Kapitel 25

 

25

 

Gordon lag in seinem Bett und lauschte. Eine Kirchturmuhr schlug eins. Vor einer Stunde hatte er gehört, wie Bobby draußen gute Nacht sagte, und er hatte ebenfalls mit gute Nacht geantwortet.

 

»Ich spreche nicht mit Ihnen«, rief Bobby unwirsch.

 

Er war den ganzen Abend fort gewesen, um den Polizeiinspektor Carslake zu sprechen, aber seine Bemühungen waren nicht sehr erfolgreich gewesen. Bobby machte seine Tür zu, auch Diana verschloß ihr Zimmer. Dempsi ging daran vorbei und hielt noch lange Monologe vor dem versperrten Portal ihres Gemaches. Von unten drang das Schnarchen von Julius Superbus herauf.

 

Alle Ausgänge aus dem Hause waren gesichert – mit Ausnahme eines einzigen, der kleinen Öffnung in dem großen Glasfenster des Studierzimmers. Gordon hatte sich vorher genau informiert, denn Diana konnte ja so vorsichtig gewesen sein, es zuzuschrauben. Aber sie hatte es anscheinend vergessen, oder sie traute Mr. Superbus, der im Studierzimmer auf dem Sofa schlief. Gordon war schon zweimal auf Zehenspitzen zu seiner Tür geschlichen und hatte die Klinke niedergedrückt. Er war in dieser Nacht nicht eingeschlossen worden. Da Bobby im Hause war, hatte Diana ihre Wachsamkeit verringert.

 

Es schlug halb zwei, Gordon verließ das Bett und kleidete sich an. Er hatte keinen Pfennig Geld bei sich, aber das Personal in den Hotels kannte ihn ja, und er konnte auf das Hotelpapier einen Scheck schreiben, dann hatte er so viel Geld, wie er nur brauchte. Dann wollte er aber hierher zurückkehren und sich Mr. Dempsi einmal vornehmen. Er hatte sich noch nicht entschieden, welchen Tod dieser Halunke sterben sollte, aber sicher würde ihm ein qualvolles Ende bevorstehen. Er dachte an Heloise … er hoffte für sie nur, daß sie inzwischen verschwunden war.

 

Er löschte das Licht, öffnete die Tür und lauschte. Als er kein Geräusch hörte, schlich er sich leise die Treppe hinunter und ging in das Studierzimmer. Mr. Superbus atmete regelmäßig. Während Gordon noch horchte, stöhnte er und warf sich auf die andere Seite. Das Schnarchen hörte auf, und Julius schlief tiefer als jemals.

 

Nun war die günstige Gelegenheit für Gordon gekommen. Aber er hatte noch keinen Schritt vorwärts getan, als plötzlich ein kreisrunder Lichtschein auf dem Fenster erschien. Er wartete und hielt den Atem an. Ein leises Geräusch folgte, dann öffnete sich der eine Fensterflügel, und eine dunkle Gestalt kam ins Zimmer.

 

Eine Weile war der Eindringling unsichtbar, dann tauchte der helle Kreis wieder auf – diesmal auf dem Geldschrank.

 

Ein Einbrecher! Gordons erster Gedanke war, auf ihn zuzuspringen und ihn dingfest zu machen, aber – dann überlegte er es sich und näherte sich ihm langsamer und vorsichtiger …

 

»Hände hoch, oder ich schieße!«

 

Sofort ging das Licht aus.

 

»Schießen Sie nicht, Sir!«

 

»Schießen Sie nicht, Sie Narr!« zischte Gordon. »Es schläft hier noch ein Mann im Zimmer. Wo ist Ihr Revolver?«

 

»Ich habe keinen bei mir.«

 

»Was machen Sie hier?«

 

»Stellen Sie keine dummen Fragen –«

 

Gordon hatte die Blendlaterne des Mannes gepackt und leuchtete ihm ins Gesicht.

 

»Ich kenne Sie!«

 

Der Mann grinste verlegen.

 

»Sie haben mich gefaßt«, sagte er verstimmt.

 

»Sie sind der Mann, der gestern morgen die Fenster geputzt hat!«

 

Der Einbrecher nickte.

 

»Das ist das erste Mal, daß man mich geschnappt hat – ich heiße Stark. Ich werde keinen Widerstand leisten, und wenn Sie dem Richter sagen, ich hätte einen Revolver bei mir gehabt, dann lügen Sie!«

 

Der Einbrecher hatte etwas lauter gesprochen, und Gordon sah sich ängstlich um. Aber Mr. Superbus schnarchte aufs neue.

 

»Pst, nicht so laut! Haben Sie den Geldschrank schon geöffnet?« Gordon kam plötzlich eine glänzende Idee.

 

»Es wäre geschehen gewesen, wenn Sie einige Minuten später gekommen wären«, sagte der Mann vorwurfsvoll.

 

Gordon nickte.

 

»Sie haben mir die Sache ganz und gar verdorben.«

 

»Öffnen Sie den Schrank.«

 

Stark wollte seinen Ohren nicht trauen.

 

»Was?«

 

»Öffnen Sie den Schrank – ich werde Sie gut bezahlen und Sie außerdem freilassen. Es ist nur ein Schloß daran, und das Schlüsselwort heißt ›Alma‹. Haben Sie verstanden?«

 

»Ist das Ihr Ernst, mein Herr?« fragte Stark ungläubig.

 

»Jawohl, ich habe meinen Schlüssel verloren. Nun gehen Sie schnell an Ihre Arbeit. Können Sie es ohne Licht machen?«

 

»Natürlich – nur dumme Amateure brauchen viel Licht, ein ganz kleiner Lichtschein genügt mir.«

 

Er holte unter seinem Rock ein kurzes Stemmeisen und ein längeres, dünnes Instrument hervor. Seinem Beruf nach war er nur ein armer Fensterputzer, aber als Einbrecher gehörte er zu den hervorragendsten Fachleuten. »Haben Sie schon einmal gesehen, wie ein Geldschrank aufgeknackt wird?« fragte er über die Schulter.

 

Gordon schüttelte den Kopf.

 

»Nein, auf diese Art jedenfalls noch nicht«, gab er zu.

 

»Es dauert Jahre, bis man das lernt. Viel Geld ist auch nicht damit zu machen«, meinte Mr. Stark traurig. »Das ganze Geschäft ist durch die Fremden verdorben worden. Es sind zu viele Leute im Handwerk, zu viele Outsider. Es ist hier genauso wie überall – meistens sind es Amerikaner. Warum sie nicht in ihrem Lande bleiben, weiß ich auch nicht. Sie sind aber tüchtig, das muß man schon sagen, obgleich sie uns unser sauer verdientes Brot vor der Nase wegschnappen. Wir haben aber auch glänzende Vertreter – wenn sie nur ein wenig Aufmunterung hätten, ich meine etwas Kapital.« Die Geldschranktür öffnete sich. »So, sehen Sie, das hätten wir wieder einmal gekonnt!«

 

»Wie – schon offen?« fragte Gordon erstaunt und etwas verärgert. Der Mann, der ihm den Geldschrank verkauft hatte, hatte ihn also tüchtig belogen.

 

»Jawohl.«

 

»Leuchten Sie einmal hinein! Donnerwetter, es sind ja kaum noch Zehntausend da!«

 

Er raffte alles zusammen, was an Banknoten noch im Schrank lag. Plötzlich hob er den Kopf, um zu lauschen, denn es kam jemand die Treppe herunter.

 

»Machen Sie sich schnell aus dem Staub – es kommt jemand – hier, nehmen Sie das!«

 

Er steckte dem Einbrecher ein paar Banknoten in die Hand, und im nächsten Augenblick war Stark durch das Fenster verschwunden. Gordon folgte ihm auf dem Fuße.

 

»Wer ist dort?« fragte eine zitternde Stimme vom Sofa her.

 

Gordon gab ihm aber keine Antwort. Als Mr. Superbus mit überraschendem Mut auf ihn zueilte, sprang er durch das Fenster.

 

»Halt!«

 

Das war Dempsis Stimme.

 

Gordon sprang auf den Hof hinunter, als im Zimmer zwei Schüsse fielen.

 

Ein gellender Schrei ertönte. Es mußte jemand schwer getroffen sein. Diana hörte es, sprang aus dem Bett, warf den Morgenrock über und eilte in das Studierzimmer. In der Mitte des Raumes stand Dempsi, und zu seinen Füßen auf dem Boden wand sich in tausend Schmerzen die Gestalt von Julius Superbus.

 

»Er war ein Opfer seiner Pflicht«, sagte Dempsi ehrerbietig.

 

Und er hatte nicht unrecht. Mit zehn Zehen war Mr. Superbus nach Cheynel Gardens Nr. 61 gekommen, aber das Schicksal hatte bestimmt, daß er dieses Haus nur mit neun Zehen wieder verlassen sollte, denn eine hatte er bei der Schießerei verloren.

 

Kapitel 26

 

26

 

Als Diana das Fazit aus dieser ganzen Affäre zog, war sie froh, daß der Doppelgänger entschlüpft war. Der Rest der Nacht war sehr unruhig gewesen. Ärzte kamen und gingen, und das laute Wehgeschrei von Mr. Superbus schallte durch das Haus. Es tat ihr unendlich leid, daß dieser treue Wächter eine Zehe verloren hatte, obwohl es nur eine kleine Zehe war, die er nicht unbedingt zu seinem Lebensglück notwendig hatte. Aber immerhin war es eine Zehe, die bis dahin, wie er immer wieder zwischen seinen Schmerzensausbrüchen erklärte, ein treuer Begleiter durch sein wechselvolles Leben gewesen war.

 

Ja, er tat ihr wirklich sehr leid, obgleich der Arzt erklärte, daß er jetzt keine Schmerzen mehr habe. Auch hatte der Doktor, der den furchtsamen Charakter von Mr. Superbus nicht kannte, gemeint, Julius sei mehr erschreckt als verletzt worden. Aber sie war froh, daß der Doppelgänger verschwunden war.

 

Die Schießerei hatte ein sehr angenehmes Resultat gehabt – Dempsi war seitdem sehr kleinlaut geworden, er hatte sie kein einziges Mal mehr seinen »von den Sternen herabgestiegenen Engel« oder sonstwie genannt. Er, der Himmel und Erde geplündert hatte, um ihre Schönheit, ihren Charme und ihre sonstigen Vorzüge zu beschreiben, gab sich jetzt mit ganz gewöhnlichen Gemeinplätzen zufrieden.

 

»Der arme Wop hat anscheinend noch nie eine Pistole in der Hand gehabt«, meinte Bobby, »und das verfluchte Ding ging los, bevor er merkte, daß er den Abzug berührt hatte.«

 

»Der arme Wop!« sagte Diana vorwurfsvoll. »Du würdest doch besser den armen Mr. Superbus bedauern!«

 

Sie hatten schon vor einiger Zeit gefrühstückt, und Bobby war schon auf der Bank gewesen. Mr. Dempsi war ausgegangen.

 

»Wie hast du eigentlich geschlafen?« fragte er liebenswürdig.

 

»Schrecklich. Aber Bobby, hast du das Geld bekommen?«

 

»Ja, glücklicherweise ist die Überweisung deiner Gelder noch am Sonnabend kurz vor Geschäftsschluß erfolgt. Der Direktor hat sich riesig entschuldigt. Ich habe das Geld – hier ist es.«

 

Er zog ein dickes Paket amerikanischer Banknoten aus seiner Hüfttasche. Sie sah die Scheine nachdenklich an und preßte die Lippen zusammen.

 

»Ich erhielt eine Telegramm von Gordon aus Inverness.«

 

»Dann ist er also dort angekommen«, sagte er trocken. »Und wie geht es unserem alten Autobus?«

 

»Der arme Kerl.« Sie lachte. »Ich hoffe, daß er sich allmählich an seinen überaus großen Verlust gewöhnt. Im Augenblick ist seine größte Sorge, was seine Frau zu seiner verlorenen Zehe sagen wird. Nach seinen Reden zu urteilen, zählt sie sie jeden Abend nach.«

 

Bobby grinste am Kamin. Es erschien ihm außerordentlich komisch, daß ein Mann eine kleine Zehe verlieren konnte.

 

»Hast du nichts von dem Doppelgänger gehört?« fragte er.

 

»Nein, er scheint verschwunden zu sein. Aus den Spuren an der Mauer geht hervor, daß er hinübergeklettert ist. Nach dem Bericht des Mr. Superbus muß er noch einen Helfershelfer gehabt haben. In einer Beziehung bin ich ganz froh, daß er fort ist.«

 

Bobby sah sie erstaunt an.

 

»Wieso denn?«

 

»Um des armen Mädchens willen.« Diana machte ein ganz trauriges Gesicht. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, was sie alles durch ihn hat leiden müssen, Bobby. Es ist doch noch ein guter Kern in Heloise. Natürlich ist sie jetzt vollständig niedergeschlagen, daß sie ihn verloren hat. Aber das ist der Fluch der Frauen – sie geben niemals ihre Hoffnung auf.«

 

»Er muß sich aber sehr schnell aus dem Staub gemacht haben. Ich war unmittelbar nach Dempsi unten, und obgleich ich das ganze Haus und den Hof absuchte, konnte ich von dem Teufel doch nichts mehr finden.«

 

»Wir wollen nicht mehr über ihn sprechen. Aber Dempsi hat sich glänzend benommen. Ich war freudig überrascht – das ist das einzige Mal, daß ich das von ihm sagen kann. Ich hätte kaum gedacht, daß ein Mann von seinem erregbaren Temperament diese Sache so kühl aufnehmen könne. Er ist jetzt ganz still geworden, ich glaube, die Schießerei hat ihn ein wenig nervös gemacht. Er wollte immer wissen, ob ich die Polizei benachrichtigt habe, aber natürlich habe ich das nicht getan – soweit es sich um Mr. Superbus‘ Zehe handelt. Er verläßt heute das Haus.«

 

»Dempsi?«

 

»Er sagt, daß er tausend Jahre auf mich warten will.« Sie seufzte. »Ich sagte ihm, hundert würden auch genügen. Er hat den ganzen Morgen nichts mehr von einer Heirat gesagt. Ich möchte fast sagen, daß er mir dadurch lieb geworden ist.«

 

Der Mann, von dem sie sich unterhielten, kam ein paar Minuten später in das Zimmer. Er sah hager und nach Bobbys Meinung keineswegs anziehend aus.

 

»Guten Morgen, Mr. Selsbury – haben Sie nicht Tante Lizzie gesehen? Ich möchte ihr kondolieren. Es ist doch schrecklich, wenn Leute, die sich gern haben, getrennt werden. Und wie entsetzlich für Sie – sagten Sie nicht, daß er der Doppelgänger war? Es schaudert mich, wenn ich daran denke. Aber die kleine Diana« – er sah sie bewundernd an – »hat sich nicht im mindesten gefürchtet – oh, das war ganz wundervoll! Aber bitte, erzähle mir doch, wer ist denn eigentlich Tante Lizzie!«

 

»Eine Freundin von mir«, sagte Diana kurz.

 

Dempsi schüttelte traurig den Kopf.

 

»Ich werde es mir niemals verzeihen, daß ich Mr. Superbus – in die Zehe geschossen habe«, sagte er bedauernd.

 

Bobby lachte.

 

»Das klingt fast so, als ob es Ihnen leid täte, daß Sie ihn nicht durch den Kopf geschossen haben.«

 

Dempsi schrak vor dieser schrecklichen Verdächtigung zurück.

