Kapitel 9

 

9

 

Dower House lag abseits von der Hauptstraße. Die Besitzung bestand aus einer Menge unregelmäßiger kleiner Gebäude, die sich hinter verwilderten Hecken und schiefen Mauern erhoben. Früher hatte sich ein Pförtner um das Anwesen gekümmert, aber sein Häuschen lag verlassen da, die Fenster waren zerbrochen, und das Ziegeldach war schwer beschädigt. Die Tore standen schon seit Generationen offen und lehnten zertrümmert gegen die Mauer.

 

Wo früher saftige, gutgepflegte Rasenflächen prangten, zeigte sich nun ein wüstes Dickicht von Unkraut und Sträuchern. Wo einst die früheren, vornehmen Bewohner Kricket und Golf spielten, wuchsen jetzt Disteln und wilde Kamillen. Mike Brixan sah auf den ersten Blick, daß nur ein Teil des Hauses bewohnt war, denn nur in einem Flügel waren die Fensterscheiben unversehrt. Fast alle anderen waren zerbrochen oder mit Staub und Spinnweben bedeckt, so daß man hätte meinen können, sie seien mit Ölfarbe gestrichen.

 

Er war belustigt und erstaunt, als er zum erstenmal die sonderbare Erscheinung Mr. Sampson Longvales sah, der aus seinem Haus trat, um die Gesellschaft zu begrüßen. Sein kahler Kopf leuchtete in der Nachmittagssonne. In seinen rehfarbenen Hosen, seiner Samtweste und dem altväterlichen Spazierstock sah er genauso aus, wie Gregory ihn beschrieben hatte.

 

»Ich freue mich sehr, Sie bei mir zu sehen, Mr. Knebworth. Ich habe allerdings nur ein sehr bescheidenes Haus, aber ich entbiete Ihnen einen um so herzlicheren Willkommensgruß. In meinem kleinen Speisezimmer ist Tee serviert. Wollen Sie mir bitte die Mitglieder Ihrer Gesellschaft vorstellen?«

 

Diese Höflichkeit und Würde einer früheren Zeit entzückten Mike Brixan, und er fühlte sich zu dem alten Herrn hingezogen, der in diese moderne Zeit einen Schimmer liebenswerter Vergangenheit hineintrug.

 

»Ich möchte gern noch eine Szene aufnehmen, bevor das Licht zu schlecht wird, Mr. Longvale«, sagte der Direktor. »Wenn Sie nichts dagegen haben, daß der Tee schnell eingenommen wird, kann ich den Schauspielern noch eine Viertelstunde Zeit geben.« Er sah sich um. »Wo ist Foß?« fragte er. »Ich muß noch etwas an der einen Szene ändern.«

 

»Mr. Foß wollte zu Fuß von Griff Towers nachkommen«, sagte einer der Leute. »Er blieb noch zurück, um mit Sir Gregory zu sprechen.«

 

Jack Knebworth war wütend auf seinen saumseligen Dramaturgen.

 

»Hoffentlich ist er nicht dort geblieben, um sich wieder Geld zu borgen«, sagte er ungehalten zu Mike, »Der Mensch wird mir noch meinen ganzen Kredit verderben, wenn ich ihm nicht auf die Finger sehe.«

 

Anscheinend hatte er seine Abneigung gegen den neuen Statisten überwunden und fühlte, daß niemand sonst unter der ganzen Gesellschaft war; den er ins Vertrauen ziehen konnte, ohne die Disziplin zu untergraben.

 

»Neigt er denn zum Schuldenmachen?« fragte Brixan.

 

»Er hat niemals Geld und versucht sich immer etwas durch irgendwelche faulen Tricks zu verdienen. Dabei fällt er dann gewöhnlich herein und hat nachher weniger als zuvor. Wenn ein Mensch erst so anfängt, dann ist er nicht mehr weit vom Gefängnis entfernt. – Wollen Sie die Nacht auch hier bleiben? Ich glaube nicht, daß Sie hier schlafen können. Sie werden wahrscheinlich nach London zurückkehren?«

 

»Heute abend nicht«, sagte Mike ruhig. »Machen Sie sich aber meinetwegen keine Sorge. Ich möchte Ihnen ganz und gar keine Umstände machen.«

 

»Kommen Sie, ich will Sie dem alten Herrn vorstellen«, sagte Knebworth leise. »Er ist ein sonderbarer Kauz, aber gutherzig wie ein Kind.«

 

»Nach allem, was ich von ihm gesehen habe, gefällt er mir gut.«

 

Als alle Mr. Longvale vorgestellt waren, sagte der alte Herr: »Ich fürchte, daß im Speisezimmer nicht genügend Platz ist. Deshalb habe ich eine kleine Tafel in meinem Studierzimmer decken lassen. Vielleicht nehmen Sie und Ihre Freunde den Tee dort ein.«

 

»Oh, das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Mr. Longvale. Habe ich Ihnen schon Mr. Brixan vorgestellt?«

 

Der alte Mann nickte lächelnd.

 

»Ich werde seinen Namen sowieso kaum behalten. Das ist eine ganz merkwürdige Schwäche, die sich schon bei meinem Urgroßonkel Charles zeigte. Als er seine Memoiren schrieb, brachte er alles durcheinander. Daher kommt es auch, daß man viele Erlebnisse, die er erzählte, später für erfunden hielt.«

 

Er führte sie in einen schmalen Raum, der sich von der Vorder- bis zur Rückwand des Hauses ausdehnte. Dunkles Gebälk trug die Decke. »Die Holztäfelung, die im Laufe der Zeit spiegelblank geworden war, schaute mindestens auf ein Alter von fünfhundert Jahren zurück. Hier hängen keine gekreuzten Schwerter über dem Kamin, dachte Mike Brixan und mußte bei diesem Gedanken innerlich lächeln. Statt dessen sah er dort das Porträt eines schönen alten Herrn. Würde und Vornehmheit sprachen aus dem Gesicht und der anziehenden Erscheinung. Es lag etwas Grandioses in der Haltung dieses Mannes, das man am besten mit dem Wort »majestätisch« bezeichnen konnte.

 

Longvale machte keine Bemerkung über das Gemälde. Als der Tee in aller Eile beendet war, ging man hinaus. Mike Brixan setzte sich auf die Gartenmauer und beobachtete dort die letzte Szene, die bei Tageslicht aufgenommen wurde. Auch ihm fiel die schauspielerische Begabung Helens auf. Er wußte genug über Filmaufnahmen, um zu verstehen, welche Erleichterung es für den Direktor bedeutete, daß er eine so gute Schauspielerin hatte. Schnell und leicht führte sie alle die Bewegungen aus, die ihr der alte Mann suggerierte.

 

Sonst wäre es ihm vielleicht lächerlich vorgekommen, wenn Jack Knebworth die Rolle eines jungen Mädchens gespielt hätte. Aber jetzt sah er mit Interesse, wie er sein Kinn schüchtern in die Hand legte und mit zierlichen Schritten von einer Seite der Szene zu der anderen ging. Er wußte, daß der Amerikaner ein Künstler war, der in großen Umrissen die Gestalten herausarbeitete und die feinere künstlerische Durchbildung des Ausdrucks seinen Schauspielern überließ. Helen Leamington war nicht mehr sie selbst, sondern nur noch Roselle; die Erbin einer Besitzung, die ihr eine böse Kusine streitig machen wollte. Die Geschichte selbst erkannte er wieder. Sie baute sich aus bekannten Motiven auf.

 

»Das ist ja alles irgendwoher zusammengeschrieben«, sagte Jack Knebworth mit philosophischer Ruhe. »Es ist nur schade, daß ich mich vorher nicht genügend darum gekümmert habe. Die ganze Sache hat Foß zusammengestellt. Wenn ich mir noch soviel Mühe gäbe, könnte ich keine originelle Idee von ihm darin entdecken.«

 

Mr. Foß war, wenn auch spät, wieder auf der Bildfläche erschienen. Brixan fragte sich, was er wohl so vertraulich mit Sir Gregory besprochen haben mochte.

 

Er ging zum Wohnzimmer zurück und konnte dort vom Fenster aus beobachten, wie das Tageslicht immer mehr abnahm. Er mußte über die eigenartige Wirkung nachdenken, die Helen auf ihn ausübte.

 

Mike Brixan hatte im Lauf der Jahre viele schöne Frauen aus vielen Ländern und allen Gesellschaftskreisen kennengelernt. Er hatte gute und schlechte getroffen. Einige hatte er hinter Schloß und Riegel gebracht, und er hatte erlebt, daß eine von ihnen als Spionin an einem grauen Wintermorgen von französischen Soldaten in Vincennes erschossen wurde. Er hatte manche gern gehabt, eine beinahe geliebt, aber jetzt stellte er mit objektiver Selbstkritik fest, daß er ernstlich in Gefahr schwebte, sich in ein Mädchen zu verlieben, das er heute morgen zum erstenmal gesehen hatte.

 

»Das ist doch wirklich sonderbar!« sagte er laut.

 

»Was ist denn so sonderbar?« fragte Knebworth, der unbemerkt in das Zimmer gekommen war.

 

»Ich habe mir auch schon den Kopf darüber zerbrochen, worüber Sie sich so ernste Gedanken machen«, sagte Mr. Longvale lächelnd, der den jungen Mann die ganze Zeit über schweigend beobachtet hatte.

 

»Ich – hm – ich dachte über das Bild nach.« Mike Brixan drehte sich um und zeigte auf das Gemälde über dem Kamin. In mancher Beziehung sagte er auch die Wahrheit. »Mir kommt das Gesicht so bekannt vor«, sagte er. »Aber das ist ja nicht möglich, denn es ist doch offenbar ein altes Gemälde.«

 

Mr. Longvale steckte zwei Kerzen an und beleuchtete damit das Porträt. Mike schaute das Bild wieder an, und aufs neue machte die majestätische Haltung des Mannes tiefen Eindruck auf ihn.

 

»Es ist mein Urgroßonkel Charles Henry«, sagte Mr. Longvale stolz, »oder der ›große Herr‹, wie man ihn in unserer Familie mit Bewunderung nennt.«

 

Brixan hatte sich während der Erklärung des alten Herrn halb dem Fenster zugewandt … Plötzlich schien sich der Raum vor seinen Augen zu drehen. Jack Knebworth sah, wie er bleich wurde, und ergriff ihn am Arm.

 

»Was ist los?« fragte er.

 

»Nichts«, antwortete Mike unsicher.

 

Knebworth folgte seinem Blick und sah aus dem Fenster.

 

»Was war denn das?« rief er aus.

 

Mit Ausnahme des schwachen Lichtes, das die beiden Kerzen verbreiteten, und des Zwielichtes, das durch das Fenster vom Garten herkam, lag der Raum im Dunkeln.

 

»Haben Sie das gesehen?« fragte Knebworth, eilte zum Fenster und schaute hinaus.

 

»Was war es denn?« fragte Mr. Longvale, indem er zu ihnen trat.

 

»Ich könnte einen Eid darauf leisten, daß ich ein Gesicht im Fenster sah. Haben Sie es auch gesehen, Brixan?«

 

»Auch ich habe etwas bemerkt«, erwiderte Mike beunruhigt. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich einmal in den Garten gehe?«

 

»Ich glaube, es war der Kopf eines großen Affen«, sagte Knebworth.

 

Mike nickte. Er verließ den Raum und ging den langen, mit Fliesen bedeckten Gang zum Garten hin. Er nahm einen Browning aus seiner hinteren Tasche, entsicherte und steckte ihn dann in seinen Rock.

 

Er verschwand, und fünf Minuten später sah Knebworth vom Fenster aus, wie er den Gartenweg entlangging. Er lief zu ihm hinaus.

 

»Haben Sie irgend etwas gefunden?«

 

»Im Garten war nichts. Sie müssen sich geirrt haben.«

 

»Haben Sie es denn nicht auch gesehen?«

 

Mike zögerte.

 

»Ich glaube, etwas gesehen zu haben«, sagte er und gab sich den Anschein, als ob es ihm gleichgültig wäre. »Wann werden Sie die Nachtaufnahmen machen?«

 

»Sie haben bestimmt etwas gesehen, Brixan – war es ein Gesicht?«

 

Mike Brixan nickte.

 

Kapitel 40

 

40

 

Eine Guillotine!

 

In der Mitte der Höhle erhob sich das hohe Rahmenwerk, steif und starr. Es war blutrot angestrichen, und die Einfachheit seiner Konstruktion machte es nur um so schrecklicher.

 

Mikes Augen wurden magnetisch von dieser fürchterlichen Maschine angezogen. Er sah den Korb, in den die Köpfe fielen, das breite dreieckige Messer oben in der Höhe, die bewegliche Plattform mit den herunterhängenden Fesseln, den schwarz angestrichenen Halsring, der das Opfer so lange in der richtigen Stellung hielt, bis das Messer niedersauste. Er kannte die schreckliche Maschine in all ihren Einzelheiten, er hatte sie in der grauen Morgendämmerung vor französischen Gefängnissen in Tätigkeit gesehen. Soldaten hielten die schaulustige Menge zurück, und eine kleine Gruppe von Beamten stand in der Mitte des leeren Platzes. Noch lag der Klang des fallenden Beiles in seinem Ohr.

 

»Die Witwe!« sagte Longvale in guter Laune.

 

»Hilfe, um Himmels willen, Hilfe! Brixan, ich will noch nicht sterben!« Penne rief es in Verzweiflung und Todesangst.

 

»Die Witwe!« sagte Longvale noch einmal leise.

 

Er stand ohne Hut da, auf seinem kahlen Kopf spiegelte sich das Licht der hellen Lampen, aber es war nichts Lächerliches in seiner Erscheinung.

 

Zärtlich fuhr er mit der Hand über das rote Holz der Maschine. »Wer soll ihr erster Bräutigam sein?«

 

»Ich nicht, ich nicht!« schrie Penne.

