Kapitel 4

 

4

 

So rücksichtslos Perelli bestrafte, so großzügig belohnte er auf der andern Seite. Fünfzigtausend Dollar gab er allein für die Einrichtung der neuen Wohnung Angelos aus, und einen Mann, der sich zwar nicht für ihn eignete, ihm aber das Leben gerettet hatte, schickte er mit einer Summe, die ihn aller Sorgen enthob, nach Sizilien zurück.

 

Über Vinsetti dachte Perelli lange nach. Ohne Zweifel war der Mann nicht mehr mit der alten Begeisterung bei der Sache; im Gegenteil, seine Tätigkeit schien ihm nicht mehr zu behagen. Übrigens tat er genau das, was Perelli erwartet hatte: seine auf der ›Empress of Australia‹ belegte Passage ließ er zwar annullieren, aber durch ein anderes Reisebüro belegte er sofort dieselben Kabinen unter anderem Namen.

 

Von Minn Lee war Vinsetti noch genauso bezaubert wie vorher. Er schickte ihr Blumen und schrieb ihr häufig sehr geschickt abgefaßte Briefe. Tony las sie und lächelte darüber.

 

»Immer elegant – sogar als Briefschreiber. Bitte ihn doch, dich wieder einmal zu besuchen, Minn Lee … Nein, nein, ich habe nichts dagegen – er macht mir wirklich Spaß.«

 

Minn Lee sandte ihm also eine Einladung. Vinsetti kam von da an wieder öfters zu ihr. Manchmal war Tony dabei, aber meistens ließ er sie allein.

 

Es war möglich, daß er Vinsettis Dienste bald wieder in Anspruch nehmen mußte. Die beiden großen Alkoholschmugglerbanden Chicagos waren auf neutralem Boden aneinandergeraten.

 

Tom Feeneys Leute versorgten eine große Anzahl von Kneipen im Süden der Stadt mit Schnaps und Bier. Tom hatte eigene Brauereien und war selbstverständlich vielfacher Millionär.

 

Nun gab es in Chicago ein gewisses Gebiet, in dem beide Parteien friedlich nebeneinander arbeiteten. Die Eigentümer der dortigen Lokale konnten ihre Waren sowohl von Tony als auch von Tom beziehen.

 

Mit einem Schlag störte Tom Feeney dieses stillschweigende Übereinkommen und reklamierte den Bezirk ausschließlich für sich. Er ließ den Lokalbesitzern Warnungen zugehen, und darauf folgten die üblichen Vergeltungsmaßnahmen für diejenigen, die nicht gehorchten. Man zerstörte das Lokal eines guten Kunden Perellis und griff auch den Besitzer selbst an. Der Mann eilte mit der Schreckensnachricht sofort zu Angelo, und Angelo erstattete Perelli Bericht.

 

»Schick Vinsetti zu Tom; er soll mit ihm verhandeln«, befahl Tony. »Wer hat in dem Lokal Radau gemacht?«

 

Man erzählte ihm, daß ›Toten-Hennessey‹, ein bekannter Schläger, mit seiner Bande den Überfall durchgeführt hatte. Shaun O’Donnell engagierte ihn häufig für Racheakte, bei denen er selbst ein wenig im Hintergrund bleiben wollte.

 

»Wischt Hennessey eins aus«, ordnete Perelli an. »Victor soll mit Feeney oder O’Donnell persönlich sprechen.«

 

Victor vereinbarte einen Treffpunkt mit dem Iren und machte ihm Vorwürfe. Shaun O’Donnell aber blieb stur. Obwohl Vinsetti sein Bestes tat, um einen annehmbaren Mittelweg zu finden, ließ er sich sogar zu Drohungen hinreißen.

 

»Gib dir keine Mühe, Vic, das Gebiet hat schon früher zu unserem Bezirk gehört – du kannst Mr. Perelli sagen, daß wir zwar eine Zeitlang Rücksicht auf ihn genommen haben, durch den scharfen Konkurrenzkampf mit den Polen jetzt aber gezwungen sind, den Bezirk für uns zu behalten. Wir würden dir gerne entgegenkommen, Vic – aber in diesem Fall, tut mir leid …«

 

Sie verhandelten auch noch über andere Angelegenheiten.

 

»Möchte nur wissen, warum du eigentlich immer noch bei Perelli bleibst«, sagte Shaun am Ende des Gespräches. »Tom und ich würden es gern sehen, wenn du zu uns kommst. Ich weiß, daß du eine Heidenangst vor Tony hast«, fuhr er fort, als Vinsetti protestierte. »Aber vielleicht könntest du uns helfen, einen Ort ausfindig zu machen, wo wir Tony bestimmt träfen …? Der Kerl behandelt seine Leute ja wie Hunde.«

 

Obwohl das ein ziemlich plumper Anbiederungsversuch war, dachte Victor doch darüber nach. In der Zwischenzeit wurde Toten-Hennessey von Perellis Leuten erledigt.

 

Vor Minn Lee hatte Tony keine Geheimnisse.

 

»In unserem Geschäft gibt es keine Halbheiten«, erklärte er ihr. »Victor hat als Unterhändler bisher noch nie versagt – aber diesmal ist es ihm seltsamerweise nicht gelungen, Shaun O’Donnell zu überreden. In der vergangenen Nacht haben sie mir wieder eine Kneipe zerstört. Und warum? Weil Victor sagte: Abwarten! Soll ich noch so lange warten, bis mein ganzes Geschäft zum Teufel geht?«

 

Victor wußte gut genug, warum er zum Abwarten riet. Tony, der ihm geduldig zuhörte, berichtete er über den Verlauf der Verhandlungen.

 

»Ausgezeichnet!« sagte Perelli schließlich. »Ich kann ja warten, bis Shaun O’Donnell alt und vernünftig wird. Vielleicht in zehn Jahren! Nein, so geht es nicht; entweder Tom Feeney verständigt sich jetzt sofort mit mir, oder ich lasse ihn über den Haufen knallen! In der letzten Zeit wird sowieso viel zuviel geredet – Ricardo sollte wieder einmal zu Wort kommen.«

 

Ricardo war sein bester Maschinengewehrschütze; wirklich ein Meister seines Fachs.

 

»Ein wenig werde ich noch warten«, fuhr Perelli fort, »aber dann …«

 

Am Nachmittag fuhr er nach Cicero hinaus. Er saß in einem seiner eigenen Restaurants und trank gerade Kaffee, als mit kreischenden Bremsen drei Autos vor den großen Fensterscheiben stoppten und das ganze Lokal unter Maschinengewehrfeuer nahmen. Perelli warf sich wie der Blitz flach auf den Boden. Zum Glück hielt sich fast niemand außer ihm in dem Raum auf. Alles ging in Trümmer: Scheiben, Gläser, die Theke splitterten unter einem Hagel von Geschossen. Klatschend fuhr eine Garbe in die Wände, von denen der Putz herunterbröckelte. In diesem Augenblick, die Nase auf die Dielen gepreßt, entschied sich Perelli, nicht länger zu warten. Jetzt mußte er handeln.

 

Es war ihm klar, daß es sich um keinen improvisierten, sondern um einen sorgfältig geplanten Angriff handelte. Vinsetti gehörte zu den wenigen Leuten, die wußten, daß Perelli an diesem Tag und zu dieser Stunde in Cicero sein würde. Er selbst hatte vorgeschlagen, daß Tony sich in dem betreffenden Lokal mit einem kanadischen Kapitän treffen solle.

 

Perelli stellte Nachforschungen an. Tom Feeney und Shaun O’Donnell waren am Abend vorher nach New York gefahren und wiesen damit ihr Alibi etwas zu deutlich nach.

 

Nach seiner Rückkehr suchte er Victor Vinsetti auf und erzählte ihm ausführlich, daß er kaum mit dem Leben davongekommen sei. Er redete so, als hätte er nicht den geringsten Verdacht gegen ihn.

 

Trotzdem hatte Victor eine böse Vorahnung. Heimlich suchte er Kelly auf und gab ihm einige kleine Informationen. Dann tat Victor etwas Merkwürdiges, das letzten Endes ganz seinem Charakter entsprach. Er fuhr zu seinem Rechtsanwalt und setzte sein Testament auf. Ein Abschnitt darin lautete:

 

›Sollte ich eines gewaltsamen Todes sterben, so verfüge ich hiermit, daß eine Summe von hunderttausend Dollar von meinem Vermögen abgezweigt wird. Diesen Betrag soll diejenige Person als Belohnung erhalten, durch deren Hilfe mein Mörder entdeckt wird.‹

 

Am Nachmittag machte er einen Besuch bei Minn Lee, die ihn auf Tonys Wunsch telefonisch zu einer Tasse Tee eingeladen hatte.

 

»Bleib in deinem Zimmer, Liebling«, sagte Tony zu ihr. »Ich muß zunächst noch einiges mit Victor besprechen.«

 

Vinsetti kam um vier Uhr dreißig, eine Viertelstunde später tauchte Kelly auf. Die beiden hatten das so verabredet. In Wirklichkeit hatte der Beamte schon fünf Minuten nach Vinsettis Ankunft am Eingang des Gebäudes gestanden. Er beobachtete die Haustür und sah, daß einige Möbel herausgeschafft und auf einen Wagen geladen wurden. Es handelte sich um zwei große Sessel, ein Sofa, einen Garderobenständer und einen Tisch. Das Möbelauto setzte sich gerade in Bewegung, als Kelly ins Haus trat.

 

Angelo öffnete ihm.

 

»Victor ist schon wieder gegangen«, beantwortete er Kellys Frage. »Er wollte Minn Lee besuchen, aber sie hat Kopfschmerzen.«

 

»Wo ist Perelli?«

 

Tony saß auf dem sonnigen Balkon, und Angelo ließ ihn rufen.

 

»Vinsetti ist vor fünfzehn Minuten hierhergekommen, und ich habe ihn nicht weggehen sehen«, sagte Kelly scharf.

 

»Tut mir leid, aber er ist nicht mehr hier«, entgegnete Tony seelenruhig. »Möglich, daß er den Ausgang auf der Hinterseite benutzte.«

 

»Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich die Wohnung durchsuche?« erwiderte Kelly ziemlich rücksichtslos.

 

»Wenn es Ihnen Spaß macht – bitte!« sagte Tony lächelnd.

 

Vinsetti war tatsächlich nicht mehr da – aber wie er das Haus verlassen hatte, das blieb ein Geheimnis. Kelly kannte natürlich den hinteren Ausgang und hatte dort einen Mann postiert. Aber auch dieser Beamte hatte Vinsetti nicht gehen sehen.

 

Zwei Tage später fand man Victors Leiche in einem Parksee. Er war aus kürzester Entfernung erschossen worden. In seinen Taschen fand man achtzig vollständig durchweichte Tausenddollarnoten.

 

Perelli wurde aufs Polizeipräsidium bestellt und ausgefragt.

 

»Ich kann nur hoffen, daß Sie den Kerl fangen, der den armen Victor auf dem Gewissen hat«, meinte Tony, als er sich nach einem fruchtlosen Verhör sehr höflich verabschiedete. »In letzter Zeit nehmen diese Morde wirklich überhand.«

 

Tony Perelli nahm höchstpersönlich an der Beerdigung teil. In einem Panzerauto fuhr er direkt hinter dem Wagen mit dem Sarg her.

 