 

»Das mag der Himmel verhüten – ich bewundere Superbus!«

 

»Er hätte nicht schlafen sollen«, meinte Diana. »Er hatte mir versprochen zu wachen.«

 

Sie eilte zur Tür, denn das Aufstoßen eines Stockes auf dem Parkettboden der Diele kündigte den Invaliden an. Sein rechter Fuß war malerisch mit weißen Bandagen umwunden. Er hatte eine Krücke unter dem einen Arm und bewegte sich nur ruckweise vorwärts. Er lächelte Diana schwach und müde an. Bobby faßte ihn an dem einen, Mr. Dempsi an dem anderen Arm, und so kamen sie unter vielem Stöhnen und Seufzen bei dem Sofa an.

 

»Fühlen Sie sich jetzt besser, Mr. Superbus?«

 

Er schüttelte den Kopf. Er wollte nicht gern in diesem frühen Stadium schon alle Sorgfalt und Pflege vermissen, die ihm seiner Meinung nach jetzt zukamen.

 

»Mittelmäßig, Madam, mittelmäßig, natürlich bin ich ein wenig mitgenommen – das geht mir immer so, wenn ich bei einer Schießerei beteiligt war. Ach, es ist furchtbar. Wenn ich daran denke«, stöhnte er mit zitternden Lippen, »daß gestern meine Zehe noch wohl und lebendig war.«

 

Mr. Dempsi bedeckte die Augen mit seiner langen, dünnen Hand.

 

»Und ich habe es getan«, sagte er mit einem tiefen, verzweifelten Seufzer.

 

»Lassen Sie es sich nicht so sehr zu Herzen gehen«, beruhigte ihn Julius mit der Miene eines christlichen Märtyrers, der selbst noch die Löwen entschuldigt, die ihn zerreißen sollen. »Das hätte jedem anderen auch passieren können. Ich hätte nur gewünscht, daß Sie ihn getroffen hätten, oder sie …«

 

Diana wurde aufmerksam.

 

»Oder sie? War denn die andere Person eine Frau?«

 

»Das ist sehr leicht möglich.« Julius war nicht bereit, sich weiter hierüber zu äußern, da er selbst nicht ganz sicher über diesen Punkt war.

 

»Ob es ein Mann oder eine Frau war, kann ich im Augenblick nicht sagen«, erklärte er düster. »Das wird bei der Untersuchung alles noch herauskommen.«

 

»Was ist denn eigentlich tatsächlich passiert?«

 

Bobby stellte diese Frage. Er hatte nur eine Ahnung von dem, was sich im Dunkeln alles zugetragen hatte. Julius suchte in seiner Tasche und zog ein großes Notizbuch hervor, das er gewichtig öffnete. Nachdem er einige Zeit darin geblättert hatte, fand er die Stelle auch, die er suchte. »Am Fünfzehnten dieses Monats, um zwei Uhr morgens«, las er mit volltönender Stimme vor, »wurde ich in meinem Schlaf von dem unangenehmen Gefühl geweckt, daß sich etwas Unheimliches ereignen würde, daß zum Beispiel Einbrecher oder andere Verbrecher in die Wohnung eingedrungen seien. Ich sprang aus meinem Bett, das zwei Fuß und sechs Zoll vom Fenster entfernt war – ich habe Tante Lizzie gebeten, die Entfernung genau auszumessen. Das Studierzimmer lag in vollkommener Dunkelheit, aber ich sah die Gestalt eines Mannes. Als ich vorwärtsstürzte, um ihn festzuhalten, sprangen anscheinend zu meinen Füßen eine oder mehrere unbekannte Personen auf. Da ich erkannte, daß Gefahr im Verzug war, wurde ich mit ihnen handgemein – ich vermute, Sie hörten das Toben des Kampfes?« fragte er ängstlich.

 

Diana hatte nichts gehört, und Bobby schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe nichts davon gehört, aber es ist möglich, daß ich nicht nahe genug war«, meinte er.

 

Mr. Dempsi hatte die Hände auf den Rücken gelegt, hielt den Kopf gesenkt und schaute nicht auf.

 

»Plötzlich«, fuhr Mr. Superbus fort, »ertönte ein Schuß, und ich wußte von nichts mehr.«

 

»Aber Sie sagten, es könne eine Frau gewesen sein?«

 

Diana war fest entschlossen, sich über diesen Punkt Aufklärung zu verschaffen.

 

»Es mag ein Mann oder eine Frau gewesen sein«, entgegnete Julius, »das wird alles ans Tageslicht kommen, wenn ich sozusagen die Geheimgeschichte erzählen werde. Im Augenblick muß es genug sein, wenn ich sage, eine oder mehrere unbekannte Personen – wo ist eigentlich Onkel Artur, ich habe ihn heute noch nicht gesehen?«

 

»Aber als Sie mit der unbekannten Person rangen, Mr. Superbus, müssen Sie doch gemerkt haben, ob es ein Mann oder eine Frau war«, bestand Diana hartnäckig.

 

Julius neigte verschämt den Kopf.

 

»Als ein verheirateter Mann sollte ich es eigentlich wissen«, sagte er diskret.

 

»Aber Sie haben doch mit der Person gerungen!«

 

»In gewisser Weise, ja, aber nur in gewisser Weise. Ich habe den Ausdruck mehr im allgemeinen gebraucht.«

 

»Aber Sie sahen doch –«

 

»Die Person sah wie ein Mann aus … ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Er sah aus wie Onkel Artur. Ich habe mir aber keinen Augenblick eingebildet, daß es wirklich Onkel Artur war. Ich will niemand verdächtigen. Er ist durch die Tür entschlüpft, bevor ich ihn genau erkennen konnte.«

 

»Da müssen Sie sich aber geirrt haben, Mr. Superbus«, sagte Diana.

 

»Er schlüpfte hinter mir vorbei zur Tür hinaus.« Julius zeigte auf den Eingang.

 

»Da irren Sie sich«, erwiderte Diana. »Der Mann ist durch das Fenster entflohen, von dort in den Hof gesprungen und nachher über die Mauer geklettert. Das Fenster stand doch offen.«

 

»Erzählen Sie uns doch einmal, wie es eigentlich kam, daß Sie schliefen, während die Leute den Geldschrank aufbrachen?« fragte Bobby.

 

Mr. Superbus legte die Stirn in Falten und schloß die Augen.

 

»Ich bin betäubt worden – in meinem Kaffee muß ein Schlafmittel gewesen sein. Ich habe sonst einen ganz leichten Schlaf, bei dem geringsten Geräusch wache ich sofort auf!«

 

Bobby nickte.

 

»Aber den Pistolenschuß haben Sie doch gehört?«

 

Kapitel 27

 

27

 

Mr. Superbus war in einem Ambulanzwagen des Roten Kreuzes fortgeschafft worden. Er hätte zwar auch ein gewöhnliches Auto benützen können, aber er hatte nun einmal den Wunsch, in einem Krankenwagen abtransportiert zu werden.

 

»Was ist eigentlich so eine Zehe wert, Bobby? Ich muß dem armen Mann doch irgend etwas schicken. Sind zweihundert Pfund zuwenig?«

 

»Es war ja nur eine kleine Zehe«, meinte Bobby nachdenklich. »Eine große Zehe würde mehr gekostet haben. Versuche es nur einmal mit einer Abfindungssumme von zweihundert.«

 

Diana schrieb sofort. Sie fühlte sich in ausgezeichneter Stimmung, obgleich der Geldschrank beraubt worden war und seine Tür traurig in den Scharnieren hing.

 

Eleanor und die Köchin waren auch wiedergekommen. Sie hatten zwar bis Dienstag Urlaub, aber ihre Neugierde hatte sie schon eher zurückgetrieben.

 

Heloise hatte von einem Fenster des Obergeschosses aus zugesehen, wie Mr. Superbus fortgebracht wurde. Sie hatte allen Grund, sich darüber zu freuen, daß Mr. Dempsis Schüsse nicht mehr Unheil angerichtet hatten. Den ganzen Morgen über war sie schon sehr nervös und fuhr bei jedem Geräusch auf. Einmal hatte Diana sie sogar gefunden, wie sie sich in dem kleinen rückwärtigen Zimmer versteckte. Man konnte eigentlich keinen anderen Ausdruck dafür finden. Sie war so konfus und verwirrt, daß Diana einen Augenblick argwöhnisch wurde. Aber dann erinnerte sie sich daran, daß das plötzliche Entweichen des Doppelgängers das arme Mädchen über alle Maßen aufgeregt haben mußte.

 

Diana hatte gerade den Brief beendet, als Heloise anscheinend absichtslos in den Raum trat und sich umschaute. Dempsi saß auf dem Sofa, hatte das Gesicht in die Hände gestützt und sah verdrießlich in das Feuer. Bobby saß in seinem Zimmer und hatte eine merkwürdige Beschäftigung: Er schrieb Telegramme an Gordon und bat ihn, sofort zurückzukehren. Er adressierte sie an die verschiedensten Hotels in Paris, wo er seiner Meinung nach hätte absteigen können.

 

Diana schaute lächelnd auf, löschte die Adresse und klebte die Briefmarke auf den Umschlag.

 

»Du mußt dich mit Tante – mit Heloise unterhalten und sie auf bessere Gedanken bringen«, sagte sie zu Dempsi. Er fuhr aus seinen Grübeleien auf.

 

»Du kennst doch Heloise?«

 

In den letzten achtundvierzig Stunden war so viel passiert, daß sie nicht mehr wußte, ob sie die beiden einander vorgestellt hatte oder nicht. Sie wäre nicht im mindesten erstaunt gewesen, wenn Dempsi erklärt hätte, daß er Tante Lizzie niemals gesehen habe.

 

»O ja, wir kennen uns«, sagte er etwas verlegen. »Sind Sie auch durch den Schuß geweckt worden? Ich muß mich noch vielmals bei Ihnen entschuldigen.«

 

»Nein, nein, mich bedrücken Sorgen, von denen ich nicht erzählen kann. Ist Onkel Artur wirklich fort?«

 

Diana nickte.

 

»Er ist fort – ich werde ihn nie wiedersehen!«

 

Dempsi sah sie verständnislos an. Er dachte an ganz andere Dinge.

 

»Sie scheinen sehr traurig zu sein«, sagte er mit milder Stimme. Ihre Blicke wanderten unstet umher, dann sah sie ihn an.

 

»Traurig! O ja, wenn ich an mein altes Heim und meinen lieben Vater in Michigan denke –«

 

»Ich dächte, Sie hätten mir vorher von Connecticut erzählt«, unterbrach sie Diana.

 

Heloise konnte schnell denken.

 

»Meine Mutter wohnt dort«, entgegnete sie liebenswürdig. »Mein Vater ist in Michigan. Sie leben getrennt voneinander.«

 

»Ich verstehe«, sagte Diana. »Dann müssen Sie sich ja eigentlich doppelt glücklich schätzen, nach Amerika zurückkehren zu können, wenn Sie dort ein doppeltes Zuhause finden.«

 

Heloise schaute sie forschend an. Sie war niemals sicher, ob Diana es ernst oder ironisch meinte. Es ging auch anderen Leuten so.

 

»Sie werden in Ihre Heimat zurückkehren?« Dempsi nahm jetzt ein wohlwollendes Interesse an Tante Lizzie.

 

»Ja, ich gehe zurück. Ich werde ein neues Leben anfangen – das verdanke ich Miss Ford«, sagte sie ruhig. »Eines Tages werde ich auf dieses Leben wie auf einen bösen Traum zurückschauen.«

 

Diana verließ das Zimmer.

 

»Gehen Sie wirklich nach Amerika?«

 

»Ja.«

 

»Das ist ein schönes, wunderbares Land«, erwiderte Dempsi. Aber sobald sich die Tür hinter Diana geschlossen hatte, sprang er auf, und seine ganze Haltung änderte sich plötzlich. Er faßte Heloise scharf ins Auge.

 

»Wo ist das Geld?« fragte er rauh.

 

Heloise sah sich vorsichtig nach der Tür um – sie waren beide allein.

 

»Du weißt ganz genau, wo es ist, Elly«, sagte er barsch. »Gib es heraus!«

 

Sie war jetzt durchaus nicht mehr traurig oder elegisch, im Gegenteil, sie war aufgebracht und wütend. Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn energisch an.

 

»Dan, du bist zwar der tüchtigste Imitator, den ich kenne«, ihre Stimme klang schrill –, »ich wäre nicht überrascht, wenn du als ein Floh aus dem Flohzirkus in dieses Zimmer kämst! Aber mich führst du nicht hinters Licht. Wer hat das Geld hier genommen?« Sie zeigte auf den Geldschrank, »Du! Du hast es gestohlen und hast dem armen Kerl geholfen, sich aus dem Staube zu machen. Wahrscheinlich warst du gerade mit dem Geldschrank beschäftigt, als er hier hereinkam.«

 

»Du lügst!« Er war außer sich vor Wut. »Ich kam herein, nachdem du das Geld aus dem Schrank genommen hattest – ich hatte gar nicht die Absicht zu schießen – das war das Verrückteste, was ich jemals machte! Aber ich sah den Kerl durch das Fenster entwischen und dachte mir, was sich zugetragen hatte. Er hatte dir das Geld gegeben, damit du ihn entwischen ließest!«

 

Sie sah ihn zornig an.

 

»Du willst wohl behaupten, daß ich das Geld hier in meiner Tasche habe?«

 

»Natürlich!«

 

»Du wirst noch von den Rechtsanwälten meines Mannes zu hören bekommen. Ich werde dir etwas sagen, du schamloser Hund! Du hast das Geld genommen und hast den armen Kerl angeschossen, als er hereinkam, um zu sehen, wer hier den Geldschrank geknackt hatte. Was tatest du denn hier vollkommen angekleidet? Du wolltest doch mit dem ersten Zug aus London verschwinden – und mich wolltest du hier in der Patsche sitzenlassen! Du gemeiner Lump! Ich habe doch hart genug für dich arbeiten müssen! Habe ich nicht stundenlang gesessen und mich mit dieser Seeleneidechse über meinen verfluchten Innenmenschen unterhalten? Habe ich nicht die ganze Geschichte von Diana aus ihm herausgeholt? Habe ich dir nicht alles bis ins kleinste berichtet? Habe ich ihn nicht ausgepumpt, bis überhaupt nichts mehr aus ihm herauszuholen war? Und du willst es jetzt wagen, mich übers Ohr zu hauen?!«

 

Er wagte gar nichts, und ihr Sieg war vollkommen, als er sich zu entschuldigen begann.

 

»In dem Schrank lagen fünfzigtausend Dollar. Alles, was ich in der Hand habe, ist ein Verrechnungsscheck, der ebenso brauchbar ist wie Konfetti bei einer Beerdigung. Es wird zwei Tage dauern, bevor ich bares Geld bekomme. Selsbury wird heute abend zurückkommen.«

 

»Fünfzigtausend Dollar«, fuhr sie ihn wütend an. »Davon hast du mir gar nichts gesagt. Wahrscheinlich hast du das wieder einmal vergessen. Du sagtest, man könnte etwa tausend Pfund bei der Sache bekommen! Dann hast du mir vorgeschwindelt, daß du froh wärst, wenn deine Auslagen wieder hereinkämen. Was ist das für ein Scheck? Ist es das Geld, das sie Dempsi noch schuldig ist? Zum Donnerwetter, das ist das Geld, das Dempsi ihr vor die Füße geworfen hat. Ich erzählte es dir doch, und dann vergaß ich es!«

 

Sie fuhr mit den Händen wild durch die Haare.

