Kapitel 21

 

21

 

Östlich von Reading liegt ein uninteressanter, eintöniger Landstrich, der an die Themse grenzt. Es sind fast ausschließlich niedrig liegende Wiesen, die stets überschwemmt werden, wenn der Fluß aus den Ufern tritt. Seit langer Zeit hatte das Hausboot keine Fahrt mehr auf dem Strom unternommen, weil man allgemein der Ansicht war, daß ein derartiger Ausflug wahrscheinlich seinen Untergang bedeuten würde.

 

Janet Symonds wußte nicht, warum das Auto, in dem sie fuhr, in der Nähe von Reading von der Straße abbog und über einen holperigen Feldweg dem Ufer zusteuerte. Es war ihr klar, daß sie eine Gefangene war. Buncher hatte sie das fühlen lassen, als er bei einer Tankstelle halten mußte.

 

»Sie haben vor allem den Mund zu halten und ruhig zu sein«, sägte er drohend. »Ich habe den Auftrag bekommen, Sie zu Mr. Milton Sands zu bringen. Wenn Sie das nicht glauben wollen, dann lassen Sie es bleiben. Aber ich dulde unter keinen Umständen, daß Sie mir Scherereien machen.«

 

Als der Wagen am Ufer hielt, zog er sie aus dem Auto. Sie trat einen Schritt zurück, als sie das Hausboot sah, aber Bud Kitson und seine Frau waren sofort zur Stelle und redeten auf sie ein.

 

Sie führten Janet in den großen, geräumigen Salon, der hellerleuchtet und schön möbliert war.

 

»Wo ist denn Mr. Sands?« fragte sie.

 

Sie klammerte sich noch immer an diese Illusion.

 

»Sie müssen noch etwas warten«, entgegnete Kitson unfreundlich. »Nicht nur Sie wollen Mr. Sands sprechen. Ich will ihn mir auch kaufen. Er ist daran schuld, daß ich ins Kittchen gekommen bin. Drei Tage habe ich im Portland-Gefängnis gesessen, bis man herausfand, daß Mr. Sands mir nur einen Streich gespielt hatte. Glauben Sie mir, ich habe ebenso dringend den Wunsch, ihn zu sehen, wie Sie. Aber das hat noch Zeit.«

 

»Wer hat mich denn hierhergebracht?« fragte sie schwach.

 

»Sie sind aus einem guten Grund hierhergekommen. Wenn Sie vernünftig sind, können Sie das Boot sehr schnell wieder verlassen«, sagte die Frau. »Es gehört einem Herrn, der sich in Sie verliebt hat. Warum er sich soviel Umstände mit einer gewöhnlichen Stenotypistin macht, verstehe ich allerdings nicht«, fügte sie geringschätzig hinzu. »Es wäre besser, wenn Sie jetzt in Ihre Kabine gingen.«

 

Sie begleitete sie in einen Raum, der halb so groß war. wie der Salon. Auch dieses Zimmer war neu ausgestattet und für ihren Empfang vorbereitet.

 

Die Tür wurde hinter ihr verschlossen. Das einzige Fenster der Kabine lag nach dem Ufer zu, und sie sah sofort, daß ein dunkler Streifen Wasser sie vom Lande trennte. Sie hätte wohl die Aufmerksamkeit der Leute erregen können, die zufällig am Ufer vorbeigingen, aber sie wußte instinktiv, daß ein solches Verhalten gefährlich sein würde.

 

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als geduldig und ruhig die Entwicklung der Dinge abzuwarten. Erst gegen Mitternacht hörte sie, daß ein Auto sich dem Ufer näherte. Als der Wagen hielt, sprachen mehrere Männer leise miteinander. Sie sah einen großen Herrn über die Landungsbrücke an Bord gehen. Kurz darauf klopfte es an ihre Tür, und eine Frau, fragte, ob sie wach sei. Janet hatte sich nicht ausgezogen und folgte der Frau, die hier anscheinend als Dienstmädchen angestellt war, nach dem großen Salon.

 

Sie erkannte den Mann, der am Ende des langen Tisches stand, obwohl sie ihn bisher nur einmal gesehen hatte. Sir George Frodmere konnte man auch nicht leicht verkennen. Er verneigte sich vor ihr, und auf seinen Wink verließen die beiden anderen Herren, die zugegen waren, den Raum.

 

»Warum haben Sie mich hierhergebracht?« fragte sie ruhig und gefaßt.

 

Er sah sie nachdenklich an. Sie war tatsächlich schöner, als er erwartet hatte.

 

»Meine verehrte junge Dame«, begann er liebenswürdig, »ich bedaure unendlich, daß ich Sie hierherbringen mußte. Aber Sie sind jung und vielleicht romantisch veranlagt, und so hoffe ich, daß Sie meine Lage begreifen werden. Ich hoffe sogar, daß Sie die nötige Sympathie für mich haben, um mir zu helfen.«

 

Sie schwieg. Es hatte ja keinen Zweck, seine Erklärung zu unterbrechen. Und sie mußte vor allem erfahren, was er beabsichtigte.

 

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?« sagte er verbindlich.

 

»Nein, danke, ich möchte lieber stehen.«

 

»Dann muß ich auch stehenbleiben«, entgegnete er lächelnd. »Nun, das ist ja auch nicht so wichtig. Wahrscheinlich wissen Sie, wer ich bin?«

 

»Ja.«

 

»Und Sie sind sicher auch über meine Familie orientiert?«

 

Er schaute sie fragend an, aber sie schüttelte den Kopf.

 

»Außer Ihrem Namen weiß ich nichts von Ihnen, Sir George.«

 

»Dann wissen Sie also nicht, daß ich der Erbe eines großen Vermögens bin, und zwar einer halben Million Pfund. An die Erbschaft ist aber die Bedingung geknüpft, daß ich bis zu einem gewissen Alter verheiratet sein muß. Bis jetzt habe ich es nicht für nötig gefunden, mich mit einer Frau zu belasten. Das klingt sehr unhöflich, aber Sie werden wahrscheinlich verstehen, was ich meine.«

 

Sie nickte. Sie hatte genug von Sir Georges Privatleben gehört, um die Bedeutung seiner Worte zu erfassen.

 

»Übermorgen werde ich nun achtunddreißig Jahre alt, und bis dahin muß ich verheiratet sein? Erst jetzt ist mir zum Bewußtsein gekommen, in welcher kritischen Lage ich mich befinde. Ich bin nicht im mindesten darauf vorbereitet gewesen, denn erst gestern haben mich meine Rechtsanwälte wieder an die Notwendigkeit erinnert, daß ich mich sofort verheiraten muß. Deshalb bin ich gezwungen, schnell eine Wahl zu treffen. Aber ich hoffe, daß sie glücklich ist, denn sie ist auf Sie gefallen.«

 

»Mich wollen Sie heiraten?«

 

»Ja. Ich weiß, daß Sie sehr hart zu kämpfen hatten … Und ich schätze und verehre Sie ganz besonders. Sie besitzen alle Eigenschaften, die mich glücklich machen könnten.«

 

Trotz der sonderbaren Situation mußte sie lachen.

 

»Aber das ist doch einfach unmöglich, Sir George! Ich kann Sie doch nicht so ohne weiteres heiraten.«

 

»Ich glaube, daß Sie die Möglichkeiten unterschätzen, die sich Ihnen durch meine Wahl bieten. Ich brauche eine Frau, die ich sofort nach der Trauung wieder verlassen kann.«

 

Er schaute sie durchdringend an, aber seine Worte schienen keinen Eindruck auf sie zu machen.

 

»Ich sage Ihnen, ich brauche eine Frau, von der ich mich direkt nach der Trauung wieder trennen kann«, wiederholte er mit besonderem Nachdruck. »Ich bin bereit, Ihnen als Hochzeitsgeschenk die Summe von hunderttausend Pfund zu überreichen.«

 

»Aber es gibt doch Hunderte von jungen Mädchen, die nur zu gern Ihren Vorschlag annehmen würden, Sir George«, entgegnete sie bestürzt und verwundert.

 

Er sah, daß sie errötete, und wußte, daß sie jetzt an Milton Sands dachte.

 

»Ja, es gibt Hunderte von jungen Mädchen«, wiederholte er, »aber es ist keine unter ihnen, die mir zusagt, keine, der ich trauen könnte. In Ihnen habe ich die Frau mit all den Eigenschaften gefunden, die ich schätze. Und ich wiederhole Ihnen in aller Form, daß Sie mich nach der Trauung sofort wieder verlassen können. Vorher überreiche ich Ihnen einen Scheck über hunderttausend Pfund.«

 

»Sie scheinen zu vergessen, Sir George, daß ich seit einigen Monaten mit Mr. Sands zusammenarbeite.«

 

»Ich wüßte nicht, was das zu sagen hätte.«

 

»Nun, dann will ich es Ihnen klarmachen. Mr. Sands hat mich in der letzten Zeit über vieles aufgeklärt, damit ich ihm beruflich helfen kann, und ich habe viele Dinge erfahren, von denen ich früher keine Ahnung hatte. Ich halte Ihr ganzes Benehmen mir gegenüber nur für ein Betrugsmanöver. Was Sie mir da eben erzählten, unterscheidet sich nicht wesentlich von den Geschichten, die andere berüchtigte Betrüger in solchen Fällen vorbringen.«

 

Der Baronet wurde dunkelrot vor Zorn, denn ihre Worte hatten ihn schwer getroffen.

 

»Wollen Sie mir denn nicht glauben, Miss Symonds?«

 

»Offen gestanden, nein.«

 

»Nun, Sie werden mir schon glauben müssen. Innerhalb zweier Tage heiraten Sie mich. Ich habe mir schon eine besondere Genehmigung besorgt.«

 

»Trotz alledem glaube ich es nicht«, entgegnete sie fest.

 

»Sie verlassen sich darauf, daß Milton Sands Ihnen zu Hilfe kommt und Sie aus dieser Situation befreit«, erwiderte er mit einem boshaften Lächeln. »An Ihrer Stelle würde ich mich nicht so sehr auf ihn verlassen. Sie können aber mir und auch Ihren Freunden einen guten Dienst erweisen, wenn Sie auf meinen Vorschlag eingehen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Ihre Heirat mit mir auch Mr. Sands einen großen pekuniären Vorteil bringen wird.«

 

»Ich möchte mich nicht weiter mit Ihnen über diese Sache unterhalten. Sie können eine Frau doch nicht gegen ihren Willen heiraten!«

 

Mit diesen Worten wandte sie sich um und ging in ihre Kabine zurück.

 

Sir George machte keine Anstrengungen mehr, mit ihr zu sprechen, aber eine Stunde später klopfte Mrs. Kitson an ihre Tür und brachte ihr ein Tablett mit Speisen.

 

»Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Etwas müssen Sie ja schließlich essen.«

 

Janet hatte bis dahin alles abgelehnt, aber jetzt fühlte sie großen Hunger. Die Mahlzeit war ausgezeichnet zubereitet. Es stand auch eine kleine Porzellankanne mit Schokolade dabei, und gerade starke Schokolade eignet sich hervorragend dazu, den Geschmack von Morphiumpräparaten zu überdecken.

 

Janet fiel in einen schweren, traumlosen Schlaf, hatte aber trotzdem ein quälendes Gefühl. Schließlich tanzte ein großes, helles Licht vor ihren Augen. Sie versuchte, es mit der Hand abzublenden. Dabei kam ihr plötzlich zum Bewußtsein, daß sie etwas am Finger hatte, das früher nicht dort gewesen war. Langsam kam sie zu sich und starrte auf den schmalen, goldenen Ring an dem vierten Finger ihrer rechten Hand. Sie sah sich verwundert und verstört um und entdeckte, daß sie sich zusammen mit mehreren Menschen im Salon befand. Sir George war zugegen und schaute sie merkwürdig an. Neben ihm standen Kitson und seine Frau, und außer ihnen bemerkte sie noch einen verhältnismäßig schlanken Mann von mittlerer Größe. Er hatte weiße Haare und trug die Kleidung eines Geistlichen.

 

»Was hat das zu bedeuten?« fragte sie atemlos vor Entsetzen.

 

»Fühlen Sie sich nicht wohl, Lady Frodmere?« fragte der Mann im schwarzen Talar.

 

»Lady Frodmere?« wiederholte sie dumpf.

 

»Sie sind jetzt Lady Frodmere, meine Frau«, erklärte Sir George.

 

»Aber ich habe Sie doch nicht geheiratet!«

 

Der Geistliche lächelte.

 

»Ich sehe, daß Sie noch etwas verwirrt sind, Mylady. Ich habe Sie selbst mit George Frodmere getraut, und Sie waren bei vollem Bewußtsein.«

 

»Aber das ist doch unmöglich!« rief sie. »Sie konnten mich doch nicht trauen. Ich habe nicht geantwortet!«

 

Der Geistliche schüttelte den Kopf.

 

»Sie haben alle Fragen richtig beantwortet, die ich an Sie stellte. Für gewöhnlich nehme ich ja Trauungen nicht gerade um Mitternacht vor, aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß Sie jetzt Lady Frodmere sind.«

 

Sie sank in den Stuhl zurück und zitterte am ganzen Körper. Es war ein entsetzlicher Gedanke. Was hatten die Leute nur mit ihr gemacht? Ihre Vernunft sagte ihr, daß etwas nicht stimmen konnte. Aber der Geistliche stand doch vor ihr, und auf dem Tisch lag ein Dokument – eine Trauungsurkunde! Sie sprang auf und schaute sie an. Schwarz auf weiß stand ihre eigene Unterschrift darunter. Das war zuviel für sie. Mit einem Schrei floh sie den Gang entlang in ihre Kabine, schlug die Tür hinter sich zu und türmte alle Möbelstücke dagegen auf, die sie in dem Raum finden konnte.

 

»Also, die Sache wäre erledigt«, sagte Sir George im Salon.

 

»Kann ich die Nacht über hier an Bord bleiben?« fragte der Geistliche.

 

»Ich würde Ihnen den guten Rat geben, fortzugehen, Pentridge«, erwiderte Sir George. »Ihre Anwesenheit könnte auffallen.«

 

Der angebliche Geistliche zog seinen Talar aus und legte den weißen Kragen ab.

 

»Ich kann dieses Zeug nicht leiden. Es hat furchtbar eingeschnitten. Nun, wie habe ich die Trauung vollzogen?« fragte er lachend.

 

»Großartig haben Sie Ihre Sache gemacht«, entgegnete der Baronet und klopfte ihm befriedigt auf die Schulter. »An Ihnen ist direkt ein Schauspieler verlorengegangen, Penty. Haben Sie das Geld dabei?«

 

»Ja, ich habe es bei mir. Hier sind zweitausend Pfund. Das ist allerdings eine ziemlich hohe Anleihe für jemand, der erledigt ist.«

 

»Aber ich leihe es doch nur für ein paar Tage von Ihnen, Mr. Pentridge«, sagte Sir George lächelnd, als er die Scheine nahm und sie in seine Brieftasche legte. »Wir werden ja bald beweisen können, daß Sands gelogen hat, und dann schwimme ich in Geld.«

 

»Hoffentlich gelingt Ihnen das. Und wenn Sie keinen Erfolg haben sollten –«

 

»In diesem Fall werde ich durch meine Heirat ein Vermögen in die Hand bekommen. Für den Dienst, den Sie mir erwiesen haben, sollen Sie einen reichlichen Anteil erhalten. Übrigens sind die Papiere wiedergefunden worden, die Sie an Soltescu verkauft haben.«

 

Pentridge sah ihn schnell an.

 

»Hat er die Sache aufgegeben?«

 

»Wen meinen Sie denn?« fragte Sir George überrascht.

 

»Natürlich Milton Sands. War es Ihnen denn nicht von Anfang an klar, daß er sich die Papiere angeeignet hatte?«

 

»Milton Sands!« wiederholte Sir George ungläubig.

 

»Ja!« Bud Kitson schlug mit der Faust auf den Tisch. »Das stimmt. Kein anderer konnte sie genommen haben. Mir ist jetzt alles klar. Er fuhr in demselben Zug wie wir nach Paris. In Monte Carlo hatte er sein ganzes Geld verspielt und mußte nun irgend etwas beginnen. Toady Wilton sah doch, wie er das Kasino verließ, und sprach mit ihm. Dann kommt er nach London zurück und hat plötzlich genügend Geld, um ein Detektivbüro in der Regent Street zu eröffnen –«

 

»Aber dann möchte ich nur wissen, warum er überhaupt ein Detektivbüro aufgemacht hat!« sagte Sir George.

 

»Das war doch die einzige Möglichkeit, sich die Belohnung für die Wiederbeschaffung der Papiere zu sichern, ohne Argwohn und Verdacht zu erregen. Die Sache ist vollkommen klar und durchsichtig!«

 

»Also so verhält es sich«, meinte Sir George und nickte. »Dann hätte ich ja eventuell noch eine Chance, mich mit Milton Sands zu vergleichen. Aber nach alledem wird es wohl sehr schwer sein.«

 

»Ich habe auch noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen!« rief Kitson wild. »Ich lasse mich nicht umsonst nach Portland ins Gefängnis schleppen!«

 

Sir George sah den wütenden Mann nachdenklich von der Seite an. Wahrscheinlich konnte er ihn noch bei der Durchführung seiner Pläne brauchen, bevor er ihn ganz fallenließ.

 

Er verabschiedete sich von Pentridge, der zur Stadt zurückkehrte.

 

»Ist das Fenster gesichert? Sie kann doch hoffentlich nicht durch das Kabinenfenster entkommen?«

 

»Nein, das ist, unmöglich«, entgegnete Bud. »Ich habe Eisenstangen daran befestigt.«

 

»Gut«, erwiderte Sir George befriedigt.

 

Kapitel 1

 

1

 

»Verteufeltes Pech!«

 

Die lauten, barschen Worte übertönten die Unterhaltung an dem großen Tisch, und die Spieler sahen einen Moment auf. Je nach Temperament und Veranlagung schauten sie neugierig oder ärgerlich auf den älteren Mann, der sich eben erhoben hatte. Sein abstoßendes Gesicht mit den grauen Bartstoppeln zeigte eine fahle Blässe, als er wütend um sich blickte.

 

Er trug einen schäbigen Smoking, der wenig zu seiner vornehmen Umgebung paßte. Sein weißes Hemd war nicht ganz sauber und zerknittert, und als er vom Tisch zurücktrat, sah man seine ausgefransten Hosen und die geflickten Lackschuhe.

 

Mit zitternder Hand fuhr er sich durchs Haar. Seine Gesichtsmuskeln zuckten, und sein ganzes Benehmen ließ den Kenner darauf schließen, daß er rauschgiftsüchtig war.

 

»Dieses verdammte Monte Carlo!« rief er unbeherrscht. »Niemals habe ich in diesem entsetzlichen Nest Glück! Ich gehe nach Nizza – jawohl!«

 

Weder sein Verhalten noch seine äußere Erscheinung ließen sich mit seinen Tischnachbarn in Einklang bringen. John Pentridge war ein heruntergekommener, mittelloser Mann.

 

Einer der Kasinobeamten näherte sich ihm.

 

»Wäre es nicht besser, wenn sich Monsieur außerhalb des Spielsaals etwas erholen wollte?« fragte er leise und höflich.

 

Pentridge starrte ihn wild an.

 

»Ich bleibe hier!« brüllte er. »Erst haben Sie mich um mein Geld gebracht – was wollen Sie denn jetzt noch?«

 

»Sie stören die anderen Spieler«, erklärte der Angestellte ruhig. Zwei seiner Kollegen eilten ihm zu Hilfe.

 

»Ich bleibe hier – was fällt Ihnen ein! Wollen Sie wohl Ihre Hand von meinem Arm nehmen?«

 

Aber sie hatten ihn schon fest gepackt und führten ihn durch die großen Flügeltüren aus dem Spielsaal.

 

Er wollte sich zur Wehr setzen; der stahlharte Griff der beiden Leute überzeugte ihn jedoch davon, daß er nicht die geringste Aussicht hatte, etwas gegen sie auszurichten.

 

»Morgen komme ich wieder!« rief er, als sie ihn gerade durch die Tür schleppten. »Ich komme wieder, sage ich euch, ihr Lumpen. Und dann habe ich so viel Geld, daß ich das ganze Spielernest aufkaufen kann. Ihr Spitzbuben sollt einmal nach meiner Pfeife tanzen …«

 

Als sie im Vorsaal waren und ihn an die frische Luft setzen wollten, wurde der widerspenstige Mensch plötzlich ruhig und schrak zurück.

 

Die Beamten glaubten, daß er ihnen erneut Widerstand leisten würde, und wollten gerade scharfe Maßnahmen gegen ihn anwenden.

 

»Nein – nicht dahin«, sagte er atemlos und entsetzt. »Sehen Sie die Frau da – der darf ich nicht begegnen. Lassen Sie mich auf einem anderen Weg hinaus.«

 

Die letzten Worte hatte er schnell in Französisch gesprochen. Die Kasino-Angestellten folgten seinen Blicken und bemerkten eine junge Dame, die gerade auf sie zukam.

 

Sie war ungewöhnlich schön und elegant, wenn auch unauffällig gekleidet. Abweichend von den üblichen farbenfreudigen Abendtoiletten trug sie ein enganliegendes schwarzes Kleid und einen kleinen schwarzen Hut. Sie war anscheinend eben erst mit dem Auto angekommen, denn sie hatte einen dunklen Staubmantel über dem Arm. Ein schlanker, grauhaariger Herr begleitete sie. Offenbar wollten sie in den Spielsaal gehen.

 

»Schnell einen anderen Weg«, stöhnte der Gefangene. Er zeigte nicht mehr die geringste Aufsässigkeit, nur Schrecken und Angst prägten sich in seinen Zügen aus.

 

»Rechts«, sagte der Kasinobeamte, der Mitleid mit dem Alten zu haben schien.

 

Sie brachten den unliebsamen Gast durch eine Seitentür in einen kleineren Salon und führten ihn von hier aus auf eine Terrasse.

 

»Monsieur«, erklärte der Beamte mit vollendeter Höflichkeit, »im Namen der Direktion muß ich Ihnen den Rat geben, die Spielsäle des Kasinos nicht wieder zu betreten.«

 

John Pentridge wischte sich die Stirn mit einem schmutzigen Taschentuch.

