Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Das Meer hatte sich in der That nicht verändert. Das Wasser stand niedrig auf den Schlammbänken und die Glocken-Boje von Marazion klang und schwang sich in der Strömung der Ebbe. Auf dem weißen Sande am Strande zitterten und nickten sich vertrocknete Stiele von Seemohn einander zu.

»Ich sehe nicht den alten Wellenbrecher,« sagte Maisie. »Lassen Sie uns dankbar für das viele sein, was wir noch haben. Ich glaube nicht, daß man ein einziges neues Geschütz im Fort aufgestellt hat, seitdem wir hier waren. Kommen Sie, wir wollen nachsehen.«

Sie gelangten auf das Glacis von Fort Keeling und setzten sich in einem vor dem Winde geschützten Winkel unter der geleerten Mündung einer vierzigpfundigen Kanone.

»Wenn jetzt doch Amomma hier wäre!« rief Maisie aus.

Beide schwiegen längere Zeit; dann nahm Dick Maisies Hand und sprach ihren Namen aus.

Sie schüttelte den Kopf und blickte auf die See hinaus.

»Maisie, mein Liebling, macht es gar keinen Unterschied?«

»Nein!« erwiderte sie die Zähne zusammenbeißend. »Ich – ich würde es Ihnen sagen, wenn es der Fall wäre, aber das ist es nicht. O, Dick, ich bitte Sie, seien Sie vernünftig.«

»Glauben Sie nicht, daß es jemals geschehen wird?«

»Nein, ich bin fest überzeugt davon.«

»Weshalb?«

Maisie ließ ihr Kinn auf der Hand ruhen und sprach rasch, ihre Augen auf die See gerichtet:

»Ich weiß ganz genau, was Sie wünschen, aber ich kann es Ihnen nicht geben, Dick. Es ist nicht meine Schuld, wirklich nicht. Wenn ich fühlte, daß ich irgend jemand lieb haben konnte – aber das ist nicht der Fall. Ich verstehe einfach nicht, was ein solches Gefühl bedeutet.«

»Ist das wahr, Teuerste?«

»Sie sind so gut gegen mich gewesen, Dickie, und die einzige Möglichkeit, wie ich Ihnen dafür danken kann, ist, daß ich die Wahrheit spreche. Ich würde es nicht wagen, eine Lüge auszusprechen. Ich verachte mich selbst schon genug, daß es so ist.«

»Weswegen nur, um aller Welt willen?«

»Weil – weil ich alles von Ihnen annehme, was Sie mir geben, ohne Ihnen das geringste zurückzugeben. Es ist niedrig und selbstsüchtig von mir und quält mich, wenn ich daran denke.«

»Merken Sie sich ein für allemal, daß ich meine eigenen Angelegenheiten leiten kann, und wenn es mir gefällt, irgend etwas zu thun, so sind Sie deswegen nicht zu tadeln. Sie haben sich nicht das mindeste vorzuwerfen, Liebling.«

»Ja, ich habe es wohl; schon das Reden darüber macht es schlimmer.«

»Dann sprechen Sie doch nicht davon.«

»Wie kann ich es denn ändern? Sowie Sie mich eine Minute allein antreffen, sprechen Sie immer darüber, und ist das nicht der Fall, so liegt es in Ihren Mienen. Sie wissen gar nicht, wie sehr ich mich zuweilen verachte.«

»Großer Gott!« rief Dick aus, fast aufspringend. »Reden Sie jetzt die Wahrheit, Maisie, sollten Sie dieselbe auch nie wieder reden! Belästige ich Sie oder diese Quälerei?«

»Nein, durchaus nicht.«

»Wollen Sie mir es sagen, wenn es der Fall ist?«

»Ich glaube, daß ich es Sie wissen lassen würde.«

»Ich danke Ihnen. Die andere Sache ist verhängnisvoll. Aber Sie müssen lernen, einem Manne zu verzeihen, wenn er liebt; er ist dann stets lästig. Sie müssen das kennen gelernt haben?«

Maisie hielt diese letzte Frage nicht einer Antwort wert, so daß Dick genötigt war, dieselbe zu wiederholen.

»Natürlich gab es noch andere Männer. Sie plagten mich immer gerade dann, wenn ich mitten in meiner Arbeit war und zwangen mich, ihnen zuzuhören.«

»Hörten Sie zu?«

»Anfänglich wohl, doch sie konnten nicht begreifen, weshalb ich mich gar nicht um sie kümmerte. Gewöhnlich lobten sie meine Bilder, und ich glaubte, sie meinten es aufrichtig, so daß ich stolz auf ihr Lob wurde und es Kami erzählte, doch dieser – ich vergesse das niemals – lachte mich einmal aus.«

»Es gefällt Ihnen nicht besonders, ausgelacht zu werden, Maisie, nicht wahr?«

»Ich hasse es. Ich habe nie über andere Leute gelacht, außer – außer wenn sie schlechte Arbeit gemacht. Dick, sagen Sie mir ehrlich, was halten Sie von meinen Bildern im allgemeinen, von allen, die Sie gesehen haben?«

»Rechtschaffen, rechtschaffen, ganz rechtschaffen!« erwiderte Dick mit einem Stichworte aus früherer Zeit.

»Erzählen Sie mir, was Kami gesagt.«

Maisie zögerte. »Er – er sagte, es läge Gefühl in ihnen.«

»Wie können Sie mir nur eine solche Lüge erzählen? Denken Sie daran, daß ich zwei Jahre bei Kami gelernt habe. Ich weiß ganz genau, was er sagte.«

»Es ist keine Lüge.«

»Es ist noch schlimmer, es ist die halbe Wahrheit. Kami sagte, den Kopf auf eine Seite legend, – so – › Il y a du sentiment, mais n’y apas de parti pris.‹« Dabei schnarrte Dick das »r« so drohend heraus, wie Kami es zu thun pflegte.

»Ja, das hat er gesagt; ich fange an zu glauben, daß er recht hat.«

»Gewiß hat er das.« Dick fügte hinzu, daß zwei Leute auf der Welt weder unrecht handeln noch sprechen könnten. Kami sei der eine Mann.

»Und Sie sagen jetzt dasselbe. Es ist so entmutigend.«

»Es thut mir leid, aber Sie baten mich, die Wahrheit zu sagen. Außerdem liebe ich Sie viel zu sehr, um mir ein Urteil über Ihre Arbeit anzumaßen. Dieselbe ist tüchtig, mitunter fleißig – nicht immer, – zuweilen liegt auch Talent darin, doch kann man keinen besondern Grund herausfinden, weshalb sie überhaupt ausgeführt worden ist. Wenigstens ist es das, was ich dabei empfunden habe.«

»Es gibt für nichts einen besondern Grund, weshalb es je gemacht worden ist. Sie wissen das eben so gut wie ich. Ich brauche allein Erfolg.«

»Dann haben Sie den falschen Weg eingeschlagen, ihn zu erlangen. Hat Kami Ihnen das nie gesagt?«

»Reden Sie nicht von Kami zu mir; ich will wissen, was Sie denken. Meine Arbeit taugt nichts, um damit zu beginnen.«

»Das habe ich nicht gesagt, und denke es auch nicht.«

»Nun, dann ist es Dilettantenarbeit.«

»Das ist sie ganz bestimmt nicht. Sie sind ein fleißiges Mädchen, Liebling, durch und durch, und ich achte Sie deswegen sehr hoch.«

»Sie lachen nicht über mich hinter meinem Rücken?«

»Nein, meine Teure; Sie sehen, daß Sie mir mehr sind, als irgend sonst jemand. Nehmen Sie diesen Mantel um, oder Sie werden sich erkälten.«

Maisie hüllte sich in den sanften Marderpelz, das graue Känguruhfell nach außen wendend.

»Das ist köstlich,« sagte sie, ihr Kinn gedankenvoll an dem Pelzwerk reibend. »Nun? weshalb habe ich unrecht, wenn ich versuche, ein wenig Erfolg zu erreichen?«

»Gerade, weil Sie es versuchen. Verstehen Sie mich nicht, Liebling? Gute Arbeit hat nichts damit zu schaffen, – gehört nicht zu der Person, die sie ausführt. Das muß von außen kommen.«

»Aber wie wirkt das –«

»Warten Sie eine Minute. Alles, was wir thun können, ist, zu lernen, wie wir unser Werk ausführen müssen, die Meister unserer Stoffe zu sein, nicht die Diener, und uns nie vor etwas fürchten.«

»Das verstehe ich.«

»Alles übrige kommt von außen her. Wenn wir uns ruhig hinsetzen, um die Eindrücke auszuarbeiten, die wir empfangen, so können wir kaum etwas thun, was schlecht ist. Sehr viel hängt davon ab, die Steine und den Mörtel des Handwerks als Meister zu handhaben. Aber sowie wir dabei an den Erfolg und die Wirkung unsres Werkes zu denken beginnen – mit einem Auge nach der Galerie zu liebäugeln – verlieren wir Fähigkeit, Strich und alles übrige. Wenigstens habe ich es so gefunden. Anstatt ruhig zu sein und alles Talent, das man besitzt, auf die Arbeit zu verwenden, regt man sich über etwas auf, das man keinen Augenblick fördern noch verhindern kann. Sehen Sie das ein?«

»Für Sie ist es so leicht, in dieser Weise zu sprechen. Dem Publikum gefällt, was Sie malen. Denken Sie dabei niemals an die Galerie?«

»Viel zu oft, aber ich bin stets dafür durch den Verlust an Fähigkeit bestraft worden. Es ist das so einfach, wie die Regeldetri. Wenn wir unsere Arbeit zu leicht nehmen, indem wir dieselbe zu unseren Zwecken benützen, so wird unser Werk es auch leicht mit uns nehmen, und da wir die schwächeren sind, werden wir darunter zu leiden haben.«

»Ich habe meine Arbeit nie leichtsinnig aufgefaßt; Sie wissen, daß dieselbe alles für mich ist.«

»Natürlich; aber, ob Sie sich nun dessen bewußt sind oder nicht, Sie machen zwei Pinselstriche für sich selbst gegen einen für Ihr Werk. Es ist nicht Ihre Schuld, Liebling; ich thue genau dasselbe und weiß, daß ich es thue. Die meisten französischen Schulen, und sämtliche Schulen hier, halten die Schüler dazu an, um ihres eignen Kredits und ihres eigenen Stolzes willen zu arbeiten. Man sagte mir, alle Welt interessire sich für meine Arbeiten und lobte mich bei Kami, so daß ich ganz aufrichtig glaubte, die Welt bedürfe der Erhebung und der Beeinflussung, sowie aller Arten Unverschämtheiten durch meine Pinsel. Beim Himmel, ich glaubte das wirklich! Wenn mir mein schwacher Kopf zerbarst bei der Erkenntnis, daß ich nichts ausführen könne, weil es mir an hinreichender Kenntnis meines Handwerks fehlte, lief ich gewöhnlich umher, mich über meine eigene Herrlichkeit verwundernd und über meine Bereitwilligkeit, die Welt in Erstaunen zu versetzen.«

»Aber sicherlich kann man das zuweilen thun?«

»Sehr selten mit Ueberlegung, mein Liebling. Und wenn es geschieht, so ist es so ein winziges Ding, während die Welt so groß ist und doch nur ein millionster Teil derselben sich darum kümmert. Maisie, kommen Sie mit mir, ich will Ihnen etwas von der Größe der Welt zeigen. Man kann das Arbeiten ebenso wenig entbehren als das Essen, – das geht ganz von selbst, – aber man kann versuchen, einzusehen, für was man arbeitet. Ich kenne solche kleine himmlischen Plätze, wohin ich Sie mitnehmen könnte, – unter der Linie verstreute Eilande. Man erblickt sie, nachdem man sich wochenlang durch das Wasser gearbeitet hat, das so schwarz wie schwarzer Marmor ist, weil es eine solche Tiefe hat, während man vorn im Bug sitzt und die Sonne aufgehen sieht, die fast erschrocken ist über diese einsamen Meere.«

»Wer ist erschrocken? Sie, oder die Sonne?«

»Die Sonne, natürlich. Es gibt dort Geräusche unter dem Wasser und Töne oben in der Luft. Dann findet man die Insel belebt von feuchtheißen Orchideen, die gegen einen den Mund aufsperren und alles thun können, nur nicht sprechen. Da gibt es einen dreihundert Fuß hohen Wasserfall, gerade wie ein Vorhang aus grüner Seide mit Silber besetzt, während Millionen von Bienen oben in den Felsen leben; man hört, wie die fetten Kokosnüsse von den Palmen fallen, und befiehlt einem elfenbeinweißen Diener, eine lange gelbe Hängematte mit Quasten, wie reifer Mais, aufzuhängen, man streckt die Füße aus, hört die Bienen summen und das Wasser fallen, bis man einschläft.«

»Kann man dort arbeiten?«

»Gewiß. Man muß stets irgend etwas thun. Man hängt seine Leinwand an einem Palmenbaume auf und läßt die Papageien kritisiren. Wenn sie sich balgen, wirft man einen reifen Eiercrêmeapfel nach ihnen, der in einen Schaum von Crême zerplatzt. Es gibt dort Hunderte solcher Plätze. Kommen Sie mit und sehen Sie sich dieselben an.«

»Mir gefällt jener Platz durchaus nicht. Es klingt so träge. Erzählen Sie mir nun einem andern.«

»Wie denken Sie über eine große, rote, tote Stadt, ganz aus rotem Sandstein erbaut, zwischen dem rauhe grüne Aloë wachsen, verlassen auf honigfarbigem Sande liegend? Dort befinden sich vierzig tote Könige, Maisie, ein jeder in einem prächtigen Grabmale, eins immer schöner als das andere. Man blickt auf Paläste, Straßen, Läden und Zisternen, und denkt, daß Menschen dort leben müßten, bis man ein winziges graues Eichhörnchen sieht, das ganz allein seine Nase auf dem Marktplatze reibt, während ein wie Juwelen schimmernder Pfau aus einem geschnitzten Thorweg stolzirt und seinen Schwanz gegen ein marmornes Sieb ausbreitet, das so fein wie Spitzen durchbrochen ist. Dann wandert ein Affe, – ein kleiner schwarzer Affe – über den Hauptplatz, um aus einer vierzig Fuß tiefen Zisterne zu trinken; er gleitet an den Schlingpflanzen bis zum Wasserspiegel hinunter, während ein Freund ihn am Schwanze festhält, im Falle er hineinstürzen sollte.«

»Ist das alles wahr?«

»Ich bin dort gewesen und habe es gesehen. Der Abend kommt, das Licht wechselt, bis es gerade so ist, als ob man mitten in einem großen Opal stände. Etwas vor Sonnenuntergang, so pünktlich wie ein Uhrwerk, trabt ein großer, borstiger wilder Eber, gefolgt von seiner Familie, durch das Thor der Stadt, den Schaum von seinen Hauern schüttelnd. Man klettert auf die Schulter eines blinden Gottes aus schwarzem Stein und beobachtet, wie das Schwein sich einen Palast für die Nacht aussucht und, mit dem Schwanz wackelnd, hineintappt. Darauf erhebt sich der Nachtwind, der Sand bewegt sich und man hört die Wüste außerhalb der Stadt ertönen: ›Jetzt lege ich mich zum Schlafen nieder,‹ und alles ist finster, bis der Mond aufgeht. Teure Maisie, kommen Sie mit mir und sehen Sie, wie die Welt wirklich ist. Sie ist sehr lieblich und ist auch ebenso schrecklich – aber ich würde Sie nichts Schreckliches sehen lassen, – und weder Ihr noch mein Leben würde sich um Bilder oder sonst etwas kümmern, ausgenommen um unsere eigne Arbeit und unsere Liebe. Kommen Sie, ich werde Ihnen zeigen, wie man Sangaree braut und eine Hängematte aufschlingt, und – o, tausend andere Dinge; Sie werden dann selbst sehen, was Farben bedeuten, und wir werden zusammen erfahren, was Liebe bedeutet, dann wird es uns vielleicht vergönnt sein, gute Arbeiten zu machen. Kommen Sie mit!«

»Weshalb?« fragte Maisie.

»Wie können Sie etwas leisten, bevor Sie nicht alles gesehen haben, oder doch so viel als Ihnen möglich ist. Außerdem, mein Liebling, liebe ich Sie. Kommen Sie fort mit mir. Sie haben hier nichts zu schaffen, Sie gehöre» hier nicht her; Sie sind eine halbe Zigeunerin, – Ihr Gesicht sagt das; und ich – schon der Geruch des offenen, weiten Wassers macht mich ruhelos. Kommen Sie mit über das Meer und werden Sie glücklich!«

Er hatte sich erhoben und stand im Schatten der Kanone, während er auf das Mädchen herabsah. Der kurze Winternachmittag war verstrichen und der Wintermond wanderte über die ruhige See, bevor sie es wußten. Lange, regelmäßige Linien von Silber zeigten, wo ein Kräuseln der wachsenden Flut über die Schlammbänke lief. Der Wind hatte sich gelegt, in der vollständigen Stille konnten sie hören, wie ein Esel das gefrorene Gras, viele Ellen entfernt, abrupfte. Ein schwacher Schlag, wie der einer gedämpften Trommel, ertönte aus dem vom Monde beschienenen Nebel.

»Was ist das?« fragte Maisie rasch. »Es klingt wie Herzklopfen. Wo ist es?«

Dick war so zornig über diese plötzliche Unterbrechung seines Vortrags, daß er sich nicht getraute gleich zu sprechen, und hörte während dieses Schweigens ebenfalls den Ton. Maisie beobachtete ihn, von ihrem Sitze unter der Kanone aus, mit einer gewissen Furcht. Sie wünschte so sehr, daß er vernünftig sein und aufhören möchte, sie mit überseeischen Dingen zu quälen, die sie verstehen und auch wieder nicht verstehen konnte. Sie war indes auf den Wechsel in seinem Gesichte nicht vorbereitet, als er lauschte.

»Es ist ein Dampfer,« sagte er, »ein Zwillingsschraubendampfer, nach dem Schlage zu urteilen. Ich kann ihn nicht entdecken, doch muß er sehr nahe bei der Küste sich befinden. Ah!« rief er aus, als der rote Schein einer Rakete durch den Nebel zog, »er hält näher ans Land, um zu signalisiren, bevor er in den Kanal fährt.«

»Ist es ein Wrack?« fragte Maisie, für die diese Worte wie griechisch waren.

Dicks Augen waren auf die See gerichtet. »Ein Wrack! Was für ein Unsinn! Er meldet sich nur an. Eine rote Rakete vorwärts – jetzt ist ein grünes Licht hinten und zwei rote Raketen von der Kommandobrücke.«

»Was bedeutet das?«

»Es ist das Signal der Croß-Keys-Linie, die nach Australien fährt. Ich bin neugierig, welcher Dampfer es ist.«

Der Klang seiner Stimme war verändert; er schien mit sich selbst zu sprechen, was Maisie nicht besonders gefiel. Das Mondlicht brach einen Augenblick durch den Nebel, die schwarzen Seiten eines langen Dampfers streifend, der sich den Kanal hinunter arbeitete.

»Vier Masten und drei Schornsteine, – er hat viel Tiefgang; das muß der ›Barralong‹ oder der ›Bhutia‹ sein. Nein, der Bhutia hat einen Klipperbug, es ist der Barralong nach Australien. In einer Woche wird er das Kreuz des Südens über sich haben – glücklicher alter Kasten! – o, du glücklicher alter Kasten!«

Er starrte gespannt auf den Dampfer und ging die Böschung des Forts hinauf, um einen besseren Ausblick zu haben, doch verdichtete sich der Nebel auf der See wieder, wahrend der Schlag der Schraube schwächer wurde. Maisie rief ihm ärgerlich etwas zu, worauf er sich umwandte, die Augen noch immer seewärts gerichtet. »Haben Sie jemals das Kreuz des Südens über Ihrem Kopfe aufflammen sehen?« fragte er. »Es ist herrlich!«

»Nein!« erwiderte sie kurz, »und ich verlange auch gar nicht darnach. Wenn Sie dasselbe für so entzückend halten, weshalb gehen Sie denn nicht hin und betrachten es selbst?«

Sie lichtete ihr Gesicht aus der sanften Schwärze des Marderpelzes um ihren Hals empor, während ihre Augen wie Diamanten leuchteten. Das Mondlicht fiel auf den grauen Känguruhpelz und verwandelte denselben in gefrorenes Silber.

»Beim Himmel, Maisie, Sie sehen wie ein kleines heidnisches, hieher verschlagenes Idol aus.« Ihre Augen zeigten, daß ihr dieses Kompliment nicht besonders gefiel. »Es thut mir leid,« fuhr er fort. »Es ist nicht der Mühe wert, das Kreuz des Südens zu betrachten, wenn man niemand hat, der einem dabei hilft. Jener Dampfer ist außer Hörweite gekommen.«

»Dick,« sagte sie ruhig, »nehmen Sie an, ich wäre jetzt zu Ihnen gekommen – seien Sie eine Minute still – gerade wie ich bin, und hätte Sie lieb, gerade so viel, wie es wirklich der Fall ist.«

»Doch nicht etwa wie einen Bruder? Sie sagten damals im Park, das thäten Sie nicht.«

»Ich hatte niemals einen Bruder. Nehmen Sie an, ich sagte: Führen Sie mich zu jenen Plätzen und mit der Zeit könnte ich Sie vielleicht wirklich lieben, was würden Sie dann thun?«

»Sie in einem Kabriolet direkt dorthin schicken, woher Sie gekommen sind. Nein, das würde ich nicht thun, sondern Sie zu Fuß gehen lassen. Aber Sie würden es nicht thun können, Teure, und ich möchte nicht das Wagnis auf mich nehmen. Sie sind es wert, daß man wartet, bis Sie ohne Vorbehalt kommen können.«

»Glauben Sie das aufrichtig?«

»Ich habe eine unbestimmte Idee, daß ich es glaube. Ist es Ihnen nie in diesem Lichte erschienen?«

»O – ja. Ich komme mir deswegen so schlecht vor.«

»Schlechter als gewöhnlich?«

»Sie wissen gar nicht, was ich alles denke; es ist fast zu abscheulich, um es sagen zu können.«

»Denken Sie nicht daran. Sie versprachen mir ja, die Wahrheit zu sagen.« »Es ist so sehr undankbar von mir, aber – aber, obschon ich weiß, wie gern Sie mich haben und ich Sie sehr gern um mich habe, so – so würde ich Sie dennoch aufopfern, wenn ich dadurch erreichte, wonach ich verlange.«

»Mein armer kleiner Liebling! Ich kenne diesen Gemütszustand; derselbe führt zu keiner guten Arbeit.«

»Sie sind nicht böse? Bedenken Sie, daß ich mich selbst verabscheue.«

»Ich fühle mich nicht gerade besonders geschmeichelt – ich hatte wohl etwas mehr erwartet, – aber ich bin nicht böse. Ihretwegen thut es mir leid. Sie hätten vor Jahren eine solche Kleinlichkeit von sich abwerfen sollen.«

»Sie haben kein Recht, mich zu beschützen! Ich brauche nur das, wofür ich seit so langer Zeit gearbeitet habe. Sie erlangten es ohne viel Mühe, und – und ich glaube nicht, daß das ehrlich ist.«

»Was kann ich dabei thun? Ich würde zehn Jahre meines Lebens dafür hingeben, könnte ich Ihnen verschaffen, was Sie gebrauchen; aber ich kann Ihnen nicht helfen, durchaus nicht.«

Maisie murmelte einige widersprechende Worte.

Er fuhr fort: »Nach dem, was Sie mir soeben gesagt, weiß ich, daß Sie auf dem falschen Wege zum Erfolge sich befinden. Man erlangt denselben nicht, indem man andere Leute aufopfert – ich habe das häufig in mir unterdrückt; Sie müssen sich selbst aufopfern und unter strenger Aufsicht leben, niemals an sich selbst denken und nie wirkliche Befriedigung über Ihre Arbeit fühlen, ausgenommen im Augenblicke des Beginnens, nachdem Sie einen Gedanken erfaßt haben.«

»Wie können Sie alles das glauben?«

»Es ist gar nicht die Rede von glauben oder nicht glauben. Das ist das Gesetz und Sie müssen entweder dasselbe befolgen oder es von der Hand weisen, wie es Ihnen beliebt. Ich versuche, ihm zu gehorchen, aber ich kann es nicht, und dann wird unter den Händen meine Arbeit schlecht. Ich weiß, daß unter solchen Umständen vier Fünftel der Arbeiten eines jeden schlecht ausfallen müssen. Aber der Rest ist der Mühe wert, die man darauf verwendet hat.«

»Ist es denn nicht hübsch, auch für schlechte Arbeit Ruf zu erlangen?«

»Es ist viel zu hübsch. Aber – Darf ich Ihnen etwas erzählen? Es ist keine hübsche Erzählung, aber Sie sind in vieler Beziehung wie ein Mann, daß ich mich ganz vergesse, wenn ich mit Ihnen spreche.«

»Erzählen Sie.«

»Einst, als ich draußen im Sudan war, kam ich an eine Stelle, wo wir vor drei Tagen ein Gefecht gehabt; es lagen zwölfhundert Tote dort, da wir keine Zeit gehabt, sie zu begraben.«

»Wie gräßlich!«

»Ich war mit einer großen Skizze beschäftigt und neugierig, was die Leute zu Hause von derselben halten wurden. Der Anblick dieses Schlachtfeldes lehrte mich sehr viel; dasselbe glich genau einem Beete von schrecklichen Giftpilzen in allen Farben, und niemals hatte ich Menschen in solchen Massen zu ihrem Ursprunge zurückkehren gesehen. Da begriff ich, daß Männer und Weiber nur Material sind, mit welchem man arbeiten muß und alles, was dieselben sagten oder thaten, ohne jeden Belang sei, Sehen Sie das ein? Um mich genauer auszudrücken, so können Sie ebenso gut Ihr Ohr auf die Palette herniederbeugen, um zu hören, was Ihre Farben Ihnen sagen.«

»Dick, das ist abscheulich!«

»Warten Sie eine Minute. Ich sagte, um mich genauer auszudrücken: Unglücklicherweise muß ein jeder entweder ein Mann oder eine Frau sein.«

»Ich bin froh, daß Sie das wenigstens zugeben.«

»In Ihrem Falle thue ich es nicht. Sie sind keine Frau. Aber gewöhnliche Leute, Maisie, müssen sich als solche benehmen und arbeiten. Das macht mich eben so wild.«

Er schlenderte einen Kiesel ins Wasser, als er gesprochen.

»Ich weiß, daß es nicht meine Sache ist, mich um das zu kümmern, was die Leute sagen; ich kann einsehen, daß es meine Leistungen, meine Eigentümlichkeit verdirbt, wenn ich auf sie höre, und dennoch, – hol der Henker sie alle –,« ein zweiter Kiesel flog seewärts, »ich muß weiter, wenn ich auf den richtigen Weg gedrängt werde. Gerade wenn ich auf der Stirn eines Mannes sehen kann, daß er seine Lügen durch eine Menge schöner Redensarten verbirgt, so machen mich diese Lügen dennoch glücklich und spielen mir das Unheil in die Hand.«

»Und wenn der Mann keine schönen Redensarten macht?«

»Dann, meine Geliebte –« sagte Dick lächelnd, »vergesse ich, daß ich der Verwalter dieser Talente bin, und ich fühle das Verlangen, dem Manne die Liebe und Anerkennung für meine Arbeit mit einem dicken Stocke beizubringen. Es ist überhaupt zu demütigend; aber ich glaube, wenn jemand ein Engel wäre und malte menschliche Wesen ganz nach dem äußeren Eindrucke, so würde man im Strich verlieren, was man im Auffassen gewinnt.«

Maisie lachte bei der Idee, sich Dick als einen Engel vorzustellen.

»Sie scheinen demnach zu glauben,« sagte sie, »daß alles Angenehme, Hübsche Ihre Hand verdirbt.«

»O nein. Es ist die Regel, das Gesetz – gerade ebenso wie es bei Mrs. Jennet der Fall war. Alles, was niedlich ist, verdirbt Ihre Hand. Es freut mich, daß Sie das so klar sehen.«

»Ich liebe diese Ansicht nicht.«

»Auch ich nicht. Wenn man aber seine Aufträge erhalten hat, was kann man dann thun? Sind Sie stark genug, allein stand zu halten?«

»Ich denke, ich muß.«

»Lassen Sie mich Ihnen helfen, mein Liebling. Wir können einer den andern stützen und versuchen, geradeaus zu gehen. Wir werden schrecklich stolpern, aber es wird immer besser sein, als wenn jeder für sich allein strauchelt. Maisie, können Sie das Vernünftige davon nicht einsehen?«

»Ich glaube nicht, daß wir mit einander vorwärts gehen können. Wir würden zwei von demselben Geschäfte sein und niemals übereinstimmen.«

»Wie gern möchte ich den Mann antreffen, der dieses Sprichwort gemacht hat! Er lebte gewiß in einer Höhle und aß rohe Beeren. Ich würde ihn an den Spitzen seiner eignen Pfeile kauen lassen. Nun?«

»Ich würde mit Ihnen nur halb verheiratet sein. Ich würde mich wegen meiner Arbeiten quälen und plagen, gerade wie jetzt. Von sieben Tagen würde ich vier nicht dazu fähig sein.«

»Sie reden, als ob sonst kein Mensch auf der Welt gewöhnt sei, den Pinsel zu führen. Glauben Sie etwa, daß ich dieses Gefühl des Quälens und Aengstigens nicht kenne? Sie sind glücklich, wenn Sie dasselbe nur vier Tage von sieben haben. Was würde das für einen Unterschied machen?«

»Einen sehr großen, wenn Sie dieses Gefühl ebenfalls hätten.«

»Ja, aber ich würde es respektiren. Ein anderer thäte es vielleicht nicht; er würde Sie auslachen. Aber es hat ja gar keinen Zweck darüber zu sprechen; wenn Sie glauben, daß Sie in dieser Weise mich noch nicht lieben können.«

Die Flut hatte inzwischen die Schlammbänke beinahe vollständig bedeckt und zwanzig kleine Wellen brachen sich am Strande, bevor es Maisie beliebte zu sprechen. »Dick,« sagte sie langsam, »ich glaube wirklich, daß Sie viel besser sind als ich.«

»Das scheint sich nicht auf unsre Angelegenheit zu beziehen – aber was meinen Sie damit?«

»Ich weiß es nicht genau, doch jedenfalls besser in dem, was Sie über Arbeit und andere Dinge sagten; und dann sind Sie auch so geduldig. Ja, wirklich, Sie sind besser als ich.«

Dick vergegenwärtigte sich rasch das Traurige im Leben eines Mannes, der Schiffbruch mit seinen Hoffnungen gelitten, und erblickte nichts darin, was ihn mit einem Gefühle von Mut erfüllen konnte. Er hob den Saum des Mantels auf und führte ihn an seine Lippen.

»Wie können Sie Dinge sehen, die ich nicht sehen kann?« sagte Maisie, die so that, als ob sie nichts bemerkt hätte. »Ich glaube nicht, was Sie glauben; aber Sie haben recht, denke ich.«

»Wenn ich irgend etwas gesehen habe, so konnte ich es, weiß Gott, nur für Sie sehen, und es nur Ihnen allein sagen. Vor einer Minute schien Ihnen alles klar zu sein, doch ich handle nicht nach meinen Worten. Sie wollten mir helfen… Wir beide leben einsam in der Welt, und – und Sie möchten mich gern um sich haben?«

»Natürlich möchte ich das. Ich glaube kaum, daß Sie sich vorstellen können, wie schrecklich einsam ich bin.«

»Ich kann es wohl, mein Liebling.«

»Als ich vor zwei Jahren zuerst das kleine Haus bezog, wanderte ich gewöhnlich in dem Garten auf und nieder und versuchte zu weinen. Ich kann nie weinen. Können Sie es?«

»Es ist einige Zeit her, daß ich es versuchte. Was quälte Sie damals? Überanstrengung?«

»Ich weiß es nicht; aber ich träumte immer, daß ich zusammengebrochen wäre, kein Geld hätte und in London verhungern müsse. Ich mußte jeden Tag daran denken und fürchtete mich – o, wie sehr fürchtete ich mich!«

»Ich kenne diese Angst; es ist das schrecklichste von allem; zuweilen weckte sie mich in der Nacht auf. Sie brauchten indes dieselbe nicht kennen zu lernen.«

»Wie wissen Sie das?«

»Das ist einerlei! Sind Ihre dreihundert jährlich sicher?«

»Sie sind in Consols angelegt.«

»Sehr gut. Sollte jemand zu Ihnen kommen und Ihnen eine bessere Kapitalsanlage empfehlen – selbst wenn ich selbst es thäte – so hören Sie gar nicht darauf. Niemals legen Sie das Geld wo anders an und verborgen nie einen Pfennig davon, – selbst nicht dem rothaarigen Mädchen.«

»Zanken Sie nicht so mit mir! Ich bin nicht leicht so thöricht.«

»Die Erde ist voll von Männern, die ihre Seele für dreihundert Pfund jährlich verkaufen würden, während Weiber zu Ihnen kommen, schwatzen und hier eine Fünfpfundnote und dort eine Zehnpfundnote von Ihnen borgen; und eine Frau hat kein Gewissen für Geldschulden. Behalten Sie Ihr Geld für sich, Maisie, denn nichts ist schrecklicher auf der Welt, als arm zu sein in London. Es hat mich genug geängstigt. Beim Himmel, es jagte mir Furcht ein, und unsereins darf sich vor Nichts fürchten.«

Einem jeden Manne ist sein besonderer Schrecken bestimmt, ein Schrecken, der ihn bis zum Verlust seiner Mannhaftigkeit herunterdrückt, wenn er nicht gegen denselben ankämpft. Dicks Erfahrung rn Betreff des gemeinen Elendes aus Mangel war tief in sein Gemüt eingedrungen und, damit er nicht zu leicht übermütig werden möge, stand die Erinnerung daran hinter ihm, mit dem Versuche, ihn zu beschämen, wenn Käufer kamen, um seine Bilder zu erwerben. Wenn Nilghai wider seinen Willen zitterte beim Anblick des stillen grünen Wassers eines Sees oder eines Mühlteiches, wenn Torpenhow zurückbebte vor einem weißen Arme, der schlagen und stechen oder ihn für sein Zurückweichen strafen konnte, so fürchtete sich Dick vor der Armut, die er einmal halb aus Scherz gekostet hatte. Sein Schrecken war größer als der seiner Gefährtin.

Maisie beobachtete beim Mondschein sein bewegtes Gesicht. »Sie haben jetzt Geld genug,« sagte sie beruhigend.

»Ich werde nie genug bekommen,« begann er mit häßlichem Nachdruck. Dann fügte er lachend hinzu: »Ich werde immer um drei Pence in meiner Rechnung zu kurz kommen.«

»Weshalb um drei Pence?«

»Ich trug einmal den Reisesack eines Mannes von der Station Liverpool Street nach der Blackfriarsbrücke; es war ein Geschäft für einen Sixpence – Sie brauchen nicht zu lachen, es war wirklich so, und ich hatte das Geld verzweifelt nötig. Er gab mir nur drei Pence und war nicht einmal so anständig, dieselben in Silber zu bezahlen. So viel Geld ich auch verdienen mag, niemals werde ich jene drei Pence aus der Welt schaffen.«

Das war nicht die passende Sprache für einen Mann, der über die Heiligkeit der Arbeit gepredigt halte. Es verletzte Maisie, die es vorzog, ihre Bezahlung in Beifall zu erhalten, der die wahre Belohnung sein mußte, da alle Menschen ihn begehrten. Sie suchte ihre kleine Börse hervor und nahm ganz ernsthaft ein Dreipencestück heraus.

»Da ist es,« sagte sie. »Ich will Sie bezahlen, Dickie; quälen Sie sich nun nicht mehr deswegen, es ist nicht der Mühe wert. Sind Sie bezahlt?«

»Ich bin es,« erwiderte der menschliche Apostel der schönen Künste, das Geldstück annehmend. »Ich bin tausendfältig bezahlt und wir wollen jene Rechnung abschließen. Das Stück soll an meiner Uhrkette hängen; Sie sind ein Engel, Maisie.«

»Ich bin ganz steif und kalt geworden. Mein Mantel ist ganz weiß und Ihr Schnurrbart ebenfalls! Ich fühlte gar nicht, daß es so kalt sei.«

Ein leichter Frostreif hatte sich auf die Schultern von Dicks Ulster gelegt. Er hatte das Wetter ganz vergessen. Sie mußten beide lachen, und mit diesem Gelächter endigte jedes ernste Gespräch.

Sie liefen landeinwärts über die Ebene, um sich zu erwärmen, dann drehten sie sich um und blickten auf die Pracht der vollen Flut im Mondschein und die dichten schwarzen Schatten der Heckensträucher Es war eine neue Freude für Dick, daß Maisie gerade wie er die Farben sehen konnte, – das Blau in dem Weiß des Nebels, das Violet in den grauen Zaunpfählen und alles übrige, was sich dort befand – nicht von eurer einzigen Schattirung, sondern von tausend Farben. Der Mondschein erhellte Maisies Seele, so daß sie, die gewöhnlich so zurückhaltend war, über sich selbst und alles, was sie interessirte, plauderte, – von Kami, dem weisesten der Lehrer, und den Mädchen im Atelier, – von den Polen, die sich zu Tode arbeiten würden, wenn man sie nicht zurückhielte, von den Franzosen, die viel mehr schwatzten, als sie je ausführen würden, von den nachlässigen Engländern, die sich hoffnungslos abmühen und nicht begreifen können, daß Neigung nicht auch Talent mit sich bringt, von den Amerikanern, deren raspelnde Stimmen in der Stille eines heißen Nachmittags abgespannte Nerven zum Zerspringen bringen können und deren Nachtessen zu Indigestionen führt, von stürmischen Russen, die weder zu halten noch zu binden sind und den Mädchen Geistergeschichten erzählen, bis dieselben kreischen, von steifen Deutschen, die kommen, um eine einzige Sache zu lernen, und, sobald sie dieselbe bemeistert haben, ebenso steif wieder fortgehen und immerfort Gemälde kopiren. Dick hörte entzückt zu, weil es Maisie war, die erzählte. Er kannte dieses Leben von früher her.

»Es hat sich nicht viel geändert,« sagte er. »Stiehlt man noch immer Farben während der Frühstückszeit?«

»Nicht stehlen; ›anziehen‹ ist die Bezeichnung dafür. Natürlich thut man es. Ich bin brav – ich zog nur Ultramarin an mich; es sind aber Schüler dort, die Bleiweiß anziehen.«

»Ich habe es selbst gethan. Man kann es nicht ändern, wenn die Paletten aufgehangen sind. Jede Farbe ist Gemeingut, sobald sie herunterrinnt – obschon man sie auch häufig durch einen Tropfen Oel zum Rinnen bringt. Es lehrt die Leutchen ihre Farbenblasen nicht herumliegen zu lassen und verschwenderisch damit umzugehen.«

»Ich möchte gern einige von Ihren Farben, ›anziehen‹, Dick. Vielleicht erhielte ich mit denselben Ihre Erfolge.«

»Ich will kein böses Wort sagen, obschon ich es wohl möchte. Was in der Welt hat Erfolg oder Mangel an Erfolg zu bedeuten, verglichen mit – Nein, ich will diese Frage nicht mehr berühren. Es ist Zeit, nach der Stadt zurückzukehren.«

»Ich bin betrübt, Dick, aber –«

»Sie haben viel mehr Interesse dafür, als für mich.«

»Ich weiß es nicht, doch glaube ich es kaum.«

»Was geben Sie mir, wenn ich Ihnen ein sicheres Mittel für alles sage, dessen Sie bedürfen, – für die Störung, den Lärm, die Verwirrung und alles übrige? Wollen Sie versprechen mir zu gehorchen?«

»Natürlich.«

»Zuerst müssen Sie niemals eine Mahlzeit vergessen, weil Sie zufällig bei der Arbeit sind, Sie vergaßen in voriger Woche zweimal Ihr Frühstück,« sagte Dick aufs Geratewohl, denn er wußte, mit wem er es zu thun hatte.

»Nein, nein, – nur einmal, wirklich.«

»Das ist schon schlimm genug. Dann müssen Sie nicht eine Tasse Thee mit einem Zwieback anstatt eines regelrechten Mittagessens zu sich nehmen, weil Mittagessen zufällig eine Störung ist.«

»Sie machen sich über mich lustig.«

»Nie in meinem Leben war ich ernsthafter. O, meine Liebe, meine Liebe, ist es niemals in Ihnen aufgedämmert, was Sie mir sind? Hier ist die ganze Erde verschworen, Sie zu erstarren, oder über den Haufen zu rennen, oder Sie bis auf die Haut zu durchnässen, oder Sie um Ihr Geld zu betrügen, oder Sie sterben zu lassen an Ueberanstrengung und Mangel an Nahrung, während ich nicht das mindeste Recht habe, nach Ihnen zu sehen. Wie, ich weiß nicht einmal, ob Sie verständig genug sind, sich warm anzukleiden, wenn es kalt ist.«

»Dick, Sie sind der abscheulichste Mensch, mit dem man sprechen kann, – wirklich! Wie, glauben Sie denn, daß ich mich eingerichtet habe, als Sie fort waren?« »Ich war nicht hier, und ich wußte es nicht. Nun ich aber zurückgekehrt bin, würde ich alles, was ich habe, hingeben für das Recht, Ihnen befehlen zu können, Sie möchten herein kommen, wenn es draußen regnet.«

»Ihre Erfolge auch?«

Diesmal kostete es Dick ernstliche Ueberwindung, um einige böse Worte zu unterdrücken.

»Wie Mrs. Jennet zu sagen pflegte. Sie machen einem viele Sorgen, Maisie, Sie sind zu lange in den Schulen eingesperrt gewesen und denken, daß jedermann auf Sie blickt. Es gibt nicht zwölfhundert Personen in der ganzen Welt, die etwas von Bildern verstehen; die übrigen behaupten es, kümmern sich aber nicht darum. Bedenken Sie, ich habe zwölfhundert tote Männer auf einem Bette von Giftpilzen gesehen. Es ist nur die Stimme des allerkleinsten Teiles der Leute, die den Erfolg macht; die wirkliche Welt kümmert sich nicht einen Pfifferling darum. So viel ich weiß, hat jeder Mann auf der Welt seine eigene Maisie, um sich mit ihr herumzustreiten.

»Arme Maisie!

»Armer Dick, denke ich. Glauben Sie etwa, daß er Lust hat, ein Bild zu betrachten, während er für das kämpft, was ihm teurer ist als sein Leben? Und selbst wenn er es thäte und die ganze Welt es thäte und tausend Millionen Menschen erhöben sich und fangen Hymnen zu meiner Ehre und meinem Ruhme, würde das alles bei mir das Bewußtsein aufwiegen, daß Sie an einem Regentage ohne Schirm ausgingen, um in Edgware Road Einkäufe zu machen? Jetzt wollen wir nach der Station gehen.«

»Aber Sie sagten am Strande…« beharrte Maisie, nicht ganz ohne Furcht.

Dick stöhnte laut: »Ja, ich weiß, was ich sagte. Meine Arbeit ist für mich alles, was ich habe oder bin oder zu sein hoffe, und ich glaube, ich habe das Gesetz gelernt, das dieselbe regiert; aber es ist mir etwas Sinn für Scherz geblieben, – obschon Sie mir denselben so ziemlich ausgetrieben haben. Ich kann gerade sehen, daß es nicht Alles für die übrige Welt ist. Handeln Sie nach meinen Worten, nicht nach meinen Thaten.«

Maisie hütete sich, die fragliche Debatte wieder zu eröffnen, so daß sie ganz vergnügt nach London zurückkehrten. Die Endstation unterbrach Dick mitten in einer beredten Lobpreisung über die Schönheiten der Leibesbewegung. Er wollte Maisie ein Pferd kaufen – ein Pferd, wie noch niemals eines seinen Kopf nach dem Gebiß heruntergebeugt, – wollte dasselbe einstellen, mit noch einem zweiten zusammen, einige zwanzig Meilen von London entfernt, und Maisie sollte, nur ihrer Gesundheit wegen, zwei- oder dreimal in der Woche mit ihm ausreiten.

»Das ist abgeschmackt,« sagte sie. »Es würde sich nicht schicken.«

»Nun, wer in ganz London würde genügendes Interesse oder die Keckheit haben, uns beide aufzufordern, Rechenschaft von dem abzulegen, was uns zu thun beliebt.« Maisie blickte auf die Lampen, den Nebel und den häßlichen Tunnel. Dick hatte recht; aber Pferdefleisch paßte nicht zur Kunst, wie sie dieselbe verstand.

»Sie sind zuweilen wirklich sehr nett und artig, aber noch häufiger sehr närrisch. Ich werde Ihnen nicht erlauben, mir ein Pferd zu schenken oder Sie heute Abend mitnehmen; ich will allein nach Hause gehen. Nur etwas müssen Sie mir versprechen; Sie sollen nicht mehr an die Extra-Dreipence denken, nicht wahr? Denken Sie daran, daß Sie bezahlt worden sind; ich kann nicht zugeben, daß Sie wegen einer solchen Geringfügigkeit zornig sind und schlechte Arbeit machen. Sie können so Großes leisten, daß Sie nicht so kleinlich sein dürfen.«

Das hieß den Spieß mit einer kleinen Rache umdrehen. Es blieb Dick nichts übrig, als Maisie in ein Kabriolet zu heben.

»Leben Sie wohl,« sagte sie einfach. »Sie kommen doch am Sonntag? Es war ein schöner Tag, Dick. Weshalb kann es nicht immer so sein?«

»Weil die Liebe dem Konturenzeichnen gleicht; man muß entweder vorwärts oder zurück gehen, stillstehen kann man nicht. Beiläufig, fahren Sie fort mit Ihrem Konturenzeichnen. Gute Nacht und schonen Sie sich, meinet- und auch Ihretwegen.«

Er wandte sich um und ging nachdenklich nach Hause. Der Tag hatte ihm nichts gebracht von dem, was er gehofft, aber er hatte sich doch Maisie mehr genähert, und das war gewiß manchen Tag wert. Das Ende war jetzt nur noch eine Frage der Zeit und der Preis wohl des Wartens würdig. Ganz instinktmäßig war er nach dem Flusse hingewandert.

»Sie verstand mich sogleich,« sagte er, auf das Wasser hinblickend. »Sie fand auf der Stelle meine kleine Schwachheit heraus und bezahlte die Sache. Mein Gott, wie gut verstand sie mich! Sie sagte auch, ich wäre besser als sie. Besser als sie!« Er lachte über die Thorheit dieser Bemerkung. »Ich möchte wohl wissen, ob Mädchen nur die Hälfte von dem Leben eines Mannes ahnen. Sie können es nicht, – sonst würden sie uns nicht heiraten.« Er nahm Maisies Gabe aus der Tasche und betrachtete dieselbe wie ein Wunder und als ein Unterpfand in dem Sinne, daß es eines Tages ihn zu vollständiger Glückseligkeit führen wurde. Inzwischen war Maisie allein in London, ohne jeden Schutz vor Gefahren aller Art, die es in dieser übervölkerten Wildnis gab.

Dick betete zu dem Fatum nach Art der Heiden und warf das kleine Silberstück in den Strom. Wenn irgend ein Unglück eintreffen müsse, so möchte die Schwere desselben auf ihn fallen und Maisie verschont bleiben, da dieses Dreipencestück ihm das teuerste von allem war, was er besaß. Es war ja nur eine kleine Münze, aber Maisie hatte sie gegeben und die Themse sie jetzt empfangen, das Fatum würde sicherlich für diesmal bestochen sein.

Die Versenkung des Geldstückes ins Wasser schien für den Augenblick seine Gedanken von Maisie abzulenken. Er entfernte sich von der Brücke und ging pfeifend in seine Wohnung mit einem heftigen Verlangen nach Unterhaltung mit Männern und einer Pfeife Tabak, nach dieser seiner ersten Erfahrung, einen ganzen Tag mit einem weiblichen Wesen zuzubringen. Noch ein stärkeres Verlangen hatte sein Herz empfunden, als sich so unerwartet vor ihm die Vision des Barralong erhob, wie derselbe tief in die See tauchte und nach dem Kreuz des Südens segelte.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Torpenhow beschäftigte sich damit, die letzten Blätter eines Manuskripts zu paginiren, während Nilghai, der gekommen war, um Schach zu spielen, und blieb, um über Taktik zu sprechen, den ersten Teil desselben durchlas und ihn inzwischen zornig kommentirte.

»Es ist pittoresk genug und auch skizzenhaft,« sagte er, »aber als eine ernsthafte Betrachtung der Verhältnisse im östlichen Europa ist es nicht viel wert.«

»Jedenfalls ist es von meiner Hand… Siebenunddreißig, achtunddreißig, neununddreißig Blätter zusammen; sind es nicht so viel? Das wird zwischen elf bis zwölf Seiten wertvoller falscher Berichte geben. Hallo!« Torpenhow schob die Schreiberei zusammen und summte:

»Hab‘ Lämmlein feil, hab‘ Lämmlein feil,
Wär‘ Geld und Gut mein Erb‘ und Teil,
Ich riefe nimmer: Hab‘ Lämmlein feil!«

Dick trat selbstbewußt und ein wenig mißtrauisch ins Zimmer, aber in der besten Laune von der Welt. »Endlich zurück?« fragte Torpenhow.

