Kapitel 34

 

34

 

»Ja, ich bin es«, sagte Mike bitter. »Es ist schon gut, Wachtmeister. Sie brauchen nicht zu warten. Jack, ich will mit Ihnen nach Hause gehen, um diese Maskerade loszuwerden.«

 

»Aber um Gottes willen«, stieß Jack atemlos hervor, indem er den Detektiv anstarrte. »Ich habe noch niemals jemand in einer so guten Verkleidung gesehen. Sonst lasse ich mich doch nicht so leicht täuschen.«

 

»Ich habe alle Leute hinters Licht geführt, mich selbst sogar«, sagte Mike wütend. »Ich bildete mir ein, daß ich ihn mit einem Brief in die Falle locken könnte. Statt dessen hat der Teufel mich geschnappt.« – »Womit denn?«

 

»Er hat mir eine konzentrierte Ammoniaklösung ins Gesicht gespritzt, vermute ich«, sagte Mike.

 

Nach zwanzig Minuten kam er aus dem Badezimmer wieder in seiner alten Gestalt zurück. Nur seine Augen waren schwer entzündet.

 

»Ich wollte ihn in die Falle locken, aber er war doch zu schlau.«

 

»Wissen Sie denn, wer es ist?«

 

Mike nickte.

 

»Ja, ich weiß es sehr genau. Ich habe eine besondere Polizeiabteilung hier, die nur wartet, ihn festzunehmen. Ich wollte kein großes Aufsehen erregen und vor allem kein Blutvergießen. Jetzt vermute ich, daß es nicht ohne Kampf abgehen wird.«

 

»Ich konnte den Wagen nicht erkennen, obwohl mir alle Autos hier in der Stadt bekannt sind«, sagte Jack.

 

»Es ist ein ganz neuer Wagen, den der Kopfjäger nur für seine nächtlichen Abenteuer benutzt. Wahrscheinlich stellt er ihn nicht in seiner eigenen Garage unter. – Eben haben Sie mich doch gefragt, ob ich etwas essen wollte. Da log ich und sagte, daß ich mit allem versehen sei. Geben Sie mir um Himmels willen etwas zu essen, ich bin hungriger als ein Wolf.«

 

Jack ging in die Speisekammer, brachte kaltes Fleisch, machte Kaffee und wartete schweigend, bis der ausgehungerte Detektiv gegessen hatte.

 

»Jetzt fühle ich mich wieder als Mensch«, sagte Mike. »Ich habe seit heute morgen um elf außer einigen Keksen nichts gegessen. Denken Sie sich, unsere Freundin Stella Mendoza befindet sich in Griff Towers, und ich glaube, daß ich sie erschreckt habe. Etwa vor einer Stunde habe ich dort herumspioniert, um sicher zu sein, daß mein Vogel auch im Netz sitzt. Als ich so herumschaute, sah ich sie. Sie hat furchtbar geschrien.«

 

Es klopfte laut an der Tür, und Jack Knebworth schaute auf.

 

»Wer kommt denn jetzt noch zu so später Stunde?« fragte er.

 

»Wahrscheinlich ein Polizist«, meinte Mike.

 

Knebworth öffnete die Tür, und draußen stand eine untersetzte, behäbige Frau in mittleren Jahren auf der Türschwelle und hielt eine Rolle Papier in der Hand.

 

»Sind Sie Mr. Knebworth?« fragte sie.

 

»Ja«, antwortete Jack.

 

»Ich bringe Ihnen das Manuskript, das Miss Leamington zu Hause ließ. Sie bat mich, es Ihnen zu geben.«

 

Knebworth nahm ihr die Rolle ab und streifte das Gummiband herunter, das sie zusammenhielt. Es war das Manuskript von Roselle.

 

»Warum bringen Sie das?« fragte er.

 

»Sie sagte mir, daß ich es zu Ihnen tragen sollte, wenn ich es finden würde«, entgegnete die Frau.

 

»Es ist schon gut«, sagte Jack arglos. »Ich danke schön.«

 

Er schloß die Tür hinter der Frau und ging in das Speisezimmer zurück.

 

»Helen hat ihr Manuskript gesandt, ich weiß nicht, was da los ist.«

 

»Wer brachte es denn?« fragte Mike interessiert.

 

»Soviel ich vermute, ihre Wirtin«, sagte Jack und beschrieb die Frau.

 

»Ja, das ist die Wirtin. Will Helen denn ihre Rolle nicht weiterspielen?«

 

»Es sieht fast so aus.« Jack schüttelte den Kopf.

 

Mike war erstaunt.

 

»Was soll das bedeuten? Was sagte denn die Frau?«

 

»Miss Leamington hätte sie gebeten, das Manuskript zu bringen, wenn sie es gefunden hätte.«

 

Im Augenblick war Mike aus dem Haus, lief so schnell er konnte und holte die Frau ein.

 

»Würden Sie so liebenswürdig sein, noch einmal mitzukommen?« fragte er und ging mit ihr zu Jacks Wohnung zurück.

 

»Bitte, sagen Sie doch Mr. Knebworth noch einmal, warum Miss Leamington das Manuskript gesandt hat und warum Sie es bringen sollten, wenn Sie es gefunden hätten.«

 

»Nämlich – das ist deshalb – als sie zu Ihnen ging«, begann die Frau.

 

»Zu mir ging?« rief Knebworth schnell.

 

»Ein Herr vom Atelier kam und sagte, daß Sie sie sofort sprechen wollten«, berichtete die Wirtin. »Miss Leamington wollte sich gerade zur Ruhe legen, aber ich habe ihr die Botschaft noch gebracht. Sie sagte mir schnell, daß Sie sie wegen der Aufnahmen morgen sehen wollten und daß Sie das Manuskript brauchten. Sie hatte es wohl verlegt und war sehr unruhig deshalb. Ich sagte ihr aber, daß sie schon gehen solle, da die Sache eilig war und versprach ihr, es nachzubringen. Schließlich bat sie mich, es so zu machen.«

 

»Was war denn das für ein Herr, der sie abholte?«

 

»Ein dicker Mann, wahrscheinlich ein Chauffeur. Er kam mir etwas angetrunken vor, aber ich wollte Miss Leamington nicht erschrecken und sagte ihr nichts davon.«

 

»Und was ereignete sich dann?« fragte Mike schnell.

 

»Sie ging auf die Straße und stieg in den Wagen ein. Der Chauffeur war schon auf seinem Sitz.«

 

»War es ein geschlossener Wagen?«

 

Die Frau nickte.

 

»Und sind sie dann abgefahren? Wann war das?«

 

»Es muß kurz nach halb elf gewesen sein, denn ich erinnere mich, daß ich die Kirchturmuhr schlagen hörte, kurz bevor das Auto abfuhr.

 

Mike überlief es eiskalt. Er konnte kaum sprechen.

 

»Es ist jetzt elf Uhr fünfundzwanzig. Es hat lange gedauert, bis Sie gekommen sind.«

 

»Ich habe lange nach dem Schriftstück gesucht. Schließlich habe ich es unter dem Kopfkissen von Miss Leamington gefunden. Ist sie nicht hier?«

 

»Nein, sie ist nicht hier«, sagte Mike ruhig. »Ich danke Ihnen sehr, ich will Sie nicht aufhalten. Würden Sie so liebenswürdig sein und bei der Polizeistation auf mich warten?«

 

Er eilte die Treppe hinauf und zog seinen Rock an.

 

»Wo glauben Sie denn, daß sie jetzt ist?«

 

»Sie ist in Griff Towers«, antwortete Mike schnell. »Und ob Gregory Penne in dieser Nacht am Leben bleibt oder nicht, das hängt davon ab, ob er Helen etwas zuleide getan hat!«

 

Auf der Polizeistation fand er die Wirtin. Die arme Frau war sehr verwirrt und erschrocken.

 

»Was trug Miss Leamington, als sie ausging?«

 

»Sie hatte ihr blaues Kostüm an«, jammerte die Frau. »Das schöne blaue Kostüm, das sie immer trägt.«

 

Eine Truppe von Scotland-Yard-Polizisten wartete auf der Station. Ein vollbesetzter Wagen fuhr von Chichester weg. Mike dauerte es viel zu lange. Er war in fieberhafter Ungeduld. Der Wagen fuhr ihm zu langsam, jede Sekunde war kostbar. Schließlich, nach einer endlosen Zeit, wie ihm schien, bog das Auto auf den Fahrweg nach Griff Towers ein. Mike hielt nicht an, um den Pförtner zu wecken, sondern stieß das Tor auf, indem er den Wagen dagegenfahren ließ.

 

Er brauchte nicht zu klingeln, die Tür stand sperrangelweit offen, und an der Spitze der Mannschaft eilte Mike Brixan durch die die leere Eingangshalle. Schnell lief er den Gang entlang und kam in Gregorys Bibliothek. Es brannte nur ein Licht dort, das den Raum schwach erhellte. Aber das Zimmer war leer. Mit schnellen Schritten war er am Schreibtisch und drehte den Hebel. Bhags Käfig öffnete sich, aber auch der Affe war nicht da.

 

Er drückte den Klingelknopf auf der Seite des Kamins, und gleich darauf kam der braune Diener, den er von früher her kannte, zitternd herein.

 

»Wo ist dein Herr?« fragte Mike auf holländisch.

 

Der Mann schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß es nicht«, antwortete er, aber schaute nach oben zur Decke.

 

»Zeige mir den Weg!«

 

Sie gingen zur Eingangshalle zurück, eilten die breite Treppe zum oberen Geschoß empor, kamen wieder durch einen langen Korridor, der voller Schwerter hing, genau wie der untere. Dann fänden sie eine offene Tür – es war der große Tanzsaal, in dem Gregory Penne den Abend verbracht hatte. Aber es war niemand zu sehen; und Mike ging wieder hinaus. Plötzlich hörte er ein heftiges Klopfen an einer der Türen des Ganges. Der Schlüssel steckte im Schloß. Er drehte ihn um, und die Tür flog weit auf. Stella Mendoza, bleich wie der Tod, wankte heraus.

 

»Wo ist Helen?« keuchte sie.

 

»Das wollte ich gerade Sie fragen!« sagte Mike streng. »Wo ist sie?«

 

Stella schüttelte hilflos den Kopf. Sie war nicht mehr fähig zu sprechen und sank ohnmächtig um.

 

Er wartete nicht, bis sie wieder zu sich gekommen war, sondern suchte weiter. Er eilte von Zimmer zu Zimmer, aber er fand weder eine Spur von Helen, noch von dem brutalen Gregory. Er durchsuchte die Bibliothek noch einmal und ging auch zu dem kleinen Salon. Dort war ein Tisch für zwei Personen gedeckt. Das Tischtuch war feucht von vergossenem Wein. Ein halbleeres Glas stand da – aber die beiden, für die die Tafel gedeckt war, konnte man nicht entdecken. Sie mußten durch die Haupttür verschwunden sein … Aber wohin?

 

Alle seine Muskeln waren angespannt, und seine Gedanken waren nur auf die eine Frage gerichtet, deren Beantwortung ihm im Augenblick wichtiger als sein Leben war. Plötzlich hörte er ein Geräusch, das aus Bhags Raum kam. Er drehte sich um, und in der Tür erschien der fürchterliche Affe selbst. Er blutete aus einer Schulterwunde. Das Blut tropfte herunter. In seinen großen Händen hatte er etwas, das wie ein Bündel Lumpen aussah. Als Mike näher hinschaute, schien sich der Raum vor seinen Augen zu drehen.

 

Das zerrissene, mit Blut beschmutzte Kleidungsstück, das Bhag hielt, war die blaue Jacke Helen Leamingtons!

 

Einen Augenblick starrte Bhag den Mann an, den er als seinen Feind erkannte. Er ließ die Jacke fallen und eilte zähnefletschend in sein Quartier zurück. Dreimal hörte man den scharfen Knall von Mikes Browning, Und Bhag verschwand plötzlich. Die Tür seines Raumes schloß sich geräuschvoll.

 

Knebworth hatte die Szene mit angesehen. Er lief hinzu und hob die Jacke auf, die der Affe hatte fallen lassen.

 

»Das ist ihre Jacke«, sagte er heiser, und ein schrecklicher Gedanke ließ ihn erschauern.

 

Mike hatte die Tür zu dem Käfig geöffnet. Mit der Pistole in der Hand eilte er durch die Öffnung. Knebworth wagte nicht zu folgen. Er stand wie zu Stein erstarrt und wartete, bis Mike wieder erschien.

 

»Es ist nichts drinnen«, sagte er.

 

»Nichts?« fragte Knebworth flüsternd. »Gott sein Dank!«

 

»Bhag ist fort, ich denke, daß ich getroffen habe. Hier ist eine Blutspur, aber es ist möglich, daß sie nicht von meinem Schuß herrührt. Er muß kürzlich verwundet worden sein«, dabei zeigte er auf Blutspuren auf dem Fußboden. »Als ich ihn das letztemal sah, hatte er diese Wunde noch nicht.«

 

»Haben Sie ihn denn schon vor heute abend gesehen?«

 

Mike nickte. Wo mochte Helen sein? Das war die wichtigste Frage, und dieser Gedanke ließ alles andere für Mike Brixan in den Hintergrund treten. Und wo war der Baron? Warum hatten sie die Haustür offen gefunden? Keiner der Dienstboten konnte ihm darüber Auskunft geben, und er fühlte, daß sie die Wahrheit sprachen. Nur Penne und das Mädchen und der große Affe wußten darum Bescheid, wenn nicht –

 

Er eilte nach oben, wo er einen Detektiv bei Stella Mendoza zurückgelassen hatte, um die Bewußtlose wieder zu sich zu bringen.

 

»Sie ist von einer Ohnmacht in die andere gefallen«, berichtete der Beamte. »Sie sagte nur einmal: ›Schieß ihn nieder, Helen!‹«

 

»Dann muß sie sie doch gesehen haben!« stieß Mike hervor.

 

Einer der Polizisten, der draußen geblieben war, um das Gebäude zu bewachen, kam mit einer Meldung. Er hatte gesehen, wie eine dunkle Gestalt die Wand hinaufkletterte und durch eine Öffnung in der Mauer verschwand. Einige Minuten später war sie wieder erschienen.

 

»Das war Bhag«, bemerkte Mike. »Ich wußte, daß er nicht hier war, als wir ankamen. Er muß durch das Loch in der Mauer hereingekommen sein, während wir oben waren.«

 

Der Wagen, der Helen hierhergebracht hatte, wurde aufgefunden. Er gehörte Stella. Zuerst vermutete Mike, daß sie bei der Entführung ihre Hand im Spiel hatte. Er erfuhr aber später, daß ihr Chauffeur tatsächlich in der Küche gefangengehalten wurde, und Penne selbst bei Helen vorgefahren war. Er konnte sich durch eigenen Augenschein davon überzeugen, daß der Wagen Stella gehörte. Nun wurde ihm auch klar, warum Helen, ohne Verdacht zu schöpfen, eingestiegen und mitgefahren war.

 

Mike war nahe daran, wahnsinnig zu werden. Die Gefangennahme des Kopfjägers war ihm vollständig unwichtig geworden. Er dachte nur noch daran, wie er Helen retten könne.

 

»Wenn ich sie nicht finden kann, werde ich verrückt«, rief er.

 

Jack Knebworth wollte etwas erwidern, als eine plötzliche Unterbrechung eintrat. Ein furchtbarer Schrei gellte durch die Nacht, der allen durch Mark und Bein ging.

 

»Hilfe! Hilfe!«

 

Der Ruf klang schauerlich. Mike erkannte die Stimme eines Mannes – und dieser Mann war Gregory Penne.

 

Kapitel 25

 

25

 

Das Leben setzt sich hauptsächlich aus Kleinigkeiten zusammen. Aber die Dinge von einer höheren Warte aus zu betrachten, ist der Jugend gewöhnlich nicht gegeben. Es hatte Helen Leamington große Überwindung gekostet, einen Herrn zum Tee zu bitten, aber nachdem sie es nun einmal getan hatte, erwartete sie ihn ungeduldig.

 

Sie besuchte Jack Knebworth in seinem Büro, während Mike gerade im Auto nach London raste.

 

»Sicher, meine Liebe, Sie können diesen Nachmittag freinehmen. Ich weiß nicht mehr genau, was wir eigentlich vorhatten.«

 

Er nahm das Programm mit der Zeittafel, aber sie konnte ihm den nötigen Aufschluß geben.

 

»Sie wollten im Atelier einige Porträtaufnahmen von mir machen lassen«, sagte sie.

 

»Das hat Zeit, das kann auch an einem anderen Tag geschehen. Nun, haben Sie Zutrauen, daß der Film gut wird?« fragte der Direktor.

 

»Ich? Nein, leider nicht viel, Mr. Knebworth. Ich bin sehr unruhig darüber. Es ist doch ziemlich unmöglich, daß ich gleich von Anfang an alles richtig mache. Man träumt wohl von Erfolg, aber im Traum ist es leicht, Hindernisse und Gefahren zu überwinden und über Schwierigkeiten hinwegzukommen. Jedesmal, wenn Sie ›Aufnahme!‹ rufen, erschrecke ich und habe ein schlechtes Gewissen. Immer denke ich, du bewegst deine Hände ungeschickt, du wirfst deinen Kopf zu schnell herum.«

 

»Aber das dauerte doch nicht lange?« fragte er so eindringlich, daß sie lächeln mußte.

 

»Nein, in dem Moment, in dem ich die Kamera surren höre, fühle ich, daß ich die bin, die ich darstellen soll.«

 

Er klopfte ihr auf die Schulter.

 

»Das ist auch das, was Sie fühlen müssen.« Dann fuhr er fort: »Haben Sie nichts von der Mendoza gesehen? Hat sie Sie belästigt, oder ist Foß bei Ihnen gewesen?«

 

»Ich habe Miss Mendoza seit zwei Tagen nicht gesehen, aber Mr. Foß sah ich noch gestern abend.«

 

Sie erklärte ihm die näheren Umstände nicht, und Jack Knebworth fragte auch nicht weiter nach. Und so erfuhr er nichts von allem, was Helen gestern abend erlebt hatte. Als sie gestern die Hauptstraße entlanggegangen war, sah sie Lawley Foß an der Ecke der Arundel Road neben einem geschlossenen Auto stehen. Er unterhielt sich mit jemandem, der in dem Wagen saß. Später beobachtete sie, wie ihm eine weiße Hand, die wie eine Frauenhand aussah, einen Gruß zuwinkte. Deutlich erkannte sie an dem kleinen Finger der Hand einen großen Diamant. Die Person selbst aber hatte sie nicht gesehen.

 

Als Helen nach Hause ging, machte sie bei dem Konditor und dem Blumenhändler halt. Sie kaufte Blumen und Kuchen, um damit den Tisch im Salon der Mrs. Watson zu richten. Erstaunt fragte sie sich, welche Anziehung sie wohl auf diesen weltgewandten Mann ausüben könne. Sie neigte stark zur Selbstkritik und kam sich durch ihre Selbstverkleinerung wie ein etwas farblos junges Mädchen ohne besonderen Charakter vor. Daß sie schön war, wußte sie. Aber Schönheit allein lockt nur oberflächliche Leute an. Wertvolle Menschen verlangen etwas mehr als das. Mike Brixan wollte sicher nicht mit ihr tändeln, er wollte sie wahrscheinlich als Freundin gewinnen.

 

Der Zeiger der Uhr rückte auf halb fünf, und sie wartete. Um Viertel vor fünf lief sie zur Tür und schaute die Straße entlang. Als es aber fünf Uhr schlug, wurde sie ärgerlich und setzte sich mit philosophischer Ruhe über ihre Einladung hinweg. Sie trank ihren Tee allein, und als sie fertig war, ließ sie abräumen.

 

Mike hatte es vergessen!

 

Sie erfand Entschuldigungen für ihn, verwarf sie und suchte doch wieder nach neuen. Erst war sie beleidigt, dann faßte sie die Sache von der humoristischen Seite auf, fühlte sich aber doch verletzt. Schließlich ging sie auf ihr Zimmer, drehte das Licht an, zog ihr Manuskript aus der Tasche und versuchte, die Szenen durchzuarbeiten, die am nächsten Tag gedreht werden sollten. Aber alles lenkte sie von ihrer Arbeit ab. Sie mußte viel an Mike denken, dann an das geschlossene Auto und an Lawley Foß. Sie sah die weiße Hand mit dem Diamantring vor sich, die zum Abschied winkte, als der Wagen davonfuhr. Merkwürdigerweise kam sie in ihren Gedanken immer wieder auf das geschlossene Auto zurück …

 

Schließlich legte sie das Manuskript hin und stand auf. Sie schaute unschlüssig zu ihrem Bett hinüber. Es war erst neun, und sie fühlte sich noch nicht müde. Chichester bot wenig Zerstreuungen zur Abendzeit. Es gab zwei Kinos, aber sie war jetzt nicht in Stimmung, sich einen Film anzusehen. Sie setzte aber doch ihren Hut auf und ging nach unten. Als sie an der Küche vorbeikam, sagte sie zu ihrer Wirtin:

 

»Ich gehe jetzt noch eine Viertelstunde spazieren.«

 

Das Haus, in dem sie wohnte, lag in einer kleinen Villenstraße, die nicht sehr hell erleuchtet war. Es gab manche dunkle Stellen, zu denen das Licht der Laternen nur spärlich drang. An einem solchen Ort wartete ein Auto. Sie sah schwache Umrisse, bevor sie es richtig erkennen konnte und wunderte sich, daß das Schlußlicht nicht brannte. Als sie näher kam, erkannte sie denselben Wagen, den sie in der vorigen Nacht gesehen, und mit dessen Insassen Foß gesprochen hatte.

