2.

Sergey Iwanowitsch und Katawasoff hatten kaum die heute besonders von Menschen belebte Station der Kursker Eisenbahn erreicht, und sich beim Verlassen des Wagens nach dem mit dem Gepäck nachkommenden Diener umgesehen, als in vier Mietkutschen Freiwillige anlangten. Damen mit Bouquets kamen ihnen entgegen, und sie betraten im Geleite von Scharen hinter ihnen drein strömender Menschen die Station.

Eine von den Damen, welche die Freiwilligen begrüßten, wandte sich, indem sie den Saal verlieh, an Sergey Iwanowitsch.

»Seid Ihr auch gekommen, ihnen das Geleite zu geben?« frug sie auf französisch.

»Nein; ich reise für mich, Fürstin, um mich bei meinem Bruder zu erholen. Ihr gebt wohl fortwährend Geleit?« frug Sergey Iwanowitsch mit einem kaum merklichen Lächeln.

»Das ginge ja nicht,« antwortete die Fürstin, »aber freilich haben wir selbst bereits achthundert befördert. Malwinskiy glaubte es mir nicht.«

»Mehr als achthundert! Wenn man diejenigen mitzählt, welche nicht direkt von Moskau expediert worden sind, so wären es schon mehr als tausend,« sagte Sergey Iwanowitsch.

»Da haben wir’s. Das habe ich ja gesagt!« pflichtete die Dame freudig bei. »Und nicht wahr, es ist jetzt ungefähr eine Million dafür geopfert worden?«

Mehr noch, Fürstin.«

»Was ist denn heute für ein Telegramm gekommen? Wieder die Türken geschlagen?«

»Ja, ich habe es gelesen,« antwortete Sergey Iwanowitsch. Sie unterhielten sich nun über die neueste Depesche, welche bestätigte, daß während dreier aufeinanderfolgender Tage die Türken auf allen Punkten geschlagen worden seien und sich auf der Flucht befänden, und daß morgen die Entscheidungsschlacht erwartet werde.

»Da hat sich auch ein junger, hübscher Mann gemeldet. Ich weiß nicht, weshalb man Schwierigkeiten gemacht hat, und da wollte ich Euch bitten – ich kenne ihn – daß Ihr doch gefälligst ein Billet schriebt. Er ist von der Gräfin Lydia Iwanowna geschickt.«

Nachdem sich Sergey Iwanowitsch nach den Einzelheiten erkundigt hatte, welche die Fürstin über den jungen Mann, welcher sich gestellt hatte, kannte, schrieb er, in die erste Klasse tretend, ein Billet an die Persönlichkeit, von welcher die Sache abhing und übergab es der Fürstin.

»Ihr wißt Wohl, Graf Wronskiy, der bekannte – fährt auch mit diesem Zug,« sagte die Fürstin mit triumphierendem und vielsagendem Lächeln, als er wieder zurückgekommen war und ihr das Schreiben übergab.

»Ich habe wohl gehört, daß er auch fortginge, aber nicht gewußt, wann. Mit diesem Zuge also fährt er?«

»Ich habe ihn gesehen. Er ist hier. Nur seine Mutter begleitet ihn. Es war dies doch immer noch das beste, was er thun konnte.«

»Gewiß. Versteht sich.«

Während sie sprachen, strömte der Haufe an ihnen vorüber zur Mittagstafel. Sie gingen gleichfalls mit und vernahmen dabei die laute Stimme eines Herrn, welcher, den Pokal in der Hand, eine Rede an die Freiwilligen hielt. »Für den Glauben dient, für die Menschlichkeit und unsere Mitbrüder,« sprach der Herr mit erhöhter Stimme, »zum erhabenem Werke segne euch unsere Matuschka Moskwa! Zhivio!« – schloß er dröhnend und mit thränenerstickter Stimme.

Alles rief »Zhivio«! und eine neue Schar, die die Fürstin beinahe über den Haufen geworfen hätte, wälzte sich in den Saal.

»Ah, Fürstin, wie geht es!« rief freudestrahlend Stefan Arkadjewitsch, der plötzlich inmitten derselben erschien. »Hat er nicht herrlich, feurig gesprochen? Bravo! – Und Sergey Iwanowitsch, Ihr müßtet gleichfalls sprechen – einige Worte, Ihr wißt, so eine Anfeuerung. Ihr versteht dies ja so gut,« fügte er mit mildem, ehrerbietigem und aufmerksamem Lächeln hinzu, Sergey Iwanowitsch am Arme vorwärtsbewegend.

»Nein, ich fahre sogleich.«

»Wohin denn?«

»Auf das Land zu meinen Bruder,« antwortete Sergey Iwanowitsch.

»Da seht Ihr ja meine Frau. Ich habe ihr geschrieben, aber Ihr werdet sie schon eher sehen; sagt ihr doch, bitte, daß Ihr mit mir gesprochen habt und alles allright ist. Sie wird es schon verstehen. Habt auch die Güte, ihr mitzuteilen, daß ich zum Mitglied der Kommission der vereinigten – Ihr wißt ja, le petites misères de la vie humaine« wandte er sich wie zur Entschuldigung an die Fürstin.

»Die Mjagkaja – nicht Lisa, sondern Bibisch – schickt tausend Gewehre und zwölf Schwestern. Ich hatte es Euch wohl gesagt?«

»Ja, ich hörte davon,« antwortete Koznyscheff widerwillig.

»Es ist eigentlich schade, daß Ihr abreist,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, »wir geben morgen ein Essen für zwei mit Abgehende – Dimjor Bartejanskij von Petersburg und unseren Wjeslowskiy, Grischa. Sie gehen beide. Wjeslowskiy hat unlängst geheiratet. Das ist ein braver Bursch. Nicht so, Fürstin?« wandte er sich zu der Dame.

Die Fürstin blickte ohne zu antworten Koznyscheff an; daß Sergey Iwanowitsch sowohl wie die Fürstin fast wünschten, von ihm loszukommen, brachte Stefan Arkadjewitsch nicht im geringsten in Verlegenheit. Lächelnd blickte er bald auf die Hutfeder der Fürstin, bald seitwärts, als besinne er sich etwas. Als er eine vorüberschreitende Dame mit einer Sammelbüchse bemerkte, rief er sie heran und legte ein Fünfrubelpapier in die Büchse.

»Ich kann diese Sammelbüchsen nicht mit ruhigem Blute sehen, so lange ich Geld habe,« sagte er. »Was für eine Depesche haben wir denn heute? Die Tschernogorzen sind doch wackere Kerle!« –

– »Was Ihr sagt!« rief er aus, als ihm die Fürstin mitteilte, daß Wronskiy mit diesem Zug abfahre. Für einen Augenblick drückte das Gesicht Stefan Arkadjewitschs Trauer aus, aber nach Verlauf einer Minute hatte er, nachdem er leicht mit jedem Fuße einige Male gezuckt, und sich dann den Backenbart gestrichen hatte, das Zimmer, in welchem Wronskiy war, betretend, schon völlig sein verzweifeltes Schluchzen über dem Leichnam der Schwester vergessen, und sah in Wronskiy nur den Helden und alten Freund.

»Bei all seinen Mängeln kann man nicht anders, als ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen,« sagte die Fürstin zu Sergey Iwanowitsch, sobald Oblonskiy sie beide verlassen hatte. »Es ist das so eine echt russische, slavische Natur! Nur fürchte ich, es wird Wronskiy nicht angenehm sein, ihn zu sehen. Was Ihr auch sagen mögt, mich rührt das Geschick dieses Mannes. Ihr werdet Wohl mit ihm während der Fahrt sprechen,« sagte die Fürstin.

»Ja vielleicht, wenn sich Gelegenheit bietet.«

»Ich habe ihn nie gern gehabt. Aber dieser Entschluß macht vieles wieder gut. Er reist nicht nur für sich allein, sondern führt eine Eskadron auf eigne Rechnung mit.«

»Ja, ich habe davon gehört.«

Die Glocke ertönte; alles drängte sich nach den Thüren.

»Da ist er!« fuhr die Fürstin fort, auf Wronskiy weisend, welcher, im langen Überrock und schwarzem Hut mit breitem Rande, seine Mutter am Arm führte. Oblonskiy ging lebhaft sprechend neben ihm.

Wronskiy blickte finster vor sich hin, als höre er nicht, was Stefan Arkadjewitsch sprach.

Wahrscheinlich auf eine Weisung Oblonskiys hin, schaute er nach der Seite, auf welcher die Fürstin und Sergey Iwanowitsch standen und lüftete schweigend den Hut. Sein gealtertes, und Leiden ausdrückendes Gesicht erschien wie versteinert.

Nachdem Wronskiy über den Bahnsteig gegangen war, stieg er, die Mutter loslassend, in das Coupé des Waggons.

