Kapitel 3

 

3

 

Als Henry Vandersluis den Entschluß faßte, in die führenden Kreise der englischen Gesellschaft vorzudringen, ging er mit derselben Gründlichkeit und Hartnäckigkeit vor wie im Geschäftsleben. Es war ihm gelungen, die großen Vandersluis-Werke zu gründen, den größten Konzern auf dem Gebiet der Möbelindustrie.

 

Er siedelte mit seinem Vermögen von zwanzig Millionen Dollar nach England über, zeigte gleich eine besondere Vorliebe und Bewunderung für die englische Aristokratie und faßte den festen Entschluß, auch zu ihr zu gehören. Mr. Vandersluis war ein Streber, und die eisige Kälte des englischen Adels schreckte ihn nicht ab, ebensowenig kümmerte er sich um die vielen Zurückweisungen, die er bei seinen Bemühungen erfuhr.

 

Er kaufte einen wunderbaren Landsitz in Somersetshire, eine Stadtwohnung am Grosvenor Square, einen Rennstall und eine prachtvolle Jacht, die in den Zeitungen als schwimmender Palast bezeichnet wurde.

 

Die Motorjacht »Oisa« war hochelegant eingerichtet und schnittig in ihren Umrißlinien. Sie hatte fabelhafte Maschinen, einen ausgezeichneten Kapitän, hervorragende Offiziere und eine gutgeschulte Besatzung. Nur eins fehlte: die Gäste. Die »Oisa« war ein Palast mit einem König ohne Hof und Höflinge.

 

In den wundervollen Kabinen hätten Prinzen wohnen können. Meistens schliefen dort aber die Geschäftsfreunde von Mr. Vandersluis, die gar keine Titel besaßen. An Bord der Jacht befand sich auch ein prachtvoller Empfangssalon. Dort saß Mr. Vandersluis und las die Briefe von den Vertretern der höheren Aristokratie, in denen sie mitteilten, daß sie es tief bedauerten, leider nicht imstande zu sein, seiner freundlichen Einladung zu folgen.

 

Die große Seglerwoche von Cowes begann. Auf der Reede lagen die wunderbarsten, weißen Privatjachten vor Anker, und in dem großen Jachtklub ging es hoch her. Jede Jacht, und wenn sie auch noch so klein war, hatte eine Gesellschaft an Bord, nur die »Oisa« machte eine Ausnahme. Dort befand sich nur Mr. Vandersluis, und er war durchaus nicht in freundlicher Stimmung.

 

Er stand auf dem Oberdeck der »Oisa«, umgeben von einer Anzahl luxuriöser, aber leerer Decksessel. Neben ihm stand sein Sekretär, ein düster dreinblickender junger Mann, der von morgens bis abends Gummi kaute.

 

Vandersluis blickte von den anderen Jachten auf sein eigenes Deck, auf dem er sich so einsam fühlte.

 

»Großartig, finden Sie nicht auch?« fragte er bitter. »Ich möchte am liebsten eine Kapelle mieten, die Besatzung mit Champagner traktieren und dann zwischen all den anderen Booten umherfahren.«

 

»Morgen wird es schon anders werden«, entgegnete der Sekretär. »Ich sagte Ihnen ja gleich zu Anfang, es würde einsam und still werden. Warum haben Sie nicht Mr. Smithers und Mr. Jackson eingeladen?«

 

»Smithers und Jackson sind verreist«, entgegnete Mr. Vandersluis wütend. »Außerdem kann ich diese Leute aus der City nicht leiden. Die reden den ganzen Tag nur darüber, wo sie in London am besten zu Abend speisen können, wie sie die Bank von England hereingelegt haben und dergleichen nebensächliche Dinge. Aber morgen wird es anders«, fügte er mit einem grimmigen Lächeln hinzu. »Morgen kommen die vielen jungen Damen – Sie haben doch einen Extrazug für sie bestellt?«

 

»Selbstverständlich. Gaba de Vere, Gertie Summers, Teddy Bristowe und alle die anderen berühmten Stars kommen.«

 

»So ist es recht«, sagte Mr. Vandersluis. »Man muß erst die Frauen haben, dann bekommt man auch die Männer. Ich wette, wenn die anderen erfahren, daß all die Mädels an Bord sind, müssen wir Extra-Leitern über die Reling legen, damit sie alle schnell genug heraufkommen können.«

 

Er sprach zwar durchaus überzeugt, aber er glaubte nicht an seine eigenen Worte. Nachdem er eine Weile auf und ab gegangen war, trat er wieder zu seinem Sekretär.

 

»Ich dachte, daß die andere Idee auch gut gewesen wäre, George; Ich habe den besten Roulettetisch, den man an Bord einer Jacht finden kann. Meinen Sie, daß das in den Kreisen, auf die es ankommt, bekannt genug ist?«

 

»Ganz bestimmt«, entgegnete der junge Mann. »Ich habe dafür gesorgt, daß man an Land und auf den Jachten davon spricht.«

 

»Haben Sie auch die kurze Notiz in die Presse gebracht?«

 

George nickte und zog einen Zeitungsausschnitt aus seiner Westentasche.

 

»Hier steht der kleine Artikel.«

 

Mr. Vandersluis klemmte sein Monokel ins Auge und las.

 

»Man sollte doch denken, daß das zieht«, sagte Mr. Vandersluis. »Mein Geld ist doch ebenso gut wie das anderer Leute. Aber wir locken nur Menschen an, die wir nicht haben wollen. Wer kommt denn da?«

 

Er zeigte über die Reling auf ein Boot, das direkt auf das Fallreep der Jacht zuhielt.

 

»Vielleicht ist das endlich mal jemand«, meinte Mr. Vandersluis begeistert.

 

»Der sieht aber mehr wie ein Büroangestellter aus«, erwiderte der etwas nüchterne George, der wenig Phantasie besaß. »Die Lords tragen keine weißen Flanellhosen und schwarzen Schuhe, wenigstens nicht die Lords, die ich getroffen habe.«

 

Der Fremde kam mit seinem kleinen Boot längsseits und stieg das Fallreep hinauf. Er grüßte Mr. Vandersluis, indem er den Strohhut abnahm, und zog dann einen Brief aus der Tasche. Mr. Vandersluis drehte das Schreiben nach allen Seiten und las auf der Rückseite ›Vereinigte Versicherungsgesellschaften‹.

 

»Ach, ist das ein Geschäftsbrief?« fragte er und riß den Umschlag auf.

 

 

Sehr geehrter Herr!

 

Ich habe in den Morgenzeitungen zu meiner größten Beunruhigung von den bedeutenden Geldsummen gelesen, die Sie an Bord der ›Oisa‹ mit sich führen. Ich schicke diesen Brief durch einen besonderen Boten, nicht weil ich Sie stören, sondern weil ich Ihnen helfen möchte. Darf ich Sie bitten, unter diesen Umständen, besonders da Sie gegen Diebstahl bei uns hoch versichert sind, unseren besten Detektiv, Mr. Bob Brewer, bei sich an Bord der Jacht als Gast aufzunehmen? Sicherlich haben Sie schon in Amerika von ihm gehört.

 

Mr. Brewer hat mir berichtet, daß zur Zeit auf der Insel Wight eine besonders gefährliche Verbrecherbande ihr Unwesen treibt, und er fürchtet, daß der Artikel in der Zeitung die Verbrecher auf den Gedanken bringen wird, Ihnen einen unerwünschten Besuch an Bord abzustatten. Wir haben es so eingerichtet, daß Mr. Brewer morgen zu Ihnen kommt, und zwar in der Verkleidung eines Matrosen, der bei Ihnen an Bord Anstellung findet. Unser Mr. Brown, der dieses Schreiben überbringt, wird Ihnen morgen Mr. Brewer zeigen, das heißt, nur aus der Ferne. Es wäre unserer Meinung nach verkehrt, wenn Sie zusammen an Deck gesehen würden oder wenn die andere Besatzung etwas davon erfahren sollte. Es freut uns, daß wir Ihnen zu Diensten sein können. Sonderkosten werden hierfür nicht berechnet.

 

Douglas Campbell.

 

 

Mr. Vandersluis faltete den Brief zusammen und betrachtete den Überbringer durch sein Monokel.

 

»Kennen Sie den Inhalt des Schreibens?«

 

»Jawohl!«

 

Der Millionär verzog den Mund.

 

»Es ist mir unangenehm, Detektive an Bord zu haben«, sagte er dann. »Meiner Meinung nach bin ich imstande, selber auf meine Wertsachen und mein Geld aufzupassen, aber wenn dieser Mann von der Versicherung an Bord kommen will, habe ich schließlich nichts dagegen. Sie können Mr. Brewer ein Telegramm senden und ihm mitteilen, daß ich ihn erwarte.«

 

Er rief George herbei.

 

»Dies ist Mr. Brown. Sorgen Sie dafür, daß er Quartier für die Nacht bekommt. Was wollen Sie trinken?«

 

»Limonade«, entgegnete der bescheidene und zurückhaltende Mr. Brown.

 

Mr. Vandersluis stöhnte, denn er hatte fünfzig Kisten besten französischen Sekt an Bord.

 

Am Abend beim Essen trank Mr. Brown aber doch zwei Gläser Portwein, und unter dem Einfluß des Alkohols redete er frei und offen. Er, George und Mr. Vandersluis waren die einzigen, die bei Tisch saßen, und sie sahen ziemlich verloren in dem großen, prachtvollen Speisesaal aus.

 

»Die ganze Gesellschaft ist nicht viel wert!« erklärte Mr. Vandersluis.

 

»Das ist auch Mr. Campbells Meinung«, erwiderte Mr. Brown, »Er sagt, daß die Gesellschaft –«

 

»Ich will nicht wissen, was Mr. Campbell sagt«, erklärte Vandersluis. »Er hat kein Recht, sich derartig über die Gesellschaft zu äußern. Erstens gehört er nicht dazu, zweitens ist er der Diener dieser Leute – auch der meine.«

 

»Das ist es ja gerade, was Mr. Brewer ihm immer sagt«, entgegnete Mr. Brown, der sich nicht im mindesten einschüchtern ließ.

 

»Brewer? Ach, das ist der Mann, der morgen an Bord kommen soll? Wer ist denn das eigentlich? Ich glaube, daß ich schon von ihm gehört habe.«

 

»Er ist ein sehr netter, umgänglicher junger Mann«, sagte Brown. »Und er kann in unendlich vielen Verkleidungen auftreten.«

 

»Ach, den brauchen Sie mir erst gar nicht zu zeigen, den kenne ich unter Tausenden heraus. Diese Detektive haben etwas an sich, das sie schon auf einen Kilometer Entfernung kenntlich macht. Und außerdem ist diese Angst, daß die Verbrecher hier an Bord kommen sollen, doch einfach kindisch. Wie sollten sie das wohl anstellen? Ich habe zwanzig Mann Besatzung, die Heizer eingerechnet, und ich liege einen guten Kilometer vom Ufer entfernt. Und glauben Sie mir, ich kann mit einer Pistole besser umgehen als irgend jemand, der heute abend in Cowes ist.«

 

»Das glaube ich schon«, sagte Mr. Brown und goß sich noch ein Glas Portwein ein.

 

»Sie haben alle versucht, mir das Geld abzunehmen – die Bande von Moore und die von O’Donovan. Aber es ist keinem gelungen. Mir hat noch keiner einen Dollar abgenommen, mein Junge, darauf können Sie sich verlassen.«.

 

»Als ich heute an Bord kam«, erklärte Brown schon ein wenig schläfrig, »dachte ich sofort, das ist ein Mann, dem man nicht einen einzigen Dollar abnehmen kann.«

 

Mr. Vandersluis sah ihn belustigt an.

 

»Sie scheinen ja nicht viel vertragen zu können. Es wäre vielleicht doch besser gewesen, wenn Sie Limonade getrunken hätten.«

 

»Ich bin vollkommen nüchtern«, erwiderte Mr. Brown und versuchte aufzustehen. Aber dann setzte er sich sehr schnell wieder in seinen Sessel und machte ein verdutztes Gesicht.

 

»Also, setzen Sie sich einmal bequem hin«, sagte Mr. Vandersluis. »George, helfen Sie mir.«

 

Sie führten Mr. Brown zu einem prachtvollen Klubsessel, dann gingen sie an Deck.

 

Mr. Vandersluis hatte die Gewohnheit, bis zwölf Uhr nachts an Deck zu bleiben, aber es machte ihm wenig Vergnügen. Von Bord der anderen Jachten hörte er fröhliches Lachen.

 

Sein Sekretär George legte beim Schein der großen Decklampen Patience.

 

Mr. Vandersluis lehnte gerade an der Reling, als ihn plötzlich eine Stimme aus dem Dunkel anrief.

 

»Jacht, ahoi!«

 

Es war kurz vor Mitternacht, und Mr. Vandersluis zögerte. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten sollte, denn es war die Stimme einer Dame.

 

Gleich darauf hörte er sie schon bedeutend näher.

 

»Helfen Sie mir bitte, ich habe ein Ruder verloren!«

 

Er sah auf das Wasser hinunter und entdeckte ein kleines Boot. Er rief nicht erst einen Matrosen, sondern eilte selbst hinunter, nahm die Leine, die an der Reling hing, und warf sie geschickt nach dem Boot hinüber.

 

Es war eine Dame in Abendkleidung. Er half ihr auf die untere Plattform des Fallreeps, machte das Boot fest und führte sie an Deck. Im hellen Licht sah er, daß sie jung und schön war. Sie trug ein kostbares Kleid, und ihr Perlenhalsband war ein kleines Vermögen wert. Aber sie schien sehr müde zu sein und sank in einen bequemen Korbsessel.

 

»Holen Sie etwas Kognak, George«, sagte Mr. Vandersluis, der von dem Abenteuer begeistert war, »oder besser eine Flasche Sekt«, fügte er hinzu, und seine Augen strahlten bei diesem guten Gedanken.

 

Die junge Dame trank das Glas Sekt in einem Zug aus und sah ihn mit einem dankbaren Lächeln an.

 

»Es war eine große Torheit von mir. Ich dachte, ich könnte allein zur Jacht meines Vaters zurückrudern. Als ich aus dem Klub kam, war der Matrose nicht im Boot; und so ruderte ich selbst. Ich bin Lady Mary Glendellon«, stellte sie sich vor. »Mein Vater ist der Earl von Crouboro.«

 

»Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen«, erwiderte Mr. Vandersluis heiser und beinahe ehrfürchtig. »Ich hoffte, Ihren Vater zu sehen, aber er hatte leider eine wichtige Verabredung in Wales. Ich wußte nicht, daß er schon zurück ist.«

 

»O ja, er ist zurückgekommen. – Ich bin Ihnen sehr dankbar. Sie haben wahrscheinlich mein Leben gerettet. – Es war allerdings nicht recht von mir, ich blieb länger im Klub, als ich eigentlich bleiben sollte. Das heißt, wir waren nicht direkt im Jachtklub«, sagte sie ganz offen, »sondern wir gingen nachher noch zu Lord Bentel. Aber das dürfen Sie meinem Vater nicht erzählen. Dort haben wir Bakkarat gespielt.«

 

Mr. Vandersluis lächelte höflich und diskret.

 

»Ach ja, die modernen jungen Damen! Was würde wohl Ihre Großmutter sagen, wenn sie erführe, daß Sie Bakkarat spielen?«

 

Sie lachte, und er lachte auch, sie schienen sich gut zu verstehen.

 

»Ach, hier ist es so schön und bequem! Was haben Sie doch für eine elegante Jacht«, sagte sie und schaute sich begeistert um. »Führen Sie mich doch bitte umher, bevor ich fortgehe.«

 

Er kam ihrem Wunsch nur zu gern nach, und sie war von allem entzückt.

 

»Morgen muß ich unbedingt wiederkommen und meinen Vater mitbringen«, erklärte sie, und Mr. Vandersluis holte tief und befriedigt Atem. »Er muß diese Jacht sehen. Sie ist ja herrlich! Und ich will auch die Herzogin von Thacham herbringen, eine sehr vornehme und nette Dame.«

 

Sie waren wieder zur Tür des Salons gekommen, und die junge Dame war bereits eingetreten, als Mr. Vandersluis einfiel, daß Mr. Brown, der noch in seinem Sessel schlief, gerade keinen sehr vornehmen Eindruck machte. Er gab daher seinem Sekretär, der vorausging, einen Wink, und mit einem kräftigen Ruck schob George den Sessel so weit herum, daß nur die Rückenlehne zu sehen war.

 

»Dies ist der Gesellschaftssalon.«

 

Der Tisch war abgeräumt, und Vasen mit duftenden Rosen standen auf der Tafel. Sie ließ sich nieder und legte eine große, seidene Handtasche vor sich hin. Mr. Vandersluis nahm links von ihr Platz und fürchtete jeden Augenblick, daß dieser unheimliche, betrunkene Mr. Brown zu schnarchen anfangen könnte.

 

»Es war ein recht aufregender Tag für mich«, seufzte die junge Dame.

 

»Meinen Sie nicht, daß ich Sie zu Ihrer Jacht zurückrudern lassen sollte?« fragte Mr. Vandersluis. »Der Earl von Crouboro ist doch sicherlich sehr besorgt um Sie?«

 

»Ach nein«, entgegnete sie lachend. »Ich glaube, Sie wissen nicht, wie wir zu leben gewohnt sind, Mr. – ach, ich habe Ihren Namen vergessen.«

 

»Vandersluis.«

 

»Ja, es war ein kolossal aufregender Tag.« Sie zählte ihre Abenteuer auf. »Erstens wäre ich fast auf dem Meer verlorengegangen, dann habe ich tausend Pfund im Bakkarat gewonnen, und schließlich wurde mir beinahe mein Perlenhalsband gestohlen.«

 

»Was, die kostbare Kette?«

 

»Ja. Haben Sie noch nichts davon gehört? Es treiben sich zur Zeit entsetzliche Leute in Cowes herum. Ich glaube, es sind amerikanische Verbrecher. Eine ganz gemeine Bande, zwei Männer und eine Frau. Wissen Sie denn nichts davon?«

 

Mr. Vandersluis wußte nichts, aber er nickte. Er hatte es sich zur Regel gemacht, alles zu wissen, was in der Welt vorging und was die Welt wußte, selbst wenn er keine Ahnung davon hatte.

 

»Und diese entsetzliche Frau selbst – wie heißt sie doch gleich? Perlen-Sara! Ist das nicht ein lächerlicher Name?«

 

»Ach ja, ich habe schon von ihr gehört«, sagte Mr. Vandersluis. »Wie hat sich denn die Sache zugetragen?«

 

»Sie kam heute morgen an Bord«, sagte Lady Glendellon, »und gab vor, von mir als Zofe engagiert worden zu sein. Ich war gerade an Land, und da ich tatsächlich ein junges Mädchen engagiert hatte, stellte auch niemand weitere Fragen an sie. Man zeigte ihr meine Kabine, und wenn unser Obersteward nicht auf der Hut gewesen wäre, hätte sie mir meinen ganzen Schmuck geraubt. Aber der Mann zwang sie, die Kabine zu verlassen, und sie konnte nicht ein einziges Schubfach öffnen, bis ich zurückkehrte.«

 

»Da hatten Sie aber wirklich Glück. Ist die Perlen-Sara denn entkommen?«

 

Lady Glendellon nickte.

 

»Sie ging unter irgendeinem Vorwand an Land und ließ sich nicht wieder sehen. Die Sache hat mich ziemlich in Aufregung versetzt.«

 

Mr. Vandersluis versuchte die Unterhaltung fortzusetzen, aber das junge Mädchen schien zerstreut zu sein.

 

»Würde wohl einer Ihrer Leute mich ans Ufer rudern?« fragte sie schließlich.

 

»Ans Ufer?«

 

Sie nickte.

 

»Ach, es ist geradezu wie ein Fieber«, sagte sie und lachte vergnügt. Dann steckte sie die Hand in ihre Tasche und holte einen Stoß Spielkarten und ein großes Paket Banknoten heraus.

 

Mr. Vandersluis wußte nicht, was er sagen sollte.

 

»Aber Sie wollen doch nicht etwa das Geld verspielen?« fragte er.

 

»O nein!« entgegnete sie selbstbewußt. »Ich habe in den letzten zwölf Monaten dauernd gewonnen.«

 

»Nun, wenn Sie durchaus Bakkarat spielen wollen, können Sie auch mit mir spielen«, sagte Mr. Vandersluis. »Ich habe nicht die Absicht, Ihnen Ihr Geld abzunehmen«, fügte er hinzu, als er sah, daß sie zögerte.