 

Ins Wageninnere konnte sie nicht sehen. Die Vorhänge waren an der Straßenseite heruntergezogen. Sie glaubte schon, der Wagen sei leer, aber plötzlich hörte sie eine Stimme flüstern:

 

»Fräulein – kommen Sie mit mir …?« Wieder kam die weiße Hand durch den Spalt des halbgeschlossenen Fensters, und ein großer Diamant blitzte auf. In einer Anwandlung von unerklärlicher Furcht eilte sie weiter.

 

Sie hörte, wie der Motor ansprang. Der Wagen folgte ihr. Sie lief, so schnell sie konnte. An der Ecke der Straße sah sie einen Mann stehen. Es war ein Polizist, und sie lief zu ihm hin.

 

»Was ist Ihnen denn passiert, mein Fräulein?«

 

Als sie sprach, fuhr der Wagen an ihr vorbei, bog um die Ecke und kam außer Sicht.

 

»Ein Mann aus jenem Wagen hat mich angesprochen«, sagte sie atemlos.

 

Der Polizist schaute dem Wagen nach. Vergebens. Er war fort.

 

»Er hatte keine Schlußlichter«, sagte er dann verdutzt. »Ich hätte sonst seine Nummer feststellen können. Hat er Sie belästigt?«

 

Sie schüttelte den Kopf, da sie sich ihrer Furcht schämte.

 

»Ich bin etwas nervös«, lächelte sie, »ich werde wieder nach Hause gehen.«

 

Sie machte kehrt und eilte zu ihrer Wohnung.

 

Wenn man Diva war, hatte man eben auch Unannehmlichkeiten – selbst bei der bescheidenen Filmgesellschaft von Jack Knebworth. Man wurde nervös dabei.

 

Sie schlief ein und träumte, daß der Mann in dem Auto Mike Brixan war und sie einlud, zu ihm zu kommen, um mit ihm Tee zu trinken.

 

Es war schon nach Mitternacht, als Mike Jack Knebworth anläutete und ihm die letzte Neuigkeit durchgab.

 

»Foß?« rief er entsetzt. »Sie meinen das doch nicht etwa wirklich, Brixan? Soll ich zu Ihnen kommen?«

 

»Ich werde Sie aufsuchen«, sagte Mike. »Ich muß noch verschiedenes von Ihnen über Foß erfahren, und es wird weniger Aufsehen erregen, als wenn Sie mich hier im Hotel besuchen.«

 

Jack Knebworth hatte ein Haus in der Arundel Road gemietet und wartete am Gartentor, um seinen Besucher einzulassen.

 

Mike erzählte ihm von der Entdeckung des Kopfes, und er glaubte Jack Knebworth so weit einweihen zu dürfen, daß er ihm über seinen Besuch bei Sir Gregory Penne ausführlich berichtete.

 

»Das übersteigt doch alles«, sagte Jack mit heiserer Stimme. »Der arme Foß! Glauben Sie, daß Penne es getan hat? Ich könnte mir nicht denken, warum. Man schneidet doch nicht jemandem den Kopf ab, der nur Geld leihen will.«

 

»Meine Ansicht hat sich etwas gewandelt«, sagte Mike. »Sie erinnern sich doch noch an das Blatt, das ich in dem Manuskript von Miss Leamington fand. Ich deutete Ihnen damals an, daß es vom Kopfjäger geschrieben sein müßte.«

 

Jack nickte.

 

»Ich bin dessen jetzt ganz sicher«, fuhr Mike fort, »besonders seitdem ich in Ihrem Büro gesehen habe, daß die Eintragung des betreffenden Manuskriptes vernichtet wurde. Foß wußte genau, wer der Autor war, und ich nehme sicher an, daß er den verzweifelten Entschluß faßte, den Schreiber zu denunzieren. Wenn das der Fall ist, und Sir Gregory war der Verfasser des Manuskripts – aber in diesem Punkt bin ich noch sehr unsicher –, dann ist es ja ganz klar, warum er aus dem Wege geräumt werden mußte. Eine Person könnte uns helfen, und das ist –«

 

»Stella Mendoza«, sagte Jack, und die Blicke der beiden Männer trafen sich verständnisvoll.

 

Kapitel 26

 

26

 

Jack sah nach seiner Uhr.

 

»Ich vermute, daß sie schon zu Bett gegangen ist, aber es käme auf einen Versuch an. Würden Sie sie gern noch sprechen?«

 

Mike zögerte. Stella Mendoza war eine Freundin Gregory Pennes, und er war nicht geneigt, sich ohne weiteres zu der Ansicht zu bekennen, den Baron für den Mörder zu halten.

 

»Ja, ich glaube, es ist gut, wenn wir sie noch aufsuchen. Nach allem, was vorgefallen ist, weiß Penne doch, daß er verdächtigt wird.«

 

Jack Knebworth wartete zehn Minuten lang am Apparat, bevor eine Antwort vom Hause Stellas kam.

 

»Knebworth ist am Apparat, Miss Mendoza«, sagte er. »Ist es möglich, Sie heute abend noch zu sehen? Mr. Brixan möchte Sie sprechen.«

 

»Zu dieser Zeit?« sagte sie schläfrig und erstaunt. »Ich war schon zu Bett. Kann es nicht morgen sein?«

 

»Nein, er muß Sie unbedingt heute abend noch sehen. Ich will mitkommen, wenn Sie nichts dagegen haben.«

 

»Was ist denn los?« fragte sie schnell. »Handelt es sich um – Gregory?«

 

Jack sprach leise mit Mike, der neben ihm stand. Dieser nickte.

 

»Ja, es handelt sich um Gregory.«

 

»Wollen Sie dann, bitte, kommen. Ich werde mich sofort anziehen.«

 

Als sie ankamen, hatte sich Stella angekleidet. Sie war zu neugierig geworden, als daß sie sich noch über die späte Stunde beschwert hätte.

 

»Worum handelt es sich?«

 

»Mr. Foß ist tot.«

 

»Tot?« Sie sah Mike entsetzt an. »Wie kam das? Ich habe ihn gestern noch gesehen.«

 

»Er ist ermordet worden«, sagte Mike ruhig. »Sein Kopf wurde in der Nähe von Chobham Common gefunden.«

 

Sie wäre umgesunken, wenn nicht Mikes Arm sie gehalten hätte. Es dauerte einige Zeit, bevor sie sich so weit erholt hatte, daß sie die Fragen, die er ihr stellte, beantworten konnte.

 

»Nein, ich habe Mr. Foß nur ein paar Sekunden lang gesehen, bevor er Griff Towers verließ. Nachher nicht wieder.«

 

»Sagte er, daß er später wiederkommen wollte?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sagte Sir Gregory zu Ihnen, daß Foß wiederkommen würde?«

 

»Nein, er erklärte, daß er froh wäre, ihn endlich los zu sein. Auch erwähnte er, daß er ihm fünfzig Pfund bis zur nächsten Woche geliehen habe. Das ist so richtig Gregorys Art. Er wird immer Dinge weitererzählen, selbst wenn ihn die Leute gebeten haben, sie für sich zu behalten. Er ist sehr stolz auf seinen Reichtum und prahlt gern damit, daß er anderen Leuten hilft.«

 

»Hatten Sie sich nicht heute mit ihm zum Essen verabredet?« fragte Mike und beobachtete sie scharf.

 

Sie biß sich auf die Lippe.

 

»Sie haben wohl unsere Unterhaltung gehört, als ich fortging? Nein, ich wollte nicht zum Essen zu ihm kommen. Das war nur eine List, um einen eventuellen Lauscher zu täuschen, der draußen umherschlich. Wir wußten, daß jemand an diesem Abend im Haus war. Waren Sie das?«

 

Mike nickte.

 

»So – dann bin ich beruhigt.« Sie seufzte tief auf. »Die paar Minuten in dem dunklen Raum waren fürchterlich für mich. Ich dachte, es wäre …« Sie zögerte.

 

»Bhag!« ergänzte Mike, und sie nickte.

 

»Ja. Sie vermuten doch nicht, daß Gregory Mr. Foß getötet hat?«

 

»Ich habe im allgemeinen jeden und keinen im Verdacht«, sagte Mike. »Haben Sie Bhag gesehen?«

 

»Nein, gestern abend nicht, früher natürlich. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich nur an ihn denke. Ich habe noch kein Tier gesehen, das soviel menschlichen Verstand hat. Manchmal, wenn Gregory ein wenig zuviel getrunken hatte, holte er den Affen heraus und ließ ihn allerhand Kunststücke machen. Wissen Sie, daß Bhag alle Schwertgriffe der Malaien ausführen kann? Gregory hat ihm das Fechten beigebracht. Er hatte ein hölzernes Schwert, das extra für ihn angefertigt war. Es hat mich immer erschreckt, wenn ich sah, daß er mit seinem Säbel hantierte.«

 

Mike sah sie mit großen Augen an.

 

»Also konnte Bhag wirklich fechten? Penne erzählte mir das, aber ich dachte, daß er übertrieben hätte.«

 

»Sicher konnte er das, Gregory hat ihm noch viel mehr beigebracht.«

 

»Wie stehen Sie zu Penne?« fragte Mike leichthin.

 

Sie wurde rot.

 

»Er war mein Freund«, sagte sie verlegen. »Ein sehr guter Freund – in finanziellen Dingen, meine ich. Früher hatte er mich einmal sehr gern. Wir waren – sehr gute Freunde.«

 

Mike nickte. »Ist das noch so?«

 

»Nein«, antwortete sie kurz. »Ich habe mit Gregory Schluß gemacht und will Chichester morgen verlassen. Ein Agent ist beauftragt, mein Haus zu vermieten. – Der arme Mr. Foß«, sagte sie, und Tränen standen in ihren Augen. »Der arme Mensch! Gregory hat das nicht getan, Mr. Brixan, darauf kann ich schwören. Vieles, was von Gregory erzählt wird, ist nicht wahr. Er ist ein Feigling, und obgleich er schon viel gefährliche Dinge ausführte, hat er doch immer Leute, die die schmutzige Arbeit für ihn tun.«

 

»Was verstehen Sie unter gefährlichen Dingen?«

 

Sie zögerte. Aber er wurde dringlicher.

 

»Er hat mir erzählt, daß er öfter in den Dschungel gezogen ist und Dörfer überfallen hat, um hübsche Mädchen zu rauben. Es soll einen Stamm geben, der besonders hübsche Frauen hat. Vielleicht hat er mir das auch alles nur vorgelogen, aber ich glaube doch, daß er in diesem Punkt die Wahrheit sprach. Er sagte mir, daß er gerade vor einem Jahr, als er in Borneo war, ein Mädchen von einem wilden Stamm im Inneren des Landes gestohlen habe. Kein Europäer würde von dort allein lebendig zurückkommen.«

 

»Machten diese Geständnisse denn gar keinen Eindruck auf Sie?« fragte Mike und sah sie scharf an.

 

Sie zuckte die Schultern.

 

»Das war so seine Art«, war alles, was sie antwortete, und hieraus konnte Mike die weitesten Schlüsse ziehen, daß er ihr »guter Freund« war.

 

Sie gingen zu Jack Knebworths Haus zurück.

 

»Die Geschichte, die Penne berichtet; scheint mit dem vollkommen übereinzustimmen, was die Mendoza sagt. Es besteht jetzt kein Zweifel mehr, daß die Frau in dem obersten Turmzimmer das Mädchen war, das er gestohlen hat. Ebenso sicher ist, daß der braune Mann ihr Gatte war. Wenn sie von Griff Towers entkommen sind, wird es keine großen Schwierigkeiten machen, sie aufzufinden. Ich werde noch diese Nacht alle Polizeistationen im Umkreis von fünfundzwanzig Kilometer darüber informieren, und morgen früh werden wir wohl Nachricht bekommen.«

 

»Es ist ja schon Morgen«, sagte Jack, als er nach Osten sah, wo der Himmel bereits heller wurde. »Kommen Sie doch noch zu mir. Ich werde Kaffee machen. Die Nachricht von Foß‘ Tod hat mich sehr erregt. Ich hatte mir für heute eigentlich viel vorgenommen, aber vermutlich müssen wir die Arbeit um einen Tag verschieben. Die Schauspieler und die anderen Angestellten der Gesellschaft werden durch diese Nachricht auch nicht bei der Sache sein. Alle kennen Foß, obgleich er nicht sehr beliebt bei ihnen war. Es fehlt nur noch, daß Helen nervös wird – um das Unglück voll zu machen. Aber eben kommt mir ein Gedanke, Brixan, warum ziehen Sie nicht ganz zu mir? Ich bin Junggeselle, Sie haben einen Telefonanschluß und sind hier vollkommen unbeobachtet und können viel ungestörter arbeiten als im Hotel.

 

Der Vorschlag gefiel dem Detektiv, und er schlief schon diese Nacht in Jack Knebworths Haus. Zuvor hatte er aber noch ein eingehendes Telefongespräch mit Scotland Yard.

 

In der Frühe des nächsten Morgens war er bereits wieder in Griff Towers, und bei Tageslicht konnte er seine Untersuchungen genau durchführen. Aber es kam nichts Besonderes mehr zum Vorschein. Er befand sich in einer eigentümlichen Lage. Scotland Yard hatte besonders betont, daß Gregory Penne aus einer guten Familie stamme. Er war reich und angesehen, bekleidete das Ehrenamt eines Friedensrichters, und da seine Extravaganzen bisher nicht gegen das Gesetz verstoßen hatten, »können Sie einen Mann nicht henken, weil er ein Sonderling ist«, hatte ihm der Chefinspektor am Telefon gesagt.

 

Die Tatsache, daß Bhag ebenso wie der braune Mann mit seiner Frau verschwunden war, erregte Mikes Verdacht.

 

»Er ist die ganze Nacht nicht zurückgekommen«, sagte Sir Gregory. »Ich habe nichts von ihm gesehen. Es ist nicht das erstemal, daß er auf eigene Faust längere Zeit fortbleibt. Er findet dann einen Unterschlupf, wo man es nicht vermuten sollte. Auch jetzt hat er sich sicher irgendwo versteckt. Aber das macht nichts, er kommt bestimmt wieder.«

 

Als Mike durch Chichester fuhr, sah er jemanden und bremste seinen Wagen mit aller Gewalt. Es war ein Wunder, daß seine Reifen nicht platzten. Im Nu war er aus dem Wagen gesprungen und stand vor Helen.

 

»Es kommt mir vor, als ob ich Sie zehntausend Jahre nicht gesehen hätte«, sagte er scherzend. Zu jeder anderen Zeit hätte seine Bemerkung Helen zum Lächeln gebracht.

 

»Ich fürchte, Sie müssen mich entschuldigen, ich habe keine Zeit. Ich bin auf dem Weg zum Atelier«, sagte sie ein wenig kühl. »Ich versprach Mr. Knebworth, daß ich heute morgen frühzeitig kommen würde. Gestern nachmittag bat ich ihn, mir freizugeben.«

 

»Hat er das getan?« fragte Mike unschuldig.

 

»Ich hatte jemanden zum Tee eingeladen.«

 

Plötzlich erinnerte sich Mike und war wie vom Blitz erschlagen.

 

»Ist das möglich!« sagte er betroffen. »Ich bin wirklich ein unmöglicher Mensch!«

 

Sie wollte weitergehen, aber er hielt sie zurück.

 

»Ich wollte Sie wirklich nicht kränken oder verletzen, Helen«, sagte er leise. »Es hat sich eine neue Tragödie abgespielt, die Ihnen meine Vergeßlichkeit erklären wird!«

 

Sie stand still und schaute ihn an.

 

»Eine neue Tragödie?«

 

»Mr. Foß ist ermordet worden«, sagte er.

 

Sie wurde leichenblaß.

 

»Wann?« Ihre Stimme war ruhig, aber tonlos.

 

»In der letzten Nacht.«

 

»Es war nach neun!« sagte sie.

 

Er zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe.

 

»Wie kommen Sie darauf?«

 

»Weil ich um neun Uhr« – sie sprach langsam – »die Hand des Mannes sah, der ihn ermordete!«

 

»Am vorletzten Abend«, fuhr sie fort, »ging ich aus, um etwas Wolle zu kaufen, die ich brauchte. Es war kurz bevor die Läden geschlossen wurden … In der Stadt traf ich Mr. Foß und sprach mit ihm. Er war sehr nervös und unruhig. Er machte mir wieder denselben Vorschlag wie damals, als er mich besuchte. Sein Benehmen war so sonderbar, daß ich ihn fragte, ob ihn etwas bedrücke. Er sagte nein, aber er hätte eine Ahnung, daß sich etwas Furchtbares ereignen würde. Er fragte mich, ob ich schon länger in Chichester lebte und etwas über die Höhlen wüßte.«

 

»Die Höhlen?« fragte Mike schnell.

 

Sie nickte.

 

»Ich war sehr überrascht, ich hatte noch nie davon gehört. Er erzählte mir, daß sie in einer alten Chronik von Chichester erwähnt seien. Er hatte in den Führern nachgeschlagen, ohne irgend etwas darüber zu finden. Anscheinend gab es zu dieser oder einer anderen Zeit in der Nähe von Chellerton Höhlen, aber durch eine schwere Erdsenkung wurden sie verschüttet. Er war so verstört und sprach so abgerissen, daß ich annehmen mußte, er sei betrunken. Ich war froh, als ich mich verabschieden konnte. Ich ging zu meinem Geschäft und traf dort eine Statistin, die ich kannte. Sie fragte mich, ob ich mit ihr nach Hause gehen wollte. Ich hatte gar keine Lust dazu, konnte es aber nicht gut ablehnen, und so begleitete ich sie eben. Sobald ich konnte, machte ich mich los und ging geradewegs nach Hause.

 

Es war neun Uhr geworden, und die Straßen waren schon leer. Die Beleuchtung in Chichester ist nicht besonders gut. Aber ich konnte doch Mr. Foß erkennen. Er stand an der Ecke der Arundel Road und wartete auf jemanden. Ich hielt an, weil mir nichts daran lag, ihm noch einmal zu begegnen. Aber gerade, als ich mich umdrehen wollte, fuhr ein Auto in die Straße und hielt bei Mr. Foß.«

 

»Was war es für ein Wagen?« fragte Mike.

 

»Es war eine Limousine … Als sie um die Ecke bog, gingen ihre Scheinwerfer aus, was mich sehr überraschte. Mr. Foß wartete wohl nur darauf, denn er ging hinüber, lehnte sich zum Fenster und sprach mit jemandem in dem Wagen. Ich weiß nicht, warum – aber ich wurde plötzlich neugierig und wollte sehen, wer in dem Wagen saß und ging darauf zu. Ich war bloß noch vier oder fünf Schritte entfernt, als Mr. Foß zurücktrat und das Auto anfuhr. Der Fahrer streckte seine Hand aus dem Fenster, als ob er zum Abschied winken wollte, und als der Wagen an mir vorbeifuhr, winkte er noch. Das Innere war ganz dunkel.«

 

»War etwas Besonderes an der Hand?«

 

»Nein. Sie war nur etwas klein und frauenhaft weiß. An dem kleinen Finger saß ein großer Diamantring. Sein Feuer war außergewöhnlich schön, und ich wunderte mich, daß ein Mann solchen Schmuck trug. Sie mögen denken, daß ich einfältig bin, aber der Anblick dieser Hand jagte mir ein schreckliches Angstgefühl ein – ich weiß jetzt noch nicht, warum. Es war etwas Unnatürliches und Sonderbares an ihr. Als ich mich umblickte, entfernte sich Mr. Foß schnell in der anderen Richtung, und ich machte keinen Versuch, ihn einzuholen.«

 

»Sie sahen keine Nummer an dem Wagen?«

 

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich war nicht so neugierig.«

 

»Sie sahen auch die Silhouette des Mannes im Wagen nicht?«

 

»Nein, ich sah nichts. Sein Arm war erhoben.«

 

»Wie groß war der Diamant Ihrer Meinung nach?«

 

Sie zog die Lippen gedankenvoll zusammen.

