Kapitel 1

 

1

 

Unentschlossen stand ein Mann vor dem achtunggebietenden Portal von Cainbury House. In diesem großen Geschäftsgebäude befanden sich zahlreiche kleine Büros, die sich auf etwa dreißig verschiedene Gewerbe verteilten, wie man auf der Tafel lesen konnte. Die abgetragene Kleidung des Besuchers und seine abgetretenen Schuhe verrieten, daß er nicht sehr reich war. Er schien Ausländer zu sein; sein glattrasiertes, scharf geschnittenes Gesicht sah etwas melancholisch aus, und über seine dunklen Augen zogen sich schwarze gerade Brauen.

 

Er stieg die wenigen Stufen zu der Eingangshalle empor und stand nun nachdenklich vor der Firmentafel. Aber es dauerte nicht lange, bis er gefunden hatte, was er suchte. Oben auf der Liste der vielen Büros des fünften Stocks war deutlich zu lesen:

 

Der schlechte Ruf.

 

Er nahm einen Zeitungsausschnitt aus seiner Westentasche und verglich ihn mit dem Schild, dann trat er kurz entschlossen und fast vergnügt in die Halle, als ob all seine Zweifel geschwunden wären, und wartete auf den Fahrstuhl. Er hatte seinen Mantel bis oben zugeknöpft; sein Kragen war etwas abgenützt, sein Hemd trug er schon fast eine Woche lang, sein steifer Filzhut war ausgebessert, und bei näherer Betrachtung hätte man herausgefunden, daß er zwar Handschuhe in der Hand hielt, daß er sie aber nur zum Schein trug, da es zwei linke waren.

 

Als er den Lift betrat, sagte er mit leicht fremdartigem Akzent:

 

»Fünfter Stock!«

 

Bald war der Fahrstuhl oben, die Tür öffnete sich, und der etwas verbissen dreinschauende Liftboy zeigte ihm das gesuchte Büro. Wieder zögerte er und betrachtete die Tür sorgfältig. Die obere Hälfte war mit Milchglasscheiben versehen und trug nur die einfache Aufschrift:

 

Der schlechte Ruf. Redaktion.

Anklopfen.

 

Er klopfte, und die Tür öffnete sich, als ob sie von unsichtbarer Hand aufgetan würde. Er staunte, obwohl im Grunde nichts

 

5 Absonderliches an einer Bürotür war, die sich automatisch öffnen und schließen ließ.

 

Als er eintrat, befand er sich in einem nur spärlich möblierten Raum. Er sah einen Tisch, auf dem ein paar Zeitungen lagen, und einen Stuhl. Eine alte Schulkarte von England und eine Radierung von Landseer hingen an der Wand. Er lenkte seine Schritte zu der Tür am anderen Ende des Zimmers, und nach einem nochmaligen kurzen Zaudern klopfte er wieder.

 

»Herein«, sagte jemand.

 

Vorsichtig öffnete der Fremde und trat ein.

 

Der Raum war größer als der erste und luxuriös ausgestattet. Er bemerkte Stehlampen mit schönen Schirmen zu beiden Seiten eines breiten, reichgeschnitzten eichenen Schreibtisches. An der einen Wand stand ein großer Bücherschrank. Aus der Unordnung, die auf dem Schreibtisch herrschte, war zu entnehmen, daß sich in diesem Zimmer das eigentliche Hauptbüro der Redaktion befand.

 

Aber das Bemerkenswerteste an dem ganzen Raum war der Mann, der an dem Schreibtisch saß. Er war stark und kräftig gebaut, und nach seiner Stimme zu urteilen, mußte er in den besten Jahren stehen. Der Fremde konnte sein Gesicht nicht sehen, denn es war hinter einem Schleier von feinen, seidenen Spitzen verborgen, die wie ein Beutel über den Kopf gezogen und unter dem Kinn durch eine Schnur zusammengehalten waren.

 

Der Mann lachte leise, als er das Erstaunen des Besuchers sah.

 

»Nehmen Sie Platz«, sagte er auf französisch, »und erschrecken Sie nicht.«

 

»Mein Herr, seien Sie versichert, daß ich nicht im mindesten erschrocken bin. Mich hat noch nichts in der Welt aus der Fassung gebracht als meine eigene Armut und die Aussicht, einmal arm sterben zu müssen.«

 

Der verschleierte Mann schwieg eine Weile.

 

»Sie sind auf meine Annonce hin gekommen?« fragte er dann nach einer langen Pause.

 

Der Fremde verneigte sich leicht.

 

»Sie brauchen einen Assistenten, der verschwiegen ist, Kenntnisse in fremden Sprachen besitzt und außerdem kein Geld hat. Ich erfülle alle diese Bedingungen. Hätten Sie noch hinzugefügt, daß der Betreffende ein abenteuerliches Leben hinter sich haben müsse und keine Skrupel kennen dürfe, so würde auch das auf mich gepaßt haben.«

 

Der Fremde fühlte, daß der Mann am Schreibtisch ihn genau beobachtete, obwohl er seine Augen nicht sehen konnte. Es war eine lange und sorgfältige Prüfung.

 

»Ich denke, Sie werden meinen Anforderungen genügen.«

 

»Sicher«, entgegnete der Besucher kühl und gleichmütig. »Und nun ist es an Ihnen, mein Herr, mir Ihre näheren Bedingungen zu sagen, damit ich weiß, ob mir der Posten zusagt. Als Geschäftsmann müssen Sie wissen, daß zum Abschluß eines Geschäftes zwei Parteien gehören. Vor allem sagen Sie mir, welche Pflichten ich zu übernehmen habe.«

 

Der Mann am Schreibtisch lehnte sich zurück und steckte die Hände in die Taschen.

 

»Ich bin der Herausgeber einer kleinen Zeitung, die ausschließlich unter den Dienstboten der besseren Leute zirkuliert. Von Zeit zu Zeit erhalte ich interessante Mitteilungen über die Aristokratie und den Landadel, die von hysterischen französischen Zofen oder rachsüchtigen italienischen Kammerdienern eingesandt werden. Ich bin in diesen Sprachen gerade nicht sehr bewandert, glaube aber, daß in den Briefen viel enthalten ist, was mir infolge meiner Unkenntnis der Sprachen entgeht, was ich jedoch unter allen Umständen wissen möchte. Ich brauche deshalb jemanden, der verschwiegen ist, meine Auslandskorrespondenz erledigt, sie ins Englische übersetzt und mir außerdem kurze Inhaltsangaben der Briefe liefert, die von diesen guten Leuten kommen. Sie wissen, daß die Männer nicht vollkommen sind, noch weniger die Frauen, und am wenigsten diejenigen, die sich Dienstboten leisten können. Gewöhnlich haben diese Angestellten irgendwelche Geschichten zu erzählen, die ihrer Herrschaft nicht sehr zum Vorteil gereichen. Verstehen Sie, lieber Freund? Wie heißen Sie übrigens?«

 

Der Fremde zögerte einen Augenblick.

 

»Poltavo«, sagte er dann.

 

»Italiener oder Pole?«

 

»Pole.«

 

»Nun, ich sagte schon, daß die Redaktion der Zeitung bemüht ist, Nachrichten über alles zu sammeln, was in der Gesellschaft vorgeht. Besonders interessiert uns das, was sich hinter den Kulissen abspielt. Wenn man die Geschichten drucken kann, so drucken wir sie. Wenn sie dagegen nicht zur Veröffentlichung geeignet sind«, er machte eine längere Pause, »dann drucken wir sie eben nicht. Aber«, er hob warnend seinen Finger, »lassen Sie sich nicht dazu verleiten, solche Nachrichten in den Papierkorb zu werfen, weil sie Details enthalten, die man nicht veröffentlichen kann. Wir nehmen solche Dinge zu den Akten und bewahren sie zu unserem eigenen Vergnügen auf.« Er sagte dies leichthin, aber Poltavo ließ sich nicht täuschen.

 

Es trat wieder ein längeres Schweigen ein. Der Mann mit dem verschleierten Gesicht schien nachzudenken.

 

»Wo wohnen Sie?« fragte er schließlich.

 

»Im vierten Stock eines kleinen Hauses in Bloomsbury.«

 

»Wann sind Sie nach England gekommen?«

 

»Vor sechs Monaten.«

 

»Warum kamen Sie hierher?«

 

Poltavo zuckte die Schultern.

 

»Warum kamen Sie hierher?« wiederholte der Herausgeber der Zeitung mit Nachdruck.

 

»Es gab eine kleine Meinungsverschiedenheit zwischen mir und dem verehrungswürdigen Polizeichef von San Sebastian«, sagte Poltavo ebenso gleichgültig wie vorhin der andere.

 

»Hätten Sie mir etwas anderes erzählt, so wären Sie nicht engagiert worden.«

 

»Warum?« fragte Poltavo erstaunt.

 

»Weil ich weiß, daß Sie die Wahrheit sprechen. Ihr kleines Zerwürfnis mit der Polizei in San Sebastian hatte einen ganz bestimmten Grund. In dem Hotel, in dem Sie wohnten, wurde nämlich eine größere Geldsumme vermißt. Der Raum, in dem der Betrag verschwand, stieß direkt an Ihr Zimmer, er hatte sogar eine Verbindungstür zu diesem. Wenn also jemand schlau genug war, diese Tür mit einem Nachschlüssel zu öffnen, so war die Sache sehr einfach. Ihre Abreise ist auch beschleunigt worden, weil Sie nicht in der Lage waren, die Hotelrechnung zu bezahlen.«

 

»Sie sind ein tüchtiger Mann!« sagte Poltavo anerkennend, aber er zeigte sich nicht im geringsten bestürzt oder verwirrt.

 

»Es gehört zu meinem Geschäft, von allen Leuten etwas zu wissen – nebenbei bemerkt, können Sie mich Mr. Brown nennen. Wenn ich manchmal nicht aufmerksam scheine, wenn Sie mich so nennen, so müssen Sie das entschuldigen, denn in Wirklichkeit heiße ich nicht so. Sie sind also der Mann, den ich gebrauchen kann.«

 

»Es ist merkwürdig, daß Sie mich gefunden haben. Die Annonce« – er zeigte denselben Ausschnitt vor – »wurde mir nämlich von einem unbekannten Freund zugeschickt.«

 

»Dieser unbekannte Freund war ich selbst. Verstehen Sie jetzt den Zusammenhang?«

 

»Dann begreife ich allerdings. Aber das wichtigste ist für mich, wieviel Gehalt ich bekomme.«

 

Mr. Brown nannte eine Summe, die für Poltavo einen großen Betrag bedeutete. Der Herausgeber der Zeitung beobachtete ihn scharf und freute sich, als er erkannte, daß sein neuer Assistent weder erstaunt noch beeindruckt war.

 

»Sie werden mich selten in diesem Büro sehen. Wenn Sie gut arbeiten und ich Ihnen trauen kann, werde ich Ihr Gehalt verdoppeln. Wenn Sie mich aber enttäuschen sollten, dann können Sie sich in acht nehmen. Ich lasse nicht mit mir spaßen!«

 

Er erhob sich.

 

»So, das wäre alles, was ich Ihnen zu sagen habe. Sie werden sich morgen früh selbst die Tür öffnen. Hier ist der Schlüssel, und hier ist ein Schlüssel zu dem Geldschrank, in dem ich alle Korrespondenzen aufbewahre. Sie finden viele Schriftstücke darin, die die vornehmsten Mitglieder der Gesellschaft belasten, aber verflucht wenig, die irgendwie zu meinen Ungunsten sprechen. Ich erwarte, daß Sie Ihrem neuen Posten Ihre ganze Aufmerksamkeit widmen«, sagte er langsam und bedeutungsvoll.

 

»Sie können sich darauf verlassen –«, begann Poltavo.

 

»Warten Sie, ich bin noch nicht fertig. Wenn ich sage, daß Sie Ihrer neuen Stellung Ihre ganze Aufmerksamkeit widmen sollen, so meine ich damit, daß Ihnen keine Zeit bleiben darf, irgendwelche Nachforschungen nach meiner Persönlichkeit anzustellen. Durch eine besondere Einrichtung, die ich Ihnen nicht näher zu erklären brauche, bin ich nämlich in der Lage, dieses Haus zu verlassen, ohne daß jemand merkt, daß ich der Herausgeber dieser interessanten Zeitung bin. Wenn Sie mit der Lektüre der fremdsprachigen Korrespondenz fertig sind, so übersetzen Sie die Schreiben, die die wichtigsten Einzelheiten enthalten. Übergeben Sie die Übersetzungen dem Boten, der jeden Abend um fünf Uhr hierherkommen wird. Ihr Gehalt wird regelmäßig bezahlt werden. Um weitere Pflichten der Redaktion brauchen Sie sich nicht zu kümmern, auch haben Sie mit der Herausgabe der Zeitung selbst nichts zu tun. Warten Sie jetzt bitte fünf Minuten in dem äußeren Zimmer, dann können Sie zurückkommen und mit diesem Stoß von Briefen hier beginnen.«

 

Poltavo verneigte sich leicht und schloß dann die Tür sorgfältig hinter sich. Er hörte das Klappen eines Metallschlosses und wußte, daß dieselbe elektrische Anlage, die die äußere Tür geöffnet hatte, nun die innere schloß. Nach fünf Minuten drückte er auf die Klinke, sie gab nach, und er trat wieder in das innere Büro. Der Raum war leer. Eine Tür führte auf den Korridor hinaus, aber Poltavo war überzeugt, daß sein Chef nicht auf diesem Wege den Raum verlassen hatte. Er sah sich sorgfältig um, es war keine andere Tür zu entdecken. Aber hinter dem Stuhl, auf dem der verschleierte Mann gesessen hatte, stand ein großer Schrank. Er machte ihn auf, ohne jedoch der Lösung des Geheimnisses näherzukommen, wie Mr. Brown verschwunden war. Der Schrank war mit Büchern, Papier und Akten gefüllt. Poltavo begann nun, den ganzen Raum systematisch zu untersuchen. Er probierte alle Schubladen des Schreibtisches und fand sie unverschlossen, worauf sein Interesse an ihrem Inhalt sofort erlosch, denn er wußte genau, daß ein Mann von Mr. Browns großer Erfahrung schwerlich wichtige Schriftstücke in unverschlossenen Fächern zurücklassen würde. Achselzuckend begann er einen vorbereiteten Brief durchzulesen.

 

Sechs Wochen lang hatte Mr. Poltavo mit unermüdlichem Fleiß in seiner neuen Stellung gearbeitet. Jeden Freitagmorgen hatte er auf seinem Schreibtisch einen Briefumschlag gefunden, der an ihn adressiert war und zwei sorgfältig zusammengefaltete Banknoten enthielt. Jeden Abend um fünf Uhr kam ein Bote mit verschlossenen Gesichtszügen und nahm in einem großen Umschlag die Übersetzungen mit sich, die der Pole tagsüber angefertigt hatte.

 

Poltavo durchforschte alle Nummern der kleinen Zeitung, die er sich jede Woche kaufte. Er stellte fest, daß nur ein geringer Teil seiner Übersetzungen im Druck erschien. Offensichtlich verfolgte Mr. Brown mit der Herausgabe dieses Skandalblattes noch andere Zwecke. Der Schleier dieses Geheimnisses wurde teilweise gelüftet, als eines Nachmittags laut an der äußeren Tür des Büros geklopft wurde. Poltavo drückte auf den Knopf unter der Schreibtischplatte,, wodurch sich die Tür öffnete, und gleich darauf wiederholte sich das Klopfen an dem inneren Eingang.

 

Dann stand eine junge Dame zögernd in der Tür.

 

»Wollen Sie nicht näher treten?« fragte Poltavo und erhob sich.

 

»Sind Sie der Herausgeber dieser Zeitung?« fragte sie, als sie eintrat.

 

Poltavo verneigte sich. Er war immer bereit, irgendwelche Ehren entgegenzunehmen, die man ihm antun wollte. Hätte sie ihn gefragt, ob er Mr. Brown selbst sei, so würde er sich auch verneigt haben. Es kam ihm gar nicht darauf an.

 

»Ich habe einen Brief von Ihnen bekommen.« Sie trat an die andere Seite des Tisches, legte ihre Hand auf die Kante und sah ihn halb verächtlich, halb furchtsam an, wie ihm schien.

 

Er verneigte sich wieder. Er hatte zwar außer seinem Chef niemandem geschrieben, aber er hatte ein weites Gewissen.

 

»Ich schreibe viele Briefe«, erwiderte er gleichgültig, »und ich weiß wirklich nicht, ob ich Ihnen geschrieben habe oder nicht. Vielleicht kann ich den Brief einmal sehen?«

 

Sie öffnete ihre Handtasche, nahm einen Umschlag heraus, zog das Schreiben hervor und reichte es dem jungen Mann, der es interessiert betrachtete. »Der schlechte Ruf« stand als Briefkopf auf dem Bogen, aber die Adresse war durch einen dicken Federstrich unleserlich gemacht worden. Der Brief lautete:

 

Sehr geehrte gnädige Frau,

 

ich habe einige sehr wichtige Nachrichten erhalten, die Ihre Beziehungen zu Captain Brackly betreffen. Ich bin sicher, Sie können nicht dulden, daß Ihr Name mit diesem Mann in irgendeiner Weise verknüpft wird. Als Tochter und Erbin des verstorbenen Sir George Billk könnten Sie natürlich denken, daß Ihr Reichtum und Ihre Stellung in der Gesellschaft Sie von dem Gerede anderer Leute unabhängig machen, aber ich kann Ihnen versichern, daß die Mitteilungen, die mir zugegangen sind, schwerwiegende Folgen haben würden, wenn ich sie Ihrem Gatten unterbreitete.

 

Damit die Sache keine weiteren Kreise zieht und um Ihre Verleumder zum Schweigen zu bringen, ist unser Nachforschungsdepartement bereit, diese Skandalgeschichte zu unterdrücken. Die Kosten hierfür belaufen sich auf zehntausend Pfund, die in Banknoten an mich bezahlt werden müssen. Wenn Sie meinen Vorschlag annehmen, setzen Sie bitte eine Annonce in die Spalte »Verloren und gefunden« des »Megaphone«. Ich werde dann eine Zusammenkunft arrangieren, bei der Sie mir das Geld zahlen können. Versuchen Sie aber unter keinen Umständen, an mein Büro zu schreiben oder mich persönlich dort sprechen zu wollen.

 

Hochachtungsvoll

J. Brown

 

Poltavo las den Brief, und nun war ihm plötzlich die Aufgabe dieser Zeitung klar. Er faltete den Brief wieder zusammen und händigte ihn der jungen Dame aus.

 

»Vielleicht ist es nicht sehr klug von mir gehandelt«, sagte sie, »aber ich weiß, was Erpressung ist und wie Erpressung bestraft wird.«

 

Poltavo befand sich in einer gewissen Verlegenheit, aber nur einen Augenblick.

 

»Ich habe diesen Brief nicht geschrieben«, erwiderte er freundlich, »er wurde ohne mein Wissen abgesandt. Wenn ich vorhin sagte, ich sei der Herausgeber der Zeitung, so wollte ich damit nur andeuten, daß ich der stellvertretende Redakteur bin. Mr. Brown führt seine Geschäfte ganz unabhängig von mir. Ich weiß natürlich alles, was in der Redaktion vorgeht«, fügte er eilig hinzu, denn er war sehr begierig auf weitere Informationen, die ihm die junge Dame sicher nicht verweigerte, wenn sie ihn für einen maßgebenden Redakteur hielt. »Und ich kann Ihnen nachfühlen, daß Sie durch diesen Brief sehr beunruhigt worden sind.«

 

Ein Lächeln spielte um ihre Lippen. Poltavo war ein scharfer Beobachter von Frauen und wußte sofort, daß sie nicht nachgiebig und furchtsam war, sich auch nicht aus Angst vor Bloßstellung einschüchtern ließ.

 

»Ich kann diese Sache Captain Brackly und meinem Mann zur Regelung überlassen. Diesen Brief werde ich meinen Rechtsanwälten zeigen und ebenso den beiden Herren, die er angeht.«

 

Poltavo hatte gesehen, daß der Brief vor vier Tagen geschrieben war, und er sagte sich, daß »die beiden Herren, die er anging«, ihn niemals zu sehen bekommen würden, wenn er ihnen nicht schon in der ersten Erregung und im ersten Ärger gezeigt worden war.

 

»Ich glaube, Sie sind sehr klug«, erwiderte er beschwichtigend. »Was bedeutet überhaupt eine so kleine Unannehmlichkeit? Wer kümmert sich denn um die Veröffentlichung von ein paar Briefen?«

 

»Hat er tatsächlich Briefe?« fragte sie schnell mit verändertem Ton.

 

Poltavo verneigte sich wieder.

 

»Werden sie bestimmt zurückgegeben, wenn die Summe bezahlt wird?«

 

Poltavo nickte, und sie biß sich nachdenklich auf die Lippen.

 

»Ich verstehe.«

 

Sie schaute wieder auf den Brief, und ohne ein weiteres Wort verließ sie den Raum.

 

Poltavo begleitete sie bis zur äußeren Tür.

 

»Das ist die gerissenste Art der Erpressung«, sagte sie, als sie fortging, aber sie sprach ohne Erregung. »Ich habe jetzt nur noch zu überlegen, wobei ich am besten fahre.«

 

Poltavo ging in das innere Büro zurück. Als er die Tür öffnete, blieb er erstaunt stehen, denn in dem Stuhl, den er eben verlassen hatte, saß der verschleierte Mann.

 

Er lachte über die Verwunderung, die er in Poltavos Zügen las, aber er schien sich auch noch über einen anderen Gedanken zu amüsieren.

 

»Das haben Sie gut gemacht, Poltavo. Sie haben sich glänzend aus der Affäre gezogen.«

 

»Haben Sie denn die Unterredung belauscht?« fragte der Pole, der wirklich sehr überrascht war.

 

»Jedes Wort. Nun, was halten Sie davon?«

 

Poltavo zog einen Stuhl heran und setzte sich seinem Chef gegenüber.

 

»Ich halte die ganze Sache für sehr klug und schlau angelegt«, sagte er bewundernd. »Aber auf der anderen Seite glaube ich, daß ich zuwenig Gehalt bekomme.«

 

Mr. Brown nickte.

 

»Ich denke, Sie haben recht«, stimmte er zu. »Ich will sehen, daß Ihr Einkommen erhöht wird. Wie töricht war es doch von der Frau, hierherzukommen!«

 

»Entweder war sie eine dumme Person oder eine schlechte Schauspielerin!«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte Mr. Brown schnell.

 

Poltavo zuckte die Schultern.

 

»Ich zweifle nicht daran, daß alles, was ich eben erlebt habe, eine abgekartete Komödie war. Die Sache hat auch ihren Zweck erfüllt, denn es ist alles erreicht worden, was beabsichtigt wurde.«

 

»Und was wurde beabsichtigt?« fragte Mr. Brown neugierig.

 

»Sie wollten mir den wahren Charakter Ihres, Geschäfts enthüllen. Ich schließe das aus folgenden Anhaltspunkten.« Er zählte sie der Reihe nach an seinen langen weißen Fingern ab. »Nach der Adresse auf dem Briefumschlag hieß die Dame Lady Cruxbury, aber ihr wirklicher Name begann mit einem W, wie ich deutlich auf dem Silberbeschlag ihrer Handtasche lesen konnte. Denselben Buchstaben habe ich auch auf ihrem Taschentuch gesehen, das sie aus der kleinen Handtasche herauszog. Deshalb konnte sie nicht die Frau sein, an die der Brief gerichtet war, oder wenn sie es war, so war der Brief nur ein Bluff. In einer so wichtigen Angelegenheit wäre Lady Cruxbury in eigener Person gekommen. Ich glaube, daß es überhaupt keine Lady Cruxbury gibt und daß das Schreiben nur erfunden und mir überreicht wurde, um meine Verschwiegenheit zu prüfen. Sie beobachteten mich währenddessen von einem Versteck aus. Außerdem verfolgten Sie noch den Zweck, wie ich Ihnen ja schon sagte, mir die anderen Geschäfte Ihrer kleinen Zeitung klarzumachen.«

 

Mr. Brown lachte leise vor sich hin.