 

»Bitte, sagen Sie doch so etwas nicht«, bat sie. »Wenn Sie wollen, will ich gern mit Ihnen spielen, aber Sie dürfen meinem Vater nichts davon erzählen.«

 

Sie spielten, und Mr. Vandersluis gewann ein Spiel nach dem anderen. Der Haufen Geldscheine, den sie vor sich auf den Tisch gelegt hatte, wurde immer kleiner. Vandersluis überlegte sich schon, unter welchem Vorwand er ihr später das Geld zurückgeben könnte. Andererseits war er froh, daß er nun wirklich mit den führenden Kreisen der Aristokratie in Berührung gekommen war. Jeder Eingeweihte wußte, daß der Earl von Crouboro sehr großen Einfluß besaß und daß man mit einer Einführung bei Hofe rechnen konnte, wenn man ihn zum Freund hatte. Als sie das vor sich liegende Geld verspielt hatte, holte sie aus ihrer Handtasche ein neues Bündel Banknoten hervor.

 

»Das habe ich alles gewonnen, Sie können es mir also ruhig wieder abnehmen. Das hier ist meine Bank, und ich setze zweitausend Pfund.«

 

»Einverstanden«, erwiderte Mr. Vandersluis höflich und verlor den Satz.

 

Er gewann zwischendurch, aber im allgemeinen verlor er, sie spielten fast eine Stunde lang. Er schickte seinen Sekretär nach dem Geldschrank, und George brachte ein Bündel Hundertpfundnoten, die langsam dahinschwanden.

 

Mr. Vandersluis wurde es heiß und kalt. Es war ein großer Unterschied, ob man von einer jungen Dame große Summen gewann und ihr das Geld wieder zurückgeben wollte oder ob man selbst große Summen beim Spiel zusetzte.

 

»Machen Sie das Fenster auf«, rief Mr. Vandersluis seinem Sekretär zu. »Es ist furchtbar heiß hier. Und bringen Sie mehr Geld.«

 

Das Geld kam. Als er die Hälfte davon verloren hatte, sah Lady Mary plötzlich auf ihre Armbanduhr und stieß einen leisen Schrei aus.

 

»Ach, es ist schon Viertel nach zwei«, sagte sie und steckte die Banknoten, die vor ihr lagen, in die Tasche. »Jetzt muß ich aber gehen.«

 

Ein Licht glitt draußen vorbei. Sie sprang auf und schaute hinaus. »Ach, das ist ja die Jacht meines Vaters. Er muß gehört haben, daß ich hier bin. – Gute Nacht, Mr. Vandersluis, ich werde Ihnen morgen einen Besuch machen.«

 

Mr. Vandersluis schwitzte heftig, er hatte schwer verloren und reichte ihr gezwungen lächelnd die Hand.

 

»Wollen Sie mir nicht erst noch gute Nacht sagen?« fragte Mr. Brown, der plötzlich vor der Tür stand. Er hatte die Hände in den Taschen und lächelte zufrieden.

 

Die junge Dame runzelte die Stirn.

 

»Wie bitte?« entgegnete sie kühl.

 

»Wollen Sie mir wirklich nicht guten Abend sagen, Sara?« fragte Bob Brewer. »Es ist zwar schon viele Jahre her, daß wir uns das letztemal trafen, aber sicherlich erinnern Sie sich noch an den Abend, an dem ich Sie gefangennahm, weil Sie James H. Seidlitz vollkommen ausplünderten?«

 

»Ach, Sie belästigen mich«, erwiderte, sie. Dann sprang sie wie der Blitz zum Fenster und rief etwas hinaus.

 

»Ach, machen Sie sich keine Sorge wegen Ihrer Komplicen«, meinte Bob. »Draußen wartet ein Polizeiboot auf Sie, seit Sie an Bord kamen.«

 

»Was hat denn das alles zu bedeuten?« fragte Mr. Vandersluis atemlos. »Ist sie denn nicht die Tochter des Earls von Crouboro?«

 

»Ich weiß nichts von dem Privatleben des Earls«, entgegnete Bob. »Aber wenn sie tatsächlich seine Tochter sein sollte, so weiß er noch nichts von seinem Glück.«

 

Kapitel 4

 

4

 

»Warum gehen die Leute überhaupt nach Ostende?« fragte Bob Brewer den Generaldirektor der Vereinigten Versicherungsgesellschaften ärgerlich.

 

Douglas Campbell schüttelte den Kopf.

 

»Ja, warum tun die Leute das! Weil ein anderer es auch tut! Ostende mag ich übrigens persönlich auch sehr gern. Ich liebe das Meer, den Strand, die Hotels; und ich sitze gern im Kursaal und höre dem Orchester zu.«

 

»Es kommt gar nicht darauf an, was Sie lieben«, erklärte Bob. »Ich frage Sie nur, warum andere Leute dorthin gehen, die genug Geld haben, um es mit vollen Händen auszugeben?«

 

»Nun, es gibt doch mancherlei Vergnügungen in Ostende. Da sind zum Beispiel die Spielbanken, wo man Geld gewinnen oder verlieren kann, je nachdem man Glück hat. Und man kann dort gut essen. Frische Hummern sind eine Spezialität von Ostende. Ich habe Ihnen ein Zimmer in einem kleinen, nicht allzu teuren Hotel in der Nähe des Hafens reservieren lassen.«

 

»Das können Sie sofort wieder abbestellen. Wenn ich überhaupt nach Ostende gehen soll, dann nehmen Sie für mich eine Luxuswohnung im ›Splendid‹. Soviel ich weiß, ist es das komfortabelste und beste Hotel am Platz.«

 

»Aber, guter Freund, es liegt doch nichts Besonderes vor«, entgegnete Mr. Campbell verzweifelt. »Sie sollen drüben nur die Leute beobachten. Es handelt sich nicht um einen besonderen Fall. Sie haben sozusagen Ferien. Die Direktoren unserer Gesellschaft wollen Ihnen auch einmal ein paar angenehme Tage gönnen, so daß Sie sich dort etwas erholen können. Wenn Sie natürlich sehen, daß ein Mann einem unserer Klienten die Nadel aus der Krawatte stiehlt, haben Sie die Verpflichtung, ihm das auszureden.«

 

»Also schön, ich fahre mal hinüber und schau mir den Betrieb an; aber ich protestiere dagegen, daß ich an dieser verdammt heißen Küste sitzen und mir die Sonne auf die Nase brennen lassen soll, daß sie sich häutet. Wie gesagt, besorgen Sie mir die Luxuszimmer im Hotel Splendid.«

 

»Könnten Sie nicht als ein netter, ruhiger Tourist hingehen?« fragte Mr. Campbell ängstlich. »Dann brauchen Sie doch nicht so viel Geld auszugeben. Das paßt doch auch gar nicht zu Ihrer Rolle.«

 

»Wenn ich schon eine Rolle spiele, dann gehe ich als Millionär. Das liegt mir bedeutend besser.«

 

*

 

In Wirklichkeit aber wohnte Bob im Hotel Desthermes, das lange nicht so teuer war wie das Splendid. Am ersten Tag machte er einen Ausflug in die Umgebung. Abends hörte er sich im Kursaal ein Konzert, an, dann ging er in die Spielsäle, die ihn sehr interessierten, und besuchte ein paar Cafés in der Hoffnung, irgendwelche Leute zu finden, die die Polizei suchte. Aber in dieser Beziehung hatte er kein Glück.

 

Am nächsten Morgen herrschte prachtvolles Wetter, und Ostende erschien ihm so schön und herrlich wie noch nie, als er in den sonnigen Tag hinaustrat und durch die Kuranlagen schlenderte.

 

Nach dem Frühstück machte er einen Besuch auf dem Polizeipräsidium. Der Beamte, den er dort traf, begrüßte ihn herzlich, denn sie hatten vor dem Krieg zusammen in New York gearbeitet.

 

»Nein«, erklärte der Polizeichef, »zur Zeit sind keine verdächtigen Charaktere in der Stadt. Wir beobachten die Dampfer sehr sorgfältig, wie es auch die englische Polizei jenseits des Kanals tut.

 

Lew Simmons ist durch die Kontrolle gekommen, aber ich erkannte ihn, ließ ihn in Haft nehmen und schickte ihn mit dem nächsten Dampfer wieder zurück. Ein paar Verbrecher, die von Paris über Brüssel hierherkamen, habe ich gleich am ersten Tag ihres Aufenthalts fassen können! Sie sitzen jetzt im Gefängnis von Gent, weil sie mit gefälschten Pässen gereist sind. Nein, Monsieur Brewer, in Ostende ist es zur Zeit ruhig.«

 

»Hm! Es ist mir ein wenig zu ruhig«, erwiderte Bob. »Ist übrigens nicht Teddy Bolter in Belgien?«

 

Der Polizeichef nickte.

 

»Das ist aber ein Mann, der sich gebessert hat. Er hat jetzt eine amerikanische Bar in der Rue Petit Leopold.«

 

»Ich werde Teddy einmal besuchen«, sagte Bob.

 

Mr. Bolter war ein untersetzter, breitschultriger Mann in mittleren Jahren.

 

»Sieh da, der Mr. Brewer«, sagte er und begrüßte den Detektiv herzlich, indem er ihm die Hand über den Schanktisch reichte. »Es geschehen also auch heute noch Wunder. Wollen Sie etwas Alkoholfreies haben, Mr. Brewer, oder soll ich Ihnen einen netten Bronx-Manhattan oder einen Martini mixen?«

 

»Ein Martini wäre nicht schlecht«, meinte Bob. »Nun, wie geht es, Teddy?«

 

»Ach, ganz gut. Ich führe ein anständiges, ordentliches Leben«, entgegnete Teddy langsam und mit besonderer Betonung. »Ich hoffe so viel Geld zu sparen, daß ich mir eine nette, kleine Villa in St. Jean de Luz leisten kann. Dort kann ich dann später meinen blondlockigen Enkelchen die bewegten Abenteuer meines früheren Lebens erzählen.«

 

»Das muß ja entzückend sein! Großartige Aussichten, Teddy! Ich sehe Sie schon im Geist auf der Terrasse Ihres kleinen Schlößchens im goldenen Sonnenschein. Sicherlich erzählen Sie dann die Geschichte, wie Sie in die Bank von Detroit einbrachen und den Wachmann erschossen. Das war allerdings ein böses Abenteuer!«

 

»Ja, das gehört jetzt aber alles der Vergangenheit an. Ich bin wirklich ’ne ehrliche Person geworden, Mr. Brewer, und ich würde viel darum geben, wenn ich mein Leben noch einmal von vorn beginnen könnte.«

 

»Das wird Ihnen wohl kaum beschieden sein. Warum machen Sie sich also deshalb große Kopfschmerzen? – Ist jemand von den Jungens hier?«

 

»Was meinen Sie damit?« fragte Mr. Bolter erstaunt. »Sie meinen doch nicht etwa –? Ich bin seit Jahren nicht mit solchen Leuten zusammengekommen; nur einmal hatte ich einen Südländer als Barmann, der hat die Kasse ausgeraubt und ist dann nach Holland geflohen.«

 

»Herzliches Beileid Das war wohl eine neue Erfahrung für Sie, daß andere Leute Ihnen mal etwas genommen haben.«

 

Mr. Bolter überhörte die Bemerkung.

 

»Nein«, sagte er und wischte energisch den Schanktisch ab, »mit den Geschichten hab‘ ich nichts mehr zu tun. Ich habe hier eine ganz nette Anzahl von Stammkunden, und die Trainer und Jockeis verkehren auch in meinem Lokal. Dadurch weiß ich allerhand über Pferde und dergleichen. Wollen Sie während der Rennen hier in Ostende bleiben, Mr. Brewer?«

 

»Das weiß ich noch nicht genau. Ich kann mich nicht festlegen.«

 

»Sind Sie geschäftlich hier?«

 

»Ja, ich mache zum Vergnügen auch Geschäfte oder ich mache mir ein Vergnügen aus dem Geschäft, das ist alles dasselbe«, erklärte Bob. »Aber wenn ich hierbleiben sollte, komme ich noch mal zu Ihnen und lasse mir einen Tip für die Rennen geben.«

 

»Da brauchen Sie gar nicht erst wiederzukommen«, sagte Teddy eifrig. »Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, welches Pferd das große Hindernisrennen machen wird. Es ist Thotis. Der Gaul wurde extra von England hierhergebracht. Er gehört Mr. Mandle Jones.«

 

Bob war schon auf dem Weg zur Tür, aber als er diesen Namen hörte, drehte er sich wieder um. Mandle Jones war ein junger Mann, der das Geld mit vollen Händen hinauswarf und auch häufig Geld verlor.

 

»Ich möchte Ihnen auch einmal einen Gefallen tun«, fuhr Teddy fort, aber Bob machte eine abwehrende Handbewegung.

 

»Wirklich?« fragte er ruhig. »Meiner Meinung nach müssen doch gerade Sie nicht sehr gut auf mich zu sprechen sein.«

 

»Wir wollen Vergangenes vergangen sein lassen«, sagte Teddy kurz. »Sie haben damals nur Ihre Pflicht getan, und ich bin nicht ein Mann, der anderen lange etwas nachträgt. Glauben Sie es mir nur. Ich gebe Ihnen den guten Rat, auf Thotis zu setzen. Das Pferd ist heute morgen mit dem Dampfer angekommen, und wenn es das Rennen nicht gewinnt, will ich nicht Bolter heißen.«

 

»Na gut, ich will es mal auf Ihren Rat hin wagen«, sagte Bob und verließ das Lokal.

 

Er kehrte in sein Hotel zurück, wo er ein Telegramm vorfand:

 

›Dringend. Fahre nach Ostende – holen Sie mich heute nachmittag am Dampfer ab.‹

 

*

 

Bob war pünktlich am Kai, als die ›Prinzessin Clementine‹ anlegte.

 

»Willkommen in Ostende«, sagte Bob, als Douglas Campbeil ihm entgegenkam. »Sie sind gerade zur rechten Zeit gekommen, um Geld zu verdienen. Ich habe einen großartigen Tip für die morgigen Rennen.«

 

Mr. Campbell sah ihn an.

 

»Sie meinen doch nicht etwa Thotis?« fragte er, und Bob starrte ihn etwas erstaunt an.

 

»Sie haben wohl die Sportzeitungen gelesen, daher sind Sie so gut im Bilde. Was wissen Sie denn über Thotis?«

 

»Nichts«, erklärte Campbell. »Ich bin mit dem Besitzer des Pferdes herübergekommen, und ich möchte Sie mit ihm bekannt machen. Bleiben Sie einen Augenblick hier stehen.«

 

Der Besitzer des Rennpferdes war ein junger, elegant gekleideter Mann.

 

»Hallo, Campbell«, sagte er. »Ich dachte, ich hätte Sie verloren.«

 

»Ich möchte Ihnen Robert Brewer vorstellen«, sagte Campbell. Nachdem sie ein paar allgemeine Redensarten miteinander gewechselt hatten, ging er zur Zollabfertigung, wohin sein Diener bereits das Gepäck getragen hatte.

 

»Nun, warum sind Sie hergekommen?« fragte Bob.

 

Campbell erklärte es ihm erst, als sie das Hotel erreicht hatten.

 

»Bob«, begann er, »ich habe Ihnen schon oft von den Dummheiten vornehmer Leute erzählt.«

 

»Ja, schon viel zu oft«, entgegnete Bob.

 

»Ich habe gestern entdeckt, daß eine der uns angeschlossenen Firmen eine Versicherung abgeschlossen hat, die einfach unglaublich ist und an Wahnwitz grenzt. Daß ein Mitglied der Gesellschaft eine Versicherung hereinlegt, ist wirklich etwas Unerhörtes.«

 

»Um Himmels willen!« sagte Bob. »Sie meinen doch nicht etwa den jungen Mr. Mandle Jones?«

 

»Doch, eben den«, entgegnete Mr. Campbell. »Er ist zwar nicht aus einer alten und vornehmen Familie, aber er ist sehr reich und versteht es, Geld auszugeben. Hören Sie einmal gut zu.«

 

Er nahm sein Notizbuch aus der Tasche. »Dies sind die hauptsächlichsten Punkte der Versicherung, die der Mann mit uns abgeschlossen hat. Wir übernehmen es, all sein persönliches Eigentum gegen Diebstahl und Raub zu versichern, ganz gleich, wo ihm diese Gegenstände abgenommen werden. Ebenfalls versichern, wir ihn gegen Betrug Und betrügerische Übervorteilung. Der Generalagent, der diese Versicherung einging, hat natürlich seine Stellung verloren, und der Direktor der betreffenden Gesellschaft mußte seinen Posten aufgeben. Der Vertrag hat noch sechs Monate Gültigkeit. Bisher wurde der junge Jones von der Gesellschaft überwacht, die den Vertrag mit ihm abschloß, aber jetzt sind die Vertrags Verpflichtungen auf uns übergegangen, weil wir diese Firma aufgekauft haben.«

 

»Nun, und worauf läuft die Sache hinaus?«

 

»Mandle Jones hat in seinem Leichtsinn dreißigtausend Pfund in englischen Banknoten nach Ostende mitgenommen, um sie auf sein Pferd zu setzen, von dem wir eben sprachen.«

 

»Meiner Meinung nach kann er dabei aber nur sehr wenig gewinnen. Und wenn er tatsächlich beim Wetten verliert, müssen wir ihn doch nicht dafür entschädigen.«

 

»Wir haben ihn versichert gegen betrügerische Übervorteilung, und ich bin überzeugt, daß sie ihm das Geld schon durch irgendeinen Trick abnehmen werden. Leute, die etwas von der Materie verstehen, haben behauptet, daß sein Pferd überhaupt nicht geschlagen werden kann.«

 

»Ich werde midi einmal mit ihm unterhalten«, erwiderte Bob nach kurzer Überlegung. »Ich bin wirklich neugierig geworden.«

 

»Sprechen Sie heute abend im Hotel mit ihm. Ich habe ihn zum Essen eingeladen.«

 

Mr. Mandle Jones kam auch zum Essen, aber er war schlechter Stimmung und bedauerte allem Anschein nach, daß er die Einladung angenommen hatte.

 

»Ich kann heute abend nicht lange bleiben, und ich weiß auch nicht, warum Sie ausgerechnet mit nach Ostende kommen mußten«, sagte er zu Campbell. »Verzeihen Sie, daß ich so offen bin. Meiner Meinung nach war es gerade nicht sehr höflich von Ihrer Gesellschaft, sich in meine Angelegenheiten zu mischen, als ob man mir in Gelddingen nicht trauen könnte.«

 

»Mr. Jones«, entgegnete Campbell ernst, »ich war ein Freund Ihres Vaters. Sie werden also verstehen, daß ich die Interessen seines Sohnes vertreten möchte.«

 

Mr. Jones lachte. »Na, und tun Sie das etwa nicht? Ich habe mit Ihrer Gesellschaft einen Vertrag geschlossen – die Einzelheiten habe ich allerdings vergessen, aber ich glaube doch, daß ich gegen alle Verluste versichert bin, die ich durch Pferderennen erleiden kann.«

 

»Aber Sie können doch überhaupt nichts verlieren«, meinte Bob, »wenn alles, was ich von Ihrem Pferd gehört habe, wahr ist. Auf der anderen Seite begreife ich nicht, wie Sie etwas gewinnen wollen.«

 

»Wieso?« fragte Jones unangenehm berührt.

 

Bob zuckte die Schultern.

 

»Sie wissen doch sicher, wie Gewinn und Verlust beim Totalisator berechnet werden. Das vereinnahmte Geld wird unter die Gewinner verteilt, nachdem zehn Prozent davon abgezogen sind. Nehmen wir einmal an, daß Sie dreißigtausend Pfund setzen wollen.«

 

»Sie scheinen ja alles genau zu wissen«, sagte Jones und grinste.

 

»Außer Ihnen setzen vielleicht noch andere Leute zusammen zwanzigtausend Pfund. Das sind im ganzen fünfzigtausend Pfund – weniger zehn Prozent macht fünf und vierzigtausend Pfund, die auf die Gewinner verteilt werden. Sie können dann höchstens einen Gewinn von zehntausend Pfund machen.«

 

»Das ist mir vollkommen klar«, erwiderte Mr. Jones liebenswürdig. »Deshalb setze ich ja auch gar nicht am Totalisator.«

 

»Aber welcher Buchmacher würde denn eine Wette von Ihnen annehmen?« sagte Bob.

