und die der Salon unabänderlich zurückwies, wenn sie Kami so lange gequält hatte, bis er ihr gestattete, dieselben einzusenden. Ihre Arbeit für die Zukunft würde, wie es schien, darin bestehen, Bilder genau in ähnlicher Weise zu malen, die genau auf dieselbe Weise zurückgewiesen würden.

Das rothaarige Mädchen wälzte sich voll Verzweiflung aus seinem Bette und stöhnte: »Es ist zu heiß zum Schlafen.«

Genau auf dieselbe Weise. Sie würde dann ihre Jahre zwischen ihrem kleinen Atelier in England und Kamis großem Atelier in Vitry-sur-Marne zubringen. Nein, sie wollte zu einem andern Meister gehen, der sie zwingen würde, Erfolg zu haben, auf den sie ein Recht hatte, wenn geduldige Arbeit und verzweifelte Ausdauer jemand ein Recht zu etwas geben. Dick hatte gesagt, daß er zehn Jahre gearbeitet habe, um seine Kunst zu verstehen. Sie hatte ebenfalls zehn Jahre lang gearbeitet und zehn Jahre bedeuteten nichts. Dick hatte gesagt, zehn Jahre wären nichts – aber doch nur in Bezug auf sie selbst. Er hatte auch gesagt – dieser selbe Mann, der keine Zeit zum Schreiben finden konnte, daß er zehn Jahre auf sie warten wolle, und daß sie früher oder später zu ihm zurückkehren müsse. Er hatte dieses in einem albernen Brief über Sonnenstich und Diphtheritis gesagt und dann aufgehört zu schreiben. Er lief im Mondschein die Straßen auf und ab und küßte Köchinnen. Sie möchte ihm am liebsten jetzt gleich Vorwürfe machen – natürlich nicht in ihrem Nachtgewande, sondern gehörig gekleidet – streng und von oben herab. Aber wenn er andere Mädchen küßte, würde er sich gewiß nichts daraus machen, ob sie ihm Vorlesungen hielte oder nicht; er würde sie auslachen.

Maisie stützte ihr Kinn auf die Hand und entschied, daß gar kein Zweifel an der Schlechtigkeit Dicks bestehe. Um sich selbst zu rechtfertigen, begann sie, ganz unweiblich, den Beweis festzustellen. Es war da ein Knabe, der gesagt, daß er sie liebe; derselbe küßte sie auf die Wange bei einem gelben Seemohn, der mit dem Kopfe dazu genickt. Dann kam ein Zwischenraum; andere Männer hatten ihr gesagt, daß sie sie liebten – gerade, wenn sie am eifrigsten mit ihrer Arbeit beschäftigt gewesen. Darauf kehrte der Knabe zurück und hatte ihr gleich bei der zweiten Begegnung gesagt, daß er sie liebe. Dann hatte er – Aber es gab ja gar kein Ende mit all den Dingen, die er gethan. Er hatte ihr seine Zeit und sein Talent gewidmet, mit ihr über Kunst, Haushaltung, Technik, Theetassen, den Mißbrauch von Mixpickles als einem Reizmittel gesprochen und ihr den besten Pinsel aus Zobelhaaren geschenkt, den sie noch täglich benutzte; er hatte ihr guten Rat erteilt, von dem sie Gebrauch gemacht, und hin und wieder einen Blick ihr zugeworfen. Solch einen Blick! Den eines geprügelten Hundes, der auf ein Wort wartet, um zu den Füßen seiner Herrin zu kriechen. Für all das hatte sie ihm gar nichts gegeben, ausgenommen – hier wischte sie sich den Mund mit dem Aermel ihres Nachtkleides ab – die Erlaubnis, sie einmal zu küssen, noch dazu auf den Mund. Schmachvoll! War das nicht genug, mehr als genug? Und wenn es nicht der Fall, hatte er nicht die Schuld gelöscht dadurch, daß er nicht geschrieben und wahrscheinlich andere Mädchen geküßt?

»Maisie, Sie werden sich erkälten. Kommen Sie und legen Sie sich hin,« sagte die müde Stimme ihrer Gefährtin. »Ich kann nicht einschlafen, so lange Sie im Fenster liegen.«

Maisie zuckte mit den Schultern und antwortete nicht. Sie dachte über die Niedrigkeit von Dick und über andere Schlechtigkeiten nach, mit denen derselbe nichts zu schaffen hatte. Der hartherzige Mondschein würde sie doch nicht schlafen lassen. Derselbe lag wie kaltes Silber auf dem Oberlichte des Ateliers über der Straße; sie starrte unausgesetzt darauf hin. bis ihre Gedanken sich zu verwirren begannen. Der Schatten des großen Glockengriffs wurde bald kürzer, bald länger und verschwand, als der Mond hinter der Weide untertauchte, während ein Hase über den Weg nach seinem Lager hinkte. Darauf strich der Abendwind über das hohe Gras und brachte Kühlung mit sich; an den ausgetrockneten Flüssen brüllte das Vieh. Maisies Kopf sank auf das Fensterbrett; der Knoten ihres schwarzen Haares bedeckte ihre Arme.

