19.

Als Anna in das Gemach trat, saß Dolly in dem kleinen Gastzimmer mit ihrem weißhaarigen, dicken Knaben, der bereits jetzt dem Vater ähnlich zu werden begann, und überhörte ihm seine französische Lektion. Der Knabe las, und drehte dabei mit der Hand an einem Knopfe seiner Bluse, im Bemühen, denselben abzureißen.

Die Mutter hatte ihm das Händchen bereits mehrmals von dem lose sitzenden Knopf entfernt, aber die kleine runde Faust fuhr immer wieder nach demselben. Endlich riß die Mutter selbst den Knopf ab und steckte ihn in ihre Tasche.

»Laß deine Hand in Ruhe, Grischa,« sagte sie und beschäftigte sich wieder mit einer Decke, einer Arbeit die sie schon seit langem förderte, und welche sie stets in schweren Zeiten vornahm. Auch jetzt häkelte sie aufgeregt, den Finger ausstreckend und die Maschen zählend.

Obwohl sie gestern befohlen hatte, ihrem Manne zu sagen, sie werde sich nicht darum kümmern, ob seine Schwester ankomme oder nicht, hatte sie dennoch alles zu deren Empfang herrichten lassen und erwartete nun die Schwägerin voll Aufregung.

Dolly war darniedergedrückt von ihrem Leid und ganz in dasselbe versunken. Gleichwohl aber sagte sie sich, daß ihre Schwägerin Anna die Gattin einer der einflußreichsten Persönlichkeiten Petersburgs war, und daselbst die grande dame spielte. Dank diesem Umstände, hatte sie die dem Gatten gegebene Versicherung nicht aufrecht erhalten, das heißt, sie hatte nicht vergessen, daß ihre Schwägerin ankommen werde.

»Nun, Anna trägt ja auch an nichts schuld,« dachte Dolly bei sich, »ich weiß von ihr nichts, als Gutes, und ich selbst habe von ihr nur Liebes und Gutes erfahren.«

Allerdings, soweit sie sich der Eindrücke erinnern konnte, welche sie bei den Karmin in Petersburg erhalten, konnte sie das Haus derselben nicht als recht angenehm bezeichnen; es lag etwas Falsches in der Gesamtheit des Familienlebens daselbst.

»Aber weshalb sollte ich sie denn nicht empfangen? Wenn sie es sich nur nicht etwa einfallen lassen wird, mich etwa zu trösten,« dachte Dolly. »Alle Tröstungen, alle Überredungsgründe, alle Lehren der christlichen Nachsicht und Milde, all das habe ich schon tausendmal überdacht, aber es hielt nichts davon Stich.«

Die ganze letzte Zeit war Dolly allein mit ihren Kindern gewesen. Von ihrem Kummer wollte sie nicht sprechen, und mit diesem Kummer in der Seele konnte sie nicht von Nebensächlichem reden. Sie wußte, daß sie auf die eine oder die andere Weise Anna alles erzählen würde, und bald freute sie da der Gedanke daran, wie sie alles heruntersprechen wollte, bald aber brachte sie auch der Gedanke an die Notwendigkeit in Wut, mit jener von ihrer Erniedrigung sprechen zu müssen, seiner Schwester, und deren schon bereitgehaltene Phrasen beim Zureden und Trösten mit anhören zu müssen.

Nach der Uhr blickend, erwartete sie sie von Minute zu Minute, und übersah dabei doch gerade diejenige, in welcher Anna Karenina ankam, so daß sie nicht einmal das Glöckchen vernahm.

Erst als sie das Rauschen eines Gewandes und leichte Schritte schon in der Thür vernahm, blickte sie auf und auf ihren abgespannten Zügen malte sich unwillkürlich nicht Freude, sondern Erstaunen.

Sie erhob sich und umarmte die Schwägerin.

»Wie, schon da?« sagte sie unter Küssen.

»Dolly, wie freue ich mich, dich zu sehen!«

»Auch ich freue mich,« erwiderte diese mit schwachem Lächeln und sich bemühend, an dem Gesichtsausdruck Annas zu erkennen, ob diese bereits wisse.

»Wahrscheinlich ist sie schon unterrichtet,« dachte sie, einen Schimmer von Beileid auf Annas Zügen gewahrend.

»Nun, komme denn, ich will dich in dein Zimmer führen,« fuhr sie fort, im Bemühen, die Minute der Aussprache so weit als möglich hinauszuschieben.

»Ist das Grischa? Mein Gott, wie groß er geworden ist!« rief Anna aus, und küßte den Knaben, ohne das Auge von Dolly wegzuwenden; dann blieb sie stehen und errötete.

»Aber nein, jetzt wollen wir nirgendshin gehen!«

Sie nahm ihr Tuch ab, ihren Hut, und verwickelte diesen mit dem Gewirr ihrer schwarzen überall sich hervorwindenden Haare, befreite denselben aber daraus, indem sie mit dem Kopfe schwingende Bewegungen machte.

»O, wie du glänzest von Glück und Gesundheit,« sagte Dolly fast neidisch.

»Ich?« antwortete Anna. »Mein Gott, Tanja! Altersgenossin meines Sergey,« fügte sie hinzu, sich an das eintretende kleine Töchterchen Dollys wendend. Sie nahm es auf ihre Arme und küßte es – »ein reizendes Kind, reizend! Zeige mir doch alle deine Kinder!«

Sie nannte sie sämtlich und wußte nicht nur ihre Namen noch, sondern auch die Jahre und Monate der Geburt der Kinder, ihre Sinnesarten, ihre Krankheiten und Dolly fühlte sich wider ihren Willen bezaubert hiervon.

»Nun komm, wir wollen zu ihnen gehen,« sagte sie, »Wasja schläft jetzt, schade.«

Nachdem beide Frauen die Kinder gemustert hatten, setzten sie sich, nunmehr allein, im Salon zum Kaffee. Anna beschäftigte sich mit dem Präsentierbrett, und schob es dann von sich.

»Dolly; er hat mit mir gesprochen.«

Dolly blickte kühl auf Anna. Sie erwartete jetzt erheuchelte Beileidsbezeugungen, aber Anna äußerte nichts der Art.

»Dolly, meine Liebe,« sagte sie, »ich will dir gegenüber nicht für ihn sprechen, dich auch nicht trösten; das ist unmöglich. Aber, gutes Herz, mir thust du offen herausgesagt, leid; von ganzer Seele leid!«

Unter den dichten Wimpern ihrer blitzenden Augen erschienen plötzlich Thränen. Sie setzte sich näher zu ihrer Schwägerin, ergriff deren Hand mit ihrer energischen kleinen Rechten und Dolly widerstrebte nicht, allein ihre Züge hatten nichts von dem kalten Ausdruck verloren und sie sagte:

»Trösten kann mich niemand. Alles ist verloren für mich nach solchen Geschehnissen; alles ist dahin!«

Sie hatte dies kaum gesprochen, als der Ausdruck ihres Gesichts weicher wurde. Anna hob die magere, schmächtige Hand Dollys zu sich empor, küßte sie und antwortete:

»Aber, Dolly, was soll nun geschehen, was soll geschehen? Wie soll man am besten handeln in dieser furchtbaren Lage? – Hierüber gilt es jetzt nachzudenken!«

»Es ist alles schon gethan, nichts bleibt mehr zu thun,« antwortete Dolly, »am Übelsten ist, verstehe mich recht, daß ich ihn nicht verlassen kann; denn es sind Kinder da; ich bin gebunden. Mit ihm leben aber kann ich nicht mehr; es ist mir eine Qual schon, ihn zu sehen.«

»Dolly, mein Täubchen, er sprach zwar schon mit mir, aber ich möchte nun von dir hören; erzähle mir alles.«

Dolly blickte fragend Anna an, in deren Gesicht ungeheuchelte Teilnahme und Liebe sichtbar waren.

»Wohlan denn,« sagte sie plötzlich. »Doch ich will von Anfang an erzählen. Du weißt ja, wie ich geheiratet habe. Ich war mit meiner französischen Maman-Erziehung nicht nur unschuldig, sondern vielmehr dumm geblieben. Ich wußte nichts, gar nichts. Man sagt wohl, daß die Männer ihren Frauen von ihrem früheren Leben erzählten, aber Stefan – Stefan Arkadjewitsch – hat mir nichts erzählt. Du wirst das nicht glauben, aber bis heute habe ich geglaubt, daß ich das einzige Weib sei, welches er erkannt hat. So habe ich acht Jahre verlebt; stelle dir vor, daß ich nicht nur nie eine Treulosigkeit bei ihm geargwöhnt habe, nein, daß ich sie für unmöglich gehalten habe; und nun, stelle dir vor, mit solchen Auffassungen mußte ich plötzlich das ganze Verhängnis, diese ganze Niedrigkeit kennen lernen.

Verstehst du mich auch recht? Was es heißt, ganz im Vollgefühl seines Glückes zu sein, und mit einem Schlage,« – Dolly fuhr fort, nur mit Mühe das Schluchzen unterdrückend, »jenen Brief erhalten zu müssen. Es war sein Brief an seine Geliebte, meine Gouvernante. Nein, dies ist zu entsetzlich!«

Schnell zog sie ihr Taschentuch hervor und bedeckte mit ihm ihr Antlitz. »Ich begreife noch, daß er verführt werden konnte,« fuhr sie fort, nachdem sie eine Weile geschwiegen, »aber hinterlistig, schlau mich zu betrügen, und mit wem zusammen? Daß er fortfahren sollte, mein Gatte zu sein und zugleich der ihrige – das ist furchtbar! Aber du kannst das nicht verstehen!«

»O doch, doch, ich verstehe! Ich begreife, gute Dolly, ich begreife,« antwortete Anna, ihr die Hand drückend.

»Und denkst du etwa, er könnte sich die ganze Entsetzlichkeit meiner Lage klar machen?« fuhr Dolly fort, »keineswegs! Er ist glücklich und zufrieden!«

»O nein!« unterbrach sie Anna schnell, »er ist in einer kläglichen Stimmung, er wird von Reue bedrückt!«

»Ist er der Reue fähig?« fiel Dolly ein, der Schwägerin gespannt ins Gesicht schauend.

»Ja. Ich kenne ihn. Ich habe nicht ohne Mitleid auf ihn blicken können. Wir beide kennen ihn. Er ist gut, aber auch stolz, und jetzt fühlt er sich erniedrigt. Die Hauptsache, welche mich rührte,« Anna erriet diese Hauptsache, welche Dolly rühren konnte, »ist die, daß ihn zweierlei quält; einmal empfindet er Scham vor seinen Kindern, und dann hat er, der dich liebt – ja, ja, der dich mehr liebt als das Leben« – ließ Anna Dolly, die sie unterbrechen wollte, nicht zu Worte kommen, – »dir so weh gethan, dich so tief darniedergeschlagen. Nein, nein, sie vergiebt nichts ist sein stetes Wort.«

Dolly blickte in Gedanken versunken an der Schwägerin vorüber und lauschte auf deren Worte.

»Ja, ich weiß, daß seine Lage schrecklich ist; der Schuldige fühlt viel tiefer, als der Unschuldige,« sagte sie, »wenn er empfindet, daß durch seine Schuld alles Unglück hereingebrochen ist. Aber wie sollte ich ihm verzeihen, wiederum sein Weib werden können – nach jenem Geschöpf? Jetzt noch mit ihm zu leben, wäre für mich eine Qual, schon deshalb, weil mir die Liebe wertvoll ist, die ich ihm früher geweiht.«

Schluchzen unterbrach ihre Stimme.

Gleichsam vorsätzlich indessen begann sie jedesmal, wenn die Versöhnlichkeit sie zu überkommen drohte, wiederum von dem zu sprechen, was sie vor allem so erbittert hatte.

»Sie ist freilich noch jung, noch schön,« fuhr sie fort, »du verstehst, Anna, daß meine Jugend, meine Schönheit mir von einem Manne genommen worden ist; von ihm und seinen Kindern! Ich diente ihm und ging in seinem Dienste auf, aber jetzt ist ihm – das versteht sich Wohl – ein frisches, junges Wesen lieber. Sie mögen wohl beide von mir gesprochen, oder, was noch schlimmer wäre, geschwiegen haben – verstehst du?«

Ihr Auge loderte wiederum haßerfüllt empor.

»Und nach alledem will er wieder mit mir reden. Wie, soll ich ihm denn noch glauben? Niemals! Nein; es ist alles dahin, alles, was für mich ein Trost, ein Lohn für meine Mühen und Qualen hätte sein können. Du verstehst mich doch? Soeben habe ich Grischa unterrichtet. Früher war mir das eine Freude, jetzt ist es eine Marter. Wofür mühe ich mich, was quäle ich mich ab? Wozu sind die Kinder da? – Es ist furchtbar, daß plötzlich meine Seele sich gewendet hat, und anstatt Liebe und Zärtlichkeit, jetzt nur noch Wut, ja Wut darinnen wohnt. Getötet würde ich ihn haben« –

»Herzchen, Dolly, ich verstehe dich, aber martere dich nicht selbst; du bist so beleidigt, so aufgeregt, daß du manches in falschem Lichte siehst!«

Dolly verstummte, zwei Minuten verstrichen in lautloser Stille.

»Was soll ich thun, denke nach, Dolly, hilf mir. Ich habe alles schon mir überlegt, und sehe keinen Ausweg mehr.«

Anna vermochte nichts zu denken, aber ihr Herz antwortete auf jedes Wort, auf jeden Ausdruck der Züge ihrer Schwägerin.

»Ich kann nur Eines sagen,« begann sie, »ich bin seine Schwester und kenne seinen Charakter; seine Fähigkeit, alles zu vergessen,« – sie machte eine Geste vor ihrer Stirn – »diese Fähigkeit des vollständigen Sichselbstverlierens, dabei aber auch eines wahrhaften Empfindens von Reue. Er glaubt kaum und begreift nicht, wie er das hat thun können, was er gethan hat.« –

»O nein! Er versteht es wohl, er versteht es wohl!« fiel ihr Dolly in die Rede, »aber ich – du vergißt mich ja ganz – ist mir etwa leichter?«

»Warte doch! Als er mit mir sprach – ich gestehe es – begriff ich noch nicht die ganze Entsetzlichkeit deiner Lage. Ich sah nur ihn allein, und daß die Familie zerstört sei; er that mir leid, aber nun, nachdem ich, selbst ein Weib, mit dir gesprochen habe, sehe ich die Sache mit anderem Auge an. Ich sehe deine Leiden und wie leid du mir thust, das kann ich dir nicht schildern! Dolly, mein liebes Herz, ich verstehe deine Leiden von Grund aus – nur eines nicht! Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wie viel Liebe zu ihm noch in deiner Seele wohnt. Du mußt es wissen, wie viel noch davon vorhanden ist zu der Möglichkeit, daß ihm verziehen würde! Wenn du noch Liebe hast, verzeihe ihm!«

»Nein,« antwortete Dolly, allein Anna unterbrach sie, ihr wiederum die Rechte küssend.

