XXXII.


XXXII.

Vom 8. bis 17. December. – Der Abend ist herangekommen, wir haben uns unter die Segelstücken verkrochen, und da ich von dem Aufenthalt im Mastkorbe furchtbar ermüdet war, habe ich einige Stunden schlafen können. Das verhältnißmäßig gering belastete Floß hebt und senkt sich leicht, und da das Meer nicht schäumt, bleiben wir auch von den Wellen verschont. Zum Unglück kann aber der Seegang nur dadurch schwächer werden, daß der Wind sich ermäßigt, und gegen Morgen bin ich in der Lage, in mein Journal eintragen zu müssen: Ruhig Wetter.

Bis zum Anbruch des Tages hat sich nichts Neues ereignet. Auch die Herren Letourneur haben einen Theil der Nacht geschlafen, und noch einmal haben wir uns die Hand gedrückt. Miß Herbey hat ebenfalls geschlummert, und ihre jetzt weniger angegriffenen Züge haben ihre gewohnte Ruhe wieder angenommen.

Wir befinden uns unterhalb des fünfzehnten Breitengrades. Die Hitze am Tage ist sehr stark, und die Sonne glänzt ungewöhnlich hell. Ein heißer Dunst schwebt in der Atmosphäre. Da der Wind nur stoßweise auftritt, so hängt das Segel während der Ruhepausen, die immer länger werden, schlaff am Maste. Robert Kurtis und der Bootsmann wollen aus gewissen nur den Seeleuten verständlichen Zeichen erkennen, daß eine Strömung von zwei bis drei Meilen in der Stunde uns nach Westen zu weiter trägt. Das wäre ein sehr günstiger Umstand der unsere Ueberfahrt merklich abkürzen könnte. Möchten der Kapitän und der Hochbootsmann sich nicht getäuscht haben, denn bei der hohen Lufttemperatur dieser Tage will die Wasserration kaum hinreichen, nur unsern quälendsten Durst zu löschen.

Und doch, seitdem wir den Chancellor oder vielmehr die Mastkörbe des Schiffes verlassen und uns auf dem Flosse eingeschifft haben, hat sich unsere Lage wesentlich verbessert, denn der Chancellor konnte jede Minute untergehen, und die Plattform, welche uns trägt, ist wenigstens fest und solid. Alle, ich wiederhole es, erkennen auch die jetzige günstige Lage unverhohlen an. Man lebt fast ganz nach seinem Vergnügen und kann hin und her gehen. Am Tage tritt man wohl zusammen, plaudert, bespricht dieses und jenes, oder betrachtet das Meer. In der Nacht schläft man unter der Segeldecke. Die Beobachtung des Himmels, die nöthige Aufmerksamkeit auf die Logleinen, welche zur Bestimmung der Geschwindigkeit der Fahrt ausgelegt sind, alles erweckt unser Interesse.

»Mr. Kazallon, sagt da André Letourneur einige Tage nach unserer Einschiffung auf dem neuen Apparat zu mir, es scheint, als sollten wir hier die Tage der Ruhe wiederfinden, welche unseren Aufenthalt auf dem Ham-Rock-Eilande so angenehm machten.

– Gewiß, so scheint es, mein lieber André, habe ich geantwortet.

– Doch möchte ich auch hinzufügen, daß das Floß vor dem Eilande einen großen Vorzug hat, – es trägt uns weiter!

– So lange wir günstigen Wind behalten, André, ist der Vorzug offenbar auf der Seite des Flosses, wenn dieser aber umschlägt…

– Sie haben recht, Mr. Kazallon, antwortet mir der junge Mann. Doch wir wollen nicht niedergeschlagen sein, sondern frohe Hoffnung haben!«

Ja wohl, diese Hoffnung hegen jetzt auch alle Anderen! Es gewinnt den Anschein, daß wir die fürchterlichsten Prüfungen für immer überstanden haben! Alle Verhältnisse sind uns günstig geworden, und es ist Keiner unter uns, der sich jetzt nicht beruhigt fühlte!

Was in der Seele Robert Kurtis‘ vorgeht, weiß ich nicht; ebenso wenig, ob er unsere Gedanken theilt, denn er hält sich etwas abseits. Gewiß ist seine große Verantwortlichkeit daran schuld! Er ist der Chef, der nicht nur für sein eigenes Leben, sondern auch für das aller Uebrigen zu sorgen hat! Ich weiß, daß er seine Pflicht in diesem Sinne auffaßt. Oft sehen wir ihn in Gedanken versunken, und Jeder vermeidet es dann, ihn zu stören.

Die langen Stunden ohne Beschäftigung bringt der größte Theil der Mannschaft auf dem Vordertheile schlafend zu. Auf Anordnung des Kapitäns ist der Hintertheil für die Passagiere reservirt worden, wo man auf Stangen eine Art Zelt errichtet hat, das uns einigen Schutz gewährt. Wir erfreuen uns Alle eines befriedigenden Wohlseins. Nur der Lieutenant Walter kann nicht wieder zu Kräften kommen. Alle ihm zugewendete Sorgfalt ist vergebens, und er wird von Tag zu Tag schwächer.

André Letourneur habe ich niemals mehr schätzen gelernt, als unter unseren jetzigen Verhältnissen. Dieser liebenswürdige junge Mann ist die Seele unserer kleinen Welt. Bei seinem originellen Geiste überrascht er häufig durch seine neuen Ideen und unerwarteten Anschauungen der Sachen, die ihm so eigen sind. Seine Unterhaltung zerstreut immer und belehrt nicht selten. Wenn André spricht, belebt sich seine kränkelnde Physiognomie. Sein Vater scheint die Worte Jenes aufzusaugen, und manchmal erfaßt er die Hand des Sohnes, die er lange Zeit betrachtet.

Dann und wann mischt sich auch, obwohl mit sorglichster Zurückhaltung, Miß Herbey in unser Gespräch; Jeder von uns bestrebt sich nach Kräften, sie durch alle möglichen Zuvorkommenheiten vergessen zu lassen, daß sie Diejenigen verloren, die naturgemäß ihre Beschützer sein sollten. In Mr. Letourneur hat das junge Mädchen einen verläßlichen Freund gefunden, wie nur ein Vater einer sein könnte, und zu ihm spricht sie mit der hingebenden Offenheit, welche ihr das Alter desselben gestattet. Auf sein Ersuchen hat sie ihm ihre Lebensgeschichte mitgetheilt, – die Geschichte eines Lebens voll Muth und Selbstverleugnung, das so häufige Loos der meisten armen Waisen. Seit zwei Jahren war sie im Hause des Mr. Kear, und jetzt ohne alle Mittel, ohne Aussichten auf die Zukunft, doch immer voller Vertrauen, da sie sich gegen jede Prüfung des Schicksals gewappnet fühlt. Miß Herbey erzwingt sich durch ihren Charakter, ihre moralische Energie die ungetheilteste Hochachtung, und auch gewisse ungebildetere Leute an Bord hüten sich vor jedem Worte und jeder Geste, die sie unangenehm berühren könnten.

Vom 12. bis 14. December ist keine Aenderung in der Situation eingetreten, in wechselnder Stärke hat der Wind fortwährend aus Osten geweht. Eigentliche Schiffsmanoeuvre sind auf dem Flosse überflüssig; selbst das Steuer, oder vielmehr der Bootsriemen braucht in seiner Stellung nicht geändert zu werden. Unser Apparat läuft mit dem Winde im Rücken, und seine Gestalt verhindert das Schwanken nach der oder jener Seite. Im Vordertheile bleiben stets einige Matrosen auf Wache, welche beauftragt sind, das Meer mit peinlichster Sorgfalt zu beobachten.

Sieben Tage sind nun verflossen, seit wir den Chancellor verlassen, und gestehe ich, daß wir uns an die Rationen schon gewöhnt haben – wenigstens bezüglich der festen Nahrung. Freilich sind unsere Kräfte auch nach keiner Seite hin in Anspruch genommen. Wir »nutzen uns nicht ab«, – um den volksthümlichen Ausdruck zu gebrauchen, der meine Gedanken recht treffend bezeichnet, – und unter derartigen Verhältnissen braucht der Mensch nur wenig zu seiner Erhaltung. Am meisten empfinden wir die Beschränkung des Wassergenusses, und bei der großen Hitze ist die uns zugetheilte Quantität notorisch unzureichend.

Am 15. December wimmelt es plötzlich rund um das Floß von einer großen Menge Fische, sogenannter Seebrassen. Obwohl unser Angelgeräthe nur aus langen Schnuren besteht, an denen ein umgebogener Nagel mit einem Stückchen gedörrten Fleisches als Lockspeise befestigt ist, so gelingt es uns doch, eine nicht unbeträchtliche Menge dieser Brassen zu fangen.

Der Tag bescheerte uns einen wahrhaft wunderbaren Fischzug und veranlaßte ein wirkliches Fest an Bord. Ein Theil jener Fische wurde geröstet, ein anderer in Meerwasser über einem auf dem Vordertheile angezündeten Holzfeuer gekocht. O, das gab eine Mahlzeit! Und dabei sparten wir an unseren Vorräthen. Diese Brassen erscheinen in solcher Unzahl, daß wir binnen zwei Tagen über zweihundert Pfund derselben einfangen. Wenn jetzt noch Regen fallen sollte, müßte sich Alles für uns zum Besten wenden.

Leider hielt sich jener Schwarm von Fischen nicht lange in unserer Nähe auf. Am 17. sind einige große Haifische, von der vier bis fünf Meter langen Art der sogenannten getigerten Haie, an der Oberfläche des Meeres erschienen. Ihre Kiefern und der untere Theil des Körpers sind schwarz mit weißen Flecken und Querlinien. Die Gegenwart solcher gefährlichen Quermäuler hat immer etwas Beunruhigendes, denn wir befinden uns bei dem geringen Emporragen des Flosses fast in einem Niveau mit ihnen, und schon mehrmals haben sie mit dem Schwanze heftig gegen unseren Bau geschlagen. Zwar ist es den Matrosen gelungen, sie durch Schläge mit Pfählen zu vertreiben, doch sollte es mich sehr wundern, wenn sie uns nicht, wie eine Beute, die ihnen nicht entgehen kann, hartnäckig nachfolgten. Geschöpfe »mit solchem Ahnungsvermögen« liebe ich aber keineswegs.