»Maisie, wachen Sie auf; Sie werden sich erkälten.«

»Ja, Liebe; ja, Liebe.« Sie stolperte wie ein müdes Kind nach ihrem Bette und murmelte, als sie ihr Gesicht in den Kissen begrub: »Ich denke – ich denke … Aber er hätte doch schreiben müssen.«

Der Tag brachte die gewöhnliche Arbeit des Ateliers, den Geruch von Farbe und Terpentin, sowie die monotone Weisheit Kamis, der ein schwerfälliger, bleierner Künstler, aber ein goldener Lehrer war, wenn ihm der Schüler nur sympathisch erschien. Mit Maisie war das an jenem Tage nicht der Fall, so daß sie ungeduldig das Ende ihrer Arbeit erwartete. Sie wußte, wenn es kam, denn Kami würde seinen schwarzen Alpakarock hinten in einem Bündel zusammenraffen und mit mattblauen Augen, die weder Schüler noch Leinwand sahen, in die Vergangenheit zurückblicken, um die Geschichte eines gewissen Binat in Erinnerung zu bringen. »Sie alle haben es nicht so schlecht gemacht wie der,« würde er sagen. »Aber

Sie müssen daran denken, daß es nicht genügt, Methode zu haben, Kunst und Talent, oder dasjenige, was man Strich nennt, zu besitzen, sondern Sie müssen auch die Überzeugung haben, die die Arbeit an die Wand nagelt. Von den vielen Schülern, die ich gehabt,« – hier begannen die Schüler Heftzwicken loszumachen oder ihre Farben zusammenzupacken – »war Binat der beste. Alles, was Studium, Arbeit und Wissen geben können, besaß er, als er zu mir kam; nachdem er mich verlassen, konnte er alles leisten, was mit Farbe, Form und Kenntnis zu leisten ist, nur die Überzeugung fehlte ihm. Deshalb höre ich heute nichts mehr von Binat – dem besten meiner Schüler – und das ist schon lange her; deshalb werden Sie auch froh sein, heute nichts mehr von mir zu hören. Continuez, mesdemoiselles, und, vor allen Dingen, mit Überzeugung.«

Er ging in den Garten, um zu rauchen und über den verlorenen Binat zu trauern, als die Schüler und Schülerinnen sich in ihre verschiedenen Wohnungen zerstreuten oder im Atelier noch trödelten, um Pläne zu machen, wo sie die Kühle des Nachmittags genießen wollten.

Maisie blickte auf ihre unglückselige Melancholie, unterdrückte den Wunsch, derselben eine Grimasse zu machen, und eilte dann über die Straße, um einen Brief an Dick zu schreiben, als sie einen großen Mann auf einem weißen Militärpferde bemerkte. Wie Torpenhow es fertig gebracht hatte, im Laufe von vierundzwanzig Stunden seinen Weg zu den Herzen der in Vitry-sur-Marne liegenden Kavallerieoffiziere zu finden, mit ihnen über die Gewißheit einer glorreichen Revanche für Frankreich zu sprechen, den Colonel zu Thränen reinster Leutseligkeit zu rühren und das beste Pferd der Schwadron zu einem Ritte nach Kamis Atelier zu entlehnen, ist ein Rätsel, das nur Spezialkorrespondenten lösen können.

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte er. »Es scheint eine alberne Frage zu sein, aber ich kenne sie in der That nicht bei einem andern Namen: befindet sich hier eine junge Dame, die Maisie heißt?«

»Ich bin Maisie,« lautete die Antwort aus den Tiefen eines großen Sommerhutes.

»Ich muß mich selbst vorstellen,« sagte er, während das Pferd in dem blendend weißen Staube sich bäumte. »Mein Name ist Torpenhow. Dick Heldar ist mein bester Freund, und – und – Thatsache ist, daß er blind geworden ist.«

»Blind!« rief Maisie einfältig aus. »Er kann nicht blind sein!«

»Er ist seit beinahe zwei Monaten stockblind.« Maisie richtete ihr Gesicht auf, das ganz weiß geworden. »Nein, nein! Nicht blind! Ich will ihn nicht blind haben!«

»Würde Ihnen daran liegen, ihn selbst zu sehen?« fragte Torpenhow.

