Kapitel 18

 

18

 

Angelo öffnete Kommissar Kelly die Wohnungstür. Es gelang ihm nicht ganz, seinen Schreck über den Besuch zu verbergen, denn er hatte schon lange klar erkannt, welche Gefahr der Organisation durch diesen Mann drohte.

 

Zwischen Kelly und Angelo bestand eine gewisse Sympathie, die man nur schwer definieren konnte. Kelly betrachtete Angelo als zukünftigen Leiter der Gesellschaft, die jetzt Perelli unterstand, und er wußte auch, daß sich dann nicht nur die Methoden ändern, sondern sogar eine Wendung zum Besseren eintreten würde, wenn Angelo die Führung übernahm.

 

»Wo ist Perelli?« fragte er barsch.

 

Er schaute sich um und sah die ausgetrunkenen Flaschen und Gläser. Auch ohne die Musik, die aus den hinteren Räumen drang, wäre ihm klar gewesen, daß hier eine Party gegeben wurde.

 

»Er ist vor einiger Zeit weggegangen, um einen Freund aufzusuchen«, erwiderte Angelo schnell.

 

Kelly lächelte.

 

»Perelli geht doch nicht zu Fuß, und sein Wagen steht drunten in der Garage.«

 

Angelo nahm die Zurechtweisung gelassen hin. Es gehörte zu seinen Aufgaben, die Polizei stets über Tonys Aufenthaltsort im unklaren zu lassen.

 

»Er ist mit einer Dame nach oben gegangen«, erklärte er dann in vertraulichem Ton. »Sie kennen Perelli doch! Wollen Sie etwas trinken?«

 

Kelly ging auf und ab.

 

»Tom Feeney war heute hier.«

 

Angelo nickte.

 

»Ja. Wir haben uns jetzt endlich mit ihm geeinigt.«

 

»Aha, die feindlichen Brüder vertragen sich plötzlich! Sagen Sie mal, wo steckt eigentlich der junge McGrath?«

 

Angelo lächelte verbindlich.

 

»Er ist auch irgendwo im Haus – ein wirklich netter Junge.«

 

»Im Haus? Wenn ich nicht irre, haben ich ihn unten an der Tür gesehen, als ich kam. Holen Sie Perelli – ich muß sofort mit ihm sprechen.«

 

Angelo wandte sich zur Tür.

 

»Aus welchem Anlaß findet denn diese Party heute abend statt?« fragte Kelly.

 

»Tony hielt es für gut, die Verständigung zwischen Tom und ihm ein wenig zu feiern«, entgegnete Angelo. »Shaun wurde ja heute nachmittag schon beerdigt. Haben Sie die Blumen gesehen? Ganze Wagenladungen voll!«

 

In diesem Augenblick kam Minn Lee herein und setzte sich mit ihrer Stickerei auf die Couch. Kelly begrüßte sie mit einem freundlichen Nicken. Angelo verließ das Zimmer.

 

»Sie sehen sehr hübsch aus«, sagte Kelly höflich.

 

Lächelnd schaute sie auf ihr Pariser Modellkleid und blickte dann zu dem Kommissar auf.

 

»Gefällt Ihnen das Kleid?«

 

»Vorzüglich«, erwiderte Kelly bewundernd.

 

Sie lachte vergnügt, und er betrachtete sie erstaunt.

 

»Ich habe Sie noch gar nie so lustig gesehen, Minn Lee.«

 

Er wollte keine nähere Erklärung.

 

»Minn Lee, Sie wissen, daß ich Sie trotz der Umgebung, in der Sie leben, recht gern habe. Wann gehen Sie denn nun fort?«

 

»Wie kommen Sie darauf, daß ich fortgehe?« fragte sie.

 

»Nun, es wäre jetzt allmählich an der Zeit. Sie sind immerhin die dritte Frau, die ich hier kennenlernte … Einmal ist noch jede verschwunden.«

 

»Ich weiß es. Die armen Mädchen!« Ihre Stimme klang sorglos.

 

»Vielleicht wissen Sie auch, woher Mr. Perelli das Geld zu seinem luxuriösen Leben nimmt?«

 

Sie zuckte die Achseln.

 

»Alkoholschmuggel!«

 

»Stimmt. Es gibt aber auch noch andere Einnahmequellen – er ist zum Beispiel Besitzer von drei Nachtlokalen, deren Hauptattraktionen sehr zweifelhafte Animierdamen sind.«

 

Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß, und sie schaute ihn nicht an.

 

»Auch das weiß ich«, erwiderte sie leise. »Ich bin doch kein Kind mehr. Aber warum erzählen Sie mir das?«

 

Er hatte seine guten Gründe dafür. Sie sollte etwas hören, was ihr panischen Schrecken einjagen würde.

 

»Die Geschäftsführerin eines dieser Lokale, die besonders auf die Mädchen aufpassen muß, hat Geld unterschlagen ihre Stelle ist frei.«

 

Es war ihr äußerlich nichts anzumerken, und er staunte über ihre Haltung.

 

»Das ist mir gleichgültig. Wenn Sie mir gestern so etwas gesagt hätten, wäre ich traurig geworden. Aber jetzt kann mich nichts mehr kränken.«

 

Er schaute auf ihre Hand, an der ein großer Diamant blitzte.

 

»Da haben Sie ja einen fabelhaften Ring.«

 

Sie nickte zerstreut, und er merkte, daß sie mit ihren Gedanken weit weg war.

 

»Ich habe ihn schon früher gesehen. Jede Frau, die mit Perelli zusammenlebte, hat ihn getragen.«

 

Allmählich fand sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Sie lächelte ein wenig und seufzte.

 

»Ja, das glaube ich auch.«

 

»Eines Tages wird Perelli den Ring zurückverlangen.«

 

Sie betrachtete den Ring so aufmerksam, als ob sie ihn noch nie gesehen hätte.

 

»Ich brauche ihn nicht – er bedeutet mir nichts.«

 

»Eines Tages schickt er auch Sie nach Cicero hinaus«, fuhr er ernst fort. »Sie wissen, was dort auf Sie wartet?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sie werden zuerst in dem vornehmeren Lokal sein, in dem nur reiche Leute verkehren.«

 

»Nein!«

 

Sie stieß das Wort so heftig hervor, daß er einen Augenblick glaubte, er habe sie wirklich erschreckt.

 

»Und nach einem Jahr steckt man Sie dann in eine bessere Kneipe, wo nur Bier und Schnaps getrunken wird.«

 

»Nein!«

 

Er faßte sie an den Schultern und drehte sie um, so daß er ihr ins Gesicht sehen konnte.

 

»Das ist der Weg, den alle gegangen sind, Minn Lee. Alle, die sich einmal Mrs. Perelli nannten, haben auf die gleiche Weise geendet.«

 

Eine lange Pause folgte.

 

»Aber ich sehe einen Ausweg für Sie«, sagte er dann.

 

Auch sie kannte einen Ausweg – doch davon wußte Kelly nichts. Er dachte nur daran, wie er Perelli fangen könnte.

 

»Auf der Bank liegen hunderttausend Dollar, auf die bisher niemand Anspruch erhoben hat. Es ist die Belohnung für denjenigen, der den Mörder Vinsettis angeben kann. Tony Perelli hat es getan – und zwar ganz allein. Sie wissen es doch?«

 

Sie machte eine abwehrende Handbewegung und setzte sich müde auf einen Stuhl.

 

»Jetzt sind Sie wieder der Polizeibeamte – ich habe es viel lieber, wenn Sie anders mit mir reden.«

 

Kelly sah sich um und dämpfte seine Stimme. Er wußte noch viel besser als Minn Lee, was sich schon alles in diesem Haus abgespielt hatte; auch über die Affaire Tonys mit Mary hatte er schon Informationen erhalten. Vielleicht konnte er sie dadurch zum Reden bringen.

 

»Sie hätten nichts zu fürchten, Minn Lee – kein Gangster würde es wagen, Sie anzurühren. Das einzige Vergehen, für das man in Chicago mit Sicherheit hingerichtet wird, ist die Ermordung einer Frau. Und außerdem würde ich Ihnen für Ihr Leben garantieren.«

 

»Geben Sie sich keine Mühe, Mr. Kelly. Ich fürchte mich nicht vor Tonys Nachtlokalen – denn ich werde niemals dort hingehen. Dazu ist meine Selbstachtung doch noch zu groß.«

 

»Sie kennen Tony Perelli immer noch nicht!«

 

»Ich weiß schon – Sie wollen mich ein wenig aus der Ruhe bringen. Aber wenn ich gehe, will ich von allen Leuten in Frieden scheiden.«

 

Das war ihm neu.

 

»Sie gehen also wirklich?« fragte er eifrig.

 

Sie nickte.

 

»Weiß Tony davon?«

 

»Nein.«

 

Sie sah an ihm vorbei. Tony stand in der Tür und lächelte sie an.

 

»Aha, Minn Lee unterhält Sie ein wenig«, sagte er. »Ich hörte, daß Sie mich sprechen wollten?« Er nahm Minn Lee die Stickerei aus der Hand. »Der alte chinesische Drache wächst ja gar nicht mehr. Schauen Sie mal her.« Er zeigte Kelly stolz das Werk. »Hat sie das nicht hübsch gemacht?« Er küßte sie. »Jetzt geh, Kleine – nachher habe ich Zeit für dich.«

 

Kelly gab Minn Lee die Hand.

 

»Leben Sie wohl.«

 

Sie zögerte einen Augenblick, nahm dann seine Hand und machte einen kleinen Knicks.

 

Tony sah ihn erstaunt an.

 

»Ich sehe zum erstenmal, daß Sie jemand die Hand geben, Mr. Kelly.«

 

»Und ich habe zum erstenmal jemand in Ihrer Wohnung getroffen, der einen Händedruck wert ist«, erklärte der Beamte kurz. »Sie erwarten doch nicht, daß ich einen Gauner wie Sie auf diese Weise begrüße?«

 

Einen Augenblick lang sah ihn Perelli mit mörderischer Wut an, aber dann beherrschte er sich und wandte sich mit seinem üblichen Lächeln an Angelo, der auch hereingekommen war.

 

»Hast du das gehört? Das reicht für eine Beleidigungsklage.«

 

Angelo war ein aufmerksamer Beobachter und schwieg. Er fühlte instinktiv, daß sich die Beziehungen zwischen dem Polizeibeamten und Tony geändert hatten. Kelly sprach wie ein Mann, der etwas wußte.

 

»Kommen Sie auf mein Büro, wenn Sie die Klage einreichen wollen. Ich bin allerdings nicht so luxuriös eingerichtet wie Sie – und die letzten acht Bandenchefs, die mir dort im Laufe der Zeit gegenübersaßen, sind tot.«

 

Tony Perelli lächelte ungläubig.

 

»Die hätten sich eben wehren sollen! Angelo, findest du nicht auch, daß Mr. Kelly sehr schlecht über uns denkt? Immer muß ich. an allem schuld sein – sogar daß Vinsetti ermordet wurde, will man mir in die Schuhe schieben.«

 

Es sah Perelli ähnlich, Vinsetti zu erwähnen; diese Kühnheit verblüffte Kelly.

 

»Vinsetti? Hm. Er hob dreihunderttausend Dollar von seiner Bank ab, kam hierher und wurde nie wieder lebend gesehen.«

 

»Nun; den ganzen Morgen saß er schließlich bei Ihnen und verpfiff seine Freunde, dieser Verräter!«

 

»Und dann ging er hierher, in dieses Zimmer – das er nicht mehr lebend verließ«, konterte Kelly.

 

Perelli wurde es jetzt doch etwas ungemütlich, und er schaute sich nach seinem Adjutanten um, der auch sofort einsprang.

 

»Keine falschen Beschuldigungen, Mr. Kelly – schließlich waren Sie zehn Minuten später hier.«

 

»Und haben Sie vielleicht Blutspuren gefunden?« fuhr Tony zornig fort. »Haben Sie eine Leiche gesehen, einen Schuß gehört?«

 

»Niemand hätte den Schuß hören können«, erwiderte Kelly. »Den Schalldämpfer auf Ihrer Pistole kenne ich ganz genau.«

 

Perelli lachte gezwungen.

 

»Ganz wie Sie meinen – ich töte eben alle Leute! Wenn ich nicht da wäre, hätten die Zeitungen überhaupt nichts zu schreiben!«

 

Kapitel 19

 

19

 

Angelo war wieder hinausgegangen, und Tony wartete. Irgend etwas war geschehen, das fühlte er.

 

»Haben Sie etwas Neues erfahren?« fragte der Kommissar gleichgültig und nahm eine lange, dunkle Zigarre aus seinem Etui.

 

Tony lächelte.

 

»Nein. Aber Sie sind doch sicher nicht hergekommen, um mich zu fragen, was es Neues gibt? Das können Sie schließlich für drei Cents in der Zeitung lesen!«

 

Kelly ging eine Weile im Zimmer auf und ab und blies große Rauchwolken vor sich hin. Dann blieb er plötzlich stehen und sah Tony mit einem eiskalten Blick an.

 

»Perelli, wieviel verdienen Sie eigentlich jährlich mit Ihren Unternehmungen? Doch eine ziemlich hohe Summe?«

 

Tony zuckte die Schultern.

 

»Weil wir Freunde sind, will ich es Ihnen sagen«, entgegnete er mit leiser Ironie. »Und unter Freunden hat man doch keine Geheimnisse, nicht wahr? Also, ich verdiene eineinhalb bis zwei Millionen im Jahr. Allerdings sind die Geschäftsunkosten sehr hoch. Im vorigen Jahr mußte ich etwa eine Million bezahlen, meistens an Leute von der Polizei. Es ist schlimm, wieviel Schmiergelder diese Beamten verschlucken! Die meisten stehen auf unseren Zahllisten. Diese Demoralisation ist geradezu entsetzlich!«

 

Kelly lächelte verbissen.

 

»Können Sie mir die Summe nennen, die ich von Ihnen bekommen habe?«

 

Tony lachte über diese Frage. Er hatte vor Polizeibeamten nicht den geringsten Respekt, ob sie nun Geld von ihm annahmen oder nicht.

 

»Gestatten Sie mir die Meinung, daß Sie wirklich sehr unklug sind. Das Leben ist so kurz, und warum sollte man es sich nicht so angenehm wie möglich machen? Wenn man aber kein Geld hat, so ist es schwer, vergnügt zu sein. Seit fünf Jahren habe ich keine Zehndollarnote mehr in der Hand gehabt – sehen Sie, das nenne ich Lebensart! Man darf überhaupt nicht wissen, daß es solches Kleingeld gibt.«

 

Er schaute Kelly selbstsicher an.

 

»Ihre Mädchen in Cicero wissen aber sehr wohl, wie ein Zehndollarschein aussieht«, erwiderte Kelly mit Nachdruck. Die Bemerkung kränkte Tony, denn er war in diesem Punkt merkwürdig empfindlich. Im Grund schämte er sich der Einnahmequellen aus seinen Lokalen in Cicero, und wenn die Sprache darauf kam, protestierte er stets entrüstet dagegen, daß er mit dieser Sache etwas zu tun habe. Mit seinen Vertrauten allerdings redete er davon wie von anderen geschäftlichen Unternehmungen, kontrollierte die eingehenden Gelder und freute sich über finanzielle Erfolge.

 

»Aber lieber Kommissar, Sie sprechen immer von meinen Mädchen in Cicero«, erklärte er in bedauerndem Ton. »Ich habe weder Mädchen in Cicero noch sonstwo. Diese Lokale gehören mir nicht, und es wäre mir auch ganz unmöglich, solches Geld anzunehmen – ich dachte, Sie würden mich besser kennen, Mr. Kelly.« Er spielte den Verletzten. »Ich habe niemals auch nur einen Dollar in derartigen Unternehmungen investiert. Jeder, der mich kennt, wird Ihnen das bestätigen. Meine Feinde verbreiten natürlich solche Gerüchte über mich, aber beweisen können sie nichts – das wissen Sie doch ganz genau!«

 

Kelly machte ein skeptisches Gesicht.

 

»Haben Sie wirklich nichts damit zu tun? Wie steht es denn zum Beispiel mit der ›Skyline-Bar‹?«

 

Tony lächelte mitleidig.

 

»Die ›Skyline-Bar‹! Ich kenne das Lokal natürlich; meiner Ansicht nach steht es in einem falschen Ruf – doch das geht mich nichts an. Das Haus gehört mir nicht, ich weiß nicht einmal, wer der Besitzer ist.«

 

»Freut mich, das zu hören«, sagte Kelly herzlich. »Deshalb bin ich nämlich hergekommen. Eine Bande von Rowdies hat heute abend die ›Skyline-Bar‹ überfallen, die Mädchen auf die Straße geworfen und das Lokal angesteckt. Es ist vollständig ausgebrannt.«

 

Tonys Gesicht war plötzlich blaß geworden, und er verlor jede Selbstbeherrschung.

 

»Was sagen Sie da?« Er sprang auf, seine Hände zitterten. »Das ist doch nicht wahr!« Vor Erregung konnte er kaum sprechen. »Das wäre mir schon längst gemeldet worden … Die ›Skyline-Bar‹ ist hunderttausend Dollar wert!« Er ging wütend auf und ab. »Diese verfluchte Bande! Die Kerle gehören alle an die Wand gestellt!« Er trat dicht vor Kelly hin und drohte ihm mit der Faust. »Gibt es denn keine Polizei in Cicero?« schrie er.

 

»Das müssen Sie doch selbst am besten wissen – die Leute stehen ja auf Ihren Zahllisten. Und warum regen Sie sich eigentlich so furchtbar auf? Sie sagten doch eben, daß das Haus nicht Ihnen gehört und daß Sie keinen Dollar in ähnlichen Unternehmungen investiert haben. Es kann Ihnen doch wirklich gleichgültig sein.«

 

»Diese gemeine Bande!« Tonys Stimme zitterte vor Wut. »Gibt es denn überhaupt kein Gesetz mehr? Hunderttausend Dollar – und nicht für einen Cent versichert!«

 

Tony suchte jetzt nichts mehr zu verheimlichen. Ein Verlust von hunderttausend Dollar war auch für ihn keine Kleinigkeit.

 

Kelly, der ihn mit unverhohlener Schadenfreude betrachtete, wollte wieder gehen.

 

»Tut mir furchtbar leid«, sagte er. »Aber einen kleinen Trost habe ich wenigstens für Sie – es sind keine Menschenleben zu beklagen. Da Sie doch ein so großer Menschenfreund sind, wird Sie dies sicher etwas beruhigen.«

 

Tony hatte inzwischen mühsam seine Fassung wiedergewonnen. Er hielt Kelly unter der Tür noch einen Augenblick zurück.

 

»Warten Sie noch einen Moment – ich hätte ganz gerne einmal offen mit Ihnen geredet. Obwohl Sie im andern Lager stehen, sind Sie ein tüchtiger Kerl, das muß Ihnen der Neid lassen. Ich weiß genau, wie ich mit Ihnen dran bin. Wäre nett, wenn Sie für mich auch ein wenig Verständnis aufbrächten … Es gibt eben nur eine Art, eine Organisation wie die meine zu leiten. Manchmal sind die Methoden, die ich anwenden muß, etwas hart – das gebe ich zu. Aber was liegt denn auch daran, wenn ein paar Leute über den Haufen geschossen werden, die sich sowieso außerhalb des Gesetzes gestellt haben. Eigentlich sparen wir dem Staat eine Menge Geld, wenn wir Streitigkeiten untereinander erledigen!«

 

Perelli hatte mit Nachdruck gesprochen, aber Mr. Kelly zeigte sich nicht sehr beeindruckt.

 

»Großartig!« sagte er. »Diese Lesart habe ich aber schon so oft gehört, daß ich sie nächstens auswendig weiß. Soll sich das Ganze übrigens auf Jimmy McGrath beziehen?«

 

Tony warf ihm einen schnellen Blick zu. Vermutete Kelly etwas?

 

»Jimmy ist ein netter Kerl, und ich habe ihn sehr gern«, entgegnete er gewandt. »Könnte meinen eigenen Bruder nicht mehr schätzen.«

 

»Empfinden Sie diese Gefühle auch für Con O’Hara?«

 

»Auch ein braver Mensch.«

 

»Wo sind denn die beiden?«

 

Tony tat geheimnisvoll, schaute sich vorsichtig um und dämpfte seine Stimme.

 

»Ich glaube, sie wollen sich mit ein paar Mädels einen vergnügten Abend machen – erzählen Sie aber O’Haras Frau nichts davon.«

 

»Aha. Und mit Tom Feeney sind Sie jetzt auch ein Herz und eine Seele?«

 

Kelly konnte wirklich unangenehm werden. Er führte die Unterhaltung so sprunghaft und so schnell, daß sein Gesprächspartner immer wieder verblüfft wurde. Dies war eine seiner Methoden, Informationen herauszulocken.

 

»Sicher, wir stehen jetzt sehr gut miteinander. Vorher gab es ja öfters einige kleine Mißverständnisse.«

 

»Zuletzt wohl wegen Shaun O’Donnell?«

 

Tony streckte verzweifelt die Hände aus, an denen seine vielen Ringe glänzten.

 

»Ich kann Ihnen nur sagen, daß jetzt alles in Ordnung ist.«

 

Kelly schaute ihn noch einmal durchdringend an.

 

»Welchen Preis habe Sie denn dafür gezahlt, daß jetzt alles in Ordnung ist?«

 

Diesmal spielte Tony die Rolle des Entrüsteten zu vollendet, um glaubhaft zu wirken.

 

»Mr. Kelly, Sie sollten mich wirklich nicht dauernd beleidigen.«

 

Ungerührt stellte der Beamte die entscheidende Frage:

 

»Haben Sie vor, deswegen irgend jemand in den Tod zu schicken?«

 

»Um Himmels willen, nein! Wie können Sie nur so etwas denken, Mr. Kelly! In den Tod schicken – das wäre doch Mord …«

 

»Gewiß wäre das Mord!« Kelly setzte seinen Hut auf. »Aber auf ein paar Morde mehr oder weniger kommt es Ihnen ja nicht an – Sie dreckiger Schuft! Gute Nacht!«

 

In diesem Augenblick kam Minn Lee zur anderen Tür herein. Gleich darauf läutete das Telefon; Kelly zeigte auf den Apparat.

 

»Melden Sie sich«, befahl er. »Ich habe meinen Leuten gesagt, daß ich hier bin.«

 

Perelli bemerkte Minn Lee, und sein ganzer Groll entlud sich auf sie.

 

»Mach, daß du fortkommst«, zischte er zwischen den Zähnen. »Hörst du nicht? Wir werden noch abrechnen wegen Jimmy, verstanden?«

 

Kelly ging auf das Telefon zu, als es von neuem klingelte.

 

»Nein, nein, ich melde mich schon«, sagte Perelli hastig und hob den Hörer ab. »Wer ist da?« erkundigte er sich bissig, änderte seinen Ton aber sofort. »Ach, das Polizeipräsidium? Ja, Mr. Kelly ist hier.« Er gab dem Kommissar den Hörer.

 

Gefahr war für ihn im Anzug, das fühlte er deutlich. Die Polizei nahm eine drohende Haltung an, und er wußte, daß er sich jetzt in acht nehmen mußte. Trotzdem beschäftigten sich seine Gedanken momentan ausschließlich mit Minn Lee und seinen neuen Plänen.

 

»Meinst du vielleicht, ich hätte nicht gesehen, wie dich Jimmy geküßt hat?« flüsterte er ihr zu.

 

Minn Lee beachtete ihn nicht. Kelly telefonierte immer noch, und sie wußte gut genug, was ihm gerade gemeldet wurde.

 

»Ach …! Wann ist das passiert …? Der junge McGrath? Ist er tot?«

 

Minn Lee sah ihn an – ihre Augen waren von einem merkwürdigen Glanz erfüllt.