XXI.


XXI.

Vom 21. bis 23. November. – In der That ist es nothwendig, dieses beschränkte Bassin, und zwar sobald als möglich, zu verlassen. Das Wetter, welches uns während des ganzen Monats November begünstigt hat, droht umzuschlagen. Seit gestern ist das Barometer gesunken und rings um den Ham-Rock geht die See höher. Das Eiland bietet den Windstößen zu wenig Widerstand; der Chancellor müßte hier ohne Zweifel zertrümmert werden.

Während der Ebbe am heutigen Abend haben wir, Robert Kurtis, Falsten, der Hochbootsmann, der Zimmermann und ich, uns nach der jetzt freiliegenden Basaltbarriere begeben. Ein Passiren derselben ist nur zu erzwingen, wenn die Felskante in einer Breite von etwa zehn und einer Länge von sechs Fuß mit der Spitzhaue bearbeitet wird. Eine Tieferlegung von acht bis neun Zoll muß für den Chancellor schon das nöthige Wasser schaffen, und wenn man diesem kleinen Canale mit der nöthigen Vorsicht folgt, kann der Chancellor ihn ohne Schaden zu nehmen durchfahren und dicht außerhalb desselben in tiefes Fahrwasser gelangen.

»Dieser Basalt ist aber so hart wie Granit, bemerkt der Hochbootsmann, und das wird um so mehr eine lange Zeit beanspruchende Arbeit werden, als sie nur während der Tiefebbe, d. h. während zwei Stunden von vierundzwanzigen, vorgenommen werden kann.

– Ein Grund mehr, Hochbootsmann, um keine Secunde zu verlieren, erwidert ihm Robert Kurtis.

– Ei, Kapitän, sagt Daoulas, einen Monat über werden wir damit zu thun haben! Ging‘ es denn gar nicht an, die Felsen zu sprengen? Pulver ist ja an Bord.

– Zu dem Zwecke zu wenig!« erklärt der Hochbootsmann.

Die Situation wird sehr ernst. Einen Monat lang Arbeit! Vor Verlauf eines Monats wird aber das Schiff durch die Wellen zerstört sein.

»Wir haben ja etwas Vorzüglicheres, als Pulver, sagt da Falsten.

– Und was? fragt Robert Kurtis mit einer Wendung nach dem Ingenieur.

– Das Natron-Pikrat!« antwortet der Ingenieur.

Das Natron-Pikrat, wahrhaftig! Das von dem unglücklichen Ruby herein gepaschte Colli. Die explosive Substanz, welche nahe daran gewesen ist, das Schiff zu zersplittern, soll nun dazu dienen, unser Fahrthinderniß zu beseitigen!

Ein Sprengloch in den Basalt, und die Felskante existirt nicht mehr!

Das Pikratcolli ist wie gesagt auf dem Riff an sicherer Stelle niedergelegt worden. Es darf als ein Glück betrachtet werden, daß man jenes nach seiner Entfernung aus dem Raume nicht in’s Meer geworfen hat.

Die Matrosen holen Spitzhauen herbei, und Daoulas beginnt unter Leitung Falsten’s einen Minengang in derjenigen Richtung, welche den umfassendsten Effect zu erzielen verspricht, auszuarbeiten. Alles berechtigt zu der Hoffnung, daß derselbe während der Nacht vollendet werden wird und daß morgen mit Tagesanbruch nach stattgehabter erfolgreicher Explosion die Durchfahrt frei gelegt sein werde.

Bekanntlich ist die Pikrinsäure ein kristallinischer Körper von bitterem Geschmacke, den man aus Steinkohlentheer gewinnt und welcher mit Natron eine gelbgefärbte Verbindung, eben jenes Natron-Pikrat, bildet. Die explosive Gewalt dieser Substanz erreicht zwar die der Schießbaumwolle noch nicht, übertrifft indessen die des gewöhnlichen Pulvers um ein Bedeutendes. Seine Entzündung erfolgt schon durch einen heftigen, kurzen Stoß, wir werden sie aber auch durch Zündpillen leicht ermöglichen können.

Daoulas hat zwar, so gut wie seine Leute, tüchtig gearbeitet, bei Tagesanbruch ist das Sprengloch aber noch weit von seiner Vollendung entfernt. Wirklich kann an demselben nur zur Zeit der tiefsten Ebbe, d. h. immer nur eine Stunde lang gearbeitet werden. Vier Gezeiten werden vorübergehen müssen, jenem die gewünschte Tiefe zu geben.

Erst am Morgen des 23. ist die mühsame Arbeit vollbracht. Die Basaltmauer ist mit einem schräg nach unten verlaufenden Sprengloche versehen, hinreichend für gut zehn Pfund des explosiven Salzes, und diese Mine soll sofort geladen werden.

Gerade vor dem Einbringen des Pikrats in das Loch bemerkt Falsten:

»Wir sollten unser Sprengmittel mit gewöhnlichem Pulver vermischen, das erlaubt uns, die Mine durch eine Lunte in Brand zu setzen, was jedenfalls geeigneter erscheint, als die Explosion einer Zündpille durch einen Schlag zu veranlassen. Uebrigens hat man sich überzeugt, daß die gleichzeitige Anwendung von Pulver und Pikrat bei harten Felsarten bessere Resultate erzielt. Das seiner Natur nach sehr plötzlich wirkende Pikrat arbeitet dabei, wie es scheint, dem Pulver vor, welches sich langsamer entzündend den Basalt dann vollends zur Seite wirft.«

Sehr oft spricht der Ingenieur Falsten nicht, aber wenn er es thut, sind es Worte von Gehalt. Sein Rath wird befolgt. Man vermengt die beiden Substanzen und bringt nach vorhergegangener Einführung einer Lunte die Mischung in das Sprengloch, das sorgfältig verschlossen wird.

Der Chancellor liegt weit genug von der Mine entfernt, so daß für ihn von der Explosion Nichts zu fürchten ist; doch haben sich Passagiere und Mannschaften aus Vorsicht bis nach den entfernteren Theilen des Riffs und in die Grotte zurückgezogen, und auch Mr. Kear hat sich bequemen müssen, trotz seiner Einwendungen das Schiff zu verlassen.

Falsten entzündet die Lunte, welche eine Brenndauer von zehn Minuten haben muß, und gesellt sich dann zu uns.

Die Explosion erfolgt. Sie ist dumpf und weniger laut gewesen, als man erwartet hätte, doch soll das bei allen tief angelegten Minen der Fall sein.

Wir eilen hinzu … Die Operation ist vollkommen geglückt. Die Basaltwand ist buchstäblich zerstäubt, und jetzt durchsetzt ein kleiner Canal, den die Fluth eben anzufüllen beginnt, das Hinderniß und gewährt uns einen unbehinderten Durchgang.

Ein allgemeines Hurrah! Die Kerkerthür ist offen, wir brauchen nur zu entfliehen!

Nach eingetretenem Hochwasser wird der Chancellor mittels seiner Anker angeholt, passirt den Canal und schwimmt im freien Wasser!

Noch einen Tag lang müssen wir uns jedoch bei dem Eilande aufhalten, denn in seinen jetzigen Verhältnissen vermag das Schiff nicht zu segeln und muß erst noch Ballast einnehmen, um seine Stabilität zu sichern. Während der nächsten vierundzwanzig Stunden beschäftigt sich die Mannschaft also mit der Einladung von Steinen und derjenigen Baumwollenballen, welche am wenigsten Havarie erlitten haben.

Heute unternehmen Mr. Letourneur, Miß Herbey und ich noch einen letzten Spaziergang durch die Felsen des Riffs, welches wir nie wiedersehen sollen und auf oder neben dem wir drei Wochen verlebten. Der Name des Chancellor, der des Riffs selbst, das Datum der Strandung werden von André in eine Wand der Grotte kunstgerecht eingemeißelt, und wir rufen ein letztes Lebewohl dem dürren Felsen zu, auf dem wir manche Tage und Zwei von uns vielleicht bis dahin die glücklichsten ihres Lebens verbrachten!

Endlich am 24. November schmückt sich der Chancellor zur Zeit der Morgenfluth mit seinen unteren Segeln, und zwei Stunden später verschwindet die letzte Spitze des Ham-Rock unter dem Horizonte.

XXII.


XXII.

Vom 24. November bis 1. December. – Nun schwimmen wir also auf dem Meere, und das auf einem Fahrzeuge, dessen Festigkeit nur sehr zweifelhaft ist; doch haben wir ja zum Glück keine allzu weite Fahrt vor uns. Es handelt sich nur um 800 Meilen, und wenn der Nordostwind nur einige Tage anhält, so wird der Chancellor, der vom Wind im Rücken nicht so arg angegriffen wird, die Küste von Guyana mit Sicherheit erreichen.

Beim Cours nach Südwesten nimmt das Leben an Bord nun wieder seinen gewohnten Lauf.

Die ersten Tage vergehen ohne weitere Zufälle. Die Richtung des Windes bleibt immer günstig, doch vermeidet Robert Kurtis zu viel Segel beisetzen zu lassen, da er eine Wiedereröffnung des Lecks fürchtet, wenn das Schiff zu schnell fährt.

Eine traurige Fahrt, wenn man zu dem Schiffe, das einen trägt, kein Zutrauen haben kann. Jeder ist mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und an Bord entwickelt sich nicht jene lebhafte Mittheilungslust, wie bei einer raschen und sicheren Seefahrt.

Während des 29. geht der Wind um ein Viertel nach Norden zurück. Die Segelstellung muß geändert und die Steuerbordhalsen müssen beigesetzt werden. In Folge dessen neigt sich das Schiff stark nach der Seite.

Robert Kurtis zieht die Bramstengen ein, denn er bemerkt wohl, wie stark die Seitenneigung den Chancellor belästigt. Er thut recht daran, denn es handelt sich weniger darum, eine schnelle Ueberfahrt auszuführen, als ohne neuen Unfall einen Hafen zu erreichen.

Die Nacht vom 29. zum 30. ist dunkel und dunstig. Die Brise frischt immer mehr auf und unglücklicher Weise droht der Wind nach Nordwesten umzuschlagen. Die meisten Passagiere halten sich in ihren Cabinen auf, Kapitän Kurtis verläßt dagegen das Oberdeck niemals, und die ganze Mannschaft verbleibt auf dem Verdecke.

