Winkler und Schneidler

In der Schenke zur »Kleinen Mühle«, die am Ende des berühmten Feldes von Alcudia liegt, wenn man von Castilien nach Andalusien geht, saßen an einem heißen Frühlingstage zwei Jungen von etwa vierzehn bis fünfzehn Jahren; keiner wenigstens war über die siebzehn hinaus. Beide wohlgebildet, aber sehr zerrissen, zerlumpt und verwahrlost. Mäntel hatten sie nicht, ihre Hosen waren von Leinwand und ihre Strümpfe von ihrer eigentlichen Haut, was freilich durch die Schuhe wieder ins Gleichgewicht gebracht wurde, denn diejenigen des einen bestanden aus Binsen, die sich schon auf manchem Gang abgemüht hatten und denen des anderen fehlten die Sohlen, so daß sie mehr den Dienst von Fußblöcken als von Schuhen verrichteten. Der eine trug eine grüne Jägermütze und der andere einen Hut ohne Band mit niederem Kopf und breitem Stulp. Über Schulter und Brust hatte der eine ein gemslederfarbiges Hemd gebunden, das ganz in den einen Ärmel geschlüpft und eingewickelt war; der andere ging ganz frei und ohne alles Gepäck, ausgenommen, daß ein großer Wulst vor seinem Busen hervortrat, der, wie sich in der Folge zeigte, eine Halskrause von der Art derjenigen war, die man gestärkte wallonische nennt, gestärkt nämlich mit Schmutz und von Alter so ausgefasert, daß das Ganze eigentlich nur wie ein Gitter von Fäden aussah. In demselben eingewickelt und verwahrt befand sich ein Spiel Karten von eiförmiger Gestalt, denn die Ecken waren durch den Gebrauch abgerieben und jene daher zum Zwecke längerer Dauer beschnitten und in die besagte Form gebracht worden. Beide Gäste hatten eine sonnenverbrannte Haut, schmutzige Nägel und nicht sonderlich reine Hände; der eine trug einen kurzen Degen, der andere ein Messer mit gelbem Heft, einen sogenannten Ochsentreiber (vaquero). Beide waren in die Laube oder den Vorbau, welcher sich vor dem Wirtshaus befand, gekommen, um hier Mittagsruhe zu halten, und wie sie hier Antlitz gegen Antlitz saßen, begann der dem Ansehen nach Ältere also gegen den Jüngeren:

»Aus welchem Lande sind Euer Gnaden, gestrenger Herr, und woher kommt Ihr des Weges?«

»Mein Vaterland, Herr Ritter,« erwiderte der Befragte, »kenne ich nicht und weiß ebensowenig, woher ich komme.«

»Nun, Ihr scheint doch nicht vom Himmel zu kommen«, entgegnete der Ältere, »und dieser Ort ist auch nicht zum Bleiben, sondern man muß wohl weitergehen.«

»Ihr habt recht,« sagte der Jüngere, »doch verhält sich’s so, wie ich gesagt habe; denn meine Heimat geht mich nichts an, weil ich weiter nichts dort habe als einen Vater, der mich nicht als Sohn hält, und eine Stiefmutter, die mich als Stiefsohn behandelt. Mein Weg geht aufs Geratewohl und wäre zu Ende, wo ich jemand fände, der mir das Nötige gebe, um dies elende Leben zu fristen.«

»Versteht Ihr irgendein Gewerbe?« fragte der Große.

»Ich kann weiter nichts«, entgegnete der Kleinere, »als laufen wie ein Hase und springen wie eine Gemse; auch schneid‘ ich sehr fein mit der Schere.«

»Das ist alles gut, nützlich und ersprießlich,« sagte der Große; »denn mancher Küster wird Euch die Spende vom Allerheiligenfeste geben, damit Ihr ihm für den grünen Donnerstag die Papierzieraten für das Leichengerüst ausschneidet.«

»Mein Schneiden ist nicht von der Art,« versetzte der Kleine, »sondern mein Vater ist durch Gottes Barmherzigkeit Kleider- und Strumpfschneider und hat mich unterwiesen, Überstrümpfe zuzuschneiden, die man, wie Euch bekannt sein wird, über die Schuhe zieht und die gewöhnlich Gamaschen heißen. Ich schneide sie so gut zu, daß ich fürwahr mein Meisterstück liefern könnte, wenn mich nicht das Unglück niederhielte.«

»Das alles und noch mehr widerfährt den Guten«, versetzte der Große, »und ich habe mir immer sagen lassen, daß große Talente am wenigsten ihr Glück machen. Doch Ihr steht ja noch in den Jahren, wo Ihr Eure Lage verbessern könnt. Irr‘ ich mich indes nicht und sehen meine Augen recht, so besitzt Ihr noch andere geheime Gaben und wollt sie nicht kund werden lassen.«

»Die besitz‘ ich,« versetzte der Kleine, »doch läßt sich nicht vor den Leuten davon sprechen, wie Ihr sehr richtig bemerkt habt.«

»Nun, ich kann Euch versichern,« sagte der Große, »daß ich einer der verschwiegensten Burschen bin, die weit und breit zu finden sind; und damit Ihr Euch mir eröffnet und zu Eurem Vertrauten macht, will ich Euch zuvor mich entdecken; denn ich glaube, das Schicksal hat uns nicht von ungefähr zusammengeführt, und denke, wir sollen von heute an bis an unseren Tod die besten Freunde bleiben. Ich bin aus Fuenfrida gebürtig, Herr Junker, einem Orte, der durch die vornehmen Reisenden bekannt und berühmt ist, die beständig durchkommen. Mein Name ist Peter Winkel und mein Vater eine Standesperson, denn er ist beim heiligen Kreuzzuge als Ablaßkrämer angestellt. Ich half ihm eine Zeitlang bei seinem Geschäfte und lernte es dergestalt, daß mir es der Geschickteste im Ablaßverkauf nicht hätte zuvortun sollen. Doch weil ich eines Tages das Geld für die Bullen noch mehr liebte als die Bullen selbst, so umarmte ich einen Geldbeutel und begab mich damit nach Madrid, wo ich bei den Gelegenheiten, die man hier gewöhnlich findet, dem Beutel die Eingeweide nahm, so daß er runzlicher aussah als das Schnupftuch eines Bräutigams. Der Rechnungsführer kam hinter mir her; ich ward verhaftet, hatte wenig Gönner; doch aus Rücksicht auf meine jungen Jahre begnügten sich die Herren, mich an den Pranger zu stellen, mir den Buckel etwas ausstäupen zu lassen und mich auf vier Jahre aus der Hauptstadt zu verweisen. Ich faßte mich in Geduld, zog die Schultern ein, hielt die Strafe aus und eilte so sehr der mir auferlegten Entfernung an Madrid nachzukommen, daß mir keine Zeit blieb, mich nach einem Wagen oder Maultier umzutun. Von meinen Habseligkeiten nahm ich mit, was ich konnte und was ich für das Unentbehrlichste hielt und unter anderen auch diese Karten – hier zog er die erwähnten Karten aus dem Halskragen hervor –, mit denen ich mir in den Wirtshäusern und Kneipen von Madrid bis hierher meinen Unterhalt durch das Vingt-un-Spiel erworben habe. So schmutzig und mitgenommen sie aussehen, so haben sie doch für den Kenner die wundersame Eigenschaft, daß er jedesmal ein As abhebt, und wenn Ihr dies Spiel kennt, so seht Ihr, in welchem Vorteile derjenige steht, der gewiß weiß, daß die erste Karte ein As ist, das er als eins und als elf zählen kann: das verhilft oft zu einundzwanzig, und die Kasse steht sich gut dabei. Außerdem lernte ich von dem Koch eines gewissen Gesandten allerhand Kunstgriffe in Quinola und Pharao, die man den Rummel zu nennen pflegt. Wie Ihr darum im Zuschneiden der Gamaschen Euch examinieren lassen könnt, so kann ich auf die Meisterschaft in der Gaunerkunst Anspruch machen. Das sichert mich vor dem Hungertode; denn wenn ich auch nur in ein Gehöft komme, so findet sich immer jemand, der sich die Zeit mit einem Spielchen vertreiben will. Und damit wollen wir beide gleich den Versuch machen, indem wir unser Garn stellen, ob einer von den Fuhrleuten hier der Vogel ist, der hineingerät. Ich meine, wir wollen zusammen Vingt-un spielen, als ging es um Geld und wenn einer der dritte Mann sein will, so soll er der erste sein, der sein Geld daläßt.«

»In Gottes Namen«, versetzte der andere. »Ich bin Euch sehr verbunden für die Mitteilung Eurer Lebensumstände, wodurch Ihr mir die Verbindlichkeit auferlegt habt, Euch die meinigen nicht zu verhehlen, welche, mich kürzer zu fassen, folgende sind: Ich bin aus Pedroso gebürtig, einem Orte zwischen Salamanca und Medina del Gampo. Mein Vater ist Schneider und hat mich in seinem Handwerke unterwiesen. Bei meinem guten Kopfe ging ich vom Kleider- zum Beutelschneiden über. Das eingeschränkte Dorfleben und die lieblose Behandlung meiner Stiefmutter ward mir lästig. Ich verließ mein Dorf, begab mich nach Toledo, um meinem Gewerbe nachzugehen und tat Wunder darin; denn kein noch so verschleiertes Reliquienkästchen, keine noch so versteckte Tasche gibt es, die meine Wünsche nicht ausspüren und meine Schere nicht erreichen sollte, und wenn Argusaugen sie bewachten. In den vier Monaten, die ich in dieser Stadt zubrachte, ward ich nie in einer Tür ergriffen, noch von Häschern überrascht und in Verlegenheit gebracht, noch von einem Ohrenbläser angegeben; doch, die Wahrheit zu sagen, vor acht Tagen setzte ein durchtriebener Spion den Corregidor von meiner Geschicklichkeit in Kenntnis, der von meinem Talente eingenommen wurde und mich zu sehen wünschte. Doch weil ich aus Demut nicht mit so großen Herren umgehen mag, so war ich darauf bedacht, nicht mit ihm zusammen zu kommen und verließ deshalb die Stadt so eilig, daß ich keine Zeit behielt, mich nach einem Maultiere, nach Geld, einer Retourkutsche oder doch wenigstens nach einem Karren umzutun.«

»Ich weiß genug,« sagte Winkel, »und weil wir uns nun kennen, so ist alles Prahlen und Großsprechen ohne Zweck; gestehen wir einander unverhohlen, daß wir keinen Heller, ja nicht einmal Schuhe haben.«

»So sei es«, entgegnete Dietrich Schneider – so hieß der Jüngere, wie er sagte –; »und da unsere Freundschaft dauernd sein soll, wie Ihr gesagt habt, Herr Winkel, so wollen wir sie mit heiligen und löblichen Bräuchen eröffnen.«

Mit diesen Worten stand Dietrich Schneider auf und umarmte Winkeln und Winkel wieder ihn mit inniger Zärtlichkeit. Dann schritten sie sogleich zum Vingt-un mit den besagten Karten, von denen sie wohl Staub und Spreu, aber nicht Fett und Betrug abwischten, und in wenig Spielen hob Schneider das As ebensogut ab als sein Meister Winkel.

Indem kam ein Fuhrmann heraus, um unter dem Wetterdach sich abzukühlen und wünschte, den dritten Mann beim Spiele abzugeben. Sie nahmen ihn recht gern an und in weniger als einer halben Stunde gewannen sie ihm zwölf Realen und zweiundzwanzig Maravedis ab, was ebensoviel Dolchstiche für ihn waren. Der Fuhrmann, der nicht glaubte, daß so junge Leute sich zur Wehr setzen würden, wollte ihnen das Geld abnehmen; doch der eine griff nach seinem Hirschfänger und der andere nach seinem Hirtenmesser und machten ihm soviel zu schaffen, daß es ohne Zweifel sehr übel für ihn abgelaufen sein würde, wofern nicht seine Kameraden herausgekommen wären.

Zufällig kam gerade ein Trupp Reisender zu Pferde vorbei, welche in der Schenke des Alcalden, eine halbe Meile davon, Siesta halten wollten. Wie sie den Fuhrmann und die beiden Burschen im Streite begriffen sahen, machten sie die Friedensstifter und sagten den Burschen, wenn sie etwa nach Sevilla wollten, so sollten sie mit ihnen gehen.

»Dahin wollen wir eben«, sagte Winkel, »und werden den gnädigen Herrn in allem dienen, was sie uns heißen.«

Und ohne weiteres sprangen sie vor den Maultieren her und gingen mit den Reitern davon, während der Fuhrmann voller Ärger und Verdruß zurückblieb und die Wirtin sich über den Verstand der Schelme wunderte, deren Gespräch sie behorcht hatte. Wie sie dem Fuhrmanne erzählte, sie habe von ihnen gehört, daß sie falsche Karten bei sich führten, raufte er sich den Bart aus und wäre ihnen gern bis in die nächste Schenke nachgelaufen, um wieder zu seinem Gelde zu kommen; denn er meinte, es sei doch Schimpf und Schande, daß ein Paar Kinder einen so alten Kerl wie ihn sollten angeführt haben. Seine Kameraden hielten ihn indes zurück und rieten ihm, nicht zu gehen, sei’s auch nur, damit er nicht sein Ungeschick und seine Einfalt unter die Leute brächte. Kurz, sie beredeten ihn, zu bleiben, ob sie ihm gleich seinen Ärger nicht ausreden konnten.

Schneider und Winkel waren inzwischen so dienstfertig gegen die Reisenden, daß diese sie den größten Teil des Weges hinter sich aufsitzen ließen, und ob sich gleich einige Male Gelegenheit darbot, auf die Mantelsäcke ihrer Herren einen Versuch zu wagen, so benutzten sie sie doch nicht, um nicht eine so gute Gelegenheit nach Sevilla zu verlieren, wohin sie sich sehr sehnten. Wie man indes um Vesperzeit bei der Stadt anlangte und wegen der Visitation und des Zolles das Zolltor passierte, konnte Schneider sich doch nicht enthalten, den Mantelsack eines zur Reisegesellschaft gehörigen Franzosen aufzuschneiden. Er brachte dem Mantelsack eine so tiefe und breite Wunde bei, daß seine Eingeweide völlig zum Vorschein kamen und zog auf eine geschickte Art ein Paar gute Hemden, eine Sonnenuhr und ein Schreibbuch heraus; Sachen, die ihnen bei näherer Besichtigung eben keine große Freude machten. Sie dachten, da der Franzose einmal einen Mantelsack führe, so müsse derselbe nicht bloß solche Kleinigkeiten enthalten und waren Willens, einen zweiten Angriff darauf zu versuchen; doch unterließen sie es, weil sie besorgten, man habe das Gestohlene vermißt und das übrige in bessere Verwahrung gebracht.

Ehe sie den Diebstahl begingen, hatten sie bereits von denen, die sie bisher freigehalten hatten, Abschied genommen. Den anderen Tag verkauften sie die Hemden auf dem elenden Trödelmarkte vor dem Sandtore und lösten zwanzig Realen daraus. Dann sahen sie sich in der Stadt um und bewunderten die Größe und Pracht der Hauptkirche und das Menschengewühl am Ufer des Flusses; denn es war gerade zur Zeit, wo man die Flotte belud. Darunter waren auch sechs Galeeren, deren Anblick ihnen einen Seufzer auspreßte und sie mit Bangigkeit an den Tag denken ließ, wo ihre Vergehen sie für Lebenszeit darauf bringen würden. Sie sahen mehrere Jungen mit Marktkörben hier auf- und abgehen und erkundigten sich bei einem derselben, was das für ein Gewerbe sei, ob es viel Arbeit mit sich führe und was es eintrage.

Ein asturischer Junge, an den sie diese Frage richteten, gab ihnen zur Antwort, es sei ein ganz gemächliches Geschäft ohne Gewerbesteuer und habe ihm manchen Tag fünf und sechs Realen eingetragen; er esse, trinke und prasse wie ein König, ohne daß er sich nach einem Herrn umzutun brauche, der Bürgschaft verlange und ohne im Essen an eine bestimmte Stunde gebunden zu sein, denn er finde es jederzeit in der geringsten Garküche, deren es soviele und vorzügliche hier gäbe.

Den beiden Freunden gefiel die Beschreibung des kleinen Asturiers so wenig übel, wie sein Gewerbe, das ihnen wie gerufen zu kommen schien, um das ihrige sicher und versteckt treiben zu können, weil es ihnen Gelegenheit verschaffte, in alle Häuser zu kommen. Sie beschlossen daher augenblicklich, sich die nötigen Gerätschaften dazu anzuschaffen, weil sie es ohne abgelegtes Meisterstück treiben durften, und fragten den Asturier, was sie sich zu kaufen hätten. »Jeder«, erwiderte er, »ein reines, neues Säckchen und drei Handkörbe, zwei große und einen kleinen, worein das Fleisch, die Fische und die Früchte verteilt werden, und in das Säckchen kommt das Brot.«

Er führte sie hierauf hin, wo diese Sachen feil waren, und sie kauften sich alles für das Geld, das sie aus der Beute von dem Franzosen gelöst hatten. Innerhalb zweier Stunden waren sie schon wie Meister in ihrem neuen Geschäfte, so gut nahmen sie sich mit den Körben und Säcken aus. Ihr Führer machte sie mit den Plätzen bekannt, wo sie sich einzufinden hätten: des Morgens nämlich bei den Fleischbänken und auf dem San Salvadorplatze, die Fasttage auf dem Fischmarkte und der Costanilla, jeden Abend beim Flusse und Donnerstags auf dem Markte.

Diesen Unterricht prägten sie sich wohl ein und waren am anderen Morgen bei guter Zeit auf dem San Salvadorplatze. Kaum waren sie hier angelangt, als sie von ihren Kameraden, die an dem Glanze der Körbe und Säckchen sahen, daß sie das erstemal hier waren, umringt wurden. Man tat tausenderlei Fragen an sie, auf die sie lauter kluge und gewandte Antworten erteilten. Indem kamen ein Kandidat und ein Offizier an und, angelockt durch die Sauberkeit der Körbe, rief der erstere Schneidern und der andere Winkeln.

»In Gottes Namen«, sagten beide.

»Glück zum Anfang meines Gewerbes,« sagte Winkel, »Eure Gnaden geben mir das Handgeld.«

»Das wird nicht schlecht ausfallen,« sagte der Offizier, »denn ich komme vom Gewinnen und bin verliebt und will heute einigen Freundinnen meiner Geliebten einen Schmaus geben.«

»Ladet mir nur auf nach Eurem Belieben,« sagte Winkel, »denn ich habe Mut und Kraft, den ganzen Markt abzuräumen, und wenn meine Hilfe bei der Zurichtung nötig wäre, so ständ‘ ich gern zu Diensten.«

Dem Offizier gefiel die Laune des Burschen und er sagte zu ihm, wenn er Lust hätte, in Dienste zu treten, so wolle er ihn von diesem niederen Geschäfte erlösen.

Winkel versetzte darauf, weil es der erste Tag sei, an dem er’s treibe, so wolle er’s nicht so schnell wieder aufgeben, sondern es wenigstens erst von seiner guten und bösen Seite kennenlernen. Doch wenn es ihm nicht gefalle, so gebe er ihm sein Wort, eher bei ihm als bei einem Domherren zu dienen.

Der Offizier lachte, belud ihn tüchtig und zeigte ihm das Haus seiner Dame, damit er es künftig ohne ihn finden könnte. Winkel versprach, ehrlich und gut sich aufzuführen, empfing vom Offizier drei Viertelrealen und war in einem Nu wieder auf dem Markte, um keine Gelegenheit zu versäumen; denn auch darauf hatte sie der Asturier aufmerksam gemacht und ihnen zugleich gesagt, wenn sie kleine Fische als Gründlinge, Sardellen oder Schollen zu tragen hätten, so könnten sie immerhin einige nehmen, doch müsse das mit aller Klugheit und Vorsicht geschehen, um nicht das Zutrauen zu verscherzen, worauf es bei ihrem Geschäfte vorzüglich ankomme.

So schnell auch Winkel zurückkehrte, so fand er doch bereits Schneidern auf seinem vorigen Posten. Er kam auf Winkeln zu und fragte, wie es ihm gegangen sei. Winkel öffnete die Hand und zeigte ihm die drei Viertelrealen. Schneider griff in den Busen und zog ein Geldbörschen hervor, das vor Zeiten goldgelb gewesen zu sein schien und ziemlich angefüllt war. »Damit«, sprach er, »und mit zwei Viertelrealen obendrein hat mich Seine Würden der Student abgesoldet. Nehmt die Börse an Euch, Winkel, man weiß nicht, was sich zutragen kann.«

Kaum hatte er ihm das Beutelchen heimlich zugesteckt, als der Student schwitzend und in Todesängsten zurückgelaufen kam und Schneidern, wie er seiner ansichtig ward, fragte, ob ihm etwa eine Börse mit den und den Kennzeichen zu Gesicht gekommen sei, die er vermisse mit fünfzehn Stück Goldgulden, drei halben Gulden und ebensoviel Maravedis in Quartos und Oktaven. Er möge ihm doch sagen, ob sie ihm sei entwendet worden, wie er mit ihm beim Einkaufe herumgegangen sei. Mit der größten Verstellung und ohne im geringsten verlegen auszusehen oder nur die Miene zu verziehen, versetzte Schneider: »Was ich Euch über diese Börse sagen kann, ist, daß sie nicht verloren sein kann, wofern Ihr sie nicht schlecht verwahrt habt.«

»Das ist es eben, Gott verzeih‘ mir meine Sünden,« versetzte der Student, »ich muß sie schlecht aufgehoben haben, weil man sie mir gestohlen hat.«

»Eben das sag‘ ich auch,« versetzte Schneider; »doch für alles gibt es ja Mittel, den Tod ausgenommen, und das erste und vorzüglichste, das ich Eurer Würden empfehlen kann, ist, Geduld zu haben: denn Gott hat uns arm geschaffen und ein Tag kommt nach dem anderen; einmal gibt, das andere Mal nimmt man. Vielleicht bereut es derjenige mit der Zeit, der Euch die Börse genommen hat, und gibt sie Euch gefüllter zurück.«

»Die Zugabe wollt‘ ich ihm gern erlassen«, versetzte der Student.

»Überdem«, fuhr Schneider fort, »gibt es ja Bannbullen, Bannflüche und unverdrossene Betriebsamkeit, die die Mutter des Glücks ist. Doch ich möchte wahrlich nicht die Börse genommen haben; denn wenn Ew. Würden Priester ist, so dächt‘ ich eine große Blutschande oder Kirchenraub begangen zu haben.«

»Wie sollt‘ es nicht Kirchenraub sein?« sagte der traurige Student; »denn ob ich gleich nicht Priester bin, sondern Küster bei einem Nonnenkloster, so gehörte doch das Geld in der Börse zu dem Tertial einer Pfarre und ich hatte es für einen Priester, der mein Freund ist, eingenommen; es ist sonach heiliges und geweihtes Geld.«

»Nun, der Dieb esse aus, was er eingebrockt hat,« sagte Winkel jetzt, »ich mag nicht mit ihm teilen. Es kommt ein Tag des Gerichtes, wo alles vergolten wird und dann wird man sehen, wer der Galgenstrick und Wagehals gewesen ist, der sich unterstanden hat, das Tertial einer Pfarre anzugreifen, zu bestehlen und zu verkümmern. Aber sagt mir doch, wenn ich Euch bitten darf, was trägt denn die Pfarre jährlich ein, Herr Küster?«

»Den Teufel trägt sie ein,« sagte der Küster ganz entrüstet; »hab‘ ich jetzt Zeit, Euch auf solche Fragen zu antworten? Sagt mir, Freund, ob Ihr etwas von der Börse wißt, sonst gehabt Euch wohl, denn ich will sie ausrufen lassen.«

»Das Mittel scheint mir nicht übel zu sein«, sagte Schneider. »Doch habt wohl acht, daß Ihr die Kennzeichen der Börse nicht vergeßt noch das Geld, das drinnen war; denn wenn Ihr Euch nur um einen Heller irrt, so bekommt Ihr sie Euer Lebtage nicht wieder zu Gesichte, das sag‘ ich Euch voraus.«

»Das ist nicht zu besorgen,« versetzte der Küster, »denn ich habe es besser im Gedächtnisse als das Läuten der Glocken und werde mich nicht um einen Heller irren.«

Indem zog er ein mit Spitzen besetztes Schnupftuch aus der Tasche, um sich den Schweiß abzuwischen, der ihm vom Gesicht herabfloß wie aus einem Destillierkolben. Kaum hatte es Schneider gesehen, als er es für sich ausersah, und wie der Küster fort war, ihm nachging und ihn auf den Stufen einholte. Hier rief er ihn beiseite und schwatzte ihm soviel albernes Zeug vor über die Entwendung und Wiedererlangung seiner Börse, indem er ihm allerhand Hoffnungen machte, ohne eine einzige Rede zu Ende zu bringen, daß der arme Küster ihm ganz verwirrt zuhörte und sich manches zwei- oder dreimal wiederholen ließ, weil er nicht wußte, was er hatte sagen wollen. Schneider sah ihm aufmerksam ins Gesicht und verwandte kein Auge von den seinen. Der Kirchner starrte ihn ebenso an, schien ihm jedes Wort am Munde absehen zu wollen. Dieses Hinstarren gab Schneidern Gelegenheit, seinen Streich auszuführen und unvermerkt zog er ihm das Tuch aus der Tasche und sagte noch beim Abschiede zu ihm, er möge nicht versäumen, ihn abends hier wieder zu treffen, denn er habe einen diebischen Jungen von seinem Gewerbe und seiner Größe als Dieb der Börse auf dem Korne und er mache sich anheischig, es über kurz oder lang auszumitteln.

Damit tröstete sich der Küster etwas und nahm von Schneidern Abschied, der zu Winkeln ging, welcher nicht weit davon alles mit angesehen hatte. Etwas entfernter stand ein anderer Marktjunge, der ebenfalls alles gesehen hatte, was vorgefallen war und wie Schneider Winkeln das Schnupftuch gab. Dieser trat zu ihnen und fragte sie: »Sagt mir, meine schönen Herren, geht ihr ins Dorf1 oder nicht?«

»Das verstehen wir nicht, mein schöner Herr«, versetzte Winkel.

»So, ihr verkneißt’s nicht, meine Herren Jammakener?« fragte der andere wieder.

»Wir sind weder aus Theben, noch aus Jamaica,« entgegnete Schneider; »will der Herr sonst etwas, so sag‘ Er’s, sonst geh‘ Er in Gottes Namen.«

»Ihr versteht’s nicht?« versetzte der Bursche, »nun, so will ich’s euch erklären und mit einem silbernen Löffel eingeben: ich meine, ob ihr Spitzbuben seid, meine Herren? Doch ich weiß nicht, weshalb ich darnach frage, da mir ja bekannt ist, daß ihr’s seid. Aber sagt mir doch, warum ihr nicht auf den Packhof des Herrn Einbein gegangen seid?«

»Entrichten denn hierzulande die Spitzbuben auf ihr Gewerbe Zoll, mein schöner Herr?« fragte Winkel.

»Wenn auch das nicht,« gab der andere zur Antwort, »so werden sie doch bei Herrn Einbein eingetragen, denn er ist ihr Vater, Meister und Beschützer. Ich rat‘ Euch daher, mit mir zu kommen, um ihm eure Aufwartung zu machen, oder sonst untersteht euch nicht, ohne seine Losung zu stehlen, wenn es euch nicht teuer zu stehen kommen soll.«

»Ich dachte,« sagte Schneider, »das Stehlen wäre ein freies Gewerbe, ohne Zins und Zoll, und wenn man zahle, so gescheh‘ es ein für allemal mit dem Halse oder dem Buckel. Doch da dem so ist und jeder Ort seine Gebräuche hat, so wollen wir uns auch in die hierzulande üblichen fügen; denn da wir an dem vornehmsten Orte in der Welt sind, so werden hier wohl auch die zweckmäßigsten Gebräuche sein. Ihr könnt uns daher zu dem Kavalier führen, von dem Ihr sprecht; denn nach dem, was ich eben von ihm gehört habe, vermut‘ ich, daß er sehr geschickt, ausgezeichnet und wohlbewandert in dem Fache ist.«

»Jawohl ist er sehr geschickt, erfahren und tüchtig,« versetzte der andere, »so daß in den vier Jahren, wo er unser Vater und Oberhaupt ist, bloß vier an den Wispel gekommen sind, ungefähr dreißig Speck und Blaukohl bekommen haben und zweiundsechzig auf die Floschen geschickt worden sind.«

»In Wahrheit, mein Herr,« sagte Winkel, »diese Wörter verstehen wir ebenso wie das Fliegen.«

»Wir wollen uns nur auf den Weg machen,« versetzte der andere, »und unterwegs will ich sie euch schon erklären, nebst einigen anderen, deren Kenntnis euch ebenso unentbehrlich ist als das Brot, das dem Maule geboten wird.« Und so erklärte er ihnen im Laufe des Gesprächs, das nicht kurz war – denn ihr Weg war lang –, diese und noch andere Ausdrücke der Diebessprache, die man gewöhnlich Rotwelsch nennt. Winkel fragte seinen Führer, ob er auch etwa ein Spitzbube sei.

»Ja,« antwortete dieser, »Gott und guten Leuten zu dienen; doch keiner von den ausgelernten, denn ich stehe noch in meinem Lehrjahre.«

»Das ist etwas Neues für mich,« versetzte Schneider, »daß es Spitzbuben in der Welt gibt, Gott und guten Leuten zu dienen.«

»Herr, ich kümmere mich nicht um Theologie,« entgegnete der andere, »aber so viel weiß ich, daß jeder in seinem Berufe Gott preisen kann, zumal nach der Vorschrift, die Einbein allen seinen Leuten gegeben hat.«

»Ohne Zweifel muß diese gut und heilig sein,« sagte Winkel, »da sie bewirkt, daß die Spitzbuben Gott dienen.«

»Sie ist so heilig und gut,« versetzte der andere, »daß ich nicht weiß, ob es bei unserem Gewerbe eine bessere geben könne. Er hat angeordnet, daß wir von dem Gestohlenen eine Beisteuer oder ein Almosen zum Öl für die Lampe eines hochverehrten Heiligenbildes in dieser Stadt geben, und wir haben fürwahr große Wirkungen von diesem guten Werke verspürt; denn in diesen Tagen erhielt ein Sußrackeler, der ein paar Borkchen geschuppt hatte, drei Zwicke auf der Inne, und ob er gleich entkräftet war und das viertägige Fieber hatte, so ertrug er sie doch, ohne zu pfeifen, als wär‘ es nichts. Wir Zunftgenossen messen dies seiner Frömmigkeit bei; denn aus eigener Kraft hätte er nicht den ersten Zwick des Talgers aushalten können. Und weil ihr einige Ausdrücke, die ich gebraucht habe, werdet erklärt haben wollen, so will ich mein Gewissen verwahren und sie erklären, eh‘ ihr mich darum befragt. Wißt denn, Sußrackeler bedeutet einen Pferdedieb, Inne die Folter, Borkchen, mit Ehren zu melden, Eselchen; der erste Zwick des Talgers ist der Daumenstock. Wir tun noch mehr: denn wir beten unseren Rosenkranz jeden Tag in der Woche, und viele von unseren Leuten stehlen Freitags nicht und gehen Sonnabends mit keinem Weibsbilde um, das Maria heißt.«

»Das alles scheint mir sehr angemessen zu sein,« sagte Schneider; »doch sagt mir, gibt es außerdem bei Euch noch Heiligenabgaben und Bußen?«

»Von andern Abgaben kann nicht die Rede sein,« versetzte der andere, »denn das ist eine Unmöglichkeit wegen der vielen Teile, in die das Gestohlene geht, da jeder von den Dienern und Gesellen den seinigen bekommt; folglich kann der erste Dieb nichts mehr abgeben. Außerdem macht es uns auch niemand zur Pflicht, da wir nie beichten, und wenn man Bannbriefe gegen uns ausfertigt, so kommen sie nie zu unserer Kenntnis, weil wir nie in die Kirche gehen, wann sie verlesen werden, außer an Jubelfesten, wo wir uns bei dem großen Zusammenflusse von Menschen einen Vorteil machen können.«

»Und schon um deswillen haltet Ihr Herren Euren Lebenswandel für fromm und gut?« sagte Schneider.

»Nun, was ist denn daran auszusetzen?« versetzte der andere. »Ist es nicht weit schlimmer, ein Ketzer oder ein Renegat zu sein, Vater und Mutter ums Leben zu bringen oder ein Solomit zu sein?«

»Sodomit wollt Ihr sagen«, sprach Winkel.

»Ja, das mein‘ ich«, entgegnete der andere.

»Das alles ist schlimm,« versetzte Schneider; »doch da das Schicksal gewollt hat, daß wir in diese Brüderschaft treten, so schreitet rasch vorwärts, denn ich sterbe vor Verlangen, mit dem Herrn Einbein zusammenzukommen, von dem ich soviel Vorteilhaftes gehört habe.«

»Euer Wunsch wird gleich erfüllt werden,« sagte der andere, »denn man sieht schon von hier aus seine Wohnung; wartet einstweilen vor der Tür, bis ich hineingehe und sehe, ob er geschäftslos ist: denn das sind die Stunden, wo er Audienz zu geben pflegt.«

»Gut«, versetzte Winkel und ihr Führer, der etwas vorausgegangen war, ging in ein Haus von schlechtem Aussehen, während die beiden anderen vor der Tür warteten. Er kam gleich wieder heraus und ließ sie eintreten und in einer kleinen, mit Backsteinen ausgelegten Halle warten, die so sauber gehalten waren, daß sie wie der feinste Karmin aussahen. Auf der einen Seite stand eine Bank mit drei Füßen und auf der anderen ein Krug ohne Schneppe mit einem ebenso schadhaften Kännchen. Außerdem lag noch eine Binsenmatte da, und in der Mitte stand ein Blumenasch.

Die beiden Burschen betrachteten aufmerksam den Hausrat, eh‘ Herr Einbein herabkam, und weil er länger ausblieb, so hatte Winkel die Dreistigkeit, in eins von den beiden kleinen und niedrigen Zimmern zu gehen, die sich im Erdgeschoß befanden. Hier sah er ein Paar Fechtdegen und Tartschen von Kork, die an vier Nägeln hingen, ferner einen großen Kasten ohne Deckel und drei andere Binsenmatten auf den Erdboden ausgebreitet. An die Wand der Tür gegenüber war ein schlechtes Marienbild geklebt und weiter unten hing ein Körbchen und ein in die Wand eingefügtes weißes Becken, woraus Winkel schloß, daß jenes die Almosenbüchse und dieses den Weihkessel vorstellen sollte, und so verhielt sich’s auch.

Unterdessen kamen zwei junge Leute herein, ungefähr zwanzig Jahre alt und als Studenten gekleidet, und nicht lange nachher zwei Marktjungen und ein Blinder, die alle, ohne ein Wort zu reden, in der Halle auf- und abgingen. Es dauerte nicht lange, so kamen ein Paar Greise in Friesröcken und mit Brillen auf der Nase, wodurch sie ein ernstes, ehrwürdiges Ansehen bekamen. Jeder von ihnen hatte einen Rosenkranz mit klingenden Kügelchen in der Hand. Nach ihnen kam ein altes Weib mit langen Rockschößen, die, ohne etwas zusagen, in das Zimmer ging, sehr andächtig Weihwasser nahm und vor dem Bilde niederkniete. Erst nach einer guten Weile, nachdem sie zuvor dreimal den Erdboden geküßt und ebenso vielmal Augen und Arme gen Himmel gerichtet hatte, stand sie wieder auf, warf ihr Almosen in den Korb und begab sich zu den übrigen in die Halle.

Mit einem Worte, hier versammelten sich in kurzer Zeit gegen vierzehn Personen von allerlei Tracht und Hantierung. Zuletzt kamen auch ein paar muntere geputzte Burschen mit großen Knebelbärten, breiten Hüten, Walloner Halskragen, farbigen Strümpfen und Kniegürteln mit großen Schleifen. Sie hatten ungewöhnlich lange Degen, statt der Dolche Pistolen, und ihre Tartschen hingen an den Gürteln. Beim Hereintreten warfen sie einen befremdeten Blick auf Winkeln und Schneidern und fragten sie, ob sie zur Brüderschaft gehörten.

»Ja, zu dienen, meine Herren«, versetzte Winkel.

Jetzt war der Augenblick da, wo Herr Einbein herabkam, ebenso sehnlich erwartet als gern gesehen von der ganzen ehrenwerten Gesellschaft. Er schien ein Fünf- bis Sechsundvierziger zu sein, war von hohem Wuchse, braun von Gesichtsfarbe, mit zusammenlaufenden Augenbrauen, einem starken, schwarzen Barte und tiefliegenden Augen. Er ging im Hemde und zeigte durch den vorderen Schlitz einen Wald, so stark war seine Brust mit Haaren bewachsen. Ein Friesmantel ging ihm fast bis auf die Füße, an welchen er ausgetretene Schuhe trug. Seine Schenkel bedeckten weite, leinene Pumphosen, die bis an die Knöchel reichten. Sein Hut war glockenförmig und mit breiten Krempen. Über Schultern und Brust hing ihm ein Wehrgehänge mit einem kurzen, breiten Säbel. Seine Hände waren kurz und haarig, die Finger dick und die Nägel in das Fleisch gewachsen. Seine Schenkel sah man nicht, aber die Füße waren ungeheuer breit und schwielig. Kurz, er stellte den plumpesten und mißgestaltesten Kerl von der Welt dar.

Mit ihm kam der Führer der beiden Kameraden herunter, der sie jetzt bei der Hand nahm und dem Einbein vorstellte. »Das sind die beiden wackeren Burschen,« sagte er, »Herr Einbein, von denen ich Euch erzählt habe. Vexaminiert sie und Ihr sollt sehen, daß sie verdienen, in unseren Bund aufgenommen zu werden.«

»Das will ich sehr gern tun«, versetzte Einbein.

Ich habe vergessen zu erwähnen, daß, wie Einbein herunterkam, augenblicklich alle, die auf ihn gewartet hatten, ihm eine tiefe Verbeugung machten, bis auf die beiden Haudegen, die kaum an den Hut griffen und dann sogleich wieder auf- und abgingen.

Einbein schritt in der Halle umher und fragte jetzt die beiden Ankömmlinge nach ihrer Hantierung, ihren Eltern und ihrer Heimat.

»Unsere Hantierung«, versetzte Winkel, »ist schon ausgesprochen, da wir vor Euch erscheinen; auf den Namen unserer Heimat und Eltern kommt, dünkt mich, nicht viel an, da wir nicht in einen ehrenvollen Orden treten wollen, der diese Nachforschung erforderte.«

»Du hast recht, mein Sohn«, versetzte Einbein, »und es ist sehr ratsam, dergleichen Dinge zu verschweigen; denn wenn es nicht geht wie es soll, so ist es nicht gut, wenn unter dem Siegel des Notars oder im Fremdenbuche steht: N. N. der Sohn des und des, da und da zu Hause, ist den und den Tag gehangen oder gestäupt oder dergleichen mehr; wenigstens feine Ohren beleidigt es. Ich wiederhol’s darum, es ist eine nützliche Vorsicht, Heimat und Eltern geheim zu halten und seinen Namen zu vertauschen. Ob nun gleich unter uns nichts zu verheimlichen ist, so will ich doch für jetzt bloß Eure Namen wissen.«

Winkel sagte ihm den seinigen und Schneider auch.

»Nun so verlang‘ ich«, versetzte Einbein, »und es ist mein Wille, daß du, Winkel, dich künftig Winkler und du, Schneider, dich Schneidler nennst; denn diese Namen sind für euer Alter und unsere Verfassung wie gemacht. Zufolge derselben müssen wir auch die Namen von den Eltern unserer Mitbrüder wissen, weil es bei uns Brauch ist, jährlich gewisse Seelenmessen für unsere verstorbenen Wohltäter lesen zu lassen, wozu wir ein Stipendium von einem Teile des Geschuppten erheben, um dem, der sie liest, ein Almosen zu reichen. Diese Messen sollen, wenn sie gehörig gelesen und bezahlt werden, solchen Seelen zur besonderen Rekondemnation gereichen.

Zu unseren Wohltätern gehört der Anwalt, der uns verteidigt; der Wetsch, der uns Nachricht gibt; der Henker, der Mitleid mit uns hat; ferner derjenige, welcher, wenn einer von uns auf der Straße ausreißt und die Leute hinterher rufen: ›Ein Spitzbube! Halt’t auf! Halt’t auf!‹ sich ins Mittel schlägt, dem Strome der Verfolger in den Weg tritt und zu ihnen sagt: ›Laßt den armen Teufel: er ist unglücklich genug; sein Gewissen strafe ihn.‹ Unsere Wohltäterinnen sind auch die hilfreichen Frauen, die uns in dem Kettchen wie vor dem Mischbet mit ihrem sauer verdienten Schweiße unterstützen; desgleichen die Eltern, die uns auf die Welt gesetzt haben; ferner der Notarius, der es gut mit uns meint, so daß kein Frevel für ein Verbrechen gilt und kein Verbrechen schwer bestraft wird. Für alle diese, die ich genannt habe, hält unsere Brüderschaft jährlich ihr Adversarium mit möglichstem Popp und Solität.«

»Gewiß,« sagte Winkler, dem dieser Name bereits beigelegt war, »das ist ein Werk, würdig des hohen und tiefsinnigen Geistes, der uns an Euch gerühmt worden ist, Herr Einbein. Doch unsere Eltern sind noch am Leben, und sollten sie vor uns sterben, so wollen wir dieser glücklichen und angesehenen Brüderschaft sogleich Nachricht davon geben, damit für ihre Seelen diese Rekondemnation oder dieses Adversarium, wovon Ihr gesprochen habt, mit der gewöhnlichen Solennität und Pomp begangen werde; wenn es nicht besser mit Solität und Popp geschieht, wie Ihr so richtig Euch ausgedrückt habt.«

»Das soll geschehen oder ich will kein ganzes Glied behalten«, sagte Einbein und rief ihren Führer zu sich. »He, Kuppelmann,« sprach er zu ihm, »sind die Wachen ausgestellt?«

»Ja,« versetzte der Führer, »drei Wachen stehen auf der Lauer, und wir haben keinen Überfall zu besorgen.«

»Um nun wieder auf unsere Sache zukommen,« sprach Einbein, »so möcht‘ ich doch wissen, was ihr versteht, meine Söhne, um euch ein Geschäft und einen Wirkungskreis anweisen zu können, wie er eurer Neigung und Geschicklichkeit angemessen wäre.«

»Ich bin kein ganz schlechter Freischupper und Fallenmacher; die Briefe kenn‘ ich von weitem. Ich kann die Johnen mischen und abheben, die Volte schlagen, den Rummel erstehen, und den geschicktesten Ratscher anführen, er mag sich vorsehen, wie er will.«

»Das ist ein Anfang,« sagte Einbein; »doch das sind alles so alte und verbrauchte Künste, daß sie jeder Anfänger versteht und daß sie nur bei solchen Schoden anwendbar sind, die sich am hellen lichten Tage über den Löffel barbieren lassen. Doch die Zeit wird hingehen und wir wollen uns dann wieder sprechen; denn wenn auf diese Grundlage ein halbes Dutzend Lehrstunden gesetzt werden, so hoffe ich zu Gott, Ihr sollt ein berühmter Gleicher, wo nicht gar Erlat werden.«

»Alles Euch und den Herren Mitbrüdern zu dienen«, versetzte Winkler.

»Und du, Schneidler, was verstehst du denn?« fragte Einbein.

»Ich verstehe mit der Schere2 umzugehen oder die Kunst, die man Zwei hinein und Fünf heraus nennt, und weiß jede Tasche sehr genau und behend zu untersuchen.«

»Verstehst du sonst noch etwas?« fragte Einbein.

»Nein, Gott verzeih‘ mir meine Sünden«, erwiderte Schneidler.

»Mach‘ dir darüber keinen Kummer, mein Sohn,« versetzte Einbein, »denn du bist in einen Hafen und in eine Schule gekommen, wo du nicht bloß vor dem Versinken gesichert bist, sondern auch in allem, was dir von Nutzen sein kann, die besten Fortschritte machen wirst. Aber was den Mut betrifft, wie steht’s da mit euch, meine Söhne?«

»Wie soll’s da anders als sehr gut stehen?« versetzte Winkler. »Wir haben Mut, alles zu wagen, was in unser Fach und Gewerbe schlägt.«

»Das ist wohl gut,« sagte Einbein; »aber ich wollte, ihr hättet auch Mut, ein halbes Dutzend Zwicke auf der Inne auszuhalten, ohne die Lippen aufzutun oder das Maul zu verziehen.«

»Wir wissen schon, Herr Einbein,« sagte Schneidler, »was Inne sagen will und wir haben zu allem Herz; denn wir sind nicht so unerfahren, daß wir nicht wissen sollten, daß die Gurgel bezahlt, was die Zunge schwatzt, und der Himmel erzeigt dem Waghals – um ihm keinen anderen Namen zu geben – eine große Gnade, daß er Leben und Tod auf seine Zunge legt; gleich als hätte ein Nein mehr Silben denn ein Ja.«

»Halt!« rief jetzt Einbein; »mehr braucht’s nicht. Ich erkläre, daß dies eine Wort mich überführt, verpflichtet, überzeugt und zwingt, euch unter die Gleicher aufzunehmen und das Lehrjahr nachzulassen.«

»Ich bin derselben Meinung«, erklärte einer von den beiden Haudegen, und alle Anwesenden, die das Gespräch mit angehört hatten, pflichteten ihm bei und baten Einbein, sie sogleich in den Genuß aller Gerechtsame ihrer Verbrüderung zu setzen, weil ihr einnehmendes Äußere und ihre Reden es alles verdienten.

Einbein antwortete, um dem allgemeinen Wunsche nachzukommen, räume er beiden von Stund‘ an die Gerechtsame ein. Er machte Winklern und Schneidlern zugleich darauf aufmerksam, wie hoch sie diese Begünstigung anzuschlagen hätten; denn sie brauchten nicht die Hälfte von ihrem Anteile an dem ersten Diebstahle zu entrichten, den sie ausführten, noch sich ein Jahr lang den niederen Diensten zu unterziehen, nämlich den Gesellen im Gefängnisse oder in ihrem Hause Botschaft zu bringen. Sie dürften kauschern Judel basen und wann, wie und wo sie wollten, eine Schmauserei anstellen, ohne von ihrem Obern Erlaubnis einzuholen; ebenso erhielten sie gleich von jetzt an wie jeder ältere Bruder ihren Anteil an der Beute, vieles andere nicht zu erwähnen, was sie alles als eine außerordentliche Begünstigung aufnahmen und wozu die anderen ihre Zustimmung in sehr verbindlichen Ausdrücken erteilten.

Indem kam ein Knabe ganz atemlos hereingestürzt und meldete, der Häscher komme gerade auf das Haus zu, doch führe er keine Iltisse bei sich.

»Niemand gerate darüber in Bestürzung,« sagte Einbein, »denn er ist unser Freund und kommt nie zu unserem Schaden. Bleibt ruhig sitzen; ich will hinausgehen und mit ihm sprechen.«

Alle erholten sich wieder von ihrer Bestürzung, und Einbein ging vor die Türe, wo er den Häscher fand und eine Weile mit ihm sprach. Dann ging er wieder hinein und fragte: »Wer hat heute den San Salvadorplatz gehabt?«

»Ich«, versetzte Kuppelmann.

»Warum ist denn noch kein gelbes Börschen zum Vorschein gekommen,« sagte Einbein, »das heute Morgen in diesem Bezirke mit fünfzehn Goldgulden, zwei halben Gulden und ich weiß nicht wieviel Quartos weggekommen ist?«

»Es ist wahr,« sagte Kuppelmann, »diese Börse wurde heute vermißt; doch ich habe sie nicht genommen, noch kann ich mir vorstellen, wer es getan haben soll.«

»Ich lasse mir kein Blendwerk vormachen,« versetzte Einbein, »die Börse muß zum Vorschein kommen, denn der Häscher verlangt sie, unser Freund, der uns das Jahr über tausend Gefälligkeiten erzeigt.«

Der Bursche schwur von neuem, er wisse nichts darum und Einbein geriet dergestalt in Zorn, daß seine Augen Feuerflammen zu sprühen schienen. »Niemand«, rief er, »treibe Possen mit dem geringsten unserer Gesetze oder es soll ihm das Leben kosten. Das Fuchsnetz muß heraus, und wenn es jemand verheimlicht, um nicht die Gebühren zu zahlen, so will ich ihm seinen Anteil unverkürzt geben und das übrige aus meinen Mitteln dazutun, denn der Häscher muß durchaus befriedigt werden.«

Kuppelmann begann abermals zu schwören und sich zu verfluchen und sagte, er habe die Börse weder genommen noch mit Augen gesehen. Hierdurch geriet Einbein noch mehr in Wut und die ganze Bande in Aufruhr, wie sie sahen, daß ihre Statuten und schönen Gesetze gebrochen wurden.

Wie Winkler diesen großen Lärm und Zwiespalt bemerkte, hielt er’s für ratsam, ihn beizulegen und seinem Obern, der vor Wut bersten wollte, sich gefällig zu zeigen. Er beriet sich darum mit seinem Freunde Schneidler und nach gemeinschaftlichem Beschlusse zog er die Börse des Küsters hervor und sagte: »Aller Streit hab‘ ein Ende, meine Herren, hier ist die Börse mit dem Inhalte, den der Häscher angegeben hat. Mein Kamerad Schneidler hat sie heute erwischt und ihrem Herrn noch obendrein ein Schnupftuch abgenommen.«

Schneidler zog das Tuch hervor und zeigte es.

»Schneidler der Gute,« sprach Einbein, – »denn diesen Beinamen soll er in Zukunft führen – behält das Tuch, und für diesen Dienst bleib‘ ich sein Schuldner. Die Börse soll der Häscher bekommen, denn sie gehört einem Küster, der mit ihm verwandt ist, und man muß das Sprichwort befolgen: Wer dir ein ganzes Huhn gibt, dem gib ein Beinchen davon. Dieser gute Häscher übersieht in einem Tage mehr als wir ihm in hundert anderen vergelten können.«

Alle gaben einstimmig dem Edelmute der beiden neuen Kameraden und dem Ausspruche ihres Oberhauptes ihren Beifall und dieser ging hinaus, dem Häscher die Börse zuzustellen. Schneidler behielt den Beinamen des Guten, wie Don Alonso Perez de Guzman der Gute, der das Messer über die Mauern von Tarifa warf, um seinem Sohne damit den Hals abzuschneiden.

Wie Einbein zurückkam, traten ein Paar Dirnen mit ihm herein, mit gefärbten Gesichtern, Lippen voll Schminke und Busen voll Bleiweiß, in Mäntelchen von Sarsche, voll Frechheit und Schamlosigkeit, woraus Winkler und Schneidler abnahmen, daß es Buhlschwestern sein müßten, und sie irrten sich nicht. Wie sie eingetreten waren, eilten sie mit offenen Armen, die eine auf Chiquiznaque, die andere auf Eisenhand zu: so hießen nämlich die beiden Haudegen, und Eisenhand aus dem Grunde, weil er eine eiserne Hand hatte, statt derjenigen, die ihm von Gerichtswegen abgehauen war. Sie umarmten die Dirnen sehr vergnügt und fragten sie, ob sie nichts bei sich hätten, um den Hauptkanal zu netzen. »Sollte es daran fehlen, mein Fechter?« versetzte die eine, die sich die Gananciosa nannte; »dein Kniff Silvatillo kann nicht lange mehr mit dem Wäschekorbe ausbleiben, der mit dem angefüllt ist, was uns Gott beschert hat.«

Und so verhielt sich’s auch, denn in dem Augenblicke trat ein Knabe mit einem Wäschekorbe herein, über welchen ein Bettuch gebreitet war. Alle freuten sich über Silvatos Ankunft, und augenblicklich befahl Einbein, eine von den Binsenmatten aus dem Zimmer zu holen und sie mitten in der Halle auszubreiten. Ebenso hieß er alle ringsherum darauf Platz nehmen, um bei abgekühltem Zorne allerlei Nötiges zu besprechen.