»Mehr oder weniger. Was haben Sie gethan?«

»Gearbeitet. Dick, Sie führen sich auf, als ob die Bank von England hinter Ihnen stände. Sonntag, Montag, Dienstag sind Sie ausgegangen und haben nicht einen Strich gemacht. Es ist skandalös!«

»Die Einfälle, die Ideen kommen und gehen, – sie kommen und gehen wie unser Tabak,« antwortete er, seine Pfeife stopfend. »Außerdem,« er hielt an, um einen Span in den Rost zu stecken, »streicht Apollo nicht immer seine – O, hol der Henker Ihre plumpen Spässe, Nilghai!«

»Dies ist nicht der Ort, um über die Theorie direkter Inspiration zu predigen,« sagte Nilghai, Torpenhows großen Blasebalg, der an einem Nagel an der Wand hing, nehmend. »Wir glauben an Schusterpech. Da! – wo wollen Sie sich hinsetzen?«

»Wenn Sie nicht so groß und fett waren,« erwiderte Dick, sich nach einer Waffe umschauend, »so würde ich…«

»Keine halsbrecherischen Kunststücke in meinen Zimmern! Ihr beide habt jüngst mein halbes Meublement zerbrochen, als ihr euch mit Kissen warft. Sie könnten wohl so viel Anstand haben, zu Binkie: ›Wie befinden Sie sich?‹ zu sagen. Sehen Sie ihn nur an!«

Binkie war vom Sofa heruntergesprungen und schmeichelte sich an Dicks Kniee an, wahrend er dessen Stiefel kratzte.

»Lieber kleiner Kerl,« sagte Dickie, ihn aufhebend und auf den schwarzen Fleck über dem rechten Auge küssend. »That dir der Onkel etwas, Binks? Hat dich der abscheuliche Nilghai vom Sofa gedrängt? Beiß ihn, Mr. Binkie!« Er warf ihn Nilghai auf den Magen, da der große Mann bequem ausgestreckt lag und Binkie sich anstellte, als ob er Nilghai Zoll für Zoll zerreißen wollte, bis ein Sofakissen ihn niederhielt, und ihn veranlaßte, keuchend seine Zunge gegen die Gesellschaft auszustrecken.

»Der kleine Binkie unternahm heute morgen einen Spaziergang, bevor Sie aufgestanden waren, Torp. Ich sah ihn, wie er sich beim Metzger an der Ecke liebenswürdig machte, als die Fensterläden abgenommen wurden – gerade als ob er in seinem eigenen Hause nicht genug zu fressen bekäme,« sagte Dick.

»Binks, ist das ein wahrhafter Bericht?« fragte Torpenhow streng. Der kleine Hund zog sich unter das Sofakissen zurück und zeigte durch sein feistes weißes Hinterteil, daß ihn die weitere Unterhaltung in der That nicht interessirte.

»Da fällt mir ein, daß heute früh noch ein anderer tadelnswerter Hund ausging, um sich herumzutreiben,« sagte Nilghai. »Weshalb sind Sie so zeitig auf den Beinen gewesen? Torp erzählte mir, Sie hätten vielleicht ein Pferd kaufen wollen?«

»Er weiß doch, daß für ein so ernstes Geschäft drei von uns erforderlich wären. Nein, ich fühlte mich einsam und unglücklich, deshalb ging ich fort, um das Meer zu sehen und die hübschen absegelnden Schiffe zu beobachten.« »Wohin gingen Sie?«

»Irgendwohin an den Kanal; Proply oder Snigly oder sonst eine Pferdeschwemme war der Name; ich habe ihn vergessen, aber es war nur eine Fahrt von zwei Stunden von London und viele Schiffe kamen und gingen.«

»Sahen Sie ein bekanntes Fahrzeug?«

»Nur den ›Barralong‹, der auswärts nach Australien ging, und ein Getreideschiff aus Odessa, tief geladen. Es war ein nebeliger Tag, doch die See roch gut.«

»Weshalb zieht man denn seine besten Hosen an, um den Barralong zu sehen?« bemerkte Torpenhow spitzig.

»Weil ich keine anderen habe außer meinen Mallumpen. Dann wollte ich auch der See Ehre erweisen!«

»Machte die See Sie wieder ruhelos?« fragte Nilghai.

»Ganz verrückt. Sprechen Sie nicht davon. Es thut mir leid, daß ich hinging.«

Torpenhow und Nilghai tauschten einen Blick aus, als Dick sich bückte und sich mit des ersteren Stiefeln und Schuhen beschäftigte.

»Diese werden passen,« sagte er schließlich. »Ich kann gerade nicht behaupten, daß Sie viel Geschmack in Pantoffeln haben, doch ist die Hauptsache, daß sie passen.« Er schlüpfte in ein Paar niedriger Lederpantoffel und legte sich ausgestreckt auf eine Chaiselongue. »Das sind meine Lieblingsschuhe,« sagte Torpenhow, »ich wollte sie gerade selbst anziehen.«

»Alles nur Ihre verwerfliche Selbstsucht! Gerade wenn Sie sehen, daß ich mich eine Minute glücklich fühle, müssen Sie mich plagen und stören. Suchen Sie sich ein anderes Paar.«

»Es ist wirklich gut für Sie, Torp, daß Dick nicht Ihre Kleider tragen kann. Ihr beide lebt in Gütergemeinschaft,« sagte Nilghai.

»Dick hat nie etwas, das ich tragen kann. Er schmarotzert nur gewöhnlich.«

»Hol Sie der Henker, Sie haben wohl in meinen Kästen herumgestöbert?« entgegnete Dick. »Ich legte gestern einen Sovereign in den Tabakskasten. Wie können Sie erwarten, daß jemand seine Rechnungen in Ordnung hält, wenn Sie…«

Hier fing Nilghai zu lachen an und Torpenhow ebenfalls.

»Versteckte gestern einen Sovereign. Sie sind nicht von dieser Sorte von Finanziers. Sie liehen mir vor etwa einem Monat einen Fünfer. Entsinnen Sie sich?« sagte Torpenhow.

»Ja, natürlich.«

»Entsinnen Sie sich auch, daß ich Ihnen denselben nach zehn Tagen zurückzahlte und Sie ihn auf den Boden des Tabakskastens legten?«

»Beim Himmel, that ich das? Ich dachte, ich hätte ihn in einen von meinen Farbenkästen gelegt.«

»Sie dachten! Vor einer Woche ging ich in Ihr Atelier, um mir etwas Tabak zu nehmen, und fand ihn.«

»Was thaten Sie damit?«

»Ich nahm Nilghai mit in ein Theater und gab ihm zu essen.«

»Sie konnten Nilghai nicht satt füttern für zweimal so viel Geld – selbst nicht, wenn Sie ihm Armeeochsenfleisch gaben. Nun, ich denke, ich würde es früher oder später entdeckt haben.«

»Sie sind in vieler Hinsicht ein erstaunlicher Kuckuck,« bemerkte Nilghai, noch immer kichernd bei dem Gedanken an das Diner. »Machen Sie sich nichts daraus. Wir beide hatten schwer gearbeitet, und es war Ihr unverdientes Geld, das wir ausgaben, und da Sie nur ein Bummler sind, so machte es nichts aus.«

»Das ist wirklich ergötzlich – von jemand, der beinahe platzt von meiner Mahlzeit. Ich werde mir das Diner dieser Tage zurückgeben lassen. Wie wäre es, wenn wir jetzt in ein Theater gingen?«

»Unsere Stiefel anziehen, uns umkleiden und waschen?« sagte Nilghai faul.

»Ich ziehe meinen Antrag zurück.«

»Ich denke, daß wir – das heißt wir alle, um der Abwechslung willen – einer ergreifenden Abwechslung, wie Sie wissen – unsere Kohle und Leinwand zur Hand nehmen und unsere Arbeit fortsetzen.« Torpenhow sprach etwas spitzig, doch Dick bewegte nur seine Zehen in den weichen ledernen Pantoffeln.

»Was für ein gedankenloser Vogel ist das! Wenn ich eine unvollendete Figur unter der Hand hatte, so fehlte es mir an einem Modell; wenn ich mein Modell hatte, so besaß ich kein Geld dafür, und niemals ließ ich eine Kohlenzeichnung unfixirt über Nacht; und wenn ich mein Modell und Geld hätte und zwanzig Photographien von Hintergründen, so könnte ich heute abend doch nicht arbeiten. Ich fühle mich nicht dazu ausgelegt.«

»Binkie, mein Hündchen, er ist ein faules Schwein, nicht wahr?« sagte Nilghai.

»Nun gut, ich will etwas thun,« sagte Dick, rasch sich erhebend. »Ich will das Nungabungabuch holen und ein anderes Bild zu der Nilghaisage hinzufügen.«

»Haben Sie ihn nicht vielleicht etwas zu sehr gequält?« fragte Nilghai, als Dick das Zimmer verlassen hatte.

»Vielleicht, aber ich weiß, was er leisten kann, wenn er will. Es macht mich ganz rasend, wenn ich ihn loben höre für seine früheren Arbeiten, da ich weiß, was er thun könnte. Sie und ich sind dazu da, um…«

»Durch das Kismet und unsere eigenen Vollmachten, das übrige ist Mitleid. Ich habe viel darüber nachgedacht.«

»Auch ich, aber wir kennen jetzt unsere Grenzen. Ich bin ganz niedergeschlagen, wenn ich daran denke, was Dick sein könnte, wenn er sich ganz seiner Arbeit hingeben würde. Das ist es, was mich seinetwegen so böse macht.« »Und wenn alles gesagt und gethan ist, so werden Sie mit vollem Rechte – eines Mädchens wegen beiseite geschoben werden.«

»Ich bin neugierig darauf. Wo meinen Sie, daß er heute gewesen ist?«

»An der See. Bemerkten Sie nicht den Blick in seinen Augen, als er von ihr sprach? Er ist so ruhelos wie eine Schwalbe im Herbst.«

»Ja, aber ging er wohl allein?«

»Ich weiß es nicht, und es kümmert mich auch nicht, doch hat er den Anfang des Reisefiebers in sich. Er hat Abwechslung und Bewegung nötig, die Anzeichen davon sind gar nicht zu verkennen. Was er auch vorhin gesagt haben mag, er fühlt den Ruf in die Ferne jetzt in sich.«

»Es könnte seine Rettung sein,« bemerkte Torpenhow.

»Vielleicht – wenn Sie die Verantwortlichkeit übernehmen wollen, sein Retter zu werden; ich selbst bin nicht geneigt, mich mit Seelen zu befassen.«

Dick kehrte mit einem großen verschlossenen Skizzenbuche zurück, welches Nilghai gut kannte und keineswegs liebte. Dick hatte in dasselbe während seiner freien Zeit alle Arten von aufregenden Ereignissen gezeichnet, die er entweder selbst erfahren oder von anderen gehört hatte aus allen vier Ecken der Erde. Doch der weite Umfang von Nilghais Körper und Leben zogen ihn am meisten an. Wenn es ihm an der Wirklichkeit fehlte, so griff er auf die wildeste Dichtung zurück und stellte Ereignisse aus Nilghais Laufbahn dar, die unziemlich waren, seine Heiraten mit verschiedenen afrikanischen Prinzessinnen, seinen schamlosen Verrat von Truppencorps des Mahdi für arabische Weiber, seine Tätowirung durch geschickte Operateure in Birmah, seine Unterredung mit dem gelben Henker auf dem blutgetränkten Hinrichtungsplatze in Canton und schließlich den Uebergang seiner Seele in die Körper von Walfischen, Elefanten und Tukans. Torpenhow hatte von Zeit zu Zeit sich reimende Beschreibungen hinzugefügt, so daß das Ganze ein merkwürdiges Kunstwerk war, weil Dick behauptete, mit Rücksicht auf den Namen des Buches, der eigentlich »nackend« bedeutete, daß es unrecht wäre, Nilghai unter irgend welchen Umständen mit Kleidern zu zeichnen. Infolge dessen war die letzte Skizze, welche den vielgeprüften Mann darstellte, wie er beim Kriegsministerium seine Ansprüche auf die ägyptische Medaille geltend machte, kaum besonders zartfühlend. Dick setzte sich bequem an Torpenhows Tisch und wandte die einzelnen Seiten des Buches um.

»Was für ein Glück wären Sie für Blake gewesen, Nilghai!« sagte er. »In einigen von diesen Skizzen herrscht ein saftiges Blaßrot, das mehr als lebensähnlich ist. Nilghai während des Badens umringt von den Leuten des Mahdi, das beruhte auf einer Thatsache, wie?«

»Es war fast mein letztes Bad, Sie unehrerbietiger Sudler. Ist Binkie noch nicht in die Sage gekommen?«

»Nein; Binkie hat nichts gethan als essen und Katzen töten. Laßt uns weiter sehen. Hier sind Sie als Heiliger aus geflecktem Glase in einer Kirche. Verteufelt dekorative Linien Ihres anatomischen Baues; Sie müßten eigentlich dankbar sein, daß Sie in dieser Weise der Nachwelt überliefert werden. Nach fünfzig Jahren werden Sie noch existiren in seltenen und merkwürdigen Facsimiles, das Stück zu zehn Guineen. Was soll ich jetzt zeichnen? Das häusliche Leben des Nilghai?«

»Habe gar keins geführt.«

»Also dann das unhäusliche Leben des Nilghai. Natürlich! Massenversammlungen seiner Weiber in Trafalgar Square! Das ist es. Sie kamen von allen Enden der Erde, um Nilghais Hochzeit mit einer englischen Braut beizuwohnen. Das soll in Sepia gemalt werden. Es ist ein süßes Sujet für einen Maler.«

»Es ist eine skandalöse Zeitverschwendung,« bemerkte Torpenhow.

»Schelten Sie nicht; es erhält einem die Hand in der Uebung, besonders wenn man ohne Stift beginnt.« Dick machte sich rasch an die Arbeit. »Das ist Nelsons Säule. Sogleich wird Nilghai oben darauf erscheinen.«

»Geben Sie ihm diesmal wenigstens einige Kleider!«

»Gewiß – einen Schleier und einen Kranz aus Orangenblüten, weil er verheiratet ist.«

»Wahrhaftig, das ist wirklich geschickt,« sagte Torpenhow über die Schulter blickend, als Dick mit drei raschen Pinselstrichen einen sehr fetten Rucken und gewaltige Schultern auf das Papier warf, die sich an den Stein lehnten.

»Stellen Sie sich vor,« fuhr Dick fort, »wenn wir etwas von diesen lieben kleinen Dingern veröffentlichen könnten, jedesmal wenn Nilghai einen Mann, der schreiben kann, mietet, um dem Publikum eine ehrliche Meinung von meinen Bildern beizubringen.«

»Sie werden mir doch zugeben, daß ich es Ihnen stets mitteile, wenn ich etwas Derartiges gethan habe. Ich weiß, daß ich Sie nicht verarbeiten kann, wenn Sie es nötig haben, deshalb übertrage ich den Spaß einem andern. Zum Beispiel der junge Maclagan –«

»Nein – nur eine halbe Minute, alter Herr; strecken Sie Ihre Hand nach der dunklen Wandtapete aus – Sie brummen nur immer und schimpfen mich. Diese linke Schulter ist gar nicht zu zeichnen; ich muß buchstäblich einen Schleier darüber werfen. Wo ist mein Federmesser? Nun, was ist es mit Maclagan?«

»Ich gab ihm nur den Auftrag, Sie im allgemeinen zu prügeln, weil Sie kein Werk geschaffen, das für immer dauern wird.«

»Worauf dieser junge Narr« – Dick bog den Kopf zurück und schloß ein Auge, als er das Blatt unter seiner Hand etwas änderte – »alleingelassen mit einem Tintenfaß und dem, was er für seine eigenen Gedanken hielt, beides in den Zeitungen über mich ausschüttete. Sie hätten wohl einen erwachsenen Menschen für das Geschäft engagiren können, Nilghai. Wie sieht der Brautschleier jetzt aus, Torp?«

»Wie, zum Henker, können drei Kleckse und zwei Ritze den Stoff so vom Körper abhalten, wie es der Fall ist?« sagte Torpenhow, für den Dicks Methoden stets neu waren.

»Es hängt nur davon ab, wohin man sie macht. Wenn Maclagan das bei seinem Geschäfte gewußt hätte, so würde er es wohl besser ausgeführt haben.«

»Weshalb wenden Sie denn diese verdammten Kleckse nicht bei etwas an, das von Dauer sein wird?« sagte Nilghai dringend, der wirklich viel Mühe und Verdruß gehabt hatte, als er zu Dicks Bestem die Feder eines jungen Mannes gemietet, der den größten Teil seiner Zeit einer eifrigen Betrachtung der Zwecke und Ziele der Kunst widmete, die, wie er schrieb, ein und unteilbar sei.

»Warten Sie eine Minute, bis ich sehe, wie ich meine Prozession von Weibern arrangiren muß. Sie scheinen sehr ausgedehnt geheiratet zu haben, und ich muß sie roh skizziren mit Bleistift – Mederinnen, Partherinnen, Edomiterinnen. – Nun, ich setze die Schwäche, Gottlosigkeit und Keckheit, eine Arbeit zu versuchen, die leben wird, wie man sagt, beiseite und bin zufrieden mit dem Bewußtsein, daß ich heute mein Bestes gethan habe; Aehnliches werde ich nicht wieder machen, in den nächsten Stunden wenigstens nicht, wahrscheinlich für Jahre nicht, höchst wahrscheinlich niemals.«

»Was! Haben Sie einen Stoff vorrätig für Ihr bestes Werk?« fragte Torpenhow.

»Haben Sie etwas verkauft?« sagte Nilghai.

»O nein. Es ist nicht hier und auch nicht verkauft; besser als das: es kann gar nicht verkauft werden, und ich glaube nicht, daß irgend jemand weiß, wo es ist… Immer noch mehr Weiber auf der Nordseite des Squares. Bemerken Sie das tugendhafte Entsetzen des Löwen?«

»Sie könnten uns wohl eine Erklärung geben,« sagte Torpenhow, worauf Dick den Kopf von dem Papier aufhob.

»Die See rief es in mein Gedächtnis zurück,« sagte er langsam. »Ich wünschte, sie hätte es nicht gethan. Es wiegt einige tausend Tonnen – wenn man es nicht mit einem scharfen Meißel herausschneidet.«

»Seien Sie nicht so blödsinnig. Sie können uns gegenüber keine Pose annehmen,« sagte Nilghai.

»Bei der ganzen Sache ist durchaus von keiner Pose die Rede. Es ist ein Faktum. Ich fuhr von Lima nach Auckland in einem großen, alten Passagierschiffe, das für untauglich erklärt und in ein Frachtschiff umgeändert worden war; es gehörte einer italienischen Firma zweiten Ranges. Es war ein hinfälliger Kasten. Wir waren auf fünfzehn Tonnen Kohlen täglich reduzirt worden und schätzten uns glücklich, wenn wir es bis auf sieben Knoten in der Stunde brachten. Dann stoppten wir gewöhnlich, ließen die Zapfenlager sich abkühlen und waren neugierig, ob der Sprung in der Welle größer geworden?«

»Waren Sie in jener Zeit Steward oder Heizer?«

»Ich war damals sehr verschwenderisch, deshalb reiste ich als Passagier, sonst, denke ich, wäre ich wohl Steward gewesen,« erwiderte Dick ganz ernsthaft, sich wieder mit der Prozession der Weiber beschäftigend, »Ich war der einzige Passagier von Lima, das Schiff hatte nur halbe Ladung und war voll von Ratten, Kakerlaken und Skorpionen.«

»Aber was hat denn das mit dem Bilde zu thun?«

»Warten Sie nur eine Minute. Der Dampfer war früher bei dem Handel in China beschäftigt gewesen, so daß im Zwischendeck Abteilungen für zweitausend Schweine angebracht waren. Diese waren geblieben, doch das Schiff leer, während das Licht durch die Seitenluken einfiel – ein sehr lästiges Licht, um dabei zu arbeiten, bis man sich daran gewohnt hatte. Ich war wochenlang ganz unbeschäftigt. Die Schiffskarten waren zerrissen, und unser Schiffer wagte es nicht, südlich zu segeln, aus Furcht, in einen Sturm zu geraten. So begnügte er sich damit, sämtliche Gesellschaftsinseln, eine nach der andern, anzulaufen, während ich ins Zwischendeck hinunterstieg und bei einer Schiffsluke, möglichst weit nach vorn, an meinem Bilde arbeitete. An Bord befand sich etwas braune und grüne Farbe, mit der man die Boote anstrich, sowie auch schwarze Farbe für das Eisenzeug; das war alles, was ich hatte.«

»Die Passagiere müssen Sie für verrückt gehalten haben.«

»Es war nur ein einziger an Bord, und der war eine Frau, doch gab diese mir die Idee zu meinem Bilde.«

»Wie sah sie aus?« fragte Torpenhow.

»Sie war eine Art von Negerjüdin aus Kuba mit moralischen Heiratsgedanken. Sie konnte weder lesen noch schreiben und hatte es auch nicht nötig; gewöhnlich kam sie herunter und sah mir beim Malen zu, obschon es dem Schiffer nicht besonders gefiel, weil er ihre Ueberfahrt bezahlt hatte und meistens auf der Kommandobrücke sein mußte.«

»Ich verstehe. Das muß lustig gewesen sein.«

»Es war die beste Zeit, die ich je erlebt. Erstens wußten wir nicht, ob wir hinauf oder hinunter gehen sollten, wenn die See unruhig war; wenn Windstille herrschte, war es ein Paradies, die Frau mischte gewöhnlich die Farben und sprach gebrochen englisch, während der Schiffer sich alle Minuten nach dem Zwischendeck hinunterschlich, weil er behauptete, er befürchte, daß Feuer entstehen könnte. Wir konnten daher niemals sicher sein, nicht erwischt zu werden: doch hatte ich ein glänzendes Sujet, das ich nur in drei Hauptfarben ausarbeiten konnte.«

»Was war es für ein Sujet?«

»Zwei Zeilen in Poesie:

›Nie können die Teufel tief unter dem Meer,
        Auch die Heere der Himmlischen nie
Mehr reißen die Seele mir los von der Seele
        Der löblichen Annabel Lee.‹

»Es entwickelte sich ganz von selbst auf der See. Ich zeichnete diesen Kampf, in grünem Wasser über der nackten, erstickenden Seele ausgefochten, während die Frau mir als Modell diente zu den Teufeln sowie auch gleichzeitig zu den Engeln – Seeteufeln und Seeengeln – die halb ertrunkene Seele zwischen sich. Es klingt nicht besonders großartig, aber wenn im Zwischendeck eine gute Beleuchtung war, so sah es sehr schön aus. Es war sieben Fuß hoch und vierzehn Fuß breit, alles in wechselndem Licht für eben solche Beleuchtung gemalt.«

»Inspirirte die Frau Sie?« fragte Torpenhow.

»Sie und das Meer gemeinschaftlich – ganz gewaltig. Es befand sich sehr viel falsche Zeichnung in jenem Bilde. Ich entsinne mich, daß ich gegen meine Gewohnheit Verkürzungen anbrachte, ganz allein aus Vergnügen an denselben; dennoch ist es das Beste, was ich je gemacht; jetzt vermute ich, daß das Schiff abgebrochen oder untergegangen ist. Ach, was war das für eine Zeit!«

»Was geschah dann später?«

»Es ging alles zu Ende. Als ich das Schiff verließ, wurde es mit Wolle beladen, doch selbst die Einlader ließen das Bild bis zuletzt frei. Die Augen der Dämonen jagten ihnen Furcht ein, wie ich aufrichtig glaube.«

»Und die Frau?«

»Sie fürchtete sich ebenfalls, als das Bild fertig war. Gewöhnlich bekreuzte sie sich, ehe sie hinunterging, um es zu betrachten. Genau drei Farben und keine Möglichkeit, andere zu bekommen, die See außerhalb und unbegrenzte Liebelei innerhalb, dabei die Furcht vor dem Tode fortwährend über uns, o Gott!«

Er hatte aufgehört, die Skizze zu betrachten, starrte aber gerade aus vor sich hin.

»Weshalb versuchen Sie jetzt nicht etwas Aehnliches?« fragte Nilghai.

»Weil dergleichen Dinge nicht durch Fasten und Beten über einen kommen. Wenn ich ein Frachtschiff und eine kubanische Jüdin sowie ein anderes Sujet mit demselben alten Leben wieder fände, möchte ich es wohl thun.«

»Sie werden das alles hier nicht finden,« bemerkte Nilghai.

»Nein, das glaube ich auch.« Dick machte heftig das Skizzenbuch zu. »Dieses Zimmer ist so heiß wie ein Ofen. Oeffne doch einer das Fenster.«

Er lehnte sich hinaus und betrachtete die dichte Finsternis Londons unter sich. Die Zimmer lagen viel höher als die nächsten Häuser und überragten hundert Schornsteine mit gebogenen Kuppen, die wie sitzende Katzen aussahen, wenn sie sich herumdrehten, und andere seltsame Dinge aus Ziegeln oder Zink, von eisernen Stützen gehalten und mit S-Klammern befestigt. Nördlich warfen die Lichter des Piccadillyzirkus und des Leicestersquare einen kupferfarbigen Schimmer über die schwarzen Dächer, während südlich die Reihen der Lichter auf der Themse lagen. Ein Zug rollte über eine der Eisenbahnbrücken, dessen Donner einen Augenblick den dumpfen Lärm in den Straßen übertonte. Nilghai blickte auf seine Uhr und sagte kurz:

»Das ist der Nachtzug nach Paris. Man kann von hier bis St. Petersburg ein Billet nehmen, wenn man will.«

Dick zwängte Kopf und Schultern durch das Fenster und sah über den Fluß. Torpenhow trat an seine Seite, während Nilghai sich an das Pianino setzte und dasselbe öffnete. Binkie dehnte sich, sich so breit wie möglich machend, auf dem Sofa aus wie jemand, der nicht so leicht zu stören ist.

»Nun,« fügte Nilghai zu den beiden anderen, »habt ihr früher niemals diesen Ort gesehen?«

Ein Dampfschlepper auf dem Flusse pfiff, als er die beladenen Fahrzeuge ans Werst schleppte. Dann drang der Lärm des Verkehrs ins Zimmer. Torpenhow stieß Dick an. »Ein guter Platz, um Geld zu verdienen – ein schlechter Platz, um darin zu leben, Dickie, nicht wahr?«

Dick stützte sein Kinn auf die Hand, als er mit den Worten eines nicht unberühmten Generals erwiderte: »Mein Gott, was für eine Stadt zum Plündern!«

Binkie fand, daß die Nachtluft seinen Bart kitzelte, und nieste kläglich.

»Wir werden dem armen Binkie eine Erkältung zuziehen,« sagte Torpenhow. »Kommen Sie herein.«

Sie zogen ihre Köpfe ins Zimmer zurück. »Sie, Dick, werden eines Tages in Kensal Green, wenn es inzwischen nicht geschlossen wird, begraben werden, zwei Fuß von irgend jemand anderem, Ihrem Weibe und Ihrer Familie, entfernt.«

»Allah wolle es verhüten! Ich werde weit fortgehen, bevor diese Zeit eintritt. Gib einem Menschen Platz, seine Beine auszustrecken, Mr. Binkie!« Dick warf sich aufs Sofa und zwickte Binkies Sammetohren, während er gewaltig gähnte.

»Sie werden diesen Garderobekasten sehr verstimmt finden,« bemerkte Torpenhow zu Nilghai, »Er wird, außer von Ihnen, von niemand berührt.« »Ein Stück großartiger Verschwendung,« brummte Dick, »Nilghai kommt nur, wenn ich nicht zu Hause bin.«

»Das ist nur der Fall, weil Sie stets fort sind, Heulen Sie los, Nilghai, und lassen Sie ihn etwas hören.«

Nur Totschlag und Trug hat der Nilglmi betrieben.
Verwässerter Dickens ist, was er geschrieben;
Doch erhebt er die Stimme auch nur von fern.
Dann stürben sogar die Mahdieh gern.

Dick führte diese Verse aus Torpenhows Niederschreibungen in dem Nungabungabuche an. »Wie nennt man das Elentier in Kanada, Nilghai?«

Dieser lachte. Das Singen war sein einziges gesellschaftliches Talent, wie manches Korrespondentenzelt in seinen Landen erfahren hatte.

»Was soll ich singen?« fragte er, sich in dem Stuhl umdrehend.

»Moll Roe am Morgen,« sagte Torvenhow aufs Geratewohl.

»Nein,« sagte Dick scharf, so daß Nilghai seine Augen aufsperrte. Das alte Lied, dessen Worte er vollständig auswendig wußte, war kein hübsches, doch hatte es Dick früher häufig, ohne zu zucken, angehört. Ohne Vorspiel begann er nun den herrlichen Gesang, der die Herzen der Zigeuner des Meeres erfreut und bewegt:

»Lebt wohl und adieu, ihr spanischen Damen,
Ihr spanischen Damen, lebt Wohl und adieu!«

Dick warf sich unbehaglich auf dem Sofa umher, denn er konnte hören, wie der Bug des Barralong durch das grüne Wasser der See brach, auf seinem Wege zu dem Kreuz des Südens. Dann kam der Chor:

»Wir tollen und brüllen wie britische Segler,
Wir tollen und brüllen die Salzflut entlang,
Bis wir werfen das Lot im Kanal von Altengland –
Fünfundvierzig Meilen sind’s bis Scilly von Ushant.«

»Fünfunddreißig – fünfunddreißig,« rief Dick ausgelassen. »Mengen Sie sich nicht in die heilige Schrift. Weiter, Nilghai!«

»Zuerst sahn ein Land wir, das hieß der Tote.«

worauf sie mit vieler Kraft das Lied zu Ende sangen.

»Es würde ein besseres Lied sein, wenn sie ihren Bug nach der andern Seite hin gewendet hatten – nach den Lichtern von Ushant zum Beispiel,« meinte Nilghai.

»Ihre Arme herumwerfend wie eine wahnsinnige Windmühle,« sagte Torpenhow. »Lassen Sie uns noch ein anderes hören, Nilghai! Sie haben heute abend eine schöne Stimme wie ein Nebelhorn.«

»Singen Sie den ›Gangeslotsen‹; Sie sangen ihn im Carré in der Nacht vor der Schlacht bei El-Maghrib. Beiläufig, ich möchte wohl wissen, wie viele von dem Chore heute noch am Leben sind,« bemerkte Dick.

Trovenhow dachte einen Augenblick nach. »Beim Himmel, ich glaube, nur Sie und ich. Rayner, Vickory und Deanes – alle sind tot; Vincent bekam die Blattern in Kairo, brachte sie mit hierher und, und starb daran. Ja, nur Sie, ich und Nilghai sind übrig geblieben.«

»Hm! Dennoch sagen die Leute hier, die ihr Leben lang ihre Arbeit in einem wohl durchwärmten Atelier verrichtet haben mit einem Polizisten an jeder Straßenecke, daß ich in meinen Bildern zu viel übertreibe.«

»Sie kaufen Ihre Arbeiten, nicht Ihre Lebensversicherungspolicen, teures Kind,« bemerkte Nilghai.

»Ich setzte das eine ein, um das andere zu gewinnen. Predigen Sie nicht! Vorwärts mit dem Lotsen! Wo in aller Welt kamen Sie an dieses Lied?«

»Auf einem Grabsteine,« antwortete Nilghai. »Auf einem Grabsteine in einem fernen Lande. Ich machte dazu eine Begleitung mit einer Menge von Baßaccorden.«

»O, Eitelkeit! Fangen Sie an!«

Nilghai begann:

Mein Tau hab‘ gelöst ich, Maaten, werd‘ schon von der Flut gewiegt,
Ich hab‘ Befehl, zu segeln, da ihr vor Anker liegt!

An heit’rem Junimorgen fuhr nie ich hinaus aufs Meer
So hoffnungsreich, das Gewissen so rein und das Herz so sorgenleer.

Schulter an Schulter, Hans, mein Junge, hinein, wo die Massen sich staun!
Die Messer blank, ihr Maaten – doch nicht mit der Schneide gehaun!

»Den Brahminen schließt krumm,« ruft Sharnock, »vom Holzstoß reißt das Scheit,
Die blasse Witwe für mich, Hans, für dich die bräunliche Maid!«

Jung‘ Hans (bist nah an sechzig!), was hat dich so dunkel gemacht?
Sanft blau ist Käthchens Auge – was schwärzte deins? –
Horch! gib acht!

Sie sangen jetzt alle drei. Dick mit dem Brüllen des Windes auf hoher See in den Ohren, als er seine tiefe Baßstimme erschallen ließ.

Das Morgengeschütz! – He, aufgepaßt! – Die Artebusen her! –
Mein Blei drang Hollands Admiral ins Herz, wie es dringt ins Meer!

Treib, treib den Ganges hinunter, das Lot zum Wurfe bereit.
Und ank’re mich nahe bei Sharnock – zunächst meiner bräunlichen Maid

Mein Segen auf Käthchen in Fairlight, – Hollwell, für dich mein Dank! –
Frisch auf! Wir steuern gen Himmel, vorüber an Riff und Bank!

»Nun,« sagte Dick, als sie das Lied zu Ende gesungen, »was ist in diesem Unsinn enthalten, das einen Mann ruhelos machen könnte?«

»Das kommt auf den Mann selbst an,« meinte Torpenhow.

»Den Mann, der hinuntergefahren ist, um die See wieder zu sehen,« bemerkte Nitghai.

»Ich wußte nicht, daß sie mich in diesem Maße aufregen würde.«

»Das sagen Männer immer, wenn sie hingehen, um einer Frau Lebewohl zu sagen. Doch ist es leichter, drei Frauen los zu werden, als ein Stück aus seinem Leben und seinen Umgebungen.«

»Aber eine Frau kann sein –« begann Dick unbedacht.

»Ein Stück vom Leben eines Mannes,« fuhr Torpenhow fort. »Nein, das kann sie nicht.« Sein Gesicht verfinsterte sich einen Augenblick. »Sie sagt, sie müsse mit Ihnen sympathisiren und Ihnen helfen bei Ihrer Arbeit, sowie bei allem andern, was ein Mann doch offenbar allein machen muß. Dann schickt sie Ihnen fünf Briefchen täglich, um zu fragen, weshalb, zum Teufel, Sie Ihre Zeit nicht mit ihr verschwendet haben.«

»Verallgemeinern Sie nicht,« bemerkte Nilghai, »In der Zeit, bis Sie bei fünf Briefchen täglich angelangt sind, müssen Sie eine Menge anderer Dinge durchmachen und sich dementsprechend benommen haben. Sie sollten dergleichen Sachen nicht anfangen, mein Sohn.«

»Ich hätte nicht an die See hinuntergehen sollen,« erwiderte Dick, sehr begierig, die Unterhaltung zu wechseln. »Und Sie hätten nicht singen sollen.«

»Die See schickt Ihnen nicht fünf Briefchen täglich,« sagte Nilghai.

»Nein, aber ich bin verhängnisvoll kompromittirt. Sie ist eine ausdauernde alte Hexe; es thut mir leid, daß ich ihr begegnet bin.«

»Hört, wie er seine erste Liebe lästert! Weshalb sollten Sie denn nicht auf sie hören?« sagte Torpenhow.

Bevor Dick antworten konnte, erhob Nilghai seine Stimme und begann so kräftig, daß die Fenster klirrten, das Lied »Die Männer der See«, das, wie allgemein bekannt, anfängt:

»Die See ist ein böses altes Weib,«

und nach acht Zeilen voll lebhafter, wahrhaftiger Schilderung mit einem Refrain endigt, so schwerfällig wie das Geklapper eines Ankerspills, wenn das Schiff widerwillig auf die Barren kommt, wo die Leute schwitzen und auf den Planken umherstampfen.

»Habt gehegt uns, treu gepflegt uns!
Güt’ger noch ist das Meer,
Denn sein Ruf dringt uns zu Herzen!«
Sprach der Matrosen Heer.

Nilghai sang diesen Vers zweimal mit einfachem Ausdruck, in der Absicht, daß Dick ihn hören sollte; doch dieser wartete auf den Abschied der Männer von ihren Frauen.

»Müßt, ihr Lieben, uns betrüben?
Teurer noch ist das Meer,
Euer Schlummer ein so süßer!«
Sprach der Matrosen Heer.

Die rauhen Worte klangen wie der Anprall der Wellen gegen den Bug des gebrechlichen Dampfers von Lima in den Tagen, als Dick Farben mischte, liebte, Teufel und Engel im Halbdunkel zeichnete und neugierig war, ob nicht in der nächsten Minute das Messer des italienischen Kapitäns ihm zwischen den Schulterblättern sitzen wurde. Und das Reisefieber, das häufiger vorhanden ist als manche andere Krankheiten, erwachte und wütete in ihm, ihn, der Maisie mehr liebte als irgend sonst etwas auf der Welt, antreibend, fortzugehen und wieder die frühere Hitze, das alte Leben zu kosten, sich herumzubalgen, zu fluchen, zu spielen und mit seinen Gefährten leichtfertige Liebschaften aufzusuchen. Was hinderte ihn, ein Schiff zu nehmen und die See noch einmal kennen zu lernen, durch sie sich zu neuen Bildern zu begeistern, mit Binat auf dem Strande von Port Saïd zu plaudern, wahrend die gelbe Tina die Getränke mischte, das Krachen des Gewehrfeuers zu hören und den Rauch fortrollen, sich verdünnen und wieder verdichten zu sehen, bis die glänzenden schwarzen Gesichter durch denselben hervorbrachen; und in dieser Hölle war ein jeder allein für seinen eigenen Kopf verantwortlich und von einem ungefesselten Arm niedergeschlagen worden! Es war ja unmöglich, ganz unmöglich, dennoch –

»O, ihr Väter auf dem Kirchhof!
Aelter noch ist das Meer;
Unsere Gräber um so grüner!“
Sprach der Matrosen Heer.

»Was ist es, das Sie zurückhält?« fragte Torpenhow während des langen Schweigens, das auf den Gesang folgte.

»Sie sagten vor einiger Zeit, daß Sie an einer Reise um die Welt nicht teilnehmen würden, Torp.«

»Das war vor Monaten, und ich war nur dagegen, daß Sie Geld für die Kosten der Reise erwarben. Sie haben hier Ihren Bolzen abgeschossen, der auf Sie zurückgeprallt ist. Gehen Sie fort, arbeiten Sie und sehen Sie sich die Welt an!«

»Versuchen Sie, etwas von Ihrem Fett abzusetzen; Sie sind unverhältnismäßig dick geworden,« bemerkte Nilghai, vom Stuhl sich hinüber beugend und Dick oberhalb der rechten Rippen in die Seite packend. »Weich wie Glaserkitt – der reine Talg infolge von Ueberfütterung. Trainiren Sie es fort, Dickie!«

»Wir sind alle gleich dick, Nilghai. Nächstens werden Sie den Platz, auf dem Sie sitzen, nicht verlassen können, mit den Augen zwinkern, nach Luft schnappen und am Schlagfluß sterben.«

»Das thut nichts. Schiffen Sie sich ein. Fahren Sie nach Lima oder Brasilien. In Südamerika gibt es immer Unruhen.«

»Bilden Sie sich vielleicht ein, daß man mir sagen muß, wohin ich gehen soll. Du lieber Himmel, die einzige Schwierigkeit ist, zu wissen, wo ich anhalten soll. Aber ich werde hier bleiben, wie ich Ihnen vorhin sagte.«

»Dann werden Sie in Kensal Green begraben und mit den übrigen in Staub verwandelt werden,« sagte Torpenhow. »Denken Sie an Ihre festen Aufträge? Zahlen Sie Buße und gehen Sie. Sie haben Geld genug, um wie ein König reisen zu können, wenn es Ihnen beliebt.«

»Sie haben die gräßlichsten Begriffe von Vergnügen, Torv. Ich sehe mich schon an Bord eines Hotels von sechstausend Tonnen, Salon erster Klasse, und wie ich den dritten Ingenieur frage, was die Maschinen so herumdrehen macht und ob es im Heizraum nicht recht warm sei! Ho! ho! Ich würde zu Schiffe gehen als ein Bummler, wenn ich mich je zur See begeben sollte, was ich aber nicht zu thun beabsichtige. Ich werde einen Kompromiß machen und zum Anfange nur einen kleinen Ausflug unternehmen.«

»Das ist jedenfalls etwas. Wohin wollen Sie gehen?« fragte Torpenhow. »Es würde wirklich ganz vortrefflich für Sie sein, alter Sohn.« Nilghai bemerkte, wie Dick mit den Augen blinzelte und unterdrückte, was er sagen wollte.

»Ich werde zuerst in Rathreys Stall gehen, dort ein Pferd mieten und sehr vorsichtig bis Richmond Hill reiten. Dann werde ich wieder ebenso zurückkehren, im Falle es zufällig mit Schaum bedeckt sein und Rathrey ärgerlich werden sollte. Ich werde das schon morgen thun, der frischen Luft und der Bewegung wegen.«

»Pah!« Dick hatte kaum Zeit, seinen Arm auszustrecken, um sich vor dem Kissen zu schützen, das Torpenhow zornig ihm nach dem Kopfe warf.

»Luft und Bewegung in der That!« sagte Nilghai, sich schwerfällig auf Dick setzend. »Wir wollen ihm etwas von beidem geben. Nehmen Sie den Blasebalg, Torp.«

Bei diesem Punkte geriet die Konferenz in Unordnung, weil Dick den Mund nicht öffnen wollte, bis Nilghai ihm die Nase zuhielt; auch verursachte es einige Schwierigkeiten, die Spitze des Blasebalgs ihm zwischen die Zähne zu bringen; als es endlich gelungen, versuchte er schwach, gegen die Gewalt des Einblasens zu pusten, so daß seine Wangen mit einer starken Explosion sich aufbliesen. Da die Feinde vor Lachen nicht mehr konnten, schlug er sie mit einem Sofakissen über den Kopf, so daß die Nähte aufgingen und die Federn umherflogen, während Binkie, der sich zu Gunsten Torpenhows einmischte, in den halbleeren Ueberzug eingepackt wurde und sich wieder herauskratzen mußte, was ihm nach einiger Zeit auch gelang, indem er rasch auf dem Fußboden hin und her lief. Als er sich endlich befreit hatte, sah er mit Genugthuung, wie die drei Säulen seiner Welt sich die Federn aus ihren Haaren machten.

»Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande,« sagte Dick kläglich, seine Kniee abstaubend.

»Es geschah alles nur zu Ihrem Besten,« sagte Nilghai. »Nichts geht über Luft und Bewegung.«

»Alles zu Ihrem Besten,« fügte Torpenhow hinzu, ohne die mindeste Beziehung zu der soeben ausgeführten Balgerei. »Es wird Ihnen die Dinge in ihrem wirklichen Werte erscheinen lassen und verhindern, daß Sie in diesem Treibhause von einer Stadt schlapp werden. In der That würde das der Fall sein, alter Freund; ich würde es gewiß nicht sagen, wenn ich es nicht dächte. Leider machen Sie aus allem einen Spaß.«

»Bei Gott! ich thue es nicht,« sagte Dick rasch und ernst. »Sie kennen mich nicht, wenn Sie das von mir glauben.«

»Ich glaube es nicht,« bemerkte Nilghai.

»Wie können Männer gleich uns, die wissen, was Leben und Tod bedeuten, es wagen, einen Scherz aus allem zu machen? Ich weiß, wir beanspruchen das, um uns selbst vor dem Zusammenbrechen zu bewahren oder zu dem entgegengesetzten Extrem überzugehen. Kann ich etwa nicht sehen, alter Herr, wie besorgt Sie immer meinetwegen sind und versuchen, mir guten Rat zu geben, damit ich meine Arbeiten besser mache? Glauben Sie, daß ich selbst nicht darüber nachdenke. Aber Sie können mir nicht helfen – Sie können mir nicht helfen – selbst Sie nicht. Ich muß selbst auf meine eigene Weise mir durchhelfen.«

»Hört, hört!« rief Nilghai.

»Was ist das Einzige in der Nilghaisage, das ich nie in das Nungabungabuch gezeichnet habe?« bemerkte Dick zu Torpenhow, der über diese plötzliche Abschweifung etwas erstaunt war.

In dem Buche befand sich nämlich ein weißes Blatt, das für die Skizze bestimmt war, die Dick nicht gezeichnet hatte, nämlich für die der größten Heldenthat in Nilghais Leben, wie dieser Mann, als er noch jung war und vergessen hatte, daß sein Leib und seine Gebeine der Zeitung angehörten, die ihn in ihre Dienste genommen, in der Nachhut von Bredows Brigade über das von der Sonne verbrannte und schlüpfrige Gras geritten war, an jenem Tage, als diese tapferen Soldaten sich auf Canroberts Artillerie gestürzt, sowie auf zwanzig in Front aufgestellte Bataillone, um das geschlagene vierundzwanzigste deutsche Infanterieregiment zu retten und den Ihrigen Zeit zu geben, das Schicksal von Vionville zu entscheiden, und so zu erfahren, bevor der Rest der Brigade nach Flavigny zurückgekehrt war, da Kavallerie eine unerschütterte Infanterie angreifen, zersplittern und durchbrechen kann. Wenn er jemals geneigt war, nachzudenken über ein Leben, das vielleicht besser, über ein Einkommen, das größer, und eine Seele, die bedeutend reiner hätte sein können, so würde Nilghai sich bei dem Gedanken neu belebt und gestärkt haben: »Ich ritt mit Bredows Brigade bei Vionville,« und Mut gefaßt haben zu einer geringeren Schlacht, die der nächste Tag bringen konnte.

»Ich weiß,« sagte er sehr ernst. »Ich war immer froh darüber, daß Sie das fortgelassen haben.«

»Ich ließ diese Skizze fort, weil Nilghai mich gelehrt, was die deutsche Armee damals erfahren und was der General Schmidt ihrer Kavallerie beigebracht hatte. Ich kann nicht deutsch. Wie heißt es? ›Achtet auf das Tempo, und die Richtung wird sich von selbst ergeben.‹ Ich muß meine Linie nach meinem eigenen Takte reiten, alter Freund.«

»Tempo ist Richtung! Sie haben Ihre Lektion gut gelernt,« sagte Nilghai. »Er muß allein gehen, er spricht die Wahrheit, Torp.«

»Es kann sein, daß ich mich irre. Ich muß das selbst herausfinden, ebenso wie ich mir die Sujets selbst ausdenken muß; aber ich darf nicht meinen Kopf umdrehen, um mich nach dem Nebenmanne zu richten. Es schmerzt mich viel mehr, als ihr glaubt, daß ich nicht im stande bin, fortzugehen, aber ich kann nicht, das ist alles. Ich muß meine Arbeit verrichten und mein Leben hinbringen auf meine eigene Weise, weil ich für beides verantwortlich bin. Nur denken Sie ja nicht, daß ich leichtfertig handle, Torp. Ich habe meine eigenen Zündhölzchen und Schwefel und will mir meine eigene Hölle bereiten.«

Es trat eine unbehagliche Pause ein; dann sagte Torpenhow sanft: »Was sagte der Gouverneur von Nord-Carolina zum Gouverneur von Süd-Carolina?«

»Ein ausgezeichneter Gedanke. ›Es ist eine lange Pause zwischen dem Trinken.‹ In Ihnen steckt der Stoff zu einem feinen, aufgeblasenen Fant, Dick,« sagte Nilghai.

»Ich habe mein Gemüt erleichtert, achtungswerter Binkie mit den Federn im Maul.« Dick nahm den noch immer unwilligen Hund auf und schüttelte ihn zärtlich. »Du warst in einen Sack gebunden und mit verbundenen Augen wie ein Blinder umhergelaufen, Binkie, ohne jeden Grund, und das hat Deine kleinen Gefühle verletzt. Mach Dir nichts daraus. Sic volo, sic jubeo, stat pro ratione voluntas, und niese mir nicht in mein Auge, weil ich lateinisch spreche. Gute Nacht.«

Er verließ das Zimmer.

»Das ist deutlich etwas für Sie,« bemerkte Nilghai. »Ich sagte Ihnen ja, es sei vergeblich, sich hineinzumengen. Es hat ihm durchaus nicht gefallen.«

»Er hätte über mich geflucht, wenn es nicht der Fall gewesen. Ich kann es nicht herausbekommen. Er hat das Reisefieber im Leibe und will nicht fortgehen. Ich hoffe nur, daß er nicht eines Tages fortgehen muß, wenn er es nicht nötig hat,« sagte Torpenhow.

*

In seinem eigenen Zimmer stellte Dick sich selbst eine Frage – diese Frage war, ob die ganze Welt mit allem, was darin ist, sowie das glühende Verlangen, dieselbe auszubeuten, ein Dreipennystück wert sei, das in die Themse geworfen worden war.

»Es kam vom Anblick der See; ich bin wirklich ein schlechter Kerl, noch darüber nachzudenken,« entschied er. »Schließlich wird in den Flitterwochen jene Tour stattfinden – natürlich mit einigen Einschränkungen; nur glaubte ich wirklich nicht, daß die See eine solche Gewalt über mich habe. Ich würde es nicht so arg fühlen, wenn ich mit Maisie zusammen wäre. Diese verdammten Lieder waren daran schuld. Er fängt schon wieder an.«

Doch es war nur Garricks Serenade an Julia, welche Nilghai sang; und bevor dieselbe zu Ende war, erschien Dick wieder auf der Thürschwelle, keineswegs vollständig bekleidet, aber in der richtigen Stimmung, durstig und friedlich gesinnt.

