Zweites Kapitel.

Tom streicht einen Zaun.

Zweites Kapitel.

Der Sonnabend Morgen tagte, die ganze sommerliche Welt draußen war sonnig und klar, sprudelnd von Leben und Bewegung. In jedem Herzen schien’s zu klingen und zu singen, und wenn das Herz jung war, trat der Klang unversehens auf die Lippen. Freude und Lust malte sich in jedem Antlitz, jeder Schritt war beflügelt. Die Akazien blühten und erfüllten mit ihrem köstlichen Duft rings alle Lüfte.

Tom erschien auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Tünche und einem langstieligen Pinsel. Er stand vor dem Zaun, besah sich das zukünftige Feld seiner Tätigkeit und es war ihm, als schwände mit einem Schlage alle Freude aus der Natur. Eine tiefe Schwermut bemächtigte sich seines ahnungsvollen Geistes. Dreißig Meter lang und neun Fuß hoch war der unglückliche Zaun! Das Leben schien ihm öde, das Dasein eine Last. Seufzend tauchte er den Pinsel ein und fuhr damit über die oberste Planke, wiederholte das Manöver einmal und noch einmal. Dann verglich er die unbedeutende übertünchte Strecke mit der Riesenausdehnung des noch ungetünchten Zaunes und ließ sich entmutigt auf ein paar knorrigen Baumwurzeln nieder. Jim, der kleine Nigger, trat singend und springend aus dem Hoftor mit einem Holzeimer in der Hand. Wasser an der Dorfpumpe holen zu müssen, war Tom bis jetzt immer gründlich verhaßt gewesen, in diesem Augenblick dünkte es ihn die höchste Wonne. Er erinnerte sich, daß man dort immer Gesellschaft traf; Weiße, Mulatten und Niggerjungen und Mädchen waren da stets zu finden, die warteten, bis die Reihe an sie kam und sich inzwischen ausruhten, mit allerlei handelten oder tauschten, sich zankten, rauften, prügelten und dergleichen Kurzweil trieben. Auch durfte man Jim mit seinem Eimer Wasser nie vor Ablauf einer Stunde zurückerwarten, obgleich die Pumpe kaum einige hundert Schritte vom Haus entfernt war und selbst dann mußte gewöhnlich noch nach ihm geschickt werden. Ruft also Tom:

»Hör‘, Jim, ich will das Wasser holen, streich‘ du hier ein bißchen an.«

Jim schüttelte den Dickkopf und sagte:

»Nix das können, junge Herr Tom, Alte Tante sagen, Jim sollen nix tun andres als Wasser holen, sollen ja nix anstreichen. Sie sagen, junge Herr Tom wohl werden fragen Jim, ob er wollen anstreichen, aber er nix sollen es tun – ja nix sollen es tun.«

»Ach was, Jim, laß dir nichts weismachen, so redet sie immer. Her mit dem Eimer, ich bin gleich wieder da. Sie merkt’s noch gar nicht.«

»Jim sein so bange, er’s nix wollen tun. Alte Tante sagen, sie ihm reißen Kopf ab, wenn er’s tun.«

»Sie! O Herr Jemine, die kann ja gar niemand ordentlich durchhauen, – die fährt einem ja nur mit der Hand über den Kopf, als ob sie streicheln wollte, und ich möcht‘ wissen, wer sich daraus was macht. Ja, schwatzen tut sie von durchhauen und allem, aber schwatzen tut nicht weh, – das heißt, solang sie nicht weint dazu. Jim, da, ich schenk dir auch ’ne große Murmel, – da und noch ’nen Gummi dazu!«

Jim schwankte.

»’nen Gummi, Jim, und was für ein Stück, sieh mal her!«

»O, du meine alles! Sein das prachtvoll Stück Gummi. Aber, junge Herr Tom, Jim sein so ganz furchtbar bange vor alte Tante!«

Jim aber war auch nur ein schwacher Mensch, – diese Versuchung erwies sich als zu stark für ihn. Er stellte seinen Eimer hin und streckte die Hand nach dem verlockenden Gummi aus. Im nächsten Moment flog er jedoch, laut aufheulend, samt seinem Eimer die Straße hinunter, Tom tünchte mit Todesverachtung drauflos und Tante Polly zog sich stolz vom Schlachtfeld zurück, Pantoffel in der Hand, Triumph im Auge.

Toms Eifer hielt nicht lange an. Ihm fiel all das Schöne ein, das er für diesen Tag geplant, und sein Kummer wuchs immer mehr. Bald würden sie vorüber schwärmen, die glücklichen Jungen, die heute frei waren, auf die Berge, in den Wald, zum Fluß, überall hin, wo’s schön und herrlich war. Und wie würden sie ihn höhnen und auslachen und verspotten, daß er dableiben und arbeiten mußte, – schon der Gedanke allein brannte ihn wie Feuer. Er leerte seine Taschen und musterte seine weltlichen Güter, – alte Federn, Glas- und Steinkugeln, Marken und sonst allerlei Kram. Da war wohl genug, um sich dafür einen Arbeitstausch zu verschaffen, aber keineswegs genug, um sich auch nur eine knappe halbe Stunde voller Freiheit zu erkaufen. Seufzend wanderten die beschränkten Mittel wieder in die Tasche zurück und Tom mußte wohl oder übel die Idee fahren lassen, einen oder den andern der Jungen zur Beihilfe zu bestechen. In diesem dunkeln, hoffnungslosen Moment kam ihm eine Eingebung! Eine große, eine herrliche Eingebung! Er nahm seinen Pinsel wieder auf und machte sich still und emsig an die Arbeit. Da tauchte Ben Rogers in der Entfernung auf, Ben Rogers, dessen Spott er von allen gerade am meisten gefürchtet hatte. Ben’s Gang, als er so daherkam, war ein springender, hüpfender kurzer Trab, Beweis genug, daß sein Herz leicht und seine Erwartungen hochgespannt waren. Er biß lustig in einen Apfel und ließ dazu in kurzen Zwischenpausen ein langes, melodisches Geheul ertönen, dem allemal ein tiefes gezogenes ding–dong–dang, ding–dong–dang folgte. Er stellte nämlich einen Dampfer vor. Als er sich Tom näherte, gab er Halbdampf, hielt sich in der Mitte der Straße, wandte sich stark nach Steuerbord und glitt drauf in stolzem Bogen dem Ufer zu, mit allem Aufwand von Pomp und Umständlichkeit, denn er stellte nichts Geringeres vor als den »Großen Missouri« mit neun Fuß Tiefgang. Er war Schiff, Kapitän, Mannschaft, Dampfmaschine, Glocke, alles in allem, stand also auf seiner eigenen Schiffsbrücke, erteilte Befehle und führte sie aus.

»Halt, stoppen! Klinge–linge–ling.« Der Hauptweg war zu Ende und der Dampfer wandte sich langsam dem Seitenweg zu. »Wenden! Klingelingeling!« Steif ließ er die Arme an den Seiten niederfallen. »Wenden, Steuerbord! Klingelingeling! Tschu! tsch – tschu – u – tschu!«

Nun beschrieb der rechte Arm große Kreise, denn er stellte ein vierzig Fuß großes Rad vor. »Zurück, Backbord! Klingelingeling! Tschu–tsch–tschu–u–sch!« Der linke Arm begann nun Kreise zu beschreiben. »Steuerbord stoppen! Lustig, Jungens! Anker auf – nieder! Klingeling! Tsch–tschuu–tschtu! Los! Maschine stoppen! He, Sie da! Scht–sch–tscht!« (Ausströmen des Dampfes.)

Tom tünchte währenddessen und ließ den Dampfer Dampfer sein, Ben starrte ihn einen Augenblick an und grinste dann:

»Hi–hi! Festgenagelt – äh?«

Keine Antwort, Tom schien seinen letzten Strich mit dem Auge eines Künstlers zu prüfen, dann fuhr er zart mit dem Pinsel noch einmal drüber und übersah das Resultat in derselben kritischen Weise wie zuvor. Ben marschierte nun neben ihm auf. Toms Mund wässerte nach dem Apfel, er hielt sich aber tapfer an die Arbeit. Sagt Ben:

»Hallo, alter Junge, Strafarbeit, ja?«

»Ach, du bist’s, Ben, ich hab‘ gar nicht aufgepaßt!«

»Hör du, ich geh schwimmen, willst du vielleicht mit? Aber gelt, du arbeitst lieber, natürlich, du bleibst viel lieber da, gelt?«

Tom maß ihn erstaunt von oben bis unten.

»Was nennst du eigentlich arbeiten?«

»W–was? Ist das keine Arbeit?«

Tom tauchte seinen Pinsel wieder ein und bemerkte gleichgültig:

»Vielleicht – vielleicht auch nicht! Ich weiß nur soviel, daß das dem Tom Sawyer paßt.«

»Na, du willst mir doch nicht weismachen, daß du’s zum Vergnügen tust?«

Der Pinsel strich und strich.

»Zum Vergnügen? Na, seh‘ nicht ein, warum nicht. Kann unsereiner denn alle Tag ’nen Zaun anstreichen?«

Das warf nun ein neues Licht auf die Sache. Ben überlegte und knupperte an seinem Apfel. Tom fuhr sachte mit seinem Pinsel hin und her, trat dann zurück, um die Wirkung zu prüfen, besserte hier und da noch etwas nach, prüfte wieder, alles ohne sich im geringsten um Ben zu kümmern. Dieser verfolgte jede Bewegung, eifriger und eifriger mit steigendem Interesse. Sagt er plötzlich:

»Du, Tom, laß mich ein bißchen streichen!«

Tom überlegte, schien nachgeben zu wollen, gab aber diese Absicht wieder auf: »Nein, nein, das würde nicht gehen, Ben, wahrhaftig nicht. Weißt du, Tante Polly nimmt’s besonders genau mit diesem Zaun, so dicht bei der Straße, siehst du. Ja, wenn’s irgendwo dahinten wär‘, da lag nichts dran, – mir nicht und ihr nicht – so aber! Ja, sie nimmt’s ganz ungeheuer genau mit diesem Zaun, der muß ganz besonders vorsichtig gestrichen werden, – einer von hundert Jungen vielleicht, oder noch weniger, kann’s so machen, wie’s gemacht werden muß.«

»Nein, wirklich? Na, komm, Tom, laß mich’s probieren, nur ein ganz klein bißchen. Ich ließ dich auch dran, Tom, wenn ich’s zu tun hätte!«

»Ben, wahrhaftig, ich tät’s ja gern, aber Tante Polly – Jim hat’s tun wollen und Sid, aber die haben’s beide nicht gedurft. Siehst du nicht, wie ich in der Klemme stecke? Wenn du nun anstreichst und ’s passiert was und der Zaun ist verdorben, dann–«

»Ach, Unsinn, ich will’s schon rechtmachen. Na, gib her, – wart‘, du kriegst auch den Rest von meinem Apfel; ’s ist freilich nur noch der Butzen, aber etwas Fleisch sitzt doch noch drum.«

»Na, denn los! Nein, Ben, doch nicht, ich hab‘ Angst, du –«

»Da hast du noch ’nen ganzen Apfel dazu!« Tom gab nun den Pinsel ab. Widerstreben im Antlitz, Freude im Herzen. Und während der frühere Dampfer »Großer Missouri« im Schweiße seines Angesichts drauflos strich, saß der zurückgetretene Künstler auf einem Fäßchen im Schatten dicht dabei, baumelte mit den Beinen, verschlang seinen Apfel und brütete über dem Gedanken, wie er noch mehr Opfer in sein Netz zöge. An Material dazu war kein Mangel. Jungen kamen in Menge vorüber. Sie kamen, um zu spotten und blieben, um zu tünchen! Als Ben müde war, hatte Tom schon Kontrakt gemacht mit Billy Fischer, der ihm einen fast neuen, nur wenig geflickten Drachen bot. Dann trat Johnny Miller gegen eine tote Ratte ein, die an einer Schnur zum Hin- und Herschwingen befestigt war und so weiter und so weiter, Stunde um Stunde. Und als der Nachmittag zur Hälfte verstrichen, war aus Tom, dem mit Armut geschlagenen Jungen mit leeren Taschen und leeren Händen, ein im Reichtum förmlich schwelgender Glücklicher geworden. Er besaß außer den Dingen, die ich oben angeführt, noch zwölf Steinkugeln, eine freilich schon etwas stark beschädigte Mundharmonika, ein Stück blaues Glas, um die Welt dadurch zu betrachten, ein halbes Blasrohr, einen alten Schlüssel und nichts damit aufzuschließen, ein Stück Kreide, einen halb zerbrochenen Glasstöpsel von einer Wasserflasche, einen Bleisoldaten, ein Stück Seil, sechs Zündhütchen, ein junges Kätzchen mit nur einem Auge, einen alten messingnen Türgriff, ein Hundehalsband ohne Hund, eine Messerklinge, vier Orangenschalen und ein altes, wackeliges Stück Fensterrahmen, Dazu war er lustig und guter Dinge, brauchte sich gar nicht weiter anzustrengen die ganze Zeit über und hatte mehr Gesellschaft beinahe, als ihm lieb war. Der Zaun wurde nicht weniger als dreimal vollständig überpinselt, und wenn die Tünche im Eimer nicht ausgegangen wäre, hätte er zum Schluß noch jeden einzelnen Jungen des Dorfes bankrott gemacht.

Unserm Tom kam die Welt gar nicht mehr so traurig und öde vor. Ohne es zu wissen, hatte er ein tief in der menschlichen Natur wurzelndes Gesetz entdeckt, die Triebfeder zu vielen, vielen Handlungen. Um das Begehren eines Menschen, sei er nun erwachsen oder nicht, – das Alter macht in dem Fall keinen Unterschied – also, um eines Menschen Begehren nach irgend etwas zu erwecken, braucht man ihm nur das Erlangen dieses »etwas« schwierig erscheinen zu lassen. Wäre Tom ein gewiegter, ein großer Philosoph gewesen, wie zum Beispiel der Schreiber dieses Buches, er hatte daraus gelernt, wie der Begriff von Arbeit einfach darin besteht, daß man etwas tun muß, daß dagegen Vergnügen das ist, was man freiwillig tut. Er würde verstanden haben, warum künstliche Blumen machen oder in einer Tretmühle gehen »Arbeit« heißt, während Kegelschieben im Schweiße des Angesichts oder den Montblanc erklettern lediglich als Vergnügen gilt. Ja, ja, wer erklärt diese Widersprüche in der menschlichen Natur!

Zwanzigstes Kapitel.

Schulprüfungen. – Die Rache.

Zwanzigstes Kapitel.

Die großen Ferien rückten immer näher. Der Lehrer, ernst von Natur, wurde strenger und anspruchsvoller von Tag zu Tag, sollte doch seine Schule Ehre einlegen am verhängnisvollen, großen Tag der Prüfung. Seine Rute und sein Lineal kamen gar nicht mehr zur Ruhe, zum wenigsten bei den kleineren Schülern. Nur die großen Knaben und die jungen Damen von der Sonntagsschule entgingen einer Züchtigung. Und Herrn Dobsons Prügel waren was wert unter Brüdern, denn obgleich er unter seiner Perücke einen vollständig kahlen und glänzenden Schädel barg, so stand er doch noch im kräftigsten Mannesalter und die Stärke seiner Muskeln ließ nichts zu wünschen übrig. Als der große Tag näher und näher rückte, kam alle die Tyrannei, die in ihm schlummerte, ans Tageslicht. Mit grausamer Lust ahndete er die geringsten Versäumnisse und Fehler. Die Folge davon war, daß die Kinder ihre Tage in Schreck und Qual, ihre Nächte mit Schmieden finsterer Rachepläne verbrachten. Sie ließen sich keine Gelegenheit entgehen, dem Lehrer einen Streich zu spielen, der aber blieb immer Meister. Die Strafe, die jedem solchen kleinen Racheakt auf dem Fuße folgte, war so großartig, so niederschmetternd, daß die Jungen den Kampfplatz jedesmal vollständig »geschlagen« verließen. Zuletzt entstand eine Verschwörung und ein Plan wurde ausgeheckt, der den glänzendsten Sieg versprach. Die Verschwörer zogen den Sohn des Anstreichers ins Vertrauen, welcher Lehrling bei seinem Vater war, setzten ihm den Plan auseinander und baten um seine Hilfe. Der hatte nun wieder seine eigenen Gründe, sich dem Racheplan anzuschließen, denn der Lehrer wohnte im Hause des Anstreichers und hatte dem Jungen genügend Ursache zum gründlichsten Hasse gegeben. Die Frau des Lehrers wollte in den nächsten Tagen zu einem Besuche aufs Land gehen und so stand der Ausführung des Planes nichts im Wege. Der Lehrer pflegte sich zur würdigen Vorbereitung bei großen Gelegenheiten aus der Flasche nachhaltig Mut zuzusprechen, und der Anstreicherjunge versprach, am Prüfungsabend, wenn der Lehrer das nötige Studium des »Mutes« erreicht habe und in seinem Stuhle ein Stärkungsschläfchen halte, »die Sache schon besorgen zu wollen«. Knapp zur rechten Zeit wollte er ihn dann schleunigst wecken und in aller Eile zur Schule spedieren.

Als die Zeit erfüllet war, trat denn das große Ereignis ein. Um acht Uhr abends erstrahlte das Schulhaus im Glanz der Kerzen und im Schmuck der Gewinde aus Laub und Blumen. Majestätisch thronte der Lehrer auf seinem Katheder, die schwarze Tafel hinter sich. Auf Bänken zu beiden Seiten saßen die Eltern der Kinder und die Würdenträger der Stadt, vor dem Katheder dehnten sich die Reihen der Schüler, hier die Knaben, die dermaßen gewaschen und herausgeputzt waren, daß man ihnen das Unbehagen ansah; dort die Mädchen, in schneeweißem Musselin, sichtbar durchdrungen von dem erhebenden Bewußtsein, in bloßen Armen, blau und roten Bändern und mit Blumen im Haar zu glänzen. Den Hintergrund bildete »das Volk«.

Die Prüfung begann. Ein winzig kleiner Junge erhob sich und rezitierte mit einem Schafsgesicht:

»Kaum glaubt ihr, daß solch kleiner Wicht,
Wie ich, es wagt und zu euch spricht usw.«

wobei er seinen Vortrag mit den peinlich genauen, stoßweisen Bewegungen einer Maschine begleitete, noch dazu einer Maschine, die etwas aus der Ordnung geraten zu sein schien. Doch stolperte er sicher, wenn auch zu Tode geängstigt, bis zum Schluß hindurch, klappte den Oberkörper verbeugend nach unten, bekam einen wahren Beifallssturm von dem dankbaren Publikum und zog sich aufatmend zurück.

Ein kleines, verschüchtertes Mädchen lispelte ihr:

»Ein kleines Lämmchen, weiß wie Schnee,
Ging einstens auf die Weide,«

machte einen mitleiderregenden Knix, erhielt ihren Anteil an Applaus und setzte sich glühend rot und glückselig wieder hin.