»Mein Sohn Einbein,« sagte darauf die Alte, die vor dem Bilde gebetet hatte, »ich bin nicht zu Schmausereien aufgelegt, denn ich habe seit ein paar Tagen Schwindel, der mich schier von Sinnen bringt; überdem muß ich noch vormittags meine Andacht verrichten und unserer Frau zu den Gewässern und dem heiligen Kruzifixe des heiligen Augustin meine Kerzchen auf stecken, was ich nicht unterlassen würde, wenn’s auch schneite und stürmte. Hergekommen bin ich, weil der Renegat und der Hundertfuß gestern Abend einen Korb mit Wäsche in mein Haus gebracht haben, der etwas größer als dieser hier ist. Weiß Gott, die Wäsche war meiner Seele noch voll Laugenasche, und die armen Schelme müssen keine Zeit gehabt haben, sie abzuspülen. Wie sie kamen, schwitzten sie so starke Tropfen, daß es ein Jammer war, zu sehen, wie sie keuchten und das Wasser ihnen vom Gesichte herunterlief, daß sie wie Engelchen aussahen. Sie sagten mir, sie gingen einem Viehhändler nach, der in der Fleischbank habe Hammel wiegen lassen, um zu sehen, ob sie einer gewaltigen Katze mit Realen zusprechen könnten, die er bei sich führe. Die Wäsche ward von ihnen im Vertrauen auf meine Gewissenhaftigkeit weder ausgepackt noch gezählt, und so gewiß erfülle Gott meine frommen Wünsche und bewahre uns alle vor den Händen der Obrigkeit, als ich den Korb nicht angerührt habe und er noch so unversehrt dort steht, wie er zur Welt gekommen ist.«

»Das alles glaub‘ ich, Frau Mutter,« versetzte Einbein, »und der Korb bleibe unausgepackt, denn beim Einbrüche der Nacht will ich hinkommen und nachsehen, was drin ist und jedem ehrlich und gewissenhaft seinen Anteil geben, wie ich gewohnt bin.«

»Wie Ihr befehlt, mein Sohn,« erwiderte die Alte, »und weil ich bald fort muß, so gebt mir doch, wenn Ihr’s habt, ein Schlückchen für meinen schwachen Magen, woran ich beständig leide.«

»Trinkt Ihr wohl so eins, meine Mutter ?« fragte Escalanta – so hieß Gananciosens Gefährtin –, und indem sie den Korb aufdeckte, kam ein Schlauch zum Vorschein mit ungefähr einem halben Eimer Wein und ein Korkbecher, der gut und gern sein Maß halten konnte. Diesen füllte Escalanta und reichte ihn der andächtigen Alten, die ihn mit beiden Händen faßte und nachdem sie den Schaum etwas weggeblasen hatte, sagte: »Du hast viel eingeschenkt, Tochter Escalanta; doch Gott wird mir ja zu allem Kräfte verleihen.« Dann setzte sie ihn an den Mund und leerte ihn in einem Zuge und Atem aus. »Von Guadalcanal ist das Herrlein«, sagte sie beim Absetzen, »und schmeckt unmerklich nach Gips. Gott stärke dich, Tochter, wie du mich gestärkt hast, wenn’s mir nur auch bekommt, weil ich noch nüchtern bin.«

»Das wirds, Mutter,« versetzte Einbein, »denn es ist Dreifirner.«

»Das hoff ich zur Jungfrau«, entgegnete die Alte. »Seht doch zu, Mädchen, ob Ihr etwa einen Viertelreal bei Euch habt, um die Kerzchen für meine Andacht zu kaufen; denn in der Eil‘ und Hast, mit der ich hergelaufen bin, um Euch die Nachricht vom Korbe zu hinterbringen, habe ich meine Geldtasche vergessen.«

»Ich bin damit versehen, Frau Pipota« – so hieß die gute Alte –, versetzte Gananciosa, »hier sind zwei Viertelrealen und für den einen kauft auch eins für mich und steckt’s dem Herrn Sankt Michel auf, und könnt Ihr zwei dafür kaufen, so steckt das andere dem Herrn Sankt Blas auf, denn das sind meine Schutzheiligen. Ich wollte, Ihr könntet auch eins der Frau Sankt Lucia aufstecken – denn wegen der Augen verehr‘ ich auch diese –, doch habe ich kein kleines Geld bei mir; ein andermal will ich mich mit allen abfinden.«

»Daran wirst du sehr wohl tun, meine Tochter; nimm dich vor Knickerei in acht: denn es kommt viel darauf an, die Kerzen vor sich herzutragen, eh‘ man stirbt und nicht darauf zu warten, daß sie die Erben oder Testamentsvollzieher aufstecken sollen.«

»Mutter Pipota hat recht«, sagte Escalanta, griff in ihren Beutel und gab ihr auch einen Viertelreal mit dem Auftrage, ihr dafür auch zwei Kerzchen für die Heiligen zu kaufen, welche ihr die nützlichsten und erkenntlichsten zu sein schienen. Damit ging Pipota weg und sagte im Fortgehen: »Genießt die Freude, Kinder, jetzt, wo Ihr noch Zeit dazu habt; denn das Alter wird kommen, wo Ihr dann jede Stunde beweinen würdet, die Ihr in der Jugend verloren habt, wie ich sie beweine. Empfehlt mich Gott in euren Gebeten, wie ich es jetzt für mich und euch tun will, daß er uns auf unseren gefahrvollen Wegen vor den Überfällen der Justiz schütze und bewahre.«

Wie die Alte fort war, setzten sie sich alle um die Binsenmatte herum, und Gananciosa deckte das Bettuch als Tischtuch auf. Das erste, was sie aus dem Korbe herausnahm, war ein großes Bündel Rettiche, gegen zwei Dutzend Pomeranzen und Zitronen und gleich darauf eine große Schüssel mit Stockfisch, in Butter gebraten. Hierauf erschien ein halber holländischer Käse, ein Topf mit herrlichen Oliven, ein Gericht Seekrebs, eine große Menge Flußkrebse mit Kapern und Pfeffer zugerichtet und drei weiße Fladen von Gandul. Der Frühstückenden waren gegen vierzehn und jeder nahm sein Hirtenmesser heraus bis auf Winkler, der seinen Hirschfänger zog. Die beiden Alten in den Friesröcken und der Führer hatten den Korkbecher umherzureichen.

Doch kaum hatten sie den Pomeranzen zugesprochen, als sie alle durch ein heftiges Klopfen an der Türe aufgeschreckt wurden. Einbein befahl in Ruhe zu bleiben, ging in das niedere Zimmer, nahm eine Tartsche herunter und die Hand an den Degen gelegt, ging er zur Tür und fragte mit hohler, fürchterlicher Stimme: »Wer klopft?«

»Ich bin’s,« antwortete eine Stimme von draußen, »sonst niemand. Ich bin Falk, der diesen Morgen die Wache hat und will melden, daß Juliane, die Bauswange, hierher kommt, ganz zerzaust und verweint, und es scheint ihr ein großes Unglück begegnet zu sein.«

Indem kam sie selbst schluchzend an und wie sie Einbein hörte, ließ er sie ein und befahl Falken, wieder auf seinen Posten zu gehen und künftig, was er sehe, mit weniger Lärm und Aufsehen zu hinterbringen, was er versprach. Die Bauswange, eine Dirne von demselben Schlage und Gewerbe wie die beiden anderen, kam herein mit zerzausten Haaren und das Gesicht voller Beulen, und wie sie in die Halle trat, sank sie ohnmächtig zu Boden. Gananciosa und Escalanta eilten ihr zu Hilfe, und wie sie ihre Schnürbrust lösten, fanden sie die ganze Brust schwarz unterlaufen und wie zerwalkt. Man sprengte ihr Wasser ins Gesicht und wie sie wieder zu sich kam, schrie sie: »Gottes und des Königs Strafgericht über diesen spitzbübischen Schinder, diesen feigen Hundsfott, diesen lausigen Schurken, den ich mehrmal vom Galgen befreit habe als er Haare im Barte hat! Ich Unglückliche! Seht, wem ich meine Jugend und die Blüte meiner Jahre aufgeopfert habe: einem grausamen, verruchten und verstockten Taugenichts.«

»Gib dich zufrieden, Bauswange,« sprach Einbein »denn ich bin hier, um dir Recht zu schaffen. Erzähl‘ uns dein Leid, denn du sollst länger zubringen, es zu erzählen, als ich dich zu rächen. Sag‘ mir, hast du etwas mit deinem Ehrenverfechter vorgehabt? Wenn’s das ist und du verlangst Rache, so brauchst du’s nur zu lallen.«

»Was für’n Ehrenverfechter?« versetzte Juliane, »eher soll der Teufel meine Ehre verfechten, als dieser Löwe unter den Schafen und dieses Lamm unter den Männern. Mit dem sollt‘ ich wieder an einem Tische essen, ein Lager teilen? Eher sollen mir Wölfe das Fleisch fressen, das er mir so übel zugerichtet hat, wie ihr jetzt sehen sollt.«

Zugleich hob sie ihre Röcke bis ans Knie und noch etwas weiter auf und zeigte ihnen Beine voller Striemen. »So«, fuhr sie fort, »hat mich der undankbare Repolido zugerichtet, der mir mehr verdankt, als der Mutter, die ihn gebar. Und warum meint Ihr wohl, daß er’s getan hat? Gelt, ich hab‘ ihm dazu Anlaß gegeben? Nein, gewiß nicht. Weiter nichts ist dran schuld, als daß er gespielt und verloren hat und durch seinen Kniff Bockart dreißig Realen mir abfordern läßt; ich schick‘ ihm nicht mehr als vierundzwanzig, meinen sauer und mühselig erworbenen Schweiß, den mir der Himmel bei meiner Sündenschuld zugute rechnen mag. Zum Lohn für meine Güte und Unterstützung nimmt er mich, in der Meinung, ich hätte mir von dem, was ich nach seiner Rechnung haben konnte, einen Schwänzelpfennig gemacht, diesen Morgen mit sich aufs Feld, hinter den Königsgarten, zieht mich nackend aus und gibt mir mit seinem Gürtel, ohne auch nur das Eisenwerk daran loszumachen – wenn ich’s doch einmal als Schellen an seinen Händen und Füßen sehen sollte – solche Prügel, daß er mich für tot liegen läßt; von dieser wahren Geschichte legen diese Striemen hinlänglich Zeugnis ab, die ihr seht.«

Hier schrie sie abermals Zeter und verlangte Genugtuung, die ihr auch von Einbein und allen anwesenden Haudegen zugesagt ward. Gananciosa faßte sie bei der Hand, ihr Trost einzusprechen und sagte, sie gäbe sehr gern eins von ihren liebsten Kleinodien hin, wenn sie mit ihrem Geliebten denselben Auftritt hätte haben sollen. »Denn du mußt wissen, Schwester Bauswange, wenn du’s noch nicht weißt, was sich liebt, das schlägt sich, und wenn uns diese Taugenichtse zerbläuen, zerwalken und Fußtritte geben, so beten sie uns an. Oder sag‘ mir ’nmal aufrichtig, wie dich Repolido geschlagen und abgeprügelt hatte, erwies er dir dann nicht irgendeine Liebkosung?«

»Eine?« versetzte sie schluchzend, »hunderttausend erwies er mir und er hätte ’nen Finger von der Hand hingegeben, wenn ich mit ihm nach seinem Quartiere gegangen wäre; ja, es kam mir vor, als träten ihm die Tränen in die Augen, wie er mich zerwalkt hatte.«

»Daran ist nicht zu zweifeln,« versetzte Gananciosa, »und er würde weinen vor Schmerz, wenn er sehen sollte, wie er dich zugerichtet hat. Denn solche Mannsleute haben in solchen Fällen sich nicht so bald an uns vergangen, als auch die Reue eintritt, und du sollst sehen, Schwester, ob er nicht noch, eh‘ wir weggehen, herkommt, dich aufzusuchen und dir alles Vorgefallene abzubitten und so geschmeidig gegen dich ist, wie ein Lamm.«

»Wahrlich,« versetzte Einbein, »der feige Schurke soll mir nicht hier über die Schwelle kommen, bevor er nicht für das begangene Verbrechen volle Buße tut. Was? Er konnte sich unterstehen, Hand an das Gesicht und den Leib der Bauswange zu legen, die doch ebenso schmuck und betriebsam ist wie Gananciosa selbst hier vor uns, was doch alles sagen will.«

»Ach, Herr Einbein,« sagte Juliane, »sprecht doch nichts Schlechtes auf diesen schlechten Kerl: denn so schlecht er ist, so hab‘ ich ihn doch lieber als mein eigenes Herz, und was meine Freundin Gananciosa zu seiner Entschuldigung vorgebracht hat, das kehrt mir das Herz im Leibe um und ich bin wirklich nahe dran, selbst zu gehen und ihn aufzusuchen.«

»Das tu‘ ja nicht, wenn ich dir raten soll,« versetzte Gananciosa, »denn er wird sich breitmachen und aufblähen und mit dir wie mit einem Kreisel spielen. Sei nur ruhig, Schwester, denn du sollst ihn bald so reuig ankommen sehen, wie ich gesagt habe, und wenn er nicht kommt, so wollen wir ihm einen Zettel in Versen schreiben, der ihm zu Herzen gehen soll.«

»Ja, das wollen wir,« sagte die Bauswange, »denn ich habe ihm tausenderlei Dinge zu schreiben.«

»Ich will der Sekretär sein, wenn’s nottut,« sagte Einbein, »ich bin zwar kein Dichter, doch wenn sich einer nur dran macht, so kann er ein paar tausend Verse machen, ohne sich umzusehen. Und wenn sie nicht ausfallen wie sie sollen, so hab‘ ich einen Barbier zum Freunde, einen tüchtigen Versmacher, der uns zu jeder Stunde damit versorgen kann. Doch für jetzt wollen wir das angefangene Frühstück beseitigen, alles andere wird sich nachher schon finden.«

Juliane fügte sich gern dem Willen ihres Obern, und alle kehrten zu ihrem Gelage zurück, und in kurzer Zeit kam man dem Korbe und dem Schlauche auf den Grund. Die Alten zechten sine fine, die Jungen wacker und die Frauen nicht minder. Die Alten baten um Erlaubnis zu gehen, die ihnen Einbein sogleich erteilte und ihnen einschärfte, genau alles zu hinterbringen, was der Gesellschaft nützlich und dienlich sein könne. Sie versprachen, sich’s wohl angelegen sein zu lassen und gingen weg.

Winkler, der von Natur neugierig war, fragte Einbein, nachdem er ihn zuvor um Entschuldigung und Erlaubnis gebeten hatte, was denn ein paar so bejahrte, ehrwürdige und wohlgekleidete Personen der Brüderschaft für Dienste leisteten.

Einbein gab ihm darauf zur Antwort, sie hießen in ihrer Sprache Weisel und gingen den Tag über in der Stadt umher, um auszuspähen, in welchem Hause man des Nachts einbrechen könne und um denen nachzugehen, die Geld von der Börse oder aus der Münze brächten, damit sie sähen, wo es hingetragen und niedergelegt würde. Seien sie darüber ins Reine, so untersuchten sie die Dicke der Mauern und mitteilen die schicklichste Stelle aus, wo man ein Gugge (so viel als Loch) zum Einbruch machen könne. Kurz, er sagte, es seien die nützlichsten oder doch ebenso nützliche Leute, als irgendwelche in ihrer Brüderschaft, und sie erhielten von jedem Diebstahle, den sie vermittelten, ihren fünften Teil, wie Ihre Majestät von den Schätzen. Dabei seien es grundehrliche und achtbare Männer von unbescholtenem Rufe und Lebenswandel und so gottesfürchtig und gewissenhaft, daß sie jeden Tag mit der größten Andacht eine Messe hörten. »Manche von ihnen«, fuhr er fort, »sind so bescheiden, und namentlich auch diese beiden, die eben weggegangen sind, daß sie mit weit wenigerem vorlieb nehmen, als ihnen nach unserer Taxe zukommt. Wir haben noch zwei andere, die Lastträger sind. Da diese jeden Augenblick von einem Hause ins andere kommen, so kennen sie alle Gänge und Schliche zu jedem Hause in der Stadt und wissen, wo etwas zu holen ist oder nicht.«

»Das alles scheint mir ganz vortrefflich,« sagte Winkler, »und ich wünschte einer so ehrenwerten Brüderschaft von einigem Nutzen sein zu können.«

»Der Himmel begünstigt stets fromme Wünsche«, sagte Einbein.

Indem sie so sprachen, klopfte man an die Tür. Einbein ging hinaus, um zu sehen wer es sei, und erhielt auf seine Frage zur Antwort: »Macht auf, Herr Einbein, ich bin Repolido.«

Wie Juliane diese Stimme hörte, erhob sie die ihrige und schrie: »Macht ihm nicht auf, diesem Matrosen von Tarpija, diesem Tiger von Orkanien.«

Einbein ermangelte darum doch nicht, ihm die Tür zu öffnen. Wie das die Bauswange sah, sprang sie auf, lief in das Zimmer, wo die Tartschen hingen, schloß hinter sich zu und schrie: »Schafft mir’s aus den Augen, das nichtsnutzige Fratzengesicht, den Henker der Unschuld, diesen Schreckvogel der Haustauben.«

Eisenhand und Chiquiznaque hielten Repolido fest, der durchaus zu der Bauswange hinein wollte. Doch da sie ihn nicht hinein ließen, rief er von außen: »Genug nun, meine Erzürnte, um alles in der Welt willen, gib dich zufrieden, so lieb dir’s ist, einen Mann zu kriegen.«

»Ich einen Mann kriegen, Boshafter?« versetzte die Bauswange. »Seht, was er für Saiten aufzieht. Du sähst wohl gern, daß ich dich nähme; aber eher ein Totengerippe als dich.«

»Nu, Närrin,« entgegnete Repolido, »wir wollen Feierabend machen, denn es wird spät, und mach‘ dich nur nicht so patzig, weil du siehst, daß ich so gelind rede und mich so nachgiebig zeige, denn so wahr Gott lebt, wenn mir der Kopf erst heiß wird, so ist der letzte Zorn ärger, als der erste. Gib nach, wir wollen alle nachgeben und dem Teufel keinen Schmaus bereiten.«

»Ich wollt‘ ihm auch noch ein Abendessen dreingeben,« schrie die Dickwange, »wenn er dich hinschleppte, wo dich meine Augen nie wieder sähen.«

»Sag‘ ich’s Euch nicht?« sprach Repolido. »Ich merke wohl, Fräulein Gelbschnabel, ich muß das Oberste zu unterst kehren, mag’s auch ablaufen wie es will.«

»In meiner Gegenwart darf kein Krakeel angefangen werden«, sagte Einbein. »Die Bauswange soll herauskommen, aber nicht durch Drohungen bewogen, sondern mir zuliebe und alles wird gut gehen; denn die Zwiste zwischen denen, die sich gern haben, machen nur umsomehr Vergnügen, wenn sie beigelegt sind. Julchen, liebes Kind, meine Bauswange, komm heraus, mir zuliebe. Ich will’s dahin bringen, daß Repolido dir auf den Knien Abbitte tut.«

»Im Fall er das tut,« sagte Escalanta, »wollen wir uns alle für ihn verwenden und Julen bitten, herauszukommen.«

»Soll ich nachgeben, wo es auf meine Beschimpfung abgesehen ist,« sagte Repolido, »so soll mich kein Schweizerheer in Reih‘ und Glied dazu bewegen; doch kommt’s darauf an, der Bauswange einen Gefallen zu tun, so will ich mich nicht auf die Knie, sondern als ihr Sklave aufs Gesicht werfen.«

Chiquiznaque und Eisenhand lachten darüber, und Repolido, der dachte, sie machten sich über ihn lustig, geriet darüber in solche Wut, daß er mit grimmiger Gebärde ausrief: »Wer lacht oder zu lachen gedenkt über das, was die Bauswange gegen mich oder ich gegen sie gesagt habe oder sagen werde, dem sag‘ ich, daß er lügt und lügen wird, so oft er lacht oder zu lachen gedenkt, wie ich bereits gesagt habe.«

Chiquiznaque und Eisenhand blickten sich mit so böser Miene und Gebärde an, daß Einbein sah, die Sache werde sehr übel ablaufen, wenn er nicht Vorkehrungen treffe. Er trat deshalb unverzüglich zwischen sie und sagte: »Geht nicht weiter, Kavaliere, sagt euch keine beleidigenden Worte, sondern laßt sie zwischen den Zähnen ersterben, und da die, welche bisher vorgebracht sind, keinen besonders angehen, so beziehe sie auch niemand auf sich.«

»Wir verhoffen durchaus nicht,« versetzte Chiquiznaque, »daß jene Redensarten uns gesagt sind oder künftig gesagt werden. Denn müßte man das denken, so sollte man bald hören, wie gut sich unsere Hände aufs Pauken verstehen.«

»Unsere Fäuste können das auch, Musje Chiquiznaque,« erwiderte Repolido, »und das Trommeln dazu, wenn’s nottut. Und ich hab’s bereits gesagt, wer sich lustig macht, der lügt und wer anders gesonnen ist, der komm‘ mit mir; denn ein Mann fragt nicht nach einem Käsemesser, um seine Rede zu beweisen.«

Mit diesen Worten wollte er zur Tür hinaus. Die Bauswange hatte alles mit angehört und wie sie merkte, daß er zornig davon ging, lief sie heraus und sagte: »Haltet ihn zurück; laßt ihn nicht fort, denn er wird sonst einen von seinen Streichen spielen. Seht ihr nicht, daß er im Zorne fortgeht? Und er ist ein Judas Makarelus in dem Punkte der Tollkühnheit. Kehr‘ um, du aller Welt und meiner Augen Eisenfresser.«

Somit packte sie ihn am Mantel und hielt ihn mit Einbeins Hilfe zurück. Chiquiznaque und Eisenhand wußten nicht, ob sie grollen sollten oder nicht und warteten ruhig ab, was Repolido tun werde. Wie dieser sah, daß ihn die Bauswange und Einbein baten, kehrte er um und sagte: »Freunde sollten nie Freunden Anlaß zum Zorne geben, noch sich über Freunde lustig machen, zumal wenn sie sehen, daß sich Freunde ärgern.«

»Hier ist kein Freund,« versetzte Eisenhand, »der den anderen Freund ärgern oder sich über ihn lustig machen will. Und da wir alle Freunde sind, so sollen sich die Freunde die Hand geben.«

»Ihr habt alle als gute Freunde gesprochen, meine Herren,« sagte Einbein, »und als solche Freunde gebt euch einander die Freundeshand.«

Man gab sie sich sogleich und Escalanta zog einen Pantoffel aus und schlug darauf, wie auf ein Tamburin. Gananciosa nahm einen frischen Palmbesen, der gerade dalag und brachte einen Ton damit hervor, der zwar rauh und schnarrend war, aber doch zur Pantoffelmusik stimmte. Einbein zerbrach einen Teller, nahm zwei Stücke davon zwischen die Finger, schlug sie sehr behend aneinander und spielte den Kontrapunkt zum Pantoffel und Besen.

Winkler und Schneidler wunderten sich über die neue Erfindung mit dem Besen, die ihnen bisher noch nicht vorgekommen war, und Eisenhand, der es merkte, sagte zu ihnen: »Ihr wundert euch wohl über die Besenmusik? Und das mit Recht, denn eine leichtere, harmlosere, wohlfeilere Musik ist noch nicht in der Welt erfunden worden. Ja, ich hörte wirklich einmal einen Studenten sagen, weder Negrophus, der die Heuritze aus der Hölle holte, noch Maron, der einen Delphin bestieg und aus dem Meere geritten kam, wie ein Reiter auf seinem Mietesel, noch der andere große Spieler, der eine Stadt mit hundert Toren und ebensoviel Nebentürchen baute, hätten je eine bessere Art von Musik erfunden, die so leicht zu erlernen, so bequem zu spielen sei, so ohne Griff, Wirbel und Saiten und so, ohne daß man zu stimmen brauchte. Sagt man doch auch, daß sie ein junger Herr in dieser Stadt erfunden habe, der sich rühmt, ein Hektor in der Musik zu sein.«

»Das glaub‘ ich recht gern,« versetzte Winkler, »aber wir müssen auch hören, was unsere Musikanten singen wollen, denn Gananciosa hat sich, glaub‘ ich, geräuspert und will singen.«

Das war an dem, denn Einbein hatte sie ersucht, einige von den gewöhnlichen Seguidillen anzustimmen; doch diejenige, welche zuerst anhub, war Escalanta, die mit zarter und biegsamer Stimme sang:

»Es ist ein Sevillaner, rot, in Wallonertracht,
Der mir das Herz im Leibe zu Flammen angefacht.«

Gananeiosa sang weiter:

»Ein munterer brauner Bursche, von frischem Angesicht;
Sagt, welches hitz’ge Mädel ist nicht auf ihn erpicht?«

Unverzüglich fiel Einbein ein, indem er seine Tellerstücken behend zusammenschlug:

»Es zanken zwei Verliebte, worauf es Friede ist;
Die Lust ist desto größer, je heft’ger erst der Zwist.«

Die Bauswange wollte ihre Freude nicht bei sich behalten, sondern sie nahm einen anderen Pantoffel, mischte sich in den Reigen und sang:

»O, steure dem Zorne, hör‘ auf mich zu pochen,
Betracht’s recht, du schlägst deine eigenen Knochen.«

»Man singe ohne Anzüglichkeiten,« sagte Repolido, »und wärme keine alten Historien auf, denn es ist zu nichts. Was vorbei ist, sei vorbei. Man singe etwas anderes und damit punktum.«

Man schien sobald noch nicht dem Gesange ein Ende machen zu wollen, als man wieder stark anklopfen hörte. Einbein eilte hinaus, um zu sehen, wer es sei, und die Wache meldete ihm, am Ende der Straße zeige sich der Gerichtsvogt und vor ihm her gingen zwei neutrale Scharwächter, der Schwarzschimmel und der Geier.

Die drinnen hörten das und alles geriet in solche Bestürzung, daß die Bauswange und Escalanta ihre Pantoffeln verwechselten. Gananciosa warf den Besen weg, Einbein seine Tellerstücken, und die ganze Musik schwieg vor Bestürzung. Chiquiznaque verstummte, Repolido war betreten, Eisenhand erstaunt und alle verschwanden, einer dahin, der andere dorthin und stiegen auf die Mauern und Dächer, um sich in eine andere Straße zu retten. Der Schrecken, den ein plötzlicher Flintenschuß oder ein unvermuteter Donnerschlag in einem Zuge sorgloser Tauben verbreitet, kann nie so groß sein, als der Aufruhr und die Bestürzung, in welche die ganze versammelte Zunft dieser ehrenwerten Leute durch die Nachricht versetzt ward, der Gerichtsvogt sei im Anzuge. Die beiden Neulinge, Winkler und Schneidler, wußten nicht, was sie anfangen sollten und blieben in der Halle, in Erwartung, wie dies plötzliche Ungewitter ablaufen würde, das schließlich keine anderen Folgen hatte, als daß die Wache wiederkam und meldete, der Gerichtsvogt sei ohne Aufenthalt vorübergegangen, ohne Argwohn blicken zu lassen.

Wie die Wache noch mit Einbein sprach, kam ein junger Kavalier in Alltagskleidung an die Tür. Einbein nahm ihn mit hinein und ließ Chiquiznaque, Eisenhand und Repolido rufen, von den anderen aber sollte keiner herunterkommen. Da Winkler und Schneidler in der Halle geblieben waren, so konnten sie das ganze Gespräch mit anhören, das zwischen Einbein und dem eben angekommenen Kavalier stattfand. Dieser fragte Einbein, warum man seinen Auftrag so schlecht ausgerichtet habe.

Einbein versetzte, er wisse nicht einmal, was geschehen sei; doch der Gesell sei zu Hause, dem seine Angelegenheit obliege, und dieser werde befriedigende Rechenschaft von sich geben können.

Indem kam Chiquiznaque herunter und Einbein fragte, ob er den ihm aufgetragenen Messerschnitt von vierzehn Kalibern ausgeführt habe.

»Welchen?« fragte Chiquiznaque. »Etwa den an dem Kaufmann beim Kreuzwege?«

»Eben den«, sagte der Kavalier.

»Was in der Sache geschehen ist«, versetzte Chiquiznaque, »ist, daß ich ihm gestern abend an seiner Haustür auflauerte. Er kam kurz vor der Vesperzeit; ich näherte mich ihm, nahm mir sein Gesicht in Augenschein und fand es so klein, daß es eine reine Unmöglichkeit war, einen Messerschnitt von vierzehn Kalibern darauf zu bringen. Da ich nun die Unmöglichkeit vor mir sah, mein Versprechen zu erfüllen und meiner Destruktion nachzukommen –«

»Instruktion wollt Ihr wohl sagen«, bemerkte der Kavalier.

»Ja, das wollt‘ ich«, erwiderte Chiquiznaque. »Wie ich also sah, daß auf diesem kleinen und beschränkten Gesichte der vorgeschriebene Schnitt nicht ausführbar war, so gab ich denselben, um keinen Fleischergang getan zu haben, einem von seinen Lakaien, der gut und gern noch für ein paar Kaliber Platz hat.«

»Ich wollte lieber,« sagte der Kavalier, »Ihr hättet dem Herrn einen Schnitt von sieben Kalibern gegeben, als dem Diener einen von vierzehn. Kurz, man hat sein Versprechen nicht so gegen mich erfüllt, wie sich’s gehört. Doch es liegt nichts dran; die dreißig Dukaten, die ich darauf gegeben habe, kommen bei mir nicht sehr in Betracht. Gehabt euch wohl, meine Herren.«

Er nahm den Hut ab und wollte gehen, doch Einbein faßte ihn am Mantel und sagte: »Bleibt, mein Herr und erfüllt Euer Wort, da wir das unserige ehrlich und redlich erfüllt haben; es fehlen noch zwanzig Dukaten, und Ihr dürft nicht von dannen ziehen, bevor Ihr sie bezahlt oder ein hinlängliches Pfand gegeben habt.«

»Das nennt ihr sein Versprechen erfüllen,« sprach der Kavalier, »wenn ihr dem Bedienten den Schnitt gebt, den der Herr erhalten sollte?«

»Wie der Herr so trefflich zu rechnen weiß!« versetzte Chiquiznaque. »Ihr scheint das Sprichwort vergessen zu haben: Wer’s mit Hansen gut meint, meint’s auch mit seinem Hunde gut

»Wie kann das hierher passen?« fragte der Kavalier.

»Ist’s nicht dasselbe,« fuhr Chiquiznaque fort, »wenn man sagt: Wer’s mit Hansen bös meint, meint’s auch mit seinem Hunde bös? Hans ist nun der Kaufmann, mit dem Ihr’s bös meint, sein Lakai sein Hund; was der Hund erhält, erhält Hans, folglich ist die Schuld abgetragen und der Auftrag ausgerichtet. Drum habt Ihr weiter nichts zu tun, als ohne weiteres Markten das Geld auf der Stelle zu zahlen.«

»Nun, das schwör‘ ich zu,« sagte Einbein, »du hast mir jedes Wort, was du gesagt hast, Freund Chiquiznaque, aus dem Munde genommen. Knickert drum nur nicht mit Euren Dienern und Freunden, sondern nehmt meinen Rat an und bezahlt gleich die geleistete Arbeit. Ist Euch damit gedient, daß der Herr auch einen Schnitt bekommt, so groß als ihn sein Gesicht faßt, so rechnet darauf, daß er das Gesicht sich schon verbunden hat.«

»Wenn das ist,« versetzte der Kavalier, »so will ich herzlich gern für beide volle Zahlung leisten.«

»Daran hab‘ ich nicht gezweifelt,« sagte Einbein, »doch, so wahr ich Christ bin, Chiquiznaque soll ihm einen so getroffenen Schnitt geben, als hätt‘ er ihn mit auf die Welt gebracht.«

»Auf diese Gewähr und Zusage«, entgegnete der Kavalier, »nehmt diese Kette als Unterpfand für die zwanzig rückständigen Dukaten und für die vierzig, die ich euch für den künftigen Schnitt verspreche. Sie ist tausend Realen wert und vielleicht wird sie ganz von euch abverdient, denn vermutlich brauch‘ ich in der Kürze noch vierzehn andere Kaliber.«

Mit diesen Worten nahm er eine feingearbeitete Kette vom Halse und stellte sie Einbein zu, der an ihrer Schwere und Feinheit wohl abnahm, daß sie nicht von Tombak war. Einbein nahm sie mit großer Freude und Artigkeit, denn er besaß ungemein viel Lebensart; die Vollstreckung blieb dem Chiquiznaque, der denselben Abend dazu anberaumte. Der Kavalier ging sehr zufrieden weg und Einbein rief sogleich alle Abwesenden und Flüchtlinge. Sie kamen alle herunter und Einbein, der sich mitten in den Kreis gestellt hatte, holte aus der Kappe seines Mantels ein Erinnerungsbuch und gab es Winklern zum Vorlesen, weil er selbst nicht lesen konnte. Winkler schlug es auf und las auf der ersten Seite:

Verzeichnis der Messerschnitte, welche in dieser Woche auszuteilen sind. Der erste dem Kaufmann am Kreuzwege. Preis fünfzig Dukaten. Dreißig angezahlt. Vollstrecker Chiquiznaque.

»Ich glaube, es steht nichts mehr hier, mein Sohn«, sagte Einbein. »Blättere weiter und such‘ das Verzeichnis der Stockprügel.«

Winkler wandte das Blatt um und auf einem anderen stand:

Verzeichnis der Stockprügel.

Dem Garkoch zum Kleeblatte zwölf Stockprügel aus dem Pfeffer; jeder für einen Taler. Acht angezahlt. Frist sechs Tage. Vollstrecker Eisenhand.

»Dieser Posten könnte füglich gestrichen werden,« sagte Eisenhand, »denn diesen Abend werd‘ ich die Quittung drüber bringen.«

»Steht sonst noch etwas da, mein Sohn?« fragte Einbein.

»Ja,« versetzte Winkler, »noch ein Posten. Er lautet:

Dem buckligen Schneider, mit dem Spitznamen Gimpel, sechs Prügel aus dem Pfeffer, auf Begehr der Dame, die das Halsgeschmeide dagelassen hat. Vollstrecker Stümmling

»Ich wundere mich,« sprach Einbein, »daß dieser Posten noch nicht erledigt ist. Ohne Zweifel muß Stümmling unwohl sein, da die gegebene Frist zwei Tage vorbei ist und er in der Sache noch nichts getan hat.«

»Ich traf ihn gestern,« sagte Eisenhand, »und er sagte mir, er habe seine Schuldigkeit nicht tun können, weil der Bucklige krankheitshalber nicht ausgegangen sei.«

»Das glaub‘ ich gern,« sagte Einbein, »denn ich halte den Stümmling für einen so guten Gesellen, daß er, ohne ein solches vollgültiges Hindernis, bereits gewiß weit größere Dinge ausgeführt hätte. Steht sonst noch etwas da, mein Bübchen?«

»Nein«, versetzte Winkler.

»Nun, so blättere weiter,« sprach Einbein, »und such‘ das Verzeichnis von Schabernacken insgemein.«

Winkler tat es und fand auf einem anderen Blatte:

Verzeichnis von Schabernacken insgemein, als: Tintengläser ins Gesicht zu werfen, Fenster zu teeren, Sambenitos und Hörner anzunageln, Hohnneckereien, Schrecknisse, Scheinmesserschnitte, Schandzettel usw.

»Was steht drunter?« fragte Einbein. »Fenster zu teeren,« versetzte Winkler, »im Hause des –«

»Lies das Haus nicht, ich weiß schon, wo es ist,« versetzte Einbein, »und ich bin selbst der tu autem und Vollzieher dieser Kinderei. Es sind vier Taler auf Abschlag gezahlt und das Ganze beträgt acht Taler.«

»So ist es,« antwortete Winkler, »denn alles steht hier und weiter unten les‘ ich: Hörner anzunageln –«

»Hier lies ebensowenig Haus und Ort«, sprach Einbein. »Es ist genug, daß der Schabernack geschieht, ohne daß man es unter die Leute zu bringen braucht. Daraus muß man sich ein Gewissen machen. Ich wenigstens wollte lieber hundert Hörner und ebensoviel Sambenitos annageln, wenn mir meine Arbeit bezahlt würde, als es ein einzig Mal verraten, wär’s auch der Mutter, die mich gebar.«

»Der Vollstrecker davon«, sagte Winkler, »ist Stumpfnäsel.«

»Das ist schon vollzogen und bezahlt«, sprach Einbein. »Sieh, ob noch etwas da steht; denn wenn ich mich recht besinne, so muß noch ein Schrecken für zwanzig Taler aufgeführt sein, die halb angezahlt sind. Vollstrecker ist die ganze Verbindung und als Frist der Monat gegeben, in dem wir stehen. Und das soll auch buchstäblich ausgeführt werden und eine der besten Possen sein, die seit langen Zeiten in dieser Stadt gespielt worden sind. Gib das Erinnerungsbuch zurück, Bursche, ich weiß, es steht nichts mehr drinnen, auch weiß ich, daß das Geschäft sehr schlecht geht. Doch nach dieser Zeit wird eine andere kommen, wo wir mehr zu tun haben werden als uns lieb ist, denn kein Blatt bewegt sich ohne Gottes Willen, und wir können’s nicht machen, daß sich niemand tätlich räche, zumal da jeder in seiner eigenen Sache tapfer zu sein pflegt und für Arbeiten kein Geld ausgeben mag, die er eigenhändig verrichten kann.«

»So ist es«, sagte Repolido. »Doch überlegt, Herr Einbein, was Ihr anzuordnen habt, denn es wird spät und die Hitze drückend.«

»Was Ihr zu tun habt,« versetzte Einbein, »ist, daß jedes auf seinen Posten gehe und niemand denselben vor Sonntags verlasse, wo wir uns hier wieder versammeln wollen und alles, was uns zugefallen ist, verteilt werden soll, ohne daß jemand zu kurz komme. Winkler und Schneidler der Gute erhalten bis zum Sonntage den Bezirk vom Goldturme außerhalb der Stadt bis an die Hinterpforte des Schlosses, wo sie mit ihren Briefen sitzend arbeiten können. Ich hab’s erlebt, daß andere, die es ihnen nicht an Geschicklichkeit gleich taten, täglich über zwanzig Realen in kleinem Gelde, außer dem Silber, mit einem einzigen Spiele Karten, in welchem noch dazu vier fehlten, gewonnen haben. Mit diesem Bezirke wird euch Krummling bekannt machen. Doch wenn ihr euch auch bis San Sebastian und San Elmo ausdehnt, so liegt nicht viel daran, obgleich nach strengem Rechte niemand dem anderen ins Gehege kommen darf.«

Beide küßten ihm für die erwiesene Gnade die Hand und versprachen, treu und redlich, mit aller Sorgfalt und Vorsicht ihren Dienst zu versehen. Jetzt holte Einbein ein zusammengefaltetes Papier aus der Kappe seines Mantels, worauf die Namen der Mitbrüder standen, und trug Winklern auf, seinen und Schneidlers Namen einzuschreiben. Doch weil keine Tinte da war, gab er ihm das Papier mit, um in der ersten besten Apotheke einzutragen: Winkler und Schneidler, Mitbrüder ohne Lehrjahr; Winkler als Freischupper, Schneidler als Dorfdrücker, mit Angabe von Tag, Monat und Jahr und Verschweigung der Eltern und Heimat.

Indem trat einer von den alten Weiseln herein und sagte: »Ich komme, um den Herren zu melden, daß ich Wölfeln von Malaga auf den Stufen angetroffen habe und er sagt mir, daß er in seiner Kunst solche Fortschritte gemacht habe, daß er mit einer reinen Karte dem Teufel selbst sein Geld ablocken wolle. Doch weil ihm eben nicht zum besten mitgespielt ist, kann er nicht gleich herkommen, um sich einzuschreiben und die gewöhnliche Aufwartung zu machen; doch Sonntags will er unfehlbar hier sein.«

»Ich habe mir immer vorgestellt,« sagte Einbein, »daß dieser Wölfel einzig in seiner Kunst dastehen würde, weil er die besten und geschicktesten Hände dazu hat, die sich nur wünschen lassen. Denn um sein Handwerk gut zu treiben, braucht man ebensowohl gute Werkzeuge, um es auszuüben als einen guten Kopf, um es zu erlernen.«

»Ich traf auch«, sagte der Alte, »in einer Herberge in der Färberstraße den Juden als Weltpriester gekleidet. Er hat sich dort eingemietet, weil er ausgespürt hat, daß in demselben Hause zwei reiche Käuze leben, und er will sehen, ob sich mit ihnen ein Spielchen anknüpfen läßt; geht’s auch anfangs niedrig, meint er, so kann’s doch mit der Zeit einträglich werden. Er verspricht auch, Sonntags bei der Zusammenkunft nicht zu fehlen und von seiner Person Rechenschaft zu geben.«

»Dieser Jude ist ebenfalls ein Erzfalke und besitzt gute Kenntnisse«, sprach Einbein. »Es ist lange her, daß ich ihn nicht zu Gesicht bekommen habe und er tut nicht wohl daran. Denn, meiner Treu‘, wenn er sich nicht bessert, will ich ihm die Glatze zeichnen: denn der Spitzbube hat ebensowenig die Priesterweihe als der Türke und weiß nicht mehr Latein als meine Mutter. Gibt’s sonst noch was Neues?«

»Nichts, meines Wissens«, versetzte der Alte.

»Nun gut«, entgegnete Einbein. »Nehmt diese Kleinigkeit – er verteilte gegen vierzig Realen unter alle –, und daß keiner Sonntags fehlt, denn von dem Gestohlenen wird nichts fehlen.«

Alle dankten ihm. Repolido und die Bauswange umarmten sich wieder sowie Escalanta und Eisenhand und Gananciosa und Chiquiznaque. Man traf die Abrede, sich diesen Abend, wenn die Geschäfte zu Hause besorgt, in dem Haus der Pipota wieder zu sehen, wohin auch Einbein kommen wollte, um ein Verzeichnis der Wäsche aufzunehmen und dann die Fensterteerung sogleich zu vollziehen und abzutun. Er umarmte Winklern und Schneidlern, gab ihnen noch beim Abschiede seinen Segen und schärfte ihnen ein, nie ein bestimmtes Quartier zu haben, weil dies die Wohlfahrt aller erheische.

Kuppelmann begleitete sie, bis er ihnen ihren Bezirk angewiesen hatte und erinnerte sie nochmals daran, ja den Sonntag nicht auszubleiben, weil er glaube, Einbein werde eine Vorlesung von Opposition über Gegenstände ihrer Kunst halten.

Er ging weg und ließ die beiden Gefährten in Staunen über das, was sie gesehen hatten. Winkler hatte, seiner Jugend ungeachtet, nicht wenig Verstand und gute natürliche Anlagen und da er bei dem Ablaßkrame mit seinem Vater umhergezogen war, so verstand er auch etwas von der richtigen Art, sich auszudrücken. Er lachte darum herzlich, wenn er an die Wörter dachte, die Einbein und die übrigen Mitglieder seiner löblichen Verbindung gebraucht hatten; besonders Rekondemnation statt Rekommendation, Stupendum für Stipendium, oder wenn die Bauswange den Repolido einen Matrosen von Tarpeja und einen Tiger von Orkanien statt von Hyrkanien genannt hatte, so viele andere Ungereimtheiten nicht zu erwähnen. Besonders lächerlich kam’s ihm auch vor, daß sie geäußert hatte, der Himmel möge ihr die Arbeit, die ihr die vierundzwanzig Realen gekostet, bei ihren Sünden zugute rechnen. Am meisten wunderte er sich über die Zuversicht und Überzeugung aller, in den Himmel zu kommen, weil sie ihre Andachtsübungen nicht unterließen, während sie doch aller Räubereien, Mord- und Freveltaten voll waren. Auch lachten sie über die gute, alte Pipota, die zu Hause den gestohlenen Wäschekorb aufhob und zu gleicher Zeit vor den Heiligenbildern Wachskerzchen aufzustecken im Begriffe war, und dadurch unfehlbar beschuht und bekleidet in den Himmel zu reisen hoffte. Nicht minder befremdete sie der Gehorsam und die Achtung, die alle dem Einbein erwiesen, diesem rohen, ungeschlachten, ruchlosen Kerl. Er dachte an das, was er in seinem Erinnerungsbuche gelesen hatte und an die Geschäfte, denen sie alle nachgingen, und er hatte seine Betrachtung, wie sorglos die Polizei in dieser berühmten Stadt Sevilla sein müsse, da eine so verderbliche, unnatürliche Rotte beinah‘ öffentlich hier ihr Unwesen treiben durfte. Er nahm sich darum vor, seinem Gefährten den Rat zu geben, bei einem so liederlichen, ruchlosen, unruhigen, frechen und zügellosen Leben nicht lange zu bleiben; allein Jugend und Unerfahrenheit verleiteten ihn, es noch einige Monate fortzusetzen.

Was ihm in dieser Zeit begegnete, erfordert eine weitläufigere Erzählung, und es bleibe drum für eine andere Gelegenheit aufgespart, sein Leben und seine Wundertaten nebst denen seines Meisters Einbein zu erzählen, sowie andere Begebenheiten von den Mitgliedern dieser ehrlosen Gilde, die insgesamt sehr beachtenswert sind und den Lesern als Beispiel und Warnung dienen können.

  1. Ein Ausdruck der Gaunersprache, soviel als: Stehlt ihr aus der Tasche?
  2. In der Gaunersprache bedeutet Schere zwei zusammengespitzte Finger, um etwas gewandt hinweg zu nehmen

Der eifersüchtige Estremadurer

Vor etlichen Jahren verließ ein junger Edelmann einen Flecken in Estremadura und zog wie ein zweiter verlorener Sohn in verschiedenen Gegenden von Spanien, Italien und Flandern umher, worüber er in die Jahre kam und sein Vermögen zusetzte. Am Ende seiner vielfachen Reisen, als bereits seine Eltern tot waren, und sein Vermögen größtenteils durchgebracht, begab er sich nach der großen Stadt Sevilla, wo er Gelegenheit genug fand, das Wenige, was ihm noch geblieben war, zu vergeuden.

Wie er sich in dieser großen Geldnot sah, und auch nicht viele Freunde hatte, nahm er seine Zuflucht zu einem Mittel, zu dem so manche andere Verschwender in dieser Stadt zuletzt greifen. Er beschloß nämlich, nach Indien zu gehen, diesem Zufluchtsorte der Verzweifelten in Spanien, dieser Freistätte der Bankrottierer, diesem Hafen der Mörder, diesem Schutz und Schirm der Gauner, dieser Lockspeise der Buhlschwestern, wo viele in ihren Hoffnungen sich betrogen finden und nur wenige ihre Lage wirklich verbessern. Wie daher eine Flotte nach Terra Firma abging, ward er mit dem Befehlshaber derselben einig, schnürte sein Bündel, versah sich mit Mundvorrat, schiffte sich in Cadiz ein und sagte Spanien Lebewohl. Die Flotte lichtete die Anker, und zur allgemeinen Freude schwellte ein sanfter und günstiger Wind die Segel, so daß er in wenig Stunden das Land ihren Blicken entrückte und ihnen die weiten Flächen des großen Vaters der Gewässer, des Ozeans, zeigte. Unser Reisender war nachdenklich und erwog die vielen und mannigfaltigen Gefahren, die er in den Jahren seiner Wanderung bestanden, und die schlechte Wirtschaft, die er sein ganzes Leben hindurch geführt hatte, und das Ergebnis seiner Betrachtung war der feste Vorsatz, seine Lebensweise zu ändern, mit dem Vermögen, das ihm Gott bescheren würde, anders hauszuhalten und vorsichtiger als bisher mit den Weibern umzugehen.

Auf der See herrschte fast völlige Windstille, während dieser Sturm bei Philipp von Carrizales vor sich ging (so heißt nämlich derjenige, der den Stoff zu dieser Erzählung hergegeben hat). Auf einmal erhob sich der Wind, und wütete so heftig gegen die Schiffe, daß sich niemand auf seinem Sitze halten konnte, und so war auch Carrizales genötigt, seiner Gedanken sich zu entschlagen und sich bloß mit den Gefahren der Reise zu beschäftigen. Diese lief so glücklich ab, daß sie ohne irgendeinen Unfall in den Hafen von Carthagena einliefen. Und um uns nicht bei dem aufzuhalten, was außer unserem Zwecke liegt, bemerken wir bloß, daß Philipp, wie er nach Indien ging, ungefähr achtundvierzig Jahre alt war, und in den zwanzig Jahren, die er dort zubrachte, sich durch Fleiß und Betriebsamkeit ein Vermögen von mehr als anderthalbhunderttausend Krontalern erwarb.

Wie er sich nun reich und glücklich sah, erwachte in ihm die Sehnsucht, die allen so natürlich ist, nach seinem Vaterlande zurückzukehren und ungeachtet der vorteilhaften Aussichten, die er hatte, sein Geld zu vermehren, verließ er Peru, wo er ein so großes Vermögen erworben hatte, setzte es in Gold- und Silberbarren um, ließ es, um sich keinen Ungelegenheiten auszusetzen, registrieren und kehrte nach Spanien zurück. Er stieg in San Lucar ans Land und langte, ebenso reich an Geld wie an Jahren, in Sevilla an. Er erhielt ohne Schwierigkeit seine Schätze, und wollte jetzt seine Freunde aufsuchen, die aber alle mit Tode abgegangen waren. Er beschloß darauf, nach seiner Heimat zu reisen, ob er gleich bereits Nachricht hatte, daß auch dort ihm der Tod keinen Verwandten übriggelassen habe. Wenn ihn früher, wie er in den dürftigsten Umständen nach Indien ging, mancherlei Gedanken bestürmten und ihn mitten auf den Wogen des Meeres keinen Augenblick Ruhe gelassen hatten, so bestürmten sie ihn jetzt nicht minder auf dem festen Lande, obwohl aus einer verschiedenen Ursache. Denn wenn ihn damals die Armut nicht schlafen ließ, so raubten ihm jetzt seine Schätze die Ruhe; denn Reichtum ist für den, der nicht an seinen Besitz gewöhnt ist, noch ihn zu gebrauchen weiß, eine ebenso drückende Last, als es Armut für den ist, der beständig damit zu kämpfen hat. Sorgen verursacht das Gold und Sorgen der Mangel daran. Doch dem Einen wird durch einen mäßigen Besitz abgeholfen, während die andern mit den Schätzen wachsen.

Carrizales betrachtete seine Barren nicht mit den Augen eines Filzes – denn in den wenigen Jahren, wo er Soldat gewesen war, hatte er gelernt, freigebig zu sein –, sondern er ging mit sich zu Rate, was er eigentlich damit anfangen sollte. Denn ließ er sie ganz, so waren sie ein toter Schatz für ihn, und behielt er sie im Hause, so dienten sie Habgierigen zum Köder und Dieben zur Lockspeise. Die Lust war ihm bereits vergangen, zu dem unruhigen Handelsgeschäfte zurückzukehren, und er glaubte bei seinen Jahren Geld genug zu haben, um für seine Lebenszeit auszureichen. Er wünschte wohl, in seiner Heimat zu leben, und indem er sein Geld auslieh, sein Alter ruhig und ungestört dort zuzubringen, um nun soviel wie möglich Gott zu leben, nachdem er mehr als er sollte der Welt gelebt hatte. Doch auf der andern Seite erwog er die große Armut, die in seinem Geburtsorte herrschte, und daß er sich dort allen den Zudringlichkeiten aussetzen würde, mit denen Arme ihren reichen Nachbar zu bestürmen pflegen, zumal wenn niemand anders im Orte ist, zu dem sie in der Not ihre Zuflucht nehmen können.

Dann wünschte er auch, jemanden zu haben, dem er einmal nach seinem Tode sein Vermögen hinterlassen könnte. Er fühlte darum seiner Kraft an den Puls und glaubte noch das Ehejoch tragen zu können. Aber schon bei dem bloßen Gedanken ans Heiraten befiel ihn eine solche Angst, daß sein Entschluß davon wie der Nebel vom Winde verging. Denn auch in seinem ehelosen Stande war er der eifersüchtigste Mensch von der Welt und bei dem bloßen Gedanken ans Heiraten ward er dergestalt von Eifersucht geplagt, von Argwohn beunruhigt und von Grillen geängstigt, daß er ein für allemal beschloß, das Heiraten aufzugeben.