 

»Woher kommt sie bloß?« fragte er, ohne sich um seine Begleiter zu kümmern. »Das ist das Ende. Ich muß das Geschäft noch heute abend abschließen.« Die letzten Worte hatte er in Englisch gesprochen. »Wie ein Hund muß man leben, überall herumgehetzt, von einer Stadt zur anderen, von einem Land zum anderen –«

 

Plötzlich wandte er sich wieder den Kasinoleuten zu.

 

»Für heute abend habt ihr mich erledigt«, sagte er höhnisch. »Aber morgen komme ich wieder! Dann kaufe ich mir das ganze Kasino! Und die ganze Rasselbande dazu!«

 

Nach dieser Drohung verließ er die Terrasse mit unsicheren Schritten, erreichte die große Freitreppe vor dem prachtvollen Gebäude des Spielklubs und verschwand in der Menge.

 

Aber er war beobachtet worden. Ein ungefähr gleichaltriger und ebenso schlechtgekleideter Mann folgte ihm auf der breiten Straße.

 

Pentridge wandte sich wütend um, als er eine Hand auf seinem Arm fühlte.

 

»Hallo, Penty«, sagte der Fremde freundlich, fast unterwürfig. »Du wirst doch deinen alten Kameraden nicht im Stich lassen. Kennst du den alten Chummy nicht mehr? Wir haben doch mehr als ein Ding miteinander gedreht.«

 

Pentridge sah ihn ärgerlich an.

 

»Ach so, du bist es«, versetzte er böse. »Was willst du denn von mir?«

 

»Meinen Anteil will ich haben, Penty.«

 

Sie kamen gerade unter einer elektrischen Bogenlampe vorüber, und das Licht enthüllte erbarmungslos die tiefen Furchen in seinem Gesicht. Seine kleinen Augen blitzten feindlich auf.

 

»Haben wir nicht seit Jahren zusammengearbeitet?« fragte er mit brüchiger Stimme. »Haben wir uns nicht miteinander durch die ganze Welt geschlagen? Penty, denkst du noch an die alten Tage in Melbourne? Ich wünschte, wir wären wieder in Australien. Weißt du noch, wie Carbine damals in Flemington das große Rennen machte?«

 

»Hör mal zu, Chummy«, erwiderte Pentridge aufgebracht. »Weil wir uns zufällig früher mal im Gefängnis kennengelernt haben und nun beide auf der Straße liegen, habe ich noch lange keine Ursache, für dich zu sorgen. Du hast stets deinen Anteil bekommen.«

 

»Aber nicht von der großen Sache«, widersprach Chummy. »Ich meine die große Entdeckung. Darauf habe ich nämlich schon all die Jahre gewartet, daß wir die zu Geld machen könnten. Hier in Monte Carlo ist ein reicher Kerl, ein Rumäne. Er hat schon überall von der Erfindung erzählt, die er jetzt kaufen will, und so habe ich auch davon gehört. Ich bin doch daran beteiligt, denn ich habe dir geholfen, die Pläne zu klauen. Und wenn du nicht mit mir teilen willst, kann ich ja heute abend noch zu einer gewissen jungen Dame gehen, die gerade mit dem Auto nach Monte gekommen ist.« Seine Stimme klang drohend. »In einer Stunde fährt sie nach Marseille zurück. Wenn ich der sage, daß …«

 

»Halt das Maul«, zischte Pentridge. Er war so erregt, daß seine Lippen zuckten. »Komm mit, wir wollen die Sache in aller Ruhe besprechen. Geh aber nicht neben mir, sondern bleibe in einiger Entfernung – ich will nicht, daß man uns hier zusammen sieht.«

 

Er ging durch die belebten Straßen Monte Carlos zu dem vornehmen Villenviertel der reichen Leute, das abseits des regen Verkehrs lag, und bog schließlich in den Torweg eines großen Hauses ein.

 

»Wohin gehst du denn?« fragte Chummy und blieb argwöhnisch stehen.

 

»Wir wollen uns doch an einem ruhigen Platz unterhalten. Komm nur mit, hier wohnt ein Freund von mir.«

 

Nur widerstrebend folgte ihm Chummy auf den düsteren Weg, der dicht von Bäumen beschattet wurde.

 

Pentridge griff nach dem Totschläger in seiner Tasche.

 

»Was ich dir sagen wollte –«, begann Chummy, aber weiter kam er nicht, denn Pentridge schlug mehrmals heftig auf ihn ein.

 

Zwei Minuten später trat der Verbrecher aus der finsteren Allee und ging mit schnellen Schritten davon. Der Zug nach Nizza fuhr gerade an, als er den Bahnsteig erreichte, und es gelang ihm, noch aufzuspringen. In einem leeren Abteil ließ er sich nieder, beruhigt in der Überzeugung, daß niemand ihn mit seinem früheren Freund gesehen hatte. Hiermit schien er auch recht zu behalten, denn als der Tote am nächsten Morgen gefunden wurde, meldete sich niemand, der über den Mörder etwas aussagen konnte. In Monte Carlo werden derartige Verbrechen möglichst geheimgehalten, da man die Fremden nicht erschrecken will. Infolgedessen wurden die Nachforschungen noch am ersten Tage eingestellt, und Chummy wurde in einem stillen Winkel des Friedhofes begraben, wo die Namenlosen beigesetzt werden.

 

Kapitel 10

 

10

 

In dem kleinen, aber hübschen Wohnzimmer der Presidentschen Stadtwohnung waren überall Blumen aufgestellt, und Mary ordnete gerade einen Strauß in einer Vase, als es klopfte.

 

Milton Sands trat ein, lächelte sie an und reichte ihr die Hand.

 

»Ich muß die Gelegenheit wahrnehmen und habe Sie deshalb hergebeten, während mein Großvater auf dem Lande ist. Mr. Stanton hat mir Ihre Adresse gegeben. Ich bin sehr beunruhigt, denn bei uns wurde eingebrochen.«

 

»Aber würden Sie sich in diesem Fall nicht besser an die Polizei wenden?«

 

»Unter gewöhnlichen Umständen wäre das sicher das beste, aber es handelt sich hier um eine außergewöhnliche Sache.«

 

Er nahm in einem Sessel Platz und hörte ihren Bericht an. Zuerst erzählte sie ihm davon, daß schon auf der Fahrt von Nizza nach Paris jemand versucht hätte, in ihre Kabine einzudringen.

 

»Vor einer Woche«, fuhr sie fort, »wachte ich mit dem Gefühl auf, daß jemand in meinem Zimmer sein müßte. Dann sah ich den Schein einer elektrischen Taschenlampe, und es war mir sofort klar, daß jemand die Schubladen meines Schreibtisches durchsuchte. Ich sprang aus dem Bett und erkannte gerade noch, wie der Mann, der ins Zimmer eingedrungen war, schnell durch die Tür entwischte. Ich konnte nur kurz seine Silhouette gegen das Fenster sehen, aber es war bestimmt der Kerl, der damals in meine Schlafwagenkabine eindringen wollte.«

 

»Ich verstehe«, sagte Milton langsam, und er hatte tatsächlich die Bedeutung dieses Einbruchs erkannt. Soltescu glaubte, daß sich die wertvolle Formel in Miss Presidents Besitz befand.

 

»Wo hält sich Ihr Großvater zur Zeit auf?«

 

»In Sussex. Wir haben ein kleines Haus auf dem Gelände, wo Donavan für das Derby trainiert wird. Ich bin extra zur Stadt gefahren, um mit Ihnen zu sprechen.«

 

»Wäre es möglich, daß Sie heute abend noch nach Sussex zurückkehrten?«

 

Sie sah ihn erstaunt an.

 

»Natürlich, möglich wäre das schon. Mein Großvater würde es sogar begrüßen, wenn ich bald zurückkäme. Aber ich hatte mir eigentlich vorgenommen, ein paar Tage in der Stadt zu bleiben.«

 

Er dachte eine Weile nach.

 

»Fahren Sie bitte morgen wieder ab«, sagte er dann. »Ihr Großvater bleibt doch sicher noch längere Zeit auf dem Lande?«

 

»Ja, bis zu den Rennen in Epsom. Er hat Donavan für das Derby gemeldet.«

 

»Das trifft sich gut«, erwiderte Milton vergnügt. »Und nun werden wir einen Geldschrank mieten.«

 

Sie schaute ihn wieder verwundert an.

 

»Ja, wir mieten einen Geldschrank«, wiederholte er, »und ich schicke ihn in Ihre Wohnung. Ich kenne eine gute Firma, wo man sie billig haben kann.«

 

»Ich brauche doch keinen Safe! Ich habe ja gar nichts hier, was ich darin einschließen könnte.«

 

»Aber wenn ich Ihnen einen Safe schicke, haben Sie doch nichts dagegen, daß er in Ihr Zimmer gestellt wird?«

 

»Nein, das gerade nicht«, entgegnete sie lächelnd. »Aber es ist doch direkt Geldverschwendung.«

 

»Sie vergessen, daß ich ein Detektiv bin, Miss President. Das ist eine ganz interessante, manchmal kostspielige Beschäftigung, und Sie können sich wohl denken, daß ich nicht Geldschränke miete, wenn ich nicht eine ganz besondere Veranlassung dazu habe. Wenn Sie die Sache noch nicht ganz durchschauen, müssen Sie mir eben Vertrauen schenken. Jeder Detektiv hat seine Geheimnisse.«

 

Sie lachte.

 

»Gut, dann werde ich tun, was Sie wollen.«

 

»Ich habe aber noch eine andere Bitte. Würden Sie so liebenswürdig sein und mir Ihren Hausschlüssel geben, damit ich während Ihrer Abwesenheit die Verwaltung des Hauses übernehmen kann?«

 

»Selbstverständlich.«

 

»Ich werde mich um alles kümmern. Und machen Sie sich wegen des Einbruchs keine bösen Gedanken mehr.«

 

»In letzter Zeit sind aber so viele Einbrüche vorgekommen – die ganzen Zeitungen sind voll davon«, sagte sie nervös. »Ich habe auch gelesen, daß ein Schwerverbrecher ausgebrochen ist.«

 

»Das ist alles nicht so gefährlich. Wir werden ja bald sehen, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Und was den entsprungenen Sträfling angeht –« Plötzlich hielt er ein. »Da kommt mir eine famose Idee!« Er lachte, sagte ihr aber nicht, was für ein guter Gedanke ihm gekommen war, sondern änderte das Gesprächsthema und fragte nach Eric Stanton.

 

Sie äußerte sich nur sehr vorsichtig über den jungen Mann, und aus ihrer Zurückhaltung erriet Milton alles, was er wissen wollte.

 

Als er in die Stadt ging, sprach er bei der Firma vor, die Geldschränke zu vermieten hatte, und suchte den größten aus, den er finden konnte. Der Inhaber des Geschäfts billigte diese Wahl nicht.

 

»Das ist nur eine ganz leichte Konstruktion«, sagte er und klopfte dabei an die Wände. »Der Kasten ist weder feuer- noch diebessicher. Eigentlich nur ein Schaustück zum Ausstellen. Für den praktischen Gebrauch ist er in keiner Weise geeignet.«

 

»Aber es ist gerade der richtige Schrank für mich«, erklärte Milton. »Hübsch und leicht. Schicken Sie ihn noch heute an die Adresse, die ich Ihnen gegeben habe.«

 

Am nächsten Morgen suchte er Miss President wieder auf. Sie lachte, als er kam, aber sie gestand ihm offen, daß sie etwas enttäuscht sei.

 

»Der Schrank nimmt entsetzlich viel Platz ein und macht sich sehr schlecht in meinem Schlafzimmer.«

 

»Darf ich mir das Möbel einmal ansehen?«

 

Ihr Mädchen führte ihn in den Raum. Der Safe war tatsächlich viel zu groß für das kleine Zimmer. Man sah kaum etwas anderes als das große, grünlackierte Möbel mit den goldenen Verzierungen.

 

»Großartig«, sagte Milton und betrachtete ihn voll Bewunderung. Dann wandte er sich an das Mädchen. »Sind Sie Amerikanerin?«

 

Sie wurde ein wenig rot.

 

»Ja – aber warum fragen Sie danach? Ich kam vor drei Monaten aus den Staaten.«

 

»Sind Sie früher schon in Europa gewesen?«

 

»Nein.«

 

»Sie haben auch noch nicht in Frankreich gelebt?«

 

»Nein«, entgegnete sie leichthin.

 

Als er die Treppe hinunterging, schien er angestrengt über diese Antwort nachzudenken.

 

Unten fragte er Miss President unvermittelt nach dem Namen ihres Dienstmädchens.

 

»Ich habe sie erst vierzehn Tage bei mir«, erklärte Mary. »Sie wurde mir von Sir George Frodmere empfohlen.«

 

»Dann kennen Sie Sir George also doch gut?«

 

»Nur oberflächlich.« Sie runzelte leicht die Stirn. »Die Sache kam auch ganz zufällig. Mein Mädchen kündigte plötzlich, und er empfahl mir diese neue Kraft so dringend, daß ich versprach, sie einzustellen. Unser eigenes Mädchen bekam eine so gute Stelle, daß ich sie nicht davon abhalten wollte.«

 

»Können Sie mir vielleicht sagen, wer sie engagiert hat?«

 

»Ja, sie gab mir die Adresse, damit ich ihre Post nachschicken kann. Sie ist nämlich verlobt. Ich will einmal sehen, ob ich sie finde…«

 

Sie ging aus dem Zimmer und kam bald darauf mit einem Notizbuch zurück.

 

»Hier habe ich es. Sie ist jetzt bei Mrs. Gordon Thompson beschäftigt.«

 

Milton grinste. Mrs. Gordon Thompson war die Schwester von Sir George Frodmere, eine ältere Dame, die viel in der Gesellschaft verkehrte und leidenschaftlich gern Bridge spielte. Man erzählt sich allerhand Geschichten darüber, wie ungern sie ihre Spielschulden zahlte.

 

Die Sache war vollkommen durchsichtig. Frodmere brauchte eine Verbündete in dem Haus und hatte deshalb seine Schwester überredet, Marys Dienstmädchen für ein höheres Gehalt wegzuengagieren. Und an ihrer Stelle hatte er diese Person eingeschoben. Milton hatte sie auf den ersten Blick erkannt. Er hatte sie bei mehreren Gelegenheiten in Monte Carlo gesehen, und zwar immer in der Gesellschaft Bud Kitsons. Dort und auch an anderen Plätzen galt sie als die Frau des Amerikaners.

 

»Wann fahren Sie ab, Miss President?«

 

»Heute nachmittag.«

 

»Nehmen Sie Ihr Mädchen mit?«

 

Mary runzelte die Stirn.

 

»Das muß ich mir noch überlegen. Ich hatte ja zuerst nicht die Absicht, London so schnell wieder zu verlassen.«

 

»Darf ich Ihnen einen Rat geben? Beurlauben Sie das Mädchen mit vollem Gehalt. Sagen Sie ihr, daß sie in der nächsten Woche nicht gebraucht wird.«

 

»Aber das ist ihr vielleicht unangenehm?«

 

»Das glaube ich kaum«, entgegnete Milton trocken. »Mit welchem Zug fahren Sie?«

 

»Um fünfzehn Uhr fünfundzwanzig.«

 

»Ich werde am Bahnhof sein, um mich von Ihnen zu verabschieden. Können Sie mir den Hausschlüssel jetzt geben?«

 

Sie nahm ihn aus ihrem Täschchen.

 

»Ich hoffe, daß Sie nach Ihrer Rückkehr nie wieder gestört werden.«

 

»Ich möchte Sie noch etwas fragen«, sagte sie, als er im Begriff war fortzugehen. »Was soll ich denn eigentlich in den Geldschrank legen?«

 

»Nichts.« Er dachte eine Weile nach. »Wenn Sie wollen, können Sie ja ein paar Schriftstücke dort unterbringen, die keinen Wert für Sie haben. Aber schließen Sie die Tür sorgfältig zu. Es wird vielleicht viel interessanter, wenn Sie die Papiere in den Safe tun. Es können alte Rechnungen sein. Vielleicht haben Sie auch noch irgendeinen Kasten, in den sie gelegt werden können.«

 

»Ja.«

 

»Das ist gut. Sagen Sie dem Mädchen noch, daß sie alle Fenster und Türen gut verschließen soll, bevor sie das Haus verläßt, und daß sie der Polizei von ihrer Abwesenheit Mitteilung macht.«

 

»Das könnte ich eigentlich auf meinem Weg zum Bahnhof selbst tun.«

 

»Nein, geben Sie dem Mädchen den Auftrag. Wozu soll, man alles selbst machen, wenn man Dienstboten hat?«

 

*

 

Abends um halb zwölf stieg Bud Kitson aus einer Taxe, zahlte den Chauffeur und ging dann die Straße entlang, bis er zu dem Haus John Presidents kam. Ohne Zögern schritt er auf die Tür zu, schloß auf und betrat die Diele. Mit seiner elektrischen Taschenlampe leuchtete er in dem leeren Raum umher, dann ging er weiter zum Speisezimmer und grinste, als er ein Glas, eine Whiskyflasche und Sodawasser auf dem Tisch sah. Sicher hatte seine Frau das alles für ihn bereitgestellt. Er mischte sich ein Glas und trank es, bevor er sich seiner Aufgabe zuwandte. Im Licht der Taschenlampe wählte er die nötigen Werkzeuge aus und stieg dann ruhig die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf. Er kannte die Lage von Mary Presidents Zimmer genau, denn er betrat das Haus nicht zum erstenmal. Mit Bestimmtheit rechnete er damit, daß er heute Erfolg haben würde.

 

Die entwendeten Dokumente mußten hier zu finden sein – davon war er fest überzeugt. Die Ankunft des großen Geldschranks bewies ihm das zur Genüge. Sonst hätte er diesen Versuch vielleicht überhaupt nicht gemacht. Er war sogar sehr froh darüber, daß sich die Leute einen Safe zugelegt hatten, denn das beschränkte seine Nachforschungen. Er wußte nun genau, wo er die Papiere finden konnte. Als er oben ankam, untersuchte er den neuen Geldschrank und lächelte verächtlich. Das war ja eine ganz altmodische Konstruktion, die man beinahe mit einem Taschenmesser öffnen konnte! Er wählte einen Schlüssel und versuchte, die Tür aufzumachen, aber sie gab nicht nach. Sein geübtes Ohr vernahm allerdings einige Geräusche, die erkennen ließen, daß er bei weiteren Bemühungen Erfolg haben würde. Und gleich darauf hatte er sein Ziel auch erreicht.

 

Aber es blieb ihm keine Zeit, sich um den Inhalt des Geldschranks zu kümmern, denn plötzlich war das Zimmer hell erleuchtet. Schnell wandte er sich um.

 

»Hände hoch!« befahl Milton Sands, der seine Browningpistole auf den Einbrecher gerichtet hielt.

 

»Hallo!« antwortete Bud ruhig. »Wie geht es Ihnen, Mr. Sands?«‘

 

»Verhältnismäßig gut«, entgegnete Milton vergnügt. »Kommen Sie näher, damit ich Sie durchsuchen kann.«

 

Aber das war eigentlich nicht nötig, denn Bud Kitson hatte sich nicht die Mühe gemacht, eine Schußwaffe einzustecken.

 

»Setzen Sie sich dorthin«, sagte Milton und zeigte auf einen Stuhl. »Oder noch besser, Sie kommen nach unten mit, da können Sie wenigstens rauchen. Geben Sie mir einmal Ihre Lampe.«

 

Er nahm sie ihm aus der Hand und wies nach der Tür. Bud ging nach unten, und Milton folgte ihm auf dem Fuß. So kamen sie in das Speisezimmer.

 

»Drehen Sie das Licht an. Sie können es ruhig tun, denn ich wohne hier.«

 

»Was haben Sie denn eigentlich vor, Mr. Sands?«

 

Bud war sehr verärgert, daß sein Abenteuer so enden sollte.

 

»Ich habe mich noch nicht entschieden, was ich tun werde. Jedenfalls ist es ein ganz interessantes Spiel – für Sie allerdings weniger angenehm. Wie geht es Maisie?« fragte er freundlich.

 

Kitson grinste.

 

»Ich dachte mir gleich, daß Sie hinter die ganze Geschichte kommen würden, wenn Sie Maisie sähen.«

 

»Ich wußte es schon vorher. Sagen Sie mir jetzt, was wollen Sie denn hier im Haus? Suchen Sie nach den Schriftstücken, die Soltescu verloren hat?«

 

»Aus mir bekommen Sie nichts heraus«, entgegnete Kitson abweisend.

 

»Das werden wir noch sehen. Ich bin sogar davon überzeugt, daß Sie mir alles sagen werden, was ich wissen will. Sollte meine Ahnung in dieser Beziehung nicht in Erfüllung gehen, dann übergebe ich Sie der Polizei, und alle Ihre Komplicen werden dann wahnsinnig über Sie fluchen, denn sie kommen dann auch vor Gericht und müssen die größten Meineide leisten, wenn man sie nach Ihnen und ihren Beziehungen zu Ihnen fragt. Eins kann ich Ihnen übrigens sagen, Bud. Wenn Sie hier nach der Formel für Soltescu suchen, vergeuden Sie nur Ihre Zeit. Da müssen Sie sich schon anderswo umtun. Und wenn Sie nicht vermuten können, wer die Dokumente in jener Nacht gestohlen hat, kann ich Ihnen auch nicht helfen.«

 

»Meinen Sie, Sir George hat die Mappe?« fragt Kitson schnell.

 

»Ich will keine Namen nennen«, entgegnete Sands diplomatisch.

 

Bud fühlte plötzlich eine merkwürdige Müdigkeit und versuchte krampfhaft, sie zu überwinden. Er konnte sich die Ursache dafür nicht erklären, denn er war durchaus gesund und an diesem Tag erst spät aufgestanden. Was sollte das nur bedeuten? Schließlich fiel sein Blick auf die Whiskyflasche, und er begriff langsam. Er machte eine Anstrengung, sich von seinem Stuhl zu erheben.

 

»Bleiben Sie sitzen«, befahl Milton.

 

Kitson gehorchte willenlos.

 

»Sie haben mich vorhin gefragt, was ich vorhabe. Es tut mir leid, daß ich Ihnen das nicht sagen kann, aber glauben Sie mir, wir beide haben in der nächsten Zeit noch manches miteinander zu besprechen.«

 

Buds Kopf sank auf die Brust. Er wollte noch etwas sagen, wurde aber bewußtlos und fiel vom Stuhl.