Kapitel 5

5

Minn Lee beobachtete das Leben, das Perelli und seine Bekannten führten, anfangs mit großen Augen. Die Frauen, die zu den Gesellschaften kamen, die Perelli gab, waren alle sehr schön – und alle ein wenig zu auffallend gekleidet. Sie und ihre Begleiter schienen sich im allgemeinen wenig Sorgen zu machen und lebten vergnügt in den Tag hinein. Über Tony hatte sie nach wie vor nicht zu klagen. Er war sehr liebenswürdig zu ihr; viel freundlicher, als es John Waite jemals gewesen war. Einmal besuchte sie eine Bardame aus Cicero, die früher mit Perelli zusammengelebt hatte. Er behandelte sie äußerst kurz angebunden, und als sie wieder gegangen war, wollte er mit Minn Lee nicht über sie sprechen. »Ein hübsches Gesicht und wenig Verstand«, knurrte er als Antwort auf ihre Fragen. »Sie hat mich gelangweilt – und ich hasse Leute, die mich langweilen.« Sie sah ihn lächelnd an. »Vielleicht langweile ich dich auch einmal …« Er nahm ihre Hände und küßte sie. »Vielleicht einmal, wenn ich uralt bin und nicht mehr sehen und hören kann. Aber bis dahin ist’s noch lange.« Er faßte ihren Kopf mit beiden Händen. »Bist du glücklich?« Sie nickte, und er schloß sie zufrieden in die Arme. Immer wenn sich Tony mit Minn Lee unterhalten hatte, konnte er nachher besonders ruhig und leidenschaftslos über Tom Feeney, Shaun O’Donnell und ihre Bande nachdenken, die ihm in letzter Zeit allerhand zu schaffen machte. Tom Feeney war groß und schwerfällig gebaut. Er hatte seine Laufbahn als Bauarbeiter begonnen und sich mit Hilfe einer beachtlichen Zähigkeit zu seiner jetzigen Position hochgekämpft. Die Methoden, die er anwandte, waren nicht gerade fein. Wenn er sich irgendwelche Leute gefügig machen wollte, war ihm jedes Mittel recht dazu. Mit Vorliebe wandte er die Ananas-Methode an. Als Ananas wurde in diesem Fall eine Bombe bezeichnet, die vor den Hauseingang des betreffenden Gegners gelegt wurde. Für gewöhnlich genügte diese Warnung. Wenn nicht, richtete die nächste Bombe schon mehr Schaden an. Aber nur wenige Leute warteten die zweite Bombe ab – die dritte überlebte niemand. Da Tom Feeney die Mittel besaß, mit Hilfe seiner ausgedehnten Organisation jeden Widerstand zu brechen, brachte ihm der Alkoholschmuggel immer größere Summen ein. Spelunken und elegante Luxuslokale, die ihm gehörten, wuchsen wie Pilze aus der Erde. Seine Schwester, Mrs. Shaun O’Donnell, spielte eine wichtige Rolle in der Organisation. Durch ihren Mann besaß sie großen Einfluß, den sie unbedenklich anzuwenden wußte. Sie war fast ebenso groß wie ihr Bruder, starkknochig und hager, hatte ein rotes Gesicht und häßliche Hände. Ihre Nase fiel durch ein geradezu unwahrscheinliches Tiefrot auf. Man erzählte sich, daß sie einmal mit einem früheren Boxer gerauft und ihn verprügelt hätte. Wenn Tom Feeney einen kleinen Schwips hatte, pflegte er sogar damit zu prahlen. Obgleich sie Geld wie Heu hatte, kleidete sie sich geradezu unmöglich. Was sie an sich hatte, war von ausgesuchter Geschmacklosigkeit – darüber konnten auch nicht die haselnußgroßen Brillanten hinwegtäuschen, die sie symmetrisch über den ganzen Körper verstreut trug. Perelli wurde von dieser feinen Dame vor allem wegen seines distinguierten Aussehens gehaßt. Für gewöhnlich bezeichnete sie ihn nur als Geck. Sowohl ihren Mann als auch ihren Bruder hielt sie unter ständiger Kontrolle, und es war ganz klar, daß sie von beiden etwas gefürchtet wurde. Mrs. O’Donnell ging rücksichtslos gegen alle vor, die ihr in den Weg traten. Es kam ihr nicht darauf an, jemand umlegen zu lassen. Sie war es auch gewesen, die den Angriff auf Tony Perelli organisiert hatte. »Wenigstens haben wir diesem Hampelmann einen ordentlichen Schrecken eingejagt«, sagte sie später zu ihrem Mann. »Wenn du nur ein wenig mehr Mumm in den Knochen hättest, dann brauchte ich mich über diesen Burschen nicht mehr zu ärgern. Es ist unglaublich, was er neulich zu Mrs. Merlo über mich gesagt hat – aber du machst dir natürlich nichts daraus, wenn mich andere Leute eine Vogelscheuche nennen. Knöpfe dir ihn endlich vor, Shaun!« »Du scheinst mich ja sehr schnell loswerden zu wollen«, entgegnete er bissig. Eines Tages erfuhr Mrs. O’Donnell – die den schönen Vornamen Floribella trug –, daß eine schöne Chinesin in Perellis Wohnung eingezogen war. Trotz aller männlichen Energie besaß sie eine gehörige Portion weiblicher Neugier und machte mit der ihr eigenen Unverfrorenheit bei Perelli einen Besuch. Neben der schönen, grazilen Minn Lee wirkte sie wie ein Verladekran älteren Modells neben einer Feuerlilie. Immerhin benahm sie sich sehr liebenswürdig, und Perelli erfuhr zu seiner Verwunderung, daß sie einen recht guten Eindruck auf Minn Lee gemacht hatte. Auch Mrs. O’Donnell äußerte zu Hause ihre Meinung. »Dieses Mädchen ist viel zu gut, um mit einem schmutzigen Sizilianer zusammenzuleben. Denk dir, der Kerl setzt Fett an! Shaun, du kannst einfach nicht an ihm vorbeischießen, wenn du nicht gerade betrunken bist – aber natürlich bist du immer betrunken!« Shaun erwiderte nichts. Er hatte seine eigenen Pläne. Seine Frau brachte ihm noch eine wichtige Information. »Perelli hat einen neuen Mann aus New York engagiert; er gehörte zu der Five Points-Bande – ein gewisser Con O’Hara. Kennst du ihn?« Shaun wußte, um wen es sich handelte; Tom Feeney kannte den Mann noch besser und hatte allen Grund, ihn zu hassen. »Ein ausgezeichneter Pistolenschütze und mit allen Wassern gewaschen. Hoffe, daß er bald wieder aus dieser Stadt verschwindet.« In derselben Woche erhielt Perellis Bande noch mehr Zuwachs. Ein Alkoholimporteur in Boston, nach außen hin ein sehr angesehener Bürger dieser Stadt, hörte durch einen Freund von einem Harvard-Studenten, der in seiner Karriere Schiffbruch erlitten hatte. Er schrieb deshalb an Tony: Ich weiß nicht, ob Sie etwas für diesen jungen Mann tun können. Er stammt aus guter Familie, spricht mehrere Sprachen, und ich halte es durchaus für möglich, daß er Ihnen nützlich sein könnte. So kam Jimmy McGrath mit einem Empfehlungsbrief nach Chicago. Er war von der Universität relegiert worden, weil er einen Diebstahl begangen hatte, von dem er in seinen nüchternen Augenblicken selbst nicht verstehen konnte, wie er dazu fähig gewesen war. Die Professoren hatten zwar angenommen, daß er unter Alkoholeinfluß gestanden hatte, aber schließlich war das keine Entschuldigung. Jimmy schrieb einen Eilbrief an seine Mutter in Neu-England, verbarg sich in New York, und nachdem er einen Monat lang dort vergeblich Arbeit gesucht hatte, fuhr er mit dem Empfehlungsbrief nach Chicago, wo er sich Tony Perelli vorstellte. Der schlanke junge Mann mit dem blonden Haar machte auf Perelli einen recht guten Eindruck. Der Bandenchef schätzte Leute mit einer ordentlichen Bildungsgrundlage und nahm sich vor, ihm zunächst beibringen zu lassen, wie man mit einer Pistole umgeht, und ihn dann später auch mit organisatorischen Aufgaben zu betrauen. Vielleicht fand sich hier sogar ein Ersatz für Vinsetti, aber zuerst mußte sich Jimmy natürlich bewähren. In diesem Punkt war Tony unerbittlich. Vor allem mußte jeder, der in die Geheimnisse des Alkoholschmuggels eingeweiht werden wollte, bei der Polizei ein eigenes beachtliches Schuldkonto aufweisen können. Als tüchtiger Unternehmer hatte Perelli auf dem Land eine Farm, auf der sich die Mitglieder seiner Bande erholen konnten; selbstverständlich war dort auch eine Anlage mit modernen Schießständen. Zu diesem idyllischen Aufenthalt schickte Tony den jungen Mann und empfahl ihn der besonderen Fürsorge seines Maschinengewehrschützen Ricardo. »Sieh zu, was du aus ihm machen kannst«, sagte er. Eine Woche später erstattete Ricardo Bericht. »Keine Nerven. Es wäre besser, wenn du etwas anderes für ihn fändest, Tony.« Jimmy McGrath kam daher nach Chicago zurück und wurde von Perelli höchst persönlich mit dem Geschäft vertraut gemacht. Er lernte Mitglieder verschiedener Banden kennen, unter anderem Shaun O’Donnell, der merkwürdigerweise Gefallen an dem jungen Mann fand. Eines Tages lud er ihn in seine Wohnung am North Place ein und stellte ihn seiner Frau vor. »Gehören Sie wirklich zu Perellis Leuten?« fragte sie ohne große Umstände. »Warum wollen Sie sich denn ausgerechnet mit diesem lumpigen Sizilianer verbrüdern?« »Das ist schließlich seine Sache«, meinte Shaun. »Er will Sie wohl bald als Agent im Außendienst verwenden?« Jimmy war bestürzt. »Keine Ahnung, welchen Posten ich bekommen soll.« Shaun rieb sich nachdenklich das Kinn. »Klar, er braucht jemand, der mit anderen Leuten verhandeln kann – Vinsetti ist ja erledigt.« »Das war sein bester Freund – aber so treibt es dieser Kerl ja immer«, unterbrach ihn Mrs. O’Donnell. An dem Mittagessen nahm noch ein vierter Mann teil, ein düsterer Italiener, der Jimmy als Mr. Camona vorgestellt wurde. Er hatte in Italien vor kurzem erst eine längere Gefängnisstrafe abgesessen und gehörte jetzt zu Tom Feeneys Scharfschützen. Eines Abends machte Camona einen verhängnisvollen Fehler. Tony Perelli kam mit zwei seiner Vertrauten vom Theater zurück und bog gerade in eine Seitenstraße der Michigan Avenue ein, als ein anderer Wagen von hinten heranpreschte. Tony duckte sich instinktiv auf den Boden des Autos, als auch schon ein Hagel von Geschossen Verdeck und Seitenwände durchschlugen. Einer seiner Begleiter erhielt einen Schuß durch den Hals. In ein paar Sekunden war alles vorüber – trotzdem hatte einer von Tonys Begleitern das Gesicht Camonas hinter dem Maschinengewehr erkannt. Tony machte auch von dieser Sache nicht viel Aufhebens. Er traf nur einige kleine Anordnungen. Camona wohnte in einem kleinen Haus am Südrand der Stadt. Gegen zwei Uhr morgens kam er heim, aber als er gerade die Tür aufschließen wollte, trat ein Mann hinter ihn, setzte ihm die Pistole auf den Nacken und drückte ab. Dann ging der Fremde ruhig zu seinem wartenden Wagen und war schon längst fort, als die nächste Polizeistreife in Sicht kam. »Gut gemacht, Con«, gratulierte Perelli am nächsten Tag dem neuen Mitglied seiner Firma. Con O’Hara freute sich über das Kompliment. »Saubere Arbeit ist meine Spezialität, Tony. Ich schieße immer nur einmal, aber das genügt auch. Natürlich hätte ich ihn schon auf der Straße erledigen können, aber es gingen gerade einige Leute vorbei. Erst als er die Stufen zur Haustür hinaufging, zog ich meinen Achtunddreißiger aus der Tasche …« »Schon gut, schon gut!« Tony konnte es nicht ausstehen, wenn Leute zu viel redeten. Und leider redete Con dauernd. Jimmy erfuhr die Sache aus den Nachmittagszeitungen und war wie vor den Kopf gestoßen. Mit diesem Mann hatte er noch vor zwei Tagen am gleichen Tisch gesessen. »Wer hat das wohl getan?« fragte er Tony. »Ich.« Perelli schaute ihn scharf an. »Der Junge wollte mich gestern abend mit einem Maschinengewehr umlegen – jetzt war er selbst dran.« »Sind Sie auch sicher, daß es Camona war, der auf Sie geschossen hat?« Perelli nickte. Es machte ihm Spaß, diesem jungen, unerfahrenen Menschen ein Licht aufzustecken. »So ist es eben, Jimmy. Entweder man wird selbst über den Haufen geknallt, oder man schießt zurück. Für uns gibt es kein Gesetz. Oder glauben Sie etwa, es hätte einen Sinn, wenn ich zur Polizei gehen und sagen würde, daß Camona auf mich geschossen hat?« »Trotzdem scheußlich – kaltblütig jemand umzulegen …!« Perelli zuckte die Achseln. »Es gibt keinen anderen Weg. Wer sich auf dieses Geschäft eingelassen hat, muß die Konsequenzen ziehen.« Das war Jimmys erste Lektion. Da er jung war, machten diese theoretischen Erläuterungen großen Eindruck auf ihn. »Halten Sie sich Shaun O’Donnell warm«, instruierte ihn Perelli. »Vielleicht müssen Sie in den nächsten Tagen einiges mit ihm besprechen.« McGrath erzählte ihm kurz den Inhalt des Gespräches, das er mit Shaun geführt hatte. »Ausgezeichnet«, sagte Perelli. »Vielleicht bekommen Sie wirklich Victors Platz – würde einen Haufen Geld für Sie bedeuten.« Dabei wußte er sehr gut, daß niemand Victor Vinsetti ersetzen konnte. Jimmy lernte nach und nach die führenden Mitglieder der Bande kennen. Zunächst Angelo Verona mit seinem nachlässigen Lächeln und seinen ironischen Bemerkungen. Ein Mann, der sich und andere nicht sehr wichtig zu nehmen schien und der Jimmy sehr gut gefiel. Con O’Hara, ein recht primitiver Angeber, machte dagegen einen weniger günstigen Eindruck auf ihn. Schließlich traf er auch mit Minn Lee zusammen. Er hatte schon von ihr gehört und war recht neugierig geworden. Doch seine Erwartungen wurden übertroffen – ihr natürlicher Charme faszinierte ihn sofort. Tony hatte als aufmerksamer Kavalier auch alles getan, um ihr exotisches Aussehen zu unterstreichen. Als Jimmy nach seiner ersten Begegnung mit ihr heimschlenderte, hatte er das Gefühl, daß sein Leben wieder einen Inhalt bekommen hatte. Vom ersten Augenblick an liebte er Minn Lee; sooft es sich machen ließ, kam er in Perellis Wohnung. Minn Lee beobachtete diese Entwicklung ernst. Für sie gab es nur einen Mann – Tony Perelli. Eines Tages fragte Tony sie, ob sie ihn liebe. Ihre Antwort war etwas unklar, und er fühlte sich verletzt. In diesem Punkt war er sehr empfindlich. »Ich glaube schon«, sagte sie. »Vielleicht weiß ich auch gar nicht, was Liebe eigentlich ist. Die Frauen, die bei uns verkehren, sprechen so viel darüber – aber auch so gleichgültig wie etwa über eine Gesichtsmassage oder ein neues Gemälde. Versteh mich richtig – ich kann nicht darüber sprechen.« Er runzelte die Stirn und sah sie mit einem abwägenden Blick an. »Ich möchte es aber wissen, ob du mich liebst … Nimm einmal an, vor der Tür würde jemand stehen, der mich umlegen will, und ich sagte zu dir, daß du als erste, vor mir, hinausgehen sollst. Würdest du gehen, obwohl du wüßtest, daß der Mann sofort schießt …?« Sie lachte. Dann schaute sie ihm eindringlich in die Augen. »Ich würde es mir keine Sekunde überlegen, wenn du es mir sagtest.« Tony atmete schnell. »Aber es wäre doch dein Tod, Minn Lee!« Sie nickte. »Das bedeutet nichts.« »Würdest du das auch für einen andern tun?« »Nein«, sagte sie nach kurzem Nachdenken. »Für niemand sonst.« Er lächelte freudig, und seine dunklen Augen leuchteten auf. »Dann liebst du mich mehr, als du denkst.«

Kapitel 6

 

6

 

Tony Perelli dachte sehr viel über seinen neuen Mann nach. Jimmy war ihm irgendwie sympathisch, soweit ihm überhaupt irgend jemand sympathisch sein konnte. Dauernd überlegte er, welchen Platz er ihm in seiner Organisation anweisen könnte; leider schien vorerst keine Stellung für ihn zu passen. Für einen Unterhändler besaß er nicht die nötigen Kenntnisse und auch nicht die nötige Ruhe. Sicher würde er nie etwas verraten, aber ebensowenig war er wohl dazu fähig, jemand aus dem Weg zu räumen.

 

Am besten schien Jimmy am Platz zu sein, wenn er in Tonys Wohnung Minn Lee aufmerksam zuhörte. Offensichtlich war er in sie verliebt, aber Tony kümmerte sich nicht viel darum. Er sah es fast als ein Kompliment an, daß ein Mann mit Universitätsbildung den gleichen Geschmack hatte wie er selbst.

 

Auch Kelly interessierte sich für den jungen Mann, und das war in gewisser Weise nicht angenehm. Tony unterschätzte diesen klugen Beamten durchaus nicht, der kaltblütig, schlau und rücksichtslos vorgehen konnte. Daß Kelly eigentlich einen sehr menschenfreundlichen Charakter hatte, ahnten nur wenige Menschen.

 

Meistens erschien er unerwartet auf der Bildfläche. So kam er auch eines Nachmittags in Tonys Wohnung und unterhielt sich dort mit dem Hausherrn und mit Minn Lee, die er recht gern hatte.

 

»Sie führen jetzt ein recht glückliches Leben, Minn Lee?« fragte er.

 

Tony grinste.

 

»Und ob! Ihr Leben hat ja erst begonnen, als sie zu mir kam!«

 

»Und wann wird sie sterben?« entgegnete Kelly, der Minn Lee unverwandt ansah.

 

Tony verzog das Gesicht. Er, dessen Leben ständig bedroht war, fand es sehr unbehaglich, wenn über den Tod einer ihm nahestehenden Person geredet wurde.

 

»Wer ist denn eigentlich dieser junge Mann, den man jetzt dauernd in Begleitung Ihrer Leute sieht?« wechselte Kelly das Thema.

 

Tony spielte den Überraschten.

 

»Ich verstehe nicht …«

 

»Sie verstehen sehr gut – ich meine Mr. McGrath.«

 

»Ach so, Jimmy!« Tony lächelte nachsichtig. »Er ist ein Freund von einem Bekannten und kommt aus New York, um sich unsere Stadt anzusehen.«

 

»Wäre es nicht einfacher gewesen, wenn er in New York geblieben wäre und brieflichen Fernunterricht genommen hätte, wie man einen Mord begeht?«

 

Tony schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

 

»Ein gräßliches Wort – Mord! Manchmal könnte ich fast Angst bekommen; aber dann fällt mir wieder ein, daß ja mein guter Freund Mr. Kelly im Polizeipräsidium sitzt und dafür sorgt, daß alle Verbrecher auf den elektrischen Stuhl kommen.«

 

»Ein beruhigendes Gefühl für mich, für Ihren ruhigen Schlaf zu sorgen«, erwiderte Kelly und wiederholte dann seine Frage nach Jimmys Tun und Treiben.

 

»Ich weiß selbst nicht, was ich mit ihm tun soll. Er stammt aus einer vornehmen Familie und eignet sich eigentlich nicht richtig für unsere Organisation. Vielleicht kann ich ihm einen Posten in Kanada geben.«

 

»Ist er der Nachfolger Vinsettis?« Kelly nahm kein Blatt vor den Mund. »Ich war schon neugierig, wen Sie als Ersatz wählen würden, nachdem Sie Vinsetti erschossen haben.«

 

Mr. Perelli war empört.

 

»Nachdem ich Vinsetti erschossen habe?« wiederholte er aufgebracht. »Wie kommen Sie denn darauf? Ich werde doch nicht Vinsetti, meinen besten Freund, erschießen! Wenn Sie meine Meinung wissen wollen, dann kann ich Ihnen nur sagen, daß ihn Tom Feeneys Leute auf dem Gewissen haben. Und vor allem dieser verdammte Shaun O’Donnell steckte dahinter!«

 

Kelly wußte längst, daß die Rivalität der beiden Schmuggelorganisationen sich in der letzten Zeit erheblich verstärkt hatte. Er vermutete auch, daß es noch zu bösen Zwischenfällen kommen würde. Feeney war der einzige Bandenführer, der es noch einigermaßen mit Perelli aufnehmen konnte, und es war klar, daß Perelli das ein Dorn im Auge war.