Der Schlamm war mit der steigenden und fallenden Flut beim Fort Keeling gekommen und gegangen.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Während des Restes der Woche arbeitete er gar nichts. Dann kam wieder der Sonntag. Er fürchtete sich stets vor diesem Tage und sehnte sich auch wieder nach demselben, aber seitdem das rothaarige Mädchen ihn skizzirt hatte, überwog die Furcht bei ihm die Sehnsucht. Er fand, daß Maisie seine Ratschläge hinsichtlich des Konturenzeichnens vollständig vernachlässigt hatte. Sie hatte wohl zwanzig Skizzen gemacht von irgend einem albernen Studienkopf. Es kostete Dick große Anstrengung, seinen Unmut zu unterdrücken.

»Wozu nützt es, Ihnen guten Rat zu geben?« sagte er spitzig.

»Ah, aber das wird ein Bild geben, ein wirkliches Bild; ich weiß, daß Kami mir erlauben wird, es in den Salon zu schicken. Meinen Sie nicht?«

»Ich glaube es kaum. Sie werden aber keine Zeit mehr haben für den Salon.«

Maisie zögerte ein wenig, sie fühlte sich selbst etwas unbehaglich. »Wir gehen deshalb einen Monat früher hinüber nach Frankreich. Ich will das Sujet hier fertig skizziren und bei Kami ausarbeiten.«

Dicks Herz stand still; auch war es nahe daran, daß seine Königin, die nichts Unrechtes thun konnte, ihm verleidet wurde. »Gerade nun ich dachte, ich wäre ein gutes Stück bei ihr vorwärts gekommen, geht sie fort, um Schmetterlingen nachzujagen. Es ist zum Verrücktwerden.«

Es war nicht möglich, sie zu überreden, da das rothaarige Mädchen sich im Atelier befand. Dick konnte nur wie ein unausgesprochener Vorwurf aussehen.

»Es thut mir sehr leid,« sagte er endlich, »und ich bin überzeugt, daß Sie einen Irrtum begehen. Doch was ist denn das Sujet Ihres neuen Bildes?«

»Ich entnahm es einem Buche.«

»Das ist schlimm, um anzufangen. Bücher sind nicht die Orte, aus denen man Stoffe zu Bildern nimmt. Und –«

»Dieses ist es,« sagte das rothaarige Mädchen hinter ihm. »Ich las es Maisie neulich vor, aus ›Die Stadt der schrecklichen Nacht‹. Kennen Sie das Buch?«

»Ein wenig. Ich bedaure, daß ich etwas gesagt habe. Es sind wirklich Bilder darin. Was hat ihre Phantasie gefesselt?«

»Die Beschreibung der Melancholie.

Die ruhende Schwinge, wie sie Adler schlagen.
Jedoch zu machtlos, um den Stolz zu tragen
Der erdgebor’nen königlichen Kraft.

»Und hier weiter (Maisie, bitte, mache den Thee!)

Die Stirn wehmütiger Gedanken voll,
Das Schlüsselbund, der Hausfrau Kleiderschnitt,
        Gezähnelt, weit gebauscht, doch steif das Ganze
        Wie eine Bombe und von lichtem Glanze,
Ein Schuh, der alle Schwachheit niedertritt.“

Das junge Mädchen machte nicht den geringsten Versuch, den Spott, die Verachtung ihrer trägen Stimme zu verbergen.

Dick zuckte zusammen.

»Aber das ist ja bereits gemalt worden von einem obskuren Künstler Namens Dürer,« sagte er.

»Wie lautet das Gedicht weiter?«

Vor drei Jahrhunderten und sechzig Jahren
Mit seines Denkens hehrer Zauberwelt.

»Sie könnten ebenso gut versuchen den ›Hamlet‹ noch einmal zu schreiben. Es ist nichts als Zeitverschwendung.«

»Nein, das ist es nicht,« sagte Maisie, die Theetassen klirrend niedersetzend, um sich zu beruhigen. »Ich beabsichtige wirklich, es zu thun. Können Sie nicht einsehen, was für ein schönes Bild das geben wird?«

»Wie, zum Teufel, kann jemand eine Arbeit ausführen, wenn er nicht die erforderliche Übung dazu hat? Jeder Narr kann einen Gedanken, ein Sujet bekommen. Es erfordert Übung, die Sache durchzuführen – Übung und Überzeugung, nicht ein Nachjagen hinter der ersten besten Idee.«

»Sie verstehen mich nicht,« entgegnete Maisie »Ich denke, daß ich es fertig bringen kann.« Wieder ertönte die Stimme des Mädchens hinter ihm:

Ob oft enttäuscht, wirkt rastlos sie und schafft,
        Schafft um so mehr, je mehr der Trieb ihr schwand.
Gestärkt durch ungezähmte Willenskraft,
        Sinnt stets das Hirn und bildet stets die Hand,
Und all ihr Leid muß sich in Arbeit wandeln –

»Ich bilde mir ein, Maisie denkt daran, sich selbst in dem Bilde zu verkörpern.«

»Auf einem Thron von zurückgewiesenen Bildern sitzend?«

»Nein, das werde ich nicht. Der Gedanke an und für sich hat mich gefesselt. – Natürlich, Sie machen sich nichts aus Phantasieköpfen, Dick. Ich glaube kaum, daß Sie welche malen können, Sie lieben Blut und Knochen.«

»Das ist eine direkte Herausforderung. Wenn Sie eine Melancholie malen können, die weiter nichts ist als ein kummervoller weiblicher Kopf, so kann ich eine bessere malen, und ich will es sogar thun. Was wissen Sie von der Melancholie?«

Dick war fest überzeugt, daß er gerade dreiviertel von allem Kummer auf der Welt zu kosten bekam.

»Sie war ein Weib,« antwortete Maisie, »das viel zu erdulden hatte, bis sie es nicht mehr ertragen konnte; dann fing sie an, über all das zu lachen, worauf ich sie malte und in den Salon schickte.«

Das rothaarige Mädchen stand auf und verließ lachend das Zimmer.

Dick sah Maisie demütig und hoffnungslos an. »Denken Sie nicht mehr an das Bild,« sagte er. »Wollen Sie wirklich einen Monat vor der bestimmten Zeit zu Kami zurückkehren?«

»Ich muß, wenn ich das Bild fertig machen will.«

»Und das ist alles, was Sie wollen?«

»Natürlich. Seien Sie nicht so einfältig, Dick.«

»Sie besitzen nicht die Fähigkeit dazu. Sie haben nur die Idee – die Idee und das bißchen wohlfeilen Impuls. Wie Sie beständig zehn Jahre lang bei Ihrer Arbeit haben ausharren können, ist in der That ein Rätsel für mich. Sie wollen also wirklich gehen, einen Monat früher, als Sie es nötig haben?«

»Ich muß meine Arbeit ausführen.«

»Ihre Arbeit, pah! Nein, das wollte ich nicht sagen. Es ist alles gut so, Teuerste. Natürlich müssen Sie Ihr Werk ausführen, und ich denke, ich sage Ihnen Lebewohl für diese Woche.«

»Wollen Sie nicht einmal zum Thee bleiben?«

»Nein, ich danke Ihnen. Erlauben Sie, daß ich gehe? Es gibt ja nichts weiter, wobei Sie besonders meines Beistandes bedürften, und vom Konturenzeichnen ist ja nicht mehr die Rede.«

»Ich wünsche, Sie blieben noch, damit wir über mein Bild sprechen könnten. Wenn nur ein einziges Bild Erfolg hat, so zieht es die Aufmerksamkeit auf alle übrigen. Ich weiß, einige meiner Arbeiten sind gut, wenn die Leute sie nur sehen würden. Sie hatten gar nicht nötig, ihretwegen so streng und grob zu sein.«

»Es thut mir leid. Wir wollen an einem der nächsten Sonntage über die Melancholie sprechen. Es sind deren noch vier, bevor Sie gehen. Leben Sie wohl, Maisie.«

Maisie stand nachdenklich am Fenster des Ateliers, bis das rothaarige Mädchen wieder eintrat, ein wenig bleich um die Mundwinkel.

»Dick ist fortgegangen,« sagte Maisie, »gerade, nun ich ihn nötig hatte, um über das Bild mit ihm zu sprechen. Ist es nicht egoistisch von ihm?«

Ihre Gefährtin öffnete die Lippen, als ob sie etwas sagen wollte, doch schloß sie dieselben wieder und fuhr mit dem Vorlesen »der Stadt der schrecklichen Nacht« fort.

Dick befand sich im Park und ging immer um einen Baum herum, den er an manchen früheren Sonntagen zu seinem Vertrauten erwählt hatte. Er fluchte ganz laut, und als er fand, daß die englische Sprache seiner Wut nicht genügte, suchte er Trost im Arabischen, das expreß zum Gebrauch der Betrübten bestimmt zu sein scheint. Er war durchaus nicht erfreut über den Lohn für seinen geduldigen Dienst, noch weniger über sich selbst, und es dauerte lange, bevor er zu dem Satze gelangte, daß die Königin nichts Unrechtes thun könne.

»Es ist ein verlorenes Spiel,« sagte er. »Ich bin nichts mehr wert, sobald eine Laune von ihr in Frage steht. Doch verdoppelten wir in Port Saïd gewöhnlich den Einsatz und spielten weiter, wenn ein Spiel verloren war. Sie malt eine Melancholie! Sie hat nicht die Fähigkeit dazu, weder die nötige Einsicht noch die Übung, sie hat nur den Wunsch! Sie ist beladen mit dem Fluche von Rubens. Sie will nicht Konturen zeichnen, weil das wirkliche Arbeit bedeutet; dennoch ist sie stärker als ich. Ich werde ihr begreiflich machen, daß ich sie in ihrer eigenen Melancholie schlagen kann. Doch auch dann würde sie sich nicht in acht nehmen. Sie sagt, ich könnte nur Blut und Knochen malen; ich glaube kaum, daß sie Blut in ihren Adern hat. Trotzdem liebe ich sie und muß fortfahren, sie zu lieben, und wenn ich ihre große Eitelkeit demütigen kann, so werde ich es thun. Ich will eine Melancholie malen, die wirklich etwas wie eine Melancholie sein soll – ›die Melancholie, die allen Verstand übertrifft.‹ Ich will es sogleich thun, hol sie der – Gott segne sie!«

Er wurde gewahr, daß die Idee zu dem Bilde sich nicht recht festsetzen konnte und er sein Gemüt nicht auf eine Stunde von dem Gedanken an Maisies Abreise loszureißen vermochte.

Er interessirte sich nur sehr wenig für ihre ersten Studien zu der Melancholie, als er dieselben in der folgenden Woche besah. Die Sonntage flogen rasch vorüber und die Zeit kam, zu der alle Kirchenglocken in London Maisie nicht zu ihm zurückrufen konnten. Ein- oder zweimal sagte er zu Binkie etwas über »hermaphroditische Erbärmlichkeiten«, aber der kleine Hund erhielt so viele vertrauliche Mitteilungen von Torpenhow und Dick, daß er seine tulpenförmigen Ohren gar nicht mit Zuhören belästigte. Es wurde Dick gestattet, die beiden Mädchen abreisen zu sehen. Sie fuhren mit dem Nachtboot von Dover ab und hofften, im August zurückzukehren.

Es war jetzt Februar und Dick fühlte, daß er es kaum aushalten würde. Maisie war so beschäftigt, das kleine Haus jenseits des Parkes auszuräumen und ihre Bilder einzupacken, daß sie keine Zeit zum Denken hatte. Dick begleitete sie nach Dover und verschwendete dort einen Tag mit dem aufregenden Gedanken über eine wundervolle Möglichkeit. Würde Maisie ihm zum Abschied wohl einen kleinen Kuß erlauben? Er überlegte, ob er sie mit Gewalt kapern sollte, wie er im südlichen Sudan Frauen hatte kapern und fortführen sehen; doch Maisie würde sich niemals fortführen lassen. Sie würde ihre grauen Augen auf ihn richten und sagen: »Dick, wie egoistisch sind Sie!« Dann würde ihm der Mut versagen. Es würde besser sein, sie um den Kuß zu bitten.

Maisie sah mehr als sonst zum Küssen aus, als sie aus dem Nachtzuge auf den windigen Quai hinaustrat. Das rothaarige Mädchen sah nicht so reizend aus; ihre grünen Augen waren eingesunken und ihre Lippen trocken. Dick sah die Koffer bereits an Bord und trat an Maisies Seite in das Dunkel unter der Kommandobrücke. Die Postbeutel polterten in den Vorderraum, während das rothaarige Mädchen dieselben beobachtete.

»Sie werden heute nacht eine rauhe Überfahrt haben,« sagte Dick. »Es weht draußen ziemlich heftig. Ich setze voraus, daß ich hinüberkommen und Sie sehen darf, wenn ich brav bin?« »Nein, Sie dürfen nicht. Ich muß fleißig sein. Doch, wenn ich Ihrer bedarf, werde ich Ihnen schreiben. Von Vitry-sur-Marne werde ich Ihnen einen Brief schicken, da ich Sie wegen einer Menge Dinge um Rat fragen muß. O, Dick, Sie sind so gut gegen mich gewesen, so sehr gut!«

»Ich danke Ihnen für diese Worte, Teuerste. Es hat keine Zwistigkeiten, keinen Streit gegeben, nicht wahr?«

»Ich kann keine Lüge aussprechen. Es hat keine gegeben in diesem Sinne. Aber denken Sie nicht, daß ich undankbar bin.«

»Verdammt sei die Dankbarkeit,« sagte Dick heiser, zu dem Radkasten gewendet.

»Was hat es für einen Zweck, uns zu quälen? Sie wissen, daß ich Ihr Leben ruiniren würde, wie Sie das meinige, wie die Dinge jetzt liegen. Erinnern Sie sich an das, was Sie sagten, als Sie an jenem Tage so ärgerlich im Parke waren? ›Einer von uns muß gebrochen werden.‹ Können Sie warten, bis dieser Tag kommt?«

»Nein, Liebe. Ich will Sie ungebrochen haben – ganz für mich allein.«

Maisie schüttelte den Kopf. »Mein armer Dick, was soll ich dazu sagen?«

»Sagen Sie gar nichts. Wollen Sie mir einen Kuß geben? Nur einen einzigen Kuß, Maisie! Ich will schwören, daß ich nicht mehr nehmen werde. Sie könnten es wohl thun; ich kann dann sicher sein, daß Sie dankbar sind.« Maisie hielt ihre Wange hin und Dick nahm sich seinen Lohn in der Dunkelheit. Es war nur ein einziger Kuß, aber ein sehr langer, da keine Zeit für die Dauer desselben festgesetzt worden. Maisie wand sich ärgerlich frei, während Dick beschämt und vom Kopf bis zu den Füßen zitternd dastand.

»Leben Sie wohl, mein Liebling. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Es thut mir leid. Halten Sie sich gesund und machen Sie gute Arbeit – besonders bei der Melancholie. Auch ich will eine malen. Erinnern Sie Kami an mich und seien Sie vorsichtig beim Trinken; das Trinkwasser auf dem Lande ist überall schlecht, aber es ist abscheulich in Frankreich. Schreiben Sie mir, wenn Sie irgend etwas bedürfen, und nochmals, leben Sie wohl! Sagen Sie auch Adieu dem Mädchen mit dem roten Haar und – kann ich nicht noch einen Kuß bekommen? Nein? Sie haben ganz recht. Adieu!«

Ein Ruf sagte ihm, daß es nicht passend sei, auf der Ladebrücke für Postpakete zu bleiben; er erreichte den Quai, als der Dampfer sich zu bewegen begann und folgte demselben mit seinem Herzen.

»Und nichts – nichts auf der weiten Welt hält uns von einander getrennt als ihr Eigensinn. Diese Nachtboote nach Calais sind viel zu klein. Ich werde Torpenhow veranlassen, daß er in den Zeitungen etwas darüber schreibt. Das Boot fängt jetzt schon an zu stampfen.«

Maisie stand, wo Dick sie verlassen hatte, bis sie einen leisen, keuchenden Atem neben sich hörte. Die Augen des rothaarigen Mädchens leuchteten in einer kalten Flamme.

»Er küßte Sie,« sagte sie. »Wie konnten Sie ihm das erlauben, wenn er nichts für Sie ist? Wie durften Sie einen Kuß von ihm annehmen? O, Maisie, lassen Sie uns in die Damenkajüte gehen. Ich bin krank – sterbenskrank.«

»Wir sind noch nicht in offenem Wasser. Gehen Sie hinunter, Teure, ich will hier bleiben. Ich liebe nicht den Geruch der Maschinen. Armer Dick! Er verdiente einen – nur einen. Aber ich dachte nicht, daß er mich so erschrecken würde.«

Dick kehrte am folgenden Tage nach London zurück, gerade zur Lunchzeit, wie er aus Dover telegraphirt hatte. Zu seiner Enttäuschung fand er in seinem Atelier nur leere Schüsseln vor. Er erhob seine Stimme wie der Bär im Märchen, worauf Torpenhow mit schuldiger Miene eintrat.

»Pst!« sagte er. »Machen Sie keinen solchen Lärm; ich nahm Ihr Frühstück. Kommen Sie in mein Zimmer, so werde ich Ihnen den Grund davon zeigen.«

Dick blieb ganz erstaunt auf der Schwelle stehen, denn auf Torpenhows Sofa lag ein schlafendes und schwer atmendes Mädchen. Der kleine, wohlfeile Matrosenhut, der blau und weiß gestreifte Anzug, der mehr für den Juni als für den Februar sich eignete, an den Rändern mit Schmutz bespritzt, das mit imitirtem Astrachan besetzte Jaquet, dessen Nähte an den Schultern aufgetrennt waren, der wohlfeile Regenschirm und vor allem der elende Zustand der mit Ziegenleder besetzten Stiefel erklärten die Sache.

»O, alter Herr, das ist zu schlecht! Sie dürfen diese Art Mädchen nicht herbringen. Dieselben stehlen Sachen aus den Zimmern.«

»Es sieht schlecht aus, das gebe ich zu, aber ich kam nach dem Frühstück zu Hause, als sie in die Halle stolperte. Ich glaubte erst, sie sei betrunken, doch sie wurde ohnmächtig. Unmöglich konnte ich sie liegen lassen, deshalb brachte ich sie hier herauf und gab ihr das für Sie bestimmte Frühstück. Sie war aus Mangel an Nahrung ohnmächtig geworden. Sobald sie gegessen, fiel sie in einen festen Schlaf.«

»Ich weiß etwas von diesem Elende zu erzählen. Sie hat von Wurst gelebt, vermute ich. Torp, Sie hätten sie einem Polizisten übergeben sollen, weil sie sich herausgenommen hat, in einem anständigen Hause ohnmächtig zu werden. Armes kleines Weibchen! Sehen Sie sich das Gesicht an! Es liegt keine Spur von Immoralität in demselben, nur Thorheit, Schwäche, Albernheit, Leichtsinn. Es ist ein typischer Kopf. Sehen Sie, wie die Knochen durch das Fleisch im Gesicht und auf den Backen schimmern?«

»Was das für ein kaltblütiger Barbar ist! Schlagen Sie nicht ein Weib, wenn es heruntergekommen ist. Können wir nicht etwas für sie thun? Sie ist einfach vor Hunger zusammengebrochen und fiel beinahe in meine Arme; als sie dann das Frühstück vor sich hatte, aß sie wie ein wildes Tier. Es war schrecklich.« »Ich kann ihr Geld geben, das sie wahrscheinlich in Getränk verschleudern wird. Schläft sie vielleicht für immer?«

Das Mädchen öffnete die Augen und starrte, zwischen Schrecken und Frechheit, die beiden Männer an.

»Fühlen Sie sich besser?« fragte Torpenhow.

»Ja, ich danke Ihnen, Es gibt nicht viele Gentlemen, die so gütig find, wie Sie es waren. Ich danke Ihnen.«

»Wann haben Sie Ihren Dienst verlassen?« fragte Dick, der die aufgesprungenen und mit Schrammen bedeckten Hände betrachtet hatte.

»Woher wußten Sie, daß ich in Dienst gewesen bin? Ich war Mädchen für alles. Es gefiel mir durchaus nicht.«

»Und wie gefällt es Ihnen, Ihre eigene Herrin zu sein?«

»Sehe ich so aus, als ob es mir gefiele?«

»Ich vermute es nicht. Einen Augenblick! Bitte, seien Sie so gut und wenden Sie Ihr Gesicht dem Fenster zu.«

Das Mädchen gehorchte, während Dick scharf das Gesicht derselben betrachtete – so scharf, daß es versuchte, sich hinter Torpenhow zu verbergen.

»Die Augen haben es,« sagte Dick auf und ab gehend. »Es sind prächtige Augen für meinen Zweck. In jedem Kopfe sind überhaupt die Augen die Hauptsache. Dieses Mädchen ist mir vom Himmel gesandt, um zu ersetzen, was mir fortgenommen. Nun die wöchentliche Aufregung von meinen Schultern genommen ist, kann ich ernstlich ans Werk gehen. Augenscheinlich vom Himmel gesandt. Ja. Bitte, richten Sie Ihr Kinn ein wenig auf.«

»Artig, alter Herr, artig! Sie können jemand um den Verstand bringen vor Angst,« sagte Torpenhow, der sah, wie das Mädchen zitterte.

»Leiden Sie nicht, daß er mich schlägt. O, bitte, leiden Sie es nicht! Ich bin heute schon grausam geschlagen worden, weil ich mit einem Manne sprach, Geben Sie nicht zu, daß er mich so ansieht! Er ist ein Bösewicht, dieser Mann da. O, es kommt mir so vor, als ob ich gar nichts anhätte, wenn er mich so ansieht!«

Die überspannten Nerven in ihrem schwachen Körper gaben nach; das Mädchen weinte wie ein kleines Kind und fing an zu schreien.

»Sie sind hier ganz sicher,« sagte Dick sanft. »Mein Freund kann einen Polizisten holen lassen und Sie können durch jene Thür dort fortlaufen. Kein Mensch will Ihnen etwas zu Leide thun.«

Das Mädchen schluchzte konvulsivisch einige Minuten lang, dann versuchte es zu lachen.

»Gar nichts wird Ihnen geschehen. Nun hören Sie mir ruhig zu. Ich bin, was man einen Künstler von Profession nennt. Sie wissen, was Künstler thun?«

»Sie zeichnen Dinge mit roter und schwarzer Tinte für die Etiketten der Flaschen mit Brauselimonade in den Läden.«

»So ungefähr. Ich habe mich noch nicht bis zu Etiketten für Flaschen mit Brauselimonade aufgeschwungen, die werden von Akademikern gemalt; ich möchte gern Ihren Kopf zeichnen.«

»Weshalb?«

»Weil er hübsch ist. Deshalb werden Sie dreimal wöchentlich in das Zimmer über dem Flur kommen, um elf Uhr morgens; ich werde Ihnen drei Pfund Sterling die Woche dafür geben, daß Sie nur still sitzen und gezeichnet werden. Hier ist ein Pfund auf Abschlag.«

»Für nichts? O, potztausend!« Das Mädchen drehte den Sovereign in der Hand hin und her und weinte vor Freude. »Fürchtet denn keiner von den beiden Gentlemen, daß ich Sie beschwindeln werde?«

»Nein, das thun nur garstige Mädchen. Versuchen Sie es nur und merken Sie sich diese Wohnung. Beiläufig, wie heißen Sie?«

»Ich bin Bessie – Bessie – es hat keinen Zweck, Ihnen den andern Namen zu sagen. Bessie Broke – Steinbruch, wenn es Ihnen beliebt. Wie heißen Sie? Aber – niemand gibt seinen wirklichen Namen an.«

Dick fragte Torpenhow mit den Augen.

»Mein Name ist Heldar, mein Freund heißt Torpenhow. Sie müssen aber ganz bestimmt herkommen. Wo wohnen Sie?«

»Südlich vom Wasser – ein Zimmer – fünf Schilling und sechs Pence die Woche. Machen Sie auch keinen Scherz mit mir wegen der drei Pfund?«

»Sie werden es ja später sehen. Und, Bessie, wenn Sie das nächstemal kommen, so brauchen Sie keine Schminke aufzulegen, denken Sie daran. Es ist schädlich für die Haut; auch habe ich alle Farben, die Sie nur wünschen können.«

Bessie entfernte sich, indem sie ihre Wangen mit einem zerrissenen Taschentuche abrieb. Die beiden Männer sahen einander an.

»Sie sind ein Mann,« sagte Torpenhow.

»Ich fürchte, daß ich ein Thor gewesen bin. Es ist nicht unsere Sache, die Erde zu durchstreifen, um Bessie Brokes zu bessern. Ein Weib, welcher Art dasselbe auch sei, hat keinen Anspruch auf diesen Flur.«

»Vielleicht kommt sie nicht wieder.«

»Sie wird schon kommen, wenn sie glaubt, hier etwas zu essen und Wärme zu finden. Ich weiß, daß sie wiederkommt, leider. Aber denken Sie daran, alter Freund, sie ist kein Weib, sondern mein Modell; und seien Sie vorsichtig.«

»Welche Idee! Sie ist eine liederliche kleine Vogelscheuche – eine Straßendirne und weiter nichts.«

»So glauben Sie. Warten Sie, bis sie etwas herausgefüttert ist und sich nicht mehr fürchtet. Dieser schöne Typus erholt sich außerordentlich rasch. In einer oder zwei Wochen erkennen Sie sie nicht wieder, wenn diese gemeine Furcht aus ihren Augen verschwunden sein wird. Sie wird nur zu glücklich sein und für meine Zwecke auch lächeln.«

»Gewiß nehmen Sie dieselbe doch nur aus Mitleid? – Um mir eine Freude zu machen?«

»Ich habe nicht die Gewohnheit, mit glühenden Kohlen zu spielen, um irgend jemand eine Freude zu machen. Sie ist mir vom Himmel gesandt worden, wie ich vorhin bemerkte, um mir bei meiner Melancholie zu helfen.«

»Niemals bis heute hörte ich ein Wort über diese Dame.«

»Was hat es für einen Vorteil, einen Freund zu besitzen, wenn man seine Ideen ihm in Worten kundgeben muß? Sie müssen wissen, worüber ich nachsinne. Sie haben mich neulich grunzen hören?«

»Ja wohl; aber grunzen bedeutet in Ihrer Sprache alles mögliche vom schlechten Tabak bis zu bösen Kunden. Auch glaube ich nicht, daß ich seit einiger Zeit besonders hoch in Ihrem Vertrauen stehe.«

»Es war ein hohes und seelenvolles Grunzen. Sie müssen doch begriffen haben, daß es die Melancholie bedeutete!« Dick wanderte mit Torpenhow schweigsam im Zimmer auf und ab. Darauf gab er ihm einen Rippenstoß. »Sehen Sie es jetzt noch nicht? Bessies gemeine Leichtfertigkeit, sowie der Schrecken in ihren Augen, zusammengenommen mit einigen Details von Kummer, den ich in letzter Zeit erfahren habe. Aehnlich wie Orange und Schwarz – zwei Hauptfarben jedes. Aber ich kann Ihnen mit leerem Magen nicht das alles erklären.«

»Es klingt verrückt genug. Sie thäten besser, bei Ihren Soldaten zu bleiben, Dick, anstatt über Köpfe, Augen und Erfahrungen zu grübeln.«

»Glauben Sie?« Dick fing an, auf den Hacken zu tanzen und dabei zu singen:

Sie sind stolz wie ein Truthahn, wenn das Geld im Beutel klingt:
Ihr solltet’s hören, wie das jauchzt und lacht!
Sie spassen und sie tollen, so lang die Füchse rollen –
Au! Doch seht sie, ist alles durchgebracht!

Darauf setzte er sich hin, um Maisie sein Herz auszuschütten in einem vier Bogen langen Briefe voll Ratschläge und Ermutigung und schwor einen feierlichen Eid, sich mit ungeteiltem Herzen an die Arbeit zu machen, sobald Bessie wieder erscheinen würde.

Das Mädchen verrichtete sein Amt ungeschminkt und ungeschmückt, abwechselnd erschreckt und übermütig. Als sie gesehen, daß man von ihr nur erwartete, still zu sitzen, wurde Bessie bald ruhiger und machte mit Freimut und nicht ohne Witz, einige Bemerkungen über die Ausstattung des Ateliers. Sie liebte Wärme und Behaglichkeit und Befreiung von Furcht vor körperlichem Schmerz. Dick machte zwei oder drei Studien von ihrem Kopfe in Kreide, doch die wirkliche Idee der Melancholie wollte ihm noch nicht klar werden.

»In welcher Unordnung halten Sie Ihre Sachen!« sagte Bessie einige Tage später, als sie sich bereits vollständig heimisch fühlte. »Ich vermute, Ihre Kleider befinden sich gerade in demselben Zustande. Gentlemen denken niemals daran, wozu Knöpfe und Zwirn da sind.«

»Ich kaufe die Sachen, um sie zu tragen, und trage dieselben so lange, bis sie entzwei gehen. Ich weiß nicht, wie Torpenhow es macht.«

Bessie stellt? eine genaue Untersuchung im Zimmer des letzteren an und zog einen ganzen Ballen zerrissener Socken aus den Winkeln hervor. »Einige davon will ich jetzt ausbessern,« sagte sie, »und die übrigen mit nach Hause nehmen. Wissen Sie, ich sitze den ganzen langen Tag zu Hause und thue nichts, gerade wie eine Lady, und bekümmere mich nicht mehr um die übrigen Mädchen im Hause, als ob sie alle Fliegen wären. Ich spreche nie ein Wort mit ihnen, außer den allernotwendigsten, und ducke sie sehr bald nieder, wenn sie mit mir reden, das kann ich Sie versichern. Nein; es war sehr nett die letzten Tage über. Ich schließe meine Thür ab, während sie mir durch das Schlüsselloch alle möglichen Schimpfworte zurufen und ich wie eine Lady im Zimmer sitze, Socken ausbessernd. Mr. Torpenhow zerreißt seine Socken an beiden Enden zugleich.«

»Drei Sovereigns wöchentlich von mir und der Genuß meiner Gesellschaft. Keine Socken mehr stopfen. Nichts mit Torp, als hin und wieder ein Kopfnicken auf dem Flur und seine sämtlichen Socken ausgebessert. Bessie ist ganz und gar ein Weib,« dachte Dick und blickte zwischen seinen halbgeschlossenen Augen auf dieselbe. Nahrung und Ruhe hatten das Mädchen vollständig verändert, wie Dick es vorhergesagt.

»Weshalb sehen Sie mich so an?« fragte sie rasch. »Thun Sie es nicht. Sie sehen immer ganz böse uns, wenn Sie mich so anblicken. Sie halten nicht viel von mir, nicht wahr?«

»Das hängt davon ab, wie Sie sich betragen.«

Bessie betrug sich wundervoll. Am Schlusse der Sitzung war es indes schwierig, sie aufzufordern, wieder fortzugehen. Sie zog das Atelier und einen Sessel am Ofen vor und benützte einige Socken in ihrem Schoße als Vorwand, länger dort zu bleiben. Dann würde Torpenhow hereinkommen und Bessie veranlassen, einige seltsame und wunderbare Geschichten aus ihrer Vergangenheit zu erzählen und noch seltsamere über ihre gegenwärtigen verbesserten Umstände. Sie würde ihnen dann Thee machen, als ob sie das Recht dazu hätte. Bei solchen Gelegenheiten bemerkte Dick einigemale, wie Torpenhows Augen auf der hübschen kleinen Gestalt ruhten, und da Bessies Umherflattern im Zimmer Dick mit glühender Sehnsucht nach Maisie erfüllte, so begriff er bald, wohin Torpenhows Gedanken strebten. Bessie nahm sich auch mit großer Sorgfalt Torpenhows Wäsche an. Sie sprach nur sehr wenig mit ihm, doch plauderten sie zuweilen mit einander auf dem Flur.

»Ich war ein großer Thor,« sagte sich Dick. »Ich weiß, was roter Feuerschein bedeutet, wenn ein Mann durch eine fremde Stadt wandert; unser Leben ist ein einsames, egoistisches im besten Falle. Ich wundere mich, daß Maisie das nicht mitunter fühlt. Aber ich kann Bessie nicht fortschicken. Das ist das Schlimmste, wenn man eine Sache anfängt, daß man nie weiß, wo sie aufhört.«

Nach einer bis zum Einbruch der Dämmerung verlängerten Sitzung wurde Dick eines Abends aus einem Schläfchen durch eine schluchzende Stimme in Torpenhows Zimmer aufgescheucht. Er sprang sofort auf. »Was soll ich jetzt thun? Es sieht närrisch aus, wenn ich hineingehe. – O, gesegnet seiest Du, Binkie!« Der kleine Dachshund stieß Torpenhows Thür mit seiner Nase auf und kam heraus, um von Dicks Lehnstuhl Besitz zu ergreifen. Die Thür öffnete sich unbeachtet ganz weit, so daß Dick über den Flur sehen konnte, wie Bessie im Halbdunkel eine Bitte an Torpenhow richtete. Sie kniete neben ihm, während ihre Hände über seinen Knieen gefaltet waren.

»Ich weiß – ich weiß,« sagte sie traurig. »Es ist nicht recht von mir, dieses zu thun, aber ich kann es nicht ändern; Sie waren so gütig – so sehr gütig, und nahmen dann nie wieder Notiz von mir. Ich habe alle Ihre Sachen so sorgfältig ausgebessert – ja, das habe ich gethan. O, bitte, es ist ja gar nicht, als ob ich Sie auffordern wollte, mich zu heiraten; daran würde ich nie denken. Aber könnten Sie mich nicht zu sich nehmen und mit mir leben, bis die rechte Miß kommt? Ich bin nur die unrechte Miß, ich weiß es, aber ich würde für Sie meine Hände bis auf die Knochen abarbeiten. Ich bin ja auch nicht häßlich von Ansehen. Sagen Sie, daß Sie es thun wollen.«

Dick erkannte kaum Torpenhows Stimme, als derselbe antwortete:

»Sehen Sie, Bessie, es hat keinen Zweck. Ich bin verpflichtet, in jeder Minute abzureisen, sowie ein Krieg ausbricht – in jeder Minute, Teure.«

»Was macht das aus? Dann, bis Sie fortgehen, bis Sie gehen. Es ist ja nicht so viel, um was ich bitte, und – Sie wissen nicht, wie gut ich kochen kann.« Sie hatte einen Arm um seinen Nacken gelegt und zog seinen Kopf zu sich herab.

»Nun denn – bis ich fortgehe.«

»Torp,« rief Dick über den Flur; er konnte kaum seine Stimme am Beben verhindern. »Kommen Sie doch einen Augenblick her, alter Herr, Ich bin m Verlegenheit. – Der Himmel gebe, daß er auf mich hört.«

Etwas wie ein Fluch kam über Bessies Lippen. Sie fürchtete sich vor Dick und eilte in panischem Schrecken die Treppen hinunter; doch schien es ein Jahrhundert zu dauern, bevor Torpenhow in das Atelier trat. Er ging zum Kamin, begrub seinen Kopf in den Armen und stöhnte wie ein verwundeter Stier.

»Was für ein Recht, zum Teufel, haben Sie, dazwischen zu treten?« sagte er schließlich.

»Wer tritt dazwischen und weshalb? Ihr eigener Verstand sagte Ihnen schon vor längerer Zeit, daß Sie nicht ein solcher Thor sein könnten. Es war eine scharfe Versuchung, Sankt Antonius, aber jetzt sind Sie wieder ganz in Ordnung.«

»Ich mochte nicht sehen, wie sie sich in diesen Zimmern bewegte, als ob dieselben ihr gehörten. Das brachte mich so in Aufregung; es erfüllt einen einsamen Mann mit einer Art von Sehnsucht, nicht wahr?« sagte Torpenhow etwas kläglich.

»Jetzt sprechen Sie vernünftig. Ja, es ist der Fall; da Sie aber nicht in der Lage sind, über die Nachteile einer doppelten Haushaltung nachzudenken, wissen Sie, was Sie nun thun sollten?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie müssen eine Zeit lang fortgehen und eine amüsante Tour machen, um die richtige Stimmung wieder zu erlangen. Sie gehen nach Brighton oder Scarborough und Prawle Point, um die Schiffe abfahren und ankommen zu sehen, und zwar werden Sie sofort abreisen. Ist es nicht das Beste? Ich werde für Binkie sorgen, aber Sie gehen ohne Zögern fort. Man widersteht nie dem Teufel; er hält die Bank. Fliehen Sie vor ihm. Packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie fort.«

»Ich glaube, Sie haben recht. Wohin soll ich gehen?«

»Und Sie nennen sich einen Spezialkorrespondenten! Packen Sie nur erst und nachher fragen Sie.« Eine Stunde später war Torpenhow in ein Kabriolet spedirt und in die Nacht hinausgeschickt worden.

»Während des Fahrens wird Ihnen gewiß irgend ein Ort einfallen, wohin Sie gehen können,« sagte Dick. »Fahren Sie nach Euston, um anzufangen, und, o ja – betrinken Sie sich heute nacht.«

Er kehrte in sein Atelier zurück und zündete noch einige Kerzen an, da ihm das Gemach sehr dunkel vorkam.

»O, du Jesabel! Du leichtfertige, kleine Jesabel! Wirst du mich morgen nicht hassen? – Binkie, komm her.«

Binkie drehte sich auf dem Rücken auf der Decke vor dem Kamin, wahrend Dick ihn nachdenklich mit dem Fuße hin und her wandte.

»Ich sagte, sie wäre nicht unmoralisch. Ich hatte unrecht. Sie sagte, sie könne kochen, das zeigte vorbedachte Sünde. O, Binkie, wenn Du ein Mann wärest, würdest Du ins Verderben geraten; wärest Du aber ein Weib und sagtest, Du könntest kochen, so würdest Du nach einem noch viel schlimmeren Orte gehen.«

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

»Das ist ein lustiges Leben,« sagte Dick einige Tage später »Torp ist fort, Bessie haßt mich und ich kann nicht den richtigen Ausdruck der Melancholie erfassen; Maisies Briefe sind kurze Bruchstücke, und ich habe eine Indigestion, wie ich glaube Was verursacht einem Manne Schmerzen im Kopfe und Punkte vor den Augen, Binkie? Sollen wir einige Pillen für die Leber nehmen?«

Dick hatte gerade eine angenehme Scene mit Bessie überstanden. Sie hatte ihm zum fünfzigstenmale vorgeworfen, daß er Torpenhow fortgeschickt habe, und ihren ewigen Haß gegen Dick erklärt, sowie ihm deutlich gemacht, daß sie nur seines Geldes wegen ihm sitze. »Mr. Torpenhow ist ein zehnmal besserer Mann als Sie,« hatte sie geschlossen.

»Das ist er. Deshalb ist er ja gerade fortgegangen. Ich wäre hier geblieben und hätte eine Liebschaft mit Ihnen angefangen«

Das Mädchen saß da, mit dem Kinn auf die Hand gestützt, und machte ein finsteres Gesicht. »Mit mir! Ich würde es Ihnen angestrichen haben! Wenn ich nicht fürchtete, gehangen zu werden, würde ich Sie umbringen! Ja, das würde ich thun. Glauben Sie mir?«

Dick lächelte müde. Es ist nicht angenehm, mit einer Idee zu leben, die man nicht ausführen, einem Dachshunde, der nicht sprechen kann, und einem Weibe, das zu viel spricht. Er würde ihr geantwortet haben, doch in diesem Augenblick entrollte sich aus einer Ecke des Ateliers ein Schleier wie von der feinsten Gaze. Er rieb sich die Augen, doch der graue Dunst wollte nicht verschwinden.

»Das ist eine schändliche Indigestion. Binkie, wir wollen zu einem Medizinmanne gehen. Wir können unsere Augen nicht dadurch belästigen lassen, denn wir verdienen unser Brot mit denselben, auch gekochte Hammelknochen für kleine Hunde.«

Der Doktor war ein leutseliger, praktischer Arzt mit weißem Haar, der nichts sagte, bis Dick anfing, den grauen Schleier im Atelier zu beschreiben.

»Wir bedürfen alle von Zeit zu Zeit ein wenig des Flickens und Reparirens,« meinte er. »Gerade wie ein Schiff, mein werter Herr – genau wie ein Schiff. Zuweilen ist der Rumpf in Unordnung, dann konsultiren wir den Chirurgus; zuweilen das Takelwerk, und dann erteile ich meinen Rat; mitunter die Maschinerie, dann gehen wir zu einem Gehirn-Spezialisten; manchmal ist auch der Ausguck auf der Kommandobrücke erschöpft, und dann besuchen wir einen Augenarzt. Ich würde Ihnen raten, zu einem solchen zu gehen. Ein wenig flicken und ausbessern von Zeit zu Zeit ist alles, was wir brauchen. Einen Augenarzt auf alle Fälle.«

Dick suchte einen Augenarzt auf, – den besten in London. Er war überzeugt, daß der praktische Arzt nichts von seinem Gewerbe verstehe, und noch überzeugter, daß Maisie ihn auslachen würde, wenn er genötigt wäre, eine Brille zu tragen.

»Ich habe die Warnungen meines Herrn, des Magens, zu lange vernachlässigt. Daher rühren die Punkte vor den Augen, Binkie. Ich kann noch ebenso gut sehen als je.«

Als er in die dunkle Halle trat, die zu dem Sprechzimmer führte, lief ein Mann gegen ihn an. Dick erblickte sein Gesicht, als derselbe eilig auf die Straße hinausging.

»Das ist der Schreibertypus. Seine Stirn ist ebenso geformt als die von Torp. Er sieht sehr krank aus. Wahrscheinlich hörte er etwas, das ihm nicht gefiel.«

Als er noch hieran dachte, überkam Dick eine große Furcht, eine Furcht, die ihm den Atem versetzte, als er in das Wartezimmer des Augenarztes trat, mit der schweren geschnitzten Einrichtung, der dunkelgrünen Tapete und den nüchtern gefärbten Bildern an den Wänden. Er erkannte darunter eine Kopie von einer seiner eigenen Skizzen.

Viele Leute warteten vor ihm, bis die Reihe an sie kommen würde. Sein Auge wurde durch ein flammendrot und goldenes Weihnachtsliederbuch gefesselt. Kleine Kinder kamen zu jenem Augenarzte und bedurften einer derartigen Unterhaltung.

»Das ist abgöttisch schlechte Kunst,« sagte er, das Buch zu sich heranziehend. »Von der Anatomie der Engel, das ist in Deutschland gemacht worden.« Er öffnete mechanisch das Buch, ein in roter Farbe gedruckter Vers fiel ihm ins Auge:

Die nächste holde Freude ward
        Marien süß zu teil,
Als Christ, ihr lieber Sohn, gebracht
        Den Blinden Licht und Heil,
Den Blinden Licht, o güt’ger Herr,
        Und schenk uns Trost im Leid!
Preist Vater, Sohn und heil’gen Geist
        In alle Ewigkeit!

Dick las diesen Vers mehreremale, bis die Reihe an ihn kam; der Doktor beugte sich über ihn, nachdem er sich in einen Armstuhl gesetzt. Der Schein eines Gasmikroskopes, der in seine Augen fiel, ließ ihn zusammenzucken. Der Arzt berührte mit der Hand die Narbe des Säbelhiebes auf Dicks Kopfe, während Dick ihm kurz erklärte, wie er dazu gekommen. Als die Flamme entfernt war, sah Dick in das Gesicht des Doktors, und wieder ergriff ihn Furcht. Der Arzt hüllte sich in einen Nebel von Worten. Dick faßte nur Anspielungen auf Narbe, Stirnknochen, Sehnerv, äußerste Vorsicht und Vermeidung geistiger Aufregung auf.

»Urteil?« fragte er schwach. »Mein Geschäft ist das Malen, ich darf keine Zeit verschwenden. Was machen Sie aus der Sache?«

Wieder ein Wirbel von Worten, aber diesmal hatten dieselben eine Bedeutung.

»Können Sie mir irgend etwas zu trinken geben?«

Schon viele Urteile waren in jenem dunklen Zimmer ausgesprochen worden und oft bedurften die Gefangenen einer Stärkung. Dick fühlte ein Glas Cognac in seiner Hand.

»So weit ich Sie verstehen kann,« sagte er, nach dem Branntwein etwas hustend, »so nennen Sie es Abnahme des Sehnerves oder dergleichen, und daher hoffnungslos. Wie viel Zeit bleibt mir noch, wenn ich jede Anstrengung und jeden Kummer vermeide.«

»Vielleicht ein Jahr.«

»Mein Gott! Und wenn ich mich nicht schone?«

»Das kann ich wirklich nicht sagen. Man kann nicht genau die Schwere der Verletzung durch jenen Säbelhieb bestimmen. Die Narbe ist alt, und – ausgesetzt dem grellen Lichte der Wüste, sagten Sie? – mit außerordentlich vieler seiner Arbeit? Ich kann es wirklich nicht sagen.«

»Ich bitte um Entschuldigung, die Sache ist ohne jede Warnung über mich gekommen. Wenn Sie erlauben, will ich hier noch einen Augenblick sitzen und dann fortgehen. Es ist sehr gütig von Ihnen gewesen, mir die Wahrheit zu sagen. Ohne irgend eine Warnung, ohne jede Warnung, Ich danke Ihnen.«

Dick trat auf die Straße und wurde stürmisch von Binkie empfangen, »Wir haben es sehr schlecht getroffen, kleiner Hund! So schlecht, wie es nur sein kann. Wir wollen in den Park gehen, um darüber nachzudenken.«

Sie gingen zu einem gewissen Baume, den Dick wohl kannte, und setzten sich dort nieder, um nachzudenken, weil seine Beine unter ihm zitterten und die kalte Furcht ihm auf die Magengrube drückte.

»Wie konnte die Sache nur ohne jede vorherige Warnung kommen? Es ist so plötzlich, als wenn man erschossen wird. Es ist der lebendige Tod, Binkie. Wir werden in Dunkelheit eingehüllt sein nach einem Jahre, wenn wir uns schonen, und werden niemand sehen und nie haben, was wir brauchen, niemals, und wenn wir hundert Jahre lebten.«

Binkie wedelte fröhlich mit seinem Schwanze.

»Binkie, wir müssen nachdenken. Laß uns sehen, wie es thut, wenn man blind ist.« Dick schloß die Augen, worauf flammende Kommas und Feuerräder hinter den Augenlidern hin und her schossen. Als er durch den Park blickte, war seine Sehkraft noch nicht verringert; er konnte vollkommen gut sehen, bis eine Prozession von langsam sich drehenden Feuerrädern durch seine Augäpfel zog.

»Kleiner Knirps, wir befinden uns durchaus nicht gut. Laß uns nach Hause gehen. Wenn nur Torp jetzt wieder zurück wäre!«

Aber Torpenhow befand sich im südlichen England, wo er in Gesellschaft von Nilghai Werfte inspizirte. Seine Briefe waren kurz und geheimnisvoll.

Dick hatte nie jemand gebeten, ihm bei seinen Freuden oder seinem Kummer beizustehen. Er überlegte in der Einsamkeit seines Ateliers, daß er fortan mit einem Schleier von grauer Gaze in einem Winkel sitzen müsse und alle Torpenhows auf der Welt ihn nicht retten könnten, wenn es sein Schicksal sei, zu erblinden.

»Ich kann ihn nicht von seinem Ausfluge abrufen, um bei mir zu sitzen und für mich zu sorgen. Ich muß die Sache allein durchmachen,« sagte er. Er lag auf dem Sopha, kaute au seinem Schnurrbarte und war neugierig, wie die Dunkelheit der Nacht ihm vorkommen würde. Dann stieg die Erinnerung an eine seltsame Scene im Sudan in ihm auf. Ein Soldat war von einem breiten arabischen Speere fast in zwei Stücke getrennt worden; im ersten Augenblick hatte der Mann gar keinen Schmerz gefühlt. Als er dann an sich herunterblickte, sah er, wie er sein ganzes Blut verlor. Die verblüffte Verwirrung auf seinem Gesichte war so überaus komisch gewesen, daß Dick und Torpenhow, noch keuchend und abgespannt nach einem Kampfe um ihr Leben, in lautes Gelächter ausbrachen, in welches der Mann einstimmen wollte, wie es schien, doch als er seine Lippen zu einem blöden Grinsen öffnete, trat der Todeskampf ein und er stürzte stöhnend zu ihren Füßen. Dick mußte wieder lachen, als er an jenes Entsetzen dachte. Es kam ihm genau wie sein eigener Fall vor. »Aber es ist mir etwas mehr Zeit bewilligt,« sagte er. Er ging im Zimmer auf und ab, zuerst ruhig, bald aber, von Furcht ergriffen, mit eiligen Schritten, Es war ihm, als ob ein schwarzer Schatten neben ihm schritt und ihn antrieb, weiter zu gehen, während vor seinen Augen nur drehende Kreise und spitze Punkte sich hin und her bewegten. »Wir müssen ruhig sein, Binkie, wir müssen ruhig sein.« Er sprach ganz laut, um sich zu zerstreuen. »Dies ist durchaus nicht besonders hübsch. Was sollen wir anfangen? Wir müssen irgend etwas thun. Unsere Zeit ist kurz. Ich hätte das heute morgen nicht gedacht, aber jetzt liegen die Dinge anders. Binkie, wo war Moses, als das Licht erlosch?«

Binkie lächelte von einem Ohr zum andern, wie ein wohl erzogener Teckel, erhob indes keinen Einwand.

