Kapitel 8

 

8

 

Der Direktor und Prokurist von Maddisons Bank gehörte nicht zu den Menschen, die leicht überrascht werden konnten. Er hatte jene fatalistischen Eigenschaften, die man fast bei allen Menschen findet, die mit Finanzgeschäften zu tun haben. Die Schwankungen der Börse, die Bankraten, das Auf und Nieder des Handels ließen ihn – äußerlich wenigstens – unberührt. Einmal war er von einem bewaffneten Räuber angehalten worden und hatte nicht einen Augenblick seine Ruhe verloren. Und doch starrte er mit größter Verwunderung, unfähig zu sprechen, als er Luke Maddison durch das äußere Büro nach seinem Privatzimmer gehen sah.

 

»’s ist schon gut, Steele«, lächelte dieser. »Es ist kein Geist.«

 

Mr. Steele fand endlich seine Sprache wieder und:

 

»Ich dachte … hm …«

 

»Sie dachten, ich wäre auf der Hochzeitsreise, aber wie Sie sehen, stimmt das nicht«, sagte Luke, als er dem Prokuristen voran in sein Büro ging.

 

Bei dem Anblick der enormen Gestalt, die in einem der bequemsten Sessel lag, blieb er auf der Türschwelle stehen. »Mr. Bird kam heut morgen, und ich glaubte … hm… ich dachte, Sie würden nichts dagegen haben, wenn ich mit ihm in Ihrem Zimmer verhandelte.«

 

Luke Maddison schüttelte schon die Hände seines Besuchers.

 

»Dachte ich mir’s doch, daß Sie kommen würden«, sagte der Spatz vergnügt. »Ich habe gewußt, daß Sie nicht mit dem Flitterwochenexpreß gefahren sind.«

 

Luke lachte.

 

»Sie waren am Bahnhof, wie ich annehme?«

 

»Ich und ungefähr vierzehn verschiedene Hochstapler«, war die Antwort des Detektivs, »aber nur zwei von ihnen hatten in diesem Dampferzug für uns ein besonderes Interesse. Alle übrigen waren ganz gewöhnliche Gepäckdiebe und die hielten es dann nicht lange auf dem Bahnhof aus. Ich und ›er‹ warteten, bis der Pariser Zug abfuhr.«

 

»Wer war denn ›er‹?« fragte Luke, erhielt aber keine Aufklärung.

 

»Doch nichts Ernsthaftes, Mr. Maddison? Ja, ich weiß natürlich, daß Ihre junge Frau sich nicht besonders gut befindet, hoffentlich ist es nichts Schlimmes?«

 

Es kam ihm noch so fremd vor, daß man von Margaret als »seiner jungen Frau« sprach, und Luke lachte leise und glücklich vor sich hin.

 

»Ich wollte Sie mal wegen eines kleinen Gauners sprechen«, erklärte der Spatz, »falls Sie damit nicht das Vertrauen eines Verbrechers zu täuschen glauben. Ich möchte nämlich gern wissen, was Lewing gestern bei Ihnen wollte?«

 

Luke zögerte; es war ihm unangenehm, etwas zu sagen, das den Mann oder dessen Auftraggeber in Unannehmlichkeiten bringen könnte.

 

»Kam er vielleicht um Geld – für den Gunner?« Mr. Bird beobachtete ihn genau. »Aha, das dachte ich mir. Der Gunner hat Berufung eingelegt, das stimmt, und ich glaube, er wird damit durchkommen. Ich habe die Angelegenheit mit ihm im Hofe des Brixton-Gefängnisses besprochen, und Lewing muß in der Nähe gewesen sein und gehört haben, was ich sagte. Was haben Sie ihm denn gegeben?«

 

So genau wie möglich teilte Luke ihm den Inhalt der Unterhaltung mit Lewing mit. Der Spatz grinste.

 

»Der Gunner würde nicht einmal mit einem Mann wie Lewing sprechen. Haynes gehört zu der, wie die Zeitungsschreiber so schön sagen, Aristokratie der Verbrechergesellschaft. Wenn Sie Antrag stellen wollen, werde ich mir Lewing langen.«

 

Aber Luke wollte nicht damit belästigt werden.

 

»Es ist gut – lassen Sie ihn laufen. Er wird es so weiter treiben, wird den Kindern der Armen das Letzte nehmen, bis er eines Tages fällt, und dann werde ich höchstwahrscheinlich auf ihm drauf liegen.«

 

Diese Phrase erregte Lukes Aufmerksamkeit, und er stellte eine Frage. Der Spatz blies durch seine dicken Lippen.

 

»Menschen wie Sie, Mr. Maddison, können so etwas nicht verstehen. Sehen Sie mal aus dem Fenster« – er wies auf die Straße und Luke blickte hinunter. »Sehen Sie das junge Mädchen – Typistin oder so was Ähnliches. Zwei Pfund die Woche. Sie kommt aus einer Familie von ungefähr sechs Menschen (stimmt das nicht bei der, so sicher bei einer der vielen anderen, die da vorbeilaufen) und wohnt ganz weit draußen in Bermundsey. Ein jeder ist gegen sie! Sie glauben das nicht! – Man versucht, sie zu bestehlen, man liegt immer im Hinterhalt für ein solches Wild wie diese da. An den Haltestellen, in den Autobussen, überall sind die Gauner und versuchen, ihr die Börse mit den wenigen Schillingen zu stehlen. Vielleicht kommt so ein nett aussehender Kerl, ladet sie ein zum Kino – und dann … an irgendeinem Abend wird sie mit ihm in ein Nachtlokal gehen … und … geht unter. Sehen Sie den Mann da, den alten Kerl? Der erhält seine Familie mit beinahe nichts. Zimmermann … nach seiner Arbeitstasche. Wissen Sie, was ihm eines Tages passieren wird? Man wird ihn an einer stillen Ecke zu Boden schlagen, seine Werkzeuge wegnehmen und die Taschen leeren. Ich könnte Ihnen noch viel davon erzählen. – Darum verdiene ich ja soundso viel pro Woche, weil ich ›die Kinder der Armen‹ schützen muß… soweit ich kann. Begreifen Sie das nun?«

 

»Aber ich dachte, die Gauner sind nur hinter reichen Leuten her?« fragte Luke.

 

Mr. Bird lachte laut heraus.

 

»Hinter den Reichen? Die haben ihr Geld auf der Bank, im Geldschrank. Die haben Dienerschaft und Telephon… und haben das Gesetz auf ihrer Seite, Gesetz und Unterstützung. Ein Gauner würde viel lieber einem armen Teufel das letzte wegnehmen. Der ist ja hilflos, der kann sich nicht wehren, denn auch … Gerechtigkeit kostet Geld. Ich sage Ihnen, Mr. Maddison, Sie können sich keinen Begriff machen, wie arm die Armen in Wirklichkeit sind, wie sie leben, und noch weniger von den Gaunern, die von den Ärmsten der Armen existieren. Ich könnte Sie in ein Viertel in Süd-London bringen, wo sie in ganzen Herden zusammenleben – all diese kleinen, verkommenen, gemeinen Diebe – genau so, wie man es manchmal in Büchern liest. Leben zusammen in Kellern und alten verlassenen Speichern. Die halten Ihren Kopf in den Schlamm des Flusses, bis Sie tot sind – und wenn das nur wenige Pfund für jeden von ihnen einbringt.«

 

Luke schauderte.

 

»Es erscheint einem fast unmöglich.«

 

Mr. Bird lächelte halb amüsiert, halb traurig.

 

»Ich hoffe, Sie werden niemals kennenlernen, wie möglich, wie sehr möglich das leider ist – also, was soll mit Lewing geschehen?«

 

Luke schüttelte abweisend den Kopf, und der Spatz, der sich mit Mühe aus seinem Sessel emporhißte, grunzte seine Unzufriedenheit über eine solche Milde.

 

»Er gehört zu den Schlechtesten. Einbruch, hat er Ihnen erzählt? Er hat nicht so viel Mut wie ein … wie ein Regenwurm. Er gehört zu den Flußdieben – später werde ich Ihnen mal mehr davon erzählen.«

 

Während der Unterhaltung war Steele schon zweimal auf der Türschwelle erschienen. Er schien in Unruhe zu sein, blickte bedeutungsvoll zu Bird und gab Luke mit allen Mitteln zu verstehen, daß er ihn möglichst bald zu sprechen wünschte. Der Detektiv hatte kaum das Büro verlassen, als Steele hereinkam.

 

»Der Scheck über neunundsiebzigtausend Pfund, den Sie mir gestern gaben – der Direktor der Bank läßt Ihnen sagen, daß er Sie dringend sprechen müßte. Er wollte mir nicht erzählen, um was es sich handelte, allerdings erst, nachdem ich ihm gesagt hatte, Sie wären noch nicht abgereist.«

 

»Aber das ist doch mein Privatguthaben«, sagte Luke stirnrunzelnd.

 

»Genau dasselbe habe ich ihm auch gesagt, habe ihm auseinandergesetzt, daß Sie diesen Betrag von Ihrem Guthaben auf das Konto der Bank überwiesen hätten, aber er sagt, er müßte Sie sprechen.«

 

Die Bank war nicht weit entfernt, und kaum zehn Minuten später saß Luke im Büro des Direktors. Zuerst nahm er dessen Glückwünsche entgegen und gab dann eine kurze Erklärung für den Aufschub seiner Hochzeitsreise. Margaret befand sich besser – er hatte am frühen Morgen bei ihr angerufen und befriedigende Auskunft erhalten.

 

»Und jetzt wegen des Schecks, Mr. Maddison.«

 

Der Direktor wurde plötzlich kühler Geschäftsmann. »Es ist Ihnen doch klar, daß er nicht ausgezahlt werden kann?«

 

»Was?« Luke blickte ihn ungläubig an, und der Bankier lachte.

 

»Klingt lächerlich, nicht wahr? Ganz besonders für mich, wenn ich mir überlege, daß ich zu dem Haupt von Maddisons Bank spreche. Aber es ist wirklich so. Es ist nur eine Formalität, aber Sie als Bankier sind sich selbstverständlich darüber klar, daß das ganze Bankgeschäft auf Formalitäten –«

 

»Wollen Sie mir nicht, bitte, sagen, was Sie eigentlich meinen?« unterbrach Luke ungeduldig. »Ich habe sechshunderttausend –«

 

»Sie hatten«, lächelte der Direktor, »aber Sie scheinen Vergessen zu haben, Mr. Maddison, daß Sie Ihr ganzes Geld, all Ihre Wertpapiere, mit einem Wort, Ihr ganzes Vermögen Ihrer Frau verschrieben haben!«

 

Und jetzt wurde sich Luke Maddison bewußt, daß er pfenniglos war. Er lächelte erst, und brach dann in ein schallendes Gelächter aus, in das der Bankdirektor mit einstimmte.

 

»Das ist der beste Witz, den ich jemals gehört habe.« Luke trocknete sich die Augen. »Das hatte ich ja ganz vergessen. Werde sofort Mrs. Maddison aufsuchen« – er zog die Worte lang – »und sie ersuchen, mir einen Scheck über diesen Betrag aushändigen zu wollen.«

 

»Aber bald«, riet der Bankier, »Sie wissen, daß ich den Scheck zurücksenden muß, falls ich nicht von Ihrer Frau autorisiert werde, ihn auszuzahlen.«

 

Luke lächelte ein wenig verächtlich, hielt es aber nicht einmal der Mühe für wert, Margaret sofort aufzusuchen. Kurz vor dem Lunch fiel ihm die Angelegenheit ein und er telefonierte.

 

»Ich möchte dich sprechen, mein Liebling.«

 

»Weswegen?« Es wurde ihr schwer, den Verdacht, den sie fühlte, zu verbergen.

 

»Ich möchte deine Unterschrift unter ein kleines Dokument haben«, erwiderte er vergnügt.

 

Das war es also! Danty hatte sie gewarnt. Nur hätte sie niemals gedacht, daß die Bitte, das ihr verschriebene Vermögen wieder herauszugeben, so schnell kommen würde.

 

»Ein Dokument?«

 

»Ich möchte dich bitten, etwas Geld auf mein Konto zu überweisen«, sagte er. »Es ist nur eine reine Formalität – ich habe herausgefunden, daß ich weniger Geld habe, als ich brauche.«

 

Sie dachte rasend schnell.

 

»Gut, komm um drei Uhr zu mir.«

 

Er dachte nicht daran, daß die Bank um halb vier Uhr schloß, und stimmte zu. Schließlich war es ja auch nicht von großer Bedeutung, wenn der Scheck zurückgesandt wurde. Es handelte sich ja nur um einen einfachen Übertrag von seinem persönlichen Guthaben auf die Bank. Er kam – wie üblich – fünf Minuten zu spät und wurde in ihren kleinen Salon geführt. Was ihm zuallererst auffiel, war, daß sie völlig angezogen war. Er hatte sich vorgestellt, daß sie ruhte, ihn vielleicht im bequemen Negligé empfangen würde. Ihr Gesicht war nicht mehr so blaß wie am Tage vorher. Als er auf sie zuging, um sie in seine Arme zu schließen, erlebte er die erste Überraschung.

 

»Küsse mich nicht – bitte!«

 

Es war keine Bitte: es war ein klarer Befehl.

 

»Warum – was gibt’s denn, Liebling?«

 

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf.

 

»Bitte, sage mir, was du willst.«

 

Der Ton ihrer Stimme berührte ihn fremd. Er war hart, beinahe feindlich. Luke glaubte kaum, seinen Ohren trauen zu können.

 

Stammelnd wie ein Schuljunge erzählte er ihr in zusammenhangslosen Sätzen die Sachlage. Sie lauschte, ohne ihn mit einem Wort zu unterbrechen.

 

»Neunundsiebzigtausend Pfund«, sagte sie. »Ein Zehntel davon würde Rex gerettet haben.«

 

Er konnte sie nur verständnislos anstarren.

 

»Es ist wirklich abstoßend, sehen zu müssen, wie ein Mann das Gold zu seinem Gott erhebt, und zu wissen, Luke, daß er für dieses Gold ohne Zögern ein so junges Leben opfern konnte wie …«

 

Margarets Stimme klang in seinen Ohren wie dröhnender Glockenschall; und ihr schien es unfaßbar, daß sie es war, die diese Worte sprach.

 

»Und dann den armen toten Jungen der Fälschung beschuldigen – zu einer Niedertracht noch eine größere hinzufügen!«

 

»Ich … sprichst du von mir?« sagte er kaum hörbar.

 

Sie nickte.

 

»Von dir! Ich wußte, du würdest kommen, um dein Geld zurückzuhaben – das ist der Grund, warum ich nicht mit dir nach Frankreich abreiste. Ich wollte, daß die Entscheidung hier fiel. Hier, wo ich Bekannte, wo ich Freunde habe und mit dir mit gleichen Waffen kämpfen kann.«

 

Eine Pause, und dann:

 

»Luke … ich gebe dir kein Geld. Du hast es mir gegeben – es ist mein. Nicht einen Pfennig wirst du von mir erhalten … nicht einen einzigen Pfennig!«

 

Sie wünschte, er würde das Schweigen, das nun folgte, unterbrechen. Sie wünschte, er würde rasen, toben, sie verfluchen, alles das tun, wie sie es sich vorgestellt hatte. Aber er sagte kein Wort. Er blickte sie nicht einmal an, sondern schien das Muster des Teppichs zu studieren, auf dem ihre Füße ruhten. Endlich warf er den Kopf hoch.

 

»Lebewohl«, sagte er und verließ das Zimmer.

 

Sie hörte, wie sich die Tür hinter ihm schloß, und jetzt kam ihr zum Bewußtsein, was sie beinahe wahnsinnig werden ließ: sie liebte ihn!

 

Kapitel 9

 

9

 

Luke Maddison betrat sein Büro so ruhig, daß Steele, der ihn vorbeigehen sah, nicht im entferntesten ahnen konnte, welch eine Katastrophe das Leben seines jungen Herrn zerstört hatte. Steele blickte auf die Uhr und knurrte zufrieden. Augenscheinlich war die Angelegenheit mit dem Scheck in befriedigender Weise erledigt. Der Apparat auf seinem Tisch läutete, und er nahm den Hörer ab.

 

»Wollen Sie, bitte, zu mir kommen?« Lukes Stimme war fest wie immer und verriet auch nicht durch das geringste Schwanken, was in ihm vorging.

 

Er war selbst über seine eigene, eisige Ruhe überrascht, und es verging geraume Zeit, bis er den Grund für diesen unnatürlichen Gleichmut gefunden hatte: er lebte gänzlich in der Gegenwart, wagte es nicht, zurückzublicken, war gleichgültig dem gegenüber, was ihn am anderen Morgen erwartete.

 

Steele, der ihn schon von klein auf kannte, sah etwas in seinen Gesichtszügen, das er nie zuvor dort gesehen hatte, und war betroffen.

 

»Etwas vorgefallen, Sir?« fragte er besorgt.

 

Luke spitzte die Lippen, als ob er pfeifen wollte.

 

»Ich weiß es nicht … ich bin mir noch nicht über die ganze Sachlage klargeworden. Nehmen Sie Platz, Steele.«

 

Er spitzte wieder die Lippen, starrte an seinem Prokuristen vorbei und begann dann in gleichmäßigem, ruhigem Ton zu erzählen, was geschehen war. Es war nicht der gegebene Moment, etwas zurückzuhalten, er fühlte auch nicht die Notwendigkeit, Margaret zu decken oder ihre Handlung zu entschuldigen. Er hatte mit reinen, nackten Tatsachen zu tun, und er setzte diese mit einer kaltblütigen Genauigkeit auseinander, als ob es sich um Werte eines Bankprospektes handelte. Steele hörte, war aber unfähig, den Umfang des Unheils sofort zu übersehen. Endlich stöhnte er laut auf, und dies schien einen verborgenen Sinn für Humor in Luke Maddison zu wecken. Er lächelte.

 

»Sie müssen es machen, so gut Sie können, Steele. Ich nehme an, Sie haben Freunde in der City, die Ihnen vielleicht behilflich sein werden. Aber ich habe keine Lust, mich an diese zu wenden, kein Vertrauen – habe zu nichts mehr Vertrauen … nein, ich bin nicht betäubt, ich bin erledigt. Aber ich jammere nicht um mich selbst, es tut mir nicht leid um mich… ich wünschte, es wäre so … das würde mich wenigstens etwas in die Wirklichkeit zurückbringen.«

 

»Aber was wollen Sie denn anfangen?« Steele flüsterte beinahe unverständlich. Luke Maddison schüttelte den Kopf.

 

»Das kann ich wirklich nicht sagen. Was tut man eigentlich in einem solchen Fall? Nach Afrika gehen und Löwen schießen! Ist das nicht der gebräuchliche Weg für Leute, deren Herz gebrochen ist? Ich weiß es wirklich nicht.«

 

Steele sah auf seine Uhr und stand auf.

 

»Ich gehe jetzt nach der Bank«, sagte er mit bemerkenswerter Energie. »Ich glaube, wir können unsere Kunstseideaktien als Sicherheit für die neunundsiebzigtausend Pfund hinterlegen.«

 

Luke antwortete nicht. Er hörte, wie Steele in abgehackten Worten seine Anweisung gab – wenn der alte Mann erregt war, sprach er ständig in dieser Weise – dann wurde er sich bewußt, daß Steele gegangen war, und schloß die Tür. Zehn Minuten lang saß er an seinem Tisch, blickte starr vor sich hin und versuchte, sich wieder in sein Leben zurechtzufinden. Schließlich stand er auf, ergriff seinen Hut, zog sich mechanisch die Handschuhe an und verließ das Haus durch den Privateingang. Als er die Tür seiner Wohnung öffnete, hörte er das Telephon läuten und hatte gerade noch Zeit, den Diener aufzuhalten, der an den Apparat gehen wollte.

 

»Lassen Sie es klingeln«, sagte er. Der Apparat befand sich in seinem eigenen, kleinen Arbeitszimmer, das neben dem Schlafzimmer lag. Er nahm den Hörer ab, legte ihn auf den Tisch. Dann schloß er die Tür und begann sich umzuziehen. Er nahm, was ihm unter die Hände kam, und bemerkte erst, als er völlig angekleidet war, daß Rock und Beinkleid nicht zueinander paßten. Er zählte sein Geld und fand etwas mehr als fünfzig Pfund in seinen Taschen. Er dachte nach. War das sein Geld oder gehörte es ihr? Ein lächerliches Rätsel, und doch grübelte er lange Zeit darüber. Aber die Wirklichkeit kam ihm noch immer nicht zum Bewußtsein. Er konnte nur an Margaret als A denken, an sich selbst als B, dann gab es noch ein C, das bedeutete: Geld – gehörte nun zu C zu A oder zu B?

 

Luke warf die Banknoten auf den Tisch, behielt das Silber und ging in die Vorhalle. Er nahm gerade seinen leichten Überzieher, als der Diener an seiner Seite erschien und die unvermeidliche Frage an ihn richtete.