 

Sands trug die Whiskyflasche und das Glas in die Küche, leerte beide und wusch sie sorgfältig aus. Dann ging er ins Speisezimmer zurück und füllte die Whiskyflasche von neuem.

 

»Ich bin nun ein wirklicher Detektiv geworden«, sagte er voll Selbstbewunderung, als er auf den besinnungslosen Kitson schaute. »Also, mein lieber Bud, Sie werden jetzt ein seltsames Abenteuer erleben.«

 

Vergnügt packte er das Kleiderbündel aus, das er vor einigen Stunden ins Haus gebracht hatte.

 

Kapitel 11

 

11

 

Sir George Frodmere war ein sehr geldgieriger Mann. Besonders interessierte er sich für große Summen und für die Leute, die über sie verfügten.

 

Er besaß ein Landgut in Cornwall. Das große Herrenhaus betreute der Hausmeister Gillespie mit einem Stab von Dienstboten in mustergültiger Weise. Er war ein braver, ehrenwerter Mann, der schon seit langem bei der Familie diente. Sir George hatte aber leider nicht das nötige Geld, um ein standesgemäßes Leben auf seinem Landgut zu führen. Er bezog nur ein kleines Einkommen aus den Zahlungen der Pächter, und diese Summe genügte bei weitem nicht, um seine Ansprüche zu befriedigen. Vermögen hatte er ebensowenig wie sein Vater. Dieser war allerdings mit den geringen Einkünften ausgekommen, weil er einfach und sparsam gelebt hatte. Sir George aber liebte Eleganz und Luxus, schränkte sich nicht gern ein und konnte dem schlichten Landleben wenig Geschmack abgewinnen. Um so mehr begrüßte er es jetzt, daß Graf Colini nach London kommen wollte.

 

Einer seiner Vertrauten hatte ihm schriftlich davon Mitteilung gemacht:

 

»Ich habe Colini einen Einführungsbrief an Sie mitgegeben. Er nennt sich zwar selbst Graf, ist aber seiner Sprache nach ein Londoner Kind aus dem Osten. Vielleicht ist er auch in Melbourne geboren. Mag dem sein, wie ihm wolle, er hat in Monte Carlo die Bank gesprengt, außerdem hat er auch sonst noch große Gewinne beim Bakkarat erzielt. Ich habe Geld an ihm verdient, aber noch nicht viel, denn er ist im Grunde genommen sehr argwöhnisch. Hoffentlich gelingt es Ihnen, ihn gehörig zur Ader zu lassen. Er hat die Absicht, sich in London umzusehen. Schicken Sie mir ein kleines Geschenk, wenn Sie Erfolg mit ihm haben. Übrigens spricht er immer von einem gewissen John President, und trotz seiner großartigen Prahlereien scheint er doch etwas Angst vor dem Mann zu haben. Vielleicht können Sie etwas daraus machen.«

 

Sir George hatte nicht die Absicht, sein Gut Pennwaring zu verlassen, bis er über die Erfolge Bud Kitsons Nachricht erhalten hatte. Aber als ihm kurz darauf Graf Colini auf einem Briefbogen des Savoy-Hotels seine Ankunft mitteilte, zögerte der Baronet nicht länger, nach London abzureisen.

 

Er suchte den Grafen sofort auf und fand ihn in Hemdsärmeln und Strümpfen in seinem Zimmer. Er war gerade damit beschäftigt, neue Riemen in seine Schuhe einzuziehen.

 

»Man kann dem Personal auch nicht die kleinsten Dinge anvertrauen«, sagte der Mann mit den verlebten, abstoßenden Zügen und der ungesunden, grauen Gesichtsfarbe. Er stellte die Schuhe auf den Boden, als Sir George ins Zimmer kam, und rieb die Hände an den Beinkleidern ab, bevor er ihm die Hand reichte.

 

»Ich freue mich, Sie zu treffen, Graf«, sagte Sir George.

 

»Ich möchte mit Ihnen ein Wort im Vertrauen reden«, unterbrach ihn Colini. »Sie brauchen mich nicht Graf zu titulieren. Ich bin John Pentridge – das ist mein wirklicher Name. Wahrscheinlich haben Sie schon von mir gehört.«

 

Sir George hatte tatsächlich schon von ihm gehört, aber er hatte nie gedacht, daß der Mann, der Soltescu die Erfindung verkauft hatte, mit dem Mann identisch war, der in Monte Carlo die Bank gesprengt hatte. Dieses Ereignis war in allen großen Zeitungen Englands besprochen worden.

 

»In Monte Carlo kann man sich ja ruhig Graf nennen«, fuhr Pentridge fort, »und ich mußte vor allem so auftreten, weil man mich aus dem Kasino ausgewiesen hatte. Deshalb legte ich mir einen anderen Namen und den Grafentitel bei. Augenblicklich kann ich mir das ja leisten, denn ich besitze über zweihunderttausend Pfund.«

 

»Aber ich sehe gar nicht ein, warum Sie in London wieder Ihren ursprünglichen Namen führen sollten. Graf Colini klingt viel besser.« Sir George betrachtete ihn wohlwollend. »Sagen Sie mir, wie ich Ihnen behilflich sein kann.« »Sie können mich in London herumführen – ich werde zahlen. Erzählen Sie ruhig, daß Sie mich schon von früher her kennen. Das wäre besonders gut, wenn wir John President treffen sollten – Sie verstehen doch, was ich meine?«

 

Sir George nickte.

 

»Und dann würde ich auch gern ein kleines Spiel machen. Irgendeine nette, ruhige Sache, bei der man nicht gerade zuviel Geld verliert.«

 

»Das werde ich gern tun. Sie müssen aber auf meinem Landsitz Pennwaring wohnen. Ich werde Sie dann meinen Freunden vorstellen. Einer von ihnen hält sich augenblicklich auch gerade in London auf«, sagte er, als er sich an Toady erinnerte.

 

»Ich möchte heute nach Sandown zu den Rennen gehen.«

 

»Das trifft sich gut. Mein Freund kann Sie hinbringen. Er weiß Bescheid, und er kann Ihnen auch gute Tips geben. Ich werde mich gleich telefonisch mit ihm in Verbindung setzen.«

 

Sir George hatte Glück, denn Toady war zu Hause. Mr. Wilton packte seine Koffer, um nach Cornwall überzusiedeln. Er tat es in aller Heimlichkeit, denn er wollte seinen Gönner Eric Stanton nicht beleidigen, der Sir George absolut nicht traute und Toady wegen des Umgangs mit diesem Mann ständig Vorhaltungen machte. Und Toady mußte auf Eric Stanton Rücksicht nehmen, da er nicht nur bei dem Tode des alten Stanton eine größere Summe erhalten hatte, sondern weil Eric ihn auch häufig beauftragte, Geld für ihn bei den Rennen zu setzen. Wilton führte diese Aufträge nicht immer aus, denn er war viel besser als der Eigentümer selbst über die Chancen unterrichtet, die Erics Rennpferde hatten. Manche Summe, die Stanton auf seine eigenen Pferde setzte, kam nicht weiter als auf das Bankkonto Toady Wiltons.

 

Er folgte dem Ruf seines Freundes sofort und fuhr in einer Taxe zum Savoy-Hotel.

 

Graf Colini und Toady Wilton verstanden sich vorzüglich, ja Pentridge faßte sogar das größte Vertrauen zu Wilton, und auf dem Wege nach Sandown erfuhr dieser manches, was er bisher noch nicht gewußt hatte, besonders über John President.

 

Kapitel 12

 

12

 

Milton Sands ging auf der Rennbahn in Sandown auf und ab. Unerwartet traf er Mary President in der Begleitung Eric Stantons und begrüßte sie erstaunt.

 

»Ich dachte, Sie wären in Sussex?«

 

Sie sah ihn schuldbewußt an, aber Eric nahm sie sofort in Schutz.

 

»Ich wollte Miss Presidents Meinung über mein Rennpferd Jerry hören.«

 

Milton sprach noch eine Weile mit den beiden, dann trennten sie sich. Später sah er, daß Miss President allein zu den Sattelplätzen ging. Mr. Wilton trat auf sie zu, nahm aber kaum den Hut vor ihr ab, denn er fühlte sich ihr im Augenblick vollkommen überlegen.

 

»Hallo, Miss President, sind Sie ganz allein auf der Rennbahn?«

 

»Im Moment bin ich allein«, entgegnete sie höflich.

 

»Ich hatte schon seit langer Zeit die Absicht, einmal mit Ihnen zu sprechen.«

 

Sie wußte, daß das der Fall war, denn er hatte ihr stets seine Aufmerksamkeiten aufgedrängt. Er hatte immer Sir George Frodmere begleitet, wenn dieser zu ihrem Großvater kam, und in letzter Zeit hatten sich diese Besuche öfter wiederholt. Sir George kam unter irgendeinem Vorwand zu dem alten Herrn, und merkwürdigerweise hatte John President keine Abneigung gegen den Baronet, obwohl er wußte, daß dieser Mann nur Nutzen aus seinen Rennerfahrungen ziehen wollte. Mr. Wilton war ihr unausstehlich, besonders da er sich einbildete, viel Glück bei Frauen zu haben. Sie konnte ihn so wenig leiden, daß sie sich Mühe geben mußte, nicht unhöflich zu ihm zu sein.

 

Heute war er wieder ganz besonders unausstehlich.

 

»Wie geht es dem alten Herrn?« fragte er.

 

»Meinem Großvater geht es gut«, antwortete sie kurz.

 

»Sie sehen wirklich entzückend aus«, erklärte er voll Bewunderung. »So schön wie eine Rosenknospe …«

 

»Ich wünschte, Sie würden so etwas nicht sagen«, entgegnete sie und errötete vor Ärger.

 

»Aber warum wollen Sie denn das nicht hören? Es ist nur die reine Wahrheit. Außerdem darf ich Ihnen das doch sagen, weil ich Ihr Freund bin. Und ich glaube, Sie können in der nächsten Zeit Freunde brauchen.«

 

»Was soll denn das heißen?«

 

Er sah sich um, als ob er nach jemand suchte, und schließlich entdeckte er seinen Begleiter.

 

»Kennen Sie den Herrn dort?«

 

In einiger Entfernung sah sie Pentridge. Er war elegant und auffällig nach der neuesten Mode gekleidet, trug hellgelbe Handschuhe und einen tadellosen Zylinder.

 

»Haben Sie den Grafen Colini schon kennengelernt?«

 

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. Und doch interessierte sie sich für den Herrn, der eine große Zigarre rauchte und sich selbstbewußt umschaute.

 

»Das ist Graf Colini, der in Monte Carlo die Bank gesprengt hat«, erwiderte Wilton großartig. »Er ist gerade kein Freund von John President.«

 

Sie wandte sich ab und sah Wilton mit einem ärgerlichen Blick an.

 

»Was soll das heißen?«

 

Er sah ihre Erregung und wollte sie beruhigen.

 

»Sie brauchen sich nicht weiter aufzuregen«, sagte er vertraulich. »Es muß ja sonst niemand etwas davon erfahren.«

 

In dem Augenblick hatte Pentridge ihn gesehen und kam auf ihn zu. Er sah älter aus als ihr Großvater, und seine Gesichtszüge kamen ihr bekannt vor. Aber sie wußte nicht, wo sie ihm schon begegnet war.

 

»Hallo, was machen Sie, Wilton?« fragte Pentridge.

 

»Miss President, darf ich Sie mit Graf Colini bekanntmachen?«

 

Sie starrte Pentridge an. Ihr Blick schien ihn nicht weiter zu stören.

 

»Wie geht es Ihnen, mein Kind? Sie sind also die Enkelin von John President?«

 

Sie wurde dunkelrot und wollte fortgehen, aber Wilton faßte sie am Arm.

 

»Tun Sie doch nicht so«, sagte er unverschämt.

 

In dem Augenblick merkte sie, daß der Mann zuviel getrunken hatte. Toady hatte mit Pentridge zu Mittag gegessen, und die beiden hatten reichlich Alkohol zu sich genommen. Als sie sah, in welcher Verfassung sie sich befanden, wurde sie plötzlich kühl.

 

»Ich kann nicht länger bleiben«, erklärte sie, aber Wilton hielt sie fest.

 

»Bleiben Sie doch noch einen Augenblick.«

 

Milton Sands hatte die Szene beobachtet und kam nun mit langen Schritten auf sie zu. Ohne weitere Umschweife packte er Toady am Kragen und schob ihn zur Seite.

 

So war bisher noch niemand mit Wilton umgegangen, und er erhielt einen schweren Schock. Aber dann faßte er sich wieder.

 

»Was fällt Ihnen denn ein?«« fragte er aufgebracht.

 

Noch drei andere Herren hatten sein anstößiges Betragen beobachtet und waren auch hinzugekommen. Toady war plötzlich von ihnen umgeben. Glücklicherweise waren die anderen Leute durch das Rennen so stark in Anspruch genommen, daß sie nicht weiter auf die Szene achteten.

 

Mary zitterte und ging mit bleichem Gesicht zu ihrem Großvater, der eben erregt auf Toady zukam.

 

»Wie dürfen Sie das wagen?« fuhr Toady Milton Sands an.

 

»Das ist noch gar nichts gegen das, was Sie erleben, wenn Sie noch einmal so unverschämt werden sollten«, entgegnete Milton grimmig.

 

»Was ist denn geschehen, Sands?« fragte Eric Stanton, der im Augenblick hinzugekommen war.

 

»Was los ist?« brüllte Toady. »Ich habe gerade mit einem Mädchen gesprochen, dessen Großvater früher im Gefängnis saß!«

 

»Was sagen Sie da?« rief Eric atemlos.

 

»Ja, er ist ein alter Zuchthäusler«, wiederholte Toady triumphierend und wandte sich an Pentridge, der John President erkannt hatte. »Stimmt das, Graf Colini?«

 

»Vollkommen, mein Freund«, entgegnete Pentridge laut und aggressiv.

 

»Sie sind es?« fragte John President und trat auf ihn zu. Pentridge fühlte sich nun doch etwas unbehaglich, schrak zurück und hob die Hand, als ob er einen Schlag abwehren wollte. Mary flüsterte ihrem Großvater etwas zu.

 

»Sie sind es?« wandte sich der alte Mann wieder an Pentridge.

 

»Ja, ich bin es«, entgegnete dieser trotzig. »Ihr alter Kamerad John Pentridge! Man nannte mich so, weil ich zwanzig Jahre im Gefängnis in Pentridge saß. Und Sie sind John President, der früher zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt wurde. Vor vielen Jahren sind Sie nach Australien deportiert worden, weil Sie einen Mord begangen haben – er hat seine Frau aus Eifersucht erschossen!«

 

Der alte Mann bedeckte das Gesicht mit den Händen.

 

»Ja, das ist so«, sagte er und atmete schwer. »Vor fünfundfünfzig Jahren geschah es, und ich habe schwer dafür gebüßt.«

 

»Hören Sie, was er sagt?« rief Toady. »Und solche Leute dürfen sich heute ungestraft auf der Rennbahn zeigen! Ein alter australischer Zuchthäusler! Da weiß man endlich einmal, in welcher Gesellschaft man sich hier bewegt.«

 

»Sie wären der letzte, der so reden dürfte!«

 

Wilton wandte sich um. Lord Chanderson stand hinter ihm und sah ihn durchdringend an.

 

»Ich verstehe Sie nicht«, sagte Toady mit stockender Stimme. Es war ihm äußerst peinlich, daß der Lord Zeuge dieses Auftritts gewesen war.

 

»Ich sagte, daß Sie der letzte wären, der sich darüber beschweren sollte. Ihr Vorleben ist nicht vollkommen einwandfrei. Mr. Stanton, ist das Ihr Freund?«

 

»Wir standen ganz gut miteinander«, erwiderte Eric ruhig.

 

»Ich halte es für besser, daß Sie erfahren, was mir schon seit Jahren bekannt ist. Mr. Wilton ist der Mann, der meinen Namen in dem Hotel in Paris gefälscht hat. Und er war es auch, der die Briefe fälschte, die Ihr Vater fand. Er hat versucht, sich Ihrer Mutter zu nähern. Die Briefe sind in meinem Besitz. Weil sie ihn damals abwies, wollte er sich an ihr rächen. Außerdem hatte er die Nebenabsicht, von Ihrem Vater Geld zu erpressen.«

 

»Das ist eine gemeine Lüge!« schrie Toady außer sich.

 

»Ihr Vater entdeckte die Fälschung kurz vor seinem Tode und wollte Ihnen alles mitteilen. Wilton aber hat die Tatsache, daß Ihr Vater seinen Namen erwähnte, zu seinen Gunsten mißbraucht und so ausgelegt, als ob Ihr Vater für ihn sorgen wollte.«

 

Ein häßliches Grinsen verzerrte Wiltons Züge.

 

»Sie haben ja eine lebhafte Phantasie, Mylord. Sie können doch nicht wissen, was der Sterbende sagen wollte!«

 

Lord Chanderson nickte.

 

»Doch, dazu bin ich in der Lage. Mr. Stanton hat der Krankenschwester alles anvertraut, die ihn damals pflegte. Und Sie haben nachher die Frau bestochen, damit sie zu Ihren Gunsten aussagte. In meinem Besitz befindet sich aber die beeidete Erklärung der Frau und außerdem ein Nummernverzeichnis der Banknoten, die Sie ihr gezahlt haben.«

 

Während sich die Aufmerksamkeit der Umstehenden auf Toady konzentrierte, hatte sich Pentridge aus dem Staube gemacht. Selbst John President, der die ganze Welt nach diesem Mann abgesucht hatte, war so fasziniert durch die dramatischen Enthüllungen des Lords, daß er es nicht bemerkte.

 

Eric Stantons Gesicht war bleich und hart.

 

»Das ist wahr, Wilton«, sagte er streng. »Ich kann es an Ihrem Gesicht sehen.«

 

»Ich – ich habe nur – getan, was ich für recht hielt«, erwiderte Toady verstört.

 

»Lassen Sie mich bitte einen Augenblick mit diesem Mann allein«, bat Eric.

 

Was die beiden miteinander besprachen, erfuhr niemand. Milton Sands beobachtete aus einiger Entfernung die Auseinandersetzung und sah nur, daß Stanton plötzlich Toady am Kragen packte und ihn heftig von sich stieß.

 

Kapitel 13

 

13

 

»Die Wetten für das Derby haben eine eigenartige Wendung genommen«, schrieb der Berichterstatter des Sporting Journal. »Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die beiden Pferde, die am meisten für den Sieg genannt werden, noch fast unbekannt sind. Einmal handelt es sich um Portonius, den Sir George Frodmere gemeldet hat. Er ist ein Grauschimmel und hat sein erstes Rennen im vorigen Jahre mitgemacht. Donavan hat sich dagegen noch nicht auf der Rennbahn gezeigt. Auf Portonius ist bereits viel gesetzt worden. Das Pferd wird in Pennwaring auf dem Landgut von Sir George unter Ausschluß der Öffentlichkeit trainiert. Soweit unsere Informationen reichen, scheint das Tier in bester Form zu sein. Donavan ist das Eigentum Mr. John Presidents, dessen Farben dem Publikum bekannt sind durch die wiederholten Sieger des berühmten Hengstes Dean. Donavan wird in der Öffentlichkeit trainiert, und man kann sich einen Begriff von seinen Fähigkeiten machen, wenn man ihn in Sussex Downs sieht, wo er täglich mit Dean trainiert wird. Auch Donavan ist in der besten Verfassung.«

 

»Was meint der Kerl bloß mit dem Ausdruck ›unter Ausschluß der Öffentlichkeit‹?« brummte Sir George, als er mit Toady beim Frühstück saß.

 

»Wie soll ich das wissen?« fragte Wilton. »Sie tun ja so, als ob ich den Artikel geschrieben hätte.«

 

»Ich möchte wirklich wissen, was er damit sagen will – sprechen die Leute eigentlich viel über Portonius?«

 

Toady schüttelte den Kopf.

 

»Nein. Geredet wird natürlich immer. Einige Leute wundern sich, daß Sie ihn hier auf Ihrem Gut trainieren lassen, statt in Newmarket mit Ihren anderen Pferden. Und im Klub hält man sich darüber auf, daß Buncher Ihr Trainer ist – das war ja zu erwarten. Sie wissen doch, in welchem Ruf der Mann steht.«

 

»Sie können Ihren Freunden sagen, daß ich meine Pferde trainiere, wo es mir beliebt«, entgegnete Sir George trotzig. »Und Sie wissen auch, daß ich Buncher außerordentlich gut brauchen kann. Er hat ungewöhnliche Fähigkeiten und kann ein Tier glänzend beurteilen. Und mir sagt er die Wahrheit, mich führt er nicht hinters Licht. Ich weiß so viel von ihm, daß ich ihn jeden Augenblick ins Gefängnis bringen könnte.«

 

Toady nickte.

 

»Ich weiß mehr von Bunchers Sündenregister als irgendein anderer«, fuhr Sir George fort. »Er wäre der beste Trainer von England, wenn er sich nicht dem Trunk ergeben hätte. Ich traf ihn zufällig wieder, nachdem er jahrelang verschollen war, und ich nahm ihn in Schutz, als die Polizei ihn wegen Falschmünzerei suchte. Eines Abends kam er zu mir. Früher hatte er schon mehrere Aufträge für mich zu meiner Zufriedenheit erledigt. Er war damals ganz außer sich vor Schrecken und Furcht, aber ich habe ihm durchgeholfen. Ich verschaffte ihm ein Alibi, indem ich vor Gericht angab, daß er mein Angestellter wäre und sich während der Zeit, in der er gefälschte Banknoten ausgegeben haben sollte, in meinem Hause aufgehalten hätte.«

 

»Er ist Ihnen zu größtem Dank verpflichtet«, stimmte Wilton bei.

 

»Ich lasse einen guten Bekannten niemals im Stich«, bemerkte Sir George selbstgefällig, »ganz gleich, ob er ein Stallknecht oder ein Kabinettsminister ist – besonders, wenn ich seine Dienste gebrauchen kann.«

 

Er nahm die Zeitung wieder auf und las den Abschnitt noch einmal durch, über den er sich ärgerte.

