Kapitel 24

 

24

 

Mary ließ sich nicht beruhigen, und Tony brachte sie schließlich in ihr Zimmer. Angelo stand in der offenen Tür und sah nachdenklich hinter ihnen her.

 

Es war ihm ganz klar, daß die Zustände hier einer Krise zusteuerten. Der Wechsel von Minn Lee zu Mary würde auch noch andere entscheidende Veränderungen nach sich ziehen.

 

Lange Zeit stand Angelo, die Hand auf der Türklinke, und sah den Korridor entlang. Ganz in der Nähe stand in einer Garage ein schwerer Sportwagen. Eine Treppe, von der die Polizei keine Ahnung hatte, führte zu einem Geheimausgang. Alles war gut vorbereitet.

 

Angelo sah den Tatsachen ins Auge und machte sich keine Illusionen. Er hatte Tony in den vergangenen Jahren sehr gut kennengelernt, und einige untrügbare Anzeichen in seinem Benehmen hatten ihn gewarnt. Er wußte, daß er an der Reihe war und daß er heute abend unter einem Leichentuch liegen würde, wenn er keine Vorsichtsmaßregeln traf. Mit einem Seufzer drehte er sich um und schloß leise die Tür. Im Zimmer stand Minn Lee, die ihre Stickerei hatte holen wollen.

 

»Entsetzlich, wie Sie sich wegen Con aufführt«, sagte er.

 

Minn Lee lächelte.

 

»Wer weiß, vielleicht hat sie ihn doch geliebt.«

 

Angelo schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe genug von diesen ganzen Weibergeschichten.« Er lachte vor sich hin und ließ sich in einen Sessel fallen. »Wirklich, ein großartiges Leben hier!«

 

»Wo werden Sie einmal enden, Angelo?«

 

»Darüber dachte ich gerade auch nach. Es war Aussicht vorhanden, daß ich eines Tages die Leitung dieser ruhmvollen Organisation übernehmen würde – und ich kann Ihnen versichern, daß dann manches anders geworden wäre. Aber jetzt …« Er machte eine vielsagende Geste.

 

Dann stand er auf und ging zu Minn Lee hinüber, die an der Wand lehnte.

 

»Tony sagte mir etwas von einer neuen Geschäftsführerin, die er für eines seiner schmutzigen Lokale in Cicero braucht.«

 

»So?« fragte sie gleichgültig.

 

»Ich hoffe, daß er nicht jemand auswählt, den ich kenne.«

 

»Er wird schon die richtige Frau dafür finden – ich werde es auf jeden Fall nicht sein.«

 

»Hoffentlich nicht – um unser aller willen.«

 

Sie sah ihn erstaunt an.

 

»Was soll das heißen, Angelo? Was würden Sie denn tun, wenn er …?«

 

»Nichts, was mir später leid täte.« Er setzte sich auf den Klavierstuhl und drehte sich einmal im Kreis herum.

 

»Ich denke, Sie schätzen Tony sehr.«

 

Angelo lächelte.

 

»Teils, teils. Zugegeben, er ist tüchtig – aber jetzt hat er einige Sachen gemacht, die nicht hätten vorkommen dürfen.«

 

Nur selten hatte er so offen mit ihr gesprochen.

 

»Sie müssen sehr viel Vertrauen zu mir haben, daß Sie mir das alles sagen. Wenn Tony wüßte, wie Sie denken …«

 

Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

 

»Er wäre tot, bevor er die Hand an der Pistole hätte.«

 

In diesem Augenblick trat Tony ins Zimmer und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Angelo betrachtete ihn kritisch.

 

»Wie steht’s? Geht es Mutter und Kind gut?« erkundigte er sich.

 

»Werde nicht zu frech!« fuhr ihn Tony an. Hätten ihn die augenblicklichen Ereignisse nicht so stark in Anspruch genommen, dann wäre ihm die auffallende Veränderung in Angelos Wesen sicher nicht entgangen.

 

»Was wird sie tun?« fragte Minn Lee.

 

»Sie bleibt hier«, erwiderte Perelli kurz.

 

»Hat sie denn keine Freunde?«

 

»Doch – mich«, knurrte er ärgerlich. Angelo war ihm im Weg, und er wandte sich zu ihm. »Laß mich mal mit Minn Lee allein – und noch eines, Angelo: Um sechs Uhr muß ein Wagen für Minn Lee vor der Haustür stehen.«

 

Angelo nickte gleichmütig mit dem Kopf und ging hinaus. Tony sah ihm mit zusammengekniffenen Augen nach.

 

»Der Kerl wird zu frech«, murmelte er vor sich hin. »Na, an einem der nächsten Tage …«

 

Es fiel ihm nicht leicht, das zu erledigen, was jetzt erledigt werden mußte. Mit einer Handbewegung winkte er Minn Lee zu sich.

 

»Komm her, Liebling. Mir fällt da gerade etwas ein …« Er nahm ihre Hand und betrachtete prüfend die prachtvollen Ringe. »Es sind wertvolle Steine«, fuhr er langsam fort. »Meinst du nicht, daß sie einmal neu gefaßt werden müßten? Am besten, ich lasse das gleich morgen bei Tiffany erledigen.«

 

Er hielt die Hand auf, und ohne Widerstreben streifte sie einen Ring und ein Armband nach dem andern ab und gab sie ihm. Zufrieden schob er sie in die Tasche.

 

»Sie werden großartig aussehen, wenn sie neu gefaßt sind. Ich gebe sie dir natürlich zurück, keine Sorge! Die Arbeit wird ausgeführt, während du fort bist.«

 

Auf seinen letzten Satz hatte er besonderen Nachdruck gelegt, und sie sah ihn groß an.

 

»Während ich fort bin?«

 

»Ja, du wirst mich ein wenig verlassen müssen. Weißt du, so schnell komme ich nicht über die Sache mit Jimmy weg … Ich liebe dich zu sehr«, sagte er vorwurfsvoll. »Hoffen wir, daß ich das mit der Zeit vergessen kann …«

 

Ein langes Schweigen folgte. Minn Lee sah mit ihrem unergründlichen, rätselvollen Lächeln auf ihren nackten Arm.

 

»Wohin soll ich denn gehen?« fragte sie sanft.

 

Er nahm ihre Hände in die seinen.

 

»Ich will es dir sagen. Du möchtest mir doch gern helfen, nicht wahr? In der letzten Zeit habe ich viel Schwierigkeiten in Cicero gehabt. Diese verdammten Mädchen haben mich bestohlen, wo sie nur konnten – die Geschäftsführerin des großen Lokals mußte ich hinauswerfen. Sie taugte nichts.«

 

Er hörte, daß Minn Lee scharf die Luft einzog und erwartete einen Tränenausbruch; doch er hatte sich getäuscht.

 

»Du möchtest, daß ich ihre Stelle einnehme?« fragte sie und schüttelte den Kopf.

 

»Nur für kurze Zeit«, bat er in seinem freundlichsten Ton. »Du bist sehr gewissenhaft, Minn Lee, und könntest dort alles für mich in Ordnung halten. Natürlich erhältst du eine schöne Wohnung, Autos, was du willst …«

 

Sie schüttelte wieder den Kopf, und diesmal sah er sie scharf an und redete im Befehlston.

 

»Minn Lee, ich bin sehr gut zu dir gewesen!«

 

»Ja, du hast recht …«, sie sprach jetzt so leise, daß er sie kaum verstehen konnte.

 

»Also, sei lieb und mach mir keinen Kummer!«

 

Seine Worte klangen bestimmt; die Sache war für ihn erledigt. Mit einem vergnügten Lächeln stand er auf.

 

»Ich spiele ein wenig Klavier; du kannst mir zuhören.«

 

»Spiele nur, Tony«, sagte sie. »Ich muß meiner Schneiderin noch schreiben …«

 

»Gut.« Er setzte sich an das Instrument und sprach, während er spielte. »Natürlich werden deine Rechnungen, die noch offenstehen, alle bezahlt. Leg sie nur auf den Tisch, damit Angelo sie findet!«

 

Sie hörte ihm nicht mehr zu. Vor ihr lag ein großer Block, und sie begann schnell zu schreiben, während Tony sich seinem Spiel widmete.

 

Plötzlich fühlte er ihre Hand auf seiner Schulter und schaute auf. Ihr Gesicht war bleich.

 

»Du bist doch nicht krank?« fragte er bestürzt. Das hätte die Angelegenheit im Augenblick unangenehm kompliziert. – »Nein, nein – ich bin nicht krank.«

 

»Schön, Minn Lee, du bist ein tüchtiges Mädchen.« Er streichelte ihre Hand. »Aber du siehst so blaß aus.«

 

»Ein wenig Kopfschmerzen, Tony …«

 

»Leg dich doch hin!«

 

Er sah, wie sie sich auf die Couch legte, und begann wieder zu spielen. Angelo kam ihm in den Sinn, und er redete halb über die Schulter zu Minn Lee hin.

 

»Dieser Angelo macht mir Sorgen! Der Kerl spielt sich zu sehr auf – es ist immer dasselbe mit den kleinen Leuten, denen man eine Chance gibt. Er wird sich wundern! – Hörst du eigentlich zu, Minn Lee? Minn Lee, bist du eingeschlafen? Du wirst noch packen müssen, der Wagen ist um sechs Uhr da.«

 

Er stand auf und streckte sich. Dabei sah er den Briefbogen, den sie seitlich auf das Klavier gelegt hatte. Nachlässig nahm er ihn auf und las ihn flüchtig – aber dann fuhr er entsetzt herum. Sein Gesicht war aschgrau.

 

»Minn Lee! Minn Lee!« rief er heiser.

 

Sie lag ganz still. Ihr Gesicht war totenbleich.

 

»Minn Lee, um Himmels willen, was hast du getan!« schrie er verzweifelt und lief zu ihr. »Minn Lee …!«

 

Es klopfte scharf an die Tür, und bevor er einen klaren‘ Gedanken fassen konnte, stand Kelly vor ihm.

 

Der Beamte überflog die Szene mit einem Blick – die Tote, die friedlich und ruhig auf dem Sofa lag, den vor Schreck zitternden Perelli.

 

»Was ist …«

 

Dann sah er die Hand Perellis auf Minn Lees Brust – sie hielt den Griff des Dolches umklammert, mit dem sie sich getötet hatte.

 

»Lassen Sie das Ding los!«

 

Tony sah ihn wie betäubt an. Er öffnete seine Hand …

 

»Rühren Sie sich nicht!«

 

Kelly hatte eine Pistole gezogen und hielt Tony damit in Schach.

 

»Nein, nein! Ich habe es doch nicht getan!« stammelte Perelli. »Wirklich nicht … Es ist Selbstmord – dort liegt der Brief. Lesen Sie doch – sie hat es selbst geschrieben …«

 

Kelly nahm das Blatt und las die wenigen Worte.

 

›Leb wohl, Tony. So ist es besser für mich.

Deine Minn Lee‹

 

Es war ihre Schrift. Kelly schaute Tony an – dann holte er sein Feuerzeug heraus, knipste es an und hielt es an das Blatt Papier.

 

»Ich weiß nicht, wieviel Menschen Sie getötet haben, ohne dafür bestraft zu werden«, sagte er mit haßerfüllter Stimme und sah zu, wie das Blatt Feuer fing. »Komisch, daß Sie jetzt für eine Tat auf den elektrischen Stuhl kommen werden, die Sie nicht begangen haben – wirklich originell, wie?«

 

Diese Worte wirkten auf Perelli wie eine kalte Dusche; plötzlich gewann er seine Besinnung wieder. Er lief zum Telefon, wählte eine Nummer und sprach gleich darauf mit einem Mann, den Kelly gut kannte – es war einer der bekanntesten Rechtsanwälte Chicagos. Der Beamte zuckte hilflos die Schultern – einen Augenblick lang hatte er geglaubt, daß es nun mit Perelli aus sei, aber jetzt erkannte er, daß es überhaupt kein Ende gab. Perelli wußte zu gut Bescheid – und hatte zu viel Geld. Er würde verhaftet werden, sicher – aber bei der Verhandlung würde man ihn mangels Beweisen wieder freilassen. Welchen Zweck hatten alle seine Bemühungen noch? Perellis Worte fielen ihm ein, daß sich die Unterwelt eigene Gesetze geschaffen habe.

 

Mit einer resignierten Handbewegung drehte er sich um und ging zur Tür. Er sah nicht, daß Angelo durch die gegenüberliegende Tür hereinschaute und mit einem langen Blick die Situation erfaßte. Von Minn Lee, die er geliebt hatte, schaute er zu Perelli, den er haßte …

 

»Da haben Sie es, Kelly!« rief Tony triumphierend. »Sagte ich Ihnen nicht, daß ich selbst das Gesetz bin? Sie sind zwar sehr geschickt, aber noch lange nicht so geschickt wie ich. Ich habe meinem Rechtsanwalt alles erzählt … Na, was meinen Sie, was jetzt passiert? Gar nichts werden Sie mir anhaben können …«

 

Angelo öffnete die Tür ein wenig weiter, in der Hand hielt er eine schwere Pistole.

 

»Also, hören Sie mal zu, Kelly …« begann Tony wieder.

 

Zwei, drei Schüsse krachten. Angelo schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Dann eilte er zu dem Geheimausgang, vor dem sein Wagen wartete.

 

Kelly, der noch unter der Tür stand, war herumgefahren. Gleich darauf schaute er düster auf den Toten, der zu seinen Füßen lag.

 

»Das hatte er vergessen«, sagte er langsam, »die Strafe seines eigenen Gesetzes.«

 

Kapitel 3

 

3

 

Victor Vinsetti nahm eine recht außergewöhnliche Stellung in der Unterwelt von Chicago ein. Seit zwei Jahren war er der Unterhändler einiger großen Banden, die den Schmuggelbetrieb auf den großen Seen Kanadas aufrechterhielten. Seine Haupttätigkeit bestand außerdem darin, die vielen Streitigkeiten zu schlichten, die für gewöhnlich unter den Geschäftspartnern auszubrechen drohten.

 

Er sah gut aus und stand in dem Ruf, zu Damen besonders höflich zu sein.

 

Zu seinem Unglück machte er den Fehler, sich in Kanada mit einer jungen Dame zu verloben, die sich nicht ohne weiteres abschütteln ließ, als er ihrer überdrüssig wurde. Sie verklagte ihn wegen Bruchs des Heiratsversprechens, und obwohl er mit Hilfe eines geschickten Rechtsanwaltes die Sache durch einen Vergleich beizulegen versuchte, wurde er zur Zahlung einer beachtlich großen Schadenersatzsumme verurteilt. Er zahlte, ohne mit der Wimper zu zucken. Viel schlimmer war es für ihn, daß er durch diese Sache seinen Posten als Agent verlor, was ihn um einen großen Teil seiner Einnahmen brachte.

 

»Skandale liegen mir nicht«, erklärte ihm Tony Perelli, als die Angelegenheit zwischen ihnen zur Sprache kam. »Sie sind in Kanada jetzt bekannt wie ein bunter Hund, und das kann ich begreiflicherweise nicht gebrauchen.«

 

»Das ist doch unsinnig«, entgegnete Vinsetti, für den allerhand auf dem Spiel stand.