 

»… Ecke Michigan Avenue und Vierundneunzigste Straße? Ist sonst noch jemand erschossen worden? Nur McGrath …? Sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher? O’Hara war nicht bei ihm?«

 

Kapitel 12

 

12

 

Minn Lee war sehr schweigsam, als die Besucher gegangen waren. Sie saß an ihrem großen Stickrahmen und stichelte eifrig. Offenbar nahm diese Arbeit ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Tony lag auf der Couch, hatte eine Zigarre im Mundwinkel und las Zeitung.

 

»Sie ist schön«, sagte Minn Lee plötzlich. »Sehr schön.«

 

Er legte das Blatt weg, richtete sich auf und schaute zu ihr hinüber.

 

»Ja, sie ist einfach fabelhaft«, meinte er.

 

Es trat wieder eine lange Pause ein.

 

»Gehst du heute abend in die Oper?« fragte Minn Lee dann.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Sie geben die ›Götterdämmerung‹. Keine Lust dazu.«

 

Sie sah ihn aufmerksam an.

 

»Willst du dann nicht heute abend einmal bei mir bleiben? Ich sehe dich in letzter Zeit so selten!«

 

Er stand auf, trat zu ihr und betrachtete sie nachdenklich. Ihre zurückhaltende Art machte ihn plötzlich rasend.

 

»Weißt du, wovor ich mich fürchte?« fragte sie sanft.

 

»Wovor sich jede Frau fürchtet – vor einer anderen Frau«, entgegnete er rücksichtslos.

 

In ganz kurzer Zeit hatte sich seine Haltung ihr gegenüber vollständig geändert. Sie hätte so etwas nie für möglich gehalten – seitdem sie ihn kannte, hatte er niemals auch nur angedeutet, daß es einmal ein Ende ihrer Beziehungen geben könnte. Doch sie war Asiatin und wußte, daß es sinnlos ist, nach der Ursache irgendwelcher Dinge zu forschen, die man doch nicht ändern kann.

 

»Dann interessierst du dich also für eine andere Frau?«

 

Er sah sie halb belustigt an.

 

»Warum soll ich dir etwas sagen, was du selbst weißt?«

 

»Tony, ich bin sehr lange bei dir gewesen – können wir nicht von Chicago weggehen? Vielleicht hast du mich dann wieder lieb.«

 

Er sah sie merkwürdig an.

 

»Natürlich kannst du gehen. Nach New York – wohin du willst.«

 

»Ich sagte – wir.«

 

Er erhob sich brüsk.

 

»Wir ist nicht gleichbedeutend mit ich. Ich dachte immer, daß du das weißt, und ich habe es dir deshalb nie gesagt: Du bist für mich eine sehr schöne und vergnügliche Sache. Kann ich etwas dafür, daß ich ab und zu Dinge finde, die mir noch mehr Spaß machen?«

 

Er gab ihr einen flüchtigen Kuß, und sie lächelte.

 

»Wer kommt heute abend?« fragte sie mit erzwungener Fröhlichkeit.

 

»Oh, du wirst schon sehen – eine reizende Gesellschaft.«

 

»Sind auch Damen dabei? Sie etwa auch?«

 

Er nickte.

 

»Warum kann sie nicht fortbleiben? Sie hat doch ihren Mann.« Minn Lees Stimme zitterte.

 

»Du hast den Mann doch gesehen. Würdest du gerne dauernd mit ihm allein sein?«

 

»Jimmy sagt…«

 

Er drehte sich um.

 

»Oh, Jimmy? Hast du den Studenten eigentlich gern? Gefällt er dir?«

 

»Ja, er ist wirklich nett. Er kommt mir immer wie ein großer Junge vor.«

 

Der Tonfall ihrer Stimme erregte plötzlich seine Aufmerksamkeit.

 

»So? Und du behandelst ihn wohl auch so?« Er riß sie an sich. »Kleine Jungen küßt man schließlich auch …«

 

Selbst jetzt, bei dieser Frau, die er an und für sich loswerden wollte, packte ihn der Ärger bei dem Gedanken, daß jemand anders seine, des großen Bandenchefs Perelli, Rechte mißachtet haben könnte. Noch war sie sein Eigentum, und er war nicht bereit, sie einem anderen zu geben.

 

Er stieß sie weg und hielt sie auf Armeslänge von sich entfernt. Forschend und argwöhnisch betrachtete er sie.

 

Jimmy?

 

Er war eigentlich nicht böse auf den Jungen, und doch hatte er ein sonderbares Gefühl, das er nicht ergründen konnte.

 

»Warum siehst du mich so an?« fragte er.

 

In diesem Augenblick klingelte es, und er ließ sie langsam los.

 

Es war Con O’Hara mit Jimmy. Tony warf dem jungen Mann einen schnellen Blick zu – Jimmy sah blaß, nervös und erschüttert aus. Die Sache hatte ihm anscheinend mehr zu schaffen gemacht, als Perelli vermutet hatte. Es war zwar klar, daß Jimmy bei seinem ersten Unternehmen die Nerven verlieren würde, aber daß er sich immer noch nicht gefangen hatte, beunruhigte Perelli etwas.

 

»Hallo, Jimmy!«

 

Der junge Mann nickte ihm zu.

 

»Ich habe ihn auf der Straße aufgegabelt«, erklärte O’Hara und machte eine bezeichnende Handbewegung zu seiner Stirn.

 

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, Tony«, sagte Jimmy leise. Minn Lee hatte er nur mit einem schwachen Lächeln begrüßt.

 

»Laß uns allein, Liebling.« Tony gab ihr einen kleinen Schubs in Richtung der Tür.

 

Sie drehte sich um und sah Jimmy eindringlich an.

 

»Kommen Sie noch kurz zu mir, bevor Sie gehen?«

 

»Bestimmt.«

 

Warum wollte sie ihn sprechen, bevor er ging? Was hatte sie ihm zu sagen? Tony wurde immer nachdenklicher.

 

»Setzen Sie sich«, begann er, nachdem Minn Lee draußen war.

 

Aber Jimmy ging ruhelos auf und ab.

 

»Danke – ich mache mir lieber ein wenig Bewegung.«

 

Tony lächelte.

 

»Dieser Teppich hat mich zehntausend Dollar gekostet – aber bitte, tun Sie sich keinen Zwang an!«

 

»Ich habe gestern abend die ganze Sache verkorkst …«

 

Tony packte ihn am Arm und führte ihn auf den Balkon.

 

»Das macht nichts, mein Junge. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über diese Geschichte – wir alle haben am Anfang Fehler gemacht.«

 

Er wartete auf Antwort. Jimmy hatte sich wieder von ihm freigemacht und ging wie vorher unentwegt auf und ab. Die Hände hatte er in die Hosentaschen gesteckt, den Kopf tief gesenkt.

 

»Sie wissen, daß ich Shaun recht gern hatte«, sagte er zögernd. »Als ich die Pistole auf ihn richtete, sah er mich an – das kann ich nicht vergessen …«

 

Tony versuchte ihn zu beruhigen.

 

»Sicher, sicher – so ist das eben. Aber das geht vorüber.«

 

»Ich konnte nicht schlafen … Ich hatte die ganze Nacht sein Gesicht vor Augen – es war entsetzlich. Und auch jetzt …« Er starrte ins Leere, als ob er dort Shaun sehe.

 

»Er ist noch nicht abgehärtet, noch viel zu weich«, mischte sich O’Hara von der Balkontür her ein.

 

»Halten Sie den Mund«, fuhr ihn Tony scharf an.

 

Er trat wieder auf Jimmy zu, klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken und ermutigte ihn geradezu kameradschaftlich.

 

»Ich mache Ihnen nicht den geringsten Vorwurf, Jimmy. Vielleicht kann ich mir sogar ein wenig vorstellen, was Sie fühlen. Glauben Sie mir, wenn es auf mich ankäme, würden solche Sachen überhaupt nicht mehr vorkommen – ich würde das Alkoholgeschäft betreiben, ohne einer Fliege etwas zuleide zu tun. Es hat wirklich keinen Sinn, die Leute dauernd niederzuknallen … Aber die anderen lassen einen ja nicht in Frieden.«

 

»Das ist doch ganz klar«, sagte Con wieder. »Wenn Sie ihn nicht umgelegt hätten, hätten Sie eben selbst dran glauben müssen.«

 

Perelli war gerade besonders geduldig.

 

»Con, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich Leute nicht leiden kann, die zuviel reden. Kennen Sie übrigens Kommissar Kelly?«

 

»Lassen Sie mich bloß mit den Polypen in Ruhe – die haben doch überhaupt nichts zu melden. Mit Kelly werde ich schon noch reden.«

 

Tony hörte eine Sirene auf der Straße, trat ans Geländer und schaute hinunter.

 

»Sie werden gleich Gelegenheit dazu haben«, sagte er. »Vor der Haustür steht sein Wagen.« Er wandte sich rasch an Jimmy. »Hören Sie, jetzt müssen Sie sich zusammenreißen, Jimmy. Lassen Sie sich um Himmels willen nicht durch diesen Kelly aus dem Konzept bringen – sagen Sie so wenig wie möglich!«

 

Jimmy sah ihn entsetzt an.

 

»Will er mich etwa verhören? Weiß er denn, daß ich es getan habe?«

 

»Er weiß es nicht, wenn Sie es ihm nicht verraten. Lassen Sie sich bloß nicht von ihm bluffen!«

 

»Ich werde schon mit ihm sprechen«, erklärte Con selbstbewußt.

 

Perelli kniff die Augen zusammen.

 

»So? Sie sind ja sehr waghalsig. Aber ich möchte Ihnen trotzdem den Rat geben, den Mund zu halten und nicht zu frech zu werden. Der Mann ist nicht ohne.«

 

Es klopfte, und Kommissar Kelly schlenderte in den Raum. Er war ein breitschultriger Mann, mit harten, undurchdringlichen Zügen, und er brachte eine eigentümlich fremde, fast drohende Atmosphäre mit sich.

 

Er vertrat das Gesetz. Er vertrat eine Sache, die manche Leute nicht wahrhaben wollten, die aber trotzdem bestand verkörpert in der Person dieses Mannes.

 

Kapitel 13

 

13

 

Kommissar Kelly schaute von einem zum anderen. Er schien keine Eile zu haben und die Situation, die er hier vorfand, recht belustigend zu finden.

 

»Schön, Sie wieder mal zu sehen«, begrüßte ihn Tony mit einem strahlenden Lächeln.

 

»Ach, Sie haben wohl eine kleine Herren-Party?« fragte Kelly harmlos, während er Jimmy anschaute.

 

»Dazu ist es doch noch zu früh«, meinte Perelli.

 

Kelly nickte.

 

»Ich war heute schon bei einer anderen kleinen Männerversammlung«, bemerkte er trocken, beinahe barsch. Das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. »Drei Mann waren wir – der Leichenbeschauer, ich und Shaun O’Donnell. Aber die Unterhaltung haben der Leichenbeschauer und ich allein bestritten.«

 

In Tonys Zügen drückte sich tiefste Anteilnahme aus.

 

»Der arme alte Shaun! Es ist wirklich tragisch …, als ich die Nachricht in der Zeitung las, bekam ich direkt einen Schock. Das ganze Frühstück war mir verdorben.«

 

»Ihm auch«, entgegnete Kelly hart und nickte. »Dieser junge Mann dort ist wohl Mr. McGrath?«

 

Tony stellte die beiden einander vor, obwohl das eigentlich überflüssig war. Kelly wußte genug Bescheid.

 

»Sie mußten doch die Universität verlassen, weil Sie einen Kameraden bestohlen hatten?« fragte er Jimmy.

 

Der junge Mann war durch die Anwesenheit des Beamten noch verwirrter als vorher geworden. Als er endlich antwortete, zitterte seine Stimme vor Nervosität.

 

»Sie scheinen es ja sehr genau zu wissen.«

 

»Ich habe ihn sozusagen als Volontär eingestellt«, erklärte Tony.

 

Kelly betrachtete ihn spöttisch.

 

»Zum Totlachen – als Volontär! Und was hat er für Aufgaben? Haben Sie ihn vielleicht angestellt, um Blümchen auf Ihre Alkoholflaschen zu malen? Für so etwas sind Sie doch nicht zu haben, mein Junge, wie?«

 

Jimmy gab keine Antwort.

 

»Jedenfalls haben Sie sich gestern abend nicht mit solch harmlosen Dingen beschäftigt!«

 

Jimmy atmete schnell.

 

»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen«, entgegnete er heiser.

 

Kelly konzentrierte seinen Angriff auf Jimmy. Perelli hatte es auch gar nicht anders erwartet. Wahrscheinlich verdächtigte der Beamte auch Con, aber den ließ er vorerst warten.

 

Der Ire hörte mit wachsender Ungeduld zu. Es machte ihm wenig aus, wenn er im Verdacht stand, Shaun ermordet zu haben, aber er konnte nicht ertragen, daß man ihn vollkommen übersah. Außerdem fürchtete er, daß Jimmy zusammenbrechen würde, und dann war auch er erledigt.

 

»Wie lange sind Sie schon bei Perelli?« fragte Kelly.

 

»Er ist seit drei Monaten bei mir, Mr. Kelly«, erwiderte Tony sanft, »und er ist ein wirklich netter Junge …«

 

»Kannten Sie Shaun O’Donnell?« fragte der Kommissar weiter.

 

»Ja, ich habe ihn öfter gesehen.«

 

»Ich meine, ob Sie ihn kannten?«

 

Jimmy nickte.

 

»Sie haben mehrmals bei Bellini mit ihm gegessen – folglich müssen Sie ihn also recht gut gekannt haben?«

 

Jimmy zögerte.

 

»Ich kannte ihn nur oberflächlich.«

 

»Sie wissen, daß er tot ist?«

 

Der Junge nickte wieder.

 

»Er ist gestern abend erschossen worden«, fuhr Kelly erbarmungslos fort und ließ den Studenten nicht aus den Augen. »Von einem dieser Revolverhelden, die man für ein paar hundert Dollar kaufen kann.«

 

Er beobachtete den jungen Mann jetzt so scharf, daß ihm auch nicht das Zucken eines Augenlids entgangen wäre.

 

Jimmy wurde abwechselnd rot und bleich, als Kelly mit dem Verhör fortfuhr. »Wo waren Sie denn gestern abend?«

 

»Im Theater.«

 

»In welchem Theater?«

 

»Warum wollen Sie denn das wissen?« Jimmy dachte nach. »Im Blackstone-Theater.«

 

»Und welche Nummer hatte Ihr Sitzplatz?«

 

O’Hara konnte es nicht lassen, sich jetzt einzumischen. Die Fragen wurden immer gefährlicher, und die Unruhe Jimmys hatte ihren Höhepunkt erreicht.

 

»Wie soll er sich denn jetzt noch an die Nummer seines Sitzplatzes erinnern?« fuhr es ihm heraus.

 

Kelly drehte sich ärgerlich nach ihm um.

 

»Halten Sie den Mund – mit Ihnen rede ich später!« herrschte er Con an und wandte sich dann wieder an Jimmy. »Also, wie war die Nummer?«

 

»Ich weiß es nicht mehr.« Jimmy wich Kellys Blick aus. »So etwas behält man doch nicht.«

 

»Aber was für ein Stück gespielt wurde, werden Sie schließlich noch wissen«, erkundigte sich Kelly ironisch.

 

Jimmy suchte krampfhaft nach einem Titel, und endlich fand er einen.

 

»Was für ein Stück? – Ich glaube, es war die ›Broadway-Revue‹ … Natürlich, das war es.«

 

Kelly schaute ihn verächtlich an.

 

»Das ist zwar zufälligerweise der Titel eines Films, aber immerhin.«

 

Jimmy sah sich hilflos um.

 

»Kann auch sein, daß ich in einem Kino war. Ich kenne mich in Chicago nicht aus und wollte mich irgendwo ein wenig unterhalten.«

 

»Soso – sehr wahrscheinlich. Können Sie mir wenigstens Sagen, um wieviel Uhr Sie aus dem Kino gekommen sind, Mr. McGrath?«

 

Hinter Kellys Rücken gab ihm Tony ein Zeichen mit den Fingern.

 

»Ich glaube, es war zwölf.«

 

»Großartig!« Kelly triumphierte. »Die Abendvorstellung der ›Broadway-Revue‹ fiel gestern nämlich aus.«

 

Jimmy wußte jetzt endgültig nicht mehr weiter, und O’Hara versuchte aufs neue, die Aufmerksamkeit des Beamten auf sich zu lenken.

 

»Hören Sie, Kommissar, der junge Mann ist doch in Chicago fremd …«

 

Kelly ging diesmal auf seine Bemerkung ein.

 

»Aber Sie sind wohl schon lange hier?«

 

Con grinste.

 

»Nein, ich bin auch noch nicht lange da. Bin von New York gekommen.«

 

Kelly schüttelte den Kopf.

 

»Ich muß der Stadt direkt einen Dankesbrief schreiben, daß sie auf Ihre Anwesenheit keinen Wert mehr gelegt hat und Sie hierherkommen ließ. Wie finden, eigentlich Sie sich in Chicago zurecht?«

 

»Ausgezeichnet – ich fahre immer im Taxi.«

 

»Sind Sie auch gestern abend in einem Taxi an die Ecke der Michigan Avenue und der Achtundvierzigsten Straße gekommen?«

 

»Ich? Ich war schon um zehn im Bett!« erklärte O’Hara entrüstet.

 

»Aber Sie sind hingefahren!« Kelly sah drohend Jimmy an, der aufsprang.

 

»Nein!«

 

»Doch!«

 

»Nein!« Jimmy brüllte beinahe.

 

Langsam zog Kelly ein Notizbuch aus der Tasche.

 

»Hören Sie, ich sprach mit Shaun, bevor er starb, und Shaun hat gesagt, daß er von Ihnen und O’Hara erschossen wurde.«

 

Er hörte ein leises Lachen.

 

Tony hatte sich bequem in einen Sessel gesetzt und sich eine Zigarette angezündet.

 

»Er starb, ohne ein Wort zu sagen – ich weiß es«, warf er scheinbar gleichgültig ein.

 

»Woher wollen Sie denn das wissen?«

 

»Sehr einfach – wenn Shaun tatsächlich so etwas gesagt hätte, würden Sie die beiden doch verhaften.«

 

»Ich weiß viel zu genau, daß ich mit einer Verhaftung nur Ihren Rechtsanwalt auf die Beine bringen würde, der schon einen Antrag auf Freilassung und eine Kaution in der Tasche hätte. Vorläufig ist es viel einfacher so.«

 

Er ging zu Tony hin und legte ihm seine Hand fast freundschaftlich auf die Schulter.

 

»Perelli, schlau sind Sie – das muß ich Ihnen lassen. An dem Tag, an dem es mir, gelingt, Sie auf den elektrischen Stuhl zu bringen, kaufe ich mir eine Flasche von Ihrem geschmuggelten Whisky und besaufe mich.« Er schaute auf die Uhr und ging zur Tür. »Sie müssen jetzt übrigens bald gehen, sonst kommen Sie zu spät zu Ihrer Verabredung. Lassen Sie Tom Feeney bloß nicht warten!«

 

Nach dieser Bemerkung verließ er das Zimmer.

 

»Woher weiß er das nur?« fragte O’Hara.

 

Tony wartete, bis sich die Wohnungstür hinter Kelly geschlossen hatte. Dann rief er nach Angelo und gab Jimmy den Auftrag, Tom Feeney anzurufen. Jimmy war schon am Telefon, als Angelo eintrat. Tony gab ihm rasch noch einige Anweisungen, bevor er Jimmy den Hörer aus der Hand nahm.

 

»Sind Sie am Apparat, Tom? Seien Sie vorsichtig – man hat uns nachgespürt und unser Gespräch belauscht … Kelly war eben hier. Deshalb komme ich etwas später … Alles in Ordnung … ja, wir gehen dann zu mir … gut.«

 

Tony legte den Hörer auf.

 

»Sind die andern fertig? Na, dann ist ja alles gut. Sie kommen mit, Con.« Er schaute nachdenklich zu Jimmy hinüber. »Nein, Sie bleiben lieber da. Ich bin in ein paar Minuten wieder zurück.« Dann wandte er sich an Angelo. »Du gehst jetzt gleich zu Schoberg.«

 

Angelo hatte diesen Gang schon öfters gemacht und dort eine schwarzumränderte Karte abgegeben, auf der ein Gedicht stand. Das gehörte zu den unumstößlichen Regeln bei einem Bandenmord. Und Angelo konnte ganz ordentliche Verse machen; er hatte schon manchen poetischen Nachruf verfaßt.

 

Tom Feeney hatte bereits am Telefon erklärt, warum er seinen Gegner so bereitwillig sprechen wollte. Das war keine geheime Zusammenkunft zwischen zwei Bandenführern, sondern eine Aussprache, die vor den Augen der Polizei stattfand. Es würde also von keiner Seite aus eine Schießerei geben. Wenn die Polizei bereits von der Konferenz wußte und daran war nicht mehr zu zweifeln –, so konnte jeder Bruch der geltenden Vereinbarung für beide Parteien gefährlich werden.

 

Perelli wußte bereits, daß seine Annahme stimmte, als er den Treffpunkt noch nicht erreicht hatte. An allen Straßenecken standen Polizeiautos, und überall wimmelte es von Beamten in Zivil. Als die beiden Bandenchefs einander gegenüberstanden und sich wie ehrbare Bürger die Hand gaben, taten sie es in Gegenwart vieler Zeugen, und Tom Feeney war sich dessen wohl bewußt. Seine Begleiter waren in Rufweite zurückgeblieben. Diese Maßnahme hatte auch Perelli angeordnet.

 

»Hallo, Tom!« begrüßte Tony den andern.

 

Dann schüttelten sie sich kräftig die Hände.

 

»Kommen Sie mit in meine Wohnung?« fragte Perelli. Feeney schaute nach seinen Leuten.

 

»Die Jungs können ja mitkommen«, schlug Tony vor. »Wir werden doch um Himmels willen keinen Streit bekommen! Übrigens steht direkt hinter Ihnen Kellys Wagen – er beschützt Sie wirklich wie einen Bruder.«

 

Tom zögerte. Er war ungewöhnlich nervös, denn irgendwo im Hintergrund hielt sich auch seine Schwester auf – und er wußte, daß in ihrem Auto ein Maschinengewehr untergebracht war, mit dem sie ausgezeichnet umzugehen verstand.

 

»Gut, gehen wir«, sagte er schließlich.

 

Wenig später öffnete Tony seinem Gast die Wohnzimmertür und wurde Zeuge eines kleinen Idylls, das sich im Hintergrund des Zimmers abspielte.

 

Kapitel 1

 

1

 

Red Gallway war ein mit allen Wassern gewaschener Verbrecher; auf seinem Sündenregister stand mehr als ein Unternehmen, das ihn in schweren Konflikt mit den Gesetzen brachte. Er hatte Geldschränke geknackt und sich als Hochstapler versucht, er hatte seinen Opfern die Pistole vor die Nase gehalten und ihnen ihr Geld abgenommen – und er hatte eine ganze Reihe fragwürdiger Nachtlokale aufgezogen. Trotz seiner eifrigen Bemühungen verdiente er jedoch nicht allzuviel dabei, und erst als er sich dem Alkoholschmuggel zuwandte, floß ihm das große Geld in die Tasche, von dem er immer geträumt hatte. Seitdem er mit einer regelrechten Schmugglerbande zusammenarbeitete, lebte er sorgenlos und zufrieden, zudem brauchte er keine Angst vor der Polizei zu haben. Allerdings stieg ihm der Erfolg zu Kopf. Er wurde faul, schwatzhaft und streitsüchtig und – was am schlimmsten war –: Er begann Kokain zu schnupfen.

 

Angelo Verona, der außerordentlich tüchtige Personalchef der Bande, machte ihm Vorwürfe.