 

»Wenn die Leute etwa glauben, daß ich sie einlade, mein Pferd hier genauer bei der Arbeit zu beobachten, dann haben sie sich schwer geirrt«, sagte er aufgebracht und warf die Zeitung auf den Tisch. »Aber jetzt erzählen Sie mir einmal Ihre Neuigkeiten.«

 

Toady war erst am Abend vorher von London gekommen.

 

»Ich habe auf Portonius‘ Sieg so viel gesetzt, daß Sie vierundzwanzigtausend Pfund gewinnen, wenn er im Derby Erster wird.« Toady zog sein Notizbuch heraus. »Man kann immer noch Wetten auf eins zu sechs abschließen.«

 

»Wie steht es denn eigentlich mit Donavan?«

 

Toady Wilton machte ein ärgerliches Gesicht.

 

»Dieser verdammte alte Kerl – ich wünschte nur, ich könnte es ihm heimzahlen.«

 

»Für den Auftritt neulich haben Sie sich nur selbst Vorwürfe zu machen. Ein Mann von Ihrem Alter und ihrem Aussehen sollte jungen Damen nicht mehr den Hof machen. In Stanton haben Sie einen guten Freund verloren.«

 

»Wir wollen über etwas anderes sprechen«, erwiderte Wilton kurz. »Wäre es nicht gut, wenn Sie Wetten auf Donavan abschlössen, um Ihr eigenes Geld zu sichern?«

 

Sir George lachte verächtlich.

 

»Seien Sie doch nicht komisch. Es ist ganz ausgeschlossen, daß Donavan Portonius schlagen könnte.«

 

»Man kann nicht wissen«, entgegnete Toady vorsichtig. »Bei den Rennen sind schon die merkwürdigsten Dinge passiert.«

 

»Ach, hören Sie auf mit Ihrem Gerede«, sagte Sir George brutal.

 

Es war merkwürdig, wie sehr sich Toady Wilton Sir George unterordnete. Er war ein großer, stattlicher Mann, aber er hatte ein abstoßendes, häßliches Gesicht, und im Grund seines Herzens war er feig. Sir George mußte irgendwelche Tatsachen aus Wiltons Vergangenheit kennen, so daß er ihn vollkommen in der Hand hatte und ihn als Werkzeug benützen konnte.

 

»Von wem kam denn eigentlich dieser Brief?« fragte er.

 

Die Post hatte an dem Morgen nur ein Schreiben gebracht.

 

»Von einer Dame«, entgegnete Wilton und lächelte.

 

»Was, schon wieder eine Dame?«

 

»Ja, Mrs. Bud Kitson.«

 

»Was schreibt sie denn?« fragte Sir George interessiert.

 

»Sie schickt einen Brief für ihren Mann«, mußte Wilton zugeben. Die Angelegenheit wurde immer prosaischer.

 

Sir George sah erstaunt auf.

 

»Aber Bud ist doch in London. Ich erwartete gestern Nachricht von ihm. Miss President ist zu ihrem Großvater nach Sussex abgereist.«

 

»Gestern war sie in Sandown«, bemerkte Toady trocken. »Vielleicht hat Bud davon erfahren und wartete, bis sie fort war.«

 

Sir George schüttelte den Kopf.

 

»Warum hat sie denn hierher geschrieben? Wenn ihr Mann in London ist, muß sie das doch wissen! Ich verstehe den Zusammenhang nicht recht. Wilton, wer von uns dreien hat denn nun eigentlich die Schriftstücke und das Geld, wenn John President nichts hat?«

 

Toady protestierte.

 

»Ich wünschte nur, Sie würden nicht immer derartige Bemerkungen machen.«

 

»Einer von uns muß die Mappe doch genommen haben! Ich war es jedenfalls nicht«, sagte Sir George und streckte seine langen Beine unter dem Tisch aus.

 

»Und ich kann auch einen Eid darauf leisten, daß ich sie nicht genommen habe«, entgegnete Toady schnell. »Bud würde natürlich jeden Augenblick dasselbe beschwören. Soltescu hat Detektiv Sands engagiert, um Nachforschungen anzustellen. Ich glaube aber kaum, daß der etwas herausbekommt. Zum Privatdetektiv hat er wenig Veranlagung.«

 

*

 

Der Tag des Derbys in Epsom kam immer näher, und alle Welt sprach darüber, welches Pferd wohl gewinnen würde. Die Sportsleute haben ein noch viel größeres Interesse an diesen Dingen. Sie sehen sich jedes einzelne Pferd, das genannt wird, genau an und ziehen alle früheren Rennen in Betracht. Man prüft den Stammbaum, die Veranlagung und die Eigenschaften der Vorfahren, um Anhaltspunkte für die Beurteilung zu finden. Jeden Tag erscheinen die Trainingsberichte in den Zeitungen. Auch die Beschaff fenheit der Rennbahn spielt eine Rolle. Manche Pferde leisten viel auf hartem Boden, andere lieben gerade das Gegenteil. Das Interessante an diesem Rennen ist vor allem, daß alle Pferde, die daran teilnehmen, die Rennbahn zum erstenmal betreten.

 

Auf Portonius wurde viel gewettet. Die Agenten George Frodmeres informierten ihn genau über den Stand der Dinge. Leichter war es, Geld auf Donavan zu setzen, über dessen Trainingsstand in den Zeitungen dauernd berichtet wurde. Gerade in den letzten Tagen lauteten die Meldungen sehr günstig.

 

Die Eingeweihten folgten mit großem Interesse dem Training John Presidents, der kein Geheimnis daraus machte. Er behauptete stets, daß er große Hoffnungen auf Donavan setze, und die Fachleute hatten sich persönlich von den guten Eigenschaften des Pferdes überzeugen können. Donavan galt als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für das Rennen. Aber Wetten werden nicht allein auf Trainingsberichte hin abgeschlossen. Es war merkwürdig, daß auf Portonius am meisten gesetzt wurde. John President selbst war sehr vorsichtig und hatte noch vierzehn Tage vor dem Rennen keinen einzigen Schilling gesetzt. Aber Donavan machte gute Fortschritte.

 

Eric Stanton war zufrieden mit den Trainingsergebnissen, setzte aber kein Geld auf das Pferd, weil er fürchtete, dadurch die Gewinnchancen Mr. Presidents zu verringern.

 

Selbst Soltescu kümmerte sich jetzt um das Rennen. Er hoffte, durch einen großen Schlag wenigstens einigermaßen für seinen Verlust entschädigt zu werden.

 

Sir George war wütend, als er eines Tages erfuhr, daß die Quote von Portonius auf zehn zu sechs gefallen war. Später klärte sich die Sache auf, denn es stellte sich heraus, daß Soltescus riesige Wetten die Quote derart gedrückt hatten.

 

»Ich verstehe nicht, warum Sie das getan haben«, sagte er düster. »Sie hätten doch noch viel mehr Geld herausschlagen können. Jetzt haben Sie einfach den Markt ruiniert.«

 

Soltescu lachte nur. Er hatte an diesem Morgen schon viel getrunken.

 

»Sagen Sie mir lieber, ob Sie Neuigkeiten für mich haben.«

 

»Ich wünschte nur, ich könnte Ihnen recht viel berichten. Was mit Kitson passiert ist, weiß ich nicht. Ich, habe seiner Frau gestern abend telegrafiert, und in einem fangen Brief hat sie uns mitgeteilt, daß ihr Mann vor zwei Tagen von zu Hause fortgegangen wäre und daß man seitdem nichts wieder von ihm gehört hätte.«

 

»Glauben Sie, daß er die Papiere gefunden hat und sie jetzt für sich behalten will?« fragte der Rumäne ängstlich.

 

Sir George schüttelte lächelnd den Kopf.

 

»Nein, das traue ich dem Mann nicht zu.«

 

Allerdings hatte er auch schon selbst diesen Verdacht gehabt, aber Bud hatte ja nicht die geringste Gelegenheit, die Schriftstücke weiter zu veräußern.

 

Toady Wilton konnte Soltescu nicht leiden, besonders wenn der Rumäne getrunken hatte. Er entschuldigte sich und ging in sein Zimmer.

 

Wilton wohnte jetzt dauernd in Pennwaring. Das Herrenhaus war sein Hauptquartier und sein Heim. Sir George hatte ihm drei Zimmer in einem Seitenflügel zur Verfügung gestellt. Früher war Toady nur selten hierhergekommen, um Eric Stanton nicht zu ärgern. Aber nachdem diese Freundschaft in die Brüche gegangen war, hielt er sich als Gast in Pennwaring auf. Die großen Räume waren verschwenderisch ausgestattet, denn Toady liebte Luxus über alles. Er hatte all sein Hab und Gut aus der Stadt mitgebracht, selbst die großen Stahlkassetten aus dem Bankdepot, und er fühlte sich hier in der Abgeschlossenheit auf dem Lande viel sicherer. In London hatte er viele Feinde; auch Eric Stanton gehörte jetzt zu ihnen; und Toady war vollkommen davon überzeugt, daß Stanton nicht ruhen würde, bis er ihn zur Rechenschaft gezogen hatte. Er beschloß daher, seine Papiere durchzusehen und alles zu verbrennen, was ihn irgendwie belasten konnte. Mit Erleichterung hatte er zugesehen, wie die Stahlkassetten in einem Schrank seines Zimmers niedergestellt wurden. Sie waren alle von der Bank versiegelt. An diesem Morgen wollte er sie öffnen und den Inhalt prüfen, aber kaum hatte er das erste Siegel gelöst und die Schlüssel aus der Tasche gezogen, als er nach unten gerufen wurde.

 

Kapitel 14

 

14

 

Sir George stand ärgerlich vor dem großen Eßtisch. Soltescu saß in einem Lehnsessel, hatte die Hände in die Taschen gesteckt und schien sich über diese Entwicklung zu freuen. Als dritter war Polizeiinspektor Grayson anwesend. Toady kannte ihn von London her und wußte, daß er ein sehr fähiger Beamter war. Er wurde etwas unruhig, als er ihn sah.

 

»Haben Sie schon das Neueste gehört?« fragte Sir George entrüstet.

 

»Nein.«

 

»Kitson ist im Portland-Gefängnis!«

 

Toady erschrak und wurde noch bleicher.

 

»Aber wie ist denn das gekommen?« fragte er verstört.

 

»Erzählen Sie es ihm doch, Inspektor«, sagte Sir George, der jetzt nervös im Zimmer auf und ab ging.

 

»Es ist eine merkwürdige Geschichte«, begann Grayson mit einem sonderbaren Lächeln. »Ihr Freund, wenn ich so sagen darf – der Mann behauptet wenigstens, daß Sie sein Freund seien, und Sir George sagte mir, daß Sie ihn jedenfalls kennen –, wurde vor drei Tagen in London verhaftet. Sie haben vielleicht in der Zeitung gelesen, daß vor einigen Wochen ein Mann aus dem Gefängnis von Portland ausgebrochen ist, den die Polizei bisher noch nicht wieder finden konnte. Man nahm allgemein an, daß er sich nach London gewandt hätte, und allen Polizeistationen wurde seine Personalbeschreibung mitgeteilt. Am vergangenen Dienstagmorgen fand nun ein Polizist auf seinem Patrouillengang einen bewußtlosen Mann in einem Torweg. Er versuchte, ihn zu wecken, denn er hielt ihn für betrunken. Als ihm das nicht gelang, holte er Hilfe herbei und brachte ihn in einem Wagen zur Polizeistation. Man entdeckte dann, daß der Mann unter seinen Kleidern einen Sträflingsanzug trug. Alles stimmte genau, sogar die Gefängnisnummer. Es blieb nichts anderes übrig, als ihn zu verhaften und sich mit der Verwaltung des Portland-Gefängnisses in Verbindung zu setzen. Am nächsten Morgen kam der Mann zu sich und protestierte heftig gegen die Anklage. Er erzählte eine unglaubliche Geschichte, daß man ihn betäubt habe. Trotzdem wurde er oberflächlich von den Wärtern wiedererkannt, die ihn nach Portland brachten. Der Gefängnisdirektor und der Anstaltsarzt haben ihn dann verhört. Er blieb aber hartnäckig bei seiner Behauptung, daß er nicht der entkommene Sträfling sei. Als man ihn genauer untersuchte, fand man auch heraus, daß ein Irrtum vorliegen mußte. Die Nummern der Sachen wurden verglichen, und man entdeckte, daß sie gefälscht waren. Die Sache ist ein großes Rätsel. Ich bin nun von London gekommen und möchte Sir George und Sie bitten, mich nach dem Gefängnis von Portland zu begleiten. Die Persönlichkeit des Mannes, der sich selbst Kitson nennt, muß festgestellt werden.«

 

»Ich glaube bestimmt, daß er es ist«, entgegnete Sir George. »Ich habe selbst das Bild des ausgebrochenen Gefangenen gesehen, und mir ist sofort die außerordentliche Ähnlichkeit aufgefallen. Ist es tatsächlich nötig, daß ich persönlich mitkomme?«

 

»Ich fürchte, es ist unumgänglich notwendig«, erwiderte Inspektor Grayson.

 

»Wir müssen wirklich alle drei hingehen? Monsieur Soltescu braucht uns doch sicherlich nicht zu begleiten. Er will mit dem nächsten Zug fortfahren. Es genügt doch, wenn Mr. Wilton dabei ist.«

 

»Es wäre aber besser, Sie kämen alle mit.«

 

»Das ist sehr unangenehm«, meinte Sir George nach einer Pause. »Ich habe jemand hierher eingeladen, und ich wollte bei seiner Ankunft natürlich gern zugegen sein. Aber das ist nun Nebensache. Vor allem müssen wir sehen, daß dieser Pechvogel aus dem Gefängnis befreit wird. Wie weit ist es denn von hier nach Portland?«

 

»Nicht allzu weit, man kann die Strecke bequem im Auto machen.«

 

»Nun, dann bleibt also nichts anderes übrig«, erwiderte Sir George resigniert. »Wir müssen hinfahren, Toady. Holen Sie Ihren Mantel, ich lasse den Wagen sofort kommen. Bei der Gelegenheit können wir ja auch Soltescu zum Bahnhof bringen. Begleiten Sie uns, Inspektor?«

 

Der Beamte nickte.

 

»Wenn Sie es wünschen. Sonst kann ich ja auch den Zug benützen. Aber ich komme dann wahrscheinlich erst einige Stunden später in Portland an, und Sie müßten auf mich warten.«

 

Sir George war wirklich ärgerlich, denn alle seine Dispositionen wurden über den Haufen geworfen. Er hatte das Haus und das Landgut noch nicht verlassen, seitdem das Training von Portonius begonnen hatte, aber er konnte jetzt nichts ändern. Kitson durfte nicht im Gefängnis bleiben, sonst erzählte der Mann womöglich noch Dinge, die verhängnisvoll werden konnten.

 

Er sprach mit seinem Hausmeister, bevor er abfuhr.

 

»Ich erwarte einen Herrn aus der Stadt, Gillespie. Seien Sie recht liebenswürdig zu ihm. Er kann alle Räume benützen, denn er soll sich hier zu Hause fühlen. Spätestens morgen früh komme ich wieder zurück.«

 

»Jawohl, Sir George. Und wie ist es mit Portonius?« »Ach, der Mann kann das Pferd ruhig sehen. Sorgen Sie dafür, daß es ihm hier gefällt. Er ist gerade kein Gentleman«, fügte er zögernd hinzu, »aber Sie müssen ihn trotzdem als einen solchen behandeln.«

 

»Ganz wie Sie wünschen.«

 

Kurz darauf fuhren sie in dem großen, blauen Wagen des Baronets ab, um Bud Kitson aus seiner wenig angenehmen Lage zu befreien.

 

*

 

Eine halbe Stunde nach der Abfahrt Sir Georges hielt ein anderer Wagen vor der großen Treppe des Herrenhauses in Pennwaring.

 

Der Hausmeister, der darauf vorbereitet war, kam eilig die Stufen herunter, um den Fremden zu begrüßen.

 

»Es tut Sir George außerordentlich leid, daß er Sie nicht persönlich empfangen kann, aber er wurde unerwarteterweise abgerufen. Er läßt Sie bitten, es sich hier bequem zu machen, bis er zurückkommt.«

 

Der große, schlanke Herr, der aus dem Auto stieg, nickte. Als er sah, daß der Hausmeister sich um sein Gepäck kümmern wollte, sagte er leichthin: »Meinen Koffer habe ich nicht mitgebracht, ich bleibe nicht lange. Wann wird Sir George denn wieder hier sein?«

 

»Spätestens morgen früh.«

 

»Gut, dann will ich den Tag über hierbleiben. Ich habe mich telegrafisch angesagt.«

 

Der Fremde entließ seinen Chauffeur nur durch ein Kopfnicken, denn er hatte ihm schon vorher genaue Instruktionen gegeben. Der Wagen verließ den Park.

 

Der Besucher hatte viel Zeit, aber er nützte jeden Augenblick aus. Zur größten Überraschung Gillespies war sein Benehmen tadellos und höflich und paßte nicht zu der Beschreibung, die ihm Sir George gegeben hatte. Er war allerdings sehr neugierig und fragte nach allem möglichen. Auch ließ er sich alle Räume des Hauses zeigen. Er selbst hatte ein Zimmer, das neben Toady Wiltons Räumen lag.

 

Als er nach dem Mittagessen erklärte, daß er am Nachmittag etwas ausruhen wollte, atmete der geplagte Hausmeister erleichtert auf.

 

»Wollen Sie sich nicht das Pferd ansehen?« erkundigte er sich noch.

 

Wenn der Fremde die Frage bejahte, hatte der Hausmeister ja weiter nichts zu tun, als ihn der Obhut Bunchers anzuvertrauen. Das enthob ihn selbst jeder weiteren Mühe.

 

»Sie können mich um drei Uhr wieder wecken, dann sehe ich mir Portonius an. Gehört habe ich ja schon viel von ihm.«

 

Um halb zwei ging er in sein Zimmer.

 

Für einen Gast benahm er sich etwas außergewöhnlich. Er schloß die Tür zu und machte sich dann daran, die Verbindungstür zu den Räumen Toady Wiltons zu öffnen. Während Gillespie unten den anderen Dienstboten von dem merkwürdigen Fremden erzählte, durchstöberte dieser Wiltons Zimmer. Die Inspektion dauerte einige Zeit, aber als der Hausmeister ihn um drei Uhr weckte, war alles erledigt.

 

Mr. Buncher war sehr argwöhnisch und fluchte über den Leichtsinn seines Herrn, der einem Fremden gestattete, das Rennpferd zu sehen. Es gelang ihm wenigstens, zu verhindern, daß der Mann den Stall selbst betrat. Er hatte nur den oberen Flügel der Stalltür geöffnet.

 

»Wirklich ein schönes Pferd«, sagte der Besucher anerkennend und pfiff leise.

 

Portonius drehte sich um und kam zu ihm. Der Fremde schien sich sehr gut auf Pferde zu verstehen. Er streckte seine Hand aus, und der Hengst rieb seine Schnauze daran.

 

»Was machen Sie denn da?« fragte Buncher plötzlich.

 

Der Besucher sah den Trainer verwundert an.

 

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

 

»Sie sehen ja nach seinen Zähnen!«

 

Der andere starrte den Trainer verständnislos an, als ob er nicht begreifen könnte, was dieser von ihm wollte.

 

»Warum sollte ich denn nach seinen Zähnen sehen?« fragte er und lächelte. »Ich bin doch kein Zahnarzt!«

 

»Sir George wünscht nicht, daß andere Leute das Pferd anfassen«, entgegnete Buncher grob und schloß die Stalltür.

 

Die vielen Fragen, die der Fremde an ihn stellte, beantwortete er nur unbestimmt und widerwillig, so daß dem Gast nichts übrigblieb, als nach dem Herrenhaus zurückzukehren und sich zur Abfahrt zu rüsten. Er ging wieder auf sein Zimmer und nahm verschiedene Schriftstücke an sich, die er in Toadys Räumen gefunden hatte. Dann lehnte er sich aus dem Fenster und gab ein Signal mit einer Trillerpfeife. Der Hausmeister und Buncher hörten es ebenso wie der Chauffeur.

 

Drei Minuten später fuhr der Wagen vor. Dem Hausmeister tat es aufrichtig leid, daß der fremde Herr nicht auf die Rückkehr von Sir George warten wollte. Er hielt ihn jetzt wirklich für einen vollkommenen Gentleman, weil er ihm ein so reichhaltiges Trinkgeld gegeben hatte.

 

»Bestellen Sie Sir George bitte, daß ich sehr bedauere, ihn nicht angetroffen zu haben –«

 

Weiter kam der Besucher nicht, denn im gleichen Augenblick fuhr ein anderes Auto die große Rampe herauf und hielt dicht hinter seinem Wagen. Sir George sprang heraus und wurde wütend, als er den Gast sah.

 

Bud Kitson folgte ihm.

 

Es war nicht nötig gewesen, nach Portland zu fahren, denn schon vorher war eine Anweisung vom Innenministerium eingelaufen, den Mann freizulassen. Sir George hatte ihn auf dem Weg nach Pennwaring auf der Landstraße getroffen.

 

»Sie sind doch Milton Sands?« sagte Sir George unwirsch.

 

»Ja, so heiße ich«, entgegnete der Detektiv und zog seine Handschuhe langsam an.

 

»War dieser Herr im Hause?«

 

»Jawohl, Sir George«, erwiderte Gillespie entsetzt.

 

»Auch im Stall?«

 

»Jawohl.«

 

Der Baronet wandte sich zornig an Milton.

 

»Das war also Ihre Absicht! Deshalb haben Sie uns fortgelockt! Womöglich steckt Grayson mit Ihnen unter einer Decke!«

 

»Sie können sich denken, was Sie wollen«, erwiderte Milton Sands gelassen. »Jedenfalls habe ich Ihnen einen Besuch gemacht, und das genügt mir. Darf ich mich von Ihnen verabschieden?«

 

Er lüftete den Hut und wollte die Treppe hinuntergehen. Aber der Baronet trat ihm in den Weg.