 

Perelli versuchte, mit Shaun O’Donnell Verbindung aufzunehmen, denn zu seinen Gunsten muß gesagt werden, daß er Frieden haben wollte. Sinnloses Blutvergießen war ihm zuwider, und er hätte gern einen hohen Preis dafür gezahlt, wenn ihn seine Gegner in Ruhe hätten arbeiten lassen. Verbindung mit Shaun herzustellen gelang ihm allerdings vorerst nicht. Dem war zu gut bekannt, daß Tony eines Abends Emilio Moretti mit der einen Hand begrüßt und mit der anderen rücksichtslos niedergeknallt hatte.

 

Gegen kleinere Banden war Tony von jeher ohne Hemmungen vorgegangen. Er hatte sie weggewischt, wie die Fliegen von der Wand. Tom Feeney aber war ein Brocken, mit dem auch er nicht so schnell fertig wurde.

 

Perelli bemühte sich also, zu unterhandeln. Jimmy erhielt den Auftrag, mit Shaun O’Donnell zu reden, und traf sich mit ihm beim Mittagessen. Shaun mochte den Jungen recht gern, wenn er auch heimlich über seine Naivität lachte. Keinesfalls sah er eine Gefahr in ihm.

 

Er hörte ernst zu, als Jimmy möglichst diplomatisch das Terrain zu sondieren versuchte. Dann schüttelte er den Kopf.

 

»Unmöglich, mein Junge. Tony und mich bringen Sie nicht unter einen Hut.«

 

»Aber ich versichere Ihnen, daß Tony die Schwierigkeiten zwischen den beiden Organisationen aus der Welt schaffen will.«

 

Shaun sah ihn von der Seite an.

 

»Wenn Sie damit zum Ausdruck bringen wollen, daß er mich auf möglichst gefahrlose Weise umbringen will, können Sie recht haben. Nein, nein, kümmern Sie sich nicht weiter um die Sache. Sie passen sowieso nicht richtig hierher. – Übrigens können Sie Con O’Hara ausrichten, daß er seine Frau von Tony Perelli fernhalten soll. Abgesehen davon ist Con sowieso der nächste, der ins Gras beißen muß, wir haben schon ein Kreuz hinter seinen Namen gemacht.«

 

Er sah Jimmy fast mitleidig an.

 

»Verschwinden Sie doch aus Chicago«, fuhr er dann fort. »Es wäre viel besser, wenn Sie wieder zu Mama gingen.«

 

Jimmy schüttelte den Kopf. Was auch sein Schicksal sein mochte, Minn Lee war das Risiko wert, hierzubleiben. Von Tag zu Tag machte sie tieferen Eindruck auf ihn und beeinflußte ihn immer mehr.

 

*

 

Als Jimmy eines Tages in einem der vornehmsten Hotels in Chicago Tee trank, kam Con O’Hara strahlend auf ihn zu. Er war ein lauter, brutaler Mensch, der viel prahlte, aber trotzdem einen gewissen Sinn für Humor besaß.

 

»Darf ich Ihnen meine Frau vorstellen, Jimmy …?«

 

Der junge Mann sah Mrs. O’Hara erstaunt an. Sie war verhältnismäßig groß, blond und schlank, mit klaren braunen Kinderaugen in einem Madonnengesicht. Ihre Lippen waren sehr rot, und sie wirkte äußerst attraktiv.

 

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. McGrath«, sagte sie. »Habe schon viel von Ihnen gehört.«

 

Er wünschte fast, daß sie nicht gesprochen hätte, denn ihre sehr gewöhnliche, nachlässige Redeweise paßte ganz und gar nicht zu ihrem Aussehen.

 

Mary betrachtete Jimmy eingehend und mit offensichtlichem Wohlwollen. Er merkte, daß er ihr gefiel, ohne daß sie sich deshalb besonders für ihn interessierte. Von Con hatte sie schon viel über Jimmy gehört und begegnete ihm deshalb auch nicht mit dem Respekt, den sie ihm entgegengebracht hätte, wenn sie ihn für ein wichtiges Mitglied der Organisation gehalten hätte. Auf jeden Fall trug ihr Benehmen dazu bei, daß Jimmy bald bezahlte und sich verabschiedete.

 

Als er das Hotel verließ, stieß er unerwartet auf Tony Perelli, der zum Michigan Boulevard ging. Er hatte vier seiner Leute bei sich; zwei gingen vor und zwei hinter ihm. Jimmy vermutete mit Recht, daß auf der anderen Straßenseite ebenfalls vier seiner Leute sich in gleicher Höhe mit ihm hielten. Perelli machte häufig derartige Exkursionen zu Fuß; meistens um irgendwelche kleineren Besorgungen zu erledigen und sich dabei die nötige körperliche Bewegung zu verschaffen.

 

Jimmy wußte, daß Perelli es nicht liebte, wenn man ihn auf der Straße begrüßte; er folgte deshalb dem großen Mann in respektvollem Abstand. Als sie in den breiten Boulevard einbogen, schoben sich die vier Begleiter näher an Perelli heran. Sie waren noch keine fünfzig Meter weitergekommen, als plötzlich ein geschlossener Wagen an das Trottoir heranfuhr und kurz vor Tony und seinen Leuten stoppte …

 

Bevor Jimmy überlegen konnte, ratterte eine Garbe aus dem Seitenfenster der Limousine. Ein Geschoß pfiff so dicht an Jimmys Gesicht vorbei, daß es ihn fast gestreift hätte.

 

Als er wieder richtig zur Besinnung kam, lag schon einer von Perellis Begleitern auf dem Pflaster. Die drei anderen leerten die Magazine ihrer Pistolen auf den Wagen, der mit einem scharfen Ruck anfuhr, ins Schlingern geriet und sich plötzlich quer auf die Straße stellte.

 

Der lebhafte Verkehr kam zum Stillstand. Die Sirene eines Streifenwagens heulte auf, und in Sekundenschnelle hatten Polizisten das Auto umringt. Einer riß den Wagenschlag auf und zog den Fahrer heraus; er war bewußtlos, sein Gesicht blutüberströmt.

 

Die beiden anderen Leute lagen zusammengesunken auf dem Rücksitz. Tonys Begleiter hatten ihrer Fertigkeit im Schießen alle Ehre gemacht.

 

Eine Stunde später kam Perelli zornig und wütend vom Polizeipräsidium nach Hause. Es kam nicht häufig vor, daß er seine Haltung verlor – aber einer seiner besten Leute war tot, und es bot ihm keine große Genugtuung, daß zwei seiner Gegner im Schauhaus lagen.

 

»Selbstverständlich waren es Tom Feeneys Leute, und Shaun O’Donnell hatte sie dirigiert!«

 

Minn Lee legte ihm vorsichtig einen neuen Verband um eine blutige Schramme an seiner Hand.

 

»Ja, so geht es, Jimmy«, fuhr er etwas ruhiger fort. »Heute morgen schickte mir Shaun eine Nachricht, daß er die Absicht hätte, sich mit mir in aller Ruhe über die Beilegung unserer Streitigkeiten zu unterhalten. Und heute nachmittag versucht er, mich umlegen zu lassen … Das Schlimmste aber ist, daß der Kerl Minn Lee schlechtgemacht hat. Und Sie glauben gar nicht, auf welch üble Weise, Jimmy!«

 

Der junge Mann starrte ihn an.

 

»Aber warum denn?« fragte er aufgebracht. »Minn Lee hat ihm doch nichts getan …«

 

»Ich weiß es aber ganz genau«, wiederholte Perelli. »Werde Ihnen das später erklären – jetzt möchte ich einmal mit Ihnen sprechen.« Er zog Jimmy auf den Dachgarten hinaus.

 

»Sie müssen noch einmal mit O’Donnell reden, Jimmy. Rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, daß Sie ihm einen Vorschlag zu machen hätten. Erklären Sie ihm, daß ich nichts von Ihrem Anruf weiß, daß Sie aber ein Mittel gefunden hätten, alles wieder ins richtige Lot zu bringen.«

 

Es dauerte fast zwei Stunden, bevor Jimmy endlich O’Donnell telefonisch erreichen konnte. Shaun war in den letzten Tagen übervorsichtig geworden, und seine ersten Worte klangen nicht gerade ermutigend.

 

»Wenn Sie es nicht wären, Jimmy, würde ich offen sagen, Sie sollen sich zum Teufel scheren.«

 

»Können wir uns nicht irgendwo treffen? Ich glaube, daß ich Ihnen etwas recht Interessantes mitteilen kann.«

 

Ein kurzes Schweigen folgte.

 

»Glaubt Perelli etwa, daß ich etwas mit der heutigen Schießerei zu tun habe?« fragte Shaun dann. In seiner Stimme lag ein ungewöhnlich ängstlicher Ton.

 

»Wieso?« erwiderte Jimmy zögernd. »Ich glaube schon.«

 

Diese unerwartete Offenheit verblüffte Shaun O’Donnell und machte ihn neugierig und unvorsichtig.

 

»Schön, treffen wir uns. Kommen Sie heute abend um zehn an die Ecke der Michigan Avenue und der Achtundvierzigsten Straße. Bringen Sie niemand mit, Jimmy – ich traue Ihnen. Viel wird bei unserer Unterhaltung allerdings wohl nicht herauskommen.«

 

Jimmy berichtete über den Inhalt des Gesprächs, und Tony klopfte ihm auf die Schulter.

 

»Das haben Sie gar nicht übel gemacht. Also, nehmen Sie den kleinen Sportwagen und warten Sie an der vereinbarten Stelle. Con kann sich auf den Boden des Wagens kauern, so daß ihn keiner sieht. Wahrscheinlich werden Sie ihn aber gar nicht brauchen.«

 

Jimmy schaute ihn verständnislos an.

 

»Ich verstehe nicht recht – was soll ich denn tun?«

 

Perelli sah ihn kalt an, zog einen Browning aus der Tasche und gab ihn Jimmy.

 

»Stecken Sie ihn in die Brusttasche Ihres Jacketts, Jimmy, und schießen Sie ohne Zögern.«

 

Tiefes Schweigen. Jimmys Gesicht wurde weiß.

 

»Was soll ich tun?« brachte er schließlich kaum verständlich hervor.

 

»Sie sollen Shaun O’Donnell über den Haufen schießen!«

 

Kapitel 7

 

7

 

Jimmy McGrath kam erst wieder zu sich, als er die Tür zu seinem Zimmer aufschloß. Er wußte nicht, wie er nach Hause gekommen war, und auch jetzt bewegte er sich noch wie im Traum.

 

Er sollte einen Menschen ermorden, und zwar kaltblütig und mit voller Überlegung. Einen Mann, der ihm vertraute!

 

Verzweifelt ließ er sich auf einen Stuhl fallen, stützte den Kopf in die Hände und grübelte. Die Situation kam ihm völlig unwahrscheinlich vor – aber so sehr er sich auch bemühte, Klarheit in seine Gedanken zu bringen, ließ sich doch an der Tatsache nicht rütteln, daß er vielleicht bald ein Mörder war. Sollte er Shaun warnen? Das wäre einfach genug gewesen. Aber was dann? Tony Perelli würde es doch herausbekommen, und dann gab es nur eine Strafe.

 

Aber es war nicht die Furcht vor Strafe, die Jimmy zurückhielt, sondern das Gefühl, daß er Tony Perelli verpflichtet war. Er wußte gut genug, daß er sich völlig in seine Hand gegeben hatte, und wenn sich auch alles in ihm gegen eine solche Tat aufbäumte, sah er sich doch zu absolutem Gehorsam gezwungen.

 

So weit war es also jetzt mit ihm gekommen. Nun, wenn es ihm gelang, Shaun O’Donnell zu töten, würden Feeneys Leute ein schwarzes Kreuz hinter seinen Namen machen. Er lachte gequält bei diesem Gedanken; auch das flößte ihm keine Furcht mehr ein. Wenn er Shaun tötete, hatte auch er den Tod verdient.

 

Es klopfte an seiner Tür; er sprang auf, ging in die kleine Diele und öffnete.

 

Draußen stand O’Hara. Er trug einen neuen grauen Anzug; den Hut hatte er aus der Stirn geschoben; im Mund hing seine Zigarre.

 

»Beschäftigt?« fragte er.

 

Jimmy öffnete die Tür ganz und ließ ihn herein.

 

»Was, hier wohnen Sie?« Er sah sich kopfschüttelnd, in dem einfachen Raum um. »Nein, das ist wirklich nichts für einen Mann, der zu Perellis Organisation gehört. Na, ich denke, daß Ihnen Tony bald eine schönere Wohnung einrichten wird.«

 

Nachlässig setzte er sich auf den Tisch und betrachtete Jimmy neugierig. »Fertig für heute abend?«

 

Jimmy nickte. Er wollte gleichgültig erscheinen und riß sich zusammen.

 

»Natürlich, ich bin bereit.«

 

»Wenn Sie nachher zu unserer Garage gehen und in den kleinen Sportwagen steigen, dann kümmern Sie sich nicht um den Mann, der auf dem Boden sitzt – das bin nur ich. Feeneys Spitzel haben verdammt scharfe Augen. Die Burschen sind natürlich da, wenn der Wagen aus der Garage fährt, und wenn ich dann neben Ihnen säße, wäre die Geschichte schon verraten.«

 

Con O’Hara war auf seine Art ein kluger Mann, der die Lage genau überschaute. Das kommende Abenteuer bedeutete nichts Besonderes für ihn, er betrachtete es als Arbeit, die erledigt werden mußte wie jede andere.

 

Nachdenklich sah er Jimmy an. Es war nicht das erstemal, daß er einen Anfänger zu begleiten hatte.

 

»Machen Sie sich keine Sorgen«, meinte er schließlich gutmütig, nahm die Zigarre aus dem Mund und blies den Rauch zur Decke. »Denken Sie nur an die vielen Kollegen, die Shaun O’Donnell schon auf dem Gewissen hat!«

 

Jimmy machte eine ungeduldige Bewegung.

 

»Ich möchte möglichst wenig über die Sache nachdenken.«

 

»Ganz recht, möglichst wenig nachdenken!« stimmte Con bei.

 

Er gab Jimmy noch einige Instruktionen, diktierte ihm einen genauen Zeitplan und ging dann wieder fort, um Tony Perelli über den Erfolg seines Besuches zu unterrichten.

 

Tony war aber nicht zu Hause; wahrscheinlich fuhr er irgendwo mit Minn Lee spazieren. Er benützte dazu einen gepanzerten Wagen; selbstverständlich hielt er keine bestimmten Zeiten für seine Spazierfahrten ein und fuhr auch immer wieder woanders hin.

 

In der Wohnung war wie gewöhnlich Angelo Verona, der Frachtlisten und andere Schriftstücke durchsah, die aus Kanada gekommen waren. Als rechte Hand Tony Perellis wurde er von allen als sein Nachfolger angesehen. Merkwürdigerweise stammte er nicht aus Sizilien; seinen eigentlichen Namen kannte niemand. Er war klug, geschäftstüchtig und besaß großes Organisationstalent.

 

Feeneys und O’Donnells Leute respektierten und fürchteten ihn. Shaun pflegte zu sagen, daß Angelo das gefährlichste Mitglied von Perellis Bande sei; zu dieser Meinung trug die Tatsache bei, daß Angelo ein ausgezeichneter Pistolenschütze war, ein Experte für Maschinengewehre und eine Autorität auf dem Gebiet des Alkoholschmuggels.

 

Der Respekt, den Shaun O’Donnell vor Angelo hatte, war übrigens nicht gegenseitig. Angelo konnte keine Iren leiden, und aus diesem Grund war ihm auch Con O’Hara unsympathisch.

 

»Ist der Chef zu Hause?« fragte Con, ließ sich in dem bequemsten Sessel nieder und steckte sich eine neue Zigarre an.

 

Angelo sah von seiner Arbeit auf und schüttelte den Kopf.

 

»Ich war eben bei Jimmy McGrath«, erklärte Con. »Aus dem wird niemals ein richtiger Kerl – nicht in einer Million Jahren.«

 

»So, meinen Sie?« erkundigte sich Verona höflich.