Noch immer neigt sich das Schiff ganz bedeutend, trotzdem es gar kein Obersegel mehr trägt.

Gegen zwei Uhr Morgens will auch ich mich in meine Koje zurückziehen, als einer der Matrosen, der im Kielraum gewesen war, eiligst daraus hervorkommt und ausruft:

»Zwei Fuß Wasser!«

Robert Kurtis und der Bootsmann eilen die Leiter hinab und finden die traurige Neuigkeit nur allzuwahr. Ob sich der Leck trotz aller Vorsichtsmaßregeln wieder geöffnet hat, oder ob einige schlecht kalfaterte Fugen auseinander gewichen sind, läßt sich noch nicht sagen, jedenfalls dringt das Wasser wieder in den Kielraum ein.

Der Kapitän kommt auf das Verdeck zurück, läßt das Schiff wieder vor den Wind legen, damit es weniger umher geworfen wird, und so erwartet man den Tag.

Beim Sondiren am Morgen findet man drei Fuß Wasser …

Ich sehe Robert Kurtis an. Eine leichte Blässe fliegt über sein Angesicht, doch bewahrt er seine Kaltblütigkeit. Die Passagiere, von denen einige auf das Verdeck gekommen sind, werden von dem Vorfall unterrichtet, den zu verheimlichen doch schwierig gewesen wäre!

»Ein neues Unglück, sagt Mr. Letourneur zu mir.

– Das war vorauszusehen, habe ich geantwortet, indessen können wir nicht weit vom Lande entfernt sein, und hoffe ich, daß wir es erreichen.

– Gott möge Sie erhören! erwiderte Mr. Letourneur.

– Ist denn Gott an Bord? fragt Falsten mit Achselzucken.

– Er ist gegenwärtig, mein Herr«, fällt da Miß Herbey ein.

Der Ingenieur schweigt bei diesen Worten, dem Ausfluß eines frommen Glaubens, über den nicht zu streiten ist.

Inzwischen ist auf Anordnung Robert Kurtis‘ der Dienst an den Pumpen organisirt worden. Mit mehr Resignation als Eifer geht die Mannschaft an die Arbeit; aber es geht um den Kopf, und die in zwei Rotten getheilte Mannschaft löst sich an den Pumpenstangen ab.

Im Laufe des Tages wiederholt der Hochbootsmann die Sondirungen, und man erkennt, daß das Meer langsam, aber unablässig in den Schiffsraum eindringt.

Zum Unglück kommen die Pumpen häufig in Unordnung; sie verstopfen sich entweder durch Asche oder Baumwollenbällchen, welche sich noch im unteren Theile des Kielraumes befinden. Bei der nothwendig werdenden Reinigung verlieren wir natürlich eine gewisse Zeit und die Erfolge unserer Mühe.

Am folgenden Morgen ergiebt eine neue Untersuchung fünf Fuß Wasser im Raume. Wenn das Herausschaffen desselben aus irgend einem Grunde ausgesetzt werden müßte, so würde das Schiff also sinken. Ueberhaupt kann das ja nur eine Frage der Zeit, und zwar einer sehr kurzen Zeit sein. Schon ist die Schwimmlinie des Chancellor um einen Fuß gesunken und sein Stampfen wird stärker, da er sich nur schwerfällig mit den Wellen hebt. Den Kapitän Kurtis sehe ich auch die Augenbrauen runzeln, sobald ihm der Lieutenant oder der Hochbootsmann eine Meldung machen. Das ist kein gutes Vorzeichen!

Die Arbeit an den Pumpen ist den ganzen Tag und die Nacht über fortgesetzt worden. Dennoch nimmt das Wasser zu. Die Mannschaft ist erschöpft; unter den Leuten werden Anzeichen von Entmuthigung bemerkbar. Inzwischen gehen der Lieutenant und der Hochbootsmann mit ihrem Beispiel voran, und die Passagiere nehmen an den Pumpenhebeln Platz.

Jetzt ist die Lage freilich nicht dieselbe, wie zur Zeit, als der Chancellor auf dem festen Grunde des Ham-Rock aufsaß; unser Fahrzeug schwebt über einem Abgrunde, in den es jeden Augenblick versinken kann.

XXIII.


XXIII.

Am 2. und 3. December. – Noch vierundzwanzig Stunden lang kämpfen wir mit aller Macht und verhindern ein Steigen des Wasserniveaus im Innern des Raumes; doch es liegt auf der Hand, daß die Zeit kommen wird, wo die Pumpen nicht mehr hinreichen werden, dieselbe Menge Wasser auszuwerfen, welche durch den Leck im Rumpfe eindringt.

Im Verlaufe dieses Tages geht Robert Kurtis, der sich keinen Augenblick der Ruhe gönnt, selbst an eine Untersuchung des Kielraumes, bei der der Zimmermann und der Hochbootsmann ihn begleiten; auch ich schließe mich Jenen an. Wir schaffen einige Baumwollenballen zur Seite und hören bei einiger Aufmerksamkeit ein Rauschen von Wasser, oder um es richtiger zu bezeichnen, ein »Gluck! Gluck!« Robert Kurtis will auf jeden Fall versuchen, den Schiffsrumpf am Hintertheil durch Einhüllung desselben mit getheerten Segeln trocken zu legen. Vielleicht gelingt es, dadurch wenigstens vor der Hand jede Communication mit dem Meere zu unterbrechen. Wenn das Nachströmen des Wassers nur momentan aufzuhalten ist, wird man erfolgreicher pumpen und das Schiff wahrscheinlich wieder heben können.

Die Ausführung dieser Absicht ist umständlicher, als man glauben sollte. Zunächst muß die Schnelligkeit des Fahrzeugs gemäßigt werden, und nachdem die großen Segel, welche die Jölltaue halten, bis nach dem Kiel hinuntergeglitten sind, leitet man sie bis zu der Stelle des früheren Lecks und versucht den ganzen Theil des Chancellor vollkommen einzuhüllen.

Von jetzt ab wirken die Pumpen etwas bemerkbarer, und wir gehen mit neuem Muthe an die Arbeit. Dennoch hat Kapitän Kurtis die größtmöglichste Menge Segel beibehalten lassen, denn er weiß zu gut, daß der Rumpf des Chancellor nicht lange aushalten kann und er große Eile hat, irgend ein Land zu erreichen. Wenn ein anderes Schiff in Sehweite vorüber käme, würde er nicht zögern, Nothsignale zu geben, seine Passagiere, selbst die Mannschaften auszuschiffen und allein an Bord zurückzubleiben bis zum Versinken des Chancellor unter seinen Füßen.

Alle unsere Hilfsmittel sollten aber vergeblich sein!

In der Nacht hat die Segelhülle dem Drucke von Außen nachgegeben, und am Morgen des 3. December meldet der Hochbootsmann mit einigen kräftigen Flüchen:

»Wieder sechs Fuß Wasser im Raum!«

Die Thatsache ist nur zu richtig! Das Schiff füllt sich auf’s Neue an, es sinkt merklich tiefer, und schon taucht seine Schwimmlinie weit unter das Wasser. Indessen arbeiten wir an den Pumpen mit mehr Anstrengung als je, und setzen unsere letzten Kräfte daran. Unsere Arme sind halb gebrochen, unsere Hände bluten, und trotz allen Quälens läuft uns das Wasser den Rang ab.

Robert Kurtis läßt nun noch an der großen Luke eine Kette bilden, und schnell fliegen die Eimer von Hand zu Hand.

Alles ist vergebens! Um acht ein halb Uhr Morgens ergiebt die Messung einen noch weiteren Zuwachs des Wassers im Raume. Schon bemächtigt sich die Verzweiflung einiger der Matrosen. Robert Kurtis treibt sie an, weiter zu arbeiten. Sie verweigern es.

Unter den Leuten ist Einer von sehr widerspenstigem Sinne, ein Anführer, von dem ich schon gesprochen habe, der Matrose Owen. Er mag vierzig Jahre alt sein. Sein Gesicht endet mit einem röthlichen Spitzbarte am Kinne, während die Wangen haarlos sind; seine Mundwinkel verlaufen nach unten, und seine fahlen Augen zeichnen sich durch einen rothen Punkt an der Verbindungsstelle mit den Lidern aus. Er hat eine scharfe Nase, weit abstehende Ohren und seine Stirn ist durch häßliche Falten tief gefurcht.

Dieser verläßt zuerst seinen Posten. Fünf oder sechs Kameraden folgen seinem Beispiele; unter ihnen bemerke ich den Koch Jynxtrop; ebenfalls ein verdächtiges Subject.

Auf den Befehl Robert Kurtis‘, an die Pumpen zurückzukehren, antwortet Owen mit einem trotzigen Nein.

Der Kapitän wiederholt seinen Befehl.

Owen bleibt bei seiner Weigerung.

Robert Kurtis nähert sich dem aufsässigen Matrosen.

»Ich rathe Ihnen, mich nicht anzurühren«, sagt Owen in kaltem Tone und steigt nach dem Vordercastell hinauf.

Robert Kurtis begiebt sich nach dem Oberdeck, geht in seine Cabine und kehrt mit einem geladenen Revolver in der Hand daraus zurück.

Einen Moment sieht Owen Robert Kurtis an, doch Jynxtrop macht ihm ein Zeichen, und Alle nehmen ihre Arbeit wieder auf.

XXIV.


XXIV.

Am 4. December. – Der erste Versuch einer Empörung ist durch das energische Auftreten Robert Kurtis‘ vereitelt worden. Wird der Kapitän in Zukunft ebenso glücklich sein? Man muß es hoffen, denn eine undisciplinirte Mannschaft müßte die ohnehin ernste Situation ganz unerträglich machen.

Auch während der Nacht dürfen die Pumpen nicht feiern. Die Bewegungen des Schiffes sind schwerfällig; da es sich kaum mit den Wellen erhebt, so überfluthen es auch häufig Sturzseen, deren Wasser durch die geöffneten Luken eindringt und das schon im Raume vorhandene vermehrt.