 

»Möglich. Das ist wenigstens Ihre Ansicht – ich denke anders darüber. Gehen Sie eine Zeitlang nach dem Osten und seien Sie froh, daß ich Ihnen nichts weiter nachtrage.«

 

Er klopfte Vinsetti liebenswürdig auf die Schulter.

 

Als er am Abend allein mit Minn Lee zusammensaß, unterhielt er sich eingehend mit ihr über den Vorfall. Sie saßen Seite an Seite auf einer breiten Couch; der Raum war matt erleuchtet vom Schimmer einiger bernsteinfarbiger Lampen.

 

»Dieser Vinsetti läuft zu sehr den Weibern nach. Unentwegt diese Liebeleien und ähnlicher Unsinn.«

 

»Ist denn Liebe Unsinn?« fragte sie lächelnd.

 

Er schmunzelte. »Die Liebe zu dir natürlich nicht! Aber wo in der Welt findet man auch eine solche Frau wie dich?«

 

Er streichelte vorsichtig ihre kleine Hand und schaute sie zärtlich an; dann ging er zum Klavier und spielte eine Stunde lang. Sie lauschte ihm hingegeben; er war ein hervorragender Pianist. Auch Geigenspielen konnte er virtuos, aber vor allem Klaviermusik war seine Leidenschaft.

 

Als Tony zu Minn Lee zurückkehrte und sich an ihrer Seite niederließ, fing er noch einmal von Vinsetti an.

 

»Der Junge ist tatsächlich ein wenig zu unbeständig – aber trotzdem war er mir sehr nützlich. Er konnte wenigstens wie ein vornehmer Mann auftreten und mit vornehmen Leuten verhandeln. Vielleicht überlege ich mir die Sache doch noch. Schließlich macht jeder einmal einen Fehler…«

 

Ein paar Tage später hatte er Victor Vinsetti schon beauftragt, mit dem Polizeichef Kelly über die Freilassung eines Bandenmitglieds zu verhandeln, das die Polizei geschnappt hatte. Es war ein Triumph für Vinsetti, daß er den Mann durch seine geschickte Verhandlungstaktik freibekam.

 

»Eigentlich hätten wir den Burschen ja hierbehalten sollen«, sagte Kelly, als er mit Harrigan die Sache besprach.

 

»Vielleicht – vielleicht auch nicht«, erwiderte Sergeant Harrigan. »Meiner Meinung nach hat Perelli nur deshalb so viel Wert darauf gelegt, daß dieser Bursche freikommt, weil er fürchtet, man könnte dem Mann noch ein anderes Verbrechen zur Last legen. Heute morgen wurde Red Gallway gefunden – er ist von hinten niedergeknallt worden.«

 

»Das war zu erwarten – der Mensch hat auch wirklich zu viel geredet. Übrigens, es ist zwar Zeitvergeudung, aber vielleicht besuche ich doch einmal Perelli.«

 

»Wissen Sie, daß er eine neue Frau im Haus hat?«

 

»Ja, ich weiß – Minn Lee, Mrs. Waite oder wie sie sonst heißt. Eines muß man Perelli schon lassen – er ist das, was es eigentlich gar nicht gibt: ein Gentleman Verbrecher. Eine nette Auswahl von Rohlingen hat er ja um sich versammelt, aber niemals hat einer seiner Bande etwas verraten.«

 

Harrigan sah ihn bedeutungsvoll an.

 

»Früher oder später wird wenigstens einer pfeifen«, meinte er leise.

 

»Denken Sie an Vinsetti? Wenn der Fall eintreten sollte, weiß Perelli früher davon als wir – und wenn erst Perelli etwas davon weiß …«

 

Er lächelte und vollendete den Satz nicht.

 

Harrigan zündete sich eine Zigarre an.

 

»Natürlich wird Vinsetti niemals als Zeuge vor Gericht zu gebrauchen sein. Immerhin will er sich aber gut mit der Polizei stellen, und ganz bestimmt wird er uns eines Tages Einzelheiten sagen, die uns Perelli vielleicht ans Messer liefern.«

 

»Glauben Sie? Dann sagen Sie ihm, wenn Sie ihn das nächstemal sehen, daß Perelli ganz genau weiß, was für ein unsicherer Kantonist er ist. Sichern Sie Vinsetti zu, daß wir ihm jeden Schutz gewähren, wenn er beichtet.«

 

Harrigan versuchte während der beiden nächsten Tage ein zufälliges Zusammentreffen mit Victor Vinsetti herbeizuführen. Er hatte keinen Erfolg, weil Vinsetti inzwischen Minn Lee getroffen und prompt Feuer gefangen hatte.

 

Minn Lee hatte zwar etwas eigenartige Begriffe von Ehrenhaftigkeit, aber man mußte ihr lassen, daß sie sich wenigstens streng danach richtete. Zum Beispiel wäre es ihr nie eingefallen, den Mann zu betrügen, dem sie angehörte. So hinterbrachte sie alles, was Vinsetti tat und was er ihr vorschlug, getreulich Tony. Ohne viel Aufhebens davon zu machen, erzählte sie ihm, was sich jeden Tag zugetragen hatte. Gerade ihre Bescheidenheit und Zurückhaltung waren es, was Tony Perelli so an ihr leiden mochte.

 

Vinsetti hatte über viele Dinge mit ihr gesprochen; vor allem natürlich über seine Liebe und über das glanzvolle und abwechslungsreiche Leben in Europa, das er ihr bieten wollte. Aber er hatte auch andere Dinge berührt, die Antonio Perelli nicht im günstigsten Licht erscheinen ließen. Zum Beispiel erzählte er ihr von einigen Gebäuden im Stadtteil Cicero, die eine ganze Reihe sehr übel beleumdeter Lokale enthielten.

 

Minn Lee war nicht sehr aufgebracht darüber. Was Tony Perelli auch tat, war für sie richtig.

 

Tony dagegen, dem sie berichtete, war ernstlich böse; als er Vinsetti am nächsten Tag traf, war er kurz angebunden.

 

»Wenn du mit Minn Lee sprechen willst«, sagte er zu ihm, »dann benütze in Zukunft am besten das Telefon. Du bist zwar brauchbar – aber auch du redest zuviel!«

 

Als Vinsetti Tony ansah, erschrak er. War er diesmal zu weit gegangen?

 

An und für sich war Tony Perelli durchaus nicht sehr nachtragend. Man konnte mit ihm streiten, und er war nicht der Mann, der sich ewig über eine solche Zwistigkeit ärgerte. Anders war es, wenn gewisse Grenzen überschritten wurden – dann konnte er erbarmungslos sein.

 

Bis jetzt war Tony Perellis Streit mit Vinsetti rein privater Natur. Man hatte ihn in den Augen seiner Frau herabgesetzt, und er fühlte sich deshalb in seiner persönlichen Ehre angegriffen. Allerdings schien er auch diese Sache noch einmal vergessen zu wollen. Doch Vinsetti hatte den Haß in Perellis Augen gesehen, und das hatte genügt, um seine Leidenschaft abkühlen zu lassen. Er wurde vorsichtig. Als geborener Diplomat wußte er, daß man seinem Gegner schmeichelte, wenn man sich vor ihm in acht nahm. Nach einer Weile schien auch wieder alles im alten Geleise zu sein, wenigstens war Perelli liebenswürdig wie immer. Vinsetti aber war trotzdem beunruhigt.

 

Er sollte recht behalten.

 

Für gewöhnlich war Tony großzügig, gleichzeitig lag aber etwas von der Hinterlist einer Katze in seinem Charakter: Ohne vorher zu warnen, schlug er rücksichtslos zu. Diesmal machte er eine Ausnahme und deutete bei Vinsettis nächstem Besuch an, was er wußte.

 

»Dein Urlaub fällt dieses Jahr ins Wasser«, sagte er. »Gib deinen Platz auf der ›Empress of Australia‹ lieber zurück. Du hättest das Geld zum Fenster hinausgeworfen, verstehst du?«

 

Mehr sagte er nicht. Er machte Vinsetti seltsamerweise keinerlei Vorhaltungen und geriet nicht in Wut über dessen unverzeihliche Handlungsweise. Unverzeihlich war sie, denn wenn ein Mann sich heimlich von seiner Bande zu drücken versucht, der er angehört, ist er für immer bei seinen früheren Freunden geächtet. Früher oder später ist ihm eine Kugel sicher.

 

Perellis Nachrichtensystem hatte auch diesmal wieder vorzüglich gearbeitet. In jeder Bank, auf jedem Reisebüro hatte er Leute sitzen, die ihn informierten, wenn ein Mitglied seiner Bande irgendeinen verdächtigen Schritt unternahm.

 

Eigentlich war es schade um Vinsetti, auch nach Angelos Meinung. In seiner Art hatte ihn niemand übertroffen. Man brauchte Leute, die sich so zu kleiden verstanden wie er und die vor allem mit den nach außen hin sehr ehrenwerten Schuften umgehen konnten, die den Rohstoff für Perellis Handel lieferten. Auch als Verbindungsmann zwischen den einzelnen Schmugglerbanden war Vinsetti unbezahlbar. Er war der einzige, der sich ohne weiteres in jedem Bezirk sehen lassen konnte. Sowohl zu dem Polen Joe als auch zu Tom Feeney und den Chefs anderer Organisationen stand er in guten Beziehungen. Schwierige Angelegenheiten behandelte er diskret; wenn er etwas versprochen hatte, konnte man sich darauf verlassen – und außerdem verstand er ausgezeichnet, mit Pistolen aller Kaliber umzugehen.

 

Perellis Tätigkeit erstreckte sich auf die verschiedensten Gebiete. Fast überall war er an erlaubten und unerlaubten Geschäften beteiligt; einen scharfen Trennungsstrich zog er aber zwischen sich und der gewöhnlichen Sorte von Gangstern. Er hatte seinen eigenen Ehrenkodex, von dem er unter keinen Umständen abwich. Das Geld der Leute, die er aus irgendwelchen Gründen hatte beseitigen lassen, fand man stets unberührt. Vor allem aber schätzten es seine Geschäftspartner, daß man sich sowohl als Käufer wie als Verkäufer unbedingt auf ihn verlassen konnte. Seinen ›Angestellten‹ zahlte er unheimliche Gehälter, aber obgleich er eine kleine Armee beschäftigte, hatte er doch alle Einzelheiten seiner vielen geschäftlichen Transaktionen selbst im Kopf.

 

Er war klug, am meisten nützte ihm aber sein sechster Sinn, der ihn fast immer rechtzeitig vor Gefahren warnte. Deshalb gehorchte er auch seinen Eingebungen blindlings. Auch Red hatte er nicht etwa erschießen lassen, weil dieser zur Polizei gegangen war, sondern weil er das Gefühl hatte, daß er für ihn in Zukunft eine große Gefahr bedeuten könne.

 

Kapitel 2

 

2

 

Von dem Dachgarten mit der venezianischen Balustrade konnte Tony Perelli die ganze Stadt überblicken, in der er der ungekrönte König der Alkoholschmuggler war. Und er liebte sein Königreich Chicago. Endlose Reihen von Autos brachten seine Untertanen täglich zur Arbeit; denn jeder, der an irgendeinem versteckten Plätzchen seiner Wohnung Alkohol lagerte, gehörte zu seinen Untertanen.

 

Es verstieß gegen das Prohibitionsgesetz, In den Vereinigten Staaten war es von 1917-1933 verboten, Alkohol herzustellen oder zu verkaufen. Alkohol herzustellen oder zu verkaufen; jede heimlich in den Keller geschmuggelte Weinkiste oder Schnapsflasche konnte zu Konflikten führen. Im Preis für Alkohol waren die Prozente des Schmugglers ebenso inbegriffen wie die des Pistolenschützen, der die Transporte begleitete. Seitdem es verboten war, hatten die Leute erst recht ihre Vorliebe für hochprozentige Getränke entdeckt. Sie nahmen achselzuckend davon Kenntnis, daß jeder, der den Alkoholschmuggel störte, damit rechnen mußte, erschossen und vom fahrenden Auto aus auf die Straße geworfen zu werden. Wahrscheinlich wären sie aber doch erschrocken, wenn man ihnen gesagt hätte, daß in dem Alkoholpreis auch die Munition der Mörder und die Blumenkränze für die Gräber der Opfer eingerechnet waren.

 

Perelli trat eben in den supervornehm eingerichteten Raum, der zugleich als Frühstücks- und Arbeitszimmer diente. Der japanische Diener hatte gerade den Kaffee gebracht. Nach der Hausordnung, die Perelli festgesetzt hatte, würde Minn Lee erst am Nachmittag erscheinen, und auch Angelo, der vor kurzem eine vornehme Wohnung gemietet hatte, kam erst später.

 

Perelli sah auf die Uhr. Es war erst acht, aber trotzdem erwartete er bereits einen Besucher. Im gleichen Augenblick wurde er durch das leichte Surren eines Summers auf seinem Schreibtisch angemeldet.

 

Red Gallway war die luxuriöse Umgebung nicht sympathisch, und an diesem Morgen fühlte er sich hier noch weniger wohl als sonst, weil er einen beträchtlichen Groll gegen Perelli aufgespeichert hatte. Die ganze Nacht über hatte er sich in seinen Zorn hineingesteigert, aber jetzt, im hellen Tageslicht, fiel es ihm schwer, diese Stimmung aufrechtzuerhalten.

 

»Setz dich, Red, und erzähle, was es im Westen Neues gibt.«

 

»Ich muß etwas wissen, Perelli – und wenn ich es nicht sofort erfahre, dann ist der Teufel los. Verstehst du?«

 

Tony sah ihn neugierig und ziemlich von oben herab an.

 

»Mach dich doch nicht lächerlich. Wirklich zu komisch, wenn du dich aufspielen willst … Aber schön, schieß los!«

 

Red rutschte unruhig in seinem Sessel hin und her.

 

»Du kennst Leeson – Mike Leeson. Das war mein Freund, Perelli. Und jetzt hat ihn einer über den Haufen geknallt. Ich möchte den Kerl sehen, der das getan hat!«

 

Antonio Perelli lächelte.

 

»Ich habe ihn umgelegt«, sagte er fast gemütlich.

 

Tiefes Schweigen folgte.

 

»Hast du vielleicht etwas dagegen?« erkundigte sich Perelli dann freundlich.

 

Red biß sich auf die Lippen.

 

»Aber das ist doch keine Art, einen so netten Kerl einfach mir nichts, dir nichts … Einen Freund von mir! Mike und ich waren wie Brüder …«

 

»Dann solltest du eigentlich Trauer tragen«, erklärte Perelli gelassen, »denn dein Bruder ist tot.«

 

»Warum hast du das getan?« fragte Red verbissen.

 

Perelli hielt es für nicht der Mühe wert zu antworten.

 

»Sag doch, warum du es getan hast? Mike war ein netter Kerl und hat mir viel geholfen.«

 

»Ich habe es eben für richtig gehalten.«

 

Tony lehnte sich nachlässig auf seinem Stuhl zurück, griff nach der Kaffeetasse, die vor ihm stand, und nahm einen Schluck.

