8.

Aleksey Aleksandrowitsch verbrachte, aus der Messe zurückgekommen, den ganzen Morgen im Hause. Es lagen ihm zwei Geschäfte ob, deren erstes im Empfang und in der Dirigierung einer nach Petersburg abgehenden, gegenwärtig noch in Moskau befindlichen Deputation der Ausländer bestand, während das zweite die Aussetzung des dem Rechtsanwalt zugesagten Briefes betraf.

Die Deputation, wenngleich durch die Initiative Aleksey Aleksandrowitschs zu Stande gebracht, konnte viele Unannehmlichkeiten und selbst Gefahren im Gefolge haben, und Aleksey Aleksandrowitsch war daher sehr froh, daß er sie in Moskau vorher antraf.

Die Mitglieder derselben besaßen nicht den geringsten Begriff von ihrer Rolle und ihren Obliegenheiten. Sie waren aufrichtig überzeugt, daß ihre Aufgabe dann bestehe, ihre Bedürfnisse und den tatsächlichen Stand der Dinge darzulegen und um die Hilfe der Regierung zu bitten, wußten aber durchaus nicht, daß mehrfache Erklärungen und Forderungen ihrerseits nur die feindliche Partei unterstützen mußten und daher die ganze Angelegenheit zu nichte machen konnten.

Aleksey Aleksandrowitsch beschäftigte sich lange Zeit mit ihnen, setzte ihnen ein Programm auf, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen möchten und schrieb Briefe im Interesse der Dirigierung der Deputation nach Petersburg.

Die hauptsächlichste Helferin in dieser Angelegenheit sollte die Gräfin Lydia Iwanowna sein. Sie war Spezialistin im Deputationswesen und niemand verstand es so wie sie, den Deputationen eine präcise Richtung zu geben.

Als Aleksey Aleksandrowitsch mit der Deputation fertig war, schrieb er den Brief an den Rechtsanwalt, und gab demselben ohne Besinnen den Bescheid, nach seinem Ermessen handeln zu wollen. Dem Schreiben legte er noch drei Briefe Wronskiys an Anna bei, die sich in der konfiscierten Brieftasche befunden hatten.

Seit Aleksey Aleksandrowitsch sein Haus verlassen hatte, mit dem Vorsatz nicht wieder zur Familie zurückzukehren, seit er bei dem Rechtsanwalt gewesen war und nun wenigstens einem Menschen von seinen Absichten Mitteilung gemacht hatte, seit der Zeit besonders, seit welcher er jenes Ereignis in seinem Leben zu einer Sache der Akten gemacht hatte, hatte er sich mehr und mehr an seinen Entschluß gewöhnt, und er sah jetzt auch die Möglichkeit, ihn auszuführen.

Er siegelte soeben das Couvert an den Rechtsanwalt, als der laute Klang der Stimme Stefan Arkadjewitschs vernehmbar wurde. Dieser stritt mit dem Diener Aleksey Aleksandrowitschs und bestand darauf, gemeldet zu werden.

»Gleichviel,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, »um so besser, ich werde sofort Aufklärungen über meine Lage in Bezug auf seine Schwester geben und auseinandersetzen, weshalb ich nicht bei ihm speisen kann.«

»Laß eintreten,« sprach er laut, seine Papiere zusammennehmend und sie in eine Mappe steckend.

»Nun siehst du doch, daß du gelogen hast; er ist ja zu Haus?« antwortete die Stimme Stefan Arkadjewitschs dem Diener, der ihn nicht hatte einlassen wollen, und im Gehen den Überzieher abnehmend, trat Oblonskiy in das Zimmer.

»Ich bin sehr erfreut, daß ich dich angetroffen habe; so darf ich also wohl hoffen,« begann Stefan Arkadjewitsch heiter.

»Ich kann nicht kommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, stehend, und ohne den Besuch zum Niedersetzen einzuladen. Er gedachte sogleich in jene kühlen Beziehungen zu treten, die er dem Bruder des Weibes gegenüber zu beobachten hatte, gegen welches er den Ehescheidungsprozeß angestrengt hatte; allein er hatte nicht mit jenem Ocean von Gutherzigkeit gerechnet, der in der Seele Stefan Arkadjewitschs über die Ufer trat.

Dieser riß seine glänzenden, hellen Augen weit auf.

»Weshalb kannst du denn nicht? Was willst du damit sagen?« frug er schwankend auf französisch. »Nein; du hattest es doch schon versprochen. Wir alle rechnen ja auf dich!«

»Ich will damit sagen, daß ich deshalb nicht bei Euch sein kann, weil die verwandtschaftlichen Beziehungen, welche zwischen uns bestanden haben, abgebrochen werden müssen.«

»Wie? Gewiß? Warum denn?« fuhr Stefan Arkadjewitsch lächelnd fort.

»Weil ich den Ehescheidungsprozeß gegen Eure Schwester, mein Weib, anstrenge. Ich war gezwungen« –

Aleksey Aleksandrowitsch hatte seine Rede noch nicht geendet, als Stefan Arkadjewitsch bereits ganz anders gehandelt hatte, als er erwartete. Oblonskiy hatte sich ächzend in einem Lehnstuhl fallen lassen.

»O nein, Aleksey Aleksandrowitsch, was sagst du da?« rief Oblonskiy und Schmerz malte sich auf seinen Zügen.

»So ist es.«

»Entschuldige, aber ich kann und kann es nicht glauben« –

Aleksey Aleksandrowitsch setzte sich, in der Empfindung, daß seine Worte nicht die Wirkung gehabt hatten, welche er erwartete, und daß es unumgänglich nötig sein würde, sich zu erklären, daß aber auch, mochten seine Erklärungen lauten wie sie wollten, die Beziehungen zwischen ihm und dem Schwager die nämlichen bleiben würden.

»Ja; ich bin in die drückende Notwendigkeit versetzt worden, die Scheidung zu fordern,« sagte er.

»Ich kann nur Eines darauf sagen, Aleksey Aleksandrowitsch; ich kenne dich als einen Menschen von ausgezeichneter Gerechtigkeit: ich kenne Anna, – entschuldige mich, ich kann meine Meinung über sie nicht ändern – als herrliches, ausgezeichnetes Weib und infolge dessen – nimm mir es nicht übel – kann ich dies nicht glauben. Hier liegt ein Mißverständnis vor,« – sagte er.

»Ja; wäre es nur ein Mißverständnis« –

– »Entschuldige; ich verstehe« – unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, »aber natürlich – doch Eines muß man im Auge behalten – man soll sich nicht übereilen. Es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, sich zu übereilen!«

»Ich habe mich nicht übereilt,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch kühl, »und konnte mich auch in einer solchen Angelegenheit mit niemandem beraten. Ich bin fest entschlossen.«

»Das ist ja entsetzlich!« erwiderte Stefan Arkadjewitsch schwer seufzend. Ich würde Eines gethan haben, Aleksey Aleksandrowitsch, und ich beschwöre dich, thue das!« sagte er, »der Prozeß ist noch nicht begonnen, so weit ich verstanden habe. Sprich doch, bevor du denselben eröffnest, einmal mit meiner Frau, sprich mit ihr. Sie liebt Anna wie ihre Schwester, sie liebt auch dich, und sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gott, sprich mit ihr! Erweise mir diesen Freundschaftsdienst, ich beschwöre dich!«

Aleksey Aleksandrowitsch begann nachzudenken und Stefan Arkadjewitsch schaute mit Teilnahme auf ihn, ohne sein Schweigen zu unterbrechen.

»Wirst du dich zu ihr begeben?«

»Ich weiß nicht; eben deshalb bin ich ja nicht zu Euch gekommen. Ich glaube, unsere Beziehungen werden sich verändern müssen.«

»Weshalb? Das sehe ich nicht ein. Laß mich der Meinung bleiben, daß du, abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir gegenüber wenigstens zum Teil dieselben freundschaftlichen Empfindungen hegst, die ich stets für dich empfunden habe. Meine aufrichtige Hochachtung,« sagte Stefan Arkadjewitsch, ihm die Hand druckend. »Selbst für den Fall, daß deine schlimmsten Annahmen gerechtfertigt wären, werde ich mir nie erlauben, werde ich es nie auf mich nehmen, die eine oder die andere Partei zu richten, und ich sehe daher keinen Grund, weshalb unsere Beziehungen eine Änderung erleiden sollten. Jetzt aber erweise mir diesen Dienst; fahre mit zu meiner Frau««

»Wir betrachten eben von verschiedenen Standpunkten aus diese Angelegenheit,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch kalt, »doch sprechen wir nicht mehr davon.«

»Aber warum könntest du nicht kommen? Wenigstens heute mit uns essen? Meine Frau erwartet dich; bitte komm mit. Und was die Hauptsache ist, sprich mit ihr! Sie ist ein bewundernswürdiges Weib. Um Gottes willen und auf meinen Knieen beschwöre ich dich!«

»Wenn Ihr es denn so sehr wünscht – will ich mitkommen,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch seufzend.

Um das Thema zu ändern, frug er nach etwas, was sie beide interessierte – über den neuen Vorgesetzten Stefan Arkadjewitschs, einen noch jungen Mann, welcher Plötzlich zu einer so hohen Stellung gelangt war.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte schon früher den Grafen Anitschkin nicht geliebt und war stets in Meinungsverschiedenheit mit jenem gewesen, jetzt aber konnte er sich eines für Beamte verständlichen Hasses nicht erwehren, wie ihn ein Mann, der im Dienst eine Schlappe erlitt, gegen einen anderen empfindet, welcher eine Beförderung erhalten hat.

»Hast du ihn denn schon gesehen?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mit boshaftem Lächeln.

»Gewiß: er war gestern bei uns im Gericht. Es scheint, als ob er die Geschäfte ausgezeichnet verstände und sehr thätig wäre.«

»Allerdings, doch worauf richtet sich seine Thätigkeit?« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, »darauf etwa, etwas auszuführen, oder darauf, das noch einmal zu thun, was schon ausgeführt ist? Das Unglück unseres Staates ist dessen Aktenwirtschaft in der Verwaltung, deren würdiger Repräsentant er ist.«

»Nein, wahrhaftig, ich wüßte nicht, was ich an ihm zu verurteilen hätte. Seine Richtung kenne ich nicht, nur Eines weiß ich, daß er ein vorzüglicher Mensch ist,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Wir haben zusammen gefrühstückt und ich habe Hm dabei gezeigt, weißt du, wie man jenes Getränk, Wein mit Apfelsine bereitet. Es erfrischt außerordentlich und ich wunderte mich nur, daß er es noch nicht kannte, es gefiel ihm sehr. Nein, es ist wahr, er ist ein ganz vortrefflicher Mensch.« Stefan Arkadjewitsch schaute nach der Uhr. »Herr Gott, schon fünf, und ich muß noch zu Dolgowuschin! Also bitte komm doch zum Essen; du kannst dir nicht vorstellen, wie du meine Frau und mich kränken würdest« –

Aleksey Aleksandrowitsch begleitete seinen Schwager schon nicht mehr ganz in derselben Stimmung hinaus, in der er denselben begrüßt hatte.

»Ich habe es versprochen und werde kommen,« antwortete er düster.

»Sei überzeugt, daß ich dies zu schätzen weiß und, daß ich hoffe, du wirst es nicht bereuen,« versetzte Stefan Arkadjewitsch lächelnd. Im Gehen seinen Paletot anziehend, tippte er den Diener mit der Hand auf den Kopf, lachte und ging hinaus.

»Um fünf Uhr also, bitte!« rief er noch einmal, sich an der Thür zurückwendend.

9.

Es war bereits sechs Uhr und mehrere Gäste waren schon eingetroffen, als der Hausherr selbst erst anlangte. Er trat zusammen mit Sergey Iwanowitsch Koznyscheff und Peszoff ein, die mit ihm zu gleicher Zeit an der Einfahrt zusammengetroffen waren. Diese waren die zwei Hauptrepräsentanten der Moskauischen Intelligenz, wie sie Oblonskiy nannte. Beide, nach Charakter und Geist angesehene Männer, achteten sich auch gegenseitig, hegten aber fast in allem eine unversöhnliche Meinungsverschiedenheit, nicht deshalb, weil sie entgegengesetzten Richtungen gehuldigt hätten, sondern gerade deshalb, weil sie einem gemeinsamen Lager angehörten – ihre Feinde identifizierten sie – in diesem Lager aber ein jeder von ihnen seine eigene Schattierung besaß. Du nun indes nichts für eine gegenseitige Übereinstimmung weniger förderlich ist, als die Meinungsverschiedenheit in den fernerliegenden Dingen, so kamen sie in ihren Meinungen nicht nur niemals überein, sondern waren schon längst daran gewöhnt, ohne sich zu ereifern, über ihren unverbesserlichen Irrtum sich gegenseitig lustig zu machen.

Sie traten gerade durch die Thür, im Gespräch über das. Wetter, als Stefan Arkadjewitsch sie einholte. Im Salon saß bereits der Fürst Aleksander Dmitrijewitsch Schtscherbazkiy, der junge Schtscherbazkiy, Turowzyn, Kity und Karenin.

Stefan Arkadjewitsch nahm sofort wahr, daß ohne ihn die Unterhaltung im Salon nicht in Fluß kam; Darja Aleksandrowna in einer grauseidenen Salonrobe, befand sich augenscheinlich in Sorge um ihre Kinder, welche in der Kinderstube allein speisen mußten, und um ihren Gatten, der noch nicht anwesend war. Sie verstand nicht recht, ohne dessen Hilfe diese ganze Gesellschaft in Fluß zu bringen.

Alle saßen wie »Popentöchter auf Besuch«, um mit den Worten des alten Fürsten zu reden, augenscheinlich in Unklarheit darüber, weshalb sie eigentlich hierher gekommen waren, und Worte machend, um nur nicht zu schweigen.

Der gutmütige Turowzyn fühlte sich offenbar nicht in seiner Sphäre, und das Lächeln seiner wulstigen Lippen, mit welchem er Stefan Arkadjewitsch begrüßte, schien zu sagen: »Da Bruderherz, du hast mich mit so verständigen Leuten zusammengesetzt! Laß uns lieber zechen, Château des fleurs, das ist etwas für mich!« –

Der alte Fürst saß schweigsam, mit seinen blitzenden Augen Karmin von der Seite anblickend, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß jener bereits ein Bonmot ersonnen hatte über diesen Amtsmenschen, der stumm wie ein Fisch zu Besuch war.