Tom Sawyer trat nun vor, voll stolzer aber trügerischer Zuversicht, und begann mit donnerndem Pathos und verzückten Gebärden die berühmte Ode an die »Freiheit« zu deklamieren. Aber wehe! In der Mitte etwa angelangt, – verließ ihn just das Gedächtnis, das »Lampenfieber« ergriff ihn, seine Knie zitterten, er drohte zusammenzusinken oder zu ersticken. Wohl hatte er des Hauses Mitleid für sich, aber auch des Hauses Schweigen. Finster blickte der Lehrer, drohend zog er die Stirne in Falten; dies machte das Unheil vollständig. Tom stammelte, stotterte noch eine Weile, gab’s dann auf und zog sich zurück, jeder Zoll ein geschlagener Held! Ein schwacher Beifallsversuch, der sich erheben wollte, wurde im Keime erstickt.

Jetzt folgten:

»Auf brennendem Deck der Knabe stand.«

Dann:

»Hernieder kam einst Assurs Macht«

und andere dergleichen deklamatorische Kleinodien. Nun kamen Leseübungen und ein regelrechtes Kreuzfeuer in der Kunst des Buchstabierens. Die magere Lateinklasse bestand ihre Sache mit Ehren. Dann nahte der Hauptakt des ganzen Abends, – der Vortrag von selbstgefertigten Aufsätzen und Gedichten der »jungen Damen«. Der Reihe nach trat jede an den Rand der Estrade, räusperte sich, erhob ihr von einem zierlichen Band umschlungenes Manuskript und begann zu lesen mit dem nötigen Aufwand von Ausdruck und Gefühl. Die Themata waren dieselben, wie sie ihre Mütter, Großmütter und zweifellos alle weiblichen Vorfahren der Familie bis zurück zu den Kreuzzügen schon bearbeitet hatten: »Freundschaft« – »Erinnerungen früherer Tage« – »Die Religion in der Geschichte« – »Das Land der Träume« – »Die Vorteile der Kultur« – »Vergleiche und Verschiedenheiten der politischen Regierungsformen« – »Melancholie« – »Kindliche Liebe« – »Herzenswünsche« – usw. usw.

Die meisten dieser Ergüsse zeichneten sich durch eine starke Vorliebe für das Gefühlvolle aus. Die großartigste Verschwendung erhabener Ausdrücke und Redewendungen war ebenfalls ein gemeinsamer Zug, ebenso das gewaltsame Herbeiziehen allgemein bekannter und beliebter Phrasen und Zitate. Den Schluß bildete hier wie dort unweigerlich eine möglichst stark aufgetragene moralische Nutzanwendung. Einerlei, was der behandelte Gegenstand gewesen, mit kühnem Sprung lief das Ende ohne Unterschied in eine äußerst erbauliche Betrachtung aus, die sich nicht ohne Rührung anhören ließ und einen schmeichelhaften Rückschluß auf die Tugenden der schönen Mahnerin gestattete.

Der erste Aufsatz, der vorgetragen wurde, betitelte sich: » Dies also ist das Leben?« Vielleicht hat der Leser Geduld genug, einen Auszug hieraus anzuhören.

»Trunkenen Auges, mit wonnebebendem Herzen schaut der jugendliche Geist den zu erwartenden Freuden des Lebens entgegen. Geschäftig malt ihm die Einbildungskraft rosenfarbene Bilder der Wonne vor. Im Geiste sieht sich die jugendliche Schöne als »Dame von Welt«, inmitten des wogenden, festlichen Getriebes, scherzend, lachend, umkost, umworben, gefeiert »schauend und geschaut!« Ihre anmutige Gestalt gleitet in wehenden, weißen Gewändern auf den Wellen des wirbelnden Tanzes dahin, ihr Auge strahlt am hellsten, ihr Schritt ist der elastischste in der ganzen heiteren Gesellschaft. Unter solch gaukelnden, lockenden Phantasiegebilden schwindet schnell die Zeit und die ersehnte Stunde erscheint, die Stunde, welche Einlaß bringen soll in jene elysische Welt, die solche Wonneträume zu wecken vermag. Wie zauberisch erscheint dem geblendeten Auge alles und jedes! Jede neue Szene ist reizender, lockender als die vorhergegangene. Doch kurze Zeit nur währt der Rausch! Bald zeigt es sich, daß unter der glänzenden Außenseite Hohlheit sich birgt. Die Schmeichelei, die einst die Seele fesselte, verletzt nun das Ohr mit schrillem Klang, der Ballsaal verliert seine Reize. Mit zerrütteter Gesundheit, verbitterten Herzens wendet sich das »Kind der Welt« ab, die Überzeugung tief im Busen bergend, daß irdische Freuden das Verlangen der unsterblichen Seele nicht zu befriedigen imstande sind!«

Und so weiter.

Ein beifälliges Gemurmel unterbrach von Zeit zu Zeit den Vortrag. Ein: »wie schön!« »gut gesagt!« oder »wie wahr!« ließ sich deutlich unterscheiden, und nachdem das Ding mit einer besonders erhebenden Schlußbetrachtung geendet, wurde der Beifall ordentlich enthusiastisch.

Dann erhob sich ein schlankes, melancholisch aussehendes Mädchen, dessen Gesicht jene interessante Blässe zeigte, die von Pillen und schlechter Verdauung herrührt, und las ein »Gedicht« vor. Folgende Verse desselben mögen genügen:

Lebewohl einer Missouri-Maid an Alabama.

Leb‘ wohl, Alabama, dich liebe ich,
Und doch muß lassen, muß meiden ich dich.
Es naget die Trauer am Herzen mein,
In heißer Sehnsucht gedenk ich dein.

Wie hab ich die blum’gen Wälder durchstreift,
Längs den Ufern deiner Gewässer geschweift,
Dem Murmeln der Wellen träumend gelauscht
In Aurorens Strahl mich wonnig berauscht.

Nicht scheu verberg ich mein übervoll Herz,
Erröt nicht, zu zeigen den brennenden Schmerz.
Er gilt ja nicht Fremden im fernen Land,
Den Freunden, den Lieben nur, die ich gekannt.

Sie waren mein Trost mir, mein ganzes Glück;
Alabamas Täler ersehn ich zurück.
Ach, nun ich’s verloren, erkenn ich’s zu spät:
Dort wurzelt mein Leben, mein Herz – zu spät!

Zunächst erschien eine schwarzäugige und schwarzhaarige junge Dame auf dem Podium, machte eine wirkungsvolle Kunstpause, nahm eine tragische Haltung an und begann gemessenen, ausdrucksvollen Tones vorzulesen:

Eine Vision.

Dunkel und stürmisch war die Nacht. Am Himmelszelte oben flimmerte nicht ein einziger Stern, nur das dumpfe Dröhnen des Donners vibrierte beständig im geängstigt lauschenden Ohre, während grelle Blitze in entfesselter Wildheit die wolkigen Himmelskammern durchrasten und der Macht zu spotten schienen, die der große Franklin sich über sie angemaßt. Selbst die stürmischen Winde kamen einmütig hervor aus ihrer geheimnisvollen Hohle und schnaubten und tosten einher, als wollten sie durch ihre Gegenwart die tolle Szene noch toller machen. Zu eben solcher Stunde, gleich dunkel, gleich trostlos und entsetzensvoll, schrie einst mein ganzes Sein nach dem Balsam menschlichen Mitgefühls. Umsonst! Da plötzlich:

»Erschien sie, die mein Trost, mein Führer und mein Rat,
Mein Glück im Gram, mein All an meine Seite trat.«

Sie schwebte daher, wie eines jener glänzenden, anmutbeschwingten Wesen, mit denen Jugend und Romantik sich die sonnigen Fluren ihres Eden bevölkern, eine Königin der Schönheit, nur mit ihrer eignen, unvergleichlichen Lieblichkeit angetan und geschmückt. So leise war ihr Schritt, keinen Laut rief er hervor und nur der magische Wonneschauer, der mein ganzes Sein bei ihrer sanften Berührung durchrieselte, verriet mir ihre Gegenwart, sonst wäre sie entschwebt gleich andern, sich dem Auge nicht selbstbewußt aufdrängenden Schönheiten, unbemerkt und ungesucht. Gleich eisigen Tränen auf dem Gewande des Dezembers lag eine eigentümliche Traurigkeit auf den geliebten Zügen, als sie, ernst auf die draußen kämpfenden Elemente hinweisend, mich die beiden durch dieselben dargestellten Wesen betrachten hieß.

Dieser nächtliche Gespensterspuk füllte zehn Seiten des Manuskripts und endete in einer Predigt von solch niederschmetternder, hoffnungraubender Wirkung auf alle Nichtgläubigen, daß der Aufsatz den ersten Preis gewann und einstimmig für die beste Leistung des Abends erklärt wurde. Der Bürgermeister des Städtchens überreichte der glückstrahlenden Verfasserin in feierlicher Ansprache den Preis, indem er sagte, es sei bei weitem »das Beredteste, Pathetischste«, was er je gehört, ja daß der große Daniel Webster selber hätte stolz drauf sein dürfen.

Beiläufig mag noch bemerkt werden, daß die Zahl der Aufsätze, in denen das Wort »wunderbar« mit Vorliebe angewendet und der menschlichen Erfahrung als »einer Seite im Buche des Lebens« erwähnt wurde, den üblichen Durchschnitt erreichte.

Nun erhob sich der Lehrer, der durch den Erfolg des Abends so sanftmütig und weich geworden war, daß sein Wesen beinahe an Liebenswürdigkeit streifte, schob seinen Stuhl zurück, wandte dem Publikum den Rücken und begann auf der schwarzen Tafel eine Karte von Amerika zu entwerfen, um die Geographieübungen daran vornehmen zu können. Seine unstete Hand aber wollte ihm nicht parieren bei der Sache, ein unterdrücktes Gekicher lief durch das Haus. Er wußte, was es bedeutete und nahm alle Kraft zusammen, um sich mit Ehren herauszuziehen. Er fuhr mit dem Schwamm über die mißlungenen Linien und machte sich geduldig aufs neue dran, nur um sie mehr und mehr zu verrenken, und das Gekicher wurde immer deutlicher. Mit Macht und ganzer Aufmerksamkeit warf er sich nun auf sein Werk, entschlossen, sich durch die augenscheinliche Heiterkeit nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Er fühlte, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren; er glaubte nun endlich im richtigen Fahrwasser zu sein und doch dauerte das Gekicher fort, ja es nahm sogar noch zu. Und Grund genug dazu war vorhanden. Im oberen Stock befand sich eine Dachkammer, in deren Fußboden eine Klappe angebracht war, unter der just eben der Lehrer stand. Durch diese Klappe nun erschien eine Katze, die an einem um die Hinterbeine geschlungenen Seile hing und der man um Kopf und Maul einen dicken Lappen gewickelt hatte, um sie am Schreien zu hindern. Als sie so langsam niedersank, krümmte sie sich nach oben und versuchte sich mit den Pfoten am Seil festzuklammern, umsonst! Sie griff mit den Pfoten nur in die unfaßbare, haltlose Luft. Das Gekicher schwoll und schwoll. Die Katze war jetzt nur noch sechs Zoll von dem Haupte des ahnungslosen Lehrers entfernt. Sie sank tiefer und tiefer; noch eine Spanne und nun schlug sie die verzweifelten Krallen in die Perücke des schulmeisterlichen Hauptes, klammerte sich fest an dem willkommenen Halte und wurde im selben Moment zurückgezogen zur Klappe, die Siegestrophäe fest in den räuberischen Klauen! Des Schulmeisters kahler Schädel aber erstrahlte in ungeahnter, zauberischer Pracht, – der Sohn des Anstreichers hatte denselben vergoldet!

Dies bereitete der Festlichkeit ein jähes Ende. Die Jungen waren gerächt – die Ferien da!

*

Anmerkung. Die oben angeführten sog. »Aufsätze« sind ohne Veränderung einem Buche entnommen, das den Titel führt: »Prosa und Poesie von einer Dame des Westens.« Als genaue Studien nach dem bekannten »Schulmädchen-Muster« sind sie infolgedessen weit glücklichere Beispiele, als bloße Nachbildungen hätten sein können.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Ferien. – Eine Gerichtsverhandlung.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Tom fand, daß die ersehnten Ferien schon achte Tage nach dem Beginn sich in endloser, öder Weite vor ihm zu dehnen begannen. Er wußte kaum, was er mit sich anfangen sollte in dieser langen, langen Zeit. Becky Thatcher war mit ihren Eltern auf ihr Landgut gereist, um die Wochen der Freiheit dort zu verbringen, und hatte den letzten Lichtstrahl in dieser endlosen Nacht der Langeweile mit sich genommen. Ein paar Kindergesellschaften dienten nur dazu, die klaffende Lücke von Beckys Abwesenheit um so fühlbarer zu machen. Eine mitleidige Masernepidemie erbarmte sich der gelangweilten Jugend, bot aber in ihrem milden Charakter nicht einmal die Aussicht, daß man zur Abwechslung hier und da um das gefährdete Leben irgendeines Kameraden zittern konnte. Auch sie verlief langweilig und eintönig wie alles andere.

Endlich kam Leben in die schläfrige Atmosphäre. Der Mordprozeß kam vor Gericht und wurde sofort zum Thema jeglichen Stadtgespräches. Er benahm Tom alle Ruhe. Jede neue Erwähnung der Mordtat sandte ihm einen Schauder zum Herzen. Sein böses Gewissen und seine Angst ließen ihn in jeder darauf bezüglichen Bemerkung einen »Fühler« wittern, den man ausgestreckt, um ihn zu sondieren. Freilich erschien es ihm bei näherer Überlegung gar nicht möglich, daß man in ihm einen Mitwisser der Tat vermuten könne, gleichwohl war ihm nicht wohl bei der Sache; fortwährend überlief es ihn, bald heiß, bald kalt. An einsamem Ort nahm er Huck beiseite, um sich mit diesem zu besprechen. Welche Erleichterung mußte es gewähren, das Siegel auf den Lippen nur für eine kleine Weile zu lösen, die Hälfte der Bürde auf die Schultern eines Mitfühlenden, eines Leidensgefährten zu wälzen. Außerdem lag Tom daran, sich Gewißheit über Hucks unverbrüchliches Schweigen zu verschaffen.

»Huck, hast du jemals irgendeinem Menschen davon erzählt?«

»Von was?«

»Du weißt schon selber.«

»Ach so! Na, natürlich nicht.«

»Kein Wort?«

»Nicht ein einziges Wörtchen, nee, weiß Gott! Was fragst?«

»Na ich – ich hatte Angst.«

»Weißt’s ja doch selber, Tom Sawyer, wir zwei wären kalt nach drei Tagen, wenn das heraus käme!«

Tom fühlte sich etwas beruhigter. Nach einer Pause:

»Huck, gelt, ’s kann dich keiner zwingen, was zu sagen, oder?«

»Mich zwingen! Na, wenn ich Lust hätte, daß mich der Indianerhund ersäufte, ja, dann wär’s möglich, daß ich’s sage – sonst nicht!«

»Na, dann ist’s gut! Ich denk, wir sind sicher, so lang wir reinen Mund halten. Laß uns aber noch mal schwören. Ich mein, ’s ist sicherer!«

»Meinethalben.«

Und wieder schwuren die Jungen einen grausig feierlichen Eid.

»Worüber schwatzen sie gerade hauptsächlich in der Stadt, Huck? Ich hab alles durcheinander gehört!«

»Schwatzen? Ei, Muff Potter, Muff Potter und nichts als Muff Potter, immer und ewig. Mir treibt’s den kalten Schweiß aus, wenn ich nur den Namen höre. Am liebsten steckt ich mir Baumwolle in die Löffel!«

»Gerad so geht’s bei mir, gerad so! Ich glaub, der ist verloren. Dauert er dich nicht auch manchmal?«

»Ei immer, beinahe immerzu. Viel wert ist er ja nicht, aber er hat doch keinem was zuleid getan. Stibitzt wohl mal ’nen Fisch, um Geld für Schnaps zu kriegen und sich zu besaufen, und bummelt den ganzen Tag herum, aber – Herr Gott, – das tut ja jeder – wenigstens beinah jeder. Aber er ist doch ein guter Kerl. Einmal hat er mir ’nen halben Fisch gegeben und sich selber an der anderen Hälfte hungrig gegessen, und oft und oft hat er mir geholfen, wenn ich irgendwo in der Patsche saß.«

»Und mir hat er Drachen geflickt, Huck, und Angelhaken an der Leine festgemacht. Weiß Gott, ich wollt, wir könnten ihn freimachen! Ich gäb was drum!«

»Du lieber Himmel, das würde doch nicht viel helfen, Tom, den hätten sie gleich wieder fest!«

»Das ist ja wahr, aber ich kann’s gar nicht mit anhören, wenn sie so über ihn losziehen, als wär er der leibhaftige Gottseibeiuns, und er’s doch gar nicht getan hat.«

»So geht’s mir grad, Tom, Herrgott, da schwatzen sie daher, als sei er der blutdürstigste Hund im Land und nur aus Versehen nicht schon längst irgendwo aufgeknüpft.«

»Ja, weiß Gott, ich hab sogar gehört, wie einer sagte, wenn sie den freiließen, dann sollte er sofort gelyncht werden. Oh, du meine Güte!«

»Und das täten sie auch, so wahr ich hier steh!«

Lange noch schwatzten die Jungen so zusammen, aber Trost brachte es ihnen nicht. Mittlerweile brach die Dämmerung ein und sie befanden sich plötzlich vor dem kleinen, einsamen Gefängnis, in der uneingestandenen Hoffnung, ein gütiges Geschick könne irgendeine Wendung zum Bessern herbeiführen, wodurch sie von ihrer Qual befreit würden. Es geschah aber nichts. Die Engel und alle guten Geister schienen ihre Hände von dem unglücklichen Gefangenen abgezogen zu haben.

Wie oftmals zuvor schon traten die Jungen zu dem kleinen Gitter heran und reichten Potter Tabak und Feuerzeug hindurch. Der lag am Boden und Wächter waren keine da.