 

»Burgen & Brock«, entgegnete der andere prompt. Bob notierte sich sofort die Firma. »Ich habe schon mit den Leuten verhandelt. Die nehmen eine Wette 4:1 an. Was sagen Sie dazu?«

 

»Das müssen tatsächlich Menschenfreunde sein, die anderen Leuten Geld schenken.«

 

Als Mr. Jones den Speisesaal verlassen hatte, erhob sich Bob. »Campbell, ich will einmal ein paar Erkundigungen einziehen. Die Buchmacher nehmen Wetten in diesem Verhältnis doch gar nicht an. Da ist etwas nicht in Ordnung.«

 

Er wandte sich zunächst an den Hotelportier, der ihm in allen Dingen Auskunft geben konnte.

 

»O ja, ich kenne Burgen & Brock. Es ist die älteste Firma, die sich mit Rennwetten befaßt.«

 

»Sind die Leute ehrlich?« fragte Bob geradeheraus.

 

»Vollkommen. Die Firma hat die allerbeste Kundschaft – sehr viele englische Adlige, die nach Ostende kommen. Mr. Burgen starb vor einiger Zeit; Brock führt das Geschäft weiter.«

 

Bob schlenderte durch die Spielsäle im Kurhaus und fand dort mehrere englische Sportgrößen, unter anderem sprach er auch mit Lord Tathington.

 

»Brock führt das Geschäft nach dem Tod seines Partners weiter«, erklärte der Lord, »und er ist wirklich ein anständiger Geschäftsmann. Aber warum fragen Sie? Wollen Sie eine Wette mit der Firma abschließen?«

 

»Nein. Wo ist denn die Firma?«

 

»Brock hat ein Büro in Brüssel, aber er, kommt zu jedem Rennen entweder persönlich herüber, oder er schickt seinen Vertreter.«

 

Bob sah auf die Uhr. Er hatte noch zehn Minuten Zeit, um den Nachtzug nach Brüssel zu erreichen.

 

Mitten in der Nacht traf er in der belgischen Hauptstadt ein.

 

*

 

Am nächsten Tag, an dem auch die Rennen stattfanden, sah Douglas Campbell den Detektiv zur Mittagszeit wieder. Der Direktor fühlte sich nicht ganz wohl, er hatte so eine Ahnung, daß er das Geld verlieren würde.

 

»Nun, was haben Sie entdeckt?« fragte er.

 

»Sehr viel. Haben Sie schon einmal Nachforschungen über Buchmacher um drei Uhr morgens angestellt, obendrein in einer fremden Stadt? Wenn ich mich nicht sehr täusche, gehört Mr. Jones zu diesen etwas naiven Gemütern, die von ihrer eigenen Unfehlbarkeit völlig überzeugt sind und keinem anderen etwas zutrauen.«

 

Campbell nickte.

 

»Ja, das glaube ich auch.«

 

»Aber ich halte es jetzt für zu spät, ihn noch zu bekehren«, meinte Bob. »Vor allem müssen Sie mir versprechen, alles zu tun, was ich später sage.«

 

»Sie werden doch sein Pferd nicht vergiften?« fragte Campbell.

 

»Nein. Das Pferd selbst ist sehr gut bewacht, und es besteht wohl kaum eine Möglichkeit, an das Tier heranzukommen. Ich habe mich nach diesen Dingen sehr sorgfältig erkundigt.«

 

»Aber was soll denn das heißen, daß ich alles tun muß, was Sie mir sagen?« fragte Douglas Campbell etwas bedrückt.

 

»Sie müssen jeden Vorschlag, den ich mache, unbedingt annehmen. Wenn Sie fertig sind, wollen wir zur Rennbahn gehen.«

 

Das Rennen war sehr stark besucht, und sie hatten große Mühe, zum Sattelplatz zu kommen. Die Nummern für das erste Rennen wurden gerade hochgezogen, als sie Mandle Jones entdeckten, der sie auch gesehen hatte und ihnen aus dem Weg gehen wollte. Aber Bob trat dem jungen Mann in den Weg.

 

»Mr. Jones, ich möchte einen Vorschlag machen.«

 

»Los, sagen Sie, was Sie wollen.«

 

»Zunächst möchte ich Ihnen einmal erklären, daß ich Detektiv bin. Es gehört daher zu meinem Beruf, Fragen zu stellen. Wollen Sie auf Ihr Pferd wetten? Und zahlen Sie das Geld in bar?«

 

Jones runzelte die Stirn und zögerte.

 

»Ja«, sagte er dann kurz. »Ich habe das Geld mitgebracht.«

 

»In Tausendpfundnoten?«

 

Jones nickte. »Warum fragen Sie danach?«

 

»Wollen Sie mir einen großen Gefallen tun? Setzen Sie auf Ihr Pferd nicht eher, als bis es zum Startplatz geführt ist.«

 

»Darauf können Sie sich todsicher verlassen«, sagte Jones lächelnd. »Ich wette erst dann, wenn ich sehe; daß das Pferd auch sicher am Rennen teilnimmt.«

 

»Das wäre das erste Versprechen, das Sie mir machen. Also, man hat Ihnen eine Wette von 4:1 angeboten. Kommt es Ihnen nicht merkwürdig vor, daß Ihre Buchmacher auf eine derartig hohe Quote eingegangen sind?«

 

»Doch. Es ist natürlich auch ein Glücksspiel für die Leute. Wollen Sie sonst noch etwas von mir?«

 

»Das erzähle ich Ihnen später.«

 

Die Menschenmenge strömte nach dem Vorrennen auf den Sattelplatz und wartete geduldig, bis die Gewinnquote bekanntgegeben wurde.

 

Bob sah mit Interesse, daß Thotis von den Buchmachern 2:1 gehandelt wurde, höchstens 5:2. Er trat in die Nähe des jungen Mannes, der in der Reihe der anderen Buchmacher stand und die Firma Burgen & Brock vertrat.

 

Gleich darauf sah er Mr. Mandle Jones auf sich zukommen; er faßte Campbell am Arm und trat mit dem Direktor näher. Die Pferde verließen den Sattelplatz. Mr. Jones hatte sein Versprechen gehalten.

 

»Halten Sie mich jetzt nicht auf«, sagte der junge Mann. »Wenn Sie mir etwas sagen wollen, dann tun Sie es so schnell wie möglich.«

 

»Also hören Sie. Burgen & Brock bieten Ihnen eine Wette von 4:1 an, Mr. Campbell bietet Ihnen 5:1.«

 

Den Widerspruch, den Mr. Campbell erhob, hörte man bei dem Lärm nicht. Mandle Jones zögerte. »Aber Sie sind doch kein Buchmacher.«

 

»Zweifeln Sie daran, daß Mr. Campbell Ihnen den Gewinn auszahlen wird?« fragte Bob.

 

»Nein.«

 

Jones sah über Bobs Schulter zu dem wartenden Vertreter von Burgen & Brock.

 

»Nun, schließen Sie die Wette ab?« fragte Bob.

 

Mr. Mandle Jones überlegte kurz. Der Vorteil war nur zu klar.

 

»Gut, ich schließe ab.«

 

Bob streckte die Hand aus und zählte dann die dreißigtausend Pfund nach, die er von Jones bekam.

 

»Also, die Wette steht hundertfünfzigtausend zu dreißigtausend«, sagte Mr. Jones.

 

Douglas Campbell war starr vor Schrecken und vermochte nichts zu sagen.

 

Aber Bob war um so eifriger.

 

»Ja, das haben Sie ganz richtig verstanden.«

 

Er packte Campbell am Arm und führte ihn zu den Tribünen. Der Direktor war außer sich. Erst nach einer Weile faßte er sich.

 

»Aber – aber, Sie sind ja verrückt!« stieß er keuchend hervor. »Um Himmels willen, wir müssen ihn doch auszahlen, wenn der Gaul gewinnt! Brewer, Sie haben mich ruiniert!«

 

»Immer mit der Ruhe!« erwiderte Bob. »Sehen Sie sich lieber die hübschen Pferde an, die drüben am Start in einer Reihe stehen. Ah, jetzt geht’s los!«

 

Zehn Pferde schossen vorwärts. Bob beobachtete das Rennen durch sein Glas, und nach kurzer Zeit wußte er, daß das Schlimmste eingetreten war. Thotis war dem Feld zwei Längen voraus. Das Pferd führte von Anfang bis zu Ende und gewann den Schlußgalopp mit sechs Längen.

 

»Setzen Sie sich, Mr. Campbell«, sagte Bob freundlich. »Ich fürchte, Sie haben einen ziemlichen Schrecken bekommen.«

 

Campbell schüttelte nur hilflos den Kopf, Mr. Jones stürzte triumphierend auf sie zu.

 

»Sehen Sie, daß mein Pferd gewonnen hat? Campbell, alter Sportsmann, Sie sind ja ein tüchtiger Buchmacher! Also, nun schreiben Sie mir einen Scheck über hundertfünfzigtausend Pfund aus.«

 

»Seien Sie nur nicht zu hitzig, junger Mann«, entgegnete Bob.

 

»Was meinen Sie denn?« fragte Mr. Jones argwöhnisch.

 

»Der Jockei, der Ihr Pferd ritt, ist ein Freund von Teddy Bolter, und den kenne ich genau. Sie haben allerdings von dem dunklen Ehrenmann noch nicht viel gehört, aber der verdient sein Geld, indem er reichen Leuten das Geld abzapft.«

 

»Ich will jetzt von Ihnen keinen Vortrag über Jockeis hören«, rief Mr. Jones ärgerlich.

 

»Kommen Sie mit, Brewer«, sagte Douglas Campbell, der endlich die Sprache wiedergefunden hatte. Aber er sprach zerknirscht und kleinlaut. »Mr. Jones, ich werde Ihnen den Scheck ausstellen –«

 

Ein Mann kam in vollem Lauf von der Waage her und rief etwas.

 

»Hallo, was ist los?« fragte Jones.

 

»Ich glaube, Ihr Pferd ist disqualifiziert worden, weil es nicht das richtige Gewicht hatte«, erklärte der Detektiv. »Ich würde mich an Ihrer Stelle mal danach erkundigen.«

 

Mr. Jones lief zur Waage, wo man ihm mitteilte, daß Thotis disqualifiziert worden war. Eins der Bleigewichte, das man in die Satteltaschen gelegt hatte, um das Gewicht des Jockeis auszugleichen, war auf geheimnisvolle Weise verschwunden.

 

Später am Nachmittag fand man das Bleigewicht auf einem entfernten Teil der Rennbahn, wohin es der Jockei während des Rennens geworfen hatte. Er mußte es aus der Tasche gezogen haben, während er zum Schein seine Sporen zurechtrückte.

 

»Gestern abend bin ich noch nach Brüssel gefahren«, erklärte Bob auf dem Rückweg zum Hotel. »Dort erfuhr ich, daß das Geschäft von Burgen & Brock zu Anfang des Jahres für fünftausend Pfund an Mr. Bolter verkauft worden ist. Bolter selbst arbeitet nicht in der Firma mit. Er hatte andere Absichten. Früher oder später würde ihm doch ein reicher Kunde, durch die traditionelle Ehrbarkeit der Firma angelockt, ins Garn gehen. Auch hatte Bolter Mr. Jones erst auf die Idee gebracht, sein Pferd in diesem Rennen einzusetzen. Er hat immer ein oder zwei Leute, die für ihn tätig sind und ihm die nötigen Nachrichten vom Training der Pferde übermitteln. Es war also leicht für ihn, an Jones heranzutreten und ihm diese glänzende Wette anzubieten. Wenn ich nicht im letzten Augenblick dazwischengekommen wäre, hätte Bolter jetzt die dreißigtausend Pfund eingesteckt, denn die wären ihm durch die Disqualifizierung des Pferdes ohne weiteres zugefallen. Aber nun werden wir dem jungen Mann das Geld zurückgeben.«

 

»Ja«, sagte Mr. Campbell, »das wollen wir.«

 

»Diesmal haben wir beide nichts bei der Sache verdient, aber wir haben ein gutes Werk getan, und Sie haben drei aufregende Minuten erlebt, die Sie nie vergessen werden.«

 

»Ja, da haben Sie recht«, erwiderte Mr. Campbell und zitterte noch, als er daran dachte.

 

Kapitel 1

 

1

 

Der äußeren Erscheinung nach machte Douglas Campbell einen wenig freundlichen Eindruck. Er war etwa achtundvierzig Jahre alt, groß und breitschultrig. Wahrscheinlich schrieb man ihm deshalb ein düsteres Temperament zu, weil seine starken Augenbrauen in der Mitte zusammengewachsen waren. Er war erster Direktor der Vereinigten Versicherungsgesellschaften und als solcher von Natur aus nüchtern und sachlich.

 

Ali einem sonnigen Frühlingsmorgen saß er in seinem Büro am Schreibtisch und las einen Brief. Nach einer Weile schaute er auf und sah nach der Uhr.

 

»In ein paar Minuten muß Mr. Robert Brewer hier sein«, sagte er zu seinem Sekretär. »Führen Sie ihn in mein Büro und sorgen Sie dafür, daß wir während unserer Besprechung nicht gestört werden.«

 

»Sehr wohl.«

 

Es klopfte gleich darauf an der Tür, und ein Angestellter reichte eine Visitenkarte herein.

 

»Mr. Brewer ist soeben gekommen«, sagte der Sekretär.

 

»Lassen Sie ihn eintreten«, entgegnete Mr. Campbell.

 

Mr. Robert Brewer war jung und elegant gekleidet. Man sah ihm an, daß er in guten Kreisen verkehrte und sich in jeder Gesellschaft bewegen konnte. Seine Bewegungen waren geschmeidig, und er machte einen frischen, flotten Eindruck, der ganz zu seinem jugendlichen Aussehen paßte.

 

Mit ausgestreckter Hand ging er auf Campbell zu.

 

»Mein lieber, guter Direktor, ich sehe an Ihrem freudestrahlenden Gesicht, daß Sie froh sind, mich begrüßen zu dürfen.«

 

»Das weiß ich allerdings nicht so genau, aber nehmen Sie bitte Platz.« Der Direktor gab dem Sekretär einen Wink, worauf dieser das Zimmer verließ. Dann wandte sich Campbell wieder seinem Besuch zu. »Sie sehen heute morgen wirklich glänzend aus.«

 

»Das glaube ich schon«, entgegnete Mr. Bob Brewer befriedigt. »Ich fühle mich auch dementsprechend. Nun wollen wir aber über geschäftliche Dinge reden. Sie haben mich wahrscheinlich nicht von New York hierherkommen lassen, nur um mir ein Kompliment zu machen.«

 

»Sie sind wirklich smart, ich bewundere Sie. Wenn ich in meiner Jugend ebenso energisch, kühl und vorurteilslos gewesen wäre wie Sie, besäße ich heute Millionen.«

 

»Na, zwei haben Sie doch mindestens, während ich nur ein armer Teufel und Versicherungsdetektiv bin, dem es schwerfällt, sich durchzuschlagen.«

 

Mr. Campbell zog den Stuhl näher an den Tisch heran und sprach jetzt etwas leiser. »Bob, die Direktoren dreier uns angeschlossener Gesellschaften haben mir den Rat gegeben, Sie kommen zu lassen. Unser Syndikat besteht aus sechs der größten Versicherungsfirmen Englands, und es handelt sich bei uns meistens um Versicherung gegen Diebstahl, Unfall und so weiter. Sie kennen ja das Geschäft in- und auswendig, darüber brauche ich Ihnen nichts zu erzählen, da Sie ja früher selbst in der Branche tätig waren.«

 

Bob nickte.

 

»Wir versichern die Leute der vornehmen Gesellschaft gegen Torheit und Fahrlässigkeit«, fuhr Mr. Campbell fort, »und das Geschäft hat sich nicht recht bezahlt gemacht. Bob, Sie kennen ja unsere Gesellschaft, Sie wissen, wie diese Leute leben. Von einem Modebad reisen sie ins andere und müssen bei allen Gesellschaften dabeisein! Man kann sie fast mit einer Herde Schafe vergleichen. Und es folgt ihnen eine kleine Armee von Parasiten, die von dem Reichtum und der Dummheit unserer Kunden leben und uns viel zu schaffen machen. Wenn wir nicht den Bankrott erklären sollen, müssen wir ihnen mit aller Energie entgegentreten.«

 

Brewer nickte.

 

»Dazu brauchen wir aber einen Spezialisten, der diese Schafherde bewacht und zusieht, daß die Wölfe sie nicht zerreißen. Wir bieten Ihnen ein sehr gutes Gehalt an, damit Sie diesen Posten für uns übernehmen; und abgesehen davon, erlauben wir Ihnen auch noch, Privataufträge auszuführen, die Sie nebenbei erledigen können. Ist Ihnen das recht?«

 

»Das hängt ganz davon ab, was Sie unter einem sehr guten Gehalt verstehen«, entgegnete Bob grinsend. »Gewöhnlich bekommt ein Detektiv für einen solchen Posten drei- bis vierhundert Pfund im Jahr.«

 

»Wir sind bedeutend großzügiger. Wenn ich Ihnen ein Gehalt anbiete, so hat es eine – vierstellige Zahl.«

 

Brewer sah ihn ruhig an und nickte.

 

»Dann machen Sie bitte eine Notiz, daß ich bei Ihnen engagiert bin.«

 

Campbell ging zur Tür und drehte den Schlüssel um.

 

»Ich will Ihnen nun den Verbrecher nennen, der uns am meisten zu schaffen macht. Es ist der Führer des Klubs der Vier – Reddy Smith.«

 

Bob mußte lachen.

 

»Von dem brauchen Sie mir nichts zu erzählen. Wenn man in New York lebt, kennt man ihn.«

 

»Kennt er Sie auch?« fragte der Direktor schnell.

 

»Nein, wir sind uns niemals geschäftlich begegnet, aber ich kenne ihn trotzdem. In New York habe ich auf dem Gebiet der Handelsversicherung gearbeitet: Veruntreuungen und dergleichen. Reddys Hauptgeschäft bestand darin, daß er faule Aktien von Scheingründungen an die reichen Landwirte im Westen verkaufte. Ich habe ihn in einem Gefängnis gesehen, aber ich glaube kaum, daß er mich kennt. Vor einem Jahr war ich hinter ihm her, ehe er nach Europa kam.«

 

Mr. Campbell nickte.

 

»Was ich über ihn weiß, habe ich von der Polizei. Er hat mit einer Anzahl geriebener Burschen in Frankreich zusammengearbeitet, aber man konnte ihm nie etwas nachweisen, obwohl allgemein bekannt ist, daß er an zwei der größten Einbrüche beteiligt war. Soviel ich weiß, hält er sich jetzt in Monte Carlo auf. Unglücklicherweise sind auch mehrere unserer Kunden dort.«

 

»Welche Hilfe kann ich von der französischen Polizei erwarten?« fragte Bob.

 

Der Direktor zog die Schublade auf und nahm ein kleines Heft heraus.

 

»Hier ist Ihre Vollmacht, die von dem französischen Innenminister unterzeichnet ist, ebenso vom Staatsminister von Monaco. Die Behörden dieses kleinen Staates bemühen sich eifrig, die Verbrecher von dort fernzuhalten.«

 

Bob nahm das Heft an sich, blätterte es kurz durch und ließ es in die Tasche gleiten.

 

»Reisen Sie möglichst bald nach Ihrem neuen Bestimmungsort. Wir setzen voraus, daß Sie in den besten Hotels wohnen.«

 

»Darauf können Sie sich verlassen«, erwiderte Bob. »Übrigens noch eine Frage. Bekomme ich mein Gehalt im voraus, und wann kann ich es abheben?«

 

»Ich kannte Ihren Vater«, entgegnete Campbell. »Er war ein zäher, sparsamer Schotte. Auch Ihre Mutter hielt Geld und Eigentum zusammen, aber Sie sind ein verschwendungssüchtiger Engländer geworden. Soll ich Ihnen einen kleinen Vorschuß zahlen?«

 

»Wovon soll der Schornstein sonst rauchen?« fragte Bob. »Ich werde mir sechs Monate Gehalt im voraus zahlen lassen, dann teile ich Ihnen mit, wieviel ich für meine außerordentlichen Ausgaben brauche. Auf der Durchreise bleibe ich ein paar Tage in Paris, und wie Sie wissen, ist das ein kostspieliges Pflaster.«

 

Mr. Campbell seufzte und schrieb einen Scheck aus.