Kity blickte nach der Thür, ihre Kräfte zusammennehmend, um nicht zu erröten bei dem Eintritt Konstantin Lewins. Der junge Schtscherbazkiy, mit welchem man Karenin nicht bekannt gemacht hatte, bemühte sich zu zeigen, daß ihn dies durchaus nicht beengte; Karenin selbst, war nach seiner Petersburger Gepflogenheit zum Essen mit Damen im Frack und weißer Halsbinde erschienen. Stefan Arkadjewitsch erkannte an seinen Mienen, daß er nur gekommen war, das gegebene Wort zu erfüllen und durch seine Gegenwart in dieser Gesellschaft eine schwere Pflicht erfüllte. Er bildete die eigentliche Ursache der herrschenden Steifheit, vor welcher alle Gaste bis zur Ankunft Stefan Arkadjewitschs gefröstelt hatten.

Nachdem dieser in den Salon eingetreten war, entschuldigte er sich, teilte zur Aufklärung mit, daß er von jenem Fürsten zurückgehalten worden sei, der für ihn den Sündenbock für alle Verspätungen und jedes Ausbleiben abgeben mußte und in einem Augenblick hatte er alles miteinander bekannt gemacht. Aleksey Aleksandrowitsch mit Sergey Koznyscheff zusammenbringend, gab er diesen ein Thema über die Russifizierung Polens, in welches sie sich sogleich mit Peszoff vertieften. Turowzyn auf die Schulter klopfend, flüsterte er etwas Schelmisches dazu und setzte ihn zu seiner Frau und dem alten Fürsten. Darauf sagte er Kity, sie sehe heute so hübsch aus und machte Schtscherbazkiy mit Karenin bekannt. In einer Minute hatte er diesen gesellschaftlichen Teig so durchgeknetet, daß der Salon voller Leben war und das Stimmgewirr lebhaft durcheinandertönte.

Nur Konstantin Lewin war noch nicht anwesend. Stefan Arkadjewitsch hatte indessen, in das Speisezimmer tretend, zu seinem Schrecken bemerkt, daß der Portwein und Xerez von Depres und nicht von Löwe geliefert war und befohlen, den Kutscher so schnell als möglich zu Löwe zu schicken. Als er hierauf in den Salon zurückkehrte, traf er im Speisezimmer mit Konstantin Lewin zusammen.

»Ich habe mich doch nicht verspätet?«^

»Könntest du nicht auch einmal zu spät kommen?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, ihn unter dem Arme nehmend.

»Du hast viel Besuch? Wer ist denn alles da?« frug Lewin, unwillkürlich errötend und mit dem Handschuh den Schnee vom Hute entfernend.

»Alles Verwandte. Kity ist auch da. Komm, ich will dich mit Karenin bekannt machen.«

Stefan Arkadjewitsch wußte, daß ihm ungeachtet seiner freisinnigen Anschauungen, seine Bekanntschaft mit Karenin nur zur Ehre gereichen könnte und er regalierte daher seine besten Freunde mit derselben. Aber im gegenwärtigen Moment war Konstantin Lewin nicht imstande, die ganze Wonne über diese Bekanntschaft vollständig zu empfinden.

Er hatte Kity seit jenem denkwürdigen Abend, an welchem er Wronskiy begegnete, nicht wiedergesehen, wenn er nicht etwa jene Minute rechnen wollte, in der er sie auf der Landstraße erblickt hatte. Auf dem Grunde seiner Seele hatte er sich ja gesagt, daß er sie heute hier wiedersehen werde. Aber das freie Walten seiner Gedanken unterdrückend, bemühte er sich, sich selbst zu versichern, daß er es doch gar nicht wisse. Jetzt aber, nachdem er vernommen hatte, sie sei anwesend, fühlte er plötzlich eine so mächtige Freude und zugleich ein solches Erschrecken, daß ihm der Atem stockte und er nicht auszusprechen vermochte, was er sagen wollte.

»Wie mag sie aussehen? Ist sie noch so, wie sie früher war, oder so, wie sie im Wagen erschien? Wie, wenn Darja Aleksandrowna die Wahrheit gesagt hätte? Und weshalb sollte sie dies nicht gethan haben?« dachte er.

»Bitte, mache mich mit Karenin bekannt,« brachte er mit Anstrengung heraus und betrat dann mit verzweifelt entschlossenem Schritt den Salon, wo er ihrer ansichtig wurde.

Sie war nicht mehr die nämliche, als die sie ihm früher erschienen, auch nicht die mehr, welche er in der Kutsche gesehen – sie war eine vollständig andere geworden. –

Sie war erschreckt, verschüchtert, verwirrt, aber deswegen nur um so reizender. Sie hatte ihn sofort wahrgenommen, als er in den Salon trat; hatte seiner geharrt. Ein freudiges Gefühl überkam sie und ihre Verwirrung in dieser Freude ging soweit, daß es einen Moment, – als er zur Dame des Hauses schritt und sie nochmals anblickte, – sowohl ihr selbst, als Dolly die alles gesehen hatte, schien, als könne sie diese Freude nicht ertragen und müsse in Thränen ausbrechen. Kith errötete und erbleichte, errötete wieder und saß dann wie erstarrt, mit leise bebenden Lippen, ihn erwartend.

Er trat zu ihr, verbeugte sich und reichte ihr schweigend die Hand.

Wäre nicht das leichte Beben der Lippen, und die Feuchtigkeit, die ihr Auge überdeckte und es schimmern machte, gewesen, so würde das Lächeln fast ruhig gewesen sein, mit welchem sie sagte:

»Wie lange haben wir uns doch nicht gesehen!« Mit verzweifelter Entschlossenheit drückte sie seine Hand mit ihrer kalten Rechten.

»Ihr habt mich nicht wieder gesehen, ich aber habe Euch nochmals gesehen,« antwortete Lewin, von einem Lächeln des Glückes strahlend, »ich sah Euch, als Ihr von der Eisenbahn nach Jerguschewo führet.«

»Wann denn,« frug sie erstaunt.

»Ihr führet nach Jerguschewo,« sprach Lewin, welcher fühlte, daß er sich vor der Seligkeit verschluckte, die sein Inneres durchströmte. »Wie verwegen war es von mir, mit diesem rührenden Geschöpf etwas in Verbindung zu bringen, was nicht unschuldig hieße. Es scheint allerdings, als wäre wahr, was Darja Aleksandrowna gesagt hat,« dachte er.

Stefan Arkadjewitsch nahm ihn am Arme und führte ihn zu Karenin.

»Gestattet mir, vorzustellen« – er nannte beider Namen.

»Sehr angenehm, Euch wiederum zu begegnen,« erwiderte Aleksey Aleksandrowitsch kühl, Lewin die Hand drückend.

»Ihr kennt Euch?« frug Stefan Arkadjewitsch verwundert.

»Wir haben drei Stunden vereint im Waggon verlebt,« lächelte Lewin, »und trennten uns dann wieder, nachdem wir, wie bei einer Maskerade, einander einen Streich gespielt hatten – wenigstens ging mir es so.

»So, so! Darf ich denn nun bitten?« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, in der Richtung nach dem Speisezimmer zeigend.

Die Herren betraten dasselbe und begaben sich zu dem Tisch mit einem Imbiß, der aus sechs Sorten Liqueuren, ebensoviel Sorten Käse, mit silbernen Löffelchen, Kaviar, Hering, verschiedenen Konserven bestand und Tellern voll Scheiben französischen Weißbrotes. Die Herren standen bei den duftenden Liqueuren und dem Imbiß, und die Unterhaltung über die Russifizierung Polens zwischen Sergey Iwanowitsch Koznyscheff, Karenin und Peszoff verstummte in der Erwartung der Tafel.

Sergey Iwanowitsch, der es wie keiner verstand, im Interesse der Beendigung eines ernsten Streitgesprächs ganz unvorhergesehenerweise ein wenig attisches Salz zu streuen und damit die Stimmung der Parteien zu ändern, that dies auch jetzt.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte dargelegt, daß eine Russifizierung Polens nur auf Grund edelster Prinzipien zur Durchführung zu bringen sei, die von der russischen Verwaltung einzuführen wären.

Peszoff behauptete, ein Volk könne sich einem anderen nur dann assimilieren, wenn es dichter mit Kolonisten desselben durchsetzt würde.

Koznyscheff erkannte beides an, aber mit Beschränkungen. Als man den Salon verließ, sagte er, um das Gespräch zu schließen, lächelnd:

»Es giebt demnach für die Russifizierung der Ausländer nur ein Mittel – so viel als möglich Kinder dorthin zu exportieren. Auf diese Weise gehen wir mit unsern eigenen Leuten am wenigsten human um. Ihr aber als verheiratete Leute, ihr Herren, besonders Ihr, Stefan Arkadjewitsch, würdet so völlig patriotisch handeln. Wieviel Kinder habt Ihr?« wandte er sich freundlich lächelnd an den Hausherrn, diesem ein kleines Gläschen hinreichend.

Alle lachten, am lustigsten Stefan Arkadjewitsch selbst.

»Ja, das ist das allerbeste Mittel!« sagte er, Käse kauend und eine ganz besondere Sorte Liqueur in das dargebotene Gläschen gießend. Das Gespräch hatte in der That mit dem scherzhaften Einfall sein Ende erreicht. »Der Käse ist nicht übel. Befehlt Ihr?« frug der Hausherr. »Hast du nicht wieder geturnt?« wandte er sich dann an Lewin, mit der Linken dessen Armmuskel befühlend. Lewin lächelte, er spannte den Armmuskel und in den Fingern Stefan Arkadjewitschs hob sich wie ein runder Käse ein stahlharter Hügel unter dem dünnen Stoff des Überrockes. »Das ist der Biceps! Der reine Simson! Ich glaube, man muß viel Kraft haben für die Bärenjagd,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, der nur sehr dunkle Vorstellungen von der Jagd hatte, und strich sich Käse, eine Scheibe Brot, so dünn wie ein Spinnengewebe, brechend.

Lewin lächelte.

»Gar keine, im Gegenteil, ein Kind kann einen Bären töten,« sagte er, mit leichter Verbeugung vor den Damen zur Seite tretend, welche mit der Dame des Hauses zu dem Büffet gingen.

»Ihr habt einen Bären erlegt, sagte man mir?« frug Kity, sich aufmerksam bemühend, mit der Gabel einen widerspenstigen, beiseite schlüpfenden Pilz aufzuspießen, wobei sie die Spitzen schüttelte, aus welchen ihre weiße Hand hervorschimmerte. »Giebt es denn bei Euch Bären?« fügte sie hinzu, halb abgewendet ihr reizendes Köpfchen nach ihm hin drehend und lächelnd.

Es schien nichts Ungewöhnliches in dem zu liegen, was sie gesagt hatte, aber eine gewisse für ihn mit Worten nicht auszudrückende Bedeutsamkeit, lag in jedem Ton, in jeder Bewegung ihrer Lippen, ihrer Augen und Hände, als sie dies sagte. Es lag selbst eine Bitte um Vergebung, ein Zutrauen zu ihm dann, eine Zärtlichkeit, eine weiche, schüchterne Zärtlichkeit und eine Verheißung, eine Hoffnungsseligkeit und Liebe zu ihm, an die er glauben mußte, und die ihn mit Glückseligkeit fast erdrückte.

»Nein, wir waren in das Gouvernement Twersk gefahren. Auf der Rückkehr von dort traf ich im Waggon mit Eurem Beau-frère oder dem Schwager Eures Beau-frère zusammen,« sagte er lächelnd. »Es war ein komisches Zusammentreffen.«

Heiter scherzend erzählte er nun, wie er, nachdem er eine ganze Nacht hindurch nicht geschlafen hatte, im Halbpelz, in das Coupé Aleksey Aleksandrowitschs geraten sei.

»Der Schaffner wollte mich meiner Garderobe halber wieder herausbringen, aber da begann ich, mich in der höheren Sprechweise auszudrücken, – und Ihr desgleichen,« – wandte er sich an Karenin, dessen Namen er vergessen hatte, »man wollte mich anfangs des Halbpelzes halber herausbringen, aber dann tratet Ihr für mich ein, wofür ich Euch sehr dankbar bin.«

»Im allgemeinen sind die Rechte der Passagiere für die Auswahl der Plätze sehr unbestimmt,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit dem Taschentuch die Fingerspitzen abwischend.

»Ich hatte gesehen, daß Ihr über meine Persönlichkeit in Ungewißheit wäret,« fuhr Lewin mit gutmütigem Lächeln fort, »aber ich beeilte mich, eine verständige Unterhaltung anzuspinnen, um den Eindruck meines Halbpelzes zu verwischen.«

Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gespräch mit der Dame des Hauses führte, und dabei mit dem einen Ohr nach dem Bruder hinhörte, schielte diesen von seitwärts an. »Was hat er nur heute, er sieht so triumphierend aus,« dachte er. Er wußte nicht, daß Lewin fühlte, wie ihm die Flügel gewachsen waren. Lewin wußte, daß sie seine Worte hörte und daß ihr es angenehm war, ihn zu hören; dies allein beschäftigte ihn. Nicht nur in diesem Zimmer, in der ganzen Welt waren für ihn nur er selbst, der jetzt für sich eine außerordentliche Bedeutung und Wichtigkeit gewonnen hatte, und sie vorhanden. Er fühlte sich auf einer Höhe, vor der ihm der Kopf wirbelte und ganz drunten, weit entfernt, befanden sich alle diese guten Leute da, die Karenin, Oblonskiy und die ganze Welt.

Ganz ohne Aufsehen, ohne einen Blick auf die beiden zu werfen, als ob eben eine andere Anordnung nicht möglich wäre, setzte Stefan Arkadjewitsch Lewin und Kity neben einander.

»Ach, du setzest dich doch hierher,« wandte er sich an Lewin.

Das Essen war ebenso vorzüglich, wie das Geschirr, von welchem Stefan Arkadjewitsch großer Liebhaber war. Die Suppe à la Marie-Luise war ausgezeichnet gelungen, die Pasteten, welche im Munde zergingen, waren tadellos. Zwei Diener und Matwey in weißen Halsbinden erfüllten ihre Obliegenheiten mit den Speisen und dem Wein unmerklich, leise und flink.

Nach der materiellen Seite hin war das Essen gelungen, aber nicht weniger auch nach der nicht materiellen.

Die Unterhaltung, bald allgemein bald im Einzelgespräch sich bewegend, verstummte nicht und bei der Aufhebung der Tafel war die Stimmung so belebt geworden, daß sich die Herren vom Tische erhoben, ohne das Gespräch abzubrechen und selbst Aleksey Aleksandrowitsch animiert worden war.

