Viertes Kapitel

Der Vergeltung entronnen.

Als die Rafter dann unten am Feuer erschienen, saßen Old Firehand, Tom, Droll, der Missourier und Fred so ruhig an demselben, als ob es für sie angebrannt worden und gar nichts Ungewöhnliches geschehen sei. Auf der einen Seite lagen die Leichen der getöteten, und auf der andern die gefesselten Körper der verwundeten und gefangenen Tramps, unter den letzteren der rote Cornel.

„Alle Wetter!“ rief der erste der Ankommenden dem alten Missourier zu.

„Wir glaubten dich in Gefahr, und da sitzest du gerade wie in Abrahams Schoß!“

„War auch so!“ antwortete der Alte. „Sollte in Abrahams Schoß befördert werden. Der Gewehrkolben des Cornel schwebte schon über mir; da kamen diese vier Mesch’schurs und arbeiteten mich heraus. Schnelle und gute Arbeit! Könnt‘ was von ihnen lernen, Boys!“

„Und – – ist Old Firehand wirklich dabei?“

„Ja, da sitzt er. Seht ihn Euch an, und drückt ihm die Hand! Er hat es verdient. Denkt Euch, nur vier Mann werfen sich auf zwanzig und machen, ohne daß ihnen auch nur die Haut geritzt wird, neun Tote und sechs Gefangene, die Kugeln und Hiebe gar nicht gerechnet, welche die paar Entkommenen jedenfalls auch erhalten haben! Und eigentlich sind es nur drei Männer und ein Knabe. Könnt Ihr Euch das denken?“

Er war bei diesen Worten vom Feuer aufgestanden. Auch die andern erhoben sich. Die Rafters blieben ehrerbietig in einiger Entfernung stehen, die Blicke auf die Riesengestalt Old Firehands gerichtet. Er forderte sie auf, näher zu kommen, und drückte jedem einzelnen von ihnen die Hand. Die beiden Tonkawa bewillkommnete er mit besonderer Auszeichnung, indem er zu ihnen sagte: „Meine roten Brüder haben in der Verfolgung der Tramps ein Meisterstück geliefert, welches es mir sehr leicht gemacht hat, nachzukommen. Auch wir haben uns von Indianern Pferde gekauft, um Euch womöglich noch vor dem Zusammentreffen mit den Tramps einzuholen.“

„Das Lob meines weißen Bruders ehrt mich mehr, als ich verdiene,“ antwortete der alte Bär bescheiden. „Die Tramps haben machen eine Fährte, so tief und breit wie Herde Büffel. Wer sie nicht sehen, der blind. Aber wo sein Cornel? Er auch tot?“

„Nein, er lebt. Mein Kolbenhieb hat ihn nur betäubt. Nun ist er wieder zu sich gekommen, und wir haben ihn gebunden. Da liegt er.“

Er deutete mit der Hand nach der Stelle, wo der Cornel lag. Der Tonkawa ging hin, zog das Messer und sagte: „Wenn er nicht gestorben von Hieb, dann er sterben von Messer. Er mich geschlagen, nun ich nehmen sein Blut!“

„Halt!“ rief da der alte Missourier, indem er den mit dem Messer erhobenen Arm des Häuptlings ergriff. „Dieser Mann gehört nicht dir, sondern er ist mein.“

Der alte Bär drehte sich um, blickte ihm ernst ins Gesicht und fragte: „Du auch Rache gegen ihn?“

„Ja, und was für eine!“

„Blut?“

„Blut und Leben.“

„Seit wann?“

„Seit vielen, vielen Jahren. Er hat mir mein Weib und meine beiden Söhne totpeitschen lassen.“

„Du dich nicht irren?“ fragte der Indianer, dem es schwer wurde, seine Rache aufzugeben, wozu er nach den Gesetzen der Prairie doch nun gezwungen war.

„Nein, es ist kein Irrtum möglich. Ich habe ihn sofort erkannt. Ein solches Gesicht kann man nicht vergessen.“

„Du ihn also töten?“

„Ja, ohne Gnade und Barmherzigkeit.“

„Dann ich zurücktreten, aber nicht ganz. Er mir geben Blut und dir geben Leben. Tonkawa ihm nicht ganz darf schenken Strafe; er ihm also nehmen die Ohren. Du einverstanden?“

„Hm! Wenn ich nun nicht einverstanden bin?“

„Dann Tonkawa ihn sofort töten!“

„Gut, so nimm ihm die Ohren! Mag es nicht christlich sein, daß ich das zugebe; wer die Qualen erlebt hat, die er mir bis heute bereitete, der hält es mit dem Gesetze der Savanne, und nicht mit der Milde, die selbst einen solchen Bösewicht verschont.“

„Wer vielleicht noch sprechen mit Tonkawa?“ fragte der Häuptling, indem er sich im Kreise umsah, ob vielleicht noch jemand widersprechen wolle. Als aber niemand ein Wort dagegen sagte, fuhr er fort. „So, also Ohren mein, und ich sie mir sofort nehmen.“

Er kniete neben dem Cornel nieder, um seine Absicht auszuführen. Als dieser sah, daß Ernst gemacht werden solle, rief er aus: „Was fällt euch ein, Mesch’schurs! Ist das christlich? Was habe ich euch gethan, daß ihr diesem roten Heiden erlaubt, meinen Kopf zu verstümmeln?“

„Von dem, was du nur mir gethan hast, werden wir nachher reden,“ antwortete der Missourier kalt und ernst.

„Und was wir andern dir vorzuwerfen haben, werde ich dir gleich jetzt zeigen,“ fügte Old Firehand hinzu. „Noch haben wir deine Taschen nicht untersucht; laß sehen, was sich in denselben befindet!“

Er gab Droll einen Wink, und dieser leerte die Taschen des Gefangenen aus. Da fand sich denn neben vielen andern Gegenständen die Brieftasche des Tramps. Als sie geöffnet wurde, zeigte es sich, daß sie noch die volle Summe, welche dem Ingenieur gestohlen worden war, in Banknoten enthielt. „Ah, du hast noch nicht mit deinen Leuten geteilt!“ lächelte Old Firehand. „Das ist ein Beweis, daß sie mehr Vertrauen zu dir besaßen als wir. Du bist ein Dieb, und wahrscheinlich noch mehr als das. Du verdienst keine Gnade. Der große Bär mag thun, was ihm beliebt.“

Der Cornel schrie vor Entsetzen laut auf; aber der Häuptling kehrte sich nicht an sein Geschrei, faßte ihn beim Schopfe und trennte ihm mit zwei schnellen, sicheren Schnitten die beiden Ohrmuscheln los, welche er in den Fluß warf.

„So!“ sagte er, „Tonkawa sich nun gerächt, also jetzt fortreiten.“

„Jetzt?“ fragte Old Firehand. „Willst du nicht mit mir reiten, nicht wenigstens diese Nacht noch bei uns bleiben?“

„Tonkawa es sein ganz gleich, ob Tag oder Nacht. Seine Augen gut, aber seine Zeit sehr kurz. Er hat verloren viele Tage, um zu verfolgen Cornel; nun er reiten Tag und Nacht, um sein Wigwam zu erreichen. Er Freund der weißen Männer; er großer Freund und Bruder von Old Firehand. Der große Geist stets geben viel Pulver und viel Fleisch den Bleichgesichtern, welche freundlich gewesen mit Tonkawa. Howgh!“

Er schulterte sein Gewehr und schritt davon. Sein Sohn warf ebenfalls die Flinte auf die Achsel und folgte ihm in die Waldesnacht hinein.

„Wo haben sie denn ihre Pferde?“ erkundigte sich Old Firehand.

„Droben an unserm Blockhause,“ antwortete der Missourier. „Natürlich gehen die beiden hinauf, um sie zu holen. Aber ob sie sich des Nachts durch den Urwald finden werden, das möchte ich – – “

„Habt keine Sorge,“ fiel der Jäger ein. „Sie wissen den Weg, sonst würden sie geblieben sein. Der alte Bär hat, wie er sagte, viel eingekauft. Die Sachen sind unterwegs; er muß zu seiner Karawane stoßen und hat doch so viel Zeit versäumt. Da ist es leicht erklärlich, daß er sich sputete. Lassen wir sie also reiten, und wenden wir uns unsern eigenen Angelegenheiten zu. Was soll mit den Toten und Gefangenen werden?“

„Die ersteren werfen wir einfach ins Wasser, und über die andern halten wir nach altem Brauche Gericht. Vorher aber wollen wir uns überzeugen, daß uns durch die Entkommenen keine Gefahr drohe.“

„O, deren sind so wenig, daß wir sie nicht zu fürchten haben; sie werden so weit wie möglich gelaufen sein. Übrigens können wir einige Wachen ausstellen; das ist mehr noch als genügend.“

Der Cornel lag bei seinen gefangenen Tramps und wimmerte vor Schmerzen; aber es nahm niemand Notiz davon, wenigstens zunächst noch nicht. Von der Flußseite war nichts zu befürchten, und nach der Landseite wurden einige Wachen ausgestellt. Old Firehand ließ sein Pferd und auch diejenigen seiner bisherigen drei Gefährten holen, dann konnte das „Savannengericht“ beginnen.

Zunächst wurde über die gewöhnlichen Tramps verhandelt. Es war ihnen nicht nachzuweisen, daß einer von ihnen einem der andern Anwesenden ein Leid zugefügt habe. Für das, was sie beabsichtigt hatten, wurden ihnen ihre jetzt empfangenen Wunden und der Verlust ihrer Pferde und Waffen als Strafe angerechnet. Heute nacht sollten sie streng bewacht und dann morgen früh entlassen werden. Die Wunden durften sie sich gegenseitig verbinden.

Nun kam die Reihe an den Hauptthäter, den Cornel. Er hatte bisher im Schatten gelegen und wurde nun nahe an das Feuer gebracht. Kaum fiel der Schein der Flamme auf sein Gesicht, so stieß Fred, der Knabe, einen lauten Schrei aus, sprang auf ihn zu, bückte sich über ihn, betrachtete ihn, als ob er ihn mit den Augen verschlingen wolle und rief dann, zur Tante Droll gewendet, aus: „Er ist’s, er ist’s, der Mörder. Ich erkenne ihn. Wir haben ihn!“

Droll schnellte sich sofort auch wie elektrisiert herbei und fragte: „Irrst du dich nicht? Er kann es ja gar nicht sein; es ist nicht möglich.“

„O ja, er ist’s, er ist’s gewiß!“ behauptete der Knabe. „Schau die Augen an, welche er macht. Liegt da nicht die Angst des Todes darin? Er sieht sich entdeckt und muß nun alle Hoffnung auf Rettung aufgeben.“

„Aber wenn er es wäre, müßtest du ihn schon auf dem Schiffe, auf dem Steamer, erkannt haben.“

„Da habe ich ihn gar nicht gesehen. Die Tramps sah ich wohl, ihn aber nicht. Er muß stets so gesessen haben, daß die andern ihn verbargen.“

„Das war allerdings der Fall. Aber noch eins: du hast mir den Thäter als schwarz und lockenhaarig beschrieben, der Cornel hier aber hat steifes und kurzes rotes Haar.“

Der Knabe antwortete nicht sofort. Er griff sich an die Stirn, schüttelte den Kopf, trat einen Schritt zurück und sagte dann im Tone hörbarer Ungewißheit: „Das ist freilich wahr! Sein Gesicht ist’s ganz; aber das Haar ist völlig anders.“

„Es wird eine Verwechselung sein, Fred. Menschen sehen einander ähnlich; ein schwarzes Haar aber kann nicht rot werden.“

„Das zwar nicht,“ fiel der alte Missourier ein; „aber man kann sich dunkle Haare abrasieren und dann eine rote Perücke tragen.“

„Ah! Sollte das hier – –?“ fragte Droll, ohne daß er den Satz vollständig aussprach.

„Natürlich! Ich habe mich von dem roten Haare nicht irre machen lassen. Der Mann, nach welchem ich so lange Zeit gesucht habe, der Mörder meines Weibes und meiner Kinder, hatte auch schwarzes, lockiges Haar; dieser Kerl hier hat einen roten Kopf; aber ich behaupte dennoch, daß er der Gesuchte ist. Er trägt eine Perücke.“

„Unmöglich!“ meinte Droll. „Habt ihr denn nicht gesehen, wie der Indianer ihn vorhin beim Schopfe nahm, als er ihm die Ohren abschnitt? Trüge der Kerl eine falsche Haartour, so wäre sie ihm vom Kopfe gezogen worden.“

„Pshaw! Sie ist gut gearbeitet und vortrefflich befestigt. Ich werde es sofort beweisen.“

Der Cornel lag mit gefesselten Armen und Beinen lang ausgestreckt auf dem Boden. Seinen Ohren entströmte noch immer Blut; sie mußten ihm großen Schmerz verursachen, er aber achtete nicht darauf. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Worte der beiden Sprecher gerichtet. Hatte er erst ziemlich trostlos darein geschaut, so war der Ausdruck seines Gesichtes jetzt ein ganz andrer geworden. Die Angst war der Hoffnung, die Furcht dem Hohne, die Verzagtheit der Siegessicherheit gewichen. Der alte Missourier war vollständig überzeugt, daß der Cornel eine falsche Haartour trage. Er richtete ihn in sitzende Stellung auf, ergriff ihn beim Haare und zog an demselben, um die Perücke vom Kopfe zu reißen. Zu seinem größten Erstaunen wollte das nicht gelingen, das Haar hielt fest, es war wirklich eignes Haar.

„All devils, der Halunke hat wirklich Haare auf seiner Glatze!“ rief er erstaunt aus und machte dabei ein so bestürztes Gesicht, daß die andern gewiß über dasselbe gelacht hätten, wenn die Situation nicht eine so ernste gewesen wäre.

Das Gesicht des Cornels verzog sich zu einem höhnischen Grinsen, und er rief im Tone grenzenlosen Hasses: „Nun, du Lügner und Verleumder, wo ist denn die Perücke? Es ist leicht, einen Menschen wegen einer Ähnlichkeit, die er mit einem andern hat, falsch anzuschuldigen. Beweise doch, daß ich derjenige bin, für den du mich ausgeben willst!“

Der alte Missourier blickte bald auf ihn, bald auf Old Firehand, und sagte ratlos zu dem letzteren: „Sagt mir doch, Sir, was Ihr davon denkt! Derjenige, den ich meine, war wirklich schwarz und lockig; dieser aber ist schlicht und rot. Und dennoch will ich tausend Eide schwören, daß er es ist. Meine Augen können mich unmöglich täuschen.“

„Ihr könnt‘ Euch dennoch irren,“ antwortete der Jäger. „Wie es scheint, gibt es hier eine Ähnlichkeit, welche Euch täuscht.“

„Dann darf ich meinen alten, guten Augen nicht mehr trauen!“

„Mach sie besser auf!“ höhnte der Cornel. „Der Teufel soll mich holen, wenn ich etwas davon weiß, daß irgendwo eine Mutter mit zwei Söhnen ermordet oder, wie du behauptest, gar totgepeitscht worden sind!“

„Aber du kennst mich doch! Du hast es mir vorhin selbst gesagt.“

„Muß ich, wenn ich dich einmal gesehen habe, der Mann sein, den du meinst? Auch der Knabe da verkennt mich vollständig. Jedenfalls ist der Mann, von welchem er redet, derjenige, von welchem auch du gesprochen hast; aber ich kenne den jungen Boy nicht und – – –“

Er hielt plötzlich inne, als ob er über irgend etwas erschrocken oder erstaunt sei, faßte sich aber augenblicklich und fuhr in demselben Tone fort: “ – und habe ihn niemals gesehen. Nun klagt mich meinetwegen an, aber bringt Beweise. Wenn ihr mich einer zufälligen Ähnlichkeit wegen verurteilen und exekutieren wollt, so seid ihr einfach Mörder, und das traue ich wenigstens dem berühmten Old Firehand nicht zu, in dessen Schutz ich mich hiemit begebe.“

Daß er sich mitten in dem Satze unterbrach, hatte einen sehr triftigen Grund. Er saß da, wo die Leichen lagen; er hatte mit dem Kopfe auf einer derselben gelegen. Als ihn dann der Missourier zum Sitzen aufrichtete, hatte der steife, leblose Körper derselben eine leichte rollende Bewegung gemacht, welche keinem Menschen auffallen konnte, da sie in dem Rotköpfigen ihren Stützpunkt verloren hatte. Nun lag sie hart hinter ihm, und zwar in seinem Schatten, weil dem Feuer entgegengesetzt. Aber dieser Mann war keineswegs tot, er war nicht einmal verwundet. Er gehörte zu denen, welche Old Firehand mit dem Kolben niedergeschlagen hatte. Das Blut seiner getöteten Kameraden hatte ihn bespritzt und ihm das Aussehen gegeben, als ob er selbst getroffen worden sei. Als er dann wieder zu sich kam, sah er sich unter den Toten, denen soeben die Taschen geleert, und die Waffen abgenommen wurden. Er wäre zwar gern aufgesprungen und entflohen, da er nur vier Feinde zählte, aber in den Fluß wollte er nicht, und von der andern Seite ertönte das Geschrei der herannahenden Rafters. Darum beschloß er, einen günstigen Augenblick abzuwarten. Er zog heimlich sein Messer und verbarg es im Ärmel; dann trat der Missourier zu ihm, wendete ihn hin und her, hielt ihn für tot, nahm ihm ab, was sich in den Taschen und im Gürtel befand, und zog ihn nach der Stelle, wo die Leichen liegen sollten.

Von da an hatte der Tramp mit nur leise geöffnetem Auge alles beobachtet. Er war nicht gefesselt worden und konnte also im geeigneten Augenblicke aufspringen und davonlaufen. Da legte man den Cornel auf ihn, und sofort kam ihm der Gedanke, diesen auch zu befreien. Als der Rothaarige aufgerichtet wurde, rollte sich der angeblich Tote nach, so daß er hinter ihm zu liegen kam, dem die Hände hinten zusammengebunden waren. Während der Cornel sprach, und aller Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war, zog der Tramp sein Messer aus dem Ärmel und zerschnitt ihm mit einer vorsichtigen Bewegung die Fessel, worauf er ihm den Messergriff in die rechte Hand schob, damit er sich mit einer schnellen Bewegung auch der Fußbande entledigen und plötzlich aufspringen und entfliehen könne. Der Rothaarige fühlte natürlich die heimliche Befreiung seiner Hände; er fühlte den Messergriff, den er sofort faßte, und war darüber erstaunt, daß er für einen Augenblick die Fassung verlor und in der Rede inne hielt, aber eben nur für einen kurzen Augenblick; dann sprach er weiter, und niemand merkte, was hinter dem Rücken des Angeklagten geschehen war. Da derselbe sich auf die Rechtlichkeit Old Firehands bezogen hatte, antwortete ihm dieser. „Wo ich mit drein zu reden habe, da findet kein Mord statt; darauf kannst du dich verlassen. Aber ebenso gewiß ist, daß ich mich durch die Röte deines Haares nicht irre machen lasse. Es kann gefärbt sein.“

„Oho! Kann man Haare, welche sich noch auf dem Kopfe befinden, auch rot färben?“

„Allerdings,“ nickte der Jäger bedeutungsvoll.

„Etwa mit Ruddle?“ fragte der Cornel mit einem gepreßten Lachen. „Der würde schön abfärben!“

„Lache immerhin; du wirst nicht lange höhnen,“ antwortete Old Firehand in ruhigem, überlegenem Tone. „Andre magst du täuschen, mich aber nicht.“

Er trat zu den Waffen und Sachen, welche den Gefangenen und Toten abgenommen worden waren, bückte sich nieder, hob den Lederbeutel auf, welcher am Gürtel des Cornels gehangen hatte, und sprach weiter, indem er denselben öffnete: „Ich habe diesen Beutel schon vorhin untersucht, und darin einige Gegenstände gefunden, deren Zweck und Gebrauch mir unklar war; jetzt aber geht mir eine Ahnung auf, welche vielleicht die richtige ist.“

Er zog ein zugestöpseltes Fläschchen, eine kleine Raspel und ein fingerlanges Aststückchen, an welchem sich noch die Rinde befand, hervor, hielt dem Rothaarigen diese drei Gegenstände vor die Augen und fragte ihn: „Wozu führst du diese Sachen mit dir herum?“

Das Gesicht des Gefragten wurde um einige Töne blässer, doch antwortete er sofort und in zuversichtlichem Tone: „Welch ein Wunder, daß der große Firehand sich um solche Kleinigkeiten kümmert! Wer hätte das gedacht! Das Fläschchen enthielt eine Medizin; die Raspel ist für jeden Westmann ein unentbehrliches Instrument, und das Stück Holz kam ganz zufällig in den Beutel, ohne daß es einen besonderen Zweck hat. Seid Ihr nun zufrieden, Sir?“

Er warf bei dieser Frage einen höhnischen, dabei aber ängstlich forschenden Blick in das Gesicht des riesigen Jägers. Dieser antwortete in seiner ernsten, bestimmten Weise: „Ja, ich bin befriedigt, aber nicht durch deine Worte, sondern durch meine Folgerungen. Der Tramp bedarf keiner Raspel, zumal von so winziger Größe, eine Feile wird ihm von viel größerem Nutzen sein. Dieses Fläschchen enthält Raspelspäne in Spiritus, und dieses Stück Holz ist, wie ich nach der Rinde urteile, ein Stück vom Aste eines Zürgelbaumes. Nun aber weiß ich sehr genau, daß man mit geraspeltem Zürgelholze, welches in Spiritus gestanden hat, selbst das dunkelste Haar rot zu färben vermag; folglich – – – nun, was sagst du dazu?“

„Daß ich von dem ganzen gelehrten Vortrage kein Wort verstehe und begreife,“ antwortete der Cornel zornig. „Möchte doch den Menschen sehen, dem es einfallen könnte, sein schönes, schwarzes Haar fuchsrot zu färben. Der Kerl hätte ja einen sehr schönen, bewundernswerten Geschmack!“

„Der Geschmack ist hier ganz gleichgültig; auf den Zweck kommt es an. Ein Mensch, welcher wegen schwerer Verbrechen verfolgt wird, färbt sich das Haar gewiß gern rot, wenn er dadurch sein Leben retten kann. Ich bin überzeugt, daß du der Gesuchte bist, und werde morgen früh, wenn es hell geworden ist, deinen Kopf und dein Haar genau untersuchen.“

„So lange brauchen wir gar nicht zu warten,“ fiel Fred ein. „Es gibt ein Erkennungszeichen. Als er mich niederwarf und mit Füßen trat, stach ich ihm mit dem Messer in die Wade, hüben hinein und drüben heraus, so, daß das Messer stecken blieb. Er mag den Unterschenkel entblößen. Ist er der Richtige, was ich gar nicht bezweifle, so müssen die zwei Narben noch zu sehen sein.“

Nichts konnte dem Rothaarigen so gelegen kommen, wie dieser Vorschlag. Wurde derselbe ausgeführt, so brauchte er sich die Fußfessel nicht selbst zu durchschneiden. Darum antwortete er schnell: „Well, mein sehr kluger Boy. In diesem Falle wirst du dich überzeugen, daß ihr euch alle irrt. Bei deiner großen Pfiffigkeit aber muß ich mich wundern, daß du von mir verlangen kannst, die Hosen aufzustreifen. Einem Menschen, welchem sowohl die Hände, als auch die Beine gefesselt sind, ist das doch wohl unmöglich.“

„Das weiß ich. Darum werde ich es selbst thun.“

Der Eifer trieb den Knaben hin zu dem Gefangenen. Er kniete bei ihm nieder und nestelte an dem Riemen, welcher demselben in der Wadengegend um die Beine gebunden war. Als der Knoten geöffnet war, wollte er das eine Bein der Nankinghose abstreifen, erhielt aber von dem Rothaarigen einen solchen Stoß mit den beiden Füßen, daß er weit fortflog. Im nächsten Augenblick schnellte der Cornel auf.

„Good bye, Mesch’schurs! Wir sehen uns wieder!“ rief er aus, warf sich, das Messer hoch schwingend, zwischen zwei Rafters hindurch und schoß über die Lichtung hinüber den Bäumen zu.

Diese Flucht des Mannes, den man für sehr gut gefesselt gehalten hatte, kam, außer zweien, den Anwesenden so unerwartet, daß sie wie angenagelt standen. Die beiden Ausnahmen waren Old Firehand und die Tante Droll. Der erstere besaß eine Geistesgegenwart, auf welche man sich in der ungewöhnlichsten Lage verlassen konnte und der letztere stand ihm in dieser Beziehung beinahe gleich, trotz seiner anderen Eigenschaften, welche einen Vergleich zwischen ihm und dem berühmten Jäger gar nicht aufkommen ließen.

Sobald der Rothaarige sich aus seiner sitzenden Lage aufschnellte und das Messer erhob, hatte Old Firehand auch schon zum Sprunge ausgeholt, um ihn zu fassen und festzuhalten; aber er traf da auf ein unerwartetes Hindernis. Der für tot gehaltene Tramp nämlich hielt seine Zeit für gekommen. Da aller Aufmerksamkeit auf den Cornel gerichtet war, so glaubte er jetzt leicht fliehen zu können. Er sprang also auch auf und schnellte sich an dem Feuer vorüber, um den Kreis der Rafters zu durchbrechen. In demselben Augenblicke kam Old Firehand in gewaltigem Satze über die Flamme herübergeflogen und stieß mit dem Tramp zusammen. Diesen packen, emporheben und niederwerfen, daß es förmlich krachte, war für ihn das Werk von nur zwei Sekunden.

„Bindet diesen Kerl, der nicht tot gewesen ist!“ rief er, drehte sich nach dem Cornel um, welchem der Zusammenprall der beiden Zeit gegeben hatte, aus dem Lagerkreise hinauszukommen, riß das Gewehr empor und legte auf ihn an, um ihn durch eine Kugel niederzuwerfen.

Aber er erkannte die Unmöglichkeit, diesen Vorsatz auszuführen, denn Droll war hart hinter dem Flüchtling her und verdeckte mit seiner Gestalt dessen Figur in der Weise, daß die Kugel ihn hätte treffen müssen.

Der Rotbärtige rannte wie einer, der sein Leben zu retten hat. Droll stürmte, was er konnte, hinter ihm her. Er hätte ihn gewiß ereilt, wenn er seinen berühmten ledernen „Sleeping-gown“ nicht angehabt hätte. Dieses Kleidungsstück war für eine solche Verfolgung viel zu schwer und unbehilflich. Darum ließ Old Firehand sein Gewehr fallen und schnellte sich mit fast pantherartigen Sätzen hinter den beiden her.

„Stehen bleiben, Droll!“ rief er dabei seinem Vorläufer zu.

Dieser achtete aber nicht auf den Zuruf und rannte, obgleich derselbe einigemale wiederholt wurde, weiter. Jetzt hatte der Cornel den Lichtkreis des Feuers hinter sich und verschwand in dem Dunkel, welches unter den Bäumen herrschte.

„Stehen bleiben, beim Himmel, stehen bleiben, Droll!“ schrie Old Firehand voller Zorn nun zum fünftenmal Er befand sich nur noch drei oder vier Schritte hinter ihm.

„Muß ihn haben, muß ihn haben!“ antwortete die erregte Tante im gewöhnlichen Fisteltone, und schoß auch zwischen die Bäume hinein.

Da hielt Old Firehand wie ein gut geschultes Pferd, welches sogar in der Carriere dem Zügel gehorcht, mitten im eiligsten Laufe inne, drehte sich um und kehrte langsam, als ob gar nichts geschehen sei, zum Feuer zurück. Dort standen die Zurückgebliebenen in einzelnen erregten Gruppen und blickten nach dem Walde, um den Ausgang der Verfolgung zu erwarten.

„Nun, Ihr kehrt ja allein zurück!“ rief der alte Missourier Old Firehand entgegen.

„Wie Ihr seht,“ antwortete dieser achselzuckend und ruhig.

„War er denn nicht zu fassen?“

„Sehr leicht sogar, wenn mir nicht dieser verteufelte Tramp dazwischen gekommen und mit mir zusammengeprallt wäre.“

„Fatale Geschichte, daß uns gerade der Hauptspitzbube entkommen muß!“

„Nun, Ihr dürft Euch am wenigsten darüber beschweren, alter Blenter.“

„Warum ich?“

„Weil nur Ihr selbst daran Schuld seid.“

„Ich?“ fragte der Alte verwundert. „Das begreife ich nicht. Euer Wort in großen Ehren, Sir, aber erklären möchtet Ihr es mir doch!“

„Das ist sehr leicht. Wer hat den Tramp, welcher nachher wieder lebendig wurde, untersucht?“

„Freilich ich.“

„Und ihn für tot gehalten! Wie kann das einem so erfahrenen Rafter und Jäger, wie Ihr seid, passieren! Und wer hat ihm die Taschen geleert und die Waffen abgenommen?“

„Auch ich.“

„Aber das Messer habt Ihr ihm gelassen!“

„Er hatte gar keines.“

„Er hatte es nur versteckt. Dann lag er, sich immerfort tot stellend, hinter dem Cornel und hat ihm nicht nur den Riemen zerschnitten, sondern ihm auch das Messer gegeben.“

„Sollte das wirklich so sein Sir?“ fragte der Alte verlegen.

„Fragt ihn selbst! Da liegt er ja.“

Blenter versetzte dem jetzt gefesselten Tramp einen Fußtritt und zwang ihn durch Drohungen, Antwort zu geben. Er erfuhr, daß alles so gewesen war, wie Old Firehand vermutet hatte. Da griff er sich mit beiden Händen in die langen, grauen Haare, wühlte ärgerlich in denselben herum und meinte zornig: „Ich könnte mich selbst beohrfeigen. So eine Dummheit ist in den ganzen Staaten noch gar nicht vorgekommen. Ich bin schuld, ich ganz allein! Und ich möchte mein Leben setzen, daß er derjenige war, für den ich ihn hielt.“

„Natürlich war er es, sonst hätte er die Untersuchung seines Beines ruhig abgewartet. Waren die beiden Narben nicht vorhanden, so konnte ihm nichts geschehen, denn daß er das Geld des Ingenieurs gestohlen hatte, das konnten wir nach dem Gesetze der Savanne nicht bestrafen, da der Bestohlene nicht zugegen ist.“

Jetzt kam auch Droll langsam und zögernd über die Lichtung zurück. Man sah es ihm schon von weitem an, daß auch er keinen Erfolg gehabt hatte. Er war, wie er glaubte, dem Flüchtlinge eine weite Strecke im Walde nachgelaufen, hatte mit seinem Gesichte eine Anzahl von Bäumen karamboliert, war dann stehen geblieben, um zu lauschen, und hatte dann, als nicht das geringste Geräusch um ihn zu hören gewesen, den Rückweg angetreten.

Old Firehand hatte den sonderbaren Mann lieb gewonnen, und wollte ihn infolgedessen nicht vor den Rafters blamieren. Darum fragte er ihn in deutscher Sprache: „Aber, Droll, haben Sie denn nicht gehört, was ich Ihnen mehreremale zurief?“

„Was Se gerufe habe, ja, das hab‘ ich wohl gehört,“ antwortete der Dicke.

„Und warum haben Sie nicht danach gehandelt?“

„Weil ich den Kerl hab‘ fange wolle.“

„Und da rennen Sie hinter ihm her in den Wald hinein?“

„Wie hätt‘ ich’s denn sonst mache solle? Hat er vielleicht hinter mir dreinlaufe solle?“

„Freilich nicht,“ lachte Old Firehand. „Aber um einen Menschen im Walde zu ergreifen, muß man ihn sehen oder wenigstens hören, wenn es des Nachts ist. Indem Sie selbst laufen, wird für Sie das Geräusch seiner Schritte unhörbar, Verstanden?“

„Das is freilich leicht zu begreife. Also hätt‘ ich schtehe bleibe solle?“

„Ja.“

„Herrjemerschneeh! Wer soll das begreife! Wenn ich schtehe bleibe, so rennt er fort, und ich kann nachher off derselben Schtelle warte bis zum jüngsten Tag! Oder denke Se etwa, daß er freiwillig zurückkomme und sich in meine Arme werfe wird?“

„So nicht, aber ähnlich. Ich wette, er ist so klug gewesen, gar nicht weit zu gehen. Er ist nur ein kleines Stück in den Wald hinein und hat sich dann hinter einen Baum gesteckt, um Sie in aller Gemütlichkeit an sich vorüberlaufen zu lassen.“

„Wie? Was? An ihm vorebber? Wenn’s wahr wäre, hätte mer gar keene größere Blamage passiere könne!“

„Es ist gewißlich so. Darum forderte ich Sie auf, anzuhalten. Wir hätten uns, sobald wir uns im Dunkel des Waldes befanden, niedergelegt und gelauscht. Mit den Ohren an der Erde Hätten wir seine Schritte gehört und die Richtung derselben beurteilen können. Wäre er stehen geblieben, so hätten wir ihn beschlichen. Und im Beschleichen leisten Sie etwas Ordentliches, das weiß ich ja.“

„Das will ich gloobe!“ antwortete Droll, durch dieses Lob geschmeichelt. „Wenn ich drebber nachdenke, so will mir’s scheine, als ob Se vollschtändig recht hätte. Ich bin da dumm gewese, e bissel sehre dumm. Aber vielleicht bringe mersch wieder ein. Meene Se nich? Was sage Se derzu?“

„Möglich ist es wohl, den Fehler wieder gut zu machen, aber leicht wird es uns nicht werden. Wir müssen warten bis morgen früh und dann seine Spur aufsuchen. Folgen wir nachher seiner Fährte, so holen wir ihn höchst wahrscheinlich ein.“

Diese Ansicht teilte er auch den Rafters mit, worauf der alte Missourier erklärte: „Sir, ich reite mit. Pferde haben wir ja genug erbeutet, so daß ich eines davon bekommen kann. Dieser rote Cornel ist derjenige, den ich seit langen Jahren suche. Nun setz‘ ich mich auf seine Spur, und meine Kameraden werden es mir nicht übel nehmen, daß ich sie verlasse. Einen Verlust habe ich dabei auch nicht, weil wir hier erst vor kurzem angefangen haben.“

„Das ist mir lieb,“ antwortete Old Firehand. „Ich habe schon unterwegs beschlossen, euch allen einen Vorschlag zu machen, von welchem ich hoffe, daß ihr auf denselben eingehen werdet.“

„Welchen?“

„Davon nachher. Jetzt haben wir noch Nötigeres zu thun. Wir müssen nach eurem Blockhause hinauf.“

„Warum nicht bis zum Morgen hier bleiben, Sir?“

„Weil euer Eigentum sich in Gefahr befindet. Dem Cornel ist alles zuzutrauen. Er weiß, daß wir uns hier unten befinden, und kann sehr leicht auf den Gedanken kommen, die Hütte aufzusuchen.“

„Zounds! Das wäre fatal! Wir haben unsre Werkzeuge und Reservewaffen in derselben, auch Pulver und Patronen. Schnell, wir müssen fort!“

„Sehr wohl. Geht Ihr immer voran, Blenter, und nehmt noch zwei mit. Wir andern folgen mit den Pferden und Gefangenen nach. Den Weg erleuchten wir uns durch Brände, welche wir uns hier aus dem Feuer nehmen.“

Der scharfsinnige Jäger hatte den roten Cornel ganz richtig beurteilt. Dieser hatte, so bald er sich im Walde befand, sich hinter einen Baum gesteckt. Er hörte Droll an sich vorüberlaufen und sah, daß Old Firehand zum Feuer zurückkehrte. Da Droll eine nicht nach der Blockhütte gehende Richtung einhielt, so lag es für den Rothaarigen nahe, sich leise nach dorthin zu entfernen. Um nicht mit dem Gesicht anzustoßen, hielt er die Hände vor und richtete seine Schritte die Anhöhe empor.

Dabei kam ihm der Gedanke, welchen Vorteil ihm die Blockhütte biete. Er war schon dort gewesen und konnte sie also gar nicht verfehlen. Gewiß enthielt sie den größten Teil des Eigentums der Rafter; er konnte sich an ihnen rächen. Darum beschleunigte er seine Schritte, soweit die Dunkelheit dies zuließ.

Oben angekommen, blieb er zunächst lauschend stehen. Es war ja doch möglich, daß ein Rafter oder einige hier zurückgeblieben waren. Da alles still war, näherte er sich dem Blockhause, horchte abermals und tappte sich nach der Thür. Eben war er dabei, die Vorrichtung, durch welche dieselbe verschlossen wurde, zu untersuchen, als er plötzlich bei der Kehle gepackt und niedergerissen wurde. Mehrere Männer knieten auf ihm.

„Da haben wir wenigstens einen, und der soll es büßen!“ sagte einer dieser Männer.

Der Rote erkannte diese Stimme; es war diejenige eines seiner Tramps. Er machte eine gewaltige Anstrengung, die Kehle frei zu bekommen, und es gelang ihm, die Worte hervorzustoßen: „Woodward, bist du des Teufels! Laß doch los.“

Woodward hieß der Unteranführer der Tramps. Er erkannte die Stimme des Roten, ließ los, schob die andern von ihm weg und antwortete: „Der Cornel! Wahrhaftig der Cornel! Wo kommst du her? Wir hielten dich für gefangen.“

„War es auch,“ keuchte der Genannte, indem er sich aufrichtete, „bin aber entkommen. Konntet ihr denn nicht vorsichtiger sein? Habt mich mit euren Fäusten beinahe umgebracht!“

„Wir hielten dich für einen Rafter.“

„So! Und was thatet ihr hier?“

„Wir fanden uns ganz zufällig da unten zusammen, drei Personen nur; wo die andern sind, das wissen wir nicht. Wir sahen, daß die Rafters am Feuer blieben, und kamen auf den Gedanken, uns hierher zu machen und ihnen einen Streich zu spielen.“

„Das ist recht! Ganz derselbe Gedanke hat auch mich hierher geführt. Ich möchte ihnen diese Bude wegbrennen.“

„Das wollten wir auch, doch nicht ohne vorher nachgesehen zu haben, was die Hütte enthält. Vielleicht finden wir doch etwas oder einiges, was wir gebrauchen können.“

„Dazu gehört Licht. Diese Halunken haben mir alles, also auch mein Feuerzeug abgenommen, und da drinnen können wir ewig suchen und doch keines finden.“

„Du vergissest, daß wir die unsrigen bei uns haben, da wir nicht ausgeraubt worden sind.“

„Das ist wahr. Eure Waffen habt ihr auch?“

„Ja, alle.“

„Und habt ihr euch überzeugt, daß es hier keinen Hinterhalt gibt?“

„Es ist keine Menschenseele da; die Thür geht leicht aufzuriegeln, und wir wollten eben hinein, als du kamst.“

„So macht schnell, ehe die Kerls auf den Gedanken verfallen, wieder heraufzukommen!“

„Dürfen wir denn nicht erfahren, was da unten vorgefallen ist, nachdem wir fort waren?“

„Jetzt nicht, später, wenn wir Zeit haben.“

Woodward schob den Riegel zurück, und sie traten ein. Nachdem er die Thür hinter sich zugezogen hatte, machte er Licht und leuchtete in dem Raume umher. Über den Lagerstätten waren Bretter angebracht, und auf denselben lagen Hirschtalglichter, wie sie von den Westmännern eigenhändig gegossen werden. Jeder der vier brannte eines für sich an, und nun wurde in aller Eile nach brauchbaren Gegenständen gesucht.

Es gab da einige Gewehre, gefüllte Pulverhörner, Äxte, Beile, Sägen, Messer, Pulver, Kartons mit Patronen, Fleisch und andern Proviant. Jeder nahm davon zu sich, was er brauchte und was ihm gefiel; dann wurden die brennenden Lichter in das Schilfrohr gesteckt, aus welchen die Lagerstätten bestanden. Diese faßten im Nu Feuer, und die Brandstifter eilten hinaus. Sie ließen die Thür offen, damit der nötige Zug vorhanden sei, und blieben draußen stehen, um zu lauschen. Es war nichts zu hören, als das Knistern des Feuers und das Rauschen der Luft in den Wipfeln der Bäume.

„Sie kommen noch nicht,“ sagte Woodward. „Was nun?“

„Fort natürlich,“ antwortete der Cornel.

„Aber wohin? Die Gegend ist uns unbekannt.“

„Man wird morgen früh unsre Spur suchen und ihr folgen. Wir dürfen also keine Fährte machen.“

„Das ist unmöglich, außer im Wasser.“

„So fahren wir“

„Womit oder worin?“

„Im Boote natürlich. Weißt du denn nicht, daß sich jede Raftergesellschaft ein oder mehrere Boote anfertigen muß, welche zu dem Geschäfte ganz notwendig sind? Ich wette, sie liegen unten am Floßplatze.“

„Den kennen wir nicht.“

„Er wird zu finden sein. Da seht, hier führt die Rutschbahn hinab. Wollen untersuchen, ob wir hinab können.“

Soeben schlug die Flamme durch das Dach und erleuchtete den ganzen Platz. Am Rande des Waldes, nach dem Flusse zu, war eine Lücke zwischen den Bäumen zu bemerken. Die Tramps eilten auf dieselbe zu und sahen, daß ihr Anführer ganz richtig vermutet hatte. Es führte eine gerade, steile, schmale Bahn hinab, neben welcher ein Seil befestigt war, an welchem man sich halten konnte. Die drei ließen sich hinab.

Als sie unten am Flußufer ankamen, hörten sie von ferne das Geschrei dreier Stimmen, welches von dem alten Missourier und dessen beiden Begleitern, die nach dem Blockhause vorangegangen waren, herrührte.

„Sie kommen,“ sagte der Cornel. „Nun schnell, daß wir ein Boot finden!“

Sie brauchten nicht lange zu suchen, denn gerade da, wo sie standen, lagen drei Fahrzeuge angebunden. Es waren auf indianische Weise aus Baumrinde gebaute und mit Harz gedichtete Kanoes, jedes vier Personen fassend. „Hängt die beiden andern hinten an,“ gebot der Rothaarige. „Wir müssen sie mitnehmen und später vernichten, damit wir nicht verfolgt werden können.“

Man gehorchte ihm. Dann stiegen die vier in das erste Kanoe, griffen zu den darin liegenden Rudern und arbeiteten sich vom Ufer ab. Der Cornel saß hinten und steuerte. Einer seiner Leute that einen Ruderschlag, als ob er flußaufwärts wolle.

„Falsch!“ sagte ihm der Anführer. „Wir gehen abwärts.“

„Aber wir wollen doch weiter ins Kansas hinein, zum großen Tramp-Meeting!“ antwortete der Mann.

„Allerdings. Aber das wird dieser Old Firehand erfahren, denn er preßt es den Gefangenen sicher aus. Er wird uns also morgen flußaufwärts suchen; wir müssen deshalb abwärts, um ihn irre zu führen.“

„Ein gewaltiger Umweg.“

„Gar nicht. Wir fahren bis zur nächsten Prairie, welche wir am Morgen erreichen. Wir versenken die Boote und stehlen uns Pferde bei den dortigen Indianern. Dann geht es rasch nach Norden, und wir holen diese kleine Versäumnis in einem Tage ein, während die Rafters langsam, mühselig und vergeblich nach unsrer Fährte suchen.“

Die Boote wurden im Schatten des Ufers gehalten, damit der Schein des oben brennenden Feuers sie nicht treffen konnte. Dann, als sie die Grenze desselben unten erreicht hatten, steuerte der Cornel nach der Mitte des Flusses, gerade als die Rafters mit den Pferden und Gefangenen die brennende Hütte erreichten.

Diese erhoben kein geringes Klagen, als sie ihre Habe im Feuer zu Grunde gehen sahen. Es gab hundert Flüche und kräftige Wünsche, welche den Brandstiftern galten. Old Firehand aber beruhigte sie, indem er ihnen sagte: „Ich habe es gedacht, daß der Cornel so etwas anstiften werde. Leider sind wir zu spät gekommen. Aber laßt es euch nicht zu Herzen gehen. Wenn ihr den Vorschlag, welchen ich euch machen will, annehmt, so werdet ihr bald mehr als vollen Ersatz für das Verlorene erhalten.“

„Wieso?“ fragte der Missourier.

„Davon nachher. Jetzt müssen wir uns vor allen Dingen überzeugen, daß sich nicht noch ein solcher Halunke in der Nähe befindet.“

Die ganze Umgebung wurde aufs genaueste abgesucht, aber nichts Verdächtiges gefunden. Dann ließ man sich beim Schein des Feuers bei Old Firehand nieder. Die Gefangenen waren seitwärts untergebracht, so daß sie nicht hören konnten, was gesprochen wurde.

„Zunächst Mesch’schurs,“ begann der Jäger, „gebt mir euer Ehrenwort, daß ihr das, was ich euch sage, nicht verraten wollet, auch wenn ihr nicht auf meinen Vorschlag eingehen solltet! Ich weiß, ihr alle seid Gentlemen, auf deren Wort ich mich verlassen kann.“

Er erhielt das verlangte Versprechen und fuhr dann fort: „Kennt jemand von euch das große Felsenwasser droben im Gebirge, welches man den Silbersee nennt?“

„Ich,“ antwortete ein einziger, nämlich die Tante Droll. „Jeder von uns kennt den Namen, aber keiner außer mir ist oben gewesen, wie ich aus dem Schweigen dieser Gentlemen wohl schließen darf.“

„Well, Ich weiß, daß es da oben reiche, sehr reiche Minen gibt, alte Minen, aus den Zeiten der Vorindianer, welche den Reichtum gar nicht ausbeuteten, und Erzgänge und Erzlager, welche niemals in Angriff genommen worden sind. Ich kenne mehrere dieser Gänge und Lager und will jetzt mit einem tüchtigen Bergingenieur hinauf, damit wir uns die Sache ansehen, ob sie im großen betrieben werden kann, und ob wir die nötige hydraulische Kraft dem See zu entnehmen vermögen. Dieses Unternehmen ist freilich nicht ungefährlich, und darum brauche ich eine Schar tüchtiger und erfahrener Westmänner, welche uns begleiten. Laßt also eure Arbeit einstweilen hier ruhen, und reitet mit mir nach dem See, Mesch’schurs! Ich werde euch gut bezahlen!“

„Das ist ein Wort, ja, das ist ein schönes Wort!“ rief der alte Missourier ganz begeistert. „Daß Old Firehand gut und ehrlich bezahlen wird, darüber kann es gar keinen Zweifel geben, und daß die Beteiligten hundert und tausend wirkliche Abenteuer erleben, ist ebenso gewiß. Ich würde sofort und auf der Stelle dabei sein, aber ich kann nicht, ich darf nicht, weil ich diesen Cornel haben muß.“

„Und ich auch, ich auch,“ stimmte Droll ein. „Wie gern würde ich mitgehen, wie gar so gern, nicht der Bezahlung, sondern der Erlebnisse wegen, und weil ich es für eine der größten Ehren halte, mit Sir Firehand reiten zu dürfen. Aber es kann nicht sein, denn ich darf auch nicht von der Spur dieses roten Cornels lassen.“

Über das Gesicht Old Firehand ging ein feines, überlegenes Lächeln, als er antwortete: „Ihr beide habt da einen Wunsch, welcher euch vielleicht gerade dann, wenn ihr bei mir bleibt, am sichersten erfüllt wird. Weshalb Master Blenter nach Rache strebt, wissen wir alle. Warum aber Droll mit seinem wackeren Fred hinter diesem Cornel her ist, hat er uns noch nicht gesagt. Ich will auch gar nicht in seine Geheimnisse dringen; er wird schon noch offenherzig werden. Eines aber darf ich euch nicht vorenthalten. Als wir unten das Feuer verließen, um hier herauf zu steigen, mußten wir natürlich die gefesselten Tramps führen. Ich nahm einen, den Jüngsten von ihnen, in meine Hand. Er wagte es, mich anzureden, und ich hörte, daß er eigentlich nicht unter die Tramps paßt, daß es ihm leid ist, bei ihnen gewesen zu sein, und daß er nur aus Rücksicht für seinen Bruder, welcher unten bei den Toten liegt, sich angeschlossen hat. Er hat eigentlich die Absicht gehabt, ein richtiger, braver Westmann zu werden, und da er meinen Namen gehört hat, so brennt er förmlich darauf, wenn auch als der allergeringste meiner Leute bei mir sein zu dürfen. Er stellte mir Aufklärung über die Absichten des Cornels in Aussicht, und ich möchte ihn teils aus Menschlichkeit, teils aus Klugheit nicht von mir weisen. Darf ich den Mann holen?“

Die andern stimmten alle bei, und Old Firehand stand selbst auf, um den Tramp zu bringen. Dieser war nicht viel über zwanzig Jahre alt, von intelligentem Aussehen und kräftiger Statur. Old Firehand hatte ihm die Fesseln abgenommen und hieß ihn neben sich setzen. Die andern Tramps, von denen der Jäger ihn schon vorher abgesondert hatte, lagen so, daß sie ihn gar nicht sehen konnten. Sie vermochten also später nicht zu sagen, was mit ihm geworden sei oder gar, daß er sie und den Cornel verraten habe.

„Nun,“ wendete Old Firehand sich an ihn, „du siehst, daß ich nicht abgeneigt bin, deinen Wunsch zu erfüllen. Du bist von deinem Bruder verleitet worden. Wenn du mir mit der Hand versprichst, von jetzt an ein braver Mensch zu sein, so gebe ich dich von diesem Augenblick an frei, und du sollst bei mir ein tüchtiger Westmann werden. Wie heißest du eigentlich?“

„Nolley heiße ich, Sir,“ antwortete der Gefragte, indem er ihm unter hervorquellenden Thränen die Hand gab. „Ich will Euch nicht mit meiner Lebensgeschichte belästigen, das könnt Ihr später und gelegentlich erfahren; aber Ihr sollt mit mir zufrieden sein. Ich will es Euch zeit meines Lebens danken, wenn Ihr mir zwei Wünsche erfüllt.“

„Welche?“

„Vergebt mir nicht nur scheinbar, sondern in Wirklichkeit, daß Ihr mich in so schlechter Gesellschaft gefunden habt, und gebt mir die Erlaubnis, morgen früh meinen erschossenen Bruder zu begraben. Er soll nicht im Wasser verfaulen und von den Fischen zerrissen werden.“

„Diese Wünsche sagen mir, daß ich mich in dir nicht geirrt habe; sie sind erfüllt. Von jetzt an gehörst du zu uns und wirst dich vor deinen früheren Kameraden nicht sehen lassen, denn sie dürfen nicht wissen, daß du nun zu uns hältst. Du hast von den Absichten des Cornels gesprochen. Kennst du dieselben?“

„Ja. Er hat erst lange damit zurückgehalten, gestern aber teilte er uns alles mit. Er will zunächst nach dem großen Tramp-Meeting, welches nächstens abgehalten werden soll.“

„Heigh-day!“ rief da Droll. „So war ich also nicht falsch unterrichtet, als ich hörte, daß sich diese Vagabunden ungefähr hinter Harper zu Hunderten zusammenfinden wollen, um einige Streiche, welche in Masse unternommen werden sollen, zu verabreden. Kennst du den Ort?“

„Ja,“ antworte Nolley. „Er liegt allerdings von hier aus hinter Harper und wird Osage-nook genannt.“

„Habe von diesem Nook noch nichts gehört. Sonderbar! Ich wollte dieses Meeting aufsuchen, um dort vielleicht den zu finden, den ich suchte, und hatte keine Ahnung, daß ich mit ihm auf dem Steamer gefahren bin. Hätte ihn doch gleich an Bord fassen können! Also nach Osage-nook will der Cornel; nun, so reiten wir ihm nach, nicht wahr, Master Blenter?“

„Ja,“ nickte der Alte. „Freilich müssen wir da auf Sir Firehand verzichten.“

„Das ist keineswegs der Fall,“ antwortete der Jäger. „Mein nächstes Ziel liegt dort in der Nähe, nämlich Butlers Farm, welche dem Bruder des Ingenieurs, der mich dort erwartet, gehört. Wir bleiben also wenigstens bis dorthin zusammen. Hat der Cornel noch weitere Absichten?“

„Allerdings,“ antwortete der bekehrte Tramp. „Er will nach dem Meeting nach dem Eagle-tail, um die dortigen Bahnbeamten und -arbeiter zu überfallen, um ihnen die Kasse, welche sehr gefüllt sein soll, abzunehmen.“

„Gut, daß wir das erfahren! Fangen wir ihn beim Meeting nicht, so finden wir ihn dann um so sicherer am Eagle-tail.“

„Und entgeht er euch auch da,“ fuhr Nolley fort, „so könnt ihr ihn später am Silbersee ergreifen.“

Diese Worte brachten eine allgemeine Überraschung hervor; selbst auf Old Firehand machten sie einen solchen Eindruck, daß er schnell fragte: „Am Silbersee? Was weiß und will denn der Cornel von diesem Orte?“

„Einen Schatz will er heben.“

„Einen Schatz? Soll sich denn einer dort befinden?“

„Ja, es sollen ungeheure Reichtümer dort vergraben oder versenkt sein, von alten Völkern und Zeiten her. Er hat einen genauen Plan des Ortes, an welchem man suchen muß.“

„Hast du diesen Plan gesehen?“

„Nein. Er zeigt ihn keinem Menschen.“

„Aber wir haben ihn doch ausgesucht und ihm alles abgenommen, ohne denselben bei ihm zu finden!“

„Er hat ihn jedenfalls zu gut versteckt. Ich glaube sogar, daß er ihn gar nicht bei sich trägt. Es war aus einer seiner Bemerkungen zu schließen, daß er ihn irgendwo vergraben hat.“

Die Aufmerksamkeit der Zuhörer war auf den Sprecher gerichtet, darum achtete niemand auf Droll und Fred, welche durch das, was sie da hörten, in eine nicht geringe Aufregung versetzt wurden. Droll starrte den Tramp an, als ob er dessen Worte nicht nur hören, sondern auch mit den weit geöffneten Augen verschlingen wolle, und Fred rief, als der Erzähler geendet hatte: „Der Cornel ist’s, er ist’s. Dieser Plan hat meinem Vater gehört!“

Jetzt richteten sich die Blicke aller auf den Knaben. Man bestürmte ihn mit Fragen, doch Droll wehrte energisch ab und sagte: „Jetzt nichts davon, Mesch’schurs! Ihr werdet später den Sachverhalt erfahren. Jetzt ist die Hauptsache, daß ich, wie nun die Verhältnisse stehen, erklären kann, daß ich mit Fred auf alle Fälle Old Firehand zu Diensten stehe.“

„Ich auch!“ erklärte der alte Missourier in frohem Tone. „Wir sind da zwischen eine ganze Menge von Geheimnissen geraten, daß es mich wundern soll, wie wir dieselben auseinander wickeln werden. Ihr geht doch auch alle mit, Kameraden?“

„Ja, ja, natürlich ja!“ ertönte es rund im Kreise der Rafters.

„Well!“ sagte Old Firehand. „So wird morgen früh aufgebrochen. Wir brauchen uns um die Fährte des Cornels gar nicht zu kümmern, da wir den Ort kennen, an welchem er zu finden ist. Er wird gejagt durch die Wälder und Prairien, über Berg und Thal, und wenn es sein muß, sogar bis hinauf zum Silbersee. Es ist ein bewegtes Leben, welches unser wartet. Laßt uns gute Kameraden sein, Mesch’schurs!“ – –

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Vierzehntes Kapitel

Gefangen und befreit.

Winnetou hatte richtig gesehen; die Utahs waren oben im Walde verschwunden, aber sie hatten denselben nicht durchritten, sondern waren halten geblieben. Der Transport der Leichen war ihnen nicht schwer geworden, da sie zu ihren Pferden auch diejenigen der Getöteten zurückerhalten hatten. Jetzt ließ der Häuptling die Toten herabnehmen. Er trat vor an den Waldesrand, blickte hinab nach dem Felsenspalt und sagte: „Man wird uns beobachtet haben. Da unten steht gewiß so ein weißer Hund, welcher sehen will, ob wir wirklich nach unserm Lager zurückkehren.“

„Thun wir das denn nicht?“ fragte einer seiner Leute. Jedenfalls hatte sich derselbe durch Tapferkeit oder andre Vorzüge so ausgezeichnet, daß er eine solche Frage wagen konnte.

„Hast du so wenig Hirn wie der Schakal der Prairie?“ fuhr der „große Wolf“ ihn an. „Es gilt, Rache an diesen bleichen Kröten zu nehmen.“

„Aber sie sind nun unsre Freunde und Brüder!“

„Nein.“

„Wir haben die Pfeife des Friedens mit ihnen geraucht!“

„Wem gehörte diese Pfeife?“

„Old Shatterhand.“

„Nun, so gilt der Schwur für ihn, aber nicht für uns. Warum war er so dumm, sich nicht meiner Pfeife zu bedienen! Siehst du das nicht ein?“

„Der „große Wolf“ hat stets recht,“ antwortete der Mann, welcher mit der Sophistik seines Häuptlings vollständig einverstanden war. Die Ausrede desselben mußte jeden Krieger der Utah gewiß zufriedenstellen.

„Morgen früh werden die Seelen der Bleichgesichter in den ewigen Jagdgründen sein, um uns später dort zu bedienen,“ fuhr der Häuptling fort.

„Du willst sie überfallen?“

„Ja.“

„Da ist unsre Zahl zu klein, und wir können auch nicht durch den Spalt zurück, weil man denselben bewachen wird.“

„So nehmen wir einen andern Weg und holen uns so viele Krieger, wie wir bedürfen. Liegen nicht ihrer genug drüben im P’a-mow? Und führt nicht weiter oben ein Weg quer durch den Canon, den die Bleichgesichter nicht zu kennen scheinen? Die Leichen und ihre Pferde bleiben hier und zwei von euch als Wächter dabei. Wir andern reiten nordwärts.“

Dieser Entschluß wurde ausgeführt. Der Wald war zwar nur schmal, bildete aber einen stundenlangen Streifen, an welchem die Utahs im Galopp hinritten, bis die Höhe sich allmählich niedersenkte nach einer Schlucht, welche quer durch die Felsen führte. Durch diese Schlucht gelangte der „große Wolf“ in den Hauptcanon, in welchem die Weißen sich befanden; freilich mündete die Schlucht wenigstens drei englische Meilen oberhalb der Lagerstelle. Gegenüber der ersteren schnitt ein enger Seitencanon in den Hauptcanon ein, doch war derselbe nicht ganz so schmal wie die Felsenspalte, in welcher heute das Zusammentreffen der Weißen mit den Roten stattgefunden hatte. Dorthin wendete sich der „große Wolf“ mit seinen Leuten. Er schien den Weg sehr genau zu kennen, denn er irrte trotz der Dunkelheit nicht ein einziges Mal und führte sein Pferd so sicher, als ob er sich auf einer breiten, deutschen Heerstraße befände.

Der jetzige Canon hatte kein Wasser und stieg bergan. Bald erreichten die Roten die Scheitelhöhe der weiten Felsenebene, in welche das vielverzweigte Netz der Canons tief eingeschnitten ist. Da war es hell; der Mond stand leuchtend am Himmel. Im Galopp ging es über die Ebene, und nach einer halben Stunde fiel die Gegend in Gestalt eines breiten, sanften Einschnittes leise nieder. Rechts und links blieben die Felsen als schützende Wände stehen, immer höher werdend, je tiefer das Terrain sich senkte, und dann tauchten vorn üppige Wipfel auf, unter denen viele Feuer brannten. Es war ein Wald, ein wirklicher Wald, mitten auf oder in der von Stürmen glatt gefegten und von der Sonne ausgetrockneten und zu Stein gedorrten Ebene.

Dieser Wald verdankte sein Dasein einzig nur der Depression des Bodens. Die Stürme heulten darüber hin, ohne ihn zu treffen, und die Niederschläge konnten sich sammeln, um eine Art See zu bilden, dessen Wasser das Erdreich auflöste und für die Wurzeln fruchtbar machte. Das war der P’a-mow, der Wald des Wassers, nach welchem der „große Wolf“ wollte.

Es hätte des Mondlichtes gar nicht bedurft, um sich hier zurechtfinden zu können, so zahlreich waren die Feuer, welche hier brannten. Da gab es ein reges Lagerleben, und zwar das Leben eines Kriegslagers. Man sah kein Zelt, keine Hütte. Die vielen roten Krieger, welche man erblickte, lagen an den Feuern entweder auf ihren Decken oder auf der bloßen Erde; dazwischen lagen oder standen und weideten ebenso viele Pferde. Das war der Ort, an welchem sich die Scharen der Utahs aller Stämme zum Kriegszuge zu versammeln hatten.

Als der „große Wolf“ bei dem ersten Feuer ankam, hielt er an, stieg ab, winkte seinen Leuten, hier zu warten und rief einem der am Feuer sitzenden den Namen „Nanap neav“ zu. Diese beiden Worte bedeuten „alter Häuptling“. Es war also jedenfalls der Oberanführer sämtlicher Utahstämme gemeint. Der Angeredete erhob sich und führte den „großen Wolf“ nach dem See, an welchem ein großes, von den übrigen abgesondertes Feuer brannte. An demselben saßen vier Indianer, alle mit der Feder des Adlers geschmückt. Einer derselben mußte das Auge ganz besonders auf sich ziehen. Er hatte sein Gesicht nicht bemalt; es war von unzähligen tiefen Falten durchzogen. Sein Haar hing schloßweiß und lang auf den Rücken herab. Dieser Mann war gewiß wenigstens achtzig Jahre alt, und doch saß er so aufrecht, stolz und kräftig da, als wären es fünfzig weniger. Er richtete das Auge scharf auf den Ankommenden, ohne aber ein Wort, einen Gruß zu sagen, auch die andern schwiegen. Der „große Wolf“ setzte sich stumm nieder und blickte vor sich hin. So verging eine ganze Weile; dann endlich erklang es aus dem Munde des Alten: „Der Baum wirft im Herbst die Blätter ab; wenn er sie aber vorher verliert, so taugt er nichts und soll umgehauen werden. Vor drei Tagen trug er sie noch. Wo sind sie heute hin?“

Diese Frage bezog sich auf die Adlerfedern, welche der „große Wolf“ nicht mehr trug; sie enthielt einen für jeden tapfern Krieger niederschlagenden Vorwurf.

„Morgen wird der Schmuck wieder prangen, und am Gürtel die Skalpe von zehn und zwanzig Bleichgesichtern!“ antwortete der „große Wolf“.

„Ist der „große Wolf“ von Bleichgesichtern besiegt worden, daß er die Zeichen seiner Tapferkeit und Würde nicht mehr tragen darf?“

„Von einem Bleichgesichte nur, aber von demjenigen, dessen Faust schwerer ist als die Hände von hundert weißen Männern.“

„Das könnte nur Old Shatterhand sein.“

„Er ist es.“

„Uff!“ entfuhr es dem Alten, und „uff!“ stimmten die andern ein. Dann fragte er. So hat der „große Wolf“ diesen berühmten Weißen gesehen?“

„Ihn und noch viele andre, Old Firehand, Winnetou, den langen und den dicken Jäger, einen Trupp, wohl fünfmal zehn Köpfe stark. Ich bin gekommen, Euch ihre Skalpe zu bringen.“

Der Indianer soll seine Gefühle verbergen können; besonders wird dies von den Alten und Häuptlingen verlangt; aber das, was diese vier Anführer jetzt hörten, erschütterte ihre Selbstbeherrschung derart, daß sie in Ausrufungen der Freude, der Verwunderung und des Staunens ausbrachen. Das Gesicht des Alten nahm einen solchen Ausdruck der Spannung an, daß fast keine Falte mehr zu bemerken war.

„Der „große Wolf“ mag erzählen!“ forderte er den Genannten auf.

Dieser kam der Aufforderung nach. Sein Bericht war nicht mit der Wahrheit übereinstimmend; er war bemüht, sich und sein Thun in ein gutes Licht zu stellen. Die andern saßen regungslos und hörten dem Erzähler mit größter Aufmerksamkeit zu. Als er geendet hatte, fragte der Älteste der Häuptlinge: „Und was will der „große Wolf“ jetzt thun?“

„Du wirst mir noch fünfzig Krieger geben, mit denen ich diese Hunde überfalle. Ihre Skalpe müssen noch vor der Morgenröte an unsern Gürteln hangen.“

Die Falten des Alten kamen wieder zum Vorschein; seine Brauen zogen sich zusammen, und seine Adlernase schien doppelt so dünn und scharf zu werden. „Noch vor der Morgenröte?“ fragte er. „Sind das Worte eines roten Kriegers? Die Bleichgesichter haben uns überfallen, beraubt und unsre Männer getötet. Jetzt ziehen sie mit Macht heran, unser Blut zu vergießen und rufen auch die Scharen der Navajos herbei. Sie haben es auf unsern Untergang abgesehen, und nun der große Geist die Berühmtesten und Vornehmsten von ihnen in unsre Hände gegeben hat, sollen sie schnell und schmerzlos sterben wie ein Kind im Arme der Mutter. Was sagen meine roten Brüder zu diesen Worten des „großen Wolfes“?“

„Die Weißen müssen an den Marterpfahl,“ antwortete der eine Häuptling. „Wir müssen sie lebendig fangen,“ meinte der zweite.

„Je berühmter sie sind, desto größer sollen ihre Qualen sein,“ fügte der dritte hinzu.

„Meine Brüder haben gut gesprochen,“ lobte der Alte. „Wir werden diese Hunde lebendig ergreifen.“

„Der alte Häuptling mag bedenken, welche Männer unter ihnen sind!“ warnte der „große Wolf“. „Old Shatterhand drückt den Kopf eines Büffels nieder, und Old Firehand ist nicht schwächer. In ihren Waffen stecken alle bösen Geister. Und Winnetou ist ein großer Krieger – –“

„Aber ein Apache!“ fiel der Alte zornig ein. „Gehören die Navajos, welche gegen uns heranziehen, etwa nicht zu den Apachen? Er ist unser Todfeind und soll mehr gemartert werden als die Bleichgesichter. Ich weiß, welche Kräfte und Geschicklichkeiten diesen berühmten Bleichgesichtern gegeben sind, aber wir haben Krieger genug, sie zu erdrücken. Du hast das erste Recht zur Rache und sollst also der Anführer sein. Ich gebe dir dreihundert Krieger mit, und du wirst mir die Bleichgesichter lebendig bringen.“

„Darf ich mir dann, wenn sie an den Marterpfahl gebunden werden, die Skalpe von Old Firehand, Old Shatterhand und Winnetou nehmen?“

„Sie gehören dir, aber nur dann, wenn kein Weißer vorher getötet wird. Der vorzeitige Tod eines jeden bringt uns um die Wonne, ihre Qualen sehen zu können. Du hast bereits fünfzig Männer bei dir; da kommen auf jeden Weißen sieben Rote. Wenn ihr euch gut anschleicht, so muß es euch gelingen, sie zu umschlingen und zu binden, bevor sie recht erwachen. Nehmt genug Riemen mit! Jetzt komm; ich werde wählen, wer dich begleiten soll. Die Zurückbleibenden werden sich grämen; aber sie sollen dafür die vordersten an den Marterpfählen sein.“

Sie standen auf und machten einen Rundgang von Feuer zu Feuer, um die Auserwählten zu bestimmen. Bald waren dreihundert Mann beisammen und außerdem noch fünfzig zur Bewachung der Pferde, welche ja nicht ganz bis hin zu den Weißen mitgenommen werden konnten. Der „große Wolf“ erklärte diesen Leuten, um was es sich handelte, beschrieb ihnen die Situation genau und setzte ihnen dann seinen Angriffsplan auseinander. Dann stiegen die Roten auf und begannen ihren für die Weißen so verhängnißvoll sein sollenden Ritt. Die Namen Old Firehand, Old Shatterhand und Winnetou klangen in aller Ohren. Welch ein Ruhm, solche Helden gefangen und an den Marterpfahl gebracht zu haben!