 

*

 

Zwei Herren saßen vor dem Café de Paris in Monte Carlo. Beide waren elegant gekleidet, glattrasiert und machten einen weltmännischen Eindruck. Welchem Land sie angehörten, konnte man ihnen nicht ansehen, aber wahrscheinlich waren sie beide Amerikaner.

 

Der ältere der beiden rauchte nachdenklich eine Zigarre und nickte.

 

»Ich habe ihn noch nie getroffen, aber schon viel von ihm gehört«, sagte er. »Jimmy, hier in Monte Carlo wird es vom nächsten Montag ab nicht mehr sicher sein. Ich halte es deshalb für das beste, daß wir am Sonntag abreisen. Inzwischen können wir noch vier Tage ungestört arbeiten. Wie sieht denn eigentlich dieser Brewer aus?«

 

Jimmy zuckte die Schultern.

 

»Keine Ahnung, Ich weiß ebensowenig wie du.«

 

»Bist du auch sicher, daß er kommt?« fragte Reddy.

 

»Natürlich«, erklärte Jimmy mit Nachdruck. »Als ich heute morgen meine Briefe abholte, habe ich das Telegramm gesehen, in dem er seine Zimmer bestellt hat. Es war in Paris aufgegeben, und er hat sich die teuersten und besten Zimmer reserviert mit dem Blick auf den Eingang zum Kasino. Am Montag wolle er ankommen, aber wenn er nicht eintreffen sollte, möchte er die Zimmer bis zu seiner Ankunft reserviert haben.«

 

Reddy nickte.

 

»Wir haben also noch vier Tage, und ich glaube, daß uns die Sache gelingen wird«, fügte er zuversichtlich hinzu. »Der kleine William sieht so aus, als ob er tatsächlich zahlt.«

 

Er wies mit einer Kopfbewegung nach dem Eingang des Hotels. Ein elegant gekleideter Herr stand dort auf der breiten Treppe. »Man kann schon von hier aus sehen, daß der Kerl ziemlich viel Wolle hat. Eine Bekanntschaft mit dem ist so gut wie Bargeld.«

 

»Wie heißt er eigentlich? Ich sah, daß du gestern abend im Kasino mit ihm sprachst.«

 

»William Ford. Sein Alter hat mit Erdölaktien schweres Geld verdient. Als er starb, ließ er seinem Willie eine ganze Wagenladung Geld zurück. Und der will sich nun erst austoben, vorher scheint er nicht viel vom Leben gehabt zu haben.«

 

»Wofür hast du ihn denn interessiert?«

 

»Ich habe ihm von der Montana-Silbermine erzählt. Er war sofort Feuer und Flamme. Wir wollen zu ihm gehen, damit ich dich vorstelle.«

 

Mr. Ford hatte die Hände in den Taschen und rauchte eine Zigarette. Die Schönheit der Palmen und der Gegend schien keinen Eindruck auf ihn zu machen. Langsam ging er über die breite Straße, durch die Anlagen, kaufte sich bei dem kleinen Kiosk eine Zeitung und kehrte zur Gartenterrasse des Hotels zurück, die dem Kasino gegenüberlag. Dort sprach ihn Reddy an.

 

»Guten Morgen, Mr. Ford. Ich möchte Sie mit meinem Freund Mr. Kennedy bekannt machen. Er kommt aus Texas, besitzt dort große Farmen.« Mr. Ford kniff die Augen zusammen und sah den Fremden an, dann reichte er ihm nachlässig die Hand.

 

»Guten Morgen«, sagte er zu Reddy, »es ist sündhaft heiß, und ich kann diese blödsinnigen französischen Zeitungen nicht lesen. Verstehen Sie diese Sprache?«

 

»Gewiß, Mr. Ford.«

 

Reddy nahm die Zeitung und sah flüchtig hinein. »Es steht aber heute nichts Besonderes darin. Höchstens wenn Sie sich für die französischen Rennen interessieren, können Sie interessante Nachrichten finden.«

 

»Nein, ich mag keine Rennen. Das ist auch so ein Blödsinn«, erklärte Mr. Ford, während er umständlich das Glas ins Auge klemmte, »Ich bin, wie Sie wissen, ein Geschäftsmann, Mr. Redwood. Wetten mag ich nicht. Ich habe zwar ein paar tausend Dollar beim Roulette riskiert, aber im Grunde genommen langweilt mich das Spiel.«

 

»Da haben Sie auch vollkommen recht«, meinte Redwood. »Es ist eine ganz dumme Art, sein Geld zu vertun.«

 

»Selbstverständlich«, entgegnete Mr. Ford etwas von oben herab, »kann ich es mir leisten, Geld zu verlieren. Ich habe eine Million Franc in barem Geld mitgebracht.«

 

»Hoffentlich haben Sie die im Hotelsafe einschließen lassen«, warnte ihn Reddy. »Es gibt eine Menge zweifelhafter Existenzen in Monte Carlo.«

 

»Ach, da mache ich mir keine übertriebenen Sorgen. Ich sage immer: Wenn ein Mann nicht einmal auf sein bißchen Geld aufpassen kann, dann verdient er auch nicht, es zu besitzen. Nein, ich verwahre mein Geld stets in meinem Hotelzimmer.«

 

Mr. Reddy holte tief Atem.

 

»Ich bin nicht nach Monte Carlo gekommen, um erst zu lernen, wie man sich gegen Diebstähle sichert«, fuhr Mr. Ford fort. »Aber nun sagen Sie mir einmal, was Sie für ein fünftel Anteil an Ihrer Mine haben wollen.«

 

»Ich habe mir noch nicht recht überlegt, ob ich verkaufe«, entgegnete Reddy. »Eigentlich bin ich nach Monte Carlo gekommen, um mich zu erholen und nicht, um mit Aktien zu handeln.«

 

»Ja, das tun Sie zu Hause schon zur Genüge, Mr. Redwood«, mischte sich Jimmy ein, weil er glaubte, etwas zur Unterhaltung beisteuern zu müssen. »Mr. Redwood ist von Colorado bis nach Montana als der bedeutendste Mineninteressent bekannt. – Ich habe gehört, daß Sie im Jahr bis zu fünf Millionen Dollar in Aktien umsetzen – stimmt das, Mr. Redwood?«

 

»Ja, ungefähr, vielleicht nicht ganz so viel.«

 

Der junge Mann sah ihn freundlich lächelnd an. »Mich können Sie nicht bange machen, wenn Sie mit den Millionen nur so um sich werfen. Soviel ich weiß, beträgt der Wert Ihrer Montana-Mine etwa eine Million Dollar, das sind zweihunderttausend Pfund. – Und Sie wollen vierzigtausend Pfund für ein Fünftel haben?«

 

Mr. Redwood nickte.

 

»Die Aktien stehen auf zwei fünfzig am offenen Markt, und der fünfte Teil ist bedeutend mehr wert als das Geld, das ich dafür haben will. Ich habe mich schon zu sehr abgearbeitet in meinem Leben und möchte mich einmal ausruhen und etwas erholen. Deshalb habe ich die Absicht, alle meine Aktien abzustoßen. – Jimmy«, wandte er sich an den Großfarmer, »dieser Herr möchte einen Anteil an der Montana-Silbermine kaufen. Er ist ein Geschäftsmann, und ich muß sagen, daß ich ihn schätze.«

 

»Aber Sie werden doch nicht Ihren Anteil an der Montana-Mine verkaufen!« sagte Jimmy. »Es ist die ergiebigste im Westen. Es wird eine Sensation geben, wenn das in Wall Street bekannt wird.«

 

Reddy antwortete nicht, nahm aber aus seiner Brusttasche ein dickes Paket. Er öffnete es, es befanden sich Aktien darin, alle mit Stempel und Siegel versehen. Er betrachtete sie lächelnd, fast wehmütig.

 

»Wenn ich bedenke, wieviel Mühe es mich gekostet hat, diese Mine zum Erfolg zu bringen, dann tut es mir leid, mich von diesen Papieren zu trennen. Mr. Ford, ich gebe sie Ihnen wirklich für eine Bagatelle. Es ist ungefähr derselbe Betrag, den Sie nach Monte Carlo mitgebracht haben, um ihn eventuell hier im Spielkasino zu verlieren.«

 

»Aber ich habe mich bisher noch nicht fest entschlossen, die Aktien überhaupt zu kaufen«, erklärte Mr. Ford hastig.

 

»Und ich habe mir auch noch nicht überlegt, ob ich sie tatsächlich hergeben werde«, lächelte der andere. »Wir wollen erst etwas zusammen trinken.«

 

Er war viel zu erfahren, um sein Opfer zum Ankauf zu drängen, und während der beiden nächsten Tage erwähnte er nichts von den Aktien.

 

»Die Zeit drängt«, sagte Reddy am Sonnabend.

 

»Wie weit bist du denn mit dem jungen Ford?« fragte Jimmy.

 

»Er hat angebissen, aber es sieht so aus, als ob es noch ein paar Tage dauert, bis wir das Geschäft erledigt haben. Ich habe im Spielsaal mit ihm gesprochen, und dabei haben wir uns gegenseitig allerhand anvertraut. Ich sagte ihm, daß ich mein Geld immer unter dem Kopfkissen aufbewahre und es heute morgen einzustecken vergaß. Er entgegnete darauf, daß er sein Geld gewöhnlich in der Kommode aufbewahre, zwischen seinen Kleidern. Wenn er heute die Aktien nicht kauft, nehmen wir ihm in der nächsten Nacht das Geld ab. Wir brauchen deshalb unsere Schlafwagenkarten nicht verfallen zu lassen. Aber wir werden Monte Carlo auf einem anderen Weg verlassen.«

 

»Wieso?« fragte Jimmy.

 

»Ich habe ein Auto aus Nizza bestellt, das uns um zwei Uhr morgen früh bei der Post abholen soll. Wir fahren nach Marseille, von dort geht es weiter nach Narbonne und dann über die Grenze nach Spanien. In Barcelona warten wir einige Zeit. Ich habe bereits ein anderes Auto telegrafisch bestellt, das uns Sonntag nachmittag in Marseille am Hôtel d’Angleterre erwarten soll.«

 

»Sehr gut.«

 

»Dein Zimmer liegt an demselben Korridor wie das von Mr. Ford, und es ist ziemlich leicht, von einem Balkon zum anderen zu klettern. Außerdem schläft er bei offenem Fenster. Ich werde von dort in das Zimmer eindringen und dann die Tür öffnen. Darauf kommst du herein. Sollte er irgendwelchen Spektakel machen wollen, dann müssen wir ihn zur Ruhe bringen. Sicherlich sind wir mit dem Wagen schon kurz vor Mittag in Marseille.«

 

Sie schlenderten durch die große Pfeilerhalle und betraten den Spielsaal. Während der nächsten halben Stunde gingen sie von Tisch zu Tisch und beobachteten Ford beim Spiel. Er setzte ab und zu hundert Franc auf eine Nummer, aber er schien sich nicht für das Spiel zu interessieren.

 

Schließlich sah er die beiden Amerikaner und schaute sie mitleidig lächelnd an.

 

»Ein furchtbarer Unsinn, zu spielen. Wir wollen von hier fortgehen. Man ärgert sich nur, wenn man sieht, wie die Leute ihr Geld verschleudern.«

 

Sie folgten ihm, und er ging wieder zu seinem Lieblingsplatz auf der anderen Seite der Hotelterrasse.

 

»Ich habe mir die Sache mit der Silbermine noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Ich kann mich doch noch nicht entschließen, sie zu kaufen, denn ich dachte daran, daß Montana weitab liegt und ich nichts von Bergwerken verstehe.«

 

»Davon brauchen Sie auch nichts zu verstehen«, meinte Reddy. »Sie haben weiter nichts zu tun, als in Ihrer schönen Wohnung in London stillzusitzen und zu warten, bis die Dividenden ausgezahlt werden.«

 

»Gut und schön. Wenn sie nun aber nicht eintrudeln, was dann? Ich werde Ihnen sagen, was ich tue. Ich schreibe meinem Freund, einem Börsenmakler, der ein sehr gescheiter Kerl ist. Der führt alle meine geschäftlichen Transaktionen durch, und der soll mir telegrafisch einen Rat geben. Schließlich kommt es ja auf einen kleinen Aufschub nicht an, Mr. Redwood.«

 

»Durchaus nicht. Und wenn Sie nun eine günstige Auskunft erhalten, wie es nicht anders zu erwarten ist, geben Sie mir dann einen Scheck?«

 

»Nein, dann zahle ich in bar.«

 

»Ach, ich dachte, Sie hätten das Geld inzwischen auf die Bank gebracht«, entgegnete Mr. Redwood erleichtert.

 

»Wo denken Sie hin! Ich sage doch immer, wenn ein Mann nicht einmal auf sein bißchen Geld aufpassen kann, verdient er nicht, es zu besitzen. Übrigens habe ich ein Telegramm erhalten von einem gewissen Brewer. Eine ziemliche Unverschämtheit. Der Mann gibt mir den Rat, nichts zu unternehmen, bis er mich gesprochen hat. Wer, zum Kuckuck, ist denn dieser Brewer?«

 

»Einer der gerissensten Verbrecher, die es zur Zeit in Europa gibt«, erwiderte Mr. Redwood ernst. »Sobald der sich für etwas interessiert, ist die Sache so gut wie verloren.«

 

»Das ist doch aber ein starkes Stück. Meinen Sie, ich sollte die Polizei benachrichtigen?«

 

»Ach, das ist vollkommen unnötig.« Reddy mußte heimlich lachen.

 

Der junge Ford sah nach der Uhr.

 

»Ich fahre nach La Turbie. Wollen Sie mich begleiten?«

 

»Sehr liebenswürdig«, entgegnete Reddy, »aber ich habe heute nachmittag noch viel zu tun.«

 

Reddy studierte Autokarten und Fahrpläne. Er mußte an einen vom Klub der Vier, der augenblicklich in Montdidier weilte, ein Telegramm aufgeben, denn er brauchte von ihm einen Paß, mit dem er über die Grenze kam. Auch mußte er seine Sachen packen und noch einmal nach dem Zimmer von Mr. Ford sehen.

 

Soviel hatte er bereits festgestellt, daß es bei Tag unmöglich war, in den Raum einzudringen. Mr. Ford hatte mit dem Hotelbesitzer vereinbart, daß während seiner Abwesenheit ein Mann auf dem Gang vor seiner Tür Wache stand. Über Nacht wurde dieser Posten eingezogen. Jedes einzelne Hotelzimmer hatte einen langgestreckten Balkon, und zwischen den einzelnen Baikonen bestand ein Zwischenraum von etwa sechzig Zentimetern, der für einen gewandten Mann weiter keine Schwierigkeiten bot. Geduldiges Abwarten war eine ihrer Hauptstärken, und so rührten sie sich nicht eher, als bis es an der Zeit war. Als Reddy nach Mitternacht auf seinen Balkon hinaustrat, war unten niemand zu sehen. Er rauchte eine Zigarette, dann kletterte er über das eiserne Geländer, und in kurzer Zeit hatte er die drei Balkone hinter sich, die ihn von dem Zimmer Mr. Fords trennten. Hier standen die Fenster weit offen, nur die hölzerne Jalousie war geschlossen, und es gelang ihm, diese geräuschlos zu öffnen. Er schlüpfte in das Zimmer und schloß die Glastür hinter sich.

 

Der Weg quer durchs Zimmer und das Aufschließen der Korridortür dauerte nur ein paar Sekunden. Reddy hatte angestrengt gelauscht, bevor er ins Zimmer trat. Er hörte die regelmäßigen Atemzüge Mr. Fords, ja, sogar ein leichtes Schnarchen.

 

Sobald er die gegenüberliegende Tür geöffnet hatte, trat Jimmy leise ins Zimmer. Reddy öffnete die oberste Schublade vorsichtig, ohne das geringste Geräusch zu machen. Als er gerade unter den Kleidern suchte, wurde plötzlich das Licht angeknipst.

 

Mr. Ford saß m seinem Bett und hielt die beiden Einbrecher mit einem Browning in Schach.

 

»Nehmen Sie die Hände hoch!«

 

»Was wollen Sie denn?« fragte Reddy empört. »Ich bin nur in ein falsches Zimmer gekommen, und ich muß schon sagen, ich bin sehr erstaunt über Ihr grobes Benehmen, Mr. Ford.«

 

Im nächsten Augenblick sprang Mr. Ford aus dem Bett, und Reddy sah, daß er angekleidet war und nur kein Jackett trug.

 

»Ich habe auf Sie gewartet, Reddy«, fuhr er fort. »Ich verhafte Sie wegen Einbruchs, versuchten Betruges und verschiedener anderer Vergehen, ebenso Ihren Freund.«

 

»Wer sind Sie denn?« fragte Reddy bestürzt.

 

»Mein Name ist Bob Brewer«, erklärte der junge Mann. »Vielleicht haben Sie schon von mir gehört. Ich bin ein bekannter Verbrecher, der alles mitnimmt, was er bekommen kann. Also, Hände hoch, sonst wäre ich gezwungen, Ihnen eine blaue Bohne zwischen die Rippen zu jagen.«

 

Kapitel 4

 

4

 

So rücksichtslos Perelli bestrafte, so großzügig belohnte er auf der andern Seite. Fünfzigtausend Dollar gab er allein für die Einrichtung der neuen Wohnung Angelos aus, und einen Mann, der sich zwar nicht für ihn eignete, ihm aber das Leben gerettet hatte, schickte er mit einer Summe, die ihn aller Sorgen enthob, nach Sizilien zurück.

 

Über Vinsetti dachte Perelli lange nach. Ohne Zweifel war der Mann nicht mehr mit der alten Begeisterung bei der Sache; im Gegenteil, seine Tätigkeit schien ihm nicht mehr zu behagen. Übrigens tat er genau das, was Perelli erwartet hatte: seine auf der ›Empress of Australia‹ belegte Passage ließ er zwar annullieren, aber durch ein anderes Reisebüro belegte er sofort dieselben Kabinen unter anderem Namen.

 

Von Minn Lee war Vinsetti noch genauso bezaubert wie vorher. Er schickte ihr Blumen und schrieb ihr häufig sehr geschickt abgefaßte Briefe. Tony las sie und lächelte darüber.

 

»Immer elegant – sogar als Briefschreiber. Bitte ihn doch, dich wieder einmal zu besuchen, Minn Lee … Nein, nein, ich habe nichts dagegen – er macht mir wirklich Spaß.«

 

Minn Lee sandte ihm also eine Einladung. Vinsetti kam von da an wieder öfters zu ihr. Manchmal war Tony dabei, aber meistens ließ er sie allein.

 

Es war möglich, daß er Vinsettis Dienste bald wieder in Anspruch nehmen mußte. Die beiden großen Alkoholschmugglerbanden Chicagos waren auf neutralem Boden aneinandergeraten.

 

Tom Feeneys Leute versorgten eine große Anzahl von Kneipen im Süden der Stadt mit Schnaps und Bier. Tom hatte eigene Brauereien und war selbstverständlich vielfacher Millionär.

 

Nun gab es in Chicago ein gewisses Gebiet, in dem beide Parteien friedlich nebeneinander arbeiteten. Die Eigentümer der dortigen Lokale konnten ihre Waren sowohl von Tony als auch von Tom beziehen.

 

Mit einem Schlag störte Tom Feeney dieses stillschweigende Übereinkommen und reklamierte den Bezirk ausschließlich für sich. Er ließ den Lokalbesitzern Warnungen zugehen, und darauf folgten die üblichen Vergeltungsmaßnahmen für diejenigen, die nicht gehorchten. Man zerstörte das Lokal eines guten Kunden Perellis und griff auch den Besitzer selbst an. Der Mann eilte mit der Schreckensnachricht sofort zu Angelo, und Angelo erstattete Perelli Bericht.

 

»Schick Vinsetti zu Tom; er soll mit ihm verhandeln«, befahl Tony. »Wer hat in dem Lokal Radau gemacht?«

 

Man erzählte ihm, daß ›Toten-Hennessey‹, ein bekannter Schläger, mit seiner Bande den Überfall durchgeführt hatte. Shaun O’Donnell engagierte ihn häufig für Racheakte, bei denen er selbst ein wenig im Hintergrund bleiben wollte.