 

Longvale ging langsam zu ihm hin, beugte sich zu ihm herunter und stellte ihn wieder auf die Füße.

 

»Nur Mut«, sagte er leise, »die Stunde ist da.«

 

 

Jack Knebworth ging die Fahrstraße entlang und sah, wie das Polizeiauto in rasender Hast nach Chichester zurückkam.

 

»Er ist nicht dort – er ist nicht auf der Polizeistation gewesen«, sagte der Fahrer, als er aus dem Wagen sprang.

 

»Möglicherweise ist er zu Mr. Longvales Haus gegangen.«

 

»Ich habe Mr. Longvale gesprochen, er hat mir gerade gesagt, daß Mr. Brixan nach Chichester gegangen ist.«

 

Knebworth konnte sich das alles nicht zusammenreimen. Plötzlich blitzte ein Gedanke in ihm auf. Longvale! Es war schon immer etwas Besonderes mit ihm. War es möglich …? Er erinnerte sich jetzt, daß Longvale häufig den Wunsch geäußert hatte, in seiner Lieblingsrolle gefilmt zu werden, und zwar in einer Episode aus dem Leben seines großen Vorfahren. Er hatte ihm ja auch ein Manuskript darüber eingereicht.

 

»Wir müssen sofort zu ihm hin und ihn heraustrommeln.«

 

In schnellster Fahrt kamen sie vor dem Haus an. Aber niemand meldete sich auf ihr starkes Klopfen.

 

»Das ist sein Schlafzimmer«, sagte Knebworth und zeigte auf ein Fenster, das mit Eisengittern gesichert war. Man sah, daß innen Licht brannte. Inspektor Lyle warf einen Kieselstein mit solcher Heftigkeit, daß das Glas der Fensterscheibe splitterte. Trotzdem meldete sich niemand.

 

»Das ist doch unerhört!« sagte Knebworth.

 

»Versuchen Sie das Fenster zu öffnen!« befahl Lyle.

 

»Soll ich es aufstoßen?«

 

»Ja, sofort!«

 

Einen Augenblick später suchte man das Fenster mit aller Gewalt aufzubrechen, aber man stieß auf unerwarteten Widerstand, der nicht zu überwinden war.

 

»Die Fensterscheiben sind mit Stahlschienen armiert«, sagte der Detektiv. »Ich glaube, es ist besser, wenn ich versuche, eins der Fenster im Obergeschoß zu öffnen.«

 

Mit Hilfe eines anderen kam er nach oben und machte einen Fensterflügel auf. Es war gerade das Fenster, durch das Helen damals Bhag gesehen hatte. Gleich darauf war er im Zimmer und half einem zweiten Beamten heraufzuklettern. Nach ein paar Minuten waren die Riegel der Tür zurückgeschoben und das Schloß geöffnet.

 

Sie fanden die kleine Petroleumlampe und entzündeten sie.

 

»Was ist das?« Inspektor Lyle zeigte auf den Haken und den Flaschenzug, der noch oben an dem Balken hing.

 

Jack Knebworth stieß einen Schrei aus. »Hier ist Brixans Pistole«, sagte er und hob die Waffe vom Boden auf.

 

»Öffnet alle Schubladen, jeden Schrank, klopft die Wände ab – vielleicht sind geheime Türen da. Dergleichen findet man in allen alten Häusern aus der Tudorzeit.«

 

Die Nachforschungen blieben ohne Erfolg. Inspektor Lyle kam wieder in das Zimmer zurück. Ein Polizist kam herein und meldete, daß er die Garage gefunden hätte. Es war ein ungewöhnlich langes Gebäude, und als man es öffnete, stand nur das alte Auto darin, das weit und breit in der ganzen Gegend bekannt war. Aber offensichtlich war dies nur die Hälfte des Schuppens. Hinter der weißgetünchten Wand, wo das Auto stand, mußte noch ein anderer Raum liegen. Man konnte aber keine Tür sehen. Als man das Äußere des Schuppens besichtigte, fand man eine massive Ziegelwand bis zum Ende der Garage.

 

Knebworth klopfte an die innere Wand.

 

»Das ist ja Holz«, rief er.

 

In einer Ecke hing eine Kette, die scheinbar keinen besonderen Zweck hatte. Aber als man genauer untersuchte, entdeckte man, daß sie durch ein Loch der rohverputzten Decke hindurchging. Der Inspektor zog daran, und die Wand öffnete sich nach hinten. Dort stand noch ein zweiter Wagen. Er war so aufgestellt, daß man nur den Kühler sehen konnte. Knebworth riß die Decke herunter.

 

»Das ist ja das Auto!«

 

»Was für ein Auto?« fragte der Inspektor.

 

»Das ist der Wagen, in dem der Kopfjäger immer fuhr«, sagte Knebworth schnell. »Er saß auch darin, als Brixan ihn verhaften wollte. Den würde er immer wieder erkennen. Brixan befindet sich irgendwo hier in Dower House, und wenn er in die Hände des Kopfjägers gefallen ist, dann gnade ihm Gott!«

 

Wieder eilten sie in das Haus und versuchten sich den Flaschenzug zu erklären. Plötzlich bückte sich der Inspektor und zog den Teppich zurück. Die Falltür wurde sichtbar. Einer der Polizisten riß sie auf. Lyle kniete nieder und schaute durch. Knebworth sah sein verstörtes Aussehen.

 

»Zu spät, zu spät!« murmelte er.

 

Kapitel 41

 

41

 

Der Wahnsinnsschrei eines Mannes in Todesfurcht klingt furchtbar. Mikes Nerven waren zäh, aber er mußte seine letzte Kraft zusammennehmen, um seine Selbstbeherrschung diesmal zu bewahren. Seine gefesselten Hände krampften sich zusammen.

 

»Ich warne Sie«, sagte er.

 

Der alte Mann drehte sich lächelnd nach seinem zweiten Gefangenen um, aber er antwortete nicht. Er hob den halb bewußtlosen Gregory so leicht auf, als ob er ein Kind wäre, und trug ihn zu der schrecklichen Maschine, wo er ihn mit dem Gesicht nach unten auf die bewegliche Plattform legte. Er beeilte sich keineswegs, Mike sah, daß er sich Zeit ließ. Diese Beschäftigung schien ihm ein unbeschreibliches Vergnügen zu verursachen. Dann trat er vor die Maschine und öffnete die Lunette. Man hörte, wie ein Haken einschnappte. Sie blieb geöffnet stehen.

 

»Das ist meine Erfindung«, sagte er.

 

Mike schaute einen Augenblick an dem schrecklichen Henker vorbei nach dem hinteren Ende der Höhle. Er sah dort eine Erscheinung, die ihm das Blut in die Wangen trieb. Zuerst glaubte er, daß er träume und die unglaubliche Nervenanspannung Halluzinationen bei ihm auslöse.

 

Helen!

 

Sie stand dort in dem grellen Licht und war so mit Erde bedeckt, daß es schien, als trüge sie ein graues Kleid.

 

»Wenn Sie sich bewegen, schieße ich!« rief das Mädchen.

 

Mike hob sich auf seine Knie, und es gelang ihm, sich schwankend aufzurichten. Longvale hörte die Stimme.

 

»Mein verehrtes Fräulein«, sagte er äußerst liebenswürdig, »welch ein Wink des Schicksals!

 

Langsam ging er auf sie zu, ohne auf die ausgestreckte Pistole zu achten.

 

»Schießen Sie!« rief Mike mit heiserer Stimme. »Um Himmels willen, schießen Sie!«

 

Sie zögerte eine Sekunde, dann drückte sie ab. Aber der Schuß ging nicht los. Mit Erde verklebt, funktionierte der feine Mechanismus nicht mehr.

 

Sie wandte sich zur Flucht, aber Longvales Arm umschlang sie schon, und mit der Hand zog er ihren Kopf an seine Brust.

 

»Meine Schöne«, sagte er, »nun wird die Witwe zum Witwer, und Sie werden seine erste Braut!«

 

Sie war völlig gelähmt und konnte keinen Widerstand mehr leisten. Eine ihr ganz unbekannte Schlaffheit überkam sie; obgleich sie bei vollem Bewußtsein war, konnte sie sich nicht nach eigenem Willen bewegen oder sprechen. Mike versuchte wie wahnsinnig, seine Hände zu befreien. Er wünschte, daß sie ohnmächtig werden würde, damit ihr der Anblick des Schrecklichen, das jetzt geschehen würde, erspart bliebe.

 

»Wer kommt nun zuerst dran?« murmelte der alte Mann. Er fuhr mit der Hand über den kahlen Kopf. »Es wäre das beste, wenn Mylady den Anfang machte und voranginge, damit ihr die Todesschrecken erspart blieben – und trotzdem…«

 

»Nein, Sie sollen die erste sein«, sagte er zu Helen, schnallte den halb bewußtlosen Gregory los und legte ihn auf den Boden.

 

Mike sah, wie Longvale den Kopf hob und horchte. Es kamen dumpfe Töne von oben, als ob Leute im Haus wären. Wieder änderte er seine Absicht, beugte sich nieder und stellte Gregory Penne auf die Füße. Mike überlegte sich, warum er ihn so lange hielt, so starr aufgerichtet dastand und ihn dann plötzlich zu Boden warf. Aber dann wunderte er sich nicht länger. Eine Gestalt kam über den Boden der Höhle, ein großer haariger Körper erschien, dessen wütende Augen auf den alten Mann gerichtet waren.

 

Es war Bhag! Sein zottiges Fell war mit Blut verklebt, sein Gesicht staubbedeckt. Genauso hatte ihn Mike damals aus dem Turm kommen sehen. Er hielt inne, beschnüffelte den stöhnenden Mann auf dem Boden und streichelte ihn mit seiner dicken Tatze zärtlich. Plötzlich sprang er ohne irgendeine Vorbereitung auf Longvale zu und streckte den alten Mann mit einem Schlag zu Boden. Er versuchte vergeblich, sich gegen das Tier zu wehren. Einen Augenblick stand Bhag über ihm, sah auf ihn hinab und bewegte seinen Mund, als ob er zu ihm sprechen wollte. Dann packte er ihn und legte ihn auf das bewegliche Brett. Er neigte die Plattform und schob sie nach vorn.

 

Mike starrte entsetzt hin. Der riesige Affe hatte eine Hinrichtung gesehen! Er war ja in der Nacht aus der Höhle entkommen, in der Foß ermordet wurde. Sein halbmenschliches Gedächtnis hatte die Einzelheiten genau behalten. Mike konnte beobachten, wie Bhags Verstand arbeitete, um sich den Vorgang wieder zu vergegenwärtigen.

 

Bhag tastete an dem Holzgestell herum und berührte die Feder, die die Lunette festhielt. Mit einem Schlag fiel sie auf den Hals des Kopfjägers. In diesem Augenblick hörte Mike oben ein Geräusch. Er blickte hinauf und sah, wie die Falltür geöffnet wurde. Bhag hörte es auch, aber er war von seiner Beschäftigung so in Anspruch genommen, daß er sich nicht stören ließ. Longvale war wieder zum Bewußtsein gekommen und versuchte mit äußerster Anstrengung, seinen Kopf aus der Lunette zu befreien. Er begann verworren zu sprechen, aber plötzlich schien er das Tragische seines Schicksals zu begreifen. Er wehrte sich nicht mehr und lag ruhig da. Man sah, wie sich seine beiden Hände krampfhaft um den Rand der Plattform klammerten, auf der er lag.

 

Inspektor Lyle sah von oben, wie die Klinge blitzartig hinunterzuckte und hörte ein unbeschreibliches Knacken. Das war selbst für seine starken Nerven fast zuviel.

 

Von unten kam eine Stimme herauf: »Kommen Sie schnell herunter, Inspektor! Im Büfett finden Sie ein Tau, lassen Sie sich daran herunter, aber bringen Sie eine Pistole mit.«

 

Eine Minute später war der Detektiv unten.

 

»Von dem Affen droht keine Gefahr«, sagte Mike zu ihm.

 

Bhag hatte sich über seinen bewußtlosen Herrn gebeugt wie eine Mutter über ihr Kind.

 

»Bringen Sie zuerst Miss Leamington fort«, sagte Mike mit leiser Stimme, als der Detektiv ihm die Handfesseln löste. Das Mädchen lag stumm und bewußtlos neben der Guillotine. Glücklicherweise hatte sie nichts von der Tragödie gesehen, die sich soeben in ihrer Gegenwart abgespielt hatte. Ein zweiter Detektiv war an dem Tau heruntergerutscht. Der alte Jack Knebworth war der dritte, der in die Höhle hinabkletterte.

 

Mike ging zu dem Baron, nahm ihm die Handfesseln ab und legte ihn auf den Rücken. Ein Blick auf ihn sagte ihm genug. Sir Gregory war in einem verzweifelten, wenn auch nicht hoffnungslosen Zustand. Bhag merkte, daß Mike es nicht schlecht mit seinem Herrn meinte, und verhielt sich ruhig. Brixan erinnerte sich daran, wie er den großen Affen zum erstenmal kennengelernt hatte und wie er alle Befehle Gregorys ausführte.

 

»Hebe ihn auf«, sagte er zu Bhag und sprach in genau derselben Art wie damals Gregory.

 

Ohne Zögern beugte sich Bhag herab und nahm den bewußtlosen Mann vom Boden auf. Mike zeigte ihm den Weg zur Treppe und führte ihn die Stufen hinauf.

 

Das ganze Haus wimmelte von Polizisten, die erstaunt waren, als Bhag mit seiner Last erschien.

 

»Trage ihn die Treppe hinauf und lege ihn aufs Bett!« befahl Mike.

 

Knebworth hatte Helen schon in seinem Wagen nach Chichester gebracht. Er wollte nicht, daß sie in dem Haus des Schreckens wieder zum Bewußtsein kommen sollte.