Es ging genau denselben Weg zurück, den der „große Wolf“ gekommen war, doch nur bis in den Hauptcanon. Dort stieg man ab, um die Pferde unter dem Schutze der Fünfzig zurückzulassen. Bei der gegebenen Übermacht konnte das Unternehmen fast völlig gefahrlos genannt werden. Dennoch war das Gelingen nicht zu garantieren, und zwar in Rücksicht auf die Pferde. Der „große Wolf“ wußte nur zu gut, daß die Pferde der Weißen einen anschleichenden Roten leicht mit der Witterung nehmen. Bei einer Schar von dreihundert Indianern war anzunehmen, daß die Pferde die Annäherung derselben durch große Unruhe und lautes Schnauben verraten würden. Was war dagegen zu thun? Der Häuptling sprach diese Frage nicht leise für sich aus, sondern laut, so daß es die Umstehenden hörten. Da bückte sich einer derselben nieder, riß eine Pflanze aus, hielt sie ihm hin und sagte: „Hier ist ein sicheres Mittel, den Geruch irre zu führen.“

Der Häuptling erkannte die Pflanze an dem Dufte derselben. Es war Salbei. Es gibt im fernen Westen Strecken, viele Quadratmeilen groß, welche ganz mit Salbei bedeckt sind. Auch in diesem Canon, dessen Grund die Sonne erreichen konnte, stand die Pflanze in Massen. Der Rat war gut und wurde sofort befolgt. Die Roten rieben ihre Hände und Kleider mit Salbei ein. Das gab einen so starken Duft, daß alle Hoffnung auf die Täuschung der Pferde vorhanden war. Außerdem bemerkte der „große Wolf“, daß der geringe Luftzug, welchen es gab, von abwärts heraufkam, also den Roten zu Gunsten. Diese hatten sich in Anbetracht ihrer numerischen Überlegenheit nicht mit Schießgewehren, sondern nur mit den Messern bewaffnet. Es galt, die Weißen so zu überrumpeln und zusammenzudrücken, daß es zu gar keinem Kampfe kommen konnte.

Nun wurde der Weitermarsch zu Fuße angetreten, ein Weg von drei englischen Meilen. Zunächst konnte man rüstig vorwärts schreiten; aber als zwei Meilen zurückgelegt waren, galt es, vorsichtiger zu sein.

Erst jetzt kam dem Häuptling der Gedanke, daß die Weißen aus Vorsicht ihr Lager an einem andern Orte aufgeschlagen haben könnten; er wurde durch denselben in eine fast fieberhafte Unruhe versetzt. Weiter ging es und weiter, leise und schlangengleich. Sechshundert Füße, und doch war nicht das mindeste Geräusch zu vernehmen; kein Steinchen wurde von seinem Orte bewegt, kein Zweig geknickt. Da – – da blieb der voranschreitende Wolf stehen. Er sah das Wachtfeuer brennen. Es war gerade die Zeit, in welcher Old Firehand die Posten revidierte. Der Häuptling hatte am Tage gesehen, daß ein solcher ober- und ein andrer unterhalb aufgestellt worden war. Diese Wächter standen jedenfalls jetzt noch; sie waren es, welche zuerst unschädlich gemacht werden mußten.

Er gebot leise Halt und bedeutete nur zweien, ihm zu folgen. Sich auf die Erde legend, krochen sie weiter. Bald kamen sie zu dem oberen Posten, er sah Old Firehand nach, der ihn soeben verlassen hatte und kehrte den Roten den Rücken zu. Plötzlich legten sich zwei Hände um seinen Hals und vier andre ergriffen ihn an den Armen und Beinen. Er konnte nicht atmen, die Besinnung schwand ihm, und als er wieder zu sich kam, war er gefesselt und in dem Munde steckte ein Knebel, welcher ihn am Schreien verhinderte. Neben ihm saß ein Indianer, welcher ihm die Spitze seines Messers auf die Brust gesetzt hielt. Das erkannte er, obgleich der Schein des Mondes nicht herunter auf die Sohle des Canons drang.

Inzwischen war das Feuer verlöscht, und der Häuptling hatte abermals zwei Krieger zu sich beordert. Es galt dem untern Posten. Man mußte also am Lager vorüber. Da dasselbe diesseits des Wassers lag, so war es geraten, den Weg jenseits desselben zurückzulegen. Die drei wateten hindurch und krochen drüben weiter, ein nicht sehr gefährliches Beginnen. Es war anzunehmen, daß beide Posten in gleicher Entfernung von dem Lager placiert seien, und so konnte man leicht berechnen, welche Strecke zurückgelegt werden mußte. Das Wasser schimmerte phosphoreszierend, und das Plätschern konnte zum Verräter werden. Darum krochen die Roten noch eine Strecke weiter, gingen dann hinüber, legten sich wieder nieder und schoben sich dann auf Händen und Füßen wieder aufwärts. Nicht lange, so sahen sie den Posten; er stand sechs Schritte von ihnen, das Gesicht zur Seite gekehrt. Noch eine kurze Minute, ein Sprung, ein leises, kurzes Stampfen, und auch er war überwältigt. Die zwei Roten blieben bei ihm zurück, und der „große Wolf“ ging allein über das Wasser, um nun den Hauptschlag auszuführen. Die Pferde standen in zwei Gruppen zwischen dem Lager und den beiden Posten. Sie hatten sich bis jetzt vollständig ruhig verhalten; es war aber nicht anzunehmen, daß dies auch fernerhin geschehen werde. Sie mußten, falls die Indianer nahe an ihnen vorüberkamen, trotz des Salbeigeruches Verdacht schöpfen. Darum hielt der „große Wolf“ es für geraten, seine Leute auch über das Wasser gehen zu lassen. Dies geschah mit wirklich meisterhafter Geräuschlosigkeit. Drüben angekommen, legten sich alle nieder, um die Strecke von hundert Schritten kriechend zurückzulegen, bis sie sich dem Lager gegenüber befanden. Die größte Schwierigkeit dabei lag in der Überwindung des Umstandes, daß sich so viele Menschen auf engem Raum zusammengedrängt bewegen mußten, und zwar vollständig unhörbar. Als sie nun nebeneinander lagen, den Menschen und Pferden gegenüber, begannen die letzteren doch unruhig zu werden. Es galt, schnell zu handeln. Von einem leisen Überschreiten des Wassers konnte keine Rede sein.

„Vorwärts!“ erklang die unterdrückte und doch von allen Roten vernehmbare Stimme des „großen Wolfes“.

Das Flüßchen wurde schnell übersprungen. Keiner der Weißen war noch wach; sie lagen alle im ersten Schlafe. Die nun folgende Scene ist nicht zu beschreiben. Die Bleichgesichter lagen nahe bei einander, so daß die dreihundert Indianer gar nicht Raum für ihre Bewegungen hatten. Ihrer fünf und sechs und noch mehr warfen sich auf einen Weißen, rissen ihn empor und schleuderten den Schlaftrunkenen den hinter ihnen Stehenden zu, um augenblicklich einen zweiten, dann dritten und vierten zu erfassen. Das kam über die Schlafenden so schnell, daß sie sich in der Gewalt der Indianer befanden, ehe sie nur recht wach geworden waren.

Und ganz entgegengesetzt dem Brauche der Indianer, jeden Angriff mit einem Kriegsgeheule zu begleiten, arbeiteten diese Utah fast vollständig lautlos, und erst dann, als die Weißen laut wurden, erhoben auch sie ihr gellendes Geschrei, welches weithin durch die Nacht erklang und von den Wänden des Canons vervielfältigt zurückgeworfen wurde.

Dabei gab es ein Gewühle von Körpern, Armen und Beinen, welche in der Finsternis nicht voneinander zu unterscheiden waren. Nur drei einzelne Gruppen waren trotz der Dunkelheit einigermaßen zu erkennen, drei Gruppen, welche nicht weit voneinander entfernt sich hart an der Felsenwand bewegten. Die Mittelpunkte derselben waren Old Firehand, Old Shatterhand und Winnetou, welche infolge ihrer großen Geistesgegenwart und Erfahrenheit nicht in der Weise wie die andern hatten überrumpelt werden können. Sie waren aufgesprungen und hatten mit dem Rücken gegen die Felswand Deckung gesucht. Nun vertheidigten sie sich mit den Messern und Revolvern gegen die übermächtigen Feinde, welche sich ihrer Klingen nicht bedienen durften, weil die Weißen lebendig gefangen werden sollten. Die drei mußten doch trotz ihrer berühmten Geschicklichkeit, Gewandtheit und Körperkraft unterliegen. Sie wurden von den Roten so eng umdrängt, daß es ihnen schließlich unmöglich wurde, die Arme zur Abwehr zu bewegen. Sie wurden auch niedergewürgt und wie ihre Gefährten gebunden. Ein markdurchdringendes Geheul der Roten verkündete, daß der Überfall gelungen sei.

Nun gebot der „große Wolf“, ein Feuer anzuzünden. Als die Flamme desselben den Kampfplatz beleuchtete, ergab es sich, daß unter den Stichen und Schüssen der drei vorhin Genannten über zwanzig Rote verwundet oder gar getötet worden seien.

„Dafür sollen diese Hunde zehnfache Qualen erdulden!“ zürnte der Häuptling. „Wir schneiden ihnen das Leder in Streifen vom Leibe. Sie alle sollen eines schauderhaften Todes sterben, und nicht einer von ihnen wird die Sterne des morgenden Abends schauen. Nehmt die Toten, die Pferde und die Waffen der Bleichgesichter. Wir müssen zurückkehren.“

„Wer soll die Wunderbüchse des weißen Jägers anrühren?“ fragte einer. „Sie geht von selber los und tötet denjenigen, welcher sie angreift, und noch viele andre dazu.“

„Wir lassen sie liegen und errichten auf ihr einen Steinhaufen, damit kein roter Mann die Hand an sie legt. Wo ist sie?“

Man suchte nach ihr, ohne sie zu finden; sie war verschwunden. Als der „große Wolf“ Old Shatterhand nach ihr fragte, gab dieser keine Antwort. Als er vorhin im Kampfgewühle erwacht und aufgesprungen war, hatte man ihm den Stutzen aus der Hand gerissen und fortgeschleudert. Der Häuptling ließ Feuerbrände nehmen, um das klare, durchsichtige Wasser des Baches zu beleuchten. Derselbe war so seicht, daß man jedes auf seinem Grunde liegende Steinchen erkennen konnte, aber der Stutzen wurde nicht gesehen. Die Yampa-Utahs hatten das Gewehr am Tage in den Händen Old Shatterhands gesehen und konnten das Verschwinden desselben nicht begreifen. Vielleicht lag es in der Felsenspalte. Man untersuchte diese eine weite Strecke hinein, natürlich mit Hilfe von Bränden, doch auch vergeblich. Die Folge war, daß selbst diejenigen Roten, welche bisher noch gezweifelt hatten, daß das Gewehr Old Shatterhands übernatürliche Eigenschaften besitze, sich jetzt der Meinung der andern anschlossen. Die Zauberbüchse konnte, solange man hier verweilte, ihre unbegreiflichen Kräfte zur Geltung bringen, darum gebot der „große Wolf“, welchem es selbst unheimlich wurde: „Bindet die Gefangenen an die Pferde, und dann fort von hier! Ein böser Geist hat das Zaubergewehr verfertigt. Wir dürfen nicht hier bleiben, bis es uns seine Kugeln sendet.“

Diesem Befehle wurde augenblicklich Folge geleistet, und als die Roten aufbrachen, war seit dem Beginn des Kampfes nicht viel über eine Stunde vergangen.

„Nicht einer von ihnen wird die Sterne des morgenden Abends schauen,“ hatte der Häuptling gesagt. Er glaubte, daß alle Weißen in seine Hände geraten seien, und doch war dies nicht der Fall. Es wurde bereits gesagt, daß Old Firehand einen Wachtposten in den Felsenspalt beordert habe, um einen Überfall durch die etwa zurückkehrenden Yampa-Utahs zu verhüten. Dieser Posten war – Droll, welcher erst nach zwei Stunden abgelöst werden sollte. Der Hobble-Frank hatte sich ihm freiwillig angeschlossen, um mit ihm von der lieben Heimat zu plaudern. Sie saßen, natürlich mit allen ihren Waffen versehen, in tiefer Finsternis, unterhielten sich flüsternd und lauschten zuweilen in den Felsenriß zurück, ob sich dort etwas hören lasse. Sie fühlten nicht die mindeste Müdigkeit, und es gab so viel zu erzählen, daß ihnen der Stoff gar nicht ausgehen konnte.

Da plötzlich hörten sie am Ausgange des Spaltes ein Geräusch, welches sehr geeignet war, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

„Horch!“ flüsterte Frank dem „Vetter“ zu. „Hast du was gehört?“

„Ja, ich hab’s gehört,“ antwortete die Tante ebenso leise. „Was is das gewesen?“

„Es müssen mehrere von unsern Leuten offgeschtanden sein.“

„Nee, das is es nich. Das müsse viele, viele Menschen sein. Das is ee Fußgeschtrampel von wenigstens zweehundert – – –“

Er hielt erschrocken inne, denn jetzt waren die Überfallenen erwacht und erhoben ihre Stimme.

„Donner und’s Messer, das is Kampf!“ fuhr der Hobble-Frank auf. „Ich gloobe, wir sind mehrschtenteels überfallen worden!“

„Ja, überfalle sind wir worde!“ stimmte Droll bei. „Das müsse rote Halunke sein, wenn’s nötig is!“

Der nächste Augenblick bewies, daß diese Vermutung die richtige war, denn es erscholl das Kampfgeheul der Indianer.

„Gott schteh uns bei; sie sind’s wirklich!“ rief Frank. „Droff, off sie! Komm rasch hinaus!“

Er ergriff den Arm Drolls, um ihn mit sich fortzuziehen; aber dieser wegen seiner Pfiffigkeit bekannte Jäger hielt ihn zurück und sagte, vor Aufregung allerdings beinahe zitternd:

„Bleib da! Nich so schnell hinaus! Wenn die Indianersch itzt bei Nacht eenen Überfall unternehme, so sind ihrer so viele beisamme, daß mer so vorsichtig wie möglich zu sein hat. Wolle erscht sehe, wie de Sache schteht. Nachher wisse mer, was mer zu mache habe. Mer müsse uns niederlege und vorwärts krieche.“

Dies thaten sie. Sie schoben sich an Händen und Füßen bis zum Ausgang hin. Da erkannten sie trotz der Dunkelheit, daß ihre Gefährten verloren seien. Die Übermacht der Roten war zu groß. Links von ihnen war der Kampf entbrannt. Die Schüsse Firehands, Shatterhands und Winnetous knallten, aber nicht lange Zeit, dann ertönte der hundertstimmige Siegesruf der Roten. Gerade vor dem Ausgange der Spalte war freie Bahn.

„Rasch hinter mir her und übersch Wasser nüber!“ raunte Droll dem Vetter zu.

Er kroch so schnell und vorsichtig wie möglich auf der Erde hin. Frank folgte ihm. Dabei berührte die Hand des letzteren einen harten, langen Gegenstand; dieser war ein Gewehr mit Kugelschloß. „Old Shatterhands Henrystutzen!“ durchzuckte es ihn. Er nahm das Gewehr mit. Die beiden kamen glücklich an das Wasser und dann an das andre Ufer desselben. Dort ergriff Droll den Hobble-Frank bei der Hand und zog ihn fort, abwärts, in südlicher Richtung. Die Flucht gelang ihnen, weil es so finster war und weil ihre Schritte bei dem Geschrei der Indianer nicht gehört werden konnten. Bald aber wurde der Raum zwischen Wasser und Felsen so enge, daß Droll riet: „Mer müsse wieder nüber ans linke Ufer. Da wird die Bahn wohl breeter sein.“

Sie wateten hinüber. Zu ihrem Glücke befanden sie sich schon weit unterhalb der Stelle, wo der Posten gestanden hatte. Sie gingen oder vielmehr sie rannten weiter, bald an die Felsenwand, bald an im Wege liegende Steine stoßend, bis sie die Stimmen der Indianer nicht mehr hörten; da hielt der Hobble-Frank seinen Gefährten an und sagte in vorwurfsvollem Tone: „Nun halte endlich mal schtille, du Tausendsapperlot! Warum biste denn eegentlich fortgerannt und hast mich schmählich verführt, mitzuloofen! Das is doch gegen alle Pflicht und Kameradschaftlichkeet! Haste denn gar keene Ambition im Leibe?“

„Ambition?“ antwortete Droll, wegen seines Körperumfanges vom Laufen beinahe atemlos. „Die habe mer wohl im Leib, aber wer de Ambition behalte will, der muß vor alle Dinge den Leib ze rette suche. Darum bin ich fortgerannt.“

„Aber das war doch eegentlich gar nich erlaubt!“

„So? Warum soll das nicht erlaubt gewese sein?“

„Weil es unsre Pflicht war, unsre Freunde zu retten.“

„So! Und off welche Weise hättest se denne rette wolle?“

„Wir hätten uns off diese Roten werfen müssen, um sie zusammenzuhauen und niederzuschtechen.“

„Hihihihi! Zusammenhaue und niederschteche!“ lachte Droll in seiner eigenartigen Weise. „Da hätte mer weiter nischt erreicht, als daß mer ooch mit gefange worde wäre.“

„Gefangen. Meenste etwa, daß unsre Gefährten nur gefangen worden sind, nicht erschossen, erschtochen und erschlagen?“

„Nee, umgebrunge hat mer se nich, das schteht fest. Ich weeß es genau.“

„Das könnte mich beruhigen!“

„Gut, so beruhige dich. Haste denn Schüsse gehört?“

„Ja.“

„Und wer is es denn, der geschosse hat? Etwa de Indianersch?“

„Nee, denn was ich hörte, das waren Revolverschüsse.“

„Also! De Indianersch habe ihre Gewehre gar nich gebraucht; es is also ihre Absicht gewest, de Bleichgesichter bei lebendige Leibe gefange ze nehme, um se schpäter desto mehr martern ze könne. Darum bin ich fort. Jetzt sind wir zwee beede gerettet und könne für unsre Leute mehr thun, als wenn mer mit gefange genomme worde wäre.“

„Da haste recht, Vetter, da haste recht! Es fällt mir een gewaltiger Schteen vom Herzen. Soll es etwa von dem weltberühmten Hobble-Frank heeßen, daß er, während seine Kameraden sich in Lebensgefahr befanden, das Hasenpanier angegriffen habe! Bei Leibe nich! Lieber schtürze ich mich ins dickste Kampfgewühl und haue um mich wie een rasender Hufeland. Es is geradezu gräßlich. Wer hätte in seinem schtillen, friedfertigen Temparamente ahnen können, daß so etwas geschehen werde! Ich bin ganz außer mir!“

„Ooch ich bin ganz ergriffe und erschrocke; aber verblüffe laß ich mich dennoch nich. Solche Leute wie Winnetou, Firehand und Shatterhand darf mer nich eher verlore gebe, als bis se in Wirklichkeet verlore sind. Und die sind doch ooch nich mal alleene, sondern es befinde sich Kerle bei ihnen, die Haare off de Zähne habe. Warte mersch also nur ruhig ab!“

„Das is sehre leicht gesagt. Was für Indianer mögen es nur gewesen sein?“

„Utahs natürlich. Der „große Wolf“ is nich in sein Lager zurückgekehrt, sondern er hat gewußt, daß noch andre Utahs sich in der Nähe befinde, und diese herbeigeschafft.“

„Der Halunke! Und vorher hat er mit uns die Friedenspfeife geraucht! Von welcher Seite mag er wohl gekommen sein?“

„Ja, wenn ich das wüßte, dann wäre ich gescheiter, als ich jetzt bin. Da oben am Lagerplatze hält er sich gewiß nich off, sondern er läßt de Gefangene fortschaffe. Da wir nicht wisse, nach welcher Richtung er sich wende wird, so dürfe mer hier nich schtehe bleibe; mer müsse fort, viel weiter fort, bis mer eenen Ort finde, wo mer uns gut verschtecke könne.“

„Und dann?“

„Dann? Nun, mer werde warte, bis es Tag geworde is; dann untersuche mer de Schpure und loofe so lange hinter de Indianersch her, bis mer wisse, was mer für unsre Freunde thun könne. Jetzt aber fort. Komm!“

Er nahm Frank wieder beim Arme und berührte dabei den Stutzen.

„Was?“ fragte er. „Zwee Gewehre haste?“

„Ja. Ich fand, als wir nach dem Wasser krochen, Old Shatterhands Henrystutzen.“

„Das is gut; das is ausgezeichnet. Der kann uns viel Nutze bringe. Aber verschtehste denn ooch, dermit ze schieße?“

„Natürlich! Ich bin so lange bei Old Shatterhand, daß ich sein Gewehr genau so kenne, wie er selbst. Aber jetzt vorwärts! Wenn’s den Roten einfällt, flußab zu reiten, so holen sie uns ein, und wir sind perdüh. Ich aber muß mein teures Leben in acht nehmen, um es für die Rettung meiner Freunde offzuopfern. Wehe den Indianern, und wehe dem ganzen wilden Westen, wenn eenem von unsern Leuten een falsches Haar gekrümmt wird! Ich bin een guter Mensch; ich bin so zu sagen zwee Seelen und een Gedanke; aber wenn ich rabbiat werde, so haue ich die ganze formidable Weltgeschichte in die Pfanne. Du wirst mich schon noch kennen lernen. Ich bin een Sachse. Verschtehste mich! Wir Sachsen sind schtets een schtrategisch amüsantes Volk gewesen und haben in allen Kriegen und diatonischen Schtreitigkeeten die schwersten Prügel ausgeteelt.“

„Oder gekriegt!“ versetzte Droll, indem er den Gefährten fortzog.

„Schweig!“ antwortete dieser. „Ihr Altenburger seid nur Käsesachsen; wir aber an der Elbe sind die richtigen. So lange die menschliche Lippe von Kulturereignissen spricht, sind Moritzburg und Perne die symplegaden Mittelpunkte aller kalospinthechromokrenen Größe und Anschtändigkeet gewesen. Bei Leipzig wurde Napoleon geschlagen, und in Räcknitz bei Dresden is Moreau um seine zwee eenzigen beeden Beene gekommen; an der Weißeritz liegt die Pflanzschtätte der Kühnheet und der Tapferkeet, die ich in meinem Busen konsumiere, und so will ich den Roten nich raten, es bei mir bis zur Berserkerwut kommen zu lassen. Ich bin adstringiert in meinem Zorne und incapabel in meinem Grimme. Morgen, morgen schpreche ich weiter mit euch, morgen, wenn der Schtrahl der erschten Sonne dos à dos mit dem letzten Scheine der Finsternis ins blutige Gefilde schtürzt!“ Er ballte die Faust und schüttelte sie drohend hinter sich. Noch nie im Leben war er so aufgeregt und wütend gewesen wie jetzt; das zeigte sich nicht bloß in seinen Worten, sondern auch in der Weise, wie er jetzt trotz der Finsternis vorwärts stürmte, als gelte es, die Feinde zu ereilen, welche er doch hinter sich hatte.

Und doch war die Richtung, welche die beiden eingeschlagen hatten, die richtige und für sie am besten geeignete, an die Roten zu kommen, wie sie zu ihrer Überraschung später erkennen sollten. Um ja nicht von den Indianern eingeholt zu werden, beschleunigten sie ihre Schritte so sehr, wie es bei der herrschenden Dunkelheit möglich war. Das Wasser rechts und die Felsenwand zur linken Hand, gingen sie immer südwärts, bis nach ungefähr einer Stunde der Canon eine Wendung nach Osten machte. Über dem dadurch gebildeten Winkel erschien zu ihrer rechten Hand und zu ihrer Überraschung der Mond am Himmel, nach welchem empor sich ein freier Blick dadurch öffnete, daß von dieser Seite ein Neben- in den Hauptcanon mündete. Droll blieb stehen und sagte: „Halt! Hier müsse mer überlege, wohin mer uns wende wolle, nach ‚rebber oder nach ’nebber.“

„Darüber kann’s gar keenen Zweifel geben,“ meinte Frank. „Wir müssen in das Nebenthal.“

„Warum?“

„Weil mit absoluter Konsekration anzunehmen is, daß die Roten im Hauptcanon bleiben werden. Verschtecken wir uns in den Nebencanon, so ziehen sie an uns vorüber, und wir können uns dann früh mit obligatorischer Hypnologie an ihre hintersten Fersen heften. Meenste nich?“

„Hm, der Gedanke is nich übel, zumal der Mond grad über dem Seitenthale schteht und uns den Weg beleuchtet.“

„Ja, Luna schtrahlt mir Trost ins Herz und küßt mir die brausenden Schtröme meiner Thränen aus dem vor Wut vertrockneten Gemüte. Folgen wir ihrem süßen Schtrahle! Vielleicht führt uns der traute Schein an eenen Ort, wo wir uns gut verschtecken können, was in unsrer imponderabeln Situation die Hauptsache is.“

Sie sprangen über das Wasser und drangen in den Seitencanon ein, in welchem jetzt kein Wasser floß, doch gab es Anzeichen genug, daß zu einer andern Jahreszeit die ganze Sohle des schmalen Thales ein Wasserbett bildete. Ihre Richtung war jetzt genau westlich. Sie mußten tief in den Canon eindringen, um nicht von den Indianern doch entdeckt zu werden. Wohl eine halbe Stunde lang waren sie demselben gefolgt, als sie plötzlich, auf das angenehmste überrascht, stehen blieben. Die Felswand zu ihrer Rechten hörte nämlich plötzlich auf, um mit einer von Norden kommenden Wand eine scharfe Ecke zu bilden. Da lag nun vor ihnen nicht etwa freies Terrain, sondern Wald, ein wirklicher Wald, wie kein Fremder ihn hier hatte ahnen können. Über nur wenigem Unterholz wölbten sich die Wipfel so dicht, daß das Licht des Mondes nur an einzelnen Stellen durchzudringen vermochte. Es war der Wald des Wassers, in welchem die Utahs ihr Kriegslager aufgeschlagen hatten.

Die Senkung, welche er füllte, zog sich genau von Norden nach Süden, parallel mit dem nicht viel über eine halbe Stunde entfernten Hauptcanon. Zwischen diesem letzteren und dem Walde gab es zwei Verbindungswege, zwei Seitenthäler, ein nördliches, welches der „große Wolf“ benutzt hatte, und ein südliches, durch welches Droll und Frank jetzt gekommen waren. Diese beiden von Osten nach Westen gehenden Nebenthäler bildeten mit dem Hauptcanon und dem Walde ein Rechteck, dessen innere Fläche aus dem hohen, stundenlangen Felsenblocke bestand, in welchen die Gewässer sich ihre senkrechten und mehrere hundert Fuß tiefen Wege eingefressen hatten. „Een Wald, een Forscht, mit richtigen Büschen und Beemen, als ob er von eenem königlich sächsischen Oberförschter angelegt worden wäre!“ sagte Frank. „Besser konnten mersch gar nich treffen, denn das gibt een Verschteck, wie’s im Hauptbuche schteht. Meenste nich?“

„Nee,“ antwortete die Tante Droll. „Dieser Wald kommt mer verdächtig oder gar beinahe färchterbar vor. Ich trau‘ ihm nich.“

„Wieso denn und warum denn? Denkste etwa, daß da Bären ihr nächtliches Difficil offgeschlagen haben?“

„Das weniger. Bären sind grad nich ze färchte, sondern andre Kreature, welche aber genau ebenso gefährlich sind.“

„Was denn für welche?“

„Indianersch.“

„Das wäre dumm; das wäre freilich dumm!“

„Es sollt mich freue, wenn ich mich irre thät‘, aber meine Gedanke werde wohl de richtige sein.“

„Willste wohl die Gewogenheet haben, mir diese Gedanken logisch zu perturbieren?“

Die beiden standen an der Felsenecke, wo es Schatten gab, und hielten die Augen scharf auf den vom Monde beschienenen Waldesrand gerichtet. Dabei fragte Droll: „Wer wird wohl besser wisse, daß hier een Wald is, wir oder die rote Kerls?“

„Die Indianer.“

„Werde se ebensogut wisse wie wir, daß mer sich im Walde am beste verschtecke kann?“

„Natürlich.“

„Habe ich dir nich schon erklärt, daß Indianer in der Nähe sein müsse?“

„Ja, denn bei ihnen hat der „große Wolf“ sich Hilfe geholt.“

„Wo werde nun diese Leute schtecke? Im öden, nackten Canon oder im bequemen Walde?“

„In dem letzteren.“

„Gut, also müsse mer uns hier sehr in acht nehme. Ich bin überzeugt, daß mer Grund habe, sehr vorsichtig zu sein.“

„So meenste wohl, daß wir den Wald vermeiden müssen?“

„Nee, aber offpasse müsse mer. Siehste vielleicht was Verdächtiges?“

„Nee, gar nischt.“

„Ich ooch nich. So wolle mersch also versuche. Rasch ’nüber, und dann unter de Schträucher niedergeduckt und gehorcht, ob sich was regt. Vorwärts!“

Sie sprangen über die lichte, vom Monde beschienene Stelle hinüber. Bei den Bäumen angekommen, kauerten sie sich nieder, um zu lauschen. Sie hörten nichts; kein Blättchen regte sich; aber Droll sog die Luft ein und fragte leise: „Frank, schnuppere mal! Es riecht nach Rooch. Denkste nich?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte; „aber der Geruch is kaum zu bemerken. Es is nur eene halbe Ahnung von eener Viertelschpur von Rooch.“

„Weil’s weit herkommt. Mer müsse de Sache untersuche und uns näher schleiche.“

Sie nahmen sich bei den Händen und schritten langsam und leise vorwärts. Es war dunkel unter dem Kronendache, und sie mußten sich also mehr auf ihren Tastsinn als auf ihr Gesicht verlassen. Je weiter sie vorwärts kamen, desto bemerkbarer wurde der Rauchgeruch: freilich avancierten sie nur langsam. Dem Hobble-Frank mochte doch ein Bedenken gegen ihr gefährliches Unternehmen kommen, denn er fragte flüsternd: „Wär’s nich besser, wir ließen den Rooch Rooch sein? Wir begeben uns ganz nutzlos in eene Gefahr, die mir nicht komprimieren kann.“

„Eene Gefahr is es freilich,“ antwortete Droll, „aber mer müsse es wage. Vielleicht könne mer unsre Freunde rette.“

„Hier?“

„Ja. Falls der „große Wolf“ nich an unserm Lagerplatz bleibe will, wird er grad hierher komme.“

„Das wäre famos!“

„Famos? Na, na, es kann uns das Lebe koste!“

„Das schadet nischt, wenn wir nur unsre Gefährten retten. Jetzt kann es mir nich einfallen, umzukehren.“

„Recht so, Vetter; bist een tüchtiger Kerl. Aber List is besser als Gewalt. Also nur vorsichtig, nur vorsichtig!“

Sie schlichen weiter, bis sie stehen bleiben mußten, weil der Schein eines Feuers zu sehen war. Auch waren unbestimmte Töne, wie ferne Menschenstimmen, zu vernehmen. Der Wald schien sich nun mehr nach rechts auszubreiten. Sie folgten dieser Richtung und erblickten bald noch mehrere Feuer.

„Een großes, großes Lager,“ flüsterte Droll. „Das werde de Utahkrieger sein, welche sich zum Zuge gegen de Navajos versammle. Da sind jedenfalls viele hundert beisamme.“

„Schadet nischt. Wir müssen näher. Ich will wissen, was mit Old Shatterhand und den andern wird. Ich muß – – –“

Er wurde unterbrochen, denn vor ihnen ertönte jetzt plötzlich ein viel-, vielstimmiges Geheul, nicht des Schmerzes oder der Wut, sondern des Jubels.

„Ach! Jetzt bringe se de Gefangene,“ meinte Droll. „Der „große Wolf“ kommt von Nord, und wir komme von Süd. Nun müsse mer unbedingt erfahre, was mer mit ihne anfange will.“

Bis jetzt waren sie in aufrechter Stellung vorwärts geschritten; jetzt mußten sie sich anschleichen. Sie legten sich also auf den Boden nieder und krochen weiter. Nach kurzer Zeit erreichten sie die himmelhoch scheinende Felsenwand, welche die östliche Grenze des Waldes bildete. Ihr entlang schlichen sie sich weiter, indem sie sich nebeneinander hielten. Sie hatten jetzt die Feuer zu ihrer linken Hand und erblickten sehr bald den kleinen See, an dessen Ufer das Feuer der Häuptlinge brannte. „Een Teich oder een See!“ meinte Droll. „Das habe ich geahnt. Wo Wald is, muß ooch Wasser sein. Mer könne nich mehr weiter, weil das Wasser bis an den Felsen geht. Mer müsse also wieder nach links nebber.“

Sie befanden sich am südlichen Ende des Sees, an dessen westlichem Ufer das Feuer brannte, an welchem die Häuptlinge gesessen hatten. Sie krochen am Ufer hin, bis sie einen hohen Baum erreichten, dessen untere Äste man leicht mit den Händen erlangen konnte. Da wurde neue Nahrung in das erwähnte Feuer geworfen; die Flamme loderte hoch empor und beleuchtete die gefangenen Bleichgesichter, welche jetzt gebracht wurden.

„Jetzt müsse mer genau offpasse,“ sagte Droll. „Kannste klettere, Vetter?“

„Wie een Eechhörnchen!“

„Dann roff off den Boom. Von da oben aus habe mer eene viel freiere und schönere Aussicht als hier unten.“

Sie schwangen sich hinauf und saßen dann oben im Laube, so daß selbst der scharfäugigste Indianer sie nicht hätte bemerken können.

Die Gefangenen hatten laufen müssen; also waren sie an den Füßen nicht gefesselt. Sie wurden an das Feuer geführt, wo sich die Häuptlinge, der „große Wolf“ natürlich bei ihnen, wieder niedergelassen hatten. Dieser Indianer hatte die im Gürtel verborgenen Adlerfedern hervorgeholt und wieder in den Schopf gesteckt. Er war Sieger und durfte also sein Abzeichen wieder tragen. Sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke eines hungrigen Panthers auf den Weißen, doch sagte er jetzt noch nichts, da der älteste Häuptling das Recht besaß, zuerst das Wort zu ergreifen.

Der Blick Nanap neavs, des Alten, flog von einem Weißen zum andern, bis er zuletzt an Winnetou halten blieb.

„Wer bist du?“ fragte er ihn. „Hast du einen Namen, und wie heißt der räudige Hund, den du deinen Vater nennst?“

Jedenfalls hatte er erwartet, daß der stolze Apache ihm gar nicht antworten werde; aber Winnetou sagte in ruhigem Tone: „Wer mich nicht kennt, ist ein blinder Wurm, der vom Schmutze lebt. Ich bin Winnetou, der Häuptling der Apachen.“

„Du bist kein Häuptling, kein Krieger, sondern das Aas einer toten Ratte!“ verhöhnte ihn der Alte. „Diese Bleichgesichter alle sollen den Tod der Ehre am Marterpfahle sterben; dich aber werden wir hier in das Wasser werfen, daß dich die Frösche und Krebse verzehren.“

„Nanap neav ist ein alter Mann. Er hat viele Sommer und Winter gesehen und große Erfahrungen gemacht; aber dennoch scheint er noch nicht erfahren zu haben, daß Winnetou sich nicht ungerächt verhöhnen läßt. Der Häuptling der Apachen ist bereit, alle Qualen zu leiden, aber beleidigen läßt er sich von einem Utah nicht.“

„Was willst du mir thun?“ lachte der Alte auf. „Deine Glieder sind gebunden.“

„Nanap neav mag bedenken, daß es für einen freien, bewaffneten Mann leicht ist, grob gegen einen gefesselten Gefangenen zu sein! Aber würdig ist es nicht. Ein stolzer Krieger verschmäht es, solche Worte zu sagen, und wenn Nanap neav dies nicht beherzigen will, so mag er die Folgen tragen.“

„Welche Folgen? Hat deine Nase einmal den stinkigen Schakal gerochen, von dem selbst der Aasgeier nichts wissen will? So ein Schakal bist du. Der Gestank, den du – – –“

Er kam nicht weiter. Es ertönte ein Schrei des Schreckens aus den Kehlen aller Utahs, welche in der Nähe standen. Winnetou war dem Alten mit einem gewaltigen Satze gegen den Leib gesprungen, hatte ihn dadurch hintenüber geworfen, versetzte ihm mit der Ferse einige Hiebe und Tritte auf die Brust und gegen den Kopf und kehrte wieder nach seinem Platze zurück.

Auf den allgemeinen Schrei trat für einen Augenblick eine tiefe Stille ein, so daß man die laute Stimme des Apachen hörte: „Winnetou hat ihn gewarnt. Nanap neav hörte nicht und wird nun nie wieder einen Apachen beleidigen.“

Die andern Häuptlinge waren aufgesprungen, um den Alten zu untersuchen. Die Hirnschale war ihm an der rechten Seite des Kopfes eingetreten und ebenso ein Teil des Brustkastens. Er war tot. Die roten Krieger drängten heran, die Hände an den Messern und blutgierige Blicke auf Winnetou werfend. Man sollte meinen, daß die That des Apachen die Utahs zur heulenden Wut aufgestachelt hätte; dem war aber nicht so. Ihr Grimm blieb stumm, zumal der „große Wolf“ die Hand zurückweisend erhob und dabei gebot: „Zurück! Der Apache hat den alten Häuptling umgebracht, um schnell und ohne Qual zu sterben. Er dachte, ihr würdet nun über ihn herfallen und ihn rasch töten. Aber er hat sich verrechnet. Er soll eines Todes sterben, den noch kein Mensch erlitten hat. Wir werden darüber beraten. Schafft den alten Häuptling in seiner Decke fort, damit die Augen dieser weißen Hunde sich nicht an seiner Leiche weiden! Sie sollen alle an seinem Grabe geopfert werden. Wir werden Old Firehand und Old Shatterhand lebendig mit ihm begraben.“

„Du lebst nicht lange genug, um mich begraben zu können!“ antwortete Old Shatterhand.

„Schweig, Hund, bis du gefragt wirst! Wie willst du die Tage kennen, welche ich noch zu leben habe?“

„Ich kenne sie. Es ist kein einziger mehr, denn morgen um diese Zeit wird deine Seele aus dem Körper gewichen sein.“

„Sind deine Augen so scharf, daß du in die Zukunft zu blicken vermagst? Ich werde sie dir ausstechen lassen!“

„Um zu wissen, wann du stirbst, bedarf es keiner scharfen Augen. Hast du jemals gehört, daß Old Shatterhand die Unwahrheit gesprochen hat?“

„Alle Bleichgesichter lügen, und du bist auch eins.“

„Die Roten lügen; das hast du bewiesen. Wir waren vier Weiße und kämpften mit vier Roten um unser Leben. Im Falle des Sieges sollten wir unsre Gegner töten dürfen und dann frei sein. Wir siegten und schenkten euch das Leben. Dennoch wolltet ihr uns nicht die Freiheit geben. Ihr verfolgtet uns und fielet in unsre Hände. Wir konnten euch das Leben nehmen. Ihr hattet es verdient; wir thaten es doch nicht, weil wir Christen sind. Wir rauchten mit euch die Pfeife des Friedens, und ihr gelobtet uns, bis zum Tode unsre Freunde und Brüder zu sein. Wir ließen euch frei, und zum Dank dafür habt ihr uns überfallen und hierher geschleppt. Wer lügt, ihr oder wir? Aber weißt du, was ich dir sagte, bevor wir gegen Abend im Canon voneinander schieden?“

„Der „große Wolf“ ist ein stolzer Krieger; er merkt sich nie die Worte eines Bleichgesichtes.“

„So will ich sie dir in das Gedächtnis zurückrufen. Ich warnte dich und sagte dir, wenn du dein Wort abermals nicht halten solltest, so werde es dein Tod sein. Du hast dein Versprechen gebrochen und wirst also sterben.“

„Wann?“ grinste der Wolf.

„Morgen.“

„Durch wessen Hand?“

„Durch die meinige.“

„Du hast ein Loch im Kopfe, aus welchem dir das Hirn gelaufen ist!“

„Ich hab’s gesagt, und so wird es geschehen. Zweimal lag dein Leben in meiner Hand; ich schenkte es dir, und du belogst mich trotzdem. Zum drittenmal wird das nicht geschehen. Die roten Männer sollen erfahren, daß Old Shatterhand wohl nachsichtig ist, aber auch zu strafen weiß.“

„Hund, du wirst keinen Menschen mehr bestrafen. Ihr werdet jetzt umzingelt und während der Nacht bewacht. Wir aber werden jetzt über euch beraten, und sobald der Tag anbricht, beginnen eure Todesqualen, welche mehrere Tage währen werden.“

Die Gefangenen wurden nach einer kleinen offenen Stelle des Waldes gebracht, auf welcher ein Feuer brannte; ein Indianer saß dabei, um es zu unterhalten. Man band ihnen nun auch die Füße zusammen und legte sie nieder. Zwölf bewaffnete Krieger standen rundum unter den Bäumen, um den Ort zu bewachen. Eine Flucht war unmöglich oder schien wenigstens ganz und gar unmöglich zu sein.

Droll und Frank hatten von ihrem hohen Sitze aus alles deutlich gesehen. Der Baum, auf welchem sie sich befanden, stand vielleicht hundertfünfzig Schritte weit von dem Feuer der Häuptlinge entfernt, so daß sie auch den größten Teil der Worte, welche gesprochen worden waren, hatten verstehen können. Jetzt nun galt es, die Stelle, nach welcher die Gefangenen geschafft werden sollten, ausfindig zu machen und sich derselben zu nähern.

Eben, als sie von dem Baume stiegen, wurden die erbeuteten Waffen und andern Gegenstände zu den Häuptlingen an das Feuer gebracht und dort niedergelegt. Da diese Sachen keine große Beachtung fanden, so war zu schließen, daß man erst am Tage über die Verteilung derselben entscheiden werde, ein Umstand, welcher der Tante Droll zu großer Beruhigung diente. Am Feuer des Ufers sah man nun nur noch die Anführer. Es mußte irgend einen Grund geben, welcher die andern Krieger nach einer andern Stelle zog. Welcher Grund das war, das sollten Frank und Droll sehr bald erfahren. Es ließen sich eigentümliche, klagende Töne hören. Man vernahm eine Zeitlang eine Solostimme, welcher dann ein Chorus folgte. Das ging ohne Unterbrechung, bald schwächer und bald lauter fort.

„Weeßte, was das is?“ fragte Droll seinen Moritzburger Vetter.

„Das soll wohl die tote Leichenarie für den alten Häuptling sein?“

„Ja. Bei de Utahs beginnen de Gesänge noch ehe de Leiche erkaltet is.“

„Das is uns von Wichtigkeet, denn bei diesem Jammern wird es den Kerls schwer sein, uns zu hören. Wir müssen die Unsrigen unbedingt offsuchen.“

„Was aber dann, wenn mer se gefunde habe? Heraushole könne mer se doch nich!“

„Das is ooch gar nicht nötig, denn sie werden schon selber gehen. Die Hauptsache is, daß wir sie losbinden oder ihre Riemen durchschneiden. Is der Platz, an welchem sie sich befinden, nich weit vom Feuer der Häuptlinge entfernt, wo die Waffen liegen, so haben wir dann gewonnenes Spiel. Een wahres Glück is es, daß es hier unter den Beemen so dunkel is. Die Feuer sind uns nich etwa schädlich, sondern nur nützlich, weil wir da die Geschtalten der Roten leicht erkennen und ihnen aus dem Wege gehen können.“

„Das hat seine Richtigkeet. Also jetzt wieder nieder off de Erde, und dann weiter fort! Ich krieche voran.“

„Warum denn du?“

„Weil ich länger im Westen gewesen bin und mich offs Anschleichen besser verschtehe als du.“

„Ach, rede nich! Bilde dir nur nich solche große Rosinen ein! Ich bin erfahren in allen kontrapretiosen Angelegenheeten des westlichen Daseins. Die ungeheure Anbequemlichkeet, mit welcher ich selbst den schwierigsten Gegenschtand als reenes Kinderspiel begreife, hat mein Offfassungsvermögen zu eener solchen Terpsichorität gebracht, daß es überhaupt gar nischt geben kann, worin ich nich sofort Meester bin. Aber weil du mein geliebter Vetter bist, will ich dir den Vortritt lassen. Aber paß nur genau off! Will dich vorn eener totschtechen, so sag nur eenen Mux, damit ich dir von hinten beischtehen kann. Ich laß dich nich im Schtich!“

Der kleine Sachse bewies jetzt wirklich, daß er bei Old Shatterhand in einer vortrefflichen Schule gewesen war. Er machte seine Sache ausgezeichnet. Trotzdem er zwei Gewehre zu tragen hatte, bewegte er sich gewandt und geräuschlos vorwärts. Sein Vordermann hatte freilich den schwierigeren Teil der Aufgabe zu überwinden, welcher darin bestand, jeden Gegenstand, welcher zur Deckung geeignet war, zu benutzen.

Sie kamen vielleicht in einer Entfernung von fünfzig Schritten an den Häuptlingen vorüber und wendeten sich nach dem nächsten Feuer, welches glücklicherweise dasjenige war, an welchem die Gefangenen lagen. Droll sagte sich natürlich, daß dieselben nicht an einer dunkeln Stelle zu suchen seien. Sicher, wenn auch langsam, aber doch stetig kamen sie näher, was freilich nicht ohne alle Gefahr bewerkstelligt werden konnte. Es kam einigemale vor, daß ein Roter ganz nahe an ihnen vorüberhuschte. Einmal mußte Frank sich blitzschnell zur Seite werfen, um nicht von dem Fuße eines vorbei eilenden Indianers berührt zu werden. Später aber hörte dieses Hin- und Herlaufen auf. Diejenigen, welche den Totengesang übernommen hatten, hockten um die Leiche, und die andern hatten sich ausgestreckt, um eine Stunde zu schlafen.

So gelangten die beiden bis hinter die Wachen, welche den Platz der Gefangenen umstanden. Droll lag hinter einem Baume und Frank hinter dem nächsten. Der Mann, welcher das Feuer zu unterhalten hatte, war einmal fortgegangen, um bei der Leiche in das Klagelied einzustimmen, und einige der zwölf Wächter hatten dasselbe gethan. Die Flamme war zusammengesunken und gab ein sehr ungenügendes Licht. Die Gestalten der Gefangenen waren kaum zu erkennen. Droll kroch einige Schritte nach rechts, dann eine kleine Strecke weit nach links, ohne aber einen Wächter zu erblicken. Als er dann zu Frank zurückkam, flüsterte er diesem zu: „Der Oogenblick scheint mer günstig zu sein. Siehste Old Shatterhand?“

„Ja. Er is ja hier gleich der erschte.“

„Kriech zu ihm hin und bleib so steif bei ihm liegen, als ob du ooch gefesselt wärscht!“

„Und du?“

„Ich mach mich zu Old Firehand und Winnetou, die da drüben liegen.“

„Das is gefährlich!“

„Ooch nich mehr als hier. Was wird Old Shatterhand für Freede habe, wenn er seinen Stutzen wieder hat! Mach schnell!“

Der Hobble-Frank hatte keine große Strecke, höchstens acht Schritte zurückzulegen. Eben fiel die Flamme so weit nieder, daß es schien, als ob das Feuer vollständig verlöschen wolle; es wurde so dunkel, daß man die Gestalten der Gefangenen nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Einer der Wächter ging hin, um neues Holz aufzulegen; aber ehe dasselbe vom Feuer ergriffen wurde, hatten Droll und Frank die Dunkelheit benutzt; beide befanden sich an Ort und Stelle.

Frank hatte sich neben Old Shatterhand gelegt. Er streckte die Beine aus, als ob er gefesselt sei, schob seinem Nachbar den Henrystutzen hin und zog dann die Arme an, damit die Wächter denken sollten, sie seien ihm an den Leib gebunden.

„Frank, du?“ fragte Old Shatterhand leise, aber nicht etwa im Tone des Staunens. „Wo ist Droll?“

„Drüben liegt er, bei Firehand und Winnetou.“

„Gott sei Dank, daß ihr die Fährte gefunden habt und noch vor Tage kommen konntet!

„Wußten Sie denn, daß wir kommen würden?“

„Natürlich! Als die Kerle das Feuer anbrannten, sah ich, daß ihr nicht unter den Gefangenen waret.“

„Wir konnten doch noch in der Spalte schtecken und ergriffen werden!“

„Pshaw! Die Roten suchten ja dort nach meinem Gewehre. Ich hatte Angst, ob sie euch drin finden würden; aber sie kamen ohne euch heraus, und mein Stutzen war verschwunden; das sagte mir alles. Ich habe so fest geglaubt, ihr werdet uns nicht verlassen, daß ich dem „großen Wolfe“ mit dem Tode gedroht habe.“

„Das is kühn!“

„Lieber Frank, nur dem Kühnen gehört die Welt!“

„Ja, dem Kühnen und dem Hobble-Frank. Habe ich meine Sache nich tribunal gemacht? Sind wir unsern kameradlichen Verpflichtungen und Obliegenheeten nich ganz pizzicato nachgekommen?“

„Ausgezeichnet habt ihr euch verhalten, ausgezeichnet!“

„Ja, ohne uns wären Sie futsch gewesen!“

„Das nun gerade nicht. Du weißt, daß ich mein Spiel erst dann verloren gebe, wenn es wirklich zu Ende ist. Hier aber gibt es nicht nur Karten, sondern sogar noch Trümpfe genug. Wäret ihr nicht gekommen, so hätten wir uns auf andre Weise helfen müssen. Da, schau her!“

Frank blickte zu ihm hin und sah, daß der Jäger ihm die freie Rechte zeigte.

„Diese Hand habe ich schon losgemacht,“ fuhr derselbe fort; „die andre würde in einer Viertelstunde auch frei gewesen sein. Ich habe in meiner kleinen, verborgenen Tasche ein Federmesser, welches von Mann zu Mann gegangen wäre, so daß wir alle in kurzer Zeit unsre Riemen zerschnitten hätten. Dann schnell aufgesprungen und zu den Waffen gerannt, welche drüben bei den Häuptlingen liegen – – –“

„Das wissen Sie auch?“

„Ich wäre ein schlechter Westmann, wenn mir das hätte entgehen können. Ohne Waffen gibt es keine Rettung für uns; also habe ich gleich von Anfang an scharf aufgepaßt, wohin sie gethan wurden. Jetzt vor allen Dingen muß ich wissen, wie ihr hierher gekommen seid. Ihr seid den Roten gefolgt?“

„Nee, das nich; wir sind ja schon viel eher fort als sie.“

„Um sie zu beobachten und ihnen nachzugehen?“

„Ooch nich. Wir sind ganz inflexibel ausgerissen, immer den Canon hinab, bis wir in een Seitenthal kamen, in welches wir uns kompromittieren konnten. Wir hatten die Absicht, dann schpäter beim hellen Tageslicht die Fährte der Roten offzusuchen, um zu sehen, was wir für Sie thun könnten.“

„Ach! So ist es also eigentlich nicht euer Verdienst, daß ihr diesen Wald gefunden habt?“

„Nee, den Wald haben wir eegentlich nich verdient; aber da der Zufall ihn uns eemal entgegengeworfen hat, werden Sie es uns wohl nich übelnehmen, daß wir nachher so frei gewesen sind, Ihnen die schuldige Neujahrsvisite abzuschtatten.“

„Du wirst ironisch.“

„Das weniger; ich möchte hiermit nur kontrahiert haben, daß es keene Leichtigkeet war, uns durch den Wald und diese Roten zu Ihnen hindurch zu assimilieren.“

„Das weiß ich wohl zu würdigen, alter Frank. Ihr habt euer Leben für uns gewagt, und wir werden euch das nie vergessen. Darauf kannst du dich verlassen. Aber, zieh dein Gewehr an dich! Es kann leicht gesehen werden. Und gieb dein Messer her, damit ich meinen Nachbar frei mache; der wird es dann weiterreichen.“

„Und nachher, wenn die Fesseln fort sind, was thun wir dann? Erscht zu den Waffen, nachher zu den Pferden rennen, und dann fort?“

„Nein; wir bleiben.“

„Alle Teufel! Is das Ihr subhastierter Ernst? Da bleiben! Wird das von Ihnen Rettung genannt?“

„Ja.“

„Ich danke! Off diese Weise haben diese Kerle een remorquiertes Geschäft gemacht, denn wenn früh die liebe Sonne erscheint, beschimmert sie zwee Gefangene mehr als in der Mitternacht.“

„Wir werden nicht gefangen sein. Nach den Waffen und dann zu den Pferden laufen, das müßte so schnell geschehen, daß ein heilloser Wirrwarr entstehen würde. Keiner fände in dieser kurzen Zeit sein Gewehr und Messer, sein übriges Eigentum heraus. Die Roten wären über uns, ehe wir an die Pferde kommen könnten. Und wer weiß, ob dieselben noch gesattelt sind. Nein, wir müssen uns sofort hinter unsre Schilder verstecken.“

„Schilder? Ich bin keen Ritter Kunibold von Eulenschnabel; ich habe keenen Harnisch und ooch keen Schild. Und wenn Sie dieses Wort hektoetrisch gebrauchen, so bitte ich um ergebene Offklärung, was ich unter dem Schilde zu verschtehen habe.“

„Die Häuptlinge.“

„Ach, siehste, wie de bist! Das is freilich een großartiger Gedanke!“

„Nicht großartig, sondern sehr naheliegend. Wir setzen uns in den Besitz der Häuptlinge und sind dann sicher, daß uns nichts geschehen wird. Jetzt still. Das Feuer brennt wieder niedrig, und so werden die Wächter es wohl nicht sehen, wenn wir die Arme bewegen.“

Er durchschnitt seine Fesseln und that dasselbe dann bei seinem Nachbar. Dieser gab das Messer weiter. Dasjenige Drolls zirkulierte bereits. Dann ging Old Shatterhands Befehl leise von Mund zu Mund, daß alle zu den Häuptlingen zu eilen hätten, sobald von ihm das Feuer ausgelöscht worden sei.

„Das Feuer ausgelöscht?“ brummte Frank. „Wie wollen Sie das fertig bringen?“

„Paß auf, so wirst du es sehen! Ausgelöscht muß es werden, sonst treffen uns die Kugeln der Wächter.“

Jetzt lagen alle bereit. Old Shatterhand wartete, bis der Mann am Feuer, welcher jetzt wieder dort saß, im Begriff stand, wieder Holz aufzulegen, wodurch die Flamme für kurze Zeit gedämpft wurde. Da sprang er auf, schnellte sich zu ihm hin, schlug ihm die Faust auf den Kopf und warf ihn in das Feuer. Durch ein drei- oder viermaliges Hin- und Herwälzen des Körpers wurde dasselbe ausgelöscht. Das geschah so schnell, daß es finster war, ehe die Wächter den Vorgang recht begriffen. Sie stießen ihre Warnungsrufe zu spät aus, denn schon drangen die Gefangenen durch den Wald dem See entgegen. Old Shatterhand war allen voran; hinter ihm kamen Winnetou und Firehand.

Die Häuptlinge saßen noch immer beratend an ihrem Feuer. Es war eine hochwillkommene Aufgabe für sie, die denkbar fürchterlichsten Qualen, an denen die Weißen und der Apache sterben sollten, in Vorschlag zu bringen und zu besprechen. Da hörten sie zwar den Ruf der Wächter, aber zugleich sahen sie die Gestalten der Befreiten auf sich zukommen – einige Sekunden später waren sie zu Boden geworfen, entwaffnet und gebunden.

Die Weißen griffen nach ihren in der Nähe liegenden Gewehren, ungefragt, ob jeder sein eigenes erwische. Als die Wächter nun unter den letzten Bäumen erschienen, sahen sie ihre Anführer am Boden liegen, und daneben knieten einige Weiße mit gezückten Messern, augenblicklich bereit, die Häuptlinge zu erstechen. Hinter dieser Gruppe standen die andern mit angelegten Gewehren. Die Roten fuhren erschrocken zurück, um ein Wutgeheul auszustoßen, welches die übrigen schnell herbeirief.

Old Shatterhand durfte es nicht zum Angriff kommen lassen. Mit lauter Stimme verkündigte er den Tod der Häuptlinge, sobald man versuche, dieselben zu befreien. Er forderte, daß die Roten sich zurückziehen sollten, worauf er dann mit ihren Anführern in friedlicher Weise verhandeln werde.

Es war ein entscheidender Augenblick, ein Augenblick, an welchem Tod und Leben hing, und zwar nicht von wenigen, sondern von vielen. Die Indianer standen unter dem Schutze der Bäume; die Weißen waren vom Feuer hell beschienen, aber es war gar nicht zu zweifeln, daß beim ersten Schusse die drohenden Messer sich in die Herzen der Häuptlinge senken würden.

„Bleibt dort!“ rief der „große Wolf“ seinen Leuten zu. „Ich werde mit den Bleichgesichtern sprechen.“

„Mit dir haben wir nichts zu verhandeln,“ antwortete ihm Old Shatterhand. „Die andern mögen reden.“

„Warum nicht ich?“

„Weil dein Mund voller Lügen ist.“

„Ich werde die Wahrheit reden.“

„Das versprachest du schon immer, ohne es zu halten. Du hast mir vorhin befohlen, nur dann zu sprechen, wenn ich gefragt werde. Jetzt bin nicht ich mehr dein Gefangener, sondern du bist der meinige, und ich gebe dir ganz denselben Befehl. Wenn du redest, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, bekommst du ohne Gnade das Messer in das Herz gestoßen. – Wie heißest du?“

Diese Frage wurde an den ältesten der Anführer gerichtet. Er antwortete: „Kunpui ist mein Name. Gebt mich frei, so werde ich mit euch sprechen!“

„Frei wirst du sein, aber erst dann, wenn wir gesprochen haben und ihr mit dem, was wir verlangen, einverstanden seid.“

„Was fordert ihr? Die Freiheit?“

„Nein, denn die haben wir bereits und werden sie uns nicht wieder nehmen lassen. Rufe zunächst fünf deiner vornehmsten Krieger herbei!“

„Was sollen sie?“

„Das wirst du nachher hören. Rufe sie schnell, sonst verlieren die Messer, welche über euch gezückt sind, die Geduld!“

„Ich muß mir überlegen, welche ich wähle.“

Das sagte er nur, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, ob es wirklich notwendig sei, den Befehl Old Shatterhands zu befolgen. Das war diesem nicht unlieb, denn während der Pause, welche dadurch entstand, fanden die Weißen Gelegenheit, sich das ihnen geraubte Eigentum anzueignen. Freilich sahen sie sich nicht vollständig befriedigt, denn es gab keinen unter ihnen, dem nicht irgend ein Gegenstand noch fehlte. Endlich nannte Feuerherz fünf Namen, und die Träger der selben mußten herbeikommen, ihre Waffen aber zurücklassen. Sie setzten sich nieder, um zu warten, was nun kommen werde. Sie glaubten, zu vernehmen, was von ihnen verlangt werde, zunächst aber hörten sie etwas andres. Old Shatterhand hatte nämlich, als die Häuptlinge niedergestreckt und gebunden wurden, seinen Stutzen einstweilen fallen lassen; jetzt hob er ihn wieder auf. Das Auge des „großen Wolfes“ fiel auf das Gewehr und voller Entsetzen schrie er auf: „Die Zauberflinte, die Zauberflinte, sie ist wieder da, die Geister haben sie ihm durch die Luft gebracht. Rührt sie nicht an, rührt auch ihn nicht an, sonst kostet’s euch das Leben!“

„Die Zauberflinte, die Zauberflinte!“ hörte man die Stimmen der erschrockenen Yampa-Utahs drüben unter den Bäumen.

Shatterhand gebot dem „Wolfe“ Schweigen und wendete sich an Feuerherz: „Was wir fordern, ist folgendes: Es fehlen uns noch viele Sachen, welche ihr uns abgenommen habt; die gebt ihr uns zurück. Beim Anbruch des Tages reiten wir fort und nehmen die Häuptlinge samt diesen fünf Männern als Geiseln mit. Sobald wir dann überzeugt sein können, daß uns von euch keine Gefahr mehr droht, geben wir diese Leute frei und erlauben ihnen, nach hier zurückzukehren.“

„Uff! Das ist zu viel verlangt,“ antwortete Feuerherz. „Das können wir nicht zugeben. Kein tapferer roter Krieger wird geneigt sein, als Geisel mit den weißen Männern zu gehen.“

„Warum? Was ist schlimmer, ein Geisel zu sein, welcher wieder freigelassen wird, oder ein Gefangener, der so unvorsichtig gewesen ist, sich ergreifen zu lassen? Doch das letztere. Wir sind bei euch gefangen gewesen, und doch hat dies weder unsern Ruhm noch unsre Ehre geschädigt; es haben vielmehr beide gewonnen, indem wir euch bewiesen haben, daß wir selbst dann nicht verzagen, wenn wir von so einer Übermacht ergriffen und in Banden gelegt worden sind. Es ist keine Schande für euch, einen Tag lang mit uns zu reiten, um dann unbeschädigt zurückkehren zu dürfen.“

„Es ist eine Schande, eine große Schande. Ihr befandet euch in unsern Händen, die Marterpfähle sollten mit Tagesanbruch errichtet werden, und nun sind wir die Gefesselten, und ihr schreibt uns Gesetze vor!“

„Wird dies besser dadurch, daß ihr euch weigert, auf mein Verlangen einzugehen? Wird die Schande dadurch eine geringere, daß ihr es zu einem Kampfe kommen laßt, in welchem ihr, die ihr hier sitzet, ganz sicher und außerdem noch viele andre von euch getötet werden? Die Häuptlinge und diese fünf hervorragenden Krieger sterben von unsern ersten Schüssen, und unsre Flinten werden dann schnell weiterfressen. Denkt an meine Zauberbüchse!“

Diese letztere Mahnung schien ganz besonders zu wirken, denn Feuerherz fragte: „Wohin sollen wir euch begleiten? Nach welcher Gegend werdet ihr reiten?“

„Ich könnte dir aus Vorsicht eine Lüge sagen,“ antwortete Old Shatterhand, „aber ich verschmähe das. Wir gehen in die Book-Mountains, hinauf nach dem Silbersee. Wenn wir sehen, daß ihr ehrlich seid, werden wir euch nur einen Tag bei uns behalten. Ich gebe euch jetzt eine Viertelstunde Zeit zum Überlegen. Fügt ihr euch in unsern Willen, so wird euch nichts geschehen; weigert ihr euch aber, so werden unsre Gewehre zu sprechen beginnen, sobald die angegebene Zeit verflossen ist. Ich habe gesprochen!“ Er sagte die drei letzten Worte mit einem Nachdrucke, welcher keinen Zweifel darüber zuließ, daß er sich durch keinerlei Vorstellung von seinem Verlangen abbringen lassen werde. Feuerherz senkte den Kopf. Es war geradezu unerhört, daß diese wenigen Weißen, denen vor einigen Minuten der grausamste Tod gedroht hatte, sich jetzt in der Lage befanden, solche Forderungen zu stellen. Da wurde seine Aufmerksamkeit nach den Bäumen gelenkt, denn dort ließ sich eine halblaute Stimme hören: „Mai ive!“ Diese beiden Worte bedeuten „schau hierher!“ Sie waren nicht gerufen, sondern ziemlich leise gesprochen worden; sie konnten jedem andern als dem Häuptlinge gelten, ihren Ursprung nur dem Zufalle verdanken und für die Weißen ohne alle Bedeutung sein; dennoch richteten Shatterhand, Firehand und Winnetou ihre Augen sofort nach der betreffenden Stelle. Was sie da sahen, mußte sie sehr interessieren. Dort standen zwei Rote, welche eine Decke an deren oberen zwei Zipfeln wie einen vertikalen Vorhang zwischen sich hielten; diesen Vorhang bewegten sie in schnellen, aber gewissen Zwischenräumen auf und nieder. Hinter ihnen sah man den Schein eines der Feuer leuchten. Diese beiden Indianer sprachen mit Feuerherz.

Die Indianer haben nämlich eine Zeichensprache, welche bei den verschiedenen Stämmen eine verschiedene ist. Des Nachts bedienen sie sich dazu glühender Pfeile, mit denen sie in die Luft geschossene Grasbüschel entzünden. Am Tage brennen sie ein Feuer an und halten, um den Rauch zu sammeln, Felle oder Decken darüber. So oft diese Felle und Decken weggenommen oder gelüpft werden, steigt eine Rauchwolke empor, welche das Zeichen bildet. Es ist das eine Art Telegraphie, ganz der unsern ähnlich, denn die Intervalle zwischen den einzelnen Rauchwolken haben eine ganz so bestimmte Bedeutung wie unsre Striche und Punkte. Man darf aber nicht denken, daß ein Stamm stets bei denselben Zeichen bleibt; dieselben werden vielmehr sehr oft verändert, damit den Fremden und Feinden die Entzifferung dieser Zeichensprache so schwer wie möglich werde.

Waren die beiden Roten der Ansicht gewesen, daß man ihr Beginnen nicht beachten werde, so hatten sie sich geirrt. Sobald sie die Decke zu bewegen begannen, trat Winnetou einige Schritte zur Seite, so daß er genau hinter Feuerherz, für welchen diese Zeichen bestimmt waren, zu stehen kam. Die zwei Indianer standen in gerader Linie zwischen diesem und dem Feuer; indem sie die Decke abwechselnd hoben und senkten, ließen sie das Feuer vor den Augen des Häuptlings erscheinen und wieder verschwinden, und zwar in längeren oder kürzeren Zwischenräumen, welche natürlich ihre ganz bestimmte Bedeutung hatten.

Old Firehand und Shatterhand wußten sofort, um was es sich handelte, thaten aber so, als ob sie nichts bemerkten; sie überließen die Enträtselung der Zeichen Winnetou, welcher als geborener Roter darin noch gewandter war als sie.