 

In diesem Augenblick trat Tony ein. Er nickte Con nachlässig zu, ging zu Angelo und unterhielt sich mit ihm auf italienisch.

 

Con, der diese Sprache nicht verstand, fühlte sich zurückgesetzt.

 

»Könnt ihr euch nicht vernünftig unterhalten?« fragte er.

 

Perelli drehte sich um und sah ihn scharf an.

 

»Wer hat Sie eigentlich aufgefordert, in meine Wohnung zu kommen?«

 

»Ich wollte mit Ihnen über Jimmy sprechen«, erwiderte Con ärgerlich. »Wäre mir lieber, ich könnte den Auftrag ohne ihn erledigen. Der Junge sieht so aus, als ob er beim ersten Schuß umkippte.«

 

Perelli ging langsam zu ihm hinüber, blieb vor ihm stehen und stützte die Hände in die Hüften.

 

»Habe ich gefragt, was Sie möchten? Diesmal ist Jimmy an der Reihe. Sie gehen nur mit, um ihm zu helfen, falls er nervös wird und Shaun Zeit hat, sein Schießeisen zu ziehen. Es handelt sich nicht darum, daß Sie ihn mitnehmen – er nimmt Sie mit. Vergessen Sie das nicht, Con O’Hara!«

 

Das Gesicht des Iren verfinsterte sich noch mehr.

 

»Hab‘ schon verstanden«, knurrte er.

 

Er versuchte noch eine Zeitlang, mit Perelli eine freundlichere Unterhaltung in Gang zu bringen, als ihm das aber nicht gelang, ging er beleidigt fort.

 

Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, sahen sich beide schweigend an.

 

»Es ist nicht recht, daß du dem Jungen diesen Auftrag gibst«, sagte Angelo schließlich. »Wenn er Erfahrungen sammeln soll, so gib ihm eine weniger wichtige Aufgabe.«

 

Tony schüttelte den Kopf.

 

»Er gehört immer noch nicht richtig zu uns – und solange er sich nicht auf Schritt und Tritt in acht nehmen muß und weiß, daß Feeneys Leute nur auf ihn warten, kann ich ihm nicht ganz vertrauen.«

 

*

 

Tony fuhr häufig in die Stadt, um in verschiedenen Schwarzbrennereien und Lokalen persönlich nach dem Rechten zu sehen. Für gewöhnlich tat er dies abends, und so waren die Stunden zwischen sechs und neun für Minn Lee sehr langweilig. Jimmys Besuch brachte ihr eine angenehme Zerstreuung.

 

Er war in der letzten Zeit seltener gekommen, obwohl sie ihn merken ließ, daß sie ihn gern hatte. Tatsächlich war er ihr sehr sympathisch; schon deswegen, weil er aus einem Milieu stammte, das sie fast vergessen hatte, seitdem sie die Universität verlassen hatte.

 

»Nett von Ihnen, Jimmy, daß Sie mich wieder einmal besuchen«, begrüßte sie ihn freundlich. »Ich dachte schon, Sie hätten etwas gegen mich …«, erschrocken brach sie ab, als sie den sonderbaren Ausdruck in seinen Zügen sah.

 

»Geht es Ihnen nicht gut?«

 

»Doch, doch – ich wollte nur ein wenig mit Ihnen plaudern …«

 

Sie lächelte und zeigte auf einen Stuhl.

 

»Machen Sie es sich bequem, Jimmy. Tony kommt erst um zehn wieder nach Hause.«

 

Er holte tief Atem. Um zehn Uhr würde sich viel ereignet haben.

 

Es fiel ihm schwer, einen Anfang zu finden, aber schließlich sprach er doch.

 

»Ich wollte Ihnen nur etwas sagen … Kann sein, daß mir etwas zustößt, und dann sollten Sie wissen, daß ich Sie sehr gern gehabt habe. Das klingt so banal – aber es ist so, Sie haben mir sehr viel bedeutet!«

 

»Was meinen Sie damit, daß Ihnen etwas zustoßen könnte, Jimmy?« fragte sie nach einiger Zeit ruhig und zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Nun, Sie wissen ja, was das Leben in Perellis Nähe bedeutet …«

 

»Aber warum sollte Ihnen denn etwas passieren, Jimmy?« Sie verbarg mühsam einen Schrecken, der so groß war, daß sie selbst darüber staunte. »Ist heute abend irgend etwas los …?«

 

Er wollte ihr schon antworten, besann sich dann aber und schüttelte den Kopf.

 

»Nein, nein. Reden wir nicht weiter davon … Ich bin nur ein wenig nervös.«

 

Er stand auf.

 

»Sie wollen schon wieder gehen?« fragte sie verwundert.

 

Er nickte und sah ihr einen Moment lang in die Augen. Dann trat er schnell auf sie zu, nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. In der, nächsten Sekunde hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen.

 

*

 

Die Garage lag nicht weit entfernt. Er ging zu Fuß dorthin, öffnete mit einem Schlüssel, trat ein und flüsterte Cons Namen.

 

»Leise, Sie Idiot«, zischte eine Stimme.

 

In dem offenen Sportwagen kauerte bereits O’Hara, der eine alte Plane über sich gezogen hatte.

 

Ohne ein weiteres Wort setzte sich Jimmy ans Steuer, fuhr den Wagen aus der Garage, bog nach links ein und erreichte fünf Minuten später die Michigan Avenue.

 

Ein Wagen überholte ihn, hielt sich einen Augenblick auf gleicher Höhe, und einer der Insassen leuchtete ihm mit einer Taschenlampe ins Gesicht.

 

»Nun, was habe ich gesagt, Jimmy?« Con O’Hara hatte die Plane ein wenig gelüftet und den Vorgang beobachtet. »Sie halten Ausschau nach mir.«

 

»Warum denn gerade nach Ihnen?« Es war das erste Wort, das Jimmy an seinen Begleiter richtete, seitdem sie weggefahren waren.

 

»Nach mir oder nach sonst jemand«, entgegnete Con ungeduldig. »Wenn ich offen an Ihrer Seite gesessen hätte, wäre das der Abschied von Chicago und dem Leben gewesen.«

 

Als sie die Randbezirke der Stadt erreichten, wurden sie noch einmal kontrolliert. Ein zweiter Wagen kam langsam mit aufgeblendeten Scheinwerfern auf sie zu. Jimmy schloß einen Augenblick die Augen.

 

»Jetzt wären wir bald soweit«, flüsterte Con. »Immer ruhig Blut, Jimmy.«

 

Sie kamen zu der verabredeten Stelle, einer verlassenen kleinen Nebenstraße. Das Eckgrundstück war nicht bebaut, und von einem einfachen Bretterzaun umgeben. Jimmy hielt zwanzig Meter weiter. Sein Herz schlug so wild, daß er kaum atmen konnte. Er zog die Pistole aus der Tasche und entsicherte; dann legte er die Waffe neben sich auf den Sitz.

 

Niemand war zu sehen, nur einige Wagen fuhren stadteinwärts.

 

»Können Sie etwas sehen?« fragte Con unter seiner Plane.

 

»Nichts.«

 

Jimmy schaute nach rückwärts. Eine Frau kam auf sie zu, die einen schweren Korb trug. Offenbar war sie eine Hausangestellte. Gleich darauf ging sie vorüber. Und dann sah Jimmy eine Gestalt, die sich im Schatten der Häuser schnell näherte. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, als er Shaun erkannte.

 

Obwohl seine Beine den Dienst zu versagen drohten, stieg er aus. Seine Rechte umklammerte hinter seinem Rücken die Waffe.

 

»Na, Jimmy, was gibt’s?« Shaun O’Donnell kam auf ihn zu. »Ich habe nur ein paar Minuten für Sie übrig, mein Junge. Es gibt Schwierigkeiten in der Stadt, und …«

 

Jimmy flimmerte es vor den Augen. Ohne einen klaren Gedanken zu fassen, ohne überhaupt zu wissen, was er tat, riß er plötzlich die Pistole hoch und feuerte. Als der erste Schuß vorbeiging, drückte er noch einmal ab. Shaun O’Donnell griff in die Tasche nach seinem Revolver und taumelte zur Seite.

 

»Sie …!«

 

Drei Schüsse donnerten in schneller Folge an Jimmys Ohr vorbei. Con O’Hara zielte kühn, ruhig und sicher. Shaun brach zusammen. Irgendwo hörte man den schrillen Pfiff eines Polizisten.

 

»Schnell zurück!« rief Con und zerrte Jimmy zum Wagen.

 

Er warf sich hinter das Steuer, Jimmy kauerte neben ihm. Er könnte sich nicht mehr rühren und war immer noch keines Gedankens fähig.

 

Shaun O’Donnell war tot – und er hatte ihn auf dem Gewissen. Er stöhnte verzweifelt.

 

Der Wagen nahm mit kreischenden Reifen die Kurven. Con O’Hara war früher Berufsfahrer gewesen und hatte an Rennen teilgenommen.

 

»Ich habe ihn erwischt«, sagte er. »Sie haben natürlich vorbeigeknallt – na, ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus. Meine Erfahrung und meine Nerven hat nicht jeder. Wenn ich einmal jemanden aufs Korn nehme, dann ist’s vorbei! Nehmen Sie doch einen Schluck aus der Flasche …«

 

Jimmy starrte durch die Windschutzscheibe. So oder so – auch er war zum Mörder geworden.

 

Kapitel 8

 

8

 

Die Nachricht verbreitete sich mit Windeseile in der Unterwelt von Chicago. Shaun O’Donnell hatte dran glauben müssen! Das war eine sehr interessante Neuigkeit, denn immerhin war Shaun unter vielen kleinen ein großer Gangster gewesen.

 

Seine Frau war völlig fassungslos, als ihr Captain Kelly die Mitteilung machte und sie im Wagen in das Krankenhaus brachte, in dem Shaun lag. Es bestand keine Hoffnung mehr, und man hatte bereits in aller Eile einen Priester rufen lassen.

 

Der Geistliche stand neben Kelly an dem Bett des Bewußtlosen. Der Arzt saß gelassen dabei; er wußte, daß jede Hilfe umsonst war.

 

Der Priester, noch jung und ein Idealist, holte tief Atem.

 

»Ich kann diese Art Verbrecher nicht verstehen«, sagte er traurig. »Jede Woche lese ich in den Zeitungen, daß jemand erschossen worden ist. Ist dies auch ein Bandenmord?«

 

Kelly nickte.

 

»Ja, der Mann gehört zu Tom Feeneys Leuten.« Er wandte sich zu dem Polizisten um, der an der Tür stand. »Hat er eigentlich noch irgend etwas gesagt?«

 

Der Polizist glaubte das Wort ›Jimmy‹ gehört zu haben. Er war auch sicher, daß Shaun noch leise vor sich hin geflucht hatte.

 

Kelly kam die ganze Angelegenheit sehr merkwürdig vor. Vor allem wunderte er sich darüber, daß Shaun ohne seine Leibwache, anscheinend sogar ohne einen einzigen Begleiter gekommen war. Es kam ihm der Gedanke, ob nicht Tom selbst seinen Schwager in den Tod geschickt hatte. Er äußerte diesen Verdacht auch laut.

 

»Was, seine eigenen Leute?« erwiderte der Priester bestürzt. »Aber warum denn?«

 

»Manchmal erkaufen sie damit einen Waffenstillstand«, erklärte ihm der Beamte. »Die Bandenchefs können natürlich nicht immer jede Handlung ihrer Leute kontrollieren, und wenn einer von ihnen auf eigene Faust auf ein Mitglied einer anderen Bande schießt, dann muß sich der Chef überlegen, ob er die Konsequenzen tragen will, oder ob er den Mann opfert – das heißt, daß er ihn mit einem Auftrag zu einer Stelle schickt, wo die Leute der anderen Bande ihn umlegen können.«

 

»Unmenschlich«, flüsterte der Priester.

 

»Ja, das wäre es«, entgegnete Kelly mit einem eisigen Lächeln, »wenn diese Leute den Begriff menschlich in irgendeiner Beziehung überhaupt kennen würden.«

 

Shaun rührte sich und murmelte einige undeutliche Worte. Der Arzt sah schnell auf.

 

»Sie haben nicht viel Zeit«, sagte er leise zu dem Kriminalbeamten.

 

Kelly setzte sich auf die andere Seite des Bettes und neigte sich über den Sterbenden.

 

»Hallo, Shaun, erkennen Sie mich? Captain Kelly …« Er sah ein schwaches Aufleuchten in den Augen Shauns. »Man hat Sie hereingelegt, mein Junge – sagen Sie mir, wer es getan hat.« Er neigte sich noch näher zu ihm und nickte. »Ja, Shaun, die eigenen Leute haben Sie in den Tod geschickt habe ich nicht recht?«

 

Er lauschte erwartungsvoll.

 

Shaun O’Donnell verstand ihn, aber er antwortete nicht.

 

»Sprechen Sie doch! War es Feeney selbst – oder waren es doch Perellis Leute?« Er sah Shaun durchdringend an und sprach geradezu beschwörend auf ihn ein. »Sagen Sie es mir doch – war es Con O’Hara, der Sie erledigt hat …?«

 

Er wartete, wartete …

 

Aber getreu der Tradition sprach Shaun nicht. Die Polizei bedeutete ihm nichts, und das Versprechen Kellys, ihn zu rächen, hatte keinen Wert für ihn. Er brauchte dieses Versprechen nicht, denn er wußte, daß seine eigenen Leute schnell genug diese Tat sühnen würden. Sicher waren schon jetzt alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihn zu rächen.

 

Kelly las die dunkle Entschlossenheit in den Augen des Sterbenden. Er wandte sich zu dem Priester und winkte ihn näher.

 

»So sind sie immer …«, sagte er bitter.

 

Es ging rasch mit Shaun zu Ende. Seine Frau erkannte er kaum noch, und schon nach einigen Minuten erhob sich der Arzt achselzuckend von dem Bett des Toten.

 

Mrs. O’Donnell hatte vorher geweint, aber jetzt zeigte sie sich gleich wieder gefaßt und gab nüchtern, fast herzlos ihre Anordnungen. Es schien sie abzulenken, das Begräbnis gleich in allen Einzelheiten festzulegen.

 

Der Arzt, in dessen kleinem Zimmer sie mit den drei zuverlässigsten Unterführern der Bande stand, lauschte erstaunt ihren Worten. Schließlich verabschiedete sie sich und fuhr mit ihren Begleitern in ihre eigene Wohnung zurück.

 

Der wichtigste der drei Männer war Spike Milligan, blond und noch verhältnismäßig jung. Er sah aus wie ein gutsituierter Bankbeamter, war aber um einiges gefährlicher. Energisch betonte er jetzt; daß es wichtig sei, sofort Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Tom Feeney war gerade in Indiana, wo er wichtige Geschäfte zu erledigen hatte. Milligan hatte ihn aber telefonisch schon erreichen können, und Tom raste nun in höchster Eile nach Chicago zurück.

 

»Es waren Jimmy McGrath und Con O’Hara«, sagte Mrs. O’Donnell. »Sie haben sie zurückkommen sehen, Spike?«

 

Der junge Mann nickte.

 

»Ich wußte, daß Shaun eine Verabredung mit Jimmy hatte«, fuhr sie fort. »Er hat mir vorher gesagt, wohin er ging, und ich versuchte ihn zurückzuhalten. Perelli hat Jimmy geschickt, weil er wußte, daß Shaun dem Jungen traute. Die beiden müssen erledigt sein, noch bevor Tom zurückkommt!«

 

»Das ist auch meine Meinung«, erklärte Spike, und die anderen nickten beifällig.

 

»Jimmy hat doch nichts zu bedeuten – der ist ja noch ein Anfänger …«

 

»Aber trotzdem soll er nicht davonkommen«, sagte Spike entschieden. »O’Hara hat eine Wohnung im Norden – er wohnt mit seiner Frau zusammen.«

 

»Und Perelli …?« fragte einer.

 

»Hat keiner von euch Mut genug, es ihm heimzuzahlen?« entgegnete Mrs. O’Donnell verächtlich.

 

Spike betrachtete nachdenklich seine sorgfältig manikürten Fingernägel.