Auf dem Bahnsteig erschallte es » Boshe Zarja chrani!« und »Hurrah« und »Zhivio!«

Einer der Freiwilligen, ein hochgewachsener, sehr junger Mann, mit eingefallener Brust, grüßte besonders bemerkbar, indem er seinen Filzhut und ein Bouquet über dem Kopfe schwang. Hinter ihm schauten, gleichfalls grüßend, zwei Offiziere und ein älterer Mann mit großem Barte und in einer fettigen Mütze heraus.

3.

Nachdem sich Sergey Iwanowitsch von der Fürstin verabschiedet hatte, stieg er mit dem herangetretenen Katawasoff in den zum Brechen vollgepfropften Waggon, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Auf der Station Tarizyn wurde der Zug von einem schönen Chor junger Leute, welche das » Slavsja« sangen, bewillkommnet. Wieder dankten die Freiwilligen grüßend, und legten sich heraus, doch schenkte ihnen Sergey Iwanowitsch keine Beachtung. Er hatte soviel mit den Freiwilligen zu thun, daß er ihren Durchschnittstypus schon kannte und ihn dies nicht mehr interessierte. Katawasoff hingegen, der bei seinen Arbeiten nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen zu beobachten, wurde sehr von ihnen interessiert, und erkundigte sich bei Sergey Iwanowitsch über sie.

Sergey Iwanowitsch empfahl ihm, sich doch in die zweite Klasse zu setzen, und dort selbst einmal mit ihnen zu reden, und auf der folgenden Station befolgte Katawasoff diesen Rat.

Beim ersten Aufenthalt siedelte er in die zweite Klasse über, und machte sich mit den Freiwilligen bekannt. Sie sahen in einer Ecke des Waggons in lautem Gespräch und wußten augenscheinlich recht wohl, daß die Aufmerksamkeit der Passagiere und des eingetretenen Katawasoff auf sie gerichtet sei.

Lauter als alle anderen sprach der hochgewachsene Jüngling mit der flachen Brust. Er war offenbar berauscht und erzählte eine Geschichte, die sich auf ihrem Transport zugetragen hatte. Ihm gegenüber saß ein schon nicht mehr junger Offizier im Rocke der österreichischen Garde. Er hörte lächelnd dem Erzähler zu und hielt ihn in Schranken. Ein Dritter, in Artillerieuniform, saß auf einem Koffer neben ihnen. Ein Vierter schlief.

Ein Gespräch mit dem Jüngling anknüpfend, erfuhr Katawasoff bald, daß dieser ein reicher Moskauer Kaufmann gewesen sei, welcher sein großes Vermögen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre durchgebracht hatte. Er gefiel Katawasoff nicht, weil er verweichlicht, verzärtelt, und von schwacher Gesundheit war; augenscheinlich hatte er die Überzeugung, namentlich jetzt, im Rausche, daß er eine Heldenthat vollbringen werde, und flunkerte in unangenehmster Weise.

Ein anderer, ein verabschiedeter Offizier, machte auf Katawasoff gleichfalls einen unangenehmen Eindruck. Er war, wie man sah, ein Mensch, der schon alles versucht hatte. Er war an der Eisenbahn gewesen, dann Geschäftsführer eines Handlungshauses, und hatte Fabriken angelegt. Er sprach über alles, ohne jede Veranlassung, und wendete unpassend gelehrte Ausdrücke an.

Ein dritter, ein Artillerist jedoch, gefiel Katawasoff recht wohl. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, der sich offenbar vor den Kenntnissen des abgedankten Gardisten und der heroischen Selbstberäucherung des Kaufmanns beugte, und von sich selbst gar nicht sprach. Als ihn Katawasoff frug, was ihn veranlaßt hätte, nach Serbien zu gehen, antwortete er bescheiden:

»Nun, es gehen ja alle hin. Da gilt es, den Serben auch mit zu helfen. Es thut einem ja leid.«

»Ja; besonders Artilleristen sind ja auch nicht zahlreich dort,« sagte Katawasoff.

»Ich habe freilich nur kurze Zeit in der Artillerie gedient und es ist möglich, daß man mich zur Infanterie oder Kavallerie bestimmt.«

»Weshalb denn zum Fußvolk, wenn man vor allem Artilleristen braucht?« sagte Karawasoff, nach dem Alter des Artilleristen urteilend, daß er schon eine höhere Charge bekleiden müsse.

»Ich habe nicht lange in der Artillerie gedient, und bin als Junker entlassen,« sagte er und begann nun auseinanderzusetzen, weshalb er das Examen nicht bestanden hätte.

Alles das zusammengenommen, machte auf Katawasoff einen unangenehmen Eindruck, und als die Freiwilligen auf der Station ausstiegen, um einmal zu trinken, wünschte Katawasoff, in einem Gespräch mit jemand diese unangenehmen Eindrücke auszutauschen. Ein mitreisender alter Herr in Uniform hatte die ganze Zeit dem Gespräch Katawasoffs mit den Freiwilligen zugehört. Nachdem ersterer mit diesem allein geblieben war, wandte er sich zu ihm.

»Wie groß doch der Unterschied der Verhältnisse aller dieser Leute ist, die nach dorthin abgehen,« sagte Katawasoff unbestimmt, im Wunsche, seine Meinung auszusprechen und zugleich dabei diejenige des Alten zu erforschen. Der Alte war ein Militär, der zwei Feldzüge mitgemacht hatte. Er wußte was ein Soldat zu bedeuten habe, und hielt diese Leute nach ihrem Aussehen und Sprechen und nach dem Eifer, mit welchem sie unterwegs der Flasche zusprachen, für schlechte Soldaten. Er war auch Bewohner einer Kreisstadt und erzählte, daß aus seiner Vaterstadt einer unter die Soldaten gegangen sei, der Trunkenbold und Dieb gewesen, und den niemand mehr als Arbeiter hätte nehmen mögen. Da er indessen aus Erfahrung wußte, daß es unter der jetzigen Stimmung der Gesellschaft gefährlich sei, eine Meinung auszusprechen, welche der allgemein herrschenden entgegenliefe, und insbesondere, die Freiwilligen abfällig zu beurteilen, sondierte er gleichfalls Katawasoff.

»Ja, dort sind Leute nötig,« sprach er, mit den Augen lachend. Sie begannen nun, von der letzten Nachricht vom Kriegsschauplatz zu sprechen, verbargen aber voreinander ihre Unwissenheit darüber, gegen wenn sie morgen die Entscheidungsschlacht erwarteten, nachdem die Türken der letzten Nachricht gemäß auf allen Punkten geschlagen waren. So trennten sie sich denn beide, ohne ihre Meinung ausgesprochen zu haben.

Nachdem Katawasoff in seinen Waggon zurückgekehrt war, erzählte er, Sergey Iwanowitsch unwillkürlich ausweichend, von seinen Beobachtungen der Freiwilligen, die sich ihm als vorzügliche Bursche erwiesen hatten.

Aus der großen Station in einer Stadt begrüßte wieder Gesang und Zuruf die Freiwilligen, wieder erschienen Sammelnde beiderlei Geschlechts mit Büchsen, die vornehmen Damen des Gouvernements brachten den Freiwilligen Bouquets und begleiteten sie zum Buffett, doch war alles das bei weitem matter und in geringerem Maßstäbe angelegt als in Moskau.

26.

Noch nie war ein Tag im Hader vorübergegangen. Es war dies das erstemal gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige Eingeständnis einer vollständigen Erkaltung. Konnte man sie denn so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, daß ihr Herz zerrissen war von Verzweiflung und schweigend weiterzugehen mit diesem gleichgültigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, daß er kühl gegen sie geworden war; haßte er sie auch, weil er eine andere liebte – das war klar. – Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen hatte, ins Gedächtnis zurückrief, überdachte sie nochmals diejenigen, die er offenbar ihr zu sagen gewünscht hatte oder ihr sagen konnte, und mehr und mehr geriet sie in Erbitterung.

»Ich halte Euch nicht,« konnte er sagen, »Ihr könnt gehen, wohin Ihr wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen, wahrscheinlich, um zu ihm zurückzukehren. Kehrt zurück! Wenn Ihr Geld braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?«

Die allerhärtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben nicht, als hätte er sie ihr wirklich gesagt.

»Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male grundlos in Verzweiflung gewesen?« sprach sie hierauf zu sich selbst.

Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson, die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewißheit darüber, ob alles vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Versöhnung vorhanden wäre, ob sie sogleich fort müsse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als sie sich in ihr Zimmer zurückzog, befohlen hatte mitzuteilen, daß sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so bedeutet dies, daß er noch liebt, wenn nicht, daß alles zu Ende ist, und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe.« –

Am Abend vernahm sie das Geräusch seines Wagens, sein Läuten, seine Schritte und sein Gespräch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt hatte, wollte nichts Weiteres hören und begab sich in seine Räume. Es war also wohl alles vorüber.

Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe, den der in ihrem Herzen heimisch gewordene böse Geist mit ihm führte, erschien klar und lebendig vor ihr.

Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht, erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht – es war nichts mehr nötig. Nötig war nur Eines noch – ihn zu strafen! –

Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingoß, und daran dachte, daß man nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr dies so leicht und einfach, daß sie abermals mit Genugthuung daran zu denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung lieben würde, wenn es schon zu spät wäre.

Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen, niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte, und stellte sich lebendig vor, was er empfinden würde, wenn sie erst nicht mehr wäre, wenn sie für ihn nur noch eine Erinnerung bildete.

»Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen,« würde er sprechen, »wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen? Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort« –

Da bewegte sich plötzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite stürzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon, bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel.

»Der Tod?« dachte sie, und ein Schrecken überkam sie, daß sie lange nicht wußte, wo sie war, und lange mit den bebenden Händen kein Zündholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche herabgebrannt und erloschen war, anzuzünden.

»Nein – aber doch – nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja mich! Dies ist geschehen und wird vorübergehen!« sprach sie im Gefühl, daß ihr die Thränen der Freude ob ihrer Rückkehr zum Leben über die Wangen flössen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich hastig nach seinem Kabinett.

Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran, und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend. Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, daß sie bei seinem Anblick die Thränen der Zärtlichkeit nicht zurückzuhalten vermochte; aber sie wußte, daß er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der sich seines Rechtes bewußt ist, anschauen würde, und sie ihm, bevor sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen müsse, daß er vor ihr der Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurück, und schlief nach einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer, währenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermögen behielt.

Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhältnisses mit Wronskiy wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverständliche, französische Worte sprechend, während sie – wie stets unter diesem Alpdrücken – empfand, was den eigentlichen Schrecken für sie bildete, daß dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete, sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete – über ihr. –

Sie erwachte in kaltem Schweiß liegend. Als sie sich erhob, erinnerte sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel.

»Es hatte Streit gegeben, das Nämliche, was schon mehrmals stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, daß ich Kopfschmerzen hätte, und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich muß ihn sehen und mich zur Abreise vorbereiten,« sagte sie zu sich selbst, und begab sich, nachdem sie gehört hatte, daß er sich in seinem Kabinett befände, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hörte sie, daß vor der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend, einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mädchen in lilafarbenem Hut herausbeugte, das ihrem Diener, welcher läutete einen Befehl erteilte.

Nach einem Zwiegespräch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen Schritten die Treppe hinabeilte.

Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe und ging zum Wagen. Das junge Mädchen in lilafarbigen Hut übergab ihm ein Paket. Wronskiy sagte ihr lächelnd etwas und der Wagen fuhr wieder fort. Er eilte schnell wieder zurück die Treppe herauf.

Der Nebel, welcher sich über ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute sich plötzlich. Die Empfindungen von gestern preßten mit neuem Weh ihr krankes Herz.

Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, daß sie sich soweit hatte erniedrigen können, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihn von ihrem Entschluß in Kenntnis zu setzen.

»Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und Papiere von maman gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie steht es mit deinem Kopf; besser?« sprach er ruhig, ohne den düsteren und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen.

Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam nach der Thür. Er hätte sie noch zurückrufen können, aber sie war bis an die Thür gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar.

»Also,« begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thür stand, »morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?«

»Ihr, nicht ich,« sprach sie, sich zu ihm wendend.

»Anna; es ist unmöglich, so zu leben« –

»Ihr, nicht ich,« wiederholte sie.

»Das wird unerträglich!«

»Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden,« sprach sie und ging hinaus.

Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen, doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde finster, indem er die Zähne fest aufeinanderbiß.

Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt.

»Ich habe alles versucht,« dachte er, »es bleibt nur noch Eins übrig – sie nicht mehr zu beachten« – und machte sich fertig, in die Stadt zu fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift für die Vollmacht haben mußte.

Sie vernahm das Geräusch seiner Schritte im Kabinett und durch den Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu ihr, sondern erteilte nur Befehl, daß man in seiner Abwesenheit den Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen brachte, die Thür sich öffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er kehrte nochmals in den Flur zurück und es kam jemand nach oben geeilt. Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit der Hand den Rücken des Kutschers berührte und demselben etwas sagte. Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten Pose in den Wagen, legte die Füße übereinander und drückte sich, einen Handschuh anstreifend, in die Ecke.

27.

»Er ist fort. Es ist zu Ende!« sprach Anna zu sich selbst, am Fenster stehend und zur Antwort auf diese Worte erfüllten jene Eindrücke in der Finsternis nach dem Erlöschen des Lichtes, und des furchtbaren Traumbildes in Eins zusammengeflossen, ihr Herz mit kaltem Entsetzen. »Nein, es kann nicht sein!« schrie sie auf und schellte heftig, durch das Zimmer eilend. Ihr war es jetzt so bange, allein zu bleiben, daß sie, ohne das Erscheinen des Dieners abzuwarten, diesem entgegenkam.

»Erkundigt Euch, wohin der Graf gefahren ist,« sagte sie.

Der Diener versetzte, der Graf sei nach den Marställen gefahren.

»Der Herr haben befohlen zu melden, daß der Wagen sogleich zurückkehren würde, falls es Euch gefällig wäre, auszufahren.«

»Gut. Bleibt. Ich werde sogleich ein Billet schreiben. Schickt Michail mit dem Billet nach den Marställen, so schnell als möglich.«

Sie setzte sich und begann zu schreiben:

»Ich bin schuld. Kehre heim, wir müssen ins Klare kommen. Um Gott, komm, mir ist furchtbar.«

Sie siegelte und übergab dem Diener das Billet.

Jetzt fürchtete sie sich allein zu bleiben und begab sich, nachdem der Diener gegangen war, aus dem Zimmer nach der Kinderstube.

»Was ist das? Das ist er nicht! Das ist nicht Er! Wo sind seine blauen Augen, wo ist sein mildes, sanftes Lächeln?« war ihr erster Gedanke, als sie ihr dralles, rotbäckiges kleines Mädchen mit den schwarzen krausen Haaren anstatt Sergeys, den sie in einer Verwirrung ihrer Gedanken in der Kinderstube zu sehen erwartet hatte, erblickte.

Das Kind saß am Tische, hartnäckig und geräuschvoll mit einem Korkpfropfen auf den Tisch pochend, und schaute mit seinen zwei schwarzen Augen verständnislos die Mutter an.

Nachdem Anna der Engländerin geantwortet hatte, daß sie sich völlig wohl befinde und morgen aufs Land gehen werde, setzte sie sich zu ihrem Kinde und begann vor demselben den Pfropfen von einer Karaffe zu drehen. Das laute, tönende Lachen des Kindes und die Bewegung, welche dasselbe mit den Brauen machte, brachten ihr aber Wronskiy so lebhaft in die Erinnerung, daß sie, ein Aufschluchzen unterdrückend, hastig aufstand und hinausging.

»Ist denn wirklich alles zu Ende? Nein, es kann nicht sein«, dachte sie. »Er wird zurückkehren! Aber wie soll er mir jenes Lächeln erklären, seine Lebhaftigkeit, nachdem er mit ihr gesprochen hatte? Indessen auch wenn er mir es nicht erklärt, will ich ihm glauben. Glaube ich ihm nicht, dann bleibt mir noch Eins – aber ich will nicht.« –

Sie sah nach der Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen.

»Jetzt hat er mein Billet bereits erhalten und kehrt zurück. Nicht lange mehr, noch zehn Minuten – aber wie, wenn er nicht zurückkehrt? Doch nein, das kann nicht sein! Er darf mich indessen nicht mit verweinten Augen sehen. Ich will gehen und mich waschen. Bin ich denn frisiert oder nicht?« frug sie sich, ohne sich erinnern zu können. Sie fühlte sich nach dem Kopfe, »ja, ich bin frisiert, aber wenn es geschah, weiß ich wirklich nicht mehr.« Sie glaubte nicht einmal der eigenen Hand und ging zu dem Trumeau, um nachzusehen, ob sie in der That frisiert sei oder nicht. Sie war frisiert und konnte sich dennoch nicht erinnern, wenn sie es gethan hatte. »Wer ist das?« dachte sie, in den Spiegel blickend, und ein fieberhaft glühendes Antlitz mit seltsam blitzenden Augen, die sie erschreckt ansahen, gewahrend. »Das bin ich doch,« erkannte sie plötzlich und ihre ganze Erscheinung musternd, fühlte sie plötzlich seine Küsse auf sich und zuckte zusammenschauernd mit den Schultern. Dann hob sie die Hand zu den Lippen und küßte sie. »Was ist das; ich bin von Sinnen,« sprach sie und begab sich in das Schlafzimmer, wo Annuschka aufräumte. »Annuschka,« sagte sie, vor der Zofe stehen bleibend und sie anschauend, ohne zu wissen, was sie ihr eigentlich sagen wollte.

»Ihr wolltet zu Darja Aleksandrowna fahren,« antwortete die Zofe, als ob sie verstanden hätte.