Das Telegraphieren währte wohl fünf Minuten lang, während welcher Zeit Feuerherz kein Auge von der Stelle, an welcher die beiden standen, verwendete. Dann traten sie auseinander; sie waren mit ihrer Mitteilung zu Ende und dachten wohl nicht, daß sie von ihren Gegnern belauscht worden seien. Feuerherz bemerkte erst jetzt, daß Winnetou hinter ihm stand. Das fiel ihm auf, und er drehte sich besorgt und schnell um, zu sehen, wohin der Apache blickte. Dieser aber war klug genug, sich schnell abzuwenden und so zu thun, als ob die im Mondenscheine schillernde Fläche des Sees seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehme. Feuerherz fühlte sich beruhigt. Winnetou aber trat langsam zu Old Shatterhand und Old Firehand. Diese entfernten sich mit ihm noch einige Schritte weiter, und dann fragte der letztere in leisem Tone: „Die Roten haben zu dem Häuptlinge gesprochen. Hat mein Bruder ihre Worte gesehen und verstanden?“

„Gesehen wohl, aber nicht jedes einzelne verstanden,“ antwortete der Gefragte. „Dennoch ist der Sinn mir klar, denn was ich nicht verstand, das konnte ich mir leicht durch Nachdenken ergänzen.“

„Nun, was haben sie gesagt?“

„Die beiden Roten sind zwei junge Häuptlinge der Sampitsche-Utahs, deren Krieger sich auch mit hier befinden. Sie forderten Feuerherz auf, getrost mit uns zu reiten.“

„So meinen sie es ehrlich? Das sollte mich sehr wundern.“

„Sie sind nicht aufrichtig. Wenn wir nach dem Silbersee wollen, so geht unser Weg von hier aus zunächst über den Grand River und in das Teywipah hinein. Dort lagern viele Krieger der Tasch-, Capote- und Wihminutsche-Utahs, um sich zum Zuge gegen die Navajoes zu versammeln und die hier befindlichen Utahs zu erwarten. Auf diese müssen wir stoßen, und sie werden, wie man meint, uns niederschlagen und die Geiseln befreien. Es sollen gleich jetzt einige Boten an sie gesendet werden, um sie zu benachrichtigen. Und damit wir auf keinen Fall entkommen können, werden die hiesigen Utahs, sobald wir aufgebrochen sind, dieses Waldlager verlassen und uns folgen, damit wir zwischen die beiden Utahheere geraten und unmöglich gerettet werden können.“

„Alle Teufel! Dieser Plan ist nicht übel. Was sagt mein roter Bruder dazu?“

„Ich stimme bei, daß er sehr gut ausgedacht ist; aber er hat einen großen Fehler.“

„Welchen?“

„Den, daß ich ihn belauscht habe. Wir kennen ihn und wissen nun, was wir zu thun haben.“

„Aber in das Hirschthal müssen wir, wenn wir nicht einen Umweg von wenigstens vier Tagen machen wollen.“

„Wir werden keinen Umweg machen, sondern nach diesem Thale reiten, aber trotzdem den Utahs nicht in die Hände fallen.“

„Ist das möglich?“

„Ja. Frage meinen Bruder Old Shatterhand. Ich bin mit ihm im Thal der Hirsche gewesen. Wir waren allein und wurden von einem großen Haufen von wandernden Elk-Utahs gejagt. Wir sind ihnen entkommen, weil wir einen Felsenweg fanden, welchen vielleicht vor und dann auch nach uns kein Mensch betreten hat. Er ist nicht ungefährlich; aber wenn es gilt, zwischen ihm und dem Tode zu wählen, so kann die Wahl doch wohl nicht zweifelhaft sein.“

„Gut, reiten wir diesen Weg. Und was thun wir mit den Geiseln?“

„Die geben wir nicht eher frei, als bis wir das gefährliche Thal der Hirsche hinter uns haben.“

„Aber den „großen Wolf“, wollen wir auch den freigeben?“ fragte Old Shatterhand.

„Willst du ihn töten?“ erkundigte sich Winnetou.

„Er hat es verdient. Ich habe ihm unten im Canon, wo ich ihn begnadigte, gesagt, daß es ihn das Leben kosten werde, wenn er wieder Verrat übe. Er hat trotzdem abermals sein Wort gebrochen, und ich bin der Ansicht, daß wir dies nicht unbestraft hingehen lassen dürfen. Es handelt sich nicht um uns allein. Wenn er nicht bestraft wird, kommt er zu der Ansicht, daß man den Weißen überhaupt nicht Wort zu halten brauche, und das Beispiel eines solchen Häuptlings ist maßgebend für alle andern Roten.

„Mein Bruder hat recht. Ich töte nicht gern einen Menschen; aber der „große Wolf“ hat Euch mehrfach betrogen und also den Tod wiederholt verdient. Lassen wir ihn leben, so gilt das für Schwäche. Bestrafen wir ihn aber, so erfahren seine Krieger, daß man uns das Wort nicht ungestraft brechen darf, und werden künftig nicht mehr wagen, so treulos zu handeln. Aber jetzt brauchen wir noch nichts davon zu erwähnen.“

Nun war die Viertelstunde vergangen, und Old Shatterhand fragte Feuerherz: „Die Zeit ist um. Was hat der Häuptling der Utahs beschlossen?“

„Bevor ich das sagen kann,“ antwortete der Gefragte, „muß ich erst genau wissen, wohin ihr die Geiseln schleppen wollt.“

„Schleppen werden wir sie nicht; sie reiten mit uns. Zwar werden sie gefesselt sein, aber Schmerzen werden wir ihnen nicht bereiten. Wir gehen nach dem Teywipah.“

„Und dann?“

„Hinauf nach dem Silbersee.“

„Und so weit sollen die Geiseln mit euch reiten. Die Hunde der Navajoes können bereits da oben angekommen sein; sie würden unsre Krieger töten.“

„So weit wollen wir sie nicht mitnehmen; sie sollen uns bis in das Thal der Hirsche begleiten. Ist uns bis dorthin nichts geschehen, so nehmen wir an, daß ihr euer Wort gehalten habt, und lassen sie frei.“

„Ist das wahr?“

„Ja.“

„Werdet ihr es mit uns durch die Pfeife des Friedens berauchen?“

„Nur mit dir allein; das genügt, denn du redest und rauchst im Namen der andern.“

„So nimm dein Calumet, und brenne es an.“

„Nimm lieber das deinige.“

„Warum? Ist nicht deine Pfeife ebensogut wie die meinige? Oder bringt die deinige nur Wolken der Unwahrheit zu stande?“

„Umgekehrt ist es richtig. Mein Calumet spricht stets die Wahrheit; aber der Pfeife der roten Männer ist nicht zu trauen.“

Das war eine schwere Beleidigung; darum rief Feuerherz, indem seine Augen vor Zorn funkelten: „Wäre ich nicht gebunden, so würde ich dich töten. Wie darfst du es wagen, unser Calumet zu strafen!“

„Weil ich ein Recht dazu habe. Die Pfeife des „großen Wolfes“ hat uns wiederholt belogen, und du hast dieselbe Schuld auf dich geladen, indem du ihm Krieger gabst, uns zu ergreifen. Nein, es wird nur aus deinem Calumet geraucht. Willst du das nicht, so nehmen wir an, daß du es nicht ehrlich meinst. Entscheide schnell! Wir haben keine Lust, mehr Worte zu verlieren.“

„So bindet mich los, damit ich die Pfeife bedienen kann!“

„Das ist nicht nötig. Du bist Geisel und mußt gefesselt bleiben, bis wir dich im Thal der Hirsche freigeben. Ich selbst werde dein Calumet bedienen und es dir an die Lippen halten.“

Feuerherz zog es vor, nicht mehr zu antworten. Er mußte auch diese Beleidigung auf sich nehmen, da es sich um sein Leben handelte. Old Shatterhand nahm ihm die Pfeife vom Halse, stopfte sie und steckte sie in Brand. Dann stieß er den Rauch gegen oben, unten und die vier Himmelsrichtungen und erklärte dann in kurzen Worten, daß er das zwischen ihm und Feuerherz gegebene Versprechen halten werde, wenn die Utahs auf alle Feindseligkeit verzichteten. Feuerherz wurde auf die Füße gestellt und in die vier Windrichtungen gedreht. Dabei mußte er dieselben sechs Züge aus der Pfeife thun und für sich und die Seinen das Gegenversprechen leisten. Die Zeremonie war damit beendet.

Nun mußten die Utahs die noch fehlenden, den Weißen zurückbehaltenen Gegenstände abliefern. Sie thaten es, denn sie sagten sich, daß sie sehr bald wieder in den Besitz derselben kommen würden. Dann wurden die Pferde der Weißen und der Geiseln gebracht. Das war gerade, als der Tag zu grauen begann. Die Weißen hielten es für geraten, ihren Abzug möglichst zu beschleunigen. Sie mußten sich dabei der äußersten Vorsicht bedienen und durften sich nicht die mindeste Blöße geben, durch welche den Roten irgend ein Vorteil geworden wäre.

Die fünf ausgewählten Krieger und die Häuptlinge wurden auf ihre Pferde gebunden; dann nahmen je zwei Weiße einen von ihnen in die Mitte und hielten die Revolver bereit, sofort zu schießen, falls die Indianer sich gegen die Abführung der Geiseln wehren sollten. Der Zug setzte sich in Bewegung nach dem Seitencanon, aus welchem der Hobble-Frank und die Tante Droll sich in das Lager geschlichen hatten. Die Roten verhielten sich ruhig; nur die finstern Blicke, mit denen sie den Bleichgesichtern folgten, bewiesen, von welchen Gefühlen sie beherrscht waren.

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Zehntes Kapitel

Am Eagle-tail.

Die Arbeiter in Sheridan waren meist Deutsche und Irländer. Sie hatten von all den eben erzählten Vorgängen noch keine Ahnung, da man es doch für möglich hielt, daß der Cornel einen oder einige Kundschafter senden werde, um sie zu beobachten, und da diese aus dem Gebaren der Leute vielleicht hätten schließen und erraten können, daß dieselben unterrichtet seien. Aber als die Stunde des Feierabends gekommen war, teilte der Ingenieur seinem Overseer of the workmen das Nötige mit und gab ihm den Auftrag, die Arbeiter in unauffälliger Weise damit bekannt zu machen und ihnen anzudeuten, daß sie sich möglichst unbefangen zu verhalten hätten, damit etwaige Späher nicht mißtrauisch würden.

Der Schichtmeister war ein New-Hampshireman und hatte ein sehr bewegtes Leben hinter sich. Ursprünglich für das Baufach bestimmt, und auch eine Reihe von Jahren in demselben thätig gewesen, hatte er es nicht zur Selbständigkeit gebracht und darum nach anderm gegriffen, was für den Yankee gar keine Schande ist. Das Glück war ihm aber auch da nicht hold gewesen, und so hatte er dem Osten Valet gesagt und war über den Mississippi gegangen, um dort sein Heil zu versuchen, leider aber mit ganz demselben Mißerfolg. Nun endlich hatte er hier in Sheridan seine jetzige Anstellung, in welcher er die früher erworbenen Kenntnisse verwerten konnte, gefunden, fühlte sich aber keineswegs befriedigt. Wer die Luft der Prairie und des Urwaldes einmal eingeatmet hat, dem ist es schwer, wenn nicht gar unmöglich, sich in geordnete Verhältnisse zu finden.

Dieser Mann, welcher Watson hieß, war außerordentlich erfreut, als er hörte, was geschehen solle.

„Gott sei Dank, endlich einmal eine Unterbrechung dieses alltäglichen, immerwährenden Einerlei!“ sagte er. „Meine alte Rifle hat lange im Winkel gelegen und sich danach gesehnt, wieder einmal ein vernünftiges Wort sprechen zu können. Ich schätze, daß sie heute die Gelegenheit dazu finden wird. Aber, wie ist mir denn? Der Name, den Ihr da genannt habt, kommt mir nicht unbekannt vor, Sir. Der rote Cornel? Und Brinkley soll er heißen? Ich bin einmal einem Brinkley begegnet, welcher falsches, rotes Haar trug, obgleich sein natürlicher Skalp von dunkler Farbe war. Ich habe dieses Zusammentreffen beinahe mit dem Leben bezahlt.“

„Wo und wann ist das gewesen?“ fragte Old Firehand.

„Vor zwei Jahren, und zwar droben am Grand River. Ich war mit einem Mate, einem Deutschen, welcher Engel hieß, droben am Silbersee gewesen, wir wollten nach Pueblo und dann auf der Arkansasstraße nach dem Osten, um uns dort die Werkzeuge zu einem Unternehmen zu verschaffen, welches uns zu Millionären gemacht hätte.“

Old Firehand horchte auf.

„Engel hieß der Mann?“ fragte er. „Ein Unternehmen, welches Euch Millionen bringen sollte? Darf man vielleicht etwas Näheres über dasselbe erfahren?“

„Warum nicht! Wir beide hatten uns zwar das tiefste Schweigen gelobt; aber die Millionen sind in Nichts zerronnen, weil der Plan nicht zur Ausführung gekommen ist, und darum schätze ich, daß ich nicht mehr an das Gelöbnis der Verschwiegenheit gebunden bin. Es handelte sich nämlich um die Hebung eines ungeheuren Schatzes, welcher in das Wasser des Silbersees versenkt worden ist.“

Der Ingenieur ließ ein kurzes, ungläubiges Lachen hören; darum fuhr der Schichtmeister fort: „Es mag das abenteuerlich klingen, Sir; aber es ist trotzdem wahr. Ihr, Mr. Firehand, seid einer der berühmtesten Westmänner und werdet manches erlebt und erfahren haben, was Euch, falls Ihr es erzählen wolltet, niemand glauben würde. Vielleicht lacht wenigstens Ihr nicht über meine Worte.“

„Fällt mir gar nicht ein,“ antwortete der Jäger in ernstestem Tone. „Ich bin gern bereit, Euch allen Glauben zu schenken, und habe meine guten Gründe dazu. Auch ich habe als ganz gewiß erfahren, daß ein Schatz in der Tiefe des Sees liegen soll.“

„Wirklich? Nun, dann werdet Ihr mich nicht für einen leichtgläubigen Menschen oder gar für einen Schwindler halten. Ich schätze, es mit gutem Gewissen beschwören zu können, daß es mit diesem Schatze seine Richtigkeit habe. Der, welcher uns davon erzählte, hat uns gewiß nicht belogen.“

„Wer war das?“

„Ein alter Indianer. Ich habe noch nie einen so ur-, ur-, uralten Menschen gesehen. Er war geradezu zum Gerippe abgezehrt und sagte uns selbst, daß er weit mehr als hundert Sommer erlebt habe. Er nannte sich Hauey-kolakakho, teilte uns aber einst vertraulich mit, daß er eigentlich Ikhatschi-tatli heiße. Was diese indianischen Namen zu bedeuten haben, weiß ich nicht.“

„Aber ich weiß es,“ fiel Old Firehand ein. „Der erstere gehört der Tonkawa-, der zweite der aztekischen Sprache an, und beide haben ganz dieselbe Bedeutung, nämlich „großer Vater“. Sprecht weiter, Mr. Watson. Ich bin außerordentlich begierig, zu erfahren, auf welche Weise Ihr diesen Indianer kennen gelernt habt.“

„Nun es ist eigentlich gar nichts Besonderes, oder gar Abenteuerliches dabei. Ich hatte mich in der Zeit verrechnet und war zu lange in den Bergen geblieben, so daß ich von dem ersten Schnee überrascht wurde. Ich mußte also oben bleiben und mich nach einem Orte umsehen, an welchem ich, ohne verhungern zu müssen, überwintern konnte. Ich ganz allein, tief eingeschneit, das war kein Spaß! Glücklicherweise kam ich noch bis an den Silbersee und erblickte dort eine Steinhütte, aus welcher Rauch aufstieg; ich war gerettet. Der Besitzer dieser Hütte war eben jener alte Indianer. Er hatte einen Enkel und einen Urenkel, Namens der große und der kleine Bär, welche – –“

„Ah! Nintropan-hauey und Nintropan-homosch?“ fiel Old Firehand ein.

„Ja, so waren die indianischen Worte. Kennt Ihr vielleicht diese beiden, Sir?“

„Ja. Doch weiter, weiter!“

„Die beiden „Bären“ waren nach den Wahsatschbergen hinüber, wo sie bis zum Frühjahr bleiben mußten. Der Winter kam allzufrüh, und es war eine vollständige Unmöglichkeit, durch den Massenschnee von dort herüber nach dem Silbersee zu kommen. Jedenfalls waren sie um den Alten in großer Sorge. Sie wußten ihn allein und mußten überzeugt sein, daß er in dieser Einsamkeit zu Grunde gehen müsse. Glücklicherweise kam ich zu ihm, und fand auch schon einen andern in seiner Hütte, eben den vorhin erwähnten Deutschen, Namens Engel, welcher sich gerade so wie ich vor dem ersten Schneesturme hierher gerettet hatte. Ich schätze, daß es geraten ist, mich kurz zu fassen, und will nur sagen, daß wir drei den ganzen Winter miteinander verlebten. Zu hungern brauchten wir nicht; es gab Wild genug; aber die Kälte hatte den Alten zu sehr angegriffen, und als die ersten lauen Lüfte wehten, mußten wir ihn begraben. Er hatte uns lieb gewonnen und teilte uns, um sich uns dankbar zu erweisen, das Geheimnis vom Schatze des Silbersees mit. Er besaß ein uraltes Lederstück, auf welchem sich eine genaue Zeichnung der betreffenden Stelle befand, und erlaubte uns, eine Kopie davon zu machen. Zufälligerweise hatte Engel Papier bei sich, ohne welches wir die Zeichnung nicht hätten erhalten können, weil der Alte das Leder uns nicht geben, sondern dasselbe für die beiden „Bären“ aufbewahren wollte. Er hat es am Tage vor seinem Tode vergraben, doch wo, das erfuhren wir nicht, da wir seinen Willen achteten und nicht nachforschten. Als er dann unter seinem Hügel lag, brachen wir auf. Engel hatte die Zeichnung in seinen Jagdrock eingenäht.“

„Ihr habt nicht auf die Rückkehr der beiden „Bären“ gewartet?“ fragte Old Firehand.

„Nein.“

„Das war ein großer Fehler!“

„Mag sein, aber wir waren monatelang eingeschneit gewesen und sehnten uns nach Menschen. Wir kamen auch bald unter Leute, aber unter welche. Wir wurden von einer Schar Utahindianer überfallen und vollständig ausgeraubt. Sie hätten uns sicher getötet; aber sie kannten den alten Indianer, welcher bei ihnen in großen Ehren gestanden hatte, und als sie erfuhren, daß wir uns seiner angenommen und ihn dann nach seinem Tode begraben hatten, schenkten sie uns das Leben, gaben uns wenigstens die Kleider zurück und ließen uns laufen. Unsre Waffen aber behielten sie, ein Umstand, den wir ihnen nicht danken konnten, da wir ohne Waffen allen Fährlichkeiten, sogar dem Hungertode preisgegeben waren. Glücklicher oder vielmehr unglücklicherweise trafen wir am dritten Tage auf einen Jäger, von welchem wir Fleisch erhielten. Als er hörte, daß wir nach Pueblo wollten, gab er vor, dasselbe Ziel zu haben, und erlaubte uns, uns ihm anzuschließen.“

„Das war der rote Brinkley?“

„Ja. Er nannte sich zwar anders, aber ich habe später erfahren, daß er so hieß. Er fragte uns aus, und wir sagten ihm alles; nur das von dem Schatze und der Zeichnung, welche Engel bei sich trug, verschwiegen wir ihm, denn er hatte kein vertrauenerweckendes Aussehen. Ich kann nicht dafür, aber ich habe stets gegen rothaarige Menschen einen Widerwillen gehabt, obgleich ich schätze, daß es unter ihnen auch nicht mehr Schurken gibt, als unter denjenigen Leuten, deren Köpfe anders gefärbte Skalpe tragen. Freilich hat uns unsre Schweigsamkeit nichts genützt. Da nur er Waffen hatte, so ging er oft fort, um zu jagen, und dann saßen wir beide beisammen und sprachen fast nur von dem Schatze. Da ist er denn einmal heimlich zurückgekehrt, hat sich hinter uns geschlichen und unser Gespräch belauscht. Als er darauf wieder nach Fleisch ging, forderte er mich auf, mitzugehen, da vier Augen mehr sehen als zwei. Nach einer Stunde, als wir uns weit genug von Engel entfernt hatten, sagte er mir, daß er alles gehört habe und uns zur Strafe für unser Mißtrauen die Zeichnung abnehmen werde. Zugleich zog er sein Messer und fiel über mich her. Ich wehrte mich aus Leibeskräften, doch vergeblich, er stieß mir das Messer in die Brust.“

„Schändlich!“ rief Old Firehand. „Er hatte die Absicht, dann auch Engel zu ermorden, um in den alleinigen Besitz des Geheimnisses zu gelangen.“

„Jedenfalls. Glücklicherweise hatte er mich nicht ins Herz getroffen und doch angenommen, daß ich tot sei. Als ich erwachte, lag ich neben einer großen Blutlache im Schoße eines Indianers, der mich gefunden hatte. Es war Winnetou, der Häuptling der Apachen.“

„Welch ein Glück! Da befandet Ihr Euch in den besten Händen. Es scheint, daß dieser Mann allgegenwärtig ist.“

„In guten Händen befand ich mich; das ist wahr. Der Rote hatte mich bereits verbunden. Er gab mir Wasser, und ich mußte ihm, so gut das bei meiner Schwachheit ging, erzählen, was geschehen war. Darauf ließ er mich allein liegen, und ging den Spuren Brinkleys nach. Als er nach mehr als zwei Stunden zurückkehrte, teilte er mir das Resultat seiner Nachforschung mit. Der Mörder war direkt zurück gekehrt, um nun auch Engel zu töten. Dieser hatte aus dem Umstande, daß Brinkley mich mitgenommen hatte, Verdacht geschöpft und war uns heimlich nachgegangen. Was nun geschehen war, das sagten die Spuren deutlich. Er hatte die beabsichtigte Mordthat von weitem bemerkt, doch war er zu weit entfernt gewesen und der Mörder hatte zu schnell gehandelt, als daß er Zeit gefunden hätte, mir zu Hilfe zu kommen. Er wußte nun auch sich in Gefahr, und da er nicht bewaffnet war, so hielt er es für geraten, schleunigst die Flucht zu ergreifen. Als Brinkley mich dann für tot liegen ließ und zurückkehrte, fand er die Fährte des Flüchtigen und folgte ihm nach. Engel ist ihm aber doch entkommen, wie ich später erfahren habe.“

„Ja, er ist entkommen,“ nickte Old Firehand.

„Wie?“ fragte der Schichtmeister. „Ihr wißt das, Sir?“

„Ja. Doch davon später. Erzählt jetzt weiter!“

„Winnetou befand sich auf einem Ritte nach Norden. Er hatte keine Zeit, sich wochenlang mit mir zu befassen, und brachte mich in ein Lager der Timbabatsch-Indianer, mit denen er sich auf freundschaftlichem Fuße befand. Diese pflegten mich, bis ich wiederhergestellt war, und brachten mich dann nach der nächsten Ansiedelung, wo ich gute Aufnahme und alle mögliche Unterstützung fand. Ich habe da ein halbes Jahr lang alle möglichen Arbeiten verrichtet, um mir so viel zu verdienen, um nach Osten gehen zu können.“

„Wohin wolltet Ihr?“

„Zu Engel. Ich nahm an, daß er entkommen sei. Ich wußte, daß er in Russelville, Kentucky, einen Bruder hatte, und wir hatten beschlossen, diesen aufzusuchen, um von dort aus die Vorbereitungen zu unserm Zuge nach dem Silbersee zu treffen. Als ich dort angekommen war, hörte ich, daß dieser Bruder nach dem Arkansas gezogen sei; aber wohin, das konnte mir niemand sagen. Er hatte bei seinem Nachbar einen Brief für seinen Bruder, falls dieser kommen und nach ihm fragen sollte, zurückgelassen. Der letztere war auch eingetroffen und hatte den Brief erhalten, in welchem jedenfalls der neue Wohnort angegeben war; dann war er wieder fort, und den Nachbar gab es auch nicht mehr, da er gestorben war. Ich ging also nach Arkansas und habe den ganzen Staat durchsucht, doch vergeblich. In Russelville aber hatte Engel das Abenteuer erzählt, und meinen Mörder Brinkley genannt. Wie und auf welche Weise er diesen Namen erfahren hatte, das ist mir unbekannt. So, Mesch’schurs, das ist’s, was ich euch zu erzählen hatte. Wenn es mit dem Namen Brinkley seine Richtigkeit hat, so freue ich mich königlich darauf, mit diesem Halunken zusammenzutreffen. Ich schätze, daß ich mit ihm eine Rechnung machen werde.“

„Es gibt noch andre, welche die gleiche Absicht haben,“ bemerkte Old Firehand. „Jetzt ist mir eines noch unklar. Ihr sagtet vorhin, daß Brinkleys rotes Haar falsch sei. Wie könnt Ihr das wissen?“

„Das ist sehr einfach. Als er über mich herfiel und ich mich wehrte, ergriff ich ihn beim Kopfe. Ich hätte ihn gewiß niedergerissen und wäre Sieger geblieben, wenn der Skalp fest angewachsen gewesen wäre; aber ich hielt die lose Perücke in der Hand, und während meines Erstaunens darüber bekam er Zeit, mir das Messer in die Brust zu stoßen. Sein eigenes Haar war, wie ich noch sehen konnte, dunkel.“

„Well! So ist kein Zweifel darüber möglich, daß Ihr es mit dem roten Cornel zu thun gehabt habt. Das ganze Leben und Thun dieses Menschen scheint aus lauter Verbrechen zusammengesetzt zu sein. Hoffentlich gelingt es uns heute, dem ein Ende zu machen.“

„Auch ich wünsche das von ganzem Herzen. Aber Ihr habt mir noch nicht gesagt, wie wir uns des zu erwartenden Angriffes erwehren sollen.“

„Das braucht Ihr jetzt noch nicht zu wissen. Ihr werdet es im geeigneten Augenblicke erfahren. Zunächst haben sich die Arbeiter ruhig zu verhalten; sie mögen sich darauf einrichten, daß es keinen Schlaf für sie geben wird. Auch sollen sie ihre Waffen in Ordnung bringen. Noch vor Mitternacht werden sie einen Bahnzug besteigen, welcher sie an die betreffende Stelle bringen wird.“

„Well, so muß ich mich mit diesem Bescheide begnügen. Euern Anordnungen wird Folge geleistet werden.“

Als jener sich entfernt hatte, erkundigte sich Old Firehand bei dem Ingenieur, ob er vielleicht, zwei Arbeiter habe, welche den beiden gefangenen Tramps in Beziehung auf Gestalt und Gesichtszüge ähnlich seien, auch sollten diese Mut genug besitzen, auf der Lokomotive die Stelle der Gefangenen zu vertreten. Charoy dachte nach und schickte dann seinen Neger fort, um die Personen, welche er für geeignet hielt, herbeizuholen.

Als sie kamen, sah Old Firehand, daß die Wahl, welche der Ingenieur getroffen hatte, eine gar nicht üble sei. Die Gestalten waren fast dieselben, und was die Gesichtszüge betraf, so war vorauszusehen, daß man im Dunkel der Nacht den Unterschied nicht bemerken werde. Es galt nur noch, dafür zu sorgen, daß die Stimmen nicht allzu verschieden klangen. Darum nahm Old Firehand die beiden Arbeiter mit in das Zimmer Hartleys und stellte zum Scheine noch ein kurzes Verhör mit den Tramps an. Die ersteren hörten die Stimmen der letzteren und waren also im stande, sie später nachzuahmen.

Als dies alles besorgt war, beschloß der Jäger, nun einmal zu rekognoszieren, um zu erfahren, ob der rote Cornel vielleicht Kundschafter gesandt habe. Er verließ das Haus und suchte nach Westmannsart die Umgebung ab. Dies geschah natürlich nach der Seite hin, von welcher her sich solche Leute nähern mußten, also in der Richtung nach dem Eagle-tail.

Wenn ein erfahrener Jäger jemand, dessen Stellung er nicht kennt, beschleichen will, so thut er’s nicht ins Blaue hinein, sondern er überlegt sich, welchen Ort sich der Betreffende nach den gegebenen Verhältnissen und Umständen gewählt haben werde. Dies that auch Old Firehand. Wenn Späher gekommen waren, so befanden sich dieselben jedenfalls an einer Stelle, von welcher aus bei Nacht die Arbeiterniederlassung möglichst ungefährlich und zugleich hinreichend zu beobachten war. Und eine solche Stelle gab es gar nicht weit entfernt vom Hause des Ingenieurs. Man hatte in das Terrain schneiden müssen, und so stieg hart am Geleise eine Böschung auf, deren Höhe einige Bäume trug. Von dort oben herunter gab es den besten Überblick, und die Bäume gewährten die nötige Deckung. Wenn irgendwo, so mußten die Spione dort gesucht werden.

Old Firehand suchte unbemerkt von der andern Seite an den Fuß der kleinen Höhe zu kommen und kroch dann leise hinauf. Als er oben angekommen war, sah er, daß seine Berechnung ganz richtig gewesen war. Unter den Bäumen saßen zwei Gestalten, welche miteinander sprachen, natürlich so leise, daß sie unten nicht gesehen werden konnten. Der kühne Jäger näherte sich ihnen so weit, daß er mit dem Kopfe den Stamm des Baumes, neben welchem sie saßen, berührte. Er hätte beide mit der Hand ergreifen können. Er konnte sich so nahe an sie wagen, weil sein grauer Anzug selbst für das schärfste Auge nicht vom Boden zu unterscheiden war. Es galt zu hören, was sie sagten. Leider war gerade eine Pause eingetreten, und es verging eine geraume Zeit, bevor der eine sagte: „Hast du denn erfahren, was später, wenn wir hier fertig sind, geschehen soll?“

„Nichts Gewisses,“ antwortete der andre.

„Man munkelt von allerlei; aber genau wissen es wohl nur wenige.“

„Ja. Der Cornel ist verschwiegen und hat nur wenig Vertraute. Seinen eigentlichen Plan kennen wohl nur die, welche vor uns bei ihm gewesen sind.“

„Meinst du Woodward, welcher mit ihm den Rafters entkommen ist? Nun, der scheint ja gerade gegen dich sehr mitteilsam zu sein. Hat er dir nichts gesagt?“

„Andeutungen, weiter nichts.“

„Aber aus Andeutungen kann man doch Schlüsse ziehen.“

„Gewiß! So schließe ich zum Beispiel aus seinen Worten, daß der Cornel nicht die Absicht hat, unsre ganze Schar beisammen zu behalten. Eine so große Zahl ist ihm für seine weiteren Pläne nur hinderlich. Und ich gebe ihm da ganz recht. Je mehr Personen wir sind, desto kleiner ist der Gewinn, der auf den einzelnen fällt. Ich denke, daß er sich die Besten auswählt und mit ihnen ganz plötzlich verschwinden wird.“

„Alle Teufel! Sollten die andern etwa dann betrogen werden?“

„Wieso betrogen?“

„Nun, wenn zum Beispiel der Cornel morgen mit denen, welche er bei sich behalten wird, verschwindet?“

„Das könnte gar nichts schaden. Ich würde mich nur darüber freuen.“

„So! Und ich müßte mir das verbitten!“

„Du? Dummkopf! Ich habe dich für viel klüger gehalten.“

„Inwiefern?“

„Es versteht sich ganz von selbst, daß du nicht bei denen sein würdest, welche betrogen werden und das Nachsehen haben.“

„Kannst du mir das beweisen? Wenn nicht, so halte ich die Augen offen und schlage Alarm.“

„Der Beweis ist nicht schwer zu führen. Hat er dich nicht mit mir hierher geschickt?“

„Nun?“

„Nur brauchbare und zuverlässige Leute erhalten so einen Auftrag. Indem er uns mit der Beaufsichtigung dieses Ortes betraut, hat er uns das allerbeste Vertrauenszeugnis erteilt. Was folgt daraus? Wenn er wirklich die Absicht hegt, einen Haufen der Unsrigen von sich abzuschütteln, so werden wir nicht zu diesen gehören, sondern auf alle Fälle zu denen, welche er mit sich nimmt.“

„Hm! das läßt sich hören; dieses Argument ist gut und beruhigt mich vollständig. Aber wenn du meinst, daß ich mit unter den Auserwählten sein werde, warum hältst du da hinter dem Berge und sagst mir nicht, was Woodward dir über seine Pläne mitgeteilt hat!“

„Weil ich selbst noch nicht im klaren bin. Es handelt sich um einen Zug hinauf in die Berge.“

„Wozu in die Berge?“

„Hm! Ich weiß nicht, ob es geraten ist, davon zu sprechen; aber ich will es dir dennoch mitteilen. Da oben hat vor uralten Zeiten ein Volk gewohnt, dessen Name mir entfallen ist. Dieses Volk ist entweder nach Süden gezogen oder ausgerottet worden und hat vorher ungeheure Schätze in den See versenkt.“

„Unsinn! Wer Schätze besitzt, der nimmt sie mit wenn er fortzieht!“

„Ich sage dir ja daß es möglicherweise auch ausgerottet worden ist!“

„Worin sollten diese Schätze bestehen? In Geld?“

„Das weiß ich nicht. Ich bin kein Gelehrter und kann also nicht sagen ob frühere Völker Münzen geprägt oder Banknoten gedruckt haben. Die letzteren hätten aber jetzt allen Wert verloren. Woodward sagte, das Volk sei heidnisch gewesen und habe ungeheure Tempel besessen mit massiv goldenen und silbernen Götzenbildern und unzähligen ebensolchen Gefäßen. Diese Reichtümer liegen im Silbersee, welcher davon seinen Namen hat.“

„So sollen wir diesen See wohl austrinken, um diese Sachen auf dem Boden liegen zu sehen?“

„Sprich nicht unverständig! Der Cornel wird wohl wissen, woran er ist und was er zu thun hat. Er soll eine Zeichnung besitzen, mit deren Hilfe man die betreffende Stelle genau und sicher zu bestimmen im stande sein wird.“

„So! Und wo liegt denn dieser Silbersee?“

„Das weiß ich nicht. Jedenfalls wird er erst dann davon reden, wenn er bestimmt hat, wen er mitnehmen will. Es versteht sich ganz von selbst, daß er sein Geheimnis und seine Absichten nicht vorher ausplaudern kann.“

„Natürlich! Aber gefährlich ist diese Sache auf alle Fälle.“

„Warum?“

„Der Indianer wegen.“

„Pshaw! Es wohnen dort nur zwei Rote, der Enkel und der Urenkel desjenigen Indianers, von welchem die Zeichnung stammt. Und diese sind doch mit zwei Schüssen weggeputzt.“

„Wenn’s so ist, so will ich’s loben. Ich war noch nie droben in den Mountains und muß mich also auf die verlassen, welche die Sache verstehen. Zunächst meine ich, daß wir unser ganzes Augenmerk auf unser heutiges Unternehmen zu richten haben. Meinst du, daß es gelingen wird?“

„Jedenfalls. Schau nur, wie ruhig alles im Orte ist! Kein Mensch hat dort unten eine Ahnung von unsrer Anwesenheit und unsrem Vorhaben. Und zwei unsrer besten und listigsten Leute sind schon hier, um uns vorzuarbeiten. Wer könnte da an ein Mißlingen denken!“

„Well! Wenn diese Arbeiter nur klug genug sind, sich nicht in die Angelegenheit zu mischen; sie würden uns sonst zwingen, zu den Gewehren zu greifen.“

„Das wird und kann ihnen gar nicht in den Sinn kommen, denn sie wissen eben nichts davon. Der Zug kommt hier an, hält fünf Minuten lang und fährt dann weiter. Eine Wegsstunde von hier brennt unser Feuer. Dort halten unsre zwei Genossen, welche sich auf der Lokomotive befinden, dem Maschinisten die Revolver vor und zwingen ihn, den Zug zu stoppen. Wir umringen diesen; der Cornel steigt auf und nimmt – – –“

„Oho!“ unterbrach ihn der andre. „Wer steigt auf? Etwa der Cornel allein? Oder nur mit wenigen, mit denen er dann ganz gemütlich davondampft? Später läßt er halten, steigt aus, nimmt die halbe Million und verschwindet? Und die andern sitzen hier und haben nichts und sehen nichts als ihre eigenen verblüfften Gesichter? Nein, so wird nicht gewettet!“

„Was du denkst!“ erklang es ärgerlich. „Ich habe dir ja gesagt: Wenn der Cornel wirklich eine solche Absicht hegte, so befänden wir beide uns unter denen, welche den Zug besteigen dürfen.“

„Wenn du das für so gewiß annimmst, so glaube ich es und will es abwarten; aber ich habe auch gehört, was andre sagen. Man traut dem Cornel nicht, und ich bin überzeugt, daß, wenn der Zug hält, ein jeder sich in die Wagen drängen wird.“

„Meinetwegen! Ich habe nicht die Absicht, einen Kameraden zu übervorteilen, und werde den Cornel warnen, dies zu versuchen. Wenn der Silbersee uns so ungeheure Schätze bietet, so haben wir nicht nötig, gegen unsre hiesigen Genossen unehrlich zu sein. Wir teilen; ein jeder erhält sein Geld, und dann mag der Cornel sich diejenigen aussuchen, welche er mit in das Gebirge nehmen will. Basta! Sprechen wir nicht weiter davon! Jetzt möchte ich nur wissen, was die Lokomotive soll, welche da unten steht. Das Feuer brennt unter dem Kessel; also steht sie zur Fahrt bereit. Wohin?“

„Vielleicht ist es die Probiermaschine, welche der Sicherheit wegen dem Geldzuge vorangehen soll?“

„Nein. Da wartete sie nicht schon jetzt. Der Zug kommt ja erst nachts drei Uhr. Diese Maschine kommt mir nicht geheuer vor, und ich bin begierig, zu erfahren, welche Absicht man mit ihr verfolgt.“

Der Mann sprach da einen Verdacht aus, welcher sehr zu berücksichtigen war. Old Firehand sah ein, daß die Maschine nicht stehen bleiben durfte. Es war eine gewöhnliche kleine Bauzuglokomotive, an welche Wagen, in denen Erde transportiert zu werden pflegte, angehängt waren. In diesen Wagen sollten die Arbeiter transportiert werden. Damit durfte man nun nicht bis gegen Mitternacht warten sondern es mußte, um den Verdacht des Kundschafters zu zerstreuen, gleich geschehen. Old Firehand kroch also zurück und schlich sich nach dem Hause des Ingenieurs, welchem er sagte, was er gehört hatte.

„Well!“ meinte dieser. „So müssen wir die Leute gleich fortschaffen. Aber die Späher werden sie einsteigen sehen!“

„Nein. Geben wir den Arbeitern den Befehl, sich ungesehen fortzuschleichen; sie mögen ungefähr eine Viertelstunde weit gehen und dann an der Strecke warten, bis der leere Zug kommt; dieser wird sie aufnehmen, und da der Schall nicht so weit trägt und die Bahn eine Krümmung macht, werden die Spione weder sehen noch hören, daß der Zug dort hält.“

„Und wie viele Leute behalte ich hier zurück?“

„Zwanzig genügen vollständig zum Schutze Eures Hauses und zur Sicherung der beiden Gefangenen. Eure Maßregeln können binnen einer halben Stunde getroffen sein; dann geht der Bauzug ab. Ich schleiche mich wieder zu den Spähern, um zu hören, was sie sagen.“

Bald lag er wieder hinter den beiden Männern, welche sich jetzt schweigend verhielten. Er konnte ebensogut wie sie das vor ihm liegende Terrain überblicken und gab sich alle mögliche Mühe, eine Bewegung der Bewohner zu bemerken – vergeblich. Die Leute entfernten sich so heimlich und vorsichtig, daß die Spione gar keine Ahnung davon bekamen. Übrigens waren die Lichter, welche in den Gebäuden und Hütten brannten, ganz unvermögend, den außerhalb derselben liegenden freien Raum so zu erleuchten, daß man menschliche Gestalten deutlich hätte unterscheiden können. Da sah man eine helle Laterne vom Hause des Ingenieurs her sich dem Geleise nähern. Der Träger derselben rief so laut, daß es weithin zu hören war: „Den leeren Bauzug nach Wallace ab! Die Wagen werden dort gebraucht.“

Es war der Ingenieur, welcher diese Worte rief. Er war, ohne einen Wink von Old Firehand erhalten zu haben, selbst so scharfsinnig gewesen, nachzudenken, auf welche Weise er den Verdacht des Spions am besten beseitigen könne. Er hatte sich mit dem Maschinisten verabredet, und so antwortete dieser ebenso laut: „Well, Sir! Ist mir lieb, daß ich endlich fortkomme und meine Kohlen nicht umsonst zu verfeuern brauche. Habt Ihr in Wallace etwas auszurichten?“

„Nichts als eine „gute Nacht“ an den Ingenieur, welcher wohl bei den Karten sitzen wird, wenn Ihr dort angedampft kommt. Good road!“

„Good night, Sir!“

Einige schrille Pfiffe, und der Zug setzte sich in Bewegung. Als das Geräusch desselben verschollen war, meinte der eine der Späher: „Nun, weißt du, woran du mit dieser Lokomotive bist?“

„Ja, ich bin beruhigt. Sie bringt leere Wagen nach Wallace, welche dort gebraucht werden. Mein Verdacht war unbegründet. Verdacht ist hier überhaupt Unsinn. Der Plan ist so gut angelegt, daß er unbedingt gelingen muß. Wir könnten eigentlich schon jetzt aufbrechen.“

„Nein. Der Cornel hat uns befohlen, bis Mitternacht zu warten, und wir haben ihm zu gehorchen.“

„Meinetwegen! Aber wenn ich bis dahin hier aushalten soll, so sehe ich nicht ein, wozu ich meine Augen unnütz anstrengen soll. Ich werde mich niederlegen und schlafen.“

„Ich auch; das ist das gescheiteste. Später wird es keine Zeit und wohl auch keine Lust zur Ruhe geben.“

Old Firehand zog sich schnell zurück, denn die beiden bewegten sich von ihren Stellen, um es sich möglichst bequem zu machen. Er kehrte zum Ingenieur zurück, um diesen wegen der Worte, welche er gerufen hatte, zu loben. Er begab sich mit ihm in das Innere des Hauses, wo sie bei Wein und Zigarren der Stunde des Aufbruches harrten. Es gab nur noch zwanzig Arbeiter im Orte, und das genügte vollkommen, da keine Feindseligkeit zu erwarten war.

Die übrigen Leute hatten sich, dem ihnen erteilten Befehle gemäß, fortgeschlichen. Außerhalb Sheridans warteten sie aufeinander und folgten dann der Strecke, bis sie die gebotene Entfernung zurückgelegt hatten. Dort blieben sie halten, bis der Zug kam und sie aufnahm. Er brachte sie bis an den Eagle-tail, wo er anhielt. Daß die Tramps das nun Folgende beobachten würden, war gar nicht möglich, da dieselben jedenfalls schon aufgebrochen waren. Der Fluß zwang sie, sich bei ihrem Ritte in einer solchen Entfernung von der Bahn zu halten, daß sie gar nicht gewahren konnten, was auf derselben geschah.

Old Firehand hatte mit seinem geübten Scharfblicke ein außerordentlich geeignetes Terrain ausgewählt. Die Bahn hatte den Fluß, welcher hier von hohen Ufern eingeengt wurde, zu überschreiten. Sie that dies damals mit Hilfe einer Interimsbrücke, über welche das Geleise führte, um drüben direkt in einen ungefähr siebzig Meter langen Tunnel zu treten. Wenige Schritte vor dieser Brücke hielt der Zug, welcher nicht, wie die beiden Späher gemeint hatten, aus lauter leeren Wagen bestand die zwei letzten waren vielmehr mit dürrem Holze und Kohlen beladen. Kaum war der Train zum Stehen gebracht, so trat aus dem ringsum herrschenden Dunkel der Nacht ein kleiner, dicker Kerl, welcher wie ein Frauenzimmer aussah, zur Lokomotive und fragte den Führer derselben mit hoher Fistelstimme „Sir, was wollt Ihr denn jetzt schon hier? Bringt Ihr etwa die Arbeiter?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte, indem er die sonderbare Gestalt, welche gerade im Lichtschein der Feuerung stand, erstaunt betrachtete. „Wer seid denn Ihr?“

„Ich?“ lachte der Dicke. „Ich bin die Tante Droll.“

„Eine Tante! Donner und Doria! Was haben wir denn mit Frauenzimmern und alten Tanten zu thun!“

„Na, erschreckt nur nicht so heftig! Es könnte Euren Nerven schaden. Tante bin ich nur so nebenbei; man wird Euch das später erklären. Also warum kommt Ihr?“

„Es geschieht auf Befehl Old Firehands, welcher zwei von den Tramps abgeschickte Spione belauscht hat. Diese hätten Verdacht geschöpft, wenn wir später aufgebrochen wären. Gehört Ihr zu den Leuten dieses berühmten Masters?“

„Ja; aber reißt ja nicht aus vor Angst; es sind lauter Onkel, und ich bin die einzige Tante dabei.“

„Fällt mir nicht ein, mich vor Euch zu fürchten, Miß oder Mistreß. Wo sind denn die Tramps?“

„Fort, schon vor drei Viertelstunden aufgebrochen.“

„So können wir also die Kohlen und das Holz abladen?“

„Ja. Nehmt Eure Leute wieder auf, und ich werde zu Euch steigen, um Euch die nötigen Winke zu geben.“

„Ihr? Winke geben? Man hat Euch doch nicht etwa zum General dieses Armeecorps gemacht?“

„Jawohl bin ich das, mit Eurer gütigen Erlaubnis natürlich. So, da bin ich. Und nun laßt Euer Pferd hübsch langsam über die Brücke laufen und dann gerade so halten,daß die Kohlenwagen an den Eingang des Tunnels zu stehen kommen.“

Droll war auf die Lokomotive gestiegen. Die Arbeiter hatten beim Halten des Zuges die Wagen verlassen, mußten aber wieder in dieselben zurück. Der Maschinist betrachtete den Dicken noch einmal mit einem Blicke, aus welchem zu ersehen war, daß es ihm nicht leicht wurde, den Anordnungen dieser zweifelhaften Tante Gehorsam zu leisten.

„Na, wie wird’s?“ fragte Droll.

„Seid Ihr denn wirklich der Mann, auf welchen ich zu hören habe?“

„Jawohl! Und wenn Ihr das nicht augenblicklich thut, so helfe ich hier nach. Ich habe keine Lust, bis zum jüngsten Tage an dieser Brücke kleben zu bleiben.“

Er zog sein Bowiemesser und richtete die Spitze desselben gegen die Magengegend des Maschinisten.

„Alle Wetter, seid Ihr eine spitzige und auch scharfe Tante!“ rief dieser aus. „Aber grad‘, da Ihr mir das Messer zeigt, muß ich Euch anstatt für einen Verbündeten, für einen Tramp halten. Könnt Ihr Euch legitimieren?“

„Macht keinen Unsinn weiter,“ antwortete der Dicke jetzt in ernstem Tone, indem er sein Messer wieder in den Gürtel schob. „Wir halten drüben hinter dem Tunnel. Dadurch, daß ich Euch über die Brücke entgegenging, habe ich Euch doch bewiesen, daß mir Euer Kommen bekannt ist, und ich also nicht zu den Tramps gehören kann.“

„Schön, jetzt glaube ich Euch. Fahren wir also hinüber.“

Der Zug passierte die Brücke und fuhr dann so weit in den Tunnel ein, daß die zwei hinteren Wagen außerhalb desselben stehen blieben. Jetzt sprangen die Arbeiter wieder ab und schütteten den Inhalt des einen Sturzwagens aus. Dann ging der Zug weiter und hielt jenseits des Tunnels im Freien so, daß der noch volle Wagen, welcher nun auch umgestürzt werden konnte, an den Ausgang desselben zu stehen kam. Diese Sturzwagen sind so eingerichtet, daß, während das Rädergestell stehen bleibt, der darauf ruhende Kasten zur Seite geneigt, ausgeschüttet und dann wieder in seine vorige Lage zurückgebracht werden kann. Die Arbeiter stiegen ab, um vor und hinter dem Tunnel die Kohlen und das Holz zu einem leicht brennenden Haufen aufzuschichten, doch wurde das so arrangiert, daß die Schienen nicht von dem Feuer beschädigt werden konnten. Der Maschinist dampfte dann noch eine Strecke weiter, stoppte die Maschine und kam darauf wieder zurück.

Sein Mißtrauen war vollständig verschwunden. Was er sah, das mußte ihn belehren, daß er sich unter den richtigen Leuten befand. Der Tunnel war durch einen hohen Felsen gebrochen, hinter welchem ein Feuer brannte, welches unten im Flußthale, wo die Tramps gelagert hatten, nicht gesehen werden konnte. Um dieses Feuer lagerten die Rafters und alle andern, welche mit Old Firehand nach dem Eagle-tail gekommen waren. Rechts und links an der Flamme waren zwei Stämme eingerammt, welche oben in Gabeln ausliefen, in denen eine lange, starke Stange gedreht wurde, welche durch mächtig große Stücke von Büffelfleisch gesteckt worden war. Diese Männer waren, als der Zug durch den Tunnel kam, alle aufgestanden, um die Arbeiter zu begrüßen.

„Na, glaubt Ihr nun, daß ich kein Tramp bin?“ fragte Droll den Maschinisten, als derselbe von seiner Maschine kam und mit an das Feuer trat.

„Yes, Sir,“ nickte dieser. „Ihr seid ein ehrlicher Kerl.“

„Und ein guter dazu! Das will ich Euch beweisen, indem ich euch alle zum Essen lade. Wir haben eine fette Büffelkuh geschossen, und Ihr sollt einmal sehen, wie sie schmeckt, wenn sie a la prairie zubereitet worden ist. Es reicht für uns alle zu, und ich hoffe, daß Eure Leute bald mit ihrer Arbeit fertig sind, um sich zu uns zu setzen.“

In kurzem saß man beim saftigen Mahle. Freilich war an dem Feuer nur für die wenigsten Platz. Es hatten sich verschiedene Gruppen gebildet, welche von den Rafters, die sich als Wirte fühlten, bedient wurden. Es war außer der Büffelkuh noch ein kleineres Wild vorhanden, so daß es trotz der großen Zahl der Bahnarbeiter genug zu essen gab.

„Vorhin, bevor der Zug rangiert wurde und der Ingenieur den Schichtmeister aufgesucht hatte, um ihm den Befehl zum Aufbruch zu erteilen, hatte er ihm noch bemerkt: Old Firehand läßt Euch sagen, wenn Ihr über jenen Master Engel, Euren einstmaligen Gefährten, etwas Weiteres hören wollt, so sollt Ihr Euch an einen Deutschen, einen gewissen Mr. Pampel wenden, den Ihr bei den Rafters treffen werdet.

„Kennt der ihn? Weiß er von ihm?“

„Höchst wahrscheinlich, sonst würde Old Firehand Euch doch nicht an ihn adressieren.“

Watson dachte jetzt an diese Weisung und spitzte die Ohren, um der deutschelnden Aussprache eines der Rafters zu entnehmen, daß derselbe der Betreffende sei. Nach kurzer Zeit hatte er sie alle sprechen gehört; aber es gab keinen unter ihnen, der nicht sein echtes Yankee-Englisch gesprochen hätte. Der Schichtmeister beschloß also, sich direkt zu erkundigen. Er war einer der wenigen, welche am Feuer Platz gefunden hatten. Neben ihm saß die Tante Droll und der Humply-Bill. Er wendete sich an den letzteren: „Sir, erlaubt mir die Frage, ob sich wohl ein Deutscher unter euch befindet.“

„Mehrere sogar,“ antwortete Bill.

„Wirklich? Wer denn zum Beispiel?“

„Nun, vor allen Dingen ist Old Firehand selbst ein Deutscher, und sodann kann ich Euch da unsre dicke Tante und dort den schwarzen Tom als solche nennen. Vielleicht ist auch der kleine Fred, den Ihr da drüben sitzen seht, zu den Deutschen zu rechnen.“

„Hm, unter den Genannten scheint sich der, den ich suche, nicht zu befinden.“

„So? Wen sucht Ihr denn?“

„Einen gewissen Mr. Pampel.“

„Pam-pam-pam-pampel?“ rief Bill, indem er in ein schallendes Gelächter ausbrach. „Heavens, welch ein Name! Wer kann ihn über die Lippen bringen! Pam-pam-pam- wie war es? Ich muß das Wort noch einmal hören.“

„Mr. Pampel,“ wiederholte der Schichtmeister, worauf alle in das Gelächter des Humply-Bill einstimmten.

Das Wort erklang von einer Gruppe zu der andern und zog das Lachen hinter sich her, so daß es auf dem ganzen Platze kein ernstes Gesicht mehr gab.

Kein einziges? O doch. Drolls Miene war unbeweglich geblieben. Er hatte sich ein großes Stück Büffellende hergenommen, schnitt riesige Bissen davon ab, steckte sie, einen nach dem andern, in den Mund und kaute mit einem Eifer und einer Andacht, als ob er weder den Namen noch das schallende Gelächter höre. Als das letztere endlich verstummt war, ließ sich die Stimme Bills wieder vernehmen: „Nein, Sir, da müßt Ihr schlecht berichtet sein. Unter uns gibt es keinen, der Pampel heißt.“

„Aber Old Firehand hat es mir sagen lassen!“ antwortete Watson.

„Da habt Ihr den Namen nicht richtig gehört oder nicht richtig behalten. Ich bin überzeugt, daß jeder von uns sich lieber eine Kugel in den Kopf geben als so einen Mann lächerlich machen würde. Meinst du nicht auch, alter Droll?“

Droll hielt im Kauen inne und antwortete: „Eine Kugel? Fällt mir gar nicht ein!“

„Das kannst du freilich sagen, weil du nicht Pampel, sondern Droll heißest. Trügest du aber den ersteren Namen, so bin ich überzeugt, daß du nicht unter die Leute gehen würdest.“

„Aber ich bin ja unter sie gegangen!“

Er betonte das in einer solchen Weise, daß Bill ihn von der Seite visierte und dann fragte: „Also du lachst nicht über diesen Namen?“

„Nein. Ich thue es nicht, um den Kameraden, welcher in der That unter uns weilt und genau so heißt, nicht zu beleidigen.“

„Wie? Was? Dieser Pampel befände sich also wirklich unter uns?“

„Allerdings.“

„Teufel! Wer ist es denn?“

„Ich selber bin es.“

Da sprang Bill auf und rief: „Du, du selbst bist dieser Pam-pam-pam!“

Er konnte vor Lachen nicht weiter und die andern vermochten sich so wenig zu beherrschen, daß sie von neuem einstimmten. Die Heiterkeit wurde dadurch bedeutend erhöht, daß Droll vollständig ernst blieb und so in den Wohlgeschmack der Lende versunken, weiter kaute, als ob er mit dem Gelächter und dessen Ursache nicht das mindeste zu thun habe. Aber als er den letzten Bissen verschluckt hatte, stand er auf, sah sich rund um und rief, daß alle es hörten: „Mesch’schurs, jetzt ist der Spaß zu Ende. Kein Mensch trägt die Schuld an seinem Namen, und wer den meinigen lächerlich findet, der mag es mir jetzt im Ernste sagen und dann sein Messer nehmen, um mit mir ein klein wenig auf die Seite und ins Dunkle zu gehen. Wir werden sehen, wer von uns beiden dann noch lacht!“

Sofort trat eine tiefe Stille ein.

„Aber Droll,“ bat der Humply-Bill, „wer konnte ahnen, daß du so heißest! Der Name ist wirklich gar zu apart. Wir haben dich nicht beleidigen wollen, und ich hoffe, daß du mir meine Worte nicht übel nimmst. Komm, setze dich wieder her zu mir!“

„Well, das werde ich thun. Zornig bin ich gar nicht, denn ich weiß, daß das Wort wirklich pamplig klingt; aber nun ihr wißt, daß dies mein Name ist, habt ihr Ruhe zu geben.“

„Natürlich! Versteht sich ganz von selbst. Aber warum hast du ihn uns bisher verschwiegen? Du bist überhaupt ein Kerl, der nicht gern von seinen früheren Verhältnissen spricht.“

„Nicht gern? Wer sagt das? Ich erinnere mich recht gern an die Zeit meiner Vergangenheit aber es hat noch nicht die Gelegenheit gegeben, über dieselbe zu reden.“

„So hole das jetzt nach. Von uns allen andern weißt du, was wir sind und was wir waren. Wir haben alle während des Rittes hieher Brüderschaft gemacht und müssen uns also kennen; nur von dir und über dich wissen wir nichts, fast gar nichts.“

„Weil es überhaupt nicht viel ist, was ihr erfahren könnt. Übrigens meinen Heimatsort kennt ihr bereits.“

„Ja, Langenleuba im Altenburgischen. Was war dein Vater? Dürfen wir es wissen?“

„Warum nicht!“ lächelte Droll. „Er war mehr, weit mehr als der Vater manches andern Mannes gewesen ist. Wir haben bis früh drei Uhr auf die Tramps zu warten, und so gibt es Zeit genug, euch alle seine Ehren und Würden zu nennen. Er war Glöckner, Kellner, Kirchner und Totengräber, Kindtaufs-, Hochzeits- und Leichenbitter, Sensenschleifer, Obsthüter und Bürgergardenfeldwebel. Da habt ihr es!“

Man sah ihn forschend an, um zu erkennen, ob er im Scherze oder im Ernste spreche.

„Glaubt’s nur immerhin!“ versicherte er. „Er ist das gewiß und wirklich gewesen, und wer die Verhältnisse da drüben kennt, der weiß nun, daß mein Vater ein blutarmer Teufel war, und aber trotzdem in Ehren stand und die Achtung seiner Mitbürger genossen hat. Wir waren fast ein Dutzend Kinder und haben gehungert und gekummert, um ehrlich durch die Welt zu kommen, und ich kann euch später wohl erzählen – – –“

„Halt, bitte!“ unterbrach ihn da der Schichtmeister. „Ihr achtet nur auf den Wunsch der andern, aber nicht darauf, Sir, daß ich nach Euch gefragt habe. Old Firehand hat mir Euren Namen sagen lassen – – –“

„Ja, er ist der einzige, welcher weiß, daß ich so heiße.“

„Damit,“ fuhr Watson fort, „ich von Euch erfahren möge, was aus Eurem Landsmann Engel geworden ist.“

„Engel? Welchen Engel meint Ihr?“

„Den Jäger und Fallensteller, welcher droben am Silbersee gewesen ist.“

„Den, den meint Ihr?“ fuhr Droll auf. „Habt Ihr ihn gekannt?“

„Wie mich selbst! Lebt er noch?“

„Nein; er ist tot.“

„Wißt Ihr das genau?“

„Ganz genau. Wo habt Ihr ihn denn kennen gelernt?“

„Eben droben am Silbersee. Wir haben einen ganzen Winter dort verbringen müssen, weil wir eingeschneit – – –“

„So heißt Ihr Watson?“ rief Droll, ihn unterbrechend.

„Ja, Sir; so ist mein Name.“

„Watson, Watson! Welch ein Zufall! Doch nein, es gibt ja keinen Zufall! Es ist Gottes Schickung! Master, ich kenne Euch, wie ich meine Tasche kenne, und habe Euch doch noch nie gesehen.“

„So hat man Euch von mir erzählt? Wer ist das gewesen?“

„Der Bruder Eures Kameraden Engel. Schaut her! Dieser Knabe heißt Fred Engel; er ist der Neffe Eures Gefährten vom Silbersee und mit mir ausgezogen, um den Mörder seines Vaters zu suchen.“

„Ist sein Vater ermordet worden?“ fragte Watson, indem er dem Knaben die Hand bot und ihm freundlich zunickte.

„Ja, und zwar einer Zeichnung wegen, welche – – – “

„Wieder die Zeichnung!“ fiel der Schichtmeister ein. „Kennt Ihr den Mörder? Jedenfalls ist’s der rote Cornel!“

„Ja, er ist’s, Sir. Aber – – er soll ja auch Euch ermordet haben!“

„Nur verwundet, Sir, nur verwundet. Der Stich traf glücklicherweise nicht ins Herz. Dennoch wäre ich an Verblutung zu Grunde gegangen, wenn nicht ein Retter erschienen wäre, ein Indianer, welcher mich verband und dann zu andern Roten brachte, bei denen ich bleiben durfte, bis ich gesund geworden war. Dieser, mein Retter, ist der berühmteste der Indianer und heißt – – –“

Er sprach den Satz nicht aus; er hielt mitten in demselben inne; richtete sich langsam empor und starrte nach dem Felsen, als ob er eine überirdische Erscheinung sähe. Von dorther kam Winnetou langsam gegangen. Er hatte sich entfernt, um zu rekognoszieren.

„Da kommt er, da kommt er, Winnetou der Häuptling der Apachen!“ schrie der Schichtmeister. „Er ist da, er ist hier! Welch ein Glück! Winnetou, Winnetou!“

Er stürzte auf den Häuptling zu, faßte die Hände desselben und zog sie an seine Brust. Der Apache blickte ihm ins Angesicht, und seine Züge legten sich in ein weiches, freundliches Lächeln, als er antwortete: „Mein weißer Bruder Watson! Ich kam zu den Kriegern der Timbabatsch und erfuhr von ihnen, daß du wieder gesund geworden und nach dem Mississippi gegangen seist. Der gute Manitou muß dich sehr lieb gehabt haben, daß er deine Wunde, welche schlimmer war, als ich dir gestand, heilen ließ. Setze dich nieder, und erzähle, wie deine ferneren Tage bis auf den heutigen verlaufen sind!“

Es gab keinen, welcher gemeint hätte, daß jetzt der Gedanke an die Tramps weit notwendiger sei als die Erzählung der Erlebnisse des Schichtmeisters. Was Winnetou that, war gewiß richtig; wenn er die Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Grunde der Anwesenheit so vieler Menschen auf die eine Person, den Schichtmeister, lenkte, so hatte er sicher seine gute Absicht dabei und hatte sich auf seiner Rekognoszierung überzeugt, daß man sich vollständig in Sicherheit befinde und ganz ruhig von etwas anderm als den Tramps sprechen könne.