 

»Sie sind ein kluger Kopf, Poltavo«, sagte er dann bewundernd, »und sicher verdienen Sie eine Gehaltsaufbesserung. Ich gebe gern zu, daß die ganze Sache nur eine Komödie war. Sie kennen jetzt mein Geschäft. Sind Sie unter diesen Umständen bereit, Ihre Stellung beizubehalten?«

 

»Unter einer Bedingung.«

 

»Sagen Sie, was Sie wollen.«

 

»Ich bin ein armer Abenteurer«, begann Poltavo. »Mein Leben –«

 

»Hören Sie mit diesem Zeug auf«, unterbrach ihn Mr. Brown schroff. »Es fällt mir gar nicht ein, Ihnen ein Vermögen zu schenken. Ich habe die Absicht, Ihnen alles zu geben, was zum Lebensunterhalt notwendig ist, und außerdem noch so viel, daß Sie sich etwas Komfort und Luxus gestatten können.«

 

Poltavo ging zum Fenster und starrte hinaus. Plötzlich wandte er sich wieder um.

 

»Zu meinem Lebensunterhalt gehört aber auch eine Wohnung in der St. James’s Street, ein Auto, eine Loge in der Oper –«

 

»Von alledem werden Sie nichts bekommen. Nehmen Sie doch Vernunft an!«

 

Poltavo lächelte.

 

»Ich bin Ihnen ein Vermögen wert, weil ich Phantasie besitze. Zum Beispiel hier.« Er nahm einen Brief aus dem großen Stoß, der auf dem Pult lag, und öffnete ihn. Die Handschrift war südländisch großzügig, zeigte aber ein schlechtes Schriftbild. »Hier ist ein Brief von einem Italiener«, fuhr er fort, »der für die meisten Leute nur unangenehme Geschäftsdetails enthalten würde, aber für einen Mann meiner Art birgt er reiche Möglichkeiten in sich.« Er lehnte sich über den Tisch, und seine Augen glänzten vor Begeisterung. »Es ist möglich, daß man aus diesem Brief ein großes Vermögen schlagen kann. Das ist ein Mann, der mit den großen englischen Zeitungen in Verbindung kommen möchte, um die Identität und Lebensweise eines gewissen Mr. Fallock zu ergründen.«

 

Mr. Brown stutzte. »Fallock?« wiederholte er.

 

Poltavo nickte.

 

»Unser Freund Fallock hat ein ›großes, wunderbares Haus‹ gebaut, um den Brief unseres Korrespondenten zu zitieren, und in diesem Haus ist ein Millionenvermögen verborgen. Regt das Ihre Phantasie nicht an, mein lieber Kollege?«

 

»Er hat ein großes Haus gebaut?«

 

»Diese Leute berichten mir – habe ich eigentlich schon gesagt, daß dieser Brief von zwei verschiedenen Männern geschrieben wurde? –, daß sie einen Anhaltspunkt gefunden haben und daß sie sogar die Adresse Mr. Fallocks kennen. Sie sind sicher, daß er Verbrechen begeht. Aber sie brauchen eine Bestätigung ihrer Entdeckung.«

 

Mr. Brown schwieg und trommelte nervös mit seinen Fingern auf der Schreibtischplatte. Er hatte den Kopf auf die Brust gesenkt, als ob er über ein schwieriges Problem nachdächte.

 

»Das ist alles Kindergewäsch«, sagte er plötzlich rauh, »all dieses Gerede von verborgenen Schätzen. Ich habe früher auch schon von der Sache gehört. Es sind eben zwei Südländer mit einer lebhaften Phantasie. Wahrscheinlich haben sie angefragt, ob Sie ihnen das Fahrgeld schicken würden?«

 

»Genau das haben sie gefordert.«

 

Mr. Brown lachte unangenehm hinter seinen Schleiern und erhob sich.

 

»Das ist der spanische Gefängnistrick. Sie lassen sich doch durch derartige Skandalgeschichten nicht täuschen?«

 

Poltavo zuckte die Schultern.

 

»Ich spreche als ein Mensch, der selbst in einem spanischen Gefängnis geschmachtet hat«, erwiderte er lächelnd. »Auch ich habe, früher an wohlhabende Leute in England Briefe geschickt und sie gebeten, mich aus meiner bedrückten Lage zu befreien. Diese Befreiung konnte aber nur durch Zahlung großer Summen bewerkstelligt werden. Ich verstehe durchaus alle Einzelheiten dieses Manövers, aber wir spanischen Räuber, mein lieber Kollege, schreiben nicht in der Landessprache, wir schreiben in gutem oder schlechtem Englisch. Wir schreiben nicht in schlechtem Italienisch, weil wir doch wissen, daß die Empfänger unserer Briefe sich nicht die Mühe geben, diese übersetzen zu lassen. Nein, Mr. Brown, das ist kein spanischer Gefängnistrick. Dieser Brief ist echt, und alles, was darin steht, ist wahr.«

 

»Kann ich ihn einmal sehen?«

 

Poltavo reichte ihm das Blatt über den Tisch hinüber. Mr. Brown wandte einen Augenblick seinem Angestellten den Rücken zu, lüftete den Schleier und las den Brief. Dann faltete er ihn wieder zusammen und steckte ihn in die Tasche.

 

»Ich werde noch auf die Sache zurückkommen«, sagte er dann mit rauher Stimme. »Ich will es mir aber vorher noch überlegen.«

 

»Ich möchte Sie außer der Gehaltserhöhung noch um eine andere Gunst bitten.«

 

»Was soll das denn sein?«

 

Der Pole streckte die Hände mit einer Geste aus, die eine gewisse Selbstverachtung ausdrücken sollte.

 

»Ich gebe zu, daß es eine Schwäche von mir ist, aber ich möchte zu gern wieder in guten Kreisen verkehren – Sie verstehen, bei feingekleideten Herren und schönen Damen. Ich sehne mich nach einem Leben in der großen Gesellschaft. Ich weiß wohl, es ist töricht, aber ich möchte mit reichen Leuten, die an der Börse spekulieren, mit Finanzleuten, Politikern und Industriemagnaten auf gleichem Fuß verkehren. Auch ich möchte ein großzügiges Leben führen – ich liebe es, schöne Musik zu hören und gute Weine zu trinken.«

 

»Und was soll ich dabei tun?« fragte Brown argwöhnisch und unangenehm berührt.

 

»Verschaffen Sie mir Eingang in die große Gesellschaft«, erwiderte Poltavo liebenswürdig. »Besonders gern möchte ich diesen großen Handelsherrn kennenlernen, von dessen Geschäften ich schon so viel in den Zeitungen gelesen habe. Wie ist doch gleich sein Name? Richtig: Farrington.«

 

Mr. Brown saß eine Minute lang ruhig da. Dann erhob er sich, öffnete den Schrank und faßte mit der Hand hinein. Poltavo hörte ein Klicken, der Schrank mit seinem ganzen Inhalt schwang nach rückwärts, und er konnte einen Raum sehen, der zu einer anderen Reihe von Büros gehörte, die Mr. Brown auch gemietet hatte. Schweigend stand der verschleierte Mann in der Öffnung, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände auf dem Rücken.

 

»Sie sind wirklich sehr klug, Poltavo«, sagte er dann und ging in das andere Zimmer. Der Schrank schob sich wieder vor und verdeckte den Zugang.

 

Poltavo blieb ein wenig überrascht zurück.

 

Kapitel 10

 

10

 

Graf Poltavo war in diesen Tagen sehr beschäftigt. Er ging gerade die Treppe des großen Hauses hinauf, in dem er eine bescheidene Wohnung gemietet hatte. Er sah heiter und vergnügt aus und war mit sich und der Welt zufrieden.

 

Erst vor wenigen Monaten war er als abgerissener Abenteurer nach London gekommen und hatte kein anderes Besitztum gehabt als die Kleider, die er auf dem Leib trug. Er hatte wirklich Ursache, sich zu freuen. Denn plötzlich war er in die feinste Gesellschaft eingeführt worden und hatte einflußreiche Leute kennengelernt, die ihn weiterempfahlen, so daß er einen immer größeren Bekanntenkreis bekam. Er war der Berater einer der schönsten Frauen Londons und der Vertraute von Aristokraten geworden. Die Tatsache, daß ein eifersüchtiger junger Journalist sein unversöhnlicher Feind war und ihn am liebsten umbringen wollte, kümmerte ihn nicht viel. Er hatte das große Glück gehabt, das Geheimnis des verstorbenen Mr. Farrington zu erfahren. Durch Zufall hatte er die wahre finanzielle Lage dieses vermeintlichen Millionärs durchschaut und entdeckt, daß er ein Schwindler war, der wahrscheinlich mit dem mysteriösen Montague Fallock zusammenarbeitete. Die glänzende Stellung, die sich Farrington geschaffen hatte, war in Wirklichkeit ein Kartenhaus. Poltavo mußte nun noch herausbringen, ob sich Farrington durch die Zuneigung zu seiner Nichte davon hatte abhalten lassen, ihr Vermögen anzutasten, obgleich es sonst seine Gewohnheit war, auch seine Freunde und Bekannten bluten zu lassen. Auf alle Fälle war Graf Poltavo davon überzeugt, daß er vollständig Herr der Situation sei, als er oben die Tür zu seiner Wohnung aufschloß. Er hielt alle Trümpfe in der Hand, und daß er im Verlauf des Spiels die entzückende Doris Gray gewinnen konnte, trug nicht wenig zu seiner Befriedigung bei.

 

Er ging durch das Wohnzimmer in den Schlafraum und stand einige Augenblicke vor dem Spiegel. Es war seine Gewohnheit, sich zu betrachten und sich mit sich selbst zu unterhalten. Wenn man ihn deswegen verspottete und ihn eitel nannte, so gab er diese Eigenschaft eher zu, als daß er sie in Abrede stellte. Er behauptete, daß er sich mit niemand so offen unterhalten könne wie mit seinem Spiegelbild, vor dem er sich sicher fühlen dürfe.

 

Er war mit Recht vergnügt und fröhlich. Jeden Tag machte er weitere Fortschritte, so daß Doris Gray mehr und mehr unter seinen Einfluß, wenn auch nicht in seine Gewalt kam.

 

Er lebte allein in seiner Wohnung und hatte keine Dienstboten – außer einer alten Frau, die jeden Morgen kam, um die Zimmer in Ordnung zu bringen.

 

Während er noch vor dem Spiegel stand, klingelte es draußen. Er ging selbst, um zu öffnen, ohne daran zu denken, daß es ein wichtiger Besuch sein könne. Graf Poltavo hielt sich für nicht zu gut, die Milch selbst an der Tür in Empfang zu nehmen oder mit irgendeinem Händler auf dem Flur beim Einkauf zu feilschen. Es war notwendig, daß er sparsam mit seinem Gelde lebte, bis ihn das Schicksal in den Besitz größerer Mittel brachte.

 

Als er die Tür öffnete, trat er erschrocken einen Schritt zurück, machte dann aber eine leichte Verbeugung.

 

»Treten Sie bitte näher, Mr. Doughton.«

 

Frank ging durch den kleinen Vorraum und wartete, bis der Graf die Wohnungstür geschlossen und eine andere geöffnet hatte. Dann trat er in das Arbeitszimmer.

 

»Welcher Umstand verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?« fragte Poltavo, als er Frank einen Sessel hinschob.

 

»Ich möchte Sie in einer Angelegenheit sprechen, die Sie und mich angeht«, erwiderte der junge Mann etwas schroff und sah ihn scharf an.

 

Graf Poltavo nickte. Er erkannte sofort, daß Frank ihm feindlich gegenüberstand, aber er ließ sich dadurch nicht im mindesten einschüchtern oder verblüffen. Er hatte sich schon aus viel schwierigeren Situationen glänzend herausgezogen.

 

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen nur eine Viertelstunde zur Verfügung stellen kann. Wenn diese Zeit abgelaufen ist, muß ich zum Brakely Square fahren, wo das Testament unseres verstorbenen Freundes eröffnet wird –«

 

»Das weiß ich«, unterbrach ihn Frank. »Sie sind nicht der einzige, der eine Einladung erhalten hat.«

 

»Kommen Sie auch?« fragte der Graf etwas erstaunt. Er selbst war als Freund und Berater der verwaisten Doris Gray gebeten worden. Diese Stellung hatte ihm ein Brief verschafft, den Doris. erhalten hatte. Die wenigen Zeilen hatten ihr mitgeteilt, daß sie sich auf den Grafen in jeder Weise verlassen könne. Und wegen dieses Briefes war auch Frank Doughton gekommen.

 

»Graf Poltavo, am Tage nach dem Verschwinden Mr. Farringtons brachte ein Bote Miss Gray einen Brief.«

 

»Das ist mir bekannt«, erwiderte der Graf liebenswürdig.

 

»Der Brief betraf Sie. In dem Schreiben wurde Doris mitgeteilt, daß sie Ihnen durchaus vertrauen könne; außerdem wurde darin angedeutet, daß der Tote, den man in der Themse fand, nicht mit Mr. Farrington identisch sei.«

 

Poltavo runzelte die Stirn.

 

»Die Behörden haben aber eine andere Ansicht«, sagte er schnell. »Das Gericht hegte nicht den geringsten Zweifel, daß es Mr. Farrington war.«

 

»Was bei der Leichenschau festgestellt wird und was Scotland Yard darüber denkt, sind zwei ganz verschiedene Dinge«, entgegnete Frank trocken. »Der bewußte Brief hatte zur Folge, daß Miss Gray ihr Vertrauen auf Sie setzte, Graf, und von Tag zu Tag macht sie es mir durch ihre Haltung schwerer, ihre Interessen wahrzunehmen. Ich bin ein offener, ehrlicher Engländer, und ich sage geradeheraus, was ich meine.« Er schlug mit der Hand auf den Tisch. »Doris Grays Gemüt wird vergiftet und gegen mich aufgestachelt, obwohl ich doch keine andere Absicht habe, als ihr treu und ergeben zu dienen.«

 

Graf Poltavo zuckte lächelnd die Schultern.

 

»Mein lieber Freund, ich kann nicht annehmen, daß Sie zu mir kommen, um mich zu überreden, als Ihr Fürsprecher bei Miss Gray aufzutreten und sie zu veranlassen, anders über Sie zu urteilen, als sie es tut. Sollte das aber wirklich der Zweck Ihres Besuches sein, so kann ich Ihnen leider nicht helfen. Es gibt ein Sprichwort in der englischen Sprache, das ich für sehr wahr halte: ›In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt‹«

 

»In der Liebe?« fragte Frank.

 

»Ja, in der Liebe. Es ist nicht das Vorrecht irgendeines Mannes, die Liebe der ganzen Welt für sich als Monopol in Anspruch zu nehmen oder zu sagen: Diese Frau liebe ich, und kein anderer darf sie lieben. Alle Eigenschaften, die Sie an Miss Gray so bewundern, erscheinen mir ebenso verehrungswürdig wie Ihnen. Es ist ja schade, und ich möchte gern alles tun, um nicht mit Ihnen in Streit zu geraten, aber die Rivalität zwischen uns besteht nun einmal, und es hat keinen Zweck, das zu leugnen. Ich weiß, daß der verstorbene Mr. Farrington bestimmte Absichten mit seiner Nichte hatte, und ich schmeichle mir, daß diese sehr zu meinen Gunsten sprechen.«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte Frank scharf.

 

»Ich hatte mit Mr. Farrington hierüber eine Aussprache, und er sagte mir, daß er sich beruhigt fühlen würde, wenn Doris‘ Zukunft in meinen Händen läge.«

 

Frank erbleichte.

 

»Das ist eine gemeine Lüge! Ich habe Mr. Farringtons Ansichten hierüber ebensogut gekannt wie Sie – sogar besser, wenn Sie sie so auslegen wollen!«

 

»Wollen Sie mir darüber bitte Näheres mitteilen?«

 

»Ich lehne es ab, über diese Angelegenheit weiter mit Ihnen zu sprechen. Ich möchte Ihnen nur das eine sagen: Wenn ich entdecken sollte, daß Sie gegen mich arbeiten, sei es durch Lügen oder durch Intrigen, so soll es Ihnen leid tun, jemals meine Bekanntschaft gemacht zu haben!«

 

»Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Tür zeige«, sagte Graf Poltavo. »Leute meines Standes und meiner Familie lassen sich nicht gern derartige Drohungen sagen.«

 

»Ihren Stand kenne ich sehr wohl«, erwiderte Frank kühl. »Ihre Familie ist allerdings weniger bekannt. Wenn Sie mich zwingen, mich näher mit der Sache zu beschäftigen, und wenn ich selbst die Neigung verspüre, mich genauer zu informieren, so weiß ich, an wen ich mich zu wenden habe.«

 

»Und wer wäre das?« fragte der Graf und öffnete die Tür.

 

»Der Polizeichef von San Sebastian.«

 

Der Graf schloß die Tür hinter seinem Besucher und blieb einige Augenblicke nachdenklich stehen.

 

*

 

Die Menschen, die sich eine Stunde später in dem großen Wohnzimmer des Hauses am Brakely Square versammelten, waren niedergeschlagen und deprimiert. Zur Unzufriedenheit des Grafen war auch Frank erschienen. Er saß neben dem traurigen jungen Mädchen, und es war ihm gelungen, sie in eine Unterhaltung zu ziehen. Graf Poltavo hielt es nicht für ratsam, gerade in diesem Augenblick einen Versuch zu machen, die beiden voneinander zu trennen. Er konnte warten.

 

Auch Mr. Smith war anwesend.

 

Er hatte sich einfach dadurch eine Einladung verschafft, daß er den Rechtsanwalt, der die Testamentseröffnung vorzunehmen hatte, bat, ihn zuzuziehen. Gleichzeitig hatte er freilich bemerkt, daß er in amtlicher Eigenschaft und nicht als Freund erscheinen würde, wenn man ihm seine Bitte abschlage.

 

Der Seniorchef der bekannten Rechtsanwaltsfirma Debenham & Tree war bereits erschienen und saß mit seinem Sekretär an einem Tisch, der mit Dokumenten, Papieren und Schreibzeug bedeckt war. Es lag auch ein großes, versiegeltes Schriftstück dort, das der Sekretär sorgsam behütete und nicht aus den Augen ließ.

 

Für viele Anwesende war die Eröffnung des Testaments ein wichtiger Augenblick. Farrington hatte keine Privatschulden hinterlassen. In welcher Lage sich auch die Aktionäre der Gesellschaft befanden, die er leitete – er selbst war, soweit sein Privatvermögen in Betracht kam, in jeder Weise zahlungsfähig.

 

Die Nachforschungen Mr. Smiths hatten zu seinem großen Erstaunen ergeben, daß das Vermögen des jungen Mädchens verhältnismäßig sicher angelegt war. Mr. T.B. Smith kannte auch schon einen großen Teil des Testamentes, durch dessen Eröffnung drei Menschen sehr überrascht werden sollten. Er hatte viele der Angaben des Millionärs bestätigt gefunden.

 

Als Doris sich erhob und zu dem Rechtsanwalt ging, um ihn etwas zu fragen, kam Mr. Smith quer durch das Zimmer und setzte sich neben Frank Doughton.

 

»Sie waren doch mit Mr. Farrington befreundet?« fragte er.

 

Frank nickte.

 

»Kannten Sie ihn sehr gut?«

 

»Ich kann gerade nicht behaupten, daß ich eng mit ihm befreundet war, aber er war immer sehr liebenswürdig zu mir.«

 

»Wie äußerte sich das? Verzeihen Sie, daß ich Sie mit Fragen belästige, aber Sie wissen ja, daß ich allen Grund habe, mich für die Sache zu interessieren.«

 

Frank lächelte leicht.

 

»Ich glaube nicht, daß Sie Mr. Farrington sehr wohlgesinnt waren. Ich wundere mich sogar, daß Sie hier erschienen sind, nach jenen Vorgängen im Theater.«

 

»Sie meinen, weil ich ihn verhaften wollte?« erwiderte Mr. Smith. »Das hätte Sie doch nicht in Erstaunen setzen dürfen. Selbst Millionäre sind manchmal in merkwürdige, gesetzwidrige Angelegenheiten verwickelt. Aber ich möchte wirklich gern wissen, warum Mr. Farrington Ihnen gegenüber besonders liebenswürdig war.«

 

Frank zögerte. Wenn Mr. Farrington auch Fehler gehabt haben mochte, so wollte er doch nach seinem Tode nichts Nachteiliges über ihn sagen oder den Behörden eine Handhabe gegen ihn geben.

 

»Er hat mir einen sehr guten Auftrag gegeben, durch den ich viel Geld hätte verdienen können.«

 

Das Interesse des Detektivs erwachte.

 

»Welchen Auftrag hat er Ihnen denn gegeben?«

 

Frank erzählte ihm so kurz wie möglich die Gesichte von den Nachforschungen nach dem Erben der Tollington-Millionen.

 

»Aber ich war nicht der Mann für diese Aufgabe«, sagte er dann mit einem entschuldigenden Lächeln. »Es wäre viel besser gewesen, wenn er sich an Sie gewandt hätte. Ich fürchte, daß ich keine Veranlagung zum Detektiv habe. Aber er bestand darauf, daß ich die Sache in die Hand nähme.«

 

Mr. Smith war nachdenklich geworden.

 

»Mir ist auch etwas von den Tollington-Millionen bekannt. Es handelt sich um den Nachlaß des Holzkönigs der Vereinigten Staaten, der, ohne ein Testament zu hinterlassen, starb. Man nimmt an, daß seine Erben hier in England wohnen. Wir haben auch einige Mitteilungen darüber erhalten.«

 

Er runzelte die Stirn, als ob er sich an alle Einzelheiten des Falles erinnern wollte.

 

»Natürlich! Mr. Farrington war ja einer der Treuhänder, er war auch ein persönlicher Freund des verstorbenen Tollington. Aber dieses Geld konnte er nicht angreifen«, sagte er halb zu sich selbst, »denn die anderen Testamentsvollstrecker sind Leute von untadligem Ruf, die in der Finanzwelt Amerikas eine große Rolle spielen. Ich danke Ihnen für Ihre Angaben. Ich werde mich mit dieser Sache auch noch beschäftigen, und wenn ich Ihnen behilflich sein kann, Mr. Farringtons Auftrag auszuführen, so seien Sie sicher, daß ich alles für Sie tun werde.«

 

Der Rechtsanwalt erhob sich mit einem Räuspern. Er hielt das große Schriftstück in der Hand.

 

»Meine Damen und Herren«, begann er, als es ruhig geworden war. »Es ist meine Pflicht, das Testament des verstorbenen Mr. Farrington hier zu verlesen, und da es eine große Anzahl der Anwesenden angeht, wäre ich Ihnen zu großem Dank verpflichtet, wenn Sie absolute Ruhe bewahren wollten.«

 

Dann verlas er die Einleitung. Wie gewöhnlich waren zuerst einige kleine Summen für wohltätige Zwecke ausgesetzt worden.

 

Der Rechtsanwalt schaute über seine Brille.

 

»Ich brauche Ihnen wohl kaum mitzuteilen, daß keine Mittel in der Vermögensmasse vorhanden sind, um die Wünsche des Verstorbenen in diesem Punkte zu erfüllen«, sagte er nachdrücklich. »Dieser Abschnitt des Testaments geht von der Voraussetzung aus, daß bei dem Tode Mr. Farringtons eine gewisse Summe vorhanden sei, was aber, wie ich fürchte, nicht der Fall ist. Das Testament fährt fort:

 

›Da ich weiß, daß meine liebe Nichte ausreichend versorgt ist, kann ich hier nur noch einmal meine Zuneigung und Liebe zu ihr aussprechen, und es mag als meine letzte Bitte und mein letzter Wunsch angesehen werden, daß sie so bald als möglich den Mann heiratet, den ich ihr als Gatten und Beschützer wünsche.‹«

 

Zwei Männer in dem Zimmer waren aufs äußerste gespannt, ob ihre Vorahnung bestätigt werden würde.

 

»›Und dieser Mann‹«, fuhr der Rechtsanwalt feierlich fort, »›ist mein guter Freund Frank Doughton.‹«

 

Frank holte tief Atem, Doris unterdrückte einen Ausruf. Graf Poltavo wurde rot und weiß, und seine Augen blitzten gefährlich. Mr. Smith, der diese Stelle des Testamentes gekannt hatte, beobachtete die drei Menschen genau. Er sah die Bestürzung des Mädchens, die Wut in Poltavos Augen und das Erstaunen in Franks Gesicht, als der Rechtsanwalt weiterlas.

 

»›Da ich die Ungewißheit der heutigen Kapitalsanlagen kenne und da ich fürchtete, daß das mir anvertraute Vermögen durch irgendeinen Unglücksfall verlorengehen könnte, habe ich das gesamte Vermögen von Doris Gray im Werte von achthunderttausend Pfund in einem Tresor der London-Safe-Deposit-Bank hinterlegt. Kraft der Vollmacht, die mir ihr verstorbener Vater gegeben hat, habe ich meinen Rechtsanwälten den Auftrag gegeben, ihr den Schlüssel einzuhändigen und ihr die Berechtigung zur Öffnung des Safes zu geben – und zwar an dem Tage, an dem sie Frank Doughton heiratet. Sollte sie sich aus irgendeinem Grunde weigern, meinen Wunsch in dieser Beziehung zu erfüllen, so bestimme ich, daß ihr das Vermögen fünf Jahre lang vorenthalten wird, von dem Tage meines Todes an gerechnet!‹«

 

Ein tiefes Schweigen folgte. Mr. Smith sah, wie sich der Ausdruck in Poltavos Gesicht änderte. Zuerst war der Graf wütend gewesen, dann erstaunt und nun argwöhnisch. Mr. Smith hätte viel darum gegeben, in der Seele dieses Abenteurers lesen zu können.