Seine rührende Dankbarkeit hatte ihnen zuvor schon tief ins Herz geschnitten und tat’s diesmal mehr als je. Als feige, elende Verräter der schlimmsten Art aber fühlten sie sich, wie Potter sagte:

»Ihr seid ungeheuer gut gewesen gegen mich, Jungens, – besser als irgendwer in der Stadt, Und ich gedenk’s euch, weiß Gott, ich tu’s. Oft sag ich zu mir selber: Hast doch all deiner Lebtag den Jungen nur Gutes getan, hast den Schlingeln die Drachen geflickt und die besten Fischplätze gewiesen, aber nee, Dankbarkeit gibt’s nicht, alle haben den alten Muff vergessen, der jetzt so tief in der Tinte sitzt, alle – nur der Tom nicht und der Huck nicht, die haben ihn nicht vergessen, sag ich, und der alte Muff, der vergißt sie auch nicht. Seht, Jungens, ich hab ja was Furchtbares getan, so betrunken und verrückt wie ich war, nur so kann ich’s mir erklären, jetzt soll ich baumeln dafür und geschieht mir schon recht. Es geschieht mir recht, sag ich, und ’s wird wohl auch das beste für mich sein, glaub ich. Na, wollen’s gut sein lassen, nicht weiter davon schwatzen. Möcht nicht, daß euch schwer ums Herz wird, weil ihr so gut gegen mich gewesen seid. Was ich nur sagen wollt, Jungens, betrinkt euch nie, wenn ihr groß seid, dann müßt ihr auch niemals hier sitzen in dem schrecklichen Loch. Wie, stellt euch doch mal ’n bißchen so her, ’s ist ein Gottestrost, freundliche Gesichter zu sehen, wenn man so in der Patsche sitzt, und ich seh weiter keine als euere. Gute, freundliche Gesichter – gute, lieber Gesichter! Stellt euch doch mal so, steig mal einer auf den anderen, daß ich euch auch berühren kann, – so! So ist’s recht! Nun gebt mir die Hände, so, eure kleinen Pfoten können ja durchs Gitter durch, meine Tatzen sind zu breit dazu. Kleine Hände – kleine, schwache Hände, haben dem alten Muff Potter ’ne Masse Gutes getan und würden’s noch mehr tun, wenn sie könnten, gelt, Jungens? So, und nun trollt euch, sonst wird der alte Muff weich wie ein Waschlappen und das taugt nichts.«

Tom schlich sich elend und zerschlagen nach Hause und seine nächtlichen Träume waren aller Schrecken voll. Am folgenden Tag und den Tag darnach trieb er sich um den Gerichtssaal herum. Es zog ihn fast unwiderstehlich hinein, und er mußte sich mit aller Macht bezwingen, draußen zu bleiben. Huck ging es geradeso. Sie mieden einander nun geflissentlich. Sie liefen von Zeit zu Zeit hinweg, um sich alsbald von derselben unheimlichen Anziehungskraft zurückgetrieben zu sehen. Tom spitzte die Ohren, sobald eine Gruppe Neugieriger den Saal verließ, hörte aber nur Schlimmes und Schlimmeres, die Kette der Beweise schloß sich von Minute zu Minute eherner und unerbittlicher um den armen Potter. Am Schluß der zweiten Tagessitzung hieß es, daß des Indianer-Joe Aussage fest und unerschütterlich gleich einer Mauer stünde, und darüber, wie das Verdikt der Geschworenen ausfiele, könne kaum noch ein Zweifel bestehen.

An diesem Abend trieb sich Tom noch sehr spät draußen herum, kam durchs Fenster heim und befand sich in einem Zustand furchtbarster Aufregung. Stundenlang wälzte er sich auf seinem Lager, ehe er einschlafen konnte.

Des anderen Morgens strömte die ganze Stadt dem Gerichtssaal zu, denn heute war ja der große Tag, an dem die Entscheidung fallen sollte. Beide Geschlechter waren gleich zahlreich vertreten unter der dicht gedrängten Zuhörerschaft. Nach langer Pause des Wartens traten die Geschworenen in den Saal und nahmen ihre Plätze ein. Kurz darnach brachte man Potter herein, bleich, hohlwangig, in Ketten. Verschüchtert und hoffnungslos saß er da, während all die neugierigen Augen ihn erbarmungslos anstarrten. Ebenso fiel der Indianer-Joe auf, der stumpfsinnig dreinstierte, wie gewöhnlich. Eine neue Pause folgte, dann erschien der Richter, und der Scherif verkündete den Beginn der Verhandlung. Das übliche Köpfezusammenstecken und Geflüster der Advokaten und das Rascheln und Zurechtkramen der Papiere folgte. Alles dies, in Verbindung mit den daraus entstehenden Verzögerungen, bildete eine ebenso eindrucksvolle als unheimliche Einleitung zu dem folgenden Drama.

Nunmehr wurde ein Zeuge aufgerufen, welcher aussagte, daß er Muff Potter in frühester Morgenstunde des Tages, der die Entdeckung der Mordtat brachte, gesehen habe, wie sich derselbe am Bache wusch und sich sofort heimlich davonschlich, als er sich beobachtet sah. Nach einigen weiteren Fragen überwies der Staatsanwalt den Zeugen der beklagten Partei: »Der Herr Verteidiger hat das Wort.«

Für einen Moment erhob der Angeklagte die Augen, senkte sie aber sofort nieder, als sein Verteidiger sagte:

»Ich verzichte darauf.«

Der nächste Zeuge beschwor, daß man das Messer in der Nähe der Leiche gefunden. Wieder wies der Staatsanwalt den Zeugen dem Verteidiger zu, und abermals verzichtete dieser auf jede Frage.

Ein dritter Zeuge gab an, das Messer in dem Besitz Potters gesehen zu haben. Der Staatsanwalt überweist denselben zum drittenmal an den Verteidiger:

»Der Herr Verteidiger hat das Wort.«

Und zum drittenmal erwiderte dieser ruhig und kalt:

»Ich verzichte!«

Eine leise Unruhe begann sich im Publikum bemerkbar zu machen. Wollte dieser Verteidiger denn das Leben seines Klienten ohne jeglichen Versuch zur Rettung preisgeben?

Mehrere Zeugen sagten aus, wie sich Potter unverkennbar schuldbewußt benommen, da man ihn zum Schauplatz der Tat gebracht. Auch sie konnten den Zeugenstand ohne weiteres Kreuzverhör verlassen.

Jede Einzelheit der äußerst gravierenden Vorfälle, die an jenem denkwürdigen Morgen auf dem Friedhofe stattgefunden und deren sich jeder Anwesende erinnerte, wurde von glaubwürdigen Zeugen erhärtet, nicht einen dieser Zeugen aber unterwarf Potters Verteidiger auch nur dem kleinsten Verhör. Die Verblüffung und Unzufriedenheit des Publikums hierüber gab sich in lautem Murren kund, was von seiten des Vorsitzenden einen Tadel und einen Verweis zur Folge hatte. Jetzt nahm der Staatsanwalt das Wort:

»Durch den Eid ehrenwerter Männer erhärtet, deren einfaches Wort über jeden Verdacht erhaben ist, sehen wir uns gezwungen, das Verbrechen, um das es sich hier handelt, dem unglücklichen Beklagten zur Last zu legen. Wir halten den Fall hiermit für erwiesen.«

Ein Stöhnen entrang sich des armen Potters gequälter Brust, er schlug die Hände vors Gesicht und wiegte den Oberkörper hin und her, im Übermaß des Schmerzes. Tiefes, lautloses, peinliches Schweigen herrschte im Hause. Manch hartes Mannesherz war bewegt, und der Frauen Mitleid bezeugte sich in Strömen von Tränen. Endlich ergriff der Verteidiger das Wort:

»Meine Herren Richter und Geschworenen, – Bei Beginn dieser Verhandlung gaben wir unsere Absicht kund, zugunsten unseres Klienten geltend zu machen, daß er die furchtbare Tat in dem Zustand eines durch Übermaß geistiger Getränke herbeigeführten sinnlosen Deliriums beging, ein Zustand, der an sich schon jede Verantwortung ausschließen sollte. Wir haben diese Absicht aufgegeben, wir werden uns hierauf nicht weiter berufen.«

Sich zum Gerichtsdiener wendend rief er dann:

»Man führe Thomas Sawyer vor!«

Verwundertes Staunen zeigte sich auf jedem Antlitz, dasjenige Potters nicht ausgenommen. Jedes Auge haftete in steigendem Interesse an Tom, als dieser sich nun erhob und dem Zeugenstand zuschritt. Verwirrt genug sah der Knabe aus und war dabei augenscheinlich in höchster Angst. Das Verhör begann:

»Thomas Sawyer, wo befanden Sie sich am siebzehnten Juni, um die Mitternachtsstunde?«

Tom streifte flüchtig mit seinem Blick die eiserne Stirn des Indianer-Joe, und die Zunge versagte ihm den Dienst. Atemlos lauschte die Menge, die Worte wollten nicht kommen. Nach ein paar Augenblicken jedoch raffte sich der Junge zusammen, es gelang ihm, Gewalt über seine Stimme zu bekommen, soweit wenigstens, daß er einem Teil des Hauses verständlich wurde:

»Auf dem Friedhofe.« »Ein wenig lauter, bitte. Nur keine Angst! Sie waren also –«

»Auf dem Friedhofe.«

Ein verächtliches Lächeln zuckte über das Gesicht des Indianer-Joe.

»Befanden Sie sich irgendwo in der Nähe vom Grabe des alten William?«

»Ja, Herr Anwalt.«

»Könnten Sie nicht ein klein wenig lauter reden? Wie nahe ungefähr waren Sie wohl?«

»So nahe, wie ich hier bei Ihnen stehe.«

»Hielten Sie sich versteckt oder nicht?«

»Ich war versteckt.«

»Wo?«

»Hinter den Ulmen, die dort dicht beim Grabe stehen.«

Der Indianer-Joe fuhr fast unmerklich zusammen.

»War noch sonst jemand mit Ihnen?«

»Ja, ich war dorthin gegangen mit –«

»Halt, einen Augenblick. Wir wollen den Namen noch nicht hören, darauf kommen wir später zurück. Hatten Sie etwas mitgebracht?«

Tom zögerte und sah verwirrt vor sich nieder.

»Heraus damit, mein Junge, nur nicht ängstlich. Die Wahrheit zu reden ist immer ehrenhaft. Also, was hattest du bei dir?«

Unbewußt war der Frager von dem förmlichen Ton eines öffentlichen Inquirenten in den aufmunternden, väterlichen verfallen, der unserem Helden gegenüber weit mehr am Platze war, Dadurch ermutigt, stammelte dieser zögernd:

»Nur – nur – nur ’ne tote Katze!«

Ein leises Gekicher ließ sich vernehmen, dem sofort Einhalt geboten wurde.

»Wir werden uns späterhin erlauben, das betreffende Gerippe den Herren Geschworenen als Beweis vorzulegen. Und jetzt, mein Sohn, erzähl du mir alles, was du gesehen hast, erzähl’s ganz schön auf deine Art, verbirg uns nichts, vergiß nichts und vor allem fürcht dich nicht.«

Tom begann – stotternd, zögernd im Anfang, da er sich aber mit seinem Thema erwärmte, flossen ihm die Worte leichter und leichter. Nach ein paar Momenten erstarb jedes andere Geräusch im ganzen weiten Saale, nur der Laut der klaren, hellen Knabenstimme war hörbar. Jedes Auge war auf den Jungen gerichtet, offenen Mundes, mit verhaltenem Atem folgte man seinen Worten, Richter, Geschworene, Publikum schienen der Welt entrückt, so gefesselt waren sie von der drastischen Schilderung der grausigen Tat. Die atemlose Erregung der Versammlung hatte ihren Höhepunkt erreicht, als der Junge sagte: »Und wie der Doktor mit dem Brett auf den Muff Potter einhieb und der umfiel, da sprang der Indianer-Joe mit dem Messer auf und –«

Krach! Rasch wie der Blitz war der Indianer-Joe mit einem Sprung emporgeschnellt, dem Fenster zugestürzt, die ihm im Weg Stehenden zur Seite schleudernd, und ehe man zur Besinnung kam, hatte er sich hindurchgeschwungen und – war verschwunden!

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Entzücken und Grauen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wiederum war Tom zum strahlenden Helden der Stadt geworden, – ein Liebling der Alten, der Neid der Jugend. Sein Name wurde sogar durch den Druck unsterblich gemacht, das Blättchen der Stadt erging sich in vielen Lobpreisungen seiner Heldentat. Einige seiner Mitbürger dachten allen Ernstes daran, daß er Aussicht haben könne, einstmals Präsident zu werden – d.h., wenn er nicht zuvor gehenkt würde.

Wie gewöhnlich schloß die unbeständige, gedankenlose Welt Muff Potter jetzt an ihr Herz, schmeichelte ihm und hätschelte ihn so ausgiebig, wie sie ihn zuvor beschimpft hatte. Da ihr dies Verfahren im Grund aber zur Ehre gereicht, wollen wir’s nicht weiter tadeln.

Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Entzückens, seine Nächte dagegen Zeiten des Grauens. Der Indianer-Joe spukte in all seinen Träumen, Tod und Vernichtung standen ihm im Gesichte geschrieben. Keine Versuchung, noch so groß, gab es nun, die den Jungen hätte bewegen können, nach Einbruch der Nacht sich hinauszuwagen. Der arme Huck befand sich ganz im selben Zustand des Schreckens und Entsetzens, denn Tom hatte am Abend vor der letzten Gerichtsverhandlung dem Verteidiger von Muff Potter die ganze Sache haarklein gebeichtet und Huck zitterte davor, daß sein Anteil an der Geschichte doch noch ruchbar werden könnte, trotzdem ihm des Indianer-Joe Flucht die Qual eines öffentlichen Erscheinens vor Gericht erspart hatte. Der arme Bursche hatte freilich den Herrn Verteidiger beschworen, reinen Mund zu halten, und dieser hatte es ihm auch versprochen; aber welche Sicherheit bot ihm das? Seit die Gewissensqual Tom dazu getrieben, dem Verteidiger bei Nacht und Nebel jenes grause Geheimnis zu enthüllen, das ihm mit schauerlichen, unheimlichen Eiden für ewig auf die Lippen gesiegelt schien, war Hucks Vertrauen in das menschliche Geschlecht erschüttert, ja vernichtet. Alltäglich erfüllten Muff Potters rührende Dankesbeweise Tom mit Freude und Stolz, daß er geredet, und allnächtlich wünschte er inständig, das Geheimnis bewahrt zu haben. Einmal fürchtete Tom, man möchte den Indianer-Joe niemals erwischen, dann wieder entsetzte ihn der Gedanke, daß man ihn doch später finden könne. Er fühlte mit Bestimmtheit, daß er keinen ruhigen Atemzug mehr tun könne, ehe dieser Mensch nicht tot sei und er seine Leiche gesehen habe.

Belohnungen waren ausgesetzt, die ganze Gegend durchsucht worden, aber kein Indianer-Joe wurde gefunden. Man hatte eines jener allwissenden, scheue Ehrfurcht einflößenden Wunderwesen, einen Detektiv aus St. Louis, verschrieben. Der schnüffelte umher, schüttelte sein weises Haupt, sah geheimnisvoll aus, und hatte denselben erstaunlichen Erfolg, den die meisten Angehörigen seines Berufes erringen, das heißt, er entdeckte, wie er sagte, »den Schlüssel zum Rätsel«. Da man aber besagten Schlüssel nicht des Mordes verklagen und henken konnte, fühlte sich Tom, nachdem der weise Mann gegangen, ebenso unsicher als zuvor.

Die Tage schleppten sich langsam dahin, zum Glück aber nahm ein jeder neue Tag ein klein wenig von der Seelenangst mit sich hinweg, die auf dem armen Knaben lastete.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Die Schatzgräber

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Es naht einmal eine Zeit in dem Leben eines jeden Jungen von echtem Schrot und Korn, wo er ein rasendes Verlangen empfindet, nach verborgenen Schätzen zu graben. Dies Verlangen nun überfiel eines Tages unseren Tom mit Allgewalt. Er wollte sich gleich mit Joe Harper in Verbindung setzen; dieser war jedoch nicht zu finden. Dann schaute er sich nach Ben Rogers um, und der war fischen gegangen. Zufällig stieß er auf Huck Finn, den »Rothändigen«, und in Ermangelung der anderen war ihm dieser auch recht. Tom zog ihn beiseite an einen geheimen Ort und teilte ihm im Vertrauen den Plan mit. Huck war einverstanden. Huck war immer bereit, die Hand zu irgendeinem Unternehmen zu bieten, welches Vergnügen versprach und kein Kapital erforderte, denn er hatte einen Überfluß von der Zeit, die kein Geld ist.

»Wo sollen wir graben?« fragte Huck.

»Na, so ’n bißchen überall.«

»Was? Gibt’s denn überall ’nen Schatz?«

»Wie du nur so fragen magst! Die sind immer nur an ganz besonderen Plätzen. Mal auf ’ner Insel, dann in ’ner alten verfaulten Kiste, die unter einem alten vermoderten Baumstamm verscharrt ist, grad da, wo der Schatten um Mitternacht hinfällt; gewöhnlich aber steckt der Schatz unterm Boden eines Hauses, in dem’s spukt.«

»Wer steckt ’n denn da hin?«

»Wer? Ei Räuber natürlich, wer denn sonst? Etwa ’n Vikar, der die Sonntagsschule hält, was?«

»Was weiß ich? Das weiß ich aber gewiß, ich würd den Schatz nicht irgendwo vergraben, wenn er mein wär, sondern nehmen und ausgeben und lustig damit leben.«

»Ich auch. Räuber aber machen’s anders, die vergraben ihn immer und lassen ihn liegen.«

»Und gucken gar nie mal darnach?«

»Nee. Sie wollen wohl, aber dann haben sie die Zeichen vergessen, oder sterben gewöhnlich. Na, auf jeden Fall liegt der Schatz da ’ne Ewigkeit und wird rostig. Und dann nach einiger Zeit entdeckt mal einer ein altes, gelbes Papier, auf dem steht, wie man die Zeichen finden kann, ein Papier, an dem man ’ne Woche lang und länger ‚rumbuchstabieren und entziffern muß, denn ’s steht nichts weiter drauf, als geheimnisvolle Krakelfüße und Hieroglyphen.«

»Hiero – was?«

»Hieroglyphen – Bilder und Gekritzel und solches Zeug, von dem man meint, es habe gar keinen Sinn.«

»Hast du denn so ’n Papier, Tom?«

»Nee.«

»Na, und wo willst du denn da die Zeichen finden?«

»Zeichen? Ich brauch keine Zeichen. Ich weiß ja genau, daß der Schatz immer unter ’nem Spukhaus, oder auf ’ner Insel, oder unter ’nem alten toten Baum liegt, der noch einen abgestorbenen Ast in die Höhe streckt. Na, wir haben ja die Jacksoninsel schon mal ’n bißchen abgesucht, dort können wir’s noch mal probieren. Dann haben wir ja das alte, verfallene Spuknest, droben am Stillhausbach, und Haufen von alten abgestorbenen Bäumen überall, – Haufen, sag ich dir!«

»Na, und unter allen liegt einer vergraben?«

»Unsinn! Du fragst wie du’s verstehst. Natürlich nicht.«

»Wie willst du dann aber wissen, welches der rechte ist?«

»Ei, wir probieren’s eben überall.«

»Herrgott, Tom, da geht ja der ganze Sommer drauf.«

»Das wohl! Gelt, wenn du dann aber ’nen alten Topf mit hundert blitzeblanken Dollars drin kriegst, oder ’ne Kiste voll Diamanten, dann wärst du nicht böse?«

Hucks Augen glühten.