 

»Er kam so schnell an mir vorüber, daß ich Ihnen nichts Genaues darüber sagen kann, Mr. Brixan. Es mag sein, daß ich mich irre, aber ich glaube, daß er ungefähr so groß wie meine Fingerspitze war. Ich konnte keinerlei Einzelheiten erkennen, obwohl ich den Wagen vorige Nacht wieder sah.«

 

Sie erzählte ihm nun, was sich in der letzten Nacht ereignet hatte, und er hörte gespannt zu.

 

»Der Mann sprach zu Ihnen – haben Sie seine Stimme erkannt?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, er flüsterte nur. Ich sah sein Gesicht nicht, aber ich glaube, daß er eine Mütze trug. Der Polizist sagte, daß er die Nummer des Wagens hätte aufschreiben wollen.«

 

»So, sagte er das?« bemerkte Mike sarkastisch. »Nun gut, dann hat wenigstens er eine Hoffnung.«

 

Eine Minute schwieg er in Gedanken, dann sagte er: »Ich möchte Sie zum Atelier begleiten, wenn Sie nichts dagegen haben.«

 

Er ließ sie in ihr Ankleidezimmer gehen, wo sie erfuhr, daß heute nicht gearbeitet wurde. Er selbst suchte Jack auf.

 

»Sie kennen doch alle Leute in dieser Gegend«, sagte er. »Ist Ihnen jemand bekannt, der eine große Limousine fährt und einen Diamantring am kleinen Finger der rechten Hand trägt?«

 

»Die einzige, die diese Schwäche hatte, war Stella Mendoza.«

 

Mike pfiff.

 

»An die hätte ich niemals gedacht«, murmelte er. »Und Helen beschrieb die Hand als klein und frauenhaft.«

 

»Die Hand der Mendoza ist nicht klein, aber sie könnte bei einem Mann natürlich so aussehen«, sagte Jack nachdenklich. »Und ihr Wagen ist keine Limousine. Aber das bedeutet ja nichts … Ich habe gerade Anweisung gegeben, daß heute gearbeitet werden soll. Wenn wir die Leute herumstehen lassen, kommen sie ganz außer Fassung.«

 

»Das dachte ich auch, ich wagte nur nicht, diesen Vorschlag zu machen«, sagte Mike lächelnd.

 

Ein Telegramm rief Mike am Mittag nach London, wo er eine Konferenz mit den obersten Fünf von Scotland Yard hatte. Das Resultat der zweistündigen Unterredung war der Beschluß, daß Sir Gregory Penne in Freiheit bleiben, aber beobachtet werden sollte.

 

»Wir glauben die Geschichte mit dem Mädchen von Borneo«, sagte der Chef ruhig. »Und alle Tatsachen stimmen zusammen. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß Penne der Verbrecher ist. Aber wir müssen sehr vorsichtig vorgehen. In Ihrem Ministerium, Captain Brixan, können Sie sicher einiges riskieren. Aber die Polizei in diesem Land darf wegen Mordes keine Verhaftung vornehmen, wenn sie nicht ganz gewiß ist, daß eine Verurteilung folgen kann. Es mag etwas an Ihrer Theorie sein, und ich bin der letzte, der sie herabsetzen will, aber Sie müssen erst noch Paralleluntersuchungen anstellen.«

 

Mike fuhr am selben Tag nach Sussex. Er befand sich ungefähr vier Kilometer nördlich Chichester und war in größter Eile, als er eine Gestalt gewahrte, die mit ausgebreiteten Armen in der Mitte der Straße stand. Er fuhr langsamer. Es war Mr. Sampson Longvale, wie er zu seiner Verwunderung sah. Fast bevor der Wagen anhielt, sprang Mr. Longvale mit außerordentlicher Geschicklichkeit auf das Trittbrett.

 

»Ich habe die letzten zwei Stunden auf Sie gewartet, Mr. Brixan«, sagte er. »Haben Sie etwas dagegen, daß ich mich zu Ihnen setze?«

 

»Kommen Sie herein!« sagte Mike freundlich.

 

»Sie sind auf dem Weg nach Chichester, ich weiß. Wollen Sie bitte nach Dower House kommen? Ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen.«

 

Der Platz, an dem er den Wagen gestoppt hatte, lag gerade dem Ende der Straße gegenüber, die nach Dower House und zu der Besitzung Mr. Gregorys führte. Der alte Herr erzählte ihm, daß er von Chichester zurückgegangen sei und auf seinen Wagen gewartet habe.

 

»Ich erfuhr jetzt erst, Mr. Brixan, daß Sie Staatsbeamter sind«, sagte er mit einem würdevollen Kopfnicken. »Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, wie hoch ich einen Menschen schätze, der der Sache der Gerechtigkeit dient.«

 

»Mr. Knebworth verriet Ihnen das wohl?« fragte Mike lächelnd.

 

»Ja, er sagte es mir«, stimmte Longvale bei. »Ich ging zu ihm, um Sie zu suchen, da ich das Gefühl hatte, daß Sie eine gewichtige Stellung im Leben einnehmen. Ich gestehe, daß ich zuerst annahm, Sie wären einer jener eitlen jungen Leute, die weiter nichts zu tun haben, als sich zu amüsieren. Ich habe mich sehr gefreut, zu erfahren, daß das ein Irrtum war. Es ist wirklich sehr befriedigend,« – Mike lächelte innerlich über den Wortschwall des alten Herrn – »weil ich Rat in einer bestimmten Sache brauche, den mir ein Rechtsanwalt nicht geben kann. Meine Lage ist ganz eigenartig, beinahe verwirrend. Ich bin ein Mann, der vor der Öffentlichkeit zurückschreckt, und bin fremder Einmischung in meine Angelegenheiten sehr abgeneigt.«

 

Sie hielten vor Dower House. Mr. Longvale stieg aus und öffnete das Tor. Als Mike durchgegangen war, schloß er es wieder. Anstatt direkt in sein Wohnzimmer zu gehen, stieg er die Treppe hinauf und bat Mike, mitzukommen. Er hielt vor dem Zimmer an, in dem Helen in jener Nacht ein so fürchterliches Erlebnis hatte.

 

»Ich möchte, daß Sie die Leute betrachten«, sagte Mr. Longvale ernst, »und mir sagen, ob ich in Übereinstimmung mit dem Gesetz gehandelt habe.«

 

Er öffnete die Tür, und Mike sah, daß jetzt zwei Betten in dem Raum standen. In dem einen lag, dick verbunden und anscheinend bewußtlos, der braune Fremde. In dem anderen schlief die Frau, die Mike in dem Turm gesehen hatte! Auch sie schien schwer verwundet. Ihr Arm war verbunden und geschient.

 

Mike holte tief Atem.

 

»Damit ist ein Rätsel gelöst«, sagte er. »Wo haben Sie diese Menschen gefunden?« fragte er.

 

Bei dem Klang seiner Stimme öffnete die Frau die Augen und blickte furchtsam zu ihm hinüber.

 

»Du bist verwundet worden?« fragte Mike auf holländisch. Aber sie gab keine Antwort. Sie wurde so aufgeregt bei seinem Anblick, daß Mike froh war, als er aus dem Zimmer kam. Erst unten im Wohnzimmer erzählte Mr. Longvale die Geschichte.

 

»Ich sah sie die letzte Nacht ungefähr um halb elf. Sie schwankten auf der Straße, und ich dachte, die wären betrunken. Aber glücklicherweise sprach die Frau, und da ich noch niemals eine Stimme vergessen habe, selbst wenn sie in einer mir fremden Sprache redete, erkannte ich sofort, daß es meine Patientin war, und ging auf sie zu. Dann sah ich auch, in welchem Zustand ihr Begleiter war. Als sie mich erkannte, begann sie aufgeregt zu sprechen. Ich konnte sie nicht verstehen, obwohl ich ahnte, was sie wollte. Der Mann war dem Zusammenbruch nahe. Ich brachte ihn mit Hilfe seiner Frau in dieses Haus und in das Zimmer, wo er nun liegt. Zum Glück hatte ich mir in der Erwartung, wieder zu ihr gerufen zu werden, einige Instrumente und Medikamente angeschafft, und konnte so den Mann pflegen.«

 

»Ist er schwer verletzt?« fragte Mike.

 

»Er hat sehr viel Blut verloren, und obwohl keine Arterien verletzt oder Knochen gebrochen zu sein scheinen, sehen die Wunden recht bös aus. Nun kam mir der Gedanke«, fuhr er in seiner umständlichen Art fort, »daß dieser Eingeborene die Wunden nur als Folge irgendeiner schlechten Handlung empfangen haben kann. Ich dachte, es sei das beste, die Polizei zu benachrichtigen, daß die beiden unter meiner Obhut sind. Ich besuchte aber zuerst meinen besonderen Freund, Mr. Knebworth, und erzählte ihm meine Lage. Er sprach mir dann von Ihnen, und ich beschloß, Ihre Rückkehr abzuwarten, ehe ich weitere Schritte unternahm.«

 

»Sie haben ein Geheimnis gelöst, das mich quälte und haben zufälligerweise eine Sache bestätigt, die ich sehr skeptisch betrachtete«, sagte Mike. »Ich denke, es wäre sehr gut, die Polizei zu informieren – ich werde die Zentrale benachrichtigen und Ihnen einen Krankenwagen schicken, der die beiden Leute ins Krankenhaus bringt. Ist der Mann transportfähig?«

 

»Ich glaube, ja«, nickte der alte Herr. »Er liegt jetzt in tiefem Schlaf und scheint bewußtlos zu sein, aber das ist nicht der Fall. Die Leute können gerne hier bleiben, obwohl ich keine Bequemlichkeiten habe und mich allein versorgen muß, und es mich daher eher belästigt, denn ich bin nicht an solche Anstrengungen gewöhnt. Glücklicherweise kann die Frau viel für ihn tun.«

 

»Hatte er ein Schwert, als er ankam?«

 

Mr. Longvale biß sich ungeduldig auf die Lippen.

 

»Wie konnte ich das vergessen! Ja, hier ist es.«

 

Er wandte sich zu einer altertümlichen Kommode, zog ein Schubfach auf und nahm das Schwert heraus, das Mike über dem Kamin in Griff Towers gesehen hatte. Es war fleckenlos und war auch so, als Mr. Longvale es aus den Händen des braunen Mannes nahm. Er erwartete auch nicht, es anders zu sehen, denn für den Krieger des Ostens ist sein Schwert wie ein Kind, und wahrscheinlich war es die erste Sorge des Mannes, es zu reinigen.

 

Mike verabschiedete sich, fragte dann aber noch plötzlich:

 

»Würde es Sie sehr bemühen, mir ein Glas Wasser zu bringen, Mr. Longvale? Meine Kehle ist ganz ausgetrocknet.«

 

Mit einer Entschuldigung eilte der alte Herr weg und ließ Mike allein in dem Raum.

 

An einem Haken hing der lange Überrock des Herrn von Dower House und daneben ein gekräuselter Biberpelz und ein sehr alter Filzhut, den Mike herabnahm, als Longvale ihm den Rücken gewandt hatte. Die Bitte um ein Glas Wasser war keine Kriegslist, denn er war wirklich durstig. Aber Wißbegierde gehörte nun einmal zu seinem Beruf.

 

Der alte Herr kehrte schnell zurück und fand Mike bei der Untersuchung des Hutes.

 

»Woher stammt er?« fragte der Detektiv.

 

»Der Eingeborene trug ihn, als er kam«, sagte Mr. Longvale.

 

»Ich möchte ihn mitnehmen, wenn Sie nichts dagegen haben«, sagte Mike nach langem Schweigen.

 

»Aber mit dem größten Vergnügen. Unser Freund oben wird für lange Zeit keinen Hut brauchen«, meinte er mit einem seltsamen Lächeln.

 

Mike ging zu seinem Wagen zurück, legte den Hut sorgfältig neben sich und fuhr nach Chichester. Den ganzen Weg über war er verwundert. Denn in dem Hut sah er die Initialen »L. F.« Wie kam der Hut von Lawley Foß auf den Kopf des braunen Mannes aus Borneo?

 

Kapitel 27

 

27

 

Mr. Longvales beide Patienten wurden in dieser Nacht ins Krankenhaus gebracht, und als von den Ärzten ein günstiger Bericht über das Befinden des Mannes kam, hatte sich das Rätsel für Mike gelöst.

 

Er besuchte seinen alten Lehrer an diesem Abend. »Wieder wißbegierig?« fragte er gutgelaunt, als Mike eintrat.

 

»Sehr wißbegierig, Sie haben recht!« sagte Mike. »Obwohl ich bezweifle, daß Sie mir heute helfen können. Ich bin auf eine alte Chronik von Chichester aus.«

 

»Ich besitze eine aus dem Jahre 1600. Sie sind der zweite seit kurzer Zeit, der sie sehen möchte.«

 

»Wer war der andere?« fragte Mike schnell.

 

»Ein Mann namens Foß –« begann Mr. Scott. Mike nickte, als ob er das wüßte. »Er wollte etwas über die Höhlen wissen. Ich hatte niemals gehört, daß es hier Höhlen von Bedeutung gäbe. Wenn es Cheddar gewesen wäre, hätte ich ihm genügend Aufschluß geben können. Auf dem Gebiet bin ich eine Autorität.«

 

Er führte Mike in die Bibliothek, nahm einen alten Band herunter und legte ihn auf den Tisch.

 

»Nachdem Foß gegangen war, sah ich auch nach. Sie sind nur auf Seite 385 erwähnt. Der Bericht steht in Zusammenhang mit dem Verschwinden einer Reitertruppe unter Sir John Dudley, Earl von Newport, während einer lokalen Fehde, die sich in der Zeit Stephans in dieser Gegend abspielte. Hier ist die Stelle.« Er deutete darauf.

 

Mike las die altertümliche Schrift:

 

 

›Der edle Earl beschloß, seine Ankunft zu erwarten, und führte zwei Compagnien Reiterei nachts in die großen Höhlen, die zu jener Zeit vorhanden waren. Nach dem unergründlichen Willen Gottes, in dessen Hand wir alle stehen, ereignete sich um acht Uhr in der Frühe ein großer Erdrutsch, der alle diese Ritter und Herren und Sir John Dudley, Earl von Newport, unter sich begrub und ihr Leben vernichtete, so daß sie nie wieder gesehen wurden. Dies ereignete sich neun Meilen von dieser Stadt an einem Ort, der von den Römern Regnum genannt wurde oder Ciffanceaster von den Angelsachsen.‹

 

 

»Sind die Höhlen jemals gefunden worden?«

 

Mr. Scott schüttelte den Kopf.

 

»Es gehen Gerüchte in der Gegend um, daß sie vor anderthalb Jahrhunderten von Alkoholschmugglern benutzt wurden, aber solche Gerüchte finden Sie ja überall.«

 

Mike nahm eine Karte von Chichester aus seiner Mappe, maß neun Meilen ab und umzirkelte die Stadt. Die Linie ging nahe an der Besitzung Sir Gregorys vorbei. »Es gibt zwei Griff Towers?« sagte er plötzlich, als er die Karte prüfte.

 

»Ja. Außer Pennes Besitzung gibt es noch einen Turm, der nach der berühmten Grenzmarke – dem wirklichen Griff in Towers, wie er ursprünglich hieß – genannt ist. Ich glaube, er steht entweder in oder in der Nähe von Pennes Besitztum – ein sehr alter, runder Turm, ungefähr sechseinhalb Meter hoch. Sein Alter wird auf nicht ganz zweitausend Jahre geschätzt. Da ich mich sehr für archäologische Dinge interessiere, habe ich die Ruine genau untersucht. Der untere Teil ist zweifellos römisches Mauerwerk – die Römer hatten hier ein großes Lager. Und in der Tat war Regnum einer ihrer Hauptstützpunkte. Es gibt allerhand Erklärungen für seine Entstehung. Wahrscheinlich war er zuerst eine Schanze oder ein Blockhaus. Meiner Meinung nach war der ursprüngliche römische Turm nur einige Fuß hoch und überhaupt nicht als Festungsbau gedacht. In späteren Zeiten wurden die Umfassungsmauern erhöht, ohne daß man eigentlich recht wußte, warum.«

 

Mike lachte in sich hinein.

 

»Wenn meine Annahme richtig ist, werde ich in dieser Nacht noch mehr von diesem römischen Kastell erfahren«, sagte er.

 

Er ließ seine Koffer vom Hotel in sein neues Quartier bringen. Als er zurückkam, sah er, daß der Abendtisch für drei Personen gedeckt war.

 

»Erwarten Sie Besuch?« fragte Mike. Er beobachtete Jack Knebworth, der mit den letzten Vorbereitungen für die Ausstattung des Tisches beschäftigt war. Er hatte als Junggeselle ausgesprochenen Sinn für hübsche Anordnung und setzte die Bestecke, Teller, Gläser und Servietten ganz genau auf ihren Platz.

 

»Ja. Eine Freundin von Ihnen.«

 

»Von mir?«

 

Jack nickte.

 

»Ich habe Miss Leamington zu Tisch gebeten. – Wenn ich aber sehe, daß ein Mann in Ihrem Alter rot wird, wenn der Name einer jungen Dame erwähnt wird, so kann ich ihn nur bemitleiden. Sie kommt teils aus geschäftlichen Gründen, teils um einmal außerhalb der Geschäftszeit mit mir zusammen zu sein. Heute hat sie nicht so gut gespielt, wie ich erwartete, aber vermutlich waren wir alle heute nicht auf der Höhe.«

 

Bald darauf kam Helen Leamington. An diesem Abend sah sie wirklich entzückend aus. Mike konnte sie nicht genug ansehen, und obgleich er es sich noch nicht eingestand, hatte er sie doch in sein Herz geschlossen.

 

Jack Knebworth half ihr beim Ablegen des Mantels.

 

»Als ich hierher kam«, sagte sie, »dachte ich, wie sich doch alles so schnell ändern kann. Früher hätte ich im Traum nicht daran gedacht, daß ich einmal bei Ihnen eingeladen sein würde, Mr. Knebworth.«

 

»Und mir ist es auch niemals im Traum eingefallen, daß Sie sich einmal so in die Höhe arbeiten würden, daß ich Sie so auszeichnen kann. Und in fünf Jahren werden Sie zu sich sagen: Warum in aller Welt war es mir damals so wichtig, bei dem simplen Knebworth ein einfaches Mahl einzunehmen?«

 

Er legte seine Hand auf ihre Schulter und führte sie in das Zimmer. Jetzt erst sah sie Mike. Der junge Mann fühlte mit Unbehagen, daß sie etwas enttäuscht schien. Aber nur eine Sekunde, dann erklärte sie ihm den Wechsel ihres Mienenspiels, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

 

»Ich dachte, wir würden nur über Filme sprechen«, sagte sie lächelnd.

 

»Das sollen Sie auch«, erwiderte Mike. »Ich bin der beste Zuhörer auf der Welt. Der erste, der heute das Wort Mord erwähnt, wird zum Fenster hinausgeworfen.«

 

»Dann muß ich mich zur Flucht vorbereiten«, sagte sie gutgelaunt. »Denn ich möchte gern von Mord und Geheimnissen sprechen – später!«

 

Unter dem ermunternden Einfluß einer harmonischen Umgebung erschien das Mädchen in einem ganz neuen Licht. Alle Eigenschaften, die Mike ihr heimlich zugelegt hatte, erwiesen sich als wahr. Ihre Scheu und ihre fast kühle Reserve schmolzen in der Gesellschaft dieser beiden Menschen. Sie nahm an, daß der eine ihr zugetan war und der andere – nun ja, Mike war schließlich ein Freund.

 

»Ich habe heute nachmittag Detektiv gespielt«, sagte sie, nachdem der Kaffee serviert war, »und dabei habe ich interessante Entdeckungen gemacht. Ich erzählte Ihnen, daß ich gestern abend wieder das geheimnisvolle Auto sah. Zufällig konnte ich im Vorbeigehen das Muster sehen, das auf den Reifen der Hinterräder als Profil angebracht war. Als ich heute durch meine Straße ging, sah ich die Spur dieser Räder mitten auf dem schmutzigen Fahrdamm. Ich folgte ihr, und meine Vermutung bestätigte sich, daß sie nach dem Feldweg führte, der die Straße am Ende kreuzt. Es war die einzige Reifenspur auf diesem Weg. Zweifellos rührt sie von dem Wagen her, den der Fahrer mit der weißen Frauenhand lenkte. Ich sah in der Mitte der Straße Öl. Dort mußte der Wagen länger gehalten haben. Dies fand ich dort.« Sie öffnete ihre Handtasche und zog eine kleine dunkelgrüne Flasche daraus hervor. Sie trug kein Etikett und war nicht verschlossen. Mike nahm sie in die Hand, betrachtete sie aufmerksam und stellte einen starken, unangenehmen Geruch fest.