Unsere Lage wird nun bald ebenso bedrohlich, wie in den letzten Tagen der Feuersbrunst. Passagiere, Mannschaften, Alle merken es, daß das Fahrzeug ihnen unter den Füßen schwindet, und sehen langsam, aber ununterbrochen das Wasser in demselben wachsen, das ihnen jetzt eben so furchtbar erscheint, wie früher die Flammen.

Dennoch arbeitet die Mannschaft unausgesetzt unter den Drohungen Robert Kurtis‘, und wohl oder übel kämpfen die Matrosen zwar mit aller Energie, doch fangen die Kräfte ihnen an zu schwinden. Ausschöpfen können sie dieses Wasser, das sich unablässig erneuert, und dessen Niveau von Stunde zu Stunde wächst, doch nicht mehr. Die, welche die Eimer handhaben, sind gezwungen, den Raum zu verlassen, wo sie, schon bis an den Leib im Wasser stehend, zu ertrinken befürchten müssen. Nun giebt es nur noch einen Ausweg, zu dem man sich am nächsten Tage, dem 4., nach einer Berathung zwischen dem Lieutenant, dem Hochbootsmann und Robert Kurtis entschließt, nämlich den, das Schiff zu verlassen. Da die Jolle, das einzige uns verbliebene Boot, nicht Alle zu fassen vermag, so soll sofort ein Floß gezimmert werden, die Mannschaft indessen an den Pumpen thätig bleiben, bis zu dem Augenblick des Befehls zur Einschiffung.

Der Zimmermann Daoulas wird in Kenntniß gesetzt, und man kommt dahin überein, das Floß aus den Reserveraaen und dem entbehrlichen Mastwerk, das vorher in Stücke von gewünschter Länge zerschnitten werden soll, zu erbauen. Das verhältnißmäßig ruhige Meer erleichtert dieses selbst unter den günstigsten Umständen ziemlich schwierige Werk.

Ohne Zeitverlust gehen Robert Kurtis, der Ingenieur Falsten, der Zimmermann und zehn Matrosen mit Sägen und Aexten daran, die Raaen zu zerschneiden, bevor sie in’s Meer geworfen werden. So hat man diese nur noch haltbar zu verbinden und eine Unterlage herzustellen, auf welche die Plateform des Flosses zu liegen kommen soll, die man in einer Länge von vierzig und einer Breite von fünfundzwanzig Fuß projectirt hat.

Wir anderen Passagiere und der Rest der Mannschaft bleiben fortwährend an den Pumpen beschäftigt. Neben mir müht sich André Letourneur nach Kräften ab, den sein Vater fortwährend mit zärtlicher Erregung ansieht. Was soll aus seinem Sohne werden, wenn er gegen die Wellen ankämpfen muß, unter Umständen, aus denen sich kaum ein gesunder und kräftiger Mensch zu retten vermag? Jedenfalls werden wir Zwei sein, die ihn nicht verlassen.

Der Mrs. Kear hat man die drohende Gefahr verhehlt, da eine anhaltende Ohnmacht ihr fast jedes Bewußtsein raubt.

Mehrmals ist Miß Herbey auf dem Verdeck erschienen, doch nur während einiger Augenblicke. Zwar haben die Strapazen sie blasser gemacht, doch immer ist sie stark und muthig. Ich empfehle ihr, sich auf Alles gefaßt zu machen.

»Ich bin immer bereit, mein Herr Doctor«, antwortet mir Miß Herbey, und kehrt sofort zu Mrs. Kear zurück.

André Letourneur’s Blicke folgen dem jungen Mädchen, und sein Gesicht überfliegt ein Schatten von Traurigkeit.

Gegen acht Uhr Abends ist das Untergestell des Flosses nahezu vollendet. Man ist jetzt dabei, leere, luftdicht verspundete Fässer hinabzuschaffen, welche die Schwimmkraft des Apparates erhöhen sollen, und die man sorgfältig zwischen den Stämmen anbringt.

Zwei Stunden später erschallt ein lautes Geschrei auf dem Oberdeck, und Mr. Kear kommt mit dem Ausrufe herauf:

»Wir sinken! Wir sinken!«

Sogleich erblicke ich auch Miß Herbey, wie sie die bewußtlose Mrs. Kear heraufschleppt.

Robert Kurtis eilt nach seiner Cabine, aus der er eine Karte, einen Sextanten und eine Bussole geholt hat.

Unter lautem Verzweiflungsgeschrei herrscht die größte Verwirrung an Bord, und die Mannschaft stürzt nach dem Flosse, dessen Gestell ohne Ueberbau sie ja doch noch nicht aufzunehmen vermag.

Es ist mir unmöglich, weder die Gedanken zu schildern, die jetzt durch mein Gehirn jagen, noch das schnelle Vorüberziehen der Bilder aus meinem ganzen Leben zu malen! Meine ganze Existenz scheint sich in diesen letzten Augenblick, der sie abschließen soll, zusammen zu drängen! Ich fühle, wie sich die Planken unter meinen Füßen beugen, und sehe das Wasser rings um das Schiff aufsteigen, so als ob der Ocean sich unter ihm aushöhlte.

Einige Matrosen flüchten sich auf die Strickleitern und stoßen verzweifelte Flüche aus. Ich versuche ihnen zu folgen …

Eine Hand hält mich zurück, und ich sehe Mr. Letourneur, der auf seinen Sohn hinweist, während ihm große Thränen aus den Augen perlen.

»Ja wohl, sage ich und drücke ihm krampfhaft die Hand, wir Zwei, wir werden ihn retten!«

Noch bevor ich aber bis zu ihm gelange, hat Robert Kurtis schon André Letourneur umfaßt, und trägt ihn nach dem Mastkorbe des großen Mastes, während der Chancellor, den der Wind bislang noch ziemlich schnell forttreibt, plötzlich still hält. Es folgt eine heftige Erschütterung des Fahrzeuges.

Das Schiff sinkt! Das Wasser erreicht schon meine Beine. Instinctiv erfasse ich ein Seil … aber plötzlich steht das Schiff wieder, und bleibt der Chancellor, nachdem das Verdeck etwa zwei Fuß unter das Wasser versunken ist, unbeweglich!

XXV.


XXV.

Die Nacht vom 4. zum 5. December. – Robert Kurtis hat den jungen Letourneur aufgehoben, eilt mit ihm über das überschwemmte Verdeck und setzt ihn auf die Strickleiter am Steuerbord. Sein Vater und ich, wir klettern zu ihm hin.

Dann blicke ich um mich. Die Nacht ist hell genug, um erkennen zu können, was ringsum vorgeht. Robert Kurtis ist auf seinen Posten zurückgekehrt und steht auf dem Oberdeck. Ganz rückwärts, nahe dem noch nicht überflutheten Hackbord, gewahre ich Mr. Kear, seine Frau, Miß Herbey und Falsten; auf der äußersten Spitze des Vorderkastells den Lieutenant und den Bootsmann, in den Mastkörben und auf den Strickleitern den Rest der Mannschaft.

André Letourneur ist nach dem Mastkorbe des Großmastes geklettert, mit Hilfe seines Vaters, der ihm den Fuß Stufe für Stufe heben mußte, und trotz des Rollens ist er ohne Unfall hinaufgekommen. Mrs. Kear Vernunft beizubringen, ist freilich unmöglich gewesen; sie verbleibt auf dem Oberdeck und läuft Gefahr, von den Wellen weggespült zu werden, wenn der Wind noch mehr auffrischt. Auch Miß Herbey hält bei ihr aus, da sie jene nicht verlassen will.

Robert Kurtis‘ erste Sorge nach dem Aufhören des Sinkens war es, alle Segel abnehmen und alle Stengen und die Obermaste herabsenken zu lassen. Hierdurch hofft er das Kentern des Chancellor zu verhindern. Kann er aber nicht jeden Augenblick ganz untergehen? Ich begebe mich zu Robert Kurtis und richte diese Frage an denselben.

»Das kann ich nicht wissen, erwidert er mir mit dem ruhigsten Tone, denn das hängt ganz von dem Zustande des Meeres ab. Gewiß ist für jetzt nur, daß das Schiff sich im Gleichgewicht befindet; leider können sich diese Verhältnisse aber in jeder Minute verschlimmern.

– Kann der Chancellor noch, mit zwei Fuß Wasser über dem Deck, segeln?

– Nein, Mr. Kazallon, wohl aber kann er unter dem Einflüsse des Windes und der Strömung abweichen, und wenn er sich einige Tage so hält, doch irgend einen Küstenpunkt anlaufen. Uebrigens haben wir als letzte Zuflucht das Floß, das in wenigen Stunden fertig sein muß, und auf welchem wir uns, sobald der Tag anbricht, dann einschiffen können.

– Sie haben also noch immer nicht alle Hoffnung aufgegeben? fragte ich Robert Kurtis sehr erstaunt.

– Die Hoffnung darf nie zu Schanden werden, Mr. Kazallon, selbst unter den allerschlimmsten Verhältnissen nicht. Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, daß, wenn unter hundert Chancen neunundneunzig gegen uns sind, doch die hundertste uns gehört. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, so befindet sich der halbversunkene Chancellor genau in derselben Lage, wie im Jahre 1795 der Dreimaster Juno. Länger als zwanzig Tage hat dieses Schiff halb im Wasser sich schwebend erhalten. Passagiere und Mannschaften waren in die Takelage geflüchtet, und als man endlich an’s Land trieb, wurden Alle, die nicht den Strapazen und dem Hunger erlegen waren, glücklich gerettet. Es ist das ein in den Annalen der Seefahrten zu bekanntes Factum, als daß es mir gerade jetzt nicht wieder in den Sinn kommen sollte. Nun, Mr. Kazallon, es liegt kein Grund vor, daß die Ueberlebenden des Chancellor nicht eben so viel Glück haben sollten, als die der Juno.«

Man konnte Robert Kurtis wohl so Manches dagegen einhalten, aus dem Gespräch geht aber doch hervor, daß unser Kapitän noch nicht jede Hoffnung verloren habe.

Da sich die Bedingungen des Gleichgewichts jeden Augenblick ändern können, werden wir doch den Chancellor früher oder später verlassen müssen. Auch bleibt es dabei, daß morgen, sobald der Zimmermann mit dem Flosse fertig ist, dasselbe bestiegen werden soll.