 

»Ja – ich habe es für richtig gehalten. Und wenn ich erst einmal etwas für richtig halte, dann tue ich es auch.«

 

Red nagte an seiner Unterlippe. Er fürchtete Perelli, aber innerlich kochte er vor Wut.

 

»Du hast dich nicht besonders liebenswürdig mir gegenüber verhalten!«

 

Tony nickte.

 

»Na, wenn du willst, kondoliere ich dir. Warst du übrigens im Krankenhaus? Nein? Da liegt gerade ein anderer Freund von dir, der Grieche Ontropolos. Es geht ihm ziemlich schlecht – gestern abend hat ihm jemand mit dem Gummiknüppel eins übergezogen. Möchtest du wissen, warum? Er hat einem meiner Leute Koks verkauft.«

 

Red schwieg.

 

»Und ich will nicht, daß meine Leute trinken oder irgendwelche Rauschgifte nehmen!«

 

»Das brauchst du mir nicht zu sagen. Für mich selber kann ich allein sorgen …«, begann Red.

 

»Sicher kannst du das. Übrigens liegt niemand etwas daran, wenn du es nicht tust. Vor allem aber wirst du nicht dafür bezahlt, daß du für dich selbst sorgst, sondern daß du dich um mich und meine Leute kümmerst. Wenn deine Hände zittern und wenn du nicht ganz klar im Kopf bist, dann ist das schlimm. Wenn du trinkst und die Klappe nicht halten kannst, ist es noch viel schlimmer – denn ich weiß nur zu genau, daß ein Kokainsüchtiger jedes Geheimnis gegen eine entsprechende Menge Koks verkauft. So, nun weißt du es. Und das ist mein letztes Wort – laß die Finger von dem weißen Pulver oder mach, daß du fortkommst.«

 

Red erhob sich.

 

»Schön, in Ordnung, ich gehe!«

 

Ein rätselhaftes Lächeln spielte um Perellis Mundwinkel.

 

»Gut – wie du meinst!«

 

Wenn Red im allgemeinen auch nicht sehr sensibel veranlagt war, so fühlte er doch jetzt fast körperlich die Drohung, die in diesen Worten lag.

 

»Tony, ich bin kein Schuljunge, der sich in jede Ecke stoßen läßt! Und wenn sich zwei Partner nicht mehr miteinander vertragen, dann müssen sie sich eben trennen.«

 

»Da hast du recht«, entgegnete Tony und nickte.

 

Red ging. In seinem Kopf schwirrte es von Plänen. Er hatte verschiedene Tricks des Alkoholgeschäfts gelernt, von denen er nie etwas erfahren hätte, wenn Tony Perelli nicht etwas zu mitteilsam gewesen wäre.

 

Als nächstes ging er zu einem guten Bekannten, der auch der Schmugglerbande angehörte, und lud ihn zum Mittagessen bei Bellini ein. Dort erzählte er ihm alles, was ihm durch den Kopf ging.

 

Victor Vinsetti war ein gutgekleideter junger Mann mit merkwürdig ruhelosen Augen. Bezeichnend für ihn war, daß er immer den Verdacht zu haben schien, daß jemand hinter ihm stände. Nur sehr selten äußerte er eigene Ansichten, verstand dafür aber ausgezeichnet zuzuhören.

 

Er erfuhr, was Red Gallway bedrückte und was mit Mike Leeson passiert war. Red versuchte ihm klarzumachen, wie leicht es sein würde, ein eigenes Schmuggelunternehmen zu starten, Stoff über die Grenze zu bringen und neue Absatzgebiete zu finden. Wenn man nur ein paar tüchtige, smarte Jungen fand, die in den geheimen Kneipen als Vertreter fungierten, konnte man in lächerlich kurzer Zeit ein Vermögen verdienen.

 

Vinsetti hörte interessiert zu, weil er selbst auch schon ähnliche Gedanken gehabt hatte. Seit einiger Zeit befaßte er sich allerdings mit anderen Plänen.

 

»Habe ich recht oder nicht, Vic?« fragte Red am Schluß seiner langen Ausführung.

 

»Natürlich hast du recht – und ich verstehe dich durchaus. Aber die Sache ist doch nicht so einfach, wie du es dir vorstellst. Und auf jeden Fall bist du sehr unvorsichtig, wenn du so viel darüber sprichst.«

 

»Mike Leeson war ein tüchtiger Kerl …«

 

»Mike war gar nichts, höchstens eine große Null«, unterbrach ihn Vinsetti ruhig. »Er ist tot, und es ist auch nicht weiter schade um ihn – ich möchte nur wissen, wie Perelli darüber denkt …«

 

Er dachte intensiv nach, während Red ihn neugierig betrachtete. Vinsetti war selbst ein gefürchteter Pistolenschütze, wenn er auch nicht zu den ganz großen Leuten gehörte. Alle wußten, daß er reich war. Die Pläne, die ihn beschäftigten, bestanden einfach darin, daß er sich vom Alkoholschmuggel zurückziehen wollte – obwohl man sagte, daß dies selten jemand gelänge, der einmal daran beteiligt gewesen war. Auf der ›Empress of Australia‹ war eine Kabine für ihn belegt. Er wollte über Kanada reisen; alles, was wertvoll war, hatte er bereits zu Geld gemacht und stand auch schon wegen einer Villa an der Küste von San Remo in Unterhandlungen. Reds Offenheit war ihm peinlich; besonders weil er wußte, daß jeder zweite Kellner bei Bellini ein Spion war.

 

Noch am gleichen Abend ging er zu Perelli.

 

»Red ist wütend«, erzählte er. »Ich war mit ihm bei Bellini, und er hat mir dauernd etwas vorgejammert.«

 

»Ich möchte keine Schwierigkeiten mit ihm haben«, erwiderte Tony. Dies war zugleich seine Kampfansage und sein Alibi.

 

Immer wenn Red getrunken hatte, verwickelte er sich in Schwierigkeiten. Diesmal versuchte er, durch einen Mittelsmann in Verbindung mit Tom Feeney zu kommen, der den Alkoholschmuggel im südlichen Bezirk kontrollierte. Aber es gelang ihm nur, mit O’Donnell zu sprechen, der Toms Personalchef und Schwager war.

 

In Wirklichkeit war O’Donnell der leitende Kopf der Bande, und das war nach Perellis Ansicht der schwächste Punkt der Tom Feeney-Gesellschaft. O’Donnell war klein, hager und leicht erregbar. Zu schnell mit der Pistole bei der Hand, wie die einen sagten, und unverschämt frech mit seinem Mundwerk, wie andere wissen wollten.

 

Er hörte sich Reds Vorschläge sehr kühl und gelassen an.

 

»Red, Sie haben eigentlich für uns ebensowenig Wert wie für sonst jemand«, erklärte er schließlich sachlich. »Sie nehmen Koks, und Sie saufen. Bei unserem Geschäft kann man solche Leute nicht brauchen. Für Perelli habe ich durchaus nicht viel übrig – aber Schwierigkeiten will ich keine mit ihm haben. Wenn Sie allerdings in seinem Bezirk verkaufen wollen, stellen wir Ihnen genügend Alkohol zur Verfügung.«

 

Am nächsten Tag ereignete sich nichts Besonderes, außer daß Red Gallway nach anderer Richtung hin Anschluß suchte. In der frühen Dämmerung des Winternachmittags stand er im Polizeipräsidium und bat um eine Unterredung mit Kommissar Kelly. Er wollte sich über einen Polizeibeamten beschweren, erklärte er möglichst laut. Das Polizeipräsidium lag in Perellis Bezirk, und Spitzel berichteten ihm alles Wissenswerte.

 

Niemand außer Red wäre in dieser Lage zum Polizeipräsidium gegangen. Schließlich hätte er ja auch die Möglichkeit gehabt, anzurufen und einen Treffpunkt für eine geheime Zusammenkunft zu vereinbaren. Aber wenn Red Gallway Kokain genommen hatte, überlegte er nie lange. Eine Viertelstunde später saß er schon dem Chef der Kriminalpolizei gegenüber.

 

Er wollte seine Geschichte möglichst schlau erzählen und vor allem keine Namen nennen. Offen gab er nur zu, daß er in Lebensgefahr schwebe, und nachdem sich Kommissar Kelly einige Zeit mit ihm unterhalten hatte, war er auch davon überzeugt.

 

Red erzählte Kelly nichts, was Kelly nicht schon wußte; bittere Erfahrungen hatten den Beamten im übrigen gelehrt, daß es völlig sinnlos gewesen wäre, Red beim Wort zu nehmen und ihn als Zeugen in einem Prozeß auftreten zu lassen.

 

Kelly wußte ganz genau, wie und warum Mike Leeson ums Leben gekommen war. Er kannte die Namen der Leute, die den Abtransport der Leiche durchgeführt hatten, genauso wie die Nummer ihres Wagens.

 

Red hätte wahrscheinlich noch einige Stunden geredet, aber Kelly hatte viel zu tun, und an einseitigen Unterhaltungen, bei denen er nichts Neues erfuhr, lag ihm nicht viel.

 

»Wollen Sie bei uns bleiben?« fragte er.

 

Red sah ihn entrüstet an.

 

»Soll das heißen, daß Sie mich in Schutzhaft nehmen wollen? Ich bin groß genug, um auf mich selber aufzupassen. Nein, ich werde mich um den ganzen Laden hier nicht mehr kümmern. Chicago kann mir gestohlen werden – ich habe in andern Städten genug Freunde, die mir weiterhelfen.«

 

Als Red wieder auf die Straße trat, wurde er von drei Leuten beobachtet. Aber nur zwei davon waren Polizeibeamte.

 

»Verliert den Kerl bloß nicht aus den Augen«, hatte der Chef kurz vorher zu ihnen gesagt.

 

An der nächsten Straßenecke begrüßten zwei Männer freudig Gallway und nahmen ihn in die Mitte.

 

»Was fällt Ihnen denn ein?« fragte Red, als sie ihm liebenswürdig auf die Schulter schlugen und sich bei ihm einhängten.

 

»Wenn Sie den Mund aufmachen, knallt’s«, erwiderte der eine in herzlichstem Ton und preßte ihm die Mündung einer Pistole in die Seite.

 

»Sind Sie verrückt, Sie …!«

 

Die Beamten, die Red beschatten sollten, waren noch Neulinge. Sie sahen nur, daß zwei gute Freunde Red begrüßten und mit ihm in ein Auto einstiegen. Es fiel ihnen nichts Besseres ein, als schnell ein Taxi zu nehmen, aber noch bevor sie einen Wagen gefunden hatten, war das andere Auto schon abgefahren und außer Sicht.

 

Red überschaute die Lage nicht sofort. Er war sich nur darüber klar, daß der Mann, der direkt hinter ihm saß, einen harten, kühlen Gegenstand gegen sein Genick drückte. Dabei unterhielt sich dieser Mensch intensiv mit dem Chauffeur über ein Baseball-Match. Die beiden stritten miteinander, ob Südkalifornien oder Columbia gewinnen würde. Der Chauffeur war für Columbia.

 

»Dafür bin ich auch«, versuchte sich Red ängstlich einzuschalten.

 

»Halten Sie bloß die Klappe«, entgegnete der Chauffeur. »Ich kann mich nur wundern, daß Sie nicht heiser sind – Sie haben doch wirklich lange genug mit dem Polypen gequatscht! Möchte wissen, wen Sie alles verpfiffen haben.«

 

»Ich – verpfeifen?« protestierte Red ärgerlich.

 

Die Pistolenmündung preßte sich unbarmherzig gegen sein Genick.

 

»Schnauze!«

 

Sie ließen jetzt die Stadt hinter sich und kamen durch eine verlassene Gegend, in der nur einzelne Baracken standen. Schließlich hielt der Wagen bei einem kleinen Gehölz, das direkt neben der holperigen Straße lag.

 

»Raus mit Ihnen!« befahl der Mann hinter Red. Gallway gehorchte. Das Kokain wirkte jetzt nicht mehr, und er zitterte am ganzen Körper.

 

»Was wollen Sie denn eigentlich von mir?« stieß er mühsam hervor. »Ich habe der Polizei bestimmt nichts verraten! Fahren Sie mich sofort zu Tony. Er wird Ihnen sagen …«

 

Die beiden nahmen ihn wieder zwischen sich und schleppten ihn in das Gehölz.

 

»Wollen Sie mich etwa kaltblütig abknallen?« keuchte Red. »Hören Sie doch …«

 

Die Sicherung einer Pistole klickte. Gleichzeitig mit dem Schuß fiel Red auf die Knie und schwankte. Er hörte weder den ersten noch den zweiten Knall. Der Mann hinter ihm ließ die Pistole in die Tasche gleiten und steckte sich eine Zigarette an. Seine Hand zitterte nicht im geringsten.

 

»Los, fahren wir zurück«, sagte er zu seinem Begleiter. Schon als sie am Stadtrand waren, stritten sie sich wieder herum, ob Kalifornien oder Columbia gewinnen würde.

 

Der Fahrer sah das Polizeiauto als erster. Sowie er das Heulen der Sirene hörte, gab er Gas, daß ihr eigener Wagen einen Satz nach vorn machte.

 

»Nimm das Maschinengewehr – unter dem Sitz!«

 

Der Mann neben ihm kroch nach hinten, um seinem Freund zu helfen. Zusammen stießen sie die Mündung durch das hintere Fenster.

 

»Die beiden Polypen müssen Kelly verständigt und die Beschreibung unseres Wagens durchgegeben haben«, knurrte der Mann, der Red erschossen hatte, und klemmte sich hinter das Maschinengewehr.

 

Der Polizeiwagen kam näher.

 

»Los! Gib’s ihnen!«

 

Rat-a-tat-a-tat-a-tat!

 

Die Windschutzscheibe des anderen Wagens wurde zertrümmert. Er geriet leicht ins Schlingern, fing sich dann aber wieder und folgte ihnen in immer kürzerem Abstand. Die Polizeibeamten erwiderten jetzt das Feuer.

 

Der Mann am Maschinengewehr stieß einen unartikulierten Laut aus und glitt zu Boden. Der andere packte die Waffe und drückte auf den Abzug. Gleich darauf gab es einen scharfen Knall, das Polizeiauto rutschte quer über die Fahrbahn und kam an einem Laternenmast zum Stehen. Ein Reifen war getroffen worden.

 

»Sie sitzen fest!« rief der zweite Mann dem Chauffeur zu. »Ab jetzt, Joe!«

 

Mit einem Blick streifte er die zusammengekrümmte Gestalt am Boden. »Kopfschuß«, knurrte er und kletterte auf seinen Sitz neben dem Fahrer zurück.

 

Einige Zeit darauf waren sie schon wieder bei ihrem Baseballspiel, während der Tote hinter ihnen von einer Seite zur andern rollte.

 

Kapitel 20

 

20

 

Etwas fiel zu Boden – Tony war der Brieföffner, mit dem er gespielt hatte, aus der Hand geglitten. Was sollte das bedeuten? O’Hara war nicht dabei. Er wollte seinen Ohren nicht trauen.