»Zu Darja Aleksandrowna? Ja, ich werde fahren.«

»Fünfzehn Minuten hin, fünfzehn Minuten zurück! Er wird schon kommen, er kommt sogleich.« Sie zog die Uhr hervor und sah darnach. Wie konnte er nur wegfahren, und mich in einer solchen Lage zurücklassen? Wie kann er leben, ohne mit mir ausgesöhnt zu sein?« Sie trat ans Fenster und schaute auf die Straße hinab. Der Zeit nach hätte er schon zurücksein können. Aber ihre Berechnung konnte nicht richtig sein und sie begann aufs neue, sich zu vergegenwärtigen, wann er weggefahren war, und die Minuten zu berechnen. Gerade als sie nach einer größeren Uhr ging, um die ihrige darnach zu vergleichen, kam jemand angefahren. Durch das Fenster blickend, gewahrte sie seinen Wagen. Es kam jedoch niemand zur Treppe herauf, während unten Stimmen vernehmbar wurden. Der Bote war es, welcher im Wagen zurückkehrte. Sie ging zu ihm hinunter.

Der Graf war nicht zu treffen gewesen, er war auf der Chaussee von Nishegorod weggefahren.

»Was bringst du? Was« – wandte sie sich zu dem rotbäckigen, fröhlichen Michail, der ihr das Billet wieder zurückgab. »Er hat es ja gar nicht erhalten,« sagte sie sich. »Fahre mit diesem Billet auf das Dorf zur Gräfin Wronskaja, verstehst du? Und bringe sofort Antwort,« sagte sie zu dem Boten. »Aber was soll ich selbst thun?« dachte sie, »nun, ich werde zu Dolly fahren, oder, wahrhaftig, ich verliere den Verstand. Ich kann ja auch noch telegraphieren.« Sie schrieb sogleich eine Depesche nieder.

»Ich muß dich sprechen, komm sogleich.«

Nachdem sie das Telegramm abgeschickt hatte, ging sie sich anzukleiden. Bereits angekleidet und im Hut blickte sie nochmals der etwas beleibt gewordenen, ruhigen Annuschka in die Augen. Offenes Mitleid war in diesen kleinen, gutmütigen, grauen Augen sichtbar.

»Liebe Annuschka, was soll ich thun?« sagte Anna weinend, sich hilflos in einem Lehnsessel sinken lassend.

»Wozu sich so beunruhigen, Anna Arkadjewna! So geht es eben! Fahrt nur und zerstreut Euch,« antwortete die Zofe.

»Ja, ich werde fahren,« sagte Anna, sich ermannend und aufstehend. »Wenn in meiner Abwesenheit ein Telegramm einlaufen sollte, so soll es zu Darja Aleksandrowna geschickt werden – oder nein; ich werde selbst zurückkommen!« –

»Ja, man muß nicht grübeln, sondern etwas thun, ausfahren, und hauptsächlich dieses Haus verlassen,« sprach sie, mit Entsetzen die furchtbare Wallung wahrnehmend, welche in ihrem Herzen entstand, ging hastig hinaus und setzte sich in den Wagen.

»Wohin befehlt Ihr?« frug Peter, bevor er sich auf den Bock setzte. »Nach Znammka, zu den Oblonskiy!«

28.

Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die eisernen Dächer, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Räder, das Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glänzte hell in der Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straßen am lebhaftesten ist.

In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte, ließ Anna unter dem eintönigen Rasseln der Räder, den schnell wechselnden Eindrücken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse der letzten Tage an sich vorüberziehen und sie erkannte ihre Lage als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich. Jetzt machte sie sich Vorwürfe über die Niedergeschlagenheit, bis zu welcher sie sich hatte führen lassen.

»Ich werde ihn beschwören mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne ihn nicht leben?«

Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben könnte, zu antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. »Comptoir und Niederlage. – Zahnarzt – ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt Wronskiy nicht. Für mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten, mich zu erziehen. – Philippoff, Kalatschenkauf. – Man soll den Teig auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen« – und sie erinnerte sich, wie sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zählte, mit der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn das wirklich, ich mit den schönen Händen? Wie vieles von dem, was mir damals so schön und unerreichbar erschien, ist dahin, während mir das, was ich damals besaß, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist.

Hätte ich damals geglaubt, daß ich bis zu einem solchen Grade von Erniedrigung gelangen könnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein, wenn er mein Billet empfängt! Aber ich werde ihm zeigen. – Wie übel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur fortwährend? – »Moden- und Putzwaaren« – las sie weiter. Ein Mann grüßte sie; es war der Gatte Annuschkas; »unsere Parasiten,« dachte sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. »Unsere? Warum unsere? Es ist entsetzlich, daß man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreißen kann! Man kann sie nicht ausreißen, aber die Erinnerung daran bedecken. Und ich will sie verhüllen.«

Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey Aleksandrowitsch, daran, daß sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht hatte. »Dolly wird denken, daß ich nun den zweiten Mann verlasse, und daher gewiß im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann es nicht,« fuhr sie fort und die Thränen stiegen in ihr auf. Doch sie begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mädchen dort so lächelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie traurig, wie niedrig das ist!

Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen da und spielen Pferd. – Mein Sergey! – Alles verliere ich und ihn kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht zurückkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug verspätet und ist jetzt schon zurück. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen?« frug sie sich selbst, »nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin unglücklich, ich habe es verdient und bin schuldig – immer aber doch unglücklich –hilf mir! – Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich komme ich mir selbst in diesem Wagen vor – alles ist ja sein; doch ich werde nichts mehr davon sehen.« –

Indem sie sich die Worte überlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreißend, betrat Anna die Treppe.

»Ist man daheim?« frug sie im Vorzimmer.

»Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen,« antwortete der Diener.

»Kity! Die nämliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,« dachte Anna, »die nämliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Haß und er beklagt es, sich mit mir vereint zu haben.«

Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr Gespräch störte.

»Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen« – sagte sie, »heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!«

»Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,« antwortete Anna, sich umschauend, um Kity zu sehen.

»Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.«

»Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?«

»Ja, Kity ist da,« sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, »sie ist in der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.«

»Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?«

»Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,« sagte Dolly, in der Thür stehen bleibend.

»Ich hoffe und wünsche auch nichts,« antwortete Anna. »Was heißt das, hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?« dachte Anna, während sie allein war. »Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn! O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!«

Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden Schwestern. »Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen? Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles gleichgültig ist.«

Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend zurück.

»Das habe ich alles gewußt,« sagte sie, »und es interessierte mich nicht im geringsten.«

»Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung,« sagte Dolly, Anna neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen Zustande von Erbitterung gesehen, »wann fährst du?« frug sie.

Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht.

»Versteckt sich Kity vor mir?« sprach sie nach der Thür blickend und rot werdend.

»O, was das für Thorheiten sind! Sie läßt das Kind trinken, aber es glückt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten – sie ist vielmehr sehr erfreut, und wird sogleich kommen,« sagte Dolly etwas unsicher, da sie nicht zu lügen verstand. »Da ist sie ja!« –

Nachdem Kity erfahren hatte, daß Anna gekommen sei, wollte sie nicht erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte, kam sie nun und trat errötend näher, Anna die Hand reichend.

»Ich freue mich sehr,« sprach sie mit zitternder Stimme.

Kity war verwirrt gewesen über den Kampf, der in ihr vor sich ging, und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald sie das schöne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle Feindseligkeit sogleich verschwunden.

»Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wünschtet, mir zu begegnen. Ich bin an alles gewöhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings, Ihr habt Euch verändert,« sprach Anna.

Kity empfand, daß Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklärte sich diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die früher eine Protektorschaft über sie geübt hatte, vor ihr fühlte.

Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von alledem interessierte Anna.

»Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden,« sagte sie aufstehend.

»Wann fahrt Ihr?«

Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity.

»Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben,« sprach sie lächelnd. »Ich habe über Euch von allen Seiten gehört, selbst von Eurem Gatten. Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen,« fügte sie, augenscheinlich in übler Absicht hinzu. »Wo ist er denn?«

»Er ist aufs Dorf gefahren,« antwortete Kity errötend.

»Grüßt ihn von mir, grüßt ihn ja von mir!«

»Gewiß,« wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen blickend.

»Also leb‘ wohl, Dolly?« Nachdem Anna Dolly geküßt und Kity die Hand gedrückt hatte, ging Anna eilig fort.

»Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,« sagte Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, »aber es liegt etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!«

»Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,« sagte Dolly, »als ich sie hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.«

29.

Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte.

»Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?« frug Peter.

»Ja, nach Hause,« sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin sie fuhr.

»Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares, Unbegreifliches und Neugier Erregendes. – Wovon mag der da wohl mit solchem Eifer dem andern erzählen,« dachte sie, auf zwei Fußgänger blickend. – »Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet? Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben. Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. – Wenn ich gewollt hätte. – Ich habe auch gewollt! – Der dort ist zufrieden mit sich selbst« – dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt, und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber überzeugte, daß er geirrt habe.

»Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht. Ich kenne nur seine appetits, wie die Franzosen sagen. – Die da möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,« dachte sie, auf zwei Knaben blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte Gesicht abtrocknete. »Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei. Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig. Ich Kity – Kity mich! Das ist die Wahrheit. – ›Tjutkin, Coiffeur. – Je mais fais coiffer par Tjutkin.‹ Dies werde ich ihm sagen, wenn er kommt,« dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes zu sagen; »es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei, alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen, daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist Gerechtigkeit! –

In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst über ihre Lage nachzudenken aufgehört hätte, fand sie sich, als der Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte.

»Ist Antwort da?« frug sie.

»Ich werde sogleich nachsehen,« versetzte der Portier, schaute in das kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dünnes Couvert mit einem Telegramm. »Ich kann nicht früher als um zehn Uhr kommen. Wronskiy.« – las sie.

»Der Bote ist nicht zurückgekehrt?«

»Nein,« antwortete der Portier.

»Wenn es so steht, weiß ich, was ich zu thun habe,« sagte sie und eilte in dem Gefühl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des Verlangens nach Rache hinauf. »Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen Menschen so gehaßt, wie diesen Mann!« dachte sie. Als sie seinen Hut am Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen.

Sie bedachte nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte sich ihn jetzt vor in ruhigem Gespräch mit seiner Mutter und der Sorokina, voll Freude über ihre Leiden. »Ja, ich muß möglichst bald fahren,« sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte sie, möglichst schnell den Empfindungen entgehen zu können, welche sie in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wände, die Gegenstände in diesem Hause – alles forderte in ihr Widerwillen und Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere.

»Ich muß auf die Eisenbahnstation fahren,und ist er nicht dort, zu ihm selbst und ihn überführen!«

Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplänen der Züge. Es ging abends acht Uhr zwei Minuten ein Zug. »Ja, da will ich eilen.«

Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken von Sachen in eine Reisetasche, die ihr für einige Tage erforderlich waren. Sie wußte, daß sie nicht wieder hierher zurückkehren werde. In ihrer Aufregung entschloß sie sich unter den Plänen die ihr in den Kopf kamen, je nach den Vorgängen auf der Station oder auf dem Gute der Gräfin, auf der Strecke Nishnegorod bis zur nächsten Stadt zu fahren und dort zu bleiben.

Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Käse und befahl, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles Eßbaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie hinausging.

Das Haus warf seinen Schatten bereits über die ganze Straße; es war ein klarer, noch warmer und sonniger Abend.

Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich schlechte Laune hatte – alle waren ihr widerlich und reizten sie mit ihren Worten und Bewegungen.

»Ich brauche dich nicht, Peter!«

»Aber das Billet?«

»Nun, wie du willst, mir ist alles gleich,« sprach sie verdrießlich.

Peter stieg hinten auf und befahl, die Hände in die Seite gestützt, nach dem Bahnhof zu fahren.

30.

»Da ist es wieder! Wieder erfasse ich alles,« sprach Anna zu sich, sobald der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, schlitternd über das Pflaster fuhr, und die Eindrucke sich wiederum, einer nach dem andern, abwechselten. »Was dachte ich denn zuletzt so Angenehmes,« suchte sie in ihrer Erinnerung. »›Tjutkin, Coiffeur?‹ – Nein, das war es nicht. Ach ja, wovon Jaschwin gesprochen: Der Kampf ums Dasein und der Haß, sie sind das Eine, was die Menschheit zusammenhält. – O, Ihr fahrt umsonst,« wandte sie sich in Gedanken zu einer Gesellschaft, die in einer Tschetwernja dahinfuhr, wohl um sich außerhalb der Stadt zu vergnügen. »Auch der Hund, den Ihr da mit Euch führt, wird Euch nichts helfen; Ihr werdet Euch nicht voneinander verlieren.« Indem sie den Blick nach der Seite richtete, nach der sich Peter wandte, erblickte sie einen fast bis zur Besinnungslosigkeit berauschten Fabrikarbeiter mit wackelndem Kopfe, den ein Polizist führte.

»Da der – das geht schon eher;« dachte sie, »dieses Vergnügen habe ich mit dem Grafen Wronskiy noch nicht genossen, obwohl ich viel von ihm erwartet hatte.« Zum erstenmale ließ Anna jetzt die scharfe Beleuchtung, unter der sie alles erblickte, auf ihre Beziehungen zu ihm fallen, über die sie nachzudenken vorher vermieden hatte.

»Was hat er in mir gesucht? Liebe doch nicht so sehr, als mehr eine Befriedigung seiner Eitelkeit.«

Sie erinnerte sich seiner Worte, des Ausdrucks seiner Züge, die in der ersten Zeit ihres Verhältnisses den Eindruck eines ergebenen Jagdhundes auf sie gemacht hatten. Alles bestätigte dies jetzt. »Ja, in ihm lebte der Triumph über einen Erfolg seines Ehrgeizes. Natürlich war ja auch Liebe dabei gewesen, aber den Hauptteil bildete doch der Stolz auf seinen Erfolg. Er hat sich mit mir gebrüstet! Jetzt ist das vorüber. Er soll nun auf nichts mehr stolz sein. Es giebt jetzt keinen Stolz mehr für ihn, sondern nur noch Schande. Er hat mir alles genommen, was er nehmen konnte, jetzt braucht er mich nicht mehr. Er ist meiner überdrüssig, und will nicht mehr mir gegenüber ehrlos sein. Er hat sich gestern versprochen – er will die Scheidung und die Heirat nur, um die Schiffe hinter sich abzubrennen. Er liebt mich – aber wie? – The zest is gone. – Der da will alle in Erstaunen setzen und ist ja sehr zufrieden mit selbst,« dachte sie, auf einen rotbäckigen Handlungsdiener blickend, welcher ein Manegepferd ritt. »Ja, der alte Geschmack an mir ist nicht mehr bei ihm vorhanden. Wenn ich von ihm gehe, wird er herzlich froh sein.«

Dies war keine Vermutung – sie sah es klar in jenem durchdringenden Lichte, welches ihr jetzt den Sinn des Lebens und der menschlichen Verhältnisse offenbarte.

»Meine Liebe wird immer leidenschaftlicher und egoistischer, die seine aber erlischt mehr und mehr, und deshalb trennen wir uns,« fuhr sie fort zu grübeln. »Und Hilfe ist hierbei unmöglich. Für mich liegt alles in ihm allein und ich fordere, daß er immer mehr und mehr sich mir hingebe. Er aber immer will mehr und mehr von mir entweichen. Wir sind bis zum Bunde miteinander zusammengekommen, gehen aber nun unaufenthaltsam nach verschiedenen Richtungen wieder auseinander. Und dies läßt sich auch nicht ändern. Er sagt mir, ich sei sinnlos eifersüchtig, und ich selbst habe mir gesagt, ich bin sinnlos eifersüchtig – aber das ist unwahr. Ich bin nicht eifersüchtig, sondern unzufrieden! Doch« – sie öffnete den Mund und veränderte den Sitz im Wagen vor der Erregung, die in ihr durch einen plötzlich auftauchenden Gedanken hervorgerufen wurde. »Wenn ich noch etwas Anderes sein könnte, als seine Geliebte, die leidenschaftlich nur seine Liebkosungen liebt; aber ich kann und will gar nichts Anderes sein. Mit diesem Wunsche aber erwecke ich in ihm Widerwillen, er in mir Wut; das kann nicht anders sein! Weiß ich etwa nicht, daß er nicht schon anfinge mich zu hintergehen? Daß er nicht Absichten auf die Sorokina hätte, daß er Kity geliebt hat und mich verrät? Alles dies weiß ich, und mir wird davon nicht leichter. Wenn er, ohne mich zu lieben, nur aus Pflicht gut und zärtlich gegen mich ist, nicht aber das sein will, was ich wünsche; so wäre es noch tausendmal schlimmer, als Haß! Das wäre – die Hölle! Und so ist es auch! Er liebt mich schon lange nicht mehr, und wo die Liebe aufhört, da fängt der Haß an. Diese Straßen kenne ich doch gar nicht. Berge, und Häuser auf Häuser, in den Häusern aber Menschen, nur Menschen. Wie viele Menschen giebt es da, kein Ende ist abzusehen, und alle hassen einander. Aber ich will mir doch einmal ausdenken, was ich eigentlich will, um glücklich zu sein? Nun, gesetzt, ich erhalte die Ehescheidung, Aleksey Aleksandrowitsch giebt mir Sergey und ich heirate Wronskiy.«

Indem sie Aleksey Aleksandrowitschs gedachte, stellte sie sich ihn sogleich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit vor, als ob er lebendig vor ihr stände, mit seinen sanften, leblosen, erloschenen Augen, den blauen Adern auf den weißen Händen, seinen Betonungen und dem Knacken seiner Finger, und indem sie sich des Gefühls erinnerte, welches zwischen ihnen bestanden und auch Liebe geheißen hatte, erschauerte sie vor Ekel.