Nun stelle man sich die dumpfe Verzweiflung der Mannschaft vor, als Daoulas gegen Mitternacht die Bemerkung macht, daß das Gestell des Flosses verschwunden ist. Die Leinen, trotzdem man darauf gesehen hatte, nur haltbare zu verwenden, waren bei dem Auf- und Abschwanken des Fahrzeuges gerissen, und etwa seit einer Stunde trieb der Unterbau des Rettungsflosses in der weiten See.

Als die Matrosen dieses neue Unglück vernahmen, ließen sie manchen Verzweiflungsschrei erschallen.

»In’s Meer! In’s Meer! Die Masten kappen!« riefen sie halb von Sinnen.

Sie wollen die Taue zerschneiden und die Untermasten in’s Wasser stürzen, um sofort ein neues Floß daraus herzurichten.

Aber Robert Kurtis mischt sich ein.

»Auf Euern Posten, Jungens! ruft er. Daß kein Faden ohne meinen Befehl zerschnitten wird! Der Chancellor ist im Gleichgewicht! Der Chancellor geht noch nicht unter!«

Bei der entschiedenen Stimme ihres Kapitäns gewinnt die Mannschaft wieder einige Besinnung, und trotz der bösen Absicht Einiger unter ihnen begiebt sich Jeder wieder auf den ihm angewiesenen Platz.

Sobald der Tag graut, steigt Robert Kurtis so weit als möglich in die Höhe, und sein Blick durchschweift forschend den Umkreis um das Schiff.

Unnützes Suchen! Das Floß ist längst außer Sehweite! Soll man die Jolle bemannen und dasselbe aufzusuchen ausfahren? Auch das ist unmöglich, denn die See geht so hohl, daß das kleine Fahrzeug ihr nicht zu widerstehen vermag. Man muß sich demnach zur Construction eines neuen Flosses entschließen und ohne Zaudern an die Arbeit gehen.

Inzwischen sind die Wellen immer stärker geworden. Mrs. Kear hat sich endlich entschlossen, den Platz auf dem Oberdeck zu verlassen, auf dem sie übrigens in einem Zustande vollständiger Willenlosigkeit lag. Mr. Kear hat sich mit Silas Huntly im Mastkorbe des Besanmastes eingerichtet. Neben Mrs. Kear und Miß Herbey befinden sich die Herren Letourneur, Alle auf der in ihrem größten Durchmesser höchstens zwölf Fuß messenden Plattform enge an einander gedrückt. Von einer Strickleiter zur anderen hat man Seile angebracht, an die sich die Insassen bei dem Schwanken des Schiffes festhalten können. Robert Kurtis hat auch noch ein Dach zum Schutze der beiden Frauen über dem Mastkorbe anbringen lassen.

Einige Fässer, welche nach dem Sinken zwischen den Masten schwimmen, hat man rechtzeitig aufgefischt, und an den Stagen sicher befestigt. Es sind das Behälter mit Conserven und Zwieback, so wie einige Fässer Trinkwasser – unser ganzer Vorrath an Lebensmitteln!

XXVI.


XXVI.

Am 5. December. – Der Tag ist warm. Unter dem sechszehnten Breitengrade ist der December kein Herbst-, sondern ein vollkommener Sommermonat. Wenn der Luftzug nicht die Gluth der Sonne mildert, dürften uns noch grausame Leiden durch dieselbe bevorstehen.

Die See geht noch immer sehr hohl. Der zu drei Viertheilen versunkene Schiffsrumpf wird wie eine Klippe von den Wellen gepeitscht. Der Schaum spritzt bis zu den Mastkörben hinauf, und unsere Kleidungsstücke werden wie von einem feinen Regen durchnäßt.

Ueber der Meeresoberfläche befinden sich von dem Chancellor noch folgende Theile: die drei Masten mit den Mastkörben, das Bugspriet, an dem man jetzt die Jolle aufgehangen hat, um sie vor dem Anprall der Wogen zu sichern, ferner das Oberdeck und das Vorderkastell, beide nur durch den schmalen Rahmen der Schanzkleidung verbunden. Das Verdeck dagegen befindet sich vollständig unter Wasser.

Die Communication zwischen den Mastkörben ist sehr beschwerlich; die Matrosen, welche an den Stagen hinklettern, können sich allein von dem einen zu dem anderen hin begeben. Unter ihnen, zwischen den Masten vom Hackbord bis zum Vorderkastell schäumt das Meer, wie über einem Riffe, und löst nach und nach die Wände des Schiffes ab, deren Planken man zu erhaschen sucht. Für die auf die engen Plateformen geflüchteten Passagiere gewährt es ein erschütterndes Schauspiel, unter ihren Füßen den Ocean zu sehen und zu hören. Die aus dem Wasser emporragenden Maste erzittern bei jedem Wellenschlage, und man möchte glauben, daß sie weggerissen werden müßten.

Besser ist es, die Augen zu schließen, und gar nicht nachzudenken, denn dieser Abgrund übt eine eigene Anziehungskraft aus, und man fühlt die Versuchung, sich hinein zu stürzen!

Inzwischen ist die gesammte Mannschaft unablässig mit der Herstellung eines zweiten Flosses beschäftigt. Dabei finden die Obermasten, die Marsraaen und Bramstengen Verwendung und widmet man unter Robert Kurtis‘ Leitung dieser Arbeit alle mögliche Sorgfalt. Der Chancellor scheint wirklich nicht weiter zu sinken; wie der Kapitän es vorausgesagt, wird er voraussichtlich im Wasser sich eine Zeit lang schwebend erhalten. Robert Kurtis achtet also darauf, daß das Floß so solid als möglich gebaut wird.

Die Ueberfahrt wird bei der noch immer beträchtlichen Entfernung der nächsten Küste, der von Guyana nämlich, lange Zeit in Anspruch nehmen. Es empfiehlt sich also, lieber einen Tag länger in den Mastkörben auszuharren, und sich die nöthige Zeit zur Erbauung eines schwimmenden Gerüstes zu nehmen, auf welches man sich einigermaßen verlassen kann.

Die Matrosen selbst haben sich wieder mehr beruhigt, und jetzt geht die Arbeit ungestört von statten. Ein alter, etwa sechzigjähriger Seemann allein, dem Bart und Haar im Seewinde gebleicht sind, ist nicht der Ansicht, den Chancellor zu verlassen. Es ist ein Ire, mit Namen O’Ready.

Als ich mich eben auf dem Oberdeck befand, gesellte er sich zu mir.

»Mein Herr, beginnt er und schiebt mit bewundernswerther Gleichgiltigkeit sein Priemchen im Munde hin und her, meine Kameraden haben die Absicht, das Schiff zu verlassen. Ich nicht. Ich habe schon neunmal Schiffbruch gelitten – viermal auf offener See, fünfmal an der Küste. Es ist mein eigentliches Geschäft, zu scheitern. Ich kenne das aus dem Grunde. Nun, Gott soll mich verdammen wenn ich nicht immer die Hasenherzen habe elend umkommen sehen, die sich auf Flößen oder Booten zu retten suchten! So lange ein Kasten schwimmt, soll man darauf bleiben. Lassen Sie sich das gesagt sein!«

Nach diesen sehr bestimmt gesprochenen Worten, welche die alte irländische Wasserratte zur Beruhigung seines eigenen Gewissens von sich zu geben schien, versank der Mann wieder in ein vollkommenes Schweigen.

An demselben Tage bemerke ich auch, gegen drei Uhr Nachmittags, Mr. Kear und den Ex-Kapitän Silas Huntly im Mastkorbe des Besanmastes in eifrigem Gespräche. Der Petroleumhändler scheint dem Anderen heftig zuzusetzen, und dieser einem Vorschlage des genannten Mr. Kear gewisse Einwürfe entgegen zu halten. Lange Zeit betrachtet Silas Huntly wiederholt das Meer und den Himmel, und schüttelt mit dem Kopfe. Endlich, nach einer Unterhaltung von einer Stunde, gleitet er an den Besanstagen bis zur Spitze des Vorderkastells, mischt sich unter die Matrosen, und ich verliere ihn aus den Augen.

Uebrigens erscheint mir dieser Vorfall ohne Bedeutung, und ich steige wieder nach dem Großmast hinauf, wo die Herren Letourneur, Miß Herbey, Falsten und ich noch einige Stunden im Gespräche verbringen. Die Sonne brennt gewaltig, und ohne das Segel, welches uns als Zeltdach dient, wäre es hier wohl kaum auszuhalten.

Um fünf Uhr nehmen wir gemeinsam einen Imbiß ein, der aus Schiffszwieback, gedörrtem Fleisch und einem halben Glase Wasser per Mann besteht. Mrs. Kear, welche in heftigem Fieber darnieder liegt, genießt nichts. Mrs. Herbey vermag ihr nur dadurch einige Erquickung zu verschaffen, daß sie die brennenden Lippen der Kranken von Zeit zu Zeit benetzt. Die unglückliche Frau leidet schwer; ich bezweifle, daß sie diesen Zustand lange aushalten wird.

Ihr Mann hat sich auch nicht einmal nach ihr erkundigt. Gegen drei Viertel auf sechs Uhr aber scheint es mir doch, daß das Herz dieses Egoisten zu klopfen beginnt. Mr. Kear ruft nach einigen Matrosen vom Vorderdeck und bittet sie, ihm zum Verlassen des Besanmastes behilflich zu sein. Will er sich nun vielleicht zu seiner Frau nach dem Großmast begeben?

Die Matrosen beachten den Ruf Mr. Kear’s nicht sofort. Dieser wiederholt seine Bitten dringender und verspricht Denen eine gute Belohnung, die ihm diesen Dienst leisten würden.

Jetzt begeben sich zwei Matrosen, Burke und Sandon, über die Schanzkleidung hin nach dem Besanmast und steigen nach dem Mastkorbe.

Mit Mr. Kear feilschen sie lange um die Bedingungen für ihre Bemühung. Offenbar verlangen sie viel, und der Erdölbaron will nur wenig geben. Schon schicken sich die Seeleute wieder an, den Passagier an seinem Platze zurück zu lassen. Endlich wird man einig und zieht Mr. Kear ein Päckchen Papierdollars hervor, das er dem einen Matrosen einhändigt. Dieser zählt die Summe sorgfältig durch, und scheint es mir, daß er wenigstens hundert Dollars in der Hand hat.