 

»Ich bin sofort bei Ihnen, lassen Sie alles, wie es ist!« rief Kelly noch in den Hörer und donnerte ihn dann auf den Apparat.

 

»Morgen früh um neun erwarte ich Sie im Polizeipräsidium, Perelli«, sagte er und knallte die Tür hinter sich zu.

 

Tony wandte sich rasend vor Wut an Minn Lee.

 

»Hast du gehört, wie er mit mir umspringt? Mit mir – Tony Perelli! Als ob ich ein Hund wäre!«

 

Sie hörte ihn nicht. Sie sah in die Ferne, ihre Lippen waren leicht geöffnet.

 

»Jimmy! O Jimmy!«

 

»Er ist jetzt in der Hölle!«

 

»Vielleicht war er vorher noch im Himmel«, sagte sie leise.

 

»Du warst wohl in ihn verliebt?« fragte er höhnisch.

 

In Wirklichkeit zog er diese Möglichkeit eigentlich nicht ernsthaft in Betracht. Es war doch undenkbar, daß Minn Lee …

 

»Ich liebte immer nur dich, nicht ihn. Doch daß ich ihn glücklich gemacht habe, macht mich selbst glücklich. Wenn mein ganzes Leben verpfuscht war – für ihn bedeutete ich wenigstens etwas!«

 

Er wich vor ihr zurück.

 

»Was soll das alles heißen?«

 

»Er wußte, daß er in den Tod ging, und er war froh darüber«, sagte sie leise.

 

Tony wischte seine feuchte Stirn ab.

 

»Er wußte, daß er in den Tod ging? Wer hat ihm denn das gesagt?«

 

»Ich.« Aus ihrer Stimme klang weder Furcht noch Trotz, sie stellte nur eine Tatsache fest. »Er wollte nicht mehr leben, seine Schuld lastete zu schwer auf ihm. Vielleicht interessiert es dich noch, daß er so furchtlos in den Tod ging, weil ich ihm gesagt hatte, daß ich ihn liebe …«

 

»Du hast ihn geliebt?« Tony war starr vor Entsetzen. »Ich denke, du liebst mich. Weißt du nicht mehr, wem du gehörst? Mir!«

 

»Jetzt gehöre ich ihm.«

 

Er konnte nicht mehr reden vor Wut. Plötzlich sprang er auf sie los und packte sie an der Kehle.

 

»Überlege dir lieber, wo Con O’Hara ist …«, keuchte sie atemlos.

 

Diese Frage brachte ihn wieder zur Vernunft.

 

Con O’Hara – die Polizei hatte ihn nicht gefunden, er mußte noch am Leben sein. Und wenn Jimmy es gewußt hatte, dann wußte er es auch. Das bedeutete Gefahr, höchste Gefahr für Tony selbst, denn trotz mancher Schwächen war Con ein Mann, vor dem sich jeder hüten mußte. Ausgerechnet er war nicht in die Falle gegangen …

 

»Ich gehe in mein Zimmer«, sagte Minn Lee.

 

»Scher dich zum Teufel …« Plötzlich fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf. »Du hast doch mit Kelly gesprochen – hast du ihm etwas gesagt?«

 

Sie lehnte an der Wand, und er packte sie wild an den Schultern.

 

»Hast du ihm etwas gesagt? Vielleicht willst du mich verpfeifen, wie …?«

 

Seine Finger krampften sich wieder um ihre Kehle und erstickten ihre Worte.

 

»Du lügst, du schmutzige kleine …!«

 

Perellis Gesicht hatte sich verzerrt; sein wahrer Charakter, die ganze Gemeinheit und Hemmungslosigkeit seiner eigentlichen Natur kamen jetzt zum Vorschein.

 

»Du weißt wohl verdammt viel, was?«

 

Mit einer geschickten Drehung machte sie sich aus seinem Griff frei.

 

»Du hast recht. Ich weiß, daß du Vinsetti erschossen hast.«

 

»So? Woher willst du denn das wissen?«

 

»Du redest im Schlaf – manchmal läßt dir dein Gewissen anscheinend doch keine Ruhe.«

 

Er schleuderte sie über den Tisch und packte rasend vor Wut die schwere Bronzefigur, die neben ihm stand. Auch jetzt verlor sie noch nicht die Beherrschung.

 

»Besser, du bringst mich nicht um. Nicht wegen mir – aber Kelly sagte, daß man in Chicago zum Tod verurteilt wird, wenn man eine Frau ermordet. Ich sollte ihm alles erzählen, und er versprach mir hunderttausend Dollar Belohnung, aber ich sagte ihm – daß ich dich liebe.«

 

Perelli hörte ein schwaches Geräusch und warf einen Blick über die Schulter. Angelo lehnte an der Tür, die Hände leicht auf die Hüften gestemmt. In dem Augenblick, als Tony die Bronzefigur hob, war er dem Tod sehr nahe gewesen, denn Angelo Veronas Finger hatten sich bereits um den Griff seiner schweren Pistole geschlossen.

 

»Das hast du ihm gesagt?« fragte Tony heiser. Er sah sie an, dann wanderten seine Blicke zu Angelo. »Gut, Minn Lee. Es ist alles in Ordnung …« Er verabschiedete sie mit einer leichten Geste.

 

»Was gibt es hier?«

 

Perelli hörte die metallene Härte in Angelos Stimme.

 

»Schick alles fort, was nicht unmittelbar zu uns gehört, Angelo. Ist Tomasino oben? Ja? Wer noch?«

 

»Toni Ramano, Jake French, Al Mario …«

 

»Schicke sie sofort los! Sie sollen mit dem Wagen die Stadt absuchen und Con O’Hara auftreiben.«

 

»Aber …«

 

»Er ist ein Verräter. Er hat den Jungen allein gehen lassen. Jimmy ist tot. Keinesfalls will ich eine Schießerei hier in der Nähe haben, verstanden? Stelle einen Mann an die Haustür, der mir ein Signal gibt, wenn er von selber herkommen sollte. Ich möchte ihn dann persönlich erledigen.«

 

»Con hat doch nicht etwa gewußt, daß er in den Tod geschickt wurde?« fragte Angelo entsetzt.

 

»Du Schwachkopf – natürlich muß er es gewußt haben.«

 

»Soll ich alle Leute, die noch hier sind, fortschicken?«

 

»Ja – das heißt, O’Haras Frau bleibt hier.«

 

»Soll ich auch mit den anderen in die Stadt fahren?«

 

»Nein. Halte zwei oder drei Mann hier bereit. Die Couch muß hereingeschafft werden. Los jetzt – tausend Dollar Belohnung für den, der O’Hara erwischt.«

 

Angelo machte sich auf den Weg, und Tony Perelli traf seine Vorbereitungen. Er hatte schon öfters solche Krisen erlebt. Im Fall Vinsetti war es ähnlich gewesen, und die günstige Gelegenheit hatte sich ganz unerwartet geboten. Minn Lee hatte die ganze Zeit davon gewußt, das ging ihm jetzt wieder durch den Kopf. Doch sie würde nichts verraten, seltsamerweise war er davon fest überzeugt. Trotzdem, sie würde ihn verlassen müssen, und es war ihm sogar lieb, daß sie ihm durch ihr Verhalten einen Grund gegeben hatte. Das erleichterte die Trennung.

 

Bis auf eine Stehlampe schaltete er alle Lampen in dem Zimmer aus. Dann nahm er eine Pistole aus einer Schublade, zog das Magazin heraus und überzeugte sich, daß es gefüllt war. Er schob es wieder in den Griff der Waffe, lud durch und legte die Pistole unter seinen Hut, den er auf das Klavier geworfen hatte.

 

Als Angelo mit der Meldung zurückkam, daß Tonys Befehle ausgeführt wurden, traf Tony weitere Vorkehrungen. Vor allem mußte er wegen Mary zu einer Entscheidung kommen. Während er noch über sie nachdachte, kam sie ziemlich schlechter Laune ins Zimmer.

 

»Alles geht nach Hause – das ist mir ein netter Abend!«

 

»Sie müssen das verstehen, Mary; die Leute haben noch zu tun! Und wenn die andern auch gehen, so können Sie doch hierbleiben!«

 

Er war nicht in der Stimmung, sich auf lange Diskussionen mit ihr einzulassen, und sie erschrak über seinen herrischen Ton. Rasch erhob sie sich von der Couch, auf der sie sich malerisch niedergelassen hatte. »Ist denn etwas passiert?«

 

»Ja – etwas Entsetzliches. Jimmy, dieser nette Kerl, ist erschossen worden!«

 

»Jimmy McGrath?« rief sie und fuhr zusammen. »Er ist doch gemeinsam mit Con fortgegangen! Was ist los? Sagen Sie es mir!«

 

»Tom Feeneys Leute haben es getan.«

 

Ihre Knie zitterten, obwohl das wirklich nicht der erste Mord war, der in ihrer näheren Umgebung passierte.

 

»Was ist mit Con!« rief sie schrill. »So antworten Sie doch!«

 

»Es ist ja alles in Ordnung, Con ist nichts passiert.«

 

»Wo ist er? Lassen Sie mich gehen!«

 

Sie sprang auf, aber er hielt sie fest. Unter keinen Umständen durfte sie jetzt mit Con O’Hara zusammenkommen. Wenn sie schwatzte, konnte es schlimm ausgehen.

 

»Sie möchten wohl, daß er gleich wieder hier aufkreuzt?« fragte er wütend. »Vor einer Stunde dachten Sie noch anders darüber. Er wird wahrscheinlich die ganze Nacht wegbleiben, denn die Polizei ist hinter ihm her. Er steht im Verdacht, Jimmy erschossen zu haben.«

 

Er war stolz auf diese Ausrede, die ihm gerade im richtigen Moment eingefallen war.

 

»Ich gehe nach Hause und warte dort auf ihn«, erklärte sie.

 

»Sie haben hier doch alles, was Sie brauchen. Wozu wollen Sie also heimgehen? Es ist bestimmt viel besser, wenn Sie hierbleiben. Dort haben Sie doch nur die ganze Nacht die Polizei auf dem Hals. Also – Sie bleiben.«

 

»Das fällt mir gar nicht ein!«

 

Sie versuchte vergeblich, davonzulaufen. Tony Perelli war stärker als sie. Er nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und küßte sie …

 

»Con wird dich erschießen«, stöhnte sie.

 

»Bleibst du jetzt bei mir?«

 

Statt einer Antwort schmiegte sie sich an ihn.

 

Kapitel 21

 

21

 

Später führte sie Tony höflich bis vor eine Tür im ersten Stock.

 

»Dies ist dein Zimmer – ich habe es für dich ausgesucht. Con ist mit dem Zug nach Indiana gefahren«, versuchte er sie zu trösten. »Er kommt vor morgen früh nicht zurück.«

 

»Wird ihm auch nichts passieren?«

 

»Bestimmt nicht.«

 

Er ging noch eine Weile auf dem Gang hin und her, als sie in ihrem Zimmer verschwunden war. Die Tür wurde von innen verschlossen, und er lächelte. Auch jetzt noch versuchte sie, die anständige Dame zu spielen.

 

Angelo erwartete ihn schon mit zwei Leuten. Als Tony zurückkam, stand eine große rote Couch auf dem Teppich. Vor der Couch lag eine Brücke in derselben Farbe.

 

Tony mußte plötzlich an Vinsetti denken. Er sprach auch mit Angelo darüber, der allein bei ihm blieb, nachdem die Vorbereitungen getroffen waren.

 

»Romano wird Con unter allen Umständen erledigen«, sagte Angelo.

 

»Ist der Alarm eingeschaltet?«

 

Angelo sah zu dem kleinen Schalter hinüber und nickte.

 

»Alles in Ordnung, aber ich glaube nicht, daß O’Hara hierherkommt. Wer hat es ihm eigentlich gesteckt?« Er stand an der Tür und horchte auf die Geräusche des Aufzugs.

 

»Jimmy.«

 

Angelo war aufs höchste überrascht.

 

»Was? Aber Jimmy hatte doch keine Ahnung, daß er in den Tod geschickt werden sollte. Sonst wäre er doch niemals gegangen!«

 

»Er wußte es.«

 

Die Spannung wurde allmählich unerträglich, und die beiden schauten bei jedem leisen Geräusch zur Tür.

 

»Das ist ja nicht zu glauben! Aber wer sollte ihm denn das verraten haben?«

 

»Minn Lee«, erwiderte Tony schroff. »Sie nahm ihn mit in ihr Zimmer, während wir alle hier waren.« Seine Stimme zitterte. »Verstehst du das? – Aber dafür wird sie mir noch büßen!«

 

Das schwache Lächeln, das um Angelo Veronas Mund spielte, war schwer zu deuten.

 

»Es wird besser sein, du hütest dich ein wenig vor ihr. Sie weiß sehr viel …«

 

In diesem Augenblick summte eine elektrische Klingel; es war das Signal, daß man Con O’Hara gesehen hatte.

 

Angelo zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe.

 

»Donnerwetter, hätte nicht gedacht, daß er herkommt! Ich nehme an, sie werden ihn gleich unten erledigen.«

 

»Ich will keinen Skandal hier haben«, erklärte Tony scharf.

 

Wieder ein Warnungssignal; Con O’Hara war jetzt im Haus. Perelli machte eine Handbewegung.

 

»Geh hinaus«, flüsterte er. »Wenn ich ihn verfehlen sollte, schieß du auf ihn. Verhalte dich ruhig!«

 

Angelo verließ den Raum. Tony stand an das Klavier gelehnt und wartete. Langsam öffnete sich die Tür, eine Hand mit einem Revolver schob sich durch den Spalt. Die Mündung zeigte auf ihn. Mit einem entschlossenen Ruck wurde die Tür aufgestoßen, und Con O’Hara kam furchtlos herein. Er hatte den Hut ins Genick geschoben, sein Gesicht war von äußerster Entschlossenheit.

 

Tony hatte nachlässig seinen Hut in die Hand genommen, als wäre er gerade im Begriff, fortzugehen.

 

»Hallo, Con«, sagte er in freundlichstem Ton. »Sind Sie schon wieder zurück? Die Gesellschaft hat sich schon in alle Winde zerstreut. Ich möchte noch einen kleinen Spaziergang machen – kommen Sie mit?«

 

Ohne Zögern ging Con O’Hara bis zu der roten Couch.

 

»Einer von uns beiden wird nicht weit gehen«, sagte er verbissen. Eine fast hemmungslose Wut hatte ihn gepackt; nur eines hielt ihn noch zurück: das unweigerliche Mißtrauen, das jeder Verbrecher Geschichten entgegensetzt, die ihm von seinesgleichen erzählt werden. Aber Jimmy mußte die Wahrheit gesprochen haben – er war gestorben, um sie zu beweisen.

 

Tony lächelte.

 

»Haben Sie sich auf dem Weg hierher einen genehmigt? Oder ist sonst etwas mit Ihnen los? Hat Jimmy dem Captain meinen Brief übergeben?«

 

O’Hara atmete schwer; er hatte Mühe, die Herrschaft über seine Stimme zu behalten.

