Kapitel 16

 

16

 

Danty blickte die junge Frau erstaunt und zugleich entsetzt an. Seine Bestürzung erschien beinahe komisch.

 

»Sie haben das ganze Geld zurückgegeben, das Sie von ihm hatten?« stotterte er.

 

Sie nickte. Ihre Augen lagen fest auf seinem Gesicht.

 

»Und warum nicht? Ich habe genug zu leben«, sagte sie. »Mr. Steele, der Vermögensverwalter, hat mir ein genügendes Einkommen ausgesetzt.«

 

Er konnte sie nur sprachlos anstarren. All seine seinen Pläne waren zunichte geworden, waren wie eine Rauchfahne vom Winde verweht. Sie ersparte ihm die Anstrengung zu sprechen, und gab ihm Zeit, sich ein wenig von diesem Schlage zu erholen, denn sie fuhr fort:

 

»Luke ist die ganze Zeit hindurch niemals in Paris gewesen – jemand, der ein besonderes Interesse daran zu haben scheint, muß das Telegramm gesandt haben. Ich habe beinahe das Gefühl, als ob ich ein derartiges Telegramm zu erhalten wünschte, damit ich wenigstens vor mir selbst eine Entschuldigung hätte für die häßliche Art und Weise, mit der ich Luke behandelt habe.« Sie lächelte. »Es würde mir außerordentlich unangenehm sein, wenn ich annehmen müßte, daß die Geldfrage Ihre zukünftigen Pläne ungünstig beeinflussen könnte. Glücklicherweise sind Sie ja ein reicher Mann, Danton.«

 

Danton nickte langsam. Am gleichen Morgen hatte er einen Mahnbrief seiner Bank erhalten. In der Meinung, daß seine finanzielle Lage absolut gesichert wäre, hatte er mehr Geld ausgegeben, als er durfte, hatte große Summen in verschiedenen Spielhöllen verloren und sein Konto stark überzogen.

 

Mit beinahe übermenschlicher Anstrengung fand er sein Gleichgewicht wieder und zwang seine Stimme zu einem ruhigen Ton, als er antwortete:

 

»Ich bin nicht ganz überzeugt, daß Sie sehr klug gehandelt haben. Haben Sie mit Ihren Anwälten gesprochen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»In Gewissensfragen wendet man sich nicht an seine Rechtsanwälte«, antwortete sie ruhig.

 

Es war schwierig genug, auch nur die einfachste Unterhaltung im Gang zu halten. Ihre ganze Haltung ihm gegenüber erschien ihm wie ein hoher Wall, der seinen so leichten, angenehmen Lebensweg versperrte, ein Wall, im Augenblick unübersteigbar. Er mußte Zeit gewinnen; seine angeborene Verschlagenheit sagte ihm, daß noch kein Grund war, alle Hoffnung zu verlieren, solange sie auf seiner Seite war. Er hatte von Hunderttausenden geträumt, war sicher gewesen, Zehntausende zu erhalten, und es war immerhin noch möglich, ein- oder zweitausend Pfund zu erraffen, vielleicht sogar noch mehr, wenn er seine Karten nur richtig ausspielte.

 

»Wann haben Sie die Absicht, nach Ronda abzureisen?«

 

»In ungefähr zwei Tagen«, antwortete sie schnell, und zwar so schnell, daß er fühlte, sie hatte die Zeit auf die Stunde genau ausgerechnet. »Sobald ich sicher weiß, daß Luke in Ronda ist, fahre ich zu ihm.«

 

»Und was wollen Sie ihm eigentlich sagen?«

 

Er konnte sich diese Frage nicht verbeißen, obgleich er im gleichen Augenblick, als er die Worte sprach, wußte, daß er sich eines taktischen Fehlers schuldig gemacht hatte.

 

Er sah sofort ihre Zurückhaltung, und ein kühl erstaunter Blick erschien von neuem in ihren wundervollen Augen.

 

»Das ist eine Angelegenheit, die nur Luke und mich angeht. Ich befürchte, ich habe die Schuld an allem, und ich muß versuchen, dies wiedergutzumachen.«

 

In seiner Enttäuschung beging er einen neuen Fehler.

 

»Aber in Erinnerung an Ihren Bruder Rex müßten Sie doch – ich weiß ja nicht, wie Ihre Gefühle zu Luke sind – aber eine Tatsache läßt sich doch leider nicht ableugnen: Luke könnte das Leben Ihres Bruders gerettet haben! Aber im Gegenteil, als er herausgefunden hatte, Rex war ruiniert, hat er ihn noch weiter in sein Unglück hineingetrieben. Geld ist sein Gott –«

 

»Und doch gab er mir alles«, warf sie ruhig ein; »und als ich ihm Geld verweigerte, ging er seiner Wege … ohne ein Wort zu sagen. Ist es Ihnen denn nicht klar, daß, wenn Luke sich an seine Anwälte gewendet hätte, wenn die Sache vor Gericht gekommen wäre, wenn er irgend etwas dieser Art unternommen hätte, daß ich ihm dann jeden Pfennig hätte zurückgeben müssen? Nicht, weil er vielleicht rechtliche Ansprüche darauf hatte, sondern weil ich es niemals gewagt hätte, eine solche öffentliche Verhandlung durchzumachen. Er mag kleinlich, er mag unglaublich grausam gewesen sein, aber das gibt mir noch nicht das Recht, Böses mit Bösem zu vergelten. Das sind die Überlegungen, die mich veranlaßt haben, die Verwaltung des ganzen Vermögens Mr. Steele zu übertragen«, die letzten Worte kamen in mehr entgegenkommendem, beinahe freundlichem Tone. »Die unglückselige Angelegenheit mit Rex muß klargestellt werden – das ist häßlich und schmerzhaft, und ich kann auch jetzt noch nicht mit Ruhe daran denken. Luke wird sicher eine Erklärung für sein Verhalten geben können; vielleicht hatte er schwerwiegende Gründe, um meinem Bruder weitere Hilfe zu verweigern. Auf jeden Fall ist es meine Sache und – mein Wunsch, die volle Wahrheit herauszufinden.«

 

Er war leichenblaß vor Wut, die er kaum verbergen konnte. Seine Lippen verzogen sich höhnisch.

 

»Es scheint mir, das einzige Resultat Ihrer Versöhnung – denn dazu wird es meiner Meinung nach kommen – wird sein, daß man mich im Stich läßt, daß ich mit jedem Menschen hier auseinanderkomme. In finanzieller Hinsicht kann das meinen Ruin bedeuten. Luke hat einen außerordentlichen Einfluß in der City, und schon allein eine leise Andeutung, daß ich gegen ihn war, wurde genügen, um mir große Schwierigkeiten zu bereiten.«

 

Zu seiner Überraschung lachte sie.

 

»Danton«, rief sie beinahe fröhlich. »Was denken Sie sich denn von mir! Können Sie denn annehmen, ich würde zugeben, daß ein Freund von Rex zu leiden hat, weil er versuchte, mir zu helfen?«

 

Danton Morell sah sie verblüfft an. Warum war sie so freudig bewegt? Dann fiel es ihm ein: in wenigen Tagen würde sie in Ronda, würde wieder mit ihrem Gatten vereinigt sein. Der Gedanke schmerzte ihn, langsam begann er zu verstehen, welch einen großen Platz diese Frau in seinem Leben eingenommen hatte. Es sah Danton Morell nicht ähnlich, irgendeiner Frau Einfluß auf sich selbst einzuräumen. Aber ganz allmählich, ihm selbst fast unverständlich, war Margaret, die sein Opfer werden sollte, jetzt ein Hauptfaktor in seinem Leben geworden … es erschien ihm kaum glaublich.

 

Zu gleicher Zeit wurde es ihm zweifellos klar, daß sie ihren Mann liebte!

 

Er war gerade im Begriff, zu antworten, als an die Tür geklopft wurde und das Zimmermädchen hereintrat.

 

»Ein Herr möchte Sie sprechen, gnädige Frau – ein Mr. Haynes.«

 

Hätte Margaret Danton angeblickt, würde sie gesehen haben, wie er erblaßte.

 

»Er sagte, er wäre mit Mr. Maddison bekannt«, fuhr das Mädchen fort, »und es läge ihm außerordentlich viel daran, mit Ihnen zu sprechen.«

 

Danty fuhr sie an:

 

»Sie haben ihm doch nicht erzählt, daß ich hier bin –« er unterbrach sich, als er Margarets erstauntem Blick begegnete.

 

»Kennen Sie ihn?«

 

Er nickte und sah bedeutungsvoll auf die Zofe.

 

»Warten Sie, bitte, einen Augenblick«, sagte Margaret, und als sich die Tür hinter dieser schloß: »Wer ist denn das?«

 

»Ein Mann, den ich nicht zu sehen wünsche, und den Sie nicht sehen dürften. Ein Verbrecher, der Mann, der an jenem Abend in Ritz-Carlton verhaftet worden ist. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, so empfangen Sie ihn nicht.«

 

Sie zögerte.

 

»Wenn er Luke kennt«, begann sie.

 

»Er kennt ihn nicht – das ist doch nur ein Trick, um an Sie heranzukommen. Höchstwahrscheinlich will er Geld haben, und er ist ein ziemlich gefährlicher Mensch.«

 

»Dann wäre es doch besser, Sie würden dabei sein, wenn ich ihn empfange«, warf Margaret ein und sah an seiner Verwirrung, daß ihm dieser Vorschlag keineswegs angenehm war. »Ich möchte doch lieber mit ihm sprechen. Wollen Sie, bitte, unterdessen in dem kleinen Salon warten?«

 

Margaret, in einer solchen Stimmung, war nicht zu beeinflussen; verdrossen folgte er ihrer Aufforderung und war in dem nebenliegenden Raum, als er den schnellen Tritt des Gunners an der Tür vorbeigehen hörte.

 

Margaret war auf die Art von Mann, der jetzt den Salon betrat, keineswegs vorbereitet. Das tiefgebräunte Gesicht mit seinen scharfen Zügen, eine verfeinerte Kultur, die über dem ganzen Mann lag, hatte sie nicht erwartet.

 

»Sind Sie Mrs. Maddison? … mein Name ist Haynes – der Polizei bin ich als Gunner Haynes bekannt. Neben anderen Sachen beschäftige ich mich auch mit Juwelendiebstahl«, waren seine Worte.

 

Seine Stimme war ruhig, als ob er sich als Mitglied einer sehr ehrenwerten Kaufmannsgilde vorstellte.

 

»Ich bin einmal mit Ihrem Gatten zusammengetroffen, und er versuchte, mir einen Dienst zu leisten – ich würde gern dasselbe ihm gegenüber tun, Mrs. Maddison.«

 

Sie nickte.

 

»Mr. Danton Morell ist ein Freund Ihres Hauses?« fragte er. »Ja«, antwortete sie kühl. »Warum?«

 

Sie sah, wie es um seine Lippen zuckte.

 

»Ich wollte es gern wissen … Mrs. Maddison, würden Sie es für eine große Impertinenz meinerseits halten, wenn ich Sie fragen würde, warum Ihr Gatte Sie verlassen hat?«

 

Sie blickte ihn fest an.

 

»Würden Sie es für eine solche halten?« antwortete sie ruhig und sah, wie er leise lächelte.

 

»Es würde noch etwas mehr als impertinent sein. Und doch, Mrs. Maddison, habe ich ein weitgehendes Interesse für die Angelegenheiten Ihres Mannes. Ich habe sicher viele schlechte Eigenschaften, aber Undankbarkeit ist nicht darunter. Ihr Gatte machte sich die Mühe, mich zu warnen, und zwar in einem Augenblick, wo er wußte, die Polizei war auf dem Wege, mich zu verhaften. Wenn es jemals einen aufrechten und anständigen Menschen gegeben hat, so war es Luke Maddison. Ich hätte eine solche Frage nicht an Sie richten und noch weniger eine Antwort darauf erwarten dürfen. Das einzige, was ich brennend gern erfahren möchte, ist: Haben Sie eine Ahnung, wo sich Ihr Mann aufhält?«

 

»Wollen Sie ihn sehen?« sagte sie herausfordernd.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, aber ich würde gern genau wissen, wo er ist. Ich habe einen ganz besonderen Grund dafür. Ist er in London?«

 

»Im Augenblick ist er in Spanien«, entgegnete sie, »aber ich bin leider nicht in der Lage, Ihnen seine Adresse geben zu können.«

 

»Und Mr. Morell – ist er auch in Spanien? Verzeihen Sie, bitte, Mrs. Maddison, aber wenn ich einen Grund für die erste Frage habe, so bitte ich Sie, mir zu glauben, daß ich einen doppelt wichtigen Grund für die zweite habe. Morell gehört zu jener Art Männer, die keine Dame kennen sollte –«

 

Sie ging an den Tisch und drückte auf einen kleinen Onyx-Klingelknopf. Der Gunner lächelte.

 

»Das bedeutet natürlich, daß Sie mich hinauswerfen, und ich kann Ihnen nicht unrecht geben. Ich befürchte, ich habe dies Interview in jeder Beziehung verfahren, und ich hatte doch die Absicht, so diskret und diplomatisch wie möglich zu sein. Vor allen Dingen wollte ich nur wissen, wo Mr. Maddison ist –«

 

»Und darauf habe ich Ihnen bereits geantwortet«, sagte sie, als die Zofe auf der Türschwelle erschien.

 

»Was nun Danty Morell betrifft –« begann er.

 

Ihre Hand wies auf die Tür.

 

»Ich liebe es nicht, über meine Freunde zu sprechen – nicht einmal mit den eigenartigen Bekannten meines Mannes«, fiel sie ein und hörte ihn noch leise wie über einen guten Witz vor sich hin lachen, als er die Treppe hinabging.

 

Sie wartete, bis sie die Haustür zufallen hörte, und ging dann in den kleinen Salon, den sie leer fand. Von der Zofe erfuhr sie, daß Danty wenige Minuten nach der Ankunft Gunner Haynes fortgegangen wäre. Danty war kein Mann, der sich einem unnötigen Risiko aussetzte.

 

Sie hatte im Westend verschiedene Besorgungen zu erledigen und gab am späten Nachmittag ihrem Chauffeur die Weisung, durch den Park zu fahren. In der Nähe von Marble Arch ließ sie den Wagen halten und stieg aus. Sie wollte einige Augenblicke in der Einsamkeit des Parkes spazierengehen. Hier konnte sie ruhiger und klarer nachdenken.

 

Langsam schlenderte sie den Weg entlang, der neben dem großen Fahrweg herläuft, und sah einen Wagen auf der anderen Seite der Straße heranrollen. Ein elektrisches Coupé mit zwei Insassen: ein blendend schönes Mädchen, hochelegant gekleidet. Neben ihr, das Gesicht halb unter einem breitkrempigen Filzhut verborgen, ein bärtiger Mann von auffallendem Äußeren. Wenige Schritte vor Margaret gingen ein großer, starker Mann und ein hübsches junges Mädchen. Als sie an ihnen vorbeischreiten wollte, hörte sie den Mann sagen:

 

»Sehen Sie sich mal die elegante Dame da an! Das ist Jean Gurlay – eine der vollkommensten Hochstaplerinnen Londons.«

 

Sie erkannte den Spatz und seine Begleiterin und setzte sich auf eine Bank, da sie nicht wünschte, von den beiden gesehen zu werden. Ihre Augen folgten neugierig dem eleganten Wagen. Sie sah, wie er langsam wendete und auf ihrer Seite auf sie zukam, und beobachtete gleichgültig das hübsche Mädchen und den bärtigen Mann, dessen Kopf seiner Begleiterin zugewandt war. Als sie dicht an ihr vorbeifuhren, hörte sie den Mann sagen:

 

»Das ist alles so unklar. Was soll das eigentlich bedeuten?«

 

Im selben Augenblick war sie aufgesprungen – Blaß, an allen Gliedern zitternd. Sie hatte die Stimme des bärtigen Mannes erkannt – es war Luke!

 

Kapitel 17

 

17

 

Das Leben in Ginnet-Street konnte manchmal ganz amüsant sein, so dachte wenigstens Luke Maddison.

 

Es war der dritte Tag, seitdem er dort wohnte, und sein neues Leben mißfiel ihm nicht allzusehr. Als er sich vom Hospital aus auf den Weg machte, hatte er sich doch viel schwächer gefunden, als er geglaubt hatte. Er war froh über die Ruhe, froh, daß er im Augenblick frei von äußeren Sorgen war, froh, keinem Menschen Rechenschaft über das merkwürdige Leben, in das er geraten war, ablegen zu müssen.

 

Mrs. Fraser störte ihn wenig. Sie brachte ihm eine überraschend interessante Sammlung aller möglichen Bücher, setzte ihm einfache, aber nahrhafte Mahlzeiten vor und hatte ihm nur geraten, lieber nachts auszugehen, falls er das überhaupt wollte. Die aufmerksame Bedienung, die sie ihm zuteil werden ließ, überraschte ihn immer wieder von neuem, obwohl er sich darüber klar war, daß sie nur im Auftrage seines unbekannten Gönners handelte.

 

Ein Teil des Rätsels wurde am dritten Tage gelöst, als sie verschiedenes über Australien, wo er niemals gewesen war, wissen wollte. Er sagte ihr dies, und sie lächelte verschmitzt.

 

»Wenn Lewing nur halb soviel Verstand wie Sie gehabt und seinen Mund gehalten hätte, würde er heute vielleicht noch vergnügt und munter herumlaufen, und niemand wüßte etwas von Ihnen. Aber er war ein unglaublicher Aufschneider, rühmte sich immer damit, was seine Bande gegen die unsere fertig bekommen würde, obgleich er sehr gut gewußt haben muß, daß wir das meiste Geld hatten.«

 

Nach und nach wurde ihm die Sache klar. Lewing hatte sich mit einem Mann gebrüstet, der von Australien herüberkommen sollte, um mit seiner »Bande« zu arbeiten. Luke fand heraus, daß dieser Mann in seinen »Kreisen« dort drüben großes Ansehen genoß, daß er aber nie bestraft worden war.

 

»Als Connor hörte, Sie würden herüberkommen, hat er sofort gesagt: ›Das ist der richtige Mann für uns – den müssen wir haben.‹ Seiner Meinung nach war die Affäre mit der Sidney Bank das geschickteste Ding, das jemals geschoben wurde …«

 

Luke begann allmählich seine neue Identität herauszufinden und erhielt auch hier und da kleine unfreiwillige Auskünfte, die ihn die Sachlage erkennen ließen. Wenn Lewing auch nicht das Haupt oder der Anführer der Borough-Bande gewesen war, so doch immerhin für diese eine Person von beträchtlicher Wichtigkeit. Er war es, der die Verhandlungen mit dem Australier angeknüpft und ihn augenscheinlich durch Korrespondenz für seine Bande angeworben hatte. Luke erfuhr außerdem, daß die ständige Fehde zwischen den Banden in Süd-London seine eigenen Gründe hatte. Die Borough-Bande bestand in der Hauptsache aus Flußdieben, und verschiedene von ihnen waren durch die Ladungen, die sie beraubt hatten, reiche Leute geworden.

 

»Wir wollen erst mal das eine klarstellen, Mrs. Fraser. Man nimmt an, daß ich ein australischer Verbrecher bin – mit ›man‹ meine ich natürlich Ihre Prinzipale.«

 

»Meine: was?« fragte Mrs. Fraser verständnislos.

 

Luke erklärte.