»Wenn noch Raum und Zeit genug vorhanden wäre, Binkie, so würde diese Scheu kein Verbrechen sein … Aber hinter mir höre ich stets –« Er wischte sich die Stirn ab, die ganz feucht geworden. »Was soll ich thun? Was soll ich thun? Ich habe keinen Begriff mehr und kann nicht zusammenhängend denken, doch muß ich irgend etwas thun, oder ich verliere den Verstand.«

Dick begann wieder rasch hin und her zu wandern, dann hielt er von Zeit zu Zeit an und zog lange vergessene Bilder und alte Notizbücher hervor; denn instinktmäßig hatte er sich seiner Arbeit zugewendet als einer Sache, die nicht versagen konnte. »Das wird es nicht thun, und das auch nicht,« sagte er bei der Betrachtung eines jeden Bildes. »Keine Soldaten mehr, ich könnte sie jetzt nicht malen. Ein plötzlicher Tod trifft zu rasch, und dies ist Kampf und Mord zugleich für mich.«

Der Tag sank. Dick glaubte einen Augenblick, daß die Dämmerung des Blinden ihn unverhofft überfallen habe. »Allmächtiger Allah!« schrie er verzweiflungsvoll, »hilf mir über die Zeit des Wartens hinweg, und ich werde nicht jammern, wenn meine Strafe über mich kommt. Was kann ich jetzt thun, bevor das Licht erlischt?«

Er fand keine Antwort darauf. Dick wartete, bis er wieder einigermaßen Fassung erlangt hatte. Seine Hände zitterten, während er sich mit ihrer Festigkeit gebrüstet, er fühlte, wie seine Lippen bebten und der Schweiß über sein Gesicht herunterfloß. Er wurde von der Furcht gegeißelt und dabei von dem Verlangen vorwärts getrieben, sogleich irgend eine Arbeit zu unternehmen und zu vollenden, während er fast wahnsinnig wurde, daß sein Gehirn sich weigerte, etwas anderes zu thun, als fortwährend den Gedanken zu wiederholen, daß er erblinden müsse. »Es ist ein erniedrigender Zustand,« dachte er; »ich bin froh, daß Torp nicht hier ist, um ihn mit anzusehen. Der Doktor sagte, ich müßte jede geistige Aufregung vermeiden. Komm her, Binkie, und laß dich von mir hätscheln.«

Der kleine Hund bellte, weil Dick ihm beinah‘ die Haut zerquetschte. Darauf horte er, wie der Mann in der Dämmerung mit sich selbst sprach, und begriff als ein kluger Hund, daß diese Erregung ihn nicht betreffe.

»Allah ist gut, Binkie. Nicht ganz so gütig, wie wir es wohl wünschten, doch wollen wir später darüber reden. Ich denke, ich sehe jetzt, was ich zu thun habe. Alle diese Studien von Bessies Kopf waren Unsinn und brachten deinen Herrn fast in die Klemme. Ich habe die Idee jetzt so klar wie Kristall vor mir, – die Melancholie, die alle Vernunft übertrifft. In dein Kopfe soll Maisie erscheinen, weil ich niemals Maisie gewinnen werde; und natürlich auch Bessie, weil sie alles weiß, was Melancholie sagen will, obschon sie sich dessen nicht bewußt ist; auch etwas Anziehendes soll darin liegen und alles soll mit einem Lachen endigen. Das ist für mich selbst. Soll sie kichern oder grinsen? Nein, sie soll auf der Leinwand gerade herauslachen, und jeder, Mann wie Weib, der jemals Sorgen und Kummer hatte, soll – wie heißt es doch in dem Gedichte?

Versteht die Rede, und als Bruder fühlt
Euch eins in jedem unheilvollen Streit.

In jedem unglücklichen Kampfe? Das ist bester, als die Melancholie zu malen, nur um Maisie zu kränken. Ich kann es nicht, weil es nicht in mir liegt. Binkie, ich will dich jetzt beim Schwanze aufheben. Du bist ein Omen für mich. Komm her.«

Binkie hing stumm eine Minute lang mit dem Kopfe nach unten.

»Als wenn man ein Meerschweinchen in die Höhe hielte; aber du bist ein braver kleiner Hund und bellst nicht, wenn man dich hoch hebt. Es ist ein Omen.«

Binkie ging auf seinen Stuhl und sah, so oft er aufblickte, wie Dick auf und ab ging, sich die Hände rieb und kicherte. An jenem Abende schrieb Dick an Maisie einen Brief voll der zärtlichsten Besorgnis für ihre Gesundheit, während er nur sehr wenig über seine eigene sagte, und träumte dann von seiner zu schaffenden Melancholie. Erst gegen Morgen entsann er sich, daß ihm in der Zukunft ein Unglück zustoßen würde.

Er begann, leise pfeifend, zu arbeiten und versank ganz in die reine, ungetrübte Freude des Schaffens, die nicht zu häufig einem Menschen zu teil wird, damit er sich nicht seinem Gotte gleich dünkt und deshalb zu der ihm bestimmten Zeit nicht sterben will. Er vergaß Maisie, Torpenhow und den zu seinen Füßen liegenden Binkie, aber dachte daran, Bessie, die nur geringer Aufreizung bedurfte, zu fürchterlicher Wut anzureizen,, um die aufsprühenden Lichter in ihren Augen zu beachten. Ohne Rückhalt vertiefte er sich in seine Arbeit und dachte gar nicht an das Schicksal, das ihm bevorstand, denn er war ganz eingenommen von seinem Sujet, so daß die Dinge dieser Welt keine Gewalt über ihn besaßen.

»Sie sind heute lustig,« bemerkte Bessie.

Dick schwenkte seinen Malstock in geheimnisvollen Kreisen und ging nach dem Buffet, um etwas zu trinken. Gegen Abend, als die Aufregung des Tages sich gelegt, trat er wieder ans Buffet und gelangte nach einigen Besuchen desselben zu der Ueberzeugung, daß der Augenarzt ein Lügner sei, da er jeden Gegenstand sehr deutlich sehen konnte. Er war der Ansicht, daß er sogar ein Heim für Maisie schaffen könne und diese seine Frau werden sollte, ob sie wolle oder nicht. Diese Stimmung war am folgenden Morgen vorüber, doch das Buffet mit allem, was sich darauf befand, blieb zu seinem ferneren Gebrauche. Er setzte sich wieder an die Arbeit, und bald störten ihn seine Augen aufs neue durch Flecken, Striche und Punkte, bis er sich am Buffet Rats erholt und die Melancholie auf der Leinwand wie in seinem Geiste lieblicher als je erschien. Er empfand ein entzückendes Gefühl von Unverantwortlichkeit, wie diejenigen haben, die, während sie sich noch zwischen ihren Gefährten bewegen, wissen, daß das Todesurteil der Krankheit über sie ausgesprochen ist und ausgelassen fröhlich sind, da Furcht nur Vergeudung der kurzen Zeit wäre, die ihnen geblieben.

Die nächsten Tage verstrichen ohne irgend ein Ereignis. Bessie traf stets pünktlich ein und obschon es Dick so schien, als ob ihre Stimme ans einer ziemlichen Entfernung ertöne; so war ihr Gesicht ihm doch stets nahe, so daß die Melancholie bald aus der Leinwand zu leuchten begann; sie sah einem Weibe ähnlich, das allen Kummer auf der Welt hatte kennen gelernt und doch darüber lachte. Es war richtig, daß die Ecken des Ateliers sich in graue Schleier hüllten und allmälich in Dunkelheit verschwanden, daß die Punkte vor den Augen und die Schmerzen im Kopfe immer störender wurden, und Maisies Briefe immer mühsamer gelesen und noch schwieriger beantwortet werden konnten. Er konnte ihr nichts von seinem Unglück erzählen und sie nicht auslachen wegen ihrer eigenen Melancholie, die stets nahe daran war, fertig zu werden. Aber die Tage eifrigster Arbeit sowie die Nächte voll wilder Träume boten für alles Ersatz, während das Buffet sein bester Freund auf Erden wurde. Bessie war merkwürdig still und trübe. Sie schrie gewöhnlich vor Wut laut auf, wenn Dick sie zwischen seinen halb geschlossenen Augen anstarrte. Dann war sie wieder verdrießlich und betrachtete ihn voll Abscheu, nur hin und wieder ein Wort sprechend.

Torpenhow war seit sechs Wochen fort. Ein unzusammenhängendes Billet hatte seine Rückkehr verkündet. »Neuigkeiten, große Neuigkeiten!« schrieb er. »Nilghai kennt sie, ebenso Keneu. Wir sind am Donnerstag alle wieder zurück. Halten Sie das Frühstück bereit und bringen Sie Ihre Ausrüstung in Ordnung.«

Dick zeigte Bessie den Brief, worauf sie ihn ausschimpfte, daß er Torpenhow fortgeschickt und ihr Leben ruinirt hätte.

»Nun,« sagte Dick barsch, »Sie sind doch so besser daran, als wie auf der Straße mit der ersten besten betrunkenen Bestie Liebschaft zu haben.« Er fühlte, daß er Torpenhow vor einer großen Versuchung bewahrt hatte.

»Ich weiß nicht, ob das etwa schlechter ist, als bei einer betrunkenen Bestie in einem Atelier zu sitzen. Sie sind seit drei Wochen nicht nüchtern gewesen. Sie haben die ganze Zeit hindurch getrunken, und dennoch behaupten Sie, daß Sie besser wären als ich!«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Dick.

»Sagen? Sie werden es sehen, wenn Torpenhow zurück ist.«

Sie brauchten nicht lange zu warten. Torpenhow traf Bessie auf der Treppe, ohne daß er das Geringste bei ihrem Anblicke empfand. Er brachte eine Neuigkeit mit, die ihm mehr galt als alle Bessies auf der Welt, während Keneu und Nilghai hinter ihm herstampften und laut nach Dick riefen.

»Er hat getrunken wie ein Fisch,« flüsterte Bessie.

»Er ist beinahe seit einem Monate damit im Gange.« Sie folgte verstohlen den Männern, um deren Urteil zu hören.

Sie traten voll Freude ins Atelier, um in überströmender Weise von einem verfallenen, verschrumpften, hageren Menschen empfangen zu werden, – der unrasirt war, mit blauweißen Flecken um die Nasenflügel, hängenden Schultern und nervös unter den Augenbrauen zwinkernd. Das Trinken war ebenso eifrig am Werke gewesen wie Dick.

»Sind Sie das?« rief Torpenhow aus.

»Alles, was von mir übrig geblieben ist. Setzt Euch hin. Binkie befindet sich ganz vortrefflich, und ich habe eine gute Arbeit gemacht.« Er schwankte auf seinen Platz.

»Sie haben das Schlechteste gethan, was Sie jemals in Ihrem Leben ausgeführt, Menschenkind, Sie sind –«

Torpenhow wandte sich appellirend seinen Begleitern zu, worauf diese das Zimmer verließen, um sich wo anders um ein Frühstück umzusehen. Dann fing er zu sprechen an; doch da Vorwürfe eines Freundes eine viel zu heilige und intime Sache sind, um gedruckt zu werden, und Torpenhow Bilder und Metaphern gebrauchte, die unziemlich und unübersetzbar sind. so wird es niemals bekannt werden, was er wirklich zu Dick sagte, der blinzelte, winkte und in seine Hände schlug. Nach einiger Zeit fing der Schuldige an, die Notwendigkeit einzusehen, etwas Selbstachtung zu fühlen. Er war überzeugt, daß er in keiner Weise vom Pfade der Tugend abgewichen sei und außerdem Gründe vorhanden wären, von denen Torpenhow nichts wußte. Er wollte die Sache erklären.

Er stand auf, versuchte seine Schultern aufrecht zu halten, und sprach zu dem Mann, dessen Gesicht er kaum sehen konnte.

»Sie haben recht,« sagte er, »ich aber gleichfalls. Nachdem Sie fortgegangen, bekam ich mit meinen Augen zu schaffen. Ich ging deshalb zu einem Augenarzte, der eine Gasmaschine in mein Auge leuchten ließ. Das wäre schon von langer Zeit her. Er sagte: ›Narbe auf dem Kopfe – Säbelhieb und Sehnerv.‹ Merken Sie sich das wohl. Ich werde also erblinden. Ich muß eine Arbeit ausführen, bevor ich blind werde; ich kann jetzt nicht viel sehen, aber ich sehe noch vortrefflich, wenn ich betrunken bin. Ich wußte gar nicht, daß ich betrunken war, bis man mir es sagte, aber ich mußte an meinem Bilde weiter arbeiten. Wenn Sie es sehen wollen, dort ist es.«

Er deutete auf die fast vollendete Melancholie und erwartete den Beifall Torpenhows.

Dieser sagte nichts, so daß Dick leise zu wimmern begann aus Freude, Torpenhow wiederzusehen, aus Schmerz über schlechte Arbeit, – wenn es in der That eine schlechte Arbeit wäre, die Torpenhow zurückhaltend und teilnahmslos machte – und aus verletzter kindischer Eitelkeit, weil Torpenhow kein Wort des Lobes für sein wundervolles Bild hatte.

Bessie blickte nach längerer Zeit durch das Schlüsselloch und sah die beiden, wie gewöhnlich, auf und ab gehen, Torpenhows Hand auf Dicks Schulter. Bei diesem Anblicke sagte sie etwas so Unpassendes, daß es sogar Binkie verletzte, der geduldig auf dem Flur wartete in der Hoffnung, seinen Herrn wieder zu sehen.

Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Es war am dritten Tage nach Torpenhows Rückkehr, Das Herz war ihm schwer.

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie ohne Whisky nicht mehr bei der Arbeit sehen können? Gewöhnlich ist das Gegenteil der Fall.«

»Kann ein Trinker bei seiner Ehre schwören?« fragte Dick.

»Ja, wenn er ein so tüchtiger Mann gewesen ist wie Sie.«

»Dann gebe ich Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Dick, rasch seine ausgetrockneten Lippen bewegend. »Alter Herr, ich kann jetzt kaum Ihr Gesicht sehen, Sie haben mich während zwei Tagen nüchtern gehalten, – wenn ich überhaupt je betrunken war, – und ich habe nichts arbeiten können. Halten Sie mich nicht länger zurück, denn ich weiß nicht, wann meine Augen erlöschen. Die Flecken und Punkte sowie die Schmerzen quälen mich ärger als je. Ich schwöre Ihnen zu, daß ich alles ganz vortrefflich sehen kann, wenn ich – wenn ich mäßig aufgewunden bin, wie Sie es nennen. Geben Sie mir noch drei Sitzungen mit Bessie, sowie allen Stoff, dessen ich bedarf, und das Bild wird fertig sein. Ich kann mich nicht in drei Tagen töten; es bedeutet nur einen Anfall von D. T. (Delirium tremens) schlimmsten Falles.«

»Wenn ich Ihnen drei Tage gestatte, wollen Sie mir dann versprechen, mit jeder Arbeit aufzuhören und dem andern Dinge, ob das Bild nun fertig ist oder nicht?«

»Ich kann es nicht. Sie wissen gar nicht, welche Bedeutung dieses Bild für mich hat. Aber natürlich könnten Sie Nilghai zu Ihrem Beistande nehmen, mich zu Boden schlagen und festbinden. Ich würde gewiß nicht wegen des Whisky kämpfen, wohl aber für meine Arbeit.«

»Nun, dann machen Sie weiter. Ich gebe Ihnen drei Tage, aber Sie brechen mir fast das Herz.«

Dick kehrte zu seiner Arbeit zurück, wie ein Besessener sich abmühend; der gelbe Teufel des Whisky stand neben ihm und verjagte die Punkte vor seinen Augen. Die Melancholie war fast vollendet und alles, oder doch beinah‘ alles geworden, was er gehofft hatte. Dick scherzte mit Bessie, die ihn daran erinnerte, daß er »eine betrunkene Bestie« wäre; aber der Vorwurf berührte ihn gar nicht.

»Sie können das nicht begreifen, Beß. Wir sind nun in Sicht von Land und werden bald still liegen und über das nachdenken, was wir gemacht haben. Wenn das Bild fertig ist, will ich Ihnen die Bezahlung für drei Monate geben, und nächstens, wenn ich wieder eine Arbeit vorhabe – aber das gehört nicht hieher. Wird das Geld für drei Monate Sie bewegen, mich weniger zu hassen?«

»Nein, das wird es nicht! Ich hasse Sie und werde Sie stets hassen, Mr, Torpenhow wird nie mehr mit mir sprechen. Er ist immer beschäftigt, Karten und rot eingebundene Bücher durchzusehen.«

Bessie sagte nicht, daß sie Torpenhow von neuem in Belagerungszustand versetzt hatte, noch daß er, am Schlusse ihrer leidenschaftlichen Bitten, sie aufgehoben, ihr einen Kuß gegeben und sie vor die Thür gesetzt hatte, mit dem Bemerken, sie möchte doch nicht eine kleine Närrin sein. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte er in der Gesellschaft von Nilghai in Gesprächen über den in nächster Zeit stattfindenden Krieg, das Mieten von Transportschiffen und heimliche Vorbereitungen auf den Werften. Er wollte Dick nicht eher sehen, als bis das Bild vollendet sei.

»Er macht eine Arbeit ersten Ranges,« sagte er zu Nilghai; »dieselbe liegt gänzlich außerhalb seines bisherigen Genres. Aber ihretwegen allein trinkt er so infernalisch.«

»Thut nichts. Lassen Sie ihn mir allein. Wenn er wieder zur Vernunft gekommen ist, wollen wir ihn von hier fortbringen und ihn frische Luft einatmen lassen. Armer Dick! Ich beneide Sie nicht, Torp, wenn seine Augen erloschen sind.«

»Ja, es wird ein Fall sein von ›Gott helfe dem Manne, der an unsern Davie angekettet ist.‹ Das Schlimmste ist, daß wir nicht wissen, wann es geschehen wird; ich glaube, daß diese Ungewißheit, sowie die Erwartung mehr als alles übrige den armen Dick zum Whiskytrinken gebracht haben.«

»Wie würde der Araber grinsen, der ihm den Kopf eingeschlagen, wenn er das wüßte!«

»Er hat vollkommen Freiheit, zu grinsen, wenn er kann; er ist tot. Das ist jetzt ein armseliger Trost.«

Am Nachmittage des dritten Tages hörte Torpenhow, wie Dick nach ihm rief. »Alles fertig!« sagte er. »Ich habe es zu stande gebracht! Kommen Sie herein! Ist sie nicht eine Schönheit? Ist sie nicht lieb? Ich bin in die Hölle hinunter gestiegen, um sie zu erlangen; aber ist sie es nicht wert?«

Torpenhow erblickte den Kopf einer Frau, die lachte, einer Frau mit üppigen Lippen, hohläugig, die aus der Leinwand hervorlachte, wie Dick es beabsichtigt hatte.

»Wer lehrte Sie das zu malen?« rief Torpenhow aus. »Der Pinselstrich und das Sujet haben nichts zu schaffen mit Ihren bisherigen Arbeiten. Was für ein Gesicht das ist! Welche Augen und welche Unverschämtheit!« Unwillkürlich bog er seinen Kopf zurück und lachte der Frau zu. »Sie hat eingesehen, daß das Spiel vorbei ist, – ich glaube nicht, daß sie gute Zeiten davon gehabt hat, und jetzt macht sie sich nichts mehr daraus. Ist das nicht Ihre Idee?«

»Genau so.«

»Woher nahmen Sie den Mund und das Kinn? Dieselben gehören nicht Bessie.«

»Sie sind – von irgend jemand anderem. Aber ist es nicht gut? Ist es nicht verteufelt gut? War es nicht all des Whiskys wert? Ich habe es gemalt, ich ganz allein; es ist das Beste, was ich malen kann!« Er holte tief Atem und flüsterte: »Gerechter Gott! Was könnte ich nicht in zehn Jahren leisten, wenn ich das jetzt malen kann! Beiläufig, was halten Sie davon, Beß?«

Das Mädchen biß sich auf die Lippen. Sie war wütend auf Torpenhow, weil er gar keine Notiz von ihr genommen hatte.

»Ich denke, es ist gerade das abschreckendste, scheußlichste Ding, das ich jemals gesehen,« antwortete sie und wandte sich ab.

»Mehr, als Sie glauben, junges Weib. – Dick, es liegt in der Haltung des Kopfes eine Art von mörderischem, eigenartigem Ausdruck, den ich nicht verstehe,« sagte Torpenhow.

»Das ist ein Kunstgriff,« erwiderte Dick, kichernd vor Freude, daß er so vollständig verstanden worden. »Ich konnte einer kleinen Prahlerei nicht widerstehen. Es ist ein französischer Kunstgriff, den Sie nicht verstehen würden; aber man bringt ihn hervor, indem man rund um den Kopf eine Kleinigkeit drapirt und eine ganz geringe Verkürzung an einer Seite des Gesichts macht, von der Ecke des Kinnes bis zur Spitze des linken Ohres. Das und die Vertiefung des Schattens unter dem Ohrläppchen bilden den ganzen Kniff. Es ist ein offenbarer Kunstgriff; nachdem ich indes einmal die ganze Idee fest in mir aufgenommen, hielt ich mich berechtigt ihn anzuwenden. – O, du Schönheit!«

»Amen! Sie ist eine Schönheit. Ich fühle es.«

»So wird jedermann fühlen, der irgendwie Kummer hat,« sagte Dick, sich auf den Schenkel schlagend.

»Er wird dort seine Sorge erblicken und, bei Lord Harry, gerade, wenn er sich besonders kummervoll fühlt, sein Haupt zurückwerfen und lachen – wie sie lacht. Ich habe das Leben meines Herzens und das Licht meiner Augen in sie hineingelegt und kümmere mich nicht um das, was kommen wird. Ich bin erschöpft, furchtbar erschöpft und will mich schlafen legen. Nehmen Sie den Whisky fort, er hat ausgedient, und geben Sie Bessie sechsunddreißig Sovereigns und drei dazu auf gutes Glück. Decken Sie das Bild zu.«

Er fiel sofort auf der Chaiselongue in Schlaf, beinahe bevor er ausgesprochen hatte; sein Gesicht war ganz weiß und verstört, Bessie versuchte, Torpenhows Hand zu erfassen. »Werden Sie nie wieder mit mir sprechen?« fragte sie; doch Torpenhow blickte nur auf Dick.

»Was für eine gewaltige Eitelkeit der Mann besitzt! Ich will mich morgen seiner annehmen und viel aus ihm machen. Er verordnet es. – Eh! Was war das, Bessie?«

»Nichts. Ich will die Sachen hier etwas aufräumen und dann gehen. Sie konnten mir wohl die Bezahlung für drei Monate nicht jetzt gleich geben, wie? Er sagte, Sie sollten es thun.«

Torpenhow gab ihr einen Check und ging in sein eigenes Zimmer. Bessie räumte getreulich das Atelier auf, öffnete die Thür halb, um leichter entfliehen zu können, goß eine halbe Flasche Terpentin auf einen Wischlappen und fing an, das Gesicht der Melancholie damit abzureiben. Die Farbe wurde nicht rasch genug flüssig; sie nahm daher ein Palettemesser und kratzte die Farbe ab, jedem Strich mit dem feuchten Wischlappen folgend. In fünf Minuten war das Bild ein formloser, zusammengekratzter Schlamm von Farben geworden. Darauf warf sie den mit Farbe beschmierten Wischlappen in den Herd, streckte gegen den Schläfer ihre Zunge aus und flüsterte: »Angeführt!« worauf sie die Treppe hinunterlief. Sie wollte Torpenhow niemals wieder sehen, aber sie hatte wenigstens dem Manne Schaden zugefügt, der zwischen sie und ihr Verlangen getreten war und gewöhnlich seinen Scherz mit ihr getrieben hatte. Das Einkassiren des Checks war der Gipfelpunkt des Spasses für Bessie. Darauf segelte der kleine Freibeuter über die Themse und verschwand in der grauen Wildnis der Straßen südlich des Flusses.

Dick schlief bis spät in den Abend hinein, als Torpenhow ihn ins Bett schleppte. Seine Augen waren so klar, wie seine Stimme heiser klang. »Lassen Sie mich noch einmal das Bild ansehen,« sagte er bittend wie ein Kind.

»Sie gehen zu Bett,« entgegnete Torpenhow. »Sie befinden sich durchaus nicht wohl, obschon Sie es selbst kaum wissen mögen. Sie sind so herunter wie ein Kater.«

»Ich erhole mich schon bis morgen. Gute Nacht.«

Als er durch das Atelier zurückging, hob Torpenhow das Tuch über dem Bilde auf und hätte sich beinahe durch einen lauten Aufschrei verraten. »Ausgewischt! ausgekratzt und mit Terpentin abgewaschen! Wenn Dick das heute nacht erführe, würde er vollständig verrückt werden. Er ist so wie so schon am Rande des Abgrundes. Das ist Bessie gewesen – der kleine Teufel! Nur ein Weib hätte das thun können! Noch dazu während die Tinte auf dem Check noch naß war! Dick wird morgen wahnsinnig vor Wut sein. Ich allein bin daran schuld, weil ich versucht habe, Straßendirnen beizustehen. O, mein armer Dick, Gott schlägt Dich wirklich schwer!«

Dick konnte in jener Nacht nicht schlafen, teils aus reiner Freude und teils weil die ihm wohlbekannten Feuerräder in seinen Augen vielfarbigen berstenden Vulkanen Platz gemacht hatten. »Speit nur zu!« sagte er laut. »Ich habe mein Werk vollbracht, ihr könnt jetzt thun, was euch beliebt.« Er lag still, starrte auf die Zimmerdecke, während das lange zurückgehaltene Delirium des Trinkens in seinen Adern glühte, sein Gehirn in Flammen stand mit sich jagenden Gedanken und seine ausgetrockneten Hände sich ballten. Es kam ihm gerade so vor, als ob er das Gesicht der Melancholie aus einer sich drehenden Kuppel malte, die mit Millionen von Lichtern besät war, und alle diese wunderbaren Gedanken verkörpert viele hundert Fuß unterhalb seines schwachen schwankenden Brettes ständen, ihm zu Ehren einander zurufend, als etwas im Innern seiner Schläfe zerbarst, wie eine zu sehr angestrengte Sehne, während die glänzende Kuppel zusammenstürzte und er sich allein in dichter Finsternis befand.

»Ich will versuchen zu schlafen. Das Zimmer ist ganz dunkel. Wir wollen eine Lampe anzünden und sehen, wie die Melancholie aussieht. Es muß Mondschein sein.«

Darauf hörte Torpenhow, wie eine Stimme, die er in den polternden Tönen der Todesangst nicht erkannte, seinen Namen rief.

»Er sieht das Bild an,« war sein erster Gedanke, als er in das Schlafzimmer eilte, wo er Dick aufrecht sitzend und in der Luft mit den Händen umherschlagend fand.

»Torp! Torp! Wo sind Sie? Aus Mitleid, bitte, kommen Sie zu mir!«

»Was gibt es?«

Dick klammerte sich an seine Schulter an. »Was es gibt! Ich habe hier stundenlang im Finstern gelegen und Sie hörten mich nicht. Torp, alter Freund, gehen Sie nicht fort. Ich befinde mich ganz im dunkeln – im dunkeln sage ich Ihnen!«

Torpenhow hielt die Kerze einen Fuß von Dicks Augen, doch in diesen war kein Licht vorhanden. Er zündete das Gas an, und Dick hörte die Flamme knistern. Der Griff seiner Finger auf Torpenhows Schulter ließ diesen zusammenzucken.

»Verlassen Sie mich nicht. Sie wollen mich jetzt nicht allein lassen, nicht wahr? Ich kann nichts sehen. Verstehen Sie wohl? Es ist alles schwarz – ganz schwarz – und ich habe ein Gefühl, als ob ich tief hinunter fiele.«

»Standhaft, Freund!« Torpenhow legte seinen Arm um Dick und begann ihn sanft hin und her zu schaukeln.

»Das thut gut. Sprechen Sie jetzt nicht. Wenn ich mich eine Zeit lang ganz ruhig verhalte, wird die Dunkelheit aufhören. Es scheint gerade so, als ob sie dazu im Begriff wäre. Still!« Dick runzelte die Augenbrauen und starrte verzweiflungsvoll vor sich hin. Die Nachtluft erstarrte Torpenhows Füße.

»Können Sie eine Minute so bleiben?« fragte er. »Ich will meinen Hausrock und ein paar Pantoffeln anziehen.«

Dick umklammerte das Kopfende des Bettes mit beiden Händen und wartete, daß die Dunkelheit verschwinden würde. »Wie lange Sie fort gewesen sind!« schrie er, als Torpenhow zurückkehrte. »Es ist noch so schwarz wie vorhin. Womit stoßen Sie denn gegen die Thür?«

»Eine Chaiselongue, – eine Pferdedecke, – ein Kissen. Ich will bei Ihnen schlafen. Legen Sie sich jetzt nieder; am Morgen wird Ihnen besser sein.«

»Nein, das werde ich nicht!« Die Stimme erhob sich zu einem Jammern. »Mein Gott! Ich bin blind! Ich bin blind, und die Finsternis wird niemals aufhören!«

Er that so, als ob er aus dem Bett springen wollte, doch Torpenhow legte seine Arme um ihn, während sein Kinn auf Dicks Schulter ruhte, der nur das Wort »blind« keuchen und sich schwach hin und her bewegen konnte.

»Standhaft, Dickie, standhaft!« sagte die tiefe Stimme ihm ins Ohr, wahrend Torp ihn fester umfaßte. »Beißen Sie auf die Kugel, alter Freund, und lassen Sie die Leute nicht denken, daß Sie sich fürchten.« Dabei mußte er ihn immer fester fassen, so daß beide Männer schwer atmeten. Dick warf seinen Kopf von einer Seite zur andern und stöhnte.

»Lassen Sie mich los,« keuchte er. »Sie drücken nur die Rippen ein. Wir – wir müssen sie nicht glauben lassen, daß wir uns fürchten, – müssen wir – die ganze Macht der Finsternis und dieses Schicksal?«

»Legen Sie sich nieder. Es ist jetzt alles vorüber.«

»Ja,« sagte Dick gehorsam »Doch würden Sie mir wohl erlauben, Ihre Hand festzuhalten? Ich habe das Gefühl, als ob ich mich an irgend etwas festhalten müßte. Man fällt so tief durch die Finsternis.«

Torpenhow reichte ihm von der Chaiselongue aus seine Hand hinüber, die Dick fest umklammerte und nach einer halben Stunde einschlief. Torpenhow zog seine Hand zurück, beugte sich über Dick und küßte ihn sanft auf die Stirn, wie Männer wohl mitunter emen verwundeten Kameraden in seiner Todesstunde küssen, um ihm das Scheiden zu erleichtern. In der grauen Morgendämmerung hörte Torpenhow, wie Dick mit sich selbst sprach. Er trieb auf den uferlosen Fluten des Deliriums und sprach sehr schnell.

»Es ist ein Jammer – ein großer Jammer; aber es ist nicht zu ändern und muß gegessen werden, Master George. Die Blindheit allein genügt schon hinreichend, deshalb ist es offenbar notwendig, alle Melancholie und verkehrten Ansichten beiseite zu lassen, wie zum Beispiel die war, daß die Königin nicht unrecht thun könne. Torp weiß das nicht; ich werde es ihm erzählen, wenn wir etwas weiter in die Wüste gelangt sind. Was für eine Pfuscherei machen diese Bootsleute mit den Dampfertauen! In einer Minute werden sie eine vierzöllige Trosse durchgerieben haben. Ich sagte es Ihnen ja – da geht er hin! Weißer Schaum auf grünem Wasser, während der Dampfer herum wendet. Wie gut das aussieht! Ich will ihn zeichnen. Nein, ich kann nicht. Ich leide an einer Augenentzündung. Das war eine von den zehn Plagen Aegyptens und erstreckt sich sogar auf den Nil in Gestalt von Katarakten. Ja, das ist ein Spaß, Torp! Lache doch, Du feierliches Gesicht, und halte Dich klar von der Trosse … Sie wird Dich ins Wasser schleudern und Deine Kleider schmutzig machen, teure Maisie.«

»O!« sagte Torpenhow. »Das ereignete sich früher, in jener Nacht auf dem Strome.«

»Sie wird gewiß sagen, es sei meine Schuld, wenn Du voll Schlamm wirst, und Du bist nun nahe genug bei dem Wellenbrecher. Maisie, das ist nicht schön. Ah! Ich wußte ja. Du würdest vorbeischießen. Niedrig und nach links halten, Liebling. Aber Du hast keine Ueberzeugung, alles auf der Welt, nur keine Ueberzeugung. Werde doch nicht ärgerlich, Teuerste. Ich würde mir die Hand abhacken, wenn das Dir etwas anderes als diesen Eigensinn geben könnte. Meine rechte Hand, wenn es nützen würde.«

»Jetzt dürfen wir nicht horchen. Hier ist eine Insel, über Meere von Mißverständnissen nach Rache rufend. Aber sie ruft die Wahrheit, denke ich,« sagte Torpenhow. Das Schwatzen wurde fortgesetzt. Es bezog sich alles auf Maisie. Mitunter sprach Dick weitläufig über seine Kunst, dann verfluchte er sich selbst wegen seiner Thorheit, ein solcher Sklave zu sein. Er bat Maisie um einen Kuß – nur einen einzigen Kuß – bevor sie fortginge, und forderte sie auf, von Vitry-sur-Marne zurückzukehren; doch zwischen all seiner Raserei rief er Himmel und Erde zum Zeugen an, daß die Königin nicht unrecht thun könne.

Torpenhow hörte aufmerksam zu und erfuhr jede Einzelheit aus Dicks Leben, die ihm bisher verborgen geblieben. Drei Tage lang phantasirte Dick in dieser Weise über Vorgänge in seinem Leben, dann fiel er in einen natürlichen Schlaf.

»Was für Aufregungen hat der arme Kerl durchgemacht!« sagte Torpenhow. »Dick, von allen Männern sich wie ein Hund hingebend, wahrend ich ihn wegen Anmaßung heruntermachte! Ich hätte wissen müssen, daß es nichts nützt, einen Mann zu verurteilen. Doch ich that es. Was für ein Dämon muß dieses Mädchen sein! Dick hat ihr sein Leben gegeben – hol sie der Henker! – und sie hat ihm augenscheinlich nur einen Kuß gegeben.«

»Torp,« sagte Dick vom Bett aus, »gehen Sie aus und machen Sie einen Spaziergang, Sie sind hier zu lange gewesen. Ich will aufstehen. Ha! ist das verdrießlich; ich kann mich nicht selbst ankleiden. O, es ist zu albern!«

Torpenhow half ihm in die Kleider und führte ihn zu dem großen Sessel im Atelier. Er saß ruhig da und wartete mit angespannten Nerven, daß die Finsternis weichen möchte. Weder an jenem Tage noch in den nächsten wich dieselbe. Dick wagte einen Rundgang längs den Wänden. Er stieß seine Schienbeine gegen den Ofen, was ihn auf die Idee brachte, auf allen Vieren zu kriechen und eine Hand vor sich auszustrecken. Torpenhow fand ihn so auf dem Fußboden.

»Ich versuche, die Geographie meiner neuen Besitzungen kennen zu lernen,« sagte Dick. »Erinnern Sie sich des Negers, dem Sie in dem Carré das Auge ausdrückten? Schade, daß Sie das Auge nicht behalten haben; es würde nun von Nutzen sein. Sind Briefe für mich da? Geben Sie mir alle in dicken grauen Couverts mit einer Art von Krone auf der Außenseite. Sie sind nicht wichtig.«

Torpenhow gab ihm einen Brief mit einem schwarzen »M« auf dem Umschlage. Dick steckte denselben in die Tasche. Es stand nichts in dem Briefe, was Torvenhow nicht hätte lesen können, doch er gehörte ihm und Maisie, die ihm niemals gehören würde.

»Wenn sie sieht, daß ich nicht schreibe, so wird sie aufhören, mir zu schreiben. Es ist besser so. Ich kann ihr jetzt von gar keinem Nutzen sein,« dachte Dick, wahrend er die Versuchung fühlte, sie seinen Zustand wissen zu lassen. Jeder Nerv in ihm widersetzte sich. »Ich bin bereits tief genug gefallen und will nicht um Mitleid betteln. Außerdem würde es grausam gegen sie sein.«

Er bemühte sich, nicht mehr an Maisie zu denken; aber die Blinden haben vielfache Gelegenheiten, nachzudenken, und als in den langen unthätigen Tagen seine Kraft zurückkehrte, wurde Dicks Seele bis ins Innerste erregt. Ein zweiter und ein dritter Brief von Maisie trafen ein; dann folgte Schweigen, und Dick saß am Fenster, zu dem die warme Sommerluft hereindrang, und malte sich aus, wie ein anderer Mann, kräftiger als er, sie gewann. Seine Phantasie, um so kühner je finsterer der Hintergrund war, gegen den sie ankämpfte, ersparte ihm kein einziges Detail, das ihn rasend im Atelier auf und ab jagte, sich an dem Ofen stoßend, der an vier Stellen zugleich sich zu befinden schien. Das Schlimmste von allem war, daß ihm in der Dunkelheit der Tabak nicht schmeckte. Die Anmaßung des Mannes war verschwunden; an ihre Stelle war die Verzweiflung getreten, die Torpenhow kannte, und blinde Leidenschaft, die Dick in der Nacht seinem Kopfkissen anvertraute. Die Pausen zwischen den Ausbrüchen wurden ausgefüllt durch unerträgliches Warten und die Last unerträglicher Finsternis.

»Kommen Sie hinaus in den Park,« sagte Torpenhow. »Sie sind nicht draußen gewesen, seitdem die Geschichte angefangen hat.«

»Was hat das für einen Zweck? Im Dunkeln gibt es keine Bewegung; und außerdem –« er zögerte unentschlossen oben auf der Treppe, »wird irgend etwas mich umrennen.«

»Nicht, wenn ich bei Ihnen bin. Nur mutig vorwärts.« Der Lärm in den Straßen verursachte Dick nervösen Schrecken, so daß er sich fest an Torpenhows Arm anklammerte. »Es ist, als ob man mit dem Fuße nach einer Gosse fühlen müßte!« sagte er verdrießlich, als er in den Park eintrat. »Lassen Sie uns Gott verfluchen und sterben.«

»Den Schildwachen ist es verboten, unberechtigte Honneurs zu machen. Dort kommen die Garden!«

Dicks Gesicht wurde straff. »Lassen Sie uns näher heran gehen und sie betrachten. Gehen wir auf dem Grase vorwärts, ich kann die Bäume riechen.«

»Nehmen Sie sich vor der niedrigen Einfassung in acht. So ist es gut!« Torpenhow riß ein Büschel Gras aus und sagte: »Riechen Sie daran; ist es nicht gut?« Dick sog begierig den Duft ein. »Jetzt heben Sie Ihre Füße auf und laufen Sie.«

Sie näherten sich dem Regimente soweit es möglich war. Dicks Nasenflügel zitterten beim Klirren der Bajonette, die nicht aufgesteckt waren.

»Lassen Sie uns noch näher herangehen. Sie sind in Kolonne, nicht wahr?«

»Ja. Wie wissen Sie das?«

»Ich fühle es. O, meine Burschen! – meine schönen Burschen!« Er drängte vorwärts, als ob er sehen könne. »Ich könnte diese Leute sofort zeichnen. Wer wird sie jetzt zeichnen?«

»Sie werden in einer Minute abmarschiren. Erschrecken Sie nicht, wenn die Musik beginnt.«

»Ha! Ich bin kein Neuling. Nur das Stillschweigen verwundert mich. Näher, Torp, näher! O, mein Gott, was gäbe ich darum, sie noch einen Augenblick sehen zu können! Nur eine halbe Minute!«

Er konnte die bewaffnete Truppe fast in seinem Bereiche hören, konnte hören, wie der Paukenschläger den Tragriemen über seine Brust warf, als er die große Trommel vom Boden aufnahm.

»Er hat die Trommelstücke über seinem Kopfe gekreuzt,« flüsterte Torpenhow.

»Ich weiß, o, ich weiß! Wer sollte das besser wissen als wie ich! Still!«

Die Trommelstöcke fielen mit einem Bum! Bum! herunter, worauf die Mannschaft nach den Klängen der Musik vorwärts marschirte. Dick fühlte den Luftzug der sich bewegenden Masse in seinem Gesichte, hörte die Fußtritte und das Geräusch der sich an den Gürteln reibenden Brotbeutel. Die große Trommel markirte den Takt. Es war ein bekanntes Konzertstück, das einen ausgezeichneten Marsch im Geschwindschritt abgab.

Ein Mann muß er sein, stolz, stattlich und hoch.
        Ein Mann, mit Gewicht bedacht.
Muß sein bei klarem Verstande noch.
        Kommt Samstag er heim bei Nacht;
Er muß verstehn, mich zu lieben,
        Und er muß zu küssen verstehn;
Und wenn er genug für uns beide hat,
        Soll glücklich er sich sehn.

»Was gibt es?« fragte Torpenhow, als er sah,, wie Dick sein Haupt sinken ließ, nachdem der letzte Mann des Regiments abmarschirt war.

»Nichts. Ich fühle mich ein wenig ermattet von dem Laufen; das ist alles. Torp, bringen Sie mich zurück. Weshalb führten Sie mich hierher?«

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Nilghai war ärgerlich über Torpenhow. Dick war ins Bett geschickt worden – blinde Leute stehen immer unter den Befehlen von denjenigen, die sehen können – und hatte seit der Rückkehr aus dem Parke heftig über Torpenhow und die ganze Welt geflucht, weil er lebe und sehen könne, während er, Dick, im Tode des Blinden tot sei, der nur eine Last für seine Gefährten wäre. Torpenhow hatte etwas von einer Mrs. Gummidge gesagt, worauf Dick in größter Wut sich zurückgezogen, um drei uneröffnete Briefe von Maisie in den Händen hin und her zu drehen.

Nilghai, fett, dick und streitsüchtig, befand sich in Torpenhows Zimmern. Hinter ihm saß Keneu, der Große Kriegsadler, während zwischen ihnen eine große Karte lag, besteckt mit weiß- und schwarzköpfigen Nadeln.

»Ich hatte mich geirrt in Betreff des Balkans,« sagte Nilghai. »Aber in dieser Sache irre ich mich nicht. Unser ganzes Werk im südlichen Sudan muß noch einmal verrichtet werden. Das Publikum kümmert sich natürlich nicht darum, wohl aber die Regierung, die in aller Stille ihre Vorbereitungen trifft. Sie wissen das ebenso gut wie ich.«

»Ich entsinne mich, wie das Volk uns verwünschte, als unsere Truppen sich von Omdurman zurückzogen. Die Sache mußte früher oder später wieder aufgenommen werden. Ich kann aber nicht mitgehen,« sagte Torpenhow. Er deutete durch die offene Thür; es war sehr heiß an jenem Abende. »Können Sie mich deswegen tadeln?«

Keneu schnurrte, mit der Pfeife im Munde, wie ein großer, sich glücklich fühlender Kater.

»Ich tadle Sie nicht im mindesten. Es ist außerordentlich gütig von Ihnen, alles zusammengenommen, doch ein jeder – auch Sie, Torp – muß Rücksicht auf seine Arbeit nehmen. Ich weiß, daß es brutal klingt, doch Dick ist ausgeschlossen von der Rennbahn – herunter, erschöpft, es ist vorbei mit ihm für immer. Er besitzt etwas Geld und wird nicht verhungern; Sie können seinetwegen nicht Ihre Laufbahn aufgeben. Denken Sie an Ihren eigenen Ruf!«

»Dicks Ruf war fünfmal größer als der meinige und der Ihrige zusammengenommen.«

»Das kam davon, weil er seinen Namen unter jedes Ding setzte, das er gemacht. Jetzt ist das alles vorbei. Sie müssen sich bereit halten, fortzugehen. Sie können Ihre eigenen Preise stellen und liefern bessere Arbeit wie drei von uns.«

»Sie brauchen mir nicht zu erzählen, wie verlockend die Sache für mich ist. Ich werde eine Zeit lang hier bleiben und nach Dick sehen. Er ist so lustig wie ein Bär mit einem wunden Kopfe, aber ich glaube, er hat mich gern in seiner Nähe.«

Nilghai sagte etwas Unhöfliches über schwachköpfige Thoren, die ihre Laufbahn wegen anderer Thoren aufgeben. Torpenhow errötete ärgerlich. Die unausgesetzte Anstrengung bei der Pflege von Dick hatte seine Nerven gereizt.

»Es bleibt noch ein dritter Ausweg,« sagte Keneu nachdenklich. »Ziehen Sie denselben in Betracht und seien Sie kein größerer Thor, als es notwendig ist. Dick ist – oder war vielmehr – ein tüchtig gebauter Mann von mäßiger Anziehung und mit einer gewissen Kühnheit.«

»Oho!« bemerkte Nilghai, der sich an einen Vorfall in Kairo erinnerte. »Ich fange an zu sehen – Torp, es thut mir leid.«

Torpenhow nickte verzeihend. »Es that Ihnen noch mehr leid, als er Sie ausstach. Doch, fahren Sie fort, Keneu.«

»Ich habe oft gedacht, wenn ich Männer draußen in der Wüste sterben sah, daß, wenn die Nachrichten rascher verbreitet werden könnten und die Transportmittel schneller bei der Hand wären, sich mindestens eine Frau am Bette eines jeden Mannes befinden würde.«

»Da würde es manche höchst seltsame Offenbarungen geben. Lasset uns dankbar sein für die Dinge, wie sie sind,« bemerkte Nilghai. »Lasset uns lieber überlegen, ob Torpenhows unbeholfene Dienste genau das sind, was Dick gerade jetzt nötig hat. Wie denken Sie selbst darüber, Torp?«

»Ich weiß, daß sie es nicht sind. Aber was kann ich thun?«

»Die Sache uns als Gerichtshof vorlegen. Wir alle hier sind Dicks Freunde. Sie wissen am meisten aus seinem Leben.«

»Aber ich erfuhr es, als er nicht bei Besinnung war.«

»Um so mehr ist anzunehmen, daß es wahr ist. Ich glaubte, wir würden zum Ziele gelangen. Wer ist sie?«

Darauf berichtete Torpenhow als ein erfahrener Spezialkorrespondent in klaren Worten, was er wußte. Die beiden Männer hörten zu, ohne ihn zu unterbrechen.

»Ist es möglich, daß ein Mann nach Jahren wieder zu seiner Knabenliebe zurückkehren kann?« bemerkte Keneu. »Ist es wirklich möglich?«

»Ich berichte die Thatsachen. Er spricht jetzt gar nicht darüber, aber er sitzt da und zerdrückt drei Briefe von ihr in den Händen, wenn er denkt, daß ich nicht hinsehe. Was soll ich dabei thun?«

»Reden Sie mit ihm?« sagte Nilghai.

»O ja! An sie schreiben – ich weiß nicht einmal ihre genaue Adresse, bedenken Sie – und sie auffordern, ihn aus Mitleid bei sich aufzunehmen. Ich glaube, Nilghai, Sie sagten einmal zu Dick, er thäte Ihnen leid. Erinnern Sie sich noch, was da geschah, wie? Gehen Sie doch ins Schlafzimmer und schlagen Sie ihm ein volles Geständnis vor, sowie eine Berufung an diese Maisie, wer sie auch sein möge. Ich glaube ganz bestimmt, daß er versuchen würde, Sie zu töten; und die Blindheit hat ihn noch kräftiger gemacht.«

»Torpenhows Kurs liegt vollständig klar da,« sagte Keneu. »Er wird nach Vitry-sur-Marne gehen, das an der Bezières-Landes-Bahn liegt, einer einfachen Zweigbahn von Tourgus. Die Preußen schossen es 1870 in Brand, weil eine Pappel auf dem Gipfel eines Hügels stand, achtzehnhundert Ellen vom Kirchturm entfernt. Es liegt eine Eskadron Kavallerie dort in Garnison. Wo dieses Atelier sich befindet, von dem Torp gesprochen, kann ich nicht sagen; das ist Torps Sache. Ich habe ihm seinen Weg vorgezeichnet. Er wird dem Mädchen ohne alle Uebertreibung die Lage auseinandersetzen und dasselbe wird darauf zu Dick zurückkehren, um so mehr, da, um Dicks Worte zu gebrauchen, ›nichts als ihr verdammter Eigensinn sie von einander entfernt hält.‹«

»Dann haben sie zusammen auch vierhundertundzwanzig Pfund jährlich. Dick verlor – selbst nicht in seinem Delirium – nie den Kopf vor Gesichtern. Sie haben nicht die geringste Entschuldigung, nicht gehen zu können,« sagte Nilghai.