 

»Tot ist er, wenn Sie das meinen! Ich habe ihm zuerst nicht geglaubt – aber er sagte, daß Sie uns ans Messer liefern wollten. Ich habe genau beobachtet, was geschah – ein Auto fuhr vorbei, und sie haben ihn mit einem Maschinengewehr umgelegt …, dann warteten sie noch eine Weile. Sie sahen sich nach noch jemand um – nämlich nach mir!«

 

Bestürzung spiegelte sich in Perellis Gesicht.

 

»Ich verstehe Sie nicht – was meinen Sie denn damit, Con? Sie glauben doch nicht etwa, daß ich, Antonio Perelli, Sie in den Tod …«

 

»Allerdings, das glaube ich«, entgegnete O’Hara grimmig.

 

»Sie sind verrückt – meinen besten Mann und meinen besten Freund!«

 

»Wo ist meine Frau?«

 

»Sie ist nach Hause gegangen.« Tony wischte ein Stäubchen von seiner Schulter.

 

»Nach Hause gegangen? – Sie ist hier!«

 

»Wirklich, Sie benehmen sich wie ein Idiot. Seien Sie doch vernünftig, Con. Würde ich vielleicht ausgehen, wenn Ihre Frau hier wäre?«

 

»Sie gehen nicht aus!« zischte O’Hara. »Her mit Ihrem Hut!«

 

Mit der Linken riß er Tony den Hut aus der Hand, doch im gleichen Augenblick drückte Perelli die Pistole ab, die er darunter verborgen gehalten hatte. Es gab keinen lauten Knall, der Schalldämpfer funktionierte ausgezeichnet, und außerhalb des Raumes hatte man wahrscheinlich gar nichts gehört. Cons Revolver fiel zu Boden – er griff sich mit beiden Händen an die Seite und drehte sich einmal um sich selbst. Perelli feuerte ein zweites Mal, und dieses Mal traf er ihn tödlich. Mit einem Stoß schleuderte er den schwankenden Mann auf die Couch, wo er regungslos liegenblieb.

 

Kapitel 22

 

22

 

Perelli spielte Klavier, und Mary ging hinunter, um ihm zuzuhören. Die große rote Couch war inzwischen wieder weggebracht worden, und sie hatte keine Ahnung, daß die Leiche ihres Mannes im anstoßenden Zimmer lag.

 

Nach einer angeregten Unterhaltung mit Tony sagte sie gute Nacht. Ihr Schlaf war sehr unruhig, und gegen Morgen lief sie nach Hause, um nachzusehen, ob ihr Mann nicht inzwischen zurückgekommen sei. Aufgeregt und nervös erschien sie wieder in Perellis Wohnung.

 

Angelo Verona saß in Hemdsärmeln am Eßtisch im Salon und war damit beschäftigt, Löhne abzurechnen, die am nächsten Vormittag ausgezahlt werden sollten. Drei Haufen Banknoten lagen vor ihm, und er sortierte sie gerade durch, als sie ankam.

 

Sie konnte Angelo gut leiden. Er war nahe daran, eine bedeutende Stellung in der Unterwelt von Chicago einzunehmen. Eines Tages würde er der Chef einer großen Organisation sein, wenn ihn nicht vorher einer von Tom Feeneys Freunden niederknallte.

 

»Noch nichts von Con gehört?« fragte Mary ängstlich.

 

»Ich glaube, er ist mit dem Zug weggefahren«, erwiderte Angelo, ohne aufzuschauen. »Er sprach gestern abend davon, daß er nach Detroit fahren wollte. Möchte bloß wissen, warum die Jungens alle nach Detroit gehen.«

 

»Wenn ich nur wenigstens eine Nachricht von ihm hätte!«

 

Angelo legte seinen Bleistift weg. Es hatte keinen Sinn zu arbeiten, solange dieses geschwätzige Frauenzimmer hier war.

 

»Was wollen Sie denn, Mrs. O’Hara? In unserem Geschäft muß man beweglich sein. Die Leute sind manchmal wochenlang verreist. Sie wissen doch, daß wir keinen Kaugummi verkaufen.«

 

Aber sie war nicht so leicht zu beruhigen.

 

»Steht nichts Neues in der Zeitung?«

 

Angelo fuhr sich mit der Hand durch das Haar und sah sie ärgerlich an.

 

»Über Jimmy können Sie eine ganze Menge lesen.«

 

Er selbst bedauerte es sehr, daß der junge Mann hatte dran glauben müssen. Jimmy war ein netter Kerl gewesen, der niemals seine Kameraden bei der Polizei verpfiffen hätte. Aber Angelo hielt es für klüger, zu schweigen.

 

»Ja, der arme Junge. Ich habe schon alles gelesen. Weil Con mit ihm weggegangen ist, bin ich so in Sorge. Sie verstehen das doch, Angelo, nicht wahr?«

 

Er nickte.

 

»Irgend etwas stimmt da nicht«, erklärte sie hartnäckig.

 

Angelo begann nervös zu werden.

 

»Also, hören Sie zu, Mrs. O’Hara. Ich muß Ihnen etwas anvertrauen. Con ist heute nacht zurückgekommen.«

 

Sie stand erregt auf.

 

»Was – er ist hier gewesen? Hat er nach mir gefragt?« rief sie atemlos. »War er zu Hause?«

 

»Nein.« Angelo konnte für gewöhnlich geschickte Ausreden erfinden, aber hier schien es Komplikationen zu geben.

 

»Ich sagte ihm, daß Sie bei Minn Lee schliefen und daß Tony ausgegangen sei.«

 

»Wollte er denn nicht heraufkommen?« fragte sie ängstlich.

 

Er lächelte.

 

»Nein. Das hätte ich auch nicht zugelassen.«

 

Sie atmete auf und schaute ihn dankbar an.

 

»Das war sehr nett von Ihnen – ich weiß nicht, was er getan hätte, wenn …«

 

»Jemand hätte wahrscheinlich ins Gras beißen müssen«, erwiderte Angelo trocken.

 

»Hat er denn gar keine Nachricht für mich hinterlassen?«

 

Er erinnerte sich an gewisse Anweisungen, die er am Morgen erhalten hatte.

 

»Ihr Mann läßt Ihnen bestellen, daß Sie bei Minn Lee bleiben sollen, bis Sie wieder von ihm hören.«

 

Sie wußte nicht recht, ob sie ihm glauben sollte oder nicht.

 

»Aber er hat doch kein Geld!«

 

»Ich habe ihm welches gegeben. Tony war wütend, als er davon erfuhr.«

 

Er legte seine Hand unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht hoch.

 

»Wie gefällt’s Ihnen hier?«

 

Diese Frage lenkte sie ab, und sie dachte an die Stellung, die sie vielleicht bald in diesem Haus einnehmen würde.

 

»Finger weg«, sagte sie und stieß ihn zurück. »Wo ist Mr. Perelli?«

 

»Sie meinen Tony«, erwiderte Angelo lächelnd. »Er ist jetzt gerade im Polizeipräsidium – zusammen mit seinem Rechtsanwalt. Ich glaube, Sie werden es hier sehr schön haben, Mary. Vergessen Sie nicht, daß Sie sich bald jeden Wunsch erfüllen können – ah, guten Morgen, Minn Lee.«

 

Die Chinesin sah strahlend und frisch aus wie eine Frau, die noch nie gewußt hat, was Sorgen sind. Sie nickte freundlich und setzte sich an einen kleinen Tisch; mit einem langen Dolch schnitt sie die Seiten eines französischen Romans auf, den sie mitgebracht hatte.

 

Mary sah sie einen Augenblick verwirrt an.

 

»Ach, Mrs. Perelli – ich habe Sie heute morgen ja noch gar nicht gesehen. Hoffentlich hat es Ihnen nichts ausgemacht, daß ich hier geschlafen habe – es war mir so unangenehm, aber mein Mann ist doch nicht zurückgekommen.«

 

»Minn Lee, müssen Sie ausgerechnet diesen Dolch benutzen? Er ist unheimlich scharf«, warnte Angelo.

 

»Tony hat gestern abend den Brieföffner zerbrochen.« Sie fuhr prüfend mit dem Daumen über die Klinge. »Glauben Sie, ich würde jemand damit erstechen?«

 

Mary ließ sich nicht von ihrem Thema abbringen.

 

»Ich bin so beunruhigt wegen Con – er hätte doch wenigstens aus Detroit anrufen können!«

 

»Tony weiß ganz bestimmt, wo er sich aufhält«, sagte Minn Lee. »Warum haben Sie ihn nicht gefragt?«

 

Mary zuckte die Schultern und warf den Kopf zurück.

 

»Ich möchte Mr. Perelli nicht dauernd belästigen – er hat so viel zu tun … Warum lachen Sie denn, Mrs. Perelli?«

 

»Ich lache durchaus nicht, ich fühle mich heute nur so glücklich – Sie auch?«

 

Angelo hörte interessiert zu und beobachtete Minn Lee scharf; ihr Blick war weder spöttisch noch boshaft, und auch ihre Stimme klang ganz normal. Mary sah sie verblüfft an.

 

»Glücklich? Haben Sie denn kein Herz? Denken Sie doch daran, daß der arme Jimmy erschossen wurde!«

 

Minn Lee lachte leise, nahm ihr Buch und ging auf den Balkon. Gleich darauf kam sie aber wieder zurück.

 

»Ich habe noch vergessen, Ihnen zu sagen, daß Tony in allem, was Geld betrifft, sehr großzügig ist. Stellen Sie sich vor, er hat zweihundert seidene Hemden!«

 

Das machte Eindruck auf Mary.

 

»Ich mag es sehr, wenn sich ein Mann gut anzieht.«

 

Die Haustür wurde zugeschlagen, und kurze Zeit später trat Tony ein. Er warf Mantel und Hut einem seiner wartenden Angestellten zu.

 

»Ah; Mr. Perelli«, sagte Mary, »da sind Sie ja.«

 

Er kümmerte sich nicht um sie, ging schnell auf den Balkon und schaute hinunter. Dann kam er zurück und ließ sich in einen Sessel fallen.

 

»Bist du müde?« fragte Minn Lee.

 

»Ich habe einen verdammt anstrengenden Tag hinter mir. Seit heute morgen um neun war ich im Polizeipräsidium.«

 

»Du hast dich wohl gut mit Mr. Kelly unterhalten?« bemerkte Angelo.

 

»Ich werde dir nachher schon erzählen, wie sich die Unterhaltung abgespielt hat. Verbinde mich sofort mit Oberrichter Raminski. Ich will diesem Polypen mal die Hölle heiß machen!«

 

Mary sah ihn verblüfft an. Oberrichter Raminski nahm eine hohe gesellschaftliche Stellung ein und gehörte zu den einflußreichsten Persönlichkeiten in Chicago.

 

»Ich bin völlig erledigt«, sagte Tony. »Sie haben mich durch halb Chicago gefahren, bis ich fast verrückt wurde. Von der Polizei zum Rathaus, vom Rathaus zur Polizei, dann zum Leichenschauhaus und schließlich zu der Stelle, wo Jimmy gefunden wurde.«

 

Angelo hatte inzwischen gewählt und reichte seinem Chef den Hörer.

 

»Ist dort Oberrichter Raminski …? Hier Perelli – Antonio Perelli. Zum Teufel, sagen Sie mal, was soll das bedeuten, daß Kelly mich durch die ganze Stadt schleifen darf?« rief Tony wütend. »Sie sind doch schließlich sein Vorgesetzter … Zwei Stadtbezirke habe ich bei der Wahl für Sie mobil gemacht, das scheinen Sie ganz vergessen zu haben, was …? Und daß ich fünfzigtausend Dollar für Ihren Wahlfonds gespendet habe, ist Ihnen auch nicht mehr bekannt …? Wie …? Also hören Sie – ich muß ganz entschieden bitten, daß bei der Polizei einmal aufgeräumt wird. Sie wollen doch Senator werden – also, sorgen Sie dafür, daß man Kelly hinauswirft! Das ist mein letztes Wort!«

 

Er warf den Hörer auf die Gabel. »Den Burschen soll es noch reuen, daß er so mit mir umgesprungen ist!«

 

Erst allmählich erkannte Mary, wieviel Macht Perelli besaß. Nur er konnte es wagen, so mit einem Richter zu sprechen,, der über Leben und Tod zu entscheiden hatte!

 

»Gib mir was zu trinken, Angelo – Chianti oder was du gerade findest.«

 

Minn Lee kam Angelo zuvor und ging aus dem Zimmer.

 

»Warst du in Cicero?« fragte Tony.

 

Angelo nickte.

 

»In der ›Skyline-Bar‹ ist überhaupt nichts passiert – Kelly hat die ganze Geschichte erfunden.«

 

Mary mischte sich ins Gespräch und machte einige abfällige Bemerkungen über Leute, die in zweifelhaften Nachtlokalen arbeiten. Als Minn Lee mit dem Wein zurückkam, wandte sich Mary an sie.

 

»Es muß doch furchtbar sein, als Animiermädchen in einem solchen Lokal zu arbeiten, Mrs. Perelli.«

 

»Von was reden Sie denn?« fragte Minn Lee.

 

»Ich meine diese Lokale in Cicero …«

 

»Ach, lassen Sie doch!« sagte Tony barsch. »Vielleicht gefällt den Mädchen dort ihr Beruf sogar!« Er sah Minn Lee mit einem ermutigenden Lächeln an. »Die Geschäftsführerin eines solchen Lokals hat das beste Leben – eine schöne Wohnung steht ihr zur Verfügung, und sie kann sich Freunde einladen, soviel sie will.«

 

Minn Lee schien ihm gar nicht zuzuhören.

 

»Hast du Jimmy noch einmal gesehen?« fragte sie so leise, daß es Mary nicht hören konnte.

 

Er wurde blaß – trotz seiner Abgebrühtheit wagte er es nicht, sie anzusehen. »Er sah ganz zufrieden aus«, flüsterte er schließlich ebenso leise mit abgewandtem Gesicht zurück. »Man hatte fast den Eindruck, daß er lächelte …«

 

»Ich dachte es mir«, erwiderte Minn Lee. »Hast du noch etwas darüber gehört, wie er starb?«

 

»Er lebte nur noch einige Sekunden, nachdem die Polizisten ihn gefunden hatten.«

 

»Der arme Junge«, warf Mary, die die letzten Sätze gehört hatte, in konventionellem Ton ein.

 

»Warum sagen Sie ›armer Junge‹?«

 

Minn Lee, die zur Tür gegangen war, blieb stehen und sah Mary mit einem so merkwürdigen Leuchten in ihrem Blick an, daß sie kein Wort mehr sprach.

 

Auch Tony war wieder nachdenklich geworden. Wie würde das Leben ohne Minn Lee sein? Könnte er es wirklich ertragen, daß eine Frau, die ihm so viel bedeutet hatte, einfach vor die Hunde ging – und daß er selbst es so wollte? Er rühmte sich zwar, ein guter Geschäftsmann zu sein, und er hatte niemals gezögert, das Glück anderer Menschen zu opfern, wenn es sich um die Durchführung seiner Pläne handelte, aber in diesem Fall fühlte er Gewissensbisse.