»Das – das wär ’n Fressen für mich; das Geld genügte mir, die Diamanten ließ ich dir!«

»Schon recht. Ich werf sie nicht weg, sag ich dir, Dummkopf! Ei, einer davon ist oft mehr wert, als zwanzig Dollars, ’s gibt keinen, der nicht zum wenigsten sechzig, siebzig Cents oder ’nen Dollar gilt.«

»Nee! Wahrhaftig?«

»Na, das kann dir ’n Wickelkind sagen! Hast du denn nie mal einen gesehen, Huck?«

»Nee. Nicht daß ich wüßte!«

»O, Könige haben ganze Haufen davon.«

»Na, ich kenn aber keine Könige, Tom.«

»Glaub’s wohl! Nee, wenn du mal nach Europa gingst, könntst du sie in Scharen ‚rumhopsen sehen.«

»Hopsen die denn?«

»Hopsen? – Bist wohl verrückt? Nein, hopsen tun sie nicht.«

»Na, was sagst du’s denn?«

»Däsbartel! Ich wollt ja nur sagen, dann könntst du sie sehen, – nicht hopsen, natürlich, – weshalb sollten sie denn hopsen? Ich meinte nur, so im allgemeinen würdest du ’ne Menge davon sehen, überall ‚rum. Zum Beispiel den alten, buckligen Richard.«

»Richard – wie heißt er weiter?«

»Ei, Richard bloß, hat keinen anderen Namen. Könige haben nur einen Rufnamen.«

»Wahrhaftig?«

»Weiß Gott, sie haben nur einen.«

»Na, wenn’s ihnen recht ist, Tom, mir kann’s eins sein. Ich möcht aber kein König sein und nur so einen lumpigen Namen haben, grad wie ’n elender Nigger. Aber sag mal, wo wollen wir denn zuerst graben?«

»Weiß selber nicht. Wie wär’s, wenn wir uns mal zuerst an den alten Baum machten, da drüben auf dem Hügel überm Stillhausbach?«

»Mir recht!«

So verschafften sie sich denn eine alte, ausgediente Hacke und Schaufel und machten sich auf ihren Marsch von drei Meilen. Heiß und außer Atem kamen sie an und warfen sich zum Ausruhen in den Schatten einer benachbarten Ulme, holten ihre Pfeifen hervor und dampften wacker darauf los.

»So mag ich’s«, sagte Tom.

»Ich auch.«

»Sag mal, Huck, wenn wir hier ’nen Schatz finden, was willst du dann mit deinem Teil anfangen?«

»Ich? Ei, ich eß jeden Tag Kuchen und Pasteten, und trink Wein und Sodawasser dazu. Und dann geh ich in jeden Zirkus, der kommt und – na, ich will mir schon ein vergnügtes Leben machen!«

»Und sparen willst du dir gar nichts?«

»Sparen? Zu was?«

»Ei, um später was zum Leben zu haben.«

»Würd mir nichts helfen, Tom. Mein Alter kommt gewiß mal wieder zum Vorschein, und wenn ich’s nicht vorher tät, hätt‘ der bald genug mit allem aufgeräumt, darauf wett ich. Was willst du denn mit deinem Teil anfangen, Tom?«

»Ich? ich kauf mir erst mal eine neue Trommel und ein richtiges Schwert und eine rote Krawatte und ’ne junge Bulldogge und dann – dann verheirat ich mich.«

»Verheiratst dich?«

»Jawohl.«

»Tom, du – bist wohl übergeschnappt?«

»Wart nur – dann sollst du’s erleben.«

»Na, Tom, das ist einfach das Dümmste, was du tun kannst. Nimm nur mal meinen Alten und meine Mutter an. Nichts als Keilerei! Die haben immerzu aufeinander losgedroschen, das weiß ich noch ganz gut.«

»Das will gar nichts sagen. Das Mädchen, das ich heirat, prügelt sich nicht herum.«

»Tom, glaub’s nicht, die sind alle gleich. Das Zuhauen versteht ’ne jede. Überleg dir’s noch ein Weilchen, sag ich dir – überleg dir’s. Wie heißt denn das Mädel?«

»’s ist kein Mädel – es ist ein Mädchen.«

»Na, das kommt auf eins heraus. Mädel oder Mädchen, ’s ist ganz dasselbe, gehupft wie gesprungen! Na also, wie heißt sie, Tom?«

»Will dir’s vielleicht später mal sagen. Jetzt nicht.«

»Mir auch recht. Nun werd ich, wenn du dich verheiratst, noch viel alleiner sein als je.«

»Nein, das sollst du nicht. Du kommst und wohnst bei mir. Na, jetzt laß uns aber vorwärts machen und an die Arbeit gehen.«

Eine halbe Stunde lang gruben und schwitzten sie. Kein Erfolg. Noch eine halbe Stunde der Mühe und des Schweißes. Derselbe Erfolg. Jetzt sagte Huck:

»Liegt so ’n Schatz immer so tief drunten?«

»Manchmal, – nicht immer. Gewöhnlich nicht. Wir haben eben vermutlich nicht den richt’gen Platz getroffen.«

Sie wählten eine andere Stelle und fingen von neuem an. Etwas weniger rasch als im Anfang ging die Arbeit vonstatten, doch machten sie Fortschritte. Stillschweigend mühten sie sich eine Weile ab. Schließlich stützte sich Huck auf seine Schaufel, wischte sich mit seinem Ärmel die Schweißtropfen von der Stirn und fragte:

»Wo gehen wir nachher hin, wenn wir hier fertig sind?«

»Ei, an den alten Baum, denk ich, der dort auf dem Cardiffhügel hinter dem Haus der Witwe Douglas steht.«

»Einverstanden! Wird uns aber die Witwe den Schatz nicht wegnehmen? Der Baum steht doch auf ihrem Boden.«

» Die uns wegnehmen? Sollt’s mal probieren! Wer so ’nen Schatz findet, dem gehört er auch. ’s kommt gar nicht drauf an, wo er gefunden wird.«

Das lautete beruhigend. Die Arbeit schritt vor. Endlich sagte Huck:

»Hol’s der Geier! ’s muß wieder der falsche Platz sein. Was meinst du?«

»Sonderbar ist’s, Huck, ich versteh’s nicht recht. Manchmal steckt Hexerei dahinter. Vielleicht ist’s jetzt auch hier so.«

»Dummes Zeug! Hexen haben am Tag keine Macht.«

»Wahr ist’s, daran hab ich nicht gedacht. Ach, jetzt weiß ich, was schuld ist! Was wir für einfältige Narren sind! Man muß ja doch erst wissen, wo der Schatten des Baumes um Mitternacht hinfällt, und da liegt der Schatz.«

»Na, dann hol’s der Teufel! Dann ist ja die ganze Graberei umsonst gewesen. Hol’s der Henker, alles mit’nander, müssen also in der Nacht den scheußlich weiten Weg noch einmal machen! Kannst du loskommen?«

»Freilich kann ich. Heut nacht muß es jedenfalls sein, denn wenn einer kommt und sieht die Wühlerei und die Löcher, dann weiß er gleich, was los ist, macht sich selber dahinter und schnappt uns am Ende die Bescherung vor der Nase weg.«

»Gut also. Ich werd diese Nacht kommen und miauen.«

»Schön. Komm her, wir verstecken unsere Hacke und Schaufel im Gebüsch.«

Zur festgesetzten Zeit waren denn auch die Jungen in der Nacht an Ort und Stelle. Wartend saßen sie im Schatten. Es war ein einsamer Ort und eine von alters her feierliche Stunde. Geister flüsterten im raschelnden Laube, Gespenster lauerten in dunkeln Ecken und Winkeln, das dumpfe, tiefe Gebell eines Hundes erscholl aus der Ferne, dem eine Eule mit hohler Grabesstimme antwortete. Diese ahnungsvolle Feierlichkeit der Stunde lastete auf den beiden Jungen, sie sprachen wenig. Nach einer Weile, als sie dachten, nun müsse Mitternacht da sein, machten sie einen Strich, wo der Mondschein den Schatten des Baumes hinwarf, und begannen zu graben, Ihre Hoffnungen stiegen. Das Interesse wuchs und der Fleiß hielt ehrlich Schritt, Das Loch wurde tiefer und tiefer, aber jedesmal, wenn sie die Hacke auf etwas Festes aufklingen hörten, und ihnen das Herz voll freudiger Hoffnung laut klopfte, war’s nichts als erneute Enttäuschung. Ein Stein war’s gewesen, oder ein alter Holzknüppel! Endlich sagte Tom:

»Es nutzt nichts, Huck, ’s ist wieder der falsche Platz.«

»’s kann nicht sein, Tom, wir haben ja den Schatten aufs Haar abgezirkelt.«

»Weiß ich. Aber da ist noch was anderes.«

»Was denn?«

»Ja sieh. Wir haben doch die Zeit nur so ungefähr erraten. Am Ende war’s zu spät oder zu früh.«

Huck ließ die Schaufel sinken.

»Das ist’s, weiß Gott!« sagte er, »Da liegt der Hund begraben! Ich meine, wir lassen die Sache bleiben. Wie sollen wir je die richtige Zeit herausfinden, und außerdem – ’s ist so gruselig hier um die Zeit in der Nacht mit all den Geistern und Gespenstern, die nur so in der Luft herumflattern. Ich mein‘ immerzu, ’s stünd einer hinter mir, aber ich fürcht mich, herumzuschauen, weil ja auch einer vor mir sein könnt, der nur auf die Gelegenheit wartet, bis ich den Kopf dreh. Seit ich hier bin, läuft’s mir fortwährend eiskalt über den Rücken!«

»Mir geht’s beinah ebenso, Huck. Weißt du, meistens liegt auch bei so ’nem Schatz irgendein toter Mensch vergraben, der Wache halten soll.«

»Herr, du mein Gott!«

»Ja, so ist’s, das hab ich oft gehört.«

»Tom, ich befaß mich nicht gern mit den Toten, Die machen einem immer nur Ungelegenheiten.«

»Ich Hab auch keine Lust, sie aufzuwecken. Denk mal, wenn der hier plötzlich seinen Schädel ‚rausstreckte und was sagen wollte.«

»Tom, Tom, hör auf, ’s ist schauerlich!«

»Das ist’s, Huck, Mir ist auch kein bißchen wohl dabei, sag ich dir.«

»Komm, Tom, wir stecken’s auf und graben mal wo anders.«

»Gut, ’s ist am End besser.

Tom dachte ein Weilchen nach und sagte dann:

»Im Gespensterhaus. Das ist der richt’ge Ort!«

»Hol’s der Geier, Ich mag keine Häuser, in denen’s spukt, Tom. Weiß Gott, Gespenster sind fast noch schlimmer als tote Menschen. Die mögen meinethalben mal plötzlich, ohne daß man daran denkt, den Mund auftun und einen erschrecken, aber die kriechen doch nicht herum in ihren Leichentüchern wie die Gespenster, und sehen einem plötzlich über die Schulter, wenn man gar nicht an sie denkt, und klappern mit den Zähnen und Beinern, Das könnt ich nicht aushalten, Tom, – kein Mensch könnt so was.«

»Ja aber, Huck, Gespenster spuken doch nur in der Nacht. Am Tag werden sie uns dort am Graben nicht hindern.«

»Das ist wohl wahr. Aber du weißt selber, daß keiner hier gern dem Gespensterhaus nah geht, bei Tag nicht und nicht bei Nacht!«

»Na, das ist doch auch nur, weil mal einer da ermordet worden ist. Aber gesehen hat man nie was Unheimliches in der Nacht um das Haus herum, höchstens mal ’n blaues Licht am Fenster vorbeihuschen, – keine richtigen Gespenster.«

»Na, wo du aber so ’n blaues Flämmchen siehst, Tom, kannst du Gift drauf nehmen, daß ’n Geist dicht dahinter ist. Das ist doch so klar wie was! Denn wer anders als Geister braucht so ’n Licht?«

»Das kann sein. Aber auf keinen Fall kommen sie bei Tag heraus. Also brauchen wir uns gar nicht zu fürchten.«

»Gut, mir soll’s recht sein. Wir wollen das Gespensterhaus vornehmen. Aber – aber ich glaub, riskiert ist’s doch!«

Unter diesem Geplauder waren sie am Fuß des Hügels angelangt. Dort, inmitten des mondbeglänzten Tales, stand das »Gespensterhaus«, gänzlich vereinsamt, mit längst verfallener Umzäunung. Üppig rankendes Unkraut überzog Treppenstufen und Türschwelle, der Schornstein war in Trümmer zerfallen; leer starrten die Fensterhöhlen, ein Teil des Daches war eingesunken. Eine Weile blickten die Jungen unverwandt auf den gespenstigen Ort, immer halb in Erwartung, die blauen Flämmchen hinter den Fenstern vorbeihuschen zu sehen. Sie sprachen im Flüstertone, wie es zu Zeit und Umständen paßte. Dann rissen sie sich los von der unheimlichen Stätte, die sie in weitem Bogen umkreisten, und schlugen sich heimwärts durch die Wälder, welche die Rückseite des Cardiffhügels mit ihrem Grün schmückten.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Das Gespensterhaus.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Um die Mittagsstunde des nächsten Tages fanden sich die Jungen wiederum am Schauplatz ihrer nächtlichen Taten ein, um ihr Werkzeug zu holen, Tom war sehr ungeduldig und konnte gar nicht schnell genug nach dem »Gespensterhaus« kommen. Huck, etwas gemäßigter in seinem Eifer, sagte plötzlich:

»Sag mal, Tom, weißt du, was heut für ’n Tag ist?«

Tom ließ im Geiste die Wochentage an sich vorüberziehen und hob dann den Kopf erschreckten Blickes:

»Ei, der Tausend, daran hab ich gar nicht gedacht, Huck.«

»Na, ich zuerst auch nicht. Mit einem Male aber fiel’s mir siedend heiß ein, daß heut Freitag sei.«

»Potz Blitz! man kann doch nie vorsichtig genug sein, Huck. Wir hätten schön in die Patsche geraten können, wenn wir mit so was am Freitag angefangen hätten.«

»Hätten geraten können? Ich sag, wären geraten! ’s gibt Glückstage, aber der Freitag ist keiner!«

»Das weiß jeder Narr. Du denkst doch nicht, daß du der erste bist, der das herausgefunden, Huck?«

»Hab ich das vielleicht gesagt? Und der Freitag allein ist noch nicht alles – hab ’nen scheußlich schlechten Traum gehabt, heut nacht – hab von Ratten geträumt.«

»Ist’s möglich? Na, ’n sicheres Zeichen von Pech. Bissen sie sich herum?«

»Nein.«

»Na, dann ist’s gut, Huck. Wenn sie sich nicht herumbeißen, soll’s nur bedeuten, daß irgendwo Unheil lauert, weißt du. Da brauchen wir einfach nur die Augen gut aufzumachen und dem Pech aus dem Wege zu gehen. Auf jeden Fall aber wollen wir’s heut sein lassen und lieber spielen. Kennst du Robin Hood, Huck?«

»Nee, wer ist’s?«

»Oh, der war einer der größten Männer, die je in England lebten, und der beste dazu. Er war ein Räuber.«

»Patent! Wollt, ich wär’s. Wen hat er denn beraubt?«

»Ei, nur Scherifs und Bischöfe und reiche Leute und Könige und dergleichen. Die Armen aber ließ er ganz in Ruhe, die hatte er lieb. Mit denen hat er immer alles ganz brüderlich geteilt.«

»Das muß ja ’n Staatskerl gewesen sein.«

»Das war er, weiß Gott, Huck. Das war einfach der beste Mensch, der je gelebt hat. So gibt’s jetzt gar keine Menschen mehr, sag ich dir. Der konnte jeden Mann in England zwingen mit einer Hand, man durfte ihm die andere festbinden. Und dann nahm er seinen Eibenbogen und traf jedes Zehncentstück auf anderthalb Meilen Entfernung.«

»Was ist denn ein Eibenbogen?«

»Was weiß ich? Eben irgendein Bogen natürlich. Und wenn er dann das Geldstück nur am Rande traf, statt in der Mitte, da setzte er sich hin und weinte – und fluchte. Komm, laß uns Robin Hood spielen, ’s ist fein, sag ich dir. Ich zeig’s dir, wie.«

»Mir recht.«

So spielten sie denn Robin Hood den ganzen Nachmittag, hier und da einen sehnsüchtigen Blick nach dem alten »Gespensterhaus« da unten werfend und sich über die Aussichten und Möglichkeiten des folgenden Tages unterhaltend. Als die Sonne bedenklich gen Westen sich neigte, schlugen sie den Heimweg ein, quer durch die langen Schatten, welche die Bäume nun warfen, und waren bald in den Wäldern des Cardiffhügels dem Auge entschwunden.

Am Sonnabend, kurz nach der Mittagsstunde, stellten sich die Jungen wieder an jenem bewußten alten Baume ein. Erst rauchten und schwatzten sie ein Weilchen im Schatten desselben, dann wühlten sie noch ein wenig in ihrem letzten Loch herum, nicht sehr hoffnungsvoll allerdings, sondern nur, weil Tom meinte, es sei schon so oft vorgekommen, daß man beim Schatzgraben dem gesuchten Schatz auf sechs Zoll Entfernung nahegekommen und das Ding darnach mutlos aufgegeben habe, nur damit ein anderer dann mit einem einzigen Spatenstich die ganze Herrlichkeit entdecke. Die Sache schlug indes wieder fehl, und so schulterten die Jungen ihr Werkzeug und gingen davon, in dem erhebenden Bewußtsein, mit dem Glück nicht gespielt zu haben, sondern im Gegenteil jedes Erfordernis getreulich erfüllt zu haben, das zu dem Geschäft des Schatzgrabens gehört.

Als sie das Gespensterhaus erreichten, lag etwas so Schauerliches und Unheimliches in der Totenstille, die dort unter der sengenden Sonnenglut herrschte, etwas so Bedrückendes in der Einsamkeit und Verlassenheit des Ortes, daß die Jungen einen Moment lang sich nicht getrauten hineinzugehen. Dann schlichen sie nach der Tür und hielten zitternd Umschau, Sie sahen eine mit Unkraut überwucherte Stube vor sich, den Boden ohne Dielen, die Wände ohne Bewurf, mit einem eingesunkenen Kamin, mit leeren Fensterhöhlen und einer halb verfallenen Treppe. Allenthalben hingen Fetzen von verstäubten, verlassenen Spinngeweben herum. Vorsichtig, zögernd traten die Jungen ein, beschleunigten Pulses, im Flüsterton redend, gespitzten Ohres, bereit, den geringsten Laut aufzufangen, die Muskeln gespannt, um jeden Moment zum Rückzug bereit zu sein.

Bei näherer Bekanntschaft mit dem Ort verringerte sich allmählich ihre Furcht, und unsere beiden Helden unterwarfen die Lokalität einer genauen und eingehenden Prüfung, nicht ohne dabei im stillen ihre eigene Kühnheit zu bewundern und zugleich darob zu erstaunen. Unten fertig, wollten sie sich nun auch oben umsehen. Das hieß soviel, als sich den Rückzug abschneiden, aber sie waren nun einmal im Zuge, sich gegenseitig im Herausfordern der Gefahr zu überbieten, und so warfen sie denn ihr Werkzeug in einen Winkel und stiegen hinauf. Oben fanden sie dieselben Zeichen des Verfalls, In einem Winkel entdeckten sie einen Wandschrank, der irgendein Geheimnis zu bergen versprach, – dies Versprechen war aber Täuschung und Betrug: der Schrank war leer. Der Mut schien ihnen nun voll und ganz wiedergekehrt, und eben waren sie im Begriff, hinunter und an die Arbeit zu gehen, als –

»Sscht!« sagte Tom.

»Was gibt’s?« flüsterte Huck, vor Schreck erbleichend.

»Sscht! Da! Hörst du?«

»Ja! Oh, du meine Güte! Laß uns rennen!«

»Still, halt dich ruhig und muckse dich nicht. Sie kommen grad auf die Tür los.«

Die Jungen streckten sich auf dem Boden aus, spähten mit den Augen durch die Astlöcher in den Dielen und warteten zitternd vor verhaltener Furcht und Erregung.