»Jetzt – sogleich?«

»O nein! Der Pariser Zug geht hier erst um acht Uhr abends durch. Es wird hinreichend Zeit sein.«

»Schickte Mr. Heldar Sie zu mir?«

»O nein, gewiß nicht! Dick würde etwas derartiges nicht thun. Er sitzt in seinem Atelier und dreht einige Briefe hin und her, die er nicht lesen kann, weil er blind ist.«

Ein erstickter Ton ließ sich unter dem Sonnenhute vernehmen, Maisie neigte ihren Kopf und ging in die Cottage, wo das rothaarige Mädchen auf dem Sofa lag und über Kopfweh klagte.

»Dick ist blind!« sagte Maisie, schnell atmend, als sie sich gegen eine Stuhllehne stützte. »Mein Dick ist blind!«

»Was?« rief das Mädchen aus, vom Sofa aufspringend.

»Ein Mann ist von England herüber gekommen, um es mir mitzuteilen. Er hat seit sechs Wochen nicht an mich geschrieben.«

»Werden Sie zu ihm gehen?«

»Ich muß wohl daran denken.«

»Denken! Ich würde nach London zurückkehren und ihn sehen, ich würde seine Augen küssen und wieder küssen, bis sie wieder gut würden! Wenn Sie nicht gehen, werde ich gehen. O, was rede ich doch so? Sie böse kleine Blödsinnige! Gehen Sie sofort zu ihm, gehen Sie!«

Torpenhows Genick bekam Blasen in der Sonne, dennoch bewahrte er ein Lächeln unendlicher Geduld, als Maisie mit unbedecktem Kopfe im Sonnenschein erschien.

»Ich komme,« sagte sie mit niedergeschlagenen Augen.

»Dann bitte ich, daß Sie diesen Abend um sieben Uhr an der Station in Vitry sind.« Das war ein Befehl von jemand, der gewöhnt war, daß man ihm gehorchte. Maisie erwiderte nichts, aber sie war dankbar dafür, daß es keine Möglichkeit gab, mit diesem großen Manne zu disputiren, der alles für bewilligt annahm und das unruhige Pferd mit einer Hand regierte. Sie kehrte zu dem rothaarigen Mädchen zurück, das bitterlich weinte, und mit Thränen, Küssen, Menthol, Einpacken und einer Unterredung mit Kami ging der schwüle Nachmittag vorüber. Die Gedanken konnten später kommen. Ihre augenblickliche Pflicht war, zu Dick zu gehen – Dick, der diesen wunderlichen Freund besaß, im Dunkeln saß und mit ihren uneröffneten Briefen spielte.

»Aber was werden Sie machen?« fragte sie ihre Gefährtin.

»Ich? O, ich werde hier bleiben und Ihre Melancholie vollenden,« sagte sie, traurig lächelnd.

»Schreiben Sie mir später.«

An jenem Abend lief ein Gerücht durch Vitry-sur-Marne von einem verrückten Engländer, der zweifellos am Sonnenstich litt, sämtliche Offiziere der Garnison unter den Tisch getrunken, ein Pferd aus den Stallen entliehen hatte und dann nach englischer Sitte mit einem von diesen mehr als verrückten englischen Mädchen, die unter der Leitung dieses guten Monsieur Kami Bilder zeichneten, davongelaufen war.

»Sie sind wirklich drollig,« sagte Susanne zu ihrem Soldaten im Mondschein hinter der Wand des Ateliers, »Sie ging immer mit diesen großen Augen umher, die nichts sahen, und doch küßte sie mich auf beide Wangen, als ob sie meine Schwester wäre, und schenkte mir – sieh – zehn Franken!«

Der Soldat erhob eine Kontribution von beiden Gaben, denn er war stolz darauf, ein guter Soldat zu sein.

Torpenhow sprach nur sehr wenig mit Maisie wahrend der Reise nach Calais, doch sorgte er aufmerksam für alle ihre Bedürfnisse, verschaffte ihr ein Coupé für sich und ließ sie allein. Er war überrascht, daß die ganze Angelegenheit so leicht ausgeführt worden war.

»Das beste wird sein, sie allein über die Sache nachdenken Zu lassen. Nach Dick zu urteilen, muß sie ihn ganz gehörig unter ihrem Befehl gehalten haben. Es wundert mich, daß sie jetzt so willig gehorcht.«

Maisie sprach kein Wort. Sie saß in dem leeren Coupé oft mit geschlossenen Augen, um sich das Gefühl der Blindheit zu vergegenwärtigen. Es war ein Befehl, daß sie rasch nach London zurückkehren sollte, und schließlich fing sie an, sich über die Situation zu freuen. Das war besser, als sich um das Gepäck und eine rothaarige Freundin zu bekümmern, die niemals das geringste Interesse für ihre Umgebung hatte. Aber es lag ein Gefühl in der Luft, als ob sie, Maisie, bei allen Leuten in Ungnade gefallen sei. Sie rechtfertigte ihr Benehmen sich selbst gegenüber mit vielem Erfolge, bis Torpenhow auf dem Dampfboote zu ihr kam und ohne jede Vorrede die Geschichte von Dicks Blindheit zu erzählen begann, nur einige Einzelheiten fortlassend, aber länger bei dem Elende des Delirirens verweilend. Er hielt inne, bevor er zu Ende war, als ob er das Interesse an dem Gegenstände verloren hätte, und ging nach vorn, um zu rauchen. Maisie war wütend über ihn und sich selbst.