 

»Nun, sehen Sie, ich bin nicht der Mann, den Sie erwartet haben«, begann er nachdrücklich. »Daß ich gerade in jener Nacht, als Lewing getötet wurde, mit ihm zusammen war, bedeutet gar nichts – es war der reinste Zufall. Ich kann sicherlich ein Auto führen, befürchte aber, daß ich Ihren Freunden, die mit den Gesetzen wohl nicht auf dem besten Fuß leben, kaum von großem Nutzen sein kann.«

 

Bei diesen Worten lächelte sie verständnisvoll.

 

»Was mir bei Ihnen so gut gefällt, Mr. Smith«, sagte sie, »ist, daß Sie so zurückhaltend sein können.«

 

Spät in der Nacht sah er dann den gefürchteten Connor. Als dieser ihm die Hand reichte und ihn begrüßte, schauderte er, denn die gleiche tiefe Stimme hatte er in der Nacht gehört, als Lewing seinen Tod fand.

 

»Für die nächsten zwei oder drei Tage brauche ich Sie noch nicht, Smith«, sagte Connor rauh. »Alles hier in Ordnung mit Ihnen? Gut so!«

 

Sein Ton war befehlend, und bevor Luke erklären konnte, wer er eigentlich war, oder vielmehr, wer er nicht war, war der Mann verschwunden. Ein oder zwei Tage später hatte er eine weitere Überraschung. Er saß lesend an seinem Tisch, als sich die Tür öffnete und ein hübsches, blondes Mädel hereinkam, die ihn mit einer Art von belustigtem Interesse betrachtete.

 

»Connor hat mich zu Ihnen geschickt. Sind Ihre neuen Sachen schon gekommen?«

 

Luke schüttelte den Kopf und sagte lächelnd:

 

»Nein. Werde ich neu ausgestattet?«

 

Sie betrachtete ihn prüfend.

 

»Sie haben einen Friseur außerordentlich nötig, und ich will heute abend noch einen zu Ihnen schicken. Ihr Bart muß gestutzt werden. Wäre es Ihnen unangenehm, morgen mal mit mir eine kleine Spazierfahrt zu machen?«

 

Er lachte.

 

»Ich könnte mir noch viel unangenehmere Dinge denken als das«, sagte er und wunderte sich, wer sie war, oder warum sie eigentlich gekommen war.

 

Sie war gut, aber nicht auffällig gekleidet, um, wie er vermutete, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen.

 

»Das ist ein richtiges Loch, in dem Sie hier hausen!« sagte sie und blickte verächtlich auf die Straße hinaus. »Das muß ja entsetzlich für Sie sein. Ich kann nicht begreifen, wie die Leute hier überhaupt existieren können.«

 

Er antwortete nichts. In diesen Tagen war ihm das Leben der »Kinder der Armen« bekannt geworden; in den frühen Morgenstunden hatte er beobachtet, wie sich die Haustüren öffneten, wie die Arbeiter herausströmten; hatte gesehen, wie die abgearbeiteten Frauen zu kämpfen hatten, um für einen halben Schilling den Wert eines ganzen zu erringen. Um halb neun Uhr machten sich die Töchter, nett angezogen, in fleischfarbenen Strümpfen und billig eleganten Mänteln auf den Weg nach der City, um in harter Tagesarbeit das schmale Einkommen der Familie zu erhöhen. Die Kinder der Armen! Die Opfer von tausend Raubvögeln, ständig auf der Lauer! Denn die Armen werden beraubt, wie die Reichen nie beraubt werden. Es gibt ein Dutzend Banden kleiner, verkommener Diebe, die die Taschen der Armen in den Omnibussen leeren, sich, wenn niemand anwesend, in die Häuser schleichen, um einige der armseligen Besitztümer, die nur wenige Pence wert sind, davonzutragen. Eines Nachts hatte er beobachtet, wie drei junge Strolche einen älteren Arbeiter angriffen, ihn zu Boden schlugen und seine Taschen leerten. Man hatte ihm von zungenfertigen Leuten gesprochen, die den Frauen erzählten, sie wären von ihrem Mann geschickt worden, um vergessene Werkzeuge zu holen; und einmal hatte er zu seiner großen Freude einen Motorwagen in die Straße einfahren sehen, dem ein halbes Dutzend Detektive entstiegen, um einen berüchtigten Zuhälter zu verhaften.

 

Die Polizei beschützte die Kinder der Armen … – soweit sie es vermochte.

 

Er hatte gesehen, wie ein Rohling, der sein Weib halbtot geprügelt hatte, bewußtlos auf dem Bürgersteig lag, nachdem er eine kurze, aber eindringliche Unterhaltung mit dem Gummiknüppel eines Schutzmanns gehabt hatte. Aber in der Regel entwischten diese menschlichen Parasiten, die von den Ärmsten der Armen lebten, ungestört.

 

Das junge Mädchen wandte sich ihm zu.

 

»Wir wollen uns morgen am Guards Memorial im Green Park treffen. Ich werde im Auto kommen und Sie mitnehmen.«

 

Sie betrachtete ihn von oben bis unten, und unverhehlte Bewunderung lag in ihrem Blick.

 

»Sie haben eine nette Stimme«, sagte sie, »und würden überall als Kavalier durchgehen.«

 

Am Abend trafen die Sachen ein; sie paßten ihm wie angegossen, und als schließlich der Friseur seine Arbeit beendigt und Luke sich umgezogen hatte, war er beinahe auch mit dem ungewohnten Vollbart einverstanden.

 

Das Interesse an seinem neuen merkwürdigen Leben machte es ihm verhältnismäßig leicht, zu vergessen. Der Wunsch nach Abenteuern, nach neuen Erlebnissen hatte ihn gepackt. Margaret gehörte einer fernen traumhaften Vergangenheit an. Lebhaft ging er am nächsten Tage dem vereinbarten Platze zu und war erfreut, wie elastisch sein Tritt trotz des langen Krankenlagers war. Kaum hatte er den Platz am Denkmal erreicht, als er sah, wie sich ein Auto näherte, und auf ein Zeichen der Insassin trat er an den Rand des Bürgersteigs, als der Wagen anhielt.

 

Sie war in ausgezeichneter Laune.

 

»Eine feine Idee, sich in einer bestimmten Art Wagen sehen zu lassen«, sagte sie. »Sie begreifen natürlich nicht, was ich meine? Kann ich mir denken!«

 

Sie fuhren in den Hydepark hinein und langsam an der Seite des Fußgängersteiges entlang. Seine Begleiterin war sehr hübsch, obwohl etwas älter, als er anfänglich gedacht hatte, und Luke empfand diese neue Abwechselung nach seiner langen erzwungenen Ruhe angenehm.

 

»Sehen Sie den alten, fetten Menschen da drüben? Das ist der Spatz. Dem müssen Sie im weiten Bogen aus dem Wege gehen.«

 

Als er diesen Namen hörte, fuhr er zusammen.

 

»Sie meinen Bird?« stotterte er und blickte verstohlen in die angegebene Richtung.

 

Er sah Mr. Bird in Gesellschaft eines hübschen jungen Mädchens, aber die Dame, die sich im gleichen Augenblick hinter den beiden auf eine Bank des Parkes setzte, erkannte er nicht.

 

Als der Wagen drehte und auf der anderen Seite der Straße zurückfuhr, sagte sie plötzlich:

 

»Ein anderer Wagen wartet in der Nähe der Kavalleriekaserne aus uns. Hoffentlich können Sie wirklich gut fahren?«

 

»Ein anderer Wagen?« fragte er erstaunt.

 

Sie nickte.

 

»Ich will mal sehen, was Sie können.«

 

»Das ist alles sehr unklar für mich«, antwortete er lachend.

 

Der Wagen wartete auf sie, ein geschlossenes, leichtes Auto. Niemand war dabei, aber ohne Zögern ließ sie ihr Coupé halten, stieg heraus und verabschiedete den Chauffeur.

 

»Hier ist er. Steigen Sie ein.«

 

Luke nahm den Platz hinter dem Steuer ein, drückte auf den Selbststarter, und sie setzte sich schnell an seine Seite.

 

»Crafton Street«, in geschäftsmäßigem Ton. »Halten Sie gegenüber vom Rean-Club.«

 

Er nahm an, sie wollte seine Geschicklichkeit prüfen, denn er hatte drei überfüllte Straßen zu passieren, bevor er den Wagen an dem angegebenen Platze zum Halten brachte.

 

»Jetzt passen Sie auf«, sagte sie hastig mit unterdrückter Stimme. »Ich will meinen Mann aufsuchen.«

 

Sie blickte ihm gerade in die Augen.

 

»Sollte er Krach machen, erwarte ich, daß Sie mir helfen, geht alles gut, dann fahren wir ruhig fort, die Albemare-Street hinunter und über die Vauxhall-Brücke nach Tooting-Common.

 

»Ihren Mann?« stotterte er. Sie warf ihm einen argwöhnischen Blick zu.

 

»Das haben Sie dem Greifer zu sagen, wenn die Sache schief geht.«

 

Sie erklärte ihm nicht, was ein Greifer war, und war verschwunden, bevor er fragen konnte. Er ließ den Motor, wie ihm aufgetragen war, laufen, und es vergingen einige zwanzig Minuten, bis er sie gleichmütig um die Ecke der Bond-Street auf sich zukommen sah. Als sie in den Wagen stieg, kam ein Mann in Hemdsärmeln hastig angelaufen, stürzte auf sie zu und griff sie beim Arm. Sie versuchte sich freizumachen, und bevor Luke sich selbst klar wurde, was er eigentlich tat, hatte er dem Mann einen Faustschlag versetzt, der ihn auf den Bürgersteig warf.

 

»Fort!« zischte sie ihn an, und ganz mechanisch ließ Luke Maddison die Maschine davonschießen.

 

Sie kreuzten die Oxfort-Street, fuhren durch den Park und hatten schon die Vauxhall-Brücke passiert, bevor ihm langsam klar wurde, was eigentlich vorgefallen war.

 

»Warum hat der Kerl Sie angegriffen?«

 

»Mein Mann – ich hatte einen heftigen Streit mit ihm«, antwortete sie ruhig. Und dann mit leiser Stimme: »Ich wußte es, Connor hatte unrecht«, und pfiff leise durch die Zähne. »Wenn ich nicht Grips genug gehabt hätte und auf die Geschichte mit meinem Mann gekommen wäre, würde ich jetzt schon auf dem Wege nach Holloway 3 sein!«

 

Er sah, wie sie verstohlen auf jeden Schutzmann blickte, an dem sie vorbeikamen, und sein Herz klopfte unruhig, als sie endlich nach Tooting-Common kamen, und er auf ihre Anweisung den Wagen anhielt.

 

»Wir wollen hier aussteigen«, sagte sie. »Sie fahren mit dem Autobus zurück, und ich nehme ein Taxi. Wenn Connor heute abend kommt, sagen sie ihm, daß ich es habe.«

 

Sie wandte sich ab, um zu gehen, aber er hielt sie zurück.

 

»Was haben Sie?« fragte er ernst.

 

Und dann bemerkte er das flache Kästchen, das sie unter ihrer Lederjacke trug.

 

»Mein Gott!« fuhr Luke entsetzt auf. »Sie haben das gestohlen!«

 

Ihre Augen blickten ihn belustigt an, als sie nickte. »Aber natürlich, Sie armer Einfaltspinsel!« Sie rief ein vorbeifahrendes Taxi an, und er ließ sie ohne weitere Worte gehen. Wie im Traum sah er hinter dem Wagen her, zu betäubt, um auch nur denken zu können. Niemals konnte er sich an die Fahrt nach Lambeth erinnern. Als er nach Stunden über die Westminster Brücke kam, sah er einen Zeitungsverkäufer mit einem Plakat:

 

»Verwegener Raubanfall im Westend.«

 

Er stand wie versteinert und starrte offenen Mundes das Plakat an, dann suchte er in seiner Tasche und gab mit zitternder Hand dem Zeitungsverkäufer einen Penny…

 

Er wagte es nicht, in die Zeitung zu blicken, bevor er nicht in einer ruhigen Straße war.

 

Verwegener Raubanfall im Westend

 

Ein bärtiger Mann und eine hübsche Frau berauben Taffanny um ein Diamantenhalsband im Werte von zwanzigtausend Pfund.

 

Ein verwegener Raub wurde heute nachmittag in dem Geschäftslokal der bekannten Firma Taffanny in der Bond-Street ausgeführt. Ungefähr gegen 3 Uhr 50 betrat eine gutgekleidete Frau den Laden und wünschte einfache goldene Ringe zu sehen. Während der Verkäufer ihr den Rücken zudrehte, muß sie eine Glasvitrine mit einem Hammer mit Gummikopf zertrümmert haben. Er hatte keinerlei Geräusch gehört, das jedenfalls durch den Straßenlärm erstickt wurde. Als er sich ihr zuwandte, waren nicht nur die Frau, sondern auch ein wertvolles Diamantenhalsband verschwunden. Er eilte hinterher und packte die Frau beim Arm, als sie gerade in ein Auto steigen wollte. Im gleichen Augenblick wurde er durch einen Faustschlag ihres Begleiters zu Boden geworfen, der als ein großer Mann mit hellem gepflegtem Vollbart beschrieben wird, gekleidet in grauen Straßenanzug und …

 

»Das bin ich!« stöhnte Maddison und wäre beinahe in Ohnmacht gefallen.

 

    1. Holloway: Das Frauengefängnis in London.

 

 

Kapitel 18

 

18

 

Luke Maddison saß in seinem kleinen Zimmer in der Ginnet Street, hatte das Haupt in die Hände gestützt, unfähig, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Mrs. Fraser war nicht im Laden, als er nach Hause kam, und schien auch nicht zu wissen, daß er zurück war. Dies war aber nicht der Fall, denn einige Minuten später kam sie herein und brachte ihm eine Tasse Tee.

 

Er hatte die Empfindung, daß sie sehr gut wußte, was am Nachmittag vorgegangen war, obgleich sie erst im Augenblick, als sie das Zimmer verlassen wollte, eine Anspielung auf sein Abenteuer machte.

 

»Connor sagt, die Sache kann nur dann gefährlich werden, wenn einer von der Lewing-Bande uns verpfeift.«

 

»Was ist denn ›verpfeifen‹?« fragte Luke, und sie lächelte freundlich und voller Bewunderung.

 

»Sie sind aber einer! Aber vielleicht hat man in Australien andere Ausdrücke.«

 

Er lehnte sich zurück.

 

»Wissen Sie, was ich annehme, Mrs. Fraser?« begann er ruhig. »Jeder Mensch in dieser Straße, der die Beschreibung liest, wird mich sofort erkennen, wenigstens hundert Leute müssen mich gesehen haben, als ich die Ginnet Straße entlang ging –«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich kenne jeden Menschen in der Nachbarschaft und weiß, was er macht«, antwortete sie ebenso ruhig. »Der einzige Mensch, der Sie gesehen hat, ist der alte Joe, der Botengänge für mich macht. Connor läßt sagen, Sie sollen ihren Bart abnehmen und einen anderen Anzug anziehen. Wenn Sie sich umgezogen haben, will ich die Sachen, die Sie jetzt anhaben, gleich wegbringen.«

 

»Einen anderen Anzug?« fragte er halb ärgerlich.

 

»Ein neuer blauer hängt im Schrank; er kam heute nachmittag, als Sie weg waren.« Und mit diesen Worten ging sie hinaus.

 

Fast eine Viertelstunde lang saß er, ließ seinen Tee kalt werden. Seine Gedanken waren in Aufruhr … halb entsetzt, halb belustigt. Er, Luke Maddison, war ein Dieb, tätiges Mitglied einer Bande, die Taffanny beraubt hatte! Er kannte Taffanny sehr gut; hatte er doch Margarets Verlobungsring über denselben Glastisch hinweg gekauft, der erbrochen worden war. Er war hilflos – der Gedanke, zur Polizei zu gehen und seine Verbündeten zu verraten, kam ihm nicht einmal. Es gab nur einen einzigen Ausweg für ihn, und der war, sich bei der ersten passenden Gelegenheit aus dem Staube zu machen. Er hatte an Steele seines Scheckbuches wegen geschrieben, das nach Ronda geschickt werden sollte, und es war ganz einfach, Spanien zu erreichen – War es wirklich so einfach?

 

Es fiel ihm plötzlich ein, daß er keinen Paß hatte. Und es war gänzlich unmöglich, gerade nach Spanien zu kommen – ohne Paß. Nach Spanien, wo jeder Mann, jede Frau, die die Grenze passierten, so genau kontrolliert wurden! Wenn er seinen Diener nicht entlassen hätte, wäre es leicht für ihn, sich in der Nacht in seine Wohnung zu stehlen, eine Handtasche zu packen und mit einem der Züge nach dem Kontinent davonzugehen. Aber wahrscheinlich hatte sein Anwalt den Schlüssel der Wohnung. Ein neuer Gedanke stieg in ihm auf. Hulbert wohnte doch in der St. James Street, er war Junggeselle und sein Freund!

 

Luke gab sich alle Mühe, das Abenteuer des Nachmittags aus seinem Gedächtnis zu streichen. Das war etwas, an das er nicht ohne Schauder denken konnte – aber er pfiff vergnügt vor sich hin, als Mrs. Fraser mit einer blinkenden neuen Schere hereinkam, den grauen Anzug, den er abgelegt hatte, an sich nahm und ihm schließlich ein Paar braungelbe Schuhe von so entsetzlich schreiender Farbe brachte, daß ihm beinahe die Augen übergingen.

 

»Connor läßt sagen, Sie möchten lieber Ihren Schnurrbart behalten.«

 

»Wo ist denn Connor? Ist er hier?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, er hat mich angerufen.«

 

»Ich wußte nicht, daß Sie Telephon haben«, sagte er überrascht.

 

Mrs. Fraser lächelte bedeutungsvoll.

 

»Wir haben eine ganze Masse Sachen hier, von denen die Leute nicht die geringste Ahnung haben«, war ihre Antwort.

 

Etwas später brachte sie ihm Rasierseife, einen funkelnagelneuen Streichriemen und ein Rasiermesser, das eben erst gekauft sein mußte, denn es war noch in Ölpapier verpackt. Trotz des neuen Messers war das Rasieren eine doch sehr peinliche Angelegenheit, aber das Resultat mußte gut sein, denn Mrs. Fraser, die ihm seine einfache Mahlzeit brachte, blickte ihn beifällig und mit Bewunderung an.

 

»Wirklich, ich hätte Sie nicht wiedererkannt, Mr. Smith, und ich möchte wetten, Ihr bester Freund erkennt Sie nicht!«

 

Und davon war Luke völlig überzeugt. Welch eine außerordentliche Veränderung doch ein Schnurrbart im Äußeren eines Mannes hervorrufen kann! Er gab ihm einen gewissen finsteren, unheimlichen Ausdruck – und fasziniert starrte Luke auf sein Bild im Spiegel. Mrs. Fraser schien redseliger zu sein als gewöhnlich, fragte ihn, ob er verheiratet wäre, und erzählte, bevor er noch antworten konnte, daß sie selbst Witwe wäre.

 

»Sozusagen wenigstens«, verbesserte sie sich. »Mein Mann hat vor zwei Jahren lebenslänglich gekriegt.«

 

Sie teilte ihm diesen bedauerlichen Vorfall ganz ruhig mit, und Luke vermutete, daß das Leben nicht zu sanft mit dieser Frau umgesprungen wäre.