»Sie bleiben stehen – nein – sie kommen – da – da sind sie. Kein Wort mehr, Huck. Herrgott, wären wir doch mit heiler Haut aus der Patsche!«

Zwei Männer traten ein. Jeder der Jungen sagte zu sich selber:

»Der eine ist der alte, taubstumme Spanier, den man in der letzten Zeit ein- oder zweimal in der Stadt gesehen hat, – den anderen kenn ich nicht.«

»Der andere« war ein zerlumpter, ungekämmter Kerl, dessen Gesicht nicht eben einnehmend war. Der Spanier war in seine »Serape« gehüllt, er hatte einen buschigen, weißen Schnauzbart; langes, weißes wehendes Haar stahl sich unter seinem breitrandigen Hute vor, dazu trug er grüne Augengläser. Als sie hereinkamen, redete eben »der andere« mit leiser Stimme auf ihn ein. Sie ließen sich auf dem Boden nieder, das Gesicht der Türe zugewandt und mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt. Der Sprechende fuhr in seinen Bemerkungen fort. Je länger er sprach, desto mehr verlor sich sein vorsichtiges Wesen und desto lauter wurden seine Worte.

»Nein,« sagte er, »ich hab’s mir überlegt, aber ich mag nicht, ’s ist mir viel zu gefährlich.«

»Gefährlich,« brummte der ›taubstumme‹ Spanier, zum größten Erstaunen der lauschenden Jungen, »Hasenfuß!«

Diese Stimme ließ die Jungen voll Entsetzen erbeben und nach Atem ringen. Es war die Stimme des Indianer-Joe.

Ein Schweigen folgte, dann sagte dieser:

»Was gibt’s wohl Gefährlicheres, als das letzte Stückchen, das ich dort drüben geliefert, – damit wies er mit dem Finger nach der Richtung der Stadt, – und ist da vielleicht was ‚rausgekommen dabei?«

»Das ist was anderes! Soweit flußaufwärts und kein anderes Haus in der Nähe! Wie soll überhaupt etwas ‚rauskommen, wenn wir keinen Erfolg gehabt haben.«

»Na, und was ist gefährlicher, als bei Tag hierherkommen? Ei jedem, der uns sähe, müßten wir doch verdächtig scheinen.«

»Das weiß ich. Aber nach dem dummen Stückchen von neulich war kein Platz so gelegen. Ich muß weg aus der Bude hier! Hab’s gestern schon gewollt, nur nutzte es nichts, da die verteufelten Jungens da oben beim alten Baum vor unserer Nase ihr Spiel trieben.«

Die »verteufelten Jungens« erbebten bei dieser Bemerkung und beglückwünschten sich innerlich, daß sie sich des Freitags erinnert und beschlossen hatten, einen Tag zu warten. Wie wünschten sie jetzt, statt eines Tages, ein Jahr gewartet zu haben! Die zwei Männer kramten nun Nahrungsmittel aus und machten sich eine Mahlzeit zurecht. Nach einer langen, gedankenvollen Pause sagte der Indianer-Joe:

»Will dir mal was sagen, Kamerad. Du machst dich wieder flußaufwärts, wo du hingehörst, und bleibst dort, bis du von mir Nachricht hast. Ich schleich mich noch mal in die Stadt, geh’s wie’s will, und halt Umschau. An das ›gefährliche Stückchen‹ gehen wir dann erst, wenn ich die Zeit dazu für gekommen halte. Dann auf und davon nach Texas!«

Dieser Plan ließ sich hören und fand keinen Widerspruch, Die Männer begannen zu gähnen und Joe sagte:

»Ich bin todmüde! An dir ist die Reihe zu wachen!«

Er kauerte sich zusammen und begann alsbald zu schnarchen. Sein Kamerad stieß ihn ein paarmal an, worauf er stille ward. Alsbald begann der Wächter zu nicken, sein Kopf sank tiefer und tiefer, nun schnarchten beide Männer.

Die Jungen holten tief und dankerfüllt Atem. Tom wisperte:

»Jetzt gilt’s, komm!«

Huck erwiderte:

»Ich kann nicht. Ich fiel geradeswegs tot hin, wenn sie aufwachen.«

Tom trieb, Huck zögerte. Schließlich erhob sich Tom vorsichtig und leise und schickte sich an, allein sein Heil zu probieren. Beim ersten Schritt aber, den er vorwärts tat, krachte die alte, vermorschte Diele so laut und so drohend, daß er plötzlich halbtot vor Schreck wieder umsank. Einen zweiten Versuch wagte er nicht. So lagen denn die Jungen und zählten die träge sich dahinschleppenden Sekunden, bis sie meinten, alle Zeit müsse aufgehört haben, ja die Ewigkeit schon grau geworden sein, und sie waren heißen Dankes voll, als sie bemerkten, daß die Sonne sich zu neigen begann.

Einer der Schlafenden hörte jetzt auf zu schnarchen. Der Indianer-Joe richtete sich empor, starrte um sich, lächelte grimmig über seinen Kameraden, dessen Kopf auf die Knie gesunken war, stieß ihn mit dem Fuße an, und sagte:

»Na, du bist ein Wächter, das muß ich sagen! Übrigens einerlei, ’s ist ja nichts passiert.«

»Meiner Treu, – ich hab doch nicht – hab ich wirklich geschlafen?«

»So ’n bißchen, sollt ich denken. Na, Zeit zum Abzug für uns, Kamerad! Was tun wir mit dem bißchen Baren, das wir noch haben?«

»Weiß ich’s? Hier lassen, wie wir’s immer gemacht haben, das wird wohl am besten sein. Können’s doch nicht herumschleppen, bis wir nach dem Süden gehen. Sechshundertundfünfzig Dollars ist ’ne ordentliche Last!«

»Na gut, – schon recht! Liegt ja auch nichts daran, wenn wir noch mal hierher müssen.«

»Nee, aber dann möcht ich doch raten, in der Nacht zu kommen, wie früher, ’s ist doch besser für alle Fälle!«

»Ganz gut, aber hör mal zu. Es kann ’ne gute Weile dauern, eh sich die rechte Gelegenheit findet zu dem Stückchen, das wir vorhaben, ’s könnt uns was zustoßen, ’s ist an gar keinem so sehr guten Orte hier. Wir wollen’s ordentlich vergraben, – tief vergraben.«

»Das ist ’ne gute Idee,« meinte der Kamerad, ging quer durch den Raum aufs Kamin zu, kniete nieder, hob einen von den hinteren Steinen desselben in die Höhe und nahm einen Beutel heraus, worin es bei der Berührung vielversprechend klang. Dem entnahm er zwanzig oder dreißig Dollars für sich selber, ebensoviel für den Indianer-Joe, und reichte dann den Beutel dem letzteren, der in einer Ecke auf den Knien lag und mit seinem langen und breiten Messer den Grund aufwühlte.

Die Jungen vergaßen ihre ganze Angst und all ihr Elend in einem Augenblick. Mit glänzenden, gierigen Blicken folgten sie jeder Bewegung. Solches Glück! Der Strahlenglanz desselben überstieg jede Einbildungskraft! Sechshundert Dollars waren ja Geld genug, um ein halbes Dutzend Jungen reich zu machen. Das nannte man Schatzgräber! unter den glücklichsten Umständen, da gab’s keine hindernde Ungewißheit, wo man eigentlich nachzugraben habe. Sie stießen einander beständig an mit beredten, leicht verständlichen Rippenstößen, die einfach bedeuten sollten: »Herr Gott, bist du nun nicht froh, daß wir hier sind?«

Joes Messer stieß auf etwas Hartes.

»Holla,« sagte er.

»Was gibt’s?« fragte der andere.

Eine verfaulte Diele, – nee, ’s ist ’ne Kiste, glaub ich. Schnell, pack an und wir wollen bald dahinterkommen, was die hier soll. Laß gut sein, ich hab ’n Loch hineingebrochen.«

Er griff in die Kiste und zog die Hand sofort wieder heraus.

»Mensch, ’s ist Geld!«

Die beiden Männer untersuchten nun die Handvoll Münzen. Es war Gold. Die Jungen oben waren ebenso entzückt, wie die zwei Strolche unten.

Joes Kamerad sagte:

»Damit wollen wir kurzen Prozeß machen. Dort liegt ’ne alte, rostige Hacke in der Ecke, drüben auf der anderen Seite des Kamins. Ich hab’s eben gesehen.«

Er sprang hin und brachte die Hacke und Schaufel der Jungen herbei. Der Indianer-Joe nahm die Hacke, besah sie kritisch, schüttelte den Kopf, murmelte etwas in sich hinein und machte sich dann an die Arbeit.

Die Kiste war bald bloßgelegt. Sie war nicht sehr groß, mit eisernen Bändern beschlagen und schien sehr stark gewesen zu sein, ehe der Zahn der Zeit sie benagt hatte. Die Männer starrten in glückseligem Schweigen nieder auf den gleißenden Schatz.

Endlich flüsterte Joe:

»Kamerad, das sind Tausende von Dollars.«

»Man hat immer gemunkelt, daß Murrells Bande sich mal ’nen Sommer hier herumgetrieben hätte,« bemerkte der Fremde.

»Weiß wohl,« bestätigte Joe, »und dies hier sieht, meiner Treu, ganz danach aus.«

»Jetzt können wir auch das andere Stückchen aufgeben, was!«

Der Halbindianer runzelte finster die Stirn. Dann sagte er:

»Du verstehst mich nicht, wenigstens die Sache nicht, um die sich’s handelt, ’s ist mir diesmal nicht ums Stehlen, – ’s ist Rache, die ich haben will.« Dabei flammten seine Augen in grellem Feuer auf. »Dazu brauch ich dich und deine Hilfe. Wenn wir das hinter uns haben – dann auf nach Texas! Und jetzt mach dich heim zu deiner Hanne und deinen Bälgern und wart, bis ich dich rufe.«

»Soll mir recht sein! Was aber fangen wir mit dem da an – vergraben’s wieder?«

»Ja (überwältigendes Entzücken oben). Nein! Beim Henker, nein! (Tiefste Niedergeschlagenheit eine Treppe hoch.) Beinah hätt ich’s vergessen. An der Hacke war ja frische Erde! (Den Jungen wurde wind und weh vor Schreck und Angst.) Was hat ’ne Hacke und Schaufel hier zu tun? Gar mit frischer Erde daran? Wer hat sie hergebracht– und wo sind die Kerls hin? Hast du was gehört – jemand gesehen? Was? Wieder vergraben, damit die Kerls nachher kommen und sehen, daß der Grund frisch aufgewühlt ist? Nee, so dumm sind wir nicht. Wir schleppen’s in meine Höhle!«

»Na, natürlich, Hatt‘ früher daran denken können. Meinst du Nummer eins?«

»Nein, Nummer zwei, unter dem Kreuz. Der andere Platz ist nichts wert, – zu gewöhnlich.«

»Mir auch recht! Bald wird’s dunkel genug sein, um abziehen zu können.«

Der Indianer-Joe erhob sich und ging von Fenster zu Fenster, immer vorsichtig hindurchspähend. Bald darauf sagte er:

»Wer kann wohl das Werkzeug hergeschleppt haben? Am End sind sie oben!«

Den Jungen versagte der Atem. Der Indianer-Joe legte die Hand an das dolchartige Messer, das in seinem Gürtel steckte, hielt einen Moment überlegend inne und wandte sich dann der Treppe zu. Die Jungen dachten an den Wandschrank, aber ihre Kraft hatte sie vollständig verlassen. Schon krachten die Tritte auf der Treppe, – die fast unerträgliche Not ihrer Lage weckte die erlahmte Entschlossenheit der Jungen, – eben wollten sie dem rettenden Schranke zufliehen, als sich ein Splittern und Krachen der vermorschten Balken vernehmen ließ und der Indianer-Joe inmitten der Treppentrümmer schleunigst wieder unten landete. Fluchend raffte er sich auf, und sein Kamerad sagte:

»Zu was all den Umstand. Wenn’s wirklich jemand ist und sich einige da droben versteckt halten, gut, laß ihnen ihr Vergnügen, was liegt daran? Wenn sie ‚runterspringen wollen und mit uns anbinden, so mögen sie nur kommen. In fünfzehn Minuten ist’s dunkel, laß sie uns folgen, wenn sie wollen, mir sollt’s recht sein. Meiner Meinung nach haben die Kerls, welche die Sachen hier ablegten, wer’s nun immer gewesen sein mag, uns erblickt, uns für Geister, Teufel oder sonst was gehalten und sind davongerannt. Die rennen noch, ich möcht fast wetten.«

Joe brummte noch eine Weile vor sich hin, dann stimmte er seinem Gefährten bei, daß sie das noch übrigbleibende Tageslicht benutzen müßten, um zur Flucht alles in Bereitschaft zu setzen. Kurz danach schlüpften sie im tiefsten Dämmerlicht aus dem Hause und schlugen mit ihrer kostbaren Last die Richtung nach dem Flusse ein.

Tom und Huck erhoben sich, noch ganz zitternd, aber wie erlöst, und starrten den Männern durch die Spalten nach, die sich in den Wänden des Hauses befanden? Ihnen folgen? Das fiel ihnen nicht ein. Sie waren zufrieden, ohne gebrochenen Hals den sicheren Boden wieder zu erreichen, und wandten sich ohne Zögern dem über den Hügel nach der Stadt führenden Pfade zu. Sie redeten nicht viel zusammen, waren zu beschäftigt damit, sich selber gründlich Vorwürfe zu machen über die bodenlose Dummheit, Hacke und Spaten mit dorthin zu nehmen und liegen zu lassen. Ohne das hätte der Indianer-Joe niemals Verdacht gefaßt. Er hätte gewiß das Silber bei dem Golde verscharrt, bis er seine »Rachepläne« ausgeführt gehabt, und dann wäre ihm die überraschende Entdeckung geworden, daß beides verschwunden: Silber wie Gold! Schweres, bitteres Verhängnis, daß sie die Werkzeuge mit dahin schleppen mußten! Sie beschlossen, diesem Spanier gut aufzupassen, wenn er sich, um eine Gelegenheit für seinen Racheakt auszukundschaften, wieder in der Stadt sehen ließe, und ihm dann nach »Nummer Zwei« zu folgen, wo es auch sein möge. Plötzlich überkam Tom ein entsetzensvoller Gedanke:

»Rache? Wenn er nun uns damit meint, Huck!«

»Red nicht so!« bat dieser, der bei der bloßen Idee vor Schreck beinahe umfiel.

Dann besprachen sie den Gedanken hin und her, und als sie daheim anlangten, waren sie übereingekommen, daß er vielleicht sonst irgend jemand im Auge haben, oder wenigstens doch nur Tom meinen könne, da ja Tom allein gegen ihn gezeugt hatte.

Ein schwacher, sehr schwacher Trost war es für Tom, allein in Gefahr zu sein. Einen Kameraden auch hierin zu besitzen, würde die Sache wesentlich erleichtert haben, so dachte er bei sich in seiner Unschuld; Huck aber schien anderer Meinung zu sein.

Zehntes Kapitel.

Der Mord. – Ein schlechtes Gewissen.

Zehntes Kapitel.

Kurz vor der Mittagsstunde durchzuckte das ganze Städtchen plötzlich wie ein elektrischer Schlag die grausige Kunde. Es bedurfte nicht des Telegraphen, von dem man sich damals überhaupt noch nichts träumen ließ; die Nachricht flog von Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe, von Haus zu Haus mit kaum geringerer Schnelle als der elektrische Funke. Natürlich gab der Lehrer für den Nachmittag frei, man würde ihm das Gegenteil sehr verdacht haben. Ein blutiges Messer war dicht bei dem Gemordeten gefunden worden und jemand hatte es als dem Muff Potter gehörig erkannt, so lautete die Erzählung. Auch sollte ein Bürger, der sich verspätet hatte, auf Potter gestoßen sein, wie der sich im Bache wusch, gegen ein oder zwei Uhr morgens, und als er sich bemerkt sah, eiligst davonschlich, – lauter verdächtige Momente, namentlich das Waschen, was für gewöhnlich sehr gegen Potters Art war. Die ganze Stadt, so sagte man, sei schon abgesucht worden nach dem »Mörder« (das Publikum ist schnell bei der Hand mit Beweis und Urteilsspruch), er sei aber nirgends zu finden. Reiter waren nach jeder Richtung abgesandt und der Sheriff war überzeugt, daß man ihn noch vor Einbruch der Nacht einfangen werde.

Die ganze Stadt wallfahrtete nach dem Friedhof. Toms Herzensnot schwand; er schloß sich dem Zuge an, nicht, daß er nicht tausendmal lieber wo anders gewesen wäre – aber eine unheimliche, unerklärliche Zauberkraft lockte und zog ihn dorthin. Am Schreckensorte angekommen, schob und zwängte er seine kleine Person durch die dichte Menge und stand bald vor dem gräßlichen Schauspiel. Es schien ihm ein Menschenalter her, seit sein Blick zuletzt darauf geruht. Jemand zwickte ihn am Arm. Er wandte sich und seine Augen trafen die Huckleberrys. Wie auf Kommando sahen dann beide nach entgegengesetzter Richtung, voll Angst, jemand könne den Blick bemerkt haben, den sie sich zugeworfen. Jedermann aber schwatzte in unterdrücktem Flüsterton und hatte genug zu tun mit dem furchtbar schauerlichen Ereignis, dessen Schauplatz man umstand.

»Armer Bursche!« Armer junger Mensch!« »Dies sollten alle Leichenräuber sich zur Lehre dienen lassen!« »Muff Potter muß baumeln dafür, wenn sie ihn erwischen!« So etwa lauteten die Bemerkungen, die fielen. Der Geistliche aber sagte: »Das war ein Gottesgericht, – hier sehen wir die Hand des Herrn.«

Tom zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, denn sein Blick war auf das stumpfsinnige Gesicht des Indianer-Joe gefallen. Im selben Moment begann die Menge zu schwanken und zu drängen und einzelne Stimmen riefen: »Da ist er, da ist er, dort kommt er selber!«

»Wer? Wer?« fragten zwanzig andere dagegen.

»Muff Potter!«

»Na, jetzt halten sie ihn an! Er dreht um – haltet, haltet fest, laßt ihn nicht durchbrennen!«

Leute, die in den Ästen der Bäume saßen, über Toms Kopf, meinten, Muff versuche gar nicht zu entrinnen, – er sehe nur ganz dumm und verblüfft aus.«

»Verdammte Frechheit das!« sagte einer, »wollte sich wohl noch ‚mal in Ruhe sein Werk beschauen; dachte nicht, Gesellschaft zu finden!«

Die Menge teilte sich nun und der Sheriff schritt mit großartiger Wichtigkeit in Blick und Miene hindurch, Muff Potter am Arme haltend. Des armen Burschen Gesicht sah ordentlich eingefallen aus und aus den Augen starrte das Entsetzen, das ihn gebannt hielt. Als er vor dem Gemordeten stand, schüttelte es ihn wie ein Krampf, er barg das Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus.