 

3.

»Bist du ihm begegnet?« frug sie, als beide am Tische hinter der Lampe Platz genommen hatten. »Da hast du ja deine Strafe dafür, daß du dich verspätet hast.«

»Ja, aber wie ist das? Er müßte doch im Rate sein?«

»Er war dort und kam zurück, worauf er wieder fortgefahren ist. Doch das thut nichts; sprich nicht davon. Wo bist du gewesen? Stets mit dem Prinzen?«

Sie kannte alle Einzelheiten seines Lebens. Er hatte ihr sagen wollen, daß er die ganze Nacht nicht geschlafen habe und eingeschlafen sei, als er aber ihr aufgeregtes und glückliches Antlitz sah, fühlte er Gewissensbisse, und er teilte ihr mit, daß er hätte Rapport erstatten müssen über die Abreise des Prinzen.

»Jetzt aber ist alles vorüber und er ist fort?«

»Gott sei Dank, es ist vorbei. Du kannst nicht glauben, wie unerträglich mir das gewesen ist.«

»Weshalb denn? Dies ist doch das gewöhnliche Leben von euch jungen Männern allen?« sagte sie, die Brauen ziehend, und nach einer Häkelei, die auf dem Tische lag greifend, ohne Wronskiy anzublicken.

»Ich habe dieses Leben schon lange aufgegeben,« sagte er, verwundert über die Veränderung im Ausdruck ihres Gesichts und sich bemühend, die Bedeutung derselben zu erforschen. »Ich gestehe,« fuhr er fort, lächelnd seine engstehenden weißen Zähne zeigend, »daß ich in dieser Woche mich wie in einem Spiegel gesehen habe, indem ich dieses Leben schaute, und es ist mir unangenehm geworden.«

Sie hielt ihre Arbeit in den Händen, häkelte aber nicht, sondern schaute ihn mit seltsamem, glänzendem und freundlichem Blick an.

»Heute morgen ist Lisa bei mir auf Besuch gewesen – man scheut sich noch nicht, mich zu besuchen, trotz der Gräfin Lydia Iwanowna,« begann sie, »und sie erzählte mir von Eurem athenischen Abend. Welche Abgeschmacktheit das doch war!«

»Ich wollte nur erzählen, daß« –

Sie unterbrach ihn.

»War es nicht Therese, die du früher gekannt hast?«

»Ich wollte erzählen« –

»Wie ihr Männer doch häßlich seid! Wie könnt ihr euch denken, daß ein Weib dies je vergäße,« sprach sie, mehr und mehr in Erregung geratend, und ihm damit die Ursache ihrer Aufregung zeigend, »und besonders das Weib, welches dein Leben nicht kennen kann. Was weiß ich davon? Was habe ich davon gewußt?« sagte sie, »nur das, was du mir selbst davon erzählst. Aber woher könnte ich wissen, ob du mir die Wahrheit damit gesagt hast?«

»Anna! Du kränkst mich. Glaubst du mir denn nicht? Habe ich dir denn nicht gesagt, daß ich keinen einzigen Gedanken hege, den ich dir nicht entdeckte?«

»Ja, ja,« antwortete sie, offenbar im Bemühen, die Regungen der Eifersucht von sich zu weisen, »aber hättest du gewußt, wie schwer mir zu Mute ist. Ich glaube, ich glaube dir ja – doch was sagtest du?«

Er war nicht imstande, sich sofort dessen zu entsinnen, was er hatte sagen wollen. Diese Anfälle von Eifersucht, die sie in der letzten Zeit immer häufiger und häufiger überkamen, erschreckte ihn, und so sehr er sich auch mühte, es zu verbergen, stimmten ihn kühler gegen sie, obwohl er recht gut wußte, daß die Ursache dieser Eifersucht ihre Liebe zu ihm war. Wie vielmal schon hatte er sich gesagt, daß ihre Liebe für ihn ein Glück sei; und nun, da sie ihn liebte, wie ein Weib nur lieben kann, für welche alle Güter im Leben von der Liebe überwogen werden – fühlte er sich bei weitem ferner von jener Glückseligkeit, als damals, da er ihr von Moskau aus nachgereist war.

Damals hatte er sich für unglücklich gehalten, aber das Glück kam noch; jetzt fühlte er hingegen, daß das höchste Glück bereits dahinten liege. Sie war durchaus nicht mehr die Nämliche, als welche er sie in der ersten Zeit gesehen hatte; innerlich und äußerlich hatte sie sich zu ihren Ungunsten verändert. Sie war dicker geworden, und als sie von der Schauspielerin sprach, lag ein schlimmer, verderbenschwangerer Ausdruck auf ihren Zügen, der sie entstellte.

Er blickte sie an, wie ein Mensch auf eine durch ihn selbst abgerissene und nun welk gewordene Blüte schauen mag, an welcher er nur mit Mühe noch die Schönheit wiedererkennt, wegen deren er sie brach und dem Untergang weihte.

Außerdem aber fühlte er auch, daß er seine Liebe damals, als sie noch stärker war, wenn er ernstlich gewollt hätte, aus seinem Herzen zu reißen vermocht haben würde. Jetzt aber, da ihm, wie in dem gegenwärtigen Augenblick, schien, als ob er gar keine Liebe zu ihr empfinde, jetzt erkannte er, daß sein Bund mit ihr nicht mehr gelöst werden könne.

»Ah, du wolltest mir doch wohl vom Prinzen erzählen? Ich habe den Satan verjagt, ich habe ihn verjagt,« fügte sie hinzu. Satan nannten sie beide unter sich die Eifersucht. »Also was begannst du denn vom Prinzen zu erzählen? Weshalb ist es dir bei ihm so lästig geworden?«

»O, unerträglich!« sagte er, sich bemühend, den Faden zu dem ihm entfallenen Gedanken wieder zu erfassen. »Er gewinnt nicht im näheren Umgang, und soll man ihn näher bezeichnen, so ist er ein vorzüglich gepflegtes Tier, für das man auf den Ausstellungen die Preismedaillen zu erhalten pflegt, weiter nichts,« sagte er mit einem Verdruß, der bei ihr Interesse hervorrief.

»Wie, in der That?« fiel sie ein. »Er hat aber doch so viel gesehen, ist so gebildet?«

»Es ist eine grundverschiedene Bildung – die Bildung solcher Leute. Er ist offenbar nur deswegen gebildet worden, damit er ein Recht besitzen möchte, die Bildung von oben herab anzusehen, wie sie überhaupt alles verachten – mit Ausnahme der Gegenstände ihres Vergnügens.«

»Ihr liebt aber doch auch diese Gegenstände des Vernügens!« sagte sie, und er bemerkte wiederum jenen düstern Blick, der ihn mied.

»Warum nimmst du ihn in Schutz,« frug er lächelnd.

»Ich verteidige ihn nicht; es ist mir alles vollkommen gleichgültig; aber ich glaube, daß du, wenn du selbst diese Zerstreuungen nicht liebtest, wohl hättest absagen können. Dir aber machte es Vergnügen, Therese zu sehen im Kostüme der Eva.«

»Wieder und wieder der Diabolus,« erwiderte Wronskiy, die Hand ergreifend, welche sie auf den Tisch gelegt hatte, und sie küssend.

»Ja wohl, aber ich kann nicht anders! Du weißt nicht, wie ich mich gemartert habe, indem ich deiner harrte. Ich denke wohl, daß ich nicht eifersüchtig bin; ich bin nicht eifersüchtig und glaube dir, wenn du hier bei mir bist; aber sobald du anderswo allein dein Leben, das mir unverständlich ist, führst« – Sie wandte sich ab von ihm, sich wieder mit ihrem Häkelzeug beschäftigend, und begann mit Hilfe des Zeigefingers eine Masche der im Schein der Lampe hellschimmernden weißen Wolle nach der anderen aufzunehmen, wobei sich die zarte Hand mit nervöser Hast in dem Ärmel umwendete. »Aber, wo trafst du denn mit Aleksey Aleksandrowitsch zusammen?« erklang plötzlich ihre Stimme in fast unnatürlichem Tone.

»Wir trafen an der Thür zusammen.«

»Grüßte er dich?«

Sie zog das Gesicht in die Länge, schloß die Augen halb, schnell den Ausdruck ihrer Züge verändernd und die Hände ineinander legend. Wronskiy gewahrte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich den nämlichen Ausdruck, mit welchem ihn Aleksey Aleksandrowitsch gegrüßt hatte.

Er lächelte, sie aber lachte heiter auf mit jenem lieben, herzlichen Lachen, welches einen ihrer Hauptreize ausmachte.

»Ich begreife ihn entschieden nicht,« antwortete Wronskiy. »Wenn er noch nach deiner Erklärung auf der Villa mit dir gebrochen und mich zum Duell gefordert hätte – aber dies verstehe ich nicht. Wie vermag er eine solche Lage zu ertragen? Er leidet ja; das ist offenbar.«

»Er?« sagte sie lächelnd, »er ist vollkommen zufrieden.«

»Weshalb aber martern wir uns dann alle, wenn alles ganz gut werden könnte?«

»Nur er martert sich nicht. Soll ich sie etwa nicht kennen, diese große Lüge, in welcher er großgezogen ist? Ist es möglich, – wenn man nur ein wenig fühlt, – so zu leben, wie er mit mir lebt? Er versteht nicht und fühlt nicht. Kann denn ein Mensch, welcher nur einigermaßen fühlt, mit seiner verbrecherischen Frau in einem Hause leben? Kann er mit einer solchen sprechen? Sie mit ,du‘ anreden?« Unwillkürlich stellte sie sich sein, »du, ma chère, Anna,« vor. »Er ist kein Mann und kein Mensch, er ist eine Puppe! Niemand weiß das, als ich. O, wäre ich an seiner Stelle, ich hätte längst gemordet, ich hätte in Stücke zerrissen dieses Weib, das so handeln konnte, wie ich, – aber ich hätte nicht gesagt , ma chère, Anna!‘ Das ist kein Mensch, sondern eine Maschine des Ministeriums. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er mir ein Fremder ist, ein Überflüssiger. Aber Wir wollen nie mehr miteinander davon sprechen!« –

»Du bist im Unrecht, ganz im Unrecht, meine Liebe,« sagte Wronskiy, sich bemühend, sie ruhiger zu stimmen. »Aber immerhin sprechen wir nicht mehr von ihm. Erzähle mir lieber, was du bisher gethan hast? Wie geht es dir selbst? Wie steht es mit deiner Gesundheit und was hat der Arzt gesagt?«

Sie blickte ihn spöttisch und voll Freude zugleich an. Offenbar hatte sie lächerliche oder ungeheuerliche Seiten in diesem Manne da vor ihr entdeckt, und wartete nun nur auf den Augenblick, da sie dies mitteilen konnte.

Er aber fuhr fort: »Ich vermute, es ist kein eigentliches Leiden, sondern nur deine Situation, welche dich krank macht. Wann wird dann die Krisis eintreten?«

Der spöttische Glanz ihrer Augen erlosch, aber ein anderes Lächeln, das Kennzeichen eines ihm unbekannten, verborgenen Schmerzes, löste den früheren Ausdruck ab.

»Bald, bald. Du sagtest, daß unsere Lage peinlich sei, daß wir ihr ein Ende machen müßten. Wußtest du doch, wie mir dies schwer wird, was ich darum geben möchte, dich frei und kühn lieben zu dürfen. Dann würde ich weder mich noch dich mit meiner Eifersucht quälen. Jene Krisis wird bald eintreten, aber nicht so, wie wir denken.« Bei dem Gedanken daran, wie es kommen würde, erschien sie sich selbst so beklagenswert, daß ihr die Thränen in die Augen traten und sie nicht weiter zu sprechen vermochte. Sie zog ihre in der Lampe weißschimmernde beringte Hand in den Ärmel zurück. Sie wird nicht so eintreten, wie wir denken. Ich wollte es dir nicht sagen, aber du veranlaßtest mich dazu. Bald, bald wird sich alles lösen und wir alle, alle werden ruhig werden und uns nicht mehr quälen.«

»Ich verstehe nichts,« sagte Wronskiy, sie recht wohl verstehend.

»Du frugest mich, wenn die Krisis käme? Nun bald! Ich selbst werde sie nicht überleben. Unterbrich mich nicht.« Sie fuhr hastig fort zu sprechen, »ich weiß das, ich weiß es gewiß! Ich werde sterben, und bin sehr froh, daß ich sterben und mich und euch erlösen werde.« Thränen rannen ihr aus den Augen; er aber beugte sich auf ihre Hand herab und küßte sie, um seine Bewegung zu verbergen, die – er wußte es – zwar keinerlei Grund hatte, aber gleichwohl nicht zu beschwichtigen war. »So wird es kommen, und so wird es am besten sein,« sagte sie, seine Hand mit heftiger Bewegung pressend; »das ist das Einzige, was uns geblieben ist.«

Er kam zu sich und hob das Haupt.

»Welch eine Thorheit! Welch sinnlose Thorheit du da sprichst!«

»Nein, nur Wahrheit.«

»Was, was für eine Wahrheit?«

»Daß ich sterben werde. Ich habe einen Traum gehabt.«

»Einen Traum?« Wronskiy fiel sofort der Bauer in seinem eigenen Traume ein.

»Ja, einen Traum,« sagte sie. »Schon vor Langem habe ich ihn einmal gehabt diesen Traum. Ich träumte, daß ich in mein Schlafzimmer eilte, weil ich dort etwas holen, nach etwas sehen wollte – du weißt ja, wie das im Traume ist,« sagte sie, vor Schrecken die Augen weit aufreißend, »im Schlafzimmer aber stand etwas« –

»Thorheiten, wie kann man glauben« –

Doch sie ließ sich nicht unterbrechen; das, was sie erzählte, war viel zu wichtig für sie.

– »und dies Etwas bewegte sich. Ich sah, daß es ein Bauer war, mit wirrem Bart, klein und furchterweckend von Aussehen. Ich wollte davon laufen aber er beugte sich über einen Sack und wühlte mit den Händen darin.« Sie vergegenwärtigte sich, wie die Erscheinung in dem Sacke gewühlt hatte, und Entsetzen spiegelte sich in ihren Zügen. Wronskiy empfand in der Erinnerung an seinen eigenen Traum einen gleichen Schrecken, der ihm die Seele erfüllte. »Er wühlte und hatte französisch gesagt il faut le battre le fer, le broyer, le pétrir! Ich wollte voll Entsetzen erwachen und erwachte – aber ich war nur im Traume erwacht. Ich frug mich nun, was das zu bedeuten habe. Korney sagte mir ,das bedeutet, daß Ihr an einer Geburt sterben werdet, Matuschka, an einer Geburt.‘ –Dann erwachte ich wirklich.«–

»Thorheiten, was für Thorheiten!« sagte Wronskiy, fühlte aber selbst, daß nichts Überzeugendes in seinen Worten lag.