In größter Eile wurde sie von Dover nach London befördert, beinahe, ohne daß ihr Zeit zum Frühstücken gelassen wurde, und dann höflichst gebeten, in einem Hausflur vor einigen Stufen zu warten, während Torpenhow hinaufging, um Erkundigungen einzuziehen. Wieder ließ das Bewußtsein, daß sie wie ein unartiges kleines Mädchen behandelt würde, ihre bleichen Wangen erröten. Alles war Dicks Schuld, daß er so albern gewesen, zu erblinden. Torpenhow führte sie dann zu einer verschlossenen Thüre, die er leise öffnete. Dick saß am Fenster mit auf die Brust herabgesunkenem Kinn; in seinen Händen befanden sich drei Briefumschläge, die er hin und her drehte. Der große Mann, der ihr so Befehle erteilt, stand nicht mehr an ihrer Seite, und die Thüre des Ateliers fiel hinter ihr ins Schloß.

Dick steckte die Briefe in seine Tasche, als er das Geräusch hörte. »Hallo, Torp! Sind Sie das? Ich bin so allein gewesen.«

Seine Stimme hatte die den Blinden eigentümliche Klanglosigkeit. Maisie drückte sich in eine Ecke des Zimmers. Ihr Herz pochte heftig, so daß sie eine Hand auf die Brust legte, um es ruhig zu halten. Dick starrte direkt auf sie hin; sie sah zum erstenmale, daß er blind sei. Ihre Augen in einem Eisenbahnwaggon schließen und sie wieder öffnen, wenn es ihr beliebte, war kindische Spielerei; dieser Mann war blind, obgleich seine Augen weit offen standen.

»Torp, sind Sie es? Man sagte mir, Sie würden kommen.« Dick sah verwirrt und etwas ärgerlich über dieses Stillschweigen aus.

»Nein, ich bin es nur,« lautete die Antwort in einem nur mit Mühe hervorgebrachten Flüstern. Maisie konnte kaum ihre Lippen bewegen.

»Hm!« sagte Dick gelassen, ohne sich zu rühren. »Das ist ein neues Phänomen. Ich gewöhne mich allmälich an die Dunkelheit, aber ich weigere mich, Stimmen zu hören.«

War er wahnsinnig, ebenso wie blind, daß er mit sich selbst sprach? Maisies Herz pochte noch ungestümer, und sie schnappte nach Luft. Dick stand auf und begann sich durch das Zimmer zu tasten, jeden Tisch und jeden Stuhl im Vorübergehen berührend. Einmal blieb er mit dem Fuße in einer rauhen Decke hängen und fluchte, während er niederkniete, um zu fühlen, was ihn am Weitergehen hinderte. Maisie erinnerte sich daran, wie er im Parke gegangen, als ob die ganze Erde ihm gehöre, wie er in ihrem Atelier vor zwei Monaten auf und ab geschritten und auf der Laufplanke des Kanaldampfers gelaufen war. Das Herzklopfen machte sie krank, während Dick näher kam, durch das Geräusch ihres Atemholens geleitet. Sie streckte unwillkürlich eine Hand aus, um ihn abzuwehren oder an sich zu ziehen, sie wußte selbst nicht, was von beiden. Die Hand berührte seine Brust; er prallte zurück, als ob er von einer Kugel getroffen worden wäre.

»Es ist Maisie!« schrie er aufschluchzend. »Was thun Sie hier?«

»Ich kam – ich kam – um Sie zu sehen.«

Dicks Lippen preßten sich zusammen.

»Wollen Sie sich denn nicht setzen? Sie sehen, ich habe Unglück mit meinen Augen gehabt und –«

»Ich weiß, ich weiß. Weshalb teilten Sie es mir nicht mit?«

»Ich konnte nicht schreiben.«

»Sie hätten es Mr. Torpenhow sagen sollen.«

»Was hat derselbe mit meinen Angelegenheiten zu schaffen?«

»Er brachte mich von Vitry-sur-Marne hierher. Er glaubte, ich wollte Sie sehen.«

»Wie, was ist vorgefallen? Kann ich irgend etwas für Sie thun? Nein, ich kann es nicht. Ich vergaß.«

»O, Dick, ich bin so betrübt! Ich bin gekommen, es Ihnen zu sagen und – Lassen Sie mich Sie wieder zu Ihrem Stuhle führen.«

»Thun Sie es nicht! Ich bin kein Kind. Sie thun das nur aus Mitleid. Ich beabsichtigte niemals, Ihnen etwas davon mitzuteilen. Ich bin jetzt zu nichts gut; es ist mit mir vorbei. Lassen Sie mich allein!«

Er griff sich zurück nach seinem Stuhle; seine Brust arbeitete, als er sich niedersetzte.