 

An und für sich schien alles so leicht zu gehen – alle Entschuldigungen, die er brauchte, hatte sie selbst ihm geliefert. Und trotzdem wurde er ein unbehagliches Gefühl nicht los – ein Gefühl, wie er es noch nie empfunden hatte.

 

Er sah auf die schöne Frau, die Minn Lees Nachfolgerin werden sollte. Wenigstens war Mary nicht so kompliziert; er setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern.

 

»Ich habe dich den ganzen Tag noch nicht richtig gesehen, Liebling«, sagte er.

 

Sie sah ihn mit einem koketten Blick von der Seite her an.

 

»Liebst du mich auch noch?«

 

Er zog sie an sich und küßte sie; plötzlich sprang sie auf.

 

»Wenn Con zurückkommt, werde ich ihm alles sagen«, erklärte sie. »Ich halte es nicht für richtig, einen Mann zu hintergehen. Vor dem Krach, den er schlagen wird, graust mir allerdings – du wirst mir helfen müssen! – Was willst du übrigens mit ihr machen?« fragte sie und sah auf die Tür, hinter der Minn Lee verschwunden war. »Das muß doch auch in Ordnung gebracht werden.«

 

Das war durchaus auch seine Meinung, aber es war eben nicht so leicht in Ordnung zu bringen, wie er gedacht hatte. Nervös zuckte er die Schultern.

 

»Ich bin mit ihr fertig. Sie liebt mich nicht mehr – hat mich sogar betrogen!« setzte er leise hinzu.

 

»Da sieht man wieder einmal, wie unzuverlässig diese Asiaten sind«, erwiderte Mary entrüstet. »Aber du mußt ihr trotz allem eine anständige Abfindung geben.«

 

Tony schaute sie lächelnd an.

 

»Ich freue mich, daß du so denkst.«

 

»Ja, ich war, schon immer dafür, daß alle Leute anständig behandelt werden.«

 

Sie sprach noch mehr von ihrer großzügigen Art, um sich bei Tony ins rechte Licht zu setzen, aber er hörte kaum zu. Mit seinen Gedanken war er schon wieder bei Kelly.

 

»Ich werde Sie demnächst besuchen, um Ihre neue Frau zu begrüßen«, hatte dieser Mann mit brutaler Offenheit gesagt.

 

Tony sprach mit Mary darüber und warnte sie.

 

»Er wird wahrscheinlich von Jimmy sprechen und auch nach Con fragen. Aber laß dich nur nicht von ihm einschüchtern. Er hat nämlich eine gewisse Art, die Leute so weit zu bringen, daß sie wütend werden, und dann reden sie gewöhnlich.«

 

»Plötzlich stand Angelo in der offenen Tür und winkte ihm.

 

»Tom Feeney ist da – willst du mit ihm sprechen?«

 

Tony schaute ihn ungläubig an.

 

»Tom Feeney? Hat er seine Leute dabei?«

 

Angelo Verona lachte. »Er ist allein gekommen. Wahrscheinlich warten sie draußen.«

 

Tony war sprachlos. Shaun O’Donnell wäre niemals so unvorsichtig gewesen.

 

»Was will er denn?« fragte er, aber plötzlich fiel ihm etwas ein, was er mit Angelo seit einigen Tagen besprechen wollte. Er schickte Mary mit einer Entschuldigung in den kleinen Salon.

 

»Angelo, ich habe erfahren, daß du eine Million Dollar nach Europa geschickt hast.«

 

Angelo nickte. Er hatte es erwartet, daß Tony hinter seine Schliche kommen würde. Das Geld gehörte zwar ihm, aber Tony wollte nicht erlauben, daß er es auf eine europäische Bank einzahlte. Er hatte sich Zeit gelassen und die Überweisung so vorsichtig wie möglich vorgenommen, aber Tonys Spitzel waren überall; wahrscheinlich hatte er es von einem Bankangestellten erfahren. Aber darauf kam es jetzt nicht an.

 

»Sicher«, erwiderte er. »Meine alte Mutter und meine Schwester sollen auch mal in besseren Verhältnissen leben.«

 

»Ich habe auch erfahren, daß du einen Platz auf einem kanadischen Schiff belegt hast?«

 

Tony sprach freundlich und liebenswürdig, aber seiner Stimme fehlte eine gewisse Sicherheit. Angelo wußte sofort, daß sein Chef nur eine Vermutung ausgesprochen hatte.

 

»Das ist nicht wahr«, erklärte er.

 

Es war unmöglich, daß Tony oder einer seiner Leute entdeckt haben konnten, daß er eine Kabine durch ein Londoner Reisebüro hatte belegen lassen.

 

Tony Perelli biß sich auf die Unterlippe und studierte aufmerksam das Teppichmuster. Dann wechselte er plötzlich das Thema. Das war ein schlechtes Zeichen. »Besetze alle Ausgänge, falls etwas passiert. Irgendwann kommt die Auseinandersetzung mit Feeney doch. Laß ihn herein.«

 

Als er allein war, nahm er einen Browning und steckte ihn in die Jackettasche. Dann ging er mit den Händen auf dem Rücken auf und ab. Tom trat ein; er begrüßte ihn freundlich.

 

»Wie geht’s Ihnen, Tom?«

 

Feeney sah sich vorsichtig um.

 

»Ausgezeichnet«, sagte er dann.

 

Sie schauten einander mißtrauisch an.

 

»Hol das Buch«, befahl Tony feierlich.

 

Angelo öffnete eine Schublade und nahm eine große Bibel heraus, die er auf den Tisch legte und aufschlug. Dann zog Tony eine Pistole aus der Hüfttasche und legte sie auf das offene Buch. »So, da ist mein Schießeisen.«

 

Feeney zögerte etwas, zog aber dann auch eine Pistole heraus und legte sie dazu. Aber dann nahm er sie wieder weg, weil er sich daran erinnerte, daß er es mit einem Sizilianer zu tun hatte, der mit allen Wassern gewaschen war.

 

»Einen Moment, Tony – ist das eine italienische oder eine irische Bibel?«

 

»Sie ist hundertprozentig amerikanisch«, erklärte Tony salbungsvoll.

 

Feeney schaute auf das reich ornamentierte Titelblatt.

 

»Das letztemal bin ich bemogelt worden. Der Lump hatte die Zehn Gebote herausgeschnitten.«

 

»Keine Sorge, hier ist noch alles drin«, entgegnete Perelli. »In einem Antiquariat haben sie mir hundert Dollar für das Buch abgeknöpft.« Brummend gab sich Feeney zufrieden und legte seine Pistole wieder auf den Tisch.

 

Dann wartete er, bis Angelo hinausging; er hatte Shaun O’Donnells Warnung nicht vergessen: »Behalte Tony Perelli gut im Auge – aber Angelo Verona gegenüber mußt du doppelt vorsichtig sein.«

 

Um das Zimmer besser überschauen zu können, lehnte er mit dem Rücken an der Wand, von wo er auch die Tür beobachten konnte.

 

»Tony, Sie haben gestern abend Ihr Versprechen nicht gehalten.« Unentwegt schaute er auf die Tür und nicht auf seinen Gesprächspartner. »Sie haben nur einen geschickt.«

 

Perelli schüttelte den Kopf.

 

»Irrtum. Es tut mir selber leid – aber Con O’Hara hat Lunte gerochen und hat sich gedrückt.«

 

Tony hatte den Eindruck, daß Feeney nur deswegen gekommen war, weil ihn seine Schwester dazu gezwungen hatte.

 

»Man sagt, daß Sie Con O’Hara einen Wink gegeben haben …«

 

»Kann mir schon denken, was für ein Blödsinn wieder geredet wird«, unterbrach ihn Tony verächtlich. »Aber sagen Sie selbst, welchen Zweck sollte es denn haben, ihn erst hinzuschicken und ihm nachher einen Tip zu geben?«

 

Tom schaute sich unablässig im Zimmer um, als ob er eine verborgene Gefahr fürchtete.

 

»Es ist wirklich niemand hier«, versicherte Tony.

 

»Das hat Vinsetti wahrscheinlich auch gedacht – und wurde doch tot hinausgetragen, obwohl er ein besserer Pistolenschütze war als ich.«

 

»Die Geschichte ist doch wirklich abgedroschen, wer denkt schon noch daran? Sie sind zu ängstlich, Tom. Ich habe ja nicht einmal ein Schießeisen.«

 

Feeney gab sich einen Ruck.

 

»Schon gut. Ich will Ihnen glauben. Entweder soll man jemandem trauen oder nicht.« Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich seinem Rivalen gegenüber.

 

»Ich würde Sie überhaupt nicht belästigen, Tony, aber meine Schwester läßt mir keine Ruhe. Sie hat es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß der Mord an ihrem Mann gerächt wird.«

 

»Das verstehe ich durchaus.«

 

»Was ist mit Con O’Hara? Seien Sie doch einmal offen.«

 

Tony antwortete nicht sofort. Er betrachtete aufmerksam den vierschrötigen Mann, der vor ihm saß, und wunderte sich im stillen, durch welche merkwürdigen Umstände Tom Feeney der Chef einer solch mächtigen Organisation geworden war. Schließlich waren die Mitglieder seiner Bande nicht lauter Dummköpfe.

 

»Machen Sie sich keine Sorgen mehr um O’Hara«, meinte er schließlich. »Der ist bereits erledigt.«

 

Feeney schaute ihn erstaunt an.

 

»Das ist was anderes«, sagte er dann.

 

»Ich mag Leute nicht, die sich zu viel herausnehmen.«

 

»Wohin haben Sie ihn bringen lassen?«

 

»Hören Sie mal, Tom, kümmere ich mich vielleicht um Ihre Angelegenheiten? Können Sie nicht tun und lassen, was Ihnen beliebt?«

 

Tom hob abwehrend die Hand.

 

»Ist ja gut, Tony. Ich wollte Sie nicht beleidigen und weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann.«

 

Die Alarmglocke summte, und im Bruchteil einer Sekunde war Feeney auf den Füßen und hielt einen Revolver in der Hand. Tony wußte nicht, woher die Waffe plötzlich kam. Aber es war ihm nun klar, weshalb Tom Feeney der Führer einer Bande war.

 

»Zum Teufel, was hat das zu bedeuten?« rief Tom. »Nehmen Sie sofort die Hände hoch!«

 

Tony seufzte.

 

»Aber Tom, weshalb diese Aufregung?«

 

»Was bedeutet dieses Summen?«

 

»Wahrscheinlich kommt Mr. Kelly. Der Portier hat mir ein Signal gegeben. Weiter nichts.«

 

»Wozu kommt Kelly denn hierher?«

 

Tony stöhnte.

 

»Ich nehme an, daß er Mrs. O’Hara ausfragen will.«

 

Feeney steckte den Revolver in die Tasche.

 

»Entschuldigen Sie …«, begann er.

 

»Sie trauen mir nicht, Tom. Das tut mir aufrichtig leid«, erklärte Tony betrübt.

 

Wieder hörte man das Summen.

 

»Ich möchte Kelly nicht begegnen«, sagte Tom.

 

»Glauben Sie vielleicht, der wüßte nicht, daß Sie da sind? Aber gehen Sie hier in den Salon. Unterhalten Sie Mrs. O’Hara ein bißchen.«

 

Er öffnete die Tür.

 

»Sie können sich nicht vorstellen, Tom, wie Sie mich eben verletzt haben.«

 

Tom verließ kleinlaut das Zimmer.

 

Kapitel 12

 

12

 

Minn Lee war sehr schweigsam, als die Besucher gegangen waren. Sie saß an ihrem großen Stickrahmen und stichelte eifrig. Offenbar nahm diese Arbeit ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Tony lag auf der Couch, hatte eine Zigarre im Mundwinkel und las Zeitung.

 

»Sie ist schön«, sagte Minn Lee plötzlich. »Sehr schön.«

 

Er legte das Blatt weg, richtete sich auf und schaute zu ihr hinüber.

 

»Ja, sie ist einfach fabelhaft«, meinte er.

 

Es trat wieder eine lange Pause ein.

 

»Gehst du heute abend in die Oper?« fragte Minn Lee dann.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Sie geben die ›Götterdämmerung‹. Keine Lust dazu.«

 

Sie sah ihn aufmerksam an.

 

»Willst du dann nicht heute abend einmal bei mir bleiben? Ich sehe dich in letzter Zeit so selten!«

 

Er stand auf, trat zu ihr und betrachtete sie nachdenklich. Ihre zurückhaltende Art machte ihn plötzlich rasend.

 

»Weißt du, wovor ich mich fürchte?« fragte sie sanft.

 

»Wovor sich jede Frau fürchtet – vor einer anderen Frau«, entgegnete er rücksichtslos.

 

In ganz kurzer Zeit hatte sich seine Haltung ihr gegenüber vollständig geändert. Sie hätte so etwas nie für möglich gehalten – seitdem sie ihn kannte, hatte er niemals auch nur angedeutet, daß es einmal ein Ende ihrer Beziehungen geben könnte. Doch sie war Asiatin und wußte, daß es sinnlos ist, nach der Ursache irgendwelcher Dinge zu forschen, die man doch nicht ändern kann.

 

»Dann interessierst du dich also für eine andere Frau?«

 

Er sah sie halb belustigt an.

 

»Warum soll ich dir etwas sagen, was du selbst weißt?«

 

»Tony, ich bin sehr lange bei dir gewesen – können wir nicht von Chicago weggehen? Vielleicht hast du mich dann wieder lieb.«

 

Er sah sie merkwürdig an.

 

»Natürlich kannst du gehen. Nach New York – wohin du willst.«

 

»Ich sagte – wir.«

 

Er erhob sich brüsk.

 

»Wir ist nicht gleichbedeutend mit ich. Ich dachte immer, daß du das weißt, und ich habe es dir deshalb nie gesagt: Du bist für mich eine sehr schöne und vergnügliche Sache. Kann ich etwas dafür, daß ich ab und zu Dinge finde, die mir noch mehr Spaß machen?«

 

Er gab ihr einen flüchtigen Kuß, und sie lächelte.

 

»Wer kommt heute abend?« fragte sie mit erzwungener Fröhlichkeit.

 

»Oh, du wirst schon sehen – eine reizende Gesellschaft.«

 

»Sind auch Damen dabei? Sie etwa auch?«

 

Er nickte.

 

»Warum kann sie nicht fortbleiben? Sie hat doch ihren Mann.« Minn Lees Stimme zitterte.

 

»Du hast den Mann doch gesehen. Würdest du gerne dauernd mit ihm allein sein?«

 

»Jimmy sagt…«

 

Er drehte sich um.

 

»Oh, Jimmy? Hast du den Studenten eigentlich gern? Gefällt er dir?«

 

»Ja, er ist wirklich nett. Er kommt mir immer wie ein großer Junge vor.«

 

Der Tonfall ihrer Stimme erregte plötzlich seine Aufmerksamkeit.

 

»So? Und du behandelst ihn wohl auch so?« Er riß sie an sich. »Kleine Jungen küßt man schließlich auch …«

 

Selbst jetzt, bei dieser Frau, die er an und für sich loswerden wollte, packte ihn der Ärger bei dem Gedanken, daß jemand anders seine, des großen Bandenchefs Perelli, Rechte mißachtet haben könnte. Noch war sie sein Eigentum, und er war nicht bereit, sie einem anderen zu geben.