 

»Nein, nein. Ich esse heute abend außerhalb.« Und dann, mit der Hand auf der Klinke der offenen Tür, fiel ihm etwas ein. »Auf meinem Schreibtisch liegt Geld, nehmen Sie die Hälfte für sich und die Hälfte für die Köchin – von der nächsten Woche ab habe ich Sie beide nicht mehr nötig.«

 

Wie erstarrt blickte der Mann hinter ihm her.

 

Warum und wie er schließlich nach dem Embankment gekommen war, konnte er niemals sagen; es schien ganz selbstverständlich für ihn gewesen zu sein. Er dachte nicht an Selbstmord, hatte nicht die geringste Absicht, auf diesem Wege Vergessenheit zu finden. Langsam ging er an dem Gitter entlang, blieb vor Scotland Yard stehen und betrachtete gleichgültig das große, graue Gebäude. Der dicke Detektiv war doch dort, der Spatz … der Spatz, der schon manches Unrecht gutgemacht hatte, würde wohl kaum das Problem lösen können, das Luke Maddisons Gehirn quälte. Die Kinder der Armen … er lächelte bitter. Er gehörte jetzt auch zu den Kindern der Armen, stand jetzt auch unter dem Schutze des dicken Mannes. Beschützt die Kinder der Armen und bestraft die Übeltäter! Wer hatte hier unrecht getan? Margaret? Er versuchte, sie anzuklagen, sie zu hassen … Er schüttelte den Kopf und ging langsam nach Blackfriars zurück.

 

Gegenüber der Tempelstation blieb er von neuem stehen. Dort lief doch eine schmale Straße nach dem Strand hinauf – war es nicht Norfolk Street? Sein Anwalt wohnte dort. Warum nicht hinaufgehen und ihm erzählen, was vorgefallen war? Das wäre doch das einzig Vernünftige. Aber dann fiel es Luke Maddison ein, daß er ja nicht vernünftig war. Er war das verrückteste Wesen in der verrücktesten aller Welten. Er ging weiter in der Richtung nach Blackfriars und blieb an einer der Haltestellen der Straßenbahn stehen. Eine lange Reihe von Menschen wartete auf die Wagen, die leer ankamen und dann überfüllt das Embankment entlangrollten. Vielleicht Männer mit ihren Frauen, vielleicht junge Leute, auf dem Wege zu einem zärtlichen Stelldichein, vielleicht junge Mädchen, die Vertrauen zu irgendeinem Mann hatten und bereit waren, jedes Opfer für den Mann ihres Herzens zu bringen. Für Luke Maddison erschien jeder Wagen, der davonfuhr, voll von glücklichen Menschen, die ihr schweres Tagewerk hinter sich hatten, Erholung und Vergnügen des Abends vor sich. Alte Leute, junge Männer, junge Mädchen, so nett und sauber in ihrer einfachen Kleidung, Arbeiter mit der Pfeife zwischen den Zähnen, eine Zeitung unter dem Arm, bebrillte Studenten … wie hypnotisiert starrte er auf die großen erleuchteten Straßenbahnen. Er beobachtete Männer und Frauen, versuchte durch die Glasscheiben hindurch sich ein Bild von ihrem Beruf, ihrem Stand zu machen. Er lehnte mit dem Rücken gegen das Gitter und hatte beide Ellbogen aufgestützt.

 

»Warten Sie auf jemand?«

 

Die Stimme war voller Autorität, klang aber freundlich. Er blickte auf und begegnete dem forschenden Blick eines Schutzmannes. Die Polizei liebt es nicht, Leute am Ufer des Stromes zu sehen, eine Hand auf dem Gitter, der rauschende schwarze Fluß tief unten – vor allen Dingen nicht Leute mit schneeweißem Gesicht und verzerrten Zügen, aus deren Augen Verzweiflung starrt.

 

»N–nein«, stammelte Luke, »ich – ich sehe mir das nur an.« Der Schutzmann betrachtete ihn neugierig, als ob er versuchte, sich an sein Gesicht zu erinnern.

 

»Ich muß Sie schon mal gesehen haben, stimmt’s nicht?«

 

»Schon möglich«, erwiderte Luke und drehte sich schroff um. Er lief in der großen Masse, die ihren verschiedenen Heimen zuflutete, über die Blackfriars-Brücke. Es war dunkel und kalt, und er zog den Mantel an, den er bis jetzt über dem Arm getragen hatte. Später erinnerte er sich, in jener Gegend ein kleines Café betreten zu haben, in dem es nach ranzigem Fett roch.

 

Gegen elf Uhr begann es zu regnen, ein feiner, aber durchdringender Regen, der bald seinen leichten Überzieher durchnäßt hatte. Ziellos wanderte er durch die York Road in der Richtung nach Westminster. Vor ihm schlich ein Mann entlang, zusammengesunken, die Hände in den Taschen und den Kragen hochgeschlagen. Luke trug Schuhe mit Gummisohlen und war schon neben dem Manne, bevor sich dieser seiner Gegenwart bewußt war. Er sah, wie der nächtliche Wanderer mit einem unterdrückten Fluch zur Seite sprang, sich nach vorn beugte, als ob er rennen wollte, bis schließlich etwas in Lukes Gesicht und Erscheinung ihn zögern ließ.

 

»Hallo!« sagte er heiser. »Dachte schon, Sie wären ein Greifer.« Luke erkannte ihn.

 

»Sie sind doch Lewing?«

 

Der Mann starrte ihm ins Gesicht.

 

»Allmächtiger, ist das nicht Mr…. wie heißen Sie doch gleich? … ach so, Maddison! Was machen Sie denn hier? Sie hätten zu mir nach Hause kommen sollen. An der Tooley-Street, das hier ist nicht mein Strich.«

 

Unruhig blickte er rechts und links um sich.

 

»Sie dachten, ich wäre ein Detektiv?«

 

Die dünnen Lippen des Mannes zuckten.

 

»Das habe ich gesagt, aber eigentlich dachte ich, Sie wären einer von Connors Bande; die haben mich heute nacht aus Rotherhithe verjagt … haben gesagt, ich schnüffelte ihnen nach; darum bin ich ja jetzt hier. Connors Leute glauben immer, daß man ihnen nachgeschnüffelt hat, wenn einer von der Bande gefaßt wird.«

 

»Schnüffeln? Sie meinen spionieren?«

 

»Sie der Polizei verraten«, erklärte Mr. Lewing. »Connors Bruder ist letzte Nacht gefaßt worden, und in der Tooley-Street hat man gesagt, daß ich dahinter stecke.«

 

Luke begann allmählich zu begreifen.

 

»Kommen Sie hier lang.« Die klauenähnlichen Hände Lewings packten ihn und zerrten ihn in eine enge, schlecht beleuchtete Straße hinein.

 

»Ich bin heute abend nervös«, sagte er und sprach damit die Wahrheit, denn seine Stimme zitterte heftig. »Sie sind doch ein Kavalier, Mr. Maddison. Sie würden doch einem armen Kerl aus der Klemme helfen. Sie wissen doch, wie Connor ist … ein Messerstich für ’n Penny … erledigen nennt er das … er ist Amerikaner; er ist wenigstens in Sing Song gewesen … ach nee, Sing Sing! Ist ja egal, ’s ist auf jeden Fall ’n Kittchen. Ein paar Pfund würden mir ‚raus aus London helfen.«

 

»Ich habe kein Geld bei mir«, antwortete Luke. Er war schon seines Begleiters müde geworden, und nur seine augenblickliche Verfassung war der Grund, daß er sich in diese schmutzige, kleine Straße hatte ziehen lassen.

 

»Kann ich nicht morgen früh in ihr Büro kommen?« Lewings Stimme verriet deutlich seine Angst, und dann, als er sich erinnerte: »Die zehn Pfund habe ich übrigens dem Gunner gegeben und –«

 

»Dem Gunner haben Sie nichts gegeben«, sagte Luke kalt. »Mr. Bird hat mir alles Nötige von Ihnen erzählt.«

 

Ein verlegenes Schweigen.

 

»Auf jeden Fall möchte ich gerne, daß Sie bei mir bleiben, Sir«, begann der Mann von neuem. »Ich habe Sie einen Greifer genannt, und Sie sehen wirklich aus wie einer. Wenn einer von den Connor-Leuten mich zusammen mit einem Greifer steht, werden sie –«

 

Sie waren gerade in eine vielleicht noch engere Straße eingebogen, als Lewing plötzlich stehenblieb. Vier dunkle Schatten, zwei auf dem Bürgersteig, zwei auf dem Damm, standen ihnen gegenüber. Luke betrachtete sie neugierig. Alle hatten sie ihre Mützen tief in die Augen gezogen, jeder Mann hatte beide Hände in den Taschen.

 

»Hör mal, was soll das bedeuten, Joe?« Lewings Stimme klang weinerlich. »Der Herr hier bringt mich nach –«

 

Der Anführer der vier lachte roh.

 

»Du scheinst wahrhaftig einen Greifer nötig zu haben, stimmt’s nicht?« sagte er. »Du bist noch nicht mal zufrieden, daß du uns Connors nachschnüffelst, sondern mußt sogar noch Scotland Yard an deinem Arm mit herumschleppen. Das ist für dich, Lewing!«

 

Für Luke hatte es nur den Anschein, als ob der Mann mit diesen Worten ein wenig näher an Lewing herangetreten war. Lewing hustete und fiel schwankend gegen Luke…

 

»Und jetzt den Greifer«, sagte eine schnarrende Stimme.

 

Luke warf sich zurück, aber nicht rechtzeitig genug. Er sah etwas aufblitzen, fühlte etwas, wie ein heißes Eisen seine Brust berühren; dann überkam ihn eine eigenartige Schwäche, er lehnte sich mit dem Rücken an die Mauer und sank langsam in sich zusammen … Sein letzter bewußter Eindruck war das Geräusch von laufenden Füßen, vier schwarze Schatten tauchten in noch größerer Dunkelheit unter. Er blieb allein zurück, sein Blut verbreitete sich langsam auf dem Bürgersteig, seine leeren Augen starrten auf das flackernde Licht der Straßenlaternen.

 

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Kein Mensch liebte es weniger, seine Zeit und Kraft zu vergeuden, als Gunner Haynes. Er war überzeugt, daß Connor den Bankier in die Hände bekommen hatte, aber er irrte sich, als er Danty Morell mit der Entführung in Verbindung brachte.


Er wollte Connor aufsuchen, aber er erfuhr, daß er die Stadt verlassen hätte. Er versuchte nicht, eine Unterredung mit Danty Morell herbeizuführen, ging aber nach der Half Moon Street und beobachtete das Haus, bis er zuerst Danty und dann Pi Coles herauskommen sah. An Dantys Wohnung zu gelangen, war sehr einfach – eine Schlüsselform, ein Abdruck und eine Stunde in Green Park mit dem Feilen des weichen Metalls verbracht verschafften ihm den Eintritt.


Der Gedanke, daß Danty zurückkommen könnte, störte ihn nicht. Sein Haß gegen Morell war in gewissem Sinne unlogisch. Sie waren doch einstmals Freunde gewesen, hatten zusammen gearbeitet, und dann hatte er ihn aus den Augen verloren, die Genossenschaft hatte sich aufgelöst. Gunner Haynes hatte seine leichtfertige, kleine Frau geliebt, und als sie verschwand und nichts weiter als die Erinnerung blieb, war ein bedeutendes Stück seines Lebens verloren. Er mochte Danty in Verdacht haben, die Ursache seines Unglücks zu sein, aber er hatte keinen Beweis.


Danty hatte gesagt, daß die junge Frau verschwunden wäre, und daß er ebensowenig wie ihr Mann wüßte, wohin. Dennoch verstärkte sich der Verdacht in Gunner Haynes beinahe zur Gewißheit. Er war jedoch ein zu gerecht denkender Mann; solange der Beweis fehlte, würde Danty nichts geschehen.


Er unterzog die beiden Zimmer einer schnellen, aber genauen Untersuchung. Es gab Briefe durchzusehen, Taschenbücher zu untersuchen, Schubfächer zu öffnen und zu durchstöbern, aber nirgends fand er den geringsten Aufschluß über den Ort, wo Luke Madison gefangen saß. Er fand dm Zettel, auf den Connor die Adresse Lukes gekritzelt hatte, aber sonst nichts. Es blieb nur noch der Geldschrank, der nur ein einfacher Stahlschrank mit Sicherheitsschloß war – von der Art, wie sie in so vielen Geschäften zu finden ist. Diesen aufzumachen, war das Werk von fünf Minuten.


Er enthielt vier Fächer, und jedes war gefüllt mit Briefen, Rechnungen und all den Andenken, die Danty gesammelt hatte und die unordentlich durcheinander lagen. Im dritten Fach fand er einen Kasten, dessen Schloß er erbrach. Papiere, Briefe, ganze Bündel Briefe, die mit Schuhbändern, mit Bindfaden zusammengebunden waren – romantisch war Danty nicht.


Das erste Bündel interessierte ihn nicht, aber sein Gesicht wurde fahl, als er eine bekannte Handschrift in dem zweiten sah. Er trug den Kasten ins Speisezimmer, setzte sich an den Tisch und las drei von den Briefen, überflog die anderen, und dann band er sie langsam und behutsam wieder zusammen und legte sie in den Kasten zurück. Während er das tat, fiel sein Blick auf einen Zettel, der dieselbe Form und Größe hatte wie Rex Leferres letzte Botschaft. Er nahm ihn auf … Ja, es war die gleiche Handschrift! Doch die Worte waren unverständlich, sie lauteten:


»Danty Morell Der Mann ist ein ganz gemeiner Schwindler Ich bin vor ihm gewarnt worden von«


Wie war doch der Wortlaut auf den beiden kleinen Streifen Papier, die ihm Margaret gezeigt hatte? Sein ausgezeichnetes Gedächtnis ließ ihn nicht im Stich:


»Margaret, mein Liebling, ich bin verloren. Monatelang habe ich spekuliert und heute einen verzweifelten Schritt gewagt auf den Rat von«


und das andere Blatt:


»Luke Maddison. Er hat mich ruiniert – Geld ist sein Gott Ich bitte Dich um alles in der Welt, trau ihm nicht. Er hat mich von einer Torheit in die andere getrieben.

Gott segne Dich.                            Rex.«


Und blitzschnell wurde ihm alles klar. Danty hatte sofort gesehen, daß der erste und dritte der kleinen Zettelchen eine vollkommene Botschaft ergaben, die Luke Maddison für immer bei Margaret unmöglich machen würde; den zweiten hatte er in seine Tasche gesteckt. Man sah, daß er zusammengeknüllt worden war.


Las man die drei Zettel des kleinen Notizblocks, die die letzten Worte des bedauernswerten jungen Mannes trugen, in der richtigen Reihenfolge, so hatte man die furchtbare Anklage gegen Dankon Morell:


»Margaret, mein Liebling, ich bin verloren. Monatelang habe ich spekuliert und heute einen verzweifelten Schritt gewagt auf den Rat von


Danty Morell Der Mann ist ein ganz gemeiner Schwindler Ich bin vor ihm gewarnt worden von


Luke Maddison. Er hat mich ruiniert – Geld ist sein Gott. Ich bitte Dich um alles in der Welt traue ihm nicht. Er hat mich von einer Torheit in die andere getrieben. Gott segne Dich. Rex.«


Es dauerte eine geraume Zeit, bis der sonst so kaltblütige Mann seine Ruhe wiederfand. Sein Kopf war vom Lesen der Briefe wie benommen; Haß und Abscheu hatten ihn fast sinnlos gemacht. Mechanisch steckte er den bedeutungsvollen Zettel in sein Taschenbuch. Die Briefe seiner Frau mußten verbrannt werden. Er öffnete den Kasten noch einmal, nahm sie heraus und warf sie in das Kaminfeuer. Sah die Flammen aufflackern, sah die Briefe langsam zu Asche werden. Dann stellte er den Kasten in den Schrank zurück und verschloß diesen.


Für den Augenblick waren Luke Maddison und dessen Sicherheit für ihn nebensächliche Dinge. Danty war die Hauptsache! Die Qual und der jämmerliche Hilferuf in jenen Briefen! Gunner Haynes erblickte sein Gesicht im Spiegel über dem Kamin und war entsetzt. Er war plötzlich alt geworden.


Danty kam nicht – er war froh darüber. Er schaltete das Licht aus, schloß die Tür hinter sich und ging hinunter. Als er gerade die Straße überschritten hatte, fuhr ein Wagen vor dem Hause vor, und ein Mann stieg heraus. Es war Danty.


Gunner beobachtete ihn, machte aber keine Anstalten, ihn aufzuhalten. Das würde später kommen – die große Abrechnung.


Wie ein Träumender schlenderte er die Straße entlang und hörte zweimal seinen Namen, ehe er sich umdrehte und in Mary Bolfords hübsches Gesicht blickte.


»Ich wußte erst nicht genau, ob Sie es wären, und dann dachte ich, Sie heckten vielleicht neue ruchlose Pläne aus … aber das ist hoch nicht so?«


Der Gunner atmete tief auf.


»Um die Wahrheit zu sagen, Miß Bolford, das habe ich wirklich getan«, sagte er höflich. »Leider hatte ich in der vergangenen Woche nicht das Glück, Sie treffen zu können.« Sie schüttelte den Kopf.


»Ich war sehr beschäftigt, ich habe eine Anstellung bei einer australischen Zeitung angenommen und verlasse London in der nächsten Woche.«


Ihr Ton war munter, aber er konnte einen Klang in ihrer Stimme entdecken, der für ihn schmeichelhaft war.


»So?! Na, ich habe Ihnen Stoff genug zum Schreiben gegeben, denke ich.«


Sie seufzte. »Ja …« Und nach einer kleinen Pause: »Ich werde Sie sehr vermissen. Ich glaube, wenn ich das Mr. Bird erzählte, würde er sich ärgern.«


»Wütend!« sagte Gunner mit einem leisen Lächeln, das den schmerzlichen Ausdruck, den sie in seinen Augen bemerkt hatte, verwischte.


»Sie werden wohl nie nach Australien kommen? – Ich gehe auf sieben Jahre hin.«


»Mit welchem Schiffe reisen Sie?« fragte er, und als sie ihm geantwortet hatte: »Es gibt noch ein anderes, ungefähr eine Woche später. Fahren Sie von London ab?«


Sie nickte.


»Ich sollte erst in Neapel an Bord gehen – wir legen da an; aber ich habe die Seereise nötig. Ich hab’s ein bißchen mit der Lunge zu tun, nicht schlimm. Darum habe ich die Arbeit in Australien angenommen.«


Sie tranken zusammen Kaffee, und in diesen flüchtigen Minuten dachte er weder an Luke Maddison noch an Danty oder an die Briefe, die zu Asche geworden waren. Als sie sich gegen elf Uhr trennen wollten, sagte er:


»Wenn ich meine Angelegenheiten hier erledigen kann, könnte ich Ihr Schiff in Neapel erreichen.« O


Sie sah ihn sehr ernst an.


»Meinen Sie das wirklich?« sagte sie. »Und ist Australien der Platz für Ihre nächste – – –« Sie suchte nach einem Wort, aber er kam ihr zuvor.


»Ich bin im Begriff, eines der seltensten Wunder zu werden: Ein gebesserter – Gauner!«


Sie schwieg.


»Könnte Ihnen jemand dabei helfen?« fragte sie, und Haynes nickte.


Er sprach nicht aus, was in seinen und ihren Gedanken war, aber sie verstand. Dann schenkte er ihr zum ersten Male sein Vertrauen, und sie lauschte mit großen Augen und voller Staunen auf die wahre Geschichte von Luke Maddison.


»Ich habe den ganzen Tag nach ihm gesucht und habe nicht den kleinsten Anhaltspunkt gefunden.«


»Er ist doch nicht tot?«


Haynes schüttelte den Kopf.


»Das ist unwahrscheinlich«, sagte er. »Das Schlimme ist, daß die Polizei nicht benachrichtigt werden darf – ich denke, die Presse lieber auch nicht«, er lächelte, »aber die Dinge liegen jetzt anders, nicht wahr?«


»Haben Sie den Zettel, den Sie in Morells Wohnung gefunden haben?« (Er hatte bei seiner Erzählung nichts ausgelassen.)


Er reichte ihn ihr über den Tisch. Sie las und nickte.


»Was stand auf dem anderen?«


Er wiederholte die ganze Botschaft fast Wort für Wort.


»Ich habe Rex gesehen – ich weiß tatsächlich eine ganze Menge von ihm«, sagte sie. »Mr. Bird vertraute mir und erzählte mir von dem Betrug. Ich hätte ihm auch vieles mitteilen können, denn ich stand am Eingang der Bank, gerade an dem Tage, als der gefälschte Scheck bezahlt wurde. An dem Tage gab mir Mr. Maddison hundert Pfund – ich habe sie noch.«


Sie sprachen noch vom Spatz, als sie das Restaurant verließen, und an der Ecke der Bury Street trafen sie ihn selbst. Er blickte mißbilligend auf Gunner Haynes und mit finsteren Augen auf das Mädchen.