Maisie betrachtete ihn; die Furcht verschwand aus ihrem Herzen, um bitterer Scham Platz zu machen. Er hatte eine Wahrheit ausgesprochen, die das Mädchen während der eiligen Fahrt nach London vor sich selbst verborgen gehalten, denn es war in der That vorbei mit ihm – nicht gebieterisch erschien er mehr, sondern eher ein wenig abschreckend, kein Künstler mehr, der bedeutender war als sie, noch ein Mann, zu dem man aufblickte – nur ein Blinder, der in einem Stuhle saß und auf dem Punkte zu stehen schien, in Weinen auszubrechen. Sie war unendlich und aufrichtig betrübt seinetwegen – trauriger, als sie jemals in ihrem Leben wegen jemand gewesen – aber nicht betrübt genug, um ihre Worte zu verleugnen. Sie stand daher still und fühlte sich beschämt, sowie etwas getroffen, weil sie aufrichtig beabsichtigt hatte, daß ihre Reise siegreich endigen sollte, und jetzt fühlte sie nur Mitleid, nichts von Liebe.

»Nun?« fragte Dick, sein Gesicht abwendend. »Ich beabsichtigte niemals, Sie noch mit irgend etwas zu belästigen. Um was handelt es sich?«

Er war sich bewußt, daß Maisie nach Atem rang, aber er war ebenso unvorbereitet wie sie selbst auf den Sturm von Erregung, der folgte. Leute, die nicht leicht weinen können, vergießen unaufhaltsam Thränen, wenn die Quellen der großen Tiefe aufgeschlossen werden. Sie war in einen Stuhl gesunken und schluchzte, während sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckte.

»Ich kann nicht – ich kann nicht!« rief sie verzweiflungsvoll aus. »Wirklich, ich kann nicht. Es ist nicht meine Schuld. Ich bin so betrübt, O, Dickie, ich bin so sehr betrübt.«

Dicks Schultern richteten sich auf, denn die Worte trafen ihn wie ein Peitschenschlag. Das Schluchzen dauerte fort. Es ist nicht gut, zu bemerken, daß man in der Stunde der Prüfung unterlegen oder zurückgewichen ist vor der Möglichkeit, Opfer bringen zu müssen.

»Ich verachte mich selbst – wirklich, ich thue es. Aber ich kann nicht. O, Dickie, Sie werden mich nicht bitten – nicht wahr?« jammerte Maisie. Sie blickte eine Minute auf, während Dicks Augen zufällig den ihrigen begegneten. Das unrasirte Gesicht war ganz weiß und entschlossen; die Lippen versuchten ein Lächeln hervorzubringen. Aber es waren diese toten Augen, vor denen Maisie sich fürchtete. Ihr Dick war blind geworden und an seiner Stelle jemand geblieben, den sie kaum wieder erkennen konnte, bis er sprach.

»Wer bittet Sie denn, irgend etwas zu thun, Maisie? Ich sagte Ihnen ja, wie es sein würde. Weshalb quälen Sie sich so? Aus Mitleid für mich, weinen Sie nicht so; es ist wirklich nicht der Mühe wert.«

»Sie wissen nicht, wie sehr ich mich selbst hasse. O, Dick, helfen Sie mir – helfen Sie mir!« Ihr leidenschaftliches Weinen fing an, Dick zu beunruhigen. Er stolperte zu ihr hin und legte seinen Arm um sie, wahrend sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte.

»Still, mein Liebling, still! Weinen Sie nicht, Sie haben ganz recht und sich gar nichts vorzuwerfen – niemals hatten Sie das. Sie sind nur etwas aufgeregt von der Reise und haben vielleicht gar kein Frühstück bekommen. Wie thöricht von Torp, Sie herüber zu holen!«

»Ich verlangte, herzukommen, wirklich,« sagte sie.

»Ganz schön; Sie sind nun gekommen und haben mich gesehen, und ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür. Wenn Sie sich etwas erholt haben, so müssen Sie fortgehen und etwas zu sich nehmen. Hatten Sie eine gute Ueberfahrt?«

Maisie unterdrückte ihr Weinen etwas und war zum erstenmale in ihrem Leben froh, daß sie jemand hatte, an den sie sich anlehnen konnte. Dick klopfte sie zärtlich, aber ungeschickt auf die Schulter, denn er war nicht ganz sicher, wo sich ihre Schulter befand.