Wie er hierüber mit sich einig war, und noch über seine künftige Lebensweise schwankte, führte ihn sein Schicksal eines Tages durch eine Straße, wo er an einem Fenster ein Mädchen von dreizehn bis vierzehn Jahren erblickte, die so reizend und einnehmend war, daß der alte Carrizales, unvermögend Widerstand zu tun, seine Altersschwäche der Jugend Leonorens (so hieß das schöne Mädchen) gefangen gab. Er konnte sich nicht enthalten, augenblicklich tausenderlei Betrachtungen anzustellen. Das Mädchen, dachte er, ist schön, und nach dem Äußeren des Hauses zu urteilen, kann sie nicht reich sein. Sie ist noch Kind, und ihre Jugend kann mich vor Argwohn sicherstellen. Ich will sie heiraten, einsperren und nach meinen Grundsätzen erziehen; so wird sie keine andere Denkungsart bekommen als die, welche ich ihr beibringe. Ich bin noch nicht so alt, daß ich die Hoffnung aufgeben müßte Erben zu bekommen. Ob sie etwas mitbringe oder nicht, kann nicht in Anschlag kommen; denn der Himmel hat mir genug beschert, und Reiche müssen nicht nach Geld, sondern nach Neigung wählen. Denn gegenseitige Neigung verlängert bei Eheleuten das Leben, und Abneigung verkürzt es. Wohlan! das Los ist geworfen, und das ist das Mädchen, das mir der Himmel bestimmt hat.«

Nach diesem Selbstgespräch, das er nicht ein-, sondern hundertmal bei sich wiederholte, redete er einige Tage darauf mit Leonorens Eltern und erfuhr, daß sie zwar arm, aber von Adel seien. Er machte sie mit seiner Absicht, seiner Person und seinem Vermögen bekannt, und warb sehr angelegentlich um die Hand ihrer Tochter. Sie baten sich Bedenkzeit aus, damit sie nähere Erkundigungen über ihn einziehen könnten, und auch er von ihrem Adel sich in dieser Zeit überzeugen könne. Man nahm Abschied voneinander, erkundigte sich beiderseits, fand alles bestätigt, und Leonore ward die Braut des Carrizales, nachdem er ihr vorher zwanzigtausend Dukaten als Leibgedinge verschrieben hatte; in solche Liebesflammen war die Brust des eifersüchtigen Alten versetzt.

Doch kaum war er den Heiratsvertrag eingegangen, als er plötzlich tausend wütende Anfälle von Eifersucht bekam und ohne irgendeinen Anlaß mit ängstlicheren Grillen sich plagte als je zuvor. Den ersten Beweis von seiner eifersüchtigen Gemütsart gab er dadurch, daß er von keinem Schneider an Leonoren das Maß zu den vielen Kleidern wollte nehmen lassen, die er ihr zugedacht hatte. Er suchte deshalb eine andere Person auf, die ungefähr Leonorens Wuchs und Größe hätte, und fand ein armes Mädchen, nach deren Maß er ein Kleid machen ließ. Da es Leonoren paßte, so ließ er danach die übrigen Kleider machen, und zwar so viele und kostbare, daß sich Leonorens Eltern überglücklich schätzten, einen Schwiegersohn gefunden zu haben, der ihnen und ihrer Tochter so gut aushelfen könnte. Sie selbst war ganz betroffen beim Anblick so prächtiger Kleider; denn der Putz, den sie in ihrem ganzen Leben an sich gesehen hatte, bestand in einem Raschrock und in einem Fähnchen von Taft.

Der zweite Beweis, den Philipp von seiner Eifersucht gab, war, daß er sich nicht eher vermählen wollte, als bis er ein Haus besonders dazu eingerichtet hätte. Er kaufte eins für zwölftausend Dukaten in einem vorzüglichen Quartiere der Stadt, an dem fließendes Wasser und ein Pomeranzengarten war. Alle Fenster, die auf die Straße gingen, oder sonst im Hause waren, ließ er so weit zumauern, daß das Licht nur von oben hereinfiel. In das Kutschentor (das nach der Straße geht) ließ er einen Stall für eine Mauleselin bauen und darüber einen Strohboden und ein Kämmerchen für den Stallknecht, einen alten, verschnittenen Neger. Die Mauern des Hofs ließ er so hoch aufführen, daß man beim Hereintreten nur die Wände und den Himmel erblickte, und aus dem Kutschentor ging ein Drehfenster in den Hof. Er schaffte reichen Hausrat an, und seine Tapeten, Sofas und Baldachins waren dem vornehmsten Manne angemessen. Ebenso kaufte er vier weiße Sklavinnen, die er im Gesicht brandmarken ließ, und zwei Negerinnen, die das Spanische schlecht sprachen. Er kam mit einem Koch überein, daß er ihm das Essen bringen und einkaufen sollte; doch durfte er nicht im Hause schlafen, und überhaupt nicht weiter, als bis an das Drehfenster kommen, durch welches er die Speisen hereinzureichen hatte.

Nachdem er diese Anstalten getroffen hatte, gab er einen Teil seines Vermögens an verschiedenen und sicheren Orten auf Zinsen; einen anderen legte er in die Bank, und etwas behielt er für vorfallende Ausgaben. Ebenso ließ er sich einen Hauptschlüssel für alle Zimmer im Hause machen und hatte alle Vorräte unter Verschluß, die man für das ganze Jahr zu der schicklichsten Zeit einzukaufen pflegt.

Nachdem er alle diese Einrichtungen getroffen hatte, begab er sich zu seinen Schwiegereltern, um seine Braut heimzuführen. Die Eltern gaben sie ihm unter vielen Tränen; denn es schien ihnen, als solle sie zu Grabe getragen werden.

Die kindische Leonore wußte nicht einmal, wie ihr geschah. Sie weinte mit ihren Eltern, bat sie um ihren Segen, sagte ihnen Lebewohl, und umringt von ihren Sklavinnen und Mägden, ging sie an der Hand ihres Gemahls nach seiner Wohnung. Beim Eintritt in dieselbe hielt Carrizales an alle eine lange Rede, schärfte ihnen die Bewachung Leonorens ein, und verbot ihnen, auf keinerlei Art und Weise irgend jemanden durch die zweite, innere Tür einzulassen, selbst nicht einmal den verschnittenen Neger. Doch ganz besonders trug er Leonorens Bewachung und Pflege einer klugen und gesetzten Dueña auf, die er gewissermaßen als ihre Hofmeisterin annahm. Zugleich bestellte er sie zur Aufseherin über alles, was im Hause vorging, und gab ihr das Regiment über die Sklavinnen und zwei Mädchen von Leonorens Alter, die er ebenfalls angenommen hatte, damit sie Leonoren zur Unterhaltung dienten. Er versprach allen eine so gute Behandlung und ein so gutes Leben, daß sie ihre Einsperrung gar nicht fühlen sollten; auch wollte er sie jeden Feiertag, ohne Ausnahme, zur Messe gehen lassen, doch so früh, daß sie kaum das Tageslicht zu sehen bekämen.

Die Mägde und Sklavinnen versprachen, allen seinen Befehlen gern und willig nachzukommen; die junge Frau zuckte die Achseln, verneigte sich und sagte, sie habe keinen andern Willen, als den ihres Herrn und Gemahls, dem sie stets gehorsam sein werde.

Wie der gute Estremadurer diese Vorkehrungen getroffen und sich in sein Haus zurückgezogen hatte, begann er, soweit es ihm möglich war, die Früchte der Ehe zu genießen, die Leonoren bei ihrer Unerfahrenheit weder einladend noch zuwider waren. Sie vertrieb sich die Zeit mit ihrer Dueña und den Mädchen und Sklavinnen; und diese suchten sich für ihre Einsamkeit durch Näschereien zu entschädigen, und selten verging ein Tag, an dem sie nicht tausenderlei Dinge zugerichtet hätten, denen Honig und Zucker die Würze geben. Alles, was sie dazu brauchten, stand ihnen im Überflusse zu Gebote, und ihr Herr gab es ihnen auch sehr willig und gern, weil er hoffte, daß sie über dieser Unterhaltung und Beschäftigung nicht Zeit haben würden, an ihre Einsperrung zu denken.

Leonore ging mit ihren Mägden auf gleichem Fuße um und nahm auch dieselben Zeitvertreibe vor; ja, in ihrer Unschuld machte sie wohl Puppen und nahm andre Spiele der Kinder vor, die von ihrer Unverdorbenheit und Jugend zeugten. Das alles machte dem eifersüchtigen Eheherrn große Freude, und er glaubte das glücklichste Los gewählt zu haben, das sich nur denken lasse, und daß weder List noch Bosheit der Menschen auf irgendeine Weise imstande sei, seine Ruhe zu stören. Er dachte darum auf weiter nichts, als wie er seiner Gemahlin eine Freude machen könne, und erinnerte sie beständig, jeden Wunsch, den sie haben möchte, ihm nur zu sagen, denn sie könne auf seine Erfüllung rechnen.

Wenn sie in die Messe ging, was, wie gesagt, in der Morgendämmerung geschah, stellten sich ihre Eltern auch ein und sprachen in der Kirche mit ihrer Tochter im Beisein ihres Gemahls, der seine Schwiegereltern so reich beschenkte, daß sie darüber den Kummer einigermaßen vergaßen, den ihnen die Einsperrung ihrer Tochter verursachte.

Wenn Carrizales des Morgens aufgestanden war, so erwartete er den Koch, der abends zuvor durch das Drehfenster den Küchenzettel für den nächsten Tag erhalten hatte. War dieser dagewesen, so ging er gewöhnlich zu Fuße aus, nachdem er die innere und äußere Tür verschlossen hatte, zwischen welchen sich der Neger befand. Er ging seinen wenigen Geschäften nach, kam bald wieder, schloß sich ein und vertrieb sich die Zeit damit, daß er seine Gemahlin liebkoste und seinen Mägden schmeichelte, die ihn auch alle wegen seines leutseligen und gefälligen Betragens, besonders aber wegen der Freigebigkeit, die er gegen sie bewies, recht lieb hatten. So verging das Jahr ihres Noviziats, und sie taten Profeß in dieser Lebensart, und beschlossen, es zeitlebens fortzusetzen. Das wäre auch geschehen, wenn nicht der schlaue Feind des menschlichen Geschlechts es gehindert hätte, wie nun erzählt werden soll.

Jetzt sage mir einmal einer, der vor andern klug und vorsichtig zu sein glaubt, was für bessere Maßregeln der alte Philipp zu seiner Sicherheit hätte treffen können, da er nicht einmal ein männliches Tier in seinem Hause duldete? Kein Kater verfolgte hier die Mäuse, keine Rette hörte man bellen; alle seine Haustiere waren weiblichen Geschlechts. Carrizales machte sich am Tage Gedanken, und des Nachts floh ihn der Schlaf; er war die Wache, die um sein Haus die Runde hielt, und der Argus der Geliebten. Nie kam eine Mannsperson über die Schwelle der Haustür. Mit seinen Freunden sprach er auf der Straße. Die Bilder auf den Tapeten, die seine Zimmer und Säle schmückten, stellten bloß weibliche Wesen, Blumen und Landschaften dar. Sein ganzes Haus hatte den Geruch der Ehrbarkeit, Zucht und Eingezogenheit; und selbst in den Märchen, welche seine Mägde in den langen Winterabenden am Kamine erzählten, kam keins vor, das irgend etwas Anstößiges enthalten hätte, weil er selbst unter den Zuhörern war. Das Silberhaar des Greises war in Leonorens Augen gediegenes Gold; denn die erste Liebe prägt sich dem Herzen des Mädchens, wie das Siegel dem Wachs ein. Ihre ängstliche Bewachung schien ihr eine kluge Vorsicht, und sie dachte und glaubte, allen Neuvermählten gehe es wie ihr. Ihre Gedanken schweiften nie außer den vier Pfählen ihres Hauses, und ihr Herz wünschte nichts anderes, als was ihr Gatte wollte. Bloß an den Tagen, wo sie zur Messe ging, bekam sie die Straßen zu seh’n, und das geschah so früh, daß es erst auf dem Heimwege hell genug war, sie in Augenschein zu nehmen. Nie sah man ein Kloster so gut verwahrt; nie Nonnen in strengerer Eingezogenheit, noch goldne Äpfel so wohl gehütet. Und doch konnte er es auf keine Weise verhüten, daß ihn das gefürchtete Unglück traf, oder daß er wenigstens glaubte, davon betroffen zu sein.

Es findet sich in Sevilla ein Schlag von Müßiggängern und Taugenichtsen, die man gewöhnlich lustige Brüder nennt. Es sind junge Leute aus allen Ständen und selbst aus den reichsten Familien – leere, geschniegelte und honigsüße Herrchen, von deren Kleidung, Lebensweise, Denkungsart sowie von den Gesetzen, die sie untereinander befolgen, viel zu sagen wäre, was wir aber aus guten Gründen unterlassen. Einer von diesen Stutzern (die sich selbst untereinander Freimänner und die neuvermählten Ehemänner Kreuzträger nennen) richtete zufällig sein Augenmerk auf das Haus des vorsichtigen Carrizales, und weil er es immer verschlossen fand, ward er neugierig, zu wissen, wer es bewohne. Er spürte so eifrig und sorgfältig nach, daß er alles erfuhr, was er wissen wollte: die Denkungsart des Alten, die Schönheit seiner Gattin und die Art und Weise, wie sie bewacht ward. Das alles machte ihn begierig, zu sehen, ob nicht eine so wohl bewachte Festung durch List oder Gewalt zu erobern sei. Er besprach sich mit zwei Freimännern und einem Kreuzträger darüber, und seine Freunde beschlossen, die Sache ins Werk zu richten; denn nie fehlt es zu solchen Streichen an Ratgebern und Helfershelfern.

Sie waren verlegen, wie ein so schwieriges Unternehmen auszuführen sei; doch nachdem man die Sache vielfach überlegt und besprochen hatte, kamen sie dahin überein, daß Loaysa (so hieß der Freimann) unter dem Vorwande, auf einige Tage verreisen zu wollen, sich den Augen seiner Freunde entziehen sollte. Das geschah, und Loaysa zog reine, leinene Hosen und ein saubres Hemd an, aber darüber einen so zerlumpten und zusammengeflickten Kittel, daß kein Bettler in der ganzen Stadt ihn schlechter trug. Er schor seinen schwachen Bart ab, legte auf das eine Auge ein Pflaster, schnallte den einen Fuß in die Höhe, und hinkte auf Krücken so natürlich, daß es ihm der elendste Krüppel nicht gleichtat.

In diesem Aufzuge setzte er sich jeden Abend um die Vesperzeit vor die Haustür des Carrizales, wenn bereits das ganze Haus verschlossen, und der Neger, Namens Luis, zwischen beiden Türen eingesperrt war. Hier holte Loaysa eine kleine Zither hervor, die ziemlich schmutzig war und an der einige Saiten fehlten, und spielte, weil er etwas musikalisch war, einige lustige Liederchen, die er mit verstellter Stimme sang, um sich nicht zu verraten. Er sang auch einige närrische Romanzen von Mohren und Mohrinnen mit soviel Anmut, daß alle Vorübergehenden ihm zuhörten, und er beständig bei seinem Gesange von Knaben umringt war. Der Neger Luis hielt inzwischen das Ohr an die Tür und hörte mit unverwandter Aufmerksamkeit seiner Musik zu: er hätte einen Arm darum gegeben, wenn er hätte die Tür öffnen und mit mehr Gemächlichkeit zuhören können; denn die Neger sind sehr musikalisch. Wollte Loaysa seine Zuhörer los sein, so hörte er auf zu singen, steckte seine Zither ein und hinkte auf seinen Krücken fort.

Vier- oder fünfmal hatte er dem Neger eine Musik gebracht (denn diesem galt es eigentlich, weil Loaysa glaubte, daß der Neger derjenige sei, bei dem man anfangen müsse, das Gebäude zu untergraben), so glückte ihm auch schon sein Anschlag. Denn als er eines Abends, wie gewöhnlich, an die Tür kam und seine Zither stimmte, merkte er, daß der Neger bereits die Ohren spitze. Er legte daher seinen Mund an die Türschwelle und sagte leise: »Kannst du mir wohl ein wenig Wasser geben, Luis, denn ich verschmachte vor Durst und kann nicht singen.«

»Nein,« versetzte der Neger, »denn ich habe keinen Schlüssel zu dieser Tür, und es ist auch kein Loch da, wodurch ich es Euch reichen könnte.«

»Wer hat denn den Schlüssel?« fragte Loaysa.

»Mein Herr,« erwiderte der Neger, »der eifersüchtigste Mensch von der Welt. Wenn er wissen sollte, daß ich hier mit jemandem spräche, so wär’s um mein Leben geschehen. Doch wer seid Ihr denn, daß Ihr mich um Wasser bittet?«

»Ich bin ein armer Krüppel, der mit einem Fuße lahmt«, versetzte Loaysa, »und der sein Brot von guten Leuten um Gotteswillen erbettelt. Daneben unterweise ich einige Mohren und andre arme Leute im Zitherspiel, und habe bereits drei Negersklaven dreier Ratsherren soweit gebracht, daß sie zu jedem Tanze, in jeder Schenke aufspielen können, und sie haben mich gut gelohnt.«

»Ich wollt‘ Euch noch weit besser lohnen,« sagte Luis, »wenn ich nur bei Euch Unterricht nehmen könnte. Doch das ist nicht möglich; denn wenn mein Herr am Morgen ausgeht, schließt er die vordere Tür, und wenn er nach Hause kommt, tut er’s ebenfalls und läßt mich zwischen beiden Türen eingekerkert.«

»Bei Gott! Luis,« versetzte Loaysa, der den Namen des Negers bereits wußte, »wenn du es möglich machen könntest, daß ich dir einige Abende Unterricht erteilte, so wollt‘ ich keine vierzehn Tage brauchen, um dich soweit zu bringen, daß du an jeder Ecke ohne Scheu aufspielen könntest. Denn du mußt wissen, daß ich eine ganz besondere Gabe im Unterrichten besitze; und überdies hab‘ ich mir sagen lassen, daß du viel Talent zur Musik besitzest, und soviel ich merke und aus deiner Diskantstimme abnehmen kann, mußt du sehr gut singen.«

»Ich singe nicht schlecht,« erwiderte der Neger; »doch was hilft’s? Ich kenne kein anderes Lied, als das vom »Stern der Venus« und »Auf der grünen Wiese« und »An den Stäben eines Gitters fest sich haltend, voll Verwirrung«, was jetzt sehr gemein ist.«

»Alle diese Lieder sind nichts,« sagte Loaysa, »gegen die, welche ich dir lehren kann; denn ich weiß alle Romanzen von dem Mohr Abindarraez und seiner Dame Jarifa, und alle, die von der Geschichte des großen Sofi Tomuni-Bey handeln, nebst denen der göttlichen Sarabande, die selbst die Portugiesen in Staunen setzen. Ich teile das alles auf eine so leichte Art mit und habe eine so gute Methode, daß du dich gar nicht anzustrengen brauchst, und eh‘ du drei bis vier Maß Salz verzehrt hast, ein ganzer Spieler auf jeder Art von Zither sein sollst.«

»Was hilft das alles,« seufzte der Neger, »wenn ich nicht weiß, wie ich Euch ins Haus bringen soll.«

»Dafür weiß ich ein Mittel,« sagte Loaysa; »sieh nur, daß du den Schlüssel deines Herrn bekommst, und ich will dir Wachs geben, worin du den Bart abdrückst. Denn weil ich dich einmal lieb gewonnen habe, so soll mir ein Schlosser, der mein Freund ist, einen Nachschlüssel machen, und ich kann dann abends zu dir kommen und dich besser unterrichten als den Priester Johann von Indien. Denn es wäre doch schade, wenn eine Stimme wie die deinige zugrunde gehen sollte, weil ihr die Begleitung der Zither fehlt; denn du mußt wissen, Bruder Luis, die beste Stimme von der Welt verliert, wenn sie nicht von irgendeinem Instrument, sei’s nun Zither, Klavier, Orgel oder Harfe begleitet wird. Doch für deine Stimme schickt sich die Zither am besten, und sie ist auch das leichteste und wohlfeilste Instrument.«

»Das hätte wohl meinen Beifall,« versetzte der Neger, »aber es ist nicht ausführbar, weil die Schlüssel nie in meine Hände kommen können; denn am Tage legt sie mein Herr nicht aus der Hand, und des Nachts liegen sie unter seinem Kopfkissen.«

»Nun, so befolge einen andern Vorschlag, Luis,« sagte Loaysa, »wofern du anders Lust hast, ein tüchtiger Spieler zu werden; denn wenn dir’s daran fehlt, so kann ich mir die Müh‘ ersparen, dir einen Rat zu geben.«

»Ob ich Lust habe?« versetzte Luis; »ich will alles tun, was irgend menschenmöglich ist, wenn ich’s nur dahin bringe, ein Zitherspieler zu werden.«

»Wenn das ist,« sagte Loaysa, »so schaffe nur etwas Erde unter der Tür weg, und ich will dir Hammer und Zange geben, womit du des Nachts die Nägel sehr leicht aus dem Schlosse ziehen kannst. Ebensoleicht können wir die Platte wieder annageln, daß niemand es gewahr werden soll, daß sie abgerissen gewesen ist; und wenn ich erst mit dir auf deinem Heuboden eingeschlossen bin, oder wo du sonst dein Nachtlager hast, dann will ich mir deinen Unterricht so angelegen sein lassen, daß du mir zu Ehren und dir zu Frommen es noch weiter bringen sollst, als ich dir gesagt habe. Wegen unsres Unterhalts mach dir keine Sorge. Ich will für uns beide Mundvorrat mitbringen, der über eine Woche ausreicht; denn ich habe Schüler und Freunde, die mich nicht Not leiden lassen.«

»Das Essen«, versetzte der Neger, »darf uns keinen Kummer machen; denn an der Portion, die mir mein Herr gibt und an den Überbleibseln, die mir die Sklavinnen geben, hätten noch zwei andre genug. Bringt nur besagten Hammer und Zange; ich will schon unter der Tür einen Zugang machen, durch den sie hereingehen, und ihn dann wieder mit Ton verschmieren. Denn wenn ich auch ein paar Schläge tun muß, um die Platte loszubringen, so schläft doch mein Herr so weit von dieser Tür, daß es sonderbar oder sehr unglücklich für uns gehen müßte, wenn er’s hören sollte.«

»Drum nur Hand angelegt,« sagte Loaysa, »in zwei Tagen sollst du alles haben, was zur Ausführung unsres löblichen Vorhabens nötig ist. Und nimm dich in acht vor unverdaulichen Speisen, denn sie sind der Stimme nicht zuträglich, sondern sehr nachteilig.«

»Nichts macht mich so heiser als Wein,« antwortete der Neger; »aber den werd‘ ich mir nicht abbrechen für alle Stimmen, die es auf Erden gibt.«

»Das mein‘ ich auch nicht, und das verhüte Gott,« sagte Loaysa; »trink, mein Sohn Luis, und wohl bekomm dir’s; ›denn Wein mit Maßen getrunken hat noch nie geschadet.‹«

»Mit Maßen trink ich ihn«, versetzte der Neger. »Hier hab ich einen Krug, der seine richtige, volle Kanne hält, den füllen mir die Sklavinnen, ohne daß es mein Herr weiß; und der Koch bringt mir heimlich ein Fläschchen, das ebenfalls zwei Kannen faßt, und damit ersetze ich, was dem Kruge fehlt.«

»Das muß ich sagen,« sprach Loaysa, »das gefällt mir; denn bei trockener Kehle will weder das Singen noch Brummen gelingen.«

»Gehabt Euch wohl,« sagte der Neger, »aber vergeßt mir ja nicht, jeden Abend hierher zu kommen und zu singen, bis Ihr mir das Nötige bringt, um Euch einzulassen. Die Finger jucken mir schon nach der Zither.«

»Ich werde allerdings kommen«, versetzte Loaysa, »und noch dazu mit neuen Liederchen.«

»Da tut Ihr mir einen Gefallen«, sagte Luis, »und auch jetzt laßt mich etwas hören, damit ich mich vergnügt zu Bette lege. Und was die Zahlung betrifft, Herr Bettler, so wißt, daß ich besser als ein Reicher sie leiste.«

»Darauf kommt mir’s nicht an,« sagte Loaysa, »wie ich dich unterrichte, sollst du mich auch bezahlen. Jetzt hör‘ das Liedchen; denn wenn ich drinnen bei dir bin, sollst du Wunder sehen.«

»In Gottes Namen«, erwiderte der Neger.

Nach diesem langen Gespräche sang Loaysa ein artiges Liedchen, was den Neger so entzückte, daß er den Augenblick nicht erwarten konnte, die Tür zu öffnen. Kaum war Loaysa vom Tore weg, so eilte er schneller, als es seine Krücken erwarten ließen, zu seinen Ratgebern, um ihnen Nachricht von dem guten Anfange zu geben, der einen erwünschten Ausgang zu verheißen schien. Er fand sie und erzählte ihnen, was er mit dem Neger verabredet hatte; und den folgenden Tag schafften sie Werkzeuge herbei, mit denen man jeden Nagel abzwicken konnte, als wär‘ er von Holz. Loaysa ermangelte nicht, dem Neger wieder aufzuspielen, so wenig dieser verfehlte, ein Loch zu machen, wodurch sein Lehrmeister ihm die Werkzeuge hereingeben konnte, und er bedeckte dasselbe so geschickt, daß man es ohne vorherigen Verdacht und ohne geflissentliche Nachsuchung nicht gewahr werden konnte.

Am zweiten Abend gab ihm Loaysa die Werkzeuge. Luis versuchte seine Kräfte, und ohne Anstrengung zwickte er die Nägel ab, öffnete die Türe und empfing, mit der Schloßplatte in der Hand, seinen Orpheus und Meister, nicht wenig verwundert, ihn mit seinen beiden Krücken und so lumpig und verkrüppelt zu sehen. Loaysa hatte das Pflaster nicht mehr auf dem Auge, weil er’s nicht mehr nötig hatte. Wie er hineinkam, umarmte und küßte er seinen wackeren Schüler und stellte ihm einen großen Schlauch mit Wein zu nebst einer Schachtel getrockneter Früchte und andere Leckereien, mit denen sein Schnappsack wohl versehen war. Dann warf er seine Krücken weg und machte Luftsprünge, wie einer, dem kein Glied weh tut. Hierüber geriet der Neger noch mehr in Verwunderung; doch Loaysa sagte: »Du mußt wissen, Bruder Luis, daß meine Lähmung nicht natürlich, sondern nur verstellt ist, und daß ich mit Hilfe dieses Kunstgriffs mir mein Brot mit Betteln verdiene. Mit meinem lahmen Beine und meinem Zitherspiele führ‘ ich das beste Leben von der Welt, in der ein jeder, der’s nicht klug und schlau anzufangen weiß, Hungers sterben muß. Das sollst du selbst sehen, wenn wir länger Freunde sind.«

»Das wird sich zeigen,« versetzte der Neger; »doch jetzt wollen wir nur die Schloßplatte wieder anmachen, so, daß man nicht sieht, daß etwas damit vorgegangen ist.«

»In Gottes Namen«, sagte Loaysa, und holte Nägel aus seinem Quersack, womit sie das Schloß zur großen Freude des Negers wieder in seinen vorigen Stand setzten. Loaysa ging in das Kämmerchen, das der Neger neben dem Strohboden hatte, und richtete sich hier ein, so gut es gehen wollte. Luis zündete darauf einen Wachsstock an, Loaysa langte aber ohne Verzug seine Zither hervor und entzückte durch sein sanftes und liebliches Spiel den armen Neger dergestalt, daß dieser vor Behagen außer sich geriet. Nachdem er ein wenig gespielt hatte, langte er wieder Naschwerk hervor und reichte es seinem Schüler, der (ob es gleich in Süßigkeiten bestand) dem Schlauche so wacker zusprach, daß er dadurch noch mehr als durch die Musik außer sich geriet. Hierauf ward Luis sogleich in Unterricht genommen, und weil der arme Neger den Wein schon im Oberstübchen hatte, so griff er keine Saite richtig. Dennoch setzte ihm Loaysa in den Kopf, daß er wenigstens schon zwei Stücke spielen könne. Der Neger glaubte es auch und nahm den ganzen Abend weiter nichts vor, als daß er auf der verstimmten und schlecht besaiteten Zither klimperte.

Sie schliefen den geringen Rest der Nacht, und früh gegen sechs Uhr kam Carrizales herunter, öffnete die innere Tür und das Kutschtor und erwartete den Koch, der auch bald nachher eintraf, ihm das Essen durch das Drehfenster reichte und sich wieder entfernte. Dann rief er den Neger, damit er die Gerste für die Mauleselin und den Mundvorrat für sich in Empfang nähme. Hierauf ging der alte Herr aus, verschloß beide Türen und bemerkte nicht, was an der Vordertür vorgegangen war, worüber sich Lehrer und Schüler nicht wenig freuten.

Kaum war der Herr fort, als der Neger die Zither wieder nahm und sie dergestalt erklingen ließ, daß alle Mägde es hörten und ihn durch das Drehfenster fragten: »Was ist das, Luis? Seit wann hast du eine Zither oder wer hat sie dir gegeben?«

»Wer sie mir gegeben hat?« antwortete Luis; »der beste Musikus von der Welt, der mir in weniger als sechs Tagen mehr als sechstausend Lieder beibringen wird.«

»Und wo ist denn dieser Musikus?« fragte die Dueña.

»Nicht weit von hier,« versetzte der Neger; »und hätte ich nicht vor meinem Herrn Furcht und Respekt, so macht‘ ich euch vielleicht auf der Stelle mit ihm bekannt, und er würde Euch gewiß gefallen.«

»Wo kann er denn sein,« sagte die Dueña, »daß wir anderen ihn nicht sehen können, da in dieses Haus noch nie eine Mannesperson gekommen ist außer unserem Herrn?«

»Vor der Hand will ich euch nichts sagen,« sprach der Neger, »bis ihr den selbst seht (ich weiß wohl wen), der mir in der kurzen Zeit, die ich angegeben habe, Unterricht erteilt hat.«

»Wahrlich,« erwiderte die Dueña, »wenn dich nicht der Teufel selbst unterweist, so weiß ich nicht, wer in so kurzer Zeit dich zum Musikanten machen soll.«

»Wartet nur,« sagte der Neger, »ihr sollt es schon einmal sehen und hören.«

»Das ist nicht möglich,« sagte eins von den Mädchen, »da wir keine Fenster nach der Straße zu haben, um jemanden hören oder sehen zu können.«

»Für alles gibt es ja ein Mittel,« sagte der Neger, »den Tod ausgenommen, zumal, wenn ihr schweigen könnt oder wollt.«

»Wie sollten wir das nicht können, Bruder Luis?« sprach eine von den Sklavinnen. »Wir wollen stummer sein als Fische. Denn ich muß dir sagen, Freund Luis, daß ich schier vor Sehnsucht nach einer guten Stimme vergehe; denn seitdem wir hier eingekerkert sind, haben wir nicht einmal die Sperlinge zwitschern gehört.«

Dies ganze Gespräch hörte Loaysa mit großem Vergnügen an; denn alle schienen zur Erreichung seiner Absicht mitzuwirken, und von einem günstigen Geschicke nach seinem Willen gestimmt zu sein. Die Mägde gingen fort, nachdem ihnen der Neger versprochen hatte, sie einmal unverhofft zu rufen, um eine recht schöne Stimme zu hören. Er selbst verließ sie und zog sich in seine Kammer und Klausur zurück, weil er besorgte, sein Herr möge zurückkommen und ihn über dem Gespräche ertappen. Er hätte gern Unterricht genommen, allein er wagte nicht, am Tage zu spielen, aus Furcht, sein Herr möge es hören. Dieser kam bald darauf zurück, verschloß nach seiner Gewohnheit die Türen und sperrte sich in sein Haus ein.

Als der Neger denselben Tag durch das Drehfenster sein Essen bekam, sagte er der Negerin, die es brachte, sie sollten diesen Abend, sobald ihr Herr schlafe, alle herunter an das Drehfenster kommen, wo sie unfehlbar den Sänger hören würden, den er ihnen versprochen habe. Vorher hatte er jedoch seinen Meister inständig gebeten, diesen Abend beim Drehfenster zu singen und zu spielen, damit er den Mägden Wort halten könne, denen er versprochen habe, sie eine wundervolle Stimme hören zu lassen. Er versicherte ihm dagegen, sie würden ihn dafür alle aufs beste bewirten. Der Meister ließ sich erst eine Zeitlang bitten, das zu tun, was er selbst so sehr wünschte; doch zuletzt erklärte er sich bereit, die Bitte seines guten Schülers zu gewähren, bloß um ihm gefällig zu sein und ohne irgendeine eigennützige Nebenabsicht. Der Neger umarmte ihn und gab ihm vor Freude über die Erfüllung seiner Bitte einen Kuß auf die Wange, und Loaysa ward denselben Tag so gut von ihm bewirtet, als er zu Hause gegessen haben würde; ja, am Ende noch besser, da er vielleicht daheim darbte.

Der Abend kam, und gegen Mitternacht hörte man beim Drehfenster ein Geflüster, woraus Luis annahm, daß die Gesellschaft angelangt sei. Er rief darum seinen Meister, der mit wohlbezogener und gestimmter Zither ihn zum Drehfenster begleitete. Luis fragte, wer und wieviel ihrer da seien, und erhielt zur Antwort: Alle, bis auf ihre Frau, die mit ihrem Gemahl zu Bette gegangen sei. Das war zwar dem Loaysa nicht recht, aber dennoch beschloß er, sein Vorhaben einzuleiten und dem Neger gefällig zu sein, und lockte so sanfte Töne aus seiner Zither, daß dieser verwundert war, und die Schar der Frauen in Staunen geriet. Was empfanden sie vollends, wie er das Lied: Ich bedaur‘ es anstimmte und mit der wilden Sarabande schloß, die damals in Spanien noch etwas Neues war. Da war kein altes Mütterchen, das sich nicht geschwenkt, kein Mädchen, das zu Atem gekommen wäre – doch alles mit größter Stille, und nachdem man zuvor Wachen und Spione ausgestellt hatte, auf den Fall, daß der Alte erwachen möchte. Ebenso sang auch Loaysa Seguidillen, wodurch seine Zuhörerinnen vollends ganz bezaubert wurden, so daß sie den Neger inständig baten, ihnen zu sagen, wer dieser wundervolle Sänger sei. Der Neger gab ihnen zur Antwort, es sei ein armer Bettler, aber der feinste und, artigste Mann von der ganzen Bettlerzunft in Sevilla. Sie baten ihn, er möge es bewerkstelligen, daß sie ihn zu sehen bekämen, und ihn unter vierzehn Tagen nicht fortzulassen; denn sie wollten ihn recht gut bewirten, und es ihm an nichts fehlen lassen. Sie fragten ihn auch, wie er ihn ins Haus gebracht habe; aber darauf gab er ihnen keine Antwort. Übrigens riet er ihnen, wenn sie den Sänger sehen wollten, ein kleines Loch ins Drehfenster zu bohren, das sich nachher mit Wachs verschmieren lasse, und versprach ihnen, dafür zu sorgen, daß er im Hause bliebe.

Loaysa sprach ebenfalls mit den Frauenzimmern, und bot ihnen seine Dienste in so artigen Ausdrücken an, daß sie wohl sahen, er könne kein armer Bettler sein. Sie baten ihn, sich den nächsten Abend wieder an derselben Stelle einzufinden, und versprachen, ihre Frau zu bereden, daß sie mit herunterkäme, um ihn zu hören, trotz des leisen Schlafes ihres Gemahls, der nicht von seinen Jahren, sondern von seiner heftigen Eifersucht herrühre.

Loaysa versetzte, wenn sie ihn, ohne Furcht vor dem Alten, zu hören wünschten, so wolle er ihnen ein Schlafpulver geben, das sie ihm in den Wein zu mischen hätten, um einen anhaltenderen und festeren Schlaf bei ihm zu bewirken.

»Herr Jesus!« rief eins von den Mädchen, »wenn das wahr wäre, welch ein Glück wäre dann unbemerkt und unverdient in unser Haus gekommen! Das wäre kein Schlafpulver für ihn, sondern ein Lebenspulver für uns alle, besonders aber für seine arme Frau, die er nicht von der Seite läßt, noch eine Minute aus den Augen verliert. Ach, mein Herzensherr! bringt ja das Pulver, und Gott vergelt‘ es Euch tausendmal. Geht geschwind, und holt es; ich erbiete mich, es selbst in den Wein zu mischen, und die Mundschenkin zu sein. Und wollte Gott, der Alte schliefe drei volle Tage mit ihren Nächten, so hätten wir ebenso viele Wonnetage.«

»Nun, ich will’s Euch beischaffen,« sagte Loaysa; »es ist ganz unschädlich und verursacht bloß einen sehr festen Schlaf.«

Alle baten ihn, es ja in der Kürze zu bringen, und nach genommener Abrede, den nächsten Abend ein Loch in das Drehfenster zu bohren und ihre Gebieterin mitzubringen, damit sie ihn sehe und höre, nahmen sie Abschied. Obgleich der Tag schon graute, so wünschte der Neger doch noch Unterricht zu haben, den ihm Loaysa auch erteilte, und ihm zu verstehen gab, unter allen seinen Schülern habe sich noch keiner besser angelassen, als er. Der arme Neger aber konnte keine Note spielen, und lernte es auch nie.

Loaysas Freunde ermangelten nicht, sich jeden Abend an der Tür einzustellen, um zu sehen, ob er ihnen etwas zu sagen habe oder etwas brauche, und an dem verabredeten Zeichen, das sie ihm gaben, nahm er an, daß sie da waren. Er gab ihnen durch das Loch unter dem Tor Nachricht von dem guten Fortgange seiner Angelegenheit und bat sie dringend, ihm irgendein Schlafmittel für Carrizales zu verschaffen; denn soviel er wisse, gäb‘ es ein Pulver der Art.

Sie sagten ihm, sie hätten einen guten Freund, der Arzt sei, und ihnen das beste Mittel geben würde, das ihm bekannt sei, wofern er es anders hätte, feuerten ihn zur Fortsetzung seines Unternehmens an, versprachen, den nächsten Abend ihm alles Nötige zu bringen und entfernten sich eilig.

Der Abend kam, und die Taubenschar flog der Lockpfeife der Zither zu. Mit ihnen kam auch die einfältige Leonore, voller Furcht und Zittern, ihr Eheherr möge erwachen. Ob sie gleich anfangs wegen dieser Besorgnis nicht hatte mitgehen wollen, so wußten doch ihre Dienerinnen, und besonders die Dueña, ihr so viel schöne Dinge von der lieblichen Musik und Schönheit des armen Spielmanns (den die Dueña, ohne ihn gesehen zu haben, über Absalom und Orpheus erhob) vorzuschwatzen, daß sich die arme Frau bereden ließ, zu tun, was ihr sonst wohl nie in den Sinn gekommen wäre. Vor allen Dingen bohrten sie ein Loch in das Drehfenster, um den Spieler zu sehen, der bereits seinen Bettleranzug abgelegt hatte und große, weite Hosen von dunkelrotem Taft, einen Wams von demselben Stoffe, mit Goldschnüren, eine Atlasmütze von eben der Farbe, und einen steifen Halskragen, mit breitem Saum und Spitzen trug. Das alles hatte er in seinem Quersacke mitgebracht, weil er im voraus auf eine Gelegenheit rechnete, seinen Anzug verändern zu müssen. Er war jung, hübsch und einnehmend; und da sie alle so lange Zeit hindurch nur ihren alten Herrn gesehen hatten, so kam er ihnen wie ein Engel vor. Eine drängte sich nach der andern ans Loch, um ihn zu sehen; und damit sie ihn desto besser betrachten könnten, beleuchtete ihn der Neger mit dem Wachsstocke von oben bis unten.

Nachdem sie ihn alle – selbst die Negerinnen nicht ausgenommen – besehen hatten, nahm Loaysa die Zither und sang denselben Abend so bezaubernd, daß alle, jung und alt, ganz außer sich gerieten. Luis ward von allen gebeten, es doch zu veranstalten, daß sein Meister hereinkäme, damit sie ihn mehr in der Nähe hören und sehen könnten, und nicht wie durch ein Schlüsselloch, noch mit solcher Furcht vor ihrem Herrn, der sie überraschen und auf der Tat ertappen könnte; wovor sie sicher seien, wenn sie ihn im Hause versteckt hielten.

Dem widersprach ihre Gebieterin sehr nachdrücklich und sagte, man solle so etwas um ihretwillen unterwegs lassen; sie könnten ihn ja von hier aus mit Sicherheit sehen und hören, ohne ihre Ehre auf das Spiel zu setzen.

»Was für Ehre?« sprach die Dueña. »Der König hat Ehre genug. Ew. Gnaden mögen in Gottes Namen mit ihrem Methusalem eingeschlossen bleiben, aber uns anderen verwehrt nicht, uns so gut es geht zu vergnügen; zumal da dieser Herr so ehrbar aussieht, daß er nichts von uns verlangen wird, als was wir von ihm verlangen.«

»Meine Damen,« sagte Loaysa, »ich bin in keiner anderen Absicht hierher gekommen, als um euch allen mit Leib und Leben zu dienen, weil mir’s leid tut, daß ihr euch in dieser unerhörten Klausur befindet, und bei eurer Einsperrung um die Freuden des Lebens kommt. Beim Leben meines Vaters! ich bin ein so sanfter und ehrlicher Mensch, so gutmütig und folgsam, daß ich weiter nichts tun werde, als was mir geheißen wird. Wenn eine von euch spricht: Meister, setzt euch hierher; geht dorthin; legt euch hierher; schert euch dahin; so will ich’s tun, wie der zahmste, abgerichtetste Pudel, der auf das Wohl des Königs von Frankreich tanzt.«

»Wenn das ist,« versetzte die unwissende Leonore, »wie fangen wir’s denn an, daß der Meister hereinkommt?«

»Das hat nichts zu sagen,« sprach Loaysa, »bemüht euch nur, den Schlüssel zu dieser inwendigen Tür in Wachs abzudrücken, und ich will dafür sorgen, daß morgen ein ähnlicher da ist, den wir brauchen können.«

»Wenn man den Schlüssel hat,« sagte ein Mädchen, »so hat man sie zum ganzen Hause, denn es ist der Hauptschlüssel.«

»Das tut nichts«, versetzte Loaysa.

»So verhält sich’s allerdings,« sagte Leonore; »doch der Herr muß erst schwören, daß er weiter nichts tun will, wenn er hereinkommt, als singen und spielen, wenn es ihm geheißen wird, und daß er sich still und ruhig an dem Orte verhalten will, wo wir ihn einsperren.«

»Ich beschwör‘ es«, sagte Loaysa.

»Dieser Schwur reicht nicht hin,« versetzte Leonore, »Ihr müßt beim Leben Eures Vaters auf das Kreuz schwören, und es vor unser aller Augen küssen.«

»Ich schwöre beim Leben meines Vaters und bei diesem Zeichen des Kreuzes, das ich mit meinem unreinen Munde küsse«, sagte Loaysa und machte mit zwei Fingern ein Kreuz, das er dreimal küßte.

»Seht zu, Meister, daß Ihr das mit dem Pulver nicht vergeßt,« sagte eins von den Mädchen, »denn darauf kommt alles an.«

Hier endigte sich das Gespräch für diesen Abend, und alle waren sehr vergnügt über die getroffene Abrede. Das Schicksal, das Loaysas Abenteuer bisher so sehr begünstigt hatte, führte um diese Zeit (es war zwei Uhr nach Mitternacht) seine Freunde durch die Straße, und sie gaben ihm mit einem Brummeisen das gewöhnliche Zeichen. Loaysa erzählte ihnen, wie seine Sachen ständen; erkundigte sich, ob sie das verlangte Pulver oder ein anderes Schlafmittel für Carrizales mitbrächten und gab ihnen Nachricht von dem Anschlage wegen des Hauptschlüssels.

Sie gaben ihm zur Antwort, den nächsten Abend werde er das Pulver bekommen, oder auch eine so wirksame Salbe, daß man einen durch Bestreichung des Pulses und der Schläfe in so tiefen Schlaf bringe, daß er in zwei Tagen nicht wieder erwache, wofern man nicht die bestrichenen Teile mit Weinessig abwüsche; den Abdruck des Schlüssels möge er ihnen nur geben, so solle er leicht nachgemacht werden. Hierauf nahmen sie Abschied. Loaysa schlief mit seinem Schüler den kurzen Rest der Nacht und sah mit Ungeduld dem nächsten Abend entgegen, wo er den Hauptschlüssel erhalten sollte.

Obgleich Hoffenden die Zeit träge und langsam heranzurücken scheint, so hält sie doch mit dem Gedanken gleichen Schritt und langt am erwünschten Ziele an, weil sie nie ruht noch rastet. So kam auch die Nacht und die Stunde, wo man sich beim Drehfenster zu versammeln pflegte, und alle Dienerinnen im Hause, groß und klein, schwarz und weiß, stellten sich ein, weil sie alle den Musikanten in ihrem Serail zu sehen wünschten. Doch Leonore kam nicht mit, und Loaysa, der sich nach ihr erkundigte, erhielt zur Antwort, sie liege bei ihrem Eheherrn, welcher die Tür seines Schlafzimmers verschlösse und den Schlüssel unter seinem Kopfkissen verwahrte. Sie habe ihnen jedoch gesagt, wenn der Alte schliefe, wolle sie den Hauptschlüssel zu bekommen suchen, um ihn in Wachs abzudrücken, womit sie bereits versehen sei; sie sollten nur nach einer kleinen Weile kommen, und den Abdruck durch das Katzenloch in Empfang nehmen.

Loaysa wunderte sich über die Vorsicht des Alten, ohne daß ihm dadurch die Lust zur Fortsetzung seines Abenteuers vergangen wäre. Indem hörte er das Brummeisen und ging nach der Tür, wo ihm seine Freunde ein Büchschen mit Salbe von der angegebenen Eigenschaft zustellten. Er bat sie, auf das Vorbild zum Hauptschlüssel zu warten, und kehrte zum Drehfenster zurück, wo er der Dueña, die seine Einlassung am eifrigsten zu wünschen schien, auftrug, die Salbe ihrer Frau zuzustellen, sie mit ihrer Eigenschaft bekannt zu machen, und ihr zu sagen, sie solle ihren Mann sehr vorsichtig damit bestreichen, so würde sie Wunder sehen.

Die Dueña eilte nach dem Katzenloche, vor welchem ihre Gebieterin schon der Länge nach auf dem Erdboden lag und sie erwartete. Die Dueña legte sich ebenfalls auf die Erde, und flüsterte ihrer Frau ins Ohr, was sie für Salbe brächte, und wie sie sie zu gebrauchen habe. Leonore nahm die Salbe, und sagte, sie habe den Schlüssel noch nicht bekommen können, weil ihn ihr Mann nicht, wie sonst, unter dem Kopfkissen, sondern zwischen beide Matrazen und beinahe mitten unter sich verwahrt habe; doch möge sie dem Meister sagen, wenn die Salbe auf die angegebene Weise wirke, so könnten sie ja den Schlüssel nehmen, so oft sie wollten, ohne einen Wachsabdruck nötig zu haben. Sie befahl ihr, nur schleunig ihren Auftrag auszurichten und wiederzukommen, um zu sehen, was die Salbe wirke, mit welcher sie ihren Mann unverzüglich zu bestreichen gedenke.

Die Dueña ging hinunter und stattete dem Meister Bericht ab, welcher darauf seine Freunde entließ, die auf den Schlüssel gewartet hatten.

Zitternd und leise nahte sich Leonore, die kaum zu atmen wagte, ihrem eifersüchtigen Gatten und bestrich ihm den Puls, die Schläfen und die Nasenlöcher. Wie sie an diese kam, schien er sich zu rühren, und sie geriet in Todesangst, weil sie glaubte, auf der Tat ertappt zu sein. Sie brachte indes die Salbung an den angegebenen Stellen, so gut sie konnte, zustande, und es war nicht anders, als wenn sie ihn zu seinem Begräbnisse einbalsamiert hätte. Die Opiumsalbe äußerte bald ihre einschläfernde Kraft; denn der Alte fing so laut zu schnarchen an, daß man es auf der Straße hören konnte, was für die Ohren seiner Gemahlin eine noch angenehmere Musik war als die des Meisters. Weil sie indes ihren Augen noch nicht recht traute, so ging sie zu ihm und rüttelte ihn erst leise, dann stärker und stärker, um zu sehen, ob er erwache; zuletzt wurde sie so dreist, daß sie ihn auf die andere Seite legte, ohne daß er darüber erwacht wäre. Wie sie das sah, ging sie nach dem Katzenloche in der Tür, und flüsterte der Dueña, die hier wartete, zu: »Du mußt mich loben, Schwester, Carrizales schläft fester als ein Toter.«

»Nun, warum wartet Ihr, gnädige Frau, und nehmt den Schlüssel nicht?« sprach die Dueña; »bedenkt doch, daß der Spielmann schon über eine Stunde wartet.«

»Wart‘, Schwester, ich hol‘ ihn gleich«, versetzte Leonore, und ging nach dem Bette zurück, wo sie den Schlüssel unter der Matraze hervorzog, ohne daß es der Alte gemerkt hätte. Sie hüpfte vor Freuden, wie sie den Schlüssel in ihren Händen sah, öffnete unverzüglich die Tür und gab ihn der Dueña, die ihn mit unbeschreiblichem Entzücken empfing.

Leonore befahl, dem Spielmanne die Tür zu öffnen und ihn in die Galerie zu führen, weil sie sich selbst, aus Furcht vor möglichen Zufällen, nicht zu entfernen wagte. Doch vor allen Dingen sollte die Dueña dafür sorgen, daß er noch einmal den abgelegten Eid bestätige, weiter nichts tun zu wollen, als was ihm befohlen würde; und wenn er sich nicht dazu verstände, solle man ihm durchaus nicht die Tür öffnen.

»Das soll geschehen,« sprach die Dueña, »und er soll gewiß nicht hereinkommen, wenn er nicht schwört und abermals schwört und sechsmal das Kreuz küßt.«

»Mach‘ ihm darüber keine Vorschrift,« versetzte Leonore; »er küsse es so vielmal, als er will; doch sieh darauf, daß er beim Leben seiner Eltern schwört und bei allem, was er lieb hat; dann sind wir geborgen, und können ihn nach Herzenslust singen und spielen hören; denn er macht’s, meiner Seele, allerliebst. Geh‘ nur, und halt‘ dich nicht länger auf, daß wir die Nacht nicht verplaudern.«

Die gute Dueña nahm ihren Rock zusammen und lief blitzschnell nach dem Drehfenster, wo alle ihrer harrten. Wie sie ihnen den Schlüssel zeigte, trugen sie sie vor Freuden auf den Händen wie einen Professor der Universität und ließen sie wiederholt hochleben, zumal, da sie ihnen sagte, man brauche gar keinen Nachschlüssel, weil sie, bei dem festen Schlafe des gesalbten Alten, seines eigenen Schlüssels sich bedienen könnten, so oft sie nur wollten.