»Ich hab’s wahrhaftig nicht getan, Freunde, schluchzte er, »auf mein Ehrenwort, ich hab’s nicht getan.«

»Wer hat dich denn beschuldigt?« schrie eine Stimme.

Der Schuß traf. Potter erhob die Augen und ließ sie in die Runde gehen, qualvollste Hoffnungslosigkeit im Blick. Da sah er den Indianer-Joe und rief:

»Ach, Joe, und du hast doch versprochen, daß du nie –« »Ist dies hier Euer Messer?« Damit schob ihm der Sheriff das Mordwerkzeug unter die Nase.

Potter wäre gefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen und sachte zu Boden hätte gleiten lassen. Dann stöhnte er:

»Hab’s mir doch gedacht, wenn ich nicht käme und das – Messer –« Ein Schauder überlief ihn, dann winkte er mit der kraftlosen Hand dem Indianer-Joe und flüsterte tonlos:

»Sag’s ihnen, Joe, sag’s ihnen, alles – ’s ist ja doch umsonst.«

Huckleberry und Tom hörten nun stumm und starr, wie der hartherzige Mörder in heiterster Ruhe Zeugnis ablegte. Mit jedem Moment erwarteten sie, daß der klare Himmel sich öffnen und der gerechte Gott seine Zornesblitze auf das Haupt des ruchlosen Lügners schleudern müsse; jeder weitere Moment der Verzögerung des Gerichtes erregte ihr größtes Staunen. Und als er geendet hatte und noch lebend und unversehrt vor ihnen stand, schwand der leise in ihrer Seele flackernde Trieb wieder, den geschworenen Eid zu brechen und des armen Gefangenen Leben zu retten. Solch ein Missetäter, wie Joe, mußte sich ja, das war ihnen jetzt gänzlich klar, dem Teufel verschrieben haben. Sich mit dieser Macht aber in einen Kampf um deren berechtigtes Eigentum einzulassen, konnte allzu verhängnisvoll werden.

»Warum machtest du dich nicht davon? Weshalb kamst du hierher zurück?« fragte einer den mutmaßlichen Mörder.

»Ich konnt nicht anders, konnt nicht anders,« stöhnte dieser. »Ich hab ja durchgehen wollen, aber ’s hat mich immer wieder hierhergetrieben.« Und wieder schluchzte er herzbrechend.

Nochmals wiederholte der Indianer-Joe seine Aussage ebenso ruhig und bekräftigte dieselbe endlich ein paar Minuten später bei der Totenschau. Da immer noch keine Blitze herniederfuhren, sahen die Jungen ihren Glauben bestätigt, daß Joe sich dem leibhaftigen Gottseibeiuns verkauft habe. Er wurde ihnen nun zum Gegenstand des schauerlichsten, unheimlichsten Interesses, wie sie es bis dahin noch niemals empfunden, und ihre Blicke hingen wie gebannt an seinem Antlitz. Sie beschlossen innerlich, ihm nachzuspüren, des Nachts namentlich, wenn sich ihnen Gelegenheit dazu böte, in der stillen Hoffnung, einen verstohlenen Blick auf seinen schauerlichen Herrn und Meister tun zu können.

Der Indianer-Joe half die Leiche des Gemordeten auf einen Wagen heben, der dieselbe wegbringen sollte, und es ging ein Flüstern durch die Menge, daß die Wunde dabei leicht zu bluten begonnen. Huck und Tom hofften schon, dieser glückliche Umstand möchte den Verdacht auf die richtige Fährte lenken und fühlten sich daher sehr enttäuscht, als einer der Zuschauer bemerkte:

»Kein Wunder! Drei Schritt davon war ja der Potter, da hat’s freilich bluten müssen!« –

Toms schreckliches Geheimnis und sein nagendes Gewissen störten ihm den Schlaf für länger als eine Woche nach diesem Vorfall. Eines Morgens beim Frühstück sagte Sid:

»Tom, du wirfst dich immer so herum und schwatzest so laut im Traum, daß ich die halbe Nacht nicht schlafen kann.«

Tom erbleichte und senkte die Augen.

»Das ist ein schlimmes Zeichen,« meinte Tante Polly ernst. »Was hast du auf dem Herzen, Tom?«

»Nichts, Tante, ich weiß von nichts,« Aber des Jungen Hand zitterte so, daß er den Kaffee verschüttete. »Und so dummes Zeug redst du,« fuhr Sid fort. »Heute Nacht hast du gesagt: ›Blut ist’s, Blut und gar nichts anderes!‹ Und das hast du immer und immer wieder gesagt. Und dann hast du auch gesagt: ›Quäl mich doch nicht so – ich will’s ja gestehen.‹ Was gestehen? Was willst du denn gestehen?«

Vor Toms Augen schwamm alles. Es läßt sich kaum ausdenken, was nun hatte geschehen können, wäre nicht plötzlich der forschende Blick aus Tante Pollys Auge geschwunden und sie Tom, ohne es zu wissen, zu Hilfe gekommen, indem sie ausrief:

»Na, natürlich! ’s ist der grausige Mord, der ihm zu schaffen macht. Mir geht’s grad auch so. Ich träume jede Nacht davon. Ich hab schon geträumt, ich wär’s selber gewesen!«

Mary sagte, ihr ginge es gerade auch so und Sid schien damit zufriedengestellt. Tom entzog sich den Blicken der Seinen, sobald er irgend konnte, beklagte sich danach über Zahnweh eine Woche lang und band sich ein dickes Tuch um Mund und Kinnlade jede Nacht. Er wußte nicht, daß Sid ihn allnächtlich belauerte, zuweilen selbst die Binde lockerte, sich auf die Ellenbogen stützte, über ihn beugte und lange, lange lauschte, worauf er vorsichtig das Tuch an die alte Stelle zurückschob. Toms Furcht und Angst verlor sich allmählich, der ewige Zahnschmerz wurde langweilig und daher fallen gelassen. Wenn es Sid wirklich gelungen war, aus Toms unzusammenhängendem Gemurmel sich einen Vers zu machen, so behielt er alles für sich. – Es war Tom, als ob seine Schulkameraden es niemals satt bekommen könnten, gerichtliche Totenschau zu halten über tote Katzen und dergleichen. Sid fiel es dabei auf, daß Tom niemals die Rolle des Leichenbeschauers zu übernehmen trachtete, obgleich er sonst gewohnt war, Anführer bei jeder neuen Unternehmung zu sein. Er bemerkte auch, daß Tom auffallenderweise niemals als Zeuge auftrat, ja sogar eine entschiedene Abneigung gegen diese Art von Zeitvertreib an den Tag legte und sie mied, wo er nur irgend konnte. Sid wunderte sich, wie gesagt, darüber, erwähnte aber nichts. Endlich kamen denn auch die Totenschauen aus der Mode und hörten auf, Toms Gewissen zu beunruhigen.

Jeden Tag, oder einen Tag um den anderen, während dieser Zeit der Trübsal, nahm Tom die Gelegenheit wahr, sich an das kleine, vergitterte Kerkerfenster zu schleichen und dem »Mörder« allerlei kleine Trostgegenstände, deren er habhaft werden konnte, zuzuschmuggeln. Das Gefängnis war ein winzig kleiner Backsteinbau, der am Ende des Städtchens mitten in einem Sumpf stand. Wächter gab’s keine, Gefangene waren selten. Diese Opfergaben trugen sehr dazu bei, Toms Gewissen zu erleichtern.

Die Einwohner des Städtchens hatten große Lust, auch dem Indianer-Joe zuleibe zu gehen wegen des Leichenraubes. So furchtbar war aber sein Ruf, daß sich keiner fand, der sich dazu verstehen wollte, die Leitung der Sache zu übernehmen, und so ließ man es denn bleiben. Vorsichtigerweise hatte er in seinen beiden Aussagen gleich bei der Rauferei begonnen, ohne erst den beabsichtigten Leichenraub einzugestehen, der dieser vorangegangen war, und so hielt man es für das klügste, die Sache, einstweilen wenigstens, nicht vor Gericht zu bringen.

Elftes Kapitel.

Verschiedene Kuren. – Eine Enttäuschung.

Elftes Kapitel.

Eine der Ursachen, weshalb Toms innerer Mensch begann, sich von seinen geheimen Sorgen und Leiden abzuwenden, lag darin, daß ein neues und wichtiges Interesse alle seine Gedanken in Beschlag nahm, Becky Thatcher war aus der Schule fortgeblieben. Tom rang mit seinem Stolze ein paar Tage lang, versuchte, sich die Gedanken an sie aus dem Kopf zu schlagen; aber umsonst. Zu seinem eigenen Erstaunen betraf er sich selbst auf nächtlichen Streifereien um ihres Vaters Haus herum, wobei ihm ganz elend zumute war. Sie war krank. Wenn sie nun sterben müßte? Verzweiflung, Wahnsinn lag in dem Gedanken. Ihn lockte nichts mehr hienieden, kein Krieg, kein Seeräubertum. Die Sonne des Lebens war entschwunden, nur die qualvollste Finsternis geblieben. Er stellte seinen Reifen zur Seite zusamt dem Stock, an keinem Spielzeug konnte er mehr Freude haben. Tante Polly begann sich zu grämen, zu beunruhigen ob dieser Zeichen und setzte ihm mit allerhand Arzneien zu. Sie war eine von denen, die auf Patentmedizinen jeder Art schwören, die jegliche neue Methode, unfehlbare Gesundheit zu verleihen, oder die schadhaft gewordene auszuflicken, mit Enthusiasmus und nimmer wankendem Vertrauen begrüßen. Alles neu Auftauchende dieser Art mußte sofort probiert werden, es ließ ihr keine Ruhe, bis sie irgend jemanden entdeckt hatte, an dem das Experiment gemacht werden konnte, denn ihr selbst fehlte zu ihrem größten Leidwesen niemals etwas, das solchen Eingriff erfordert hätte. Sie war auf alle Zeitschriften für Gesundheitspflege abonniert und ihre harmlose Seele ergab sich gläubig dem krassesten Unsinn, der schwarz auf weiß, mit dem nötigen feierlichen Ernst vorgetragen, darin stand. All der theoretische Schnickschnack, den sie enthielten darüber, wie man zu Bett gehen müsse, wie aufstehen, was essen, was trinken, wie oft lüften, wieviel und welcher Art sich Bewegung schaffen, welcher Gemütsverfassung sich befleißigen, in was für Kleidung den äußeren Menschen stecken, all dieser Schwindel war ihr Evangelium und niemals fiel es ihr auf, daß die neuesten Nummern in der Regel das Gegenteil von dem empfahlen, was die früheren angepriesen hatten. Sie war so arglos und leichtgläubig wie ein Kind und ging ohne Zögern auf jeden Leim. So mit ihren Quacksalberschriften und Mittelchen bewaffnet, saß sie, – um ein bekanntes Bild zu gebrauchen – mit dem Sensenmann im Sattel auf dem fahlen Rosse, während dicht hinter ihr die Hölle einhertrabte. In ihrer schlichten Einfalt kam es ihr jedoch niemals in den Sinn, sie könne der leidenden Menschheit etwas anderes sein als ein heilender Engel des Trostes, der Balsam des Herrn in Person.

Kaltwasserkuren waren neu dazumal, und Toms leidender Zustand war Wasser auf ihre Mühle. Morgens mit Tagesgrauen holte sie ihn aus seinem Bett, schleppte ihn nach dem Holzschuppen und ertränkte ihn hier fast in einer Sintflut kalten Wassers, das sie über ihn ergoß. Dann raspelte sie ihn mit einem rauhen Tuche wie mit einer Feile ab, wobei er wieder zu sich selbst kam, rollte ihn in ein nasses Bettuch und stopfte ihn unter einen Berg von wollenen Decken, bis er sich die Seele fast aus dem Leibe geschwitzt hatte, so daß »deren gelbe Flecken zu den Poren herauskamen,« wie Tom sagte.

Aber all dieser gründlichen Behandlung zum Trotz wurde der Junge täglich schwermütiger, blasser, niedergeschlagener. Tante Polly fügte nun heiße Bäder bei, Sitzbäder, Duschen und Sturzbäder. Der Junge aber verharrte in seiner trübseligen Stimmung. Sie verstärkte nun die Wasserkur durch strenge Diät und Zugpflaster und füllte ihn, als ob er ein Krug gewesen wäre, alltäglich mit Wundertränken jeglicher Art bis zum Rande.

Tom ließ alles mit sich beginnen, er war gleichgültig geworden gegen jede Quälerei. Diese Phase seines Leidens erfüllte die Seele der alten Dame mit Bestürzung. Die beängstigende Gleichgültigkeit mußte gebrochen werden um jeden Preis. In dieser Krisis hörte sie zum erstenmal von einem Universal-Wundermittel, »Schmerzenstöter« genannt. Sie bestellte sofort einige Dutzend Flaschen, kostete und war von Dankbarkeit durchglüht, es schien einfach Feuer in flüssiger Form. Die Wasserbehandlung wurde nun eingestellt, zusamt allem anderen und »Schmerzenstöter« war hinfort die Losung. Tom bekam den ersten Löffel voll, und seine Tante erwartete in tiefster Seelenangst das Resultat. Ihrer Sorgen war sie augenblicklich ledig, Frieden zog in ihre Seele ein, der Bann der »Gleichgültigkeit« war gebrochen. Hätte sie ein Feuer unter ihm angezündet, der Junge hätte kein tolleres, kein urkräftigeres Interesse zeigen können.

Tom sah, daß die Zeit gekommen sei, sich aufzuraffen. Diese Art von Leben mochte ja ganz romantisch sein, war auf die Dauer aber nicht auszuhalten. Bei allem Überfluß an Abwechslung wurde es am Ende doch monoton. Er sann daher auf Änderung seiner Lage und verfiel schließlich darauf, eine leidenschaftliche Neigung für den »Schmerzenstöter« vorzugeben. Er verlangte so oft nach dem Wundertrank, daß er damit förmlich zur Plage wurde und seine Tante ihn schließlich anfuhr, er möge sich selber bedienen und sie in Ruhe lassen. Wäre es nun Sid gewesen, so hätte kein Schatten ihr Entzücken ob solch ungeahnten Erfolges getrübt, da es aber Tom war, beobachtete sie verstohlen die Flasche. Die Flüssigkeit verminderte sich in der Tat, ihr aber kam es niemals in den Sinn, daß der Junge die Gesundheit einer Spalte des Fußbodens im Eßzimmer damit kuriere.

Eines Tages war Tom eben wieder damit beschäftigt, der Spalte die gewohnte Dosis zu verabfolgen, als seiner Tante gelbe Katze daherkam, einen Buckel machte, schnurrte, und, gierigen Blickes den Löffel beäugelnd, um ein Pröbchen bettelte. Tom warnte:

»Bitt‘ nicht drum, Peter, wenn du’s nicht brauchst.«

Peter deutete an, daß er’s brauche.

»Überleg’s nochmal, Peter.«

Peter hatte überlegt und war seiner Sache gewiß.

»Also, Peter, du willst’s und du sollst’s auch haben, denn so bin ich nicht. Wenn’s dir aber nachher nicht schmeckt, so mach niemand ’nen Vorwurf, außer dir selber.«

Peter war einverstanden und so sperrte ihm Tom das Maul auf und goß den »Schmerzenstöter« hinunter. Peter sprang ein paar Meter hoch in die Luft, stieß dann ein gellendes Kriegsgeheul aus, fetzte wie toll im Zimmer herum, stieß gegen Möbelkanten, schmiß Blumentöpfe u. dergl, um und richtete eine allgemeine Verwüstung an. Zunächst erhob er sich auf die Hinterfüße, begann in wahnwitziger Verzücktheit zu tanzen, wobei er den Kopf über die Schultern zurückwarf und der Welt in schallenden Tönen seine Glückseligkeit kund und zu wissen tat. Dann fing der tolle Kreislauf von vorne an, Chaos und Verwüstung folgte seinen Spuren. Tante Polly trat eben noch zur Zeit durch die Türe, um zu sehen, wie Peter ein paar doppelte Purzelbäume schlug und, ein gewaltiges Schlußhurra ausstoßend, durch das offene Fenster segelte, wobei er den Rest der Blumentöpfe mit sich riß. Starr vor Staunen stand die alte Dame und sah ihm über ihre Brillengläser weg nach, Tom aber lag am Boden und wollte sich ausschütten vor Lachen.

»Tom, was zum Kuckuck fehlt der Katze?«

»Weiß ich doch nicht, Tante,« stieß der Junge, nach Luft schnappend, hervor.

»So was hab ich ja im Leben noch nicht gesehen. Was ist denn der Katze in den Leib gefahren?«

»Weiß ich wahrhaftig nicht, Tante. Die Katzen machen’s immer so, wenn’s ihnen wohl in der Haut ist.«

»So? Machen sie’s immer so?« Es war etwas in ihrem Ton, das Tom mit bangem Ahnen erfüllte.

»Ja, Tante, das heißt, ich – ich glaub wenigstens, daß sie’s so machen.«

»Du glaubst?«

»Ja–a– Tante.«

Die alte Dame bückte sich nieder, Tom beobachtete sie mit von Furcht geschärftem Interesse. Zu spät erriet er, wo sie hinaus wollte. Der Stil des verräterischen Löffels war eben noch sichtbar unter den Fransen der Tischdecke. Tante Polly griff danach und hielt ihn empor. Tom schien verlegen und senkte die Augen. Tante Polly hob ihn ohne Umstände an dem gewöhnlichen Henkel – seinem Ohr – zu sich herauf und gab ihm mit der freien Hand einen gesunden Klaps.

»Jetzt, Junge, gesteh, warum hast du der armen, unvernünftigen Kreatur so mitgespielt?«

»Ich – ich hab’s nur aus Mitleid getan, – Peter hat ja keine Tante.«

»Hat keine Tante! – du Dummkopf. Was hat denn das damit zu schaffen?«

»Alles. Denn wenn Peter ’ne Tante hätte, so hätt‘ ihn die gewiß ausgebrannt, hätt‘ ihm die Eingeweide geröstet bei lebendigem Leib, ohne sich mehr dabei zu denken, als wenn er ein Mensch gewesen wäre.«

Tante Polly fühlte plötzlich Gewissensbisse. Das zeigte die Sache in einem neuen Lichte. Was Grausamkeit gegen eine Katze war, konnte doch vielleicht auch Grausamkeit gegen einen Jungen sein. Sie begann weich zu werden, es tat ihr leid. Die Augen wurden ihr feucht, sie legte die Hand auf Toms Kopf und sagte sanft:

»Tom, ich hab’s nur gut gemeint und – es hat dir auch gut getan, Tom.«

Dieser sah ihr treuherzig ins Gesicht und nur ganz leise blitzte der Schelm ihm aus den Augen, als er im höchsten Ernste erwiderte:

»Ich weiß, daß du’s nur gut gemeint hast, Tantchen, ich hab’s aber auch mit dem Peter nur gut gemeint und dem hat’s auch gut getan, im Leben ist er noch nicht so hübsch herumgefahren –«

»Ach, heb dich fort, Tom, eh du mich wieder bös machst. Und probier’s doch mal, ob du nicht einmal ein braver Junge sein kannst; und – Medizin brauchst du keine mehr zu nehmen.«

Tom kam vor der Zeit zur Schule. Man wollte beobachtet haben, daß dies Außergewöhnliche in der letzten Zeit ganz regelmäßig stattgefunden. Auch heute wieder, wie gewöhnlich seit kurzem, trieb er sich am Tore des Schulhofes herum, anstatt wie sonst mit seinen Kameraden zu spielen. Er sei krank, sagte er, und sah auch so aus. Er versuchte den Anschein zu erwecken, als schaue er überall anders hin, als gerade da, wohin er wirklich schaute, – den Schulweg hinunter. Jetzt tauchte Jeff Thatcher am Horizonte auf, und Toms Antlitz erhellte sich. Einen Moment starrte er hin, um sich dann voll Trauer abzuwenden. Als Jeff herankam, redete ihn Tom an, suchte listig das Gespräch auf Becky zu lenken, Jeff aber, der einfältige Kerl, wollte niemals den Köder sehen und anbeißen.