Sie wand sich schließlich aus seinen Armen los und wartete zitternd und sehr unglücklich. Er hatte sich nach dem Fenster zurückgefühlt, um die Breite des Zimmers zwischen sich und Maisie zu legen und den Aufruhr in seinem Herzen etwas zu beruhigen.

»Befinden Sie sich jetzt besser?« fragte er.

»Ja, aber – hassen Sie mich nicht?«

»Ich Sie hassen? Mein Gott! Ich?«

»Gibt es gar nichts, was ich sonst für Sie thun könnte? Ich will hier in England deswegen bleiben, wenn Sie es wünschen. Vielleicht könnte ich zuweilen herkommen und Sie sehen?«

»O nein, Teuerste. Es wäre gütiger, mich nicht mehr wiederzusehen, ich bitte Sie darum. Ich möchte nicht gerne rauh erscheinen, aber – meinen Sie nicht, daß es vielleicht besser wäre, Sie gingen jetzt?«

Er war sich bewußt, daß er es nicht wie ein Mann ertragen könnte, wenn er sich noch langer bezwingen müßte.

»Ich kann Ihnen in keiner Weise nützlich sein und will deshalb gehen, Dick. O, ich bin so elend, so schlecht!«

»Unsinn. Sie brauchen sich deswegen nicht zu ängstigen; ich würde es Ihnen sonst sagen. Warten Sie einen Augenblick, Liebling, ich möchte Ihnen erst etwas geben. Ich hatte es für Sie bestimmt, noch bevor dieses Unglück anfing. Es ist meine Melancholie; sie war eine Schönheit, als ich sie zuletzt erblickte. Sie können dieselbe von mir annehmen und verkaufen, sollten Sie jemals arm werden. Sie ist stets einige hundert Pfund wert.« Er suchte unter den Bildern. »Sie ist schwarz eingerahmt; ist dieses ein schwarzer Rahmen, den ich in der Hand habe? Da ist es. Was halten Sie davon?«

Er drehte Maisie ein verschrammtes, formloses Gemisch von Farben zu und strengte die Augen an, als ob er ihre Bewunderung und Ueberraschung erfassen wollte. Ein Ding, nur dieses einzige Ding konnte sie für ihn thun.

»Nun?«

Seine Stimme klang voller und kräftiger, weil der Mann wußte, daß er von seinem besten Werke sprach. Maisie blickte auf das Gekleckse, und eine wahnsinnige Lust zu lachen erfaßte sie; aber um Dicks willen durfte sie sich nichts merken lassen, was immer auch dieses verrückte Geschmiere bedeuten mochte, Ihre Stimme bebte von zurückgehaltenen Thränen, als sie antwortete: »O, Dick, es ist schön!«

Er hörte das schwache hysterische Schlucken und hielt es für ein Zeichen der Anerkennung. »Wollen Sie es denn nicht haben? Ich will es Ihnen nach Hause schicken, wenn Sie wollen.«

»Ich? O ja – ich danke Ihnen. Ha! ha!« Wenn sie jetzt nicht fortging, so wurde das unterdrückte Lachen, das schlimmer als Thränen war, sie ersticken. Sie wandte sich ab und lief, erstickend und geblendet, die Treppen hinunter, flüchtete sich in ein Kab und fuhr durch den Park nach ihrem Hause. Dort setzte sie sich in ihrem fast kahlen Zimmer nieder und dachte an Dick in seiner Blindheit, der bis an das Ende seines Lebens, sowohl für sich als auch für sie selbst von gar keinem Nutzen mehr war. Hinter diesem Kummer, der Scham und der Demütigung erhob sich die Furcht vor dem kalten Zorne des rothaarigen Mädchens, wenn Maisie zu demselben zurückgekehrt sein würde. Maisie hatte sich früher nie vor ihrer Gefährtin gefürchtet. Sie vergegenwärtigte sich die Verachtung ihrer selbst erst, als sie sich sagte: »Nun, er hat nichts von mir verlangt!«

Hiermit nehmen wir Abschied von Maisie.

Für Dick waren noch mehr Qualen aufbewahrt. Er konnte erst gar nicht begreifen, daß Maisie, der er befohlen hatte, zu gehen, ihn ohne ein Wort des Abschieds verlassen hatte. Er war außerordentlich ärgerlich über Torpenhow, der diese Demütigung über ihn gebracht und seinen traurigen Frieden gestört hatte. Dann kam seine dunkle Stunde; er befand sich allein mit sich selbst und seinem Verlangen nach etwas, das ihn von dieser Finsternis befreien könnte. Die Königin konnte nichts Unrechtes thun, aber indem dieselbe ihrem Rechte folgte, soweit dasselbe ihrer Arbeit diente, hatte sie ihren einzigen Unterthan mehr verwundet, als dessen Gehirn ihm klar machen konnte.