 

»Wissen Sie, was darin war?« fragte sie.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Lassen Sie mich auch einmal sehen«, sagte Jack Knebworth, nahm die Flasche aus Mikes Hand und führte sie an seine Nase. »Butylchlorid«, sagte er, und das Mädchen nickte.

 

»Ich dachte es mir gleich. Mein Vater war nämlich Apotheker, und als ich einmal in der Apotheke spielte, stand ein Schrank offen. Ich sah eine schöne Flasche darin, nahm sie und öffnete sie. Wer weiß, was mir zugestoßen wäre, wenn mein Vater mich nicht bemerkt hätte. Ich war damals noch ein Kind, aber ich habe den eigentümlichen Geruch nicht vergessen.«

 

»Butylchlorid.« Mike runzelte die Stirn. »Es ist bekannt unter den Namen ›Todestropfen‹. Dieses Mittel wird von Gaunern benützt, um Matrosen auszuplündern. Ein paar Tropfen in ein Weinglas genügen, um sie für lange Zeit bewußtlos zu machen.«

 

Mike nahm die Flasche wieder. Es war ein gewöhnliches Glas, wie es zur Aufbewahrung von Giften gebraucht wird, und als er näher hinsah, fand er auch das Wort »Gift« eingepreßt.

 

»Es ist keine Spur von einer Aufschrift zu finden«, sagte er.

 

»In Wirklichkeit besteht vielleicht gar kein Zusammenhang mit dem geheimnisvollen Auto«, fügte Helen hinzu. »Es ist ja alles nur Vermutung von mir – ich habe eins ans andere gereiht.«

 

»Wo haben Sie die Flasche gefunden?«

 

»In einem Graben, der dort sehr tief und augenblicklich überflutet ist. Aber die Flasche fiel nicht so weit. Das war Entdeckung Nummer eins – hier ist Nummer zwei.«

 

Sie nahm einen sonderbar geformten, metallenen Gegenstand aus ihrer Tasche, der an beiden Seiten Bruchstellen zeigte.

 

»Wissen Sie, was das ist?« fragte sie.

 

»Nein«, sagte Jack und übergab Mike den Fund.

 

»Aber ich weiß es, weil ich es im Atelier gesehen habe«, sagte Helen. »Und Sie wissen es auch, nicht wahr; Mr. Brixan?«

 

Mike nickte.

 

»Es ist das Hauptgelenk einer Handschelle«, sagte er. »Das Gelenk, das beim Fesseln einschnappt.«

 

Es war mit rostigen Stellen bedeckt, die gereinigt worden waren. Helen sagte, daß sie das getan hätte.

 

»Das sind meine beiden Funde. Ich kann Ihnen meine Schlußfolgerungen nicht verraten, weil ich keine habe!«

 

»Diese Dinge brauchen überhaupt nicht aus dem Wagen geworfen worden zu sein«, sagte Mike. »Aber wie Sie sagen, besteht die Möglichkeit, daß der Besitzer des Autos die Gelegenheit wahrnahm, sie an dem einsamen Platz fortzuwerfen. Auf seinem eigenen Grund und Boden hätte er sie nicht brauchen können. Sicherer wäre es ja gewesen, wenn er sie ins Meer versenkt hätte. Aber so war es vermutlich leichter für ihn. Ich will sie aufheben.«

 

Er packte sie in Papier und steckte sie in die Tasche. Dann wandte sich die Unterhaltung wieder dem Film zu.

 

»Morgen werden wir Aufnahmen bei dem richtigen Griff Tower machen«, sagte Jeck Knebworth. »Er ist ein Wahrzeichen der ganzen Gegend – was belustigt Sie daran?« fragte er Mike.

 

»Nichts Besonderes. Ich hatte mir nur gleich gedacht, daß es so käme. Es war mein Gefühl, daß ich noch von dem verwünschten alten Turm hören würde!«

 

Kapitel 28

 

28

 

Mike war bedrückt. Er nahm die Geschichte mit der Limousine viel schwerer als das junge Mädchen, und besonders der Versuch, Helen in den Wagen zu locken, hatte ihn nervös werden lassen. Die Ereignisse der letzten Tage hatten es notwendig gemacht, den Detektiv, der ihr Haus bewachte, abzurufen. Bei dem Ernst der Lage entschied er sich aber, durch einen Ortspolizisten die Überwachung wieder aufnehmen zu lassen.

 

Nachdem er Helen in seinem Auto nach Hause gebracht hatte, fuhr er zur Polizeistation und bat um einen Mann. Aber es war zu spät, um den Inspektor selbst zu sprechen. Der Beamte, der die Aufsicht führte, wollte die Verantwortung nicht auf sich nehmen, den Befehl zu erteilen, und erst als Mike sich anschickte, an den Inspektor zu telefonieren, gab er widerwillig nach und entsandte einen uniformierten Polizisten, der in der Straße, in der Helen wohnte, auf und ab patrouillieren sollte.

 

Als Mike nach Hause kam, unterzog er die beiden Gegenstände, die Helen gefunden hatte, einer genauen Untersuchung. Butylchlorid war ein sehr schweres Gift …

 

Er prüfte das Gelenk der Handschelle noch einmal. Unheimliche Kraft hatte dazu gehört, das Verbindungsglied herauszubrechen. Dieses Geheimnis konnte er nicht enträtseln, und nachdem er sich lange vergeblich den Kopf darüber zerbrochen hatte, gab er es auf.

 

Bevor er sich zur Ruhe legte, erhielt er noch einen Anruf von Inspektor Lyle, der Griff Towers überwachte. Es hatte sich nichts Neues ereignet, und das Leben ging dort anscheinend seinen gewohnten Gang. Sir Gregory hatte den Inspektor ins Haus gebeten und ihm mitgeteilt, daß Bhag immer noch vermißt wurde.

 

»Diese Nacht müssen Sie noch dort bleiben«, sagte Mike. »Morgen werden wir den Posten aufheben. Scotland Yard ist der Ansicht, daß Sir Gregory nichts mit dem Tod von Foß zu tun hat.«

 

Ein Brummen auf der anderen Seite des Telefons drückte die Unzufriedenheit mit dieser Ansicht aus.

 

»Und ich behaupte, daß er trotzdem etwas damit zu tun hat«, sagte er. »Ich habe einen blutbefleckten, steifen Filzhut in den Feldern außerhalb der Mauer gefunden. Innen steht die Firma gedruckt: Chi Li Stores, Tjandi.«

 

Das war allerdings eine Neuigkeit.

 

»Schicken Sie ihn mir morgen früh her«, sagte Mike nach längerer Überlegung.

 

Gleich nach dem Frühstück am nächsten Morgen kam der Hut und wurde besichtigt. Knebworth, der das meiste von Mike gehört hatte, betrachtete das Fundstück neugierig.

 

»Wenn der Eingeborene Lawleys Hut trug, als er bei Mr. Longvale ankam, wo um alles in der Welt hat dann der Wechsel stattgefunden – es hätte doch nur zwischen Griff Towers und dem Haus des alten Herrn passieren können, es sei denn –«

 

»Es sei denn – was?« fragte Mike. Er hatte große Achtung vor Knebworths scharfem Verstand.

 

»Es sei denn,, daß der Wechsel im Hause von Sir Gregory stattfand. Sie sehen, daß keine Schnitte in dem Hut sind, obgleich er mit Blut befleckt ist. Da stimmt etwas nicht.«

 

»Es ist sehr sonderbar«, gab Mike zu. »Und trotzdem ist die Erklärung sehr einfach, wenn meine Theorie stimmt.« Er erzählte Knebworth nicht, welche Theorie er sich gebildet hatte.

 

Dann begleitete er Jack zum Atelier und sah den großen Autobus abfahren. Zu gerne wäre er aus irgendeinem Grund mitgekommen. Bei dieser lustigen, sorglosen Gesellschaft hätte er seine Unruhe und Sorge für einige Zeit vergessen.

 

Wie gewöhnlich jeden Morgen ließ er sich mit London verbinden, aber auch dort war nichts Neues vorgefallen. Es gab also wirklich keinen Grund, sich abhalten zu lassen. Sobald er sich entschieden hatte, stieg er in seinen Wagen und folgte der fröhlichen Schar.

 

Schon eine Viertelstunde, bevor er an Ort und Stelle war, sah er den alten Turm. Es war eine alte, verfallene Ruine, die den Eindruck einer ungewöhnlich hohen Schafhürde machte. Als er ankam, war der Autobus bereits von der Straße abgebogen und seitlich auf eine Wiese gefahren.

 

Die Schauspieler beendeten eben ihre Toilette und waren mit Schminken und Pudern gerade fertig geworden. Helen war im Augenblick nicht zu sehen. Sie kleidete sich in einem kleinen Zelt um. Jack Knebworth und der Operateur sprachen lebhaft über Tageslicht, Scheinwerfer und den Stand der Kamera.

 

Mike war zu vernünftig, um jetzt zu stören. Er ging zu dem Turm und beschaute sich das verschiedenartige Mauerwerk, das Generationen auf die ursprünglichen Fundamente getürmt hatten. Er verstand nicht viel von Mauerwerk, aber er konnte erkennen, bis zu welcher Höhe die Römer gebaut hatten. Er glaubte, dann auch noch den Teil zu unterscheiden, der in der Sachsenzeit aufgeführt worden war.

 

Einer der Hilfsarbeiter stellte eine Leiter auf, die Roselle gebrauchen sollte. Die Geschichte, die gefilmt wurde, handelte von einem Mädchen, das zuerst Choristin war und später die Frau eines hohen Adeligen wurde, der sich mit Archäologie befaßte. Der arme junge Mann, den sie in ihrer Jugend geliebt hatte – Mike vermutete mit Recht, daß Reggie Conolly diese traurige Rolle zu spielen hatte –, war immer zur Hand, um ihr zu helfen. Auch jetzt, wo sie in einem Verlies der Zitadelle eingeschlossen war, befreite er sie.

 

Der eigentliche Turm war in Arundel aufgenommen worden, in dem alten Griff Tower sollte nur gezeigt werden, wie das Mädchen an einem Tau aus ihrem Gefängnis entkam.

 

»Es ist verteufelt schwer, da herunterzukommen«, sagte Reggie düster. »Wenn auch im Innern der weißen Leinentücher ein festes Tau angebracht ist, damit die Geschichte nicht reißen kann, so ist doch Miss Leamington entsetzlich schwer. Versuchen Sie es doch selbst einmal, sie aufzuheben, Mr. Knebworth. Ich möchte gerne wissen, ob Sie sich dabei amüsieren würden!«

 

Mike stand dabei. Er hätte am liebsten diese Aufforderung gleich in die Tat umgesetzt.

 

»Was von mir in dieser Rolle verlangt wird, ist denn doch zu viel«, wehrte sich Reggie. »Ich bin kein Höhlenmensch, ich habe Knebworth auch gesagt, daß das keine Rolle für mich ist! Warum muß dann ausgerechnet hiervon eine Großaufnahme gemacht werden? Man könnte doch irgendeine Puppe dazu nehmen. Das würde auch genügen. Oder das einfachste wäre, wenn Miss Leamington allein herunterkletterte.«

 

»Das ist doch ganz einfach«, sagte Knebworth, der herbeigekommen war und die letzten Sätze gehört hatte. »Miss Leamington wird sich am Tau halten, so daß Sie nicht ihr ganzes Gewicht zu tragen haben. Sie brauchen nur sehr mutig und hübsch auszusehen.«

 

»Das ist alles gut und schön«, grollte Reggie. »Aber in meinem Kontrakt steht nichts davon, daß ich Taue hinauf- und hinunterklettern muß. Jeder von uns hat seine Zuneigungen und seine Abneigungen – aber derartige Dinge hasse ich.«

 

»Versuchen Sie es«, sagte Jack kurz.

 

Ein Requisitenarbeiter hing das Tau an einem Nagel auf, den er an der Innenseite des Turmes eingeschlagen hatte. Das obere Ende der Mauer kam nicht mit auf die Aufnahme. Die eigentliche Flucht war in Arundel schon festgehalten. Hier sollte nur die Großaufnahme gemacht werden. Die erste Probe hätte beinahe mit einem Unglücksfall geendet. Mit einem Schrei ließ Connolly seine Last fallen, und Helen wäre abgestürzt, wenn sie sich nicht selbst schnell am Tau gehalten hätte.

 

»Noch einmal versuchen!« rief Jack wütend. »Denken Sie doch daran, daß Sie eine Männerrolle spielen! Jackie Googan hätte seine Sache besser gemacht als Sie!«

 

Die Szene wurde noch einmal mit größerem Erfolg wiederholt, und als nach der dritten Probe Reggie ganz erschöpft war, rief Knebworth plötzlich: Kamera! und die Aufnahme begann.

 

Soviel Schattenseiten Connolly auch haben mochte, und wie schwer es auch war, mit ihm fertig zu werden, zweifellos war er ein Künstler. Obwohl diese ungewöhnliche Anstrengung ihn sehr mitgenommen hatte, schwebte ein holdes Lächeln auf seinen Lippen, und er schaute das Mädchen liebreich an, während die Kamera auf einer beweglichen Plattform sich langsam nach unten bewegte, um mit dem abwärts gleitenden Liebespaar gleichen Schritt zu halten. Jetzt waren sie auf dem Erdboden angekommen, und Connolly schaute Helen noch mit einem letzten, sprechenden Blick an.

 

»Das genügt«, sagte Jack.

 

Reggie ließ sich erschöpft niedersinken.

 

»Alle Wetter!« stöhnte er, indem er seine schmerzenden Armmuskeln betastete. »So etwas mache ich nie wieder, ich habe genug von der Rolle, Mr. Knebworth. Es war furchtbar! Ich dachte, ich würde sterben.«

 

»Nun, Sie sind aber nicht gestorben«, sagte Jack gutmütig lächelnd. »Ruhen Sie sich aus, dann wollen wir die Flucht filmen.«

 

Der Standpunkt der Kamera wurde etwa zwanzig bis dreißig Meter seitlich verlegt, und während Reggie Connolly sich auf dem Rasen ausruhte, ging Helen zu Mike.

 

»Ich bin sehr froh, daß die Aufnahme vorbei ist«, sagte sie erleichtert. »Mir tut der arme Connolly leid. Während der Aufnahme hat er so geschimpft, daß ich beinahe laut lachen mußte. Dann hätten wir die Sache noch einmal aufnehmen können.«

 

Ihr eigener Arm war braun und blau gestoßen, und das Tau hatte ihr die Haut am Handgelenk abgeschürft. Mike hatte plötzlich den verrückten Wunsch, diese kleine Wunde zu küssen, aber er beherrschte sich.

 

»Wie habe ich mich benommen? Sah ich einigermaßen annehmbar aus? Ich fühlte mich wie ein Bündel Stroh.«

 

»Sie sahen wundervoll aus«, sagte er begeistert. Sie blickte ihn von unten herauf schelmisch an, aber dann senkte sie die Augen.

 

»Wahrscheinlich sind Sie voreingenommen«, sagte sie und gab sich Mühe, unbeteiligt zu erscheinen.

 

»Das ist möglich«, sagte Mike. »Was gibt es innerhalb des Gemäuers zu sehen?« fragte er.

 

»Innerhalb des Turmes? Nichts außer einer Menge Felsen und wildem Gestrüpp und einem wundervollen Zwergbaum. Es war ganz hübsch.«

 

Er lachte. »Eben haben Sie doch gesagt, daß Sie froh wären, daß es vorüber ist. Ich vermute, daß Sie von der Aufnahme sprachen und nicht vom Inneren des Turmes.«

 

Sie nickte schalkhaft und zwinkerte mit den Augen.

 

»Mr. Knebworth hat gesagt, daß er die Sache noch einmal bei Nacht aufnehmen wird, wenn er mit der Tagaufnahme nicht zufrieden ist. Der arme Mr. Connolly! Dann wird er wohl seine Rolle im Stich lassen.«

 

In dem Augenblick hörte man die Stimme von Jack Knebworth.

 

»Nehmen Sie die Leiter nicht weg, Collins!« rief er. »Legen Sie sie ins Gras hinter dem Turm. Es ist möglich, daß wir heute abend wieder hierher kommen. Lassen Sie alles hier, was durch das Wetter nicht leidet. Sie können es morgen früh abholen.«

 

Helen sah enttäuscht aus.

 

»Ich fürchte, daß er seinen Vorsatz ausführt«, sagte sie. »Mir macht es nicht viel aus, aber die Nervosität Connollys macht mich auch unsicher. Ich wünschte, Sie spielten die Rolle.«

 

»Das wäre ganz nach meinem Sinn«, sagte Mike mit solcher Begeisterung, daß sie rot wurde.

 

Jack Knebworth trat zu ihnen.

 

»Haben Sie oben auf der Mauer etwas liegenlassen, Helen?« fragte er und zeigte auf den Turm.

 

»Nein, Mr. Knebworth«, sagte sie erstaunt.

 

»Sehen Sie nur, was hat das zu bedeuten?«

 

Er zeigte auf ein Etwas, das sich über der höchsten Stelle des Turmes erhob. »Es bewegt sich!« rief er bestürzt.

 

Während er sprach, zeigte sich langsam ein Kopf, ein Paar übermäßig starke, haarige Schultern folgten, dann schob sich ein Bein über die Mauer – es war Bhag!

 

Sein buschiger Pelz war grauweiß von Staub, und sein Gesicht sah mit diesem Puder ganz grotesk aus. Mike schaute scharf hin. Als das Tier beide Hände ausstreckte, sah er, daß jedes seiner Handgelenke von einer zerbrochenen Fessel umschlossen war.

 

Mit einem Schrei klammerte sich Helen an Mikes Arm.

 

»Was ist das?« fragte sie. »Ist das nicht das Ungetüm, das in mein Zimmer kam?«

 

Mike machte sich vorsichtig von ihr los und lief zum Turm. Bhag sprang und fiel auf den Boden. Er richtete sich einen Augenblick auf, wandte sein wütendes Gesicht Mike zu, nahm Witterung, und mit einem seltsamen, zwitschernden Geräusch lief er auf Händen und Füßen quer durch die Felder und verschwand dann hinter dem nahen Hügel.

 

Mike eilte ihm nach. Aber als er den großen Affen wieder zu Gesicht bekam, hatte der schon einen Vorsprung von etwa fünfhundert Metern. Bhag lief, so schnell er konnte, und hielt sich immer in der Nähe der Hecken, die die Felder abteilten. Es hatte keinen Zweck, ihn zu verfolgen, und der Detektiv ging langsam zu der erstaunten Gesellschaft zurück.

 

»Es ist nur ein Orang-Utan, der Sir Gregory gehört. Er ist vollkommen harmlos«, sagte er. »Er wurde seit drei Tagen vermißt.«

 

»Er muß sich im Turm verborgen haben«, sagte Knebworth.

 

Mike nickte.

 

»Ich bin sehr froh, daß er nicht gerade in dem Moment herauskam, als ich die Aufnahme machte«, sagte der Direktor, indem er die Stirn runzelte. »Haben Sie denn nichts gesehen, Helen, als Sie da oben waren?«

 

Mike sah, daß sie blaß war. Ihre Hand zitterte.

 

»Jetzt haben wir auch die Aufklärung für das abgebrochene Glied der Handschelle«, sagte Knebworth plötzlich.

 

»Haben Sie das bemerkt?« fragte Mike schnell. »Das erklärt wohl das Bruchstück, das Helen gefunden hat, aber noch lange nicht die Flasche mit Butylchlorid.«

 

Er hielt bei diesen Worten Helens Arm, und sie fühlte an dem Druck seiner Hand, daß er erregt war.

 

»Fürchten Sie sich?«

 

»Ja, ich fürchte mich sehr«, gestand sie. »Wie schrecklich sah das Vieh aus! War es Bhag?«

 

Er nickte. »Das war Bhag. Ich vermute, daß er sich in dem Turm verborgen gehalten hat … Haben Sie wirklich nichts gesehen, als Sie oben auf dem Rand der Mauer saßen?«

 

»Ich bin froh, daß ich ihn nicht gesehen habe, sonst wäre ich wahrscheinlich hinuntergefallen. Es sind sehr viele Sträucher da, unter denen er sich wahrscheinlich versteckt hatte.«

 

Mike wollte nun selbst das Innere besichtigen. Die Leiter wurde wieder an den Turm gestellt. Er kletterte bis zum Rand der Mauer und schaute hinunter. Am Grunde der Steinmauer fiel der Boden merkwürdig ab. Er erinnerte ihn an die Granattrichter, die er während des Krieges in Frankreich gesehen hatte. Den eigentlichen Boden des Turmes konnte man nicht erkennen, da er von dichtem Weißdorngebüsch überdeckt war, das besonders in der Mitte sehr dicht stand. Er sah noch einige Felsblöcke und die zerzausten Äste eines alten Baumes.