 

»Er hat es sich selbst zuzuschreiben«, fuhr sie fort. »Hat einen Blauen angeschossen und beinahe um die Ecke gebracht; natürlich wollte Connor dafür nicht gerade stehen. Connor sagt, daß ein Schießeisen ganz gut für die Anführer ist, aber nicht für die Leute. Fraser war so ’ne Art Mensch – piff, paff … erledigt! Er hat schon alles mögliche versucht und –«

 

»War er schon vorbestraft?«

 

Sie lachte laut auf.

 

»Aber natürlich. Hat schon zweimal gesessen. Einmal für einen Schwindel oben in Manchester – er und Danty arbeiteten da zusammen –«

 

»Danty?« fuhr er dazwischen. »Wer ist denn das?«

 

»Er arbeitet in der Industrie … Aktien und so was … Sie verstehen schon, Dumme finden sich da immer, Sie müssen sicher von ihm gehört haben. Er soll sich ja jetzt geändert haben, aber man kann nie wissen. Er lebt im Westend, kennt alle seinen Leute und hat eine Wohnung in der Jermyn Street. Er und Gunner Haynes haben früher zusammen gearbeitet –«

 

»Gunner Haynes? – Kennen Sie ihn denn?« warf Luke dazwischen. Nach dem Ausdruck ihres Gesichtes und ihrer Stimme nahm er an, daß Haynes in den oberen Kreisen der Unterwelt eine Person von großer Bedeutung sein mußte.

 

»Nein, kennen tue ich ihn nicht, habe bloß von ihm gehört. Aber wie nennt sich denn Danty jetzt eigentlich?«

 

Sie runzelte nachdenkend die Stirn.

 

»Es lag mir auf der Zungenspitze – so ’n feiner Name. Ha, Danton Morell – jetzt hab‘ ich’s! Connor hat erst neulich über ihn gesprochen.«

 

Das Zimmer schien vor Luke Maddisons Augen zu schwanken. Danton Morell – ein Hochstapler, ein ehemaliger Sträfling! Es war unglaublich.

 

Und dann kam plötzlich ein Gedanke, der ihn halb betäubte: Danton Morell war der beste Freund seiner Frau!

 

»Wie sieht er eigentlich aus?«

 

»Danty? Ich habe ihn zwei- oder dreimal gesehen …«

 

Und sie beschrieb Morell in ihrer Weise, aber so genau, daß kein Zweifel blieb, daß es sich wirklich um denselben Mann handelte! Die Notwendigkeit, sich sobald als möglich aus seiner jetzigen Umgebung zu befreien und wieder Luke Maddison zu werden, wurde immer dringender.

 

Seine unbestimmten Pläne formten sich, nahmen Gestalt an. In dieser Nacht würde er das Haus verlassen, Hulbert, seinen Anwalt, aufsuchen und ihm die volle Wahrheit berichten.

 

Gegen neun Uhr, er war gerade im Begriff, davonzugehen, entstand eine unerwartete Schwierigkeit. Er wollte gerade das Licht ausschalten, als Mrs. Fraser eilig hereinkam und vorsichtig die Tür hinter sich zuzog. Ihr Wesen ließ erkennen; daß sich etwas Ernsthaftes ereignet haben mußte.

 

»Zwei von der Lewing-Bande sind unten«, sagte sie leise. »Ich hatte keine Möglichkeit mehr, Connor anzurufen; der Apparat ist im Wohnzimmer, und sie waren schon drin, bevor ich überhaupt wußte, was los war.«

 

Sie hielt etwas unter ihrer Schürze verborgen, und als sie die Hand hervorzog, sah er einen kleinen Browning.

 

»Stecken Sie das ein«, sagte sie eindringlich. »Man kann nie wissen, was diese Kerls vorhaben.«

 

Mechanisch nahm er ihr die Schußwaffe ab und steckte sie in die Hüftentasche. Das einzige, was er auf jeden Fall zu vermeiden wünschte, war eine Szene mit den Mitgliedern der feindlichen Bande. Es war für ihn beinahe eine Lebensfrage, die Ginnet Street so schnell wie möglich zu verlassen, und wenn der Revolver ihm dabei helfen konnte, um so besser.

 

»Die wollen mit Ihnen sprechen –« begann sie.

 

Und dann tönte eine Stimme vom Fuß der engen Treppe herauf.

 

»Kommen Sie ‚runter, Smith!«

 

Drohung lag in dem Ton. Mrs. Fraser riß die Tür auf.

 

»Warten Sie!« Und nach unten: »Was denkt ihr euch denn eigentlich? Ihr seid wohl verrückt geworden?!«

 

Luke hörte eine brummende Stimme und das Zuschlagen der Tür, die unten an der Treppe nach dem Wohnzimmer ging. Dann winkte sie ihm mit dem Kopfe, und er folgte ihr die Treppenstufen hinunter.

 

Zwei Männer waren in dem Zimmer. Einer mit dem Rücken gegen den Kamin, der andere bedeutungsvoll in der Nähe der Tür, die nach dem Laden führte. Beide waren ganz gut angezogen, und er hätte sie für biedere Handwerker gehalten, wenn er ihnen auf der Straße begegnet wäre. Jedenfalls verrieten ihre Gesichtszüge nichts von ihrem eigentlichen »Beruf«. Der eine war lang und ziemlich dick, der andere, der eine Krawatte in den Farben eines Kavallerieregiments trug, von schlanker Figur.

 

Der dicke Mann, der mit dem Rücken nach dem Feuer stand, senkte sein Kinn auf die Brust und blickte Luke unter seinen Augenbrauen hervor an.

 

»Ist das Smith?« fragte er.

 

»Das ist Mr. Smith«, war Mrs. Frasers gereizte Antwort.

 

»Was soll das bedeuten, daß Sie hierher kommen und sagen, Sie wären jemand, der Sie nicht sind?« fragte der kleinere Mann an der Tür mit auffälliger Hast.

 

Sein Begleiter schnitt ihm das Wort ab.

 

»Du bist stille, das Reden werde ich schon besorgen, Curly! – Sie haben doch das Ding gestern gedreht, Smith?«

 

»Ich habe schon manche Dinge gedreht«, war Lukes kühle Antwort.

 

»Sie behaupten, Sie sind ein Mann namens Smith, den unser Chef von Australien ‚rüberkommen ließ – nee, ich spreche nicht von Lewing. Lewing war ’ne Null. Sein großes Maul hat ihn ruiniert, und es ist gut, daß er weg ist. Aber Sie sind nicht Smith.« Er wies mit dem Finger auf den Mann an der Tür. »Der da ist Curly Smith.«

 

»Aber sicher!« Der kleine Mann zitterte vor Wut.

 

»Sie haben meinen … Namen mißbraucht« – er gab dem Namen ein nicht näher zu bezeichnendes Beiwort. Der Mann vor dem Feuer fiel wieder ein.

 

»Es ist eine Dame hier, vergiß das nicht!« sagte er, und zwar so feierlich, daß Luke sich kaum das Lachen verbeißen konnte.

 

»Die Sache ist die«, begann der dicke Mann, dessen Name, wie Luke herausfand, Verdi war, »man hat Sie aufgehoben, als Lewing seinen Teil wegbekommen hatte – und Sie Ihren natürlich auch – und Connor dachte, Sie wären der Mann, den Lewing in den Londondocks treffen sollte. Aber anstatt dahin zu gehen, bekam Lewing es mit der Angst, weil er glaubte, die Connor-Bande wäre hinter ihm her … er hatte einen verpfiffen. Aber Sie sind nicht Smith, und ich will wetten, daß Sie niemals in Australien gewesen sind.«

 

»Der!« Curly Smith betrachtete ihn verächtlich. »Der Mensch da könnte in Australien überhaupt nicht bestehen!«

 

Er zog eine Zeitung aus seiner Tasche.

 

»Sehen Sie, was Sie angerichtet haben?« zischte er und hielt die Zeitung unter Lukes Nase.

 

Luke Maddison las den Absatz durch, auf den der schmutzige Daumen des Mannes hinwies.

 

»An diesem Raube soll, wie die Polizei annimmt, ein Mann namens Smith beteiligt sein, der vor wenigen Wochen mit dem Orientdampfer Pontiac von Australien hier angekommen ist.«

 

»Sehen Sie nun, was Sie gemacht haben?« wiederholte Smith wütend. »Sie haben die Blauen auf mich aufmerksam gemacht!«

 

Seine Hand wanderte zu seiner Hüftentasche.

 

»Ruhig!« grollte Verdi. »Der Kerl hier hat ein Schießeisen – was denkst du denn, warum die Alte zu ihm ‚raufgegangen ist?«

 

Mrs. Fraser fuhr bei dieser Beleidigung hoch.

 

»Alte – ich, du fetter Molch! Wir woll’n mal sehen, was Connor dazu zu sagen hat! In ein paar Minuten ist er hier.«

 

Verdi blickte unruhig nach der Tür.

 

»Bluff! – und auf jeden Fall, Connor kann nichts dagegen haben, wenn wir hierherkommen und ein paar Auskünfte haben wollen. Wir haben doch das Recht dazu.«

 

»Wollen Sie noch was von mir?« sagte Luke und ging auf die Tür zu.

 

Curly Smith stellte sich ihm in den Weg.

 

»Was wir wissen wollen –« begann Verdi.

 

»Ihr werdet alles Nötige gleich wissen«, sagte Luke kurz und ging noch einen Schritt weiter, aber Smith rührte sich nicht. Plötzlich schoß Lukes Hand vor, packte den kleinen Mann und schleuderte ihn quer durch das Zimmer. Es war nicht der Augenblick, um zu verhandeln, instinktiv wußte er, daß er den einzig richtigen Weg einschlug, als er die Tür weit aufstieß.

 

»’raus! Alle beide!«

 

Verdi zuckte die Schultern.

 

»Schon gut, wir wollen keinen Stank.«

 

Er lächelte, als er auf Luke zukam; aber Mrs. Fraser, die an der anderen Seite des Tisches stand, sah den Totschläger in seiner rechten Hand.

 

»Passen Sie auf!« rief sie schrill. Als die Hand sich erhob, traf Lukes Rechte das Kinn seines Gegners, der krachend gegen die Holzwand schlug, die den Laden vom Wohnzimmer trennte.

 

Einen Augenblick war er betäubt, und der genügte, daß Luke ihm den Totschläger entriß und in seine Tasche gleiten ließ.

 

»Und jetzt bist du dran.« Er wandte sich Curly Smith zu, aber der kleine Mann ging stillschweigend an ihm vorbei durch die Tür.

 

Verdi hatte sich inzwischen erhoben und blinzelte, ein wenig schwankend, mit seinen wäßrigen Augen den Mann an, der ihn zu Boden geschlagen hatte.«

 

»Schon gut«, sagte er schließlich und ging schwerfällig seinem Begleiter nach.

 

Luke schloß die Tür hinter ihnen und wandte sich Mrs. Fraser zu, die sehr blaß in einer Ecke stand.

 

»Ich habe noch niemals gehört, daß die Lewing-Bande so etwas riskiert hat«, sagte sie, und ihr Atem kam stoßweise. »Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sie uns das Haus über dem Kopf ansteckten.«

 

Und das hatten sie schon einmal vorher gemacht, wie Luke zu seinem Entsetzen erfuhr. Die Erklärung für den neuen Anbau am Hause war gefunden.

 

Nr. 339 in der Ginnet Street war augenscheinlich Connors Hauptquartier. Die Polizei hatte niemals eine Durchsuchung des Hauses vorgenommen – aus dem sehr einfachen Grunde, weil sie genau wußte, daß auch nicht für einen Penny gestohlenes Gut dort zu finden war.

 

Er erfuhr außerdem, die letzten Ereignisse hatten Mrs. Fraser aus ihrem Gleichmut gebracht, daß Lewing mit der Bande wenig zu tun gehabt hatte, obwohl diese seinen Namen trug. Sie hatte zuerst aus einer ganzen Reihe von Taschendieben und kleinen Gaunern bestanden, aus der sich dann im Laufe der Zeit die berüchtigte und gefürchtete Lewing-Bande herausgebildet hatte, deren sehr untergeordnetes Mitglied Lewing selbst gewesen war.

 

»Er war weiter nichts als ein feiger Gelegenheitsdieb und ein Verpfeifer.« (Verpfeifer war, wie Luke schließlich herausfand, ein Denunziant.) »Er hat ja bis wenige Tage vor seinem Tode im Gefängnis gesessen.«

 

Luke nickte. Er erinnerte sich an den Besuch Lewings, der mit Gunner Haynes zusammen im Brixton-Gefängnis gewesen und zu ihm gekommen war, um ihm für den Gunner Geld abzuschwindeln.

 

»Die Sache ist noch nicht zu Ende – die Lewing-Bande hat so was noch nie vorher riskiert«, wiederholte Mrs. Fraser. »Ich muß Connor gleich Bescheid geben – gehen Sie aus?«

 

Ja, Luke ging aus und hatte die Absicht, nie wieder zurückzukehren, aber er hielt es für unangebracht, dies seiner Wirtin auf die Nase zu binden.

 

»Haben Sie denn Geld? – Ach, da fällt mir ein …«

 

Die Frau suchte in der Ledertasche, die sie unter der Schürze trug, und holte ein kleines Päckchen Banknoten hervor. »Connor hat es geschickt – es sind fünfzig«, sagte sie. »Aber nur akonto! Die Sore von gestern muß in vier Teile geteilt werden, und Sie kriegen Ihren. In solchen Sachen ist Connor sehr anständig. Man könnte ihm direkt eine Million Pfund anvertrauen.«

 

»Ich brauche nichts.«

 

»Stecken Sie es in Ihre Tasche«, befahl sie, und in dem Wunsche, die Unterhaltung nicht unnötig zu verlängern, gehorchte Luke. »Haben Sie Kleingeld?«

 

»Mehr als genug«, sagte er beinahe ungeduldig.

 

»Kleingeld?« bestand sie, und später hatte er Grund genug, ihr hierfür dankbar zu sein.

 

Sie brachte aus ihrer Tasche eine Handvoll Silber- und Kupferstücke hervor und sagte:

 

»Wenn Sie versuchen, hier bei uns Fünf-Pfund-Noten zu wechseln, werden Sie Unannehmlichkeiten bekommen – sind Sie Australier?«

 

»Nein«, sagte Luke.

 

Sie schien durch diese Antwort bestürzt zu sein, aber ihr Gesicht klärte sich auf.

 

»Ich nehme an, Connor wird schon Bescheid wissen.«

 

Augenscheinlich bedeutete das Wort »Connor« mehr als alles andere für sie.

 

Sie ging mit ihm bis an die Ladentür und holte ihm schnell noch seinen Mantel, als sie sah, daß es regnete.

 

»Passen Sie auf die Lewings auf«, warnte sie ihn, »und stecken Sie das Schießeisen in eine Tasche, wo Sie leicht ‚ran können.« Sie bemühte sich um ihn wie eine Mutter für ihr Kind und war nicht zufrieden, bevor er nicht den Revolver von seiner Hüftentasche in die Manteltasche gesteckt hatte.

 

Niemand war auf der Straße zu sehen, aber er folgte Mrs. Frasers Rat, machte einen weiten Umweg und war zehn Minuten später auf der Westminster-Brücke.

 

Im Parlament war Sitzung; die große Turmuhr wies auf zwanzig Minuten vor zehn.

 

Zuerst mußte er Hulbert, seinen Freund und Rechtsanwalt, sehen. Es war möglich, daß Jack nicht zu Hause war … Telefonieren natürlich! Und an der ersten öffentlichen Telephonzelle machte er halt und versuchte sein Glück. Hier war er Mrs. Fraser für das aufgedrungene Kleingeld dankbar.

 

Die Stimme von Mr. Hulberts Diener antwortete ihm:

 

»Ich möchte Mr. Hulbert sprechen.« Zu seinem Schrecken kam die Antwort:

 

»Mr. Hulbert ist nicht in England, Sir. Er ist auf einer Erholungsreise nach Berlin gefahren und wird nicht vor Ende nächster Woche zurück sein. Darf ich um Ihren Namen bitten?«

 

Luke war einen Augenblick sprachlos; als die Frage wiederholt wurde, kam ihm ein Gedanke.

 

»Können Sie mir mitteilen, ob jemand in Mr. Luke Maddisons Wohnung ist – sein Diener vielleicht?«

 

Der Ton der Stimme am anderen Ende des Apparates änderte sich.

 

»Wer sind Sie denn? Warum wollen Sie das wissen?«

 

Luke hängte ohne jedes weitere Wort den Hörer an. Er hätte vielleicht dem Manne mitteilen können, wer er war, aber er war zu vorsichtig, sich dem Diener anzuvertrauen, und es war ganz und garnicht wünschenswert, daß ein anderer als Jack Hulbert über seine Anwesenheit in London informiert war.

 

Ein anderer Gedanke kam ihm. Er rief seine eigene Wohnung an und wartete volle fünf Minuten, bis schließlich der Beamte ihm sagte:

 

»Es tut mir leid, Sir, aber der Teilnehmer antwortet nicht.«

 

Luke machte sich langsam auf den Weg nach Pall Mall und dem Buckingham Palast, ohne sich des strömenden Regens bewußt zu werden. Es blieb ihm nur noch eine Möglichkeit. Oft genug hatte er im Scherz gesagt, wie leicht es doch eigentlich wäre, in seine Wohnung einzubrechen. Ganz kürzlich war auf der Rückseite des Hauses, in dem er wohnte, eine Feuerleiter angebracht worden, und der Zugang zum Hof und dieser war nicht schwer zu erreichen. Von dem kleinen Gäßchen hinter dem Hause war es nicht schwierig, über die Mauer zu steigen … und er wußte genau, wie sein Fenster von außen geöffnet werden konnte.