Natürlich waren alle gespannt auf die Erzählung eines Mannes, welchem Winnetou das Leben gerettet hatte, und man hörte fast keinen lauten Atemzug, als Watson jetzt sein Abenteuer so berichtete, wie er es Old Firehand und dem Ingenieur erzählt hatte. Als er zu Ende war, zögerte er keinen Augenblick, zu fragen: „Und Ihr, Master Droll, könnt mir also sagen, was aus meinem Kameraden geworden ist?“

„Ja, das kann ich,“ antwortete der Dicke. „Ein toter Mann ist aus ihm geworden.“

„So hat der Cornel ihn ermordet?“

„Nein, aber verwundet, grad‘ so wie Euch, und daran ist der arme Teufel gestorben.“

„Erzählt, erzählt, Sir!“

„Das ist schnell berichtet; ich brauche gar nicht viele Worte zu machen. Als der Cornel Euch vom Lagerplatze fortgelockt hatte; begann Engel darüber nachzudenken, daß Ihr als waffenloser Mann dem Roten bei der Jagd doch gar nichts nützen könntet. Warum hatte er Euch mitgenommen? Er mußte eine besondere Absicht, welche mit der Jagd gar nichts zu thun hatte, dabei verfolgen. Ihr beide hattet dem Cornel nicht getraut, und nun wurde es Engel, der Euch sehr lieb gewonnen hatte, angst um Euch. Diese Angst ließ ihm keine Ruhe, und so machte er sich auf, um Euren Spuren, welche sehr deutlich waren, nachzufolgen. Die Sorge verdoppelte seine Schritte, und so hatte er Euch nach Verlauf von vielleicht einer Stunde soweit eingeholt, daß er Euch sehen konnte. Er trat eben um die Ecke eines Gebüsches, als er Euch erblickte; aber was er sah, riß ihn wieder hinter dieselbe zurück. Vor Entsetzen fast starr, sah er durch die Zweige. Der Rote stach Euch nieder und kniete dann über Euch, um sich zu überzeugen, ob die Wunde tödlich sei. Dann stand er wieder auf und blieb, wie sich besinnend, eine Weile stehen. Was sollte nun Engel thun? Den wohlbewaffneten Mörder angreifen, um Euch zu rächen, er, der keine einzige Waffe besaß? Das wäre Wahnsinn gewesen. Oder sollte er warten, bis der Cornel sich entfernt hatte und dann zu Euch gehen um nachzusehen, ob vielleicht noch Leben vorhanden sei? Auch das nicht! Ihr waret ja sicher tot, sonst hätte der Kerl gewiß mit einem nochmaligen Stiche nachgeholfen, und sodann wäre der Rote unbedingt auf Engels Spur getroffen und hätte ihn verfolgt und auch kalt gemacht. Nein; hatte der Schurke Euch ermordet, so sollte jedenfalls die Reihe nun an Engel kommen, und so erkannte dieser, daß die schleunigste Flucht das einzige sei, was er zu unternehmen habe. Er wendete sich also zurück und eilte davon, erst auf der bisherigen Spur zurück und dann, als das Terrain günstig war, ostwärts ab. Aber nur zu bald sollte er den Beweis bekommen, daß der Mörder sich nicht lange an der Stelle seiner That aufgehalten, sondern zurückgekehrt, die Fährte gefunden habe und derselben nachgegangen sei. Engel hatte eine Höhe erstiegen und sah, als er da zurückblickte, den Roten hinter sich herkommen, zwar noch im Thale unten, aber doch nur in einer Entfernung von höchstens zehn Minuten. Jenseits der Höhe gab es eine ebene Prairie. Engel rannte hinab und dann weiter, immer geradeaus, so schnell er konnte. Erst nach einer Viertelstunde wagte er es, für einen Augenblick stehen zu bleiben und sich umzublicken. Er sah den Verfolger viel näher hinter sich als vorher und rannte weiter. Die Hetze ging wohl eine Stunde lang fort, bis Engel Büsche vor sich sah; er glaubte sich gerettet; aber die Büsche standen weit auseinander, und dazwischen gab es fettes Gras, welches die Spuren der Füße in größter Deutlichkeit aufnahm. Der Flüchtige war eigentlich ein guter Läufer; aber die Entbehrungen des harten Winters hatten ihn doch entkräftet; der Verfolger kam ihm immer näher. Als er sich wieder umblickte, sah er ihn in einer Entfernung von höchstens hundert Schritten hinter sich. Das spornte seine Kräfte zur letzten Anstrengung. Er sah Wasser vor sich. Es war der Orfork des Grand Rivers. Er rannte auf dasselbe zu, hatte es aber noch nicht erreicht, als ein Schuß fiel. Er fühlte einen Stoß wie von einer kräftigen Faust an der rechten Körperseite, sprang weiter und in das Wasser hinein, um nach dem gegenüberliegenden Ufer zu schwimmen. Da sah er von links her einen Bach sein Wasser in den Fluß ergießen. Er wendete sich nach der Mündung desselben und schwamm eine kleine Strecke aufwärts, bis er ein Gestrüpp erblickte, welches seine dichten Zweige, die durch hängengebliebenes Spülgras für das Auge noch undurchdringlicher geworden waren, vom Ufer aus bis ins Wasser niederhing. Er schlüpfte darunter und blieb dort stehen. Seine Füße hatten den Boden erreicht. Ihr könnt denken, daß er vor Aufregung am ganzen Körper zitterte.“

„Und vor Anstrengung und Angst!“ fügte Watson hinzu. „Bitte, weiter, weiter!“

„Der Cornel hatte nun auch das Ufer erreicht; da er Engel nicht sah und der Fluß schmal war, glaubte er, daß ersterer hinübergeschwommen sei, und ging auch ins Wasser. Aber das konnte nur mit großer Vorsicht geschehen, weil er seine Schießwaffen und Munition nicht naß machen durfte. Es dauerte also lange, ehe er, auf dem Rücken schwimmend und die genannten Gegenstände über Wasser haltend, drüben ankam und im Gesträuch verschwand.“

„Er ist gewiß zurückgekehrt,“ meinte der Humply-Bill. „Da er drüben keine Fährte fand, mußte er annehmen, daß der Flüchtling noch diesseits des Flusses sei.“

„Allerdings,“ nickte Droll. „Er suchte erst drüben eine Strecke des Ufers ab und kehrte dann zurück, um auch hüben zu forschen; aber da gab es auch keine Fährte, und das machte ihn irr. Zweimal ging er an dem Verstecke vorüber, aber er sah den Verborgenen nicht. Dieser lauschte lange Zeit, ohne den Mörder wiederzusehen oder zu hören. Dennoch blieb er im Wasser stehen, bis es dunkel geworden war; dann schwamm er hinüber und lief die ganze Nacht hindurch gerade nach West, um möglichst weit fortzukommen.“

„War er nicht verwundet?“

„Doch, ein Streifschuß am Oberkörper unter dem Arme. In der Aufregung und bei der Kälte des Wassers hatte er das nicht so bemerkt oder doch nicht beachtet; aber während des Marsches begann die Wunde zu brennen. Er verstopfte sie so gut es ging, bis er am Morgen kühlende Blätter fand, welche er auflegte und von Zeit zu Zeit erneuerte. Er war zum Tode matt und fühlte einen wütenden Hunger, den er mit Wurzeln zu stillen suchte, die er nicht kannte, aber doch aß. So schleppte er sich weiter, bis er gegen Abend ein einsames Kamp erreichte, dessen Bewohner ihn gastlich aufnahmen. Er war so schwach, daß er ihnen nicht erzählen konnte, was er erlebt hatte; er brach bewußtlos zusammen. Als er erwachte, lag er in einem alten Bette und wußte nicht, wie er hineingekommen sei. Dann erfuhr er, daß er fast zwei Wochen lang im Fieber gelegen und nur von Mord, Blut, Flucht und Wasser phantasiert habe. Nun erst erzählte er sein Abenteuer und erfuhr, daß der Cow-boy einen rothaarigen Mann getroffen habe, welcher sich erkundigt hatte, ob vielleicht ein Fremder auf dem Kamp eingekehrt sei. Der Boy hatte diesen Mann einmal in Colorado Springs gesehen und wußte, daß er Brinkley heiße; er hielt ihn nicht für einen vertrauenswürdigen Menschen und verneinte die Frage. So erfuhr Engel den Namen des Mörders; denn er nahm an, daß derselbe sich ihm gegenüber eines falschen bedient habe. Die Wunde kam ins Heilen, und dann wurde er bei einer Gelegenheit mit nach Las Animas genommen.“

„Also nicht nach Puebla,“ meinte der Schichtmeister, „sonst hätte ich, als ich später dorthin kam, seine Spur vielleicht gefunden. Was that er dann?“

„Er schloß sich als Fuhrmann einem Handelszug an, welcher nach alter Weise auf dem Arkansaswege nach Kansas City ging. Als er dort seinen Lohn empfing, hatte er die Mittel, seinen Bruder aufzusuchen. In Russelville angekommen, hörte er, daß dieser fortgegangen sei, doch erhielt er von dem Nachbar einen für ihn zurückgelassenen Brief, in welchem stand, daß er ihn in Benton, Arkansas, finden werde.“

„Ah, dort! Und gerade Benton ist einer der wenigen Orte, wohin ich nicht gekommen bin!“ sagte Watson. „Wie aber stand es mit der Zeichnung, welche er bei sich trug?“

„Die hatte im Wasser des Orforkes gelitten, und Engel mußte sie kopieren. Natürlich erzählte er seinem Bruder alles, und dieser war gern bereit, den Ritt mit ihm zu unternehmen. Leider aber stellte es sich bald heraus, daß jenes Erlebnis nicht so folgenlos sei, wie man angenommen hatte. Engel begann zu husten und zehrte rasch ab. Der Arzt erklärte, daß er an der galoppierenden Schwindsucht leide, und acht Wochen nach seinem Eintreffen beim Bruder war er eine Leiche. Das lange Stehen im kalten Frühjahrswasser hatte ihn zum Todeskandidaten gemacht.“

„Also hat dieser Cornel doch sein Leben auf dem Gewissen.“

„Wenn er weiter nichts zu tragen hätte! Hier unter uns gibt es mehrere, welche mit diesem vielfachen Mörder abzurechnen haben. Aber hört, was weiter geschehen ist! Engel, der Bruder nämlich, war ein wohlhabender Mann, der sein Feld baute und nebenbei einen einträglichen Handel trieb. Er hatte zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Die Familie bestand aus den Eltern, diesen beiden Kindern und einem Burschen für alles, welcher, wenn es not that, auch die Arbeit einer Magd verrichtete. Eines Tages nun ist ein Fremder zu Engel gekommen und hat demselben einen so lukrativen Handelsantrag gemacht, daß dieser ganz entzückt davon gewesen ist. Der Fremde hat sich für einen Kanalbootunternehmer ausgegeben und gesagt, daß er als Goldsucher sein Glück gemacht habe. Bei dieser Gelegenheit ist zur Sprache gekommen, daß er damals einen Jäger kennen gelernt habe, Namens Engel, der auch ein Deutscher gewesen sei. Damit war natürlich der Bruder gemeint, und es ist soviel zu erzählen gewesen, daß der Nachmittag und der Abend vergangen sind, ohne daß der Fremde an den Aufbruch gedacht hat. Natürlich wurde er gebeten, über Nacht zu bleiben, was er nach einigem Zureden auch annahm. Engel hat schließlich den Tod seines Bruders und die Ursache desselben erzählt und die Zeichnung aus dem kleinen Wandschränkchen geholt. Später ging man zur Ruhe. Die Familie schlief eine Treppe hoch in einer nach hinten gelegenen Stube und der Bursche ebendaselbst, aber auf der andern Seite, in einer kleinen Kammer. Dem Gaste hatte man das gute Zimmer, welches nach vorn lag, angewiesen. Unten war alles verschlossen worden, und Engel hatte, wie es stets zu geschehen pflegte, die Schlüssel mit hinaufgenommen. Nun war kurz vorher der Geburtstag des Knaben Fred gewesen, an welchem er ein zweijähriges Fohlen als Geschenk erhalten hatte. Noch mochte er nicht lange geschlafen haben, als er wieder erwachte. Es fiel ihm ein, daß er heute abend infolge der vielen und interessanten Abenteuer, welche erzählt worden waren, vergessen hatte, das Pferd zu füttern. Er stand also wieder auf und verließ ganz leise, um niemand zu wecken, das Schlafzimmer. Unten schob er den Riegel von der Hinterthür und ging über den Hof in den Stall. Licht mitzunehmen, hatte er nicht für nötig gehalten, auch war die Küche, in welcher sich die Laterne befand, verschlossen. Er mußte also im Finstern füttern, weshalb er länger als gewöhnlich zubrachte. Noch war er nicht fertig, als er glaubte, einen Schrei gehört zu haben. Er trat aus dem Stalle in den Hof und sah Licht in der Schlafstube. Dieses verschwand und erschien gleich darauf in der Kammer des Knechtes. Dort erhob sich ein großer Lärm. Der Knecht schrie, und Möbel krachten. Fred rannte zur Mauer und kletterte am Weinspalier bis zum Fenster empor. Als er durch dasselbe blickte, sah er, daß der Bursche am Boden lag; der Fremde kniete auf ihm, hielt ihm mit der Linken die Gurgel zu und mit der Rechten einen Revolver an den Kopf. Zwei Schüsse knallten. Fred hatte schreien wollen, aber keinen Ton hervorgebracht. Er ließ vor Schreck das Spalier aus den Händen und stürzte, eben als die Schüsse krachten, auf die Steine des gepflasterten Hofes hinab. Er war mit dem Kopfe aufgeschlagen und hatte die Besinnung verloren. Als er wieder zu sich kam, fragte er sich, was zu thun sei. Der Mörder befand sich wohl noch im Hause; darum durfte er sich nicht hineinwagen. Aber Hilfe mußte geschafft werden. Er sprang also über die Fenz, wobei er aus Leibeskräften schrie, um den Mann zu verjagen und von den Eltern abzuhalten, und rannte der Wohnung des nächsten Nachbars zu. Diese lag ebenso wie Engels Haus eine Strecke vom Orte entfernt. Die Leute hörten die Hilferufe, waren schnell munter und kamen aus dem Hause. Als sie hörten, was geschehen sei, bewaffneten sie sich und folgten dem zurückkehrenden Knaben. Noch hatten sie das Haus nicht erreicht, so sahen sie, daß es im Stockwerke desselben brannte. Der Fremde hatte Feuer angelegt und war dann entwichen. Die Flammen hatten so rasch um sich gegriffen, daß man schon nicht mehr nach oben konnte; was in den untern Räumen stand und lag, wurde meist geborgen. Das Wandschränkchen stand offen und war leer. Die Leichen, zu denen man unmöglich gelangen konnte, mußten verbrennen.“

„Gräßlich – schrecklich!“ rief es rundum, als der Erzähler jetzt eine Pause machte. Fred Engel saß am Feuer, hielt das Gesicht in die Hände und weinte leise.

„Ja, gräßlich!“ nickte Droll. „Der Fall erregte Aufsehen. Es wurde geforscht nach allen Richtungen, doch vergeblich. Die beiden Brüder Engel hatten in St. Louis eine Schwester, die Frau eines reichen Flußreeders. Sie bot zehntausend Dollar Prämie auf das Ergreifen des Raub- und Brandmörders; auch das fruchtete nichts. Da kam sie auf den Gedanken, sich an das Privatdetektivbureau von Harris und Blother zu wenden, und das hat Erfolg gehabt.“

„Erfolg?“ fragte Watson. „Der Mörder ist ja noch frei! Ich nehme natürlich an, daß es der Cornel ist.“

„Ja, er ist noch frei,“ antwortete Droll, „aber schon so gut wie abgethan. Ich begab mich nach Benton, um dort die Augen einmal besser aufzumachen, als andre es gethan hatten, und – – –“

„Ihr? Warum Ihr?“

„Um mir die Fünftausend zu verdienen.“

„Es waren doch Zehntausend!“

„Das Honorar wird geteilt,“ bemerkte Droll. „Die eine Hälfte bekommt Harris und Blother, die andre der Detektiv.“

„Ja, seid denn Ihr, Sir, ein Polizist?“

„Hm! Ich denke, daß ich es hier mit lauter ehrlichen Leuten zu thun habe, unter denen es keinen gibt, dem man auch einmal auf die Fersen gesetzt wird, und so will ich sagen, was ich bisher verschwiegen habe: Ich bin Privatpolizeiagent und zwar für gewisse Distrikte des fernen Westens. Ich habe schon manchen Mann, der sich ganz sicher fühlte, an Master Hanf geliefert und denke, dies auch weiter fortzuüben. So, nun wißt Ihr es, und nun kennt Ihr auch den Grund, warum ich nicht von mir zu sprechen pflege. Der alte Droll, über den schon viele Hunderte gelacht haben, ist, wenn man ihn kennt, kein so sehr lächerlicher Kerl. Doch das gehört nicht hieher; ich habe von dem Morde zu sprechen.“

Hatte man vorhin über den sonderbaren Namen der Tante gelacht, so sah man jetzt Droll mit ganz andern Augen an. Sein Geständnis, daß er Detektiv sei, warf einen erklärenden Schein auf seine ganze Persönlichkeit, auf alle seine angenommenen Eigenheiten. Er versteckte sich hinter sein drolliges Wesen, um seine Hände desto sicherer nach dem, den er fassen wollte, ausstrecken zu können.

„Also,“ fuhr er fort, „ich machte mich vor allen Dingen an Fred und fragte ihn aus. Ich erfuhr, was erzählt und gesprochen worden war. Das Wandschränkchen war von dem Mörder geöffnet worden. Er hatte es nicht aufbrechen dürfen, weil durch das dabei verursachte Geräusch die Bewohner des Hauses aufgeweckt worden wären; er hatte dieselben ermordet, um zu der Zeichnung zu kommen. Er wollte dieselbe natürlich benutzen, folglich hegte er die Absicht, nach dem Silbersee zu gehen. Ich mußte ihm nach und nahm Fred mit, der ihn gesehen hatte, und also erkennen würde. Schon auf dem Steamer, als ich die Tramps erblickte, war ich meiner Sache ziemlich sicher; die Gewißheit ist von Tag zu Tag gewachsen, und hoffentlich fällt mir der Thäter heute in die Hand.“

„Dir?“ fragte der alte Blenter. „Oho! Was willst du mit ihm thun?“

„Das, was ich im Augenblick für das beste halte.“

„Ihn etwa nach Benton schaffen?“

„Vielleicht.“

„Das laß dir nicht träumen! Es gibt Leute, welche weit mehr Recht als Du auf ihn haben. Denke an die Rechnung, welche nur allein ich mit ihm quitt zu machen habe!“

„Und ich!“ rief der Schichtmeister.

„Und wir andern Rafters auch!“ ertönte es von mehreren Seiten.

„Erregt euch nicht, denn wir haben ihn noch nicht!“ antwortete Droll.

„Wir haben ihn!“ behauptete Blenter.

„Er ist jedenfalls der Allererste, welcher den Zug besteigt.“

„Mag sein; aber ich esse keine Büffellende, wenn ich nicht vorher den Büffel geschossen habe. Übrigens ist es mir ganz egal, wer ihn bekommt. Es ist gar nicht notwendig, daß ich ihn geschleppt bringe. Bringe ich den Nachweis seines Todes und daß ich zu demselben beigetragen habe, so ist mir die Prämie so sicher wie mein Sleeping-gowe. Für jetzt habe ich genug gesprochen und werde ein wenig schlafen. Weckt mich, wenn die Zeit gekommen ist!“

Er stand auf um sich ein abgelegenes, dunkles Plätzchen zu suchen. Die andern aber dachten nicht an Schlaf. Das Gehörte beschäftigte sie noch lange Zeit, und dann gab der zu erwartende Zusammenstoß mit den Tramps ein Thema, welches gar nicht ausführlich genug besprochen werden konnte. Winnetou nahm nicht teil an dieser Unterhaltung. Er hatte sich an den Felsen gelehnt und schloß die Augen; aber er schlief keineswegs, denn zuweilen hoben sich die Lider, und dann schoß ein scharfer, forschender Blick wie ein Blitz unter denselben hervor. –

Es war um Mitternacht, als die zwanzig Arbeiter zu dem Ingenieur kamen, um das Haus desselben zu umstellen. Old Firehand begab sich zu Hartley. Dieser lag schlafend im Bette, aber neben demselben saß Charoys Neger mit dem Revolver in der Hand. Er hatte an Stelle des Verwundeten, welcher des Schlafes bedurfte, die Bewachung der beiden Tramps übernommen, und Old Firehand sah, daß er in dieser Beziehung keine Sorge zu haben brauchte. Er kehrte also befriedigt zu dem Ingenieur zurück und sagte diesem, daß er nun aufbrechen werde, um dem Zuge entgegen zu gehen.

„So ist also die gefährliche Stunde gekommen,“ meinte Charoy. „Habt Ihr denn gar keine Angst, Sir?“

„Angst?“ fragte der Jäger erstaunt. „Hätte ich diese Angelegenheit freiwillig übernommen, wenn ich Angst hätte?“

„Oder wenigstens Sorge?“

„Ich habe nur die eine Sorge, daß mir der Cornel entgeht.“

„Aber es ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß man auf Euch schießen wird!“

„Noch wahrscheinlicher ist es, daß man mich nicht treffen wird. Bekümmert Euch nicht um mich, und haltet vielmehr während meiner Abwesenheit hier gute Ordnung. Es ist immerhin möglich, daß der Cornel einige Leute hieher schickt, welche aufpassen sollen, ob alles regelrecht verläuft. In diesem Falle würde er mit ihnen ein gewisses Warnungszeichen verabreden. Verhaltet Euch also ganz so, wie gewöhnlich.“

Nun rief er die zwei Arbeiter herbei, welche sich an der Stelle der beiden Tramps auf die Lokomotive stellen sollten, und begab sich mit ihnen so, daß etwaige Späher es nicht bemerken konnten, auf die Strecke. Diese Arbeiter waren auf Fürsorge des Ingenieurs hin auch ziemlich wie die Tramps gekleidet.

Es war vollständig dunkel; aber die Arbeiter kannten die Strecke und nahmen den Jäger in ihre Mitte. Während sie so in der Richtung nach Carlyle fortschritten, schärfte er ihnen nochmals ein, wie sie sich in jedem einzelnen möglichen Falle zu verhalten hätten. Sie erreichten den Ort, welcher telegraphisch bestimmt worden war, und setzten sich da im Grase nieder, um die Ankunft des Zuges zu erwarten. Es war noch nicht ganz drei Uhr, als er kam und bei ihnen halten blieb. Er bestand aus der Maschine und sechs großen Personenwagen. Old Firehand stieg ein und durchwanderte dieselben. Sie waren leer. In dem vordersten stand ein mit Steinen gefüllter, verschlossener Koffer. Ein Kondukteur war nicht vorhanden; es gab nur zwei Personen, den Maschinisten und den Heizer. Als Old Firehand die Wagen verlassen hatte, trat er zu diesen beiden und gab ihnen ihre Instruktion. Er hatte noch nicht ausgesprochen, so sagte der Heizer: „Sir, wartet einen Augenblick! Ich glaube nicht, daß es notwendig ist, Eure Befehle vollends auszusprechen. Ich habe keine Lust, dieselben zu befolgen.“

„So? Warum?“

„Ich bin Heizer und habe den Kessel zu feuern; dafür werde ich bezahlt; aber mich erschießen zu lassen, dazu bin ich nicht angestellt.“

„Wer spricht denn von Erschießen?“

„Ihr freilich nicht, desto mehr aber ich.“

„Kein Mensch wird schießen.“

„Gut, dann stechen oder schlagen sie, und das ist ganz dasselbe. Es bleibt sich gleich, ob ich erschossen, erstochen, erschlagen oder erwürgt werde. Ich will auf keinem einzigen dieser Wege meinen Posten verlassen.“

„Aber haben Eure Vorgesetzten Euch denn nicht befohlen, zu thun, was wir Euch hier vorschreiben?“

„Nein; Das können sie nicht. Ich bin Familienvater und thue meine Pflicht. Mich mit Tramps herumzuschlagen, das gehört aber keineswegs in den Kreis meiner Verpflichtungen. Man hat mir gesagt, daß ich mit hieherfahren und dann hören solle, was von mir verlangt wird. Ob ich es auch thue, das soll ganz von meinem Ermessen abhängen, und ich thue es eben nicht.“

„Das ist Euer fester Entschluß?“

„Ja.“

„Und Ihr, Sir?“ fragte Old Firehand den Maschinisten, welcher bisher ruhig zugehört hatte.

„Ich verlasse meine Maschine nicht,“ antwortete der brave, furchtlose Mann.

„Aber ich halte es für meine Pflicht, Euch zu sagen, daß Euch doch durch irgend einen unvorhergesehenen Umstand ein Schaden oder gar ein Unglück zugefügt werden kann.“

„Euch nicht auch, Sir?“

„Allerdings.“

„Nun also! Was Ihr, der Fremde, wagt, das werde ich, der ich Beamter bin, wohl auch wagen dürfen.“

„Recht so! Ihr seid ein wackerer Mann. Der Feuermann mag ruhig nach Sheridan gehen und dort unsre Rückkehr erwarten; ich werde seine Stelle vertreten.“

„Well, ich gehe und wünsche gute Verrichtung!“ brummte der Genannte, indem er sich entfernte.

Old Firehand stieg mit den beiden Arbeitern auf und vervollständigte die Unterweisung des Maschinisten; dann schwärzte er sich das Gesicht mit Ruß. Er sah nun in seinem Leinenanzuge ganz wie ein Feuermann aus. Der Zug setzte sich in Bewegung.

Die Wagen waren nach amerikanischer Konstruktion gebaut. Man mußte hinten beim letzten einsteigen. um in die vorderen zu gelangen; sie waren natürlich erleuchtet. Die Lokomotive war eine sogenannte Tendermaschine und mit hohen, festen Schutz- und Wetterwänden aus starkem Eisenblech umgeben. Das war ein sehr glücklicher Umstand, denn diese Wände verbargen die auf der Maschine Stehenden fast ganz und besaßen genug Festigkeit, eine Pistolen- oder Flintenkugel abzuhalten.

Der Zug erreichte nach kurzer Zeit Sheridan und hielt dort an. Es befand sich nur der Ingenieur am Platze; er wechselte mit dem Maschinisten die herkömmlichen Redensarten und ließ dann den Train weitergehen.

Indessen waren die beiden Späher, welche Old Firehand auf der Böschung belauscht hatte, an der Stelle, wo der Cornel mit den Tramps sich gelagert hatte, angekommen. Sie berichteten ihm, daß in Sheridan niemand eine Ahnung des Bevorstehenden habe, und richteten damit große Freude an. Dann aber nahmen sie den Cornel beiseite und teilten ihm die Befürchtungen mit, welche sie gegeneinander ausgesprochen hatten. Er hörte sie ruhig an und sagte dann: „Was ihr mir sagt, das weiß ich schon. Es fällt mir gar nicht ein, alle diese Kerle, von denen die meisten unnütze Halunken sind, bei mir zu behalten, und ebensowenig kann es mir beikommen, denen, die ich nicht brauche, einen einzigen Dollar von dieser halben Million zu geben; sie bekommen nichts.“

„So werden sie es sich nehmen.“

„Wartet es ab! Ich habe meinen Plan.“

„Aber sie werden den Zug besteigen!“

„Immerhin! Ich weiß, daß sich alle hineindrängen werden; ich bleibe außen stehen und warte, bis die Kasse herausgebracht wird. Ist dann der Zug fort, so wird sich finden, was geschieht.“

„Wie steht es denn mit uns beiden?“

„Ihr bleibt bei mir. Dadurch, daß ich euch nach Sheridan schickte, habe ich bewiesen, daß ich euch Vertrauen schenke. Jetzt geht zu Woodward. Er kennt meinen Plan und wird euch die Namen derer nennen, welche ich bei mir behalten werde.“

Sie gehorchten dieser Forderung und lagerten sich zu dem Genannten, welcher ungefähr den Rang eines Lieutenants unter dem Cornel bekleidete. Jetzt lag noch alles in Dunkelheit; später, als die Stunde nahte, wurde neben der Strecke ein Feuer angebrannt. Die Tramps ahnten nicht, daß diese späte Nachtstunde zu ihrem Verderben gewählt worden sei. Um drei war es noch dunkel; aber bis der Zug den Eagle-tail erreichte, graute der Tag und man hatte leichtes Zielen.

Es war ein Viertel nach drei, als die Wartenden das ferne Rollen des Zuges hörten und kurz darauf die scharfen Lichter der Maschine erblickten. Old Firehand hielt das Feuerloch geschlossen, damit er und die andern drei Personen nicht deutlich gesehen werden konnten. Kaum hundert Schritte von dem Feuer entfernt, gab der Maschinist, als ob er einem plötzlichen Zwange gehorche, Gegendampf. Die Pfeife ertönte, die Räder kreischten und stöhnten; der Zug kam zum Stehen.

Bis jetzt waren die Tramps in Sorge darüber gewesen, ob es dem angeblichen Schreiber und dessen Genossen gelingen werde, den Maschinisten und den Heizer einzuschüchtern; als sie nun sahen, daß die Wagen hielten, jauchzten sie vor Freude auf und drängten nach dem hinteren Wagen. Jeder wollte der erste sein, der ihn bestieg. Der Cornel aber wußte wohl, was das Nötigste sei. Er trat an die Lokomotive, warf um die Kante der einen Schutzwand einen Blick hinauf und fragte: „Alles richtig, Boys?“

„Well antwortete der eine Arbeiter, welcher dem Maschinisten den Revolver auf die Brust hielt. „Sie haben wohl parieren müssen. Schau her, Cornel! Bei der geringsten Bewegung drücken wir los.“

Old Firehand stand wie furchtsam an den Wasserbehälter gedrückt und vor ihm der andre Arbeiter mit seinem Revolver. Der Cornel wurde vollständig getäuscht. Er sagte: „Schön! Habt eure Sache gut gemacht und werdet dafür ein Extrageld erhalten. Bleibt noch oben, bis wir fertig sind, und dann, wenn ich das Zeichen gebe, steigt ab, damit diese guten Leute nicht vor Angst sterben, sondern weiterfahren können.“

Er trat von der Maschine ins Dunkel zurück. Er war überzeugt gewesen, seine beiden Tramps zu sehen, zumal der Arbeiter, welcher antwortete, die Stimme des falschen Schreibers nachgeahmt hatte. Als er fort war, bog sich Old Firehand vor, um einen Blick über den Platz zu werfen. Er sah niemand stehen, aber in den Wagen wimmelte es von Menschen. Man hörte, daß sie sich um den Koffer stritten.

„Fort, fort!“ gebot der Jäger dem Maschinisten. „Und nicht langsam, sondern schnell! Der Cornel scheint nun auch eingestiegen zu sein. Wir dürfen nicht länger warten, sonst steigen sie wieder aus.“

Der Zug setzte, ohne daß der Maschinist die Pfeife ertönen ließ, sich wieder in Bewegung.

„Halt. halt!“ schrie eine Stimme. „Schießt die Hunde nieder! Schießt, schießt!“

Man konnte die Worte verstehen, aber nicht die Klangfarbe der Stimme unterscheiden. Darum wußte Old Firehand nicht, daß der Cornel der Rufende war.

Die im Innern der Wagen befindlichen Tramps erschraken, als diese letzteren weiterzurollen begannen. Sie wollten aussteigen, abspringen, aber das war bei der Schnelligkeit, welche der Maschinist der Fahrt gab, unmöglich. Old Firehand mußte das Feuer schüren. Die Flammen beleuchteten ihn und seine Genossen. Die Vorderthür des ersten Wagens wurde aufgerissen und Woodward erschien in derselben. Er sah die Maschine vor sich und das hell erleuchtete Gesicht des Jägers, bei dem die vermeintlichen Tramps ganz friedlich standen.

„Old Firehand!“ brüllte er so laut, daß es selbst durch das Rollen der Räder und das Pusten der Maschine tönte. „Dieser Hund ist es! Fahr zum Teufel!“

Er riß sein Pistol aus dem Gürtel und schoß. Firehand warf sich zu Boden und wurde nicht getroffen. Im nächsten Augenblicke aber blitzte sein Revolver auf, und Woodward stürzte, ins Herz getroffen, in den Wagen zurück. Andre erschienen an der offenen Thüre, wurden aber augenblicklich von seinen Kugeln getroffen. Auch die beiden Arbeiter richteten ihre Revolver auf die Thür und schossen, bis es gelungen war, die eine Seitenschutzwand in den Querfalz und also zwischen den Wagen und die Maschine zu bringen. Nun mochten die Tramps schießen.

Indessen war der Zug weitergerast. Der Führer hielt das Auge scharf auf die von den Lichtern beschienene Strecke gerichtet. Zwei Viertelstunden vergingen, und im Osten wurde es hell. Da ließ er die Pfeife ertönen, nicht in kurzen Stößen, sondern in einem langen, endlos scheinenden Brüllen. Er näherte sich der Brücke und wollte die dort wartenden Männer von dem Kommen des Zuges unterrichten.

Diese letzteren standen längst auf ihrem Posten. Kurz vor Mitternacht waren die Dragoner aus Fort Wallace angekommen; sie hatten sich jetzt auf beiden Seiten des Flusses unter die Brücke postiert, um jeden Tramp, der etwa von oben herab entkommen sollte, da unten festzunehmen. Da, wo die Brücke begann, hielt Winnetou mit den Rafters und Jägern. Jenseits derselben, zu beiden Seiten des Tunneleinganges, standen drei Vierteile der bewaffneten Arbeiter, und am Ausgange des Tunnels wartete der Rest derselben. Bei diesen befand sich der Schichtmeister, welcher die nicht ungefährliche Aufgabe übernommen hatte, im Innern des Tunnels die Lokomotive vom Zuge zu lösen. Als er das Gebrüll der Pfeife hörte, gebot er seinen Leuten: „Das Feuer anbrennen!“

Während diesem Befehle sofort Folge geleistet wurde, indem man den vor dem Tunnelmunde liegenden Holz- und Kohlenstoß in Brand steckte, trat er selbst in den Tunnel, um, ganz an die Wand desselben gedrückt, den Zug zu erwarten.

Dieser war mit sich vermindernder Kraft und Schnelligkeit über die Brücke gekommen und näherte sich dem Tunnel. Old Firehand sah die dort postierten Leute und rief ihnen zu: „Hinter uns anbrennen!“

Einen Augenblick später hielt der Zug. Die Lokomotive stand gerade da, wo der Schichtmeister sie erwartet hatte.

„Nur einen Augenblick!“

Bei diesen Worten kroch er zwischen die Maschine und den ersten Wagen, löste die Verbindung zwischen beiden und rannte zum Tunnel hinaus. Die Lokomotive folgte augenblicklich; die Wagen blieben stehen, und die vorn und hinten brennenden Feuer wurden von den Arbeitern, nachdem man die Geleise schnell durch daraufgelegte Steine geschützt hatte, in die Mitte der Strecke geschoben.

Dies alles war viel schneller geschehen, als es erzählt werden kann, viel zu schnell auch, als daß es den Tramps ebenso rasch möglich gewesen wäre, zu erkennen, in welcher Lage sie sich befanden. Es war ihnen schon während der sausenden Fahrt nicht wohl gewesen. Sie hatten erfahren, daß Old Firehand auf der Maschine stehe, und wußten also, daß ihr Plan vereitelt sei; aber sie waren gewiß, daß sie da, wo der Zug zum Halten kam, selbst wenn dieser Ort eine belebte Station sein sollte, ihre Freiheit wiedererlangen würden. Sie waren gut bewaffnet und ihrer so viele, daß es wohl niemand wagen würde, sie halten zu wollen.

Nun stand der Zug; darauf hatten sie gewartet. Aber als sie aus den Seitenfenstern blickten, starrte ihnen eine unterirdische Dunkelheit entgegen. Denjenigen, welche sich nach der Thür des letzten Wagens drängten, um auszusteigen, war es, als ob sie durch eine enge, finstere Röhre in ein mächtig großes, qualmendes Feuer blickten. Und die von ihnen, welche im vorderen Wagen standen, sahen, daß die Lokomotive verschwunden und an deren Stelle ein brennender Kohlenhaufen getreten war. Da kam einem von ihnen der richtige Gedanke.

„Ein Tunnel, ein Tunnel!“ rief er erschrocken aus, und „ein Tunnel, ein Tunnel!“ schrieen ihm die andren nach. „Was ist da zu thun? Wir müssen hinaus!“

Man schob und stieß, so daß diejenigen, welche an den Thüren – denn nun war auch diejenige des vorderen Wagens passierbar – standen, nicht aussteigen konnten, sondern förmlich hinausgeworfen wurden. Der zweite stürzte auf den ersten, der dritte auf den zweiten und so weiter. Es gab ein Chaos von Körpern, Armen und Beinen, von Schreien, Verwünschungen und Flüchen, und das ging nicht ohne manche Verletzung ab. Es gab sogar welche, die zu den Waffen griffen, um sich derer zu erwehren, welche an ihnen hingen oder auf ihnen lagen.

Und zu der Finsternis, welche von den vorn und hinten am Tunnel brennenden Feuern und den Waggonslampen nicht einmal nur notdürftig erleuchtet wurde, gesellte sich jetzt der dicke, schwere Kohlenqualm, welcher von dem Morgenwinde in den Tunnel getrieben wurde.

„Beim Teufel! Man will uns ersticken!“ rief eine kreischende Stimme. „Hinaus, hinaus!“

Zehn, zwanzig. fünfzig, hundert schrieen es ihm nach, und in wahrer Todesangst drängte sich, trieb, schob und stieß sich alles den beiden Ausgängen zu. Aber dort prasselten die Feuer, deren breit und hoch lodernde Flammen keinen Raum zum Durchgang boten. Wer da hinaus wollte, mußte durch das Feuer springen und an den Kleidern unbedingt in Brand geraten. Das erkannten die vorderen; sie wendeten sich um und schoben zurück; die hinteren drängten nach und wollten nicht weichen, und infolgedessen entspann sich in der Nähe der beiden Feuer ein schauerlicher Doppelkampf zwischen Leuten, welche kurz vorher noch Freunde und in allem Bösen gleichgesinnt gewesen waren. Der Tunnel warf das Brüllen und Toben in verzehnfachter Stärke zurück, so daß es draußen klang, als ob alles wilde Getier der Erde drinnen losgelassen sei.

Old Firehand hatte den Felsen umgangen, um an das vordere Feuer zu kommen. „Wir brauchen nichts zu thun,“ rief ihm dort ein Arbeiter entgegen. „Die Bestien reiben einander selber auf. Hört nur, Sir! Ein ausgezeichneterer Plan als der Eurige konnte nicht erdacht werden.“

„Ja, sie sind hart aneinander geraten,“ antwortete er. „Aber sie sind Menschen, und wir müssen sie schonen. Macht mir den Eingang frei!“

„Wollt Ihr etwa hinein?“

„Ja.“

„Um Gottes willen nicht! Sie werden über Euch herfallen und Euch erwürgen, Sir!“

„Nein, sondern sie werden froh sein, wenn ich ihnen einen Weg zur Rettung zeige.“

Er half selbst mit, das Feuer seitwärts zu schieben, so daß sich zwischen diesem und der Tunnelwand ein Raum öffnete, durch welchen man springen konnte. Langsam hineinzugehen, wäre unmöglich gewesen. Er that den Sprung und befand sich nun im Tunnel, er allein den wütenden Menschen gegenüber. Wohl nie im Leben hatte sich seine Verwegenheit so deutlich gezeigt wie jetzt; aber auch nie wohl war sein Selbstgefühl ein so sicheres gewesen wie in diesem Augenblick. Er hatte oft erfahren, wie geradezu fascinierend, wie lähmend auch der Mut eines einzigen Mannes auf ganze Massen zu wirken vermag.

„Hallo, silence!“ erschallte seine mächtige Stimme. Sie übertönte das Geschrei aus hundert Kehlen, und alle schwiegen still. „Hört, was ich euch sage!“

„Old Firehand!“ erklang es voller Staunen über seine unvergleichliche Furchtlosigkeit.

„Ja, der bin ich,“ antwortete er. „Und ihr habt es erfahren, wo ich bin, da gibt es keinen Widerstand. Wollt ihr nicht ersticken, so laßt eure Waffen hier und kommt hinaus, aber einzeln. Ich werde draußen am Feuer stehen und kommandieren. Wer hinausspringt, ohne meinen Zuruf abzuwarten, der wird augenblicklich erschossen. Und wer irgend eine Waffe bei sich behält, bekommt ebenso die Kugel. Wir sind ihrer viele, Arbeiter, Jäger, Rafters und Soldaten, genug, um diese meine Drohung wahr machen zu können. Überlegt es euch! Werft uns eine Mütze oder einen Hut hinaus; das soll uns das Zeichen sein, daß ihr euch fügen wollt. Thut ihr das nicht, so richten sich hundert Büchsen auf die Feuer, um niemand durchzulassen.“

Er hatte des Qualms wegen die letzten Worte nur mit Anstrengung sprechen können, und sprang, um ja nicht das Ziel für eine Kugel abzugeben, schnell wieder nach draußen zurück. Diese Vorsicht war geraten, aber eigentlich überflüssig. Der Eindruck, den sein Erscheinen auf die Tramps hervorgebracht hatte, war ein solcher, daß keiner von ihnen es gewagt hätte, das Gewehr gegen ihn zu erheben.

Jetzt gab er den Arbeitern die Weisung, ihre Waffen auf den Tunnelmund zu richten, um die Tramps zurückzuwerfen, falls diese versuchen sollten, in Masse durchzubrechen. Es war zu hören, daß sie sich berieten. Viele laute Stimmen sprachen durcheinander. Die Umstände erlaubten ihnen nicht, viel Zeit auf diese Beratung zu verwenden, denn der Qalm, welcher den Tunnel füllte, wurde immer dichter und erschwerte das Atmen mehr und mehr. Einem Manne wie Old Firehand gegenüber hatten sie den Mut verloren; sie wußten, daß er seine Drohung wahr machen werde; der Tod des Erstickens trat ihnen näher und näher, und so sahen sie keinen andern Weg der Rettung vor sich, als die Ergebung. Es kam ein Hut an dem Feuer vorüber aus dem Tunnel geflogen, und gleich darauf wurden die Tramps durch einen Zuruf Old Firehands belehrt, daß der erste von ihnen kommen dürfe. Er kam herausgesprungen und mußte ohne Aufenthalt über die Brücke hinüber, wo er von den Rafters und Jägern in Empfang genommen wurde. Man hatte sich infolge des so wohlgelungenen Planes, welcher eigentlich dem Kopfe Winnetous entstammte, mit Stricken, Schnüren und Riemen versehen, und der Mann wurde. als er drüben anlangte, sofort gebunden. Ebenso erging es allen seinen Kameraden, welche nach ihm kamen. Sie wurden in solchen Zwischenräumen aus dem Tunnel entlassen, daß man Zeit hatte, jeden einzelnen zu fesseln, bevor der nächste kam. Dennoch ging das so schnell, daß nach kaum einer Viertelstunde alle Tramps sich in der Gewalt der Sieger befanden. Aber nun stellte sich zum großen Verdruß und Ärger der letzteren heraus, daß der rote Cornel fehlte. Die Gefangenen, welche man befragte, sagten aus, daß er mit ungefähr noch zwanzig andern den Zug gar nicht bestiegen habe. Es wurde im Tunnel und in den Waggons sorgfältig nachgesucht; man fand ihn nicht und mußte also annehmen, daß diese Leute die Wahrheit gesagt hatten.

Sollte gerade dieser Mensch, auf den es am meisten abgesehen war, entkommen? Nein! Die Gefangenen wurden dem Schutze der Soldaten und Arbeiter anvertraut, und dann ritten Old Firehand und Winnetou mit den Jägern und Rafters zurück, um die Spur des Vermißten an der Stelle, an welcher der Zug angehalten hatte, aufzunehmen. Dort angekommen, schickte Old Firehand vier Rafters weiter nach Sheridan, um sein Pferd, seinen Jagdanzug und die beiden noch dort befindlichen Tramps nach dem Tunnel schaffen zu lassen. Er wollte nicht wieder nach Sheridan zurückkehren, sondern mit seinen Genossen gleich mit nach Fort Wallace gehen, wohin die Tramps geschafft werden sollten, weil sie dort unter militärischer Bewachung besser aufgehoben waren als anderswo. Natürlich bekamen diese vier Boten auch den Befehl, dem Ingenieur mitzuteilen, inwieweit die Ausführung des Planes gelungen war.

Man fand den Platz, auf welchem die Tramps gelagert hatten, um den Zug zu erwarten. Nicht weit davon waren die Pferde angebunden gewesen. Nach längerem Suchen und sorgfältiger Beurteilung der vielen Fuß- und Hufeindrücke ergab es sich, daß allerdings ungefähr zwanzig Mann entkommen seien. Diese hatten ebensoviele Pferde mit sich genommen, natürlich waren die besten der Tiere ausgesucht worden; die andern hatte man nach allen Richtungen davongejagt.

„Dieser Cornel hat sehr pfiffig gehandelt,“ meinte Old Firehand. „Hätte er alle Pferde mitgenommen, so wäre das eine große Last für seinen kleinen Trupp gewesen, und die zurückgelassene Spur würde so deutlich sein, daß ein Kind ihr folgen konnte. Dadurch, daß er die zurückgelassenen Rosse auseinander jagte, hat er uns das Nachforschen erschwert und viel Zeit gewonnen. Und da er jedenfalls nicht die schlechtesten behalten haben wird, so kommt er schnell vorwärts und wird jetzt bereits einen Vorsprung haben, den wir nur mit Mühe auszugleichen vermögen.“

„Mein weißer Bruder irrt sich vielleicht,“ antwortete Winnetou. „Dieses Bleichgesicht hat die Gegend gewiß nicht verlassen, ohne nachgeforscht zu haben, was mit seinen Leuten geschehen ist. Wenn wir jetzt seiner Fährte folgen, wird uns dieselbe gewiß nach dem Eagle-tail führen.“

„Ich bin überzeugt, daß mein roter Bruder ganz richtig vermutet. Der Cornel ist von hier fortgeritten, um uns zu belauschen. Er wird nun wissen, woran er ist, und schleunigst die Flucht ergriffen haben. Wir aber sind hierher gekommen, um nach ihm zu forschen, und haben dabei die kostbarste Zeit verloren.“

„Wenn wir schnell zurückkehren, wird er vielleicht noch einzuholen sein!“

„Nein. Mein Bruder muß bedenken, daß wir ihm nicht augenblicklich folgen können. Wir müssen mit nach Fort Wallace, um dort unsre Aussagen abzulegen. Das wird den ganzen heutigen Tag in Anspruch nehmen, so daß wir den zwanzig Tramps erst morgen folgen können.“

„So werden sie uns über einen ganzen Tag voraus sein!“

„Ja; aber wir wissen, wohin sie wollen, und brauchen also keine Zeit damit zu versäumen, daß wir ihrer Fährte folgen. Wir gehen direkt nach dem Silbersee.“

„Meint mein Bruder, daß sie nun noch dahin wollen?“

„Jedenfalls.“

„Jetzt, da sie hier geschlagen worden sind?“

„Ja, trotzdem.“

„Aber sie haben hier keinen Erfolg gehabt. Wird das nicht ihr Vorhaben verändern?“

„Gewiß nicht. Sie wollten Geld haben, um damit irgendwo gewisse Einkäufe zu machen. Diese Einkäufe sind aber nicht unbedingt nötig. Leben können sie von dem Wilde, welches sie schießen. Waffen haben sie und Munition wohl auch. Und sollte es ihnen an der letzteren fehlen, so bekommen sie unterwegs Gelegenheit, sich dieselbe auf ehrliche oder auch unehrliche Weise zu beschaffen. Ich bin überzeugt, daß sie nach dem Silbersee gehen werden.“

„So wollen wir jetzt ihrer Spur folgen, um wenigstens zu erfahren, wohin sie von hier aus geritten sind.“

Zwanzig Reiter hinterlassen Hufeindrücke genug, und hier gab es genug geübte Augen, denen selbst eine viel weniger sichtbare Fährte nicht hätte entgehen können. Dieselbe führte nach dem Flusse und dann stets am Ufer desselben aufwärts; sie war so deutlich, daß man Galopp reiten konnte, ohne sie zu verlieren.

Am Eagle-tail, unweit der Brücke, waren die Tramps halten geblieben. Einer von ihnen, wohl der Cornel, war dann unter dem Schutze der dort stehenden Bäume und Sträucher hinauf nach dem Geleise geschlichen, wo er jedenfalls Zeuge der Gefangennahme der ganzen Gesellschaft gewesen war. Nach seiner Rückkehr hatten sie sich aus dem Staube gemacht.

Die Jäger und Rafters folgten der Spur wohl noch eine halbe Stunde lang und kehrten dann, als sie genau wußten, welche Richtung die Flüchtigen eingeschlagen hatten, nach der Brücke zurück. Die Tramps hatten ihren Weg nach dem Busch-Creek genommen, ein fast sicheres Zeichen, daß sie die Absicht hegten, sich nach Colorado und von dort aus jedenfalls nach dem Silbersee zu wenden.

Indessen waren die vier Rafters aus Sheridan zurückgekehrt. Sie hatten auch Hartley und den Ingenieur Charoy mitgebracht, welche mit nach Fort Wallace wollten, wo ihre Aussage von Wichtigkeit war. Die Arbeiter begaben sich zu Fuße nach Sheridan; sie nahmen als Belohnung die Waffen mit, welche den Tramps abgenommen worden waren. Zum Transport der letzteren waren mehr als genug Wagen vorhanden. Der Bauzug stand auch da und ebenso der „Geldzug“, welcher freilich kein Geld enthalten hatte. Nachdem die Gefangenen aufgeladen worden waren, stiegen die andern ein und die beiden Züge setzten sich in Bewegung. Die Dragoner aber kehrten zu Pferde nach Fort Wallace zurück.

Dort hatte sich das Ereignis indessen herumgesprochen und die Bevölkerung war außerordentlich gespannt, zu erfahren, welchen Verlauf dasselbe genommen habe. Als die Züge ankamen, drängte sich alles herbei, und die Tramps wurden auf eine Weise empfangen, welche ihnen einen Vorgeschmack dessen gab, was sie hier später, nach ihrer Verurteilung, zu erwarten hatten. Wären es nicht ihrer so viele gewesen, und hätte ihre Eskorte es nicht zu verhüten gewußt, so wären sie gewiß gelyncht worden.

Sie hatten übrigens große Verluste erlitten, da fast der vierte Teil ihrer Anzahl tot im Tunnel aufgefunden worden war. Noch heute erzählt man sich in jener Gegend von dieser berühmten Ausräucherung der Tramps im Tunnel des Eagle-tail, wobei natürlich die Namen von Old Firehand und Winnetou genannt werden. –

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Zweites Kapitel

Die Tramps.

„Die Vereinigten Staaten von Nordamerika sind trotz oder vielmehr infolge ihrer freisinnigen Institutionen der Herd ganz eigenartiger sozialer Landplagen, welche in einem europäischen Staate vollständig unmöglich sein würden.“

Der Kenner der dortigen Zustände wird zugeben, daß diese Behauptung eines neueren Geographen ihre guten Gründe habe. Man könnte die Plagen, von denen er spricht, in chronische und akute einteilen. In ersterer Beziehung wären vor allen Dingen die händelsuchenden Loafers und Rowdies, und sodann die sogenannten Runners, welche es vorzugsweise auf die Einwanderer abgesehen haben, zu nennen. Das Runner-, Loafer- und Rowdytum ist stabil geworden und wird, wie es allen Anschein hat, noch verschiedene Jahrzehnte überdauern. Anders ist es bei der zweiten Art der Plagen, welche sich schneller entwickeln und von kürzerer Dauer sind. Dahin gehörten die rechtlosen Zustände des fernen Westens, infolge deren sich förmliche Räuber- und Mörderbanden bildeten, welche Master Lynch nur durch das energischeste Vorgehen zu vernichten vermochte. Ferner wären hier die Kukluxes zu erwähnen, welche während des Bürgerkrieges und auch noch nach demselben ihr Wesen trieben. Zur schlimmsten und gefährlichsten Landplage aber entwickelten sich die Tramps als Vertreter des rohesten und brutalsten Vagabundentums.

Als zu einer gewissen Zeit ein schwerer Druck auf Handel und Wandel lag, Tausende von Fabriken stillstanden und Zehntausende von Arbeitern beschäftigungslos wurden, begaben sich die Arbeitslosen auf die Wanderung, welche vorzugsweise in westlicher Richtung erfolgte. Die am und jenseits des Mississippi liegenden Staaten wurden von ihnen förmlich überschwemmt. Dort trat bald ein Scheideprozeß ein, indem die Ehrlichen unter ihnen Arbeit nahmen, wo sie dieselbe fanden, selbst wenn die Beschäftigung nur eine wenig lohnende und dabei anstrengende war. Sie traten meist auf Farmen an, um bei der Ernte zu helfen, und wurden deshalb gewöhnlich Harvesters, Erntearbeiter genannt.

Die arbeitsscheuen Elemente aber vereinigten sich zu Banden, welche von Raub, Mord und Brand ihr Leben fristeten. Die Mitglieder derselben sanken schnell auf die tiefste Stufe sittlicher Verkommenheit herab und wurden von Männern angeführt, welche die Zivilisation meiden mußten, weil die Faust des Strafgesetzes sich verlangend nach ihnen ausstreckte.

Diese Tramps erschienen gewöhnlich in größeren Haufen, zuweilen bis dreihundert Köpfe stark und darüber. Sie überfielen nicht bloß einzelne Farmen, sondern selbst kleinere Städte, um sie vollständig auszurauben. Sie bemächtigten sich sogar der Eisenbahnen, überwältigten die Beamten und bedienten sich der Züge, um schnell in ein andres Gebiet zu gelangen und dort dieselben Verbrechen zu wiederholen. Dieses Unwesen nahm so überhand, daß in einigen Staaten die Gouverneurs gezwungen waren, die Miliz einzuberufen, um den Strolchen förmliche Schlachten zu liefern. Für solche Tramps hatten der Kapitän und der Steuermann des „Dogfish“, wie bereits erwähnt, den Cornel Brinkley und seine Leute gehalten. Diese Vermutung konnte, selbst wenn sie richtig war, keinen Grund zu direkten Befürchtungen bieten. Die Gesellschaft war nur ungefähr zwanzig Mann stark und also viel zu schwach, um mit den übrigen Passagieren und der Schiffsbesatzung anzubinden, doch konnten Vorsicht und Aufmerksamkeit keineswegs als überflüssig gelten.

Der Cornel hatte seine Aufmerksamkeit natürlich auch auf die wunderliche Gestalt gerichtet, welche sich dem Schiffe auf so zerbrechlichem Flosse näherte und, nur so wie beiläufig, das mächtige Raubtier erlegte. Er hatte gelacht, als Tom den sonderbaren Namen Tante Droll aussprach. Aber jetzt, als der Fremde das Verdeck betrat und er das Gesicht desselben deutlicher erkennen konnte, zogen sich seine Brauen zusammen, und er wies seine Leute an, mit ihm zu kommen. Er führte sie nach der Spitze des Vorderdecks und antwortete, als man ihn nach dem Grunde dieses Rückzuges fragte: „Dieser Kerl ist gar nicht so lächerlich, wie er erscheinen will; ich sage euch sogar, daß wir uns vor ihm in acht zu nehmen haben.“

„Warum? Kennst du ihn? Ist er eine Frau oder ein Mann?“ antwortete einer.

„Natürlich ein Mann.“

„Warum dann diese Maskerade?“

„Es ist keine Maskerade. Dieser Mensch ist in Wirklichkeit ein Original, dabei aber einer der gefährlichsten Polizeispione, die es geben kann.“

„Pshaw! Tante Droll und Polizeispion! Der Mann soll alles sein, was dir beliebt, ich will es glauben, aber nur Detektive nicht!“

„Und doch ist er es. Ich habe von Tante Droll gehört; sie soll ein halbverrückter Fallensteller sein, der mit allen Indianerstämmen seiner Lustigkeit wegen auf bestem Fuße steht. Nun ich sie aber jetzt gesehen habe, kenne ich sie besser. Dieser dicke Mensch ist ein Detektive, wie er im Buche steht. Ich bin ihm droben in Fort Sully am Missouri begegnet, wo er einen Kameraden mitten aus unsrer Gesellschaft holte und an den Strick lieferte, er allein, und wir waren über vierzig Mann!“

„Das ist unmöglich. Ihr konntet ihm doch wenigstens vierzig Löcher in den Leib stechen!“

„Nein, das konnten wir nicht. Er arbeitet mehr mit Verschlagenheit als mit Gewalt. Seht euch nur einmal seine kleinen, listigen Maulwurfsäuglein an! Denen entgeht keine Ameise im dicksten Grase. Er macht sich mit der größten, unwiderstehlichsten Freundlichkeit an sein Opfer und klappt die Falle zu, bevor es möglich ist, an eine Überrumpelung auch nur zu denken.“

„Kennt er denn dich?“

„Das halte ich für unmöglich. Er hat mich damals nicht beachten können; es ist eine lange Zeit her, und ich habe mich inzwischen sehr verändert. Dennoch bin ich der Meinung, daß es geraten ist, uns still und unbefangen zu verhalten, daß wir seine Aufmerksamkeit nicht erregen. Ich denke, daß wir hier einen guten Streich ausführen können, und möchte nicht haben, das er uns dabei im Wege steht. Old Firehand ist nebst Old Shatterhand der berühmteste Jäger des Westens. Der schwarze Tom hat sich auch als ein Mann gezeigt, mit dem man rechnen muß, aber weit gefährlicher noch als diese beiden ist Tante Droll. Nehmt euch vor ihr in acht, und thut lieber so, als ob ihr sie gar nicht bemerkt.“

So gefährlich, wie Droll von dem Cornel geschildert wurde, sah er freilich nicht aus, vielmehr mußten sich die Anwesenden alle Mühe geben, bei seinem Erscheinen nicht in ein verletzendes Gelächter auszubrechen. Nun, da er auf dem Decke stand, ließ sich erkennen und sagen, welcher Art seine Kleidung war.

Seine Kopfbedeckung war weder Hut noch Mütze noch Haube, und doch konnte man sie mit jedem dieser Worte bezeichnen. Sie bestand aus fünf verschieden geformten Lederstücken. Das mittlere, welches auf dem Kopfe saß, hatte die Gestalt eines umgestülpten Napfes; das vordere beschattete die Stirn, und sollte jedenfalls eine Art von Schirm oder Krempe sein; das vierte und fünfte waren breite Klappen, welche die Ohren bedeckten. Der Rock war sehr lang und außerordentlich weit. Er war aus lauter ledernen Flicken und Flecken zusammengesetzt, einer immer auf und über den andern genäht. Keiner dieser Flecken trug das gleiche Alter; man sah ihnen vielmehr an, daß sie so nach und nach, zu den verschiedensten Zeiten, vereinigt worden waren. Vorn waren die Ränder dieses Rockes mit kurzen Riemen versehen, welche zusammengebunden waren, auf welche Weise die mangelnden Knöpfe ersetzt wurden. Da die große Länge und Weite dieses außerordentlichen Kleidungsstückes das Gehen erschwerte, hatte der Mann dasselbe hinten vom unteren Saume an bis an den Leib aufgeschnitten und die beiden Hälften sich in der Weise um die Beine gebunden, daß sie eine Pumphose bildeten, welche den Bewegungen der Tante Droll ein geradezu lächerliches Aussehen erteilte. Diese improvisierten Hosenbeine reichten bis auf den Knöchel herab. Zwei Lederschuhe bildeten die Vervollständigung nach unten hin. Die Ärmel dieses Rockes waren auch ungewöhnlich weit und dem Manne viel zu lang. Er hatte sie vorn zugenäht und weiter nach hinten zwei Löcher angebracht, aus denen er die Hände streckte. In dieser Weise bildeten die Ärmel nun zwei herabhängende Ledertaschen, in denen allerhand untergebracht werden konnte.

Die Figur des Mannes bekam durch dieses Kleidungsstück das Aussehen der Unförmlichkeit, und die Lachlust geradezu herausfordernd wirkte dazu das volle, rotwangige, ungemein freundliche Gesicht, dessen Äuglein nicht eine Sekunde lang stillstehen zu können schienen, sondern fortgesetzt in Bewegung waren, damit ihnen ja nichts entgehen möge.

Dergleichen Erscheinungen sind im Westen gar nicht etwa selten. Wer sich jahrelang in der Wildnis aufhält, hat weder Zeit noch Gelegenheit noch auch Geld, seine abgerissenen Kleidungsstücke anders als durch das zu ersetzen, was ihm durch das abgeschiedene Leben an die Hand gegeben wird, und man trifft da häufig auf berühmte Leute, deren Anzug ein solcher ist, daß anderwärts die Kinder schreiend und lachend hinterherlaufen würden. In der Hand hatte der Mann ein doppelläufiges Gewehr, welches jedenfalls ein sehr ehrwürdiges Alter besaß. Ob er außerdem noch Waffen bei sich habe, das konnte man nur vermuten, nicht aber sehen, da der Rock die Gestalt wie ein zugebundener Sack umschloß, in dessen Inneren allerdings gar mancher Gegenstand verborgen sein konnte.

Der Knabe, welcher sich in der Gesellschaft dieses Originals befand, konnte vielleicht sechzehn Jahre zählen. Er war blond, starkknochig und schaute sehr ernst, ja trotzig drein, wie einer, welcher seinen Weg schon selbst zu gehen weiß. Sein Anzug bestand aus Hut, Jagdhemd, Hose, Strümpfen und Schuhen, alles aus Leder gefertigt. Außer der Flinte war er noch mit einem Messer und einem Revolver bewaffnet.

Als Tante Droll das Deck betrat, streckte sie dem schwarzen Tom die Hand entgegen und rief mit ihrer hohen, dünnen Fistelstimme: „Welcome, alter Tom! Welch eine Überraschung! Eine wirkliche Ewigkeit, daß wir uns nicht gesehen haben. Woher des Weges und wohin?“

Sie schüttelten sich die Hände in der herzlichsten Weise, wobei Tom antwortete: „Vom Mississippi herauf. Will ins Kansas hinein, wo ich meine Rafters in den Wäldern habe.“

„Well, so ist alles richtig. Wir haben ganz dieselbe Route. Will auch dorthin und gar noch weiter. Können also noch einige Zeit beisammen sein. Doch vor allen Dingen die Passage, Sir. Was haben wir zu zahlen, nämlich ich und dieser kleine Mann, wenn’s nötig ist?“

Diese Frage war an den Kapitän gerichtet.

„Es fragt sich, wie weit ihr mitfahrt und welchen Platz ihr wollt,“ antwortete dieser.

„Platz? Tante Droll fährt stets auf dem ersten, also Kajüte, Sir. Und wie weit? Sagen wir einstweilen Fort Gibson. Können das Lasso ja zu jeder Zeit länger machen. Nehmt Ihr Nuggets?“

„Ja, ganz gern.“

„Aber wie steht’s da mit der Goldwage? Seid Ihr ehrlich?“

Diese Frage kam so drollig heraus, und die beiden Äuglein zwinkerten dabei so eigenartig, daß sie gar nicht übelgenommen werden konnte. Dennoch gab der Kapitän sich den Anschein, als ob er sich ärgere, und antwortete: „Fragt ja nicht noch einmal, sonst werfe ich Euch auf der Stelle über Bord!“

„Oho! Meint Ihr, daß Tante Droll so leicht ins Wasser zu bringen sei? Da irrt Ihr Euch gewaltig. Versucht’s einmal!“

„Na,“ wehrte der Kapitän ab, „gegen Damen muß man höflich sein, und da Ihr eine Tante seid, so gehört Ihr ja zum schönen Geschlechte. Ich will also Eure Frage nicht so scharf nehmen. Übrigens hat es mit dem Zahlen keine große Eile. Wendet Euch gelegentlich an den Offizier!“

„Nein, ich borge nicht, keine Minute lang; das ist so mein Prinzip, wenn’s nötig ist.“

„Well! So kommt also mit zur Office.“

Die beiden entfernten sich und die andern tauschten gegenseitig ihre Ansichten über den sonderbaren Menschen aus. Der Kapitän kehrte schneller zurück als Droll. Er sagte in erstauntem Tone: „Mesch’schurs, die Nuggets hättet ihr sehen sollen, die Nuggets! Er fuhr mit der einen Hand in seinen Ärmel zurück, und als er sie dann wieder aus dem Loche streckte, hatte er sie voller Goldkörner, erbsengroß, haselnußgroß und sogar noch größer. Dieser Mann muß eine Bonanza entdeckt und ausgenommen haben. Ich wette, er ist viel, viel reicher, als er aussieht.“

Droll bezahlte indessen in der Office das Passagegeld und sah sich dann in der Nähe um. Er erblickte zunächst die Leute des Cornels. Da er nicht derjenige war, der sich auf einem Schiffe befand, ohne zu erfahren, welche Mitpassagiere er habe, so schlenderte er langsam nach dem Vorderdecke zu und sah sich die Männer an. Sein Auge ruhte für einige Augenblicke auf dem Cornel, dann fragte er ihn: „Verzeihung, Sir, haben wir uns nicht schon einmal gesehen?“

„Nicht daß ich wüßte,“ antwortete der Gefragte.

„O, mir ist genau so, als ob wir uns schon begegnet seien. Wart Ihr vielleicht schon einmal oben am Missouri?“

„Nein.“

„Auch nicht in Fort Sully?“

„Kenne es gar nicht.“

„Hm! Darf ich vielleicht Euren Namen erfahren?“

„Warum? Wozu?“

„Weil Ihr mir gefallt, Sir. Und sobald ich mein Wohlgefallen an einem Menschen habe, so läßt es mir nicht eher Ruhe, als bis ich erfahre, wie er heißt.“

„Was das betrifft, so gefallt Ihr mir auch,“ antwortete der Cornel in scharfem Tone; „trotzdem aber möchte ich nicht so unhöflich sein, Euch nach Eurem Namen zu fragen.“

„Warum? Ich halte das für keine Unhöflichkeit und würde Eure Frage sofort beantworten. Ich habe keine Veranlassung, meinen Namen zu verschweigen. Nur derjenige, der keine ganz ehrlichen Gründe hat, verschweigt es, wie er heißt.“

„Das soll wohl eine Beleidigung sein, Sir?“

„Fällt mir gar nicht ein! Ich beleidige niemals ein Menschenkind, wenn’s nötig ist. Adieu, Sir, und behaltet Euren Namen für Euch! Ich mag ihn nicht haben.“

Er drehte sich um und ging von dannen.

„Mir das!“ knirschte der Rote. „Und ich muß es so hinnehmen!“

„Warum leidest du es?“ lachte einer seiner Leute. „Ich hätte diesem Ledersacke mit der Faust geantwortet.“

„Und den kürzern gezogen!“

„Pshaw! Diese Kröte sah nicht nach großer Körperstärke aus.“

„Aber ein Mann, der einen schwarzen Panther bis auf den Handgriff herankommen läßt und ihm dann so kaltblütig die Ladung gibt, als ob er ein Prairiehuhn vor sich habe, der ist nicht zu mißachten. Übrigens handelt es sich nicht um ihn allein. Ich würde sofort noch andre gegen mich haben, und wir müssen alles Aufsehen vermeiden.“

Droll war wieder nach hinten gegangen und stieß unterwegs auf die beiden Indianer, welche sich auf einen Tabakballen gesetzt hatten. Als sie ihn erblickten, erhoben sie sich wie Leute, welche erwarten, angeredet zu werden. Droll hemmte seinen Schritt, als er sie sah, ging dann eilig auf sie zu und rief aus: „Mira, el oso viejo y el oso mozo – siehe da, der alte Bär und der junge Bär!“

Das war spanisch. Er mußte also wissen, daß die beiden Roten das Englisch nicht gut, das Spanisch aber geläufiger sprachen und verstanden.

„Que sorpresa, la tia Droll – welche Überraschung, die Tante Droll,“ antwortete der alte Indsman, obgleich er ihn schon gesehen hatte, als er noch auf dem Floße saß.

„Was thut ihr hier im Osten und auf diesem Schiffe?“ fragte Droll, indem er beiden die Hand reichte.

„Wir waren mit mehreren roten Brüdern in New Orleans, um Sachen einzukaufen, und befinden uns auf dem Heimwege, während die andern die Sachen nachbringen. Es sind viele Monde vergangen, seit wir das Angesicht der Tante Droll nicht gesehen haben.“

„Ja, der junge Bär ist indessen doppelt so groß und lang geworden, als er damals war. Leben meine roten Brüder mit ihren Nachbarn in Frieden?“

„Sie haben ihre Kriegsbeile in die Erde gelegt und wünschen nicht, sie ausgraben zu müssen.“

„Wann werdet ihr zu den Eurigen kommen?“

„Das wissen wir nicht. Wir glaubten, einen halben Mond zuzubringen, nun aber wird es länger währen.“

„Nun aber? Was haben diese beiden Worte zu bedeuten?“

„Daß der alte Bär nicht eher heimkehren kann, bis er sein Messer in das Blut des Beleidigers getaucht hat.“

„Wer ist das?“

„Der weiße Hund dort mit dem roten Haar. Er hat den alten Bär mit der Hand in das Gesicht geschlagen.“

„Alle Teufel! Ist dieser Kerl bei Sinnen gewesen! Er muß doch wissen, was es heißt, einen Indianer mit der Hand zu schlagen, zumal den alten Bären.“

„Er scheint nicht zu wissen, daß ich dieser bin. Ich habe meinen Namen in der Sprache meines Volkes gesagt und bitte meinen weißen Bruder, ihm denselben nicht ins Englische zu übersetzen.“

„Wenn ich ihm jemals etwas übersetze, so wird es jedenfalls etwas andres sein, als der Name meines Bruders. Jetzt will ich fort, zu den andern, welche gern mit mir reden wollen; ich werde noch oft zu euch kommen, um eure Stimmen zu vernehmen.“

Er setzte den unterbrochenen Gang nach hinten fort. Dort war jetzt der Vater des geretteten Mädchens aus der Kajüte angekommen, um zu melden, daß seine Tochter aus ihrer Ohnmacht erwacht sei, sich verhältnismäßig wohl fühle und nun nur der Ruhe bedürfe, um sich vollständig zu erholen. Dann eilte er zu den Indianern, um dem mutigen Knaben Dank für die verwegene That zu sagen. Droll hatte seine Worte gehört und erkundigte sich nach dem, was geschehen war. Als Tom es ihm erzählt hatte, sagte er: „Ja, das traue ich diesem Knaben zu, er ist kein Kind mehr, sondern ein voller, ganzer Mann.“

„Kennt Ihr ihn und seinen Vater? Wir sahen, daß Ihr mit ihnen gesprochen.“

„Ich bin ihnen einigemal begegnet.“

„Begegnet? Er nannte sich ein Tonkawa, und dieser fast ausgestorbene Stamm befindet sich nie auf Wanderung, sondern ist auf seinen elenden Reservationen im Thale des Rio Grande seßhaft.“

„Der große Bär ist nicht seßhaft geworden, sondern den Gewohnheiten seiner Vorfahren treu geblieben. Er streift umher, gerade wie der Apachenhäuptling Winnetou. Es steht zwar zu erwarten, daß er einen bestimmten Ort hat, an welchem er von seinen Strapazen ausruht, aber er hält ihn geheim. Er spricht zuweilen von „den Seinigen“, und so oft ich ihm begegne, erkundige ich mich, ob es denselben wohlgehe; aber wer, was und wo sie sind, das habe ich nicht erfahren können. Er wollte auch jetzt zu ihnen, sieht sich aber durch die Rache aufgehalten, welche er gegen den Cornel hat.“

„Sprach er davon?“

„Ja. Er will nicht eher ruhen, als bis sie vollzogen ist. Der Cornel ist also in meinen Augen ein verlorener Mann.“

„Das habe ich auch gesagt,“ meinte Old Firehand. „Wie ich die Indianer kenne, ließ er sich den Hieb nicht aus Feigheit gefallen.“

„So?“ fragte Droll, indem er den Riesen musternd anblickte. „Ihr habt die Indsmen auch kennen gelernt, wenn’s nötig ist? Ihr seht mir aber gar nicht danach aus, obgleich Ihr ein wirklicher Goliath zu sein scheint. Ich denke, Ihr paßt viel besser in den Salon als in die Prairie.“

„O weh, Tante!“ lachte Tom. „Da habt Ihr einen gewaltigen Pudel geschossen. Ratet einmal, wer dieser Sir ist!“

„Fällt mir gar nicht ein. Vielleicht seid Ihr so gut, es mir lieber gleich zu sagen.“

„Nein, so leicht werde ich es Euch doch nicht machen. Ihr sollt dabei Euren Kopf wenigstens einigermaßen anstrengen. Dieser Herr gehört nämlich zu unsern berühmtesten Westmännern.“

„So. Nicht zu den berühmten, sondern den berühmtesten?“

„Ja.“

„Von dieser Sorte gibt es nach meiner Ansicht nur zwei, denn kein dritter verdient es so wie sie, daß man den Superlativ auf sie anwendet.“

Er machte eine Pause, kniff das eine Auge zusammen, zwinkerte Old Firehand mit dem andern an, ließ ein kurzes Lachen hören, welches wie ein auf der Klarinette geblasenes „Hihihihi“ klang, und fuhr dann fort: „Diese beiden sind nämlich Old Shatterhand und Old Firehand. Da ich den ersteren kenne, wenn’s nötig ist, so könnte dieser Sir kein andrer als Old Firehand sein. Ist’s erraten?“

„Ja, ich bin es,“ nickte der Genannte.

„Egad?“ fragte Droll, indem er zwei Schritte zurücktrat, und ihn nochmals mit dem einen offenen Auge betrachtete. „Ihr seid wirklich dieser Mann, vor welchem jeder Halunke zittert. Die Gestalt habt Ihr ganz so, wie er beschrieben wird, aber – – vielleicht macht Ihr doch nur Spaß!“

„Nun, ist das auch Spaß?“ fragte Old Firehand, indem er mit der Rechten Droll am Kragen seines Rockes packte, ihn emporhob, dreimal rund um sich schwenkte und dann auf eine nahestehende Kiste stellte.