 

»Sie gehen nicht eher von hier fort, bis ich genau weiß, was Sie hier gemacht haben. Am Ende nehmen Sie noch etwas mit – ein Mann, der sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen den Zutritt in ein fremdes Haus verschafft, muß sich gefallen lassen, daß man ihn durchsucht.«

 

»Sie werden mich nicht durchsuchen«, entgegnete Milton lächelnd. –

 

Sir George packte ihn am Arm. Im gleichen Augenblick wandte sich Milton aber um und versetzte ihm einen Faustschlag gegen das Kinn, daß der Mann rückwärts die Treppe hinuntertaumelte.

 

»Fassen Sie ihn, Bud«, brüllte Sir George.

 

»Das werde ich nicht gestatten.« Milton hielt die beiden jetzt durch seinen Browning in Schach und stieg schnell in den Wagen. »Ich habe in diesen kurzen Stunden gerade genug erfahren«, sagte er und neigte sich hinaus. »Soviel, daß ich ein Buch darüber schreiben könnte, Sir George! Nicht nur über das, was ich in Ihren Ställen gesehen habe, sondern auch über Ihren Freund Toady.«

 

Wilton stand dabei und hörte entsetzt zu.

 

Der Chauffeur fuhr an, und Sands winkte zum Abschied aus dem Wagen.

 

8. Kapitel

 

8. Kapitel

 

Der Gast im Minnow-Klub

 

Anthony Newton war fest davon überzeugt, daß er sein Brot, wenn er es ins Wasser würfe, als Kuchen wieder herausfischen könnte. Und zwar war es sicherlich kein gewöhnlicher Kuchen, sondern einer von der besten Qualität, mit Zuckerguß und Mandeln. Viele Leute haben große Hoffnungen im Leben, aber Anthony Newton glaubte ein verbrieftes und versiegeltes Recht auf die Erfüllung seiner Wünsche zu haben. Optimismus gründet sich auf das feste Vertrauen, daß einem etwas zusteht.

 

Anthony glaubte auch, daß die Welt sich einmal in vierundzwanzig Stunden um ihn drehte, daß sie für ihn geschaffen sei und daß der liebe Gott am siebenten Tage geruhte, nachzusehen, ob er nicht etwas vergessen hätte, was Anthony Newton gebrauchen könnte.

 

Als Pinkey gerade mit einer sehr schwierigen Situation in seiner neuesten Geschichte (»Hätte er sie heiraten sollen?« Ein erschütterndes Drama von Liebe und Leidenschaft) beschäftigt war, trat Anthony in sein Arbeitszimmer und wurde recht unliebenswürdig begrüßt.

 

»Hallo«, rief Pinkey unwirsch, »haben Sie denn wirklich nichts zu tun?«

 

Anthony setzte sich bedachtsam hin, zog vorher die gutgebügelten Beinkleider hoch und legte seinen Zylinder behutsam auf einen Nebentisch.

 

»Ich brauche eine Sekretärin«, sagte er dann.

 

Pinkey fuhr entrüstet auf.

 

»Bin ich etwa ein Stellenvermittler?«

 

Aber Anthony brachte ihn durch eine Handbewegung zum Schweigen.

 

»Die Sache ist sehr ernst«, entgegnete er ruhig. »Ich brauche wirklich eine Sekretärin. Ich habe mir die Sache reiflich überlegt. Ich habe ein vollständig eingerichtetes Büro, habe eine schöne Schreibmaschine gekauft und meinen Namen an die Tür anmalen lassen. Alles, was ich nun noch nötig habe, ist eine Sekretärin. Ich möchte aber kein zerstreutes junges Mädchen haben, selbstverständlich darf sie auch nicht wie eine alte Schreckschraube aussehen. Sie muß nett und hübsch sein, das heißt in dem Maße, wie es sich, eben für ein Büro gehört. Ruhig, anständig, klug und verständnisvoll.«

 

»Maschinenschreiben braucht sie wohl nicht zu können?« fragte Pinkey ironisch.

 

»Das ist doch die Hauptsache! Ich habe eine Schreibmaschine, also muß sie auch darauf schreiben können.«

 

Der Rechtsanwalt legte die Feder nieder, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und runzelte die Stirn.

 

»Wenn Sie sonst zu mir gekommen wären, um hier eine Sekretärin zu suchen, wäre es eine Verrücktheit gewesen, aber unter den gegebenen Verhältnissen kommen Sie gerade in einem glücklichen Moment.« Er suchte auf seinem Schreibtisch und fand ein Stück Papier.

 

»Miss Agnes Portland«, las er und reichte dem anderen die Adresse. »Sie kam heute morgen zu mir. Einer meiner Freunde hat sie hergeschickt, ob ich ihr nicht eine Stelle verschaffen könnte. Sie ist eine gute Stenotypistin, war auch schon als Sekretärin tätig und ist sehr tüchtig. Wenigstens brachte sie einen solchen Empfehlungsbrief.«

 

»Ist sie denn auch …?« Anthony zögerte.

 

»O ja, sie ist auch hübsch und gesetzt, das heißt, ich kann nicht für sie garantieren. Ich hatte keinen Posten für sie ich lasse alle meine Arbeiten in einem Schreibbüro herstellen. Ihre Adresse ist auf der Rückseite vermerkt. Und nun, mein alter Freund, entschuldigen Sie mich bitte, ich habe zu schreiben.«

 

Anthony erhob sich, zog seinen Rock zurecht und nahm seinen Hut auf.

 

»Wozu brauchen Sie denn überhaupt eine Sekretärin?« fragte Pinkey. Seine Neugier war doch erwacht.

 

Anthony seufzte.

 

»Sie passen nicht mehr in die Welt«, sagte er ein wenig traurig. »In alten Tagen war das Zeichen eines Geschäftsmannes ein Laden und eine Waage – heute ist es ein Büro und eine Sekretärin. Im Augenblick bin ich ein Paria in den Geschäftskreisen der City. Die Leute sehen midi schief von der Seite an. Wo ich mich auch immer sehen lasse, flüstern sie sich zu: ›Der hat keine Sekretärin.‹ Das fällt mir auf die Nerven.«

 

»Aber das bilden Sie sich doch alles nur ein!«

 

Anthony verteidigte sich nicht. Er hatte sich wirklich ein neues Büro gemietet, hoch oben in einem kleinen Gebäude in der Nähe von Piccadilly Circus. Er hatte sich auch Briefpapier mit seinem Namen drucken lassen, hatte sich eine Schreibmaschine, ein Telefon sowie alles andere Zubehör zugelegt, das ein Geschäftsmann haben muß, obwohl er noch kein Geschäft hatte. Anthony war jedoch in diesem Punkt sehr zuversichtlich. Das würde schon noch kommen.

 

Am nächsten Morgen stellte sich Miss Portland bei ihm vor. Sie war jung, hübsch, selbstbewußt und frei in ihrem Auftreten. Sie untersuchte zunächst die Schreibmaschine, die Anthony gekauft hatte, und sagte, daß sie absolut nichts wert sei. Sie ließ sich auch nicht im mindesten von ihm irremachen. Sie sortierte Anthonys Briefe und las nicht einmal den Inhalt, oder sie sagte wenigstens, daß sie es unterlassen hätte, irgendeinen Brief zu lesen, der privaten Charakter zeigte. Dann nahm sie die Schreibmaschine, trug sie in das Geschäft zurück, wo Anthony sie gekauft hatte, und kehrte erhitzt, aber frohen Mutes mit einer viel älteren Maschine zurück, auf der man aber gut und schnell schreiben konnte.

 

Anthony war begeistert.

 

Sie tranken zusammen Tee im Büro, und Anthony erzählt« ihr die traurige Geschichte seines Lebens. Sie glaubte ihm nur so viel, wie ihr gut schien, und ließ ihn auch einiges aus ihrem Leben wissen.

 

»Wollen Sie nicht irgendein Empfehlungsschreiben oder ein Zeugnis von meinem letzten Chef haben?« fragte Miss Portland gegen Ende des Nachmittags. »Aber ich glaube, es wird Ihnen auch nicht viel helfen.«

 

»Ich stelle Leute nur nach dem persönlichen Eindruck ein, den ich von ihnen habe«, erklärte Anthony ein wenig von oben herab. »Ich habe mich selten getäuscht.«

 

Sie lächelte.

 

»Mr. Anquilina denkt dasselbe«, meinte sie trocken, »aber er hat doch einen großen Fehler gemacht …«

 

»Anquilina?« Anthonys Interesse war erwacht. »Sie meinen doch nicht den südamerikanischen Millionär?«

 

»Er ist Südamerikaner, das stimmt«, erwiderte Miss Portland. »Aber ich glaube nicht, daß er eine Million hat.«

 

»Aber mein liebes Kind« – Anthony konnte sehr liebenswürdig und väterlich sein – »das steht doch in den Zeitungen. Er hat das Triforium-Theater gekauft, Jollity, das Neue Hyppoceum und …«

 

Sie sah ihm gerade ins Gesicht und ein schalkhafter Zug lag in ihren Augen. Sie war klug und ohne Illusionen, wie es die jungen Mädchen heute sind, die in den Büros zur Sachlichkeit erzogen werden. Sie war so verständig und vernünftig wie ein männlicher Angestellter.

 

»Mr. Newton«, sagte sie, »wenn Anquilina Geschäfte oder große Geschäftshäuser gekauft hätte, würde davon eine Zeile in die Zeitungen gekommen sein? Wenn er die halbe Threadneedle Street gekauft hätte, würde sich jemand darüber aufregen? Die Bankleute wohl, die würden sich nach seiner finanziellen Lage erkundigen. Aber nur weil man annimmt, daß er die Absicht hat, Theater zu kaufen, beschäftigt sich die Öffentlichkeit mit ihm. Über Theater wird ja in den Zeitungen an sich viel geschrieben. Ich kann Ihnen nur sagen, der ganze Anquilina ist ein Bluff. Er lebt in dem besten Hotel Londons und zahlt seine Hotelrechnungen prompt, er hat eine Sekretärin – vielmehr er hatte eine, bis ich von ihm wegging –, er kennt in London alle Theaterleute. Er hat darüber gesprochen, daß er Theater kaufen will, aber ich habe ihn durchschaut. Ein Mann ist meistens sehr offen einer jungen Dame gegenüber, die er zum Souper einlädt. Aber ich liebe das nicht, und die Soupers bei Cavolo sind mir besonders unsympathisch, weil dort der Kellner immer erst diskret anklopft, bevor er eintritt.«

 

»Aber was in aller Welt ist er denn?« fragte Anthony aufs höchste erstaunt.

 

»Ich möchte es Ihnen nicht erzählen«, entgegnete Agnes zurückhaltend. »Aber wenn Sie mich fragen, was er für einen Beruf hat, so bin ich gerne dazu bereit. Er hat neben seinem Schlafzimmer noch ein größeres Wohnzimmer im Hotel – dort gibt er seine Gesellschaften. Er kann Baccarat besser spielen als die meisten anderen Leute. Deswegen mußte er ja auch schon das Rex-Hotel verlassen – der Geschäftsführer sagte, man habe sich darüber beschwert, daß seine Gäste so furchtbar fluchten und schimpften, wenn sie morgens um zwei Uhr von ihm weggingen. Ich habe den Brief selbst gesehen, den er vom Hotel bekam. Sie glauben vielleicht, daß es nicht richtig von mir sei, über meinen früheren Chef zu sprechen, aber auf gewisse Menschen braucht man keine Rücksicht zu nehmen, und Antonio Anquilina gehört zu diesen.«

 

Anthony schaute nachdenklich auf seinen Schreibtisch.

 

»Also ist er ein Verbrecher?«

 

»Das weiß ich nicht. Leute, die ihren Lebensunterhalt durch ihren Witz und ihre Pfiffigkeit erwerben, können eigentlich nicht ehrlich sein, denn ehrliche Verstandesarbeit führt zu einem ehrlichen Geschäft.«

 

Anthony nickte ernst.

 

»Ich danke Ihnen, Agnes.«

 

»Ich heiße Portland, und ich möchte auch so angeredet werden.«

 

Am selben Abend hörte Anthony von dem Minnow-Klub. Er war weniger bekannt, als man hätte annehmen sollen. Seine Mitgliederzahl war beschränkt, und seine finanziellen Hilfsquellen waren gering. Ursprünglich war er gegründet worden als ein Klub für die Geschäftsführer der großen Modehäuser im Westen Londons.

 

Allmählich kam er aber herunter, und es gehörten schließlich nur noch gewöhnliche Leute mit kleinem Einkommen dazu. Der Krieg war auch hieran schuld; ein großes Modegeschäft nach dem anderen hatte den Konkurs erklären müssen, und einige der bedeutendsten Leute waren zu Gefängnis verurteilt worden. So war der Klub nach und nach entartet.

 

Der letzte Eigentümer, Felix Sandyman, kaufte das Unternehmen für die Summe von siebenhundert Pfund. Davon zahlte er hundert Pfund bei Zeichnung des Vertrages, den Rest in monatlichen Raten von fünfzig Pfund, und erhielt dafür alles Inventar, das der Verkäufer fein säuberlich in eine Liste eingetragen hatte, einen ziemlich wertlosen Vorrat an Konserven und die Einrichtung des Billardzimmers; außerdem übernahm er einen französischen Küchenchef mit Namen Youngarry.

 

Anthony Newton traf Felix Sandyman zufällig an diesem Abend. Sie tranken zusammen, und Felix, der ernst veranlagt war und wenig Sinn für Humor hatte, schlug Anthony vor, Mitglied des Klubs zu werden.

 

»Nein, danke, das möchte ich nicht tun«, entgegnete Anthony.

 

Felix seufzte.

 

»Ich habe den Klub von einem gewissen Aronsohn gekauft, der ihn für eine faule Schuld übernommen hatte. Ich wünschte nur, daß die Leute ihre Schulden bezahlten, dann hätte ich jetzt nicht diesen Minnow-Klub am Halse.«

 

»Geht das Geschäft denn nicht gut?« fragte Anthony interessiert.

 

Mr. Sandyman machte ein so verzweifeltes Gesicht, daß Anthony die Antwort daraus erraten konnte.

 

»Ich dachte auch schon daran, den Klub dem Südamerikaner anzubieten, von dem alle Leute hier in der Stadt sprechen.«

 

Anthony erhob sich halb vom Tisch und schaute ihn an.

 

»Ich meine einen gewissen Angelina …«

 

»Anquilina«, verbesserte Anthony.

 

»Das ist er. Man sagt, daß er Häuser und Liegenschaften in, London für einen Trust aufkauft, auch Theater und anderes.«

 

Anthony holte tief Atem.

 

»Ich werde Ihren Klub kaufen.« Es war ungewöhnlich, daß Anthony etwas kaufte, ohne vorher über den Preis zu feilschen.

 

Aber diesmal tat er es. Am nächsten Mittag war er schon Eigentümer des Minnow-Klubs. Er hatte alle die alten Stühle, den abgenutzten Billardtisch, die vielen eingerahmten Stoffbilder und das nicht mehr vollständige Geschirr gekauft.

 

Er hatte nun das Recht (das er aber nicht ausübte), den französischen Koch Youngarry zu entlassen und neue Kellner anzustellen. Anstatt dessen mietete er hübsche Möbel, anständige Bestecke und Geschirre, kaufte einen neuen Teppich für das Spielzimmer, ließ ein neues Schloß an der Tür anbringen und stellte einen Schreiner an, der ein Loch in eine Türfüllung sägen und einen Schieber daran befestigen mußte, der von innen geöffnet werden konnte. Als er mit allem fertig war, ging er zu dem Stellennachweis früherer Offiziere.

 

Anthony kannte das große Zimmer, in dem seine jungen Kriegsfreunde darauf warteten, von Leuten, die in dieser Stadt gern Abenteuer erleben wollten, engagiert zu werden. Sie grüßten ihn mit großer Begeisterung, denn in früheren Tagen war Anthony eins der revolutionärsten Mitglieder dieses kleinen Klubs gewesen.

 

»O nein, ich habe meine Stellung nicht verloren, ich hatte auch keine, die ich hätte verlieren können«, erklärte er. »Ich lebe jetzt nur von meinem Witz und meinem Verstand.« Er mußte an den Ausspruch der gescheiten Miss Portland denken. »Nun, gerade nicht davon allein, aber das ist ja gleich. Ich lebe und habe drei Abende hindurch Arbeit für jeden von euch, der Baccarat spielen kann und einen Smoking besitzt. Ich zahle gut – zehn Prozent von meinem Verdienst. Es wird schon eine ganz nette Summe dabei herauskommen. Ich will einem gemeinen, niederträchtigen Ausländer einen Streich spielen.«

 

Es waren zehn Leute dort, und alle zehn wollten mitmachen. Aber nur neun hatten die erforderliche Kleidung.

 

»Du machst dann den Portier, Fairy«, sagte Anthony zu dem zehnten, und der gerade nicht sehr elegant aussehende junge Mann grinste vergnügt. »Du hast auch das dazu passende Gesicht. Nun setzt euch einmal hier um den Tisch und hört zu …«

 

Mr. Antonio Anquilina war ein untersetzter, mit viel Geschmack gekleideter Mann mittleren Alters: Er bewohnte eins der teuersten Appartements des Hotels Belami, und er fand, daß der Luxus, den er trieb, sich wohl rentierte. Er war Mitglied eines Klubs, in dem hauptsächlich prominente Persönlichkeiten der Theaterwelt speisten, und während des Mittagessens klagte er beweglich über die Verluste, die er am vergangenen Abend gehabt hatte. Durch diese Taktik gelang es ihm, immer wieder neue Leute zu seinen Spielpartien einzuladen, denn jeder spielt gern mit einem Mann, der dauernd verliert. Am nächsten Morgen war er dann gewöhnlich in der fröhlichsten Stimmung, denn sein Jammern hatte sich glänzend gelohnt.

 

Er hatte niemals wirklich ein Theater gekauft, aber er hatte sich doch nach vielen erkundigt und überall Verhandlungen geführt, die ziemlich weit gediehen waren. Geld schien bei ihm keine Rolle zu spielen, das hatte er auch immer betont. Wenn er nur die richtige Bühne finden könnte, dann würde er sofort zugreifen und kaufen. Aber unglücklicherweise fand er sie niemals. Er war auch gewillt, Theatergruppen zu finanzieren, wenn ihm der Spielplan und alles andere zusagte. Er speiste dann einige Wochen auf Kosten erwartungsvoller Theaterdirektoren, Autoren und Regisseure. Aber bisher war es noch niemand gelungen, einen Spielplan zu entwerfen, der ihm vollständig zugesagt hätte. Und zwischendurch lud er Leute, die Geld hatten und mehr dazu haben wollten, zu kaltem Putenbraten und einer Flasche Sekt auf sein Zimmer ein. Die Einladungen wurden gerne angenommen, nach Tisch wurde dann ein kleines Spielchen aufgelegt. Seine Gäste nahmen meist das Mißgeschick, das sie traf, mit philosophischer Ruhe hin, das heißt, sie kamen am nächsten Abend wieder, um ihre Verluste wettzumachen, was ihnen jedoch niemals gelang.

 

Dann gab es Unannehmlichkeiten im Hotel. Ein höflicher Geschäftsführer interviewte Mr. Antonio Anquilina und teilte ihm mit Bedauern mit, daß seine Zimmer von nächster Woche ab anderweitig vermietet seien. Antonio, der nun schon aus mehreren Hotels ausgewiesen worden war, spielte den Beleidigten, sprach davon, daß er gerichtliche Schritte gegen die Direktion unternehmen würde, und führte dasselbe Theater auf wie bei allen früheren Gelegenheiten.

 

Er dachte gerade über neue Pläne nach, als ihm eine Visitenkarte überreicht wurde.

 

»Wer ist denn dieser Mr. Anthony Newton?« fragte er seinen neuen Sekretär.

 

»Ich habe noch niemals von ihm gehört«, erwiderte der junge Mann.

 

Mr. Newton wurde hinaufgebeten, und so standen sich Anthony und Antonio gegenüber; der eine von dunkler Gesichtsfarbe, höflich lächelnd, und von einer geradezu orientalischen Liebenswürdigkeit, der andere mit harten, energischen Gesichtszügen, kühl und geschäftsmäßig.

 

»Ich habe gehört, daß Sie ein Theater kaufen wollen«, erklärte Anthony.

 

Mr. Anquilina, der nicht recht wußte, was er mit dem Fremden anfangen sollte, zeigte sich nach außen hin interessiert und nickte.

 

»Ich möchte nämlich auch ein Theater kaufen«, fuhr Anthony zum größten Erstaunen des anderen fort. »Und ich dachte mir, daß ich Ihr Partner werden könnte, Mr. Anquilina, wenn Sie Ihren Plan ausführen sollten. Ich habe ein Theaterstück, das ich gerne zur Aufführung bringen möchte …«

 

Den ganzen Nachmittag sprachen sie über Theater und Aufführungen und nichts anderes.

 

»Geld spielt bei mir keine Rolle«, sagte Anthony, als er sich erhob, um zu gehen. »Wenn ich nur das richtige Theater finde, werde ich es sofort kaufen. Geradeheraus gesagt, bin ich nicht auf einen Partner angewiesen, ich würde es auch vorziehen, die volle Verantwortlichkeit allein zu übernehmen.«

 

Mr. Anquilina gab ihm nicht nur vollkommen recht, sondern er lobte Anthony auch noch in einer schmeichlerischen Art, die an Schamlosigkeit grenzte, für sein liebenswürdiges und ehrendes Angebot. Dann lud er ihn ein, mit ihm zu Abend zu essen.

 

»Essen Sie doch mit mir im Minnow-Klub«, entgegnete Anthony.

 

»Wo?«

 

»Im Minnow-Klub.« Anthony lächelte geheimnisvoll. »Vermutlich haben Sie noch nie davon gehört? Es verkehren nur auserwählte Leute dort, es wird nicht annonciert. Ich erzähle Ihnen im Vertrauen, daß mir der Klub gehört. Ich habe ihn vor einiger Zeit gekauft, aber er macht jetzt zuviel Umstände und Unannehmlichkeiten. Auf mein Wort, wenn man mir zehntausend Pfund dafür böte, würde ich ihn losschlagen.«

 

»Rentiert er sich denn nicht?«

 

Anthony antwortete nicht direkt.

 

»Es ist weniger eine Frage des Geldes – es ist die Verantwortung, die ich mir aufgeladen habe. Ich bin aus einer sehr angesehenen Familie, und manchmal mache ich mir Gedanken, daß ich trotz aller Vorsichtsmaßregeln doch eines Tages noch große Unannehmlichkeiten durch den Klub haben könnte.«

 

Mr. Anquilina nahm die Einladung bereitwillig an.