 

Kapitel 19

19

Margaret Maddison war im Begriff, sich zur Ruhe zu begeben, als an der Haustür geklingelt wurde. Sie öffnete die Tür ihres Zimmers und lauschte: unten in der Halle wurde gesprochen; sie hörte die Stimme ihres Dieners, eine andere, tiefere und schließlich die Worte: »Es ist besser, Sie gehen nach oben und sprechen mit Mrs. Maddison. Ich muß sie sehen … Scotland Yard.« Sie schickte die Zofe nach unten, um zu erfahren, was vorgefallen war, und wenige Minuten später kam das Mädchen zurück. »Ein Inspektor von Scotland Yard, gnädige Frau, er möchte Sie dringend in einer wichtigen Angelegenheit sprechen.« »Ist es Mr. Bird?« fragte sie bestürzt. Warum sie überhaupt bestürzt war, konnte sie sich in diesem Augenblick selbst nicht erklären. Später wurde sie sich darüber klar, daß es vor allen Dingen der Name »Scotland Yard« war – meistenteils mit unangenehmen Nachrichten verbunden. Und dann auch der Gedanke, daß möglicherweise Luke etwas zugestoßen sein könnte. Es war nicht Bird, sondern ein anderer, der sich als Inspektor Gorton vorstellte. »Ich bedauere, Sie zu einer so späten Stunde stören zu müssen, Mrs. Maddison, aber wir haben soeben eine Mitteilung von Mr. Hulberts Diener erhalten – ich glaube, Mr. Hulbert ist der Anwalt Ihres Mannes?« Sie nickte und atmete tief auf. »Ist etwas vorgefallen – ich meine … mit Mr. Maddison?« »Nein, Mrs. Maddison, nichts Ernsthaftes – möglicherweise hat es überhaupt nichts zu bedeuten. Aber der Diener von Mr. Hulbert hat uns mitgeteilt, daß heute abend bei ihm angerufen wurde, ob jemand in der Wohnung ihres Mannes wäre. Er erzählte uns außerdem, daß Sie den Schlüssel der Wohnung hätten.« Margaret nickte. Der Schlüssel für die Wohnung war ihr wenige Tage nach Lukes Verschwinden ausgehändigt worden. Sein Diener hatte ihn gebracht, und der Schlüssel lag in diesem Augenblick in einem Fach ihres Schreibtisches. »Soweit ich gehört habe, ist Mr. Maddison im Ausland?« »Ja, er ist in Ronda – in Spanien«, sagte sie hastig. »Wenn Sie wünschen, können Sie den Schlüssel haben.« Inspektor Gorton zögerte. »Es wäre mir eigentlich lieber, wenn Sie uns begleiten könnten, Mrs. Maddison. Ich gebe Ihnen die Zusicherung, daß nicht die geringste Gefahr besteht, aber wir nehmen nicht gern Haussuchungen vor, wenn nicht der Besitzer oder ein Vertreter gegenwärtig sind.« »Was erwarten Sie denn dort zu finden? Selbstverständlich komme ich gleich mit.« »Sie können ja im Wagen sitzen bleiben … was wir dort zu finden erwarten? Nun, es ist vielleicht möglich, daß der Mann, der angerufen hat, einen Einbruch vorhat – und wir möchten Sie begreiflicherweise keiner Gefahr aussetzen.« Sie ging in ihr Zimmer, kleidete sich eilig an, nahm einen Mantel und ging mit dem Beamten nach dem Wagen, der vor der Tür hielt. Zwei oder drei Mann saßen im Inneren, und Inspektor Gorton bat sie, sich neben den Führer zu setzen. Bald waren sie vor Lukes Haustür angelangt. »Nein, nein, ich gehe mit Ihnen nach oben«, sagte Margaret. »Ich bin selbst nur wenige Male in der Wohnung gewesen, aber vielleicht kann ich Ihnen doch irgendwie behilflich sein.« Es war ein bitteres Gefühl für sie, die bekannte Vorhalle zu betreten, die vertrauten Möbelstücke verstaubt vor sich zu sehen. Alles erinnerte sie an Luke, und ihr Herz schmerzte bei dem Gedanken, daß er vielleicht nie wieder zurückkehren würde. »Es gibt doch eine Feuerleiter hier? Wo ist sie angebracht?« »Bei dem Küchenfenster«, sagte sie. Der Inspektor trug einem seiner Leute auf, die Wohnung zu durchsuchen. Plötzlich blieb er stehen und zog prüfend die Luft ein. »Hier ist eine Zigarre geraucht worden, und das ist noch gar nicht so lange her!« Auch Margaret hatte den schwachen Duft verspürt. In diesem Augenblick kam einer der Beamten aus der Küche gestürzt. »Das Fenster ist aufgebrochen!« Gorton nickte wieder. Er schien das erwartet zu haben. »Wo ist Mr. Maddisons Zimmer?« Sie wies auf die Tür. Der Schlüssel steckte im Schlüsselloch. Der Beamte drückte die Klinke nieder, aber die Tür öffnete sich nicht: sie war von der Innenseite verriegelt. »Komm ‚raus, mein Junge!« rief der Inspektor und klopfte scharf gegen die Tür. »Polizei!« Er wandte sich der jungen Frau zu. »Es ist besser, Sie gehen nach unten, Mrs. Maddison – wir müssen die Tür aufbrechen!« Luke Maddison, der lauschend auf der anderen Seite der Tür stand, hörte wie versteinert diese Worte. Seine Frau war hier – der einzige Mensch in der Welt, der ihn nicht sehen durfte!

Kapitel 2

 

2

 

In bester Stimmung schlenderte Luke Maddison durch das Schneegestöber, das durch die Straßen Londons fegte. Seine Fehler waren ihm vergeben worden – und es sollte eine stille Hochzeitsfeier sein, zu der nur wenige Gäste eingeladen waren. Vor wenigen Minuten hatte er sich sein Coupé im Zuge reservieren lassen – eine heilige Pflicht, die er keinem Sekretär anvertrauen mochte.

 

Trotz der dicken Schneeflocken, die sein Gesicht trafen, klopfte sein Herz heiter und ungestüm. Das kleine Blumenmädchen hing das Tragband ihres Korbes über die andere Schulter und starrte mißmutig in den weißen Nebel hinein, der sich auf St. James Street hinabsenkte und langsam alles mit seinem Schleier verhüllte. Man konnte nicht mehr von einer Seite der Straße auf die andere blicken. Der Boden war dicht von einer weißen Decke verhüllt. Wenn man die keuchenden Motore nicht gehört hätte, würde man nicht gewußt haben, daß so etwas wie Autobusse vorbeiführen.

 

Schnee bedeckte die Veilchen im Korb des jungen Mädchens, drang durch den dünnen Schal auf ihren Schultern, folgte ihr selbst in den Zufluchtsort, den der Eingang zu einer Bank ihr darbot.

 

Zwei Männer strichen an ihr vorbei und gingen in die Bank hinein. Ganz mechanisch bot sie ihnen ihre Blumen an. Der jüngere der beiden bemerkte sie nicht, der andere, ein Mann in mittleren Jahren mit einem kurzen Schnurrbart, warf ihr einen schnellen, prüfenden Blick zu und blieb stehen.

 

»Nun, Kleine – gute Geschäfte?«

 

Sie antwortete nicht. Er zögerte einen Augenblick, dann öffnete sich die Tür der Bank, und die Stimme des jungen Mannes rief ihn ungeduldig.

 

In diesem Augenblick kam Luke Maddison die Straße herunter. Er hatte keinen Mantel an, und seine Schultern waren schon mit Schnee bedeckt.

 

Im Vorbeigehen sah er das Mädchen, das zitternd in dem Torweg stand, blieb stehen und ging dann zu ihr zurück.

 

»Kleine, Sie sehen aber verfroren aus! Mein Herz ist warm – aber glauben Sie nicht, daß ich Ihnen Liebesanträge machen will! Ich will Blumen haben, und Sie werden ein Geschenk von mir erhalten, und dann werden wir wieder auseinandertreiben, als ob wir uns nie gesehen hätten – geboren und gestorben in diesem einzigen, eisigen Augenblick! Das Beste wäre ein Kranz!«

 

*

 

Er zog eine Banknote hervor und schwenkte sie lachend vor ihren Augen hin und her. Und dann blickte er sie überrascht an.

 

Sie war hübsch, sehr hübsch – und Blumenmädchen, mit Ausnahme auf der Bühne, sind es gewöhnlich nicht. Sie hatte eine zarte Figur und wundervollen Teint. Ihre ärmliche Kleidung, ihre ganze Person, sprachen von Armut und Entbehrung.

 

»Warten Sie, hier ist etwas Besseres.«

 

Er steckte die Banknote in seine Tasche, zog eine andere heraus und schrieb einige Worte auf diese.

 

»Hier ist Name und Adresse meiner Firma. Für den Fall, daß man Ihnen beim Wechseln Schwierigkeiten machen sollte, können Sie die Leute oder die Polizei an mich verweisen.«

 

Sie antwortete nicht, sondern blickte nur von dem Schein in ihren kalten Händen zu dem Geber. Eine Banknote über hundert Pfund! Als sie wieder aufblickte, war er im Nebel verschwunden.

 

Wieder öffnete sich die Tür der Bank, und die beiden Männer kamen heraus. Das junge Mädchen zerknitterte die Banknote in ihrer Hand, bestürzt, beglückt und in gewisser Beziehung enttäuscht. Dann fiel ihr das Gesicht des jungen Mannes auf, totenblaß, sein Atem kam in Stößen. Sie konnte dies bei der Kälte leicht bemerken.

 

»Du lieber Gott … das war ein entsetzlicher Zufall, Danty – nimm nur mal an, er wäre hineingekommen –«

 

»Halt’s Maul, du Narr!« Der ältere der beiden blickte argwöhnisch auf das Blumenmädchen, das eifrig mit ihren Veilchen beschäftigt war.

 

»Aber wenn er nun gekommen wäre… er sagte, er würde abreisen, bevor er seine Abrechnung verlangte.«

 

Er zitterte am ganzen Körper, und wenn das Blumenmädchen ihn beobachtet hätte, müßte sie es bemerkt haben. Dantys dunkle Augen suchten auf der Straße nach einem Taxi, blieben dann einen Augenblick auf der Blumenverkäuferin ruhen. Sie war niedlich, auch wenn ihr Gesicht im Augenblick gänzlich ausdruckslos war. Er nahm an, sie hatte sicher mehr Interesse an ihren armseligen Blumen als an unverständlichen Brocken einer Unterhaltung.

 

»Nun, Rex, sei mal vernünftig. Es liegt wirklich keine Veranlassung zu irgendwelcher Besorgnis vor. Du könntest sehr gut gesagt haben, daß Margaret …«

 

Seine Stimme sank zu einem unverständlichen Flüstern herab. Das Mädchen hörte verschiedene Male das Wort »Abrechnung«, »Übertragung«, »Konto«, gleichzeitig zweimal den Namen »Margaret« und »Luke«.

 

»… schon in Ordnung bringen, mach dir man keine Sorgen!« Danty klopfte dem anderen beruhigend auf die Schultern, und das junge Mädchen war sich klar, daß sie »Danty« nicht ausstehen konnte. »Da ist ein Taxi!«

 

Der jüngere der beiden winkte und lief auf den Wagen zu. Der andere folgte langsam und ließ beim Vorbeigehen etwas auf ihre Blumen fallen – eine Visitenkarte.

 

»Komm so gegen neun mit heran und trink ein Glas Wein bei mir«, murmelte er.

 

Sie ergriff die Karte vor seinen Augen, las langsam Namen und Adresse – und zerriß sie.

 

Danty war in nicht besonders guter Stimmung, als er seinen Freund einholte.

 

»Mr. Danton Morell, 907 Half Moon Street«, hatte sie gelesen, ein Name, den sie nicht vergessen sollte.

 

Und dann tauchte aus dem Nebel der wirbelnden Flocken eine riesige Figur auf, und sie fühlte instinktiv, daß der Mann, der auf sie zu kam, mit ihr sprechen würde. Warum sie dies wußte, konnte sie nicht sagen – er hätte ja ebensogut in die Bank gehen können.

 

Er war groß und dick. Als er noch nicht neben ihr stand, schien seine Länge gar nicht so außerordentlich zu sein; wenn man seine Länge geschätzt hatte, war die enorme Breite seiner Schultern noch nicht einmal so auffällig. Er war weit über zwei Meter groß, sein breites, rundes Gesicht war dunkel und wenig anziehend, er hatte einen kurzen Stiernacken und eine volle tiefe, ein wenig heisere Stimme.

 

Langsam, beinah wie im Schlaf, ging er durch den Schnee dahin, die Hände auf dem Rücken, seinen steifen Hut auf dem Hinterkopf, die zerkaute, unregelmäßig brennende Zigarre zwischen den Zähnen.

 

Das Blumenmädchen nahm an, daß er schließlich doch in die Bank gehen würde, aber – er pflanzte sich vor ihr auf und blickte auf sie hinab. In den kleinen Schlitzaugen lag keinerlei Ausdruck: seine Aufmerksamkeit konnte ebensogut durch sie selbst in Anspruch genommen sein oder durch den Versuch, sich an irgend etwas zu erinnern.

 

Und dann sagte er heiser: » Sie sind kein Kind der Armen!«

 

Es lag so viel Freundlichkeit, so viel guter Humor in dem Ton dieser Worte, daß sie lachte.

 

»Und auch kein Übeltäter«, sagte sie betont ernsthaft, und sein rundes Gesicht verzog sich zu einem entzückten Lächeln.

 

»Sie sind wirklich die erste Person, die mir jemals die richtige Antwort gegeben hat«, sagte er. »Jetzt will ich Sie noch etwas anderes fragen: Wo in unserer guten Stadt London steht dieser Text in Stein geschrieben?«

 

Beinahe verächtlich erwiderte das junge Mädchen:

 

»Solch eine Frage! Über dem Eingang von Old Bailey – »Beschütze die Kinder der Armen und strafe die Übeltäter.«

 

Er nickte.

 

»Sie haben wenigstens eine Butterdose gewonnen, aber Sie können sich auswählen, was Sie wollen. Um mal auf etwas anderes zu kommen: Wer und was bin ich? Für die richtige Antwort bekommen Sie eine Tüte Kameruner und ein Freibillett für den Zoo.«

 

Sie blickte ihn mit einer gewissen übertriebenen Feierlichkeit an, die ihn entzückte.

 

»Sie sind der Detektiv-Inspektor Horace Bird – und man nennt Sie gewöhnlich ›Spatz‹.«

 

Er beugte sich zu ihr, und sein Gesicht wurde purpurrot vor unterdrücktem Gelächter.

 

»Sie sind einzig! Jetzt lassen Sie mich auch einmal ein bißchen hervorragende Detektivarbeit leisten, genau so wie der allgemein bekannte Mr. wie-heißt-er-doch in der Baker Street. Also: Ihr Name ist Mary Bolford, Sie sind Reporter im Daily Post Herald, und Sie erleben gerade praktisch einen kleinen Artikel, betitelt: ›Ein Tag in dem Leben eines Blumenmädchens.‹ Streiten Sie es nur nicht ab. Ihr Verleger hat mich vor einer Stunde auf Sie aufmerksam gemacht und mich gebeten, Sie im Auge zu behalten. Was sagen Sie zu meiner ausgezeichneten Schlußfolgerung? Kommen Sie mit und trinken Sie eine Tasse Tee mit mir, und ich will Ihnen bei dieser Gelegenheit meine hervorragende Lebensgeschichte mitteilen.«

 

Er schob die Zigarre in den anderen Mundwinkel, nahm ihr den Blumenkorb ab, und Seite an Seite marschierten die beiden durch den Schnee St. James Street hinunter. So unbehaglich sich auch die Fußgänger in diesem Schneegestöber fühlen mochten, ein jeder blieb stehen, um einen Blick auf diesen riesenhaften Mann mit einem Korb Veilchen unter dem Arm zu werfen.

 

»Ich möchte wetten, Sie werden das noch teuer bezahlen müssen«, brummte er. »Naß bis auf – Ich hoffe, Sie tragen wenigstens warmes Unterzeug! Ich möchte eigentlich wissen, warum es unfein ist, von Unterzeug zu reden, und warum kein Mensch etwas gegen den Ausdruck ›Pelzmantel‹ einzuwenden hat. Ach was. Ist auch eines der großen Rätsel. Guten Tag, Tom.« Er hielt einen Mann auf, der mit gebeugtem Haupt gegen den Schneesturm ankämpfte und an ihnen vorbeizuschlüpfen versuchte.

 

»Morgen, Mr. Bird – verdammt kalt, was?«

 

»Man merkt es noch mehr, wenn man vor dem Personaleingang von Hoyce & Drake wartet, nicht wahr, Tom? Niedliches Mädel, was, Tom? Ich möchte aber wetten, Ihre Frau hat nicht dieselbe Meinung. Tun Sie’s lieber nicht, Tom, oder ich komme mal eines Tages zu Ihnen, und das wird Ihnen verd… wenig gefallen! Auf Wiedersehen!«

 

»Sie sind ja fürchterlich!« murmelte sie, als der Mann davoneilte.

 

»Ich muß so sein«, sagte er gleichgültig. »Es ist die einzige Sprache, die diese Art Leute richtig versteht. Was haben Sie eben gesagt – fürchterlich? Das ist ein seines Wort. Bitte, gehen Sie voran, Miß Bolford.«

 

Sie traten in das Restaurant ein, Mary Bolford fühlte die Wärme, roch die frischen Backwaren und seufzte behaglich.

 

»Bestellen Sie, was Sie wollen, bis zum Preise von vierzig Pfennig«, sagte der Spatz. »Ich habe gerade gegessen, und so werden Sie mich entschuldigen, wenn ich beim zehnten Kuchen aufhöre.«

 

Er schien sich um die anderen Gäste in dem langen Teeraum in keiner Weise zu kümmern und doch –

 

»Der Kerl da gegenüber in der Ecke ist Sam Larber, der bekannte Hochstapler. Die Zeiten sind jetzt sehr schlecht, und es gibt wenig Goldfische. Es müßte eigentlich einen Unterstützungsfonds für Hochstapler geben, denn die Sonne muß scheinen, um die Leute Dummheiten machen zu lassen. Das Mädel, das mit ihm zusammensitzt, ist Lisa Keane – weiß Gott, kein Engel der Barmherzigkeit! Sehen Sie den kahlköpfigen jungen Menschen, der sich hinter seiner Zeitung versteckt? Ich habe ihm neun Monate verschafft, weil er Autos geklaut hat – klauen heißt mausen – entschuldigen Sie bitte meine ausländischen Ausdrücke.«

 

»Was halten Sie davon?«

 

Sie strich ein Stückchen knisterndes Papier glatt und legte es vor ihn auf den Marmortisch.

 

»Ich halte überhaupt nichts von Hundert-Pfund-Noten – ich träum‘ bloß davon«, erwiderte er und fügte ganz unzusammenhängend hinzu: »Jedenfalls, weil er sich verheiraten will. Ich sah, wie er den Schein vor Ihren Augen hin und her schwenkte, und dachte erst, er versuchte einen guten Eindruck bei Ihnen zu machen. Ich war eigentlich etwas enttäuscht, denn Mr. Maddison hat mir niemals den Eindruck eines Schürzenjägers gemacht, und dann wurde mir auf einmal klar, was das Ganze bedeuten sollte.«

 

Wenn sie auch Reporter war, Frau war sie doch geblieben, denn sie fragte neugierig:

 

»Wen heiratet er denn?«

 

»Eine Dame.«

 

»Es war ihr Bruder, der mit einem anderen Herrn am Eingang der Bank sprach. Danty heißt der andere. Was Rex verliert, läuft auf einem kleinen Umweg in Dantys Tasche. Die Buchmacher haben das Leben von Rex versichern lassen – der Gedanke, daß sie mal ihr jährliches Einkommen verlieren könnten, ist ihnen mehr als widerwärtig. Und wenn er sich mal in dem großen Teich der Spekulanten blicken läßt, schärfen alle Haifische ihre Zähne. Sein Geld ist so leicht zu bekommen – oder sagen wir lieber nicht sein, sondern das Geld, was er seinen guten Freunden abpumpen kann? Ist das Klatsch oder Verleumdung?«

 

»Beides – wenn ich es drucken lassen würde«, lächelte sie zurück.

 

Die Kellnerin kam, und sie trank ihren heißen Tee mit großem Behagen, während Mr. Bird ernsthaft seine zahlreichen Keks knabberte. Als der Teller beinahe leer war, erklärte er:

 

»Ich bin ein großer, kräftiger Mann und muß vorsichtig leben. Solche Kuchen wirken ganz eigenartig auf mich. Wenn ich so ein Dutzend intus habe, fühle ich mich fast wie bezecht, und alle meine Sorgen verschwinden. Bei zwanzig fange ich an, verrückt zu werden, und reiße dann das Pflaster auf.«

 

Glücklicherweise hörte er schon bei dem siebenten auf.