»Ich kenne besser die Welt als du,« sagte sie, »ich kenne diese Männer, die wie Stefan sind, und weiß, wie sie auf derartige Affairen schauen. Du sagtest, daß er mit ihr über dich gesprochen hätte. Dies ist nicht der Fall gewesen. Diese Art von Männern sündigen mit Treulosigkeit, aber ihr häuslicher Herd, ihr Weib – das bleibt für sie ein Heiligtum! Jene Weiber aber sind für sie nur ein Gegenstand der Mißachtung und sie können die Familie nicht stören; die Männer ziehen eine Art unüberschreitbarer Grenze zwischen ihrer Familie und jenen Geschöpfen. Ich verstehe dies nicht so ganz, aber es ist an dem!«

»Aber er hat sie doch geküßt« –

»Dolly, ich bitte dich, mein Herzchen. Ich habe Stefan gesehen, als er in dich verliebt war. Ich entsinne mich der Zeit, als er zu mir kam und Thränen vergoß, wenn er von dir sprach; welch eine Poesie, welch hohe Erscheinung warst du da für ihn! Ich weiß es, daß je länger er mit dir gelebt hat, du ihm um so größer geworden bist. Wir haben wohl bisweilen selbst über ihn gelacht, wenn er bei jeder Gelegenheit äußerte, Dolly sei ein bewundernswürdiges Weib. Du bist für ihn stets eine Gottheit gewesen und bist es geblieben, jene Ausschweifung aber – von ihr weiß seine Seele nichts« –

»Aber wie, wenn sie sich wiederholte?«

»Das kann sie nicht, so, wie ich zu urteilen weiß.«

»Also du würdest ihm vergeben?«

»Ich weiß nicht; denn ich kann nicht urteilen. Aber doch, o ja, ich kann,« fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, während dessen sie die Situation bei sich erwogen und innerlich abgeschätzt hatte: »Ja wohl, ich könnte es, ich könnte es. Ja, ich würde vergeben. Ich würde nicht zu streng sein und verzeihen. Und ich würde so verzeihen, als ob jene Sünde gar nicht begangen worden wäre, gar nicht existierte.«

»Natürlich,« unterbrach Dolly sie schnell, gleich als spräche sie etwas aus, das sie schon mehr als einmal erwogen hätte, »sonst wäre es ja keine Verzeihung. Wenn man einmal vergeben soll, so muss man es ganz thun, ganz. Indessen komm mit, ich will dich jetzt auf dem Zimmer führen,« sagte sie, sich erhebend und auf dem Wege Anna umfassend.

»Meine Liebe, wie froh bin ich, daß du gekommen bist. Mir ist jetzt leichter, bei weitem leichter geworden.«

2.

Stefan Arkadjewitsch war ein in Bezug auf sich selbst sehr ehrenhafter Mensch. Er vermochte nicht, sich selbst zu täuschen, sich zu versichern, daß ihn seine Handlungsweise gereue. Er empfand jetzt nicht einmal Gewissensbisse daraus, daß er, ein Mann von vierunddreißig, Jahren, hübsch und galant, in sein Weib, die Mutter von fünf lebenden und zwei toten Kindern, die nur ein Jahr jünger war als er, gar nicht verliebt war. Er machte sich nur Vorwürfe darüber, daß er sich nicht besser vor seinem Weibe zu hüten gewußt hatte. Recht wohl aber empfand er die ganze Schwere seiner Lage und er beklagte Weib, Kinder und sich selbst. Vielleicht auch hätte er es verstanden gehabt, seine Fehltritte besser vor jenem geheimzuhalten, wenn er erwartet hätte, daß dieselben in solcher Weise wirkten. Offenbar hatte er aber nie darüber nachgedacht, und voll Unruhe stellte er sich jetzt vor, daß sein Weib längst geargwöhnt hatte, er sei ihr nicht treu und daß es ihm nur durch die Finger schaue. Es schien ihm sogar, daß sie, abgemagert, gealtert und gar nicht mehr hübsch, in keiner Beziehung interessant, nur einfach, aber eine gute Mutter der Kinder, dem Gerechtigkeitsgefühl nach selbst nachsichtig zu sein verpflichtet wäre – aber da zeigte sich ganz und gar das Gegenteil! –

»O, furchtbar, o, o, furchtbar!« bezeugte sich Stefan Arkadjewitsch selbst, ohne einen weiteren Gedanken zu finden. »Und wie gut war alles bisher gegangen, welch schönes Leben habe ich geführt! Sie war zufrieden, glücklich in ihren Kindern, ich störte sie in nichts und überließ es ihr, sich mit den Kindern zu befassen und mit dem Hauswesen ganz wie sie wollte. Allerdings, es war ja nicht gut, daß sie eigentlich die Gouvernante abgab im Hause.« Er erinnerte sich der schwarzen, schelmischen Augen von Mademoiselle Roland und ihres Lächelns. »Aber so lange sie bei uns im Hause war, habe ich mir doch nicht das Geringste gegen sie erlaubt. Das Dümmste war, daß sie schon – aber es mußte so kommen, wie vorherbestimmt! O weh, o weh, was nun thun?«

Es gab keine Antwort darauf, außer jener allgemeinen, die das Leben selbst auch auf die verwickeltsten und unlösbarsten Fragen erteilt. Diese Antwort war die: Man muß leben, im Zwange des täglichen Lebens, mit anderen Worten, sich vergessen. Im Schlaf sich vergessen, war nicht mehr möglich, höchstens erst wieder am Abend, und zu jener Musik, welche er gehört, zurückzukehren, ging auch nicht an, es blieb also nur übrig, sich zu vergessen im Traume des Lebens.

»Nun, wir werden ja sehen,« sagte Stefan Arkadjewitsch zu sich, warf aufstehend einen grauen Hausrock über sein blauseidenes Unterhemd, kreuzte die Hände auf dem Rücken, zog behaglich den breiten Brustkasten voll Luft, und begab sich mit dem gewohnten festen Schritt seiner auswärts gerichteten Füße, die den feisten Körper so mühelos trugen, nach dem Fenster und klingelte stark. Auf das Schellen trat sofort sein alter Freund, der Kammerdiener Matwey, einen Anzug, Stiefeln und ein Telegramm tragend, herein, gefolgt von dem Barbier mit dem Apparat zum Barbieren.

»Sind Akten da?« frug Stefan Arkadjewitsch, das Telegramm entgegennehmend und sich vor dem Spiegel niederlassend.

»Sie liegen auf dem Tische,« versetzte Matwey, fragend und voll Teilnahme auf seinen Herrn blickend, und fuhr nach kurzem Warten mit schlauem Lächeln fort: »Von dem Mietsfuhrmann ist jemand gekommen!«

Stefan Arkadjewitsch antwortete nichts, sondern blickte nur durch den Spiegel auf Matwey; sie schienen sich beide sichtlich gut zu verstehen. Der Blick Stefan Arkadjewitschs frug gleichsam: weshalb sagst du das; weißt du denn nicht?

Matwey hatte die Hände in die Taschen seines Jaquets gesteckt, setzte den einen Fuß ein wenig vor und schwieg, kaum merklich und gutmütig lächelnd auf seinen Gebieter schauend.

»Ich habe angeordnet, daß man erst an diesem Sonntag komme, und Euch und mich bis dahin nicht unnütz belästige,« sagte er dann in offenbar einstudiertem Satze.

Stefan Arkadjewitsch verstand, daß Matwey scherzen, und die Aufmerksamkeit auf sich lenken wolle. Er zerriß das Telegramm und las unter Versuchen, die wie immer mit durchrissenen Worte zusammenzubringen; sein Antlitz heiterte sich auf.

»Matwey, meine Schwester Anna Arkadjewna kommt morgen,« begann er, für eine Minute die schaumglänzende, fleischige Hand des Barbiers hemmend, die im Begriff war, die rosige Rinne zwischen den langen krausen Kotelettes zu säubern.

»Gott sei gelobt,« versetzte Matwey, mit dieser Antwort beweisend, daß er ebenso wie sein Gebieter, die Bedeutung dieses Besuches erkenne, das heißt einsehe, daß Anna Arkadjewa die Lieblingsschwester Stefans, zur Aussöhnung der Gatten zu wirken imstande sei.

»Kommt sie allein oder mit dem Gemahl?« frug Matwey.

Stefan Arkadjewitsch konnte nichts erwidern, da sein Barbier gerade mit der Oberlippe beschäftigt war, und hob daher nur einen Finger. Matwey nickte mit dem Kopfe in den Spiegel.

»Also allein. Soll ich oben herrichten lassen?«

»Berichte der Darja Alexandrowna, und sie wird bestimmen, wo.«

»Darja Alexandrowna?« wiederholte Matwey gleichsam voll Zweifels.

»Ja. Teile ihr es mit; und nimm hier das Telegramm, gieb es ihr, und melde, daß sie anordne.«

»Ihr wollt versuchen,« verstand Matwey, aber er sprach nur »ich gehorche.«

Stefan Arkadjewitsch war schon gewaschen und frisiert und wollte sich ankleiden, als Matwey, sich langsam in den knarrenden Stiefeln bewegend, mit der Depesche wieder im Zimmer erschien. Der Barbier war nicht mehr anwesend.

»Darja Alexandrowna hat befohlen, ich solle Euch mitteilen, daß sie fortfahren wird. Ihr möchtet thun, wie es Euch beliebte,« berichtete er, nur mit den Augen lachend und die Hand in die Tasche seines Jaquets versenkend, während er den Kopf seitwärts legte und auf seinen Herrn blickte. Stefan Arkadjewitsch blieb stumm, dann erschien ein gutmütiges, etwas klägliches Lächeln auf seinem roten Gesicht.

»Nun, Matwey?« frug er kopfschüttelnd.

»Es ist nicht von Bedeutung, Herr,« versetzte dieser, »wird sich schon machen.«

»Es wird sich machen?«

»Ach, ja.«

»Meinst du? – Doch wer ist dort?« frua. Stefan Arkadjewitsch, an der Thür das Rauschen eines weiblichen Gewandes wahrnehmend.

»Ich bin es,« ertönte eine feste, wohllautende Weiberstimme und in der Thür erschien das strenge, pockennarbige Antlitz der Matrjona Philimonowna, der Amme.

»Nun, was giebt es, liebe Matrjona?« frug Stefan Arkadjewitsch, ihr bis an die Thür entgegengehend.

Obwohl Stefan Arkadjewitsch vollständig in der Schuld war gegenüber seiner Gattin, und er selbst auch dies empfand, standen doch fast alle im Hause, ja selbst die Amme, der beste Freund Darja Alexandrownas, auf seiner Seite.

»Nun, was giebt es?« frug er niedergeschlagen.

»Ach, kommt doch, Herr, entschuldiget Euch! Gott wird schon helfen. Sie leidet so sehr, es ist traurig zu sehen, und alles im Hause geht zurück. Die Kinder, Herr, sind zu beklagen. Entschuldigt Euch doch, – was soll das werden! Da könnte man doch gleich« –

»Aber sie nimmt ja nicht Vernunft an« –

»O, thut nur das Eure. Gott ist hilfreich, betet zu Gott, Herr, betet zu Gott!«

»Nun gut, geh,« sagte Stefan Arkadjewitsch plötzlich errötend. »Ich will mich ankleiden,« wandte er sich zu Matwey und warf entschlossen den Hausrock ab.

Matwey hielt bereits ein frisches Hemd wie ein Kummet empor und befaßte sich nun mit augenscheinlichem Vergnügen damit, den verwöhnten Körper seines Gebieters einzuhüllen.

12.

Die junge Fürstin Kity Schtscherbazkaja zählte achtzehn Sommer. Im vergangenen Winter war sie zum erstenmal in der Öffentlichkeit erschienen und ihre Erfolge in der großen Welt waren größer, als diejenigen ihrer beiden älteren Schwestern, größer als die Fürstin selbst erwartet hatte.

Wenn schon die jungen Männer, die auf den Moskauer Bällen tanzten, fast sämtlich in Kity verliebt waren, hatten sich dieser bereits im Lauf der ersten Saison auch zwei ernste Partieen eröffnet, Lewin, und sogleich nach dessen Abreise der Graf Wronskiy.

Das Erscheinen Lewins zu Beginn des Winters, seine häufigen Besuche und seine offenbare Liebe zu Kity waren der Anlaß zu den ersten ernsten Auseinandersetzungen der Eltern Kitys über deren Zukunft, und zu Streitigkeiten zwischen dem Fürsten und der Fürstin.

Der Fürst war auf seiten Lewins; er sagte, daß er für Kity keine bessere Partie wünschen könne; die Fürstin aber, mit der den Frauen eigenen Gewohnheit, die Hauptfrage zu umgehen, war der Ansicht, daß Kity noch viel zu jung sei, Lewin noch in keiner Hinsicht bewiesen habe, daß er ernste Absicht hege, daß Kity keine Neigung zu ihm empfinde c.; die Hauptsache aber sagte sie nicht, nämlich, daß sie auf eine noch bessere Partie für die Tochter warte, und daß Lewin ihr nicht sympathisch war, daß sie ihn nicht verstehe. Als Lewin unerwartet abgereist war, freute sich die Fürstin und sagte triumphierend zu ihrem Gemahl: »Siehst du, ich hatte recht.«

Nachdem Wronskiy erschienen war, geriet sie noch mehr in Freude, in ihrer Meinung bestärkt, Kity müsse nicht einfach nur eine gute Partie machen, sondern eine glänzende.

Für die Mutter gab es gar keine Möglichkeit einer Parallele zwischen Lewin und Wronskiy. Der Mutter gefielen an Lewin dessen seltsame, entschiedene Urteile nicht, seine Plumpheit in der vornehmen Welt, die sich, wie sie annahm, auf Stolz gründete und sein nach ihren Begriffen gleichsam wildes Leben auf dem Dorfe mit seinen Beschäftigungen in der Viehzucht, seinem Verkehr mit den Bauern. Auch dies gefiel ihr nicht sehr, daß er, obwohl in ihre Tochter verliebt, anderthalben Monat hindurch ihr Haus besuchte, als erwarte er etwas; ausschaute, als fürchte er, eine zu große Ehre zu erweisen, wenn er mit einem Antrag käme und nicht begriff, daß man sich erklären müsse, wenn man ein Haus besuche, dessen Tochter heiratsfähig war. Plötzlich, ohne sich zu erklären, war er abgereist.

»Nur gut, daß er nicht zu sehr anziehend gewesen ist, daß Kity sich nicht in ihn verliebt hat,« dachte die Mutter.

Wronskiy hingegen entsprach allen Wünschen derselben. Er war sehr reich, klug, wissend, im Begriff, eine glänzende militärische Hofcarriere zu machen, ein verführerischer Mann. Man konnte keine bessere Partie wünschen.

Auf den Bällen bewarb sich Wronskiy offen um Kith; tanzte mit ihr, besuchte das Elternhaus und es schien wohl kaum an dem Ernste seiner Absichten ein Zweifel obzuwalten. Aber nichtsdestoweniger hatte sich die Mutter den ganzen Winter hindurch in einem Zustande seltsamer Unruhe und Erregung befunden.

Die Fürstin selbst war vor dreißig Jahren, auf die Werbung einer Tante hin in den Stand der Ehe getreten. Ihr Bräutigam, den man schon von vornherein recht wohl kannte, hatte die Braut erblickt, man hatte auch ihn gesehen, die Tante hatte alles erkannt und die wechselseitigen Eindrücke mitgeteilt; diese lauteten günstig und an einem vorherbestimmten Tage wurde den Eltern die erwartete Erklärung gemacht und von ihnen acceptiert. Das alles war äußerst leicht und einfach vor sich gegangen; wenigstens schien es der Fürstin so. Aber an ihren Töchtern hatte sie erfahren, daß es gar nicht so leicht und einfach sei, was so gewöhnlich schien, das Unternehmen, Töchter zu verheiraten. Wie viel Befürchtungen wurden da nicht durchlebt, wie viel Gedanken durchdacht, wie viel Geld verloren, wie viel Zusammenstöße gab es mit ihrem Manne betreffs der Aussteuer der beiden ältesten Töchter, Darjas und Natalys. Jetzt, bei dem ersten Auftreten der jüngsten, durchlebte man die nämlichen Befürchtungen, die nämlichen Zweifel, den nämlichen Streit, diesen aber nur noch größer, als er es bei den älteren Töchtern gewesen war.