Es handelt sich nämlich, wie ich gewahr werde, darum, Mr. Kear längs der Besanstagen nach dem Vorderkastell zu befördern. Burke und Sandon umwickeln Jenen mit einem Tau, das sie um die Stagen schlingen; dann lassen sie ihn unter Nachhilfe einiger Rippenstöße wie ein Colli vor sich hergleiten, was nicht ohne ein spöttisches Gelächter ihrer Kameraden abgeht.

Aber ich hatte mich getäuscht. Mr. Kear fiel es gar nicht ein, seine Frau im Mastkorbe aufsuchen zu wollen. Er bleibt auf dem Vorderkastell in Gesellschaft Silas Huntly’s und die eintretende Dunkelheit wehrt mir, etwas Weiteres zu erkennen.

Die Nacht bricht an; der Wind hat sich gelegt, aber die See geht hohl. Der Mond, schon seit vier Uhr Nachmittags am Horizonte, wird nur dann und wann zwischen Wolkenstreifen sichtbar. Die niedrigeren derselben färben sich am Horizonte mit röthlichem Tone, was für morgen eine steife Brise erwarten läßt. Gott gebe, daß sie aus Nordosten weht und uns nach dem Lande zu treibt, denn jede andere Windrichtung wäre für uns verderblich, wenn wir erst auf dem Flosse eingeschifft sind, das nur mit dem Wind im Rücken einige Fahrt machen kann!

Robert Kurtis ist gegen acht Uhr nach unserem Mastkorbe gekommen. Ich bin der Meinung, daß ihm der Anblick des Himmels Sorge verursacht und er im Voraus beobachten will, was für Witterung morgen sein werde. Eine Viertelstunde lang beobachtete er; dann drückt er mir, vor dem Herabsteigen, ohne ein Wort zu sagen, die Hand und nimmt seinen Platz auf dem Oberdeck wieder ein.

Ich versuche auf dem beengten Raume des Mastkorbes zu schlafen, kann aber nicht dazu gelangen. Böse Ahnungen beunruhigen mich. Die Atmosphäre kommt mir »gar zu ruhig« vor. Kaum streicht von Zeit zu Zeit ein Lüftchen durch das Takelwerk und läßt die Metallfäden in demselben ertönen. Indessen, das Meer »fühlt« etwas, denn es bleibt in hochgehender Bewegung und unterliegt offenbar der Rückwirkung eines entfernten Sturmes.

Gegen elf Uhr Nachts leuchtet einmal der Mond mit hellem Scheine in dem Zwischenraume zweier Wolken, und das Wasser erglänzt, als würde es von unten her erhellt.

Ich erhebe mich und blicke hinaus. Sonderbar. Ich glaube einige Augenblicke einen dunklen Punkt wahrzunehmen, der sich mitten in der intensiven Weiße der Wellen hebt und senkt. Ein Felsen kann das nicht sein, da er die Bewegungen der See mitmacht und wahrscheinlich hat mich eine Illusion getäuscht. Dann verschleiert sich der Mond von Neuem, und wird es tief dunkel, so daß ich mich nahe der Backbordstrickleiter wieder niederlege.

XXVII.


XXVII.

Am 6. December. – Ich habe einige Stunden schlafen können. Um vier Uhr Morgens erweckt mich das Pfeifen des Windes, und ich vernehme Robert Kurtis‘ Stimme, welche noch das Brausen der Windstöße, unter denen die Masten erzittern, hörbar durchdringt.

Ich erhebe mich, packe die um unseren luftigen Aufenthalt gezogenen Leinen und versuche mir darüber klar zu werden, was unter mir und um mich herum vorgeht.

Mitten durch die Dunkelheit grollt das Meer unter meinen Augen, und zwischen den Masten schäumen die jetzt mehr bleichen als weißen Wellen auf. Zwei schwarze Schatten ganz am Hintertheile heben sich von der helleren Farbe des Wassers ab. Diese Schatten sind der Kapitän Kurtis und der Hochbootsmann.

Ihre bei dem Klatschen der Wellen und dem Pfeifen der Brise nur wenig verständlichen Stimmen dringen nur wie ein zerrissenes Seufzen zu meinem lauschenden Ohre. Was geht wohl vor?

Da kommt ein Matrose, der in die Takelage gestiegen war, um ein Tau zu befestigen, an mir vorüber.

»Was ist geschehen? frage ich ihn.

– Der Wind ist umgesprungen …«

Noch einige Worte fügt der Matrose hinzu, die ich nicht genau verstehen kann. Indessen glaubte ich die Worte »gerade umgekehrt« zu hören.

Gerade umgekehrt! Dann müßte der Wind aber von Nordosten nach Südwesten umgeschlagen sein, und er müßte uns jetzt in die offene See hinaustreiben! Meine Ahnungen trügten mich also nicht!

Nach und nach wird es heller. Der Wind hat sich zwar nicht vollkommen verkehrt, aber – ein ebenso verderblicher Umstand für uns, – er bläst aus Nordwesten und entfernt uns von dem Lande. Jetzt stehen nun fünf Fuß Wasser über dem Deck, und die Linie der Schanzkleidung ist vollkommen verschwunden. Das Schiff sank in der Nacht noch tiefer ein, auch Vorderkastell und Oberdeck befinden sich jetzt in gleichem Niveau mit dem Wasser, das ununterbrochen darüber hinströmt. Unter dem Winde arbeiteten Robert Kurtis und seine Leute an der Herstellung des Flosses, doch machen sie bei der bewegten See nur langsame Fortschritte, und erforderte es die aufmerksamste Fürsorge, die Balken des Unterbaues sich nicht verschieben zu lassen, bevor sie unverrückbar fest verbunden wurden.

Die Herren Letourneur stehen an meiner Seite; der Vater umschlingt mit den Armen den Sohn, den er bei dem heftigen Rollen des Schiffes zu halten sucht.

»Dieser Mastkorb wird brechen!« ruft Mr. Letourneur, der in der beschränkten Plateform, die uns trägt, ein Krachen vernommen hat.

Miß Herbey erhebt sich bei diesen Worten und zeigt auf die neben ihr liegende Mrs. Kear.

»Was sollen wir thun, meine Herren? fragt sie.

– Wir müssen bleiben, wo wir sind, habe ich ihr geantwortet.

– Hier ist noch unsere sicherste Zuflucht, Miß Herbey, fügt Andre Letourneur hinzu. Fürchten Sie nichts, Miß …

– O, für mich fürchte ich auch nicht, erwidert das junge Mädchen mit ruhiger Stimme, aber für Diejenigen, welche Ursache haben, an ihrem Leben zu hängen!«

Um acht ein viertel Uhr ruft der Bootsmann seinen Leuten zu:

»He! Ihr da auf dem Kastell!

– Was wollen Sie, Meister, antwortet einer der Matrosen, ich glaube O’Ready.

– Habt Ihr die Jolle dort?

– Nein, Meister.

– Nun, dann ist sie also weggeschwemmt worden.« In der That hängt die Jolle nicht mehr am Bugspriet, fast gleichzeitig gewahrt man aber auch das Verschwundensein Mr. Kear’s, Silas Huntly’s und dreier Leute von der Mannschaft, eines Schotten und zweier Engländer. Jetzt wird mir der Gegenstand der gestrigen Unterhaltung zwischen Kear und dem Ex-Kapitän klar. In der Befürchtung, daß der Chancellor noch vor Fertigstellung des Flosses untergehen könne, sind sie überein gekommen, zu entfliehen, und haben drei Matrosen durch Geld bestochen, sich des kleinen Bootes zu bemächtigen. Auch über den schwarzen Punkt, den ich verwichene Nacht vorübergehend sah, geht mir nun ein Licht auf. Der Elende hat seine Frau im Stiche gelassen! Der unwürdige Kapitän sein Schiff! Sie haben uns die Jolle gestohlen, das einzige noch übrig gebliebene Boot.

»Fünf Gerettete! sagt der Bootsmann.

– Fünf Verlorene!« antwortet der alte Irländer.

Wirklich giebt der Zustand des Meeres O’Ready’s Worten am meisten recht. Wir sind nur noch Zweiundzwanzig an Bord. Wie weit wird sich diese Zahl noch vermindern?

Bei dem Bekanntwerden jener feigen Flucht und des diebischen Schurkenstreichs macht sich die Stimmung der Mannschaft in einem Schwall von Flüchen über die Entflohenen Luft, und wenn der Zufall sie an Bord zurückführen sollte, würden sie ihren Verrath schwer zu büßen haben!

Ich halte es für gerathen, der Mrs. Kear die Flucht ihres Mannes zu verheimlichen. Die bedauernswerthe Frau wird vom Fieber furchtbar geschüttelt, gegen das wir völlig ohnmächtig dastehen, weil das Schiff so schnell gesunken ist, daß auch die Arzneikiste nicht zu retten war. Und wenn wir auch Arzneimittel gehabt hatten, welchen Erfolg hätten sie bei dem Zustande, in dem sich Mrs. Kear thatsächlich befand, wohl noch erzielen können?

XVII.


XVII.

Fortsetzung vom 30. Oktober. – Gelegentlich eines unsere jetzige Lage betreffenden Gespräches mit Mr. Letourneur habe ich ihm die Versicherung geben zu können geglaubt, daß unser Aufenthalt auf dem Riffe nur von kurzer Dauer sein werde, wenn uns die Umstände nur irgend begünstigen. Mr. Letourneur scheint meine Ansicht aber nicht zu theilen.

»Im Gegentheil, sagt er, ich glaube, wir werden auf diesem Felsen lange Zeit zurückgehalten bleiben.

– Und warum? erwidere ich; einige hundert Ballen Baumwolle über Bord zu werfen ist doch weder eine lange, noch allzu beschwerliche Arbeit, die in zwei bis drei Tagen recht wohl geschehen sein kann.