 

»Ich hatte daran überhaupt nicht gedacht, bis ich hierherkam und sie mir erzählte, daß sie mir einen Brief mit einem Scheck geschickt habe. Da mich der Bote verfehlte, gab sie ihn mir später selbst. Ich erfuhr dann aber, daß in dem Schrank noch mehr Geld lag, und wollte auch das noch bekommen. Es schien mir sehr leicht zu sein.«

 

Sie sah ihn böse und zweifelnd an. Sein beleidigendes Auftreten erhöhte nur ihren Verdacht.

 

»Dan, du bist ein wunderbarer Märchenerzähler. Wenn ich jünger wäre, würde ich wahrscheinlich auf deine Fabeln hereinfallen«, sagte sie nüchtern. »Aber du wirst jetzt ein netter Junge sein und der Tante gestehen, daß du das Geld genommen hast. Dann wirst du sagen, liebe Tante, wir werden fünfzig zu fünfzig teilen. Und wenn du das nicht tust, Dan, dann kannst du dich heilig darauf verlassen, daß du in kürzester Zeit vor dem Richter stehst.«

 

Er versuchte es mit Schmeichelei.

 

»Sei doch ehrlich, Elly, du hast das Geld. Wir wollen uns doch nicht weiter streiten …«

 

»Würde ich vielleicht noch hiersein und mich obendrein noch aufregen, was meinem guten Aussehen so sehr schadet, wenn ich es hätte?«

 

Dieser Grund leuchtete ihm ein.

 

»Das ist wahr. Aber wer hat denn den Geldschrank geöffnet, doch nicht etwa Selsbury?«

 

»Es konnte doch kein anderer gewesen sein als du.«

 

»Verdammt noch einmal, ich sagte dir doch, daß ich es nicht getan habe.«

 

Die Tür öffnete sich, und ohne daß sie sich umsahen, wußten sie beide, daß es Diana war. Sie hatte vergessen, einen Scheck in ihren Brief zu legen. Aber die beiden unterhielten sich so gut, daß sie sich nicht um sie kümmerten.

 

»Ich liebe den Landaufenthalt so sehr«, seufzte Heloise. »Die Vögel singen, die Wolken ziehen am Himmel, der erfrischende Wind weht – ach, es gibt wirklich nichts Schöneres, Mr. Dempsi.«

 

Ich habe früher nie gesehen, daß die beiden sich miteinander unterhielten, dachte Diana lächelnd. Das stimmte auch. Sie ging gleich wieder aus dem Zimmer.

 

»Elly, wir wollen uns nicht miteinander streiten. Das Geld im Schrank ist fort, vielleicht hat es Selsbury selbst genommen. Warum bist du eigentlich hierhergekommen?«

 

Diese Frage hatte er schon lange an sie stellen wollen.

 

»Ich kam her, als ich herausfand, daß du die Sache auf eigene Faust durchführen wolltest. Ich kenne dich, Dan, du hast einen sehr schlechten Ruf unter ehrlichen Verbrechern.«

 

Er lachte mißvergnügt.

 

»Ich werde dir das Gegenteil durch die Tat beweisen. Wohin ist Gordon Selsbury gegangen? Hat er dir gesagt, daß er gehen will?«

 

»Nein, wir sind aneinandergeraten, bevor er verschwand. Du sagtest vorhin, daß er zurückkommen werde, und ich fühle, daß du recht hast. Er wird das Geld in der Tasche haben.«

 

»Aber er konnte es doch nicht allein machen. Dein Mann hätte den Geldschrank nicht sachgemäßer aufmachen können.«

 

Sie war auf der Hut und wollte sich durch seine Schmeicheleien unter keinen Umständen fangen lassen.

 

»Laß doch diese Redensarten und halte dich an die Tatsachen«, sagte sie kurz. »Habe ich Selsbury für dich ausgeholt oder nicht?«

 

Er fuhr sie an wie ein bissiger Hund.

 

»Habe ich – habe ich nicht – zum Donnerwetter, warum hast du ihn denn überhaupt zurückkommen lassen?«

 

»Hierher zurückkommen lassen?« fragte sie verächtlich. »Das tat ich mit voller Absicht. Ich wußte, in welcher Rolle du auftreten würdest. Es war mir bekannt, daß Geld hier war, und deswegen wollte ich bleiben. Dan, ich spreche jetzt zum letztenmal im guten zu dir! Ich kenne Polizeiinspektor Carslake sehr wohl. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß es eine Kleinigkeit für mich ist, mir eine Belohnung zu holen, die auf deine Ergreifung ausgesetzt ist. Ich würde es nie tun, aber wenn du mich zum äußersten zwingst …«

 

Das wirkte auf Dan – aber er nahm die Situation mit philosophischer Ruhe auf.

 

»Nun gut, dann hilft es nichts«, sagte er seufzend. »Wir wollen teilen unter den alten Bedingungen, aber ich will nichts von fünfzig zu fünfzig hören. Siebzig zu dreißig!«

 

»Du wagst es, mir das anzubieten? Ich wundere mich über deine Kaltblütigkeit. Entweder zahlst du mich fünfzig zu fünfzig aus oder – aber du hast ja gar nichts zu teilen!«

 

Er bequemte sich jetzt dazu, ihr reinen Wein einzuschenken.

 

»Sie wird mich in bar auszahlen – ich habe ihr den Scheck zurückgegeben. Wenn du noch eine halbe Stunde wartest, habe ich das Geld. Bist du nun zufrieden? Sechzig zu vierzig.«

 

»Fünfzig zu fünfzig«, sagte Heloise unerschütterlich. »Du könntest es dir selbst niemals verzeihen, wenn du mir weniger geben würdest.«

 

Sie stritten noch etwa zehn Minuten miteinander, dann hatte sich Heloise durchgesetzt.

 

Eleanor kam eilig herein, um ihre Herrin zu suchen, aber sie fand sie erst in Gordons Zimmer.

 

»Der Geistliche«, sagte sie geheimnisvoll.

 

Dianas Mut sank wieder.

 

»Es ist ein katholischer Priester, ich habe es an seiner Tracht gesehen«, erklärte Eleanor.

 

Diana hatte noch nie darüber nachgedacht, welchem Religionsbekenntnis Dempsi eigentlich angehören könne. Auch hatte sie vorher nicht gewagt, dem Manne gegenüberzutreten, der ihrer Meinung nach von Dempsi gerufen worden war, um sie zu trauen.

 

»Ich werde hinunterkommen«, sagte sie schließlich und nahm die Karte aus Eleanors Hand.

 

Sie las den Namen, las ihn noch einmal und fuhr mit der Hand über ihre Augen. Auf der Karte stand:

 

Pater Giuseppe Dempsi,

Vicar von Banhurst.

 

Im nächsten Augenblick eilte sie die Treppe hinunter. Sie erkannte ihn sofort wieder an seinem glattrasierten Gesicht, seinen dunklen Haaren und dem alten Lächeln in den braunen Augen. Sie hätte ihn auch erkannt, wenn er nicht die schwarze Soutane getragen hätte.

 

»Diana«, sagte er, »nach all diesen Jahren sehen wir uns wieder!«

 

Sie ergriff seine magere Hand.

 

»Ja, das sind Sie. Oh, Sie glauben nicht, wie froh ich bin, Sie zu sehen.«

 

Das war also der richtige Dempsi. Wer war denn aber der andere?

 

»Ich bin schon mehrere Male hiergewesen, um Sie zu besuchen. Ich bin nur noch vierzehn Tage in England. Mein Pfarrbezirk liegt in der Nähe von Melbourne. Ich weiß nicht, ob Sie mir jemals verzeihen können, daß ich Ihnen so viel Unruhe und Verdruß bereitet habe?« Ein schwaches Lächeln huschte über seine feingeschnittenen Züge. »Ich war ein böser Junge. Ja, ich bin damals in den Busch gelaufen, aber ich bin nicht weit gekommen. Unterwegs wurde mir klar, daß ich meinen Idealen untreu wurde und Ihnen ein großes Unrecht tat. Das war entscheidend. Ich ging in das Kapuzinerkollegium und beendete meine Studien. Und ich habe mein Gelübde niemals bereut.«

 

Sie sah ihn ehrfürchtig an.

 

»Sie sehen besser und vorteilhafter aus als jemals, Pater Dempsi. Ich habe auch noch eine Menge Geld von Ihnen.«

 

Er lachte ein wenig verlegen.

 

»Ich war gespannt, ob noch etwas davon vorhanden ist. Aber offen gestanden brauche ich gerade im Augenblick Geld. Ich will nämlich einen Klub junger Männer in meiner Pfarre gründen, und für die neue Kirche brauchen wir eine Orgel …«

 

Sie nickte. Sie war noch ganz bestürzt. Plötzlich riß Bobby erregt die Tür auf.

 

»Diana …!« rief er.

 

Hinter ihm kam Gordon in gemessener, vornehmer Kleidung. Aber er schien sich doch verändert zu haben. Sie eilte auf ihn zu – bevor sie wußte, was sie tat, hatte sie ihm einen Kuß gegeben. Gordon küßte sie wieder, und es fiel ihm gar nicht schwer.

 

»Gordon, darf ich dir Reverend Giuseppe Dempsi vorstellen? Ich habe dir früher viel von ihm erzählt.«

 

Gordon starrte den Priester entsetzt an.

 

»Reverend Giuseppe Dempsi? Ich dachte –« Dann ergriff er die Hand des Geistlichen. »Ich wußte doch, daß es nicht … wie geht es Ihnen?«

 

»Diana und ich sind alte Freunde«, erklärte Dempsi. »Beinahe hätte ich gesagt, ein altes Liebespaar, aber die Liebe war ein wenig einseitig«, fügte er lächelnd hinzu.

 

»Das ist aber ein merkwürdiges Zusammentreffen!«

 

Gordon konnte weiter nichts sagen.

 

»Aber wie ist es möglich, daß du schon zurück bist? Ich bekam doch noch heute morgen ein Telegramm aus Inverness von dir?«

 

»Ich bin mit dem Flugzeug hierhergekommen«, erwiderte Gordon, ohne im geringsten verlegen zu sein. »Ich fühlte, daß hier etwas nicht in Ordnung war und daß du Schwierigkeiten hattest.«

 

»Ach, Gordon, ist das wirklich wahr?« Sie wurde rot. Sie war erstaunt über diese seelische Fernwirkung. »Aber mein lieber Gordon, du hast ja deinen Backenbart abgenommen?«

 

Er nickte ernst.

 

»Ich dachte, ich hatte dir gesagt, daß ich beabsichtige, das zu tun – du hast mir doch früher einmal gestanden, daß du ihn nicht leiden kannst – das genügte mir.«

 

Gordon zeigte sich von seiner allerbesten Seite.

 

Eleanor öffnete einem fremden Herrn die Tür.

 

»Ist Miss Ford zu Hause?«

 

»Jawohl, mein Herr, aber sie ist gerade beschäftigt.«

 

Er hatte anscheinend keine Visitenkarten.

 

»Ich bin Polizeiinspektor Carslake von Scotland Yard. Ich würde gern einmal den Geldschrank besichtigen, der in der vorigen Nacht erbrochen wurde. Es ist nicht notwendig, Miss Ford zu stören.«

 

Eleanor riß sofort die Tür weiter auf und führte ihn ins Studierzimmer …

 

»Wir werden mit dem ersten Zug London verlassen«, sagte ›Dempsi‹ gerade. »Das Geld teilen wir auf der Reise.«

 

»Nein, wir teilen, bevor wir abfahren«, erwiderte Heloise fest. Sie schien Angst zu haben, daß noch irgendein Zwischenfall eintreten könne.

 

Er zuckte die Schultern.

 

»Ich würde mich schämen, so etwas zu sagen!«

 

Dann trat der Fremde ein. Heloise erkannte ihn sofort, noch bevor er ihr Gesicht sah. Sie nahm eine Zeitung, die auf dem Tisch lag, entfaltete sie und verbarg ihr Gesicht dahinter. Dann ging sie, scheinbar lesend, langsam aus dem Studierzimmer in den kleinen Bibliotheksraum.

 

»Warum gehst du denn fort?« fragte ›Dempsi‹.

 

Einen Augenblick später sah auch er den Inspektor. Das Erkennen war gegenseitig.

 

»Das Spinngewebe um Ihr Kinn herum ist mir unbekannt«, sagte Carslake, »aber die hochgeschwungenen Augenbrauen und die leuchtenden Augen gehören meinem alten Freund Dan Throgood, mit anderem Namen ›Doppelgänger‹.«

 

»Ich fürchte, Sie irren sich«, erwiderte ›Dempsi‹ etwas hochfahrend.

 

»Sie fürchten vielmehr, daß ich mich nicht täusche«, entgegnete der Polizeiinspektor und sah auf den erbrochenen Geldschrank … »Haben Sie das gemacht?«

 

»Nein, das ist nicht meine Arbeit. Aber es liegt doch gar nichts gegen mich vor, Carslake. Ich wohne hier als ein Gast von Mr. Selsbury.«

 

»Und nun werden Sie als Gast des Königs logieren«, meinte Carslake und nahm ein paar Handschellen aus der Tasche. »Ich muß schon sagen, Dan, Sie verstehen zu leben!«

 

Der Inspektor kam am selben Tag noch einmal nach Cheynel Gardens 61, um eine gewisse Dame namens Chowster zu verhaften. Mit anderem Namen hieß sie Heloise van Oynne.

 

»Kann ich Miss Ford oder Mr. Selsbury sprechen?«

 

Eleanor bat ihn zu warten, ging durch die kleine Bibliothek und lauschte erst an der Tür zum Studierzimmer …

 

»Ich wollte wirklich nach Australien zurück, Gordon.«

 

»Dann gehe ich mit, und wenn es nötig ist, laufe ich auch in den Busch«, hörte sie Gordons Stimme.

 

Dann folgte ein langes Schweigen. Eleanor öffnete vorsichtig die Tür ein ganz klein wenig und schaute hinein. Dann ging sie wieder zu Mr. Carslake zurück.

 

»Mr. Selsbury und Miss Ford haben sich eben verlobt«, sagte sie.

 

Kapitel 3

 

3

 

Cheynel Gardens ist einer der wenigen Plätze, die kein Chauffeur ohne die Hilfe von Leuten finden kann, die dort in der Nähe wohnen. Die Chauffeure haben wohl davon gehört, können sich dunkel darauf besinnen, daß sie schon Fahrten dahin ausgeführt haben, aber wo es eigentlich liegt, ist ihnen unbekannt. Nur die Polizei und die Postboten wissen das.

 

Gordon bewohnte dort ein Eckhaus, zu dem auch ein Garten gehörte, nach dem wahrscheinlich die ganze Straße benannt worden war. Die Fenster vom großen Studierzimmer waren aus buntem Glas und hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit Kirchenfenstern.

 

Dieser Raum nahm aber auch eine besondere Stellung im Hause ein. Niemand durfte ihn ohne die ausdrückliche Erlaubnis Gordons betreten. Die starke Eichenholztür war noch mit einer Stofftür gesichert, um den Schall zu dämpfen, so daß kein Geräusch Gordon stören konnte, wenn er den »Economist« und die »Versicherungsrevue« las. Morgens las er die »Times«, aber abends widmete er sich eingehenden soziologischen Studien. Wenn er davon genug hatte, griff er zu dem Buch »Zur Genealogie der Moral« – Nietzsche war einer seiner Lieblingsautoren.