»Doch lassen wir das. Klingle, ich will Thee geben lassen. Oder warte noch, ich habe noch nicht lange erst« – plötzlich hielt sie inne. Der Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich momentan; Schrecken und Aufregung wechselte mit dem Ausdruck einer stillen, ernsten und verzückten Aufmerksamkeit. Er war nicht imstande, die Bedeutung dieser Verwandlungen zu begreifen. Sie hatte in sich die Bewegung eines neuen Lebens wahrgenommen.

 

4.

Aleksey Aleksandrowitsch fuhr nach seiner Begegnung mit Wronskiy auf der Freitreppe, wie er beabsichtigt hatte, nach der italienischen Oper. Er wohnte dieser zwei Akte hindurch bei und begrüßte alle die, welche er sehen mußte. Nach Hause zurückgekehrt, besichtigte er aufmerksam den Kleiderhalter, und begab sich, nachdem er wahrgenommen hatte, daß ein Uniformrock nicht mit dahing, wie er zu thun pflegte, in seine Gemächer. Entgegen seiner Gewohnheit aber legte er sich nicht zur Ruhe nieder, sondern ging in seinem Kabinett auf und ab, bis drei Uhr nachts.

Das Gefühl des Zornes über das Weib, welches den Anstand nicht wahren, und die einzige ihr gestellte Bedingung, die, ihren Liebhaber nicht bei sich selbst zu sehen, nicht erfüllen wollte, ließ ihm keine Ruhe. Sie hatte seine Forderung nicht erfüllt und er mußte sie nun bestrafen, seine Drohung zur Ausführung bringen – die Trennung fordern und ihr das Kind nehmen. Er kannte alle Schwierigkeiten, die mit dieser Aufgabe verbunden waren, aber er hatte einmal gesagt, daß er dies thun werde, und jetzt mußte er seine Drohung ausführen.

Die Gräfin Lydia Iwanowna hatte ihm zu verstehen gegeben, daß dies der beste Ausweg aus seiner Lage sein werde und in der jüngsten Zeit hatte man auch die Praxis der Ehescheidungen zu solcher Vervollkommnung gebracht, daß Aleksey Aleksandrowitsch die Möglichkeit erkannte, die formellen Schwierigkeiten überwinden zu können. Hierzu kam indessen, wie ja ein Unglück nie allein kommt, daß auch die Angelegenheiten bezüglich der Lage der Ausländer und der Bewässerung der Fluren im Gouvernement Zaraisk für ihn so viele dienstliche Unannehmlichkeiten im Gefolge hatten, daß er sich in letzter Zeit stets in einem Zustande äußerster Gereiztheit befand. Er konnte die ganze Nacht kein Auge zuthun, und sein Groll, in einer Art ungeheurer Progression anwachsend, hatte bis zum Morgen die äußerste Grenze erreicht.

Hastig kleidete er sich an, und eilte, gleichsam eine Schale voll Wut tragend und befürchtend, von ihrem Inhalt zu verschütten, und zugleich damit an Energie einzubüßen, deren er zur Auseinandersetzung mit seinem Weibe bedurfte – zu ihr, sobald er gehört hatte, daß sie sich erhoben habe.

Anna, welche stets geglaubt hatte, ihren Mann so genau zu kennen, geriet in Bestürzung bei seinem Anblick, als er zu ihr ins Gemach trat. Seine Stirn war finster gerunzelt, seine Augen blickten düster, gerade aus, ihren Anblick meidend; sein Mund war fest und mit verächtlichem Ausdruck zusammengekniffen. Im Gang, in seinen Bewegungen dem Ton seiner Stimme lag eine Entschlossenheit und Festigkeit, die sein Weib noch nie an ihm wahrgenommen hatte.

Er trat ins Zimmer und schritt, ohne ihr einen Morgengruß zu bieten, geradenwegs auf ihren Schreibtisch zu, ergriff die Schlüssel und öffnete das Schubfach.

»Was wollt Ihr!« rief Anna Karenina.

»Die Briefe Eures Liebhabers!« antwortete er.

»Hier giebt es keine,« versetzte sie, den Kasten schließend, doch er erkannte an dieser Handlung, daß er richtig vermutet habe und riß, ihren Arm rauh wegstoßend, schnell eine Brieftasche an sich; in welche sie, wie er wußte, ihre notwendigsten Papiere zu legen pflegte. Sie wollte ihm die Brieftasche entreißen, allein er stieß sie von sich.

»Setzt Euch! Ich habe mit Euch zu reden,« sagte er, die Brieftasche unter den Arm nehmend und sie so heftig mit seinem Ellbogen klemmend, daß sich seine Schulter hob.

Erstaunt und scheu blickte sie wortlos auf ihn.

»Ich habe Euch gesagt, daß ich Euch nicht gestatten könne, Euren Liebhaber bei Euch selbst zu sehen.«

»Ich mußte ihn sprechen, um« –

Sie hielt inne, da sie keinen Vorwand fand.

»Ich werde mich nicht auf Einzelheiten darüber einlassen, Wozu ein verheiratetes Weib ihren Liebhaber bei sich sehen muß.«

»Ich wollte, ich war nur« – sagte sie, in aufsteigender Gereiztheit. Diese Rohheit erzürnte sie und gab ihr Mut, »solltet Ihr nicht fühlen, wie leicht es Euch fallen muß, mich zu beleidigen?« sagte sie.

»Beleidigen kann man nur einen Mann von Ehre oder ein ehrenhaftes Weib, aber einem Diebe sagen, daß er ein Dieb sei, ist nur die constatation d’un fait!«

»Diesen neuen Zug von Härte hatte ich noch nicht in Euch gekannt.«

»Ihr nennt es Härte, wenn ein Mann seinem Weibe die Freiheit giebt, ihr den Schutz ihres ehrlichen Namens nur unter der Bedingung lassend, daß sie den Anstand beobachtet? Das nennt Ihr Härte?«

»Das ist schmählicher als Härte: das ist Niedrigkeit, wenn Ihr es denn wissen wollt!« rief Anna in einem Ausbruch der Wut und wollte aufstehend das Zimmer verlassen.

»Nein!« rief er mit seiner dünnen Stimme, welche jetzt noch eine Note höher klang, als gewöhnlich; er ergriff sie mit seinen langen Fingern am Arm, so hart, daß rote Spuren von ihrem Armband darauf blieben, welches er mit gepreßt hatte, und setzte sie gewaltsam wieder auf den Stuhl. »Eine Niedrigkeit? Wenn Ihr das Wort einmal brauchen wollt, so ist es Niedrigkeit, daß man einen Gatten verläßt und einen Sohn, für einen Liebhaber, und dabei das Brot des Gatten ißt!«

Sie senkte den Kopf. Sie sagte nicht nur nicht, was sie gestern dem Geliebten gesagt hatte, nämlich daß jener ihr Gatte, dieser hier aber ein Überflüssiger sei – sie dachte gar nicht daran, denn sie empfand die ganze Wahrheit seiner Worte, und so antwortete sie nur leise:

»Ihr könnt meine Lage nicht schlimmer darstellen, als wie ich selbst sie kenne; aber weshalb sagt Ihr das alles?«

»Weshalb ich das sage? Weshalb?« fuhr er fort, noch ebenso wutentbrannt. »Damit Ihr wüßtet, daß ich, da Ihr meinen Willen bezüglich der Beobachtung der Regeln des Anstandes nicht erfüllt habt, Maßregeln ergreifen werde, um diese Situation zum Abschluß zu bringen!«

»Bald, bald wird sie ihr Ende auch so erreicht haben,« antwortete sie und wiederum traten ihr die Thränen bei dem Gedanken an den nahen, jetzt erwünschten Tod in die Augen.

»Es wird schneller vorbei sein, als Ihr mit Eurem Liebhaber gedacht haben mögt! Ihr bedürft der Befriedigung einer materiellen Leidenschaft« –

»Aleksey Aleksandrowitsch! Ich will nicht sagen, daß es nur wenig großmütig wäre, es ist nicht einmal in der Ordnung, einen Gefallenen noch zu schlagen!«

»Ihr denkt eben nur an Euch! Aber die Leiden eines Menschen, der Euer Gatte war, interessieren Euch nicht. Es ist Euch ganz gleichgültig, daß das ganze Dasein desselben vernichtet ist, daß er unsagbar gesi – – gesitten!« – – Aleksey Aleksandrowitsch sprach so überstürzt, daß er sich verwickelte und nicht imstande war, das Wort »gelitten« herauszubringen. Dies erschien ihm komisch, ja selbst beschämend, weil es ihr in diesem Augenblick lächerlich erscheinen konnte.

Zum erstenmal empfand sie für eine Sekunde etwas für ihn, sie versetzte sich in ihn und er that ihr leid. Aber was konnte sie sagen oder thun? Sie senkte das Haupt und schwieg. Er schwieg gleichfalls einige Zeit, und sprach dann mit weniger pfeifender, kalter Stimme weiter, einige willkürlich gewählte Worte sprechend, ohne daß sie eine besondere Wichtigkeit besessen hätten.

»Ich bin gekommen, Euch zu sagen,« – begann er.

Sie schaute ihn an. »Nein,« dachte sie, sich den Ausdruck seines Gesichts vergegenwärtigend, wie er sich verwickelt und nicht richtig zu sprechen vermocht hatte, »nein, es schien mir Wohl nur so; sollte dieser Mann mit den matten Augen, mit dieser selbstzufriedenen Ruhe, etwas fühlen können?«

»Ich vermag nichts zu ändern,« flüsterte sie.

»Ich bin gekommen, Euch zu sagen, daß ich morgen nach Moskau reisen und nicht mehr in dieses Haus zurückkommen werde. Ihr werdet Nachricht über meine Entscheidungen durch meinen Rechtsanwalt erhalten, dem ich die Führung des Ehescheidungsprozesses übergeben will. Mein Sohn wird zu meiner Schwester übersiedeln,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, mit Anstrengung sich ins Gedächtnis zurückrufend, was er betreffs des Sohnes hatte verfügen wollen.

»Ihr braucht Sergey, um mir ein Weh zuzufügen,« sprach sie, ihn von unten herauf anblickend. »Ihr liebt ihn nicht! Laßt mir daher Sergey!« –

»Ja, selbst die Liebe zum Sohne habe ich verloren, weil mit ihm sich mein Ekel vor Euch verbindet. Aber gleichwohl will ich ihn nehmen. Lebt wohl!« –

Er wollte gehen, doch jetzt hielt sie ihn zurück.

»Aleksey Aleksandrowitsch, laßt mir Sergey!« sprach sie noch einmal leise. »Nichts weiter habe ich Euch zu sagen. Laßt mir Sergey bis zu meiner – ich werde bald niederkommen – laßt ihn mir!« –

Aleksey Aleksandrowitsch fuhr auf, riß seine Hand aus der ihren und verließ stumm das Gemach.

5.

Das Empfangszimmer des berühmten Petersburger Rechtsanwaltes war gefüllt, als Aleksey Aleksandrowitsch dort eintrat.

Es befanden sich darin drei Damen; eine alte, eine junge, und eine Kaufmannsfrau; ferner drei Herren, ein deutscher Bankier, mit einem Ring am Finger, ein anderer, ein Kaufmann mit einem Barte, und der dritte war ein grimmiger Beamter in Uniform mit einem Stern am Halse. Alle schienen offenbar schon lange zu warten. Zwei Diätisten schrieben am Tische, mit den Federn schnarrend. Die Schreibutensilien, für welche Aleksey Aleksandrowitsch eine gewisse Vorliebe besaß, waren ungewöhnlich gut, er konnte nicht umhin, diese Wahrnehmung zu machen. Einer der Diätisten wandte sich, ohne aufzustehen, mit den Augen blinzelnd schroff an ihn:

»Was wünschen Sie?«

»Ich habe mit dem Rechtsanwalt zu thun.«

»Der ist jetzt beschäftigt,« antwortete der Diätist schroff, mit der Feder nach den Wartenden weisend, und fuhr dann fort zu schreiben.

»Kann er nicht etwas Zeit für mich finden?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.

»Er hat keine freie Zeit, er ist stets in Anspruch genommen. Wollt doch gefälligst warten.«

»Dann macht Ihr wohl keine Schwierigkeiten, ihm meine Karte zu bringen,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch würdevoll fort, die Notwendigkeit erkennend, daß er sein Inkognito fallen lassen müsse.

Der Schreiber nahm die Karte und ging, offenbar dem Inhalt derselben nicht trauend, zu einer Thür hinein.

Aleksey Aleksandrowitsch befand sich im Princip im Einverständnis mit der mündlichen Rechtskonsultation, doch in einigen Einzelheiten ihrer russischen Kooptation fühlte er sich nicht vollkommen in Übereinstimmung, zufolge der ihm bekannten höchsten Dienstverhältnisse, und er verwarf diese Einzelheiten, soweit er eine Institution von oben überhaupt verwerfen konnte. Sein ganzes Leben war in der administrativen Thätigkeit verflossen, aber seine Unzufriedenheit, wenn er mit etwas nicht übereinzustimmen vermochte, wurde daher durch die Anerkennung der Unvermeidbarst von Irrtümern herabgestimmt in der Erkenntnis der Möglichkeit von Verbesserungen bet jeglicher Sache. In den neuen Rechtsinstitutionen mißbilligte er die Grundsätze, auf denen die Advokatur beruhte, aber bisher hatte er noch nicht mit dieser zu thun gehabt, und sie daher nur in der Theorie verworfen – jetzt aber verstärkte sich seine ablehnende Haltung noch durch den unangenehmen Eindruck, den er in dem Empfangszimmer des Advokaten erhalten hatte.

»Man wird sogleich erscheinen,« sagte der Diätist, und in der That zeigte sich nach Verlauf von zwei Minuten in der Thür die schmächtige Figur eines bejahrten Klienten, der sich mit dem Rechtsanwalt beriet und die Erscheinung des letzteren selbst.

Dieser war nicht groß von Gestalt, untersetzt und kahlköpfig, mit schwärzlich rotem Bart, blonden langen Brauen und übertretender Stirn.

Er war wie ein Bräutigam gekleidet, von der Halsbinde an und der doppelten Uhrkette bis zu den Lackstiefelchen. Sein Gesicht sah klug und grob aus, die Kleidung war geckenhaft und geschmacklos.