»Eine neue Verbrechergeschichte? Was treiben Sie, Gunner? Sind Sie Zeuge vor einer auserlesenen Kommission?« fragte er höhnisch.


Gunner Haynes kicherte. Kürzlich hatte sich ein Polizeiskandal ereignet; jemand war eingesteckt worden, der nichts verbrochen hatte; die unvermeidliche Kritik der Zeitungen über das Verhalten der Polizei war die Folge gewesen.


»Wir sind heutzutage gezwungen, so vorsichtig vorzugehen, daß ich selbst nicht mal einen Mann, der seiner Frau die Gurgel durchschneidet, verhaften würde, ohne Untersuchung anzustellen«, sagte der Spatz. »Ich will Ihnen erzählen, wie schlimm das geworden ist. Gerade hat man einen Landstreicher aus einer Polizeistation herausgelassen, der wegen Bettelns verhaftet wurde; es war aber nur ein Zeuge da – ein Polizist! Darum ließen sie ihn laufen. Wenn wir dahin kommen, daß wir auf die Gefühle eines Landstreichers Rücksicht nehmen müssen, dann kann man ebensogut Scotland Yard in ein Heim für verlaufene Hunde umwandeln. Ich nehme den Landstreicher als Beispiel, weil ich gerade auf das Revier kam, als man ihn ‚rausgesetzt hatte. Ich glaube, in ganz London geht’s so zu. Sie gehen nach Australien, hörte ich, Miß Bolford?«


Seine scharfen Augen durchforschten das Gesicht des Gunners.


»Sie doch nicht auch, Gunner? Sie werden die Plauderstündchen am Teetisch vermissen, nicht wahr?«


Mary Bolford wurde rot. Sie hatte sich nicht träumen lassen, daß jene unregelmäßigen und harmlosen Zusammenkünfte mit Gunner Haynes von dem dicken Mann bemerkt worden waren.


»Sie beide müssen gewarnt werden«, sagte der Spatz gelassen, »und ich warne Sie! Es gab noch nie einen Gauner, der jemals etwas anderes sein konnte als ein Gauner. Es war noch niemals ein Mädchen, das einen Mann heiratete, um ihn zu bessern, das nicht schließlich mit einem besseren davonging.«


»Sie sind heute abend prophetischer Laune, Mr. Bird«, sagte der Gunner kühl. »Sagen Sie uns doch, wer wird das Derby gewinnen?«


Der Spatz brummte und ging mit kurzem Nicken davon. Haynes und das junge Mädchen gingen Piccadilly entlang, bis in die Nähe des Zirkus, und hier trennten sie sich.


Während sie noch zögerten, ihre Hand in der seinen, sagte er:


»Sie haben heute abend einem Manne das Leben gerettet, Mary«, und klugerweise fragte sie ihn nichts weiter.


Kapitel 32

 

32

 

Margaret liebte, und diese Erkenntnis hatte sich ihr so plötzlich aufgedrängt, daß sie sich wie betäubt fühlte. Wie vollständig hatten sich ihre Gefühle dem Mann gegenüber geändert, mit dem sie als Kind gespielt hatte, den sie als junges Mädchen gern sah, dem sie schließlich in einer Art stiller Neigung zugetan war. Der Aufruhr der Gefühle, den der Tod ihres Bruders in ihr entfachte, hatte alles getötet, alles hinweggefegt und nur bitteren Haß zurückgelassen.

 

Und jetzt liebte Margaret – liebte zum erstenmal in ihrem Leben – nicht mit den unklaren Gefühlen des jungen Mädchens, nein, mit der Erkenntnis der Frau, mit dem vollen Bewußtsein ihrer Rechte, ihrer Pflichten. Sie konnte es sich nicht erlauben, ihre Zeit mit Reue über die unverständlichen Torheiten und bösen Irrungen der Vergangenheit zu verbringen. Ihre Tage waren ausgefüllt mit Plänen, immer neuen Plänen, wie sie ihrem Mann aus dem Sumpf heraushelfen konnte, in dem er verzweifelt kämpfte.

 

Kein Lebenszeichen von Gunner Haynes. Bis zwei Uhr morgens hatte sie in ihrem Schlafzimmer gesessen und vergeblich auf das Läuten des Telephons gewartet, das ihr Nachrichten bringen sollte. Auch am nächsten Tage nichts! Als Danty bei ihr vorsprach, war sie ausgegangen. Sie brauchte ihr Scheckbuch nicht, und der Diebstahl der Scheine blieb unentdeckt.

 

Der nächste Morgen brachte ihr den Spatz – er kam in amtlicher Eigenschaft.

 

»Haben Sie Anweisung gegeben, daß kein Scheck von Ihrem Mann, der über mehr als tausend Pfund lautet, ausgezahlt wird?«

 

Sie nickte.

 

»Ein junger Mensch hat heute morgen einen über zweitausend Pfund vorgelegt. Dummerweise hat Mr. Steele unterlassen, mich sofort zu benachrichtigen, und als ich endlich ankam, war der Vogel schon davongeflogen.«

 

»War es denn Lukes Handschrift?« fragte sie eifrig. »Wo ist er denn?«

 

Der Spatz konnte ihr keine Auskunft geben.

 

»Ich denke, er ist im Ausland? – Ist es eigentlich eine Gewohnheit Ihres Mannes, andere Leute nach der Bank zu schicken und Geld für sich einkassieren zu lassen? – Kommt mir etwas sonderbar vor!«

 

»Das Geld ist doch nicht ausgezahlt worden?«

 

»Nein – Steele sagte, wenn es eintausend Pfund gewesen wären, hätte er gezahlt.«

 

Sie verhielt sich mit Absicht ausweichend, rief aber, als der Detektiv gegangen war, Steele an. Er hatte wenig hinzuzufügen.

 

»Der Mann, der den Scheck brachte, machte einen ganz anständigen Eindruck.«

 

»Aber haben Sie ihn denn nicht gefragt, von wem er den Scheck erhalten hätte? Aber, Mr. Steele, Sie haben ihn doch nicht so ohne weiteres gehen lassen?«

 

»Warum denn nicht? – Nach dem, was Sie mir gesagt hatten, nahm ich an, Sie erwarteten, Ihr Mann würde verschiedene Schecks einsenden.«

 

Margaret hatte bisher nicht gewußt, wie begriffsstutzig dieser alte Mann manchmal sein konnte.

 

Als das Gespräch beendet war, setzte sie sich hin, um in Ruhe nachzudenken. Luke war in seine Wohnung eingedrungen, um sich Paß und Kleider zu holen. Der Paß war jetzt in Gunners Besitz; sie mußte zunächst dafür sorgen, daß er einen Anzug fand, falls er unerwartet kommen sollte. Sie fuhr nach seiner Wohnung, traf eine sorgfältige Auswahl und packte die nötigen Toilettengegenstände zusammen, vergaß nicht einmal Rasierzeug und ließ alles in ihren Wagen bringen. Es war das erstemal, daß sie eine solche frauliche Pflicht erfüllte, und diese Arbeit erweckte ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit Luke in ihr, das sie bisher nicht kennengelernt hatte, das ihr aber auch die ständige Sorge und Angst um das Geschick ihres Mannes schärfer und schmerzhafter zum Bewußtsein brachte.

 

Wenn sie wüßte, wo Gunner Haynes zu erreichen wäre, würde sie ihn aufsuchen, würde sogar Danty Morell willkommen heißen. Sein Besuch fiel ihr ein, als sie sich an ihren Schreibtisch setzte, um Schecks für den Haushalt auszuschreiben. Versehentlich nahm sie das unrichtige Scheckbuch heraus und bemerkte sofort, daß einige Blätter fehlten. Sie ließ sich mit der Bank verbinden und erfuhr, daß der vorgelegte Scheck einer von diesen war. Danton Morell war also auch dabei beteiligt!

 

Ihr erster Gedanke war, nach Inspektor Bird zu schicken. Aber die Polizei durfte um keinen Preis hinzugezogen werden. Sie suchte die Nummer Dantons im Telephonbuche, doch als sie schon im Begriff war, bei ihm anzuklingeln, entschloß sie sich plötzlich, ihn selbst aufzusuchen.

 

Sie wartete nicht auf ihren Wagen, sondern ließ ein Taxi holen, gab ihrem Diener gewisse, sehr bestimmte Anweisungen und fuhr nach der Half Moon Street. Pi Coles, der ihr die Tür öffnete, starrte diese unerwartete Erscheinung voller Verwunderung an.

 

»Kommen Sie herein, Miß«, sagte er verlegen, »der Herr ist drinnen.«

 

Danton hörte ihre Stimme und kam ihr auf dem Vorplatz entgegen.

 

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen, Margaret«, sagte er. »Ist etwas vorgefallen?«

 

Sie antwortete erst, als sie im Zimmer war.

 

»Bevor ich Ihnen sage, warum ich komme«, begann sie, »halte ich es für angebracht, Ihnen mitzuteilen, daß mein Diener, falls ich nicht in drei Viertelstunden zurück sein sollte, Mr. Bild anrufen und ihm mitteilen wird, wohin ich gegangen bin.«

 

Er runzelte die Stirn.

 

»Was soll das heißen?« fragte er rauh. »Das ist ein sonderbares Benehmen – warum, zum Teufel, sollten Sie nicht in drei Viertelstunden zurück sein?«

 

»Wo sind die übrigen Schecks, die Sie aus meinem Scheckbuche gestohlen haben, als Sie gestern bei mir waren?« fragte sie.

 

Sie sah, wie sein Gesicht rot wurde.

 

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, sagte er laut. »Ich soll Schecks gestohlen haben? Was für Unsinn reden Sie da?«

 

»Sie kamen in mein Haus, und Sie waren lange genug in meinem Wohnzimmer, um zehn Schecks zu entwenden. Einer davon ist heute in der Bank vorgelegt worden, auf Lukes Namen ausgestellt und von ihm unterzeichnet. Nach meiner Anordnung wurde er nicht ausbezahlt.«

 

Aus seinem Gesicht wich die Farbe.

 

»Nicht ausbezahlt …« stammelte er, und seine Bestürzung verriet seine Mitschuld.

 

»Die Schecks haben weniger Interesse für mich als mein Mann«, sagte sie ruhig. »Wo ist er?«

 

Er bemühte sich vergeblich, seine Selbstbeherrschung zurückzugewinnen und zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Wirklich, meine liebe Margaret …« begann er.

 

»Sie werden mich mit Mrs. Maddison anreden, wenn Sie mir etwas zu sagen haben«, sagte sie. »Ich wünsche, daß Sie die Schecks zurückgeben, und ich will auch, daß Sie mir genau sagen, wo Luke ist.«

 

»Soviel ich weiß, ist er bei einem entlassenen Sträfling namens Haynes«, antwortete er grob, und zu seinem Erstaunen nickte sie.

 

»Ich glaubte das auch und ging hin, um mit ihm zu sprechen – aber er war fort. Mr. Haynes schien darüber überrascht zu sein, und jetzt weiß ich, daß Luke nicht freiwillig fortging. Dann dachte ich noch, er wäre seiner Wege gegangen, um von Mr. Haynes loszukommen. Aber der Scheck sagt viel. Wo ist Luke?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß es nicht.«

 

»Dann werde ich das tun, was ich gern vermieden hätte«, sagte sie. »Ich gehe zur Polizei und werde Sie anklagen, die Blankoschecks gestohlen zu haben, und es dann Mr. Bird überlassen, ob er Sie mit Lukes Verschwinden in Zusammenhang bringen will oder nicht.«

 

Sie wendete sich zur Tür, aber er erfaßte ihren Arm.

 

»Um Gottes willen, Margaret, bedenken Sie, was Sie tun!«

 

Sie sah, er war in Unruhe; seine Stimme zitterte vor Angst und Schreck.

 

»Ich schwöre Ihnen, ich weiß nicht, wo Luke ist. Er war auf einem Flußschiffe, wo Connor ihn festhielt. Der Hund hat mir nicht gesagt, daß Maddison einen Scheck unterzeichnet hat, nur daß er in den Fluß sprang und entkommen oder ertrunken ist. Das ist die Wahrheit. Ich wußte nichts davon, bis Connor ihn gefunden hatte. Ich schwöre Ihnen, das ist die reine Wahrheit!«

 

»Wo ist Connor?« fragte sie.

 

»Ich weiß es nicht. Er war heute morgen hier und erzählte mir, daß es Luke gelungen war, auszureißen. Ich glaubte ihm nicht, wahrscheinlich hat er mich angelogen. Das ist alles, was ich weiß.«

 

Danty sah, sie war unentschlossen, und er suchte sie von ihrer Absicht abzubringen. Er zweifelte nicht, daß sie schließlich tun würde, was sie ihm angedroht hatte.

 

Sie wußte nicht, was sie tun sollte.

 

»Können Sie Haynes aufsuchen?«

 

»Haynes aufsuchen?« schrie er fast. »Bilden Sie sich vielleicht ein, daß ich mit dem Kerl zusammenkommen möchte! Er ist ein gefährlicher Mensch, Margaret – –«

 

»Mrs. Maddison«, sagte sie kalt.

 

»Er ist gefährlich – Sie sollten nichts mit ihm zu tun haben.«

 

Er versuchte nicht mehr, den Diebstahl der Schecks zu leugnen.

 

»Sie wissen also nicht, wo Mr. Maddison ist?«

 

»Nein, Mrs. Maddison –« er hatte ihre Zurechtweisung beherzigt – »ich habe keine Ahnung, Connor hat die ganze Nacht nach ihm gesucht.«

 

Als sie nach Hause kam, fand sie den Spatz vor der Tür auf sie warten. Sie wunderte sich über die große Handtasche, sagte aber kein Wort, auch nicht, als er in dem kleinen Arbeitszimmer den Inhalt der Tasche auf den Tisch legte. Sie erkannte die zerdrückten Sachen nicht.

 

»Diese Kleider wurden im Besitz eines Flußdiebes gefunden, der sie heut morgen verkaufen wollte«, erklärte der Spatz. »Der Mann wußte nicht, daß der Name Ihres Gatten in die innere Tasche eingenäht war.«

 

»Der Name meines Mannes?« wiederholte sie atemlos und erblaßte. »Wo hat er die Sachen her?«

 

»Das möchte ich auch gern wissen. Er hat uns erzählt, daß er gestern abend einen Mann, völlig durchnäßt, am Rande des Flusses auflas und ihn mit zu sich nach Haus nahm. Wir haben seitdem festgestellt, daß es sich trotz der in manchen Einzelheiten übereinstimmenden Beschreibung nicht um Mr. Maddison handeln kann, der ja doch, wie ich annehme, im Ausland ist.«

 

Klang nicht seine Stimme etwas sarkastisch? Sie glaubte, einen Unterton von Ironie mitschwingen zu hören … und antwortete klugerweise nicht.

 

»Der Mann sagte, die Kleider wären ihm geschenkt worden, aber das ist natürlich die übliche, abgedroschene Geschichte. Ich glaube, der Anzug ist gestohlen worden, während der Besitzer im Bett lag. Können Sie vielleicht eine Aufklärung darüber geben?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

Es war ein erbärmliches Geständnis, aber sie wußte, sie war nicht einmal imstande, einen alten Anzug ihres Mannes wiederzuerkennen. Es handelte sich um den Anzug, den er angezogen hatte, als er in seine Wohnung eingebrochen war.

 

»Kennen Sie ihn nicht wieder?«

 

Sie schüttelte hilflos den Kopf.

 

»Es kann auch nicht ein alter Anzug gewesen sein, den, Ihr Mann vielleicht weggegeben hat, denn das Lieferdatum stand unter Mr. Maddisons Namen. Der Anzug war kaum einen Monat alt.«

 

Er sah sie scharf an.

 

»Die Angelegenheit mit Ihrem Mann erscheint mir in vielen Dingen rätselhaft, und ich glaube, Mrs. Maddison, Sie sind in irgendwelche Schwierigkeiten geraten. Ich würde Ihnen gern helfen, wenn ich nur könnte.«

 

Sie wollte etwas sagen, aber er kam ihr zuvor.

 

»Erzählen Sie mir nichts, bevor Sie nicht gehört haben, was ich weiß. Vier, fünf verschiedene, ganz interessante Einzelheiten –« und er zählte sie an seinen Fingern ab – »Ich weiß, daß Ihr Mann am Tage nach der Trauung verschwand. Ich weiß, daß in seiner Wohnung eingebrochen wurde. Ich weiß, daß man in dem Einbrecher denselben Mann wiedererkannte, der am Nachmittag bei der Taffanny-Sache mitgeholfen hatte. Ich weiß, daß aus seiner Wohnung neben anderen Dingen sein Paß gestohlen wurde. Ich hatte später mit seinem Diener gesprochen, der mir erzählte, daß sich in einer Schublade des Schreibtisches ein Paß befunden hätte. Sollte es nun eine Möglichkeit geben – wissen Sie, das ist eine der phantastischen Theorien, mit denen die Schriftsteller mächtig viel Geld verdienen –, sollte es nun eine Möglichkeit geben, sagte ich mir, daß dieser Mann vielleicht Mr. Maddison ist, dann sind die einzigen Menschen, die ihm helfen können–wir von der Polizei. Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, daß er nicht der Mann ist, Taffanny zu berauben. Sollte es sich vielleicht um eine Art von … hm … Doppelgänger handeln, können wir Ihnen, glauben Sie mir das, Mrs. Maddison, mehr als nützlich sein.«

 

Sie schwieg. Mit bedauerndem Kopfschütteln verabschiedete sich der Detektiv; den Anzug nahm er wieder mit und – eine Überzeugung, die nicht mehr zu erschüttern war.

 

Ein merkwürdiger Zufall, daß er die zerdrückten Sachen in das Haus brachte, wo im Schlafzimmer ein sorgfältig gepackter Koffer stand, der für Luke einen anderen Anzug enthielt.

 

Sie überlegte unruhig, wo sie den Koffer möglichst leicht erreichbar und unauffällig unterbringen konnte, und entschied sich schließlich, ihn in der Handgepäckabgabe eines Bahnhofes abzugeben. Sobald man Lukes Aufenthalt entdeckt hätte, konnte man ihm den Schein zukommen lassen; sie wartete aber bis zum Einbruch der Dunkelheit, um ihren Plan zur Ausführung zu bringen.

 

Der Abend sah auch Danton Morell in großen Sorgen. Am Nachmittag, kurz nachdem ihn Margaret Maddison verlassen hatte, machte er eine Entdeckung, die ihn vor Angst fast von Sinnen brachte. Seine Macht über Margaret hatte er verloren; sie konnte jeden Augenblick zur Polizei gehen, und gerade jetzt war er ängstlich bemüht, seine Bekanntschaft mit Scotland Yard nicht zu erneuern. Es stand sehr schlecht mit ihm; er schuldete eine große Summe, die er am nächsten Tage in der City bezahlen mußte. Seine Lage war jetzt, wo auch noch die Möglichkeit hinzukam, mit der Polizei in Konflikt zu kommen, äußerst gefährlich.

 

Danton Morell war in vieler Hinsicht ein vorsichtiger Mann. So verschwenderisch er auch war, hatte er sich doch eine bedeutende Summe beiseite gelegt, die er trotz aller Versuchung nie angerührt hatte. Dies Geld, das in zwei, drei Banken unter falschem Namen in Depot gegeben war, hatte er am Morgen abgehoben. Er hatte nichts weiter zu tun, als seinen sorgfältig ausgearbeiteten Fluchtplan zur Ausführung zu bringen. In der Nähe Londons lag ein kleiner Flugplatz, auf dem dann und wann Schauflüge stattfanden, und Danty hatte in weiser Voraussicht die Gesellschaft finanziert, der die Flugzeuge gehörten. Er rief dort an und ließ sich eine Maschine reservieren, einen großen mehrsitzigen Eindecker, den die Gesellschaft kürzlich erworben hatte. Er gab die notwendigen Anweisungen für Tanken und sorgfältiges Überholen der Maschine. Sein erstes Ziel sollte die Schweiz sein. Danty hatte nicht die geringste Absicht, einen Begleiter mitzunehmen, aber es sollte sich herausstellen, daß er nicht der einzige angstgepeitschte Mann an jenem Tage in London war.

 

Danty suchte in aller Eile die Papiere heraus, deren Zurücklassen böse Folgen für ihn haben könnte, und richtete seine Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Kassette, die den gefährlichsten Teil seiner Korrespondenz enthielt. Das Schloß war aufgebrochen! Entsetzt riß er den Deckel auf, schüttelte den Inhalt auf den Tisch … Das Paket Briefe, das er wahnsinnig genug gewesen war aufzubewahren, war verschwunden! Und der kleine Zettel mit Rex‘ Worten gleichfalls.