 

»Das ist nicht so einfach«, meinte er dann fast entschuldigend. »Zumindest muß das genau überlegt werden. Bei den anderen beiden; ist es eine Kleinigkeit – sie denken wahrscheinlich, daß sie gar nicht erkannt worden sind. Wenn sie nicht geflohen sind, werde ich persönlich Con und Jimmy erledigen.«

 

Glühender Haß leuchtete aus den harten Augen der Frau.

 

»Und wenn es sonst niemand tut, werde ich Perelli niederschießen«, sagte sie heftig.

 

Es folgte ein langes Schweigen, dann erhob sie sich plötzlich. »Los, erledigt die zwei«, befahl sie kurz. Ihre Leute machten sich daran, den Auftrag auszuführen.

 

Kapitel 9

 

9

 

Jimmy McGrath reagierte sehr merkwürdig auf sein Erlebnis. Er war plötzlich völlig ruhig, und seine Gedanken hatten sich seit langer Zeit wieder einmal ganz geordnet, als er sich von Con O’Hara verabschiedete und zu Fuß nach Hause ging

 

Der Mord, an dem er teilgenommen hatte, stand kristallklar vor seinen Augen. Blut klebte jetzt an seinen Händen, das Blut eines Mannes, der ihn gern gemocht hatte. Doch ebenso klar war ihm, daß es einen Weg zurück von nun ab nicht mehr gab. Auf Gedeih und Verderb gehörte er jetzt zu den Alkoholschmugglern.

 

Er stieg die Treppe zu seinem Zimmer hinauf, schloß die Tür auf und machte Licht. Dann verriegelte er von innen und wusch sich die Hände. Rock, Weste und Schuhe zog er aus, löschte das Licht und warf sich auf das Bett.

 

Er versank sofort in einen traumlosen Schlaf, aus dem er erst hochschreckte, als hart an seine Tür geklopft wurde. Sofort hellwach, sprang er hoch und griff nach der Pistole, die noch auf dem Tisch lag. Sein Herz hämmerte wild. Wieder klopfte es, dann hörte er eine bekannte Stimme. Es war Angelo. »Machen Sie auf, Jimmy!«

 

Der junge Mann öffnete, und Angelo trat ein.

 

»Ach, haben Sie geschlafen?« fragte er verwundert. »Ziehen Sie schnell Ihre Schuhe und Ihren Rock an.«

 

»Schickt Tony nach mir?«

 

Angelo schüttelte ungeduldig den Kopf.

 

»Nein, das nicht – wir müssen jetzt vor allen Dingen einen anderen Unterschlupf für Sie ausfindig machen, wo Sie sich aufhalten können. Hier ist es nicht sicher.«

 

Jimmy hatte ein trockenes Gefühl in der Kehle.

 

»Wissen die anderen schon«, stammelte er, »daß ich Shaun …«

 

»Natürlich wissen sie es«, entgegnete Angelo kühl. »Man hat Sie gesehen, als Sie mit Con zur Stadt zurückfuhren.« Er sah auf die Uhr. »Beeilen Sie sich!«

 

Jimmy kleidete sich eilig an, steckte die Pistole ein und folgte Angelo.

 

Vorsichtig traten sie auf die Straße. In einiger Entfernung von der Haustür stand ein Wagen, an dem zwei Männer lehnten. Sie liefen eilig darauf zu und stiegen ein.

 

Eine Viertelstunde später hatte Jimmy ein neues Quartier in einem kleinen Hotel in der Nähe von Tonys Wohnung.

 

»Machen Sie keinem Menschen auf«, instruierte ihn Angelo. »Tony wird dann später mit Ihnen sprechen; das Hotel hier gehört ihm, und Sie sind für die Nacht völlig sicher.«

 

*

 

Spike Milligan wollte sich Jimmy McGrath für später aufsparen und erst den schwierigeren Teil seiner Aufgabe erledigen.

 

Er wußte, wo Con O’Haras Wohnung war. Als er dort ankam, sah er, daß Licht brannte. Er ging zur nächsten Telefonzelle und rief ihn an.

 

»Con, bist du’s?« Milligan kannte O’Hara, denn sie hatten in New York einmal der gleichen Bande angehört. »Hier spricht Spike.«

 

»Na, und?« entgegnete Con vorsichtig.

 

»Hör mal zu – ich muß dich unbedingt sprechen. Shaun O’Donnell ist diese Nacht umgelegt worden, und es sieht so aus, als ob unsere ganze Organisation zum Teufel ginge. Habe ich Chancen, bei euch unterzukommen?«

 

Con O’Hara war nicht gerade schlau, aber er hatte wie die meisten primitiven Menschen einen gewissen Instinkt für Gefahren.

 

»Schon möglich. Wir können ja morgen einmal miteinander reden. Ich habe gerade eine scheußliche Grippe am Hals und bin die ganze Nacht zu Hause gewesen.«

 

»Ich hab’s aber ziemlich eilig – können wir uns nicht gleich treffen?«

 

»Besser, wir verschieben es auf morgen früh.«

 

»Ich könnte ja auch zu dir kommen?« bohrte Spike hartnäckigweiter.

 

»Du weißt nicht, was du damit für ein Risiko eingehst, mein Junge«, sagte Con mit sonderbarer Betonung.

 

Spike hängte ab und überlegte. Wie alle anderen hatte er etwas Angst vor Mrs. O’Donnell. Keinesfalls traute er sich zu ihr zurückzukommen, ohne etwas erreicht zu haben.

 

Kurz entschlossen ging er zu seinen Begleitern zurück, und nach kurzer Beratung machten sie sich alle drei auf den Weg zu Con O’Haras Wohnung.

 

Aber als sie in der Nähe des Hauses waren, hielt vor der Haustür gerade eine schwere, dunkle Limousine. Die Scheinwerfer wurden auf Standlicht geschaltet, aber niemand stieg aus.

 

Spike, der im Schatten einer Toreinfahrt stand und den Vorgang beobachtete, grinste. Es wäre glatter Selbstmord gewesen, sich in das Haus zu wagen. Sie gingen deshalb zu ihren Autos zurück und fuhren zu Jimmys Wohnung. Wenn auch dort ein Wagen wartete, blieb nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge umzukehren.

 

Langsam fuhren sie an dem Haus vorbei, konnten aber nirgends etwas Verdächtiges bemerken. Hundert Meter entfernt stieg Spike aus, schlenderte langsam zurück und öffnete mit Hilfe seines Dietrichs und seiner beachtlichen Fingerfertigkeit die Haustür.

 

Im Hausflur war es stockdunkel. Leise stieg er die Treppe zum dritten Stock hinauf und klopfte vorsichtig an Jimmys Tür. Keine Antwort. Er klopfte wieder und lauschte angestrengt – nicht das geringste Geräusch, kein Knarren der Matratze, keine heimlichen Schritte. Er drückte die Klinke nieder und wußte sofort, daß niemand im Raum war, als sich die Tür öffnen ließ. Spike machte Licht und sah sich um. Aus allen Anzeichen konnte er schließen, daß das Zimmer eilig verlassen worden war. Perelli hatte gut für seinen Mann gesorgt. Und plötzlich sagte ihm ein Gefühl, daß Gefahr drohte. Wenn Perelli Jimmy fortgebracht hatte, dann wußte er auch, daß jemand hinter dem Jungen her war.

 

Er drehte das Licht aus und schlich sich leise die Treppe hinunter. Unwillkürlich umklammerten seine Finger noch fester den Kolben des Revolvers, den er in Hüfthöhe hielt.

 

Vorsichtig zog er die Haustür wieder auf und lauschte angestrengt. Dann blieb er plötzlich wie erstarrt stehen, denn unmittelbar vor ihm am Fuß der Treppenstufen, die er hinuntergehen mußte, stand die Limousine, die er schon vorher in der Nähe von Con O’Haras Wohnung gesehen hatte. Einen Moment lang verließ ihn seine ganze Geistesgegenwart – im nächsten Augenblick preßte sich ein harter Gegenstand in seinen Rücken.

 

»Vorwärts, Spike, keine Umstände«, flüsterte eine Stimme hinter ihm.

 

Er wurde auf die Stufen hinausgeschoben. Gleichzeitig packten zwei Leute, die neben der Haustür gestanden hatten, seine Arme und nahmen ihm den Revolver weg.

 

»Was soll das?« fragte er mit heiserer Stimme. Er schaute die Straße auf und ab, konnte aber nichts von seinen eigenen Leuten entdecken – er selbst hatte ihnen befohlen, zwei Häuserblocks entfernt mit dem Wagen zu warten.

 

Der Mann hinter ihm schloß leise die Haustür.

 

»Nur eine kleine Fahrt. Sie kennen das ja, Spike«, sagte er.

 

Man stieß ihn in den Wagen und schob ihn auf den Sitz neben dem Chauffeur. Das Auto fuhr an.

 

Eine Viertelstunde später hielten sie an einem einsamen Schuttabladeplatz. Spike hatte längst aufgegeben, er wußte, daß jeder Widerstand sinnlos war. Schließlich war er schon oft genug in ähnlichen Situationen gewesen; nur hatte dann immer er die Pistole in der Hand gehabt. Um den Begriff der ausgleichenden Gerechtigkeit hatte er sich eigentlich nie gekümmert, aber so etwas Ähnliches ging ihm jetzt durch den Kopf, kurz bevor, hinter ihm der Schuß knallte.

 

Kapitel 24

 

24

 

Mary ließ sich nicht beruhigen, und Tony brachte sie schließlich in ihr Zimmer. Angelo stand in der offenen Tür und sah nachdenklich hinter ihnen her.

 

Es war ihm ganz klar, daß die Zustände hier einer Krise zusteuerten. Der Wechsel von Minn Lee zu Mary würde auch noch andere entscheidende Veränderungen nach sich ziehen.

 

Lange Zeit stand Angelo, die Hand auf der Türklinke, und sah den Korridor entlang. Ganz in der Nähe stand in einer Garage ein schwerer Sportwagen. Eine Treppe, von der die Polizei keine Ahnung hatte, führte zu einem Geheimausgang. Alles war gut vorbereitet.

 

Angelo sah den Tatsachen ins Auge und machte sich keine Illusionen. Er hatte Tony in den vergangenen Jahren sehr gut kennengelernt, und einige untrügbare Anzeichen in seinem Benehmen hatten ihn gewarnt. Er wußte, daß er an der Reihe war und daß er heute abend unter einem Leichentuch liegen würde, wenn er keine Vorsichtsmaßregeln traf. Mit einem Seufzer drehte er sich um und schloß leise die Tür. Im Zimmer stand Minn Lee, die ihre Stickerei hatte holen wollen.

 

»Entsetzlich, wie Sie sich wegen Con aufführt«, sagte er.

 

Minn Lee lächelte.

 

»Wer weiß, vielleicht hat sie ihn doch geliebt.«

 

Angelo schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe genug von diesen ganzen Weibergeschichten.« Er lachte vor sich hin und ließ sich in einen Sessel fallen. »Wirklich, ein großartiges Leben hier!«

 

»Wo werden Sie einmal enden, Angelo?«

 

»Darüber dachte ich gerade auch nach. Es war Aussicht vorhanden, daß ich eines Tages die Leitung dieser ruhmvollen Organisation übernehmen würde – und ich kann Ihnen versichern, daß dann manches anders geworden wäre. Aber jetzt …« Er machte eine vielsagende Geste.

 

Dann stand er auf und ging zu Minn Lee hinüber, die an der Wand lehnte.

 

»Tony sagte mir etwas von einer neuen Geschäftsführerin, die er für eines seiner schmutzigen Lokale in Cicero braucht.«

 

»So?« fragte sie gleichgültig.

 

»Ich hoffe, daß er nicht jemand auswählt, den ich kenne.«

 

»Er wird schon die richtige Frau dafür finden – ich werde es auf jeden Fall nicht sein.«

 

»Hoffentlich nicht – um unser aller willen.«

 

Sie sah ihn erstaunt an.

 

»Was soll das heißen, Angelo? Was würden Sie denn tun, wenn er …?«

 

»Nichts, was mir später leid täte.« Er setzte sich auf den Klavierstuhl und drehte sich einmal im Kreis herum.

 

»Ich denke, Sie schätzen Tony sehr.«

 

Angelo lächelte.

 

»Teils, teils. Zugegeben, er ist tüchtig – aber jetzt hat er einige Sachen gemacht, die nicht hätten vorkommen dürfen.«

 

Nur selten hatte er so offen mit ihr gesprochen.

 

»Sie müssen sehr viel Vertrauen zu mir haben, daß Sie mir das alles sagen. Wenn Tony wüßte, wie Sie denken …«

 

Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

 

»Er wäre tot, bevor er die Hand an der Pistole hätte.«

 

In diesem Augenblick trat Tony ins Zimmer und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Angelo betrachtete ihn kritisch.

 

»Wie steht’s? Geht es Mutter und Kind gut?« erkundigte er sich.

 

»Werde nicht zu frech!« fuhr ihn Tony an. Hätten ihn die augenblicklichen Ereignisse nicht so stark in Anspruch genommen, dann wäre ihm die auffallende Veränderung in Angelos Wesen sicher nicht entgangen.

 

»Was wird sie tun?« fragte Minn Lee.

 

»Sie bleibt hier«, erwiderte Perelli kurz.

 

»Hat sie denn keine Freunde?«

 

»Doch – mich«, knurrte er ärgerlich. Angelo war ihm im Weg, und er wandte sich zu ihm. »Laß mich mal mit Minn Lee allein – und noch eines, Angelo: Um sechs Uhr muß ein Wagen für Minn Lee vor der Haustür stehen.«

 

Angelo nickte gleichmütig mit dem Kopf und ging hinaus. Tony sah ihm mit zusammengekniffenen Augen nach.

 

»Der Kerl wird zu frech«, murmelte er vor sich hin. »Na, an einem der nächsten Tage …«

 

Es fiel ihm nicht leicht, das zu erledigen, was jetzt erledigt werden mußte. Mit einer Handbewegung winkte er Minn Lee zu sich.

 

»Komm her, Liebling. Mir fällt da gerade etwas ein …« Er nahm ihre Hand und betrachtete prüfend die prachtvollen Ringe. »Es sind wertvolle Steine«, fuhr er langsam fort. »Meinst du nicht, daß sie einmal neu gefaßt werden müßten? Am besten, ich lasse das gleich morgen bei Tiffany erledigen.«

 

Er hielt die Hand auf, und ohne Widerstreben streifte sie einen Ring und ein Armband nach dem andern ab und gab sie ihm. Zufrieden schob er sie in die Tasche.

 

»Sie werden großartig aussehen, wenn sie neu gefaßt sind. Ich gebe sie dir natürlich zurück, keine Sorge! Die Arbeit wird ausgeführt, während du fort bist.«

 

Auf seinen letzten Satz hatte er besonderen Nachdruck gelegt, und sie sah ihn groß an.

 

»Während ich fort bin?«

 

»Ja, du wirst mich ein wenig verlassen müssen. Weißt du, so schnell komme ich nicht über die Sache mit Jimmy weg … Ich liebe dich zu sehr«, sagte er vorwurfsvoll. »Hoffen wir, daß ich das mit der Zeit vergessen kann …«

 

Ein langes Schweigen folgte. Minn Lee sah mit ihrem unergründlichen, rätselvollen Lächeln auf ihren nackten Arm.

 

»Wohin soll ich denn gehen?« fragte sie sanft.

 

Er nahm ihre Hände in die seinen.

 

»Ich will es dir sagen. Du möchtest mir doch gern helfen, nicht wahr? In der letzten Zeit habe ich viel Schwierigkeiten in Cicero gehabt. Diese verdammten Mädchen haben mich bestohlen, wo sie nur konnten – die Geschäftsführerin des großen Lokals mußte ich hinauswerfen. Sie taugte nichts.«

 

Er hörte, daß Minn Lee scharf die Luft einzog und erwartete einen Tränenausbruch; doch er hatte sich getäuscht.

 

»Du möchtest, daß ich ihre Stelle einnehme?« fragte sie und schüttelte den Kopf.

 

»Nur für kurze Zeit«, bat er in seinem freundlichsten Ton. »Du bist sehr gewissenhaft, Minn Lee, und könntest dort alles für mich in Ordnung halten. Natürlich erhältst du eine schöne Wohnung, Autos, was du willst …«

 

Sie schüttelte wieder den Kopf, und diesmal sah er sie scharf an und redete im Befehlston.