Der alte Fürst war, wie alle Väter, besonders feinfühlig in Bezug auf die Ehre und Makellosigkeit seiner Töchter; er war rücksichtslos eifersüchtig auf diese und namentlich auf Kity, die sein Liebling war. Auf jeden Schritt hin verursachte er der Fürstin Scenen, weil sie die Tochter kompromittiert haben sollte. Die Fürstin hatte sich daran gewöhnt, schon von ihren älteren Töchtern her, jetzt aber fühlte sie, daß die Empfindlichkeit des Fürsten eine tiefere Berechtigung besaß.

Sie bemerkte recht wohl, daß sich in den letzten Zeiten vieles in den Manieren der Gesellschaft verändert hatte, daß die Pflichten einer Mutter schwierigere geworden waren. Sie sah, daß die Altersgenossinnen Kitys Cirkel hielten, sich an Kursen beteiligten, freier mit der Männerwelt verkehrten, allein ausfuhren, vielfach nicht mehr knicksten, und, was die Hauptsache war, die feste Überzeugung besaßen, daß die Wahl eines Zukünftigen nur ihre Sache sei, nicht diejenige der Eltern.

»Man giebt uns heutzutage nicht mehr den Männern in die Ehe, wie ehemals,« dachten und sagten alle diese Mädchen und selbst auch alle älteren Leute. Aber wie verheiratet man sie denn dann heutzutage? Die Fürstin fand bei niemand Aufschluß darüber. Die französische Sitte, den Eltern das Geschick der Kinder in die Hände zu legen, war nicht üblich, sie wurde verurteilt. Die englische Sitte, der Tochter völlige Freiheit zu lassen, war ebenfalls nicht in Aufnahme und in der russischen Gesellschaft überhaupt undenkbar. Die russische Sitte der Freiwerbung wurde als unfein betrachtet, jedermann lachte jetzt über sie, die Fürstin selbst sogar; aber gleichwohl wußte niemand, auf welche Weise eine Tochter heiraten könne, und alle, mit denen die Fürstin über dieses Thema ins Gespräch kam, sagten ihr das Eine, man müsse eben in der gegenwärtigen Zeit Abstand nehmen vom Althergebrachten.

Daher müsse man die Jugend allein in die Ehe treten lassen, ohne der Eltern Geleit; vielleicht selbst die jungen Leute sich einrichten lassen, wie sie es verständen. Indessen so gut reden hatten nur diejenigen, welche keine Töchter besaßen, und die Fürstin wußte recht wohl, daß bei einer Annäherung ihre Tochter sich verlieben könne, in jemand verlieben, der sie gar nicht heiraten wollte, oder in jemand, der nicht zu ihrem Gatten taugte. So viel man denn daher der Fürstin zuredete, man müsse jetzt die Jugend sich selbst überlassen, vermochte diese doch nicht, dem Gehör zu schenken, ebenso wie sie nie geglaubt haben würde, daß zu irgend einer Zeit für fünfjährige Kinder geladene Pistolen als bestes Spielzeug gedient hätten. Aus diesem Grunde hegte die Fürstin um Kity mehr Besorgnisse, als dies bei ihren älteren Töchtern der Fall gewesen war.

Sie fürchtete jetzt, Wronskiy könnte sich vielleicht nicht nur damit begnügen, ihrer Tochter den Hof zu machen. Sie gewahrte, daß diese sich in den jungen Mann schon verliebt hatte, aber sie beruhigte sich damit, daß er doch ein Ehrenmann sei und deshalb das Befürchtete nicht thun werde.

Zu gleicher Zeit aber wußte sie auch, wie leicht es in der herrschenden Freiheit des Verkehrs sei, einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen, und wie leicht die Männerwelt im allgemeinen auf ein solches Vergehen zu blicken pflege.

In der vergangenen Woche hatte Kity der Mutter ein Gespräch erzählt, welches sie mit Wronskiy während einer Mazurka gehabt hatte. Dieses Gespräch beruhigte die Fürstin zum Teil, aber vollständig nicht» Wronskiy hatte zu Kity gesagt, daß er und sein Bruder so gewöhnt wären, in allem ihrer Mutter sich unterzuordnen, daß sie niemals einen wichtigen Schritt zu unternehmen pflegten, ohne sie um Rat dabei gefragt zu haben.

»Auch jetzt warte ich, wie auf ein besonderes glückliches Ereignis, auf die Ankunft meiner Mutter aus Petersburg,« hatte er gesagt.

Kity erzählte dies, ohne den Worten eine Bedeutung beizulegen, aber die Mutter nahm das Gehörte anders auf. Sie wußte, daß man auf die alte Dame von Tag zu Tag warte, wußte, daß diese erfreut sein werde über die Wahl des Sohnes und es erschien ihr seltsam, daß er, in der Besorgnis vor seiner Mutter, nicht doch eine Erklärung machte. Gleichwohl aber wünschte sie den Ehebund sehr, und vor allem eine Beruhigung in ihren Besorgnissen, so daß sie dem Bericht Vertrauen schenkte.

So bitter wie es ihr auch jetzt war, das Unglück ihrer ältesten Tochter Dolly mit ansehen zu müssen, die sich vorbereitete, den Gatten zu verlassen, so erstickte jetzt doch die Erregung über das sich entscheidende Schicksal ihrer jüngsten Tochter alle anderen Gefühle.

Der heutige Tag hatte nun mit dem Erscheinen Lewins eine neue Sorge gebracht. Sie fürchtete, daß die Tochter, welche wie ihr schien, einmal für Lewin ein Ohr gehabt hatte, aus überspanntem Ehrgefühl Wronskiy abweisen, und daß überhaupt die Ankunft Lewins die Dinge, die so nahe der Entscheidung waren, verwickeln und aufhalten werde.

»Was will er, ist er schon seit Längerem hier angekommen?« frug die Fürstin bezüglich Lewins, als man nach Haus zurückkehrte.

»Heute, maman

»Ich möchte nur das Eine sagen,« begann die Fürstin, und an ihrem ernsten, erregten Gesicht erriet Kity, wovon die Rede sein werde.

»Mama,« begann sie, auffahrend und sich schnell nach der Mutter umwendend, »sprecht, ich bitte um alles, nicht davon: ich weiß, ich weiß alles!«

Sie wünschte dasselbe, was die Mutter wünschte, aber die Motive des Wunsches bei ihrer Mutter beleidigten sie.

»Ich will nur sagen, daß wenn du Einem Hoffnung gegeben hast« –

»Mama, meine Liebe, um Gottes willen, sprecht nicht. Es ist mir so entsetzlich, hiervon zu reden!«

»Ich werde nichts mehr sagen,« antwortete die Mutter, Thränen in den Augen ihrer Tochter bemerkend, »aber eins noch, mein Herzchen: du hast mir versprochen, vor mir kein Geheimnis haben zu wollen. Nicht so?«

»Niemals, Mama, ich werde nie eins haben,« antwortete Kity, errötend und offen ins Antlitz der Mutter blickend. »Aber ich habe jetzt nichts zu sagen – ich – wenn ich auch wollte – ich weiß nichts – was ich sagen sollte – ich weiß nichts.«

»Nein; mit diesen Augen kann man nicht die Unwahrheit sprechen,« dachte die Mutter, lächelnd auf ihres Kindes Erregung und Glück blickend. Die Fürstin lächelte darüber, daß ihm, dem armen Kinde alles das so ungeheuerlich und bedeutungsvoll erscheine, was jetzt in dessen Seele vor sich ging.

23.

Die Wunde Wronskiys war gefährlich, obwohl sie das Herz nicht getroffen hatte. Einige Tage schwebte Wronskiy zwischen Leben und Tod. Als er zum erstenmal wieder imstande war zu sprechen, befand sich nur Warja, die Gattin seines Bruders, in seinem Zimmer.

»Warja,« sagte er, sie streng anblickend, »ich habe mich durch Zufall geschossen; sprich, bitte niemals von der Sache, und erzähle jedermann nur so. O, es war doch zu thöricht!«

Ohne auf seine Worte zu antworten, beugte sich Warja über ihn und schaute ihm mit freudigem Lächeln ins Gesicht. Seine Blicke waren klar, nicht mehr fieberhaft, aber ihr Ausdruck war ernst.

»O, Gott sei Dank!« sagte sie, »hast du nicht Schmerzen?«

»Ein wenig, hier!« Er wies auf die Brust.

»Laß mich dich verbinden.«

Schweigend seine, starken Kinnbacken zusammenbeißend, blickte er sie an, während sie ihn verband. Als sie damit fertig war, sagte er:

»Ich bin nicht im Fieber; also bitte, sieh zu, daß es kein Gerede giebt, als hätte ich mich mit Absicht geschossen.«

»Kein Mensch spricht davon. Ich hoffe nur, daß du dich nicht wieder aus Versehen schießt,« sagte sie mit fragendem Lächeln.

»Ich werde wohl nicht, aber besser wäre es doch gewesen.« –- Er lächelte düster.

Trotz dieser Worte und dieses Lächelns, welches Warja so erschreckte, hatte er, als das Wundfieber vorüber war und sein Zustand sich besserte, gefühlt, daß er von einem Teile seines Grames vollständig befreit war. Mit dieser That hatte er gleichsam die Schande und Entwürdigung von sich abgewaschen, die er vorher empfunden hatte. Jetzt vermochte er ruhig an Aleksey Aleksandrowitsch zu denken. Er erkannte den ganzen Edelmut desselben an, fühlte sich aber selbst nicht mehr erniedrigt, und kam wieder in das alte Geleis zurück. Er sah wieder die Möglichkeit, den Menschen ohne Scham ins Antlitz blicken zu können und konnte wieder leben, im Gängelband seiner Gewohnheiten. Eins aber gab es, was er nicht aus seinem Herzen zu reißen vermochte, obwohl er ununterbrochen dagegen ankämpfte, – das war ein bis zur Verzweiflung gesteigertes Leid darüber, daß er sie nun auf immer verloren hatte. Daß er, nachdem er vor dem Gatten sein Vergehen gebüßt, ihr entsagen mußte und fortan nicht mehr zwischen sie mit ihrer Reue, und ihn, ihren Gatten, treten durfte, das stand fest in seinem Herzen, aber er vermochte nicht, den Schmerz über diesen Verlust seiner Liebe aus demselben herauszureißen, er vermochte nicht jene Minuten der Seligkeit aus seiner Erinnerung zu verwischen, die er mit ihr kennen gelernt, die von ihm damals so wenig gewürdigt worden warm, ihn jetzt aber mit all ihrem Reiz verfolgten.

Serpuchowskiy hatte für ihn eine Ordre nach Taschkent ausgedacht, und ohne das geringste Schwanken stimmte Wronskiy diesem Vorschlag bei. Aber je näher die Zeit der Abreise kam, um so schwerer wurde ihm das Opfer, welches er für das brachte, was er als seine Pflicht erachtete.

Seine Wunde war geheilt und er fuhr schon aus, um Vorbereitungen für seine Abreise nach Taschkent zu treffen.

»Nur ein einziges Mal noch sie wiedersehen und dann sich vergraben, sterben,« dachte er, und äußerte diesen Gedanken bei seinen Abschiedsvisiten gegen Betsy. Mit dieser Mission war Betsy zu Anna gefahren und hatte ihm die abschlägliche Antwort überbracht.

»Um so besser,« dachte Wronskiy, nachdem er diese Nachricht erhalten. »Es war eine Schwäche, die meine letzte Kraft noch aufgerieben hätte.«

Am andern Tage kam Betsy frühmorgens selbst zu ihm und teilte ihm mit, daß sie durch Oblonskiy den sichern Bescheid erhalten habe, Aleksey Aleksandrowitsch reiche die Scheidung ein, und Wronskiy daher Anna sprechen könne.

Ohne sich darum zu kümmern, daß er Betsy wieder hätte hinausbegleiten müssen, fuhr Wronskiy, alle seine Vorsätze vergessend, und ohne zu fragen, wann er sie sehen konnte, oder wo ihr Mann sei, sofort zu den Karenin.

Er eilte die Treppe hinauf, ohne zu hören oder zu sehen und lief schnellen Schrittes, sich kaum soweit mäßigend, daß er nicht rannte, in ihr Zimmer. Ohne daran zu denken oder zu bemerken, ob jemand im Zimmer sei oder nicht, umarmte er sie und bedeckte ihr Gesicht, Hals und Arme mit Küssen.

Anna war auf dieses Wiedersehen vorbereitet und hatte darüber nachgedacht, was sie ihm mitteilen wollte, aber es gelang ihr nicht, auch nur etwas hiervon herauszubringen; seine Leidenschaftlichkeit hatte auch sie erfaßt. Sie wollte ihn und sich beruhigen, aber es war schon zu spät, seine Empfindungen hatten sich ihr mitgeteilt. Ihre Lippen bebten so stark, daß sie lange Zeit nicht zu reden vermochte.

»Ja du hast mich übermannt und ich bin die Deine,« sagte sie endlich, seine Hände an ihren Busen pressend.

»So mußte es sein!« sagte er, »so lange wir leben, soll es so sein. Ich weiß dies jetzt!«

»Es ist wahr,« antwortete sie, mehr und mehr erbleichend und seinen Kopf umfangend.

»Alles wird vorübergehen, alles, und wir werden glücklich sein! Unsere Liebe, wenn sie noch stärker werden könnte, würde wachsen dadurch, daß in ihr etwas Furchtbares liegt,« fuhr er fort, den Kopf hebend und lächelnd seine festen Zähne zeigend.

Sie mußte diesem Lächeln antworten – nicht seinen Worten, wohl aber seinen liebevollen Blicken. Sie ergriff seine Hand und strich sich selbst damit über ihre kaltgewordenen Wangen und das kurzfrisierte Haar.

»Ich erkenne dich nicht wieder mit diesen kurzen Haaren. Du bist so hübscher geworden, mein Kleiner, aber wie bist du bleich!«

»Ja, ich bin sehr schwach,« sagte sie lächelnd, und ihre Lippen bebten.

»Wir werden nach Italien gehen und du wirst dich da erholen,« antwortete er.

»Sollte es möglich sein, daß wir Mann und Frau würden, wir allein, eine Familie mit dir?« sagte sie, ihm nahe in die Augen schauend.

»Mich setzte nur in Erstaunen, wie dies einmal anders sein konnte.«

»Stefan sagt, daß mein Mann mit allem einverstanden sei, aber ich vermag seine Großmut nicht anzunehmen,« sagte sie, nachdenklich an dem Gesicht Wronskiys vorbeischauend. »Ich will die Scheidung nicht, mir ist jetzt alles gleichgültig. Nur weiß ich nicht, was er über Sergey beschließen wird.«

Er vermochte nicht zu begreifen, wie sie in diesem Augenblick des Wiedersehens an ihren Sohn und die Ehescheidung denken konnte. War ihr denn nicht alles gleichgültig?

»Sprich nicht davon, denke nicht,« versetzte er, ihre Hand in der seinen wendend und sich bemühend, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, doch sie schaute ihn noch immer nicht an.