 

Seine Hände zitterten derartig, daß er kaum die Papiere halten konnte, die er durchflog. Unnötig, sich den Kopf zu zerbrechen, wer wohl der Täter gewesen war, wer die Kassette aufgebrochen hatte! Der Gunner war in der Nachbarschaft gesehen worden. Pi Coles hakte es ihm erzählt. Der Gunner war es, der seine Wohnung durchsucht, der die Papiere entwendet hatte. Danty Morell sah den Tod mit grinsendem Gesicht vor seinen Augen, war wie gelähmt, unfähig, einen Gedanken zu fassen. Als an die Wohnungstür geklopft wurde, sprang er von seinem Stuhl auf, die zitternde Ruine eines Mannes, und wagte nicht zu öffnen.

 

Es klopfte von neuem, und er zwang sich zur Ruhe, ging zur Tür und fragte, wer da wäre. Als er Connors Stimme erkannte, hätte er vor Freude aufschreien können.

 

»Was ist los mit Ihnen?« fragte Connor, als sie im Zimmer waren.

 

»Ich habe einen verdammt unangenehmen Schreck gehabt und fühle mich nicht besonders wohl. Wissen Sie, daß man hinter den Blankoscheinen her ist?«

 

Auch Conny sah nicht übermäßig glücklich aus.

 

»Weiß schon. Ein Scheck, den ich nach der Bank geschickt habe, ist nicht ausbezahlt worden, und jetzt ist fast ganz Scotland Yard auf der Suche nach dem Boten. Sie wissen nämlich, wer es gewesen ist, und das ist das Schlimmste dabei. Sie sind da auch mit drin, Danty!«

 

»Wir beide, glaube ich«, knurrte der andere. »Ich mach‘ mich dünn heute abend!«

 

»Sie haben doch keine Möglichkeit, aus London ‚rauszukommen.« Connor lachte roh. »Wie wollen Sie’s denn machen?«

 

Es lag Danty auf der Zunge, ihm etwas vorzuschwindeln, aber gerade jetzt hakte er Connors Hilfe nötig. Connor scheute nicht davor zurück, in dringenden Fällen einen Revolver zu gebrauchen und – haßte Gunner Haynes.

 

»Mit Flugzeug von Elford«, sagte er. »Wir müssen uns beim Gunner bedanken. Er hat uns verpfiffen.«

 

»Er hat ja niemals was anderes gemacht«, sagte Connor, ohne sich weiter zu ereifern. »Wohin geht’s denn?«

 

»Schweiz«, war Dantys kurze Antwort.

 

»Paßt mir sehr gut!«

 

Connor blickte aus die Papiere, die auf dem Tisch lagen.

 

»Großes Reinemachen, was?« fragte er bedeutungsvoll. »Wieviel Geld haben Sie?«

 

Danty log. Wenn es sich um Geld handelte, brachte er es nicht fertig, die Wahrheit zu sagen.

 

Die Besprechung war von kurzer Dauer. Sie kamen überein, sich sofort auf den Weg nach dem Flugplatz zu machen und dort die letzten Vorbereitungen für ihre Reise zu treffen.

 

Die Fahrt durch die Vorstädte Londons wurde schweigend zurückgelegt. Von Zeit zu Zeit hob Danty die Gardine an dem kleinen Fenster in der Rückwand des gemieteten Autos und spähte auf die dunkle Straße hinaus.

 

»Was haben Sie denn?« knurrte Connor.

 

»Ein Wagen, ein Zweisitzer, ist hinter uns!«

 

»Ja, und?« fragte der andere ironisch. »Wollen Sie die Straße für sich allein haben?«

 

Als Danty einige Minuten später wieder hinausblickte, war der Wagen verschwunden.

 

Die Vorbereitungen für den nächtlichen Flug hatten nicht so schnell gemacht werden können. Man hatte sich erst jetzt mit dem Piloten, der auf Urlaub in Midland war, in Verbindung setzen können.

 

»Es ist gut, daß wir selbst hierhergekommen sind, sonst hätte die Sache vielleicht nicht geklappt«, sagte Connor, als sie zurückfuhren. »Wann, sagten Sie, wollen Sie wieder hier sein?«

 

»Gegen Mitternacht.«

 

»Wonach gucken Sie denn?« fragte Connor einige Minuten später. »Wieder der kleine Wagen?«

 

Er schob seinen Begleiter beiseite und sah selbst hinaus. »Ein Lastkraftwagen … hat der vielleicht was mit uns zu tun?«

 

Danty schwieg. Niemand konnte sich die Angst vorstellen, die ihn gepackt hielt. Hinter ihm schritt der grausige Schatten der Vergeltung, und in jedem Augenblick erwartete er, Gunner Haynes‘ Raubvogelgesicht in der Dunkelheit auftauchen zu sehen.

 

Er kehrte nicht mehr in seine Wohnung zurück. Ein telephonischer Anruf brachte Pi Coles mit einem Mantel und warmem Schal – das war sein einziges Gepäck – in den Park. Er lohnte ihn freigebig ab. Nichts war mehr zu tun, als die letzten Stunden zu verbringen, bevor er England für immer verließ.

 

Er rief noch einmal den Flugplatz an. Befriedigt hörte er, daß der Pilot eingetroffen sei. Gern hätte er den Stark einige Stunden früher festgesetzt, aber einmal mußte er sein Wort halten. Er wußte, Connor war ein gefährlicher Mann, und es war nicht im geringsten sein Wunsch, statt eines Feindes zwei hinter sich zu wissen.

 

Mehrere Male, als er durch die weniger belebten Straßen Pimlicos schlenderte, hatte er das Gefühl, als ob man ihm folgte; als er sich aber einmal in verzweifeltem Bravado umdrehte und einen Mann zur Rede stellte, der hinter ihm ging, handelte es sich nur um einen harmlosen Passanten, der versuchte, eine Hausnummer zu finden.

 

Er hatte noch etwas zu tun – Rache zu nehmen! In einer Teestube schrieb er ein Telegramm, erreichte auf einem weiten Umwege die Hauptpost und gab es auf. Die Adresse lautete: Inspektor Bird. Scotland Yard, und der Inhalt war:

 

»Der Mann, der am Taffanny-Einbruch beteiligt war, ist Luke Maddison. Er versucht, heute nacht aus London zu entkommen. Seine Frau und Gunner Haynes sind über sein Doppelleben informiert.«

 

Und er unterschrieb mit seinem vollen Namen.

 

Er wußte, das Telegramm würde trotz der späten Stunde ausgetragen werden. Jetzt machte er sich auf den Weg, um seinen Kumpan zu treffen, und fühlte sich zufriedener, als er es den ganzen Tag über gewesen war.

 

Kapitel 33

 

33

 

Es war beinah elf Uhr, als Margarets Wagen vorfuhr und Lukes Koffer hineingestellt wurde. Ihre Absicht war, nach dem entfernteren Ende der Villiers Street zu fahren und ihren Chauffeur mit dem Koffer nach der Gepäckaufbewahrungsstelle zu schicken. Im Strand hatte der Wagen Mühe, sich seinen Weg durch den lebhaften Verkehr – die Theater waren gerade zu Ende – zu bahnen und bog in die steile Straße hinein, die nach dem Embankment hinunterführt, als Margaret das Zeichen zum Halten gab.

 

Es regnete stark, nur wenige Fußgänger waren zu sehen, und diese beeilten sich, den Schutz der Untergrundstation zu erreichen. Sie versuchte die Tür zu offnen, um dem Chauffeur das Herausnehmen des Koffers zu erleichtern, als aus der Dunkelheit eine schäbige Gestalt auftauchte. Der Mann schien ihre Absicht erraten zu haben, denn er öffnete die Tür, bevor der Chauffeur von seinem Sitze steigen konnte.

 

»Danke bestens«, sagte Margaret und gab ihm das Geldstück, das sie schon für Ausgabe des Koffers bereit in der Hand hielt, und schaltete das Licht ein. Nur einen Augenblick blickte sie in das unrasierte Gesicht, auf das verkommene Äußere des Mannes.

 

»Luke!« stammelte sie kaum hörbar.

 

Er starrte sie an. Sprachlos vor Erstaunen, keiner Bewegung fähig.

 

»Luke!« sagte sie wieder.

 

Dann schreckte er zurück, aber ihre Hand schoß vorwärts, packte ihn am Rock.

 

»Steig ein, um’s Himmels willen!« stieß sie atemlos heraus und zog ihn hinein.

 

In diesem Augenblick erschien der Chauffeur an der Wagentür.

 

»Fahren Sie weiter. Der Herr ist – ein Bekannter von mir.«

 

Sie hoffte inständig, daß ihr Diener die Vogelscheuche an ihrer Seite nicht genau sehen könnte.

 

»Wohin, gnädige Frau?«

 

»Nach – nach Haus!«

 

Als der Chauffeur seinen Sitz wieder eingenommen hatte, erschien eine dritte Person aus der Bildfläche. Ein Mann kam in größter Eile die Straße hinuntergelaufen, griff nach der Türklinke und sprang auf das Trittbrett des fahrenden Wagens. Erst dachte sie, es wäre ein Schutzmann, dann aber erkannte sie im Schein einer Straßenlaterne das dunkle Gesicht Gunner Haynes‘.

 

»Machen Sie kein Aufsehen«, sagte er, als er sich in das Innere schwang und die Tür hinter sich schloß. »Ich bin schon von Haymarket hinter Ihnen her. Wer ist denn das?«

 

Er beugte sich vor, und sie hörte ihn leise durch die Zähne pfeifen.

 

»Ist das Mr. Maddison?«

 

»Ja, ich bin es.« Luke sprach zum ersten Male.

 

Seine Stimme klang erbarmenswert schwach. Am frühen Nachmittag war er aus dem Polizeirevier entlassen worden, seit dem Morgen hatte er nichts gegessen. Er machte keinen Versuch, ihnen seinen Zustand zu erklären, war so müde, so zerschlagen, daß ihm alles gleichgültig war. Die behaglichen, gepolsterten Sitze, das sanfte Wiegen des Autos … er schlief schon halb, bevor noch der Wagen das Embankment erreicht hatte.

 

»Schon gut. Wecken Sie ihn nicht auf«, sagte Gunner Haynes leise. »Er war heute morgen verhaftet worden; ich hab‘ das erst vor ein paar Stunden herausbekommen; einer meiner … Freunde hat’s mir erzählt. Dann haben sie ihn wieder freigelassen. Aber jetzt ist die ganze Polizei auf der Suche nach ihm. Jemand hat dem Spatz ein Telegramm geschickt – ich glaube unser Freund Danty. Wo wollen Sie ihn jetzt hinbringen?«

 

»Nach Haus!« sagte sie einfach.

 

Sie legte eine Decke um die zusammengesunkene Figur in der Ecke.

 

»Da wird schon ein Schutzmann vor der Tür warten. Nein, wir bringen ihn nach Elford. – Was ist denn das?«

 

Er stieß mit dem Fuß gegen den Koffer. Sie erzählte, was sie beabsichtigt hatte, und hörte ihn kichern.

 

»Sie müssen wirklich Gedankenleserin sein. Das ist gerade das, was er braucht. Heute nacht nicht mehr, aber morgen früh. Wir fahren jetzt nach Elford. Kennen Sie den Flugplatz da? Wir fahren vielleicht dreiviertel Stunden, und wenn wir Glück haben, fassen wir eine der größten Ratten, die jemals aus dem Themseschlamm gekrochen sind.«

 

Sie beugte sich aus dem Fenster und gab dem Chauffeur die nötigen Anweisungen.

 

»Könnten wir denn nicht direkt nach Dover fahren und an Bord eines Kanalbootes gehen?«

 

Der Gunner schüttelte den Kopf.

 

»Ausgeschlossen. Der Spatz ist ein netter Kerl, aber er würde, wenn’s nötig ist, seine eigene Mutter verhaften. Und wenn, wie ich annehme, unser Mr. Morell, oder wie er sich jetzt gerade nennt, ihn verpfiffen – ich meine, wenn er die Geschichte von Taffanny erzählt hat, dann ist jeder Zug, jedes Boot bewacht. Und übrigens fährt vor morgen früh kein Boot ab. Es gibt nur noch eine Möglichkeit: Mr. Maddison muß in Spanien auftauchen, wo er ja auch sein soll, wie behauptet wird. Ich glaube, das werden wir fertig bekommen, falls nicht Mr. Danty Morell uns zuvorkommt.«

 

Er beugte sich wieder vor.

 

»Was haben Sie denn an – einen Pelzmantel? Das ist gut. Den können Sie Ihrem Mann borgen. Es wird ziemlich verrückt aussehen, aber das macht nichts. In der Dunkelheit sieht man ihn ja kaum.«

 

»Was haben Sie vor?« fragte sie.

 

»Ich will einen Nachtflug machen, und er kommt mit«, war seine Antwort. »Was Sie tun müssen, Mrs. Maddison, ist sehr einfach. Sie fahren nach London zurück. Sie müssen ein bißchen lügen – hoffentlich wird Ihnen das nicht zu schwer – und morgen reisen Sie nach Spanien ab. Wenn ich ihn nicht dorthin bringen kann – habe ich ihn erst mal in Frankreich –, dann bin ich ein Dummkopf.«

 

Ein kurzes Schweigen, und dann sagte sie:

 

»Ich weiß noch etwas Besseres. Ich gehe mit ihm!«

 

Zu ihrer Überraschung widersetzte sich der Gunner diesem Vorschlage nicht.

 

»Vielleicht das Richtigste!« war alles, was er sagte.

 

Endlich erreichten sie eine dunkle, holprige Straße, und Haynes ließ den Wagen halten.

 

»Fahren Sie den Wagen unter die Bäume«, er wies in die Dunkelheit, »und schalten Sie alle Lampen aus.« Sie stiegen aus, der Wagen wurde mit Mühe an der Seite des Weges verborgen und der Motor abgestellt.

 

»Wir haben Glück«, sagte er zu der jungen Frau. »Danty ist ein vorsichtiger Mann, ich konnte darauf wetten; aber wir sind doch noch vor ihm hier. Da hinten kommt er.«

 

In der Richtung von London erschienen Lichter. Ein Motorwagen hielt einige hundert Meter von ihrem Standplatz entfernt an und drehte dann um.

 

»Sie gehen das letzte Ende lieber zu Fuß«, murmelte der Gunner in grimmiger Zufriedenheit. »Warten Sie hier.«

 

Er ging bis zu dem Eingang des kleinen Aerodroms und zog etwas aus der Tasche. Lange hatte er nicht zu warten: Danty und Connor kamen auf ihn zu.

 

»Sind Sie es, Higgins?« rief Danty. »Ist der Pilot da –«

 

»Sind alle da, mich eingeschlossen!« sagte der Gunner. »Mach keine Dummheiten, Connor! Du bist fein in der Schußlinie, mein Liebling, und ich habe einen Schalldämpfer an meinem Schießeisen. ›Puff!‹, das ist alles, was du hörst, und das kannst du dann deinen guten Freunden in der Hölle erzählen.«

 

Danty sagte kein Wort. Haynes konnte beinahe seine Zähne vor Angst klappern hören.

 

»Na und?« fragte Connor.

 

»Und? … Ein kleiner Spaziergang zurück nach der nächsten Ortschaft, falls ihr nicht intelligent genug gewesen seid, euren Wagen warten zu lassen. Wenn ihr klug seid, beeilt ihr euch – aber ich fürchte, ihr habt kein Glück mehr«, er sah das Schlußlicht des Autos hinter einer Krümmung des Weges verschwinden. »Die Polizei bewacht den Flugplatz hier, und ihr habt vielleicht noch eine ganz kleine Chance, davonzukommen.«

 

»Sie sind wirklich ein lieber Kerl! Und wie nett Sie uns helfen wollen!« spottete Connor. »Sie müssen uns wirklich für verdammt dämlich halten.«

 

»Schwatzt nicht, lauft lieber … aber schnell! Ich bin heut abend nicht in bester Laune. Leider habe ich versprochen, euch nicht umzubringen, aber es gehört nicht viel dazu, daß ich meine Meinung doch noch ändere.«

 

»Ist schon gut, Gunner. Wir gehen.« Danty hatte seine Stimme wiedergefunden, aber sie verriet die Angst in seinem Innern. »Kommen Sie, Connor. Der Gunner wird uns schon nicht –«

 

»Ich habe die Briefe gefunden, Danty«, sagte Haynes leise. »Du weißt doch, daß der Tod an deiner Seite steht? Ist dir das klar?«

 

Danty antwortete nichts, sondern packte den Arm seines Begleiters und zerrte ihn den Weg zurück. Nach ungefähr hundert Metern blieb Connor stehen:

 

»Wenn du denkst, daß ich mir das von dem Kerl bieten –«

 

»Laufen, aber schnell!« erklang eine Stimme hinter ihnen, und sie gehorchten.

 

Als er sich überzeugt hatte, daß sie sich wirklich auf den Weg gemacht hatten, eilte der Gunner nach dem Wagen zurück. Luke war wach; sie sprachen leise miteinander, er und seine junge Frau. Haynes hielt es für rücksichtsvoll, sie allein zu lassen und machte sich auf die Suche nach dem Flugzeugführer.

 

Die Maschine war startbereit. Zwei müde Mechaniker hatten gerade ihre Arbeit beendet, und der Flugzeugführer stand ungeduldig daneben. Gunner Haynes gab ihm seine Instruktionen, und da er seine Worte mit überzeugenden Argumenten begleitete, fand er einen willigen Zuhörer, der die knisternden Scheine schmunzelnd in der Tasche verschwinden ließ.

 

»Ich kann drei oder mehr Personen mitnehmen. Macht gar keine Schwierigkeiten. Ich habe den Nachtflug schon Hunderte von Malen gemacht.«

 

Befriedigt ging der Gunner nach dem Wagen zurück, wo er sich entschließen mußte, eine sehr vertraute Unterhaltung der beiden zu stören.

 

»Ich habe ein Stückchen Papier für Sie, Mrs. Maddison. Lesen Sie es, wenn es hell genug ist. Es betrifft den Tod Ihres Bruders – es tut mir leid, wenn ich alte Wunden aufreißen muß, aber ich meine; Sie müssen erfahren, daß der Mann, der ihn ins Verderben stürzte – Danton Morell war und –«

 

»Ich vermutete es«, sagte sie leise.

 

Es fiel immer noch ein seiner Regen, und die Wolken hingen tief, aber keiner der drei Passagiere empfand die leiseste Besorgnis, als der große Eindecker unter dem Gebrüll der Motoren durch die schweren Wolken strich, höher, immer höher, bis sie mit dem Mond in einem klaren Himmel über dem weißen Wolkenmeere schwammen.

 

*

 

Kaum eine Woche später speisten drei Menschen im Café Ritz in Madrid. Es war das Abschiedsessen für Gunner Haynes, der nach Neapel fuhr, um den Postdampfer nach Australien zu erreichen.

 

»Ich werde mich nicht eher richtig behaglich fühlen«, sagte er, »als bis ich im Barcelona-Expreß sitze. Ich habe schon manches erlebt, aber es ist das erstemal, daß ich als Dritter eine Hochzeitsreise mitmachen mußte.«

 

*

 

Ende

 

Kapitel 4

 

4

 

Luke sah einen Augenblick nachdenklich vor sich hin. »Warten Sie einen Augenblick, bitte.«

 

Er stand auf und öffnete die Tür, die nach dem Gang führte.

 

»Wegen dieses Schecks möchte ich noch einmal mit Ihnen sprechen, Mr. Morell«, sagte er.

 

»Warum nicht gleich jetzt?« Es war eine Herausforderung, deren Unaufrichtigkeit Luke Maddison deutlich fühlte.

 

»Mr. Bird kommt in einer ganz anderen Angelegenheit zu mir«, sagte er. »Zu gegebener Zeit werden wir beide über dies Thema mit Ihnen verhandeln.«

 

Er schloß die Tür hinter seinem Besucher, als der Spatz durch einen anderen Eingang sein Büro betrat. Mr. Bird kam schwerfällig hinein, und seine Blicke schweiften schnell durch das ganze Zimmer. Er schien enttäuscht zu sein – als ob er erwartet hätte, jemand zu finden, der nicht anwesend war.

 

»Hatten Sie nicht eben einen Besucher, Mr. Maddison? Ich glaubte doch, jemand hineingehen zu sehen, als ich draußen auf der Straße wartete.«

 

Luke nickte kurz.

 

»Mr. Danton Morell«, antwortete er. »Kennen Sie ihn?«

 

Der Spatz lächelte.

 

»Wie man den Bürgermeister kennt – von weitem. Ich bin ja nur ein ganz einfacher Mensch. Sie werden niemals finden, daß ich mich in die seine Gesellschaft dränge. Ich habe einen Gesellschaftsanzug, seit siebzehn Jahren denselben, und trage ihn zweimal im Jahre: einmal für das Diner der Polizeibeamten und das andere Mal, damit die Motten sich tüchtig erkälten.«

 

»Wissen Sie etwas Genaueres über ihn?«

 

Das breite Lächeln auf Mr. Birds Gesicht wurde noch breiter.