 

Wieder erhob sich die Stimme des Rechtsanwalts.

 

»›Frank Doughton vermache ich die Summe von tausend Pfund, um ihn bei den Nachforschungen nach den Erben des Tollington-Vermögens zu unterstützen. Mr. T.B. Smith, dem bekannten Beamten von Scotland Yard, den ich kennengelernt habe und dessen Fähigkeiten ich aufs höchste schätze, vermache ich ebenfalls die Summe von tausend Pfund als Belohnung für die vielen Dienste, die er der Menschheit und der Zivilisation geleistet hat. Ich bestimme ferner, daß er an dem Tage, an dem er Montague Fallock, den größten und gefährlichsten Feind der menschlichen Gesellschaft, entlarvt, abermals tausend Pfund von den Treuhändern meines Vermögens ausgezahlt erhalten soll.‹«

 

Der Rechtsanwalt sah von dem Dokument auf.

 

»Auch die Ausführung dieses Abschnittes hängt von gewissen Voraussetzungen ab, Mr. Smith.«

 

Der Detektiv lächelte.

 

»Das verstehe ich vollkommen«, sagte er ruhig. »Obwohl Sie es wahrscheinlich nicht verstehen«, fügte er so leise hinzu, daß es niemand hören konnte.

 

Diesen Absatz des Testaments hatte er noch nicht gekannt, denn die letzte Fassung des Schriftstücks war erst einige Tage vor dem Unglücksfall, der dem Leben Gregory Farringtons ein Ende gesetzt hatte, ausgefertigt worden.

 

Es waren noch einige Bestimmungen zu verlesen. Ein paar Schmuckstücke hatte Mr. Farrington seinem lieben Freund, dem Grafen Ernesto Poltavo, vermacht. Damit endete das Testament.

 

»Ich habe nur noch zu sagen«, bemerkte der Rechtsanwalt, als er sorgsam seine Brille abnahm und in das Futteral steckte, »daß auf der Bank Mr. Farringtons eine große Geldsumme deponiert ist. Es ist aber Sache des Gerichtshofes, zu entscheiden, inwieweit dieses Geld dazu verwendet werden muß, die Schulden zu begleichen, die durch die Amtsführung des Verstorbenen als Leiter einer öffentlichen Gesellschaft entstanden sind. Das heißt, es ist eine Frage der Rechtsprechung, ob das Privatvermögen des verstorbenen Mr. Farrington ganz oder teilweise beschlagnahmt werden wird, um die Gläubiger zu befriedigen.«

 

Als er geendet hatte, setzten sofort lebhafte Diskussionen ein. Poltavo ging mit schnellen Schritten zu dem Rechtsanwalt, und die beiden sprachen ein paar Augenblicke miteinander. Dann wandte sich Graf Poltavo plötzlich um und verließ das Zimmer. Der Detektiv hatte den Vorgang beobachtet und war ihm gefolgt. Er holte ihn in der Halle ein.

 

»Kann ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Graf?« fragte er. Sie gingen zusammen die Treppe hinunter und traten auf die Straße. »Sie sind durch das Testament sehr überrascht worden?«

 

Graf Poltavo hatte sich wieder vollkommen in der Gewalt. Wenn man jetzt sein lächelndes Gesicht sah und seine ruhigen Worte hörte, hätte man nicht annehmen können, daß ihn die Verlesung des Testamentes irgendwie beeindruckt hätte.

 

»In gewisser Weise bin ich erstaunt, das muß ich zugeben. Ich verstehe nicht ganz, warum mein Freund Farrington Bestimmungen getroffen hat, die –« Er zögerte.

 

»Sie meinen: die die Zukunft Miss Grays betreffen?« vollendete Mr. Smith den Satz.

 

Plötzlich verlor Poltavo seine Selbstbeherrschung wieder und schrie Mr. Smith förmlich an, obwohl sein Zorn sich nicht gegen diesen Beamten richtete.

 

»Dieser gemeine Hund«, rief er wütend, »mir so etwas anzutun! Aber das kann nicht sein, und das darf nicht sein – ich sage es Ihnen! Diese Frau bedeutet mehr für mich, als Sie sich denken können! Kann ich einmal privat mit Ihnen reden?«

 

»Ich dachte mir, daß Sie diesen Wunsch vielleicht hätten.«

 

Mr. Smith hob die Hand und gab ein kaum wahrnehmbares Zeichen. Ein Auto, das ihnen auf der anderen Seite der Straße langsam gefolgt war, fuhr plötzlich quer über die Straße und hielt neben dem Gehsteig.

 

Mr. Smith öffnete die Tür, und Graf Poltavo stieg ein. Der Detektiv folgte ihm, ohne dem Chauffeur weitere Anweisungen zu geben. Der Wagen fuhr durch West End, bis er schließlich vor Scotland Yard hielt.

 

Als sie in das Büro von Mr. Smith eintraten, hatte Poltavo seine Fassung wiedergewonnen. Er ging in dem Zimmer auf und ab, hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und den Kopf gesenkt.

 

»Nun, was wollten Sie mir sagen?« begann Mr. Smith, der an seinem Schreibtisch Platz genommen hatte.

 

»Ich hätte Ihnen sehr viel zu sagen«, erwiderte Poltavo ruhig. »Und ich überlege gerade, was mehr in meinem Interesse liegt: jetzt zu sprechen oder noch länger zu schweigen.«

 

»Ihr Schweigen würde sich wohl auf die Tatsachen beziehen, die Sie über Mr. Farrington wissen?« fragte Mr. Smith leichthin. »Vielleicht kann ich Ihnen bei dieser schweren Arbeit ein wenig helfen.«

 

»Ich glaube nicht. Sie können unmöglich so viel über diesen Mann wissen wie ich. Ich beabsichtigte ursprünglich«, sagte er dann frei heraus, »Ihnen viel mitzuteilen, was Sie sehr in Erstaunen gesetzt hätte. Aber ich halte es für ratsam, noch einen oder zwei Tage zu warten, um einigen Leuten, die an dieser Sache interessiert sind, die Möglichkeit zu geben, ihr Unrecht wiedergutzumachen. Ich muß sofort nach Paris fahren.«

 

Mr. Smith entgegnete nichts. Es hatte keinen Zweck, jetzt auf eine Mitteilung zu drängen. Er war fest überzeugt, daß Poltavo noch sprechen würde, wenn er auch im Augenblick seine Selbstbeherrschung wiedererlangt hatte. Mr. Smith konnte warten und begnügte sich damit, seinen unerwarteten Gast zu unterhalten.

 

»Ein sonderbarer Platz«, meinte der Graf, als er sich in dem Zimmer umsah. »Dies ist also Scotland Yard! Das Polizeipräsidium, vor dem sich alle Verbrecher fürchten, das selbst die Verbrecherwelt Polens kennt.«

 

»Ja, es ist wirklich ein eigenartiger Ort. Soll ich Sie einmal zu der interessantesten Stelle führen?«

 

»Ich wäre Ihnen zu großem Dank verpflichtet.«

 

Mr. Smith führte ihn den Gang entlang, klingelte nach dem Fahrstuhl und fuhr mit Poltavo in den dritten Stock. Dort befand sich am Ende eines langen Korridors ein großer Saal, in dem Aktenschrank neben Aktenschrank stand.

 

»Das ist unsere Registratur«, erklärte der Detektiv. »Sie ist besonders für Sie von großem Interesse, Graf.«

 

»Warum gerade für mich?« fragte Poltavo lächelnd.

 

»Weil ich annehme, daß Sie sich für die Entdeckung von Verbrechern interessieren«, erwiderte Mr. Smith gleichgültig.

 

Er ging scheinbar ziellos eine lange Reihe von Schränken entlang, aber plötzlich blieb er stehen.

 

»Hier finden Sie zum Beispiel die Akten eines merkwürdigen Mannes.« Er zog, ohne lange zu suchen, eine Schublade auf, ließ seine Finger über einen großen Stoß von Mappen gleiten und nahm eine davon heraus. Dann winkte er den Grafen zu sich an einen polierten Tisch, der in der Nähe des Fensters stand, und zog zwei Stühle heran. »Nehmen Sie doch, bitte, Platz. Ich werde Sie mit einem der kleineren Verbrecher bekannt machen.«

 

Graf Poltavo beugte sich interessiert vor, als Mr. Smith die Mappe öffnete, zwei Aktenstücke herausnahm und sie auf den Tisch legte.

 

Er schlug das erste auf: die Fotografie eines militärisch aussehenden Mannes in russischer Uniform lag obenauf. Poltavo sah sie und blickte auf. Sein Gesicht zuckte.

 

»Das war der Militärgouverneur von Polen«, sagte Mr. Smith leichthin. »Er wurde vor Jahren von einem Mann ermordet, der sich als sein Sohn ausgab.«

 

Der Graf hatte sich erhoben, er zitterte am ganzen Körper.

 

»Ich habe ihn niemals gesehen«, stammelte er. »Es ist sehr schwül – Sie haben keine Ventilation hier.«

 

»Warten Sie ein wenig.« Der Detektiv nahm das zweite Aktenstück, zog die Fotografie eines schmucken jungen Mannes heraus und legte sie neben die andere.

 

»Kennen Sie diesen Herrn?«

 

Er erhielt keine Antwort.

 

»Es ist das Bild des Mörders. Unglücklicherweise war dies nicht sein einziges Verbrechen. Sie werden bemerken, daß zwei verschiedene Aktenstücke hier liegen, die die Fortschritte unseres jungen Freundes auf dem Weg zum Galgen zeigen.«

 

Er suchte eine dritte Fotografie heraus, die ein hübsches Mädchen in russischer Bauerntracht zeigte. Die Aufnahme war offensichtlich auf einem Kostümball gemacht worden, denn das feine Gesicht und die zarte Gestalt paßten wenig zu dem Kleid.

 

»Das ist Prinzessin Lydia Bontasky – ein Opfer seines Verrats. Hier noch ein anderes.«

 

Das vierte Bild zeigte ein trauriges, von Sorgen bedrücktes Gesicht.

 

»Diese Frau wurde von unserem hochgemuten jungen Freund angeschossen und starb an ihren Verletzungen. – Hier sind Einzelheiten über einen Bankraub, der vor fünf Jahren von Leuten organisiert wurde, die sich Anarchisten nannten, in Wirklichkeit aber ganz gewöhnliche Verbrecher waren, die keine Achtung vor dem Menschenleben hatten. Aber ich sehe, das interessiert Sie alles nicht.«

 

Er schloß das Aktenstück und legte es in die Mappe zurück, bevor er den Grafen anschaute, dessen Gesicht totenbleich war.

 

»Es ist sehr interessant«, stotterte Poltavo.

 

Er schwankte durch das Zimmer und hatte sich noch nicht erholt, als sie den Gang wieder betraten.

 

»Hier ist der Ausgang«, sagte Mr. Smith und zeigte auf die breiten Stufen. »Ich rate Ihnen, vorsichtig zu sein, Graf Poltavo. Es wird meine Pflicht sein, Ihre eigene Polizei davon zu unterrichten, daß Sie augenblicklich in diesem Lande weilen. Ob sie etwas unternimmt oder nicht, ist eine zweifelhafte Angelegenheit. Ihre Landsleute sind ja nicht besonders energisch, wenn es sich um Verbrechen handelt, die fünf Jahre zurückliegen. Aber ich warne Sie.« Er ließ seine Hand schwer auf die Schulter des anderen fallen. »Wenn Sie sich mir in den Weg stellen, werden Sie in Schwierigkeiten kommen, die viel ernstere Folgen für Sie haben.«

 

Drei Minuten später trat Poltavo wie ein Schlafwandler aus Scotland Yard hinaus. Er rief das erste Taxi an, das vorüberkam; und fuhr nach Hause. Nach zehn Minuten verließ er seine Wohnung wieder mit einem Handkoffer.

 

Er fuhr zu dem Grand-Marylebone-Hotel.

 

Inspektor Ela, der jede seiner Bewegungen überwachte, folgte ihm in einem anderen Wagen. Er wartete, bis Poltavo das Hotel betreten hatte, stieg dann in einiger Entfernung von der Tür aus und ging nachlässig zu dem Eingang.

 

Es war nichts von Poltavo zu sehen.

 

Ela schlenderte durch den Korridor hinunter in den großen Palmenhof. Von hier führte ein anderer Eingang zur Marylebone Road. Ela eilte durch die große Drehtür zum Vestibül.

 

Ja, der Portier hatte den Herrn gesehen: Er hatte ein Auto angerufen und war vor einer knappen Minute abgefahren.

 

Ela verwünschte sich selbst, daß er so töricht gewesen war.

 

Er berichtete Mr. Smith telefonisch von dem Resultat seiner Verfolgung. Der Detektiv war wenig erfreut.

 

»Ich glaube trotzdem zu wissen, wo wir ihn fassen können«, sagte er zu Ela. »Erwarten Sie mich am Waterloo-Bahnhof, wir müssen den 6-Uhr-Zug nach Great Bradley erreichen.«

 

Kapitel 11

 

11

 

»Sie möchten Mr. Moole sprechen?« fragte Dr. Fall.

 

»Ja«, erwiderte Poltavo, der am Eingang des »geheimnisvollen Hauses« stand.

 

Nach einem kurzen, prüfenden Blick ließ ihn der Doktor ein und schloß die Tür hinter ihm.

 

»Sagen Sie mir, was Sie wünschen!« Er hatte die sonderbare Handbewegung Poltavos gesehen – das Paßzeichen, das ihm schon zu vielen sonderbaren Leuten Zugang verschafft hatte.

 

»Ich möchte Farrington sehen!« erwiderte Poltavo kühl.

 

»Farrington!« Dr. Fall zog die Augenbrauen hoch.

 

»Ja – spielen Sie doch keine Komödie, Fall. Ich muß ihn dringend sprechen. Ich bin Poltavo.«

 

»Das weiß ich«, sagte Dr. Fall ruhig. »Aber warum Sie hierherkommen und glauben, daß der verstorbene Mr. Farrington ein Bewohner dieses Hauses sei, kann ich nicht verstehen. Sie befinden sich hier in einer Irrenanstalt, nicht in einem Totenhaus«, sagte er mit grimmigem Humor.

 

Aber er führte ihn trotzdem die Treppe hinauf zu dem Wohnzimmer im ersten Stock.

 

»Um was handelt es sich?« fragte er dort.

 

Poltavo hielt es für richtiger, sein Erlebnis mit Mr. Smith zu erzählen, als den wahren Grund seines Besuches zu enthüllen.

 

Fall hörte ihm schweigend zu.

 

»Ich zweifle sehr daran, daß er Sie sehen will. Er ist in seiner schlechtesten Verfassung. Aber ich will einmal zu ihm gehen und mich nach seinen Wünschen erkundigen.«

 

Zehn Minuten später kehrte er zurück und winkte Poltavo. Er führte ihn zu dem Zimmer, in dem der bettlägerige Mr. Moole untergebracht war.

 

Ein Mann wandte sich um, als die beiden eintraten. Es war tatsächlich Farrington – derselbe Farrington, der an jenem Abend aus der Loge im Jollity-Theater verschwunden war.

 

Der große Mann nickte nur kurz.

 

»Warum sind Sie hierhergekommen und haben die Hälfte aller Detektive Londons auf meine Spur gehetzt?« fragte er barsch.

 

»Ich glaube nicht, daß Sie es nötig haben, sich um die Detektive Londons zu kümmern.« Poltavo sah Dr. Fall von der Seite an. »Ich möchte Sie allein sprechen.«

 

Farrington gab dem Arzt einen Wink, und Dr. Fall verließ den Raum.

 

Poltavo ging nun mit schnellen Schritten auf Farrington zu.

 

»Ich möchte wissen – Sie verräterischer Hund –, was Ihr verrücktes Testament bedeuten soll!«

 

»Sie können sich auch setzen«, erwiderte Farrington kühl. »Es ist Zeit, daß Ihnen klar wird, Poltavo, daß ich nicht der Mann bin, von dem man Rechenschaft verlangt, warum er dies oder jenes getan hat. Ich gestatte keinem Menschen, wer es auch immer sei, so mit mir zu sprechen, wie Sie es tun.«

 

»Sie wissen, daß Sie in meiner Hand sind«, sagte Poltavo großspurig. »Ist Ihnen bewußt, daß Ihr ganzes Kartenhaus einfällt, wenn ich nur den kleinen Finger hebe?«

 

»Wenn Sie alles wüßten, was ich weiß, würden Sie Ihre Zunge im Zaum halten. Setzen Sie sich – was wollen Sie denn eigentlich?«

 

»Warum haben Sie die Bestimmung in Ihr Testament eingefügt, daß Doris diesen niederträchtigen Doughton heiraten soll?«

 

»Ich hatte guten Grund, das zu tun.«

 

»Dann klären Sie mich darüber auf«, rief Poltavo wütend.

 

»Das fällt mir gar nicht ein!« Farrington lachte böse. »Es genügt, wenn ich Ihnen sage, daß ich das Glück des Mädchens im Auge hatte. Haben Sie denn noch nicht verstanden«, fuhr er schnell fort, »daß das einzige in meinem Leben, was unantastbar und gut ist, die Liebe zu meiner Nichte ist? Ich will sie glücklich sehen, und ich weiß, daß sie nur mit Doughton wirklich ganz glücklich werden kann.«

 

»Sie sind verrückt«, fuhr Poltavo auf. »Sie ist schon halb in mich verliebt.«

 

»In Sie?« Farrington kniff die Augen zusammen. »Das ist ganz unmöglich.«

 

»Warum soll das unmöglich sein?« fragte Poltavo laut und heftig und schlug ärgerlich auf den Tisch.

 

»Aus vielen Gründen. Sie sind nicht einmal würdig, ihr Untergärtner zu sein, viel weniger ihr Mann. Sie sind – verzeihen Sie meine Offenheit – ein Erpresser, ein Dieb, ein Mörder, ein Fälscher und ein Bankräuber, soviel ich weiß.« Er lächelte. »Ja, ich habe Ihrer Erzählung vorhin interessiert zugehört. Ich habe hier alle Einrichtungen, die es möglich machen, unbeobachtet jedes Gespräch zu belauschen. Aber glücklicherweise hatte ich es in Ihrem Fall nicht nötig, mich noch näher zu informieren. Ich habe einen ebenso vollständigen Bericht über Ihre Vergangenheit wie unser Freund Smith. Und ich sage Ihnen, Poltavo, daß ich eher tot sein möchte, als Ihnen Doris ausliefern, obwohl ich Sie als meinen Agenten enorme Summen verdienen lasse, wenn Sie Hand in Hand mit mir arbeiten.«

 

Ein häßliches Lächeln zeigte sich auf Poltavos Zügen.

 

»Ist das Ihr letztes Wort?«

 

»Ja. Wenn Sie einen guten Rat von mir annehmen wollen, so begnügen Sie sich damit. Lassen Sie alles so, wie es ist, Poltavo. Sie sind im Begriff, ein großes Vermögen zu erwerben. Lassen Sie nicht eine vollkommen unangebrachte Liebelei oder einen noch weniger angebrachten Ehrgeiz hineinspielen, wodurch Sie sich Ihre ganze Stellung verderben.«

 

»Sie würden mir nie gestatten, Doris zu heiraten, was auch immer geschehen könnte?«

 

»Das war der Sinn meiner Worte.«

 

»Aber nehmen wir einmal an« – Poltavo strich seinen Schnurrbart und lächelte höhnisch –, »ich könnte Sie dazu zwingen?«

 

Farringtons Stirn legte sich in Falten.

 

»Wie wollen Sie denn das machen?« fragte er.

 

»Nehmen wir einmal an, ich zöge aus der Tatsache Nutzen, daß Doris Gray, ein gefühlvolles junges Mädchen, die sympathischer Verehrung wohl zugänglich ist und sich schon halb in mich verliebt hat – also nehmen wir einmal an, ich würde mir diese Tatsache zunutze machen, und wir würden gegen Ihren Willen heiraten?«

 

»Das wird Ihnen schlecht bekommen«, entgegnete Farrington böse. »Es wird Ihnen sogar leid tun, daß Sie mir damit gedroht haben.«

 

»Ich drohe Ihnen nicht nur«, rief Poltavo zornig, »ich werde meine Drohung auch ausführen! Wenn Sie mir in den Weg treten, so tun Sie das auf eigene Gefahr.« Er zeigte die geballte Faust.

 

Farrington sah ihn mit einem langen, ernsten Blick an, als ob er die wahre Gesinnung des Polen erforschen wollte.

 

»Ich wünschte, es wäre nicht so gekommen«, sagte er halb zu sich selbst. »Ich hoffte, einen brauchbaren Menschen aus Ihnen zu machen, Poltavo, aber ich sehe, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe. Ich hatte mir eingebildet, daß Gefühle nie eine Rolle in unseren Beziehungen spielen würden. Oder wollen Sie Doris des Geldes wegen heiraten – wollen Sie ihr Vermögen haben?« fragte er plötzlich.

 

Poltavo schüttelte den Kopf.

 

»Ihr verdammtes Geld!« sagte er hitzig. »Ich will das Mädchen haben! Jeden Tag erscheint sie mir wertvoller und begehrenswerter.«

 

»Andere Frauen waren Ihnen auch schon teuer«, erwiderte Farrington leise und erregt. »Aber wie lange haben sie sich Ihrer wandelbaren Zuneigung erfreuen dürfen? Solange es Ihnen paßte! Und wenn Sie genug hatten, haben Sie sie im Stich gelassen und fortgeworfen, als ob sie Ihnen nie etwas bedeutet hätten. Ich kenne Ihr Vorleben genau. Ich möchte jetzt nur noch Gewißheit haben, ob Sie im Ernst sprechen, denn wenn das der Fall ist …« Er machte eine Pause.

 

»Nun, was geschieht dann?« fragte Poltavo herausfordernd.

 

»Dann werden Sie dieses Haus nicht lebend verlassen.«

 

Farrington sagte das in einem so sachlichen Ton, daß die volle Bedeutung seiner Worte dem Polen nicht sofort klar wurde.

 

Poltavo lächelte, aber plötzlich erstarrten seine Züge. Mit einer unvermutet raschen Bewegung griff er an seine Hüfte, zog eine Pistole aus der Tasche und richtete sie auf Farrington.

 

»Versuchen Sie keinen Ihrer Tricks«, rief er. Sein Atem ging schnell. »Ich bin auf alles vorbereitet, Farrington! Sie machen einen Fehler, wenn Sie mir drohen wollen.«

 

»Ich mache nicht solche Fehler wie Sie«, erwiderte Farrington lächelnd. »Schießen Sie doch Ihre Pistole ab, wenn Sie können. Ich habe aber den Eindruck, daß keine Patronen im Magazin sind.«

 

Ein Blick auf die Waffe genügte Poltavo, um ihn davon zu überzeugen, daß Farrington die Wahrheit gesprochen hatte. Er wurde bleich.

 

»Nun«, sagte er plötzlich liebenswürdig, »wir wollen diesem unvernünftigen Streit ein Ende machen. Ich bin ja eigentlich hierhergekommen, um zu sehen, was ich für Sie tun könnte.«

 

»Sie sind hergekommen, um meine Zustimmung zu Ihren Wünschen, Doris betreffend, zu erzwingen! Die Sache hätte besser ausgehen können.« Er klingelte, und Dr. Fall kam nach einigen Augenblicken herein.

 

»Geben Sie dem Grafen etwas zu essen, bevor er das Haus verläßt. Er geht nach London zurück.«

 

Der sachliche Ton, in dem Farrington seinen Auftrag gab, brachte Poltavo wieder zu sich; namenlose Furcht hatte ihn befallen. Es lag eine seltsame Drohung in der Stille dieses großen Hauses. Aber allmählich gewann er seine Fassung wieder, und sein Selbstbewußtsein kehrte zurück, als er in der Tür stand.

 

»Haben Sie sich jetzt wegen Doris entschieden?« fragte er.

 

»Das sollte Ihnen doch klargeworden sein«, erwiderte Farrington.