»Nun, ich werde die Scheidung erhalten und Wronskiys Weib werden. Wird aber Kity dann aufhören, so auf mich zu schauen, wie sie es heute gethan hat? Nein. Wird dann Sergey aufhören, nach meinen zwei Männern zu fragen oder über sie nachzudenken? Und welches neue Gefühl soll ich mir für Wronskiy und mich ausdenken? Ist ein Etwas möglich, das nicht mehr Glück, und doch auch nicht eine Qual wäre? – Nein und aber nein!« – antwortete sie sich selbst, jetzt ohne das geringste Zaudern. »Es ist unmöglich! Wir werden durch das Leben getrennt; ich bin sein Unglück, er ist das meine, und es ist unmöglich, ihn oder mich zu rehabilitieren. Alle Versuche sind gemacht worden, die Schraube ist abgelaufen. – Da, eine Bettlerin mit ihrem Kinde! – Sie glaubt, man habe Mitleid mit ihr. Sind wir denn nicht alle nur dazu in die Welt geworfen worden, um einander zu hassen, und uns und die anderen deshalb zu martern? – Da kommen Gymnasiasten. – Sie lachen! Ist Sergey darunter?« – dachte sie. »Ich habe auch geglaubt, daß ich ihn liebte, und war gerührt von seiner Zärtlichkeit. Und doch habe ich auch ohne ihn gelebt, habe ich ihn um eine andere Liebe vertauscht und diesen Tausch nicht beklagt, so lange ich in dieser Liebe Genüge fand.«

Mit Widerwillen erinnerte sie sich dessen, was sie mit dieser Liebe bezeichnete. Die Klarheit, mit welcher sie jetzt ihr Leben und dasjenige aller Menschen schaute, verursachte ihr Freude. »So mache ich es, wie Peter, oder der Kutscher Fjodor, oder dieser Kaufmann da, und alle anderen Leute, die dort längs der Wolga wohnen, und es ist überall und immer so,« dachte sie, als sie bei dem niedrigen Stationsgebäude der Nishnegoroder Bahn angekommen war und die Artjeljschtschiks ihr entgegeneilten.

»Befehlt Ihr nach Obiralovka?« frug Peter.

Sie hatte vollkommen vergessen, wohin und weshalb sie reisen wollte und vermochte nur mit größter Anstrengung die Frage zu erfassen.

»Ja,« sagte sie zu ihm, ihr Geldtäschchen hinreichend und stieg, die kleine rote Tasche in die Hand nehmend, aus dem Wagen. Durch das Gedränge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend, rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die Entscheidungen ins Gedächtnis zurück, zwischen denen sie schwankte.

Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens wieder aufzureißen. In der Erwartung des Zuges auf dem sternförmigen Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden und Gehenden gerichtet – sie alle waren ihr widerlich– bald daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben wolle, und was sie ihm schreiben würde; bald daran, wie er sich bei seiner Mutter – die ja Leiden gar nicht verstand – über seine Lage beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darüber nach, wie ihr Leben noch glücklich werden könnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und wie entsetzlich ihr Herz schlage.

9.

Der alte vernachlässigte Palazzo mit den hohen bossierten Plafonds und Fresken an den Wänden, Mosaikboden und schweren gelben Stoffgardinen an den hohen Fenstern; Vasen auf den Konsolen und Kaminen, geschnitzten Thüren und dämmerigen Sälen, die mit Gemälden vollgehängt waren – dieser Palazzo hielt, nachdem sie in ihn übergesiedelt waren, schon in seiner äußeren Erscheinung in Wronskiy eine angenehme Täuschung wach, die, daß er weniger ein russischer Gutsherr und Stallmeister ohne Amt sei, als vielmehr ein erlauchter Liebhaber und Kunstmäcen, und er selbst – ein bescheidener Künstler, der sich von der Welt losgesagt hatte, von seinen Verbindungen und dem Ehrgeiz – für ein geliebtes Weib.

Die Rolle, welche Wronskiy mit seinem Umzug in den Palazzo erwählt hatte, gelang vollständig und durch Vermittlung Golenischtscheffs mit einigen interessanten Personen bekannt geworden, fühlte er sich für die Anfangszeit beruhigt. Er malte unter der Leitung eines italienischen Professors der Malerei Studien nach der Natur und beschäftigte sich mit dem Kunstleben Italiens im Mittelalter. Das mittelalterliche Kunstleben Italiens hatte für Wronskiy in letzter Zeit soviel Reiz gewonnen, daß dieser selbst einen Hut und das Plaid über der Schulter nach der mittelalterlichen Mode zu tragen begann, was ihm sehr gut stand.

»Da leben wir hier und wissen gar nichts davon,« sagte eines Tages Wronskiy zu Golenischtscheff, der früh zu ihm gekommen war. »Hast du das Gemälde Michailoffs gesehen?« Er reichte die am Morgen soeben erhaltene russische Zeitung hin, und wies auf einen Artikel über einen russischen Maler, der in der nämlichen Stadt lebte und hier ein Gemälde ausgeführt hatte, über welches schon lange Gerüchte umliefen und das schon im voraus angekauft worden war.

In dem Aufsatz wurden der Regierung und der Akademie Vorwürfe gemacht, daß der vorzügliche Künstler jeder Aufmunterung und Unterstützung entbehre.

»Ich habe das Bild gesehen,« antwortete Golenischtscheff, »natürlich ist er nicht talentlos, aber er verfolgt eine vollständig verkehrte Richtung; das ist noch immer jene Richtung Iwanoff-Strauß-Rénan, Christus und der kirchlichen Malerei gegenüber.«

»Was stellt das Gemälde dar?« frug Anna.

»Christus vor Pilatus. Christus ist als Hebräer mit allem Realismus der neuen Schule dargestellt« – durch die Frage nach dem Inhalt des Gemäldes auf eines seiner Lieblingsthemen gebracht, begann Golenischtscheff zu erklären.

»Ich begreife nicht, wie man einem so groben Irrtum verfallen kann. Christus hat doch schon seine bestimmte Verkörperung in der Kunst der größten Altmeister. Wenn man nicht Gott darstellen will, sondern einen Revolutionär oder Weisen, so mag man sich den Sokrates aus der Geschichte wählen, den Franklin, die Charlotte Corday – aber nur nicht Christus. – Man nimmt da aber gerade diejenige Gestalt, die man für die Kunst nicht nehmen soll, und dann« –

»Aber ist es denn wahr, daß sich dieser Michailoff in so großer Armut befindet?« frug Wronskiy in dem Gedanken, daß er, als russischer Mäcen, ohne Rücksicht darauf, ob das Gemälde gut oder schlecht sei, dem Künstler helfen könne.

»Kaum; er ist ein bedeutender Porträtmaler. Ihr habt wohl sein Porträt der Wasiljtschikowa gesehen? Er scheint indessen nicht mehr Porträts malen zu wollen, und kann es allerdings möglich sein, daß er sich wirklich in Not befindet. Ich sage, daß« –

»Könnte man ihn nicht bitten, ein Porträt der Anna Arkadjewna zu malen?« sagte Wronskiy.

»Weshalb meines?« fiel Anna ein, »außer dem deinigen möchte ich kein anderes haben. Oder noch besser wäre Any« – so nannte sie ihr kleines Mädchen – »da ist sie gerade,« fügte sie hinzu, durch das Fenster auf eine hübsche italienische Amme schauend, welche das Kind in den Garten trug, und dann sorglich verstohlen auf Wronskiy blickend.

Die hübsche Amme, deren Kopf Wronskiy für sein Gemälde porträtiert hatte, bildete das einzige geheime Leid im Leben Annas. Wronskiy hatte sie gemalt, sich in ihre Anmut und Mittelalterlichkeit verliebt, und Anna wagte nicht, sich zu gestehen, daß sie fürchtete, sie könne auf diese Amme eifersüchtig werden. Infolge dessen behandelte sie dieselbe ausnehmend gut und verzärtelte sie sogar, ebenso wie den kleinen Sohn derselben.