»Es ist alles, was ich hatte, und ich habe es verloren,« sagte er, sobald sein Elend ihm gestattete, klar zu denken. »Torp wird glauben, er sei so höllisch klug gewesen, daß ich nicht das Herz haben werde, ihm alles zu erzählen. Ich muß die Sache ruhig durchdenken.«

»Hallo!« rief Torpenhow aus, in das Atelier tretend, nachdem Dick zwei Stunden nachgedacht.

»Ich bin zurück. Befinden Sie sich etwas besser?«

»Torp, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Kommen Sie her!« Dick keuchte heiser, da er in der That nicht wußte, was er sagen und wie er es ruhig sagen sollte.

»Ist es denn nötig, irgend etwas zu sagen? Stehen Sie auf und gehen Sie umher.« Torpenhow war vollständig befriedigt.

Sie wanderten wie gewöhnlich auf und ab, Torpenhows Hand auf Dicks Schulter ruhend und Dick in Gedanken versunken.

»Wie in aller Welt haben Sie das alles herausgefunden?« fragte Dick schließlich.

»Sie müssen nicht im Fieber sprechen, wenn Sie Geheimnisse bewahren wollen, Dickie. Es war durchaus unpassend von meiner Seite, aber wenn Sie mich gesehen hätten, wie ich bei einer glühenden Sonnenhitze auf einem halb zugerittenen französischen Kavalleriepferde zusammengeschüttelt wurde, Sie hätten sicherlich gelacht, heute abend wird es einen Charivari in meinen Zimmern geben. Sieben andere Teufel –«

»Ich weiß – der Spektakel im südlichen Sudan. Ich überraschte sie neulich bei ihren Beratungen; es machte mich ganz unglücklich, haben Sie sich entschlossen, zu gehen? Für wen arbeiten Sie?«

»Ich habe noch keinen Vertrag abgeschlossen. Ich wollte erst sehen, wie sich die Sache mit Ihnen gestalten würde.«

»Wollten Sie denn bei mir bleiben, wenn die Dinge schlecht abgelaufen wären?« Er stellte seine Frage sehr vorsichtig.

»Fragen Sie mich nicht zu viel. Ich bin nur ein Mensch.«

»Sie haben sehr erfolgreich versucht, ein Engel zu sein.«

»O ja … Wollen Sie das Amt eines solchen heute abend übernehmen? Wir werden halb toll sein, bevor der Morgen anbricht. Alle Welt glaubt, daß der Krieg gewiß ist.«

»Ich denke nicht, daß ich es thue, alter Freund, wenn es Ihnen egal ist. Ich werde ruhig hier bleiben.«

»Und nachgrübeln? Ich tadle Sie nicht. Sie haben sich lange genug verdient gemacht wie nur je ein Mann.«

An jenem Abend gab es viel Lärm auf den Treppen. Die Korrespondenten kamen vom Theater, vom Diner und von den Konzerten zu Torpenhow, um über ihren Feldzugsplan zu sprechen, im Falle die militärischen Operationen bereits festgesetzt wären. Torpenhow, Keneu und Nilghai hatten alle diese Leute eingeladen, an der Orgie teilzunehmen; Mr. Benton, der Haushälter, erklärte, daß er noch nie während seines ganzen Lebens einen solchen tollen Haufen von Gentlemen gesehen. Sie weckten die Zimmerbewohner durch Schreien und Singen auf, und die älteren Herren waren gerade so schlimm als die jüngeren. Denn sie hatten die Zufälligkeiten des Krieges vor sich, und alle wußten, was das sagen wollte.

Dick saß in seinem Zimmer, etwas bestürzt über den zu ihm herüberschallenden Lärm; plötzlich fing er an zu lachen.

»Wenn jemand darüber nachdenkt, so ist die Situation außerordentlich komisch. Maisie hat ganz recht – armes, kleines Ding! Ich wußte früher gar nicht, daß sie so weinen könnte, aber nun ich weiß, was Torp denkt, bin ich überzeugt, er wäre thöricht genug, zu Hause zu bleiben und zu versuchen, mich zu trösten – wenn er wüßte. Außerdem ist es nicht besonders hübsch, sich sagen zu müssen, daß man wie ein zerbrochener Stuhl beiseite geworfen ist. Ich muß diese Sache allein tragen – wie gewöhnlich. Wenn es keinen Krieg gibt und Torp kommt dahinter, werde ich ihm wie ein Thor erscheinen, das ist alles. Gibt es aber Krieg, so darf ich nicht zwischen das Glück eines andern treten, Geschäft ist Geschäft, und ich muß allein sein. – Was für einen Lärm sie machen!«

Jemand hämmerte gegen die Thüre des Ateliers.