 

»Was soll ich denn mit den hundert Pfund hier anfangen?« fragte sie. »Ich habe das Gefühl, daß ich das Geld unter falschen Voraussetzungen erhalten habe.«

 

»Ich habe bei Cecilia & Co. ein paar sehr schöne Gesellschaftskleider gesehen«, entgegnete er ernsthaft. »Es ist ein großes Modewarenhaus in der Bond Street – und wenn Sie mich fragen, was die Mode mit den Kleidern noch vorhat, dann sage ich: ›Sprechen wir lieber nicht davon!‹ Da war ein Kleid mit Schulterbändern oben, tragen Sie das, und Sie bekommen den ersten Preis beim Kunst- und Wettschwimmen …«

 

»Wer ist eigentlich Danty?«

 

Sie befand sich in einer neuen Welk, eine Welt, in die sie gerade vor einer Viertelstunde getreten war.

 

»Ich kenne seinen Namen«, fuhr sie schnell fort. »Danton Morell, er gab mir seine Karte.«

 

Mr. Bird nickte.

 

»Selbstverständlich hat er das; er gehört zu dieser Art von Menschenfreunden. ›Komm mal am Abend zu mir, wenn die Dienstboten in das Kino gegangen sind.‹ Danty ist gerissen. Ich bin einer der wenigen, die wissen, wie gerissen er eigentlich ist. Eines schönen Tages werde ich ihm mal meinen Besuch machen und ihm mitteilen, sich ein anderes Jagdgelände zu suchen.« Und dann begann er ihr von allerhand Menschen zu erzählen – von der stets wechselnden Bevölkerung im West End. Von den Männern und Frauen, die kamen und gingen; von dem gütigen alten Herrn, der das ganze Jahr hindurch seine Zimmer im Cecil-Hotel hatte, aber seine Zeit damit verbrachte, zwischen England und New York hin und her zu fahren, um leichtgläubige und vertrauensselige Menschen beim Kartenspiel um ihr Geld zu erleichtern. Er sprach ihr von merkwürdigen Leuten, die keinerlei Beruf hatten, von deren Einkünften nichts bekannt war, und die dennoch ständig in den besten Hotels lebten. Er nannte sie die Einmal-im-Jahr-Leute.

 

»Sie machen bloß einen einzigen Schlag im Jahre, und das genügt ihnen. Sie sind die bestbezahlten Märchenerzähler der ganzen Welt. Kipling und, wie heißt er doch gleich – Shaw? – verdienen nicht die Hälfte von dem, was den Kerls für ihre Geschichten bezahlt wird.«

 

»Ich glaube, Sie machen tagtäglich neue Erfahrungen?«

 

Mr. Bird seufzte.

 

»Ich glaube, daß mir im Laufe der Zeit alles bekannt geworden ist, was man von den krummen Wegen der Hochstaplergesellschaft wissen muß«, antwortete er.

 

Aber hierin irrte er sich.

 

In derselben Nacht rief man ihn nach Nummer 342 in der Brook Street. Mit Hilfe des leichenblassen Mr. Danton Morell brach er die Tür des Schlafzimmers auf und fand dort Rex Leferre – tot – von seiner eigenen Hand getötet. Er lag auf dem Fußboden und der Revolver an seiner Seite. Im gleichen Augenblick hatte Danty die Zettelchen mit den Bleistiftzeilen bemerkt und seine Hand darüber gelegt. Eine Stunde später las Margaret erschüttert die Mitteilung, die der Detektiv nicht gesehen hatte:

 

»Margaret, mein Liebling, ich bin verloren. Monatelang habe ich spekuliert und heute einen verzweifelten Schritt gewagt auf den Rat von

 

Luke Maddison. Er hat mich ruiniert – Geld ist sein Gott. Ich bitte Dich um alles in der Welt, traue ihm nicht. Er hat mich von einer Torheit in die andere getrieben. Gott segne Dich.                                 Rex.«

 

Wieder und wieder las sie diese erschütternden Zeilen. Luke Maddison: der Mann, den sie in einer Woche heiraten würde!

 

Kapitel 1

 

1

 

»Also du willst ihn wirklich heiraten, Margaret?«

 

Es lag eine Erregung in der Stimme Rex Leferres, die beinahe seine Schwester erschreckte. Es lenkte sie auf jeden Fall im Augenblick von dem Ärger ab, der langsam in ihr gegen ihren unpünktlichen Bräutigam aufstieg.

 

»Wie kommst du darauf?« fragte sie. »Meinst du vielleicht, daß ich meine Verlobung auflösen soll, weil Luke ein unhöflicher Gastgeber ist und uns schon zehn Minuten warten läßt?«

 

Sie befanden sich in dem Wintergarten des Ritz-Carlton, und glücklicherweise waren die übrigen Gäste mit ihren Cocktails beschäftigt und schienen Lukes schlechte Manieren noch nicht bemerkt zu haben.

 

Margaret stand mit dem jungen Mann, der ihr einziger Verwandter war, abseits, und kein Fremder, der sie gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, daß er Bruder und Schwester vor sich hätte. Rex war ein fahriger, rothaariger, junger Mann mit ausgesprochen schwachem Kinn, der die nervöse Angewohnheit hatte, seine schwarze Krawatte jeden Augenblick in Ordnung zu bringen.

 

Margaret Leferre hatte Haltung und Figur der großen Dame; mit ihrem reinen Teint, den wunderbar gezeichneten Gesichtszügen, ihren klaren, blauen Augen war sie ein Modell kalter Würde. Niemals hatte sie daran gedacht, ihr Haar, der Mode folgend, kurz schneiden zu lassen. In prächtigen Flechten lag es um den Kopf, so daß sie eine Krone von mattem Golde zu tragen schien.

 

»Ich weiß nicht…« Rex knabberte an seinen Nägeln – eine häßliche Angewohnheit, die er nicht ablegen konnte –, »Luke ist sicher ein netter Kerl – manchmal ’n bißchen zugeknöpft –«

 

»Was willst du mit ›zugeknöpft‹ sagen?« fragte sie und sah ihn fest an.

 

»Ja – ich meine – er sitzt ein bißchen sehr auf seinem Gelde. Er gibt mir ja Tips und sonstige gute Ratschläge, aber es ist mir eigentlich nie gelungen, mich zur richtigen Zeit bei irgendeiner Sache beteiligen zu können … selbstverständlich mein eigener Fehler.«

 

Er suchte ihren Blick zu vermeiden, aber sie war der stärkere Teil.

 

»Hast du Geld geliehen – schon wieder?« fragte sie, und er zuckte unbehaglich mit den Schultern.

 

»I wo – Unsinn! Danty und ich hatten ein Geschäft vor und…«

 

In diesem Augenblick sah sie sich um. Sie hatte das Gefühl, daß der dunkeläugige Danton Morell sie beide beobachtete. Danton war eigentlich ein lieber Mensch, und sie hatte sich daran gewöhnt, ihm zu vertrauen. Er schien ihre Unruhe gefühlt zu haben, denn er löste sich aus einer Gruppe heraus und kam langsam auf sie zu.

 

»Ach, halt doch den Mund, Margaret – erwähne bloß nichts zu Morell über diese Sache – wenn du vielleicht hier Szenen machen willst…«

 

Mit einem Achselzucken drehte er sich um und ließ sie stehen, als Danty zu ihnen trat.

 

Danty, dieser erfahrene Weltmann, lächelte über ihre Befürchtungen. Er war ein stattlicher, amüsanter Junggeselle an der Grenze der Vierzig, dessen Bekanntschaft sie durch ihren Bruder Rex gemacht hatte.

 

»Nein, ich glaube nicht, daß er Geld geborgt hat – Rex ist ein unbedachtsamer junger Mensch, der innerhalb der nächsten zehn Jahre nicht aus seinen Schulden herauskommen wird. Dann wird er sich auch einmal Mühe geben und sicherlich Erfolg haben. Ihr Bräutigam kommt eigentlich ziemlich spät.«

 

Instinktiv fühlte sie, daß er Luke Maddison nicht leiden konnte, hatte es immer gewußt. Luke stammte aus sehr gutem Hause und war verwandt oder stand auf bestem Fuße mit beinahe jeder großen Familie in England. Er hatte nur einmal etwas wegwerfend über Danty gesprochen.

 

»Wo ist denn der hergekommen? Ich habe noch niemals von ihm gehört«, hatte er sie gefragt.

 

Sie hätte ihm erzählen können, daß Danton den größeren Teil seines Lebens in Argentinien verbracht hatte, aber das Wegwerfende in seinem Ton, als er über den Freund ihres Bruders – und ihren eigenen sprach, hatte sie etwas verletzt. Und dann hatte Luke die Sache noch schlimmer gemacht.

 

»Er ist ein merkwürdiger Vogel. Es sollte mich gar nicht überraschen, wenn er zu jenen langfingerigen Burschen gehörte, die der Polizei bekannt sind – man sollte eigentlich Erkundigungen einziehen.«

 

»Warum tust du es denn nicht?« hatte sie eisig erwidert.

 

Dies hatte sich lange vor jenem Tage ereignet, als sie sich endlich entschlossen und einen beglückten Luke Maddison nach Hause geschickt hatte.

 

Während sie auf Dantons Worte lauschte, blickte sie gedankenlos auf den Diamantring an ihrem Finger, das äußere und sichtbare Zeichen ihrer Verlobung.

 

»… Rex ist leichtsinnig und wenig beständig – manchmal kann er nicht schlecht genug über Maddison sprechen, und dann hebt er ihn wieder in den Himmel … na, da haben wir ja unseren liebenswürdigen Wirt!«

 

Luke Maddison kam mit langen Schritten durch die Halle des Hotels, blieb einen Augenblick stehen, um seinen Mantel und Zylinder abzulegen, die er dem Diener beinahe zuwarf, und machte einen Schritt in der Richtung der Tür. In diesem Augenblick glitt er auf dem Marmorfußboden aus und wäre sicherlich gefallen, wenn nicht eine Hand seinen Arm ergriffen hätte.

 

Der Mann, der ihn hielt, mußte außergewöhnlich kräftig sein, denn im wahren Sinne des Wortes und anscheinend ohne jede Anstrengung hielt er Luke Maddisons Fall auf und stellte ihn auf die Füße. Mit einem halb ärgerlichen Lächeln drehte Luke sich herum und blickte in ein finsteres Gesicht mit scharfen Falten, tiefbraun gefärbt, und in zwei kühle, ausdruckslose Augen.

 

»Danke Ihnen – vielmals!«

 

Der Fremde nickte.

 

»Das hätte ein schlimmer Fall werden können. Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden!«

 

»O bitte, gern geschehen«, sagte der Unbekannte.

 

Er war im Abendanzug, tadellos angezogen, und sein gepflegtes Äußere ließ die Sorgfalt eines geschulten Kammerdieners ahnen. Maddison sah in dem Gesicht scharfe Linien, die nicht die Natur hineingezeichnet hatte. Er konnte nicht wissen, daß die beiden Narben, die die rechte Wange des Mannes entstellten, Erinnerungen an ein lebhaftes Zusammentreffen mit dem verstorbenen Lew Selinski in New York waren. Wenn Lew ärgerlich war, pflegte er ein Messer zu gebrauchen. Und er war außerordentlich ärgerlich über diesen elegant gekleideten Mann gewesen, als er die Zeichen auf dem Gesicht seines Feindes zurückließ.

 

»Ich bin froh, daß ich gerade in der Nähe war. Glücklicherweise warte ich immer in der Halle, wenn ich Bekannte eingeladen habe. Guten Abend.«

 

Er drehte sich um, als ob ihm die Aufmerksamkeit, die er selbst erregt hatte, peinlich wäre, und Luke ging voller Entschuldigungen zu seiner eigenen Gesellschaft.

 

Zwei Leben berührten sich in dieser Januarnacht im Ritz-Carlton – berührten sich und liefen wieder auseinander, um später, im Augenblick einer großen Krisis, wieder zusammenzukommen. Schwere Wege waren es: ein bitterer, herzzerreißender Weg für den einen, eine fortwährende Hölle für den weniger begünstigten anderm, der ihn mit dem zynischen Lächeln durchlaufen mußte, mit dem Gunner Haynes jedem Unglück begegnete.

 

Für Luke Maddison war das Leben eine verwirrende Menge von Pfaden, die einander kreuzten, die nebeneinander herliefen. Wenn er in einen Irrtum fiel, so war es der, daß er glaubte, sein eigener Pfad wäre der große, breite Hauptweg, zu dem alle anderen hinliefen, von dem alle anderen abzweigten.

 

Acht Generationen angesehener Finanzleute, alle aus guter Familie, alle aus einer Klasse, die Staatsmänner und Führer hervorbringt, waren verantwortlich für sein Vermögen, waren verantwortlich für sein gutes Äußere. Er war blond, schlank, blauäugig, und es gab Augenblicke, in denen er übermütig wie ein kleiner Junge sein konnte. Er war kein genauer Rechner, gab sein Geld gern und willig aus und war ein Idealist, was in diesem Falle bedeutete, daß er ein Verschwender jenes klingenden Materials war, das die Geschäftsherren der City in Luxus, Behaglichkeit und finanzieller Überlegenheit erhält. Luke hatte eine kleine Veranlagung zum Spieler, denn zeitweise ging er Risikos ein, die seine vorsichtigeren Freunde schaudern ließen. Und doch, mit einer halben Million goldsicherer Papiere im Depot – wie man sagte –, warum soll man da nicht ein Geschäft mit zehn Prozent Gewinn riskieren?

 

Gunner Haynes, dessen starker Arm ihn vor einem gebrochenen Handgelenk oder vor noch Schlimmerem bewahrt hatte, verfügte über keinerlei Mittel, die des Erwähnens wert waren. Sein Hauptguthaben bestand in einem tadellosen Gesellschaftsanzug, in kultivierter Sprache und vorzüglichen Manieren, die seine scharfen, finsteren Gesichtszüge vergessen ließen. Er lebte Gott weiß wo, wurde aber in den besten Hotels gesehen, allerdings nur in denjenigen, in denen er nicht als hervorragender Juwelendieb bekannt war.

 

Man nannte ihn »Gunner«, 1 und zwar wegen gewisser Vorfälle in New York. Es war wohl behauptet, aber niemals bewiesen worden, daß er es gewesen wäre, der den berüchtigten Bandenführer Lew Selinski erledigt und seinen Weg durch Lews Bande hindurch zu der Sicherheit erkämpft hätte, die ihm ein kleines Transportboot lieferte.

 

Niemand hatte ihn jemals mit einem Revolver in England gesehen; aber die Detektive, die ihn ein Jahr später nach seiner Rückkehr nach Amerika verhafteten, erwarteten eine lebhafte Schießerei und kamen infolgedessen bewaffnet.

 

Als er vor Gericht stand, kümmerte sich niemand um ihn: weder seine hübsche Frau, noch sein bester Freund Larry Vinman. Larry war eine Kanone der Hochstaplerzunft, jung, von gutem Äußeren und gefälligem Wesen.

 

Vielleicht bestanden sehr gute Gründe, daß Larry nicht wünschte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber es bestand kein Grund, warum Lila nicht hätte schreiben oder irgendetwas für ihn tun können. Sie hatte tausend Pfund in barem Geld, und ein guter Rechtsanwalt wäre leicht zu finden gewesen. Aber als der Gunner nach ihr gesandt hatte, hieß es, sie hätte die Wohnung verlassen. Er sollte sie niemals wiedersehen. Wenige Monate, bevor er aus dem Gefängnis entlassen wurde, hörte er, daß sie in der Krankenabteilung eines Asyls für Obdachlose gestorben wäre.

 

Als er dies vernahm, verzog sich sein Gesicht zu einem grimmigen Lächeln. Er lächelte immer, wenn ihn etwas schmerzte – und jetzt, bei diesem bitteren Lächeln, war sein Herz eine einzige große, zuckende Wunde.

 

Er verließ das Gefängnis und trieb langsam auf eigenartigen Wegen nach England, nach dem Ritz-Carlon-Hotel, wo er Mr. Luke Maddison, der seine Verlobung feierte, treffen sollte. Von Luke wußte er nichts – was ihn aber dorthin gebracht hatte, war der Schmuckkasten einer reichen, amerikanischen Dame, der den ganzen Tag über im Geldschrank des Hotels und von neun Uhr abends bis ein Uhr nachts in ihrem Schlafzimmer zu finden war. Gunner Haynes hatte ein Zimmer in derselben Etage genommen…!

 

»Ich bitte dich wirklich fußfällig um Verzeihung«, sagte Luke, und zwar nicht zum ersten Male im Laufe des Diners. »Mein Wagen fuhr mit einem Taxi zusammen – der andere hatte die Schuld, und natürlich erschien so ein langweiliges Verkehrshindernis und mußte alle Einzelheiten mühevoll in sein kleines Buch eintragen! Daß man Schutzleuten noch keine Stenographie beigebracht hat, ist eigentlich zu bedauern!«

 

»Aber, lieber Luke, das macht doch wirklich nichts.«

 

Margarets Stimme klang ein wenig müde. Nichts schien heute abend richtig gehen zu wollen. Sogar Danton schien verstimmt zu sein und war anders als gewöhnlich. Luke kam spät, sein Eintritt war beinahe ein akrobatischer Akt, den er in den Armen eines fremden Mannes ausführte. Was verstimmte Danty? Sie hatte bemerkt, wie sein Gesicht eine krankhaft grüne Farbe annahm, als Luke hereintrat. Rex war verstimmt, schweigsam und sprach kaum mit Lady Revellson, die ihm zur Linken saß. Und Luke hatte darauf bestanden, an ihrer Seite zu sitzen, trotzdem sie schon die ganze Tafelordnung festgelegt hatte, und der Erfolg war, daß alle bei Tisch am falschen Platze saßen.

 

Wenn der Kerl nicht glücklicherweise dagewesen wäre, hätte ich mir sicherlich irgend etwas gebrochen – ich konnte mich nicht mehr halten … es hatte etwas geschneit, und ein wenig Schnee muß an meiner Sohle geblieben sein – ich mußte ja die letzten hundert Meter zu Fuß gehen, der Zusammenstoß passierte am Piccadilly-Cirkus …!«

 

»Wie sah er eigentlich aus?«

 

Dantons Stimme klang etwas heiser und gedrückt.

 

»Wer – der Mann, der mir geholfen hat?« Und als der andere nickte, fuhr Luke fort: »Ein finster aussehender Mensch – zuerst dachte ich, er wäre Deutscher … zwei Narben liefen über seine rechte Wange hinweg – wissen Sie, wie sie die deutschen Studenten so gern haben. Ich erinnere mich, als ich auf der Universität in Bonn …!«

 

Danton hörte nicht mehr zu. Zwei Narben auf der rechten Wange! Dann hatte er sich nicht getäuscht. Die einzige Frage war nur, hatte der Gunner ihn wiedererkannt? Sieben Jahre waren vergangen, seit sie sich das letztemal gesehen hatten. Danton war damals noch glattrasiert und viel heller. Millie Haynes pflegte ihn ihren »goldhaarigen Jungen« zu nennen; das war in der Zeit, wo sie noch alles in ihm sah. Er hatte sich einen Schnurrbart wachsen und sich das Haar färben lassen – und stand als Larry Vinman nicht mehr in den polizeilichen Steckbriefen. Er hatte diese durchgreifende Änderung seines Äußeren vorgenommen – lange nachdem er Millie verlassen und sie auf den Weg zum Arbeitshaus und in einen schmählichen Tod getrieben hatte. Die Veränderung war nötig gewesen, weil er einem australischen Farmer einen kleinen Streich gespielt hatte, der diesen um einige achttausend Pfund erleichterte, und weil die Bemühungen der Abteilung für Hochstapler von Scottland Yard anfingen, ihm peinlich zu werden.