Das Gesicht des also Gemaßregelten war dunkelrot geworden. Er schnappte nach Atem und rief dabei in einzelnen kurz abgerissenen Sätzen: „Zounds, Sir, haltet Ihr mich für einen Perpendikel oder einen Zentrifugalregulator! Bin ich dazu erschaffen worden, im Kreise um Euch durch die Luft zu tanzen! Ein wahres Glück, daß mein Sleeping-gown von starkem Leder ist, sonst wäre er zerrissen und Ihr hättet mich in den Fluß geschleudert! Aber die Probe war gut, Sir; ich sehe, daß Ihr wirklich Old Firehand seid. Ich muß es schon aus dem Grunde glauben, weil Ihr sonst im Stande seid, diesen Gentlemen den Umlauf des Mondes um die Erde noch einmal mit mir zu demonstrieren. Habe oft, wenn von Euch die Rede war, gedacht, wie sehr ich mich freuen würde, wenn ich Euch einmal zu sehen bekäme. Ich bin nur ein einfacher Trapper, weiß aber sehr genau, was ein Mann Eures Schlages zu bedeuten hat. Hier ist meine Hand, und wenn Ihr mich nicht tief betrüben wollt, so weist sie nicht zurück!“

„Zurückweisen? Das wäre die reine Sünde. Ich gebe jedem braven Manne gern die Hand, um wie viel mehr also einem, der sich bei uns in so ausgezeichneter Weise eingeführt hat.“

„Eingeführt? Wieso?“

„Indem Ihr den Panther erschossen habt.“

„Ach so. Das war keine That, über welche man viele Worte macht. Dem Tiere war nicht allzu wohl im Wasser, es hat mir gar nichts thun, sondern sich nur auf mein Floß retten wollen. Bin da leider nicht sehr gastfreundlich gewesen.“

„Das war klug von Euch, denn der Panther hatte es in Wahrheit auf Euch abgesehen. Vor dem Wasser fürchtet er sich nicht, er ist ein ausgezeichneter Schwimmer und hätte das Ufer ohne alle Anstrengung erreichen können. Welch ein Unglück, wenn ihm das gelungen wäre. Indem Ihr Ihn tötetet, habt Ihr jedenfalls vielen Menschen das Leben gerettet. Ich schüttle Euch die Hand und wünsche, daß wir uns näher kennen lernen.“

„Ganz auch mein Wunsch, Sir. Aber nun schlage ich vor, auf diese Bekanntschaft einen Trunk zu thun. Ich bin nicht auf diesen Steamer gekommen, um zu verdursten. Gehen wir also in den Salon.“

Man folgte dieser Aufforderung. Tom mußte, um sich anschließen zu können, für die Kajüte nachzahlen, was er aber sehr gern that.

Als die Gentlemen vom Deck verschwunden waren, kam der Neger, welcher den Panther nicht mit hatte ansehen dürfen, aus dem Maschinenraume. Er war dort von einem andern Arbeiter abgelöst worden und suchte sich nun ein schattiges Plätzchen für den Mittagsschlaf. Langsam und verdrossen nach vorn schlendernd, zeigte er ein Gesicht, welchem deutlich anzusehen war, daß er sich in keiner guten Stimmung befand. Das sah der Cornel; er rief ihn an und winkte näher zu kommen.

„Was soll’s sein, Sir?“ fragte der Schwarze, als er herangekommen war. „Habt Ihr einen Auftrag, so wendet Euch an den Steward. Ich bin nicht für die Passagiere da.“

Er sprach sein Englisch wie ein Weißer.

„Das kann ich mir denken,“ antwortete der Cornel. „Ich wollte Euch nur fragen, ob es Euch beliebt, ein Glas Brandy mit uns zu trinken.“

„Wenn’s das ist, so bin ich Euer Mann. Im Feuerraume unten trocknet die Gurgel und die Leber aus. Aber ich sehe ja keinen einzigen Schluck hier!“

„Hier habt Ihr einen Dollar; holt, was Euch beliebt, dort am Board, und setzt Euch mit zu uns!“

Der Ausdruck der Verdrossenheit verschwand sofort vom Gesichte des Negers, auch war er jetzt viel beweglicher als vorher. Er brachte zwei volle Flaschen nebst einigen Gläsern und setzte sich dann neben den Cornel, welcher bereitwillig zur Seite rückte. Als das erste Glas über seine Zunge gelaufen war, goß er sich noch ein zweites voll, leerte es und fragte darauf: „Das ist eine Erquickung, Sir, die unser einer sich nicht oft gewähren kann. Aber wie kommt Ihr, auf den Gedanken, mich einzuladen. Ihr Weißen seid doch sonst nicht so zuvorkommend gegen uns Schwarze.“

„Bei mir und meinen Freunden ist ein Neger ebensoviel wert, wie ein Weißer. Ich habe bemerkt, daß Ihr beim Kessel angestellt seid. Das ist eine schwere und durstige Arbeit, und da ich mir denke, daß der Kapitän Euch nicht mit Hundertdollarnoten bezahlen wird, so sagte ich mir, daß Euch ein guter Schluck so gerade recht sein würde.“

„Da habt Ihr einen vortrefflichen Gedanken gehabt. Der Kapitän zahlt freilich schlecht; man kann es zu keinem rechten Trunke bringen, zumal er keinen Vorschuß gibt, wenigstens mir nicht, sondern erst am Schlusse der Fahrt in den Beutel greift – damn!“

„So hat er es wohl auf Euch abgesehen?“

„Ja, gerade auf mich.“

„Warum?“

„Er sagt, mein Durst sei zu groß; den andern zahlt er täglich, mir aber nicht. Da ist’s dann kein Wunder, wenn der Durst größer und immer größer wird.“

„Nun, es soll ganz auf Euch ankommen, ob Ihr ihn heute werdet stillen können oder nicht.“

„Wieso?“

„Ich bin bereit, Euch einige Dollar zu geben, wenn Ihr mir dafür einen Gefallen thut.“

„Einige Dollar? Huzza! Dafür bekäme ich so mehrere Flaschen voll! Nur heraus mit Eurem Wunsche, Sir. Den Gefallen werde ich Euch gut und gern erweisen.“

„Die Sache ist nicht so leicht. Ich weiß nicht, ob Ihr der richtige Mann sein werdet.“

„Ich? Wenn’s gilt, einen Brandy zu verdienen, so bin ich stets der richtige Mann.“

„Möglich. Aber es muß schlau angefangen werden.“

„Schlau? Es ist doch nicht etwa etwas, was meinem Rücken Schaden bringen kann? Der Kapitän duldet keine Unregelmäßigkeit.“

„Keine Sorge; es ist nichts derartiges. Ihr sollt nur ein wenig lauschen, ein wenig horchen.“

„Wo? Bei wem?“

„In dem Salon.“

„So? Hm?“ brummte er nachdenklich. „Warum denn, Sir?“

„Weil – nun, ich will aufrichtig mit Euch sein.“ – Er schob dem Neger ein volles Glas hin und fuhr in vertraulichem Tone fort: „Da ist ein großer, riesenhaft gebauter Sir, den sie Old Firehand nennen, ferner ein dunkelbärtiger Kerl, welcher Tom heißt, und endlich eine Fastnachtsmaske in einem langen Lederrocke, welche auf den Namen Tante Droll hört. Dieser Old Firehand ist ein reicher Farmer, und die beiden andern sind seine Gäste, welche er mit zu sich nimmt. Zufälligerweise wollen auch wir nach dieser Farm, um dort Arbeit zu nehmen. Es versteht sich da ganz von selbst, daß es da eine gute Gelegenheit gibt, zu erfahren, was für Leute die sind, mit denen wir es zu thun haben werden. Ich denke, sie werden von ihren Angelegenheiten sprechen, und wenn Ihr die Ohren offen haltet, kann es Euch gar nicht schwer fallen, uns zufrieden zu stellen. Ihr seht und hört, daß ich gar nichts Unrechtes und Verbotenes von Euch verlange.“

„Ganz richtig, Sir! Kein Mensch hat mir verboten, zuzuhören, wenn andre hier sprechen. Die nächsten sechs Stunden gehören mir; ich bin arbeitsfrei und kann thun, was mir beliebt.“

„Aber wie wollt Ihr es anfangen?“

„Das ist eine Frage, über welche ich soeben nachdenke.“

„Dürft Ihr in den Salon?“

„Untersagt ist es mir gerade nicht; aber ich habe nichts darin zu suchen.“

„So macht Ihr Euch einen Vorwand!“

„Aber welchen? Ich könnte etwas hineintragen, etwas herausholen. Das ist aber in so kurzer Zeit geschehen, daß ich meinen Zweck dabei nicht zu erreichen vermag.“

„Gibt es denn nicht irgend eine Arbeit, mit welcher Ihr Euch länger darin beschäftigen müßt?“

„Nein – – oder doch! Da fällt mir etwas ein. Die Fenster sind schmutzig; ich könnte sie putzen.“

„Wird das nicht auffallen?“

„Nein. Da der Salon stets besetzt ist, so kann diese Arbeit nicht zu einer Zeit vorgenommen werden, in welcher niemand da ist.“

„Aber Ihr seid es nicht, der sie zu verrichten hat.“

„Das schadet nichts. Sie ist eigentlich des Stewards Sache; diesem aber thue ich den größten Gefallen, wenn ich sie ihm abnehme.“

„Aber er kann Verdacht fassen.“

„Nein. Er weiß, daß ich kein Geld habe und doch gern einen Brandy trinke. Ich sage, daß ich Durst habe, und an seiner Stelle für ein Glas die Fenster putzen will. Da wird er kein Mißtrauen fassen. Ihr braucht keine Sorge zu haben, Sir, ich werde es gewiß ermöglichen. Also wie viele Dollar versprecht Ihr mir?“

„Ich zahle nach dem Werte der Nachricht, welche Ihr mir bringt, zum wenigsten aber drei Stück.“

„All right; es wird gemacht. Schenkt mir noch einmal ein, dann will ich gehen.“

Als er sich entfernt hatte, wurde der Cornel gefragt, was er eigentlich mit dem erteilten Auftrage bezwecke. Er antwortete: „Wir sind arme Tramps und müssen überall sehen, wo wir bleiben. Wir haben hier Passage zahlen müssen, und so will ich wenigstens den Versuch machen, zu erfahren, ob wir dieses Geld nicht auf irgend eine Weise wieder bekommen können. Für den weiten Marsch, welchen wir vorhaben, müssen wir Vorbereitungen treffen, welche viel Geld kosten, und ihr wißt, daß unsre Beutel ziemlich leer geworden sind.“

„Wir wollen sie ja aus der Eisenbahnkasse füllen!“

„Wißt ihr so genau, daß uns dieser Plan gelingen wird? Wenn wir schon hier Geld machen können, so wäre es die größte Thorheit, die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen zu lassen.“

„Also, daß ich es gerade heraussage, Diebstahl hier an Bord? Das ist gefährlich. Man kann doch nicht dann augenblicklich fort, und wenn der Betreffende den Verlust entdeckt, so gibt es ganz sicher ein schauderhaftes Hallo, dem eine Durchsuchung sämtlicher Personen und aller Winkel des Schiffes folgen wird. Gerade wir werden die ersten sein, auf welche der Verdacht fällt.“

„Du bist der größte Kindskopf, der mir vorgekommen ist. So eine Sache ist gefährlich und auch nicht, ganz je nachdem, wie sie angefaßt wird. Und ich bin nicht derjenige, der sie bei der falschen Seite faßt. Wenn ihr mir in allem folgt, so muß uns alles, auch dann der letzte große Coup gelingen.“

„Der droben am Silbersee? Hm! Wenn man dir da nur nicht einen Bären aufgebunden hat.“

„Pshaw! Ich weiß, was ich weiß. Es kann mir nicht einfallen, euch jetzt schon einen ausführlichen Bericht zu geben. Wenn wir an Ort und Stelle sind, werde ich, euch unterrichten. Bis dahin müßt ihr mir vertrauen schenken und mir glauben, wenn ich euch sage, daß es da oben Reichtümer gibt, welche für uns alle lebenslang ausreichen. Jetzt wollen wir alles unnötige Geschwätz vermeiden und lieber ruhig abwarten, was der dumme Nigger uns für einen Bericht bringt.“

Er lehnte sich an die Schanzverkleidung und schloß die Augen zum Zeichen, daß er nun nichts mehr hören wolle und nichts mehr sagen werde. Auch die andern machten es sich so bequem wie möglich. Die einen gaben sich Mühe, einzuschlafen, ohne aber diesen Zweck zu erreichen, die andern flüsterten leise miteinander über den großen Plan, zu dessen Ausführung sie sich auf Leben und Tod verbunden hatten.

Der „dumme Nigger“ schien seiner Aufgabe doch gewachsen zu sein. Hätte er ein unüberwindliches Hindernis gefunden, so wäre er gewiß zurückgekehrt, um es zu melden. So aber war er erst nach dem Bedienungsraume gegangen, wohl um mit dem Steward zu sprechen, und dann im Eingange zum Salon verschwunden, ohne wieder gesehen zu werden. Es verging weit über eine Stunde, ehe er auf dem Deck erschien. Er hatte mehrere Wischtücher in der Hand, trug diese fort und kam dann zu der sogleich munter werdenden Gesellschaft, bei welcher er sich niederließ, ohne die vier Augen zu sehen, von denen er und die Tramps scharf beobachtet wurden. Diese vier Augen gehörten den beiden Indianern, dem alten und dem jungen Bär.

„Nun?“ fragte der Cornel gespannt. „Wie habt Ihr Euch meines Auftrages entledigt?“

Der Gefragte antwortete mißgestimmt: „Ich habe mir alle Mühe gegeben, glaube aber nicht, daß ich für das, was ich gehört habe, mehr als die ausgemachten drei Dollar bekommen werde.“

„Warum?“

„Weil mein Lauschen vergeblich gewesen ist. Ihr habt Euch nämlich geirrt, Sir.“

„Worin?“

„Der Riese heißt allerdings Old Firehand, ist aber gar nicht Farmer und kann also diesen Tom und die Tante Droll auch nicht zu sich eingeladen haben.“

„Das wäre!“ fuhr der Cornel auf, indem er den Ton der Enttäuschung nachahmte.

„Ja, es ist so,“ bekräftigte der Neger. „Der Riese ist ein berühmter Jäger und will weit hinauf ins Gebirge.“

„Wohin?“

„Das sagte er nicht. Ich habe alles gehört und es ist mir kein einziges Wort des Gesprächs entgangen. Die drei Männer saßen mit dem Vater des Mädchens, welches der Panther fressen wollte, beisammen, abseits von den übrigen.“

„Will er allein hinauf?“

„Nein. Dieser Vater heißt Butler und ist ein Ingenieur; auch er will mit.“

„Ein Ingenieur? Was werden diese beiden in den Bergen wollen!“

„Vielleicht wurde eine Mine entdeckt, welche Butler untersuchen soll.“

„Nein, denn Old Firehand versteht das selbst besser als der klügste Ingenieur.“

„Sie wollen erst den Bruder Butlers aufsuchen, welcher in Kansas eine großartige Farm besitzt. Dieser Bruder muß ein sehr reicher Mann sein. Er hat Vieh und Getreide nach New Orleans geliefert und der Ingenieur hat das Geld dafür jetzt einkassiert, um es ihm mitzubringen.“

Das Auge des Cornels leuchtete auf; aber weder er noch einer der Tramps verriet durch eine Bewegung oder Miene, wie wichtig diese Mitteilung war.

„Ja, in Kansas gibt es steinreiche Farmer,“ bemerkte der Anführer in gleichgültigem Tone. „Dieser Ingenieur aber ist ein unvorsichtiger Mensch. Ist die Summe groß?“

„Er flüsterte von neuntausend Dollar in Papier; ich habe es aber dennoch verstanden.“

„So eine Summe trägt man doch nicht mit sich herum. Wozu wären denn die Banken da. Wenn es den Tramps in die Hände fällt, so ist das Geld verloren.“

„Nein; sie würden es nicht finden.“

„O, die sind verschlagene Kerls.“

„Aber da, wo er es hat, werden sie gewiß nicht suchen.“

„So kennt Ihr das Versteck?“

„Ja. Er zeigte es den andren. Er that zwar heimlich dabei, weil ich zugegen war. Ich wendete ihnen den Rücken zu, und so glaubten sie, daß ich die Fingerzeige nicht sehen werde; aber sie dachten nicht an den Spiegel, in welchen ich blickte und in dem ich alles sah.“

„Hm, ein Spiegel ist trügerisch. Wer vor demselben steht, der sieht bekanntlich seine rechte Seite links und die linke rechts.“

„Das habe ich noch nicht beobachtet und verstehe nichts davon; aber was ich gesehen habe, das habe ich gesehen. Der Ingenieur hat nämlich ein altes Bowiemesser mit einem hohlen Griffe, in welchem die Noten stecken. Die Tramps mögen, falls er ihnen in die Hände fiele, ihn immerhin ausrauben. So ein altes, schlechtes Messer nimmt selbst der ärgste Räuber seinem Opfer nicht, weil er es eben nicht selbst braucht und dem Beraubten doch wenigstens eine Waffe, ein Werkzeug lassen muß, ohne welches er im Westen verloren wäre.“

„Das ist freilich sinnreich. Aber wo hat er denn das Messer? Er trägt keinen Jägeranzug, keinen Gürtel.“

„Er hat den Gürtel unter der Weste, und von demselben hängt die Ledertasche, in welcher es steckt, an der linken Seite unter dem Rockschoße herab.“

„So! Nun, das kann uns freilich nicht interessieren. Wir sind keine Tramps, sondern ehrliche Erntearbeiter. Es thut mir nur leid, daß ich mich in dem Riesen geirrt habe. Die Ähnlichkeit mit dem Farmer, den ich meine, ist sehr groß, und er führt auch ganz denselben Namen.“

„Vielleicht ist er ein Bruder von ihm. Übrigens hat nicht bloß der Ingenieur so viel Geld bei sich. Der Schwarzbärtige sprach auch von einer bedeutenden Summe, welche er erhalten habe und an seine Kameraden, welche Rafters sind, verteilen müsse.“

„Wo befinden sich denn die?“

„Sie fällen ihre Bäume jetzt am Black-bear-Flusse, den ich freilich nicht kenne.“

„Ich kenne ihn. Er mündet unterhalb Tuloi in den Arkansas. Ist die Gesellschaft zahlreich?“

„Gegen zwanzig Mann, lauter tüchtige Boys, sagte er. Und der lustige Kerl in dem ledernen Schlafrocke hat eine ganze Menge von Nuggets bei sich. Auch er will nach dem Westen. Möchte wissen, wozu er das Gold mitnimmt. Das schleppt man doch nicht mit in der Wildnis umher!“

„Warum nicht? Auch im Westen hat der Mensch Bedürfnisse. Da gibt es Forts, Sommerstores und herumziehende Krämer, bei denen man genug Geld und Nuggets los werden kann. Also diese Leute sind mir nun vollständig gleichgültig. Ich begreife nur nicht, daß dieser Ingenieur hinauf in das Felsengebirge will und doch ein junges Mädchen bei sich hat.“

„Er hat nur dieses eine Kind. Die Tochter liebt ihn sehr und hat sich nicht von ihm trennen wollen. Da er nun beabsichtigt, eine ungewöhnlich lange Zeit in den Bergen zu bleiben, wozu es sogar notwendig sein wird, Blockhäuser zu bauen, so hat er sich endlich entschlossen, sie und die Mutter mitzunehmen.“

„Blockhäuser? Hat er das gesagt?“

„Ja.“

„Für ihn und seine Tochter würde doch eine einzige Blockhütte genügen. Es steht also zu vermuten, daß sie nicht allein sein, sondern sich in Gesellschaft befinden werden. Ich möchte wissen, welchen Zweck sie verfolgen.“

„Das wollte auch der Schwarzbärtige wissen, aber Old Firehand sagte ihm, daß er es später erfahren werde.“

„Also wird es geheim gehalten. Es muß sich also doch wahrscheinlich um eine Bonanza, eine reiche Erzader handeln, welche man heimlich untersuchen und günstigen Falls ausbeuten will. Möchte doch den Ort erfahren, nach dem sie wollen.“

„Der wurde leider nicht genannt. Wie es scheint, wollen sie den Schwarzbärtigen und auch die Tante Droll mitnehmen. Sie haben großen Gefallen aneinander gefunden, einen so großen, daß sie hier in nebeneinander liegenden Kabinen schlafen.“

„In welchen? Wisset Ihr das?“

„Ja, denn sie verhandelten laut darüber. In Nummer eins schläft der Ingenieur; Nummer zwei hat Old Firehand, Nummer drei Tom, Nummer vier die Tante Droll und Nummer fünf der kleine Fred.“

„Wer ist das?“

„Der Boy, den die Tante mitgebracht hat.“

„Ist er Drolls Sohn?“

„Nein, soviel ich erraten habe.“

„Wie ist sein Familienname und weshalb befindet er sich bei Droll?“

„Darüber wurde kein Wort gesprochen.“

„Liegen die Kabinen eins bis fünf rechts oder links?“

„Auf der Steuerbordseite, von hier aus also links. Das Mädchen des Ingenieurs schläft natürlich mit ihrer Mutter in einer Damenkabine. Doch brauche ich nicht davon zu reden, denn das alles kann Sie ja gar nicht interessieren.“

„Das ist freilich richtig. Da ich mich in diesen Leuten geirrt hatte, kann es mir sehr gleichgültig sein, wo sie liegen und schlafen. Ich beneide sie übrigens nicht um ihre engen Kabinen, in denen sie fast ersticken müssen, während wir hier auf dem offenen Deck so viel Luft haben, wie wir nur verlangen können.“

„Well! Aber gute Luft haben auch die Kajütenherren, da die Fenster herausgenommen werden und an deren Stelle Gazeflächen eingesetzt werden. Am allerschlimmsten sind natürlich wir daran. Wir müssen, wenn wir des Nachts nicht zu arbeiten haben, eigentlich da unten schlafen“ – er zeigte auf eine Luke, welche nicht weit von ihnen unter das Deck führte – „und es ist nur eine ganz besondere Gunst, wenn der Offizier erlaubt, uns hier zu den Passagieren zu legen. Durch die enge Luke kommt keine Luft hinab, und aus dem Unterraum steigt ein Moderdunst herauf. Es ist an warmen Tagen geradezu zum Ersticken.“

„Euer Schlafraum steht mit dem Kielraum in Verbindung?“ fragte der Cornel angelegentlich.

„Ja. Es geht eine Treppe hinab.“

„Könnt Ihr diese nicht verschließen?“

„Nein, denn das würde zu umständlich sein.“

„So seid Ihr allerdings zu bedauern. Doch genug von diesen Geschichten; wir haben ja noch Brandy in der Flasche.“

„Recht so, Sir! Auch vom Sprechen wird die Kehle trocken. Ich will noch einmal trinken und mich dann in den Schatten machen, um ein Schläfchen zu thun. Wenn meine sechs Stunden vorüber sind, muß ich wieder an die Kessel. Wie aber steht es nun mit meinen Dollars?“

„Ich halte Wort, obgleich ich sie vollständig umsonst bezahle. Aber da mein eigener Irrtum daran schuld ist, so sollt nicht Ihr die Folge tragen. Hier sind also die drei Dollar. Mehr könnt Ihr nicht verlangen, da Eure Gefälligkeit uns keinen Nutzen gebracht hat.“

„Ich begehre auch nicht mehr, Sir. Für diese drei Dollar bekomme ich so viel Brandy, daß ich mich tottrinken kann. Ihr seid ein nobler Gentleman. Habt Ihr wieder einen Wunsch, so wendet Euch nur an mich und nicht etwa an einen andern. Ihr könnt auf mich rechnen.“

Er trank noch ein volles Glas aus und begab sich dann zur Seite, wo er sich in den Schatten eines großen Ballens niederlegte.

Die Tramps sahen ihren Anführer neugierig an. In der Hauptsache wußten sie, woran sie waren, aber sie konnten einige seiner Fragen und Erkundigungen nicht in den richtigen Zusammenhang bringen.

„Da schaut ihr mich nun um Auskunft an,“ sagte er, indem sein Gesicht ein überlegenes, selbstgefälliges Lächeln zeigte. „Neuntausend Dollar in Banknoten, also bares Geld und nicht etwa Cheks oder Wechsel, bei deren Präsentation man in Gefahr geraten kann, festgenommen zu werden! Das ist eine tüchtige Summe, die uns willkommen sein wird.“

„Wenn wir sie haben!“ fiel derjenige ein, welcher für die andern den Sprecher zu machen pflegte.

„Wir haben sie!“

„Noch lange nicht!“

„Oho! Wenn ich es sage, so ist es so.“

„Nun, wie bekommen wir sie denn? Wie wollen wir das Messer erhalten?“

„Ich hole es.“

„Aus der Schlafkabine?“

„Ja.“

„Du selbst?“

„Natürlich. So eine wichtige Arbeit überlasse ich keinem andern.“

„Und wenn man dich erwischt?“

„Das ist unmöglich. Mein Plan ist fertig, und er wird gelingen.“

„Wenn’s wahr ist, soll es mir lieb sein. Aber der Ingenieur wird sein Messer beim Erwachen vermissen. Dann geht der Teufel los!“

„Ja, dann geht freilich der Teufel los; aber wir sind fort.“

„Wohin?“

„Welche Frage! An das Ufer natürlich.“

„Sollen wir etwa hinüberschwimmen?“

„Nein. Das mute ich weder mir noch euch zu. Ich bin kein übler Schwimmer, aber des Nachts möchte ich mich doch diesem breiten Strome, dessen Ufer man kaum sieht, nicht anvertrauen.“

„So meinst du, daß wir uns eines der beiden Boote bemächtigen?“

„Auch das nicht. Unmöglich wäre es zwar nicht, dies zu thun, ohne daß es gesehen wird, aber ich will lieber mit Umständen rechnen, welche mir bekannt sind, als mit solchen, die ganz unerwartet eintreten und die Ausführung meines Plans unmöglich machen können.“

„So sehe ich nicht ein, in welcher Weise wir ans Land kommen sollen, bevor der Diebstahl entdeckt ist.“

„Das ist eben ein Beweis, daß du ein Kindskopf bist. Warum habe ich mich denn so angelegentlich nach dem Kielraum erkundigt?“

„Das kann ich nicht wissen!“

„Wissen freilich nicht, aber erraten. Schau dich um! Was steht dort neben der Ankertaurolle?“

„Das scheint ein Werkzeugkasten zu sein.“

„Erraten! Ich habe gesehen, daß er Hammer, Feilen, Zangen und mehrere Bohrer enthält, unter denen einer ist, dessen Gewinde einen Durchmesser von anderhalb Zoll hat. Nun vereinige einmal beides, den Kielraum und diesen Bohrer!“

„Thunder-storm! Willst du etwa das Schiff anbohren?“ fuhr der andre auf.

„Allerdings will ich das.“

„Daß wir alle ersaufen.“

„Pshaw! Mache dich nicht lächerlich! Vom Ertrinken ist keine Rede. Ich will nur den Kapt’n zwingen, ans Ufer zu legen.“

„Ah so! Aber wird das gelingen?“

„Jedenfalls. Wenn das Schiff Wasser zieht, muß ein Leck da sein, und wenn ein Leck da ist, fährt man an das Ufer, um der Gefahr zu entgehen und das Schiff mit Muße zu untersuchen.“

„Aber wenn man es zu spät bemerkt!“

„Sei doch nicht so ängstlich. Wenn das Schiff sinkt, was sehr langsam geschieht, so steigt die Wasserlinie außen. Das muß der Offizier oder Steuermann bemerken, wenn er nicht blind ist. Es wird das einen solchen Lärm und Schreck geben, daß der Ingenieur zunächst gar nicht an sein Messer denken wird. Wenn er dann den Verlust entdeckt, sind wir längst fort.“

„Und wenn er doch an das Messer denkt und zwar am Ufer anlegt, aber keinen Menschen aussteigen läßt? Man muß alles überlegen.“

„So wird man auch nichts finden. Wir binden das Messer an eine Schnur, lassen es an derselben ins Wasser hinab und befestigen das andre Ende draußen am Schiffe. Wer es da findet, der muß geradezu allwissend sein.“

„Dieser Gedanke ist freilich nicht übel. Was aber dann, wenn wir vom Schiffe sind? Wir wollten doch eigentlich so weit wie möglich mit demselben fahren.“

„Für neuntausend Dollar läuft man gern eine Strecke. Wenn wir teilen, kommt auf den Kopf eine Summe von weit über vierhundert Dollar. Übrigens werben wir uns nicht zu lange auf unsre Beine zu verlassen brauchen. Ich denke, daß wir bald eine Farm oder ein Indianerlager treffen, wo wir uns Pferde kaufen können, ohne sie zu bezahlen.

„Das lasse ich gelten. Und dann reiten wir wohin?“

„Zunächst nach dem Black-bear-Flusse.“

„Etwa zu den Rafters, von denen der Nigger sprach?“

„Ja. Es ist sehr leicht, ihr Lager auszukundschaften. Natürlich lassen wir uns dort nicht sehen, sondern lauern den Schwarzbärtigen ab, um auch ihm sein Geld abzunehmen. Ist das geschehen, so haben wir genug, um uns für unsern weiten Ritt ausrüsten zu können.“

„Auf die Eisenbahnkasse wollen wir also dann verzichten?“

„Keineswegs. Sie wird viele, viele Tausende enthalten, und wir werden uns dieses Geld holen. Wir wären aber Thoren, wenn wir nicht schon vorher alles mögliche mitnähmen. Und nun wißt ihr, woran ihr seid. Heute abend gibt’s zu thun, und an Schlaf ist nicht zu denken. Darum legt euch jetzt aufs Ohr, damit ihr dann frisch seid und gut marschieren könnt.“

Dieser Weisung wurde Folge geleistet. Es herrschte überhaupt infolge der großen Hitze auf dem Schiffe eine ganz ungewöhnliche Stille und Ruhe. Die Landschaft rechts und links des Flusses bot nichts, was die Aufmerksamkeit der Passagiere auf sich zu ziehen vermochte, und so verbrachte man die Zeit schlafend oder wenigstens in jenem Hindämmern, welches das Mittelding zwischen Schlafen und Wachen ist und weder dem Körper noch dem Geiste eine wirkliche Erholung gewährt.

Erst gegen Abend, als die Sonne sich dem Horizonte näherte, gab es wieder Bewegung auf dem Deck. Die Hitze hatte nachgelassen und ein leidlich frischer Luftzug war wach geworden. Die Ladies und Gentlemen kamen aus ihren Kabinen, um diese Frische zu genießen. Auch der Ingenieur befand sich unter ihnen. Er hatte seine Frau und Tochter mit, welch letztere sich von ihrem Schrecken und dem unfreiwilligen Wasserbade vollständig erholt hatte. Diese drei Personen suchten die Indianer auf, da die beiden Damen denselben noch nicht gedankt hatten.

Der alte und der junge Bär hatten den ganzen Nachmittag mit echt indianischer Ruhe und Unbeweglichkeit auf derselben Kiste zugebracht, auf welcher sie schon gesessen hatten, als sie von Tante Droll begrüßt worden waren. Sie saßen auch jetzt noch da, als der Ingenieur mit Frau und Tochter zu ihnen kam. „He – el bakh schai – bakh matelu makik – jetzt werden sie uns Geld geben,“ sagte der Vater in der Tonkawasprache zu seinem Sohne, als er sie kommen sah.

Sein Gesicht verfinsterte sich, da die von ihm angegebene Art und Weise der Dankbarkeit für einen Indianer eine Beleidigung ist. Der Sohn hielt die rechte Hand, mit dem Rücken nach oben gerichtet, vor sich hin und ließ sie dann rasch sinken, was soviel bedeutet, daß er mit seinem Vater nicht derselben Ansicht sei. Sein Auge ruhte mit Wohlgefallen auf dem Mädchen, welches er gerettet hatte. Dieses kam mit raschen Schritten auf ihn zu, nahm seine Hand zwischen die ihrigen beiden, drückte sie herzlich und sagte: „Du bist ein guter und mutiger Knabe. Schade, daß wir uns nicht nahe wohnen, ich würde dich lieb haben.“

Er sah ihr ernst in das rosige Gesichtchen und antwortete: „Mein Leben würde dir gehören. Der große Geist diese Worte hören, er wissen, daß sie wahr sind.“

„So will ich dir wenigstens ein Andenken geben, damit du dich meiner erinnerst. Darf ich?“

Er nickte nur. Sie zog einen dünnen Goldring von ihrem Finger und steckte ihm denselben an den linken kleinen Finger, an welchen er gerade paßte. Er blickte auf den Ring und dann auf sie, griff unter seine Zunidecke, nestelte etwas vom Halse los und gab es ihr. Es war ein kleines, starkes, viereckiges Lederstück, weiß gegerbt und glatt gepreßt, auf welches einige Zeichen eingepreßt waren.

„Ich dir auch geben Andenken,“ sagte er. „Es ist Totem von Nintropan-homosch, nur Leder, kein Gold. Aber wenn du kommen in Gefahr bei Indianer und es vorzeigen, dann Gefahr gleich zu Ende. Alle Indianer kennen und lieben Nintropan-homosch und gehorchen sein Totem.“

Sie verstand nicht, was ein Totem sei und welch einen großen Wert es unter Umständen haben kann. Sie wußte nur, daß er ihr für den Ring ein Stück Leder als Gegengabe schenkte; aber sie zeigte sich nicht enttäuscht. Sie war zu mild- und gutherzig, als daß sie es über das Herz gebracht hätte, ihn durch die Zurückweisung seiner scheinbar armseligen Gabe zu kränken. Darum band sie sich das Totem um den Hals, wobei die Augen des jungen Indianers vor Vergnügen leuchteten, und antwortete: „Ich danke dir! Nun besitze ich etwas von dir und du hast etwas von mir. Das erfreut uns beide, obgleich wir uns auch ohne diese Gaben nicht vergessen würden.“

Jetzt bedankte sich auch die Mutter des Mädchens und zwar durch einfachen Händedruck. Dann sagte der Vater: „Wie soll nun ich die That des kleinen Bären belohnen? Ich bin nicht arm; aber alles, was ich habe, wäre zu wenig, für das, was er mir erhalten hat. Ich muß also sein Schuldner bleiben, aber auch sein Freund dazu. Nur ein Andenken kann ich ihm geben, mit welchem er sich gegen seine Feinde schützen kann, wie er meine Tochter gegen den Panther verteidigt hat. Wird er diese Waffen nehmen? Ich bitte ihn darum.“

Er zog zwei neue, sehr gut gearbeitete Revolver, deren Kolben mit Perlmutter ausgelegt waren, aus der Tasche und hielt sie ihm entgegen. Der junge Indianer brauchte sich keinen Augenblick über das, was er zu thun habe, zu besinnen. Er trat einen Schritt zurück, richtete sich kerzengerade auf und sagte: „Der weiße Mann bietet mir Waffen; das große, große Ehre für mich, denn nur Männer erhalten Waffen. Ich nehmen sie an und sie nur brauchen dann, wenn verteidigen gute Menschen und schießen auf böse Menschen. Howgh!“

Er nahm die Revolver und steckte sie unter der Decke in seinen Gürtel. Jetzt konnte sein Vater sich nicht länger halten. Man sah es seinem Gesichte an, daß er mit seiner Rührung kämpfte. Er sagte zu Butler: „Auch ich weißem Mann danken, daß nicht geben Geld wie an Sklaven oder Menschen, die keine Ehre haben. So sein es großer Lohn, den wir nie vergessen. Wir stets Freunde des weißen Mannes, seiner Squaw und seiner Tochter. Er gut bewahren Totem von jungem Bär; es sein auch das meinige. Der große Geist ihm stets schicken Sonne und Freude!“

Der Danksagungsbesuch war zu Ende; man reichte sich nochmals die Hände und trennte sich dann. Die beiden Indianer setzten sich wieder auf ihre Kiste. „Tua enokh – gute Leute!“ sagte der Vater.

„Tua – tua enokh – sehr gute Leute!“ stimmte der Sohn bei. Das waren die einzigen Herzensergüsse, welche ihre indianische Schweigsamkeit ihnen nun noch gestattete. Der Vater fühlte sich ganz besonders dadurch geehrt, daß man nicht auch ihn, sondern nur seinen Sohn, auf welchen er so stolz war, beschenkt hatte.

Daß der Dank des Ingenieurs nach indianischen Begriffen mit solcher Zartheit ausgefallen war, hatte seinen Grund nicht in ihm selbst. Er war mit den Ansichten und Gebräuchen der Roten zu wenig vertraut, als daß er hätte wissen können, wie er sich in diesem gegebenen Falle zu verhalten habe. Darum hatte er Old Firehand um Rat gefragt und war von ihm unterrichtet worden. Jetzt kehrte er zu ihm zurück, der mit Tom und Droll vor der Kajüte saß, und erzählte ihm von der Aufnahme, welche die Geschenke gefunden hatten. Als er das Totem erwähnte, konnte man aus seinem Tone hören, daß er die Bedeutung desselben nicht ganz zu schätzen wisse. Darum fragte ihn Old Firehand: „Ihr wißt, was ein Totem ist, Sir?“

„Ja. Es ist das Handzeichen eines Indianers, etwa wie bei uns das Petschaft oder Siegel, und kann in den verschiedensten Gegenständen und aus den verschiedensten Stoffen bestehen.“

„Diese Erklärung ist richtig, aber nicht ganz gründlich. Nicht jeder Indianer darf ein Totem führen, sondern nur berühmte Häuptlinge haben es. Daß dieser Knabe schon eins besitzt, ist, auch abgesehen davon, daß es zugleich dasjenige seines Vaters ist, ein Beweis, daß er bereits Thaten hinter sich hat, welche selbst von den roten Männern für ungewöhnliche gehalten werden. Sodann sind die Totems je nach ihrem Zwecke verschieden. Eine gewisse Art wird allerdings nur zum Zwecke der Legitimation und Bekräftigung benutzt, also allerdings wie bei uns das Siegel oder die Unterschrift. Diejenige Art aber, welche für uns Bleichgesichter die wichtigste ist, gilt als eine Empfehlung dessen, der es erhalten hat. Die Empfehlung kann je nach ihrer Art und Weise, also nach dem Grade ihrer Wärme, eine verschiedene sein. Laßt mich doch einmal das Leder sehen.“

Das Mädchen gab es ihm und er betrachtete es genau.

„Könnt Ihr denn diese Zeichen enträtseln, Sir?“ fragte Butler.

„Ja,“ nickte Old Firehand. „ich bin so oft und so lange bei den verschiedensten Stämmen gewesen, daß ich nicht nur ihre Dialekte spreche, sondern auch ihre Schriftzeichen verstehe. Dieses Totem ist ein höchst wertvolles, wie selten eins verschenkt wird. Es ist im Tonkawa abgefaßt und lautet: Schakhe-i-kauvan-ehlatan, henschon-schakin hen-schon-schakin schakhe-i-kauvan-ehlatan, he-el ni-ya. Diese Worte heißen, genau übersetzt: Sein Schatten ist mein Schatten, und sein Blut ist mein Blut; er ist mein älterer Bruder. Und darunter steht das Namenszeichen des jungen Bären. Die Bezeichnung „älterer Bruder“ ist noch ehrenvoller als bloß „Bruder“. Das Totem enthält eine Empfehlung, wie sie wärmer nicht gedacht werden kann. Wer dem Besitzer desselben etwas zuleide thut, hat die strengste Rache des großen und des kleinen Bären und aller ihrer Freunde zu erwarten. Wickelt das Totem gut ein, Sir, damit die rote Farbe der Zeichen sich erhält. Man weiß nicht, welche großen Dienste es Euch erweisen kann, da wir in die Gegend wollen, wo die Verbündeten der Tonkawa wohnen. An diesem kleinen Lederstückchen kann das Leben vieler Menschen hängen.“ –

Der Steamer hatte während des Nachmittags Ozark, Fort Smith und Van Buren passiert und erreichte jetzt den Winkel, in welchem das Bett des Arkansas eine entschiedene Bewegung nach Norden macht. Der Kapitän hatte verkündet, daß man ungefähr zwei Stunden nach Mitternacht Fort Gibson erreichen werde, wo er bis morgen liegen bleiben müsse, um sich nach dem weiteren Wasserstande zu erkundigen. Um bei der Ankunft dort munter zu sein, legten sich die meisten Reisenden sehr zeitig schlafen, denn es stand zu erwarten, daß man in Fort Gibson gleich bis zum Morgen wach bleiben werde. Das Deck leerte sich gänzlich von den Kajütenpassagieren, und auch der Salon enthielt nur wenige Personen, welche bei Schach und andern Spielen saßen. In dem daranstoßenden Rauchsalon saßen nur drei Personen, nämlich Old Firehand, Tom und Droll, welche sich ungestört von andren, über ihre Erlebnisse unterhielten. Der erstere wurde von den andren beiden mit einer an Ehrfurcht grenzenden Hochachtung behandelt, welche aber nicht verhinderte, daß er über die Verhältnisse und nächsten Absichten der Tante Droll noch nichts Genaues hatte erfahren können. Jetzt erkundigte er sich, wie Droll zu der sonderbaren Bezeichnung Tante gekommen sei. Der Befragte antwortete. „Ihr kennt ja die Gewohnheit der Westmänner, jedem einen Spitz- oder Kriegsnamen zu geben, welcher sich auf eine hervorragende Eigentümlichkeit des Betreffenden bezieht. Ich sehe in meinem Sleeping-gown allerdings einem Frauenzimmer ähnlich, zu welchem Umstande auch meine hohe Stimme paßt. Früher sprach ich im Basse, aber eine riesige Erkältung hat mich um die tiefen Töne gebracht. Da ich nun ferner die Gewohnheit habe, mich eines jeden braven Kerls wie eine gute Mutter oder Tante anzunehmen, so hat man mir den Namen Tante Droll gegeben.“

„Aber Droll ist doch nicht etwa Euer Familienname?“

„Nein. Ich bin gern lustig, vielleicht auch ein wenig drollig. Daher der Name.“

„Darf man nicht vielleicht Euren wirklichen hören. Ich heiße Winter, und Tom heißt Großer; Ihr habt schon gehört, daß wir eigentlich Deutsche sind. Ihr scheint Eure Herkunft aber in tiefes Dunkel hüllen zu wollen.“

„Ich habe freilich Gründe, nicht davon zu sprechen, aber nicht etwa, weil ich mich über irgend etwas zu schämen hätte. Diese Gründe sind mehr – – geschäftlicher Art.“

„Geschäftlich? Wie soll ich das verstehen?“

„Davon vielleicht später. Ich weiß wohl, daß Ihr gern wissen wollt, was ich jetzt im Westen treiben will und warum ich mich dabei mit einem sechzehnjährigen Buben schleppe. Es kommt schon noch die Zeit, in welcher ich es Euch sage. Was nun meinen Namen betrifft, so würde ein Dichter über denselben erschrecken; er ist nämlich ungeheuer unpoetisch.“

„Schadet nichts. Niemand ist schuld an seinem Namen. Also heraus damit!“

Droll machte das eine Auge zu, drückte und schluckte, als ob ihn etwas würge, und stieß dann die drei Worte hervor: „Ich heiße – – Pampel.“

„Was, Pampel?“ lachte Old Firehand. „Poetisch ist dieses Wort freilich nicht, und wenn ich lache, so geschieht dies nicht wegen des Namens, sondern wegen des Gesichtes, welches Ihr bei demselben macht. Es sah ja gerade aus, als ob es einer Dampfmaschine bedürfe, um ihn herauszutreiben. Übrigens ist dieser Name, gar nicht selten. Ich habe einen Geheimrat Pampel gekannt, welcher ihn mit großer Würde trug. Aber das Wort ist deutsch, Ihr seid wohl auch von deutscher Abstammung?“

„Ja.“

„Und in den Vereinigten Staaten geboren?“

Da machte Droll sein listigstes und lustigstes Gesicht und antwortete in deutscher Sprache: „Nee, das is mer damals gar nich eingefalle; ich habe mer e deutsches Elternpaar herausgesucht!“

„Was? Also ein geborener Deutscher, ein Landsmann?“ rief Old Firehand.

„Wer hätte das gedacht!“

„Das ham Se sich nich denke könne? Und ich habe gemeent, mer sieht mersch sofort an, daß ich als Urenkel der alten Germanen gebore bin. Könne Se vielleicht errate, wo ich meine erschten Kinderschtiefel angetrete und abgeloofe habe?“

„Natürlich! Ihr Dialekt sagt es mir.“

„Sagt ersch wirklich noch? Das kann mich außerordentlich freue, denn grad off unsern schönen Dialekt bin ich schtets geradezu versesse gewese, was mer leider schpäter meine ganze Carrière verdorbe hat, wenn’s nötig is. Nu also, sage Se mal, wo bin ich denn gebore?“

„Im schönen Herzogtume Altenburg, wo die besten Quarkkäse gemacht werden.“

„Richtig, im Altenburgschen; Se habe es sofort errate! Und das mit de Käse is ooch sehr wahr; se werde Quärcher genannt, und in Deutschland gibt’s nich ihresgleiche. Wisse Se, ich hab‘ Se überrasche wolle und darum nich gleich gesagt, daß ich ooch e Landsmann von Ihne bin. Jetzt aber, wo mer so hübsch alleene beisamme sitze, is mersch endlich herausgefahre, und nun wolle mer von unsrer schönen Heimat schpreche, die mer nich aus dem Sinne kommt, obgleich ich schon so lange hier im Lande bin.“

Es hatte allen Anschein, daß sich nun eine sehr animierte Unterhaltung entwickeln werde, leider aber war das nicht der Fall, denn einige der im Salon gewesenen Herren waren des Spielens satt geworden und kamen jetzt herein, um noch einen tüchtigen „Smoke“ zu thun. Sie verwickelten die Anwesenden in ihr Gespräch und nahmen sie so in Anspruch, daß dieselben es aufgeben mußten, ihr Thema festzuhalten. Als man sich später trennte, um schlafen zu gehen, verabschiedete sich Droll von Old Firehand mit den Worten: „Das war jammerschade, daß mer nich weiter rede konnte, doch morgen is noch e Tag, wo mer unser Gespräch fortsetze könne. Gute Nacht, Herr Landsmann, schlafe Se wohl und e bißche rasch, denn nach Mitternacht müsse mer schon wieder off!“

Jetzt waren alle Kabinen besetzt, und in den Salons wurden die Lichter verlöscht. An Deck brannten nur die beiden vorgeschriebenen Laternen, die eine vorn an der Bugspitze und die andre hinten. Die erstere beleuchtete den Fluß so hell und so weit, daß ein am Ausguck stehender Matrose etwaige im Wasser liegende Hindernisse noch rechtzeitig sehen und melden konnte. Dieser Mann, der Steuermann und der auf dem Deck hin und her spazierende Offizier waren die einzigen Menschen, welche wach zu sein schienen, die Bedienung der Maschine ausgenommen.

Auch die Tramps lagen da, als ob sie schliefen, in ziemlicher Entfernung von den Matrosen, welche der unten herrschenden Wärme wegen auch oben lagen. Der Cornel hatte schlauerweise seine Leute rund um die nach unten führende Luke plaziert, so daß niemand, ohne gesehen zu werden, zu derselben konnte. Natürlich schlief kein einziger von ihnen.

„Eine verteufelte Geschichte!“ flüsterte er demjenigen zu, welcher neben ihm lag. „Ich habe doch nicht daran gedacht, daß des Nachts hier vorn ein Mann steht, um das Fahrwasser zu beobachten. Der Kerl ist uns im Wege.“

„Nicht so, wie du denkst. In dieser Dunkelheit kann er nicht bis her zur Luke sehen. Es ist Rabennacht; kein einziger Stern steht am Himmel. Überdies hat er scharf in den Lichtkreis der Laternen zu sehen und ist also geblendet, wenn er sich umdreht. Wann beginnen wir?“

„Sofort. Wir haben keine Zeit zu verlieren, denn vor Fort Gibson müssen wir fertig sein.“

„Natürlich holst du zuerst das Geld.“

„Nein, das würde eine Dummheit sein. Wenn der Ingenieur erwacht und den Diebstahl bemerkt, bevor das Schiff ans Ufer muß, kann alles fehlschlagen. Hingegen wenn mir anlegen müssen, ehe ich das Geld habe, ist noch gar nichts verloren, denn es wird ganz leicht sein, ihm in der Verwirrung des Landens das Messer zu entreißen und mit demselben zu verschwinden. Den Bohrer habe ich schon; ich steige jetzt hinab. Solltest du mich warnen müssen, so huste laut. Ich werde es wohl hören.“

Er schob sich, von der dichten Finsternis begünstigt, an die Luke und setzte die Füße auf die schmale Treppe, welche hinabführte. Die zehn Stufen, welche sie hatte, waren schnell zurückgelegt. Nun untersuchte er die Diele, indem er sie betastete. Er fand die Luke, welche weiter nach unten führte, und stieg die zweite Treppe hinab, welche mehr Stufen als die obere besaß. Unten angekommen, strich er ein Zündholz an und leuchtete um sich. Um sich genau zu orientieren, mußte er weiter gehen und noch mehrere Hölzer verbrennen.

Der Raum, in welchem er sich befand, war mehr als manneshoch und führte fast bis in die Mitte des Schiffes. Durch keine Zwischenwand getrennt, hatte er die ganze Breite des untern Schiffskörpers von einer Seite zur andern. Einige kleine Gepäckstücke lagen umher.

Jetzt trat der Cornel an die Backbordseite und setzte den Bohrer, natürlich unter der Wasserlinie, an die Schiffswand. Unter dem kräftigen Drucke seiner Hand griff das Werkzeug ein und fraß schnell in dem Holze weiter. Dann gab es einen harten Widerstand – das Blech, mit welchem der unter Wasser stehende Teil des Schiffes bekleidet war. Dieses mußte mit dem Bohrer durchschlagen werden. Aber es waren zur schnelleren Füllung des Raumes wenigstens zwei Löcher nötig. Der Cornel bohrte also zunächst möglichst weit hinten ein zweites, auch bis auf das Blech. Dann hob er einen der harten Steine auf, welche als Ballast dalagen, und schlug damit so lange auf den Griff des Bohrers, bis dieser durch das Blech gedrungen war. Sofort drang das Wasser herein und benetzte ihm die Hand; aber als er den Bohrer mit einiger Anstrengung zurückgezogen hatte, traf ihn ein starker, kräftiger Wasserstrahl, so daß er schnell weichen mußte. Das Klopfen war bei dem Geräusch, welches die Maschine machte, ganz unmöglich zu hören gewesen. Nun schlug er auch das Blech des ersten Loches, welches der Treppe näher war, durch und kehrte nach oben zurück. Er hatte den Bohrer in der Hand behalten und warf ihn erst, als er sich vor der oberen Treppe befand, weg. Warum sollte er ihn erst noch mit hinaufnehmen!

Bei den Seinen angekommen, wurde er leise gefragt, ob es gelungen sei. Er antwortete bejahend und erklärte, nun sofort nach der Kabine Nummer eins zu schleichen.

Der Salon und das daran stoßende Rauchzimmer lagen auf dem Hinterdeck, an beiden Seiten die Kabinen. Jede derselben hatte eine eigene, in den Salon führende Thür. Die Außenwände, aus leichtem Holzgetäfel bestehend waren mit ziemlich großen Fenstern versehen, deren Öffnungen jetzt nur mit Gaze verschlossen waren. Zwischen jeder Kabinenseite und dem betreffenden Schiffsborde führte ein schmaler Gang hin, der leichteren Passage wegen. Nach dem Gange linker Hand, also Steuerbord, hatte sich der Cornel zu wenden. Die Kabine Nummer eins war die erste, lag also an der Ecke. Er legte sich auf den Boden und kroch vorsichtig nach vorn, hart an der Reiling, also am Schiffsrande, um von dem hin und her spazierenden Offizier nicht bemerkt zu werden. Er erreichte sein Ziel glücklich. Durch die Gaze des ersten Fensters fiel ein leiser Schein heraus. Es brannte Licht in der Kabine. Sollte Butler noch wach sein, vielleicht lesen? Aber der Cornel überzeugte sich, daß auch in den andern Kabinen Licht war, und das beruhigte ihn. Vielleicht erleichterte gerade diese Beleuchtung die Ausführung seines Vorhabens, welche im Dunkel ziemlich schwierig war. Er zog sein Messer und zerschnitt die Gaze geräuschlos von oben bis unten. Ein Vorhang verhinderte ihn, durch das Fenster in die Kabine zu sehen; er schob denselben leise zur Seite. Er hätte vor Freude über das, was er sah, laut aufjubeln mögen.

An der linken Wand hing über dem Bette ein brennendes, nach unten, um den Schläfer nicht zu stören, verhülltes Nachtlämpchen. Darunter lag, fest schlafend, mit dem Gesichte nach der Wand gekehrt, der Ingenieur. Auf einem Stuhle lagen seine Kleidungsstücke. An der rechten Wand befand sich ein Klaptischchen, auf welchem die Uhr, die Börse und – – das Messer des Schläfers lagen, von außen ganz leicht mit der Hand zu erreichen. Der Cornel griff hinein und nahm das Messer fort, ließ aber Uhr und Börse liegen. Er zog es aus dem Futterale und probierte den Griff. Dieser ließ sich wie eine Nadel- oder Federbüchse aufdrehen. Das genügte.

„Alle Teufel, ging das leicht!“ hauchte der Dieb. „Ich hätte einsteigen und ihn unter Umständen gar erwürgen müssen!“

Niemand hatte diesen Vorgang gesehen; das Fenster führte steuerbords nach dem Wasser. Der Cornel warf das Futteral über Bord, steckte das Messer in den Gürtel und legte sich wieder nieder, um zu seinen Leuten zurückzukriechen. Er gelangte glücklich an dem Lieutenant vorüber. Wenige Ellen weiter fiel sein Blick nach links; da war es ihm, als sehe er zwei leise phosphoreszierende Punkte, die sofort wieder verschwanden. Das waren Augen; er wußte es. Er schnellte sich mit einer kräftigen Bewegung, aber ganz leise, vorwärts und rollte sich dann ebenso rasch zur Seite, um aus der Linie zu kommen, auf welcher er sich befunden hatte. Richtig! Von der Stelle her, von welcher aus er die Augen gesehen hatte, erscholl ein Geräusch, wie wenn jemand sich auf einen andern werfen will. Der Offizier hatte es gehört und trat hinzu.

„Wer ist da?“ fragte er.

„Ich, Nintropan-Hauey,“ antwortete es.

„Ach, der Indianer. Schlafe doch!“

„Hier ein Mann geschlichen; hat etwas Böses gethan; ich ihn gesehen; er aber schnell fort.“

„Wohin?“

„Nach vorn, wo Cornel liegen; er vielleicht selbst gewesen.“

„Pshaw! Wozu sollte er oder ein andrer hier schleichen! Schlafe und störe die andern nicht.“

„Ich schlafe, aber dann auch nicht schuld, wenn Böses geschehen.“

Der Offizier horchte nach vorn, und da sich dort nichts hören ließ, beruhigte er sich. Er war überzeugt, daß der Rote sich geirrt habe.

Es verging eine lange, lange Zeit; da wurde er von dem Ausguck nach dem Buge gerufen.

„Sir,“ sagte der Mann, „ich weiß nicht, woran es liegen mag, aber das Wasser kommt schnell höher; das Schiff sinkt.“

„Unsinn!“ lachte der Offizier.

„Kommt her und seht.“

Er blickte hinab, sagte nichts und eilte fort nach der Kajüte des Kapitäns. Nach zwei Minuten kam er mit diesem wieder auf das Deck. Sie hatten eine Laterne mit und leuchteten mit derselben über Bord. Eine zweite Laterne wurde geholt. Der Lieutenant stieg in die Hinter- und der Kapitän in die Vorderluke, um den Kielraum zu untersuchen. Die Tramps hatten sich von derselben entfernt. Nach schon kurzer Zeit kam er herauf und begab sich mit eiligen Schritten nach hinten zum Steuermann.

„Er will nicht Lärm schlagen,“ flüsterte der Cornel den Seinen zu. „Aber paßt auf, daß der Steamer ans Ufer gehen wird!“

Er hatte recht. Die Matrosen und Arbeiter wurden heimlich geweckt, und das Schiff veränderte seine Richtung. Ohne einige Unruhe konnte das nicht geschehen; die Deckpassagiere erwachten, und einige Kajütenreisende kamen aus ihren Kabinen.

„Es ist nichts, Mesch’schurs; es hat keine Gefahr,“ rief ihnen der Kapitän zu. „Wir haben etwas Wasser im Raume und müssen es auspumpen. Wir legen an, und wer Angst hat, kann einstweilen ans Ufer gehen.“

Er wollte beruhigend wirken; aber es fand das Gegenteil statt. Man schrie; man rief nach Rettungsgürteln; die Kabinen entleerten sich. Alles rannte durcheinander. Da fiel der Schein der Vorderlaterne auf das hohe Ufer. Das Schiff machte eine Wendung, daß es parallel zu demselben kam, und ließ den Anker fallen. Die beiden Landebrücken erwiesen sich als lang genug, sie wurden ausgelegt und die Ängstlichen drängten sich an das Land. Allen voran waren natürlich die Tramps, welche schnell im Dunkel der Nacht verschwanden.

An Bord geblieben waren außer den Schiffsleuten nur Old Firehand, Tom, Droll und der alte Bär. Der erstere war in den Raum gestiegen, um das Wasser zu sehen. Mit dem Lichte in der Rechten und dem Bohrer in der Linken kam er wieder herauf und fragte den Kapitän, welcher das Herbeischaffen der Pumpen beaufsichtigte: „Sir, wo hat dieser Bohrer seinen Platz?“

„Dort im Werkzeugkasten,“ antwortete ein Matrose. „Er lag am Nachmittage noch drin.“

„Jetzt lag er im Zwischendeck. Die Spitze hat sich an den Schiffsplatten umgebogen. Ich wette, daß das Schiff angebohrt worden ist.“

Man kann sich den Eindruck, den diese Worte hervorbrachten, denken. Es kam ein Neuer dazu. Der Ingenieur hatte vor allen Dingen Frau und Tochter ans Ufer gebracht; dann war er auf das Schiff zurückgekehrt, um seinen Anzug zu vervollständigen. Jetzt kam er aus seiner Kabine und rief, daß alle es hörten: „Ich bin bestohlen! Neuntausend Dollar. Man hat das Gazefenster zerschnitten und sie mir vom Tische genommen!“

Und da rief der alte Bär noch lauter: „Ich wissen, Cornel hat gestohlen und Schiff angebohrt. Ich ihn sehen; aber Offizier nicht glauben. Fragen schwarzen Feuermann! Er trinken mit Cornel; er gehen fort in Salon und wischen Fenster; er kommen und trinken wieder; er sagen müssen alles.“

Sofort scharten sich der Kapitän, der Offizier, der Steuermann und die Deutschen um den Indianer und den Ingenieur, um sie genauer zu vernehmen. Da ertönte vom Lande, unterhalb der Stelle, an welcher das Schiff lag, ein Schrei.

„Das sein junger Bär,“ rief der Indianer. „Ich ihn nachgeschickt dem Cornel, welcher schnell ans Land; er sagen wird, wo Cornel sein.“

Und da kam der junge Bär in eiligstem Laufe über die Landebrücke gesprungen und rief, auf den Fluß deutend, welcher von den vielen inzwischen angebrannten Lichtern des Schiffes weit hinaus erleuchtet wurde: „Dort rudern hinaus! Ich nicht gleich finden Cornel, dann aber sehen großes Boot, welches haben abgeschnitten hinten und hinein, um hinüber ans andre Ufer.“

Jetzt war die Hauptsache, wenn auch nicht alles klar. Man sah das entfliehende Boot. Die Tramps jubelten und schrieen höhnisch herüber, die Schiffsleute und ein großer Teil der Passagiere antworteten ihnen wütend. In der allgemeinen Aufregung achtete man nicht auf die Indianer, welche verschwunden waren. Endlich gelang es, der mächtigen Stimme Old Firehands, Ruhe herzustellen, und da hörte man auch eine andre Stimme unten vom Wasser herauf: „Der alte Bär kleines Boot geborgt. Er hinter dem Cornel her, um zu rächen. Kleines Boot drüben lassen und anbinden, Kapitän wird es finden. Häuptling der Tonkawa nicht lassen entkommen Cornel. Großer Bär und kleiner Bär müssen haben sein Blut. Howgh!“ – Die beiden hatten sich das Vorderboot genommen und ruderten nun hinter den Flüchtigen her. Der Kapitän fluchte und schimpfte gewaltig, doch umsonst.

Während nun die Deckhands mit dem Auspumpen des Schiffes begannen, wurde der schwarze Feuermann verhört. Old Firehand trieb ihn mit scharfen Fragen so in die Enge, daß er alles gestand und jedes Wort berichtete, welches gesprochen worden war. Daraus erklärte sich nun alles. Der Cornel war der Dieb und hatte das Schiff angebohrt, um noch vor der Entdeckung des Diebstahles mit seinen Leuten an das Land entkommen zu können. Dem Neger sollte sein Verrat nicht ungestraft hingehen. Er wurde angebunden, damit er nicht entfliehen, sondern am Morgen die ihm vom Kapitän zu bestimmenden Hiebe erhalten könne. Gerichtlich war er freilich nicht zu belangen.

Es stellte sich sehr bald heraus, daß die Pumpen das Wasser leicht bewältigten und das Schiff sich nicht in Gefahr befand, sondern in kurzer Zeit die Fahrt fortsetzen konnte. Die Passagiere kehrten also von dem unwirtlichen Ufer an Bord zurück und machten es sich bequem. Der Zeitverlust kümmerte sie nicht, ja, viele freuten sich sogar über die interessante Unterbrechung der langweiligen Reise.

Am wenigsten Interesse konnte freilich der Ingenieur dieser Unterbrechung abgewinnen. Er war da um eine bedeutende Summe Geldes gekommen, welche er ersetzen mußte. Old Firehand tröstete ihn, indem er ihm sagte: „Noch ist Hoffnung vorhanden, das Geld wieder zu erhalten. Fahrt in Gottes Namen mit Eurer Frau und Tochter weiter. Ich treffe bei Eurem Bruder wieder mit Euch zusammen.“

„Wie? Ihr wollt mich verlassen?“

„Ja, ich will diesem Cornel nach, um ihm seinen Raub abzujagen.“

„Aber das ist doch gefährlich!“

„Pshaw! Old Firehand ist nicht der Mann, sich vor diesen Tramps, denn das sind sie gewiß, zu fürchten.“

„Und dennoch bitte ich Euch, es zu unterlassen. Ich will die Summe lieber verlieren.“

„Sir, es handelt sich nicht bloß um Eure neuntausend Dollar, sondern um mehr. Die Tramps haben durch den Neger erfahren, daß auch Tom Geld bei sich hat, auf welches seine Gefährten am Black-bear-Flusse warten. Ich täusche mich gewiß nicht, wenn ich meine, daß sie sich dorthin wenden, um ein neues Verbrechen auszuführen, bei welchem es sich um Menschenleben handeln kann. Die beiden Tonkawa sind wie gute Schweißhunde hinter ihnen her und beim Anbruche des Tages folgen wir ihrer Fährte, nämlich ich, Tom, Droll und dessen Knabe Fred. Nicht wahr, Mesch’schurs?“

„Ja,“ antwortete Tom einfach und ernst.

„Jawohl,“ stimmte auch Droll bei. „Der Cornel muß unser werden, auch schon um andrer willen. Erwischen wir ihn, dann genade ihm, wenn’s nötig ist!“ – – –

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Fünftes Kapitel

Indianisches Meisterstück.

Die Rollingprairie lag im Mittagssonnenglanze. Hügel auf Hügel, mit dichtem Grase, dessen Halme sich im leisen Winde bewegten, bewachsen, glich sie einem Smaragdsee, dessen Wellen plötzlich erstarren mußten. Eine dieser festgewordenen Wogen glich in Beziehung auf Länge, Gestalt und Höhe der andern, und wenn man aus einem der Wellenthäler in das andre kam, hätte man das letztere mit dem ersteren verwechseln können. Nichts, gar nichts rundum als Wellenhügel, so weit der Horizont reichte. Wer sich hier nicht nach dem Kompaß oder dem Stande der Sonne richtete, der mußte sich verirren, wie der Laie im kleinen Boote sich auf der weiten See verirrt. In dieser grünen Einöde schien es kein Lebewesen zu geben; nur droben, hoch in den Lüften, zogen zwei schwarze Hühnergeier, scheinbar ohne die Flügel zu bewegen, ihre Kreise. Sollten sie wirklich die einzigen Geschöpfe sein, die es hier gab? Nein, denn soeben ließ sich ein kräftiges Schnauben vernehmen, und hinter einem der Wellenberge kam ein Reiter hervor, und zwar ein höchst sonderbar ausgestatteter Reiter.

Der Mann war von gewöhnlicher Gestalt, weder zu groß noch zu klein, weder zu dick noch zu dünn, schien aber kräftig zu sein. Er trug lange Hose, Weste und kurze Jacke, welche Kleidungsstücke aus wasserdichtem Gummistoffe gefertigt waren. Auf dem Kopfe saß ein Korkhut mit Nackentuch, wie die englischen Offiziere in Ostindien und andern heißen Ländern zu tragen pflegen. Die Füße steckten in indianischen Mokassins.

Die Haltung dieses Mannes war diejenige eines geübten Reiters; sein Gesicht – ja, dieses Gesicht war eigentlich ein sehr sonderbares. Der Ausdruck desselben war geradezu dumm zu nennen, und zwar nicht etwa ausschließlich durch die Nase, welche zwei ganz verschiedene Seiten hatte. Auf der linken Seite war sie weiß und hatte die leicht gebogene Gestalt einer gewöhnlichen Adlernase; auf der rechten Gesichtsseite war sie dick, wie geschwollen und von einer Farbe, welche man weder rot noch grün noch blau nennen konnte. Eingerahmt wurde dieses Gesicht von einem Kehlbarte, dessen lange dünne Haare vom Halse aus bis über das Kinn hervorstarrten. Der Bart wurde gestützt durch zwei riesige Vatermörder, deren bläulicher Glanz verriet, daß der Reiter es in der Prairie vorzog, Gummiwäsche zu tragen.

An die Steigbügelriemen war rechts und links je ein Gewehr, dessen Kolben neben dem Fuße des Reiters auf dem schuhartigen Bügel stand, geschnallt. Quer vor dem Sattel hing eine lange Blechrolle oder Kapsel, deren Zweck wohl kaum zu erraten war. Auf dem Rücken trug der Mann einen Ledertornister mittlerer Größe und darauf einige blecherne Gefäße und sonderbar geformte Eisendrähte. Der Gürtel war breit, auch von Leder, und glich einer sogenannten Geldkatze. Vor ihm hingen mehrere Beutel nieder, vorn blickten die Kolben oder Griffe eines Messers und mehrerer Revolver heraus, und hinten waren zwei Taschen, welche man für Patronenbehälter halten mußte, daran befestigt.

Das Pferd, war ein gewöhnlicher Gaul, nicht zu gut und nicht zu schlecht für die Strapazen des Westens; es war an ihm gar nichts Besonderes zu bemerken, als daß er als Schabracke eine Decke trug, welche sicherlich viel Geld gekostet hatte.

Der Reiter schien anzunehmen, daß sein Pferd mehr Prairieverstand besitze als er, wenigstens bemerkte man nicht, daß er demselben die Richtung gab, er ließ es laufen, wie und wohin es ihm beliebte. Es schritt durch einige Wellenthäler, kletterte dann einen Hügel hinauf, trollte drüben wieder hinab, fiel einmal freiwillig in Trab, ging wieder langsamer, kurz, der Mann mit dem Korkhelme und dem erzdummen Gesichte schien kein bestimmtes Ziel, aber viel Zeit und Muße zu haben.