Torpenhow sah sehr unbehaglich aus. »Aber es ist thöricht und unmöglich. Ich kann sie doch nicht bei den Haaren zurückschleppen.«

»Unser Geschäft – das Geschäft, für welches wir unser Geld beziehen – ist ja, thörichte und unmögliche Dinge auszuführen, im allgemeinen ohne irgend einen andern Grund, als um das Publikum zu unterhalten. Hier haben wir einen Grund; das übrige thut nichts zur Sache. Ich will in dieser Wohnung mit Nilghai bleiben, bis Torpenhow zurückkehrt. Binnen kurzem wird eine ganze Schar von Spezialkorrespondenten aller Art nach London kommen, und dies hier kann als ihr Hauptquartier dienen. Ein zweiter Grund, Torpenhow fortzuschicken. Also, die Vorsehung hilft denen, die anderen helfen, und« – hier ließ Keneu seine Stimme sinken – »wir können nicht zugeben, daß Sie, wenn der Feldzug beginnt, mit einem Bein an Dick festgebunden sind. Es ist die einzige Möglichkeit für Sie, fortzukommen, und Dick wird Ihnen dankbar dafür sein.«

»Gewiß wird er das – um so schlimmer! Ich kann nur Hinreisen und es versuchen. Ich kann nicht begreifen, wie eine Frau bei gesundem Verstände Dick abweist.«

»Sprechen Sie darüber mit dem Mädchen. Ich habe gesehen, wie Sie ein böses Mahdiweib durch Schmeicheln dahin brachten, daß es Ihnen Datteln gab. Diese Sache hier wird nicht den zehnten Teil so schwierig sein. Es wäre besser, Sie würden morgen nachmittag nicht mehr hier sein, weil Nilghai und ich dann von diesen Zimmern Besitz ergreifen wollen. Es ist ein Befehl. Gehorchen Sie!«

»Dick,« sagte Torpenhow am folgenden Morgen, »kann ich irgend etwas für Sie thun?«

»Nein! Lassen Sie mich allein! Wie oft muß ich Sie daran erinnern, daß ich blind bin?«

»Könnte ich nirgends wohin gehen, um Ihnen etwas zu holen oder zu besorgen?«

»Nein. Ziehen Sie diese höllisch knarrenden Stiefel aus!«

»Armer Bursch!« sagte Torpenhow vor sich hin. »Wie sehr muß ich in letzter Zeit seine Nerven gereizt haben! Er bedarf eines leichteren Trittes.« Darauf fügte er laut hinzu: »Nun gut! Da Sie so unabhängig sind, will ich auf vier bis fünf Tage fortgehen. Sagen Sie mir doch wenigstens Adieu. Der Hausmeister wird nach Ihnen sehen und Keneu wohnt in meinen Zimmern.«

Dicks Gesicht verfinsterte sich. »Sie werden nicht länger als eine Woche fortbleiben? Ich weiß, daß ich in schlechter Stimmung mich befinde, doch ich kann ohne Sie nicht zurecht kommen.«

»Wirklich nicht? Sie werden binnen kurzem ohne mich fertig werden und froh sein, daß ich fortgegangen bin.«

Dick fühlte sich nach dem großen Armstuhle hin und wunderte sich, was diese Worte bedeuten könnten. Er wünschte nicht, von dem Hausmeister gepflegt zu werden, wahrend er Torpenhows ausdauernde Fürsorge noch in sich fühlte. Er wußte nicht genau, was ihm mangelte. Die Dunkelheit wollte nicht weichen und Maisies uneröffnete Briefe wurden von dem fortwährenden Hinundherwenden mürbe. So lange er lebte, würde er dieselben niemals lesen können; doch hätte ihm Maisie einige frische Briefe schicken können, um damit zu spielen. Nilghai trat mit einem Geschenk ein – einem Stück roten Modellirwachses. Er glaubte, Dick würde Interesse darin finden, seine Hände damit zu beschäftigen. Dick betastete und beklopfte den Stoff einige Minuten lang und sagte dann traurig: »Gleicht es irgend einem Dinge auf der Welt? Nehmen Sie es fort! Ich kann das feine Gefühl der Blinden vielleicht in fünfzig Jahren erlangen. Wissen Sie, wohin Torpenhow gegangen ist?«

Nilghai wußte nichts. »Wir bleiben in seinen Zimmern, bis er zurückkommt. Können wir irgend etwas für Sie thun?«

»Ich möchte am liebsten allein gelassen werden. Halten Sie mich nicht für undankbar, aber es ist mir am angenehmsten, wenn ich allein bin.«

Nilghai lächelte, während Dick sein träges Hinbrüten und seine plötzliche Auflehnung gegen das Schicksal wieder aufnahm. Seit längerer Zeit hatte er aufgehört, an die Arbeit zu denken, die er in früheren Tagen ausgeführt; auch der Wunsch, weiter zu schaffen, hatte ihn verlassen. Er war außerordentlich traurig über sein Los, während die Größe seines Herzenskummers dasselbe etwas milderte. Aber seine Seele wie sein Leib schrieen nach Maisie – Maisie, die ihn verstehen könne. Sein Verstand sagte ihm, daß Maisie, die ihre eigene Arbeit zu verrichten habe, sich nicht um ihn sorgen könne. Seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß, wenn die Geldmittel erschöpft waren, die Frauen fortgingen, und daß, wenn ein Mann aus der Bahn gestoßen worden, die übrigen auf ihn traten.

»Sie könnte mich dann wenigstens verwenden, wie ich Binat verwendete – als eine Art von Studie,« sagte sich Dick. »Ich wollte gar nicht mehr verlangen, als wieder in ihrer Nähe zu sein, selbst wenn ich wüßte, daß ein anderer Mann ihr Liebhaber wäre. Ach, was bin ich doch für ein Hund!«

Eine Stimme auf der Treppe begann fröhlich zu singen, während das Geräusch von Fußtritten ertönte, Torpenhows Thür zugeworfen wurde und Stimmen in eifrigem Gespräch sich hören ließen. Eine derselben rief: »Sehen Sie, meine wackeren Leutchen, ich habe eine neue Wasserflasche erfunden – Patent erster Klasse – wie, was sagen Sie? Sie öffnet sich selbst von innen.«

Dick sprang auf; er kannte diese Stimme ganz genau. »Das ist Cassavetti, der vom Festlande zurückgekehrt ist. Jetzt weiß ich, weshalb Torp fortgegangen ist. Es gibt irgendwo einen neuen Feldzug und – ich kann nicht mit.«

Nilghai befahl vergebens Schweigen.

»Das geschieht meinetwegen,« sagte Dick bitter. »Die Vögel sind bereit, auszufliegen, und wollen es mir nicht sagen. Ich kann Morton Sutherland und Mackay hören. Die Hälfte der Kriegskorrespondenten in London ist dort – und ich kann nicht mit.«

Er stolperte über den Flur und fiel fast in Torpenhows Zimmer. Er fühlte, daß dasselbe voll Leute war. »Wo ist der Krieg?« fragte er. »Endlich in den Balkanländern? Weshalb hat keiner von euch es mir gesagt?«

»Wir dachten, es würde Sie nicht interessiren,« antwortete Nilghai, der sich etwas schämte. »Im Sudan wird er sein wie gewöhnlich.«

»Ihr glücklichen Kerle! Laßt mich hier sitzen, während ihr plaudert. Ich werde kein Skelet beim Feste sein. – Cassavetti, wo sind Sie? Ihr Englisch ist noch ebenso schlecht wie früher.«

Man führte Dick zu einem Sessel. Er hörte das Rascheln der Karten, während das Gespräch weiter ging und ihn mit fortriß. Alle sprachen zugleich über die Zensur der Presse, Eisenbahnlinien, Transporte, Wasserversorgung, die Fähigkeiten der Generale – letzteres in Ausdrücken, die ein vertrauensvolles Publikum entsetzt haben würden – prahlend, streitend und lachend, so laut sie konnten. Jeden Augenblick erklang die glorreiche Gewißheit eines Krieges im Sudan. Nilghai sagte es, und es wäre wohl gut, sich bereit zu halten. Keneu hatte bereits nach Kairo telegraphirt, um Pferde zu bestellen; Cassavetti hatte ein ganz ungenaues Verzeichnis derjenigen Truppen gestohlen, die zu dem Feldzuge bestimmt waren, und las dasselbe unter allerlei Unterbrechungen vor, während Keneu Dick einen unbekannten Herrn vorstellte, der als Kriegsmaler von dem Central Southern Syndikate verwendet werden sollte. »Es ist sein erster Feldzug,« bemerkte Keneu. »Geben Sie ihm einige Winke über das Reiten auf Kamelen.« »O, diese Kamele!« stöhnte Cassavetti. »Ich werde wieder lernen müssen, dieselben zu reiten, und bin jetzt doch so zart und weich geworden! Hört, ihr wackeren Burschen! Ich kenne eure militärischen Vorbereitungen sehr gut. Die Royal Argalshire Sutherländer werden ebenfalls dort sein. Ich habe es aus der besten Quelle.«

Ein Ausbruch von Gelächter unterbrach ihn. »Setzen Sie sich hin,« rief Nilghai. »Die Listen sind noch nicht festgestellt im Kriegsdepartement.«

»Wird in Suakim ein Truppencorps sich befinden?« rief eine Stimme.

Ein allgemeines Stimmengewirr erhob sich darauf: »Wie viel ägyptische Truppen wird man verwenden? – Gott stehe den Fellahs bei! – In den Plumsteadsümpfen gibt es eine Eisenbahn, die ihren Dienst thut wie ein Uhrwerk! – Endlich wird auch die Linie Suakim-Berber gebaut werden, – Kanadische Reisende sind zu vorsichtig. Gebt mir einen halb betrunkenen Krumann in einem Walfischboot! – Wer kommandirt die Wüstenkolonne? – Nein, man sprengte niemals den großen Felsen in der Krümmung bei Ghineh. Wir werden wie gewöhnlich hinauf bugsirt werden. – Einer von euch sage mir, ob ein indisches Kontingent dort sein wird, oder ich will jedermann den Kopf einschlagen. – Reißen Sie die Karte nicht entzwei. – Es ist ein Occupationskrieg, sage ich Ihnen, um mit den afrikanischen Gesellschaften im Süden in Verbindung zu kommen. – In den meisten Brunnen und Quellen auf jener Route kommt der Guineawurm vor.« Darauf heulte Nilghai, der verzweifelte, die Ruhe herzustellen, wie ein Nebelhorn und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch.

»Aber was wird aus Torpenhow?« fragte Dick, als es endlich still geworden.

»Torp ist gerade jetzt noch unentschieden. Er ist irgendwo mit einer Liebelei beschäftigt, vermute ich,« erwiderte Nilghai.

»Er sagte, er wolle zu Hause bleiben,« sagte Keneu.

»So?« rief Dick mit einem Fluche aus. »Er wird es nicht thun. Ich bin jetzt nicht viel wert, aber wenn Sie und Nilghai ihn zurückhalten wollen, so werde ich ihn so lange bearbeiten mit Händen und Füßen, bis er Vernunft annimmt. Er zurückbleiben, in der That! Er ist der beste von euch allen. Bei Omdurman wird es ein hartnäckiges Stück Arbeit geben. Wir werden diesesmal dort bleiben. Doch ich vergaß. Ich wollte, ich könnte mit euch gehen.«

»Das wünschen wir alle, Dickie,« sagte Keneu.

»Und ich am meisten von allen,« bemerkte der neu engagirte Künstler des Central Southern Syndikates. »Könnten Sie mir sagen –«

»Ich will Ihnen einen guten Rat geben,« erwiderte Dick, während er nach der Thüre zu ging. »Wenn es Ihnen passirt, bei einem Scharmützel, einen Hieb über den Kopf zu erhalten, so pariren Sie ihn nicht, sondern sagen Sie dem Manne, er solle nur weiter hauen. Sie werden finden, daß es schließlich am billigsten ist. Danke, daß Sie mich hereingeführt haben.«

»Dieser Dick hat Verstand,« sagte Nilghai eine Stunde später, als alle, mit Ausnahme von Keneu, ihn verlassen hatten.

»Es war der heilige Ruf der Kriegstrompete. Bemerkten Sie, wie er denselben erwiderte? Armer Kerl! Wir wollen nach ihm sehen,« sagte Keneu.

Die Aufregung infolge des Gespräches war verschwunden. Dick saß am Tische im Atelier, mit dem Kopf auf den Armen, als die beiden Freunde eintraten. Er veränderte seine Stellung nicht.

»Es thut weh,« stöhnte er. »Gott verzeihe mir, aber es thut grausam weh; und doch hat die Welt ein Geschick, alles durch sich selbst herumzuwirbeln, wie ihr wißt. Werde ich Torp noch sehen, bevor er fortgeht?«

»O, gewiß werden Sie ihn sehen,« entgegnete Nilghai.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

»Maisie, gehen Sie zu Bett.«

»Es ist so heiß, ich kann nicht schlafen. Quälen Sie mich nicht.«

Maisie lehnte sich mit den Ellenbogen aufs Fensterbrett und blickte auf den im Mondlicht liegenden geraden, von Pappeln eingefaßten Weg. Der Sommer hatte Vitry-sur-Marne völlig ausgedörrt; das Gras auf den Wiesen war verbrannt, die Kreide an den Ufern des Flusses war zu Ziegeln gebrannt, die Blumen an den Seiten des Weges waren seit langer Zeit verdorrt und die Rosen im Garten hingen vertrocknet an ihren Stielen. Die Hitze in dem niedrigen kleinen Schlafzimmer unter der Dachrinne war fast unerträglich. Das Mondlicht an den Wänden von Kamis Atelier über der Straße schien die Nacht noch heißer zu machen, während der Schatten des großen Glockengriffes an der geschlossenen Thüre einen Strich von schwarzer Tinte bildete, der Maisies Auge beleidigte.

»Abscheuliches Ding! Es müßte alles weiß sein,« murmelte sie. »Auch ist die Thür nicht in der Mitte der Wand. Ich habe das früher gar nicht bemerkt.«

Es war Maisie in dieser Stunde nichts recht zu machen. Erstens hatte die Hitze der letzten Wochen sie sehr ermattet; dann war ihre Arbeit, und besonders die Studie eines weiblichen Kopfes, der die Melancholie darstellen sollte, nicht zur richtigen Zeit fertig geworden und unbefriedigend ausgefallen; drittens hatte Kami vor zwei Tagen vieles daran auszusetzen gehabt, und viertens hatte Dick, ihr Eigentum, seit länger als sechs Wochen nicht mehr an sie geschrieben. Sie war ärgerlich über die Hitze, über Kami, über ihre Arbeit, am meisten jedoch über Dick.

Sie hatte demselben dreimal geschrieben – jedesmal eine neue Bearbeitung ihrer Melancholie vorschlagend – und Dick gar keine Notiz von diesen Mitteilungen genommen. Sie war entschlossen, nicht mehr an ihn zu schreiben. Wenn sie im Herbst nach England zurückkehrte – denn ihr Stolz duldete keine frühere Rückkehr – würde sie mit ihm reden. Die Konferenzen an den Sonntagnachmittagen fehlten ihr mehr, als sie zugeben wollte. Alles, was Kami sagte, war: » Continuez, mademoiselle, continuez toujours!« und er hatte diesen langweiligen Rat während des ganzen heißen Sommers wiederholt, gerade wie eine Grille – eine alte graue Grille in einem schwarzen Alpakarocke, weißen Beinkleidern und einem mächtig großen Filzhute. Aber Dick war gebieterisch in ihrem kleinen Atelier in London auf und nieder geschritten und hatte zehnmal schlimmere Dinge als » continuez« gesagt, ehe er ihr den Pinsel aus der Hand nahm und ihr zeigte, worin sie geirrt. Sein letzter Brief enthielt, wie sich Maisie erinnerte, einige triviale Ratschläge, daß sie nicht in der Sonne Skizzen machen und kein Wasser in den Bauernhäusern am Wege trinken solle; und er hatte das nicht einmal, sondern dreimal gesagt – als ob er nicht wüßte, daß Maisie sich selbst in acht nehmen könne!

Aber womit war er beschäftigt, daß er keine Zeit hatte, an sie zu schreiben? Ein Murmeln von Stimmen auf der Straße veranlaßte sie, sich zum Fenster herauszulehnen. Ein Kavallerist von der kleinen Garnison der Stadt plauderte mit Kamis Köchin; der Mondschein glitzerte aus seiner Säbelscheide, die er in der Hand hielt, um ein störendes Klappern zu verhindern. Die Mütze der Köchin warf einen tiefen Schatten auf ihr Gesicht, das sich dicht bei dem des Soldaten befand. Dieser legte seinen Arm um ihre Taille, worauf das Geräusch eines Kusses erfolgte.

»Pfui!« sagte Maisie zurücktretend.

»Was gibt’s?« fragte das rothaarige Mädchen, das sich unruhig auf seinem Bette umherwarf.

»Nur einen Soldaten, der die Köchin küßt,« erwiderte Maisie. »Sie sind jetzt fortgegangen.« Sie lehnte sich wieder zum Fenster heraus und nahm einen Shawl über ihr Nachtkleid zum Schutze gegen die Kälte, denn es wehte eine leichte Nachtbrise. Wäre es möglich, daß Dick seine Gedanken von ihrer und seiner eigenen Arbeit abgewendet hätte, um so tief zu sinken wie Susanne und der Soldat? Das konnte er nicht! Dick konnte es nicht; »weil,« dachte Maisie, »er mir gehört, mir. Er sagte es ja selbst. Es ist wahr, ich bekümmere mich nicht um das, was er thut; es wird nur seiner Arbeit schaden und der meinigen dazu, wenn er es thut.«

Es war durchaus kein Grund vorhanden, weshalb Dick sich nicht belustigen sollte, wenn es ihm beliebte, ausgenommen, daß er durch die Vorsehung, die Maisie war, berufen worden war, Maisie bei ihrer Arbeit beizustehen. Ihre Arbeit bestand darin, Bilder zu malen, die zuweilen an englische Provinzialausstellungen geschickt wurden, wie die Notizen in den Katalogen bewiesen, und die der Salon unabänderlich zurückwies, wenn sie Kami so lange gequält hatte, bis er ihr gestattete, dieselben einzusenden. Ihre Arbeit für die Zukunft würde, wie es schien, darin bestehen, Bilder genau in ähnlicher Weise zu malen, die genau auf dieselbe Weise zurückgewiesen würden.

Das rothaarige Mädchen wälzte sich voll Verzweiflung aus seinem Bette und stöhnte: »Es ist zu heiß zum Schlafen.«

Genau auf dieselbe Weise. Sie würde dann ihre Jahre zwischen ihrem kleinen Atelier in England und Kamis großem Atelier in Vitry-sur-Marne zubringen. Nein, sie wollte zu einem andern Meister gehen, der sie zwingen würde, Erfolg zu haben, auf den sie ein Recht hatte, wenn geduldige Arbeit und verzweifelte Ausdauer jemand ein Recht zu etwas geben. Dick hatte gesagt, daß er zehn Jahre gearbeitet habe, um seine Kunst zu verstehen. Sie hatte ebenfalls zehn Jahre lang gearbeitet und zehn Jahre bedeuteten nichts. Dick hatte gesagt, zehn Jahre wären nichts – aber doch nur in Bezug auf sie selbst. Er hatte auch gesagt – dieser selbe Mann, der keine Zeit zum Schreiben finden konnte, daß er zehn Jahre auf sie warten wolle, und daß sie früher oder später zu ihm zurückkehren müsse. Er hatte dieses in einem albernen Brief über Sonnenstich und Diphtheritis gesagt und dann aufgehört zu schreiben. Er lief im Mondschein die Straßen auf und ab und küßte Köchinnen. Sie möchte ihm am liebsten jetzt gleich Vorwürfe machen – natürlich nicht in ihrem Nachtgewande, sondern gehörig gekleidet – streng und von oben herab. Aber wenn er andere Mädchen küßte, würde er sich gewiß nichts daraus machen, ob sie ihm Vorlesungen hielte oder nicht; er würde sie auslachen.

Maisie stützte ihr Kinn auf die Hand und entschied, daß gar kein Zweifel an der Schlechtigkeit Dicks bestehe. Um sich selbst zu rechtfertigen, begann sie, ganz unweiblich, den Beweis festzustellen. Es war da ein Knabe, der gesagt, daß er sie liebe; derselbe küßte sie auf die Wange bei einem gelben Seemohn, der mit dem Kopfe dazu genickt. Dann kam ein Zwischenraum; andere Männer hatten ihr gesagt, daß sie sie liebten – gerade, wenn sie am eifrigsten mit ihrer Arbeit beschäftigt gewesen. Darauf kehrte der Knabe zurück und hatte ihr gleich bei der zweiten Begegnung gesagt, daß er sie liebe. Dann hatte er – Aber es gab ja gar kein Ende mit all den Dingen, die er gethan. Er hatte ihr seine Zeit und sein Talent gewidmet, mit ihr über Kunst, Haushaltung, Technik, Theetassen, den Mißbrauch von Mixpickles als einem Reizmittel gesprochen und ihr den besten Pinsel aus Zobelhaaren geschenkt, den sie noch täglich benutzte; er hatte ihr guten Rat erteilt, von dem sie Gebrauch gemacht, und hin und wieder einen Blick ihr zugeworfen. Solch einen Blick! Den eines geprügelten Hundes, der auf ein Wort wartet, um zu den Füßen seiner Herrin zu kriechen. Für all das hatte sie ihm gar nichts gegeben, ausgenommen – hier wischte sie sich den Mund mit dem Aermel ihres Nachtkleides ab – die Erlaubnis, sie einmal zu küssen, noch dazu auf den Mund. Schmachvoll! War das nicht genug, mehr als genug? Und wenn es nicht der Fall, hatte er nicht die Schuld gelöscht dadurch, daß er nicht geschrieben und wahrscheinlich andere Mädchen geküßt?

»Maisie, Sie werden sich erkälten. Kommen Sie und legen Sie sich hin,« sagte die müde Stimme ihrer Gefährtin. »Ich kann nicht einschlafen, so lange Sie im Fenster liegen.«

Maisie zuckte mit den Schultern und antwortete nicht. Sie dachte über die Niedrigkeit von Dick und über andere Schlechtigkeiten nach, mit denen derselbe nichts zu schaffen hatte. Der hartherzige Mondschein würde sie doch nicht schlafen lassen. Derselbe lag wie kaltes Silber auf dem Oberlichte des Ateliers über der Straße; sie starrte unausgesetzt darauf hin. bis ihre Gedanken sich zu verwirren begannen. Der Schatten des großen Glockengriffs wurde bald kürzer, bald länger und verschwand, als der Mond hinter der Weide untertauchte, während ein Hase über den Weg nach seinem Lager hinkte. Darauf strich der Abendwind über das hohe Gras und brachte Kühlung mit sich; an den ausgetrockneten Flüssen brüllte das Vieh. Maisies Kopf sank auf das Fensterbrett; der Knoten ihres schwarzen Haares bedeckte ihre Arme.

»Maisie, wachen Sie auf; Sie werden sich erkälten.«

»Ja, Liebe; ja, Liebe.« Sie stolperte wie ein müdes Kind nach ihrem Bette und murmelte, als sie ihr Gesicht in den Kissen begrub: »Ich denke – ich denke … Aber er hätte doch schreiben müssen.«

Der Tag brachte die gewöhnliche Arbeit des Ateliers, den Geruch von Farbe und Terpentin, sowie die monotone Weisheit Kamis, der ein schwerfälliger, bleierner Künstler, aber ein goldener Lehrer war, wenn ihm der Schüler nur sympathisch erschien. Mit Maisie war das an jenem Tage nicht der Fall, so daß sie ungeduldig das Ende ihrer Arbeit erwartete. Sie wußte, wenn es kam, denn Kami würde seinen schwarzen Alpakarock hinten in einem Bündel zusammenraffen und mit mattblauen Augen, die weder Schüler noch Leinwand sahen, in die Vergangenheit zurückblicken, um die Geschichte eines gewissen Binat in Erinnerung zu bringen. »Sie alle haben es nicht so schlecht gemacht wie der,« würde er sagen. »Aber

Sie müssen daran denken, daß es nicht genügt, Methode zu haben, Kunst und Talent, oder dasjenige, was man Strich nennt, zu besitzen, sondern Sie müssen auch die Überzeugung haben, die die Arbeit an die Wand nagelt. Von den vielen Schülern, die ich gehabt,« – hier begannen die Schüler Heftzwicken loszumachen oder ihre Farben zusammenzupacken – »war Binat der beste. Alles, was Studium, Arbeit und Wissen geben können, besaß er, als er zu mir kam; nachdem er mich verlassen, konnte er alles leisten, was mit Farbe, Form und Kenntnis zu leisten ist, nur die Überzeugung fehlte ihm. Deshalb höre ich heute nichts mehr von Binat – dem besten meiner Schüler – und das ist schon lange her; deshalb werden Sie auch froh sein, heute nichts mehr von mir zu hören. Continuez, mesdemoiselles, und, vor allen Dingen, mit Überzeugung.«

Er ging in den Garten, um zu rauchen und über den verlorenen Binat zu trauern, als die Schüler und Schülerinnen sich in ihre verschiedenen Wohnungen zerstreuten oder im Atelier noch trödelten, um Pläne zu machen, wo sie die Kühle des Nachmittags genießen wollten.

Maisie blickte auf ihre unglückselige Melancholie, unterdrückte den Wunsch, derselben eine Grimasse zu machen, und eilte dann über die Straße, um einen Brief an Dick zu schreiben, als sie einen großen Mann auf einem weißen Militärpferde bemerkte. Wie Torpenhow es fertig gebracht hatte, im Laufe von vierundzwanzig Stunden seinen Weg zu den Herzen der in Vitry-sur-Marne liegenden Kavallerieoffiziere zu finden, mit ihnen über die Gewißheit einer glorreichen Revanche für Frankreich zu sprechen, den Colonel zu Thränen reinster Leutseligkeit zu rühren und das beste Pferd der Schwadron zu einem Ritte nach Kamis Atelier zu entlehnen, ist ein Rätsel, das nur Spezialkorrespondenten lösen können.

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte er. »Es scheint eine alberne Frage zu sein, aber ich kenne sie in der That nicht bei einem andern Namen: befindet sich hier eine junge Dame, die Maisie heißt?«

»Ich bin Maisie,« lautete die Antwort aus den Tiefen eines großen Sommerhutes.

»Ich muß mich selbst vorstellen,« sagte er, während das Pferd in dem blendend weißen Staube sich bäumte. »Mein Name ist Torpenhow. Dick Heldar ist mein bester Freund, und – und – Thatsache ist, daß er blind geworden ist.«

»Blind!« rief Maisie einfältig aus. »Er kann nicht blind sein!«

»Er ist seit beinahe zwei Monaten stockblind.« Maisie richtete ihr Gesicht auf, das ganz weiß geworden. »Nein, nein! Nicht blind! Ich will ihn nicht blind haben!«

»Würde Ihnen daran liegen, ihn selbst zu sehen?« fragte Torpenhow.

»Jetzt – sogleich?«

»O nein! Der Pariser Zug geht hier erst um acht Uhr abends durch. Es wird hinreichend Zeit sein.«

»Schickte Mr. Heldar Sie zu mir?«

»O nein, gewiß nicht! Dick würde etwas derartiges nicht thun. Er sitzt in seinem Atelier und dreht einige Briefe hin und her, die er nicht lesen kann, weil er blind ist.«

Ein erstickter Ton ließ sich unter dem Sonnenhute vernehmen, Maisie neigte ihren Kopf und ging in die Cottage, wo das rothaarige Mädchen auf dem Sofa lag und über Kopfweh klagte.

»Dick ist blind!« sagte Maisie, schnell atmend, als sie sich gegen eine Stuhllehne stützte. »Mein Dick ist blind!«

»Was?« rief das Mädchen aus, vom Sofa aufspringend.

»Ein Mann ist von England herüber gekommen, um es mir mitzuteilen. Er hat seit sechs Wochen nicht an mich geschrieben.«

»Werden Sie zu ihm gehen?«

»Ich muß wohl daran denken.«

»Denken! Ich würde nach London zurückkehren und ihn sehen, ich würde seine Augen küssen und wieder küssen, bis sie wieder gut würden! Wenn Sie nicht gehen, werde ich gehen. O, was rede ich doch so? Sie böse kleine Blödsinnige! Gehen Sie sofort zu ihm, gehen Sie!«

Torpenhows Genick bekam Blasen in der Sonne, dennoch bewahrte er ein Lächeln unendlicher Geduld, als Maisie mit unbedecktem Kopfe im Sonnenschein erschien.

»Ich komme,« sagte sie mit niedergeschlagenen Augen.

»Dann bitte ich, daß Sie diesen Abend um sieben Uhr an der Station in Vitry sind.« Das war ein Befehl von jemand, der gewöhnt war, daß man ihm gehorchte. Maisie erwiderte nichts, aber sie war dankbar dafür, daß es keine Möglichkeit gab, mit diesem großen Manne zu disputiren, der alles für bewilligt annahm und das unruhige Pferd mit einer Hand regierte. Sie kehrte zu dem rothaarigen Mädchen zurück, das bitterlich weinte, und mit Thränen, Küssen, Menthol, Einpacken und einer Unterredung mit Kami ging der schwüle Nachmittag vorüber. Die Gedanken konnten später kommen. Ihre augenblickliche Pflicht war, zu Dick zu gehen – Dick, der diesen wunderlichen Freund besaß, im Dunkeln saß und mit ihren uneröffneten Briefen spielte.

»Aber was werden Sie machen?« fragte sie ihre Gefährtin.

»Ich? O, ich werde hier bleiben und Ihre Melancholie vollenden,« sagte sie, traurig lächelnd.

»Schreiben Sie mir später.«

An jenem Abend lief ein Gerücht durch Vitry-sur-Marne von einem verrückten Engländer, der zweifellos am Sonnenstich litt, sämtliche Offiziere der Garnison unter den Tisch getrunken, ein Pferd aus den Stallen entliehen hatte und dann nach englischer Sitte mit einem von diesen mehr als verrückten englischen Mädchen, die unter der Leitung dieses guten Monsieur Kami Bilder zeichneten, davongelaufen war.

»Sie sind wirklich drollig,« sagte Susanne zu ihrem Soldaten im Mondschein hinter der Wand des Ateliers, »Sie ging immer mit diesen großen Augen umher, die nichts sahen, und doch küßte sie mich auf beide Wangen, als ob sie meine Schwester wäre, und schenkte mir – sieh – zehn Franken!«

Der Soldat erhob eine Kontribution von beiden Gaben, denn er war stolz darauf, ein guter Soldat zu sein.

Torpenhow sprach nur sehr wenig mit Maisie wahrend der Reise nach Calais, doch sorgte er aufmerksam für alle ihre Bedürfnisse, verschaffte ihr ein Coupé für sich und ließ sie allein. Er war überrascht, daß die ganze Angelegenheit so leicht ausgeführt worden war.

»Das beste wird sein, sie allein über die Sache nachdenken Zu lassen. Nach Dick zu urteilen, muß sie ihn ganz gehörig unter ihrem Befehl gehalten haben. Es wundert mich, daß sie jetzt so willig gehorcht.«

Maisie sprach kein Wort. Sie saß in dem leeren Coupé oft mit geschlossenen Augen, um sich das Gefühl der Blindheit zu vergegenwärtigen. Es war ein Befehl, daß sie rasch nach London zurückkehren sollte, und schließlich fing sie an, sich über die Situation zu freuen. Das war besser, als sich um das Gepäck und eine rothaarige Freundin zu bekümmern, die niemals das geringste Interesse für ihre Umgebung hatte. Aber es lag ein Gefühl in der Luft, als ob sie, Maisie, bei allen Leuten in Ungnade gefallen sei. Sie rechtfertigte ihr Benehmen sich selbst gegenüber mit vielem Erfolge, bis Torpenhow auf dem Dampfboote zu ihr kam und ohne jede Vorrede die Geschichte von Dicks Blindheit zu erzählen begann, nur einige Einzelheiten fortlassend, aber länger bei dem Elende des Delirirens verweilend. Er hielt inne, bevor er zu Ende war, als ob er das Interesse an dem Gegenstände verloren hätte, und ging nach vorn, um zu rauchen. Maisie war wütend über ihn und sich selbst.

In größter Eile wurde sie von Dover nach London befördert, beinahe, ohne daß ihr Zeit zum Frühstücken gelassen wurde, und dann höflichst gebeten, in einem Hausflur vor einigen Stufen zu warten, während Torpenhow hinaufging, um Erkundigungen einzuziehen. Wieder ließ das Bewußtsein, daß sie wie ein unartiges kleines Mädchen behandelt würde, ihre bleichen Wangen erröten. Alles war Dicks Schuld, daß er so albern gewesen, zu erblinden. Torpenhow führte sie dann zu einer verschlossenen Thüre, die er leise öffnete. Dick saß am Fenster mit auf die Brust herabgesunkenem Kinn; in seinen Händen befanden sich drei Briefumschläge, die er hin und her drehte. Der große Mann, der ihr so Befehle erteilt, stand nicht mehr an ihrer Seite, und die Thüre des Ateliers fiel hinter ihr ins Schloß.

Dick steckte die Briefe in seine Tasche, als er das Geräusch hörte. »Hallo, Torp! Sind Sie das? Ich bin so allein gewesen.«

Seine Stimme hatte die den Blinden eigentümliche Klanglosigkeit. Maisie drückte sich in eine Ecke des Zimmers. Ihr Herz pochte heftig, so daß sie eine Hand auf die Brust legte, um es ruhig zu halten. Dick starrte direkt auf sie hin; sie sah zum erstenmale, daß er blind sei. Ihre Augen in einem Eisenbahnwaggon schließen und sie wieder öffnen, wenn es ihr beliebte, war kindische Spielerei; dieser Mann war blind, obgleich seine Augen weit offen standen.

»Torp, sind Sie es? Man sagte mir, Sie würden kommen.« Dick sah verwirrt und etwas ärgerlich über dieses Stillschweigen aus.

»Nein, ich bin es nur,« lautete die Antwort in einem nur mit Mühe hervorgebrachten Flüstern. Maisie konnte kaum ihre Lippen bewegen.

»Hm!« sagte Dick gelassen, ohne sich zu rühren. »Das ist ein neues Phänomen. Ich gewöhne mich allmälich an die Dunkelheit, aber ich weigere mich, Stimmen zu hören.«

War er wahnsinnig, ebenso wie blind, daß er mit sich selbst sprach? Maisies Herz pochte noch ungestümer, und sie schnappte nach Luft. Dick stand auf und begann sich durch das Zimmer zu tasten, jeden Tisch und jeden Stuhl im Vorübergehen berührend. Einmal blieb er mit dem Fuße in einer rauhen Decke hängen und fluchte, während er niederkniete, um zu fühlen, was ihn am Weitergehen hinderte. Maisie erinnerte sich daran, wie er im Parke gegangen, als ob die ganze Erde ihm gehöre, wie er in ihrem Atelier vor zwei Monaten auf und ab geschritten und auf der Laufplanke des Kanaldampfers gelaufen war. Das Herzklopfen machte sie krank, während Dick näher kam, durch das Geräusch ihres Atemholens geleitet. Sie streckte unwillkürlich eine Hand aus, um ihn abzuwehren oder an sich zu ziehen, sie wußte selbst nicht, was von beiden. Die Hand berührte seine Brust; er prallte zurück, als ob er von einer Kugel getroffen worden wäre.

»Es ist Maisie!« schrie er aufschluchzend. »Was thun Sie hier?«

»Ich kam – ich kam – um Sie zu sehen.«

Dicks Lippen preßten sich zusammen.

»Wollen Sie sich denn nicht setzen? Sie sehen, ich habe Unglück mit meinen Augen gehabt und –«

»Ich weiß, ich weiß. Weshalb teilten Sie es mir nicht mit?«

»Ich konnte nicht schreiben.«

»Sie hätten es Mr. Torpenhow sagen sollen.«

»Was hat derselbe mit meinen Angelegenheiten zu schaffen?«

»Er brachte mich von Vitry-sur-Marne hierher. Er glaubte, ich wollte Sie sehen.«

»Wie, was ist vorgefallen? Kann ich irgend etwas für Sie thun? Nein, ich kann es nicht. Ich vergaß.«

»O, Dick, ich bin so betrübt! Ich bin gekommen, es Ihnen zu sagen und – Lassen Sie mich Sie wieder zu Ihrem Stuhle führen.«

»Thun Sie es nicht! Ich bin kein Kind. Sie thun das nur aus Mitleid. Ich beabsichtigte niemals, Ihnen etwas davon mitzuteilen. Ich bin jetzt zu nichts gut; es ist mit mir vorbei. Lassen Sie mich allein!«

Er griff sich zurück nach seinem Stuhle; seine Brust arbeitete, als er sich niedersetzte.

Maisie betrachtete ihn; die Furcht verschwand aus ihrem Herzen, um bitterer Scham Platz zu machen. Er hatte eine Wahrheit ausgesprochen, die das Mädchen während der eiligen Fahrt nach London vor sich selbst verborgen gehalten, denn es war in der That vorbei mit ihm – nicht gebieterisch erschien er mehr, sondern eher ein wenig abschreckend, kein Künstler mehr, der bedeutender war als sie, noch ein Mann, zu dem man aufblickte – nur ein Blinder, der in einem Stuhle saß und auf dem Punkte zu stehen schien, in Weinen auszubrechen. Sie war unendlich und aufrichtig betrübt seinetwegen – trauriger, als sie jemals in ihrem Leben wegen jemand gewesen – aber nicht betrübt genug, um ihre Worte zu verleugnen. Sie stand daher still und fühlte sich beschämt, sowie etwas getroffen, weil sie aufrichtig beabsichtigt hatte, daß ihre Reise siegreich endigen sollte, und jetzt fühlte sie nur Mitleid, nichts von Liebe.

»Nun?« fragte Dick, sein Gesicht abwendend. »Ich beabsichtigte niemals, Sie noch mit irgend etwas zu belästigen. Um was handelt es sich?«

Er war sich bewußt, daß Maisie nach Atem rang, aber er war ebenso unvorbereitet wie sie selbst auf den Sturm von Erregung, der folgte. Leute, die nicht leicht weinen können, vergießen unaufhaltsam Thränen, wenn die Quellen der großen Tiefe aufgeschlossen werden. Sie war in einen Stuhl gesunken und schluchzte, während sie ihr Gesicht mit den Händen bedeckte.

»Ich kann nicht – ich kann nicht!« rief sie verzweiflungsvoll aus. »Wirklich, ich kann nicht. Es ist nicht meine Schuld. Ich bin so betrübt, O, Dickie, ich bin so sehr betrübt.«

Dicks Schultern richteten sich auf, denn die Worte trafen ihn wie ein Peitschenschlag. Das Schluchzen dauerte fort. Es ist nicht gut, zu bemerken, daß man in der Stunde der Prüfung unterlegen oder zurückgewichen ist vor der Möglichkeit, Opfer bringen zu müssen.

»Ich verachte mich selbst – wirklich, ich thue es. Aber ich kann nicht. O, Dickie, Sie werden mich nicht bitten – nicht wahr?« jammerte Maisie. Sie blickte eine Minute auf, während Dicks Augen zufällig den ihrigen begegneten. Das unrasirte Gesicht war ganz weiß und entschlossen; die Lippen versuchten ein Lächeln hervorzubringen. Aber es waren diese toten Augen, vor denen Maisie sich fürchtete. Ihr Dick war blind geworden und an seiner Stelle jemand geblieben, den sie kaum wieder erkennen konnte, bis er sprach.

»Wer bittet Sie denn, irgend etwas zu thun, Maisie? Ich sagte Ihnen ja, wie es sein würde. Weshalb quälen Sie sich so? Aus Mitleid für mich, weinen Sie nicht so; es ist wirklich nicht der Mühe wert.«

»Sie wissen nicht, wie sehr ich mich selbst hasse. O, Dick, helfen Sie mir – helfen Sie mir!« Ihr leidenschaftliches Weinen fing an, Dick zu beunruhigen. Er stolperte zu ihr hin und legte seinen Arm um sie, wahrend sie ihren Kopf an seine Schulter lehnte.

»Still, mein Liebling, still! Weinen Sie nicht, Sie haben ganz recht und sich gar nichts vorzuwerfen – niemals hatten Sie das. Sie sind nur etwas aufgeregt von der Reise und haben vielleicht gar kein Frühstück bekommen. Wie thöricht von Torp, Sie herüber zu holen!«

»Ich verlangte, herzukommen, wirklich,« sagte sie.

»Ganz schön; Sie sind nun gekommen und haben mich gesehen, und ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür. Wenn Sie sich etwas erholt haben, so müssen Sie fortgehen und etwas zu sich nehmen. Hatten Sie eine gute Ueberfahrt?«

Maisie unterdrückte ihr Weinen etwas und war zum erstenmale in ihrem Leben froh, daß sie jemand hatte, an den sie sich anlehnen konnte. Dick klopfte sie zärtlich, aber ungeschickt auf die Schulter, denn er war nicht ganz sicher, wo sich ihre Schulter befand.

Sie wand sich schließlich aus seinen Armen los und wartete zitternd und sehr unglücklich. Er hatte sich nach dem Fenster zurückgefühlt, um die Breite des Zimmers zwischen sich und Maisie zu legen und den Aufruhr in seinem Herzen etwas zu beruhigen.

»Befinden Sie sich jetzt besser?« fragte er.

»Ja, aber – hassen Sie mich nicht?«

»Ich Sie hassen? Mein Gott! Ich?«

»Gibt es gar nichts, was ich sonst für Sie thun könnte? Ich will hier in England deswegen bleiben, wenn Sie es wünschen. Vielleicht könnte ich zuweilen herkommen und Sie sehen?«

»O nein, Teuerste. Es wäre gütiger, mich nicht mehr wiederzusehen, ich bitte Sie darum. Ich möchte nicht gerne rauh erscheinen, aber – meinen Sie nicht, daß es vielleicht besser wäre, Sie gingen jetzt?«

Er war sich bewußt, daß er es nicht wie ein Mann ertragen könnte, wenn er sich noch langer bezwingen müßte.

»Ich kann Ihnen in keiner Weise nützlich sein und will deshalb gehen, Dick. O, ich bin so elend, so schlecht!«

»Unsinn. Sie brauchen sich deswegen nicht zu ängstigen; ich würde es Ihnen sonst sagen. Warten Sie einen Augenblick, Liebling, ich möchte Ihnen erst etwas geben. Ich hatte es für Sie bestimmt, noch bevor dieses Unglück anfing. Es ist meine Melancholie; sie war eine Schönheit, als ich sie zuletzt erblickte. Sie können dieselbe von mir annehmen und verkaufen, sollten Sie jemals arm werden. Sie ist stets einige hundert Pfund wert.« Er suchte unter den Bildern. »Sie ist schwarz eingerahmt; ist dieses ein schwarzer Rahmen, den ich in der Hand habe? Da ist es. Was halten Sie davon?«

Er drehte Maisie ein verschrammtes, formloses Gemisch von Farben zu und strengte die Augen an, als ob er ihre Bewunderung und Ueberraschung erfassen wollte. Ein Ding, nur dieses einzige Ding konnte sie für ihn thun.

»Nun?«

Seine Stimme klang voller und kräftiger, weil der Mann wußte, daß er von seinem besten Werke sprach. Maisie blickte auf das Gekleckse, und eine wahnsinnige Lust zu lachen erfaßte sie; aber um Dicks willen durfte sie sich nichts merken lassen, was immer auch dieses verrückte Geschmiere bedeuten mochte, Ihre Stimme bebte von zurückgehaltenen Thränen, als sie antwortete: »O, Dick, es ist schön!«

Er hörte das schwache hysterische Schlucken und hielt es für ein Zeichen der Anerkennung. »Wollen Sie es denn nicht haben? Ich will es Ihnen nach Hause schicken, wenn Sie wollen.«

»Ich? O ja – ich danke Ihnen. Ha! ha!« Wenn sie jetzt nicht fortging, so wurde das unterdrückte Lachen, das schlimmer als Thränen war, sie ersticken. Sie wandte sich ab und lief, erstickend und geblendet, die Treppen hinunter, flüchtete sich in ein Kab und fuhr durch den Park nach ihrem Hause. Dort setzte sie sich in ihrem fast kahlen Zimmer nieder und dachte an Dick in seiner Blindheit, der bis an das Ende seines Lebens, sowohl für sich als auch für sie selbst von gar keinem Nutzen mehr war. Hinter diesem Kummer, der Scham und der Demütigung erhob sich die Furcht vor dem kalten Zorne des rothaarigen Mädchens, wenn Maisie zu demselben zurückgekehrt sein würde. Maisie hatte sich früher nie vor ihrer Gefährtin gefürchtet. Sie vergegenwärtigte sich die Verachtung ihrer selbst erst, als sie sich sagte: »Nun, er hat nichts von mir verlangt!«

Hiermit nehmen wir Abschied von Maisie.

Für Dick waren noch mehr Qualen aufbewahrt. Er konnte erst gar nicht begreifen, daß Maisie, der er befohlen hatte, zu gehen, ihn ohne ein Wort des Abschieds verlassen hatte. Er war außerordentlich ärgerlich über Torpenhow, der diese Demütigung über ihn gebracht und seinen traurigen Frieden gestört hatte. Dann kam seine dunkle Stunde; er befand sich allein mit sich selbst und seinem Verlangen nach etwas, das ihn von dieser Finsternis befreien könnte. Die Königin konnte nichts Unrechtes thun, aber indem dieselbe ihrem Rechte folgte, soweit dasselbe ihrer Arbeit diente, hatte sie ihren einzigen Unterthan mehr verwundet, als dessen Gehirn ihm klar machen konnte.

»Es ist alles, was ich hatte, und ich habe es verloren,« sagte er, sobald sein Elend ihm gestattete, klar zu denken. »Torp wird glauben, er sei so höllisch klug gewesen, daß ich nicht das Herz haben werde, ihm alles zu erzählen. Ich muß die Sache ruhig durchdenken.«

»Hallo!« rief Torpenhow aus, in das Atelier tretend, nachdem Dick zwei Stunden nachgedacht.

»Ich bin zurück. Befinden Sie sich etwas besser?«

»Torp, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Kommen Sie her!« Dick keuchte heiser, da er in der That nicht wußte, was er sagen und wie er es ruhig sagen sollte.

»Ist es denn nötig, irgend etwas zu sagen? Stehen Sie auf und gehen Sie umher.« Torpenhow war vollständig befriedigt.

Sie wanderten wie gewöhnlich auf und ab, Torpenhows Hand auf Dicks Schulter ruhend und Dick in Gedanken versunken.

»Wie in aller Welt haben Sie das alles herausgefunden?« fragte Dick schließlich.

»Sie müssen nicht im Fieber sprechen, wenn Sie Geheimnisse bewahren wollen, Dickie. Es war durchaus unpassend von meiner Seite, aber wenn Sie mich gesehen hätten, wie ich bei einer glühenden Sonnenhitze auf einem halb zugerittenen französischen Kavalleriepferde zusammengeschüttelt wurde, Sie hätten sicherlich gelacht, heute abend wird es einen Charivari in meinen Zimmern geben. Sieben andere Teufel –«

»Ich weiß – der Spektakel im südlichen Sudan. Ich überraschte sie neulich bei ihren Beratungen; es machte mich ganz unglücklich, haben Sie sich entschlossen, zu gehen? Für wen arbeiten Sie?«

»Ich habe noch keinen Vertrag abgeschlossen. Ich wollte erst sehen, wie sich die Sache mit Ihnen gestalten würde.«

»Wollten Sie denn bei mir bleiben, wenn die Dinge schlecht abgelaufen wären?« Er stellte seine Frage sehr vorsichtig.

»Fragen Sie mich nicht zu viel. Ich bin nur ein Mensch.«

»Sie haben sehr erfolgreich versucht, ein Engel zu sein.«

»O ja … Wollen Sie das Amt eines solchen heute abend übernehmen? Wir werden halb toll sein, bevor der Morgen anbricht. Alle Welt glaubt, daß der Krieg gewiß ist.«

»Ich denke nicht, daß ich es thue, alter Freund, wenn es Ihnen egal ist. Ich werde ruhig hier bleiben.«

»Und nachgrübeln? Ich tadle Sie nicht. Sie haben sich lange genug verdient gemacht wie nur je ein Mann.«

An jenem Abend gab es viel Lärm auf den Treppen. Die Korrespondenten kamen vom Theater, vom Diner und von den Konzerten zu Torpenhow, um über ihren Feldzugsplan zu sprechen, im Falle die militärischen Operationen bereits festgesetzt wären. Torpenhow, Keneu und Nilghai hatten alle diese Leute eingeladen, an der Orgie teilzunehmen; Mr. Benton, der Haushälter, erklärte, daß er noch nie während seines ganzen Lebens einen solchen tollen Haufen von Gentlemen gesehen. Sie weckten die Zimmerbewohner durch Schreien und Singen auf, und die älteren Herren waren gerade so schlimm als die jüngeren. Denn sie hatten die Zufälligkeiten des Krieges vor sich, und alle wußten, was das sagen wollte.

Dick saß in seinem Zimmer, etwas bestürzt über den zu ihm herüberschallenden Lärm; plötzlich fing er an zu lachen.

»Wenn jemand darüber nachdenkt, so ist die Situation außerordentlich komisch. Maisie hat ganz recht – armes, kleines Ding! Ich wußte früher gar nicht, daß sie so weinen könnte, aber nun ich weiß, was Torp denkt, bin ich überzeugt, er wäre thöricht genug, zu Hause zu bleiben und zu versuchen, mich zu trösten – wenn er wüßte. Außerdem ist es nicht besonders hübsch, sich sagen zu müssen, daß man wie ein zerbrochener Stuhl beiseite geworfen ist. Ich muß diese Sache allein tragen – wie gewöhnlich. Wenn es keinen Krieg gibt und Torp kommt dahinter, werde ich ihm wie ein Thor erscheinen, das ist alles. Gibt es aber Krieg, so darf ich nicht zwischen das Glück eines andern treten, Geschäft ist Geschäft, und ich muß allein sein. – Was für einen Lärm sie machen!«

Jemand hämmerte gegen die Thüre des Ateliers.

»Kommen Sie heraus, Dickie, und seien Sie lustig,« sagte Nilghai.

»Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Ich bin nicht aufgelegt, fröhlich zu sein.«

»Dann werde ich es den Jungens sagen, und man wird Sie wie einen Dachs herausholen.«

»Bitte, thun Sie es nicht, alter Herr. Auf mein Wort, ich möchte gerade jetzt lieber allein sein.«

»Nun gut. Können wir Ihnen irgend etwas hereinschicken? Fipp zum Beispiel. Cassavetti fängt bereits an, Lieder vom ›sonnigen Süden‹ zu singen.«

Einen Augenblick dachte Dick ernstlich über den Vorschlag nach.