 

»Minn Lee, ich bin sehr gut zu dir gewesen!«

 

»Ja, du hast recht …«, sie sprach jetzt so leise, daß er sie kaum verstehen konnte.

 

»Also, sei lieb und mach mir keinen Kummer!«

 

Seine Worte klangen bestimmt; die Sache war für ihn erledigt. Mit einem vergnügten Lächeln stand er auf.

 

»Ich spiele ein wenig Klavier; du kannst mir zuhören.«

 

»Spiele nur, Tony«, sagte sie. »Ich muß meiner Schneiderin noch schreiben …«

 

»Gut.« Er setzte sich an das Instrument und sprach, während er spielte. »Natürlich werden deine Rechnungen, die noch offenstehen, alle bezahlt. Leg sie nur auf den Tisch, damit Angelo sie findet!«

 

Sie hörte ihm nicht mehr zu. Vor ihr lag ein großer Block, und sie begann schnell zu schreiben, während Tony sich seinem Spiel widmete.

 

Plötzlich fühlte er ihre Hand auf seiner Schulter und schaute auf. Ihr Gesicht war bleich.

 

»Du bist doch nicht krank?« fragte er bestürzt. Das hätte die Angelegenheit im Augenblick unangenehm kompliziert. – »Nein, nein – ich bin nicht krank.«

 

»Schön, Minn Lee, du bist ein tüchtiges Mädchen.« Er streichelte ihre Hand. »Aber du siehst so blaß aus.«

 

»Ein wenig Kopfschmerzen, Tony …«

 

»Leg dich doch hin!«

 

Er sah, wie sie sich auf die Couch legte, und begann wieder zu spielen. Angelo kam ihm in den Sinn, und er redete halb über die Schulter zu Minn Lee hin.

 

»Dieser Angelo macht mir Sorgen! Der Kerl spielt sich zu sehr auf – es ist immer dasselbe mit den kleinen Leuten, denen man eine Chance gibt. Er wird sich wundern! – Hörst du eigentlich zu, Minn Lee? Minn Lee, bist du eingeschlafen? Du wirst noch packen müssen, der Wagen ist um sechs Uhr da.«

 

Er stand auf und streckte sich. Dabei sah er den Briefbogen, den sie seitlich auf das Klavier gelegt hatte. Nachlässig nahm er ihn auf und las ihn flüchtig – aber dann fuhr er entsetzt herum. Sein Gesicht war aschgrau.

 

»Minn Lee! Minn Lee!« rief er heiser.

 

Sie lag ganz still. Ihr Gesicht war totenbleich.

 

»Minn Lee, um Himmels willen, was hast du getan!« schrie er verzweifelt und lief zu ihr. »Minn Lee …!«

 

Es klopfte scharf an die Tür, und bevor er einen klaren‘ Gedanken fassen konnte, stand Kelly vor ihm.

 

Der Beamte überflog die Szene mit einem Blick – die Tote, die friedlich und ruhig auf dem Sofa lag, den vor Schreck zitternden Perelli.

 

»Was ist …«

 

Dann sah er die Hand Perellis auf Minn Lees Brust – sie hielt den Griff des Dolches umklammert, mit dem sie sich getötet hatte.

 

»Lassen Sie das Ding los!«

 

Tony sah ihn wie betäubt an. Er öffnete seine Hand …

 

»Rühren Sie sich nicht!«

 

Kelly hatte eine Pistole gezogen und hielt Tony damit in Schach.

 

»Nein, nein! Ich habe es doch nicht getan!« stammelte Perelli. »Wirklich nicht … Es ist Selbstmord – dort liegt der Brief. Lesen Sie doch – sie hat es selbst geschrieben …«

 

Kelly nahm das Blatt und las die wenigen Worte.

 

›Leb wohl, Tony. So ist es besser für mich.

Deine Minn Lee‹

 

Es war ihre Schrift. Kelly schaute Tony an – dann holte er sein Feuerzeug heraus, knipste es an und hielt es an das Blatt Papier.

 

»Ich weiß nicht, wieviel Menschen Sie getötet haben, ohne dafür bestraft zu werden«, sagte er mit haßerfüllter Stimme und sah zu, wie das Blatt Feuer fing. »Komisch, daß Sie jetzt für eine Tat auf den elektrischen Stuhl kommen werden, die Sie nicht begangen haben – wirklich originell, wie?«

 

Diese Worte wirkten auf Perelli wie eine kalte Dusche; plötzlich gewann er seine Besinnung wieder. Er lief zum Telefon, wählte eine Nummer und sprach gleich darauf mit einem Mann, den Kelly gut kannte – es war einer der bekanntesten Rechtsanwälte Chicagos. Der Beamte zuckte hilflos die Schultern – einen Augenblick lang hatte er geglaubt, daß es nun mit Perelli aus sei, aber jetzt erkannte er, daß es überhaupt kein Ende gab. Perelli wußte zu gut Bescheid – und hatte zu viel Geld. Er würde verhaftet werden, sicher – aber bei der Verhandlung würde man ihn mangels Beweisen wieder freilassen. Welchen Zweck hatten alle seine Bemühungen noch? Perellis Worte fielen ihm ein, daß sich die Unterwelt eigene Gesetze geschaffen habe.

 

Mit einer resignierten Handbewegung drehte er sich um und ging zur Tür. Er sah nicht, daß Angelo durch die gegenüberliegende Tür hereinschaute und mit einem langen Blick die Situation erfaßte. Von Minn Lee, die er geliebt hatte, schaute er zu Perelli, den er haßte …

 

»Da haben Sie es, Kelly!« rief Tony triumphierend. »Sagte ich Ihnen nicht, daß ich selbst das Gesetz bin? Sie sind zwar sehr geschickt, aber noch lange nicht so geschickt wie ich. Ich habe meinem Rechtsanwalt alles erzählt … Na, was meinen Sie, was jetzt passiert? Gar nichts werden Sie mir anhaben können …«

 

Angelo öffnete die Tür ein wenig weiter, in der Hand hielt er eine schwere Pistole.

 

»Also, hören Sie mal zu, Kelly …« begann Tony wieder.

 

Zwei, drei Schüsse krachten. Angelo schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Dann eilte er zu dem Geheimausgang, vor dem sein Wagen wartete.

 

Kelly, der noch unter der Tür stand, war herumgefahren. Gleich darauf schaute er düster auf den Toten, der zu seinen Füßen lag.

 

»Das hatte er vergessen«, sagte er langsam, »die Strafe seines eigenen Gesetzes.«

 

Kapitel 3

 

3

 

Victor Vinsetti nahm eine recht außergewöhnliche Stellung in der Unterwelt von Chicago ein. Seit zwei Jahren war er der Unterhändler einiger großen Banden, die den Schmuggelbetrieb auf den großen Seen Kanadas aufrechterhielten. Seine Haupttätigkeit bestand außerdem darin, die vielen Streitigkeiten zu schlichten, die für gewöhnlich unter den Geschäftspartnern auszubrechen drohten.

 

Er sah gut aus und stand in dem Ruf, zu Damen besonders höflich zu sein.

 

Zu seinem Unglück machte er den Fehler, sich in Kanada mit einer jungen Dame zu verloben, die sich nicht ohne weiteres abschütteln ließ, als er ihrer überdrüssig wurde. Sie verklagte ihn wegen Bruchs des Heiratsversprechens, und obwohl er mit Hilfe eines geschickten Rechtsanwaltes die Sache durch einen Vergleich beizulegen versuchte, wurde er zur Zahlung einer beachtlich großen Schadenersatzsumme verurteilt. Er zahlte, ohne mit der Wimper zu zucken. Viel schlimmer war es für ihn, daß er durch diese Sache seinen Posten als Agent verlor, was ihn um einen großen Teil seiner Einnahmen brachte.

 

»Skandale liegen mir nicht«, erklärte ihm Tony Perelli, als die Angelegenheit zwischen ihnen zur Sprache kam. »Sie sind in Kanada jetzt bekannt wie ein bunter Hund, und das kann ich begreiflicherweise nicht gebrauchen.«

 

»Das ist doch unsinnig«, entgegnete Vinsetti, für den allerhand auf dem Spiel stand.

 

»Möglich. Das ist wenigstens Ihre Ansicht – ich denke anders darüber. Gehen Sie eine Zeitlang nach dem Osten und seien Sie froh, daß ich Ihnen nichts weiter nachtrage.«

 

Er klopfte Vinsetti liebenswürdig auf die Schulter.

 

Als er am Abend allein mit Minn Lee zusammensaß, unterhielt er sich eingehend mit ihr über den Vorfall. Sie saßen Seite an Seite auf einer breiten Couch; der Raum war matt erleuchtet vom Schimmer einiger bernsteinfarbiger Lampen.

 

»Dieser Vinsetti läuft zu sehr den Weibern nach. Unentwegt diese Liebeleien und ähnlicher Unsinn.«

 

»Ist denn Liebe Unsinn?« fragte sie lächelnd.

 

Er schmunzelte. »Die Liebe zu dir natürlich nicht! Aber wo in der Welt findet man auch eine solche Frau wie dich?«

 

Er streichelte vorsichtig ihre kleine Hand und schaute sie zärtlich an; dann ging er zum Klavier und spielte eine Stunde lang. Sie lauschte ihm hingegeben; er war ein hervorragender Pianist. Auch Geigenspielen konnte er virtuos, aber vor allem Klaviermusik war seine Leidenschaft.

 

Als Tony zu Minn Lee zurückkehrte und sich an ihrer Seite niederließ, fing er noch einmal von Vinsetti an.

 

»Der Junge ist tatsächlich ein wenig zu unbeständig – aber trotzdem war er mir sehr nützlich. Er konnte wenigstens wie ein vornehmer Mann auftreten und mit vornehmen Leuten verhandeln. Vielleicht überlege ich mir die Sache doch noch. Schließlich macht jeder einmal einen Fehler…«

 

Ein paar Tage später hatte er Victor Vinsetti schon beauftragt, mit dem Polizeichef Kelly über die Freilassung eines Bandenmitglieds zu verhandeln, das die Polizei geschnappt hatte. Es war ein Triumph für Vinsetti, daß er den Mann durch seine geschickte Verhandlungstaktik freibekam.

 

»Eigentlich hätten wir den Burschen ja hierbehalten sollen«, sagte Kelly, als er mit Harrigan die Sache besprach.

 

»Vielleicht – vielleicht auch nicht«, erwiderte Sergeant Harrigan. »Meiner Meinung nach hat Perelli nur deshalb so viel Wert darauf gelegt, daß dieser Bursche freikommt, weil er fürchtet, man könnte dem Mann noch ein anderes Verbrechen zur Last legen. Heute morgen wurde Red Gallway gefunden – er ist von hinten niedergeknallt worden.«

 

»Das war zu erwarten – der Mensch hat auch wirklich zu viel geredet. Übrigens, es ist zwar Zeitvergeudung, aber vielleicht besuche ich doch einmal Perelli.«

 

»Wissen Sie, daß er eine neue Frau im Haus hat?«

 

»Ja, ich weiß – Minn Lee, Mrs. Waite oder wie sie sonst heißt. Eines muß man Perelli schon lassen – er ist das, was es eigentlich gar nicht gibt: ein Gentleman Verbrecher. Eine nette Auswahl von Rohlingen hat er ja um sich versammelt, aber niemals hat einer seiner Bande etwas verraten.«

 

Harrigan sah ihn bedeutungsvoll an.

 

»Früher oder später wird wenigstens einer pfeifen«, meinte er leise.

 

»Denken Sie an Vinsetti? Wenn der Fall eintreten sollte, weiß Perelli früher davon als wir – und wenn erst Perelli etwas davon weiß …«

 

Er lächelte und vollendete den Satz nicht.

 

Harrigan zündete sich eine Zigarre an.

 

»Natürlich wird Vinsetti niemals als Zeuge vor Gericht zu gebrauchen sein. Immerhin will er sich aber gut mit der Polizei stellen, und ganz bestimmt wird er uns eines Tages Einzelheiten sagen, die uns Perelli vielleicht ans Messer liefern.«

 

»Glauben Sie? Dann sagen Sie ihm, wenn Sie ihn das nächstemal sehen, daß Perelli ganz genau weiß, was für ein unsicherer Kantonist er ist. Sichern Sie Vinsetti zu, daß wir ihm jeden Schutz gewähren, wenn er beichtet.«

 

Harrigan versuchte während der beiden nächsten Tage ein zufälliges Zusammentreffen mit Victor Vinsetti herbeizuführen. Er hatte keinen Erfolg, weil Vinsetti inzwischen Minn Lee getroffen und prompt Feuer gefangen hatte.

 

Minn Lee hatte zwar etwas eigenartige Begriffe von Ehrenhaftigkeit, aber man mußte ihr lassen, daß sie sich wenigstens streng danach richtete. Zum Beispiel wäre es ihr nie eingefallen, den Mann zu betrügen, dem sie angehörte. So hinterbrachte sie alles, was Vinsetti tat und was er ihr vorschlug, getreulich Tony. Ohne viel Aufhebens davon zu machen, erzählte sie ihm, was sich jeden Tag zugetragen hatte. Gerade ihre Bescheidenheit und Zurückhaltung waren es, was Tony Perelli so an ihr leiden mochte.

 

Vinsetti hatte über viele Dinge mit ihr gesprochen; vor allem natürlich über seine Liebe und über das glanzvolle und abwechslungsreiche Leben in Europa, das er ihr bieten wollte. Aber er hatte auch andere Dinge berührt, die Antonio Perelli nicht im günstigsten Licht erscheinen ließen. Zum Beispiel erzählte er ihr von einigen Gebäuden im Stadtteil Cicero, die eine ganze Reihe sehr übel beleumdeter Lokale enthielten.

 

Minn Lee war nicht sehr aufgebracht darüber. Was Tony Perelli auch tat, war für sie richtig.

 

Tony dagegen, dem sie berichtete, war ernstlich böse; als er Vinsetti am nächsten Tag traf, war er kurz angebunden.

 

»Wenn du mit Minn Lee sprechen willst«, sagte er zu ihm, »dann benütze in Zukunft am besten das Telefon. Du bist zwar brauchbar – aber auch du redest zuviel!«

 

Als Vinsetti Tony ansah, erschrak er. War er diesmal zu weit gegangen?

 

An und für sich war Tony Perelli durchaus nicht sehr nachtragend. Man konnte mit ihm streiten, und er war nicht der Mann, der sich ewig über eine solche Zwistigkeit ärgerte. Anders war es, wenn gewisse Grenzen überschritten wurden – dann konnte er erbarmungslos sein.

 

Bis jetzt war Tony Perellis Streit mit Vinsetti rein privater Natur. Man hatte ihn in den Augen seiner Frau herabgesetzt, und er fühlte sich deshalb in seiner persönlichen Ehre angegriffen. Allerdings schien er auch diese Sache noch einmal vergessen zu wollen. Doch Vinsetti hatte den Haß in Perellis Augen gesehen, und das hatte genügt, um seine Leidenschaft abkühlen zu lassen. Er wurde vorsichtig. Als geborener Diplomat wußte er, daß man seinem Gegner schmeichelte, wenn man sich vor ihm in acht nahm. Nach einer Weile schien auch wieder alles im alten Geleise zu sein, wenigstens war Perelli liebenswürdig wie immer. Vinsetti aber war trotzdem beunruhigt.

 

Er sollte recht behalten.

 

Für gewöhnlich war Tony großzügig, gleichzeitig lag aber etwas von der Hinterlist einer Katze in seinem Charakter: Ohne vorher zu warnen, schlug er rücksichtslos zu. Diesmal machte er eine Ausnahme und deutete bei Vinsettis nächstem Besuch an, was er wußte.

 

»Dein Urlaub fällt dieses Jahr ins Wasser«, sagte er. »Gib deinen Platz auf der ›Empress of Australia‹ lieber zurück. Du hättest das Geld zum Fenster hinausgeworfen, verstehst du?«

 

Mehr sagte er nicht. Er machte Vinsetti seltsamerweise keinerlei Vorhaltungen und geriet nicht in Wut über dessen unverzeihliche Handlungsweise. Unverzeihlich war sie, denn wenn ein Mann sich heimlich von seiner Bande zu drücken versucht, der er angehört, ist er für immer bei seinen früheren Freunden geächtet. Früher oder später ist ihm eine Kugel sicher.