»Ach, warum bin ich nicht gestorben; es wäre besser gewesen!« sprach sie und ohne daß sie schluchzte, liefen ihr die Thränen über beide Wangen; doch sie bemühte sich, zu lächeln, um ihn nicht zu verstimmen.

Die ehrende und gefährliche Ordre nach Taschkent abzulehnen, war nach den früheren Begriffen Wronskiys schmachvoll und unmöglich gewesen. Jetzt aber schlug er dieselbe, ohne sich eine Minute zu besinnen, aus und ging, die Mißbilligung seiner Handlungsweise seitens seiner Vorgesetzten bemerkend, auf Urlaub.

Nach Verlauf eines Monats war Aleksey Aleksandrowitsch allein mit seinem Söhnchen in seinem Hause. Anna und Wronskiy waren in das Ausland gereist, ohne die Ehescheidung erlangt zu haben, und hatten sich definitiv von ihm losgesagt.

Ende des ersten Bandes.

13.

Kity empfand nach der Mittagsmahlzeit, bis zum Einbruch des Abends hin ein Gefühl ähnlich dem, wie es der Jüngling vor der Schlacht hat. Ihr Herz pochte mächtig und ihre Gedanken wollten sich durchaus nicht um einen festen Punkt konzentrieren lassen.

Sie fühlte, daß der heutige Abend, an welchem sie sich zum erstenmal beide wieder begegnen sollten, ein entscheidender für ihr Geschick werden würde, und sie stellte sich unaufhörlich die beiden Männer im Geiste vor, bald jeden einzeln, bald beide nebeneinander. Entsann sie sich der Vergangenheit, so verweilte sie mit Vergnügen und wohliger Empfindung bei der Erinnerung an ihre Beziehungen zu Lewin. Die Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Freundschaft Lewins mit ihrem seligen Bruder gaben ihren Beziehungen zu ihm einen eigenartigen, poetischen Reiz. Seine Liebe zu ihr, von der sie überzeugt war, erschien ihr schmeichelhaft und verursachte ihr Freude. Und es fiel ihr nicht schwer, sich Lewins zu erinnern.

In ihre Gedanken an Wronskiy hingegen mischte sich etwas wie Schwerfälligkeit, obwohl er im höchsten Maße Weltmann und von sehr ruhiger Haltung war; gleichsam als wäre etwas Falsches dabei – nicht in ihm, denn er war sehr treuherzig und freundlich, sondern in ihr, während sie sich bezüglich Lewins vollkommen ruhig und klar erschien. Dachte sie jedoch allein an die Zukunft mit Wronskiy, so entstand dafür vor ihr eine Perspektive von Glück und Glanz, während ihr über der mit Lewin nur ein Nebel zu liegen schien.

Als sie emporstieg, um sich für den Abend umzukleiden, und in den Spiegel schaute, bemerkte sie mit Freude, daß sie heute einen ihrer besten Tage habe und sich im vollen Besitz aller ihrer Kräfte befinde – dies war ihr ja auch so nötig für das Bevorstehende. Sie fühlte in ihrem Inneren ihre äußere Ruhe und war sich einer freien Grazie in ihren Bewegungen bewußt.

Um halb acht Uhr – sie war soeben in den Salon getreten – meldete der Diener »Konstantin Dmitritsch Lewin!«

Die Fürstin war noch in ihren Räumen, der Fürst war ebenfalls noch nicht erschienen.

»Sei’s drum,« dachte Kity und alles Blut trat ihr zum Herzen. Sie erschrak ob ihrer Blässe, als sie in den Spiegel geblickt hatte.

Jetzt wußte sie sicher, daß er nur deshalb frühzeitiger ankam, um sie allein zu treffen und ihr seinen Antrag zu machen. Mit dieser Erkenntnis aber erschien ihr die ganze Angelegenheit zum erstenmale in einem ganz anderen, neuem Lichte. Jetzt erst erkannte sie, daß die Frage nicht sie allein anging, mit wem sie glücklich sein könnte und wen sie liebte, sondern daß sie in dieser Minute einen Mann schmerzlich treffen sollte, den sie wirklich liebte. Wie hart sollte sie ihn treffen; und warum? Darum, weil er, ein guter Mensch, sie liebte, eine Leidenschaft zu ihr gefaßt hatte.

Indessen, es war nichts zu thun; wie es die Pflicht erheischte, so mußte gehandelt werden.

»Mein Gott, muß ich denn aber selbst ihm dies sagen?« dachte sie, »soll ich ihm sagen, daß ich ihn nicht liebe? Das wäre ja eine Unwahrheit. Was soll ich also nun sagen? Etwa, daß ich einen anderen liebte? Das ist unmöglich. Ich werde fliehen, forteilen!«

Sie war bereits bis zur Thür gelangt, als sie seine Schritte vernahm.

»Nein, das ist nicht ehrenhaft; was habe ich zu fürchten? Ich habe nichts Schlechtes gethan! Was sein soll, muß sein! Ich will die Wahrheit sagen, mit ihm kann ich nicht falsch verfahren. Da ist er!« sprach sie zu sich selbst, seine kraftvolle Gestalt mit den blitzend auf sie gerichteten Augen zaghaft eintreten sehend. Sie blickte ihm offen ins Antlitz, als wolle sie ihn um Schonung bitten, und reichte ihm ihre Hand.

»Ich komme nicht zur rechten Zeit, wie mir scheint, ein wenig zu früh,« hub er an, im leeren Salon Umschau haltend. Als er gewahrte, daß seine Hoffnungen sich erfüllt hatten, daß nichts ihn hindere, sich auszusprechen, wurden seine Mienen düster.

»O nein,« antwortete Kity, an einem Tische Platz nehmend.

»Ich wollte eben, daß ich Euch allein anträfe,« begann er, ohne sich zu setzen und ihren Blick vermeidend, um seine Fassung nicht zu verlieren.

»Mama wird sogleich erscheinen. Sie war gestern sehr ermüdet, gestern –« Sie sprach, ohne recht zu wissen, was ihre Lippen hervorbrachten, und ohne den beschwörenden und bittenden Blick von ihm zu wenden.

Er schaute sie an; sie errötete und verstummte.

»Ich sagte Euch schon, daß ich selbst nicht wisse, ob ich für längere Zeit hierher gekommen wäre – daß dies von Euch abhängt« – –

Sie neigte das Haupt tiefer und tiefer, ohne zu wissen, was sie auf das Kommende zu antworten haben würde.

»Dies hängt von Euch ab,« wiederholte er; »ich wollte sagen – ich wollte sagen – ich bin deshalb gekommen, damit – Ihr mein Weib würdet« – sagte er, ohne zu wissen, was er sprach; aber im Gefühl, daß er das Furchtbare gesprochen hatte, stockte er und schaute sie an.

Sie atmete schwer, ohne den Blick zu ihm zu erheben; ein Entzücken durchrieselte sie; ihre Seele war voll Glück. Nie hätte sie erwartet, daß das Geständnis seiner Liebe zu ihr auf sie einen so mächtigen Eindruck machen würde. Doch dies währte nur einen Augenblick; sie erinnerte sich Wronskiys und sie erhob ihre hellen, offenen Augen zu Lewin; als sie sein verzweiflungsvolles Gesicht bemerkte, antwortete sie:

»Es kann nicht sein – vergebt mir.«

Wie nahe war sie noch vor einer Minute ihm gewesen, wie wertvoll war sie ihm da noch für das Leben – und wie fremd stand sie jetzt vor ihm, wie weit!

»Es mußte so kommen,« sprach er, ohne sie anzublicken.

Er verneigte sich und wollte gehen.

14.

In diesem Moment erschien die Fürstin. Auf ihrem Antlitz malte sich Erschrecken, als sie die beiden allein erblickte, mit ihren zerstreuten Mienen.

Lewin verbeugte sich vor ihr, ohne ein Wort zu reden. Kity schwieg, ohne das Auge zu erheben. »Gott sei Dank, sie hat refüsiert,« dachte die Mutter und ihr Gesicht erglänzte in dem gewohnten Lächeln, mit dem sie des Donnerstags ihre Gäste zu bewillkommen Pflegte. Sie ließ sich nieder und begann Lewin über das Leben auf dem Lande zu befragen. Auch er nahm Platz, die Ankunft der Gäste erwartend, um so unbemerkt den Salon verlassen zu können.

Nach Verlauf von fünf Minuten erschien eine Freundin Kitys, die im vergangenen Winter geheiratet hatte, die Gräfin Nordstone.

Sie war ein mageres, gelbliches krankhaftes und nervenschwaches Geschöpf mit schwarzen, blitzenden Augen. Sie liebte Kity und ihre Liebe zu derselben drückte sich – wie gewöhnlich die Liebe der Verheirateten zu Unverheirateten – in dem Wunsch aus, Kity einen Mann zu verschaffen, der ihrem Ideal von Glück entspräche; sie wünschte Kity mit Wronskiy zu vereinen. Lewin, dem sie im Anfang des Winters häufig begegnet war, war ihr stets unsympathisch gewesen, und ihre stete Beschäftigung bei einer Begegnung mit ihm war die, sich über ihn lustig zu machen.

»Ich liebe es, wenn er von der Höhe seines Selbstgefühls auf mich herabblickt, entweder seine geistvolle Unterhaltung mit mir abbricht, weil ich ihm zu dumm bin, oder sich zu mir herabläßt. Ich liebe das sehr, wenn, er sich so herabläßt, und bin froh, daß er mich nicht ausstehen kann,« äußerte sie sich über ihn.

Sie hatte recht, denn Lewin konnte sie in der That nicht ausstehen und blickte verächtlich auf sie, weil sie sich – was sie sich als Vorzug anrechnete – mit ihrer Nervenschwäche brüstete, mit ihrer vornehmen Geringschätzung, ihrer Indifferenz gegenüber allem Derberen und Prosaischen.

Zwischen Nordstone und Lewin bestand jene in der Welt so häufige Erscheinung daß sich zwei Menschen, dem Äußeren nach in den freundschaftlichsten Beziehungen zu einander stehend, bis zu einem Grade verachten, daß sie nicht mehr ernst miteinander verkehren können und nicht imstande sind, noch eine gegenseitige Kränkung zu empfinden.

Die Gräfin Nordstone eilte Lewin sogleich entgegen.

»Ah, Konstantin Dmitritsch! Wieder zurückgekehrt nach unserem ausschweifenden Babylon,« begann sie, ihm die kleine gelbe Hand reichend, und sich seiner Worte erinnernd, die er im Beginne des Winters geäußert hatte, Moskau sei ein Babylon. »Das Babylon hat sich gebessert, aber Ihr seid schlechter geworden!« fügte sie hinzu, lächelnd auf Kity blickend.

»Es ist mir sehr schmeichelhaft Gräfin, daß Ihr Euch meiner Worte so wohl entsinnt,« versetzte Lewin, bereit, den Hieb zu parieren und sogleich in sein scherzhaft gegnerisches Verhältnis zur Gräfin Nordstone tretend, »wahrscheinlich haben sie recht schwer auf Euch eingewirkt.«

»Ah gewiß; ich schreibe ja alles nieder. Nun, Kity, bist du wieder Schlittschuh gefahren?«

Sie begann jetzt, mit Kity zu sprechen. So schlecht gewählt jetzt auch die Zeit sein mochte, sich zu verabschieden, so wollte Lewin doch lieber diese Taktlosigkeit begehen, als den ganzen Abend hindurch hier zu bleiben und Kity sehen zu müssen, die nur selten nach ihm hinschaute und seine Blicke vermied. Er wollte sich erheben, allein die Fürstin, wohl bemerkend daß er sich schweigend verhielt, wandte sich an ihn.

»Seid Ihr für längere Zeit nach Moskau gekommen? Ihr seid doch Wohl im Friedensgericht und da wird sich ein langer Aufenthalt nicht ermöglichen lassen?«

»Nein, Fürstin, ich befasse mich jetzt nicht mehr mit dem Zemstwo,« antwortete er. »Ich bin für einige Tage hierher gekommen.«

»Mit dem ist es nicht ganz richtig,« dachte die Gräfin Nordstone, sein strenges, ernstes Gesicht bemerkend; »es scheint ihm etwas nicht in den Kram zu passen. Doch ich werde ihn blamieren; ich habe es gar zu gern, ihn als Narren hinstellen zu können vor Kity; und ich werde es thun.«

»Konstantin Dmitritsch,« begann sie zu Lewin, »sagt mir doch, ich bitte recht schön – was hat das zu bedeuten – Ihr wißt doch ja alles. Bei uns in Kaluga haben alle die Bauern und alle die Weiber alles vertrunken, was sie hatten, und zahlen uns jetzt keine Steuern mehr. Was hat das zu bedeuten? Ihr lobt doch die Bauern sonst stets!« –

In diesem Augenblick trat eine Dame in den Salon und Lewin erhob sich.

»Entschuldigt mich, Gräfin, aber ich weiß in der Sache wahrhaftig nichts zu sagen,« versetzte er, den Blick nach dem der Dame folgenden Offizier richtend.

»Dies muß Wronskiy sein,« dachte Lewin, und blickte nach Kity, um sich hierüber Gewißheit zu verschaffen. Diese war Wronskiys schon ansichtig geworden und schaute jetzt nach Lewin. An dem einen unwillkürlich aufglänzenden Blicke ihrer Augen erkannte Lewin, daß Kity diesen Mann liebte, und er erkannte dies so sicher, als hätte sie es ihm mit Worten ausgesprochen. Aber was war das für ein Mann?

Jetzt, – mochte es gut sein, oder nicht, – mußte Lewin noch länger bleiben; er mußte erfahren, was dies für ein Mensch war, den Kity liebte. Es giebt Menschen, die ihren in irgend einer beliebigen Sache glücklicheren Nebenbuhler von vornherein bereit sind, alles Gute was in ihm ist, abzusprechen, und allein das Schlechte in ihm wahrzunehmen. Es giebt aber auch im Gegensatz hierzu Menschen, die um jeden Preis wünschen, in diesem glücklicheren Nebenbuhler diejenigen Eigenschaften zu entdecken, vermöge deren sie selbst überwunden würden, und sie suchen dann in ihm, mit schmerzlicher Angst im Herzen, allein das Gute.

Lewin gehörte zu dieser Art von Menschen; aber es fiel ihm nicht schwer, das Gute und Anziehende an Wronskiy zu entdecken; es fiel ihm von selbst in die Augen.

Wronskiy war nicht groß, ein stämmiger brünetter junger Mann mit freundlichem, hübschen und außerordentlich ruhigem und entschlossenen Gesichtsausdruck. In seinem Antlitz und in seiner Erscheinung, von den kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und dem frischrasierten Kinn an bis zu der weiten, nagelneuen Uniform war alles an ihm einfach und doch zugleich schön. Der eintretenden Dame den Vortritt lassend, schritt Wronskiy auf die Fürstin zu und wandte sich dann an Kity. Während er zu dieser hintrat, erglänzten seine hübschen Augen in einem besonderen, zarten Feuer, und mit kaum bemerkbaren, glücklichen und bescheiden triumphierenden Lächeln – so schien es wenigstens Lewin – verbeugte er sich ehrfurchtsvoll und ritterlich und reichte ihr seine ziemlich kleine, aber breite Hand.

Nachdem er alle anderen begrüßt und einige Worte gewechselt hatte, setzte er sich, ohne auch nur ein einziges Mal nach Lewin zu schauen, der keinen Blick von ihm verwandte.