 

»Nun, dann ist es gut.«

 

Poltavo folgte Dr. Fall den Gang entlang. Der Arzt öffnete eine kleine Tür, die zu einer erleuchteten Fahrstuhlkabine führte. Poltavo ging hinein, und die Tür schloß sich automatisch hinter ihm.

 

»Wie bringe ich den Fahrstuhl in Gang?« fragte er durch das Eisengitter.

 

»Das besorge ich von der Außenseite«, entgegnete Dr. Fall liebenswürdig und drückte auf einen elektrischen Knopf.

 

Der Lift bewegte sich nach unten. Poltavo kam an der Stahltür des ersten Geschosses und an der Stahltür des Parterres vorbei, aber der Fahrstuhl hielt nicht an. Er fuhr immer tiefer und tiefer, langsam und gleichmäßig bewegte er sich nach unten. Schließlich kam er zum Stillstand, und zwar vor einer Tür, die aus einer großen Anzahl dünner horizontaler Stahlstangen bestand. Als er anhielt, öffnete sich die Tür geräuschlos. Alle Sinne Poltavos waren jetzt wach. Er, den noch keiner an Intrigen und Verrat überboten hatte, war nun selbst ein Opfer eines Verrats geworden. Er verließ den Fahrstuhl noch nicht, sondern bereitete sich auf alle Möglichkeiten vor. Schnell zog er einen Bleistift aus der Tasche und kritzelte hastig einige Worte auf die Holzwand der Kabine. Dann trat er in das Halbdunkel hinaus.

 

Er sah sich in einem großen Raum, in dem ein Bett und Stühle standen. Über einem Tisch brannte ein düsteres Licht. Eine Anzahl elektrischer Schalter an der gegenüberliegenden Wand schien angebracht zu sein, um den Raum noch mehr erhellen zu können. Er überlegte, daß er sich ja wieder durch den Fahrstuhl nach oben retten konnte, wenn es zum Äußersten kommen sollte. Er durchsuchte seine Taschen mit fieberhafter Hast. Gewöhnlich trug er für den Notfall eine oder zwei Patronen lose bei sich, und er fand auch in seiner obersten Westentasche zwei Stück. Eilig lud er die Pistole damit. Die Patronen konnten nur von seiner Aufwartefrau aus seiner Pistole genommen worden sein; wahrscheinlich wurde sie von Farrington bezahlt und hatte die Bewohner des »geheimnisvollen Hauses« auch von seiner Abreise benachrichtigt.

 

Es war ja nur zu natürlich, daß der mächtige und kluge Farrington nichts dem Zufall überließ. Poltavo war wütend auf sich selbst, daß er sich so leicht in Sicherheit hatte wiegen lassen. Es war hell genug, daß er quer durch den Raum gehen konnte. Er drehte einen Schalter an der Wand an, und drei Lampen flammten an dem anderen Ende auf. Als er auch die übrigen Lichter eingeschaltet hatte, war das Zimmer fast taghell erleuchtet.

 

Die Wände dieses unterirdischen, künstlerisch ausgestatteten Raumes waren rot gestrichen. In der Ecke stand eine kleine Messingbettstelle; die Luft war frisch und rein. An den Wänden befanden sich in gleichen Abständen Luftschächte und Ventilatoren.

 

Es war eigentlich kein unangenehmes Gefängnis, dachte Poltavo. Er war noch dabei, den Raum genauer zu untersuchen, als er ein Geräusch hinter sich hörte und sich umdrehte. Die Stahltür des Liftes hatte sich geschlossen. Er kam gerade noch zurecht, um zu sehen, wie der Fußboden der kleinen Kabine nach oben verschwand. Wieder fluchte er über sich selbst, daß er so unvorsichtig und töricht gewesen war. Er hätte einen Stuhl in die Tür stellen können, so daß sie sich nicht schließen konnte – das wäre doch die einfachste Vorsichtsmaßregel gewesen! Aber die Möglichkeiten, die dieses »geheimnisvolle Haus« in sich barg, waren ihm noch nicht voll zum Bewußtsein gekommen.

 

Vielleicht waren die Stühle auch befestigt. Er versuchte, den einen aufzuheben, und sah, daß sein Verdacht unbegründet war. Nur ein einziger Stuhl war am Boden befestigt – der große Sessel, der am Kopfende des Tisches stand. Er war massiv und schwer gebaut und mit starken Klammern festgehalten.

 

In einer Ecke entdeckte er eine vergitterte Tür und vermutete, daß sie zu einem kleineren Aufzug gehöre.

 

Mit dieser Annahme hatte er recht, denn während er die Öffnung noch betrachtete, tat sich eine Fallklappe in der Decke auf, und eine kleine Plattform senkte sich geräuschlos herunter, auf der ein Tablett mit allerhand Gerichten stand. Er nahm es heraus, stellte es auf den Tisch und betrachtete es. Zwischen den Schüsseln lag ein kleiner, mit Bleistift geschriebener Zettel:

 

»Sie können unbesorgt die Speisen zu sich nehmen, die wir Ihnen hinunterschicken. Dr. Fall verbürgt sich persönlich für ihre Güte und wird das, wenn notwendig, in Ihrer Gegenwart beweisen. Wenn Sie etwas wünschen, so finden Sie eine kleine Klingel an der Unterseite des Tisches.«

 

Poltavo schaute auf das Essen. Er war entsetzlich hungrig. Er mußte zwar damit rechnen, daß es vergiftet war, aber die Leute hier hatten ihn ohnehin so vollkommen in ihrer Gewalt, daß er sich deswegen keine Sorgen zu machen brauchte. So stärkte er sich denn an den wohlschmeckenden Gerichten, ohne den geringsten Schaden dabei zu nehmen. Als er fertig war, besann er sich auf die Klingel. Nach kurzem Suchen fand er sie auch an der Ecke des Tisches und drückte sie. Er hatte nicht lange zu warten, dann hörte er ein schwaches Summen und ging quer durch den Raum zu der geschlossenen Tür des Fahrstuhls. Er hatte seine Pistole bereit, seine Blicke waren auf die dunkle viereckige Öffnung gerichtet, durch die er den Raum betreten hatte. Aber plötzlich hörte er, daß jemand seinen Namen rief.

 

Er wandte sich um. Dr. Fall stand mitten im Zimmer. Es war nicht zu erkennen, wie er dorthin gekommen war.

 

»Ich hoffe, daß ich Sie nicht zu sehr erschreckt habe«, sagte der Arzt mit einem ruhigen Lächeln. »Ich kam nicht den Weg, den Sie erwarteten. Es gibt drei verschiedene Zugänge zu diesem Raum, und sie sind alle drei gleichmäßig schwer zu finden.«

 

»Darf ich Sie fragen, was dieser Gewaltakt zu bedeuten hat?«

 

»Ihr vorwurfsvoller Ton zeugt von Ihrem Selbstbewußtsein.« Dr. Fall setzte sich gelassen an den Tisch, nahm seine Zigarrentasche heraus und hielt sie seinem unfreiwilligen Gast hin.

 

»Ach, Sie rauchen nicht – das tut mir leid –, möchten Sie lieber Zigaretten haben?«

 

»Ich danke Ihnen, ich habe genügend Zigaretten bei mir.«

 

Der Doktor schnitt erst in aller Ruhe die Spitze seiner Zigarre ab und entzündete sie, bevor er sprach.

 

»Ich bewundere Ihre Kaltblütigkeit. Das Wort ›Gewaltakt‹ hört sich etwas komisch aus Ihrem Munde an, Graf, aber ich führe nur Mr. Farringtons Befehle aus, wenn ich Ihnen Ihre jetzt unglückliche Lage erkläre. Sie haben unseren Freund durch Ihr Verhalten sehr verärgert, und er ist im Augenblick entschlossen, Sie strenge zu behandeln und an Ihnen dasselbe harte Urteil zu vollziehen, das er an zwei Leuten vollstrecken mußte, die bei dem Bau dieses Hauses beschäftigt waren, einen Erpressungsversuch gegen ihn wagten und drohten, ihn zu verraten.«

 

»Davon weiß ich nichts.«

 

»Dann sind Sie einer der wenigen Menschen in London, die keine Kenntnis davon haben«, entgegnete Dr. Fall lächelnd. »Einer der beiden war ein Architekt, der andere einer von den tüchtigen Leuten, wie man sie manchmal auf dem Festland trifft. Er konnte ebensogut in der Rolle eines Elektroinstallateurs als eines Kellners auftreten. Die beiden waren engagiert, um bei der Erbauung des Hauses zu helfen. Sie waren mit einer Anzahl anderer Arbeiter aus Italien hergebracht worden, und man hatte ihnen einen Teil der Arbeiten übertragen. Aber sie waren mit der glänzenden Bezahlung, die sie erhielten, nicht zufrieden und wollten durch Erpressung noch größere Summen an sich bringen. Ihr Vorgehen führte schließlich dazu, daß sie eines Abends am Brakely Square den Tod fanden.«

 

»Hat Farrington sie getötet?« fragte Poltavo atemlos.

 

»Das will ich nicht gerade behaupten«, erwiderte Dr. Fall gewandt. »Ich habe nur gesagt, daß sie starben. Es war ihr Unglück, daß sie unabhängig voneinander handelten. Sie stritten heftig miteinander, als sie herausfanden, daß sie beide in derselben Absicht gekommen waren, da sie den geheimnisvollen Bauherrn des Hauses als Gregory Farrington, einen hochachtbaren Millionär, erkannten, bei dem sich eine Erpressung lohnte.«

 

»Das war also die letzte Ursache dieses Vorfalls«, sagte Poltavo nachdenklich. »Ich war wirklich mit Blindheit geschlagen, daß ich den Zusammenhang nicht gleich erkannte. Sie wurden vor Farringtons Haus erschossen – wer außer ihm sollte denn die Tat begangen haben?«

 

»Ich habe Ihnen nur gesagt, daß die beiden einen frühzeitigen Tod fanden, weil sie sich Vorteile von Mr. Farrington verschaffen wollten, die er ihnen unter keinen Umständen zubilligen konnte. Und Sie, Graf Poltavo, laufen Gefahr, das Schicksal dieser Leute zu teilen.«

 

»Ich war schon in schwierigeren Lagen«, meinte Poltavo lächelnd, aber er fühlte sich nicht wohl.

 

»Prahlen Sie nicht«, erwiderte der Doktor ruhig. »Ich möchte doch stark bezweifeln, ob Sie sich jemals in Ihrem Leben in einer so schlimmen Situation wie dieser befanden. Wir haben eigentlich die Absicht, Sie zu töten. Ich sage Ihnen das ganz frei heraus, denn Mr. Farrington will in dieser Beziehung kein Risiko auf sich nehmen. Er ist aber bereit, Ihnen noch eine Chance zu geben, solange Sie davon überzeugt sind, daß er Macht genug hat, Sie zu bestrafen. Ob Sie noch weiter am Leben bleiben, hängt ganz von Ihnen selbst ab. Es liegt ihm fern, irgendwelche Eide, Versprechungen oder Beteuerungen von Ihnen zu verlangen er will Sie wieder freilassen und Ihnen die Versicherung geben, daß Sie gut belohnt werden, wenn Sie ihm treu dienen. Wenn Sie das aber nicht tun und ihn enttäuschen, werden Sie auf die schönste Art umgebracht werden. Habe ich mich Ihnen verständlich machen können?«

 

»Allerdings.« Poltavos Hand, die eine Zigarette zum Mund führte, zitterte ein wenig.

 

»Ich möchte noch hinzufügen –«, fuhr der Doktor fort, als plötzlich ein schrilles Klingelzeichen in dem unterirdischen Raum ertönte. Dr. Fall erhob sich, ging ruhig zu der Wand und legte sein Ohr an eine bestimmte Stelle. Poltavo konnte nicht sehen, wodurch sie sich von der Umgebung unterschied, aber er vermutete, daß dort ein Geheimtelefon angebracht war.

 

»Bitte?« Dr. Fall lauschte. »Es ist gut«, sagte er dann.

 

Er wandte sich an Poltavo und sah ihn erstaunt an.

 

»Es wird Sie sicher interessieren, daß das ganze Haus umstellt ist. Offensichtlich sind die Polizisten Ihrer Spur gefolgt.«

 

Freudige Erregung blitzte in den Augen des Polen auf.

 

»Das ist sehr schlimm für Sie«, sagte er dann lachend.

 

»Noch schlimmer für Sie, denke ich.« Dr. Fall ging langsam zu dem äußersten Ende des Raumes.

 

»Halt!« rief Poltavo plötzlich. Der Arzt wandte sich um und sah sich von der Mündung einer Pistole bedroht.

 

»Ich möchte Ihnen versichern«, sagte der Graf höhnisch, »daß die Pistole jetzt mit zwei Patronen geladen ist, die ich in meiner Westentasche fand. Auf jeden Fall bin ich genügend –«

 

Er sprach nicht weiter, denn plötzlich war der Raum verdunkelt. Alle Lichter schienen von einer unsichtbaren Hand auf ein Zeichen hin ausgelöscht zu sein. Ein höhnisches Lachen kam aus der Richtung, wo Dr. Fall gestanden hatte.

 

»Schießen Sie doch!«

 

Aber die beiden Patronen waren Poltavo zu wertvoll, um sie im Dunkeln aufs Ungewisse zu verschwenden. Er wartete. Nach einiger Zeit hörte er ein Klicken, und das Zimmer lag wieder hellerleuchtet. Aber er befand sich allein darin. Er zuckte die Schultern, es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten.

 

Wenn Mr. Smith ihm hierher gefolgt war und das Haus mit Polizei umstellt hatte, so durfte er hoffen, aus seiner unglücklichen Lage befreit zu werden. Und sollte dies nicht der Fall sein, so hatte er das Versprechen Farringtons, ihn unter gewissen Bedingungen freizulassen.

 

Er hörte das leise Geräusch eines herunterkommenden Fahrstuhls. Diesmal kam es aus dem Schacht, den er selbst benützt hatte. Der Lift hielt in Fußbodenhöhe, und die Stahltür öffnete sich einladend. Die Chance durfte er sich nicht entgehen lassen, denn alles andere war besser als ein weiterer Aufenthalt in diesem unterirdischen Raum.

 

Er trat hinein und zog die Tür hinter sich zu. Zu seinem Erstaunen funktionierte der Mechanismus, und als das Schloß einschnappte, bewegte sich der Fahrstuhl langsam aufwärts. Zwei elektrische Lampen brannten an der Decke der kleinen Kabine. Sie erschienen gefährlich, da man ihn beobachten konnte. Er hob sich auf die Zehenspitzen und zerschmetterte die beiden Birnen mit dem Griff seiner Pistole, dann kauerte er sich im Dunkeln zusammen, den Finger am Abzug der Pistole, auf alles gefaßt.

 

*

 

Mr. Smith befand sich oben in der Halle, und hinter ihm waren drei entschlossene Beamte aus Scotland Yard zu sehen. Dr. Fall stand vor dem Detektiv, ruhig und höflich wie immer.

 

»Es steht Ihnen selbstverständlich frei, das ganze Haus zu durchsuchen«, sagte er. »Es steckt keinerlei Geheimnis hinter dem Besuch des Grafen Poltavo. Er gehört zu den vielen Leuten, die von ihrer Neugierde hierhergelockt werden. Im Augenblick betrachtet er die wunderbaren Einrichtungen unseres Hauses.«

 

Mr. Smith fühlte, daß etwas Wahres in dieser Erklärung lag, obgleich ihm der ironische Ton des Arztes nicht entgangen war.

 

»Würden Sie die Güte haben, mir Graf Poltavo zu zeigen?«

 

»Mit Vergnügen!« In diesem Augenblick öffnete sich die Lifttür, und Poltavo trat mit der Pistole in der Hand heraus.

 

Er sah die Gruppe und erkannte die Zusammenhänge. Er mußte sich jetzt sofort entscheiden, wessen Partei er ergreifen wollte. Aber sein Entschluß war schnell gefaßt. Er wußte, daß er bei der Polizei keine Freunde hatte, nur durch Farrington und seinen Einfluß konnte er gefördert werden.

 

»Sie haben eine interessante Waffe in der Hand, Graf«, sagte Mr. Smith bedeutungsvoll. »Habe ich recht mit der Vermutung, daß Sie die Kunstschätze dieses Hauses nur in Furcht um Ihr Leben betrachtet haben?«

 

»Durchaus nicht.« Poltavo ließ die Pistole in seine Tasche gleiten. »Ich war nur kurz vorher damit beschäftigt, mich im Pistolenschießen zu üben. Hier unten befindet sich ein wunderbarer Schießstand. Wirklich eine interessante Sache. Sie sollten ihn sich auch einmal ansehen.«

 

Dr. Fall wandte keinen Blick von dem Gesicht seines früheren Gefangenen, und Poltavo las eine fast unmerkliche Zustimmung in den dunklen Augen.

 

»Unter gewöhnlichen Umständen würde ich mir nicht die Mühe machen, Ihren Schießstand anzusehen«, entgegnete Mr. Smith lächelnd, »weil ich weiß, daß Sie nicht die Wahrheit sagen, Graf Poltavo. Ich bin sogar überzeugt, daß Sie äußerst dankbar für unser Kommen sein sollten. Aber jetzt erscheint es mir vielleicht doch ratsam, mich einmal da unten umzusehen. Dieser Teil des Hauses hat sich bis jetzt meiner Beobachtung entzogen.«

 

Dr. Fall zuckte die Achseln.

 

»Es ist ja in Wirklichkeit kein Schießstand, aber da die bewohnten Räume so weit entfernt liegen, benützen wir den Platz manchmal zu diesem Zweck. Ich habe nicht das geringste dagegen einzuwenden, wenn Sie ihn einmal besichtigen wollen.«

 

Mr. Smith trat in den Fahrstuhl, der im Dunkel lag, da Poltavo die beiden elektrischen Lampen zerschlagen hatte.

 

»Ich werde allein hinunterfahren«, erklärte er.

 

Dr. Fall schloß die Tür, und der Lift glitt nach unten.

 

Sie warteten eine Weile oben. Dr. Fall konnte von seinem Platz aus die Tür unten schließen und den Lift wieder heraufbringen. Dies hatte ja Poltavo soeben an sich selbst erfahren. Aber in diesem Fall unterließ es der Arzt, irgend etwas an dem Mechanismus vorzunehmen. Nach einigen Minuten kam der Fahrstuhl wieder nach oben, und Mr. Smith trat heraus.

 

»Ich danke Ihnen, ich habe alles gesehen«, sagte er mit einem bedeutsamen Blick auf Poltavo. »Dies ist wirklich ein außergewöhnliches Haus, Dr. Fall.«

 

»Es steht Ihnen jederzeit frei, es zu besichtigen«, erwiderte Dr. Fall mit einem düsteren Lächeln.

 

Mr. Smith spielte abwesend mit der elektrischen Taschenlampe, die er noch in der Hand hielt, und steckte sie dann in die Tasche. Er grüßte durch ein Kopfnicken und ging quer durch die Eingangshalle. Aber plötzlich drehte er sich um und wandte sich noch einmal an Poltavo.

 

»Als Sie hier in die Falle gegangen waren und glaubten, daß es Ihnen schwer werden würde, wieder herauszukommen, waren Sie so vorsichtig, eine Botschaft aufzuschreiben, die Ihren Befreiern einen Fingerzeig geben sollte. Diese Botschaft hat nun ihren Zweck erfüllt«, sagte er lächelnd, als er die Bestürzung in Poltavos Gesicht sah. »Sie täten gut, Ihren Freund zu bitten, daß er sie entfernt.«

 

Er nickte den beiden noch einmal zu und verließ das Haus. Die drei Beamten folgten ihm.

 

»Was meinte Mr. Smith?« fragte Dr. Fall schnell.

 

»Ich – ich«, stammelte Poltavo verlegen, »ich schrieb nur ein paar Worte an die Wand der Kabine – nichts Belastendes für Sie, mein lieber Doktor, nur eine Zeile, die besagte, daß ich dort unten gefangengehalten würde.«

 

Der Arzt eilte fluchend in den Fahrstuhl. Er steckte ein Streichholz an, um die Schrift Poltavos zu lesen. Glücklicherweise war nichts darin enthalten, was das große Geheimnis des Hauses verriet, aber es war gerade genug, um den Argwohn der Polizei, besonders dieses unermüdlichen Detektivs, zu wecken.

 

»Sie haben uns in böse Verlegenheit gebracht«, sagte er streng zu Poltavo. »Nehmen Sie sich in acht, daß Sie uns nicht weiter kompromittieren. Einmal vergeben wir Ihnen, aber wenn wir uns ein zweites Mal über Sie zu beklagen haben, wird es schlimme Folgen für Sie haben.«

 

Kapitel 12

 

12

 

Die entfernte Kirchturmuhr von Little Bradley hatte gerade ein Uhr geschlagen, als Mr. Smith aus dem Schatten der Hecke an der Ostseite des »geheimnisvollen Hauses« hinaustrat und langsam auf die Straße zuging. Zwei Männer, die sich dort im Dunkeln niedergeduckt hatten, erhoben sich schweigend und gingen ihm entgegen.

 

»Ich glaube, ich habe eine Stelle gefunden«, sagte Mr. Smith leise. »Es sind tatsächlich elektrische Alarmsignale oben auf den Mauern angebracht und elektrische Drähte durch alle Hecken gezogen. Aber man kann die Alarmsignale an einer Stelle umgehen.«

 

Er führte die anderen den Weg zurück zu dem Platz, von dem er soeben gekommen war.

 

»Sehen Sie, hier ist es«, erklärte er.

 

Er berührte einen äußerst dünnen Draht mit dem Finger.

 

Einer seiner beiden Begleiter ließ das Licht seiner elektrischen Lampe darauf fallen.

 

»Ich kann den Strom an dieser Stelle ablenken«, sagte er dann und zog einen langen Draht aus der Tasche. Zwei Minuten später konnten sie dank seiner schnellen Arbeit sicher die Mauer übersteigen und kamen geräuschlos auf der anderen Seite auf den Boden.

 

»Wir müssen vorsichtig sein, daß wir dem Wachtposten nicht in die Arme laufen«, flüsterte Mr. Smith. »Er ist auf seinem Rundgang um das Haus. Ich glaube auch, daß über dem Rasen Alarmdrähte gespannt sind.«

 

Er befestigte einen Aufsatz auf seiner elektrischen Lampe und untersuchte den Boden sorgfältig, als er vorwärtsging. Der Aufsatz war so angebracht, daß das Licht nur auf die Stelle des Bodens fiel, die er jeweils betrachtete.

 

»Sehen Sie, hier läuft schon ein Draht«, sagte er plötzlich.

 

Die drei stiegen vorsichtig über den fast unsichtbaren Draht, der nur einige Zoll vom Boden entfernt war und in regelmäßigen Abständen durch aufrechtstehende Isolierglocken getragen wurde.

 

»Jeden Abend nach Sonnenuntergang legen sie diese Drähte. Ich habe sie dabei beobachtet«, erklärte Mr. Smith. »In der Nähe des Hauses befindet sich noch ein zweiter.«

 

Sie fanden auch diesen und stiegen behutsam darüber.

 

»Hinlegen!« flüsterte der Detektiv plötzlich.

 

Die drei Leute legten sich flach zu Boden.

 

Mr. Ela konnte im ersten Augenblick nicht erkennen, um was es sich handelte, aber plötzlich sah er eine Gestalt, die sich langsam vorwärtsbewegte. Es war der Wachtposten, der zwischen ihnen und dem Hause vorbeischritt. Selbst bei dem schwachen Licht konnte Ela das Gewehr über der Schulter des Mannes sehen. Sie warteten in atemloser Spannung, bis er um die nächste Ecke verschwunden war, dann eilten sie über den Rasen, der sie noch von dem Hause trennte. Mr. Smith trug einen Leinenbeutel bei sich, griff jetzt hinein und zog ein Kaninchen daraus hervor, das heftig zappelte.

 

»Mein kleiner Freund«, sagte er leise, »du mußt dich opfern.«

 

Er stieg die Stufen zu der Eingangshalle hinauf. Der Stahlvorhang hing vor der Haustür, er reichte beinahe bis zu der Stahlmatte herunter, auf der man sich die Füße reinigte. Jetzt ließ Smith das Kaninchen frei. Das erschrockene Tier machte erst einen vergeblichen Versuch, nach rückwärts auf den Rasen zu entkommen, hüpfte dann aber langsam, fast zögernd, auf die Tür zu, und als Mr. Smith es durch eine Handbewegung aufscheuchte, berührte es mit dem Kopf den Stahlvorhang, um nach dort zu entfliehen. In diesem Augenblick fuhren blaue elektrische Funken aus den Drähten, und das unglückliche Tier rollte zusammengekrümmt an Mr. Smith vorbei auf den geschotterten Weg. Der Detektiv stieg eilig hinunter und nahm es auf – es war tot. Er bemerkte, daß die Kopfhaare versengt waren.