Plötzlich blieb das Pferd stehen; es spitzte die Ohren, und der Reiter schreckte leicht zusammen, denn vor ihm, es war nur nicht zu sehen, woher eigentlich, ließ sich eine scharfe, befehlende Stimme hören: „Stop, keinen Schritt weiter, oder ich schieße! Wer seid Ihr, Master?“

Der Reiter blickte auf, vor sich, hinter sich, nach rechts und nach links; es war kein Mensch zu sehen. Er verzog keine Miene, zog den Deckel von der langen, rollenförmigen Blechkapsel, welche vorn quer über den Sattel hing, schüttelte ein Fernrohr heraus, schob die Glieder desselben auseinander, so daß es wohl fünf Fuß lang wurde, kniff das linke Auge zu, hielt das Rohr vor das rechte und richtete es gegen den Himmel, den er eine Weile ganz ernsthaft und angelegentlich beguckte, bis dieselbe Stimme sich lachend vernehmen ließ: „Schiebt doch Eure Sternenröhre wieder zusammen! Ich sitze nicht auf dem Monde, der auch gar nicht zu sehen ist, sondern hier unten auf der alten Mutter Erde. Und nun sagt mir, woher Ihr kommt!“

Der Reiter schob, dem Befehle gehorchend, das Rohr zusammen, steckte es in die Kapsel, verschloß dieselbe sorgfältig und langsam, als ob er gar keine Eile habe, deutete dann mit der Hand hinter sich und antwortete: „Von daher!“

„Das sehe ich, mein alter Boy! Und wo wollt Ihr hin?“

„Dorthin!“ antwortete der Gefragte, indem er mit der Hand nun vorwärts zeigte.

„Ihr seid wirklich ein köstlicher Junge!“ lachte der noch immer unsichtbare Inquirent. „Da Ihr Euch aber nun einmal auf dieser gebenedeiten Prairie befindet, vermute ich, daß Ihr die Gebräuche derselben kennt. Es treibt sich hier so viel fragwürdiges Gesindel umher, daß ein ehrlicher Mann gezwungen ist, jede Begegnung etwas scharf zu nehmen. Zurück könnt Ihr in Gottes Namen reiten, wenn es Euch gefällig ist. Wollt Ihr aber vorwärts, wie es allen Anschein hat, so müßt Ihr uns Rede und Antwort stehen, und zwar der Wahrheit gemäß. Also heraus damit! Woher kommt Ihr?“

„Von Schloß Castlepool,“ antwortete der Mann im Tone eines Schulknaben, welcher sich vordem strengen Gesichte des Lehrers fürchtet.

„Das kenne ich nicht. Wo ist dieser Ort zu finden?“

„Auf der Landkarte von Schottland,“ erklärte der Reiter, indem sein Gesicht fast noch dümmer wurde als vorher.

„Gott segne Euren Verstand, Sir! Was geht mich Schottland an. Und wohin reitet Ihr?“

„Nach Kalkutta.“

„Mir auch unbekannt. Wo liegt denn dieser schöne Ort?“

„In Ostindien.“

„Lack-a-day! So wollt Ihr also an diesem sonnigen Nachmittage von Schottland aus über die Vereinigten Staaten nach Ostindien reiten?“

„Heute nicht ganz.“

„So! Würdet es wohl auch nicht leicht machen können. So seid Ihr wohl ein Englishman?“

„Yes.“

„Von welcher Profession?“

„Lord.“

„Alle Wetter! Ein englischer Lord mit einer runden Hutschachtel auf dem Kopfe! Euch muß man sich genauer besehen. Komm, Uncle, der Mann wird uns wohl nicht beißen. Ich habe alle Lust, seinen Worten Glauben zu schenken. Entweder ist er übergeschnappt oder wirklich ein englischer Lord mit fünf Meter Spleen und zehn Hektoliter Leberleiden.“

Jetzt wurden auf der Höhe des nächsten Wellenhügels zwei Gestalten, welche dort im Grase gelegen hatten, sichtbar, eine lange und eine sehr kleine. Beide waren ganz gleich gekleidet, ganz in Leder wie echte, richtige Westmänner, selbst ihre breitkrämpigen Hüte waren von Leder. Die Gestalt des Langen stand steif wie ein Pfahl auf dem Hügel; der Kleine war buckelig und hatte eine Habichtsnase, deren Rücken fast so scharf wie ein Messer war. Auch ihre Gewehre waren von gleicher Konstruktion, alte, sehr lange Rifles. Der kleine Buckelige hatte das seinige mit dem Kolben auf die Erde gesetzt, und doch ragte die Mündung des Laufes noch um einige Zoll über seinen Hut hinaus. Er schien der Sprecher der beiden zu sein, denn während der Lange noch kein Wort gesagt hatte, fuhr er jetzt fort: „Bleibt noch halten, Master, sonst würden wir schießen! Wir sind noch nicht miteinander fertig.“

„Wollen wir wetten?“ fragte der Engländer hinauf.

„Was?“

„Zehn Dollar oder fünfzig oder hundert Dollar, ganz wieviel euch beliebt.“

„Worauf?“

„Daß Ich euch eher erschieße als ihr mich.“

„Dann würdet Ihr verlieren.“

„Meint Ihr? Well, setzen wir also hundert Dollar.“

Er griff nach hinten an die eine Patronentasche, zog sie nach vorn, öffnete sie und nahm einige Banknoten heraus. Die beiden Obenstehenden sahen einander erstaunt an.

„Master,“ rief der Kleine, „ich glaube, Ihr macht wirklich Ernst!“

„Was denn sonst?“ fragte der Englishman erstaunt. „Das Wetten ist meine Passion, das heißt, ich wette gern und bei jeder Gelegenheit.“

„Und tragt eine ganze Tasche voll Banknoten in der Prairie herum!“

„Könnte ich wetten, wenn ich kein Geld bei mir hätte? Also hundert Dollar, sagt ihr? Oder wollt ihr noch mehr setzen?“

„Wir haben kein Geld.“

„Das thut ja gar nichts; ich schieße es euch einstweilen vor, bis ihr mich bezahlen könnt.“

Er sagte das mit solchem Ernste, daß der Lange vor Verwunderung tief Atem holte und der Buckelige geradezu betroffen ausrief: „Uns borgen – bis wir bezahlen können? Ihr seid also sicher, zu gewinnen?“

„Sehr!“

„Aber, Master, um zu gewinnen, müßtet Ihr uns eher erschießen als wir Euch; als Tote aber könnten wir Euch nicht bezahlen!“

„Bleibt sich gleich! Ich hätte doch gewonnen und habe so viel, daß ich euer Geld nicht brauche.“

„Uncle,“ meinte der Kleine kopfschüttelnd zu dem Langen, „so einen Boy habe ich weder schon gesehen, noch gehört. Wir müssen hinab zu ihm, um ihn näher zu betrachten.“

Er kam mit schnellen Schritten herab, und der Lange folgte ihm steif und in kerzengerader Haltung, als ob er eine Bohnenstange im Körper habe.

Unten im Wellenthale angekommen, sagte der Bucklige: „Steckt Euer Geld wieder ein; aus der Wette kann nichts werden. Und nehmt den Rat von mir an: Laßt diese Banknotentasche niemand sehen; Ihr könntet es zu bereuen haben oder gar mit dem Leben büßen. Ich weiß wirklich nicht, was ich von Euch denken und aus Euch machen soll. Es scheint nicht ganz richtig in Eurem Kopfe zu sein. Wir wollen Euch einmal auf den Zahn fühlen. Kommt also mit, nur wenige Schritte weiter.“

Er streckte die Hand aus, um das Pferd des Engländers am Zügel zu fassen, da glänzten in den beiden Händen desselben zwei Revolver und er rief in kurzem, strengem Tone. „Hand weg, oder ich schieße!“

Der Kleine fuhr erschrocken zurück und wollte sein Gewehr heben.

„Unten lassen. Keine Bewegung, sonst drücke ich los.“

Die Haltung und das Gesicht des Engländers hatte sich plötzlich außerordentlich verändert. Das waren nicht die dummen Züge von vorher, und aus den Augen blitzte eine Intelligenz, eine Energie, welche den beiden andern die Worte benahm.

„Meint ihr wirklich, daß ich verrückt bin?“ fuhr er fort. „Und haltet ihr mich wirklich für einen Menschen, vor welchem ihr euch gebärden könnt, als ob die Prairie nur euer Eigentum sei? Da irrt ihr euch. Bisher habt ihr mich gefragt, und ich antwortete euch. Nun aber will auch ich wissen, wen ich vor mir habe. Wie heißt ihr, und was seid ihr?“

Diese Fragen waren an den Kleinen gerichtet; er sah in die scharf forschenden Augen des Fremden, die einen ganz eigenartigen Eindruck auf ihn machten, und antwortete halb ärgerlich und halb verlegen: „Ihr seid hier fremd; darum wißt Ihr es nicht; aber man kennt uns vom Mississippi an bis hinüber nach Frisco als ehrliche Jäger und Fallensteller. Wir sind jetzt unterwegs nach den Bergen, um eine Gesellschaft von Bibermännern zu suchen, der wir uns anschließen können.“

„Well! Und eure Namen?“

„Unsre eigentlichen Namen können Euch nichts nützen. Mich nennt man den Humply-Bill, weil ich leider buckelig bin, worüber ich aber noch lange nicht Lust habe, vor Gram zu sterben, und mein Kamerad hier ist nur als Gunstick-Uncle bekannt, weil er stets so steif in der Welt herumläuft, als ob er einen Ladstock verschluckt hätte. So, nun kennt Ihr uns und werdet uns auch über Euch die Wahrheit sagen, ohne dumme Witze zu machen.“

Der Engländer betrachtete sie mit einem durchdringenden Blicke, als ob er ihnen bis tief in das Herz zu sehen wünsche; dann nahmen seine Züge einen freundlichen Ausdruck an; er nahm ein Papier aus der Banknotentasche, faltete es auseinander, reichte es den beiden hin und antwortete: „Ich habe nicht gescherzt. Da ich euch für brave und ehrliche Leute halte, so sollt ihr diesen Paß ansehen.“

Die beiden sahen und lasen, blickten einander an, dann riß der Lange die Augen und den Mund möglichst weit auf, und der Kleine sagte, diesmal in einem sehr höflichen Tone: „Wirklich ein Lord, Lord Castlepool. Aber, Mylord, was wollt Ihr in der Prairie? Das Leben steht Euch – –“

„Pshaw!“ unterbrach ihn der Lord. „Was ich will? Die Prairie und das Felsengebirge kennen lernen und dann nach Frisco gehen. War schon überall in der Welt, nur in den Vereinigten Staaten noch nicht. Doch, jetzt sind wir einander vorgestellt und brauchen nicht mehr fremd zu thun. Kommt also zu euren Pferden! Ich meine nämlich, daß ihr Pferde habt, obgleich ich sie noch nicht gesehen habe.“

„Freilich haben wir welche; sie stehen da hinter dem Hügel, wo wir anhielten, um auszuruhen.“

„So folgt mir hin!“

Seinem Tone nach war er jetzt derjenige, welcher ihnen, anstatt sie ihm, Vorschriften zu machen hatte. Er stieg vom Pferde und schritt ihnen voran, in dem Wellenthale weiter, bis hinter den Wellenberg, wo zwei Pferde grasten, welche zu derjenigen Sorte zu gehören schienen, welche im Vulgärdeutsch Klepper, Ziegenbock oder gar Kracke genannt zu werden pflegen. Sein Pferd war ihm dabei wie ein Hund nachgelaufen. Die beiden Pferde kamen auf dasselbe zu; es wieherte aber zornig und schlug gegen sie aus, um sie von sich zu treiben.

„Eine giftige Kröte!“ meinte Humply-Bill dazu. „Scheint ungesellig zu sein.“

„O nein,“ antwortete der Lord. „Es weiß bloß, daß ich noch nicht nahe verwandt mit euch bin und will also mit euren Pferden einstweilen auch fremd bleiben.“

„Wäre es wirklich so klug? Man sieht es ihm nicht an. Scheint ein Ackerpferd gewesen zu sein.“

„Oho! Es ist ein echter kurdischer Husahn, wenn ihr gütigst erlaubt.“

„So! Wo liegt denn dieses Land?“

„Zwischen Persien und der Türkei. Habe ihn selbst dort gekauft und mit nach Hause genommen.“

Er sagte das in einem so gleichgültigen Tone, als ob es ebenso leicht sei, ein Pferd aus Kurdistan nach England und von da wieder hinüber nach den Vereinigten Staaten zu transportieren, wie einen Kanarienvogel von dem Harze nach dem Thüringer Walde zu bringen. Die beiden Jäger warfen einander verstohlenen Blicke zu. Er aber setzte sich ganz ungeniert in das Gras, wo sie vorher gesessen hatten. Dort lag eine angeschnittene, gestern gebratene Rehkeule. Er zog sein Messer, schnitt ein tüchtiges Stück herunter und begann zu essen, als ob das Fleisch nicht den andern, sondern ihm gehöre.

„So ist’s recht!“ meinte der Buckelige. „Nur keine Umstände machen in der Prairie.“

„Mache sie auch nicht,“ antwortete er. „Habt gestern ihr Fleisch geschossen, so schieße heute oder morgen ich welches, natürlich auch für euch mit.“

„So? Meint Ihr denn, Mylord, daß wir morgen noch beisammen sein werden?“

„Morgen und noch viel länger. Wollen wir wetten? Ich setze zehn Dollar und auch mehr, wenn ihr wollt.“

Er griff nach der Geldtasche.

„Laßt Eure Banknoten hinten,“ antwortete Humply. „Wir wetten nicht mit.“

„So setzt euch her zu mir! Will es euch erklären.“

Sie ließen sich ihm gegenüber nieder. Er musterte sie nochmals mit einem scharfen Blicke und sagte dann: „Bin den Arkansas heraufgekommen und in Mulvane ausgestiegen. Wollte dort einen Führer engagieren oder zwei; fand aber keinen, der mir gefiel. War lauter Schund, die Kerls. Bin also fortgeritten, weil ich mir sagte, daß echte Prairiemänner wohl nur in der Prairie zu finden sind. Treffe jetzt euch, und ihr gefallt mir. Wollt ihr mit?“

„Wohin denn?“

„Nach Frisco hinüber.“

„Das sagt Ihr so ruhig, als ob es nur ein Tagesritt sei?“

„Es ist ein Ritt. Ob er einen Tag oder ein Jahr dauert, das bleibt sich gleich.“

„Hm, ja. Aber habt Ihr eine Ahnung von dem, was einem unterwegs begegnen kann?“

„Habe noch nicht daran gedacht, hoffe aber, es zu erfahren.“

„Wünscht Euch nicht zu viel. Übrigens können wir nicht mit. Wir sind nicht so reich, wie Ihr zu sein scheint; wir leben von der Jagd und können also keinen monatelangen Abstecher nach Frisco machen.“

„Ich bezahle euch!“

„So? Na, dann würde sich über die Sache sprechen lassen.“

„Könnt ihr schießen?“

Es war ein fast mitleidiger Blick, den der Buckelige auf den Lord warf, als er antwortete: „Ein Prairiejäger und schießen! Das ist fast noch schlimmer, als ob Ihr fragt, ob ein Bär fressen könne. Beides ist genau so selbstverständlich wie mein Buckel.“

„Möchte aber doch eine Probe sehen. Könnt ihr die Geier von da oben herunterholen?“

Humply maß die Höhe, in welcher sich die beiden Vögel wiegten, mit den Augen und antwortete. „Warum nicht? Ihr freilich würdet es uns mit Euren beiden Sonntagsflinten nicht nachmachen.“

Er deutete auf das Pferd des Lords. Die Gewehre hingen noch an den Bügelriemen; sie waren blank geputzt, so daß sie ganz wie neu aussahen, was dem Westmann ein Greuel ist.

„So schießt!“ gebot der Lord, ohne auf die letzte Behauptung des Buckeligen zu achten.

Dieser stand auf, legte sein Gewehr an, zielte kurz und drückte ab. Man sah, daß der eine der Geier einen Stoß erhielt; er schlug flatternd die Flügel, suchte sich zu halten, doch vergebens; er mußte nieder, erst langsam, dann schneller; endlich zog er die Flügel an den Leib und fiel wie ein schwerer Klumpen senkrecht zur Erde nieder.

„Nun, Mylord, was sagt Ihr dazu?“ fragte der kleine Schütze.

„Nicht übel,“ lautete die kalte Antwort.

„Was? Nicht übel nur? Bedenkt diese Höhe, und daß die Kugel den Vogel gerade ins Leben traf, denn er war schon in der Luft tot! Jeder Kenner hätte das einen Meisterschuß genannt.“

„Well, der zweite!“ nickte der Lord dem langen Jäger zu, ohne auf den Vorwurf des Kleinen einzugehen.

Gunstick-Uncle erhob sich steif vom Boden, stützte sich mit der Linken auf seine lange Rifle, erhob die Rechte wie ein Deklamierender, wendete das Auge gen Himmel zu dem zweiten Geier und sprach in pathetischem Tone: „Wandelt der Aar in Gefilden der Lüfte – blickt er herab auf die Grüfte und Schlüfte – denket mit Sehnsucht des Aases voll Düfte – ich aber schieße ihn tot in die Hüfte!“

Bei diesen improvisierten Reimen war seine Pose so steif und eckig wie diejenige eines Gliedermannes. Er hatte bisher noch kein einziges Wort gesprochen, desto größeren Eindruck mußte dieses herrliche Poem machen. So dachte er. Darum ließ er den erhobenen Arm sinken, wendete sich gegen den Lord und blickte diesen mit stolzer Erwartung an. Der Engländer hatte längst wieder sein dummes Gesicht angenommen; jetzt zuckte es in und auf demselben, als ob das Lachen mit dem Weinen kämpfe.

„Habt Ihr es richtig gehört, Mylord?“ fragte der Buckelige. „Ja, der Gunstick-Uncle ist ein feiner Kerl. Er war Schauspieler und ist noch jetzt ein Dichter. Er spricht blutwenig, aber wenn er einmal den Mund aufthut, so redet er nur in Engelszungen, das heißt in Reimen.“

„Well!“ nickte der Engländer. „Ob er in Reimen oder in Gurkensalat redet, das ist nicht meine, sondern seine Sache, aber kann er schießen?“

Der lange Dichter zog den Mund bis an das rechte Ohr und warf die Hand weit von sich, was eine Bewegung der Verachtung sein sollte. Dann erhob er seine Rifle zum Zielen, setzte sie aber wieder ab. Er hatte den rechten Augenblick versäumt, denn während seines dichterischen Ergusses hatte das Geierweibchen, erschrocken über den Tod ihres Männchens, beschlossen, sich davon zu machen. Der Vogel hatte sich schon weit entfernt.

„Er ist unmöglich zu treffen,“ sagte Humply. „Meinst du nicht, Uncle?“

Der Gefragte erhob beide Hände gen Himmel nach dem Punkte, an welchem man den Geier erblickte, und antwortete in einem Tone, als ob er Tote erwecken wolle: „Es tragen ihn die Flügel – fort über Thal und Hügel – er ist mit großen Wonnen – nun leider mir entronnen – und wer ihn nun will kriegen – schnell hinterdrein mag fliegen!“

„Unsinn!“ rief der Lord. „Meint ihr wirklich, daß er nicht mehr zu treffen ist?“

„Ja, Sir,“ antwortete Humply. „Kein Old Firehand, kein Winnetou und kein Old Shatterhand vermöchte ihn jetzt noch herunterzuholen, und das sind doch die drei besten Schützen des fernen Westens.“

„So!“

Während der Lord dies mehr hervorstieß als deutlich aussprach, ging ein helles, blitzartiges Zucken über sein Gesicht. Er trat schnell zum Pferde, nahm eins der Gewehre vom Riemen, entfernte die Sicherung, legte an, zielte, drückte ab, alles wie in einem einzigen kurzen Augenblicke, ließ das Gewehr wieder sinken, setzte sich nieder, griff nach der Rehkeule, um sich noch ein Stück von derselben zu schneiden, und sagte: „Nun, war er zu treffen oder nicht?“

Auf den Gesichtern der beiden Jäger lag der Ausdruck des höchsten Erstaunens, ja der Bewunderung. Der Vogel war getroffen, und zwar gut, denn er fiel mit zunehmender Schnelligkeit in einer sich verengenden Schneckenlinie zur Erde nieder.

„Wonderful!“ rief Humply ganz begeistert aus. „Mylord, wenn das nicht ein Zufall – – –“

Er hielt inne. Er hatte sich nach dem Engländer umgedreht und sah diesen kauend am Boden sitzen, den Rücken nach der Seite gerichtet, wohin der Meisterschuß gerichtet gewesen war. Das war doch kaum zu glauben!

„Aber, Mylord,“ fuhr er fort, „dreht Euch doch um! Ihr habt den Geier nicht nur getroffen, sondern wirklich erlegt!“

„Das weiß ich,“ antwortete der Englishman, indem er, ohne sich umzusehen, ein Stück Fleisch in den Mund schob.

„Aber Ihr habt es ja gar nicht beobachtet!“

„Ist nicht nötig; ich weiß es doch. Meine Kugel geht nie fehl.“

„Aber dann seid Ihr ja ein Kerl, der es, wenigstens was das Schießen betrifft, mit den drei berühmten Männern, deren Namen ich vorhin nannte, getrost aufnehmen kann! Oder nicht, Uncle?“

Der famose Ladestock-Onkel stellte sich abermals in Positur und antwortete, mit beiden Händen gestikulierend: „Getroffen ist der Geier – der Schuß war ungeheuer – ich muß auf Ruhm verzichten – – –“

„Und höre auf, zu dichten!“ fiel der Engländer ihm in die Rede.

„Wozu diese Reime und das Geschrei! Ich wollte wissen, was für Schützen ihr seid. Nun setzt euch wieder her, und laßt uns weiter verhandeln. Also ihr geht mit mir, und ich bezahle euch die Reise. Einverstanden?“

Beide blickten einander an, nickten sich zu und antworteten mit einem beistimmenden Ja.

„Well! Und wieviel verlangt ihr?“

„Ja, Mylord, mit dieser Frage bringt Ihr mich in Verlegenheit. Wir haben noch nie im Dienste eines Mannes gestanden, und von einer sogenannten Bezahlung kann bei Scouts, die wir sein sollen, doch wohl nicht gesprochen werden.“

„All right! Ihr habt euren Stolz, und das gefällt mir. Es kann hier nur von einem Honorare die Rede sein, dem ich, wenn ich mit euch zufrieden bin, eine Extragratifikation zufüge. Ich bin hierher gekommen, um etwas zu erleben, um berühmte Jäger zu sehen, und mache euch also folgendes Anerbieten: Ich bezahle euch für jedes Abenteuer, welches wir erleben, fünfzig Dollar.“

„Sir,“ lachte Humply, „da werden wir reiche Leute, denn an Abenteuern gibt’s hier keinen Mangel, erleben thut man sie, ja, ob aber überleben, das ist eine andre Frage. An uns beiden soll es da nicht fehlen; aber für einen Fremden ist es geratener, die Abenteuer zu fliehen, anstatt sie aufzusuchen.“

„Ich aber will sie haben! Verstanden! Auch will ich mit berühmten Jägern zusammentreffen. Ihr nanntet vorhin drei Namen, von denen ich schon viel gehört habe. Sind diese drei Männer jetzt im Westen?“

„Da fragt Ihr mich zu viel. Diese berühmten Personen sind überall und nirgends. Man kann sie nur durch Zufall treffen, und selbst wenn man ihnen einmal begegnet, ist es die Frage, ob sich so ein König der Westmänner herbeiläßt, einen zu beachten.“

„Man soll und wird mich beachten! Ich bin Lord Castlepool, und was ich will, das will ich! Für jeden von diesen drei Jägern, dem wir begegnen, zahle ich euch hundert Dollar.“

„Alle Teufel! Habt Ihr denn gar so viel Geld bei Euch, Mylord?“

„Ich habe, was ich unterwegs brauche. Das Geld bekommt ihr erst in Frisco bei meinem Bankier. Seid ihr das zufrieden?“

„Ja, ganz gern. Hier unsre Hände darauf. Wir können ja gar nichts Besseres thun, als auf Eure Vorschläge eingehen.“

Beide reichten ihm die Hand. Dann zog er die zweite Tasche von hinten nach vorn, öffnete sie und nahm ein Buch heraus.

„Das ist mein Notizbuch, in welches alles eingetragen wird,“ erklärte er. „Ich werde jedem von euch ein Conto eröffnen und seinen Kopf und Namen darübersetzen.“

„Seinen Kopf?“ fragte der Buckelige verwundert.

„Ja, seinen Kopf. Bleibt einmal unbeweglich so sitzen wie jetzt!“

Er schlug das Buch auf und nahm den Stift zur Hand. Sie sahen daß er abwechselnd sie anblickte, dann wieder auf das Papier niederschaute und dabei den Stift bewegte. Nach wenigen Minuten zeigte er ihnen, was er gezeichnet hatte; sie erkannten ihre wohlgetroffenen Köpfe und die Namen darunter.

„Auf diese Blätter wird eingetragen, was ich euch nach und nach schulden werde,“ erklärte er ihnen. „Verunglücke ich, so nehmt ihr das Buch mit nach Frisco und zeigt es dem Bankier, dessen Namen ich euch später nenne; er wird euch die betreffende Summe sofort und unbeanstandet auszahlen.“

„Das ist ja eine ganz prächtige Einrichtung, Mylord,“ meinte Humply; „Wir wollen zwar nicht wünschen, daß – – – behold, Uncle, sieh einmal unsre Pferde an. Sie wedeln mit den Ohren und öffnen die Nüstern. Es muß etwas Fremdes in der Nähe sein. Die Rolling Prairie ist gefährlich. Steigt man auf die Hügel, so wird man gesehen, und bleibt man unten, so kann man das Nahen eines Feindes nicht bemerken und also sehr leicht überrascht werden. Will doch einmal nach oben steigen.“

„Ich steige mit,“ erklärte der Lord.

„Bleibt lieber unten, Sir. Ihr könntet mir die Sache verderben.“

„Pshaw! Ich verderbe nichts.“

Die beiden stiegen aus dem Wellenthale nach der Spitze des Hügels empor. Als sie diesen beinahe erreicht hatten, legten sie sich nieder und krochen vorsichtig vollends hinauf. Das Gras verdeckte ihre Körper, und die Köpfe erhoben sie nur so weit, als nötig war, Umschau zu halten. „Hm, Ihr fangt die Sache für einen Neuling gar nicht so übel an, Sir,“ lobte Humply. „Ich könnte es wirklich selbst kaum besser machen. Aber seht Ihr dort den Mann auf dem zweiten Wellenhügel, geradeaus von uns?“

„Yes! Ein Indianer, wie es scheint?“

„Ja, es ist ein Roter: Hätte ich – – ah, Sir, lauft doch einmal hinab und holt Euer Fernrohr herbei, damit ich das Gesicht des Mannes erkennen kann.“

Der Lord folgte dieser Aufforderung.

Der Indianer lag auf dem erwähnten Hügel im Grase und schaute aufmerksam nach Osten, wo aber gar nichts zu sehen war. Er richtete einigemal seinen Oberkörper weiter auf, um seinen Gesichtskreis zu vergrößern, ließ ihn aber stets schnell wieder niederfallen. Wenn er jemand erwartete, dann gewiß nur ein feindliches Wesen.

Jetzt brachte der Lord sein Rohr, stellte es und reichte es dem Buckeligen hin. Eben als derselbe den Indianer vor das Glas bekam, sah dieser für einen Augenblick nach rückwärts, so daß sein Gesicht zu erkennen war. Sofort legte Humply das Rohr weg, sprang vollständig auf, so daß seine ganze Gestalt vom Standpunkte des Roten aus zu erkennen war, hielt die Hände an den Mund und rief mit lauter Stimme: „Menaka schecha, Menaka schecha! Mein Bruder mag zu seinem weißen Freunde kommen!“

Der Indianer fuhr schnell herum, erkannte die buckelige Gestalt des Rufenden und glitt augenblicklich von der Spitze des Hügels herab, so daß er im Wellenthale verschwand.

„Jetzt, Mylord, werdet Ihr wohl sehr bald die ersten fünfzig Dollar einzahlen müssen,“ sagte Humply zu dem Engländer, indem er sich wieder niederduckte.

„Wird es ein Abenteuer geben?“

„Sehr wahrscheinlich, denn der Häuptling blickte jedenfalls nach Feinden aus.“

„Ein Häuptling ist er?“

„Ja, ein tüchtiger Kerl, Osagenhäuptling.“

„Und ihr kennt ihn?“

„Wir kennen ihn nicht nur, sondern wir haben mit ihm die Pfeife des Friedens und der Bruderschaft geraucht und sind verpflichtet, ihm in jeder Lage beizustehen, so wie er uns auch.“

„Well, so wünsche ich, daß er nicht nur einen, sondern möglichst viele Gegner erwartet!“

„Malt den Teufel nicht an die Wand! Derartige Wünsche sind gefährlich, da sie nur allzuleicht in Erfüllung gehen. Kommt mit hinab! Der Uncle wird erfreut, aber auch erstaunt darüber sein, daß der Häuptling sich in dieser Gegend befindet.“

„Wie nanntet Ihr den Roten?“

„In der Osagensprache Menaka schecha; d.h. die gute Sonne oder die große Sonne. Er ist ein sehr tapferer und erfahrener Krieger und dabei kein eigentlicher Feind der Weißen, obgleich die Osagen zu den Völkerschaften der noch ungezähmten Sioux gehören.“

Unten angekommen, fanden sie den Uncle in einer steifen, theatralischen Pose. Er hatte alles gehört und diese Haltung angenommen, um seinen roten Freund möglichst würdevoll zu begrüßen.

Nach kurzer Zeit begannen die Pferde zu schnauben, und gleich darauf sah man den Indianer kommen. Er befand sich in den besten Mannesjahren und trug die gewöhnliche indianische Lederkleidung, welche an einigen Stellen zerrissen und an andern mit frischem Blute befleckt war. Waffen hatte er keine. Auf jede seiner Wangen war eine Sonne tättowiert; an seinen beiden Handgelenken war die Haut aufgeschunden. Er mußte gebunden gewesen sein und die Fesseln gesprengt haben. Jedenfalls befand er sich auf der Flucht und wurde verfolgt.

Trotz der Gefahr, die dem Indianer drohte und ihm sehr nahe sein konnte, kam er sehr langsam herbei, reichte, ohne zunächst den Engländer zu beachten, den beiden Jägern die Rechte und sagte im ruhigsten Tone und sehr geläufigem Englisch: „Ich habe die Stimme und Gestalt meines Bruders und Freundes sogleich erkannt und freue mich, euch begrüßen zu können.“

„Wir freuen uns desgleichen; das wirst du uns glauben,“ antwortete Humply.

Der lange Uncle hielt beide Hände ausgestreckt über den Kopf des Roten, als ob er ihn segnen wolle, und rief aus: „Sei gegrüßt im Erdenthale – viele, viele tausendmale – großer Häuptling, edler Schatz – nimm bei deinen Freunden Platz – und verzehr in aller Eile – diesen Rest der Reheskeule!“

Bei den letzten Worten deutete er in das Gras, wo das lag, was der Lord von der Keule übrig gelassen hatte, nämlich der Knochen mit einigen harten Fleischfasern, welche dem Messer nicht hatten weichen wollen.

„Still, Uncle.“ gebot Humply, „es ist jetzt wahrhaftig keine Zeit für deine Gedichte. Siehst du denn nicht, in welchem Zustande sich der Häuptling befindet?“

„Gebunden, doch entkommen – hat er zu seinem Frommen – die Flucht hierher genommen,“ antwortete der Gescholtene deklamierend.

Der Buckelige wendete sich von ihm ab, deutete auf den Lord und sagte zu dem Osagen: „Dieses Bleichgesicht ist ein Meister im Schießen und ein neuer Freund von uns. Ich empfehle ihn dir und deinem Stamme.“

Da gab der Rote dem Engländer nun auch die Hand und antwortete: „Ich bin der Freund eines jeden guten und ehrlichen Weißen; die Diebe, Mörder und Leichenschänder aber sollen vom Tomahawk gefressen werden!“

„Bist du so schlimmen Leuten begegnet?“ erkundigte sich Humply.

„Ja. Meine Brüder mögen ihre Gewehre bereit halten, denn diejenigen, welche mir nachjagen, können jeden Augenblick hier sein, obgleich ich sie nicht gesehen habe. Sie werden zu Pferde sitzen und ich mußte gehen; aber die Füße der „guten Sonne“ sind so schnell und ausdauernd wie die Läufe des Hirsches, den kein Roß erreicht. Ich bin viele Bögen und Kreise gegangen, auch habe ich mich oft rückwärts bewegt, mit den Fersen voran, um sie aufzuhalten und irre zu führen. Sie trachten nach meinem Leben.“

„Das sollen sie bleiben lassen! Sind ihrer viele?“

„Ich weiß es nicht, denn als sie meine Flucht entdecken mußten, war ich schon fort.“

„Wer ist es denn? Welche Weißen konnten es wagen, die „gute Sonne“ gefangen zu nehmen, um sie zu töten?“

„Es sind viele, viele Menschen, mehrere hundert schlechte Leute, welche von den Bleichgesichtern Tramps genannt werden.“

„Tramps? Wie kommen diese hierher, und was wollen sie in dieser abgelegenen Gegend? An welchem Orte befinden sie sich?“

„In dem Winkel des Waldes, welchen ihr Osage-nook nennt, den aber wir die Ecke des Mordes heißen, weil unser berühmtester Häuptling mit seinen tapfersten Kriegern dort hinterlistig umgebracht worden ist. Alle Jahre, wenn der Mond sich dreizehnmal gefüllt hat, besuchen einige Abgesandte unsres Stammes diesen Ort, um an den Gräbern der gefallenen Helden den Tanz des Todes aufzuführen. So verließ auch ich in diesem Jahre mit zwölf Kriegern unsre Weidegründe, um mich nach dem Osage-nook zu begeben. Wir kamen vorgestern dort an, suchten die Gegend ab und überzeugten uns, daß kein feindliches Wesen vorhanden sei. Wir fühlten uns also sicher und schlugen unser Lager bei den Gräbern auf. Gestern jagten wir, um Fleisch zur Speise zu haben, und heute nahmen wir die Feier vor. Ich war so vorsichtig gewesen, zwei Wachen auszustellen, dennoch war es weißen Männern gelungen, sich unbemerkt in unsre Nähe zu schleichen. Sie hatten die Spuren gesehen, welche während der Jagd von unsern Füßen und den Hufen unsrer Pferde zurückgelassen worden waren, und fielen während des Tanzes so plötzlich über uns her, daß wir nur wenige Augenblicke zum Widerstande fanden. Sie waren mehrere hundert Köpfe stark; wir töteten einige von ihnen; sie erschossen acht von uns; ich wurde mit den übrigen vier überwältigt und gebunden. Man hielt Gericht über uns, und wir erfuhren, daß wir heute abend am Feuer gemartert und dann verbrannt werden sollten. Sie lagerten sich bei den Gräbern und trennten mich von meinen Kriegern, damit ich nicht mit denselben sprechen könne. Man band mich an einem Baume fest und stellte einen weißen Wächter zu mir; aber der Riemen, welcher mich hielt, war zu schwach; ich zerriß ihn. Zwar schnitt er mir, wie ihr sehen könnt, tief in das Fleisch, hoch kam ich los und benutzte den Augenblick, an welchem der Wächter einmal fortging, dazu, mich heimlich davon zu schleichen.“

„Und deine vier Gefährten?“ fragte Bill.

„Sie sind natürlich noch dort. Oder meinst du, daß ich hätte nach ihnen forschen sollen?“

„Nein; du wärst dadurch nur von neuem in die Gefangenschaft geraten.“

„Mein Bruder sagt die Wahrheit. Ich hätte sie nicht retten können, sondern wäre mit ihnen umgekommen. Ich beschloß, nach Butlers Farm zu eilen, deren Besitzer mein Freund ist, und von dort her Hilfe zu holen.“

Humply-Bill schüttelte den Kopf und meinte: „Fast unmöglich! Vom Osage-nook bis zu Butlers Farm sind gute sechs Stunden zu reiten, mit einem schlechten Pferde bringt man noch viel länger zu. Wie kannst du da bis zum Abend, an welchem deine Gefährten sterben sollen, zurückgekehrt sein?“

„O, die Füße der guten Sonne sind ebenso schnell wie diejenigen eines Pferdes,“ antwortete der Häuptling selbstbewußt. „Meine Flucht wird die Folge haben, daß man die Hinrichtung aufschiebt und sich zunächst alle Mühe gibt, mich wieder einzufangen. Die Hilfe würde also wohl zur rechten Zeit eintreffen.“

„Dieses Exempel kann stimmen und auch nicht. Gut, daß du uns getroffen hast, denn nun ist es nicht nötig, nach Butlers Farm zu laufen; wir werden mit dir gehen, um deine Gefährten zu befreien.“

„Will mein weißer Bruder dies wirklich thun?“ fragte der Indianer in freudigem Tone.

„Natürlich! Was denn anders? Die Osagen sind ja unsre Freunde, während die Tramps die Gegner eines jeden ehrlichen Mannes sind.“

„Aber es sind ihrer so viele, so sehr viele, und wir hier haben zusammen nur acht Arme und Hände!“

„Pshaw, du kennst mich ja! Meinst du, daß ich die Absicht habe, mich offen mitten unter sie hineinzustürzen? Vier listige Köpfe können es schon wagen, sich an eine Horde Tramps zu schleichen, um einige Gefangene herauszuholen. Was sagst du dazu, alter Uncle?“

Der Steifnackige breitete beide Arme aus, schloß entzückt die Augen und rief: „Ich reite sofort mit Vergnügen – hin, wo die weißen Schufte liegen – und hole ohne Furcht und Graus – die roten Brüder alle ‚raus!“

„Schön! Und Ihr, Mylord?“

Der Engländer hatte sein Notizbuch herausgenommen, um den Namen des Häuptlings zu notieren; er schob es jetzt wieder in die Tasche und antwortete: „Natürlich reite ich mit; es ist ja ein Abenteuer!“

„Aber ein sehr gefährliches, Sir!“

„Desto besser! Da zahle ich zehn Dollar mehr, also sechzig. Aber wenn wir reiten wollen, so müssen wir ein Pferd für die „gute Sonne“ besorgen!“

„Hm, ja!“ antwortete der Buckelige, indem er ihn überrascht anblickte.

„Aber woher würdet denn Ihr eins nehmen, he?“

„Natürlich von seinen Verfolgern, welche wahrscheinlich nahe genug hinter ihm sind.“

„Ganz richtig, ganz richtig! Ihr seid kein unebener Kerl, Sir, und ich denke, daß wir uns so leidlich zusammenarbeiten werden. Nur ist es dabei wünschenswert, daß unser roter Freund eine Waffe besitzt.“

„Ich trete ihm eins von meinen Gewehren ab. Hier ist’s ja schon; den Gebrauch desselben werde ich ihm erklären. Und nun dürfen wir keine Zeit versäumen, sondern ich schlage vor, uns so aufzustellen, daß die Verfolger, wenn sie hier ankommen, von allen Seiten eingeschlossen sind.“

Der Ausdruck des Erstaunens auf dem Gesichte des Kleinen wurde immer intensiver. Er maß den Engländer mit einem fragenden Blicke und antwortete: „Ihr sprecht da grad wie ein alter, erfahrener Jäger, Sir! Wie meint Ihr denn eigentlich, daß wir das anzufangen hätten?“

„Sehr einfach. Einer bleibt hier auf dem Hügel, auf welchem wir beide jetzt waren. Er empfängt die Kerls genau so, wie ihr beide vorher mich empfangen habt. Die andern drei gehen einen Bogen, so daß ihre Spuren nicht zu sehen sind, und besteigen die drei benachbarten Höhen. Kommen dann die Kerls, so befinden sie sich zwischen den vier besetzten Hügeln, und wir haben sie fest, denn wir sind oben gedeckt und können sie nach Belieben wegputzen, während sie von uns nur den Rauch unsrer Schüsse bemerken.“

„Ihr redet wirklich wie ein Buch, Mylord! Sagt aufrichtig, befindet Ihr Euch wirklich jetzt zum erstenmal in der Prairie?“

„Allerdings. Aber ich habe mich vorher an andern Orten befunden, wo man nicht weniger vorsichtig sein muß als hier. Wir haben ja bereits davon gesprochen.“

„Well! Ich sehe, daß wir mit Euch nicht viel Ärger haben werden, und das ist mir lieb. Ich gestehe, daß ich ganz denselben Vorschlag machen wollte. Bist du einverstanden, alter Uncle?“

Der Steife machte eine theatralische Armbewegung und antwortete: „Jawohl, sie werden eingeschlossen – und miteinander totgeschossen!“

„Gut, so bleibe ich hier, um sie, sobald sie kommen, anzureden. Der Mylord geht nach rechts; du wendest dich links, und der Häuptling postiert sich auf den vorstehenden Hügel. Auf diese Weise bekommen wir sie zwischen uns, und ob wir sie töten oder nicht, das soll ganz darauf ankommen, wie sie sich verhalten.“

„Nicht töten!“ meinte der Lord.

„Ganz recht, Sir! Auch ich bin dagegen, aber diese Schurken verdienen eigentlich keine Nachsicht, und wenn wir sie schonen, was thun wir dann mit ihnen? Können wir sie mit uns schleppen? Unmöglich! Und lassen wir ihnen die Freiheit, so verraten sie uns. Ich werde so laut mit ihnen reden, daß Ihr jedes Wort hört, dann wißt Ihr, was zu thun ist. Schieße ich einen über den Haufen, so ist das ein sicheres Zeichen, daß Ihr auf die andern schießen sollt. Entkommen darf keiner. Denkt daran, daß sie acht Osagen getötet haben, ohne von diesen vorher feindlich behandelt worden zu sein! Und nun vorwärts, Mesch’schurs; ich denke, daß wir nicht länger zögern dürfen.“

Er stieg den nächsten Wellenberg empor und legte sich da, wo er vorher mit dem Engländer den Indianer beobachtet hatte, in das Gras. Die drei andern verschwanden zu beiden Seiten in den Wellenthälern. Die Pferde blieben da, wo sie gestanden hatten. Der Lord hatte sein Fernrohr mitgenommen.

Es verging wohl eine Viertelstunde, ohne daß die Annäherung eines menschlichen Wesens zu bemerken war. Der Wächter, welchem der Häuptling entkommen war, mußte sehr nachlässig gewesen sein und die Flucht desselben spät entdeckt haben. Dann war von dem Hügel, auf welchem sich der Engländer befand, der laute Ruf zu hören: „Aufgepaßt, sie kommen!“

„Still!“ warnte der Buckelige etwas weniger laut.

„Pshaw! Sie können es nicht hören, sind fast noch eine Meile entfernt.“

„Wo?“

„Geradeaus nach Ost. Habe durch das Rohr zwei Kerls gesehen, welche auf einem Hügel standen und herwärts schauten, ob der Häuptling zu sehen sei. Haben jedenfalls die Pferde unten stehen gehabt.“

„So paßt doppelt scharf auf, und schont die Pferde; wir brauchen sie!“

Es verging wieder einige Zeit; dann hörte man den Hufschlag nahender Tiere. Im Wellenthal, das vor dem Buckeligen lag, wurden zwei nebeneinander reitende Männer sichtbar; sie waren sehr gut bewaffnet und beritten und hielten die Augen scharf auf die Fährte des Häuptlings, welcher sie folgten, gerichtet. Gleich hinter ihnen erschienen noch zwei und dann noch einer; es waren also fünf Verfolger. Als sie die Mitte des Wellenthales erreicht hatten, und sich also zwischen den vier Versteckten befanden, rief Bill ihnen zu: „Stop, Mesch’schurs! Keinen Schritt weiter, oder ihr hört meine Büchse reden!“

Sie hielten überrascht an und schauten nach oben, ohne aber jemand zu erblicken, da der Buckelige im tiefen Grase lag. Doch gehorchten sie seinem Befehle, und der Vorderste antwortete. „Alle Teufel! Was gibt es denn hier für einen heimlichen Wegelagerer? Zeigt Euch uns doch, und sagt, welches Recht Ihr habt, uns anzuhalten!“

„Das Recht eines jeden Jägers, welchem Fremde begegnen.“

„Wir sind auch Jäger. Seid Ihr ein ehrlicher Kerl, so laßt Euch sehen!“

Die fünf Tramps hatten ihre Gewehre zur Hand genommen, sie sahen keineswegs friedlich aus, dennoch antwortete der Kleine: „Ich bin ein ehrlicher Mann und kann mich wohl sehen lassen. Da habt ihr mich!“

Er sprang auf, so daß sie seine ganze Gestalt sehen konnten, hielt aber sein Auge so scharf auf sie gerichtet, daß ihm nicht die geringste ihrer Bewegungen entgehen konnte.

„Zounds!“ rief einer von ihnen. „Irre ich mich nicht, so ist das der Humply-Bill!“

„So werde ich allerdings genannt.“

„Dann ist auch der Gunstick-Uncle in der Nähe; denn diese beiden trennen sich nie!“

„Kennt Ihr uns denn?“

„Will’s meinen; habe von früher her ein Wort mit Euch zu reden!“

„Ich kenne Euch aber nicht!“

„Möglich, denn Ihr habt mich bloß von weitem gesehen. Boys, dieser Kerl ist uns im Wege; ich glaube gar, er hat mit dem Roten gemeinschaftliche Sache gemacht. Holen wir ihn von da oben herunter!“

Er zielte auf den Kleinen und drückte ab. Bill sank blitzschnell, wie von der Kugel getroffen, in das Gras nieder.

„Heigh-day, das war fein gezielt!“ rief der Mann. „Nun ist nur noch der Gun– – –“

Er konnte den Satz nicht vollenden. Bill hatte sich freiwillig niedergeworfen, um nicht getroffen zu werden; jetzt blitzte es rasch hintereinander aus seinen beiden Läufen auf, und keine Sekunde später krachten auch die Gewehre der drei andern. Die fünf Tramps stürzten von ihren Pferden, und die vier Sieger kamen von den Hügeln in das Thal herab, um die fünf Pferde an der Flucht zu hindern. Die Tramps wurden untersucht.

„Nicht schlecht gemacht,“ meinte Bill. „Kein einziger Fehlschuß. Der Tod ist augenblicklich eingetreten.“

Der Osagenhäuptling betrachtete die beiden Männer, nach deren Stirnen er gezielt hatte. Er sah die kleinen Kugellöcher hart über den Nasenwurzeln und wendete sich an den Lord. „Das Gewehr meines Bruders ist von sehr kleinem Kaliber, aber es ist eine ausgezeichnete Gun, auf welche man sich verlassen kann.“

„Will es meinen,“ nickte der Englishman. „Habe beide Gewehre extra für die Prairie bestellt.“

„Mein Bruder mag mir dieses hier verkaufen. Ich gebe ihm hundert Biberfelle dafür.“

„Es ist mir nicht feil.“

„So gebe ich ihm hundertfünfzig!“

„Auch dann nicht!“

„Auch nicht für zweihundert?“

„Nein, und wenn diese Biberfelle zehnmal so groß wie Elefantenhäute wären.“

„So biete ich ihm den höchsten Preis, den es geben kann; ich tausche diese Gun gegen das beste Reitpferd der Osagen ein!“

Es war seinem Gesichte anzusehen, daß er glaubte, ein noch nie dagewesenes Gebot gemacht zu haben, doch der Lord schüttelte den Kopf und antwortete: „Lord Castlepool tauscht und verkauft nie. Was wollte ich mit dem Pferde thun, da das meinige wenigstens ebenso vortrefflich ist wie dasjenige, von welchem du sprichst.“

„Kein Pferd der Savanne kommt über das meinige. Aber da ich meinen weißen Bruder nicht zwingen kann, mir sein Gewehr zu verkaufen, so werde ich es ihm hiermit zurückgeben. Diese Toten haben mehr Waffen bei sich, als ich für mich bedarf.“

Er gab das Gewehr zurück, machte aber dabei ein Gesicht, in welchem das größte Bedauern zu lesen war. Den Toten wurden alle nützlichen Gegenstände abgenommen. Als man ihre Taschen nach solchen durchsuchte, meinte Bill: „Der Kerl hat mich gekannt; ich aber kann mich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Mag sein! Aus seinen Worten ging hervor, daß ich von ihm und also auch von den andern nichts Gutes zu erwarten hatte. Darum wollen wir uns ja nicht über den Tod dieser Menschen grämen. Wer weiß, wie viele Schandthaten wir dadurch, daß sie unsre Kugeln bekamen, verhütet haben. Nun kann sich auch der Häuptling beritten machen, und es bleiben noch vier ledige Pferde übrig, gerade ausreichend für die Osagen, welche wir herausholen wollen.“

„Nun reiten wir sofort zu den Tramps?“ fragte der Engländer.

„Natürlich. Ich kenne diese Gegend und weiß, daß wir nicht vor Abend an dem Osage-nook ankommen können, da wir nicht die gerade Richtung einschlagen dürfen, sondern einen Bogen schlagen müssen, um den Wald hinter ihnen zu erreichen.“

„Und diese Leichen?“

„Lassen wir einfach liegen. Oder habt Ihr vielleicht Lust, diesen Halunken ein Erbbegräbnis, ein Mausoleum bauen zu lassen? Mögen sie in den Magen der Geier und Cojoten begraben werden, mehr gehört ihnen nicht!“

Das war vielleicht eine harte, eine unchristliche Rede, aber der wilde Westen hat seine eigene Art von Zartgefühl; in einer Gegend, wo ringsum Tod und Verderben drohen, wird der Mensch gezwungen, Rücksicht zunächst nur auf sich selbst zu nehmen und alles zu vermeiden, was seine persönliche Sicherheit gefährdet. Hätten die vier Männer sich bei den Leichen verweilen wollen, um sie zu begraben und ein Gebet über ihnen zu sprechen, so wäre das eine Zeitverschwendung gewesen, welche sie sehr leicht, die gefangenen Osagen aber fast sicher, mit dem Leben hätten bezahlen müssen. Man koppelte also die ledigen Pferde zusammen, stieg auf und ritt davon, zunächst gerade nordwärts, um dann nach Osten umzubiegen. Der Häuptling machte den Führer, da er den Lagerplatz der Tramps kannte. Es ging während des ganzen Nachmittags über die offene Rolling-Prairie. Keine Fährte wurde getroffen und kein Mensch gesehen. Als die Sonne sich zur Rüste neigen wollte, erblickte man in der Ferne einen dunklen Waldstreifen, und der Osage erklärte: „Das ist die hintere Seite des Waldes. Die vordere biegt sich nach innen und bildet die Ecke oder den Winkel, welchen wir den Winkel des Mordes nennen, und dort liegen die Gräber unsrer Erschlagenen.“

„Wie weit ist es, ehe man von hier aus quer durch den Wald den Winkel erreicht?“ fragte der Lord.

„Haben wir den Wald betreten, so müssen wir eine Viertelstunde gehen, um an das Lager der Tramps zu gelangen,“ erklärte der Rote.

Da hielt Bill sein Pferd an, stieg ab und setzte sich, ohne ein Wort zu sprechen, im Grase nieder. Der Uncle und der Indianer folgten diesem Beispiele, als ob sich das ganz von selbst verstehe. Der Englishman stieg infolgedessen auch ab, erkundigte sich aber: „Ich denke, wir dürfen keine Zeit verlieren. Wie können wir die Osagen befreien, wenn wir uns hier niedersetzen und die Hände in den Schoß legen?“

„Das ist sehr falsch gefragt, Sir,“ antwortete der Buckelige. „Fragt lieber: Wie können wir die Osagen befreien, wenn wir erschossen worden sind?“

„Erschossen? Wieso?“

„Meint Ihr, daß die Tramps ruhig in ihrem Lager sitzen bleiben?“

„Schwerlich!“

„Ganz gewiß nicht! Sie müssen essen und werden also jagen. Sie schwärmen im Walde umher. Dieser ist da, wo wir ihn betreten, nur eine Viertelstunde breit, und es läßt sich mit vollster Bestimmtheit erwarten, daß sich gerade dort Leute befinden, welche uns kommen sehen würden. Wir müssen also hier warten, bis es dunkel geworden ist; dann haben sich die Kerls alle nach dem Lager zusammengezogen, und wir können unbemerkt den Wald erreichen. Seht Ihr das ein?“

„Well,“ nickte der Lord, indem er sich nun auch niedersetzte. „Habe nicht geglaubt, daß ich noch so dumm sein kann!“

„Ja, Ihr wäret diesen Leutchens gerade in die Hände geritten, und ich hätte Euer Tagebuch nach Frisco tragen müssen, ohne einen einzigen Dollar zu bekommen.“

„Nichts bekommen? Warum?“

„Weil wir unser Abenteuer noch nicht ganz erlebt haben.“

„Haben es erlebt! Ist bereits vorüber und auch eingetragen. Begegnen mit dem Häuptling und Erschießen der fünf Tramps war ein vollständiges Abenteuer für fünfzig Dollar. Steht bereits im Buche. Befreiung der Osagen ist ein neues Abenteuer.“

„Auch für fünfzig Dollar?“

„Yes!“ nickte der Lord.

„Nun, dann notiert nur immer fort, Sir,“ lachte Bill. „Wenn Ihr jedes Erlebnis in so und so viele Unterabenteuer zerlegt, werdet Ihr uns in Frisco ein solches Geld zu zahlen haben, daß Ihr nicht wißt, woher es nehmen!“

Der Lord lächelte leise vor sich hin und antwortete: „Wird schon ausreichen. Kann Euch bezahlen, ohne Schloß Castlepool verkaufen zu müssen. Wollen wir wetten? Ich setze zehn Dollar. Wer noch?“

„Ich nicht, Sir. Wollte ich immer so mit Euch wetten, so würde ich alles, was ich mir bei Euch verdiene, wieder verlieren, und das kann dem Neffen meines Onkels nicht einfallen.“

Die Sonne verschwand, und die Schatten der Dämmerung huschten durch die Wellenthäler, stiegen höher und höher, überfluteten auch die Hügel und hüllten endlich die ganze Erde in ihr düsteres Gewand. Auch der Himmel war dunkel und ganz sternenleer.

Nun wurde aufgebrochen; aber man ritt nicht bis ganz an den Wald heran. Die Vorsicht gebot, die Pferde im Freien zu lassen. Hölzerne Pflöcke, um die Pferde mittels der Zügel an den Boden zu fesseln, führt jeder Westmann mit sich. Auf diese Weise band man die Tiere an und wendete sich dann im Gänsemarsch dem Walde zu.

Der Rote schritt voran. Sein Fuß berührte den Boden so leise, daß das Ohr nichts davon zu vernehmen vermochte. Der Lord, welcher ihm folgte, gab sich Mühe, ebenso unhörbar zu gehen. Es war rundum nichts zu vernehmen als der leise Wind, welcher die Wipfel der Bäume bewegte.

Jetzt ergriff der Osage die rechte Hand des Engländers und flüsterte ihm zu: „Mein weißer Bruder gebe seine andre Hand weiter, damit die drei Bleichgesichter eine Kette bilden, welche ich führe, damit sich keiner an einen Baum stoße.“

Während er mit der ausgestreckten einen Hand sich vorwärts tastete, zog er mit der andern die Weißen hinter sich her. Dem Lord wurde die Zeit sehr lang, denn in solchen Lagen dehnen die Minuten sich zu Stunden aus. Endlich blieb der Häuptling stehen und flüsterte: „Meine Brüder mögen lauschen. Ich habe die Stimmen der Tramps vernommen.“

Sie horchten und bemerkten bald, daß der Rote sich nicht geirrt hatte. Man hörte sprechen, wenn auch aus weiter Ferne, so daß die Worte nicht verstanden werden konnten. Nach wenigen Schritten gewahrte man einen leisen Dämmerschein, welcher es dem Auge ermöglichte, die Baumstämme zu unterscheiden.

„Meine Brüder mögen hier warten, bis ich zurückkehre,“ sagte der Osage. Kaum gesagt, huschte der Rote schon fort und war im nächsten Augenblicke verschwunden. Es war wohl über eine halbe Stunde vergangen, als er zurückkehrte. Sie hatten sein Kommen weder gesehen noch gehört; er tauchte plötzlich vor ihnen, wie aus der Erde, auf.

„Nun?“ fragte Bill. „Was hast du uns zu melden?“

„Daß noch mehr Tramps gekommen sind, noch viel mehr.“

„Wetter! Ob diese Kerls vielleicht hier ein Meeting abzuhalten gedenken? Dann wehe den Farmers und sonstigen Leuten, welche in der Gegend wohnen. Hast du gehört, was gesprochen wurde?“

„Es brannten mehrere Feuer, und der ganze Platz war hell. Die Tramps hatten einen Kreis gebildet, in welchem ein Bleichgesicht mit roten Haaren stand und eine lange und sehr laute Rede hielt.“

„Wovon sprach er? Hast du ihn verstanden?“

„Ich verstand ihn ganz genau, denn er sprach beinahe brüllend, aber meine Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, meine roten Brüder zu entdecken, und so habe ich nur sehr wenig von dem, was er sprach, behalten.“

„Nun, und das Wenige? Was war es?“

„Er sagte, der Reichtum sei ein Raub an den Armen und man müsse also den Reichen alles nehmen, was sie haben. Er behauptete, der Staat dürfe von dem Unterthan keine Steuern erheben und man müsse ihm also alles Geld, welches er in den Kassen habe, wieder wegnehmen. Er sagte, daß die Tramps alle Brüder seien und schnell sehr reich werden könnten, wenn sie seinen Vorschlägen folgen wollten.“

„Weiter! Was noch?“

„Ich habe nicht weiter auf seine Worte geachtet. Er sprach noch von der großen, vollen Kasse einer Eisenbahn, welche leer gemacht werden müsse. Dann aber habe ich nicht mehr auf seine Worte gehört, denn ich sah den Ort, an welchem sich meine roten Brüder befinden.“

„Wo ist das?“

„In der Nähe eines kleineren Feuers, an welchem niemand saß. Dort standen sie an Baumstämmen, an welche sie gebunden waren, und bei jedem von ihnen saß ein Tramp, der ihn bewachte.“

„So kann man sich nicht leicht anschleichen?“

„Man kann es. Ich hätte sie wohl losschneiden können; besser aber war es, ich that es nicht und holte meine weißen Brüder, um mir dabei zu helfen, weil es da viel schneller geht. Aber ich bin vorher bis zu einem meiner roten Brüder gekrochen und habe ihm zugeflüstert, daß sie gerettet werden sollen.“

„Das ist sehr gut, denn nun sind sie vorbereitet und werden, wenn wir ihnen nahe kommen, uns nicht etwa durch eine Bewegung der Freude und Überraschung verraten. Diese Tramps sind keine Westmänner. Es ist eine ungeheure Dummheit von ihnen, die Gefangenen nicht in ihre Mitte zu nehmen. In diesem Falle könnten wir sie nicht durch List befreien, sondern wir müßten, obgleich wir nur vier Personen sind, in den Kreis dieser Kerls hineinspringen, um, während der Schreck sie lähmt, die Osagen loszuschneiden. Führe uns nach dem Orte, an welchem sie sich befinden!“

Der Häuptling voran, huschten die vier von Baum zu Baum und gaben sich dabei Mühe, möglichst im Schatten der Stämme zu bleiben. So näherten sie sich schnell dem Lagerplatze, auf welchem sie jetzt acht Feuer zählen konnten. Das kleinste brannte in dem innersten Winkel der Ecke, sehr nahe bei den Bäumen, und dorthin waren die Schritte des Häuptlings gerichtet. Er blieb einmal für einige Augenblicke stehen und raunte den drei Weißen zu: „Jetzt sitzen mehrere Bleichgesichter an diesem Feuer. Vorhin saß niemand dort. Der Mann mit dem roten Haar ist dabei. Diese Leute scheinen die Anführer, die Häuptlinge zu sein. Seht ihr wenige Schritte davon meine Osagen an den Bäumen?“

„Ja,“ antwortete der Buckelige. „Die Rede, welche der Rote gehalten hat, ist zu Ende und nun sitzen die Kerls abgesondert von den übrigen, jedenfalls um Rat zu halten. Es kann sehr wichtig sein, zu erfahren, was sie vorhaben. So viele Tramps sind nicht wegen einer Kleinigkeit hier versammelt. Glücklicherweise stehen einige Büsche unter den Bäumen. Ich werde einmal hinkriechen, um zu hören, wovon gesprochen wird.“

„Mein Bruder mag es lieber nicht thun,“ warnte der Häuptling.

„Warum? Glaubst du, daß ich mich erwischen lasse?“

„Nein. Ich weiß, daß mein Bruder das Anschleichen versteht; aber er könnte doch gesehen werden.“

„Gesehen, doch nicht erwischt!“

„Ja, mein Bruder hat leichte Füße und würde schnell entkommen, doch würde es uns dann unmöglich sein, die Osagen zu befreien.“

„Nein. Wir würden in einigen Augenblicken ihre Wächter niedergemacht und ihre Banden zerschnitten haben; dann schnell fort durch den Wald und zu den Pferden. Möchte den Tramp sehen, welcher das verhindern wollte! Also ich schleiche mich hin. Werde ich bemerkt, so springet Ihr zu den Gefangenen. Geschehen kann uns nichts. Hier ist mein Gewehr, Uncle.“

Er gab, um von derselben nicht gehindert zu sein, seinem Gefährten die Büchse, legte sich auf die Erde nieder und kroch dem Feuer zu. Seine Aufgabe war viel leichter zu lösen, als er geglaubt hatte. Die Tramps sprachen so laut, daß er fast auf halbem Wege liegen bleiben und doch jedes Wort hören konnte.

Wenn der Häuptling der Ansicht gewesen war, daß die vier an diesem Feuer sitzenden Männer die hervorragenden Tramps, die Anführer seien, so hatte er sich nicht geirrt. Der eine von ihnen, der mit dem roten Kopfe, war der Cornel Brinkley, welcher sich mit seinen wenigen, den Rafters entkommenen Begleitern heute gegen Abend hier eingestellt hatte. Er war soeben im Sprechen, und der Humply-Bill hörte ihn sagen. „Ich kann euch also einen großen Erfolg versprechen, denn dort ist die Hauptkasse. Ihr seid also einverstanden?“

„Ja, ja, ja,“ antworteten die drei andern.

„Und wie ist’s mit Butlers Farm? Wollt ihr sie auch mitnehmen? Oder soll ich das auf eigene Faust ausführen und ein halbes Schock eurer Leute dazu werben?“

„Wir machen natürlich mit,“ erklärte einer. „Sehe nicht ein, warum wir das Geld dir in die Tasche fallen lassen sollen! Es fragt sich nur, ob es schon da ist.“

„Noch nicht. Die Rafters haben nicht sofort Pferde gehabt, während ich gleich am nächsten Morgen einige gute Klepper fand. Sie können also noch nicht auf der Farm sein. Aber Butler ist auch ohnedies reich genug. Wir überfallen die Farm, rauben sie aus und erwarten dann ganz ruhig die Ankunft der Rafters und der Halunken, von denen sie befehligt werden.“

„Weißt du denn genau, daß sie dorthin kommen werden?“

„Ganz genau. Dieser Old Firehand muß hin, eines Ingenieurs wegen, welcher sich jedenfalls schon jetzt dort befindet.“

„Welches Ingenieurs? Was ist mit ihm?“

„Nichts. Das ist eine Geschichte, welche euch ganz gleichgültig sein kann. Vielleicht erzähle ich sie euch ein andres Mal. Vielleicht engagiere ich euch noch zu einem ganz andern Coup, bei welchem das Geld in Masse zu verdienen ist.“

„Du sprichst in Rätseln! Aufrichtig gestanden, möchte ich mit diesem Old Firehand lieber nichts zu thun haben. Ich hörte oft von ihm erzählen.“

„Hast du Angst?“ höhnte der Rote.

„Angst nicht, aber eine sehr triftige Abneigung gegen diese Art von Menschen.“

„Unsinn! Was sollte er uns anhaben können? Denke doch, daß wir vierhundert Kerls beisammen haben, welche es mit dem Teufel aufnehmen würden!“

„Sollten die alle mit nach Butlers Farm?“

„Natürlich! Der Weg dorthin geht ja in unsrer Richtung. Wollen wir etwa wieder nach hier zurück?“

„Nein, das ist richtig. Und wann brechen wir auf?“

„Morgen nachmittag, so daß wir die Farm am Abend erreichen. Sie ist groß und wird ein hübsches Feuer geben, an welchem wir uns manchen Braten wärmen können.“

Humply-Bill hatte genug gehört; er kroch zurück zu den Gefährten und forderte dieselben auf, sich nun an die Befreiung der Osagen zu machen. Nach seiner Meinung sollte sich jeder hinter einen derselben schleichen, aber der Häuptling fiel ihm in die Rede und sagte: „Ich habe meine weißen Brüder nur geholt, um mir schnell Hilfe zu bringen, falls es mir nicht gelingen sollte, meine roten Brüder allein zu befreien. Was jetzt geschehen muß, ist nicht Sache der Weißen, sondern der roten Männer. Ich gehe allein, und meine Bruder mögen mir nur dann beispringen, wenn das, was ich thue, bemerkt wird.“

Er schlich sich wie eine Schlange auf dem Boden fort.

„Was hat er vor?“ fragte der Engländer leise.

„Ein Meisterstück,“ antwortete Bill. „Seid so gut und legt Euch mit uns nieder, und schaut scharf dorthin, wo die Gefangenen stehen. Geht es verkehrt, so eilen wir hin und helfen. Wir brauchen ihnen nur die Riemen zu durchschneiden und dann zu unsern Pferden zu laufen.“

Der Lord folgte der Aufforderung. Das Feuer, an welchem die vier Anführer der Tramps saßen, war vielleicht zehn Schritte von dem Rande des Waldes entfernt. An dem letzteren standen die Bäume, an welche die Gefangenen in aufrechter Stellung an Händen und Füßen gebunden waren. Neben jedem Gefangenen saß oder lag ein bewaffneter Wächter. Der Englishman strengte seine Augen an, den Häuptling zu sehen, doch vergebens. Er sah nur, daß einer der Wächter, welcher gesessen hatte, sich jetzt umlegte und zwar mit einer so schnellen Bewegung, als ob er umgefallen sei. Auch die andern drei Wächter bewegten sich, einer nach dem andern, und sonderbarerweise so, daß ihre Köpfe in den Schatten der betreffenden Bäume zu liegen kamen. Dabei war kein Laut, nicht das leiseste Geräusch zu hören gewesen.

Es verging noch eine kleine Weile und dann sah der Lord plötzlich den Häuptling zwischen sich und Bill am Boden liegen.

„Nun, fertig?“ fragte der letztere.

„Ja,“ antwortete der Rote.

„Aber deine Osagen sind ja noch gefesselt!“ flüsterte der Lord ihm zu.

„Nein; sie sind nur stehen geblieben, bis ich mit euch gesprochen habe. Mein Messer traf die Wächter mitten in das Herz, und dann habe ich ihnen die Skalps genommen. Jetzt schleiche ich mich wieder hin, um mit meinen roten Brüdern zu den Pferden zu gehen, bei denen sich auch die unsrigen noch befinden. Da alles so gut gegangen ist, werden wir nicht fortgehen, ohne unsre Pferde zu holen.“

„Warum euch noch in diese Gefahr begeben?“ warnte Bill.