»Gestattet, daß ich bekannt mache,« hub jetzt die Fürstin an, auf Lewin weisend: »Konstantin Dmitritsch Lewin – Graf Aleksey Kyrillowitsch Wronskiy.« –

Wronskiy erhob sich, freundlich auf Lewin blickend und ihm die Hand drückend. »Ich hätte mit Ihnen heuer im Winter dinieren müssen, scheint mir,« begann er mit seinem guten und offenherzigen Lächeln, »aber Ihr waret so unerwartet auf das Land gereist.«

»Konstantin Dmitritsch verachtet und haßt das Stadtleben und uns, die Städter,« warf die Gräfin Nordstone ein.

»Meine Worte müssen doch recht sehr auf Euch eingewirkt haben, da Ihr derselben so sehr gedenkt,« sagte Lewin, wurde aber rot, da ihm einfiel, daß er diese Worte bereits vorher gesprochen hatte.

Wronskiy blickte Lewin an und dann die Gräfin Nordstone und lächelte.

»Haltet Ihr Euch stets auf dem Lande auf?« frug er, »ich sollte meinen, im Winter ist das langweilig?«

»Es ist nicht langweilig, wenn man Beschäftigung hat und mit mir selbst langweile ich mich nicht,« antwortete Lewin fest.

»Ich liebe das Dorf,« fuhr Wronskiy fort, sich den Anschein gebend, als bemerke er den Ausdruck und den Ton Lewins nicht.

»Aber ich hoffe doch, Graf, daß Ihr nie einverstanden damit sein würdet, stets daselbst zu leben,« rief die Gräfin Nordstone.

»Ich weiß nicht, da ich das Landleben auf die Dauer nicht erprobt habe. Ich empfand stets ein seltsames Gefühl,« antwortete Wronskiy, »aber nirgends habe ich mich so gesehnt, in Langerweile, nach dem Dorfe, dem russischen Dorfe mit seinen Bastschuhen und Muschiks, als zur Zeit, da ich mit Mama einen Winter in Nizza verlebte. Nizza ist an und für sich langweilig, Ihr wißt es ja; selbst Neapel, Sorrento sind nur für kurze Zeit schön. Gerade dort gedenkt man besonders lebhaft Rußlands und vor allem des Dorfes. Jene Orte sind gleichsam« –

Er sprach weiter, zu Kity wie zu Lewin gewendet und seine ruhigen und freundlichen Blicke von einem auf den andern gleiten lassend; er sagte offenbar das, was er eben dachte. Da er bemerkte, daß die Gräfin Nordstone etwas einwerfen wollte, hielt er inne, ohne den angefangenen Satz zu vollenden und begann, dieser aufmerksames Gehör zu schenken.

Das Gespräch verstummte keine Minute, so daß die alte Fürstin, welche stets für den Fall eintretenden Mangels an einem Gesprächsthema zwei schwere Geschütze in Reserve hatte, nämlich die klassische und die reale Bildung und die allgemeine Militärpflicht, gar nicht in die Lage kam, dieselben auffahren zu müssen, während die Gräfin Nordstone keine Gelegenheit finden konnte, sich an Lewin zu reiben.

Dieser bezeugte keine Lust, in das allgemeine Gespräch einzugreifen; er sagte jeden Augenblick zu sich selbst, er müsse nun fort, und dennoch ging er nicht gleichwie in der Erwartung irgend eines Ereignisses.

Die Unterhaltung kam jetzt auf Tischrücken und Geister, und die Gräfin Nordstone, welche an den Spiritismus glaubte, begann von Wundern zu erzählen die sie gesehen haben wollte.

»O, Gräfin, bringt mich, ich bitte Euch um aller Heiligen Willen, mit den Geistern in Verbindung! Noch niemals habe ich etwas Ungewöhnliches erlebt, und suche doch allüberall darnach,« sagte Wronskiy lächelnd.

»Gut, nächsten Sonnabend,« versetzte die Gräfin Nordstone, »Ihr aber, Konstantin Dmitritsch, glaubt Ihr denn an die Geister?« frug sie Lewin.

»Weshalb fragt Ihr mich? Ihr wißt ja doch wohl, was ich antworten werde.«

»Ich wünsche aber Eure Meinung zu hören.«

»Meine Meinung ist nur die,« versetzte Lewin, »die sich bewegenden Stühle beweisen, daß die sogenannte gebildete Gesellschaft nicht höher steht als der Muschik. Dieser glaubt an den bösen Blick, an die Behexung, wir aber« –

»Nun, Ihr glaubt nicht?«

»Ich kann es nicht, Gräfin!«

»Aber wenn ich selbst gesehen habe« –

»Auch die alten Weiber erzählen, daß sie Kobolde gesehen haben.«

»So denkt Ihr also, ich spreche die Unwahrheit?«

Sie lachte nicht gut.

»Siehst du, Mama, Konstantin Dmitritsch sagt, er könne nicht daran glauben,« sagte Kity, über Lewin errötend; dieser verstand das, und wollte, noch mehr in Erregung geratend, antworten, allein Wronskiy mit seinem offenen, heiteren Lächeln, kam dem Gespräch sogleich zu Hilfe, da es unangenehm zu werden drohte.

»Ihr gebt eine Möglichkeit absolut nicht zu?« frug er, »weshalb nicht? Wir räumen doch die Existenz der Elektricität, die wir noch nicht näher kennen, ein; weshalb sollte da nicht auch eine neue Kraft die uns noch unbekannt ist, vorhanden sein können, welche« – –

»Als die Elektricität entdeckt wurde,« erwiderte Lewin schnell, »so war nur deren Offenbarung entdeckt und es blieb Geheimnis, woher sie stamme und was sie bewirke; Jahrhunderte aber vergingen, bevor man an ihre Verwendung dachte. Die Spiritualisten hingegen begannen damit, daß ihnen ihre Tische etwas aufschrieben, daß die Geister zu ihnen kamen, und dann erst sagten sie, es sei dabei eine unerforschte Kraft vorhanden.«

Wronskiy hörte aufmerksam auf Lewins Worte, wie er es eben stets that; augenscheinlich von denselben interessiert.

»Ganz wohl; aber die Spiritualisten sagen, wir wissen jetzt nicht was für eine Kraft hier wirkt, aber es ist eine und unter bestimmten Vorbedingungen tritt sie auf. Mögen doch nun die Gelehrten entdecken, worin diese Kraft besteht. Nein, nein, ich sehe nicht ein, warum nicht eine neue Kraft vorhanden sein könnte, wenn« –

»Da aber,« unterbrach ihn Lewin, »bei der Elektricität stets, sobald man Bernstein an Wolle reibt, sich jene bekannte Erscheinung zeigt, hier dies aber nicht jedesmal der Fall ist, so ist diese neue Kraft wahrscheinlich doch Wohl keine – Naturerscheinung.« –

Wohl in der Empfindung, daß das Gespräch einen für die Gesellschaft zu ernsten Charakter annehme, erwiderte Wronskiy nichts hierauf, sondern lächelte nur heiter in dem Bemühen, das Thema zu wechseln, und wandte sich an die Damen.

»Machen wir sogleich eine Probe, Gräfin,« sagte er; doch Lewin wollte aussprechen, wie er dachte.

»Ich meine,« fuhr er fort, »daß jener Versuch der Spiritualisten, ihre Wunder mit einer neuen Kraft zu erklären, völlig unglücklich ist. Sie sprechen unverhohlen von einer geistigen Kraft und wollen diese materiellen Versuchen unterwerfen.«

Alle warteten, daß er enden sollte, und er selbst empfand das.

»Ich glaube, Ihr würdet ein vorzügliches Medium sein,« sagte die Gräfin Nordstone, »Ihr habt so etwas Verzücktes.«

Lewin öffnete den Mund und wollte etwas antworten, errötete aber nur und schwieg.

»Machen wir sofort einen Versuch, mit den Tischen, Fürstin, ist es gestattet?« frug Wronskiy, welcher aufstand und mit den Augen nach einem Tische suchte.

Kity hatte sich hinter ihrem kleinen Tische erhoben und begegnete, seitwärtstretend, den Augen Lewins. Sie empfand ein tiefes Mitgefühl mit ihm, umsomehr, als sie sich selbst als die Ursache semes Unglücks betrachtete. »Wenn Ihr mir verzeihen könnt, so verzeiht,« bat ihr Blick, »ich bin so glücklich.«

»Ich hasse euch alle und mich,« antwortete sein Auge und er griff nach seinem Hut. Aber er sollte noch nicht von hier weggelangen. Man wollte sich soeben um das Tischchen gruppieren, und Lewin war im Begriff, zu gehen, als der alte Fürst hereintrat und, nachdem er die Damen begrüßt hatte, sich zu Lewin wandte.

»Ah,« begann er erfreut, »auf längere Zeit hier? Ich wußte ja noch gar nichts von deiner Anwesenheit. Sehr erfreut, Euch zu sehen.«

Der alte Fürst sprach Lewin bald mit du bald mit Ihr an; er umarmte ihn und bemerkte im Gespräch mit ihm gar nicht Wronskiy, welcher sich erhoben batte und ruhig wartete, bis sich der Fürst an ihn wenden würde.

Kity fühlte, daß nach alledem, was geschehen war, Lewin die Liebenswürdigkeit ihres Vaters nur peinlich sein mußte. Sie gewahrte auch, wie steif ihr Vater der Verbeugung Wronskiys dankte und wie letzterer mit freundlicher Verlegenheit auf ihren Vater schaute, sich vergeblich bemühend, zu begreifen wie und weshalb es möglich geworden war, ihm mit unfreundlicher Stimmung zu begegnen, und errötete.

»Fürst, lasset jetzt den Konstantin Dmitritsch frei,« sagte die Gräfin Nordstone, »wir wollen ein Experiment machen.«

»Was für ein Experiment? Tischrücken? Nun, es entschuldigen wohl die Damen und Herren, wenn ich nach meiner Meinung das Ringspiel doch noch heiterer finde,« antwortete der Fürst, auf Wronskiy blickend in der Vermutung, dieser könnte Anstalten dazu treffen. »Das Ringspiel hat doch wenigstens noch Sinn.«

Wronskiy schaute befremdet auf den Fürsten mit seinen festen Blicken, dann aber begann er sofort, mit kaum bemerkbarem Lächeln sich an die Gräfin Nordstone wendend, von dem in der nächsten Woche bevorstehenden großen Balle zu reden.

»Ich hoffe, Ihr werdet dort sein?« wandte er sich auch an Kity.

Der alte Fürst hatte sich kaum von Lewin weggewendet, als dieser unbemerkt den Salon verließ. Der letzte Eindruck, den er von diesem Abend mit hinwegnahm, war das lächelnde, glückstrahlende Gesicht Kitys, wie sie Wronskiy auf seine Frage nach dem Balle antwortete.

15.

Nachdem der Abend sein Ende erreicht hatte, erzählte Kity der Mutter von ihrem Gespräch mit Lewin, und sie freute sich, ungeachtet alles Mitleids, das sie für Lewin empfand, in dem Gedanken, daß ihr doch ein »Antrag« gemacht worden war.

Es bestand für sie kein Zweifel, daß sie gehandelt hatte, wie es ihr zukam. Aber noch im Bett vermochte sie lange Zeit den Schlaf nicht zu finden.

Ein bestimmter Eindruck verfolgte sie unablässig, es war das Antlitz Lewins mit den zusammengezogenen Brauen und den finster traurig unter ihnen hervorblickenden guten Augen, wie er stand, ihrem Vater zuhörend und nach ihr hinüberblickend und nach Wronskiy. Sie empfand so viel Mitleid mit ihm, daß Thränen in ihr Auge traten, doch sie vergegenwärtigte sich sogleich, für wen sie ihn eintauschte. Lebhaft stellte sie sich jenes männliche, feste Antlitz vor Augen, das mit so edler Ruhe und in einer so aus allem hervorleuchtenden Güte jedermann entgegenblickte. Sie vergegenwärtigte sich die Liebe dessen, den sie selbst liebte, es wurde ihr wieder fröhlich ums Herz, und mit einem Lächeln des Glückes legte sie sich endlich wieder auf ihr Kissen.

»Schade, schade, aber was ist zu thun? Ich habe keine Schuld,« sprach sie zu sich selbst, eine innere Stimme aber sprach noch anders. Ob in derselben die Reue lag darüber, daß sie Lewin hierher gezogen, oder darüber, daß sie ihm eine Absage gegeben hatte – sie wußte es selbst nicht. Ihr Glück wurde von Zweifeln vergiftet. »Herr Gott erbarme dich, erbarme dich,« betete sie für sich selbst, indem sie einschlummerte.

Zur nämlichen Stunde spielte sich unten in dem kleinen Kabinett des Fürsten eine jener so häufig zwischen den Gatten sich wiederholenden Scenen ab, betreffs der Lieblingstochter.

»Wie? Da hast du es!« rief der Fürst, mit den Händen fuchtelnd, und dann seinen Pelz von weißem Eichhorn zusammennehmend, »da habt Ihr es, daß Ihr weder Stolz noch Würde besitzt, die Tochter mit dieser niedrigen, albernen Freiwerbung kompromittiert und unglücklich macht!«

»Aber um Gottes willen, Fürst, was habe ich gethan,« antwortete die Fürstin, fast weinend.

Sie war so glücklich und zufrieden nach dem Gespräch mit ihrer Tochter gewesen, war jetzt nach ihrer Gewohnheit zum Fürsten gekommen, um diesem gute Nacht zu wünschen und hatte, ohne die Absicht ihm von Lewins Antrag zu erzählen oder von Kitys Absage, ihrem Gatten nur angedeutet, daß ihr die Angelegenheit mit Wronskiy völlig sicher zu stehen scheine, daß sich dieselbe entscheiden werde, sobald dessen Mutter angekommen sein würde – da, bei diesen Worten, war der Fürst plötzlich aufgefahren und hatte ihr die härtesten Worte zugerufen.

»Was Ihr gethan habt? Ihr sollt es wissen: Erstens lockt Ihr einen Bräutigam an; ganz Moskau wird davon reden, und mit Recht. Wenn Ihr Abendcirkel haltet, so ladet jedermann ein, nicht aber nur die heiratslustigen jungen Männer. Ladet dann alle jungen Leute in Moskau ein und laßt sie tanzen, aber nicht nur, wie heute, die Bräutigams die Ihr mit unserer Tochter zusammenbringt. Das zu sehen, ist entehrend für mich und Ihr habt es so weit gebracht, dem Kinde den Kopf zu verdrehen. Lewin ist ein tausendmal besserer Mensch! Jener petersburger Fant hingegen ist einer wie in der Maschine gemacht; diese Leute sind alle nach einem Schlag, sind alle Nichts. Wäre er selbst ein Prinz von Geblüt, meine Tochter braucht niemanden!«

»Aber was habe ich gethan?«

»Nun,« rief der Fürst ingrimmig.