 

Mike ging zusammen mit Inspektor Lyle noch einmal zur Höhle hinunter und durchsuchte sie kurz. Die menschlichen Körper ohne Kopf erinnerten an furchtbare Tragödien. Sie kamen auch in die große Höhle, deren Boden mit Knochen bedeckt war.

 

»Hier haben wir die Bestätigung der alten Legende«, sagte er mit heiserer Stimme. »Das sind die Knochen der Ritter und Krieger, die durch den Erdrutsch in der Höhle eingeschlossen wurden. Dort können Sie deutlich die Skelette der Pferde sehen.«

 

Wie aber kam Helen hierher? Etwas später fand er jedoch ihre Spuren, die ihm zeigten, daß sie in die Höhle hineingeglitten war.

 

»Dieses Rätsel wäre also auch gelöst«, sagte er. »Griff Tower ist von den Römern offensichtlich gebaut worden, um Menschen und Tiere davor zu bewahren, in die Höhle zu fallen. Zufällig war es auch ein guter Entlüftungsschacht. Ich zweifle keinen Augenblick, daß der Kopfjäger die Höhle nicht nur als Bergungsplatz für seine Opfer verwenden wollte, die er ermordete, sondern sie auch als Ausweg benutzen wollte, wenn er einmal fliehen mußte!«

 

Als er dann später die Laterne, die Kerze und die Streichhölzer fand, die Helen hatte fallen lassen, wußte er, daß er mit seiner Ansicht recht hatte.

 

Sie kamen zur Guillotine zurück, auf der noch der Rumpf des Kopfjägers lag. Mike stand lange Zeit schweigend davor und schaute auf die reglose Gestalt auf der Plattform.

 

»Wie konnte er nur die Leute überreden, zu ihrer eigenen Hinrichtung zu kommen?« fragte der Inspektor.

 

»Diese Frage muß ein Psychologe beantworten«, erwiderte Mike. »Zweifellos kam er mit vielen in Berührung, die sich mit dem Gedanken des Selbstmordes trugen, vor der Tat aber zurückschreckten. Er handelte für sie. Daß er nachher die Köpfe fortgesandt hatte, entsprang wohl dem Wunsch, den Frauen und Familien seiner Opfer die Versicherungssummen zukommen zu lassen.

 

Er arbeitete mit außerordentlicher Schlauheit. Die Antworten auf seine Annoncen bestellte er, wie Sie wissen, zu einem Zeitungshändler, wo sie von der alten Frau abgeholt wurden, die sie an eine zweite Adresse sandte. Dort wurden sie in besonders präparierte Kuverts gesteckt und scheinbar nach London adressiert. Ich habe herausgebracht, daß diese Kuverts in einem besonders lichtundurchlässigen Kasten aufbewahrt waren. Der unbekannte Auftraggeber hatte angeordnet, daß sie nicht eher herausgenommen werden durften, als bis man sie zur Post brachte. Eine Stunde, nachdem sie aufgegeben waren, wurde die Adresse unsichtbar, und eine neue erschien an ihrer Stelle auf dem Briefumschlag.«

 

»Benützte er dazu die sogenannte Zaubertinte?« Mike nickte.

 

»Das ist ja ein Trick, der häufig von Verbrechern angewandt wird. Die letzte Adresse war natürlich Dower House. – Wir wollen die Lampen ausmachen und nach oben gehen.«

 

Drei Lampen verlöschten. Lyle sah sich noch einmal um. Ihre beiden Gestalten warfen lange, gespenstische Schatten.

 

»Wir wollen das unten lassen«, sagte er.

 

Mike stimmte ihm bei.

 

Kapitel 4

 

4

 

In dem Atelier der Knebworth-Filmgesellschaft waren verschiedene Damen und Herren in Straßenkleidung versammelt. Sie warteten schon fast eine Stunde.

 

Jack Knebworth saß in seiner gewöhnlichen Stellung zusammengekauert in einem Segeltuchstuhl. Er strich nervös über sein glattrasiertes Kinn und schaute von Zeit zu Zeit auf die große Uhr, die über der Tür zum Direktionszimmer hing.

 

Es hatte gerade elf Uhr geschlagen, als Stella Mendoza hereinschwebte, umgeben von einer Wolke von süßem Veilchenduft. Im Arm trug sie ihren kleinen Pekinghund.

 

»Arbeiten Sie nach der Sommerzeit?« fragte Knebworth langsam, »oder dachten Sie vielleicht, daß die Aufnahmen für heute nachmittag angesetzt wären? Fünfzig Leute haben Ihretwegen warten müssen, Stella!«

 

»Da kann ich nichts ändern«, sagte sie und zuckte verächtlich die Schultern. »Sie haben mir doch gesagt, daß die Aufnahmen auswärts stattfinden, und ich glaubte natürlich nicht, daß Sie so fürchterliche Eile haben würden. Ich mußte doch erst meine Sachen packen.«

 

»Selbstverständlich haben Sie viel Zeit, aber wir nicht!«

 

Jack Knebworth rechnete damit, daß er durchschnittlich dreimal im Jahr einen großen Krach bekam. Das war nun der dritte. Den ersten hatte er mit Stella, den zweiten hatte er mit Stella, und den dritten hatte er natürlich wieder mit Stella.

 

»Ich habe Sie doch für zehn Uhr hierher bestellt, alle diese Damen und Herren warten nun seit Viertel vor zehn.«

 

»Was wollen Sie denn nun eigentlich aufnehmen?« fragte sie und warf den Kopf ungeduldig zurück.

 

»Natürlich Sie!« sagte Jack grimmig. »Gehen Sie schnell in Ihre Garderobe und vergessen Sie nicht, die Perlohrringe abzunehmen. Sie haben eine arme, halbverhungerte Choristin zu spielen. Wir wollen heute in Griff Towers drehen, und ich sagte dem Besitzer, daß ich um drei Uhr nachmittags fertig sein würde. Wenn Sie Greta Garbo oder Marlene Dietrich wären, wollte ich nichts sagen, wenn man einmal eine Stunde auf Sie warten müßte. Aber zehn Stella Mendozas machen noch nicht einen einzigen solchen Star aus. Vergessen Sie das nicht!«

 

Jack Knebworth erhob sich von seinem Stuhl und zog langsam seinen Mantel an. Das war von verhängnisvoller Vorbedeutung. Stella wurde rot vor Ärger. Ihre dunklen Augen schossen Blitze. Sie war aufs tiefste beleidigt und in ihrer Eitelkeit gekränkt.

 

Früher hieß Stella nur Maggie Stubbs und war die Tochter eines Kolonialwarenhändlers in der Provinz, und Jack nahm sich jetzt heraus, mit ihr zu sprechen, als ob sie noch Maggie Stubbs wäre. Er schien ganz vergessen zu haben, daß sie eine große Künstlerin war, einer der leuchtenden Sterne am Filmhimmel, eine Göttin, deren süßes Lächeln die Zuschauer in den Kinos der ganzen Welt bezauberte. Oder sollte etwa ihr Presseagent gelogen haben?

 

»Schon gut, wenn Sie einen Krach haben wollen, können Sie ihn haben, Knebworth. Ich verlasse Ihre Filmgesellschaft, und zwar sofort. Ich weiß, was ich mir schuldig bin. Übrigens hätte das Manuskript sowieso geändert werden müssen, um mir die Möglichkeit zu geben, meine Persönlichkeit richtig entfalten zu können. Die männlichen Rollen überwiegen viel zu sehr in dem Stück. Die Leute, die ins Kino gehen, zahlen ihr Geld nicht, um sich Männer anzusehen. Die Behandlung, die Sie mir zukommen lassen, ist meiner nicht würdig, Knebworth – ich will ja zugeben, daß ich manchmal etwas hitzig bin, aber Sie können von einer Künstlerin meiner Art nicht erwarten, daß sie ein Stück Holz ist!«

 

»Ich kann nur feststellen, daß Sie sich wieder einmal aufführen, als ob Sie einen Kopf wie ein Stück Holz hätten!« brummte der Direktor. Als er den wütenden Ausdruck in ihrem Gesicht sah, fuhr er fort: »Früher haben Sie mal zwei Jahre lang kleine Rollen in Hollywood gespielt, und als Sie dann nach England kamen, hatten Sie gelernt, sich in Szene zu setzen. Temperament haben Sie – das heißt, darunter verstehe ich, daß Sie zum Doktor laufen und sich Atteste ausstellen lassen, wenn ein Film halb gedreht ist, und dann so lange nicht erscheinen, bis ihr Gehalt um fünfzig Prozent erhöht ist! Gott sei Dank ist dieser Film noch nicht einmal zum achten Teil gedreht. Geben Sie nur ruhig Ihre Stellung auf, Sie niederträchtige Gans! Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

 

Stella kochte vor Wut. Ihre Lippen zitterten. Sie konnte nicht sprechen, drehte Jack den Rücken und sauste aus dem Atelier. Es war ganz ruhig geworden, keiner sagte ein Wort. Jack Knebworth ließ seine Blicke über die Leute schweifen.

 

»Jetzt ereignet sich das große Wunder«, sagte er ironisch. »Jetzt kommt der Moment, wo eine Statistin, die mit einer kranken Mutter in ärmlichsten Verhältnissen lebt, über Nacht zur Berühmtheit wird. In Hollywood passieren noch ganz andere Dinge. Wir werden jetzt eine zweite Mary Pickford entdecken!«

 

Die Statistinnen lächelten. Einige hofften, andere waren neidisch, aber keine sprach. Helen war zu Eis erstarrt, ihre Stimme versagte.

 

»Bescheidenheit gehört nicht zu unserem Fach«, sagte Jack liebenswürdig. »Wer hält sich für fähig, die Rolle der Roselle in diesem Film zu übernehmen? Ich will eine Statistin diese Rolle spielen lassen. Ich will dieser verrückten Stella einmal zeigen, daß wir selbst unter unserem Personal genügend junge Damen haben, die sie ersetzen können. Mir hat doch noch gestern jemand gesagt, daß er gern eine Rolle haben möchte – das waren Sie –«

 

Er zeigte auf Helen. Ihr Herz schlug mit rasender Heftigkeit, als sie zu ihm hinging.

 

»Vor sechs Monaten habe ich eine Probeaufnahme von Ihnen machen lassen«, sagte der Direktor nachdenklich. »Da war irgend etwas auszusetzen – was war es doch gleich?«

 

Dabei wandte er sich an den Operateur. Der junge Mann nickte, als ob er sich darauf besinnen könnte.

 

»Waren es nicht die Fußgelenke?« fragte er auf gut Glück. Er wußte, daß Knebworth sehr auf schlanke Fesseln hielt.

 

Jack schaute schnell auf Helens Füße. »Nein, das kann es nicht sein – suchen Sie schnell den Filmstreifen heraus, wir wollen ihn gleich ansehen.«

 

Zehn Minuten später saß Helen an der Seite des alten Mannes in dem kleinen Projektionsraum und sah, wie ihre Probeaufnahme vorgeführt wurde.

 

»Das Haar war es«, sagte Knebworth triumphierend. »Ich wußte doch, daß etwas auszusetzen war. Kurzes Haar bei Damen kann ich nicht recht leiden, da sehen die Mädchen zu schnippisch und zu naseweis aus. Haben Sie jetzt eine andere Frisur?« fragte er und ließ das Licht andrehen.

 

»Ja, Mr. Knebworth.«

 

Er betrachtete sie mit fachmännischer Bewunderung.

 

»Sie werden die Rolle spielen«, sagte er zögernd. »Gehen Sie in den Ankleideraum und nehmen Sie die Kleider von Miss Mendoza. Aber ich muß Ihnen vorher noch etwas sagen«, bemerkte er und hielt sie einen Augenblick zurück. »Mag nun der Versuch mit Ihnen gut oder schlecht ausfallen, bei meiner Gesellschaft haben Sie keine große Zukunft. Machen Sie sich keine Hoffnungen. In England liegen die Dinge nun einmal so, daß eine Filmschauspielerin nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie einen Filmdirektor heiratet. Und ich möchte gleich von vornherein sagen, daß ich nicht die Absicht habe, Sie zu heiraten, selbst wenn Sie mich auf den Knien darum bitten sollten. Das ist die einzige Möglichkeit, in England als Filmstar berühmt zu werden – und wenn Sie das nicht fertigbringen, dann ist Ihr Erfolg gleich …«

 

Dabei schnippte er mit den Fingern.

 

»Ich möchte Ihnen einen Rat geben, Kind. Wenn Sie in diesem Film Talent beweisen, dann gehen Sie zu einem der großen Filmdirektoren in England und lassen sich von ihm engagieren. Wissen Sie, zu einem, der drei Klubsessel und einen Blumentopf mit einer Palme zusammenstellt und dieses Szenarium einen Salon nennt. Geben Sie dem Fräulein – wie ist doch gleich wieder Ihr Name – das Manuskript, Harry! So, nun gehen Sie an irgendeinen ruhigen Ort und studieren Sie Ihre Rolle. Harry, sehen Sie nach dem Ankleideraum! Und Sie haben eine halbe Stunde Zeit, das Manuskript zu lesen.«

 

Wie im Traum ging Helen in den schattigen Garten, der sich an der Längsseite des Ateliers hinzog. Sie setzte sich auf eine Bank und versuchte, ihre Gedanken auf die maschinengeschriebenen Seiten zu konzentrieren. War es denn Wirklichkeit, was sie erlebte? – Da hörte sie Schritte auf dem Kiesweg, und schaute erschreckt auf. Der junge Mann, der sie heute morgen besucht hatte, kam auf sie zu. Es war Mike Brixan.

 

»Ach bitte, unterbrechen Sie mich jetzt nicht!« bat sie aufgeregt. »Gerade habe ich eine Rolle bekommen – ich muß noch viel lesen.«

 

Er sah, daß seine Gegenwart sie außer Fassung brachte, und wandte sich zum Gehen.

 

»Es tut mir sehr leid –« begann er.