 

Als sie zu Tisch saßen, konnte er aber nichts Ungewöhnliches erkennen. Zuerst erschien ihm der Klub sogar ein wenig heruntergekommen und schäbig. Die Mitglieder, die dort speisten, waren aber sicherlich aus guten Verhältnissen. Er vermutete sogar, daß sie wohlhabend seien, als sie zu zweien und dreien das Lokal verließen. Schließlich blieb Anthony mit seinem Gast allein, der sich täuschen ließ.

 

»Gehen denn alle Mitglieder schon so früh?« fragte er. Anthony zuckte die Schultern.

 

»Heute abend sind nur wenige hier … es sind doch verschiedene Galabälle und andere große Veranstaltungen angesagt.«

 

»Aber haben denn alle den Klub verlassen?« fragte Antonio hartnäckig.

 

Mr. Newton zögerte.

 

»Ich weiß nicht, ob ich Sie damit behelligen darf, daß ich Sie in mein Vertrauen ziehe. Aber wenn Sie sich dafür interessieren – aber nein, ich habe es mir überlegt, ich will es lieber nicht tun.«

 

Mr. Anquilina war sichtlich erregt.

 

»Ich versichere Ihnen, daß ich mich Ihres Vertrauens in jeder Weise würdig zeigen werde. – Sie erweisen mir einen großen Gefallen damit.«

 

Anthony sah ihn düster an.

 

»Nun gut, dann kommen Sie mit mir.«

 

Er stand auf, und Mr. Anquilina, der auf ein romantisches Abenteuer gefaßt war, folgte ihm. Sie stiegen eine enge Treppe hinauf und kamen zu einem kleinen Vorraum. Anthony klopfte dreimal an eine Tür. Ein Guckloch im Paneel öffnete sich und ein grimmiges Gesicht schaute sie an.

 

»Es ist alles in Ordnung, Fairy«, sagte Anthony begütigend. »Das ist ein Freund von mir.«

 

Aber der Mann schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube aber nicht, daß Sie jemand hereinbringen sollten, Mr. Newton, ohne daß die anderen Gäste ihre Einwilligung dazu geben.«

 

Anthony runzelte die Stirn.

 

»Bin ich denn nicht der Eigentümer des Klubs?« fragte er.

 

Das kleine Fensterchen schloß sich wieder. Mr. Anquilina, der vor Erwartung fieberte, hörte, wie die Riegel zurückgezogen wurden. Dann öffnete sich die Tür. Anthony geleitete ihn in einen mittelgroßen Raum. In der Mitte stand ein mit grünem Stoff bezogener Tisch. Er brauchte nicht erst lange zu fragen, was die neun feierlich aussehenden Leute an dem Tisch machten. Ein Mann in Hemdsärmeln mischte die Karten und teilte sie aus. Aber es war nicht das. Spiel selbst, das den Südamerikaner in Erstaunen setzte, es war die Höhe der Einsätze.

 

Sie setzten Hunderte, ja Tausende mit einer so gleichgültigen Miene, daß selbst Mr. Anquilina verwirrt wurde. Der einzige Protest kam von einem Mann, dem offenbar das Geld ausgegangen war. Er schrieb einen Scheck aus und warf ihn fluchend auf den Tisch.

 

»Verdammt, sechzehntausend habe ich nun in den beiden letzten Tagen verloren!« rief er bitter.

 

Anquilina war starr vor Staunen.

 

Sie standen beide eine Zeitlang und beobachteten das Spiel, dann klopfte Anthony seinem Gast auf die Schulter, und sie verschwanden wieder schweigend.

 

»Was halten Sie davon?«

 

Anquilina konnte nur den Kopf schütteln.

 

»Jetzt wissen Sie, warum ich so besorgt bin. Das Spiel ist zu hoch. Die Leute können zwar Verluste ertragen, das ist schließlich ihre eigene Sache. Die Einnahmen sind ja auch recht beträchtlich, und es wird absolut fair gespielt, darauf sehe ich unter allen Umständen, aber …«, er schüttelte traurig den Kopf.

 

»Mein lieber Freund«, sagte Antonio, als er sich von seinem Staunen erholt hatte, »ich verstehe Sie. Ich kann Ihnen das lebhaft nachfühlen. Sie sind ein Gentleman, Sie haben Charakter. Ich möchte den Klub von Ihnen kaufen … ich bin wohlhabend, aber ich muß meinen Liebhabereien nachgehen können. Sie als Engländer werden das begreifen. Wenn Sie einen annehmbaren Preis nennen würden, so etwa sechstausend …«

 

»Zehn«, erklärte Anthony.

 

»Sagen wir sieben. …«

 

»Neun«, erwiderte Anthony entschieden. »Es fällt mir nicht ein, mit Verlust zu verkaufen. Ich habe es ja auch gar nicht nötig, zu verkaufen. Ich habe auch meine Liebhabereien …«

 

Schließlich eigneten sie sich auf eine Kauf summe von achttausendfünfhundert Pfund.

 

Als die Bank Mr. Anquilinas am nächsten Morgen öffnete, stand Anthony schon an der Tür mit seinem Scheck, und an der nächsten Straßenecke warteten trotz des strömenden Regens zehn frühere junge Offiziere, die am vorigen Abend um mythische Hunderte und Tausende gespielt hatten, auf ihren Anteil.

 

9. Kapitel

 

9. Kapitel

 

Die Wahl in Bursted

 

Anthony war weder ehrgeizig noch rachsüchtig im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Sein einziger Ehrgeiz bestand darin, möglichst viel Geld zu verdienen und möglichst bekannt zu werden. In jeder anderen Beziehung war er ungewöhnlich bescheiden. Und sein Bedürfnis, sich zu rächen, erstreckte sich nur darauf, seinen Feinden alles Böse, das sie ihm angetan hatten, zu vergelten.

 

Es ging ihm so gut, daß sich seiner eine gewisse Ruhelosigkeit bemächtigte. Als er eines Tages die Zeitungen durchblätterte, fielen ihm zwei Annoncen auf. Sie hatten beide mit dem Wahlbezirk Bursted zu tun, aber dies erfuhr er erst, als er einen Agenten aufsuchte und entdeckte, daß das ›aufstrebende, wöchentlich erscheinende Blatt, das die größte Verbreitung in hervorragenden landwirtschaftlichen Distrikten hatte und eine große Zukunftsmöglichkeit für einen tatkräftigen Mann bot‹, die Zeitschrift ›Rakete‹ war, die in dieser kleinen Stadt erschien und zum Verkauf angeboten wurde.

 

Daß Mr. Josias Longwirt als konservativer Kandidat für Bursted aufgestellt werden sollte, war in der Zeitung großartig angekündigt.

 

Als er den Namen dieses Mannes gedruckt in der Zeitung sah, erwachte in Anthonys Herz ein Wunsch nach ausgleichender Gerechtigkeit. Seit Jahren erinnerte er sich an eine häßliche Szene. Er traf einen besonders gut gekleideten jungen Mann, den er von früher her kannte, in der Hauptstadt und bat ihn um das nötige Geld zu einem Abendessen, da er sehr hungrig war. Es war in jenen Tagen, als er abgerissen in London herumlief und sich um eine Stelle abmühte, zu der er nach all den Opfern, die er dem Vaterland gebracht hatte, und nach seiner Begabung berechtigt war.

 

Mr. Longwirt hatte aber auch ein sehr gutes Gedächtnis, und er besann sich darauf, daß er dreimal tüchtig von einem Schulkameraden verprügelt worden war, und zwar von Anthony Newton. In seiner kleinlichen Einstellung sah er jetzt die Gelegenheit gekommen, sich dafür zu rächen.

 

»Tut mir furchtbar leid, Newton, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich werde von so vielen Seiten angesprochen. Warum gehen Sie nicht ins Armenhaus, mein Junge? Dort gibt es ganz gut zu essen, und dort können Sie auch wohnen …«

 

Es klang unglaublich, aber das waren die weisen und trostvollen Worte, mit denen Mr. Josias Longwirt seinen früheren Schulkameraden abfertigte. Als er Anthony wieder begegnete, hatte er ihn überhaupt geschnitten.

 

Anthony war kein Journalist, aber die Möglichkeiten, die der Erwerb der ›Rakete‹ in sich barg, lagen auf der Hand.

 

Er hatte die etwas schadenfrohe Absicht, Mr. Longwirt ein wenig zu ärgern und zu blamieren und einige der wunden Punkte seines Charakters aufzudecken. Aber so merkwürdig und seltsam gestaltet das Schicksal das Leben der Menschen, daß keine unfreundliche Bemerkung über Josias Longwirt Esq. in den Spalten der Zeitung vor Bursted erschien. Und das hatte auch seinen guten Grund.

 

Anthony Newton hatte sein Scheckbuch eingesteckt, einen Zeitungsausschnitt der ›Stationer’s Gazette‹ in sein Zigarettenetui gelegt und ging nun mit großen Schritten auf dem vierten Bahnsteig der Station Waterloo auf und ab, um sich ein Abteil erster Klasse auszusuchen. Plötzlich entdeckte er an dem Fenster eines Wagens ein bekanntes Gesicht. Der andere hob zwar sofort seine Zeitung hoch, um nicht gesehen zu werden, aber Anthony stieg in das Abteil ein und setzte sich ihm gerade gegenüber.

 

»Mr. Longwirt!« sagte Anthony ruhig.

 

Der junge Mann ließ seine Zeitung sinken.

 

»Ach, das sind Sie ja, Newton«, sagte er mit schlechtgespieltem Erstaunen und reichte ihm nachlässig die Hand.

 

»Was haben Sie denn eigentlich während des Krieges gemacht?« fragte Anthony anklagend.

 

»Oh, ich war beim Militär und habe mitgekämpft«, erwiderte Josias triumphierend.

 

»Ja, ich habe auch davon gehört. Sie waren bei einer Abwehrbatterie in Bristol, wo die Flugzeuge ja nie hingekommen sind. Nun, wie geht es Ihnen denn, und was macht das

 

Geschäft mit den Lumpen und Knochen?«

 

»Oh, ich bin zufrieden«, entgegnete Josias nicht gerade sehr begeistert.

 

Er sah blaß und schmal aus und hatte keinen klaren, offenen Blick. Sein Vater hatte ein Millionenvermögen durch An- und Verkauf von Knochen, Lumpen und anderen Abfällen zusammengescharrt. Außer Anthony Newton erwähnte niemand diese Tatsache in seiner Gegenwart, und deshalb konnte er auch Anthony durchaus nicht leiden.

 

»Ich hörte, daß es Ihnen gut geht.« Mr. Longwirt hoffte, daß die unangenehme Vergangenheit nicht mehr erwähnt werden würde. »Ich freue mich, wenn es meinen früheren Kameraden gut geht. Ich werde jetzt ins Parlament gehen. Und ich würde nach allem, was ich erfahren habe, nicht erstaunt sein, wenn man mir eine gute Stellung in der Regierung anböte.«

 

»Sie meinen wohl für Bursted«, sagte Anthony mit einer merkwürdigen Betonung. »Ich sah die Mitteilung in der Zeitung. Da werden Sie wohl einen leichten Sieg davontragen.«

 

Mr. Longwirt zögerte.

 

»Es ist noch ein unabhängiger Kandidat aufgestellt worden, der aber eigentlich nicht die mindeste Aussicht hat. Nebenbei bemerkt, ist es möglich, daß er zurücktritt.« Er lächelte verschmitzt.

 

Anthony blinzelte, und Mr. Longwirt blinzelte auch.

 

»Wollen Sie ihm eine Abstandssumme zahlen, daß er zurücktritt?«

 

»So verrückt werde ich nicht sein, mich derartig zu kompromittieren.« Und dann zwinkerte Josias wieder mit den Augen.

 

»Aha, daher der Ausdruck ›ehrenhafte Politiker‹. Haben Sie nicht auch schön gehört, daß die Bursteder Zeitung ›Rakete‹ zu verkaufen ist?«

 

»Ja. Sie gehört dem alten Murkle, einem verdrehten Kerl – ich werde wahrscheinlich das jüngste Mitglied im Parlament sein, Newton.«

 

»So?! Sehen Sie einmal an! Können Sie sich eigentlich darauf besinnen, daß Sie mich vor ungefähr zehn Monaten auf dem Strand getroffen haben?«

 

Josias runzelte die Stirn.

 

»Ich erinnere mich dunkel daran, aber ich habe so ein schlechtes Gedächtnis für Personen …«

 

»Sie haben mich aber nicht nur gesehen, Sie haben sogar mit mir gesprochen und dabei das Armenhaus erwähnt. Ich sah damals etwas heruntergekommen aus, und es ging mir nicht sehr gut. Seit der Zeit bin ich mit Ihnen fertig!«

 

Mr. Longwirt krümmte und wand sich, aber dann bekannte er doch offen Farbe.

 

»Wenn Sie sich beleidigt fühlen, kann ich Ihnen nicht helfen. Ich kann nicht allen Leuten Geld geben.«

 

»Sie werden noch allerhand zu tun haben, um sich selbst zu helfen«, meinte Anthony mit einer düsteren Andeutung.

 

In diesem Augenblick setzte sich der Zug langsam in Bewegung. Als er schon schneller fuhr, sprang plötzlich noch ein Mann auf das Trittbrett, riß die Tür auf und fiel fluchend halb in den Wagen hinein.

 

Es war ein kahlköpfiger Mann von etwa sechzig Jahren, kurz und gedrungen gebaut. Er hatte ein großes, kräftiges, breites Kinn und scharfblickende Augen.

 

»… all diese verrückten Stationsmeister, Billettkontrolleure und Eisenbahnportiers«, schimpfte er laut.

 

»Haben Sie sich verletzt?« fragte Anthony höflich.

 

»Nein, durchaus nicht.« Auf einmal sah er Anthony scharf an. »Zuerst glaubte ich, daß Ihr Gesicht unsymmetrisch sei, aber jetzt sehe ich, daß es nur ein Schatten war. Verzeihen Sie mir, daß ich darüber spreche, aber ich habe seit Jahren kein gleichmäßigeres Gesicht gesehen als das Ihre.«

 

Anthony neigte ernst den Kopf.

 

»Darf ich Ihnen das Kompliment zurückgeben?« begann er.

 

»Nein, das dürfen Sie nicht. Mein Unterkinn ist vorgeschoben, mein rechtes Ohr ist anomal, die Verlängerungen der Scheitelbeinknochen sind gänzlich unregelmäßig. Einer der besten Gelehrten hat noch dieser Tage erklärt, es sei nach menschlicher Voraussicht einfach unmöglich, daß ich mit einem solchen Scheitelbein einen gesunden Verstand haben könnte.«

 

Er schaute dann Mr. Longwirt an, der ganz erstaunt dabeisaß.

 

»Großer Gott«, sagte der kleine Herr, »das ist aber ein merkwürdiges Gesicht!«

 

»Das interessiert mich«, erwiderte Anthony. »Bitte erläutern Sie es ein wenig.«

 

Mr. Longwirt war sprachlos.

 

»Die zurückfliehende Stirn deutet auf geringen Verstand die abstehenden Ohren in dieser Form zeigen Veranlagung zum Mörder, der Unterkiefer ist zu schwach – wollen Sie einmal so gut sein und Ihren Kopf etwas drehen?«

 

»Das will ich durchaus nicht – ich drehe meinen Kopf nicht!« rief Mr. Longwirt beleidigt, der plötzlich seine Sprache wiederfand. »Wie dürfen Sie so etwas sagen?«

 

»Ihr Verhalten«, sagte der kleine, fremde Mann mit großer Genugtuung, »erklärt auch zum Teil die abstehenden Ohren. Sie sind ein unausgeglichener Charakter – leicht durch Geringfügigkeiten aus dem Gleichgewicht gebracht, die gewöhnlichen Anzeichen einer persönlichen Eitelkeit …«

 

»Ich bin Mr. Longwirt von Leathbro’s Hall!«

 

»Und ich bin Dr. Clayfield vom Clayfield-Irrenhaus!« stellte sich der andere vor. »Longwirt – Longwirt – hat nicht einer Ihrer Verwandten seine Mutter vergiftet?«

 

»Nein!« brüllte Josias beinahe.

 

»Sind Sie dessen auch ganz sicher?« fragte Anthony beinahe liebenswürdig.

 

»Aber selbstverständlich. Sie sind ein ungebildeter Mensch! Sie wissen sich beide nicht zu benehmen!«

 

Dr. Clayfield wechselte einen verständnisvollen Blick mit Anthony.

 

»Ich möchte Ihnen nur sagen, daß ich nächstens für den Bezirk von Bursted ins Parlament gewählt werde. Meine Wahl ist praktisch schon gesichert.«

 

Der Arzt schaute fragend auf Anthony, der aber den Kopf schüttelte und bedeutsam auf die Stirne zeigte.

 

»Alle Leute sind mehr oder weniger verrückt«, meinte Mr. Clayfield ruhig. »Diese Theorie habe ich mir aus langen Erfahrungen gebildet. Sie sind«, damit wandte er sich an Anthony, »der einzige vernünftige Mensch, den ich heute getroffen habe. Fahren Sie nach Bursted? Nun, das ist gut, ich gehe nach Larchleigh, das liegt zwei Stationen weiter. Ja, da können Sie stolz sein, Sie sind eine der drei vollständig gesunden Personen, die ich diese Woche gesehen habe. Werden Sie in Bursted bleiben?«

 

»Ja, Doktor, ich gehe mit der Absicht um, dort die Zeitung die ›Rakete‹ zu kaufen.«

 

»Dann sind Sie auch verrückt! Jeder, der Bursted als Wohnsitz aussucht, ist ein Narr, und jeder, der einen Groschen ausgibt, um die ›Rakete‹ zu lesen, ist mindestens schwachsinnig. Aber ein Mann, der diese verlotterte Zeitung kauft, ist unheilbar geisteskrank!«

 

Anthony kam also nach Bursted und verabschiedete sich steif von Josias, dagegen recht herzlich von dem Arzt. Josias hatte von der Möglichkeit, daß sich Anthony in Bursted der journalistischen Laufbahn widmen wollte, mit Unbehagen gehört.

 

Die Verbreitung der Bursteder Zeitung war wirklich groß: bei der Eröffnung der neuen Gemeindehalle wurden tausend Exemplare gedruckt, aber sie würden nicht alle verkauft. Mr. Murkle behauptete jedoch stolz, daß dieses Organ der öffentlichen Meinung, das auch in vielen Dörfern der Umgegend gelesen wurde, als wöchentlich erscheinendes Blatt die weiteste Verbreitung in einem Umkreis von zwanzig Meilen hatte. Und wenn Leute, die ihm übelwollten, auf die Tatsache aufmerksam machten, daß überhaupt keine andere Zeitung in der Gegend herauskam, so legte sich Mr. Murkle das als noch größeres Verdienst aus, weil er überhaupt die einzige dortige Zeitung besaß.

 

Die ›Rakete‹ wurde in Mr. Murkies Zeitungs- und Papierladen in der High Street ausgegeben und in einem Schuppen gedruckt, der auf der Rückseite des Ladens lag. Annoncen für die nächste Nummer wurden im Geschäft entgegengenommen bis zu dem Tage, an dem das Blatt erschien. Wenn sie groß genug waren, wurden sie sogar noch während des Druckes angenommen. Mr. Murkle ließ dann einfach die Maschinen stillstehen, und die neue Anzeige wurde noch irgendwo eingeflickt.

 

Roffles, der Lokalpoet, beklagte sich bitter, daß sein Beitrag unter diesen Umständen unmöglich erscheinen könnte. Diese Klage war aber insofern ungerechtfertigt, als Mr. Murkle ihm unweigerlich die fünf Schilling zahlte, ob sein Gedicht in der Nummer gedruckt wurde oder nicht.

 

Die Einwohner von Bursted bildeten sich ihre Meinung von der Welt und ihren Vorgängen nach den Nachrichten, die sie in der ›Rakete‹ lasen. Das war auch ganz natürlich, denn es gab in der ganzen Gegend keinen besser informierten Mann als Mr. Murkle. Er erzählte dies oft im Kreise seiner Freunde, die das unschätzbare Vorrecht genossen, aus erster Hand alle die Ansichten zu hören, die er später in. seinen in mehr klassischer Sprache abgefaßten Artikeln in der ›Rakete‹ zum Abdruck brachte.

 

Der Herausgeber und Eigentümer der ›Rakete‹ und voraussichtlich unabhängige Kandidat für den Wahlkreis von Bursted war bereits sechzig Jahre alt. Er trug einen kurzgeschnittenen weißen Bart und eine Hornbrille.

 

In Bursted lebte auch ein gewisser Mr. Dogbery, der sehr unzufrieden mit Mr. Murkle war, denn die Artikel, die er der ›Rakete‹ einsandte; wurden nicht angenommen. Alle Leute wußten das. Er erklärte, daß Mr. Murkle aussähe, als ob er sich mit Patentmedizinen kuriert habe, damit sein Bild in die Zeitung gebracht werde.

 

»Dogbery kann den Artikel nicht leiden, den ich letzte Woche über Anthony Eden in die Zeitung setzte«, sagte Mr. Murkle und kaute nachdenklich an einem Strohhalm. Er stand an diesem sonnigen Nachmittag vor seiner Ladentür und beobachtete das Schauspiel des vorüberziehenden Verkehrs, der besonders am Sonnabend in Bursted recht lebhaft war. Genaue Beobachter sahen sogar einmal zu gleicher Zeit drei Fordwagen auf der Straße. Neben Mr. Murkle stand ein Kaufmann, den er zur Aufgabe einer Annonce überreden wollte.