Tom schaute und schaute, – voller Hoffnung, wenn wieder ein wehender Mädchenrock auftauchte und voll Grimm, wenn dann die Eigentümerin desselben die Erwartete nicht war. Zuletzt kamen keine Röcke mehr und hoffnungslos sank er in sein dumpfes Brüten zurück. Er betrat allein, vor den anderen, das leere Schulhaus und setzte sich nieder, um weiter zu dulden. Da trat noch ein verspäteter Rock durchs Tor, hoch auf schlug Toms Herz in Wonne und Entzücken. Im nächsten Moment war er draußen und gebürdete sich wie ein Indianer, johlte, lachte, jagte die Jungen vor sich her, setzte über den Zaun mit Gefahr für Leib und Leben, schlug ein Rad, stellte sich auf den Kopf, kurz, er verrichtete unzählige Heldentaten und hielt dabei immer sein wachsames Auge auf Becky geheftet, um zu sehen, ob sie Notiz davon nehme. Sie aber schien sich seiner Gegenwart völlig unbewußt, sah gar nicht nach ihm hin. Konnte es möglich sein, daß sie gar nicht wisse, er sei in der Nähe? Nun begann er seine Heldentaten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft auszuführen. Er umkreiste sie mit wildem Geheul, riß einem Jungen die Mütze vom Kopf und schleuderte diese auf das Dach des Schulhauses, brach dann gewaltsam durch einen Haufen Jungen hindurch, die nach allen Richtungen umpurzelten, fiel dabei selber zappelnd dicht vor die Nase Beckys hin, diese beinahe mit sich zu Boden reißend. Sie aber wandte sich, hob das Näschen in die Luft und er hörte sie sagen:

»Ph – ph! ’s gibt Jungens, die sich für furchtbar interessant halten, – immer müssen sie sich zeigen!«

Toms Wangen brannten. Er rappelte sich auf und schlich davon, gedemütigt, vernichtet.

Zwölftes Kapitel.

Schreckliche Pläne. – Die Flucht.

Zwölftes Kapitel.

Tom war nun fest entschlossen. Er war finsterer, verzweifelter Gedanken voll. Er kam sich als verlassener, freundloser Knabe vor, den niemand liebte. Wenn sie erst merkten, zu was ihre Lieblosigkeit ihn getrieben, würde es ihnen vielleicht leid sein. Er hatte versucht, das Rechte zu tun, gut zu sein, sie ließen’s ja nicht zu. Da sie ihn denn durchaus los sein wollten, so sollten sie ihren Willen haben; natürlich würden sie ihn allein für die Folgen verantwortlich machen, – aber so ist’s immer! Hat ein Freundloser und Verstoßener das Recht zu klagen? Jetzt, da sie ihn zum Äußersten getrieben, wollte er das Leben eines Verbrechers führen. Ihm blieb keine Wahl. Unter solchen Betrachtungen war er weit über die Wiesen geschritten und die Schulglocke, welche die Säumigen mahnte, klang ihm nur noch schwach ins Ohr. Er schluchzte jetzt beim Gedanken, daß er nie, nie wieder diesen anvertrauten Ton vernehmen solle, – es war hart, so furchtbar hart, aber – sie zwangen ihn ja dazu. Da sie ihn vertrieben hatten, hinausgestoßen in die kalte unbarmherzige Welt, so mußte er sich darein ergeben, – aber er verzieh ihnen, verzieh ihnen allen. Das Schluchzen wurde stärker, erschütternder.

In diesem Moment stieß er auf seines Herzens innigsten Freund – Joe Harper, der finster blickend dahertrottete, augenscheinlich einen schrecklichen, schwerwiegenden Entschluß in seiner Seele herumwälzend. Hier waren offenbar »zwei Seelen und ein Gedanke!« Tom, der sich die Augen mit seinem Ärmel wischte, fing an, etwas Unzusammenhängendes hervorzustottern, von einem Entschluß, sich den Mißhandlungen und dem Mangel an Verständnis daheim durch seine Flucht in die weite Welt zu entziehen, nie, niemals wiederzukehren, und schloß damit, daß er Joe bat, ihm ein treues Gedenken zu bewahren.

Da zeigte sich aber, daß Joe just eben um ganz dasselbe hatte bitten wollen und gerade zu dem Zweck gekommen war, Tom aufzuspüren. Seine Mutter hatte ihn geprügelt, weil er Rahm getrunken haben sollte, von dem er doch rein gar nichts wußte. Es sei klar, sie wolle nichts mehr von ihm wissen und ihn los sein. Solchen Empfindungen gegenüber – was bleibe ihm da anderes übrig, als sich darein zu ergeben? Möge es ihr wohl ergehen und sie niemals bereuen, ihren armen Jungen hinausgetrieben zu haben in die kalte, fühllose Welt, um da zu leiden und schließlich zu sterben.

Wie nun die zwei trauernden Jünglinge so dahin wandelten, schlossen sie einen Pakt, fest zusammenzustehen wie Brüder, nicht voneinander zu lassen, bis der Tod sie einst scheide und sie erlöse von ihrem Jammer. Dann begannen sie Pläne zu schmieden. Joe war dafür, ein Eremit zu werden, von harten Brotkrusten und Wasser in einer finsteren Höhle zu leben und eines Tages aus Not, Kälte und Kummer zu sterben. Nachdem er aber Toms Plan gehört, gab er zu, daß das Leben eines Verbrechers doch einige hervorragende Vorteile böte und willigte ein, als Seeräuber sein Heil zu probieren.

Drei Meilen unterhalb St. Petersburg, an einer Stelle, wo der Mississippi etwas mehr als eine Meile breit war, lag eine lange, schmale, bewaldete Insel mit einer seichten Sandbank an der Spitze. Diese Insel war nicht bewohnt, lag weit drüben gegen das andere Ufer zu, das mit einem ausgedehnten, menschenleeren, fast undurchdringlichen Walde bestanden war. Das schien ein Ort wie gemacht für das Unternehmen, und so wurde denn die Jacksoninsel gewählt. Welches die Opfer sein sollten für ihr Seeräubertum, das kam den Jungen nicht in den Sinn. Vor allem trieben sie nun Huckleberry Finn irgendwo auf, der sich ihnen sofort anschloß. Jegliche Laufbahn war ihm recht, er war nicht wählerisch. Nachdem sie alles verabredet hatten, trennten sie sich, um sich an einer einsamen Stelle des Flußufers, zwei Meilen oberhalb des Städtchens, wieder zu treffen, um Mitternacht, zu ihrer Lieblingsstunde. Dort wußten sie von einem kleinen Holzfloß, das sie sich anzueignen gedachten. Jeder von den dreien wollte eine Angelrute und Haken mitbringen, dazu solche Eßvorräte, deren er sich auf möglichst versteckte und geheimnisvolle Weise bemächtigen konnte, wie es Ausgestoßenen und Geächteten ihrer Art zukam. Bevor noch der Nachmittag verflossen, war es ihnen gelungen, heimlicher Wonne voll, im ganzen Städtchen das Gerücht zu verbreiten, es werde sich in Bälde etwas sehr Merkwürdiges ereignen. Alle, die diesen Wink erhielten, bekamen zugleich die Mahnung zu schweigen und abzuwarten.

Um Mitternacht erschien Tom mit einem gekochten Schinken und noch sonstigen Kleinigkeiten in dem dichten Untergehölz des steilen Uferabhanges, das zum Sammelplatz bestimmt worden. Es war sternklar und totenstill. Der mächtige Strom lag, ozeangleich, in friedlicher Ruhe da. Tom lauschte einen Moment, kein Laut unterbrach die feierliche Stille. Er ließ ein leises, langgezogenes Pfeifen ertönen, das von unten erwidert wurde; zweimal noch pfiff Tom, beide Male wurde das Signal in derselben Weise beantwortet. Nun fragte eine leise Stimme:

»Wer naht sich dort?«

»Tom Sawyer, der Schwarze, Rächer der spanischen Meere. Nennt eure Namen!«

»Huck Finn, die ›blutige Hand‹, und Joe Harper, ›der Schrecken der See‹.« Tom hatte diese Titel aus seiner Lieblingsliteratur geschöpft.

»Gebt das Feldgeschrei!«

In dumpfem, grauenvoll durchdringendem Flüsterton erklang von zwei Stimmen zugleich dasselbe schreckliche Wort in die brütende Nacht hinein:

» Blut

Nun kollerte Tom seinen Schinken über den Abhang und ließ sich selber nachgleiten, wobei er Haut und Kleider empfindlich verletzte. Wohl gab’s einen leichten, bequemen Pfad, den Abhang hinunter und am Ufer entlang, dem aber fehlten jene unerläßlichen Eigenschaften von Schwierigkeit und Gefahr, die ein Seeräuber vor allen anderen schätzt.

Der »Schrecken der See« hatte eine riesige Speckseite geliefert und sich halb krumm und lahm geschleppt, um sie herbeizubringen. Finn, der »Bluthändige«, hatte einen Kochkessel gestohlen, dazu eine Portion halbgetrocknete Tabaksblätter und einige Maiskolben, um Pfeifen daraus zu machen. Keiner der Piraten freilich rauchte oder kaute Tabak, als nur er selber. Der »Schwarze Rächer der spanischen Meere« meinte, man könnte nimmermehr das Unternehmen ins Werk setzen, ohne Feuer an Bord zu haben. Der Gedanke war weise, auch schritt man sofort zur Tat. In der Entfernung glimmte ein Feuer auf einem großen Flosse, dahin schlichen sie nun und verschafften sich einen Holzbrand. Aus dieser Expedition machten sie sich mit Wonne und umständlicher Wichtigkeit ein gefährliches Abenteuer zurecht. Unterwegs hielten sie fast jede Minute an, sagten »Pst« und legten den Finger auf die Lippen. Ihre Hände umfaßten eingebildete Schwertergriffe, leise Befehle wurden geflüstert, daß, wenn der »Feind« sich rege, er »kaltgemacht« werden müsse, denn »tote Menschen plaudern nichts mehr aus!« Die Jungen wußten freilich mit Bestimmtheit, daß die Flößer unten in der Stadt waren, entweder um Vorräte einzukaufen, oder um zu zechen; das war aber für sie kein Grund, sich weniger piratenmäßig bei der Sache zu benehmen.

Glücklich zurückgekehrt von dem gefahrvollen Feuerraubzeug, stießen sie alsbald vom Lande. Tom hatte den Oberbefehl, Huck saß am hinteren Ruder, Joe vorn. Tom stand mitten auf dem Floße. Finster blickend, mit über der Brust gekreuzten Armen, erteilte er seine Befehle in leisem, strengem Flüsterton.

»Luven! Vor den Wind!«

»Geluvt ist, Kap’tän.«

»Stet, Jungens, ste–e–et!«

»Stet ist’s, Kap’tän.«

»Einen Strich rechts abgehen!«

»Ein Strich ist’s!«

Während die Jungen das Floß unverweilt gegen die Mitte des Stromes zutreiben ließen, verstand es sich von selbst, daß alle diese Befehle nur der Form halber erteilt wurden und weiter gar nichts zu bedeuten hatten.

»Welche Segel führt das Boot?«

»Hauptsegel, Topsegel und fliegenden Klüver, Kap’tän.«

»Oberbramsegel auf! Ihr dort flink, ’n halb Dutzend an die Fockmarsleesegel! Lustig, Jungens, rührt euch!«

»Eh, eh, Kap’tän!«

»Marssegel vom Hauptmast! Schoten und Brassen! Vorwärts, Jungens.«

»Eh, Kap’tän!«

»Ruder nach Lee – hart an Backbord. Backbord – Backbord! Nun, Leute, frisch darauf los. Stet – ste–e–et!«

»Stet ist’s, Kap’tän!«

Das Floß begann die Mitte des Stromes zu kreuzen und auf das andere Ufer zuzuhalten. Die Jungen gaben der Spitze desselben die rechte Richtung und zogen dann die Ruder ein. Kaum ein Wort wurde gewechselt während der nächsten halben Stunde. Jetzt trieb das Floß am fernen Städtchen vorüber. Zwei oder drei schimmernde Lichter zeigten, wo dasselbe lag, in süßem, friedlichem Schlummer, jenseits dieser endlosen, ungeheuren, sternbeschienenen Wasserflut, ohne Ahnung von dem tief eingreifenden Ereignis, das soeben im Begriff war, sich abzuspielen. Der »Schwarze Rächer« stand da mit gekreuzten Armen, einen letzten Blick werfend auf den Schauplatz seiner früheren Freuden und späteren Leiden, und wünschte sehnlichst, »Sie« könnte ihn jetzt sehen, da draußen auf der wilden See, der Gefahr und dem Tode ins Antlitz schauend, unverzagten Herzens, mit einem grimmigen Lächeln auf den Lippen seinem Untergang entgegengehend. Seiner Einbildungskraft war es ein Geringes, die Jacksoninsel aus der Gesichtsweite des Städtchens wegzuversetzen, und so sandte er demselben denn seinen »letzten Blick«, zufriedenen, wenngleich gebrochenen Herzens. Die anderen Piraten sandten desgleichen ihre letzten Blicke und blickten so anhaltend und so lange, daß die Strömung sie beinahe aus dem Bereich der Insel fortgetrieben hätte. Diese Gefahr aber wurde noch beizeiten entdeckt und derselben mit Erfolg Einhalt getan. Etwa um zwei Uhr morgens trieb das Floß an der Sandbank auf, ungefähr hundert Meter oberhalb der Spitze der Insel, und die Jungen wateten nun durch das Wasser hin und zurück, bis sie ihre Ladung glücklich gelandet und in Sicherheit gebracht hatten. Zu dem kleinen Floß gehörte auch ein altes Segel, welches sie an einem heimlichen Plätzchen im Gebüsch als Zelt ausspannten, um die Vorräte darunter zu bergen. Sie selbst aber wollten unter freiem Himmel schlafen, in Wind und Wetter, wie es solchen Ausgestoßenen der Menschheit zukam.

Sie schichteten Holz zu einem Feuer auf neben einem dicken, alten, abgestorbenen Baumstamm, der etwa zwanzig bis dreißig Schritte weit in der düsteren Tiefe des Waldes stand, brieten sich Speck zum Abendessen und ließen sich’s köstlich munden. Herrlich, unbeschreiblich schön war das wilde, freie Leben im jungfräulichen Walde einer unbekannten, unbewohnten Insel, weitab vom Getriebe der Menschen, und sie schwuren sich, nimmermehr zurückzukehren in die Fesseln der Zivilisation. Das aufglimmende Feuer beleuchtete ihre Gesichter und warf seinen roten Schein auf die säulenartigen Baumstämme dieses grünen Waldtempels, auf das schimmernde Laub und die alles umrankenden, wilden Reben. Als die letzte knusperige Speckschnitte verschwunden, die letzte Brotkrume ausgezehrt war, streckten sich die Jungen auf dem Moose aus, erfüllt von köstlichstem Behagen. Wohl hätten sie ein kühleres Plätzchen finden können, aber sie mochten sich das romantische Gefühl nicht versagen, am leise flackernden Lagerfeuer zu rösten.

»Ist das nun nicht lustig?« fragte Joe.

»Famos,« bestätigte Tom.

»Was würden die Jungen sagen, wenn sie uns so sehen könnten!«

»Sagen? Ei, die ließen sich totschlagen, wenn sie nur hier sein könnten, – he, Huckchen?«

»Das will ich meinen!« brummte Huckleberry, »mir wenigstens gefällt’s und ich wünsch mir nichts anderes. Für gewöhnlich krieg ich nicht satt – hier kann mich auch keiner herumstoßen und seine Stiefel an mir abputzen, danke!«

»Das ist just ein Leben für mich,« jubelte Tom, »morgens braucht man nicht aufzustehen, braucht nicht in die Schule, sich nicht zu waschen und all den anderen dummen Firlefanz. Siehst du nun, Joe, ein Pirat hat gar nichts zu tun, so lang er am Lande ist, ein Eremit aber, der muß beten, beten, beten bis er schwarz wird, und hat nie ein Vergnügen, immer so allein für sich.«

»Das ist auch wahr,« meinte Joe, »ich hab eben nicht weiter darüber nachgedacht. Jetzt will ich selber viel lieber Seeräuber sein, seit ich’s probiert hab.«

»Außerdem,« belehrte Tom, »gibt man heutzutage nicht mehr so viel auf Eremiten, wie früher, in alten Zeiten, während ein Pirat überall geachtet ist. Ein Eremit muß auch immer auf dem allerthärtesten Platz schlafen, den er finden kann, muß Asche auf sein Haupt streuen und –«

»Asche? Zu was denn die Asche auf den Kopf?« fragte Huck.

»Das weiß ich selber nicht. Aber das müssen sie – alle Eremiten tun’s. Du hättst’s auch zu tun, wenn du einer warst.«

»Die sollten mir kommen,« versetzte Huck.

»Na, was tätst du denn?«

»Das weiß ich noch nicht. Aber Asche auf den Kopf sicher nicht.«

»Aber Huck, das müßtest du einfach. Wie wolltest du da drum herumkommen?«

»Ei, ich würd’s eben nicht leiden. Ich risse aus!«

»Ausreißen! Na, du wärst ein nettes altes Gestell von einem Eremiten, weiß Gott, ein wahrer Schandfleck für die anderen!«

Der »Bluthändige« gab keine Antwort, da er Besseres zu tun hatte. Er war soeben damit fertig geworden, einen Maiskolben auszuhöhlen; nun befestigte er einen Binsenhalm daran, stopfte den Kolben mit Tabak, legte eine glühende Kohle darauf und hüllte sich in eine Wolke lieblich duftenden Dampfes. Man sah ihm ordentlich an, wie er sich im höchsten Stadium wollüstigen Behagens befand. Die anderen Piraten neideten ihm den Besitz solch imponierend lasterhafter Kunst und beschlossen heimlich, dieselbe in kürzester Frist sich anzueignen. Nach einer Weile fragte Huck:

»Was haben denn Seeräuber eigentlich zu tun?«

Worauf Tom erwiderte:

»O, die haben Zeitvertreib genug. Die kapern Schiffe und verbrennen sie, nehmen alles Geld weg und vergraben’s an ganz schrecklich gruseligen Plätzen auf ihrer Insel, wo’s Geister und solche Wesen gibt, die den Schatz bewachen. Dann töten sie jedermann auf den Schiffen – lassen alle über die Planken springen –«

»Und die Frauen schleppen sie ans Land,« vervollständigte Joe, »die töten sie nicht.«

»Nein,« stimmte Tom bei, »Frauen töten sie nicht, dazu sind sie zu edel. Die Frauen sind auch immer sehr schön.«

»Und was für Kleider sie tragen! ’s ist ’ne wahre Pracht; alles voll Gold und Silber und Diamanten,« fiel Joe ganz begeistert ein. »Wer?« fragte Huck.