 

»Laß das bleiben, Red! Tony kann keine Leute brauchen, die Koks schnupfen.«

 

Über Gallways nicht gerade einnehmendes Gesicht glitt ein böses Grinsen. »Wirklich?« meinte er verächtlich.

 

Angelo nickte gewichtig und sah ihn mit seinen ernsten braunen Augen durchdringend an.

 

»Kokain hat noch keinem geholfen. Anfangs fühlt man sich zwar so groß und stark wie ein Wolkenkratzer, aber das ist schnell vorüber – dann kommt der Katzenjammer, und man möchte sich am liebsten in ein Mauseloch verkriechen. Und vor allen Dingen – wenn sie einen solchen Burschen im Polizeipräsidium nach allen Regeln der Kunst verhören, dann hält er nicht dicht!«

 

Red verkehrte zu dieser Zeit viel mit seinem Freund Mike Leeson, einem früheren Maschinisten, der sich in elenden schmutzigen Spelunken mehr zu Hause fühlte als in den eleganten Lokalen der oberen Zehntausend.

 

Er hatte es im Leben nicht weit gebracht und schaute deshalb ehrfurchtsvoll zu Red Gallway empor, der für ihn der bedeutendste aller großen Gangster war. Er verhielt sich ungefähr so, wie ein Lakai gegenüber einem Monarchen.

 

Als sie eines Tages in einer Kneipe zusammensaßen, die Reds Bande gehörte, machte Mike seinen Freund großzügig auf eine gute Gelegenheit aufmerksam. Aber Red schüttelte gelangweilt den Kopf.

 

»Aus Chinesinnen mache ich mir nichts«, sagte er. »Die Tochter von Joe Enrico zum Beispiel ist ganz wild nach mir, aber ich drehe mich nicht einmal nach ihr um.«

 

»Wie du meinst«, entgegnete Mike.

 

Er jedenfalls drehte sich bei jeder Gelegenheit nach Minn Lee um. Meistens traf er sie auf der Treppe des nicht gerade sehr sauberen Hauses, in dem sie beide wohnten. Sie war eine hübsche kleine Chinesin, graziös und schmiegsam wie eine Gerte. Besonders faszinierten ihn ihre weißen Hände, ihre großen schwarzen Augen und ihre weiche Haut. Übrigens hatte ihr Haar nicht den bläulichen Schimmer der Ostasiaten, sondern war glänzend und tiefschwarz.

 

Mike grinste sie die erste Zeit nur an, später versuchte er auch mit ihr zu sprechen. Das gelang ihm ohne Schwierigkeiten, denn sie unterhielt sich gerne. Wie er erfuhr, war sie mit einem kranken Künstler verheiratet und machte Zeichnungen für Modejournale, um Geld zu verdienen.

 

Ihre Zutraulichkeit und Offenheit verblüfften Mike; er benützte die Gelegenheit, ihr persönlich näherzukommen. Als er sie aber nach einiger Zeit einmal in ein Luxusrestaurant zum Abendessen einlud, war sie sehr erstaunt.

 

»Mein Mann ist doch krank«, protestierte sie. »Ich kann ihn doch unmöglich allein lassen.«

 

»Aber Kleine, ich sorge natürlich dafür, daß jemand bei ihm bleibt und aufpaßt …«

 

Sie schüttelte energisch den Kopf, und als er ihre Hand fassen wollte, war sie verschwunden.

 

Nach diesem Zwischenfall ging sie ihm aus dem Weg.

 

Zu Hause hatte sie kein leichtes Leben. Ihr schwerkranker Mann machte ihr Vorwürfe, wo er nur konnte. Von seiner Großzügigkeit war nicht viel übriggeblieben, seitdem er leidend war und ihn die Reue quälte.

 

Minn Lee war über sein Verhalten weder glücklich noch traurig. John Waite war ihrer Meinung nach niemals ein bedeutender Künstler gewesen – aber er war ihr Mann. Das Leben und das Schicksal hatten sie zusammengekettet, wenn auch aus einer anfänglichen Leidenschaft nicht die große Liebe geworden war. Minn Lee machte sich nichts vor – sie liebte ihren Mann nicht mehr. Trotzdem war sie entschlossen, bei ihm zu bleiben. Jetzt lag er im Sterben, der Arzt hatte es ihr klipp und klar gesagt. Es mochte noch drei oder vier Monate dauern, dann war es zu Ende.

 

Im Dachgeschoß des Hauses lag noch ein anderer Kranker, Peter Melachini, ein alter Musiker, der durchaus nicht sehr arm war, sich aber entschlossen hatte, in der traurigen Umgebung zu sterben, die viele Jahre lang sein Zuhause gewesen war. Die schwatzhafte Frau eines Mechanikers aus dem ersten Stock erzählte Minn Lee, daß der alte Peter einen mächtigen Freund habe, ein As unter den Alkoholschmugglern.

 

»Können Sie sich vorstellen, Mrs. Waite«, sagte sie, »daß er Mr. Melachini eine Villa am Meer angeboten hat, die er ihm schenken will! Aber der Alte hat es nicht angenommen. Er entgegnete, daß er hier in der Stadt sterben wolle, wo er geboren sei. Der ist nicht ganz richtig im Kopf! Stellen Sie sich doch vor – eine Villa am Meer, und alles geschenkt.«

 

Der Gangster, in seinen Kreisen ein gefürchteter Pistolenschütze, besuchte Peter Melachini ab und zu. Er war ein schlanker, geschmeidiger Mann mit einer ungewöhnlich dunklen Gesichtsfarbe; seine Anzüge saßen stets wie angegossen. Wenn er aus seinem Wagen stieg, liefen die Leute ans Fenster und drückten sich die Nasen an den schmutzigen Scheiben platt. Die ganze Gegend geriet in Aufregung. Ein wirklicher Gangster, das war eine Sensation!

 

Gewöhnlich war es so, daß ein dunkler Wagen in schneller Fahrt in die Straße einbog und vor der Haustür hielt. Drei Männer sprangen heraus; der erste ging voran, dann kam die Hauptperson selber, und der dritte folgte als Nachhut.

 

Tony Perelli, so hieß der zweifelhafte Held, ging meist direkt in Melachinis Wohnung, unterhielt sich ein wenig mit ihm und verließ ihn unter Zurücklassung einiger kleiner Geschenke.

 

Die beiden hatten früher in der gleichen Kapelle bei Cosmolino gespielt, und seither war Tony Perelli mit Peter befreundet. Außerdem stammten sie beide aus Sizilien und waren im gleichen Dorf in der Nähe Palermos geboren.

 

Auch Minn Lee traf den Gangster manchmal auf der Treppe. Er war nicht sehr groß, aber sein vornehmes Auftreten und eine gewisse Zurückhaltung und Würde imponierten ihr. Sein Gesicht war ziemlich voll, und seine dunklen Augen glänzten eigentlich ganz lustig.

 

Minn Lee sah er freundlich an, als er ihr zum erstenmal begegnete, und sie erwiderte sein Lächeln zögernd. Als er vorbeigegangen war, drehte sie sich nach ihm um, und auch er wandte den Kopf, als ob er noch einen Blick von ihr erhaschen wolle.

 

Als sie ihn später einmal an derselben Stelle traf, sprach er sie an. Er war von einer unaufdringlichen Höflichkeit, und sie mußte über seine fröhlichen Worte sogar ein wenig lächeln. Es gefiel ihr, daß er ihr keine plumpen Komplimente machte und auch sonst in keiner Weise versuchte, zudringlich zu werden.

 

Am nächsten Tag wurden Blumen und Früchte für Mrs. Waite abgegeben; auf der Begleitkarte stand in flüssigen Zügen der Name Tony Perellis.

 

»Er ist außerordentlich einflußreich«, sagte die Frau des Mechanikers, die völlig atemlos vor Aufregung und Neugier war. »Er hat eine der teuersten und kostbarsten Wohnungen in ganz Chicago, ein Landhaus und ich weiß nicht wieviel Autos. Das ist einer von den wirklich großen Alkoholschmugglern – und was der alles auf dem Kerbholz hat, geht auf keine Kuhhaut.«

 

Auch jetzt war Minn Lee durchaus nicht empört und bestürzt; es gab viele Leute, die seltsame Dinge taten, und schließlich schien ihr in ihrer einfachen Vorstellungsweise Alkoholschmuggel noch viel anständiger als manches, was sie in ihrer Umgebung hatte sehen müssen.

 

Als sie Tony Perelli zum drittenmal traf, war es bei einem Besuch, den er bei ihr machte. Ihr Mann schlief gerade, und sie fühlte sich etwas unbehaglich, als sie Perelli in das kleine Wohnzimmer führte.

 

»Er schläft? Das ist gut. Ich war eben bei Ihrem Arzt; er sagte, daß Ihr Mann ans Meer gehen müsse. Die salzhaltige Luft würde ihm guttun. Das sollte ja auch mein alter Freund Peter machen – aber der ist zu eigensinnig und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um nur hier im Haus bleiben zu können. Mrs. Waite, ich möchte nicht aufdringlich sein – aber wenn es nur eine Geldfrage ist …«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Mr. Perelli, wir können das Geld von Ihnen nicht annehmen. Auf ehrliche Weise könnten wir es doch nicht zurückzahlen.«

 

*

 

Eine Woche später starb John Waite. Sein Ende war ruhig und friedlich. Minn Lee ließ ihn beerdigen und erklärte auf der Polizeiwache, auf der sie den Todesfall meldete, warum ihr Name nicht auch Waite lautete. Sie tat alles, was geschehen mußte, verhältnismäßig gefaßt, zahlte die dringendsten Schulden und teilte seiner Mutter mit, daß er gestorben sei. Dann machte sie sich daran, Arbeit zu suchen. Eigentlich hätte das für ein junges Mädchen, das sein Examen auf der Columbia Universität bestanden und früher schon dreißig Dollar in der Woche durch Modezeichnungen verdient hatte, nicht weiter schwer sein dürfen. Aber sie wählte vorerst einen anderen Weg und schrieb an den Inhaber eines Chinesenrestaurants, in dem Kellnerinnen gesucht wurden. Aber noch bevor sie Antwort erhielt, kam Mike Leeson und machte ihr einen Vorschlag.

 

Inzwischen war auch der alte Italiener gestorben, und Tony Perelli hatte ein glänzendes Begräbnis für ihn arrangiert. Als er nach der Beerdigung am Abend in die Wohnung des Musikers kam, um sich aus dem Eigentum seines alten Freundes einige Erinnerungen mitzunehmen, erschien zur gleichen Zeit Mike in der Wohnung Minn Lees. Niemand hatte Perelli gesehen, als er das Haus betrat, denn er war zu Fuß gekommen, selbstverständlich eskortiert von seiner Leibwache. Als er an Minn Lees Tür vorüberging, blieb er einen Augenblick stehen und lauschte.

 

An diesem Abend gab es wieder einmal ziemlich viel Lärm im Haus. Im zweiten Stock übte der Pole Laski auf seinem Schlagzeug; ab und zu packte ihn der Ehrgeiz, die Weltmeisterschaft im Trommeln zu gewinnen.

 

In Minn Lees Wohnung wehrte sich die kleine Chinesin verzweifelt gegen Mike Leeson, der sie an sich zog …

 

Leeson besaß den Instinkt eines Wilden; seine Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß man Frauen am besten durch blindes Drauflosgehen besiegen konnte.

 

»Schatz, verlaß dich auf das, was ich dir sage! Du wirst es bestimmt nicht schlecht bei mir haben …!«

 

Sie leistete ihm energisch Widerstand und versuchte verzweifelt, sich loszureißen. Tony Perelli hörte ihre erstickten Schreie und drückte auf die Türklinke. Die Tür war nicht verschlossen, und er trat ein.

 

»Was haben Sie hier zu schaffen, Sie Strolch?«

 

Mike schäumte vor Wut über die Störung und sah Perelli mit einem haßerfüllten Blick an.

 

»Scheren Sie sich ‚raus!« Tony Perellis Stimme klang hart und kühl.

 

»Ich gehe erst, wenn es mir paßt – vor einem sizilianischen Affen reiße ich nicht aus!«

 

Leeson holte zu einem wuchtigen Schlag aus, traf Perelli aber nicht. Dann hörten die Hausbewohner ein Geräusch, als ob der musikbegeisterte Pole noch lauter auf seine Trommel schlage. Das war alles – Tony, der die rauchende Pistole schußbereit hielt, brauchte nicht zum drittenmal zu feuern. Leeson hatte genug. Eine Sekunde lang klammerte er sich noch an das Bett, dann sank er lautlos zu Boden.

 

Minn Lee sah von dem Toten zu Tony.

 

»Nehmen Sie Ihren Mantel und kommen Sie mit.«

 

Wenn Perelli etwas befahl, klang es niemals wie eine Bitte. Sie gehorchte ohne Zögern und ging mit ihm. Wegen Mike Leeson machte er sich keine Sorgen; seine Leute würden diese Sache erledigen, wie es üblich war. Es würde keinen Spektakel geben – wahrscheinlich fand später irgendein Chauffeur den Toten draußen im Schnee, und die Zeitungen brachten eine lakonische Meldung, daß wieder ein Gangster von seinesgleichen erschossen worden war. Damit war die Sache erledigt.

 

Es dauerte nicht lange, dann war Minn Lee in Tonys Wohnung heimisch geworden, und man hatte sich daran gewöhnt, sie Mrs. Perelli zu nennen.

 

Kapitel 10

 

10

 

Tom Feeney kam von Indianapolis zurück, mehr beunruhigt als rachgierig. Wenn er auch über den wilden Schmerzausbruch erschrak, mit dem ihn seine Schwester empfing, so betrachtete er doch die Lage hauptsächlich vom geschäftlichen Standpunkt aus.

 

»Spike ist nicht zurückgekommen«, teilte ihm seine Schwester als letzte Hiobsbotschaft mit.

 

»Kein Wunder! Es war heller Wahnsinn, die drei Leute auf O’Hara und Jimmy zu hetzen. Perelli hat doch nichts anderes erwartet!« Er benützte die Gelegenheit, ihr einen Beweis seiner besseren Taktik zu geben. »Es gibt nur einen Weg, mit Tony fertig zu werden. Und den kenne ich.«

 

Verärgert und müde ließ er sich in einen Sessel fallen. Neben allem anderen fürchtete er für sein eigenes Leben. Verdrossen überlegte er sich, welche Verbindungen er zu Perellis Bande hatte.

 

Angelo …?

 

Er stand nicht schlecht mit diesem Mann, der schon früher versucht hatte, eine Interessengemeinschaft der beiden Banden auf die Beine zu stellen. Tom beabsichtigte, dieses Jahr seinen Geburtstag mit einem großen Fest bei Bellini zu feiern, und Angelo hatte schon halb und halb versprochen, daß an diesem Tag Waffenstillstand herrschen solle. Perelli wollte sogar selbst zur Feier erscheinen, um sich bei dieser Gelegenheit mit seinem Rivalen einmal auszusprechen.

 

Feeneys Lage war schwierig. Es gab niemand, der Shauns Platz hätte einnehmen können. Viele Dinge mußten jetzt überlegt werden, und sein eigenes Leben hing von den Entscheidungen ab, die er traf.

 

*

 

Tony Perelli frühstückte an diesem Tag erst sehr spät, und die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er am Klavier saß und spielte. Minn Lee hatte sich in seiner Nähe auf einen Schemel gesetzt und machte mikroskopisch kleine Stiche an einer wunderschönen Drachenstickerei, an der sie schon arbeitete, seitdem sie bei Tony wohnte.

 

Plötzlich hörte er auf zu spielen und schwang sich auf dem Klavierstuhl zu ihr herum.

 

»Hat es dir gefallen?«

 

Sie nickte.

 

Er gab sehr viel auf ihr Urteil, denn er kannte niemand, der seiner Musik so hingebungsvoll zuzuhören verstand wie Minn Lee.

 

»Das war Gounod. Schade, daß der Kerl kein Italiener war. Aber etwas von Italien hat er doch abbekommen. Er wurde nämlich in Rom erzogen. Hast du geglaubt, daß ich das weiß?«

 

Sie sah ihn mit ihrem freundlichen, unergründlichen Lächeln an.

 

»Du weißt alles, Tony.«

 

Er strahlte. Minn Lee war der einzige Mensch auf der Welt, der ihn in eine so vergnügte Stimmung versetzen konnte.

 

»Wenn es sich um Musik handelt, dann stimmt das«, sagte er. »Wäre ich bei Cosmolino geblieben, so wäre vielleicht doch noch ein tüchtiger Geiger aus mir geworden.«

 

Für Lob war Perelli außerordentlich empfänglich. Ein Psychiater hätte bei ihm leicht festgestellt, daß er an ganz ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen litt. Zum Teil war daraus auch seine merkwürdige Laufbahn zu erklären, die ihn in der Unterwelt immer höher geführt hatte, weil die Antriebsfeder seines Ehrgeizes ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Ein Beweis dafür war die Tatsache, daß er einmal jemand niedergeschossen hatte, weil der Betreffende seine literarischen Kenntnisse in Zweifel gezogen hatte.

 

Es klopfte, und Angelo Verona trat ein. Er war nicht in der besten Laune und sah müde aus; schon seit aller Frühe war er unterwegs gewesen, um neue Lieferungen in Empfang zu nehmen, die während der Nacht angekommen waren.

 

Nachlässig warf er Mantel und Handschuhe auf einen Sessel und zog mehrere Papiere aus der Tasche. Dann schaute er fragend auf Minn Lee.

 

Tony gab ihr einen Wink.

 

»Geh auf dein Zimmer. In einer halben Stunde kannst du wieder herunterkommen.«

 

An der Tür drehte sie sich um. Hatte er sein Versprechen vergessen?

 

»Du sagtest doch, daß du nachher mit mir ausgehen würdest …?«

 

»Ich sagte, daß du nachher wieder herunterkommen sollst!« entgegnete er barsch. »Kannst du nicht hören, wenn ich etwas sage?«

 

Auch das war Tony – der Tony, den sie nur halb verstand. Sie lächelte wieder, öffnete gehorsam die Tür und verschwand.

 

»Nun, was gibt’s?« fragte Perelli.

 

Angelo berichtete kurz über Menge und Qualität der zuletzt angekommenen Alkoholsendung. Er legte Perelli eine Liste vor, in der die Ausgaben – Bestechungsgelder, Geschäftsunkosten und sonstiges – genau aufgeführt waren.

 

Tony warf einen Blick darauf, gab sie Angelo zurück und schlenderte dann zum Klavier.

 

»Sei vorsichtig«, warnte er noch. »Paß auf, daß Feeney uns nicht die ganze Sendung wegschnappt!«

 

Angelo lächelte und machte eine wegwerfende Geste. Er war fest davon überzeugt, daß Feeneys Organisation sich nicht mehr von dem Schlag erholen würde, den ihr der Tod von Shaun und Spike zugefügt hatte.

 

Tony hatte sich inzwischen vor das Klavier gesetzt, spielte aber nicht, sondern sah nur in Gedanken versunken vor sich hin. Nach einiger Zeit riß ihn Angelo aus seinen Grübeleien.

 

»O’Hara redet zuviel – findest du nicht auch?«

 

Tony schaute gleichgültig hoch.

 

»Er ist ein Ire – da kann man wenig machen.«

 

Angelo ärgerte sich über diese Interesselosigkeit und wollte Perelli ein wenig aufrütteln.

 

»Er hat übrigens ein sehr hübsches Mädchen«, warf er hin.

 

Wie erwartet, biß Tony an.

 

»Wußte ich gar nicht«, entgegnete er interessiert.

 

Angelo seufzte. Es tat ihm schon wieder leid, daß er Tonys schwachen Punkt berührt hatte. Angelo selbst machte sich im allgemeinen wenig aus Frauen: Nur Minn Lee war eine Ausnahme. Sie gefiel ihm so gut, daß er sich oft über sich selbst wunderte.

 

»Laß doch, Tony«, sagte er unwirsch. »Kannst du denn nie genug kriegen?«

 

Aber Tony Perelli war jetzt schon in Fahrt.

 

»Ist sie wirklich so hübsch? Wie kommt denn dieser O’Hara zu einem netten Mädel? Der Kerl ist doch fett, dumm und hat ein entsetzliches Mundwerk.«

 

»Wenn du schon wieder so anfängst, kann mir Minn Lee nur leid tun«, sagte Angelo und sah auf seine Uhr. »Übrigens wird O’Hara bald hier sein, ich habe ihn heute morgen schon angerufen. Spike versuchte, ihn in der vergangenen Nacht in seiner Wohnung zu sprechen. Bin froh, daß der Kerl erledigt ist.«

 

Tony zuckte die Achseln und drehte sich zum Klavier um. Gleich darauf verließ Angelo das Zimmer.

 

Fünf Minuten später schrillte eine Klingel, und einen Augenblick später hörte Tony eine laute Stimme. Er schüttelte den Kopf. Dieser Con O’Hara war doch ein ungehobelter Bursche. Eigentlich unverschämt, daß er ein nettes Mädchen besaß, für das sich Tony selbst bereits interessierte.

 

Con trat ein – glattrasiert, tadellos gekleidet und in bester Stimmung. Als er Tony am Klavier sitzen sah, schnitt er eine ironische Grimasse; großen Respekt hatte er vor seinem Chef sowieso nie gehabt.

 

Tony betrachtete ihn von oben bis unten. Er hatte schon verschiedene Zeitungen gelesen und in jeder denselben Bericht gefunden. Es war wirklich Grund genug vorhanden, sich über Con zu ärgern.

 

Con machte es sich inzwischen in einem Sessel gemütlich und wollte sich gerade eine Zigarette anzünden, als ihm Perelli einen Stoß Zeitungen hinwarf.

 

»Lesen Sie – gleich hier oben auf der ersten Seite.«

 

Con las murmelnd und mit ziemlicher Mühe – er hatte es auf der Schule nicht besonders weit gebracht:

 

»Shaun O’Donnell, Alkoholschmuggler, wird von einem anderen Gangster erledigt. Der Personalchef Tom Feeneys nach Kommissar Kellys Meinung in den Tod geschickt!« Con lachte laut. »In den Tod geschickt – glänzend! Da wird Feeney vor Wut verrückt werden!«

 

Tony nickte.

 

»Weiter, weiter«, drängte er, »wenn Sie lesen können.«

 

O’Hara sah ihn wütend an, nahm die Zeitung wieder auf und buchstabierte: »›Um zwölf Uhr gestern abend hörte der Polizeibeamte Ryan Schüsse, lief sofort zu der Stelle und fand Shaun O’Donnell. Man hatte auf ihn geschossen …‹ Na, zum Donnerwetter, das muß ich ja schließlich selbst am besten wissen. Immerhin war ich mit dabei.«

 

Tony lächelte.

 

»Eben – deshalb ist die Sache ja gerade so interessant für mich.«

 

Con verzog verächtlich den Mund.

 

»Der Junge hat ein- oder zweimal auf ihn geschossen – selbstverständlich daneben. Ich war schon aus dem Wagen, bevor er den ersten Schuß abgegeben hatte, und machte nicht viel Federlesens. Bevor ein Polizist in Sicht kam, waren wir längst abgebraust.«

 

Perelli lächelte wieder.

 

»Das wäre ja alles ganz schön – aber war Shaun denn tot?«

 

»Und ob er tot war! Sie wissen doch, wenn ich jemand vor die Mündung bekomme, dann ist es aus mit ihm.«

 

Perelli lehnte sich mit aufreizender Nachlässigkeit in seinem Sessel zurück.

 

»Er hat aber noch gelebt, als man ihn fand!«

 

Einige Sekunden lang herrschte peinliches Schweigen.

 

»Wie ist das möglich …?« fragte Con dann bestürzt.