 

»Meine Vermutung war richtig«, sagte er leise. »Es ist ein elektrischer Schutzvorhang. Jeder, der ihn bei dem Versuch, in das Haus zu kommen, berührt, büßt es mit dem Tode. Nun kommen Sie dran, Johnson.«

 

Der dritte Mann legte ein Paar Gummischuhe an, die er aus seiner Tasche nahm, stülpte ein Paar dicke Gummihandschuhe über und stieg die Stufen empor. Er beugte sich vor und versuchte den Vorhang herunterzuzerren, aber das war nicht möglich. Dann nahm er die einzelnen Stahlfäden vorsichtig zusammen. Ihm konnte nichts geschehen, da die Bekleidung seiner Füße und Hände ihn genügend isolierte. Aber er ging äußerst behutsam vor, damit der Vorhang nicht einen anderen Teil seines Körpers berührte. Er zog ihn beiseite und band die Stahldrähte mit starken Gummibändern zusammen. Als ihm das geglückt war, ging Mr. Smith zur Tür. Er hatte in der Zwischenzeit ebenfalls starke Gummigaloschen und Gummihandschuhe angelegt. Bei seinem früheren Besuch hatte er beobachtet, daß das Schloß der Tür von verhältnismäßig einfacher Konstruktion war. Ihr Eindringen konnte nur verhindert werden, wenn die Bewohner des Hauses die Tür verriegelt und mit einer Sicherheitskette versehen hatten. Aber offenbar verließen sie sich auf den Schütz des elektrischen Vorhangs.

 

Nach kurzer Zeit konnte der Detektiv mit einem Dietrich öffnen. Er trat in die Halle und lauschte. All seine Sinne waren wach und angespannt, ob nicht eine Alarmklingel auf schrillte.

 

Aber es blieb alles ruhig. Ela und Johnson folgten ihm. »Es ist besser, daß Sie hier bleiben«, sagte er. »Wir müssen uns auf den Glücksfall verlassen, daß der Wachtposten nicht sieht, daß wir den Vorhang aufgebunden haben. Vielleicht dauert es auch noch einige Zeit, bis er wieder zur Haustür kommt.«

 

Sie untersuchten in größter Eile die Halle, fanden aber keine Anzeichen von elektrischen Kabeln und Drähten, die auf Alarmvorrichtungen hätten schließen lassen. Mr. Smith schlich sich leise nach oben, die beiden anderen blieben als Wachtposten unten. Auf jedem Treppenpodest blieb er stehen und horchte, aber es herrschte tiefste Stille. Ohne Zwischenfall erreichte er den dritten Stock.

 

Er erkannte den langen Gang wieder – ein Kratzer an der Wand neben der Lifttür, den er sich bei seinem ersten Besuch gemerkt hatte, zeigte ihm, daß er auf dem richtigen Wege war.

 

Ohne Zögern ging er schnell den Gang entlang, bis er an die große Tür aus Rosenholz kam, die in das Zimmer des kranken Mr. Moole führte. Er drückte die Klinke vorsichtig herunter sie gab ein wenig nach, und er trat geräuschlos näher. Behutsam öffnete er dann auch die innere Tür. Der Raum war nur mäßig beleuchtet – von einer Nachtlampe, wie Mr. Smith annahm. Er drückte die Tür weiter auf, um das Zimmer besser übersehen zu können, und blieb erstaunt stehen. Dies war nicht der Raum, den er früher gesehen hatte!

 

Er stand in einem prächtig eingerichteten Arbeitszimmer, dessen Wände mit Rosenholzpaneel bedeckt waren. Ein Mann saß am Schreibtisch und schrieb eifrig bei dem Licht einer abgeblendeten Tischlampe. Den Rücken hatte er der Tür zugekehrt. Als der Detektiv jetzt die Tür aufriß, sprang der Mann plötzlich auf, wandte sich um und trat auf den mitternächtlichen Eindringling zu. Mr. Smith sah, daß er sein Gesicht hinter einer schwarzen Maske verborgen hatte.

 

Als der Mann den Detektiv in der Tür stehen sah, streckte er die Hand aus, und plötzlich lag der Raum im Dunkeln. Die Tür, die Mr. Smith offenhielt, schloß sich mit einer so unwiderstehlichen Gewalt, daß er nach draußen in den Gang geschoben wurde, der plötzlich hell erleuchtet war. Mr. Smith wandte sich um und schaute in das lächelnde Gesicht Dr. Falls. Der große Mann mit dem blassen, ausdruckslosen Gesicht sah ihn ein wenig spöttisch an. Er war vollständig angekleidet.

 

Mr. Smith konnte nicht einmal vermuten, woher er gekommen war. Wie durch ein Wunder war er plötzlich aufgetaucht.

 

»Welchem Umstand verdanke ich die Ehre dieses Besuches, Mr. Smith?« fragte er in seiner trockenen, nüchternen Art.

 

»Ich war nur neugierig«, erwiderte der Detektiv kühl. »Ich wollte mir gern noch einmal Ihren Mr. Moole aus der Nähe ansehen.«

 

»Wie sah er denn aus?« fragte der Doktor mit einem schwachen Lächeln.

 

»Unglücklicherweise habe ich mich im Stockwerk geirrt, und anstatt Ihren Freund zu sehen, habe ich, ohne es zu wollen, einen Herrn gestört, der aus Gründen, die er selbst am besten kennt, sein Gesicht verborgen hält.«

 

Dr. Fall runzelte die Stirn.

 

»Ich kann Sie nicht verstehen.«

 

»Vielleicht gehen wir noch einmal in das Zimmer – dann werden Sie mich besser verstehen.«

 

Er hörte ein merkwürdiges Geräusch und nahm eine erschütternde Bewegung unter seinen Füßen wahr, als ob ein schwerer Traktor dicht an dem Hause vorbeiführe.

 

»Was hat das zu bedeuten?«

 

»Das ist eine der unangenehmen Folgen, die man auf sich nehmen muß, wenn das Haus über einem alten Erzschacht liegt«, erwiderte der Doktor leichthin. »Aber was Ihre merkwürdigen Halluzinationen betrifft«, fuhr er fort, »so würde ich sie doch gern zerstören und Ihnen die Wirklichkeit zeigen.«

 

Er ging langsam in den Raum zurück, den Mr. Smith soeben verlassen hatte. Die Tür öffnete sich, als er sie berührte, aber das Zimmer war dunkel. Dr. Fall drehte einen Schalter an.

 

»Treten Sie bitte näher.«

 

Mr. Smith folgte ihm. Es war derselbe Raum, den er damals betreten hatte. In der Mitte lag wieder der dunkelblaue Teppich, auf dem die silberne Bettstelle stand. Er sah auch den Patienten mit seinem ausdruckslosen, gelben Gesicht. Die Wände waren mit Paneel aus Myrtenholz verkleidet, derselbe elektrische Kronleuchter hing von der Decke herunter.

 

Mr. Smith war bestürzt und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

 

»Sie sehen, daß Sie das Opfer Ihrer überreizten Phantasie geworden sind. Sie haben Dinge gesehen, die nicht vorhanden sind. Ich muß annehmen, daß Sie vorhin geträumt haben.«

 

»Sie mögen annehmen, was Sie wollen«, erwiderte Mr. Smith höflich. »Ich würde mir gern die Räume, die über und unter diesem Zimmer liegen, einmal ansehen.«

 

»Ich werde sie Ihnen gern zeigen. Oben befindet sich ein Abstellraum. Kommen Sie bitte mit.«

 

Er führte den Detektiv in das obere Stockwerk, schloß die Tür des Raumes auf, der direkt über dem Zimmer lag, das sie eben verlassen hatten, und ging hinein. Der Raum war nicht möbliert und hatte einen einfachen Holzfußboden und gestrichene Wände. Das hohe Oberlicht zeigte, daß der Arzt die Wahrheit gesagt hatte.

 

»Sie scheinen das Zimmer nicht zu benützen.«

 

»Wir halten auf Ordnung und Sauberkeit«, sagte der Doktor lächelnd. »Nun sollen Sie auch noch den unteren Raum sehen.«

 

Als sie die Treppe hinuntergingen, hörten sie dasselbe merkwürdige Geräusch, das sie schon vorher wahrgenommen hatten. Die Wände zitterten.

 

»Das ist unheimlich, nicht wahr? Als ich es zum erstenmal hörte, war ich ganz konsterniert. Aber es hat weiter nichts zu bedeuten.«

 

Im zweiten Stock betraten sie den Raum, der unmittelbar unter dem Zimmer des kranken Mr. Moole lag. Es war ein hübsches Schlafzimmer.

 

»Das ist unser Reserve-Schlafzimmer«, erklärte Dr. Fall ruhig. »Es wird nur selten gebraucht.«

 

Mr. Smith konnte nichts Verdächtiges entdecken.

 

»Ich hoffe, daß Sie nun zufriedengestellt sind und daß Ihre Freunde unten nicht ungeduldig werden«, sagte der Arzt, als er ihn wieder hinausführte.

 

»Sie haben die beiden gesehen?«

 

»Natürlich, ich bemerkte sie, kurz nachdem Sie in die Halle getreten waren. Sie sehen, Mr. Smith, daß wir nicht so gewöhnliche Dinge wie Alarmglocken oder dergleichen verwenden. Wenn sich die Eingangstür öffnet, flammt ein rotes Licht über meinem Bett auf. Unglücklicherweise saß ich in dem Augenblick Ihrer Ankunft gerade in meinem Nebenzimmer an der Arbeit. Ich mußte zufällig in mein Schlafzimmer gehen, um ein Schriftstück zu holen, und sah das Licht. Obwohl ich Sie also nicht von Anfang an beobachten konnte, war es Ihnen doch nicht möglich, viel zu unternehmen, was ich nicht gesehen hätte. Ich werde Ihnen das alles zeigen, wenn Sie so liebenswürdig sind, mich in mein Zimmer zu begleiten.«

 

»Das würde mir sehr interessant sein.«

 

Mr. Smith war begierig, alles kennenzulernen, was mit dem »geheimnisvollen Haus« und seinen Bewohnern zusammenhing. Dr. Falls Zimmer lag im ersten Geschoß, unmittelbar über der Eingangshalle. Es war ein einfaches Arbeitszimmer. Eine zweite Tür führte zu einem gemütlichen, aber verhältnismäßig luxuriös eingerichteten Schlafzimmer. Neben dem Bett des Doktors stand ein runder Ständer, der wie eines dieser gebräuchlichen, nutzlosen Möbelstücke aussah, die von den Frauen in den Vorstädten benützt werden, um Palmen darauf zu stellen.

 

»Schauen Sie einmal hinein.«

 

Der Detektiv beugte sich darüber.

 

Der Pfeiler war innen hohl, und ein wenig tiefer war eine Fläche zu sehen, die zunächst einem quadratischen Stück Silberpapier glich. Aber bei genauerer Betrachtung schien sie sich zu bewegen. Mr. Smith konnte zwei Gestalten darauf unterscheiden, die er sofort als Ela und Johnson erkannte.

 

»Es ist eine Erfindung von mir«, erklärte Dr. Fall. »Ich dachte schon einmal daran, sie mir patentieren zu lassen. Eine Anzahl von Spiegeln wirft das Bild nach oben auf einen Schirm, der so lichtempfindlich ist, daß sogar das Bild Ihrer beiden Freunde hier oben erscheint, obwohl sie in der halbdunklen Halle stehen.«

 

»Ich danke Ihnen«, sagte Mr. Smith.

 

Es blieb ihm nichts übrig, als einen Mißerfolg so gelassen als möglich hinzunehmen. Er war vollständig aus der Fassung gebracht.

 

»Es wird Ihnen schwerfallen, die Tür zu öffnen«, meinte Dr. Fall liebenswürdig, als sie nach unten kamen.

 

»Darin werden Sie sich wohl irren«, entgegnete Mr. Smith lächelnd.

 

Der Arzt blieb stehen, um das Licht anzudrehen, und die beiden enttäuschten Beamten beobachteten neugierig die Umgebung.

 

»Wir haben die Tür angelehnt gelassen.«

 

»Trotzdem wird es schwierig für Sie sein hinauszukommen, öffnen Sie doch bitte einmal die Tür.«

 

Ela versuchte es, aber es war ihm unmöglich, die schweren eichenen Flügel zu bewegen.

 

»Sie ist auf elektrischem Wege festgestellt«, sagte Dr. Fall. »Sie können sie nach keiner Richtung hin bewegen. Dies ist auch eine geniale Idee von mir, für die ich an einem der nächsten Tage um ein Patent nachsuchen werde.«

 

Er nahm einen Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn in eine kaum sichtbare Öffnung des Eichenpaneels in der Halle. Sofort öffnete sich die Tür langsam.

 

»Ich wünsche Ihnen eine recht gute Nacht«, verabschiedete sich Dr. Fall, als die anderen vor der Haustür standen. »Und ich hoffe, daß wir uns wiedersehen.«

 

»Darauf können Sie sich verlassen«, erwiderte Mr. Smith grimmig, »wir werden uns wiedersehen.«

 

Kapitel 8

 

8

 

»Höchst sonderbar«, erklärte Milton und sah von der Zeitung auf, in der er gelesen hatte.

 

Janet saß an einem kleinen Tisch hinter ihm und klebte Zeitungsausschnitte in ein Buch ein.

 

»Was meinen Sie denn?«

 

Er hatte an diesem Tage schon eine andere merkwürdige Entdeckung gemacht. Das Bild eines Verbrechers, der von Portland ausgebrochen war, hatte nämlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit Bud Kitson.

 

»Also hören Sie zu«, sagte er und las Janet vor:

 

»Unter den Besuchern des Gestütes von Alvarez sah man in der letzten Woche auch Sir George Frodmere, den berühmten englischen Sportsmann. Wie wir erfahren, hat er verschiedene Rennpferde gekauft, unter anderem auch El Rey. Unsere Leser werden sich sicher noch an den Sieg erinnern, den dieses Pferd bei den großen Rennen in Rio während der letzten Saison errang. Über die Höhe des Preises hat man nichts Näheres erfahren, aber man nimmt an, daß eine sehr hohe Summe bezahlt worden ist. Sir George Frodmere kaufte El Rey im Auftrag eines bekannten rumänischen Sportsmannes. Das Pferd wird sofort nach Europa gesandt und soll in ein Gestüt in der Nähe von Bukarest übergeführt werden.«

 

Er las den Abschnitt langsam vor, weil er ihn aus dem Spanischen ins Englische übersetzen mußte.

 

»Das ist wirklich sehr merkwürdig«, meinte er und schüttelte den Kopf. »Frodmere muß sofort von London nach Brasilien gefahren sein. Ich vermute, daß er sich jetzt bereits wieder auf dem Rückweg befindet. Der Rumäne ist natürlich niemand anders als Soltescu.«

 

Auf Miltons Schreibtisch stand eine stattliche Reihe kleiner, dicker Bände. Er nahm einen zur Hand, der von dem Rennwesen in Südamerika handelte, und schlug im Inhaltsverzeichnis nach.

 

»Sehen Sie, hier steht es. El Rey, von Diamant aus Monata, ein dreijähriger Hengst. Das heißt also, daß das Pferd jetzt vier Jahre alt ist«, fügte er hinzu, nachdem er nach der Jahreszahl auf der Titelseite gesehen hatte. »Hat acht Rennen mitgemacht, von denen es sechs als erster gewann. Ich möchte nur wissen, was Soltescu wieder im Schilde führt, wenn er dieses Pferd kauft. Es hat doch keinen Sinn, El Rey von der Rennbahn zurückzuziehen und in ein Gestüt zu schicken. Ich glaube auch gar nicht einmal, daß er ein großes Gestüt besitzt.«

 

Er schloß das Buch und stellte es wieder zu den anderen Bänden. Den ganzen Vormittag blieb er sehr nachdenklich und blätterte viel in anderen Sportbüchern. Er hatte die Nachricht in einem kleinen brasilianischen Blatt gelesen. Es erschien in einer Stadt, in deren Nähe das Alvarez-Gestüt lag.

 

Am Nachmittag erkundigte sich Milton bei den verschiedenen Agenturen brasilianischer Zeitungen, konnte jedoch keine weiteren Nachrichten über diesen merkwürdigen Kauf erhalten.

 

In einer führenden Tageszeitung von Rio fand er nur die Bemerkung, daß Sir George Brasilien einen kurzen Besuch abgestattet hätte und mit dem nächsten Dampfer wieder nach England zurückkehren würde.

 

»Dieser Tage muß er ankommen«, erklärte er, als er wieder in sein Büro kam. Er nahm den Hörer vom Telefon und ließ sich mit der La Plata-Dampfschiffahrtsgesellschaft verbinden. »Können Sie mir sagen, wann Ihr nächster Dampfer England erreicht? – Am Dienstagmorgen?« Er war schon im Begriff, wieder aufzulegen, als ihm noch etwas einfiel. »Ach, sagen Sie mir bitte, ist Sir George Frodmere an Bord dieses Dampfers?«

 

»Sir George benützt diese Linie nicht«, erklärte er, als er den Hörer zurücklegte. »Aber sie transportieren einige Pferde für ihn, darunter sicher El Rey. Der Dampfer kommt am Dienstag in Tilbury an. Das trifft sich gut, denn ich habe gerade auch in der Nähe zu tun, allerdings schon am Tag vorher.«

 

»Das ist Ihnen wohl eben erst eingefallen?« fragte Janet lächelnd.

 

»Nein, das hängt mit meiner Tätigkeit für Eric Stanton zusammen. Ich habe in der Beziehung ein ziemlich schlechtes Gewissen. Dauernd nehme ich, seine Bezahlung an und habe noch nicht den mindesten Erfolg aufzuweisen. Bedenken Sie, daß ich ja gar nicht ernstlich die Absicht hatte, ein Detektivbüro zu eröffnen.«

 

Sie sah ihn an und runzelte leicht die Stirn.

 

»Wie meinen Sie denn das?« fragte sie langsam. »Wissen Sie, daß ich mir schon längst Gewissensbisse mache? Am Ende haben Sie dieses Büro, nur aufgemacht, damit ich eine angenehme Stellung finde?«

 

Er schüttete lachend den Kopf.

 

»Nein, da sind Sie doch zu argwöhnisch. Aber das schlimmste an Stantons Auftrag ist, daß ich nicht einmal eine Fotografie von der jungen Dame, die er sucht, zur Verfügung habe. Ich besitze kaum einen Anhaltspunkt und muß warten, bis ein Wunder geschieht. Und dafür bekomme ich zwölf Pfund wöchentlich von dem Mann.«

 

»Gibt es denn gar keine Möglichkeit, sich einige Anhaltspunkte zu verschaffen?«

 

»Das könnte man vielleicht. Bis jetzt habe ich nur herausgebracht, daß gleichzeitig mit Stantons Mutter auch eine alte Dienerin aus dem Hause verschwand. Sie hat wahrscheinlich die Frau und das Kind begleitet. Nun ist es mir vor kurzem gelungen, eine Verwandte dieser Dienerin aufzufinden, und ich hoffe, daß ich dadurch die Frau selbstausfindig machen kann. Und dann lassen sich ja schließlich weitere Schritte unternehmen. Aber ich habe jetzt auch andere Dinge zu tun. Vor allem muß ich herausbekommen, warum Sir George Frodmere ein Rennpferd für Soltescu gekauft hat. Soweit ich bisher feststellen konnte, besitzt der Mann überhaupt kein Gestüt. Ich habe mich auch bei verschiedenen Rumänen erkundigt, die hier in London leben, und niemand weiß etwas davon.«

 

»Außerdem haben Sie aber noch einen großen Auftrag, den Sie hoffentlich nicht vergessen werden.«

 

»Ach, meinen Sie, daß ich Soltescus Schriftstücke über den Herstellungsprozeß des biegsamen Glases wiederfinden soll? Daran denke ich unausgesetzt. Ich habe doch wirklich Glück, daß ich drei so bedeutende Fälle zu bearbeiten habe. Es sollte mich nicht wundern, wenn ich sie eines Tages alle drei zugleich lösen würde. Ja, ich muß wirklich sagen, daß ich großes Glück habe.« Er lächelte verschmitzt. »Jetzt können Sie mit mir Tee trinken, bevor Sie nach Hause gehen.«

 

Sie erhob sich und zog ihren Mantel an.

 

»Helfen Sie mir nicht, das ist nicht nötig.«

 

»Es tut mir leid, daß ich nicht sofort zur Stelle war«, entschuldigte er sich und stand schnell auf. »Ich werde in letzter Zeit tatsächlich nachlässig.«

 

»Sie denken zuviel nach.«

 

»Worüber denn?«

 

»Über Miss President«, erwiderte sie kühl.

 

Er schaute sie erstaunt an und lächelte dann wieder.

 

»Wieso über Miss President?« fragte er, als ob er nicht recht verstanden hätte.

 

»Sie haben in der letzten Zeit verschiedene Briefe von ihr oder über sie erhalten.«

 

Der Ton, in dem sie das sagte, behagte ihm durchaus nicht, wenn sie auch nur eine Tatsache festgestellt hatte.

 

»Ich mache Ihnen ja nicht den geringsten Vorwurf deswegen«, sagte sie und lächelte seltsam. »Sie ist sehr schön und anziehend. Aber Sie sollten sich deshalb nicht in der Arbeit stören lassen.«

 

»Aber um Himmels willen! Eric Stanton hat mir doch diese Briefe geschrieben! Außerdem beschäftige ich mich gar nicht viel mit ihr.«

 

»Das glauben Sie«, erwiderte sie und schüttelte den Kopf. »Aber ich weiß ganz genau, daß Sie die ganze Zeit nur an sie denken, und zwar so intensiv, daß ich direkt Ihre Gedanken fühle.«

 

»Da täuschen Sie sich aber gewaltig. Ich denke dauernd an jemand anders«, entgegnete er ruhig. »Und wenn mir überhaupt während der Bürostunden eine Frau in den Sinn kommt, dann ist es nicht Miss President.«

 

»Es wäre doch besser, Sie würden sich nicht selbst etwas vormachen«, sagte sie mit erstaunlicher Sicherheit.

 

»Aber Sie hören doch –«, begann er.

 

»Sie brauchen nicht so laut zu sprechen – ich will doch nur Ihr Bestes. Sie waren sehr liebenswürdig zu mir, Mr. Sands, und ich bin Ihnen dafür zu großem Dank verpflichtet. Das erkenne ich voll und ganz an.«

 

»Sie wollen mir doch nicht etwa jetzt ein Geschenk überreichen?« fragte er etwas spöttisch.

 

»Bitte, werden Sie nicht ironisch«, entgegnete sie und wurde rot. »Es ist häßlich von Ihnen, daß Sie mich so behandeln, Mr. Sands. Ich gehe nach Hause.«

 

»Sie trinken jetzt mit mir Tee.«

 

»Ich sage Ihnen, daß ich nach Hause gehe«, erklärte sie bestimmt.

 

»Aber erst, nachdem Sie Tee mit mir getrunken haben«, bestand er. »Nachher können Sie nach Hause gehen, aber bis sechs Uhr haben Sie Bürozeit. Und bis dahin ist noch eine halbe Stunde.«

 

»Dann bleibe ich solange hier im Büro.«

 

Sie zog ihren Mantel wieder aus.

 

»Sie sind wirklich eine schwer zu behandelnde junge Dame.« Er seufzte. »So etwas ist mir doch noch nicht vorgekommen, Janet.«

 

»Bitte, nennen Sie mich nicht bei meinem Vornamen«, erwiderte sie schnippisch und setzte sich an ihre Maschine.

 

Er nahm an seinem Schreibtisch Platz, und sie schwiegen beide einige Minuten.

 

»Sie sind eifersüchtig auf Mary President!« wandte er sich dann plötzlich an sie.

 

Sie fuhr in ihrem Drehstuhl herum und warf ihm einen wütenden Bück zu.

 

»Wie dürfen Sie das sagen?« rief sie hitzig.

 

»Ich bin ein Detektiv«, erwiderte er in scherzhaftem Ton. »Und Detektive können sich alles gestatten, vorausgesetzt, daß man sie für ihre Mühe gut bezahlt.«

 

»Sie wissen sehr wohl, daß ich nicht auf Mary President eifersüchtig bin. Weshalb sollte ich denn auch eifersüchtig sein? Sie können doch so viele Freundinnen haben, wie Sie wollen.«

 

»Da haben Sie allerdings recht. Aber in diesem besonderen Fall glaube ich, daß Sie Mary President nicht leiden können.«

 

»Nein, da irren Sie sehr. Sie denken, daß ich so kleinlich bin, um Ihretwillen eifersüchtig zu werden. Nein, Sie bilden sich zuviel ein. Ich interessiere mich absolut nicht für Ihre Herzensangelegenheiten.«

 

»Das kann nicht ganz stimmen, denn –«, begann er.