– Gewiß, Mr. Kazallon, das möchte schnell genug gehen, wenn sich die Mannschaft nur heute schon an’s Werk machen könnte. Vorläufig ist es absolut unmöglich, in den Kielraum des Chancellor hinabzusteigen, denn die Luft darin ist völlig irrespirabel, und wer weiß, ob nicht mehrere Tage vergehen, ehe sich das ändert, da die mittleren Lagen des Cargo noch immer in Brand sind. Uebrigens, wenn wir nun wirklich Herr des Feuers geworden sind, werden wir deshalb auch weiter schiffen können? Nein; erst muß die Eintrittsstelle des Wassers, die eine ziemliche Ausdehnung haben mag, verschlossen werden, und zwar mit größter Sorgfalt, wenn wir nicht sinken wollen, nachdem wir der Gefahr zu verbrennen entgangen waren. Nein, nein, Mr. Kazallon, ich mache mir keine Illusion und werde es als einen glücklichen Umstand betrachten, wenn wir das Riff nach drei Wochen wirklich verlassen haben werden. Nun gebe nur der Himmel, daß kein Sturm ausbricht, noch bevor wir wieder flott sind, denn der Chancellor müßte an diesen Klippen wie ein Glas zerschellen!«

In der That ist hierin die größte Gefahr zu suchen, welche uns drohen könnte. Das Feuer wird nun vollends gelöscht werden, das Fahrzeug wird wieder flott gemacht werden, mindestens haben wir allen Grund es zu glauben – aber wir leben vor der Hand von der Gnade eines Windstoßes! Zugegeben auch, daß der höchste Theil des nahen Riffes während eines Sturmes als Zuflucht dienen könnte, was soll aus den Passagieren und Mannschaften des Chancellor werden, wenn ihr Schiff in Stücke ginge!

»Mr. Letourneur, habe ich diesen darauf gefragt, Sie haben Vertrauen zu Robert Kurtis?

– Ein vollkommenes Vertrauen, Mr. Kazallon. Und ich sehe es für eine Gnade Gottes an, daß der Kapitän Huntly ihm das Commando des Schiffes abgetreten hat. Ich bin überzeugt, daß Robert Kurtis alles thun wird, was nöthig und möglich ist, um uns aus dieser schlimmen Lage zu reißen.«

Auf meine Frage an den Kapitän, auf wie lange er den entstehenden Aufenthalt veranschlage, antwortet er mir, daß er das jetzt, da es von verschiedenen Umständen abhänge, noch nicht abzuschätzen im Stande sei, er hoffe aber wenigstens, daß die Witterung nicht allzu ungünstig sein werde.

Wirklich steigt das Barometer ununterbrochen, ohne das gewöhnliche Auf- und Abschwanken der Quecksilbersäule, das ihr eigen ist, so lange die Luftschichten noch nicht vollkommen in’s Gleichgewicht gekommen sind. Jene Erscheinung ist also ein Vorzeichen dauernder Ruhe – ein wahres Glück für unsere nothwendigen Arbeiten.

Uebrigens wird keine Stunde vergeudet, und Jeder geht freudig an seine Thätigkeit.

Vor allem Andern hat Robert Kurtis die Absicht, die Feuersbrunst vollkommen zu löschen, welche noch in den oberen Lagen der Baumwollballen, über dem Niveau des Wassers im Kielraum, fortdauert. Es kann sich aber nicht darum handeln, die Ladung zu schonen, offenbar gilt es nur, das Feuer zwischen zwei Wasserschichten zu ersticken. Die Pumpen beginnen ihr Werk demnach auf’s Neue.

Bei diesen ersten Vornahmen reichen die Mannschaften zur Bedienung der Pumpen aus. Die Passagiere werden nicht in Anspruch genommen, obgleich wir Alle zur Hilfe bereit sind; doch dürfte unsere Unterstützung nicht zu unterschätzen sein, wenn man zur Entlastung des Fahrzeuges vorschreiten wird. Die Mr. Letourneur und ich, wir verbringen unsere Zeit entweder mit Plaudern oder mit Lectüre, und außerdem verwende ich täglich einige Stunden auf die Fortführung meines Tagebuches. Der wenig mittheilsame Ingenieur Falsten ist ganz von seinen Ziffern in Anspruch genommen und entwirft fortwährend Maschinen im Aufriß, wie im Durchschnitte. Wenn es doch dem Himmel gefiele, ihn einen kräftigen Apparat ersinnen zu lassen, der den Chancellor wieder flott zu machen vermöchte! Die beiden Kear halten sich abseits und ersparen uns dadurch das langweilige Anhören ihrer unablässigen Entschädigungsansprüche; leider ist auch Miß Herbey genöthigt, an der Seite Jener zu verbleiben, und sehen wir das junge Mädchen sehr wenig oder gar nicht. Silas Huntly bekümmert sich um nichts, was auf das Schiff Bezug hat, der Seemann in ihm ist gestorben und der Mann vegetirt nur noch mühsam. Der Steward Hobbart versieht seinen Dienst, wie gewöhnlich, als befinde sich das Schiff auf der regelmäßigsten Ueberfahrt. Dieser Hobbart ist ein unterwürfiger Kriecher und unterscheidet sich sehr auffallend von seinem Koch Jynxtrop, einem häßlichen Neger mit brutalen und unverschämten Manieren, der sich mehr als nöthig zu den Matrosen hält.

Zerstreuungen können an Bord natürlich nicht allzu häufig sein. Da kommt mir zum Glück der Gedanke, das unbekannte Riff, auf dem der Chancellor gestrandet ist, näher zu untersuchen. Der Ausflug wird weder weit sein, noch besondere Abwechselungen bieten, doch giebt er Gelegenheit, das Schiff auf einige Stunden zu verlassen und einen Boden zu untersuchen, der einen interessanten Ursprung haben muß.

Uebrigens ist es von Wichtigkeit, daß der Plan dieses Riffes, das man noch auf keiner Karte verzeichnet findet, sorgfältig aufgenommen wird. Ich glaube mit den Herren Letourneur diese hydrographische Arbeit ausführen zu können, wobei wir dem Kapitän Kurtis natürlich die Sorge überlassen, sie durch genaue Aufnahme der geographischen Länge und Breite zu vervollständigen. Die Herren Letourneur stimmen meinem Vorschlage bei. Ein Boot nebst Tiefloth wird uns zur Verfügung gestellt, dazu ein Matrose zur Leitung desselben, und am Morgen des 31. Octobers verlassen wir den Chancellor.

XVIII.


XVIII.

Vom 31. Oktober bis 5. November. – Wir haben damit begonnen, das Riff, dessen Länge eine Viertelmeile betragen mag, zu umfahren.

Diese kleine »Umschiffung« ist bald beendigt, und wir bestätigen, die Sonde in der Hand, daß die Ränder des Gesteins unter Wasser sehr steil abfallen. Das Meer zeigt sich noch ganz nahe daran sehr tief, und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß eine auf plutonische Kräfte zurückzuführende plötzliche Erhebung, ein heftiger Druck von unten, das Riff über die Meeresfläche gedrängt haben.

Auch über den rein vulkanischen Ursprung des ganzen Eilandes ist gar nicht zu streiten. Durchweg besteht es aus ungeheuren Basaltblöcken, deren regelmäßige Prismen ihm das Aussehen einer gigantischen Krystallisation verleihen. Das Meer ist rund um den Rand des Riffes ganz wunderbar durchsichtig, und läßt die sonderbaren Bündel prismatischer Schafte erkennen, welche den merkwürdigen Bau tragen.

»Das ist ein eigenthümliches Gebilde, bemerkt Mr. Letourneur, und gewiß neueren Ursprungs.

– Ohne Zweifel, Vater, antwortet der junge André, und ich füge noch hinzu, daß es dieselbe Ursache, welcher z. B. die Insel Julia an der Küste Siciliens und die Insel Santorin im griechischen Archipel ihre Entstehung verdanken, gewesen ist, die dieses Eiland zur gelegenen Zeit erschuf, um den Chancellor darauf stranden zu lassen!

– Eine Bodenerhebung in diesem Theile des Atlantischen Oceans, bestätige ich, muß nothwendig stattgefunden haben, da dieses Riff auch auf den neuesten Karten sich nicht verzeichnet findet, und schwerlich konnte es doch den Augen der Seeleute in dieser vielbefahrenen Gegend des Oceanes bis jetzt entgehen. Wir wollen es deshalb sorgfältig untersuchen und zur Kenntniß der Seefahrer bringen.

– Wer weiß, ob es nicht in Folge eines ähnlichen Processes, wie dessen, der es erhob, nicht auch bald wieder verschwinden wird? antwortet Andre Letourneur. Sie wissen, Mr. Kazallon, daß solche vulkanische Inseln häufig nur von ganz ephemerem Bestande sind, und wenn die Geographen diese hier in ihre Karten eingetragen haben, existirt sie vielleicht schon nicht mehr.

– Das thut Nichts, liebes Kind, wendet Mr. Letourneur ein. Es ist besser, vor einer nicht mehr vorhandenen Gefahr zu warnen, als eine tatsächlich bestehende geringschätzig zu übergehen, und die Seeleute werden sich deshalb nicht zu beklagen haben, wenn sie ein Riff auch nicht mehr da antreffen, wo wir ein solches fanden.

– Du hast recht, mein Vater, erwidert André, nach Allem ist es ja auch möglich, daß ihm eine ebenso lange Dauer bestimmt ist, wie unseren Continenten. Wenn es aber verschwinden soll, so würde es Kapitän Kurtis gewiß gern sehen, daß es nach einigen Tagen, wenn er seine Havarien ausgebessert hat, geschähe, denn das würde ihm die Mühe ersparen, sein Schiff wieder flott zu machen.

– Wahrlich, André, rief ich da scherzend, sie wollen wohl mit der Natur ganz nach eigenem Gutdünken schalten und walten! Sie verlangen, daß jene ein Riff ganz nach Ihrem Willen hebe oder senke, so ganz nach Ihrem höchsteigenen persönlichen Bedürfnisse, und nachdem sie diese Felskanten ganz speciell geschaffen hat, um den brennenden Chancellor löschen zu können, mag sie dieselben, nur auf die Berührung Ihrer Wünschelruthe, wieder versenken, um denselben wieder frei zu machen?

– Nein, nein, Mr. Kazallon, erwidert der junge Mann lächelnd, ich will gar nichts, als Gott danken, daß er uns so sichtbar beschützt hat. Er hat unser Fahrzeug auf dieses Riff werfen wollen und er wird es schon wieder schwimmen lassen, wenn die Zeit dazu gekommen ist.