 

»Seinen Namen und Adresse – und das ist das, was jeder Schutzmann von jedem Menschen wissen will … Peinliche Sache, die Angelegenheit des jungen Leferre. Sie möchten doch nicht in diese verwickelt werden?«

 

Luke blickte ihn überrascht an. »Ich? Was zum Teufel soll ich denn damit zu tun haben?«

 

Mr. Bird hustete.

 

»Das ist nicht so einfach zu sagen«, begann er. »Ich hatte nämlich den Toten und dann auch das Zimmer durchsucht und habe drei Blankoschecks auf die Northern & Southern Bank gefunden – da haben Sie doch Ihr Privatdepot? – Und dann noch das –«

 

Er zog eine dicke, abgenutzte Brieftasche hervor, legte sie auf den Tisch und begann ihren Inhalt zu durchstöbern. Nach kurzer Zeit fand er, was er suchte – zwei zusammengefaltete Bogen Papier, augenscheinlich aus einem Schulheft herausgerissen. Er legte diese auf den Tisch, und Luke sah eine ganze Reihe von Unterschriften, eine unter der anderen, vor sich … Luke Maddison … Luke Maddison…

 

»Es sieht beinahe so aus, als ob Sie in Gedanken Ihren Namen gemalt hätten.« Die klugen Augen des Detektivs lagen fest auf dem jungen Bankier. »Aber trotzdem konnte ich mir eigentlich nicht denken, daß ein Geschäftsmann wie Sie etwas so Törichtes tun könnte. Entschuldigen Sie, bitte, die Bemerkung. Ich bin gestern nachmittag in der Northern & Southern Bank gewesen, aber dort war man außerordentlich zurückhaltend – zurückhaltend ist ein gutes Wort – und hat mich an Sie verwiesen. Durch einen hinterlistigen und recht verachtungswerten Trick habe ich aber herausgefunden, daß der junge Mr. Leferre kürzlich einen Scheck über achtzehntausend Pfund einkassiert hat.«

 

Luke fiel ihm ins Wort.

 

»Ja, ja – ich hatte ihm einen Scheck über diesen Betrag gegeben.«

 

Der Spatz sah ihn ungläubig an.

 

»Haben Sie wirklich? Würden Sie vielleicht so freundlich sein, mir den Coupon in Ihrem Scheckbuch zu zeigen?«

 

Für einen Moment wußte Luke nicht, was tun.

 

»Wenn irgendein Grund dafür vorliegen sollte«, sagte er kühl, »könnte ich das ja machen, aber ich sehe die Notwendigkeit dazu nicht ein.«

 

Mr. Bird war nicht aus der Fassung gebracht; er legte beide Arme auf den Tisch, und seine Stimme war sehr ernst.

 

»Ich habe kein Recht, Sie zu fragen – und ich bin auch nicht der Mensch, der versuchen würde, einen Mann wie Sie zu bluffen. Ich will mit offenen Karten spielen. Der Scheck ist in Banknoten ausgezahlt worden, und ich will wissen, wohin die Noten gegangen sind. Es gibt in London einen netten Vogel, und den möchte ich gerne fangen. Ich habe einen der hübschesten kleinen Käfige, die jemals gebaut worden sind, für ihn bereit, und solange der noch leer bleibt, ist mein Herz auch leer. Wenn der Scheck eine Fälschung war, würde dies für den Toten ein schlechter Nachruf sein, das verstehe ich sehr gut. Andererseits aber würde es mir dann außerordentlich leicht sein, einen gewissen Mann zu fassen, der – ich will Ihnen die Wahrheit erzählen, Mr. Maddison: ich möchte die Fingerabdrücke dieses Mannes so außerordentlich gern haben, daß ich mich eigentlich wundere, warum ich ihn nicht auf der Straße zu Boden schlage und sie mir so nehme!«

 

Luke blickte vor sich hin; dann sagte er:

 

»Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen. Der Scheck war von mir unterzeichnet.«

 

Mr. Bird stand mit einem tiefen Seufzer auf.

 

»Sie haben zuviel Nachsicht mit der Verbrecherklasse, Mr. Maddison. Kein Wunder, daß Gunner Haynes Sie für einen netten Menschen hält – sechs Monate hat er gestern gekriegt. Das ist ein Kerl. Als ich versuchte, etwas von ihm über Ihren Freund herauszubekommen, wollte er nicht einmal zugeben, daß er ihn kannte.«

 

»Morell?« fragte Luke unbedacht, und der Spatz grinste.

 

»Das ist der Name, ja. Was hat es für einen Zweck, wie die Katze um den heißen Brei herumzugehen? Er ist der –«

 

»Ich weiß nichts von Morell«, sagte Luke nachdrücklich. »Er war ein Freund von Rex – von Mr. Leferre, meine ich. Ich möchte lieber nicht über ihn sprechen.«

 

Der Spatz seufzte von neuem, nahm die Papiere zusammen, auf denen der bedauernswerte Rex sich in Unterschriften versucht hatte, und steckte sie in seine Brieftasche.

 

»Niemand ist der Polizei behilflich«, sagte er kläglich. »Alle sind gegen die natürlichen Wächter der Kinder der Armen und der … ich will machen, daß ich wegkomme.«

 

Er drückte Luke lässig die Hand und ging schwerfällig hinaus. Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als das Telephon läutete, und zum ersten Male seit dem fürchterlichen Ereignis hörte Luke die Stimme der Frau, die er liebte.

 

»Willst du morgen zu mir kommen, Luke?« Ihre Stimme war sehr leise.

 

»Sofort, wenn ich darf, Liebling! Kann ich nicht gleich kommen?«

 

Aber ihre müde Stimme verneinte.

 

»Morgen – wenn alles erledigt ist. Luke, sag mal, schuldete Rex dir Geld?«

 

Das Unerwartete dieser Frage brachte Luke aus dem Gleichgewicht, und wenn Luke Maddison erregt war, sprach er unweigerlich zusammenhanglos – er dachte zu schnell, und seine Worte konnten nicht folgen.

 

»Ja – aber es ist nicht der Mühe werk, darüber zu reden … er war in der Lebensversicherung hoch versichert … du weißt ja, und ich glaube nicht, daß die Gesellschaft … eh … Schwierigkeiten machen wird …«

 

Er hörte ihr schnelles Atmen und wurde noch aufgeregter. »Ich dachte an dich … eh … du brauchst dir über seine Angelegenheiten keine Sorgen zu machen … in Wirklichkeit schuldet er mir eigentlich gar nichts.«

 

»Willst du also morgen zu mir kommen?«

 

Bevor er antworten konnte, hörte er, wie die Verbindung abgebrochen wurde.

 

Kapitel 5

 

5

 

»Ich sehe gar keinen Grund, Luke, warum die Hochzeit aufgeschoben werden sollte.«

 

Die für alle Beteiligten so schmerzliche Sitzung der Totenschaukommission lag hinter ihnen. Es war festgestellt worden, daß sich die geschäftlichen Angelegenheiten des jungen Mannes in großer Verwirrung befanden, aber weitere Einzelheiten warm nicht verlangt worden.

 

Margaret Leferre verstand sich selbst nicht mehr; ihre eigene Ruhe überraschte sie. Hatte sie eigentlich den Mann geliebt, der vor ihr stand, von dem sie anscheinend glaubte, daß er der beste Freund ihres Bruders gewesen war? Zuweilen befürchtete sie, daß er in ihren Augen lesen könnte, wie sie ihn verabscheute. Sie war erstaunt, als sie sich selbst mit größter Ruhe und in traurigem, aber freundlichem Tone sagen hörte, daß ihrer Meinung nach kein Grund zum Aufschub der Hochzeit vorläge.

 

»Mein armer Liebling!«

 

Er nahm sie in seine Arme, und sie leistete keinen Widerstand. Sie bot ihm ihre kalten Lippen und haßte sich selbst dafür. Aber der Judaskuß kam von ihm und nicht von ihr, und das war eine kleine Genugtuung für sie.

 

»Es gibt nichts in der Welt, was ich nicht tun könnte, um das Leben für dich ein wenig angenehmer zu machen«, sagte er. »Wenn Geld dir Glück verschaffen könnte, würde ich gern zum Bettler werden.«

 

Sie lächelte schwach. Hier war ein Mann, der seine eigenen Götter verleugnete.

 

Er hatte Rex ruiniert; er hakte ihn immer gehaßt. Halb vergessene Worte kamen ihr ins Gedächtnis, kurze, gereizte Urteile über Rex‘ Nachlässigkeit in Geldangelegenheiten. Seine Hände lagen auf ihren Schultern, und er blickte sie forschend an. Die Blässe ihres Gesichtes und die schwachen Schatten unter ihren Augen verliehen ihr eine beinahe überirdische Schönheit.

 

»Selbstverständlich habe ich mich sehr gesorgt … was für ein Narr ich war, dir am Telephon von Versicherungen zu sprechen – das war direkt unpassend – ich wußte im Augenblick wirklich nicht, was ich redete –«

 

»Luke, bist du wirklich sehr reich?«

 

Sie überraschte ihn ständig mit derartigen unvermuteten Fragen.

 

»Reich? Ich glaube, ja. Die Bank hat zwar in der letzten Zeit nicht besonders gute Geschäfte gemacht, aber ich habe ein Privatvermögen von mindestens einer halben Million. Ich dachte, du wüßtest das –«

 

Sie lächelte gezwungen.

 

»Ich habe dich niemals gefragt. Nur habe ich Angst vor der – Armut. Wir sind so unglaublich arm gewesen. Mein Vater hat uns nichts hinterlassen – es muß wunderschön sein, soviel Geld zu haben, reich zu sein – sich niemals über Rechnungen Sorgen zu machen, niemals das Gefühl zu haben, man muß hinaus und seinen Lebensunterhalt verdienen.«

 

Er blickte sie mit ungeheucheltem Erstaunen an.

 

»Aber davon hatte ich ja gar keine Ahnung, Kleine. Das ist ja entsetzlich. Ich dachte, du hättest deine regelmäßigen Zinsen?«

 

Sie schüttelte den Kopf, und diesmal verstellte sie sich nicht.

 

»Wenn dir Geld das Gefühl von Sicherheit verschaffen kann, dann will ich dir geben, was du willst … Du kannst über jeden Pfennig, den ich besitze, verfügen –«

 

Er sah ihr ungläubiges Lächeln und ärgerte sich über sich selbst, als ob auch er in seinem eigenen großmütigen Anerbieten eine Spur von Unaufrichtigkeit fühlte.

 

»Warum nicht? Tausende von Männern schreiben ihr ganzes Vermögen auf den Namen der Frau. Übrigens eine ganz vernünftige Sache … das hält den Mann auf dem richtigen Wege … und macht uns beide auch in geschäftlicher Beziehung zu richtigen Kompagnons. Warte mal.«

 

Er stand schon am Telephon – eifrig und enthusiastisch wie ein Junge, der eine neue und entzückende Idee verfolgt.

 

»Luke … rufst du deinen Rechtsanwalt an?«

 

Ihr Gewissen sprach, und eine plötzliche Furcht packte sie; zum erstenmal kam ihr das Ungeheuerliche ihres Verrates zum Bewußtsein.

 

»Ja, Hilton – hier ist Luke Maddison … Sie haben doch den Heiratskontrakt aufgesetzt? – Gut, dann schließen Sie alles ein! Haben Sie die Liste meiner Wertpapiere? – Ja, alle. – Und das Konto in der Bank – jeden Pfennig – meinen Anteil an Maddisons – jawohl, alles mit übertragen – nein – ich bin nicht wähnsinnig!«

 

»Du bist wahnsinnig!«

 

Sie stand jetzt neben ihm, ihr Gesicht leichenblaß. Und ihre Worte kamen zögernd, schwankend:

 

»Du bist wahnsinnig, Luke – ich meinte es doch nicht so …«

 

Er lächelte und küßte sie zärtlich, aber in seinen Augen lag ein Ausdruck, der sie zurückschrecken ließ – ein gewisser Ausdruck, der ihr die Worte Danton Morells ins Gedächtnis rief:

 

»Im Augenblick sind Sie für ihn das Begehrenswerteste!« Sie stand neben ihm, ihre Hände warm ineinandergekrampft, und ihr Atem ging stoßweise, als sie hörte, wie er den Widerspruch, der von der anderen Seite des Drahtes kam, niederschlug, dann hing er den Hörer an und drehte sich ihr zu. Ein triumphierendes Lächeln lag auf seinem geröteten Gesicht.

 

»Du bist jetzt Maddisons!« sagte er feierlich. »Dir gehört alles, vom Keller bis zum Boden, mein Liebling – und ich bin jetzt, was der alte Bird so hübsch mit dem Namen ›ein Kind der Armen‹ bezeichnet.«

 

Und nicht einmal sie konnte wissen, wie prophetisch er gesprochen hatte.

 

Kapitel 29

 

29

 

Margaret erwachte an diesem Morgen mit einem festen Entschluß. In ihrer Unterhaltung mit dem Detektiv war sie schlecht davongekommen. Er war ein zu schlauer Mensch, zu erfahren in den Schlichen und Ausflüchten der Verbrecherwelt, um sich von ihr täuschen zu lassen. In diesem Fall, der sie so sehr nahe berührte, enthüllte er mit beunruhigender Klarheit die Gestalt und die Taten Lukes. Er sagte es nicht; er brachte den vermißten Bankier nicht einmal mit dem Taffanny-Diebstahl in Verbindung. Alles, was er zu wissen durchblicken ließ, war, daß Luke Maddison Torheiten begangen, daß jemand dies herausbekommen hakte und nun Erpressungen an seiner Frau versuchte; aber zu fragen, worin diese Torheiten bestanden, schien er für taktlos zu halten.

 

Als sich Margaret in die Enge getrieben und die Dinge, die sie verheimlichen wollte, ans Licht gezogen sah, war sie aus reiner Verzweiflung gezwungen, von einer Frau in Verbindung mit Luke zu sprechen, obgleich sie sich selbst deswegen verachtete. Sie sprach leichthin von einer früheren Liebschaft, aber da sie nicht zu lügen verstand, überzeugte sie nicht. Daß sie nicht die Wahrheit sagte, ersparte ihr in der Tat weiteres Ausgefragtwerden. Der Spatz kam zu einer falschen Schlußfolgerung.

 

»Ich kann Ihnen nur eines sagen, Mrs. Maddison; was auch geschehen mag, geben Sie kein Geld heraus. Wenn Danty oder Connor oder sonst jemand etwas von Ihnen erpressen will, brauchen Sie mich nur anzurufen; ich werde dem ein Ende machen.«

 

Er ging mit der bestimmten Überzeugung, daß sie seinem Rate folgen würde.

 

An diesem Abend mußte sie sich zwingen, zu Bett zu gehen und zu schlafen. Sie hatte einen schweren Tag vor sich und keinen festen Plan gefaßt. Der Gunner hatte ihr nichts gesagt, nur daß er mit Luke in Verbindung stand. Hatte er ihr gesagt, daß er ihn aus England herauszubringen versuchte? Wenn das vielleicht auch nicht seine Worte waren, so hatte sie ihn doch so verstanden.

 

Luke würde nach Ronda gehen, wohin sein Scheckbuch geschickt worden war. Sie müßte ihm folgen, ihn womöglich begleiten. Sie ging am frühen Morgen zur Bank, um Steele zu sprechen und fand ihn in rosiger Stimmung. Zwei oder drei Unternehmungen, an denen die Bank beteiligt war, hatten glänzende Erfolge.

 

»Die eine Sache hakte ich schon unter Verlustkonto gebucht, und sie scheint jetzt achtzehntausend im Jahr einzubringen«, er jubelte fast. »Ich möchte, daß Sie Mr. Maddison das mitteilen, er wird entzückt sein. Ich hätte es ihm nach Spanien gedrahtet, aber ich weiß seine Adresse nicht.«

 

Dann kam es ihm zum Bewußtsein, daß ihr Erscheinen zu so früher Stunde etwas ungewöhnlich war.

 

»Wünschen Sie etwas, Mrs. Maddison?«

 

»Ich möchte das Privatkonto meines Mannes sehen. Sie hatten es auf die Bank übertragen.«

 

Er führte sie in sein Privatzimmer und holte ihr das Bankbuch. Sie fuhr mit ihrem Finger die Reihen entlang. Die letzte Auszahlung war wenige Tage vor seiner Hochzeit erfolgt.

 

»Seitdem«, sagte Steele, »ist kein Scheck gekommen. Ich hatte einige erwartet. Mr. Maddison ist manchmal ziemlich verschwenderisch, und ich bin erstaunt, daß er noch keinen Scheck ausgestellt hat; er hak ja sein spanisches Konto, aber ich denke, das wird er auch erhöhen wollen.«

 

»Darum bin ich zu Ihnen gekommen, Mr. Steele«, sagte sie. »Ich muß Sie ersuchen, keinen Scheck meines Mannes, der über mehr als tausend Pfund lautet, auszuzahlen.«

 

Steele starrte sie über seine Brillengläser an. Das war der Entschluß, den sie in der Nacht gefaßt hatte. Sie hatte jede Möglichkeit Schritt für Schritt überlegt und die Wahrscheinlichkeit vorausgesehen, daß die Erpresser ihre Aufmerksamkeit von ihr auf Luke richten würden. Jetzt war Luke in Sicherheit, unter dem Schutze des Gunners; doch könnte nicht etwas geschehen, das ihn von diesem wachsamen, vorsichtigen Manne trennte?

 

Ohne sich den Grund erklären zu können, vertraute sie dem Gunner unbedingt und war überzeugt, daß er Luke kein Leid antun würde, wie auch sein Ruf immer sein mochte.

 

»Das ist eine ganz merkwürdige Forderung, Mrs. Maddison«, sagte Steele in Verlegenheit. »Es ist leicht möglich, daß Mr. Maddison einen großen Kauf abschließen möchte – als er das letztemal in Spanien war, kaufte er einige Besitzungen in Sevilla, die im ersten Jahre einen Vorteil von fünfzig Prozent brachten.«

 

Sie nickte.

 

»Ich weiß es, aber dennoch stelle ich die Forderung – in seinem Namen.«

 

»Gut, Mrs. Maddison.«

 

Steele kritzelte ein paar Worte auf einen Zettel und steckte ihn an das Hauptbuch, das er hereingebracht hatte.

 

»Ich weiß nicht, was Sie vorhaben, aber ich hatte verstanden, daß Sie das ganze Vermögen wieder in die Hände Mr. Maddisons gelegt …«

 

»Darum handelt es sich nicht«, erklärte sie hastig. »Es ist aber leicht möglich, daß …«

 

Doch jetzt kam sie in Verlegenheit; sie konnte keine Erklärung geben, die ein kluger Mann gelten lassen würde, oder sie müßte die ganze Geschichte offenbaren.

 

Ihr Wagen parkte auf dem Waterloo Place, und sie wartete, bis ihn der Bote heranholte. Als sie den Kopf wandte, sah sie einen Mann an der Ecke stehen, der in seiner Haltung etwas ihr Bekanntes hatte. Er stand noch da, als der Wagen kam. Beim Vorüberfahren sah sie sein Gesicht und klopfte an das Fenster. Auch er sah sie – und diesmal verlor Gunner Haynes seine Kaltblütigkeit. Man sah ihm die Bestürzung an, als der Wagen mit einem Ruck anhielt, und sie ihm zuwinkte. Widerstrebend kam er zu ihr heran.

 

»Wollen Sie, bitte, mitfahren!« sagte sie etwas beklommen. »Ich möchte ein paar Fragen an Sie richten.«

 

Er zögerte.

 

»Es ist für Sie nicht gut, Mrs. Maddison, mit mir gesehen zu werden.«

 

»Steigen Sie ein«, sagte sie befehlend, und er gehorchte wortlos und setzte sich neben sie.

 

Durch das Sprachrohr gab sie dem Wagenführer einen Befehl.

 

Dann sagte sie: »Ich muß meinen Mann sehen!«

 

Der Gunner schüttelte den Kopf.

 

»Ich kann mir nicht denken, daß es von Nutzen für Sie wäre. Es haben ihn schon zu viele Leute gesehen.«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte sie und sah einen harten Ausdruck in Haynes‘ Gesicht erscheinen«

 

»Ich wollte ihn heute mit dem Frühzuge fortbringen. Da waren zwei von Connors Leuten auf dem Bahnhof. Ich weiß nicht wie, aber sie hatten ein paar Geheimpolizisten überredet, die Schranken zu bewachen, und so wagte ich es nicht. Ich versuchte es um elf noch einmal, aber ich hatte auch nicht mehr Glück. Natürlich vermutete Connor, als ich den Paß holte, was ich vorhatte.«

 

»Als Sie den Paß holten?« fragte sie erstaunt. »Wann war denn das?«

 

Gunner vermied, auf diese Frage zu antworten.