 

»Er lebte«, wiederholte Tony, »und wurde noch lebend ins Krankenhaus eingeliefert. Kelly war natürlich bei ihm und hat ihn bis zur letzten Sekunde ausgefragt!«

 

Das war eine bittere Pille für Con O’Hara. Tony warf ihm Unfähigkeit auf einem Gebiet vor, auf dem er sich doch völlig sicher fühlte. Schließlich konnte er nur deswegen ein verhältnismäßig luxuriöses Leben führen, weil er als Spezialist für Fälle galt, in denen es auf einen sicheren Schuß ankam.

 

Tony streifte ihn mit einem merkwürdigen Seitenblick.

 

»Sie kommen von New York zu mir und geben sich für einen großartigen Pistolenschützen aus. Den ganzen Tag höre ich: ›In New York machen wir das so – nicht so.‹ Und den ersten ganz einfachen kleinen Auftrag, den ich Sie hier erledigen lasse, verpatzen Sie natürlich!«

 

O’Hara brauste auf. »Immerhin ist er inzwischen ja gestorben!« entgegnete er ärgerlich.

 

»Sicher. Jeder muß einmal sterben. Aber wenn ich einen Mann um die Ecke bringen lassen will, soll er nicht an Altersschwäche krepieren! Das ist alles.«

 

»Hören Sie mal …«

 

»Das ist alles«, wiederholte Perelli scharf und schnitt damit jede weitere Entschuldigung ab. »Die Sache interessiert mich nicht mehr – dafür aber ganz bestimmt Tom Feeney. Ich erwarte ihn schön den ganzen Vormittag.«

 

Während er noch sprach, klingelte das Telefon. Tony nahm den Hörer ab.

 

Tom Feeney war am Apparat. Er konnte vor Wut nur unzusammenhängend sprechen und schrie so laut, daß man ihn kaum verstehen konnte. Wahrscheinlich stand Mrs. O’Donnell neben ihm.

 

»Reden Sie doch nicht so unflätig, Mr. Feeney«, sagte Tony, nachdem er sich grinsend einige Zeit das Geschimpfe angehört hatte. »Ich weiß doch nichts von Shaun O’Donnell. In der Zeitung können Sie lesen, daß Sie selbst ihn in den Tod geschickt haben … Alter Freund, Sie quatschen mir zuviel. Wie ich Ihnen bereits sagte, habe ich keine Ahnung von dieser Sache … Was faseln Sie da – O’Hara? Aber Mann, Sie sind ja verrückt!«

 

»Sagen Sie ihm …«, begann Con, aber Tony warf ihm nur einen vernichtenden Blick zu.

 

»Der Kerl aus New York ist ein Esel – ich glaube kaum, daß er eine Katze aus nächster Nähe treffen kann. Der gehört auch zu denen, die mit dem Maul wunderbar schießen. Aber jetzt hören Sie mal zu, Tom!« Seine Stimme war hart geworden. »Sie und Ihre Bande machen sich in letzter Zeit ein wenig zu mausig. Shaun war der Kerl, der vor einigen Tagen eine meiner Kneipen hat auffliegen lassen und mir eine Ladung vom besten Stoff gestohlen hat. Ich will keine Unannehmlichkeiten, das habe ich Ihnen schon öfters gesagt. Sie ruinieren das ganze Geschäft, wenn Sie so weitermachen … Wie, ich soll mich mit Ihnen an der Ecke der Michigan Avenue treffen? Anschließend würde ich dann wohl auf einem Beerdigungsinstitut landen? Sie halten mich wirklich für naiv! Warum kommen Sie nicht in meine Wohnung, wenn Sie mir was zu sagen haben?«

 

Con, der aufmerksam zugehört hatte, wurde ganz aufgeregt.

 

»Trauen Sie Feeney nicht …«, mischte er sich ein, aber Tony winkte ungeduldig ab.

 

»Schon gut, schon gut, ich werde Sie also treffen – gegenüber dem Haus der Tribüne. Natürlich will ich mit Ihnen verhandeln. Wenn alles klappt, kommen wir anschließend hierher, und zwar ohne Schießeisen. Gut. Also um elf.«

 

Er legte den Hörer auf und klingelte.

 

»Aber so hören Sie doch, ich muß Ihnen etwas sagen«, begann Con wieder, als Angelo eilig eintrat.

 

»Ich habe eine Verabredung mit Feeney«, sagte Perelli kurz auf italienisch. »Sorge für die nötige Begleitung.«

 

»Feeney?« Angelo sah erstaunt aus.

 

»Mach doch kein so dummes Gesicht«, erwiderte Perelli ungeduldig. »Vorwärts, los! Ich muß den Mann unbedingt sprechen. Heute gibt es keinen Überfall – morgen oder übermorgen vielleicht, aber nicht heute. Die Unterhaltung verspricht auf jeden Fall interessant zu werden.«

 

Kapitel 11

 

11

 

O’Hara hörte ungeduldig dem schnellen Stakkato der italienischen Unterhaltung zu. Sein Selbstbewußtsein war etwas geschwunden. Ein- oder zweimal versuchte er zwar, zu Wort zu kommen, aber die beiden anderen achteten überhaupt nicht auf ihn.

 

»Sagen Sie mal, bin ich hier eigentlich völlig überflüssig?« fragte er schließlich vorwurfsvoll. »Sie scheinen keinen großen Wert auf mich zu legen! Anständig behandeln Sie mich wirklich nicht, Tony.«

 

Er erntete nur einen gleichgültigen^ Seitenblick und wurde immer ärgerlicher. Nach fünf Minuten riß ihm die Geduld, und er begann, so laut er konnte, zu fluchen.

 

Angelo drehte sich um und sah ihn eisig an.

 

»Warum schreien Sie denn so? Haben Sie vielleicht Sehnsucht nach Ihrer Frau? Die wartet unten auf Sie!«

 

O’Hara grinste selbstzufrieden. Er war auf Mary sehr stolz und prahlte gerne ein wenig mit ihr.

 

»Ihre Frau?« fragte Tony unerwartet freundlich. »Sie haben eine Frau?«

 

O’Haras Lächeln wurde immer selbstgefälliger.

 

»Aber natürlich, und sogar eine sehr hübsche! Haben Sie sie denn noch nicht gesehen?«

 

Niemand wußte besser als er, daß die beiden einander noch nicht begegnet waren. Er hatte eine solche Begegnung bis jetzt tunlichst vermieden, denn er kannte ganz genau den Ruf Perellis als passionierter Schürzenjäger.

 

»Nein, ich kenne sie noch nicht«, entgegnete Tony liebenswürdig. »Sie ist also sehr hübsch?«

 

O’Hara nickte grinsend. Dann machte er aber einen großen Fehler – er stellte ein Frage, die ihm schon lange auf der Zunge lag.

 

»Sagen Sie mal, Tony, warum haben Sie sich eigentlich ausgerechnet eine Gelbe ausgesucht?«

 

Sofort verschwand das Lächeln aus Perellis Zügen. Sein Gesicht rötete sich leicht, und seine Augen glitzerten gefährlich.

 

»Würden Sie sich vielleicht etwas gewählter ausdrücken – oder soll ich Ihnen erst beibringen lassen, wie man sich benimmt?«

 

O’Hara hörte die Drohung in Perellis Ton und lenkte hastig ein.

 

»So habe ich es doch nicht gemeint. Selbstverständlich wollte ich Minn Lee nicht beleidigen – ich finde sie im Gegenteil außerordentlich hübsch.«

 

Perelli lächelte bereits wieder. Für Komplimente, und klangen sie auch noch so unglaubwürdig, war er stets empfänglich.

 

»Natürlich – sie sieht recht gut aus. Aber sicher nicht so gut wie Ihre Frau? Bringen Sie sie doch einmal her«, meinte Tony.

 

O’Hara zögerte. Warum wollte Perelli unbedingt Mary kennenlernen? Er war in der letzten Zeit doch merkwürdig beständig geworden und hatte ganz im Gegensatz zu früher niemals den Wunsch nach Abwechslung geäußert. Auf jeden Fall wollte er Tony warnen.

 

»Vergessen Sie aber nicht – ich bin ziemlich eifersüchtig.«

 

»So muß es sein«, entgegnete Tony. »Also bringen Sie Ihre Frau bitte her. Ich bin direkt neugierig auf sie.« Er drehte sich halb um. »Ich gehe jetzt.«

 

O’Hara packte ihn am Arm.

 

»Einen Moment. Ich bringe sie her – aber keine Dummheiten, Tony!«

 

Er sah seinen Chef herausfordernd an.

 

»Warum denn so ängstlich? Sie können ganz beruhigt sein.«

 

Perelli freute sich. Er fühlte sich durch Cons Unsicherheit, in der er eine Bestätigung seines Erfolgs bei Frauen sah, geradezu geschmeichelt.

 

»Ich kann Ihnen nur sagen«, erklärte Con gedehnt, »daß es jedem ans Leder geht, der sie mir wegschnappen will.«

 

Tony klopfte ihm lächelnd auf die Schulter.

 

»Sie sind ein feiner Kerl, Con. Bestimmt verdienen Sie noch eine Menge Geld bei mir.«

 

Als Con O’Hara hinausging und die Tür leise hinter sich zuzog, veränderte sich Perellis Gesichtsausdruck im Nu. Er murmelte auf italienisch einiges vor sich hin, das durchaus nicht schmeichelhaft, für Con war. Dann trat er vor einen Spiegel und zog sorgfältig seine Krawatte zurecht. Als gleich darauf die Tür wieder aufging, starrte er fasziniert auf die Frau, die vor Con den Raum betrat.

 

Perelli war nicht sehr wählerisch in bezug auf verschiedene Frauentypen. Immerhin hatte er eine gewisse Idealvorstellung, und jetzt sah er sich einer Frau gegenüber, die seinem Phantasiebild völlig entsprach. Seine Blicke glitten über ihr blondes Haar und ihre feingeschnittenen Züge. Er hielt sie für eine Polin und hatte recht damit. Sie sah genauso aus wie die Frau, die er sich immer gewünscht hatte. Von diesem Augenblick an gab es für ihn kein anderes weibliches Geschöpf mehr als Maria Pouluski, die sich Mrs. Mary O’Hara nannte.

 

Er starrte sie unverwandt an und hörte wie im Traum O’Haras Stimme.

 

»Erlaube, daß ich dir Mr. Perelli vorstelle, Mary.«

 

Ihre Hand war klein und weiß, die Finger lang mit spitzen Fingernägeln. Einen Augenblick hielt Tony ihre Hand, dann verbeugte er sich und küßte sie. Selbst Marys harte Stimme beeinträchtigte seine Illusion nicht.

 

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mr. Perelli«, begann sie.

 

Con sah die beiden mit gerunzelter Stirn an.

 

»Ja, ich erzähle oft von Ihnen – das kannst du doch bestätigen, Liebling?«

 

Sie fühlte sich etwas unbehaglich, als Tony schwieg, aber seine offenkundige Bewunderung schmeichelte ihr doch sehr. Sie dachte schnell und sah plötzlich Möglichkeiten, die weit über ihre kühnsten Träume hinausgingen. Con hatte oft von Tony gesprochen, aber sie konnte sich im Augenblick nur auf eines besinnen; »Der Kerl hat zehn Millionen Dollar, vielleicht auch zwanzig.« Und dieser Mann stand nun vor ihr und bewunderte sie.

 

»Ich würde sehr gern auch Mrs. Perelli kennenlernen sie ist eine Chinesin, nicht wahr?«

 

Tony lächelte.

 

»Nur zur Hälfte – ihre Mutter war Amerikanerin«, sagte er und nahm ihr den Mantel ab. Geringschätzig betrachtete er das billige Stück.

 

O’Hara wurde unruhig und schaute Perelli mit wachsendem Ärger an.

 

»Wir wollen jetzt lieber gehen, Mary«, sagte er laut, aber Tony achtete nicht auf ihn.

 

»Gefällt Ihnen Chicago?« fragte er.

 

»Ja, es ist eine schöne Stadt.«

 

»Sie sind wohl lieber hier als in New York?« Er warf wieder einen Blick auf den Mantel, der auf einem Sessel neben ihm lag. »Sie lieben sicher schöne Kleider – wie wäre es, wenn wir einmal zusammen einkaufen gingen?«

 

O’Hara stand unentschlossen daneben und biß sich auf die Lippen. Er wußte noch nicht richtig, was er von der Sache halten sollte.

 

»Vielleicht sehen wir uns auch einmal Pelzmäntel an«, fuhr Tony fort.

 

Sie lachte perlend und sah ihn von unten herauf an.

 

»Pelze, warum nicht?« Dann zeigte ihr ein Seitenblick, daß Con immer ärgerlicher wurde, und sie fuhr schnell fort: »Con hat mir erst kürzlich dieses Modell hier gekauft. Ist er nicht großzügig?«

 

Bis heute war sie sehr stolz auf den Mantel gewesen, aber jetzt schien er ihr plötzlich ziemlich armselig zu sein. Daran änderte auch Con O’Haras Einwurf nichts.

 

»Zweitausend Dollar hat er gekostet«, erklärte er großspurig.

 

Tony lachte.

 

»Zweitausend? Soviel zahle ich ja für einen Pelzkragen!«

 

Angelo kam in diesem Augenblick herein, und Tony machte ihm ein Zeichen, das der Ire nicht sah, weil er gerade auf die Uhr schaute.

 

»Schon zu spät!« Con war ein schlechter Schauspieler. »Komm, Mary, wir müssen gehen. Du weißt doch, die Verabredung …«

 

»Sie werden am Telefon verlangt, Con.« Angelo war auffallend höflich.

 

»Ich?« fragte Con ungläubig. »Wer ist es denn? Es weiß doch niemand, daß ich hier bin …«.

 

Angelo zog ihn etwas zur Seite.

 

»Die Polizei«, flüsterte er ihm zu. »Es klang wenigstens so. Sie wissen ja, Kelly ist auf Draht.«

 

O’Hara sah Mary kurz an und verließ das Zimmer.

 

Mary hatte verstanden. Natürlich sollte Con für einige Zeit aus ihrer Nähe gebracht werden. Die Sache entwickelte sich schneller, als sie gedacht hatte. Neugierig war sie jetzt vor allem darauf, was Tonys nächster Schachzug sein würde.

 

Vorerst führte er sie auf den Balkon und zeigte ihr höflich die Aussicht. Doch als sie sich gegen die Brüstung lehnte, legte er plötzlich den Arm um sie und küßte sie. Darauf war sie nicht vorbereitet.

 

»Sie legen sich aber mächtig ins Zeug! Wir kennen uns doch noch gar nicht richtig«, stieß sie hervor.

 

»Gefällt es Ihnen hier?« fragte er schnell. »Meinen Sie nicht, daß dies ein besserer Rahmen für Sie wäre?«

 

»Sie haben Mut«, sagte sie leise. »Wenn Con das hören würde …«

 

»Con«, rief er wütend und zog sie an sich. »Es würde mir Spaß machen, so etwas in seinem Beisein zu sagen.«

 

Seine Stimme klang hart, und er schaute ihr gerade in die Augen.

 

»Sind Sie verrückt?« entgegnete sie atemlos. »Er schießt Sie auf der Stelle nieder …«

 

Er lachte. Jemand hatte einmal gesagt, daß Tony Perelli zuviel Humor besäße, um wirklich gefährlich zu sein. Wenn man ihn aber genauer kannte, wußte man, daß er niemals gefährlicher war, als wenn ihn etwas belustigte.

 

»Wenn, ihm das gelingen würde, wäre ich allerdings verrückt!« Plötzlich ließ er sie los und zog einen hellglänzenden Brillantring vom Finger. »Hier – schenke ich Ihnen.«

 

Sie starrte wie hypnotisiert auf das Schmuckstück, trat aber einen Schritt zurück. Er faßte sie an der Hand und steckte ihr den Ring an.

 

»Behalten Sie ihn!«

 

»Viel Umstände machen Sie wirklich nicht! Der Stein ist übrigens entzückend.«

 

Sie wußte gut genug, daß er mindestens fünftausend Dollar wert war, und das strahlende kleine Ding an ihrem Mittelfinger blendete sie mehr, als sie zugeben wollte.

 

»Er gehört Ihnen«, wiederholte Tony. »Und ich schenke Ihnen vielleicht noch einen.«

 

Sie sah auf ihre Hand und ließ den Ring glitzern.

 

»Schön«, flüsterte sie.

 

»Heute abend gebe ich eine Gesellschaft«, fuhr er hastig fort, Con konnte jeden Augenblick wieder ins Zimmer kommen. »Ich lade Sie und Con ein.«

 

Sie machte eine letzte verzweifelte Anstrengung, um wenigstens einen Schein von Anstand zu wahren.

 

»Sie glauben doch nicht, daß ich mich zu irgend etwas verpflichtet fühle, wenn ich Geschenke von Ihnen annehme …«, begann sie. Doch sie verstummte, als sie Tonys Blick begegnete.

 

Ein Geräusch im Raum nebenan ließ sie herumfahren.

 

Con trat auf den Balkon und betrachtete argwöhnisch die beiden.

 

»Was soll denn das bedeuten?« fragte er gedehnt. »Die Polizei wollte überhaupt nichts von mir.« Er schaute Mary finster an. »Was ist denn mit dir los?«

 

Seine Frage war nicht ganz unbegründet, denn ihr Gesicht hatte sich gerötet, und ihre Augen glänzten.

 

Mary zwang sich zu einem Lachen und streckte die Hand aus.

 

»Schau doch, was Mr. Perelli mir geschenkt hat.«

 

Er sah auf den Ring und hob dann langsam den Blick zu Perelli.

 

»Tatsächlich? Und wofür, wenn man fragen darf?«

 

»Ich gebe ihr noch zwei andere Ringe, wenn es mir Spaß macht«, erwiderte Tony. »Aber nur deshalb, weil sie Ihre Frau ist.« Er klopfte O’Hara freundschaftlich auf die Schulter. »Das ist ein großartiger Kerl, Mary. Er soll hier wohnen und mich vertreten, denn man kann sich wirklich auf ihn verlassen – und auf seine Pistole!«

 

O’Hara war sofort durch diese Schmeicheleien besänftigt. Die Aussicht auf schnellen Erfolg bedeutete ihm mehr als alles andere. Er zwang sich zu dem Glauben, daß er seiner Frau vertrauen konnte.

 

»Gut, ich bin damit einverstanden«, sagte er schnell.

 

Das Telefon klingelte, und Tony Perelli ging hin, um den Hörer abzunehmen. O’Hara trat rasch zu Mary.

 

»Ist dir der Kerl zu nahegetreten?« fragte er leise.

 

»Aber, Con, wo denkst du hin! Das möchte ich ihm nicht raten!«

 

Ihre Antwort kam so hastig, daß sich selbst Con nur halb davon überzeugen ließ.

 

»Dieser Perelli ist als Schürzenjäger bekannt, aber ich glaube nicht, daß du sein Typ bist. Außerdem ist er im Augenblick völlig in Minn Lee verschossen …«

 

»Freut mich, das zu hören«, sagte eine leise Stimme hinter ihm, er drehte sich hastig um.

 

Minn Lee war hereingekommen und stand nun neben ihm. Diese Unterbrechung kam Mary sehr gelegen. Freundlich und halb bewundernd sah sie auf die kleine, graziöse Gestalt. Diese Chinesin war noch hübscher, als sie sich vorgestellt hatte.

 

Minn Lee war traurig. Sie hatte Tony am Telefon beobachtet und gesehen, daß er den Blick nicht von Mary wandte. Instinktiv spürte sie, daß ihr von dieser Seite Gefahr drohte.

 

O’Hara strahlte über Minn Lees Gegenwart. Die Situation war allmählich unerträglich geworden, und er fühlte sich jetzt sehr erleichtert.

 

Die beiden Frauen begrüßten sich, und Mary machte Minn Lee Komplimente über ihr Aussehen und ihr Kleid.

 

Minn Lee betrachtete sie ernst. Wenn sie auch alles andere mit philosophischer Gelassenheit ertragen konnte, daß jemand ihr Tonys Zuneigung rauben sollte, war zuviel. Sie klammerte sich verzweifelt an die Hoffnung, Tony wieder zur Vernunft bringen zu können.

 

Perelli beobachtete die beiden und fühlte sich in gehobener Stimmung. Er wußte ganz genau, daß die Feindseligkeiten eröffnet worden waren und daß er im Brennpunkt des Interesses stand.

 

»Finden Sie Minn Lee schön?« fragte er lächelnd und legte die Hand auf ihre Schulter. »Zeige Mary doch einmal deine Ringe, Liebling.«

 

Gehorsam streckte Minn Lee die Hände aus, Perelli zeigte auf die einzelnen Schmuckstücke, die Beweise seiner verschwenderischen Freigebigkeit waren. Er nannte sogar die Summen, die er dafür bezahlt hatte, und tat so, als wäre dies alles noch gar nichts.

 

Mary lauschte fasziniert; die hohen Beträge machten einen überwältigenden Eindruck auf sie. Sie schaute von der Chinesin zu Tony und von ihm zu dem plumpen Iren an seiner Seite. Dann dachte sie daran, daß sie nur ihre Zustimmung u geben brauchte, um alles zu haben, was ihr gefiel. Ihr Entschluß stand fast schon fest.

 

Con O’Hara hatte inzwischen genug von dieser Situation.

 

»Wir müssen jetzt gehen«, brummte er.

 

Tony schien sich plötzlich wieder an ihn zu erinnern.

 

»Ich muß noch mit Ihnen sprechen, Con. Auch mit Jimmy. Ihre Frau kann solange hier bleiben. Minn Lee, zeige doch Mrs. O’Hara einmal den Wintergarten – dort halten wir gewöhnlich unsere Gesellschaften ab«, fügte er hinzu.

 

»Ein andermal dann«, entgegnete der Ire trocken. »Ich sagte schon, daß wir eine Verabredung haben. Verabschiede dich, Mary!«

 

Einen Augenblick schien Tony nachzugeben.

 

»Schön, dann also auf Wiedersehn.« Er nahm Marys Hand. »Aber heute abend kommen Sie doch bestimmt?«

 

Sie sah zu Con hinüber, der unmerklich den Kopf schüttelte.

 

»Ich weiß nicht, ob es geht …«, begann sie.

 

»Natürlich kommen Sie! Und Sie bleiben selbstverständlich über Nacht hier, Wir haben genügend Platz für Sie und Ihren Mann.«

 

Seine Worte klangen wie ein Befehl. Sie sah wieder Con an, aber der zuckte jetzt hilflos die Achseln.

 

»Wir wohnen nur acht Häuser weiter«, meinte sie schließlich zögernd.

 

Tony lächelte.

 

»Trotzdem werden Sie mir das Vergnügen machen.«

 

»Ich schlafe nicht gern in fremden Zimmern«, warf Con ein.

 

Perelli streifte ihn mit einem eisigen Blick.

 

»Immerhin haben Sie ja auch schon in Sing-Sing logiert«, entgegnete er sarkastisch.

 

Die Lage spitzte sich zu; Mary fühlte, daß es bald Streit geben würde. Auch Minn Lee hatte die schlimmsten Ahnungen. Sie lächelte mechanisch, als Mary auf sie zukam, und trat einen Schritt beiseite, um sie vorbeizulassen. Beide gingen auf den Balkon.

 

Diesen Augenblick benutzte Con O’Hara.

 

»Auf ein paar Worte«, sagte der Ire leise zu Tony. Seine Stimme klang so drohend, daß sich jeder außer Perelli davon hätte einschüchtern lassen.

 

»Kommen Sie mir nicht zu nahe«, sagte er ruhig zu Con, der auf ihn zutrat.

 

Er blieb stehen, aber Con kam ihm noch näher. Er war nur noch eine Handbreit von Tony entfernt.