»Nein, danke. Ich habe schon Kopfweh.«

»Tugendhaftes Kind! Das ist die Wirkung von Aufregungen in der Jugend. Meine Glückwünsche, Dick! Auch ich war an der Verschwörung für Ihre Wohlfahrt beteiligt.«

»Gehen Sie zum Teufel und – o, schicken Sie nur Binkie herein.«

Der kleine Hund trat mit elastischen Schritten ein, ganz aufgeregt von dem vielen Lärmen während des Abends. Er hatte geholfen, den Refrain zu singen, aber kaum befand er sich im Atelier, als er gewahr wurde, daß dies nicht der Ort sei, mit dem Schwanze zu wedeln; er setzte sich daher auf Dicks Schoß, bis es Zeit war, ins Bett zu gehen. Dann legte er sich mit Dick ins Bett, der jede Stunde schlagen hörte und am Morgen mit einem schmerzlich klaren Kopfe aufstand, um Torpenhows formellere Glückwünsche, sowie einen besonderen Bericht über das nächtliche Gelage entgegenzunehmen.

»Sie sehen nicht besonders glücklich aus für einen kürzlich angenommenen Mann,« bemerkte Torpenhow.

»Thut nichts, das ist meine Sache, ich befinde mich ganz gut. Gehen Sie wirklich fort?«

»Ja. Mit dem alten Central Southern wie gewöhnlich. Sie telegraphirten mir, und ich nahm unter besseren Bedingungen als früher an.«

»Wann reisen Sie ab?«

»Uebermorgen, nach Brindisi.«

»Gott sei Dank,« sagte Dick aus dem Grunde seines Herzens.

»Nun, das ist gerade keine hübsche Art und Weise zu sagen, daß Sie froh sind, mich los zu werden. Doch Leuten in Ihrer Lage ist es erlaubt, selbstsüchtig zu sein.«

»Ich meinte es nicht so. Wollen Sie für mich hundert Pfund einkassiren, bevor Sie abreisen?«

»Das ist eine kleine Summe zum Haushalte», nicht wahr?«

»O, es ist nur für – die Kosten der Hochzeit.«

Torpenhow brachte das Geld, zählte es in Fünf- und Zehnpfundnoten auf und schloß es sorgfältig in den Schreibtisch ein.

»Jetzt, denke ich, werde ich etwas zu hören bekommen von seiner Schwärmerei für sein Mädchen, bis ich fortgehe. Der Himmel verleihe uns Geduld mit einem verliebten Manne,« sagte er zu sich selbst.

Dick sagte indes nicht ein Wort über Maisie oder Heirat. Er lehnte in der Thür von Torpenhows Zimmer, als dieser packte, und richtete unzählige Fragen an ihn über den bevorstehenden Feldzug, bis es Torpenhow langweilig wurde.

»Sie sind ein geheimnisvolles Tier, Dickie, und verzehren Ihren eigenen Rauch, nicht wahr?« sagte er am letzten Abend.

»Ich – ich glaube so. Wie lange denken Sie beiläufig, wird dieser Feldzug dauern?«

»Tage, Wochen oder Monate; man kann das niemals vorhersagen. Er kann auch jahrelang währen.«

»Ich wünschte wohl, ich könnte mitgehen.«

»Gütiger Himmel! Sie sind wirklich das unberechenbarste Geschöpf. Ist es Ihnen nicht zu teil geworden, daß Sie sich verheiraten werden – dank meinen Bemühungen?«

»Natürlich ja. Ich werde mich verheiraten, gewiß. Werde mich verheiraten. Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar dafür. Hatte ich es Ihnen nicht mitgeteilt?«

»Nach Ihrem Aussehen zu schließen, könnten Sie ebenso gut im Begriffe stehen, gehangen zu werden,« sagte Torpenhow.

Am nächsten Tage sagte Torpenhow ihm adieu und ließ ihn in der Einsamkeit zurück, nach der er so sehr verlangt hatte.

Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

»Bitt um Verzeihung, Mr. Heldar, aber – aber wird sich nicht irgend etwas ereignen?« fragte Mr. Benton.

»Nein!« Dick war gerade erwacht voll Verzweiflung, und seine Stimmung war außerordentlich schlecht.

»Es ist natürlich nicht mein gewöhnliches Geschäft, Herr, und ich sage nur: ›Besorge dein eigenes Geschäft und laß andere Leute die ihrigen besorgen.‹ Aber gerade, bevor Mr. Torpenhow abreiste, gab er mir zu verstehen, als ob Sie in Ihr eigenes Haus übersiedeln würden, sozusagen ein Haus mit Zimmern oben und parterre, wo Sie besser bedient sein würden, obschon ich mich bemühe, allen unseren Mietern gerecht zu werden. Nicht wahr?«

»O, das muß ein Irrenhaus gewesen sein. Ich werde Sie nicht bemühen, mich dorthin zu bringen. Bringen Sie mir mein Frühstück, bitte, und lassen Sie mich allein.«

»Ich hoffe, ich habe nichts Unrechtes gethan, Herr, aber Sie wissen, ich hoffe, daß ich, soweit es in den Kräften eines Menschen liegt, alle Gentlemen in den Zimmern zufrieden zu stellen suche, und ganz besonders diejenigen, deren Los ein hartes ist, wie zum Beispiel das Ihrige, Mr. Heldar. Sie lieben weichen Rogen von Bücklingen, nicht wahr? Weiche Bücklinge sind seltener als harte, aber was ich sagen wollte: ›Scheue niemals eine kleine Extramühe, so lange du die Mieter befriedigst.‹«

Mr. Benton zog sich zurück und überließ Dick sich selbst. Torpenhow war bereits lange fort, in seinen Zimmern gab es keinen Lärm mehr; Dick hatte ein neues Leben begonnen, das er schwach genug war, für nicht besser als den Tod zu betrachten.

Es ist sehr hart, allein im Dunkeln zu leben, Tag und Nacht vermischend, mitten am Tage in Schlaf zu fallen aus reinem Ueberdruß und in der Kühle der Dämmerung sich ruhelos zu erheben. Anfänglich fühlte sich Dick, wenn er aufwachte, längs den Korridors bei den Zimmern vorüber, bis er jemand schnarchen hörte, dann wußte er, daß der Tag noch nicht angebrochen war, und kehrte traurig in sein Schlafzimmer zurück. Später lernte er nicht eher aufstehen, als bis er Lärm und Bewegung im Hause hörte und Mr. Benton ihm sagte, es wäre Zeit dazu. Nachdem er sich angekleidet – und das Ankleiden war, nun Torpenhow fortgegangen, ein langsames Geschäft, weil Kragen, Krawatten und dergleichen in den Ecken des Zimmers umherlagen und das Suchen nach denselben mit Stößen des Kopfes an Stühlen und Kästen verbunden war – nachdem er sich einmal angekleidet, hatte er nichts zu thun, als still zu sitzen und zu grübeln, bis die drei täglichen Mahlzeiten erschienen. Jahrhunderte lagen zwischen dem Frühstück und dem Lunch, zwischen diesem und dem Mittagessen. Er betete, daß Gott ihm seinen Verstand nehmen möge, doch wollte Gott ihn nicht erhören. Sein Denkvermögen wurde im Gegenteil rascher, und seine kreisenden Gedanken rieben sich an einander wie Mühlsteine, wenn sich kein Korn zwischen ihnen befindet; dennoch wollte sein Gehirn nicht müde werden und ihm Ruhe gönnen; es fuhr fort, zu denken, seine Phantasie war thätig, und alle Arten von Erinnerungen stiegen in ihm auf. Er dachte an Maisie und seine früheren Erfolge, an fröhliche Reisen zu Lande und zur See, an die Herrlichkeit der Arbeit und das Bewußtsein, dieselbe wäre gut, und stellte sich vor, was alles hätte geschehen können, wenn die Augen getreulich ihre Schuldigkeit gethan. Wenn das Nachdenken infolge von Ermüdung aufhörte, stiegen in Dicks Seele Fluten von Ueberwältigung gegenstandsloser Furcht – vor der Gefahr des Verhungerns, der Angst, daß die Zimmerdecke auf ihn herabstürzen könnte – auf, ferner die Furcht vor Feuer in den Zimmern und vor dem Tode einer Wanze in den Flammen, sowie die Todesangst vor noch größeren Schrecken, die nichts mit der Furcht vor dem Tode zu schaffen hatten. Dann beugte Dick sein Haupt, umklammerte die Seitenlehnen seines Sessels und kämpfte schweißtriefend gegen diese Furcht an, bis das Geräusch von Schüsseln ihm anzeigte, daß etwas zu essen vor ihn hingesetzt worden war.

Mr. Benton brachte die Mahlzeiten, wenn er Zeit übrig hatte, und Dick lernte für seine Gespräche sich zu interessiren, die gewöhnlich über schlecht schließende Gashähne, reparaturbedürftige Abzugsröhren und die Sünden der Putzfrau oder der Dienstmädchen handelten. Ein- oder zweimal wöchentlich nahm Mr. Benton Dick mit sich, wenn er ausging, um des Morgens Einkäufe auf dem Markte zu machen, mit den Verkäufern über Fische, Lampendochte, Senf, Tapioca und so weiter zu feilschen, wahrend Dick, bald auf dem einen, bald auf dem anderen Fuße ruhend, dabei stand und absichtslos mit dem Zinngeschirr oder dem Schnurknäuel auf dem Ladentische spielte. Dann begegneten sie auch vielleicht einem Freunde von Mr. Benton, und Dick mußte ruhig warten, bis es dem letzteren beliebte, weiter zu gehen.

Dieses Leben trug nicht dazu bei, seine Selbstachtung zu vermehren. Er gab das Rasiren auf als ein gefährliches Geschäft, und sich in einem Barbierladen rasiren zu lassen, hieß sein Unglück offenbaren. Er konnte nicht sehen, ob seine Kleider sauber ausgebürstet waren, und seitdem er keine Sorgfalt mehr auf seine persönliche Erscheinung verwendete, wurde er in jeder Hinsicht ein Schmutzfinke. Ein Blinder kann nicht reinlich essen, bevor er sich nicht einige Monate an die Dunkelheit gewöhnt hat. Wenn er Beistand verlangt und zornig wird wegen des Mangels daran, muß er sich zusammennehmen und aufrecht hinstellen, dann kann der geringste Dienstbote sehen, daß er blind und infolge dessen nicht gefährlich ist. Ein weiser Mann wird seine Augen niedergeschlagen halten und still sitzen. Um sich zu unterhalten, kann er mit der Zange Stück für Stück Kohlen aus dem Kasten nehmen und dieselben zu einem kleinen Haufen in dem Kamingitter aufstapeln, indem er die Stücke zählt, die alle wieder in den Kasten zurückgelegt werden müssen, eins nach dem andern, und zwar sehr sorgfältig. Er kann sich selbst arithmetische Aufgaben stellen, um dieselben auszuarbeiten; er kann auch mit sich selbst sprechen oder mit der Katze, wenn es ihr beliebt, ihn zu besuchen, und wenn sein Geschäft das eines Künstlers gewesen ist, so kann er mit seinem Zeigefinger Skizzen in der Luft machen, doch das ist so viel als ein Schwein mit geschlossenen Augen zu zeichnen. Er kann ferner an seine Bücherbretter herantreten, seine Bücher zählen und dieselben nach ihrer Größe aufstellen, oder in seiner Garderobe seine Hemden nachzählen und dieselben ans das Bett in Haufen von zwei oder drei Stück legen, wenn Knöpfe daran fehlen oder die Manschetten ausgefranst find. Aber auch diese Unterhaltung wird nach einiger Zeit langweilig, und die Zeit wird so lang, so schrecklich lang!

Dick wurde gestattet, eine Wertzeugkiste zu sortiren, in der Mr. Benton Hammer, Zapfen und Schrauben, Stücke von Gasröhren, Oelflaschen und Schnur aufbewahrte.

»Wenn ich nicht jedes Ding an dem Platze habe, wo ich es zu suchen weiß, dann kann ich nichts finden, wenn ich etwas gebrauche. Sie haben keine Vorstellung, Herr, von der Menge dieser kleinen Dinge, die in den Zimmern verbraucht werden,« sagte Mr. Benton. An dem Thürgriffe herumfingernd, als er fortging, fügte er hinzu: »Es ist hart für Sie, Herr, ich denke, es ist sehr hart für Sie. Wollen Sie nicht irgend etwas thun, Herr?«

»Ich will meine Miete und die Kost bezahlen. Ist das nicht genug?«

»Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß Sie alles bezahlen können, aber ich habe oft zu meiner Frau gesagt: ›Es ist hart für ihn, weil er noch kein alter Mann ist, nicht einmal einer in mittleren Jahren, sondern ein ganz junger Gentleman. Das ist es, weshalb es ihn so hart trifft.‹«

»Ich vermute so,« erwiderte Dick zerstreut. Dieser besondere Nerv hatte, infolge langer Abnutzung, aufgehört zu fühlen.

»Ich dachte,« fuhr Mr. Benton fort, noch immer so thuend, als ob er gehen wollte, »daß es Ihnen gefallen würde, wenn mein Knabe Alf Ihnen zuweilen abends die Zeitungen vorläse. Er liest sehr gut, in Anbetracht, daß er erst neun Jahre alt ist.«

»Ich würde sehr dankbar dafür sein,« entgegnete Dick. »Nur müssen Sie mir erlauben, ihn für die Zeit zu entschädigen.«

»Wir haben daran gar nicht gedacht, Herr, aber es steht natürlich ganz bei Ihnen; doch nur Alf das Lied ›Eines Knaben bester Freund ist seine Mutter!‹ singen zu hören. – Ah!«

»Ich will ihn auch gern singen hören. Lassen Sie ihn heute abend mit den Zeitungen zu mir kommen!«

Alf war kein nettes Kind; er war aufgeblasen durch zahlreiche Schulzeugnisse über gutes Betragen und ungewöhnlich stolz auf sein Singen. Mr. Benton blieb glückstrahlend stehen, während das Kind ein unendlich langes Lied herunterjammerte, und überließ den Knaben dann Dick, um demselben die auswärtigen Telegramme vorzulesen. Zehn Minuten später kehrte Alf bleich zu seinen Eltern zurück.

»Er sagte, er könnte es nicht mehr aushalten,« erklärte er.

»Er sagte doch nicht, daß Du schlecht vorlasest, Alf?« fragte Mrs. Benton.

»Nein. Er sagte, ich läse schon, er hätte noch nie jemand so lesen gehört, aber er sagte, er könnte das Zeug in den Zeitungen nicht aushalten.«

»Vielleicht hat er etwas Geld in den Stocks verloren. Hast Du ihm etwas über die Stocks vorgelesen, Alf?«

»Nein; es war alles über das Fechten da draußen, wohin die Soldaten gegangen sind – ein großes, langes Stück mit vielen Zeilen dicht untereinander und sehr schweren Worten darin. Er schenkte mir eine halbe Krone, weil ich so gut gelesen habe, und sagte, wenn er nächstens wieder etwas vorgelesen haben wollte, würde er nach mir schicken.«

»Das ist gut, doch, ich denke, Alf, Du legst die halbe Krone in die Sparbüchse und lässest mich sehen, wie Du es thust – er hätte Dich dafür länger oben behalten können. Er konnte ja kaum angefangen haben zu begreifen, wie schön Du liest.«

»Man thut am besten, ihn sich selbst zu überlassen – die Gentlemen lieben das immer, wenn sie sich unglücklich fühlen,« bemerkte Mr. Benton.

Alfs sehr beschrankte Fähigkeiten, Torpenhows Spezialkorrespondenz zu begreifen, hatten den Teufel der Unruhe in Dick erweckt. Er konnte durch des Knaben näselnden Ton das Grunzen der Kamele in den Vierecken hinter den Soldaten außerhalb Suakim hören; er konnte hören, wie die Leute zwischen den Kochkesseln fluchten und den scharfen Rauch des Holzes riechen, der vor dem Wüstenwinde über das Lager dahin trieb.

In jener Nacht bat er Gott, daß er ihm den Verstand nehmen möchte, indem er als Beweis dafür, er sei dieser Gunst wert, anführte, daß er sich nicht schon lange vorher erschossen habe. Dieses Gebet wurde nicht erhört und Dick war sich in der That im Innersten seines Herzens bewußt, daß nur ein zurückgebliebener Sinn von Humor und nicht spezielle Tugend ihn am Leben gelassen hatte. Er überredete sich selbst, daß Selbstmord eine etwas spaßhafte Beleidigung für den Ernst der Lage sein würde, ebenso wie ein feiges Geständnis von Furcht.

»Gerade wegen des Spasses von dem Dinge,« sagte er zu der Katze, die den Platz von Binkie in seiner Wohnung eingenommen hatte. »Ich möchte wohl wissen, wie lange diese Geschichte dauern wird. Ich kann ein Jahr von den hundert Pfund leben, die Torpenhow für mich einkassirt hat. Ich muß mindestens zwei- oder dreitausend Pfund in der Bank haben – die für zwanzig bis dreißig Jahre ausreichen. Dann komme ich auf meine hundertundzwanzig jährlich zurück, die sich inzwischen vermehrt haben werden. Laß uns einmal nachrechnen! Fünfundzwanzig – fünfunddreißig – ein Mann steht dann in seiner Blüte, man sagt – fünfundvierzig – ein Mann mitten in den Jahren, in die Politik eintretend – fünfundfünfzig – ›er starb in dem verhältnismäßig frühen Alter von fünfundfünfzig,‹ wie die Zeitungen immer berichten. Bah! Wie diese Christen den Tod fürchten! Fünfundsechzig – wir kommen nun in die Jahre! Fünfundsiebzig ist dennoch gerade möglich. Große Hölle, o Katze! Noch fünfzig Jahre einsamen Gefängnisses im Dunkeln! Du wirst sterben, Benton und Torp werden sterben und Mai – jedermann sonst wird sterben, nur ich soll leben bleiben und mich herumstoßen mit nichts zu thun. Ich bin wirklich betrübt über mich selbst. Ich möchte wohl, daß jemand anders meinetwegen betrübt wäre. Offenbar werde ich nicht verrückt werden, bevor ich sterbe, aber die Qual ist ebenso schlimm als je. Wenn du eines Tages vivisezirt wirst, o Katze, wird man dich auf einen kleinen Tisch binden und dich aufschneiden – aber fürchte dich nicht; man wird sich in acht nehmen, daß du nicht stirbst. Du wirst leben und dann sehr betrübt sein, daß du nicht meinetwegen betrübt gewesen bist … Ich wollte, ich könnte zu Torp und Nilghai gehen, ich befände mich dann doch bei ihnen.«

Pussy verließ das Zimmer, bevor die Rede zu Ende war, und Alf fand bei seinem Eintritte Dick, wie er die leere Kamindecke anredete.

»Da ist ein Brief für Sie, Herr,« sagte er. »Vielleicht wünschen Sie, daß ich ihn vorlese?«

»Gib mir ihn einen Augenblick; ich werde es Dir dann sagen.«

Seine ausgestreckte Hand bebte ein wenig und seine Stimme war nicht besonders fest. Es lag in den Grenzen menschlicher Möglichkeit, daß – das war kein Brief von Maisie. Er kannte das Gewicht von drei verschlossenen Couverts zu gut. Es war eine thörichte Hoffnung, daß das Mädchen ihm schreiben würde, denn er vergegenwärtigte sich nicht, daß es eine Schuld, ein Unrecht gibt, das kein Wiedergutmachen zuläßt, wenn der Uebelthäter auch mit Thränen und der ganzen Liebe seines Herzens bestrebt ist, es gut zu machen. Es ist am besten, das Unrecht zu vergessen, ob es nun verursacht oder erduldet ist, da es ebenso unheilbar ist, wenn die böse That einmal verübt worden.

»Lies ihn nur,« sagte Dick, worauf Alf zu lesen begann, mit der Betonung, wie sie auf den Schulbänken üblich ist.

»Ich hätte Ihnen Liebe und Treue geben können, wie Sie niemals von solchen Gefühlen geträumt haben. Glauben Sie, ich bekümmerte mich um das, was Sie wären? Aber es beliebte Ihnen, auf alles herabzusehen für gar nichts. Meine einzige Entschuldigung für Sie ist, daß Sie so jung sind.«

»Das ist alles,« sagte er, das Papier zurückgebend, damit es ins Feuer geworfen würde.

»Was stand in dem Briefe?« fragte Mrs. Benton, als Alf wieder zurückkehrte.

»Ich weiß es nicht. Ich glaube, es war ein Zirkular oder eine Abhandlung über das Herabsehen auf alles, wenn man jung ist.«

»Ich muß auf irgend etwas getreten haben, als ich noch lebte und umherging; das ist nun aufgesprungen und hat mich getroffen. Gott helfe ihm, was es auch sein möge – wenn das Ganze nicht ein Scherz war. Aber ich kenne niemand, der sich die Mühe nehmen würde, einen Scherz mit mir zu machen … Liebe und Treue für gar nichts? Es klingt verführerisch genug. Ich möchte wohl wissen, ob ich wirklich etwas verloren habe.«

Dick sann lange Zeit darüber nach, konnte sich indes nicht erinnern, wann oder wie er in der Lage gewesen, diese Kindereien von eines Weibes Hand zu erhalten.

Da dieser Brief Dinge berührte, an die er nicht denken wollte, so versetzte derselbe ihn in einen Anfall von Wahnsinn, der einen Tag und eine Nacht anhielt. Wenn sein Herz so voll Verzweiflung war, daß es zerspringen wollte, so schienen Körper und Seele in Finsternis zu versinken. Dann folgte die Furcht vor dieser Finsternis und verzweifelte Versuche, das Licht wieder zu gewinnen. Aber es gab kein Licht wieder zu gewinnen. Wenn dieser Kampf ihn schweißtriefend und atemlos zurückgelassen, fing das Versinken nach unten wieder an, bis alle diese Qualen ihn zu einem neuen Kampfe anspornten, der ebenso hoffnungslos war als der erste. Dann folgte wohl ein Schlaf von einigen Minuten, in dem er träumte, daß er sehen könne, worauf sich die Reihenfolge von Ereignissen wiederholten, bis er aufs äußerste erschöpft war und sein Gehirn die nie ruhenden Gedanken an Maisie und allerlei Möglichkeiten von neuem aufnahm.

Schließlich trat Mr. Benton in Dicks Zimmer und bot sich an, ihn mitzunehmen. »Diesesmal nicht, um Einkaufe auf dem Markte zu machen, sondern um in den Park zu gehen, wenn es Ihnen beliebt.«

»Ich will verdammt sein, wenn ich es thue!« schrie Dick. »Bleiben Sie in den Straßen und gehen Sie auf und ab. Ich höre gern die Leute um mich her.«

Das war nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Die Blinden lieben in den ersten Stadien ihres Gebrechens nicht diejenigen, die sich mit freien Schritten bewegen können – aber Dick hatte durchaus kein Verlangen, in den Park zu gehen. Einmal, nur ein einzigesmal, seitdem Maisie ihre Thüre abgeschlossen hatte, war er unter Alfs Führung dorthin gegangen. Alf vergaß ihn und fischte mit einigen Schulkameraden Elritzen in dem Bache. Nachdem er eine halbe Stunde gewartet, wandte Dick, fast weinend vor Wut und Zorn, sich an einen Vorübergehenden, der ihn zu einem freundlichen Polizisten führte; dieser brachte ihn an der gegenüberliegenden Seite von Albert Hall in einem Kabriolet unter. Er sagte Mr. Benton nichts von Alfs Vergeßlichkeit, aber … das war nicht die Art und Weise, wie er früher im Park spazieren zu gehen pflegte.

»Durch welche Straßen möchten Sie denn gern gehen?« fragte Mr. Benton teilnehmend. Seine eigenen Ansichten über einen ausgelassenen Feiertag bedeuteten ein Picknick auf dem Rasen von Green Park mit seiner Familie und einem halben Dutzend Papiersäcken voll Eßwaren.

»Gehen Sie nach dem Flusse hin,« sagte Dick, worauf sie die Richtung nach demselben einschlugen; das Rauschen desselben klang Dick in den Ohren, bis sie zur Blackfriarsbrücke gelangten und sich von dort nach Waterloo Road wandten, während Mr. Benton unterwegs die Schönheiten der Scenerie erklärte.

»Auf der andern Seite des Trottoirs,« sagte er, »geht, wenn ich mich nicht irre, die junge Frauensperson, die in Ihre Wohnung zu kommen pflegte, um gezeichnet zu werden. Ich vergesse niemals ein Gesicht und behalte niemals einen Namen, ausgenommen natürlich die von zahlenden Mietern.«

»Bleiben Sie hier stehen,« sagte Dick, »Es ist Bessie Broke. Sagen Sie ihr, ich möchte sie gern einmal sprechen. Rasch, Mann!«

Mr. Benton ging über die Straße und hielt Bessie auf ihrem Wege nach Norden an. Sie erkannte ihn als den Wann, der sie anzustarren pflegte, wenn sie die Treppen zu Dick hinaufging, und hatte Lust fortzulaufen.

»Waren Sie nicht Mr. Heldars Modell?« fragte Mr. Benton, sich vor sie hinpflanzend. »Sie waren es. Er steht auf der andern Seite der Straße und möchte Sie gern sehen.«

»Weshalb?« erwiderte Bessie schwach. Sie erinnerte sich an eine Geschichte mit einem soeben vollendeten Bilde.

»Weil er mich aufgefordert hat, es zu thun, und weil er ganz blind ist.«

»Betrunken?«

»Nein, hospitalblind. Er kann nicht sehen. Das ist er, da drüben.«

Dick lehnte an der Brüstung der Brücke, als Mr. Benton auf ihn zeigte, ein Geschöpf mit struppigem Barte, niedergebeugt, ein schmutziges, magentafarbiges Halstuch umgeschlungen und einen ungebürsteten Rock auf dem Leibe: Von einem solchen Menschen war nichts zu befürchten. Selbst wenn er sie verfolgen wollte, meinte Bessie, würde sie sich ihm leicht entziehen können. Sie ging hinüber, worauf Dicks Gesicht sich aufklärte. Es war schon lange her, daß irgend eine Frau sich die Mühe gegeben, mit ihm zu sprechen.

»Ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Mr. Heldar?« sagte Bessie etwas verlegen. Mr. Benton stand daneben mit der Miene eines Gesandten.

»Ich befinde mich ganz wohl und, beim Himmel! freue mich, Sie zu sehen – zu hören, meine ich, Beß. Sie hielten es nie der Mühe wert, heraufzukommen und mich zu besuchen, nachdem Sie Ihr Geld erhalten. Gehen Sie jetzt vielleicht irgendwohin?«

»Ich bin nur ausgegangen, um einen Spaziergang zu machen,« erwiderte Bessie.

»Doch nicht das alte Geschäft?« fragte Dick leise.

»O nein! Ich bezahlte meine Prämie« – Bessie war sehr stolz auf dieses Wort – »als Schenkmädchen, wohne auch dort und bin jetzt am Schenktisch ganz ordentlich. Wirklich, es ist so!«

Mr. Benton hatte keinen besondern Grund, an die Erhabenheit der menschlichen Natur zu glauben, deshalb verschwand er wie ein Nebel und kehrte ohne ein Wort der Entschuldigung zu seinen Gashähnen zurück. Bessie beobachtete seine Flucht mit einer gewissen Unruhe, aber so lange Dick sich nicht des Schadens bewußt zu sein schien, den sie ihm angethan hatte …

»Es ist eine schwere Arbeit, sich mit den Bierkrügen herumzuschleppen,« fuhr sie fort, »und sie haben dort eine Geldkontrollmaschine, so daß, wenn man sich am Schlusse des Tages um einen Penny irrt – aber dann glaube ich nicht, daß die Maschine recht hat. Glauben Sie es?«

»Ich habe dieselbe nur arbeiten sehen. – Mr. Benton!«

»Er ist fortgegangen.«

»Ich fürchte, ich muß Sie dann bitten, mir nach Hause zu helfen. Ich will Sie für Ihre Zeit entschädigen. Sie sehen es ja.« Die lichtlosen Augen wandten sich Bessie zu und diese sah es in der That.

»Es ist doch kein Umweg für Sie?« fragte er zögernd. »In diesem Falle kann ich einen Polizisten darum bitten.«

»O, durchaus nicht. Ich muß um sieben Uhr wieder zurück sein und bin um vier Uhr fortgegangen. In diesen Stunden geht es ruhig zu.«

»Gütiger Himmel! Ich bin die ganze Zeit frei. Ich wünschte wohl, ich hätte etwas zu arbeiten. Lassen Sie uns nach Hause gehen, Beß.«

Er drehte sich um und stieß gegen einen Mann auf dem Trottoir, der mit einem Fluche zurückprallte. Bessie nahm seinen Arm und sagte nichts – ebenso wie sie nichts gesagt hatte, wenn er ihr befohlen, ihr Gesicht mehr dem Lichte zuzuwenden. Sie gingen eine Zeit lang schweigend weiter, während das Mädchen ihn sicher durch die Menge leitete.

»Und wo ist – wo ist Mr. Torpenhow?« fragte sie schließlich.

»Er ist weit fort in die Wüste gegangen.«

»Wo ist das?«

Dick zeigte nach rechts. »Im Osten – aus der Mündung der Themse hinaus,« sagte er. »Dann nach Westen, nach Süden und dann wieder östlich, immer längs der Südseite von Europa. Zuletzt wieder südlich, Gott weiß wie weit.« Diese Erklärung unterrichtete Bessie nicht im mindesten, aber sie hielt den Mund und gab auf Dicks Pfad acht, bis sie dessen Zimmer erreichten.

»Wir wollen Thee und Kuchen haben,« sagte er fröhlich. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, Bessie, wie sehr ich mich freue, Sie wieder getroffen zu haben. Weshalb gingen Sie damals so plötzlich fort?«

»Ich glaubte, Sie bedürften meiner nicht mehr,« erwiderte sie, kühn gemacht durch seine Unwissenheit.

»Ich brauchte Sie in der That nicht mehr – aber später. Jedenfalls freue ich mich, daß Sie gekommen sind. Sie kennen die Treppen.«

Bessie brachte ihn nach Hause und in sein Zimmer, ohne daß es jemand verhindert hätte, und schloß die Thür des Ateliers zu.

»Was für eine Unordnung!« war ihr erstes Wort. »Seit Monaten hat sich kein Mensch um alle diese Sachen bekümmert.«

»Nein, nur seit Wochen, Beß. Man kann nicht erwarten, daß sie sich darum kümmern.«

»Ich weiß nicht, was Sie von den Leuten erwarten in dieser Hinsicht. Dieselben müssen doch wissen, was Sie ihnen dafür bezahlt haben. Der Staub ist geradezu entsetzlich. Die ganze Staffelei ist damit bedeckt.«

»Ich benütze dieselbe jetzt nicht viel.«

»Auch die Bilder, der Fußboden und Ihr Rock sind ganz bedeckt mit Staub. Ich möchte wohl mit diesen Dienstmädchen sprechen.«

»Dann läuten Sie, daß man Thee bringt.« Dick fühlte sich nach dem Sessel hin, den er gewöhnlich benützte. Bessie sah es und wurde gerührt davon, soweit es in ihrer Natur lag. Aber es blieb immer noch ein keckes Gefühl von frisch erlangter Ueberlegenheit zurück, das auch in ihrer Stimme herausklang, wenn sie sprach.

»Wie lange befinden Sie sich in diesem Zustande?« fragte sie zornig, als ob seine Blindheit irgend ein Verschulden der Dienstmädchen wäre.

»Wie?«

»Nun, was Sie sind.«

»Seit dem Tage nach dem, an welchem Sie mit dem Check fortgingen, sobald als mein Bild vollendet war; ich habe dasselbe kaum gesehen.«

»Dann hat man Sie seitdem stets betrogen, das ist klar. Ich kenne ihre netten kleinen Mittel und Wege.«

Eine Frau kann den einen Mann lieben und den andern verachten, aber sie wird nach allgemein weiblichen Grundsätzen ihr Möglichstes thun, den verachteten Mann davor zu bewahren, betrogen zu werden. Ihr Geliebter kann für sich selbst sorgen, aber der andere Mann bedarf des Schutzes, zumal wenn er augenscheinlich hilflos ist.

»Ich glaube nicht, daß Mr. Benton mich viel betrügt,« sagte Dick.

Bessie ging hastig auf und ab im Zimmer, während er ein starkes Gefühl von Freude verspürte, als er das Rascheln ihres Kleidersaums vermischt mit dein leichten Tritte hörte.

»Thee und dünnen Kuchen,« sagte sie kurz, als das Dienstmädchen infolge des Läutens eingetreten, »zwei Theelöffel voll und einen dazu für den Topf. Ich wünsche nicht den alten Theetopf wieder zu haben, der hier war, als ich zu kommen pflegte; er zieht nicht ordentlich. Bringen Sie einen andern.«

Das Dienstmädchen ging entrüstet fort, während Dick kicherte. Darauf fing er an zu husten, als Bessie im Atelier anfing auszuklopfen, um den Staub zu entfernen.

»Was machen Sie denn da?«

»Die Sachen in Ordnung bringen. Dies ist ja gerade wie eine unmöblirte Wohnung. Wie konnten Sie es so weit kommen lassen?«

»Wie konnte ich es ändern? Stauben Sie nur weiter ab.«

Sie klopfte wütend den Staub aus, und mitten in all den Lärm trat Mrs. Benton ein. Ihr Gatte hatte ihr bei seiner Rückkehr die Situation erklärt, sich mit dem besonders zutreffenden Sprichworte tröstend »Thue anderen, wie du willst, daß man dir thue.« Sie war herunter gekommen, um der Person ihren Platz anzuweisen, die dünnen Kuchen und einen nicht gesprungenen Theetopf verlangt, als ob sie ein Recht zu beidem hätte.

»Sind die Kuchen fertig?« fragte Bessie, immer noch ausklopfend. Sie war nicht mehr ein schmutziges Weibsbild von der Straße, sondern eine junge Dame, die, dank dem Check von Dick, ihre Prämie bezahlt hatte und berechtigt war, Bierkrüge mit dem besten Stoffe zu füllen. Da sie sehr nett in Schwarz gekleidet war, zögerte sie durchaus nicht, Mrs. Benton gegenüberzutreten, worauf zwischen den beiden Frauen gewisse Blicke gewechselt wurden, die Dick sicherlich gewürdigt hätte. Die Situation wurde durch Blicke entschieden. Bessie hatte gesiegt, und Mrs. Benton kehrte zurück, um Kuchen zu backen und scharfe Bemerkungen über Modelle, Weibsbilder, Schlampen und dergleichen zu machen.

»Es kommt nichts dabei heraus, dazwischen zu treten, Lisa,« sagte Mr. Benton. »Alf, gehe hinaus auf die Straße und spiele. Wenn er guter Laune ist, kann er freundlich sein wie die Güte selbst; wenn er aber ärgerlich ist, ist er der reine Teufel. Wir nahmen zu viel Sachen aus seinen Zimmern, seitdem er blind geworden. Es sind natürlich keine Gegenstände für einen blinden Mann, aber wenn die Geschichte vor Gericht käme, würden wir den Laufpaß bekommen. Ja, ich brachte das Mädchen zu ihm, weil ich selbst ein mitfühlender Mensch bin.«

»Viel zu mitfühlend!« Mrs. Benton klopfte die dünnen Kuchen aus der Pfanne auf die Schüssel und dachte an vor langer Zeit wegen Verdacht entlassene, hübsche Dienstmädchen.

»Ich schäme mich dessen nicht, und es ist nicht unsere Sache, hart über ihn zu urteilen, so lange er ruhig und regelmäßig bezahlt, wie er es thut. Ich weiß, wie man junge Gentlemen behandeln, Du weißt, wie man für sie kochen muß, und, was ich sagen wollte, laß einen jeden auf seine eigenen Geschäfte achten, dann wird niemals Streit entstehen. Trage die Kuchen hinunter, Lisa, und sei überzeugt, daß Du keinen Wortwechsel mit der jungen Person haben wirst. Sein Los ist grausam schwer, und wenn man ihm widerspricht, flucht er schlimmer, als irgend jemand, den ich je bedient habe.«

»Das ist besser,« bemerkte Bessie, sich zum Thee niedersetzend. »Sie brauchen nicht zu warten; danke Ihnen, Mrs. Benton.«

»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, es zu thun, das versichere ich Sie.«

Bessie gab keine Antwort. Dieses war, wie sie wußte, die Art und Weise, wie wirkliche Damen ihre Feinde behandelten, und wenn man ein Schenkmädchen in einem öffentlichen Lokale ersten Ranges ist, kann man nach zehn Minuten Aufmerkens eine wirkliche Dame werden.

Ihre Augen fielen auf den ihr gegenüber sitzenden Dick, und sie wurde erschüttert und ungehalten. Die ganze Vorderseite seines Rockes war bis unten hin voll von Flecken von herabgefallenen Speisen, der Mund hing mürrisch herab unter dem struppigen Barte; die Stirn war voll Falten und gerunzelt, während das Haar an den Schläfen von einer unbestimmten Farbe war, die man wohl grau nennen konnte. Das äußerliche Elend und diese Vernachlässigung des Mannes rührten sie, während aus dem Grunde ihres Herzens ein böses Gefühl lag, daß derjenige, der sie einst gedemütigt, nun selbst gedemütigt und erniedrigt worden war.

»O, es ist so gut zu hören, wie Sie sich hier umherbewegen,« sagte Dick, sich die Hände reibend.

»Erzählen Sie mir alles über Ihre Erfolge am Schenktisch, Bessie, und wie Sie jetzt leben.«

»Denken Sie nichts Derartiges; ich bin ganz respektabel, wie Sie bemerken könnten, wenn Sie mich sähen. Sie aber scheinen nicht besonders gut zu leben. Wodurch wurden Sie so plötzlich blind? Warum ist denn niemand hier, um nach Ihnen zu sehen?«

Dick war zu dankbar für den Ton ihrer Stimme, um diese Frage übel zu nehmen.

»Ich erhielt vor längerer Zeit einen Schwerthieb über den Kopf, der meine Augen zu Grunde gerichtet hat. Ich glaube nicht, daß irgend jemand es der Mühe wert hält, nach mir zu sehen. Weshalb sollte man es auch thun? – Außerdem besorgt Mr. Benton wirklich alles, was ich nötig habe.«

»Kennen Sie denn keine Herren und Damen aus der Zeit her, als Sie noch – gesund waren?«

»Einige wenige, aber ich wünsche nicht, daß dieselben zu mir kommen.«

»Ich vermute, weil Sie sich haben einen Bart wachsen lassen. Lassen Sie sich ihn abnehmen, er kleidet Sie nicht.«

»Gütiger Himmel, Kind, bilden Sie sich ein, daß ich jetzt noch daran denke, was mich kleidet?«

»Sie müssen. Lassen Sie ihn abnehmen, bevor ich wieder komme. Ich nehme an, daß ich kommen darf, nicht wahr?«

»Ich würde Ihnen wirklich sehr dankbar sein, wenn Sie es thäten. Ich denke, ich habe Sie früher nicht besonders gut behandelt; ich pflegte Sie oft zornig zu machen.«

»Sehr zornig, das ist wahr.«

»Es thut mir sehr leid. Kommen Sie und besuchen Sie mich, wann und so oft Sie können. Gott weiß, es gibt keine Seele auf der Welt, außer Ihnen und Mr. Benton, die sich die Mühe macht.«

»Eine ganze Menge Mühe macht er sich und Sie dazu,« sagte Bessie kopfschüttelnd. »Sie haben Sie alles thun lassen, so gut Sie konnten, und haben selbst gar nichts für Sie gethan. Ich habe das auf den ersten Blick gesehen. Ich werde kommen und mich freuen, wieder zu kommen, aber Sie müssen sich rasiren lassen und andere Kleider anziehen – diese sind nicht mehr zum Ansehen.«

»Ich habe irgendwo einen ganzen Haufen von Kleidern,« fügte er hilflos.

»Ich weiß es. Sagen Sie Mr. Benton, er solle Ihnen einen neuen Anzug geben; ich werde denselben ausbürsten und sauber halten. Sie mögen so blind sein wie ein Scheunenthor, Mr. Heldar, das ist aber keine Entschuldigung, daß Sie aussehen wie ein Lumpenkerl.«

»Sehe ich denn aus wie ein Lumpenkerl?«

»O, es thut mir leid Ihretwegen; es thut mir das Ihretwegen so leid,« rief sie erregt aus, Dicks Hände ergreifend. Mechanisch bog er seinen Kopf herab, als ob er sie küssen wollte – sie war das einzige weibliche Wesen, das Mitleid mit ihm hatte, und er war setzt nicht mehr zu stolz gegen ein wenig Mitleid. Sie stand auf, um fortzugehen.

»Nichts Derartiges, als bis Sie wieder mehr wie ein Gentleman aussehen. Es ist das ganz leicht, wenn Sie sich rasiren lassen und andere Kleider anziehen.«

Er hörte, wie sie ihre Handschuhe anzog, und stand auf, um ihr Adieu zu sagen. Sie trat hinter ihn, küßte ihn keck auf den Nacken und lief so schnell fort wie an jenem Tage, als sie die Melancholie zerstört hatte.

»Wer hätte je gedacht, daß ich Mr. Heldar küssen würde,« sagte sie vor sich hin, »nach allem, was er mir gethan, und dem übrigen! Nun, er thut mir leid, und wenn er rasirt ist, wird er nicht so übel aussehen, aber … O, diese Bentons, wie schändlich haben sie ihn behandelt. Ich weiß, daß dieser Benton seine Hemden heute auf dem Leibe trägt, gerade als ob ich es gesehen hätte. Morgen werde ich sehen … Es sollte mich wundern, wenn er noch viel davon hat. Es wäre vielleicht mehr wert als der Schenktisch – ich würde gar nichts zu arbeiten brauchen – und gerade so respektabel sein, wenn niemand es wüßte.«

Dick war Bessie nicht dankbar für ihre Abschiedsgabe. Er fühlte dieselbe genau im Genick während der ganzen Nacht, aber sie schien ihm außer anderen Dingen die Ueberzeugung zu geben, daß er sich rasiren lassen müsse. Am andern Morgen that er es auch und fühlte sich wohler darnach. Ein neuer Anzug, weiße Wäsche und das Bewußtsein, daß jemand auf der Welt gesagt, er nähme Interesse an seiner persönlichen Erscheinung, richtete ihn selbst beinahe auf, denn sein Gehirn wurde eine Zeit lang von dem Gedanken an Maisie befreit, die unter anderen Umständen ihm jenen Kuß und eine Million andere hätte geben können.

»Laß uns nachdenken,« sagte er nach dem Lunch. »Das Mädchen kann sich nicht um mich bekümmern; es ist noch sehr die Frage, ob sie wieder kommt oder nicht, aber wenn Geld sie erkaufen kann, nach mir zu sehen, so soll sie erkauft werden. Niemand auf der Welt würde sich die Mühe nehmen und ich kann sie dafür entschädigen. Sie ist ein Kind der Gosse, das als Schenkmädchen angestellt ist; deshalb soll sie alles haben, dessen sie bedarf, wenn sie nur kommen, mit mir reden und nach mir sehen will.«

Er rieb sein frisch rasirtes Kinn und versetzte sich selbst in Aufregung durch den Gedanken, daß sie vielleicht nicht kommen würde.

»Ich vermute, daß ich wirklich wie ein Lumpenkerl ausgesehen habe,« fuhr er fort. »Ich hatte ja keine Ursache, anders auszusehen. Ich wußte, daß meine Kleider voll Flecken waren, aber ich beachtete es nicht. Es wäre grausam, wenn sie nicht käme. Sie muß. Maisie kam ein einzigesmal, das war genug für sie. Sie hatte ganz recht. Sie muß arbeiten. Dieses Geschöpf hat nur Bierkrüge zu füllen, wenn sie nicht irgend einen jungen Mann verleitet hat, ihr Gefährte zu sein. Ein netter Gedanke, wegen eines Ladentischspringers betrogen zu werden! Wir sind wirklich recht nett gesunken!«

In ihm rief etwas ganz laut: »Dies wird mehr schmerzen als irgend etwas, das früher geschehen. Es wird dir alles zurückrufen, dich an alles erinnern und dich quälen und schließlich dich zum Wahnsinn treiben.«

»Ich weiß es, ich weiß es!« schrie Dick, seine Hände verzweiflungsvoll zusammenschlagend, »aber, gütiger Himmel, hat ein armer blinder Bettler etwas anderes von seinem Leben, als drei Mahlzeiten täglich und eine schmierige Weste? Ich wünschte, sie käme.«

Zeitig nachmittags kam sie, weil es gerade damals keinen jungen Mann in ihrem Leben gab und sie an die materiellen Vorteile dachte, die ihr dafür zufallen würden, daß sie für den Rest ihrer Tage müßig ginge.

»Ich würde Sie nicht wieder erkannt haben,« sagte sie beifällig. »Sie sehen aus wie sonst – wie ein Gentleman, der etwas auf sich hält!«

»Glauben Sie nicht, daß ich nun einen zweiten Kuß verdiene?« fragte Dick, ein wenig errötend.

»Kann sein, aber Sie werden ihn jetzt noch nicht bekommen. Setzen Sie sich und lassen Sie uns sehen, was ich für Sie thun kann. Ich bin überzeugt, daß Mr. Benton Sie betrügt, nun Sie nicht in jedem Monat die Haushaltungsbücher durchsehen können. Ist das nicht wahr?«

»Sie thäten dann besser, herzukommen und für mich hauszuhalten, Bessie.«

»In diesen Zimmern würde ich das nicht thun können, Sie wissen das ebenso gut wie ich.«

»Ich weiß es, doch könnten wir anderswohin gehen, wenn Sie es der Mühe wert halten.«

»Jedenfalls will ich versuchen, nach Ihnen zu sehen, aber ich möchte nicht für uns beide zu arbeiten haben.«

Dies war verlockend.

Dick lachte.

»Entsinnen Sie sich, wo ich mein Bankbuch hinzulegen pflegte?« fragte er. »Torp nahm es, um dasselbe abschließen zu lassen, gerade bevor er fortging. Sehen Sie einmal nach!«

»Es lag gewöhnlich unter dem Tabakskasten. Ah!«

»Nun?«

»O, viertausendzweihundertundzehn Pfund neun Schilling und einen Penny! O, wie viel Geld!«

»Sie können den Penny haben. Das ist nicht so übel für die Arbeit eines Jahres. Ist das und hundertundzwanzig Pfund jährlich genug?«

Das Nichtsthun und hübsche Kleider befanden sich beinahe in ihrem Bereich, aber sie mußte als eine haushälterische Person zeigen, daß sie dieselben verdiene.

»Ja; aber Sie müßten dann ausziehen, und wenn wir ein Inventar aufnehmen, so werden wir meiner Ansicht nach finden, daß Mr. Benton hie und da verschiedene kleine Sachen aus den Zimmern fortgenommen hat. Dieselben sehen nicht so voll aus wie früher.«

»Thut nichts, wir wollen sie ihm lassen. Der einzige Gegenstand, den ich besonders gern mitnehmen möchte, ist das Bild, zu welchem ich Sie gebrauchte, als Sie noch auf mich zu fluchen pflegten. Wir wollen von dieser Stelle fortziehen, Beß, so weit, als wir nur können.«

»O ja,« erwiderte sie etwas unbehaglich.

»Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, um vor mir selbst zu fliehen, aber ich will es versuchen und Sie sollen alle die hübschen Kleider haben, nach denen Sie verlangen. Das wird Ihnen gefallen. Geben Sie mir jetzt den Kuß, Beß! Ihr Götter, es ist schön, wieder einmal seinen Arm um eines Weibes Taille zu legen.«

In demselben Augenblicke mußte er an die Erfüllung der Prophezeiung denken. Wenn sein Arm ebenso um Maisies Taille läge und ein Kuß ebenso zwischen ihnen ausgetauscht worden wäre – wie dann! Er drückte das Mädchen fest an sich, weil ihn der Schmerz quälte. Sie überlegte, wie sie den kleinen Vorfall mit der Melancholie erklären sollte. Wenn dieser Mann wirklich wünschte, sich durch ihre Gesellschaft zu trösten – sicherlich würde er in seine frühere Verwahrlosung zurückfallen, wenn sie dieselbe ihm entzog – so würde er jedenfalls ein wenig mehr darüber betrübt sein. Wenigstens würde es amüsant sein, zu sehen, was geschähe, und nach ihren Erfahrungen war es gut für einen Mann, eine gewisse Ehrfurcht oder Scheu vor seiner Gefährtin zu haben.

Sie lachte etwas nervös und schlüpfte aus seinem Bereiche.

»Ich würde mich an Ihrer Stelle nicht so viel um das Bild bekümmern,« fing sie an, in der Absicht, seine Aufmerksamkeit abzulenken.

»Es steht irgendwo hinter meinen übrigen Bildern. Suchen Sie es, Beß; Sie kennen es ebenso gut wie ich.«

»Ich kenne es – aber –«

»Aber was? Sie haben Verstand genug, um den Verkauf desselben an einen Kunsthändler zu besorgen. Frauen feilschen viel besser als Männer. Es kann sich dabei leicht um eine Summe von acht- bis neunhundert Pfund für uns handeln. Ich habe nur seit längerer Zeit nicht gern an diese Sache gedacht. Diese hing so sehr mit meinem Leben zusammen. Aber wir wollen glatte Bahn machen und alles losschlagen, wie? Nehmen Sie einen frischen Anlauf von Anfang an, Beß.«

Da bereute sie sehr, was sie gethan, denn sie kannte den Wert des Geldes. Doch es war wahrscheinlich, daß der blinde Mann den Wert seines Werkes überschätzte. Die Herren waren, wie sie wußte, lächerlich eingenommen von ihren Sachen.

Sie kicherte, wie ein nervöses Dienstmädchen kichert, wenn es versucht, das Zerbrechen einer Pfeife zu erklären.