 

Gordon stieg aus dem Auto, mit dem er nach Hause gefahren war, und gab dem Chauffeur ein Trinkgeld von zehn Prozent, das er zwar aufs genaueste ausgerechnet hatte, wobei er sich aber doch ein klein wenig zu seinen Gunsten irrte. Langsam stieg er die Treppe zur Haustür hinauf und öffnete sie. Es war ein Teil des täglichen feierlichen Rituals. Trenter nahm seinen Hut, seinen Spazierstock, seine Handschuhe, und Gordon fragte wie gewöhnlich:

 

»Sind Briefe gekommen?«

 

Wenn Trenter »Nein« gesagt hätte, so wäre das eine unverzeihliche Unterbrechung der Zeremonie gewesen.

 

»Jawohl, Sir«, antwortete er wie stets. »Und –« er räusperte sich.

 

Er konnte sich eine weitere Erklärung schenken, denn Gordon starrte schon auf vier große Koffer, die fast die ganze Diele einnahmen. Auf dreien las er die Aufschrift »Wird während der Reise nicht gebraucht«, auf dem vierten war ein Schild aufgeklebt: »Kabinengepäck«.

 

»Was soll denn das bedeuten?« fragte Gordon atemlos.

 

»Die junge Dame ist heute nachmittag angekommen, Sir!« Trenter verging fast vor Aufregung.

 

»Die junge Dame ist heute nachmittag angekommen – welche junge Dame?«

 

»Miss Ford, Sir.«

 

Gordon runzelte die Stirn. Er hatte diesen Namen in irgendeinem Zusammenhang schon gehört. Ford – Ford – das klang doch so bekannt!

 

»Miss Diana Ford aus Australien!«

 

Seine Kusine! Mr. Selsbury nickte gnädig. Die Selsburys waren höfliche Menschen, und das Gefühl für Gastfreundschaft war noch nicht ganz in ihm erstickt.

 

»Sagen Sie bitte Miss Ford, daß ich nach Hause gekommen bin und daß ich mich freuen würde, sie in meinem Studierzimmer zu empfangen.«

 

Trenters Gesicht zuckte nervös.

 

»Dort ist sie bereits! Ich sagte ihr sofort, daß niemand hineingehen dürfe, wenn Sie nicht zu Hause seien.«

 

Gordon war verstimmt. Einem Gastgeber ist es stets unangenehm, wenn seine Gastfreundschaft schon vorweggenommen und nicht als ein Geschenk empfunden, sondern als ein Recht beansprucht wird.

 

»So?« sagte er, aber lächelnd. »Nun, Miss Ford kommt aus Australien, und man kann nicht erwarten, daß sie unsere Gewohnheiten kennt. Ich werde zu ihr gehen.«

 

Er klopfte an die Tür, und er hörte, wie eine Stimme »Herein« sagte.

 

»Ich freue mich, dich zu sehen, meine liebe Kusine Diana.« Er sah sich im Zimmer nach ihr um, konnte sie aber nicht entdecken, bis aus seinem eigenen Sessel, in dem er stets am Kamin saß, eine weiße Hand erschien.

 

»Komm doch näher, Gordon!«

 

Sie sprang auf und sah ihn an. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen und es sich bequem gemacht. In ihren Seidenstrümpfen sah sie noch kleiner aus als sonst. Er hielt sie für schön, etwa in dem Sinne, wie er ein nettes Kätzchen für hübsch gehalten hätte. Die ganze Sache kam ihm amüsant vor.

 

»Nun, mein junges Fräulein«, sagte er väterlich und wohlwollend, »hier sind wir also angekommen? Ich hatte niemals erwartet, dich in London zu sehen. Hattest du eine gute Fahrt?«

 

»Bist du verheiratet?« fragte sie gespannt.

 

»Nein, ich bin ein überzeugter alter Junggeselle.«

 

»Ah!« Sie seufzte erleichtert auf. »Ich war während der ganzen Reise besorgt, daß das der Fall sein könne – du hast mir noch gar keinen Kuß gegeben.«

 

Gordon war so wenig auf den Gedanken gekommen, sie zu küssen, als es ihm eingefallen wäre, ihr mit dem Buch auf den Kopf zu klopfen, das er in der Hand hielt. Aber die Selsburys waren von Hause aus sehr höflich, und so neigte er sich und berührte sie flüchtig mit den Lippen.

 

»Setz dich bitte – ich werde Tee für dich bestellen. Es tut mir so leid, daß du auf mich warten mußtest. Wo wohnst du denn?«

 

Sie blitzte ihn mit ihren Augen an.

 

»Hier«, erwiderte sie einfach.

 

Er verstand sie nicht.

 

»Ich meine, in welchem Hotel bist du abgestiegen – wo wirst du die Nacht schlafen?«

 

»Aber das ist doch ganz einfach – hier!« sagte Diana lachend.

 

In kritischen Augenblicken verlor Gordon nie den Kopf.

 

»Du willst damit wohl sagen, daß du kurze Zeit bei mir wohnen willst? Ich würde mich auch sehr freuen, aber leider kann ich dich hier nicht beherbergen, denn ich bin doch ein Junggeselle, und es ist keine Frau im Hause mit Ausnahme der weiblichen Dienstboten.«

 

Er sprach sehr liebenswürdig zu ihr; seine Gründe waren durchaus logisch, und seine Haltung ihr gegenüber war in jeder Beziehung korrekt.

 

»Du brauchst eine Frau hier – es war höchste Zeit, daß ich kam«, sagte sie ebenso unbeirrt wie Gordon.

 

Er unterdrückte einen Seufzer. Die Lage war allerdings recht unangenehm. Andere Männer hätten den Kopf oder ihre Geduld verloren und hätten geschimpft.

 

»Ich werde mich natürlich freuen, wenn du einige Tage hierbleiben willst«, sagte er dann lächelnd. »Telefoniere bitte mit deiner Gesellschafterin und ersuche sie, ihr Gepäck auch herzubringen –«

 

Diana zog ungeniert ihre Schuhe wieder an.

 

»Ich habe eben deine Ruder bewundert. Du hast dich doch damals in Cambridge an dem großen Rennen beteiligt und gewonnen – das finde ich großartig!«

 

»Ja – hm – ja.« Gordon war eigentlich nicht sehr stolz auf seine früheren sportlichen Heldentaten. »Oder soll ich vielleicht telefonieren?«

 

»Mit wem?« fragte sie unschuldig.

 

»Mit deiner Gesellschafterin … die Dame, die mit dir reiste …«

 

»Ach, sei doch nicht so sonderbar! Ich bin doch ganz allein gereist, so allein, wie man nur unter hundertfünfzig Salonpassagieren reisen kann, die sich mit allen möglichen Deckspielen die Zeit vertreiben. Eine gebildete Dame hat ja eigentlich keine gemeinsamen Interessen mit Leuten, die sich an Scheibenwerfen und anderen primitiven Dingen begeistern.«

 

In Gordons Nähe stand ein Stuhl, und er setzte sich. Männer seiner Art bleiben fast immer Herr der Situation, so unangenehm sie auch sein mag. Die Wucht ihrer Persönlichkeit und ihr großes Wissen verleihen ihnen ein solches Übergewicht, daß sie alle Hindernisse aus dem Weg räumen, so schwerwiegend sie auch sein mögen.

 

»Ich spreche jetzt als Vater, als Onkel und als vernünftiger, kluger Vetter zu dir.« Er sah auch wirklich liebenswürdig und väterlich aus. »Du bist ein junges Mädchen, und irgend jemand muß dir einmal sagen, daß du unmöglich allein als Gast in dem Haus eines Junggesellen bleiben kannst.«

 

Sie hatte die Hände auf den Rücken gelegt und stand unbeweglich vor ihm.

 

»Dann muß ich dir erwidern, Gordon, daß das nicht nur möglich ist, sondern daß ich die feste Absicht habe, hier zu wohnen. Ich kann doch nicht dafür verantwortlich gemacht werden, daß du ein Junggeselle bist. Von Rechts wegen müßtest du eben verheiratet sein!«

 

»Diana«, sagte er ernst, »du machst mir Sorge. Es ist ganz ausgeschlossen, daß du hier wohnen kannst. Mein liebes Kind, ich muß doch auf deinen guten Ruf Rücksicht nehmen. Vielleicht wirst du nach Jahren einmal einsehen, wie unschicklich dein Vorschlag war. Ich werde jetzt mit dem Laridge-Hotel telefonieren und dort ein schönes Zimmer reservieren lassen.«

 

Er erhob sich halb, aber sie legte ihre Hände auf seine Schultern und drückte ihn wieder auf seinen Sitz zurück. Er war erstaunt, wie stark sie war.

 

»Wir wollen nicht miteinander streiten. Es gibt nur einen Weg, mich hier aus dem Hause zu bringen – wenn du mich durch einen Polizisten hinauswerfen läßt. Aber ein einzelner Polizist würde nicht viel gegen mich ausrichten. Ich habe einen Revolver in meiner Handtasche … und wenn man mich angreift, zögere ich nicht, sofort zu schießen.«

 

Er sah sie erschrocken an, aber sie erwiderte seinen Blick ruhig und sicher, Sie hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, hier zu wohnen, und als er es überlegte, erkannte er, daß sie einen von Nietzsches Grundsätzen in die Wirklichkeit umsetzte. Dieser Philosoph sprach allerdings nur von Herrenmenschen.

 

Kapitel 4

 

4

 

Als Diana an einem der nächsten Tage ihre Einkäufe besorgt hatte und nach Hause kam, fand sie im Wohnzimmer eine etwas magere Dame mittleren Alters vor, die es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte. Sie begrüßte Diana mit einem gleichgültigen Lächeln. Diana hatte den Eindruck, als ob eine Romanfigur früherer Zeit lebendig geworden wäre. Die Fremde trug keinen Hut und strickte an einer feuerroten Wolljacke. Die Nadeln klapperten emsig in ihren Händen und schienen ganz von selbst zu arbeiten.

 

»Guten Tag – Sie sind sicher Miss Ford. Ich bin Miss Staffle – ich hoffe, daß wir gute Freunde werden!«

 

»Das hoffe ich auch!« erwiderte Diana. »Und wir werden noch bessere Freunde werden, wenn ich erst alles verstehe. Sind Sie hierzu Gast?«

 

Hurtig und flink schlugen die Stricknadeln aneinander.

 

Diana sah erstaunt zu – sie hatte noch niemals in ihrem Leben eine Wolljacke oder Strümpfe gestrickt.

 

»Nun ja, Mr. Selsbury dachte, daß Sie sich zu einsam fühlten. Es paßt ja für uns Mädchen nicht, daß wir allein sind, dann brüten wir zuviel.«

 

»Da haben Sie recht – ich brüte in diesem Augenblick auch über etwas nach.« Diana konnte sehr bestimmt auftreten. »Ist es richtig, daß Sie gewissermaßen als meine Anstandsdame engagiert sind?«

 

»Als Ihre Gesellschafterin«, erwiderte Miss Staffle leise.

 

»Nun, dann liegt der Fall ja sehr einfach.« Diana öffnete ihre Handtasche und nahm ein Scheckbuch heraus. »Wie hoch ist Ihr Gehalt?«

 

Miss Staffle nannte den Betrag.

 

»Hier haben Sie Ihr Gehalt für zwei Monate. Es war nicht meine Absicht, eine Gesellschafterin zu engagieren.« Sie klingelte, und die Stricknadeln hörten ganz plötzlich auf zu klappern.

 

»Eleanor, Miss Staffle verläßt das Haus vor dem Tee. Wollen Sie bitte dafür sorgen, daß das Gepäck heruntergebracht wird. Trenter soll ein hübsches Auto besorgen.«

 

»Aber, meine Liebe«, – Miss Staffles Stimme klang erregt und etwas scharf –, »Mr. Selsbury hat mich engagiert, und ich fürchte …«

 

»Mr. Selsbury braucht keine Gesellschaftsdame. Und nun, mein Engel, wollen Sie Spektakel machen oder wollen Sie als ein süßer, zarter Cherub von hier entschweben?«

 

Gordon kam nach Hause und war auf eine stürmische Szene vorbereitet. Er hatte sich aber fest vorgenommen, diesmal hart zu bleiben wie ein Felsen, mochte sie nun leidenschaftlich schelten oder ihn durch Tränen zu erweichen versuchen. Als er eintrat, ließ Diana gerade eine neue Platte auf einem ebenfalls neuen Grammophon spielen und tanzte vergnügt nach den Takten des neuen Schlagers: »Niemand darf mich Liebling nennen!«

 

Er konnte Grammophone im allgemeinen nicht leiden, aber im Augenblick gab es wichtigere Dinge zu besprechen.

 

Von der trefflichen Miss Staffle war nichts zu sehen.

 

»War jemand hier?« fragte er leichthin.

 

»Niemand, mit Ausnahme einer etwas verrückten alten Jungfer, die leider glaubte, daß ich eine Gesellschafterin brauche.«

 

Gordons Mut sank.

 

»Wo ist sie denn?«

 

»Ich habe mir nicht die Mühe gegeben, ihre Adresse zu notieren. Warum fragst du denn eigentlich? War die Gouvernante etwa für dich bestimmt?«

 

»Du hast sie wieder fortgeschickt?« Diana nickte.

 

»Ja, ihr Fleiß war ganz entsetzlich.« Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Sie hat die rote Strickweste doch nicht für dich gearbeitet?«

 

»Was, du hast eine – hm, eine Frau, die ich engagierte, fortgeschickt?« fragte er streng. »Wirklich, Diana, das geht etwas zu weit!«

 

Diana wechselte sofort das Thema der Unterhaltung.

 

»In zehn Minuten wird der Tee serviert sein. Mein lieber Gordon, deine Schuhe sind so schmutzig, geh schnell nach oben und zieh andere an.«

 

Der Widerspruchsgeist in ihm regte sich, sein Gesicht war rot vor Ärger.

 

»Ich werde nichts Derartiges tun!« sagte er scharf. »Ich will mich nicht in meinem eigenen Hause kommandieren lassen! Diana, die unerträgliche Situation muß jetzt ein Ende haben.« Er schlug mit der Hand schwer auf die Stuhllehne. »Einer von uns beiden verläßt heute abend das Haus. Ich habe genug! Die Dienstboten sprechen schon darüber. Ich sah, wie Trenter lächelte, als du heute morgen im Negligé zum Frühstück herunterkamst. Ich habe eine Stellung, einen guten Ruf und einen Namen in der City. Ich muß meine Interessen gegen die Gedankenlosigkeit selbstsüchtiger, rücksichtsloser Backfische wahren!«

 

»Aber wie kannst du mir einen solchen Namen geben?« fragte sie vorwurfsvoll.

 

»Ich gestatte unter keinen Umständen, daß eine so ernste Situation sich in einen Scherz oder Witz auflöst. Und ich säge noch einmal: Einer von uns beiden verläßt Cheynel Gardens.«

 

Sie dachte einen Augenblick nach, dann ging sie aus dem Zimmer. Gordon hörte, wie sie in der Diele telefonierte, und lächelte. Er hatte gesiegt. Man mußte nur fest auftreten und sich nicht einschüchtern lassen. Mehr war nicht notwendig –

 

»Ist dort die Redaktion des ›Morning Telegram‹? Hier ist Miss Diana Ford. Senden Sie doch bitte einen Reporter nach Cheynel Gardens Nr. 61.«

 

In zwei Sekunden war Gordon neben ihr in der Diele und hielt die Sprechmuschel zu. »Was machst du da?« fragte er erregt.

 

Sie zuckte die Schultern.