„Mein weißer Bruder irrt sich. Es ist jetzt keine Gefahr mehr vorhanden. Sobald ihr die Osagen von ihren Bäumen verschwinden seht, könnt ihr Euch fortbegeben. Bald werdet ihr das Stampfen der Pferde hören und das Geschrei der Tramps, welche dort wachen. Dann kommen wir zu der Stelle, an welcher wir vorhin abgestiegen sind, howgh!“

Mit diesem letzten Bekräftigungsworte wollte er andeuten, daß jeder Einwand nutzlos sei, dann war er plötzlich nicht mehr zu sehen. Der Lord fixierte die Gefangenen; sie lehnten steif aufgerichtet an ihren Bäumen, dann waren sie in einem Nu fort, wie in die Erde hinein verschwunden.

„Wonderful!“ flüsterte er dem Buckeligen begeistert zu. „Ganz, wie man es in Romanen gelesen hat!“

„Hm!“ antwortete der Kleine. „Ihr werdet bei uns noch manchen Roman erleben; das Lesen ist freilich leichter, als das Mitmachen.“

„Wollen wir fort?“

„Noch nicht. Ich möchte die Gesichter sehen, welche die Kerls machen, wenn die Geschichte losgeht. Wartet noch einige Augenblicke.“

Es verging keine lange Zeit, so ertönte von jenseits des Lagers ein lauter Schreckensruf; ein zweiter antwortete; darauf folgten mehrere schrille Schreie, denen man es anhörte, daß sie aus Indianerkehlen kamen – und nun ein Schnauben und Stampfen, ein Wiehern und Dröhnen, unter welchem die Erde zu zittern schien.

Die Tramps waren aufgesprungen. Jeder rief, schrie und fragte, was geschehen sei. Da ertönte die Stimme des roten Cornels: „Die Osagen sind fort. Alle Teufel, wer hat sie – – –“

Er hielt entsetzt mitten in der Rede inne. Er war, während er sprach, zu den Wächtern gesprungen und hatte den ihm nächsten derselben gepackt, um ihn emporzuzerren. Er sah die verglasten Augen und den haarlosen, blutigen Schädel desselben. Er riß den zweiten, dritten und vierten in den Schein des Feuers und schrie dann entsetzt: „Tot! Skalpiert, alle vier! Und die Roten sind fort! Wohin?“

„Indianer, Indianer!“ rief es in diesem Augenblicke von der Seite her, an welcher sich die Pferde befunden hatten.

„Zu den Waffen, zu den Pferden!“ brüllte der rote Cornel. Wir sind überfallen. Man will uns die Pferde stehlen!“

Es gab eine Scene ganz unbeschreiblicher Verwirrung. Alles rannte durcheinander, aber es war kein Feind zu sehen, und erst als man sich nach längerer Zeit einigermaßen beruhigt hatte, stellte es sich heraus, daß nur die erbeuteten Indianerpferde fehlten. Nun erst, nachdem das Unglück geschehen war, wurden Posten ausgestellt und man durchsuchte die Umgebung des Lagers, doch ohne allen Erfolg. Man kam zu der Meinung, daß noch andre als nur die gefangenen Osagen im Walde gewesen seien und sich herbeigeschlichen hatten, um ihre Kameraden zu befreien. Sie hatten dabei die Wächter von hinten erstochen und skalpiert und sich dann der Indianerpferde bemächtigt. Unbegreiflich war es den Tramps, daß die Ermordung der Wächter so vollständig lautlos hatte vor sich gehen können. Wie hätten sie sich aber gewundert, wenn sie gewußt hätten, daß es nur ein einziger gewesen war, der dieses indianische Meisterstück fertig gebracht hatte.

Als dann die Anführer wieder an ihrem Feuer beisammensaßen, sagte der Cornel: „Dieses Ereignis ist zwar kein großes Unglück für uns, aber es zwingt uns zur Änderung unsres Planes für morgen. Wir müssen schon sehr frühzeitig von hier aufbrechen.“

„Warum?“ wurde er gefragt.

„Weil die Osagen alles gehört haben, was wir gesprochen haben. Ein wahres Glück ist es, daß sie von unsrer Absicht auf den Eagle-tail nichts wissen, denn davon sprachen wir nicht hier, sondern vorher drüben beim andern Feuer. Aber was wir mit Butlers Farm vorhaben, das wissen sie.“

„Und du meinst, daß sie es verraten?“

„Natürlich!“

„Sollten diese wilden Halunken mit Butler befreundet sein?“

„Befreundet oder nicht; sie werden es ihm melden, um sich an uns zu rächen und uns einen warmen Empfang zu bereiten.“

„Das ist freilich leicht zu denken, und da ist es allerdings geraten, uns soviel wie möglich zu sputen. Möchte nur wissen, wo die fünf Kerls bleiben, welche dem flüchtigen Häuptling nach sind!“

„Mir auch unbegreiflich. Hätte er seine Zuflucht in dem Walde gesucht, so wäre er schwer oder unmöglich zu finden gewesen; seine Spur führte aber weit in die offene Prairie hinaus und er hatte kein Pferd. Da müssen sie ihn doch erwischt haben!“

„Jedenfalls. Aber sie sind wohl auf dem Rückwege von der Nacht überrascht worden und haben sich verirrt. Oder haben sie sich gelagert, um sich nicht zu verirren, und stoßen morgen früh zu uns. Jedenfalls werden wir ihre Fährte treffen, denn sie nahmen genau die Richtung, welche wir einhalten müssen.“

Da allerdings befand sich der Sprecher in einem Irrtum. Der Himmel oder vielmehr die Wolken sorgten dafür, daß die betreffende Spur verwischt wurde, denn es stellte sich später ein, wenn auch leichter, aber mehrere Stunden anhaltender Regen ein, welcher alle Huf- und Fußeindrücke verwischte.

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Fünfzehntes Kapitel

Eine Indianerschlacht.

Auf den glücklichen Ausgang dieses Abenteuers war niemand stolzer als Droll und Hobble-Frank, deren klugem Eingreifen dieser Erfolg, wenigstens die Schnelligkeit desselben, zu verdanken war. Sie ritten hinter den Gefangenen nebeneinander. Als sie das Lager verlassen hatten, sagte Droll, indem er sein eigentümliches, listiglustiges Kichern hören ließ: „Hihihihi, is das eene Freede für meine alte Seele! Na, werde sich de Indianersch ärgere, daß se uns so fortreite lasse müsse! Meenste nich, Vetter?“

„Freilich!“ nickte Frank. „Das war een Genieschtreech, wie er nich besser im Buche schtehen kann. Und weeßte, wer die Hauptmatadoren dabei gewesen sind?“

„Nu?“

„Du und ich, wir zwee beeden. Ohne uns lägen die andern noch in Ketten und Banden, gerade wie Prometheus, der jahraus und ein nur Adlerlebern essen darf.“

„Na, weeßte, Frank, ich denke, daß die sich ooch noch herausgefunde hätte. Leute wie Winnetou, Shatterhand und Firehand lasse sich nich so leicht an de Marterpfähle binde. Die sind schon oft noch schlimmer drangewese und lebe heutigestags noch.“

„Das gloobe ich zwar ooch, aber schwer geworden wäre es ihnen doch. Ohne unsre internationale Schneidigkeet wäre es ihnen zwar nich unmöglich, aber ooch nich so leicht geworden, sich aus dieser verteufelten Falle zu kontrapunktionieren. Ich bin zwar nich schtolz droff, aber es is immerhin eene erhebende Gefühlsempfindung, wenn man sich sagen kann, daß man neben hervorragenden Geistesgaben ooch noch eene Ausdehnung der Intelligenz besitzt, welche selbst das schnellste Pferd nich einzuholen vermag. Wenn ich mich schpäter zur Ruhe gesetzt habe und eemal bei guter Tinte bin, werde ich meine Momoiranden schreiben, was alle berühmten Männer thun. Nachher wird die Welt erscht recht erkennen, zu welchen Hallucinationen een eenziger Menschengeist die kompetenten Fähigkeeten besitzt. Du bist ooch so een hochbegabter Ehrenerdenbürger, und wir können mit dem Schtolze unsres imitierten Selbstbewußtseins uns daran erinnern, daß wir nich nur deutsche Landsleute, sondern sogar konfigurierte Vettern und Verwandte sind.“

Jetzt war der Zug im Nebenkanon angekommen. Er bog nicht links ab nach dem Hauptcanon ein, sondern wendete sich nach rechts, um dem ersteren zu folgen. Winnetou, welcher den Weg am genauesten kannte, ritt wie gewöhnlich an der Spitze. Hinter ihm kamen die Jäger, dann die Rafters, welche die Gefangenen in der Mitte hatten. Diesen folgte die Sänfte, in welcher sich Ellen befand; ihr Vater ritt nebenher, und den Schluß bildeten wieder einige Rafters.

Ellen hatte sich seit gestern außerordentlich brav gehalten; sie war glücklicherweise von den Roten nicht so streng behandelt worden wie die erwachsenen und männlichen Gefangenen. Als diese letzteren sich von ihren Banden befreit hatten und zu den Häuptlingen gesprungen waren, um sich derselben zu bemächtigen, war sie ganz allein an dem von Old Shatterhand ausgelöschten Feuer zurückgeblieben. Ein Glück, daß die Roten nicht daran gedacht hatten, sich ihrer zu bedienen, um die Freiheit der Geiseln zu erzwingen!

Der schmale Canon stieg ziemlich steil empor und mündete nach vielleicht einer Stunde auf die weite, offene Felsenebene, welche von den dunkeln Massen der Rocky-Mountains begrenzt zu werden schien. Hier drehte Winnetou sich um und sagte: „Meine Brüder wissen, daß die Roten uns folgen werden. Wir wollen jetzt Galopp reiten, um eine möglichst große Strecke zwischen sie und uns zu bringen.“

Infolgedessen gab man den Pferden die Sporen und trieb dieselben so sehr an, wie es die Rücksicht auf die Sänfte und die Ponnies, welche dieselbe trugen, erlaubte. Später erlitt diese Schnelligkeit eine Unterbrechung durch einen für die Reiter sehr erfreulichen Umstand. Man erblickte nämlich ein Rudel Gabelantilopen, und es gelang, zwei derselben zu umkreisen und zu erlegen. Das gab hinreichend Proviant für den heutigen Tag.

Die Berge traten immer näher. Die Hochebene schien an den Fuß derselben zu stoßen; dies war aber keineswegs der Fall, da das Thal des Grand River dazwischen lag. Gegen Mittag, als die Strahlen der Sonne so heiß herniederbrannten, daß sie Mensch und Tier belästigten, gelangte man an eine schmale Stelle der felsigen Ebene, welche sich abwärts senkte. „Das ist der Anfang eines Canons, welcher uns zum Flusse führen wird,“ erklärte Winnetou, indem er dieser Senkung folgte. Es war, als hätte ein Riese hier den Hobel angesetzt, um eine tief und immer tiefer gehende Bahn in den harten Stein zu schneiden. Die Wände rechts und links, erst kaum bemerkbar, dann manns-, nachher haushoch, stiegen immer höher an, bis sie oben scheinbar zusammenstießen. Hier in der Enge wurde es dunkel und kühl. Von den Wänden sickerte Wasser herab, welches sich auf der Sohle sammelte und bald fußtief wurde, so daß die durstigen Pferde trinken konnten. Und eigentümlich, dieser Canon zeigte nicht die leiseste Windung. Er war schnurgerade in den Felsen eingefressen, so daß, lange bevor man sein Ende erreichte, vorn ein heller Strich zu sehen war, welcher desto breiter wurde, je mehr man sich demselben näherte. Das war der Ausgang, das Ende des mehrere Hundert Fuß tiefen Einschnittes.

Als die Reiter bei demselben anlangten, bot sich ihnen ein beinahe überwältigender Anblick dar. Sie befanden sich im Thale des Grand River. Dieses war vielleicht eine halbe englische Meile breit, der Fluß strömte in der Mitte hin und ließ zu seinen beiden Seiten einen Grasstreifen frei, welcher von der senkrecht ansteigenden Canonwand begrenzt wurde. Das Thal lief von Nord nach Süd, gerade wie mit dem Lineal gezogen, und die beiden Felsenwände zeigten nicht den engsten Riß oder den kleinsten Vorsprung. Darüber stand die glühende Sonne, welche hier trotz der Tiefe des Canons das Gras dem Verdorren nahe brachte.

Kein einziger Riß? Und doch! Gerade den Reitern gegenüber gab es am rechten Ufer des Flusses einen ziemlich breiten Einschnitt, aus welchem ein sehr ansehnlicher Bach geflossen kam. Dorthin deutete Winnetou, indem er sagte: „Diesem Bache müssen wir aufwärts folgen; er führt nach dem Thale der Hirsche.“

„Aber wie kommen wir hinüber?“ fragte Butler, welchem es um seine Tochter zu thun war. „Der Fluß ist zwar nicht reißend, scheint aber tief zu sein.“

„Oberhalb des Bacheinflusses gibt es eine Furt, welche so seicht ist, daß das Wasser in dieser Jahreszeit die Sänfte nicht berühren wird. Meine Brüder mögen mir folgen!“

Man ritt quer über das Gras bis an die Uferstelle, an welcher sich die Furt befand. Dieselbe lag so, daß man, am jenseitigen Ufer angekommen, auch noch den Bach überschreiten mußte, um an das rechte Ufer desselben zu gelangen, welches breiter und also bequemer zu passieren war als das linke. Winnetou trieb sein Pferd in das Wasser, und die andern folgten ihm. Er hatte recht gehabt; das Wasser reichte ihm lange nicht bis an die Füße. Dennoch blieb er, in der Nähe des andern Ufers angekommen, plötzlich halten und stieß einen halblauten Ruf aus, als ob er eine Gefahr entdeckt habe.

„Was gibt’s?“ fragte Old Shatterhand, welcher hinter ihm ritt. „Hat sich das Flußbett verändert?“

„Nein; aber da drüben sind Männer geritten.“

Er deutete nach dem Ufer. Old Shatterhand trieb sein Pferd mehrere Schritte weiter und sah nun auch die Fährte. Sie war breit, wie von vielen Reitern; das Gras hatte sich noch nicht ganz wieder erhoben.

„Das ist wichtig!“ sagte Old Firehand, welcher sich den beiden genähert hatte. „Wir wollen diese Fährte untersuchen; unterdessen müssen die andern im Wasser bleiben.“

Die drei ritten vollends an das Ufer, stiegen dort ab und betrachteten die Eindrücke mit ihren Kenneraugen.

„Das waren Bleichgesichter,“ sagte Winnetou.

„Ja,“ stimmte Old Shatterhand bei. „Indianer wären hintereinander geritten und hätten keine so breite, augenfällige Spur verursacht. Ich möchte behaupten, daß diese Leute keine echten Westmänner sind. Ein Jäger, welcher Erfahrung besitzt, ist weit vorsichtiger. Ich schätze den Trupp auf dreißig bis vierzig Personen.“

„Ich ebenso,“ meinte Old Firehand. „Aber Weiße, hier, unter den gegenwärtigen Verhältnissen! Das müssen Neulinge sein, unvorsichtige Menschen, welche es sehr notwendig haben müssen, hinauf in die Berge zu kommen.“

„Hm!“ brummte Old Shatterhand. „Ich glaube, zu erraten, wen wir da vor uns haben.“

„Nun, wen?“

„Den roten Cornel mit seiner Abteilung.“

„Alle Wetter! Möglich ist’s. Meiner Berechnung nach können die Kerle hier sein. Und das stimmt auch mit dem, was du von Knox und Hilton erfahren hast. Wir müssen die Spur – – –“

Er wurde von Winnetou unterbrochen, welcher an den Bach gegangen war und, in das Uferwasser zeigend, sagte: „Meine Brüder mögen hierherkommen. Es ist der rote Cornel gewesen.“

Sie gingen hin und sahen in das Wasser. Dieses war brunnenhell; man konnte den Grund ganz deutlich erkennen und sah eine Reihe von Eindrücken, welche neben der Stelle, an welcher die Reiter den Bach überschritten hatten, von dem einen Ufer nach dem andern führte.

„Ehe die Reiter hinüber sind,“ erklärte der Apache, „ist einer von ihnen abgestiegen, um die Tiefe des Wassers zu untersuchen. Es sind also dumme Menschen gewesen, denn jedes offene Auge sieht, daß das Wasser niemand bis über die Beine reicht. Und womit hat der Mann den Bach untersucht? Meine Brüder mögen es mir sagen.“

„Mit einer Hacke, deren Stiel er in der Hand gehabt hat. Das ist aus dem Eindrucke deutlich zu erkennen,“ antwortete Old Firehand.

„Ja, mit einer Hacke. Diese Leute wollen also nicht jagen, sondern graben. Es war der rote Cornel.“

„Ich bin ganz derselben Meinung; dennoch aber müssen wir es für möglich halten, daß es auch andre gewesen sein können.“

„Dann könnten nur Goldgräber hier vorbei sein,“ sagte Old Shatterhand. „Und das bestreite ich.“

„Aus welchen Gründen?“

„Erstens sind Goldgräber erfahrene Leute, welche nicht so unvorsichtig sind, und zweitens können wir bei den Spuren von vierzig Pferden auf vielleicht zehn Packpferde rechnen; bleiben dreißig Reiter; Goldgräber aber wandern nicht in so bedeutenden Trupps in den Bergen und Canons umher. Nein, es ist der rote Cornel mit seinen Leuten. Ich möchte es beschwören.“

„Auch ich bezweifle es nicht. Wo aber sind sie hin? Da drüben rechts abgebogen, also nicht weiter den Grand River hinab, sondern am Bache empor nach dem Thale der Hirsche. Sie reiten also den Utahs gerade in die Arme.“

„Das ist ihr Schicksal, welches sie sich selbst bereitet haben. Wir können es nicht ändern.“

„Oho!“ rief Old Firehand. „Wir müssen es ändern.“

„Müssen? Warum? Haben sie es verdient?“

„Nein. Aber wir müssen den Plan, die Zeichnung haben, welche der Cornel gestohlen hat. Wenn wir diese Zeichnung nicht bekommen, erfahren wir nie, wo die Schätze des Silbersees liegen.“

„Das ist wahr. Du willst diesen Halunken nachreiten, um Sie zu warnen?“

„Um sie nicht zu warnen, sondern um sie selbst niederzuschlagen.“

„Das ist unmöglich. Bedenke, welchen Vorsprung sie haben!“

Old Firehand bückte sich nieder, um das Gras nochmals zu untersuchen und sagte dann im Tone der Enttäuschung: „Leider! Sie sind vor fünf Stunden hier gewesen. Wie weit ist es bis nach dem Hirschthale?“

„Vor Abend können wir es nicht erreichen.“

„So muß ich meine Absicht aufgeben. Sie befinden sich in der Gewalt der Roten, noch ehe wir die Hälfte des Weges zurückgelegt haben. Wie aber steht es mit den Boten, welche von den Yampa-Utahs nach diesem Thale geschickt werden sollten? Sie sind jedenfalls noch vor uns aufgebrochen, und wir haben doch keine Fährte von ihnen gesehen.“

„Diese Männer sind wohl nicht geritten, sondern gelaufen,“ erklärte Winnetou. „Zu Fuß ist der Weg viel kürzer, da ein Mokassin über Stellen gelangen kann, an denen Pferd und Reiter die Hälse brechen würden. Meine Brüder mögen nicht an den Cornel denken, sondern daran, daß wir diese Spuren verwischen müssen.“

„Warum verwischen?“

„Wir wissen, daß die Yampa-Utahs uns folgen. Wir gehen später von dem Wege ab, von welchem sie denken, daß wir ihm folgen werden. Wir müssen uns Mühe geben, sie zu täuschen, wenn wir entkommen wollen. Sie müssen die Fährte des Cornels, welcher direkt nach dem Hirschthale geht, für die unsrige halten; dann werden sie derselben folgen und es nicht für möglich halten, daß wir zur Seite gegangen und ihnen entwichen sind. Darum dürfen sie nicht sehen und nicht wissen, daß bereits vor uns Reiter hier gewesen sind. Meine beiden weißen Brüder verstehen es, eine Fährte auszulöschen. Der Hobble-Frank und Droll, der Humply-Bill und der Gunstick-Uncle haben es auch gelernt, Watson und der schwarze Tom ebenso. Diese Männer mögen das Gras aufheben und aus ihren Hüten mit Wasser begießen, denn wenn es naß ist, wird die Sonne es aufwärts ziehen. Das muß auf einer Strecke geschehen, von hier an bis so weit das Auge reicht. Wenn dann die Yampa- Utahs kommen, steht das Gras hoch, und nur da, wo wir geritten sind, ist es niedergetreten.“

Dieser Plan war ausgezeichnet. Die Genannten mußten herbei und, während die andern mit allen Pferden die Furt vollends passierten, über den Bach gingen und drüben warteten, denselben ausführen. Sie gingen auf der Fährte des Cornels wohl gegen hundert Schritte zurück, besprengten das Gras mit Wasser und richteten es auf, indem sie, langsam rückwärts schreitend, ihre Decken auf dem Boden hinter sich herzogen. Das übrige mußte die Sonne thun, und daß sie es thun werde, war ganz zweifellos. Wer nicht Zeuge dieses Vorganges gewesen war, mußte, wenn er eine halbe Stunde später kam, annehmen, nur die Fährte Old Firehands und seiner Begleiter vor sich zu haben. Diejenigen, welche die Fährte vertilgt hatten, sprangen über den Bach und stiegen wieder in den Sattel.

Die gefangenen Roten hatten schweigend zugeschaut. Seit dem Aufbruche hatte überhaupt keiner von ihnen ein Wort gesprochen. Was sie jetzt gesehen hatten, kam ihnen verdächtig vor. Warum löschten die Bleichgesichter diese fremde Fährte aus? Warum verschwendeten sie mit dieser Arbeit die kostbare Zeit, anstatt der Spur so rasch wie möglich zu folgen? Feuerherz konnte es nicht über sich gewinnen, länger zu schweigen; er wendete sich an Old Firehand: „Wer sind die Männer, welche vorher hier geritten sind?“

„Reiter,“ antwortete der Gefragte kurz.

„Wohin sind sie?“

„Weiß ich es?“

„Warum vertilgst du ihre Spur?“

„Deiner Krieger wegen.“

„Ihretwegen? Was haben sie mit dieser Fährte zu schaffen?“

„Sie werden sie nicht sehen.“

„Sie werden sie ja nicht sehen, denn die Spur befindet sich hier, und meine Krieger lagern im Walde des Wassers.“

„Sie lagern nicht dort, sondern sie sind hinter uns her.“

„Glaube das nicht!“

„Ich glaube es nicht nur, sondern ich weiß es sogar.“

„Du irrst. Zu welchem Zwecke sollten meine Leute euch folgen?“

„Um uns zwischen sich und diejenigen Utahs zu nehmen, welche im Thale der Hirsche lagern.“

Man sah, daß Feuerherz erschrak. Er faßte sich aber schnell und sagte: „Meinem weißen Bruder hat wohl geträumt? Ich weiß nichts von allem, was er sagt.“

„Lüge nicht! Wir haben wohl die Zeichen gesehen, welche die beiden jungen Häuptlinge dir mit der Decke gaben. Wir haben diese Zeichen ebensogut verstanden wie du selbst und wissen, daß du uns mit dem Calumet belogen hast.“

„Uff! Meine Worte waren ohne Falsch!“

„Das wird sich zeigen. Wehe euch, wenn uns die Yampa-Utahs folgen! Weiter habe ich dir nichts zu sagen. Wir müssen weiter.“

Der unterbrochene Ritt wurde fortgesetzt, jetzt am Bache hinauf. Die Fährte, welcher man folgte, war breit, und also mußte ebenso breit geritten werden, damit es den Verfolgern nicht möglich war, zu erkennen, daß sie zwei Fährten vor sich hatten. Waren die Roten schon vorher schweigsam gewesen, so senkten sie jetzt erst recht die Köpfe. Sie sahen sich durchschaut und erkannten, daß ihr Leben nun keinen Pfifferling mehr wert sei. Wie gern wären sie entflohen, aber von einem Entkommen war keine Rede; ihre Banden waren unzerreißbar fest, und zudem wurden sie von den Weißen so eng umgeben, daß ein Durchbrechen derselben die reine Unmöglichkeit genannt werden mußte.

Der Bach wand sich in vielen Krümmungen allmählich aufwärts. Das Thal wurde breiter und war weiter oben mit Büschen und Bäumen bestanden. Er verzweigte sich endlich in mehrere Nebenthäler, aus denen kleine Wasser kamen, um den Bach, welcher hier seinen Ursprung nahm, zu bilden. Winnetou folgte der stärksten dieser Quellen, deren Thal wohl eine Viertelstunde ziemlich breit war und dann plötzlich eine Felsenenge bildete, hinter welcher es wieder auseinander ging, um eine saftig grüne Matte zu bilden. Als die Enge passiert war, hielt er an und sagte: „Das ist ein vortrefflicher Platz zum Ruhen und Essen. Unsre Pferde sind müde und hungrig, und auch wir bedürfen der Erholung. Meine Brüder mögen absteigen und die Antilopen braten.“

„Dann aber ereilen uns die Utahs!“ bemerkte Old Firehand.

„Was schadet das? Sie sollen sehen, daß wir wissen, was sie beabsichtigen. Sie können uns nichts thun, denn wenn wir nur einen Mann an die Enge der Felsen stellen, wird er sie schon von weitem kommen sehen und uns benachrichtigen. Sie können diesen Ort nicht erstürmen und müssen sich zurückziehen.“

„Aber wir versäumen hier viel Zeit!“

„Wir versäumen nicht eine Minute. Wenn wir essen und trinken, wächst unsre Kraft, die wir vielleicht brauchen werden. Und wenn wir unsern Pferden Gras und Wasser geben, können sie später schneller laufen. Ich habe diesen Platz auserwählt. Mein Bruder mag thun, um was ich ihn gebeten habe.“

Der Apache hatte recht, und die andern waren auch einverstanden, daß hier Rast gemacht werde. Da, wo die Felsen das Thal verschlossen, wurde ein Wächter ausgestellt. Die Gefangenen band man an Bäume; die Pferde ließ man grasen, und bald brannten zwei Feuer, über denen das Wild briet. In kurzem konnte man es genießen. Auch die Indianer bekamen ihren Teil, auch Wasser aus dem Becher zu trinken, welchen der Lord bei sich hatte.

Dieser letztere war bei ausgezeichneter Laune. Er war in das Land gekommen, um Abenteuer zu suchen, und hatte mehr gefunden, als er für möglich gehalten. Jetzt hatte er sein Buch hervorgezogen, um die Beiträge zu summieren, welche er Bill und dem Uncle schuldete.

„Wollen wir wetten?“ fragte er den ersteren.

„Welche Wette?“

„Daß ich Euch schon tausend Dollar schulde, und sogar noch mehr?“

„Ich wette nicht.“

„Jammerschade! Diese Wette hätte ich gewonnen.“

„Ist mir lieb. Übrigens werdet Ihr heute wohl noch mehr eintragen müssen, Sir, denn es ist möglich, daß wir etwas erleben.“

„Schön! Wenn wir es nur überleben, so mag es kommen. Seht, es geht schon los!“

Der Wachtposten hatte nämlich einen halblauten Pfiff ausgestoßen. Er winkte. Die Anführer eilten zu ihm hin. Als sie, hinter den Felsen versteckt, durch die Enge blickten, sahen sie die Utahs im Thale aufwärts kommen; sie waren noch gegen tausend Schritte entfernt.

Draußen vor den Felsen wucherte Gesträuch. Dahinein postierte Old Shatterhand schnell seine besten Schützen und beorderte sie, zu schießen, sobald sein erster Schuß falle, doch sollten sie nur auf die Pferde, nicht auf die Reiter zielen.

Die Roten kamen schnell näher, die Augen auf die Spur geheftet. Sie glaubten, die Weißen seien ganz glücklich, entkommen zu sein, und wußten sich so sicher, daß sie nicht einmal Späher vorausgesandt hatten. Da krachte vor ihnen ein Schuß; zehn, zwanzig folgten, noch mehr. Die getroffenen Pferde brachen zusammen oder bäumten sich und rannten, ihre Reiter abwerfend und den Zug in Unordnung bringend, zurück. Ein durchdringendes Geheul, dann verschwanden die Indianer; der Platz war leer.

„So!“ meinte Old Shatterhand. „Die wissen nun, daß wir auf unsrer Hut sind und ihre Gedanken kennen. Aber wir müssen aufbrechen, da sie uns doch vielleicht von der Seite beschleichen können. Vorwärts also!“

In wenigen Minuten war der Zug wieder beritten und setzte sich in Bewegung. Es war anzunehmen, daß die Roten nur langsam, weil mit äußerster Vorsicht, vordringen würden; darum konnte man überzeugt sein, einen mehr als genügenden Vorsprung zu bekommen.

Es ging die Matte hinauf, über die Lehne des Berges hinüber, und dann erreichte man ein Labyrinth von Schluchten und Thälern, welche aus verschiedenen Richtungen kommend, alle nach einem und demselben Punkte zu streben schienen. Dieser Punkt war der Eingang einer breiten, öden, stundenlangen Felsenklüftung, in welcher nicht ein einziger Grashalm Nahrung zu finden schien. Felsenstücke von jeder Form und Größe lagen hoch aufgetürmt übereinander oder zerstreut umher. Es war, als sei hier in der Urzeit ein riesiger Naturtunnel eingestürzt.

In diesem Steinschutte war es schwer, eine zusammenhängende Spur ausfindig zu machen. Nur hie und da zeigte ein aus seiner Lage gestoßener oder von einem Pferdehufe geritzter Stein, daß die Tramps hier geritten seien. Winnetou deutete mit der Hand vorwärts und sagte: „In zwei Stunden senkt sich dieses Steingewirr in das große, grüne Thal der Hirsche nieder. Wir aber werden hier links abreiten. Old Shatterhand und Old Firehand mögen absteigen, ihre Pferde führen lassen und hinterher gehen, um etwaige Spuren sofort zu vertilgen, damit die Yampa-Utahs nicht bemerken, daß wir zur Seite gewichen sind!“

Er wendete sich nach links in die Trümmer hinein. Die beiden Genannten gehorchten seiner Anweisung und stiegen erst dann, als man weit genug entfernt vom Wege war, wieder auf ihre Pferde. Der Apache bewies, daß er ein ganz unvergleichliches Ortsgedächtnis besaß. Es schien, als ob kein Mensch sich in diesem Wirrsal zurechtfinden könne; es waren seit seinem letzten Hiersein Jahre vergangen, und doch kannte er jeden Stein, jeden Fels, jede Steigung und Biegung, so daß er sich nicht einen Augenblick lang über die einzuhaltende Richtung im unklaren befand.

Es ging sehr steil bergan, bis eine weite, öde Hochfläche erreicht wurde. Über dieselbe flog man im Galopp. Schon war die Sonne hinter den Rockybergen verschwunden, als man das Ende dieses Plateaus erreichte oder doch vor sich liegen sah, denn der Apache hielt an, deutete nach vorn und erklärte: „Noch fünfhundert Schritte weiter fällt der Stein so gerade wie ein Wassertropfen zur Tiefe; jenseits ebenso; dazwischen aber liegt unten das Thal der Hirsche mit gutem Wasser und vielem Wald. Es hat nur einen bekannten Eingang, nämlich den, von welchem wir abgewichen sind, und auch nur einen Ausgang, welcher hinauf nach dem Silbersee führt. Ich und Old Shatterhand sind die einzigen, welche einen weiteren Zugang kennen, den wir, als wir uns in Gefahr befanden, durch Zufall entdeckten. Ich werde ihn euch zeigen.“

Er näherte sich dem Rande des Plateaus. Dort lagen Felstrümmer, wie eine Schutzmauer, damit man nicht in die grausige Tiefe stürzen möge, nebeneinander geschichtet. Er verschwand zwischen zwei solchen Trümmerstücken, und die andern folgten ihm einzeln.

Sonderbar, es gab da einen Weg. Rechts gähnte die Tiefe, in welche man hinab wollte; er führte aber links in den Felsenstock hinein und zwar so steil abwärts, daß man vorzog, abzusteigen und die Pferde zu führen. Der ungeheure, meilenlange und breite Felsenkoloß hatte einen Riß bekommen, welcher in verschiedenen Krümmungen, von oben nach unten ging.

Nachrollendes Steinwerk hatte diesen Riß in der Weise ausgefüllt, daß ein fester Boden gebildet worden war, dem man sich getrost anvertrauen konnte. Die Pferde konnten trotz der Steilheit dieses Weges nicht stürzen, da er nicht aus glattem Gestein, sondern aus ziemlich festem Geröll bestand, welches das Ausgleiten verhinderte. Je tiefer man kam, desto finsterer wurde es. Old Firehand hatte Ellen Butler auf sein Pferd gesetzt und ging, sie stützend und haltend, neben demselben her. Es war, als ob man stundenlang zur Tiefe gestiegen sei, bis plötzlich die Senkung aufhörte, der Boden sich ebnete und der Felsenriß so breit wurde, daß er einen großen Saal, aber ohne Decke, bildete. Hier hielt Winnetou an und sagte: „Wir sind beinahe im Thale. Hier werden wir bleiben, bis die Dunkelheit uns gestattet, an den Utahs vorüberzukommen. Schafft die Pferde nach hinten, wo sie trinken können, und gebt den Gefangenen Knebel, damit sie nicht laut werden!“

Die Roten hatten natürlich auch abwärts steigen müssen; darum hatte man ihnen die Beine freigegeben. Nun fesselte man sie wieder und verschloß ihnen auch den Mund, um sie am Rufen zu verhindern. Es herrschte tiefe Dämmerung in diesem Raume, aber die Männer, welche geübt waren, des Nachts fast wie die Katzen zu sehen, fanden sich dennoch leicht zurecht. Im hintern Teile sammelte sich die Feuchtigkeit des Felsens in einem kleinen Tümpel, aus welchem ein Wässerlein vorn abfloß; wohin, das sah man noch nicht.

Winnetou nahm einige der Jäger mit sich, um ihnen die Örtlichkeit zu zeigen. Was sie sahen, setzte sie nicht wenig in Verwunderung. Vorn, wo der Saal sich wieder verengte, gab es einen Ausgang, so schmal, daß kaum zwei Männer nebeneinander gehen konnten. Dieser Gang führte auch abwärts, aber nicht sehr weit. Nach einigen Krümmungen standen die Männer vor einem dichten, natürlichen Vorhang von Schlingpflanzen, unter welchem das Wasser verschwand. Winnetou schob diese Gardine ein wenig zur Seite, und da sahen sie vor sich Wald, Baum an Baum, hoch und kräftig gewachsen und so dicht belaubt, daß das letzte Licht, des Tages nicht durch die Wipfel zu dringen vermochte.

Der Apache trat hinaus, um zu rekognoszieren. Als er wieder hereinkam, meldete er: „Rechts von uns, im Norden, also thalaufwärts, brennen viele Feuer unter den Bäumen; dort lagern also die Utahs. Thalabwärts ist es finster. Dort hinab müssen wir. Vielleicht stehen keine Roten dort. Höchstens hat man zwei oder drei Mann an den Ausgang des Hirschthales gestellt; diese sind sehr leicht unschädlich zu machen, und wir könnten also das Thal ohne große Gefahr verlassen, wenn sich nicht der rote Cornel in demselben befände. Wir müssen unbedingt erfahren, wie es um ihn steht. Darum werde ich mich, sobald es noch dunkler geworden ist, zu den Feuern schleichen, um zu lauschen. Bevor das geschehen ist, können wir nicht fort; bis dahin aber müssen wir uns vollständig lautlos verhalten.“

Er führte die Männer wieder zurück, um nach ihnen auch den andern die Örtlichkeit zu zeigen. Das war notwendig, da im Falle der Not und Gefahr ein jeder wissen mußte, wo er sich befand und wo es einen Ausweg gab. Die Gefangenen waren sehr gut gefesselt, dennoch erhielt jeder von ihnen einen besonderen Wächter. Hatten die Weißen gestern und auch schon früher ihre Banden zu lösen vermocht, so konnte auch den Roten dasselbe gelingen. Winnetou war der Meinung gewesen, daß er allein rekognoszieren gehen werde, dem stimmten aber weder Old Shatterhand noch Old Firehand bei. Das Unternehmen war hier so gefährlich, daß ein einzelner leicht nicht wiederkehrte, und dann wußte man nicht, was ihm geschehen war und auf welche Weise man ihm Hilfe bringen konnte. Darum wollten die Genannten mit ihm gehen.

Nachdem man fast zwei Stunden gewartet hatte, brachen die drei auf. Sie schlichen hinaus in den Wald und blieben da zunächst stehen, um zu lauschen, ob sich vielleicht jemand in ihrer Nähe befinde. Es war nichts zu sehen und zu hören. Die Feuer brannten in ziemlicher Ferne; es waren ihrer sehr viele; aus dieser Anzahl ließ sich schließen, daß eine ganz ungewöhnliche Menge Utahs hier lagerten.

Die drei schlichen nun vorwärts, von Baum zu Baum, Winnetou voran. Je weiter sie sich den Feuern näherten, desto leichter wurde ihnen die Lösung ihrer Aufgabe, denn gegen die Flammen blickend, konnten sie jeden Gegenstand sehen, welcher vor ihnen stand oder lag.

Sie bewegten sich am linken Rande des Thales. Die Feuer lagen mehr gegen die Mitte. Vielleicht hatten die Roten der Felswand nicht getraut. Daß sich von derselben leicht ein Stück lösen konnte, bewiesen die Trümmer, welche, Bäume zerschmetternd, herniedergestürzt waren und sich tief in die Erde eingewühlt hatten. Die drei Männer kamen rasch vorwärts. Schon befanden sie sich parallel den vordersten Feuern. Links von ihnen, und noch weiter zurück, brannte eine sehr helle, hohe Flamme abgesondert von den andern. An derselben saßen fünf Häuptlinge, wie aus den Adlerfedern, welche ihre Schöpfe schmückten, zu erkennen war.

Eben erhob sich einer von ihnen. Er hatte den Kriegsmantel abgeworfen. Sein nackter Oberleib war, wie Gesicht und Arme, mit dicker, grellgelber Farbe bestrichen. „T’ab-wahgare!“ flüsterte Winnetou. „Er ist der Häuptling der Capote-Utahs und besitzt die Stärke eines Bären. Seht seinen Leib! Welch dicke, starke Muskeln, und welch eine breite Brust!“

Der Utah winkte einem zweiten Häuptlinge, welcher auch aufstand. Dieser war länger als der vorige und wohl nicht weniger stark.

„Das ist Tsu-in-kuts„, erklärte Old Shatterhand. „Er trägt diesen Namen, weil er einst vier Büffelstiere mit vier Pfeilschüssen getötet hat.“

Die beiden Häuptlinge wechselten einige Worte miteinander und entfernten sich dann vom Feuer. Vielleicht wollten sie Wachen inspizieren. Sie vermieden die andern Feuer und näherten sich infolge dessen mehr der Felsenwand.

„Ah!“ meinte Old Shatterhand. „Sie kommen hier nahe vorüber. Was meinst du, Firehand? Wollen wir sie nehmen?“

„Bei lebendigem Leibe?“

„Natürlich!“

„Das wäre ein Coup! Schnell nieder auf die Erde; du den ersten und ich den zweiten!“

Die beiden Utahs kamen näher. Der eine ging hinter dem andern. Da tauchten plötzlich zwei Gestalten hinter ihnen auf – zwei gewaltige Fausthiebe, und die Getroffenen stürzten zu Boden.

„Gut so!“ flüsterte Old Firehand. „Die haben wir. Nun schnell in unser Versteck mit ihnen!“

Jeder nahm den seinigen auf. Winnetou erhielt die Weisung, zu warten, und dann eilten die beiden dem verborgenen Felsensaale zu. Dort lieferten sie die neuen Gefangenen ab, ließen sie binden und knebeln und kehrten dann zu Winnetou zurück, nicht aber ohne zuvor den Befehl zu geben, daß keiner der Gefährten das Versteck verlassen dürfe, bevor sie zurückgekehrt seien, möge auch geschehen, was da wolle.

Winnetou stand noch an derselben Stelle. Es war jetzt weniger nötig, die drei Häuptlinge zu belauschen, als vielmehr den Ort ausfindig zu machen, an welchem sich der rote Cornel mit seiner Sippe befand. Um zu diesem Ziele zu gelangen, mußte das ganze Lager umschlichen werden. Die drei kühnen Männer schritten also immer weiter an der Felsenwand hin, die Feuer alle zu ihrer Linken lassend.

Nach dieser Seite hin konnten sie gut sehen; nach vorn war es dunkel; da galt es also, vorsichtig zu sein. Wo das Auge nicht ausreichte, mußte die tastende Hand gebraucht werden. Winnetou huschte, wie gewöhnlich, voran. Plötzlich blieb er stehen und ließ ein fast zu lautes, erschrockenes „Uff!“ hören. Die andern beiden hielten ihre Schritte auch an und lauschten gespannt. Als alles ruhig blieb, fragte Old Shatterhand leise: „Was gibt es?“

„Ein Mensch,“ antwortete der Apache.

„Wo?“

„Hier bei mir, vor mir, in meiner Hand.“

„Halte ihn fest! Laß ihn nicht schreien!“

„Nein. Er kann nicht schreien; er ist tot.“

„So hast du ihn erdrosselt?“

„Er war schon tot; er hängt an dem Pfahle.“

„Herrgott! Wohl am Marterpfahle?“

„Ja. Sein Skalp fehlt; sein Leib ist voller Wunden. Er ist kalt, und meine Hände sind naß vom Blute.“

„So sind die Weißen schon tot, und hier ist der Marterplatz. Suchen wir einmal!“

Sie tasteten um sich und fanden binnen zehn Minuten gegen zwanzig schauderhaft verstümmelte Leichen, welche an Pfähle und Bäume gebunden waren.

„Entsetzlich!“ stöhnte Old Shatterhand. „Ich glaubte, diese Leute noch retten zu können, wenigstens vor solchen Qualen! Gewöhnlich warten die Roten bis zum nächsten Tage; hier aber haben sie sich keine Zeit gelassen.“

„Und der Plan, die Zeichnung!“ meine Old Firehand. „Die ist nun verloren.“

„Noch nicht. Wir haben die gefangenen Häuptlinge. Vielleicht können wir diese gegen die Zeichnung austauschen.“

„Wenn sie noch da und nicht etwa vernichtet ist.“

„Vernichtet? Schwerlich! Die Roten haben gelernt, die Wichtigkeit solcher Papiere einzusehen. Ein Indianer vernichtet jetzt eher alles andre als ein Papier, welches er bei einem Weißen findet, zumal wenn es nicht bedruckt, sondern beschrieben ist. Laß dir also noch nicht bange sein. Übrigens leuchtet mir ein, aus welchem Grunde man diese Kerle hier so schnell ermordet hat.“

„Nun, warum?“

„Um Platz für uns zu bekommen. Unsre Ankunft ist gemeldet worden. Wir sind noch nicht da; folglich erwartet man uns für morgen früh ganz gewiß, und kommen wir da noch nicht, so sendet man Späher nach uns aus.“

„Die Boten, welche abgesendet wurden, um unsre Ankunft zu melden, werden da sein, die Yampa-Utahs aber noch nicht,“ meinte Winnetou.

„Nein, die sind noch nicht da. Es hat wohl Stunden gedauert, ehe sie es gewagt haben, unsern Rastort zu passieren und in die Felsenenge einzudringen. Vielleicht kommen sie erst morgen früh, da der letzte Teil des Weges so schlecht ist, daß er des Nachts nicht – – – horchen! Wahrhaftig, sie kommen; sie sind da!“

Oberhalb der Stelle, an welcher die drei standen, ließ sich plötzlich ein lautes, fröhliches Geschrei hören, welches von unten her sofort beantwortet wurde. Die Yampa-Utahs kamen trotz der Finsternis der Nacht und trotz des schlechten Weges, welcher ihnen sehr bekannt sein mußte. Das war ein Gebrüll und Geheul, daß man sich hätte die Ohren verstopfen mögen. Es wurden Brände aus den Feuern gerissen, mit denen die bereits hier Lagernden den Ankömmlingen entgegenliefen. Der Wald wurde hell und lebendig, so daß die drei in die größte Gefahr, bemerkt zu werden, gerieten.

„Wir müssen fort,“ sagte Old Firehand. „Aber wohin? Vor und hinter uns ist alles voller Menschen.“

„Auf die Bäume,“ antwortete Old Shatterhand. „In dem dichten Gezweig können wir warten, bis die Aufregung sich gelegt hat.“

„Gut, also hinauf! Ah, Winnetou ist schon oben!“

Ja, der Apache hatte gar nicht lange erst gefragt. Er schwang sich hinauf und versteckte sich im Blätterdach. Die beiden andern folgten seinem Beispiele, indem sie die nächsten Bäume erstiegen. Es ist keine Schande, sich gegen eine solche Übermacht zu verbergen.

Jetzt sah man beim Scheine der Feuer und der Fackeln die Yampa mit ihren Genossen kommen. Sie stiegen von den Pferden, welche fortgeführt wurden, und fragten, ob Winnetou und die Weißen angekommen und ergriffen worden seien. Diese Frage wurde mit der größten Verwunderung aufgenommen. Die Yampa wollten nicht glauben, daß die Genannten nicht angekommen seien, denn sie waren ja der Fährte derselben gefolgt. Es wurde hin und her gefragt; hundert Vermutungen tauchten auf, doch der wahre Sachverhalt blieb ein Rätsel.

Es war für die andern Utahs eine hochwichtige Nachricht, zu hören, daß Old Firehand, Old Shatterhand und Winnetou sich in der Nähe befänden. Aus den verschiedenen Ausrufungen, aus der ungeheuern Wirkung, welche diese Nachricht hervorbrachte, konnten diese drei Männer ersehen, in welch einem Rufe sie bei diesen Roten standen.

Als die Yampa erfuhren, daß über zwanzig Weiße zu Tode gemartert worden seien, glaubten sie, daß es die von ihnen Gesuchten seien, und verlangten, sie zu sehen. Man kam mit Fackeln herbei, um sie ihnen zu zeigen, und nun bot sich den drei im Laube versteckten ein Anblick, welcher bei der ungewissen, flackernden Beleuchtung ein doppelt gräßlicher war. Die Yampas erkannten, daß diese Leichen nicht die richtigen seien, und kühlten ihre Wut auf ganz unbeschreibliche Weise an denselben. Glücklicherweise war diese Scene nicht von langer Dauer; sie erlitt ein Ende, welches kein Utah für möglich gehalten hatte.

Nämlich vom untern Ende des Thales ertönte ein langgezogener Schrei, ein Schrei, den niemand, der ihn einmal gehört hat, jemals wieder zu vergessen vermag, nämlich der Todesschrei eines Menschen.

„Uff!“ rief einer der unter den Bäumen stehenden Häuptlinge erschrocken. „Was war das? Die „gelbe Sonne“ und „vier Büffel“ sind dort unten!“

Ein zweiter, ähnlicher Schrei erscholl, und dann krachten mehrere Schüsse.

„Die Navajos, die Navajos!“ schrie der Häuptling. „Winnetou, Shatterhand und Firehand haben sie herbeigeholt, um sich zu rächen. Auf, ihr Krieger; werft euch auf die Hunde! Vernichtet sie! Laßt die Pferde zurück, und kämpft zu Fuße hinter den Bäumen!“

Einige Augenblicke lang rannte alles durcheinander. Man holte die Waffen; man warf Holz in die Feuer, um das nötige Licht zum Kampfe zu bekommen. Man rief und brüllte; der Wald hallte wieder vom Kriegsgeheul. Schüsse krachten, näher und immer näher. Fremde, dunkle Gestalten huschten von Baum zu Baum und ließen ihre Gewehre blitzen.

Die Utahs antworteten, erst einzeln, hie und da, dann zu widerstandsfähigen Gruppen vereinigt. Es gab keinen eigentlichen, allgemeinen Kampfplatz, wenn man nicht dem ganzen Thale diese Bezeichnung geben wollte, sondern um jedes Feuer entspann sich ein Kampf im besonderen.

Ja, es waren die Navajos; sie hatten die Utahs überrumpeln wollen, hatten es aber nicht verstanden, die am Ausgange des Thales stehenden Wachen lautlos zu überwältigen. Die Todesschreie derselben hatten Alarm gemacht, und nun galt es, Mann gegen Mann zu kämpfen und nicht der Überraschung, sondern der Tapferkeit und Überzahl die Entscheidung zu überlassen. Der rote Mann greift am liebsten gegen Morgen an, wo der Schlaf, wenigstens bei den dortigen Verhältnissen, bekanntlich am tiefsten ist. Warum die Navajos von dieser Regel abwichen, war schwer zu ersehen. Vielleicht hatten sie geglaubt, unbemerkt eindringen und dann die von den Feuern beschienenen Feinde schnell niederschießen zu können. Als das nicht gelungen war, hatte ihre Tapferkeit ihnen nicht gestattet, zurückzuweichen; sie waren dennoch vorgedrungen und kämpften nun mit viel Verlust.

Es stellte sich heraus, daß die Utahs in der Überzahl waren; überdies kannten sie das Terrain besser als die Feinde, und so wurden diese, obgleich sie sich außerordentlich wacker hielten, nach und nach zurückgedrängt. Man kämpfte aus der Ferne und in der Nähe, mit der Schießwaffe und mit Messer oder Tomahawk. Es war für die drei verborgenen Zuschauer eine höchst aufregende Scene, Wilde gegen Wilde in der wildesten Manier! Hier kämpften zwei unter brutalstem Geheul; dort schlachteten sich einige in teuflischer Lautlosigkeit ab. Wo einer fiel, war sofort der Sieger über ihn her, um ihm den Skalp zu nehmen, vielleicht um in dem nächsten Augenblicke seinen eigenen zu verlieren.

Von den drei Häuptlingen, welche noch am Feuer gesessen hatten, kämpften zwei eigenhändig mit, um die Ihrigen durch ihr Beispiel anzufeuern. Der dritte lehnte in der Nähe des Feuers an einem Baume, verfolgte den Verlauf des Kampfes mit scharfem Blicke und erteilte nach rechts und links seine laut gebrüllten Befehle. Er war der Feldherr, bei welchem die Fäden der Verteidigung sich vereinigten. Selbst als die Navajos weiter und weiter zurückgedrängt wurden, blieb er stehen, ohne mit zu avancieren. Er wollte seinem Platze stolz treu bleiben und überließ den andern Häuptlingen die Leitung der Verfolgung der Feinde.

Der Kampf entfernte sich mehr und mehr. Jetzt war es für die drei unfreiwilligen Zeugen Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Der Weg nach ihrem Asyle war frei. Später, falls der Kampf vielleicht eine Gegenrichtung nahm, oder wenn die Utahs als Sieger zurückkehrten, war es wohl unmöglich, unbemerkt nach dem Verstecke zu gelangen.

Winnetou stieg vom Baume. Die beiden andern sahen es trotz der Dunkelheit und kamen auch herab. Noch immer stand der Häuptling an seiner Stelle. Das Getöse des Kampfes erscholl aus weiter Ferne.

„Jetzt zurück!“ sagte Winnetou. „Später werden Freudenfeuer angebrannt, und dann ist’s zu spät für uns.“

„Nehmen wir diesen Häuptling mit,“ fragte Old Shatterhand.

„Ja. Wir werden ihn leicht ergreifen, denn er ist allein. Ich will mich zu – – –“

Er hielt inne. Und was er sah, das war auch ganz geeignet, ihn in das größte Erstaunen zu versetzen und ihm die Worte im Munde stecken bleiben zu lassen. Es kam nämlich aus dem Dunkel schnell wie der Blitz ein kleines, schmächtiges, hinkendes Kerlchen gesprungen, schwang die Flinte und schlug den Häuptling mit einem wohlgezielten Kolbenhiebe zu Boden. Dann ergriff er den Roten beim Genick und zerrte ihn schnell fort, in das Dunkel hinein. Dabei hörte man die nicht sehr lauten, aber dennoch verständlichen Worte aus seinem Munde: „Was Old Shatterhand und Old Firehand kann, das können und verschtehen wir Sachsen mehrschtenteels ooch!“

„Der Hobble-Frank!“ meinte Old Shatterhand erstaunt.

„Ja, der Frank!“ stimmte Old Firehand ein. „Das Kerlchen ist verrückt! Wir müssen ihm schleunigst nach, damit er keine Dummheiten macht!“

„Verrückt? Gewiß nicht! Ein possierlicher Knirps ist er; das ist wahr; aber das Herz hat er gerade da, wo es hingehört, und leichtsinnig ist er gar nicht. Ich habe ihn in die Schule genommen und kann sagen, daß ich meine Freude an ihm habe. Dennoch aber wollen wir ihm nach, da sein Weg auch der unsrige ist.“

Sie eilten fort, hinter dem Kleinen her, in das Dunkel hinein. Schon hatten sie den Eingang zum Verstecke fast erreicht; da fiel gerade vor ihnen ein Schuß.

„Ein Roter ist auf ihn getroffen. Schnell drauf auf – – –“ wollte Old Shatterhand sagen, aber er schwieg, denn es ertönte die lachende Stimme des Kleinen: „Dummkopp, so paß doch off, wo du hinzielst! Wennste mich treffen willst, darfste doch nicht in den Mond schießen! Da haste dein Teel, und nun gute Nacht!“

Ein Krach wie von einem schweren Hiebe, dann war es still. Die drei drangen vor und stießen auf den Kleinen.

„Zurück!“ gebot er. „Hier wird geschossen und geschtochen!“

„Halt, schieß nicht!“ warnte Old Shatterhand. „Was hast du denn hier zu suchen?“

„Zu suchen? Nischt und gar nischt. Ich brauch‘ nich zu suchen, denn ich hab’s ja schon bis zum doppelten Findling gebracht. Danken Sie Gott, daß Sie den Mund geöffnet haben! Hätte ich Sie nich an Ihrer konglomeraten Schtimme erkannt, meiner Treu, ich hätte Sie kurz und kleen geschossen. Ich habe zwee Kugeln in der Büchse, was bei meiner Geistesgegenwart und Konsubschtanz fürwahr keen Schpaß nich is. Ich warne Sie allen Ernstes, sich nich wieder so blindlings erschtens in die Gefahr und zweetens mir entgegenzuschtürzen, denn sonst werden Sie drittens wie der Wind zu Ihren Vätern und Patriarchen versammelt!“

Die beiden weißen Jäger mußten trotz des Ernstes der gegenwärtigen Situation über diese Strafrede lachen. Es war augenblicklich kein Feind in der Nähe, und so konnte sich Old Shatterhand ohne Besorgnis erkundigen: „Aber wer hat dir denn die Erlaubnis gegeben, das Versteck zu verlassen?“

„Erlaubnis? Mir hat keen Mensch was zu erlauben. Ich bin mein eegner Herr und Fideikommißbesitzer. Nur die Sorge um Sie hat mir den Küraß umgeschnallt. Kaum waren Sie fort, so ging een Geschrei los, als ob die Cimbern mitten in die Teutonen eingebrochen wären. Das wäre noch auszuhalten gewesen, denn meine Nerven sind mit Teer und Fischthran eingerieben. Aber nachher ging das Geschieße los, und es wurde mir um Sie angst und bange. Mein kindliches Gemüt hängt mit väterlicher Anhänglichkeit an Ihrer seelischen Daseinsexistenz, und ich kann es mir unmöglich ruhig gefallen lassen, wenn Sie von den Roten um Ihr schönes Leben gebracht werden. Darum nahm ich das Gewehr und huschte fort, ohne daß die andern es in der ägyptischen Verfinsterung bemerkten. Links wurde geschossen; nach rechts hatten Sie gewollt; ich ging also nach rechts. Da schtand der Häuptling am Boome wie een marinierter Ölgötze. Das ärgerte mich, und so versetzte ich ihm eenen vertikalen Klaps, daß er horizontal zu Boden kam. Natürlich wollte ich ihn schnell in successive Sicherheet bringen und zerrte ihn fort; aber er war mir doch zu schwer, und ich setzte mich een Weilchen off sein Corpus juris, um een bißchen auszuruhen. Da kam so een roter Franctireur geschlichen und sah mich gegen das Licht. Er legte die Flinte an; ich schlug sie zur Seite, und sein Kugel flog in die Milchschtraße empor; ich aber setzte mich mit Hilfe meines Kolbens mit ihm in solche Konfexion, daß er neben dem Häuptling niederknickte. Nun liegen die beeden Kerle da, ganz ohne Sinn und Verschtand, und wissen nich, woran sie denken sollen. Es is doch een Mallör off dieser Welt!“

„Sei froh, daß es kein größeres Unglück gegeben hat! Wenn du eher kamst, warst du verloren!“

„Haben Sie keene Sorge! Der Hobble-Frank kommt niemals eher, als bis er den Sieg in beeden Händen hat. Was soll nun mit den Kerles geschehen? Ich alleene kann sie nich bewältigen.“

„Wir werden dir helfen. Jetzt rasch hinein! Da unten hat das Schießen aufgehört, und es steht zu erwarten, daß die Utahs nun zurückkehren.“

Die beiden besinnungslosen Indianer wurden in das Versteck gebracht und ebenso gebunden und geknebelt wie die andern. Dann postierte sich Winnetou mit Old Firehand an den Vorhang, um die Vorgänge draußen zu beobachten.

Ja, die Utahs kehrten zurück, und zwar als Sieger. Es wurde eine doppelte Anzahl Feuer angebrannt, mit deren Bränden man den Wald nach den Toten und Verwundeten durchsuchte. Die Navajos hatten die ihrigen mitgenommen, wie es bei den Indianern Sitte ist.

Bei jedem Toten, den man fand, erhob sich ein Klage- und Wutgeheul. Die Leichen wurden zusammengetragen, um ehrenvoll begraben zu werden. Man vermißte mehrere Personen, welche gefangen sein mußten. Unter diesen dachte man sich auch die drei Häuptlinge, welche verschwunden waren, ohne daß eine Spur von ihnen zu finden war. Bei dieser Entdeckung hallte der Wald wieder vom Gebrüll der ergrimmten Krieger. Die zwei noch übrigen Anführer riefen die hervorragenden Krieger zu einer Beratung, bei welcher laute, zornige Reden gehalten wurden.

Das brachte Winnetou auf den Gedanken, sich hinauszuschleichen, um vielleicht zu erfahren, was die Utahs beschließen würden. Dies wurde ihm gar nicht schwer. Die Roten waren überzeugt, ganz allein zu sein, und hielten also jede Vorsicht für überflüssig. Die zurückgeschlagenen Navajos kamen gewiß nicht wieder, und wenn dies auch geschah, so waren unten am Ausgange des Thales Wachen ausgestellt. Daß sich mitten im Thale noch viel gefährlichere Feinde als die Navajos befanden, davon hatte man ja keine Ahnung. So hörte Winnetou also alles, was vorgenommen werden sollte. Man wollte noch während der Nacht die Toten begraben; die Klaggesänge konnten für später aufgeschoben werden. Jetzt galt es, vor allen Dingen die gefangenen Häuptlinge zu befreien. Das war sogar noch notwendiger, als morgen die Ankunft Winnetous und seiner berühmten weißen Gefährten abzuwarten. Da diese hinauf nach dem Silbersee wollten, mußten sie unbedingt und auf alle Fälle in die Hände der Utahs fallen. Der Häuptlinge wegen mußte so schnell wie möglich aufgebrochen werden, um dieselben zu befreien. Darum sollten alle nötigen Vorbereitungen getroffen werden, um beim Grauen des Tages den Verfolgungsritt antreten zu können.

Jetzt zog Winnetou sich langsam und vorsichtig zurück. In der Nähe des Versteckes angekommen, sah er mehrere Pferde stehen. Diese Tiere waren während des Kampfes scheu geworden und hatten sich von den andern getrennt; es waren ihrer fünf. Da fiel dem Apachen ein, daß die Gefangenen doch transportiert werden müßten, drei Häuptlinge und ein Krieger. Dazu waren vier Pferde nötig. Kein Mensch befand sich in der Nähe. Die Tiere scheuten vor ihm nicht, weil er ein Indianer war. Er nahm eins derselben am Halfter und führte es nach dem Verstecke. Dort saß Old Firehand hinter dem Vorhange und nahm es in Empfang. Auf diese Weise wurden noch drei andre hineingeschafft; sie schnaubten zwar ein wenig, wurden aber von Winnetou sehr bald beruhigt.

Im Innern des Versteckes wurde niemand die Zeit lang. Es gab so viel zu erzählen, zu hören und – zu lauschen. Der Hobble-Frank hatte sich, natürlich in völliger Dunkelheit, an der Seite seines Freundes und Vetters niedergelassen. Früher war er nicht von dem dicken Jemmy gewichen und trotz aller scheinbaren Zerwürfnisse mit ihm stets ein Herz und eine Seele gewesen; seit er aber den Altenburger gefunden hatte, war das anders geworden. Droll wollte nicht gelehrt sein und ließ den Kleinen sprechen, ohne ihn jemals zu verbessern; das band den Hobble mit mächtiger Gewalt an ihn. Übrigens dachte Droll, der erfahrene Westmann, nicht etwa gering von dem Kleinen; er schätzte im Gegenteile dessen gute Eigenschaften in vollem Maße und freute sich auch jetzt aufrichtig über seine Heldenthat. Denn daß Frank erst den Häuptling und dann auch den andern Indianer niedergeschlagen hatte, war kein Werk etwa der Tolldreistigkeit, sondern der Überlegung und Geistesgegenwart. Diese That fand allgemeine Anerkennung, und alle hatten sich lobend ausgesprochen, nur einer noch nicht, nämlich der Lord. Jetzt aber holte er das Versäumte nach. Er saß an der andern Seite des Kleinen und fragte diesen: „Frank, wollen wir wetten?“

„Ich wette nich,“ antwortete der Gefragte.

„Warum nicht?“

„Ich habe keen Geld dazu.“

„Ich borge es Ihnen.“

„Borgen macht Sorgen, sagen wir in Sachsen. Übrigens is es nich etwa christlich und kontributär-sozial, eenem armen Menschen Geld zu borgen, um es ihm durchs Wetten wieder abzuluxen. Da kommen Sie bei mir schief an die Ecke. Ich behalte mein Geld, ooch wenn ich keens habe.“

„Aber Sie würden vielleicht gewinnen!“

„Fällt mir gar nich ein! Durchs Wetten mag ich nich reich werden. Es ruht kein Segen drauf. Ich habe meine prinzipiellen Grund- und Gegensätze, in denen ich mich nun eenmal nich irre machen lasse.“

„Das ist schade. Ich wollte dieses Mal mit aller Absicht verlieren, als eine Art Belohnung für Ihre Heldenthat.“

„Een jedes Heldentum belohnt sich in seinem Innern ganz von selbst. Man trägt die accusative Anerkennung in seinen eegenen und heiligsten Herzenslokalitäten mit sich herum. Dem Verdienste seine Krone, und den andern nich die Bohne! Übrigens is es doch wohl een wenigstens multiplizierter Gebrauch, Fürschten und Helden durch eene Wette zu belohnen. Wer geben will, der mag doch geben, und zwar nich indirekt durch eine falsche Wette, sondern gleich direkt mit der Hand in den Mund. Das is in allen höheren Kulturschtaaten so Sitte, und darum wird’s auch im Umkreise meiner Persönlichkeet nich andersch eingeführt.“

„So würden Sie es mir also nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen ein Geschenk machte?“

„Sogar sehr! Schenken läßt sich der Hobble-Frank nischt; dazu hat er eene viel zu majestätische Ambition; aber een Andenken, so was der gewissenhafte Franzose een Subenir und Kataplasma nennt, das darf man mir schon reichen, ohne befürchten zu müssen, die Lyrasaiten meines Gemütes in mißgestimmte Nebenklänge zu komponieren.“

„Nun, dann haben Sie – ein Andenken also. Ich hoffe, daß Sie sich darüber freuen. Ich habe zwei und kann also eins entbehren.“

Er schob ihm eins seiner Prachtgewehre in die Hände. Frank aber schob es ihm zurück und sagte: „Hörnse, Mylord, Schpaß beiseite! Greifen Sie mich nich off demjenigen Punkte an, wo ich verderblich werden kann! Ich lächle gern und innig, aber ich kann ooch Kanonengesichter schneiden, wenn man meiner unbewachten Interferenz zu nahe tritt. Een kleener Scherz is gut und ooch für die Gesundheet leicht verdaulich; aber an der Nase zupfen, das kann ich mir nich gefallen lassen und laß ich mir nich gefallen; da denk‘ ich viel zu hoch und diagonal von mir!“

„Aber ich scherze ja nicht; es ist mein völliger Ernst!“

„Was? Sie wollen dieses Gewehr wirklich aus Ihrem Besitztum entlassen?“

„Ja,“ entgegnete der Engländer.

„Und mir als bona immobilia schenken?“

„So ist es.“

„Dann her damit, nur rasch her damit, ehe die Reue kommt! Der Wahn is kurz wie Jemmy, aber die Reue lang wie Davy, singt Freiligrath. Dieses Gewehr mein Eegentum, mein unumschtößliches und konzentrirtes Eegentum. Das is ja grad, als ob heut‘ Christbescherung wär‘! Ich bin ganz außer mir vor Freede! Ich bin ganz komplexiert und überwältigt! Mylord, brauchen Sie mal eenen guten Freund, der für Sie durch dick und dünne geht, so pfeifen Sie mir nur; ich werde sofort apräsang sein! Wie bedanke ich mich nur? Wollen Sie eenen freundlichen Händedruck, eenen lukrativen Kuß oder eene interimistische Umarmung vor der ganzen Welt?“

„Ein Händedruck genügt.“

„Gut! Tü lah wolüh, Anton. Hier is meine Hand. Drücken Sie sie; immer drücken Sie sie, solange es Ihnen Freede und Vergnügen macht. Ich schtelle sie Ihnen von jetzt an täglich zur Verfügung, so oft ich sie nich selber brauche, denn Dankbarkeet is eene Zier, und finden thut man sie bei mir. Droll, Vetter aus Altenburg, hast du gehört, was mir das Glück dieses Tages in aller Hochachtung beschieden hat?“

„Ja,“ antwortete der Altenburger. „Wennste een andrer wärst, so thät‘ ich dich beneide, weilste aber mein Freund und Vetter bist, gönn‘ ich dersch aus Herzegrund. Ich gratuliere!“

„Danke, wünsch‘ gleichfalls! Hurrje, wird’s von jetzt an an een Schießen gehen! Mit diesem Gewehre fordre ich mein Jahrtausend in die Schranken, ohne Advokat und Protokoll. Hier, Mylord, is meine Hand noch eenmal; drücken Sie; drücken Sie nur immer zu; ich will mirsch gern gefallen lassen. Ihr Engländer seid doch schtets prächtige Kerle; das konschtatiere ich, wenn’s verlangt wird, sehr gern mit meiner eegenhändigen Namensunterschrift. Zählen Sie mich von heute an zu Ihren intimsten Haus- und Familienfreunden. Sobald ich mal nach London offs Newskij-Prospekt komme, besuche ich Sie. Sie brauchen sich nich zu schenieren; ich bin die reene Bescheidenheet und nehme mit allem fürlieb.“

Er war über das Geschenk unendlich glücklich und erging sich darum noch weiter in Redensarten, durch welche die andern sich höchst belustigt fühlten. Ein Glück, daß es so dunkel war und er also die Gesichter der Gefährten nicht erkennen konnte.