 

Perellis Nachrichtensystem hatte auch diesmal wieder vorzüglich gearbeitet. In jeder Bank, auf jedem Reisebüro hatte er Leute sitzen, die ihn informierten, wenn ein Mitglied seiner Bande irgendeinen verdächtigen Schritt unternahm.

 

Eigentlich war es schade um Vinsetti, auch nach Angelos Meinung. In seiner Art hatte ihn niemand übertroffen. Man brauchte Leute, die sich so zu kleiden verstanden wie er und die vor allem mit den nach außen hin sehr ehrenwerten Schuften umgehen konnten, die den Rohstoff für Perellis Handel lieferten. Auch als Verbindungsmann zwischen den einzelnen Schmugglerbanden war Vinsetti unbezahlbar. Er war der einzige, der sich ohne weiteres in jedem Bezirk sehen lassen konnte. Sowohl zu dem Polen Joe als auch zu Tom Feeney und den Chefs anderer Organisationen stand er in guten Beziehungen. Schwierige Angelegenheiten behandelte er diskret; wenn er etwas versprochen hatte, konnte man sich darauf verlassen – und außerdem verstand er ausgezeichnet, mit Pistolen aller Kaliber umzugehen.

 

Perellis Tätigkeit erstreckte sich auf die verschiedensten Gebiete. Fast überall war er an erlaubten und unerlaubten Geschäften beteiligt; einen scharfen Trennungsstrich zog er aber zwischen sich und der gewöhnlichen Sorte von Gangstern. Er hatte seinen eigenen Ehrenkodex, von dem er unter keinen Umständen abwich. Das Geld der Leute, die er aus irgendwelchen Gründen hatte beseitigen lassen, fand man stets unberührt. Vor allem aber schätzten es seine Geschäftspartner, daß man sich sowohl als Käufer wie als Verkäufer unbedingt auf ihn verlassen konnte. Seinen ›Angestellten‹ zahlte er unheimliche Gehälter, aber obgleich er eine kleine Armee beschäftigte, hatte er doch alle Einzelheiten seiner vielen geschäftlichen Transaktionen selbst im Kopf.

 

Er war klug, am meisten nützte ihm aber sein sechster Sinn, der ihn fast immer rechtzeitig vor Gefahren warnte. Deshalb gehorchte er auch seinen Eingebungen blindlings. Auch Red hatte er nicht etwa erschießen lassen, weil dieser zur Polizei gegangen war, sondern weil er das Gefühl hatte, daß er für ihn in Zukunft eine große Gefahr bedeuten könne.

 

Kapitel 2

 

2

 

Von dem Dachgarten mit der venezianischen Balustrade konnte Tony Perelli die ganze Stadt überblicken, in der er der ungekrönte König der Alkoholschmuggler war. Und er liebte sein Königreich Chicago. Endlose Reihen von Autos brachten seine Untertanen täglich zur Arbeit; denn jeder, der an irgendeinem versteckten Plätzchen seiner Wohnung Alkohol lagerte, gehörte zu seinen Untertanen.

 

Es verstieß gegen das Prohibitionsgesetz, In den Vereinigten Staaten war es von 1917-1933 verboten, Alkohol herzustellen oder zu verkaufen. Alkohol herzustellen oder zu verkaufen; jede heimlich in den Keller geschmuggelte Weinkiste oder Schnapsflasche konnte zu Konflikten führen. Im Preis für Alkohol waren die Prozente des Schmugglers ebenso inbegriffen wie die des Pistolenschützen, der die Transporte begleitete. Seitdem es verboten war, hatten die Leute erst recht ihre Vorliebe für hochprozentige Getränke entdeckt. Sie nahmen achselzuckend davon Kenntnis, daß jeder, der den Alkoholschmuggel störte, damit rechnen mußte, erschossen und vom fahrenden Auto aus auf die Straße geworfen zu werden. Wahrscheinlich wären sie aber doch erschrocken, wenn man ihnen gesagt hätte, daß in dem Alkoholpreis auch die Munition der Mörder und die Blumenkränze für die Gräber der Opfer eingerechnet waren.

 

Perelli trat eben in den supervornehm eingerichteten Raum, der zugleich als Frühstücks- und Arbeitszimmer diente. Der japanische Diener hatte gerade den Kaffee gebracht. Nach der Hausordnung, die Perelli festgesetzt hatte, würde Minn Lee erst am Nachmittag erscheinen, und auch Angelo, der vor kurzem eine vornehme Wohnung gemietet hatte, kam erst später.

 

Perelli sah auf die Uhr. Es war erst acht, aber trotzdem erwartete er bereits einen Besucher. Im gleichen Augenblick wurde er durch das leichte Surren eines Summers auf seinem Schreibtisch angemeldet.

 

Red Gallway war die luxuriöse Umgebung nicht sympathisch, und an diesem Morgen fühlte er sich hier noch weniger wohl als sonst, weil er einen beträchtlichen Groll gegen Perelli aufgespeichert hatte. Die ganze Nacht über hatte er sich in seinen Zorn hineingesteigert, aber jetzt, im hellen Tageslicht, fiel es ihm schwer, diese Stimmung aufrechtzuerhalten.

 

»Setz dich, Red, und erzähle, was es im Westen Neues gibt.«

 

»Ich muß etwas wissen, Perelli – und wenn ich es nicht sofort erfahre, dann ist der Teufel los. Verstehst du?«

 

Tony sah ihn neugierig und ziemlich von oben herab an.

 

»Mach dich doch nicht lächerlich. Wirklich zu komisch, wenn du dich aufspielen willst … Aber schön, schieß los!«

 

Red rutschte unruhig in seinem Sessel hin und her.

 

»Du kennst Leeson – Mike Leeson. Das war mein Freund, Perelli. Und jetzt hat ihn einer über den Haufen geknallt. Ich möchte den Kerl sehen, der das getan hat!«

 

Antonio Perelli lächelte.

 

»Ich habe ihn umgelegt«, sagte er fast gemütlich.

 

Tiefes Schweigen folgte.

 

»Hast du vielleicht etwas dagegen?« erkundigte sich Perelli dann freundlich.

 

Red biß sich auf die Lippen.

 

»Aber das ist doch keine Art, einen so netten Kerl einfach mir nichts, dir nichts … Einen Freund von mir! Mike und ich waren wie Brüder …«

 

»Dann solltest du eigentlich Trauer tragen«, erklärte Perelli gelassen, »denn dein Bruder ist tot.«

 

»Warum hast du das getan?« fragte Red verbissen.

 

Perelli hielt es für nicht der Mühe wert zu antworten.

 

»Sag doch, warum du es getan hast? Mike war ein netter Kerl und hat mir viel geholfen.«

 

»Ich habe es eben für richtig gehalten.«

 

Tony lehnte sich nachlässig auf seinem Stuhl zurück, griff nach der Kaffeetasse, die vor ihm stand, und nahm einen Schluck.

 

»Ja – ich habe es für richtig gehalten. Und wenn ich erst einmal etwas für richtig halte, dann tue ich es auch.«

 

Red nagte an seiner Unterlippe. Er fürchtete Perelli, aber innerlich kochte er vor Wut.

 

»Du hast dich nicht besonders liebenswürdig mir gegenüber verhalten!«

 

Tony nickte.

 

»Na, wenn du willst, kondoliere ich dir. Warst du übrigens im Krankenhaus? Nein? Da liegt gerade ein anderer Freund von dir, der Grieche Ontropolos. Es geht ihm ziemlich schlecht – gestern abend hat ihm jemand mit dem Gummiknüppel eins übergezogen. Möchtest du wissen, warum? Er hat einem meiner Leute Koks verkauft.«

 

Red schwieg.

 

»Und ich will nicht, daß meine Leute trinken oder irgendwelche Rauschgifte nehmen!«

 

»Das brauchst du mir nicht zu sagen. Für mich selber kann ich allein sorgen …«, begann Red.

 

»Sicher kannst du das. Übrigens liegt niemand etwas daran, wenn du es nicht tust. Vor allem aber wirst du nicht dafür bezahlt, daß du für dich selbst sorgst, sondern daß du dich um mich und meine Leute kümmerst. Wenn deine Hände zittern und wenn du nicht ganz klar im Kopf bist, dann ist das schlimm. Wenn du trinkst und die Klappe nicht halten kannst, ist es noch viel schlimmer – denn ich weiß nur zu genau, daß ein Kokainsüchtiger jedes Geheimnis gegen eine entsprechende Menge Koks verkauft. So, nun weißt du es. Und das ist mein letztes Wort – laß die Finger von dem weißen Pulver oder mach, daß du fortkommst.«

 

Red erhob sich.

 

»Schön, in Ordnung, ich gehe!«

 

Ein rätselhaftes Lächeln spielte um Perellis Mundwinkel.

 

»Gut – wie du meinst!«

 

Wenn Red im allgemeinen auch nicht sehr sensibel veranlagt war, so fühlte er doch jetzt fast körperlich die Drohung, die in diesen Worten lag.

 

»Tony, ich bin kein Schuljunge, der sich in jede Ecke stoßen läßt! Und wenn sich zwei Partner nicht mehr miteinander vertragen, dann müssen sie sich eben trennen.«

 

»Da hast du recht«, entgegnete Tony und nickte.

 

Red ging. In seinem Kopf schwirrte es von Plänen. Er hatte verschiedene Tricks des Alkoholgeschäfts gelernt, von denen er nie etwas erfahren hätte, wenn Tony Perelli nicht etwas zu mitteilsam gewesen wäre.

 

Als nächstes ging er zu einem guten Bekannten, der auch der Schmugglerbande angehörte, und lud ihn zum Mittagessen bei Bellini ein. Dort erzählte er ihm alles, was ihm durch den Kopf ging.

 

Victor Vinsetti war ein gutgekleideter junger Mann mit merkwürdig ruhelosen Augen. Bezeichnend für ihn war, daß er immer den Verdacht zu haben schien, daß jemand hinter ihm stände. Nur sehr selten äußerte er eigene Ansichten, verstand dafür aber ausgezeichnet zuzuhören.

 

Er erfuhr, was Red Gallway bedrückte und was mit Mike Leeson passiert war. Red versuchte ihm klarzumachen, wie leicht es sein würde, ein eigenes Schmuggelunternehmen zu starten, Stoff über die Grenze zu bringen und neue Absatzgebiete zu finden. Wenn man nur ein paar tüchtige, smarte Jungen fand, die in den geheimen Kneipen als Vertreter fungierten, konnte man in lächerlich kurzer Zeit ein Vermögen verdienen.

 

Vinsetti hörte interessiert zu, weil er selbst auch schon ähnliche Gedanken gehabt hatte. Seit einiger Zeit befaßte er sich allerdings mit anderen Plänen.

 

»Habe ich recht oder nicht, Vic?« fragte Red am Schluß seiner langen Ausführung.

 

»Natürlich hast du recht – und ich verstehe dich durchaus. Aber die Sache ist doch nicht so einfach, wie du es dir vorstellst. Und auf jeden Fall bist du sehr unvorsichtig, wenn du so viel darüber sprichst.«

 

»Mike Leeson war ein tüchtiger Kerl …«

 

»Mike war gar nichts, höchstens eine große Null«, unterbrach ihn Vinsetti ruhig. »Er ist tot, und es ist auch nicht weiter schade um ihn – ich möchte nur wissen, wie Perelli darüber denkt …«

 

Er dachte intensiv nach, während Red ihn neugierig betrachtete. Vinsetti war selbst ein gefürchteter Pistolenschütze, wenn er auch nicht zu den ganz großen Leuten gehörte. Alle wußten, daß er reich war. Die Pläne, die ihn beschäftigten, bestanden einfach darin, daß er sich vom Alkoholschmuggel zurückziehen wollte – obwohl man sagte, daß dies selten jemand gelänge, der einmal daran beteiligt gewesen war. Auf der ›Empress of Australia‹ war eine Kabine für ihn belegt. Er wollte über Kanada reisen; alles, was wertvoll war, hatte er bereits zu Geld gemacht und stand auch schon wegen einer Villa an der Küste von San Remo in Unterhandlungen. Reds Offenheit war ihm peinlich; besonders weil er wußte, daß jeder zweite Kellner bei Bellini ein Spion war.

 

Noch am gleichen Abend ging er zu Perelli.

 

»Red ist wütend«, erzählte er. »Ich war mit ihm bei Bellini, und er hat mir dauernd etwas vorgejammert.«

 

»Ich möchte keine Schwierigkeiten mit ihm haben«, erwiderte Tony. Dies war zugleich seine Kampfansage und sein Alibi.

 

Immer wenn Red getrunken hatte, verwickelte er sich in Schwierigkeiten. Diesmal versuchte er, durch einen Mittelsmann in Verbindung mit Tom Feeney zu kommen, der den Alkoholschmuggel im südlichen Bezirk kontrollierte. Aber es gelang ihm nur, mit O’Donnell zu sprechen, der Toms Personalchef und Schwager war.

 

In Wirklichkeit war O’Donnell der leitende Kopf der Bande, und das war nach Perellis Ansicht der schwächste Punkt der Tom Feeney-Gesellschaft. O’Donnell war klein, hager und leicht erregbar. Zu schnell mit der Pistole bei der Hand, wie die einen sagten, und unverschämt frech mit seinem Mundwerk, wie andere wissen wollten.

 

Er hörte sich Reds Vorschläge sehr kühl und gelassen an.

 

»Red, Sie haben eigentlich für uns ebensowenig Wert wie für sonst jemand«, erklärte er schließlich sachlich. »Sie nehmen Koks, und Sie saufen. Bei unserem Geschäft kann man solche Leute nicht brauchen. Für Perelli habe ich durchaus nicht viel übrig – aber Schwierigkeiten will ich keine mit ihm haben. Wenn Sie allerdings in seinem Bezirk verkaufen wollen, stellen wir Ihnen genügend Alkohol zur Verfügung.«

 

Am nächsten Tag ereignete sich nichts Besonderes, außer daß Red Gallway nach anderer Richtung hin Anschluß suchte. In der frühen Dämmerung des Winternachmittags stand er im Polizeipräsidium und bat um eine Unterredung mit Kommissar Kelly. Er wollte sich über einen Polizeibeamten beschweren, erklärte er möglichst laut. Das Polizeipräsidium lag in Perellis Bezirk, und Spitzel berichteten ihm alles Wissenswerte.

 

Niemand außer Red wäre in dieser Lage zum Polizeipräsidium gegangen. Schließlich hätte er ja auch die Möglichkeit gehabt, anzurufen und einen Treffpunkt für eine geheime Zusammenkunft zu vereinbaren. Aber wenn Red Gallway Kokain genommen hatte, überlegte er nie lange. Eine Viertelstunde später saß er schon dem Chef der Kriminalpolizei gegenüber.

 

Er wollte seine Geschichte möglichst schlau erzählen und vor allem keine Namen nennen. Offen gab er nur zu, daß er in Lebensgefahr schwebe, und nachdem sich Kommissar Kelly einige Zeit mit ihm unterhalten hatte, war er auch davon überzeugt.

 

Red erzählte Kelly nichts, was Kelly nicht schon wußte; bittere Erfahrungen hatten den Beamten im übrigen gelehrt, daß es völlig sinnlos gewesen wäre, Red beim Wort zu nehmen und ihn als Zeugen in einem Prozeß auftreten zu lassen.

 

Kelly wußte ganz genau, wie und warum Mike Leeson ums Leben gekommen war. Er kannte die Namen der Leute, die den Abtransport der Leiche durchgeführt hatten, genauso wie die Nummer ihres Wagens.

 

Red hätte wahrscheinlich noch einige Stunden geredet, aber Kelly hatte viel zu tun, und an einseitigen Unterhaltungen, bei denen er nichts Neues erfuhr, lag ihm nicht viel.

 

»Wollen Sie bei uns bleiben?« fragte er.

 

Red sah ihn entrüstet an.