 

»Ein Leben ohne dich ist einfach unerträglich, Gordon«, sagte sie, scheinbar ganz gebrochen. »Wenn du mich aus der Wohnung weist, muß ich ins Wasser gehen.«

 

»Du bist verrückt!« stöhnte er.

 

»Der Leichenbeschauer wird vielleicht auch eine solche Ansicht äußern, wie ich hoffe – unterbrich mich nicht, Gordon. Die Leute der Redaktion wollen mich sprechen.«

 

Nur mit der größten Anstrengung gelang es ihm, sie von dein Apparat zu entfernen. Mit Gewalt nahm er ihr den Hörer aus der Hand.

 

»Machen Sie sich keine Mühe, jemand zu schicken … die Dame befindet sich sehr wohl. Sie ist am Leben – ich meine, es ist kein Selbstmord zu fürchten …«

 

Außer Atem ging er in sein Studierzimmer zurück.

 

»Dein Benehmen ist wirklich schändlich, direkt schamlos! Jetzt verstehe ich auch, warum dieser niederträchtige Dempsi vor dir Reißaus genommen hat und lieber draußen in der Wildnis sterben als länger bei einem so schrecklichen Zankteufel sein wollte!«

 

Gordon war an der Grenze seiner Geduld angekommen. Er war wild und grausam und wußte schon, bevor er zu Ende gesprochen hatte; daß sein Betragen unverzeihlich war.

 

»Es tut mir leid«, sagte er leise.

 

Ihre Gesichtszüge waren verschlossen, ihr Blick undurchdringlich. Er konnte ihre Gedanken nicht erraten.

 

»Es tut mir unendlich leid, das hätte ich nicht sagen dürfen bitte verzeih mir.«

 

Sie sprach noch nicht. Sie sah fast tragisch aus, wie sie hochaufgerichtet vor ihm stand.

 

Gordon schlich sich leise aus dem Zimmer. Dann sprach sie ihre Gedanken laut aus.

 

»Es ist doch einfach Unsinn, daß das Telefon nicht hier im Zimmer ist. Ich werde noch heute abend an das Postamt schreiben, daß das geändert wird.«

 

Das Abendessen verlief sehr schweigsam. Später ging Gordon aus.

 

»Ich habe mich mit einem Freund heute abend zum Theater verabredet«, sagte er.

 

»Ich habe auch seit Jahren kein Schauspiel mehr gesehen«, seufzte sie.

 

»Aber das wird dich nicht interessieren – es ist ein russisches Stück, das soziale Probleme behandelt.«

 

Sie seufzte aufs neue.

 

»Aber ich liebe doch das russische Theater so sehr! Die Haupthelden sterben so schön auf der Bühne, und man kann der Handlung so gut folgen. In einer Oper oder Operette weiß man nie genau, wen die Leute eigentlich darstellen, besonders wenn man den Text nicht genau versteht.«

 

»Dies ist aber kein Stück für junge Damen«, erwiderte er.

 

Aber sie ließ sich nicht überzeugen.

 

»Wenn du mich mitnehmen willst, ich bin in fünf Minuten umgezogen. Ich weiß sowieso nicht, was ich heute abend anfangen soll.«

 

»Du kannst dir doch überlegen, was es morgen zum Frühstück geben soll«, sagte er ärgerlich.

 

Als sie nun allein war, teilte sich ihre Aufmerksamkeit zwischen dem Grammophon und ihren Grübeleien. Sie mußte zuweilen an Dempsi denken, aber der Gedanke war ihr etwas unbehaglich. Nicht, daß sie diesen etwas merkwürdigen Menschen, den Sohn Michael Dempsis und Marie Stezzagannis, geliebt hätte. Dempsi brach in ihr Leben ein wie ein Erdbeben über das Haus eines kalifornischen Farmers. Er hatte alle ihre Lebensanschauungen umgestoßen und sie furchtbar erschüttert. Aber jetzt erinnerte sie sich nur noch schwach an seine schmächtige, sehnige Gestalt und an seine vielen Reden. Er hatte sich ihr damals zu Füßen geworfen, hatte gedroht, sie zu erschießen, dann hatte er wieder erklärt, daß er sie anbete und ihretwegen seine geistliche Laufbahn aufgeben wolle. An einem heißen Februarmorgen – sie besann sich noch darauf, wie reich die Rosen in dem Garten blühten – hatte er sein ganzes Vermögen vor sie hingeschleudert und einen tränenreichen Abschied von ihr genommen. Dann war er in die Wildnis gelaufen, um niemals wieder zurückzukommen.

 

Tatsächlich war die nächste Wildnis etwa hundert Meilen entfernt, aber er hatte gesagt, daß er in die Wildnis gehen und seinem Leben ein Ende machen wolle, das schon über die Grenzen menschlichen Duldens hinaus durch Kummer und Qualen bedrückt sei. Er wolle dort vergessen und Erlösung von seinen Leiden finden. Wahrscheinlich hatte er auch sein Versprechen erfüllt, soweit es sich um den Weg in die Wildnis handelte. Diana beklagte oder betrauerte ihn nicht. Sie war nur neugierig, unter welchen Umständen er wieder erscheinen und die achttausend Pfund von ihr zurückfordern würde, die er ihr damals wohlverpackt und zusammengeschnürt in einer so großartigen dramatischen Szene vor die Füße geworfen hatte. Er hatte allerdings in der Aufregung sein Ziel verfehlt. Das Bündel Banknoten war in weitem Bogen über ihre Füße hinweggeflogen und hatte die Katze getroffen, die gerade Junge hatte und auf Dempsi losstürzte. So wurde seine wilde Flucht noch beschleunigt.

 

Als die Jahre vergingen, wurde ihr der Besitz des Geldes immer unangenehmer, und sie machte einen schwachen Versuch, seine Verwandten zu entdecken, obwohl sie wußte, daß er nicht einmal einen Vetter hatte. Aber dann geriet das Andenken an Dempsi allmählich in Vergessenheit. Ein romantischer Farmer machte ihr den Hof. Dieses Abenteuer endete jedoch etwas plötzlich, als die sehr unromantische Frau dieses Mannes in einem Auto auf der Bildfläche erschien und ihn wieder mit sich fortnahm.

 

Diana dachte an diesem Abend auch nur fünf Minuten an Dempsi, dann probierte sie einen neuen Walzerschritt aus, den man eventuell auch nach Jazzmelodien tanzen konnte.

 

»Ich verstehe nur nicht«, sagte Trenter, »daß unser gnädiger Herr so etwas erlaubt. Es schickt sich doch nicht, daß eine junge Dame im Hause eines Junggesellen wohnt. Das erinnert mich an einen Fall, den der alte Superbus erzählt hat. Er ist ein Gerichtsvollzieher und sieht immer nur die Schattenseiten des Lebens.«

 

»Ich würde mich schämen, einen Gerichtsvollzieher zum Freund zu haben, selbst wenn man mir eine Million dafür bezahlte«, erwiderte Eleanor, die in dürftigsten und ärmlichsten Verhältnissen groß geworden war. »Eher würde ich mir noch einen Bettler zum Freunde nehmen. Und sorgen Sie sich nur nicht um unsere Miss Diana, Arthur, es ist sehr gut, daß sie da ist. Besonders ich bin sehr froh darüber. Denken Sie denn nicht an mich? Habe ich denn nicht auch eine Moral? Haben die Köchin und ich nicht seit Jahren in demselben Haus mit einem Junggesellen gelebt?«

 

»Mit euch ist das doch etwas ganz anderes Das Haus ist lange nicht mehr das, was es war«, klagte er.

 

Aber seine Trauer hatte einen tieferen Grund, den die beiden nicht kannten. So methodisch Gordon sonst auch war, so zählte er doch niemals seine Zigarren. Diana aber hatte ein gutes Schätzungsvermögen und paßte auf alles auf. Eines Tages fragte sie Trenter so nebenbei, ob Mäuse im Hause seien, und als er das bejahte, meinte sie, es sei doch sonderbar, daß Mäuse Havannazigarren auffräßen.

 

»Es wird noch ein großer Umschwung kommen, ein schrecklicher Wechsel, das fühle ich schon«, sagte er. »Ich weiß es ganz bestimmt. Ich habe immer das zweite Gesicht gehabt, schon als ich noch ein Junge war.«

 

»Dann sollten Sie eine Brille tragen«, erwiderte Eleanor.

 

Kapitel 5

 

5

 

An einem Spätsommernachmittag schaute Heloise van Oynne über den dunklen Fluß und schien in den Anblick eines farbenfreudig gestrichenen Hausbootes versunken zu sein, das am Ufer befestigt war.

 

»Erzählen Sie mir doch noch etwas mehr von Diana, sie muß wirklich faszinierend sein«, sagte sie plötzlich.

 

Gordon wurde unruhig. Er hatte schon viel mehr über Diana erzählt, als er eigentlich wollte und ihm lieb war.

 

»Nun … Sie wissen doch schon alles über sie, ich hoffe, daß Sie sie kennenlernen werden … eines Tages.«

 

Die kleine Pause, die er vor den letzten Worten machte, hatte für eine sensitive Frau eine ganz besondere Bedeutung, und Heloise war sehr hellhörig, denn das gehörte zur Durchführung ihrer Absichten. Heute schien sie wieder unglaublich ätherisch zu sein.

 

Sie war schön, schlank – Diana hätte sie wahrscheinlich mager genannt – und geistreich.

 

In ihren tiefen schwarzen Augen verbärgen sich Geheimnisse und unergründliche Rätsel. Manchmal fürchtete er sich fast vor ihr.

 

Gordon Selsbury war nicht verliebt. Er gehörte nicht zu den Leuten, die leicht ihr Herz verloren. Aber es schmeichelte ihm, daß er ein Geheimnis hatte. Früher hatte einmal jemand von ihm gesagt, daß er etwas Sphinxhaftes an sich habe.

 

Wenn Diana älter und vor allem nicht seine Kusine gewesen wäre, wenn sie sich nicht in dieser meisterlichen Art ganz gegen jedes Herkommen und gegen jede Sitte in seinem Hause festgesetzt hätte und nicht so verteufelt sarkastisch und selbstbewußt gewesen wäre – dann hätte er ihr gegenüber wahrscheinlich so etwas wie Zuneigung, vielleicht auch Liebe, gefühlt.

 

Er dachte an Diana und schaute auf seine Armbanduhr. Er hatte versprochen, zum Abendessen zu Hause zu sein. Heloise hatte die kurze Bewegung gesehen und innerlich gelächelt.

 

»War eigentlich die erste Liebesaffäre Dianas sehr ernster Natur?«

 

Gordon hustete.

 

Heloise konnte ihn in letzter Zeit überhaupt nicht mehr sehen, ohne dauernd über Dianas frühere Liebe zu sprechen. Das war doch ein merkwürdig weiblicher Zug, den er nicht bei ihr vermutet hatte. Er wurde einer Antwort enthoben, denn sie stellte plötzlich eine andere Frage an ihn.

 

»Wer ist dieser Mann, Gordon?«

 

Eine merkwürdige Gestalt war schon zweimal an der Hotelterrasse vorübergerudert, wo sie beim Nachmittagstee saßen, und zweimal hatte der dicke Mann mit dem roten Gesicht zu ihnen heraufgeschaut.

 

»Ich weiß es wirklich nicht – sollen wir nicht besser gehen?«

 

Sie machte keinen Versuch, sich zu erheben.

 

»Wann werde ich Sie wiedersehen, Gordon? Das Leben ist so leer und öde ohne Sie. Hat denn Diana ein Monopol auf Sie? Die Leute würden uns beide nicht verstehen. Ich liebe Sie nicht, und Sie lieben mich nicht; wenn Sie dächten, daß ich Sie etwa liebte, würden Sie mich nicht wiedersehen wollen.« Sie lachte ruhig vor sich hin. »Es ist nur Ihre Seele und Ihr Geist« – sie sprach sehr leise – »nur das vollkommene Verstehen, das uns eint. Liebe oder Ehe bringen das nicht zustande.«

 

»Es ist wundervoll«, sagte er und nickte. »Nein, die böse Welt würde uns nie verstehen.«

 

»Ich sehne mich so sehr nach dem einen Tag.« Sie schaute zu dem Fluß hinüber. »Aber ich wage nicht zu hoffen, daß er jemals kommen wird, dieser Tag meiner Träume.«

 

Auch Gordon Selsbury glaubte nicht daran und hatte schon den ganzen Nachmittag darüber nachgedacht, wie er ihr seine Zweifel sagen könne.

 

»Ich habe mir den Plan unserer Reise nach Ostende genau überlegt, Heloise. Es würde natürlich etwas Wunderbares sein, wenn wir einander den ganzen Tag sehen könnten und miteinander, wenn auch nicht unter demselben Dach, so doch in derselben Umgebung, leben könnten. Die ungestörte Verbindung unserer Seelen – das ist ein zu glücklicher Gedanke. Aber glauben Sie, daß es klug ist, nach Ostende zu gehen? Ich spreche natürlich von Ihrem Standpunkt aus, denn Skandal und Klatsch berühren einen Mann kaum.«

 

Sie wandte ihm ihre sehnsüchtig strahlenden Augen zu.

 

»Was könnten uns die Leute anhaben? Was wollen sie denn von uns sagen? Lassen Sie sie doch klatschen!« sagte sie verächtlich. Er schüttelte den Kopf.

 

»Ihr Ruf ist mir heilig«, erwiderte er bewegt. »Er ist mir teuer und kostbar und darf nicht irgendwie in den Schmutz getreten werden. Die Saison in Ostende ist zwar vorüber, die meisten Hotels sind geschlossen, und viele Kurgäste sind abgefahren, aber trotzdem besteht die Möglichkeit – allerdings nur die Möglichkeit, daß wir einen Bekannten treffen, der womöglich gleich das Schlimmste über unsere unschuldige Seelenfreundschaft dächte. Es ist außerordentlich gefährlich.«

 

Sie lachte hart, als er sich erhob.

 

»Ich sehe, daß Sie sich doch innerlich noch nicht befreien können, Gordon. Es war ein verrückter Gedanke, wir wollen nicht mehr darüber sprechen. Es tut mir weh.« Er zahlte schweigend, und schweigend folgte er ihr zu seinem Auto. Er war etwas gekränkt. Niemand hatte ihm bis jetzt gesagt, daß er innerlich gebunden sei.

 

»Wir werden nach Ostende fahren. Ich werde Sie treffen, wie wir es schon seit langem verabredet haben«, sagte er, als sie halbwegs zum Richmond-Park gefahren waren.

 

Sie antwortete ihm nicht, aber sie drückte seinen Arm innig.

 

Sie saßen schweigend nebeneinander und träumten.

 

»Es liegt etwas Unendliches in unserer Freundschaft. Ach, Gordon, es ist doch zu wundervoll …«

 

Diana las ein Magazin im Studierzimmer, als Gordon eintrat. Sie ließ das Heft sofort sinken und sprang von ihrem Stuhl auf. Wenn sie las, saß sie an seinem Schreibtisch, der sich gewöhnlich bei seiner Rückkehr abends in einem chaotischen Zustand befand, obwohl er ihn morgens nett und ordentlich zurückgelassen hatte.

 

»Das Essen ist schon lange fertig«, sagte sie kurz. »Du kommst verteufelt spät, mein lieber Gord.«

 

Mr. Selsbury fühlte sich bedrückt.