 

»Wenn Sie Mary nicht in Ruhe lassen …«

 

Perelli nahm seine Zigarre aus dem Mund und blies die Asche ab – dann drückte er das glühende Ende dem Iren auf die Backe. Mit einem Fluch sprang der Mann zurück.

 

»Ich lasse mir nicht gerne Vorschriften machen«, erklärte Perelli.

 

Einen Augenblick lang war Con außer sich vor Wut und zu jeder Handlung fähig – aber er sah trotzdem, daß Perelli seine rechte Hand in der Jackettasche stecken hatte. Zum erstenmal in seinem Leben fürchtete er sich.

 

»Diesmal haben Sie noch Oberwasser«, sagte er atemlos. »Aber glauben Sie mir – ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen. Es hat schon mehr als einer ins Gras gebissen, wenn er mir nicht mehr gefiel!«

 

Tony schüttelte überlegen lächelnd den Kopf.

 

»Sie sind ein Angeber«, entgegnete er ruhig. »Wenn ich jemand beseitigen will, knalle ich ihn ohne große Vorankündigung über den Haufen. Und wenn mich Ihre Frau interessiert, dann interessiert sie mich eben – verstanden? Seien Sie kein Dummkopf!« Er klopfte Con auf die Schulter. »Schließlich sind Sie ja ein ganz brauchbarer Kerl; ich werde schon für Sie sorgen.«

 

O’Hara hatte jetzt klaren Wein eingeschenkt erhalten. Und die Tatsache, daß Tony sein Chef war und außerdem in jeder Beziehung der Stärkere von beiden, ließ sich vorerst nicht ableugnen. Er verschob die Abrechnung auf später und zwang sich zu einem lauten Lachen.

 

»Soll mir auch recht sein«, sagte er und winkte Mary zu sich. »Auf Wiedersehen, Mrs. Perelli. Ich freue mich, daß Sie meine Frau kennengelernt haben.«

 

Er hatte jetzt das Gefühl, einen unangenehmen Augenblick glücklich überbrückt zu haben, verabschiedete sich so schnell wie möglich und verließ mit Mary das Haus.

 

Als sie zu Hause ankamen, telefonierte er sofort Perelli an.

 

»Hören Sie, Tony, wir können heute abend nicht kommen. Meine Frau fühlt sich nicht wohl.«

 

»Das macht nichts – ich habe einen Arzt hier«, entgegnete Tony kühl. »Bringen Sie sie nur her. Übrigens habe ich einen Auftrag für Sie. Sie müssen sofort Jimmy holen. Ich sagte sofort!«

 

»Hören Sie, ich …«, versuchte O’Hara einzuwerfen, aber Perelli hatte schon aufgelegt und das Gespräch beendet.

 

Perelli hatte an diesem Tag viel zu tun. Immerhin konnte er damit rechnen, daß Feeneys Leute nicht sofort Vergeltungsmaßnahmen ergreifen würden, denn erst mußten die Vorbereitungen zu einem großartigen Leichenbegängnis für Shaun O’Donnell getroffen werden. Und es war ein ungeschriebenes Gesetz, daß während solcher Vorbereitungen Waffenstillstand zwischen den feindlichen Parteien herrschte.

 

Con war inzwischen zu dem Hotel gefahren, in dem Jimmy wohnte. Der Junge war entgegen seinen Instruktionen ausgegangen, und er traf ihn wenig später ohne Begleitung oder Schutz auf der Michigan Avenue. Es schien ihm alles gleichgültig zu sein.

 

Als Con ihm auf die Schulter klopfte, fuhr Jimmy nervös herum. Sein Gesicht war bleich, es zuckte um seine Mundwinkel.

 

»Was ist denn eigentlich los mit Ihnen?« fragte Con mit einem überlegenen Lächeln.

 

»Nichts – ich wollte nur …«

 

»Tony will mit Ihnen sprechen. Aber so reden Sie doch, was haben Sie denn?«

 

»Ich weiß nicht. Wahrscheinlich bin ich müde. Ich habe nicht besonders gut geschlafen.«

 

Con lachte.

 

»Sie dürfen sich die Geschichte nicht so sehr zu Herzen nehmen«, meinte er, »sonst schnappen Sie noch über.«

 

Jimmy hörte ihm nicht zu. Er sah noch immer den entsetzten Blick des Mannes vor sich, auf den er geschossen hatte. Die ganze Nacht hatte ihn dieses Bild verfolgt, und er würde es wohl bis an sein Lebensende nicht mehr loswerden.

 

Der Arzt

 

Der Arzt

 

Zur Zeit des Hochwassers, bevor die kleinen, ungestümen Nebenflüsse des Isisi-Flusses wieder ihren gewöhnlichen Umfang angenommen hatten, kam Sanders zur Residenz zurück. Er war sehr müde, denn er hatte eine Woche oben im Lande bei den Eingeborenen zugebracht. Nach vielen Bemühungen war es ihm schließlich gelungen, diese gleichgültigen Leute davon zu überzeugen, daß die Überschwemmung und Versumpfung ihrer Dörfer weniger den bösen Geistern als der Vernachlässigung der einfachsten Vorsichtsmaßregeln zuzuschreiben war.

 

»Ich habe dir doch gesagt, Rabanini«, sagte Sanders verzweifelt, »daß du den oberen Kanal sauber und von Bäumen und Sträuchern freihalten sollst, und ich habe dir für diese Arbeit doch schon viele Säcke Salz bezahlt.«

 

»Herr, es ist so«, erwiderte Rabanini und kratzte nachdenklich an seinen langen, braunen Beinen.

 

»Habe ich dich nicht beim letzten Vollmond, bevor die Regenzeit kam, gefragt, ob der Kanal sauber und in Ordnung ist, und hast du mir nicht geantwortet, er sehe aus wie eine Dorfstraße?« fragte Sanders ärgerlich. »O Herr«, bekannte Rabanini offen, »ich habe dich angelogen, denn ich dachte, du wärest verrückt. Denn welcher andere Mann könnte mit seinen wunderbaren Augen voraussehen, daß der Regen so bald und so heftig kommen würde? Deshalb, o Herr, habe ich nicht an den oberen Kanal gedacht. Viele Bäume sind mit dem Hochwasser gekommen, haben ihn verstopft, und so ist ein kleiner Damm entstanden. Ich bin ein unwissender Mann, und meine Gedanken sind ganz erfüllt von meinem eigenen Bruder, der von weither zu mir zu Besuch kam, denn er ist sehr krank.«

 

Sanders hatte keine Zeit, an Rabaninis kranken Bruder zu denken, als die schlanke, weiße »Zaire« ihren Weg den Strom hinunter nahm. Er war selbst sehr müde und brauchte Ruhe, denn seine fürchterlichen Kopfschmerzen zeigten ihm an, daß ihn ein Malariaanfall packen werde. Er hatte ein Gefühl, als ob sein ganzes Gehirn aus Jalousien bestände, die sich schnell hintereinander öffneten und schlossen und ihn bei jedem Aufblitzen eines Lichtstrahls einen Augenblick bewußtlos werden ließen.

 

Captain Hamilton holte ihn am Kai ab. Sanders stieg an Land, schwankte ein wenig und erzählte eine merkwürdige Geschichte von Abenteuern, die er auf einem norwegischen Salmfluß erlebt hatte. Hamilton nahm ihn besorgt am Arm und führte ihn zum Hause.

 

Zehn Minuten später hatte er Sanders zu Bett gebracht, der sich nur schwach dagegen wehrte. Er gab ihm eine erstaunliche Menge Chinin und Arsen und trat dann aus dem kühlen, dunklen Bungalow in den grellen, weißen Sonnenschein, der über dem Exerzierplatz lag. Er war ernst und nachdenklich.

 

»Eine eurer Frauen soll am Bett unseres Herrn Sandi wachen«, sagte er zu dem Sergeanten Abibu. »Sie soll mich rufen, wenn es ihm schlechter geht.«

 

»Bei meinem Leben«, erwiderte Abibu und wandte sich zum Gehen.

 

»Wo ist Tibetti?« fragte Hamilton.

 

Der Sergeant kam wieder zurück und schien verlegen zu sein. »O Herr, Tibbetti ist mit der weißen Dame, deiner Schwester, fortgegangen. Sie wollten ein Palaver mit Jimbujini, dem Zauberdoktor der Akasava, abhalten. Sie sitzen im Walde in einem magischen Kreise und, o Herr, Tibbetti wird sehr weise.«

 

Hamilton fluchte. Er hatte Leutnant Tibbetts, seiner Stütze und seinem Adjutanten, den Befehl gegeben, das Einexerzieren einiger neuer Kanorekruten zu überwachen, die vor einigen Tagen hier eingetroffen waren.

 

»Gehe und sage Mr. Tibbetti, er soll zu mir kommen«, befahl er. »Aber erst schicke eine Frau zu Sandi.«

 

Leutnant Tibbetti mit dem glatten, jungenhaften Gesicht, heiß vor Aufregung, aber doch höchst befriedigt, kam eiligst herbei. »Sir«, sagte er, salutierte ernst und umständlich und sah seinen Vorgesetzten mit merkwürdiger Feierlichkeit an.

 

»Bones, wo zum Teufel, haben Sie gesteckt?«

 

Bones atmete tief. »Wissenschaft!« sagte er kurz.

 

Hamilton sah seinen Untergebenen beunruhigt an. »Verdammt noch einmal, sind Sie nicht mehr bei Verstand?«

 

Bones schüttelte heftig den Kopf. »Geheimwissenschaft, mein Herr und Kamerad. Man ist niemals zu alt zum Lernen in dieser netten, schönen Welt.«

 

»Da haben Sie recht, ich bin ganz sicher, daß Ihr Leben nicht lang genug ist, um alles zu lernen.«

 

»Ich danke Ihnen, Sir.«

 

Patricia, die weniger Gewissensbisse empfand als Bones, kehrte langsamer zur Residenz zurück.

 

»Sanders hat sich mit Fieber legen müssen«, sagte Hamilton zu ihr.

 

»Fieber?« rief sie bestürzt. »Es ist doch nicht etwa – gefährlich?«

 

Bones lächelte nachsichtig und beruhigte sie. »Es ist nichts Ansteckendes, meine liebe Miß Hamilton.«

 

»Machen Sie nicht so dumme Scherze«, sagte sie so scharf, daß Bones zurückschreckte. »Glauben Sie etwa, daß ich mich vor ansteckenden Krankheiten fürchte? Ist es gefährlich für Mr. Sanders?« fragte sie ihren Bruder wieder.

 

»Nicht gefährlicher als ein tüchtiger Schnupfen«, antwortete er scheinbar sorglos. »Mein liebes Kind, wir haben alle Fieber. Du wirst es auch noch bekommen, wenn du bei Sonnenuntergang ohne Moskitoschuhe ausgehst.«

 

Er erklärte ihr mit der Gleichgültigkeit des alten Tropenmannes, der gegen Malaria abgehärtet und abgestumpft ist, welche Rolle die Moskitos bei dieser Erkrankung spielen, daß sie besonders gern an den Hand- und Fußgelenken stechen, weil die großen Blutgefäße und Arterien an diesen Stellen mehr an der Oberfläche der Haut liegen. Aber er konnte Patricia nicht beruhigen. Sie wollte bei Sanders wachen, aber Hamilton widersprach so heftig, daß sie schließlich ihre Absicht aufgab.

 

»Er würde es mir niemals verzeihen, wenn ich das zuließe. Morgen früh wird es ihm wieder gut gehen.«

 

Sie zweifelte daran, aber zu ihrem größten Erstaunen erschien Sanders zum Frühstück, als ob nichts vorgefallen wäre. Nur seine Augen sahen müde aus, und seine Hand zitterte ein wenig, als er die Kaffeetasse zum Munde hob. Ein Wunder, dachte Patricia, und äußerte dies auch.

 

»Nicht im mindesten, meine liebe Miß«, sagte Bones, der wie stets die Verantwortung für alle ungewöhnlichen Erscheinungen, die sie lobte, für sich in Anspruch nahm, mochten sie natürlich oder unnatürlich sein. »Das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was mir einmal passiert ist. Ham, mein lieber, alter Freund, erinnern Sie sich daran, wie ich damals vom Machenombi-Strom heruntergebracht wurde? Ich sprach nur noch im Delirium – ich raste und tobte und war ganz von Sinnen. Wenn Sie mich damals gesehen hätten«, fuhr er fort und zeigte feierlich mit seinem knochigen Finger auf Patricia, »dann hätten Sie gesagt, Bones pfeift auf dem letzten Loch.«

 

»So etwas Vulgäres hätte ich nicht gesagt, Bones«, protestierte sie. »Hatten Sie denn damals auch Malaria?«

 

»Oh«, sagte Hamilton triumphierend, »ich war damals zu höflich, es zu bezweifeln. Aber wir wollen diese Frage lieber unbeantwortet lassen, Patricia.«

 

Bones zuckte die Schultern und sah seinen Vorgesetzten mit einem Blick vernichtender Verachtung an.

 

»Wenn ein tapferer Mann in der Ausübung seiner Pflicht fällt, meine teure Miß Patricia, dann ist die Größe des Geschosses nicht von Belang, das ihn auf dem Schlachtfeld getötet und seine Verwandten und Gläubiger in Trauer versetzt hat.«

 

»Nun sagen Sie doch einmal wirklich, was Ihnen gefehlt hat?«

 

»Masern«, erwiderte Hamilton brutal.

 

»Das war schlecht von Ihnen, mein alter Offizier. Trotzdem ist es richtig. Aber wenn erst mein Laboratorium fertig ist, dann werde ich glühende Kohlen auf Ihr Haupt sammeln. Miß Patricia, es wird ein vollständiger Umschwung aller Dinge hier kommen, es wird kein Fieber, keine Masern mehr geben – nur noch Gesundheit, Reichtum und Weisheit, das schwöre ich Ihnen!«

 

»Er scheint einen Sonnenstich zu haben«, sagte Hamilton. »Nehmen Sie sich doch zusammen, Bones. Sie sind hier unter guten Freunden.«

 

Aber Bones war über Spötteleien erhaben.

 

Er hatte sich eine große, viereckige Hütte an der Küste bauen lassen. Er war nächtelang aufgeblieben und hatte mit Schiene und Winkel einen komplizierten Plan gezeichnet, in dem gewisse blaue Rechtecke Fenster und große, rote Kegel Türen andeuteten. Obendrein hatte er auch noch eine Fassade in dem ernsten Stil entworfen, der zur Zeit des Königs Georg üblich war.

 

Nachdem dieser wundervolle, nach Maßstab gezeichnete Plan, auf dem Schnitte, Fassaden und Grundrisse prangten, fertig war, hatte Bones Mojeri von den unteren Isisi kommen lassen, der im ganzen Land berühmt war als Erbauer großer Häuser, und ihm die Ausführung anvertraut.

 

»Mojeri; dieses sollst du für mich bauen«, sagte Bones, der an dem Ende eines Bleistiftes kaute und entzückt auf seinen eigenen Plan sah, der vor ihm ausgebreitet lag. »Und du wirst berühmt werden in der ganzen Welt. Sieh einmal her. Dieser Raum soll zweimal so groß werden wie dieser, und du sollst einen künstlichen Gang ausdenken, daß ich von dem einen in den anderen Raum gehen kann, ohne daß jemand sieht, daß ich komme oder gehe. Dies hier soll mein Schlafzimmer werden, und in diesem großen Zimmer will ich Magie betreiben.«

 

Mojeri nahm den Plan in die Hand und sah ihn an. Er hielt ihn zuerst verkehrt, dann seitlich.

 

»O Herr«, sagte er schließlich und legte das Blatt ehrerbietig wieder fort, »ich werde mich an all diese großen Wunderdinge erinnern.«

 

»Hat er es denn auch getan?« fragte Hamilton, als Bones von dieser Unterredung berichtete.

 

Bones blinzelte und schluckte verlegen. »Ja, er ist hingegangen und hat mir eine viereckige Hütte gebaut – denken Sie nur, eine ganz einfache Hütte mit einem Raum. Dieser Mojeri ist ein großer Schwindler – ein Esel …«

 

»Lassen Sie mich doch einmal Ihren Plan sehen«, sagte Hamilton. Bones reichte ihm die Zeichnung.

 

»Hm«, meinte Hamilton, nachdem er sich alles genau betrachtet hatte. »Es ist sehr nett gezeichnet, aber wie wollten Sie denn eigentlich in ihr Zimmer kommen?«

 

»Natürlich durch die Tür, mein lieber, alter Offizier«, erwiderte Bones sarkastisch.

 

»Ich dachte, durch das Dach oder vielleicht auch durch eine Versenklappe, wie man sie auf den Bühnen findet.«

 

Plötzlich dämmerte es Bones. »Ach, ich habe doch nicht etwa die Tür vergessen?« fragte er ungläubig und sah über die Schulter seines Vorgesetzten.

 

»Natürlich! Wo führt denn eigentlich dieser Gang hin?«

 

»Direkt von meinem Schlafzimmer zu dem Raum, der mit ›L‹ bezeichnet ist.«

 

»Dann scheinen Sie ja ein Geisterkönig zu sein«, sagte Hamilton bewundernd. »Es ist nämlich gar nicht so leicht, zu dem Raum ›L‹ zu kommen, da Sie mitten in den Gang eine Querwand eingezeichnet haben –«

 

»›L‹ bedeutet Laboratorium«, erklärte der Architekt schnell. »Aber wo ist denn die Wand? Richtig, hier steht sie – aber die können wir ja nachher wieder herausbrechen – das ist eine Augenblickssache!«

 

»Großzügig gesprochen, Bones«, erwiderte Hamilton, nachdem er den Plan noch einmal betrachtet hatte. »Ich glaube, Mojeri hat ganz gut gehandelt. Sie müssen eben mit dem einen Zimmer zufrieden sein. Was wollten Sie denn eigentlich mit dem großen Haus anfangen?«

 

»Der Wissenschaft dienen und den menschlichen Geist erleuchten«, entgegnete Bones großartig.

 

»Oh, ich verstehe – Sie wollen dort Feuerwerk machen? Eine glänzende Idee.«

 

»Ich muß Sie leider eines Besseren belehren, mein lieber alter Herr«, erklärte Bones mit bewunderungswürdiger Geduld. »Ich werde nämlich meine alten medizinischen Studien wiederaufnehmen. In letzter Zeit habe ich leider viele wertvolle Stunden durch meine frivole Vergnügungssucht versäumt. Die Zeit entflieht – das Leben ist kurz –, und ich möchte noch hinzufügen –«

 

»Lassen Sie es lieber«, bat Hamilton. »Ich bekomme sonst Kopfschmerzen.«

 

Bones sah ihn interessiert an. »Darf ich Ihnen etwas verschreiben, Sir«, begann er.

 

»Nein, nein, danke, danke, ich möchte lieber die Kopfschmerzen aushalten«, sagte Hamilton schnell.

 

Es dauerte noch eine ganze Woche, bis das Laboratorium eingerichtet war. Dann veranstaltete Bones bei einem Nachmittagstee eine Einweihungsfeier.

 

Er selbst erschien dabei in einem langen weißen Operationskittel und trug eine schreckliche Leinenmaske, die an einer Schutzbrille aus Glimmer befestigt war. Durch diese betrachtete er tiefsinnig die Welt, als er Sanders, Hamilton und Patricia hereinbat. Sein Willkommensgruß wurde durch die Maske etwas unverständlich. Das Innere des Raumes war ungemütlich. Glasretorten, Reagenzgläser, Flaschen und all die wissenschaftlichen Instrumente bedeckten den großen Tisch und verschiedene Regale, ebenso die drei im Raum vorhandenen Stühle.

 

»Ich begrüße Sie in meiner kleinen wissenschaftlichen Werkstätte«, sagte Bones mit hohler Stimme hinter seiner Maske. »Ich möchte – ach, treten Sie, bitte, nicht in das eiserne Untergestell, mein lieber alter Offizier. Miß Patricia, Sie setzen sich ja in eine Schale mit Medizinalalkohol!«

 

Bones nahm seine Maske ab und sah ganz rot und aufgeregt aus.

 

»Behalten Sie das Ding nur auf, Bones«, meinte Hamilton, »Sie sehen so viel besser aus.«

 

Sanders trat an das Mikroskop, das unter einer großen Glasglocke stand. »Sie sind ja recht gut eingerichtet, Bones«, sagte er lobend. »Mit welchem Zweig der Medizin wollen Sie sich denn näher befassen?«

 

»Mit Tropenkrankheiten, Sir«, erwiderte Bones und nahm die Glasglocke von dem Mikroskop ab. »Ich hoffe, daß Sie mir gestatten, nach dem Tee eine Blutprobe von Ihnen zu nehmen.«

 

»Danke sehr«, entgegnete Sanders. »Ich glaube, Hamilton eignet sich für solche Versuche besser.«

 

»Kommen Sie mir nicht in die Nähe!« drohte Hamilton.

 

Als das Teegeschirr abgeräumt war, bot sich Patricia heldenmütig als Opfer an. »Nehmen Sie eine Blutprobe von mir«, sagte sie und streckte die Hand aus.

 

Bones nahm eine Nadel und sterilisierte sie in einer Spiritusflamme. »Ich verletze Sie nicht«, sagte er etwas nervös und näherte die Spitze ihrer weißen Haut. Aber plötzlich zog er sie schnell wieder zurück. »Also, Sie brauchen keine Angst zu haben – ich tue Ihnen wirklich nichts, meine teure, gute Miß Patricia«, wiederholte er etwas unsicher und nahm ihren Arm in seine Hand. Dann richtete er sich wieder auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Nein, ich habe nicht den Mut, es zu tun«, gestand er.

 

»Sie sind ja ein schöner Doktor«, sagte sie vorwurfsvoll, nahm ihm die Nadel aus der Hand und stach sich. »Hier!«

 

Bones nahm den kleinen roten Tropfen, preßte ihn zwischen seine Gläser, tupfte einen Öltropfen darauf und stellte das Mikroskop ein.

 

Er schaute lange durch das Okular, und als er wieder aufblickte, sah er verstört aus. »Schlafkrankheit, meine liebe, arme Miß Hamilton!« rief er atemlos. »Ihr Blut ist vollständig mit Trypanosomen verseucht! Großer Gott! Was für ein Segen für Sie, daß ich es noch rechtzeitig entdeckt habe!«

 

Sanders stieß den jungen Wissenschaftler beiseite und schaute selbst durch das Mikroskop. Als er sich umwandte, sah auch er bleich und eingefallen aus. Ein furchtbarer Schrecken befiel Patricia.

 

»Sie verrückter Mensch«, grollte Sanders böse, »das sind doch keine Trypanosomen – Sie haben das Okularglas nicht abgestaubt!«

 

»Keine Trypanosomen?« fragte Bones bestürzt.

 

»Sie scheinen ja obendrein noch enttäuscht zu sein, Bones?« sagte Hamilton.

 

»Rein menschlich bin ich natürlich überglücklich«, erwiderte Bones düster, »aber als Wissenschaftler fühle ich mich direkt blamiert.«

 

Die Einweihungsfeier war von viel kürzerer Dauer, als der Gastgeber beabsichtigt hatte. Er hatte einen kleinen wissenschaftlichen Vortrag vorbereitet und wollte am Schluß ein schönes Experiment vorführen. Damit die Sache mehr Eindruck mache, hatte Bones den Raum künstlich verdunkelt, und seine Gäste saßen nun in der heißen, stickigen Finsternis, während er seine Gerätschaften nicht finden konnte und leise fluchte. Als das Experiment endlich beginnen sollte, fielen einige Flaschen auf den Boden und zerbrachen, und es breitete sich ein pestilenzartiger Gestank aus. Das Auditorium versuchte so schnell wie möglich die Türe zu erreichen.

 

»Die Frauen und Kinder zuerst!« rief Hamilton und öffnete die Türe.

 

Sie verabschiedeten sich aus respektvoller Entfernung von Bones.