 

In ihrer Bestürzung hatte sie die losen Blätter des Manuskriptes auf die Erde fallen lassen, und als er sich gleichzeitig mit ihr bückte, um sie aufzuheben, stießen ihre Köpfe zusammen.

 

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung – so etwas kommt in vielen Lustspielen vor«, sagte er.

 

In dem Augenblick sah er auf das Blatt Papier, das er in der Hand hatte, und begann unwillkürlich zu lesen. Da stand eine eingehende Beschreibung des Schauplatzes einer Szene.

 

›Eine große geräumige Gefängniszelle, nur durch eine düstere Hängelampe erleuchtet. In der Mitte des Hintergrundes führt eine durch ein großes, eisernes Gitter geschlossene Tür ins Freie. Man sieht eine Schildwache auf und ab gehen.‹

 

»Großer Gott!« stöhnte Mike und wurde blaß bis in die Lippen.

 

Die »u« der Maschinenschrift waren verwischt und die »g« kamen nur schwach. Eine unheimliche Entdeckung! Es wurde ihm zur Gewißheit, daß dieses Blatt auf derselben Maschine geschrieben war, die der Kopfjäger benutzte, um seine schrecklichen Todesnachrichten in die Welt zu senden.

 

Kapitel 42

 

42

 

Drei Monate waren ins Land gegangen, seitdem die schrecklichen Geheimnisse von Dower House enthüllt worden waren. Sir Gregory Penne hatte inzwischen Zeit genug gehabt, sich zu erholen und einen der sechs Monate Zuchthaus abzusitzen, zu denen man ihn verurteilt hatte. Die Guillotine war am Ufer der Themse in einem Geheimmuseum für junge Polizisten und Kriminalstudenten aufgestellt worden.

 

Mike schien dieses Abenteuer schon viele Jahre zurückzuliegen, als er in Jacks Atelier auf einem Tisch saß. Er hörte gerade dem Direktor zu, wie er vollständig verzweifelt dem verärgerten Reggie Connolly beibringen wollte, wie man sich bei Liebesszenen zu verhalten habe. Neben ihm stand Helen Leamington. Der Film ›Roselle‹ war ein großer Erfolg geworden und hatte sie berühmt gemacht.

 

Außerhalb des Bereichs der Kamera stand Stella Mondeza, elegant wie immer, eine Zigarette zwischen den Fingern.

 

»Ich möchte doch bemerken, daß mir niemand zu erzählen braucht, Mr. Knebworth«, sagte Reggie aufgebracht, »wie man ein Mädchen halten soll!«

 

»Es ist mir ja auch furchtbar egal, wie Sie Ihr Mädchen halten«, fuhr ihn Jack an. »Ich sage Ihnen hier, wie Sie mein Mädchen anfassen sollen. Bei meinem Film gibt es eben nur eine Möglichkeit, die Liebe zu erklären, und die ist so, wie ich sie Ihnen vorschreibe. Darauf habe ich das Patent. Legen Sie den Arm noch einmal um sie, heben Sie den Kopf, neigen Sie das Kinn ein wenig! Noch mehr, das Kinn noch etwas herunter – lächeln – wollen Sie wohl lächeln? Nicht so steif«, schrie er.

 

»Also, noch einmal die Szene –.«

 

Er beobachtete, probte, und schließlich sagte er resigniert:

 

»Taugt alles nichts – aber wir müssen jetzt aufnehmen! Licht!«

 

Die großen Jupiterlampen flammten auf. Der ganze Raum war in blendendes Licht getaucht. Wieder wurde die Szene geprobt. Dann rief Jack:

 

»Aufnahme!«

 

Die Kamera begann zu surren.

 

»So, für heute haben Sie Ihr Pensum erledigt, Connolly«, sagte Jack. »Nun Miss Mendoza –«

 

Helen kam zu Mike Brixan und setzte sich neben ihn.

 

»Mr. Knebworth hat vollkommen recht«, sagte sie. »Reggie Connolly weiß nicht, wie man sich in Liebesszenen verhält.«

 

»Wer könnte das denn auch mit Ausnahme des richtigen Mannes wissen?« sagte Mike.

 

»Aber er glaubt doch, daß er der richtige Mann ist«, fuhr sie fort, »und noch mehr, man hält ihn für den besten jugendlichen Liebhaber im englischen Film.«

 

Mike lachte sarkastisch.

 

Sie schwieg einige Zeit.

 

»Warum sind Sie eigentlich noch hier? Ich dachte, Ihre Arbeit in diesem Teil der Welt wäre nun beendet?«

 

»Noch nicht ganz«, sagte er heiter. »Ich muß leider noch eine Verhaftung vornehmen.«

 

Sie schaute schnell zu ihm auf.

 

»Noch eine Verhaftung?« fragte sie. »Ich dachte, als Sie den armen Sir Gregory festnahmen –«

 

»Den armen Sir Gregory?« meinte er höhnisch. »Der kann von Glück sagen. Sechs Monate Zuchthaus waren gerade das, was ihm zukam, und er kann froh sein, daß man ihn nicht verurteilt hat, weil er den unglücklichen Diener tötete, sondern nur, weil er dessen Tod verheimlichte.«

 

»Wen wollen Sie denn jetzt festnehmen?«

 

»Ich weiß noch nicht genau, ob ich sie verhaften werde.«

 

»Ach, es ist eine Frau?«

 

Er nickte.

 

»Was hat sie getan?«

 

»Die Anklage ist noch nicht genau festgelegt«; sagte er ausweichend. »Aber ich glaube, es sind mehrere Punkte. Erstens hat sie alles in Verwirrung gebracht und zweitens mit Vorbedacht das öffentliche Wohl gefährdet, wenigstens die Gesundheit eines öffentlichen Beamten. Dann hat sie arglistig die Gefühle verwundet –«

 

»Ach so, da meinen Sie sich damit!«

 

Sie lachte leise.

 

»Das ist wohl ein Teil Ihrer Fieberphantasien in der Nacht im Hospital? Oder sollten es meine Träume sein? Da aber andere Leute sahen, wie Sie mich küßten, sind es doch wohl Ihre Phantasien. Ich glaube nicht, daß ich heiraten werde«, sagte sie gedankenvoll. »Ich bin –«

 

»Sagen Sie nur nicht, daß Sie mit Ihrer Kunst verheiratet sind«, seufzte er, »das sagen sie nämlich alle!«

 

»Nein, das habe ich auch nie behaupten wollen, ich habe nur den brennenden Wunsch, meinen besten Freund vor einem großen Irrtum zu bewahren. Sie haben noch eine große Karriere vor sich, Mike, und wenn Sie mich heiraten, würde Sie das nur hindern. Man würde denken, daß Sie nicht bei Verstand sind, Und wenn dann erst die Scheidung kommt –«

 

Beide mußten herzlich lachen.

 

»Wenn Sie vernünftig sein und nicht wie eine alte Jungfer reden wollen, dann möchte ich Ihnen doch etwas verraten«, sagte Mike. »Ich habe Sie vom ersten Augenblick an geliebt.«

 

»Natürlich haben Sie das getan, Mike. Das ist für Sie auch die einzig mögliche Art, eine Frau zu lieben. Wenn man sich erst drei Tage besinnen muß, so kann es nicht Liebe sein. Daher weiß ich auch, daß ich Sie nicht liebe. Das erstemal, als ich Sie traf, ärgerte ich mich über Sie, das zweitemal war ich wütend, und seither habe ich Sie eben geduldet. Warten Sie, bis ich mich abgeschminkt habe.«

 

Sie ging zu ihrem Ankleideraum, und Mike schlenderte durch das Atelier, um den verärgerten Jack Knebworth zu beruhigen.

 

»Helen – oh, mit der geht es gut. Sie hatte wirklich ein Angebot aus Amerika – nicht von Hollywood, sondern von einem Atelier im Osten. Ich habe ihr aber den Rat gegeben, es noch nicht anzunehmen, bis sie sich etwas mehr eingelebt hat. Trotzdem glaube ich nicht, daß sie meinen Rat braucht. Sie wird nicht beim Film bleiben.«

 

»Warum glauben Sie denn das, Knebworth?«

 

»Sie wird sich verheiraten«, sagte er verdrießlich. »Es sind schon Anzeichen dafür da. Ich habe Ihnen ja früher erzählt, daß etwas Ungewöhnliches an ihr ist. Sie wird sich verheiraten und den Film für immer verlassen, und das ist eben Veranlagung.«

 

»Und wen wird sie Ihrer Meinung nach heiraten?« fragte Mike.

 

Der alte Jack lachte laut auf. »Reggie Connolly wird es nicht sein, das kann ich Ihnen versprechen!«

 

»Dagegen würde ich mich auch schön verwahren«, sagte der junge Reggie entrüstet. Er hatte merkwürdig scharfe Ohren.

 

»Ich werde mich nie verheiraten. Die Ehe verdirbt einen Künstler. Eine Frau ist wie ein Mühlstein um seinen Hals. Man kann dann seine Persönlichkeit nicht mehr entwickeln. Und weil wir nun gerade davon sprechen, Mr. Knebworth, glauben Sie, daß man mich deswegen tadeln müßte? Haben Sie es denn nicht bemerkt – ich will nichts gegen das liebe Mädchen sagen – haben Sie es denn nicht bemerkt, daß Miss Leamington – wie soll ich gleich sagen – noch nicht reif für die Liebe ist…? Das ist der richtige Ausdruck!«

 

Stella Mendoza trat dazu. Sie war wieder auf den Schauplatz ihrer früheren Tätigkeit zurückgekehrt, und es hatte fast den Anschein, als ob sie bald ihre alte Stellung wieder einnehmen würde.

 

»Ich glaube, da haben Sie nicht recht, Reggie«, sagte sie.

 

»Ich habe sicher recht«, sagte Reggie gekränkt. »Ich habe mehr Mädchen geliebt als fünf andere Filmstars zusammen, und ich sage Ihnen, daß Miss Leamington durchaus unreif ist!«

 

Helen erschien am Ausgang des Ateliers und grüßte die Gesellschaft durch ein liebenswürdiges Kopfnicken. Mike ging mit ihr.

 

»Sie sind durchaus unreif für die Liebe«, sagte er.

 

»Das klingt nach Reggie. Es ist einer seiner Lieblingsausdrücke.«

 

»Er sagte, daß Sie nichts von Liebe verstünden«, brummte er.

 

»Vielleicht hat er auch recht«, meinte sie kurz.

 

Ihr Ton war so ärgerlich, daß er keinen Mut hatte, das Gespräch fortzusetzen, bis sie zu der langen, dunklen Straße kamen, in der sie wohnte.

 

»Die einzig richtige Art zu lieben ist«, sagte er und war nicht wenig erstaunt über seine eigene Kühnheit, »die Geliebte in die Arme zu schließen –«

 

Plötzlich lag sie an seiner Brust, und ihr kühles Gesicht schmiegte sich an das seine.

 

»Du hast recht«, flüsterte sie, und er schloß ihr mit einem Kuß den Mund.

 

Kapitel 5

 

5

 

»Was haben Sie?« fragte Helen, als sie plötzlich das finstere Gesicht des jungen Mannes sah.

 

»Woher stammt dieses Blatt Papier?« fragte er. Er zeigte ihr die maschinengeschriebene Seite.

 

»Ich kann es nicht sagen, es war unter diesen Blättern. Aber wie ich sehe, gehört es nicht zu ›Roselle‹.«

 

»Ist das der Titel des Films, in dem Sie jetzt spielen?« fragte er schnell. »Wer kann mir über dieses Blatt Auskunft geben?«

 

»Mr. Knebworth.«

 

»Wo ist er jetzt?«

 

»Gehen Sie durch diese Tür«, antwortete sie. »Sie werden ihn im Atelier treffen.«

 

Er verlor kein Wort weiter und ging schnell ins Haus. Ohne daß er fragte, wußte er, wer der Mann war, den er suchte. Als Jack Knebworth den Fremden sah, schaute er ihn von unten herauf mit einem unfreundlichen Blick an. Privatbesuch während der Geschäftsstunden konnte er durchaus nicht leiden. Aber bevor er den Fremden um Aufklärung bitten konnte, war Mike schon an seiner Seite.

 

»Habe ich die Ehre mit Mr. Knebworth?«

 

»Ja, der bin ich.«

 

»Würden Sie mir erlauben, zwei Minuten mit Ihnen zu sprechen?«

 

»Ich habe jetzt keine Zeit, auch nur eine Minute lang mit irgendwem zu schwatzen!« brummte Jack. »Aber sagen Sie mal, wer sind Sie denn eigentlich, und wie kamen Sie hier herein?«

 

»Ich bin Mike Brixan, ein Detektiv im Dienste des Außenministeriums«, sagte er mit leiser Stimme.

 

Jack schaute verdutzt auf und wurde mit einemmal freundlicher.

 

»Ist hier irgend etwas passiert?« fragte er, als er den Detektiv in sein Büro geleitete.

 

Mike legte das maschinengeschriebene Blatt Papier auf den Tisch.

 

»Wer hat das geschrieben?« fragte er.

 

Jack Knebworth sah sich das Blatt an und schüttelte den Kopf.

 

»Habe ich bis jetzt noch nicht gesehen – was soll damit sein?« fragte er.

 

»Hatten Sie es noch nie in der Hand?«

 

»Nein, ich kann einen Eid darauf leisten – aber mein Dramaturg muß das wissen, ich werde ihn einmal rufen.«

 

Er drückte auf die Klingel, und als der Sekretär hereinkam, sagte er: »Bitten Sie Mr. Lawley Foß, daß er schnell zu mir kommt.«

 

»Die Prüfung der Manuskripte, Entwürfe und des ganzen Materials für die Filme liegt in der Hand meines Dramaturgen«, sagte er. »Ich bekomme ein Manuskript erst zu sehen, wenn er es geprüft und für gut befunden hat. Und auch dann ist es noch fraglich, ob es angenommen werden kann. Wenn der Stoff nicht geeignet ist, bekomme ich den Entwurf überhaupt nicht zu sehen. Es ist allerdings möglich, daß das eine oder andere gute Manuskript mir, auf diese Weise entgeht, weil Foß – « er zögerte einen Augenblick –, »weil wir manchmal nicht derselben Ansicht sind. Also, Mr. Brixan, worum handelt es sich denn eigentlich?«

 

Mit einigen Worten erklärte Mike die unheimliche Bedeutung des Papiers.