 

»Wenn es Ihnen recht ist, gehe ich jetzt nach Hause«, unterbrach sie ihn.

 

Sie erhob sich, aber diesmal war er rechtzeitig zur Stelle, nahm ihren Mantel aus dem Kleiderschrank und half ihr beim Anziehen. Sie mußte seine Dienste wohl oder übel annehmen.

 

Einen Augenblick blieb sie an der Tür stehen.

 

»Darf ich Sie bitten, mir morgen freizugeben? Ich möchte mir eine andere Stelle suchen.«

 

»In diesem Fall werde ich Sie sofort gerichtlich belangen, weil Sie mir nicht rechtzeitig gekündigt haben.« Er zwinkerte ihr freundlich zu. »Sie benehmen sich übrigens sehr undankbar mir gegenüber. Wenn Sie bedenken, daß ich –«

 

»Nun, was wollen Sie denn sagen? Sprechen Sie sich nur ruhig aus.«

 

»Ich wollte sagen, daß ich Sie liebe«, erklärte er frei und offen. »Ich denke nur an Sie, und ich möchte Sie glücklich und unabhängig machen. So, nun wissen Sie es.«

 

Sie stand etwas blaß und verwirrt an der Tür – ihre Augen glänzten. Langsam ging sie auf ihn zu und legte ihre Hände auf seine Schultern.

 

»Ich komme mit zum Tee«, sagte sie leise.

 

Dann lag sie in seinen Armen, und er küßte sie.

 

Als sie aus dem Haus traten, kam ihnen der Telegrafenbote entgegen und reichte Milton ein braungelbes Formular.

 

Er öffnete es, sah es durch und gab es Janet.

 

»Deine schlimmsten Befürchtungen erfüllen sich.«

 

Sie las:

 

Bitte besuchen Sie mich am Mittwoch in meiner Stadtwohnung. Mr. Eric Stanton hat mir geraten, daß ich mich an Sie wenden soll,

 

Mary President.

 

Sie schaute ihn lächelnd an.

 

»Das hat jetzt nichts mehr zu sagen«, erklärte sie sanft. »Ich war eifersüchtig … ich muß es eingestehen, aber jetzt bin ich es nicht mehr, Milton …«

 

»Nenne mich lieber Bill, Milton ist ein so schrecklicher Name.«

 

Kapitel 9

 

9

 

Soltescu hielt nicht viel von den meisten englischen Gebräuchen, und am wenigsten behagte ihm frühes Aufstehen. Aber an einem Aprilmorgen stand er trotzdem mit Sir George und Mr. Wilton an dem Pier in Tilbury und beobachtete die Ankunft des Dampfers »City of Incas«. Das weißgestrichene Schiff sah nach der langen Reise grau und schmutzig aus, und große, braune Rostflecken hatten sich überall eingenistet.

 

Sir George schlug seinen Mantelkragen hoch und ging an Bord des Schiffes, als die Landungsbrücke befestigt war.

 

Sie suchten den Zahlmeister und fanden ihn beim Frühstück in seiner großen Kabine.

 

»Es stimmt – wir haben verschiedene Pferde für Mr. Soltescu an Bord.«

 

»Hier ist der Herr selbst«, erklärte Sir George. »Die Pferde sollen morgen nach Rumänien geschickt werden. Wie hat denn El Rey die Fahrt überstanden?«

 

»Der ist frisch und fidel«, entgegnete der Zahlmeister begeistert. »Wirklich ein brillantes Pferd! Ich habe noch nie einen so vorzüglichen Renner gesehen. Eigentlich war ich ja etwas besorgt um ihn, aber er hat die Reise glänzend überstanden. Er hat gut gefressen, und außerdem war die Überfahrt verhältnismäßig ruhig. Ich glaube, daß Sie keine Schwierigkeiten mit ihm haben und ihn hier bald wieder ins Rennen stellen können.«

 

»Er soll nicht mehr an Rennen teilnehmen«, erwiderte Sir George kurz. »Er wird sofort nach Rumänien in das Gestüt von Monsieur Soltescu geschickt.«

 

Der Zahlmeister verstand etwas von Pferden und schüttelte den Kopf.

 

»Das ist aber schade«, meinte er bedauernd. »Das Tier ist erst vier Jahre alt und in allerbester Form. Es könnte noch manches Rennen gewinnen. Aber das ist ja schließlich Ihre Sache und geht mich nichts an.«

 

Sir George mußte als Soltescus Agent noch mehrere Schriftstücke ausfertigen und unterschreiben.

 

»Wann fahren Sie denn wieder ab?« fragte er nebenbei.

 

»Ausgerechnet einen Tag vor dem Derby. Es tut mir unendlich leid, daß ich das Rennen nicht sehen kann.«

 

Sir George atmete erleichtert auf. Es war ihm nur angenehm, daß der Zahlmeister nicht nach Epsom kommen konnte, denn er hatte allen Grund, dessen Anwesenheit zu fürchten.

 

Eine halbe Stunde nach der Ankunft des Dampfers führte ein Jockey das brasilianische Rennpferd die Landungsbrücke hinunter in die kleinen Gassen des Hafenviertels von Tilbury. Die drei gingen hinterher.

 

»Wohin bringen wir den Gaul jetzt?« fragte Mr. Wilton.

 

»Das werden Sie schon erfahren«, erwiderte Sir George ärgerlich. »Stellen Sie doch nicht immer so dumme Fragen, Toady.«

 

Mr. Wilton schwieg mürrisch.

 

Sie hatten einen weiten Weg vor sich, und er liebte es nicht, zu Fuß zu gehen. Zwei Kilometer vor der Stadt trafen sie ein Transportauto für Pferde, und El Rey wurde darin verladen.

 

Ein anderes Auto wartete auf die drei, und sie fuhren in der Richtung nach London voraus.

 

In Shadwell gibt es viele kleine Ställe, in denen die Gemüsehändler ihre Pferde über Nacht unterstellen. Sie sehen sehr vernachlässigt und schmutzig aus. In dieser Gegend endete die Fahrt. Sir George hatte das Auto halten lassen und dann an einen verabredeten Platz geschickt. Er öffnete selbst ein Vorhängeschloß an einer Hoftür und ging zu dem Stallgebäude hinüber. Als er die Tür aufmachte, konnte er im Dunkeln nichts sehen, aber das Rasseln einer Kette verriet, daß der Stall besetzt war. Das Grundstück lag am Ende einer kleinen Sackgasse, und dieser Stall erwies sich als sehr günstig für Sir George. Hier konnte er kaum beobachtet werden, und es spielte sich auf diesem kleinen, düsteren Hof manches ab, was das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen hatte.

 

»Warten Sie am Tor, Toady«, sagte Sir George, »und passen Sie auf, wenn der Transportwagen kommt. Sobald er um die Ecke biegt, öffnen Sie die beiden Torflügel. Machen Sie aber sofort wieder zu, wenn er auf den Hof gefahren ist.«

 

Das war gerade keine geeignete Beschäftigung für den eleganten Wilton, aber er erhob keinen Widerspruch. Lange brauchte er auch nicht zu warten, denn gleich darauf tauchten die Umrisse des großen Lastautos auf.

 

»Nun wollen wir uns das Pferd einmal ansehen«, meinte Sir George, als El Rey ausgeladen und von den Decken befreit worden war.

 

Es war ein tadelloser Grauschimmel mit einem wunderbar modellierten Körper. Für sein Alter war er etwas klein, aber in bester Verfassung.

 

»Der wird, das Rennen machen«, erklärte Sir George. »Wie schaut denn nun das andere Tier aus?«

 

Er ging zu dem Stall und öffnete weit die Tür. Das Pferd, das in der äußersten Ecke stand, wandte den Kopf nach ihm um. Es war ebenfalls grau, aber nicht im mindesten gepflegt und so abgemagert, daß man alle seine Rippen sehen konnte. Niemand hätte in ihm den Portonius vermutet, der als Zweijähriger ohne Klassierung manche Rennen mitgemacht hatte. Und am allerwenigsten hätte jemand daran gedacht, daß dieser selbe Portonius für das Derby genannt war und daß die Buchmacher für ihn Wetten auf zwanzig zu eins abschlossen. Sir George schien darüber nachzudenken, denn er lächelte sarkastisch.

 

»Was würden die Buchmacher wohl sagen, wenn sie ihn in der Verfassung sähen?«

 

»Die würden Wetten auf tausend zu eins ohne Bedenken annehmen«, entgegnete Toady.

 

Das schlechtgefütterte Tier sah sich nach seinem Herrn um, und wenn Sir George auch nur einen Funken von Gefühl gehabt hätte, wäre ihm dieser vorwurfsvolle Blick nicht gleichgültig geblieben. Aber er kannte keine sentimentalen Anwandlungen.

 

»Bringen Sie El Rey in den nächsten Stall.«

 

Der Jockey führte den Auftrag aus.

 

»Morgen früh kommt er nach Cornwall«, sagte Sir George. »Aber was machen wir nun mit Portonius?« wandte er sich an den Jockey.

 

»Am besten geben wir ihm eine Kugel«, entgegnete Buncher.

 

Sir George schüttelte den Kopf.

 

»Lieber nicht. Wir müßten einen Pferdeschlächter rufen, und der versteht so viel von Pferden, daß er sofort ein Vollblut erkennt. Nein, das dürfen wir nicht tun. Ich habe mir aber etwas anderes überlegt. Wie heißt doch der Mann, der Ihnen manchmal hier hilft?«

 

»Flickey. Seinen eigentlichen Namen weiß ich nicht. Er treibt sich hier gewöhnlich in den Kneipen herum. Wenn man ihm ein paar Glas Bier gibt, tut er alles, was man von ihm verlangt.«

 

»Haben Sie mir nicht erzählt, daß er mit der Polizei in Konflikt kam, weil er alte, ausgediente Pferde nach Antwerpen verschiffte?«

 

Buncher nickte grinsend.

 

»Ach so, jetzt verstehe ich, was Sie wollen«, meinte er.

 

»Ja, das ist das beste«, erwiderte Sir George. »Holen Sie Flickey, daß er den Gaul heute abend noch fortschafft. Er kann ihn wegbringen, ohne Geld dafür zu verlangen. Auch wünsche ich nicht, daß irgendwelche Papiere darüber ausgefertigt werden. Wir tun so, als ob das Pferd schon bezahlt ist. In ein paar Tagen ist Portonius in Antwerpen, und wir hören und sehen nie wieder etwas von ihm. Das ist der einzig sichere Weg. Der Handel mit alten Pferden ist sehr unbeliebt, und die Leute, die sich damit abgeben, halten den Mund. Und je weniger Leute darüber sprechen, desto besser ist es.«

 

Er wandte sich an den Rumänen.

 

»Sie sehen, daß die Sache klappt, Mr. Soltescu. Ich glaube, wir brauchen Sie jetzt nicht mehr zu belästigen. Haben Sie übrigens noch etwas von Ihrer vermißten Mappe gehört?«

 

Soltescu schüttelte den Kopf.

 

»Ich fürchte auch, daß ich nie wieder etwas von der wertvollen Formel sehen werde.«

 

»Ja, die Sache war wohl eine Million wert«, meinte Sir George.

 

»Was fällt Ihnen ein!« Soltescu lachte bitter. »Eine Million? Drei, fünf Millionen mindestens! Wissen Sie, daß Ende nächsten Monats eine Glasausstellung in Frankreich eröffnet wird? Man hat eine Belohnung von hunderttausend Pfund für denjenigen ausgesetzt, der biegsames Glas herstellen kann.«

 

»Da sollte man doch denken, daß der alte President sich um den Preis bewirbt?« Sir George runzelte die Stirn.

 

»Ich glaube nicht«, sagte Soltescu. »Ich kann mich noch sehr gut darauf besinnen, wie kompliziert der Herstellungsprozeß war. Sicherlich hat er versucht, die Formel wieder zu rekonstruieren, aber ich glaube kaum, daß es ihm gelungen ist. Wahrscheinlich wurden ihm die Schriftstücke während seiner schweren Krankheit gestohlen.«

 

»Woher wissen Sie denn davon?« fragte Sir George erstaunt.

 

»Der Mann, der mir das Fabrikationsgeheimnis verkaufte, hat es mir gesagt. Übrigens kommt er nächstens nach London.«

 

»Könnte der Ihnen denn keinen Aufschluß über die Formel geben?«

 

Soltescu machte ein trauriges Gesicht.

 

»Ich habe bereits darüber mit ihm verhandelt. Er weiß natürlich noch verschiedenes, aber das Wichtigste hat er vergessen. Wir haben auch schon verschiedene Experimente zusammen gemacht, aber keine Resultate erzielt.«

 

»Ist mir der Mann eigentlich bekannt?« fragte Sir George interessiert.

 

Während des Gespräches hatten sie den kleinen Hof verlassen und gingen jetzt durch die schmutzigen Straßen von Shadwell.

 

»Sie haben wahrscheinlich schon von ihm gehört.« Soltescu lachte verschmitzt. »Es ist ein Graf –«.

 

»Ach, ist es der?« Der Baron, sah ihn erstaunt an. »Er hat doch in Monte Carlo die Bank gesprengt?«

 

»Ja, ganz recht. Er ist dann nach Paris gefahren, wo er ein Leben in Saus und Braus führte. Da er jetzt über viel Geld verfügt, fürchtet er sich auch nicht mehr vor John President und wagt sich nach London.«

 

»Graf Colini«, sagte Sir George nachdenklich.

 

»Diesen Namen hat er sich allerdings erst nach seinem großen Erfolg zugelegt«, erwiderte der Rumäne lachend.

 

»Ich möchte ihn eigentlich näher kennenlernen«, erklärte Sir George. »Ein Mann mit einem so großen Vermögen kann einem immer nützlich sein.«

 

Einen Augenblick begegneten sich ihre Blicke, und sie verstanden einander vollkommen.

 

»Er wird Ihnen nicht soviel nützen wie ich«, meinte der Rumäne.

 

Sie standen vor dem Wagen. Mit einem kurzen Nicken verabschiedete sich Soltescu und fuhr davon.

 

*

 

An demselben Abend um halb neun ging Mr. Flickey etwas unsicher zu dem Stallgebäude, das Sir George in Shadwell gemietet hatte. Buncher gab ihm dort die letzten Anweisungen.

 

»Wenn jemand Sie anhält und fragt, wohin Sie den Gaul führen, sagen Sie, daß Sie ihn zum Tierarzt nach Camden Town bringen.«

 

»Lassen Sie mich nur machen«, erklärte Flickey selbstbewußt. »Ich habe nicht umsonst meine Zeit hauptsächlich im Gefängnis zugebracht. Da lernt man allerhand. Wird für den Gaul bezahlt, wenn ich ihn abliefere?«

 

»Nein, darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Ihre zehn Schilling haben Sie ja schon in der Tasche. Sie sollen das Pferd nur den Leuten übergeben, die die Pferdetransporte nach Antwerpen besorgen. Weiter haben Sie nichts zu tun.«

 

»Ja, die Firma kenne ich gut.«

 

»Und nun machen Sie, daß Sie fortkommen«, sagte Buncher ärgerlich.

 

Flickey verschwand mit seinem Pferd durch das Tor und wandte sich später zur Commercial Road. Es kam ihm etwas unheimlich auf der großen Straße vor, auf der viele Polizisten zu sehen waren, denn er hatte nicht die geringste Absicht, mit ihnen in Berührung zu kommen. Nach einer Viertelstunde bog er jedoch in eine ruhige, verlassene Straße ein und kam an einer Kneipe vorbei. Die hellerleuchteten Fenster besaßen eine besondere Anziehungskraft für ihn, der er nicht widerstehen konnte. Er hielt an und sah sich um. Aber er konnte nur einen einzigen Menschen in der Nähe entdecken, einen schlampigen Mann, der mit den Händen in den Hosentaschen hinter ihm herging. Mr. Flickey fühlte, daß jetzt der Augenblick gekommen war, in dem er unbedingt etwas trinken mußte. Außerdem fiel ihm ein, daß es kurz vor Toresschluß war. Der Mann, den er bemerkt hatte, schlenderte gerade langsam an ihm vorüber.

 

»Hallo, Bill!« rief ihn Flickey an.

 

Er wußte zwar nicht, ob der Mann Bill hieß, aber dieser Anruf erschien ihm als eine freundliche Einleitung, da er den Mann um einen Gefallen bitten wollte.

 

»Halten Sie doch mal dieses Pferd fünf Minuten lang«, sagte er. »Sie kriegen nachher auch ein Trinkgeld, wenn ich wieder aus der Kneipe komme.«

 

»Gemacht!« entgegnete der andere sofort bereitwillig.

 

Er war groß, aber sehr schlecht gekleidet. Flickey betrachtete ihn und gewann den Eindruck, daß der Mann bessere Tage gesehen haben mußte. Das schloß er auch aus seiner Sprache und aus seinen Bewegungen.

 

»Wo kommt der Gaul denn hin?« fragte der Fremde, der das Pferd neugierig musterte.

 

»Das geht Sie nichts an«, erklärte Flickey brummig. »Stellen Sie keine dummen Fragen, dann bekommen Sie keine falschen Antworten. Man muß nicht allen Leuten gleich alles auf die Nase binden.«

 

»Nichts für ungut«, erwiderte der andere und nahm den Zügel des Pferdes.

 

»Aber Ihnen kann ich es ja im Vertrauen sagen«, meinte Flickey gnädig. »Der kommt nach der Knochenmühle.«

 

»Was, zum Abdecker?«

 

»Nein, das gerade nicht«, entgegnete Flickey, der keine Neuigkeit für sich behalten konnte. »Ich bringe ihn zu einem Freund, der schickt ihn per Schiff fort.«

 

»Aha, ich verstehe.«

 

»Ich bleibe keine fünf Minuten aus«, sagte Flickey noch, als er sich in der Tür umdrehte.

 

Aber in der Stube war es gemütlich warm, und er konnte seinen gewaltigen Durst löschen, da er Geld in der Tasche hatte.

 

Die fünf Minuten wurden zu zehn – zu fünfzehn – und schließlich kam Flickey noch mit einem Mann ins Gespräch, der eine entgegengesetzte Meinung über Politik vertrat. Eine Dreiviertelstunde war vergangen, als ihm zum erstenmal wieder einfiel, daß er noch einen Auftrag zu erledigen hatte.

 

»Jetzt muß ich aber machen, daß ich fortkomme«, sagte er und schaute auf die große Uhr über dem Büfett. Dann taumelte er zu der Tür.

 

»Verdammt, ich habe ziemlich schwer geladen. Wenn ich bloß nicht zwei Pferde sehe«, brummte er, als er auf die Straße trat.

 

Aber davor blieb er bewahrt, denn als er hinauskam, konnte er nicht einmal ein Pferd sehen. Der Gaul und sein Wächter waren vollkommen von der Bildfläche verschwunden.

 

Flickey starrte bestürzt vor sich hin, ging dann langsam zur nächsten Straße und schaute um die Ecke, aber auch da war keine Spur zu finden. Er öffnete sogar die gute Stube der Kneipe, denn es kam ihm plötzlich der absurde Gedanke, daß sich der Mann mit dem Pferd dort niedergelassen haben könnte. Bald beruhigte er sich aber wieder. Er hatte ja seine Bezahlung schon im voraus bekommen, und deshalb hatte er ein gutes Gewissen.

 

»Na, meinetwegen soll er den Gaul heiraten«, brummte er, trollte sich nach Hause und sank schwer aufs Bett. Als er am nächsten Morgen erwachte, hatte er alles vergessen, was sich am vorigen Abend zugetragen hatte, und als Buncher ihn später fragte, ob er das Pferd richtig abgeliefert hätte, zögerte er keinen Augenblick mit der Antwort.

 

»Ja, ich habe den Gaul dem Mann gegeben, und er hat sich obendrein noch freundlich dafür bedankt«, erklärte er seelenruhig.

 

Kapitel 22

 

22

 

»Die Sache hat Sie schwer mitgenommen«, meinte Eric Stanton.

 

Milton saß teilnahmslos am Tisch und starrte ins Leere. Die Zigarre zwischen seinen Fingern war ausgegangen.

 

»Ja, da haben Sie recht«, sagte er jetzt. »Mir hat noch nichts im Leben so sehr zugesetzt.«

 

»Kommen Sie mit in die Stadt und erholen Sie sich.«

 

Auf dem Heimweg hatten sie in der Nähe eines Vergnügungsparks einen Reifenschaden. Während der Chauffeur das Rad wechselte, gingen sie durch die Reihe der Würfelbuden und Schießstände und blieben schließlich vor einem größeren Zelt stehen. Ein auffallend bemaltes Schild verkündete, daß hier eine wandernde Theatertruppe Vorstellungen gab. Die Schauspieler und Schauspielerinnen standen in ihren Kostümen auf einer erhöhten Plattform.

 

»Der Mann dort kommt mir so bekannt vor«, sagte Eric plötzlich und wies auf einen Schauspieler, der mit lauttönender Stimme die Umstehenden zum Besuch des Theaters aufforderte.

 

»Und die Frau dort muß ich auch schon gesehen haben«, erwiderte Milton und zeigte auf eine reichlich geschminkte Dame, die auf einem Stuhl saß und mit einem Kollegen sprach.

 

»Es ist doch merkwürdig, daß man sich manchmal einbildet, gewisse Leute schon zu kennen, die man plötzlich trifft«, fuhr Milton fort. »Jedem von uns ist das schon begegnet.«

 

Er folgte einer plötzlichen Eingebung und nahm Eric mit in die Vorstellung, die mittlerweile begonnen hatte. Sie kauften reservierte Plätze in der Nähe der Bühne, und der erste Akt war beinahe zu Ende, als Milton einen Zettel schrieb. Er schickte ihn durch einen Angestellten hinter die Bühne und erhielt auch gleich darauf die Antwort, daß der Schauspieler ihn nach der Vorstellung sprechen würde.

 

»Ich habe eine Idee«, erklärte Milton, »aber ich weiß nicht, ob ich recht habe.«

 

Eric schüttelte den Kopf.

 

»Sie sind wieder einmal geheimnisvoll, und ich weiß nicht, was Sie beabsichtigen.«

 

Die Vorstellung endete erst gegen zwölf Uhr, und die Schauspieler kamen einzeln aus dem Zelt ins Freie. Ein etwas untersetzter Mann trat auf Milton Sands zu.

 

Sie musterten sich einen Augenblick, als sie einander gegenüberstanden, und Milton sah, daß der Mann verlegen wurde.

 

»Ich glaube, wir haben uns schon kennengelernt«, bemerkte der Detektiv ruhig.

 

»Ich glaube nicht«, entgegnete der andere ablehnend.

 

»Würden Sie vielleicht so liebenswürdig sein und mich in mein Hotel begleiten? Ich möchte einige Fragen an Sie richten.«

 

»Nein, das lehne ich entschieden ab.«

 

»Dann muß ich die Polizei rufen und Sie verhaften lassen.«

 

»Das können Sie nicht. Ich habe Sie überhaupt noch nicht gesehen!«

 

»Machen Sie doch keine Geschichten. Ich will Ihnen gern für Ihre Bemühungen zahlen, wenn Sie mir einige Informationen geben können«, erklärte Milton lächelnd. »Wenn Sie vernünftig sind, gehen Sie mit mir.«

 

Diese Zusicherung beruhigte den Schauspieler, und er begleitete die beiden.

 

Sie fuhren zu einem nahegelegenen Hotel, in dem Eric ein Zimmer nahm, und setzten sich bei einem Glas Wein zusammen.

 

»Wie kam es denn, daß Sie heute nachmittag auf dem Hausboot von Sir George waren?« fragte Milton nach einigen einleitenden Bemerkungen. »Und warum haben Sie behauptet, daß Sie das Boot gemietet hätten?«

 

»Darüber möchte ich nichts weiter sagen«, entgegnete der Mann zurückhaltend.

 

Milton zog seine Brieftasche heraus und legte fünf Banknoten auf den Tisch. Jede hatte einen Wert von fünf Pfund.

 

»Wenn Ihre Informationen nützlich für mich sind, zahle ich Ihnen diese Summe.«

 

Der Mann sah das Geld gierig an.

 

»Unter diesen Umständen bin ich schließlich nicht abgeneigt, Ihnen die Geschichte zu erzählen. Wir haben ja nichts Schlimmes getan, sondern uns einfach engagieren und bezahlen lassen.«

 

»Wer hat Sie denn engagiert?«

 

»Ein eleganter Herr. Ich glaube, er heißt Sir George Frodmere. Außerdem war noch ein gewisser Mr. Kitson bei ihm.«

 

»Ach so, Bud Kitson.« Milton nickte.