»Ist es gefällig,« sagte der Rechtsanwalt zu Aleksey Aleksandrowitsch anwendet, und ließ diesen mit ernstem Gesicht an sich vorüber eintreten, worauf er die Thür schloß. »Ist es gefällig?« Er wies auf einen Sessel am Schreibtisch, der mit Schriftstücken bedeckt war, und ließ sich selbst auf seinem Konsulentenplatz nieder, die kleinen Hände mit den kurzen, von weißen Härchen bestandenen Fingern reibend und den Kopf auf die Seite neigend. Kaum war er indessen in seiner Pose zur Ruhe gekommen, als über dem Tische eine Motte aufflog. Der Rechtsanwalt riß mit einer Schnelligkeit, die man von ihm nicht hätte erwarten sollen, die Hände auseinander, fing die Motte und nahm dann seine frühere Lage wieder ein.

»Bevor ich von meiner Angelegenheit zu sprechen beginne,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, der mit verwunderten Blicken den Bewegungen des Rechtskonsulenten gefolgt war, »muß ich bemerken, daß die Angelegenheit, in welcher ich mit Euch zu reden habe, ein Geheimnis bleiben muß.«

Ein kaum bemerkbares Lächeln bewegte die roten, hängenden Schnurrbartspitzen des Advokaten voneinander.

»Ich müßte kein Advokat sein, wenn ich die Geheimnisse nicht zu bewahren wüßte, die mir anvertraut werden. Aber wenn ich Euch versichern darf« –

Aleksey Aleksandrowitsch blickte auf sein Gesicht und gewahrte, daß die grauen klugen Augen lachten, als ob sie schon alles wüßten.

»Ihr kennt meine Familie?« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»Ich kenne Euch und Eure verdienstvolle« – er fing abermals eine Motte – »Wirksamkeit so, wie jeder russische Unterthan,« sagte der Advokat mit einer Verbeugung.

Aleksey Aleksandrowitsch seufzte und faßte sich; da er sich einmal entschlossen hatte, so fuhr er fort mit seiner pfeifenden Stimme, ohne in Verlegenheit zu kommen oder stecken zu bleiben, und gewisse Worte besonders hervorhebend.

»Ich habe das Unglück,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, »ein betrogener Ehegatte zu sein und wünsche auf dem Wege des Gesetzes die Beziehungen zu meinem Weibe abzubrechen, das heißt mich von ihr scheiden zu lassen; jedoch in der Weise, daß mein Sohn nicht bei der Mutter verbleibt.«

Die grauen Augen des Advokaten bemühten sich, nicht zu lachen, aber sie hüpften förmlich in nicht zu verhaltender Freude, und Aleksey Aleksandrowitsch sah, daß es sich hier nicht allein um die Freude eines Menschen handelte, welcher einen guten Auftrag erhalten hatte, sondern daß hier ein Triumph, ein Entzücken, ein Glanz wahrnehmbar wurde, der jenem bösartigen Feuer ähnlich war, wie er es in den Augen seines Weibes gesehen hatte.

»Ihr wünscht nun meine Mitwirkung für die Vollziehung der Ehescheidung?«

»Allerdings, doch ich muß Euch zuvor darauf hinweisen, daß ich mir erlaube, Eure Aufmerksamkeit zu mißbrauchen. Ich bin zunächst nur gekommen, um mich vorläufig mit Euch zu beraten. Ich wünsche die Trennung, aber für mich sind die Formen wichtig, unter denen sie zu ermöglichen ist. Es könnte leicht der Fall sein, daß ich, wenn die Formen mit meinen Forderungen nicht zusammenfallen, von einer gesetzlichen Ehescheidung absehen würde.«

»O, das bliebe ja immer in Euer Ermessen gestellt,« antwortete der Rechtsanwalt, und senkte dabei die Augen nach den Füßen Aleksey Aleksandrowitschs in dem Gefühl, daß er mit dem Ausdruck seiner unbezähmbaren Freude den Klienten verletzen könnte; dann schaute er nach einer Motte, die vor seiner Nase tanzte und machte eine Armbewegung, fing sie aber nicht, aus Achtung vor der Lage Aleksey Aleksandrowitschs.

»Obgleich mir in allgemeinen Umrissen unsere gesetzlichen Bestimmungen über diesen Gegenstand bekannt sind,« fuhr dieser fort, »so würde ich doch im allgemeinen diejenigen Formalitäten zu erfahren wünschen, nach welchen in der Praxis Angelegenheiten ähnlicher Art zur Erledigung gelangen.«

»Ihr wünscht,« antwortete der Rechtsanwalt, ohne die Augen zu erheben, und nicht ohne Vergnügen auf den Ton der Rede seines Klienten eingehend, »daß ich Euch die verschiedenen Verfahren nach denen eine Erfüllung Eurer Absicht möglich wird, angebe.« Auf das bestätigende Kopfnicken Aleksey Aleksandrowitschs fuhr er fort, nur bisweilen verstohlen auf das mit roten Flecken sich bedeckende Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs schauend –: »Die Ehescheidung nach unseren Gesetzen,« – er sprach mit einem leichten Anflug von Mißbilligung der russischen Gesetze – »ist möglich, wie Euch bekannt, in folgenden Fällen«:

– »Warten!« – wandte er sich zu dem in der Thür erscheinenden Diätisten, stand aber gleichwohl auf, sprach einige Worte und ließ sich erst dann wieder nieder; –

»In folgenden Fällen: Dem der physischen Unfähigkeit der Gatten; in dem einer fünfzigjährigen Verschollenheit des einen Teils;« er sagte dies, den einen kurzen mit Haaren bewachsenen Finger ausstreckend, »ferner bei Ehebruch;« er hob dieses Wort mit sichtlichem Vergnügen hervor, »die folgenden Unterabteilungen,« er fuhr fort, seine dicken Finger auszustrecken, obwohl sich die drei Hauptfälle und die Unterabteilungen offenbar nicht fortlaufend mit Ziffern bezeichnen ließen, »physische Unfähigkeit des Mannes oder des Weibes; ferner Ehebruch seitens des Mannes oder des Weibes,« als alle Finger ausgestreckt waren, spreizte er sie auseinander und fuhr fort: »Dies ist die theoretische Anschauung, doch glaube ich, Ihr gebt mir die Ehre, nochmals zu mir zu kommen, damit ich die tatsächliche Lage kennen lernen kann. Dann muß ich, an der Hand der Antecedenzfälle, Euch noch mitteilen, daß die Ehescheidungsfälle alle von den letzteren abhängen. Physische Unfähigkeit ist nicht vorhanden, wie ich annehmen darf? Auch nicht Verschollenheit.« –

Aleksey Aleksandrowitsch nickte bestätigend mit dem Kopfe.

»Es handelt sich also um den dritten Punkt, den Ehebruch des einen der beiden Gatten und die Überführung des verbrecherischen Teils unter gegenseitiger Einräumung, oder auch in Ermangelung einer solchen Einräumung – die zwangsweise erreichte Überführung. Der letztere Fall, muß ich bemerken, findet sich in der Praxis allerdings selten,« sagte der Rechtsanwalt und schwieg dann, verstohlen auf Aleksey Aleksandrowitsch blickend, wie ein Pistolenverkäufer, der die Güte dieser oder jener Waffe beschrieben hat und die Wahl des Käufers nun erwartet.

Aber Aleksey Aleksandrowitsch schwieg und der Anwalt fuhr daher fort, »das gewöhnlichste, einfachste und verständigste ist, meine ich, die Ehebruchsklage unter gegenseitigem Einverständnis. Ich würde mir nicht gestatten, mich einem Ungebildeten gegenüber so auszudrücken,« sagte der Anwalt, »glaube aber, daß dies für Euch verständlich ist.«

Aleksey Aleksandrowitsch war indessen so zerstreut, daß er nicht sofort den Begriff Ehebruch mit beiderseitigem Einverständnis erfaßt hatte, und dieses Unvermögen in seinem Blicke zeigte; der Anwalt kam ihm daher sogleich zu Hilfe.

»Es können zwei nicht mehr miteinander leben – das ist das Faktum. Und wenn beide darin einverstanden sind, dann werden die Einzelheiten und die Formalitäten die nämlichen. Dies ist das einfachste und sicherste Mittel.«

Aleksey Aleksandrowitsch hatte jetzt vollständig begriffen. Aber er stand unter dem Einflusse religiöser Grundsätze, welche ihn an der Gestattung dieser Maßregel verhinderten.

»Das steht außerhalb der Frage im gegenwärtigen Falle,« sagte er. »Hier ist nur ein Fall möglich, die zwangsweise Überführung, gestützt auf Briefwechsel, den ich besitze.«

Bei der Erwähnung von Briefen kniff der Advokat die Lippen ein und ließ einen feinen, Kondolenz und Indignation ausdrückenden Ton hören.

»Da müßte ich Euch darauf hinweisen,« begann er, »daß Angelegenheiten dieser Art, wie Euch bekannt sein wird, von dem geistlichen Ressort entschieden werden. Die Herren Protopopen aber sind in derartigen Sachen große Liebhaber der kleinsten Einzelheiten,« sagte der Rechtsanwalt mit einem Lächeln, welches seine Übereinstimmung hierin mit dem Geschmack der Protopopen dokumentierte. »Die Briefe können unzweifelhaft die Thatsache teilweise bestätigen, aber die Beweisgründe müssen auf direktem Wege erlangt werden, das heißt durch Augenzeugen. Wenn Ihr mir indessen im allgemeinen die Ehre erweisen wollt, mich mit Eurem Vertrauen zu bedenken, so überlaßt mir die Auswahl derjenigen Maßregeln, die erforderlich sein würden. Wer Resultate wünscht, muß sich auch zur Anwendung von Mitteln verstehen.«

»Wenn es so steht,« – begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich erbleichend; doch im nämlichen Moment erhob sich der Rechtsanwalt und ging abermals zu seinem in der Thür erscheinenden Schreiber.

»Saget der Dame, daß wir nicht in billigen Sachen machen,« rief er diesem dann zu, und kehrte zu Aleksey Aleksandrowitsch zurück.

Auf seinem Platze wieder angelangt, fing er ganz unmerklich noch eine Motte, »da wird mein Rips gut werden für den Sommer,« dachte er dabei ärgerlich.

»Ihr wolltet vorhin sagen,« –wandte er sich an Aleksey Aleksandrowitsch.

»Ich werde Euch meinen Entschluß brieflich mitteilen,« antwortete dieser, und stand auf, sich am Tische festhaltend. Nachdem er eine Weile schweigend so gestanden hatte, hub er an: »Aus Euren Worten kann ich schließen, daß eine Ehescheidung folglich möglich ist. Ich würde Euch nun bitten, mir auch mitzuteilen, wie Eure Bedingungen hierfür lauten.«

»Möglich ist alles, sobald Ihr mir Vollmacht zu handeln gebt,« antwortete der Anwalt, ohne auf die Frage zu antworten. »Wann kann ich darauf rechnen, Nachricht von Euch zu empfanden?« frug er weiter, sich nach der Thür wendend, wahrend seine Augen und seine Lackstiefeln dabei glänzten.

»In acht Tagen. Eure Antwort, ob Ihr die Vermittlung der Angelegenheit auf Euch nehmt und zu welchen Bedingungen, seid Ihr Wohl so gütig, mir mitzuteilen?«

»Sehr wohl.«

Der Rechtsanwalt verneigte sich voll Ehrerbietung, ließ seinen Klienten aus der Thür hinaustreten und gab sich dann, allein geblieben, seinen angenehmen Empfindungen hin. Er war so zufrieden mit sich, daß er gegen seine Grundsätze der Kaufmannsfrau einen Nachlaß in den Kosten bewilligte und aufhörte Motten zu fangen, da er sich nunmehr fest entschlossen hatte, in: nächsten Winter sein Meublement mit Sammet zu beziehen, wie es bei Sugonin war.

6.

Aleksey Aleksandrowitsch erlangte einen glänzenden Sieg in der Kommissionssitzung vom siebzehnten August, aber die Folgen dieses Sieges untergruben seine Stellung. Eine neue Kommission zur allseitigen Untersuchung der Lage der Ausländer wurde eingesetzt und ging mit einem ungewöhnlichen, von Aleksey Aleksandrowitsch erweckten Eifer schnell nach den Örtlichkeiten ab. Binnen drei Monaten wurde der Bericht vorgelegt. Die Lage der Fremden war nach der politischen, administrativen, ökonomischen, ethnographischen, materiellen und religiösen Seite hin untersucht, und auf alle Fragen waren wohlgesetzte Antworten gegeben, Antworten, die keinen Zweifel mehr zuließen, da sie nicht das Ergebnis einer stets dem Irrtum ausgesetzten menschlichen Gedankenarbeit, sondern sämtlich das Resultat amtlicher Pflichterfüllung waren.

Die Bescheide waren sämtlich das Resultat offizieller Daten, von Gouverneuren und Bischöfen, die sich ihrerseits stützten auf die Darlegungen der Kreisoberhäupter und Inspektoren, die auch wieder erst auf den Berichten der Bezirksleitungen und Pfarroberhäupter beruhten, erstattet und infolge dessen keine Anzweiflung duldend. Alle diese Fragen, zum Beispiel die, weshalb Mißernten eintreten, weshalb die Bewohner an ihrem Glauben festhalten etc., Fragen, welche nicht ohne einen glatten Gang der Maschine der amtlichen Thätigkeit zu lösen sind, und in Jahrhunderten nicht gelöst werden können, erhielten eine deutliche unanfechtbare Klarstellung. Diese Klarstellung aber lag zu Gunsten der Meinung Aleksey Aleksandrowitschs. Stremoff indessen, der sich in der letzten Sitzung bei seiner schwachen Seite getroffen gefühlt hatte, wendete bei dem Eingang der Darlegungen der Kommission eine für Aleksey Aleksandrowitsch unerwartete Taktik an.

Stremoff, seinerseits gestützt auf einen Anhang von mehreren Mitgliedern, trat plötzlich zu der Richtung Aleksey Aleksandrowitschs über und verteidigte nicht nur die Einführung der von Karenin vorgeschlagenen Maßregeln, sondern er schlug sogar noch weitgehendere in dem nämlichen Sinne vor. Diese Maßregeln, welche im Gegensatz zu der Grundidee Alekseys noch stärker waren, wurden angenommen und nun zeigte sich die Taktik Stremoffs, denn bis aufs Äußerste gespannt, erwiesen sie sich plötzlich als so thöricht, daß zu gleicher Zeit die Beamten, wie die öffentliche Meinung, die klugen Damen und die Zeitungen alle über sie herfielen, ihren Unwillen darüber ausdrückten und gegen die Maßnahmen selbst und den anerkannten Urheber derselben, Aleksey Aleksandrowitsch, zu Felde zogen, während Stremoff auf die Seite trat und sich den Anschein gab, als ob er nur dem Plane Karenins blind gefolgt, jetzt aber verwundert und bestürzt sei über das, was angerichtet worden wäre.