 

»Der Kopfjäger!« Jack pfiff vor sich hin.

 

Von der Tür her hörte man ein Klopfen, und Lawley Foß kam herein. Er war ein Mann von hagerer Gestalt und dunkler Gesichtsfarbe. Seine Augen gingen schnell von einer Seite zur andern. Tiefe Falten zogen sich durch sein düsteres Gesicht, und er machte den Eindruck, als ob er an einer chronischen Krankheit litte. Aber das war nicht der Fall. Lawley Foß war nur durch und durch verbittert und mit der ganzen Welt zerfallen. Früher gab es einmal eine Zeit, in der er glaubte, daß die Welt ihm zu Füßen läge. Er hatte zwei Filme geschrieben, die auch gedreht und aufgeführt wurden und sich sogar einige Zeit auf dem Spielplan gehalten hatten, aber später war er umsonst von Filmgesellschaft zu Filmgesellschaft gelaufen. Er wurde vom Unglück verfolgt, und niemand öffnete auch nur seine braun eingebundenen Manuskripte, um einen Blick hineinzuwerfen. Da es ihm schlecht ging, kam er, wie viele andere Leute in der gleichen Lage, auf den Gedanken, sich durch Spekulationen Geld zu verschaffen. Aber weder auf der Börse noch beim Rennen hatte er Erfolg, und so wurden seine Verhältnisse immer zerrütteter.

 

Er sah argwöhnisch auf Mike, als er eintrat.

 

»Ich möchte Sie gern sprechen, Foß« sagte Jack Knebworth. »Dieses Stück Papier lag zwischen den Blättern des Manuskripts der ›Roselle‹. – Kann ich Mr. Foß den Zusammenhang klarmachen?« wandte er sich an Mike.

 

Der Detektiv zögerte einen Augenblick. Irgendeine Stimme in seinem Innern warnte ihn, den Zusammenhang mit dem Kopfjäger preiszugeben. Aber gegen seine Überzeugung nickte er.

 

Lawley Foß hörte anscheinend gleichgültig zu, als ihm der alte Direktor erklärte, wie wichtig dieses Blatt Papier sei und welche Bewandtnis es damit habe. Foß nahm das Schreiben in die Hand und überflog es kurz. Aber sein Gesichtsausdruck verriet nicht, was er dachte.

 

»Ich bekomme so viele Manuskripte und Entwürfe, daß ich im Augenblick nicht in der Lage bin, dieses Fragment irgendwo einzuordnen, aber ich werde es in mein Büro mitnehmen und anhand meiner Bücher und Listen versuchen, es zu identifizieren.«

 

Mike zögerte wieder. Er mochte nicht gern dieses Beweisstück aus der Hand geben, aber schließlich war es ohne Bestätigung und ohne Vergleich mit anderen Schriften im Augenblick ziemlich wertlos. So stimmte er denn zögernd zu.

 

»Was halten Sie von dem Menschen?« fragte Jack Knebworth, als sich die Tür hinter dem Dramaturgen geschlossen hatte.

 

»Ich habe eine Antipathie gegen den Mann«, sagte Mike offen. »Mein erster Eindruck von ihm ist entschieden ungünstig, aber es ist möglich, daß ich dem armen Menschen damit unrecht tue.«

 

Jack Knebworth seufzte. Mit Foß hatte er immer Schwierigkeiten, manchmal sogar mehr als mit der temperamentvollen Mendoza.

 

»Sicherlich ist er ein ziemlich seltsamer Mensch«, sagte er. »Er

 

ist höllisch schlau. Ich kenne kaum jemanden, der ein so großes Arbeitspensum, so spielend erledigen könnte wie Lawley Foß aber er ist schwer zu behandeln.«

 

»Das habe ich mir gleich gedacht«, sagte Mike trocken.

 

Sie gingen zum Atelier, und Mike suchte Helen auf, um sein unhöfliches Benehmen zu entschuldigen. Als er sich ihr näherte, bemerkte er Tränen in ihren Augen. Sie war durch sein Verhalten vollständig verwirrt und konnte ihre Gedanken nicht auf das Manuskript konzentrieren. Immer wieder mußte sie daran denken, was es wohl zu bedeuten hatte, daß er ein Blatt des Manuskriptes genommen hatte.

 

»Es tut mir furchtbar leid«, sagte er zerknirscht. »Ich wünschte, ich wäre nicht hierhergekommen.«

 

»Das wünschte ich auch«, sagte sie, lächelte aber trotzdem, »Warum haben Sie das Stück Papier weggenommen – sicher sind Sie ein Detektiv.«

 

»Das gebe ich zu«, sagte Mike jetzt unbekümmert.

 

»Haben Sie denn auch die Wahrheit gesagt, als Sie mir erklärten, daß mein Onkel…« Sie brach ab, da sie nicht wußte, wie sie fortfahren sollte.

 

»Nein, das habe ich nicht getan«, erwiderte Mike ruhig. »Ihr Onkel ist tot, Miss Leamington.«

 

»Tot?« rief sie erschreckt.

 

Er nickte.

 

»Er wurde unter ganz außergewöhnlichen Umständen ermordet.«

 

Plötzlich verfärbte sie sich.

 

»War er etwa das Opfer, dessen Kopf in Esher gefunden wurde?«

 

»Woher wissen Sie das?«

 

»Es stand in der heutigen Morgenzeitung«, sagte sie, und er verwünschte den Bluthund von Reporter, der auf die Spur dieser Tragödie gekommen war. Aber früher oder später hätte sie es doch erfahren müssen, mit diesem Gedanken tröstete er sich.

 

Foß kam in diesem Augenblick zurück, und das enthob ihn weiterer Erklärungen. Der Dramaturg sprach leise mit Jack Knebworth, und Mike sah, wie der Direktor ihn heranwinkte.

 

»Foß kann das Manuskript nicht identifizieren«, sagte er, als er ihm das Blatt zurückgab. »Es ist möglich, daß es nicht zu einem Manuskript gehörte, sondern nur eine Probeseite war, die uns ein Autor geschickt hat. Es könnte außerdem von meinem Vorgänger herrühren – ich habe nämlich das ganze Atelier von einer Filmgesellschaft übernommen, die in Konkurs geriet. Da sind viele Manuskripte liegengeblieben, die wir einfach übernommen haben.«

 

Der Direktor schaute ungeduldig nach der Uhr.

 

»Mr. Brixan, können Sie mich jetzt entbehren? Ich muß einige Szenen aufnehmen, etwa zehn Kilometer von hier entfernt. Dazu kommt noch, daß Sie meine Schauspielerin durch Ihr Erscheinen durcheinandergebracht haben. Sie können sich denken, daß das meine Arbeit nicht gerade fördert.«

 

Mike folgte einem plötzlichen Einfall.

 

»Würden Sie gestatten, daß ich zu den Aufnahmen mitfahre? Ich verspreche Ihnen hoch und heilig, daß ich niemandem im Weg sein werde.«

 

Der alte Jack sah ihn einen Augenblick an und brummte. Dann aber nickte er zustimmend, und zehn Minuten später saß Mike Brixan neben dem jungen Mädchen in dem großen Autobus, der sie zu dem Ort brachte, wo die Aufnahmen stattfinden sollten. Und als er nun mit den Künstlern hinausfuhr, war er froh, daß er seinen Willen durchgesetzt hatte und nicht bescheiden zurückgeblieben war.

 

Kapitel 6

 

6

 

Helen schwieg lange Zeit. Der Unwille, daß er ihr seine Gesellschaft aufgezwungen hatte, und eine Nervosität, wie die Probe ausfallen würde, machten ihr eine Unterhaltung unmöglich. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto größer wurde ihre Unruhe.

 

»Wie ich sehe, kommt Mr. Lawley Foß auch mit«, sagte Mike, indem er sich umsah und krampfhaft eine Unterhaltung anfangen wollte.

 

»Er geht immer mit, wenn wir Außenaufnahmen machen«, sagte sie kurz. »Manchmal muß ein Manuskript während der Aufnahme geändert werden.«

 

»Wo fahren wir hin?« fragte er.

 

»Zuerst nach Griff Towers«, entgegnete sie. Es wurde ihr schwer, unhöflich zu sein. »Es ist eine große Besitzung, die Sir Gregory Penne gehört.«

 

»Ich dachte, wir führen nach Dower House.«

 

Sie sah ihn mit Stirnrunzeln an. »Warum fragen Sie denn, wenn Sie es besser wissen?« entgegnete sie mit einer gewissen Schärfe.

 

»Weil ich Sie gern sprechen höre«, sagte er ruhig. »Sir Gregory Penne – ich glaube den Namen zu kennen.«

 

Sie antwortete nicht.

 

»War er nicht früher lange Jahre in Borneo?«

 

»Er ist unausstehlich«, sagte sie heftig. »Ich hasse ihn.«

 

Sie gab Mike keinen näheren Grund dafür an, und er wollte sie nicht durch Fragen verletzen. Aber plötzlich fuhr sie fort:

 

»Zweimal war ich dort. Er hat einen sehr schönen Park, in dem Mr. Knebworth schon öfters Aufnahmen gemacht hat. Damals kam ich als Statistin mit und hatte nur in der großen Masse zu spielen. Ich wollte, ich wäre noch viel weniger aufgefallen. Er ist ein großer Schürzenjäger und besonders hinter Schauspielerinnen her. Damit will ich nicht behaupten, daß ich eine Schauspielerin bin«, fügte sie hastig hinzu. »Aber ich meine damit Leute, deren Beruf es ist, zu spielen. Gott sei Dank wird nur eine Szene in Griff Towers gedreht. Hoffentlich ist er nicht zu Hause – aber das ist unwahrscheinlich, denn er ist immer daheim, wenn, ich dorthin muß.«

 

Mike sah sie von der Seite an. Der erste Eindruck, den er von ihrer Schönheit hatte, wurde wesentlich verstärkt. Ihre ernsten, großen, schönen Augen gefielen ihm. Er ahnte ihre Haltung gegenüber, den Huldigungen des Sir Gregory, obwohl er ihn bisher nicht kannte.

 

»Es ist doch merkwürdig, daß alle Barone in Filmen und Romanen Bösewichter sind«, sagte er. »Aber alle, die ich in Wirklichkeit kennenlernte, waren meist Leute von sehr ehrenwertem Charakter. Aber ich falle Ihnen auf die Nerven, weil ich mich Ihnen aufgedrängt habe?« fragte er, indem er seine Stimme zu einem Flüstern dämpfte.

 

Sie schaute ihn groß an.

 

»Das kann man wohl sagen«, entgegnete sie frei heraus. »Mr. Brixan, heute ist die große Chance meines Lebens. Solch eine Gelegenheit kommt vielleicht nie wieder. Ich hielt es nicht für möglich. Derartige Glücksfälle finden sich sonst nur in Romanen. Sie werden verstehen, daß für mich alles davon abhängt, wie es heute ausgeht. Sie können sich vielleicht vorstellen, daß mich Ihre Gegenwart dabei nervös macht. Aber noch viel mehr verwirrt es mich, daß die erste Szene, in der ich auftrete, in Griff Towers spielt. Mir ist der Platz so furchtbar verhaßt«, sagte sie aufgebracht. »Dieses große, düstere Haus mit den vielen Tigerfellen und den schrecklichen Schwertern an den Wänden –«

 

»Schwerter?« fragte er schnell. »Was meinen Sie damit?«

 

»Die ganzen Wände hängen voll. Es sind alles Waffen aus dem Fernen Osten. Ich zittere, wenn ich sie nur sehe. Aber Sir Gregory hat seine Freude an ihnen. Er erzählte Mr. Knebworth bei unserer letzten Anwesenheit, daß die Klingen noch scharf seien, als ob sie eben erst aus der Hand des Waffenschmiedes kämen – und manche von ihnen sind über dreihundert Jahre alt. Sir Gregory ist ein außergewöhnlicher Mann, er kann zum Beispiel einen Apfel, den Sie in der Hand halten, mit einem Säbel in zwei Hälften spalten, ohne daß Sie auch nur im mindesten verletzt werden. Das ist eine seiner Spezialitäten. – Dort liegt das Haus.«

 

Es kam jetzt in Sicht.

 

»Mir wird schon übel, wenn ich es nur sehe.«

 

Griff Towers war eines jener düsteren Gebäude, wie sie die Architekten in der ersten Zeit der Regierung der Königin Viktoria zu bauen pflegten. Ein großer grauer Turm auf dem linken Flügel machte die Fassade unsymmetrisch. Aber selbst diese malerische Anlage konnte die langweilige Kastenform der Vorderfront nicht verdecken. Das Haus machte einen kahlen Eindruck, und nirgends rankten sich Schlinggewächse an den Wänden hoch. Es stand auf einem großen Platz, der mit gelbem Schotter bedeckt war, was den nüchternen Eindruck noch verstärkte.

 

»Es sieht beinahe wie eine Kaserne aus, mit einem kleinen Exerzierplatz davor«, sagte Mike.

 

Der Wagen fuhr durch das Parktor und hielt mitten auf der Zufahrtsstraße. Die Gartenanlagen befanden sich offenbar auf der Rückseite des Gebäudes, denn diese langweilige vordere Fassade hätte wohl keinen Filmmann anzuziehen vermocht.