 

Sicherlich gab es hier reichlich Gelegenheit, sich zu verbergen. Wahrscheinlich hatte sich Bhag die ganze Zeit hier versteckt und von seinen Anstrengungen und schweren Verwundungen ausgeruht. Mike hatte etwas gesehen, was von keinem der anderen beobachtet wurde – der Affe hatte mehrere Wunden, und die eine Ohrmuschel war glatt auseinandergehauen.

 

Er stieg die Leiter wieder hinunter und ging zu Knebworth.

 

»Ich denke, unsere Arbeit ist für heute beendet«, sagte Jack unwirsch. »Ich fürchte, daß die Damen ziemlich erschrocken sind. Es wird wohl eine lange Zeit dauern, bis ich die Mädchen wieder hierher zu einer Nachtaufnahme bekomme.«

 

Mike brachte den Direktor in seinem Wagen zur Wohnung zurück. Während des ganzen Weges dachte er an Bhags merkwürdiges Aussehen. Jemand hatte dem Affen Handschellen angelegt. Er vermutete das damals schon, als Helen ihm das abgebrochene Stück der Fessel gab. Kein menschliches Wesen konnte eine solche Handschelle zerbrechen. Bhag war entflohen, aber wohin und wie? Und warum war er nicht nach Griff Towers zu seinem Herrn zurückgekehrt?

 

Als er den Direktor abgesetzt hatte, fuhr er geradewegs nach Griff Towers. Er fand den Baron auf dem Rasen beim Golfspiel. Penne war noch ganz verbunden, aber er hatte sich schon gut erholt.

 

»Jawohl, Bhag ist zurück – er ist vor einer halben Stunde wiedergekommen. Der Himmel mag wissen, wo er solange war. Ich habe schon oft gewünscht, daß der Kerl sprechen könnte, aber noch nie so eindringlich wie gerade jetzt. Jemand hatte ihm eiserne Handschellen angelegt. Gerade im Moment habe ich sie ihm abgenommen.«

 

»Kann ich sie sehen?«

 

»Wußten Sie das?«

 

»Ich habe ihn vorhin gesehen. Er kam aus dem alten Turm da auf dem Hügel.« Mike zeigte in die Richtung.

 

»Das ist merkwürdig – was zum Teufel hat er denn dort gemacht?«

 

Sir Gregory legte gedankenvoll seine Hand ans Kinn.

 

»Früher ist er auch schon öfters fort gewesen, aber meistens entfernte er sich nicht weiter als drei Kilometer. Es steht genügend Gebüsch in der Gegend, in dem er sich verstecken kann. Hierher kommen wenig fremde Leute. Einmal hat ihn ein Wilddieb gesehen, und der dumme Kerl hat nach ihm geschossen. Er konnte von Glück sagen, daß er mit dem Leben davonkam – hat man die Leiche von Foß gefunden?«

 

Der Baron hatte das Spiel wieder aufgenommen und schaute auf den Ball, der zu seinen Füßen lag.

 

»Nein«, sagte Mike ruhig.

 

»Glauben Sie, daß sie gefunden wird?«

 

»Ich wäre nicht erstaunt, wenn es so wäre.«

 

Sir Gregory hatte die Hände auf den Golfschläger gelegt und schaute nach dem Wald hinüber.

 

»Wie ist das Gesetz in diesem Lande? Angenommen, ein Mann tötete unglücklicherweise einen Diener, der versucht hatte, ihn mit dem Messer zu stechen?«

 

»Er würde angeklagt werden«, sagte Mike, »und der Spruch der Geschworenen würde lauten: Totschlag in Notwehr. Man würde ihn dann freilassen.«

 

»Aber angenommen, er hätte die Sache nicht angezeigt – angenommen, er – nun, wollen wir einmal sagen, er hätte die Leiche verborgen – hätte sie begraben – und hätte alles auf sich beruhen lassen?«

 

»Das ändert natürlich die Sache … Er würde sich dadurch einer ziemlichen Gefahr aussetzen«, sagte Mike. »Besonders« – dabei sah er den Baron scharf an – »wenn eine Freundin, mit der er sich nachher entzweite, zufälligerweise Zeugin der Tat war.«

 

Gregory Penne blickte schnell zu dem Detektiv hinüber und wurde puterrot.

 

»Nehmen wir einmal an, sie versuchte Geld von ihm zu erpressen durch die Drohung mit einer polizeilichen Anzeige?«

 

»Dann würde sie wegen Erpressung ins Gefängnis kommen«, sagte Mike geduldig, »und vielleicht auch wegen Mittäterschaft während oder nach der Tat.«

 

»Würde sie in solchem Fall wirklich ins Gefängnis kommen?« fragte Gregory interessiert. »Würde sie der Mittäterschaft beschuldigt, wenn sie zusah, wie der Mann erschlagen wurde …? Wohlgemerkt, es ereignete sich vor Jahren. Es gibt doch ein Gesetz über Verjährungsfristen, nicht wahr?«

 

»Nicht für Mord«, sagte Mike.

 

»Mord? Würden Sie denn das Mord nennen?« fragte Gregory Penne sichtlich erregt. »In Notwehr? Das ist doch Unsinn!«

 

Die Sache wurde Mike nach und nach klar. Stella hatte ihn einmal einen Mörder genannt. Mikes reger Geist begann zu arbeiten. Er konnte den ganzen Vorgang vollständig und sicher rekonstruieren. Ein Diener, wahrscheinlich einer der braunen Leute, der malaiischen Sklaven, war verrückt geworden und lief Amok. Penne hatte ihn getötet – vielleicht in Notwehr – und war jetzt vor den Folgen bange. Er erinnerte sich an Stellas Worte: »Penne prahlt nur immer, eigentlich ist er ein Feigling.« Das war der Kern der Sache.

 

»Wo haben Sie denn Ihr unglückliches Opfer begraben?« fragte er eisig.

 

Der Baron schaute ihn entsetzt an.

 

»Begraben? Was meinen Sie damit?« fragte er aufgebracht. »Ich habe niemand ermordet oder begraben. Ich habe Ihnen nur einen möglichen Fall vorgetragen.«

 

»Es klang aber doch sehr nach Wirklichkeit und weniger nach Hypothese«, sagte Mike. »Aber ich will Sie mit der Frage nicht in Verlegenheit bringen.«

 

Tatsächlich interessierte sich Mike sehr für solche Verbrechen, aber im Augenblick handelte es sich um den Kopfjäger, und da mußte er solche Dinge vorläufig außer acht lassen. Er wollte aber später darauf zurückkommen.

 

Aber da war noch etwas anderes, das er nicht einmal sich selbst eingestand. Sir Gregorys Gemeinheit und seine Verrücktheiten, seine schmutzigen Liebesabenteuer waren doch zu widerwärtig. Er hätte ihn gern an den Galgen gebracht, aber er war seiner Sache noch nicht sicher.

 

»Es ist doch merkwürdig, wie man zu solchen Fragen kommt«, sagte Penne. »Ein Mensch wie ich, der doch nicht viel zum Denken gezwungen ist, versteift sich auf ein solch abstraktes Problem und kommt nicht davon los. Dann würde sie tatsächlich der Mittäterschaft schuldig sein? Darauf steht Zuchthaus.«

 

Dieser Gedanke schien ihn sehr zu befriedigen, und er war fast liebenswürdig, als sich Mike nach einer Besichtigung der zerbrochenen Handschellen von ihm verabschiedete. Es waren alte, englische Handfesseln.

 

»Ist Bhag sehr verletzt?« fragte Mike, als er die Eisen aus der Hand legte.

 

»Nicht gerade bedeutend, er hat ein oder zwei Wunden abbekommen«, sagte Penne ruhig. Er machte keine Versuche, die Ereignisse der Nacht zu verschweigen. »Der arme Kerl, wollte mir beistehen, aber der Malaie hätte ihn beinahe getötet. Tatsächlich wurde Bhag von ihm niedergeschlagen, aber er war ihm dicht auf den Fersen, der Mordskerl.«

 

»Was für einen Hut trug der Malaie?«

 

»Keji? Ich weiß es nicht. Ich nehme an, daß er einen hatte, aber ich bemerkte es nicht. Warum?«

 

»Ich fragte bloß«, sagte Mike leichthin. »Vielleicht hat er ihn in den Höhlen verloren.«

 

Er beobachtete Penne scharf, als er dies sagte.

 

»Höhlen? Davon habe ich noch nie etwas gehört. Was ist damit? Gibt es hier in der Nähe überhaupt Höhlen?« fragte Sir Gregory unschuldig. »Sie wissen unheimlich Bescheid in der Topographie dieses Landes, Brixan. Ich lebe nun schon zwanzig Jahre hier, aber ich verliere noch jedesmal den Weg, wenn ich nach Chichester gehe.«

 

Das Rätsel der Höhlen beschäftigte Mike mehr als irgendeine andere Seite dieses geheimnisvollen Falles. Er erinnerte sich an Mr. Longvale, der eine ganz genaue Kenntnis der Gegend hatte. Als er zu ihm fuhr, war er nicht zu Hause. Erst einige Zeit später kehrte er in seinem altertümlichen Auto von Chichester zurück. Das Geräusch dieses Wagens hörte man schon lange, bevor er an einer Straßenbiegung in Sicht kam. Mike brachte seinen Wagen zum Stehen, und Longvale tat dasselbe.

 

»Ja, die Maschine macht viel Spektakel«, gab der alte Herr zu und wischte sich seinen kahlen Kopf mit einem buntgeblümten Taschentuch ab. »Ich fange erst an, mir die Errungenschaften der letzten Jahre anzueignen. Persönlich glaube ich nicht, daß ein geräuschloser Wagen mich so befriedigen würde. Man fühlt doch immer, daß etwas geschieht!«

 

»Sie sollten sich einen Rolls-Royce kaufen«, sagte Mike.

 

»Ich dachte auch schon daran«, sagte Longvale ernst. »Aber ich liebe nun einmal alte Dinge, das ist meine Eigentümlichkeit.«

 

Mike fragte ihn nach den Höhlen, und zu seinem größten Erstaunen bestätigte ihm der alte Herr ihr Vorhandensein.

 

»Ich habe häufig davon gehört. Als ich noch ein Junge, war, erzählte mir mein Vater, daß es hier in der Gegend sehr viele Höhlen gibt und daß der glückliche Entdecker des Eingangs große Mengen von altem Branntwein finden würde. Aber bisher hat niemand, soviel ich weiß, den Zugang entdecken können. Er müßte aber hier in der Gegend liegen.« Dabei zeigte er in die Richtung des Griff Towers. »Aber vor vielen Jahren …« Dann erzählte er von dem Erdrutsch und von dem Verschwinden zweier Heerhaufen tapferer Ritter und Edelleute. Wahrscheinlich hatte der alte Herr die Geschichte derselben Quelle entnommen wie Mike.

 

»Die volkstümliche Legende berichtet, daß ein unterirdischer Strom in der Nähe von Seley Bill ins Meer fließt … Aber Sie wissen ja, Landleute leben in solchen Legenden. Wahrscheinlich ist nichts Wahres daran.«

 

Inspektor Lyle wartete bereits auf den Detektiv, als er ankam. Er hatte aufsehenerregende Nachrichten für ihn.

 

»Diese Annonce erschien heute morgen im ›Daily Star‹«, sagte er.

 

Mike nahm ihm die Zeitung ab. Die Anzeige hatte denselben Wortlaut wie die frühere:

 

›Sind Ihre geistigen und körperlichen Beschwerden unheilbar? Zögern Sie noch am Rande des Abgrundes? Fehlt Ihnen Mut? Schreiben Sie dem Wohltäter. Fach …‹

 

»Antworten werden erst morgen früh eintreffen. Briefe sollen an einen Zeitungsladen in der Lamberth Road umadressiert werden. Major Staines wünscht, daß Sie diese Spur verfolgen.«

 

Die Spur war in der Tat sehr gut getarnt. Um vier Uhr am nächsten Nachmittag humpelte eine lahme alte Frau in den Laden des Zeitungsagenten in der Lamberth Road. Sie fragte nach Briefen, die an Mr. Vole adressiert seien. Es wurden ihr drei ausgehändigt. Sie zahlte die Gebühr, steckte die Umschläge in eine alte, abgenutzte Handtasche und humpelte wieder auf die Straße, indem sie murmelte und mit sich selbst sprach. Nachdem sie die Lamberth Road hinuntergegangen war, stieg sie in eine Straßenbahn nach Clapham, und in der Nähe des Parks stieg sie aus. Sie ging durch die Straßen der Mittelstandshäuser, bis sie in ein ärmliches, unansehnliches Viertel gelangte.

 

Die Gegend wurde immer armseliger, und schließlich kam sie zu einem niedrigen Bogengang, dessen Steinpflaster seit langen Jahren nicht ausgebessert worden war. Es war eine Sackgasse, deren Häuser alle gleich gebaut waren. Vor dem letzten hielt sie an, zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür. Sie wollte eben wieder schließen, als sie sah, daß ein großer, gutaussehender Herr im Eingang stand, der ihr gefolgt sein mußte.

 

»Guten Abend, Mütterchen!« sagte er.

 

Die Alte schaute ihn argwöhnisch an und murmelte etwas. Nur Krankenhausdoktoren und Beamte des Armenhauses, also Leute, die irgend etwas mit Wohltätigkeitsinstituten zu tun hatten, nannten alte Frauen Mütterchen. Manchmal taten es aber auch die Polizisten. Ihr altes, häßliches Gesicht bekam noch mehr Falten bei diesem unangenehmen Gedanken.

 

»Ich möchte ein wenig mit Ihnen sprechen!«

 

»Kommen Sie herein!« sagte sie mit schriller Stimme.

 

Der Fußboden in dem Eingangsflur war an vielen Stellen kaputt und unglaublich schmutzig. Aber er war noch in glänzender Verfassung im Vergleich zu der schrecklichen Unordnung, die in ihrem Wohnzimmer und in der Küche herrschte.

 

»Woher kommen Sie? Vom Hospital oder von der Polizei?«

 

»Polizei«, sagte Mike. »Geben Sie mir die drei Briefe, die Sie eben abgeholt haben.«

 

Zu seiner Überraschung sah die alte Frau erleichtert auf.

 

»Ach, ist das alles?« sagte sie. »Das tue ich nun schon seit langen Jahren für einen alten Herrn.«

 

»Wie heißt er?«

 

»Ich kenne seinen Namen nicht. Die Adresse auf den Briefen ist richtig. Ich sende sie alle an ihn.«

 

Aus einem Haufen Kram holte sie drei Kuverts hervor, deren Adresse mit Maschine geschrieben war. Mike erkannte die Type sofort wieder. Sie waren an eine Straße in Guildford adressiert.

 

Mike nahm die Briefe und las zwei davon; der dritte war eine von ihm selbst geschriebene Antwort auf die Annonce. Das jetzt folgende scharfe Verhör brachte ihn aber nicht weiter. Die Frau erhielt monatlich ein Pfund für ihre Bemühungen. Das Geld sandte ihr der Unbekannte jedesmal in einem Brief, in dem er ihr auch mitteilte, wo sie die nächsten abholen sollte.

 

»Sie war etwas verrückt und machte einen fast idiotischen Eindruck«, sagte Mike mit Abscheu, als er Major Staines berichtete. »Auch die Nachforschungen in der Guildforder Straße haben nichts ergeben. Dort sitzt ein anderer Agent, der die Briefe nach London zurückschickt, wo sie niemals ankommen. Da ist noch ein Haken bei der Sache. In ganz London gibt es diese Adresse nämlich nicht, und ich kann nur vermuten, daß die Briefe unterwegs abgefangen werden. Ich habe die Polizei in Guildford beauftragt, dieser Sache auf den Grund zu gehen.«

 

Major Staines war sehr verärgert.

 

»Ich hätte Ihnen diesen Fall doch nicht zur Bearbeitung übergeben sollen«, sagte er. »Ich habe die besten Absichten gehabt, als ich es tat. Scotland Yard macht jetzt Schwierigkeiten und sagt, man hätte den Kopfjäger längst fangen können, wenn sich nicht andere Leute hineingemischt hätten. Sie kennen ja selbst die unglaubliche Eifersucht zwischen den einzelnen Behörden. Und ich brauche Ihnen doch wohl nicht erst zu erzählen, wieviel unangenehme Bemerkungen ich zu hören bekomme, die ich wirklich nicht verdiene.«

 

Mike sah seinen Vorgesetzten nachdenklich an.

 

»Ich werde den Kopfjäger verhaften, aber ich bin mehr denn je davon überzeugt, daß wir ihn nicht eher überführen können, als bis wir etwas Näheres – über die Höhlen wissen!«

 

Staines zog die Stirne kraus.

 

»Ich verstehe nicht ganz, Mike. Von welchen Höhlen sprechen Sie?«

 

»In der Nähe von Chichester liegen Höhlen. Foß wußte auch von deren Existenz und brachte sie sogar in Verbindung mit dem Kopfjäger. Geben Sie mir noch vier Tage Zeit, Major, und ich werde über beides Bescheid wissen. Und wenn ich keinen Erfolg habe« – er machte eine Pause – »wenn ich keinen Erfolg habe, können Sie mir guten Morgen sagen, wenn Ihnen mein Kopf aus der nächsten Kiste des Kopfjägers entgegenschaut!«

 

29, 30 und 31 fehlen im Buch

 

29, 30 und 31 fehlen im Buch

 

Am zweiten Tag nach Mikes Besuch in London fühlte sich Helen ganz verlassen auf der Welt, wußte aber selbst nicht warum. Und doch war ihr Spiel im Film glänzend, und Jack Knebworth, der sonst sehr mit seinem Lob geizte, war begeistert von einer kleinen Szene, die sie mit Connolly gespielt hatte. Er lobte sie so sehr, daß selbst Reggie sich nicht ausschließen wollte und seine frühere abfällige Meinung über Helen einer Revision unterzog.

 

»Ich will ganz frei und offen sprechen«, sagte er aufrichtig. »Die Leamington ist gut, es ist ganz selbstverständlich, daß ich ihr immer mit Rat und Tat zur Seite stehen werde, und nichts hilft so – wenn ich einen richtigen Ausdruck gebrauchen darf –«

 

»Gebrauchen Sie ihn ruhig«, sagte Jack Knebworth.

 

»– als wenn man einen vollendeten Künstler zum Partner hat. Mir kann es natürlich nichts nützen, aber sie bringt es sehr viel weiter dadurch, sie entwickelt ihr Selbstbewußtsein und ihren Mut. Obgleich ich eine unangenehme, schreckliche Zeit hinter mir habe, fühle ich doch, daß sie eine dankbare Schülerin ist.«

 

»Sieh mal an«, brummte Knebworth. »Ich möchte gerne dasselbe von Ihnen sagen, Reggie. Aber unglücklicherweise werden Sie durch all die Erziehung, die ich Ihnen gab und die Sie noch bekommen werden, nicht um einen Deut besser.«

 

Reggies überlegenes Lächeln hätte einen weniger ruhigen Mann als Knebworth leicht gereizt.

 

»Sie haben vollkommen recht«, sagte Reggie ernsthaft. »Ich kann mich nicht mehr steigern. Ich habe den Zenit meines Ruhmes erreicht, und ich zweifle, daß Sie noch einen ähnlichen Schauspieler wie mich finden werden. Ich bin sicher der beste jugendliche Liebhaber in diesem Lande, vielleicht auf der ganzen Welt. Ich hatte drei Angebote, nach Hollywood zu gehen, und Sie würden nicht glauben, welche Schauspielerin mich gebeten hat, als ihr Partner zu spielen.«

 

»Von alledem glaube ich Ihnen kein Wort«, sagte Jack gleichmütig. »Aber wenn Sie Miss Leamington über alle Maßen loben, haben Sie recht. Sie ist großartig, und ich glaube, daß es vollkommen richtig ist, wenn Sie sagen, daß es Ihnen nicht zu großem Vorteil gereicht, als ihr Partner Zu spielen. Ihr gegenüber sehen Sie aus wie abgestandenes, saures Bier.«

 

Später fragte Helen selbst ihren weißhaarigen Chef, ob es wahr wäre, daß Reggie England bald verlassen würde, um seine Stellung zu verbessern.