 

»Gunner Haynes!« Er atmete ein wenig hastig, und ein kalter Schauder lief seinen Rücken hinunter. Angenommen, Haynes hätte seinen früheren Freund erkannt … angenommen, er hätte seinen Revolver ergriffen … angenommen, er wartete noch draußen im Vestibül!

 

Danty fuhr sich über die feuchte Stirn, sah, daß seine Wirtin ihn anblickte, und stand mit einer stummen Bitte um Erlaubnis auf.

 

»Es fällt mir gerade ein, daß ich telephonieren muß… entschuldigen Sie mich, bitte, einen Augenblick …«, murmelte er, als er hinter ihrem Platz vorbeiging.

 

Er blickte in den Wintergarten. Der Gunner war nicht dort. Er durchschritt den weiten Raum, spähte in das Vestibül – leer. Das Hotel hatte zwei Vorhallen, eine in Haymarket, die andere in Pall Mall. Beide waren durch einen Gang miteinander verbunden, den er eilig durchlief.

 

Als er in das andere Vestibül kam, sah er den Gesuchten und fuhr zurück. Gunner trat gerade in den Aufzug, und sein Rücken war dem Beobachter halb zugedreht.

 

Er war es wirklich … Es konnte kein Zweifel daran bestehen, Gunner Haynes! Die Tür des Lifts schloß sich, und Danton blickte suchend umher. Er erkannte den gutmütig aussehenden Herrn, der in der Nähe der Drehtür in seinem Sessel saß.

 

»Sie sind doch der Hoteldetektiv?« fragte er. (Als Danty Morell noch der bekannte Larry Vinman war, kannte er die meisten der Hoteldetektive vom Gehen und konnte instinktiv die ihm noch unbekannten herausfinden.)

 

»Ja, Sir – ist irgendetwas nicht in Ordnung?«

 

»Der Herr, der eben in dem Lift nach oben gefahren ist – kennen Sie ihn?«

 

Der Detektiv nannte den Namen – einer der vielen angenommenen, die der Gunner regelmäßig gebrauchte, und das Herz von Mr. Morell schlug leichter.

 

»Was? – das glauben Sie selbst nicht. Also sein Zimmer ist Nummer 986? Wissen Sie, wer es ist? … Gunner Haynes! – und er ist hinter Juwelen her. Rufen Sie Scotland Yard an. Die werden sofort heraus haben, was mit ihm los ist. Aber ich will nicht, daß mein Name erwähnt wird, verstanden?«

 

Der Detektiv stürzte an das Telephon, und Danty ging vergnügt zu seiner Gesellschaft zurück.

 

Die Geschichte war zu gut, um sie für sich zu behalten. Und noch mehr, er liebte es, wenn er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer fesseln konnte. Für beinah volle fünf Minuten lauschte die ganze Tafelrunde atemlos seinen Worten.

 

»Er hat ein Zimmer hier im Hotel, Nummer 986. Ich kenne den Kerl ganz gut, ich war seinerzeit ein guter Freund des Staatsanwalts in New York, der mir sein Bild gezeigt hat. Einer der gefährlichsten Verbrecher von New York – äußerst geschickt – ich hoffe, es wird keine Störung im Hotel verursachen – ich erkannte ihn im selben Augenblick, als ich ihn sah, aber ich wollte mich lieber noch einmal überzeugen, um ganz sicher zu gehen.«

 

»Was haben Sie nun gemacht?«

 

Lukes Gesicht war unruhig. Er war leicht zu beeinflussen, und Danty wußte das sehr genau.

 

»Ich habe natürlich den Hoteldetektiv benachrichtigt – als ich ihn verließ, telephonierte er gerade an das Polizeipräsidium.«

 

Luke Maddison atmete tief auf.

 

»Armer Teufel!« sagte er leise. Margaret sah Danty an und schüttelte hilflos den Kopf.

 

»Sie haben Lukes Abend verdorben«, sagte sie, und Luke fuhr bei dem feinen Sarkasmus, der in ihren Worten lag, zusammen.

 

»Aber ganz und gar nicht – nur, willst du mich, bitte, einen Augenblick entschuldigen?«

 

Er war verschwunden, bevor noch das überraschte, junge Mädchen ein Wort hervorbringen konnte.

 

»Das sieht Luke wieder ähnlich – und wie alles so tadellos zusammenkommt, um uns diesen Abend so richtig zu verderben!«

 

»Wo ist er denn hingegangen?« fragte Danty unruhig.

 

Sie zuckte leicht mit den Schultern.

 

»Was tut er in einem solchen Fall? Für ihn gutsagen, ihm Geld geben, daß er frühstücken kann – sicherlich irgendwas entsetzlich Philantropisches unternehmen«, antwortete sie kurz.

 

Luke ging direkt in das zweite Vestibül und stieg in den Aufzug.

 

»Wo ist Nummer 986?« fragte er, als der Lift sich in Bewegung setzte.

 

Der Bediente hielt in der vierten Etage an und wies auf eine Tür. Mit der Hand auf der Türklinke zögerte Luke Maddison, zögerte aber nur einen Augenblick, drückte die Klinke nieder und trat in das Zimmer ein.

 

Der Mann stand am Fenster, den Rücken nach der Tür zugewandt.

 

»Nun, Sir?«

 

Er blickte sich nicht um, und Luke wurde sich klar, daß er mit Hilfe eines Spiegels, der auf einem Seitentisch stand, beobachtet wurde.

 

Luke schloß die Tür hinter sich.

 

»Wenn Sie Gunner Haynes sind, rate ich Ihnen, so schnell wie möglich zu verschwinden«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Sind Sie es nicht, muß ich Sie um Entschuldigung bitten.«

 

Haynes fuhr herum, als er seinen Namen hörte.

 

»Oh …«, sagte er, und nach einer kurzen Pause: »Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar.«

 

»Haben Sie Geld?«

 

Wieder eine kurze Pause.

 

»Ja – ich habe alles, was ich nötig habe. Danke bestens.« Der Gunner lächelte, irgendetwas mußte ihn humoristisch berührt haben.

 

»Noch einmal besten Dank – ich glaube, ich begreife. Ich war nur nicht ganz sicher, ob es Larry war. Hat wohl einen großen Fischzug vor, was?«

 

All dieses war für Maddison völlig unverständlich. Er sah, wie der Gunner seinen Mantel nahm und dann wurde die Tür aufgerissen, und ein großer Mann, gefolgt von zwei anderen, kam heran. Die ganze Autorität des Gesetzes lag in seiner Stimme.

 

»Nun, Gunner!«

 

»Nun, Spatz – Sie haben sich fein gehalten!«

 

Der dicke Mann kicherte.

 

»Nicht wahr?« Seine Hände fuhren schnell über die Hüften seines Gefangenen hinweg. »Schießeisen?« fragte er im freundlichsten Ton.

 

»Nein, Sir.« Der Gunner lächelte immer noch. »Die Legende, daß ich tödliche Waffen bei mir trage, ist wirklich nicht umzubringen. Mein waffenloser Zustand würde mir sicherlich von der Liga für Menschenrechte in Genf Lob und Preis einbringen.«

 

Der Detektiv legte ihm die Handfesseln an und sah dann zwinkernd auf Luke.

 

»Hat der Mann irgend etwas, das Ihnen gehört, Mr. Maddison?« fragte er.

 

Luke war mehr als überrascht, als der Mann ihn mit seinem Namen anredete.

 

»Nein – und eigentlich tut es mir leid.«

 

»Mr. Maddison – den Namen werde ich nicht vergessen«, sagte der Gunner und nickte Luke freundlich zu, als man ihn hinausführte.

 

Diesmal nahm Margaret Leferre seine Entschuldigung nicht an, als er ihr erzählte, wo er gewesen war, und ihr Gesicht wurde schneeweiß – wie Danty Morells.

 

Es dauerte ganze drei Wochen, bevor sich diese kleine Kluft zwischen ihnen geschlossen hatte.

 

    1. gunner (gun man), hier unübersetzbar, bezeichnet den mit Revolver bewaffneten, rücksichtslosen Verbrecher, dessen Kugel nie sein Ziel verfehlt, dem ein Menschenleben nichts gilt.

 

 

Kapitel 10

 

10

 

Am Mittag des nächsten Tages sprach Mr. Danton Morell bei Margaret vor und brachte ihr alle erhaltenen Neuigkeiten – und das waren nicht viele.

 

»Er scheint aus London verschwunden zu sein, aber ich würde mich darüber nicht besonders aufregen.«

 

Margaret Maddison saß mit weißem Gesicht an ihrem Schreibtisch und spielte gedankenlos mit einem Federhalter. Sie hatte nicht mehr schlafen können, seit Lukes Diener gegen Mitternacht angerufen und sie um Auskunft über seinen Herrn gebeten hatte. Am frühen Morgen hatte sie sich gezwungen, in Lukes Büro anzurufen – mit dem einzigen Erfolg, daß sie mit ihren eigenen Besorgnissen nun auch Mr. Steele angesteckt hatte.

 

»Er will Sie selbstverständlich ängstigen«, sagte Danty mit halbem Lächeln. »Das gehört doch zu seinem Plan. Ich möchte behaupten, daß, wenn Sie dem alten Steele sagen, Sie wären bereit, ihm einen Scheck über –«

 

»Ich habe Mr. Steele bereits gesagt, daß ich ihm einen Scheck über jeden nur gewünschten Betrag geben würde«, warf sie ein.

 

Ihre Stimme klang kühl und hart. Danty wurde unruhig. Augenscheinlich war er auf dem falschen Wege, aber es war nicht leicht, jetzt den richtigen zu finden.

 

»Dann haben Sie, wenn ich so sagen darf, außerordentlich töricht gehandelt. Schließlich, Sie kennen ja den Mann. Sie wissen genau, wie Rex über ihn dachte, Sie sind in die ganze Sache mit offenen Augen hineingegangen und –«

 

»Ich weiß.« Sie war ungeduldig. »Ich würde es noch einmal machen, glaube ich – vielleicht in anderer Weise. Ich bin sehr – sehr brutal gewesen.«

 

Sie stand auf und ging langsam nach dem Kamin, nahm eine Zigarette aus der emaillierten Dose auf dem Sims und steckte sie an, um sie sofort wieder ins Feuer zu werfen.

 

»Ich bin in Sorge, Danton«, gab sie zu. »Ich kann nicht richtig hassen. Ich habe nicht einmal mehr die Einbildung, daß ich recht gehandelt habe.«

 

»Steele hat Ihren Scheck natürlich genommen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, er sagte, es wäre nicht mehr nötig. Luke muß ihm wohl alles erzählt haben. Er sprach sehr scharf mit mir, beinahe grob.«

 

»Werfen Sie ihn hinaus«, entgegnete Danty prompt. »Vergessen Sie doch nicht, daß Sie Besitzerin der Bank –«

 

»Die Bank gehört mir nicht«, unterbrach sie ihn. »Mein Anwalt rief mich heut morgen an und sagte mir, daß man in der Eile vergessen hätte, die Bank mit in den Vertrag einzuschließen – und ich bin froh darüber. Ich werde selbstverständlich an Luke jeden Pfennig zurückgeben, den ich von ihm erhalten habe.«

 

»Sind Sie verrückt!«

 

Er schrie ihr beinahe diese Worte ins Gesicht.

 

Diesen Danton hatte sie noch nicht gesehen und sie starrte ihn in sprachloser Verwunderung an. Im gleichen Augenblick wurde er sich seines Fehlers bewußt.

 

»Seien Sie, bitte, nicht böse«, sagte er beinahe unterwürfig. »Ich denke doch nur an Sie; ich denke daran, wie leicht sein Verschwinden nur ein Trick sein kann, wovon ich übrigens vollständig überzeugt bin. Das sieht Ihnen völlig ähnlich, ihm jetzt das ganze Geld wieder zurückgeben zu wollen. Aber, falls Sie das tun, was dann? Sie sind mit ihm verheiratet, und es ist kaum anzunehmen, daß er Ihnen einen Grund zur Scheidung geben wird. Das einfache Resultat Ihrer Großmut würde nur sein, daß Sie pfenniglos sind und völlig von seiner Gnade und Barmherzigkeit abhängen.«

 

Geraume Zeit saß sie still und blickte in das Feuer. Es war schwierig, zu wissen, woran Margaret dachte: ihr Gesicht war unbewegt, und der Blick in ihren Augen erzählte ihm nichts.

 

»Ich wollte ihn bis ins Innerste treffen, wollte ihn verletzen, und hatte doch dabei so große Angst. Wenn er nur irgendetwas gesagt, wenn er mich verwünscht hätte … aber kein Wort … es war furchtbar!«

 

Sie schloß die Augen, als ob sie versuchen wollte, die Erinnerung an Lukes Gesicht zu verjagen.

 

»Er wird heute nacht schon wieder da sein«, sagte Danty ermutigend, »und dann können Sie die ganze Angelegenheit besser allein regeln. Ich fange langsam an, zu bedauern, daß ich Ihnen jemals einen Rat gegeben habe … und ich habe, bei Gott, nicht an mich gedacht.«

 

»Aber natürlich nicht.« Sie hielt ihm impulsiv ihre Hand hin, und er ergriff sie. Er war wieder Herr der Situation.

 

Aber er war unruhig und bemühte sich auf dem Heimwege vergeblich, irgendeine nur mögliche Erklärung für Lukes Verschwinden zu finden. Er hatte sich ein Bild über Luke Maddisons Charakter gemacht, und seiner Anschauung nach würde der Mann, den er haßte, nur einen von zwei gegebenen Wegen einschlagen: nach der ungeheuren Enttäuschung, die ihm Margaret zugefügt hatte, entweder eine einzig richtige Vernunft beweisen und seine Anwälte konsultieren, oder denselben Weg gehen, den Rex Leferre durchschritten hatte.

 

Ein Zeitungsplakat erregte seine Aufmerksamkeit; er klopfte an die Glasscheibe und ließ das Taxi halten, um eine Zeitung zu kaufen. »Mord im dunkeln London«, lautete die Überschrift des Artikels, und Danty hatte immer an derartigen Vorfällen Interesse. Die Szene der Tragödie war ihm fremd. In den Tagen, als Mr. Danton Morell noch nicht zur oberen Gesellschaft gehörte, hatte sein Arbeitsfeld hauptsächlich in Nord-London gelegen. Borough und Lambeth waren für ihn terra incognita.

 

»In einer Messerstecherei, die, wie man annimmt, durch Streit zwischen Mitgliedern zweier verschiedener Banden entstanden war, wurde ein Mann mit Namen Lewing getötet. Sein Begleiter, dessen Identität die Polizei bis jetzt noch nicht feststellen konnte, hat eine gefährliche Wunde in der Brust davongetragen und liegt in hoffnungslosem Zustand im St.-Thomas-Hospital. Das Überfallkommando ist eifrig damit beschäftigt, Süd-London zu durchsuchen, um die Täter zu finden, von denen man annimmt, daß sie Mitglieder einer gefährlichen Verbrecherbande sind, die hauptsächlich in Borough ihr Unwesen treibt.«

 

Danty ließ die Zeitung fallen. Es handelte sich hier um eines der alltäglichen Verbrechen, die kein Interesse für die besseren Klassen haben, und gerade jetzt stand er ja auf dem Punkte, ein Mitglied dieser zu werden.

 

Man muß erwähnen, daß er keinen festgefügten Plan hatte, welche Rolle er in der jetzigen Situation spielen sollte. Er konnte sicherlich leichter zu Geld kommen, wenn Luke abwesend war und diese törichte Frau Verfügungsrecht über dessen Vermögen hatte, als wenn er dasselbe Ziel unter den kalten blauen Augen Lukes, der ihn haßte, verfolgen müßte. Luke hatte bei ihrer letzten Unterredung, als man über Rex und die Fälschung sprach, deutlich durchblicken lassen, daß er Rex mehr als ein Opfer als den eigentlichen Täter betrachtete.

 

Lukes Verschwinden war für ihn eine fühlbare Erleichterung. Er konnte kaum annehmen, daß sein Verhältnis mit Margaret das gleiche bleiben würde, wenn sie ihren Mann liebte und sich durch ihn beeinflussen ließ. Dankys Plan war, mit allen Mitteln darauf hinzuarbeiten, daß Luke aufhörte, ein Faktor in ihrem Leben zu sein – und dieser Plan war gut. Und etwas kam hinzu – der ständig wachsende Zauber, den Margaret auf ihn ausübte. Niemals sah er sie, ohne daß der Wunsch, für sie etwas anderes zu sein als ein vertrauter Freund, in ihm stärker wurde. Einmal hatte er ihre Hand »zufällig« absichtlich berührt. Sie ließ ihre Hand lange genug neben der seinigen liegen, und er faßte den Mut, einen Schritt weiterzugehen. Aber dann hatte sie ihm keinen Zweifel mehr über ihre Gefühle für ihn gelassen. Margaret hatte eine Aufrichtigkeit, die einen manchmal aus der Fassung bringen konnte.

 

»Hoffentlich fangen Sie nicht an, auf törichte Gedanken zu kommen, Danton, und sich einzubilden, in mich verliebt zu sein«, hatte sie gesagt.

 

Aber das war in den Tagen geschehen, als Rex noch am Leben war und ihr Herz noch schneller schlug, wenn sie Luke Maddisons Schritte hörte.

 

Danty zuckte die Schultern. Frauen sind veränderlich, aber gerade ihre Unbeständigkeit ist einer ihrer größten Reize.

 

Er stieg aus dem Taxi und war im Begriff, den Chauffeur zu bezahlen, als er hinter sich hörte:

 

»Morgen, Mr. Morell.«

 

Danty blickte sich langsam um. Woher war der Spatz so plötzlich aufgetaucht? Er hatte eine äußerst beunruhigende Weise, ganz plötzlich auf der Bildfläche zu erscheinen. In Wirklichkeit hatte Mr. Bird auf dem Bürgersteig gestanden und war nur einen Augenblick lang durch das Taxi verdeckt worden.

 

»Ich möchte eigentlich mal eine kleine Unterhaltung mit Ihnen haben«, strahlte er ihn freudig an. »Haben Sie etwas von Mr. Maddison gesehen?«

 

Danty lag es auf der Zunge, jede Kenntnis von Luke Maddisons Handlungen abzustreiten, aber:

 

»Seit der Trauung nichts mehr«, sagte er.

 

»Vielleicht ist er allein auf die Hochzeitsreise gegangen«, begann der Spatz und lachte über das ganze Gesicht. »Ich kann mich mit diesen neumodischen Gewohnheiten nicht vertraut machen. Ich glaube, Sie sind auch nicht lange auf der Hochzeitsreise gewesen, Mr. Morell?«

 

Seine scharfen, hellen Augen, halb verborgen hinter den Polstern der Augenlider, fixierten Danton Morell unerbittlich. Aber Danty wich nicht aus.

 

»Ich bin niemals verheiratet gewesen«, sagte er.

 

Er hätte sehr leicht die Unterhaltung abbrechen können, indem er den Detektiv stehen ließ und das Haus betrat – es war ein taktischer Fehler, daß er sich in dieses Kreuzverhör hatte hineinziehen lassen.

 

»Das Vergnügen steht Ihnen dann noch bevor«, fuhr der Spatz vergnügt fort. »Ich habe kürzlich mit Gunner Haynes über Sie gesprochen.«

 

Trotz all seiner Selbstbeherrschung fühlte Danton Morell, wie er erblaßte.