»Nun die Piraten doch!«

Huck sah nachdenklich an seiner Gewandung hinunter.

»Na, meine Kleider sind dann schwerlich für einen Piraten geschaffen,« bemerkte er mit einer gewissen erhabenen Trauer in der Stimme, »ich habe aber keine anderen nicht!«

Seine beiden Kameraden trösteten ihn, die schönen Kleider würden schnell genug kommen, wenn man nur erst auf Abenteuer auszöge. Sie gaben ihm zu verstehen, daß seine ärmlichen Lumpen für den Anfang genügen sollten, obgleich gutgestellte Seeräuber für gewöhnlich in passender Garderobe auszögen.

Allmählich erstarb das Geplauder, Müdigkeit begann die Lider der kleinen Strolche schwer zu machen. Die Pfeife entglitt den Fingern des »Bluthändigen« und er schlief den tiefen Schlaf des Gerechten und – Müden. Der »Schrecken der See«, ebenso auch der »Schwarze Rächer der spanischen Meere« hatten größere Schwierigkeit im Erlangen des Schlafes. Sie sagten ihre Gebete nur innerlich her, da keine Autorität zugegen war, die sie zum Knien und lauten Aufsagen angehalten hätte. Zuerst hatten sie vorgehabt, gar nicht zu beten, vor solchem Wagnis aber schreckten sie schließlich doch zurück, aus Furcht, es könne ein ganz besonderer Donnerkeil vom Himmel auf ihre schuldigen Häupter niedersausen. Als sie endlich, endlich, ganz nahe am Rande des tiefen Abgrundes, Schlaf genannt, lagen und schon darein zu versinken dachten, da nahte wiederum ein Etwas, ein Störenfried, der sich nicht abweisen lassen wollte. Es war das Gewissen! Es überkam sie eine unbestimmte Ahnung des Unrechts, das sie begangen mit ihrem Davonlaufen, dann tauchte das gestohlene Fleisch auf und die Tortur begann. Sie versuchten dem Gewissen vorzuhalten, wie sie oft und oft Anlehen an die Speisekammer der Ihren gemacht in Äpfeln und anderen Süßigkeiten, das Gewissen aber gab sich mit solch durchsichtigen Ausflüchten nicht zufrieden. Es bewies ihnen klar und unbestreitbar, wie sich die Tatsache nicht umgehen lasse, daß das Einstecken von Äpfeln, Süßigkeiten usw. nur »krippsen« heiße, während das Wegnehmen von Speckseiten, Schinken und ähnlichen wertvolleren Gegenständen einfacher, gewöhnlicher Diebstahl genannt werden müsse, – wogegen es ein dräuendes Gebot in der Bibel gab. Demzufolge beschlossen sie innerlich, daß, solange sie das Piratengeschäft betrieben, ihre Raubzüge nicht wieder mit dem Verbrechen des Diebstahls besudelt werden dürften. Das Gewissen gab sich denn auch damit zufrieden, schloß einen Waffenstillstand und unsere merkwürdig inkonsequenten »Seeräuber« versanken in einen friedlichen, ungestörten Schlummer.

Dreizehntes Kapitel.

Piratenleben.

Dreizehntes Kapitel.

Als Tom am Morgen erwachte, konnte er sich kaum besinnen, wo er eigentlich sei. Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und blickte um sich, dann überkam ihn die Erinnerung. Der Tag begann eben zu grauen, kühl und wonnig. Es lag ein köstliches Gefühl der Ruhe und des Friedens in der tiefen, alles umfangenden Stille, dem Schweigen des Waldes. Kein Blatt rührte sich, kein Ton unterbrach das sinnende Nachdenken der großen Natur. Tautropfen perlten auf Blättern und Gräsern. Eine Schicht weiser Asche bedeckte das Feuer, von dem sich ein dünnes, bläuliches Rauchwölkchen in die stille Luft emporkräuselte. Joe und Huck schliefen noch. Jetzt erklang, weit drüben im Walde, der Ruf eines Vogels, ein anderer antwortete, dann hörte man das Hämmern eines Spechtes. Allmählich lüftete sich das kühle, fahle Grau der Morgendämmerung, ebenso allmählich vermehrten sich die Töne, das neuerwachte Leben begann sich allenthalben kundzutun. Das große Wunder, wie die Natur den Schlaf abschüttelt und ihr Tagewerk aufnimmt, entfaltete sich vor den Augen des staunenden Knaben. Eine kleine, grüne Raupe kam über ein taufrisches Blatt dahergekrochen, von Zeit zu Zeit dreiviertel ihres Körperchens in die Luft hebend und herumschnüffelnd, dann wieder vorwärtsstrebend. »Aha, die kommt zum Anmessen,« dachte Tom, und als das Tierchen aus freien Stücken sich ihm näherte, saß er stockstill, hoffend und bangend, je nachdem das Geschöpf die Richtung auf ihn zu nehmen oder sich anderswo hinzuwenden schien. Als es aber zuletzt, nach einem bangen Moment des Zweifels, währenddessen es den gekrümmten Körper in der Luft hin und her bewegte, sich ganz entschieden auf Toms Bein gleiten ließ und die Reise längs desselben begann, da füllte Freude Toms Herz, denn das bedeutete, daß er einen neuen Anzug bekommen würde, – ohne Zweifel eine glänzende Piratenuniform. Jetzt erschien ein Zug von Ameisen, man wußte nicht woher, sie gingen auf Arbeit aus. Eine derselben schleppte sich mutig mit einer toten Spinne, fünfmal so groß als sie selber, und lotste dieselbe direkt einen Baumstamm hinauf. Ein schwarzgeflecktes Johanniskäferchen erklomm die steile Höhe eines Grashalmes, Tom beugte sich dicht zu demselben nieder und sang:

»Johanneskäferchen flieg‘,
Der Vater ist im Krieg;
Flieg, flieg, dein Häuschen brennt,
’s sitzen sieben Kinderchen drin!«

Und Johanniskäferchen entfaltete die kleinen Schwingen und flog davon, um zu Hause nachzusehen, was den Jungen keineswegs verwunderte, wußte er doch aus Erfahrung, wie leichtgläubig das dumme Ding sei, namentlich in betreff der Feuersbrünste, und er hatte der kleinen Einfalt schon oftmals denselben Streich gespielt. Die Vögel lärmten nun förmlich im Gezweige der Bäume. Ein Rotkehlchen saß in einem Aste über Toms Kopf und schmetterte seine Triller aus voller Brust hinaus in den lichten Morgen. Ein blauschwarzer Häher schoß nieder, gleich dem Strahl einer blauen Flamme, setzte sich auf einen Busch, ganz dicht im Bereich des Knaben, legte den Kopf auf die Seite und beäugelte die Fremden mit lebhafter Neugierde. Ein graues Eichhörnchen und ein stämmiger Bursch aus der »Fuchs«familie kamen angerannt, setzten sich auf die Hinterbeine und betrachteten furchtlos die Eindringlinge. Die harmlosen Geschöpfe hatten wohl noch niemals ein menschliches Wesen gesehen und wußten offenbar nicht, ob man sich fürchten müsse oder freuen. Die ganze Natur war jetzt völlig wach und in Bewegung. Gleich blitzenden Lanzen drangen die goldenen Strahlen des Sonnenlichtes durch das dichte Laubwerk nah und fern, auch kleine buntfarbige Schmetterlinge kamen herbeigeflogen.

Tom ermunterte nun die beiden anderen Piraten und eine Minute später trabten sie mit einem Freudengeheul dem Ufer zu, warfen die Kleider ab und jagten und überpurzelten sich in dem seichten, lauen Wasser bei der Sandbank. Keine Spur von Sehnsucht empfanden sie nach dem Städtchen da drüben, das jenseits der endlosen, majestätischen Wasserfläche noch im Schlafe lag. Eine verirrte Welle, oder auch eine leichte Schwellung des Stromes, hatte ihr Floß entführt, dies aber diente den Jungen nur zur Befriedigung, denn durch sein Verschwinden waren gleichsam die Brücken zwischen ihnen und der Zivilisation abgebrochen.

Wunderbar erfrischt kehrten sie in ihr Lager zurück, sorglos, glückstrahlend und mit einem Wolfshunger. Bald flackerte das Feuer auf in hellen Flammen; Huck entdeckte eine Quelle frischen, kalten Wassers dicht beim Lager, Die Jungen machten sich Becher aus großen Eichen- und Ahornblättern und fanden, daß Wasser, durch solch eigenartigen, wilden Waldeszauber versüßt, der beste Ersatz für Kaffee sei. Während Joe sich eben anschickte, Speckschnitten zum Frühstück abzuschneiden, riefen ihm Huck und Tom zu, er möge eine Minute warten, griffen zur Angel, liefen zum Flusse, warfen die Leine aus, und ehe noch Joe Zeit hatte, ungeduldig zu werden, waren sie schon zurück mit einem Vorrat an Fischen, der für eine ganze Familie ausgereicht haben würde. Sie brieten nun Fische zusamt dem Speck, und noch nie hatte ihnen ein Fisch so köstlich geschmeckt. Sie wußten ja nicht, daß ein Süßwasserfisch um so besser ist, je schneller er in die Pfanne kommt, auch dachten sie nicht daran, welche treffliche Würze Schlaf und Bewegung im Freien, das Bad und ein gehöriger Hunger abgaben.

Nach dem Frühstück lagen sie im Schatten herum, wahrend Huck sein Pfeifchen schmauchte, und dann rüsteten sie sich, eine Entdeckungsreise auf der Insel vorzunehmen. Lustig trabten sie dahin, über modernde Baumstämme, durch wirres Unterholz, zu Füßen der erhabenen Fürsten der Wälder, die von den Kronen bis zur Wurzel als Zeichen ihrer Würde mit dem Wundergerank der Reben gleich einem duftenden Krönungsmantel behangen waren. Hier und da trafen sie auf saftiggrüne, lauschige Plätzchen, die mit weichem Grase und Blumen wie ausgepolstert waren.

Massenhaft fanden sie Dinge, die sie entzückten, nichts, das ihnen seltsam vorkam. Sie entdeckten, daß die Insel vielleicht drei Meilen lang und eine Viertelstunde breit sei und daß das Ufer, dem sie zunächst lag, nur durch einen schmalen Kanal von etwa hundert Meter Breite von derselben geschieden war. Jede Stunde einmal erfrischten sie sich durch eine kleine Schwimmexkursion und so war der Nachmittag schon weit vorgerückt, als sie zum Lager zurückkehrten. Sie waren zu hungrig, um noch erst lange zu fischen, erquickten sich dagegen aufs beste am kalten Schinken und warfen sich dann in den Schatten auf das Moos, um zu plaudern. Das Gespräch erlahmte bald und hörte dann ganz auf. Die Stille, die Feierlichkeit, die über dem Walde lag, begann, zusamt dem Gefühl der Einsamkeit, die Gemüter der Knaben zu bedrücken. Sie verfielen in Nachdenken, Eine Art unbestimmter Sehnsucht beschlich sie, die alsbald leise Gestalt annahm, – es war aufkeimendes Heimweh. Selbst Finn, der »Bluthändige«, träumte von seinen heimatlichen Treppenstufen und leeren Schweineställen. Alle drei aber schämten sich ihrer Schwäche und keiner hatte das Herz, seinen Gedanken Worte zu geben.

Schon seit ein Paar Minuten waren die Jungen sich undeutlich bewußt, daß ein eigentümlicher Ton aus der Ferne zu ihnen herüberklang, gerade wie man das Ticken einer Uhr hört, ohne sich davon Rechenschaft zu geben. Jetzt aber gewann der geheimnisvolle Ton an Kraft und drängte sich förmlich der Wahrnehmung auf. Die Jungen fuhren zusammen, sahen sich an und richteten sich in lauschender Stellung empor. Ein langes Schweigen folgte, tief und ununterbrochen, dann ertönte ein dumpfes, dröhnendes »Bum« aus der Entfernung über das Wasser herüber.

»Was ist das?« rief Joe mit unterdrückter Stimme.

»Möcht’s selber wissen,« flüsterte Tom.

»Donner ist’s keiner,« meinte Huck in ängstlichem Ton, »denn Donner –«

»Still,« gebot Tom, »schwätz nicht; horch lieber!«

Wieder warteten sie eine Zeitlang, die eine Ewigkeit schien, dann unterbrach dasselbe dumpfe »Bum« die feierliche Stille.

»Laßt uns doch sehen, ob wir was entdecken können.«

Damit sprangen sie auf die Füße und rannten dem der Stadt gegenüberliegenden Ufer zu. Vorsichtig teilten sie die Büsche und lugten hinter denselben hervor auf das Wasser hinaus. Die kleine Dampffähre trieb, vielleicht eine Meile unterhalb der Stadt, mit der Strömung daher. Das breite Deck wimmelte von Menschen. Eine Menge Boote ruderten um dieselbe herum oder ließen sich von den Wellen der Fähre treiben, die Jungen aber konnten nicht sehen, was die Männer in den Booten taten. Alsbald brach eine dicke Wolke weißen Rauches aus der einen Seite der Fähre hervor, und als sie sich zu erheben und zu zerstreuen begann, erklang derselbe dumpfe Ton in den Ohren der lauschenden Knaben.

»Jetzt weiß ich’s,« rief Tom, »da ist einer ertrunken.«

»Das ist’s, weiß Gott,« stimmte Huck bei, »so haben sie’s vorigen Sommer grad auch gemacht, als der Bill Turner ertrunken war. Da haben sie ’ne Kanone losgefeuert und da kommt dann der Tote herauf aufs Wasser. Ja, und sie nehmen auch große Brote und stecken Quecksilber hinein und lassen die schwimmen, und die schwimmen dann grad darauf los, wo ein Ertrunkener liegt und halten da an, damit man ihn findet.«

»Ja, davon hab ich auch gehört,« bestätigte Joe, »woher das Brot das wohl tut?«

»Na, das Brot selber tut’s weniger, als das, was sie vorher darüber sprechen, der Zauber, mein ich,« sagte Tom.

»Aber sie sprechen gar nichts darüber,« versicherte Huck, »ich war ja ganz nah dabei und hab alles gesehen.«

»Das wär sonderbar,« meinte Tom, »vielleicht sagen sie’s nur leise. Natürlich ist’s so, das könnt ein Kind wissen,« fügte er geringschätzend bei.

Die anderen beiden gaben denn auch zu, daß Tom recht haben könne. Von einem unvernünftigen Brot, das, unbelehrt durch irgendeinen Zauberspruch, mit solch ernster, wichtiger Sendung betraut werde, könne man doch unmöglich viel Verstand erwarten.

»Weiß Gott, ich wollt, ich wär drüben dabei,« rief Joe.

»Ich auch,« bekräftigte Huck, »ich gäb alles darum, wenn ich wüßt, wer da gesucht wird.«

Wieder lauschten die Jungen und beobachteten. Plötzlich tauchte ein erleuchtender Gedanke blitzartig in Toms Hirn auf und er rief:

»Jungens, ich weiß, wer dort ertrunken ist – wir sind’s!«

Und sie fühlten sich als Helden im nächsten Augenblick. Das war ein glorreicher Triumph! Sie wurden vermißt, betrauert, Herzen brachen ihretwegen, Tränen flossen. Anklagende Erinnerungen an Unfreundlichkeiten gegen diese armen, nun verlorenen Knaben tauchten auf, Bedauern und Reue beschlich die betreffenden Herzen, und was noch das beste von allem war, die Verschwundenen bildeten das Gespräch der ganzen Stadt. Alle anderen Jungen mußten sie glühend beneiden um diese glänzende, öffentliche Berühmtheit, Das war herrlich! Dafür lohnte es sich wahrhaftig, Pirat zu sein!

Die Dämmerung begann, die Dampffähre kehrte zu ihrer gewöhnlichen Beschäftigung zurück, die Boote verschwanden und die Piraten begaben sich nach ihrem Lager, Sie strahlten förmlich vor Wonne und Eitelkeit über ihre neue Größe und die glorreiche Unruhe, die sie verursachten. Sie fingen die Fische, bereiteten ihr Abendessen, verzehrten es und vertrieben sich dann die Zeit damit, sich vorzustellen, was man zu Hause wohl über sie sagte und dachte. Sich die Bilder der allgemeinen Kümmernis, die ihretwegen herrschte, auszumalen und von ihrem Standpunkt zu betrachten, gewährte ihnen die höchste Befriedigung. Als aber die Schatten der Nacht sie zu umhüllen begannen, verstummte allmählich das Gespräch. Sie saßen und starrten ins Feuer, während ihre Gedanken offenbar ganz wo anders herumstreiften. Die Erregung war verflogen und Tom und Joe konnten sich der leise mahnenden Überzeugung nicht erwehren, daß gewisse Leute zu Hause weit weniger Vergnügen haben würden an dem lustigen Abenteuer, als sie selber. Böse Ahnungen tauchten auf, sie fühlten sich unruhig und unglücklich, ein Seufzer nach dem anderen entschlüpfte ihnen, ohne daß sie selber es merkten. Dann streckte Joe schüchtern einen tastenden »Fühler« vor, wie wohl die anderen dächten über eine Rückkehr zur Zivilisation, – nicht jetzt natürlich, aber –

Tom schmetterte ihn mit Verachtung nieder! Huck, der bis jetzt noch keine Anwandlung von Schwäche empfand, stimmte Tom bei und der Schwankende suchte sich alsbald herauszureden, um sich mit einem möglichst geringen Makel mattherzigen Heimwehs aus der Sache zu ziehen. Die Meuterei war für den Augenblick mit Erfolg unterdrückt.

Als die Nacht vollends hereinbrach, begann Huck einzunicken und schnarchte sofort, dann kam die Reihe an Joe. Regungslos lag Tom, auf seine Ellbogen gestützt, und beobachtete die zwei aufmerksam. Dann erhob er sich vorsichtig auf die Knie und kroch im Gras umher, beim schwach flackernden Schein des Feuers nach etwas suchend. Er las ein Stück weißer zylinderförmiger Sykomorenrinde nach dem andern auf, untersuchte sie und wählte schließlich zwei derselben, die ihm die besten schienen. Dann kniete er am Feuer nieder, kritzelte voll Anstrengung etwas mit seinem Rotstift auf jedes der Stücke, rollte eines zusammen, steckte es in seine Tasche und schob das andere in Joes Hut, den er etwas entfernt von dem Eigentümer hinlegte. Demselben Hut vertraute er dann noch einige Schuljungenkostbarkeiten von fast unschätzbarem Werte an, als da sind ein Klumpen Kreide, ein Gummiball, drei Fischhaken und eine kleine Glaskugel, die überall für »echtes Kristall« ging. Dann schlich er sich auf den Zehenspitzen unter den Bäumen hin, bis er außer Hörweite war, worauf er sich geradeswegs nach der Sandbank in Trab setzte.