– Und wir werden dazu mit allen Kräften helfen, nicht wahr, meine Freunde?

– Gewiß, Mr. Kazallon, erwidert Mr. Letourneur, denn es ist eine unabweisliche Pflicht, sich selbst zu helfen; dennoch thut André sehr recht daran, sein Vertrauen auf Gott zu setzen. Wenn sich der Mensch auf das Meer hinauswagt, so wendet er die ihm von Natur verliehenen Fähigkeiten in weitestem Umfange an; auf dem grenzenlosen Oceane fühlt er aber auch, wenn die Elemente sich entfesseln, wie zerbrechlich das Fahrzeug, das ihn trägt, wie schwach und ohnmächtig er selbst ist! Deshalb meine ich, sollte die Devise des Seemanns lauten: Vertrauen zu sich selbst und Glauben an Gott!

– Wie wahr ist das, Mr. Letourneur, habe ich geantwortet. Auch glaube ich, es wird nur wenig Seeleute geben, deren Herzen religiösen Eindrücken hartnäckig verschlossen sind!«

Also sprechend untersuchen wir die Felsmassen, welche die Basis des Eilandes bilden, mit aller Sorgfalt, und überzeugen uns immer mehr von dessen ganz neuerlichem Ursprunge. Nirgends findet sich eine Muschel oder ein Barecbüschel an die Basaltwände geheftet. Ein Liebhaber der Naturkunde möchte bei der Durchsuchung dieser Steinhaufen schwerlich auf seine Kosten kommen, hier, wo weder Thier- noch Pflanzenreich ihren Stempel aufgedrückt haben. Schalthiere fehlen ebenso vollständig wie Wasserpflanzen. Noch hat der Wind kein Samenkörnchen hierher geweht und haben die Seevögel hier kein Obdach gesucht. Dem Geologen allein böte sich vielleicht Stoff zu interessanten Forschungen über dieses basaltische Gebilde, welches die Spuren seines plutonischen Herkommens noch unverwischt an der Stirn trägt.

Eben jetzt erreicht unser Canot die Südspitze des Eilandes, neben der der Chancellor aufgefahren ist. Ich schlage meinen Begleitern vor, an’s Land zu gehen, sie gehen mit großem Vergnügen darauf ein.

»Im Fall das Eiland wieder untergehen sollte, sagt der junge André lachend, müssen ihm menschliche Wesen wenigstens einen Besuch abgestattet haben!«

Das Canot landet, und wir betreten den Basaltfelsen. André geht bei dem ziemlich bequem zu ersteigenden Steinboden voraus; der junge Mann braucht keinen Arm, der ihn stützte. Sein Vater bleibt etwas hinter ihm, in meiner Nähe, zurück, und so ersteigen wir das Riff auf einem sanften Abhange, der zu seinem Gipfel empor führt.

In einer Viertelstunde legen wir die Entfernung bis dahin zurück und setzen uns alle Drei auf eine Basaltsäule, welche den höchsten Felsen des Eilands krönt. André Letourneur zieht dann ein Notizbuch aus der Tasche und beginnt, das Riff, dessen Ränder sich von dem grünlichen Wasser deutlich vor unseren Augen abheben, sorgsam abzuzeichnen.

Der Himmel ist rein, und das jetzt niedrige Meer entblößt auch die letzten Felsenvorsprünge im Süden, welche eine schmale Straße zwischen sich lassen, die der Chancellor vor dem Auffahren passirt hat.

Die Gestalt des ganzen Riffs erscheint sehr eigenthümlich und erinnert lebhaft an die eines »Yorker Schinkens«, dessen mittlerer Theil bis zu der Höhe anschwillt, die wir jetzt einnehmen.

Nachdem André die Umrisse des Eilandes zu Papier gebracht hat, sagt sein Vater:

»Du zeichnest ja da einen Schinken, mein Kind!

– Ja wohl, Vater, aber einen Schinken von Basalt, dessen Größe wohl auch einen Riesen zufrieden stellen würde, und wenn Kapitän Kurtis zustimmt, werden wir das Riff »Ham-Rock« (d. i. Schinken-Stein) taufen.

– Herrlich, rufe ich, ein gut erfundener Name! Das Schinkenstein-Riff! Mögen sich ihm die Seefahrer immer in respektvoller Entfernung halten, denn sie haben die Zähne nicht hart genug, dasselbe anzubeißen!«

An der Südspitze des Eilandes ist der Chancellor aufgefahren, d. h. auf dem Knochen oder Stiel des Schinkens und in der kleinen Ausbuchtung, welche seine Biegung bildet. Er neigt gerade jetzt sehr stark nach Steuerbord, da es eben tiefe Ebbe ist.

Nach Vollendung der Skizze durch André Letourneur steigen wir über eine andere schiefe, nach Westen zu abfallende Ebene wieder herab und treffen bald auf eine hübsche, niedliche Grotte. Zuerst möchte man sie für ein Werk der Architektur halten, und ähnelt sie sehr den von der Natur in den Hebriden geschaffenen, und speciell der Grotte auf der Insel Staffa. Die Herren Letourneur, welche die Fingalshöhle besucht haben, wollen diese, wenn auch in kleinerem Maßstabe, hier vollständig wieder finden; hier zeigt sich dieselbe Anordnung concentrischer Prismen, welche von der Art der Erstarrung des Basaltes herrührt; dieselbe Decke schwarzer Balken, deren Fugen mit einer gelblichen Masse verkittet erscheinen; dieselbe Reinheit der Krystallkanten, wie sie der Meißel eines Bildhauers nicht sauberer herzustellen vermöchte, endlich dasselbe Klingen in den tönenden Basalten, aus denen die gaëlische Volkssage Harfen der Schatten Fingal’s gemacht hat. Auf Staffa bildet aber das Meer den Boden der Höhle, der hier nur von hohen Wogen erreicht werden kann, wo eine Schicht von Basaltschaften einen festen Grund darstellt.

»Uebrigens, bemerkt André Letourneur, ist die Grotte auf Staffa eine ungeheure gothische Kathedrale, diese hier aber nur eine Capelle zu jener. Wer hätte jedoch ein solches Wunder auf einem unbekannten Riffe des Oceans zu finden erwartet?«

Nach einstündigem Ausruhen in der Ham-Rock-Grotte gehen wir längs dem Ufer des Eilandes hin und kommen nach dem Chancellor zurück. Robert Kurtis wird von den Resultaten unseres Ausfluges in Kenntniß gesetzt und verzeichnet auf der Karte das Eiland unter dem ihm von André Letourneur beigelegten Namen.

Die folgenden Tage haben wir niemals versäumt, einen Spaziergang nach der Ham-Rock-Grotte zu machen, in der wir so manche Stunde verbringen. Auch Robert Kurtis besuchte sie, doch ist er jetzt mit hunderterlei anderen Dingen zu sehr beschäftigt, um zur Bewunderung der Natur gestimmt zu sein. Falsten begab sich nur einmal dahin, um die Natur des Gesteins kennen zu lernen, und mit der für Schönheiten an sich unempfindlichen Ruhe des Geologen einige Brocken loszubrechen. Mr. Kear hat sich darum nicht incommodiren wollen, er ist an Bord geblieben. Der Mrs. Kear habe ich das Anerbieten gemacht, uns bei einer solchen Excursion zu begleiten, aber die Unannehmlichkeit, sich nach dem Boote zu begeben und vielleicht einiger Anstrengung ausgesetzt zu sein, hat sie veranlaßt, es abzuschlagen.

Mr. Letourneur hat auch Miß Herbey gefragt, ob sie Lust habe, das Riff zu besuchen. Das junge Mädchen glaubte dazu Ja sagen zu dürfen, glücklich, der launischen Tyrannei ihrer Herrin, wenn auch nur auf eine kurze Stunde, zu entfliehen. Als sie aber Mrs. Kear um die Erlaubniß bittet, das Schiff verlassen zu dürfen, schlägt diese es ihr rundweg ab.

Mich ärgert das, und ich lege bei Mrs. Kear ein Wort für Miß Herbey ein. Ich habe zwar meine Noth mit Jener, da ich aber früher schon Gelegenheit hatte, der Egoistin einige Dienste zu leisten, und sie nicht weiß, ob sie meiner vielleicht später wieder bedarf, so giebt sie endlich meinen Bitten nach.

Miß Herbey begleitet uns also nun mehrere Male beim Spaziergange über die Felsen. Oefter fischen wir auch am Ufer des Eilandes und verzehren heiter ein Frühstück in der Grotte, wozu die Basaltharfen im Winde tönen. Wir sind selbst ganz beglückt über das Vergnügen Miß Herbey’s, sich einige Stunden frei zu fühlen. Das Eiland ist gewiß nur klein, aber niemals ist dem jungen Mädchen Etwas in der Welt größer erschienen. Auch wir lieben dieses dürre, trostlose Riff, und bald giebt es keinen Stein mehr, den wir nicht kennten, keinen Pfad, den wir nicht fröhlich gewandelt wären. Gegen den Chancellor gehalten, ist es immer ein großes Gebiet, und ich weiß bestimmt, daß wir es zur Stunde der Abfahrt nur ungern verlassen werden.

Bezüglich der Insel Staffa theilt uns André Letourneur noch mit, daß sie der Familie Mac-Donald gehöre, welche sie für den jährlichen Zins von zwölf Pfund Sterling verpachtet hat.

»Nun, meine Herren, begann darauf Miß Herbey, glauben Sie, daß man für diese hier mehr als eine halbe Krone verlangen würde?

– Keinen Pfennig, Miß, antwortete ich lachend. Hätten Sie Lust, dieselbe in Pacht zu nehmen?

– Nein, Mr. Kazallon, erwidert das junge Mädchen mit einem unterdrückten Seufzer, und doch ist hier vielleicht der einzige Ort, an dem ich glücklich gewesen bin!

– Und ich auch!« sagt halblaut André.

Welch heimliches Leiden spricht aus dieser Antwort Miß Herbey’s! Das junge Mädchen in ihrer Armuth, ohne Eltern oder Freunde hat noch nirgends ein Glück – das Glück einiger flüchtiger Minuten – gefunden, als auf einem unbekannten Felsen des Atlantischen Oceans!