Wronskiy blickte ebenfalls durch das Fenster und dann Anna in die Augen, wandte sich jedoch hierauf sogleich wieder zu Golenischtscheff und sagte:

»Kennst du diesen Michailoff?«

»Ich bin ihm begegnet, doch ist er ein Sonderling und ohne jede Bildung. Wißt Ihr, er ist einer jener Wilden, jener Neuerer, die man jetzt so häufig trifft; einer jener Freidenker, welche d’emblée, in den Begriffen des Unglaubens, der Regierung und des Materialismus aufgezogen sind. Früher,« fuhr Golenischtscheff fort, ohne zu bemerken, oder bemerken zu wollen, daß auch Wronskiy und Anna zu reden wünschten, »früher war ein Freidenker ein Mensch, der in den Begriffen Religion, Gesetz und Moral erzogen worden, und selbst durch Kampf und Mühe zum Freidenkertum gelangt war; jetzt zeigt sich ein neuer Typus der selbstgewordenen Freidenker, welche emporwachsen, ohne auch nur davon gehört zu haben, daß es Gesetze der Moral, der Religion giebt, und daß Autoritäten existieren; solcher, die eben geradezu in den Begriffen des absoluten Nein, das heißt also, wie Wilde aufwachsen. So Einer ist er nun; der Sohn eines höheren Moskauer Lakaien wohl, der keinerlei Bildung empfangen hat. Nachdem er in die Akademie eingetreten war und sich einen Namen gemacht hatte, begann er, gerade kein Dummkopf, das Bedürfnis nach Bildung zu fühlen. Er wandte sich daher zu dem, was ihm als Quelle der Bildung erschien – zu den Journalen. Man bedenke nur, in der alten Zeit hätte ein Mensch, der sich bilden wollte, nehmen wir an, ein Franzose, alle Klassiker studieren müssen: die Theologen, Tragiker, Historiker und Philosophen; man bedenke die geistige Arbeit, die ihm da obgelegen haben würde. Jetzt aber, bei uns, ist er geradenwegs auf die oppositionelle Litteratur gestoßen, hat sich schnell den ganzen Extrakt der Verneinungswissenschaft zu eigen gemacht – und ist fertig! Vor zwanzig Jahren würde er in dieser Litteratur die Kennzeichen eines Kampfes mit der Autorität, mit hundertjährigen Anschauungen gefunden haben, er würde aus diesem Kampfe erkannt haben, daß es noch etwas Anderes gebe, jetzt aber verfällt er geradenwegs einer Litteratur, in welcher man die alten Anschauungen nicht einmal mehr einer Bekämpfung würdigt, sondern unverhohlen heraussagt, ,das ist nichts mehr, évolution, Kampf ums Dasein!‘ Ich habe in meiner Abhandlung« –

»Wißt Ihr was,« sagte Anna, die schon lange aufmerksame Blicke mit Wronskiy gewechselt hatte, und wußte, daß diesen der Bildungsgang des Künstlers nicht interessierte, sondern nur der Gedanke beschäftigte, ihm zu helfen, ihm ein Porträt zuzuweisen: »Wißt Ihr was?« unterbrach sie den sich im Redefluß verlierenden Golenischtscheff, »wir wollen zu ihm gehen!«

Golenischtscheff sammelte sich und stimmte bereitwillig zu, da jedoch der Künstler in einem entfernteren Viertel wohnte, beschloß man einen Wagen zu nehmen.

Nach Verlauf einer Stunde fuhren Anna die neben Golenischtscheff saß, und Wronskiy, der auf dem Vordersitz des Wagens Platz genommen hatte, vor einem neuen, unschön aussehenden Gebäude in dem abgelegenen Stadtviertel vor. Nachdem sie von der heraustretenden Frau des Hausmanns erfahren hatten, daß Michailoff den Zutritt zu seinem Atelier wohl gewähre, augenblicklich aber sich in seiner Privatwohnung, die wenige Schritte entfernt lag, befinde, so sandten sie ihm ihre Karten mit der Bitte um die Erlaubnis, seine Gemälde sehen zu dürfen.

25.

In dem Gefühl, daß die Aussöhnung eine vollständige war, beschäftigte sich Anna vom andern Morgen ab munter mit den Anstalten zur Abreise.

Obwohl noch gar nicht beschlossen war, ob man Montag oder Dienstag reisen würde, da beide sich gestern gegenseitig Konzessionen gemacht hatten, bereitete sich Anna eifrig auf die Abreise vor, jetzt vollkommen gleichgültig dem gegenüber, ob man früh öder spät am Tage abreiste. Sie stand eben in ihrem Zimmer vor einem geöffneten Schranke, und nahm Sachen heraus, als er bereits angekleidet, früher als gewöhnlich, bei ihr eintrat.

»Ich muß sofort zu maman, fahren; sie kann mir das Geld durch Jegoroff übersenden. Morgen bin ich dann bereit zu reisen,« sagte er.

Mochte sie nun auch noch so gut gelaunt sein, die Erwähnung der Abreise auf den Landsitz schnitt ihr ins Herz.

»O, auch ich beeile mich nicht,« sagte sie, dachte aber sogleich: vielleicht ist es doch noch möglich, es so einzurichten, daß man thut wie ich wünschte. – »Nein, thu‘ wie du willst! Geh‘ in den Speisesalon, ich werde sogleich auch kommen und will nur noch diese überflüssigen Sachen herauslegen,« sprach sie, noch etwas auf Annuschkas Arme packend, auf welcher bereits ein Berg Leinen ruhte.

Wronskiy verzehrte gerade sein Beafsteak, als sie in den Speisesalon trat.

»Du glaubst nicht, wie kalt mich diese Gemächer lassen,« sagte sie, sich neben ihm zu ihrem Kaffee setzend. »Es giebt doch nichts Schrecklicheres als diese chambres garnies. Es liegt kein Ausdruck, keine Seele in ihnen. Diese Uhren, Gardinen, und namentlich diese Tapeten – sind wie ein Alp. – Ich gedenke Wosdwishenskojes, wie des gelobten Landes. Du hast noch keine Pferde hergeschickt?«

»Nein; sie werden kommen wenn wir fort sind. Fährst du noch einmal aus?«

»Ich wollte noch zur Wilson; ich muß ihr Kleider bringen. Also morgen ist es gewiß?« sprach sie mit heiterer Stimme; doch plötzlich veränderte sich ihr Antlitz.

Der Kammerdiener Wronskiys kam, um sich die Unterschrift für ein Telegramm aus Petersburg auszubitten.

Es war nichts Besonderes in der Empfangnahme einer Depesche seitens Wronskiys, aber gleichwohl sagte dieser, als wünschte er etwas vor ihr zu verheimlichen, er wolle im Kabinett unterschreiben, und wandte sich dann hastig zu ihr.

»Gewiß werde ich morgen mit allem in Ordnung sein.«

»Von wem war die Depesche?« frug sie, ohne ihn zu hören.

»Von Stefan,« antwortete er gezwungen.

»Warum hast du mir sie nicht gezeigt? Welches Geheimnis kann es zwischen Stefan und mir geben?«

Wronskiy rief den Kammerdiener zurück und befahl, die Depesche zu bringen.

»Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?«

»Über die Scheidung?«

»Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen können. Kürzlich versprach er einen entgültigen Bescheid. Da lies.«

Mit bebenden Händen ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das, was Wronskiy gesagt hatte. Am Schluß war noch hinzugefügt »es ist wenig Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mögliche und Unmögliche thun.«

»Ich habe gestern gesagt, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wann ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte,« sprach sie errötend. »Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir etwas zu verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen verheimlichen, und er verheimlicht sie auch,« dachte sie dabei.

»Jaschwin wollte heute früh mit Woytoff herkommen,« sagte Wronskiy, »es scheint, daß er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr, als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.«

»Nein,« versetzte sie, erzürnt darüber, daß er mit diesem Wechsel des Themas so augenfällig zu verstehen gab, daß sie gereizt sei, »weshalb glaubst du, daß diese Nachricht mich so interessiert, daß man sie sogar zu verbergen hätte? Ich habe gesagt, daß ich nicht daran denken mag, und wünschte, du möchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie ich.«

»Ich interessiere mich nur deshalb dafür, weil ich Klarheit liebe,« sagte er.

»Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe,« sagte sie, mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte, sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. »Weshalb wünschest du Klarheit?«

»Mein Gott! Wieder die Liebe!« dachte er, finster werdend. »Du weißt doch, wozu? Für dich, und für die Kinder, welche kommen werden,« sagte er.

»Kinder wird es nicht geben.«

»Das ist sehr bedauerlich,« sagte er.

»Dir ist sie erforderlich für die Kinder, aber an mich denkst du nicht,« sprach sie, vollständig vergessend und überhörend, daß er gesagt hatte »für dich und für die Kinder«. –

Die Frage nach der Möglichkeit, ob sie noch Kinder haben würden, hatte für sie seit Langem eine Streitfrage gebildet, die sie erbitterte. Seinen Wunsch, Kinder zu haben, legte sie sich dahin aus, daß er ihre Schönheit nicht schätze.

»O, ich sagte doch für dich! Vor allem für dich,« wiederholte er, sich wie unter einem Schmerzgefühl verfinsternd, »weil ich überzeugt bin, daß ein großer Teil deiner Gereiztheit von der Unbestimmtheit unserer Lage herrührt.«

»Ja, jetzt hat er aufgehört, sich zu verstellen und alle seine kalte Gehässigkeit gegen mich ist nun sichtbar,« dachte sie, seine Worte nicht vernehmend, aber mit Schrecken auf den kalten, harten Richter blickend, der, mit ihr Spott treibend, aus seinen Augen herausschaute. »Dies ist nicht der Grund,« sagte sie, »ich begreife selbst nicht, daß der Grund meiner Gereiztheit – wie du es nennst, der sein kann, mich vollständig in deiner Gewalt zu befinden. Was für eine Unbestimmtheit der Lage giebt es hierbei? Im Gegenteil.«

»Es ist sehr bedauerlich, daß du nicht verstehen willst.« unterbrach er sie, beharrlich in dem Wunsche, seinen Gedanken auszusprechen, »die Unbestimmtheit liegt darin, daß dir scheint, als wäre ich frei.«

»Diesbezüglich kannst du ganz ruhig sein,« sagte sie, und begann, indem sie sich von ihm abwandte, ihren Kaffee zu trinken.