 

Der andere grinste.

 

»Der hat mir eine merkwürdige Geschichte vorerzählt. Eine hübsche Schauspielerin sollte zu dem Boot kommen, die immer von zwei jungen Leuten belästigt wurde. Sie wollte sich dort vor ihnen in Sicherheit bringen. Ich und meine Kolleginnen sollten eine Familienszene auf dem Hausboot spielen und die beiden Herren hinters Licht führen. Wir bekamen zehn Pfund für unsere Bemühungen und sollten von morgens bis zur Abendvorstellung auf dem Boot bleiben.«

 

»Jetzt verstehe ich alles«, sagte Milton. »Hier haben Sie Ihre fünfundzwanzig Pfund. Ich will Sie nicht weiter stören.«

 

Er verließ das Zimmer, öffnete draußen seine Aktentasche, nahm eine Browningpistole heraus und untersuchte sie. Er überzeugte sich, daß das Magazin gefüllt war, steckte die Pistole in seine Hüfttasche und ging dann zu Eric zurück.

 

»Wir wollen noch einmal zu dem Hausboot fahren und es gründlich untersuchen. Da Kitson zu der Gesellschaft gehört, ist es ratsam, daß wir uns vorsehen.«

 

Es gab noch einen kleinen Aufenthalt, bevor sie abfahren konnten, und die Kirchenuhren schlugen eins, als sie zum Themseufer kamen.

 

»Wir sind da«, sagte Milton und zeigte auf die beiden weißen Pfosten, die die Anlegestelle markierten.

 

Der Wagen hielt, sie stiegen aus und gingen nach dem Fluß zu. Es war eine dunkle Nacht, und ein leichter Regen fiel.

 

»Wir müssen falsch gegangen sein«, rief Eric plötzlich.

 

»Warum denn?« fragte Milton erstaunt.

 

Aber dann sah er plötzlich, daß das Hausboot nicht mehr am Ufer lag. Sie fanden wohl die Pfosten, an denen es vertäut gewesen war, und im Schein ihrer Taschenlampen entdeckten sie auch Fußspuren und die Stelle, wo die Landungsbrücke am Ufer aufgelegen hatte. Aber das Hausboot selbst war verschwunden.

 

*

 

»Wie spät ist es?« fragte Sir George.

 

»Halb eins«, entgegnete Kitson.

 

»Der Schlepper muß jeden Augenblick ankommen.«

 

»Der Schlepper?« fragte Bud erstaunt.

 

Sir George nickte.

 

»Sie lassen uns hier sicher nicht in Ruhe, denn sie werden bald auf unserer Spur sein. Die Schauspieler haben ihren Zweck erfüllt, aber ich brauche mehr Zeit, um zum Ziel zu kommen. Deshalb habe ich einen Schlepper engagiert, der uns den Strom hinunterbugsieren soll. Ich kenne eine ruhige, nette Bucht weiter unten, in der wir wochenlang liegen können, ohne daß man uns dort sucht.«

 

»Aber wird denn das alte Boot die Fahrt aushalten?« fragte Kitson zweifelnd.

 

Sir George lächelte.

 

»Der Schlepper muß das Boot längsseits festmachen, dann kann so leicht nichts passieren. Ich habe auch schon Anweisung gegeben, daß er die Taue sofort loswerfen soll, wenn wir in der Nähe der Bucht sind. Wir müssen den alten Kasten dann selbst mit Stangen und Rudern bis zu einer guten Landungsstelle bringen.«

 

Sir George schaltete das Licht im Salon aus und öffnete eins der Fenster, die auf den Fluß hinausführten.

 

»Da kommt er schon.«

 

Mitten im Strom konnten sie die dunklen Umrißlinien des kleinen Dampfers sehen. Die roten und grünen Lichter leuchteten hell in der Dunkelheit.

 

Nach kurzer Zeit war das Hausboot von den Pfosten losgemacht und an dem Schlepper befestigt. Langsam fuhren sie auf den Strom hinaus.

 

»Die einsame Bucht befindet sich auf dem Landgut von Lord Chanderson, und es trifft sich vorzüglich, daß er gerade heute abend nach Frankreich reist. Ich hörte es auf dem Rennplatz, als er mit einem anderen Herrn darüber sprach. Niemand wird uns dort beobachten, und wenn uns das Glück günstig ist, können wir uns bequem drei Wochen lang versteckt halten. Haben Sie das Boot verproviantiert, wie ich Ihnen gesagt habe?«

 

Kitson nickte.

 

»Was soll denn aus ihr werden?«

 

Sir George lächelte.

 

»In drei Wochen kann viel passieren. In dieser Zeit kann selbst eine eigensinnige junge Dame ihre Meinung ändern. Augenblicklich bin ich allerdings in einer etwas unangenehmen Lage, Kitson. Das werden Sie auch verstehen. Wir haben ja schon öfter solche Situationen miteinander erlebt.«

 

»Das könnte ich nicht gerade behaupten«, entgegnete Bud kühl. »Mich hat man zwar mehrmals ins Gefängnis gesteckt. – Pentridge gab Ihnen doch zweitausend Pfund«, sagte er dann unvermittelt. »Davon möchte ich auch meinen Teil haben.«

 

»Selbstverständlich«, entgegnete Sir George beruhigend. »Wir teilen, wenn die Sache vorüber ist. Sie sollen nicht zu kurz kommen, weil Sie zu mir halten. Ich kann bald über ein großes Vermögen verfügen, und Sie wissen doch auch, daß ich ein wertvolles Landgut besitze.«

 

»Damit können Sie mir nicht imponieren. Das Ding ist über und über mit Schulden und Hypotheken belastet. Meiner Meinung nach besteht Ihr ganzes Besitztum aus den zweitausend Pfund, die Sie in Ihrer Brieftasche haben. Und ich muß schon darauf dringen, daß Sie mir einen Teil davon abgeben.«

 

»Wir wollen die Sache in einigen Tagen weiter besprechen«, sagte Sir George bestimmt.

 

»Nein, wir müssen sie jetzt ins reine bringen«, brummte Bud Kitson. »Unsere gemeinsame Verbindung war bis jetzt für mich nicht gerade sehr vorteilhaft, und ich verlange endlich einmal eine größere Summe.«

 

Sie standen beide auf dem Oberdeck und sahen auf den dunklen Fluß hinunter, während der Schlepper langsam stromabwärts dampfte.

 

»Ich habe bei Ihnen wirklich keine Seide spinnen können«, fuhr Kitson fort. »Und die tausend Pfund, die Sie mir jetzt geben werden, sind noch lange keine Entschädigung für all meine Mühe.«

 

Sir George lachte.

 

»Tausend Pfund soll ich Ihnen geben? Mein lieber Mann, Sie sind wohl nicht mehr ganz bei Verstand! Ich brauche den ganzen Betrag, ich kann nichts davon entbehren. Ich habe Ihnen doch vorhin schon gesagt, daß Sie Ihre volle Belohnung erhalten, wenn wir die Sache zu einem guten Abschluß gebracht haben.«

 

»Und ich sage Ihnen, daß ich meine Hälfte jetzt sofort haben will«, entgegnete Bud Kitson heftig.

 

Sir George wandte sich zu ihm um und trat ihm im Dunkeln entgegen.

 

»Sie bekommen jetzt gar nichts. Sie müssen warten, bis ich Ihnen etwas gebe, wenn die Zeit dazu gekommen ist.«

 

»Sie ist jetzt gekommen«, erwiderte Kitson hartnäckig.

 

Sir George drückte dem Amerikaner plötzlich die Pistole in die Rippen, und Bud hob automatisch die Hände hoch.

 

»Sie bekommen Ihr Geld, wenn ich soweit bin. Sie können mich nicht dazu zwingen, daß ich es Ihnen jetzt gebe.«

 

»Wenn ich nun aber ans Ufer gehe, die Polizei rufe und ihr alles mitteile?« fragte Kitson frech.

 

»Welchen Nutzen hätten Sie davon? Sie saßen doch schon einmal im Portland-Gefängnis. Wollen Sie wieder dorthin wandern? Wenn Sie Ihre Drohung wahrmachen sollten, werde ich schon dafür sorgen, daß Sie wieder hinkommen.«

 

»Ich glaube, das wird Ihnen kaum gelingen.«

 

»Auf Ihren Glauben kommt es gar nicht an«, entgegnete Sir George mit einem rauhen Lachen. »Ich kenne Ihr Vorleben ganz genau. In Monte Carlo wurde ein Mann ermordet, und Sie standen dabei und rührten keinen Finger, um den armen Teufel zu retten. Seit der Zeit haben Sie den Mörder erpreßt. Das ist an und für sich schon strafbar, außerdem sind Sie auch der Beihilfe zum Mord schuldig.«

 

»Sie wissen zuviel«, sagte Bud Kitson merkwürdig langsam und ruhig.

 

Blitzschnell schlug er Sir George die Pistole aus der Hand, und die Waffe fiel polternd auf das Deck.

 

»Lassen Sie mich los«, brüllte der Baronet, als Bud ihn an der Kehle packte.

 

Sie rangen miteinander auf dem Deck des großen Hausbootes. Plötzlich sprang Kitson zurück und schlug Sir George mit einem Kinnhaken zu Boden, so daß dieser besinnungslos liegenblieb. Vorsichtig beugte er sich über ihn, durchsuchte seine Taschen und fand, was er haben wollte. Er steckte die Brieftasche und die Pistole Sir Georges ein, zog dann ohne weitere Umschweife den Bewußtlosen an die Reling und warf ihn ins Wasser. Einige Zeit blieb er noch dort stehen und schaute in die dunklen Fluten, aber es war nichts mehr von Sir George zu sehen. Schnell ging er über das Deck und rief den Kapitän des Schleppers.

 

»Machen Sie Ihre Taue los und lassen Sie das Hausboot treiben!« befahl er.

 

Er hörte den Maschinentelegrafen, der das Signal zum Stoppen gab. Der Kapitän stieg von seiner kleinen Brücke und kam nahe an die Reling.

 

»Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte er.

 

»Machen Sie das Hausboot los«, wiederholte Bud …

 

»Ich kann Sie aber doch nicht mitten im Strom treiben lassen!« entgegnete der Kapitän verwundert.

 

»Dann bringen Sie das Boot bis ans Ufer und lassen Sie es dort liegen«, erwiderte Kitson.

 

»Wo ist denn der andere Herr?«

 

»Der ist schon nach unten gegangen und hat sich schlafen gelegt.«

 

Der Kapitän zögerte.

 

»Und was wird aus meiner Heuer?«

 

Kitson nahm einen Geldschein aus der Tasche, lehnte sich über die Reling und reichte ihn hinüber.

 

»So, damit sind Sie bezahlt.«

 

Der Kapitän trat unter eine Lampe und erstaunte über die Höhe des Betrages.

 

»Ich werde Ihnen das Wechselgeld herausgeben.«

 

»Sie können den Rest behalten. Bringen Sie mich nur bis zum Ufer und fahren Sie dann fort.«

 

Aber selbst, als der Kapitän den Auftrag ausgeführt hatte, konnte er sich noch nicht beruhigen und fragte, ob er nicht noch weitere Hilfe leisten sollte.

 

»Ich kann den Kasten schon allein festmachen«, erklärte Bud.

 

Er wartete eine halbe Stunde, bis die Lichter des Schleppers um die Biegung des Flusses verschwunden waren. Bis jetzt hatte alles geklappt. Er hatte das Hausboot nicht festzumachen brauchen, denn es hatte sich auf einer Schlammbank festgesetzt und rührte sich nicht von der Stelle. Kitson ging nach unten. Seine Frau lag auf einer Couch im Salon.

 

»Sir George ist über Bord gefallen«, sagte er kurz, nachdem er sie geweckt hatte.

 

Sie sahen sich einen Augenblick an und verstanden sich.

 

»Mach dich fertig, damit wir fortgehen können. Wir müssen uns beeilen.«

 

»Was wird denn aus dem Mädchen?«

 

»Die kann hier bleiben. Die kleine Meinungsverschiedenheit zwischen mir und Sir George ist doch nur zu ihrem Besten.«

 

Die Vorbereitungen waren bald getroffen. Er wechselte seine leichten Schuhe gegen ein Paar kräftige Stiefel aus und durchsuchte dann Sir Georges Kabine. In einem Handkoffer fand er eine große Summe Bargeld.

 

Seine Frau war schon längst fertig und wartete auf ihn.

 

»Wäre es nicht besser, wenn wir sie riefen?« fragte sie.

 

»Nein, wir haben keine Zeit zu solchen Dummheiten. Wir müssen jetzt vor allem an uns selbst denken.«

 

»Was ist denn aus ihm geworden?« fragte sie und zeigte mit dem Kopf nach dem Deck.

 

»Halt den Mund und stell keine albernen Fragen.«

 

Als er vorhin auf dem Deck stand, hatte er geglaubt, die Spitze des Bootes sei dem Ufer so nahe, daß man von dort aus an Land springen könne. Aber jetzt bemerkte er zu seiner Überraschung, daß ihn ein breiter Streifen Wasser vom Ufer trennte.

 

»Das Boot ist ins Treiben gekommen«, sagte er mit einem Fluch und eilte aufs Oberdeck, um sich besser umsehen zu können.

 

Das Fahrzeug trieb tatsächlich langsam nach der Mitte des Stroms. Ein kleines Rettungsboot schwamm an einem Seil hinterher. Nach einigen Anstrengungen gelang es Kitson, es heranzuziehen. Er half seiner Frau hinein und kletterte dann selbst nach.

 

Er fand ein paar Ruder und trieb das Boot mit kräftigen Schlägen ans Land.

 

»Das ist der beste Ausweg für uns. Das Mädchen werden sie morgen schon finden. Passieren kann ihr nichts.«

 

Kapitel 23

 

23

 

Janet Symonds erwachte aus einem unruhigen Schlaf. Sie hatte das Gefühl, daß ihr irgendeine Gefahr drohte. Obwohl sie unter keinen Umständen hatte einschlafen wollen, hatten sie die aufregenden Ereignisse des Tages und die lange Fahrt doch müde gemacht.

 

Es fiel ihr auf, daß das Boot sich nach der einen Seite neigte, und als sie durch das kleine Fenster schaute, bemerkte sie, daß es mitten im Strom trieb. Schnell räumte sie die Möbel fort, die sie vor der Tür angehäuft hatte. Sie lief den Gang entlang und erwartete, daß sie die anderen treffen würde, aber sie konnte niemand entdecken. Das Licht im Salon brannte allerdings noch, aber es war niemand dort.

 

Nun wurde ihr plötzlich die gefährliche Lage klar, in der sie sich befand. Das Boot sank!

 

Sie lief wieder nach unten und rief nach Sir George. Aber sie bekam keine Antwort.

 

Die anderen hatten sie im Stich gelassen. Sie erinnerte sich daran, daß sie vorher ein kleines Ruderboot gesehen hatte, das hinten an dem Hausboot befestigt war. Aber auch das war verschwunden.

 

Langsam, mit leisem Knacken und Ächzen, sank das Boot tiefer und tiefer. In ihrer Verzweiflung suchte sie nach einem Rettungsring, konnte aber keinen finden. Sie war zu schwach, um ein paar Planken loszureißen, die sie hätten über Wasser halten können.

 

Aber plötzlich tauchten weiter stromaufwärts Lichter auf und näherten sich schnell. Janet hörte das Geräusch eines Motors und rief mit aller Kraft um Hilfe.

 

Eric Stanton, der vorn im Boot saß, hörte den Schrei und sah in der Fahrtrichtung die dunklen Umrisse des Hausbootes. Er rief etwas zurück, und der Motor stoppte sofort, gerade noch rechtzeitig. Milton, der am Steuer saß, brachte das Boot längsseits des sinkenden Fahrzeugs.

 

Ohne einen Augenblick zu zögern, sprang er an Bord. Als sein Fuß den Boden des Decks berührte, legte sich das Hausboot auf die Seite und versank in den Fluten. Aber er hatte Janet mit starken Armen gepackt. Beinahe hätte der Strudel des untergehenden Bootes sie in die Tiefe mitgerissen. Milton kämpfte verzweifelt, und endlich, nach einer Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit erschien, kam er wieder an die Oberfläche und atmete die frische Nachtluft.

 

Das Motorboot nahm beide auf.

 

»Janet ist ohnmächtig geworden«, sagte Eric. Er zog seinen Mantel aus und deckte damit die Bewußtlose zu. Zärtlich blickte er sie an. Endlich hatte er seine Schwester wiedergefunden.

 

*

 

Am nächsten Morgen ging die Sonne strahlend auf, und Janet öffnete schlaftrunken die Augen. Sie schaute sich um und bemerkte, daß Mary President neben ihrem Bett saß und ein Buch auf den Knien hatte. Sie lächelte schwach und schlief wieder ein. Als sie zum zweitenmal erwachte, war Mary President immer noch bei ihr, aber statt des Buches hielt sie eine Zeitung in der Hand, und auch der Boden war mit Zeitungen bedeckt.

 

»Wie geht es Ihnen jetzt?«

 

»Viel besser«, sagte Janet und richtete sich auf.

 

»Fühlen Sie sich wohl genug, all die vielen Bilder von Donavan zu sehen?« fragte Mary vergnügt. »Er hat das Derby gewonnen.«

 

»Das Derby?« fragte Janet verständnislos.

 

»Ja. Wir waren doch gestern zusammen beim Rennen in Epsom – haben Sie das denn ganz vergessen?«

 

Janet schüttelte den Kopf.

 

»War das erst gestern?« fragte sie verwundert. »Es kommt mir vor, als wären inzwischen viele Jahre vergangen.«

 

*

 

Monsieur Soltescu saß in Paris im Hotel und las in einer Zeitung den Bericht über den Tod Sir Georges in der Themse. Er las auch, daß Bud Kitson und seine Frau in den frühen Morgenstunden in der Nähe von Reading von der Polizei aufgegriffen worden waren.

 

»Ja, so geht’s«, sagte er in philosophischer Ruhe und machte auf dem schneeweißen Tischtuch mit seinem Bleistift eine ungefähre Kalkulation, wieviel Geld er bei dieser Geschichte verloren hatte.

 

 

Ende

 

Kapitel 3

 

3

 

Es gibt verrufene Gegenden in Nizza, von denen die Fremden, die auf der Promenade des Anglais im hellen Sonnenschein lustwandeln und sich an den Mimosen und den schönen Palmen erfreuen, für gewöhnlich gar nichts erfahren.

 

In einer kleinen Nebenstraße ließ Monsieur Soltescu sein Auto halten. Der Chauffeur hatte sich sehr gewundert, daß dieser gutgekleidete Herr zu einer so armseligen Straße fahren wollte.

 

Die Passage du Bue ist eng und von hohen, häßlichen Häusern eingefaßt, in denen kleine Handwerker, Arbeiter und Krämer wohnen. Nummer 27 war das baufälligste Gebäude der Reihe, aber Monsieur Soltescu kannte derartige Wohnungen. Sie waren immerhin noch besser als die Behausungen seiner Fabrikarbeiter. Er war nicht sentimental veranlagt und kümmerte sich wenig um das Elend seiner Mitmenschen.

 

»Sie wollen Monsieur Pentridge besuchen?« fragte der schlechtgekleidete Pförtner, denn selbst dieses erbärmliche Haus hatte einen Pförtner. Er hatte allerdings nur die Pflicht, wöchentlich die Mieten von den Bewohnern einzusammeln. »Ja, Monsieur Pentridge ist zu Haus. Vierter Stock, links die erste Tür von der Treppe aus.«

 

Soltescu stieg die wackligen Stufen schnell hinauf. Er lächelte bei dem Gedanken, daß er in größte Gefahr kommen könnte, wenn jemand die große Summe in seiner Brieftasche vermutete. Als er an die beschriebene Tür kam, klopfte er. Zuerst meldete sich niemand, und erst auf wiederholtes Pochen erhielt er Antwort.

 

»Herein!« rief eine unangenehme, heisere Stimme.

 

Der Rumäne öffnete die Tür und trat in ein kleines, schlecht möbliertes Zimmer. Außer, einem alten Feldbett, das in der einen Ecke des Zimmers stand, konnte er nur noch einen Tisch, einen gebrechlichen Stuhl und einen kleinen Wandschrank entdecken. Eine schmutzige Petroleumlampe beleuchtete den Raum nur spärlich.

 

John Pentridge, den er aufsuchen wollte, saß auf der Bettkante. Er trug ein Paar alte Hosen und ein unsauberes Hemd, das vorn offenstand. Auf dem Bett lag der armselige Smokinganzug, den er gerade ausgezogen haben mußte. Er war eben erst gekommen und hatte seinem Chauffeur eine Belohnung versprechen müssen, um zur verabredeten Zeit zu Hause sein zu können.

 

Mit einem verschlagenen Blick betrachtete er den Fremden und gab sich nicht einmal die Mühe, aufzustehen. Soltescu glaubte, noch niemals einen Mann von so abstoßendem Äußeren gesehen zu haben.

 

»Sind Sie Monsieur Soltescu?«

 

Pentridge hatte in Englisch gefragt, und der Rumäne nickte. Ohne weitere Aufförderung nahm er den Stuhl, rückte ihn an das Bett heran und setzte sich.

 

»Mr. Pentridge, ich bin bereit, das wichtige Geschäft sofort mit Ihnen abzuschließen. Heute abend noch muß ich nach Paris weiterfahren, wo ich verschiedene Konferenzen angesetzt habe. Sie werden also verstehen, daß ich keine Zeit zu weitschweifigen Verhandlungen habe.«

 

»Ich begreife vollkommen«, entgegnete der andere unliebenswürdig. »Haben Sie das Geld mitgebracht?«.

 

»Darüber wollen wir später sprechen«, meinte Soltescu diplomatisch. »Zuerst geben Sie mir einmal Ihre chemische Formel.« Er sprach etwas heiser, weil er in der Zwischenzeit noch mehr getrunken hatte. »Sie müssen wissen, daß ich in der Hauptsache Glasfabrikant bin, und als Fachmann kann ich Ihnen gleich sagen, ob die Formel etwas taugt oder nicht.«

 

»Sie haben doch aber die Glasproben gehabt«, entgegnete Pentridge und sah ihn feindselig an. »Ist Ihnen denn das nicht Beweis genug?«

 

»Die Proben habe ich geprüft. Sie sind gut und tadellos, das will ich nicht im geringsten bestreiten. Aber vor allem muß ich die Formel sehen.«

 

Pentridge erhob sich schwerfällig, ging zu dem kleinen Wandschrank, der über dem Bett hing, schloß ihn auf und nahm einen Briefumschlag heraus, den er fest in der Hand hielt.

 

»Ich muß Ihnen aber vorher noch etwas sagen. Sie werden viel Unannehmlichkeiten haben, wenn herauskommen sollte, woher Sie die Papiere haben. Ich will damit nicht gerade andeuten, daß ich die Formel auf unehrliche Weise erworben habe. Seit den letzten dreißig Jahren trage ich sie mit mir herum, und ich habe die Glasproben selbst hergestellt. Das glauben Sie kaum, wenn Sie mich so sehen, aber ich hatte einen guten Lehrmeister. Haben Sie jemals etwas von Granford Turner gehört?«

 

»Granford Turner? Der Name ist mir allerdings bekannt. Das war doch der berühmte Erfinder. Vor fünfzig Jahren wurde sein Name viel genannt. Ich entsinne mich jetzt an die Tragödie seines Lebens.

 

Pentridge nickte.

 

»Er hat seine Frau erschossen und wurde deshalb lebenslänglich nach Australien deportiert. Und dort kam ich mit ihm zusammen. Er ist einer der größten Erfinder, der jemals gelebt hat. Jetzt ist er gestorben«, fügte er schnell hinzu.

 

»Unter welchen Umständen sind Sie denn mit ihm zusammengekommen?« fragte Soltescu neugierig.

 

»Das kann Ihnen gleichgültig sein«, erwiderte Pentridge abweisend. »Hier ist die Formel und eine Beschreibung des Herstellungsprozesses mit sämtlichen Einzelheiten. Alle Wärmegrade, bei denen die verschiedenen Mischungen zum Fluß kommen, können Sie daraus entnehmen.«

 

»Den Erfinder selbst kann ich also nicht sprechen?«

 

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß er tot ist«, entgegnete Pentridge kurz. »Das muß Ihnen genügen. Diese Papiere habe ich die ganzen letzten Jahrzehnte mit mir herumgeschleppt. Ich wußte, daß ich früher oder später noch einmal ein Vermögen damit verdienen könnte. Ich hätte sie auch schon früher verkauft, aber –« Er sprach nicht weiter, denn er konnte doch nicht gut erklären, wie er in ihren Besitz gekommen war. Auch wollte er nicht sagen, daß er mit der Veräußerung aus Angst vor dem Mann gewartet, dessen Geheimnis er gestohlen hatte.