 

Hamilton ging zu den Baracken der Haussa, und Sanders kehrte mit Patricia zur Residenz zurück.

 

Sie sprachen von Bones und seinem neuesten Steckenpferd.

 

»Glauben Sie wirklich nicht, daß ich diese schrecklichen Bakterien in meinem Blut habe?«

 

Sanders schaute geradeaus. »Ich dachte es – Sie verstehen, wir wissen, die Trypanosomen sind kleine Tierchen, die die Schlafkrankheit verursachen. Jeder, der einige Zeit hier in dieser Gegend gelebt hat, kann sich damit infizieren. Bones ist natürlich viel zu oberflächlich, er macht nichts ordentlich – ich hätte gleich daran denken sollen.«

 

Sie sagte nichts, bis sie zur Veranda kam und sich ihrem Zimmer zuwandte.

 

»Es war heute nicht schön bei Bones, nicht wahr?«

 

»Es war höllisch ungemütlich«, gab Sanders zu.

 

Sie seufzte tief und lang und klopfte ihm leise auf den Arm, bevor ihr klarwurde, was sie tat.

 

Bones kam von seiner Hütte und begegnete Sanders, der über den Exerzierplatz eilte.

 

»Bones, Sie müssen zu den Isisi hinauffahren«, sagte er. »Dort oben ist eine böse Krankheit ausgebrochen. Wahrscheinlich ist diese verdammte Überschwemmung daran schuld. Dieser niederträchtige Rabanini hat seinen Fluß nicht saubergehalten. Die unteren Wälder sind völlig überflutet.«

 

»Ich danke Ihnen vielmals, Exzellenz, daß Sie meinen wissenschaftlichen Fähigkeiten soviel zutrauen –«

 

»Machen Sie sich nicht lächerlich«, erwiderte Sanders gereizt. »Ich schicke Sie hinauf, damit Sie diese faulen Schlingel an die Arbeit bringen sollen. Wenn man die Kerle sich selbst überläßt, setzen sie sich einfach ruhig hin und sterben eher, als daß sie einen Entwässerungsgraben ziehen. Sorgen Sie dafür, daß ein paar kleine Kanäle mit einem gewissen Gefälle zum Strom hin angelegt werden. Rabanini versetzen Sie von mir aus einen Fußtritt. Nehmen Sie auch noch ein paar Kilo Chinin mit und verteilen Sie es, wenn es notwendig ist.«

 

Trotzdem schmuggelte Bones eine große Anzahl seiner medizinischen Instrumente mit an Bord und kam begeistert für seine neue Aufgabe bei den unteren Isisi an.

 

Drei Wochen später saß Sanders schweigsam und in Gedanken versunken am Tisch.

 

Patricia hatte schon mehrere Male erfolglos versucht, ihn in die Unterhaltung zu ziehen, aber er hatte ihr nur einsilbig geantwortet. Zuerst war sie etwas verletzt und ärgerlich gewesen, dann aber erkannte sie, daß ihn schwere Sorgen drücken mußten. Als sie aber gelegentlich den Namen Bones erwähnte, wurde er plötzlich lebhaft.

 

»Ja, Bones hat einige medizinische Kenntnisse«, beantwortete er ihre Frage. »Er hatte sich schon zwei Jahre als Student damit befaßt, bevor er einsah, daß Chirurgie und Medizin nicht seine Stärke seien.«

 

»Finden Sie nicht auch, daß hier ein Arzt fehlt?« fragte sie.

 

Sanders lächelte.

 

»Der ist hier unnötig. Ab und zu kommt der Militärarzt vom Hauptquartier, und außerdem haben wir eine Apotheke für die Eingeborenen. Glücklicherweise sind Epidemien hier sehr selten, allerdings haben wir auch einige schwere Krankheiten, die ja augenblicklich von den medizinischen Expeditionen genau untersucht werden – Schlafkrankheit, Beriberi und so weiter. Manchmal breitet sich natürlich auch eine Epidemie aus. Hamilton, bleiben Sie, bitte, ich möchte mit Ihnen reden.«

 

Hamilton hatte sich erhoben und wollte in sein Zimmer gehen, nachdem er seiner Schwester kurz zugenickt hatte. Er wandte sich wieder um.

 

»Gehen Sie ein wenig mit mir auf und ab«, sagte Sanders, nachdem er sich bei Patricia entschuldigt hatte.

 

»Was gibt es?« fragte Hamilton, als sie nicht mehr auf der Veranda gehört werden konnten.

 

Sanders schien sehr beunruhigt zu sein. »Haben Sie schon daran gedacht, daß wir keine Nachricht von Bones haben, seitdem er uns verlassen hat?«

 

Hamilton lächelte. »Er ist ein exzentrischer Mensch. Wenn ihm wirklich etwas Schlimmes zugestoßen wäre, hätten wir schon von ihm gehört.«

 

Sanders antwortete nicht gleich. Sie gingen auf dem kiesbestreuten Weg vor dem Haus auf und ab.

 

»Von Rabaninis Dorf sind aus dem einfachen Grund keine Nachrichten mehr gekommen, weil seit Bones‘ Ankunft niemand mehr hinein- oder herauskam. Es liegt, wie Sie wissen, auf der schmalen Landzunge an dem Zusammenfluß der beiden Ströme. Kein Boot hat die Ufer verlassen, und ein Versuch, auf dem Landwege dorthinzukommen, ist durch den Einsatz von Gewalt verhindert worden.«

 

»Durch Gewalt?« fragte Hamilton verwundert.

 

Sanders nickte. »Ich habe heute morgen einen längeren Bericht darüber erhalten. Zwei Männer der Isisi aus einem anderen Dorfe fuhren dorthin, um Verwandte zu besuchen. Als sie sich dem Ufer näherten, wurde mit Pfeilen auf sie geschossen, und sie kehrten schnell wieder um. Auch der Häuptling des Dorfes, M’gomo, ist in derselben Weise empfangen worden. Mein Späher Ahmet hat auch davon gehört und versucht, selbst nach der Halbinsel zu rudern. Auf eine Entfernung von zweihundert Metern wurde mit Feuerwaffen auf ihn geschossen.«

 

»Man hat doch nicht etwa Bones überfallen?« rief Hamilton bestürzt.

 

»Im Gegenteil, Bones hat Ahmet überfallen, denn Bones war der Schütze.«

 

Die beiden gingen schweigend weiter.

 

»Entweder ist er tatsächlich verrückt geworden«, sagte Hamilton, »oder …«

 

»Oder?«

 

Hamilton lachte verlegen und hilflos.

 

»Ich kann dieses Geheimnis nicht enträtseln. Dr. McMasters kommt ja morgen hierher, um ein paar kranke Haussas zu besuchen. Am besten nehmen wir ihn mit nach oben, damit er sich Bones einmal ansieht.«

 

Bedrückt und schweigsam fuhren sie am nächsten Morgen mit der »Zaire« nach Norden. Patricia hatte sie bis zum Kai begleitet und sah dem kleinen Dampfer besorgt nach.

 

Nur Dr. McMasters war guten Mutes, denn für ihn bedeutete die Exkursion eine willkommene Unterbrechung seiner sonst so eintönigen Praxis.

 

»Es ist möglich, daß er unvorsichtigerweise in die Sonne gegangen ist«, meinte er. »Ich habe verschiedene solcher Fälle gekannt, in denen die Leute den Verstand verloren haben. Ich besinne mich auf einen Mann in Grand Bassam, der einen anderen erschossen hat …«

 

»Nun seien Sie aber ruhig, Sie verfluchter Teufel!« rief Hamilton nervös. »Wir wollen lieber über Schmetterlinge sprechen.«

 

Die »Zaire« fuhr um die Flußbiegung, hinter der Rabaninis Dorf lag; Aber kaum war sie dort in Sicht gekommen, als von drüben schon ein Schuß fiel.

 

Sanders sah, wie die Kugel vor dem Dampfer ins Wasser einschlug und wie eine kleine Fontäne aufspritzte. Er schaute durch das Glas und beobachtete das Ufer.

 

»Es ist Bones«, sagte er grimmig. »Wir wollen beidrehen, Abibu.«

 

Der Steuermann drehte das Rad.

 

Ping! Wieder fiel ein Schuß. Diesmal schlug das Geschoß rechts ein. Die drei Männer drehten sich um.

 

»Die Leute sollen alle Deckung nehmen!« befahl Sanders dann ruhig. »Wir werden an dieses Ufer gehen, selbst wenn Bones eine ganze Batterie von 75er-Geschützen dort hat!«

 

Ein Ausruf Hamiltons lenkte plötzlich seine Aufmerksamkeit ab.

 

»Er signalisiert«, sagte Hamilton.

 

Bones gab mit seinen langen Armen Flaggensignale. Es schien offenbar eine Warnung zu sein.

 

Hamilton öffnete sein Notizbuch und schrieb mit.

 

»Tut mir furchtbar leid, lieber alter Offizier«, schrieb er Buchstabe für Buchstabe hin und lächelte kopfschüttelnd über die unnötig lange Einleitung. »Muß Sie fernhalten, schwerer Ausbruch der Pocken …«

 

Sanders nickte ernst und signalisierte zum Maschinenraum: »Stoppen«.

 

»Mein Gott«, sagte Hamilton entsetzt, denn er hatte schon einmal eine solche Epidemie erlebt. Es überkam ihn eine Gänsehaut, und er schüttelte sich vor Schrecken. Große Landstrecken waren damals in kürzester Zeit verödet. Ein ganzer Volksstamm war ausgestorben, die Überreste der eingefallenen Hütten konnte man noch unter dem hohen Elefantengras des Dschungels sehen.

 

Er wischte sich die Stirne und las besorgt die folgende Botschaft, denn er dachte an seine Schwester.

 

»Hatte entsetzlich zu kämpfen, verlor zwanzig Mann, bin aber Herr der Lage. Krankheit im Abnehmen. Holen Sie mich nach drei Wochen hier ab. Mußte hierbleiben, da sonst die unvorsichtigen Leute die Epidemie verbreitet hätten.«

 

Sanders schaute auf Hamilton. Mr. McMasters lachte. »So bekomme ich doch wenigstens schnell einmal Urlaub!« sagte er und rief seinen Diener.

 

Hamilton sprang nach vorn aufs Geländer, lehnte sich gegen einen Messingpfosten und signalisierte Antwort. »Wir schicken Ihnen einen Arzt.«

 

Von drüben wurde heftig gegensignalisiert: »Sprenge Doktor in die Luft! Was bin ich denn?!«

 

»Was soll ich ihm antworten?« fragte Hamilton, als er Sanders die Botschaft übermittelt hatte.

 

»Signalisieren Sie ihm: ›Sie sind ein Held‹«, sagte Sanders heiser.

 

Bones gründet eine Dynastie

 

Bones gründet eine Dynastie

 

Patricia Hamilton, eine aufmerksame junge Dame, hatte beobachtet, daß Bones täglich zu einer gewissen Stunde von der Bildfläche verschwand.

 

»Wo ist denn Bones?« erkundigte sie sich eines Morgens, als er ungewöhnlich lange fort blieb.

 

»Bei seinem Kind«, erwiderte ihr Bruder.

 

»Nun sei doch nicht komisch, mein Lieber! Sag mir doch, wo er steckt. Ich glaube, ich sah ihn vorhin beim Schiffsarzt.«

 

Der Postdampfer war an diesem Morgen angekommen, und der Kapitän und der Schiffsarzt waren zum Frühstück Gäste der Residenz gewesen.

 

Hamilton schaute von seinem Buch auf und nahm die Pfeife aus dem Mund. »Hat Bones dir während dieser ganzen Zeit noch nichts von seinem süßen Geheimnis erzählt?« fragte er erstaunt.

 

Sie setzte sich neben ihn.

 

»Ah, bitte, erzähle mir doch. Sicherlich ist es ein Scherz. Es ist nicht das erstemal, daß ihr Bones wegen des Babys auszankt. Sogar Mr. Sanders hat das getan.«

 

Sie schaute zu dem Distriktsgouverneur hinüber und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

 

»Habe ich Bones Vorwürfe gemacht?« fragte Sanders erstaunt. »Ich dachte nicht, daß ich überhaupt fähig sei, jemandem etwas Böses zu sagen.«

 

»Es ist nichts Böses an der ganzen Sache, Patricia. Er hat ein Negerkind adoptiert.«

 

»Ein Kind?«

 

»Ja, ein Kind, das damals nur einen Monat alt war. Die Mutter war tot, und irgendein Zauberdoktor wollte es zerstückeln, als Bones dazwischenkam.«

 

Patricia lachte vergnügt und klatschte in die Hände.

 

»Ach, bitte, erzählen Sie mir doch alles.«

 

Sanders kam denn auch ihrem Wunsche nach und berichtete die ganze Geschichte von Henry Hamilton Bones, der in Gefahr war, geopfert zu werden, und von Bones gerettet wurde. Hamilton gab dann noch zum besten, wie er Bones dabei überraschte, als er den Kleinen zum erstenmal badete.

 

»Er hat ihn einfach in einen großen Kübel gesteckt und mit einem Scheuerlappen bearbeitet.«

 

Bald darauf kam Bones vom Ufer her. Er hatte die Pfeife im Munde und wirbelte mit seinem Spazierstock. Hamilton beobachtete ihn von der Veranda aus und rief nach Patricia.

 

Es war ein sorgenvoller Vormittag für Bones gewesen, und selbst Hamilton war ausnahmsweise so taktvoll, seiner Schwester gegenüber nichts von den Vorgängen zu erwähnen.

 

Draußen auf See hatte der Dampfer »Boma Queen« Anker geworfen und wartete auf die Rückkehr des Schiffsarztes und des Kapitäns. Bones hatte die beiden soeben zur Küste begleitet. Es war wirklich ein sehr wichtiger Tag, denn Henry Hamilton Bones war heute geimpft worden.

 

»Ich glaube, die Dinger gehen an«, sagte Bones ernst, als die andern ihn fragten. »Ich muß schon sagen, daß sich Henry wie ein Gentleman benommen hat.«

 

»Was sagte denn Fitz?«

 

Fitzgerald war der Doktor, der früher versprochen hatte, die kleine Operation auszuführen, und heute sein Versprechen eingelöst hatte.

 

»Fitz?« sagte Bones erregt. »Fitz ist ein böser Mensch.«

 

Hamilton grinste.

 

»Er wollte mir doch einreden, daß das kleine Kind nichts davon fühle. Und Henry hat sich doch beinahe zu Tode geschrien – es war schrecklich!«

 

Bones tupfte sich die Stirne mit einem großen buntseidenen Taschentuch und sah sich vorsichtig um.

 

»Aber Patricia dürfen Sie nichts sagen, Ham«, flüsterte er so laut, daß sie es unbedingt hören mußte.

 

»Das tut mir leid – sie weiß es schon.«

 

»Großer Gott!« rief Bones verzweifelt und wandte sich zu der jungen Dame um.

 

»O Bones!« sagte sie vorwurfsvoll, »Sie haben mir nie etwas davon gesagt!«

 

Bones zuckte die Schultern, nahm seine Pfeife aus dem Mund, wollte sprechen, schaute zu ihr hinüber, streckte dann aber abwehrend seine Hände aus und steckte die Pfeife wieder in den Mund.

 

Aus all diesen Anzeichen war zu entnehmen, daß er aufgeregt war.

 

»Meine liebe, gute Miß Hamilton«, erwiderte er schließlich mit zitternder Stimme, »ich wäre ein verruchter Missetäter, wenn ich Henry Hamilton Bones verleugnen wollte – dieser arme, kleine Kerl –, wenn ich es Ihnen niemals gesagt habe, meine liebe, gute Schwester, dann ist das – dann ist das, weil – nun, Sie würden es nie verstanden haben.«

 

Er zuckte wieder verzweifelt die Schultern.

 

»Also Bones, nun seien Sie doch nicht töricht! Warum, zum Teufel, machen Sie denn ein so schreckliches Brimborium aus dieser Sache?« fragte Hamilton. »Ich kann Ihnen das Zeugnis ausstellen, daß Sie dem Stöpsel ein sehr guter Vater sind.«

 

»Nicht Stöpsel, mein lieber alter Herr«, bat Bones, »Henry ist ein menschliches Wesen mit einem menschlichen Herzen. Der Junge kennt mich, sobald ich nur in die Hütte komme. Es ist wundervoll zu sehen, wie er sich aufrichtet und ›Da‹ sagt, meine liebe, gute Schwester Hamilton«, fuhr er dann fort, »wie er lächelt und dabei den Mund aufmacht – ein Zahn ist schon durch, und mit dem kleinen Finger können Sie einen andern fühlen. Es ist einfach großartig, meine liebe, gute Miß Hamilton. Verdammt noch mal, es ist prächtig!«

 

»Aber Bones!« rief Patricia.

 

»Der Doktor hat nun in seinen kleinen, armen, netten, lieben, fetten Arm geschnitten. Dieser Fitz ist doch ein Barbar! Erbarmungslos hat er mit dem Messer hineingestochen, direkt brutal! Und der verdammte kleine Schlingel hat nicht einmal nach der Polizei gerufen! Großer Gott, es war schrecklich!«

 

Er wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge.

 

»Es war sicher fürchterlich«, suchte sie ihn zu trösten. »Kann ich mir den kleinen Jungen nicht einmal ansehen?«

 

Bones machte eine abwehrende Geste, und obgleich die Wohnung dieses Wunderkindes sicher einige hundert Meter weit entfernt lag, sprach er doch ganz leise. »Er schläft, zwar unruhig, aber er schläft doch. Ich habe den Wärterinnen gesagt, sie sollen mich sofort holen, wenn er Fieber bekommt oder wenn es ihm schlechter geht. Nach Tisch werde ich mit dem Grammophon hingehen, falls er aufsässig werden und schreien sollte. Aber jetzt schläft er. Ich danke Ihnen für Ihre große Liebenswürdigkeit und Teilnahme in einem so schweren Augenblick, meine liebe, gute Miß.«

 

Er nahm ihre Hand und drückte sie herzlich, wollte etwas sagen, schluckte, wandte sich dann kurz um und ging ohne ein Wort von der Veranda nach seiner Hütte zu.

 

Das Mädchen lächelte, aber auch in ihren Augen standen Tränen. »Ein guter Junge!« sagte sie halb zu sich selbst.

 

Sanders nickte. »Bones hat ein gutes Herz«, stimmte er zu.

 

Sie schaute zu ihm hinüber. »Das spricht für ihn«, sagte sie ruhig.

 

»Ich schätze ihn sehr. Nur wenige Menschen können Bones wirklich verstehen. Als ich ihn zuerst sah, glaubte ich, er sei ein wenig verrückt, aber ich hatte unrecht. Dann dachte ich, er sei verweichlicht, aber ich hatte wieder nicht recht, denn er zeigte sich stets als ein braver, tapferer Mann, wenn es darauf ankam. Bones ist einer der seltenen Menschen – ein tatkräftiger Mann mit einem weichen Gemüt und einem warmen Herzen, wie es eine edle Frau haben könnte.«

 

Ihre Augen trafen die seinen, und sie schauten einander an. Dann senkte sie schnell den Blick und wurde plötzlich rot.

 

»Ich glaube, Sie haben ihn genau erkannt«, sagte sie und blätterte verlegen in ihrem Buch.

 

Am nächsten Morgen wurde Patricia eine Audienz bei Henry Hamilton Bones, dem Musterbild aller Knaben, bewilligt.

 

Er war in der größten der Haussahütten am äußersten Ende der ganzen Reihe untergebracht und wurde von zwei Eingeborenenfrauen betreut. Bones hatte feste und unumstößliche Vorschriften für seine Behandlung aufgestellt. Patricia blieb vor der Türe stehen und las diese Bestimmungen, die mit Maschine geschrieben und auf einem Anschlagbrett mit Reißnägeln befestigt waren.

 

Sie waren sowohl in englisch als auch in küstenarabisch verfaßt, das Bones meisterlich beherrschte. Patricia wunderte sich, warum sie auch in englisch geschrieben waren.

 

»Das ist absolut nötig, meine liebe, gute Freundin«, erklärte Bones ernst. »Sie haben keine Ahnung, welche Angst ich schon manchmal ausgestanden habe. Zum Beispiel ist Ihr netter Bruder zwar ein hervorragender Sportsmann, aber mit Kindern kann man nicht vorsichtig genug umgehen, und Hamilton ist einfach schrecklich gedankenlos!«

 

Der englische Teil der Vorschriften war kurz, und sie las ihn durch.

 

Henry Hamilton Bones.

 

1. Die Besucher werden gebeten, möglichst wenig Geräusch zu machen. Denken Sie daran, wie Ihnen zumute wäre, wenn Sie plötzlich rücksichtslos aus erfrischendem Schlaf gerissen würden! Seien Sie mitfühlend und versetzen Sie sich in die Lage des Kindes!

 

2. Es ist streng verboten, das Kind zu füttern. Höchstens dürfen ihm Nahrungsmittel zugeführt werden, die auf einer Liste enthalten sind, die man auf Wunsch einsehen kann. Nüsse und Schokolade dürfen ihm unter keinen Umständen gereicht werden.

 

3. Der Unterzeichnete ist nicht verantwortlich für Dinge, die von dem Kind zerbrochen werden, z. B. Taschenuhren. Wenn solche Objekte zur Belustigung des Kindes verwendet werden, so kann man sie ihm ans Ohr halten, man wird dann einen interessierten Ausdruck auf seinem Gesicht wahrnehmen. Niemals sollte man aber dem Kinde gestatten, die Taschenuhr in den Mund zu nehmen und darauf zu beißen – das Kind weiß es nicht besser –, denn das Glas und die Zeiger gefährden seine Gesundheit in hohem Maße.

 

4. Beim Aufheben des Kindes sind folgende Vorsichtsmaßregeln zu berücksichtigen: Man fasse das Kind oberhalb der Taille unter den Armen, hebe es langsam auf und achte ja darauf, daß der Kopf nicht nach hinten zurückfällt. Man halte dann das Kind dicht am eigenen Körper, nehme den linken Arm unter das Kind, den rechten darüber. Man sollte das Kind nicht ermutigen, sich aufzusetzen – obgleich es dazu schon in der Lage ist, denn es ist für ein Alter von acht Monaten weit fortgeschritten –, weil es der Erstarkung seines Rückens schaden könnte. Auf keinen Fall ist es zulässig, das Kind in die Luft zu werfen und dann wieder aufzufangen. Alle weiteren Informationen können auf Verlangen in Hütte 7 eingesehen werden.

 

(gez.) Augustus Tibbetts, Leutnant.

 

»Alle diese Vorschriften sind auf Grund persönlicher Erfahrung und Beobachtung erlassen worden«, sagte Bones begeistert. »Ich habe keine Ratschläge von anderen dabei bekommen.«

 

»Das ist ganz hervorragend, Bones!« erwiderte Patricia und meinte es ehrlich.

 

Henry Hamilton Bones saß aufrecht in einem kleinen Kinderbettchen. Er war kräftig, rund und gesund, hatte einen dicken Kopf und große Augen, lutschte an seinem Daumen und starrte auf die fremde Dame und von ihr auf Bones, den er sehr aufmerksam und interessiert betrachtete. Dann lachte er und krähte laut vor Freude.

 

»Ist das nicht – ist das nicht ganz außerordentlich?« fragte Bones entzückt. »Während Ihres ganzen langen Lebens, meine liebe Freundin und Mitarbeiterin, haben Sie doch dergleichen noch nicht gesehen? Wenn Sie einmal berücksichtigen, daß kleine Kinder die Augen erst drei Monate nach der Geburt öffnen …«

 

»Da«, sagte Henry Hamilton Bones.

 

»Da!« antwortete der Pflegevater, indem er die Stimme des Kleinen nachzuahmen versuchte.

 

»Do da«, fuhr Henry fort.