 

»Wischt Hennessey eins aus«, ordnete Perelli an. »Victor soll mit Feeney oder O’Donnell persönlich sprechen.«

 

Victor vereinbarte einen Treffpunkt mit dem Iren und machte ihm Vorwürfe. Shaun O’Donnell aber blieb stur. Obwohl Vinsetti sein Bestes tat, um einen annehmbaren Mittelweg zu finden, ließ er sich sogar zu Drohungen hinreißen.

 

»Gib dir keine Mühe, Vic, das Gebiet hat schon früher zu unserem Bezirk gehört – du kannst Mr. Perelli sagen, daß wir zwar eine Zeitlang Rücksicht auf ihn genommen haben, durch den scharfen Konkurrenzkampf mit den Polen jetzt aber gezwungen sind, den Bezirk für uns zu behalten. Wir würden dir gerne entgegenkommen, Vic – aber in diesem Fall, tut mir leid …«

 

Sie verhandelten auch noch über andere Angelegenheiten.

 

»Möchte nur wissen, warum du eigentlich immer noch bei Perelli bleibst«, sagte Shaun am Ende des Gespräches. »Tom und ich würden es gern sehen, wenn du zu uns kommst. Ich weiß, daß du eine Heidenangst vor Tony hast«, fuhr er fort, als Vinsetti protestierte. »Aber vielleicht könntest du uns helfen, einen Ort ausfindig zu machen, wo wir Tony bestimmt träfen …? Der Kerl behandelt seine Leute ja wie Hunde.«

 

Obwohl das ein ziemlich plumper Anbiederungsversuch war, dachte Victor doch darüber nach. In der Zwischenzeit wurde Toten-Hennessey von Perellis Leuten erledigt.

 

Vor Minn Lee hatte Tony keine Geheimnisse.

 

»In unserem Geschäft gibt es keine Halbheiten«, erklärte er ihr. »Victor hat als Unterhändler bisher noch nie versagt – aber diesmal ist es ihm seltsamerweise nicht gelungen, Shaun O’Donnell zu überreden. In der vergangenen Nacht haben sie mir wieder eine Kneipe zerstört. Und warum? Weil Victor sagte: Abwarten! Soll ich noch so lange warten, bis mein ganzes Geschäft zum Teufel geht?«

 

Victor wußte gut genug, warum er zum Abwarten riet. Tony, der ihm geduldig zuhörte, berichtete er über den Verlauf der Verhandlungen.

 

»Ausgezeichnet!« sagte Perelli schließlich. »Ich kann ja warten, bis Shaun O’Donnell alt und vernünftig wird. Vielleicht in zehn Jahren! Nein, so geht es nicht; entweder Tom Feeney verständigt sich jetzt sofort mit mir, oder ich lasse ihn über den Haufen knallen! In der letzten Zeit wird sowieso viel zuviel geredet – Ricardo sollte wieder einmal zu Wort kommen.«

 

Ricardo war sein bester Maschinengewehrschütze; wirklich ein Meister seines Fachs.

 

»Ein wenig werde ich noch warten«, fuhr Perelli fort, »aber dann …«

 

Am Nachmittag fuhr er nach Cicero hinaus. Er saß in einem seiner eigenen Restaurants und trank gerade Kaffee, als mit kreischenden Bremsen drei Autos vor den großen Fensterscheiben stoppten und das ganze Lokal unter Maschinengewehrfeuer nahmen. Perelli warf sich wie der Blitz flach auf den Boden. Zum Glück hielt sich fast niemand außer ihm in dem Raum auf. Alles ging in Trümmer: Scheiben, Gläser, die Theke splitterten unter einem Hagel von Geschossen. Klatschend fuhr eine Garbe in die Wände, von denen der Putz herunterbröckelte. In diesem Augenblick, die Nase auf die Dielen gepreßt, entschied sich Perelli, nicht länger zu warten. Jetzt mußte er handeln.

 

Es war ihm klar, daß es sich um keinen improvisierten, sondern um einen sorgfältig geplanten Angriff handelte. Vinsetti gehörte zu den wenigen Leuten, die wußten, daß Perelli an diesem Tag und zu dieser Stunde in Cicero sein würde. Er selbst hatte vorgeschlagen, daß Tony sich in dem betreffenden Lokal mit einem kanadischen Kapitän treffen solle.

 

Perelli stellte Nachforschungen an. Tom Feeney und Shaun O’Donnell waren am Abend vorher nach New York gefahren und wiesen damit ihr Alibi etwas zu deutlich nach.

 

Nach seiner Rückkehr suchte er Victor Vinsetti auf und erzählte ihm ausführlich, daß er kaum mit dem Leben davongekommen sei. Er redete so, als hätte er nicht den geringsten Verdacht gegen ihn.

 

Trotzdem hatte Victor eine böse Vorahnung. Heimlich suchte er Kelly auf und gab ihm einige kleine Informationen. Dann tat Victor etwas Merkwürdiges, das letzten Endes ganz seinem Charakter entsprach. Er fuhr zu seinem Rechtsanwalt und setzte sein Testament auf. Ein Abschnitt darin lautete:

 

›Sollte ich eines gewaltsamen Todes sterben, so verfüge ich hiermit, daß eine Summe von hunderttausend Dollar von meinem Vermögen abgezweigt wird. Diesen Betrag soll diejenige Person als Belohnung erhalten, durch deren Hilfe mein Mörder entdeckt wird.‹

 

Am Nachmittag machte er einen Besuch bei Minn Lee, die ihn auf Tonys Wunsch telefonisch zu einer Tasse Tee eingeladen hatte.

 

»Bleib in deinem Zimmer, Liebling«, sagte Tony zu ihr. »Ich muß zunächst noch einiges mit Victor besprechen.«

 

Vinsetti kam um vier Uhr dreißig, eine Viertelstunde später tauchte Kelly auf. Die beiden hatten das so verabredet. In Wirklichkeit hatte der Beamte schon fünf Minuten nach Vinsettis Ankunft am Eingang des Gebäudes gestanden. Er beobachtete die Haustür und sah, daß einige Möbel herausgeschafft und auf einen Wagen geladen wurden. Es handelte sich um zwei große Sessel, ein Sofa, einen Garderobenständer und einen Tisch. Das Möbelauto setzte sich gerade in Bewegung, als Kelly ins Haus trat.

 

Angelo öffnete ihm.

 

»Victor ist schon wieder gegangen«, beantwortete er Kellys Frage. »Er wollte Minn Lee besuchen, aber sie hat Kopfschmerzen.«

 

»Wo ist Perelli?«

 

Tony saß auf dem sonnigen Balkon, und Angelo ließ ihn rufen.

 

»Vinsetti ist vor fünfzehn Minuten hierhergekommen, und ich habe ihn nicht weggehen sehen«, sagte Kelly scharf.

 

»Tut mir leid, aber er ist nicht mehr hier«, entgegnete Tony seelenruhig. »Möglich, daß er den Ausgang auf der Hinterseite benutzte.«

 

»Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich die Wohnung durchsuche?« erwiderte Kelly ziemlich rücksichtslos.

 

»Wenn es Ihnen Spaß macht – bitte!« sagte Tony lächelnd.

 

Vinsetti war tatsächlich nicht mehr da – aber wie er das Haus verlassen hatte, das blieb ein Geheimnis. Kelly kannte natürlich den hinteren Ausgang und hatte dort einen Mann postiert. Aber auch dieser Beamte hatte Vinsetti nicht gehen sehen.

 

Zwei Tage später fand man Victors Leiche in einem Parksee. Er war aus kürzester Entfernung erschossen worden. In seinen Taschen fand man achtzig vollständig durchweichte Tausenddollarnoten.

 

Perelli wurde aufs Polizeipräsidium bestellt und ausgefragt.

 

»Ich kann nur hoffen, daß Sie den Kerl fangen, der den armen Victor auf dem Gewissen hat«, meinte Tony, als er sich nach einem fruchtlosen Verhör sehr höflich verabschiedete. »In letzter Zeit nehmen diese Morde wirklich überhand.«

 

Tony Perelli nahm höchstpersönlich an der Beerdigung teil. In einem Panzerauto fuhr er direkt hinter dem Wagen mit dem Sarg her.

 

Kapitel 5

5

Minn Lee beobachtete das Leben, das Perelli und seine Bekannten führten, anfangs mit großen Augen. Die Frauen, die zu den Gesellschaften kamen, die Perelli gab, waren alle sehr schön – und alle ein wenig zu auffallend gekleidet. Sie und ihre Begleiter schienen sich im allgemeinen wenig Sorgen zu machen und lebten vergnügt in den Tag hinein. Über Tony hatte sie nach wie vor nicht zu klagen. Er war sehr liebenswürdig zu ihr; viel freundlicher, als es John Waite jemals gewesen war. Einmal besuchte sie eine Bardame aus Cicero, die früher mit Perelli zusammengelebt hatte. Er behandelte sie äußerst kurz angebunden, und als sie wieder gegangen war, wollte er mit Minn Lee nicht über sie sprechen. »Ein hübsches Gesicht und wenig Verstand«, knurrte er als Antwort auf ihre Fragen. »Sie hat mich gelangweilt – und ich hasse Leute, die mich langweilen.« Sie sah ihn lächelnd an. »Vielleicht langweile ich dich auch einmal …« Er nahm ihre Hände und küßte sie. »Vielleicht einmal, wenn ich uralt bin und nicht mehr sehen und hören kann. Aber bis dahin ist’s noch lange.« Er faßte ihren Kopf mit beiden Händen. »Bist du glücklich?« Sie nickte, und er schloß sie zufrieden in die Arme. Immer wenn sich Tony mit Minn Lee unterhalten hatte, konnte er nachher besonders ruhig und leidenschaftslos über Tom Feeney, Shaun O’Donnell und ihre Bande nachdenken, die ihm in letzter Zeit allerhand zu schaffen machte. Tom Feeney war groß und schwerfällig gebaut. Er hatte seine Laufbahn als Bauarbeiter begonnen und sich mit Hilfe einer beachtlichen Zähigkeit zu seiner jetzigen Position hochgekämpft. Die Methoden, die er anwandte, waren nicht gerade fein. Wenn er sich irgendwelche Leute gefügig machen wollte, war ihm jedes Mittel recht dazu. Mit Vorliebe wandte er die Ananas-Methode an. Als Ananas wurde in diesem Fall eine Bombe bezeichnet, die vor den Hauseingang des betreffenden Gegners gelegt wurde. Für gewöhnlich genügte diese Warnung. Wenn nicht, richtete die nächste Bombe schon mehr Schaden an. Aber nur wenige Leute warteten die zweite Bombe ab – die dritte überlebte niemand. Da Tom Feeney die Mittel besaß, mit Hilfe seiner ausgedehnten Organisation jeden Widerstand zu brechen, brachte ihm der Alkoholschmuggel immer größere Summen ein. Spelunken und elegante Luxuslokale, die ihm gehörten, wuchsen wie Pilze aus der Erde. Seine Schwester, Mrs. Shaun O’Donnell, spielte eine wichtige Rolle in der Organisation. Durch ihren Mann besaß sie großen Einfluß, den sie unbedenklich anzuwenden wußte. Sie war fast ebenso groß wie ihr Bruder, starkknochig und hager, hatte ein rotes Gesicht und häßliche Hände. Ihre Nase fiel durch ein geradezu unwahrscheinliches Tiefrot auf. Man erzählte sich, daß sie einmal mit einem früheren Boxer gerauft und ihn verprügelt hätte. Wenn Tom Feeney einen kleinen Schwips hatte, pflegte er sogar damit zu prahlen. Obgleich sie Geld wie Heu hatte, kleidete sie sich geradezu unmöglich. Was sie an sich hatte, war von ausgesuchter Geschmacklosigkeit – darüber konnten auch nicht die haselnußgroßen Brillanten hinwegtäuschen, die sie symmetrisch über den ganzen Körper verstreut trug. Perelli wurde von dieser feinen Dame vor allem wegen seines distinguierten Aussehens gehaßt. Für gewöhnlich bezeichnete sie ihn nur als Geck. Sowohl ihren Mann als auch ihren Bruder hielt sie unter ständiger Kontrolle, und es war ganz klar, daß sie von beiden etwas gefürchtet wurde. Mrs. O’Donnell ging rücksichtslos gegen alle vor, die ihr in den Weg traten. Es kam ihr nicht darauf an, jemand umlegen zu lassen. Sie war es auch gewesen, die den Angriff auf Tony Perelli organisiert hatte. »Wenigstens haben wir diesem Hampelmann einen ordentlichen Schrecken eingejagt«, sagte sie später zu ihrem Mann. »Wenn du nur ein wenig mehr Mumm in den Knochen hättest, dann brauchte ich mich über diesen Burschen nicht mehr zu ärgern. Es ist unglaublich, was er neulich zu Mrs. Merlo über mich gesagt hat – aber du machst dir natürlich nichts daraus, wenn mich andere Leute eine Vogelscheuche nennen. Knöpfe dir ihn endlich vor, Shaun!« »Du scheinst mich ja sehr schnell loswerden zu wollen«, entgegnete er bissig. Eines Tages erfuhr Mrs. O’Donnell – die den schönen Vornamen Floribella trug –, daß eine schöne Chinesin in Perellis Wohnung eingezogen war. Trotz aller männlichen Energie besaß sie eine gehörige Portion weiblicher Neugier und machte mit der ihr eigenen Unverfrorenheit bei Perelli einen Besuch. Neben der schönen, grazilen Minn Lee wirkte sie wie ein Verladekran älteren Modells neben einer Feuerlilie. Immerhin benahm sie sich sehr liebenswürdig, und Perelli erfuhr zu seiner Verwunderung, daß sie einen recht guten Eindruck auf Minn Lee gemacht hatte. Auch Mrs. O’Donnell äußerte zu Hause ihre Meinung. »Dieses Mädchen ist viel zu gut, um mit einem schmutzigen Sizilianer zusammenzuleben. Denk dir, der Kerl setzt Fett an! Shaun, du kannst einfach nicht an ihm vorbeischießen, wenn du nicht gerade betrunken bist – aber natürlich bist du immer betrunken!« Shaun erwiderte nichts. Er hatte seine eigenen Pläne. Seine Frau brachte ihm noch eine wichtige Information. »Perelli hat einen neuen Mann aus New York engagiert; er gehörte zu der Five Points-Bande – ein gewisser Con O’Hara. Kennst du ihn?« Shaun wußte, um wen es sich handelte; Tom Feeney kannte den Mann noch besser und hatte allen Grund, ihn zu hassen. »Ein ausgezeichneter Pistolenschütze und mit allen Wassern gewaschen. Hoffe, daß er bald wieder aus dieser Stadt verschwindet.« In derselben Woche erhielt Perellis Bande noch mehr Zuwachs. Ein Alkoholimporteur in Boston, nach außen hin ein sehr angesehener Bürger dieser Stadt, hörte durch einen Freund von einem Harvard-Studenten, der in seiner Karriere Schiffbruch erlitten hatte. Er schrieb deshalb an Tony: Ich weiß nicht, ob Sie etwas für diesen jungen Mann tun können. Er stammt aus guter Familie, spricht mehrere Sprachen, und ich halte es durchaus für möglich, daß er Ihnen nützlich sein könnte. So kam Jimmy McGrath mit einem Empfehlungsbrief nach Chicago. Er war von der Universität relegiert worden, weil er einen Diebstahl begangen hatte, von dem er in seinen nüchternen Augenblicken selbst nicht verstehen konnte, wie er dazu fähig gewesen war. Die Professoren hatten zwar angenommen, daß er unter Alkoholeinfluß gestanden hatte, aber schließlich war das keine Entschuldigung. Jimmy schrieb einen Eilbrief an seine Mutter in Neu-England, verbarg sich in New York, und nachdem er einen Monat lang dort vergeblich Arbeit gesucht hatte, fuhr er mit dem Empfehlungsbrief nach Chicago, wo er sich Tony Perelli vorstellte. Der schlanke junge Mann mit dem blonden Haar machte auf Perelli einen recht guten Eindruck. Der Bandenchef schätzte Leute mit einer ordentlichen Bildungsgrundlage und nahm sich vor, ihm zunächst beibringen zu lassen, wie man mit einer Pistole umgeht, und ihn dann später auch mit organisatorischen Aufgaben zu betrauen. Vielleicht fand sich hier sogar ein Ersatz für Vinsetti, aber zuerst mußte sich Jimmy natürlich bewähren. In diesem Punkt war Tony unerbittlich. Vor allem mußte jeder, der in die Geheimnisse des Alkoholschmuggels eingeweiht werden wollte, bei der Polizei ein eigenes beachtliches Schuldkonto aufweisen können. Als tüchtiger Unternehmer hatte Perelli auf dem Land eine Farm, auf der sich die Mitglieder seiner Bande erholen konnten; selbstverständlich war dort auch eine Anlage mit modernen Schießständen. Zu diesem idyllischen Aufenthalt schickte Tony den jungen Mann und empfahl ihn der besonderen Fürsorge seines Maschinengewehrschützen Ricardo. »Sieh zu, was du aus ihm machen kannst«, sagte er. Eine Woche später erstattete Ricardo Bericht. »Keine Nerven. Es wäre besser, wenn du etwas anderes für ihn fändest, Tony.« Jimmy McGrath kam daher nach Chicago zurück und wurde von Perelli höchst persönlich mit dem Geschäft vertraut gemacht. Er lernte Mitglieder verschiedener Banden kennen, unter anderem Shaun O’Donnell, der merkwürdigerweise Gefallen an dem jungen Mann fand. Eines Tages lud er ihn in seine Wohnung am North Place ein und stellte ihn seiner Frau vor. »Gehören Sie wirklich zu Perellis Leuten?« fragte sie ohne große Umstände. »Warum wollen Sie sich denn ausgerechnet mit diesem lumpigen Sizilianer verbrüdern?« »Das ist schließlich seine Sache«, meinte Shaun. »Er will Sie wohl bald als Agent im Außendienst verwenden?« Jimmy war bestürzt. »Keine Ahnung, welchen Posten ich bekommen soll.« Shaun rieb sich nachdenklich das Kinn. »Klar, er braucht jemand, der mit anderen Leuten verhandeln kann – Vinsetti ist ja erledigt.« »Das war sein bester Freund – aber so treibt es dieser Kerl ja immer«, unterbrach ihn Mrs. O’Donnell. An dem Mittagessen nahm noch ein vierter Mann teil, ein düsterer Italiener, der Jimmy als Mr. Camona vorgestellt wurde. Er hatte in Italien vor kurzem erst eine längere Gefängnisstrafe abgesessen und gehörte jetzt zu Tom Feeneys Scharfschützen. Eines Abends machte Camona einen verhängnisvollen Fehler. Tony Perelli kam mit zwei seiner Vertrauten vom Theater zurück und bog gerade in eine Seitenstraße der Michigan Avenue ein, als ein anderer Wagen von hinten heranpreschte. Tony duckte sich instinktiv auf den Boden des Autos, als auch schon ein Hagel von Geschossen Verdeck und Seitenwände durchschlugen. Einer seiner Begleiter erhielt einen Schuß durch den Hals. In ein paar Sekunden war alles vorüber – trotzdem hatte einer von Tonys Begleitern das Gesicht Camonas hinter dem Maschinengewehr erkannt. Tony machte auch von dieser Sache nicht viel Aufhebens. Er traf nur einige kleine Anordnungen. Camona wohnte in einem kleinen Haus am Südrand der Stadt. Gegen zwei Uhr morgens kam er heim, aber als er gerade die Tür aufschließen wollte, trat ein Mann hinter ihn, setzte ihm die Pistole auf den Nacken und drückte ab. Dann ging der Fremde ruhig zu seinem wartenden Wagen und war schon längst fort, als die nächste Polizeistreife in Sicht kam. »Gut gemacht, Con«, gratulierte Perelli am nächsten Tag dem neuen Mitglied seiner Firma. Con O’Hara freute sich über das Kompliment. »Saubere Arbeit ist meine Spezialität, Tony. Ich schieße immer nur einmal, aber das genügt auch. Natürlich hätte ich ihn schon auf der Straße erledigen können, aber es gingen gerade einige Leute vorbei. Erst als er die Stufen zur Haustür hinaufging, zog ich meinen Achtunddreißiger aus der Tasche …« »Schon gut, schon gut!« Tony konnte es nicht ausstehen, wenn Leute zu viel redeten. Und leider redete Con dauernd. Jimmy erfuhr die Sache aus den Nachmittagszeitungen und war wie vor den Kopf gestoßen. Mit diesem Mann hatte er noch vor zwei Tagen am gleichen Tisch gesessen. »Wer hat das wohl getan?« fragte er Tony. »Ich.« Perelli schaute ihn scharf an. »Der Junge wollte mich gestern abend mit einem Maschinengewehr umlegen – jetzt war er selbst dran.« »Sind Sie auch sicher, daß es Camona war, der auf Sie geschossen hat?« Perelli nickte. Es machte ihm Spaß, diesem jungen, unerfahrenen Menschen ein Licht aufzustecken. »So ist es eben, Jimmy. Entweder man wird selbst über den Haufen geknallt, oder man schießt zurück. Für uns gibt es kein Gesetz. Oder glauben Sie etwa, es hätte einen Sinn, wenn ich zur Polizei gehen und sagen würde, daß Camona auf mich geschossen hat?« »Trotzdem scheußlich – kaltblütig jemand umzulegen …!« Perelli zuckte die Achseln. »Es gibt keinen anderen Weg. Wer sich auf dieses Geschäft eingelassen hat, muß die Konsequenzen ziehen.« Das war Jimmys erste Lektion. Da er jung war, machten diese theoretischen Erläuterungen großen Eindruck auf ihn. »Halten Sie sich Shaun O’Donnell warm«, instruierte ihn Perelli. »Vielleicht müssen Sie in den nächsten Tagen einiges mit ihm besprechen.« McGrath erzählte ihm kurz den Inhalt des Gespräches, das er mit Shaun geführt hatte. »Ausgezeichnet«, sagte Perelli. »Vielleicht bekommen Sie wirklich Victors Platz – würde einen Haufen Geld für Sie bedeuten.« Dabei wußte er sehr gut, daß niemand Victor Vinsetti ersetzen konnte. Jimmy lernte nach und nach die führenden Mitglieder der Bande kennen. Zunächst Angelo Verona mit seinem nachlässigen Lächeln und seinen ironischen Bemerkungen. Ein Mann, der sich und andere nicht sehr wichtig zu nehmen schien und der Jimmy sehr gut gefiel. Con O’Hara, ein recht primitiver Angeber, machte dagegen einen weniger günstigen Eindruck auf ihn. Schließlich traf er auch mit Minn Lee zusammen. Er hatte schon von ihr gehört und war recht neugierig geworden. Doch seine Erwartungen wurden übertroffen – ihr natürlicher Charme faszinierte ihn sofort. Tony hatte als aufmerksamer Kavalier auch alles getan, um ihr exotisches Aussehen zu unterstreichen. Als Jimmy nach seiner ersten Begegnung mit ihr heimschlenderte, hatte er das Gefühl, daß sein Leben wieder einen Inhalt bekommen hatte. Vom ersten Augenblick an liebte er Minn Lee; sooft es sich machen ließ, kam er in Perellis Wohnung. Minn Lee beobachtete diese Entwicklung ernst. Für sie gab es nur einen Mann – Tony Perelli. Eines Tages fragte Tony sie, ob sie ihn liebe. Ihre Antwort war etwas unklar, und er fühlte sich verletzt. In diesem Punkt war er sehr empfindlich. »Ich glaube schon«, sagte sie. »Vielleicht weiß ich auch gar nicht, was Liebe eigentlich ist. Die Frauen, die bei uns verkehren, sprechen so viel darüber – aber auch so gleichgültig wie etwa über eine Gesichtsmassage oder ein neues Gemälde. Versteh mich richtig – ich kann nicht darüber sprechen.« Er runzelte die Stirn und sah sie mit einem abwägenden Blick an. »Ich möchte es aber wissen, ob du mich liebst … Nimm einmal an, vor der Tür würde jemand stehen, der mich umlegen will, und ich sagte zu dir, daß du als erste, vor mir, hinausgehen sollst. Würdest du gehen, obwohl du wüßtest, daß der Mann sofort schießt …?« Sie lachte. Dann schaute sie ihm eindringlich in die Augen. »Ich würde es mir keine Sekunde überlegen, wenn du es mir sagtest.« Tony atmete schnell. »Aber es wäre doch dein Tod, Minn Lee!« Sie nickte. »Das bedeutet nichts.« »Würdest du das auch für einen andern tun?« »Nein«, sagte sie nach kurzem Nachdenken. »Für niemand sonst.« Er lächelte freudig, und seine dunklen Augen leuchteten auf. »Dann liebst du mich mehr, als du denkst.«