 

Er stieß sie weg und hielt sie auf Armeslänge von sich entfernt. Forschend und argwöhnisch betrachtete er sie.

 

Jimmy?

 

Er war eigentlich nicht böse auf den Jungen, und doch hatte er ein sonderbares Gefühl, das er nicht ergründen konnte.

 

»Warum siehst du mich so an?« fragte er.

 

In diesem Augenblick klingelte es, und er ließ sie langsam los.

 

Es war Con O’Hara mit Jimmy. Tony warf dem jungen Mann einen schnellen Blick zu – Jimmy sah blaß, nervös und erschüttert aus. Die Sache hatte ihm anscheinend mehr zu schaffen gemacht, als Perelli vermutet hatte. Es war zwar klar, daß Jimmy bei seinem ersten Unternehmen die Nerven verlieren würde, aber daß er sich immer noch nicht gefangen hatte, beunruhigte Perelli etwas.

 

»Hallo, Jimmy!«

 

Der junge Mann nickte ihm zu.

 

»Ich habe ihn auf der Straße aufgegabelt«, erklärte O’Hara und machte eine bezeichnende Handbewegung zu seiner Stirn.

 

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, Tony«, sagte Jimmy leise. Minn Lee hatte er nur mit einem schwachen Lächeln begrüßt.

 

»Laß uns allein, Liebling.« Tony gab ihr einen kleinen Schubs in Richtung der Tür.

 

Sie drehte sich um und sah Jimmy eindringlich an.

 

»Kommen Sie noch kurz zu mir, bevor Sie gehen?«

 

»Bestimmt.«

 

Warum wollte sie ihn sprechen, bevor er ging? Was hatte sie ihm zu sagen? Tony wurde immer nachdenklicher.

 

»Setzen Sie sich«, begann er, nachdem Minn Lee draußen war.

 

Aber Jimmy ging ruhelos auf und ab.

 

»Danke – ich mache mir lieber ein wenig Bewegung.«

 

Tony lächelte.

 

»Dieser Teppich hat mich zehntausend Dollar gekostet – aber bitte, tun Sie sich keinen Zwang an!«

 

»Ich habe gestern abend die ganze Sache verkorkst …«

 

Tony packte ihn am Arm und führte ihn auf den Balkon.

 

»Das macht nichts, mein Junge. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über diese Geschichte – wir alle haben am Anfang Fehler gemacht.«

 

Er wartete auf Antwort. Jimmy hatte sich wieder von ihm freigemacht und ging wie vorher unentwegt auf und ab. Die Hände hatte er in die Hosentaschen gesteckt, den Kopf tief gesenkt.

 

»Sie wissen, daß ich Shaun recht gern hatte«, sagte er zögernd. »Als ich die Pistole auf ihn richtete, sah er mich an – das kann ich nicht vergessen …«

 

Tony versuchte ihn zu beruhigen.

 

»Sicher, sicher – so ist das eben. Aber das geht vorüber.«

 

»Ich konnte nicht schlafen … Ich hatte die ganze Nacht sein Gesicht vor Augen – es war entsetzlich. Und auch jetzt …« Er starrte ins Leere, als ob er dort Shaun sehe.

 

»Er ist noch nicht abgehärtet, noch viel zu weich«, mischte sich O’Hara von der Balkontür her ein.

 

»Halten Sie den Mund«, fuhr ihn Tony scharf an.

 

Er trat wieder auf Jimmy zu, klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken und ermutigte ihn geradezu kameradschaftlich.

 

»Ich mache Ihnen nicht den geringsten Vorwurf, Jimmy. Vielleicht kann ich mir sogar ein wenig vorstellen, was Sie fühlen. Glauben Sie mir, wenn es auf mich ankäme, würden solche Sachen überhaupt nicht mehr vorkommen – ich würde das Alkoholgeschäft betreiben, ohne einer Fliege etwas zuleide zu tun. Es hat wirklich keinen Sinn, die Leute dauernd niederzuknallen … Aber die anderen lassen einen ja nicht in Frieden.«

 

»Das ist doch ganz klar«, sagte Con wieder. »Wenn Sie ihn nicht umgelegt hätten, hätten Sie eben selbst dran glauben müssen.«

 

Perelli war gerade besonders geduldig.

 

»Con, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich Leute nicht leiden kann, die zuviel reden. Kennen Sie übrigens Kommissar Kelly?«

 

»Lassen Sie mich bloß mit den Polypen in Ruhe – die haben doch überhaupt nichts zu melden. Mit Kelly werde ich schon noch reden.«

 

Tony hörte eine Sirene auf der Straße, trat ans Geländer und schaute hinunter.

 

»Sie werden gleich Gelegenheit dazu haben«, sagte er. »Vor der Haustür steht sein Wagen.« Er wandte sich rasch an Jimmy. »Hören Sie, jetzt müssen Sie sich zusammenreißen, Jimmy. Lassen Sie sich um Himmels willen nicht durch diesen Kelly aus dem Konzept bringen – sagen Sie so wenig wie möglich!«

 

Jimmy sah ihn entsetzt an.

 

»Will er mich etwa verhören? Weiß er denn, daß ich es getan habe?«

 

»Er weiß es nicht, wenn Sie es ihm nicht verraten. Lassen Sie sich bloß nicht von ihm bluffen!«

 

»Ich werde schon mit ihm sprechen«, erklärte Con selbstbewußt.

 

Perelli kniff die Augen zusammen.

 

»So? Sie sind ja sehr waghalsig. Aber ich möchte Ihnen trotzdem den Rat geben, den Mund zu halten und nicht zu frech zu werden. Der Mann ist nicht ohne.«

 

Es klopfte, und Kommissar Kelly schlenderte in den Raum. Er war ein breitschultriger Mann, mit harten, undurchdringlichen Zügen, und er brachte eine eigentümlich fremde, fast drohende Atmosphäre mit sich.

 

Er vertrat das Gesetz. Er vertrat eine Sache, die manche Leute nicht wahrhaben wollten, die aber trotzdem bestand verkörpert in der Person dieses Mannes.

 

Kapitel 13

 

13

 

Kommissar Kelly schaute von einem zum anderen. Er schien keine Eile zu haben und die Situation, die er hier vorfand, recht belustigend zu finden.

 

»Schön, Sie wieder mal zu sehen«, begrüßte ihn Tony mit einem strahlenden Lächeln.

 

»Ach, Sie haben wohl eine kleine Herren-Party?« fragte Kelly harmlos, während er Jimmy anschaute.

 

»Dazu ist es doch noch zu früh«, meinte Perelli.

 

Kelly nickte.

 

»Ich war heute schon bei einer anderen kleinen Männerversammlung«, bemerkte er trocken, beinahe barsch. Das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. »Drei Mann waren wir – der Leichenbeschauer, ich und Shaun O’Donnell. Aber die Unterhaltung haben der Leichenbeschauer und ich allein bestritten.«

 

In Tonys Zügen drückte sich tiefste Anteilnahme aus.

 

»Der arme alte Shaun! Es ist wirklich tragisch …, als ich die Nachricht in der Zeitung las, bekam ich direkt einen Schock. Das ganze Frühstück war mir verdorben.«

 

»Ihm auch«, entgegnete Kelly hart und nickte. »Dieser junge Mann dort ist wohl Mr. McGrath?«

 

Tony stellte die beiden einander vor, obwohl das eigentlich überflüssig war. Kelly wußte genug Bescheid.

 

»Sie mußten doch die Universität verlassen, weil Sie einen Kameraden bestohlen hatten?« fragte er Jimmy.

 

Der junge Mann war durch die Anwesenheit des Beamten noch verwirrter als vorher geworden. Als er endlich antwortete, zitterte seine Stimme vor Nervosität.

 

»Sie scheinen es ja sehr genau zu wissen.«

 

»Ich habe ihn sozusagen als Volontär eingestellt«, erklärte Tony.

 

Kelly betrachtete ihn spöttisch.

 

»Zum Totlachen – als Volontär! Und was hat er für Aufgaben? Haben Sie ihn vielleicht angestellt, um Blümchen auf Ihre Alkoholflaschen zu malen? Für so etwas sind Sie doch nicht zu haben, mein Junge, wie?«

 

Jimmy gab keine Antwort.

 

»Jedenfalls haben Sie sich gestern abend nicht mit solch harmlosen Dingen beschäftigt!«

 

Jimmy atmete schnell.

 

»Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen«, entgegnete er heiser.

 

Kelly konzentrierte seinen Angriff auf Jimmy. Perelli hatte es auch gar nicht anders erwartet. Wahrscheinlich verdächtigte der Beamte auch Con, aber den ließ er vorerst warten.

 

Der Ire hörte mit wachsender Ungeduld zu. Es machte ihm wenig aus, wenn er im Verdacht stand, Shaun ermordet zu haben, aber er konnte nicht ertragen, daß man ihn vollkommen übersah. Außerdem fürchtete er, daß Jimmy zusammenbrechen würde, und dann war auch er erledigt.

 

»Wie lange sind Sie schon bei Perelli?« fragte Kelly.

 

»Er ist seit drei Monaten bei mir, Mr. Kelly«, erwiderte Tony sanft, »und er ist ein wirklich netter Junge …«

 

»Kannten Sie Shaun O’Donnell?« fragte der Kommissar weiter.

 

»Ja, ich habe ihn öfter gesehen.«

 

»Ich meine, ob Sie ihn kannten?«

 

Jimmy nickte.

 

»Sie haben mehrmals bei Bellini mit ihm gegessen – folglich müssen Sie ihn also recht gut gekannt haben?«

 

Jimmy zögerte.

 

»Ich kannte ihn nur oberflächlich.«

 

»Sie wissen, daß er tot ist?«

 

Der Junge nickte wieder.

 

»Er ist gestern abend erschossen worden«, fuhr Kelly erbarmungslos fort und ließ den Studenten nicht aus den Augen. »Von einem dieser Revolverhelden, die man für ein paar hundert Dollar kaufen kann.«

 

Er beobachtete den jungen Mann jetzt so scharf, daß ihm auch nicht das Zucken eines Augenlids entgangen wäre.

 

Jimmy wurde abwechselnd rot und bleich, als Kelly mit dem Verhör fortfuhr. »Wo waren Sie denn gestern abend?«

 

»Im Theater.«

 

»In welchem Theater?«

 

»Warum wollen Sie denn das wissen?« Jimmy dachte nach. »Im Blackstone-Theater.«

 

»Und welche Nummer hatte Ihr Sitzplatz?«

 

O’Hara konnte es nicht lassen, sich jetzt einzumischen. Die Fragen wurden immer gefährlicher, und die Unruhe Jimmys hatte ihren Höhepunkt erreicht.

 

»Wie soll er sich denn jetzt noch an die Nummer seines Sitzplatzes erinnern?« fuhr es ihm heraus.

 

Kelly drehte sich ärgerlich nach ihm um.

 

»Halten Sie den Mund – mit Ihnen rede ich später!« herrschte er Con an und wandte sich dann wieder an Jimmy. »Also, wie war die Nummer?«

 

»Ich weiß es nicht mehr.« Jimmy wich Kellys Blick aus. »So etwas behält man doch nicht.«

 

»Aber was für ein Stück gespielt wurde, werden Sie schließlich noch wissen«, erkundigte sich Kelly ironisch.

 

Jimmy suchte krampfhaft nach einem Titel, und endlich fand er einen.

 

»Was für ein Stück? – Ich glaube, es war die ›Broadway-Revue‹ … Natürlich, das war es.«

 

Kelly schaute ihn verächtlich an.

 

»Das ist zwar zufälligerweise der Titel eines Films, aber immerhin.«

 

Jimmy sah sich hilflos um.

 

»Kann auch sein, daß ich in einem Kino war. Ich kenne mich in Chicago nicht aus und wollte mich irgendwo ein wenig unterhalten.«

 

»Soso – sehr wahrscheinlich. Können Sie mir wenigstens Sagen, um wieviel Uhr Sie aus dem Kino gekommen sind, Mr. McGrath?«

 

Hinter Kellys Rücken gab ihm Tony ein Zeichen mit den Fingern.

 

»Ich glaube, es war zwölf.«

 

»Großartig!« Kelly triumphierte. »Die Abendvorstellung der ›Broadway-Revue‹ fiel gestern nämlich aus.«

 

Jimmy wußte jetzt endgültig nicht mehr weiter, und O’Hara versuchte aufs neue, die Aufmerksamkeit des Beamten auf sich zu lenken.

 

»Hören Sie, Kommissar, der junge Mann ist doch in Chicago fremd …«

 

Kelly ging diesmal auf seine Bemerkung ein.

 

»Aber Sie sind wohl schon lange hier?«

 

Con grinste.

 

»Nein, ich bin auch noch nicht lange da. Bin von New York gekommen.«

 

Kelly schüttelte den Kopf.

 

»Ich muß der Stadt direkt einen Dankesbrief schreiben, daß sie auf Ihre Anwesenheit keinen Wert mehr gelegt hat und Sie hierherkommen ließ. Wie finden, eigentlich Sie sich in Chicago zurecht?«

 

»Ausgezeichnet – ich fahre immer im Taxi.«

 

»Sind Sie auch gestern abend in einem Taxi an die Ecke der Michigan Avenue und der Achtundvierzigsten Straße gekommen?«

 

»Ich? Ich war schon um zehn im Bett!« erklärte O’Hara entrüstet.

 

»Aber Sie sind hingefahren!« Kelly sah drohend Jimmy an, der aufsprang.

 

»Nein!«

 

»Doch!«

 

»Nein!« Jimmy brüllte beinahe.

 

Langsam zog Kelly ein Notizbuch aus der Tasche.

 

»Hören Sie, ich sprach mit Shaun, bevor er starb, und Shaun hat gesagt, daß er von Ihnen und O’Hara erschossen wurde.«

 

Er hörte ein leises Lachen.

 

Tony hatte sich bequem in einen Sessel gesetzt und sich eine Zigarette angezündet.

 

»Er starb, ohne ein Wort zu sagen – ich weiß es«, warf er scheinbar gleichgültig ein.

 

»Woher wollen Sie denn das wissen?«

 

»Sehr einfach – wenn Shaun tatsächlich so etwas gesagt hätte, würden Sie die beiden doch verhaften.«

 

»Ich weiß viel zu genau, daß ich mit einer Verhaftung nur Ihren Rechtsanwalt auf die Beine bringen würde, der schon einen Antrag auf Freilassung und eine Kaution in der Tasche hätte. Vorläufig ist es viel einfacher so.«

 

Er ging zu Tony hin und legte ihm seine Hand fast freundschaftlich auf die Schulter.

 

»Perelli, schlau sind Sie – das muß ich Ihnen lassen. An dem Tag, an dem es mir, gelingt, Sie auf den elektrischen Stuhl zu bringen, kaufe ich mir eine Flasche von Ihrem geschmuggelten Whisky und besaufe mich.« Er schaute auf die Uhr und ging zur Tür. »Sie müssen jetzt übrigens bald gehen, sonst kommen Sie zu spät zu Ihrer Verabredung. Lassen Sie Tom Feeney bloß nicht warten!«

 

Nach dieser Bemerkung verließ er das Zimmer.