 

Das Lächeln verschwand von Bones‘ Gesicht, und er schaute nachdenklich drein. »Do da«, wiederholte er. »Wenn ich nur wüßte, was ›do da‹ bedeutet?«

 

»Do da!« brüllte Henry jetzt.

 

»Meine liebe, gute Miß Hamilton, ich weiß nicht, ob Henry trinken will oder ob er Leibschmerzen hat. Aber ich glaube, wir überlassen ihn jetzt besser den Frauen. Die wissen, was ihm nottut.«

 

Er winkte der Amme und ging hinaus.

 

Draußen hörte sie, wie Henry lustig krähte. Bones legte die Hand ans Ohr und horchte angestrengt. Dann lächelte er.

 

»Er wollte trinken! Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich muß mir das notieren.« Er nahm sein Notizbuch heraus und schrieb: »Do da bedeutet: Kind will trinken.«

 

Sie kehrten zur Residenz zurück, und Bones erzählte ihr noch viel von Henrys besonderer Mundart. Die kleinen Kinder schienen ihre eigene Sprache zu haben, und Bones erklärte, sie beinahe zu beherrschen.

 

Als sich Patricia abends zur Ruhe legte, war sie noch lange Zeit wach und dachte an Bones, an sein einfaches und doch so liebes Wesen. Und sie dachte auch an Sanders, diesen ernsten, zurückhaltenden, scheuen Mann … Spät in der Nacht wachte sie plötzlich auf und hörte die Stimme von Bones draußen vor dem Fenster. Sie glaubte, Henry sei etwas zugestoßen. Aber auch Sanders und ihr Bruder waren zugegen, und sie überzeugte sich davon, daß sie nicht über Henry redeten. Sie schaute auf die Uhr. – Es war drei.

 

»Ich hätte diesem Menschen nicht trauen sollen«, sagte Sanders. »Ich weiß, daß man Bosambo keinen Vorwurf machen kann, denn er hat dem Stamm der Kulumbini weiten Spielraum gelassen, obgleich sie an seiner Grenze wohnen.«

 

Dann wandte er sich in einer fremden Sprache an einen Unbekannten, und Patricia vermutete, daß über Nacht ein Späher der Regierung gekommen war.

 

»Wir werden so schnell wie möglich aufbrechen, Bones«, sagte Sanders. »Den Unterlauf des Stromes können wir auch im Dunkeln hinauffahren. Es wird Tag sein, bevor wir die seichten Stellen erreichen. Hamilton, Sie brauchen nicht mitzukommen.«

 

»Glauben Sie, daß Bones in der Lage ist, alles auszuführen, was nötig ist?« fragte Hamilton zweifelnd.

 

»Aber nehmen Sie sich doch zusammen, lieber, alter Offizier«, rief Bones mit lauter Stimme, die sich für einen Untergebenen eigentlich nicht recht schickte.

 

Die drei entfernten sich von der Veranda. Patricia fragte sich, wer der Mann sein könnte, von dem sie gesprochen hatten, und welches Unheil er angestiftet hatte, aber dann fiel sie wieder in Schlaf.

 

*

 

An einem kleinen Nebenstrom, dessen Mündung hinter der Insel der Fliegenden Hunde liegt, lag das Dorf der Kulumbini. Hohes Elefantengras verbarg die armseligen Hütten, so daß selbst die Eingeborenen, die auf der Mitte des Stromes fuhren, sie nicht sehen konnten. An dem abschüssigen Ufer gab nur ein altes, morsches Kanu aus Eichenholz davon Kunde, daß menschliche Wohnungen in der Nähe waren.

 

Bei den Stämmen, die an den Ufern des großen Stromes saßen, bei den Akasava, den Isisi und den N’gombi, ja selbst bei den duldsamen Ochori, standen die Kulumbini in Verruf. Sie waren noch unkultiviert, wild, unerhört tapfer, schrecklich im Kampf und noch schrecklicher nach ihrem Siege.

 

Das Dorf war zugleich auch der Hauptort und die am äußersten vorgeschobene Niederlassung eines ziemlich zahlreichen und bedeutenden Stammes, der die hinteren Wälder bis an das Ochoriland bewohnte. Die Kulumbini bestimmten die Grenzen ihres Gebietes je nach Laune und Willkür. Sie fühlten sich kaum als ein zusammengehöriges Volk und hatten auch keinen nationalen Ehrgeiz. Am Fluß sagte man, daß sie ihre Speere für ein paar Fische verkauften. Sie hatten nur einen merkwürdigen Hang: sie wollten nicht beaufsichtigt werden, und solange man dieser Neigung Rechnung trug, kamen sie auch niemand zu nahe.

 

Wie dieser Unabhängigkeitsdrang entstand, weiß niemand. Einmal wurden sie auch von einem König regiert, der ihren Wünschen in dieser Beziehung so weit entgegenkam, daß er sich niemals unter ihnen aufhielt, sondern an einem besonderen Platz im Walde wohnte, der noch bis heute S’furi-S’foosi genannt wird: »Die Bäume (oder die Waldlichtung) des fernen Königs«. Sie hatten sich den Eingriffen der Regierung und den Inspektionen der Beamten widersetzt. Sanders war bei seinem ersten Besuch von einem Pfeilregen empfangen worden, und als er hatte landen wollen, traten ihm die Krieger mit Lanzen und Schilden bewaffnet entgegen. Es gibt viele Arten, Widerstand zu brechen, und ein sicherer Weg war es, die zwei Bronzegeschütze, die zu beiden Seiten der Kommandobrücke der »Zaire« aufgestellt waren, in Tätigkeit zu setzen. Aber man konnte auch friedliche Überredung wählen. Sanders entschied sich damals für einen Kompromiß und ging mit einem Revolver in jeder Hand zum Ufer, um ein friedliches Palaver mit den Kulumbini abzuhalten.

 

Er war mit der Denkweise der Eingeborenen gut vertraut und wußte viele kleine, lustige Geschichten, die er in der Bogmongo-Sprache erzählte. Die meisten könnte man nicht drucken, aber bei den Leuten am Großen Strom fanden sie viel Beifall. Sanders arbeitete mit Fabeln, Märchen und Witzen, er rief Ju-jus, Geister und Teufel an, er nahm die ganze Schatzkammer des einheimischen Aberglaubens zu Hilfe, und schließlich trug er den Sieg davon. Es gelang ihm nicht nur, in Zukunft friedliche Aufnahme bei ihnen zu finden, sondern, Wunder über Wunder, er überredete sie auch dazu, an gewissen Zeiten, wenn Mond und Gezeiten in bestimmter Stellung zueinander standen, eine Abgabe zu zahlen, was im Englischen so viel heißt, daß sie alle sechs Monate eine Steuer oder Taxe zu zahlen hatten, die in Gummi, Elfenbein, Fisch oder Maniok gegeben werden konnte, je nach Möglichkeit.

 

Er besiegelte sogar einen feierlichen Vertrag, der in ein altes Wäschebuch geschrieben worden war, das auf irgendeine unverständliche Weise in den Besitz des Häuptlings gekommen war. Dann hängte Sanders Gulabala, der diesen merkwürdigen Stamm beherrschte, die Kette und die Medaille um, die den Häuptlingen von der Regierung verliehen werden.

 

Gulabala wollte auch höflich sein und bot Sanders an, sich unter allen Mädchen der Kulumbini eine Frau auszusuchen. Solche Anerbieten waren dem Distriktsgouverneur nichts Neues, und er zog sich wie gewöhnlich aus dieser etwas peinlichen Situation, indem er sich auf Zauberei ausredete. Er sagte feierlich im Flüsterton, daß ihm von einem berühmten Zauberdoktor am unteren Strom vorausgesagt worden sei, daß das nächste Weib, das er zu sich nehmen werde, an der Krankheit Mongo sterben werde.

 

»Ich liebe dein Volk zu sehr, o Häuptling«, fügte er hinzu, »um eine seiner schönen Töchter dem sicheren Tode zu überantworten.«

 

»O Sandi«, erwiderte Gulabala froh, »ich habe viele Töchter, und auf eine kommt es mir nicht an. Wäre es denn nicht eine gute Sache für sie, in deiner Hütte zu sterben?«

 

»Wir beide, du und ich, sehen die Dinge verschieden an. Nach unserer Religion sitzt der Geist einer Frau, die durch Zauberei stirbt, später immer am Fußende meines Bettes und ist schrecklich anzuschauen.«

 

So hatte Sanders diese Gefahr abgewendet, und er erhielt auch tatsächlich in bestimmten Zwischenräumen den Tribut dieses so fern wohnenden Volkes.

 

Jahrelang hatten die Kulumbini nun still und ruhig gelebt, ohne daß sich ein Zwischenfall ereignet hätte. Denn es war eine böse Sache, mit ihnen in Streit zu geraten, und selbst als Gulabala bei einigen Gelegenheiten fremdes Gebiet betreten hatte, wurden deswegen keine Klagen erhoben. Da sie sich aber eines ziemlichen Wohlstandes erfreuten, war es nur natürlich, daß sie allmählich übermütig wurden und kriegerische Gelüste entwickelten. Denn heißt es nicht am Großen Strom: »Das letzte Maß einer vollen Kornkammer ist ein Maß Blut«?

 

In einer dunklen Nacht nahm Gulabala dreihundert Krieger mit sich, überschritt die Grenze und marschierte zu dem Ochoridorf Natcka. Als er mit seiner Schar am nächsten Morgen zurückkam, waren die Klingen ihrer Speere von Blut gerötet, und er brachte zwanzig Frauen mit sich, die den Totengesang hätten singen können, weil Gulabala und seine Krieger ihre Männer erschlagen hatten.

 

Gulabala schlief den ganzen nächsten Tag, ebenso seine Leute. Und als er erwachte, fühlte er sich nicht sehr wohl, denn es dämmerte ihm die Erkenntnis, daß seine Tat böse Folgen haben würde.

 

Er rief also sein Volk zu einem Palaver zusammen.

 

»Bald wird Sandi mit seinen Soldaten kommen«, sagte er, »und wenn wir hier sind, werden sie viele von uns hängen, denn Sandi ist ein grausamer Mann. Deswegen wollen wir in einen abgelegenen Teil des Waldes gehen und alle unsere Vorräte und Schätze mitnehmen. Und wenn Sandi uns vergeben hat, wollen wir wieder zurückkehren.«

 

Das wäre auch ein sehr guter Plan gewesen, wenn nicht Bosambo, der Oberhäuptling der Ochori, am Morgen dieses schicksalsschweren Tages kaum fünfzig Meilen von ihnen entfernt gewesen wäre. Er hatte Nachricht von dem Überfall erhalten und war schnell mit seinen Kriegern herbeigekommen, um die Schandtat zu rächen. Denn Gulabala hatte nicht nur Frauen genommen, sondern auch sechzig Ziegen, und das war unverzeihlich.

 

Die Späher Gulabalas kamen mit der Nachricht zurück, daß der Weg zu der Zufluchtsstätte durch Bosambo und seine Leute versperrt sei. Der Häuptling der Ochori war den Kulumbini am meisten von allen Leuten verhaßt, denn er allein machte sich nichts daraus, ihnen bei jeder Gelegenheit auf die Finger zu sehen, und wagte es, die Kulumbini zu prügeln, die seine Grenze überschritten und auf verbotenem Gebiet jagten oder fischten.

 

»Ko«, sagte Gulabala sehr beunruhigt, »dieser Bosambo ist Sandis Hund. Wir wollen zu unserem Dorf zurückkehren und sagen, daß wir auf der Jagd waren, denn Bosambo wird nicht in unser Land kommen, weil er nicht Sandis Zorn erregen will.«

 

Sie erreichten ihr Dorf wieder und waren gerade dabei, den letzten Beweis ihres Verbrechens zu beseitigen. Denn eine Ziege sieht aus wie die andere, Frauen aber können reden, und Gulabala hatte deshalb beschlossen, sie zu töten. Er stand mit seinem gebogenen Henkermesser neben einer der Frauen, die er ermordet hatte, als Sanders die Dorfstraße herunterkam.

 

»O Gulabala«, sagte er milde, »das ist eine böse Tat.«

 

Der Häuptling sah hilflos von rechts nach links. »O Herr«, erwiderte er heiser, »Bosambo und sein Volk haben mir Schmach angetan, denn sie haben mich ausspioniert und sich über mich stellen wollen. Und wir sind ein stolzes Volk, das seine Unabhängigkeit liebt. So ist es seit erdenklichen Zeiten.«

 

Sanders runzelte die Stirn und sah Gulabala an.

 

»Ich sehe hier einen Baum, der ist so hoch, daß niemand, der dort oben hängt, sagen könnte, es stellt sich einer über ihn. Dort werde ich dich aufhängen, Gulabala, damit deine stolzen Leute dich sehen, bevor sie für ihr ganzes Leben in das Dorf der Ketten gehen, um für meinen König zu arbeiten.«

 

»O Herr«, entgegnete Gulabala mit philosophischer Ruhe, »ich habe gelebt.«

 

Zehn Minuten später hatte er die Strafe empfangen, die bösen Häuptlingen gebührt. Die Leute seines Stammes waren teilnahmslose Zuschauer dieses Schauspiels.

 

»Das ist nun schon das zehntemal, daß ich einen neuen Häuptling für dieses Gebiet wählen muß«, sagte Sanders, als er auf dem Deck der »Zaire« auf und ab ging. »Wem in aller Welt könnte ich nun diesen Posten übertragen? Offen gestanden, ich muß sagen, daß ich es selbst nicht weiß.«

 

Die Lokoli der Kulumbini riefen bereits alle Ältesten zum großen Palaver zusammen. Der Signaltrommler bearbeitete in dem rohrgedeckten Trommelhaus mit erstaunlicher Geschicklichkeit den großen, hohlen Baumstamm mit seinen flachen Stöcken aus Eichenholz. Die Nachricht wurde in Wirbeln und einzelnen abgehackten Schlägen übermittelt. Das Rollen stieg und fiel, bald waren es leichte Schläge, bald ein tiefes Donnern.

 

Bosambo erschien mit seinem großen Staatsboot, um diesem großen Palaver beizuwohnen, als Sanders gerade die »Zaire« verließ.

 

»Sage mir, Bosambo, welcher Mann des Kulumbini-Volkes könnte den Stamm in Ordnung halten?«

 

Bosambo setzte sich zu den Füßen seines Herrn nieder und stieß seinen Speerschaft in den Boden.

 

»O Herr, ich kenne keinen, denn sie sind sonderbare und schlechte Leute. Welchen König du auch immer über sie setzen wirst, sie werden ihn verachten. Sie verehren keine Götter und keine Geister, sie haben auch keinen Ju-ju oder Fetisch. Und wenn ein Mann nichts glaubt, wie soll man ihm dann glauben? O Herr, dieses sage ich dir – setze mich über die Kulumbini, ich werde ihre Herzen ändern.«

 

Aber Sanders schüttelte den Kopf. »Nein, Bosambo, das kann nicht sein.«

 

Es war ein langes und ermüdendes Palaver, denn zwölf Männer des Stammes machten ihr Anrecht auf die Herrschaft geltend. Und jeder von ihnen hatte Verwandte und Anhänger, die bereit waren, für das Oberhaupt ihrer Sippe mit der Waffe zu kämpfen.

 

Von Sonnenuntergang bis nahe an Sonnenaufgang besprachen sie die Sache miteinander. Sanders saß während der ganzen Zeit geduldig dabei und hörte zu. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit.

 

Von Bones hätte man nicht dasselbe behaupten können, obgleich er hoch und heilig versicherte, daß er nicht geschlafen, sondern die ganze Nacht mit dem Kinn in der Hand das Problem überdacht habe. Jedenfalls aber war er vollständig wach, als Sanders am Schlusse seine Meinung abgab.

 

»O ihr Leute dieses Landes«, sagte Sanders, »viele Feuer sind niedergebrannt, seit wir zusammengekommen sind, und ich habe auf alle eure Worte gelauscht. Nun wißt ihr alle, wie gut es ist, wenn ihr einen Häuptling bekommt. Aber ich kann dich, M’loomo, nicht nehmen«, wandte er sich an einen düster dreinschauenden Prätendenten, »denn wenn du hier Häuptling wirst, so wird es Krieg geben. Und wenn ich dich wähle, B’songi, werde ich bald von Mord und Totschlag hören. Ich bin deshalb zu dem Entschluß gekommen, einen König über euch zu setzen, der weder bei euch wohnen, noch euch beaufsichtigen soll.«

 

Hunderte von Augen waren auf ihn gerichtet, und er sah den Ausdruck der Befriedigung darin, daß er die altüberlieferte und besondere Eigenart des Stammes berücksichtigt hatte.

 

»Euer König soll in weiter Ferne wohnen«, fuhr er beruhigt fort, als er erkannte, daß er das Richtige getroffen hatte. »Und ihr, die zwölf Verwandten Gulabalas, sollt an seiner Stelle regieren, jeder einen Monat im Jahr. Ihr sollt auf dem Häuptlingsstuhl sitzen und das Land für euren König verwalten, der bei mir wohnen wird.«

 

Einer der in Aussicht genommenen Regenten erhob sich. »O Herr«, sagte er, »das ist ein guter Spruch, denn Sakalaba, der große König, den wir hatten, tat desgleichen. Er lebte in S’furi-S’foosi, und wir waren in jenen Zeiten sehr glücklich. Sage uns nun, wen du über uns setzen wirst.«

 

Sanders war in die Enge getrieben. Blitzschnell überdachte er die Eigenschaften all der kleinen Häuptlinge, Ältesten, Führer der Fischer und Jäger, die ihm unterstanden, aber keiner schien dieser Aufgabe gewachsen zu sein.

 

In dieser peinlichen Pause flüsterte ihm jemand etwas aufgeregt ins Ohr. Es war Bones, der sich vornüberlehnte und ihn am Ärmel packte.

 

»Herr und Exzellenz, Sie müssen nicht denken, daß ich einen Vorteil aus meiner Stellung ziehen will, aber auf eine solche Gelegenheit habe ich schon lange gewartet. Sie würden mir eine außerordentliche Gunst erweisen – Sie sehen, ich muß doch an seine Karriere, an sein späteres Leben denken –«

 

»Was, in aller Welt, wollen Sie denn?«

 

»Henry Hamilton Bones, Sir«, entgegnete Leutnant Bones mit zitternder Stimme. »Sie könnten ihn für sein ganzes Leben glücklich machen. Ich muß doch für ihn sorgen! Ich weiß, daß es nicht recht von mir ist, Sie so zu unterbrechen –«

 

Sanders befreite sich freundlich aus dem heftigen Griff und richtete seine Blicke auf die Versammelten, die verwundert diesen Zwischenfall beobachtet hatten.

 

»Nun hört, ihr Leute, dies ist der Tag, an dem ich euch einen König gebe, und ihr sollt ihn M’songuri nennen, was in eurer Sprache ›Der Junge und der Weise‹ heißt. In meiner Sprache führt er den Namen N’risu Militani Tibbetti. Er ist noch ein Kind und wird geliebt von meinem Herrn Tibbetti, der ihn wie seinen Sohn hält, von Militani und von mir, Sandi.« Er hob seine Hand auffordernd. »Wa! Wessen Leute seid ihr?« rief er.

 

»M’songuris!«

 

Die Antwort kam in einem tiefen Brausen, und die Kulumbini sprangen auf die Füße.

 

»Wa! Wer regiert dieses Land?«

 

»M’songuri!«

 

Sie verschränkten die Arme über der Brust und stampften zuerst mit dem rechten, dann mit dem linken Fuß auf den Boden. Dies war das Zeichen, daß sie die Entscheidung annahmen.

 

»Er ist euer König«, sagte Sanders. »Baut ihm eine schöne Hütte, und sein Geist wird bei euch sein. Dieses Palaver ist aus.«

 

Während der ganzen Fahrt stromabwärts sagte Bones nichts, denn er war erfüllt von seinen Gedanken. In unregelmäßigen Zwischenräumen drückte er Sanders die Hand, aber er konnte nicht sprechen.

 

Hamilton und Patricia holten die beiden am Kai ab.

 

»Sie sind schneller zurückgekommen, als ich erwartete«, meinte Hamilton. »Wie hat sich Bones benommen?«

 

»Wie ein Gentleman«, erwiderte Sanders.

 

»Bones«, unterbrach ihn Patricia eifrig, »Henry hat einen zweiten Zahn bekommen.«

 

Bones nickte ernst und erhaben.

 

»Ich werde seiner Majestät jetzt meine Aufwartung machen«, sagte er dann und wandte seine Schritte zu dem »Palast« des jungen Königs.

 

Der Tierbändiger

 

Der Tierbändiger

 

Eingeborene sind eigentlich nichts weiter als große Kinder. Wenn man ihre Schandtaten und Vergehen unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, wird man finden, daß es eben Unarten sind. Sie tun Böses, sind leidenschaftlich und haben einen Hang, alle Dinge zu zerstören, um das Geheimnis zu entdecken, das dahinter steckt. Ein Stamm, dem es sehr gut geht, ist für weniger vom Glück Begünstigte ein Geheimnis. Diese Leute kommen dann zusammen und befragen ihre Ältesten und Häuptlinge, warum ihre Rivalen soviel Erfolg haben. Die Häuptlinge können natürlich die nötige Erklärung auch nicht geben und rufen ihre Krieger zusammen, um die Frage zu lösen. Aber manchmal kommt dabei mehr heraus, als ihrem Glück und Wohlbefinden zuträglich ist.

 

Das Dorf Jumburu liegt am Rande des Buschlandes, wo die gesetzlosen Leute aller Nationen wohnen. Sie haben sich zusammengetan gegen einen gemeinsamen Feind – das Gesetz. Die Eingeborenen nennen dieses Gebiet B’wigini, das heißt: das Land, wo die Leute wohnen, die keinem Volke angehören. Die Bedeutung von Jumburu liegt darin, daß dort trotz seiner vorgeschobenen Lage noch Recht und Ordnung herrschen.

 

In Jumburu lebten zwei Brüder, O’ka und B’suru, die die Häuptlingswürde ihres Onkels, des berühmten K’sungasa, an sich gerissen hatten. Er war deshalb so berühmt, weil er seinerzeit bewundernswerte Gaben gezeigt hatte, die ihm bis zu einem gewissen Grade geblieben waren. Deshalb erfreute er sich auch noch des Lebens.

 

Er war nach allem, was man von ihm hörte, vollständig verrückt, und wenn nicht ganz besondere Umstände zu seinen Gunsten gesprochen hätten, wäre er von seinen Verwandten in die Wälder mitgenommen worden, die er so sehr liebte. Sie hätten ihm dort die Augen ausgestochen und ihn als Fraß für die wilden Tiere zurückgelassen. Denn so behandelte man Wahnsinnige und Verrückte bei einem Volk, das selbst nicht wußte, was es tat, indem es die strengsten und unerbittlichsten Maßregeln der Eugenik ausübte.

 

Hätten sie aber K’sungasa den reißenden Tieren ausgesetzt, so wäre das nichts anderes gewesen, als wenn sie ihn zu seinen liebsten Freunden gebracht hätten, denn er hatte eine merkwürdige Vorliebe für die wilden Bewohner des Waldes und sein ganzes Leben lang unter ihnen gelebt und sie geliebt.

 

Man erzählte sich, daß er durch ein Zungenschnalzen den Papagei mitten im Fluge anhalten konnte und daß sich der Vogel dann schreiend und flatternd auf seine Hand niederließ. Er konnte die kleinen Affen aus den höchsten Ästen herbeilocken, wo sie sich verborgen hielten, und selbst der wildeste Büffel wäre auf seinen Ruf zu ihm gekommen und hätte seinen braunen Arm beschnuppert.