 

»Ihr Mann fällt mir allmählich auf die Nerven und hindert mich bei meinen ungesetzlichen Gelegenheitsarbeiten.« Bei diesen Worten kam ein schwaches Lächeln in seine Augen.

 

»Warteten Sie an der Bank auf mich?«

 

Er lächelte wieder.

 

»Ich wußte wirklich nicht, Mrs. Maddison, daß Sie dort waren, und ich wußte auch nicht, daß ich in der Nähe der Bank war. Die Wahrheit ist –« seine Verlegenheit wurde noch größer – »daß eine junge Dame in diese Gegend kommt, mit der ich manchmal Tee trinken gehe. Ich glaube, sie interessiert sich für mich in meiner Eigenschaft als Verbrecher und als Quelle für schriftstellerischen Stoff.« Er zog eine Grimasse und lachte dabei. »Aber ich bin sehr dankbar für die Gelegenheit, mit einem anständigen Mädchen zusammen sein zu können. Sie schreibt für Zeitungen und ist in Westend tätig.«

 

Margaret lachte leise. Es war das erstemal seit langer Zeit, daß sie wieder lachte.

 

»Armer Mr. Haynes, es tut mir leid, daß ich Sie um dies Vergnügen gebracht habe.«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, sie konnte nicht mehr kommen, es war zu spät. Und natürlich kann es immer möglich sein, daß der dicke Spatz bei ihr ist.«

 

»Sie sprechen von Mr. Bird, und der Name des Mädchens ist Bolford.«

 

Er stutzte.

 

»Wußten Sie das?« stammelte er. »Ach natürlich, sie war ja bei Ihnen. Sie hat es mir erzählt. Nein, Mrs. Maddison, es ist nichts Romantisches daran, nur – verständnisvolle Freundschaft. Ich bin für kleine Gaben sehr dankbar.«

 

»Sind Sie verheiratet?« fragte sie.

 

»Ich war es«, sagte er so kurz, so daß sie nicht weiter zu fragen wagte.

 

»Kann ich meinen Mann sehen? Ich müßte ihn doch sprechen, meinen Sie nicht auch?«

 

Er sah sie eigenartig an.

 

»Haben Sie nicht an die Möglichkeit gedacht, daß er Sie vielleicht nicht sehen will?« fragte er derb und sah, wie das Blut in ihre Wangen stieg.

 

»Ich – ich habe mich mit Absicht gegen diese Möglichkeit blind gestellt«, sagte sie.

 

»Aber er ist in Schwierigkeiten, und der Platz einer Frau sollte an der Seite ihres Mannes sein?« spottete er, und in dieser Minute haßte sie ihn.

 

Doch sie überwand ihren Ärger.

 

»Ja, wir wollen so sagen. Es klingt sehr abgedroschen, aber die meisten abgedroschenen Dinge sind wahr.«

 

Gunner schwieg eine ganze Weile, dann seufzte er.

 

»Ich habe das Gefühl, daß alles verkehrt ist, was ich tue, und daß ich zulassen sollte, daß Sie ihm helfen. Aber, Mrs. Maddison, es wird große Schwierigkeiten machen, Ihren Gatten aus England herauszubekommen. Sie sind im Begriff, ›Flugzeug‹ zu sagen – Ich sehe es Ihren Augen an – aber ich möchte wetten, daß Connor auch in Croyden seine Leute hat. Das einzigste wäre, ihn im Auto in ein Seebad zu schmuggeln, eine Jacht zu mieten und ihn von dort über den Kanal zu bringen. Es wird nicht leicht sein, besonders, da er nicht erpicht darauf ist, sich von Ihnen helfen zu lassen.«

 

Sie sann darüber nach, während der Wagen langsam durch den Park fuhr.

 

»Ich will die Gefahr einer Abweisung auf mich nehmen«, sagte sie, »wenn Sie die Gefahr, ihn zu beleidigen, auf sich nehmen. Wollen Sie mir helfen, ihn zu sehen?«

 

Haynes nickte.

 

»Ja, Mrs. Maddison, aber Sie dürfen nicht in diesem eleganten Wagen in meine Gegend kommen. Wir wollen halten und ein Taxi nehmen.«

 

So wurde es gemacht.

 

»Das einzigste, was mich beunruhigt, ist«, sagte er, während sie Piccadilly entlang fuhren, »ob Connor die Spur nach meinem Hause gefunden hat.«

 

»Sie fürchten, daß man Ihnen dahin folgt? Wußten die nicht, wo Sie wohnen?«

 

»Sie kennen viele Adressen von mir«, erklärte der Gunner verdrießlich, »aber diese nicht, wenigstens nicht bis heute morgen.«

 

Sie lohnten den Wagen zweihundert Meter vor dem Hause ab, in dem Haynes seine Wohnung hatte. Glücklicherweise waren wenig Leute auf der Straße, und sicher niemand, den das Erscheinen einer gutgekleideten Dame interessiert hätte. Sie mußten durch einen kleinen Torweg gehen, um den asphaltierten Hof des großen Gebäudes zu erreichen. Margaret bemerkte, daß der Gunner voller Unruhe zurückschallte.

 

»Man hat richtig meine Spur entdeckt?« sagte er mürrisch.

 

»Haben Sie das Auto draußen auf der Straße bemerkt? Der Mann am Steuer war einer von Connors Freunden. Sie werden ihn jetzt nicht mehr sehen – er ist fort. Connor benutzt eine Menge Motorwagen.«

 

Als er die paar Stufen zum Treppenabsatz hinaufstieg, an dem seine Wohnung lag, kam eine schlampige Frau aus der gegenüberliegenden Tür.

 

»Es war doch richtig, daß Ihr Schrank abgeholt wurde, Mr. … wie heißen Sie doch gleich?« sagte sie. Gunner drehte sich um.

 

»Mein Schrank abgeholt? Was meinen Sie?«

 

»Die Leute aus der Möbelhandlung kamen ungefähr vor einer Stunde – zwei Burschen in grünen Schürzen. Sie hatten den Schlüssel, darum dachte ich, es wäre in Ordnung.«

 

Gunner stellte keine weitere Frage. Er öffnete die Tür und lief in den Gang. Die Tür von Lukes Zimmer stand offen. Er sah die Unordnung und die blutbefleckten Tücher, und als er sich umwandte, blickte er in Margaret Maddisons weißes Gesicht.

 

»Ich bedauere, Ihr Gatte ist nicht da«, sagte er in so natürlichem Ton, daß sie sich täuschen ließ.

 

Er schloß die Tür hinter sich und führte sie in das kleine Wohnzimmer.

 

»Er wird erst spät zurückkommen; es hat keinen Zweck hierzubleiben.«

 

»Woher wissen Sie das?« fragte sie. »Warum waren Sie so erschrocken, als Ihnen gesagt wurde, daß der Schrank abgeholt sei?«

 

»Ein alter Schrank, den ich verkauft habe«, sagte der Gunner. »Warum soll man altes Zeug aufbewahren, das keinen Nutzen mehr für uns hat?«

 

Er plauderte munter mit ihr, ehe er sie fortbrachte und sie in einer anderen Droschke nach Hause fahren ließ. Sie ahnte nicht, daß er wußte, in dem Schranke war Luke Maddisons Körper. Ob er tot oder lebend war, das mußte er erst ausfindig machen. Nachdem Gunner Haynes die junge Frau verlassen hatte, ging er in sein Zimmer zurück, rollte den Teppich zusammen, nahm ein Dielenbrett hoch und langte einen Kasten hervor, der zwei kleine Brownings enthielt. Einen davon steckte er in eine besonders gearbeitete Tasche im Innern seines Rockes; der andere kam in einen kleinen Halfter, den er an seinem Gürtel festschnallte.

 

»Ich denke, diese Nacht wird es Arbeit geben«, sagte Gunner Haynes laut vor sich hin.

 

Kapitel 3

 

3

 

Zwei Tage hindurch lebte Margaret Leferre in einer Welt schrecklicher Unwirklichkeit. Merkwürdige Leute suchten sie auf: ein großer starker, dunkelgekleideter Mann, der in schwerfälliger Weise versuchte, einen Klang von merkwürdiger Sympathie in seine geschäftlichen Besprechungen zu bringen, ein Bankdirektor, der wild und unverständlich durcheinander sprach, bis glücklicherweise Danty erschien und ihn verschwinden ließ.

 

Eine einzige Tatsache stand Tag und Nacht in ihrem schmerzenden Gehirn: Rex war tot, hatte sich selbst das Leben genommen, und der Mann, den sie heiraten wollte, der Mann, der halb irre in seiner Angst um sie drei-, viermal am Tage vorsprach und nicht angenommen wurde, dieser Mann hatte den Tod ihres Bruders verursacht. Geld war sein Gott! Es war schwer, sich an diese unerwartete Seite seines Charakters zu gewöhnen, noch schwerer war es, diese gefühllose Brutalität zu verstehen, die eine junge Seele in die ewige Nacht wandern ließ.

 

Die Verlobung zwischen ihnen beiden war auf ganz natürliche Weise entstanden. Beide Familien waren seit Jahrzehnten miteinander bekannt. Sie hatte schon als Kind mit Luke Maddison gespielt. Es war zwischen ihnen kein plötzliches Zusammentreffen, keine Liebe auf den ersten Blick gewesen, und sie erinnerte sich nicht, ihn jemals nicht gern gehabt zu haben, war aber auch nicht imstande, Tag, Monat oder Jahr anzugeben, als Sympathie zur Liebe wurde.

 

Das war das wirkliche Unglück in ihrer Situation. Sie erinnerte sich nun an alles, was Rex von ihm gesagt hatte – er war »zugeknöpft« … Immer hatte sie gedacht, daß Luke großzügig wäre, von einer Großzügigkeit, die beinah an Dummheit grenzte. Aber hier wurden die nackten Tatsachen vor sie gelegt – Männer kannten ihn besser. Sie biß die Zähne zusammen und zwang sich zu einer Frage an Danty, der ihr in diesen furchtbaren Tagen merkwürdig nähergekommen war. Danty zuckte die Achseln.

 

»Ich befürchte, es ist wirklich so – Maddison denkt zuviel an sein Geld. Ich sah ihn kürzlich, und das einzige, was er von Rex erwähnte, war, daß es ein Glück wäre, Rex sei versichert gewesen.«

 

(Und hiermit sagte er die Wahrheit, denn Luke hatte die Versicherung als einen Schutz für das junge Mädchen erwähnt, das sonst auch noch für die Schulden ihres Bruders hätte einstehen müssen.) »In diesem Punkt ist er wie närrisch. Natürlich wird er Ihnen nicht in diesem Licht erscheinen; das Geld und Sie sind seine beiden Hauptleidenschaften.« Er sah, wie sie zusammenzuckte, und fuhr schnell fort: »Es ist furchtbar, so etwas zu sagen, aber es ist wahr – mit der Ausnahme vielleicht, daß ich im Augenblick nicht so sicher bin, ob Sie nicht jetzt an erster Stelle stehen.«

 

Es war nach dieser kurzen Unterredung, daß der Haß, den sie in sich gegen den Mann wachsen fühlte, dessen Namen sie tragen sollte, bestimmte Formen annahm. Sie konnte nicht wissen, wie sehr dieser beinahe wahnsinnige Haß durch die Intrigen ihres neuen Ratgebers geschürt wurde.

 

Danty war geschickt – teuflisch geschickt. Er dachte schnell, plante schnell und handelte ebenso schnell. Ein Gedanke war ihm in der Nacht von Rex‘ Tode gekommen. Im ersten Augenblick erschien er ihm allzu phantastisch, und er arbeitete seinen Plan nicht weiter aus, bevor er nicht bei Margaret vorsichtig sondiert hatte. Wenn sie Maddison liebte, wirklich liebte, würde sie seine Handlungen milder beurteilen. Sie würde, wenn auch halb widerwillig, durch das Urteil der Totenschaukommission befriedigt sein und den letzten Brief ihres Bruders in anderem Lichte betrachten. Das würde natürlich die noch halb fertigen Pläne Mr. Morells durchkreuzt haben. Aber er fand Margaret in einer Stimmung, ja sogar in dem Wunsche, das Schlimmste von ihrem Verlobten zu glauben, und so stand sein Plan fest.

 

»Geld ist sein Gott«, das war sein Text. Und er arbeitete diesen Text tagtäglich aus. Bearbeitete dies Thema eifriger, sprach überzeugender, als jemals in den Tagen, wo er von der Leichtgläubigkeit neugefundener Bekannter lebte. Alle seine professionellen Tricks, alle nur möglichen Überredungsmöglichkeiten, die oft wirksamer in indirekter Weise wirken, alle seine suggestiven Kräfte wandte er an.

 

»Jetzt im Augenblick ist er meiner Meinung nach so sehr darauf aus, Sie zu heiraten, daß er jeden Pfennig opfern würde. Ganz ehrlich gesagt, ich glaube, wenn Sie von ihm verlangten, Ihnen sein ganzes Vermögen zu verschreiben – und das könnte ja natürlich in Ihrem Heiratsvertrag geschehen – er würde die Unterschrift ohne jedes Zögern geben. Er würde es natürlich später bereuen, und ich glaube, schon während der Flitterwochen würde er versuchen, diese Überschreibung rückgängig zu machen. Ich habe oft darüber nachgedacht, was diese so überaus großzügigen Liebhaber wohl tun würden, wenn ihre Frauen sich einmal weigerten, ihren Wünschen nachzukommen…«

 

Sie starrte an ihm vorbei durch das Fenster hinaus. Sie war bildschön, nicht von jener etwas herausfordernden Schönheit von Millie Haynes, die im Asyl gestorben war, sondern von einer so feinen, sensitiven Schönheit, daß ihm der Atem stockte. Seine Augen wanderten über sie hinweg. Er kalkulierte mit der Strenge ihres Charakters und mit Luke Maddisons Schwäche, und in Luke lag sicher etwas von einem Schwächling, oder er müßte sich sehr irren – aber Mr. Danton Morell irrte sich selten in seiner Beurteilung eines Mannes.

 

»Es ist fast unmöglich«, sagte sie langsam. »Wenn ich glauben sollte …« Dantys Pläne standen jetzt unerschütterlich fest.

 

»Sie meinen, daß das Geld Maddisons Gott ist?« Sein Ton klang überrascht. Es kränkte ihn beinah, daß sie nicht dieselbe Meinung über ihren Verlobten hatte wie er selbst. »Du lieber Himmel! Ich könnte Ihnen Dutzende von Beispielen bringen …«, und er gab sie ihr. Wenn auch nicht ein Dutzend, so doch völlig genügend. Dantys erfinderischer Geist benötigte keinen besonderen Anreiz.

 

»Ich kenne einen Mann in Norfolk – übrigens einer der besten Freunde Maddisons – Maddison hatte einen Haufen Aktien einer Ölgesellschaft, deren Produktion fast auf Null gesunken war. Eines schönen Abends hatte er seinen Bekannten zum Essen eingeladen, und bevor noch die Nacht vorüber war, waren hunderttausend absolut wertlose Aktien in den Besitz des Mannes übergegangen, der ihm vertraute, wie … nun, wie Sie ihm trauen! Noch ein anderer Fall – und darüber sprach seinerzeit die ganze City – da war ein Mann, der…«

 

Auch diese zweite Lüge lief ihm ebenso glatt von den Lippen wie die erste. Es war alles sehr roh, was er vorbrachte, und hätte bei einem unbefangenen Zuhörer nur auf verächtlichen Unglauben stoßen können. Hätte er eine Woche früher derartiges versucht, wäre er sicher sofort vor die Tür gesetzt worden. Aber Rex lag in der kleinen Kammer der Leichenhalle, und ein Beamter der Kommission sammelte schon zwölf brave Leute zusammen, die ihr Urteil über einen Geisteszustand abgeben sollten, der die Veranlassung war, daß ein Revolver sich entlud und ein Leben abgeschlossen war.

 

Danty sah, wie die roten Lippen sich zusammenpreßten.

 

Er hatte einen Diener, der früher einer seiner Helfershelfer gewesen war. Pi Coles war Falschspieler, bis eine gerechte Vorsehung seinen Händen Rheumatismus schenkte. Er war ein ungewöhnlich kleiner Mann, kahlköpfig, mit einem Gesicht, in das Alter und Schmerzen ihre Zeichen gegraben hatten. Ihm vertraute Danty die meisten seiner Gedanken, ohne jedoch Namen zu erwähnen. Das tat er niemals.

 

»Es ist doch eigentlich komisch, Pi, wie die Dummköpfe auf irgendeine gute Geschichte hineinfallen. Erinnerst du dich noch, wie wir beide auf demselben Korridor im Strangeway-Gefängnis saßen? Kommt mir gar nicht so vor, als ob das acht Jahre zurückläge, und jetzt bin ich hier in der feinsten Gesellschaft und gebe Leuten Ratschläge, die Hunderttausende besitzen – Leute, die mit ganz feinen auf du und du stehen!«

 

»Und du bist immer Kavalier gewesen, Larry – solange ich dich kenne, hast du dich sogar immer fürs Abendessen umgezogen«, sagte Pi schmeichelnd.

 

»Nicht immer ›Larry‹, paß doch auf«, warnte Mr. Morell. Er saß in seinem behaglichen Zimmer und konnte darüber nachdenken, wie gnädig ihm das Schicksal gewesen war. Seine Lage war allerdings nicht ganz einzigartig – war denn nicht einmal ein berüchtigter Hochstapler der geehrte Gast einer fremden, hochstehenden Persönlichkeit gewesen und war nicht derselbe später an verschiedenen europäischen Höfen als der Freund Königlicher Hoheiten empfangen worden?

 

Es war am dritten Tage nach dem Drama. Die zwölf braven Leute, die die Leichenschaukommission bildeten, hatten sich am Nachmittag zusammengefunden. Es war nicht der glücklichste Tag in Dantys Leben. Am Abend vorher hatte er eine Nachricht von Luke Maddison erhalten, und der Ton dieser Mitteilung war eigenartig, beinahe unfreundlich; um was es sich handelte, wußte Danty nur zu gut. Nur hatte er gehofft, daß seine Anwesenheit in der Bank an einem gewissen Nachmittage von dem Kassierer nicht bemerkt worden war.

 

Das Büro Lukes lag in Pall Mall – kaum eine Gegend, die ein Mann, dessen Hauptbeschäftigung in Finanzsachen lag, gewählt haben würde; aber Maddisons Bank war schon seit mehr denn zweihundert Jahren die Besitzerin des Grundstücks, auf dem jetzt das moderne Gebäude stand, und der bescheidene Raum, dessen Fenster auf den Waterloo-Platz blickten, war bereits in den weit zurückliegenden Tagen das Zimmer des Inhabers gewesen.

 

Luke war schon seit acht Uhr, eine Stunde früher als das Personal, in seinem Büro, und hier fand ihn sein Prokurist. Er saß still vor dem Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt, seine Privatbriefe lagen ungeöffnet vor ihm.

 

Maddison fuhr hoch, als sein Angestellter eintrat.

 

»Hallo!« sagte er halb verlegen. »Was gibt’s denn?«

 

Nach der Ansicht Mr. Steeles, dieses erfahrenen Geschäftsmannes, gab es sehr viel. Er legte ein kleines Paket Papiere auf den Tisch und berichtete in kurzen Worten über ihren Inhalt.

 

»Hier sind vier oder fünf Transaktionen, die heute abgeschlossen werden müßten, Mr. Maddison. Ich mache mir eigentlich etwas Sorgen. Die Gulanga-Öl-Abrechnuug muß erledigt werden. Wir haben hierbei einen großen Verlust erlitten.« Luke nickte ungeduldig.

 

»Erledigen Sie das«, sagte er, »ist keine Nachricht da von – von Miß Leferre?«

 

Eine törichte Frage, denn er hatte sein Privattelephon und wußte sehr gut, daß jede Nachricht, die von Margaret kam, sofort zu ihm durchgestellt werden würde.

 

Der Prokurist schüttelte sorgenvoll den Kopf.

 

»Eine sehr peinliche Sache, Sir; ich habe noch nicht mit Ihnen darüber gesprochen, weil ich mir denken kann, wie unangenehm Ihnen das sein muß. Northern & Southern waren heute morgen schon wieder am Apparat wegen des Schecks – Sie erinnern sich, daß sie gestern schon mal danach gefragt haben?«

 

»Ja, ja.« Lukes gewöhnlich so freundliche Stimme wurde barsch. »Sagen Sie ihnen, die Sache wäre in Ordnung.«

 

»Das habe ich gestern schon getan.« Mr. Steele hätte noch gern länger über diese Angelegenheit gesprochen, trotzdem er wußte, wie unangenehm sie seinem Chef war. Verzweifelt kam Luke auf die Frage der Gulanga-Öl-Konzession zurück, und zum ersten Mal in seinem Leben reizte ihn Mr. Steeles beinahe väterliches Interesse an seinem Geschäft über alle Maßen.