»Ich erkenne das Eine, daß, wenn es nach dir geht,« unterbrach ihn die Fürstin, »wir niemals unsere Tochter verheiraten werden. Wenn dem so ist, dann können wir nur auf das Dorf gehen.«

»Es wäre auch besser so.«

»Halt ein. Suche ich denn nach jemand? Durchaus nicht! Ein junger Mann von angenehmen Wesen hat sich in sie verliebt, und sie, scheint es –«

»Ah, da scheint Euch etwas! Wie denn nun, wenn sie sich tatsächlich verliebt hat, er aber ebensowenig gewillt wäre, sie zu heiraten, wie ich es etwa bin? O, der Spiritualismus, o, das Nizza, ach, der Ball,« – der Fürst, sich stellend, als ahme er sein Weib nach, kniete mit jedem dieser Worte. »Dies ist der Weg, auf dem wir die Katinka unglücklich machen, auf dem sie sich in der That etwas in den Kopf setzen kann.«

»Aber aus welchem Grunde denkst du denn?« –

»Ich denke gar nichts; ich weiß nur: dafür haben wir Augen, die Weiber aber nicht. Ich sehe nur den Mann an, welcher ernste Absichten hat, dies ist Lewin; ich sehe aber auch die Wachtel, den Zungendrescher, der sich nur zerstreuen will.«

»Ah, das setzest du dir doch auch nur in den Kopf.«

»Nun, entsinnest du dich, – jetzt ist es freilich zu spät – wie es mit der Dolly war?«

»Genug, genug, wir wollen nicht weiter davon reden,« hemmte die Fürstin seinen Redefluß, der unglücklichen Dolly gedenkend.

»Laß gut sein; schlaf wohl!«

Sie bekreuzten beide einander und küßten sich; dann verließen sich die Gatten im Gefühl, daß jeder von ihnen bei seiner eigenen Meinung blieb.

Die Fürstin war anfänglich fest überzeugt gewesen, daß der heutige Abend über das Schicksal Kitys entschieden habe und daß kein Zweifel über die Absichten Wronskiys mehr obwalten könne, aber die Worte des Gatten beunruhigten sie jetzt, und als sie in ihren Gemächern angelangt war, wiederholte sie ganz ebenso wie Kity voll Schrecken’vor der verborgenen Zukunft mehrmals in ihrem Innern die Worte: »O Gott erbarme dich, erbarme dich!«

21.

Betsy hatte den Saal noch nicht verlassen, als ihr Stefan Arkadjewitsch, soeben von Jelisejeff kommend, wo es frische Austern gegeben hatte, in der Thür begegnete.

»Ah, Fürstin! Welch angenehmes Zusammentreffen!« rief er aus. »Ich war bei Euch!«

»Leider nur für eine Minute, da ich soeben wegfahre,« erwiderte Betsy lächelnd, ihren Handschuh anziehend.

»Verzieht, Fürstin, mit dem Anziehen des Handschuhs – laßt mich Eure schöne Hand küssen. Für nichts bin ich der Rückkehr zu den alten Sitten so dankbar, als für den Handkuß.« Er küßte Betsys Hand, »wann werden wir uns wiedersehen?«

»Leichtfuß!« antwortete Betsy lächelnd.

»O; ich bin sehr viel wert, denn ich bin ein Mensch von Bedeutung geworden, da ich nicht nur meine eigenen, sondern auch fremde Familienangelegenheiten in Ordnung bringe,« sagte er mit wichtiger Miene.

»Ah, das freut mich sehr,« versetzte Betsy, die sogleich verstand, daß er von Anna sprach, und in den Saal zurückkehrend, traten sie in eine Ecke. »Er wird sie umbringen,« raunte ihm Betsy bedeutungsvoll zu, »das ist doch unmöglich, unmöglich!« –

»Es freut mich sehr, daß Ihr so denkt,« antwortete Stefan Arkadjewitsch kopfschüttelnd und mit ernsthaftem, wehmütigem und mitleidigem Ausdruck, »ich bin deswegen von Petersburg hergekommen.«

»Die ganze Stadt spricht davon,« sagte sie, »es ist eine unmögliche Situation, Anna schwindet mehr und mehr dahin, und begreift nicht, daß sie eine von jenen grauen ist, welche mit ihren Empfindungen nicht tändeln dürfen. Es ist hier nur Eines von zwei Dingen möglich: Entweder man nimmt sie mit fort und handelt energisch, oder – Ehescheidung. – Diese Lage aber erdrückt sie.«

»Ja, ja wohl – so ist es,« – sagte Oblonskiy seufzend, »deswegen bin ich eben hergekommen – das heißt, nicht eigentlich deswegen – ich bin Kammerherr geworden – nun, – und da muß man Dankvisiten abstatten. Aber die Hauptsache ist doch die Ordnung dieser Angelegenheit.«

»Gott helfe Euch dabei,« antwortete Betsy.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Fürstin Betsy bis auf den Flur hinaus begleitet und ihr nochmals die Hand oberhalb des Handschuhs, wo der Puls schlägt geküßt, ihr auch nochmals eine solche Menge schlüpfriger Albernheiten vorgelogen hatte, daß sie nicht mehr wußte, ob sie böse werden oder lachen sollte, begab sich Stefan Arkadjewitsch zu seiner Schwester. Er fand diese in Thränen.

Ungeachtet der von Heiterkeit übersprudelnden Stimmung, in welcher sich Stefan Arkadjewitsch befand, ging dieser doch natürlich sogleich zu jenem gefühlvollen, poetisch verzückten Ton über, der zu ihrer Gemütsverfassung paßte. Er frug sie nach ihrem Befinden und wie sie den Morgen verbracht habe.

»Sehr, sehr schlecht; es ist Tag und Nacht so und stets so gewesen, wird auch so bleiben,« antwortete sie.

»Mir scheint, du giebst dich dem Trübsinn hin; das muß man abschütteln, man muß dem Leben ins Gesicht schauen. Ich weiß Wohl, daß das schwer ist, allein« –

»Ich habe gehört, daß die Frauen die Männer selbst wegen ihrer Laster lieben,« begann Anna plötzlich, »aber ich hasse ihn wegen seiner Tugend. Ich vermag nicht mit ihm zu leben; verstehe mich, sein Anblick wirkt physisch auf mich und ich gerate außer mir. Ich kann nicht, ich kann nicht mit ihm leben! Was soll ich nun thun? Ich war unglücklich und dachte, ich könne nicht noch unglücklicher werden, aber diesen entsetzlichen Zustand, welchen ich jetzt durchlebe, habe ich mir nicht vorstellen können. Wirst du es glauben, daß ich ihn, Wohl Wissend, daß er ein guter, ausgezeichneter Mensch ist, und ich nicht den Fingernagel von ihm wert bin – dennoch hasse? Ich hasse ihn ob seines Edelmuts. Mir aber bleibt nichts übrig, als« –

Sie wollte sagen »der Tod«, doch Stefan Arkadjewitsch ließ sie nicht ausreden.

»Du bist krank und aufgeregt,« sagte er, »glaube mir, du übertreibst ungeheuer. Es ist durchaus nichts so Furchtbares bei der Sache.«

Stefan Arkadjewitsch lächelte. Niemand an Stefan Arkadjewitschs Stelle, würde sich, mit einer so verzweifelten Aufgabe betraut, ein Lächeln erlaubt haben – ein Lächeln wäre roh erschienen – aber in seinem Lächeln lag soviel Gutmütigkeit und fast weibliche Zärtlichkeit, daß dasselbe nicht verletzte, sondern weich stimmte und besänftigte. Seine halblaute, beruhigende Rede und sein Lächeln wirkte mildernd und stillend wie Mandelöl. Auch Anna empfand dies bald.

»Nein, Stefan,« sagte sie, »ich bin verloren, verloren! Schlimmer noch als verloren. Ich bin noch nicht verloren, ich kann nicht sagen, daß alles zu Ende sei – im Gegenteil, ich fühle, daß es noch nicht vorbei ist. Ich bin einer gespannten Saite gleich, die springen muß. Aber noch ist es nicht vorbei – es wird entsetzlich enden.«

»Nicht doch; man kann die Saite behutsam nachlassen. Es giebt keine Situation aus der sich nicht ein Ausweg fände.«

»Ich habe gedacht und gedacht, aber nur einen gefunden«

Er erkannte wiederum an ihrem schreckenvollen Blick, daß dieser einzige Ausweg, nach ihrer Meinung, der Tod sei, und ließ sie abermals nicht ausreden.

»Keineswegs,« sagte er, »gestatte. Du kannst deine Lage nicht so erkennen, wie ich. Laß mich dir aufrichtig meine Meinung äußern.« Er lächelte abermals vorsichtig in seiner süßen Art. »Ich will zunächst damit beginnen: Du hast einen Mann geheiratet, der zwanzig Jahre älter ist als du. Du hast diesen Mann ohne Liebe geheiratet oder vielmehr, ohne die Liebe kennen gelernt zu haben. Dies war ein Fehler, wollen wir sagen.«

»Ein furchtbarer Fehler,« sagte Anna.

»Doch ich wiederhole: Derselbe ist eine vollendete Thatsache; du hattest darauf – ich will sagen – das Unglück, deinen Mann nicht zu lieben. Dies ist ein Unglück, auch das ist eine vollendete Thatsache. Dein Mann hat das anerkannt und dir verziehen.« Er hielt nach jedem Satze inne, eine Erwiderung erwartend, doch sie entgegnete nichts. »So steht es, jetzt aber ist die Frage, kannst du fortfahren, mit deinem Manne zusammenzuleben? Wünschest du das? Wünscht er das?«

»Ich weiß nichts, nichts.«

»Aber du selbst hast doch gesagt, daß du ihn nicht ausstehen kannst.«

»Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich stelle das in Abrede; ich weiß nichts und begreife nichts.«

»Aber erlaube doch« –

»Du kannst das nicht verstehen. Ich fühle, daß ich mit dem Kopfe zuerst in einen Abgrund hinabstürze und mich nicht retten darf; es auch nicht kann.«

»O doch, wir wollen dir ein Falltuch unterbreiten und dich auffangen. Ich begreife dich, begreife, du kannst es nicht auf dich nehmen, deinen Wünschen, deinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.«

»Ich wünsche nichts, gar nichts – nur das Eine, es möchte bald vorbei sein.«

»Aber er sieht und weiß das ja. Denkst du denn, er litte etwa weniger als du? Du marterst dich und er martert sich, und was soll daraus hervorgehen? Da eine Trennung alles löst« – Stefan Arkadjewitsch brachte diesen wichtigen Gedanken nicht ohne Überwindung heraus und blickte sie jetzt bedeutungsvoll an.

Sie antwortete nicht und schüttelte nur verneinend ihr frisiertes Haupt, aber an dem Ausdruck des plötzlich in der alten Schönheit wieder aufglänzenden Gesichts erkannte er, daß sie die Scheidung nur deshalb nicht wünschte, weil sie ein solches Glück für unmöglich hielt.

»Ihr thut mir unsäglich leid, und wie glücklich würde ich sein, könnte ich die Sache in Ordnung bringen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, schon kühner lächelnd. »Sprich nicht, sprich gar nichts! Wenn mir doch Gott die Gabe verliehen hätte, so zu reden, wie ich fühle. Ich werde zu deinem Manne gehen.« Anna blickte ihn mit sinnenden, glänzenden Augen an, ohne etwas zu erwidern.«

22.

Stefan Arkadjewitsch trat mit dem nämlichen, etwas feierlichen Gesicht, mit welchem er sich sonst in seinem Vorsitzsessel im Gericht niederließ, in das Kabinett Aleksey Aleksandrowitschs. Dieser ging, die Hände auf den Nacken gelegt, im Gemach auf und ab und sann nach, was wohl Stefan Arkadjewitsch mit seiner Frau gesprochen habe.

»Ich störe dich doch nicht?« frug Stefan Arkadjewitsch, bei dem Anblick des Schwagers plötzlich ein ihm ungewohntes Gefühl von Verlegenheit verspürend. Um diese Verlegenheit zu verbergen, zog er ein soeben erst gekauftes, mit einer neuen Mechanik zum Öffnen versehenes Cigarettenetuis hervor und nahm sich eine Cigarette.

»Nein. Du wünschest etwas von mir?« frug Aleksey Aleksandrowitsch mißlaunig.

»Ja wohl. Ich möchte – ich muß – ja, ich muß mit dir einmal reden,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Verwunderung über seine ungewohnte Verlegenheit. Dieses Gefühl kam ihm so unerwartet und seltsam vor, daß Stefan Arkadjewitsch nicht glaubte, es könne die Summe des Gewissens sein, die ihm sagte, daß das schlecht sei, was er zu thun beabsichtigte. Stefan Arkadjewitsch raffte sich auf und besiegte die ihn beherrschende Zaghaftigkeit.

»Ich hoffe, daß du an meine Liebe zu meiner Schwester, sowie an meine aufrichtige Ergebenheit und Hochachtung für dich glaubst,« sagte er errötend.

Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen, ohne etwas zu antworten, aber sein Gesicht machte Stefan Arkadjewitsch betroffen durch einen Ausdruck, der dem eines willenlosen Schlachtopfers glich.

»Ich beabsichtigte – – ich wollte über meine Schwester und über Eure gegenseitige Stellung Rücksprache nehmen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, noch immer mit seiner Befangenheit kämpfend.

Aleksey Aleksandrowitsch lächelte traurig, blickte seinen Schwager an und trat, ohne zu antworten, an den Tisch, nahm einen angefangenen Brief von demselben und reichte ihn dem Schwager.

»Ich denke fortwährend darüber nach. Hier habe ich einen Brief angefangen, da ich glaube, es ist besser wenn ich mich schriftlich ausspreche, weil meine Gegenwart sie reizt,« sagte er, ihm das Schreiben reichend.

Stefan Arkadjewitsch nahm den Brief, schaute mit zweifelnder Verwunderung in die trübeblickenden Augen, die unbeweglich auf ihm ruhten, und begann dann, zu lesen:

»Ich sehe, daß meine Gegenwart Euch lästig ist. So schwer es mir auch fällt, mich hiervon überzeugen zu müssen, so sehe ich doch, daß dem so ist und es nicht anders sein kann. Ich schuldige Euch nicht an und Gott ist mein Zeuge, daß ich, als ich Euch in Eurer Krankheit wiedersah, mit ganzer Seele entschlossen war, alles zu vergessen, was zwischen uus stand und ein neues Leben zu beginnen. Ich bereue das nicht und werde auch niemals bereuen, was ich gethan habe, aber Eines hatte ich gewollt – Euer Glück – das Glück Eurer Seele; und jetzt sehe ich, daß ich dies doch nicht erreicht habe. Sagt mir selbst, was Euch ein wahres Glück und Eurer Seele Ruhe verleihen kann und ich ergebe mich ganz in Euren Willen und Euer Gerechtigkeitsgefühl.« –

Stefan Arkadjewitsch gab den Brief zurück und blickte noch immer, mit der nämlichen Befangenheit seinen Schwager an, ohne zu wissen, was er sagen sollte. Dieses Schweigen war beiden so peinlich, daß auf den Lippen Stefan Arkadjewitschs, der kein Auge vom Gesicht Karenins verwandte, während desselben ein schmerzliches Zucken erschien.

»Dies hier wollte ich ihr mitteilen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich abwendend.

»Ja, ja,« versetzte Stefan Arkadjewitsch, ohne die Kraft zu antworten, da ihm die aufsteigenden Thränen die Kehle zuschnürten. »Ja, ja. Ich verstehe Euch« – brachte er endlich hervor.

»Ich wünsche zu wissen, was sie will,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch.