 

»Ich glaube nicht«, sagte Jack. »Ich habe noch keinen Schauspieler kennengelernt, der nicht immer noch einen besseren Vertrag hätte machen können. Wenn er ihn dann aber vorzeigen soll, so ist er gewöhnlich im Büro eines Rechtsanwaltes eingeschlossen und kann nicht herausgeholt werden. In der Filmbranche der ganzen Welt gibt es immer wieder Schauspieler und Schauspielerinnen, die mit dem nächsten Dampfer nach Hollywood fahren, um zu zeigen, wie man wirklich spielen muß. Aber alle Passagierdampfer würden leer fahren, wenn sie auf diese Fahrgäste angewiesen wären. Das ist ja alles nur Bluff. Es gehört eben zum Künstlerleben, sich selbst und anderen etwas vorzumachen.«

 

»Ist Mr. Brixan zurückgekommen?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe nichts davon gehört. Vor einer halben Stunde kam ein übel aussehender Bursche ins Atelier und fragte, ob er schon zurück wäre.«

 

»Ein übel aussehender Strolch?« fragte sie. »Ich habe ihn gesprochen. Er sagte, daß er einen Brief für Mr. Brixan hätte, den er ihm nur persönlich abgeben wollte.«

 

Sie sah aus einem Fenster, von dem aus man die Zufahrtsstraße zu dem Atelier beobachten konnte. Draußen an der Straßenecke stand ein heruntergekommener Mann. Er trug eine ausgeblichene, zerschlissene Golfkappe, unter der langes, dünnes schwarzes Haar, untermischt mit einigen grauen Fäden, unordentlich hervorschaute. Anscheinend hatte er kein Hemd an, denn der Kragen seines unglaublich schlechten Rockes war hochgeschlagen. Die nackten Zehen guckten vorn aus seinen Schuhen heraus.

 

Er mochte ungefähr sechzig sein, aber es war schwer, sein genaues Alter festzustellen. Es schien, als ob seine grauen Bartstoppeln nicht mehr mit einem Rasiermesser in Berührung gekommen waren, seitdem er das letztemal im Gefängnis saß. Seine Augen waren entzündet und seine Nase tiefrot, ins Bläuliche spielend. Die Hände hatte er in die Hosentaschen gesteckt. Man hätte glauben können, daß dies der, einzige Halt für das Kleidungsstück war, bis man die rote Schnur sah, die er um seine Hüften gebunden hatte. Während er so dastand, schurrte er im Takt mit den Füßen und pfiff eine traurige Melodie dazu. Von Zeit zu Zeit zog er eine Hand aus der Tasche und befühlte den etwas schmutzigen Briefumschlag. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß er ihn noch besaß, verwahrte er ihn wieder und trippelte im Takt auf seinem Wachtposten weiter.

 

»Glauben Sie nicht, daß Sie den Brief lesen müßten?« fragte Helen besorgt. »Er könnte doch wichtige Nachrichten enthalten.«

 

»Das dachte ich auch«, sagte Jack Knebworth. »Aber als ich sagte, daß er ihn mir zeigen sollte, grinste er nur.«

 

»Wissen Sie, woher er kommt?«

 

»Ich weiß nicht mehr als irgendeine Nebelkrähe«, meinte Jack ruhig. »Und nun wollen wir Mike Brixan einmal vergessen und uns wieder Roselle zuwenden. Die Aufnahmen, die wir draußen am Turm gemacht haben, könnten nicht besser sein. Ich will also die Nachtaufnahmen weglassen, und von jetzt ab werden wir sehen, daß wir schnell vorwärtskommen mit unserer Arbeit.«

 

Die Aufnahmen für den Film waren schwierig. Es war sehr mühsam, die einzelnen Szenen so gut durchzuarbeiten, daß alle Pointen herauskamen. Noch nie hatte er so viele Mitspieler zu dirigieren gehabt, seitdem er hier in England tätig war. Und auch für Helen war es ein anstrengender Tag. Sie war vollkommen erschöpft, als sie ihren Heimweg antrat.

 

»Haben Sie nicht Mr. Brixan gesehen?« hörte sie plötzlich eine Fistelstimme neben sich, als sie den Bürgersteig erreichte. Sie drehte sich erschrocken um. Sie hatte gar nicht mehr an den Herumtreiber gedacht.

 

»Nein, er ist nicht dagewesen«, sagte sie. »Sie würden besser Mr. Knebworth noch einmal aufsuchen. Er wohnt bei ihm.«

 

»Als ob ich das nicht wüßte! Ich weiß alles, was man nur irgend von ihm wissen kann.«

 

»Ich glaube, er ist in London – dann werden Sie das ja auch wissen.«

 

»Er ist nicht in London«, sagte der andere beinahe vorwurfsvoll. »Wenn er in London wäre, würde ich doch nicht hier herumlaufen. Gestern ist er von London weg. Ich werde auf ihn warten, bis er kommt.«

 

Sie war einen Augenblick über seine Hartnäckigkeit belustigt, aber alles andere als froh gestimmt.

 

Sie ging quer über den Markt. Plötzlich kam ein großes Auto in rasender Fahrt daher, und sie mußte schnell zur Seite springen. Sie erkannte den Wagen Stella Mendozas. Stella fuhr manchmal äußerst rücksichtslos.

 

Sie hatte es sehr eilig und schimpfte, als sie einem Fußgänger ausweichen mußte. Sir Gregory war plötzlich geneigt, ihre Wünsche zu erfüllen, und sie wollte schnell zu ihm, bevor er seine Meinung wieder änderte. Da erkannte sie Helen, brachte den Wagen zum Stehen, riß die Tür auf und sprang heraus.

 

»Wenn ich in zwei Stunden von Griff Towers nicht wieder zurück bin, benachrichtigen Sie bitte die Polizei«, rief sie der erstaunten Helen schnell zu. Und ehe diese sich recht besinnen konnte, was vorgefallen war, fuhr Stella schon wieder davon.

 

Kapitel 19

 

19

 

Mike Brixan hatte sich einen schweren Koffer aus der Stadt schicken lassen, der wertvolle Kleidungsstücke enthielt. Eine halbe Stunde lang beschäftigte er sich mit dem Inhalt, dann meldete ihm der Boy des Hotels, daß das Motorrad da sei, das für ihn bestellt worden war. Mit einem Rucksack auf dem Rücken bestieg er das Rad und hatte die Stadt bald hinter sich. Er machte einen Umweg durch die gewundenen Straßen von Sussex, ehe er Dower House erreichte, wo er seine Maschine versteckte.

 

Es war elf Uhr, als er über die Felder ging, die zu der Hinterpforte führten. Auf dem ganzen Weg lauschte er auf den sanftfüßigen Bhag. Die Hintertür war zu und verschlossen darauf war er vorbereitet. Er nahm seinen Rucksack ab, nahm ein Bündel Stäbe heraus und schraubte drei zusammen. Oben befestigte er einen dicken, stumpfen Haken, dann legte er die übrigen Stäbe zurück. Er hob den Haken bis zur Kante der hohen Mauer, prüfte die Festigkeit – und in wenigen Sekunden war er auf seiner Leiter hochgeklettert und sprang auf die andere Seite hinab.

 

Er folgte dem Weg, den er früher schon einmal genommen hatte, und hielt sich im Gebüsch. Scharf spähte er links und rechts nach dem gefährlichen Diener Pennes aus. Als er zu dem Ende der Hecke kam, öffnete sich die Tür der Vorhalle, und zwei Männer traten heraus. Der eine war Penne, den schlanken Mann an seiner Seite erkannte er im Augenblick nicht, bis er dessen Stimme hörte. Es war Mr. Sampson Longvale!

 

»Ich glaube, daß sie durchkommt. Die Wunden sind nicht sehr schlimm. Es sieht fast so aus, als ob sie von einer ungeheuren Klaue gepackt worden wäre«, sagte Longvale. »Ich hoffe, daß meine Hilfe von Nutzen war, Sir Gregory, obwohl ja, wie ich Ihnen schon erzählte, meine medizinische Tätigkeit fast fünfzig Jahre zurückliegt.«

 

Der alte Longvale war also Arzt! So sehr überraschte Mike diese Neuigkeit nicht. In dem wohlwollenden Verhalten und in der freundlichen Art dieses Mannes lag etwas, das selbst einen weniger guten Psychologen als Mike Brixan an einen solchen Beruf hätte denken lassen.

 

»Mein Wagen wird Sie zurückbringen«, hörte er Sir Gregory sagen.

 

»Nein, ich danke Ihnen, ich möchte zu Fuß gehen. Es ist ja nicht weit. Gute Nacht, Sir Gregory.«

 

Der Baron brummte gute Nacht und ging in die schwach erleuchtete Halle zurück. Mike hörte das Rasseln der Ketten, mit denen Penne die Tür sicherte.

 

Es war keine Zeit zu verlieren. Fast noch ehe Mr. Longvale in der Dunkelheit verschwunden war, hatte Mike seinen Rucksack wieder geöffnet und seiner Leiter drei neue Stäbe hinzugefügt. Von jedem Stab sprang ein kurzer, leichter Stahlarm vor. Es war der Typ der Hakenleiter, wie sie von Feuerwehrleuten benützt wird. Mike war während seiner bewegten Laufbahn oft auf diese Weise in unzugängliche Häuser eingedrungen. Er hatte die Entfernung gut geschätzt, denn als er den Stab hob und den Haken an dem Brett des kleinen Fensters anbrachte, hing die Leiter nur wenige Zoll über dem Boden. Er prüfte die Festigkeit durch einen kräftigen Ruck an dem Haken, dann kletterte er hinauf, und in wenigen Sekunden spähte er durch das Fenster. Es war leicht zu öffnen – der Verschluß war von verblüffender Einfachheit. Im nächsten Augenblick stand er auf den Stufen einer dunklen und engen Treppe.

 

Er hatte eine Taschenlampe mitgenommen und leuchtete damit den Raum ab. Unten sah er eine kleine Tür, die anscheinend in die Halle führte. Er dachte angestrengt nach und erinnerte sich dann, daß sich in einer Ecke der Halle ein Vorhang befand, dem er aber keine Wichtigkeit beigelegt hatte. Er ging hinunter, versuchte, die Tür aufzudrücken, fand sie aber verschlossen. Nun setzte er seine Lampe nieder, nahm ein Lederetui mit Werkzeug aus seiner Tasche und begann an dem Schloß zu arbeiten. In unglaublich kurzer Zeit gab es nach. Als er sich überzeugt hatte, daß die Tür sich öffnen würde, war er zufrieden. Zunächst gab es oben für ihn Arbeit. Er stieg die Stufen wieder empor und kam zu einem schmalen Podest, sah aber keine Tür.

 

Eine zweite, dritte und vierte Treppe brachte ihn, soweit er vermuten konnte, zu der Spitze des Turmes, und hier fand er einen schmalen Ausgang. Er lauschte, und nach einer Weile hörte er, daß sich jemand im Raum bewegte, der dem Geräusch nach Pantoffeln trug. Gleich darauf schloß eine Tür mit dumpfem Schlag, und er versuchte, die Klinke niederzudrücken. Die Tür war unverschlossen. Er öffnete sie ein wenig, bis er den größeren Teil des Zimmers übersehen konnte.

 

Es war ein kleiner, luftiger Raum ohne Möbel. Nur in einer Ecke stand ein Bett, auf dem eine Frau lag. Glücklicherweise wandte sie ihm den Rücken zu. Aber ihr schwarzes Haar und die dunkle Haut ihres bloßen Armes, der auf der Decke ruhte, sagten ihm, daß sie keine Europäerin war.

 

Sie wandte sich um, und er konnte ihr Gesicht betrachten. Er erkannte sie sofort als die Frau wieder, die er in dem Film gesehen hatte. Sie sah schön und jung aus. Ihre Augen waren geschlossen, und sie begann im Schlaf leise zu rufen. Mike war schon halb im Zimmer, als er merkte, daß sich die Klinke der anderen Tür bewegte. Blitzschnell kehrte er zu dem dunklen Treppenabsatz zurück.

 

Bhag in seiner alten blauen Hose kam herein. In den großen Händen hielt er ein Tablett mit Speisen. Er streckte einen Fuß aus und zog den Tisch zu sich heran. Dann stellte er das Brett an der Seite des Bettes nieder. Das Mädchen öffnete die Augen und fiel mit einem entsetzten Schrei wieder zurück. Bhag, der anscheinend an diese Äußerungen des Widerwillens gewöhnt war, schlurfte aus dem Zimmer.

 

Mike öffnete die Tür wieder leise und ging durch den Raum, ohne daß ihn das Mädchen bemerkte. Er sah in den Gang – keine sechs Schritte von ihm entfernt kauerte Bhag und schaute ihn an.

 

Mike schloß die Tür schnell und flog zu der geheimen Treppe zurück. Die Tür zog er hinter sich zu. Er suchte nach einem Schlüssel, aber es war keiner da. Ohne eine Sekunde länger zu warten, lief er die Treppe hinab. Er wollte auf alle Fälle einen Zusammenstoß vermeiden, der seine Anwesenheit in diesem Haus verraten konnte.

 

Er machte nicht den Versuch, aus dem Fenster zu entkommen, sondern ging die Treppe hinunter und trat dann in die Halle ein. Diese Tür konnte er schließen, oben und unten waren zwei große Riegel. Er schob den Vorhang zurück und wartete eine Weile – gleich darauf hörte er ein Schlurfen auf der Treppe. Nun sicherte er vor allem seinen Rückzug. Geräuschlos riegelte er die Haupttür auf, zog die Kette weg und drehte den Schlüssel um. Dann schlich er sich vorsichtig auf den Gang und wandte sich Sir Gregorys Zimmer zu.

 

Es bestand die Gefahr, daß einer der Eingeborenen ihn sehen konnte, aber das mußte er riskieren. Er hatte bei seinen früheren Besuchen beobachtet, daß sich kurz vor der Bibliothek eine Tür befand, die in eine Art Vorzimmer führen mußte. Sie war nicht verschlossen, und er trat in vollkommene Dunkelheit. Er tastete sich an der Wand entlang und fand eine Reihe von Schaltern. Den ersten drehte er an, und zwei Wandarme leuchteten auf, die genügend Licht verbreiteten, um ihm einen Überblick über den Raum zu geben.

 

Es war ein kleiner Salon, der anscheinend nicht benützt wurde, denn die Möbel waren mit Überzügen bedeckt, und der Kamin stand leer. Von hier aus konnte man durch eine Tür in der Nähe des Fensters zu der Bibliothek kommen. Er drehte das Licht wieder aus, verschloß die Tür von innen und prüfte die Fensterläden. Sie waren durch Eisenstangen gesichert und nicht wie die in der Bibliothek verschlossen. Er stieß sie zurück, zog das Rouleau in die Höhe und öffnete vorsichtig zwei Flügel. Nun hatte er eine zweite Möglichkeit zu entkommen.

 

Er kniete nieder und spähte durch das Schlüsselloch. In der Bibliothek brannte Licht; es sprach jemand. Eine Frau! Er drückte die Klinke nieder und öffnete die Tür ein wenig, so daß er ins Zimmer sehen konnte.

 

Gregory Penne stand in seiner Lieblingshaltung am Kamin, den Rücken dem Feuer zugewandt. Vor sich hatte er ein Tablett mit verschiedenen Drinks, ohne die ihm das Leben anscheinend unerträglich war. An der anderen Seite des Kamins saß Stella Mendoza auf einem niedrigen Sitz. Sie trug einen Pelzmantel, denn die Nacht war kühl. Um ihren Hals funkelten so viele Edelsteine, wie Mike sie niemals zuvor an einer Frau gesehen hatte.

 

Das Thema der Unterhaltung schien nicht sehr angenehm zu sein, denn Gregory blickte finster drein, und Stella schien auch nicht sehr glücklich.

 

»Ich habe dich allein gelassen, weil ich dich eben allein lassen mußte«, grollte er als Antwort auf ihre Beschwerde. »Eine meiner Dienerinnen ist krank, und ich habe den Arzt geholt. Und wenn ich dageblieben wäre, würde es dasselbe sein. Es hat keinen Zweck, Kind«, sagte er scharf. »Das Huhn legt keine goldenen Eier mehr wie früher – dieses Huhn auf keinen Fall. Es war töricht von dir, dich mit Knebworth zu überwerfen.«

 

Sie sagte etwas, was Mike nicht hören konnte.

 

»Deine eigene Gesellschaft – das wäre schön!« sagte er sarkastisch. »Es wäre schön für mich, der ich die Rechnungen bezahlen müßte, und noch schöner für dich, die das Geld ausgeben könnte! Nein, Stella, da spiele ich nicht mit. Ich bin sehr gut zu dir gewesen, und du hast nicht das Recht, von mir zu erwarten, daß ich Bankrott mache, um dir eine Laune zu erfüllen!«

 

»Das ist keine Laune!« sagte sie heftig. »Das ist zwingende Notwendigkeit. Wenn du mich nicht von Atelier zu Atelier herumlaufen lassen willst, um mir ein Engagement zu suchen … Willst du das etwa?« fragte sie in vorwurfsvollem Ton.

 

»Ich will dich nicht zur Arbeit zwingen, und ich wüßte auch gar nicht, warum du arbeiten müßtest. Du hast genug, um davon zu leben. Immerhin, du hast keinen Grund, auf Knebworth wütend zu sein. Wenn er nicht gewesen wäre, hättest du mich nicht kennengelernt, und wenn du mich nicht kennengelernt hättest, wärest du um viele Tausende ärmer. Das einzige ist, dir ist die Sache zu langweilig geworden, und du brauchst eine Veränderung!«

 

Tiefe Stille trat ein. Ihr Kopf sank, und Mike konnte ihr Gesicht nicht mehr sehen. Aber als sie sprach, hörte er an ihrem grollenden Unterton, in welcher Stimmung sie war.

 

»Du brauchst anscheinend auch eine Veränderung. Glaubst du etwa, ich lasse mich so abschieben? Ich könnte Dinge von dir erzählen, die nicht sehr schön aussehen, wenn sie im Druck erscheinen. Dann würdest du auch deine Veränderung haben! Denke daran, Gregory Penne! Ich bin kein Dummkopf. Ich habe hier allerhand Dinge gesehen und gehört, und die Zusammenhänge sind mir ganz klar. Du meinst, ich brauche eine Veränderung. Das glaube ich auch. Ich brauche Freunde, die keine Mörder sind –«

 

Mit einem Satz sprang er zu ihr hin, und seine fleischige Hand schloß ihr den Mund.

 

»Du Hexe!« zischte er. In dem Augenblick mußte jemand geklopft haben, denn er drehte sich zur Tür um und sagte etwas in einem Eingeborenen-Dialekt.

 

Mike konnte die Antwort nicht hören.

 

»Nun hör mal«, sagte Gregory in ruhigerem Ton zu Stella. »Foß wartet draußen und will mich sprechen. Ich werde diese Angelegenheit später mit dir bereden.«

 

Er ließ sie los, ging zu seinem Schreibtisch und drehte den Hebel, der die geheime Tür zu Bhags Quartier öffnete.

 

»Geh da hinein und warte«, sagte er. »Die Unterredung mit Foß wird nicht länger als fünf Minuten dauern.«

 

Sie schöpfte Verdacht, als sie zu der Tür sah, die sich plötzlich in der Täfelung öffnete.

 

»Nein«, sagte sie. »Ich werde nach Hause gehen. Morgen können wir über die Sache sprechen. Es tut mir leid, daß ich so heftig wurde, Gregory, aber du kannst einen manchmal auch verrückt machen.«

 

»Geh da hinein«, sagte er scharf. Er zeigte auf die Zelle. Er biß die Zähne aufeinander, und seine Stirnader schwoll an.

 

»Ich will nicht«, rief sie entsetzt, und sie wurde bleich.

 

»Du tierischer Mensch! Glaubst du, ich weiß nicht, was los ist? Das ist Bhags Käfig, du gemeiner Kerl!«

 

Sein Gesicht sah schrecklich aus. Bosheit und Niedertracht malten sich in seinen Zügen. Atemlos vor Schrecken starrte Stella ihn an und taumelte gegen die Wand. Gregory gewann wieder die Herrschaft über sich.

 

»Dann geh in den kleinen Salon«, sagte er rauh.

 

Brixan hatte gerade noch Zeit, sich in eine Ecke zu drücken, als die Tür aufgerissen wurde und sie hereinkam.

 

»Es ist dunkel hier drinnen«, sagte sie verdrossen.

 

»Dreh doch das Licht an!«

 

Die Tür schlug zu. Mike Brixan wußte nicht, was er nun tun sollte. Er konnte ihre Gestalt sehen, wie sie an der Wand entlangtastete, und er ging ihr vorsichtig aus dem Weg. Dabei stolperte er aber über einen Stuhl. »Wer ist da?« schrie sie auf. »Gregory, ruf das Vieh zurück! Gregory!«

 

Wieder hörte er den gellenden Schrei. Aber schon war er am Fenster, schlüpfte hindurch und sprang auf die Erde. Während er an der Hecke entlanglief, hörte er noch ihre schrillen Schreie. So behende er auch war, es eilte jemand noch schneller hinter ihm her – eine große, unförmige Gestalt, die sich auf Händen und Füßen fortbewegte. Der Detektiv hörte es, schaute sich um und erkannte seinen Verfolger. Von welchem verborgenen Platz aus mochte Bhag plötzlich gekommen sein? Als Mike zur Erde sprang, hatte er keine Zeit, sich umzusehen. Seine Rocktasche war so merkwürdig leicht. Er fühlte mit der Hand, daß die Pistole nicht mehr darin war. Sie mußte ihm beim Sprung entfallen sein.