Dies untergrub Karenins Stellung; aber trotz seiner sich mehr und mehr verschlechternden Gesundheit, und der traurigen Verhältnisse in der Familie, ergab er sich nicht. In der Kommission entstand eine Spaltung. Einige Mitglieder derselben, Stremoff an der Spitze, entschuldigten ihren Irrtum damit, daß sie der von Aleksey Aleksandrowitsch geleiteten Revisionskommission, welche den Vortrag vorgelegt habe, vertraut hätten, und sagten, daß der Bericht dieser Kommission Unsinn sei und nur unnütz Papier vollgeschrieben worden wäre.

Karenin mit der Partei derjenigen, welche die Gefahr einer solchen revolutionären Stellungnahme zum Aktenwesen erkannten, fuhr fort, die von der Revisionskommission ausgearbeiteten Daten aufrecht zu erhalten, und infolge dessen geriet in den höchsten Kreisen wie in der Gesellschaft alles in Verwirrung. Obwohl jedermann im höchsten Maße von der Frage interessiert war, vermochte niemand mehr zu erkennen, ob die Fremden denn in der That Not litten und untergingen, oder ob sie sich in günstigen Verhältnissen befänden. Die Stellung Karenins wurde infolge hiervon und teilweise auch infolge der durch die Ehrvergessenheit seines Weibes auf ihn fallende Geringschätzung, eine sehr erschütterte. In dieser Lage aber faßte er einen wichtigen Entschluß. Zur Verwunderung der Kommission erklärte er, daß er persönlich sich Urlaub erbitten werde, um nach Ort und Stelle zur Verfolgung der Angelegenheit abzureisen. In der That reiste er nach erlangtem Dispens nach den fernen Gouvernements ab.

Die Abreise Karenins verursachte viel Aufsehen, umsomehr, als er bei dieser selbst offiziell die Vorspanngelder, die ihm für zwölf Pferde bis an den Ort seiner Bestimmung ausgesetzt worden waren, zurücklieferte.

»Ich finde das sehr vornehm,« sagte hierüber Bezzy zur Fürstin Mjachkaja; »wozu Vorspanngelder geben, da doch jedermann weiß, daß es jetzt überall Eisenbahnen giebt?«

Die Fürstin Mjachkaja jedoch war hiermit nicht einverstanden, ja die Meinung der Twerskaja erzürnte sie sogar.

»Ihr habt gut reden,« antwortete sie, »da Ihr Millionen besitzt, ich weiß nicht einmal wie viele; ich aber habe es sehr gern, wenn mein Mann im Sommer auf Revision reist. Er befindet sich dabei sehr wohl und es reist sich angenehm. Bei mir ist es so eingerichtet, daß von diesem Gelde die Equipage und der Kutscher bestritten wird.«

Auf der Reise in jene entfernten Gouvernements blieb Karenin drei Tage in Moskau. Am zweiten Tage nach seiner Ankunft begab er sich zur Visite zum Generalgouverneur. An einem Straßenübergang, an dem sich stets Equipagen und Mietkutschen drängten, hörte Aleksey Aleksandrowitsch plötzlich seinen Namen mit so lauter und heiterer Stimme rufen, daß er nicht umhin konnte, sich umzuwenden. An der Ecke des Trottoirs, im kurzen modernen Überrock mit ebensolchem Krempenhut stand mit seinem Lächeln und den schimmernden weißen Zähnen zwischen den roten Lippen, heiter, jugendlich, strahlend, Stefan Arkadjewitsch, energisch und beharrlich rufend und zum Stehenbleiben auffordernd.

Er hielt sich mit der einen Hand an eine an der Ecke stehende Kutsche an, aus welcher ein weiblicher Kopf im Samthut mit zwei Kinderköpfchen erschien: er lächelte und winkte dem Schwager mit der Hand. Die Dame lächelte gleichfalls freundlich und winkte ebenfalls Aleksey Aleksandrowitsch; es war Dolly mit ihren Kindern.

Karenin hatte niemand in Moskau besuchen wollen, am allerwenigsten den Bruder seines Weibes. Er lüftete den Hut und wollte weiter fahren, allein Stefan Arkadjewitsch befahl seinem Kutscher zu halten und lief selbst zu Karenin durch den Schnee hin.

»Aber welches Verbrechen, Euch nicht einmal anzumelden! Schon lange da? War ich da gestern bei Dussot und sehe wohl am Brett ›Karenin‹; daß du das aber wärest, habe ich nicht vermutet« – sagte Stefan Arkadjewitsch, den Kopf in das Wagenfenster hineinsteckend. »Sonst wäre ich ja zu dir gekommen. Wie ich mich freue, dich zu sehen,« sagte er, mit den Füßen aneinanderklappend, um den Schnee von ihnen zu entfernen, »aber welch ein Verbrechen, mich nichts wissen zu lassen!« wiederholte er dann.

»Ich hatte gar keine Zeit übrig und bin sehr in Anspruch genommen,« versetzte Aleksey Aleksandrowitsch mürrisch.

»Aber komm doch einmal mit zu meiner Frau; sie möchte dich so gern einmal sehen,«

Karenin schlug sein Plaid zurück, unter dem seine kalten Füße eingewickelt waren und begab sich, den Wagen verlassend, durch den Schnee zu Darja Aleksandrowna.

»Was ist das, Aleksey Aleksandrowitsch, warum umgeht Ihr uns so?« frug ihn Dolly lächelnd.

»Ich bin sehr beschäftigt gewesen; freue mich aber sehr, Euch wiederzusehen,« antwortete er in einem Tone, der deutlich verriet, daß er über das Zusammentreffen mißgelaunt war. »Wie befindet Ihr Euch?«

»Nun; was macht meine liebe Anna?«

Karenin murmelte einige Worte und wollte dann gehen, doch Stefan Arkadjewitsch hielt ihn zurück.

»Was machen wir morgen? Dolly, bitte Karenin doch zum Essen! Wir wollen Koznyscheff und Peszoff noch einladen, damit wir ihn mit Moskauischer Intelligenz bewirten können.«

»Also kommt, bitte,« sagte Dolly, »wir werden Euch für fünf Uhr oder sechs Uhr erwarten, wenn Ihr wollt. Aber was macht denn meine gute Anna? Wie lange« –

»Sie befindet sich wohl,« murmelte Aleksey AMandrowitsch verbittert. »Sehr angenehm gewesen!« Mit diesen Worten wandte er sich nach seinem Wagen um.

»Kommt Ihr denn?« rief Dolly noch nach.

Aleksey Aleksandrowitsch sagte etwas, was Dolly im Lärm der rollenden Equipagen nicht verstehen konnte.

»Morgen werde ich dich besuchen!« rief Stefan Arkadjewitsch.

Karenin ließ sich in seinem Wagen nieder und beugte sich tief in ihm herab, um niemand zu sehen und von niemand gesehen zu werden.

»Ein seltsamer Kauz,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu seiner Frau, und nachdem er nach der Uhr geschaut, machte vor seinem Gesicht eine Handbewegung, welche seiner Frau und den Kindern gelten und sie grüßen sollte und schritt elastisch auf dem Trottoir hinweg.

»Stefan, Stefan!« rief Dolly errötend.

Er wandte sich um.

»Ich brauche aber doch neue Paletots für Grischa und Tanja. Gieb mir Geld!«.

»Nicht nötig, daß ich dir Geld gebe. Du brauchst nur zu sagen, daß ich zahle!« er ging hinweg, einem vorüberfahrenden Bekannten mit dem Kopfe zunickend.

1.

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich. –

Im Hause der Oblonskiy herrschte allgemeine Verwirrung. Die Dame des Hauses hatte in Erfahrung gebracht, daß ihr Gatte mit der im Hause gewesenen französischen Gouvernante ein Verhältnis unterhalten, und ihm erklärt, sie könne fürderhin nicht mehr mit ihm unter einem Dache bleiben. Diese Situation währte bereits seit drei Tagen und sie wurde nicht allein von den beiden Ehegatten selbst, nein auch von allen Familienmitgliedern und dem Personal aufs Peinlichste empfunden. Sie alle fühlten, daß in ihrem Zusammenleben kein höherer Gedanke mehr liege, daß die Leute, welche auf jeder Poststation sich zufällig träfen, noch enger zu einander gehörten, als sie, die Glieder der Familie selbst, und das im Hause geborene und aufgewachsene Gesinde der Oblonskiy.

Die Herrin des Hauses verließ ihre Gemächer nicht, der Gebieter war schon seit drei Tagen abwesend. Die Kinder liefen wie verwaist im ganzen Hause umher, die Engländerin schalt auf die Wirtschafterin und schrieb an eine Freundin, diese möchte ihr eine neue Stellung verschaffen, der Koch hatte bereits seit gestern um die Mittagszeit das Haus verlassen und die Köchin, sowie der Kutscher hatten ihre Rechnungen eingereicht.

Am dritten Tage nach der Scene erwachte der Fürst Stefan Arkadjewitsch Oblonskiy – Stiwa hieß er in der Welt – um die gewöhnliche Stunde, das heißt um acht Uhr morgens, aber nicht im Schlafzimmer seiner Gattin, sondern in seinem Kabinett auf dem Saffiandiwan. Er wandte seinen vollen verweichlichten Leib auf den Sprungfedern des Diwans, als wünsche er noch weiter zu schlafen, während er von der andern Seite innig ein Kissen umfaßte und an die Wange drückte. Plötzlich aber sprang er empor, setzte sich aufrecht und öffnete die Augen.

»Ja, ja, wie war doch das?« sann er, über seinem Traum grübelnd. »Wie war doch das? Richtig; Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in Darmstadt, es war so etwas Amerikanisches dabei. Dieses Darmstadt war aber in Amerika, ja, und Alabin gab das Essen auf gläsernen Tischen, ja, und die Tische sangen: ›Il mio tesoro‹ – oder nicht so, es war etwas Besseres, und gewisse kleine Karaffen, wie Frauenzimmer aussehend,« – fiel ihm ein.

Die Augen Stefan Arkadjewitschs blitzten heiter, er sann und lächelte. »Ja, es war hübsch, sehr hübsch. Es gab viel Ausgezeichnetes dabei, was man mit Worten nicht schildern könnte und in Gedanken nicht ausdrücken.« Er bemerkte einen Lichtstreif, der sich von der Seite durch die baumwollenen Stories gestohlen hatte und schnellte lustig mit den Füßen vom Sofa, um mit ihnen die von seiner Gattin ihm im vorigen Jahr zum Geburtstag verehrten gold- und saffiangestickten Pantoffeln zu suchen; während er, einer alten neunjährigen Gewohnheit folgend, ohne aufzustehen mit der Hand nach der Stelle fuhr, wo in dem Schlafzimmer sonst sein Morgenrock zu hängen pflegte.

Hierbei erst kam er zur Besinnung; er entsann sich jäh wie es kam, daß er nicht im Schlafgemach seiner Gattin, sondern in dem Kabinett schlief; das Lächeln verschwand von seinen Zügen und er runzelte die Stirn.

»O, o, o, ach,« brach er jammernd aus, indem ihm alles wieder einfiel, was vorgefallen war. Vor seinem Innern erstanden von neuem alle die Einzelheiten des Auftritts mit seiner Frau, erstand die ganze Mißlichkeit seiner Lage und – was ihm am Peinlichsten war – seine eigene Schuld.

»Ja wohl, sie wird nicht verzeihen, sie kann nicht verzeihen, und am Schrecklichsten ist, daß die Schuld an allem nur ich selbst trage – ich bin schuld – aber nicht schuldig! Und hierin liegt das ganze Drama,« dachte er, »o weh, o weh!« Er sprach voller Verzweiflung, indem er sich alle die tiefen Eindrücke vergegenwärtigte, die er in jener Scene erhalten.

Am unerquicklichsten war ihm jene erste Minute gewesen, da er, heiter und zufrieden aus dem Theater heimkehrend, eine ungeheure Birne für seine Frau in der Hand, diese weder im Salon noch im Kabinett fand, und sie endlich im Schlafzimmer antraf, jenen unglückseligen Brief, der alles entdeckte, in den Händen. Sie, die er für die ewig sorgende, ewig sich mühende, allgegenwärtige Dolly gehalten, sie saß jetzt regungslos, den Brief in der Hand, mit dem Ausdruck des Entsetzens, der Verzweiflung und der Wut ihm entgegenblickend.

»Was ist das?« frug sie ihn, auf das Schreiben weisend, und in der Erinnerung hieran quälte ihn, wie das oft zu geschehen pflegt, nicht sowohl der Vorfall selbst, als die Art, wie er ihr auf diese Worte geantwortet hatte.

Es ging ihm in diesem Augenblick, wie den meisten Menschen, wenn sie unerwartet eines zu schmählichen Vergehens überführt werden. Er verstand nicht, sein Gesicht der Situation anzupassen, in welche er nach der Entdeckung seiner Schuld geraten war, und anstatt den Gekränkten zu spielen, sich zu verteidigen, sich zu rechtfertigen und um Verzeihung zu bitten oder wenigstens gleichmütig zu bleiben – alles dies wäre noch besser gewesen als das, was er wirklich that – verzogen sich seine Mienen (»Gehirnreflexe« dachte Stefan Arkadjewitsch, als Liebhaber von Physiologie) unwillkürlich und plötzlich zu seinem gewohnten, gutmütigen und daher ziemlich einfältigen Lächeln.

Dieses dumme Lächeln konnte er sich selbst nicht vergeben. Als Dolly es gewahrt hatte, erbebte sie, wie von einem physischen Schmerz, und erging sich dann mit der ihr eigenen Leidenschaftlichkeit in einem Strom bitterer Worte, worauf sie das Gemach verließ. Von dieser Zeit an wollte sie ihren Gatten nicht mehr sehen.

»An allem ist das dumme Lächeln schuld,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »Aber was soll ich thun, was soll ich thun?« frug er voll Verzweiflung sich selbst, ohne eine Antwort zu finden.

10.