»Ich fürchte, daß sie selbst ihre Lage nicht erkennt. Sie ist kein guter Richter,« verbesserte sich Stefan Arkadjewitsch, »sie ist erdrückt von deiner Großmut. Wenn sie dieses Schreiben gelesen haben wird, wird sie nicht die Kraft haben, etwas zu sagen, sie wird den Kopf nur noch tiefer senken.«

»Ja, aber was soll man thun in diesem Falle? Wie soll man Klarheit schaffen, ihre Wünsche in Erfahrung bringen?«

»Wenn du mir gestatten willst, meine Meinung zu äußern, so denke ich, daß es von dir abhängt, direkt diejenigen Maßregeln anzuordnen, die du für nötig hältst, um dieser Situation ein Ende zu machen.«

»Du erachtest es also für erforderlich, daß ihr ein Ende gemacht werde?« unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, »aber wie?« fügte er hinzu, mit der Hand eine ungewöhnliche Bewegung vor seinen Augen machend, »ich sehe nicht die Möglichkeit eines Ausweges.«

»Es giebt für jede Lage einen Ausweg,« sagte Stefan Arkadjewitsch, aufstehend und lebhaft werdend, »es gab doch einmal eine Zeit, wo du die Trennung wünschtest – wenn du jetzt überzeugt bist, daß Ihr ein gegenseitiges Glück nicht begründen könnt« –

– »Der Begriff ›Glück‹ kann in verschiedener Weise aufgefaßt werden. Aber nehmen wir an, daß ich mit allem einverstanden wäre, und nichts mehr wünschte. Welchen Ausweg gäbe es da aus unserer Lage?«

»Wenn du meine Meinung wissen willst,« fuhr Stefan Arkadjewitsch, mit dem nämlichen weichen, süßen Lächeln, mit welchem er zu Anna gesprochen hatte, fort. Dieses gutmütige Lächeln war so überzeugend, daß Aleksey Aleksandrowitsch im Gefühl seiner Schwäche und sich ihr fügend, unwillkürlich bereit war, zu glauben, was Stefan Arkadjewitsch sagen würde – »sie wird’es niemals aussprechen! Aber eine Möglichkeit ist vorhanden. Eines kann sie wünschen,« fuhr er fort, »und dies ist die Aufgabe ihre jetzigen Beziehungen und aller Erinnerungen die sich mit denselben verknüpfen. Nach meiner Ansicht ist in Eurer Lage eine Auseinandersetzung über neue wechselseitige Beziehungen unumgänglich nötig. Und diese Beziehungen können nur auf der Befreiung beider Parteien beruhen.«

»Eine Ehescheidung,« unterbrach ihn voll Abscheu Aleksey Aleksandrowitsch.

»Ja; ich glaube, eine Trennung, ja eine Trennung,« wiederholte Stefan Arkadjewitsch errötend. »Dies ist in jeder Beziehung der vernünftigste Ausweg für Gatten, die sich in solchen Verhältnissen befinden, wie Ihr. Was ist zu thun, wenn Gatten gefunden haben, daß ihr Zusammenleben unmöglich ist? Dies kann sich immer ereignen.«

Aleksey Aleksandrowitsch seufzte schwer und schloß die Augen.

»Hier giebt es nur eine Erwägung: Wünscht einer der Gatten einen anderen Ehebund einzugehen? Wenn nicht, so ist die Sache sehr einfach,« sagte Stefan Arkadjewitsch, sich mehr und mehr von seiner Befangenheit freimachend.

Aleksey Aleksandrowitsch sprach, die Stirn runzelnd, vor Aufregung mit sich selbst und antwortete nichts. Alles, was Stefan Arkadjewitsch so sehr einfach erschien, hatte Aleksey Aleksandrowitsch tausend und abertausendmal überdacht. Und alles das erschien ihm nicht nur nicht sehr einfach, sondern vollständig unmöglich. Eine Ehescheidung, deren formelle Einzelheiten« er schon kannte, erschien ihm jetzt deshalb unmöglich, weil ihm das Gefühl der eigenen Würde, und die Achtung vor der Religion nicht gestattete, die Schuld eines fiktiven Ehebruchs auf sich zu nehmen, und noch weniger zuzulassen, daß seine Frau, der er vergeben hatte und die er liebte, überführt und mit Schmach bedeckt werde. Die Ehescheidung erschien ihm auch aus noch anderen und noch viel wichtigeren Gründen unmöglich.

Was sollte aus seinem Sohne werden im Falle einer solchen? Ihn bei der Mutter zu belassen, ging nicht an. Die geschiedene Frau würde ihre eigene, illegitime Familie haben, in welcher die Lage des Stiefsohnes und seine Erziehung aller Wahrscheinlichkeit nach, eine üble werden würde. Ihn bei sich behalten? Er wußte, daß dies ein Racheakt seinerseits gewesen wäre und diesen wollte er nicht. Am unmöglichsten indessen, außer alledem, erschien Aleksey Aleksandrowitsch die Ehescheidung deshalb, weil er selbst dann durch seine Einwilligung in dieselbe Anna vernichtete.

Das Wort Darja Aleksandrownas in Moskau fiel ihm wieder ein, daß er mit seinem Entschluß zur Trennung nur an sich selbst denken würde, aber nicht bedenke, daß er Anna damit unrettbar verderbe. Indem er diese Worte nun mit seiner Vergebung, seiner Liebe zu den Kindern, in Verbindung brachte, faßte er sie jetzt nach seiner Weise auf. In eine Ehescheidung willigen und ihr die Freiheit geben, bedeutete nach seiner Auffassung, sich selbst des letzten Bandes, das ihn mit dem Leben, den Kindern die er liebte, sie aber der letzten Stütze für einen Weg zur Besserung berauben und sie in das Verderben stürzen.

Wenn sie erst geschiedene Frau war, würde sie sich, das wußte er, mit Wronskiy vereinen, und dieser Bund war alsdann ein gesetzwidriger und verbrecherischer, weil das Weib nach dem Sinne der Vorschriften der Kirche keinen weiteren Ehebund eingehen kann, so lange ihr Gatte am Leben ist. »Sie wird sich mit ihm vereinen und nach Verlauf eines Jahres oder zweier wird er sie verlassen, oder sie selbst ein neues Verhältnis eingehen,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch; »und ich, mit meiner Einwilligung in eine nicht gesetzliche Trennung werde der Urheber ihres Verderbens sein.«

Er überdachte alles dies wohl hundertmal und war überzeugt, daß die Ehescheidung nicht nur nicht sehr einfach sei, wie sein Schwager doch sagte, sondern vollkommen unmöglich. Er glaubte nicht ein einziges Wort von dem, was Stefan Arkadjewitsch gesagt hatte, auf jedes Wort desselben hatte er tausend Einwände; aber er hörte ihn an, im Gefühl, daß in seinen Worten jene mächtige, rohe Kraft zum Ausdruck komme, welche sein Leben leitete und der er sich unterordnen mußte.

»Die Frage ist nur die, wie und unter welchen Bedingungen du einwilligen willst, die Ehescheidung auszuführen. Sie will nichts, sie wagt es nicht, dich zu bitten und stellt alles deinem Edelmut anheim.«

»Mein Gott! Mein Gott! Aber warum das?« dachte Aleksey Aleksandrowitsch, sich die Einzelheiten eines Ehescheidungsprozesses vergegenwärtigend, bei welchem der Gatte die Schuld auf sich nahm, und bedeckte sich mit der nämlichen Gebärde, mit welcher Wronskiy dies gethan hatte, vor Scham mit den Händen das Gesicht.

»Du bist aufgeregt, ich begreife das. Aber wenn du dir überlegst« –

»Und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke dar, und wer dir den Rock genommen, dem gieb noch das Hemd,« dachte Aleksey Aleksandrowitsch. »Ja, ja,« rief er dann mit dünner Stimme, »ich werde die Schande auf mich nehmen, selbst den Lohn will ich ihr geben, aber – ist es nicht besser, alles zu lassen wie es ist? Doch, mache was du willst« – und sich abwendend von seinem Schwager, so daß dieser ihn nicht sehen konnte, ließ er sich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Es war ihm bitter weh zu Mut, er empfand seine Schmach, aber zugleich mit diesem Leid und dieser Schmach fühlte er auch Freude und Beruhigung über die Erhabenheit seines Sieges über sich selbst.

Stefan Arkadjewitsch war gerührt. Er schwieg.

»Aleksey Aleksandrowitsch! glaube mir, sie schätzt deine Großmut,« sagte er dann. »Aber offenbar war es doch Gottes Wille,« so fügte er hinzu, empfand jedoch, als er dies sagte, daß es dumm war, und unterdrückte nur mit Mühe ein Lächeln über seine Thorheit.

Aleksey Aleksandrowitsch wollte etwas erwidern, doch die Thränen verhinderten ihn daran.

»Es ist eine unglückliche Fügung des Schicksals und man muß sich ihr unterordnen. Ich betrachte dieses Unglück als eine vollendete Thatsache und bemühe mich nur, dir und ihr beizustehen,« fuhr Stefan Arkadjewitsch fort.

Als dieser das Gemach seines Schwagers verlassen hatte, war er gerührt, aber das hinderte ihn nicht, damit zufrieden zu sein, daß er diese Angelegenheit erfolgreich erledigt hatte, da er überzeugt war, daß Aleksey Aleksandrowitsch seine Worte nicht widerrufen würde. Zu dieser Zufriedenheit gesellte sich der Umstand, daß ihm ein Gedanke gekommen war, wie er, sobald die Sache erledigt sein würde, seinen intimsten Bekannten die Frage vorlegen wollte, »welcher Unterschied nun noch zwischen ihm und einem Feldmarschall bestehe? Nun, der Feldmarschall macht Quartier 2 und niemandem wird es wohler davon, ich habe eine Trennung bewirkt – und drei Menschen wird es dabei besser sein? Oder, welche Ähnlichkeit aber habe ich denn mit einem Feldmarschall? Nun, das will ich mir lieber noch überlegen,« sagte er lächelnd zu sich selbst.

  1. Ein unübersetzbares Wortspiel, welches darauf beruht, daß im Russischen »Quartier« und »Ehescheidung« »rasvód« heißt.

17.

Unwillkürlich in seiner Vorstellungskraft noch einmal die Eindrücke musternd, die er in den Gesprächen während des Essens und nach demselben erhalten hatte, kehrte Aleksey Aleksandrowitsch nach seinem einsamen Zimmer zurück.

Die Worte Darja Aleksandrownas über die Verzeihung hatten in ihm nur Verdruß verursacht. Die Anwendbarkeit oder Nichtanwendbarkeit jenes christlichen Gebotes auf seinen Fall war eine viel zu schwierige Frage, über welche sich nicht leichthin sprechen ließ; und diese Frage war von Aleksey Aleksandrowitsch bereits längst in verneinendem Sinne entschieden worden. Aus alledem was heute gesagt worden war, fielen ihm vor allem die Worte des einfältigen, guten Turowzyn wieder ein »er hat mannhaft gehandelt, gefordert und seinen Gegner ins Jenseits befördert«. Jedermann stimmte dem offenbar bei, wenn man es auch wohl aus Höflichkeit, nicht aussprach.

»Übrigens, die Sache ist in Ordnung, es giebt nichts mehr darüber nachzudenken,« sprach er zu sich selbst, und indem er nun nur noch an seine bevorstehende Abreise und die Revisionsangelegenheit dachte, begab er sich auf sein Zimmer und frug den ihn begleitenden Portier, wo sein Diener sei. Der Portier berichtete, daß der Diener soeben erst fortgegangen wäre. Aleksey Aleksandrowitsch befahl Thee, setzte sich an den Tisch, und begann die Reiseroute zu kombinieren.

»Zwei Telegramme,« sagte der Diener, welcher wieder zurückkam und in das Zimmer trat. »Entschuldigung, Excellenz, ich war soeben erst fortgegangen.«

Aleksey Aleksandrowitsch ergriff die Telegramme und öffnete sie. Das erste enthielt die Nachricht von der Ernennung Stremoffs für den nämlichen Posten, den Karenin angestrebt hatte. Er warf die Depesche fort, erhob sich, rot geworden, und begann im Zimmer auf und abzuschreiten. » Quos vult perdere dementat,« sprach er vor sich hin, unter dem » quos« jene Männer verstehend, die für diese Ernennung gewirkt hatten.

Nicht das war ihm ärgerlich, daß er jenes Amt nicht erhalten, daß man ihn offenbar übergangen hatte – es war ihm unverständlich, wunderbar, daß man nicht erkannte, daß jener Schwätzer und Phrasenheld, Stremoff, weniger als jeder andere befähigt dazu sei. Wie konnte man übersehen, daß man sich und das »Prestige« mit dieser Ernennung stürzte.

»Wohl noch etwas Weiteres der Art,« sprach er gallig vor sich hin, die zweite Depesche öffnend. Das Telegramm kam von seiner Frau. Die Unterschrift mit dem blauen Stift, »Anna«, fiel ihm zuerst ins Auge: »Ich sterbe; ich bitte und beschwöre dich, zu mir zu kommen; mit deiner Vergebung werde ich ruhiger sterben,« las er.

Mit verächtlichem Lächeln warf er das Telegramm beiseite. Daß hier eine Täuschung, eine Falle vorlag, wie es ihm in der ersten Minute erschien, konnte nicht dem geringsten Zweifel unterliegen.

»Es giebt keine Täuschung, vor der sie zurückschreckte! Sie muß niederkommen, wahrscheinlich liegt sie krank an den Wehen. Aber welche Absicht haben sie? Nun, ihr Kind legitim machen zu lassen, mich zu kompromittieren und die Ehescheidung zu hintertreiben!« dachte er. »Aber es ist doch da gesagt, ›ich sterbe‹« – er las nochmals das Telegramm durch und jäh durchzuckte ihn der richtige Sinn dessen, was in demselben gesagt war: »wie, wenn es wahr wäre,« sagte er zu sich selbst, »wenn es wahr wäre, daß sie in der Minute des Leidens und der Nähe des Todes aufrichtig bereute, und ich, es dennoch für eine Täuschung haltend, die Rückkehr abschlüge? Das würde nicht nur hartherzig sein, es würde mich nicht nur jedermann verurteilen – – nein, sogar eine Thorheit meinerseits wäre es!«

»Peter, den Wagen! Ich will nach Petersburg,« befahl er dem Diener.

Aleksey Aleksandrowitsch hatte beschlossen, nach Petersburg zurückzufahren und sein Weib zu sehen. War ihre Krankheit ein Betrug, so wollte er schweigend wieder von dannen gehen, war sie wirklich dem Tode nahe, wünschte sie ihn vor demselben nochmals zu sehen, so wollte er ihr vergeben falls er sie noch unter den Lebenden träfe, oder ihr die letzte Pflicht erweisen, falls er zu spät käme.

So lange er sich unterwegs befand, dachte er nicht weiter an das, was er zu thun habe. Mit einem Gefühl von Ermüdung und körperlicher Unbehaglichkeit, welches von der im Waggon verbrachten Nacht herrührte, fuhr Aleksey Aleksandrowitsch im Morgennebel Petersburgs den verödeten Newskiyprospekt hinab und starrte vor sich hin, ohne an das zu denken, was ihn erwartete. Er vermochte nicht, daran zu denken, weil er bei der Vorstellung dessen, was da kommen sollte, die Annahme nicht von sich weisen konnte, daß ihr Tod mit einem Schlage die ganze Schwierigkeit seiner Lage lösen würde.

Die Bäcker, die noch geschlossenen Läden, die Nachtdroschken, die Dvorniks, welche die Trottoire kehrten, – alles das huschte, an seinen Augen vorüber und er beobachtete alles, in dem Bestreben, den Gedanken an das zu ersticken, was ihn erwarte, was er nicht zu wünschen wagte und doch wünschte.