 

Er hörte nur, daß Bhag immer noch hinter ihm her war, als er quer übers Feld raste. Er stolperte über Kohlköpfe und trat in tiefe Furchen. Das unheimliche Tier kam immer näher an ihn heran. Die Hintertür lag jetzt vor Mike, aber sie war verschlossen, und selbst die hohe Mauer hätte dem Affen kein Hindernis geboten. Die Wand hielt Mike auf. Atemlos drehte er sich nach seinem Verfolger um. In der Dunkelheit sah er zwei grüne Augen gleich zwei Unglückssternen unheimlich aufblitzen.

 

Kapitel 2

 

2

 

Helen Leamington wartete, bis das Atelier fast leer war, und auch dann zögerte sie noch, ehe sie in das Büro ihres Chefs eintrat. Ein weißhaariger Mann saß zusammengekauert in einem Segeltuchstuhl. Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und runzelte mißmutig die Stirn.

 

Es war gerade kein glücklicher Augenblick, um ihm eine Bitte vorzutragen. Niemand wußte das besser als sie selbst.

 

»Mr. Knebworth, kann ich Sie einen Augenblick sprechen?«

 

Langsam schaute er auf. Sonst wäre der Amerikaner gleich aufgestanden, denn man rühmte an ihm allgemein seine bezaubernde Liebenswürdigkeit. Aber augenblicklich war seine Achtung vor den Frauen unter Null gesunken. Er sah sie mißmutig an, prüfte aber gewohnheitsmäßig als Filmmann unwillkürlich ihre Erscheinung. Sie war hübsch und hatte regelmäßige Gesichtszüge. Goldbraune Locken umrahmten weich ihr Gesicht mit dem festen, schöngeformten Mund. Ihre Gestalt war schlank. Man konnte nichts an ihr aussetzen.

 

Jack Knebworth hatte schon viele schöne Statistinnen zu Gesicht bekommen. Wie oft war er von einem hübschen Mädchen begeistert, und wenn er es dann auf der Leinwand sah, war er verzweifelt. Sie bewegten sich meist steif wie hölzerne Puppen, ohne Seele und Ausdrucksfähigkeit. Er kannte diese Frauen, die zu hübsch waren, um Geist zu besitzen, und die sich ihrer Schönheit zu bewußt waren, um sich noch natürlich bewegen zu können. Sie waren nur Puppen – ohne Seele und Verstand –, Statistinnen. Man konnte sie nur in der Menge auftreten lassen, mit schönen Kleidern, wo sie sich dann mit ihrem Allerweltslächeln mechanisch bewegten. Sie waren vom Schicksal eben zu Statistinnen bestimmt und konnten in ihrem ganzen Leben auch nichts anderes werden.

 

»Was gibt es?« fragte er unfreundlich.

 

»Könnte ich nicht eine Rolle in diesem Film bekommen, Mr. Knebworth?« fragte sie. Seine glattrasierte Oberlippe zog sich zusammen. »Ich denke, Sie haben eine Rolle, Miss – wie war gleich Ihr Name – Leamington, nicht wahr?«

 

»Gewiß spiele ich mit, aber nur im Hintergrund«, lächelte sie ihn an. »Ich verlange ja auch keine große Rolle. Aber ich bin sicher, daß ich mehr leisten könnte als an meiner jetzigen Stelle.«

 

»Ich bin davon überzeugt, daß Sie sich schließlich auch nicht schlechter ausnehmen werden als andere«, grollte er. »Nein, meine Liebe, es gibt für Sie keine Rolle. Es wird überhaupt nicht weiter gefilmt, wenn sich die Dinge nicht ändern. So liegt die Sache!«

 

Sie wandte sich zum Gehen, aber er rief sie noch einmal zurück.

 

»Sie sind vermutlich aus guten Verhältnissen weggelaufen?« fragte er. »Sie dachten, wenn man beim Film ist, verdient man eine Million Dollar im Jahr und kann sich jeden Donnerstag ein neues Auto kaufen? Oder Sie hatten eine gute Stellung als Stenotypistin und bildeten sich ein, daß Hollywood nur auf Sie gewartet hätte? Gehen Sie ruhig nach Hause und erzählen Sie Ihrem Vater die alte Geschichte, daß Sie nicht länger Stenotypistin bleiben wollen, weil man sich da zu Tode schindet!«

 

Ein schwaches Lächeln zeigte sich auf ihren Zügen.

 

»Ich bin nicht zum Film gegangen, weil ich verrückt nach der Bühne war – wenn Sie das etwa meinen sollten, Mr. Knebworth. Als ich hierher kam, war ich mir klar darüber, wie schwer man zu kämpfen hat. Ich habe keine Eltern mehr.«

 

Er schaute sie interessiert an.

 

»Wie bestreiten Sie denn Ihren Lebensunterhalt?« fragte er. »Als Statistin verdient man doch nicht genügend. Vielleicht wenn ich einer der Direktoren wäre, die Riesenfilme mit Wagenrennen veranstalten – und Millionen verschwenden! Aber Sie wissen ja, daß ich nicht soviel Geld zur Verfügung habe. Wenn ich einen Film drehe, dann genügen mir fünf Hauptrollen.«

 

»Ich habe etwas Zuschuß vom Vermögen meiner Mutter, und außerdem schreibe ich«, sagte das junge Mädchen schüchtern. Sie brach ab, als sie bemerkte, daß er nach dem Ateliereingang schaute, und drehte sich nach dorthin um. Eine merkwürdige Persönlichkeit stand dort. Zuerst vermutete sie einen Schauspieler, der zu einer Filmprobe kostümiert war.

 

Es war ein älterer Herr, aber sein aufrechter Gang und seine hohe Gestalt ließen ihn jünger erscheinen. Er trug einen knapp anliegenden Rock mit langen Schößen. Seine Hosen waren mit Lederbügeln an den Schuhen befestigt. Der hohe, steife Kragen und die schwarzseidene Halsbinde gehörten dem Schnitt nach der Vergangenheit an, aber sie waren funkelnagelneu. Seine weißen Leinenmanschetten lagen über den Handgelenken, und seine zweireihige Weste aus grauem Samt war mit goldenen Knöpfen verziert. Es machte ganz den Eindruck, als ob ein Familienporträt der fünfziger Jahre zum Leben erwacht wäre. In seiner behandschuhten Rechten hielt er einen großen Hut mit geschweifter, breiter Krempe, in der anderen einen Spazierstock mit goldenem Knauf. Sein tiefgefurchtes Gesicht hatte einen angenehmen, ruhigen und wohlwollenden Ausdruck. Es schien ihm nicht bewußt zu sein, daß seine Kleidung durchaus nicht mehr in diese Zeit paßte.

 

Jack Knebworth erhob sich schnell und ging dem Fremden entgegen.

 

»Mr. Longvale, ich freue mich sehr, Sie bei mir zu sehen – haben Sie meinen Brief bekommen? Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr Sie mich dadurch verpflichtet haben, daß Sie mir Ihr Haus überlassen wollen.«

 

Das Mädchen erkannte nun Mr. Sampson Longvale. Es war der Herr, der unten in Dower House wohnte. In ganz Chichester war er nur unter seinem Spitznamen »der altmodische Herr« bekannt. Als sie einmal Außenaufnahmen machten, zeigte ihr jemand das große, geräumige Haus mit dem verwilderten Garten und den schiefen Mauern, in dem er wohnte.

 

»Ich dachte, es wäre das beste, wenn ich Sie einmal besuchte«, sagte der Fremde mit wohlklingender Stimme.

 

Sie erinnerte sich nicht, jemals ein so klangvolles Organ gehört zu haben, und sah den merkwürdigen Mann mit großem Interesse an.

 

»Ich hoffe, daß das Haus und das Grundstück sich für Ihre Zwecke eignen werden. Ich fürchte nur, daß das Anwesen nicht sehr in Ordnung ist, aber ich kann den Besitz leider nicht in so gutem Zustand halten wie mein Großvater.«

 

»Das ist ja gerade das, was ich brauche, Mr. Longvale. Ich dachte schon, ich hätte Sie verletzt, als ich bat –«

 

Der alte Herr unterbrach ihn mit einem leisen Lachen.

 

»Nein, ich war durchaus nicht beleidigt. Sie brauchen ein Haus, in dem es spukt, und ich konnte Ihnen nun gerade ein solches anbieten. Aber ich kann Ihnen nicht versprechen, daß Sie der Geist meiner Ahnfrau nicht belästigen wird. In Dower House spukt es schon seit mehreren hundert Jahren. Einer meiner Vorfahren hat in einem Anfall von Wahnsinn seine Tochter ermordet, und man nimmt an, daß der Geist dieser unglücklichen Frau umgeht. Ich habe sie niemals zu Gesicht bekommen, aber vor einigen Jahren hat sie einer meiner Dienstboten gesehen. Ich habe mich von diesen Unannehmlichkeiten befreit, indem ich alle meine Dienstboten entließ«, fügte er lächelnd hinzu. »Aber wenn Sie eine Nacht dort zubringen wollen, wird es mir ein Vergnügen sein, fünf oder sechs Leute Ihrer Gesellschaft mit einzuladen.«

 

Knebworth seufzte erleichtert auf. Trotz eifrigen Bemühens hatte er in der Nähe keine Unterkunft für seine Leute finden können. Es lag ihm aber viel daran, Nachtaufnahmen zu machen, und gerade für eine Szene brauchte er das gespenstisch blasse Licht des Morgengrauens.

 

»Ich fürchte, das wird Ihnen zuviel Umstände machen, Mr. Longvale«, sagte er. »Wir müssen auch noch die schwierige Frage der Entschädigung –«

 

Der alte Herr brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

 

»Bitte, sprechen wir nicht vom Geld«, sagte er bestimmt. »Ich interessiere mich sehr für Filmaufnahmen. Ich beschäftige mich wirklich gern mit den modernsten Dingen. Im allgemeinen sind die alten Leute ja geneigt, die Fortschritte der Neuzeit abzulehnen, aber mir ist es ein großes Vergnügen, die Wunder der Wissenschaften, die uns die letzten Jahre gebracht haben, kennenzulernen.«

 

Bei diesen Worten schaute er den Direktor merkwürdig an.

 

»Einmal müssen Sie auch von mir eine Filmaufnahme machen, und zwar in einer Rolle, in der mich keiner übertreffen kann, wie ich glaube – nämlich als mein Vorfahre.«

 

Jack Knebworth starrte ihn halb belustigt, halb erschreckt an. Er hatte schon öfters die Erfahrung gemacht, daß sich Leute gern selbst auf der Leinwand sahen, aber er hätte doch niemals vermutet, daß Mr. Sampson Longvale auch diese kleine Eitelkeit besitzen würde.

 

»Ich werde mich freuen«, sagte er etwas kühl. »Ihre Familie ist ja sehr bekannt.«

 

Mr. Longvale seufzte.

 

»Zu meinem Bedauern stamme ich nicht von der Hauptlinie ab, zu der der bekannte Charles Henry Longvale gehört, der auch in der Geschichte eine Rolle gespielt hat. Er war mein Großonkel. Ich stamme von der Linie der Longvales ab, die in Bordeaux beheimatet ist. Aber auch sie haben sich hervorgetan.« Er schüttelte traurig den Kopf.

 

»Sind Sie Franzose?« fragte Knebworth.

 

Anscheinend hatte der alte Herr seine Frage nicht gehört. Er schaute starr auf eine Stelle und sagte dann plötzlich: »Ja, früher waren wir Franzosen. Mein Urgroßvater heiratete eine Engländerin, die er unter sonderbaren Umständen kennenlernte. Zur Zeit des Direktoriums kamen wir nach England.«

 

Erst jetzt schien er die junge Dame zu bemerken und machte eine Verbeugung vor ihr.

 

»Ich werde jetzt gehen«, sagte er, indem er eine große goldene Uhr aus der Tasche zog.

 

Helen Leamington beobachtete die beiden, als sie aus dem Atelier gingen. Gleich darauf sah sie, wie »der altmodische Herr« in einem vorsintflutlichen Auto am Fenster vorbeifuhr. Der Wagen mußte einer der ersten gewesen sein, die je nach England gekommen waren. Es war eine große, hoch gebaute, äußerst unhandliche Maschine, die unter furchtbarem Lärm gemächlich die Chaussee entlangfuhr.

 

Kurze Zeit später kam Jack Knebworth zurück.

 

»Alle sind verrückt darauf, gefilmt zu werden, ob sie alt sind oder jung«, brummte er. »Gute Nacht, Miss – ich habe schon wieder Ihren Namen vergessen – Leamington, nicht wahr? Gute Nacht!« Auf dem Heimweg stellte sie fest, daß diese Unterredung, die sie so mutig begonnen hatte, doch zu einem wenig befriedigenden Resultat für sie geführt hatte. Sie war genauso weit davon entfernt, eine Rolle zu bekommen, wie vorher.

 

Kapitel 20

 

20

 

Mike Brixan bereitete sich zum letzten und nutzlosen Kampf vor. Aber zu seinem größten Erstaunen hielt der Affe plötzlich inne. Sein leises Gezwitscher wurde zu heftigem Fauchen. Er richtete sich in seiner ganzen Länge auf und schlug sich mit den Armen auf die Brust. Es gab ein hohlklingendes, schreckliches Dröhnen.

 

Aber Mike hörte trotzdem ein merkwürdiges Geräusch, das ihm fast wie das Zischen von Wasserdampf vorkam. Erstaunt blickte er sich um. Auf dem Rand der Mauer saß zusammengeduckt ein Mann, und Mike erkannte ihn sofort. Es war der braune Fremde, den er heute in Chichester gesehen hatte. Die dröhnenden Schläge wurden lauter. Plötzlich sah Mike eine aufblitzende gebogene Klinge in der Hand des Eingeborenen. Es war ein Schwert, wie es über dem Kamin Sir Gregorys hing.

 

Während Mike noch starr vor Staunen war, sprang der braune Mann auf den Boden herunter. Bhag wandte sich mit einem fast menschlichen Aufschrei zur Flucht. Mike sah der unheimlichen Gestalt nach, bis sie die Dunkelheit aufgesogen hatte.

 

»Mein Freund«, sagte Mike auf holländisch, »Sie kamen gerade im rechten Augenblick.«

 

Er drehte sich um, aber der Fremde war verschwunden, als ob die Erde ihn verschlungen hätte. Er hielt die Hand vor die Augen, um das Licht der Sterne abzudämpfen, und konnte in weiter Entfernung eine dunkle Gestalt beobachten, die im Schatten der Mauer fortschlich. Erst wollte er dem braunen Mann folgen und ihn fragen, aber dann ging er doch in der anderen Richtung weiter. Mit Mühe erkletterte er die Mauer und sprang auf der anderen Seite hinunter. Dann brachte er, so gut es ging, seine Sachen in Ordnung und lief an der Mauer entlang bis zum Parktor von Griff Towers. Kühn ging er auf das Haus zu und pfiff vor sich hin.

 

Als er über den freien Platz vor dem Haus kam, konnte er niemanden sehen. Er ging zu der Stelle zurück, wo er aus dem Fenster gesprungen war, und fand nach kurzem Suchen seine Pistole.

 

Er wollte sich nicht eher entfernen, als bis er Stella Mendoza in Sicherheit wußte. Eben hatte er gesehen, daß ihr Auto auf der Straße wartete. Schon hob er die Hand, um zu klingeln, als er in der Halle Fußtritte hörte. Er lauschte angestrengt. Zweifellos war Stella Mendoza eine der beiden Personen, die sprachen. Er trat hinter die Hecke zurück, um sich zu verstecken.

 

Sie kam heraus, und hinter ihr erschien Sir Gregory. Dem Ton ihrer Unterhaltung hätte ein Fremder, der mit den genauen Umständen nicht vertraut war, nichts Besonderes entnehmen können.

 

»Gute Nacht, Gregory«, sagte sie mit freundlicher Stimme. »Ich werde dich morgen wieder besuchen.«

 

»Komm zum Essen«, hörte er Pennes Stimme, »und bring deinen Freund mit. Soll ich dich zu deinem Wagen begleiten?«

 

»Danke, nein«, sagte sie hastig.

 

Brixan schaute ihr nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Das schwere Tor von Griff Towers war inzwischen zugemacht worden, und das Rasseln der Ketten sagte ihm, daß es für heute endgültig geschlossen war.

 

Wo mochte Foß sein? Er mußte eher weggegangen sein, wenn er wirklich hiergewesen war. Brixan wartete noch, bis alles ruhig war, dann schlich er sich auf Zehenspitzen über den Kiesweg und folgte Stella. Er hielt noch Ausschau nach dem braunen Mann, aber er konnte ihn nirgends entdecken. Plötzlich erinnerte er sich, daß er die Leiter vergessen hatte. Er kehrte noch einmal zurück, um sie mitzunehmen, und fand sie noch an derselben Stelle, wo er sie gelassen hatte. Sie wurde auseinandergenommen und in den Rucksack gepackt. Zehn Minuten später holte er sein Motorrad wieder aus dem Versteck.

 

 

Ein gelbliches Licht kam aus dem Speisezimmer von Mr. Longvale. Beinahe wäre Mike noch zu ihm gegangen. Jedenfalls hätte der alte Herr ihm noch verschiedenes über das Mädchen mit dem ovalen Gesicht erzählen können, das sich in dem obersten Turmgeschoß aufhielt. Aber er entschloß sich, nach Hause zu gehen. Diese kleine nächtliche Untersuchung befriedigte ihn noch nicht. Der Turm hatte ihm kein grauenvolles Geheimnis enthüllt, wenigstens nicht das, was er erwartet hatte. Offenbar wurde dort ein Mädchen gefangengehalten. Sie war für Gregory Penne geraubt worden, und er hatte sie auf seiner Jacht nach England gebracht. So etwas kam vor. Vor einigen Monaten war vor Gericht ein ganz ähnlicher Fall verhandelt worden. Diese Sache war aber nicht wert, daß man deswegen seine Nachtruhe opferte.

 

Er nahm ein heißes Bad und machte sich selbst eine Tasse Schokolade. Bevor er sich zur Ruhe legte, überdachte er noch einmal alles, was sich an diesem Tag ereignet hatte. Nach seinen letzten Erfahrungen, war er nicht mehr so sehr davon überzeugt, daß sich das Rätsel des Kopfjägers so leicht lösen ließe, wie er zuerst annahm. Je länger er darüber nachsann, desto unbefriedigter wurde er. Schließlich war er so ärgerlich über seine eigene Unschlüssigkeit, daß er das Licht ausmachte und sich zu Bett legte.

 

Er schlief tief und ruhig bis in den späten Morgen hinein. Erst ein unerwarteter Besuch weckte ihn. Mike setzte sich im Bett aufrecht und rieb sich die Augen.

 

»Entweder sehe ich Gespenster – oder es ist Staines«, sagte er erstaunt.

 

Major Staines lächelte freundlich.

 

»Sie sind wach und bei gesunden Sinnen«, erwiderte er.

 

»Hat sich irgend etwas ereignet?« fragte Mike und sprang aus dem Bett.

 

»Nichts Besonderes. Gestern abend war ein Tanzvergnügen, das sich bis spät in die Nacht hineinzog, und heute morgen fuhr in aller Frühe ein Eisenbahnzug hierher. Da entschloß ich mich, für mein leichtsinniges Leben Buße zu tun und einmal nachzusehen, wie weit Sie mit der Aufklärung des Falles Elmer gekommen sind.«

 

»Fall Elmer?« Mike legte die Stirn in Falten. »Großer Gott, ich hätte Elmer beinahe vergessen!«

 

»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht«, sagte Staines.

 

Er holte aus seiner Tasche einen Zeitungsausschnitt. Mike nahm ihn und las:

 

›Sind Ihre geistigen und körperlichen Beschwerden unheilbar? Zögern Sie noch am Rande des Abgrundes? Fehlt Ihnen Mut? Schreiben Sie dem Wohltäter. Fach … ‹

 

»Was ist das?« fragte Mike nachdenklich.