»Geschwind denn, Freundin,« rief eins von den Mädchen, »schließ diese Tür auf, und laß den Herrn herein; denn er wartet schon lange. Wir wollen uns an seinem Spiel ergötzen; denn es gibt nichts mehr zu besorgen.«

»Allerdings gibt es noch etwas zu besorgen,« versetzte die Dueña; »denn wir müssen ihm zuvor, wie gestern abend, einen Eid abnehmen.«

»Er ist so gut,« sagte eine von den Sklavinnen, »daß er bei Eiden keinen Anstand nehmen wird.«

Unterdessen schloß die Dueña auf und rief durch die halboffene Tür Loaysen, der durch das Loch des Drehfensters alles mit angehört hatte, und jetzt geradezu hineingehen wollte. Doch die Dueña hielt ihm die Hand vor die Brust und sagte: »Ich kann Euch, mein Herr, bei Gott und auf mein Gewissen versichern, daß wir alle unter diesem Dache, mit Ausnahme meiner Gebieterin, so ehrbare Jungfern sind, wie die Mütter, die uns geboren haben; und ob ich gleich wie eine Vierzigerin aussehen mag – da ich doch erst in drittehalb Monaten dreißig werde –, so bin ich doch auch, ohne Ruhm zu melden, Jungfrau. Komme ich Euch etwa alt vor, so wißt, daß Ärger, Verdruß und Arbeit ein und auch wohl zwei Nullen zu unseren Jahren hinzufügen können. Darum wäre es nicht recht, wenn man, um ein paar, oder drei, oder vier Liederchen anzuhören, so viele Ehrbarkeit, als in diesem Hause ist, auf das Spiel setzen wollte; denn selbst diese Negerin Guiomar ist Jungfer. Darum, mein Herzensherr, müßt Ihr, eh‘ Ihr unser Reich betretet, einen recht feierlichen Eid ablegen, daß Ihr nichts weiter tun wollt, als was wir Euch befehlen. Scheint Euch das viel verlangt, so bedenkt, daß noch weit mehr gewagt wird; und wenn Ihr in guter Absicht kommt, braucht Ihr Euch auch einen Eid nicht sehr leid tun zu lassen; denn einem guten Bezahler ist es um die Pfänder nicht leid.«

»Frau Mari-Alonso«, sagt eins von den Mädchen, »hat wie ein Buch gesprochen, und wie eins, das das Ding versteht, wie sich’s gehört; und will der Herr nicht schwören, so soll er auch nicht hereinkommen.«

»Von wegen meiner,« sagte die Negerin Guiomar, die nicht recht mit dem Spanischen fortkam, »mehr als niemals schwört er, er herein komm mit all Teufel. Er auch sehr geschworen, ist er hinnen, er doch alles vergessen haben.«

Sehr gelassen hörte Loaysa die Rede der Frau Mari-Alonso an, und antwortete mit Ernst und Ruhe: »Fürwahr, meine Damen und Freundinnen, meine Absicht war, ist und wird nie eine andere sein, als euch nach meinen besten Kräften Vergnügen und Unterhaltung zu verschaffen; darum kann mir auch dieser abgeforderte Eid nicht schwer werden; nur würd‘ ich’s gern sehen, wenn man meinem Worte etwas traute; denn wenn es ein Mann von sich gibt, wie ich bin, so ist es so gut wie eine Verschreibung. Auch müßt ihr wissen, unter grobem Kanevas steckt oft was, und ein schlechter Kittel pflegt einen guten Zecher zu bedecken. Doch damit ihr alle wegen meiner guten Absicht gesichert seid, bin ich entschlossen, als katholischer Christ und ehrlicher Mann zu schwören. Ich schwöre demnach bei der unverletzten Kraft, wo sie in größter Heiligkeit und im reichsten Maße sich findet, bei den Ein- und Ausgängen des Berges Libanon, und bei allem, was die wahre Geschichte von Karl dem Großen und dem Tode des Riesen Fierabras in ihrer Vorrede enthält, daß ich den abgelegten Eid nicht brechen, noch dem Befehle der geringsten und niedrigsten dieser Damen zuwiderhandeln will. Wofern ich aber etwas anderes täte oder tun wollte, so erklär‘ ich das jetzt und künftig, künftig und jetzt, für ungeschehen, null und nichtig.«

So weit war der gute Loaysa mit seinem Schwur, als eins von den Mädchen, das ihm aufmerksam zugehört hatte, ausrief: »Nun, wahrlich, das ist ein Eid, um Steine zu erweichen, und ich will nicht gesund hier stehen, wenn ich noch weiter einen von Euch fordere; denn der abgelegte reicht allein schon hin, Euch den Eintritt in die Höhle der Cabira zu verschaffen.« Mit diesen Worten faßte sie ihn bei seinen Pumphosen und zog ihn herein, wo ihn alle übrigen sogleich umringten.

Unverzüglich eilte eine von ihnen fort, um ihrer Gebieterin Nachricht zu geben, die bei ihrem schlafenden Gemahl Wache stand. Wie ihr das Mädchen sagte, daß der Musiker schon heraufkomme, wurde sie zugleich froh und bestürzt, und fragte, ob er geschworen habe.

»Jawohl,« versetzte das Mädchen, »und zwar den sonderbarsten Eid, der mir in meinem Leben vorgekommen ist.«

»Nun, wenn er geschworen hat,« sprach Leonore, »so haben wir ihn gefangen. Das war doch ein gescheiter Einfall von mir, daß ich ihn schwören ließ!«

Indem kam die ganze Gesellschaft, mit dem Spielmanne in ihrer Mitte. Der Neger und die Negerin Guiomar leuchteten ihnen. Wie Loaysa Leonoren erblickte, wollte er sich ihr zu Füßen werfen, um ihr die Hand zu küssen. Sie gab ihm schweigend ein Zeichen, aufzustehen, und alle waren mäuschenstill und wagten kein Wort zu sprechen, aus Furcht, ihr Herr möchte es hören. Wie dies Loaysa merkte, sagte er, sie könnten immerhin laut sprechen; denn die Salbe, mit der ihr Herr bestrichen sei, habe die Eigenschaft, zwar nicht den Tod, aber doch einen totenähnlichen Schlaf zu bewirken.

»Das glaub‘ ich,« sagte Leonore; »denn wenn das nicht wäre, so müßte er bei seinem leisen Schlafe, der eine Folge seines mannigfachen Übelbefindens ist, schon zwanzigmal erwacht sein. Aber nachdem ich ihn bestrichen habe, schnarcht er wie ein Pferd.«

»Wenn das ist,« sagte die Dueña, »so wollen wir in den Vorsaal gehen; dort können wir den Herrn singen hören, und uns ein wenig vergnügen.«

»Das wollen wir,« sagte Leonore; »doch Guiomar bleibe als Wache hier, damit sie uns Nachricht geben kann, wenn Carrizales erwachen sollte.« »Ich Negerin bleiben,« sprach Guiomar, »Weißen gehn; Gott sein allen gnädig.«

Die Negerin blieb, und sie gingen in den Saal, wo eine reiche Estrade war, auf welcher sie sich alle niederließen, und den Herrn in die Mitte nahmen. Die gute Mari-Alonso nahm eine Kerze, und fing an, den guten Musikanten vom Kopf bis zur Zehe zu beleuchten. »Ach, was hat er für niedliches, krauses Haar!« sprach die eine. »Welche blendenden Zähne!« rief eine andere; »wahrhaftig, weißer und niedlicher, als geschälte Mandeln!« – »Was für große, offene Augen!« bemerkte eine Dritte; »beim Leben meiner Mutter, sie sind so grün, daß man glaubt, Smaragde zu sehen!« Eine lobte den Mund, eine andere die Füße, und so gingen alle Glied für Glied durch. Nur Leonore betrachtete ihn schweigend, und er kam ihr schöner vor, als ihr Eheherr.

Jetzt nahm die Dueña die Zither, die der Neger hatte, und gab sie Loaysen mit der Bitte, ein Liedchen zu spielen, das damals in Sevilla sehr im Schwange war. Es fing an:

Mutter, meine Mutter, Habt auf mich nur Acht usw.

Loaysa erfüllte ihren Wunsch. Alle Mädchen standen auf, und begannen tüchtig zu tanzen. Die Dueña wußte das Lied auswendig, und sang es mit besserer Laune, als Stimme. Es lautete:

Mutter, meine Mutter,
Habt auf mich nur Acht;
Hüt‘ ich mich nicht selber,
Bleib‘ ich unbewacht.

Bücher, sagt man, lehren, –
Und das ist sehr wahr –
Das Verbot gebar
Heißeres Begehren,
Und von dem Entbehren
Wächst der Liebe Drang;
Haßt darum den Zwang,
Der es schlimmer macht;
Hüt‘ ich mich nicht selber,
Bleib‘ ich unbewacht.

Wenn der Wille nicht
Selber sich mag hüten,
Wird ihn nimmer hüten
Weder Furcht, noch Pflicht.

Er wird, zweifelt nicht,
Durch den Tod selbst dringen,
Bis ihm wird gelingen,
Was ihr nicht gedacht.

Hüt‘ ich mich nicht selber,
Bleib‘ ich unbewacht.

Welches Herz nur immer Liebesbande zwingen,
Folgt, gleich Schmetterlingen,
Ihres Lichtes Schimmer,
Und sie hüten nimmer
Lästige Begleiter,
Ginge man auch weiter,
Als ihrs ausgedacht.

Hüt‘ ich mich nicht selber,
Bleib‘ ich unbewacht.

Wie doch Amor schaltet!
Ob’s die Schönste wäre,
Wird sie zur Chimäre:
Denn zu Wachs gestaltet
Sich die Brust; drin waltet
Glut; so leicht, wie Schaum,
Ist der Fuß; zu Flaum I
st die Hand gemacht.

Hüt‘ ich mich nicht selber,
Bleib‘ ich unbewacht.

Die Mädchenschar kam mit ihrem Gesange und Tanze, unter Anführung der guten Dueña, zu Ende, als Guiomar ganz erschrocken gelaufen kam, und an Händen und Füßen zitterte, als hätte sie die fallende Sucht. »Der Herr aufgewacht, Frau!« rief sie mit heiserer, halblauter Stimme. »Der Herr aufwacht, Frau! Stehst auf und kommt her.«

Wer schon eine Schar Tauben sah, die auf einem Acker sorglos den Samen aufpickten, den fremde Hände gestreut haben, wie sie durch den starken Knall eines Feuergewehrs aufgescheucht, das Futter vergessen und bestürzt sich in die Lüfte zerstreuen, der kann sich eine Vorstellung von dem Zustande machen, in welchen die Schar der erschrockenen Tänzerinnen geriet, wie ihnen Guiomar diese unerwartete Nachricht brachte.

Indem jede auf ihre Entschuldigung und alle auf ihre Rettung bedacht waren, schlüpfte die eine dahin und die andere dorthin, um sich auf den Böden und in den Winkeln des Hauses zu verstecken und ließen den Musikanten allein, der Sang und Klang ruhen ließ und in seiner Bestürzung nicht wußte, was er anfangen sollte. Leonore rang ihre schönen Hände; Mari-Alonso schlug sich mit den Händen (doch nicht zu derb) ins Gesicht; kurz, überall war lauter Angst, Schrecken und Verwirrung.

Doch die Dueña, die schlauer und gefaßter war als die anderen, ließ den Loaysa auf ihr Zimmer gehen und blieb mit ihrer Frau in dem Saale; denn sie meinte, schon eine Entschuldigung zu finden, im Fall ihr Herr sie hier träfe. Loaysa versteckte sich augenblicklich, und die Dueña horchte, ob ihr Herr käme. Wie sie kein Geräusch hörte, schöpfte sie wieder Mut und schlich leise zu seinem Schlafgemache, wo sie ihn nach wie vor schnarchen hörte. Wie sie sich überzeugt hatte, daß er noch schlief, nahm sie ihre Röcke zusammen und eilte mit der frohen Botschaft zu ihrer Frau zurück, bei der sie dadurch keine geringe Freude erregte.

Die gute Dueña wollte den günstigen Augenblick, den ihr das Schicksal darbot, nicht verlieren, um vor den übrigen die Freuden zu genießen, die sie sich von dem Musikus versprach. Sie bat darum Leonoren, im Saale zu warten, während sie hineinging ihn zu rufen, und ließ sie allein. Sie ging auf das Zimmer, wo Loaysa sich befand, der ebenso verwirrt als nachdenklich war und auf Nachricht hoffte, wie es mit dem gesalbten Alten stehe. Er verwünschte die Untauglichkeit der Salbe und beklagte sich über die Leichtgläubigkeit seiner Freunde, sowie über seine eigene Unachtsamkeit, die Salbe nicht vorher an jemand anderem versucht zu haben, ehe man sie beim Carrizales brauchte.

Indem kam die Dueña und versicherte ihm, daß der Alte fester als je schlafe. Er wurde wieder ruhig und hörte das lange, verliebte Geschwätz der Mari-Alonso an, das ihm ihre schlechten Absichten verriet und ihn bestimmte, sie als Angel zu brauchen, um ihre Frau damit zu fischen.

Während diese beiden miteinander sprachen, kamen die anderen Mägde wieder aus ihren verschiedenen Schlupfwinkeln hervor, um zu sehen, ob ihr Herr wirklich erwacht sei, und wie überall eine Totenstille herrschte, gingen sie in den Saal, wo sie ihre Frau gelassen hatten und erfuhren von ihr, daß ihr Herr noch schlafe. Sie fragten nach dem Musikanten und der Dueña, und wie sie hörten, wo sie seien, zogen sie alle, ebenso still wie sie gekommen waren, ab, um an der Tür zu horchen, was zwischen beiden vorfiele. In dem Zuge fehlte die Negerin Guiomar nicht, wohl aber der Neger, der auf die Nachricht, daß sein Herr erwacht sei, die Zither genommen und sich auf seinem Strohboden versteckt hatte, wo er unter der Decke seines armseligen Lagers in Schweiß und Todesangst lag. Dennoch unterließ er es nicht, an den Saiten seiner Zither zu klimpern: so groß war seine verwünschte Leidenschaft zur Musik.

Die Mädchen hörten halb vernehmlich die verliebten Reden der Alten, und jede gab ihr einen Schimpfnamen. Keine hieß sie bloß die Alte, ohne die gehörigen Beiwörter von verhext, bärtig, mannstoll und noch andere hinzuzufügen, die wir der Sittsamkeit wegen verschweigen. Doch am drolligsten drückte sich die portugiesische Negerin Guiomar aus, wie sie in ihrem schlechten Spanisch auf die Dueña loszog.

Das Gespräch der beiden schloß damit, daß er versprach, ihrem Willen nachzukommen, wenn sie ihm vorher ihre Frau übergeben hätte. Die Dueña willigte nur äußerst ungern in den Antrag des Musikers; doch, um die Leidenschaft zu befriedigen, die sich schon ihrer ganzen Seele bemächtigt und ihr Mark und Bein durchdrungen hatte, hätte sie ihm die unmöglichsten Dinge von der Welt versprochen. Sie verließ ihn, um mit ihrer Frau zu sprechen; und wie sie alle Mägde vor ihrer Tür versammelt fand, befahl sie ihnen, sich auf ihre Kammern zurückzuziehen und sagte, einen anderen Abend würden sie den Musikus mit weniger oder gar keiner Störung genießen können, da ihnen für diese Nacht doch der Schrecken einmal das Vergnügen verwässert habe.

Sie merkten zwar alle, daß die Alte gern allein sein wollte, doch konnten sie nicht umhin, ihr zu gehorchen, weil es ihre Vorgesetzte war. Die Mägde entfernten sich und die Dueña ging in den Saal, um Leonoren zu bereden, Loaysens Wünschen nachzugeben, was sie in einer so langen und durchdachten Rede tat, daß sie sich mehrere Tage darauf vorbereitet zu haben schien. Sie rühmte ihr seine Artigkeit, seinen Wert, seine Anmut und mannigfaltigen Reize vor. Sie zeigte ihr, wie unweit genußreicher die Umarmungen des jungen Liebhabers, als die ihres alten Eheherrn für sie sein würden; sie sicherte ihr Verschwiegenheit und Fortsetzung des Genusses zu und schwatzte ihr noch andere ähnliche Dinge vor, die ihr der Teufel eingab und die sie mit so lebendigen und verführerischen rhetorischen Farben schilderte, daß sie wohl einen harten Marmor hätte bewegen können, wie vielmehr das zarte und unachtsame Herz der einfältigen und unvorsichtigen Leonore.

Oh, ihr Dueñas, dazu geboren und in der Welt, um tausend wohlüberlegte und gute Anschläge zu vereiteln! O, ihr langen, verbrämten Schleier, dazu ausersehen, in den Prunksälen und auf den Sofas vornehmer Frauen zu glänzen, wie tut ihr in eurem, beinahe unentbehrlich gewordenen Berufe gerade das Gegenteil von dem, was ihr solltet!

Kurz, die Dueña brauchte solche Worte und Überredungskünste, daß sich Leonore ergab, betrogen ward und in ihr Verderben rannte, indem sie zugleich alle Vorkehrungen des klugen Carrizales vereitelte, der indes den Todesschlaf seiner Ehre schlief. Mari-Alonso nahm ihre Gebieterin bei der Hand und führte die Weinende beinahe gewaltsam in Loaysas Zimmer. Nachdem sie ihnen mit falschem, teuflischem Lächeln eine gute Nacht gewünscht hatte, schloß sie die Tür zu und legte sich auf die Estrade zur Ruhe oder erwartete vielmehr den Lohn ihrer Dienste. Doch weil sie die vergangenen Nächte gewacht hatte, so überwältigte sie hier die Müdigkeit, und sie schlief ein.

Jetzt hätte man wohl den Carrizales fragen mögen – wenn man nicht gewußt hätte, daß er schlief –, wo denn seine wohlüberlegten Maßregeln geblieben seien; seine Besorgnisse; seine Reden und Ermahnungen; die hohen Mauern seines Hofes; die Verbannung selbst des Schattens von irgendeinem männlichen Geschöpfe aus seinem Hause; das wohlverwahrte Drehfenster; die dicken Wände; die lichtlosen Fenster; die strenge Einsperrung; das ansehnliche Leibgedinge, das er Leonoren ausgesetzt hatte; die Freuden, die er ihr beständig machte; die gute Behandlung seiner Mägde und Sklavinnen; die Bereitwilligkeit, mit der er alles gewährte, was sie brauchten oder wünschen konnten. Doch diese Frage wäre, wie gesagt, überflüssig gewesen, weil er fester schlief, als es nötig war. Und hätte er’s gehört und vielleicht darauf geantwortet, so hätte er mit Achselzucken und gerunzelter Stirn erwidern müssen: »Alles dies untergrub, wie ich glaube, die Schlauheit eines leichtfertigen und verdorbenen Jünglings, die Bosheit einer falschen Dueña und die Unachtsamkeit eines verführten Kindes. Bewahre Gott jeden Mann vor solchen Feinden, gegen die kein Schild der Klugheit schützt und die kein Schwert der Vorsicht abhält.«

Doch Leonore besaß so viel sittliche Kraft, daß sie dieselbe in dem gefährlichsten Augenblicke gegen die frechen Zudringlichkeiten ihres schlauen Verführers zu bewähren wußte, der sie nicht zu besiegen vermochte. Er mühte sich vergeblich ab; sie trug den Sieg davon, und beide schliefen zuletzt ein.

Hier fügte es der Himmel, daß Carrizales, trotz der Salbe, erwachte und, nach seiner Gewohnheit, überall im Bette umherfühlte. Wie er sein liebes Weib nicht fand, sprang er erschrocken und außer sich aus dem Bette, mit einer Leichtigkeit und Gewandtheit, wie sie sich nicht von seinen Jahren erwarten ließ. Wie er seine Gemahlin auch nicht im Zimmer fand, die Tür offen sah, und den Schlüssel unter der Matratze vermißte, da dachte er von Sinnen zu kommen. Doch wie er sich etwas gefaßt hatte, ging er in die Galerie und schlich ganz leise in den Saal, wo die Dueña schlief. Wie er sie allein, ohne Leonoren, fand, begab er sich nach dem Zimmer der Dueña, öffnete leise die Tür und sah, was er nie wünschte gesehen zu haben, wofür er lieber das Licht seiner Augen gemißt hätte, um es nicht zu sehen – er sah Leonoren in Loaysens Armen, in so tiefem Schlafe, als wenn an ihnen, und nicht an dem eifersüchtigen Alten, die Salbe ihre Wirkung getan hätte. Carrizales erstarrte bei diesem schmerzlichen Anblicke; die Zunge klebte ihm am Gaumen; er ließ die Arme sinken und war zu einem kalten Marmorbilde geworden. Obgleich der Zorn seine natürliche Wirkung tat und die beinahe erstorbenen Lebensgeister wieder anfachte, so wirkte doch der Schmerz so stark, daß er ihm den Atem benahm. Dennoch hätte er für diesen großen Frevel gebührende Rache genommen, wenn er Waffen gehabt hätte. Er beschloß darum, von seinem Zimmer einen Dolch zu holen, und die Flecken seiner Ehre in dem Blute seiner beiden Feinde, ja, aller im Hause, abzuwaschen. Mit diesem ehrenhaften und notwendigen Entschlusse kehrte er ebenso still und vorsichtig, als er gekommen war, in sein Schlafgemach zurück, wo ihm Schmerz und Bedrängnis dergestalt zusetzten, daß er ohnmächtig auf sein Bett sank.

Unterdessen kam der Tag und traf das neue ehebrecherische Paar in wechselseitiger Umarmung. Mari-Alonso erwachte und wollte sich ihre Schuld abtragen lassen; doch wie sie sah, daß es schon so hoch am Tage war, beschloß sie, es für den Abend aufzusparen. Leonore erschrak, wie sie sah, daß es so spät war und verwünschte ihre und der vermaledeiten Dueña Sorglosigkeit. Beide eilten bestürzt in das Zimmer des Carrizales, indem sie stumme Wünsche zum Himmel emporschickten, daß sie ihn noch schnarchend antreffen möchten. Wie sie ihn still auf dem Bette liegen sahen, glaubten sie, die Salbe wirke noch, weil er noch schlafe, und umarmten sich vor Freude. Leonore faßte ihren Mann beim Arme und legte ihn auf die andere Seite, um zu sehen, ob er erwache und ihnen die Mühe erspare, ihn mit Weinessig zu waschen, um ihn zu ermuntern. Carrizales aber erwachte aus seiner Ohnmacht; und indem er einen tiefen Seufzer holte, sagte er mit kläglicher und schwacher Stimme: »Ich Unglücklicher! Zu welchem traurigen Ziele hat mich mein Schicksal gebracht!«

Leonore wußte nicht, was ihr Gemahl damit sagen wollte; wie sie ihn jedoch wach sah und sprechen hörte, wunderte sie sich, daß die Salbe nicht die angegebene Zeit gewirkt habe. Sie legte ihr Gesicht an das seine und sagte, indem sie ihn fest umschlungen hielt: »Was fehlt dir, mein Gemahl; du scheinst dich zu beklagen?«

Wie der unglückliche Alte die Stimme seiner süßen Feindin hörte, öffnete er mit Anstrengung die Augen und starrte Leonoren eine lange Zeit staunend und betroffen an, ohne nur eine Miene zu verziehen; dann sprach er: »Tue mir den Gefallen, Frau, und laß unverzüglich deine Eltern in meinem Namen rufen; denn ich habe etwas auf dem Herzen, das mich sehr beklemmt und mir, wie ich fürchte, bald das Leben rauben wird; ich wünschte sie vor meinem Tode noch einmal zu sehen.«

Leonore glaubte zwar, ihr Gemahl habe wahr gesprochen, doch maß sie sein Übelbefinden nicht dem, was er gesehen hatte, sondern der Salbe bei. Sie versprach, seine Bitte zu erfüllen, schickte sogleich den Neger zu ihren Eltern, umarmte ihren Gemahl zärtlicher als je und fragte ihn in so teilnehmenden und liebreichen Ausdrücken nach seinem Befinden, als wär‘ er ihr das Liebste auf Erden. Er sah sie mit dem vorigen starren Blicke an, und jedes Wort und jede Liebkosung von ihr war ein Dolchstich für sein Herz.

Die Dueña hatte bereits die Leute im Hause und Loaysen von der Krankheit ihres Herrn in Kenntnis gesetzt und bemerkt, daß sie von Bedeutung sein müsse, weil er vergessen habe, zu befehlen, die Tür nach der Straße zu verschließen, wie der Neger ausgegangen sei, um die Eltern ihrer Gebieterin zu rufen. Über diese Einladung selbst wunderten sie sich ebenfalls; denn beide hatten, seit der Verheiratung ihrer Tochter, das Haus nicht einmal betreten. Kurz, alle waren betroffen und in sich gekehrt, weil sie die eigentliche Ursache von dem Übelbefinden ihres Herrn nicht errieten, der von Zeit zu Zeit so tiefe und schmerzliche Seufzer von sich gab, daß er mit jedem die Seele auszuhauchen schien. Leonore weinte, wie sie ihn in diesem Zustande sah, er aber lachte wie ein Wahnsinniger, indem er das Heuchlerische ihrer Tränen erwog.

Leonorens Eltern kamen und waren nicht wenig verwundert und erschrocken, wie sie die Haus- und Hoftür offen fanden und das Haus selbst menschenleer und in Totenstille begraben. Sie traten in das Zimmer ihres Schwiegersohns und fanden ihn in dem angegebenen Zustande, die Augen noch immer auf seine Gemahlin geheftet, deren Hände er hielt und beide in Tränen schwimmend; sie, bloß, weil sie ihn weinen sah; er, weil er ihre Tränen für Verstellung hielt.

Wie die Eltern hereintraten, sprach Carrizales: »Setzt euch, meine lieben Eltern; ihr anderen aber tretet ab, und bloß Frau Mari-Alonso bleibe hier.«

Alle verließen das Zimmer, und die Fünfe blieben zurück. Carrizales wartete nicht, bis ein anderes das Wort nahm, sondern, nachdem er sich die Augen gewischt hatte, sprach er mit ruhiger Stimme: »Ich bin versichert, meine verehrten Eltern, daß ich bei euch keine Zeugen brauche, damit ihr mir dasjenige glaubt, was ich euch jetzt sagen will; ihr könnt unmöglich vergessen haben, mit welcher Liebe und Zärtlichkeit ihr mir heute vor einem Jahre, einem Monate, fünf Tagen und neun Stunden eure geliebte Tochter als meine rechtmäßige Gemahlin übergeben habt; ebenso wißt ihr auch, wie reichlich ich sie bedacht habe; denn die Summe, die ich ihr ausgesetzt, reichte hin, mehr als drei ihresgleichen in Wohlstand zu setzen; ebenso muß es euch auch erinnerlich sein, wie sehr ich mir’s angelegen sein ließ, ihr jeden Anzug und Putz zu verschaffen, den sie sich nur wünschen konnte und den ich für sie angemessen fand. Ihr habt auch gesehen, wie ich, teils zufolge meiner Gemütsart, teils aus Furcht vor dem Unglück, das mir ohne Zweifel das Leben kosten wird, teils wegen meiner vieljährigen Erfahrung von den seltsamen und mannigfaltigen Ereignissen in der Welt, dies Kleinod, das ich mir aussuchte und das ihr mir übergabt, mit aller nur möglichen Vorsicht zu hüten suchte. Ich erhöhte die Mauern meines Hofes; benahm den Fenstern nach der Straße die Aussicht; verdoppelte die Schlösser an den Türen; ließ ein Drehfenster machen, wie in einem Kloster; verbannte für immer alles aus dem Hause, was nur den Namen oder Schatten eines männlichen Geschöpfes hatte; gab meiner Frau Mägde und Sklavinnen zur Bedienung und versagte weder ihnen, noch ihr die Gewährung irgendeiner Bitte; ich ging mit ihr auf gleichem Fuße um, teilte ihr meine geheimsten Gedanken mit und ließ sie über mein ganzes Vermögen schalten. Das alles sind Dienste, für die ich billigerweise im ruhigen und ungestörten Besitze desjenigen hätte bleiben müssen, was mir so teuer zu stehen kam, und sie hätte sich bemühen sollen, mir nie, auch nur entfernt, Anlaß zur Eifersucht zu geben. Doch da keine menschliche Vorsicht die Strafe abwenden kann, die der Himmel über diejenigen verhängt, die nicht mit ungeteiltem Vertrauen ihre Wünsche und Hoffnungen ihm anheimstellen, so ist es kein Wunder, daß ich mich in den meinen betrogen sehe, und mir selbst das Gift gemischt habe, welches mir das Leben rauben wird. Doch da ich sehe, wie ihr alle gespannt seid auf das, was kommen soll, so will ich den langen Eingang meiner Rede schließen und euch mit einem Worte sagen, was sich nicht in tausenden sagen läßt. Wißt, meine Freunde, alles, was ich geredet und getan habe, hat zu weiter nichts gefruchtet, als daß ich heute morgen diese, zum Untergange meiner Ruhe und meines Lebens Geborne (er wies auf seine Gemahlin), in den Armen eines artigen Burschen gefunden habe, der noch jetzt auf dem Zimmer dieser verpesteten Dueña sich befindet.«

Kaum hatte Carrizales diese letzten Worte gesprochen, so schwindelte Leonoren und sie sank ohnmächtig auf die Knie ihres Gemahls. Mari-Alonso entfärbte sich, und Leonorens Eltern war die Kehle zugeschnürt, daß sie kein Wort vorbringen konnten. Carrizales aber fuhr fort:

»Die Rache, die ich für diesen Schimpf zu nehmen gedenke, soll keine gewöhnliche sein. Wie meine ganze Handlungsweise seltsam gewesen ist, so soll es auch meine Rache sein, indem ich sie an mir selbst nehme, als dem Schuldigsten bei diesem Vorgehen. Ich hätte bedenken sollen, wie schlecht dies fünfzehnjährige Kind und ein beinahe achtzigjähriger Greis zueinander sich schickten. Ich bin es gewesen, der, wie eine Seidenraupe, sich selbst sein Sterbehaus gebaut hat. Dir mess‘ ich die Schuld nicht bei, du übelberatenes Kind! (mit diesen Worten bog er sich herab, und küßte das Gesicht der ohnmächtigen Leonore) dir mess‘ ich die Schuld nicht bei, denn die Überredungskünste schlauer, alter Weiber und die Liebkosungen verliebter Jünglinge siegen leicht über die Unerfahrenheit so junger Jahre. Aber damit jedermann sehe, wie innig und treu ich dich geliebt habe, so will ich in diesen letzten Augenblicken einen Beweis davon geben, der in der Welt ein unerhörtes Beispiel, wo nicht von Güte, doch von Einfalt des Herzens bleiben soll. Man hole gleich einen Notarius; denn ich will ein anderes Testament machen, worin ich Leonorens Leibgedinge verdoppeln und sie bitten werde, nach meinem Tode, der nicht lange mehr ausbleiben wird, sich zu entschließen – und dieser Entschluß wird ihr nicht schwer ankommen –, den Jüngling zu heiraten, den die grauen Haare dieses unglücklichen Greises nie beleidigt haben. Sie wird daraus ersehen, daß ich, wie im Leben, so auch im Tode, immer nur darauf bedacht war, ihr Freude zu machen; und ich wünsche nur, daß sie sie bei demjenigen finden mag, den sie so sehr lieben muß. Mein übriges Vermögen will ich zu frommen Stiftungen verwenden und auch euch, meine lieben Eltern, so viel vermachen, daß ihr bis an euren Tod anständig leben könnt. Holt nur gleich den Notarius; denn der Schmerz setzt mir so heftig zu, daß mein Tod nicht lange mehr ausbleiben kann.«

Bei diesen Worten befiel ihn eine schwere Ohnmacht, und er sank so dicht neben Leonoren hin, daß sich ihre Gesichter berührten: ein rührender, schmerzlicher Anblick für die Eltern, in diesem Zustande ihre geliebte Tochter und ihren teuren Schwiegersohn zu sehen.

Die schlechte Dueña mochte nicht die Vorwürfe abwarten, die sie von den Eltern ihrer Gebieterin befürchtete, sondern sie verließ das Zimmer und hinterbrachte Loaysen alles, was vorgefallen war. Sie riet ihm, eiligst das Haus zu verlassen, und versprach, ihm von dem, was weiter vorfiele, durch den Neger Nachricht zu geben, da Schloß und Riegel es nicht verhinderten. Loaysa wunderte sich über diese Neuigkeit, befolgte ihren Rat, legte sein Bettlerkleid wieder an, und suchte seine Freunde auf, um sie von dem seltsamen und beispiellosen Ausgange seines Liebeshandels in Kenntnis zu setzen.

Während die beiden in Ohnmacht lagen, schickte Leonorens Vater nach einem Notarius, mit dem er bekannt war, und dieser traf gerade ein als Tochter und Schwiegersohn aus ihrer Ohnmacht erwachten. Carrizales machte sein Testament, wie er gesagt hatte, ohne jedoch Leonorens Fehltritt zu erwähnen, sondern es hieß im Testamente, er bäte sie aus guten Gründen, sich nach seinem Tode mit dem jungen Manne zu verheiraten, den er ihr insgeheim genannt habe.

Wie Leonore dies hörte, warf sie sich ihrem Gemahl zu Füßen, und sagte mit klopfendem Herzen: »Lebe noch viele Jahre, mein Gemahl, mein alles! Denn ob du wohl nicht verbunden bist, dem was ich dir sagen will, in einem einzigen Stücke zu glauben, so wisse doch, daß ich dich nicht weiter als in Gedanken beleidigt habe.«

Wie sie sich darauf weiter entschuldigen, und den Hergang der Sache ausführlich erzählen wollte, versagte ihr die Sprache, und sie sank in eine neue Ohnmacht. Der bewegte Greis schloß sie in seine Arme, die Eltern umarmten sie, und alle weinten so bitterlich, daß selbst der Notarius, der das Testament aufsetzte, sich der Tränen nicht enthalten konnte.

In dem Testamente wurden alle Mägde im Hause versorgt, den Sklavinnen und dem Neger die Freiheit geschenkt, der falschen Mari-Alonso aber weiter nichts, als ihr Gehalt vermacht. Der Schmerz beklemmte ihn dergestalt, daß er am siebenten Tage zu Grabe getragen ward.

Er hinterließ Leonoren als eine betrübte und reiche Witwe. Loaysa hoffte, sie solle den letzten Willen ihres Gemahls, um den er bereits wußte, erfüllen; und wie er sah, daß sie eine Woche darauf in eins der strengsten Klöster trat, ging er voller Ärger und beinahe beschämt nach Indien.

Leonorens Eltern waren in tiefe Betrübnis versetzt, doch durch das Vermächtnis ihres Schwiegersohns getröstet. Damit trösteten sich auch die Mägde, die Sklavinnen aber und der Neger mit Wiedererlangung ihrer Freiheit. Die gottlose Dueña sah sich arm und in ihren schändlichen Hoffnungen betrogen. Ich selbst sehne mich, beim Schluß dieser Erzählung anzulangen, die ein lehrreiches Beispiel abgibt, wie wenig man sich auf Schloß, Mauer und Drehfenster verlassen könne, wenn die Neigung frei bleibt, und wie man noch weniger der Jugend trauen dürfe, wenn sie den Einflüsterungen solcher Dueñas, in schwarzer Nonnentracht und in langen, weißen Schleiern, ausgesetzt ist.

Ich weiß indes nicht, warum sich Leonore nicht ernstlicher entschuldigte, und ihren eifersüchtigen Gemahl von der Bewahrung ihrer Unschuld und Treue zu überzeugen suchte. Doch die Bestürzung band ihr die Zunge, und der schnell erfolgte Tod ihres Gemahls raubte ihr die Gelegenheit, sich zu rechtfertigen.

Die beiden Nebenbuhlerinnen

Fünf Meilen von der Stadt Sevilla liegt ein Ort, namens Castilblanco, und in einem von den verschiedenen Gasthöfen, die es daselbst gibt, kam gegen Abend ein Reisender auf einem schönen ausländischen Pferde an. Er hatte keinen Bedienten bei sich, und ohne zu warten bis ihm jemand die Steigbügel hielte, sprang er sehr schnell vom Sattel. Der Wirt, ein tätiger und aufmerksamer Mann, eilte sogleich herbei, doch er war nicht so schnell bei der Hand, daß der Reisende nicht schon auf einer steinernen Bank vor der Türe Platz genommen hätte, wo er sich eiligst die Brust aufknöpfte, die Arme sinken ließ und deutliche Zeichen von Ohnmacht gab.

Die Wirtin, ein mitleidiges Weib, eilte herbei und sprengte ihm Wasser ins Gesicht, worauf er wieder zu sich kam. Man sah ihm an, daß es ihm unangenehm sei, daß man ihn in diesem Zustande erblickt habe; er knöpfte sich wieder zu und verlangte auf der Stelle ein Schlafgemach und womöglich für sich allein.

Die Wirtin sagte, sie habe im ganzen Hause nur ein einziges mit zwei Betten, und wenn noch jemand einkehre, so müsse man ihm eins davon überlassen. Der Reisende entgegnete, er wolle beide Betten bezahlen, es möge noch jemand kommen oder nicht, und zog ein Goldstück heraus, das er der Wirtin unter der Bedingung gab, daß sie niemandem das leere Bett überlassen solle.

Die Wirtin war mit der Zahlung nicht unzufrieden, sondern versprach vielmehr, seinem Befehle Folge zu leisten, und wenn der Dechant von Sevilla selbst diese Nacht in ihrem Hause übernachten wolle. Sie fragte ihn, ob er zu Abend speisen werde, was er ausschlug, und bloß sein Pferd ihrer sorgsamen Pflege empfahl. Er verlangte den Schlüssel zu seinem Schlafgemache, nahm ein großes Felleisen mit auf dasselbe und schloß sich nicht bloß ein, sondern lehnte auch noch, wie man nachher sah, ein paar Stühle vor die Türe.

Kaum hatte er sich eingeschlossen, so traten der Wirt, der Hausknecht und ein paar Nachbarn, die gerade gegenwärtig waren, zusammen, unterhielten sich über die große Schönheit und den einnehmenden Anstand des neuen Gasts, und erklärten, nie so viel Schönheit gesehen zu haben. Sie schätzten sein Alter ab und fanden, daß er sechzehn bis siebzehn Jahre alt sein müsse. Sie schwatzten ein langes und breites, woher wohl seine Ohnmacht habe herrühren können; doch, da sie es nicht errieten, begnügten sie sich seine Anmut zu bewundern.

Die Nachbarn gingen nach Hause, der Wirt nach dem Pferde und die Wirtin in die Küche, um ein Abendbrot zuzurichten auf den Fall, daß noch andere Gäste kämen. Und es währte nicht lange, so kam ein anderer an, der etwas älter war als der erste und nicht minder hübsch. Kaum hatte es die Wirtin gehört, so rief sie: »Was ist das, in aller Welt? Wollen vielleicht diesen Abend Engel bei mir einkehren?«

»Was wollt Ihr damit sagen, Frau Wirtin?« fragte der Kavalier.

»Nichts, gnädiger Herr,« versetzte die Wirtin; »ich meine nur, daß Ihr nicht absteigen mögt, weil ich Euch kein Bett geben kann; denn die beiden, die ich habe, hat ein Kavalier in Beschlag genommen, der das Zimmer dort bewohnt, und hat mich für beide bezahlt, ob er gleich nur eins braucht, damit niemand auf sein Zimmer komme. Er muß wohl großen Geschmack an der Einsamkeit finden und ich weiß, meiner Seele, nicht warum; denn er hat nicht ein Gesicht, das er zu verstecken brauchte, sondern das jedermann sehen und rühmen sollte.«

»So schön ist er, Frau Wirtin?« fragte der Kavalier.

»Ob er schön ist?! Jawohl, und mehr als überschön«, versetzte die Wirtin.

»Komm her, Bursche; ich muß den Menschen sehen, von dem man so viel Rühmens macht, und sollt‘ ich auf dem Erdboden schlafen«, sprach der Kavalier, hielt seinem Maultiertreiber den Zügel hin, stieg ab vom Pferde und bestellte ein Abendbrot, was ihm auch aufgetragen ward. Während er aß, kam ein Gerichtsdiener des Dorfes herein (wie das an kleinen Orten nichts seltenes ist) und setzte sich zu dem Kavalier, um mit ihm über dem Essen zu sprechen. Unter dem Reden ermangelte er nicht, drei Stutzen Wein hinunter zu gießen und ein ziemliches Stück Rebhuhn abzunagen, was ihm der Kavalier hatte zukommen lassen. Dafür bezahlte ihn der Gerichtsdiener damit, daß er bei ihm nach Neuigkeiten aus der Residenz fragte und nach dem Kriege in Flandern und dem Anmarsche der Türken, ohne die Taten des Siebenbürgers zu vergessen (den Gott in seinen Schutz nehmen möge). Der Kavalier aß und schwieg; denn er kam nicht aus solchen Gegenden, daß er ihm auf seine Fragen hätte Auskunft geben können.

Unterdessen hatte der Wirt das Pferd besorgt und setzte sich zu ihnen, um den dritten Mann beim Gespräche abzugeben und seinem Weine ebenso fleißig zuzusprechen als der Gerichtsdiener. Bei jedem Schluck bog er den Kopf auf die linke Schulter und erhob den Wein bis in die Wolken, wiewohl er’s nicht wagte, ihn lange darin zu lassen, damit er nicht verwässert würde. Von Zeit zu Zeit wurde wieder von dem Gaste, der sich eingeschlossen hatte, viel Rühmens gemacht und erzählt, wie er ohnmächtig geworden, wie er sich eingesperrt und kein Abendbrot habe zu sich nehmen wollen. Sie würdigten seinen stattlichen Mantelsack, sein treffliches Pferd, seine prächtigen Reisekleider, was alles nach ihrem Bedünken einen Bedienten zu erfordern schien, der ihm aufwartete. Diese übertriebenen Schilderungen vermehrten die Neugier des Kavaliers, den Fremden zu sehen, und er bat den Wirt, es zu veranstalten, daß er in dem anderen Bette schlafe und versprach, ihm einen Goldgulden dafür zu geben. Obgleich der Wirt das Geld sehr gern verdient hätte, so fand er es doch unmöglich, weil das Schlafzimmer inwendig verschlossen war und er nicht wagte, denjenigen zu wecken, der darin schlief und ohnedem beide Betten bezahlt hatte. Alle diese Schwierigkeiten beseitigte der Gerichtsdiener und sagte: »Was sich tun läßt, ist, daß ich an die Türe klopfe und sage, ich sei eine Gerichtsperson, die auf Befehl des Herrn Schulzen diesen Kavalier hier im Gasthofe unterbringen solle, und weil kein anderes Bett im Hause sich vorfinde, so müsse ihm jenes überlassen werden. Der Wirt muß sich dann beschweren, daß ihm Gewalt geschehe und es nicht recht sei, dem es zu nehmen, der es bereits innehabe. So ist der Wirt entschuldigt und der Herr erreicht seinen Zweck.«

Allen gefiel der Anschlag des Gerichtsdieners, und der Neugierige gab ihm dafür vier Realen. Die Sache ward sogleich zur Ausführung gebracht. Der erste Gast öffnete mit sichtbarem Verdrusse dem Gerichtsdiener die Tür und der zweite legte sich in das leere Bett, nachdem er den anderen um Verzeihung wegen des Unrechts gebeten hatte, das man ihm, wie es schiene, um seinetwillen zugefügt hätte. Doch der andere erwiderte kein Wort und ließ ebensowenig sein Gesicht sehen; denn kaum hatte er die Tür geöffnet, so eilte er wieder in sein Bett, kehrte sich mit dem Gesichte nach der Wand und stellte sich, als schliefe er, um keine Antwort zu geben. Der zweite legte sich nieder und hoffte, des Morgens beim Aufstehen seine Neugier zu befriedigen. Es war eine von den trägen und langen Dezembernächten, und Kälte und Ermüdung von der Reise luden zur Ruhe ein. Doch der erste Gast hatte sie nicht, sondern bald nach Mitternacht begann er so tiefe Seufzer zu holen, daß er mit jedem derselben seine Seele auszuhauchen schien, so daß er durch sein klägliches Ächzen den anderen weckte. Dieser wunderte sich über das Schluchzen, womit er seine Seufzer begleitete und horchte aufmerksam, was er halblaut für sich zu sprechen schien.

Das Zimmer war finster und die Betten standen weit voneinander, aber dennoch hörte er unter anderem den betrübten Gast mit leiser und schwacher Stimme folgendes vorbringen: »Ach Unglück! Wohin führt mich noch die unwiderstehliche Gewalt meines Schicksals? Auf welchem Wege bin ich oder wo such‘ ich den Ausgang aus dem verwickelten Labyrinthe, in dem ich mich befinde? Ach, ihr jungen und unerfahrenen Jahre, wie unfähig seid ihr, irgendeine Überlegung anzustellen oder einen guten Rat zu befolgen! Wohin soll meine heimliche Reise führen? Ach, Ehre, wie bist du gekränkt! Ach, Liebe, welchen schlechten Dank erntest du! Ach, verehrte Eltern und Verwandte, wie hab‘ ich die Achtung gegen euch aus den Augen gesetzt! Ach und tausendmal Ach und Wehe über mich, daß ich mich so ungezügelt meiner Neigung überließ! O, falsche Worte, die mich verführten, sie durch Handlungen zu erwidern! Doch über wen beklag‘ ich mich, ich Arme? Hab‘ ich nicht selbst mich zu täuschen gewünscht? Hab‘ ich nicht selbst das Messer genommen, womit ich meine Ehre gemordet und die gute Meinung, die meine bejahrten Eltern von meiner Tugend hatten? O, treuloser Marco Antonio! Wie ist es möglich, daß den süßen Worten, die du mir sagtest, die Galle der Kränkung und Verachtung beigemischt war? Wo bist du, Undankbarer? Wohin hast du dich gewandt, Unerkenntlicher? Antworte mir; ich spreche mit dir. Wart‘ auf mich; ich folge dir. Halte mich; ich versinke. Bezahle mir, was du mir schuldig bist. Hilf mir, da du soviele Verbindlichkeiten gegen mich hast.«

Hier schwieg sie, und ihr Seufzen und Ächzen verriet, daß ihre Augen nicht aufhörten, zärtliche Tränen zu vergießen. Das alles hörte der zweite Gast mit ruhigem Schweigen an und nahm aus dem, was er gehört hatte, ab, daß das Klagen ohne Zweifel von einem Frauenzimmer herkommen müßte, was seine Neugier nur noch mehr reizte, sie kennenzulernen. Er war mehrere Male im Begriff, nach ihrem Bette zu gehen und hätte es auch getan, als er hörte, daß sie aufstand, die Tür öffnete und den Wirt rief, er sollte ihr Pferd satteln, weil sie abreisen wolle.

Nachdem sich der Wirt eine gute Weile hatte rufen lassen, antwortete er endlich, er möge sich noch gedulden, denn die Nacht sei noch nicht einmal halb vorüber und die Dunkelheit so groß, daß es verwegen sein würde, sich auf den Weg zu machen.

Dabei beruhigte sie sich, machte die Tür wieder zu und warf sich mit einem tiefen Seufzer auf das Bett. Der, welcher ihr zuhörte, fand es für gut, sie anzureden und ihr allen nur möglichen Beistand anzubieten, um sie dadurch zur Mitteilung ihrer traurigen Geschichte zu bewegen. »Herr Kavalier,« sprach er, »wenn Eure Seufzer und Reden nicht mein Mitleid erregt hätten, so könnt‘ ich sicher daraus abnehmen, daß ich ohne natürliches Gefühl wäre und ein Herz von Stein und eine Brust von hartem Erz hätte. Wenn meine Teilnahme und der Entschluß, Euch zum Besten – ist anders Euch zu helfen –, mein Leben zu wagen, eine Gegengefälligkeit verdient, so bitt‘ ich Euch, erzeigt sie mir, indem Ihr mir ohne Hehl die Ursache Eures Schmerzes mitteilt.«

»Hätt‘ er mich nicht der Besinnung beraubt,« versetzte die Klagende, »so hätt‘ ich überlegen müssen, daß ich nicht allein auf diesem Zimmer war; dann würde ich meine Zunge besser im Zaume gehalten und meine Seufzer mehr unterdrückt haben. Doch weil mich meine Besonnenheit gerade da verlassen hat, wo sie mir so nötig war, so will ich Euch Eure Bitte gewähren. Indem ich die traurige Geschichte meiner Leiden Euch wiederhole, raubt mir vielleicht der erneute Schmerz das Leben. Doch wenn Ihr wollt, daß ich tue, was Ihr begehrt, so müßt Ihr mir versprechen, so wahr Ihr Euch in Eurem Anerbieten aufrichtig gegen mich bewiesen habt und so wahr Ihr derjenige seid, für den man Euch, nach Eurer edlen Art, Euch auszudrücken, halten muß, daß Ihr, was Ihr auch von mir hören mögt, weder Euer Bett verlassen und dem meinen Euch nähern, noch auch mehr von mir ausforschen wollt, als was ich Euch ungefragt erzähle. Solltet Ihr dem entgegenhandeln, so werd‘ ich in demselben Augenblicke, wo ich merke, daß Ihr Euch rührt, mit dem Degen, den ich zum Haupte meines Bettes finde, meine Brust durchbohren.«

Der andere, der tausend unmögliche Dinge versprochen hätte, um zu erfahren, worauf er so neugierig war, versprach, nicht ein Haar breit von der gegebenen Vorschrift abzuweichen und bekräftigte seine Zusage noch mit tausend Schwüren.