 

»Dogbery ist ein vollkommen unzufriedener Mensch. Mein Angriff auf die Amerikaner, den ich neulich schrieb, hat ihn ganz krank gemacht, wenigstens sagt er so. Und wegen meines Artikels, den ich über die Marine schrieb, hat er Leibschmerzen bekommen. Aber, Mr. Walsh, ich habe eine gewisse Pflicht dem Lande gegenüber, dessen bin ich mir immer bewußt. Die Amerikaner setzen doch keine Annoncen in die ›Rakete‹, auch Mister Eden nicht. Und was die Marine anbetrifft, so habe ich in den letzten fünf Jahren nur einen einzigen Anzeigenauftrag von ihr erhalten, zwei Spalten breit und drei Zoll hoch! Was aber die Konferenz in Genf angeht, so muß ich entschieden dagegen sein. Dogbery wird natürlich wild werden, aber wie gesagt, ich habe doch meine Pflichten dem Lande gegenüber. Wo liegt denn eigentlich Genf? Ich habe überhaupt noch nicht davon gehört, bevor die Geschichte anging. Ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn es in Rußland gelegen hätte. Irgendwo in der Schweiz ist es doch wohl? Man mag das zwar behaupten, aber Sie wissen ja, wie diese lahmen Kerle vom Kriegsministerium sind. Denken Sie daran, was ich Ihnen jetzt sage. Man teilt uns noch lange nicht alles mit. Warten Sie nur, bis Sie nächste Woche meinen Leitartikel lesen. Da habe ich es der Regierung aber einmal kräftig gesagt. Was Dogbery davon hält, ist mir ganz gleichgültig. Ich könnte Ihnen auch alles über die Konferenzen in Lausanne erzählen, aber nur unter uns, verstehen Sie – das dürfen Sie keinem anderen wiedersagen. Ich habe es aus erster Quelle meine Tochter ist nämlich mit einem Regierungsbeamten verheiratet … ich weiß wohl, daß, Dogbery erzählt, mein Schwiegersohn wäre Fensterputzer bei der Admiralität. Aber er würde wohl staunen, wenn er erführe, daß er kein Fensterputzer ist. Er ist Heizer und transportiert Kohlen. Und wenn ein Mann, der eine Uniform mit Messingknöpfen trägt, kein Regierungsbeamter ist, dann weiß ich nicht, wer es sonst wohl sein sollte. Aber die ›Rakete‹ ist sehr gut informiert, alles, was darin steht, ist absolut wahr. Es ist ja auch möglich, daß eine andere Zeitung dasselbe sagt, aber dann hat sie es aus der ›Rakete‹ abgedruckt.

 

Was nun die nächste Wahl hier betrifft«, fuhr er nach einer Weile fort, »so weiß ich noch nicht, wen ich unterstützen werde. Mag sein, die eine Seite, mag sein, die andere. Aber darauf können Sie sich verlassen: mit wem ich es halte, der gewinnt bei den Wahlen!«

 

In mancher Hinsicht richtete sich Mr. Murkle in seinem Stil und seinen Gewohnheiten ganz nach der Londoner Presse.

 

»Es geht auch ein Gerede, daß ich als unabhängiger Kandidat für die Wahl auftreten werde. Man hat mich darum gefragt. Wenn ich es tue, dann ist es ganz sicher, daß ich in das Parlament komme. Longwirt hat große Angst vor mir und ebenfalls vor der ›Rakete‹. Ich mache ihm ja keine Vorwürfe, aber glauben Sie mir, die Zeitung wird in diesen Tagen noch in die Höhe kommen. Ich werde ein Vermögen mit ihr verdienen. Es ist die einzige Zeitung in dieser Gegend, mit der überhaupt Geld verdient wird, und das will etwas heißen. Sie können mir ruhig glauben, daß Sie einen großen geschäftlichen Erfolg haben, wenn Sie in der ›Rakete‹ annoncieren. Ich will in der nächsten Nummer eine vier Zoll hohe und zwei Spalten breite Annonce auf der ersten Seite einsetzen, wo der Leitartikel steht. Die würde ich gerne für Sie frei halten, aber Sie haben mir ja bis jetzt noch keinen Bescheid darüber zukommen lassen. Beecham hat schon lange nach einer solchen Gelegenheit ausgeschaut, ebenso Fry’s Schokoladenfabrik. Auch eine Automobilfirma, so etwas Ähnliches wie Rolls Royce, drängt sich danach, eine Annonce bei mir einrücken zu können. Wenn Sie fünfunddreißig Schilling zahlen, dann nehme ich Sie.«

 

Der Kaufmann sagte etwas davon, daß er sich die Sache erst noch überlegen und seinen Teilhaber fragen wolle, und drückte sich dann. Eine Weile schaute ihm Mr. Murkle mit bösen Blicken nach, dann wandte er sich um, trat in seinen Laden und sah zum ersten Male, daß dort schon geraume Zeit ein Kunde auf ihn wartete.

 

»Was wünschen Sie?« fragte Mr. Murkle.

 

»Mein Name ist Newton, Anthony Newton«, erklärte der Fremde. »Ich bin auf die Annonce hin gekommen, die Sie in einer Londoner Zeitung einsetzten.«

 

»Treten Sie bitte näher«, sagte Mr. Murkle und führte seinen Besuch ins Wohnzimmer.

 

»Ich würde die Zeitung nicht verkaufen«, meinte er, nachdem sie eine Stunde lang über das Geschäft gesprochen hatten. »Aber ich bin über die Regierung sehr ärgerlich. Ich möchte nichts mehr mit dem politischen Leben zu tun haben. Ich mache einen Vorschlag. Solange ich den Druck der Zeitung weiter herstellen kann, werde ich Ihnen ein Büro hier einrichten. Ich rechne Ihnen zwölf Schilling die Woche dafür und außerdem müssen Sie mir zehn Prozent von allen Annoncen geben, die ich für Sie hier im Laden annehme. Das ist ein faires Angebot.«

 

So wurde Anthony Newton der Herausgeber der ›Rakete‹, und Josias Longwirt erfuhr zu seinem nicht geringen Schrecken von dieser Tatsache. Man hätte annehmen sollen, daß sein einziger politischer Gegner, der gegen ihn auftreten konnte, sich dieses Organs der öffentlichen Meinung bediente, wenn er ernste Absichten hatte, sich ins Parlament wählen zu lassen.

 

Anthony widmete sich seiner neuen Tätigkeit als Journalist mit dem Eifer und der Begeisterung, die ein Kind einem neuen mechanischen Spielzeug entgegenbringt.

 

Zwei Nummern hatte er bereits herausgebracht, als die Hauptwahl wie eine Granate über Bursted platzte und die gewöhnlich friedliche Bürgerschaft in wilde, zähnefletschende Menschen verwandelte. Der erste der Wahlaufrufe, der erschien, lobte, die Verdienste, die literarischen Fähigkeiten, das verwaltungstechnische Geschick und die politische Unantastbarkeit von Mr. Murkle. »Ein Mann aus Bursted für Bursted.« Und Mr. Murkle war sowohl der Verfasser als auch der Drucker.

 

Anthony ging die High Street entlang und traf Mr. Josias Longwirt, der sehr bedrückt aussah.

 

»Ich behaupte, Anthony, daß dieser alte, verrückte Kerl zum Schluß doch noch einen Zurückzieher macht. Was halten Sie davon?« fragte er ängstlich. »Ich lege der Sache nicht viel Bedeutung bei, es ist nur eine Geldfrage.«

 

»Ich stehe auf Ihrer Seite. Ich will alles tun, um Ihnen zu helfen. Je mehr Anstrengungen und Aufsehen der alte Murkle macht, desto mehr wird es Sie kosten, ihn zu veranlassen, seine Kandidatur zurückzuziehen. Die Leute hier haben mir erzählt, daß sich Murkle in den letzten dreißig Jahren bei jeder Wahl als Kandidat aufstellen ließ und jedesmal in der letzten Minute zurücktrat. Ihn kostet es ja nichts; die Wahlaufrufe und die Zettelverteilung hat er so ziemlich umsonst. Das ist tatsächlich die beste Art und Weise, sich dauernd ein festes Einkommen zu sichern.«

 

Josias legte den Finger nachdenklich an die Nase.

 

»Ich kann eigentlich nicht verstehen, warum Sie hierhergekommen sind«, sagte er unsicher. »Ich dachte zuerst, daß Sie die ›Rakete‹ gekauft hätten, um gegen mich zu arbeiten. Aber Ihr Artikel über mich war absolut liebenswürdig und dezent.«

 

»Anständigkeit war stets meine Schwäche«, erwiderte Anthony ernst, »Und warum ich eigentlich hier bin, wird sich eines Tages schon zeigen. Was werden Sie nun mit Murkle anfangen?«

 

»Ich werde ihm vermutlich eine Abstandssumme zahlen; das hat jeder andere früher auch tun müssen. Es ist direkt Erpressung – wieviel will er denn haben?«

 

»Das müssen Sie ihn selbst fragen.«

 

Es fand eine persönliche Aussprache zwischen Mr. Longwirt und Mr. Murkle statt, und zwei Tage vor der Aufstellung des Kandidaten wurden die Wahlplakate Mr. Murkies mit weißem Papier überklebt. Am Abend ging Anthony von Gasthaus zu Gasthaus und fand viele Freunde. Was er eigentlich tat, wird man niemals sicher herausbekommen. Es steht nur das eine fest, daß er ein großes Schriftstück vorzeigte und sagte, es sei eine Petition um Aufschub der Vollstreckung der Todesstrafe für einen Mann, der gehenkt werden sollte. Und alle Leute, die er um ihre Unterschrift bat, setzten ihren Namen darunter.

 

Mr. Miller, ein Stockkonservativer, Mr. Jordan, ein Liberaler, und sogar Mr. Hallingay, der kommunistische Anwandlungen hatte – alle, alle unterzeichneten die vermeintliche »Petition«.

 

Am nächsten Tage war die Erregung in Bursted vollkommen verschwunden. Der erwartete Kampf fand nicht statt, obwohl es bis zuletzt Leute gab, die hofften, daß Murkle seine Kandidatur aufrechterhalten werde.

 

Aber Mr. Murkle erklärte traurig, daß das nicht möglich sei.

 

»Als ich meine Zeitung die ›Rakete‹ aufgab, habe ich auch mit meiner politischen Laufbahn Schluß gemacht. Es war ein Fehler, daß ich mich noch einmal als Kandidat aufstellen ließ.«

 

An diesem Abend wurde er von Anthony eingeladen. Andere Gäste erschienen nicht. Das Essen fand in einem Privatraum des Gasthauses »Zur Weizengarbe« statt. Die beiden tranken Ginger Ale. Mr. Murkle wurde um acht Uhr politisch, um neun bekam er musikalische Anwandlungen, um zehn rühmte er sich mit allem, was er schon geleistet hatte, und wurde zu Tränen gerührt. Um elf Uhr wurde er restlos vertrauensselig und erzählte Anthony Newton seine ganze Lebensgeschichte und auch, was er neulich mit Mr. Josias Longwirt vereinbart hatte.

 

*

 

Der Tag der Wahl dämmerte herauf, und Mr. Josias Longwirt schien der Himmel nur zu seinem Ruhmestag zu strahlen. Aber was er alles an diesem Tage noch erleben sollte, ahnte er nicht.

 

Er war in dem ersten Hotel der Stadt abgestiegen und hatte eben seine Morgentoilette beendet und sich der Bedeutung des Tages entsprechend gekleidet, als ein Brief für ihn abgegeben wurde, und zwar wurde er ihm von einem besonderen Sendboten persönlich eingehändigt. Das Schreiben war schwer versiegelt und trug die Aufschrift: »Geheim und streng vertraulich.« Auf der Rückseite des Kuverts war ein Wappen eingeprägt. Das Briefpapier war schwer und kostbar und trug als Kopf nur die einfachen Worte: »Inneres Kabinett. Streng geheim.«

 

Das Schreiben lautete:

 

Sehr geehrter Mr. Longwirt!

 

Es ist plötzlich eine Krisis ausgebrochen. Wir treffen uns in Malby House, Blackpond. Wir brauchen Ihren unmittelbaren, persönlichen Rat, Sie müssen sofort kommen. Fragen Sie nicht nach S. B. oder sonst jemand. Geben Sie auch nicht Ihren Namen an, sondern nennen Sie sich selbst Foch und fragen Sie nach dem König von Griechenland. Diese Anweisungen müssen Sie unter allen Umständen ausführen. Dies ist äußerst wichtig und dringend. A. C. kommt im Sonderzug. Malby House ist das weiße Gebäude auf der linken Seite der Straße, bevor Sie nach Blackpond kommen.

 

S. B. (P. M.)

 

Mr. Longwirt wurde nicht ohnmächtig, er verlor nicht die Besinnung. In seinen Träumen hatte er ja schon derartige Dinge erlebt. Er ging hinunter und bestellte sofort seinen Wagen.

 

»Schließen Sie die Türen und ziehen Sie die Vorhänge vor«, wies er seinen Chauffeur an.

 

Der Mann wunderte sich, führte aber den Auftrag aus. Vor der Stadt zog Josias die Vorhänge wieder beiseite und überließ sich kühnen Träumen. Es war ihm, als ob die Würde der Staatsregierung auf seinen Schultern ruhte, und er machte ein ernstes Gesicht und legte die Stirn in Falten. Als er in die Nähe von Blackpond kam, das er von früheren Besuchen her kannte, sah er das weiße Haus und gab seinem Chauffeur ein Zeichen. Sie fuhren durch schwere, eiserne Tore und hielten bei einer Säulenvorhalle. Die Tür wurde sofort geöffnet, und ein Mann in einem weißen Rock trat heraus.

 

Josias nahm ihn vertraulich beiseite.

 

»Ich bin Foch«, sagte er mit leiser, vor Aufregung zitternder Stimme, »und ich möchte den König von Griechenland sprechen.«

 

Der Mann nickte. »Gewiß, General«, sagte er. »Wollen Sie bitte näher treten.«

 

Mr. Longwirt befand sich in einem mit weißgestrichenem Paneel versehenen Büro. Plötzlich trat ein untersetzter Herr herein. Josias hatte eine schwache Erinnerung, ihn schon irgendwo einmal gesehen zu haben.

 

»Ich bin Foch«, sagte Mr. Longwirt wieder, »und ich möchte den König von Griechenland sprechen.«

 

Dr. Clayfield schaute den Besucher wohlwollend an.

 

»Jawohl, Sie werden zu ihm geführt werden, General – und Sie werden auch die Königin Elisabeth sehen und den Rajah von Bhong!« Er läutete und diesmal kamen zwei Männer in weißen Kitteln herein.

 

»Auf Zimmer Nr. 8 zur Untersuchung«, sagte der Arzt kurz.

 

Mr. Longwirt folgte den beiden freudestrahlend.

 

*

 

Ein paar Minuten vor zwölf Uhr mittags wartete der Wahlkommissar auf die Ankunft von Mr. Josias Longwirt. Aber an seiner Stelle erschien Anthony Newton, legte eine Summe Geldes auf den Tisch und eine mit unglaublich vielen Unterschriften versehene Wahlliste.

 

»Ich hatte keine Ahnung, daß Sie als Kandidat aufgestellt waren, Mr. Newton«, sagte der Beamte überrascht.

 

»Ich auch nicht«, erklärte Anthony.

 

Drei Rechtsanwälte hatten vier Stunden lang zu tun, um Mr. Josias Longwirt aus dem Clayfield-Irrenhaus zu befreien.

 

»Es hat gar keinen Zweck, daß Sie obendrein noch schimpfen und ärgerlich werden, junger Mann«, sagte der Chefarzt. »Wenn jemand zu mir kommt, sich als General Foch vorstellt und dann noch die höchsten Persönlichkeiten sehen will, habe ich wohl allen Grund, ihn hier zurückzuhalten. Dazu bin ich absolut berechtigt.«

 

»Ich werde Sie zur Anzeige bringen, ich werde Sie verklagen«, schrie Josias. »Ich werde eine Anfrage im Parlament einbringen!«

 

Aber er führte seine Drohungen nicht aus.

 

Mr. Anthony Newton, Mitglied des Parlamentes für den Wahlbezirk von Bursted, gab ihm den Rat, von all diesen Dingen abzusehen.

 

»Das hat alles keinen Zweck. Es ist zwar ein Unglück, aber es wäre noch viel unglücklicher für Sie, wenn ich alle Ihre Durchstechereien und die Korruption des alten Murkle aufdecken würde. Ich kann alles beweisen und habe alles schwarz auf weiß. Kommen Sie einmal nach London ins Parlament – ich will Sie dann herumführen und Ihnen alles zeigen!«

 

5. Kapitel

 

5. Kapitel

 

Die Dame in Grau

 

Während der aufgeregten Kriegstage hatte Anthony Newton Sybil Martin kennengelernt. Er nannte sie immer »die Dame in Grau« und fürchtete sich eigentlich ein wenig vor ihr, obwohl sie weder hochfahrend war noch Furcht einflößte; im Gegenteil, sie war eine reizvolle, anziehende Erscheinung.

 

Sie war die Tochter eines verarmten Adeligen mit allen Eigenschaften einer großen Dame.

 

Jim Martin war der Oberst Anthonys, ein schneidiger Offizier aus guter Familie. Anthony war immer etwas verlegen, wenn er Leuten von Martins Rang gegenübertrat, denn er wußte niemals, ob sie arm oder reich waren. Allem Anschein nach schienen sie dazu geboren, in großen schönen Häusern zu wohnen und das Vorrecht zu besitzen, sich auf großen Landgütern aufzuhalten. Er konnte sich gut vorstellen, wie sie mit wertvollen Flinten unter dem Arm auf die Jagd gingen, um unter besonderen Kosten gezogene Rebhühner und Fasanen zu schießen. Sie verkehrten mit den anderen großen Familien des Landes und genossen überall das Recht, zu jagen und zu fischen. Untereinander nannten sie sich nur mit Vornamen und bildeten eine Gesellschaft für sich. Anthony sprach und dachte von ihnen nur als von der eigentlichen Gesellschaft. Und Jim Martin gehörte zu ihr. Er brach bei der Erstürmung der Höhen von Vimy zusammen, und Anthony trug ihn zu dem Verbandsplatz zurück.

 

»Tun Sie für meine Frau, was Sie können.« Mit diesen Worten starb er.

 

Bei der ersten Gelegenheit suchte Anthony sie in ihrem kleinen Haus in der Curzon Street auf. Sie war ihm gegenüber kühl und zurückhaltend, so daß er aus der Fassung gebracht wurde. Er war sonst nicht verlegen, aber als er kaum zehn Minuten mit ihr gesprochen hatte, wußte er schließlich nicht, was er noch sagen sollte. Er hatte sich erkundigt, ob er irgend etwas für sie tun könnte, und sie hatte alles liebenswürdig, aber bestimmt abgelehnt. Sie dankte ihm für seinen Besuch, lud ihn zum Essen ein und unterhielt sich mit ihm über Luftangriffe und über ein neues Kriegsbuch, das augenblicklich in aller Mund war.

 

Anthony war froh, als er sich wieder von ihr verabschieden konnte.

 

Seit jener Zeit hatte er sie dreimal gesehen. Einmal in den schlimmsten Tagen, als er kein Geld hatte. Er war durch den Hyde Park gegangen, und sie führ in einem wunderschönen Wagen an ihm vorüber. Er nahm seinen Hut vor ihr ab, aber sie schaute an ihm vorbei. Sie hatte ihn wohl nicht erkannt. Sie trug wie gewöhnlich ein Kleid von jenem hellen Silbergrau, das ihr so gut stand.

 

Das zweitemal traf er sie, nachdem er das Abenteuer mit den Kautionsschwindlern hinter sich hatte. Sie stand in der Eingangshalle eines Theaters und wartete auf jemand. Diesmal erwiderte sie freundlich seinen Gruß, als er sich verneigte, und ging auf ihn zu.

 

»Ich habe die dunkle Erinnerung, daß ich Sie vor einigen Monaten im Hyde Park traf, Mr. Newton. Ich war damals so in Gedanken versunken, daß ich Sie leider erst bemerkte, als Sie schon an mir vorübergegangen waren. Würden Sie mich nicht wieder einmal besuchen?«

 

»Es wird mir ein Vergnügen sein«, entgegnete Anthony aufrichtig. Er war über ihre finanziellen Verhältnisse nun beruhigt. Aber er hatte sich schon manchmal überlegt, was sie wohl tun würde, wenn sie nicht über so viel Geld verfügte.

 

Er bereitete gerade damals wieder einen Schlag vor und war sehr unangenehm berührt, ja beinahe konsterniert, als er sein Opfer auf die Dame zueilen sah, die er gerade verlassen hatte.

 

»Donnerwetter«, sagte Anthony zu sich selbst.

 

Dieser dicke, kleine Herr mit dem kahlen Kopf, der sich jetzt an die königliche Erscheinung in Grau heranmachte, war seit einiger Zeit Gegenstand von Anthonys Nachforschungen. Er hatte ihn von vielen Seiten aus studiert.

 

Mr. Jepburns Name endete vor seiner Auswanderung aus Polen auf irgendein »ski« oder »witsch«, aber auf dem Kai in Dover hatte er auf einer Kiste den Namen Jepburn gelesen, und als er als Passagier dritter Klasse Ende der neunziger Jahre landete, betrat er unter diesem Namen seine neue Heimat, mit zwanzig Rubel in der Tasche und einer großen Abneigung gegen sein altes Vaterland im Herzen.

 

Damals konnte man seinen Namen leichter ändern als seinen Anzug wechseln. Im Laufe der Zeit wurde Mr. Jepburn wohlhabend, ja sogar reich, und hatte viele interessante Methoden, Geld zu verdienen.

 

Den ersten Erfolg brachte ihm die Führung eines Klubs im Osten der Stadt, in dem Leute aus allen möglichen Ländern verkehrten. Zur Zeit des Burenkrieges vergrößerte sich sein Vermögen plötzlich infolge vorteilhaft abgeschlossener Regierungsverträge über Lieferung von Kavalleriesätteln. Und dann gründete er das Unternehmen, das in späteren Jahren als der »Jepburn Circle« bekannt war. In den verschiedenen Teilen des Westens kaufte oder mietete er Häuser, möbliert oder unmöbliert, die er dann der Fürsorge vertrauenswürdiger Landsleute, Männern oder Frauen, übergab. Er verstand es, einige mittellose Mitglieder des Adels anzustellen, die als Gastgeber und Agenten fungierten. In erstaunlich kurzer Zeit hatte er auf diese Weise sieben Spielhöllen in vollen Schwung gebracht.