 

»Ich wünschte, du würdest mich nicht Gord nennen, Diana«, sagte er vorwurfsvoll. »Es klingt – es klingt fast wie Hohn.«

 

»Aber es paßt doch so gut zu dir. Du weißt gar nicht, wie dir dieser Name steht.«

 

Gordon zuckte die Schultern.

 

»Jedenfalls nimmt eine Dame nicht das Wort ›verteufelt‹ in den Mund.«

 

»Wo bist du eigentlich gewesen?« fragte sie mit herausfordernder Offenheit, die ihr besonders eigen war.

 

»Ich bin aufgehalten worden –«

 

»Aber doch nicht in deinem Büro«, erwiderte Diana prompt, als sie sich zu Tisch setzten. »Seit dem Mittagessen bist du nicht dort gewesen.« Mr. Selsbury sah verzweifelt zur Decke.

 

»Ich bin in einer reinen Privatsache aufgehalten worden«, sagte er steif.

 

»Aha!« Diana schien von seinen Worten in keiner Weise beeindruckt zu sein. Sie hatte, wie sie selbst sagte, das Alter längst hinter sich, in dem man sich durch andere Leute imponieren läßt.

 

Gordon hatte sich eingestanden, daß sie sehr hübsch sei: In gewisser Weise war sie sogar eine Schönheit. Sie hatte tiefe, graublaue Augen und eine seidenweiche Haut. Auch gab er zu, daß ihre Figur sehr anmutig und graziös war. Wenn sie älter oder jünger gewesen wäre – wenn sie keinen Bubikopf trüge, wenn sie ein wenig mehr Respekt vor wahrer Bildung und Kenntnissen hätte, wenn sie die Gedankenarbeit mehr schätzte und wenn sie weniger selbstsicher wäre!

 

Er trat nachdenklich ans Fenster und schaute in die Dunkelheit. Diana war für ihn ein ungelöstes Problem.

 

Der Butler erschien in diesem Augenblick im Zimmer.

 

»Trenter!«

 

»Jawohl, Sir?«

 

»Sehen Sie den Herrn dort auf der anderen Seite der Straße den Mann mit dem roten Gesicht?«

 

Es war wieder der Fremde, der am Nachmittag an ihnen vorbeigefahren war. Gordon hatte ihn sofort wiedererkannt.

 

»Ich habe ihn heute schon einmal gesehen – es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen.«

 

»Das ist Mr. Julius Superbus.«

 

Gordon schaute Trenter erstaunt an.

 

»Julius Superbus – was zum Teufel wollen Sie denn damit sagen?«

 

»Welch eine Sprache in Gegenwart einer Dame«, tönte eine Stimme aus dem Hintergrund. Das sah Diana wieder ganz ähnlich.

 

»Was meinen Sie denn – das ist doch ein lateinischer Name.«

 

Trenter lächelte verschmitzt.

 

»Jawohl, Sir, Mr. Superbus ist ein Römer, der letzte Römer in England. Er stammt aus dem Ort Caesaromagnus, das ist ein kleines Dorf bei Cambridge. Ich bin dort in der Nähe in Stellung gewesen, daher weiß ich das.«

 

Gordon runzelte die Stirn.

 

Welch ein merkwürdiger Zufall führte ihm diesen seltsamen Menschen zweimal am Tage in den Weg – einmal in Hampton, wo er mit größter Anstrengung in einem Boot an ihm vorbeiruderte, und dann in Cheynel Gardens, wo er scheinbar in den Anblick eines Laternenpfahls versunken war?

 

»Was ist er denn – ich meine von Beruf?«

 

»Detektiv, Sir«, sagte Trenter.

 

Gordon wurde plötzlich blaß.

 

Kapitel 16

 

16

 

Diana fühlte sich unsäglich erschöpft. Im allgemeinen war sie unermüdlich, aber die vielen Anforderungen, die augenblicklich an ihre Energie und Nervenkraft gestellt wurden, überstiegen doch ihre Kräfte.

 

Als Dempsi gegen Abend unruhig wurde, weil er Hunger hatte, fiel es ihr ein, daß sie ganz vergessen hatte, sich um das Abendessen zu kümmern. Obendrein kam noch ein Mann, der ärmlich gekleidet war und nicht sehr sauber aussah. Sein hageres, gelbes Gesicht war unrasiert, und er hielt den Kopf etwas schief. Bei dem Anblick Dianas wich er sichtlich zurück.

 

»Guten Abend, Miss«, sagte er und langte an seine Mütze. »Ich bin wegen des Geldes gekommen.«

 

»Wegen des Geldes?« fragte sie überrascht.

 

»Ich will mir mein Geld holen – ich habe gestern die Fenster geputzt.

 

Nun erinnerte sie sich an ihn. Eleanor hatte sich gestern über ihn beschwert, daß er im Studierzimmer überall herumspionierte, und hatte Zweifel an seiner Ehrlichkeit geäußert.

 

»Ich heiße Stark«, sagte er ermutigend.

 

»Ja, ich kann mich jetzt besinnen.« Sie ging, um ihre Handtasche zu holen. Als sie wieder zurückkam, betrachtete er das Türschloß mit mehr als gewöhnlichem Interesse. Um seine Neugierde zu entschuldigen, sagte er, daß er früher Schlosser gewesen sei.

 

»Mr. Selsbury ist nicht zu Hause?«

 

»Nein.«

 

»Und Mr. Trenter ist auch nicht da?«

 

»Nein.«

 

Seine Augen glänzten.

 

»Wird Mr. Selsbury lange fortbleiben? Ich wollte wegen einer Anstellung mit ihm sprechen.«

 

»Ich weiß nicht, wann er wieder zurückkommt. Aber es sind verschiedene Männer hier im Hause – wollen Sie einige von ihnen sehen?«

 

Er machte ein langes Gesicht.

 

»Nein, ich danke Ihnen, Miss.«

 

Sie schloß die Tür hinter ihm zu und war neugierig, wann der Detektiv endlich kommen würde. Es lag doch noch eine ziemliche Geldsumme im Schrank, und Leute, die nichts von ihrer Verpflichtung gegenüber Dempsi wußten, konnten denken, daß noch mehr da sei.

 

Dempsi war nicht im Studierzimmer, als sie jetzt hereinkam. Schnell ging sie zu dem Geldschrank. Es war eines dieser altmodischen Exemplare, die außer der Vorrichtung zur Buchstabeneinteilung noch ein besonderes Schloß hatten. Gordon hatte ihr gesagt, daß er den Schlüssel dazu überhaupt nicht mehr benützte. Er hatte ihn einmal verlegt und einen Schlosser rufen lassen müssen, um die Tür zu öffnen. Sie durchsuchte den ganzen Schreibtisch, zog alle Schubladen auf und fand schließlich auch einen kleinen Briefumschlag, auf dem obendrein noch »Schlüssel« stand.

 

»Gott sei Dank!« sagte sie. Schnell schloß sie den Geldschrank ab. Nun war er gegen alle gesichert, die durch List oder Anwendung von Gewalt vielleicht das Schlüsselwort erfahren hatten.

 

*

 

Mr. Julius Superbus kam gewichtig daher. Er stieg aus einem Auto, stellte sein ganzes Gepäck zunächst auf den Gehsteig und bezahlte den Chauffeur. Er gab ihm einen halben Schilling Trinkgeld, denn Diana hatte ihn angewiesen, »keine Ausgaben zu sparen«.

 

Dann nahm er seine Habseligkeiten unter die Arme, stieg die Treppe zur Haustür empor, beugte sich und drückte die Klingel mit seiner Nasenspitze. Das war eine Methode, die er sich selbst ausgedacht hatte und die seine Persönlichkeit gut illustrierte.

 

Diana öffnete die Tür persönlich.

 

»Sie haben mich gerufen – ich bin nun gekommen.«

 

Sie war offensichtlich sehr erleichtert, als sie ihn sah, und führte ihn ins Speisezimmer.

 

»Mr. Superbus, ich stelle große Anforderungen an Sie, aber ich bin sicher, daß ich mich nicht vergeblich an Sie wende. Ich bin in großer Bedrängnis.« Er neigte den Kopf.

 

»Haben Sie alle Taschen Ihrer Kleider durchsucht?« fragte er ruhig. »Sie haben etwas verloren. Ich weiß das sozusagen aus mir selbst heraus. Es ist natürlich das einfachste von der Welt, zunächst die Dienstboten zu verdächtigen. Aber haben sie es auch getan? Meistens sind die Leute unschuldig –«

 

»Ich habe nichts verloren, Mr. Superbus. Mein Onkel ist hier –«

 

Sie wußte nicht recht, wie sie ihm die ganze Sache beibringen konnte. Sollte sie sich ihm ganz anvertrauen? Das war eine kühne Idee, aber sie hatte vielleicht ihre Vorteile.

 

»Verwandte halten sich besser voneinander getrennt«, sagte der Römer mit Nachdruck. »Sie kommen nur, um Geld zu borgen, essen Sie vollständig arm, und wenn sie gehen, haben sie nicht einmal ein gutes Wort für Sie. Besonders die Onkels machen es so. Aber überlassen Sie ihn nur mir. Ich werde ihm schon von Mann zu Mann den Fall erklären. Er wird dieses Haus« – er sah auf die Uhr – »in fünf Minuten verlassen haben.«

 

Sie klärte ihn kurz auf: Ihr Onkel war hier ein willkommener Besuch. Er war ein liebenswürdiger Herr, sah Mr. Selsbury äußerlich sehr ähnlich, war noch jung, nur … sie zeigte mit dem Finger auf die Stirn. Mr. Superbus war sofort im Bilde.

 

»Ja, da kann man nur mit Takt etwas erreichen – mit Takt und mit Humor. Man muß ihm die Überzeugung beibringen, daß er alles nach seinem eigenen Kopf tut. Und dann natürlich: eiserne Hand im Sammethandschuh. Das ist ein Ausdruck, den ich selbst geprägt habe«, fügte er bescheiden hinzu. »Überlassen Sie den Mann nur mir. Sie hätten überhaupt keinen Besseren als mich finden können. Wir haben nämlich auch verschiedene Verrückte in unserer Familie.«

 

Diana trat einen Schritt zurück.

 

»Und seine gute Frau ist auch hier?«

 

»Ja, Tante Lizzie.«

 

»Das macht die Sache ein wenig peinlich«, entgegnete Mr. Superbus bedauernd. »Man kann ihn dann nicht gut beobachten, wenn er schläft, es sei denn, daß Tante Lizzie nichts dagegen hätte. Ich bin ja auch ein verheirateter Mann.«

 

»Das würde ihr sicher nicht passen. Ich glaube auch nicht, daß das notwendig ist. Es genügt, wenn Sie tagsüber auf ihn aufpassen. Vor allem darf er unter keinen Umständen das Haus verlassen.«

 

Mr. Superbus lächelte.

 

»Darüber brauchen Sie sich nicht die geringsten Sorgen zu machen, Madam.«

 

Diana gab ihm noch weitere Instruktionen. Dann eilte sie in das Studierzimmer, um den aufgeregten Dempsi zu beruhigen, dessen dringende Rufe sie schon zweimal gezwungen hatten, ihre Unterhaltung mit dem Detektiv zu unterbrechen.

 

Mr. Superbus ging in tiefen Gedanken zur Küche. Er konnte keine Ähnlichkeit zwischen Gordon Selsbury und ihrem Onkel entdecken. Aber er sah, daß Tante Lizzie sich anscheinend hier nicht wohl fühlte.

 

»Guten Tag«, sagte er. »Mein Name ist Smith.«

 

Gordon zeigte auf die Tür.

 

»Machen Sie, daß Sie hinauskommen, und schaffen Sie sich einen anderen Namen an!«

 

Mr. Superbus war belustigt.

 

»Ich dachte, ich wollte einmal herkommen und nach Ihnen sehen, Onkel Artur«, sagte er und machte eine Verbeugung vor der Dame. »Und auch nach Tante Lizzie.«

 

Seine Augen leuchteten vor Mitgefühl.

 

»Scheren Sie sich fort!« brüllte Gordon, rot vor Wut. »Gehen Sie zurück zu der Dame, die Sie angestellt hat, und sagen Sie ihr, daß ich ihr zehn Minuten Zeit lasse, mir meinen Schlüssel wiederzugeben und diesen verteufelten Dempsi aus dem Hause zu werfen!«

 

»Was hat denn das nun alles für einen Zweck?« fragte Heloise. »Wenn du irgendwelchen Spektakel machst, kommst du am Montag vor den Richter.«

 

»Das ist mir ganz gleich!« Gordon war an der Grenze seiner Geduld angekommen. »Das ist mir wirklich ganz gleich«, schrie er. »Ich bin hier Herr im Hause, ich kann tun, was ich will!«

 

»Und was bin ich denn eigentlich hier? Vielleicht eine Statistin? Habe ich hier nicht auch noch ein Wörtchen mitzusprechen? Um mich kümmerst du dich überhaupt nicht mehr! Nun ja, ich bin ja schließlich froh, daß du dich hier so benimmst. Es ist einfach großartig – verteufelt, daß ich mich von einem solchen weiblichen Seepolypen fangen ließ, aber ich werde schon wieder aus dieser Hundehütte herauskommen! Gordon, das einzige Vernünftige ist in diesem Augenblick, sich ruhig zu verhalten!«

 

Kapitel 17

 

17

 

»Das Leben ist wirklich herrlich«, sagte Mr. Dempsi und streckte seine Füße bequem zum Kamin aus. »Von den tiefsten Tiefen der Verzweiflung bis zu den höchsten Höhen der Erfüllung eines Herzenswunsches – welch ein Gegensatz!«

 

»Giuseppe –« begann Diana.

 

»Wopsy hast du mich früher genannt«, sagte er vorwurfsvoll.

 

»Also gut, Wopsy, ich habe dir erlaubt, hier zu wohnen, weil ich mich in aller Ruhe mit dir aussprechen wollte.«

 

»Das Schweigen ist so wundervoll.« Er sah sie mit melancholischen, müden Augen an. »Schweigen und Nachdenken und Frauen!«

 

Aber Diana hatte ihm etwas zu sagen. Sie hatte sich alles überlegt.

 

»Vor fünf Jahren hast du mich einmal um meine Hand gebeten. Ich lehnte deinen Antrag ab. Man sagt, daß junge Mädchen keinen Verstand haben. Die Tatsache, daß ich dich damals zurückwies, beweist allerdings das Gegenteil. Was ich vor Jahren fühlte, fühle ich auch heute noch. Mein Herz ruht im Grabe!«

 

»In meinem Grabe«, sagte er mit einem traurigen, aber selbstgefälligen Lächeln.

 

»Sei nicht verrückt, du lebst jetzt, das tut mir sehr leid, ich wollte sagen, es würde mir sehr leid tun, wenn es nicht so wäre. Ich habe ein einzigesmal in meinem Leben geliebt, Wopsy« – ihre Stimme zitterte, und sie glaubte Tränen in seinen Augen schimmern zu sehen –, »aber er ging von hinnen.«

 

»Ist er dir fortgelaufen?« fragte er und richtete sich auf.

 

»Wenn ich sage, er ging von hinnen, so meine ich, er ging in das große Jenseits.«

 

»Er ist gestorben?« Dempsi zuckte die Schultern. »Das kann schließlich passieren. Ich liebte einmal ein Mädchen – o Diana, sie war die Perle aller Mädchen, groß, schlank und göttlich blond, entzückend anzusehen und lieblich in ihren Bewegungen. Auch sie ging von hinnen – in das große Jenseits.«

 

»Starb sie?« flüsterte Diana.