»Im Vertrauen darauf«, versetzte die andere, »will ich tun, was ich bis jetzt noch nicht getan habe, nämlich meine Lebensgeschichte mitteilen. So hört denn:

Ihr müßt wissen, mein Herr, daß ich, der Manneskleider ungeachtet, in welchen ich, wie man Euch wohl gesagt hat, in diesen Gasthof kam, ein unglückliches Mädchen bin oder es doch vor acht Tagen noch war, wo ich aus Unachtsamkeit und Torheit es aufhörte zu sein, weil ich den falschen und gleisnerischen Worten eines treulosen Mannes Glauben beimaß. Mein Name ist Theodosia, meine Heimat ein angesehener Ort hier in Andalusien, dessen Namen ich verschweige, weil Euch weniger daran liegt, ihn zu wissen, als mir, ihn zu verheimlichen. Meine Eltern sind von Adel und mehr als mittelmäßig reich. Sie haben einen Sohn und eine Tochter; jener macht ihnen Freude und Ehre, diese aber von allem das Gegenteil. Den Sohn schickten sie auf die Universität nach Salamanca, mich behielten sie im Hause und erzogen mich mit der Sorgfalt und Aufmerksamkeit, die ihre Denkungsart und ihr Adel erforderten. Ich gehorchte ihnen immer, ohne daß mir’s schwer ankam, und unterwarf meinen Willen in allem dem ihrigen, bis mein Unstern oder meine Vermessenheit meine Blicke auf den Sohn eines unserer Nachbarn lenkte, der reicher ist als meine Eltern und ebenso vornehm wie diese. Das erstemal, wo ich ihn sah, empfand ich weiter nichts als ein gewisses Vergnügen über seinen Anblick, und das war kein Wunder; denn sein Anstand, seine Artigkeit, sein Gesicht, seine Manieren nebst seinem Verstande und seiner Leutseligkeit wurden von jedermann gerühmt und geschätzt. Doch was hilft mir’s, meinen Feind zu loben und dies für mich so unglückliche Ereignis oder vielmehr diesen Anfang meiner Torheit so weitläuftig zu erzählen? Genug, er sah mich einmal und mehrmals aus einem Fenster, das dem meinen gegenüber war. Von dort sandte er mir, wie mir’s vorkam, sein Herz in seinen Blicken, und die meinen fanden jetzt in seinem Anblicke eine andere Art von Vergnügen als das erstemal; ja, sie zwangen mich, alles für reine Wahrheit zu nehmen, was ich in seinem Gesichte und in seinen Mienen las. Die Blicke vermittelten eine Unterredung, die Unterredung eine Erklärung seines Wunsches, sein Wunsch erweckte den meinen und machte, daß ich ihm Glauben beimaß. Zu dem allen kamen noch Versprechungen, Schwüre, Tränen, Seufzer und alles, was nach meiner Meinung ein treuer Liebhaber tun kann, um die Aufrichtigkeit seiner Liebe und die Treue seines Herzens an den Tag zu legen. Für mich Unglückliche, die sich noch nie in dergleichen Lagen und Gefahren befunden hatte, war jedes Wort eine Artilleriesalve, die an dem Bollwerk meiner Ehre ein Stück Mauer einschoß; jede Träne ein Brand, der meine Sittsamkeit anzündete; jeder Seufzer ein wütender Sturm, der die Glut dergestalt anfachte, daß sie meine Tugend, die bisher auch nicht versehrt war, völlig verzehrte. Kurz, sein Versprechen, mich trotz dem Willen seiner Eltern – die ein anderes Mädchen für ihn bestimmt hatten – zu heiraten, untergrub meine Sittsamkeit vollends, und ohne selbst zu wissen, wie, überließ ich mich ihm, ohne Vorwissen meiner Eltern und ohne einen anderen Zeugen meiner Torheit zu haben, als einen Pagen des Marco Antonio – so heißt derjenige, der mich um meine Ruhe gebracht hat.«

»Kaum hatte er den Besitz meiner Person, nach dem er strebte, erlangt, so verschwand er zwei Tage nachher aus unserem Orte, und weder seine Eltern noch sonst jemand konnten sagen oder erraten, wo er hingegangen sei. Wie mir dabei zumute ward, das schildere, wer es kann; ich war und bin nur imstande, es zu empfinden. Ich zerraufte mein Haar, als wenn diesem die Schuld meines Fehltrittes beizumessen sei, zerkratzte mein Gesicht, weil mir dieses einzig und allein mein Unglück veranlaßt zu haben schien; ich verwünschte mein Schicksal, klagte meinen raschen Entschluß an, vergoß unzählige Tränen und erstickte beinahe in ihnen und in den Seufzern, die aus meiner schmerzerfüllten Brust drangen. Ich klagte meine Not im stillen dem Himmel und schweifte mit meiner Einbildungskraft umher, um einen Weg oder Steg zu meiner Rettung zu entdecken, und derjenige, den ich fand, war, Mannskleider anzulegen, mein elterliches Haus zu verlassen und diesen zweiten betrügerischen Äneas, diesen grausamen und meineidigen Vireno, diesen Zerstörer meiner guten Grundsätze und meiner gerechten und wohlbegründeten Hoffnungen aufzusuchen. Ohne lange Überlegungen anzustellen, nahm ich einen Reiseanzug meines Bruders, den mir die Gelegenheit in die Hände gab, und ein Pferd meines Vaters, das ich selbst sattelte, und verließ in einer stockfinsteren Nacht das elterliche Haus in der Absicht, nach Salamanca zu gehen, weil man, wie ich nachher erfuhr, vermutete, Marco Antonio sei dahin gegangen; denn er ist auch Student und ein Kamerad meines Bruders, von dem ich Euch gesagt habe. Ich versäumte dabei nicht, mich für vorkommende Notfälle gehörig mit Geld zu versehen.«

»Was mich am meisten beunruhigt, ist der Gedanke, daß mir meine Eltern nachsetzen lassen und durch meine Kleidung und das Pferd mich leicht ausfindig machen werden. Außerdem fürcht‘ ich mich auch vor meinem Bruder in Salamanca; denn erkennt er mich, so kann man sich leicht vorstellen, in welcher Lebensgefahr ich alsdann schwebe. Denn hört er auch meine Entschuldigung an, so überwiegt doch die geringste Kränkung seiner Ehre alles, was ich zu meiner Verteidigung anführen mag. Doch auch auf die Gefahr hin, mein Leben zu verlieren, bin ich fest entschlossen, meinen grausamen Gemahl aufzusuchen; denn er kann es nicht leugnen, daß er’s ist, wenn nicht das Pfand, das er in meinen Händen gelassen hat, ihn Lügen strafen soll, nämlich ein Diamantenring mit der Devise: Marco Antonio ist Theodosiens Gemahl. Find‘ ich ihn, so soll er mir sagen, was er an mir gefunden hat, das ihn bewog, mich so schnell zu verlassen. Kurz, ich will es dahin bringen, daß er mir Wort und Treue hält, oder ich raub‘ ihm das Leben und zeige, daß ich ebenso rasch zur Rache schreite als ich’s ihm leicht machte, mich zu beleidigen. Denn das adlige Blut, das mir meine Eltern gegeben haben, erweckt in mir einen Mut, der mir entweder Genugtuung oder Rache verschaffen wird.«

»Das, Herr Kavalier, ist die wahre und unglückliche Geschichte, die Ihr zu wissen wünschtet, und sie wird hinreichend sein, die Seufzer und Klagen zu entschuldigen, die Euch aus dem Schlafe geweckt haben. Könnt Ihr mir auch nicht helfen, so bitt‘ ich Euch wenigstens um einen guten Rat, wie ich den Gefahren entgehen kann, die mich bedrohen; wie ich die Furcht beschwichtige, daß man mich ausfindig macht und wie ich’s am besten anzufangen habe, um dasjenige zu erlangen, was ich so sehr wünsche und bedarf.«

Geraume Zeit erwiderte der, welcher die Geschichte der verliebten Theodosia angehört hatte, kein Wort, und so lange, daß sie glaubte, er sei eingeschlafen und habe nichts gehört. Um zur Gewißheit zu kommen, ob ihre Vermutung begründet sei, fragte sie: »Schlaft Ihr, mein Herr? Es wär‘ Euch nicht übel zu nehmen; denn wer von Schmerz ergriffen seine Leiden einem anderen erzählt, der sie nicht fühlt, kann wohl seinen Zuhörer eher einschläfern als zum Mitleid bewegen.«

»Ich schlafe nicht,« versetzte der Kavalier, »sondern ich bin so wach und empfinde Euer Unglück so sehr, daß ich fast sagen möchte, es schmerze und beängstige mich in demselben Maße wie Euch selbst. Darum werd‘ ich es nicht bloß bei dem guten Rate bewenden lassen, um den Ihr mich bittet, sondern Euch auch aus allen Kräften beistehen. Denn ob sich gleich in der Art, wie Ihr mir Eure Geschichte erzählt habt, Euer seltener Verstand zu Tage legt, demzufolge mehr Eure Neigung Euch verführt haben muß als die Überredungen des Marco Antonio, so will ich doch als Entschuldigung Eures Fehltrittes Eure Jugend gelten lassen, welche die mannigfaltigen Verführungskünste der Männer noch nicht aus Erfahrung kennt. Beruhigt Euch, mein Fräulein, und schlaft, wenn ihr könnt, die wenigen Stunden der Nacht, die noch übrig sein können; wenn es Tag wird, wollen wir uns beide miteinander beraten und sehen, wie Euch zu helfen ist.«

Theodosia dankte ihm, so gut sie konnte und suchte etwas zu ruhen, damit der Kavalier schlafen könnte. Doch dieser vermochte nicht einen Augenblick zu ruhen, sondern fing an, sich in seinem Bette herumzuwerfen und dergestalt zu seufzen, daß Theodosia nicht umhin konnte, ihn zu fragen was ihm fehle; denn wenn sie ihm helfen könne, sollte es mit derselben Bereitwilligkeit geschehen, mit der er ihr seinen Beistand angeboten habe.

Der Kavalier versetzte darauf: »Ihr seid zwar selbst die Ursache von der Unruhe, die Ihr an mir wahrgenommen habt, mein Fräulein; aber Ihr seid nicht diejenige, die ihr abhelfen kann; denn könntet Ihr das, so wollt‘ ich mir keinen Kummer machen.«

Theodosia konnte nicht begreifen, was er mit dieser dunkeln Antwort sagen wolle, doch argwöhnte sie, es quäle ihn ein Liebesschmerz, dessen Gegenstand sie vielleicht selbst sei; und dieser Argwohn konnte auch leicht in ihr entstehen: denn es wäre kein Wunder gewesen, wenn die Gelegenheit, die Einsamkeit und die Finsternis in ihm einen bösen Gedanken erzeugt hätten, da er wußte, daß sie ein Frauenzimmer war. Weil sie dies besorgte, kleidete sie sich in aller Stille hurtig an und umgürtete sich mit ihrem Degen und Dolch und erwartete in dieser Rüstung, auf dem Bette sitzend, den Tag, der auch bald darauf seine Ankunft durch die Lichtstrahlen ankündigte, die durch die vielen Ritzen und Spalten hereinfielen, an denen es in den Zimmern der Schenken und Wirtshäuser nicht fehlt.

Der Kavalier hatte es ebenso wie Theodosia gemacht, und kaum sah er das Tageslicht in das Zimmer fallen, so stand er vom Bett auf und rief: »Steht auf, Fräulein Theodosia, denn ich will Euch auf dieser Reise begleiten und Euch nicht von meiner Seite lassen, bis Ihr den Marco Antonio als Euren rechtmäßigen Gemahl an der Eurigen habt, oder bis einer von uns den Tod gefunden hat. Ihr sollt daraus abnehmen, wie sehr Euer Unglück meine Teilnahme und meine Hilfe in Anspruch genommen hat.« Mit diesen Worten öffnete er die Tür und die Fensterladen des Zimmers.

Theodosia sehnte sich nach der Helligkeit, um denjenigen von Person kennenzulernen, mit dem sie die ganze Nacht gesprochen hatte. Doch wie sie ihn erblickt und erkannt hatte, wünschte sie, es hätte nie getagt und eine beständige Nacht hätte ihre Augen umgeben. Denn kaum hatte der Kavalier, der ebenfalls auf ihren Anblick begierig war, seine Augen auf sie gerichtet, so erkannte sie in ihm ihren Bruder, vor dem sie sich so sehr fürchtete. Bei seinem Anblicke erblindete sie beinahe und stand stumm, verwirrt und totenbleich vor ihm. Doch in ihrem Schrecken verließ sie ihr Mut nicht, noch in der Gefahr die Besonnenheit, sondern sie griff nach ihrem Dolch, faßte ihn bei der Spitze, warf sich ihrem Bruder zu Füßen und sagte mit bebender und ängstlicher Stimme: »Nimm diesen Stahl, mein Herr und geliebter Bruder und strafe damit den Fehltritt, den ich begangen habe, um deine Rache zu stillen, denn bei einem so großen Vergehen, wie das meine ist, darf kein Mitleid mich retten. Ich bekenne meine Schuld und verlange nicht, daß meine Reue mir zur Entschuldigung gereiche. Ich bitte dich bloß, wähle eine Strafe, die mir das Leben und nicht die Ehre raubt; denn ob ich diese gleich durch meine Flucht aus dem elterlichen Hause der größten Gefahr ausgesetzt habe, so wird sie doch gerettet, wenn die Strafe, die du über mich verhängst, geheim bleibt.«

Ihr Bruder sah sie an und obwohl die Unbesonnenheit ihres ausschweifenden Schrittes ihn zur Rache reizte, so besänftigten doch die zärtlichen und rührenden Ausdrücke, womit sie ihr Vergehen eingestand, sein Gemüt dergestalt, daß er sie mit freundlichen und sanften Blicken von der Erde aufhob und ihr, so gut er konnte und wußte, Trost einsprach. Unter anderem sagte er, er schiebe ihre Bestrafung vor der Hand auf, weil ihm keine Strafe einfalle, die ihrer Torheit angemessen sei. Deshalb und weil er glaube, daß ihr das Schicksal noch nicht jeden rettenden Ausweg abgeschnitten habe, wolle er erst lieber alles mögliche zu ihrer Rettung aufbieten, als Rache für die Beleidigung nehmen, die sie ihm durch ihren grenzenlosen Leichtsinn zugefügt habe.

Bei diesen Worten gewann Theodosia ihre verlorenen Lebensgeister wieder; die Farbe kehrte auf ihr Gesicht zurück und ihre fast erstorbenen Hoffnungen lebten wieder auf. Don Rafael, so hieß ihr Bruder, wollte nicht weiter mit ihr von ihrem Fehltritte sprechen; er riet ihr bloß, den Namen Theodosia mit Theodoro zu vertauschen und mit ihm gleich nach Salamanca zu reisen, wo sie gemeinschaftlich den Marco Antonio aufsuchen wollten, wiewohl er fürchte, ihn nicht dort zu treffen, weil er ihn sonst wohl als seinen Kameraden würde gesprochen haben; doch wär’s auch möglich, daß die Beleidigung, die er ihm zugefügt, ihm die Lust benommen habe, ihn zu sehen und zu sprechen.

Der neue Theodoro unterwarf sich dem Willen seines Bruders. Indem trat der Wirt herein, bei dem sie ein Frühstück bestellten, weil sie unverzüglich abreisen wollten.

Indes der Maultiertreiber die Tiere sattelte und das Frühstück kam, kehrte ein Edelmann in den Gasthof ein, den Don Rafael sogleich erkannte. Auch Theodoro erkannte ihn und wagte nicht, aus dem Zimmer zu gehen, um nicht entdeckt zu werden. Beide umarmten sich und Don Rafael fragte den Angekommenen, was es Neues in seiner Heimat gebe.

Der andere versetzte, er komme vom Hafen Santa Maria, wo er vier Galeeren verlassen habe, die nach Neapel abgehen wollten, und den Marco Antonio Adorno, den Sohn des Don Leonardo Adorno, der sich auf einer derselben eingeschifft habe. Über diese Nachricht freute sich Don Rafael; denn er hielt es für eine gute Vorbedeutung, daß er so unvermutet Nachricht von dem erhielt, was für ihn so wichtig war. Er bat seinen Freund, sein Maultier gegen das Pferd seines Vaters zu vertauschen, das der andere recht gut kannte, ohne ihm jedoch zu sagen, daß er von Salamanca komme, sondern er gab vor, er reise dahin und wolle ein so treffliches Pferd auf einen so weiten Weg nicht mitnehmen. Der andere, ein dienstfertiger Mann und sein Freund, war mit dem Tausche zufrieden und versprach, das Pferd seinem Vater zurückzuliefern. Sie frühstückten zusammen und Theodoro allein; dann nahm Don Rafaels Freund seinen Weg nach Cazalla, wo er eine reiche Erbschaft antreten wollte. Don Rafael reiste nicht mit ihm ab, sondern, um mit guter Art von ihm loszukommen, gab er vor, er müsse denselben Tag nach Sevilla zurück. Wie sich der andere auf den Weg gemacht hatte, die Tiere gesattelt, die Rechnung gemacht und dem Wirte bezahlt, auch Abschied genommen war, ritten die Geschwister fort und ließen im Gasthofe alles in Verwunderung über ihre Schönheit und Anmut; denn Don Rafael besaß als Mann nicht minder Anstand, Würde und einnehmendes Wesen, als seine Schwester Reiz und Grazie.

Gleich beim Wegreiten erzählte Don Rafael seiner Schwester, was er über Marco Antonio in Erfahrung gebracht habe, und er war der Meinung, daß sie so schleunig wie möglich nach Barcelona reisten, wo die Galeeren, die nach Italien gehen, oder von dorther kommen, gewöhnlich einige Tage haltzumachen pflegen, und wenn sie noch nicht angelangt seien, so könnten sie sie dort erwarten und sicher darauf rechnen, den Marco Antonio dort anzutreffen.

Seine Schwester versetzte, er solle in allen Stücken tun, was er für das Beste halte, denn sie habe keinen anderen Willen als den seinigen.

Don Rafael sagte zu dem Maultiertreiber, den er bei sich hatte, er solle sich die Zeit nicht lang werden lassen, wenn er ihn nach Barcelona begleiten müsse, und versprach, ihn für die Zeit, wo er bei ihm bleibe, reichlich zu lohnen. Der Bursche, der in seinem Geschäfte unverdrossen war und Don Rafaels Freigebigkeit kannte, antwortete, er werde ihn selbst bis ans Ende der Welt begleiten und bedienen.

Don Rafael fragte seine Schwester, wieviel sie Geld bei sich habe. Sie antwortete, sie habe es nicht gezählt, sondern wisse bloß, daß sie sieben bis acht Griffe in den Schreibschrank ihres Vaters getan und jedesmal eine Handvoll Goldgulden herausgenommen habe. Dieser Angabe nach schlug Don Rafael ihr Geld auf fünfhundert Goldgulden an, die mit den zweihundert und der goldenen Kette, die er bei sich führte, ihm hinlänglich schienen, um ihre Reise ganz bequem machen zu können, zumal, da er sicher darauf rechnete, den Marco Antonio in Barcelona zu treffen.

Sie beschleunigten sonach ihre Reise und kamen, ohne Unfall und Anstoß, bis zwei Meilen vor Igualada, einem Orte, der neun Meilen von Barcelona liegt. Unterwegs hatten sie gehört, daß ein Kavalier, der als Gesandter nach Rom gehe, in Barcelona auf die Galeeren warte, die noch nicht angelangt seien; eine Nachricht, die ihnen sehr willkommen war. In dieser frohen Stimmung ritten sie auf ein Wäldchen zu, das auf dem Wege lag und sahen einen Menschen aus demselben gelaufen kommen, der sich beständig ängstlich umsah. Don Rafael ritt ihm entgegen und fragte: »Warum reißt Ihr aus, guter Freund, oder was ist Euch zugestoßen, daß die Furcht Eure Schritte so zu beflügeln scheint?«

»Soll ich nicht laufen und Furcht haben,« versetzte der andere, »da ich wie durch ein Wunder einer Räuberbande entkommen bin, die in diesem Walde haust?« »Das ist schlimm, so wahr Gott lebt! Sehr schlimm«, versetzte der Maultiertreiber. »Strauchdiebe um diese Tageszeit? Meiner Seele, die werden uns einmal ordentlich bezahlen.«

»Macht Euch nur keine Angst, Bruder,« versetzte der aus dem Walde, »die Räuber sind bereits fort und haben über dreißig Reisende bis aufs Hemd ausgezogen und hier im Walde an Bäume gebunden; nur einen einzigen Mann haben sie in Freiheit gelassen, der die übrigen losbinden sollte, wenn sie über einen Hügel wären, den sie ihm angaben.«

»Wenn das ist,« sprach Calvete, das war der Name des Maultiertreibers, »so können wir sicher unsern Weg fortsetzen; denn an den Ort, wo die Strauchdiebe einen Raub verüben, kommen sie in einigen Tagen nicht wieder. Ich weiß davon ein Lied zu singen, denn ich bin selbst ein paarmal in ihre Hände geraten und kenne deshalb ihre Sitten und Gebräuche aufs Haar.«

»So verhält sich’s«, sprach der andere, und Don Rafael beschloß deshalb weiter zu reiten. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie die Gebundenen antrafen, mehr als vierzig an der Zahl, welche der eine, den man nicht gefesselt hatte, eben losband. Es war ein seltsames Schauspiel, das sie darboten. Einige waren ganz nackt, andere in die Lumpen der Buschklepper gehüllt; einige weinten über ihren Verlust, andere lachten über den seltsamen Aufzug der anderen; dieser erzählte haarklein, was man ihm genommen habe; jener äußerte, von den vielen Habseligkeiten, die er bei sich geführt, tue ihm nichts so leid, als eine Schachtel Agnus, die er von Rom mitgebracht habe. Kurz, alles, was man hier hörte, waren Klagen und Seufzer der armen Beraubten.

Die beiden Geschwister betrachteten das alles mit teilnehmendem Schmerze, und dankten dem Himmel, daß er sie vor einer so nahen und großen Gefahr bewahrt habe. Doch was beide und besonders den Theodoro am meisten rührte, war ein Jüngling, dem Anscheine nach sechzehn Jahre alt, der im bloßen Hemde und leinenen Hosen an eine Eiche gebunden und so schön von Angesicht war, daß er aller Blicke auf sich zog. Theodoro stieg ab, ihn loszubinden, und der andere dankte ihm in sehr verbindlichen Ausdrücken für diese Wohltat. Um sie zu vergrößern, bat er den Maultiertreiber Calvete, ihm seinen Mantel zu leihen, bis sie in dem nächsten Orte einen anderen für diesen artigen, jungen Mann kaufen könnten. Calvete gab ihn her und Theodoro warf ihn dem Jüngling um, indem er ihn fragte, wo er zu Hause sei, woher er komme und wohin er wolle.

Don Rafael war bei allem zugegen, und der junge Mann gab zur Antwort, er sei aus Andalusien, und nannte einen Ort, der nur zwei Meilen von dem ihrigen entfernt war. Er sagte, er komme von Sevilla und seine Absicht sei, nach Italien zu gehen, um hier sein Glück als Soldat zu versuchen, wie es viele andere Spanier zu tun pflegten; doch sein Schicksal habe ihn den Räubern in die Hände geführt, die ihm eine bedeutende Summe baren Geldes und Kleider, die mehr als dreihundert Taler wert wären, abgenommen hätten. Dessenungeachtet gedenke er seine Reise fortzusetzen; denn er sei nicht von der Art, daß die Hitze seines Eifers durch den ersten Unfall gedämpft würde.

Die vernünftigen Reden des Jünglings, die Nachricht, daß er so nahe bei ihrer Heimat zu Hause sei, besonders aber der Empfehlungsbrief, den ihm seine Schönheit gab, machten die beiden Geschwister geneigt, ihm, so viel sie vermochten, beizustehen; und nachdem sie an die, welche ihnen als die Bedürftigsten vorkamen, besonders an die Mönche und Geistlichen, deren über acht dabei waren, einiges Geld ausgeteilt hatten, ließen sie den jungen Mann auf Calvetes Maultier aufsitzen und eilten, ohne sich weiter aufzuhalten, nach Igualada, wo sie erfuhren, die Galeeren seien tags zuvor in Barcelona angekommen und würden in zwei Tagen wieder abgehen, wenn sie nicht durch ungünstige Witterung gezwungen würden, die Reede eher zu verlassen.

Diese Nachricht bestimmte sie, den anderen Morgen vor Sonnenaufgang aufzubrechen, wiewohl sie die Nacht zuvor nicht recht schliefen, sondern sie zum Teil unruhiger zubrachten, als die beiden Geschwister erwartet hatten. Wie sie nämlich mit dem Jünglinge, den sie losgebunden hatten, bei Tische saßen, faßte ihn Theodoro genauer ins Auge und es kam ihm vor, als habe er Löcher in den Ohren. Dies und sein schamhafter Blick brachte ihn auf die Vermutung, daß es vielleicht ein Frauenzimmer sei, und er sah mit Ungeduld dem Ende der Abendmahlzeit entgegen, um unter vier Augen über seine Mutmaßung ins reine zu kommen.

Über dem Essen fragte Don Rafael den Jüngling, wer sein Vater sei; denn er kannte alle Personen von Stande in seiner Heimat, wenn er sie anders richtig angegeben hatte.

»Der wohlbekannte Kavalier, Don Enrique de Cardenas«, versetzte der Jüngling.

Don Rafael entgegnete, er kenne den Don Enrique de Cardenas recht gut; doch wisse er bestimmt, daß dieser keinen Sohn habe. Wenn er es aber vorgegeben habe, um seine Eltern nicht zu entdecken, so liege nichts daran, daß er sie nenne, und er wolle nicht weiter darnach fragen.

»Es ist wahr,« erwiderte der Jüngling, »daß Don Enrique keine Söhne hat, wohl aber ein Bruder von ihm, Don Sancho.«

»Der hat ebensowenig Söhne,« versetzte Don Rafael, »sondern eine einzige Tochter, von der man sagt, sie sei eins der schönsten Mädchen in Andalusien. Doch weiß ich das bloß vom Hörensagen; denn so oft ich auch in ihrem Orte gewesen bin, so hab‘ ich sie doch nie zu Gesicht bekommen.«

»Alles was Ihr da sagt, ist wahr, mein Herr«, antwortete der Jüngling. »Don Sancho hat nur eine einzige Tochter, die jedoch nicht so schön ist, als sie das Gerücht macht; und wenn ich Don Enrique als meinen Vater angab, so geschah es bloß, um in Euren Augen etwas vorzustellen; denn er ist es nicht, sondern der Hausverwalter des Don Sancho, der sich seit vielen Jahren in seinen Diensten befindet. Ich bin in seinem Hause geboren und wegen eines gewissen Verdrusses, den ich meinem Vater machte, indem ich ihm eine bedeutende Summe Geldes entwendete, beschloß ich, wie schon gesagt, nach Italien zu gehen und mich im Kriege zu versuchen, in welchem, wie ich selbst schon gesehen habe, auch Leute von niederer Herkunft sich berühmt machen können.«

Auf alle diese Reden und die Art, wie er sie vorbrachte, war Theodoro sehr aufmerksam und fand seine Vermutung immer mehr bestätigt. Nach geendigtem Abendessen stand man vom Tische auf, und während sich Don Rafael entkleidete, ging Theodoro mit Vorwissen seines Bruders, dem er seine Vermutung mitgeteilt hatte, in Gesellschaft des Jünglings auf den Erker eines großen Fensters, das auf die Straße ging, und nachdem sie sich beide an die Brüstung gelehnt, redete Theodoro den Jüngling folgendermaßen an:

»Ich wünschte, Herr Francisco – so hatte jener seinen Namen angegeben –, Euch so viele Gefälligkeiten erzeigt zu haben, daß Ihr mir keine Bitte abschlagen dürftet, die ich an Euch tun könnte; doch die kurze Zeit unserer Bekanntschaft hat mir freilich dazu noch keine Gelegenheit gegeben. Indes erfahrt Ihr vielleicht in Zukunft, was meine freundschaftliche Gesinnung verdient, und wenn Ihr auch jetzt meinen Wunsch nicht erfüllen wollte, so werd‘ ich nicht aufhören, Euch gewogen zu sein, wie ich es auch jetzt bin, eh‘ ich Euch noch denselben entdeckt habe. Wißt, ob ich gleich ebenso jung bin, wie Ihr, so besitz‘ ich doch mehr Erfahrung von den Dingen in der Welt, als sich von meiner Jugend erwarten läßt; infolge derselben bin ich auf die Vermutung gekommen, daß Ihr keine Mannesperson seid, wie Eure Kleidung andeutet, sondern ein Frauenzimmer, und zwar von so edler Herkunft als Eure Schönheit verrät und vielleicht so unglücklich, als Eure Verkleidung zu erkennen gibt; denn zu solchen Verkleidungen nimmt einer nie im Glück seine Zuflucht. Ist meine Vermutung gegründet, so sagt es mir; denn ich schwöre Euch auf das Ehrenwort eines Kavaliers, was ich bin, Euch jeden möglichen Dienst und Beistand zu leisten. Ihr könnt es gegen mich nicht leugnen, daß Ihr ein Frauenzimmer seid, denn diese Wahrheit blickt deutlich genug aus den Ohrenlöchern hervor und Ihr seid etwas zu sorglos gewesen, daß Ihr sie nicht mit fleischfarbenem Wachs verklebt und versteckt habt, denn es wäre möglich, daß ein anderer, der bei gleicher Neugierde es nicht so redlich meinte als ich, dasjenige entdeckte, was Ihr so schlecht zu verbergen wußtet. Ich wiederhol‘ es, Ihr könnt Euch ohne Bedenken mir eröffnen, indem ich Euch meine Hilfe anbiete und die Verschwiegenheit zusage, die Ihr nur immer verlangt.«

Sehr aufmerksam hörte der Jüngling an, was Theodoro zu ihm sagte, und wie er sah, daß er schwieg, ergriff er, ehe er ein Wort erwiderte, seine Hände, führte sie zu seinem Munde, küßte sie inbrünstig und badete sie in einem Strom von Tränen, die seinen schönen Augen entquollen. Theodoro war dadurch so gerührt, daß er nicht umhin konnte, mit zu weinen, ein natürlicher und eigentümlicher Zug edler Frauen, den Schmerz und Kummer anderer sich nahe gehen zu lassen. Wie jedoch Theodoro mit Mühe seine Hände dem Jünglinge entzogen hatte und auf seine Antwort gespannt war, sprach dieser nach einem tiefen, von vielen Seufzern begleiteten Aufstöhnen: »Ich kann und will es nicht leugnen, mein Herr, daß Eure Vermutung Grund hat. Ich bin ein Frauenzimmer, und zwar das unglücklichste, das je ein Weib geboren hat. Und da das, was Ihr an mir getan habt und die Anerbietungen, die Ihr mir tut, mich verpflichten, allem was Ihr mir befehlt zu gehorchen, so will ich Euch sagen wer ich bin, wenn es Euch anders nicht langweilt, fremde Leiden zu vernehmen.«

»Sie sollen mich beständig treffen,« versetzte Theodoro, »wenn sich nicht bei mir das Vergnügen, sie zu erfahren, zu dem Schmerze gesellt, zu wissen, daß es die Eurigen sind; schon jetzt empfind‘ ich sie wie meine eignen.« Er umarmte den Jüngling abermals und wiederholte seine aufrichtigen Anerbietungen, worauf dieser etwas beruhigter fortfuhr:

»Was mein Vaterland betrifft, so hab‘ ich die Wahrheit berichtet, aber nicht in betreff meiner Eltern; denn Don Enrique ist nur mein Oheim und sein Bruder Don Sancho mein Vater. Ich bin die unglückliche Tochter des Don Sancho, die nach der Erzählung Eures Bruders eine so berühmte Schönheit sein soll: ein Irrtum, der durch den Mangel an Reizen widerlegt wird, den man an mir wahrnimmt. Mein Name ist Leocadia. Vernehmt jetzt, was Veranlassung zu meiner Verkleidung gegeben hat. Zwei Meilen von meinem Heimatorte liegt eine der vornehmsten und reichsten Städte Andalusiens, in welcher ein vornehmer Kavalier lebt, der von den edlen und alten Adornos von Genua abstammt. Dieser hat einen Sohn, der, wenn das Gerücht sein Lob nicht ebenso übertreibt wie das meinige, einer der artigsten Männer ist, wie man sie sich nur wünschen kann. Teils wegen der Nachbarschaft, teils wegen der Jagd, der er ebenso eifrig zugetan war als mein Vater, kam er einigemal in unsere Wohnung und blieb fünf bis sechs Tage bei uns, und diese Zeit brachten sie, den ganzen Tag und zum Teil auch die Nacht, auf freiem Felde zu. Dies gab dem Schicksal, oder der Liebe, oder meiner Unachtsamkeit, hinlänglichen Anlaß, mich von der Höhe meiner guten Grundsätze in die Tiefe des Zustandes herabzustürzen, in dem ich mich jetzt befinde. Denn indem ich der Anmut und dem Verstande des Marco Antonio mehr Aufmerksamkeit schenkte, als es einem sittsamen Mädchen zukommt, und den Adel seines Geschlechts, sowie die großen Reichtümer seines Vaters in Erwägung zog, so glaubt‘ ich, wenn ich ihn zum Gemahl bekäme, alle nur zu wünschende Glückseligkeit gefunden zu haben. Nun fing ich an, ihn sorgfältiger zu betrachten, aber unstreitig auch sorgloser, denn er bemerkte, daß ich ihn betrachtete. Einen anderen Weg wünschte und brauchte der Verräter nicht, um in das Geheimnis meines Herzens einzudringen und mir das edelste Kleinod meiner Seele zu rauben.«

»Doch ich weiß nicht, mein Herr, warum ich Euch haarklein alle unbedeutenden Umstände erzähle, die nichts zur Sache tun, und nicht lieber auf einmal sage, was er durch mehrmalige Bemühungen von mir erlangt hat. Nachdem er mir nämlich unter den heiligsten und stärksten Schwüren sein Wort gegeben hatte, mich zu heiraten, war ich erbötig, ihn über mich frei schalten zu lassen. Doch mit seinen Schwüren und Worten, die in den Wind geredet sein könnten, noch nicht völlig zufrieden, ließ ich mir auch noch eine förmliche Verschreibung von ihm geben, mit seines Namens Unterschrift und so genau und umständlich abgefaßt, daß ich mich dabei beruhigte. Sobald ich diese in den Händen hatte, nahm ich mit ihm Abrede, daß er eines Abends in meinen Ort kommen und über eine Gartenmauer in mein Zimmer steigen sollte, wo er ganz ungestört die Frucht brechen könnte, die ihm allein bestimmt war. Endlich kam dieser von mir so heiß ersehnte Tag.«

Bis jetzt hatte Theodoro geschwiegen und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit Leocadiens Worte angehört, deren jedes sein Herz durchbohrte, besonders, als er den Namen Marco Antonio hörte, Leocadiens seltene Schönheit sah und ihre großen Vorzüge nebst dem ausgezeichneten Verstände in Betrachtung zog, den sie in der Erzählung ihrer Geschichte verriet. Wie sie aber sagte: »Endlich kam dieser von mir so heißersehnte Abend«, da war er nahe daran, die Geduld zu verlieren, und ohne weitere Überlegung rief er unwillkürlich aus: »Nun, was tat er denn, wie dieser glückliche Abend da war? Kam er glücklich auf Euer Zimmer? Habt Ihr Euch seiner erfreut? Hat er aufs neue die Verschreibung bestätigt? Fühlte er sich glücklich, von Euch erlangt zu haben, was, wie Ihr sagtet, nur ihm bestimmt war? Oder wie lief ein so kluges und sittsames Beginnen ab?«

»Es lief so ab,« sprach Leocadia, »daß es mich in den Zustand versetzt hat, in dem Ihr mich seht. Denn er genoß mich nicht und ich ihn nicht, noch kam er, wie es verabredet war.«

Bei diesen Worten schöpfte Theodosia wieder Atem, und ihre Lebensgeister, die – gereizt und beängstigt durch die rasende Pest der Eifersucht, die ihr allmählich durch Mark und Bein drang, um von ihrer Besonnenheit Besitz zu nehmen – nach und nach sie verließen, kehrten wieder zurück. Doch war ihr Gemüt noch nicht so unbefangen, daß sie gelassen hätte zuhören können, wie Leocadia in ihrer Erzählung also fortfuhr:

»Er blieb nicht bloß aus, sondern nach acht Tagen erfuhr ich für gewiß, er habe seine Heimat verlassen und die Tochter eines vornehmen Kavaliers daselbst, namens Theodosia, ein ungemein reizendes und geistreiches Frauenzimmer, aus dem Hause ihrer Eltern entführt. Weil ihre Eltern so vornehmen Standes waren, so ward dieser Vorfall in meinem Orte bald ruchbar und kam auch mir zu Ohren. Mit dieser Nachricht durchbohrte zugleich der kalte und furchtbare Speer der Eifersucht mein Herz, und meine Seele entzündete ein Feuer, das meine Ehre in Asche legte, meinen guten Namen verzehrte, meine Geduld aufrieb und meinem Verstande ein Ende machte. Ich Unglückliche! Sogleich erschien mir Theodosia in meiner Einbildung schöner als die Sonne und verständiger als der Verstand selber, vor allem aber glücklicher als ich alles Glücks Beraubte! Ich durchlas sogleich die Verschreibung und fand sie bündig, gültig und durchgängig rechtskräftig. Doch, obwohl meine Hoffnung zu derselben wie zu einem Heiligtume flüchtete, so sank sie doch zu Boden, sobald ich an die verdächtige Gesellschaft dachte, in der Marco Antonio sich befand. Ich zerkratzte mein Gesicht, zerraufte mein Haar und verwünschte mein Schicksal. Das aber, was ich am schmerzlichsten empfand, war, daß ich wegen der unvermeidlichen Gegenwart meines Vaters nicht zu jeder Stunde meinem Schmerze diese Opfer bringen konnte. Endlich entschloß ich mich, um entweder ungestört klagen zu können, oder – was das Wahrscheinlichste ist – um mein Leben zu beschließen, das väterliche Haus zu verlassen. Und da bei Ausführung eines bösen Vorhabens die Gelegenheit selbst die Hand zu bieten und alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen scheint, so entwendete ich ohne Bedenken einem Pagen meines Vaters seine Kleider und meinem Vater selbst eine bedeutende Summe Geldes, verließ eines Abends unter dem schwarzen Deckmantel der Nacht das Haus, wanderte einige Meilen zu Fuß und kam in einen Ort namens Osuna, wo ich einen Wagen nahm und zwei Tage darauf in Sevilla anlangte, wo ich bereits sicher sein konnte, daß man mich nicht finden würde, wenn man mir auch nachsetzte.«

»Hier kaufte ich mir andere Kleider und ein Maultier und reiste in Gesellschaft einiger Kavaliere ab, die nach Barcelona eilten, um nicht die Gelegenheit zu verlieren, die ihnen einige Galeeren darbieten, welche nach Italien gehen. Gestern begegnete uns, wie Ihr wißt, der Unfall mit den Räubern, die mir alles abgenommen haben, was ich bei mir führte und unter anderen auch das Kleinod, welches mein Leben noch erhielt und mir die Bürde meiner Leiden erleichterte, die Verschreibung des Marco Antonio. Mit derselben gedachte ich nach Italien zu gehen, und wenn ich den Marco Antonio aufgefunden hätte, sie ihm als einen Beweis seiner Untreue, mich selbst aber als ein Muster der Beständigkeit darzustellen und ihn zu bestimmen, sein Wort zu erfüllen. Doch dabei hab‘ ich zugleich erwogen, wie leicht derjenige Worte ableugnen wird, die auf ein Papier geschrieben sind, der Verbindlichkeiten verleugnet, die in sein Herz eingegraben sein sollten. Denn es liegt am Tage, wenn die unvergleichliche Theodosia bei ihm ist, so wird er die unglückliche Leocadia nicht ansehen wollen. Dennoch will ich entweder sterben oder beiden unter die Augen treten, damit mein Anblick ihre Ruhe störe. Diese Feindin meines Glücks denke nur nicht, so leichten Kaufs das zu erlangen, was mein ist. Ich will sie aufsuchen; ich will sie finden; ich will ihr das Leben nehmen, wenn ich kann.«

»Nun, was hat denn Theodosia verschuldet,« sprach Theodoro, »da sie vielleicht von Marco Antonio ebenso betrogen ward, wie Ihr es seid, Fräulein Leocadia?«

»Wie ist das möglich,« versetzte Leocadia, »da er sie mit sich genommen hat, und wenn die, welche sich liebhaben, beieinander sind, was kann da für Betrug stattfinden? Gewiß keiner. Sie sind zufrieden, weil sie beieinander sind, sie mögen nun, wie man zu sagen pflegt, in den fernen und heißen Sandwüsten Lybiens oder in den öden, entlegenen Steppen des rauhen Skythiens sich befinden. Sie erfreut sich seiner ohne Zweifel, sei’s auch, wo es sei, und sie allein soll büßen, was ich leide, bis ich ihn finde.«

»Es wäre doch möglich, daß Ihr Euch irrtet,« versetzte Theodoro; »denn ich kenne diese Eure Feindin, von der Ihr sprecht, recht gut und weiß von ihrer Denkungsart und Sittsamkeit, daß sie sich nie unterfangen würde, das elterliche Haus zu verlassen und mit dem Marco Antonio fortzugehen. Aber hätt‘ sie es auch getan, so beleidigte sie Euch nicht, da sie Euch nicht kannte, noch um Euer Verhältnis zu ihm etwas wußte; wo aber keine Beleidigung sattfindet, da ist auch die Rache nicht am rechten Orte.«

»Von Sittsamkeit«, sprach Leocadia, »braucht nicht die Rede zu sein. Ich war so sittsam und züchtig, wie nur irgendein Mädchen in der Welt, und dennoch hab‘ ich getan, was Ihr gehört habt. Daß er sie mitgenommen hat, das leidet keinen Zweifel, und daß sie mich nicht beleidigt habe, muß ich bei unbefangener Überlegung eingestehen; allein der Schmerz, den mir die Eifersucht verursacht, stellt sie meiner Einbildung als ein Schwert dar, das meine Eingeweide durchdringt, und es ist kein Wunder, daß ich sie als das Werkzeug, das mich so martert, herauszureißen und zu zerstören suche, zumal, da die Klugheit rät, alles was uns schadet, von uns zu entfernen, und da es natürlich ist, alles zu verabscheuen, was uns Nachteil bringt und uns an unserem Glücke hinderlich ist.«

»Es sei so, wie Ihr sagt, Fräulein Leocadia,« versetzte Theodoro; »denn da ich sehe, daß Euch Eure Leidenschaft nicht erlaubt, ruhigere Überlegung anzustellen, so weiß ich auch, daß Ihr jetzt nicht imstande seid, guten Rat anzunehmen. Von meiner Seite kann ich Euch die Versicherung geben, die Ihr schon erhalten habt, daß ich Euch helfen und gefällig sein will in allem, was billig ist und in meinen Kräften steht. Eben das versprech‘ ich Euch auch im Namen meines Bruders, dem seine Denkungsart und sein Edelmut kein anderes Verfahren gestatten. Unsere Reise geht nach Italien; habt Ihr Lust, uns zu begleiten, so wißt Ihr schon ungefähr, was Ihr an unserer Gesellschaft habt. Das, worum ich Euch bitte, ist die Erlaubnis, meinem Bruder zu sagen, was ich von Euren Schicksalen weiß, damit er Euch mit gebührender Höflichkeit und Achtung begegne und sich für verpflichtet halte, sich Eurer, wie billig, anzunehmen. Zugleich bin ich der Meinung, daß Ihr Eure Verkleidung nicht aufgebt, und wenn sich in diesem Orte Gelegenheit dazu findet, will ich morgen den besten und schicklichsten Anzug für Euch kaufen. Was sonst Eure Angelegenheiten betrifft, so laßt die Zeit dafür sorgen, die vor allem geschickt ist, für die verzweifeltsten Fälle ein Heilmittel zu geben und ausfindig zu machen.«

Leocadia dankte Theodosien (die sie für Theodoro hielt) für ihre freundschaftlichen Anerbietungen und erlaubte ihr, ihrem Bruder alles mitzuteilen, was sie für gut fände. Sie bat zugleich, sie nicht zu verlassen, da am Tage liege, welchen Gefahren sie ausgesetzt sei, wenn man sie für ein Frauenzimmer erkennte.

Hierauf nahmen sie Abschied voneinander und gingen, sich schlafen zu legen, Theodosia auf das Zimmer ihres Bruders und Leocadia auf ein anderes, das daran stieß. Don Rafael war noch nicht eingeschlafen, weil er auf seine Schwester wartete, um zu erfahren, was zwischen ihr und dem mutmaßlichen Frauenzimmer vorgegangen war, und er befragte sie deshalb, wie sie hereintrat, eh‘ sie sich niederlegte. Sie erzählte ihm haarklein wieder, was ihr Leocadia gesagt hatte, wessen Tochter sie sei, ihre Liebschaft, die Verschreibung des Marco Antonio und den Zweck, den sie verfolge.

Don Rafael wunderte sich und sagte: »Wenn sie diejenige ist, für welche sie sich ausgibt, so kann ich dir sagen, Schwester, daß sie eine der Vornehmsten in ihrem Orte und eins der adligsten Fräulein in ganz Andalusien ist. Ihr Vater ist mit dem unsrigen sehr gut bekannt, und was der Ruf von ihrer Schönheit sagt, das sehen wir auch vollkommen an ihrem Gesichte bestätigt. Ich bin der Meinung, wir müssen uns vorsehen, daß sie den Marco Antonio nicht eher zu sprechen bekommt als wir; denn die Verschreibung, die er ihr, wie sie sagt, ausgestellt hat, macht mir einige Sorge, ob sie sie gleich verloren hat. Doch, beruhige dich, Schwester, und leg dich nieder, denn es wird sich für alles ein Mittel finden.«

Theodosia gehorchte ihrem Bruder darin, daß sie sich niederlegte; doch sich zu beruhigen, stand nicht bei ihr, denn die wütende Krankheit der Eifersucht hatte schon von ihrem Herzen Besitz genommen. Oh, wie sehr vergrößerte nicht ihre Einbildungskraft Leocadiens Schönheit und die Treulosigkeit des Marco Antonio! Wie oft las sie nicht die Verschreibung, die jene von ihm erhalten hatte, oder bildete sich doch ein, darin zu lesen! Und welche Worte und Versicherungen dachte sie sich hinzu, wodurch sie gewisser und unumstößlicher gemacht ward! Wie oft wollte sie es nicht glauben, daß sie Leocadia verloren habe, und wie oft stellte sie sich vor, daß Marco Antonio auch ohne dieselbe nicht ermangeln würde, sein Versprechen zu erfüllen und das zu vergessen, was er ihr schuldig war! So brachte sie den größten Teil der Nacht schlaflos zu.

Und nicht ruhiger brachte sie Don Rafael, ihr Bruder, zu; denn wie er hörte, wer Leocadia sei, so erglühte sein Herz dergestalt gegen sie, als wenn er sie schon längst als seine Geliebte gekannt hätte. Denn eine solche Gewalt besitzt die Schönheit, daß sie in einem Augenblicke die Sehnsucht desjenigen auf sich richtet, der sie erblickt und kennenlernt. Und wenn sich dann irgendein Weg zeigt oder ahnen läßt, um zu ihrem Besitze und Genusse zu gelangen, so entzündet sie das Herz dessen, der sie betrachtet, so leicht und unwiderstehlich, wie ein Fünkchen das trockenste und feinste Pulver. Sie stand vor seiner Einbildungskraft nicht an den Baum gebunden, noch in zerrissenen Manneskleidern, sondern in weiblichem Anzüge und im Hause ihrer reichen und vornehmen Eltern. Er dachte nicht an die Ursache, die seine Bekanntschaft mit ihr herbeigeführt hatte und mochte es auch nicht. Er wünschte sehnlich, daß es Tag würde, um seine Reise fortzusetzen und den Marco Antonio aufzusuchen, nicht sowohl in der Absicht, ihn zu seinem Schwager zu machen, als um seine Heirat mit Leocadien zu hintertreiben, und Liebe und Eifersucht beherrschten ihn schon dergestalt, daß er sehr wohl zufrieden gewesen wäre, die Bemühungen seiner Schwester, in denen er sie unterstützen wollte, vereitelt und den Marco Antonio leblos vor sich zu sehen, wenn er dafür eine gewissere Hoffnung auf Leocadiens Besitz gewonnen hätte. Diese Hoffnung verhieß ihm bereits die glückliche Erreichung seines Wunsches entweder durch Gewalt oder durch Dienste und Gefälligkeiten, da Zeit und Umstände ihm zu beiden Gelegenheit darboten. Diese Hoffnung, mit der er sich schmeichelte, beruhigte ihn etwas. Bald darauf ließ sich der Tag sehen; sie verließen ihre Betten, und Don Rafael rief den Wirt und fragte ihn, ob man hier im Orte Kleider für einen Pagen bekommen könne, den Räuber rein ausgeplündert hätten.

Der Wirt versetzte, er selbst habe ein ziemlich gutes Kleid zu verkaufen. Er brachte es, und es paßte Leocadien. Don Rafael bezahlte es und sie zog es an und gürtete sich mit Schwert und Dolch so leicht und gewandt, daß sie auch in diesem Anzuge den Don Rafael bezauberte und Theodosiens Eifersucht vermehrte.

Calvete sattelte, und um acht Uhr brachen sie nach Barcelona auf, ohne das berühmte Kloster von Monserrate zu besuchen, was sie sich für die Zukunft vorbehielten, wann es dem Himmel gefiele, sie in einer ruhigeren Stimmung wieder nach ihrer Heimat zurückkehren zu lassen.

Es läßt sich nicht wohl beschreiben, was in der Seele der beiden Geschwister vorging und mit was für verschiedenen Empfindungen sie Leocadien betrachteten. Theodosia wünschte ihr Tod und Don Rafael Leben, und beide waren von leidenschaftlicher Liebe und Eifersucht erfüllt. Theodosia suchte Fehler an ihr aufzufinden, um ihre Hoffnung nicht zu verlieren; Don Rafael nahm immer neue Vollkommenheiten an ihr wahr, deren jede ihn nötigte, sie noch mehr zu lieben. Darüber vergaßen sie jedoch nicht, ihre Reise so sehr zu beschleunigen, daß sie kurz vor Sonnenuntergang in Barcelona anlangten.

Sie bewunderten die Lage der Stadt und meinten, sie sei der Ausbund aller schönen Städte in der Welt, Spaniens Stolz, die Furcht und der Schrecken aller nahen und fernen Feinde, die Freude und Wonne ihrer Bewohner, der Schutzort der Fremden, die Schule der Ritterschaft, das Muster der Redlichkeit und der Inbegriff alles dessen, was nur die vernünftigen Wünsche des Wißbegierigen von einer großen, berühmten, reichen und wohlangelegten Stadt verlangen könnten.

Wie sie hineinkamen, hörten sie einen gewaltigen Lärm und sahen eine große Masse Menschen in Aufruhr. Sie erkundigten sich nach der Ursache dieses Lärms und Auflaufs und erfuhren, daß die Mannschaft der Galeeren, die vor Anker lagen, mit der Bürgerschaft sich veruneinigt und Händel angefangen habe.

Wie das Don Rafael hörte, wollte er hingehen, um den Auftritt mit anzusehen, und obgleich Calvete es ihm widerriet, weil es nicht der Klugheit gemäß sei, sich in augenscheinliche Gefahr zu begeben, da er wohl wisse, wie schlecht diejenigen führen, die sich in solche Händel mischten, die in dieser Stadt nichts Seltenes seien, wenn Galeeren vor Anker lägen, so vermochte doch der gute Rat des Calvete nicht, ihn davon abzuhalten, und die anderen folgten ihm alle. Wie sie an die Küste kamen, sahen sie viele bloße Degen und eine Menge Menschen, die unbarmherzig aufeinander einhieben. Dennoch näherten sie sich, ohne abzusteigen, soweit, daß sie die Gesichter der Streitenden deutlich erkennen konnten, weil die Sonne noch nicht untergegangen war. Eine zahllose Menge Menschen strömte aus der Stadt herbei und eine große Masse von Leuten kam von den Galeeren ans Land, obgleich der Befehlshaber Don Pedro Vique, ein Valencianischer Kavalier, von dem Hinterteile seiner Galeere die, welche sich auf Booten eingeschifft hatten, um ihren Leuten zu Hilfe zu kommen, durch Drohungen zurückzuhalten suchte. Doch, wie er sah, daß sein Drohen und Rufen nichts half, ließ er die Galeeren in Front gegen die Stadt legen und eine Kanone ohne Kugel abfeuern, zum Zeichen, daß eine scharfgeladene folgen werde, wofern sie nicht auseinander gingen.

Don Rafael sah indes dem blutigen und hitzigen Gefechte sehr aufmerksam zu und bemerkte, daß unter den Tapfersten der Schiffsmannschaft ein Jüngling sich besonders hervortat, der zweiundzwanzig Jahre oder etwas älter sein mochte und grün gekleidet war, mit einem Hute von derselben Farbe, welcher mit einer reichen, dem Anschein nach diamantenen Schnur geziert war. Die Geschicklichkeit, mit der der Jüngling focht, richtete die Blicke aller Zuschauer auf ihn, und so wurden ihn auch Theodosia und Leocadia gewahr, welche beide in demselben Augenblicke ausriefen: »Wahrlich! Ich bin entweder blind oder der im grünen Kleide ist Marco Antonio!«

Mit diesen Worten sprangen sie geschwind von ihren Maultieren, begaben sich unerschrocken mitten in das Gedränge und stellten sich, die eine rechts, die andere links, dem Marco Antonio zur Seite – denn das war der Jüngling im grünen Kleide, den wir beschrieben haben.

»Fürchtet nichts, Marco Antonio!« sprach Leocadia, wie sie zu ihm trat, »denn Ihr habt jemanden zur Seite, der mit seinem eigenen Leben Euch als Schild dienen wird, um Euer Leben zu beschirmen.«

»Wer zweifelt daran,« versetzte Theodosia, »da ich hier bin?«

Don Rafael, der sah und hörte, was vorging, folgte ihnen nach und ward ihr Kampfgenosse. Marco Antonio, der mit Angriff und Verteidigung beschäftigt war, achtete nicht auf die Reden der beiden Frauenzimmer, sondern von Kampflust erhitzt, verrichtete er unglaublich scheinende Taten. Doch, da die Anzahl der Bürger mit jedem Augenblicke wuchs, so mußten sich die von den Galeeren so weit zurückziehen, daß sie im Wasser standen. Marco Antonio zog sich höchst ungern zurück und mit ihm die beiden Heldinnen Bradamante und Marfisa oder Hippolyta und Penthesilea zu seinen beiden Seiten.

Indem kam ein Catalonischer Kavalier aus dem berühmten Geschlechte der Cardonas auf einem stattlichen Rosse angeritten, sprengte zwischen die beiden streitenden Parteien und bewog die Bürger, die ihn kannten und Achtung vor ihm hatten, zum Rückzuge. Doch einige warfen noch immer mit Steinen auf die, die sich bereits auf die See zurückgezogen, und das Unglück wollte, daß ein Stein den Marco Antonio so heftig an die Schläfe traf, daß er in das Wasser sank, das ihm schon bis an die Knie ging. Kaum sah ihn Leocadia sinken, so umfaßte sie ihn und hielt ihn in ihren Armen, und Theodosia tat dasselbe. Don Rafael stand nicht weit davon und suchte sich der zahllosen Steine zu erwehren, die auf ihn losregneten, und wie er seiner Geliebten, seiner Schwester und dem Marco Antonio zu Hilfe eilen wollte, kam ihm der Catalonische Kavalier entgegen und rief ihm zu: »Ich bitt‘ Euch, mein Herr, bei allem, was einem wackeren Soldaten ziemt, verhaltet Euch ruhig und stellt Euch neben mich; denn ich will Euch vor der Grobheit und Ausschweifung dieses zügellosen Pöbels schützen.«

»Ach! Mein Herr,« versetzte Don Rafael, »laßt mich vorwärts, denn ich sehe diejenigen in Gefahr, die mir auf Erden das Teuerste sind.«

Der Kavalier ließ ihn gehen; doch wie er anlangte, waren bereits Marco Antonio und Leocadia, die ihn nicht aus ihren Armen ließ, von dem Boote der Hauptgaleere eingenommen, und wie Theodosia sich ebenfalls mit einschiffen wollte, hatte sie entweder vor Erschöpfung oder vor Schmerz über die Verwundung des Marco Antonio oder weil ihre ärgste Feindin mit ihm davonging, nicht die Kraft, das Boot zu besteigen und wäre gewiß ohnmächtig ins Wasser gesunken, wenn nicht ihr Bruder zu rechter Zeit ihr zu Hilfe gekommen wäre. Dieser empfand keinen geringeren Verdruß als seine Schwester, wie er sah, daß Leocadia mit dem Marco Antonio – den er ebenfalls bereits erkannt hatte – davonging.