 

»Wirklich?« sagte er herausfordernd. »Wer ist denn Gunner Haynes?«

 

»Ein ganz gewöhnlicher Verbrecher«, entgegnete der Spatz melancholisch. »Ich muß mit solchen Menschen zusammenkommen – das ist ja mein Beruf. Aber es gibt eine Menge Dinge, die mir bei dem Gunner gefallen. Zuerst mal habe ich ihn gern, weil er niemals einen Revolver bei sich hat, zweitens bewundere ich sein außerordentliches Gedächtnis! Hat ein Gedächtnis wie ein altes Pferd, der gute Gunner! Er ist so eine Art von Mensch, der sich noch an die Farbe der Socken erinnern kann, die er an dem Tage trug, als der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er an diesem Tage graue getragen hätte. Was für eine Farbe hatten denn Ihre Socken an diesem Tage, Mr. Morell?«

 

Es lag etwas so Vielsagendes in dieser Frage, daß Dantons Atem stockte. Am Tage des Waffenstillstandes hatte er im Peterhead-Gefängnis gesessen, wo er achtzehn Monate abzumachen hatte. Hatte der Gunner ihn erkannt und ihn verraten? Er wies den Gedanken ebenso schnell von sich, wie er gekommen war. Wenn Gunner Haynes wußte, daß er am Leben war, zu erreichen war, würde er dies niemals einem Polizeibeamten mitgekeilt haben. Ganz sicher hätte er in seiner eigenen Weise mit ihm abgerechnet.

 

»Ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, was ich damals für Socken getragen habe«, er zog die Worte lang. »Haben Sie Interessen in Wollwarengeschäften?«

 

Mr. Bird nickte feierlich.

 

»Ganz besonders in grauen Socken«, sagte er; »graue, wollene Socken mit einer kleinen, breiten Pfeilspitze 2 am Knöchel.«

 

Er war in ausgezeichneter Laune, und es war schwer, wenn nicht unmöglich, in seinen Worten eine persönliche Anspielung zu finden. Bevor Danton antworten konnte, fuhr er fort:

 

»Ich befürchte, Sie können mir keinerlei Auskunft geben? Ich würde so gern wissen, warum Mr. Maddison gestern seiner Wege gegangen ist und wohin. Ich habe nämlich die Absicht, ihm ein Geburtstagsgeschenk zukommen zu lassen. Wie lange wollen Sie noch in London bleiben, Mr. Morell?«

 

Die Frage folgte ganz unerwartet, und die Augen hinter den schweren Lidern schienen aufzublitzen, als Danty antworte.

 

»Vielleicht noch einen Monat.«

 

»Ich dachte, Sie würden vielleicht schon nächste Woche abreisen.«

 

Mit einem kurzen Kopfnicken wandte er sich ab und ging in seiner schwerfälligen Weise davon. Danty biß sich auf die Lippen und blickte hinter ihm her. Er hatte eine Warnung erhalten. Und es war ihm lieber, diese durch die Polizei zu bekommen als auf eine sicher weniger freundliche Weise von Gunner Haynes.

 

Er dachte immer noch über die Worte des Detektivs nach, als er sich zum Essen umkleidete. Es konnte nicht der Gunner gewesen sein – eine reine Vermutung von Bird, der hoffte, auf diese Weise etwas von ihm zu erfahren.

 

Margaret und er speisten an diesem Abend zusammen; als sie ihn am Nachmittag angerufen hatte, glaubte er, daß sie die Verabredung rückgängig machen wollte, und hatte schon überzeugende Gründe bei der Hand, um sie von einem solchen Entschluß abzubringen.

 

Am Abend war sie viel munterer; ihr Entschluß hatte sich wieder gefestigt. »Sie werden sicher morgen von ihm hören«, sagte Danty lächelnd, als sie ihren Kaffee tranken, »er gehört nicht zu den Menschen, die sich von der City von London, wo das Geld verdient wird, entfernen können!«

 

Sie seufzte.

 

»Ich befürchte, Sie haben recht«, war ihre leise Antwort.

 

Und zu gleicher Zeit standen zwei hervorragende Chirurgen an der Seite eines Bettes im St.-Thomas-Hospital. Einer von ihnen schob sein Stethoskop zusammen und blickte mit bedauernder Miene auf den bewußtlosen Patienten.

 

»Sie haben seinen Namen nicht ausfindig machen können?«

 

Der Polizeibeamte, der an der Seite des Bettes saß, schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Sir.«

 

Der Arzt wandte sich seinem Kollegen zu.

 

»Lungenentzündung, ohne jeden Zweifel, Sir John«, sagte er kurz. »Die Lunge ist durchbohrt worden – die Symptome von Lungenentzündung waren ja zu erwarten, denken Sie nicht auch so?« Er winkte einen dritten, den Arzt des Krankenhauses, heran, der sich mit einem anderen Patienten in dem Krankensaal beschäftigte.

 

»Der arme Kerl hier wird wahrscheinlich heute nacht sterben«, sagte er beinahe gleichgültig. »Ich wüßte nicht, was Sie noch weiter für ihn tun könnten, ausgenommen natürlich, es ihm so behaglich wie möglich zu machen. Als Mitglied einer Bande macht er mir eigentlich einen zu guten Eindruck.«

 

Der bewußtlose Mann lächelte und stammelte ein Wort.

 

»Klang beinahe wie ›Margaret‹«, sagte der Arzt interessiert. »Schade, daß Sie nicht wissen, wer er ist, man hätte dann seine Frau benachrichtigen können – jetzt würde wohl kaum noch Zeit dazu sein!«

 

    1. Die breite Pfeilspitze ist das Zeichen, das in den englischen Gefängnissen sämtliche Ausrüstungsgegenstände tragen.

 

 

Kapitel 11

 

11

 

Es war der dreizehnte Tag nach dem Verschwinden Luke Maddisons und ein bedeutungsvoller für seine Frau, da an diesem Tage die langen und qualvollen Stunden voller Zweifel und Ungewißheit, voller Selbstanklagen, die zuweilen zu Haß gegen sich selbst wurden, ein Ende fanden. Zweimal schon war sie nahe daran gewesen, die Polizei zu benachrichtigen, und zweimal hatte Danty sie daran verhindert.

 

Diese Zeit war auch voller Sorgen für Danty gewesen, aber aus einem ganz anderen Grunde. Daß Mr. Steele, der Prokurist der Maddison-Bank, nicht übermäßig besorgt zu sein schien, hatte Margaret zuerst erstaunt, dann aber in gewisser Weise getröstet. Sie vermutete oder war überzeugt, daß Luke ihm ihre Handlungsweise mitgeteilt hatte, denn als sie dem alten Steele den Scheck aushändigen wollte, wies dieser ihn mit großem Nachdruck zurück. Sie wußte ja nicht, daß in den Tagen, bevor sie die Hauptperson in Luke Maddisons Leben wurde, Luke die Angewohnheit hatte, von Zeit zu Zeit zu verschwinden, ohne jemand zu benachrichtigen. Unweigerlich kam dann eine Postkarte von Spanien, auf der er Steele mitteilte, wo er wäre und wann er zurückkommen würde. Dieses Land hatte einen besonderen Reiz für Luke Maddison. Er beherrschte seine Sprache wie ein Eingeborener. Er war einer der wenigen Engländer, die die Feinheiten des Stiergefechtes verstanden und schätzten, und er liebte nichts mehr, als sich in irgendeine kleine Wohnung in Cordoba oder Ronda zurückzuziehen und von dort aus das Land nach allen Richtungen zu durchstreifen.

 

Steele war unruhig – sicherlich – aber er hatte die Hoffnung, daß in dieser großen Krisis seines Lebens Luke Maddison dorthin geflüchtet war, wo er so viele glückliche Tage verbracht hatte.

 

Während dieser ganzen Wartezeit hatte sich Margaret Maddison zu Haus gehalten. Sie erschien nicht mehr in den Restaurants, in denen sie gewöhnlich zu finden war, und ihre wenigen Freunde zweifelten nicht daran, daß sie sich auf der Hochzeitsreise befand. Danty hatte ihr den Rat gegeben, sich im Auto nach einem der entfernten Dörfchen in Cornwall zu begeben und dort zu bleiben, bis der »Skandal«, wie er es nannte, vergessen wäre; aber sie machte sich zu viele Sorgen um Luke, um seinem Rate Folge leisten zu können.

 

An diesem dreizehnten Morgen war ein Telegramm für sie gekommen, und sie hatte gerade Danton Morell telephonisch gebeten, bei ihr vorzusprechen, als der Diener hereinkam und ihr eine Karte überreichte. Margaret las den Namen und runzelte die Stirn.

 

»Miß Mary Bolford?« Wer war denn das? »Sagen Sie, ich wäre nicht zu Haus.«

 

»Das habe ich bereits gesagt, gnädige Frau«, sagte der Diener, »aber sie nahm das ziemlich kühl auf und sagte, sie wüßte, Sie wären zu Haus, und bestand darauf, Sie zu sprechen.«

 

Margaret blickte von neuem auf die Karte. Auf der linken Seite, wo gewöhnlich die Adresse zu stehen pflegt, befanden sich die Worte »Daily Post Herald«. Sie sah die Nutzlosigkeit ein, das Interview vermeiden zu wollen, und hatte – unbekannt mit der Ethik des Journalismus – die Sorge, daß ihre Weigerung, den interessanten Reporter Miß Mary Bolford zu empfangen, vielleicht peinliche Konsequenzen für sie haben könnte.

 

»Ich lasse Miß Bolford bitten«, sagte sie schließlich.

 

Sie erwartete eigentlich eine Art Mannweib zu sehen oder zum mindesten ein weibliches Wesen, dessen intellektuelle Entwicklung auf Kosten ihrer äußeren Erscheinung stattgefunden hatte. Aber nicht im geringsten war sie auf das hübsche, junge Mädchen in elegantem Kostüm vorbereitet, das ohne jedes Anzeichen von Nervosität ihren Salon betrat.

 

»Sind Sie Miß Bolford?« fragte Margaret überrascht.

 

Das junge Mädchen bejahte lächelnd.

 

»Ich bin Reporter: ich nehme an, Mrs. Maddison, Sie haben das schon aus meiner Karte erraten!«

 

Mrs. Maddison! Es war das erstemal, daß man sie mit diesem Namen anredete, und irgendwie schien ihr dies die Tragödie der letzten vergangenen 12 Tage noch näherzubringen.

 

»Ich hatte dem Diener gesagt, daß ich für niemand zu sprechen wäre. Ich fühle mich nicht besonders wohl und bin in der Stadt geblieben –«

 

»Aus dem Grunde möchte ich ja mit Ihnen sprechen – darf ich mich setzen?«

 

Margaret wies auf einen Stuhl, und der junge, weibliche Reporter machte es sich bequem.

 

»Ich begreife völlig, daß Sie uns für entsetzliche Leute halten, wenn wir versuchen, in Ihre Privatangelegenheiten hineinzublicken, aber das ist nun mal unser Beruf«, begann sie mit beinahe beleidigender Offenheit. »Alle Zeitungsleser sind wild auf Romanzen, gleichgültig, ob es sich um traurige oder fröhliche handelt, und wir haben nun erfahren, daß Ihre Flitterwochen unterbrochen wurden und Ihr Gatte nach dem Ausland gegangen ist – hat er das überhaupt getan? – Mr. Steele, der Prokurist der Bank, ließ dies durchblicken, ohne es jedoch zugeben zu wollen.«

 

Für einen Augenblick antwortete Margaret nicht und sagte dann:

 

»Mein Mann ist im Ausland.«

 

»Wissen Sie, wo er ist?«

 

Margaret war auf einen so direkten Angriff nicht vorbereitet und wußte im Augenblick nicht, was antworten.

 

»Ja«, sagte sie zögernd. »Aber ich bezweifle, daß dies irgendwie Interesse für die Öffentlichkeit haben könnte.«

 

Mary Bolford sah Margaret prüfend mit ihren sprechenden, grauen Augen an.

 

»Entschuldigen Sie, bitte, Mrs. Maddison, aber ich glaube, ich kann Ihnen am besten helfen und mir selbst auch, wenn ich Ihnen gegenüber völlig offen bin. Wir haben gehört, daß Sie an Ihrem Hochzeitstage eine Meinungsverschiedenheit mit Ihrem Manne gehabt hätten und daß er –«

 

»Seiner Wege ging?« schlug Margaret kühl vor.

 

»Nein, nicht ganz so. Die Wahrheit ist, ich habe einen guten Freund in Scotland Yard, der heute bei mir war, um mich zu fragen, ob wir von der Zeitung etwas über Mr. Maddisons Aufenthalt wüßten. Und wir wissen natürlich nichts. Mr. Bird war etwas zurückhaltend –«

 

»Wer ist denn Mr. Bird«, fragte Margaret mechanisch. Sie wollte Zeit gewinnen. Schon allein die Erwähnung von Scotland Yard erschreckte sie.

 

Die junge Reporterin erklärte ihr, wer Mr. Bird war, und von neuem dachte Margaret schnell nach.

 

»Gesetzt den Fall, ich gebe zu, daß wir uns gestritten haben? Glauben Sie, daß dies das Publikum interessieren würde?«

 

Zu ihrer eigenen Überraschung fand sie, daß sie ganz zufällig eine Erklärung für das Verschwinden Lukes gefunden hatte, die man ohne weiteres annehmen konnte.

 

»Selbstverständlich nicht! Sie müssen ja denken, daß es eine große Unverfrorenheit von mir ist, überhaupt hierher zu kommen. Es liegt uns ja gar nichts daran, unsere Nase – wenn ich mich so ausdrücken darf – in rein persönliche Angelegenheiten zu stecken. Wenn eine Meinungsverschiedenheit die Erklärung ist, so kann ich nur um Entschuldigung bitten und versuchen, einen möglichst vorteilhaften Abgang zu finden!«

 

Sie stand rasch auf, aber in ihren lachenden, grauen Augen konnte Margaret Sympathie für sich selbst lesen.

 

»Sehen Sie«, fuhr sie fort, »wenn Mr. Maddison an seinem Hochzeitstage abgerufen worden wäre, um eine große finanzielle Operation durchzuführen, oder aus einem anderen Grunde als den – nun, den Sie mir eben angegeben haben, dann würde es eine wirklich interessante Geschichte gewesen sein. Ich bitte nochmals um Entschuldigung, Mrs. Maddison.« Sie streckte impulsiv ihre Hand aus, und Margaret ergriff sie.

 

»Ich bedauere es, für Sie – aber für mich auch«, sagte sie seufzend. Und dann sah Mary Bolford, wie ihre Züge hart wurden. »Ich habe es gestern bedauert – vielleicht heute nicht mehr. Das klingt ziemlich rätselhaft, und ich hoffe, Sie werden nicht versuchen, das zu ergründen.«

 

Sie begleitete das junge Mädchen bis an die Treppe und wartete, bis sie die Haustür hinter ihr ins Schloß fallen hörte.

 

Danty war in der Zwischenzeit gekommen, und sie hatte gehört, wie der Diener ihn in ein kleines Vorzimmer geführt hatte, das neben ihrem Salon lag. Sie öffnete die Tür.

 

»Kommen Sie, bitte, herein«, sagte sie.

 

»Wer war denn das?« fragte Danton Morell etwas unruhig. »Fenning sagte, es wäre ein Reporter. Was wollte er denn?«

 

Margaret lächelte müde.

 

»Sie versuchte, in meiner Trauung etwas Romantisches zu finden«, antwortete sie. »Ich befürchte, sogar sie wird damit kein Glück haben – lesen Sie das bitte.«

 

Sie öffnete ein Schubfach ihres Schreibtisches und nahm einen zusammengefalteten Bogen Papier heraus: ein Telegramm, gerichtet an Margaret Maddison:

 

»Du kannst kaum erwarten, daß ich zu Dir zurückkehre. In einigen Monaten werde ich Dir genügend Material verschaffen, um eine Scheidungsklage gegen mich einzureichen. Ich bin nicht völlig mittellos, daher auch nicht gänzlich ohne angenehme Tröstung.«

 

Es trug die Unterschrift »Luke« und war am gleichen Morgen um acht Uhr dreißig in Paris aufgegeben worden.

 

»Nun weiß ich ja Bescheid«, sagte sie. Ihr Ton war leicht, aber in ihrem Herzen war ein Aufruhr, den sie nicht für möglich gehalten hätte.

 

Tröstung! Und das war Luke Maddison, der Idealist! – ein ganz gewöhnlicher Schürzenjäger, der zu – Tröstungen geflohen war!

 

»Ich wundere mich eigentlich, daß Sie überhaupt Nachricht erhalten haben«, sagte Danton ernst. »Ich hätte gar nicht angenommen, daß er sich die Mühe geben würde, zu telegraphieren.«

 

Sie zuckte die Schultern.

 

»Steele kennt wahrscheinlich seine Adresse und hat ihm telegraphiert, daß die Polizei Recherchen anstellt –«

 

»Die Polizei?« Dantys Stimme war scharf. »Von wem wissen Sie denn, daß die Polizei sich damit befaßt?«

 

Sie wiederholte ihm, was Mary Bolford ihr erzählt hatte, und sah, wie sein Gesicht unruhig wurde.

 

»Der Spatz – das ist der Beiname, den man Bird gegeben hat. Ist er denn hier gewesen?«

 

Sie schüttelte verneinend den Kopf. Er dachte tief nach, seine Haltung war einige Augenblicke gespannt, seine Augen halb geschlossen, und seine Gedanken waren weit weg.

 

»Was werden Sie nun tun?« fragte er sie endlich.

 

»Jetzt? Ich reise am Sonnabend nach Madeira. Die Seereise wird mir sehr gut tun, und es wird mir erspart bleiben, über – über Paris zu reisen.« Ihre Lippen verzogen sich verächtlich.

 

Sie bemerkte, daß er etwas verstört war, und erfuhr auch sofort den Grund.

 

»Ich glaube nicht, daß ich am Sonnabend reisen kann –« begann er hastig, und sie lächelte.

 

»Es liegt doch auch gar keine Notwendigkeit für Sie vor, zu verreisen. Ich fahre allein. Ich möchte über so vieles nachdenken, und eine Insel ist ein wundervoller, der einzig richtige Platz dafür.«

 

Er war enttäuscht, ließ es aber nicht merken.

 

»Wie lange werden Sie fortbleiben?«

 

»Vielleicht einen Monat«, antwortete sie.

 

»Ich habe die Absicht, einen großen Dienst von Ihnen zu erbitten, und zwar, sich meiner Angelegenheiten anzunehmen – wahrscheinlich werde ich Ihnen eine Generalvollmacht geben; sicherlich werden Sie einen besseren Gebrauch davon machen als ich mit Lukes!«

 

Hätte sie ihn angesehen, wäre ihr sicherlich die Erleichterung in seinen Zügen aufgefallen.

 

»Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht«, war Dantys Antwort.

 

Der Rest ihrer Unterhaltung bewegte sich in allgemeinen Bahnen, und kurz darauf verließ er sie.

 

Als er gegangen war, blickte sie in die Morgenzeitung und hatte mehr Interesse für Wetterberichte als für alles andere. Auf einer der Hauptseiten des Post Herald sah sie die Photographie eines hageren, unrasierten Mannes. Die Aufnahme hatte augenscheinlich im Hospital stattgefunden. Seine Augen waren geschlossen, und unterhalb des Kinnes sah man noch einen Teil der Bettdecke.

 

»KENNEN SIE DIESEN MANN?«

 

war die Unterschrift des Bildes.