Er fuhr an der Freitreppe vor. Ein Mietkutscher und ein Wagen mit einem schlafenden Kutscher standen vor der Einfahrt. Als Aleksey Aleksandrowitsch den Treppensaal betrat, faßte er, gleichsam wie aus einem versteckten Winkel seines Hirns heraus einen letzten Entschluß und rüstete sich mit diesem; er, lautete: Wenn eine Täuschung vorliegt, – ruhige Verachtung und Abreise; wenn Wahrheit – den Takt wahren.«

Der Portier öffnete die Thür, noch bevor Aleksey Aleksandrowitsch geläutet hatte. Petroff, sonst auch Kapitonitsch gerufen, bot einen seltsamen Anblick in seinem alten Überrock ohne Krawatte und in Pantoffeln.

»Was macht deine Herrin?«

»Es hat sich gestern glücklich entschieden.«

Aleksey Aleksandrowitsch blieb stehen und erblich. Er erkannte jetzt klar, mit welcher Innigkeit er ihren Tod gewünscht hatte.

»Und ihr Befinden?«

Karney in der Morgenschürze kam zur Treppe herab.

»Es geht sehr schlecht,« antwortete er, »gestern war Ärzterat; auch jetzt ist ein Arzt da.«

»Nimm das Gepäck,« befahl Aleksey Aleksandrowitsch und trat in das Vorzimmer, mit einer gewissen Erleichterung infolge der Nachricht, daß doch noch immer eine Hoffnung auf ihren Tod vorhanden sei.

An den Kleiderhaken hing ein Uniformrock. Aleksey Aleksandrowitsch bemerkte dies und frug.

»Wer ist da?«

»Der Arzt, – – die Hebamme und Graf Wronskiy.«

Aleksey Aleksandrowitsch betrat die inneren Gemächer. Im Salon befand sich niemand; aus ihrem Kabinett erschien auf den Schall seiner Schritte hin die Wehfrau in einem Häubchen mit lila Bändern.

Sie trat zu Aleksey Aleksandrowitsch und nahm ihn mit der Vertraulichkeit, welche bei der Nähe des Todes stets erscheint, am Arme, um ihn ins Schlafzimmer zu führen.

»Gott sei Dank, daß Ihr gekommen seid. Nur von Euch und immer wieder von Euch spricht sie,« sagte sie.

»Schnell Eis!« ertönte aus dem Schlafzimmer befehlerisch die Stimme des Arztes.

Aleksey Aleksandrowitsch trat in ihr Kabinett. An ihrem Tische saß, seitwärts gegen die Rücklehne, Wronskiy auf einem niedrigen Stuhl und weinte, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Er war emporgesprungen bei dem Klang der Stimme des Arztes, nahm die Hände vom Gesicht und gewahrte Aleksey Aleksandrowitsch. Als er des Gatten ansichtig wurde, geriet er in so mächtige Verwirrung, daß er sich wieder niederließ, und den Kopf zwischen die Schultern zog, als wünsche er zu verschwinden; doch machte er eine Anstrengung über sich selbst, erhob sich wieder und sagte:

»Sie stirbt. Die Ärzte haben gesagt, es sei keine Hoffnung. Ich stehe ganz in Eurer Gewalt, aber gestattet mir, hier zu bleiben – ich bin wie gesagt, Euch ganz zu Willen, ich« –

Als Aleksey Aleksandrowitsch die Thränen Wronskiys erblickte, fühlte er eine Anwandlung von jener inneren Fassungslosigkeit, welche der Anblick fremder Leiden stets in ihm hervorrief, und er schritt, sein Gesicht abwendend und ohne zu Ende zu hören, hastig nach der Thür. Aus dem Schlafgemach wurde die Stimme Annas vernehmbar, welche etwas sprach. Ihre Stimme klang heiter und lebhaft und zeigte außerordentlich ausgeprägte Artikulierung. Aleksey Aleksandrowitsch ging ins Schlafzimmer und näherte sich dem Bett. Sie lag mit dem Gesicht ihm zugewandt. Die Wangen brannten von Röte, die Augen glänzten und die kleinen weißen Hände ragten aus den Manschetten der Nachtjacke hervor und spielten mit dem Zipfel des Deckbettes. Es schien, als sei sie nicht nur gesund und munter, sondern auch bei bester Stimmung. Sie sprach schnell, klangvoll und mit auffallend strenger und empfundener Betonung.

»Weil Aleksey, – ich spreche von Aleksey Aleksandrowitsch – welch ein seltsames, furchtbares Geschick, daß sie beide Aleksey heißen, nicht wahr? – Aleksey mir es nicht verweigert hätte. Wenn ich vergäße, würde er vergeben. Aber weshalb kommt er nicht? Er ist gut, er weiß es selbst nicht, wie gut er ist. O, mein Gott, welch eine Sehnsucht ich habe! Gebt mir schnell Wasser! Ach; das wird ihr, meinem Töchterchen schädlich sein! Nun gut: gebt ihm nur eine Amme! Ich bin ja damit einverstanden; es ist sogar besser. Er wird kommen und Schmerz empfinden, wenn er sie sieht. Gebt sie mir!« –

»Anna Arkadjewna, er ist da. Hier ist er!« sprach die Wehfrau, ihre Aufmerksamkeit auf Aleksey Aleksandrowitsch zu lenken suchend.

»O, Welche Thorheit!« fuhr Anna fort, ohne ihren Mann wahrzunehmen. »Aber so gebt mir doch das Mädchen, gebt mir es doch! Er ist noch nicht gekommen. Ihr sagt nur, daß er mir nicht verzeiht, weil Ihr ihn nicht kennt. Niemand hat ihn gekannt; nur ich, und selbst mir ist dies schwer geworden. Sein Auge, müßt Ihr wissen, – Sergey hat es gerade so; aber ich kann es nicht sehen, deshalb. Habt Ihr Sergey zu essen gegeben? Ich weiß schon, sie werden ihn alle vergessen! Er freilich würde ihn nicht vergessen. Sergey muß in das Eckzimmer gebracht werden und bittet Mariette, bei ihm zu schlafen.«

Plötzlich krümmte sie sich zusammen, verstummte und hob die Hände vor das Gesicht, als erwarte sie voll Schrecken einen Schlag – sie hatte ihren Gatten erblickt.

»Nein, nein,« begann sie wieder, »ich fürchte ihn nicht, ich fürchte den Tod. Aleksey, komme hierher! Ich habe dich so ersehnt, weil ich keine Zeit mehr habe; mir ist nicht viel Zeit zum Leben mehr übrig, bald wird das Fieber wieder beginnen und ich kann dann nichts mehr verstehen. Jetzt aber verstehe ich noch alles, alles, und sehe alles.«

Das finster gerunzelte Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs nahm einen Ausdruck von Leiden an; er ergriff ihre Hand und wollte etwas antworten, er brachte aber nichts hervor; seine Unterlippe zitterte, doch noch immer kämpfte er mit seiner Bewegung, nur bisweilen schaute er sie an. Aber jedesmal, wenn er sie anblickte, sah er ihre Augen, die auf ihn gerichtet waren mit so friedsamer, verzückter Milde, wie er sie noch nie in ihnen wahrgenommen hatte.

»Warte, du weißt nicht – wartet, wartet« – sie hielt inne, als wenn sie ihre Gedanken sammeln wollte. »Ja,« begann sie dann, »ja, ja, ja, das wollte ich sagen. Wundere dich nicht über mich! Ich bin noch immer dieselbe – aber in mir ist noch eine andere, die fürchte ich; sie hat sich in jenen Mann verliebt und ich wollte dich hassen, konnte aber die nicht vergessen, die ich gewesen bin. Ich bin jetzt nicht mehr diese; ich bin jetzt die eigentliche, ganz so wie ich bin. Ich sterbe jetzt, und weiß, daß ich sterben muß; frage nur den dort. Ich fühle das jetzt, dort sind sie, mit Centnern an den Händen, an den Füßen, den Fingern; Fingern – hu, wie groß! Aber es wird bald alles vorbei sein. Nur Eins brauche ich noch: verzeihe du mir, verzeihe mir ganz! Ich bin ein furchtbares Weib, aber mir hat meine Amme erzählt, es wäre einst eine heilige Märtyrerin gewesen – wie nannte man sie doch – die war noch schlechter! Ich werde auch nach Rom gehen, dort ist eine große Einöde, da werde ich niemand mehr stören, nur meinen Sergey will ich mit mir nehmen und mein Töchterchen. Doch nein, du kannst mir nicht vergeben, ich weiß, das läßt sich nicht vergeben. Nein, nein, geh von mir, du bist zu gut für mich!« Sie hielt mit der einen ihrer glühenden Hände seine Rechte, mit der anderen stieß sie ihn von sich.

Die innere Ratlosigkeit Aleksey Aleksandrowitschs war mehr und mehr gewachsen und jetzt bis zu einem solchen Grade gestiegen, daß er schon aufhörte, sie noch zu bekämpfen, er fühlte plötzlich, daß das, was er für seelische Fassungslosigkeit hielt, im Gegenteil eine edle seelische Stimmung war, die ihm plötzlich ein neues, noch nie von ihm empfundenes Glück verlieh. Er dachte nicht daran, daß ihm jenes Gesetz des Christen, dem er sein ganzes Leben hindurch folgen wollte, vorschrieb, daß er vergeben und seine Feinde lieben solle, sondern ein erhebendes Gefühl von Liebe und Vergebung für seine Feinde erfüllte ihm die Seele. Er siel auf die Kniee nieder, und seinen Kopf auf ihr Handgelenk legend, das ihn wie Feuer durch das Kamisol sengte, schluchzte er auf wie ein Kind. Sie umfing seinen kahlen Kopf, näherte sich ihm und richtete ihre Augen mit herausforderndem Stolz empor.

»So ist er, ich habe es gewußt! Jetzt vergebt mir alle, vergebt! Sie sind wiedergekommen, weshalb gehen sie nicht? Nehmt mir doch diese Pelze ab!«

Der Arzt nahm ihr die Hände weg, legte sie sorglich auf die Wen, und deckte sie bis an die Schultern zu. Gehorsam legte sie sich und schaute mit glänzendem Blick vor sich hin.

»Merke dir das Eine; ich brauchte nur Verzeihung und weiter will ich nichts. Aber weshalb kommt Er denn nicht?« fuhr sie fort, sich nach der Thür zu Wronskiy wendend, »komm doch her, komm! Gieb ihm die Hand.«

Wronskiy trat an den Rand des Bettes und bedeckte, nachdem er Anna wieder gesehen, das Gesicht von neuem mit den Händen.

»Befreie dein Gesicht und blicke ihn an. Er ist ein Heiliger,« sagte sie. »Ja, befreie, befreie dein Gesicht!« gebot sie heftig, Aleksey Aleksandrowitsch, mach ihm das Gesicht frei. Ich will es sehen!«

Aleksey Aleksandrowitsch nahm die Hände Wronskiys und entfernte sie von dessen Gesicht, welches erschreckend erschien mit seinem Ausdruck von Schmerz und Scham, der auf ihm lag.

»Gieb ihm die Hand. Verzeihe ihm!«

Aleksey Aleksandrowitsch reichte ihm seine Hand, ohne die Thränen zurückhalten zu können, die ihm aus den Augen strömten.

»Gott sei gedankt, Gott sei gedankt!« begann sie wieder, »jetzt ist alles bereit. Die Füße nur noch ein klein wenig mehr strecken. So, so ist es schön. Wie diese Blumen doch geschmacklos gemacht sind, so ganz unähnlich dem Veilchen,« sagte sie, auf die Tapete weisend. »Mein Gott, mein Gott, wann wird es vorüber sein. Gebt mir Morphium. Doktor, Morphium! Mein Gott. Mein Gott!« –

 

Der Arzt und seine Kollegen hatten gesagt, es sei ein Wochenbettfieber, in welchem unter hundert Fällen neunundneunzig mit dem Tode enden. Den ganzen Tag hindurch hatte Fieber, Delirium und Bewußtlosigkeit geherrscht und um Mitternacht lag die Kranke ohne Empfindung und fast ohne Puls. Man erwartete jede Minute das Ende.

Wronskiy war nach Haus gefahren, erschien aber am Morgen wieder, um sich zu erkundigen, und Aleksey Aleksandrowitsch, ihm im Vorzimmer entgegentretend, sagte: »Bleibt hier, es könnte sein, daß sie nach Euch früge,« worauf er ihn selbst in das Kabinett seiner Frau geleitete. Am Morgen war wiederum jene Aufregung, Lebhaftigkeit und Hast in Denken und Sprechen eingetreten, und hatte abermals mit Bewußtlosigkeit geendet. Am dritten Tage war es ebenso und die Ärzte äußerten, daß nunmehr Hoffnung sei.

An diesem Tage trat Aleksey Aleksandrowitsch in das Kabinett, in welchem Wronskiy saß und ließ sich, die Thüre abschließend, diesem gegenüber nieder.

»Aleksey Aleksandrowitsch,« begann Wronskiy in dem Gefühl, daß jetzt die Erklärung nahe, »ich kann weder etwas sprechen, noch etwas verstehen. Schont mich. So schwer Euch zu Mute sein mag; glaubt mir, mir ist es noch furchtbarer.«

Er wollte sich erheben, doch Aleksey Aleksandrowitsch ergriff seine Hand und sagte:

»Ich ersuche Euch, mich anzuhören; dies ist unbedingt notwendig. Ich muß Euch meine Empfindungen offenbaren, die nämlich, welche mich geleitet haben und leiten werden, damit Ihr Euch in mir nicht irrt. Ihr wißt, daß ich zur Ehescheidung entschlossen bin und sogar schon den Anfang mit derselben gemacht habe. Ich verhehle vor Euch nicht, daß ich im Beginn unentschlossen war und Qualen empfunden habe, ich gestehe Euch, daß mich der Wunsch, an Euch wie an Ihr Rache zu nehmen, verfolgt hat. Als ich jenes Telegramm erhielt, kam ich hierher mit ganz den nämlichen Empfindungen, – sage ich lieber – mit dem Wunsche, daß sie sterben möge. Aber« – er verstummte, im Zweifel ob er jenem sein Gefühl enthüllen solle oder nicht – »aber ich habe sie wiedergesehen und ihr vergeben. Das Glück der Verzeihung aber hat mir auch meine Pflicht gewiesen. Ich habe vollständig vergeben. Ich will auch die andere Wange noch darbieten, das Hemd noch hingeben, da man mir den Rock genommen. Ich bitte Gott nur darum, daß er mir nicht die schöne Empfindung rauben möge, die das Vergeben gewährt.«

Die Thränen standen ihm in den Äugen, deren Heller ruhiger Blick Wronskiy in Verwirrung brachte.

»Das ist mein Standpunkt. Ihr könnt mich nun in den Kot treten, mich zum Gegenstand des Gelächters vor der Welt machen, ich werde sie nicht verlassen, und Euch nie ein Wort des Vorwurfes sagen,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort. »Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet; ich muß mit ihr weiter leben und werde es thun! Sollte sie wünschen, Euch zu sehen, so werde ich es Euch zu wissen thun, jetzt aber, glaube ich, ist es besser, Ihr entfernt Euch.« –

Er erhob sich und Schluchzen unterbrach seine Worte. Auch Wronskiy war aufgestanden und blickte ihn, gebrochen und zusammengesunken von unten herauf an. Er verstand die Gefühle Aleksey Aleksandrowitschs nicht, fühlte aber, daß sie etwas Erhabenes hatten, ja etwas für seine Lebensanschauung Unerreichbares.