Der Catalonische Kavalier, eingenommen von dem feinen Anstande des Don Rafael und seiner Schwester (die er für eine Mannesperson hielt), rief sie von dem Ufer weg und bat sie, mit ihm zu kommen, und die Furcht vor dem Pöbel, der noch immer nicht zur Ruhe zurückgekehrt war, bewog sie, das Anerbieten anzunehmen. Der Kavalier stieg vom Pferde, ließ sie neben sich hergehen und ging mit bloßem Degen mitten durch die unruhige Menge, die er bat, sich zurückzuziehen, was sie auch taten. Don Rafael sah sich allenthalben nach Calvete und den Maultieren um, allein er bekam ihn nicht zu Gesicht; denn wie sie abgestiegen waren, hatte er die Tiere nach dem Wirtshause getrieben, wo er sonst einzukehren pflegte.

Wie der Kavalier in seinem Hause anlangte, welches eins der vorzüglichsten in der Stadt war, fragte er Don Rafael, mit welcher Galeere er gekommen sei. Er antwortete, mit keiner; sondern er sei gerade in der Stadt angelangt, wie der Streit begonnen habe, und weil er den Kavalier kenne, der von Steinwürfen verwundet, in dem Boote weggeführt worden sei, so habe er sich in diese Gefahr begeben, und er bitte ihn, es zu veranstalten, daß man den Verwundeten ans Land bringe, weil seine Zufriedenheit und sein Leben von dem Schicksale desselben abhänge.

»Das will ich gern tun«, versetzte der Kavalier, »und ich weiß, der Befehlshaber, ein vornehmer Kavalier und mein Vetter, wird mir ihn sicherlich ausfolgen lassen.«

Ohne Verzug kehrte er nach der Galeere zurück und fand, daß Marco Antonio gerade verbunden wurde und daß die Wunde gefährlich war; denn die linke Schläfe war getroffen, was dem Wundarzte bedenklich vorkam. Er erlangte es bei dem Befehlshaber, daß ihm der Verwundete überlassen ward, um ihn am Lande zu verpflegen. Man brachte ihn sehr behutsam in das Boot, in welches auch Leocadia einstieg, die ihn nicht verlassen wollte, sondern ihm, wie dem Leitsterne ihrer Hoffnung, folgte. Wie sie ans Land kamen, ließ der Kavalier aus seinem Hause eine Sänfte holen, um ihn fortzubringen.

Unterdessen hatte Don Rafael den Calvete aufsuchen lassen, welcher in dem Wirtshause in Sorgen war, ehe er wußte, welches Schicksal seine Herrschaft betroffen habe, und wie er hörte, daß sie sich wohl befänden, sich ungemein freute und zu Don Rafael kam.

Indem langte der Herr vom Hause mit Marco Antonio und Leocadien an, und alle fanden bei ihm eine sehr freundliche und glänzende Aufnahme. Er ließ sogleich einen berühmten Wundarzt aus der Stadt kommen, der Marco Antonio von neuem verbinden sollte; doch der Wundarzt wollte es erst den folgenden Tag tun, indem er sagte, die Wundärzte bei den Heeren und Flotten seien sehr erfahren, weil sie beständig viele Verwundete unter den Händen hätten, weshalb es unnötig sei, den Verband noch heute zu erneuern; man solle nur den Kranken in ein vom Geräusche entferntes Zimmer bringen und ruhen lassen.

In dem Augenblicke kam auch der Wundarzt von der Galeere und stattete dem aus der Stadt Bericht von der Wunde ab, wie er sie behandelt und in welcher Lebensgefahr der Verwundete, nach seinem Bedünken, sich befinde. Hierdurch ward der aus der Stadt vollends überzeugt, daß der Verwundete gehörig verbunden sei, und nach dem Berichte des anderen erklärte er ebenfalls den Zustand des Marco Antonio für bedenklich.

Leocadien und Theodosien war’s bei dieser Nachricht nicht anders zumute, als wenn ihnen ihr eigenes Todesurteil angekündigt würde; doch schwiegen sie und taten sich Gewalt an, um ihren Schmerz nicht zu verraten. Leocadia beschloß indes, zu tun, was sie ihrer Ehre schuldig zu sein glaubte: Wie nämlich die Wundärzte weggegangen waren, begab sie sich in das Zimmer des Marco Antonio, trat in Gegenwart des Herrn vom Hause, Don Rafaels, Theodosiens und noch anderer Personen, zum Bette des Verwundeten, faßte seine Hand und sagte zu ihm: »Ihr befindet Euch jetzt nicht in dem Zustande, Herr Marco Antonio Adorno, daß man Euch mit vielen Worten belästigen dürfte; drum wünschte ich nur für einige wenige bei Euch Gehör, die, wenn auch nicht die Wohlfahrt Eures Körpers, doch die Eurer Seele befördern können. Allein, eh‘ ich sie vorbringe, müßt Ihr mir erst die Erlaubnis dazu erteilen und sagen, ob Ihr auch geneigt seid, mich anzuhören; denn da ich mich vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an bemüht habe, alles zu meiden, was Euch unangenehm sein könnte, so war‘ es Unrecht, wenn ich in diesem, den ich für den letzten halte, Euch lästig fallen wollte.«

Bei diesen Worten schlug Marco Antonio die Augen auf und heftete sie auf Leocadien, und da er sie beinahe mehr an der Stimme als an dem Gesichte erkannt hatte, antwortete er ihr mit schwacher und wehmütiger Stimme: »Sprecht, was Euch beliebt, mein Herr; denn ich bin weder so schwach, daß ich Euch nicht anhören könnte, noch ist mir diese Stimme so zuwider, daß ich sie mit Mißbehagen vernehmen sollte.«

Diesem Gespräch hörte Theodosia sehr aufmerksam zu, und jedes Wort, das Leocadia sagte, war ein scharfer Pfeil, der ihr durch das Herz und dem Don Rafael – der ebenfalls zugegen war – durch die Seele ging. Leocadia aber fuhr fort: »Wenn der Schlag, Herr Marco Antonio, der Euer Haupt oder vielmehr mein Herz getroffen hat, nicht das Bild derjenigen aus Eurem Gedächtnisse verdrängt hat, die Ihr noch vor kurzem Eure Wonne und Euren Himmel nanntet, so müßt Ihr Euch wohl noch besinnen, wer Leocadia war und welche Verschreibung Ihr derselben von Eurer Hand und mit Eures Namens Unterschrift gegeben habt. Ihr werdet auch den Adel ihrer Eltern, die Unbescholtenheit ihres eigenen Rufs und ihrer Sitten und die Verbindlichkeit nicht vergessen haben, die Ihr gegen sie habt, weil sie stets allen Euren Wünschen entgegenkam. Habt Ihr das nicht vergessen, so werdet Ihr auch in dieser veränderten Tracht, in der Ihr mich seht, leicht Leocadien erkennen, die, sobald sie erfuhr, daß Ihr aus Eurer Heimat weggegangen wäret, aus Furcht, durch neue Umstände und Begebenheiten desjenigen beraubt zu werden, was ihr mit Recht gehört, sich über zahllose Schwierigkeiten hinwegsetzte und beschloß, Euch in dieser Verkleidung zu folgen und Euch in allen Teilen der Welt aufzusuchen, bis sie Euch gefunden hätte. Darüber werdet Ihr Euch auch nicht wundern, wenn Ihr anders je geahnet habt, wie weit die Macht aufrichtiger Liebe und die Wut eines betrogenen Weibes geht. Einige Drangsale hab‘ ich zwar bei diesem Aufsuchen bestanden, doch ich achte sie für Freuden, weil ich Euch dafür zu sehen bekomme. Denn ob Ihr Euch gleich in diesem mißlichen Zustande befindet, so werd‘ ich doch, wenn es auch dem Himmel gefiele, Euch aus diesem zu einem bessern Leben abzurufen, mich überglücklich schätzen, wenn Ihr vor Eurem Ende dasjenige tut, was Ihr Euch selbst schuldig seid, und ich versprech‘ Euch hiermit, nach Eurem Tode ein solches Leben zu führen, daß ich Euch in sehr kurzer Zeit auf dieser letzten und unvermeidlichen Reise nachfolgen werde. Darum bitt‘ ich Euch zuerst um Gottes willen, dem meine Wünsche und Bestrebungen angehören, dann um Euretwillen, wegen desjenigen, was Ihr Euch selbst schuldig seid, und endlich um meinetwillen, da Ihr mir mehr Verbindlichkeiten schuldig seid als irgendeiner anderen Person in der Welt: erklärt mich hier unverzüglich für Eure rechtmäßige Gemahlin und gebt nicht zu, daß Ihr von Gerichts wegen zu demjenigen gezwungen werdet, wozu Euch Eure eigene Vernunft durch so viele Gründe und Verbindlichkeiten auffordert.«

Weiter sprach Leocadia nichts. Alle Anwesenden hatten, während sie sprach, die größte Stille beobachtet und warteten jetzt ebenso aufmerksam auf die Antwort des Marco Antonio, der ihr folgendes entgegnete:

»Ich kann nicht leugnen, mein Fräulein, daß ich Euch kenne; Eure Stimme und Euer Gesicht gestatten es mir nicht. Ebensowenig kann ich meine mannigfaltigen Verbindlichkeiten gegen Euch leugnen, noch den Adel Eurer Eltern und Eure eigene unvergleichliche Sittsamkeit und Eingezogenheit. Ihr verliert auch nicht in meinen Augen, daß Ihr in dieser Verkleidung gekommen seid, mich aufzusuchen; vielmehr schätz‘ ich Euch darum nur um so höher und es wird auch für die Zukunft der Fall sein. Doch da mich mein Unstern dahin gebracht hat, daß ich, wie Ihr selbst sagt, mein Ende erwarten kann, und da solch ein Zeitpunkt das Läuterungsfeuer der Wahrheit ist, so will ich Euch eine Wahrheit eröffnen, die, wenn sie Euch auch für jetzt nicht angenehm ist, doch für die Zukunft Euch vielleicht frommen kann.«

»Ich gestehe, schöne Leocadia, daß ich Euch liebte und Gegenliebe bei Euch fand; auch gesteh‘ ich, daß ich durch die Verschreibung, die ich Euch gegeben habe, mehr Euren als meinen Wünschen nachzukommen suchte; denn geraume Zeit vorher, eh‘ ich sie ausstellte, gehörte meine Neigung und mein Herz einem anderen Fräulein in meiner Heimat – die Euch wohlbekannt ist –, namens Theodosia, welche eben so edle Eltern hat wie Ihr selbst. Und wenn ich Euch eine schriftliche Erklärung gab, die von meiner Hand bestätigt war, so gab ich ihr diese Hand unter Gewährleistung solcher Handlungen und Zeugen, daß ich unmöglich meine Freiheit an jemand anders in der Welt vergeben kann. Meine Liebschaft mit Euch war eine flüchtige Neigung, von der ich, wie Ihr wißt, weiter nichts als die ersten Blüten erntete, was Euch auf keine Weise zum Nachteil gereicht oder gereichen kann. Bei Theodosien erntete ich die Früchte, die sie geben und die ich nur wünschen konnte, unter der heiligsten Zusage, ihr Gemahl zu sein, wie ich’s wirklich bin. Und wenn ich sie und Euch zu gleicher Zeit verließ: Euch getäuscht und in banger Ungewißheit, sie von Besorgnissen erfüllt und ihrer Meinung nach entehrt, so geschah es aus Unbesonnenheit und jugendlichem Leichtsinn, der mich das alles für Kleinigkeiten ansehen ließ, welche ich mir ohne einiges Bedenken erlauben dürfte. Dazu kam ein anderer Gedanke, der in mir aufstieg und mich antrieb, nach Italien zu gehen, um daselbst einige meiner Jugendjahre zuzubringen und nachher bei meiner Rückkehr zu sehen, was der Himmel über Euch und meine rechtmäßige Gemahlin verfügt habe. Doch der Himmel, der sich meiner erbarmte, hat es ohne Zweifel so gefügt, daß ich in die Lage gekommen bin, in der Ihr mich seht, damit ich durch das Geständnis dieser Wahrheiten, die mit meinen vielfachen Vergehungen zusammenhängen, meiner Pflicht noch in diesem Leben genügte und Ihr enttäuscht würdet, um frei über Eure Person schalten zu können. Wenn Theodosia einmal meinen Tod erfährt, so wird sie von Euch und denen, die hier anwesend sind, hören, wie ich im Tode das Wort erfüllt habe, das ich ihr bei meinem Leben gegeben hatte. Kann ich Euch, Fräulein Leocadia, in den wenigen Augenblicken, die ich noch zu leben habe, mit etwas dienen, so sagt es; denn ich werde – meine Vermählung mit Euch ausgenommen, die nicht in meiner Macht steht – nicht ermangeln, alles zu tun, was mir nur möglich ist, um Euch gefällig zu sein.«

Marco Antonio hatte, während er sprach, sein Haupt auf die Hand gestützt, und als er schwieg, ließ er den Arm sinken und ward ohnmächtig. Sogleich eilte Don Rafael herbei und sagte, indem er ihn fest in seine Arme schloß: »Erholt Euch, mein Herr und umarmt Euren Freund und Bruder, da Ihr selbst mich dafür erklärt habt. Erkennt in mir Euren Kameraden Don Rafael, der ein glaubwürdiger Zeuge der Liebe und Güte sein wird, mit welcher Ihr seine Schwester für die Eurige anerkennt.«

Marco Antonio kam wieder zu sich und erkannte im Augenblick Don Rafael. »Ich muß dir sagen, mein Herr und Bruder,« sprach er zu ihm, nachdem er ihn zärtlich umarmt und geküßt hatte, »daß die unendliche Freude, dich zu sehen, nichts geringeres als ein großes Unglück zur Folge haben kann, weil es heißt, daß Leid auf Freude folgt. Doch welches Leid mir auch zustoßen mag, es wird kein zu hoher Preis sein für die Freude, Euch gesehen zu haben.«

»Das Maß derselben will ich noch voller machen,« versetzte Don Rafael, »indem ich Euch das kostbarste Kleinod in der Person Eurer geliebten Gemahlin übergebe.«

Wie er sich nach Theodosien umsah, fand er sie weinend hinter den anderen Anwesenden, in Staunen und Verwirrung und zwischen Schmerz und Freude geteilt über das, was sie sah und mit angehört hatte. Ihr Bruder faßte sie bei der Hand und sie ließ sich von ihm ohne Widerstand zu dem Marco Antonio führen, der sie erkannte und umarmte, indem beide zärtlich Tränen der Liebe vergossen.

Alle Anwesenden wunderten sich beim Anblick so unerwarteter Auftritte und sahen einander schweigend an, voller Erwartung, was das alles für einen Ausgang nehmen würde. Doch die enttäuschte, unglückliche Leocadia, welche mit ihren eigenen Augen sehen mußte, wie sich Marco Antonio benahm, und die den vermeintlichen Bruder des Don Rafael in den Armen desjenigen erblickte, den sie für ihren Gemahl angesehen hatte; sie, die ihre Wünsche vereitelt und ihre Hoffnungen getäuscht sah, stahl sich unbemerkt aus dem Zimmer, wie aller Blicke auf den Kranken gerichtet waren, der den Pagen in seinen Armen hielt, und eilte den Augenblick auf die Straße, in der Absicht, vor Verzweiflung in die weite Welt zu gehen und den Anblick der Menschen zu meiden.

Doch sie war kaum auf der Straße, als Don Rafael sie vermißte und sich so angelegentlich nach ihr erkundigte, als fehle ihm seine Seele; allein niemand wußte ihm zu sagen, wo sie hingegangen sei. Ohne daher länger zu warten, eilte er verzweifelt ihr nach, sie aufzusuchen und ging zunächst nach Calvetes Quartier, auf den Fall, daß sie sich dahin begeben habe, um sich ein Maultier zu holen. Wie er sie hier nicht fand, lief er wie wahnsinnig durch die Straßen und suchte sie bald da, bald dort. Endlich dachte er, sie könne vielleicht nach den Galeeren gegangen sein, und ging deshalb nach dem Ufer. Wie er nicht mehr weit davon war, hörte er jemanden rufen, man solle das Boot der Hauptgaleere ans Land schicken und erkannte die Stimme der schönen Leocadia, die, wie sie Tritte hinter sich hörte, vor Furcht nach dem Degen griff und seine Ankunft erwartete. Sie erkannte ihn gleich und es war ihr unangenehm, daß er sie aufgefunden hatte, zumal an einem so einsamen Orte, denn sie hatte bereits an mehr als einem Merkmale wahrgenommen, daß ihr Don Rafael nicht abhold war, sondern so hold, daß sie es gern gesehen hätte, die Neigung des Marco Antonio in diesem Maße zu besitzen.

In welchen Worten soll ich jetzt die Reden mitteilen, womit Don Rafael Leocadien sein Herz eröffnete, mit einer Zärtlichkeit, die ich nicht zu beschreiben wage? Doch da ich wenigstens etwas davon anführen muß, so sprach er unter anderen zu ihr: »Wenn es mir, reizende Leocadia, wie an Glück, so auch jetzt an Mut gebräche, Euch die Geheimnisse meines Herzens zu entdecken, so bliebe die zärtlichste und reinste Neigung, die je in einem liebenden Herzen sich erzeugt hat oder erzeugt werden kann, in dem Schoße ewiger Vergessenheit begraben. Um aber – geh‘ es mir auch wie es wolle – meinem gerechten Wunsche dieses Unrecht nicht anzutun, so bitt‘ ich Euch, mein Fräulein, zu erwägen – wenn es anders Euer eingenommenes Gemüt erlaubt – daß Marco Antonio nichts vor mir voraus hat, als das Glück, von Euch geliebt zu sein. Ich bin ebenso edler Abkunft wie er und an Glücksgütern steh‘ ich ihm nicht weit nach; meiner natürlichen Vorzüge darf ich mich nicht rühmen, zumal, wenn diese in Euren Augen keinen Wert haben. Alles das führ‘ ich an, zärtliches Fräulein, damit Ihr den Ausweg einschlagt, den Euch das Schicksal in Eurer höchst bedenklichen Lage noch offen läßt. Ihr seht, daß Marco Antonio nicht der Eurige werden kann, weil ihn der Himmel meiner Schwester zugeteilt hat. Derselbe Himmel aber, der Euch heute den Marco Antonio nimmt, will Euch in mir einen Ersatz geben; denn ich begehre kein anderes Glück in diesem Leben, denn als Gemahl Euch anzugehören. Bedenkt, daß das Glück an die Pforte des Unglücks klopft, das bisher Euch verfolgt hat, und fürchtet nicht, daß Ihr durch den unbesonnenen Schritt, den Marco Antonio aufzusuchen, in meinen Augen etwas verloren habt, und daß ich Euch nicht ebenso schätzen sollte, als wenn es ungeschehen geblieben wäre. Denn in dem Augenblicke, wo ich wünsche und entschlossen bin, der Eurige zu werden und Euch zu meiner beständigen Gebieterin zu erwählen, muß ich alles vergessen und habe auch schon vergessen, was ich davon gesehen und in Erfahrung gebracht habe; denn ich weiß sehr wohl, daß dieselbe Macht, die mich gezwungen hat, so dreist und ungescheut Euch zu huldigen und meine Hand anzubieten, Euch ebenfalls in die Lage versetzt hat, in der Ihr Euch befindet. Wo demnach kein Fehltritt stattfindet, da ist es auch nicht nötig, auf eine Entschuldigung zu denken.«

Leocadia schwieg zu allem, was Don Rafael sagte und holte nur von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer, der aus dem Innersten ihres Herzens kam. Don Rafael wagte es, ihre Hand zu nehmen und sie hatte nicht die Kraft, es ihm zu wehren. Er küßte sie wiederholt und fuhr fort: »Nehmt denn endlich, Gebieterin meines Herzens, ganz von mir Besitz, im Angesichte dieses gestirnten Himmels, der sich über uns wölbt und dieses ruhigen Meeres, das uns zuhört und dieses feuchten Sandes, auf dem wir stehen. Gebt mir Euer Jawort, da es Eurer eigenen Ehre ebenso angemessen ist, als meinen Wünschen. Ich wiederhol‘ es: ich bin, wie Ihr wißt, ein Kavalier, bin reich, und was Euch das Schätzbarste sein muß, ich lieb‘ Euch. Statt daß Ihr Euch allein seht, in einem Anzuge, der sich so wenig mit Eurer Ehre verträgt, fern von Euren Eltern und Verwandten, ohne Beschützer und ohne Hoffnung, das zu finden, was Ihr suchet, könnt Ihr in Euer Vaterland zurückkehren in dem Anzuge, der Euch zukommt und geziemt, begleitet von einem Gemahl, der demjenigen, den Eure Wahl getroffen hatte, nicht nachsteht, reich, zufrieden, geachtet und geliebt, ja, selbst gelobt von allen, zu deren Kenntnis Eure Geschichte kommt. Ist dem so, wie es wirklich der Fall ist, so weiß ich nicht, wie Ihr Euch noch bedenken könnt. Erhebt mich vollends, ich bitt‘ Euch nochmals, aus dem Staube meines Elends in den Himmel Eures Besitzes; so nehmt Ihr Euer Bestes wahr und erfüllt die Gesetze des Anstandes und der Vernunft, indem Ihr Euch zu gleicher Zeit dankbar und klug beweiset.«

»Wohlan!« sprach jetzt die unschlüssige Leocadia, »weil es der Himmel so beschlossen hat und weder ich, noch irgendein Sterblicher imstande ist, seinen Ratschlüssen zu widerstreben, so geschehe sein Wille und der Eurige, mein Herr! Der Himmel weiß, wie verschämt ich Eurem Willen nachgebe, nicht als verkennt‘ ich, wieviel ich gewinne, indem ich Euch gehorche, sondern weil ich befürchte, wenn ich Euren Wunsch erfülle, mit anderen Augen von Euch angesehen zu werden als bisher, wo Euch Eure Blicke vielleicht getäuscht haben. Doch dem sei, wie ihm wolle, am Ende kann mir doch der Titel einer rechtmäßigen Gemahlin des Don Rafael de Villavicencio nicht verloren gehen, und dieser Titel wird mich allein schon glücklich machen. Und ist das Betragen, das Ihr an mir wahrnehmen werdet, nachdem ich die Eurige geworden bin, geeignet, mir einigermaßen Eure Achtung zuwege zu bringen, so will ich dem Himmel danken, daß er mich durch so seltsame Umwege und so vielfache Unfälle zu dem Glücke geführt hat, die Eurige zu sein. Gebt mir die Hand der Verlobung, Don Rafael und empfangt die meinige. Zeugen seien – wie Ihr sagt – der Himmel, das Meer, das sandige Ufer und diese Stille, die bloß von meinen Seufzern und Euren Bitten unterbrochen ward.«

Indem sie das sagte, ließ sie es zu, daß er sie umarmte und gab ihm ihre Hand, und er reichte ihr die seinige. Tränen, welche die Freude, trotz der bestandenen Leiden, ihren Augen entlockte, waren das einzige, womit sie diese neue, nächtliche Verlobung feierten. Sie kehrten darauf sogleich nach der Wohnung des Kavaliers zurück, welcher nebst Marco Antonio und Theodosien in großen Sorgen war, wie man sie vermißte.

Die beiden letzteren waren inzwischen durch einen Geistlichen bereits getraut worden; denn auf die Bitte Theodosiens – die besorgte, ein neuer Unfall möchte ihr das Glück, das sie gefunden hatte, wieder entreißen – hatte der Kavalier einen rufen lassen.

Wie Don Rafael und Leocadia hereintraten und Don Rafael erzählte, was zwischen ihm und Leocadien vorgefallen war, freute sich der Kavalier und seine Familie so herzlich darüber, als wären es ihre nahen Verwandten gewesen. Denn es ist ein Charakterzug des Catalonischen Adels, die Gesetze der Gastfreundschaft hochzuhalten und Fremden, die ihres Beistandes bedürfen, gefällig zu sein. Der anwesende Priester ersuchte Leocadien, sich umzukleiden und die Kleidung ihres Geschlechts anzulegen, und der Kavalier versah beide Frauenzimmer sehr zuvorkommend mit zwei reichen Kleidern seiner Gemahlin, einer edlen Dame aus dem berühmten und alten Geschlechte der Granolleques in diesem Königreiche. Man schickte auch wieder nach dem Wundarzte, aus Mitleid mit dem Verwundeten, der viel sprach und nicht allein gelassen ward. Der Wundarzt kam und riet, daß man ihn vor allen Dingen ruhen lassen sollte. Doch der Himmel, der oft, um ein Wunder vor unseren Augen zu verrichten, solche Mittel wählt, die ihrer Natur nach nicht helfen, fügte es so, daß die Freude und das viele Sprechen die Genesung des Marco Antonio dergestalt beförderte, daß man ihn den andern Tag, wie er wieder verbunden ward, außer Gefahr fand, und daß er in vierzehn Tagen so weit hergestellt war, daß er sich ohne Gefahr auf den Weg machen konnte.

Es ist zu bemerken, daß Marco Antonio auf seinem Krankenlager das Gelübde tat, wenn ihn der Himmel genesen lasse, zu Fuße nach Santiago in Galicien zu wallfahrten. Don Rafael, Leocadia und Theodosia begleiteten ihn auf dieser Wallfahrt, und selbst der Maultiertreiber Galvete war – wozu sich sonst solche Leute selten verstehen – durch Don Rafaels Güte und Leutseligkeit bewogen, ihn nicht eher zu verlassen, als bis er in seine Vaterstadt zurückgekehrt wäre; und als er sah, daß sie als Pilger zu Fuße gehen mußten, so schickte er die Maultiere und auch das des Don Rafael nach Salamanca, wozu es ihm auch nicht an Gelegenheit fehlte.

Der Tag der Abreise kam und nachdem sie sich mit Pilgerkleidern und allem Notwendigen versehen hatten, nahmen sie von dem gastfreien Kavalier Abschied, der ihnen so viel Freundschaft und Liebe erzeigt hatte. Er hieß Don Sancho de Cardona, war sehr edler Herkunft und angesehen durch seine persönlichen Vorzüge. Alle versprachen ihm, daß sie und ihre Nachkommen – denen sie es anbefehlen würden – die vielen Beweise von Freundschaft, die sie von ihm erhalten hätten, nie vergessen wollten, um sie wenigstens in dankbarem Andenken zu behalten, wenn sie sie nicht durch Gegendienste erwidern könnten.

Don Sancho umarmte sie alle und sagte, es liege in seinem Charakter, diese und andere Dienste jedem zu erzeigen, den er als einen spanischen Edelmann kenne oder dafür ansehe. Man umarmte sich nochmals und nahm in einer Stimmung voneinander Abschied, die mit Freude und Wehmut vermischt war. Weil sie nicht schneller reisen konnten, als es die Zartheit der beiden neuen Pilgerinnen gestattete, so kamen sie in drei Tagen nach Monserrate, wo sie wieder drei Tage blieben und den Pflichten guter katholischer Christen nachkamen. Darauf setzten sie ihren Weg ebenso langsam fort und langten ohne einen Unfall in Santiago an. Nachdem sie hier ihr Gelübde mit aller Andacht erfüllt hatten, beschlossen sie, ihre Pilgertracht erst zu Hause abzulegen, wo sie, heiter und froh gestimmt, in kleinen Tagemärschen anlangten. Doch ehe sie anlangten, erblickten sie von einem Hügel aus Leocadiens und Theodosiens Geburtsorte, die, wie schon gesagt, nur eine Meile voneinander lagen, und konnten sich bei diesem Anblick der Freudentränen nicht enthalten, besonders die beiden neuvermählten Frauen, die bei diesem Anblicke wieder an die bestandenen Schicksale dachten.

Da, wo sie sich befanden, sah man in ein weites Tal, das beide Orte trennte. Dort nahmen sie unter dem Schatten eines Olivenbaums einen stattlichen Kavalier auf einem mächtigen Rosse wahr, mit einer glänzenden Tartsche am linken Arme und mit eingelegter, starker und langer Lanze in der Rechten. Wie sie ihn aufmerksam betrachteten, sahen sie noch zwei andere, ebenso stattliche Kavaliere, in derselben Rüstung, aus einem Olivenwäldchen reiten und wie sie bald darauf zusammengekommen und nur kurze Zeit beieinander gewesen waren, trennte sich einer von den zuletzt Gekommenen, nebst demjenigen, der zuerst unter dem Olivenbaume hielt, von dem Dritten, gaben beide ihren Pferden die Sporen und stürmten so heftig aufeinander los, daß man sah, es ging auf Leben und Tod, und die Kraft und Gewandtheit, womit sie jeden Stoß führten und abwehrten, zeigte hinlänglich, daß sie Meister in dieser Waffenübung waren. Der dritte Kavalier sah dem Zweikampfe zu, ohne sich von seiner Stelle zu bewegen. Doch Don Rafael, der beim Anblick dieses heftigen Zweikampfes es nicht ertragen konnte, so weit davon sich zu befinden, eilte in vollem Laufe den Hügel hinab, während ihm seine Gemahlin und Schwester folgten, und war in kurzem bei den Kämpfern, die schon beide etwas verwundet waren; und wie dem einen sein Hut und seine Stahlhaube entfiel, erkannte Don Rafael, wie er ihm ins Gesicht sehen konnte, seinen Vater und Marco Antonio den seinigen in dem anderen. Leocadia, die den dritten, der nicht am Kampfe teilnahm, aufmerksam betrachtet hatte, erkannte in ihm ihren eigenen Vater. Bei diesem Anblick waren alle vier erstaunt, betroffen und außer sich. Doch, indem ihre Verwirrung einer vernünftigen Überlegung Platz machte, stürzten die beiden Schwäger unverzüglich zwischen die beiden Streiter und riefen: »Halt, Kavaliere! Halt! Eure eigenen Söhne bitten und flehen Euch an.« »Ich bin Marco Antonio, lieber Vater,« rief dieser, »ich bin derjenige, welcher, wie ich vermute, Euer ehrwürdiges Silberhaupt in diese Gefahr gebracht hat. Mäßigt Eure Wut und werft die Lanze weg oder kehrt sie gegen einen anderen Feind; denn der, welcher Euch gegenüber steht, ist von nun an Euer Bruder.«

Ungefähr dasselbe sagte Don Rafael zu seinem Vater, worauf die beiden Kavaliere innehielten und die Redenden aufmerksam betrachteten. Wie sie sich umsahen, wurden sie auch gewahr, daß Don Sancho, Leocadiens Vater, abgestiegen war und jemanden in den Armen hielt, den sie für einen Pilger ansahen. Leocadia war nämlich auf ihn zugeeilt, hatte sich ihm zu erkennen gegeben und ihn gebeten, zwischen den beiden Kämpfern Frieden zu stiften, indem sie ihm kurz erzählte, daß Don Rafael mit ihr und Marco Antonio mit Theodosien vermählt sei.

Wie dies ihr Vater hörte, sprang er vom Pferde und schloß sie in seine Arme, dann eilte er, zwischen den beiden anderen den Friedensstifter zu machen; doch es war nicht mehr nötig, denn sie hatten bereits ihre Söhne erkannt, waren abgestiegen und hielten sie in ihren Armen, während sie sämtlich Tränen der Freude und Zärtlichkeit vergossen. Sie traten jetzt alle zusammen, betrachteten abermals ihre Kinder und wußten nicht, wie ihnen geschah. Sie befühlten sie, ob sie nicht etwa Schattengebilde seien; denn ihre unerwartete Ankunft brachte sie auf diese und andere Vermutungen. Doch wie sie sich mehr und mehr überzeugten, daß keine Täuschung stattfand, flossen ihre Tränen wieder unter neuen Umarmungen.

Inzwischen erschien in demselben Tale eine Menge Bewaffneter zu Fuß und zu Pferde, welche kamen, um den Kavalieren aus ihrem Orte beizustehen. Wie sie aber anlangten und sie in den Armen dieser Pilger fanden und in Tränen zerfließend, stiegen sie ab und blieben verwundert stehen, bis ihnen Don Sancho kurz erzählte, was ihm seine Tochter Leocadia mitgeteilt hatte. Jetzt umarmten alle die Pilger mit Ausdrücken der Freude, die sich nicht schildern lassen. Don Rafael erzählte darauf von neuem in der Kürze, die Zeit und Ort notwendig machten, allen Anwesenden seine Liebesgeschichte und wie er mit Leocadien und seine Schwester Theodosia mit Marco Antonio sich vermählt habe, was wieder neue Freude verursachte.

Sie nahmen darauf von denen, die ihnen zu Hilfe gekommen waren, so viel Pferde, als sie für die fünf Pilger nötig hatten und kamen überein, nach dem Orte des Marco Antonio sich zu begeben, dessen Vater sich erbot, die beiden Hochzeiten bei sich auszurichten. Nach dieser getroffenen Abrede machten sie sich auf den Weg, während schon einige von den Anwesenden ihnen vorausgeeilt waren, um den Freunden und Angehörigen der Neuvermählten die frohe Botschaft zuerst zu hinterbringen.

Unterwegs erfuhren Don Rafael und Marco Antonio die Veranlassung zu diesem Zweikampfe. Sowohl Theodosiens als Leocadiens Vater hatten nämlich den Vater des Marco Antonio gefordert, weil sie glaubten, er habe um den zwiefachen Betrug seines Sohnes gewußt. Da sie beide zu gleicher Zeit eingetroffen waren und ihn allein fanden, so hatten sie nichts vor ihrem Gegner im Kampfe voraus haben, sondern als Ritter Mann gegen Mann sich schlagen wollen, und der Kampf hätte entweder des einen oder der beiden anderen Tod zur Folge gehabt, wenn nicht die vier Pilger dazu gekommen wären. Diese dankten dem Himmel für den glücklichen Ausgang, und den Tag nach ihrer Ankunft ward von dem Vater des Marco Antonio die doppelte Vermählungsfeier seines Sohnes mit Theodosien und Leocadiens mit Don Rafael mit fürstlichem Glanze und Aufwande ausgerichtet.

Beide Paare lebten lange Jahre in einer glücklichen Ehe und hinterließen eine edle Nachkommenschaft, die sich bis auf den heutigen Tag in den beiden Orten erhalten hat, die zu den besten in Andalusien gehören. Wenn wir sie nicht nennen, so geschieht es aus schonender Rücksicht gegen die beiden Nebenbuhlerinnen, denen vielleicht Lästerzungen oder beschränkte Splitterrichter es zur Last legen könnten, daß sie sich so schnell verliebt und so plötzlich verkleidet hätten. Diese bitt‘ ich, eh‘ sie sich zu Tadlern solcher unüberlegten Schritte aufwerfen, erst in ihrem eigenen Busen zu forschen, ob sie nicht auch einmal von den Pfeilen getroffen wurden, die man dem Amor beilegt. Denn es ist fürwahr eine sozusagen unwiderstehliche Gewalt, welche die Leidenschaft über die Vernunft ausübt.

Der Maultiertreiber Galvete behielt das Maultier, welches Don Rafael nach Salamanca geschickt hatte und ward noch außerdem von den beiden neuen Schwägern reich beschenkt; die Dichter jener Zeit aber erhielten Gelegenheit, ihre Federn in Bewegung zu setzen, um die Schönheit und die Schicksale der beiden ebenso kühnen als sittsamen Nebenbuhlerinnen zu schildern, die den Hauptgegenstand dieser seltsamen Geschichte ausmachen.

72. Kapitel


Wie Don Quijote und Sancho nach ihrem Dorfe kamen

Diesen ganzen Tag verweilten Don Quijote und Sancho Pansa in diesem Dorfe und in diesem Wirtshause und warteten den Abend ab, der eine, um in freiem Felde seine Tracht Geißelhiebe vollends abzumachen, der andre, um diese Geißelung und mit ihr seine Wünsche am Ziel zu sehen.

Inzwischen kam ein Reisender zu Pferde mit drei oder vier Dienern im Gasthaus an, und einer von ihnen sagte zu dem Reiter, der ihr Herr zu sein schien: »Hier kann Euer Gnaden, Señor Don Álvaro Tarfe, heute Mittagsruhe halten; das Gasthaus scheint sauber und kühl zu sein.«

Bei diesen Worten sprach Don Quijote zu Sancho: »Siehe, Sancho, als ich jenes Buch durchblätterte, das den zweiten Teil meiner Geschichte enthalten soll, bin ich, wie ich meine, zufällig auf diesen Namen Don Álvaro Tarfe gestoßen.«

»Das kann wohl sein«, entgegnete Sancho; »lassen wir ihn absteigen, nachher wollen wir ihn danach fragen.«

Der Ritter stieg ab, und die Wirtin gab ihm ein Zimmer im Erdgeschoß gegenüber dem Gemache Don Quijotes; es war ebenfalls mit bemaltem Stoff behangen wie das Zimmer Don Quijotes. Der neu angekommene Edelmann kleidete sich sommerlich um, und nachdem er sich in die Vorhalle des Wirtshauses begeben, die geräumig und kühl war und in welcher Don Quijote auf und ab ging, fragte er diesen: »Wo reist Euer Gnaden hin, edler Junker?«

Don Quijote antwortete: »Nach einem Dorfe hier in der Nähe, wo ich geboren bin; und wo geht Euer Gnaden hin?«

»Ich gehe nach meiner Vaterstadt Granada«, antwortete der Edelmann.

»Eine treffliche Vaterstadt«, versetzte Don Quijote. »Aber Euer Gnaden wolle mir den Gefallen tun, Euren Namen zu nennen; denn es scheint mir weit wichtiger, ihn zu erfahren, als ich füglich sagen kann.«

»Mein Name ist Don Álvaro Tarfe«, antwortete der Fremde.

Darauf versetzte Don Quijote: »Dann sind Euer Gnaden gewiß jener Don Álvaro Tarfe, dessen Name gedruckt zu lesen ist im zweiten Teil der Geschichte des Don Quijote von der Mancha, der von einem neuen Schriftsteller in Druck gegeben und ans Licht der Welt gebracht worden ist.«

»Ebendieser bin ich«, antwortete der Edelmann, »und der erwähnte Don Quijote, die Hauptperson in der besagten Geschichte, war ein sehr guter Freund von mir, und ich war es, der ihn aus seiner Heimat fortführte oder wenigstens ihn bewog, zu einem Turnier nach Zaragoza zu kommen, wohin ich selber reiste; und wahrlich, wahrlich, ich habe ihm viele Freundschaftsdienste erwiesen und ihn davor bewahrt, daß ihm der Henker den Buckel strich, weil er über alles Maß frech gewesen.«

»So sagt mir doch auch, Señor Don Álvaro«, fragte darauf Don Quijote, »gleiche ich irgendwie jenem Don Quijote, von welchem Euer Gnaden spricht?«

»Nein, gewiß nicht«, antwortete der Fremde, »nicht im geringsten.«

»Und jener Don Quijote«, fragte der unsrige, »hatte er einen Schildknappen bei sich namens Sancho Pansa?«

»Allerdings hatte er ihn«, antwortete Don Álvaro, »und wiewohl dieser als witziger Spaßmacher galt, so habe ich doch nie einen Witz von ihm gehört, der witzig gewesen wäre.«

»Das will ich wohl glauben«, fiel hier Sancho Pansa ein; »denn witzige Späße sind nicht jedermanns Sache, und jener Sancho, von dem Euer Gnaden spricht, Herr Junker, muß ein großer Schurke und zugleich ein Dummkopf und Spitzbube gewesen sein; denn der wahre Sancho Pansa bin ich, und witzige Einfälle regnet es nur so bei mir. Macht nur einmal die Probe und zieht hinter mir her, wenigstens ein Jahr lang, und Ihr werdet sehen, daß sie mir auf Schritt und Tritt von den Lippen fallen, und zwar von solcher Art und in solcher Zahl, daß ich, während ich in den meisten Fällen gar nicht weiß, was ich sage, jeden zum Lachen bringe, der mich hört. Und der wahre Don Quijote von der Mancha, der berühmte, der heldenhafte und scharfsinnige, der verliebte, der Abhelfer aller Ungebühr, der Fürsprecher der Unmündigen und Waisen, der Beschützer der Witwen, der Herzensmörder aller Jungfrauen, der die unvergleichliche Dulcinea von Toboso zur einzigen Gebieterin hat, das ist dieser Herr, der hier vor Euren Augen steht und der mein Dienstherr ist. Jedweder andre Don Quijote und jeder andre Sancho Pansa ist nichts als Humbug und Spiegelfechterei.«

»Bei Gott, ich glaube es«, antwortete Don Álvaro; »denn in den paar Worten, die Ihr gesagt habt, lieber Freund, habt Ihr mehr Kurzweiliges vorgebracht als jener andre Sancho Pansa in sämtlichen Äußerungen, die ich von ihm gehört, und deren waren gar viele. Er hatte mehr vom Fresser an sich als vom witzigen Spaßmacher und mehr vom Dummkopf als vom kurzweiligen Menschen, und ich halte es für ausgemacht, daß die Zauberer, die den guten Don Quijote verfolgen, mich mit dem schlechten Don Quijote haben verfolgen wollen. Aber ich weiß eigentlich nicht, was ich sagen soll, denn ich kann es schwören, ich habe ihn zu Toledo im Tollhaus eingesperrt verlassen, wo man ihn heilen will, und jetzt kommt hier ein andrer Don Quijote zum Vorschein, der gänzlich anders ist als der meinige.«

»Ich«, sagte Don Quijote, »ich weiß nicht, ob ich gut bin; aber ich darf sagen, daß ich nicht der schlechte bin. Zum Beweis dafür sollt Ihr wissen, Señor Don Álvaro Tarfe, daß ich in meinem ganzen Leben nie in Zaragoza gewesen bin; vielmehr, gerade weil man mir sagte, jener angebliche Don Quijote sei bei dem Turnier in jener Stadt gewesen, wollte ich sie gar nicht betreten, um ihn angesichts der ganzen Welt Lügen zu strafen; und daher zog ich geradewegs nach Barcelona. Das ist der Wohnsitz der feinen Sitte, die Herberge der Fremden, die Zuflucht der Armen, die Heimat der Helden, der Rächer der Gekränkten, das anmutige Stelldichein treuer Freundschaften und ganz einzig durch seine Lage und Schönheit. Und wiewohl meine dortigen Erlebnisse nicht sehr freudig, sondern recht trauriger Art waren, so ertrage ich sie doch ohne Betrübnis, nur weil ich Barcelona gesehen habe. Kurz, Señor Don Álvaro Tarfe, ich bin Don Quijote von der Mancha, derselbe, von dem man spricht, und nicht jener Elende, der sich meinen Namen anmaßen und mit meinen Gedanken prunken wollte. Ich bitte Euer Gnaden, bei alledem, was Ihr dem Vorzuge, ein Ritter zu sein, schuldet, geruhet, vor dem Bürgermeister dieses Dorfes eine Erklärung abzugeben, daß Ihr mich noch nie in Eurem Leben gesehen habt und daß ich nicht der im zweiten Teil gedruckte Don Quijote bin, ebensowenig wie dieser Sancho Pansa, mein Schildknappe, derselbe ist, den Ihr gekannt habt.«

»Das will ich sehr gerne tun«, antwortete Don Álvaro, »obgleich es höchst wunderbar ist, zwei Don Quijotes und zwei Sancho Pansas zu gleicher Zeit zu sehen, die im Namen ebenso miteinander übereinstimmen, wie sie in ihren Handlungen sich unterscheiden; und nochmals sage ich’s und bleibe fest dabei, ich habe nicht gesehen, was ich gesehen, und was vor meinen Augen geschehen, ist nicht geschehen.«

»Ganz gewiß«, sagte Sancho, »muß Euer Gnaden ebenso verzaubert sein wie unser Fräulein Dulcinea von Toboso; und wollte der Himmel, Ihr könntet dadurch entzaubert werden, daß ich mir noch einmal dreitausend und soundso viele Hiebe gäbe, wie ich mir sie für Dulcinea aufmesse; ich gäbe sie mir, ohne den geringsten Vorteil dafür zu verlangen.«

»Ich verstehe nicht, was das mit den Hieben heißen soll«, sagte Don Álvaro.

Und Sancho antwortete ihm, das wäre zu weitläufig zu erzählen; er würde es ihm aber mitteilen, wenn sie vielleicht desselben Weges zögen.

Inzwischen kam die Essensstunde; Don Quijote und Don Álvaro speisten zusammen. Zufällig kam der Bürgermeister des Ortes mit einem Aktuar ins Gasthaus, und vor besagtem Bürgermeister stellte Don Quijote einen förmlichen Antrag nebst Gesuch: wie sein Recht es erheische, daß Don Álvaro Tarfe, nämlich der Edelmann, der hier zugegen sei, vor Seiner Gnaden dem Herrn Bürgermeister erklärt, daß er den gleichfalls hier anwesenden Don Quijote von der Mancha durchaus nicht kenne und daß dieser nicht derselbe sei, der geschildert werde in einer im Druck erschienenen Geschichte unter dem Titel Zweiter Teil des Don Quijote von der Mancha, verfaßt von einem gewissen de Avellaneda aus Tordesillas. Hierauf erledigte der Bürgermeister die Sache nach Recht und Gesetz; die Erklärung wurde ordnungsgemäß ausgestellt, wie in solchen Fällen erforderlich, worüber Don Quijote und Sancho sehr vergnügt waren, gerade als ob eine solche Erklärung von Wichtigkeit wäre und als ob der Unterschied zwischen den beiden Don Quijotes und den beiden Sanchos sich nicht schon deutlich genug in ihren Worten und Werken zeigte.

Zwischen Don Álvaro und Don Quijote wurden viele Höflichkeitsbezeigungen und freundschaftliche Anerbietungen ausgetauscht, wobei der große Manchaner seinen Verstand in so hellem Lichte zeigte, daß er Don Álvaro Tarfe seinen Irrtum gänzlich benahm und dieser wirklich glaubte, er müsse verzaubert sein, da er zwei einander so entgegengesetzte Don Quijotes mit Händen griff.

Der Abend kam heran, sie schieden von diesem Orte, und ungefähr eine halbe Meile von da trennten sich die verschiedenen Straßen; die eine führte nach Don Quijotes Dorf, während Don Álvaro die andere einschlagen mußte. Auf diesem kurzen Wege erzählte ihm Don Quijote das Unglück seiner Niederlage und die Verzauberung Dulcineas sowie die Art ihrer Heilung. Alles dieses setzte Don Álvaro aufs neue in Verwunderung; er umarmte Don Quijote und Sancho und setzte seinen Weg fort, so wie Don Quijote den seinigen.

Der Ritter verbrachte diese Nacht wiederum in einem Gehölz, um Sancho Gelegenheit zur Vollendung seiner Geißelung zu geben, und Sancho tat das auch auf dieselbe Weise wie in der vergangenen Nacht, mehr auf Kosten der Rinde der dort stehenden Buchen als auf Kosten seines Rückens, den er so sorgsam schonte, daß die Hiebe ihm nicht einmal eine Mücke von der Haut fortgescheucht hätten, falls eine solche darauf gesessen hätte. Der betrogene Don Quijote ließ keinen Hieb in seiner Rechnung verlorengehen und fand, daß es mit denen der vergangenen Nacht dreitausendneunundzwanzig waren. Die Sonne schien absichtlich früher aufgestanden zu sein, um das Opfer mit anzusehen, und bei ihrem Lichte setzten sie ihren Weg wieder fort, wobei sie von dem Irrtum Don Álvaros sprachen und wie wohl sie daran getan hätten, daß sie seine Aussage vor Gericht hätten feststellen lassen, und zwar auf so beweiskräftige Weise.

Diesen Tag und diese Nacht zogen sie weiter, ohne daß ihnen etwas Erzählenswertes begegnet wäre, außer, daß in der Nacht Sancho seine Aufgabe vollendete, worüber Don Quijote über alle Maßen glücklich war, so daß er den Tag kaum erwarten konnte, um zu sehen, ob er unterwegs seine nun entzauberte Gebieterin Dulcinea treffen werde. Wirklich begegnete ihm bei Fortsetzung seiner Reise kein Frauenzimmer, dem er nicht entgegenging, um herauszufinden, ob es Dulcinea von Toboso sei, da er fest auf Merlins Verheißungen baute.

Unter solchen Gedanken und voll von diesen Wünschen stiegen sie eine Anhöhe hinan, von welcher aus sie ihr Dorf erblickten. Bei diesem Anblick warf Sancho sich auf die Knie und sagte: »Öffne die Augen, ersehnte Heimat, und sieh Sancho Pansa, deinen Sohn, zu dir zurückkehren, wenn nicht mit vielen Reichtümern, doch mit vielen Prügeln beladen, öffne die Arme und empfange auch deinen Sohn Don Quijote, den zwar fremde Arme besiegt haben, der aber als Sieger über sich selbst einherzieht, was, wie er selber mir gesagt hat, der größte Sieg ist, den man erringen kann. Geld bringe ich mit; aber kriegt ich Hiebe schwer und mächtig, ritt ich doch einher gar prächtig.«

»Hör auf mit diesem Blödsinn«, sagte Don Quijote, »wir wollen in unser Dorf einziehen mit dem rechten Fuß voran; dort wollen wir auf Mittel sinnen, wie wir unsre poetischen Gedanken zur Tat werden lassen, und wollen den Plan zu dem Schäferleben ausarbeiten, dem wir uns zu widmen gedenken.«

Hiermit stiegen sie den Hügel hinab und zogen nach ihrem Dorfe.