 

Sie durchflog den dazugehörigen Artikel und fand, daß es sich um einen Mord handelte, der im südlichen London begangen war, daß der Mann auf der Photographie dabei beteiligt gewesen und dem Tode nur wie durch ein Wunder entgangen war. Nicht einmal sein nächster Freund würde Luke Maddison erkannt haben, denn die Aufnahme war erst am elften Tage seines Aufenthaltes im Hospital und noch dazu bei sehr trübem Licht gemacht worden.

 

Kapitel 12

 

12

 

Mr. Bird besprach in oberflächlicher Weise den Mord in Süd-London, der Scotland Yard verhältnismäßig wenig erregt hatte.

 

»Ich habe die Photo von dem anderen Galgenvogel heute morgen in der Zeitung gesehen«, begann er. »Sieht beinahe aus wie der Star in ›Aus Seenot gerettet‹ – das ist ein ganz hervorragender Film, Sir. Sie müßten sich den mal ansehen. Mir kamen beinahe die Tränen in die Augen, und ich heule wirklich nicht leicht.« Er zog die Augenbrauen zusammen. »Vielleicht hatte der Film auch überhaupt nichts damit zu tun. – Haben Sie den Mörder gefaßt?«

 

Oberinspektor Kelley schüttelte den Kopf.

 

»Nein, und werden ihn wohl auch kaum fassen. Wenn wir Lewing von den Toten erwecken könnten, würde er einen Schwur ablegen, daß er den Mann, der ihn angriff, nicht erkannt hatte. Und mit dem anderen Kerl wird es genau so sein.«

 

Der Spatz spitzte die Lippen.

 

»Ich möchte eigentlich mal nach dem Hospital gehen und mir den Menschen ansehen – wird er sterben?«

 

Kelley machte eine Bewegung mit seinen Händen, die seine völlige Gleichgültigkeit ausdrückte.

 

»Keine Ahnung! Aber ich würde Ihnen nicht raten, in Gennets ›Gebiet‹ einzubrechen – er ist in dem Punkt außerordentlich empfindlich, und der Fall wird von ihm bearbeitet.«

 

Professionelle Etikette hielt daher Mr. Bird von der Unfallstation des St.-Thomas-Hospitals fern. Er fand jedoch eine Abschrift der Aussage, die der sterbende Mann gemacht hatte; sie war kurz und nichtssagend:

 

»Ich weiß nicht, wer Lewing gemordet hat. Ich war mit ihm zusammen, als er angefallen wurde, kannte ihn aber nur oberflächlich. Ich würde keinen der Angreifer wiedererkennen; sie waren mir völlig unbekannt, und ich konnte ihre Gesichtszüge nicht sehen.«

 

Darunter stand in Anführungsstrichen:

 

»Dieser Mann weigert sich, seinen Namen zu nennen.«

 

Der Spatz las diese kurzen Zeilen halb belustigt durch. Er konnte den Inspektor, der diesen Fall behandelte, nicht leiden.

 

»Gennet wird ja noch viel Glück damit haben – ich wünsche ihm alles Gute!«

 

Später, am Nachmittag, hatte er sich mit Miß Mary Bolford zum Tee verabredet. Der Spatz war schon in einem Alter, wo er sich unbesorgt mit dem hübschesten und jüngsten Mädchen treffen konnte, ohne sich anderen Nachreden auszusetzen als denen, die er selbst über sich gebrauchte.

 

»Wir passen wirklich großartig zueinander, Miß Bolford. Haben Sie etwas erreicht?«

 

»Bei Mrs. Maddison?« Mary schüttelte seufzend den Kopf. »Wissen Sie … ich fühlte mich höchst unbehaglich. Sie haben sich am Hochzeitstage gezankt. Warum – weiß ich selbstverständlich nicht.«

 

»Vielleicht des Bruders wegen«, sagte der Inspektor. »Sie wissen ja, wenn es sich um Angehörige handelt –«

 

»Aber er ist doch tot.«

 

Der Spatz nickte gedankenvoll.

 

Sie saßen in einem der belebtesten Teerestaurants in der Nähe von Charing Croß, und unaufhörlich kamen und gingen Gäste. Mr. Bird hatte einen kleinen Tisch in einer Nische gefunden, von wo aus er den Eingang des Restaurants überblicken konnte. Es lag kein besonderer Grund hierfür vor, denn er erwartete weder Freund noch Feind. Aber er hatte ein tiefes Interesse an seinen Mitmenschen und vor allen Dingen den stillen Wunsch, daß eines Tages ein Mann, den die Polizei aller Welten suchte, vergeblich suchte, in seinem Gesichtskreis auftauchen würde. Er war ein wenig Optimist.

 

»Gezankt, sagen Sie? Das wird hoffentlich eine Warnung für Sie sein, mein liebes Kind. – Heiraten Sie niemals. Erst heute habe ich gesagt –«

 

Sie sah, wie Mund und Augen ihres Begleiters sich vor Erstaunen öffneten. Er starrte nach der Tür. Sie blickte sich um und sah einen Mann das Café betreten, seinen weichen Hut auf dem Hinterkopf, die Hände in den Taschen. Er sah ernst und finster aus, und doch hatte sein Gesicht eine eigenartige Anziehungskraft.

 

»Da hört doch alles auf!« murmelte Mr. Bird.

 

»Wer ist es denn?« flüsterte sie.

 

»Ein dunkler Charakter«, erwiderte der Spatz bedeutungsvoll. »Wollen Sie ihn kennenlernen?«

 

Sie nickte, und im gleichen Augenblick begegneten sich die Augen des Fremden mit denen des Detektivs. Ein halbes Lächeln huschte über sein finsteres Gesicht, er folgte der Einladung von Mr. Birds winkendem Finger und kam langsam auf ihn zu. Als er das junge Mädchen erblickte, nahm er den Hut ab und setzte sich nach einem Augenblick kurzen Zögerns an den Tisch.

 

»Nun, Gunner«, sagte der Spatz mit leichtem Vorwurf. »Freigekommen?«

 

»Selbstverständlich«, lächelte Gunner Haynes und bestellte sich Kaffee.

 

»Eine Bekannte von mir – an der Zeitung«, stellte der Spatz vor. »Da sie selbst ein Mitglied dieser gesetzlosen Klasse ist, kann sie, ohne zu erröten, den hervorragendsten Juwelendieb Englands kennenlernen.«

 

Sie sah in Gunners Augen ein belustigtes Lächeln aufblitzen und lächelte zurück.

 

»Nun wissen Sie ja, wer ich bin«, sagte Haynes ironisch.

 

»Man hat also die Anklage niedergeschlagen?« Und als der Gunner nickte, stieß Mr. Bird einen langen, murrenden Seufzer aus. »Ich habe mein Vertrauen zu der Gerechtigkeit verloren«, sagte er verzweifelt. »Ich weiß ganz genau, warum Sie in dem Hotel waren, wessen glitzernde Steinchen Sie suchten – nein, Gunner, es gibt wirklich keine Gerechtigkeit mehr in der Welt.«

 

Der Gunner rührte in dem Kaffee, den die Kellnerin vor ihn hingestellt hatte, und lachte. Ein sanftes, musikalisches Lachen, das gar nicht zu dem Mann paßte, der da vor ihr saß.

 

»Ihre Sache stand schlecht, Mr. Bird, und Sie werden der erste sein, der mir das zugibt. Ich würde gern mal den Mann wiedersehen; der versucht hat, mich zu – mir zu helfen.«

 

»Sie wollten sagen, ›mich zu warnen‹.« Der Spatz blickte ihn durchdringend an. »Leider können Sie ihn nicht sehen. Er ist nämlich auf der Hochzeitsreise.«

 

»Maddison? – Hieß er nicht so. Ich erinnere mich jetzt an den Namen. Handelt es sich um den Bankier? Sie können mir ruhig antworten, Mr. Bird. Ich will nichts von ihm haben. Er ist in meinem Buch mit einem Stern angemerkt.«

 

»Das wird ihn sicher mal in den Himmel bringen«, spöttelte Bird und wurde dann wieder der kühle Polizeibeamte.

 

»Was führen Sie nun im Schilde, Gunner? Sind Sie jetzt reif für die Besserungsanstalt? Wenn das der Fall ist, können Sie von mir eine Empfehlung für das Heim für ehemalige Gefangene erhalten.«

 

Aber Gunner Haynes hörte gar nicht zu.

 

»Wen hat er geheiratet? – das hübsche, junge Mädchen, das an jenem Abend am oberen Ende der Tafel saß? Bei Gott! Sie war wunderhübsch! Erinnerte mich an –«

 

Er hielt plötzlich inne, und Mary Bolford sah, wie es in seinem Gesicht zuckte.

 

»– an jemand, den ich früher mal kannte. Ich wünsche ihnen alles Glück!«

 

»Dann müssen Sie jedem einzeln Glück wünschen«, sagte Mary Bolford; »an ihrem Hochzeitstage haben sie sich getrennt.«

 

Er blickte schnell zu ihr hinüber.

 

»Was hat sie ihm angetan?« fragte er, und Mary Bolford mußte, wenn auch widerwillig, lachen.

 

»Sie nehmen vieles für sicher an! Der Gedanke, daß er vielleicht der schuldige Teil sein konnte, scheint Ihnen wohl unmöglich?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Diese Art Mann kann nichts Schlechtes begehen, das kann ich Ihnen sagen, Miß! Ich kenne die Männer; ich verstehe das Gute in ihnen und das Schlechte. – Mein ganzes Leben lang habe ich von Männern gelebt: meine Kenntnis ihrer Schwächen und ihrer Stärke war mein einziger Trumpf. Frauen verstehe ich nicht. Und auch Sie haben unrecht, Mr. Bird – ich sage Ihnen dies hier offen und ehrlich – ich war nicht hinter den Juwelen von der Frau her, obgleich ich zugeben muß, ich hätte sie gern mal gesehen. Nein, hinter einem Diamantarmband, so groß wie eine Fußschelle! Im Hotel war ein alter Narr, der hatte es für eine Schauspielerin gekauft – sie nannte sich wenigstens Schauspielerin, aber ich habe sie gesehen! – Er muß mindestens hundert Jahre alt gewesen sein – vielleicht sogar hundertzwanzig. Ekelhaft! … nein, ich habe genügend Geld, um leben zu können.«

 

Er blinzelte dem Spatz zu. »Geld genug, um mir ein Maschinengewehr zu kaufen, damit ich wenigstens meinen Titel mit Recht trage. Wo steckt denn eigentlich Maddison?«

 

Er wandte sich an Mary Bolford.

 

»Fragen Sie mich!« fuhr der Spatz dazwischen, seine kalten Augen in denen des Hochstaplers. »Ich bin hier das zuständige Auskunftsbüro! Wenn Sie Ihre Lebensgeschichte erzählen wollen, wird Miß Bolford, glaube ich, einen ganz interessanten Artikel schreiben können, aber ich habe Sie nicht hierhergerufen, um angenehme Konversation zu machen, verstanden, Gunner!«

 

Haynes glaubte, in den Augen des jungen Mädchens einen feinen Schmerz zu sehen und lachte.

 

»Er hat recht – er hat selbstverständlich recht –« sagte er. »Lassen Sie mich Ihnen einen guten Rat geben, Miß Bolford.« Seine Stimme war eigenartig sanft, und selbst der Spatz blickte ihn erstaunt an. »Befürchten Sie niemals, daß Sie die Gefühle eines Hochstaplers verletzen könnten – das ist nämlich unmöglich. Ein Mann, der nach seiner Verhaftung eine Unterredung von nur zehn Minuten mit der Polizei gehabt hat – wenn sie nicht genau weiß, wo die Beute versteckt ist –, ist von Fachleuten … beleidigt worden.«

 

Der Spatz nickte ernsthaft.

 

»Bevor Sie beginnen, Sympathie für einen Exsträfling zu empfinden«, fuhr der Gunner fort, »rate ich Ihnen, ausfindig zu machen, warum er gesessen hat – und, was noch viel wichtiger ist, wie oft. Es kommt gar nicht darauf an, welches Verbrechen er begangen hat; ist er zweimal im Gefängnis gewesen, so brauchen Sie keinerlei Mitleid mehr an ihn zu verschwenden … Ich habe dreimal gesessen.«

 

Seine Augen lächelten, aber die scharfen Falten um seinen Mund hatten sich vertieft. Die ganze Zeit hindurch blickte er das junge Mädchen unverwandt an, trank ihre unberührte, frische Schönheit in sich hinein. Mit einem plötzlichen Ruck drehte er sich um, winkte der Kellnerin und bezahlte. Dann stand er auf und reichte Mr. Bird die Hand.

 

»Bird und ich kämpfen einen gleichen Kampf.« Seine Worte richteten sich wieder an das junge Mädchen. »Nur stehen wir beide auf verschiedenen Seiten. Meine Seite verliert immer, hat aber den meisten Spaß dabei.«

 

Er drehte sich um, ging langsam auf die Tür zu und verschwand.

 

Kapitel 13

 

13

 

Man hatte Luke Maddison in ein Einzelzimmer gelegt, und eines Morgens las er auf der Fieberkarte über seinem Bett, daß sein Name Smith war.

 

»Wie lange heiße ich schon Smith?« Seine Stimme klang außerordentlich kräftig, wenn man daran dachte, daß er nur wenige Tage vorher kaum imstande war, zu flüstern.

 

Die gutmütige Krankenpflegerin lächelte ermutigend.

 

»Wenn wir den Namen der Leute nicht kennen, nennen wir sie Smith – mit Vorliebe, Bill«, sagte sie. »Aber Sie werden nett und vernünftig sein und uns Ihren richtigen Namen nennen?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich glaube nicht. Smith ist doch ein sehr schöner Name, der von so viel netten Leuten getragen wird. Wenn mein Name in Wirklichkeit Smith wäre, würde ich vielleicht ein besserer Mensch sein«, fügte er halb spöttisch hinzu.

 

Seit sie ihn in das Einzelzimmer gelegt hatten, war der große, dicke Schutzmann, der so oft in seinen Fieberträumen eine Rolle gespielt hatte, verschwunden. An dem Tage, an dem man glaubte, er würde sterben, war ein Beamter geholt worden, um seine Aussagen aufzunehmen; aber er hatte nichts erzählt, was auch nur den geringsten Wert gehabt hätte. Außerdem hatte er einen der Detektive sagen hören, daß er als Zeuge von gar keiner Bedeutung für die Staatsanwaltschaft wäre. So konnte er sich gönnen, still zu liegen, die Stunden vorbeistreichen zu lassen, zu sehen, wie das blasse Sonnenlicht an der grünen Wand entlangstrich, wie die Nacht kam und dann wieder der Tag. Von seinem Zimmer aus konnte er das entfernte Geräusch der Straßenbahnen hören; lernte ihre Klingelzeichen, ihr Kommen und Gehen unterscheiden. Seine Gedanken beschäftigten sich nur wenige Augenblicke mit Margaret, und mit aller Kraft versuchte er, diese Gedanken zu vertreiben. Einmal hatte er die Absicht, Steele holen zu lassen, aber das Erscheinen des Prokuristen an seinem Bett würde seine Identität verraten haben, und er war doch bemüht, den Namen der Bank um jeden Preis reinzuhalten – oder war es Margarets Name? Wieder und wieder sagte er sich, daß er nicht einen Finger aufheben würde, um Margaret zu retten – aber er wußte, er log. Um Margarets willen war er zufrieden, Bill Smith zu bleiben.

 

Man gab ihm Zeitungen, aber er weigerte sich, sie zu lesen. Es gab noch einen Grund, warum »Bill Smith« ein so angenehmer Ausweg war. Hatte Maddisons Bank wirklich die Zahlungen eingestellt, dann war dies ein weiterer Grund, warum er nie wieder Luke Maddison sein durfte. Er war eigenartig apathisch, es war ihm gleichgültig, was mit der Bank vorgegangen war. Hatte an nichts und niemand Interesse. Es hatte eine Zeit gegeben, wo er glaubte und hoffte, er würde sterben und so die vollständige Vergessenheit finden, nach der sein Herz schrie. Aber sein Herz schmerzte ihn beinah nicht mehr. Bald würde die Zeit kommen, wo er das Hospital verlassen konnte, und dann? Er war gleichgültig, auch der Zukunft gegenüber. Was kam es auch darauf an? Vielleicht würde er Blumen verkaufen wie das hübsche, junge Mädchen, das er eines Nachmittags in St. James Street im Schneetreiben gesehen hatte. Vielleicht könnte er Soldat werden; er war ja noch nicht zu alt. Vielleicht in ferne Gegenden gehen; er lächelte schwach. »Und Löwen schießen?« fragte in seinem Innern eine sarkastische Stimme.

 

Er machte sich keinerlei Gedanken über das, was kommen würde. Es war am sechzehnten oder siebzehnten Tage seines Krankenlagers – er wußte die Zahl selbst nicht einmal genau –, als die Schwester das Zimmer betrat.

 

»Ein Freund von Ihnen möchte Sie sprechen. Er sagt, er kennt Sie.«

 

»Ein Freund?« wiederholte Luke stirnrunzelnd. »Er muß mich sicherlich mit einem anderen verwechseln.«

 

»Nein, er fragte direkt nach Ihnen. Er wollte den Mann sprechen, der bei der Messerstecherei verletzt worden war; ich habe ihm natürlich nicht gesagt, daß Sie Smith heißen, denn das stimmt ja nicht.«

 

»O doch, Schwester, das stimmt schon – ich bin aber neugierig, wer das wohl sein könnte. Lassen Sie ihn, bitte, hereinkommen.«

 

Wer konnte das sein? Im ersten Augenblick – es war ja Wahnwitz – hatte er an Margaret, Margaret um Verzeihung flehend, gedacht. Er würde selbst über diesen törichten Gedanken gelacht haben, wenn Lachen ihm nicht so unsägliche Schmerzen in der Brust bereitete.

 

Er hatte den Mann, der hereinkam, niemals gesehen. Sein schäbiges Äußeres wurde durch einen Kragen von so blendender Weiße hervorgehoben, daß Luke – und nicht mit Unrecht – annahm, man hatte ihn ebenso wie die schreiende Krawatte erst zu diesem Zweck gekauft. Ein Mann mit einem sehr schmalen, scharfgezeichneten Gesicht; seine Augen durchsuchten unter den schweren Augenlidern hervor das ganze Zimmer, bevor er leise an das Bett heranschlich.

 

»Danke bestens, Schwester.« Seine Stimme klang heiser und erinnerte Luke an Lewing. Er fragte sich, ob dieser Mann vielleicht ein Verwandter von jenem wäre.

 

»Ist das Ihr Freund?« fragte die Krankenschwester.

 

»Das ist er, es stimmt schon, Miß«, sagte der Mann kopfnickend.

 

Die Schwester verschwand, und der Besucher beugte sich über Luke. Seine Kleider rochen muffig, als ob sie an einem feuchten Platze aufbewahrt worden wärm.

 

»Joe läßt sagen, daß er dir weiterhelfen will, weil du ihn nicht verpfiffen hast.«

 

»Was habe ich nicht?« fragte Luke.

 

»Verpfiffen. Frag doch nicht so dämlich! Wenn du ‚rauskommst, geh mal zu ihm.« Er steckte ein schmutziges Stück Papier unter das Kopfkissen, und Luke erkannte ein ihm gut vertrautes Knistern. »Fünf Pfund für dich. Joe läßt sagen, er wird für dich sorgen.«

 

»Gott segne ihn!« sagte Luke nachdrücklich, »wenn es jemals einen Mann gab, für den gesorgt werden müßte, so bin ich es.«