 

»Selbstverständlich, Sir, weiß ich ganz genau, daß Maddisons so gesund sind wie nur irgendeine andere erstklassige Firma, aber die Tatsache läßt sich nicht verleugnen, daß wir innerhalb der letzten sechs Monate außerordentlich schwere Verluste erlitten haben, und ich befürchte, ich muß Sie bitten, Ihre Privatguthaben in Anspruch zu nehmen. Ich persönlich«, fuhr er fort, ohne auf Lukes wachsende Ungeduld zu achten, »war immer der Ansicht, daß wir einen Fehler begingen, als wir uns nicht einem der großen Konzerne anschlossen. In privaten Bankgeschäften spielt das persönliche Vermögen des Inhabers meiner Meinung nach eine zu große Rolle als Sicherheit für –«

 

Glücklicherweise läutete in diesem Augenblick das Telephon. Luke ergriff den Hörer und lauschte stirnrunzelnd.

 

»Ja, lassen Sie ihn hereinkommen.« Und zu Mr. Steele: »Ich habe mit Mr. Morell zu sprechen und möchte nicht gestört werden.«

 

Mr. Steele verzog das Gesicht. Sein ganzes Leben hindurch war er in der Firma Maddison & Sons gewesen, und er scheute sich nicht, seine Abneigung dem gemeldeten Besucher gegenüber zu verbergen.

 

»Der Mensch hat etwas an sich, Mr. Maddison, was ich nicht ausstehen kann. Hoffentlich werden wir nicht geschäftlich mit ihm zu tun haben?« Luke schüttelte den Kopf und wies auf die Tür.

 

Mr. Danton Morell kam in eine Atmosphäre, die, wie er fühlte – und in derartigen Dingen war er außerordentlich feinfühlig – mit Feindschaft geladen war. Trotzdem war er sein lächelndes Selbst und stellte mit betonter Sorgfalt seinen tadellosen Zylinder vorsichtig auf den Tisch. Luke bemerkte, daß er einen Trauerstor trug, und aus irgendwelchen Gründen schien dies seine gespannten Nerven noch weiter zu reizen.

 

»Nehmen Sie Platz, bitte«, seine Stimme und sein Benehmen waren schroff. »Sie waren ein Freund von Rex?«

 

Danty bejahte kopfnickend.

 

»Ja. Ich hatte sein ganzes Vertrauen«, begann er. »Ich glaube, ich erzählte Ihnen bereits am Tage nach dem unglücklichen –«

 

Luke unterbrach ihn kurz. »Ging das so weit, daß Sie ihn vor drei Tagen nach der Northern & Southern Bank begleiteten, als er einen Scheck von achtzehntaufendfünfhundert Pfund einkassierte?«

 

Danty blickte ihn mit gut gespieltem Erstaunen an.

 

»Aber natürlich«, sagte er. »Rex hatte große Verluste in der City erlitten, und ich gab ihm den Rat, mit Ihnen zu sprechen. Soweit ich verstanden habe, gaben Sie ihm einen Scheck über diese Summe und –«

 

»Hat er Ihnen das gesagt?« Lukes blaue Augen lagen fest auf dem Gesicht seines Besuchers.

 

»Jawohl. War etwas nicht in Ordnung? Ich habe den Scheck selbst gesehen.«

 

Eine kurze, unbehagliche Pause: »Haben Sie gesehen, wie er unterzeichnete?« fragte Luke.

 

Dantys Blick schwankte nicht.

 

»Ich befürchte, ich verstehe Sie nicht«, sagte er gleichgültig. »Ich sah, wie er seine Unterschrift darunter setzte und –«

 

»Mein Name war gefälscht, ich habe an Rex keinen Scheck über diesen Betrag gegeben. Ich habe Recherchen anstellen lassen und herausgefunden, daß er sich mit einer verkommenen West-Afrika-Goldmine eingelassen hatte, deren Aktien Sie zum größten Teil vor einem Jahr für einen Pfifferling erworben hatten. Er hat dann immer weiter gekauft, und die Aktien fielen ständig. An dem Tage, als er Ihnen achtzehntausendfünfhundert Pfund auszahlte, kam noch eine weitere Forderung für einen bedeutend höheren Betrag.«

 

Danty fühlte sein Herz klopfen, obgleich von seiner inneren Aufregung nichts zu merken war. Der Mann hier wußte ja viel mehr, als er sich jemals hatte träumen lassen. Mr. Morell stand vor einer Krisis in seinen Angelegenheiten, die ihn leicht völlig ruinieren und all seine feinangelegten Pläne zerstören könnte.

 

»Ich begreife nicht ganz, was Sie eigentlich meinen«, sagte er. »Meine Interessen in dieser Gesellschaft sind außerordentlich gering, und ich war entsetzt, als ich hörte, daß Rex mit ihren Aktien spekulierte. Sie haben mein vollstes Einverständnis, alle nur irgendwie gewünschten Recherchen vorzunehmen.«

 

Luke öffnete ein Schubfach seines Schreibtisches und nahm einen Scheck heraus. Von seinem Platze aus sah Danty, daß die Unterschrift eine verhältnismäßig gute Fälschung war. Den gleichen Gedanken hatte er schon gehabt, als Rex ihm seinerzeit den Scheck übergab. Es ist die einfachste Sache der Welt, einen Namen zu fälschen, und soweit er imstande war, dies hier zu beurteilen, war wirklich kein Fehler in Rex Leferres gefährlichem Spiele zu finden.

 

»Es ist Ihnen klar, was mit diesem Scheck nicht in Ordnung ist?« fragte Luke.

 

Der andere schüttelte den Kopf.

 

»Wollen Sie vielleicht behaupten, daß ich wußte, die Unterschrift sei gefälscht?«

 

Bevor Maddison antworten konnte, wurde an die Tür geklopft.

 

»Herein«, sagte er ärgerlich.

 

In der Tür erschien der Prokurist.

 

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe, Mr. Maddison. Aber Mr. Bird von Scotland Yard ist hier und möchte Sie sprechen.«

 

Trotz seiner Selbstbeherrschung fuhr Danty von seinem Stuhl auf. Der Spatz war der letzte Mann in der Welt, den er an diesem Morgen zu sehen wünschte.

 

Kapitel 30

 

30

 

Luke Maddison hatte nur eine sehr verwirrte Erinnerung an das, was nach seinem unvorsichtigen öffnen der Tür geschehen war. Er hatte lesend im Zimmer gesessen, als er klopfen hörte, und nichts Verdächtiges in dem Erscheinen zweier Männer in grünen Schürzen und Hemdsärmeln gesehen.

 

»Ist das Mr. Haynes Wohnung?« fragte der eine. »Wir wollen den Schrank abholen.«

 

»Sie sollten lieber wiederkommen, wenn Mr. Haynes da ist«, sagte Luke. Er dachte natürlich, der Gunner hätte Anweisung gegeben, das Möbelstück fortzuschaffen.

 

»Wenn wir den Schrank nicht mitnehmen können, so möchten wir ihn wenigstens messen«, sagte der Mann, der ein Notizbuch in der Hand hatte.

 

Luke Maddison zögerte. Er wußte nichts von Schränken und überhaupt nichts von den häuslichen Angelegenheiten in der Wohnung. Aber es war ja harmlos, diesem Wunsche nachzugeben. Er drehte sich einen Augenblick um, und auf das; was dann geschehen war, konnte er sich nicht mehr besinnen.

 

Seine erste bewußte Empfindung war, daß man ihm unsanft sein Gesicht mit einem kalken nassen Schwamm wusch. Ein scharfer Geruch von Teer lag in der Luft, und das Zimmer, in dem er saß, schien in Bewegung zu sein. Er dachte zuerst, es wäre einer seiner vielen Träume, aber als seine Augen in dem Räume umherwanderten und er die festgezimmerten Wände, die niedrige Decke und den schwarzen, mit Teer gestrichenen Fußboden sah, wußte er, daß er nicht träumte.

 

»Bin ich auf einem Schiffe?« fragte er heiser und hörte lachen.

 

Er erkannte in dem Mann, der den Schwamm in der Hand hatte, denselben Künstler, der ihm schon einmal zur Besinnungslosigkeit verholfen hatte.

 

»Waren Sie es – – – in der grünen Schürze? Ich habe Sie nicht erkannt.«

 

»Das war ich nicht«, sagte der Mann, der chronisch heiser zu sein schien. »Bei mir fließt kein Blut! Trinken Sie das.«

 

Luke trank den schwachen, mit Wasser vermischten Branntwein, der ihm angeboten wurde, aber er hätte reines Wasser vorgezogen.

 

»Sie sind eine rechte Plage für uns, ja, das sind Sie«, sagte der Mann, indem er den Schwamm in einen Napf warf und seine Hände an einem schmierigen Tuche abtrocknete. »Jetzt hören Sie auf meinen Rat und verhalten Sie sich ruhig. Hier ist ein Bett für Sie, und hinten im Heck finden Sie einen Eimer mit Wasser. Es wird Ihnen niemand was tun, wenn Sie keine Dummheiten machen.«

 

»Bin ich auf einem Schiffe?« fragte Luke noch einmal.

 

»Flußschiff«, war die Antwort. »Sie brauchen nichts zu fürchten. Der Gunner sucht schon nach Ihnen, aber er wird Sie nicht finden.«

 

Er wandte sich zu seinem schweigsamen Gefährten, und jetzt erst bemerkte Luke, daß noch ein Mann in der Kabine war, wenn dieser schmutzige Ort mit solchem Namen gewürdigt werden konnte.

 

»Wir hätten ihn nicht aufs Bett legen sollen. Das hat uns verraten, Harry«, sagte er. »Es war mein Fehler, aber wir mußten ihn doch irgendwohin legen. Sie sind stärker, als ich dachte, Maddison.«

 

Luke kicherte.

 

»Ich erinnere mich nicht, daß ich gekämpft habe. Habe ich mich gewehrt?«

 

»Gewehrt!« sagte der andere. »Ich sollte meinen! Als wir Sie im Schlafzimmer hatten, fingen Sie erst richtig an. Erinnern Sie sich nicht?«

 

Luke konnte sich auf nichts besinnen.

 

»Der Kapitän kommt in einer Minute an Bord – wir sind in der Nähe der Werft verankert. Wenn Sie ein verständiger Mann sind, Mr. Maddison, werden Sie tun, was er sagt. Es wird kein schlechtes Geschäft sein, nun wir wissen, wer Sie sind.«

 

Er blickte Luke neugierig an.

 

»Ein Kamerad von Lewing, nicht wahr? Ist doch merkwürdig, sich mit den Leuten einzulassen! Ich wundere mich, daß sich ein Mann wie Sie mit solchen Sachen befaßt!«

 

Luke antwortete nicht. Die beiden Männer gingen bald darauf an Deck. Sie ließen ihm die blakende Lampe, die einen aussichtslosen Kampf mit der Dunkelheit führte.

 

Eine kurze Stiege führte zu einer schweren Tür, die aber geschlossen war. An Heck des Schiffes befand sich eine Art Waschraum, doch gab es keine Luke, durch die er das Tageslicht sehen konnte, und eine Ventilationsanlage war auch nicht vorhanden. Die Luft, die eindrang, kam durch drei runde Löcher, die in die Tür geschnitten waren, und er hatte den Verdacht, daß sie mit Segeltuch verdeckt waren, da er kein Licht sehen konnte.

 

Alles Wertvolle war ihm abgenommen worden. Seine Kleider waren mit Blut beschmutzt, seinen durchweichten Kragen sah er in einer Ecke der Kabine liegen und sein Kopf schmerzte unaufhörlich. Trotzdem meldete sich der Hunger. Nach kurzer Zeit wurde die Tür aufgestoßen, und auf der obersten Stufe der Stiege erschienen die Beine eines Mannes.

 

Jetzt entdeckte er, warum er kein Licht gesehen hatte: die Treppe wurde durch ein kleines Deckhaus abgeschlossen, das er flüchtig sehen konnte, als der Ankömmling herunterstieg. Es war Connor, der ihn mit der Miene eines Freundes begrüßte, der schlecht behandelt worden war.

 

»Sie haben uns eine Menge Mühe gemacht, Mr. Maddison«, sagte er, unbewußt dieselben Worte wie sein Leutnant gebrauchend, »und wenn mir jemand Mühe macht, muß er dafür blechen. Ich bin gekommen, um einen kleinen Schwatz mit Ihnen zu machen. Sie wollen fort, nach dem Kontinent, nicht wahr?«

 

Luke antwortete nicht.

 

»Seien Sie nicht eigensinnig«, bat Connor mit freundlichem Grinsen. »Ich will versuchen, Ihnen zu helfen. Ich bringe Sie in einem Schiff unter – der Kapitän ist mein Freund und nimmt Sie morgen früh nach Rotterdam mit.«

 

Er zog ein Buch aus seiner Tasche, das Luke sofort erkannte.

 

»Hier ist Ihr Paß. Meine Jungens fanden ihn, als sie in Gunners Wohnung herumwirtschafteten. Sie kriegen ihn von mir, Mr. Maddison, ich bin der beste Freund, den Sie je hatten.«

 

Luke zog eine Grimasse.

 

»Ich verstehe, das ist die Mühe, für die ich blechen soll. Nicht wahr.«

 

»Das ist wie ein verständiger Mann gesprochen«, sagte Connor. »Ja, es wird Sie etwas kosten, aber Sie können es ja.«

 

Ans seiner inneren Tasche holte er einen langen Umschlag hervor, dem er drei unausgefüllte Schecks entnahm.

 

»Ich will, daß Sie die selbst ausfüllen: einen auf zwei-, einen auf drei- und einen auf fünftausend. Es sieht besser aus und macht ’n guten Eindruck, wenn die Schecks in Ihrer Handschrift sind.«

 

»Kann ich sie sehen?«

 

Der Mann reichte ihm die Schecks, und Luke kicherte wieder.

 

»Sie armer Verschwörer!« sagte Luke spöttisch. »Ich hab‘ nicht mehr als hundert Pfund auf diesem Konto oder auf irgendeinem anderen.«

 

Connors Brauen zogen sich zusammen.

 

»Wollen Sie mir was vormachen?« fragte er.

 

»Ich sage die Wahrheit«, antwortete Luke, »aber ich kann begreifen, daß Ihnen das sonderbar vorkommt und wie eine Lüge klingt. Das ist mein Privatkonto. Ehe ich fortging, ließ ich das meiste von dem Gelde auf meine Bank überweisen.«

 

»Aber Sie haben doch immer mit der Nord-Süd-Bank in Verbindung gestanden!«

 

Connor war sichtlich durch diese Eröffnung verdutzt, kein Wunder, denn er hatte einen ganzen Nachmittag damit verbracht, um die richtigen Scheine ausfindig zu machen. Es existiert ein flotter Handel mit Blankoschecks in London, man muß nur die richtigen Quellen wissen. Es hatte ihm Zeit gekostet, Lukes Bank ausfindig zu machen, und noch mehr Zeit, die nötigen Formulare zu finden. Seine Enttäuschung war begreiflich.

 

»Ich habe jedenfalls kein Geld«, sagte Luke. »Ihre Mühe war also vergeblich.«

 

»Doch, Sie haben welches«, unterbrach ihn Connor. »Nachdem Sie fort waren, ließ Ihre Frau ihr ganzes Geld auf Sie zurückschreiben.«

 

Das war neu für Luke, aber der Mann sägte das sicher nicht aufs Geratewohl.

 

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

 

»Ein Freund von Ihnen«, sagte der andere kühl.

 

»Danton Morell?«

 

Connor nickte.

 

»Jedenfalls würde es nicht auf dieses Konto zurückgegangen sein«, sagte Luke nach einiger Überlegung. »Es würde in meiner eigenen Bank sein.«

 

Connor hatte genug Menschenkenntnis um zu wissen, daß sein Gefangener die Wahrheit sprach.

 

»Aber Sie werden doch die Schecks unterzeichnen, wenn ich die richtigen bekomme, nicht wahr, Mr. Maddison?«

 

Luke schüttelte den Kopf.

 

»Ich will Ihnen nicht drohen. Ich will das in anständiger Weise machen«, sagte Connor eindringlich. »Ich habe jemand, der Ihnen aus England heraushilft. Der Gunner kann es nicht. Sie sind ein reicher Mann, und ein paar Hundert mehr oder weniger macht Ihnen nichts aus. Wenn Sie mir vertrauen, werde ich Sie fortbringen, und ich will nie wieder, auch nur um einen Pfennig, zu Ihnen kommen. Sie wissen, ich kann nichts von Ihnen herausholen, wenn Sie einmal aus England heraus sind, darum verlange ich jetzt einen Haufen Geld. Sie sind ein Geschäftsmann, Mr. Maddison, und Sie sind klug genug zu wissen, daß ich mir selber die Gurgel durchschneiden würde, wenn ich später eine kleine Erpressung bei Ihnen versuchen wollte. Ich habe vorn eine Kabine für Sie, und Sie sollen mir Ihr Wort geben, daß Sie keinen Fluchtversuch machen, aber warum sollten Sie das, da ja doch die Polizei nach Ihnen sucht. Gefällt Ihnen der Handel?«

 

»Sie werden keine Bohne von mir bekommen«, sagte Luke abweisend.

 

Connor sah ihn lange und gedankenvoll an.

 

»Gut«, sagte er, »Sie können hierbleiben und hungern, bis Sie Ihren Sinn geändert haben.«

 

Einen Augenblick war Luke in Versuchung, sich auf ihn zu stürzen, während er die Stufen hinaufstieg. Ein Stoß würde ihn herunterholen; aber Luke war noch sehr schwach. Er saß ruhig, bis die Tür zugemacht war. An Deck war es dunkel, aber nicht zu dunkel für Mr. Connor, als er in das kleine Ruderboot stieg, das an der Seite des Schiffes lag.

 

Er fuhr nicht nach seiner Werft, sondern mit wenigen Ruderschlägen nach der anderen Seite des Flusses. Von dort ging er in die City, nahm ein Taxi und ließ sich nach der Half Moon Street fahren.

 

Danky war gerade im Begriff auszugehen und Mr. Danton Morell hakte schlechte Laune.

 

»Was dachten Sie sich, als Sie mir die Adresse schickten?« sagte er. »Ich ging heute nachmittag hin und rannte beinahe mit Gunner Haynes zusammen.«

 

»Zum Teufel, was wollten Sie denn da?« fragte Connor.

 

»Maddison sehen. Ich hätte ihn überreden können, abzureisen. Maddison ist nicht dort. Eine Frau im Hause sagte mir, der Gunner hätte seine Wohnung abgeschlossen und wäre fortgegangen. Wo ist Maddison?«

 

Connor zündete sich eine Zigarre an, ehe er antwortete.

 

»Ich habe ihn! – Ich glaube, ich war mit einem Viertel beteiligt, nicht wahr, Danty?, aber jetzt sind es drei Viertel, und da bin ich noch nobel. Sie hatten die Gelegenheit und haben Sie versäumt. Was ist er wert?«

 

Danty unterdrückte den aufsteigenden Ärger, den der Ton des Mannes in ihm hervorrief. Es war nicht klug, mit Connor in Streit zu geraten, und die Frage der Teilung konnte bis zu einem geeigneteren Augenblick warten.

 

»Eine halbe Million, sollte ich meinen. Wo ist er?«

 

Connor ignorierte die Frage. »Eine halbe Million, he? Würde er für hunderttausend gut sein?«

 

Der andere überlegte einen Augenblick.

 

»Ja – hunderttausend sicherlich, wenn er sie bekommen kann.«

 

»Er sagt, er hätte keine Bohne.«

 

»Er hat Geld«, fuhr Danty auf. »Es ist alles in seiner eigenen Bank.«

 

Connor sann eine ganze Weile über diese Worte nach.

 

»Da brauchen wir also zehn Scheine. Können Sie die verschaffen?«

 

Danty zog seine Stirn in Falken.

 

»Wozu brauchen Sie Schecks?«

 

Connor schloß müde die Augen.

 

»Sie sind so lange aus dem Geschäft heraus, daß Sie beinah alles vergessen haben«, sagte er beleidigend.

 

»Ich brauche Schecks, damit er sie unterzeichnet, das ist alles. Können Sie welche kriegen?«

 

Danky überlegte einen Augenblick.

 

»Ich habe ein Scheckbuch von der Bank«, sagte er. »Ich hatte ein kleines Konto dort, aber die haben wenig Wert, da sie mich leicht verraten können. Aber ich kann andere bekommen.«

 

Er ging ans Telephon und rief Margarets Nummer an. Der Diener sagte ihm, sie wäre ausgegangen; das war gerade, was er brauchte.

 

»Wann wird sie zurück sein? Hier Mr. Morell.«

 

Er war auf die Antwort gefaßt, daß Mrs. Maddison überhaupt nicht mehr für ihn zu sprechen wäre.