73. Kapitel


Von den Vorzeichen, welche Don Quijote beim Einzug in sein Dorf bemerkte, nebst andern Begebnissen, so dieser großen Geschichte zu besonderer Zierde und höherem Wert gereichen

Am Eingang des Dorfes, so berichtet Sidi Hamét, sah Don Quijote, wie zwei Jungen auf den Tennen des Ortes miteinander Streit hatten, und der eine sagte zum andern: »Gib dir keine Mühe, Periquillo, du wirst sie in deinem Leben nie wiedersehen.«

Dies hörte Don Quijote und sprach zu Sancho: »Hast du beachtet, Freund, was jener Junge gesagt hat: du wirst sie in deinem Leben nie wiedersehen?«

»Nun denn«, antwortete Sancho, »was kümmert es uns, daß der Junge das gesagt hat?«

»Was es uns kümmert?« entgegnete Don Quijote; »siehst du denn nicht, daß das, wenn man dieses Wort auf meine Wünsche anwendet, bedeutet, daß ich Dulcinea nicht wiedersehen werde?«

Sancho wollte ihm antworten, als seine Aufmerksamkeit durch den Anblick eines Hasen abgelenkt wurde, der fliehend über das Feld rannte, von vielen Hunden und Jägern verfolgt, und sich ängstlich unter die Beine des Esels flüchtete und dort niederduckte. Sancho ergriff ihn mit der bloßen Hand und reichte ihn Don Quijote hin; dieser aber sprach: »Malum signum, malum signum! Ein Hase flieht, Hunde verfolgen ihn, Dulcinea läßt sich nicht sehen.«

»Euer Gnaden ist gar wunderlich«, sagte Sancho. »Wir wollen annehmen, dieser Hase ist Dulcinea von Toboso, diese Hunde, die ihn verfolgen, sind die schurkischen Zauberer, die sie in eine Bäuerin verwandelt haben; sie flieht, ich ergreife sie und bringe sie in Eure Gewalt, Ihr habt sie in Euren Armen und hegt und herzet sie; was ist das für ein böses Zeichen, oder welch böse Vorbedeutung kann man daraus entnehmen?«

Die beiden Jungen, die miteinander gestritten, kamen herbei, um den Hasen zu sehen, und Sancho fragte den einen, worüber sie sich gezankt hätten. Derjenige, der gesagt hatte: ›Du wirst sie in deinem Leben nie wiedersehen‹, antwortete ihm, er habe dem andern Jungen einen Käfig mit Grashüpfern weggenommen und gedenke ihm den seiner Lebtage nicht wiederzugeben. Sancho nahm vier Viertelrealen aus seiner Tasche, gab sie dem Jungen für den Käfig und überreichte diesen Don Quijote mit den Worten: »Hier, Señor, seht hier Eure Vorzeichen über den Haufen geworfen; ohnehin haben sie mit unsern Erlebnissen, wie ich als dummer Kerl meine, ebensowenig zu schaffen wie mit den Wolken vom vorigen Jahr. Auch habe ich meines Wissens den Pfarrer unsres Dorfes sagen hören, es gezieme sich nicht für Christen und vernünftige Leute, auf solche Kindereien zu achten; ja Euer Gnaden selbst hat es mir in den letzten Tagen gesagt und mich belehrt, daß alle Christen, die auf Vorzeichen etwas geben, dumme Kerle seien. Also brauchen wir uns nicht darauf zu versteifen, sondern wollen darüber hinweggehen und in unser Dorf einziehen.«

Die Jäger kamen herzu und verlangten ihren Hasen, Don Quijote gab ihn ihnen. Dann setzten sie ihren Weg fort und trafen auf einem Rasenplätzchen den Pfarrer und den Baccalaureus Carrasco in ihrem Brevier lesend. Nun muß man wissen, daß Sancho Pansa über seinen Grauen und über das Bündel mit den Rüstungsstücken als Reisedecke den mit Flammen bemalten Überwurf von Wollenzeug gebreitet hatte, mit dem er im Schlosse des Herzogs an jenem Abend bekleidet war, wo Altisidora wieder ins Leben zurückkehrte. Auch hatte er den spitzen Hut dem Tiere auf den Kopf gestülpt, jedenfalls die unerhörteste Verkleidung und Ausschmückung, in der man je auf Erden einen Esel gesehen. Die beiden wurden sogleich von dem Pfarrer und dem Baccalaureus erkannt, welche ihnen mit offenen Armen entgegenkamen. Don Quijote stieg ab und preßte sie innig in die Arme. Die Gassenjungen, die wie Luchse sind, denen man nicht entgehen kann, bemerkten den spitzen Hut des Esels, rannten herbei, ihn anzusehen, und riefen einander zu: »Kommt, Jungen, da könnt ihr Sanchos Esel sehen, schöner als ein Pfingstochse, und Don Quijotes Gaul, noch magerer als am ersten Tag.«

So zogen sie im Dorfe ein, von Gassenjungen umringt, vom Pfarrer und Baccalaureus begleitet, begaben sich nach dem Hause Don Quijotes und fanden an dessen Tür die Haushälterin und die Nichte, zu welchen die Nachricht von der Ankunft des Ritters schon gedrungen war. Dieselbe Kunde hatte man auch schon Teresa Pansa, der Ehefrau Sanchos, gebracht; mit unordentlich herumhängendem Haar und halbbekleidet, ihre Tochter Sanchica an der Hand führend, lief sie herbei, um ihren Mann zu sehen; und als sie ihn nicht so fein angezogen fand, wie ihrer Meinung nach ein Statthalter sein müßte, sprach sie zu ihm: »Wie kommst du daher, Mann? Du kommst ja zu Fuß mit Blasen an den Sohlen und siehst eher aus wie ein Stadtnarr als wie ein Statthalter!«

»Schweig, Teresa!« antwortete Sancho. »Gar oft sind da Haken und Stangen, und es tut kein Speck dranhangen. Laß uns nach Hause gehen, da wirst du Wunder hören. Geld bringe ich mit, das ist die Hauptsache, ich habe es im Schweiß meines Angesichts verdient und ohne jemandes Schaden.«

»Bring du nur Geld mit, lieber Mann«, sagte Teresa, »ob du es nun hier am Ort oder da und dort verdient hast, ja, du magst es verdient haben, wie du willst, so hast du sicher damit keine neue Mode in der Welt aufgebracht.«

Sanchica umarmte ihren Vater und fragte ihn, ob er ihr etwas mitgebracht habe, sie habe auf ihn gewartet wie auf einen Maienregen. Sie faßte ihn am Gürtel, sein Weib ergriff seine Hand, das Mädchen zog den Esel hinter sich her, und so gingen sie nach ihrem Hause und ließen Don Quijote in dem seinigen unter den Händen seiner Nichte und seiner Haushälterin und in der Gesellschaft des Pfarrers und des Baccalaureus.

Don Quijote, ohne die geeignete Frist und Stunde abwarten zu wollen, ging auf der Stelle mit dem Baccalaureus und dem Pfarrer beiseite und erzählte ihnen in kurzen Worten seine Niederlage und die von ihm übernommene Verpflichtung, sein Dorf ein ganzes Jahr lang nicht zu verlassen, was er buchstäblich einhalten wolle, schlecht und recht als fahrender Ritter handelnd und dazu verbunden durch die strenge Pflicht und Vorschrift des fahrenden Rittertums. Er habe den Gedanken gefaßt, während dieses Jahres als Schäfer zu leben und in der Einsamkeit der Gefilde seine Zeit zuzubringen, wo er seinen Liebesgedanken freien Lauf lassen und sich in dem tugendsamen schäferlichen Berufe üben könne; er bitte sie, wenn sie nicht zuviel zu tun hätten und nicht mit wichtigeren Angelegenheiten beschäftigt seien, ihm Gesellschaft leisten zu wollen; er würde Schafe kaufen, eine Herde, die groß genug sei, daß sie sich den Namen Schäfer beilegen dürften. Übrigens tue er ihnen zu wissen, daß die Hauptsache schon getan sei, denn er habe ihnen bereits ihre Namen zugedacht, die ihnen passen würden wie angegossen.

Der Pfarrer bat, sie ihnen mitzuteilen. Don Quijote antwortete, er werde der Schäfer Quijoti heißen, der Baccalaureus Schäfer Carrascón, der Pfarrer Schäfer Curiambro und Sancho Pansa Schäfer Pansino.

Alle waren starr über Don Quijotes neue Narrheit, aber aus Angst, er könnte noch einmal aus dem Dorf zu neuen Rittertaten ausziehen, und in der Hoffnung, er könne wohl während dieses Jahres geheilt werden, stimmten sie seinem neuen Plane zu, ließen seine Torheit als Gescheitheit gelten und erboten sich, ihm in seinem neuen Berufe Gesellschaft zu leisten.

»Dazu kommt noch«, sagte Sansón Carrasco, »daß ich, wie die ganze Welt ja weiß, ein hochberühmter Dichter bin; ich werde also bei jeder Gelegenheit Gedichte verfassen, schäferliche oder höfische, oder wie es mir sonst am besten paßt, damit wir in jenen Wildnissen, wo wir umherwandern werden, uns gut unterhalten. Was aber am nötigsten ist, meine Herren, ein jeder muß sich einen Namen für die Schäferin wählen, die er in seinen Versen zu feiern gedenkt, und es darf kein Baum übrigbleiben, wenn er auch noch so hart ist, wo er nicht ihren Namen eingraben soll, wie es Brauch und Sitte ist bei den verliebten Schäfern.«

»So ist’s recht«, bemerkte Don Quijote, »obwohl ich selbst der Mühe überhoben bin, den Namen einer erdichteten Schäferin aufzusuchen, denn es ist ja die unvergleichliche Dulcinea von Toboso da, der Stolz dieser Gestade, der Schmuck dieser Gefilde, die Lebensquelle der Schönheit, die Blume der Anmut, kurz ein Wesen, für welches keine Lobpreisung zuviel ist, mag sie noch so übertrieben scheinen.«

»Das ist wahr«, sagte der Pfarrer; »aber auch wir werden hierherum die richtigen Schäferinnen finden, und wollen wir bessere besitzen, so lassen wir sie uns schnitzen.«

Sansón Carrasco fügte hinzu: »Und wenn es uns an Namen fehlen sollte, so werden wir ihnen die gedruckten Namen aus Büchern geben, von denen die Welt voll ist, Fílida, Amarilis, Diana, Flérida, Galatea, Belisarda; denn da diese auf den Märkten verkauft werden, können auch wir sie kaufen und sie uns aneignen. Wenn meine Dame, oder richtiger gesagt, meine Schäferin zufällig Ana heißen sollte, werde ich sie unter dem Namen Anarda feiern, und wenn Franziska, nenne ich sie Franzenia, und wenn Lucía, Lucinda, denn das ist alles einerlei; und Sancho Pansa, sofern er in unsre Brüderschaft eintreten sollte, kann sein Weib Teresa Pansa unter dem Namen Teresaina feiern.«

Don Quijote lachte sehr über diese Verwendung der Namen, und der Pfarrer lobte über alles Maß seinen ehrbaren und tugendsamen Entschluß und erbot sich aufs neue, ihm während der ganzen Zeit, die ihm von seinen pflichtmäßigen Beschäftigungen frei bleiben würde, Gesellschaft zu leisten. Hiermit nahmen sie Abschied von ihm mit der Bitte und dem guten Rat, für seine Gesundheit zu sorgen und seiner mit allem Guten zu pflegen.

Das Schicksal wollte es, daß seine Nichte und die Haushälterin die Unterhaltung der drei mit anhörten, und sobald die beiden sich entfernt hatten, traten sie in Don Quijotes Zimmer, und die Nichte sprach zu ihm: »Was ist das, Herr Oheim? Jetzt, wo wir dachten, Euer Gnaden werde sich wieder auf Euer Haus beschränken und in ihm ein ruhiges und ehrbares Leben führen, wollt Ihr Euch auf neue Irrwege einlassen und das Schäferlein spielen:

Schäferlein, wo kommst du her?
Schäferlein, wo gehst du hin?

Wahrhaftig, das Rohr ist schon zu dürr, um Pfeifchen daraus zu schneiden.«

Die Haushälterin fügte hinzu: »Und kann denn Euer Gnaden auf freiem Felde die Mittagsstunden des Sommers, die kalten Nächte des Winters und das Geheul der Wölfe aushalten? Gewiß nicht, denn das ist ein Geschäft und Amt für handfeste, abgehärtete Leute, die von den Windeln und Wickelbändern an für einen solchen Beruf sind erzogen worden. Wenn denn zwischen zwei Übeln die Wahl sein muß, so ist es immer noch besser, ein fahrender Ritter sein als ein Schäfer. Überlegt es Euch, Señor, nehmt meinen Rat an, ich gebe ihn Euch nicht etwa von Wein und Brot übersättigt, sondern ganz nüchtern, und weil ich fünfzig Jahre alt bin: Bleibt in Eurem Hause, sorgt für Euer Hab und Gut, geht häufig zur Beichte, tut den Armen Gutes, und es soll auf meine Seele kommen, wenn Ihr dabei schlecht fahrt.«

»Schweigt, Kinder«, antwortete ihnen Don Quijote, »ich weiß ganz wohl, was ich zu tun habe. Bringt mich zu Bett, ich glaube, ich bin nicht recht wohl. Und im übrigen seid überzeugt, daß ich, ob ich nun als fahrender Ritter lebe oder als Schäfer herumfahre, nie unterlassen werde, für eure Bedürfnisse zu sorgen, wie ihr aus meinen Handlungen erkennen werdet.«

Die guten Mädchen, denn das waren Haushälterin und Nichte ohne Zweifel; brachten ihn zu Bett, wo sie ihm zu essen gaben und ihn bestmöglich verpflegten.

74. Kapitel


Wie Don Quijote krank wurde, sein Testament machte und starb

Da die menschlichen Dinge nicht von ewiger Dauer sind und es von ihrem Beginn an mit ihnen immer abwärtsgeht, bis sie zu ihrem letzten Ende gelangen, besonders aber das menschliche Leben, und da Don Quijotes Leben nicht das Vorrecht vom Himmel besaß, in seinem Laufe stillezustehen, so kam sein Ende und Ziel, als er sich dessen am wenigsten versah. Sei es nun von dem Gram über seine erlittene Niederlage oder durch Fügung des Himmels, der es so angeordnet, kurz, es nistete sich bei ihm ein Fieber ein, das ihn sechs Tage lang ans Bett fesselte. Während dieser Zeit wurde er häufig von seinen Freunden, dem Pfarrer, dem Baccalaureus und dem Barbier, besucht, und Sancho Pansa, sein braver Schildknappe, wich nicht vom Kopfende seines Bettes. Da sie alle glaubten, der Kummer darüber, daß er sich besiegt und seine Sehnsucht nach Dulcineas Erlösung und Entzauberung nicht erfüllt sah, hätte ihn in diesen Zustand versetzt, so suchten sie auf jede mögliche Weise ihn aufzuheitern, und der Baccalaureus ermahnte ihn, Mut zu fassen und aufzustehen, um ihr Schäferleben zu beginnen, für welches er schon ein Hirtengedicht verfaßt habe, das alle Gedichte von Sanazáro in den Schatten stelle. Er habe auch schon für sein eigenes Geld zwei kostbare Hunde gekauft, um die Herde zu hüten; der eine heiße Barcino und der andre Butrón, ein Herdenbesitzer in Quintanar habe sie ihm verkauft. Aber trotz alledem blieb Don Quijote in seinem Trübsinn befangen. Seine Freunde riefen den Arzt, der ihm den Puls fühlte und gar nicht zufrieden damit war und ihm riet, er möge auf jeden guten und schlechten Fall hin für das Heil seiner Seele sorgen, da seines Körpers Heil in Gefahr stehe.

Don Quijote hörte dies mit ruhiger Ergebung an; aber nicht also seine Haushälterin, seine Nichte und sein Schildknappe, die bitterlich zu weinen anfingen, als sähen sie ihn schon tot vor ihren Augen liegen. Der Arzt äußerte die Vermutung, daß Schwermut und Kummer sein Ende herbeiführten. Don Quijote bat, man möge ihn allein lassen, weil er ein wenig schlafen wolle; sie taten es, und er schlief in einem Zuge, wie man zu sagen pflegt, über sechs Stunden, so daß Haushälterin und Nichte schon fürchteten, er würde aus dem Schlafe nicht wieder zum Leben kommen. Indessen erwachte er nach Verlauf der erwähnten Zeit und sprach laut aufschreiend: »Gelobt sei der allmächtige Gott, der mir eine so große Wohltat erwiesen! Wahrlich, seine Barmherzigkeit hat keine Grenzen, und die Sünden der Menschen mindern und hemmen sie nimmer.«

Die Nichte horchte aufmerksam auf die Worte des Oheims, und sie schienen ihr vernünftiger zu sein, als er sie, wenigstens in dieser Krankheit, zu äußern pflegte. Sie fragte ihn: »Was denn meint Euer Gnaden, Señor? Haben wir was Neues? Was meint Ihr mit dieser Barmherzigkeit und mit den Sünden der Menschen?«

»Die Barmherzigkeit, die ich meine, liebe Nichte«, antwortete Don Quijote, »ist die, welche Gott in diesem Augenblicke an mir bewiesen hat, Gott, welchen meine Sünden, wie ich sagte, nicht abhalten, sie an mir zu üben. Mein Verstand ist jetzt wieder klar und hell, frei von allen umnebelnden Schatten der Unvernunft, mit welchen das beständige, das verwünschte Lesen der abscheulichen Ritterbücher meinen Geist umzogen hatte. Jetzt erkenne ich ihren Unsinn und ihren Trug, und ich fühle mich nur deshalb voll Leides, weil diese Erkenntnis meines Irrtums so spät gekommen ist, daß ich keine Zeit mehr habe, ihn einigermaßen wiedergutzumachen und andre Bücher zu lesen, um meine Seele zu erleuchten. Ich fühle mich, liebe Nichte, dem Tode nahe, ich möchte gerne so sterben, daß ich bewiese, mein Leben sei nicht so arg gewesen, um den Namen eines Narren zu hinterlassen; wenn ich es auch gewesen bin, so möchte ich dies doch nicht auch noch mit meinem Tode bekräftigen. Rufe mir, meine Liebe, meine guten Freunde, den Pfarrer, den Baccalaureus Sansón Carrasco und Meister Nikolas den Barbier; ich will beichten und mein Testament machen.«

Durch den Eintritt der genannten drei Personen wurde die Nichte dieser Mühe überhoben. Kaum erblickte Don Quijote sie, so rief er ihnen entgegen: »Wünscht mir Glück, meine lieben Herren, daß ich nicht mehr Don Quijote von der Mancha bin, sondern Alonso Quijano der Gute, wie ich um meines Lebenswandels willen genannt wurde. Jetzo bin ich ein Feind des Amadís von Gallien und der unzähligen Schar seiner Sippschaft; jetzt sind mir all die gottverlassenen Geschichten vom fahrenden Rittertum verhaßt; jetzt erkenne ich meine Torheit und die Gefahr, in die mich das Lesen dieser Bücher gestürzt hat; jetzt bin ich nach Gottes Barmherzigkeit durch eignen Schaden klug geworden und verabscheue sie.«

Als die drei ihn so reden hörten, hielten sie es für zweifellos, daß Ihn eine neue Narrheit befallen habe, und Sancho sprach zu ihm: »Jetzt, Señor Don Quijote, wo wir Nachricht haben, daß das Fräulein Dulcinea entzaubert ist, kommt Euer Gnaden mit solchen Sachen? Und jetzt, wo wir so drauf und dran sind, Schäfer zu werden, um unser Leben unter lauter Gesang zuzubringen wie die Prinzen, jetzt will Euer Gnaden unter die Einsiedler gehen? So wahr Ihr Euer Leben von Gott habt, schweigt still, kommt wieder zu Euch und gebt Euch nicht mit Fabeleien ab.«

Don Quijote

»Die bisherigen Fabeleien«, erwiderte Don Quijote, »sind zu meinem Schaden wahre Geschichten gewesen, aber mein Tod wird sie mit des Himmels Hilfe zu meinem Frommen wenden. Ich fühle, meine Herren, daß mein letztes Stündlein rasch naht; laßt mir die Possen beiseite und holt mir einen Beichtvater, der mir die Beichte abnimmt, und einen Gerichtsschreiber, der mein Testament macht; denn in so dringenden Augenblicken wie diesem darf der Mensch mit seinem Seelenheil keinen Spaß machen. Ich bitte euch also, während der Herr Pfarrer meine Beichte abnimmt, geht nach dem Gerichtsschreiber.«

Die Anwesenden sahen einander an, ganz verwundert über Don Quijotes Äußerungen, und obschon sie noch zweifelten, waren sie doch geneigt, ihm Glauben zu schenken, und sie hielten es für ein Zeichen seines nahenden Todes, daß er sich so rasch aus einem Verrückten in einen gescheiten Menschen verwandelt habe. Zu den bereits erwähnten Äußerungen fügte er noch andre, die so klar, so voll christlichen Sinnes und so vernünftig waren, daß ihnen zuletzt jeder Zweifel verging und sie überzeugt waren, daß er wieder völlig bei klarem Verstande sei.

Der Pfarrer ließ alle hinausgehen, blieb mit ihm allein und nahm ihm die Beichte ab. Der Baccalaureus war gegangen, den Gerichtsschreiber zu holen, und kehrte in kurzer Zeit mit diesem und Sancho Pansa zurück. Als der letztere, der schon von dem Baccalaureus gehört hatte, in welchem Zustande sein Herr sei, die Haushälterin und die Nichte in Tränen fand, fing er an, das Gesicht zu verziehen und gleichfalls Tränen zu vergießen. Die Beichte war vorüber, der Pfarrer trat heraus und sagte: »Wirklich, er stirbt, und wirklich ist Alonso Quijano der Gute wieder bei Verstand; wir können jetzt alle hineingehen, damit er sein Testament machen kann.«

Diese Nachricht gab den angeschwollenen Augen der Haushälterin, der Nichte und des redlichen Schildknappen Sancho Pansa einen so gewaltigen Stoß, daß ihnen dichte Tränen aus den Wimpern und tausend tiefe Seufzer aus der Brust hervorbrachen; denn es war wirklich so, wie schon manchmal gesagt worden: solange Don Quijote schlechtweg Alonso Quijano der Gute war, und ebenso während er Don Quijote von der Mancha war, stets war er von freundlicher Gemütsart und angenehm im Umgang und deshalb nicht nur von den Leuten seines Hauses, sondern von allen, die ihn kannten, geliebt und wohlgelitten.

Der Gerichtsschreiber trat mit den andern ein, und nachdem Don Quijote den Eingang des Testamentes verfaßt und seine Seele Gott befohlen, auch allen hierbei üblichen christlichen Bräuchen genügt hatte, sagte er, als er an die Vermächtnisse kam: »Item ist mein Wille: sintemalen Sancho Pansa, den ich in meiner Verrücktheit zu meinem Schildknappen machte, gewisse Gelder von mir in Händen hat und zwischen ihm und mir gewisse Rechnungen und verdrießliche Händel stattgefunden haben, so will ich, daß man die Gelder ihm nicht zu Lasten schreibe, auch keine Abrechnung von ihm verlange, sondern wenn etwas übrigbleibt, nachdem er sich für meine Schulden an ihnen bezahlt gemacht hat, so soll der Rest, der nicht groß sein wird, ihm gehören und zum Nutzen gereichen; und wenn ebenso, wie ich zur Zeit meiner Verrücktheit Veranlassung war, ihm die Regierung der Insul zu übergeben, ich jetzt, wo ich bei Verstand bin, ihm die eines Königreichs verleihen könnte, so würde ich sie ihm verleihen, weil die Einfalt seines Gemütes und die Treue seiner Handlungsweise es verdienen.«

Hier wendete er sich zu Sancho und sprach zu ihm: »Vergib mir, Freund, daß ich dir Anlaß gegeben, verrückt zu scheinen, wie ich es selbst war, und dich zu demselben Irrtum verleitet, in den ich gefallen war, nämlich daß es fahrende Ritter auf Erden gegeben hat oder gibt.«

»Ach«, rief Sancho unter Tränen, »sterbt doch nicht, mein lieber gnädiger Herr, sondern nehmt meinen Rat an und lebt noch lange Jahre; denn die größte Narrheit, die ein Mensch in diesem Leben begehen kann, ist, sich mir nichts, dir nichts ins Grab zu legen, ohne daß einer ihn umbringt und ohne daß eine andere Macht als die der Schwermut sein Ende herbeiführt. Macht nur, daß Ihr nicht so träge seid, sondern von Eurem Bett aufsteht, und dann wollen wir hinaus ins Freie, in Schäfertracht, wie wir verabredet haben; vielleicht finden wir hinter einem Busche hier herum Señora Doña Dulcinea so entzaubert, daß man nichts Herrlicheres sehen kann. Kommt Euch der Tod aber vom Verdruß über Eure Niederlage, so schiebt die Schuld auf mich und sagt, weil ich dem Rosinante den Gurt schlecht umgeschnallt habe, deshalb wäret Ihr geworfen worden; außerdem werdet Ihr in Euren Ritterbüchern gelesen haben, wie ganz gewöhnlich es ist, daß ein Ritter den andren niederwirft und daß, wer heute besiegt ist, morgen der Sieger sein kann.«

»So ist es«, sagte Sansón; »der wackere Sancho Pansa hat vollkommen das Richtige getroffen.«

»Gemach, meine Herren, gemach, meine Herren«, sprach Don Quijote; »das Nest ist leer in diesem Jahr, das vorig Jahr voll Vöglein war. Ich war verrückt, und jetzt bin ich bei Verstand; ich war Don Quijote von der Mancha, und jetzt bin ich, wie gesagt, Alonso Quijano der Gute. Möchte doch bei Euch meine Reue und meine Aufrichtigkeit mich wieder in die Achtung zurückbringen, die man sonst für mich empfand! Jetzt wolle der Herr Gerichtsschreiber fortfahren.

Item: ich vermache all mein Hab und Gut, und zwar unter Ausschluß aller anderen Personen, meiner Nichte, der hier gegenwärtigen Antonia Quijana, nachdem sie zuvor, aus den flüssigen Mitteln meines Vermögens, soviel entnommen, als nötig ist, um meine Vermächtnisse zu bestreiten; und als erste Auszahlung soll meine Haushälterin den Lohn erhalten, den ich ihr für die Zeit schulde, die sie bei mir gedient hat, und ferner noch zwanzig Taler für ein Kleid.

Zu meinen Testamentsvollstreckern ernenne ich den Herrn Pfarrer und den Herrn Baccalaureus Sansón Carrasco, beide hier zugegen. Item ist mein Wille: wenn meine Nichte Antonia Quijana sich verheiraten will, so soll sie nur einen solchen Mann ehelichen, von dem man vorher festgestellt hat, daß er nicht einmal weiß, was Ritterbücher sind, und falls er es weiß und meine Nichte sich trotzdem mit ihm verheiratet, so soll sie alles dessen verlustig gehen, was ich ihr vermacht habe, und meine Testamentsvollstrecker können es nach ihrem Belieben zu frommen Werken verwenden.

Item bitte ich meine Herren Testamentsvollstrecker, wenn sie das Glück haben sollten, den Schriftsteller kennenzulernen, der eine Geschichte geschrieben haben soll, die unter dem Titel Zweiter Teil der Geschichte des Don Quijote von der Mancha in der Welt umläuft, so mögen sie ihn in meinem Namen so inständig als möglich um Verzeihung bitten, daß ich ihm unwissentlich den Anlaß gegeben, so vielen und großen Unsinn zu schreiben, wie er da aufgehäuft hat, denn ich scheide aus diesem Leben mit Gewissensbissen, daß ich ihm Gelegenheit zu solchen Albernheiten gegeben.«

Hiermit schloß das Testament; Don Quijote fiel bald darauf in eine Ohnmacht und streckte sich der Länge nach im Bett aus. Alle gerieten in Schrecken und bemühten sich, ihm beizustehen, und während der drei Tage, die er nach Errichtung seines Testaments noch lebte, befielen ihn solche Ohnmächten noch sehr häufig. Das Haus war fortwährend in Angst und Schrecken, aber trotzdem speiste die Nichte, trank die Haushälterin und war Sancho Pansa guter Dinge, denn die sichere Aussicht auf ein Erbe tilgt oder mildert wenigstens bei dem Erben das Gefühl des Schmerzes, den der Verstorbene billigermaßen bei den Seinigen zurücklassen muß.

Endlich kam die letzte Stunde Don Quijotes, nachdem er alle Sakramente empfangen und nachdem er mit vielen nachdrücklichen Worten seinen Abscheu vor den Ritterbüchern ausgesprochen. Der Gerichtsschreiber war dabei zugegen und erklärte, er habe nie in einem Ritterbuche gelesen, daß ein fahrender Ritter jemals so ruhig und so christlich in seinem Bette gestorben wie Don Quijote, welcher unter Wehklagen und Tränen der Anwesenden seine Seele dahingab – ich will sagen: er starb.

Sobald der Pfarrer sah, daß er verschieden war, bat er den Gerichtsschreiber, eine Urkunde aufzusetzen, daß Alonso Quijano der Gute, gemeiniglich Don Quijote von der Mancha genannt, aus diesem zeitlichen Leben geschieden und eines natürlichen Todes gestorben sei; er verlange, sagte er, dieses Zeugnis, um die Möglichkeit zu beseitigen, daß irgendein anderer Schriftsteller als Sidi Hamét Benengelí ihn fälschlich von den Toten auferwecke und Geschichten ohne Ende von seinen Taten schreibe.

Dieses Ende nahm der sinnreiche Junker von der Mancha, dessen Geburtsort Sidi Hamét nicht genau angeben wollte, um allen Städten und Dörfern der Mancha den Wettstreit darüber zu ermöglichen, welcher Ort ihn als seinen Sohn beanspruchen und unter die Seinigen zählen dürfe, so wie einst jene sieben Städte Griechenlands sich um Homer gestritten.

Wir schildern nicht die Wehklagen Sanchos noch die der Nichte und Haushälterin Don Quijotes noch die merkwürdigen Inschriften seines Grabsteins, außer derjenigen, die ihm Sansón Carrasco in folgenden Versen gesetzt:

Hier ruht der vielkühne Junker,
Der ein Held von hohem Streben,
Dessen Ruhm zur Sonne fliegt;
Und der Tod selbst hat sein Leben
Nicht durch seinen Tod besiegt.

Auf ein Weltall höhnisch zückt‘ er
Schwert und Speer, den Feind zerstückt‘ er
Als ein Popanz, ein unbändiger;
Keiner war im Tod verständiger
Noch im Leben je verrückter.

Und der hochweise Sidi Hamét sprach zu seiner Feder: Hier an diesem Schlüsselbrett sollst du von diesem Kupferdraht herabhängen, meine liebe Feder, ob du nun gut geschnitten oder schlecht gespitzt warst, und da sollst du lange Jahrhunderte ruhen, falls anmaßliche und räuberische Geschichtsschreiber dich nicht herabnehmen, dich zu entweihen. Aber ehe sie dir nahe kommen, kannst du sie warnen und ihnen so nachdrücklich, als du vermagst, zurufen:

Weg da, weg da, schlecht Gesindel!
Wage keiner, dran zu rühren!
Denn dies Werk war mir, mein König,
Vorbehalten zu vollführen.

Für mich allein ist Don Quijote geboren und ich für ihn; er wußte Taten zu vollbringen und ich sie zu schreiben; wir beide allein sind bestimmt, zusammen ein Ganzes zu bilden, zum Trutz und Ärger des sogenannten Schriftstellers aus Tordesillas, der sich vermaß oder sich künftig noch vermessen wird, mit einer groben, ungeschlachten Straußenfeder die Taten meines mannhaften Ritters niederzuschreiben; denn das ist keine Last für seine Schultern, kein Gegenstand für seinen matten Geist. Wenn du ihn vielleicht einmal kennenlernst, so sage ihm, er soll die müden und modernden Gebeine Don Quijotes im Grabe ruhen lassen und ihn nicht, allen Satzungen des Todes zuwider, nach Altkastilien führen und ihn zu diesem Zwecke aus der Gruft reißen, wo er wahr und wirklich der Länge nach ausgestreckt liegt und in die Unmöglichkeit versetzt ist, eine dritte Reise und neue Ausfahrt zu unternehmen. Denn um die vielen Fahrten lächerlich zu machen, die so viele fahrende Ritter unternommen, genügen schon die zwei, die er zum Vergnügen und Wohlgefallen all derer unternommen, die in unseren wie in fremden Reichen davon Kunde erlangt haben.

Und hiermit wirst du, lieber Leser, deine Christenpflicht erfüllen, indem du guten Rat dem erteilst, der dir übelwill; und ich werde zufrieden und stolz sein, daß ich der erste gewesen, der die Früchte von Sidi Haméts Schriften vollkommen so gepflückt hat, wie er selber es gewollt. Meine Absicht war keine andere, als den Abscheu aller Menschen gegen die fabelhaften und abgeschmackten Geschichten der Ritterbücher zu wecken, welche durch die meines wahren Don Quijote bereits ins Straucheln geraten und ohne Zweifel ganz zu Falle kommen werden. Lebe wohl!

8. Kapitel


Worin berichtet wird, was Don Quijote begegnete, da er hinzog, seine Herrin Dulcinea von Toboso zu erschauen

»Gepriesen sei Allah der Allmächtige!« – so spricht Hamét Benengelí zu Beginn dieses achten Kapitels –, »gepriesen sei Allah!« wiederholt er dreimal und bemerkt, er erhebe darum diese Lobpreisungen, weil er denn endlich Don Quijote und Sancho draußen im Freien habe und weil die Leser seiner ergötzlichen Geschichte sich darauf gefaßt machen können, daß von nun an die Heldentaten Don Quijotes und die lustigen Einfalle seines Schildknappen wieder beginnen; er ermahnt sie, die früheren Rittertaten des sinnreichen Junkers zu vergessen und die Blicke auf diejenigen zu richten, die da kommen sollen und gleich jetzt auf dem Wege nach Toboso ihren Anfang nehmen, wie die früheren im Gefilde von Montíel begonnen haben. Und was er verlangt, ist nicht viel im Verhältnis zu dem vielen, was er verspricht. Folgendermaßen aber fährt er fort:

Don Quijote und Sancho blieben allein zurück auf der Landstraße; und kaum hatte sich Sansón entfernt, so begann Rosinante zu wiehern und der Graue seine Seufzer auszustoßen, was von beiden, dem Ritter und dem Schildknappen, für ein gutes Zeichen und eine höchst glückliche Vorbedeutung gehalten wurde. Jedoch, die Wahrheit zu sagen, war das Aufseufzen und Iahen des Grauen viel anhaltender als das Wiehern des Gauls, woraus Sancho schloß, sein Glück werde das seines Herrn überragen und weit höher steigen. Ich weiß nicht, ob ihn hierüber die bei den Gerichten geltende Astrologie belehrte, auf die er sich etwa verstanden hätte, obschon die Geschichte nichts davon berichtet; nur hat man ihn sagen hören, wenn er stolperte oder hinfiel, es wäre ihm lieber, er wäre zu Hause geblieben; denn beim Stolpern und Fallen komme nichts heraus als zerrissene Schuhe oder gebrochene Rippen. Und hierin, so einfältig er war, hatte er nicht so unrecht.

Don Quijote sprach zu ihm: »Freund Sancho, die Nacht kommt rasch über uns, mit tieferer Finsternis, als wir sie gerade nötig hätten, um schon mit dem anbrechenden Tag Toboso zu erblicken, wohin ich zu ziehen beschlossen habe, bevor ich mich an ein neues Abenteuer wage; dort will ich den Segen und Urlaub der unvergleichlichen Dulcinea erlangen, und mit sotanem Urlaub gekräftigt, glaub ich und erachte ich für gewiß, jedwedes fährliche Abenteuer bewältigen und glückhaft zu Ende führen zu können; denn nichts in diesem Leben macht die fahrenden Ritter tapferer, als wenn sie sich der Huld ihrer Damen erfreuen.«

»Das will ich wohl glauben«, entgegnete Sancho, »aber es wird für Euer Gnaden wohl schwierig sein, sie zu sprechen oder ihr einen Besuch zu machen, wenigstens an einem Orte, wo Ihr ihren Segen empfangen könntet, wenn sie ihn Euch nicht etwa über die Hofmauer herüber erteilt, wo ich sie das erstemal gefunden habe, als ich ihr den Brief über die Torheiten und Verrücktheiten brachte, in deren Verrichtung Euer Gnaden dort im Innersten der Sierra Morena begriffen war.«

»Wie eine Hofmauer kam dir der Ort vor, Sancho«, sprach Don Quijote, »wo du jene nie genug gepriesene Lieblichkeit und Schönheit gesehen hast? Nein, nichts anderes konnten es sein als Galerien oder Vorhallen oder Säulengänge, oder wie man es sonst nennt, eines reichen königlichen Schlosses.«

»Das ist alles möglich«, entgegnete Sancho, »aber mir schien’s eine Hofmauer, oder ich muß schwach im Gedächtnis sein.«

»Dessenungeachtet wollen wir hin«, versetzte Don Quijote; »so ich sie nur erblicken mag, ist mir es ganz dasselbe, ob über eine Hofmauer hinweg oder ob am Fenster oder ob zwischen den Ritzen oder dem Zaun eines Parkes hindurch. Jeglicher Strahl, der von der Sonne ihrer Schönheit in meine Augen dringt, wird meinen Geist erleuchten und mein Herz so kräftigen, daß ich einzig und ohnegleichen dastehen werde an Geistesschärfe und Heldengröße.«

»Nun wahrlich, Señor«, entgegnete Sancho, »als ich selbige Sonne des Fräuleins Dulcinea von Toboso erblickte, da schien sie nicht so hell, daß sie Strahlen von sich werfen konnte; und das mußte wohl daran liegen, daß Ihre Gnaden, wie ich Euch erzählt habe, gerade den Weizen siebte, wovon ich gesagt, und der viele Staub, den sie herausschüttelte, sich ihr wie eine Wolke vors Gesicht legte und es verdunkelte.«

»Wie? Immer wieder, Sancho, verfällst du darauf«, entgegnete Don Quijote, »zu sagen, zu denken, zu glauben und darauf zu bestehen, daß meine Gebieterin Dulcinea Weizen siebte, da doch dies ein Dienst ist, der allem ferneliegt, was fürnehme Personen zu tun pflegen, als welche bestimmt und vorbehalten sind für ganz andre Beschäftigungen, die auf Büchsenschußweite deren Fürnehmheit erkennen lassen? Schlecht haften in deinem Gedächtnis, o Sancho, jene Verse unsers Dichters, worin er uns die Arbeiten schildert, so dort in ihren kristallenen Heimstätten jene vier Nymphen verrichteten, die aus dem geliebten Tajo hervor ihre Häupter erhoben und sich auf dem grünen Rain niederließen, um jene reichen Gewandstoffe zu fertigen, die der sinnreiche Dichter uns dort beschreibt und die samt und sonders aus Gold, Seide und Perlen gewirkt und gewoben waren. Und gerade dieser Art mußte die Beschäftigung meiner Gebieterin sein, als du sie erblicktest, falls nicht der Neid, den irgendein böser Zauberer sicherlich gegen alles hegt, was mich betrifft, mir ein jegliches, was mir Freude schaffen mag, in ganz andre Gestaltungen als die wirklichen umkehrt und umwandelt. Daher fürchte ich auch, in jener Geschichte, die von meinen Taten gedruckt im Umlauf sein soll, wenn vielleicht ihr Verfasser ein mir feindlich gesinnter Zauberer war, wird er zum öftern eine Tatsache für eine andre hingesetzt haben, wird unter eine Wahrheit tausend Lügen gemengt und ein Vergnügen darin gefunden haben, ganz andre Begebnisse zu berichten, die fernab von dem liegen, was der Verfolg einer wahren Geschichte erheischt. O Neid, du Wurzel unzähligen Übels, du Krebsschaden der Tugend! Alle Laster, Sancho, führen ich weiß nicht was für einen Genuß mit sich; aber das Laster des Neides führt nichts mit sich als Widerwärtigkeit, Groll und Wut.«

»Ja, das sag ich auch«, versetzte Sancho; »auch ich denke, in dem Lesestück oder Geschichtsbuch, das der Baccalaur Carrasco über uns zwei, wie er sagt, zu Gesicht bekommen hat, wird mein guter Name hinstolpern wie eine Schweineherde hinter dem Treiber, der immer ausrufen muß: Hierher des Weges, du gescheckte Sau! Oder es geht damit wie im Sprichwort: Hier wackelt er nach rechts und links, und dort kehrt sein Rock die Gassen. Und doch, so wahr ich ein braver Kerl bin, hab ich keinem Zauberer was Böses nachgesagt und hab auch nicht so viel Glücksgüter, daß ich beneidet werden könnte. Allerdings ist’s wahr, ich bin hie und da ein bißchen boshaft und hab auch so was von Verschmitztheit an mir, aber alles das bedeckt und verhüllt der weite Mantel meiner Herzenseinfalt, die immer natürlich und nie erkünstelt ist. Und hätt ich auch nichts andres, als daß ich fest und aufrichtig an Gott glaube, wie ich stets getan, und an alles, woran die heilige römisch-katholische Kirche festhält und glaubt, und daß ich ein Todfeind der Juden bin, wie ich es wirklich bin, so sollten die Geschichtsschreiber Erbarmen mit mir haben und mich in ihren Schriften freundlich behandeln. Aber mögen sie sagen, was sie wollen, nackt bin ich zur Welt gekommen, nackt bin ich noch heute, hab nichts verloren und nichts gewonnen; und steh ich auch in den Büchern und geh in der Welt von Hand zu Hand, mir liegt nicht eine Bohne dran, wenn sie von mir sagen, was immer sie wollen.«

»Das sieht mir nach jener Geschichte aus, Sancho«, sprach Don Quijote, »die sich mit einem berühmten Dichter unserer Zeit zugetragen, der eine boshafte Satire gegen alle Damen vom Hofe verfaßt und darin eine von ihnen nicht mit aufgeführt noch genannt hatte, so daß man zweifeln konnte, ob sie zu ihnen gehörte oder ob nicht; und da sie sah, daß sie nicht auf der Liste der übrigen stand, beschwerte sie sich bei dem Dichter und fragte ihn, was er denn an ihr bemerkt habe, um sie nicht in die Zahl der andern einzureihen; er möchte doch sein Spottgedicht verlängern und sie in den neuen Zusatz aufnehmen; wo nicht, solle er wohl bedenken, daß alle Menschen sterblich seien. Der Dichter erfüllte ihren Wunsch und schilderte sie mit Bezeichnungen, die selbst eine alte Kammerzofe nicht in den Mund hätte nehmen mögen, und nun war sie zufrieden, daß sie in Ruf, wenn auch in Verruf gekommen war. Hierher gehört auch, was man von jenem Hirten erzählt, der den berühmten Tempel der Diana, welcher als eines der Sieben Weltwunder galt, in Flammen setzte und verbrannte, bloß damit sein Name in den kommenden Jahrhunderten fortlebe; und obschon das Verbot erging, ihn je zu nennen und seines Namens mündlich oder schriftlich Erwähnung zu tun, damit er das Ziel seines Wunsches nicht erreiche, so erfuhr man dennoch, daß er Herostratus hieß.

Hierher gehört auch, was dem großen Kaiser Karl dem Fünften mit einem Edelmann in Rom begegnete. Der Kaiser wollte den berühmten Rundbau in Augenschein nehmen, der im Altertum der Tempel aller Götter hieß und jetzt mit besserem Namen die Kirche aller Heiligen heißt; es ist dies das Gebäude, das von allen, die das Heidentum in Rom aufgerichtet hat, am vollständigsten erhalten geblieben ist und das von der Großartigkeit und Prachtliebe seiner Erbauer am besten Zeugnis ablegt. Es hat die Gestalt einer durchgeschnittenen Pomeranze, ist ungeheuer groß und sehr hell, während doch das Licht nur durch ein einziges Fenster hereinfällt oder, richtiger gesagt, durch eine runde Öffnung in der Kuppel oben. Als der Kaiser von hier aus das Gebäude betrachtete, befand sich ein römischer Ritter ihm zur Seite, der ihm die Schönheiten dieses Riesenwerks und die Kunstmittel bei dieser merkwürdigen Bauart erklärte. Nachdem sie dann die Stelle verlassen hatten, sagte er zum Kaiser: ›Tausendmal, geheiligte Majestät, kam mich die Lust an, Eure Majestät mit den Armen zu umfassen und mich aus dieser Kuppelöffnung hinunterzustürzen, um der Welt einen unvergänglichen Namen zu hinterlassen.‹

›Ich danke Euch‹, antwortete der Kaiser, ›daß Ihr einen so schlimmen Gedanken nicht zur Ausführung gebracht habt, und hinfüro will ich Euch keine Gelegenheit mehr bieten, mir nochmals einen Beweis Eures Pflichtgefühls zu geben; und daher verbiete ich Euch, jemals wieder ein Wort an mich zu richten oder zu weilen, wo ich verweilen mag.‹

Aber nach diesen Worten verlieh er ihm eine große Gnade.

Hiermit will ich sagen, Sancho, daß die Begierde, Ruhm zu gewinnen, gewaltig wirksam in den Menschen ist. Was, meinst du, warf den Horatius Codes in voller Rüstung von der Brücke hinab in den Tiber? Was hat dem Mucius Scavola Arm und Hand ins Feuer gehalten? Was trieb den Curtius, sich in den tiefen glühenden Schlund zu stürzen, der inmitten der Stadt Rom zum Vorschein gekommen? Was bewog den Julius Cäsar, entgegen allen bösen Vorzeichen über den Rubikon zu gehen? Und aus neueren Beispielen: Wer hat die Schiffe angebohrt und die tapferen Spanier, die der ritterlichste aller Ritter, Cortéz, in der neuen Welt anführte, auf dem Trocknen und abgeschnitten von aller Welt gelassen? Alle diese Großtaten und viele andre noch von mancher Art waren und werden sein Werke des Ruhms, den die Sterblichen als Lohn ersehnen und als Anteil an der Unsterblichkeit, die ihre rühmlichen Handlungen verdienen. Jedoch wir katholischen Christen und fahrenden Ritter sollen mehr nach der Glorie der künftigen Jahrhunderte trachten, die da unvergänglich ist in den ätherischen Gefilden des Himmels, als nach der Eitelkeit des Ruhmes, den man in dieser irdischen und vergänglichen Zeitlichkeit erwirbt; denn dieser Ruhm, so lang er auch dauern möge, muß zuletzt doch mit der Welt vergehen, die ihr vorbestimmtes Ende hat. Sonach, o Sancho, sollen unsre Taten niemals die Grenzen überschreiten, die uns die christliche Religion, zu der wir uns bekennen, gesetzt hat. Wir sollen in den Riesen den Hochmut ertöten, den Neid durch unsre Großmut und unsern Edelsinn, den Zorn durch unsere gelassene Haltung und Seelenruhe; wir essen ein kärgliches Essen und wachen ein häufiges Wachen und ertöten dadurch die Schlemmerei und den Schlaf; das schmähliche Gelüste und die Unzüchtigkeit durch die redliche Treue, die wir den Frauen bewahren, welche wir zu Herrinnen unserer Gedanken eingesetzt haben; die Trägheit dadurch, daß wir in allen Teilen der Welt umherziehen und Gefahren aufsuchen, die uns zunächst zu guten Christen, dann zu ruhmvollen Rittern machen können und wirklich machen.«

»Alles, was Euer Gnaden mir bis hierher gesagt hat«, sprach Sancho, »hab ich ganz gut verstanden. Aber bei alledem wünschte ich doch, Ihr möchtet mich über einen Zweifel abklären, der mir eben zu Kopf gestiegen ist.«

»Aufklären willst du sagen, Sancho«, fiel Don Quijote ein. »In Gottes Namen red heraus, ich will dir antworten, so gut ich kann.«

»Sagt mir, Señor«, fuhr Sancho fort, »jener Juli und August und all jene heldenhaften Ritter, die Ihr aufgezählt habt, die jetzt schon tot sind, wo sind sie denn jetzt?«

»Die Heiden unter ihnen«, antwortete Don Quijote, »sind ohne Zweifel in der Hölle; die Christen, wenn sie gute Christen waren, sind im Fegfeuer oder im Himmel.«

»Ganz recht«, entgegnete Sancho; »aber jetzt wollen wir mal hören: Haben die Grabstätten, wo die Leiber jener vornehmen Herrschaften liegen, silberne Ampeln vor ihnen hängen, oder sind die Wände ihrer Kapellen geschmückt mit Krücken, Bahrtüchern, abgeschnittenem Haupthaar, wächsernen Beinen oder Augen? Und wenn nicht damit, mit was sind sie geschmückt?«

Darauf antwortete Don Quijote: »Die Grabstätten waren bei den Heiden meistenteils prachtvolle Tempel; Julius Cäsars Asche wurde in einer Urne oben auf einem steinernen Obelisk von ungeheurer Größe beigesetzt, den man heutzutage in Rom die Nadel des heiligen Petrus nennt. Dem Kaiser Hadrian diente zur Grabstätte eine Burg, so groß wie ein ansehnliches Dorf, die man die Moles Hadriani nannte und die jetzt in Rom die Engelsburg heißt. Die Königin Artemisia bestattete ihren Gatten Mausolus in einem Grabmal, das man für eines der Sieben Weltwunder hielt. Aber keine dieser Grabstätten, ebensowenig als die vielen andern, die den Heiden gehörten, wurde je mit Bahrtüchern oder andern Opfergaben und Denkzeichen geschmückt, welche angezeigt hätten, daß die dort Begrabenen Heilige seien.«

»Darauf eben wollte ich hinaus«, versetzte Sancho. »Nun sagt mir jetzt: was ist mehr, einen Toten auferwecken oder einen Riesen erschlagen?«

»Die Antwort liegt auf der Hand«, antwortete Don Quijote; »einen Toten zu erwecken ist weit mehr.«

»Jetzt hab ich Euch erwischt«, sprach Sancho. »Also ist der Ruhm derer, die Tote auferwecken, den Blinden das Gesicht wiedergeben, die Lahmen und Krummen gerademachen und den Kranken Genesung verleihen; und es brennen Ampeln vor ihren Grabstätten, und es sind ihre Kapellen voll andächtiger Leute, die ihre heiligen Überreste auf den Knien verehren – also ist solch ein Ruhm besser für dies Leben und für das andere als der Ruhm, den alle heidnischen Kaiser und alle fahrenden Ritter, die es gegeben, jemals in der Welt zurückgelassen haben und zurücklassen werden.«

»Auch dies muß ich als wahr zugestehen«, antwortete Don Quijote.

»Also dieser Ruhm, diese Gnaden, diese Vorzüge vor allen, wie man es eben nennt«, entgegnete Sancho, »wohnen den Leibern und Überresten der Heiligen bei, welche mit Gutheißung und Erlaubnis unserer heiligen Mutter Kirche Ampeln, Kerzen, Bahrtücher, Krücken, Bilder, Haarlocken, Augen, Beine haben, mit denen sie die Frömmigkeit vermehren und ihren christlichen Ruhm erhöhen. Die Körper der Heiligen oder ihre Überreste – die Könige tragen sie auf den Schultern, küssen die Bruchstücke ihrer Knochen, schmücken und bereichern mit ihnen ihre Hauskapellen und ihre liebsten und am höchsten geschätzten Altäre.«

»Was soll ich nach deiner Meinung, Sancho, aus dem, was du alles gesagt, für Folgerungen ziehen?« fragte Don Quijote.

»Ich will damit sagen«, antwortete Sancho, »daß wir darauf ausgehen sollen, Heilige zu werden, und da werden wir in viel kürzerer Zeit den Ruhm erlangen, nach dem wir trachten. Und bedenkt, Señor, daß gestern oder vorgestern – denn so kann man immerhin sagen, da es so kurze Zeit her ist – zwei geringe Barfüßermönche heilig- oder doch seliggesprochen wurden; die hatten eiserne Ketten, mit denen sie ihren Leib gürteten und marterten, und es gilt jetzo für ein besonderes Glück, wenn man die Ketten berühren und küssen darf, und sie genießen größere Verehrung als das Schwert Roldáns in der Rüstkammer des Königs unseres Herrn, den Gott erhalte. Demnach, Herre mein, hat es höhern Wert, ein demütig Klosterbrüderlein zu sein, in welchem Orden es auch sein mag, als ein heldenhafter fahrender Ritter; zwei Dutzend Geißelhiebe auf den eignen Rücken richten bei Gott mehr aus als zweitausend Speeresstöße, mag man nun damit Riesen treffen oder Ungeheuer oder Drachen.«

»Das ist schon alles richtig«, entgegnete Don Quijote; »aber wir können nicht alle ins Kloster gehen, und es gibt der Wege viele, auf denen Gott die Seinen gen Himmel führt; auch das Rittertum ist ein frommer Orden; es gibt heilige Ritter in den himmlischen Glorien.«

»Gewiß«, versetzte Sancho; »aber ich habe sagen hören, es gibt mehr Mönche im Himmel als fahrende Ritter.«

»Das kommt daher«, gab Don Quijote zur Antwort, »daß die Anzahl der Mönche größer ist als die der Ritter.«

»Aber fahrende gibt’s doch viele«, meinte Sancho.

»Viele«, entgegnete Don Quijote, »jedoch wenige von ihnen verdienen den Ritternamen.«

Unter diesen und anderen dergleichen Gesprächen verging ihnen die Nacht und der folgende Tag, ohne daß ihnen etwas begegnete, was des Erzählens wert wäre, worüber Don Quijote nicht wenig verdrießlich war. Endlich am nächsten Tag gewahrten sie beim Abendgrauen die große Stadt Toboso, und bei diesem Anblick wurde Don Quijotes Herz fröhlich und Sanchos Seele betrübt; denn der Schildknappe kannte Dulcineas Haus nicht und hatte sie in seinem Leben nicht zu Gesicht bekommen, ebensowenig wie sein Herr. So waren denn beide in großer Aufregung, der eine, weil er sie zu sehen begehrte, der andere, weil er sie nie gesehen hatte; und Sancho besann sich vergeblich, was er tun sollte, wenn sein Herr ihn nach Toboso hineinsenden würde. Endlich beschloß Don Quijote, beim Eintritt der Nacht in die Stadt einzuziehen. Bis die Stunde herannahte, hielten sie im Schatten eines Eichenwäldchens, das sich nahe bei Toboso befand, und als der bestimmte Augenblick kam, ritten sie in die Stadt ein, wo ihnen Begebnisse widerfuhren, die beinahe nach Begebnissen aussehen.