»Kommen Sie heraus, Dickie, und seien Sie lustig,« sagte Nilghai.

»Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Ich bin nicht aufgelegt, fröhlich zu sein.«

»Dann werde ich es den Jungens sagen, und man wird Sie wie einen Dachs herausholen.«

»Bitte, thun Sie es nicht, alter Herr. Auf mein Wort, ich möchte gerade jetzt lieber allein sein.«

»Nun gut. Können wir Ihnen irgend etwas hereinschicken? Fipp zum Beispiel. Cassavetti fängt bereits an, Lieder vom ›sonnigen Süden‹ zu singen.«

Einen Augenblick dachte Dick ernstlich über den Vorschlag nach.

»Nein, danke. Ich habe schon Kopfweh.«

»Tugendhaftes Kind! Das ist die Wirkung von Aufregungen in der Jugend. Meine Glückwünsche, Dick! Auch ich war an der Verschwörung für Ihre Wohlfahrt beteiligt.«

»Gehen Sie zum Teufel und – o, schicken Sie nur Binkie herein.«

Der kleine Hund trat mit elastischen Schritten ein, ganz aufgeregt von dem vielen Lärmen während des Abends. Er hatte geholfen, den Refrain zu singen, aber kaum befand er sich im Atelier, als er gewahr wurde, daß dies nicht der Ort sei, mit dem Schwanze zu wedeln; er setzte sich daher auf Dicks Schoß, bis es Zeit war, ins Bett zu gehen. Dann legte er sich mit Dick ins Bett, der jede Stunde schlagen hörte und am Morgen mit einem schmerzlich klaren Kopfe aufstand, um Torpenhows formellere Glückwünsche, sowie einen besonderen Bericht über das nächtliche Gelage entgegenzunehmen.

»Sie sehen nicht besonders glücklich aus für einen kürzlich angenommenen Mann,« bemerkte Torpenhow.

»Thut nichts, das ist meine Sache, ich befinde mich ganz gut. Gehen Sie wirklich fort?«

»Ja. Mit dem alten Central Southern wie gewöhnlich. Sie telegraphirten mir, und ich nahm unter besseren Bedingungen als früher an.«

»Wann reisen Sie ab?«

»Uebermorgen, nach Brindisi.«

»Gott sei Dank,« sagte Dick aus dem Grunde seines Herzens.

»Nun, das ist gerade keine hübsche Art und Weise zu sagen, daß Sie froh sind, mich los zu werden. Doch Leuten in Ihrer Lage ist es erlaubt, selbstsüchtig zu sein.«

»Ich meinte es nicht so. Wollen Sie für mich hundert Pfund einkassiren, bevor Sie abreisen?«

»Das ist eine kleine Summe zum Haushalte», nicht wahr?«

»O, es ist nur für – die Kosten der Hochzeit.«

Torpenhow brachte das Geld, zählte es in Fünf- und Zehnpfundnoten auf und schloß es sorgfältig in den Schreibtisch ein.

»Jetzt, denke ich, werde ich etwas zu hören bekommen von seiner Schwärmerei für sein Mädchen, bis ich fortgehe. Der Himmel verleihe uns Geduld mit einem verliebten Manne,« sagte er zu sich selbst.

Dick sagte indes nicht ein Wort über Maisie oder Heirat. Er lehnte in der Thür von Torpenhows Zimmer, als dieser packte, und richtete unzählige Fragen an ihn über den bevorstehenden Feldzug, bis es Torpenhow langweilig wurde.

»Sie sind ein geheimnisvolles Tier, Dickie, und verzehren Ihren eigenen Rauch, nicht wahr?« sagte er am letzten Abend.

»Ich – ich glaube so. Wie lange denken Sie beiläufig, wird dieser Feldzug dauern?«

»Tage, Wochen oder Monate; man kann das niemals vorhersagen. Er kann auch jahrelang währen.«

»Ich wünschte wohl, ich könnte mitgehen.«

»Gütiger Himmel! Sie sind wirklich das unberechenbarste Geschöpf. Ist es Ihnen nicht zu teil geworden, daß Sie sich verheiraten werden – dank meinen Bemühungen?«

»Natürlich ja. Ich werde mich verheiraten, gewiß. Werde mich verheiraten. Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar dafür. Hatte ich es Ihnen nicht mitgeteilt?«

»Nach Ihrem Aussehen zu schließen, könnten Sie ebenso gut im Begriffe stehen, gehangen zu werden,« sagte Torpenhow.

Am nächsten Tage sagte Torpenhow ihm adieu und ließ ihn in der Einsamkeit zurück, nach der er so sehr verlangt hatte.