Sie hob die Tasse, und führte sie, den kleinen Finger von sich streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, daß ihm ihre Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Geräusch, welches sie mit den Lippen verursacht hatte.

»Mir ist alles vollständig gleichgültig, was deine Mutter denkt, und wie sie dich verheiraten will,« sagte sie, mit zitternder Hand die Tasse niedersetzend.

»Davon sprechen wir ja aber gar nicht.«

»O, eben davon; und glaube mir, daß für mich ein Weib ohne Herz – sei es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde – ohne Interesse ist, und ich es nicht kennen mag!«

»Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.«

»Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glück und die Ehre des Sohnes beruht – hat kein Herz.«

»Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu sprechen, die ich achte,« sagte er, seine Stimme hebend und sie streng anblickend.

Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine Hände; sie rief sich die gestrige Versöhnungsscene mit allen ihren Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, sowie seine leidenschaftlichen Liebkosungen. »Ganz die nämlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun,« dachte sie.

»Du liebst deine Mutter nicht. – Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!« – sprach sie, ihn haßerfüllt anblickend.

»Wenn es so allerdings steht, dann heißt es« –

– »Zu einem Entschluß kommen; und ich bin entschlossen;« sagte sie und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrüßte ihn und blieb.

Warum sie, während in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fühlte, daß sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen haben könne – warum sie sich während dieser Minute vor einem fremden Menschen verstellen mußte, der früher oder später ja doch alles erfahren würde, – sie wußte es nicht, sondern ließ sich, den Sturm in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu konversieren.

»Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine Schuldverschreibung erhalten?« frug sie Jaschwin.

»Nicht der Rede wert. Mir scheint, daß ich nicht alles erhalten werde, ich muß Mittwoch verreisen. Wenn reist Ihr?« antwortete dieser, mit den Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, daß ein Zwist obgewaltet hatte.

»Übermorgen wahrscheinlich,« sagte Wronskiy.

»Ihr bereitet Euch übrigens schon seit Langem darauf vor.«

»Jetzt ist es jedoch beschlossen,« sprach Anna, Wronskiy gerade ins Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr an die Möglichkeit einer Aussöhnung denken. »Thut Euch denn dieser unglückliche Pjevzoff nicht leid?« setzte sie dann ihr Gespräch mit Jaschwin fort.

»Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermögen« – er wies auf seine Seitentasche – »und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd ausplündern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kämpfen eben miteinander – und darin liegt das Vergnügen.«

»Aber wenn Ihr nun verheiratet wäret,« sagte Anna, »was würde da aus Eurer Frau.«

Jaschwin brach in Gelächter aus.

»Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals vorgenommen!«

»Und Helsingfors?« frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und Anna, welche lächelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das Antlitz Annas plötzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte sie ihm sagen, »es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.«

»Aber Ihr seid doch gewiß einmal verliebt gewesen?« wandte sie sich zu Jaschwin.

»O Gott, wie oft. Aber – merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous kommt – ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschäftigen, doch immer nur so, daß ich abends die Partie nicht versäume. So halte ich es.«

»Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt handelt;« sie wollte sagen »Helsingfors,« das Wort aber nicht aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war.

Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich und verließ das Zimmer.

Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber, von ihrer Heuchelei beschämt, offen und mit kühlem Blick ins Antlitz.

»Was wollt Ihr?« frug sie ihn auf französisch.

»Das Attestat über den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft,« sprach er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrückte, »ich habe mich durchaus nicht zu erklären und es würde dies auch zu nichts führen. Ich trage doch keine Schuld ihr gegenüber,« dachte er, »wenn sie sich selbst bestrafen will, tant pis pour elle!« Im Hinausgehen aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich plötzlich in Mitleid für sie.

»Was ist, Anna?« frug er.

»Ich sagte nichts,« antwortete sie immer noch so kalt und ruhig.

»Ah, nichts, dann – tant pis,« dachte er, wieder kühl werdend, wandte sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben und ihr ein tröstendes Wort sagen, doch seine Füße trugen ihn aus dem Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte. Diesen ganzen Tag brachte er außerhalb des Hauses zu; als er spät Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, daß Anna Arkadjewna Kopfweh habe und bitten lasse, sie nicht zu besuchen.

21.

Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin Lydia Iwanowna.

»Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?« frug er den Schweizer, indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte.

»Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,« antwortete der Portier gemessen.

»Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,« dachte Stefan Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. »Seltsam; es wäre aber doch Wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir’s gewiß.«

Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon die Lampen.

An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers, die Wand mit den Porträts betrachtend.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach dem unbekannten Manne.

»Monsieur Landau,« wandte sich die Gräfin an denselben mit einer Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die beiden miteinander bekannt.

Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch wechselten einen ausdrucksvollen Blick.

»Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin anweisend.

»Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,« sprach sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey Aleksandrowitsch anblickend, »doch eigentlich ist er Graf Bessuboff, wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.«

»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »man sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.«

»Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,« wandte sich die Gräfin an Aleksey Aleksandrowitsch. »Diese Trennung ist für sie entsetzlich. Es ist ein solcher Schlag für sie.«

»Reist er denn bestimmt ab?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.

»Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört, sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend.

»Ah, die Stimme,« wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte, zu dem er noch keinen Schlüssel besaß.

Ein minutenlanges Schweigen trat ein, woraus die Gräfin Lydia Iwanowna, gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit seinem Lächeln zu Oblonskiy sagte:

»Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen zu lernen. Les amis de nos amis sont nos amis, aber um ein Freund zu sein, muß man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,« sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend.

»Zum Teil, Gräfin, verstehe ich, daß die Lage Aleksey Aleksandrowitschs« – sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten.

»Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend, »sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden, und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.«

»Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt« – sagte Stefan Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er sie anzugehen hätte.

»Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?« sagte sie, mit den Augen auf den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte.

»Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück« –

»Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz ein neues ward, von ihm erfüllt,« sagte sie, voll Liebe auf Aleksey Aleksandrowitsch schauend.

»Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu sprechen,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »O gewiß, Gräfin,« sagte er, »doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur, daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon spricht.«

»Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.«

»Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied in den Überzeugungen und dabei« – sagte Oblonskiy mit geschmeidigem Lächeln.

»Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.«

»Ja, ja, gewiß, doch« – und in Verlegenheit geratend, verstummte Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion handelte.

»Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna herantrat.

Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf und lächelte kindlich -naiv.

»Beobachtet ihn nicht,« sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, »ich habe bemerkt« – begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische. »Ich habe bemerkt,« fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, »daß die Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der Religion gegenüber sind.«

»O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die glaubenstreuesten Menschen zu sein,« antwortete Stefan Arkadjewitsch.

»Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der Gleichgültigen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem Lächeln an ihn wendend.

»Wie kann man nur gleichgültig sein!« sagte Lydia Iwanowna.

»Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur harre,« antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln, »ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen könnte.«

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick.

»Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. »Wir dürfen nicht denken, ob wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen, welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul traf.«

»Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,« sagte Lydia Iwanowna, die währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war.

Landau erhob sich und trat zu ihnen.

»Gestattet Ihr mir, zuzuhören?« frug er.

»O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,« sagte Lydia Iwanowna ihn zärtlich anblickend, »setzt Euch zu uns.«

»Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt zu sein,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt lächelnd.

»Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser Höhe zu erheben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte.

»Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?« sagte Lydia Iwanowna. »Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. – Pardon,« fügte sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: »Morgen sind wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine Sünde,« setzte sie das Gespräch fort.

»Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,« sagte Stefan Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend.

»So ist es; das ist ans dem Brief des Apostel Jakobus,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet, wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal gesprochen hätten.

»Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet! Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; ›ich habe keine Werke, also auch keinen Glauben‹ und doch ist dies nirgends gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.«

»In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele zu retten,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher Geringschätzung, »das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche. Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und leichter,« fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte.

»Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind erlöst im Glauben,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit seinem Blick billigend.

» Vous comprenez l’anglais?« frug Lydia Iwanowna und erhob sich, nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen Bücherbrett in den Büchern zu suchen.

»Soll ich ›Safe and Happy‹ oder › Under the Wing‹ lesen?« sprach sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.

Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist, als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. »Da seht Ihr.« Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.

»Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! – Ja,« sprach sie, die Stelle in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. »So wirkt der wahre Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist das Glück, welches der Glaube verleiht!«

»Ja, ja, das ist viel« – sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit, daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur Überlegung zu kommen. »Es ist doch offenbar am besten heute nicht um etwas zu bitten,« dachte er, »könnte man nur, ohne etwas zu verderben, von hier fortkommen.«

»Es wird Euch langweilig werden,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich an Landau wendend, »Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.«

»O, ich verstehe schon,« sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und schloß die Augen.

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll an und die Lektüre begann.