9. Kapitel


Worin berichtet wird, was darin zu finden ist

Mitternacht war’s auf den Punkt, vielleicht auch etwas weniger oder mehr, als Don Quijote und Sancho den Wald verließen und in Toboso einzogen. Der Ort ruhte in tiefer Stille, denn all seine Bewohner lagen im Schlummer und schliefen auf beiden Ohren, wie man zu sagen pflegt. Die Nacht war zwischen hell und dunkel; doch hätte Sancho es lieber gehabt, sie wäre ganz finster, um in ihrer Finsternis eine Entschuldigung für seine einfältige Lüge zu finden. Im ganzen Ort hörte man nichts als Hundegebell, das Don Quijotes Ohren betäubte und Sanchos Herz beängstigte. Dann und wann iahte ein Esel, grunzten Schweine, miauten Katzen, und diese Stimmen von so verschiedenartigem Klang erschollen um so lauter, je stiller die Nacht war. All dies hielt der verliebte Ritter für eine böse Vorbedeutung, aber trotzdem sagte er zu Sancho: »Sancho, mein Sohn, sei du der Führer zu Dulcineas Palast, vielleicht finden wir sie noch wach.«

»Zu welchem Palast soll ich der Führer sein?« entgegnete Sancho; »derjenige, worin ich Ihre Hoheit sah, war nur ein ganz kleines Häuschen.«

»So muß sie sich damals gerade in ein kleines Nebengebäude ihrer Königsburg zurückgezogen haben«, versetzte Don Quijote, »um sich in der Einsamkeit mit ihren Hoffräulein zu erlusten, wie es Brauch und Sitte hoher Damen und Prinzessinnen ist.«

»Señor«, sprach Sancho darauf, »da nun einmal Euer Gnaden mir zum Trotze will, daß das Häuschen unsers Fräuleins Dulcinea eine Königsburg sein soll, ist denn dies jetzt eine Stunde, um etwa die Tür offen zu finden? Und war’s wohlgetan, mit dem Türklopfer wider das Tor zu donnern, daß man uns hört und uns aufmacht und alle Welt in Schrecken und Aufruhr gebracht wird? Haben wir etwa vor, am Haus unserer Lustdirnen zu pochen wie Zuhälter, die zu jeder beliebigen Stunde kommen und anklopfen und eingehn, und sei es auch noch so spät?«

»Erst wollen wir die Königsburg finden«, versetzte Don Quijote, »und alsdann werd ich dir schon sagen, Sancho, was geraten ist zu tun. Aber höre, Sancho; entweder sehe ich nicht gut, oder jene mächtige Masse mit dem Schatten, den man von hier aus bemerkt, das muß es sein; diesen Schatten wirft gewiß der Palast Dulcineas.«

»So möge denn Euer Gnaden der Führer sein«, entgegnete Sancho, »vielleicht ist’s wirklich so; aber auch wenn ich es mit den Augen sehe und mit den Händen greife, werd ich es geradeso glauben, wie ich glaube, daß es jetzt Tag ist.«

Don Quijote ritt voraus, und nachdem er etwa zweihundert Schritte zurückgelegt hatte, stieß er auf die mächtige Masse, die den Schatten warf, sah einen Turm und erkannte alsbald, daß besagtes Gebäude keine Königsburg, sondern die Hauptkirche des Ortes war, und sprach: »Auf die Kirche sind wir gestoßen, Sancho.«

»Ich seh’s schon«, versetzte Sancho, »und wolle Gott, daß wir nicht an unser Grab geraten. Es ist kein gutes Zeichen, zu solcher Stunde auf Kirchhöfen herumzusteigen, zumal ich Euer Gnaden ja gesagt habe, wenn ich mich recht entsinne, daß des Fräuleins Haus in einem Sackgäßchen liegen muß.«

»Daß dich Gott verdamme, verrückter Mensch!« rief Don Quijote aus; »wo hast du je gefunden, daß die Burgen und Paläste der Könige in Sackgassen erbaut sind?«

»Señor«, antwortete Sancho, »ländlich sittlich; vielleicht ist’s hier Sitte in Toboso, Paläste und große Gebäude in engen Gäßchen aufzuführen. Sonach bitte ich Euer Gnaden, laßt mich hier in ein paar Gassen oder auch Gäßchen suchen, die mir in den Wurf kommen; es wäre ja möglich, daß ich in irgendeinem Winkel auf diese Königsburg stieße – o sähe ich sie doch schon von den Hunden aufgefressen! –, der wir so kreuz und quer nachlaufen.«

»Sprich mit Ehrfurcht von Dingen, die meine Herrin betreffen«, fiel Don Quijote hier ein; »laß uns die Sache in Frieden betreiben, wir wollen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.«

»Gut, ich will mich im Zaum halten«, entgegnete Sancho; »aber wie soll ich geduldig ertragen, daß Euer Gnaden verlangt, ich solle von dem einzigen Mal, wo ich das Haus unserer Madam gesehen habe, es nun immerdar im Kopf haben und mitten in der Nacht finden können; da doch Euer Gnaden es nicht finden, der Ihr es vieltausendmal gesehen haben müßt?«

»Du wirst mich noch in Verzweiflung bringen, Sancho«, rief Don Quijote. »Komm mal her, du Lästermaul; habe ich dir nicht tausendmal erklärt, daß ich all mein Lebtag die unvergleichliche Dulcinea nicht mit Augen gesehen noch jemals die Schwelle ihres Palastes überschritten habe und daß ich nur vom Hörensagen und von wegen des großen Rufes ihrer Schönheit und Verständigkeit in sie verliebt bin?«

»Jetzo hör ich’s«, antwortete Sancho, »und da sag ich, da Euer Gnaden sie nicht zu Gesicht bekommen hat – ich denn auch nicht.«

»Das kann nicht sein«, entgegnete Don Quijote; »wenigstens hast du mir bereits gesagt, du hättest sie gesehen, wie sie Weizen siebte, damals, als du mir die Antwort auf den Brief brachtest, den ich ihr durch dich übersandte.«

»Darauf könnt Ihr nicht gehen, Señor«, gab Sancho zur Antwort; »ich sag Euch, den Anblick Dulcineas und die Antwort, die ich Euch brachte, hatt ich auch nur vom Hörensagen, denn ich weiß geradesoviel, wer Fräulein Dulcinea ist, als wie ich dem Himmel eine Ohrfeige geben kann.«

»Sancho, Sancho«, entgegnete Don Quijote, »alles hat seine Zeit; es gibt eine Zeit zum Spaßen und eine Zeit, wo Späße unschicklich und mißfällig sind. Darum, weil ich sage, ich habe die Gebieterin meines Herzens weder gesehen noch gesprochen, darfst du nicht auch sagen, du habest sie weder gesprochen noch gesehen, da doch, wie du weißt, das Gegenteil der Fall ist.«

Während die beiden in solchem Gespräche begriffen waren, sahen sie einen Mann mit zwei Maultieren in ihrer Nähe vorüberkommen, und sie schlossen aus dem Gerassel des Pflugs, der am Boden nachschleppte, es müsse ein Ackersmann sein, der früh vor dem Tag aufgestanden, um an seine Feldarbeit zu gehen. So war es auch wirklich. Der Landmann kam singend einher und ließ jene Romanze hören, die da lautet:

Schlimm geriet sie euch, Franzosen,
Jene Jagd in Roncesvalles.

»Ich will des Todes sein, wenn uns nicht diese Nacht was Schlimmes zustößt«, sprach Don Quijote. »Hörst du nicht, was der Bauer dort singt?«

»Freilich hör ich es; aber was hat die Jagd in Roncesvalles mit unserm Vorhaben zu schaffen? Er hätte ebensogut die Romanze vom Calaínos singen können, es wäre ganz einerlei für den guten oder schlechten Erfolg in unserer Angelegenheit.«

Indem kam der Landmann heran, und Don Quijote fragte ihn: »Könnt Ihr mir wohl sagen, guter Freund Ihr, dem Gott alles Glück verleihen wolle, wo ist hierherum der Palast der unvergleichlichen Prinzessin Dulcinea von Toboso?«

»Señor«, antwortete der Bursche; »ich bin hier fremd, es ist erst wenige Tage her, seit ich mich hier im Ort aufhalte, wo ich einem reichen Bauer bei der Feldarbeit helfe. Im Hause hier gegenüber wohnt der Pfarrer des Orts und der Küster; beide oder einer von ihnen kann Euer Gnaden Auskunft über diese Frau Prinzessin geben, denn sie führen das Verzeichnis aller Einwohner in Toboso. Indessen glaub ich nicht, daß in ganz Toboso eine Prinzessin wohnt; aber viele Damen, vornehm genug, daß eine jede in ihrem eigenen Hause eine Prinzessin vorstellen kann.«

»Unter diesen also, lieber Freund«, sprach Don Quijote, »muß sich die befinden, nach der ich frage.«

»Das ist möglich«, entgegnete der Bursche, »und Gott befohlen, denn schon bricht der Morgen an.«

Und hiermit trieb er seine Maultiere an und achtete auf keine Fragen weiter. Sancho sah, daß sein Herr nachdenklich und sehr ärgerlich war, und sagte zu ihm: »Señor, der Tag kommt rasch heran, und gar schlecht tät es uns passen, fänd uns die Sonn auf der Gassen. Es ist gewiß besser, wir machen uns zur Stadt hinaus, und Euer Gnaden versteckt sich irgendwo im Wald hier in der Nähe, und dann bei Tag komm ich wieder her und will hier im ganzen Ort keinen Winkel undurchsucht lassen nach unsres Fräuleins Haus, Königsburg oder Palast; und ich müßte doch gar viel Unglück haben, wenn ich den nicht finde, und sobald ich ihn finde, red ich mit Ihro Gnaden und sag ihr, wo und wie Euer Gnaden sich befindet und daß Ihr darauf wartet, daß sie Euch Befehl und Anweisung erteilen soll, damit Ihr sie ohne Nachteil für Ehre und Ruf des Fräuleins sprechen könnt.«

»Da hast du, Sancho«, bemerkte Don Quijote, »mit wenigen Worten viel Schönes und Wahres gesagt. Der Rat, den du mir hier gegeben hast, ist mir erwünscht, und ich nehme ihn aufs willigste an. Komm, mein Sohn, wir wollen suchen, wo ich mich verbergen kann; und du alsdann kehre wieder hierher, um meine Gebieterin zu suchen, zu sehen, zu sprechen, sie, von deren Klugheit und Edelsinn ich hohe und mehr als wundervolle Gunst und Gnade erwarte.«

Sancho war außer sich vor Ungeduld, seinen Herrn aus dem Orte fortzuschaffen, damit er nicht hinter die Lüge in betreff der Antwort komme, die er ihm von seiten Dulcineas nach der Sierra Morena gebracht hatte. Daher beschleunigte er den Abzug aus der Stadt, und er geschah augenblicks. Zweitausend Schritte von dem Orte fanden sie ein Wäldchen oder Gebüsch; darin versteckte sich Don Quijote, während Sancho zur Stadt zurückkehrte, um Dulcinea zu sprechen, bei welcher Gesandtschaft ihm Dinge begegneten, die neue Aufmerksamkeit und neues Vertrauen erheischten.

7. Kapitel


Von der Zwiesprach zwischen Don Quijote und seinem Schildknappen, nebst andern hochwichtigen Begebenheiten

Kaum bemerkte die Haushälterin, daß Sancho Pansa sich mit ihrem Herrn einschloß, so wurde es ihr auch klar, was sie miteinander zu verhandeln hatten; sie ahnte, es werde aus dieser Beratung der Entschluß zu einer dritten Ausfahrt hervorgehen, nahm bekümmert und verdrossen ihren Schleier und suchte den Baccalaureus Sansón Carrasco auf, da es sie bedünkte, weil er ein gutes Mundwerk hatte und ein nagelneuer Freund ihres Herrn war, so würde er ihn bereden können, von einem so törichten Vorhaben abzulassen. Sie traf ihn an, wie er eben im Innenhof seines Hauses umherspazierte, und sobald sie ihn erblickte, fiel sie ihm zu Füßen, in Angstschweiß und Bekümmernis. Als Carrasco sie mit solchen Zeichen des Schmerzes, ja des Entsetzens kommen sah, fragte er: »Was soll das heißen, Jungfer Haushälterin? Was ist Euch zugestoßen, daß Ihr ausseht, als wollte sich Euch das Herz aus dem Leibe losreißen?«

»Es ist nichts, mein lieber Herr Sansón, als daß mein Herr abfahren will, ja gewiß, er will abfahren.«

»Und wo will er abfahren, Jungfer?« fragte Sansón dagegen, »und warum soll er abfahren? Hat er sich vielleicht was am Leibe gebrochen?«

»Er fährt ja nicht so ab, wie Ihr’s meint«, antwortete sie, »nur zur Pforte seiner Verrücktheit fährt er hinaus; ich meine, herzlieber Herr Baccalaureus, er will noch einmal ab- und ausfahren, das wird alsdann das drittemal sein, und er will was suchen gehen, was er teuer heißt, und ich weiß nicht, wie es ihm so teuer sein kann. Das erstemal, wo er uns zurückgebracht wurde, da lag er quer über einem Esel und war halbtot geprügelt; das zweitemal fuhr er auf einem Ochsenkarren daher, eingesperrt in einen Käfig, in den er sich für hineingezaubert hielt, und da kam der Arme in solchem Zustand heim, daß ihn die leibliche Mutter nicht erkannt hätte, abgemagert, blaßgelb, die Augen waren bis in die hintersten Kämmerchen seines Hirnkastens eingesunken; und um ihn wieder ein klein wenig zu sich zu bringen, hab ich über sechshundert Eier verbraucht, das wissen Gott und die ganze Welt und meine Hennen, die werden mich nicht Lügen strafen.«

»Das will ich schon glauben«, versetzte der Baccalaureus, »daß sie so redlich, so fett und so gut gezogen sind, daß sie sicher nie falsch Zeugnis ablegen würden, und wenn sie darüber bersten sollten. Aber wirklich, Jungfer Haushälterin, geht nichts weiter vor? Und ist sonst keine Verkehrtheit geschehen als diejenige, die, wie Ihr fürchtet, unser Señor Don Quijote begehen will?«

»Nein, Señor«, antwortete sie.

»Dann seid nur ohne Sorgen«, entgegnete der Baccalaureus, »und geht in Gottes Namen nach Hause, und haltet mir etwas Warmes zum Frühstück bereit, und unterwegs betet mir das Gebet der heiligen Apollonia, wenn Ihr es auswendig wißt; ich komme gleich hin, und da werdet Ihr Wunder sehen.«

»Daß Gott erbarm!« erwiderte die Haushälterin; »das Gebet der heiligen Apollonia heißt Ihr mich beten? Solche Gebete wären ganz gut, wenn mein Herr es in den Zähnen hätte; er hat es aber im Oberstübchen.«

»Ich weiß, was ich sage, Jungfer Haushälterin; geht nur und fangt mit mir keinen Disput an; denn Ihr wißt, in Salamanca bin ich Doktor worden, und höher hinaus doktert sich’s nicht.«

So sprach Carrasco, und damit ging die Haushälterin von dannen, und der Baccalaureus suchte alsbald den Pfarrer auf, um mit ihm etwas zu besprechen. Was, wird seiner Zeit berichtet werden.

Während der Zeit aber, wo Don Quijote und Sancho Pansa miteinander eingeschlossen waren, fand folgende Zwiesprache statt, welche die Geschichte mit großer Genauigkeit und getreuem Berichte wiedergibt. Es sprach nämlich Sancho zu seinem Herrn: »Señor, ich habe bereits meine Frau dazu verwattiert, daß sie mich mit Euer Gnaden hinziehen läßt, wohin es Euch beliebt.«

»›Persuadiert‹ mußt du sagen, Sancho, nicht verwattiert«, bemerkte Don Quijote.

»Schon ein- oder zweimal«, entgegnete Sancho, »wenn ich mich recht entsinne, hab ich Euer Gnaden gebeten, Ihr möchtet mir meine Ausdrücke nicht verbessern, sobald Ihr nur versteht, was ich damit sagen will; und wenn Ihr sie nicht versteht, so sagt lieber: Sancho oder du Teufelsbraten, ich versteh dich nicht; und wenn ich mich alsdann nicht deutlich mache, nachher könnt Ihr mich verbessern, denn ich lasse mich immer gern verkehren.«

»Ich verstehe dich nicht, Sancho«, fiel Don Quijote rasch ein; »denn ich weiß nicht, was das heißt: ich lasse mich gern verkehren.«

»Das heißt«, erwiderte Sancho, »ich lasse mich einmal so gehen.«

»Jetzt verstehe ich dich noch weniger«, versetzte Don Quijote.

»Nun, wenn Ihr mich nicht verstehn könnt«, sprach Sancho dagegen, »dann weiß ich nicht, wie ich es sagen soll; ich weiß nichts weiter, Gott helfe mir. Amen.«

»Jetzt, jetzt komme ich darauf«, entgegnete Don Quijote; »du willst sagen, du läßt dich gern bekehren, bist so fügsam und manierlich, daß du gern annimmst, was ich dir sage, und alles gelten lassest, was ich dich lehre.«

»Ich will wetten«, sagte Sancho, »Ihr habt mich gleich von Hause aus durchschaut und verstanden, habt mir aber erst den Kopf durcheinanderbringen wollen, damit Ihr noch ein paar hundert Dummheiten von mir hört.«

»Kann wohl sein«, entgegnete Don Quijote; »aber im Ernst, was sagt Teresa?«

»Teresa sagt«, antwortete Sancho, »bei Euer Gnaden soll ich den Daumen fest einsetzen und die Augen hübsch offenhalten, und schwarz und weiß sollen den Vortritt haben, und Maulspitzen sollen daheim bleiben; wer die Karten abhebt, der hat sie nicht zu mischen; denn ein Hab ich ist besser als zwei Hätt ich; und ich sage: Weiber Rat ist wenig wert, und ein Narr, wer sich nicht dran kehrt.«

»Das sag ich auch«, entgegnete Don Quijote. »Spreche Er nur zu, lieber Sancho, geh Er weiter; Er redet heute ganz herrlich.«

»Die Sache ist nun die«, versetzte Sancho, »daß wir, wie Euer Gnaden am besten weiß, alle sterblich sind; heute rot, morgen tot; und läuft der Hammel, so schnell er kann, ’s Lamm kommt doch zugleich mit ihm an; und hoffe keiner mehr Stunden zu leben, als ihm Gott im Himmel will geben. Denn: Der Tod hat taube Ohren; pocht er an unsres Lebens Toren, hat er’s eilig, jedes Wort ist verloren; und da hält kein Bitten auf und keine Gewalt und kein Zepter und kein Krummstab; so heißt es allüberall unter dem Volk, und so predigt man uns von der Kanzel.«

»Alles das ist wahr«, sprach Don Quijote; »aber ich weiß nicht, worauf du hinauswillst.«

»Ich will darauf hinaus«, antwortete Sancho, »daß Euer Gnaden mir einen festen Dienstlohn bestimmen sollen, nämlich was Ihr mir jeden Monat zu geben habt, solang ich Euch diene, und daß besagter Lohn mir aus Eurem Vermögen ausgezahlt werden soll; denn ich mag nicht auf Gnadengeschenke hin dienen, die da spät oder nicht zur rechten Zeit oder niemals kommen. Was mein ist, das gesegne mir Gott. Kurz, ich will wissen, wieviel ich verdiene, mag es wenig oder viel sein. Denn: Hat die Henn im Nest ein Ei, legt sie bald noch mehr dabei; viele Körnchen geben einen Haufen, und solang etwas zunimmt, nimmt es nicht ab. Freilich, wenn es geschähe – woran ich nicht glaube und was ich nicht hoffe –, daß Euer Gnaden mir die Insul gäbe, die Ihr mir versprochen habt, so bin ich nicht so undankbar und nehm es auch nicht so genau, daß ich nicht ganz bereitwillig abschätzen ließe, wie hoch sich das jährliche Einkommen dieser Insul beläuft, und mir es von meinem Lohn nach Verhältnis in Ratten abziehen ließe.«

»Mein guter Sancho«, bemerkte hier Don Quijote, »zuweilen kommt es wohl vor, daß die Raten von Ratten aufgezehrt werden.«

»Ich versteh schon«, entgegnete Sancho, »ich wette, ich hätte Raten sagen sollen und nicht Ratten; aber es tut nichts, denn Euer Gnaden hat mich ja verstanden,«

»Und so gut verstanden«, versetzte Don Quijote, »daß ich bis zum äußersten Ende deiner Gedanken durchgedrungen bin und das Ziel kenne, nach welchem du mit den unzähligen Pfeilen deiner Sprichwörter schießest. Sieh, Sancho, gewiß würde ich dir einen Lohn bestimmt haben, hätte ich in irgendeiner von den Geschichten der fahrenden Ritter ein Beispiel gefunden, das mich durch ein kleinstes Ritzchen nur hätte sehen lassen und belehrt hätte, wieviel die Knappen denn eigentlich auf jeglichen Mond oder jegliches Jahr zu verdienen pflegten. Aber ich habe ihre Geschichten sämtlich oder doch die meisten gelesen und erinnere mich nicht, gelesen zu haben, daß jemals ein fahrender Ritter seinem Schildknappen einen bestimmten Lohn ausgesetzt hätte; ich weiß nur, daß sie alle auf ihres Herrn Belieben und Gnade dienten; und nachher, wann sie am wenigsten dran dachten, sobald ihrem Herrn ein glückliches Los geworden, sahen sie sich unvermutet mit einer Insul belohnt oder mit etwas andrem von gleichem Werte, und mindestenfalls trugen sie einen Adelstitel mit herrschaftlicher Besitzung davon. Wenn es mit solchen Hoffnungen, und was dazukommen mag, dir genehm ist, Sancho, aufs neue in meinen Dienst zu treten, so möge es in Gottes Namen geschehen. Wenn du aber glaubst, daß ich den alten Brauch der fahrenden Ritter aus seinen festen Regeln und aus den Angeln reißen werde, so bist du völlig verblendet. Demnach, mein guter Sancho, geh wieder heim und tu deinem Weibe meine Absichten kund; und wenn es ihr und dir genehm ist, auf mein Belieben und meine Gnade hin mir zu folgen, bene quidem, und wo nicht, bleiben wir gut Freund wie zuvor; denn wenn es im Taubenschlag nicht an Futter fehlt, wird’s auch nicht an Tauben fehlen. Dazu merke Er sich, mein Sohn: eine gute Anwartschaft ist besser denn ein verderblicher Besitz und eine gute Forderung besser denn eine schlechte Zahlung. Ich rede auf solche Art, Sancho, um Ihm zu zeigen, daß auch ich mit Sprichwörtern um mich werfen kann, als wenn sie geregnet kämen. Und kurz, ich will sagen und ich sag Ihm, wenn Er nicht auf Belieben und Gnade mit mir ziehen und mein eigen Los mit mir teilen will, so behüt Ihn Gott und gebe, daß man Ihn heiligspreche; mir aber wird es nicht an Schildknappen gebrechen, die gehorsamer und dienstbeflissener als Er und nicht so voller Bedenklichkeiten und so schwatzhaft sind.«

Als Sancho den festen Entschluß seines Herrn vernahm, umwölkte sich ihm der Himmel, und seines Herzens Mut ließ die Flügel hängen; denn er hatte gedacht, nicht um alle Schätze der Welt würde sein Herr ohne ihn ziehen. Und während er so unschlüssig und nachdenklich dastand, kam Sansón Carrasco und mit ihm die Haushälterin und die Nichte, die begierig waren zu hören, wie er ihren Herrn bereden werde, nicht abermals auf die Suche nach Abenteuern zu gehen.

Sansón trat ein, der durchtriebene Schelm, umarmte ihn wie das vorige Mal und sprach zu ihm mit erhobener Stimme: »O du Blume der fahrenden Ritterschaft! O du strahlendes Licht des Waffenwerks! Ehre und Spiegel der spanischen Nation! Wolle Gott der Allmächtige da, wo es ausführlicher geschrieben steht, daß derjenige oder diejenigen, die Störung und Hindernis schaffen wollen deiner dritten Ausfahrt, nimmermehr einen Ausweg finden mögen aus dem Labyrinth ihrer Strebungen und daß nimmermehr ihnen zur Erfüllung komme, was sie böslich erstreben.«

Und sich zur Haushälterin wendend, fuhr er fort: »Itzo braucht die Jungfer Haushälterin nicht mehr das Gebet der heiligen Apollonia herzusagen, denn ich weiß nun, daß es unwandelbare Bestimmung der Sphären ist, Señor Don Quijote soll abermals an die Ausführung seiner erhabenen und noch nie dagewesenen Pläne gehen, und ich würde mein Gewissen schwer belasten, wenn ich diesen Ritter hier nicht drängen und bereden wollte, die Kraft seines tapfern Arms und die Tüchtigkeit seines gewaltigen Geistes nicht länger mehr im Verborgenen zu lassen und zurückzuhalten; denn durch sein Zögern versäumt er, das Unrechte zurechtzubringen, den Waisen aufzuhelfen, einzustehen für die Ehre der Jungfrauen, für den Schutz der Witwen, die Beschirmung der Frauen und andres derselben Art, was alles den Orden der fahrenden Ritterschaft angeht, berührt, davon abhängt und damit verbunden ist. Auf, Don Quijote, Herre mein, schöner und schlachtenkühner Mann! Lieber heut als morgen soll sich Euer Gnaden, Euer Hoheit auf den Weg machen, und wenn es an etwas gebrechen sollte, um alles ins Werk zu setzen, hier steh ich, um mit meiner Person und Habe das Fehlende zu ergänzen; und wenn es not täte, Euer Herrlichkeit als Schildknappe zu dienen, so würde ich es mir zum höchsten Glücke rechnen.«

Hier wendete sich Don Quijote zu Sancho und sprach: »Hab ich dir’s nicht gesagt, Sancho, ich würde Schildknappen mehr bekommen, als ich brauchen kann? Schau, wer sich mir hier dazu anbietet, wer anders als ein Baccalaureus, wie er noch nicht dagewesen, Sansón Carrasco, der Stolz und die Freude der Hallen von Salamancas Schulen, gesund von Körper, gewandt von Gliedern, schweigsam, geduldig ausharrend in Hitz und Kälte, so in Hunger wie in Durst, mit all jenen Eigenschaften, die für den Schildknappen eines fahrenden Ritters erforderlich sind. Aber niemalen geb es der Himmel zu, daß ich, um einem Gelüste zu frönen, die Säule der Gelehrsamkeit und das Gefäß des Wissens zerhaue und zerbreche und die ragende Palme der schönen und freien Künste entwipfle. Er, der neue Simson, bleibe in seiner Heimat, bringe ihr Ehre und Ehre zugleich den weißen Haaren seiner greisen Eltern; ich aber werde mir mit jeglichem Schildknappen genügen lassen, sintemal Sancho nicht geruht, mit mir zu ziehen.«

»Jawohl geruh ich«, entgegnete Sancho, ganz zerknirscht und die Augen voller Tränen. Und er fuhr fort: »Von mir soll man nicht sagen, Herre mein: Wenn aus ist der Schmaus, die Gast gehn nach Haus. Ich komme aus keiner undankbaren Sippe; die ganze Welt und insbesondere mein heimatlich Dorf weiß, wer die Pansas gewesen sind, von denen ich abstamme. Zudem hab ich aus Euren vielen guten Werken und aus Euern noch bessern Worten erkannt und ersehen, daß Euer Gnaden den Wunsch hegt, mir Gunst und Gnade zu erweisen; und wenn ich mich vorher von wegen meines Lohns ein bißchen zu mausig gemacht habe, so war’s nur meiner Frau zu Gefallen; denn wenn die anfängt, einem irgendwas einzureden, so gibt’s keinen Schlägel, der die Reifen am Faß so fest antreibt, wie sie einen antreibt, ihr den Willen zu tun. Freilich soll der Mann ein Mann sein und das Weib ein Weib, und weil ich ein Mann bin in jeder Hinsicht, was ich nicht leugnen kann, so will ich es auch in meinem Hause sein, und mag sich drüber ärgern, wen’s ärgert. Und mithin ist nichts weiter vonnöten, als daß Ihr Euer Testament mit zugehörigem Kodizill macht, so daß es nicht revoltiert werden kann, und wir uns gleich auf den Weg machen, damit der Herr Sansón nicht an seiner Seele Schaden nehme, sintemal er sagt, daß sein Gewissen ihm driktiert, er solle Euer Gnaden zureden, zum drittenmal in die weite Welt hinauszuziehen. Ich aber erbiete mich aufs neue, Euer Gnaden treu und redlich, ja so gut und noch besser zu dienen, als sämtliche Schildknappen in vergangener und jetziger Zeit ihren fahrenden Rittern gedient haben.«

Der Baccalaureus war hoch erstaunt, als er Sancho Pansa auf solche Art und mit solchen Ausdrücken reden hörte; denn wiewohl er das erste Geschichtsbuch über dessen Herrn gelesen hatte, so dachte er sich doch nicht, daß Sancho wirklich ein so drolliger Kauz sei, als er dort geschildert wird. Aber wie er jetzt von Testament und Kodizill reden hörte, das man nicht revoltieren könne, anstatt Testament und Kodizill, das man nicht revozieren könne, da glaubte er alles, was er gelesen hatte; es stand nun fest für ihn, daß Sancho einer der prächtigsten Einfaltspinsel unsres Jahrhunderts sei, und er sagte bei sich, zwei solche Narren wie Herr und Diener seien in der Welt noch nicht gesehen worden.

Zuletzt umarmten sich Don Quijote und Sancho und wurden die besten Freunde miteinander; und auf Rat und Vorschlag des großen Carrasco, der nunmehr ihr Orakel war, wurde beschlossen, daß die Abreise in drei Tagen stattfinden solle, binnen welcher Frist es möglich sein würde, alles Erforderliche für die Reise herzurichten und einen Helm mit Visier zu beschaffen; denn den, erklärte Don Quijote, müsse er unter jeder Bedingung mitführen. Sansón bot ihm einen an, denn er wußte, daß ein Freund von ihm einen solchen besaß und ihn ihm nicht versagen werde; der Helm war freilich eher dunkel von Rost und Schimmel als hell und rein im Glanze des Stahls.

Die Verwünschungen, welche die beiden Weiber, Haushälterin und Nichte, auf den Baccalaureus schleuderten, waren nicht zu zählen; sie rauften sich das Haar, zerkratzten sich das Gesicht, und nach Art der vormals üblichen Klageweiber jammerten sie über das Scheiden ihres Herrn, als ob es sein Tod wäre.

Der Plan, welchen Sansón damit verfolgte, daß er Don Quijote zu einer nochmaligen Ausfahrt beredete, bestand darin, daß er etwas vollbringen wollte, was die Geschichte später berichten wird; alles auf Anraten des Pfarrers und des Barbiers, mit denen er sich vorher darüber besprochen hatte.

In der Tat versorgten sich Don Quijote und Sancho während der drei Tage mit allem, was ihnen zweckmäßig erschien; und nachdem Sancho sein Weib und Don Quijote seine Nichte und seine Haushälterin beschwichtigt hatte, begaben sie sich auf den Weg, ohne daß jemand es wußte außer dem Baccalaureus, der sie eine halbe Meile über den Ort hinaus begleitete. So zogen sie gen Toboso hin, Don Quijote auf seinem wackern Rosinante und Sancho auf seinem alten Grautier, den Zwerchsack mit Vorräten zur reisigen Fahrt versehen und die Börse mit Geld, das ihm Don Quijote für etwa vorkommende Fälle behändigt hatte.

Sansón umarmte den Ritter mit der Bitte, ihm von seinen guten oder schlechten Erfolgen Kunde zu geben, damit er sich ob jener freue, ob dieser sich betrübe, wie es die Gesetze der Freundschaft erheischten. Don Quijote versprach es ihm; Sansón kehrte in sein Dorf zurück, und die beiden nahmen ihren Weg nach der großen Stadt Toboso.

70. Kapitel


Welches auf das neunundsechzigste folgt und von Dingen handelt, so für das Verständnis dieser Geschichte unentbehrlich sind

Sancho schlief diese Nacht auf einem Feldbette, und zwar in demselben Zimmer mit Don Quijote, was er gern vermieden hätte; denn er wußte wohl, sein Herr würde ihn vor lauter Fragen und Antworten nicht schlafen lassen, und er war nicht aufgelegt, viel zu reden, weil der Schmerz ihm die erlittenen Martern stets gegenwärtig erhielt und seiner Zunge die gewohnte Freiheit nicht verstattete. Er hätte lieber allein in einer Strohhütte geschlafen als in diesem prächtigen Zimmer in Gesellschaft. Seine Besorgnis erwies sich als so begründet und seine Vermutung als so richtig, daß sein Herr kaum ins Bett gestiegen war, als er ihm sagte: »Sancho, was hältst du von den Begebnissen dieses Abends? Groß und gewaltig ist die Kraft verschmähter Liebe, wie du ja mit deinen eignen Augen Altisidora tot gesehen hast; tot nicht durch Pfeile, nicht durch das Schwert oder durch ein andres Werkzeug des Krieges, nicht durch tödliches Gift, sondern nur durch die Wirkung der Härte und Mißachtung, mit der ich sie immer behandelt habe.«

»Wäre sie doch in Gottes Namen gestorben, wann sie wollte und wie sie wollte«, entgegnete Sancho, »und hätte mich in Ruhe gelassen, denn ich hab sie in meinem Leben nicht verliebt gemacht und nicht verschmäht. Ich verstehe einfach nicht, was das Heil und Leben der Altisidora, einer Jungfer mit mehr Launen als Verstand, mit der Marterung Sancho Pansas zu tun haben soll, wie ich schon früher gesagt habe. Freilich sehe ich jetzt endlich klar und deutlich, daß es Zauberer und Verzauberungen in der Welt gibt; und vor denen möge mich Gott behüten, da ich mich vor ihnen nicht hüten kann. Aber bei alledem bitte ich Euer Gnaden, mich schlafen zu lassen und mich nichts mehr zu fragen, wenn Ihr nicht wollt, daß ich mich zum Fenster hinausstürze.«

»Schlafe, Freund Sancho«, antwortete Don Quijote, »wenn es dir die empfangenen Nadelstiche und die blauen Male vom Zwicken und die Nasenstüber erlauben.«

»Keinen Schmerz«, entgegnete Sancho, »habe ich so gefühlt wie den Schimpf von den Nasenstübern, aus keinem andern Grunde, als weil sie mir von Kammerfrauen gegeben wurden, möge Gott sie verdammen! Und nochmals bitte ich Euer Gnaden, mich schlafen zu lassen, denn der Schlummer ist all denen eine Linderung des Elends, deren Leiden wach bleiben.«

»Mag es denn so sein«, sagte Don Quijote, »und Gott sei mit dir.«

Die beiden schliefen nun, und währenddessen wollte Sidi Hamét, der Verfasser dieser großen Geschichte, niederschreiben und berichten, was den Herzog und seine Gemahlin bewegen hatte, den künstlichen Bau dieses ganzen Unternehmens aufzurichten. Er sagt nämlich, daß der Baccalaureus Sansón Carrasco – weil er nicht vergessen hatte, daß der Spiegelritter von Don Quijote besiegt und niedergeworfen worden war, welcher Unfall und Sturz all seine Pläne auslöschte und zunichte machte – noch einmal sein Glück versuchen wollte und jetzt einen besseren Erfolg als den vorigen hoffte. Er erkundigte sich daher bei dem Edelknaben, der den Brief und das Geschenk an Sanchos Weib Teresa Pansa überbrachte, wo Don Quijote sich aufhalte; dann schaffte er sich neue Wehr und Waffen an und ein andres Pferd, setzte den weißen Mond auf seinen Schild und führte alles auf einem Maulesel mit sich, den diesmal ein Bauer am Zügel leitete, und zwar nicht sein früherer Schildknappe Tomé Cécial, damit er weder von Sancho noch von Don Quijote erkannt würde. So kam er zum Schloß des Herzogs, der ihm den Weg und die Richtung angab, die Don Quijote eingeschlagen hatte, um sich beim Turnier von Zaragoza einzufinden.

Der Herzog erzählte ihm ferner, was für Possen man ihm mit der Erfindung von Dulcineas Entzauberung gespielt habe, welche auf Kosten von Sanchos Sitzteilen geschehen sollte. Endlich erzählte er ihm auch, welchen Streich Sancho seinem Herrn gespielt hatte, als er ihm weismachte, Dulcinea sei verzaubert und in eine Bäuerin verwandelt, und wie dann die Herzogin, seine Gemahlin, Sancho den Glauben beibrachte, er im Gegenteil sei es, der sich getäuscht habe, weil Dulcinea wirklich verzaubert sei. Darüber lachte und staunte der Baccalaureus nicht wenig, indem er sich Sanchos Witz und Einfalt und zugleich das Übermaß von Don Quijotes Narrheit lebhaft vorstellte. Der Herzog bat ihn, wenn er ihn finde und ihn besiege oder auch nicht, so möge er wieder über hier zurückkehren, um ihm von dem Erfolge zu berichten. Der Baccalaureus tat also; er brach auf, um den Ritter zu suchen, fand ihn nicht in Zaragoza, zog weiter, und es begegnete ihm, was bereits berichtet worden. Er nahm seinen Rückweg über das Schloß des Herzogs und erzählte ihm den ganzen Hergang nebst den Bedingungen des Kampfes. Don Quijote kehre bereits zurück, um als ein redlicher fahrender Ritter sein gegebenes Wort zu erfüllen und sich auf ein Jahr nach seinem Dorfe zurückzuziehen. In dieser Zeit, sagte der Baccalaureus, könne möglicherweise der Ritter von seiner Verrücktheit genesen, denn nur dieser Zweck habe ihn bewogen, all die Verkleidungen vorzunehmen, da es ein wahrer Jammer sei, daß ein Junker von so klarem Verstande wie Don Quijote verrückt sei. Hierauf verabschiedete er sich von dem Herzog, kehrte nach seinem Dorfe zurück und erwartete hier Don Quijote, der ihm nachfolgte.

Dies brachte nun den Herzog auf den Einfall, ihm jenen Possen zu spielen – soviel Vergnügen fand er am Tun und Treiben Sanchos und Don Quijotes! –, er ließ nämlich die Wege nah und fern vom Schlosse, überall, wo er annahm, daß Don Quijote vorüberkommen könne, mit vielen seiner Diener zu Fuß und zu Pferd besetzen, damit sie, wenn sie ihn fänden, ihn mit Gewalt oder in Güte nach dem Schlosse brächten. Sie fanden ihn; sie gaben dem Herzog Nachricht, und dieser, der schon alles vorbereitet hatte, ließ beim Empfang der Nachricht von seiner Ankunft sogleich die Fackeln und Lampen im Hofe anzünden, Altisidora auf den Katafalk legen und das ganze bereits erzählte Schauspiel herrichten, alles so natürlich und so gut angeordnet, daß zwischen dem Scherz und der Wahrheit nur ein äußerst geringer Unterschied war. Sidi Hamét sagt auch noch weiter, er sei der Meinung, daß die Anstifter der Fopperei ebensolche Narren seien wie die Gefoppten und der Herzog und die Herzogin seien selbst keine zwei Finger breit von der Grenze der Verrücktheit entfernt gewesen, da sie so viel Mühe darauf verwandten, ein paar Verrückte zum besten zu haben.

Von diesen beiden schlief jetzt der eine tief und fest, und der andre wachte in frei umherschweifenden Gedanken; so befiel sie der Morgen und die Lust aufzustehen, denn weder besiegt noch als Sieger fand Don Quijote jemals Vergnügen am trägen Bette.

Da nahte sich Altisidora, die nach seiner Meinung vom Tod auferstanden, um die Possenstreiche ihrer Herrschaft weiterzuspinnen. Bekrönt mit demselben Kranze, den sie auf dem Katafalk getragen, bekleidet mit einem Gewand von weißem Taft, das mit goldnen Blumen übersät war, die Haare aufgelöst über den Rücken wallend, gestützt auf einen Stab vom feinsten schwarzen Ebenholz, trat sie ins Gemach Don Quijotes, der, ob ihrer Anwesenheit bestürzt und verwirrt, sich fast ganz in die Laken und Decken des Bettes verkroch und versteckte; seine Zunge blieb stumm, ohne daß er es vermocht hätte, das Fräulein auch nur mit der geringsten Höflichkeit zu begrüßen.

Altisidora setzte sich auf einen Stuhl neben dem Kopfende seines Bettes, stieß einen tiefen Seufzer aus und sprach mit zärtlicher schwacher Stimme zu ihm: »Wenn hochgestellte Frauen und schüchterne Mägdlein das Gesetz der Ehre mit Füßen treten und der Zunge gestatten, mit öffentlicher Kundgebung der Geheimnisse, die ihr Herz in sich birgt, ins Gebiet des Unschicklichen einzubrechen, so geschieht dies nur in bitterer Herzensnot. Ich, Señor Don Quijote von der Mancha, ich bin eines von diesen Mägdelein, bedrängt, besiegt und voll Liebe; aber bei alledem still duldend und keusch, und zwar in so hohem Grade, daß mir das Herz brach über meinem Schweigen und ich das Leben verlor. Zwei Tage ist’s her, seit durch das ständige Grübeln über die Härte, mit der du mich behandelt hast, o du, härter als Marmor bei meinen Klagen! felsenherziger Ritter! ich dem Tode anheimgefallen oder wenigstens von denen, die mich sahen, für tot gehalten wurde. Und hätte nicht Amor sich meiner erbarmt und das Mittel zu meiner Rettung in die Martern dieses guten Schildknappen gelegt, so wäre ich dort in jener andern Welt geblieben.«

»Der Amor«, sagte Sancho, »hätte das Mittel ganz gut in die Marterung meines Esels legen können, ich wäre ihm dankbar dafür gewesen. Aber sagt mir, Fräulein, so wahr Euch der Himmel mit einem weichherzigem Liebhaber als meinem Herrn versehen möge, was habt Ihr denn eigentlich in der andern Welt gesehen? Wie sieht’s in der Hölle aus? Denn dahin muß doch sicherlich kommen, wer aus Verzweiflung stirbt.«

»Soll ich Euch die Wahrheit sagen«, antwortete Altisidora, »so muß ich wohl nicht vollständig tot gewesen sein, denn ich bin nicht in die Hölle gekommen; wär ich da hineingekommen, so hätte ich sicherlich nicht mehr heraus gekonnt, wenn ich auch gewollt hätte. In Wirklichkeit bin ich nur bis zur Pforte gekommen, wo ungefähr ein Dutzend Teufel Pelota spielten, alle in Hosen und Wams, um den Hals flachanliegende Kragen mit flämischen Spitzen, mit Aufschlägen von den nämlichen Spitzen, die sie statt der Handkrausen trugen, so daß etwa vier Finger breit vom Arme freiblieben, damit die Hände länger schienen, in welchen sie feurige Ballschläger, sogenannte Raketen, hielten. Was mich am meisten wunderte, war, daß ihnen als Bälle Bücher dienten, die dem Anschein nach voll Windes und grober Wollflocken waren, etwas Wunderbares, das noch nicht dagewesen. Aber noch mehr als dies wunderte mich, daß sie bei diesem Spiel alle ärgerlich knurrten, alle zankten, alle sich verwünschten, während es sonst bei Spielern bräuchlich ist, daß die Gewinner vergnügt und nur die Verlierer traurig sind.«

»Das ist kein Wunder«, entgegnete Sancho, »denn die Teufel, ob sie nun spielen oder nicht, ob sie gewinnen oder nicht gewinnen, können niemals vergnügt sein.«

»So muß es wohl sein«, versetzte Altisidora; »aber noch etwas anderes setzt mich in Staunen, ich will sagen, setzte mich damals in Staunen, nämlich daß jeder Ball gleich beim ersten Wurf in Stücke ging, so daß er nicht noch einmal gebraucht werden konnte, und daher gab es immer wieder in Menge neue und alte Bücher, daß es ein Wunder war. Einem der Bücher, einem frischen, funkelnagelneuen und gut gebundenen, gaben sie einen tüchtigen Puff, so daß sie ihm die Eingeweide herausschlugen und die Blätter weit herumstreuten. Ein Teufel sagte zu einem andern: ›Seht, was für ein Buch das ist?‹ Und der Teufel antwortete: ›Es ist der zweite Teil der Geschichte des Don Quijote von der Mancha, nicht von dem ursprünglichen Verfasser Sidi Hamét geschrieben, sondern von einem Aragonesen, der selber angibt, er sei aus Tordesillas gebürtig/

›Weg mit ihm!‹ schrie der andre Teufel darauf; ›werft ihn in die Abgründe der Hölle, damit meine Augen ihn nicht wieder erblicken!‹

›Ist das Buch denn so schlecht?‹ fragte der andre.

›So schlecht‹, antwortete der erste, ›daß ich selbst mit der größten Mühe kein schlechteres fertigbringen würde.‹

Sie setzten ihr Spiel fort und spielten Pelota mit noch andern Büchern; ich aber, weil ich Don Quijote nennen hörte, den ich so sehr liebe und im Herzen trage, habe mir die Mühe gegeben, dieses Traumgesicht im Gedächtnis zu behalten.«

»Ein Traumgesicht muß es sicherlich gewesen sein«, sprach Don Quijote, »denn es gibt kein andres Ich in der Welt. Bereits wandert diese neue Geschichte von einer Hand zur andern, bleibt aber in keiner, denn alle treten sie mit Füßen. Ich ärgere mich nicht, zu hören, daß ich wie ein gespenstisches Wesen in den Finsternissen des Abgrundes oder im Lichte der Erdenwelt umherziehe, denn ich bin nicht der, von welchem jene Geschichte spricht. Wäre sie gut, getreu und wahr, so würde sie Jahrhunderte leben; ist sie aber schlecht, so wird der Weg von ihrer Geburt bis zum Grabe nicht lang sein.«

Altisidora wollte mit ihren Klagen über Don Quijote fortfahren, als dieser zu ihr sagte: »Oftmals habe ich Euch erklärt, Fräulein, wie leid mir es tut, daß Ihr Eure Gedanken auf mich gerichtet habt, da sie von den meinigen nur Dankbarkeit und nicht Heilung erlangen können. Ich bin dazu geboren, dem Fräulein Dulcinea von Toboso anzugehören, und die Schicksalsgöttinnen, wenn es solche gäbe, haben mich für sie allein bestimmt; und glauben, daß eine andre Schönheit jemals den Platz einnähme, den sie in meiner Seele behauptet, heißt das Unmögliche glauben. Diese Erklärung muß Euch genügen, damit Ihr Euch in die Grenzen Eurer Züchtigkeit zurückziehet, da niemand sich zu Unmöglichem verpflichten kann.«

Als Altisidora dies hörte, schien sie sich mächtig zu erbosen und zu erzürnen und sagte: »So wahr Gott lebt, Herr Stockfisch, der Ihr statt des Herzens einen ehernen Mörser habt! Ihr harter Dattelkern! zäher und störrischer als ein Bauer, den man um etwas bittet, wenn er sich etwas andres vorgenommen hat! Wenn ich über Euch herfalle, werd ich Euch die Augen ausreißen. Meint Er vielleicht, Er nie unbesiegter Jämmerling, Er Prügeljunge, ich bin Seinetwegen gestorben? Alles, was Ihr diese Nacht gesehen habt, war nur ein Possenspiel; ich bin kein Weib, das sich für ein solches Kamel nur das Schwarze am Nagel weh tun ließe, geschweige, daß sie sterben sollte.«

»Das glaub ich gern«, sagte Sancho, »denn mit dem Sterben der Verliebten, das ist nur eine Geschichte zum Lachen; sie mögen’s wohl sagen, aber es tun? Das mag der Judas glauben.«

Während dieses Gespräches trat der Musiker ein, der als Sänger und Dichter die beiden erwähnten Stanzen gesungen hatte; er machte vor Don Quijote eine tiefe Verbeugung und sagte: »Euer Gnaden, Herr Ritter, wollen mich unter die Zahl Eurer ergebensten Diener rechnen und als solchen annehmen; denn seit vielen Tagen bin ich Euch zugetan, sowohl um Eures Rufes als auch um Eurer Taten willen.«

Don Quijote entgegnete: »Euer Gnaden wolle mir sagen, wer Ihr seid, damit meine Höflichkeit Euren Verdiensten entsprechen möge.«

Der Jüngling antwortete, er sei der Musiker und Lobredner vom letzten Abend.

»Gewiß«, versetzte Don Quijote, »Ihr habt eine vortreffliche Stimme; aber was Ihr gesungen habt, scheint mir nicht am Platze gewesen zu sein, denn was haben die Stanzen des Garcilaso mit dem Tode dieses Fräuleins zu schaffen?«

»Wundert Euch nicht darüber«, antwortete der Musiker, »denn unter den dichterischen Gelbschnäbeln unsrer Zeit ist es bräuchlich, daß ein jeder schreibt, wie er Lust hat, und stiehlt, von wem er Lust hat, mag es nun zu seinem Gegenstand passen oder nicht; und sie singen oder schreiben keine Dummheit, ohne deren Berechtigung mittels der angeblichen dichterischen Freiheit zu behaupten.«

Don Quijote wollte antworten, aber er wurde daran durch den Herzog und die Herzogin verhindert, die kamen, ihn zu besuchen. Es entspann sich nun zwischen ihnen ein langes und vergnügliches Gespräch, bei welchem Sancho so viel Witz und so viel Stachelreden zum besten gab, daß er das herzogliche Paar aufs neue in Erstaunen setzte, sowohl ob seiner Einfalt als auch ob seines Scharfsinns. Don Quijote bat um die Erlaubnis, noch an diesem nämlichen Tage abreisen zu dürfen, weil es besiegten Rittern wie ihm eher gezieme, in einem schmutzigen Stall als in königlichen Palästen zu wohnen. Sie gaben die Erlaubnis gern und freundlich, und die Herzogin fragte ihn, ob Altisidora bei ihm in Gunst stehe. Er antwortete ihr: »Verehrte Gebieterin, Eure Herrlichkeit muß wissen, daß das ganze Leiden dieses Fräuleins aus Müßiggang entsteht, und das Mittel dagegen ist ehrbare und anhaltende Beschäftigung. Hier an dieser Stelle hat sie mir gesagt, in der Hölle würden Spitzen getragen, und da sie ohne Zweifel solche anzufertigen versteht, so sollte sie solche Arbeit nie aus der Hand lassen; denn wenn sie beschäftigt ist, die Klöppel in Bewegung zu halten, wird das Bild oder werden die Bilder dessen, was sie liebt, ihre Phantasie nicht in Bewegung setzen können. Dies ist die Wahrheit, dies ist meine Meinung, dies ist mein Rat.«

»Auch der meinige«, fügte Sancho hinzu, »denn ich habe in meinem ganzen Leben keine Spitzenklöpplerin gesehen, die vor Liebe gestorben wäre; Mädchen, die tätig sind, richten ihre Gedanken mehr auf die Vollendung der ihnen obliegenden Arbeit als auf ihre Liebesgeschichten. Das sage ich aus eigner Erfahrung, denn wenn ich beim Graben und Schaufeln bin, denke ich nicht an meine Hausehre, ich meine an meine Teresa Pansa, die ich doch lieber habe als meine Augenwimpern.«

»Sehr richtig gesprochen, Sancho«, sagte die Herzogin, »und ich will dafür sorgen, daß meine Altisidora sich künftig mit Weißnäherei beschäftigt, worauf sie sich vortrefflich versteht.«

»Es ist gar nicht nötig, Señora«, versetzte Altisidora, »dies Heilmittel anzuwenden, denn der Gedanke an die Grausamkeit, mit der dieser stumpfsinnige Landstreicher mich behandelt hat, wird ihn ohne ein andres Hilfsmittel aus meinem Gedächtnisse auslöschen. Mit Erlaubnis Eurer Durchlaucht will ich mich jetzt von hinnen begeben; nicht sehen will ich mehr vor meinen Augen, ich will nicht sagen seine traurige Gestalt, sondern vielmehr sein häßliches, abscheuliches Gerippe.«

»Das kommt mir vor«, sagte der Herzog, »wie es im Liede heißt:

Daß wer heftig schmäht –
Bereit schon ist er zu vergeben.«

Altisidora tat, als ob sie sich die Tränen mit einem Tüchlein abtrocknete, und ging mit einer Verbeugung vor ihrer Herrschaft aus dem Zimmer.

»Ich sage dir, armes Mädchen«, sprach Sancho, »ich sage dir, es wird dir bös ergehen; denn du hast es mit einer Seele von Dünengras, mit einem Herzen von Eichenholz zu tun gehabt. Wahrhaftig, hättest du mit mir zu tun, so hättest du ein andres Vögelchen pfeifen hören.«

Die Unterredung ging zu Ende; Don Quijote kleidete sich an, speiste mit dem herzoglichen Paare und begab sich noch am nämlichen Nachmittag auf den Weg.