Als Lewin mit Oblonskiy in das Hotel trat, entging ihm nicht ein gewisser eigenartiger Ausdruck, ähnlich dem eines verhaltenen Aufglänzens auf dem Gesicht und in der ganzen Erscheinung Stefan Arkadjewitschs.

Oblonskiy nahm seinen Überzieher ab und trat mit schiefsitzendem Hute in den Speisesalon, den sich an seine Sohlen haftenden Tataren im Frack und mit der Serviette einige Befehle erteilend. Er grüßte nach rechts und links die Anwesenden, und ging dann, wie stets seine Bekannten freundlich bewillkommend, an das Büffet, nahm ein Glas Branntwein mit Fisch und sagte der geschminkten, mit bunten Bändern und Kreuzchen behängten Französin, die im Kontor saß, einige Worte, infolge deren sogar diese Französin herzlich lachte. Lewin trank nur deshalb keinen Branntwein, weil ihm die Französin widerwärtig war, die wie es schien nur aus falschen Haaren, poudre de riz und vinaigre de toilette zusammengesetzt war. Wie vor einem Schmutzhaufen, so wandte er sich hastig von ihr ab. Sein ganzes Inneres war von der Erinnerung an Kity erfüllt und in seinen Augen glänzte ein Lächeln des Triumphes und des Glückes.

»Bitte hierher, Ew. Excellenz, man wird hier Ew. Excellenz nicht stören,« sagte ein alter Tatar, mit großem Becken, über dem der Frack in Falten auseinanderging. »Bitte gefälligst, Ew. Excellenz,« wandte er sich auch an Lewin, zum Zeichen seiner Ehrerbietung vor Stefan Arkadjewitsch sich auch dessen Gaste beflissen zeigend.

Im Augenblick hatte er ein frisches Tafeltuch auf einen schon von einem solchen gedeckten runden Tische ausgebreitet, der unter einem Broncearmleuchter stand, samtne Stühle herbeigeschoben, und blieb nun mit Serviette und Menukarte in Erwartung weiterer Weisungen vor Stefan Arkadjewitsch stehen.

»Wenn Ihr wünscht, Ew. Excellenz, wird das Privatkabinett sogleich frei sein; der Fürst Galizin mit einer Dame ist darin. Übrigens sind frische Austern angekommen.«

»Ah! Austern!«

Stefan Arkadjewitsch versank in Nachdenken.

»Wollen wir nicht unsern Plan ändern, Lewin?« hub er an, den Finger auf die Karte legend. Seine Mienen drückten ernsten Zweifel aus. »Ob die Austern auch gut sind? Sieh du zu!«

»Es sind Flensburger, Ew. Ercellenz, keine von Ostende.«

»Also Flensburger und frisch?«

»Erst gestern erhalten.«

»Dann wollen wir also zuerst mit den Austern beginnen, und darauf den ganzen Plan verändern. Nicht so?«

»Mir ganz gleichgültig. Lieber als alles ist mir Schtschi und Kascha, 1 aber beides giebt es hier wohl nicht.«

»Kascha à la russe befehlt Ihr?« frug der Tatar, wie eine Amme über das Kind, sich zu Lewin beugend.

»Nein, ohne Scherz, was du wählst, wird gut sein; ich bin Schlittschuh gefahren und möchte essen; denke nicht«, wandte er sich an Oblonsky, auf dessen Gesicht er einen Ausdruck der Unzufriedenheit bemerkte, »daß ich deine Wahl nicht hochschätzte, ich werde mit Vergnügen etwas Gutes mit speisen.«

»Das wäre auch! Magst du sagen was du willst, das Essen ist einer der Genüsse des Lebens,« antwortete Stefan Arkadjewitsch. »Also bringe denn, lieber Freund, zwei oder drei Dutzend Austern für uns, und Suppe mit Schwarzwurzel« –

» Printanière,« verbesserte der Tatar, aber Stefan Arkadjewitsch wollte demselben doch nicht den Triumph einer französischen Korrektur in der Benennung der Speisen belassen.

»Mit Schwarzwurzel, verstehst du? Hierauf turbot mit steifer Sauce, dann Roastbeef; sieh zu, daß alles gut ist; auch Kapaune mögen kommen und Konserven.«

Der Tatar, welcher die Gepflogenheiten Stefan Arkadjewitschs kannte, die Speisen nach der französischen Karte zu benennen, wiederholte nicht mehr, sondern machte sich nun das Vergnügen, den ganzen Auftrag nach der Karte französisch zu wiederholen: » Soupe printanière, turbot sauces Beaumarchais, poulard à l’estragon, conserves des fruits« und Wie auf Sprungfedern fortgeschnellt holte er, die eingebundene Karte niederlegend, eine andere, die Weinkarte herbei und brachte sie Stefan Arkadjewitsch.

»Was werden wir trinken?«

»Ich trinke was du willst, aber nicht viel; etwas Champagner,« antwortete Lewin.

»Was? Gleich zum Anfang? Indessen ganz recht so. Ziehst du Weißsiegel vor?«

» Caché blanc,« verbesserte der Tatar.

»Also gieb diese Marke zu den Austern, wir werden ja sehen.«

»Zu Diensten, und ist noch ein Likör gefällig?«

»Ja wohl, bring den klassischen Jablis.«

»Zu Diensten. Ihr befehlt doch Euren gewöhnlichen Käse?«

»Gewiß, Parmesan. Oder liebst du etwa einen anderen mehr?«

»Nein, mir ist alles gleich,« sagte Lewin, nicht imstande, ein Lächeln unterdrücken zu können.

Der Tatar mit den wehenden Frackschößen eilte davon und in fünf Minuten flog er herbei mit einer Schüssel geöffneter perlmutterglänzender Austern und einer Bouteille.

Stefan Arkadjewitsch entfaltete die gestärkte Serviette und steckte sie an seiner Weste fest, worauf er sich den Austern zu widmen begann.

»Ah, nicht übel,« sagte er, mit der silbernen Gabel die schlüpfrigen Austern von der Perlmutterschale lösend und sie eine nach der andern verschluckend. »Nicht übel,« wiederholte er, die feuchtschimmernden Augen bald auf Lewin, bald auf den Tataren richtend.

Lewin nahm gleichfalls Austern zu sich, obwohl ihm Weißbrot und Käse lieber gewesen wäre, aber er richtete sich nach Oblonskiy; der Tatar aber, welcher mittlerweile den Pfropfen gelöst und den moussierenden Wein in die schlanken Gläser eingeschenkt hatte, schaute gleichfalls mit eigenartigem Lächeln, seine weiße Halsbinde in Ordnung bringend, auf Stefan Arkadjewitsch.

»Liebst du nicht Austern sehr?« sagte Stefan Arkadjewitsch, seinen Kelch leerend, »oder bist du nicht bei Laune?«

Er wünschte, daß Lewin heiterer Laune sein möchte, aber anstatt daß dies der Fall war, empfand derselbe vielmehr eine gewisse Beengtheit. Mit alledem, was er in seinem Innern fühlte, war es ihm seltsam und unbequem im Hotel, innerhalb dieser Kabinette, wo man mit Damen dinierte, unter diesem Laufen und Haften: diese Bronze ringsum, die Spiegel, das Gas, diese Tataren, all das war ihm lästig und er fürchtete, damit die Empfindung zu beflecken, die seine Seele erfüllte.

»Ich? Ja, ich bin nicht recht in Stimmung; überdies jedoch beengt mich hier die Umgebung,« antwortete er. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie alles das hier für mich, einem einfachen Landmann, wunderlich ist; ebenso wunderlich, wie die Fingernägel des Herrn, den ich bei dir gesehen habe« –

»Ja, ja, ich bemerkte wohl, daß die Fingernägel des armen Grinjewitsch dich sehr interessierten,« meinte Stefan Arkadjewitsch lachend.

»Ich kann nicht anders,« versetzte Lewin. »Bemühe dich, mir einmal nachzufühlen, stelle dich auf den Gesichtspunkt eines Landmannes. Wir auf dem Dorfe bemühen uns, unsere Hände in einem Zustande zu erhalten, der sie geeignet macht zur Arbeit; zu diesem Zwecke schneiden wir uns die Nägel, streifen wir die Rockärmel empor. Hier aber lassen die Leute ihre Nägel stehen, so lange sie sich nur erhalten können, und haken sich Spangen wie kleine Schüsseln an, nur damit sie mit den Händen nichts zu thun haben.«

Stefan Arkadjewitsch lächelte heiter.

»Dies ist ein Zeichen davon, daß hier grobe Arbeit nicht nötig ist. Hier arbeitet eben nur der Geist.«

»Mag sein. Aber dennoch erscheint mir das seltsam; ebenso, wie es mir jetzt wunderlich vorkommt, daß wir Landbewohner uns bestreben, möglichst schnell zu essen, um wieder in Stand gesetzt zu sein zu arbeiten, während ich jetzt mit dir zusammen so lange als möglich speise, und zu diesem Zwecke noch Austern esse.«

»Läßt sich begreifen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »aber hierin liegt ja eben der Ausgangspunkt der Kultur: aus allem sich einen Genuß zu verschaffen.«

»Wenn dies das Ziel der Kultur sein soll, dann wünschte ich lieber wild zu bleiben.«

»Bleibe immerhin wild. Ihr Lewins seid alle wild.«

Lewin seufzte. Er gedachte seines Bruders Nikolay und es wurde ihm schwer und traurig zu Mute, so daß er die Stirne runzelte, Oblonskiy aber begann soeben von einem Gegenstand zu sprechen, der ihn sogleich hiervon abzog.

»Also fahren wir denn heute Abend zu unseren Schtscherbazkiys?« frug Stefan Arkadjewitsch, die leeren, rauhen Schalen beiseite schiebend und den Käse heranziehend, während sein Auge bedeutungsvoll erglänzte.

»Ja, ich werde unfehlbar fahren,« antwortete Lewin, »obwohl mir schien, als wenn die Fürstin mich nicht gern eingeladen hätte.«

»Was sagst du doch da! Das ist Unsinn, es ist das so ihre Manier – he, Freund, gieb die Suppe jetzt! Es ist das so ihre Manier, als grande dame,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Ich werde ebenfalls mit hinkommen, doch muß ich auch noch auf eine Weile zur Gräfin Bonina. Du bist aber doch zu seltsam! Wie soll ich es nur erklären, daß du so plötzlich aus Moskau verschwandest? Die Schtscherbazkiy haben mich ununterbrochen nach dir gefragt, gleich als ob ich das wissen müßte. Ich weiß eigentlich nur das Eine, daß du stets das thust, was niemand sonst thut.«

»Ja, ja,« antwortete Lewin, langsam aber erregt, »du hast recht, ich bin seltsam. Nur beruht meine Seltsamkeit nicht darin, daß ich Moskau verließ, sondern darin, daß ich wiedergekommen bin. Jetzt bin ich wiedergekommen« –

»O du Glücklicher!« unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, Lewin ins Auge schauend.

»Weshalb?«

»Man erkennt die störrigen Pferde an gewissen Zeichen, verliebte Jünglinge erkenne ich an ihren Augen,« deklamierte Stefan Arkadjewitsch. »An dir erkenne ich alles im voraus.«

»Bei dir erkennt man aber alles wohl erst nachher?«

»Nein, nicht gerade nachher; aber du hast eine Zukunft, ich habe nur eine Gegenwart, und die Gegenwart– ist verpfuscht.«

»Was heißt das?«

»Es geht mir nicht gut. Indessen von mir will ich nicht sprechen, ich kann dir auch nicht alles so offenbaren,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Aber weshalb bist du wieder nach Moskau gekommen? – Da nimm!« rief er dem Tataren zu.

»Vermutest du?« antwortete Lewin, ohne seine tiefinnerlich leuchtenden Augen von Stefan Arkadjewitsch abzuwenden.

»Ich vermute, kann aber nicht darüber zu sprechen beginnen; schon hieran kannst du erkennen, ob ich richtig oder falsch vermute,« sagte Stefan Arkadjewitsch, mit seinem Lächeln Lewin anblickend.

»Und was hast du mir da zu sagen?« fuhr Lewin mit schwankender Stimme fort, empfindend, daß in seinem Antlitz jede Muskel bebte. »Wie schaust du auf die Sache?«

Stefan Arkadjewitsch trank langsam sein Glas Jablis aus, ohne das Auge von Lewin zu verwenden.

»Ich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »würde nichts so sehr wünschen, als dies, nichts! Das ist das Beste was geschehen könnte.«

»Aber täuschest du dich auch nicht? Du weißt doch hoffentlich, wovon wir jetzt reden,« frug Lewin, sich mit dem Blick an dem Freunde festsaugend; »glaubst du, daß es möglich ist?«

»Ich denke, es ist möglich. Weshalb sollte es unmöglich sein?«

»Nein, nein, denkst du wirklich, daß es möglich ist? Sage mir alles, was du denkst! Wie, wenn mir eine Absage würde? Ich bin sogar überzeugt« –

»Weshalb denkst du denn so?« antwortete Stefan Arkadjewitsch, lächelnd über diese Erregtheit.

»Nun, mir scheint es bisweilen so; aber es wäre furchtbar, für mich wie für sie.«

»Auf alle Fälle wäre doch für das Mädchen nichts Schreckliches dabei. Jedes Mädchen ist stolz auf einen Antrag.«

»Ja, jedes Mädchen, aber sie nicht.«

Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er kannte schon dieses Gefühl Lewins, und wußte, daß für diesen alle Mädchen in der Welt sich nur in zwei Arten teilten; die eine Art bildeten alle Mädchen in der Welt – außer ihr – und diese Mädchen besaßen alle menschlichen Schwächen; sie waren sehr gewöhnliche Menschen: die andere aber – war sie allein, ohne jegliche Fehler, hocherhaben über alle Menschheit.

»Halt, nimm Sauce,« sagte er, die Hand Lewins festhaltend, welcher die Sauce fortgeschoben hatte.

Lewin nahm sich gefügig die Sauce, ließ aber Stefan Arkadjewitsch nicht zum Essen kommen.