 

»Woher weiß er das nur?« fragte O’Hara.

 

Tony wartete, bis sich die Wohnungstür hinter Kelly geschlossen hatte. Dann rief er nach Angelo und gab Jimmy den Auftrag, Tom Feeney anzurufen. Jimmy war schon am Telefon, als Angelo eintrat. Tony gab ihm rasch noch einige Anweisungen, bevor er Jimmy den Hörer aus der Hand nahm.

 

»Sind Sie am Apparat, Tom? Seien Sie vorsichtig – man hat uns nachgespürt und unser Gespräch belauscht … Kelly war eben hier. Deshalb komme ich etwas später … Alles in Ordnung … ja, wir gehen dann zu mir … gut.«

 

Tony legte den Hörer auf.

 

»Sind die andern fertig? Na, dann ist ja alles gut. Sie kommen mit, Con.« Er schaute nachdenklich zu Jimmy hinüber. »Nein, Sie bleiben lieber da. Ich bin in ein paar Minuten wieder zurück.« Dann wandte er sich an Angelo. »Du gehst jetzt gleich zu Schoberg.«

 

Angelo hatte diesen Gang schon öfters gemacht und dort eine schwarzumränderte Karte abgegeben, auf der ein Gedicht stand. Das gehörte zu den unumstößlichen Regeln bei einem Bandenmord. Und Angelo konnte ganz ordentliche Verse machen; er hatte schon manchen poetischen Nachruf verfaßt.

 

Tom Feeney hatte bereits am Telefon erklärt, warum er seinen Gegner so bereitwillig sprechen wollte. Das war keine geheime Zusammenkunft zwischen zwei Bandenführern, sondern eine Aussprache, die vor den Augen der Polizei stattfand. Es würde also von keiner Seite aus eine Schießerei geben. Wenn die Polizei bereits von der Konferenz wußte und daran war nicht mehr zu zweifeln –, so konnte jeder Bruch der geltenden Vereinbarung für beide Parteien gefährlich werden.

 

Perelli wußte bereits, daß seine Annahme stimmte, als er den Treffpunkt noch nicht erreicht hatte. An allen Straßenecken standen Polizeiautos, und überall wimmelte es von Beamten in Zivil. Als die beiden Bandenchefs einander gegenüberstanden und sich wie ehrbare Bürger die Hand gaben, taten sie es in Gegenwart vieler Zeugen, und Tom Feeney war sich dessen wohl bewußt. Seine Begleiter waren in Rufweite zurückgeblieben. Diese Maßnahme hatte auch Perelli angeordnet.

 

»Hallo, Tom!« begrüßte Tony den andern.

 

Dann schüttelten sie sich kräftig die Hände.

 

»Kommen Sie mit in meine Wohnung?« fragte Perelli. Feeney schaute nach seinen Leuten.

 

»Die Jungs können ja mitkommen«, schlug Tony vor. »Wir werden doch um Himmels willen keinen Streit bekommen! Übrigens steht direkt hinter Ihnen Kellys Wagen – er beschützt Sie wirklich wie einen Bruder.«

 

Tom zögerte. Er war ungewöhnlich nervös, denn irgendwo im Hintergrund hielt sich auch seine Schwester auf – und er wußte, daß in ihrem Auto ein Maschinengewehr untergebracht war, mit dem sie ausgezeichnet umzugehen verstand.

 

»Gut, gehen wir«, sagte er schließlich.

 

Wenig später öffnete Tony seinem Gast die Wohnzimmertür und wurde Zeuge eines kleinen Idylls, das sich im Hintergrund des Zimmers abspielte.

 

Kapitel 14

 

14

 

Jimmy hörte, wie sich die Tür hinter Perelli schloß, der zu seiner Zusammenkunft mit Tom Feeney ging. Er stützte den Kopf in die Hände und dachte nach – wieder wirbelten seine Gedanken durcheinander. Er überlegte, ob er fliehen und diese ganze Umgebung verlassen sollte; dabei fühlte er aber ganz genau, daß er damit seiner Schuld nicht entrinnen konnte. Nirgends gab es eine Zufluchtstätte für ihn … Immer wieder versuchte er sich einzureden, daß er selbst ja den tödlichen Schuß nicht abgegeben hatte. Auch das half ihm nichts, denn er. mußte sich sagen, daß er die feste Absicht gehabt hatte, Shaun zu töten.

 

Hätte er zu Kelly gehen und ihm ein Geständnis ablegen können, ohne Con O’Hara und Perelli hineinzuziehen, so wäre ihm das als die beste Lösung erschienen. So gab es nur einen Weg für ihn. Selbstmord? Nein, das wäre Betrug gewesen. Er mußte seine Schuld an seine wirklichen Gläubiger bezahlen …

 

»Was haben Sie, Jimmy?«

 

Schnell sah er auf. Minn Lee stand vor ihm – so heiter, so ruhig und so strahlend schön, daß er bei ihrem Anblick den Atem anhielt.

 

»Was ist los, Jimmy? Fühlen Sie sich nicht wohl?«

 

Er schüttelte den Kopf und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. »Nein …« Pause. »Ich wünschte, ich wäre tot!«

 

Sie setzte sich neben ihn und legte ihre kleine Hand auf seine Schulter.

 

»Ach, Jimmy, ich habe Ihnen doch schon immer gesagt, daß Sie fortgehen sollen.«

 

Er richtete sich auf, sah sie an und lachte gequält.

 

»Fortgehen? Wohin denn?« Bekümmert schaute er sie. an. »Wenn nur Sie nicht in dieser Umgebung leben müßten! Sie haben hier noch weniger zu suchen als ich.«

 

»Tony hat mich mit hierhergenommen, als es mir sehr schlecht ging. Ich gehöre zu ihm – etwas anderes gibt es für mich nicht.«

 

Er wunderte sich über sie, wie er sich schon früher über sie gewundert hatte. Wenn er sein Leben nicht selbst schon weggeworfen hätte, würde er alles getan haben, um sie aus dieser Umgebung zu befreien. Er sagte ihr dies auch in unbeholfenen Worten.

 

»Gehen Sie doch selbst fort«, bat sie ihn. »So schnell wie möglich.«

 

Er schüttelte den Kopf, erhob sich, ging im Zimmer auf und ab und dachte, daß sie völlig in ihre Arbeit vertieft sei. Aber als er zu ihr hinschaute, bemerkte er, daß ihre Blicke ihm folgten.

 

»Jimmy – wer hat den Mann gestern abend niedergeschossen?«

 

Die Frage erschreckte ihn. Für kurze Zeit hatte er Shaun O’Donnell ganz vergessen.

 

»Ich … ich weiß es nicht«, erwiderte er unsicher.

 

»Wer hat auf ihn geschossen?«

 

Jimmy verlor plötzlich die Fassung und schluchzte haltlos.

 

»Ich hab’s getan!« stieß er schließlich hervor. »Ich habe versucht, mich vorher zu betrinken, aber je mehr ich trank, desto nüchterner wurde ich. Ja, ich wollte ihn ganz kaltblütig umbringen! Und dafür muß ich jetzt bezahlen.«

 

Sie nickte. »Es wird bald aus sein – mit uns allen.«

 

»Mit uns allen? Kein Mensch wird Ihnen etwas tun.«

 

Plötzlich kam ihm zum Bewußtsein, wie sehr sie unter Perellis Art leiden mußte. Ihre heitere Gelassenheit war nur Schein. Jimmy tastete nach ihrer Hand und hielt sie fest.

 

»Ich liebe dich, Minn Lee«, sagte er leise.

 

Behutsam machte sie ihre Hand frei.

 

»So etwas dürfen Sie nicht sagen.« Ihre Stimme zitterte. »Ich kann niemand mehr etwas bedeuten.«

 

In seiner Aufregung fing er an, verworrene Pläne zu schmieden. Sie konnten nach Kanada fliehen …

 

Sie lachte leise und brachte ihn dadurch wieder zur Besinnung.

 

»Eine Chinesin paßt nicht zu Ihnen, Jimmy. Ich gehöre hierher zu Tony – und ich liebe ihn immer noch, trotz allem.«

 

Sie versuchte, ihm gut zuzureden. Aber er wiederholte immer nur, daß er sie liebe und mit ihr fliehen wolle.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich muß bei Tony bleiben.«

 

Perelli hatte die Tür geöffnet, überschaute die Situation mit einem Blick und betrachtete die beiden wie ein wohlwollender Vater.

 

Als Jimmy seine Stimme hörte, sprang er auf und murmelte eine Entschuldigung. Aber Perelli unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

 

»Lassen Sie nur, Jimmy – ich fand es sehr interessant. Aber nun verschwindet, ihr Kindsköpfe. Ihr könnt euch ja in einem andern Zimmer noch unterhalten.«

 

Jimmy versuchte noch einmal, sich zu entschuldigen, aber Minn Lee zog ihn mit sich.

 

Tony sah ihnen mit einem seltsamen Lächeln nach.

 

Kapitel 15

 

15

 

Tom Feeney betrat vorsichtig den Raum. Er war vor längerer Zeit schon einmal hier gewesen, aber inzwischen hatte sich sehr viel ereignet. Zum Beispiel war Vinsetti gestorben, und man hatte die näheren Umstände seines Todes in der Unterwelt eingehend besprochen.

 

In der Tür drehte sich Tom um und gab mit lauter Stimme seinen Begleitern Instruktionen – mehr um sich selbst Mut zu machen.

 

»Also, Jungs, legt eure Schießeisen fort. Das ist so abgemacht – stimmt doch, Tony?«

 

Perelli wußte genau, was in Tom vorging, und lächelte.

 

»Natürlich. Legt eure Kanonen auf den Tisch – und schenken Sie sich einen Whisky-Soda ein, Tom.«

 

Feeney holte zwei Pistolen aus seinen Schulterhalftern hervor und warf sie ostentativ auf den Tisch.

 

»Hier!«

 

Tony brachte ebenfalls zwei Pistolen zum Vorschein und legte sie daneben.

 

»Wo ist Angelo?« fragte Tom und schaute sich um.

 

»Ich habe ihn zu Schoberg geschickt.«

 

Tom war von dieser Antwort befriedigt.

 

»Eine gute Idee – Sie allein sind schon gerade genug.«

 

Tony holte eine Kiste Zigarren und bot zu rauchen an. Tom wählte und bediente sich.

 

Niemand sah Minn Lee, die von ihrem Zimmer aus auf den Balkon gegangen war und jetzt dicht neben dem geöffneten Fenster stand.

 

Tony zündete sich auch eine Zigarre an und begann das Gespräch.

 

»Hören Sie, Tom, was ich am Telefon sagte, meine ich auch so. Wir verdienen beide Geld – warum streiten wir uns denn um die paar Dollars? Hat doch eigentlich gar keinen Sinn.«

 

»Stimmt schon.« Feeneys Begeisterung wirkte nicht ganz echt. »Sie haben wirklich mehr Verstand als ein Professor!«

 

Perelli rückte zwei Sessel dicht nebeneinander, und sie nahmen Platz.

 

»Bedenken Sie vor allem eins, Tony – ich habe zwei gute Leute verloren, und bevor wir uns verständigen können, müssen wir uns erst über Shaun einigen. Wenn das erledigt ist, haben wir schon den Hauptteil der Schwierigkeiten überwunden.«

 

Tony murmelte etwas, und Tom hob die Hand.

 

»Ich weiß, ich weiß – Shaun konnte Sie nicht leiden! Er war hinter Ihnen her. Vergessen Sie aber nicht, daß ich eine Schwester habe, die mit ihm verheiratet war. Und Sie wissen ja, wie die Frauen sind. Sie jedenfalls ist jetzt darauf versessen, die beiden um die Ecke zu bringen, die ihren Mann erschossen haben – und meine Leute sind auf ihrer Seite.«

 

»Ihre Schwester ist eine sehr liebenswürdige, nette Dame«, entgegnete Perelli höflich.

 

Aber Tom ließ sich durch solche Komplimente nicht beeindrucken.

 

»Tun Sie nicht so, Perelli. Ihr Geschmack ist sie bestimmt nicht; und sie hat auch sonst noch niemals einen Mann begeistert mit Ausnahme von Shaun. Das macht die Sache eben so schwierig!«

 

»Was soll ich denn Ihrer Meinung nach tun?« fragte Tony geradezu.

 

Tom lehnte sich vor und sprach mit äußerstem Nachdruck.

 

»Wir wissen genau, wer Shaun umgelegt hat – es waren der junge McGrath und Con O’Hara; einer meiner Leute hat sie zurückfahren sehen. An dem jungen Studentchen verlieren Sie nicht viel. Für Con tut es mir eigentlich leid – ich habe ihn in New York gekannt –, aber er redet wirklich zu viel. Haben Sie eigentlich seine Frau schon gesehen?«

 

Tony hatte Mary nicht vergessen.

 

»Ja, ich kenne sie. Also, was soll ich tun?«

 

Tom Feeney dämpfte seine Stimme.

 

»Schicken Sie die beiden heute nacht an einen Platz, den ich Ihnen angebe, damit meine Leute sie erledigen können. Sagen wir elf Uhr, Ecke der Michigan Avenue und der Vierundneunzigsten Straße. Ein paar meiner Jungs werden dort sein – und damit wäre der Streit beigelegt.«

 

»Nein, das tue ich nicht!« fuhr Tony auf.

 

»Kann mir denken, daß Ihnen das nicht liegt, aber überlegen Sie doch mal …«

 

Perelli stützte das Kinn auf die Hand, und einige Minuten lang schwiegen sie.

 

»Die beiden haben mir schon allerhand Sorgen gemacht«, begann schließlich Perelli wieder. In seiner Stimme lag jetzt ein merkwürdiger Unterton. Als Tom sah, daß Tony angebissen hatte, stieg seine Hoffnung.

 

»Es gibt in jeder Organisation schlechte Kerle und Verräter – denken Sie nur an Vinsetti!«

 

»Das weiß ich selbst am besten …!«

 

Tony lächelte grimmig.

 

»Na also. Und hier ist es nicht anders. Wenn Sie keinen Spektakel wollen, ist dies der beste Weg.«

 

»Gut, die Sache ist in Ordnung«, sagte Tony langsam. »Ich schicke die beiden heute abend hin.«

 

Sie standen zu gleicher Zeit auf, als es an die Tür klopfte. Es war Angelo, halb verborgen hinter einem riesigen Blumenarrangement, das er vor sich hertrug und vor Tom niedersetzte.

 

Schoberg, der beste und teuerste Blumenhändler Chicagos, hatte wirklich ein Meisterwerk geliefert. Tom Feeney war gerührt.

 

»Wirklich sehr aufmerksam von Ihnen. Wunderschön – diese Blumen.«

 

Er nahm die Karte, die an dem Arrangement befestigt war und las:

 

Die Engel sahen Shaun und sangen,

ein guter Mann ist heimgegangen.

 

Tiefstes Beileid von Tony Perelli.

 

Tom war den Tränen nahe.

 

»Donnerwetter – wie schön gesagt!«