 

»Dieser Ausschnitt wurde in einer alten Weste gefunden, die Elmer einige Tage vor seinem Verschwinden trug. Mrs. Elmer sah alle seine Kleider nach, um sie zu verkaufen. Dabei fand sie dieses Papier. Die Anzeige erschien im ›Morgen-Telegramm‹ vom 14. des Monats. Das heißt also drei oder vier Tage, bevor Elmer verschwand. Am Ende der Anzeige steht die Nummer des Faches in der Zeitungsexpedition, wo man die Anfragen aufbewahrte. Ich habe einen Bericht von dort, daß vier Briefe an den Wohltäter eingesandt wurden! Wir haben in Erfahrung bringen können, daß er diese an einen kleinen Laden in der Stibbington Street überweisen ließ. Hier wurden sie von einer Frau, offensichtlich aus Arbeiterkreisen, abgeholt. Weiter konnten wir die Spur nicht verfolgen. Es wurden ähnliche Anzeigen in anderen Zeitungen entdeckt, aber in diesen Fällen wurden die Briefe nach einer Deckadresse in Südlondon bestellt, wo sie wahrscheinlich von derselben Frau abgeholt wurden. Bei jeder neuen Annonce änderte der Auftraggeber seine Adresse. Keiner ihrer Nachbarn kennt die Frau,, die die Briefe abholt, näher. Sie verkehrt mit niemandem, und wie die Ladeninhaber aus ihrer Gegend erzählen, scheint sie etwas geistesgestört zu sein, denn sie murmelt vor sich hin und spricht zu sich selbst. Sie heißt Stivins, wenigstens ist das der Name, den sie überall angibt. Die Bescheinigungen, die sie bringt, damit ihr die Briefe ausgehändigt werden, sind mit Mark unterzeichnet.«

 

»Bringen Sie diese Anzeige in Verbindung mit der Ermordung Elmers?«

 

»Wir sind uns darüber nicht klar. Man könnte darauf mit Ja und mit Nein antworten. Diese Annonce ist recht sonderbar abgefaßt und erregt unter den eigenartigen Umständen doch Verdacht. Nun sagen Sie mir aber, was Ihre Vermutungen sind.«

 

Eine Stunde lang sprach Mike Brixan. Ab und zu wurde er durch die Fragen des Majors unterbrochen.

 

»Es ist eine sonderbare Ansicht, die Sie haben, fast möchte man sie phantastisch nennen«, meinte Staines ernst. »Aber wenn Sie davon überzeugt sind, daß Sie die richtige Fährte gefunden haben, dann gehen Sie nur auf Ihr Ziel los. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen«, fuhr er dann vertraulich fort, »ich hatte das schauderhafte Gefühl, daß Sie einen Mißerfolg gehabt hätten. Und da ich nicht wünsche, daß Scotland Yard sich über unsere Abteilung lustig macht, hielt ich es für besser, hierherzukommen und Ihnen das Resultat meiner eigenen Nachforschungen mitzuteilen.«

 

»Ich bin ganz Ihrer Meinung«, sagte er, als sie später beim Frühstück saßen, »daß Sie äußerst vorsichtig zu Werke gehen müssen. Es ist eine sehr heikle Angelegenheit. Sie haben doch den Leuten von Scotland Yard Ihren Verdacht nicht mitgeteilt?«

 

Mike schüttelte den Kopf.

 

»Dann tun Sie es auch ja nicht«, sagte Staines mit Nachdruck. »Die würden natürlich den Mann, den Sie im Verdacht haben, gleich festnehmen. Dadurch würde es wahrscheinlich unmöglich werden, einen vollen Beweis beizubringen. Sagten Sie mir nicht eben, daß Sie das Haus durchsucht hätten?«

 

»Nicht vollständig, ich konnte nur eine oberflächliche Besichtigung vornehmen.«

 

»Sind Keller dort?«

 

»Ich sollte es annehmen«, sagte Mike. »Diese Art Häuser hat gewöhnlich ein Kellergeschoß.«

 

»Nebengebäude?«

 

Mike schüttelte den Kopf.

 

»Soviel ich sehen konnte, sind keine vorhanden.«

 

Mike ging mit seinem Vorgesetzten zur Bahnstation, und der Major versicherte Brixan, daß er viel hoffnungsvoller abfahre, als er hergekommen sei.

 

»Ich möchte Sie aber noch warnen, Mike«, sagte Staines. »Seien Sie vorsichtig. Sie haben es mit einem rücksichtslosen, verschlagenen Mann zu tun. Unterschätzen Sie um Himmels willen seine Intelligenz nicht. Ich möchte nicht eines Morgens die Nachricht erhalten, daß Sie nicht mehr unter den Lebenden sind.«

 

Kapitel 21

 

21

 

Der Rückweg führte Mike nicht direkt an der Wohnung Helens vorüber. Man mußte einen ziemlich großen Umweg machen, wollte man dorthin. Trotzdem stand er vor ihrer Tür und klopfte. Er war sehr wenig erfreut, als er hörte, daß das junge Mädchen schon seit heute morgen um sieben Uhr fort sei. Knebworth machte in den South Downs Aufnahmen, und das Atelier war leer, als er dort vorsprach. Nur der Sekretär von Knebworth und der neue Dramaturg, der gestern spät abends gekommen war, waren anwesend.

 

»Ich kenne die Gegend nicht, wo gefilmt wird, Mr. Brixan«, sagte der Sekretär. »Aber ich vermute, daß es in der Nähe von Arundel ist. Miss Mendoza war heute morgen auch schon hier und hat ebenfalls danach gefragt. Sie wollte Miss Leamington zum Mittagessen abholen.«

 

»Das ist sehr interessant«, sagte Mike liebenswürdig. »Bestellen Sie ihr bitte von mir, wenn sie wiederkommen sollte, daß Miss Leamington schon eine andere Einladung angenommen hat.«

 

Der Sekretär nickte verständnisvoll.

 

»Ich hoffe, daß Sie nicht warten müssen«, sagte er. »Wenn Direktor Jack dabei ist, Aufnahmen zu machen, dann können Sie nie wissen –«

 

»Ich habe ja gar nicht gesagt, daß sie eine Verabredung mit mir hat«, sagte Mike laut.

 

»Mr. Brixan«, meinte der Sekretär plötzlich, »erinnern Sie sich, was Sie für Aufhebens von der Sache machten – ich meine wegen des Blattes, das zufälligerweise in das Manuskript von Miss Leamington gekommen war?«

 

Mike nickte.

 

»Ist das Manuskript gefunden worden?« fragte er.

 

»Nein, aber der neue Dramaturg erzählt mir, daß er das Hauptbuch durchgesehen hat, in das Foß alle eingesandten Manuskripte eintrug. Dabei stellte sich heraus, daß eine Eintragung wieder vollständig ausradiert worden ist.«

 

»Ich würde das Buch gerne sehen«, sagte Mike interessiert. Der große, schwere Band wurde ihm gebracht. In vielen Rubriken waren der Name des Einsenders, seine Adresse, das Datum des Eingangs und des Ausgangs notiert. Mike legte das Buch auf den Tisch in dem Büro des Direktors. Sorgfältig las er die langen Reihen der Autoren durch. »Wenn er ein Manuskript eingesandt hat, wird er sicherlich noch mehrere gesandt haben«, sagte er. »Sind noch andere Titel entfernt?«

 

Der Sekretär schüttelte den Kopf.

 

»Das ist die einzige Stelle, die wir gefunden haben«, sagte er. »Sie können viele Namen hier aus dem Ort finden. Es gibt keinen Kaufmann in der ganzen Stadt, der nicht mindestens ein Manuskript oder einen Entwurf eingesandt hätte, seitdem wir hier Filmaufnahmen machen.«

 

Langsam verfolgte Mike die Liste der Namen mit seinem Finger. Seite um Seite drehte er um, dann hielt er plötzlich bei einer Eintragung an. »Die Macht der Furcht, von Sir Gregory Penne« las er. Dabei sah er sich nach dem Sekretär um.

 

»Hat denn Sir Gregory Manuskripte eingeschickt?«

 

Der Sekretär nickte.

 

»Ja, ein oder zwei. Sie finden seinen Namen auch noch weiter hinten im Buch. Er wollte Filme schreiben, die sich für Miss Mendoza eignen sollten. Der hier kommt für Sie nicht in Frage.«

 

»Nein«, sagte Mike schnell. »Aber haben Sie noch eins von seinen Manuskripten?«

 

»Sie wurden alle zurückgeschickt«, sagte der Sekretär bedauernd. »Er schrieb viel zuviel! Ich habe eins gelesen und kann mich noch besinnen, daß Foß den Direktor zu überreden versuchte, einen Entwurf von ihm auszuführen. Foß hat viel Geld aus dieser Beschäftigung gezogen. Wir haben es erst später entdeckt. Er war daran gewöhnt, daß er Prozente von den Autoren bekam. Mr. Knebworth hat heute morgen festgestellt, daß er einmal zweihundert Pfund von einer Dame annahm und dafür versprach, ihr ein Engagement beim Film zu verschaffen. Er hat Foß heute morgen deswegen einen wütenden Brief geschrieben.«

 

Mike fand den Namen von Sir Gregory noch einmal. Es war nichts Besonderes dabei, daß der Besitzer von Griff Towers Manuskripte einschickte. Es gab kaum einen Mann oder eine Frau auf der Welt, die sich nicht für fähig hielten, ein Expose für einen Film zu schreiben.

 

Er schloß das Buch und gab es dem Sekretär zurück.

 

»Es ist sicher äußerst auffällig, daß die eine Eintragung entfernt wurde. Ich werde mit Foß darüber sprechen, sobald ich ihn finden kann«, sagte Mike.

 

Er begab sich sofort zu dem kleinen Hotel, in dem Foß wohnte. Aber er traf ihn nicht an.

 

»Ich glaube nicht, daß er die letzte Nacht hier war«, sagte der Geschäftsführer, »wenigstens hat er nicht hier geschlafen. Er sagte, daß er nach London gehen wolle«, fügte er hinzu.

 

Mike kehrte zum Atelier zurück, denn es hatte zu regnen begonnen, und er wußte, daß die ganze Gesellschaft bald von der Aufnahme zurückkommen würde. Mit dieser Annahme hatte er recht. Der große Autobus kam einige Minuten später in den Hof gefahren. Helen sah ihn gleich und nickte ihm zu, als er sie zu sich rief.

 

»Ich danke Ihnen, Mr. Brixan, aber wir haben bereits draußen unser Mittagessen verzehrt. Und ich muß bis morgen noch zwei große Szenen vorbereiten.«

 

Ihre Absage war nicht sehr ermutigend, aber Mike wollte sich mit. ihrer abschlägigen Antwort nicht einfach zufriedengeben.

 

»Wie steht es denn mit dem Tee? Tee müssen Sie doch trinken, selbst wenn Sie fünfzig Szenen bis morgen studieren müßten, und beim Essen können Sie doch nicht lesen. Wenn Sie das tun, werden Sie Magenbeschwerden bekommen, und wenn Sie Magenbeschwerden bekommen –«

 

Sie mußte herzlich lachen.

 

»Wenn meine Wirtin mir ihren Salon zur Verfügung stellt, dann können Sie um halb fünf zu mir zum Tee kommen, und wenn Sie um fünf Uhr bereits eine andere Verabredung haben, werden Sie noch zurechtkommen.«

 

Jack Knebworth wartete auf ihn, als er in das Atelier kam.

 

»Haben Sie schon von dem Verschwinden der Eintragung im Hauptbuch gehört?« fragte er.

 

Mike nickte.

 

»Was halten Sie davon?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Da steckt irgend etwas dahinter. Foß war ein unverbesserlicher Lügner. Der Mensch konnte einem nicht offen in die Augen sehen. Ich habe sowieso noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen wegen einer Summe, die er einer filmwütigen Dame abgenommen hat, die durchaus hier auftreten wollte.«

 

»Wie geht es mit Helen?« fragte Mike.

 

»Oh, die ist wunderbar, Brixan! So etwas kommt sonst im gewöhnlichen Leben nie vor. Die einzigen Filmstars, die über Nacht auftauchen, sind die Freundinnen bis über die Ohren verliebter Filmdirektoren. Sie haben ihnen einmal in einer schwachen Stunde ein Versprechen gegeben, und das muß eingelöst werden. Die Dame spielt dann mit der Unterstützung von sechshundert Statisten und in so vielen prachtvollen Kostümen, wie man sie für eine halbe Million Dollar bekommen kann, eine Königin von Persien oder eine Semiramis mit den Allüren einer Statistin, die eben erst zum Film gekommen ist oder mit den Manieren eines trainierten Mannequins. Außerdem wird der Film dann noch ohne Rücksicht auf Kosten mit zwei Wagenrennen und dem Fall von Babylon aufgeputzt! Entweder hat sie dann so wenig Kleider an, daß Sie nicht auf ihr Gesicht sehen, oder sie hat so viele an, daß Sie nichts von ihrem Spiel wahrnehmen. So etwas soll ja öfters vorkommen. Es ist so viel Glanz um diese Damen herum, daß es gar nichts ausmacht, wenn sie selbst fehlen würden. Diese Helen Leamington dagegen spielt hinreißend und überzeugend, selbst wenn sie das einfachste Bettlerkleid trägt. Aber ich sage Ihnen, Brixan, irgend etwas stimmt dabei nicht. Solche Dinge ereignen sich höchstens in der Phantasie von Journalisten.«

 

»Was soll denn nicht stimmen?« fragte Mike verwundert.

 

Knebworth blieb dabei.

 

»Irgend etwas geht schief. Die Sache hat irgendeinen Haken. Sie läßt mich noch im Stich. Entweder verschwindet sie, bevor der Film zu Ende gedreht ist, oder sie wird mir verhaftet, weil sie in vollständig betrunkenem Zustand in einem Auto die Regent Street entlanggefahren ist!«

 

Mike lachte.

 

»Nichts von alledem wird passieren!« sagte er.

 

»Haben Sie schon von der neuen Filmgesellschaft der Mendoza gehört?« fragte Jack, indem er seine Pfeife stopfte.

 

Mike zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.

 

»Nein, davon habe ich noch nichts gehört.«

 

»Sie will tatsächlich eine neue Filmgesellschaft gründen. Ich habe noch niemals eine Diva entlassen, die das nicht getan hätte. Auf dem Papier macht sich das immer sehr schön. Das Kapital wird groß gedruckt und der Name des Stars noch größer! Ihre Freunde haben ihr vorher immer erzählt, daß ein Gehalt von Hunderttausend der reinste Hungerlohn für eine Schauspielerin ihres Ranges und ihrer Begabung sei. Die müssen dann das Geld zur Gründung geben. Gewöhnlich ist dann noch jemand im Hintergrund, der aus der Sache einen Profit zieht und einen Direktorposten bei der Gesellschaft einnimmt. Der steckt dann das Geld ein, und sie sucht sich ein Manuskript aus, wo sie immer zu sehen ist und womöglich in jeder Szene ein neues, kostbares Kleid tragen kann. Wenn solch ein Manuskript nicht zur Hand ist, so findet sich schon jemand, der es für sie schreibt. Die anderen Mitspieler sehen Sie nur in großen Massenszenen auftauchen. Wenn der Film halb zu Ende gedreht ist, fehlt schon das Geld, die Gesellschaft ist bankrott, und dem Star bleibt nur ein Rolls-Royce, den er extra gekauft hat, um zu den Aufnahmen zu fahren. Vielleicht auch die neue Villa, die er sich bauen ließ, um näher zur Stelle zu sein, und eventuell ein Viertel des ganzen Kapitals, das er schon auf Grund seiner späteren Tantiemen vorausbezahlt bekommen hat. – Kommen Sie herein, Mr. Longvale.«

 

Mike drehte sich um. Der liebenswürdige alte Herr stand in der Tür, den Hut in der Hand.

 

»Ich fürchte, daß ich störe«, sagte er mit seiner schönen, klangvollen Stimme. »Aber ich war in der Stadt, um meinen Rechtsanwalt zu befragen, und konnte mir nicht versagen, mich bei Ihnen zu erkundigen, wie es mit Ihrem Film vorwärtsgeht.«

 

»Oh, ich danke Ihnen, Mr. Longvale. Damit steht es ausgezeichnet. Sie kennen doch Mr. Brixan?«

 

»Weswegen wollten Sie denn zu Ihrem Rechtsanwalt?« fragte Mike.

 

»Das ist eine sonderbare Sache«, antwortete der alte Herr. »Vor vielen Jahren habe ich einmal Medizin studiert und habe auch mein Schlußexamen gemacht, so daß ich mit Fug und Recht ein Doktor bin. Ich habe aber dann nicht lange praktiziert. Im allgemeinen weiß kein Mensch, daß ich ein Arzt bin. Gestern abend war ich sehr überrascht, daß jemand – ein Nachbar – mich rief, um nach einem seiner Dienstboten zu sehen. Nun habe ich mir große Gedanken darüber gemacht und war mir nicht sicher, ob ich das Gesetz übertreten habe, indem ich zu ihm ging.«

 

»Da kann ich Ihnen helfen, Mr. Longvale«, sagte Mike. »Wenn Sie nur ein einziges Mal die Befugnis erhalten haben, zu praktizieren, so gilt das für Ihr ganzes Leben. Sie haben nichts Unrechtes getan.«

 

»Das hat mein Anwalt auch gesagt«, sagte Longvale ernst.

 

»War es ein schwerer Fall?« fragte Mike, der sich denken konnte, wer der Patient war.

 

»Nein, das nicht. Zuerst dachte ich, es könnte Blutvergiftung sein, aber ich habe mich wahrscheinlich geirrt. Die medizinische Wissenschaft hat seit der Zeit, als ich jung war, so große Fortschritte gemacht, daß ich nicht gerne irgend etwas verschreibe. Und obgleich ich sehr glücklich bin, jemandem geholfen zuhaben, muß ich doch sagen, daß mich die Angelegenheit sehr bedrückt hat. Ich habe fast die ganze Nacht nicht geschlafen. Es war aber auch am ganzen Abend und in der Nacht keine Ruhe. Als ich hinten durch den Garten ging, fand ich dort ein Motorrad in den Sträuchern versteckt.«

 

Mike hätte beinahe gelacht.

 

»Heute morgen war es wieder fort. Nachdem ich das Motorrad entdeckt hatte, kam unser Freund Foß vorbei, der sehr verstört und aufgeregt schien.«

 

»Wo haben Sie ihn gesehen?« fragte Mike schnell.

 

»Er kam an meinem Haus vorbei. Ich stand im Tor, rauchte meine Pfeife und sagte ihm guten Abend, ohne daß ich wußte, wer es war. Als er sich umdrehte, sah ich das Gesicht von Mr. Foß. Er sagte mir, daß er eben jemand aufgesucht hätte und daß er in einer Stunde noch eine andere Verabredung habe.«

 

»Um wieviel Uhr war das?« fragte Mike.

 

»Ich glaube halb elf.« Der alte Herr zögerte. »Ich bin nicht ganz sicher. Es war kurz bevor ich mich schlafen legte.«

 

Mike hätte leicht Aufschluß geben können über Foß‘ Betragen. Ihm war es ganz klar. Sir Gregory hatte ihn fortgeschickt und ihm gesagt, daß er wieder zurückkommen solle, nachdem die Mendoza gegangen war.

 

»Sonst ist mein Anwesen wegen seiner ruhigen Lage bekannt«, sagte Mr. Longvale und schüttelte den Kopf. Er wandte sich dann an Knebworth: »Sie müssen mir versprechen, wenn Ihr Film fertig ist, ihn mir zu zeigen.«

 

»Aber gewiß, Mr. Longvale.«

 

»Ich weiß nicht, warum ich gerade daran ein solches Interesse habe«, sagte er. »Ich muß selbst sagen, daß ich bis vor ein paar Wochen überhaupt noch nichts von Filmaufnahmen verstand.«

 

Der Sekretär klopfte, sah zur Tür herein und fragte: »Wollen Sie Miss Mendoza sprechen?«

 

Jack Knebworth war äußerst aufgebracht.

 

»Nein«, sagte er kurz.

 

»Sie sagte –«, begann der Sekretär.

 

Nur die Gegenwart des ehrenwerten Mr. Longvale hinderte Jack daran, seinem Ärger über Stella Mendoza in Worten Luft zu machen, wie er es sonst getan hätte.

 

»Ich habe sie gestern auch gesehen«, sagte Mr. Longvale. »Zuerst dachte ich, Sie machten Aufnahmen in der Nachbarschaft, aber Mr. Foß sagte mir, daß ich mich irre. Sie ist wirklich ein charmantes junges Mädchen. Finden Sie nicht auch?«

 

»Sicher«, meinte Jack Knebworth trocken.

 

»Sie sieht sehr lieblich aus«, fuhr Longvale fort. Er wußte nicht, wie sehr die Stimmung der anderen gegen sie war. »Das übereilte Tempo und die schreckliche Eile unserer modernen Zeit lassen Lieblichkeit und Zartheit nicht mehr aufkommen, und man ist sehr froh, wenn man einmal wirkliche Anmut findet. Für mich ist die letzte rapide Entwicklung die interessanteste Zeit meines Lebens.«

 

»Lieblich und zart«, brummte Jack Knebworth, als der alte Herr gegangen war. »Haben Sie das gehört, Brixan? Wenn Stella in ihrem Charakter lieblich und zart ist, dann ist der Teufel aus Schokolade gemacht!«