Kapitel 6

 

6

 

Tony Perelli dachte sehr viel über seinen neuen Mann nach. Jimmy war ihm irgendwie sympathisch, soweit ihm überhaupt irgend jemand sympathisch sein konnte. Dauernd überlegte er, welchen Platz er ihm in seiner Organisation anweisen könnte; leider schien vorerst keine Stellung für ihn zu passen. Für einen Unterhändler besaß er nicht die nötigen Kenntnisse und auch nicht die nötige Ruhe. Sicher würde er nie etwas verraten, aber ebensowenig war er wohl dazu fähig, jemand aus dem Weg zu räumen.

 

Am besten schien Jimmy am Platz zu sein, wenn er in Tonys Wohnung Minn Lee aufmerksam zuhörte. Offensichtlich war er in sie verliebt, aber Tony kümmerte sich nicht viel darum. Er sah es fast als ein Kompliment an, daß ein Mann mit Universitätsbildung den gleichen Geschmack hatte wie er selbst.

 

Auch Kelly interessierte sich für den jungen Mann, und das war in gewisser Weise nicht angenehm. Tony unterschätzte diesen klugen Beamten durchaus nicht, der kaltblütig, schlau und rücksichtslos vorgehen konnte. Daß Kelly eigentlich einen sehr menschenfreundlichen Charakter hatte, ahnten nur wenige Menschen.

 

Meistens erschien er unerwartet auf der Bildfläche. So kam er auch eines Nachmittags in Tonys Wohnung und unterhielt sich dort mit dem Hausherrn und mit Minn Lee, die er recht gern hatte.

 

»Sie führen jetzt ein recht glückliches Leben, Minn Lee?« fragte er.

 

Tony grinste.

 

»Und ob! Ihr Leben hat ja erst begonnen, als sie zu mir kam!«

 

»Und wann wird sie sterben?« entgegnete Kelly, der Minn Lee unverwandt ansah.

 

Tony verzog das Gesicht. Er, dessen Leben ständig bedroht war, fand es sehr unbehaglich, wenn über den Tod einer ihm nahestehenden Person geredet wurde.

 

»Wer ist denn eigentlich dieser junge Mann, den man jetzt dauernd in Begleitung Ihrer Leute sieht?« wechselte Kelly das Thema.

 

Tony spielte den Überraschten.

 

»Ich verstehe nicht …«

 

»Sie verstehen sehr gut – ich meine Mr. McGrath.«

 

»Ach so, Jimmy!« Tony lächelte nachsichtig. »Er ist ein Freund von einem Bekannten und kommt aus New York, um sich unsere Stadt anzusehen.«

 

»Wäre es nicht einfacher gewesen, wenn er in New York geblieben wäre und brieflichen Fernunterricht genommen hätte, wie man einen Mord begeht?«

 

Tony schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

 

»Ein gräßliches Wort – Mord! Manchmal könnte ich fast Angst bekommen; aber dann fällt mir wieder ein, daß ja mein guter Freund Mr. Kelly im Polizeipräsidium sitzt und dafür sorgt, daß alle Verbrecher auf den elektrischen Stuhl kommen.«

 

»Ein beruhigendes Gefühl für mich, für Ihren ruhigen Schlaf zu sorgen«, erwiderte Kelly und wiederholte dann seine Frage nach Jimmys Tun und Treiben.

 

»Ich weiß selbst nicht, was ich mit ihm tun soll. Er stammt aus einer vornehmen Familie und eignet sich eigentlich nicht richtig für unsere Organisation. Vielleicht kann ich ihm einen Posten in Kanada geben.«

 

»Ist er der Nachfolger Vinsettis?« Kelly nahm kein Blatt vor den Mund. »Ich war schon neugierig, wen Sie als Ersatz wählen würden, nachdem Sie Vinsetti erschossen haben.«

 

Mr. Perelli war empört.

 

»Nachdem ich Vinsetti erschossen habe?« wiederholte er aufgebracht. »Wie kommen Sie denn darauf? Ich werde doch nicht Vinsetti, meinen besten Freund, erschießen! Wenn Sie meine Meinung wissen wollen, dann kann ich Ihnen nur sagen, daß ihn Tom Feeneys Leute auf dem Gewissen haben. Und vor allem dieser verdammte Shaun O’Donnell steckte dahinter!«

 

Kelly wußte längst, daß die Rivalität der beiden Schmuggelorganisationen sich in der letzten Zeit erheblich verstärkt hatte. Er vermutete auch, daß es noch zu bösen Zwischenfällen kommen würde. Feeney war der einzige Bandenführer, der es noch einigermaßen mit Perelli aufnehmen konnte, und es war klar, daß Perelli das ein Dorn im Auge war.

 

Perelli versuchte, mit Shaun O’Donnell Verbindung aufzunehmen, denn zu seinen Gunsten muß gesagt werden, daß er Frieden haben wollte. Sinnloses Blutvergießen war ihm zuwider, und er hätte gern einen hohen Preis dafür gezahlt, wenn ihn seine Gegner in Ruhe hätten arbeiten lassen. Verbindung mit Shaun herzustellen gelang ihm allerdings vorerst nicht. Dem war zu gut bekannt, daß Tony eines Abends Emilio Moretti mit der einen Hand begrüßt und mit der anderen rücksichtslos niedergeknallt hatte.

 

Gegen kleinere Banden war Tony von jeher ohne Hemmungen vorgegangen. Er hatte sie weggewischt, wie die Fliegen von der Wand. Tom Feeney aber war ein Brocken, mit dem auch er nicht so schnell fertig wurde.

 

Perelli bemühte sich also, zu unterhandeln. Jimmy erhielt den Auftrag, mit Shaun O’Donnell zu reden, und traf sich mit ihm beim Mittagessen. Shaun mochte den Jungen recht gern, wenn er auch heimlich über seine Naivität lachte. Keinesfalls sah er eine Gefahr in ihm.

 

Er hörte ernst zu, als Jimmy möglichst diplomatisch das Terrain zu sondieren versuchte. Dann schüttelte er den Kopf.

 

»Unmöglich, mein Junge. Tony und mich bringen Sie nicht unter einen Hut.«

 

»Aber ich versichere Ihnen, daß Tony die Schwierigkeiten zwischen den beiden Organisationen aus der Welt schaffen will.«

 

Shaun sah ihn von der Seite an.

 

»Wenn Sie damit zum Ausdruck bringen wollen, daß er mich auf möglichst gefahrlose Weise umbringen will, können Sie recht haben. Nein, nein, kümmern Sie sich nicht weiter um die Sache. Sie passen sowieso nicht richtig hierher. – Übrigens können Sie Con O’Hara ausrichten, daß er seine Frau von Tony Perelli fernhalten soll. Abgesehen davon ist Con sowieso der nächste, der ins Gras beißen muß, wir haben schon ein Kreuz hinter seinen Namen gemacht.«

 

Er sah Jimmy fast mitleidig an.

 

»Verschwinden Sie doch aus Chicago«, fuhr er dann fort. »Es wäre viel besser, wenn Sie wieder zu Mama gingen.«

 

Jimmy schüttelte den Kopf. Was auch sein Schicksal sein mochte, Minn Lee war das Risiko wert, hierzubleiben. Von Tag zu Tag machte sie tieferen Eindruck auf ihn und beeinflußte ihn immer mehr.

 

*

 

Als Jimmy eines Tages in einem der vornehmsten Hotels in Chicago Tee trank, kam Con O’Hara strahlend auf ihn zu. Er war ein lauter, brutaler Mensch, der viel prahlte, aber trotzdem einen gewissen Sinn für Humor besaß.

 

»Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen, Jimmy …?«

 

Der junge Mann sah Mrs. O’Hara erstaunt an. Sie war verhältnismäßig groß, blond und schlank, mit klaren braunen Kinderaugen in einem Madonnengesicht. Ihre Lippen waren sehr rot, und sie wirkte äußerst attraktiv.

 

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. McGrath«, sagte sie. »Habe schon viel von Ihnen gehört.«

 

Er wünschte fast, daß sie nicht gesprochen hätte, denn ihre sehr gewöhnliche, nachlässige Redeweise paßte ganz und gar nicht zu ihrem Aussehen.

 

Mary betrachtete Jimmy eingehend und mit offensichtlichem Wohlwollen. Er merkte, daß er ihr gefiel, ohne daß sie sich deshalb besonders für ihn interessierte. Von Con hatte sie schon viel über Jimmy gehört und begegnete ihm deshalb auch nicht mit dem Respekt, den sie ihm entgegengebracht hätte, wenn sie ihn für ein wichtiges Mitglied der Organisation gehalten hätte. Auf jeden Fall trug ihr Benehmen dazu bei, daß Jimmy bald bezahlte und sich verabschiedete.

 

Als er das Hotel verließ, stieß er unerwartet auf Tony Perelli, der zum Michigan Boulevard ging. Er hatte vier seiner Leute bei sich; zwei gingen vor und zwei hinter ihm. Jimmy vermutete mit Recht, daß auf der anderen Straßenseite ebenfalls vier seiner Leute sich in gleicher Höhe mit ihm hielten. Perelli machte häufig derartige Exkursionen zu Fuß; meistens um irgendwelche kleineren Besorgungen zu erledigen und sich dabei die nötige körperliche Bewegung zu verschaffen.

 

Jimmy wußte, daß Perelli es nicht liebte, wenn man ihn auf der Straße begrüßte; er folgte deshalb dem großen Mann in respektvollem Abstand. Als sie in den breiten Boulevard einbogen, schoben sich die vier Begleiter näher an Perelli heran. Sie waren noch keine fünfzig Meter weitergekommen, als plötzlich ein geschlossener Wagen an das Trottoir heranfuhr und kurz vor Tony und seinen Leuten stoppte …

 

Bevor Jimmy überlegen konnte, ratterte eine Garbe aus dem Seitenfenster der Limousine. Ein Geschoß pfiff so dicht an Jimmys Gesicht vorbei, daß es ihn fast gestreift hätte.

 

Als er wieder richtig zur Besinnung kam, lag schon einer von Perellis Begleitern auf dem Pflaster. Die drei anderen leerten die Magazine ihrer Pistolen auf den Wagen, der mit einem scharfen Ruck anfuhr, ins Schlingern geriet und sich plötzlich quer auf die Straße stellte.

 

Der lebhafte Verkehr kam zum Stillstand. Die Sirene eines Streifenwagens heulte auf, und in Sekundenschnelle hatten Polizisten das Auto umringt. Einer riß den Wagenschlag auf und zog den Fahrer heraus; er war bewußtlos, sein Gesicht blutüberströmt.

 

Die beiden anderen Leute lagen zusammengesunken auf dem Rücksitz. Tonys Begleiter hatten ihrer Fertigkeit im Schießen alle Ehre gemacht.

 

Eine Stunde später kam Perelli zornig und wütend vom Polizeipräsidium nach Hause. Es kam nicht häufig vor, daß er seine Haltung verlor – aber einer seiner besten Leute war tot, und es bot ihm keine große Genugtuung, daß zwei seiner Gegner im Schauhaus lagen.

 

»Selbstverständlich waren es Tom Feeneys Leute, und Shaun O’Donnell hatte sie dirigiert!«

 

Minn Lee legte ihm vorsichtig einen neuen Verband um eine blutige Schramme an seiner Hand.

 

»Ja, so geht es, Jimmy«, fuhr er etwas ruhiger fort. »Heute morgen schickte mir Shaun eine Nachricht, daß er die Absicht hätte, sich mit mir in aller Ruhe über die Beilegung unserer Streitigkeiten zu unterhalten. Und heute nachmittag versucht er, mich umlegen zu lassen … Das Schlimmste aber ist, daß der Kerl Minn Lee schlechtgemacht hat. Und Sie glauben gar nicht, auf welch üble Weise, Jimmy!«

 

Der junge Mann starrte ihn an.

 

»Aber warum denn?« fragte er aufgebracht. »Minn Lee hat ihm doch nichts getan …«

 

»Ich weiß es aber ganz genau«, wiederholte Perelli. »Werde Ihnen das später erklären – jetzt möchte ich einmal mit Ihnen sprechen.« Er zog Jimmy auf den Dachgarten hinaus.

 

»Sie müssen noch einmal mit O’Donnell reden, Jimmy. Rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, daß Sie ihm einen Vorschlag zu machen hätten. Erklären Sie ihm, daß ich nichts von Ihrem Anruf weiß, daß Sie aber ein Mittel gefunden hätten, alles wieder ins richtige Lot zu bringen.«

 

Es dauerte fast zwei Stunden, bevor Jimmy endlich O’Donnell telefonisch erreichen konnte. Shaun war in den letzten Tagen übervorsichtig geworden, und seine ersten Worte klangen nicht gerade ermutigend.

 

»Wenn Sie es nicht wären, Jimmy, würde ich offen sagen, Sie sollen sich zum Teufel scheren.«

 

»Können wir uns nicht irgendwo treffen? Ich glaube, daß ich Ihnen etwas recht Interessantes mitteilen kann.«

 

Ein kurzes Schweigen folgte.

 

»Glaubt Perelli etwa, daß ich etwas mit der heutigen Schießerei zu tun habe?« fragte Shaun dann. In seiner Stimme lag ein ungewöhnlich ängstlicher Ton.

 

»Wieso?« erwiderte Jimmy zögernd. »Ich glaube schon.«

 

Diese unerwartete Offenheit verblüffte Shaun O’Donnell und machte ihn neugierig und unvorsichtig.

 

»Schön, treffen wir uns. Kommen Sie heute abend um zehn an die Ecke der Michigan Avenue und der Achtundvierzigsten Straße. Bringen Sie niemand mit, Jimmy – ich traue Ihnen. Viel wird bei unserer Unterhaltung allerdings wohl nicht herauskommen.«

 

Jimmy berichtete über den Inhalt des Gesprächs, und Tony klopfte ihm auf die Schulter.

 

»Das haben Sie gar nicht übel gemacht. Also, nehmen Sie den kleinen Sportwagen und warten Sie an der vereinbarten Stelle. Con kann sich auf den Boden des Wagens kauern, so daß ihn keiner sieht. Wahrscheinlich werden Sie ihn aber gar nicht brauchen.«

 

Jimmy schaute ihn verständnislos an.

 

»Ich verstehe nicht recht – was soll ich denn tun?«

 

Perelli sah ihn kalt an, zog einen Browning aus der Tasche und gab ihn Jimmy.

 

»Stecken Sie ihn in die Brusttasche Ihres Jacketts, Jimmy, und schießen Sie ohne Zögern.«

 

Tiefes Schweigen. Jimmys Gesicht wurde weiß.

 

»Was soll ich tun?« brachte er schließlich kaum verständlich hervor.

 

»Sie sollen Shaun O’Donnell über den Haufen schießen!«

 

Kapitel 7

 

7

 

Jimmy McGrath kam erst wieder zu sich, als er die Tür zu seinem Zimmer aufschloß. Er wußte nicht, wie er nach Hause gekommen war, und auch jetzt bewegte er sich noch wie im Traum.

 

Er sollte einen Menschen ermorden, und zwar kaltblütig und mit voller Überlegung. Einen Mann, der ihm vertraute!

 

Verzweifelt ließ er sich auf einen Stuhl fallen, stützte den Kopf in die Hände und grübelte. Die Situation kam ihm völlig unwahrscheinlich vor – aber so sehr er sich auch bemühte, Klarheit in seine Gedanken zu bringen, ließ sich doch an der Tatsache nicht rütteln, daß er vielleicht bald ein Mörder war. Sollte er Shaun warnen? Das wäre einfach genug gewesen. Aber was dann? Tony Perelli würde es doch herausbekommen, und dann gab es nur eine Strafe.