 

Mike stieg aus. Jack Knebworth ordnete bereits das Abladen der Kameras und Scheinwerfer an. Hinter dem Bus kam der Dynamowagen mit den drei großen Jupiterlampen, die das Tageslicht noch verstärken sollten.

 

»Sie sind ja auch schon wieder auf der Bildfläche«, brummte Jack. »Ich wäre Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Mr. Brixan, wenn Sie mir nicht im Wege stehen würden. Ich habe heute noch ein schweres Stück Arbeit vor mir.«

 

»Könnten Sie mich nicht als Statisten einstellen?« fragte Mike.

 

Jack machte ein unwilliges Gesicht.

 

»Was haben Sie denn vor?« fragte er argwöhnisch.

 

»Ich habe einen besonderen Plan. Es würde mir sehr nützen, wenn Sie es mir erlaubten. Ich verspreche Ihnen auch, daß ich nichts unternehme, was Sie im mindesten stören könnte, Mr. Knebworth. Ich muß heute hier zur Stelle sein, und es würde auffallen, wenn meine Anwesenheit nicht durch die Teilnahme am Spiel motiviert wäre.«

 

Jack Knebworth biß sich auf die Lippen, fuhr mit der Hand über sein glattrasiertes Gesicht und schaute düster drein.

 

»Meinetwegen können Sie dableiben«, sagte er dann nicht gerade sehr erfreut. »Mag sein, daß Sie gleich mitmachen können – aber gewöhnlich, habe ich große Mühe, einem Amateur klarzumachen, worum es sich handelt.«

 

Zu der Gesellschaft gehörte auch ein schlanker junger Mann. Er sah hübsch aus und trug das Haar glatt aus der Stirn nach hinten zurückgekämmt. Auf der Herfahrt saß er an der linken Seite Helens und hatte die ganze Zeit über kein Wort gesprochen. Jetzt schlenderte er, die Hände in den Hosentaschen, zu dem Direktor und fragte ihn vorwurfsvoll:

 

»Mr. Knebworth, wer ist eigentlich dieser Mensch?«

 

»Welcher Mensch?« fragte Jack, der alle Hände voll zu tun hatte. »Meinen Sie etwa Brixan? Er ist ein Statist.«

 

»Ach so, ein Statist!« sagte der junge Mann von oben herab. »Es ist etwas Fürchterliches, wenn sich solche Leute mit den Prominenten auf gleiche Stufe stellen. Und diese Leamington, die wird uns noch den ganzen Film verderben, darauf können Sie sich fest verlassen!«

 

»Wirklich?« knurrte Mr. Knebworth. »Hören Sie, Mr. Connolly, ich bin von Ihrem Spiel nicht so begeistert, daß ich mir solche Bemerkungen von Ihnen gefallen lasse, daß mir eine Statistin den Film verdirbt.«

 

»Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Statistin zur Partnerin gehabt, verdammt noch einmal!«

 

»Sie kommen sich jetzt wohl verlassen vor?« brummte Jack und ließ sich beim Entladen und Auspacken nicht stören.

 

»Mr. Knebworth, die Mendoza ist eine erstklassige Künstlerin –« begann der junge Mann wieder. Der Direktor richtete sich hoch auf und sah ihn von oben bis unten an.

 

»Machen Sie, daß Sie fortkommen und warten Sie, bis ich Sie rufe«, sagte er scharf. »Wenn ich Ihren Rat brauche, werde ich Sie darum fragen. Im Moment sind Sie mir hier zuviel. Sie sind überall besser am Platz als gerade hier.«

 

Reggy Connolly zuckte verärgert die Schultern und entfernte sich. Er war fest davon überzeugt, daß dieser Film ein böser Mißerfolg werden würde, aber er lehnte jede Verantwortung ab – er hatte ja den Direktor gewarnt.

 

 

In dem großen Torweg von Griff Towers stand Gregory Penne und betrachtete aufmerksam die ganze Gesellschaft. Er war ein starker, untersetzter Mann von dunkler Farbe. Sein großer Appetit und der Aufenthalt in Borneo waren schuld daran. Viele Runzeln und Falten durchzogen sein von Tropensonne und Rauschgiften zerstörtes Gesicht. Die zusammengekniffenen Augenlider markierten sich nur als zwei waagerechte Striche. Nur das runde, weiche, fast frauenhafte Kinn hatte seine ursprüngliche Form behalten.

 

Mike folgte ihm mit seinen Blicken, als er auf sie zuging, und vermutete, daß er Sir Gregory vor sich hatte. Er trug einen auffällig karierten Golfanzug von rötlicher Färbung; eine Mütze aus demselben Stoff hatte er tief ins Gesicht gezogen. Jetzt nahm er die Zigarre aus seinem Mund und drehte mit einer schnellen, eckigen Bewegung die Enden seines Schnurrbartes in die Höhe.

 

»Guten Morgen, Knebworth!« rief er. Seine Stimme war rauh und hart. Niemals hatte ein Lachen ihren barschen Ton gemildert.

 

»Guten Morgen, Sir Gregory!« Der alte Knebworth trennte sich von seinen Leuten. »Es tut mir leid, daß ich so spät komme.«

 

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, sagte der andere. »Ich dachte mir nur, Sie würden früher mit den Aufnahmen anfangen. Haben Sie mein kleines Mädel mitgebracht?«

 

»Ihr kleines Mädel?« Jack sah ihn verständnislos an. »Meinen Sie die Mendoza? Nein, die kommt heute nicht.«

 

»Nein, nicht die Mendoza. Ich sehe sie schon – die dunkle da. Aber nichts für ungut, ich habe nur einen Spaß gemacht.«

 

Wer, zum Donnerwetter, sollte denn bloß das kleine Mädel sein? dachte Jack. Er konnte ja nicht wissen, welche unangenehmen Erfahrungen eine seiner Statistinnen früher hier machen mußte. Das Rätsel sollte sich aber bald lösen, denn der Baron ging langsam zu Helen Leamington, die eifrig in ihrem Manuskript las.

 

»Guten Morgen, hübsches Fräulein«, sagte er. Dabei hob er seine Kappe kaum einen halben Zentimeter in die Höhe.

 

»Guten Morgen, Sir Gregory«, sagte sie kühl.

 

»Sie haben Ihr Versprechen nicht gehalten?« er schüttelte den Kopf. »Ja, die Weiber!«

 

»Ich könnte mich nicht erinnern, Ihnen ein Versprechen gegeben zu haben«, sagte das Mädchen ruhig. »Sie luden mich zum Abendbrot ein, aber ich sagte Ihnen, daß ich auf keinen Fall kommen würde.«

 

»Ich wollte Ihnen doch meinen Wagen schickten, damit Sie nicht die Entschuldigung hätten, daß der Weg zu weit für Sie wäre. Aber das macht nichts – macht gar nichts.«

 

Mike war wütend, als er sah, wie er Helen in den Arm kniff. Gregory wollte sich als väterlicher Freund aufspielen, aber das Mädchen fühlte sich dadurch abgestoßen und beleidigt.

 

Mit einem Ruck machte sie ihren Arm frei, drehte dem aufdringlichen Menschen den Rücken und ging zu Jack Knebworth hinüber. Sie fragte ihn, ob er ihr helfen könne, eine Zeile zu lesen, obwohl diese ganz klar geschrieben war. Der alte Jack wußte Bescheid. Er hatte alles, was vorging, unter seinen fast geschlossenen Augenlidern beobachtet.

 

Das soll das letzte Mal sein, daß wir in Griff Towers Aufnahmen machen, sagte er zu sich.

 

Jack Knebworth hielt sehr auf guten Ton und anständiges Betragen, und seine Ansichten über Frauen waren denen Gregory Pennes gerade entgegengesetzt.

 

Kapitel 7

 

7

 

Die Filmleute gingen nach hinten zur Aufnahme und ließen Mike Brixan mit dem Baron allein. Gregory Penne sah dem Mädchen mit glänzenden Augen nach. Als er sich umdrehte, bemerkte er Brixan und warf ihm einen kühlen und geringschätzigen Blick zu.

 

»Wer sind Sie?« fragte er, indem er den Detektiv von oben bis unten ansah.

 

»Ich bin ein Statist«, sagte Brixan.

 

»Ein Statist? So einer von der Komparserie? Die ihr Gesicht mit Farbe und Schminke bemalen? Das ist doch kein Beruf für einen Mann!«

 

»Es gibt noch schlechtere Berufe«, sagte Brixan, indem er seine Abneigung gegen den Mann niederkämpfte.

 

»Kennen Sie das kleine Mädel?« fragte der Baron. »Wie heißt sie doch gleich – Leamington?«

 

»Ich bin gut mit ihr befreundet«, log Brixan.

 

»Ach, sehen Sie mal an«, sagte der Baron und wurde plötzlich liebenswürdig. »Sie ist ein hübsches, nettes Ding. Eigentlich zu schade für eine Statistin. Kommen Sie doch einmal zum Abendessen mit ihr hierher.« Gregory zwinkerte ihm mit seinen geschwollenen Augenlidern zu. Brixan interessierte sich für diesen ungeschlachten Menschen mit den brutalen Instinkten, der anscheinend ein Sklave seiner Leidenschaften war – und doch war er zweifellos begabter als der Durchschnitt, denn er hatte früher einen hohen Posten bei der Regierung bekleidet.

 

»Müssen Sie jetzt mitspielen? Wenn nicht, dann kommen Sie doch mit mir nach oben und sehen Sie sich einmal meine Schwertersammlung an«, sagte der Baron.

 

Brixan fühlte, daß Gregory sich nur mit ihm anfreunden wollte, weil er gesagt hatte, daß er mit Helen gut bekannt sei.

 

»Nein, ich brauche jetzt nicht mitzuspielen«, antwortete er.

 

Für ihn konnte sich die Sache nicht besser entwickeln. Der Baron ahnte nicht, daß Brixan sich vorgenommen hatte, Griff Towers nicht eher zu verlassen, bevor er die seltsame Waffensammlung eingehend besichtigt hatte.

 

»Ja, sie ist ein sehr nettes, liebes Mädel.« Gregory Penne kam sofort wieder auf sein früheres Thema zurück, als sie auf das Haus zugingen.

 

»Wie ich schon vorher gesagt habe, eigentlich ist sie zu schade für eine Statistin. Sie ist jung, natürlich, bildet sich nichts ein, Und die Hauptsache – sie ist eine unberührte Unschuld. Alle diese aufgeklärten, schnippischen Mädels können mir gestohlen bleiben. Sie haben keinen Reiz mehr für mich. Wissen Sie, ein Mädchen muß so rein sein wie eine Frühlingsblume, wie ein zartes Veilchen oder ein Schneeglöckchen. Ich würde einen großen Strauß prächtigster Rosen für eine einzige dieser kleinen, süßen Waldblumen geben.«

 

Brixan fühlte sich angeekelt, und trotzdem hörte er Penne mit großem Interesse zu, obgleich seine Worte freche Gemeinheiten für ihn waren. Er mußte sich sehr zusammennehmen, um diesem Menschen nicht an die Gurgel zu fahren, als er neben ihm die Treppe emporstieg. Er kam sich wie ein begeisterter Zoologe vor, der sich mit Schlangen abgibt. Und dieser Vergleich gab ihm seine Selbstbeherrschung zurück.

 

Die große Eingangshalle, die sie jetzt betraten, war mit Fayenceplatten belegt, und als Brixan aufschaute, sah er, daß die ganzen Wände mit schönen Schwertern dekoriert waren.

 

Hunderte hingen an den Wänden, Krise, Klewangs, alte japanische Schwerter mit schöngeflochtenen Griffen, Zweihänder, die vor langer Zeit von Seeräubern im Kampf benützt wurden.

 

»Wie gefällt Ihnen das?« fragte Sir Gregory Penne mit dem Stolz eines begeisterten Sammlers. »Darunter ist keine Waffe, die Sie noch ein zweitesmal finden würden, mein Lieber. Und das ist nur der kleinere Teil meiner Sammlung.«

 

Er führte seinen Besuch einen breiten Gang entlang, der durch quadratische Fenster in gleichmäßigen Abständen erhellt wurde. Auch hier waren die Wände mit blitzenden Waffen geschmückt. Sir Gregory öffnete eine Tür und nötigte den anderen in einen großen Raum, der offenbar als Bibliothek diente, obgleich Brixan nur wenig Bücher sah. Es waren die üblichen Bände, die man überall auf den Landsitzen findet.

 

Über dem niedrigen Kamingesims hingen zwei große gekreuzte Schwerter. Brixan hatte derartige Waffen noch nie gesehen.

 

»Was sagen Sie dazu?«

 

Gregory Penne gab Brixan eines der beiden Schwerter von den silbernen Haken, an denen sie aufgehängt waren. Als er die Klinge aus der Scheide zog, blitze sie in der Sonne.

 

»Fassen Sie nicht an die Schneide, Sie werden sich sonst verletzen. Die Klinge ist so scharf, daß Sie ein Haar spalten können. Damit könnte ich im Nu Ihren Körper durchschlagen, und Sie würden noch gar nicht einmal wissen, was Ihnen passiert ist, wenn Sie umsinken.«

 

Plötzlich verdüsterte sich sein Gesicht. Er nahm Brixan das Schwert wieder ab, steckte es in die Scheide und hing es auf.

 

»Stammt dieses Schwert aus Sumatra?«

 

»Nein, es ist aus Borneo«, sagte der Baron kurz.

 

»Ach, das ist die Heimat der Kopfjäger?«

 

Sir Gregory schaute sich nach Brixan um und zog die Augenbrauen zusammen.

 

»Nein, es ist aus dem holländischen Teil von Borneo.« Anscheinend war irgendeine böse Geschichte mit der Waffe verknüpft, an die sich der Baron nicht gerne erinnerte. Lange Zeit blickte er schweigend in das kleine Feuer im Kamin.

 

»Ich tötete den Mann, dem es gehörte«, sagte er schließlich, und Mike war erstaunt, daß er mehr zu sich selbst als zu ihm sprach. »Ich hoffe wenigstens, daß er nicht mehr am Leben ist«, fügte er leise hinzu.