 

Jepburns Name war jedoch damit nicht verknüpft. Wenn man zu Mrs. Keluer Buizans belgischen Tanztees und Tanzabenden ging, konnte niemand vermuten, daß der Dame nicht ein Stück der schönen Einrichtung gehörte und daß sie weder die Eigentümerin noch die Mieterin des Hauses war, in dem sie lebte. Alle ihre Ausgaben zuzüglich eintausend Pfund Gehalt im Jahre wurden von dem kleinen, untersetzten, kahlen Mann bezahlt, der in einer bescheidenen Wohnung in Bloomsbury hauste.

 

Die Leute kamen zum Tanz und blieben dann noch zum Spiel. Es wurde gewöhnlich Trente-et-quarante gespielt. Die Croupiers stellte Mr. Jepburn persönlich an, und die Einnahmen aus dem Spiel flossen auch in seine Tasche. Es wurde sehr viel verdient, denn seine Croupiers wurden besser bezahlt als die adeligen Herren und Damen, die nach außen hin die Gastgeber waren. Der Spielleiter, der die Karten mischte, war so geschickt, daß er durch besondere Manipulationen nach Belieben eine rote oder eine schwarze Karte zum Vorschein bringen konnte. Natürlich gewann immer diejenige Farbe, auf die am wenigsten gesetzt war.

 

Trotz seiner ungeheuren Ausgaben verdiente Mr. Jepburn jährlich doch zwanzigtausend Pfund an jedem der sieben Häuser. Die Angelegenheit war der Polizei sehr unangenehm, denn die Leute, denen angeblich die Häuser gehörten und die als Gastgeber auftraten, hatten sehr bekannte Namen. Allem Anschein nach war das Spiel absolut fair, und in England ist das Gesetz sehr nachsichtig und rücksichtsvoll, wenn es sich um die Rechte der Persönlichkeit handelt, besonders, wenn es sich dabei um die eigenen Wohnungen und Häuser dieser Leute handelt.

 

Anthony erwähnte den Namen Mr. Jepburns gelegentlich, als er seinen versprochenen Besuch bei Sybil Martin machte.

 

»Jepburn?« fragte die Dame leichthin. »Ja, ich kenne ihn oberflächlich. Er ist ganz interessant und verkehrt in den besten Kreisen. Ich vermute, es befremdete Sie, daß er mich ins Theater begleitete?«

 

Anthony lächelte.

 

»Solche Gedanken kommen mir nie«, log er. »Sind Sie denn mit ihm befreundet?«

 

»Nein!«

 

Die Antwort kam so entschieden und heftig, daß es ihm auffallen mußte. Aber sie nahm sich sofort wieder zusammen und sprach in ihrer alten Art weiter.

 

»Ach nein! Eigentlich wollte damals eine größere Gesellschaft ins Theater gehen. Lady Mambury hatte mich eingeladen. Da aber drei Teilnehmer plötzlich erkrankten, darunter auch Lady Mambury, so blieben nur wir beide übrig. Es war allerdings etwas unangenehm für mich.«

 

Er fühlte sich durch ihre Antwort beruhigt, was sie auch sofort bemerkte.

 

»Sie scheinen ihn nicht gern zu haben?«

 

»Mir ist er gleichgültig. Ich kann weder sagen, daß ich ihn gern habe, noch daß er mir unangenehm ist«, sagte er diplomatisch. »Aber er hat einen gewissen Ruf.«

 

»Welchen Ruf?« fragte sie.

 

Anthony war in einer unangenehmen Lage, denn er wünschte durchaus nicht, daß Mr. Jepburn aus zweiter Hand erfahren sollte, daß man ihn verdächtigte.

 

»Nun ja … man hört so allerhand. Hat er denn nicht irgendwie mit Spielklubs zu tun?«

 

Sie schwieg einen Augenblick.

 

»Ist das … Tatsache? Ich meine, glaubt man allgemein, daß er … derartige Einnahmequellen hat?«

 

»Ich möchte nicht gerade sagen, daß man es allgemein glaubt. Aber das ist der Eindruck, den ich von ihm habe.«

 

Wieder entstand ein Pause.

 

»Das ist aber doch schrecklich. Kennt Sie Mr. Jepburn?«

 

Anthony erzählte ihr, daß Mr. Jepburn nicht zu seinen Bekannten gehöre. Er hätte sich dazu gratulieren mögen, denn es war für sein Glück und Wohlbefinden notwendig, daß Mr. Jepburn nichts von ihm wußte.

 

Nach drei Tagen machte aber Anthony Newton doch seine Bekanntschaft. Jepburn speiste gewöhnlich in einem bekannten Restaurant zu Abend, wo ein Tisch für ihn reserviert war.

 

Anthony Newton setzte sich an diesem Abend auch dorthin. Er schien schon ein wenig angeheitert zu sein, und da er sich hartnäckig weigerte, von dem reservierten Tisch aufzustehen und allem Anschein nach willens war, eine Szene zu machen, winkte Mr. Jepburn dem Kellner, ihn sitzen zu lassen.

 

»Sie scheinen ja ein sehr entschiedener junger Mann zu sein«, sagte Mr. Jepburn und sah Anthony über seine goldene Brille hinweg freundlich an.

 

»Darauf können Sie sich verlassen«, entgegnete Anthony mit einem etwas schrillen Akzent, den er sonst nicht hatte. »Sehen Sie, ich bin ein Demokrat! Ich bin ein Feind aller Reservate! In meinem Vaterland sind alle Menschen gleich haben Sie das begriffen?«

 

»Dann sind Sie wohl Amerikaner?«

 

»Sicher bin ich das, und ich will froh sein, wenn ich wieder zu Hause bin, denn dies ist doch das langweiligste kleine Dorf, das ich jemals gesehen habe. Es ist hier ebenso interessant wie in der Prärie. Sie haben doch sicherlich das Buch über die Gophir-Prärien gelesen?«

 

Mr. Jepburn hatte mit Ausnahme seines Passes überhaupt noch kein Buch gelesen.

 

»Man kann in diesem Nest ja nicht einmal ausgehen«, beklagte sich Anthony. »Nächste Woche gehe ich nach Paris, vielleicht kann man sich dort besser amüsieren.«

 

Mr. Jepburn war plötzlich interessiert.

 

»Das hängt ganz davon ab, was Sie beanspruchen. Die einen Leute amüsieren sich auf diese, die anderen auf jene Weise. Hier in London können Sie alles haben, wenn Sie dafür zahlen. Aber vielleicht haben Sie nicht genügend Geld, mein Freund!«

 

Anthony war entrüstet.

 

»Was sagen Sie da? Ich könnte nicht zahlen? Schauen Sie einmal her.« Er zog ein Paket Banknoten aus der Tasche, die Mr. Jepburn neugierig betrachtete. »Nein, mein Herr, diese Stadt ist ein totes Nest. Ich habe neulich versucht, einige Fremde in meinem Hotel für ein Spielchen zu interessieren, aber sie dachten, ich wäre ein Räuber oder Wegelagerer, als ich zwanzig Pfund setzen wollte. Können Sie sich so etwas Langweiliges vorstellen?«

 

Mr. Jepburn sah sich im Raum um. Plötzlich entdeckte er einen seiner Leute und gab ihm ein Zeichen, näher zu treten.

 

»Darf ich Ihnen meinen Freund, Mr. …?«

 

»Swashbuck, Arthur R. Swashbuck von Kansas City«, sagte Anthony.

 

»Mein guter Bekannter – Mr. Smith«, stellte Mr. Jepburn den anderen vor. »Er kann Ihnen einmal die Stadt zeigen. Hier gibt es doch viel mehr zu sehen, als Sie denken.« Er warf Smith einen bedeutsamen Blick zu, und dieser erklärte, daß es noch viele Orte gäbe, die man gesehen haben müsse.

 

»Ich will jetzt gehen und die beiden jungen Herren allein miteinander lassen«, sagte Mr. Jepburn und verabschiedete sich. »Vielleicht kommen Sie in den nächsten Tagen auch hierher – setzen Sie sich dann bitte ruhig an meinen Tisch, wenn es Ihnen beliebt.«

 

»Darauf können Sie sich verlassen«, entgegnete Anthony keck.

 

Mr. Smith war ein distinguiert aussehender, junger Mann von tadelloser Erscheinung und Kleidung.

 

»Wer war denn eigentlich der Kerl?« fragte Anthony und sah hinter Jepburn her, der dem Ausgang zuschritt.

 

»Ach, das ist ein netter, alter Herr, den ich schon verschiedentlich getroffen habe. Er ist wirklich sehr liebenswürdig«, sagte Smith nachlässig. »Wie lange wollen Sie denn noch in London bleiben, Mr. Swashbuck?«

 

»Das hängt ganz davon ab, was London mir bieten kann. Bis jetzt ist es eine recht langweilige Stadt für mich.«

 

»Nun, wenn Sie heute abend mit mir ausgegangen sind, werden Sie anders darüber denken.« Und er führte sein Opfer zur Schlachtbank.

 

Mr. Smith schien eine Persönlichkeit von gesellschaftlicher Bedeutung zu sein. Er hatte einen kleinen, aber schönen und eleganten Wagen. Sein Chauffeur trug eine dezente, aber sehr solide Uniform.

 

»Es gibt hier in der Stadt viele Plätze, die im allgemeinen nicht bekannt sind«, sagte Mr. Smith, als sie durch die hellerleuchteten Straßen fuhren. »Ein Mann, der hier nicht Bescheid weiß, könnte jahraus, jahrein suchen und würde sie doch nicht finden. Ich bringe Sie jetzt zu dem Haus meines Freundes, Mr. Wetbury Vach.«

 

»Das ist ja sehr liebenswürdig von Ihnen«, entgegnete Anthony bedeutend höflicher.

 

»Oh, das hat nichts zu sagen. Ich habe schon so viele Freundschaftsdienste von Amerikanern erfahren, daß es mir ein großes Vergnügen ist, mich dafür dankbar zu erweisen.«

 

Bald darauf hielt der Wagen vor einem stattlichen Gebäude in Cadogan Gardens. Offenbar wurde getanzt, denn in den großen Gesellschaftsräumen im Erdgeschoß bewegte sich eine Gesellschaft vornehm gekleideter Damen und junger und älterer Herren. Später ging Mr. Smith auch mit Anthony in einen Salon im ersten Geschoß, in dem sich weniger Menschen aufhielten.

 

»Man hat hier ein kleines Spielchen aufgelegt«, sagte Mr. Smith gleichgültig. »Kennen Sie Trente-et-quarante? Es ist ganz interessant zuzusehen, aber ich würde Ihnen nicht raten zu spielen, obgleich in ganz London nirgends fairer gespielt wird als hier.«

 

In diesem Hause wurde am niedrigsten gesetzt. Mr. Jepburns Unternehmungen waren je nach den Vermögensverhältnissen seiner Opfer abgestuft.

 

»Ja, die Einsätze sind hier nicht sehr hoch«, sagte Mr. Smith beinahe entschuldigend. »Aber kommen Sie mit, ich werde Sie noch zu einem anderen Platz führen.«

 

Als sie wieder im Wagen saßen, erklärte Mr. Smith, daß er mit Mr. und Mrs. Cresslewaite befreundet sei, deren Haus in einer Straße in der Nähe des Berkeley Square lag. Als sie dort ankamen, öffnete ihnen ein Diener, und wieder fand Anthony, daß getanzt wurde. Aber im oberen Geschoß saßen ungefähr fünfzig Damen und Herren um einen großen, grünen Tisch, und hier war das Spiel schon aufregender.

 

»Man spielt auch hier Trente-et-quarante. Die Einsätze sind mit fünfzig Pfund begrenzt.«

 

Um drei Uhr morgens verabschiedete sich Anthony von seinem neuen Freund. Er war um hundert Pfund ärmer, aber die Erfahrungen, die er gesammelt hatte, waren ihm mehr wert als diese Summe. Er hatte im ganzen vier von Mr. Jepburns Häusern kennengelernt.

 

Anthony Newtons kleines Büro in der City diente weniger dem Geschäft; es war mehr ein Zufluchtsort für verarmte frühere Infanterieoffiziere. Denn nachdem Anthony einen gewissen Erfolg hatte, wurde den Besuchern Whisky-Soda angeboten. Hier versammelten sie sich und rauchten, bis die Luft dick und blau war. Sie sprachen weniger von alten Kriegserinnerungen als von ihrem harten Kampf ums Dasein.

 

Anthony kam am Montagmorgen nach seinem Ausflug in sein Büro und fand schon fünf prächtige, junge Leute dort, die sich den Wind auf den granatendurchfurchten Feldern Frankreichs um die Nase hatten wehen lassen, deren Ruhm und Ansehen jetzt aber etwas gelitten hatte.

 

»Anthony«, sagte Bill Farrel, »es ist auch nicht der Hauch einer blassen Hoffnung für uns alte Soldaten vorhanden. Frieden ist nun einmal die Hölle!«

 

Anthony blickte auf die nun schon reichlich abgetragenen Anzüge, in denen seine Kameraden vom Militär entlassen worden waren. Erinnerungen an jene heiteren und schönen Tage wachten in ihm auf, als jüngere Offiziere mit hundert Pfund in der Tasche so häufig waren wie Brombeeren im September. Er lachte bitter.

 

»Ich freue mich, daß ich euch heute morgen alle hier sehe. Wenn ihr nicht gekommen wäret, hätte ich den meisten von euch geschrieben.«

 

»Was hast du denn wieder vor, Anthony?« fragte Bill Farrel.

 

»Einen kleinen Raubzug«, entgegnete dieser gelassen.

 

Bill seufzte.

 

»Ich bin jetzt auf dem Punkt angekommen«, erklärte er, »daß ich mir aus meinen alten Strümpfen schwarze Masken schneide und meine Pistole wieder hervorsuche und sie gebrauchsfertig mache.«

 

Die anderen stimmten ihm bei.

 

»Niemand erwartet irgendeine bevorzugte Behandlung, weil er im Krieg war«, fuhr Farrel fort. »Wir wollen nur haben, daß unser Militärdienst in Frankreich während des Krieges nicht als ein Tadel oder ein Hindernis beim Fortkommen angesehen wird. Ich habe schon immer in der letzten Zeit darüber nachgedacht, daß es eigentlich das beste wäre, wenn ich einmal der Bank in der Nähe meiner Wohnung einen kleinen Besuch machte.«

 

»Den Plan kannst du dir ruhig aus dem Kopf schlagen«, erwiderte Anthony sofort. »Hört einmal zu. Ich habe euch eine neue Weltanschauung vorzutragen. Seht ihr denn nicht, daß der ganze überflüssige Reichtum der Welt in den Händen zweier Klassen ist – der Anständigen und der Unanständigen, der Ehrenwerten und der Diebe? Und da nun auch eine große Anzahl von Dieben herumläuft, die sich dieser Reichtümer bemächtigen wollen, so hat es gar keinen Zweck, daß ihr euch den Kopf damit zerbrecht, in ein Postamt oder eine Bank einzubrechen. Das Problem liegt vielmehr darin: Man muß einen Mann auffinden, der auf unrechte Weise zu seinem großen Vermögen gekommen ist. Hat der Kerl einen Mord auf dem Gewissen, um so besser. Wir Soldaten von hohem Verdienst und Wert befinden uns noch immer im Kriege mit Leuten, die ihr Geld auf unehrliche, gemeine Weise verdient haben und die gegen die Gesetze des Anstandes und der Ehre verstoßen!«

 

»Da hast du recht, Anthony!« rief Bob. »Aber gegen wen richtet sich denn unser nächster Plan?«

 

»Ihr könnt den Kerl täglich von sieben bis acht in Paronis Restaurant sehen. Er ist ein Blutsauger, ein Erpresser, ein gemeiner Schuft ohne Vaterland, einer, der die früheren Soldaten um ihren letzten Pfennig geprellt hat, ein männlicher Vampir!«

 

Er sah sich in dem Raum um. Alle schauten ihn erwartungsvoll und begierig an.

 

»Jungens«, sagte er feierlich, »meine verschiedenen Namen sind Ali Baba, Chu-chin-chao und Robin Hood, und ich werde eine Räuberbande zusammenstellen, aber nur für einen einzigen Anschlag. Unsere ruhmreiche Fahrt mag uns schließlich auch ins Gefängnis von Wandsworth bringen, aber das glaube ich nicht. Die Sympathien der Allgemeinheit werden auf eurer Seite sein, wenn man euch faßt, obwohl das wahrscheinlich nicht ausreichen würde, um euch vor Gefängnisstrafen zu schützen. Ich frage euch nun, wollt ihr mitmachen?«

 

Das Hurrageschrei, das sich jetzt erhob, störte die alten Rechtsanwälte, die in den Büros unter ihnen arbeiteten.

 

»Gehen Sie ruhig wieder hinunter und sagen Sie Ihren Chefs«, erklärte Anthony dem Angestellten, der heraufkam, um sich diesen Lärm zu verbitten, »daß es uns sehr leid tut, daß wir Ihnen solche Unannehmlichkeiten bereitet haben. Aber wenn die Sache zum Schlimmsten kommt, werden wir Ihnen auch unsere Verteidigung vor Gericht übertragen!«

 

Der bestürzte Büroschreiber brachte die Botschaft nach unten, aber seine Chefs konnten mit dem besten Willen nicht aus seinen Worten klarwerden. –

 

Am folgenden Mittwochabend, als die Straßen schon ganz verlassen dalagen, hielt ein großes Auto vor dem Haus Nr. 903 Cadogan Gardens. Es war ein alter Wagen, der einen dementsprechenden Lärm beim Fahren machte. Der arme Wagen war allerdings auch dazu berechtigt, denn er war stark überlastet. Acht Mann stiegen aus, und im günstigsten Fall war er für fünf Personen bestimmt.

 

Anthony klopfte an die Tür. Der livrierte Diener öffnete, aber bevor er irgendwie um Hilfe rufen oder die Klingel an dem Holzpaneel erreichen konnte, hatte sich Bill Farrel auf ihn geworfen und ihm mit der Hand den Mund verschlossen.

 

Einer der acht nahm seinen Posten an der Tür ein, die zum Salon führte, wo getanzt wurde. Die übrigen eilten unter Anthonys Führung die Treppe zu dem Spielsalon hinauf.

 

»Ruhe!« rief Anthony mit einer achtunggebietenden Kommandostimme durch den Raum. »Ich erkläre Sie alle für verhaftet. Nehmen Sie den Mann, Sergeant!« Er zeigte auf den Croupier, der zusammenzuckte.

 

Gleich darauf erhob sich ein Stimmengewirr, ein Schrei wurde laut, als eine Dame ohnmächtig umfiel, aber das waren ja Zwischenfälle, die in solchen Situationen nicht zu vermeiden waren. Anthony zog einen großen Leinensack hervor und fegte das ganze Geld, das auf dem Platz des Croupiers lag, rasch hinein, während Bill Farrel die Diener in einen besonderen Raum führte und dort einschloß.

 

»Ich kenne alle Ihre Namen und Adressen« sagte Anthony dann. »Ich werde Sie heute abend nicht verhaften, aber Sie bleiben hier in diesem Raum, bis mein Sergeant, der draußen Wache hält, Ihnen erlaubt, das Haus zu verlassen.«

 

Fünf Minuten später raste der Wagen zum Berkeley Square. Hier spielte sich derselbe Vorgang ab, nur leistete der Diener am Tor weniger Widerstand. Anthony eilte die Treppe hinauf, aber als er in den Spielsalon trat, blieb er plötzlich erschrocken stehen.

 

Denn die beiden ersten Menschen, die er sah, waren Jepburn und die Dame in Grau. Sie sprang entsetzt auf, als sie die vielen Leute im Gang sah. Jepburn blickte sich verzweifelt um und erhob sich dann auch langsam.

 

»Was hat das zu bedeuten?« fragte er.

 

Aber Anthony antwortete ihm nicht, er starrte nur die Frau an.

 

»Die Polizei«, sagte sie atemlos.

 

Anthony kam wieder zu sich.

 

»Alle Spieler stellen sich der Wand entlang auf!« befahl er. Mit drei Schritten war er an der Seite des Croupiers und warf wieder den großen Haufen Banknoten und Geld in seinen offenen Sack. Gleich darauf trat er zu Mrs. Martin.

 

»Ich muß mit Ihnen sprechen«, sagte er ruhig.

 

Er ging mit ihr auf das einsame Treppenpodest hinaus.

 

»Was machen Sie hier?«

 

»Ich bin – ich bin die neue Hausherrin«, stammelte sie.

 

»Was, die neue Dame des Hauses?« fragte Anthony, der seinen Ohren nicht trauen wollte. »Was meinen Sie damit?«

 

»Ich bin in der Schuld Mr. Jepburns. Er hat von mir Schuldscheine im Wert von dreitausend Pfund«, erklärte sie, vermied es aber, ihm in die Augen zu sehen.

 

»Aber ich dachte doch …«

 

»Sie dachten, ich wäre wohlhabend«, entgegnete sie bitter. »Aber Sie sehen, ich bin es nicht. Der arme Jim hat mir nur wenig Geld hinterlassen, das ich längst verbraucht habe.«

 

»Auf diese Art und Weise?« Er zeigte düster nach dem Spielsalon, und sie nickte.

 

»Warten Sie.«

 

Anthony ging zu Jepburn zurück, der drinnen in merkwürdig erregter, halb französischer und halb englischer Sprache auf den unerschütterlichen Farrel einsprach. Als Anthony zu ihm trat, sah er ihn haßerfüllt an.

 

»Sie waren also der Polizeibeamte? Das war sehr gerissen! Wenn ich das nur geahnt hätte!«

 

»Halten Sie den Mund!« rief Anthony. »Sie haben Schuldscheine von Mrs. Martin – wo sind sie?«

 

Jepburn kniff die Augenlider zusammen.

 

»Was wollen Sie damit machen?«

 

»Sie haben die Wahl, Jepburn. Entweder verhafte ich Sie und lasse Sie in Ihr Heimatland deportieren, oder ich ziehe meine Leute zurück und lasse von der ganzen Sache unter der Bedingung nichts verlauten, daß Sie mir die Schuldscheine von Mrs. Martin einhändigen.«

 

Mr. Jepburn dachte einen Augenblick nach.

 

»Gut, Sie sollen sie haben, wenn Sie mich nach Hause begleiten. Aber was wird aus dem Geld, das Sie genommen haben?«

 

»Das wird einem wohltätigen Zweck zugeführt«, erwiderte Anthony gewandt, »und zwar der Unterstützungskasse für frühere Offiziere.«