 

Als dieser Mann den Verstand verlor, beschlossen seine Verwandten nach einem langen Palaver, in diesem Fall einmal die seit alten Zeiten geltende Regel außer acht zu lassen. Und da sie keine andere Methode für die Behandlung geistig Umnachteter kannten als die oben beschriebene, so erlaubte man ihm, mit all seinen Vögeln, Schlangen und Wildkatzen in einer großen Hütte am Ende des Dorfes zu wohnen. Die Verwaltung der Stammesangelegenheiten übernahmen seine beiden Neffen.

 

Distriktsgouverneur Sanders wußte das alles sehr wohl, aber er unternahm nichts. Er hatte das Land zu regieren, und er versuchte seine Aufgabe so zu lösen, daß sich das Land möglichst von selbst regierte. Als das Schicksal K’sungasas noch unentschieden war, sandte er den beiden Neffen des Häuptlings eine Nachricht, daß er in der Nähe sei und sie aufhängen werde, falls es ihnen einfallen sollte, den alten Mann zu blenden. Aber diese Tatsache hatte wenig Einfluß auf die Entscheidung der Verwandten gehabt, denn die beiden Neffen hatten ihnen die Botschaft gar nicht übermittelt. Ausschlaggebend für den Beschluß war nur K’sungasas Vorliebe für die wilden Tiere gewesen.

 

Es wäre auch alles gut gegangen, die Neffen hätten das Dorf regiert, ihren Tribut regelmäßig bezahlt, die Fischereirechte unter die Dorfbewohner verteilt und in kleinen und großen Dingen Recht gesprochen, wenn nicht eine Hungersnot gekommen wäre. Das Dorf hatte eine fürchterliche Mißernte, und es gab wenig Fische. Das Dorf L’bini aber, das man von Jumburu aus mit dem Boot in ein paar Stunden erreichen konnte, hatte eine so reiche Ernte, wie sie seit Menschengedenken noch nicht vorgekommen war, und in seinen Gewässern wimmelte es von Fischen.

 

So kam es denn zu dem unvermeidlichen großen Palaver und dem unvermeidlichen Beschluß. O’ka und B’suru führten zehn große Kanus gegen das Dorf L’bini, durch dessen Glück sich die Einwohner von Jumburu beleidigt fühlten, töteten ein paar Männer und brannten einige Hütten nieder. Zwei Stunden lang hallte der Wald wider von den Angstrufen der furchtsamen Frauen und dem Kriegsgeschrei der Kämpfenden, die Speere warfen und aufeinander einstachen. Aber plötzlich erschien Leutnant Tibbetts so unerwartet auf der Bildfläche, als ob er mit seinen Haussas vom Himmel herabgefallen wäre.

 

Und dann begann das große Gericht. Sanders sprach auf der Insel Recht, die mitten im Strom in der Nähe der Residenz lag. B’suru wurde auf Lebenszeit in das Dorf der Ketten geschickt, O’ka war nicht gefaßt worden, denn es war ihm gelungen, mit einem seiner Ältesten und einigen Gefolgsleuten in den Busch zu entkommen.

 

Leutnant Tibbetts, der zwei Tage im Dorfe von Jumburu zugebracht und dort viel gesehen und gelernt hatte, kam nachdenklich zur Residenz zurück.

 

»Was ist denn wieder mit Bones los?« fragte Captain Hamilton.

 

Seine Schwester lachte über ihrem Buch, sagte aber nichts.

 

»Weißt du es nicht, Patricia?«

 

Sanders schaute auch zu ihr hinüber, und es lag ein Lächeln in seinen grauen Augen. Die Beziehungen zwischen Patricia und Bones waren für ihn stets eine Quelle der Heiterkeit. Patricia hätte niemals ahnen können, daß der wortkarge und nach außen hin harte Mann sich innerlich vor Lachen manchmal ausschütten wollte, obwohl kein Muskel seines braunen Gesichtes in solchen Augenblicken zuckte und er vollständig gleichgültig aussah.

 

»Bones und ich liegen miteinander in Fehde«, erklärte sie schließlich.

 

»Hoffentlich ist Ihr Streit nicht so heftig wie der, den ich mit O’ka ausfechten muß?«

 

Sie zog die Stirn in Falten und schaute ihn ängstlich an.

 

»Aber im allgemeinen kümmern Sie sich doch nicht um die Drohungen der Leute, die Sie bestraft haben?«

 

»Leider habe ich O’ka nicht bestrafen können. Und eine Expedition in den Busch würde zu kostspielig werden. Er hat sich anscheinend zu den B’wigini-Leuten geschlagen, und wenn diese seinen Streitfall zu dem ihren machen, kann es böse Unruhen geben. Aber sagen Sie doch, warum sind Sie mit Bones böse?«

 

»Da müssen Sie ihn selbst fragen.«

 

Hamilton hatte am nächsten Tage Gelegenheit, sich nach der Ursache des Zerwürfnisses zu erkundigen, als Bones um einige Tage Urlaub bat.

 

»Aber Bones, warum wollen Sie denn Urlaub haben?« fragte Captain Hamilton ungläubig. »Zum Teufel, wozu brauchen Sie denn Urlaub?«

 

Bones stand kerzengerade wie ein Lineal vor dem Tisch in dem Büro seines Vorgesetzten und salutierte. »Eine dringende Privatangelegenheit, mein Herr«, erwiderte er in dienstlichem Ton.

 

»Aber Sie haben doch keine privaten Angelegenheiten«, widersprach Hamilton. »Ihr ganzes Leben ist ein offenes Buch – mit dieser Tatsache haben Sie doch noch gestern geprahlt.«

 

»Mein Herr und Kamerad«, erwiderte Bones fest, »eine furchtbare Krisis ist in meinem Leben ausgebrochen. Mein Wort ist in Zweifel gezogen worden, und zwar von Ihrer netten, lieben Schwester. Ich wünsche meine Ehre, meinen guten Ruf und den Glauben an meine Aufrichtigkeit wiederherzustellen.«

 

»Patricia hat Ihnen wohl ein Bein gestellt?« meinte Hamilton.

 

Aber Bones schüttelte abwehrend den Kopf. »So etwas Unfeines macht man nicht, mein Herr. Aber Ihre verehrte und liebe Verwandte – Gott segne ihr nettes altes Herz! – hat Zweifel an meinen Aussagen betreffend Leoparden und Büffel geäußert. Ich muß jetzt hingehen in die Wildnis – mitten in die größten Todesgefahren –, Hamilton, alter Kamerad, Gefahren, wie sie nur so alte, erprobte Veteranen wie Sie und ich kennen, um zu beweisen, daß ich nicht nur ein Sportsmann, sondern auch ein Gentleman bin, der absolut die Wahrheit spricht.«

 

In diesem Augenblick kam Miß Patricia Hamilton in einem hübschen weißen Kleid daher. Sie hatte den Tropenhut ein wenig schief aufgesetzt. Durch diesen Anblick wurde Bones so weit besänftigt, daß er im Augenblick nichts weiter sagte.

 

»Was hast du denn dem armen Bones getan?« fragte Hamilton.

 

»Sie sagte …«

 

»Ich sagte …«

 

Sie sprachen beide zugleich.

 

»Bones, Sie sind ein Fabulant«, erklärte sie dann vorwurfsvoll.

 

»Fahren Sie nur fort«, erwiderte er dramatisch, »schonen Sie mich nicht – ich bin ein Lügner, ein Dieb, ein Mörder –, sagen Sie es doch!«

 

»Ich habe nur bezweifelt, daß er den Leoparden geschossen hat, dessen Fell in seiner Hütte hängt!«

 

»O nein!« rief Bones ironisch, »ich habe ihn nicht geschossen!

 

Ich habe ihn zu Tode frieren lassen – ich habe ihn vergiftet!«

 

»Haben Sie ihn geschossen?«

 

»Habe ich ihn geschossen, mein lieber alter Harn?« fragte Bones ruhig.

 

»Nun haben Sie es getan?« fragte nun auch Hamilton unschuldig.

 

»Habe ich den Leoparden geschossen?« fuhr Bones pathetisch fort. »Wurde er am nächsten Morgen kalt und tot mit einem Lächeln auf seinem nichtsnutzigen Gesicht aufgefunden?«

 

Hamilton nickte, und Bones sah Patricia erwartungsvoll an.

 

»Entschuldigen Sie sich, mein Kind«, sagte er.

 

»Ich werde nichts Derartiges tun«, erklärte sie etwas hitzig. »Hat Bones den Leoparden wirklich geschossen?«

 

Hamilton schaute vom einen zum andern. »Als der Leopard gefunden wurde …« begann er.

 

»Nun hören Sie gut zu, meine liebe, gute Schwester«, murmelte Bones.

 

»Als der Leopard aufgefunden wurde, mit einem Speer in seiner Seite …«

 

»Der offenbar nach seinem Tode von irgendeinem herumwandernden Eingeborenen geschleudert wurde«, unterbrach ihn Bones hastig.

 

»Seien Sie ruhig«, befahl Patricia, und er gehorchte achselzuckend.

 

»Als der Leopard gefunden wurde, konnte man ihm nicht mehr helfen, und obgleich bei der Untersuchung keine Schußwunde gefunden wurde, hat Bones doch folgerichtig bewiesen …«

 

»Einen Augenblick, mein lieber alter Offizier!« Bones hatte eben einen großen, dicken Mann über den Exerzierplatz gehen sehen. »Gestatten Sie mir, daß ich einen wissenschaftlichen und erfahrenen Zeugen herbeirufe?«

 

Hamilton nickte ernst.

 

Bones ging zur Tür des Ordonnanzzimmers und brüllte einen Namen.

 

»Ich werde jetzt das Zeugnis eines Mannes für mich geltend machen, der das Vertrauen des berühmten alten Professors – seinen Namen habe ich vergessen – in vollstem Maße besessen hat. O Ali!«

 

Ali Abid erschien in der Tür und begrüßte die Anwesenden durch einen feierlichen Salam.

 

Nicht umsonst war er der Diener eines großen Bakteriologen gewesen, bevor er nach dessen Tod in die Dienste des Haussa-Leutnants getreten war. Sein Wortschatz war reich an wissenschaftlichen Ausdrücken, und er sprach ein reiches und ungewöhnliches Englisch.

 

»Ali, erinnerst du dich an meinen Leoparden?«

 

»O Herr«, sagte Ali kopfschüttelnd, »wer könnte das vergessen?!«

 

»Habe ich ihn getötet, Ali? Erzähle dieser Dame alles!«

 

Ali machte eine tiefe Verbeugung vor Patricia.

 

»Mein hochverehrtes Fräulein, der Leopard – Felis pardus – ein wildes Tier aus der Familie der Katzen, lebt gewöhnlich in waldigen Gegenden. Das hier in Frage kommende Subjekt – dasselbe, dessen wunderschönes Fell später in der Wohnung von Sir Bones aufgehängt wurde – war ganz besonders wild und gefährlich, er hat sein Leben infolge einer Jagd verloren, die von dem Vorhergenannten ausgeführt wurde. Es wurde mit wissenschaftlicher Genauigkeit eine Prüfung und Untersuchung des Subjekts nach dessen Tod durchgeführt, wobei sich herausstellte, daß besagter Leopard – Felis pardus – an Herzschwäche litt, was als unmittelbare Todesursache anzusehen ist. Die Diagnose hat festgestellt, daß er infolge der großen Detonation einem Herzschlag erlegen ist. Diese Detonation rührte von dem Gewehr des besagten Sir Bones her.«

 

»Was habe ich gesagt?« fragte Bones selbstzufrieden.

 

»Sie wollen mir doch nicht erzählen«, sagte sie atemlos, »daß Sie dem Leoparden so Angst gemacht haben, daß er starb?«

 

Bones streckte die Hände verzweifelt aus. »Sie haben doch soeben das einwandfreie Zeugnis gehört, liebe, gute Schwester. Ich habe meinen Worten nichts mehr hinzuzufügen.«

 

Sie warf den Kopf zurück und lachte, bis ihr die Tränen kamen. »O Bones, Sie sind ein Nichtsnutz!«

 

Bones war verletzter denn je, klemmte das Monokel ins Auge und wandte sich steif an seinen Vorgesetzten. »Darf ich unter diesen Umständen annehmen, mein Herr, daß mein Urlaub bewilligt ist?«

 

»Sieben Tage«, stimmte Hamilton zu.

 

Bones drehte sich auf dem Absatz um, warf mit der Hand Hamiltons Briefpapierständer um, stolperte über einen Stuhl und ging düsteren Blicks über den Exerzierplatz.

 

Als Patricia am nächsten Morgen erwachte, fand sie einen Zettel, der an ihr Kissen gesteckt war.

 

Wir wollen den Mantel der Nächstenliebe darüber breiten, wie es Bones gelungen war, dies zu bewerkstelligen. Bones war ein großer Geist und über so kleine Dinge wie Anstandsregeln erhaben.

 

Patricia richtete sich in ihrem Bett auf und las den Brief.

 

»Meine liebe Freundin und ungläubiger Thomas! Wenn Sie diese Zeilen lesen, werde ich weit, weit fort sein auf meiner langen, gefährlichen Reise. Es ist möglich, daß ich nicht wieder zurückkehre, nicht wieder zu Ihnen zurückkehre, denn ich und mein treuer Diener sind im Begriff, die Höhlen der wilden Tiere des Waldes aufzusuchen, in den düsteren Forsten. Ich bin fest entschlossen, die Schande auszulöschen, die Sie auf mich gehäuft haben, und ich werde nicht nur einen toten Leoparden, sondern einen lebendigen als Jagdbeute heimbringen, den ich mit meinen eigenen Händen fange. Kann sein, daß ich mein Leben bei diesem kühnen und waghalsigen Unternehmen einbüße, aber ich werde dadurch meine Ehre wiederherstellen. – Leben Sie wohl, meine liebe, gute Patricia.

 

Ihr Freund B.«

 

Hamilton lachte, als sie ihm den Brief zeigte. »Sag einmal, wie hast du ihn denn bekommen?«

 

»Er war heute an meine Tür gesteckt«, erwiderte Patricia taktvoll.

 

Bones eilte auf dem kürzesten Weg nach Jumburu und wurde dort nicht sehr begeistert empfangen. Er hatte einen neuen Häuptling eingesetzt, aber die Leute waren aufgebracht gegen ihn, und die Nähe der B’wigini-Leute machte sie noch aufsässiger. Aber diesmal kümmerte er sich nicht um den neuen Häuptling und die andern Dorfbewohner, er wollte nur K’sungasa besuchen. Bei seinem damaligen zweitägigen Aufenthalt hatte er so viel von dem alten Tierfreund erfahren, daß er den Mut fand, Patricia Hamilton dieses so kühne Versprechen zu geben.

 

Er kam in einem kritischen Augenblick, denn der hagere, knochige alte Mann mit den trüben Augen, der immer so blöde lachte, war seinem Ende nahe. Er ruhte auf einem schönen, erhöhten Lager. Eine große Wildkatze mit gelben Augen lag zu seinen Füßen, zwei Affen saßen zitternd an seiner Seite, und eine Menge kleiner Katzen spielte auf dem Boden. Die alte Katze sprang in einem plötzlichen Wutanfall auf die kleinen Tiere, als Bones in die Hütte trat.

 

»Mein Herr Tibbetti«, sagte der alte Mann krächzend, »ich sehe dich. Dies ist eine gute Zeit, denn morgen werde ich tot sein.«

 

»K’sungasa«, erwiderte Bones und setzte sich bedächtig auf einen Stuhl, nachdem er sich vorher genau vergewissert hatte, daß sich keine Schlange oder anderes Getier darum wand oder auf dem Sitz lag. »Das sind törichte Worte, denn du wirst noch manches Hochwasser sehen.«

 

»Das ist eine feine Rede für die Leute, die am Strom wohnen«, entgegnete der alte K’sungasa grinsend, »aber nicht für uns, die wir hier in den Wäldern sitzen. Wir sehen niemals die Flut und das Hochwasser, bei uns gibt es nur kleine Bäche. Nun sage ich dir, daß ich froh bin, daß ich jetzt sterbe, denn ich bin lange Zeit voll von verrückten Gedanken gewesen, aber jetzt ist mein Kopf wieder klar. Warum bist du zu mir gekommen, o Herr?«

 

Bones erklärte ihm den Zweck seiner Reise, und die Augen des Greises leuchteten auf.

 

»O Herr, wenn ich mit dir in den Wald gehen könnte, würde ich viele schöne Leoparden durch meine Zauberkraft zu dir bringen. Aber jetzt werde ich, weil ich Sandi liebe, dieses für dich tun, so daß du siehst wie klug und weise ich bin.«

 

In den Wäldern in der Nähe des Dorfes wuchs eine wilde Pflanze. Wenn man deren Samen zerstieß und in einem irdenen Gefäß kochte, erhielt man durch eine Art Destillation eine stark duftende Flüssigkeit. Ali Abid sprach in seiner gelehrten Weise von » Pimpinella anisum«, und wahrscheinlich hatte er recht. 2

 

Bones und sein Diener machten viele Exkursionen in den Wald, bevor sie die richtige Pflanze fanden. Glücklicherweise wurden um diese Zeit gerade die Früchte reif, und als er erst auf der richtigen Fährte war, hatte er bald die nötigen Mengen gesammelt und kochte sie unter der Anleitung und Aufsicht K’sungasas ab. Ein helles Feuer brannte in der Mitte der Hütte, und als die Tropfen aus dem engen Hals einer Flasche in den Kessel tropften, verbreitete sich ein schwacher, aber sehr süßer Duft im Raum. Zuerst gerieten die Katzen und dann die Affen in ungewöhnliche Erregung. Die großen und die kleinen Katzen krochen so nahe an das Feuer, wie sie nur irgend konnten, und hoben die Köpfe zu dem braunen Kessel. Dabei miauten und winselten sie. Dann kamen auch die Affen herzu, ihre Augen leuchteten, und sie waren sehr lebhaft. Der Geruch lockte die unglaublichsten Tiere aus allen Ecken und Winkeln der Hütte hervor – Ratten, Eichhörnchen, eine lange schwarze Schlange mit flachem Kopf und viereckiger Zeichnung, und kleine Buschhasen. Sogar ein junger Rehbock kam aus dem Wald und äugte furchtsam nach der Tür der Hütte. Der alte Mann auf dem Bett rief sie alle beim Namen und schnappte mit schwachen Fingern nach ihnen, aber ihre Blicke hingen an der Flasche und den kristallenen Tropfen, die zitternd aus der engen Öffnung in den Kessel fielen.

 

*

 

Als der siebentägige Urlaub zu Ende war, den Bones erhalten hatte, stand eine Gruppe sprachloser Menschen vor der Residenz und starrte staunend auf das Wunder. Bones stand da wie ein Held und hielt an einer Kette einen halbwüchsigen jungen Leoparden mit schöngezeichnetem Fell. Das Tier trug einen grobgefertigten Maulkorb und einen eisernen Ring um den Hals, an dem die Kette befestigt war.

 

»Aber wie – wie ist es Ihnen nur gelungen, das Tier zu fangen?« fragte Patricia.

 

Bones zuckte die Schultern. »Es ist nicht an mir, meine liebe, gute Freundin, Ihnen von den Nächten zu erzählen, die ich in unheimlichen Wäldern zubrachte, in denen das Gebrüll und das Geheul der wilden Tiere erscholl«, sagte er aufgeregt. »Ich werde nicht von mir selbst sprechen. Wenn Sie glauben, daß ich Ihnen erzählen werde, wie ich diesen netten alten Leoparden verfolgt habe, wie ich durch die Schrecken des Waldes bis zu seiner Höhle kam, und wie ich allein mit ihm einen Kampf ausfocht, dann werden Sie sich irren.«

 

»Haben Sie ihn wirklich bis zu seinem Lager verfolgt?« fragte Hamilton, der endlich die Sprache wiederfand.

 

»Mein lieber alter Offizier, ich bitte Sie, jetzt über andere Dinge zu sprechen«, erwiderte Bones taktvoll und entging damit der Beantwortung der peinlichen Frage. »Hier sind die verlangten Waren, von mir abgeliefert am 14. currentis.«

 

Er steckte mechanisch seine Hand in die Tasche, und der junge Leopard sah plötzlich erregt auf.

 

»Bones, das haben Sie gut gemacht«, sagte Sanders ruhig.

 

Bones verneigte sich strahlend.

 

»Und jetzt entschuldigen Sie mich, bitte, denn ich will meinen kleinen Freund zu seiner Behausung bringen.«

 

Bevor sie recht wußten, was er tat, hatte er den Leoparden von der Kette losgemacht. Sogar Sanders trat einige Schritte zurück und legte seine Hand auf die Pistole, die er stets in der Hüftentasche bei sich trug.

 

Aber auf Bones machte dies alles keinen Eindruck. Er pfiff leise und marschierte zu seiner Hütte. Das große Tier folgte ihm wie ein treues Hündchen.

 

Am selben Abend ging Bones von seiner Hütte über den Exerzierplatz zur Residenz. Er plante noch weit größere Dinge. Er wollte unter den bewundernden Augen Patricias in den Wald hinausziehen und dann wie ein richtiger Orpheus mit einem ganzen Gefolge wilder Waldbewohner zurückkehren.

 

In der Tasche trug er eine kleine Flasche, und sein Rock roch nach Anis. Sein Geheimnis wäre in dem Augenblick preisgegeben gewesen, in dem er das Speisezimmer betreten hätte. Aber zu seinem Glück ereignete sich etwas Unvorhergesehenes, so daß er seine Pläne nicht zur Ausführung bringen konnte.

 

Er war halbwegs zur Veranda gekommen, als sich eine Gestalt vom Boden erhob und eine heisere Stimme rief: »Töte ihn!«

 

Er sah eine Speerspitze im unsicheren Licht der Sterne aufblitzen und sprang zur Seite. Eine Hand packte ihn an seinem Rock, aber er riß sich los und ließ das Kleidungsstück in den Händen des Angreifers. Er hatte keine Waffe bei sich, und es blieb ihm nur übrig zu fliehen.

 

Sanders hörte seinen Ruf und sprang auf die dunkle Veranda hinaus, als Bones die Stufen hinaufeilte.

 

Er sah zwei Männer, die Bones dicht auf den Fersen waren, und feuerte zweimal. Der eine fiel, der andere verschwand in der Finsternis.

 

Die Haussa-Schildwache auf der andern Seite des Exerzierplatzes schoß auch. Wieder sah Sanders einen Mann über den Platz laufen und feuerte, aber er verfehlte auch diesmal sein Ziel.

 

In der Dunkelheit tauchte plötzlich Ali Abid auf.

 

»Herr«, rief er atemlos und verstört, »das wilde Tier – Felis pardus – hat sich losgemacht, seinen Maulkorb abgerissen und jagt verschiedene Subjekte in schrecklicher Wut.«

 

Während er noch sprach, rannte ein Mann über den Platz vor der Residenz, diesmal so nahe, daß sie das Bündel sehen konnten, das er unter dem Arm trug.

 

»Mein Rock!« brüllte Bones. »Haltet ihn! Großer Gott!«

 

Dem Flüchtling war ein großes, gelbes Tier dicht auf den Fersen.

 

Ob O’ka von Jumburu dem Leoparden entkam oder ob der Leopard O’ka zerriß, ist nicht bekannt. Aber Bones durfte sein Quartier des Nachts erst wieder verlassen, als die Regenzeit kam und den Anisduft fortwusch. Denn vorher kamen die wilden Tiere zu seiner Wohnung, sogen den Duft ein, saßen erwartungsvoll vor seiner Tür und heulten fürchterlich.

 

    1. Beide Sorten, Anis und Sternanis ( Illicium anisatum) findet man in den Gebieten am Großen Strom. Es gibt auch eine kleine Pflanze, die alle Eigenschaften von Pimpinella anisum, sogar in verstärktem Maße, besitzt. Um diese Pflanze handelt es sich wahrscheinlich. E. W.