 

Als der Baron seinen Blick wieder hob, bemerkte Brixan, daß sich Furcht und Entsetzen darin spiegelten.

 

»Nehmen Sie Platz – wie ist doch gleich Ihr Name?« sagte er und zeigte auf zwei niedrige Sessel. »Wir wollen etwas trinken.«

 

Er drückte auf einen Knopf, und zu Brixans Verwunderung kam ein untersetzter, kupferfarbener Eingeborener herein, der bis zum Gürtel unbekleidet war. Gregory gab ihm einen Befehl in einer Sprache, die Brixan nicht verstand. Es war malaiisch, soviel er vermuten konnte. Der Diener verbeugte sich, indem er die Arme über der Brust kreuzte. Dann erhob er seine Hand und legte sie auf Stirn, Mund und Herz. Bald darauf kam er mit einem Tablett wieder, auf dem eine Karaffe und zwei kleine Gläser standen.

 

»Ich habe keine weißen Dienstboten, ich kann sie nicht ausstehen«, sagte Penne, indem er den Inhalt seines Glases mit einem Zug leerte. »Ich liebe Diener, die nicht stehlen und nicht klatschen. Sie können diese braunen Kerle prügeln, wenn sie sich nicht ordentlich benehmen, und Sie haben nachher keine Unannehmlichkeiten deshalb. Ich habe diesen Mann letztes Jahr in Sumatra in meine Dienste genommen, er ist der beste Diener, den ich jemals hatte.«

 

»Gehen Sie jedes Jahr nach Borneo?« fragte Brixan.

 

»Fast jedes Jahr. Ich habe eine eigene Jacht, die liegt im Hafen von Southampton. Wenn ich nicht wenigstens einmal im Jahr aus diesem verfluchten Land herauskomme, werde ich verrückt. Hier ist auch wirklich nichts los, gar nichts – haben Sie jemals diesen alten Narren, den Longvale, gesehen? Knebworth sagte mir, daß Sie auch bei ihm Aufnahmen machen werden das ist ein alter Esel, der sich wichtig macht. – In Gedanken lebt er in der Vergangenheit. Er kleidet sich, als ob er ein lebendes Reklamebild für eine bekannte Whiskymarke wäre. Nehmen Sie noch ein Glas!«

 

»Ich habe noch nicht ausgetrunken«, sagte Brixan lächelnd. Dabei sah er wieder auf das Schwert über dem Kamin. »Ist es schon sehr lange in Ihrem Besitz? Es sieht ziemlich neu aus.«

 

»Neu?« sagte der andere schnell. »Wo denken Sie hin! Die Waffe ist über dreihundert Jahre alt. Ich besitze sie allerdings erst ein Jahr.« Gregory änderte das Gesprächsthema plötzlich. »Wissen Sie, ich mag Sie gut leiden. Wenn ich jemanden sehe, dann weiß ich gleich, ob ich ihn gern habe oder ob er mir unangenehm ist. Sie müßten eigentlich nach dem Fernen Osten gehen, Sie könnten dort viel Geld machen. Ich habe zwei Millionen Vermögen dort zusammengebracht. Der Osten ist voller Wunder. Man kann dort Dinge erleben, die kaum glaublich sind.« Er drehte sich um und sah Brixan mit glänzenden Augen an.

 

»Da könnten Sie gute Diener kennenlernen«, sagte er langsam. »Wollen Sie einmal den besten Diener sehen, den es überhaupt gibt?«

 

Er sprach diese Worte mit einem gewissen Unterton, der Brixan nicht entging. Aber er nickte zustimmend.

 

»Wollen Sie den Sklaven sehen, der niemals fragt und niemals den Gehorsam verweigert? Der niemanden anders liebt als mich?« Dabei schlug er gegen seine Brust. »Und alle haßt, die ich hasse? – Sie sollen ihn kennenlernen, meinen treuen – Bhag.«

 

Er erhob sich, ging zum Schreibtisch und ergriff einen Hebel, den Brixan vorher an der Seite des Tisches bemerkt hatte. Als er ihn umlegte, öffnete sich ein Teil der Holzverkleidung in der Wand auf der anderen Seite des Raumes, und einige Augenblicke später sah Brixan dort eine düstere, schreckenerregende Gestalt. Mike Brixan unterdrückte nur mühsam einen Schrei.

 

Kapitel 8

 

8

 

Es war ein großer Orang-Utan. Obwohl er gebückt ging, war er doch über sechs Fuß hoch. Mit einem bösen Blick aus seinen schwarzen Augen schaute er zu Brixan hinüber. Seine haarige Brust war hochgewölbt, seine Arme reichten bis auf den Boden und hatten den Umfang eines menschlichen Oberschenkels. Er trug dunkelblaue Drillichhosen, die mit breiten Trägern über seinen Schultern befestigt waren. »Bhag!« rief Gregory mit einer so milden Stimme, daß Brixan erstaunt aufhorchte. »Komm her!«

 

Die riesige Gestalt kam quer durch den Raum zu dem Kamin, an dem sie saßen.

 

»Das ist mein Freund, Bhag!«

 

Der große Affe streckte seine Hand aus, und einen Augenblick fühlte Brixan, wie die große weiche Samthand des Affen die seine vollkommen umschloß. Als Bhag wieder losließ, hob er sie zu seiner Nase und schnüffelte daran.

 

»Hole mir Zigarren!« sagte Penne.

 

Sofort ging der Affe zu einem kleinen Schrank, zog eine Schublade auf und brachte eine Kiste.

 

»Die nicht«, sagte Gregory. »Die kleinen!«

 

Er sprach sehr deutlich und gut betont, als ob er einem Tauben etwas klarmachen wollte. Aber Bhag nahm ohne Zögern die Kiste wieder mit und brachte eine andere dafür.

 

»Schenk mir einen Whisky Soda ein!«

 

Der Affe gehorchte und verschüttete nicht einen einzigen Tropfen. Als Gregory sagte: »Genug!« nahm er den Glasstöpsel und verschloß die Karaffe.

 

»Danke – gut so, Bhag!«

 

Ohne einen Laut zog sich der Affe wieder in seinen Raum zurück. Gregory schloß die Tür hinter ihm.

 

»Das Tier benimmt sich wie ein Mensch«, sagte Brixan noch ganz starr vor Verwunderung.

 

Sir Gregory Penne lachte leise.

 

»Der nützt mir mehr als ein menschlicher Diener. Bhag schützt mich gegen jeden Angriff.«

 

Gregorys Blicke schweiften zu dem Schwert über dem Kamin.

 

»Wo hält er sich auf?«

 

»Er hat einen eigenen Raum für sich, den er auch sauberhält. Er ißt mit den Dienern.«

 

»Alle Wetter!« sagte Brixan überwältigt, und der andere lachte wieder über das Erstaunen, das Bhag hervorgerufen hatte.

 

»Ja, er nimmt seine Mahlzeiten mit den Dienern zusammen ein. Sie fürchten ihn sehr, aber sie verehren ihn auch. Für sie ist er eine Art Dämon – wissen Sie, was passiert wäre, wenn ich ihm gesagt hätte: Dieser Mann ist mein Feind?« Dabei wies er mit seinem dicken Finger auf Brixans Brust. »Er hätte Sie in Stücke zerrissen, und Sie hätten sich nicht gegen ihn wehren können. Er kann aber auch sehr liebenswürdig sein, außerordentlich liebenswürdig.« Gregory nickte vor sich hin. »Schlau ist er auch. Jede Nacht geht er aus. Bis jetzt ist noch keine Klage über ihn gekommen. Es ist noch kein Schaf gestohlen worden, er hat niemanden erschreckt. Er streift nur durch die Wälder und hat noch niemandem etwas zuleide getan, nicht einmal einem Huhn.«

 

»Wie lange haben Sie ihn schon?«

 

»Acht oder neun Jahre«, sagte der Baron gleichgültig, indem er den Whisky trank, den ihm der Affe eingegossen hatte. »Jetzt wollen wir aber zu den Schauspielern und Schauspielerinnen nach unten gehen. Sie ist doch ein zu hübsches Mädel – vergessen Sie auch ja nicht, sie mit zum Essen zu bringen. Wie heißen Sie eigentlich?«

 

»Brixan«, sagte der andere. »Mike Brixan.«

 

Sir Gregory brummte etwas. »Ja, ich will den Namen nicht vergessen – Brixan. Ich muß ihn auch Bhag sagen, der muß das auch wissen.«

 

»Würde er mich denn wiedererkennen, wenn Sie ihm den Namen genannt haben?« fragte Brixan lächelnd.

 

»Sie wiedererkennen?« fragte der Baron verächtlich. »Er wird Sie nicht nur wiedererkennen, sondern er wird auch Ihre Spur verfolgen und Sie finden. Haben Sie nicht gesehen, wie er Witterung an seiner Hand nahm? Er hat sich Ihren Geruch gemerkt, mein Freund, und wenn ich ihm jetzt sagen würde: Geh, und bringe Brixan diese Botschaft, würde er Sie sicher finden.«

 

 

Als sie in den schönen Garten auf der Rückseite des Hauses kamen, war die erste Szene schon aufgenommen. Jack Knebworth lächelte, und das bedeutete, daß Helens Befürchtungen sich nicht erfüllt hatten. Die Aufnahmen waren tatsächlich gut gelungen.

 

»Das Mädchen ist wirklich so zart und süß wie ein Pfirsich«, sagte Jack begeistert. »Eine geborene Schauspielerin! Sie eignet sich ganz besonders für diese Rolle – es ist eigentlich zu schön, um es glauben zu können. Was wünschen Sie?« Mit diesen Worten wandte er sich an Mr. Reggie Connolly, dem wieder einmal etwas nicht paßte, wie das ja immer bei Filmschauspielern ist, die eine besondere Stellung einnehmen. Connolly war der Ansicht, daß ihm der Film nicht genügend Möglichkeiten gäbe, seine Talente zu entfalten.

 

»Mr. Knebworth«, sagte er in einem tieftraurigen Ton, »mein Anteil an diesem ganzen Film ist zu gering. Im ganzen werden nur etwa fünfzehn Meter von mir in Großaufnahme gezeigt. Sie müssen doch einsehen, daß das nicht geht. Wenn ein junger Mann eine gute Figur hat –«

 

»Sie haben überhaupt keine gute Figur«, sagte Jack kurz. »Die Mendoza hat sich hauptsächlich darüber beschwert, daß Sie in dem Film eine viel zu große Rolle spielen.«

 

Mike schaute sich um. Sir Gregory Penne war schon wieder zu Helen gegangen. Aber in ihrer Begeisterung vergaß sie den Widerwillen und Haß, den sie gegen den Mann empfand.

 

»Liebes Fräulein, ich möchte Sie noch sprechen, bevor Sie gehen«, sagte er leise.

 

Sie lächelte ihn sogar an.

 

»Sie finden mich in günstiger Stimmung, Sir Gregory.«

 

»Ich möchte Ihnen sagen, daß mir sehr leid tut, was neulich passiert ist. In Zukunft werde ich Ihre Ansicht respektieren, daß ein Mädchen nur den Mann zu küssen braucht, den sie gern mag. Habe ich nicht recht?« fragte er.

 

»Selbstverständlich haben Sie recht. Aber bitte vergessen Sie doch die ganze Geschichte, Sir Gregory.«

 

»Also, ich werde Sie nicht gegen Ihren Willen küssen, besonders wenn Sie in meinem Hause sind. Bitte, verzeihen Sie mir.«

 

»Ich will Ihnen gern verzeihen.« Sie wandte sich um und wollte gehen, aber er faßte sie am Arm.

 

»Sie kommen doch zum Abendessen?« Er wies mit dem Kopf nach Brixan, der die beiden keinen Augenblick aus den Augen gelassen hatte. »Ihr Freund hat mir versprochen, daß er Sie zu mir begleiten will.«

 

»Welcher Freund?« fragte sie und runzelte die Stirn. »Meinen Sie etwa Mr. Brixan?«

 

»Ja, den meine ich. Warum lassen Sie sich eigentlich mit derartigen Leuten ein? Ich will damit nicht sagen, daß er ein schlechter Mensch ist, im Gegenteil, ich habe ihn persönlich sogar sehr gern… Werden Sie zum Essen kommen?«

 

»Nein; ich kann nicht kommen«, sagte sie. Ihre alte Abneigung kam wieder zum Durchbruch.

 

»Mein liebes Fräulein«, sagte er ernst, »Sie können von mir alles haben. Warum zerbrechen Sie sich Ihr schönes Köpfchen, um diese blöden Filme zu spielen? Wenn Sie wollen, gründe ich Ihnen eine eigene Filmgesellschaft, und Sie sollen die besten Autos haben, die überhaupt für Geld zu haben sind.«

 

Seine Augen glühten auf, als er dies sagte, und sie schüttelte sich vor Widerwillen.

 

»Ich brauche nichts, Sir Gregory. Ich habe alles, was ich brauche«, antwortete sie kurz.

 

Sie war sehr böse auf Brixan. Wie durfte er eine Einladung für sie annehmen? Wie durfte er sich überhaupt ihren Freund nennen? Ihr Ärger über Brixan machte ihre Abneigung gegen Gregory im Augenblick geringer.

 

»Kommen Sie heute abend – lassen Sie sich von ihm begleiten«, sagte Gregory mit heiserer Stimme. »Ich möchte Sie gern heute abend bei mir haben. Verstehen Sie mich? Sie werden die Nacht bei dem alten Longvale logieren, da können Sie sich leicht frei machen.«

 

»So etwas werde ich nie tun. Ich glaube, Sie wissen selbst nicht, was Sie sagen, Sir Gregory«, entgegnete sie ihm. »Alles, was Sie mir da eben gesagt haben, beleidigt mich aufs tiefste.«

 

Sie wandte sich brüsk von ihm ab. Mike Brixan hätte sie gern angeredet, aber sie warf den Kopf in den Nacken und ging schnell an ihm vorbei. Er erschrak, als er sie ansah. Einen Augenblick dachte er nach und ahnte dann die Ursache ihres Verhaltens.