 

»Zeigen Sie einmal her«, verlangte Soltescu.

 

Pentridge reichte ihm die Schriftstücke widerwillig.

 

Der Rumäne zog seinen Stuhl nahe an den Tisch und las die engbeschriebenen Seiten, die den Herstellungsprozeß behandelten, aufmerksam durch. Ab und zu machte er eine Pause und äußerte einige zustimmende Bemerkungen.

 

»Ja, das ist der richtige Weg! Niemand von uns hat früher an eine solche Lösung gedacht.«

 

Die freudige Aufregung, die ihn beim Lesen packte, machte ihn beinahe nüchtern. Niemand konnte die Wichtigkeit dieser Entdeckung besser beurteilen als er. Aber er wollte noch weitere Beweise haben.

 

Pentridge beobachtete, daß sich Soltescu im Zimmer umsah, und ahnte, was der Mann sagen wollte. Er nahm einige kleine Päckchen, eine Spirituslampe, einige dünne Scheiben Glas, ein kleines Gebläse und zwei Schachteln mit weißlichem und rötlichem Pulver aus dem Wandschrank. »Der Inhalt ist genau nach dem Rezept gemischt«, erklärte er. »Sie brauchen nicht erst lange nach den Formeln zu suchen.«

 

In der nächsten halben Stunde saß Soltescu mit Pentridge zusammen und beobachtete eingehend und interessiert die blaue Flamme und das geschmolzene Glas. Pentridge gab ein wenig von dem weißen Pulver hinzu, dann auch eine geringe Quantität der rötlichen Substanz. Er schmolz die Masse und ließ sie abkühlen, um sie dann wieder zum Fluß zu bringen. Schließlich hatte er ein Stück farbloses Glas, das sich von den gewöhnlichen Sorten, wie sie im Handel vorkommen, kaum unterschied. Er wartete einige Zeit, bis es sich abgekühlt hatte, und löste es dann mit einem Messer von der Stahlplatte. Obgleich es noch ziemlich heiß war, nahm er es in seine bloßen Hände und bog es. Das Experiment gelang. Das Stück wies nicht die leisesten Bruchstellen auf und nahm seine frühere Gestalt wieder an, sobald der Druck nachließ.

 

»Ausgezeichnet – das Glas ist nicht nur biegsam, sondern auch elastisch«, sagte Soltescu halb zu sich selbst. Er zog seine Brieftasche heraus. »Was verlangen Sie für die Erfindung?«

 

Pentridge zögerte.

 

»Ich wollte zuerst zwanzigtausend Pfund dafür haben, aber sie ist viel mehr wert. Ich gebe die Formel nicht unter fünfzigtausend her.«

 

Er täuschte sich aber, wenn er glaubte, daß Soltescu mit sich handeln ließe. Der Rumäne war fest entschlossen, keinen Schilling mehr auszugeben, als abgemacht worden war.

 

»Mein lieber Freund«, erwiderte er mit einem breiten Grinsen. »Sie glauben wohl, daß ich zuviel getrunken hätte? In gewisser Weise haben Sie nicht unrecht. Aber deshalb weiß ich doch noch sehr genau, was ich tue. Der Preis war auf zwanzigtausend Pfund festgesetzt. Ich frage nicht einmal, wem Sie die Formel gestohlen haben, und bin bereit, Ihnen die ausgemachte Summe zu zahlen. Wenn Sie ein reicher, unabhängiger Mann sind und die Erfindung anderswo besser verkaufen können, so tun Sie es doch! Ich biete Ihnen jedenfalls zwanzigtausend Pfund dafür. Entweder nehmen Sie das Geld, und das Geschäft ist perfekt, oder ich habe kein weiteres Interesse an der Sache. Der Zug nach Paris geht in aller Kürze, und ich kann nicht länger warten.«

 

»Gut, dann geben Sie mir zwanzigtausend«, entgegnete Pentridge verbissen.

 

Er streckte begierig die Hand aus, und Soltescu zählte die einzelnen Scheine.

 

»Was wollen Sie denn nun mit all dem Geld machen?« fragte der Rumäne.

 

Die Augen des heruntergekommenen Mannes leuchteten merkwürdig auf.

 

»Sehen Sie«, sagte er eifrig. »Sie sind ein reicher Mann und haben schon immer ein großes Vermögen gehabt. Aber ich bin nur ein armer Teufel, der immer hin- und hergehetzt wurde. Sie können das Leben genießen und haben auch die Zeit dazu. Aber ich werde alt, und ich habe all diese Jahre ärmlich gelebt. Mein bißchen Verdienst habe ich im Kasino verspielt. Aber jetzt werde ich einmal das große Spiel machen, nach dem ich mich mein Leben lang gesehnt habe. Verstehen Sie, was ich meine?« Er sah Soltescu mit brennenden Blicken an, als ob er Zustimmung von ihm erwarte.

 

»Ich habe nicht mehr lang zu leben, und ich kaufe mir morgen die schönsten Anzüge. Weg mit diesem abscheulichen Plunder!« rief er und warf den alten Smoking auf den Boden. »Morgen gehe ich nach Monte Carlo, und zwar genauso elegant wie diese Snobs, die ich in den letzten fünfundzwanzig Jahren gesehen habe. Im Kasino werden sie mich nicht wiedererkennen, wenn ich mich neu eingekleidet habe. Und ich setze jedesmal den Höchstsatz. Das ist die einzig vernünftige Art, Geld zu gewinnen.«

 

»Mein Lieber«, entgegnete Soltescu freundlich, als er die Schriftstücke sorgfältig in seine Brusttasche steckte, »ich möchte Ihnen nur eins sagen. Wenn ich tatsächlich Zeit hätte, dann würde ich mit Ihnen um das Geld spielen, das ich Ihnen eben ausgezahlt habe. Und ich würde gewinnen, weil ich das Geld nicht notwendig habe, und Sie würden verlieren, weil das Geld für Sie lebensnotwendig ist. Sie sind wirklich ein unverbesserlicher Narr.«

 

Nach diesen Worten verließ Soltescu in heiterer Stimmung das Zimmer und pfiff vergnügt, während er die Treppe hinunterstieg und zu seinem Wagen ging. Er war davon überzeugt, daß er noch nie in seinem Leben ein so großes und vorteilhaftes Geschäft abgeschlossen hätte.

 

Kapitel 4

 

4

 

»Ich fürchtete schon, daß Ihre Nachforschungen ergebnislos sein würden, Miss President«, sagte Lord Chanderson, der neben einer elegant gekleideten jungen Dame auf dem Bahnsteig in Marseille auf und ab ging.

 

Sie lächelte geduldig.

 

»Ich bin schon daran gewöhnt, daß diese Reisen nicht zum gewünschten Ziel führen«, erwiderte sie ruhig, »aber wir dürfen natürlich keine Chance ungenützt vorübergehen lassen. Es wäre immerhin einmal möglich, daß ich den Mann finden könnte, den mein Großvater seit so vielen Jahren sucht. Solange ich jung und gesund bin, kann ich ihn ja in seinen Bemühungen unterstützen. Er ist zwar noch rüstig und stark, aber das Reisen strengt ihn doch zu sehr an, und wenn er mit Leuten verhandeln muß, die nicht Englisch sprechen, wird er leicht verwirrt. Aber es war wirklich zu egoistisch von mir, daß ich Ihre Liebenswürdigkeit so sehr in Anspruch genommen habe.« Er schüttelte lächelnd den Kopf.

 

»Bitte, entschuldigen Sie sich doch nicht, Miss President. Sie wissen, daß ich mich selten vor zwei Uhr schlafen lege, und es hat mir das größte Vergnügen gemacht, Sie noch zum Zug zu bringen. Ich freue mich wirklich, daß ich gerade zufällig in Marseille war und Ihnen behilflich sein konnte.«

 

Sie sah ihn dankbar an.

 

»Ich war auch sehr froh. Es ist nicht gerade angenehm für eine junge Dame, in einer französischen Stadt nach einem Mann zu suchen und den Behörden klarzumachen, daß es sich um einen Verbrecher handelt. Ohne Ihre Hilfe wären mir die Nachforschungen in Marseille sehr schwergefallen. Und wenn Sie mich nicht überallhin begleitet hätten, wäre auch meine Reise nach Monte Carlo unmöglich gewesen.«

 

»Ich freue mich stets, wenn ich etwas für Ihren Großvater tun kann. Er ist ein so außergewöhnlicher Mann. Nur wenig Leute, mit denen ich zusammengekommen bin, haben so großen Eindruck auf mich gemacht wie er.«

 

»Er schätzt Sie ebenso und hat das größte Vertrauen zu Ihnen.« Sie lächelte freundlich. »Ich hätte niemals geglaubt, daß der Vorsitzende des Jockey-Klubs sich so für unsere Angelegenheiten interessieren würde.«

 

Lord Chanderson lachte ein wenig. Er war schon ein älterer Herr, aber er hatte immer noch einnehmende Züge. In England war er eine bekannte Persönlichkeit.

 

»Ihr Großvater gehört zu den kleinen Rennstallbesitzern, die wir sehr schätzen«, entgegnete er, höflich. »Sie wissen, daß wir alle Neulinge mit großer Vorsicht aufnehmen.«

 

»Meinen Sie, daß man diesen Leuten nicht trauen kann und daß sie unehrlich sind?

 

Er zuckte die Schultern.

 

»Das möchte ich gerade nicht behaupten. Aber sie arbeiten in neuerer Zeit mit allen Mitteln, und solche Gebräuche sollen bei den Rennen nicht einreißen. Es ist tatsächlich erstaunlich, daß Ihr Großvater mit nur einem Rennpferd –«

 

»Sie meinen zwei«, unterbrach sie ihn.

 

»Zwei?« sagte er erstaunt. »Ich dachte, er hätte nur das eine.«

 

»Sie vergessen das Pferd, das wir im Derby laufen lassen wollen«, sagte sie ernst. »Mein Großvater hält viel von Donavan.«

 

»Ich habe noch niemals von ihm gehört,« sagte Lord Chanderson lachend. »Man sieht doch, daß man selbst als Vorsitzender des Rennklubs um halb zwei Uhr nachts noch manches lernen kann, selbst auf dem Bahnsteig von Marseille. Ich glaube aber, wir gehen jetzt zu Ihrem Abteil zurück – in vier Minuten fährt der Zug ab.«

 

Ein Schaffner ging an ihnen vorbei.

 

»Bitte Platz nehmen!« rief er.

 

Miss President reichte Lord Chanderson herzlich die Hand und stieg dann ein. Sie ließ das Fenster herunter und plauderte noch mit ihm, bis sich der Zug in Bewegung setzte. Dann winkte sie, und er grüßte freundlich mit dem Hut.

 

Er war einer der englischen Sportsleute, die sie verehrte. Sie kannte viele, die sich für den Rennsport interessierten, aber nicht alle waren ihr sympathisch. Lord Chanderson gehörte zu der alten Generation, war ein Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle, ein Mann mit hervorragender Bildung und feinem Takt. Es war tatsächlich ein glücklicher Zufall gewesen, daß er sich gerade in Marseille aufgehalten hatte. Ihrem Großvater war ein Gerücht zu Ohren gekommen, daß der Mann, den er suchte, in der Nähe von Marseille gesehen worden war. Zweifellos stimmte die Nachricht, aber Nachforschungen nach einem Mann, von dem man nur eine zwanzig Jahre alte Fotografie besitzt, sind ziemlich aussichtslos. Ihre Erkundungsfahrt war ohne Erfolg geblieben, aber als sie von Marseille abfuhr, hatte sie eine angenehme Erinnerung an die liebenswürdige Fürsorge Lord Chandersons, der ihr mit größter Zuvorkommenheit geholfen hatte. Nur durch reinen Zufall hatte ihr Großvater von dem Aufenthalt Lord Chandersons in Marseille erfahren und ihr daher einen Empfehlungsbrief an den bekannten Sportsmann mitgeben können. Der Lord war John President stets in der freundschaftlichsten und liebenswürdigsten Weise begegnet, seitdem dieser sich wieder in England aufhielt.

 

Mary President ging in ihr Schlafwagenabteil und begann sich auszukleiden. Sie merkte aber bald, daß sie die Nacht nicht ungestört verbringen würde, denn der Herr im nächsten Abteil war anscheinend stark angetrunken. Er sang laut und unterhielt sich zwischendurch mit sich selbst. Die Worte konnte sie allerdings nicht verstehen, da ihr seine Sprache unbekannt war. Er mußte sehr vergnügt sein, denn ab Und zu hörte sie lautes Lachen. Sie hoffte, daß die Geräusche des Zuges den Lärm übertönen würden, aber der Mann besaß eine durchdringende Stimme, und Mary Presidents Hoffnung erfüllte sich nicht. Schließlich hörte sie, daß jemand den Gang entlangkam, an die Tür des nächsten Abteils klopfte und den Sänger in scharfem Ton zur Ruhe verwies.

 

Aber der Mann schien sich wenig daraus zu machen; er antwortete mit einem frechen Lachen und erkundigte sich, wie der andere dazu käme, an seine Tür zu klopfen.

 

Mary versuchte alles mögliche, um einzuschlafen. Sie dachte an den Zweck ihrer Reise, aber dadurch wurde sie nicht ruhiger. Sie hatte John Pentridge in Marseille gesucht, wie ihn ihr Großvater während der letzten fünf Jahre in ganz Europa und früher in Australien gesucht hatte. Ein Bekannter hatte ihn in Marseille gesehen und ihrem Großvater sofort Nachricht zukommen lassen. Daraufhin hatte sie sich gleich auf den Weg nach Südfrankreich gemacht. Das war nicht die erste Reise, die sie zu diesem Zweck unternommen hatte. Sie hatte schon fast alle großen Städte Europas besucht, um den Mann zu finden, der die Erfindung John Presidents gestohlen hatte.

 

Allmählich schlief sie doch ein, aber sie erwachte plötzlich wieder, als jemand versuchte, ihre Tür zu öffnen. Von außen konnte man nur mit dem Schlüssel des Kontrolleurs aufmachen. Zollbeamte waren es sicher nicht, denn sie fuhren durch Frankreich und hatten keine Grenze zu passieren. Sie drückte auf den Knopf ihrer kleinen Repetieruhr, und diese schlug vier. Sie hatte also höchstens eine Viertelstunde geschlafen. Langsam öffnete sich die Tür. Das Innere ihres Abteils war vollkommen dunkel, und als sie aufsah, bemerkte sie die Umrisse einer untersetzten Gestalt.

 

»Wer ist da?« fragte sie schnell und langte nach dem Lichtschalter. Aber bevor sie ihn umdrehen konnte, sprang der Mann zurück und warf die Tür ins Schloß. Sie erhob sich und klingelte dem Schaffner, der gleich darauf ziemlich verschlafen zu ihrer Tür kam.

 

Nein, er war nicht im Gang gewesen, und außer ihm hatte niemand einen Schlüssel zu den Schlafkabinen.

 

»Mademoiselle hat sicher geträumt«, sagte er höflich lächelnd, aber innerlich fluchte er, denn selbst der höflichste Schlafwagenschaffner läßt sich nicht gern in seiner Ruhe stören.

 

»Ich habe durchaus nicht geträumt«, entgegnete sie ernst. Aber sie sprach nicht weiter mit ihm darüber, da es doch keinen Zweck hatte.

 

Der Herr nebenan war anscheinend inzwischen eingeschlafen. Das konstatierte sie dankbar, als sie sich wieder niederlegte. Aber sie selbst kam nicht zur Ruhe. Sie drehte das Licht wieder aus. Der Zug fuhr verhältnismäßig ruhig durch das Rhonetal. In anderthalb Stunden würde der Morgen dämmern und ihr das Gefühl der Sicherheit wiedergeben. Es mochte ein Irrtum sein, aber sie hatte die Überzeugung, daß der Mann, der sie eben gestört hatte, etwas gegen sie im Schilde führte. Er mußte irgendeine böse Absicht haben. In letzter Zeit waren ja häufig Diebstähle auf dieser Strecke vorgekommen. Sie sagte sich selbst, daß sie sich nutzlos ängstigte, aber die Tatsache, daß sie mitten in der Nacht plötzlich aufgeweckt worden war, blieb trotzdem bestehen.

 

Der Fremde störte sie nicht mehr, aber ein neues, aufregendes Erlebnis wartete auf sie. Plötzlich gellten schrille Pfiffe der Lokomotive. Der Zug fuhr langsamer und hielt dann mit einem scharfen Ruck an, so daß sie beinahe aus dem Bett gefallen wäre: Glücklicherweise war das elektrische Licht intakt geblieben. Sie schaltete es wieder ein und hörte nun, daß überall die Türen aufgerissen wurden. Die aus dem Schlaf gerissenen Reisenden eilten auf den Gang hinaus und sprachen wild durcheinander. Mary warf schnell ihren Morgenrock über und öffnete auch ihre Tür.

 

Es mußte irgendein Unglück passiert sein … Als sie auf den Korridor trat, öffnete sich auch gerade die Tür des nächsten Abteils, und ein untersetzter Herr kam heraus. Mit blutunterlaufenen Augen starrte er um sich. Unter dem Arm trug er eine dicke, schwarze Ledermappe. Er fragte Mary etwas in einer fremden Sprache, die sie nicht verstand. Sie schüttelte nur den Kopf, denn selbst wenn sie ihn verstanden hätte, wäre sie nicht in der Lage gewesen, ihm die Ursache des Aufenthalts anzugeben. Er eilte auf die Plattform hinaus, kam aber gleich wieder zurück. In seiner Hast machte er einen Fehltritt und wäre beinahe gefallen. Dabei entglitt ihm die Mappe. Selbst in dieser ungewissen Lage konnte sich Mary eines Lächelns nicht erwehren, als der fremde Herr sich bückte, um die Mappe wieder aufzuheben. Als er sie schnell an sich riß, sah er nicht, daß ein Brief herausgefallen war. Aber Mary hatte es bemerkt und nahm ihn auf. Der kleine, aufgeregte Mann mit dem kahlen Kopf und dem großen, schwarzen Spitzbart tat ihr leid, und sie wollte ihm helfen. Zufällig fiel ihr Blick auf die fast schon verblichene Aufschrift, und sie erkannte sofort die charakteristische Schrift ihres Großvaters.

 

» Das biegsame Glas.

Die Art seiner Herstellung.

Eine Erfindung von John President.«

 

Sie hielt das Dokument in Händen, nach dem ihr Großvater seit dreißig Jahren vergeblich suchte!

 

Bevor sie sich über die Tragweite ihrer Entdeckung klarwerden konnte, riß Monsieur Soltescu mit einer plötzlichen Bewegung den Brief aus ihrer Hand. Die vielen Worte, die er erregt sprach, sollten wohl einen Dank bedeuten. Im nächsten Augenblick war er in seinem Abteil verschwunden.

 

Ein paar Herren in Schlafanzügen kamen den Gang entlang. Zweifellos waren es Engländer. Einer sah sie lächelnd an und kam auf sie zu.

 

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?« fragte er höflich.

 

Konnte ihr überhaupt jemand helfen? Konnte sie in kurzen Worten sagen, was sie eben erlebt hatte, und ihr Recht auf den Briefumschlag geltend machen, der sich in dem Besitz des fremden Herrn befand? Nein, das war unmöglich. Sie mußte einen anderen Weg finden, um das Schriftstück wiederzuerlangen.

 

Sie schüttelte nur den Kopf, denn sie war noch zu erregt, um sprechen zu können.

 

»Es würde mir ein Vergnügen sein –«

 

Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als es einen plötzlichen Zusammenstoß gab. Lautes Krachen ertönte und das Licht ging aus. Ein zweiter Zug war auf den Expreßzug aufgefahren, und im nächsten Augenblick war alles in größter Erregung. Schreckensschreie, Hilferufe und wildes Fluchen klangen wirr durcheinander.

 

Mary sah eine elektrische Taschenlampe aufblitzen und hörte ein Stöhnen, als ob jemand große Schmerzen hätte. Ein Mann eilte an ihr vorüber, und sie fühlte instinktiv, daß dieser Fremde versucht hatte, in ihr Abteil einzudringen. Drei Minuten später kletterte sie, an allen Gliedern zitternd, auf den Bahndamm hinunter, um zu sehen, was vorgefallen war.

 

Das Ende des Zuges hatte am meisten gelitten. Zwei Wagen waren ineinandergeschoben. Ein Reisender war getötet und mehrere schwer verletzt worden. Sie wartete draußen, bis sie erkannte, daß keine Gefahr mehr drohte. Der Zug war nicht in Brand geraten, und es waren auch sonst keine weiteren Komplikationen zu fürchten. Glücklicherweise befand sich ihr Wagen in der Mitte und stand noch auf den Schienen. Sie kletterte hinein und suchte ihr Abteil auf. Plötzlich ging auch das Licht wieder an. Der Schaffner hatte die schadhafte Stelle gefunden und sofort reparieren können. Er kam den Gang entlang und beruhigte die nervösen Fahrgäste. Es sei keine Gefahr vorhanden, sie sollten sich nur in aller Ruhe ankleiden.

 

Mary President hatte nicht bis zu dieser Aufforderung gewartet. Sie war schon fertig, als er an ihre Tür klopfte. Kurz darauf stand sie wieder unten auf dem Bahndamm zwischen den anderen Reisenden. Monsieur Soltescu rief, so laut er konnte, und gestikulierte heftig.

 

»Ich bin beraubt worden«, schrie er. »Man hat mich in der unverschämtesten Art und Weise bestohlen!«

 

»Aber beruhigen Sie sich doch, Monsieur«, erwiderte der Beamte, an den er sich gewandt hatte. »Sie werden in Ihrem Abteil alles an Ort und Stelle finden, wie Sie es verlassen haben.«

 

»Ich habe mich schon umgesehen und alles durchsucht, aber meine schwarze Ledermappe ist verschwunden! Und sie hat ungeheuren Wert für mich – mindestens drei Millionen …«

 

Mary President holte tief Atem. Sie hatte vorher den kühnen Gedanken gehabt, in das Abteil dieses Mannes einzudringen und nach dem Brief zu suchen. Einen Diebstahl hatte sie geplant, und nun war sie froh, daß sie doch aus Furcht davor zurückgeschreckt war.

 

Ein Herr kam den Bahndamm entlang und trat auf den Rumänen zu.

 

»Was, haben Sie Ihre Mappe verloren?« fragte er auf Englisch. »Das ist doch kaum möglich, Soltescu.«

 

»Doch, ich habe sie verloren. Es ist ein unersetzlicher Verlust«, klagte er. »Ich habe sie in meinem Abteil liegenlassen, und jetzt ist sie nicht mehr zu finden.«

 

Er ging in Begleitung des Schaffners in den Wagen zurück. Durch das Fenster konnte Mary von außen beobachten, wie genau sie alles untersuchten. Zwei Herren hinter ihr sprachen englisch, und sie fühlte sich erleichtert. Im Notfall konnte sie sich an sie wenden, und dieser Gedanke beruhigte sie und gab ihr ein Gefühl größerer Sicherheit.

 

»Wenn ich mich nicht sehr irre, ist das unser alter Freund Soltescu«, bemerkte der eine trocken.

 

»Natürlich. Seinetwegen haben wir die ganze Nacht nicht schlafen können. Ich möchte fast sagen, daß ihm recht geschehen ist.«

 

Sie wandte sich um und erkannte den Herrn, mit dem sie kurz vor dem Zusammenstoß gesprochen hatte.

 

»Das würde ich eigentlich nicht sagen«, entgegnete Milton Sands. »Man kann nie wissen, aus welchem Grund sich ein Mann dem Alkohol ergibt. Aber da er offenbar eine große Summe bei sich hatte, ist mir die Ursache nicht klar.«

 

Der Rumäne erschien wieder, trat auf die äußere Plattform hinaus und hielt eine erregte Ansprache an die Umstehenden.

 

»Meine verehrten Freunde, man hat mich bestohlen. Wer es war, weiß ich nicht, aber ich will Ihnen nur das eine sagen. Das Geld, das ich verloren habe, schmerzt mich durchaus nicht, aber es lag ein Schriftstück in der Mappe, das von größter Bedeutung für mich ist. Jedem, der mir die Mappe zurückgibt, will ich eine hohe Belohnung zahlen«.

 

Seine Worte wurden schweigend aufgenommen, und wenn der Dieb zugegen war, so kümmerte er sich allem Anschein nach nicht um dieses Angebot.