»Es thut mir sehr leid, aber Sie entsinnen sich, daß ich wütend über Sie war, bevor Mr. Torpenhow fortging?«

»Sie waren sogar sehr wütend, Kind, und, auf mein Wort, hatten auch einigen Grund dazu.«

»Da – aber sind Sie überzeugt, daß Mr. Torpenhow es Ihnen nicht erzählt hat?«

»Mir was erzählt hat? Lieber Himmel, weshalb machen Sie so viel Umstände, wenn Sie mir ebenso gut noch einen Kuß geben könnten.«

Er fing an einzusehen, nicht zum erstenmal in seinem Leben, daß das Küssen ein accumulatives Gift ist; je mehr man davon erhält, nach desto mehr verlangt man.

Bessie gab ihm prompt den Kuß und flüsterte dabei: »Ich war so wütend, daß ich das Bild mit Terpentin ausrieb. Sie sind deswegen nicht böse, nicht wahr?«

»Was? Sagen Sie das noch einmal!« Seine Hand umschloß ihr Handgelenk.

»Ich rieb es mit Terpentin und dem Messer aus,« stammelte Bessie. »Ich glaubte, Sie brauchten es nur noch einmal zu malen, Sie thaten das auch, nicht wahr? O, lassen Sie mein Handgelenk los, Sie thun mir weh.«

»Ist gar nichts von dem Ding übrig geblieben?«

»Nichts, was irgend einem Dinge ähnlich sähe. Es thut mir leid – ich wußte nicht, daß Sie so viel davon hielten; ich wollte nur einen Spaß machen. Sie wollen mich doch nicht schlagen?«

»Sie schlagen! O nein! Lassen Sie mich nachdenken.«

Er ließ ihr Handgelenk nicht los und starrte auf den Teppich, Darauf schüttelte er seinen Kopf wie ein junger Stier, wenn er einen Schlag mit der Peitsche über die Nase erhält, um ihn auf den Weg zu den Fleischscharren zurückzutreiben, denen er entrinnen wollte. Seit Wochen hatte er sich gezwungen, nicht an die Melancholie zu denken, weil dieselbe ein Teil seines toten Lebens war. Mit Bessies Rückkehr und gewissen neuen Plänen, die sich entwickelt hatten, war die Melancholie – reizender in seiner Phantasie, als sie jemals auf der Leinwand gewesen – wieder erschienen. Durch dieselbe hatte er sich mehr Geld verschafft, um damit Bessie zu amüsiren und Maisie zu vergessen. Jetzt war – dank der Thorheit eines bösen kleinen Dienstmädchens – nicht mehr die Rede davon, nicht einmal die Hoffnung vorhanden, daß er eines Tages ein dauerndes Interesse an dem Dienstmädchen nehmen könnte. Das Aergste von allem war, daß er in Maisies Augen infolge dessen lächerlich erschienen. Eine Frau wird dem Manne, der die Arbeit ihres Lebens vernichtet hat, verzeihen, so lange er ihr Liebe gibt; ein Mann kann demjenigen verzeihen, der die Liebe seines Lebens vernichtet, aber niemals wird er die Zerstörung seines Werkes verzeihen.

»Tok – tok – tok,« machte Dick zwischen den Zähnen, dann lächelte er mild. »Es ist ein Omen, Bessie, und – alles genauer betrachtet – es geschieht mir recht für das, was ich gethan habe. Beim Himmel, das erklärt das Fortlaufen von Maisie. Sie muß mich für vollständig verrückt gehalten haben – sie ist nur wenig zu tadeln. Das ganze Bild ist also verdorben, nicht wahr? Weshalb thaten Sie es?«

»Weil ich damals zornig war. Ich bin es jetzt nicht – es thut mir ganz schrecklich leid.«

»Das wundert mich. – Es macht jedoch nichts. Ich bin zu tadeln wegen meines Irrtums.«

»Welchen Irrtums?«

»Etwas, was Sie nicht verstehen würden, Teuerste. Großer Gott, zu denken, daß ein kleines Stück Schmutz wie Sie mich aus meiner Bahn schleudern konnte!«

Dick sprach mit sich selbst, als Bessie versuchte, ihr Handgelenk aus seinem Griffe zu befreien.

»Ich bin kein Stück Schmutz, Sie sollten mich nicht so nennen! Ich that es, weil ich Sie haßte, und es thut mir jetzt nur leid, weil Sie – weil Sie –«

»Gerade heraus – weil ich blind bin. Es geht nichts über Takt bei kleinen Dingen.«

Bessie begann zu schluchzen. Sie liebte es nicht, gegen ihren Willen festgehalten zu werden; sie fürchtete sich vor dem blinden Antlitz und fürchtete sich, dasselbe anzublicken, und war außerdem betrübt, daß Dick über ihre große Rache nur gelacht hatte.

»Weinen Sie nicht,« fügte er und nahm sie in seine Arme. »Sie thaten nur, was Sie für recht hielten.«

»Ich – ich bin kein kleines Stück Schmutz, und wenn Sie das sagen, werde ich niemals wieder zu Ihnen kommen.«

»Sie wissen gar nicht, was Sie mir angethan haben. Ich bin nicht zornig – wirklich nicht. Seien Sie eine Minute ruhig.«

Bessie blieb zitternd in seinen Armen. Dicks erster Gedanke fiel auf Maisie; es schmerzte ihn, als wenn ein weißglühendes Eisen auf eine Wunde trifft. Nicht umsonst ist es einem Manne gestattet, sich mit der unrechten Frau zu verbünden. Sobald der erste Schmerz, die erste Verbindung vorüber, die nur das Vorspiel sind, beginnt das eigentliche Spiel, denn die gerechte Vorsehung, der es gefällt, Schmerzen aufzuerlegen, hat bestimmt, daß der Todeskampf wiederkehren wird, und zwar mitten in der ärgsten Freude. Diejenigen kennen diese Qual, die durch die Liebe ihres Lebens verlassen worden sind oder dieselben verlassen haben und gezwungen wurden, sich diese Liebe in den Armen ihrer zweiten Frau zu vergegenwärtigen. Es ist besser, allein zu bleiben und nur die Qualen dieses Alleinseins zu erdulden, so lange es möglich ist, in der täglichen Arbeit Zerstreuung zu finden. Wenn dieses Mittel aufhört, so muß der Mensch bemitleidet und allein gelassen werden.

An diese Dinge und noch einige andere dachte Dick, während er Bessie an sein Herz gedrückt hielt.

»Obgleich Sie es vielleicht nicht wissen,« sagte er, sein Haupt aufrichtend, »so ist der Herr ein gerechter und ein schrecklicher Gott, Beß, mit einem sehr kräftigen Sinn für Humor, Es geschieht mir recht – es geschieht mir ganz recht! Torp würde es verstehen, wenn er hier wäre; er muß unter Ihren Händen etwas gelitten haben, Kind, doch nur für einen Augenblick. Ich rettete ihn. Möge das jemand mir gutschreiben.«

»Lassen Sie mich gehen,« sagte Bessie, während ihr Gesicht sich verfinsterte. »Lassen Sie mich gehen.«

»Alles zu seiner Zeit. Haben Sie jemals die Sonntagsschule besucht?«

»Nein. Lassen Sie mich gehen, sage ich Ihnen! Sie machen sich über mich lustig.«

»Wirklich nicht. Ich mache mich über mich selbst lustig … Also: ›Er erlöste andere, sich selbst konnte er nicht erlösen.‹ Es ist nicht ganz genau ein Schulstubentext.« Er ließ ihr Handgelenk los, aber da er sich zwischen ihr und der Thüre befand, konnte sie nicht entfliehen. »Was für eine ungeheure Menge Böses kann doch solch eine kleine Frau anrichten?«

»Es thut mir leid, ganz schrecklich leid wegen des Bildes.«

»Mir nicht. Ich bin Ihnen sogar sehr dankbar dafür, daß Sie es verdorben haben … Worüber sprachen wir, ehe Sie dieser Sache erwähnten?«

»Ueber das Fortziehen – und über Geld. Daß ich und Sie fortziehen sollten.«

»Natürlich. Wir wollen fortgehen – das heißt, ich werde es.«

»Und ich?«

»Sie sollen fünfzig ganze Pfund für das Verderben eines Bildes erhalten.«

»Dann wollen Sie nicht –?«

»Ich fürchte, nein, Teuerste. Denken Sie an die fünfzig Pfund für lauter hübsche Dinge für Sie.«

»Sie sagten doch, Sie könnten nichts machen ohne mich.«

»Das war vor kurzem auch wahr. Dank Ihnen, befinde ich mich jetzt besser. Geben Sie mir meinen Hut.«

»Nehmen Sie an, ich thäte es nicht?«

»Dann wird es Benton thun, und Sie würden fünfzig Pfund verlieren. Das ist alles. Geben Sie ihn her.«

Bessie fluchte leise vor sich hin. Sie hatte den Mann aufrichtig bemitleidet, ihn beinahe ebenso aufrichtig geküßt, denn er war nicht häßlich; es gefiel ihr bei ihm und eine Zeit lang seine Beschützerin zu sein, und vor allen Dingen waren da viertausend Pfund zu handhaben. Jetzt hatte sie infolge eines Ausgleitens der Zunge und eines kleinen weiblichen Verlangens, jemand ein wenig, nicht zu viel, Schmerz zu verursachen, das Geld verloren, ebenso das gesegnete Nichtsthun und die hübschen Sachen, das Zusammenleben, sowie die Gelegenheit, von außen wie eine respektable wirkliche Dame auszusehen.

»Jetzt stopfen Sie mir eine Pfeife. Der Tabak schmeckt mir zwar nicht, doch das thut nichts, ich will über etwas nachdenken. Welchen Tag in der Woche haben wir, Beß?«

»Dienstag.«

»Dann ist Donnerstag Mailtag. Was für ein Thor – was für ein blinder Thor bin ich gewesen! Zweiundzwanzig Pfund genügen für meine Rückreise. Nehmen wir zehn für außerordentliche Ausgaben. Wir müssen bei Madame Binat aus alter Freundschaft einkehren. Zweiunddreißig Pfund zusammen. Fügen wir hundert Pfund hinzu für die Kosten des letzten Ausfluges – Gott, wie wird Torp mich anstarren, wenn er mich sieht! – hundertundzweiunddreißig, es bleiben achtundsiebenzig für Bakschisch – ich werde sie nötig haben – und zum Spielen. Weshalb weinen Sie, Beß? Es war nicht Ihre Schuld, mein Kind, es war die meine ganz allein. O, Sie komisches, kleines Opossum, trocknen Sie Ihre Augen und führen Sie mich aus! Ich bedarf des Paß- und des Checkbuches. Warten Sie eine Minute. Viertausend Pfund zu vier Prozent – das ist ein sicherer Zinsfuß – geben hundertundsechzig Pfund jährlich; hundertundzwanzig Pfund jährlich – die ebenfalls sicher sind – macht zweihundertundachtzig, und zweihundertundachtzig Pfund zu dreihundert jährlich addirt, bedeuten goldenen Luxus für eine einzelne Frau. Beß, wir wollen zur Bank gehen.«

Um zweihundertundzehn Pfund reicher, die in seinem Geldgurt untergebracht waren, veranlaßte Dick Bessie, die jetzt ganz verwirrt geworden, von der Bank nach den Bureaux der P. und O. mit ihm zu fahren, wo er seine Sache glatt erklärte.

»Port Saïd, Einzelkabine erster Klasse, die Kabine so nahe als möglich bei der Gepäckluke. Welches Schiff geht?«

»Der Kolpong,« antwortete der Beamte.

»Das ist ein nasser kleiner Hooker. Ist es in Tilbury mit einem Tender oder in Galleons bei den Docks?«

»Galleons. Zwölf vierzig, Donnerstag.«

»Danke. Bitte, wechseln Sie. Ich kann nicht besonders gut sehen. Wollen Sie mir das Geld in die Hand zählen?«

»Wenn alle Leute ihre Passage so nähmen wie der, anstatt über ihre Koffer zu schwatzen, würde das Leben etwas wert sein,« bemerkte der Beamte zu seinem Nachbarn, der versuchte, einer abgematteten Mutter zahlreicher Kinder auseinanderzusetzen, daß kondensirte Milch für Babies auf dem Meere ebenso gut sei als täglich frisch gemolkene.

»Wir sind nun,« rief Dick aus, als sie wieder in das Atelier zurückgekehrt waren, und klopfte dabei auf seinen mit Billet und Geld angefüllten Geldgurt – »wir sind nun außerhalb des Bereiches von Mann, Teufel oder Weib, was noch viel wichtiger ist. Ich muß noch drei kleine Geschäfte abmachen vor Donnerstag, aber ich bedarf dabei nicht Ihrer Hilfe, Beß. Kommen Sie am Donnerstag morgens neun Uhr her. Wir werden zusammen frühstücken und Sie sollen mich dann hinunter nach der Galleonsstation bringen.«

»Was wollen Sie denn thun?«

»Natürlich fortgehen. Weshalb sollte ich noch hier bleiben?«

»Sie können doch aber nicht für sich selbst sorgen?«

»Ich kann alles thun. Ich stellte es mir früher nicht so vor, aber ich kann es. Ich habe bereits ein gut Teil gethan. Der Entschluß soll mit einem Kuß belohnt werden, wenn Bessie nichts einzuwenden hat.«

Merkwürdig genug hatte Bessie etwas einzuwenden, worauf Dick lachte: »Ich vermute, Sie haben recht. Nun kommen Sie übermorgen um neun Uhr und Sie werden Ihr Geld erhalten.«

»Bestimmt?«

»Ich bin kein Schwindler, und Sie werden nicht erfahren, was ich thue oder lasse, wenn Sie nicht kommen. O, aber es ist lange, sehr lange zu warten. Adieu, Bessie – schicken Sie Benton her, wenn Sie fortgehen.«

Der Haushälter kam.

»Was ist die ganze Ausstattung in meinen Zimmern wert?« fragte Dick herrisch.

»Das kann ich nicht sagen, Herr. Einige Sachen sind sehr hübsch und manche schrecklich abgenützt.«

»Ich bin für zweihundertundsiebenzig Pfund versichert.«

»Versicherungspolicen sind nicht maßgebend, obschon ich nicht sage –«

»O, verdammt sei Ihre Weitschweifigkeit! Sie haben Ihre Auslese bei mir und den übrigen Mietern gehalten. Wie, Sie sprachen neulich davon, sich zurückzuziehen und ein öffentliches Haus zu kaufen. Geben Sie auf eine gerade Frage eine gerade Antwort.«

»Fünfzig!« sagte Mr. Benton, ohne einen Augenblick zu zaudern.

»Verdoppeln Sie die Summe oder ich werde die Hälfte von allem zerbrechen und den Rest verbrennen.«

Er tastete sich nach dem Bücherständer hin, auf dem ein Haufen Skizzenbücher lag, und drehte eine von den Mahagonisäulen heraus.

»Das ist sündhaft,« sagte der Haushälter beunruhigt.

»Es ist mein Eigentum. Hundert oder –«

»Einhundert sei es. Es wird mich drei Pfund sechs Schilling kosten, um diese Säule wieder ausbessern zu lassen.«

»Ich glaubte so ungefähr. Was müssen Sie für ein ausgemachter Schwindler sein, um den Preis auf einmal so zu verdoppeln.«

»Ich hoffe, daß ich nichts gethan habe, um irgend einen von den Mietern unzufrieden zu machen, am wenigsten von allen Sie, Herr.«

»Das thut nichts. Bringen Sie mir morgen das Geld und sorgen Sie dafür, daß meine sämtlichen Kleider eingepackt werden in den kleinen Koffer aus Büffelleder. Ich gehe fort.«

»Aber die Rechnung für das Vierteljahr?«

»Ich werde Entschädigung bezahlen. Sehen Sie nach dem Einpacken und lassen Sie mich allein.«

Mr. Benton besprach diese neue Abreise mit seiner Gattin, die der festen Ueberzeugung war, daß Bessie die Ursache von allem sei. Ihr Gatte hatte eine mildere Ansicht.

»Es kommt sehr plötzlich – aber er war stets so plötzlich in allem, was er that. Höre ihn nur jetzt!« Aus Dicks Zimmern ertönte ein altes Matrosenlied.

»Mr. Benton! Mr. Benton! Wo, zum Henker, ist meine Pistole?«

»Rasch, er will sich erschießen – nachdem er verrückt geworden!« rief Mrs. Benton aus.

Mr. Benton sprach besänftigend zu Dick, aber erst etwas später konnte der letztere, in seinem Schlafzimmer auf und ab trabend, die Absicht des Versprechens begreifen, daß er morgen alles finden würde.

»O, Sie kupfernasiger alter Narr – Sie impotenter Akademiker,« schrie er schließlich. »Glauben Sie, ich wollte mich totschießen? Nehmen Sie doch die Pistole in Ihre albern zitternde Hand. Wenn Sie dieselbe berühren, wird sie losgehen, weil sie geladen ist. Sie muß sich irgendwo unter meinen Feldzugsgegenständen befinden – in der Abteilung ans dem Boden des Koffers.«

Lange vorher hatte sich Dick sorgfältig mit einer Feldausrüstung von vierzig Pfund Gewicht versehen, die nach seinen eigenen Erfahrungen zusammengestellt war. Es war dieser beiseite geschobene Schatz, den er herauszufinden und wieder zu benützen versuchte. Mr. Benton zog den Revolver von seinem Platze oben auf dem Gepäck hervor, während Dick seine Hand zwischen den Khakirock und Hosen steckte, die blauen Tuchgamaschen und die dicken Flanellhemden, die über ein Paar gebogene Sporen ausgebreitet waren. Unter diesen und der Wasserflasche lagen ein Skizzenbuch und eine schweinslederne Schreibmappe.

»Diese Dinge gebrauchen wir nicht; Sie können dieselben bekommen, Mr. Benton. Alles andere will ich behalten. Packen Sie das übrige oben rechts in meinen Koffer. Wenn Sie das gethan haben, so kommen Sie mit Ihrer Frau zu mir ins Atelier; ich habe euch beide nötig. Warten Sie noch einen Augenblick, geben Sie mir eine Feder und ein Blatt Notenpapier.«

Es ist keine leichte Sache, zu schreiben, wenn man nicht sehen kann, und Dick hatte besondere Gründe zu wünschen, daß seine Schrift deutlich sei. Er fing deshalb an, indem er seiner rechten Hand mit der linken folgte: »Die schlechte Schrift rührt davon her, weil ich blind bin und meine Feder also nicht sehen kann.« – »Hm! Selbst ein Anwalt kann das nicht mißverstehen. Es muß unterzeichnet sein, vermute ich, braucht aber nicht bezeugt zu werden. Jetzt einen Zoll niedriger – weshalb lernte ich nicht, mich einer Schreibmaschine zu bedienen?« – »Dies ist der letzte Wille und das Testament von mir, Richard Heldar. Ich bin körperlich und geistig gesund, auch ist kein vorhergehendes Testament zu widerrufen.« – »Das ist alles richtig. Verdammte Feder! Wo war ich denn auf dem Papier?« – »Ich vermache alles, was ich auf der Welt besitze, nämlich viertausend Pfund, sowie zweitausendsiebenhundertundachtundzwanzig Pfund, die für mich angelegt sind –« – »O, ich kann das nicht so geradezu sagen.« Er riß die Hälfte des Blattes ab und begann von neuem mit der Klausel bezüglich der Handschrift; dann fuhr er fort: »Ich hinterlasse alles Geld, das ich besitze …« hier folgten Maisies Namen, sowie diejenigen der beiden Banken, bei denen sein Geld angelegt war. »Es mag wohl nicht ganz in Ordnung sein, aber kein Mensch hat nur einen Schatten von Recht, es anzufechten, auch habe ich Maisies Adresse angegeben. – Kommen Sie herein, Mr. Benton. Dies hier ist meine Unterschrift; Sie haben dieselbe oft genug gesehen, um sie zu kennen; es ist notwendig, daß Sie und Ihre Frau dieselbe bezeugen. Ich danke. Morgen müssen Sie mich zu dem Hausbesitzer führen, weil ich Entschädigung dafür bezahlen will, daß ich ohne Kündigung fortgehe; auch will ich dieses Papier bei ihm deponiren, im Falle mir während meiner Abwesenheit etwas zustoßen sollte. Jetzt wollen wir ein Feuer im Kamin des Ateliers anzünden. Bleiben Sie bei mir und reichen Sie mir meine Papiere, wie ich dieselben gebrauche.«

Niemand, der es nicht selbst erfahren hat, weiß, was für ein schönes Feuer Briefe, Zettel und Listen, die sich im Laufe eines Jahres angesammelt haben, machen können. Dick stopfte jedes Schriftstück aus dem Atelier in den Kamin – nur drei uneröffnete Briefe verschonend, verbrannte Skizzenbücher, Notizbücher, desgleichen neue und halb vollendete Bilder.

»Was für einen Haufen von Plunder hat doch ein Mieter um sich herum, wenn er längere Zeit an einem Orte bleibt!« sagte Mr. Benton schließlich.

»Das ist wahr. Ist noch irgend etwas übrig geblieben?« Dick tastete längs den Wänden hin. »Nicht ein Stück, der Kamm ist beinahe glühend rot.«

»Vortrefflich, Sie haben an den Skizzen einen Wert von etwa tausend Pfund Wert verloren. Ha, ha! Ganze tausend Pfund an Wert, wenn ich daran denke, was ich zu sein pflegte.«

»Ja Herr,« bemerkte Mr Benton höflich. Er war fest überzeugt, daß Dick verrückt geworden sei, sonst würde derselbe sich niemals von seiner schönen Einrichtung für einen Pappenstiel getrennt haben. Die Bilder hätten nur Platz fortgenommen, es war viel besser, dieselben zu verbrennen.

Es blieb jetzt nur noch übrig, das kurze Testament in sichere Hände niederzulegen, was indes erst am folgenden Tage geschehen konnte. Dick griff auf dem Boden umher, suchte die kleinsten Papierstücke zusammen und überzeugte sich wiederholt, daß kein geschriebenes Wort, kein Zeichen aus seinem vergangenen Leben in den Schubkästen oder dem Schreibtische zurückgeblieben war; darauf setzte er sich vor den Kamm hin, bis das Feuer erlosch und das erkaltete Eisen im Schweigen der Nacht krachte.

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

»Leben Sie wohl, Beß; ich versprach Ihnen fünfzig Pfund. Hier sind hundert – alles, was ich für meine Einrichtung von Benton erhielt. Das wird Sie eine Zeit lang mit hübschen Kleidern versorgen. Sie sind ein gutes, kleines Mädchen gewesen, alles in allem betrachtet, aber Sie haben Torpenhow und mir eine hübsche Menge Unruhe verursacht.«

»Grüßen Sie Mr. Torpenhow recht herzlich von mir, wenn Sie ihn sehen; wollen Sie das thun?«

»Natürlich werde ich es thun, Teuerste. Nun führen Sie mich zu der Laufplanke und in meine Kabine. Einmal an Bord des Luggers und das Mädchen ist – und ich bin frei, meine ich.«

»Wer wird auf dem Schiffe nach Ihnen sehen?«

»Der Obersteward, wenn das Geld irgend einen Nutzen hat. Dann der Doktor, wenn wir nach Port Saïd kommen, so weit ich mich auf die P. und O. Doktoren auskenne. Nach diesen wird der Herr für mich sorgen, wie er es zu thun pflegte.« Beß fand Dicks Kabine in der wilden Unruhe eines Schiffes, das voll von scheidenden und weinenden Verwandten war. Dann küßte er sie und legte sich in seine Koje, bis das Verdeck wieder klar sein würde. Er, der so lange Zelt gebraucht, sich in seinen eignen, für ihn dunklen Zimmern zu bewegen, kannte vortrefflich die Geographie eines Schiffes, und die Notwendigkeit, für seine eigne Bequemlichkeit zu sorgen, war wie Wein für ihn. Bevor die Schraube begann, das Schiff längs den Docks vorwärts zu treiben, hatte er sich mit dem Obersteward bekannt gemacht, ihn mit einem fürstlichen Trinkgelde bedacht, sich einen guten Platz an der Tafel gesichert, sein Gepäck geöffnet und sich ganz lustig in seiner Kabine hingesetzt. Er hatte kaum nötig, seinen Weg durch das Gefühl zu finden, denn er kannte alles ganz genau. Dann war Gott sehr gütig gegen ihn, ein tiefer Schlaf der Ermüdung kam über ihn, gerade als er an Maisie hatte denken wollen, er schlief, bis der Dampfer die Themsemündung hinter sich hatte und dem Kanale zusteuerte.

Das Rasseln der Maschinen, der Geruch von Oel und Farbe, und ein sehr vertrauter Ton in der nächsten Kabine veranlaßten ihn, aufzustehen.

»O, es ist gut, wieder aufzuleben!« Er gähnte, dehnte sich kräftig und ging auf Deck, wo man ihm mitteilte, daß man sich beinahe den Leuchtfeuern von Brighton gegenüber befände. Das ist ebenso wenig offenes Wasser, wie Trafalgar Square eine Gemeindewiese ist; die freie See beginnt bei Ushant, aber Dick konnte nichtsdestoweniger bereits das Heilsame der See auf sich wirken fühlen. Eine ungestüme kleine Gegendünung packte den Dampfer respektwidrig bei der Nase, während eine sich in der Nähe brechende Welle das Hinterdeck und den Haufen neuer Verdeckstühle bespritzte. Er hörte den Gischt mit dem Tone von zerbrochenem Glase niederfallen, erhielt einen Tassenkopf voll davon ins Gesicht, schnüffelte kräftig, und fühlte sich nach dem Rauchzimmer beim Steuerrade hin. Dort traf ihn eine kräftige Brise, blies ihm die Mütze fort und ließ ihn barhäuptig in der Thüre stehen, worauf der Kellner des Rauchzimmers, der begriffen, daß Dick ein erfahrener Reisender sei, sagte, daß das Wetter in der Verengerung des Kanals steif und mehr als eine steife Brise in der Bai sein würde. Diese Dinge ereigneten sich so, wie eben erwähnt, und Dick empfand eine außerordentliche Freude darüber. Es ist auf See gebräuchlich und sogar notwendig, sich an Tischen, Stützen und Tauen festzuhalten, wenn man von einer Stelle zur andern geht. Auf dem Lande ist ein Mann, der sich mit den Händen weiter fühlt, offenbar blind; auf der See kann sogar ein blinder Mann, der nicht seekrank ist, den Doktor über sein Gebrechen täuschen. Dick erzählte dem Arzte zahlreiche Geschichten, und diese sind eine Münze von größerem Werte als Silber, wenn sie richtig gehandhabt werden – rauchte mit demselben bis in die späte Nacht hinein, und gewann dessen kurzlebige Beachtung in einem Maße, daß er Dick versprach, ihm einige Stunden von seiner Zeit zu widmen, wenn sie in Port Saïd angelangt sein würden.

Die See brüllte oder war ruhig, je nachdem der Wind blies, die Maschinen sangen Tag und Nacht ihr Lied, die Sonne schien mit jedem Tage heißer, während Tom, der laskarische Barbier, Dick eines Morgens unter dem offenen Lukengitter rasirte, wo die kühle Luft wehte; die Sonnenzelte wurden aufgespannt, alle Passagiere lebten auf und schließlich traf man in Port Saïd ein.

»Bringen Sie mich,« sagte Dick zum Doktor, »in das Haus der Madame Binat, wenn Sie wissen, wo es liegt.«

»Pfui!« rief der Doktor. »Ich weiß es. Es ist keine große Auswahl vorhanden; aber ich setze voraus, Sie wissen, daß das eines der verrufensten Häuser der Stadt ist. Man wird Sie erst ausplündern und später totstechen.«

»O nein, diese Leute nicht. Bringen Sie mich nur hin, ich kann dann schon selbst für mich sorgen.«

Er wurde demgemäß zu Madame Binat gebracht, während seine Nasenlöcher den wohlbekannten Geruch des Ostens einsogen, der sich ohne irgend eine Abwechslung, von der Spitze des Kanals zu Hongkong bis dort hinzieht, und sein Mund die abscheuliche Sprache der Lingua Franka der Levante redete. Die Hitze traf ihn zwischen den Schulterblättern wie der Schlag eines alten Freundes, seine Füße glitten auf dem Sande aus, während seine Rockärmel so heiß wie frisch gebackenes Brot waren, wenn er sie an seine Nase brachte.

Madame Binat lächelte mit dem Lächeln, das kein Erstaunen kennt, als Dick in das Schanklokal eintrat, das eine Quelle ihrer Einnahme war.

Mit Ausnahme des kleinen Zwischenfalles vollständiger Dunkelheit konnte er sich kaum vorstellen, daß er jemals das frühere Leben hier verlassen, das vor seinen Ohren brummte. Jemand öffnete eine Flasche starken Schiedamer. Dieser Geruch erinnerte Dick an Monsieur Binat, der beiläufig über Kunst und Degradation gesprochen hatte. Binat war tot; Madame sagte es, nachdem der Doktor, entrüstet, so weit ein Schiffsarzt entrüstet sein kann, über die Wärme von Dicks Empfang, fortgegangen war. »Man entsinnt sich hier meiner noch nach einem Jahre. Man hatte mich über dem Wasser in derselben Zeit vergessen. Madame, ich muß eine lange Unterredung mit Ihnen haben, sobald Ihre Zeit es gestattet. Es ist gut, wieder zurück zu sein.«

An jenem Abend stellte sie einen eisernen Kaffeetisch draußen auf den Sand und nahm mit Dick an demselben Platz, während das Haus hinter ihnen von Lärm, Fröhlichkeit, Flüchen und Drohungen erfüllt war. Die Sterne kamen hervor und die Lichter der Schiffe im Hafen blinkten an der Mündung des Kanals. »Ja, der Krieg ist gut für das Geschäft, mein Freund; aber was willst Du hier machen? Wir haben Dich nicht vergessen.«

»Ich war drüben in England und wurde blind.«

»Aber erst kam der Ruhm. Wir hörten hier davon, sogar hier – ich und Binat; Du hast den Kopf der ›Gelben Tina‹ benützt – sie lebt noch – so oft und so gut, daß Tina lachte, wenn die Zeitungen mit den Mailbooten eintrafen. Es war in den Bildern stets etwas vorhanden, was wir hier wieder erkennen konnten. Und dann gab es noch stets Ruhm und Geld für Dich.«

»Ich bin nicht arm – ich werde Sie gut bezahlen.«

»Nicht mich. Du hast für alles bezahlt.« Dann sagte sie leise: »Mon Dieu, blind zu sein und noch so jung! Wie schrecklich!«

Dick konnte ihr Gesicht mit dem mitleidigen Ausdrucke nicht sehen, noch sein eignes mit dem farblosen Haare an den Schläfen. Er fühlte nicht das Bedürfnis, bemitleidet zu werden, er war zu begierig, noch einmal nach der Front zu gelangen, und erklärte seinen Wunsch.

»Und wohin? Der Kanal ist voll von englischen Schiffen. Zuweilen feuern sie, wie sie es zu thun pflegten, als der Krieg hier war – vor zehn Jahren. Jenseits Kairo wird gekämpft, aber wie kannst Du dorthin gelangen ohne einen Korrespondentenpaß? In der Wüste gibt es stets Gefechte, das ist also auch unmöglich,« sagte sie.

»Ich muß nach Suakim gehen!« Er wußte, dank Alfs Vorlesen, daß Torpenhow sich bei der Kolonne befinde, die den Bau der Suakim-Berberlinie beschützte. Die P. und O. Dampfer berühren jenen Hafen nicht, und außerdem kannte Madame Binat einen jeden, dessen Beistand oder Rat von Wert war. Es waren keine respektablen Leute, aber sie konnten manche Dinge fertig bringen, was viel wichtiger ist, wenn man etwas durchsetzen will.

»Aber bei Suakim wird fortwährend gefochten. Die Wüste erzeugt beständig Menschen, – beständig mehr Menschen. Und dieselben sind so kühn! Weshalb denn nach Suakim?«

»Mein Freund befindet sich dort.«

»Dein Freund! Pfüt! Dein Freund ist dann tot.« Madame Binat ließ ihren fetten Arm auf den Tisch fallen, füllte Dicks Glas von neuem, und blickte ihn aus der Nähe an, beim Lichte der Sterne. Er brauchte gar nicht seinen Kopf zustimmend zu beugen und zu sagen:

»Nein. Er ist ein Mann, aber – wenn es geschehen sollte – würdest Du es tadeln?«

»Ich es tadeln?« sagte sie mit gellendem Gelächter. »Wer bin ich, um irgend jemand zu tadeln – ausgenommen diejenigen, die mich bei dem zu betrügen versuchen, was sie verzehrt haben. Aber es ist wirklich schrecklich.«

»Ich muß nach Suakim gehen. Denken Sie für mich. Es hat sich in diesem Jahre sehr viel geändert, und alle Leute, die ich kannte, sind nicht hier. Der ägyptische Leuchtturmdampfer geht den Kanal hinunter nach Suakim – auch die Postboote – aber selbst dann …«

»Denken Sie nicht weiter darüber nach. Ich weiß es, und es ist meine Sache, nachzudenken. Du sollst hingehen – Du sollst hingehen und Deinen Freund sehen. Sei klug. Bleibe hier sitzen, bis es im Hause etwas ruhiger ist, ich muß nach meinen Gästen sehen – und dann gehe zu Bett. Du sollst hingehen, wirklich. Du sollst.«

»Morgen?«

»Sobald es sein kann.« Sie sprach mit ihm, als ob er ein Kind wäre.

Er blieb an dem Tische sitzen und hörte nach den Stimmen im Hafen und auf den Straßen, und war neugierig, wie bald das Ende kommen würde, bis Madame Binat ihn zu Bett brachte und ihm befahl zu schlafen. Im Hause schrie, sang, tanzte und lärmte man, während Madame Binat sich zwischen durch bewegte, mit einem Auge auf die Bezahlung für die Getränke und die Mädchen, mit dem andern auf Dicks Interessen. Zu diesem letzteren Zwecke lächelte sie einem finster aussehenden türkischen Offizier von den Fellahregimentern zu, war sehr liebenswürdig gegen einen Cyprioten, einen Unterbeamten des Kommissariats, und mehr als freundlich gegen einen Kamelagenten ohne jede Nationalität. Früh morgens machte Madame Binat, angemessen gekleidet, mit einem Ballkleide von flammend roter Seide, vorn mit verblichener Goldstickerei bedeckt, und einem Halsbande aus flachen Glasdiamanten, die Schokolade fertig und brachte sie Dick hinein.

»Ich bin es nur; ich stehe in einem diskreten Alter, nicht? Trinke nur und iß die Rolle dazu. In Frankreich bringen die Mütter ihren Söhnen, wenn dieselben sich artig betragen haben, eben so die Morgenschokolade.« Sie setzte sich auf den Rand des Bettes und flüsterte:

»Es ist alles arrangirt. Du wirft mit dem Leuchtturmboote gehen. Es kostet ein Geschenk von zehn englischen Pfund. Der Kapitän wird niemals von der Regierung bezahlt. Das Boot erreicht Suakim in vier Tagen. Mit Dir wird George gehen, ein griechischer Maultiertreiber. Ein zweites Geschenk von zehn Pfund. Ich werde sie bezahlen; man darf nichts von Deinem Gelde wissen. George wird mit Dir so weit gehen wie mit seinen Maultieren. Darauf kehrt er zu mir zurück, denn seine Geliebte befindet sich hier; und wenn ich kein Telegramm von Suakim erhalte, daß Du Dich wohl befindest, so wird das Mädchen für George verantwortlich gemacht.«

»Ich danke Ihnen.« Er reichte ihr schläfrig die Tasse. »Sie sind wirklich zu gütig, Madame.«

»Wenn es irgend etwas gäbe, was ich für Dich thun könnte, so würde ich sagen, bleibe hier und sei klug; aber ich glaube nicht, daß es das beste für Dich wäre!« Sie blickte mit einem traurigen Lächeln auf ihr mit Liqueurflecken bedecktes Kleid. »Nein, Du sollst gehen, wirklich. Du sollst gehen. Es ist so am besten. Mein Junge, es ist so am besten.«

Sie schwieg und küßte Dick zwischen die Augen. »Das ist zum Morgengruß,« sagte sie im hinausgehen. »Wenn Du angekleidet bist, wollen wir mit George sprechen und alles fertig machen. Aber zuerst müssen wir den kleinen Koffer öffnen. Gib mir die Schlüssel.«

»Die Anzahl der Küsse ist in letzter Zeit einfach skandalös geworden. Ich muß erwarten, daß Torpenhow mich nächstens gleichfalls küßt; obschon er wahrscheinlich über mich fluchen wird, weil ich ihm in den Weg gekommen bin. Nun, es wird nicht lange dauern! – O, Madame, helfen Sie mir bei meiner Toilette für die Guillotine! Dort hinten wird wohl keine Gelegenheit sein, sich ordentlich anzukleiden.«

Er kramte in seiner neuen Feldzugsausrüstung und ritzte sich mit den Sporen an den Händen. Es gibt zwei Manieren, gut geölte Jaquets, fleckenlos blaue Gamaschen, Khakiröcke und Hosen, sowie einen vortrefflich mit Schlemmkreide geputzten Helm zu tragen. Die richtige Manier ist diejenige des unermüdlichen Mannes, der Herr seiner selbst ist und fröhlich zu einer Expedition auszieht.

»Alles muß ganz korrekt sein,« erklärte Dick. »Es wird später schmutzig werden, aber jetzt thut es wohl, sich gut gekleidet zu fühlen. Ist alles, wie es sein soll?«

Er klopfte auf den Revolver, der unter der überhängenden Bluse an der rechten Hüfte verborgen war und fühlte mit den Fingern nach seinem Kragen.

»Ich kann nichts weiter thun,« sagte Madame zwischen Lachen und Weinen, »Sieh selbst nach – doch ich vergaß.«

»Ich bin sehr zufrieden. Nun lassen Sie uns zu dem Kapitän, Georg und dem Leuchtturmboote gehen. Seien Sie etwas rasch, Madame.«

»Aber Du darfst nicht gesehen werden, wie Du bei Tage mit mir am Hafen spazieren gehst. Stelle Dir selbst nur vor, wenn einige englische Damen …«

»Es gibt hier keine englischen Damen; und wenn es welche gäbe, so habe ich sie vergessen. Bringen Sie mich nur hin.«

Trotz seiner glühenden Ungeduld, wurde es beinah Abend, bevor das Leuchtturmboot abfuhr. Madame hatte viel mit George und dem Kapitän gesprochen bezüglich der für Dicks Wohl zu treffenden Arrangements. Sehr wenig Männer, die die Ehre ihrer Bekanntschaft hatten, wagten es, Madames Ratschläge zu verachten. Diese Art von Verachtung möchte leicht damit enden, von einem Fremden in einer Spielhölle, nach einer überraschend kurzen Herausforderung, niedergestochen zu werden.

Sechs Tage arbeitete der kleine Dampfer sich bis Suakim durch, wo er den Oberaufseher der Leuchttürme aufnehmen sollte; Dick machte es sich zum Geschäft, George zu versöhnen, der von der Furcht für seine Geliebte gequält wurde und halb geneigt war, Dick für seinen eigenen Verdruß verantwortlich zu machen. Als sie gelandet, nahm George ihn unter seine Flügel und betrat mit ihm zusammen den glühendheißen Seehafen, der angefüllt war mit Material und Abfällen der Suakim-Berberlinie, von Lokomotiven in trostlosen Fragmenten bis zu Bergen von Schienenstücken und Schwellen.

»Wenn Sie sich zu mir halten,« sagte George »so wird niemand Sie nach einem Passe oder nach dem, was Sie hier wollen, fragen. Alle sind hier sehr beschäftigt.«

»Ja, aber ich möchte gern mit einigen von den Engländern sprechen. Vielleicht entsinnen sie sich meiner. Ich war hier vor längerer Zeit bekannt – als ich wirklich noch jemand war.«

»Vor längerer Zeit bedeutet hier vor sehr langer Zeit. Die Kirchhöfe sind voll. Nun hören Sie zu. Diese neue Eisenbahn geht bis Tanai-al-Hassan – sieben Meilen weit – hinaus. Dort befindet sich ein Lager. Man sagt, daß jenseits Tanai-al-Hassan die englischen Truppen vorwärts marschiren und alles, was dieselben verlangen, ihnen auf dieser Linie hingebracht wird.«

»Ah! Ein Basislager. Ich verstehe. Das ist ein besseres Geschäft, als mit den Fuzzies im offenen Feld zu fechten.«

»Aus diesem Grunde eben gehen die Maultiere mit dem eisernen Zuge hinauf.«

»Eisernen, was?«

»Er ist ganz gepanzert mit Eisen, weil immer auf ihn geschossen wird.«

»Ein gepanzerter Zug. Immer besser! Fahre fort, redlicher George.«

»Ich gehe mit meinen Maultieren heute abend hinauf. Nur diejenigen, die besonders verlangen, nach dem Lager zu gehen, dürfen mit diesem Zuge hinausfahren. Nicht weit von der Stadt fangen sie schon an, auf ihn zu schießen.«

»Die lieben Menschen, sie machten es immer so!« Dick zog den Geruch von trocknem Staub, heißem Eisen und abgeblätterter Farbe mit Wonne ein. Gewiß bewillkommnete ihn das frühere Leben in großmütigster Weise.

»Wenn ich meine Maultiere zusammen habe, gehe ich heute abend hinauf, aber Sie müssen erst ein Telegramm nach Port Said mit der Erklärung abschicken, daß ich Ihnen kein Leid angethan habe.«

»Madame hat Dich gut in der Hand. Würdest Du mir ein Messer in den Leib stoßen, wenn Du Gelegenheit dazu hättest?«

»Ich habe keine Gelegenheit dazu,« erwiderte der Grieche. »Sie befindet sich dort bei dem Weibe.«

»Ich verstehe. Es ist eine böse Sache, zwischen der Liebe einer Frau und der Gelegenheit, Beute zu machen, hin und her zu schwanken. Ich sympathisire mit Dir, George.«

Sie gelangten ungefragt zu dem Telegraphenbureau, da alle Welt außerordentlich beschäftigt war und kaum Zeit hatte, den Kopf nach ihnen zu drehen, denn Suakim war der letzte Ort unter dem Himmel, den man zu seiner Erholung an einem freien Tage sich auswählen würde. Bei ihrer Rückkehr fragte ein englischer Subalternoffizier Dick, was er hier mache.

Dieser trug eine blaue Brille, und hielt sich an Georges Ellenbogen mit der Hand, als er antwortete:

»Aegyptische Regierung – Maultiere. Meine Ordres lauten, dieselben der A. E. G, in Tanai-al-Hassan zu übergeben. Wünschen Sie, meine Papiere zu sehen?«

»O, sicherlich nicht. Ich bitte um Entschuldigung, Ich würde gar nicht gefragt haben, aber da ich Ihr Gesicht früher nicht gesehen, so …«

»Ich gehe heute abend mit dem Zuge hinaus, vermute ich,« sagte Dick kühn. »Es wird doch keine Schwierigkeiten bei dem Verladen der Maultiere geben, nicht wahr?«

»Sie können die Plattformen für die Pferde von hier aus sehen. Sie müssen beizeiten einladen lassen.«

Der junge Mann ging fort und war neugierig, was für eine Art von vom Schicksal Verschlagener das sein möge, der wie ein Gentleman sprach und sich mit einem griechischen Maultiertreiber associirt hatte. Dick fühlte sich ganz unglücklich. Einem englischen Offizier Trotz zu bieten, ist keine Kleinigkeit, doch der Spaß verliert seinen Geschmack, wenn man ihn aus der Dunkelheit herausspielt und über rauhe Wege hinstolpert, mit dem ewigen Gedanken daran, wie es sein würde, wenn die Dinge sich anders gestaltet hätten und alles gewesen wäre, wie es nicht war.

George teilte seine Mahlzeit mit Dick und ging dann zu seinen Maultieren, seinen Schützling allein in einem Schuppen zurücklassend, wo derselbe mit dem Gesichte in den Händen saß. Vor seinen dichtgeschlossenen Augen tanzte das Gesicht von Maisie, lächelnd, mit geöffneten Lippen. Um ihn her gab es viel Lärm und Geschrei. Er bekam Furcht und hätte beinahe nach George gerufen.

»Hast Du Deine Maultiere bereit?« ertönte die Stimme des Subalternoffiziers hinter ihm.

»Mein Diener sieht nach ihnen, Thatsache ist, daß ich einen Anfall von Ophthalmie habe, so daß ich nicht gut sehen kann.«

»Beim Himmel, das ist schlimm. Sie sollten eine Zeit lang in ein Hospital gehen. Ich habe selbst einen Anfall davon gehabt. Es ist eben so schlimm als blind zu sein.«

»Das finde ich auch. Wann fährt der gepanzerte Zug ab?«

»Um sechs Uhr. Er gebraucht eine Stunde zu den sieben Meilen.«

»Sind die Fuzzies in der Nähe der Strecke, wie?«

»Etwa an drei Abenden in der Woche. Ich habe das Kommando über den Zug heute abend. Gewöhnlich kehrt derselbe leer in der Nacht nach Tanai zurück.«

»Ein großes Lager in Tanai, vermute ich?«

»Ziemlich groß. Es muß unsere Wüstenkolonne irgendwo mit Lebensmitteln versorgen.«

»Ist dieselbe weit davon entfernt?«

»Zwischen dreißig und vierzig Meilen, in einem höllisch trockenen Lande.«

»Ist das Land zwischen Tanai und unseren Leuten ruhig?«

»Mehr oder weniger. Ich möchte nicht allein über dasselbe reiten, oder mit einem kleinen Kommando, obgleich die Späher oft auf außerordentliche Weise durchkommen.«

»Das thaten sie stets.«

»Sind Sie denn früher hier gewesen?«

»Ich war während des ganzen Krieges hier, als er zuerst ausbrach.«

»Im Dienst und kassirt,« war der erste Gedanke des Offiziers, deshalb stand er von weiteren Fragen ab.

»Dort kommt Ihr Diener mit den Maultieren. Es erscheint wirklich sonderbar …«

»Daß ich Maultiere führe?« fragte Dick.

»Das wollte ich nicht sagen, aber es ist so. Verzeihen Sie mir – es ist schrecklich unbescheiden, ich weiß es, aber Sie sprechen wie ein Mann, der in einer öffentlichen Schule gewesen ist. Man kann sich über den Ton nicht täuschen.«

»Ich war in einer öffentlichen Schule.«

»Ich dachte es. Ich will Ihre Gefühle nicht verletzen, aber Sie scheinen in Ihren Verhältnissen etwas heruntergekommen zu sein, nicht wahr? Ich sah Sie mit dem Kopf in den Händen sitzen, und deshalb redete ich Sie an!«

»Ich danke Ihnen. Ich bin so vollständig heruntergekommen, wie ein Mann es nur sein kann.«

»Ich vermutete es – ich will sagen, ich bin selbst ein Mann aus einer öffentlichen Schule. Könnte ich vielleicht – nehmen Sie es als ein Darlehen an, Sie wissen, und …«

»Sie sind zu freundlich, aber, bei meiner Ehre, ich habe so viel Geld, wie ich brauche – ich will Ihnen sagen, was Sie für mich thun könnten; Sie würden mich damit für immer verpflichten. Lassen Sie mich in den vordersten Waggon steigen. Es gibt doch einen Vorderwagen, nicht wahr?«

»Ja. Wie wissen Sie das?«

»Ich hin schon früher in einem gepanzerten Zuge gewesen. Lassen Sie mich nur etwas von dem Spasse sehen – hören, meine ich, und ich werde Ihnen sehr dankbar sein. Ich gehe auf eigene Gefahr als ein Nichtkombattant.«

Der junge Mann dachte einen Augenblick nach.

»Gewiß,« sagte er dann, »Man hält uns für einen leeren Zug, und niemand wird mich am andern Ende niederblasen.«

George und eine Horde freiwilliger Gehilfen hatten mit vielem Geschrei die Maultiere eingeladen, und der schmalspurige gepanzerte Zug, mit dreizolligen Platten aus Gußstahl so bekleidet, daß er wie ein langer Sarg aussah, stand fertig zum Abfahren da bereit.

Zwei Vorwagen befanden sich vor der Lokomotive und waren vollständig mit Panzerplatten bedeckt, nur der erste hatte vorn eine Oeffnung für die Mündung eines Maschinengeschützes, während der zweite Wagen auf jeder Seite eine solche Oeffnung besaß, um seitwärts feuern zu können. Beide Wagen bildeten zusammen ein langes, gewölbtes Zimmer aus Eisen, in dem eine Abteilung Artilleristen lärmte.

»Whitechapel – der letzte Zug! Ah, ich sehe, wie Ihr dort in der ersten Klasse jemanden küßt!« rief ein Artillerist ans, gerade als Dick in den vordersten Wagen kollerte.

»Himmel! Da ist ein wirklicher, lebendiger Passagier für den Kew-Tanai-Actoa-Frühzug.« – »Echo, Herr! Extrablatt! Star, Herr!« – »Soll ich Ihnen einen Fußwärmer bringen?« fragte ein anderer.

»Danke. Ich will meinen Eintritt bezahlen,« sagte Dick, worauf sich bis zur Ankunft des Subalternoffiziers ein sehr freundschaftlicher Verkehr entwickelte, dann rüttelte der Zug auf der rauhen Bahn fort.

»Dieses ist eine sehr große Verbesserung bei dem Feuern auf die unempfindlichen Fuzzies in offenem Felde,« bemerkte Dick von seinem Platze in einer Ecke aus.