 

Als die verschiedenen Apparate alle eingepackt waren und die ganze Gesellschaft wieder in dem Autobus saß, sah Mike, daß Helen ihren Platz zwischen Jack Knebworth und dem schmollenden Connolly gewählt hatte. Er war klug genug, sich jetzt nicht in ihre Nähe zu drängen. Der Wagen wollte gerade anfahren, als Sir Gregory zu Brixan kam und auf das Trittbrett stieg.

 

»Sie sagen doch, daß Sie sie zu mir bringen würden –« begann er.

 

»Wenn ich das gesagt hätte, wäre ich betrunken gewesen«, entgegnete Mike. »Und dazu gehört mehr als ein Glas Whisky! Miss Leamington kann tun und lassen, was sie will. Sie wäre sicherlich schlecht beraten, wenn sie mit Ihnen oder einem anderen Mann allein zu Abend speisen würde.«

 

Er erwartete eine zornige Erwiderung, aber zu seinem größten Erstaunen lachte der dicke Mann nur und winkte ihm freundlich zum Abschied. Als der Wagen durch das Parktor fuhr, blickte sich Mike um und sah Gregory mit einem Mann sprechen. Bei näherem Zusehen erkannte er Foß, der aus irgendeinem Grund zurückgeblieben war.

 

Dann blickte er über die beiden Männer noch einmal auf die Fenster der Bibliothek. Dort saß der ungeheure Bhag in seinem dunklen Raum und wartete nur auf die Befehle seines Herrn, um sie ohne Vernunft und Mitleid restlos auszuführen. Mike Brixan, der doch schon durch viele Gefahren gegangen war, zitterte bei diesem Gedanken.

 

Kapitel 36

 

36

 

»Danken Sie Gott noch nicht«, sagte Stella, mit einer Ruhe, die nichts Gutes verhieß. »Oh, Sie kleines Schaf, warum sind Sie denn hierhergekommen?«

 

»Er brachte mich hierher, ich ging nicht freiwillig«, sagte Helen. Sie war krank vor Furcht. Trotzdem versuchte sie ebenso ruhig zu sein wie Stella. Sie biß auf ihre zitternden Lippen, um sich zu sammeln. Nach kurzer Zeit hatte sie ihre Fassung wiedergefunden und konnte erzählen, wie sich alles ereignet hatte. Stellas Gesicht verdüsterte sich.

 

»Das ist doch stark – er hat meinen Wagen genommen«, sagte sie zu sich selbst. »Er hat wirklich die Fahrer gefangengesetzt, wie er es mir androhte. Was soll noch daraus werden!«

 

»Was will er tun?« fragte Helen leise.

 

Stella blickte das Mädchen an.

 

»Was glauben Sie denn, was er tun wird?« fragte sie nachdenklich. »Er ist ein Vieh, Sie werden selten solch einen gemeinen Kerl finden, es sei denn in Schauergeschichten … Er hat uns eingeschlossen. Er wird nicht mehr Mitleid mit Ihnen haben als Bhag!«

 

»Wenn das Mike erfährt, wird er ihn umbringen!«

 

»Mike? Ach so, Sie meinen Brixan«, sagte Stella mit neu erwachtem Interesse. »Liebt er Sie? Spioniert er deswegen hier herum? Daran habe ich doch vorher noch nie gedacht. Aber was kümmert ihn Mike Brixan oder irgend jemand anders! Er kann fort – seine Jacht liegt in Southampton. Und sein Reichtum macht ihn unabhängig. Er kann all diesen Scherereien hier aus dem Wege gehen. Dann rechnet er auch damit, daß eine anständige Frau davor zurückschreckt, vor dem Kriminalgericht zu erscheinen. Ach, er ist ein ausgekochter Schuft!«

 

»Was soll ich machen?«

 

Stella ging in dem kleinen Zimmer auf und ab. Sie hatte ihre Hände ineinandergelegt, die Furcht wollte sie wieder überwältigen.

 

»Ich glaube nicht, daß er mir etwas zuleide tut«, sagte Stella. Dann fing sie plötzlich von etwas anderem an zu sprechen. »Ich sah vor etwa zwei Stunden einen Landstreicher am Fenster.«

 

»Einen Landstreicher?« fragte Helen verwirrt.

 

Stella nickte.

 

»Er hat mich furchtbar erschreckt, bis ich seine Augen sah. Da wußte ich, daß es Brixan war. Aber Sie hätten ihn niemals erkannt, so gut hatte er sich maskiert.«

 

»Mike Brixan ist hier?« fragte Helen gespannt.

 

»Er muß irgendwo in der Umgebung sein. Das kann Rettung sein und hier ist noch etwas anderes.«

 

Sie nahm die kleine Browningpistole und gab sie ihr.

 

»Haben Sie jemals mit einer Pistole geschossen?«

 

Helen nickte. »Ich habe es schon getan. Es kam neulich in einer Szene vor«, sagte sie ein wenig verlegen.

 

»Nun, das ist gut. Die Pistole ist geladen. Hier ist die Sicherung. Sie müssen sie zuerst mit dem Daumen herunterdrücken, bevor Sie schießen können. Es ist besser, wenn Sie Penne töten – besser für Sie und besser für ihn.«

 

Helen schrak zurück.

 

»Nein, nein – das kann ich nicht!«

 

»Stecken Sie schnell die Waffe in Ihre Tasche! Haben Sie eine Tasche?«

 

In der Jacke, die Helen trug, fand sich eine innere Tasche, und Stella steckte die Pistole schnell hinein.

 

»Sie glauben gar nicht, was ich Ihnen für ein Opfer bringe, wenn ich sie Ihnen gebe«, sagte sie offen. »Dabei bringe ich dieses Opfer noch nicht einmal für jemand, den ich gern habe. Sie können sich wohl denken, Helen Leamington, daß ich Sie nicht gerade liebe. Aber ich würde es mir nie verzeihen können, wenn ich Sie diesem Schurken ohne Kampf überlassen hätte.«

 

Plötzlich beugte sie sich vor und küßte das Mädchen. Helen legte den Arm um ihren Nacken und umarmte sie einen Augenblick.

 

»Er kommt«, flüsterte Stella Mendoza und trat zurück. Es war wirklich Gregory. Er trug seinen feuerroten Pyjama und einen dunkelroten Hausmantel. Sein Gesicht war gerötet, und seine Augen glänzten vor Erregung.

 

»Komm mit!« Er winkte mit dem Finger. »Nicht du, Mendoza, du bleibst hier, du kannst sie später sehen, vielleicht nach dem Abendessen.«

 

Er schaute begehrlich auf das erschrockene Mädchen.

 

»Niemand wird dir etwas tun, laß deine Jacke hier.«

 

»Nein, ich will sie anbehalten!« sagte sie.

 

Instinktiv faßte ihre Hand an die Pistole, und sie legte ihren Daumen auf die Sicherung.

 

»Na gut, dann komm, wie du bist, es macht mir nichts aus.«

 

Er hielt sie fest an der Hand und ging neben ihr her, erstaunt und gut gelaunt, daß sie so wenig Widerstand leistete. Sie gingen in die Bibliothek und von da in den kleinen Salon, der dicht daneben lag. Er stieß die Tür auf und zeigte ihr die festlich geschmückte Tafel. Dann ließ er sie vor sich eintreten.

 

»Wein und Küsse«, rief er laut, als er den Korken einer Champagnerflasche an die Decke knallen ließ. »Wein und Küsse!« Er schwenkte das Glas so zu ihr hin, daß der Schaumwein an ihre Jacke spritzte und daran herunterfloß.

 

Sie schüttelte stumm den Kopf.

 

»Trink aus«, rief er, und sie berührte das Glas mit ihren Lippen.

 

Dann nahm er sie, bevor sie wußte, was vorging, in seine Arme, sein großes Gesicht preßte sich an ihre Wangen.

 

Sie versuchte der Umarmung zu entkommen, konnte aber nur den Mund abwenden und fühlte seine heißen Lippen auf ihrer Wange.

 

Plötzlich ließ er sie los, schwankte zur Tür und schloß sie ab. Er hatte aber den Schlüssel noch nicht losgelassen, als er ihre Stimme hörte:

 

»Wenn Sie nicht sofort aufschließen, werde ich Sie niederschießen!«

 

Belustigt und überrascht schaute er auf. Als er aber die Pistole in der Hand des Mädchens sah, hielt er seine zitternde Hand vor das Gesicht.

 

»Willst du wohl die Pistole nach unten richten, du dummes Mädchen«, schrie er. »Herunter damit! Du weißt gar nicht, was du tust! Das verfluchte Ding könnte doch durch einen Zufall losgehen!«

 

»Es wird nicht zufällig losgehen«, sagte sie. »öffnen Sie sofort die Tür.«

 

Er zögerte einen Augenblick. Ihr Daumen drückte die Sicherung herunter. Er hatte die Bewegung bemerkt.

 

»Schieß nicht, schieß nicht!« brüllte er laut und riß die Tür weit auf. »Warte, geh nicht hinaus. Bhag wird dich fassen! Komm zu mir, ich will –«

 

Sie lief den Gang entlang. In der Halle glitt sie auf einem Teppich aus, richtete sich aber sofort wieder auf. Mit zitternden Händen öffnete sie die Ketten und Riegel, dann stieß sie das Tor weit auf und war im Freien.

 

Sir Gregory folgte ihr. Der Schrecken über ihre plötzliche Flucht machte ihn nüchtern, und er wurde sich all der schlimmen Folgen bewußt, die die Sache haben konnte. Er eilte bestürzt in sein Arbeitszimmer und öffnete den Geldschrank, zog einen großen Stoß Banknoten heraus, nahm eine pelzgefütterte Jacke von einem Haken und schlüpfte hinein. Er zog sich eben starke Schuhe an, als er plötzlich an Bhag dachte. Er öffnete seinen Raum, aber der Affe war nicht da. Ein schrecklicher Gedanke kam ihm. Wenn Bhag das Mädchen erwischte! Ein Rest menschlichen Gefühls tauchte dumpf in seinem Gemüt auf. Zuerst mußte er wissen, wo Bhag war. Er ging in die Dunkelheit hinaus, um seinen schrecklichen Diener zu suchen. Er legte beide Hände an den Mund und stieß einen langen, klagenden Schrei aus. Diesem Ruf war Bhag bisher immer gefolgt. Er wartete, aber er hörte nichts. Wieder ließ er den melancholischen Ruf ertönen, aber wenn Bhag ihn gehört hatte, wurde er ihm zum erstenmal in seinem Leben untreu.

 

Kalter Angstschweiß trat auf Gregory Pennes Stirn. Und als er wartend stand, kam er wieder zu sich. Er mußte irgend etwas unternehmen. Er ging in sein Schlafzimmer, zog den Pyjama aus, und kurze Zeit darauf war er wieder in dem dunklen Garten, um den Affen zu suchen. Als er jetzt richtig angezogen war, fühlte er sich mutiger. Vorher hatte er noch ein großes Glas Whisky getrunken, um seinen Mut zu stärken.

 

Er klingelte nach dem Diener, der gleichzeitig Chauffeur war. »Bring das Auto zur hinteren Tür«, sagte er, »und zwar sofort. Sieh auch zu, daß das Tor offen ist. Es ist möglich, daß ich heute noch fort muß.«

 

Er zweifelte nicht daran, daß man ihn festnehmen würde. Weder sein Reichtum noch seine Stellung, noch sein Einfluß, den er im ganzen Land hatte, konnten ihn davor retten. Diese letzte Dummheit, die er begangen hatte, war denn doch zu stark.

 

Plötzlich erinnerte er sich, daß Stella Mendoza noch im Haus war, und rannte nach oben, um nach ihr zu sehen. Als sie in sein Gesicht schaute, war ihr klar, daß irgend etwas Außergewöhnliches vorgegangen war.

 

»Wo ist Helen?« fragte sie ihn heftig.

 

»Ich weiß es nicht«, sagte er. »Sie ist entflohen. Sie hatte eine Pistole. Bhag ist hinter ihr her. Mag der Himmel wissen, was noch geschieht, wenn er sie erwischt. Er wird sie in Stücke zerreißen. Was ist das?«

 

Man hörte von fern her einen Pistolenschuß, und zwar aus der Richtung hinter dem Haus.

 

»Wahrscheinlich Wilderer«, sagte Gregory unsicher. »Also, nun höre zu, ich gehe jetzt.«

 

»Wohin gehst du?« fragte sie.

 

»Das geht dich nichts an«, sagte er rauh. »Hier ist Geld.« Er nahm einige Banknoten und gab sie ihr.

 

»Was hast du gemacht?« fragte sie starr vor Schrecken.

 

»Ich habe gar nichts gemacht, sage ich dir«, fuhr er sie an. »Aber sie werden mich deswegen festsetzen. Ich gehe jetzt zu meiner Jacht. Du würdest auch besser tun, das Haus zu verlassen, bevor sie kommen!«

 

Sie nahm schnell Hut und Handschuhe. Plötzlich hörte sie, wie die Tür zufiel und sich der Schlüssel wieder umdrehte. Ohne es zu wollen, hatte er sie wieder eingeschlossen, und in seiner Aufregung achtete er nicht mehr auf ihr Klopfen.

 

Griff Towers stand auf einer Erhöhung, und man konnte von hier aus die Straße nach Chichester übersehen. Als er vor seinem Haus stand und immer noch hoffte, den Affen zu finden, sah er plötzlich zwei Lichter, die sich mit größer Geschwindigkeit näherten.

 

»Die Polizei«, stöhnte er und eilte Hals über Kopf durch den Küchengarten zur Hintertür.