 

»Soll das heißen, daß Sie mich in Schutzhaft nehmen wollen? Ich bin groß genug, um auf mich selber aufzupassen. Nein, ich werde mich um den ganzen Laden hier nicht mehr kümmern. Chicago kann mir gestohlen werden – ich habe in andern Städten genug Freunde, die mir weiterhelfen.«

 

Als Red wieder auf die Straße trat, wurde er von drei Leuten beobachtet. Aber nur zwei davon waren Polizeibeamte.

 

»Verliert den Kerl bloß nicht aus den Augen«, hatte der Chef kurz vorher zu ihnen gesagt.

 

An der nächsten Straßenecke begrüßten zwei Männer freudig Gallway und nahmen ihn in die Mitte.

 

»Was fällt Ihnen denn ein?« fragte Red, als sie ihm liebenswürdig auf die Schulter schlugen und sich bei ihm einhängten.

 

»Wenn Sie den Mund aufmachen, knallt’s«, erwiderte der eine in herzlichstem Ton und preßte ihm die Mündung einer Pistole in die Seite.

 

»Sind Sie verrückt, Sie …!«

 

Die Beamten, die Red beschatten sollten, waren noch Neulinge. Sie sahen nur, daß zwei gute Freunde Red begrüßten und mit ihm in ein Auto einstiegen. Es fiel ihnen nichts Besseres ein, als schnell ein Taxi zu nehmen, aber noch bevor sie einen Wagen gefunden hatten, war das andere Auto schon abgefahren und außer Sicht.

 

Red überschaute die Lage nicht sofort. Er war sich nur darüber klar, daß der Mann, der direkt hinter ihm saß, einen harten, kühlen Gegenstand gegen sein Genick drückte. Dabei unterhielt sich dieser Mensch intensiv mit dem Chauffeur über ein Baseball-Match. Die beiden stritten miteinander, ob Südkalifornien oder Columbia gewinnen würde. Der Chauffeur war für Columbia.

 

»Dafür bin ich auch«, versuchte sich Red ängstlich einzuschalten.

 

»Halten Sie bloß die Klappe«, entgegnete der Chauffeur. »Ich kann mich nur wundern, daß Sie nicht heiser sind – Sie haben doch wirklich lange genug mit dem Polypen gequatscht! Möchte wissen, wen Sie alles verpfiffen haben.«

 

»Ich – verpfeifen?« protestierte Red ärgerlich.

 

Die Pistolenmündung preßte sich unbarmherzig gegen sein Genick.

 

»Schnauze!«

 

Sie ließen jetzt die Stadt hinter sich und kamen durch eine verlassene Gegend, in der nur einzelne Baracken standen. Schließlich hielt der Wagen bei einem kleinen Gehölz, das direkt neben der holperigen Straße lag.

 

»Raus mit Ihnen!« befahl der Mann hinter Red. Gallway gehorchte. Das Kokain wirkte jetzt nicht mehr, und er zitterte am ganzen Körper.

 

»Was wollen Sie denn eigentlich von mir?« stieß er mühsam hervor. »Ich habe der Polizei bestimmt nichts verraten! Fahren Sie mich sofort zu Tony. Er wird Ihnen sagen …«

 

Die beiden nahmen ihn wieder zwischen sich und schleppten ihn in das Gehölz.

 

»Wollen Sie mich etwa kaltblütig abknallen?« keuchte Red. »Hören Sie doch …«

 

Die Sicherung einer Pistole klickte. Gleichzeitig mit dem Schuß fiel Red auf die Knie und schwankte. Er hörte weder den ersten noch den zweiten Knall. Der Mann hinter ihm ließ die Pistole in die Tasche gleiten und steckte sich eine Zigarette an. Seine Hand zitterte nicht im geringsten.

 

»Los, fahren wir zurück«, sagte er zu seinem Begleiter. Schon als sie am Stadtrand waren, stritten sie sich wieder herum, ob Kalifornien oder Columbia gewinnen würde.

 

Der Fahrer sah das Polizeiauto als erster. Sowie er das Heulen der Sirene hörte, gab er Gas, daß ihr eigener Wagen einen Satz nach vorn machte.

 

»Nimm das Maschinengewehr – unter dem Sitz!«

 

Der Mann neben ihm kroch nach hinten, um seinem Freund zu helfen. Zusammen stießen sie die Mündung durch das hintere Fenster.

 

»Die beiden Polypen müssen Kelly verständigt und die Beschreibung unseres Wagens durchgegeben haben«, knurrte der Mann, der Red erschossen hatte, und klemmte sich hinter das Maschinengewehr.

 

Der Polizeiwagen kam näher.

 

»Los! Gib’s ihnen!«

 

Rat-a-tat-a-tat-a-tat!

 

Die Windschutzscheibe des anderen Wagens wurde zertrümmert. Er geriet leicht ins Schlingern, fing sich dann aber wieder und folgte ihnen in immer kürzerem Abstand. Die Polizeibeamten erwiderten jetzt das Feuer.

 

Der Mann am Maschinengewehr stieß einen unartikulierten Laut aus und glitt zu Boden. Der andere packte die Waffe und drückte auf den Abzug. Gleich darauf gab es einen scharfen Knall, das Polizeiauto rutschte quer über die Fahrbahn und kam an einem Laternenmast zum Stehen. Ein Reifen war getroffen worden.

 

»Sie sitzen fest!« rief der zweite Mann dem Chauffeur zu. »Ab jetzt, Joe!«

 

Mit einem Blick streifte er die zusammengekrümmte Gestalt am Boden. »Kopfschuß«, knurrte er und kletterte auf seinen Sitz neben dem Fahrer zurück.

 

Einige Zeit darauf waren sie schon wieder bei ihrem Baseballspiel, während der Tote hinter ihnen von einer Seite zur andern rollte.

 

Kapitel 20

 

20

 

Etwas fiel zu Boden – Tony war der Brieföffner, mit dem er gespielt hatte, aus der Hand geglitten. Was sollte das bedeuten? O’Hara war nicht dabei. Er wollte seinen Ohren nicht trauen.

 

»Ich bin sofort bei Ihnen, lassen Sie alles, wie es ist!« rief Kelly noch in den Hörer und donnerte ihn dann auf den Apparat.

 

»Morgen früh um neun erwarte ich Sie im Polizeipräsidium, Perelli«, sagte er und knallte die Tür hinter sich zu.

 

Tony wandte sich rasend vor Wut an Minn Lee.

 

»Hast du gehört, wie er mit mir umspringt? Mit mir – Tony Perelli! Als ob ich ein Hund wäre!«

 

Sie hörte ihn nicht. Sie sah in die Ferne, ihre Lippen waren leicht geöffnet.

 

»Jimmy! O Jimmy!«

 

»Er ist jetzt in der Hölle!«

 

»Vielleicht war er vorher noch im Himmel«, sagte sie leise.

 

»Du warst wohl in ihn verliebt?« fragte er höhnisch.

 

In Wirklichkeit zog er diese Möglichkeit eigentlich nicht ernsthaft in Betracht. Es war doch undenkbar, daß Minn Lee …

 

»Ich liebte immer nur dich, nicht ihn. Doch daß ich ihn glücklich gemacht habe, macht mich selbst glücklich. Wenn mein ganzes Leben verpfuscht war – für ihn bedeutete ich wenigstens etwas!«

 

Er wich vor ihr zurück.

 

»Was soll das alles heißen?«

 

»Er wußte, daß er in den Tod ging, und er war froh darüber«, sagte sie leise.

 

Tony wischte seine feuchte Stirn ab.

 

»Er wußte, daß er in den Tod ging? Wer hat ihm denn das gesagt?«

 

»Ich.« Aus ihrer Stimme klang weder Furcht noch Trotz, sie stellte nur eine Tatsache fest. »Er wollte nicht mehr leben, seine Schuld lastete zu schwer auf ihm. Vielleicht interessiert es dich noch, daß er so furchtlos in den Tod ging, weil ich ihm gesagt hatte, daß ich ihn liebe …«

 

»Du hast ihn geliebt?« Tony war starr vor Entsetzen. »Ich denke, du liebst mich. Weißt du nicht mehr, wem du gehörst? Mir!«

 

»Jetzt gehöre ich ihm.«

 

Er konnte nicht mehr reden vor Wut. Plötzlich sprang er auf sie los und packte sie an der Kehle.

 

»Überlege dir lieber, wo Con O’Hara ist …«, keuchte sie atemlos.

 

Diese Frage brachte ihn wieder zur Vernunft.

 

Con O’Hara – die Polizei hatte ihn nicht gefunden, er mußte noch am Leben sein. Und wenn Jimmy es gewußt hatte, dann wußte er es auch. Das bedeutete Gefahr, höchste Gefahr für Tony selbst, denn trotz mancher Schwächen war Con ein Mann, vor dem sich jeder hüten mußte. Ausgerechnet er war nicht in die Falle gegangen …

 

»Ich gehe in mein Zimmer«, sagte Minn Lee.

 

»Scher dich zum Teufel …« Plötzlich fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf. »Du hast doch mit Kelly gesprochen – hast du ihm etwas gesagt?«

 

Sie lehnte an der Wand, und er packte sie wild an den Schultern.

 

»Hast du ihm etwas gesagt? Vielleicht willst du mich verpfeifen, wie …?«

 

Seine Finger krampften sich wieder um ihre Kehle und erstickten ihre Worte.

 

»Du lügst, du schmutzige kleine …!«

 

Perellis Gesicht hatte sich verzerrt; sein wahrer Charakter, die ganze Gemeinheit und Hemmungslosigkeit seiner eigentlichen Natur kamen jetzt zum Vorschein.

 

»Du weißt wohl verdammt viel, was?«

 

Mit einer geschickten Drehung machte sie sich aus seinem Griff frei.

 

»Du hast recht. Ich weiß, daß du Vinsetti erschossen hast.«

 

»So? Woher willst du denn das wissen?«

 

»Du redest im Schlaf – manchmal läßt dir dein Gewissen anscheinend doch keine Ruhe.«

 

Er schleuderte sie über den Tisch und packte rasend vor Wut die schwere Bronzefigur, die neben ihm stand. Auch jetzt verlor sie noch nicht die Beherrschung.

 

»Besser, du bringst mich nicht um. Nicht wegen mir – aber Kelly sagte, daß man in Chicago zum Tod verurteilt wird, wenn man eine Frau ermordet. Ich sollte ihm alles erzählen, und er versprach mir hunderttausend Dollar Belohnung, aber ich sagte ihm – daß ich dich liebe.«

 

Perelli hörte ein schwaches Geräusch und warf einen Blick über die Schulter. Angelo lehnte an der Tür, die Hände leicht auf die Hüften gestemmt. In dem Augenblick, als Tony die Bronzefigur hob, war er dem Tod sehr nahe gewesen, denn Angelo Veronas Finger hatten sich bereits um den Griff seiner schweren Pistole geschlossen.

 

»Das hast du ihm gesagt?« fragte Tony heiser. Er sah sie an, dann wanderten seine Blicke zu Angelo. »Gut, Minn Lee. Es ist alles in Ordnung …« Er verabschiedete sie mit einer leichten Geste.

 

»Was gibt es hier?«

 

Perelli hörte die metallene Härte in Angelos Stimme.

 

»Schick alles fort, was nicht unmittelbar zu uns gehört, Angelo. Ist Tomasino oben? Ja? Wer noch?«

 

»Toni Ramano, Jake French, Al Mario …«

 

»Schicke sie sofort los! Sie sollen mit dem Wagen die Stadt absuchen und Con O’Hara auftreiben.«

 

»Aber …«

 

»Er ist ein Verräter. Er hat den Jungen allein gehen lassen. Jimmy ist tot. Keinesfalls will ich eine Schießerei hier in der Nähe haben, verstanden? Stelle einen Mann an die Haustür, der mir ein Signal gibt, wenn er von selber herkommen sollte. Ich möchte ihn dann persönlich erledigen.«

 

»Con hat doch nicht etwa gewußt, daß er in den Tod geschickt wurde?« fragte Angelo entsetzt.

 

»Du Schwachkopf – natürlich muß er es gewußt haben.«

 

»Soll ich alle Leute, die noch hier sind, fortschicken?«

 

»Ja – das heißt, O’Haras Frau bleibt hier.«

 

»Soll ich auch mit den anderen in die Stadt fahren?«

 

»Nein. Halte zwei oder drei Mann hier bereit. Die Couch muß hereingeschafft werden. Los jetzt – tausend Dollar Belohnung für den, der O’Hara erwischt.«

 

Angelo machte sich auf den Weg, und Tony Perelli traf seine Vorbereitungen. Er hatte schon öfters solche Krisen erlebt. Im Fall Vinsetti war es ähnlich gewesen, und die günstige Gelegenheit hatte sich ganz unerwartet geboten. Minn Lee hatte die ganze Zeit davon gewußt, das ging ihm jetzt wieder durch den Kopf. Doch sie würde nichts verraten, seltsamerweise war er davon fest überzeugt. Trotzdem, sie würde ihn verlassen müssen, und es war ihm sogar lieb, daß sie ihm durch ihr Verhalten einen Grund gegeben hatte. Das erleichterte die Trennung.

 

Bis auf eine Stehlampe schaltete er alle Lampen in dem Zimmer aus. Dann nahm er eine Pistole aus einer Schublade, zog das Magazin heraus und überzeugte sich, daß es gefüllt war. Er schob es wieder in den Griff der Waffe, lud durch und legte die Pistole unter seinen Hut, den er auf das Klavier geworfen hatte.

 

Als Angelo mit der Meldung zurückkam, daß Tonys Befehle ausgeführt wurden, traf Tony weitere Vorkehrungen. Vor allem mußte er wegen Mary zu einer Entscheidung kommen. Während er noch über sie nachdachte, kam sie ziemlich schlechter Laune ins Zimmer.

 

»Alles geht nach Hause – das ist mir ein netter Abend!«

 

»Sie müssen das verstehen, Mary; die Leute haben noch zu tun! Und wenn die andern auch gehen, so können Sie doch hierbleiben!«

 

Er war nicht in der Stimmung, sich auf lange Diskussionen mit ihr einzulassen, und sie erschrak über seinen herrischen Ton. Rasch erhob sie sich von der Couch, auf der sie sich malerisch niedergelassen hatte. »Ist denn etwas passiert?«

 

»Ja – etwas Entsetzliches. Jimmy, dieser nette Kerl, ist erschossen worden!«

 

»Jimmy McGrath?« rief sie und fuhr zusammen. »Er ist doch gemeinsam mit Con fortgegangen! Was ist los? Sagen Sie es mir!«

 

»Tom Feeneys Leute haben es getan.«

 

Ihre Knie zitterten, obwohl das wirklich nicht der erste Mord war, der in ihrer näheren Umgebung passierte.

 

»Was ist mit Con!« rief sie schrill. »So antworten Sie doch!«

 

»Es ist ja alles in Ordnung, Con ist nichts passiert.«

 

»Wo ist er? Lassen Sie mich gehen!«

 

Sie sprang auf, aber er hielt sie fest. Unter keinen Umständen durfte sie jetzt mit Con O’Hara zusammenkommen. Wenn sie schwatzte, konnte es schlimm ausgehen.

 

»Sie möchten wohl, daß er gleich wieder hier aufkreuzt?« fragte er wütend. »Vor einer Stunde dachten Sie noch anders darüber. Er wird wahrscheinlich die ganze Nacht wegbleiben, denn die Polizei ist hinter ihm her. Er steht im Verdacht, Jimmy erschossen zu haben.«

 

Er war stolz auf diese Ausrede, die ihm gerade im richtigen Moment eingefallen war.

 

»Ich gehe nach Hause und warte dort auf ihn«, erklärte sie.

 

»Sie haben hier doch alles, was Sie brauchen. Wozu wollen Sie also heimgehen? Es ist bestimmt viel besser, wenn Sie hierbleiben. Dort haben Sie doch nur die ganze Nacht die Polizei auf dem Hals. Also – Sie bleiben.«

 

»Das fällt mir gar nicht ein!«

 

Sie versuchte vergeblich, davonzulaufen. Tony Perelli war stärker als sie. Er nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und küßte sie …

 

»Con wird dich erschießen«, stöhnte sie.

 

»Bleibst du jetzt bei mir?«

 

Statt einer Antwort schmiegte sie sich an ihn.