 

»Nein, sie ging zur Bühne – nach Amerika. Und so starb sie für mich. Ich habe die Erinnerung an sie aus meinem Herzen gerissen.«

 

Diana war vollständig ungerührt, aber sie war doch ein wenig entmutigt.

 

»Meine Liebe werde ich niemals vergessen«, sagte sie fast schluchzend. »Wopsy, siehst du denn nicht, wie unmöglich es ist hast du übrigens das Geld erhalten?«

 

»Das Geld? Hast du es mir geschickt? Aber Diana, wie töricht!«

 

»Ich schickte einen Scheck.«

 

Er sank in seinen Stuhl zurück.

 

»Nein, das ist doch wirklich zu töricht von meiner kleinen Diana – Geld!« Er lachte grausam. »Wie ihr Angelsachsen doch das Geld anbetet! Für Männer meines Temperaments bedeutet Geld nichts!« Er schnippte mit den Fingern. »Ich vergebe dir, daß du nicht mehr dem großen, hohen Ideal entsprichst, dem ich huldige, und daß du grausam die Erinnerung an frühere glückliche Zeiten zerstörst. Du warst ja noch ein Kind, man konnte nicht von dir erwarten, daß du in Liebe eines Mannes gedenkst, der für dich starb! Aber das gehört alles der Vergangenheit an. Wir aber gehören der Gegenwart – morgen, Montag, Dienstag, werden wir heiraten!«

 

»Was tun wir denn aber am Mittwoch? Verzeih mir, daß ich noch etwas weiter in die Zukunft blicke!«

 

Einen Augenblick war er bestürzt, und seine Verwirrung verriet sich deutlich in einem gezwungenen Lachen.

 

»Meine teure, kleine Diana, wie drollig du doch bist!«

 

»Nun höre einmal zu, Dempsi, oder Wopsy, du gehst morgen in dein Hotel zurück, und wir werden weder am Montag noch am Dienstag oder Mittwoch heiraten. Du möchtest wissen, warum? Weil ich dich eben nicht heiraten will!«

 

»Das ist Onkel Arturs Einfluß!« zischte er. »Dieser Teufel! Mein ganzes Leben bin ich durch Tanten und Onkels gehindert worden! Aber er soll sich vor mir verantworten, vor mir, Giuseppe Dempsi!«

 

Er stieß seinen Stuhl zurück und eilte zur Tür. Aber sie packte ihn verzweifelt am Arm.

 

»Laß mich gehen!« rief er leidenschaftlich.

 

»Wenn du dieses Zimmer verläßt, werde ich die Polizei anrufen.«

 

Er blieb stehen.

 

»Was – die Polizei willst du auf mich hetzen?«

 

Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und schluchzte hysterisch. Seine Schultern zuckten krampfhaft, aber Diana fühlte nicht das geringste Mitleid mit ihm.

 

»Der Abgott meiner Träume verrät mich! Ich will nicht weiterleben!«

 

Diana überließ ihn sich selbst, und nach drei Minuten lebte er immer noch.

 

»Mr. Dempsi, trocknen Sie Ihre Tränen!« sagte er pathetisch zu sich selbst.

 

»Du kannst heute noch hier wohnen. Dein Schlafzimmer liegt oben an der Treppe. Ich hoffe, daß du gut schlafen wirst. Wenn du irgend etwas nötig hast, kannst du ja klingeln. Aber es wird niemand kommen. Gute Nacht!« Er wandte sich bedrückt zur Tür.

 

»Das ist nicht mehr meine angebetete Diana!«

 

Seine Trauer hätte einen Stein erweichen können, aber Diana war hart wie Stahl – selbst eine Bombe wäre an ihr zerschmettert.

 

Als er in seinem Zimmer war, hörte er zu spät, daß der Schlüssel umgedreht wurde. Bevor er die Tür erreichen konnte, war das Schloß eingeschnappt.

 

»Wer ist das – wer hat die Tür verschlossen? öffnen Sie sofort!«

 

»Ich habe es getan«, sagte Diana draußen.

 

»Aber Diana, das ist doch unerhört!«

 

»Ich tue es zu deinem eigenen Schutz!« flüsterte sie durch das Schlüsselloch. »Onkel Artur kann dich nicht leiden!«

 

»Aber das ist doch gefährlich! Wenn Feuer ausbricht –«

 

»Dann benutzt du den Minimax! Er hängt im Kleiderschrank!«

 

Sie war müde, alle Glieder schmerzten sie, und sie fühlte sich schrecklich allein. Wie schön wäre es doch, wenn Gordon jetzt hier wäre, oder Eleanor, die sich in diesem Augenblick erregt mit Mrs. Magglesark über das merkwürdige Betragen von Damen im allgemeinen und australischen Damen im besonderen unterhielt.

 

Aber glücklicherweise war ja Mr. Superbus im Hause.

 

Schwache Klänge kamen aus der Küche, als sie die Treppe hinunterging. Mr. Superbus blies zart und – beinahe musikalisch auf einer Mundharmonika. Tante Lizzie saß vor dem Küchenfenster und hatte das Kinn in die Hand gestützt. Onkel Artur lehnte am Tisch und schaute den Musikanten düster an. Die Melodie endete plötzlich in einem Mißklang, als Diana die Tür öffnete.

 

»Na, haben Sie sich hier gut amüsiert?« fragte sie.

 

»Ich hatte nichts zu essen, außer Käse und Brot«, murrte Gordon. »Ihr kleiner Scherz geht doch etwas zu weit!«

 

Sie schaute ihn verstört an.

 

»Wir hatten ja auch kein Abendessen«, sagte sie enttäuscht, dachte aber doch mit einiger Genugtuung daran, daß Dempsi in diesem Augenblick in seinem verschlossenen Zimmer hungern mußte. »Ich hatte nicht einmal Brot und Käse – es ist jetzt Zeit, daß Sie zu Bett gehen!«

 

»Ich werde zur Ruhe gehen, wenn es mir paßt«, erwiderte Gordon gereizt.

 

Mr. Superbus schüttelte tadelnd den Kopf.

 

»Das ist unartig und nichtsnutzig«, schalt er. »Das ist nicht der liebe Onkel Artur. Und er war doch vorhin so ein lieber Junge, Madam. Er hat gesungen wie eine Lerche.«

 

Gordon wurde rot. »Ich habe nicht gesungen, Sie verrückter Esel!« protestierte er.

 

»Hat er es nicht getan, Tante Lizzie?«

 

Heloise zuckte gleichgültig die Schultern.

 

»Nun, wenn er nicht gesungen hat, so hat er doch wenigstens gesummt«, behauptete Mr. Superbus hartnäckig.

 

Sein Repertoire auf der Mundharmonika umfaßte auch den Gesang der Eton-Ruderer, und Gordon war ein alter Eton-Schüler. Ganz zweifellos hatte er mitgesummt, denn kein alter Eton-Mann kann dem Rhythmus dieser Melodie widerstehen.

 

»Jetzt geht es zu Bett«, sagte Diana kurz.

 

Der Schlüsselbund verlieh ihr beinahe das Aussehen eines Gefängniswärters.

 

»Das wird Ihnen noch bitter leid tun«, sagte Gordon sehr böse. »Ich kann tausend Leute beibringen, die meine Identität bezeugen können.«

 

»Und wie viele Zeugen werden die Identität von Tante Lizzie beschwören?« fragte Diana. Gordon sagte nichts mehr.

 

Sie schloß alle Türen vor seinen Augen, und seine Hoffnung, nachts zu entkommen, wurde immer geringer.

 

Aber Heloise schwieg nicht.

 

»Es ist doch nicht schwierig, meine Persönlichkeit festzustellen. Ich bin« Mrs. van Oynne und wohne Clarens Gate Gardens Nr. 71.«

 

»Sehr gut«, nickte Diana. »Es steht Ihnen frei, mit der Polizei zu telefonieren, um Ihre Persönlichkeit feststellen zu lassen. Ich werde den Beamten sagen, daß ich Sie irrtümlicherweise für die Frau des Doppelgängers gehalten habe – oder soll ich lieber Partnerin oder Gehilfin sagen? Die Polizei wird schon wissen, wie sie die Sache zu behandeln hat.«

 

Heloise stand auf.

 

»Mich mit Leuten herumzuärgern war mir stets unangenehm – ich gehe jetzt schlafen«, sagte sie.

 

Diana ging voraus, Gordon und Heloise kamen hinter ihr, und Superbus bildete die Nachhut. Er blies wieder eine nette Weise auf seinem Instrument. Gordon hätte ihn am liebsten gebeten, als angemessene Begleitung zu diesem feierlichen Marsch »Ases Tod« zu spielen. Er kam sich vor wie ein Missetäter, der zum Schafott geführt wird. Diana erschien ihm wie ein Henker und Folterknecht.

 

»Gute Nacht«, sagte er mechanisch und blieb an der Tür seines Zimmers stehen.

 

»O nein, nicht hier hinein!« Sie erklärte das so energisch, daß er ihr ohne weiteres in das obere Geschoß zu dem Zimmer folgte, das sie für das Ehepaar bestimmt hatte, das ihr beim großen Reinemachen helfen sollte. Heloise ging hinein – sie kannte den Raum ja schon.

 

»Gute Nacht«, sagte sie leise.

 

»Sie haben aber etwas vergessen«, meinte Diana.

 

»Wenn Sie glauben, ich küsse ihn, dann irren Sie sich, meine Dame«, gab Heloise kühl zurück und wollte die Tür zuschließen.

 

»Aber es ist doch Ihr Mann!«

 

Die Tür wurde zugeschlagen. Diana hörte, wie Heloise einen Stuhl heranzog, und vermutete, daß sie die Lehne unter die Klinke gestellt hatte. Gordons Kehle war trocken.

 

»Sie haben sich wohl gezankt?« fragte Diana. »Oder vielleicht sind Sie gar nicht …«

 

»Nein, ich bin nicht!«

 

Sein Magen knurrte laut. Er hatte nie vermutet, daß eine Reihe so häßlicher Töne aus ihm hervorkommen könnte.

 

»Dann muß ich also noch einen besonderen Raum für Sie suchen!« Sie legte den Schlüssel an ihre Lippen und überlegte.

 

»Kommen Sie mit!«

 

Am äußersten Ende des Ganges lag noch ein kleines Zimmer das Bett war noch nicht bezogen.

 

»Dort sind die Bettücher!« Diana zeigte auf einen Schrank. »Morgen werde ich auch Decken für Sie suchen. Immerhin ist das Bett viel komfortabler als die Pritsche in einer Polizeizelle!«

 

Sie schloß die Tür hinter ihm zu.

 

Das Fenster war offen, aber es gab keine Möglichkeit, dort zu entkommen. Die Wand fiel unter dem Fenster senkrecht acht Meter bis zum Boden des Hofes ab. Gordon entschied sich dafür, vorläufig zu Bett zu gehen.

 

Kapitel 18

 

18

 

Diana wachte plötzlich auf. Sie hörte nur entfernt das Schnarchen von Mr. Superbus, aber sie hatte das untrügliche Gefühl, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. Sie stand auf, schlüpfte in ihren Morgenrock und schaute aus dem Fenster. Auf dem Gehsteig drüben stand eine Gestalt, ein ziemlich kleiner Mann mit runden Schultern. Sie konnte ihn deutlich in dem Licht der Straßenlaterne erkennen, die gerade ihrem Hause gegenüberstand. Sie ahnte sein Gesicht mehr als sie es erkannte, und allmählich wurde ihr klar, daß es Stark, der Fensterputzer, war.

 

Als er sie sah, trat er schnell zurück. Sie beugte sich weiter hinaus und entdeckte einen Polizisten, der langsam die Straße entlangkam. Er erreichte die gegenüberliegende Ecke und blieb stehen, ging ein paar Schritte nach Cheynel Gardens hinein und hielt dann wieder an. Es war früh am Morgen, und die Straßen lagen verlassen, so daß er es riskieren konnte, sich heimlich eine Pfeife anzustecken, was allerdings ganz gegen die Dienstvorschriften war. Die Gestalt, die sich drüben eng an die Mauer lehnte, regte sich nicht.

 

»Was wollen Sie?« fragte Diana plötzlich laut über die Straße hinüber.

 

Mr. Stark schaute hinauf.

 

»Nichts, Madam, ich kann nur nicht schlafen«, stotterte er.

 

»Gehen Sie einmal zu dem Polizisten, der wird schon Rat wissen!«

 

Er verschwand in der engen Straße, die an ihrer Hofmauer vorbeiführte, aber gleich darauf kam er wieder zurück und ging kühn nach der Hauptstraße zu.

 

Der Polizist trat auf ihn zu, und nach einer kurzen Unterhaltung zwischen den beiden entfernte sich Mr. Stark endgültig. Diana glaubte bemerkt zu haben, daß der Polizist seine Taschen abgetastet hatte.

 

Sie war nun ganz munter. Es war erst Viertel nach drei. Sie nahm den Schlüssel aus ihrer Handtasche, schloß ihr Zimmer auf und lauschte. Der wachsame Mr. Superbus meldete sich sofort.

 

»Ich bin’s, Mr. Superbus.« Diana war froh, daß er so auf dem Posten war. »Ich fürchte nur, Sie liegen auf dem Flur recht unbequem.«

 

»O nein, ich schlafe nur sehr selten. Napoleon schlief auch nur wenig, wenn wir den Berichten trauen dürfen. Wünschen Sie etwas?«

 

»Ich will in die Küche gehen und eine Tasse Tee machen«, sagte sie und stieg die Treppe hinunter. Sie war sehr hungrig. Sie kochte Tee, fand ein Paket Keks und rief Mr. Superbus leise, daß er kommen solle, um etwas zu essen.

 

»Vielleicht ist es gut, wenn wir etwas mehr Licht machen.« Sie drehte den elektrischen Schalter in der Diele an. »Kommen Sie nur herein, Mr. Superbus!«

 

Die Tür des Studierzimmers öffnete sich nicht, als sie die Klinke herunterdrückte. Sie runzelte die Stirn.

 

»Ich bin ganz sicher, daß ich diese Tür nicht verschlossen habe!« Sie nahm den Schlüssel von ihrem Bund und schloß auf. Aber die Tür war von innen verriegelt!

 

»Warten Sie hier, bis ich mich angezogen habe«, sagte sie.

 

Die Augen des Detektivs traten vor Erregung aus den Höhlen, und er verfärbte sich. Er war nicht im mindesten nervös und spürte keine Furcht, aber Gefahr ließ ihn immer erbleichen.

 

In unglaublich kurzer Zeit war Diana wieder unten, nahm den Pistolengürtel aus der Kommode in der Diele und schnallte ihn um.

 

Mr. Superbus sah die Pistole in ihrer Hand und fühlte sich jetzt sicherer.

 

Sie hörten ein leises Rascheln in dem Zimmer und ein schwaches Klicken, als ob die Lichter ausgedreht würden.

 

»Passen Sie auf die Hintertür auf«, sagte sie leise. »Wahrscheinlich will er über die Mauer klettern! Schlagen Sie ihn sofort nieder – möglicherweise ist er bewaffnet!«

 

Mr. Superbus bewegte sich nicht. Er stand wie angewurzelt an seinem Platz.

 

»War es nicht besser, wenn ich einen Polizisten hole?« fragte er hohl.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Tun Sie bitte das, was ich Ihnen gesagt habe – ich möchte die Polizei nicht im Hause haben.«

 

Mr. Superbus versuchte einen Fuß aufzuheben und stöhnte. Sein Rheumatismus war plötzlich wiedergekommen.