 

»Erst nach dem Lunch, Sir.«

 

Danty hing den Hörer an.

 

»Warten Sie hier«, sagte er. »Ich denke, ich weiß, wo ich alle Scheine bekommen kann, die Sie brauchen.«

 

Er kannte Margaret und ihre häuslichen Gewohnheiten ziemlich gut – er war vertrauter mit ihr gewesen als irgendein anderer Mann. Der Diener war erstaunt, ihn zu sehen, aber er führte ihn ohne zu zögern hinauf in den Salon.

 

»Ich sagte es wohl nicht deutlich, daß die gnädige Frau erst ungefähr in einer Stunde zurück sein kann.«

 

Danty lächelte.

 

»Sie werden sehen, daß sie schon früher zurückkommt«, sagte er lächelnd. »Jedenfalls will ich sie erwarten.«

 

Die Tür hatte sich kaum hinter dem Diener geschlossen, als er auch schon an Margarets Schreibtisch war. Dieser war unverschlossen, und er wußte, daß sie stets zwei Scheckbücher in einem der seitlichen Schubfächer hatte. Er fand sie da, wie er erwartet hatte: eins halb leer, das andere noch ungebraucht. Aus dem letzteren riß er ungefähr ein Dutzend der Hinteren Scheine heraus, steckte sie in die Tasche und schloß das Fach. Dann klingelte er.

 

»Ich werde doch nicht warten, lieber in einer Stunde wiederkommen. Es ist nicht so eilig, und mir fällt eben ein, daß ich noch einen Besuch zu machen habe.«

 

Innerhalb einer halben Stunde war er wieder bei Connor und legte die Schecks vor ihn hin; Mr. Connor stellte keine Frage, es war auch nicht nötig.

 

»Sie lassen sie jetzt von ihm unterzeichnen. Soll ich mitkommen?«

 

Connor grinste.

 

»Das ist kein kluger Einfall«, sagte er. »Sie können sich leicht in die Nesseln setzen, Danty.«

 

Er konnte sich dem Schiffe nicht bei Tageslicht nähern, da er wußte, daß er von der Polizei beobachtet wurde. Sobald es dunkel war, glitt er den Strom hinunter und kletterte auf das Schiff. Er brachte einen Korb voller Eßwaren mit und eine Thermosflasche mit heißem Tee. Das Licht war herabgebrannt, und Luke lag im Halbschlaf auf dem Bett, das für ihn zurechtgemacht war. Durch das Eindringen der kalten, frischen Luft wurde er wach.

 

Connor knipste eine elektrische Lampe an, die er mitgebracht hatte.

 

»Hier ist was zu essen«, sagte er. »Es tut mir leid, daß ich Sie solange warten lassen mußte, aber hoffentlich sind Sie nun klüger geworden. Und da sind die Scheine. Ich möchte, daß Sie die selbst ausfüllen.«

 

Luke langte nach den Eßwaren und aß heißhungrig. Er war so hungrig, daß seine Lebensgeister ganz herabgesunken waren. Wahrscheinlich belebte ihn der heiße Tee mehr als das Essen, und er fühlte sich fast völlig wohl, als er die letzten Krumen von seinen Knien wischte.

 

»Was haben Sie da für Scheine?« fragte er. »Ach, Schecks! Sie wollen, daß ich die ausfülle und unterzeichne – auf eine fabelhafte Summe? Sie können ja eine Million setzen, wenn Sie wollen, aber ich kann Ihnen versichern, daß sie nicht ausgezahlt wird. Ich sagte Ihnen doch schon, daß mein ganzes Geld auf den Namen meiner Frau eingetragen ist.«

 

»In dem Falle wollen wir uns einen Spaß machen«, sagte Connor, ohne seinen Gefangenen aus den Augen zu lassen. »Sie stellen diese Schecks jeden auf zehntausend aus und datieren sie immer eine Woche nacheinander. Wenn Sie länger als zehn Wochen hierbleiben wollen, können Sie sie einen Monat nacheinander datieren, oder wenn Ihnen daran liegt, in wenigen Tagen fortzukommen, können Sie einen Scheck auf hunderttausend Pfund ausstellen, und gleichzeitig an Ihren Bankdirektor schreiben, daß er das Ding auszahlen soll.«

 

Luke lachte, ehe er ausgesprochen hatte.

 

»Ich hab‘ viel Sinn für Humor«, sagte er, »aber es kommt mir für einen Bankier nicht witzig vor, Schecks auf Verlustkonto auszustellen.«

 

Connor zog einen Stuhl heran und setzte sich.

 

»Lassen Sie uns die Sache in Ordnung bringen«, sagte er. »Sie kennen mich, und Sie wissen, wer ich bin; ich kann zehn Jahre aufgebrummt bekommen, vielleicht noch mehr. Ich würde mich lieber aufhängen, als mein Leben in Broadmoor verbringen, doch ich nehme die Gefahr auf mich, Mr. Maddison. Ich werde Sie quälen und um die Ecke bringen, wenn Sie nicht tun, was ich sage. Sie sind ein verständiger Mensch, und ich überlasse es Ihnen. Ich kann Sie nicht ohne das Geld fortlassen.« Er zog seinen Stuhl näher heran. »Ich hab‘ mich viele Jahre aus diesem Flusse abgemüht, und was glauben Sie, was ich davon habe? Die Pacht einer alten Werft, die keinen Schilling wert ist; ein paar Tausend auf kleinen Banken und die Gewißheit, daß früher oder später eine meiner Ratten mich verpfeifen wird. Jetzt hab‘ ich eine Gelegenheit, einen Haufen Geld zu bekommen – Sie haben die Gelegenheit, sich davonzumachen. Ich will einen Bericht über die Tatsachen der Taffanny-Sache aufsetzen und unterschreiben – ist das ein Vorschlag?«

 

Es war kein Zeitpunkt, heldenmütig zu sein. Luke wußte das ganz genau. Er zweifelte nicht, daß schließlich Connor sein Wort halten würde, und das wäre das Ende. Es war nicht der Augenblick, dem Schicksal mit den Fingern ins Gesicht zu schnippen. Connor behandelte die Angelegenheit ganz geschäftsmäßig, und es blieb ihm nichts übrig, als sich zu fügen. Wenn er einen Scheck ausstellte, zweifelte er nicht, daß dieser honoriert werden würde. Sicherlich würden aber auch Nachforschungen angestellt werden, und wahrscheinlich würde man auf seine Spur kommen.

 

»Ich halte es für töricht, zu versuchen, einen Scheck über zehntausend einzukassieren«, sagte er. »Die Summe ist so hoch, daß, selbst wenn ich das Geld hätte, Steele Verdacht schöpfen würde. Ich schlage einen Vergleich vor: Ich will Ihnen einen Scheck über fünftausend Pfund geben. Wenn der bezahlt wird, sehr wahrscheinlich aber nicht, haben Sie Glück, und Sie täten besser, sich aus dem Staube zu machen, ehe Nachfragen kommen. Sicherlich wird kein Bankdirektor, der seine Sinne beisammen hat, hunderttausend Pfund auszahlen, ohne sich mit dem Manne in Verbindung zu setzen, der die Schecks ausgestellt hat.«

 

Er sah, wie Connor lächelte.

 

»So lass‘ ich mir’s gefallen«, sagte der Mann. »Das ist gescheit. Wo vermutet man Sie – in Spanien, nicht wahr?«

 

Luke runzelte die Stirn.

 

»Ich denke ja, warum?«

 

»Wir wollen die fünftausend abheben und dann zusammen nach Spanien gehen – ich will Sie heute nacht noch ‚rausschaffen.«

 

Der Plan schien Luke nicht ausführbar, aber er sagte nichts. Er schrieb und unterzeichnete den Scheck und überreichte ihn dem anderen.

 

»Und nun«, sagte Luke, »möchte ich ein bißchen frische Luft haben. Hier erstickt man.«

 

Connor zögerte.

 

»Kommen Sie an Deck. Aber wenn Sie Dummheiten machen, werde ich etwas tun, was mir und Ihnen leid tun sollte.«

 

Wenige Sekunden später saß Luke auf Deck und sog die kühle, süße Luft ein. Er konnte das Licht eines Leuchtturms sehen, das von der anderen Seite des Flusses kam. Gegenüber war eine Reihe von Lichtern auf dem Themse-Kai. Ein munterer kleiner Schleppdampfer bewegte sich langsam stromaufwärts gegen die Flut; er hörte das Zischen und Brausen eines Zuges, der über eine der Brücken fuhr. Die Lichter von Westend färbten die tiefhängenden Wolken in trübes Orangerot. Die Flut wechselte gerade. Er hörte das Anschlagen des Wassers gegen das flache Boot.

 

Einige Minuten lang saß er in Schweigen versunken. Dann stand er auf und streckte seine verkrampften Glieder.

 

»Wenn ich verspräche, das Schiff nicht zu verlassen und mich ruhig zu halten, würden Sie die Tür offen lassen, Mr. Connor?«

 

Connor antwortete mit einem Lachen.

 

»Dummheit! Solche Versprechen haben für mich keinen Sinn.«

 

»Ich bin froh«, sagte Luke. »Wenn Sie mein Versprechen angenommen hätten, hätte das recht hinderlich für mich sein können.«

 

Als er das sagte, schoß seine Hand vor, und Connor flog auf den Boden. Ehe er sich aufraffen konnte, hatte Luke den Rand der Barke erreicht, sprang, ohne zurückzublicken, in das Wasser und schwamm nach der Mitte des Stromes.

 

Er hörte nichts außer dem Geräusch laufender Füße an Bord des Schiffes und dann eine Stimme, die eilige Befehle gab. Connor mußte ein Ruderboot an der Leine haben. Die steigende Flut hatte ihn schon weit von der Barke fortgetragen, und nichts war in seiner Nähe als eine Reihe Kähne, die in der Mitte des Stromes verankert waren. Dahin zu streben, hieße sich der Entdeckung auszusetzen. So schwamm er nach dem Ufer zurück.

 

Jetzt sah er um den Bug der Barke einen Schatten herumkommen. Connor verfolgte ihn in einem Motorboote. Es lief so schnell, daß es nichts anderes sein konnte. Nur ein Ausweg blieb ihm übrig. Er holte tief Atem und tauchte, indem er kräftig gegen die Flut schwamm. Er schien eine Ewigkeit unter Wasser zu sein; seine Lungen und sein Kopf platzten beinahe, als er wieder an die Oberfläche kam – genau unter dem Heck des Motorbootes kam er hoch, so dicht, daß der wirbelnde kleine Propeller beinahe sein Haar berührte.

 

Keiner der beiden Männer in dem Boot hatte ihn bemerkt. Er konnte gerade die Schattenrisse ihrer Köpfe sehen, wie sie sich über den Rand bogen – und schnell tauchte er wieder unter.

 

Er fühlte seine Kräfte schwinden: eine derartige Anstrengung konnte er nicht lange aushalten. Er mußte wieder an die Oberfläche kommen und war froh, als er nichts mehr von dem Boote bemerkte. Während er Wasser trat, sah er es auf die Schiffe in der Mitte des Stromes zulaufen. Jetzt war er zwanzig Meter von einem Frachtkahn entfernt, der an einem Kai verankert war. Tüchtig ausstreichend, erreichte er die Ankerkette und schöpfte tief Atem.

 

Er war zu schwach, um hinaufzuklettern. Das einzige, was er tun konnte, war, seine Reise um das Boot herum nach dem Ufer fortzusetzen. Mit unendlicher Mühe gelang es ihm endlich. Er mußte aber bis zu den Knien durch dicken Schlamm waten, ehe er an die Front eines Lagerhauses kam. Von hier konnte er nicht entwischen. Als er über seine Schulter blickte, sah er das Boot zurückkommen. Irgend jemand leuchtete mit einer elektrischen Laterne über das Wasser, und weitere Flucht schien unmöglich.

 

In diesem Augenblick rief ihn eine heisere Stimme vom Bord des Schiffes an:

 

»Hand her!«

 

Er hielt seine Hand in die Höhe, und sie wurde gefaßt.

 

»Aufpassen! Am Pfahl festhalten!« flüsterte die Stimme ermutigend, und indem er aufwärts griff, fand Luke Halt. Mit übermenschlicher Anstrengung und der Hilfe seines unbekannten Freundes zog er sich auf den kleinen Kai, der an dem Lagerschuppen entlang lief und kaum breit genug war, daß zwei Menschen nebeneinander darauf entlang gehen konnten.

 

»Man hat Sie nicht gesehen?« flüsterte der andere, und ehe Luke antworten konnte: »Laufen Sie links ’nun, hinter mir her – da ist ein Wachmann! Jetzt schläft er – aber machen Sie keinen Lärm!«

 

Luke Maddison suchte sich seinen Weg vorsichtig über einen Hof, in dem Pflastersteine und Granitplatten herumlagen. Er sah einen langen Schuppen, aus dem die Deichseln von Möbelwagen hervorragten. In der Nähe waren Pferde, denn er hörte Wiehern aus einem Stalle.

 

Leise folgte er dem Unbekannten an einer kleinen Hütte vorbei, in der der Nachtwächter schlief. Nach einer Weile kamen sie an ein schweres, schwarzes Tor; die kleine Durchgangstür war nicht geschlossen. Durch diese schlüpften sie, und Lukes Helfer schloß sie hinter sich.

 

»Ich sah, wie sie nach Ihnen suchten, und dachte, sie wären hinter Connors Leuten her.«

 

Er fluchte in gemeinster Weise.

 

»Die Blauen auf dem Flusse sind schlimmer als die auf dem Lande.«

 

Beim Licht einer Straßenlampe nahm Luke seinen Gefährten in Augenschein: ein Mann mit scharfem, hohlwangigen Gesicht, etwa dreißig Jahre alt, mit einer jüdischen Nase und lauernden Augen, die nie still standen.

 

»Sie sind naß, kommen Sie mit in Connors Hof: er kann Ihnen andere Kleider geben.«

 

»Nein, danke«, sagte Luke hastig. »Ich will nichts mit Connor zu tun haben.«

 

»Sie wollen nichts mit Connor zu tun haben, he? Schön, das ist klug. Haben Sie Geld?«

 

Luke griff in seine Tasche.

 

»Nein«, sagte er.

 

Der Mann stieß ein mißbilligendes Grunzen aus.

 

»Ich dachte, ich würde wenigstens ein Pfund dabei machen. Wo wohnen Sie?«

 

»Zum Teufel, ich weiß nicht mal, wo ich wohne«, sagte Luke ärgerlich und hörte das dünne, pfeifende Lachen seines Begleiters.

 

»Sie sind ein – Feiner; ich dachte es mir gleich, als ich Sie sprechen hörte. Schon mal ’nen Geldschrank geknackt? Da in dem Lagerhause ist einer, sonst nichts. Man sagt, da wäre was zu holen. Der einzigste Weg ‚reinzukommen, ist durch den Hof. Ich wette, im Schrank ist genug für uns beide. Haben Sie je einen geknackt?«

 

»Nie«, sagte Luke. »Das ist eins von den wenigen Dingen, die ich nicht gemacht habe.«

 

»Warum waren die Blauen hinter Ihnen her?«

 

Der Mann war der Meinung, Luke wäre der Flußpolizei entwischt, und er ließ ihn dabei.

 

»Ja – es ist ein hartes Leben«, sagte der andere heiser.

 

Sie kamen jetzt in belebtere Gegend, und der kleine Mann, dessen Namen Curly war, blieb stehen.

 

»So können Sie nicht durch die Straßen laufen. Sie würden sofort erwischt. Kommen Sie lieber mit mir nach Hause. Aber ich kann Sie nicht bei mir behalten.«

 

Er führte Luke durch verschiedene Nebenstraßen in die ärmlichste Gasse, die er je gesehen hatte. Obgleich es spät abends war, spielten Kinder vor den Häusern und kreischten, Frauen schwatzten vor den Türen. Keiner beachtete Luke oder seinen Begleiter. Bald kamen sie durch eine Tür, die Curly aufschloß, in einen übelriechenden Durchgang und auf eine teppichlose Treppe.

 

»Gehen Sie da rein und ziehen Sie Ihre nassen Sachen ans.« Curly öffnete eine Tür, strich ein Zündholz an und steckte eine Kerze an.

 

Die Fenster waren mit Stücken von alten Pferdedecken verhängt, und die Ausstattung des Zimmers bestand aus einem gräßlich aussehenden Bett und einem Stuhl.

 

Curly sagte, er müßte mit dem Hauswirt sprechen. Er blieb eine Weile fort. Als er zurückkam, hatte Luke seinen Abscheu gegen das schmutzige Bettzeug überwunden und war, nachdem er seine Kleider ausgezogen und sich an dem einzigen, schmierigen Handtuch, so gut er konnte, abgetrocknet hatte, in das Bett gekrochen.

 

Curly warf ein Paar Hosen und ein altes Hemd, das den Vorteil hatte, sauber zu sein, auf einen Stuhl.

 

»Das ist alles, was ich für Sie bekommen konnte«, sagte er und nahm Lukes durchweichten Anzug, den er mit Zufriedenheit betrachtete.

 

Auch die Stiefel wurden begutachtet.

 

»Seidenes Hemd, he? Ich wußte ’s ja, Sie sind ein Feiner. Ich will es Ihnen trocknen lassen.«

 

Er verschwand und kam nicht wieder. Zehn Minuten später war Luke trotz der unappetitlichen Umgebung fest eingeschlafen. Als er aufwachte, schien die Sonne durch die Löcher der Decken. Er stand auf und zog sich Hemd und Hosen an.

 

Unten war Lärm; das Heulen eines Kindes, die schreiende Stimme einer Frau und dann die tiefere eines schimpfenden Mannes. Er öffnete die Tür, ging auf den Vorplatz und rief hinunter. Sofort erschien der Mann mit der tiefen Stimme.

 

»Was gibt’s?«

 

»Sind meine Kleider getrocknet?« fragte Luke höflich.

 

»Was für Kleider?«

 

Der Mann schien interessiert zu sein und kam schwerfällig die Treppe herauf, ein großes, unrasiertes Scheusal mit gedunsenem Gesicht.

 

»Haben Sie Curly Ihre Kleider gegeben?« Er gab seiner Hand einen lauten Kuß. »Dann sagen Sie ihnen lebe wohl, alter Junge!«

 

Luke starrte ihn an.

 

»Meinen Sie, daß er damit durchgegangen ist?«

 

Das schien seine feste Überzeugung zu sein. Er keilte seinem Gaste noch mit, daß dieser ihm für das Übernachten zwei Schilling schulde.

 

»Und dann meine Hosen und mein Hemd?« sagte er. »Was kriege ich dafür?«

 

Es dauerte lange, bis er einwilligte, ihm noch eine alte Jacke und ein Paar alter Schuhe zu borgen, die noch dazu viel zu eng waren. Er würde, wie er sagte, von Curly noch etwas herausbekommen, woraus Luke schließen konnte, daß er an dem Gewinn aus den gestohlenen Sachen beteiligt war. Zu seinen anderen Wohltaten fügte er noch eine Tasse Tee und eine große Scheibe Brot mit Margarine hinzu, und dann wurde der Bankier auf die Straße verwiesen.

 

Starker Regen fiel. Als er Lambeth Bridge erreichte, war er durch und durch naß. Er ging in den Park, fand einen Stuhl und zog ihn unter den Schutz eines großen, überhängenden Baumes. Lange saß er da und war dann zu einem Entschlüsse gelangt. Schande und Gefängnis schienen weniger unangenehme Aussichten zu sein als Kälte und Hunger. Er entschloß sich, nach der Bank zu gehen.

 

Er wußte nicht, wie spät es war und fragte einen Vorübergehenden, ohne jedoch einer Antwort gewürdigt zu werden. Er fragte einen anderen Mann, der ihm mürrisch sagte, daß es beinahe zwölf wäre. Um diese Zeit würde er Steele im Büro finden, und Steele bedeutete Trost und Nahrung und anständige Kleidung.

 

Als er aus dem Parktor herauskam, faßte ihn jemand am Arm und drehte ihn herum. Er blickte in das unsympathische Gesicht eines Mannes, der offenbar Geheimpolizist war.

 

»Gebettelt, he? Ich sah Sie jene beiden Herren ansprechen.«

 

»Ich habe gefragt, wie spät es ist«, sagte Luke.

 

»Jawohl!« sagte der Detektiv mit zusammengekniffenen Lippen. »Kommen Sie ein bißchen mit.«

 

Zehn Minuten später schloß sich eine Tür hinter Luke Maddison, und er befand sich in der sauberen, aber nicht gerade behaglichen Zelle eines Polizeireviers. Mit diesem Pech hatte er Glück, denn Connor war seiner Spur gefolgt, in der Hoffnung, daß Luke vielleicht in einen Teil des Parkes kommen würde, wo Überredung – friedlich oder in anderer Weise – versucht werden könnte.