»O, aber sie hat noch keinen Eindruck auf sie gemacht. Da geht es los!« sagte der Offizier, als eine Kugel gegen die Außenseite des Wagens schlug. »Wir haben immer mindestens einen Angriff auf den Abendzug. Gewöhnlich greifen sie den letzten Wagen an, wo mein jüngerer Kamerad kommandirt. Er hat den ganzen Spaß von der Geschichte.«

»Doch nicht heute abend! hören Sie!« erwiderte Dick. Einer Salve von anprallenden Kugeln folgte gellendes Geschrei. Die Kinder der Wüste liebten ihre nächtliche Unterhaltung und der Zug bot ein ausgezeichnetes Ziel darauf dar.

»Lohnt es, ihnen einen halben Springer zu geben?« fragte der Offizier den Lieutenant von den Sappeurs, der auf der Maschine stand.

»Ich denke, ja! Es ist dieses meine Sektion der Bahn. Sie werden allen möglichen Unfug mit meinem Bahndämme anstellen, wenn wir ihnen nicht Einhalt thun.«

»Fertig!«

»Grrmph!« machte das Maschinengeschütz durch alle fünf Mündungen, als der Offizier den Hebel zurückzog. Die leeren Patronenhülsen fielen auf den Fußboden, während der Rauch sich nach hinten durch den Wagen zog. Auch am Ende des Zuges wurde gefeuert und aus dem Dunkel der Nacht das Feuer mit großem Geheule erwidert. Dick streckte sich auf dem Fußboden aus, ganz aufgeregt vor Entzücken über das Knallen und den Geruch des Pulvers.

»Gott ist sehr gnädig – ich glaubte niemals, daß ich dies noch einmal hören würde. Gebt ihnen die Hölle, Leute. O, gebt ihnen die Hölle!« rief er aus.

Der Zug hielt vor irgend einem Hindernisse auf der Bahn, worauf eine Abteilung zum Rekognosziren aussteigen mußte, doch kam sie fluchend zurück, um Schaufeln zu holen. Die Kinder der Wüste hatten Sand und Kies auf den Schienen aufgehäuft, so daß zwanzig Minuten verloren wurden, um ihn fortzuräumen. Dann fing das langsame Fahren wieder an, während noch mehr Schüsse, noch mehr Geschrei mit dem stetigen Geknatter des Maschinengeschützes abwechselten; schließlich hatte man noch einige Schwierigkeit mit einer halb ausgehobenen Schiene, bis man in den Schutz des geräuschlosen Lagers bei Tanai-al-Hassan gelangte.

»Nun, Sie haben gesehen, daß es anderthalb Stunden erfordert, um den Zug durchzubringen,« sagte der Subalternoffizier.

»Es war dennoch ein Spaß! Ich wünschte, es hätte noch zweimal so lange gedauert. Wie prächtig muß die Sache sich von außen ausgenommen haben!« sagte Dick, einen Seufzer des Bedauerns ausstoßend.

»Es wird nach den ersten paar Nächten langweilig. Beiläufig, wenn Sie Ihre Maultiere untergebracht haben, so kommen Sie in mein Zelt, ich will sehen, ob ich etwas zu essen finden kann. Ich bin Bennit von den Kanonieren – wo die Artillerie kampirt – und, denken Sie daran, daß Sie nicht im Finstern über meine Zeltstricke stolpern.«

Aber für Dick war ja alles finster. Er konnte die Kamele, die Heuballen, das Kochen, die rauchenden Feuer und die in Lohe getränkte Leinwand der Zelte nur riechen, als er dort stillstand, wo er aus dem Zuge gestiegen und nach George rief. Dieser lud, am Ende des Zuges, seine Maultiere aus.

Die Maschine blies den Dampf fast in Dicks Ohr ab; ein kalter Wind aus der Wüste strich über ihn hin; er war hungrig und fühlte sich ermüdet und schmutzig, so schmutzig, daß er versuchte, seinen Rock mit den Händen zu reinigen. Das war eine vergebliche Arbeit; er steckte die Hände in die Taschen und fing an nachzuzählen, wie oft er in fremden oder entlegenen Orten auf Eisenbahnzüge oder Kamele, Maultiere oder Pferde hatte warten müssen, um sich fortschaffen zu lassen. Zu jener Zeit konnte er sehen – wohl wenig Menschen besser – und der Anblick eines bewaffneten Lagers zur Zeit des Diners unter den Sternen war ein stets neues Vergnügen für das Auge. Da gab es Farbe, Licht und Bewegung, ohne die kein Mensch viel Vergnügen im Leben hat. An diesem Abende blieb für ihn nur noch eine Reise durch die Finsternis, die niemals aufhört, übrig, um einem Menschen zu fügen, wie weit er gereist sei. Dann wollte er Torpenhows Hand noch einmal ergreifen, Torpenhows, der lebend und kräftig war, und mitten in der Aktion lebte, die einst den Ruf eines Mannes gegründet, der Dick Heldar hieß; nicht im geringsten zu verwechseln mit dem blinden, verwilderten Vagabunden, der denselben Namen zu führen schien. Ja, er wollte Torpenhow aufsuchen und dem früheren Leben so nahe als möglich kommen. Später wollte er alles vergessen: Bessie, welche die Melancholie zerstört hatte und beinahe sein eigenes Leben zerstört hätte; Benton, der in einer merkwürdig unreellen Stadt lebte voll von Zinnstiften, Gashähnen und anderer Dinge, die kein Mensch nötig hatte; jenes unverständige Wesen, das ihm Liebe und Treue umsonst angeboten, aber nicht seinen Namen unterschrieben hatte; und vor allem Maisie, die, von ihrem eignen Gesichtspunkte aus, recht hatte in allem, was sie that, aber, o, in dieser Entfernung, so verführerisch schon war.

Georgs Hand legte sich auf seinen Arm und brachte ihn in die Gegenwart zurück.

»Und was nun?« fragte George.

»O ja, natürlich. Was nun? Bringe mich zu den Kameltreibern; wo die Späher sitzen, wenn sie von der Wüste hereinkommen. Sie sitzen bei ihren Kamelen, während diese Korn aus einer an den Ecken hochgebundenen schwarzen Decke fressen. Bringe mich zu ihnen!«

Das Lager war rauh und uneben, so daß Dick häufig über die Stümpfe von Gesträuch stolperte. Die Späher saßen bei ihren Tieren, wie Dick es gesagt. Der Schein von den Dungfeuern flackerte auf ihren bärtigen Gesichtern, während die Kamele an ihrer Seite sprudelten und murmelten. Es lag nicht in Dicks Absicht, mit einem Transporte von Lebensmitteln in die Wüste zu gehen, das würde zu lästigen Fragen führen, und da man einen blinden Nichtkombattanten in der Front nicht gebrauchen kann, so würde er wahrscheinlich genötigt werden, nach Sullkim zurückzukehren. Er mußte allein und sogleich hinausgehen.

»Jetzt noch einen letzten Spaß – den größten von allen,« sagte er. »Friede sei mit euch, Brüder!« Der aufmerksame George führte ihn zu dem Kreise am nächsten Feuer. Die Kamelscheiks neigten ernst den Kopf, während die Kamele, einen Europäer riechend, neugierig zur Seite blickten, wie brütende Hennen, halb bereit, aufzuspringen.

»Ein Tier und einen Treiber, um heute nacht bis zu den Vortruppen zu gehen,« sagte Dick.

»Ein Mulaid?« fragte eine Stimme, spöttisch die Rasse der besten Lastkamele nennend, die er kannte.

»Ein Bisharin,« erwiderte Dick mit großem Ernste. »Ein Bisharin ohne Sattelgallen.«

Zwei oder drei Minuten gingen in tiefem Schweigen vorüber.

»Wir haben diese Nacht Ruhe. Man kann nicht aus dem Lager hinauskommen.«

»Auch nicht für Geld?«

»Hm! Ah! Englisches Geld?«

Ein zweites drückendes Schweigen.

»Wie viel?«

»Fünfundzwanzig Pfund englisches Geld, bezahlt in die Hand des Treibers am Ende meiner Reise, und ebenso viel in die Hand des Kamelscheiks hier, um bezahlt zu werden bei der Rückkehr des Treibers.«

Das war eine fürstliche Bezahlung und der Scheik, der wußte, daß er von dem Depositum seine Kommission erhalten würde, schürte Dicks wegen die Sache an.

»Für kaum einen Nachtmarsch – fünfzig Pfund. Land und Mühlen, gute Bäume und Weiber, um einen Mann für den Rest seiner Tage zufrieden zu machen.«

»Wer spricht?« sagte Dick.

»Ich,« rief eine Stimme. »Ich will gehen – aber man kann nicht aus dem Lager herauskommen.«

»Thor! Ich weiß, daß ein Kamel sein Kniehalfter zerreißen kann und die Schildwachen nicht feuern, wenn man geht, um es wieder einzufangen. Fünfundzwanzig Pfund und noch fünfundzwanzig Pfund. Aber das Tier muß ein gutes Bisharin sein; ich werde kein Lastkamel nehmen.«

Dann fing das Handeln von neuem an und nach einer halben Stunde wurde das erste Depositum dem Scheik eingehändigt, der leise mit dem Treiber sprach. Dick hörte den letzteren sagen: »Nur ein Stückchen Weges außerhalb. Irgend ein Lasttier wird genügen. Bin ich ein Narr, mein Vieh für einen blinden Mann zu riskiren?«

»Obgleich ich nicht sehen kann,« – Dick erhob seine Stimme ein wenig, – »so führe ich doch etwas bei mir, das sechs Augen hat, und der Treiber wird vor mir sitzen. Wenn wir die englischen Truppen nicht bis zur Morgendämmerung erreichen, wird er tot sein.«

»Aber wo, in Gottes Namen, befinden sich die Truppen?«

»Wenn Du es nicht weißt, so lasse einen andern Mann reiten. Weißt Du es? Denke daran, daß es Leben oder Tod für Dich ist.«

»Ich weiß es,« sagte der Treiber mürrisch. »Stelle Dich hinter mein Tier. Ich will es los lassen.«

»Nicht so rasch. George, halte den Kopf des Kamels einen Augenblick; ich will seine Backe befühlen.« Die Hände wanderten über die Haut, bis sie den eingebrannten Halbkreis fanden, das Zeichen des Bisharin, des leicht gebauten Reitkamels. »Das ist gut. Schneide dieses eine los. Denke daran, daß Gottes Segen nicht über den kommt, der versucht, den Blinden zu betrügen.«

Die Männer bei den Feuern kicherten über die Niederlage des Kameltreibers. Er hatte beabsichtigt, ein träges, sattelgalliges Lasttier unterzuschieben.

»Stelle Dich dahinter!« rief jemand, das Bisharin unter den Bauch mit einem Dorn schlagend. Dick gehorchte, sobald er den Nasenriemen fest in seiner Hand fühlte, worauf ein Schrei folgte. »Illaha, aho! Es ist los!«

Mit einem Schrei und Gegrunze erhob das Bisharin sich auf seine Füße und tauchte nach vorwärts der Wüste zu, gefolgt von seinem schreienden und jammernden Treiber. George ergriff Dick am Arm und lief mit ihm dicht, bei einer Schildwache vorüberstolpernd, die an das Losbrechen von Kamelen gewöhnt war.

»Was ist denn das nun für ein Lärm?« schrie sie.

»Jedes Stück von meiner Ausrüstung auf diesem verdammten Dromedar,« antwortete Dick in dem Tone eines gewöhnlichen Soldaten.

»Lauf zu und nimm Dich in acht, daß man Dir draußen nicht die Kehle durchschneidet – Dir und Deinem Dromedar.«

Das Geschrei hörte auf, als das Kamel hinter einem Hügel verschwunden war, worauf sein Treiber es zurückrief und niederknien ließ.

»Steige zuerst auf,« sagte Dick. Dann kletterte er in den zweiten Sitz und druckte die Mündung des Revolvers gegen den Rucken des Gefährten »Geh in Gottes Namen und schnell. Leb wohl, George. Grüße Madame von nur und amüsire Dich mit Deinem Mädchen. Vorwärts, Kind des Pit««

Wenige Minuten später war er von tiefem Schweigen umgeben, das kaum von dem Knarren des Sattels und dem leisen Tritt der unermüdlichen Fuße unterbrochen wurde. Dick bequemte sich gemächlich dem Schaukeln der Gangart an, zog seinen Gürtel fester und fühlte die Finsternis an sich vorübergleiten. Während einer Stunde war er sich nur des Gefühles des raschen Vorwartskommens bewußt

»Ein gutes Kamel,« sagte er schließlich

»Es ist niemals schlecht gehalten worden. Es ist von meiner eignen und reinen Zucht,« erwiderte der Treiber.

»Vorwärts!«

Sein Kopf sank auf seine Brust und er versuchte nachzudenken, aber der Gang seiner Gedanken wurde unterbrochen, weil er sehr schläfrig war. In dem halben Dusel schien es ihm, als ob er bei Mrs. Jennet zur Strafe eine Hymne lernen müsse. Er hatte irgend ein Verbrechen begangen, wie Sabbathschändung, und sie ihn in seinem Schlafzimmer eingeschlossen. Aber er konnte nur die beiden ersten Zeilen der Hymne wiederholen

Als Israel, das der Herr geliebt.
Heim aus dem Land der Knechtschaft kam

Er sagte dieselben immer wieder her. Der Treiber drehte sich im Sattel, um zu sehen, ob eine Gelegenheit sich darböte, sich des Revolvers zu bemächtigen und den Ritt zu beendigen. Dick richtete sich auf und schlug ihm mit dem Kolben über den Kopf und wurde wieder vollständig wach. Jemand, in einem Haufen Kameldorn verborgen, schrie, als das Kamel sich eine Bodenerhöhung hinaufarbeitete. Ein Schuß fiel, worauf tiefes Schweigen eintrat, das den Wunsch zu schlafen mit sich brachte. Dick konnte nicht mehr nachdenken. Er war zu ermüdet, steif und krampfig, um mehr thun zu können als von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe zu nicken, ruckweise zu erwachen und den Treiber mit dem Revolver zu schlagen.

»Ist Mondschein?« fragte er schläfrig.

»Der Mond geht bald unter.«

»Ich wollte, ich könnte ihn sehen. Halte das Kamel an. Ich will wenigstens die Sprache der Wüste hören.«

Der Mann gehorchte. Aus der tiefsten Stille kam der Atem des Windes. Es raschelte in den abgefallenen Blättern eines Strauches und hörte dann auf. Eine Handvoll trockener Erde löste sich vom Rande eines Regengrabens und kollerte leise auf den Boden.

»Weiter! Die Nacht ist recht kalt.«

Diejenigen, die bis zum Morgen gewacht haben, wissen, wie sich die letzte Stunde vor Sonnenaufgang zu einer Ewigkeit ausdehnt. Es kam Dick so vor, als ob er seit dem Beginne der ursprünglichen Finsternis nichts anderes gethan hätte, als sich durch die Luft rütteln zu lassen. Einmal in tausend Jahren berührte er mit den Fingern die Nägelköpfe vorn auf dem Sattel und zählte sie sorgfältig. Jahrhunderte später nahm er den Revolver aus der rechten in die linke Hand und ließ den ermüdeten Arm herunterhängen. Von dem sichern London her war er beschäftigt gewesen, auf sich zu achten.

Der Treiber grunzte und Dick bemerkte eine Veränderung im Luftzuge.

»Ich rieche die Dämmerung,« flüsterte er.

»Sie ist da, und dort sind die Truppen. Habe ich es gut gemacht?«

Das Kamel streckte seinen Hals aus und schrie, als mit dem Winde der scharfe Geruch der Kamele im Viereck herüberkam.

»Vorwärts. Wir müssen schnell dort sein. Vorwärts.«

»Im Lager findet eine Bewegung statt. Der Staub ist so dicht, daß ich nicht sehen kann, was sie machen.«

»Bin ich besser daran? Nur vorwärts.«

Sie konnten das Gesumme von Stimmen vor ihnen hören, das Heulen und Brummen der Tiere und das heisere Schreien der Soldaten, die sich rüsteten.

Zwei oder drei Schüsse fielen.

»Ist das für uns? Sie können doch genau sehen, daß ich ein Engländer bin.« sagte Dick ärgerlich.

»Nein, es kommt von der Wüste her,« antwortete der Treiber, sich in seinem Sattel deckend.

»Geh vorwärts, mein Kind! Es ist gut, daß die Dämmerung uns nicht eine Stunde früher hat entdecken lassen.«

Das Kamel eilte gerade auf die Kolonne zu, während die Schüsse hinter demselben sich vervielfältigten. Die Kinder der Wüste hatten die allerunangenehmste Ueberraschung für die englischen Truppen ins Werk gesetzt, einen Angriff in der Morgendämmerung, und nahmen ihre Distanz durch Versuchsschüsse auf den einzigen Gegenstand, der sich außerhalb des Carrés bewegte.

»Welches Glück! Welches großartige Glück!« sagte Dick. »Es ist, wie gerade vor der Schlacht, Mutter. O, Gott ist sehr gütig gegen mich gewesen! Nur« – das Schmerzliche des Gedankens ließ ihn einen Moment die Augen aufreißen – »Maisie …«

»Allahu! Wir sind darin,« sagte der Mann, als er in die Nachhut ritt und das Kamel niederkniete.

»Wer zum Henker sind Sie? Depeschen oder was? Wie stark ist der Feind hinter jenem Hügelrücken? Wie sind Sie durchgekommen?« fragte ein Dutzend Stimmen. Statt jeder Antwort holte Dick tief Atem, löste seinen Gürtel und rief vom Sattel aus mit einer ermüdeten und vom Staube heiseren Stimme: »Torpenhow! O, Torp! Cu–ca, Tor–pen–how!«

Ein bärtiger Mann, der in der Asche eines Feuers herumstocherte nach einer Kohle für seine Pfeife, lief rasch auf diesen Ruf herbei, als die Nachhut nach den Rauchwolken von den Hügeln rings umher zu feuern begann. Allmälich zogen sich die vereinzelten weißen Wölkchen zu einer langen weißen Linie zusammen, die in der Stille der Dämmerung hing, bevor sie wie Wellen in die Thäler glitt. Die Soldaten im Carré husteten und fluchten über ihren eigenen Rauch, der sie am Sehen verhinderte, und rückten vor, um aus demselben herauszukommen. Ein verwundetes Kamel sprang auf und schrie laut; der Schrei endete mit einem murmelnden Röcheln; es hatte ihm jemand die Kehle durchschnitten, um Verwirrung zu verhüten. Dann kam das schwere Stöhnen eines Mannes, der von einer Kugel seine Todeswunde erhalten hatte; dann ein gellender Schrei und verdoppeltes Feuern.

Es war keine Zeit, viel zu fragen.

»Komme herunter, Mann! Komme herunter hinter das Kamel!«

»Nein. Bringen Sie mich, ich bitte, zur Front des Gefechtes.« Dick wandte sein Gesicht Torpenhow zu und erhob die Hand, um seinen Helm gerade zu setzen, stieß denselben indes herunter, da er die Entfernung falsch berechnet hatte. Torpenhow sah, daß sein Haar an den Schläfen grau geworden, sein Gesicht das eines alten Mannes geworden war.

»Kommen Sie herunter, Sie verdammter Narr! Dickie, kommen Sie herunter!«

Dick kam gehorsam herunter, doch wie ein Baum fällt, seitwärts aus des Bisharin Sattel zu Torpenhows Füßen stürzend. Sein Glück hatte bis zuletzt standgehalten, gerade bis zur letzten Gnade einer mitleidigen Kugel durch den Kopf. Torpenhow kniete unter dem Schutze des Kamels, mit Dicks Körper in seinen Armen.

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

»Ich bin nicht ärgerlich über das britische Publikum, aber ich wünsche doch, wir hätten hier einige Tausend davon zwischen den Felsen zerstreut; sie würden dann gewiß nicht in solcher Eile sein, ihre Morgenzeitung zu erhalten. Könnt Ihr Euch den pedantischen Hausherrn – den Freund der Gerechtigkeit, den ständigen Leser, Paterfamilias und all das Zeug – vorstellen, schmorend auf heißem Kies?«

»Mit einem blauen Schleier über seinem Haupte und zerrissenen Kleidern. Hat irgend jemand hier eine Nadel? Ich habe ein Stück von einem Zuckersack bekommen.«

»Ich will Ihnen eine Stecknadel leihen für sechs Quadratzoll davon. Meine beiden Kniee sind durchgescheuert.«

»Weshalb nicht gleich sechs Quadrat-Acres, da Sie doch einmal beim Fordern sind? Doch leihen Sie mir die Nadel, und ich will sehen, was ich mit dem Fetzen anfangen kann. Ich glaube nicht, daß genug davon vorhanden ist, um meinen königlichen Leib gegen den kalten Zug zu beschützen, der augenblicklich weht. Was machen Sie denn mit Ihrem ewigen Skizzenbuche, Dick?«

»Studien von unserem Spezialkorrespondenten, seine Hosen ausbessernd,« antwortete Dick ernsthaft, während der andere Mann ein Paar sehr abgetragener Reithosen hervorzog und anfing, ein viereckiges Stück grober Sackleinwand auf die am meisten sichtbaren offenen Stellen zu setzen. Er murrte entmutigt, als sich die ungeheure Ausdehnung des leeren Raumes vor ihm entfaltete.

»Kaffeesäcke, in der That! Heda! Du, Lotse dort, leihe mir die sämtlichen Segel Deines Walfischbootes!«

Ein mit einem Fez bedeckter Kopf richtete sich in den Sternschooten auf, in zwei genau gleich große Hälften durch ein aufblitzendes Grinsen geteilt, und verschwand dann wieder. Der Mann mit den beschädigten Hosen, nur mit einem Norfolk-Jaquet und einem grauen Flanellhemd bekleidet, fuhr mit seiner Näharbeit fort, während Dick über seiner Skizze kicherte.

Einige zwanzig Walfischboote lagen mit der Nase auf einer Sandbank, die mit sich badenden oder ihre Kleider waschenden englischen Soldaten von einem halben Dutzend Corps bedeckt war. Ein Haufen von Bootwalzen, Kommissariatskisten, Zuckersäcken, Mehl- und Munitionskisten für Handfeuerwaffen zeigte, wo eins der Walfischboote gezwungen gewesen war, hastig seine Ladung zu löschen; ein Regimentszimmermann fluchte laut, als er versuchte, mit einem gänzlich unzureichenden Stück Zinn die von der Sonne ausgedörrten offenen Fugen des Bootes zu verstopfen.

»Erst bricht das verflixte Ruder ab,« sagte der Mann vor sich hin, »dann geht der Mast zum Henker, und zuletzt öffnet sich das Boot wie ein hahnenäugiger chinesischer Lotus!«

»Genau der Fall wie mit meinen Hosen,« sagte der Nähende, ohne aufzublicken. »Dick, ich bin wirklich neugierig, wann ich wieder einen anständigen Laden zu Gesicht bekommen werde.«

Er erhielt keine Antwort, nur das unaufhörliche starke Murmeln des Nil ließ sich hören, der um die Basaltufer einer Biegung strömte und eine halbe Meile stromaufwärts über ein Felsriff schäumte. Es war, als ob die braune Masse des Flusses die weißen Männer in ihr eigenes Land zurücktreiben wollte. Der unbeschreibliche Geruch des Nilschlammes verkündete, daß der Strom im Fallen begriffen sei und daß es für die Walfischboote keine leichte Arbeit sein würde, die nächsten paar Meilen zu überwinden. Die Wüste stieg bis zu den Ufern hinab, wo zwischen grauen, roten und schwarzen Hügeln ein Kamelcorps lagerte. Niemand durfte es wagen, auch nur für einen Tag die Fühlung mit den langsam sich vorwärts bewegenden Booten zu verlieren; seit Wochen hatte kein Gefecht stattgefunden und während der ganzen Zeit der Nil ihnen viel zu schaffen gemacht. Eine Stromschnelle war der andern gefolgt, ein Fels dem andern und Inselgruppe auf Inselgruppe, bis die ganze Kolonne seit langem jede Berechnung bezüglich der Richtung und beinahe auch der Zeit verloren hatte. Sie bewegten sich irgendwohin und wußten nicht, weshalb, und verrichteten Dinge, ohne zu wissen, was. Vor ihnen lag der Nil und am andern Ende desselben befand sich Gordon, kämpfend um sein teures Leben, in einer Stadt, genannt Khartum. In der Wüste, oder in einer der zahlreichen Wüsten, marschirten Kolonnen britischer Truppen, andere Kolonnen befanden sich auf dem Strome, während noch mehr Truppenkörper warteten, sich ebenfalls auf dem Flusse einzuschiffen; frische Fahrzeuge warteten in Assiut und Assuan; Lügen und Gerüchte waren von Suakim bis zum sechsten Katarakt über die ganze Ausdehnung des hoffnungslosen Landes verbreitet, und man vermutete allgemein, daß irgend jemand an der Spitze stehen müsse, welcher den Generalplan aller dieser mannigfachen Bewegungen dirigire. Die Aufgabe dieser besonderen Flußkolonne war, die Walfischboote flott auf dem Wasser zu erhalten, zu verhindern, daß die Ernte der Dorfbewohner niedergetreten werde, wenn die Leute die Boote mit Tauen von der Mitte des Stromes ans Ufer zogen, drittens so viel Schlaf und Nahrung als möglich zu sich zu nehmen und vor allem ohne Aufenthalt so weit als möglich den sprudelnden Nil aufwärts vorzudringen.

Mit den Soldaten gemeinschaftlich schwitzten und plagten sich die Korrespondenten der verschiedenen Zeitungen; sie waren meistens ebenso unwissend als ihre Gefährten über das, was vorging. Aber es war vor allen Dingen absolut notwendig, daß England beim Frühstück sich unterhielt, zitterte und sich interessirte, ob Gordon lebte oder tot sei, oder die Hälfte der britischen Armee im Wüstensande zu Grunde gegangen. Der Feldzug im Sudan war ein pittoresker und eignete sich vortrefflich dazu, eine Schilderung mit Worten durch Skizzen zu beleben, hin und wieder richtete ein Spezialkünstler es so ein, daß er erschlagen wurde – was nicht immer gerade ein Nachteil für das Blatt war, das ihn angestellt hatte – und noch häufiger bot der Verlauf der meistens aus Handgemengen bestehenden Gefechte Gelegenheit, wunderbare Rettungen und merkwürdiges Entrinnen, zu achtzehn Pence das Wort, nach der Heimat zu telegraphiren. Bei den verschiedenen Corps und Kolonnen gab es Korrespondenten aller Art, von den Veteranen, die der Kavallerie bei der 1882 ausgeführten Einnahme von Kairo, als Arabi-Pascha sich selbst noch König nannte, auf dem Fuße gefolgt waren, und dann die ersten elenden Schanzen rings um Suakim gesehen hatten, wo die Schildwachen des Nachts aufgehoben und ermordet wurden – von diesen Veteranen bis zu den telegraphisch berufenen jungen Korrespondenten, die an Stelle von getöteten oder invalid gewordenen, besseren Leuten treten, sollten.

Zu diesen Senioren, die jeden oft überraschenden Wechsel in den Posteinrichtungen ebenso gut kannten wie den Wert des elendesten Karrengauls in Kairo oder Alexandrien, die es verstanden, einen Telegraphenbeamten bis zur Liebenswürdigkeit zu bringen und die geräuschvolle Eitelkeit eines frisch ernannten Offiziers des Stabes zu besänftigen, wenn die Bestimmungen über die Presse zu lästig wurden – zu diesen Senioren gehörte auch der Mann im Flanellhemde, der schwarzhaarige Torpenhow. Er repräsentirte im Feldzuge das Central Southern Syndikat, wie er dasselbe bereits im ägyptischen Kriege und anderswo repräsentirt hatte. Das Syndikat befaßte sich selbst nicht besonders mit Kritiken über Attaken und dergleichen. Es sorgte für die Unterhaltung der Massen, und alles, was es verlangte, waren Skizzen und zahlreiche Einzelheiten; denn in England ist mehr Freude über einen Soldaten, der subordinationswidrig aus dem Carré heraustritt, um einen Kameraden zu befreien, als über zwanzig Generale, die mit den einfältigen Details des Transportes und der Verpflegung sich abquälen, bis sie kahlköpfig werden. Er hatte in Suakim einen jungen Mann angetroffen, der auf dem Rande einer vor kurzem verlassenen Redoute saß, die etwa die Gestalt einer Hutschachtel hatte, und einen Haufen von Leichen skizzirte, die, von Granaten zerrissen, auf der mit Kies bedeckten Ebene lagen.

»Für wen sind Sie hier?« fragte Torpenhow. Die Begrüßung eines Korrespondenten gleicht derjenigen eines Geschäftsreisenden auf der Landstraße. »Auf eigene Hand,« antwortete der junge Mann, ohne aufzublicken, »Haben Sie etwas Tabak?«

Torpenhow wartete, bis die Skizze beendigt war, und als er dieselbe betrachtet, sagte er: »Was für eine Beschäftigung haben Sie hier?«

»Gar keine; es bot sich mir Gelegenheit zu einer Ruderfahrt dar, und so kam ich her. Man nahm an, daß ich hier unten etwas an den gemalten Streifen der Boote zu thun hatte, oder auch beauftragt sei, den Kondensator auf einem der Wasserschiffe zu beaufsichtigen. Ich habe vergessen, auf welchem.«

»Sie haben Keckheit genug, um überall durchzukommen,« sagte Torpenhow und nahm die Skizzenmappe seines neuen Bekannten auf. »Zeichnen Sie immer so wie das hier?«

Der junge Mann zeigte ihm noch andere Skizzen.

»Ruderfahrt auf einem chinesischen Schweineboot,« sagte er erläuternd, ihm eine der Zeichnungen zeigend, »Obersteuermann, erdolcht von einem Comprador. – Dschunke an der Küste von Hakodate. – – Ein Somali-Maultiertreiber, der gepeitscht wird. – Eine Granate, über dem Lager von Berbera platzend. – Sklaven-Dhau in der Tajurrah-Bai gejagt. – Ein toter Soldat im Mondlicht außerhalb Suakims, die Kehle von Fuzzies durchgeschnitten.«

»Hm!« sagte Torpenhow, »kann gerade nicht behaupten, daß ich Werestschagin besonders liebe; aber über den Geschmack kann man nicht streiten, haben Sie jetzt irgend etwas zu thun?«

»Nein, ich amüsire mich hier.«

Torpenhow betrachtete die schreckliche Trostlosigkeit des Platzes.

»Wahrlich, Sie haben sonderbare Ansichten über Amusement. Haben Sie noch Geld?«

»Genug, um weiter zu gehen. Doch wohlan; können Sie mich für Kriegsarbeit gebrauchen?«

»Ich nicht, doch mein Syndikat vielleicht, Sie können mehr als ein bißchen zeichnen und ich vermute, Sie bekümmern sich nicht viel darum, was Sie bekommen können, nicht wahr?«

»Jetzt nicht. Ich warte auf die erste günstige Gelegenheit.«

Torpenhow betrachtete nochmals die Skizzen und nickte mit dem Kopfe, »Ja, Sie haben recht, Ihre erste günstige Gelegenheit zu benützen, wenn Sie eine ergreifen können.«

Er ritt schnell davon durch das Thor der »Zwei Kriegsschiffe«, klapperte über den Damm in die Stadt und telegraphirte an sein Syndikat: »Einen Mann hier gefunden, Maler. Gut und billig. Soll ich Sache arrangiren? Wird Skizzen liefern!«

Der Mann auf der Redoute saß da, mit den Beinen schlenkernd, und murmelte:

»Ich wußte, daß die Gelegenheit kommen würde, früher oder später. Bei Gott! Sie sollen schwitzen dafür, wenn ich lebendig aus diesem Geschäfte hier davonkomme!«

An demselben Abende war Torpenhow im stande, seinem jungen Freunde anzukündigen, daß die Central Southern Agentur willens sei, ihn aus Probe anzunehmen und alle Unkosten für die nächsten drei Monate zu bezahlen. »Und, beiläufig, wie ist Ihr Name?« fragte Torpenhow.

»Heldar. Laßt man mir freie Hand?«

»Man hat Sie auf Risiko angenommen; es ist an Ihnen, diese Wahl zu rechtfertigen. Sie würden besser thun, sich an mich anzuschließen. Ich gehe mit einer Kolonne das Land aufwärts, und will für Sie thun, was ich kann. Geben Sie mir einige von Ihren Skizzen, die Sie hier gemacht haben, ich will sie den Leuten hinschicken.« Zu sich selbst sagte er: »Das ist der beste Handel, den die Central Southern jemals gemacht hat; und sie hatten mich selbst doch billig genug bekommen.«

So ereignete es sich denn, daß, nachdem er einige Einkäufe von Pferdefleisch und finanzielle wie politische Arrangements getroffen, Dick als Geselle freigesprochen wurde von der »Neuen und Ehrenwerten Brüderschaft« der Kriegskorrespondenten, die alle das unveräußerliche Recht besitzen, so viel zu arbeiten, wie sie können und dafür so viel zu empfangen, wie es der Vorsehung und ihren Prinzipalen beliebt, ihnen zu geben. Zu diesen Vorrechten kommt noch die Macht hinzu, so eindringlich zu sprechen, daß weder Mann noch Weib widerstehen können, wenn es sich um eine Mahlzeit oder ein Bett handelt; ferner besitzt er das Auge eines Roßtäuschers, das Geschick eines Kochs, die Konstitution eines Stieres, die Verdauung eines Straußen und eine unbegrenzte Fähigkeit, sich allen Verhältnissen anzupassen. Indes sterben manche, bevor sie es zu diesem Grade von Vollkommenheit gebracht haben, und die Meister in der Kunst erscheinen meistenteils in elegantem Anzuge, wenn sie wieder in England sind, wodurch natürlich ihr Ruhm der großen Menge verborgen bleibt.

Dick folgte Torpenhow überall, wohin es dessen Phantasie beliebte, ihn zu führen, und sie fertigten zu zweien manche Arbeit an, die meistens sie selbst sehr befriedigte. Es war in keiner Hinsicht ein leichtes, gemächliches Leben, das sie führten, doch wurden sie durch dasselbe wirklich innig zu einander hingezogen; denn sie aßen aus derselben Schüssel, teilten dieselbe Wasserflasche mit einander und schickten, was sie am meisten verband, zusammen ihre Postsendungen ab. Dick war es, dem es gelang, einen Telegraphenbeamten in einer Palmenhütte, weit jenseits des zweiten Kataraktes, gewaltig betrunken zu machen und sich dann, während der Mann selig auf dem Fußboden lag, in den Besitz einiger mühsam erlangten, geheimen Informationen zu setzen, die von einem vertrauten Korrespondenten eines konkurrirenden Syndikates abgesandt worden waren. Er fertigte ein sorgfältiges Duplikat des Berichtes an und brachte Torpenhow das Resultat seiner Arbeit; der sagte, alles sei erlaubt in der Liebe oder in der Kriegskorrespondenz, und fertigte dann einen vortrefflichen Artikel aus seines Nebenbuhlers wortreichem Aufsatz an. Torpenhow war es – doch die Erzählung ihrer Abenteuer, gemeinschaftlicher und einzelner, von Philae bis zu der weiten Wildnis von Herawi und Muella, würde Bücher anfüllen. Sie waren Seite an Seite in einem Carré eingeschlossen gewesen, in der größten Gefahr, von den aufgeregten Soldaten erschossen zu werden; sie hatten in der kalten Dämmerung mit den Bagagekamelen gekämpft; sie waren in der blendenden Sonne auf unermüdlichen, kleinen ägyptischen Pferden schweigend dahingetrabt, und sie hatten sich abgemüht auf den Untiefen des Nils, wenn die Walfischboote, in denen sie einen Platz gefunden, auf einen verborgenen Felsen stießen und die Hälfte ihrer Bodenplanken aufgerissen wurde.

Jetzt saßen sie auf der Sandbank, während die Walfischboote die Nachzügler der Kolonne heranbrachten.

»Ja,« sagte Torpenhow, als er die letzten ungeschickten Stiche in seinen schon lange vernachlässigten Kleidern anbrachte, »es war eine schöne, herrliche Beschäftigung, die wir gehabt.«

»Das Flicken oder der Feldzug?« fragte Dick. »Ich, meinerseits, halte nicht besonders viel von beiden.«

»Sie wollen den ›Euryalus‹ bis oberhalb des dritten Kataraktes hinaufgebracht haben, nicht wahr? und Einundachtzig-Tonnen-Geschütze nach Jakdul? Nun, was mich anbetrifft, so bin ich sehr befriedigt über meine Hosen.« Er drehte sich ganz ernsthaft um sich selbst, um seine Person zu zeigen, auf die Art, wie es die Clowns machen.

»Es ist wirklich sehr hübsch, besonders die Buchstaben auf dem Sacke: G. B. T. ›Gouvernements-Büffel-Train‹. Das ist ein Sack aus Indien.«

»Es sind die Anfangsbuchstaben meines Namens: Gilbert Belling Torpenhow. Ich stahl das Zeug nur deswegen. Was für Unheil stiftet denn das Kamelcorps dort hinten an?« Torpenhow beschattete seine Augen mit der Hand und blickte über den Kies.

Ein Horn ertönte aus aller Macht; die Leute am Ufer liefen zu ihren Waffen und ihrer Ausrüstung.

»Eingeborene Soldaten beim Baden überrascht,« bemerkte Dick ruhig. »Erinnern Sie sich des Gemäldes? Es ist von Michel Angelo; alle Anfänger kopiren es. Der Kies wimmelt von lauter Feinden.«

Der Befehlshaber des Kamelcorps am Ufer schrie der Infanterie zu, sich mit ihm zu vereinigen, während ein heiseres Geschrei stromabwärts verkündete, daß die Nachzügler der Kolonne von dem Ueberfalle Wind bekommen hatten und sich beeilten, an dem Gefechte teilzunehmen. So plötzlich wie eine Fläche ruhigen Wassers vom Winde gekräuselt wird, so rasch belebten sich die felsigen Höhen und die mit Gesträuch bedeckten Hügel mit bewaffneten Männern. Glücklicherweise standen diese letzteren eine Zeit lang ziemlich entfernt und begnügten sich, laut zu schreien und lebhaft zu gestikuliren; ein Mann hielt ihnen sogar eine lange Rede. Das Kamelcorps feuerte nicht; die Soldaten waren sehr froh, einen Augenblick verschnaufen zu können, bis eine Art von Carré formirt werden konnte. Die Leute auf der Sandbank liefen dorthin und stellten sich seitwärts auf, während die Walfischboote, als sie bis auf Rufweite sich herangequält hatten, am nächsten Ufer anlegten und alle Gesunden ausschifften, nur die Kranken und einige Leute au Bord behaltend, um die Boote zu bewachen. Der arabische Redner hatte seine Ansprache beendigt, worauf seine Gefährten ein fürchterliches Geheul ausstießen.

»Sie sehen gerade so aus wie die Leute des Mahdi,« sagte Torpenhow, sich Bahn machend in das Gedränge des Carrés hinein, »aber wie viel Tausende von ihnen sind dort! Die Stämme hier aus der Umgegend sind uns nicht feindlich gesinnt, so viel ich weiß.«

»Dann haben die Truppen des Mahdi wieder eine Stadt eingenommen,« erwiderte Dick, »und alle diese bellenden Teufel losgelassen, um uns aufzufressen. Leihen Sie mir Ihr Glas.«

»Unsere Späher hätten uns von dieser Geschichte benachrichtigen sollen. Wir sind in eine Falle geraten,« bemerkte ein Subalternoffizier. »Werden denn die Kanonen des Kamelcorps nicht bald zu feuern anfangen? Rasch, ihr Leute, beeilt euch!«

Es bedurfte gar keines Befehles hierzu. Die Soldaten flogen von selbst keuchend nach den Seiten des Carrés, denn sie wußten nur zu gut, daß diejenigen, welche sich außerhalb desselben befanden, wenn das Gefecht begann, sehr wahrscheinlich auf eine außerordentlich unangenehme Weise getötet würden. Die kleinen, hundertundfünfzig Pfund schweren Geschütze des Kamelcorps, die an den Ecken des Carrés aufgestellt waren, eröffneten den Ball, als das Carré sich nach rechts vorwärts bewegte, um Besitz von einem kleinen Erdhügel auf dem ansteigenden Boden zu nehmen. Alle hatten auf diese Art bereits manchesmal gefochten, es war demnach nichts Neues mehr für die Soldaten; stets dieselbe heiße und erstickende Formation, der Geruch von Staub und Leder, derselbe plötzliche, blitzartige Ansturm des Feindes, dasselbe Gedränge und Drücken auf der schwächsten Seite des Carrés, einige Minuten lang ein verzweifeltes Handgemenge und darauf das Schweigen der Wüste, nur unterbrochen von dem Geschrei derjenigen, welche die Handvoll Kavallerie zu verfolgen versuchte. Die Leute waren sorglos geworden. Die Geschütze ließen in Zwischenpausen ihre Stimme ertönen, während das Carré inmitten der widerspenstigen Kamele langsam vorrückte. Darauf kam der Angriff von dreitausend Mann, die nicht aus Büchern gelernt hatten, daß es für eine undisziplinirte Truppe unmöglich ist, in geschlossener Ordnung ein mit Hinterladern bewaffnetes Carré anzugreifen. Einige wenige vereinzelte Schüsse verkündeten ihre Annäherung; einige Reiter führten die Angreifer an, doch die Masse des Feindes bestand aus nackten Menschen, wahnsinnig vor Wut, mit Speer und Schwert bewaffnet. Der Instinkt der Wüste, in der stets Krieg geführt wird, sagte ihnen, daß die rechte Flanke des Carrés die schwächste sei, denn sie schwenkten von der Front ab. Die Kamelkanonen beschossen sie, als sie vorüberstürmten, und öffneten für einen Augenblick förmliche Straßen mitten durch sie hindurch, ähnlich den sich rasch schließenden Durchblicken, wenn ein Eisenbahnzug bei einem Hopfengarten vorüber saust, während das Gewehrfeuer der Infanterie, bis zum günstigsten Augenblick zurückgehalten, sie in dichten Massen zu Hunderten über den Haufen warf. Keine zivilisirten Truppen der Welt hätten die Hölle ertragen, durch welche die Araber des Mahdi kamen, die Ueberlebenden hoch aufspringend, um die Sterbenden zu vermeiden, die sich an ihre Fersen anklammerten, die Verwundeten verfluchend und nur vorwärts stürzend, bis sie – gleich einem schwarzen Strom – wie das über einen Mühlendamm gleitende Wasser – auf die rechte Flanke des Carrés sich warfen. Dann verschwand die Linie der mit Staub bedeckten Soldaten und der hellblaue Himmel der Wüste über ihnen in dem aufwallenden Rauche, während die kleinen Steine auf dem erhitzten Boden und die zu Zunder gedörrten Haufen von Gestrüpp zu Gegenständen des größten Interesses wurden, denn sterbende Männer suchten hinter denselben Schutz und einen Augenblick Erholung, sich mechanisch einen Weg hauend durch die Zweige und hinter den Steinen sich verbergend. Der ganze Kampf zeigte nicht die mindeste Ähnlichkeit mit einem vorher geplanten, regelrechten Gefechte. Soviel die Soldaten aus Erfahrung wußten, würde der Feind versuchen, alle vier Seiten des Carrés zu gleicher Zeit anzugreifen; ihre Aufgabe bestand deshalb darin, alles zu vernichten, was vor ihrer Front sich befand, mit dem Bajonett diejenigen von hinten niederzustoßen, die über sie hinweggesprungen, um noch sterbend ihren Feind niederzureißen, bis irgend ein Gewehrkolben denselben den Kopf zerschmetterte.

Dick wartete ruhig mit Torpenhow und einem jungen Arzte, bis das Gedränge unerträglich wurde. Es bestand gar keine Hoffnung, den Verwundeten Beistand leisten zu können, bis der Angriff abgeschlagen sein würde, daher bewegten sich die drei Männer allmälich nach der schwächsten Flanke hin. Plötzlich erfolgte ein Ansturm von außen, das kurze »Huf-Huf« der Speerstöße ließ sich vernehmen, während ein Mann zu Pferde, gefolgt von dreißig bis vierzig anderen, schreiend und hauend durchbrach. Die rechte Flanke des Carrés zog sich hinter ihnen wieder zusammen, während die anderen Seiten Unterstützung sandten. Die Verwundeten, die wußten, daß sie nur noch wenige Stunden zu leben hatten, packten die Feinde an den Füßen und rissen sie von den Pferden oder schleppten sich zu einem fortgeworfenen Gewehre und feuerten blindlings in das Handgemenge, das im Zentrum des Carrés wütete. Dick war sich bewußt, daß ihn jemand heftig durch den Helm auf den Kopf gehauen, daß er seinen Revolver auf einen Schwarzen abgefeuert hatte, dessen mit Schaum bedecktes Gesicht keinem menschlichen Antlitze mehr ähnlich sah, und daß Torpenhow unter einem Araber niedergesunken war, den er versucht hatte, beim Kragen zu packen und zu Boden zu werfen, und sich nun mit seinem Gefangenen herumwälzte, nach des Mannes Augen tastend. Der Doktor focht auf gut Glück mit einem Bajonett, wahrend ein helmloser Soldat über Dicks Schulter feuerte, so daß die umherfliegenden Pulverkörner ihn in die Wange stachen. Dick wandte sich aus Instinkt Torpenhow zu. Der Repräsentant Central Southern Syndikates hatte sich selbst seinen Gegner abgeschüttelt und erhob sich gerade, seinen Daumen an den Hosen abwischend. Der Araber, beide Hände vor die Stirn haltend, brüllte laut, dann ergriff er seinen Speer und stürzte auf Torpenhow zu, der, unter dem Schutze von Dicks Revolver, keuchend dastand. Dick feuerte zweimal, worauf der Mann langsam zusammenbrach; in seinem aufwärts gekehrten Gesichte fehlte ein Auge. Das Gewehrfeuer verdoppelte sich, doch mischten sich bereits Hurrarufe in dasselbe. Der Angriff war mißlungen, der Feind befand sich auf der Flucht. Wenn es im Innern des Carrés wie in einer Fleischbank aussah, so glich der Boden rings um dasselbe einem Metzgerladen. Dick drängte sich durch die rasenden Leute. Der Rest des Feindes zog sich zurück, als die wenigen – wirklich sehr wenig zahlreichen – englischen Kavalleristen die Zögernden über den Haufen ritten.

Jenseits der Reihen von Toten lag ein breiter, blutbefleckter arabischer Speer, auf der Flucht fortgeworfen, über einem Baumstumpf, und hinter diesem Gestrüppe, dehnte sich die unbegrenzte dunkle Fläche der Wüste aus. Die Sonne schien auf den Stahl der Lanzenspitze und verwandelte dieselbe in eine rote Scheibe. Jemand hinter ihm sagte: »Ah, geh fort, Du Vieh!« Dick erhob seinen Revolver und zielte in die Wüste hinaus; sein Auge wurde gefesselt durch den roten Fleck in der Entfernung, und der Lärm um ihn her schien zu einem weit entfernten Flüstern herabzusinken, gleich dem Flüstern am Strande eines ruhigen Meeres. Da war der Revolver und das rote Licht, während die Stimme von irgend jemand etwas fortscheuchte, genau so, wie es irgendwo schon früher einmal vorgefallen war, wahrscheinlich in einem vergangenen Leben, Dick wartete, was weiter sich wohl ereignen würde. In seinem Kopfe schien etwas zu krachen, und einen Augenblick stand er im Finstern – eine Finsternis, die stach. Er schoß aufs Geratewohl; die Kugel flog hinaus in die Wüste, während er murmelte: »Mein Ziel gefehlt. Jetzt sind keine Patronen mehr da. Wir müssen nach Hause laufen.« Er brachte die Hand an den Kopf und zog sie mit Blut bedeckt zurück.

»Alter Freund, Sie haben einen bösen Hieb bekommen,« sagte Torpenhow. »Ich bin Ihnen für diese Affaire etwas schuldig. Danke! Stehen Sie auf! Sie können hier nicht krank sein, sage ich Ihnen.«

Dick war ganz steif in Torpenhows Arme gesunken und hatte etwas von »niedrig zielen und nach links« gemurmelt; dann fiel er zu Boden und sagte nichts mehr. Torpenhow schleppte ihn zu einem Arzte und setzte sich dann hin, um einen Bericht aufzusetzen über das, was ihm beliebte, »eine blutige Schlacht, in der unsere Waffen sich rühmlichst bewährt haben« und so weiter, zu nennen. Während der ganzen Nacht, nachdem die Truppen sich bei den Walfischbooten gelagert, tanzte eine schwarze Figur im hellen Mondlicht ans der Sandbarre und schrie, daß Khartum, die verfluchte, tot sei – tot sei – tot sei –, daß zwei Dampfer auf dem Nil festsäßen, auf den Felsen außerhalb der Stadt, und von ihrer ganzen Bemannung nicht ein einziger übrig geblieben sei; und Khartum sei tot – sei tot – sei tot!

Aber Torpenhow beachtete das alles nicht. Er wachte bei Dick, der laut über den ruhelos dahinströmenden Nil nach Maisie rief und immer wieder nach Maisie!

»Seht da ein Phänomen,« sagte Torpenhow, die Decke wieder zurecht ziehend. »Hier ist ein Mann, vermutlich ein menschlich fühlender, der nur immer den Namen einer Frau ruft; und ich habe doch gewiß ein gut Teil von Delirium in meinem Leben gesehen. Dick, hier ist ein erfrischendes Getränk.«

»Danke Dir, Maisie,« entgegnete Dick.