 

»Ich möchte Sie nicht gern hier allein lassen«, sagte er unsicher. »Es wäre direkt gemein und schurkenhaft, eine Dame im Augenblick der Gefahr sich selbst zu überlassen.«

 

Von der Diele aus führte nur eine Tür zum Studierzimmer. Man konnte es aber auch durch den kleinen Vorraum erreichen, in dem an den Wänden Gordons Bücherschränke standen.

 

»Bleiben Sie hier«, flüsterte sie und eilte den dunklen Korridor entlang.

 

Die Tür des kleinen Zimmers war nicht verschlossen. Es roch nach Büchern. Leise trat sie ein, die Pistole in der Hand. Auch die Tür nach dem Studierzimmer öffnete sich widerstandslos. Der große Raum lag im Dunkeln, nur durch die bunten Glasfenster fiel ein schwacher Schein herein.

 

»Hände hoch!« rief Diana plötzlich. »Ich sehe Sie!«

 

Der Lichtschalter befand sich an der anderen Seite des Zimmers, und sie tastete sich vorsichtig vorwärts. Sie war aber erst ein paar Schritte gegangen, als die Tür nach der Halle plötzlich aufgerissen wurde. Einen Augenblick sah sie in der Öffnung eine Gestalt, dann wurde die Tür zugeschmettert..

 

Superbus muß den Kerl ja fassen, dachte sie aufgeregt, als sie sofort hinterhereilte. Aber sie hörte nichts von einem Kampf, und als sie in die Diele trat, war sie vollständig leer.

 

»Mr. Superbus!«

 

»Hier, Madam!«

 

Er kam aus dem Studierzimmer hinter ihr her.

 

»Ich bin Ihnen gefolgt. Es war nicht recht, eine Dame allein zu lassen. Haben Sie ihn gesehen?«

 

»Aber warum haben Sie denn nicht das getan, was ich Ihnen sagte?« fragte sie vorwurfsvoll.

 

»Es war meine Pflicht, Ihnen zu folgen.« Julius war verdrießlich. »Es war sicherer so.«

 

Das stimmte auch.

 

Sie drehte alle Lampen im Studierzimmer an. Es schien sich nichts geändert zu haben, nur –

 

Sie hatte den Buchstabenanzeiger am Geldschrankschloß gestern auf X stehen lassen, und er stand jetzt auf A.

 

»Holen Sie den Tee aus der Küche«, sagte sie und setzte ihre Nachforschungen fort.

 

Mr. Superbus kehrte mit dem Tablett zurück.

 

»Was wir brauchen, sind Anhaltspunkte«, sagte er leise.

 

»Nun gut, dann suchen Sie welche.«

 

Er bückte sich und durchstöberte den ganzen Raum. Diana aß inzwischen Kekse, denn sie war außerordentlich hungrig.

 

»Es ist jemand hiergewesen«, er zeigte auf den großen Stuhl am Kamin. »Sehen Sie doch einmal das Kissen. Dort sieht man deutlich, daß jemand seinen Kopf dagegen lehnte.«

 

»Das habe ich gestern abend selbst getan«, erwiderte sie kurz und wenig höflich. »Sehen Sie ja nach, ob Sie auch Zigarrenasche finden, mein teurer Sherlock Holmes!«

 

Er sah sie argwöhnisch von der Seite an.

 

»Kommen Sie jetzt und essen Sie auch etwas«, sagte sie und stellte die Keksschachtel in seine Reichweite. »Ich möchte nur wissen, wie er aus seinem Zimmer gekommen ist.«

 

– »Wer denn?«

 

»Der Doppel – Onkel Artur«, verbesserte sie sich sofort.

 

Julius lächelte.

 

»Der ist nicht herausgekommen, denn ich habe meinen Posten nicht verlassen. Ich habe die Überzeugung, daß es ein Einbrecher war.«

 

»Aber wie ist er denn fortgekommen? Die vordere Haustür ist doch vollständig verschlossen und verriegelt. Er muß noch im Hause sein.«

 

»Sagen Sie das ja nicht«, bat Julius nervös. »Wenn er noch hier wäre, wüßte ich nicht, was ich täte. Ich werde ganz toll, wenn ich Einbrecher sehe. Deshalb hat mir auch der Doktor verordnet, daß ich mich nach Möglichkeit von ihnen fernhalten soll.«

 

»Er ist sicher noch im Haus – wahrscheinlich verbirgt er sich in der Küche. Essen Sie doch noch ein paar Kekse. Wenn ich fertig bin, werden wir uns einmal nach ihm umsehen.«

 

Julius hatte keinen Appetit mehr.

 

»Dies ist ein Fall für reguläre Polizisten«, sagte er ernst. »Sie werden doch dafür bezahlt, und die Regierung gibt ihren Witwen Pension. Nebenbei bemerkt, werden sie auch noch befördert, wenn, sie Einbrecher fassen. Ich lasse anderen Leuten gern etwas zukommen, wenn es in meinen Kräften steht. Soll ich nicht schnell nach draußen gehen und einen Polizisten rufen?«

 

»Bleiben Sie hier, ich werde allein gehen.«

 

Aber er lehnte es ab zu bleiben. Sein Platz war an ihrer Seite, wie er als treuer Beschützer behauptete. Aber er ging immer etwas hinter ihr her. Er war sehr beruhigt, daß sie gut mit der Pistole umgehen konnte. Sie schien doch eine tüchtige Frau zu sein.

 

Die Küche war leer.

 

»Ich hatte auch nicht erwartet, ihn hier zu finden«, sagte sie. »Nein, das war … Onkel Artur.«

 

Als sie wieder im Studierzimmer waren, entwickelte Mr. Superbus eine merkwürdige Theorie.

 

»In diesem Hause gibt es sicher unterirdische Gänge, ich habe schon welche gesehen. Man braucht nur eine Füllung in dem Holzpaneel zurückschieben, dann öffnet sich eine Treppe, die in ein unterirdisches Gewölbe führt. Man drückt auf eine Feder –«

 

»Nein, Mr. Superbus, in Cheynel Gardens Nr. 61 gibt es keine Federn, die man berührt, und keine Wandpaneele, ebensowenig unterirdische Gewölbe, mit Ausnahme des Kellers, in den die Kaminschächte münden. Gehen Sie nur hinunter und überzeugen Sie sich davon!«

 

Mr. Superbus erwiderte, daß ihm ihre Worte vollkommen genügten.

 

Es war jetzt Viertel nach vier. Julius steckte das Feuer an und ging langsam zur Küche hinunter, um Feuerholz zu suchen. Er kam aber sehr schnell wieder. Seine Zähne klapperten, und er sagte, es sei sehr kalt in der Küche.

 

»Aber in der Küche war doch nichts, wovor Sie Angst haben konnten?«

 

Er war belustigt.

 

»Wovor ich Angst haben könnte? Das möchte ich erst einmal sehen! Ich weiß überhaupt nicht, was Furcht ist! Alle in unserer Familie sind tapfer.«

 

Er war halb aufgesprungen. In der Diele waren Schritte zu hören.

 

»Sehen Sie nach!«

 

Sie griff nach der Pistole.

 

Mr. Superbus ging zögernd, machte aber einen großen Umweg. Sie beobachtete ihn, wie er langsam vorwärts schritt und vorsichtig um die Tür herumspähte, um einen Blick in die Diele zu werfen.

 

»Schießen Sie ja nicht«, sagte er dann zitternd. »Es ist die Tante!«

 

Kapitel 19

 

19

 

Heloise trat ein und sah mürrisch aus.

 

»Was gibt es denn?« fragte sie. »Ich hörte jemand die Treppe hinauf laufen.« Ihr Blick fiel auf die Keksschachtel, sie nahm eine Handvoll, setzte sich vor den Kamin und aß in aller Gemütsruhe. »Ich fühle mich in diesem Hause nicht recht wohl, ich wünschte, ich wäre daheim!«

 

Ihre ungewöhnliche Niedergeschlagenheit machte Eindruck auf Diana.

 

»Holen Sie noch eine Tasse und einen Teller, Mr. Superbus«, sagte sie. »Tante Lizzie möchte Tee trinken.«

 

Julius kniete vor dem Kamin und glich in dieser Stellung einem Priester irgendeiner geheimnisvollen Sekte von Feueranbetern. Er richtete sich mühsam auf und sah Diana ängstlich an.

 

»Sie können auch das nötige Geschirr aus dem Geschirrschrank am Ende des Ganges nehmen, dann brauchen Sie nicht in die Küche hinunterzugehen.«

 

Julius erhob sich erleichtert.

 

»Es wäre mir auch nicht darauf angekommen, das zu tun«, log er.

 

Heloise starrte in die Flammen. Es schienen fast Jahre vergangen zu sein, seitdem sie sich mit Gordon über Seelenharmonie unterhalten hatte. Diana beobachtete sie und bemerkte, daß sie eigentlich recht schön war. Sie bewunderte ihr gutgeformtes Gesicht, das Oval ihrer Wangen und ihre feingeschnittene Nase. Sie empfand ein leises Mitgefühl für diese Frau.

 

»In welchem Verhältnis stehen Sie eigentlich zu dem Doppelgänger?«

 

Heloise zuckte nur die Schultern.

 

»Sind Sie mit ihm verheiratet?«

 

Mrs. van Oynne war klug und hellhörig.

 

»Ich werde es Ihnen vielleicht später einmal erzählen«, sagte sie melancholisch. »Aber nicht jetzt – jetzt nicht!« Sie seufzte tief.

 

»Ich bin davon überzeugt, daß Sie dieses Leben nicht führen, weil es Ihnen Freude macht. Wahrscheinlich sind Sie nur dazu gezwungen«, fuhr Diana fort.

 

»Ja, Sie haben mich erkannt.« Heloise nickte langsam.

 

»Wenn ich etwas für Sie tun könnte –« begann Diana. Mr. Superbus kam mit Tasse und Teller an und unterbrach diese vertrauliche Unterhaltung jäh.

 

»Haben Sie gut geschlafen, Tante Lizzie?« fragte Julius, als er hörbar seinen Tee schlürfte.

 

»Nein, ich kann in fremden Betten nicht schlafen – außerdem habe ich große Sorge – und man findet keine Ruhe, wenn man von Sorgen gequält wird.«

 

»Nach meiner Theorie haben Sie aber doch geschlafen!«

 

Sie sah ihn über die Schulter an.

 

»Wie kommen Sie denn zu dieser Annahme? Glauben Sie, ich wüßte nicht, ob ich schlafe oder nicht? Sie armseliger – – Mr. Superbus.«

 

»Man kann niemals genau wissen, ob man schläft. Schlafwandeln Sie nicht ein wenig?« fragte er möglichst gleichgültig.

 

»Was meinen Sie?«

 

»Ich meine, ob Sie nicht im Schlaf umherwandeln? Ich hatte den Eindruck, daß ich Sie um ein Uhr gesehen hätte.«

 

Sie wandte ihr Gesicht ab und schaute wieder ins Feuer.

 

»Sie scheinen eine rege Phantasie zu haben. Wenn ich dächte, daß Sie mich um ein Uhr gesehen hätten, würde ich hier auf der Stelle sterben. Ich hatte mich ganz ausgezogen – sind Sie verheiratet?«

 

Julius nickte.

 

»Sie haben mich um ein Uhr nicht gesehen – ich würde mich sonst zu Tode schämen.«

 

Julius war verwirrt, aber er ließ sich doch nicht ganz entmutigen.

 

»Vielleicht war es auch drei Uhr. Ich habe jedenfalls jemand die Treppe herunterkommen sehen. Haha, Tante Lizzie! Ich habe Sie gesehen!« Er drohte ihr schelmisch mit dem Finger.

 

»Sie sind ganz verrückt«, sagte sie kurz, gähnte und stand auf. »Ich glaube, ich kann jetzt schlafen. Und ich werde einen Strumpf über das Schlüsselloch hängen«, wandte sie sich an Mr. Superbus, der über diese Verdächtigungen entrüstet war.

 

»Haben Sie Tante Lizzie wirklich gesehen?« fragte Diana, als Heloise gegangen war.

 

»Nein. Aber man kann auf diese Weise die Leute zum Geständnis bringen. Das ist ein amerikanischer Trick, ich habe ihn schon oft angewandt.«

 

»Glauben Sie, daß Tante Lizzie hier war?«

 

»Ganz bestimmt. Haben Sie nicht bemerkt, wie leise sie geht? Das ist ein schlechtes Zeichen –«

 

»Haben Sie nicht gemerkt, wie sie nach L’Origan duftet?« fragte Diana spöttisch.

 

»Das habe ich nicht gemerkt«, gab Mr. Superbus verwirrt zu.

 

»Ich wundere mich, daß Sie das nicht bemerkt haben. Diese schweren französischen Parfüms duften so stark, daß man sie direkt sehen kann. Aber es war kein Geruch nach L’Origan in dem Studierzimmer, als wir hereinkamen, wenigstens kein frischer.«

 

Sie ging zum Fenster und zog die Jalousie hoch, aber es war noch ganz dunkel. Sie fühlte sich vollständig frisch und wollte nicht mehr schlafen, aber sie wußte im Augenblick auch nicht, wie sie ihre Tatkraft am besten anwenden konnte.

 

»Nehmen Sie diesen Schlüssel, gehen Sie ins Zimmer von Onkel Artur, öffnen Sie die Tür leise und sehen Sie nach, ob er noch im Bett liegt. Und schließen Sie dann die Tür schnell wieder!«

 

Mr. Superbus liebte es nicht, zur Eile angetrieben zu werden. Er stieg langsam die Treppe hinauf und lauschte an der Tür. Er hörte nichts – das war befriedigend. Aber auf der anderen Seite erschienen ihm diese Stille und Ruhe verdächtig. Wahnsinnige Leute sind bekanntlich auf ihre Art sehr schlau und verschlagen. Er erinnerte sich an grauenhafte Geschichten von Irren, die leise umherschlichen, ihre Wärter von hinten anfielen und ihnen die Kehle mit Blechstücken durchschnitten, die sie heimlich geschärft hatten.

 

Julius Superbus atmete tief.

 

Wenn Onkel Artur schlief, würde er kein Geräusch machen. Und da kein Geräusch zu hören war, mußte er schlafen. Beruhigt ging Mr. Superbus wieder nach unten.

 

»Er schläft wie ein unschuldiges Kind«, berichtete er. »Er hat die Hand an der Backe und lächelt wie ein kleiner Engel.«

 

Sie nahm ihm den Schlüssel ab und betrachtete ihn.

 

»Waren Sie wirklich in dem Zimmer?«

 

»Natürlich.« Julius wärmte seinen Rücken am Kaminfeuer. »Ich habe das Licht angedreht und mich genau umgesehen.«

 

Sie sah immer noch auf den flachen Schlüssel in ihrer Hand.

 

»Ich habe Sie nur deshalb gefragt, weil ich Ihnen aus Versehen einen falschen Schlüssel gab.«

 

Aber Julius war ein Mann, der nie um eine Ausrede verlegen war.

 

»Ich habe eine Methode, Türen ohne Schlüssel zu öffnen, die nur drei Leuten auf der Welt bekannt ist.«

 

»Kommen Sie mit mir.« Diana erhob sich. »Auch ich habe meine Methoden, Türen zu öffnen. Ich benütze nämlich den richtigen Schlüssel dazu.«

 

Er ging hinter ihr her und war nun doch etwas kleinlaut. Sie schloß rasch die Tür von Gordons Gefängniszelle auf und machte Licht.

 

Das Zimmer war leer.