 

Aber es war nicht die Furcht vor Strafe, die Jimmy zurückhielt, sondern das Gefühl, daß er Tony Perelli verpflichtet war. Er wußte gut genug, daß er sich völlig in seine Hand gegeben hatte, und wenn sich auch alles in ihm gegen eine solche Tat aufbäumte, sah er sich doch zu absolutem Gehorsam gezwungen.

 

So weit war es also jetzt mit ihm gekommen. Nun, wenn es ihm gelang, Shaun O’Donnell zu töten, würden Feeneys Leute ein schwarzes Kreuz hinter seinen Namen machen. Er lachte gequält bei diesem Gedanken; auch das flößte ihm keine Furcht mehr ein. Wenn er Shaun tötete, hatte auch er den Tod verdient.

 

Es klopfte an seiner Tür; er sprang auf, ging in die kleine Diele und öffnete.

 

Draußen stand O’Hara. Er trug einen neuen grauen Anzug; den Hut hatte er aus der Stirn geschoben; im Mund hing seine Zigarre.

 

»Beschäftigt?« fragte er.

 

Jimmy öffnete die Tür ganz und ließ ihn herein.

 

»Was, hier wohnen Sie?« Er sah sich kopfschüttelnd, in dem einfachen Raum um. »Nein, das ist wirklich nichts für einen Mann, der zu Perellis Organisation gehört. Na, ich denke, daß Ihnen Tony bald eine schönere Wohnung einrichten wird.«

 

Nachlässig setzte er sich auf den Tisch und betrachtete Jimmy neugierig. »Fertig für heute abend?«

 

Jimmy nickte. Er wollte gleichgültig erscheinen und riß sich zusammen.

 

»Natürlich, ich bin bereit.«

 

»Wenn Sie nachher zu unserer Garage gehen und in den kleinen Sportwagen steigen, dann kümmern Sie sich nicht um den Mann, der auf dem Boden sitzt – das bin nur ich. Feeneys Spitzel haben verdammt scharfe Augen. Die Burschen sind natürlich da, wenn der Wagen aus der Garage fährt, und wenn ich dann neben Ihnen säße, wäre die Geschichte schon verraten.«

 

Con O’Hara war auf seine Art ein kluger Mann, der die Lage genau überschaute. Das kommende Abenteuer bedeutete nichts Besonderes für ihn, er betrachtete es als Arbeit, die erledigt werden mußte wie jede andere.

 

Nachdenklich sah er Jimmy an. Es war nicht das erstemal, daß er einen Anfänger zu begleiten hatte.

 

»Machen Sie sich keine Sorgen«, meinte er schließlich gutmütig, nahm die Zigarre aus dem Mund und blies den Rauch zur Decke. »Denken Sie nur an die vielen Kollegen, die Shaun O’Donnell schon auf dem Gewissen hat!«

 

Jimmy machte eine ungeduldige Bewegung.

 

»Ich möchte möglichst wenig über die Sache nachdenken.«

 

»Ganz recht, möglichst wenig nachdenken!« stimmte Con bei.

 

Er gab Jimmy noch einige Instruktionen, diktierte ihm einen genauen Zeitplan und ging dann wieder fort, um Tony Perelli über den Erfolg seines Besuches zu unterrichten.

 

Tony war aber nicht zu Hause; wahrscheinlich fuhr er irgendwo mit Minn Lee spazieren. Er benützte dazu einen gepanzerten Wagen; selbstverständlich hielt er keine bestimmten Zeiten für seine Spazierfahrten ein und fuhr auch immer wieder woanders hin.

 

In der Wohnung war wie gewöhnlich Angelo Verona, der Frachtlisten und andere Schriftstücke durchsah, die aus Kanada gekommen waren. Als rechte Hand Tony Perellis wurde er von allen als sein Nachfolger angesehen. Merkwürdigerweise stammte er nicht aus Sizilien; seinen eigentlichen Namen kannte niemand. Er war klug, geschäftstüchtig und besaß großes Organisationstalent.

 

Feeneys und O’Donnells Leute respektierten und fürchteten ihn. Shaun pflegte zu sagen, daß Angelo das gefährlichste Mitglied von Perellis Bande sei; zu dieser Meinung trug die Tatsache bei, daß Angelo ein ausgezeichneter Pistolenschütze war, ein Experte für Maschinengewehre und eine Autorität auf dem Gebiet des Alkoholschmuggels.

 

Der Respekt, den Shaun O’Donnell vor Angelo hatte, war übrigens nicht gegenseitig. Angelo konnte keine Iren leiden, und aus diesem Grund war ihm auch Con O’Hara unsympathisch.

 

»Ist der Chef zu Hause?« fragte Con, ließ sich in dem bequemsten Sessel nieder und steckte sich eine neue Zigarre an.

 

Angelo sah von seiner Arbeit auf und schüttelte den Kopf.

 

»Ich war eben bei Jimmy McGrath«, erklärte Con. »Aus dem wird niemals ein richtiger Kerl – nicht in einer Million Jahren.«

 

»So, meinen Sie?« erkundigte sich Verona höflich.

 

In diesem Augenblick trat Tony ein. Er nickte Con nachlässig zu, ging zu Angelo und unterhielt sich mit ihm auf italienisch.

 

Con, der diese Sprache nicht verstand, fühlte sich zurückgesetzt.

 

»Könnt ihr euch nicht vernünftig unterhalten?« fragte er.

 

Perelli drehte sich um und sah ihn scharf an.

 

»Wer hat Sie eigentlich aufgefordert, in meine Wohnung zu kommen?«

 

»Ich wollte mit Ihnen über Jimmy sprechen«, erwiderte Con ärgerlich. »Wäre mir lieber, ich könnte den Auftrag ohne ihn erledigen. Der Junge sieht so aus, als ob er beim ersten Schuß umkippte.«

 

Perelli ging langsam zu ihm hinüber, blieb vor ihm stehen und stützte die Hände in die Hüften.

 

»Habe ich gefragt, was Sie möchten? Diesmal ist Jimmy an der Reihe. Sie gehen nur mit, um ihm zu helfen, falls er nervös wird und Shaun Zeit hat, sein Schießeisen zu ziehen. Es handelt sich nicht darum, daß Sie ihn mitnehmen – er nimmt Sie mit. Vergessen Sie das nicht, Con O’Hara!«

 

Das Gesicht des Iren verfinsterte sich noch mehr.

 

»Hab‘ schon verstanden«, knurrte er.

 

Er versuchte noch eine Zeitlang, mit Perelli eine freundlichere Unterhaltung in Gang zu bringen, als ihm das aber nicht gelang, ging er beleidigt fort.

 

Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, sahen sich beide schweigend an.

 

»Es ist nicht recht, daß du dem Jungen diesen Auftrag gibst«, sagte Angelo schließlich. »Wenn er Erfahrungen sammeln soll, so gib ihm eine weniger wichtige Aufgabe.«

 

Tony schüttelte den Kopf.

 

»Er gehört immer noch nicht richtig zu uns – und solange er sich nicht auf Schritt und Tritt in acht nehmen muß und weiß, daß Feeneys Leute nur auf ihn warten, kann ich ihm nicht ganz vertrauen.«

 

*

 

Tony fuhr häufig in die Stadt, um in verschiedenen Schwarzbrennereien und Lokalen persönlich nach dem Rechten zu sehen. Für gewöhnlich tat er dies abends, und so waren die Stunden zwischen sechs und neun für Minn Lee sehr langweilig. Jimmys Besuch brachte ihr eine angenehme Zerstreuung.

 

Er war in der letzten Zeit seltener gekommen, obwohl sie ihn merken ließ, daß sie ihn gern hatte. Tatsächlich war er ihr sehr sympathisch; schon deswegen, weil er aus einem Milieu stammte, das sie fast vergessen hatte, seitdem sie die Universität verlassen hatte.

 

»Nett von Ihnen, Jimmy, daß Sie mich wieder einmal besuchen«, begrüßte sie ihn freundlich. »Ich dachte schon, Sie hätten etwas gegen mich …«, erschrocken brach sie ab, als sie den sonderbaren Ausdruck in seinen Zügen sah.

 

»Geht es Ihnen nicht gut?«

 

»Doch, doch – ich wollte nur ein wenig mit Ihnen plaudern …«

 

Sie lächelte und zeigte auf einen Stuhl.

 

»Machen Sie es sich bequem, Jimmy. Tony kommt erst um zehn wieder nach Hause.«

 

Er holte tief Atem. Um zehn Uhr würde sich viel ereignet haben.

 

Es fiel ihm schwer, einen Anfang zu finden, aber schließlich sprach er doch.

 

»Ich wollte Ihnen nur etwas sagen … Kann sein, daß mir etwas zustößt, und dann sollten Sie wissen, daß ich Sie sehr gern gehabt habe. Das klingt so banal – aber es ist so, Sie haben mir sehr viel bedeutet!«

 

»Was meinen Sie damit, daß Ihnen etwas zustoßen könnte, Jimmy?« fragte sie nach einiger Zeit ruhig und zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Nun, Sie wissen ja, was das Leben in Perellis Nähe bedeutet …«

 

»Aber warum sollte Ihnen denn etwas passieren, Jimmy?« Sie verbarg mühsam einen Schrecken, der so groß war, daß sie selbst darüber staunte. »Ist heute abend irgend etwas los …?«

 

Er wollte ihr schon antworten, besann sich dann aber und schüttelte den Kopf.

 

»Nein, nein. Reden wir nicht weiter davon … Ich bin nur ein wenig nervös.«

 

Er stand auf.

 

»Sie wollen schon wieder gehen?« fragte sie verwundert.

 

Er nickte und sah ihr einen Moment lang in die Augen. Dann trat er schnell auf sie zu, nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. In der, nächsten Sekunde hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen.

 

*

 

Die Garage lag nicht weit entfernt. Er ging zu Fuß dorthin, öffnete mit einem Schlüssel, trat ein und flüsterte Cons Namen.

 

»Leise, Sie Idiot«, zischte eine Stimme.

 

In dem offenen Sportwagen kauerte bereits O’Hara, der eine alte Plane über sich gezogen hatte.

 

Ohne ein weiteres Wort setzte sich Jimmy ans Steuer, fuhr den Wagen aus der Garage, bog nach links ein und erreichte fünf Minuten später die Michigan Avenue.

 

Ein Wagen überholte ihn, hielt sich einen Augenblick auf gleicher Höhe, und einer der Insassen leuchtete ihm mit einer Taschenlampe ins Gesicht.

 

»Nun, was habe ich gesagt, Jimmy?« Con O’Hara hatte die Plane ein wenig gelüftet und den Vorgang beobachtet. »Sie halten Ausschau nach mir.«

 

»Warum denn gerade nach Ihnen?« Es war das erste Wort, das Jimmy an seinen Begleiter richtete, seitdem sie weggefahren waren.

 

»Nach mir oder nach sonst jemand«, entgegnete Con ungeduldig. »Wenn ich offen an Ihrer Seite gesessen hätte, wäre das der Abschied von Chicago und dem Leben gewesen.«

 

Als sie die Randbezirke der Stadt erreichten, wurden sie noch einmal kontrolliert. Ein zweiter Wagen kam langsam mit aufgeblendeten Scheinwerfern auf sie zu. Jimmy schloß einen Augenblick die Augen.

 

»Jetzt wären wir bald soweit«, flüsterte Con. »Immer ruhig Blut, Jimmy.«

 

Sie kamen zu der verabredeten Stelle, einer verlassenen kleinen Nebenstraße. Das Eckgrundstück war nicht bebaut, und von einem einfachen Bretterzaun umgeben. Jimmy hielt zwanzig Meter weiter. Sein Herz schlug so wild, daß er kaum atmen konnte. Er zog die Pistole aus der Tasche und entsicherte; dann legte er die Waffe neben sich auf den Sitz.

 

Niemand war zu sehen, nur einige Wagen fuhren stadteinwärts.

 

»Können Sie etwas sehen?« fragte Con unter seiner Plane.

 

»Nichts.«

 

Jimmy schaute nach rückwärts. Eine Frau kam auf sie zu, die einen schweren Korb trug. Offenbar war sie eine Hausangestellte. Gleich darauf ging sie vorüber. Und dann sah Jimmy eine Gestalt, die sich im Schatten der Häuser schnell näherte. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, als er Shaun erkannte.

 

Obwohl seine Beine den Dienst zu versagen drohten, stieg er aus. Seine Rechte umklammerte hinter seinem Rücken die Waffe.

 

»Na, Jimmy, was gibt’s?« Shaun O’Donnell kam auf ihn zu. »Ich habe nur ein paar Minuten für Sie übrig, mein Junge. Es gibt Schwierigkeiten in der Stadt, und …«

 

Jimmy flimmerte es vor den Augen. Ohne einen klaren Gedanken zu fassen, ohne überhaupt zu wissen, was er tat, riß er plötzlich die Pistole hoch und feuerte. Als der erste Schuß vorbeiging, drückte er noch einmal ab. Shaun O’Donnell griff in die Tasche nach seinem Revolver und taumelte zur Seite.

 

»Sie …!«

 

Drei Schüsse donnerten in schneller Folge an Jimmys Ohr vorbei. Con O’Hara zielte kühn, ruhig und sicher. Shaun brach zusammen. Irgendwo hörte man den schrillen Pfiff eines Polizisten.

 

»Schnell zurück!« rief Con und zerrte Jimmy zum Wagen.

 

Er warf sich hinter das Steuer, Jimmy kauerte neben ihm. Er könnte sich nicht mehr rühren und war immer noch keines Gedankens fähig.

 

Shaun O’Donnell war tot – und er hatte ihn auf dem Gewissen. Er stöhnte verzweifelt.

 

Der Wagen nahm mit kreischenden Reifen die Kurven. Con O’Hara war früher Berufsfahrer gewesen und hatte an Rennen teilgenommen.

 

»Ich habe ihn erwischt«, sagte er. »Sie haben natürlich vorbeigeknallt – na, ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus. Meine Erfahrung und meine Nerven hat nicht jeder. Wenn ich einmal jemanden aufs Korn nehme, dann ist’s vorbei! Nehmen Sie doch einen Schluck aus der Flasche …«

 

Jimmy starrte durch die Windschutzscheibe. So oder so – auch er war zum Mörder geworden.

 

Kapitel 8

 

8

 

Die Nachricht verbreitete sich mit Windeseile in der Unterwelt von Chicago. Shaun O’Donnell hatte dran glauben müssen! Das war eine sehr interessante Neuigkeit, denn immerhin war Shaun unter vielen kleinen ein großer Gangster gewesen.

 

Seine Frau war völlig fassungslos, als ihr Captain Kelly die Mitteilung machte und sie im Wagen in das Krankenhaus brachte, in dem Shaun lag. Es bestand keine Hoffnung mehr, und man hatte bereits in aller Eile einen Priester rufen lassen.

 

Der Geistliche stand neben Kelly an dem Bett des Bewußtlosen. Der Arzt saß gelassen dabei; er wußte, daß jede Hilfe umsonst war.

 

Der Priester, noch jung und ein Idealist, holte tief Atem.

 

»Ich kann diese Art Verbrecher nicht verstehen«, sagte er traurig. »Jede Woche lese ich in den Zeitungen, daß jemand erschossen worden ist. Ist dies auch ein Bandenmord?«

 

Kelly nickte.

 

»Ja, der Mann gehört zu Tom Feeneys Leuten.« Er wandte sich zu dem Polizisten um, der an der Tür stand. »Hat er eigentlich noch irgend etwas gesagt?«

 

Der Polizist glaubte das Wort ›Jimmy‹ gehört zu haben. Er war auch sicher, daß Shaun noch leise vor sich hin geflucht hatte.

 

Kelly kam die ganze Angelegenheit sehr merkwürdig vor. Vor allem wunderte er sich darüber, daß Shaun ohne seine Leibwache, anscheinend sogar ohne einen einzigen Begleiter gekommen war. Es kam ihm der Gedanke, ob nicht Tom selbst seinen Schwager in den Tod geschickt hatte. Er äußerte diesen Verdacht auch laut.

 

»Was, seine eigenen Leute?« erwiderte der Priester bestürzt. »Aber warum denn?«

 

»Manchmal erkaufen sie damit einen Waffenstillstand«, erklärte ihm der Beamte. »Die Bandenchefs können natürlich nicht immer jede Handlung ihrer Leute kontrollieren, und wenn einer von ihnen auf eigene Faust auf ein Mitglied einer anderen Bande schießt, dann muß sich der Chef überlegen, ob er die Konsequenzen tragen will, oder ob er den Mann opfert – das heißt, daß er ihn mit einem Auftrag zu einer Stelle schickt, wo die Leute der anderen Bande ihn umlegen können.«

 

»Unmenschlich«, flüsterte der Priester.

 

»Ja, das wäre es«, entgegnete Kelly mit einem eisigen Lächeln, »wenn diese Leute den Begriff menschlich in irgendeiner Beziehung überhaupt kennen würden.«

 

Shaun rührte sich und murmelte einige undeutliche Worte. Der Arzt sah schnell auf.

 

»Sie haben nicht viel Zeit«, sagte er leise zu dem Kriminalbeamten.

 

Kelly setzte sich auf die andere Seite des Bettes und neigte sich über den Sterbenden.

 

»Hallo, Shaun, erkennen Sie mich? Captain Kelly …« Er sah ein schwaches Aufleuchten in den Augen Shauns. »Man hat Sie hereingelegt, mein Junge – sagen Sie mir, wer es getan hat.« Er neigte sich noch näher zu ihm und nickte. »Ja, Shaun, die eigenen Leute haben Sie in den Tod geschickt habe ich nicht recht?«

 

Er lauschte erwartungsvoll.

 

Shaun O’Donnell verstand ihn, aber er antwortete nicht.

 

»Sprechen Sie doch! War es Feeney selbst – oder waren es doch Perellis Leute?« Er sah Shaun durchdringend an und sprach geradezu beschwörend auf ihn ein. »Sagen Sie es mir doch – war es Con O’Hara, der Sie erledigt hat …?«

 

Er wartete, wartete …

 

Aber getreu der Tradition sprach Shaun nicht. Die Polizei bedeutete ihm nichts, und das Versprechen Kellys, ihn zu rächen, hatte keinen Wert für ihn. Er brauchte dieses Versprechen nicht, denn er wußte, daß seine eigenen Leute schnell genug diese Tat sühnen würden. Sicher waren schon jetzt alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihn zu rächen.

 

Kelly las die dunkle Entschlossenheit in den Augen des Sterbenden. Er wandte sich zu dem Priester und winkte ihn näher.

 

»So sind sie immer …«, sagte er bitter.

 

Es ging rasch mit Shaun zu Ende. Seine Frau erkannte er kaum noch, und schon nach einigen Minuten erhob sich der Arzt achselzuckend von dem Bett des Toten.

 

Mrs. O’Donnell hatte vorher geweint, aber jetzt zeigte sie sich gleich wieder gefaßt und gab nüchtern, fast herzlos ihre Anordnungen. Es schien sie abzulenken, das Begräbnis gleich in allen Einzelheiten festzulegen.

 

Der Arzt, in dessen kleinem Zimmer sie mit den drei zuverlässigsten Unterführern der Bande stand, lauschte erstaunt ihren Worten. Schließlich verabschiedete sie sich und fuhr mit ihren Begleitern in ihre eigene Wohnung zurück.

 

Der wichtigste der drei Männer war Spike Milligan, blond und noch verhältnismäßig jung. Er sah aus wie ein gutsituierter Bankbeamter, war aber um einiges gefährlicher. Energisch betonte er jetzt; daß es wichtig sei, sofort Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Tom Feeney war gerade in Indiana, wo er wichtige Geschäfte zu erledigen hatte. Milligan hatte ihn aber telefonisch schon erreichen können, und Tom raste nun in höchster Eile nach Chicago zurück.

 

»Es waren Jimmy McGrath und Con O’Hara«, sagte Mrs. O’Donnell. »Sie haben sie zurückkommen sehen, Spike?«

 

Der junge Mann nickte.

 

»Ich wußte, daß Shaun eine Verabredung mit Jimmy hatte«, fuhr sie fort. »Er hat mir vorher gesagt, wohin er ging, und ich versuchte ihn zurückzuhalten. Perelli hat Jimmy geschickt, weil er wußte, daß Shaun dem Jungen traute. Die beiden müssen erledigt sein, noch bevor Tom zurückkommt!«

 

»Das ist auch meine Meinung«, erklärte Spike, und die anderen nickten beifällig.