»Halt,« sagte er, »du weißt, daß dies für mich eine Frage auf Leben und Tod ist; ich habe noch nie mit jemand darüber gesprochen, kann auch mit niemand reden, als mit dir. Und doch sind wir beide in allem so verschieden. Verschiedener Geschmack, verschiedene Ansichten, alles; indessen ich weiß, daß du mich liebst und verstehst, und deshalb liebe ich dich so unaussprechlich. Aber bei Gott, sei ganz offen gegen mich.«

»Ich sage dir ja, was ich denke,« antwortete Stefan Arkadjewitsch lächelnd. »Aber ich will dir noch mehr sagen: Mein Weib ist ein – bewundernswertes Weib.« – Stefan Arkadjewitsch seufzte, indem er seiner jetzigen Beziehungen zu seinem Weibe gedachte; er schwieg eine Weile und fuhr dann fort: »Sie hat die Gabe des Voraussehens, und erkennt die Menschen durch und durch; aber noch nicht genug damit, sie weiß, auch was kommen wird, besonders in Bezug auf Ehebünde. So hat sie beispielsweise vorausgesagt, daß die Schachowskaja den Brendeljen heiraten werde. Kein Mensch hatte dies glauben wollen und doch ist es so gekommen. Sie aber, ist – ganz auf deiner Seite.« –

»Inwiefern denn?«

»Insofern, daß sie abgesehen noch davon daß sie dich liebt, sagt, Kity würde unfehlbar dein Weib.«

Bei diesen Worten erglänzte das Gesicht Lewins von einem Lächeln, einem Lächeln, welches den Thränen der Rührung nahe war.

»Das sagt sie?« rief Lewin aus. »Ich habe stets gesagt, daß sie herrlich ist, deine Frau. Nun ist genug, völlig genug gesagt über die Sache,« antwortete er, von seinem Platze aufstehend.

»Gut; aber setze dich doch.«

Lewin war aber nicht imstande, wieder Platz zu nehmen; er ging mit seinen festen Tritten mehrmals in dem kleinen Raume auf und ab, und blinzelte mit den Augen, um die Thränen nicht sehen zu lassen. Erst dann setzte er sich wieder nieder am Tische.

»Verstehe wohl,« sagte er, »das dies keine Liebe ist. Ich war einst verliebt, aber dies ist nicht Liebe. Diese Empfindung ist nicht mein eigen, es ist mehr eine äußere Macht, die mich übermannt. Ich habe ja deshalb Moskau verlassen, weil ich den Beschluß gefaßt hatte, daß es nicht sein dürfe, verstehst du, als ein Glück, wie es in der Welt nicht existiert. Ich kämpfte mit mir, und ich sehe, daß es ohne jenes Eine für mich kein Leben giebt. Ich muß zu einem Ende kommen« –

»Weshalb wärest du nur fortgefahren?«

»O, halt, halt, welche Menge von Ideen du bringst; welche Masse von Fragen sind da nötig. Höre also. Du wirst dir freilich nicht vorstellen können, was du mir geleistet hast mit dem was du soeben sagtest. Ich bin so glücklich, daß ich sogar unangenehm werde, ich habe alles vergessen. Heute habe ich erfahren, daß mein Bruder Nikolay – du kennst ihn doch, er ist hier – ich habe auch ihn vergessen. Mir scheint, als ob er glücklich wäre. Es ist so etwas von Spleen in ihm. Eines aber ist entsetzlich – du hast ja geheiratet und kennst das Gefühl – eines ist entsetzlich, daß wir, die wir schon in die Jahre gekommen sind, keine Liebe kennen, sondern nur Sünden, daß wir uns plötzlich einem reinen, unschuldigen Geschöpf nähern. Dies ist abstoßend, und deshalb kann ich nicht umhin, mich eines solchen unwürdig zu fühlen.«

»Nun, du hast doch der Sünden nicht zu viel auf dem Gewissen.«

»O, immerhin,« sagte Lewin, »immerhin; wenn ich voll Widerwillen mein Leben prüfe, so erzittere ich, verwünsche ich mich und beklage ich mich tief.«

»Was ist aber zu thun? Die Welt ist einmal so eingerichtet,« antwortete Stefan Arkadjewitsch.

»Es giebt nur einen einzigen Trost, wie in jenem Gebet, das ich stets geliebt habe, nämlich daß man nicht nach seinen Verdiensten Vergebung erlangt, sondern nach der Barmherzigkeit. So wird auch sie mir vergeben.«

  1. Russische Grützbreispeise.

31.

Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich, und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten, beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu und klinkte sie ein.

Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre – Anna entkleidete sie in Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit – und ein junges Mädchen, welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei.

»Bei Katharina Andrejewna – alles bei ihr – ma tante!« rief das junge Mädchen.

»Selbst dieses Mädchen ist ungestaltet und heuchelt,« dachte Anna. Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das gegenüberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger, ungeschlachter Mensch in einer Mütze, unter welcher das Haar wirr hervorstarrte, ging an dem Fenster vorüber, sich zu den Rädern des Waggons niederbeugend. »Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem unförmigen Menschen da,« dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd, trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenüberliegenden Thür. Der Kondukteur öffnete die Thür und ließ einen Mann mit seiner Frau herein.

»Wollt Ihr vielleicht hinaus?«

Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zügen nicht. Sie wandte sich nach ihrer Ecke und setzte sich.

Das Ehepaar nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, aufmerksam, aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen, offenbar nicht, daß er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte, begann er mit seiner Frau auf französisch über Etwas zu reden, was er noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, daß sie es hörte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten und einander haßten. Man konnte auch nicht anders, als solche klägliche Ausgeburten hassen.

Das zweite Läuten wurde hörbar und gleich darauf folgte der Transport des Gepäckes, unter Lärm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, daß niemand Ursache hatte, sich zu freuen, daß dieses Lachen sie bis zur Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schließen wollte, um es nicht hören zu müssen.

Endlich erklang das dritte Läuten, ein Pfiff und das heulende Signal des Dampfkessels ertönte, eine Kette riß und der Ehemann bekreuzigte sich.

»Es wäre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei wohl denkt,« dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der Dame vorüber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam rückwärts zu wälzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend, dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmäßig sich wiederholenden Erschütterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich der Waggon, in welchem Anna saß, an dem Bahnsteig, einer steinernen Mauer, und anderen Waggons vorüber. Die Räder rasselten flüchtiger und geschmeidiger mit leichtem Geräusch auf den Schienen, das Fenster erglänzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit dem Vorhang.

Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an, bei dem leichten Rollen während der Fahrt, die frische Luft in sich einzuatmen und wieder zu grübeln:

»Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, daß ich mir keine Lage ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wäre; dabei, daß wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir alle dies wissen und alle nur Mittel ausklügeln, um uns gewissermaßen darüber hinwegzutäuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was soll man da thun?«

»Dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich von dem befreit, was ihn quält,« sagte die Dame auf französisch, offenbar sehr befriedigt von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend.

Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas.

»Daß er sich befreit von dem, was ihn quält,« wiederholte Anna, und begriff mit einem Blick auf den rotbäckigen Mann und die hagere Frau, daß hier ein krankes Weib sich selbst für unverstanden halte, und ihr Gatte, diese Meinung über sich selbst in ihr unterstütze. Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie übertrug, aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren Gedankengang weiter.

»Ja, er quält mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum soll man nicht das Licht verlöschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat, wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb läuft doch jener Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr, alles Lug, alles Trug, alles böse« – –

Nachdem der Zug in die Station eingelaufen war, stieg Anna mit der Menge der anderen Passagiere aus, blieb aber dann, sich vor ihnen wie vor Verfehmten fernhaltend, auf dem Bahnsteig zurück, und suchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, warum sie denn hierhergefahren sei und was sie hatte thun wollen.

Alles, was ihr vorher als möglich erschienen war, wurde ihrer Vorstellungskraft jetzt so schwer, namentlich vor dem lärmenden Haufen aller dieser ungeschlachten Menschen, die ihr keine Ruhe ließen. Bald kamen Artjeljschtschiks zu ihr gelaufen, die ihre Dienste anboten, bald blickten sie junge Leute an, die mit den Stiefelabsätzen auf den Bohlen des Bahnsteigs stampften und laut miteinander sprachen, bald wichen ihr Begegnende nicht aus. Nachdem sie sich besonnen hatte, daß sie weiter fahren wollte, falls keine Antwort da wäre, hielt sie einen Artjeljschtschik an und frug, ob nicht ein Kutscher mit einem Briefe für den Grafen Wronskiy hier sei.

»Graf Wronskiy? Von dem war soeben jemand hier. Man hat die Fürstin Sorokina nebst Tochter abgeholt. Aber wie sieht denn der Kutscher aus?«

Während sie noch mit dem Artjeljschtschik sprach, trat der Kutscher Michail, rotbäckig und heiter in seiner blauen flotten Poddjevka und Uhrkette, offenbar stolz darauf, daß er seinen Auftrag so gut ausgeführt hatte, zu ihr heran und überreichte ein Billet.

Sie erbrach es; ihr Herz zog sich zusammen, noch bevor sie es gelesen hatte.

»Ich bedaure sehr, daß mich das Billet nicht angetroffen hat; um zehn Uhr werde ich kommen,« hatte Wronskiy mit flüchtiger Hand geschrieben.

»So. Das hatte ich erwartet,« sprach sie mit unglückverheißendem Lächeln. »Gut! Fahr‘ heim!« fuhr sie dann, zu Michail gewendet, leise fort. Sie sprach leise, weil die Schnelligkeit ihres Herzschlags sie am Atmen behinderte.

»Nein, ich werde dir nicht mehr Gelegenheit geben, mich zu martern,« dachte sie, sich in ihrer Drohung weder an ihn, noch an sich selbst wendend, sondern an den, welcher sie veranlaßt hatte, sich selbst zu foltern, und schritt auf dem Bahnsteig dahin, am Stationsgebäude vorüber.

Zwei Zofen, welche auf der Plattform hingingen, drehten die Köpfe rückwärts, indem sie nach ihr blickten, und mit vernehmlicher Stimme über ihre Toilette Betrachtungen anstellten. »Das sind echte«, sagten sie über die Spitzen, die sie trug. Die jungen Männer ließen sie auch nicht in Ruhe. Sie schauten ihr wieder ins Gesicht und gingen lachend, mit unnatürlicher Stimme rufend, an ihr vorbei.

Der Stationsvorsteher trat heran und frug sie, ob sie fahren wolle? Ein Knabe, welcher Kwas verkaufte, ließ sie nicht aus den Augen. »Mein Gott, wohin soll ich flüchten?« dachte sie, sich weiter und weiter von dem Bahnsteig entfernend.

Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen bebrillten Herrn begrüßten und laut lachten und sprachen, verstummten bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des Bahnsteigs hin. Ein Güterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr schien es, als ob sie wieder fahre. Plötzlich aber, indem ihr die Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen führten und blieb neben dem dicht an ihr vorüberfahrenden Train stehen. Sie schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die großen, gußeisernen Räder des langsam rollenden, ersten Waggons und suchte mit dem Augenmaß den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und Hinterrädern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser Mittelpunkt vor ihr befinden würde.

»Dahin!« – sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt war, schauend, »dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin von allem erlöst; wie von mir selbst.« – –

Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spät. Der Mittelpunkt war an ihr vorüber. Sie mußte also den folgenden Waggon erwarten. Ein Gefühl, ähnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mädchen- und Kinderzeit herauf, und plötzlich zerriß die Finsternis, die alles vor ihr verdeckt hatte, und das Leben trat für einen Moment vor sie hin, mit all seinen lichten, vergangenen Freuden.

Sie verwandte während dessen kein Auge von den Rädern des herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der Mittelpunkt zwischen den Rädern vor ihr war, schleuderte sie den roten Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf die Hände unter dem Waggon, und ließ sich mit einer leichten Bewegung, als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In dem nämlichen Augenblick aber erschrak sie über das, was sie gethan hatte, »wo bin ich, was thue ich, warum?« – Sie wollte sich wieder erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. »Herr Gott vergieb mir alles!« sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend. Der Mensch arbeitete im Selbstgespräch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie das von Mühsal und Lüge, Weh und Übel erfüllte Buch gelesen hatte, flammte in noch hellerem Glänze empor als je, und erleuchtete alles vor ihr, was früher für sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte, verdunkelte sich und erlosch auf ewig.

1.

Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt, Moskau zu verlassen.

Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: »Versuch eines Überblickes über die Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland«, beendet worden.

Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten. Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und, wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur Versendung an die Buchhändler gelangt.

Ohne nun jemand über das Werk zu befragen, und ungern und mit erheuchelter Gleichgültigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhändlern nach dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrächte.

Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde, Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlich aus Höflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine übrigen Bekannten aber, die sich nicht für ein Werk von gelehrter Richtung interessierten, sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte völlige Gleichgültigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines Monats gleichfalls kein Wort über das Buch.

Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein Monat, ein zweiter unter dem nämlichen Schweigen.

Nur im »Ssjevernyj Shuk«, in einem humoristischen Feuilleton über den Sänger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei einige geringschätzige Worte über das Buch Koznyscheffs gefallen. Dieselben zeigten, daß dieses schon längst allgemein verurteilt, dem allgemeinen Spott anheimgefallen war.

Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet.

Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger Feuilletonist, höchst gewandt als Schriftsteller, aber außerordentlich wenig gebildet, und schüchtern in seinen persönlichen Beziehungen.

Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung für den Autor, machte sich Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektüre der Abhandlung. Die Kritik war höchst traurig.

Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so aufgefaßt, wie es unmöglich aufgefaßt werden durfte. Er hatte aber so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, daß es für diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten – und offenbar hatte es fast niemand gelesen – vollständig klar wurde, das ganze Werk sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren – wie die Fragezeichen bewiesen – und der Verfasser des Buches ein völlig unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich, daß selbst Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenüber nicht ablehnend verhalten konnte – aber das alles war doch höchst traurig. –

Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausführungen des Recensenten prüfte, blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebräuchen stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich unwillkürlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein Gespräch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedächtnis zurückzurufen.

»Habe ich ihn irgendwomit beleidigt?« frug sich Sergey Iwanowitsch, und indem er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung diesen jungen Mann, der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert habe, fand er die Erklärung für die Tendenz der Abhandlung.

Auf diese Kritik folgte ein tötliches Schweigen über das Buch, sowohl in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk erfolglos vorübergegangen war.

Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen.

Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie Zeit und Geisteskraft.

Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage, des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey Iwanowitsch, der bereits früher zu denen gehört hatte, welche diese Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz.

Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle, Konzerte, Essen, Speechs, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser – alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven.

Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb, war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah, daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung dienen.

Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger. Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus, der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit Worten, sondern mit der That.

Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch erfreuliche Erscheinung – die Offenbarung der allgemeinen Meinung. – Die Gesellschaft äußerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde.

Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen.

Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu seinem Bruder zu gehen.

Er reiste ab, sowohl, um sich für einige Wochen zu erholen, als um in der ländlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt vollständig überzeugt waren. Katawasoff, der schon längst ein Lewin gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfüllen wollen, reiste mit ihm zusammen.