 

»Jimmy hat doch nichts zu bedeuten – der ist ja noch ein Anfänger …«

 

»Aber trotzdem soll er nicht davonkommen«, sagte Spike entschieden. »O’Hara hat eine Wohnung im Norden – er wohnt mit seiner Frau zusammen.«

 

»Und Perelli …?« fragte einer.

 

»Hat keiner von euch Mut genug, es ihm heimzuzahlen?« entgegnete Mrs. O’Donnell verächtlich.

 

Spike betrachtete nachdenklich seine sorgfältig manikürten Fingernägel.

 

»Das ist nicht so einfach«, meinte er dann fast entschuldigend. »Zumindest muß das genau überlegt werden. Bei den anderen beiden; ist es eine Kleinigkeit – sie denken wahrscheinlich, daß sie gar nicht erkannt worden sind. Wenn sie nicht geflohen sind, werde ich persönlich Con und Jimmy erledigen.«

 

Glühender Haß leuchtete aus den harten Augen der Frau.

 

»Und wenn es sonst niemand tut, werde ich Perelli niederschießen«, sagte sie heftig.

 

Es folgte ein langes Schweigen, dann erhob sie sich plötzlich. »Los, erledigt die zwei«, befahl sie kurz. Ihre Leute machten sich daran, den Auftrag auszuführen.

 

Kapitel 9

 

9

 

Jimmy McGrath reagierte sehr merkwürdig auf sein Erlebnis. Er war plötzlich völlig ruhig, und seine Gedanken hatten sich seit langer Zeit wieder einmal ganz geordnet, als er sich von Con O’Hara verabschiedete und zu Fuß nach Hause ging

 

Der Mord, an dem er teilgenommen hatte, stand kristallklar vor seinen Augen. Blut klebte jetzt an seinen Händen, das Blut eines Mannes, der ihn gern gemocht hatte. Doch ebenso klar war ihm, daß es einen Weg zurück von nun ab nicht mehr gab. Auf Gedeih und Verderb gehörte er jetzt zu den Alkoholschmugglern.

 

Er stieg die Treppe zu seinem Zimmer hinauf, schloß die Tür auf und machte Licht. Dann verriegelte er von innen und wusch sich die Hände. Rock, Weste und Schuhe zog er aus, löschte das Licht und warf sich auf das Bett.

 

Er versank sofort in einen traumlosen Schlaf, aus dem er erst hochschreckte, als hart an seine Tür geklopft wurde. Sofort hellwach, sprang er hoch und griff nach der Pistole, die noch auf dem Tisch lag. Sein Herz hämmerte wild. Wieder klopfte es, dann hörte er eine bekannte Stimme. Es war Angelo. »Machen Sie auf, Jimmy!«

 

Der junge Mann öffnete, und Angelo trat ein.

 

»Ach, haben Sie geschlafen?« fragte er verwundert. »Ziehen Sie schnell Ihre Schuhe und Ihren Rock an.«

 

»Schickt Tony nach mir?«

 

Angelo schüttelte ungeduldig den Kopf.

 

»Nein, das nicht – wir müssen jetzt vor allen Dingen einen anderen Unterschlupf für Sie ausfindig machen, wo Sie sich aufhalten können. Hier ist es nicht sicher.«

 

Jimmy hatte ein trockenes Gefühl in der Kehle.

 

»Wissen die anderen schon«, stammelte er, »daß ich Shaun …«

 

»Natürlich wissen sie es«, entgegnete Angelo kühl. »Man hat Sie gesehen, als Sie mit Con zur Stadt zurückfuhren.« Er sah auf die Uhr. »Beeilen Sie sich!«

 

Jimmy kleidete sich eilig an, steckte die Pistole ein und folgte Angelo.

 

Vorsichtig traten sie auf die Straße. In einiger Entfernung von der Haustür stand ein Wagen, an dem zwei Männer lehnten. Sie liefen eilig darauf zu und stiegen ein.

 

Eine Viertelstunde später hatte Jimmy ein neues Quartier in einem kleinen Hotel in der Nähe von Tonys Wohnung.

 

»Machen Sie keinem Menschen auf«, instruierte ihn Angelo. »Tony wird dann später mit Ihnen sprechen; das Hotel hier gehört ihm, und Sie sind für die Nacht völlig sicher.«

 

*

 

Spike Milligan wollte sich Jimmy McGrath für später aufsparen und erst den schwierigeren Teil seiner Aufgabe erledigen.

 

Er wußte, wo Con O’Haras Wohnung war. Als er dort ankam, sah er, daß Licht brannte. Er ging zur nächsten Telefonzelle und rief ihn an.

 

»Con, bist du’s?« Milligan kannte O’Hara, denn sie hatten in New York einmal der gleichen Bande angehört. »Hier spricht Spike.«

 

»Na, und?« entgegnete Con vorsichtig.

 

»Hör mal zu – ich muß dich unbedingt sprechen. Shaun O’Donnell ist diese Nacht umgelegt worden, und es sieht so aus, als ob unsere ganze Organisation zum Teufel ginge. Habe ich Chancen, bei euch unterzukommen?«

 

Con O’Hara war nicht gerade schlau, aber er hatte wie die meisten primitiven Menschen einen gewissen Instinkt für Gefahren.

 

»Schon möglich. Wir können ja morgen einmal miteinander reden. Ich habe gerade eine scheußliche Grippe am Hals und bin die ganze Nacht zu Hause gewesen.«

 

»Ich hab’s aber ziemlich eilig – können wir uns nicht gleich treffen?«

 

»Besser, wir verschieben es auf morgen früh.«

 

»Ich könnte ja auch zu dir kommen?« bohrte Spike hartnäckigweiter.

 

»Du weißt nicht, was du damit für ein Risiko eingehst, mein Junge«, sagte Con mit sonderbarer Betonung.

 

Spike hängte ab und überlegte. Wie alle anderen hatte er etwas Angst vor Mrs. O’Donnell. Keinesfalls traute er sich zu ihr zurückzukommen, ohne etwas erreicht zu haben.

 

Kurz entschlossen ging er zu seinen Begleitern zurück, und nach kurzer Beratung machten sie sich alle drei auf den Weg zu Con O’Haras Wohnung.

 

Aber als sie in der Nähe des Hauses waren, hielt vor der Haustür gerade eine schwere, dunkle Limousine. Die Scheinwerfer wurden auf Standlicht geschaltet, aber niemand stieg aus.

 

Spike, der im Schatten einer Toreinfahrt stand und den Vorgang beobachtete, grinste. Es wäre glatter Selbstmord gewesen, sich in das Haus zu wagen. Sie gingen deshalb zu ihren Autos zurück und fuhren zu Jimmys Wohnung. Wenn auch dort ein Wagen wartete, blieb nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge umzukehren.

 

Langsam fuhren sie an dem Haus vorbei, konnten aber nirgends etwas Verdächtiges bemerken. Hundert Meter entfernt stieg Spike aus, schlenderte langsam zurück und öffnete mit Hilfe seines Dietrichs und seiner beachtlichen Fingerfertigkeit die Haustür.

 

Im Hausflur war es stockdunkel. Leise stieg er die Treppe zum dritten Stock hinauf und klopfte vorsichtig an Jimmys Tür. Keine Antwort. Er klopfte wieder und lauschte angestrengt – nicht das geringste Geräusch, kein Knarren der Matratze, keine heimlichen Schritte. Er drückte die Klinke nieder und wußte sofort, daß niemand im Raum war, als sich die Tür öffnen ließ. Spike machte Licht und sah sich um. Aus allen Anzeichen konnte er schließen, daß das Zimmer eilig verlassen worden war. Perelli hatte gut für seinen Mann gesorgt. Und plötzlich sagte ihm ein Gefühl, daß Gefahr drohte. Wenn Perelli Jimmy fortgebracht hatte, dann wußte er auch, daß jemand hinter dem Jungen her war.

 

Er drehte das Licht aus und schlich sich leise die Treppe hinunter. Unwillkürlich umklammerten seine Finger noch fester den Kolben des Revolvers, den er in Hüfthöhe hielt.

 

Vorsichtig zog er die Haustür wieder auf und lauschte angestrengt. Dann blieb er plötzlich wie erstarrt stehen, denn unmittelbar vor ihm am Fuß der Treppenstufen, die er hinuntergehen mußte, stand die Limousine, die er schon vorher in der Nähe von Con O’Haras Wohnung gesehen hatte. Einen Moment lang verließ ihn seine ganze Geistesgegenwart – im nächsten Augenblick preßte sich ein harter Gegenstand in seinen Rücken.

 

»Vorwärts, Spike, keine Umstände«, flüsterte eine Stimme hinter ihm.

 

Er wurde auf die Stufen hinausgeschoben. Gleichzeitig packten zwei Leute, die neben der Haustür gestanden hatten, seine Arme und nahmen ihm den Revolver weg.

 

»Was soll das?« fragte er mit heiserer Stimme. Er schaute die Straße auf und ab, konnte aber nichts von seinen eigenen Leuten entdecken – er selbst hatte ihnen befohlen, zwei Häuserblocks entfernt mit dem Wagen zu warten.

 

Der Mann hinter ihm schloß leise die Haustür.

 

»Nur eine kleine Fahrt. Sie kennen das ja, Spike«, sagte er.

 

Man stieß ihn in den Wagen und schob ihn auf den Sitz neben dem Chauffeur. Das Auto fuhr an.

 

Eine Viertelstunde später hielten sie an einem einsamen Schuttabladeplatz. Spike hatte längst aufgegeben, er wußte, daß jeder Widerstand sinnlos war. Schließlich war er schon oft genug in ähnlichen Situationen gewesen; nur hatte dann immer er die Pistole in der Hand gehabt. Um den Begriff der ausgleichenden Gerechtigkeit hatte er sich eigentlich nie gekümmert, aber so etwas Ähnliches ging ihm jetzt durch den Kopf, kurz bevor, hinter ihm der Schuß knallte.

 

Kapitel 20

 

20

 

Etwas fiel zu Boden – Tony war der Brieföffner, mit dem er gespielt hatte, aus der Hand geglitten. Was sollte das bedeuten? O’Hara war nicht dabei. Er wollte seinen Ohren nicht trauen.

 

»Ich bin sofort bei Ihnen, lassen Sie alles, wie es ist!« rief Kelly noch in den Hörer und donnerte ihn dann auf den Apparat.

 

»Morgen früh um neun erwarte ich Sie im Polizeipräsidium, Perelli«, sagte er und knallte die Tür hinter sich zu.

 

Tony wandte sich rasend vor Wut an Minn Lee.

 

»Hast du gehört, wie er mit mir umspringt? Mit mir – Tony Perelli! Als ob ich ein Hund wäre!«

 

Sie hörte ihn nicht. Sie sah in die Ferne, ihre Lippen waren leicht geöffnet.

 

»Jimmy! O Jimmy!«

 

»Er ist jetzt in der Hölle!«

 

»Vielleicht war er vorher noch im Himmel«, sagte sie leise.

 

»Du warst wohl in ihn verliebt?« fragte er höhnisch.

 

In Wirklichkeit zog er diese Möglichkeit eigentlich nicht ernsthaft in Betracht. Es war doch undenkbar, daß Minn Lee …

 

»Ich liebte immer nur dich, nicht ihn. Doch daß ich ihn glücklich gemacht habe, macht mich selbst glücklich. Wenn mein ganzes Leben verpfuscht war – für ihn bedeutete ich wenigstens etwas!«

 

Er wich vor ihr zurück.

 

»Was soll das alles heißen?«

 

»Er wußte, daß er in den Tod ging, und er war froh darüber«, sagte sie leise.

 

Tony wischte seine feuchte Stirn ab.

 

»Er wußte, daß er in den Tod ging? Wer hat ihm denn das gesagt?«

 

»Ich.« Aus ihrer Stimme klang weder Furcht noch Trotz, sie stellte nur eine Tatsache fest. »Er wollte nicht mehr leben, seine Schuld lastete zu schwer auf ihm. Vielleicht interessiert es dich noch, daß er so furchtlos in den Tod ging, weil ich ihm gesagt hatte, daß ich ihn liebe …«

 

»Du hast ihn geliebt?« Tony war starr vor Entsetzen. »Ich denke, du liebst mich. Weißt du nicht mehr, wem du gehörst? Mir!«

 

»Jetzt gehöre ich ihm.«

 

Er konnte nicht mehr reden vor Wut. Plötzlich sprang er auf sie los und packte sie an der Kehle.

 

»Überlege dir lieber, wo Con O’Hara ist …«, keuchte sie atemlos.

 

Diese Frage brachte ihn wieder zur Vernunft.

 

Con O’Hara – die Polizei hatte ihn nicht gefunden, er mußte noch am Leben sein. Und wenn Jimmy es gewußt hatte, dann wußte er es auch. Das bedeutete Gefahr, höchste Gefahr für Tony selbst, denn trotz mancher Schwächen war Con ein Mann, vor dem sich jeder hüten mußte. Ausgerechnet er war nicht in die Falle gegangen …

 

»Ich gehe in mein Zimmer«, sagte Minn Lee.

 

»Scher dich zum Teufel …« Plötzlich fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf. »Du hast doch mit Kelly gesprochen – hast du ihm etwas gesagt?«

 

Sie lehnte an der Wand, und er packte sie wild an den Schultern.

 

»Hast du ihm etwas gesagt? Vielleicht willst du mich verpfeifen, wie …?«

 

Seine Finger krampften sich wieder um ihre Kehle und erstickten ihre Worte.

 

»Du lügst, du schmutzige kleine …!«

 

Perellis Gesicht hatte sich verzerrt; sein wahrer Charakter, die ganze Gemeinheit und Hemmungslosigkeit seiner eigentlichen Natur kamen jetzt zum Vorschein.

 

»Du weißt wohl verdammt viel, was?«

 

Mit einer geschickten Drehung machte sie sich aus seinem Griff frei.

 

»Du hast recht. Ich weiß, daß du Vinsetti erschossen hast.«

 

»So? Woher willst du denn das wissen?«

 

»Du redest im Schlaf – manchmal läßt dir dein Gewissen anscheinend doch keine Ruhe.«

 

Er schleuderte sie über den Tisch und packte rasend vor Wut die schwere Bronzefigur, die neben ihm stand. Auch jetzt verlor sie noch nicht die Beherrschung.

 

»Besser, du bringst mich nicht um. Nicht wegen mir – aber Kelly sagte, daß man in Chicago zum Tod verurteilt wird, wenn man eine Frau ermordet. Ich sollte ihm alles erzählen, und er versprach mir hunderttausend Dollar Belohnung, aber ich sagte ihm – daß ich dich liebe.«

 

Perelli hörte ein schwaches Geräusch und warf einen Blick über die Schulter. Angelo lehnte an der Tür, die Hände leicht auf die Hüften gestemmt. In dem Augenblick, als Tony die Bronzefigur hob, war er dem Tod sehr nahe gewesen, denn Angelo Veronas Finger hatten sich bereits um den Griff seiner schweren Pistole geschlossen.

 

»Das hast du ihm gesagt?« fragte Tony heiser. Er sah sie an, dann wanderten seine Blicke zu Angelo. »Gut, Minn Lee. Es ist alles in Ordnung …« Er verabschiedete sie mit einer leichten Geste.

 

»Was gibt es hier?«

 

Perelli hörte die metallene Härte in Angelos Stimme.

 

»Schick alles fort, was nicht unmittelbar zu uns gehört, Angelo. Ist Tomasino oben? Ja? Wer noch?«

 

»Toni Ramano, Jake French, Al Mario …«

 

»Schicke sie sofort los! Sie sollen mit dem Wagen die Stadt absuchen und Con O’Hara auftreiben.«

 

»Aber …«

 

»Er ist ein Verräter. Er hat den Jungen allein gehen lassen. Jimmy ist tot. Keinesfalls will ich eine Schießerei hier in der Nähe haben, verstanden? Stelle einen Mann an die Haustür, der mir ein Signal gibt, wenn er von selber herkommen sollte. Ich möchte ihn dann persönlich erledigen.«

 

»Con hat doch nicht etwa gewußt, daß er in den Tod geschickt wurde?« fragte Angelo entsetzt.

 

»Du Schwachkopf – natürlich muß er es gewußt haben.«

 

»Soll ich alle Leute, die noch hier sind, fortschicken?«

 

»Ja – das heißt, O’Haras Frau bleibt hier.«

 

»Soll ich auch mit den anderen in die Stadt fahren?«

 

»Nein. Halte zwei oder drei Mann hier bereit. Die Couch muß hereingeschafft werden. Los jetzt – tausend Dollar Belohnung für den, der O’Hara erwischt.«

 

Angelo machte sich auf den Weg, und Tony Perelli traf seine Vorbereitungen. Er hatte schon öfters solche Krisen erlebt. Im Fall Vinsetti war es ähnlich gewesen, und die günstige Gelegenheit hatte sich ganz unerwartet geboten. Minn Lee hatte die ganze Zeit davon gewußt, das ging ihm jetzt wieder durch den Kopf. Doch sie würde nichts verraten, seltsamerweise war er davon fest überzeugt. Trotzdem, sie würde ihn verlassen müssen, und es war ihm sogar lieb, daß sie ihm durch ihr Verhalten einen Grund gegeben hatte. Das erleichterte die Trennung.

 

Bis auf eine Stehlampe schaltete er alle Lampen in dem Zimmer aus. Dann nahm er eine Pistole aus einer Schublade, zog das Magazin heraus und überzeugte sich, daß es gefüllt war. Er schob es wieder in den Griff der Waffe, lud durch und legte die Pistole unter seinen Hut, den er auf das Klavier geworfen hatte.

 

Als Angelo mit der Meldung zurückkam, daß Tonys Befehle ausgeführt wurden, traf Tony weitere Vorkehrungen. Vor allem mußte er wegen Mary zu einer Entscheidung kommen. Während er noch über sie nachdachte, kam sie ziemlich schlechter Laune ins Zimmer.

 

»Alles geht nach Hause – das ist mir ein netter Abend!«

 

»Sie müssen das verstehen, Mary; die Leute haben noch zu tun! Und wenn die andern auch gehen, so können Sie doch hierbleiben!«

 

Er war nicht in der Stimmung, sich auf lange Diskussionen mit ihr einzulassen, und sie erschrak über seinen herrischen Ton. Rasch erhob sie sich von der Couch, auf der sie sich malerisch niedergelassen hatte. »Ist denn etwas passiert?«

 

»Ja – etwas Entsetzliches. Jimmy, dieser nette Kerl, ist erschossen worden!«

 

»Jimmy McGrath?« rief sie und fuhr zusammen. »Er ist doch gemeinsam mit Con fortgegangen! Was ist los? Sagen Sie es mir!«

 

»Tom Feeneys Leute haben es getan.«

 

Ihre Knie zitterten, obwohl das wirklich nicht der erste Mord war, der in ihrer näheren Umgebung passierte.

 

»Was ist mit Con!« rief sie schrill. »So antworten Sie doch!«

 

»Es ist ja alles in Ordnung, Con ist nichts passiert.«

 

»Wo ist er? Lassen Sie mich gehen!«

 

Sie sprang auf, aber er hielt sie fest. Unter keinen Umständen durfte sie jetzt mit Con O’Hara zusammenkommen. Wenn sie schwatzte, konnte es schlimm ausgehen.

 

»Sie möchten wohl, daß er gleich wieder hier aufkreuzt?« fragte er wütend. »Vor einer Stunde dachten Sie noch anders darüber. Er wird wahrscheinlich die ganze Nacht wegbleiben, denn die Polizei ist hinter ihm her. Er steht im Verdacht, Jimmy erschossen zu haben.«

 

Er war stolz auf diese Ausrede, die ihm gerade im richtigen Moment eingefallen war.

 

»Ich gehe nach Hause und warte dort auf ihn«, erklärte sie.

 

»Sie haben hier doch alles, was Sie brauchen. Wozu wollen Sie also heimgehen? Es ist bestimmt viel besser, wenn Sie hierbleiben. Dort haben Sie doch nur die ganze Nacht die Polizei auf dem Hals. Also – Sie bleiben.«

 

»Das fällt mir gar nicht ein!«

 

Sie versuchte vergeblich, davonzulaufen. Tony Perelli war stärker als sie. Er nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und küßte sie …

 

»Con wird dich erschießen«, stöhnte sie.

 

»Bleibst du jetzt bei mir?«

 

Statt einer Antwort schmiegte sie sich an ihn.