Da für den andern Tag bedeutende Anstrengungen zu erwarten waren, so wurden Wachen ausgelost, und dann versuchte man, zu schlafen, was aber lange nicht gelingen wollte. Man schlief erst nach Mitternacht ein, wurde aber schon beim Grauen des Morgens wieder munter, da der Abzug der Indianer unter bedeutendem Lärm vor sich ging.

Als es dann draußen ruhig geworden war, schlüpfte der Apache hinaus, um zu sehen, ob man das Versteck verlassen könne. Als er zurückkehrte, brachte er einen befriedigenden Bescheid. Es war kein einziger Utah mehr im Thale. Man konnte also das Versteck verlassen, welches zwar Raum genug geboten hatte, aber wegen der Anwesenheit der Pferde unbequem gewesen war. Zunächst wurde der Sicherheit wegen der Ein- und Ausgang des Thales mit je einem Posten besetzt und dann das letztere selbst genauer untersucht. Man fand ein Massengrab, welches einfach aus einem über den Leichen errichteten Steinhaufen bestand. Auch gab es einige tote Pferde, welche von irregegangenen Kugeln getroffen worden waren. Die Roten hatten sie unbenutzt liegen lassen; die Weißen waren klüger. Der Weg nach dem Silbersee führte, wenn man den Utahs ausweichen wollte, durch wüste Gegenden, die alles pflanzlichen und also auch animalischen Lebens entbehren. Es war da nicht leicht, hinreichend Nahrung zu finden. Da kamen die Pferde sehr gelegen. Der Westmann ist nicht wählerisch; er sättigt sich auch mit Pferdefleisch, wenn er nichts andres und besseres hat. Wird ihm doch, wenn er Gast der Indianer ist, sehr oft gemästeter Hund als Festbraten vorgesetzt! Man nahm also die besten Stücke, verteilte sie und brannte einige Feuer an, an denen sich jeder seinen Anteil braten konnte, um ihn zu konservieren.

Das war kein Zeitverlust, da man den Roten nicht sofort folgen durfte. Auch war es besser, jetzt für fertige Portionen zu sorgen, als später die dann kostbar gewordene Zeit damit zu verschwenden. Daß die Pferde trinken und grasen durften, um sich für den heutigen Ritt zu stärken, versteht sich ganz von selbst.

Nach der Entfernung der Utahs waren den Gefangenen die Knebel abgenommen worden. Sie konnten also wieder frei Atem holen und sprechen. Die „gelbe Sonne“ war die erste, welcher von diesem letzteren Umstande Gebrauch machte. Er hatte lange still dagelegen, das Treiben der Weißen beobachtet und jeden einzelnen genau und mit finstern Blicken betrachtet. Jetzt wendete er sich an Old Shatterhand: „Welcher von euch ist es, der mich niedergeschlagen hat? Wie könnt ihr es wagen, uns gefangen zu nehmen und zu binden, da wir euch nichts gethan haben!“

„Weißt du, wer wir sind?“ fragte der Jäger entgegen.

„Ich kenne Winnetou, den Apachen, und weiß, daß Old Shatterhand und Firehand sich bei ihm befinden.“

„Ich bin Shatterhand, und mein Arm war es, der dich zu Boden schlug.“

„Warum?“

„Um dich unschädlich zu machen.“

„Willst du behaupten, daß ich dir schaden wollte?“

„Ja.“

„Das ist eine Lüge!“

„Gib dir keine Mühe, mich zu täuschen! Ich weiß alles. Wir sollten hier getötet werden, obgleich wir mit den Utahs die Pfeife des Friedens geraucht haben. Die Yampas haben euch gestern Boten geschickt und sind dann selbst gekommen. Jede Unwahrheit, welche du sagst, ist umsonst gesprochen. Wir wissen, woran wir sind, und glauben euch kein Wort.“

Der Häuptling wendete das Gesicht ab und schwieg. An seiner Stelle ergriff der einfache Krieger, welchen der Hobble-Frank an dem Verstecke niedergeschlagen hatte, das Wort: „Die Bleichgesichter sind jetzt Feinde der Utahs?“

„Wir sind Freunde aller roten Männer; aber wir wehren uns, wenn wir von ihnen feindlich behandelt werden.“

„Die Utahs haben die Kriegsbeile gegen die Bleichgesichter ausgegraben. Ihr seid berühmte Krieger und fürchtet sie nicht. Weißt du aber, daß die Navajoes ausgezogen sind, den Bleichgesichtern zu helfen?“

„Ja.“

„Die Navajoes sind Apachen, und der berühmteste Häuptling dieses Volkes, Winnetou, ist euer Freund und Gefährte; er befindet sich bei euch. Ich sehe ihn dort bei seinem Pferde stehen. Warum schlagt ihr einen Krieger der Navajoes nieder und bindet ihm die Arme und die Beine?“

„Meinst du dich selbst?“

„Ja. Ich bin ein Navajo.“

„Warum hast du dich dann nicht mit den Farben deines Stammes bemalt?“

„Um mich zu rächen.“

„Und worum ließest du dich hier noch treffen, als die Deinen schon gewichen waren?“

„Eben wegen meiner Rache. Mein Bruder kämpfte an meiner Seite und wurde von einem Häuptling dieser Hunde erschlagen. Ich brachte seinen Körper in Sicherheit, damit die Utahs ihm nicht die Skalplocke nehmen könnten, und kehrte dann, obgleich meine Krieger schon gewichen waren, zurück, um seinen Tod zu rächen. Ich schlich an den Feinden vorüber, ohne von ihnen gesehen zu werden. Ein Häuptling hatte meinen Bruder erschlagen; ein Häuptling sollte mir dafür seinen Skalp geben. Ich, wußte, daß ein solcher im Thale zurückgeblieben war, und wollte ihn suchen. Da sah ich zwei Männer in meinem Wege, einen toten und einen lebendigen. Dieser letztere sah auch mich; ich war verrathen und wollte ihn erschießen; er war schneller als ich und schlug mich nieder. Als ich erwachte, lag ich in Finsternis und war gefangen. Rufe Winnetou! Er kennt mich nicht; aber wenn ich mit ihm sprechen darf, werde ich beweisen können, daß ich kein Utah, sondern ein Najavo bin. Als ich den Bruder den Gefährten übergeben hatte, entfernte ich die Kriegsfarben aus meinem Gesichte, um von den Utahs nicht sogleich als Feind erkannt zu werden.“

„Ich glaube dir; du bist ein Navajo und sollst frei sein.“

Da fuhr die „gelbe Sonne“ auf: „Er ist ein Utah, einer meiner Krieger, ein Feigling, der sich durch eine Lüge retten will!“

„Schweig!“ gebot Old Shatterhand. „Wäre es wirklich ein Gefährte von dir, so würdest du ihn nicht verraten. Daß du ihn verderben willst, beweist, daß er die Wahrheit gesprochen hat. Du bist ein Häuptling, aber deine Seele ist diejenige eines gemeinen Feiglings, den man verachten muß!“

„Beleidige mich nicht!“ brauste der andre auf. „Ich habe die Macht, euch alle zu verderben. Nimmst du uns die Bande ab, so soll euch verziehen werden. Thust du es aber nicht, so werdet ihr von tausend unbeschreiblichen Qualen erwartet!“

„Ich verlache deine Drohung; du befindest dich in unsrer Gewalt, und wir werden mit dir thun, was uns beliebt. Je ruhiger du dich in deine Lage fügst, desto erträglicher wird sie sein. Wir sind Christen und erfreuen uns nicht daran, unsern Feinden Schmerzen zu bereiten.“

Indem er dies sagte, befreite er den Navajo, welcher ein noch junger Mann war, von seinen Fesseln. Dieser sprang auf, reckte und dehnte seine Glieder und bat: „Gib diese Hunde in meine Hand, damit ich mir ihre Skalpe nehmen kann! Je milder du mit ihnen bist, desto mehr werden sie dich betrügen.“

„Du hast keinen Teil an ihnen,“ antwortete Old Shatterhand „Du wirst vielleicht mit uns ziehen; aber wenn du es wagst, sie auch nur mit dem Finger zu berühren, würde ich dich mit meinen eigenen Händen töten, Nur wenn wir sie leben lassen, können sie uns Nutzen bringen; ihr Tod aber würde uns schaden.“

„Was könnte das für ein Nutzen sein?“ fragte der Rote verächtlich. „Diese Hunde sind zu nichts gut.“

„Darüber habe ich dir keine Erklärung zu geben. Willst du sicher zu den Deinen gelangen, so hast du dich nach unserm Willen zu richten.“

Man sah es dem Gesichte des Navajo an, daß er nur ungern auf die Erfüllung seines Wunsches verzichtete, aber er mußte sich fügen. Um ihm einigermaßen zu Willen zu sein, übergab Old Shatterhand ihm die Bewachung der gefallenen Utahs und versprach ihm den Skalp desjenigen von ihnen, der es wagen würde, einen Fluchtversuch zu unternehmen. Das beruhigte den Mann und war zugleich ein kluges Arrangement, da es jedenfalls keinen aufmerksameren und unermüdlicheren Aufseher geben konnte als ihn, der so lüstern nach den Kopfhäuten der Gefangenen war.

Nun galt es vor allen Dingen noch, die ermordeten Weißen zu besichtigen. Sie boten einen Anblick dar, dessen Beschreibung am besten unterlassen bleibt. Sie waren unter großen Qualen gestorben. Die Männer, welche bei den Leichen standen, hatten schon viel gesehen und erfahren; aber sie konnten sich eines Schauders nicht erwehren, als sie die zerstochenen Körper und verunstalteten Gliedmaßen der Toten erblickten. Die Tramps hatten geerntet, was und wie von ihnen gesäet worden war. Am schlimmsten war es dem Cornel ergangen. Er hing verkehrt am Marterpfahle, mit dem Kopf nach unten. Er war, ganz wie seine Gefährten, von allen Kleidern entblößt; die Roten hatten die Anzüge unter sich verteilt, und es war nicht das kleinste Stück derselben zu sehen.

„Jammerschade!“ sagte Old Firehand. „Hätten wir doch eher kommen können, um die Ermordung dieser Leute zu verhindern!“

„Pshaw!“ antwortete der alte Blenter. „Habt Ihr etwa auch noch Mitleid mit diesen Kerls? Und wenn wir zur rechten Zeit gekommen und es euch gelungen wäre, ihnen das Leben zu retten, der Cornel hätte doch sterben müssen. Mein Messer hätte auf alle Fälle ein Wort mit ihm gesprochen.“

„So war es nicht gemeint, denn ihren Tod bedauere ich nicht, wenn ich auch wünsche, daß derselbe ein weniger grausamer hätte sein mögen. Aber das Papier, das Papier, die Zeichnung, welche der Cornel bei sich trug! Die wollte ich haben; die brauchten wir! Und nun ist sie fort; jedenfalls verloren.“

„Vielleicht finden wir sie. Jedenfalls geraten wir noch mit den Utahs zusammen, und dann wird es wohl auf irgend eine Art zu ermöglichen sein, in den Besitz des Anzuges zu gelangen, den wir dann untersuchen werden.“

„Schwerlich! Wir kennen ja die Kleidungsstücke nicht, welche er zuletzt getragen hat; sie sind wohl nicht beisammen geblieben, sondern unter mehrere Rote verteilt worden. Wie will man sie wieder zusammenbringen? Die Zeichnung ist verloren, und jener alte Häuptling Ikhatschi-tabli, von welchem Engel sie erhalten hat, ist tot; ein zweites Exemplar ist ja nicht mehr zu bekommen.“

„Ihr vergeßt,“ fiel Watson, der frühere Schichtmeister in Sheridan, ein, „daß dieser Häuptling einen Sohn und auch einen Enkel hatte, welche zwar nicht anwesend waren, aber doch eigentlich bei ihm am Silbersee wohnten. Sie werden, wie sich ganz von selbst versteht, das Geheimnis kennen und sind gewiß, ob im Guten oder im Bösen, das ist gleich, dazu zu bringen, es uns mitzuteilen.“

„Ein Indianer läßt sich zu so etwas nicht zwingen, besonders wenn es sich um Gold und Silber handelt; er stirbt lieber, als daß er dem verhaßten Weißen zum Reichtum verhilft.“

„Es fragt sich, ob er uns zu den Verhaßten zählt. Die beiden „Bären“ sind vielleicht den Weißen freundlich gesinnt.“

„Die „beiden Bären?“ fragte Old Firehand. „Hießen sie so?“

„Ja doch! Der „große“ und der „kleine Bär“.“

„Alle Wetter! Wie konnte mir das entgehen! Jawohl, es fällt mir ein, daß das ihre Namen waren. Wie ist es nur möglich, daß ich nicht sofort an die beiden Tonkawa gedacht habe, welche sich mit uns auf dem Dampfer befanden! Nintropan-Hauey und Nintropan-Homosch, der „große Bär“ und der „kleine Bär“, so hießen sie doch!“

„Die zwei Nintropan wohnen droben am Silbersee,“ bestätigte jetzt Winnetou. „Ich kenne sie; sie sind meine Freunde und waren den Bleichgesichtern stets gewogen.“

„Wirklich? Das ist gut, sehr gut; denn da ist alle Hoffnung vorhanden, daß sie uns die gewünschte Auskunft geben werden. Leider gibt es jetzt Kampf dort oben, und die Utahs befinden sich zwischen uns und dem See. Wir werden wohl nicht hindurchkommen.“

„Wir brauchen nicht hindurch, nicht an den Utahs vorüber; denn ich kenne einen Weg, welchen noch kein Weißer und noch kein Utah betreten hat. Er ist zwar sehr beschwerlich, aber wenn wir bald aufbrechen, werden wir noch vor ihnen und sogar schon vor den Navajoes oben sein.“

„So wollen wir uns beeilen. Wir haben hier nichts mehr zu thun, als diese Weißen zu begraben, die wir doch nicht hängen lassen können. Das ist bald geschehen, wenn wir sie nebeneinander legen und mit Steinen bedecken. Dann machen wir uns sofort auf den Weg. Ich hoffe das beste, zumal wir so viele Geiseln haben und wir also die Utahs wohl zwingen können, auf friedliche Vorschläge einzugehen.“

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Neuntes Kapitel

List und Gegenlist.

Sheridan war in der Zeit, in der unsre Erzählung spielt, weder Stadt noch Ort, sondern nichts als eine ambulante Niederlassung der Bahnarbeiter. Es gab da eine Menge von Stein-, Erd- und Blockhütten, höchst primitive Bauwerke, über deren Thüren aber zuweilen die stolzesten Inschriften prangten. Man sah da Hotels und Salons, in denen in Deutschland nicht der geringste Handwerker hätte wohnen mögen. Auch gab es einige allerliebste hölzerne Wohnungen, deren Konstruktion eine solche war, daß sie zu jeder Zeit abgebrochen und an einem andern Orte wieder zusammengesetzt werden konnten. Das größte dieser Gebäude stand auf einer Anhöhe und trug die weithin sichtbare Firma: „Charles Charoy, Ingenieur.“ Dorthin ritten die beiden; sie stiegen an der Thür ab, neben welcher ein indianisch gesatteltes und aufgezäumtes Pferd angebunden war.

„Uff!“ meinte Winnetou, als er dasselbe mit leuchtendem Blicke betrachtete. „Dieses Roß ist wert, einen guten Reiter zu tragen. Es gehört gewiß dem Bleichgesichte, welches an uns vorüberkam.“

Sie stiegen ab und banden ihre Pferde ebenfalls an. Es war kein Mensch in der Nähe, und als sie die Niederlassung überblickten, sahen sie der frühen Stunde wegen nur drei oder vier Personen, welche gähnend nach dem Wetter ausschauten. Aber die Thür stand offen, und sie traten ein. Ein junger Neger kam ihnen entgegen und fragte nach ihrem Begehr. Noch ehe sie zu antworten vermochten, wurde zur Seite eine Thür geöffnet, und unter derselben erschien ein noch junger Weißer, welcher den Apachen mit freundlich erstaunten Augen betrachtete. Es war der Ingenieur. Sein Name, sein bräunlicher Teint und das dunkellockige Haar ließen vermuten, daß er der Abkömmling einer südstaatlichen, ursprünglich französischen Familie sei.

„Wen sucht ihr hier so früh, Mesch’schurs?“ fragte er, indem er dem Roten eine sehr achtungsvolle Verbeugung machte.

„Wir suchen den Ingenieur Mr. Charoy,“ antwortete dieser in geläufigem Englisch, wobei er sogar den französischen Namen ganz richtig aussprach.

„Well, der bin ich. Habt die Güte, einzutreten!“

Er zog sich in das Zimmer zurück, so daß die beiden ihm folgen konnten. Der Raum war klein und einfach ausgestattet. Die auf den Möbeln liegenden Schreibrequisiten ließen vermuten, daß es das Bureau des Ingenieurs sei. Dieser schob den Ankömmlingen zwei Stühle hin und wartete dann mit sichtlicher Spannung auf das, was sie ihm zu sagen hatten. Der Yankee setzte sich sofort nieder; der Indianer blieb noch höflich stehen, neigte wie grüßend den schönen Kopf und begann:

„Sir, ich bin Winnetou, der Häuptling der Apachen – “

„Weiß es schon, weiß es schon!“ fiel der Ingenieur schnell ein.

„Du weißt es schon, Sir?“ fragte der Rote. „So hast du mich bereits gesehen?“

„Nein; aber es ist einer da, welcher dich kennt und euch durch das Fenster kommen sah. Ich bin außerordentlich erfreut, den berühmten Winnetou kennen zu lernen. Setze dich, und sage, was dich zu mir führt; dann werde ich dich bitten, mein Gast zu sein.“

Der Indianer setzte sich auf den Stuhl und antwortete: „Kennst du ein Bleichgesicht, welches unten in Kinsley wohnt und Bent Norton heißt?“

„Ja, sehr gut. Dieser Mann ist einer meiner besten Freunde,“ antwortete der Gefragte.

„Und kennst du auch das Bleichgesicht Haller, seinen Schreiber?“

„Nein. Seit mein Freund in Kinsley wohnt, habe ich ihn noch nicht besucht.“

„Dieser Schreiber wird heute mit noch einem Weißen zu dir kommen, um dir ein Empfehlungsschreiben von Norton zu übergeben. Du sollst den einen in deinem Bureau anstellen und auch dem andern Arbeit geben. Aber wenn du das thust, wirst du dich in große Gefahr begeben.“

„In welche Gefahr?“

„Das weiß ich noch nicht. Die beiden Bleichgesichter sind Mörder. Wenn du ein kluger Mann bist, werden wir, sobald sie mit dir gesprochen haben, erraten, welche Absicht sie verfolgen.“

„Etwa mich morden?“ lächelte Charoy ungläubig.

„Vielleicht!“ nickte Winnetou ernst. „Und nicht nur dich, sondern auch noch andre. Ich halte sie für Tramps.“

„Für Tramps?“ fragte der Ingenieur schnell. „Ach, das ist etwas andres. Ich habe soeben erfahren, daß eine Horde von Tramps nach dem Eeagle-tail und nach hier will, um uns zu berauben. Diese Kerle haben es auf unsre Kasse abgesehen.“

„Von wem hast du das erfahren?“

„Von – – nun, es ist wohl am besten, daß ich den Mann nicht nenne, sondern ihn dir gleich zeige.“

Sein Gesicht glänzte vor Vergnügen, dem Roten eine freudige Überaschung bereiten zu können. Er öffnete die Thür zum Nebenzimmer, aus welchem Old Firehand trat. Wenn der Ingenieur geglaubt hatte, daß der Rote in Worte des Entzückens ausbrechen werde, so war er mit den Gewohnheiten der Indianer nicht vertraut. Kein roter Krieger wird seiner Freude oder seinem Schmerze in Gegenwart andrer einen auffälligen Ausdruck verleihen. Zwar glänzten die Augen des Apachen, sonst aber blieb er ruhig; er trat auf den Jäger zu und streckte ihm die Hand entgegen. Dieser zog ihn an seine breite Brust, küßte ihn auf beide Wangen und sagte im Tone freudiger Rührung: „Mein Freund, mein lieber, lieber Bruder! Wie überrascht und entzückt war ich, als ich dich kommen und vom Pferde steigen sah! Wie lange haben wir uns nicht gesehen!“

„Ich sah dich heut beim Tagesgrauen,“ antwortete der Indianer, „als du im Nebelmeere jenseit des Flusses an uns vorüberjagtest.“

„Und hast mich nicht angerufen!“

„Der Nebel umhüllte dich, so daß ich dich nicht genau erkennen konnte, und wie der Sturm der Ebene warst du vorüber.“

„Ich mußte schnell reiten, um eher anzukommen, als die Tramps. Auch mußte ich diesen Ritt selbst unternehmen, weil die Sache so wichtig ist, daß ich sie keinem andern anvertrauen mochte. Es sind über zweihundert Tramps im Anzuge.“

„Dann habe ich mich nicht getäuscht. Die Mörder sind die Kundschafter, welche ihnen vorangehen.“

„Darf ich erfahren, welche Bewandtnis es mit diesen Leuten hat?“

„Der Häuptling der Apachen ist nicht ein Mann der Zunge, sondern der That. Hier aber steht ein Bleichgesicht, welches euch alles genau erzählen wird.“

Er deutete auf Hartley, welcher sich beim Eintritte Old Firehands vom Stuhle erhoben hatte und den gewaltigen Mann noch jetzt mit Staunen betrachtete. Ja, das waren Recken, dieser Old Firehand und dieser Winnetou! Der Yankee kam sich so klein und armselig vor, und den Ingenieur mochte ein ähnliches Gefühl beschleichen; wenigstens ließ sein Gesicht und seine achtungsvolle Haltung dies vermuten.

Hartley erzählte, als alle sich wieder gesetzt hatten, seine gestrigen Erlebnisse. Als er zu Ende war, berichtete Old Firehand, wenn auch möglichst kurz, sein Zusammentreffen mit dem roten Cornel auf dem Steamer, bei den Rafters und zuletzt auf Butlers Farm. Dann ließ er sich den Anführer der drei beschreiben, denjenigen, welcher den Schreiber niedergeschossen und sich dann von den beiden andern getrennt hatte. Als es dem Yankee gelungen war, ein möglichst genaues Bild dieser Person zu liefern, sagte der Jäger: „Ich wette, das es der Cornel war. Er hat sich die Haare dunkel gefärbt. Hoffentlich läuft er mir endlich in die Hände!“

„Dann sollen ihm solche Streiche wohl vergehen!“ zürnte her Ingenieur. „Über zweihundert Tramps! Welch ein Morden, Sengen und Brennen wäre das gewesen! Mesch’schurs, ihr seid unsre Retter, und ich weiß nicht, wie ich euch danken soll! Dieser Cornel muß es auf irgend eine Weise erfahren haben, daß ich die Gelder für eine lange Strecke beziehe und sie dann unter meine Kollegen zur Auszahlung zu verteilen habe. Nun ich gewarnt bin, mag er mit seinen Tramps kommen; wir werden gerüstet sein.“

„Dünkt Euch nicht allzu sicher.“ warnte Old Firehand. „Zweihundert desperate Kerle haben immer etwas zu bedeuten!“

„Mag sein; aber ich kann in einigen Stunden tausend Bahnarbeiter beisammen haben.“

„Die gut bewaffnet sind?“

„Jeder hat irgend eine Schießwaffe. Schließlich thun es die Messer, die Spaten und Schaufeln auch.“

„Spaten und Schaufeln gegen zweihundert Flinten? Das würde ein Blutvergießen ergeben, welches ich nicht zu verantworten haben möchte.“

„Nun so bekomme ich von Fort Wallace recht gern bis an die hundert Soldaten geschickt.“

„Euer Mut ist lobenswert, Sir; aber List ist da stets besser als Gewalt. Wenn ich den Feind durch List unschädlich machen kann, warum soll ich da so viele Menschenleben opfern?“

„Welche List meint Ihr, Sir? Ich will ja gern thun, was Ihr mir ratet. Ihr seid ein ganz andrer Kerl, als ich bin, und wenn Ihr zufrieden seid, so bin ich sofort bereit, Euch das Kommando über diesen Platz und meine Leute abzutreten.“

„Nicht so schnell, Sir! Wir müssen überlegen. Zunächst dürfen die Tramps nicht ahnen, daß Ihr gewarnt seid. Sie dürfen also nicht wissen, daß wir uns hier befinden. Auch unsre Pferde dürfen sie nicht sehen. Gibt es kein Versteck für die Tiere?“

„Die kann ich gleich verschwinden lassen, Sir.“

„Aber so, daß wir sie leicht zur Hand haben?“

„Ja, glücklicherweise seid Ihr so zeitig am Tage gekommen, daß Ihr von den Arbeitern nicht gesehen wurdet. Von ihnen könnten es die Kundschafter erfahren. Mein Neger, welcher treu und verschwiegen ist, wird die Pferde verstecken und versorgen.“

„Gut, gebt ihm den Befehl dazu! Und Ihr selbst müßt Euch dieses Master Hartley annehmen. Gebt ihm ein Bett, daß er sich niederlegen kann. Aber kein Mensch darf von seiner Anwesenheit etwas wissen, kein Mensch außer Euch, dem Neger und dem Arzte; denn ein Doktor ist doch wohl vorhanden?“

„Jawohl. Ich werde ihn sofort kommen lassen.“

Er entfernte sich mit dem Yankee, welcher ihm recht gern folgte, da er sich nun sehr ermüdet fühlte. Als der Ingenieur nach einiger Zeit zurückkehrte, um zu sagen, daß sowohl der Verwundete als auch die Pferde gut versorgt seien, meinte Old Firehand: „Ich wollte alle Beratung in Gegenwart dieses Arzneischwindlers vermeiden, denn ich traue ihm nicht. Es gibt in seiner Erzählung einen dunklen Punkt. Ich bin überzeugt, daß er den armen Schreiber mit Absicht in den Tod geschickt hat, um sich selbst zu retten. Mit solchen Menschen mag ich nichts zu thun haben. Jetzt sind wir unter uns und wissen genau, daß jeder sich auf den andern verlassen kann.“

„So wollt Ihr uns wohl einen Plan mitteilen?“ fragte der Ingenieur wißbegierig.

„Nein. Einen Plan können wir erst dann entwerfen, wenn wir denjenigen der Tramps kennen gelernt haben, und das wird nicht eher der Fall sein, als bis die Kundschafter hier eingetroffen sind und mit Euch gesprochen haben.“

„Das ist richtig. Wir müssen uns also einstweilen in Geduld fassen.“

Da hob Winnetou die Hand zum Zeichen, daß er einer andern Ansicht sei und sagte: „Jeder Krieger kann auf zweierlei Weise kämpfen; er kann angreifen oder sich verteidigen. Wenn Winnetou nicht weiß, wie und ob er sich verteidigen kann, so greift er lieber an. Das ist schneller, sicherer und auch tapferer.“

„So will mein roter Bruder vom Plane der Tramps gar nichts wissen?“ fragte Old Firehand.

„Er wird ihn jedenfalls erfahren; aber warum soll der Häuptling der Apachen sich zwingen lassen, nach ihrem Plane zu handeln, wenn es ihm leicht ist, sie zu zwingen, sich nach dem seinigen zu richten?“

„Ach, du hast also bereits einen Plan?“

„Ja. Er ist mir während des Rittes in dieser Nacht gekommen und hat sich vervollständigt, als ich hörte, was die Tramps vorher gethan haben. Diese Geschöpfe sind keine Krieger, mit denen man ehrenvoll kämpfen kann, sondern räudige Hunde, welche man mit Stöcken erschlagen muß. Warum soll ich warten, bis so ein Hund mich beißt, wenn ich ihn vorher mit einem Hiebe töten oder in einer Falle erwürgen kann!“

„Kennst du eine solche Falle für die Tramps?“

„Ich kenne eine, und wir werden sie bauen. Diese Coyoten kommen, um die Kasse zu berauben. Ist die Kasse hier, so kommen sie hierher; ist sie anderwo, so gehen sie dorthin, und befindet sie sich im Feuerwagen, so werden sie denselben besteigen und in das Verderben fahren, ohne den Leuten, welche hier wohnen, das Geringste gethan zu haben.“

„Ah, ich beginne zu begreifen!“ rief Old Firehand. „Welch ein Plan! Den kann freilich nur ein Winnetou ersinnen! Du meinst, daß wir die Kerle in den Zug locken sollen?“

„Ja. Winnetou versteht nichts von dem Feuerrosse und wie es gelenkt wird. Er hat den Gedanken gegeben, und seine weißen Brüder mögen über denselben nachdenken.“

„In einen Bahnzug locken? „fragte der Ingenieur. „Aber wozu denn? Wir können sie doch hier erwarten und vernichten, hier im Freien!“

„Wobei aber viele von und sterben müßten!“ entgegnete Old Firehand.

„Besteigen sie aber den Zug, so können wir sie an einen Ort bringen, an welchem sie sich ergeben müssen, ohne uns schaden zu können.“

„Es wird ihnen nicht einfallen, einzusteigen.“

„Sie steigen ein, wenn wir sie durch die Kasse hineinlocken.“

„So soll ich die Kasse in den Zug thun?“

Das war eine Frage, welche man dem geistreich blickenden Ingenieur nicht zugetraut hätte. Winnetou machte eine geringschätzende Handbewegung, doch Old Firehand antwortete: „Wer mutet Euch das zu? Die Tramps müssen nur überzeugt sein, daß sich Geld in dem Zuge befindet. Ihr stellt den Kundschafter als Schreiber an und stellt Euch so, als ob Ihr ihm großes Vertrauen schenktet. Ihr teilt ihm mit, daß hier ein Zug hält, in welchem sich eine große Menge Geldes befindet. Da kommen sie sicher, und alle drängen sich in die Wagen. Sind sie drin, dann geht es fort mit ihnen.“

„Das klingt allerdings nicht übel, Sir, ist aber nicht so leicht, wie Ihr denkt.“

„So? Welche Schwierigkeiten könnte es haben? Steht Euch kein Zug zu diesem Zwecke zur Verfügung?“

„O, so viele Wagen, wie Ihr wollt! Und die Verantwortlichkeit wollte ich auch sehr gern übernehmen, wenn ich nur so leidlich an das Gelingen glauben könnte. Aber es gibt da noch ganz andre Fragen. Wer soll den Zug leiten? Es ist gewiß, daß der Maschinist und der Feuermann von den Tramps erschossen werden.“

„Pshaw! Ein Maschinist wird sich wohl finden, und den Feuermann mache ich. Ich glaube, wenn ich mich dazu erbiete, so beweise ich dadurch, daß keine Gefahr dabei vorhanden ist. Wir werden das Nähere noch besprechen; die Hauptsache ist, daß wir nicht allzu lange zu warten brauchen. Ich vermute, daß die Tramps heute am Eagle-tail ankommen werden, denn dorthin wollen sie zunächst. Also können wir den Streich auf morgen Nacht feststellen. Sodann ist es nötig, einen Ort zu bestimmen, wohin wir die Kerle fahren. Den werden wir uns noch während des Vormittages suchen, weil wohl schon nachmittags die Kundschafter kommen. Habt Ihr eine Bahndraisine, Sir?“

„Natürlich.“

„Nun, so fahren wir beide miteinander. Winnetou kann nicht mit, er muß versteckt bleiben, weil seine Anwesenheit unsre Absicht verraten könnte. Auch mir darf man es nicht ansehen, daß ich Old Firehand bin; das habe ich vorhergesehen und mir darum den alten Leinenanzug mitgebracht, welchen ich auf allen meinen Zügen zur Aushilfe bei mir trage.“

Der Ingenieur machte ein immer verlegeneres Gesicht und meinte: „Sir, Ihr sprecht von dieser Sache gerade wie der Fisch vom Schwimmen. Mir aber kommt sie gar nicht so leicht und natürlich vor. Wie geben wir den Tramps Nachricht? Wie bringen wir sie dazu, sich richtig einzustellen?“

„Welche Frage. Der neue Schreiber horcht Euch aus, und was Ihr ihm weismacht, das teilt er ihnen heimlich als volle Wahrheit mit.“

„Nun gut! Aber wenn sie nun auf den Gedanken kommen, nicht in den Zug zu steigen? Wenn sie es nun vorziehen, die Schienen an irgend einer Stelle zu zerstören und ihn zum Entgleisen zu bringen?“

„Das könnt Ihr leicht verhüten, indem Ihr dem Schreiber sagt, daß jedem solchen Geldzuge wegen seiner Wichtigkeit eine Probierlokomotive vorangehe. Dann werden sie die Zerstörung des Geleises bleiben lassen. Wenn Ihr klug seid, wird alles glatt ablaufen. Den Schreiber müßt Ihr so beschäftigen und so durch Freundlichkeit festzuhalten suchen, daß er bis zum Schlafengehen das Haus nicht verläßt und mit keinem Menschen sprechen kann. Dann gebt Ihr ihm eine Stube im Gestock, welche nur ein Fenster hat. Das platte Dach liegt nur eine halbe Elle über diesem letzteren; ich steige hinauf und werde jedes Wort hören, welches gesprochen wird.“

„Ihr seid der Ansicht, daß er zum Fenster hinaus sprechen werde?“

„Allerdings. Dieser sogenannte Haller soll Euch auskundschaften, und der andre, welcher mit ihm kommt, soll den Zwischenträger machen. Es ist gar nicht anders möglich; Ihr werdet das bald einsehen. Dieser andre wird auch Arbeit verlangen, um hierbleiben zu dürfen, sie aber aus irgend einem Grunde nicht antreten, um den Ort beliebig verlassen und den Boten machen zu können. Er wird versuchen, mit dem Schreiber zu sprechen, um Neuigkeiten zu erfahren, kann aber nicht vor der Schlafenszeit an ihn kommen. Dann wird er das Haus umschleichen; der Schreiber wird das Fenster öffnen, und ich liege über demselben auf dem Dache, um alles zu hören. Jetzt freilich kommt Euch das alles noch schwierig und höchst abenteuerlich vor, weil Ihr kein Westmann seid, habt Ihr die Sache aber erst einmal beim Schopfe gepackt, so werdet Ihr erfahren, daß alles ganz selbstverständlich ist.“

„Howgh!“ stimmte der Indianer bei. „Meine weißen Brüder mögen jetzt nach einer Stelle suchen, an welcher die Falle geschlossen werden kann. Wenn sie zurückgekehrt sind, werde ich mich entfernen, damit ich hier nicht gesehen werde.“

„Wohin will mein roter Bruder einstweilen gehen?“

„Winnetou ist überall daheim, im Walde und auf der Prairie.“

„Das weiß niemand besser als ich, aber der Häuptling der Apachen kann Gesellschaft finden, wenn er will. Ich habe meine Rafters und die Jäger, welche sich bei ihnen befinden, nach einer Stelle beordert, welche einen Stundenritt unterhalb des Eagle-tail liegt. Sie sollen dort die Tramps beobachten. Die Tante Droll befindet sich bei ihnen.“

„Uff!“ rief der Apache, indem sein sonst so ernstes Gesicht einen belustigten Ausdruck annahm. „Die Tante ist ein braves, tapferes und kluges Bleichgesicht. Winnetou wird zu ihr gehen.“

„Schön! Mein roter Bruder wird noch andre tüchtige Männer finden, den schwarzen Tom, den Humply-Bill, den Gunstick-Uncle, lauter Männer, deren Namen er wenigstens gehört hat. Einstweilen aber mag er mit in meine Stube gehen und da warten, bis wir zurückkehren.“

Old Firehand hatte noch vor der Ankunft des Apachen von dem Ingenieur ein Stübchen angewiesen bekommen; dorthin begab er sich jetzt mit Winnetou, um den auffälligen Jagdanzug mit dem andern zu vertauschen, in welchem er von den Bahnarbeitern für einen neu angeworbenen Kameraden gehalten werden konnte; denn diese Leute durften heute noch nicht wissen, daß etwas so Ungewöhnliches im Anzuge sei. Bald stand die Draisine bereit. Old Firehand bestieg mit dem Ingenieur den Vordersitz, und zwei Arbeiter standen über den Laufrädern, um die Handstangen in Bewegung zu setzen. Das Vehikel rollte durch den Ort, in welchem jetzt überall fleißige Hände beschäftigt waren, und dann hinaus auf die freie Bahnstrecke, welche schon bis Kit Karson mit Schienen belegt war.

Der Apache machte es sich indessen bequem; er war die ganze Nacht hindurch geritten und ließ jetzt die Gelegenheit, eine kurze Zeit zu schlafen, nicht unbenutzt vorübergehen. Als die beiden zurückkehrten, wurde er geweckt. Er erfuhr, daß Old Firehand einen höchst geeigneten Ort gefunden hatte, und als ihm derselbe beschrieben worden war, nickte er befriedigt und sagte: „Das ist gut. Die Hunde werden zittern vor Angst und heulen vor Schreck. Es wird eine Erlösung für sie sein, in unsre Hände zu geraten. Winnetou reitet jetzt zu der Tante Droll, um ihr und den Rafters zu sagen, daß sie sich bereithalten mögen.“

Er schlich sich, um nicht bemerkt zu werden, möglichst heimlich vom Hause fort und nach dem Verstecke, in welchem sich seine Pferde befanden. Der scharfsinnige Häuptling hatte sich auch in Beziehung auf die Ankunft der Kundschafter nicht getäuscht. Kaum war die auf den Mittag fallende Arbeitspause vorüber, so sah man zwei Reiter langsam vom Flusse her geritten kommen. Nach der Beschreibung, welche der Yankee von ihnen geliefert hatte, war nicht zu zweifeln, daß sie die Erwarteten seien. Old Firehand begab sich schnell zu Hartley, welcher schlief, aber gern aufstand um zu sehen ob es nicht etwa andre Männer seien. Nachdem er sie mit voller Bestimmtheit als die Betreffenden rekognosziert hatte, ging Old Firehand in die neben dem Bureau liegende Stube, um durch die nur angelehnte Thür Zeuge der Unterredung zu sein. Er hatte während der Draisinenfahrt den Ingenieur vollständig für seinen Plan gewonnen und ihm denselben so genau erklärt, daß ein Fehler des Bahnbeamten fast unmöglich war.

Dieser letztere befand sich in seinem Zimmer, als die beiden Männer eintraten. Sie grüßten höflich, und dann überreichte der eine, ohne zunächst über den Zweck seiner Anwesenheit etwas zu sagen, den Empfehlungsbrief. Der Ingenieur las denselben und sagte dann in freundlichem Tone: „Ihr waret bei meinem Freunde Norton angestellt? Wie geht es ihm?“

Es folgten nun die unter solchen Umständen gewöhnlichen Fragen und Antworten, und dann erkundigte sich der Ingenieur nach dem Grunde, welcher den Schreiber aus Kinsley fortgetrieben hatte. Der Gefragte erzählte eine wehmütige Geschichte, welche zwar mit dem Inhalte des Briefes harmonierte, die er sich aber selbst ausgesonnen hatte. Der Beamte hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann: „Das ist so traurig, daß es allerdings mein Mitgefühl erregt, zumal ich aus diesen Zeilen ersehe, daß Ihr das Wohlwollen und Vertrauen Nortons besessen habt. Darum soll seine Bitte um eine Anstellung für Euch nicht vergebens sein. Ich habe zwar schon einen Schreiber, bedarf aber schon seit langem eines Mannes, dem ich auch vertrauliche und sonst wichtige Sachen in die Feder geben darf. Meint Ihr, daß ich es da mit Euch versuchen darf?“

„Sir,“ antwortete der angebliche Haller erfreut, „versucht es mit mir. Ich bin überzeugt, daß Ihr mit mir zufrieden sein werdet.“

„Well, versuchen wir es. Über den Gehalt wollen wir jetzt noch nicht sprechen, ich muß Euch erst kennen lernen und das wird in einigen Tagen geschehen sein. Je anstelliger Ihr seid, desto besser werdet Ihr bezahlt. Jetzt bin ich sehr beschäftigt. Seht Euch einstweilen im Orte um, und kommt um fünf Uhr wieder. Bis dahin werde ich einige Arbeiten ausgesucht haben. Ihr wohnt hier bei mir im Hause, eßt mit an meinem Tische und habt Euch nach der Hausordnung zu richten. Ich wünsche nicht, daß Ihr mit den gewöhnlichen Arbeitern verkehrt. Punkt zehn Uhr wird die Thür verschlossen.“

„Das ist mir recht, Sir, denn gerade so habe ich es bisher stets gehalten,“ versicherte der Mann, welcher eine große Genugthuung darüber empfand, daß er überhaupt engagiert wurde. Dann fügte er hinzu. „Und nun noch eine Bitte, welche hier meinen Reisegefährten betrifft. Hättet Ihr vielleicht Arbeit für ihn?“

„Was für Arbeit?“

„Irgend welche,“ antwortete der andre bescheiden. „Ich bin nur froh, wenn ich Beschäftigung erhalte.“

„Wie heißt Ihr?“

„Faller. Ich habe Master Haller unterwegs getroffen und mich ihm angeschlossen, als ich hörte, daß hier an der Bahn gearbeitet wird.“

„Haller und Faller. Das ist eine sonderbare Ähnlichkeit der Namen. Hoffentlich seid Ihr auch in andrer Beziehung ähnlich. Was seid Ihr denn bisher gewesen, Mr. Faller?“

„Ich war längere Zeit Cow-boy auf einer Farm drüben bei Las Animas. Das war ein wüstes, unartiges Leben, welches ich nicht länger mitmachen konnte, und ich ging also fort. Darüber kam ich noch am letzten Tage mit einem andern Boy, einem rüden Burschen, in Streit, wobei mir sein Messer durch die Hand fuhr. Die Wunde ist noch nicht ganz heil; ich hoffe aber, daß ich in zwei oder drei Tagen die Hand zur Arbeit, wenn Ihr mir welche geben wollt, gebrauchen kann.“

„Nun, Arbeit könnt Ihr zu jeder Zeit haben. Bleibt also immerhin da; pflegt die Hand, und wenn sie heil geworden ist, so meldet Euch. Jetzt könnt Ihr gehen.“

Die Bursche verließen das Bureau. Als sie draußen an dem offenen Fenster der Stube, in welcher sich Old Firehand befand, vorüber gingen, hörte dieser einen von ihnen mit unterdrückter Stimme sagen: „Alles gut! Wenn nur auch das Ende so, wie der Anfang ist!“

Der Ingenieur trat zu Old Firehand herein und sagte: „Ihr hattet sehr recht, Sir! Dieser Faller hat dafür gesorgt, daß er nicht zu arbeiten braucht, sondern Zeit hat, nach dem Eagle-tail zu gehen. Er trug die Hand verbunden.“

„Jedenfalls ist dieselbe ganz gesund. Warum habt Ihr den Schreiber erst auf fünf Uhr bestellt?“

„Weil ich ihn bis zum Schlafengehen beschäftigen soll. Das würde ihn und mich ermüden und ihm wohl auch auffällig sein, wenn es allzu lange währte.“

„Sehr richtig. Es sind immerhin fünf volle Stunden bis zehn Uhr, und es wird nicht leicht sein, ihn bis dahin vom Verkehre mit den andern abzuhalten.“

So war also nun der erste Teil der Einleitung vollendet. Zu dem zweiten Teile konnte man erst dann übergehen, wenn man das Gespräch der beiden Kundschafter belauscht hatte. Bis dahin war noch eine lange Zeit, welche Old Firehand, der sich nicht sehen lassen wollte, auf den Schlaf verwendete. Als er erwachte, war es fast dunkel geworden, und der Neger brachte ihm sein Abendbrot. Gegen zehn Uhr kam dann der Ingenieur und meldete, daß der Schreiber schon längst gegessen habe und sich nun auf sein Zimmer begeben werde.

Old Firehand stieg also in das Stockwerk hinauf, von welchem aus eine viereckige Klappe auf das flache Dach führte. Auf dem letzteren angekommen, legte er sich nieder und kroch leise nach derjenigen Stelle der Dachkante, unter welcher, wie er sich erkundigt hatte, das betreffende Fenster lag. Es war so dunkel, daß er es wagen konnte, hinabzugreifen. Es war so nahe, daß er es mit der Hand zu erreichen vermochte.

Als er einige Zeit ruhig wartend dagelegen hatte, hörte er unter sich eine Thür gehen. Schritte gingen nach dem Fenster, und her Schein eines Lichtes fiel aus demselben hinaus ins Freie. Das Dach bestand aus einer dünnen Bretterlage und darauf genageltem Zinkblech. So wie Old Firehand die Schritte unter sich hörte, so konnte auch er selbst von dem Schreiber gehört werden; Es war also große Vorsicht nötig.

Nun strengte der Jäger seine Augen an, um das nächtliche Dunkel zu durchdringen, und zwar nicht vergeblich. In der Nähe des aus dem Fenster fallenden Lichtscheines stand eine Gestalt. Dann klang das Fenster; es wurde geöffnet.

„Esel!“ raunte eine viertelslaute, zornige Stimme. „Thu doch die Lampe weg; das Licht trifft ja auf mich!“

„Selber Esel!“ antwortete der Schreiber. „Was kommst du schon jetzt! Man ist im Hause noch wach. Komm in einer Stunde wieder.“

„Gut. Aber sag wenigstens, ob du eine Nachricht hast.“

„Und was für eine!“

„Gut?“

„Herrlich! Viel, viel prächtiger, als wir es hätten ahnen können. Aber gehe jetzt, man könnte dich sehen!“

Das Fenster wurde geschlossen, und die Gestalt verschwand aus der Nähe des Hauses. Nun war Old Firehand gezwungen, eine Stunde und noch länger warten zu müssen, ohne sich regen zu dürfen. Aber das war keine Anstrengung für ihn, denn ein Westmann ist an viel Schwierigeres gewöhnt. Die Zeit verging, wenn auch langsam, aber doch. Unten in den Häusern und Hütten brannten noch die Lichter. Hier oben aber bei der Wohnung des Ingenieurs war alles in tiefes Dunkel gehüllt. Old Firehand hörte, daß das Fenster wieder geöffnet wurde, die Lampe brannte nicht mehr. Der Schreiber erwartete seinen Gefährten. Nicht lange, so hörte man das leise Knirschen des Bodens, auf welchen ein Fuß getreten hatte.

„Faller!“ flüsterte der Schreiber vom Fenster aus hinab.

„Ja,“ antwortete der Genannte.

„Wo stehst du? Ich sehe dich nicht.“

„Ganz nahe an der Wand, gerade unter deinem Fenster.“

„Ist alles dunkel im Hause?“

„Alles. Ich habe mich zweimal um dasselbe geschlichen. Es ist kein Mensch mehr wach. Was hast du mir zu sagen?“

„Daß es nichts mit der hiesigen Kasse ist. Es gibt hier vierzehntägige Löhnung, und gestern ist Zahltag gewesen. Wir müßten also volle zwei Wochen warten, und das ist doch unmöglich. Es sind nicht ganz dreihundert Dollar in der Kasse; das ist nicht der Mühe wert.“

„Und das nanntest du vorhin eine herrliche, prächtige Nachricht? Dummkopf!“

„Schweig! Mit der hiesigen Kasse ist es freilich nichts; aber morgen, des Nachts, kommt ein Zug mit über viermalhunderttausend Dollar hier durch.“

„Unsinn!“

„Es ist wahr. Ich habe mich mit meinen eigenen Augen überzeugt. Der Zug kommt von Kansas City und geht nach Kit Karsen, wo das Geld für die neue Strecke verwendet werden soll.“

„Das weißt du gewiß?“

„Ja. Ich habe den Brief und auch die Depeschen gelesen. Dieser alberne Ingenieur hat ein Vertrauen zu mir, gerade wie zu sich selbst.“

„Was nützt uns das! Der Zug geht ja hier durch!“

„Esel! Er hält volle fünf Minuten hier.“

„Donner!“

„Und ich und du werden auf der Lokomotive stehen.“

„Alle Wetter! Du phantasierst.“

„Fällt mir nicht ein! Der Zug muß von einem Extrabeamten in Carlyle übernommen werden. Dieser Mann bleibt bis hier auf der Lokomotive und fährt dann sogar bis Wallace mit, um den Train dort zu übergeben.“

„Und dieser Extrabeamte sollst gerade du sein?“

„Ja. Und du sollst mit, oder vielmehr, du darfst mit.“

„Wieso?“

„Der Ingenieur hat mir erlaubt, mir noch einen zweiten auszusuchen, der bei mir sein soll, und als ich ihn fragte, wen er mir vorschlage, so antwortete er, daß er mir da keine Vorschriften mache; er werde meine Wahl billigen. Da versteht es sich ganz von selbst, daß ich dich wähle.“

„Du, ist ein so schnelles und großes Vertrauen nicht auffällig?“

„Eigentlich, freilich. Aber ich erkenne aus allem, daß er einen Vertrauten braucht und nie einen gehabt hat. Der famose Empfehlungsbrief hat natürlich auch viel geholfen. Und außerdem kann mich dieses allerdings rasche Vertrauen nicht nachdenklich machen, weil ein Aber dabei ist.“

„So! Welches denn?“

„Der Auftrag ist nicht ganz ungefährlich.“

„Ah! Das beruhigt mich vollständig. Ist etwa die Strecke leichtsinnig gebaut?“

„Nein, obgleich sie eigentlich jetzt nur eine Interimsstrecke ist, wie ich aus den Büchern und Plänen ersehen habe. Aber du kannst dir denken, daß bei einer so großen, neuen Bahn nicht genug geprüfte Beamte vorhanden sind. Es gibt Maschinisten, welche man noch nicht kennt, und es melden sich als Heizer Leute, deren Herkunft und Auftreten bedenklich ist. Denke dir nun einen Zug, welcher fast eine halbe Million Dollar bei sich führt, von so einem Maschinisten und Heizer geleitet. Wenn die zwei Kerle darüber einig werden, können sie ihn leicht irgendwo auf der Strecke stehen lassen und sich mit dem Gelde davon machen. Darum muß ein Beamter bei ihnen sein, und da sie zwei Personen sind, hat derselbe noch einen Gehilfen zu sich zu nehmen. Verstanden, es ist eine Art Polizeiposten. Wir werden jeder, du und ich, einen geladenen Revolver in der Tasche haben, um die Kerle, sobald sie eine verbrecherische Absicht verraten, sofort niederzuschießen.“

„Du, das ist spaßhaft. Wir, und das Geld bewachen! Wir werden die Kerle unterwegs zwingen, anzuhalten, und uns dann die Dollars nehmen.“

„Das geht nicht; denn außer dem Maschinisten und dem Heizer ist noch der Kondukteur vorhanden, und auch ein Kassenbeamter aus Kansas City, welcher das Geld in einem Koffer mit sich führt. Beide sind gut bewaffnet. Diese zwei würden, wenn wir auch die ersten beiden zwingen könnten, den Zug halten zu lassen, sofort Verdacht schöpfen und ihre Wagen verteidigen. Nein, das muß auf ganz andre Weise geschehen. Man muß mit Übermacht angreifen, und zwar an einem Orte, wo so etwas gar nicht zu vermuten ist, also hier.“

„Und du denkst, daß es gelingt?“

„Natürlich! Es ist nicht das geringste Bedenken dabei, und keinem von uns wird ein Haar gekrümmt werden. Ich bin so überzeugt davon, daß ich dich jetzt fortschicke, um den Cornel zu unterrichten.“

„Der Ritt ist bei der jetzigen Finsternis unmöglich, denn ich kenne die Gegend nicht.“

„So magst du bis gegen Morgen warten; aber das ist die allerspäteste Zeit, denn ich muß bis Mittag Nachricht haben. Sporne dein Pferd tüchtig an, und wenn du es totreiten solltest.“

„Und was soll ich sagen?“

„Was du jetzt von mir gehört hast. Der Zug trifft Punkt drei Uhr des Nachts hier ein. Wir beide stehen auf der Lokomotive und werden, sobald er hält, den Maschinisten und den Heizer auf uns nehmen. Nötigenfalls schießen wir sie nieder. Der Cornel muß sich mit den Unsrigen heimlich an der Bahn aufgestellt haben und augenblicklich die Wagen besteigen. Bei einer solchen Übermacht werden die etwa wachen Bewohner von Sheridan und die drei oder vier Beamten, mit denen wir es zu thun haben, so verblüfft sein, daß sie gar keine Zeit zur Gegenwehr finden.“

„Hm, der Plan ist nicht übel. Eine erschreckliche Summe! Wenn jeder von uns gleichviel bekommt, so entfallen auf den Mann zweitausend Dollar. Hoffentlich geht der Cornel auf deinen Vorschlag ein.“

„Er wäre geradezu verrückt, wenn er es nicht thäte. Sage ihm, daß ich in diesem Falle mich von ihm lossagen und mich entschließen werde, den Streich allein auszuführen. Das Wagnis würde freilich größer sein, aber es fiele mir im Falle des Gelingens auch die ganze Summe zu.“

„Habe keine Sorge! Mir fällt es gar nicht ein, diese prächtige Gelegenheit vorübergehen zu lassen. Ich werde den Plan so befürworten, daß der Cornel gar nicht dazukommen wird, Bedenken gegen denselben geltend zu machen. Ich bringe dir sicher eine zustimmende Antwort mit. Aber wie kann ich dir dieselbe übermitteln?“

„Das ist freilich eine heikle Frage. Wir müssen alles vermeiden, was Verdacht zu erregen vermag, was den Gedanken erwecken kann, daß wir Heimlichkeiten miteinander haben. Darum müssen wir es vermeiden, uns persönlich zu treffen. Auch weiß ich nicht, ob wir Zeit und die passende, unauffällige Gelegenheit dazu finden würden. Du mußt mich brieflich benachrichtigen.“

„Ist nicht gerade dieses am auffälligsten. Wenn ich dir einen Boten sende –“

„Einen Boten? Wer spricht davon!“ unterbrach ihn der Schreiber. „Das wäre die größte Dummheit, welche wir begehen könnten. Ich kann noch nicht sagen, ob ich dazu kommen werde, das Haus einmal zu verlassen; also mußt du mir alles aufschreiben und den Zettel in der Nähe desselben verstecken.“

„Und wo?“

„Hm! Ich muß einen Ort wählen, zu welchem ich gelangen kann, ohne auffällig zu werden und viel Zeit dazu zu gebrauchen. Ich weiß schon, daß ich am Vormittag tüchtig zu arbeiten haben werde; es sind lange Lohnlisten auszufüllen, wie mir der Ingenieur sagte. Jedenfalls aber finde ich einmal Zeit, wenigstens an die Hausthüre zu treten. Hart neben derselben steht ein Regenfaß, hinter welches du den Zettel verstecken kannst. Wenn du ihn mit einem Stein beschwerst, so wird ihn kein Unberufener entdecken.“

„Wie aber erfährst du es, daß der Zettel an dem Ort liegt? Du kannst doch nicht öfters und umsonst zu dem Fasse gehen.“

„Auch das läßt sich machen. Ich habe dir doch zu sagen oder sagen zu lassen, daß du mit mir den Geldzug besteigen sollst. Das werde ich schon am Vormittag thun. Ich lasse nach dir suchen, und das wirst du bei deiner Rückkehr sofort erfahren. Du kommst dann, um zu fragen, weshalb ich nach dir verlangt habe. Dabei verbirgst du den Zettel, und ich weiß, daß er an seinem Orte liegt. Bist du einverstanden?“

„Ja. Sind wir fertig, oder hast du noch weitere Mitteilungen?“

„Ich habe nichts mehr zu sagen. Also dringe ja darauf, daß mein Plan angenommen wird, und zwar möglichst ohne Änderungen, denn dieselben würden der Vorbereitungen bedürfen, zu denen wir keine Zeit fänden. Und spute dich unterwegs. Nun gute Nacht!“

Der andre erwiderte den Gruß und huschte fort. Das Fenster wurde leise zugemacht. Old Firehand blieb noch eine Weile liegen und schob sich dann höchst vorsichtig nach der Klappe, um zurückzusteigen. Als er die Treppe hinabgeschlichen kam, fragte ihn eine leise Stimme: „Wer kommt da? Ich bin’s, der Ingenieur.“

„Old Firehand. Kommt mit in meine Stube, Sir!“

Als sie sich in der letzteren befanden, fragte der Beamte, ob es möglich gewesen sei, das Gespräch zu belauschen. Der Jäger erzählte ihm alles, was er gehört hatte, und sprach die Überzeugung aus, daß die Angelegenheit den beabsichtigten Gang gehen werde. Nach einigen weiteren unwesentlichen Bemerkungen trennten sie sich, um sich zur Ruhe zu legen.

Old Firehand erwachte am andern Morgen zeitig. Ihm, der an Thätigkeit und Bewegung gewöhnt war, fiel es nicht leicht, so ruhig und versteckt in seiner Stube auszuhalten; doch mußte er sich darein ergeben. Es mochte gegen elf Uhr sein, als der Ingenieur zu ihm kam. Dieser sagte ihm, daß der Schreiber fest bei der ihm aufgetragenen Arbeit sei und sich die größte Mühe gebe, für einen soliden Mann zu gelten. Es war auch nach Faller geschickt worden; natürlich hatte man ihn nicht gefunden. Infolgedessen hatten die Arbeiter den Auftrag erhalten, ihn, sobald er sich sehen lasse, zu dem Ingenieur zu schicken. Eben als diese Mitteilungen vorüber waren, sah Old Firehand einen kleinen bucklichten Kerl die Anhöhe heraufsteigen; derselbe trug ein ledernes Jagdgewand und hatte ein langes Gewehr überhängen.

„Der Humply-Bill!“ sagte er betroffen. Und erklärend fügte er hinzu: „Dieser Mann gehört zu meinen Leuten. Es muß etwas Unerwartetes geschehen sein, sonst würde er sich nicht hier sehen lassen. Hoffentlich ist es nichts Allzuschlimmes. Er weiß, daß ich hier sozusagen inkognito bin, und wird also keinen andern als nur Euch nach mir fragen. Wollt Ihr ihn hereinbringen, Sir?“

Der Ingenieur ging hinaus, und Bill trat in demselben Augenblicke in das Haus.

„Verzeihung, Sir,“ sagte er. „Ich lese an dem Schilde, daß hier der Ingenieur wohnt. Darf ich mit diesem Master sprechen?“

„Ja; ich selbst bin es. Kommt herein.“

Er geleitete ihn in Old Firehands Stube, welcher den Kleinen mit der Frage empfing, was ihn veranlaßt habe, so gegen alle Vorherbestimmung hieher zu kommen.

„Keine Sorge, Sir; es ist nichts Schlimmes,“ antwortete Bill. „Vielleicht ist’s sogar etwas Gutes, auf alle Fälle aber etwas, was Ihr erfahren mußtet. Darum wurde ich ausgewählt, Euch die Nachricht zu bringen. Ich bin scharf geritten und habe mich stets auf der Eisenbahn gehalten, wo die Tramps sich jedenfalls nicht sehen lassen werden. Ich bin also nicht von ihnen bemerkt worden. Das Pferd habe ich draußen im Walde versteckt und mich in der Weise herbeigemacht, daß ich von den hiesigen Leuten wohl gar nicht bemerkt worden bin.“

„Gut,“ nickte Old Firehand. „Also was ist geschehen?“

„Gestern, gegen Abend kam, wie Ihr wissen werdet, Winnetou zu uns. Er richtete bei der Tante ungeheuere Freude an, und auch die andern waren stolz darauf, diesen Mann bei sich zu sehen – “

„Da er Euch so leicht fand, so hattet Ihr Euch wohl nicht sehr gut versteckt?“

„Denkt das nicht, Sir! Wir dürfen uns doch nicht vor den Tramps sehen lassen und haben zum Lager einen Ort gewählt, welchen wohl keiner dieser Kerle zu entdecken vermag. Aber was kann den Augen eines Winnetou entgehen! Kurz vorher hatte er auch den Lagerplatz der Tramps ausgekundschaftet, und als es völlig dunkel geworden war, begab er sich dorthin, um sie zu beobachten und vielleicht etwas zu erlauschen. Als er bis zum Tagesanbruch und auch noch einige Stunden in den Morgen hinein noch nicht wiedergekommen war, wollte es uns angst um ihn werden; aber das war überflüssig; es war ihm nichts geschehen; vielmehr hatte er wieder einmal eins seiner Meisterstücke abgelegt und sich am hellen Morgen so weit an die Tramps geschlichen, daß er ihr Gespräch verstehen konnte. Dieses Gespräch war übrigens weniger ein Reden als vielmehr ein Schreien gewesen. Es war ein Bote von hier angekommen und hatte die ganze Gesellschaft durch die Nachricht, welche er brachte, aus Rand und Band gebracht.“

„Aha, Faller!“

„Ja, Faller; so hat der Kerl geheißen. Er sprach von einer halben Million Dollar, welche aus dem Bahnzug geholt werden solle.“

„Das ist richtig!“

„So! Der Apache sprach auch davon. Es ist das also eine Falle, in welche Ihr die Kerle locken wollt. Faller hat den Tramps nur das erzählt, was Ihr ihm weisgemacht habt. Und jedenfalls wißt Ihr, daß er zu ihnen ist, um es ihnen zu berichten?“

„Ja, daß er es ihnen sagen soll, gehört mit zu unserm Plane.“

„Aber Ihr müßt notwendigerweise auch erfahren, was darauf beschlossen worden ist?“

„Natürlich! Wir haben eine Einrichtung getroffen, durch welche es uns kurz nach der Rückkehr Fallers verraten wird.“

„Nun, diesen Kerl braucht Ihr gar nicht, denn Winnetou hat alles erlauscht. Die Halunken haben vor Seligkeit so laut geschrieen, daß es meilenweit zu hören gewesen ist. Faller hat ein schlechtes Pferd; er wird erst nach Mittag ankommen können. Darum war es vielleicht umsichtig von Winnetou, daß er mich zu Euch schickte.“

„Es war richtig von ihm, denn je eher wir den Entschluß der Tramps kennen, desto früher können wir nach demselben handeln. Ich will Euch unsern Plan genau mitteilen.“

Old Firehand beschrieb dem Kleinen die Umstände alle, auf welche und mit denen man zu rechnen hatte. Bill hörte aufmerksam zu und sagte dann: „Vortrefflich, Sir! Ich denke, daß alles nach Eurer Berechnung verlaufen wird. Die Tramps sind nämlich auf die Vorschläge des Schreibers sofort eingegangen, und es soll nichts als nur ein Punkt geändert werden.“

„Welcher?“

„Der Ort, an welchem der Überfall zu geschehen hat. Da hier in Sheridan viele Arbeiter wohnen und ein solcher Geldzug jedenfalls Aufmerksamkeit erregt, so meinen die Tramps, daß wohl viele der Arbeiter ihr Lager verlassen werden, um sich den Train anzusehen. Das könnte unerwarteten Widerstand ergeben; die Kerle wünschen zwar das Geld, wollen aber nicht ihr Blut dafür hergeben. Darum soll der Schreiber den Zug ruhig aus Sheridan gehen lassen und aber dann kurz nachher den Maschinisten und den Heizer zwingen, auf offener Strecke zu halten.“

„Wurde ein Ort bestimmt?“

„Nein; aber die Tramps wollen am Geleise ein Feuer anbrennen, neben welchem die Lokomotive zu halten hat. Wollen der Maschinist und der Heizer nicht gehorchen, so sollen sie erschossen werden. Vielleicht ist Euch diese Veränderung unlieb, Sir?“

„Nein, gar nicht, denn wir entgehen dadurch der immerhin in Berechnung zu ziehenden Gefahr, daß es zwischen den hiesigen Arbeitern und den Tramps zum Kampfe kommt. Ferner brauchen wir nicht mit den beiden Kundschaftern nach Carlyle zu gehen. Wir haben nun überhaupt nicht nötig, sie noch länger zu täuschen. Hat Winnetou Euch gesagt, wo Ihr Euch aufzustellen habt?“

„Ja, vor dem Tunnel, welches sich jenseits der Brücke öffnet.“

„Richtig! aber Ihr habt Euch verborgen zu halten, bis der Zug in dasselbe eingefahren ist. Das übrige ergibt sich ganz von selbst;“

Jetzt wußte man, woran man war, und konnte mit den Vorbereitungen beginnen. Der Telegraph spielte nach Carlyle und auch nach Fort Wallace; nach dem ersteren Orte, um den betreffenden Zug zusammenstellen zu lassen, und nach dem letzteren, um Soldaten zu requirieren. Inzwischen erhielt der Humply-Bill Speise und Trank und entfernte sich dann ebenso unauffällig, wie er gekommen war.

Um Mittag trafen von den beiden genannten Stationen die Nachrichten ein, daß man den Anordnungen Folge leisten werde. Ungefähr zwei Stunden später sah man Faller kommen. Old Firehand saß mit dem Ingenieur in seiner Stube. Beide beobachteten unbemerkt den Tramp, welcher sich für einen kurzen Augenblick an dem Regenfasse zu schaffen machte.

„Empfangt ihn im Bureau,“ sagte Old Firehand, „und sprecht dort so lange mit ihm, bis ich nachkomme. Ich werde den Zettel lesen.“

Der Ingenieur begab sich in sein Arbeitszimmer, und als Faller dort eingelassen worden war, ging Old Firehand hinaus an die Hausthür. Als er einen Blick hinter das Faß warf, sah er dort einen Stein liegen. Er hob denselben auf und fand das erwartete Papier; er faltete es auseinander und las die von dem Cornel geschriebenen Zeilen. Der Inhalt derselben stimmte genau mit dem Berichte des Humply-Bill überein. Er legte das Papier wieder unter den Stein und trat dann in das Bureau, in welchem Faller in ehrerbietiger Haltung vor dem Ingenieur stand. Der Tramp erkannte den Jäger, welcher den Leinenanzug trug, nicht und erschrak darum nicht wenig, als dieser ihm die Hand auf die Achsel legte und ihn in drohendem Tone fragte: „Wißt Ihr, wer ich bin, Master Faller?“

„Nein,“ lautete die Antwort.

„So habt Ihr bei Butlers Farm die Augen nicht offen gehabt. Ich bin Old Firehand. Habt Ihr Waffen bei Euch?“

Er zog dem Tramp das Messer aus dem Gürtel und einen Revolver aus der Hosentasche, ohne daß der entsetzte Mann eine Bewegung machte, dies zu verhindern. Dann sagte er zu dem Ingenieur: „Bitte, Sir, geht hinauf zu dem Schreiber, und sagt ihm, daß Faller hier gewesen ist, aber weiter nichts. Dann kehrt Ihr hieher zurück.“

Der Beamte entfernte sich. Old Firehand drückte den Tramp auf einen Stuhl nieder und band ihn mit einer auf dem Schreibtische liegenden starken Schnur an die Lehne desselben fest.

„Sir,“ meinte der erst nun von seinem Schreck sich erholende Mensch, „warum diese Behandlung? Warum bindet Ihr mich? Ich kenne Euch nicht!“

„Schweige jetzt!“ gebot der Jäger, den Revolver ergreifend. „Wenn du einen Laut eher, als ich es dir erlaube, hören lässest, jage ich dir eine Kugel in den Kopf!“

Der Bedrohte wurde leichenblaß und wagte nun nicht mehr, die Lippen zu bewegen. Jetzt trat der Ingenieur wieder ein. Old Firehand winkte ihm, an der Thür stehen zu bleiben; er selbst stellte sich an das Fenster, doch so, daß er von draußen nicht gesehen werden konnte. Er war überzeugt, daß die Neugierde dem Schreiber nicht lange Ruhe lassen werde. Es währte auch kaum zwei Minuten, so sah er einen Vorderarm erscheinen, welcher hinter das Faß langte; der Besitzer dieses Armes war nicht zu sehen, da er dicht an der Thürpfoste stand. Firehand nickte dem Ingenieur zu, und dieser öffnete schnell die Thür, gerade als der Schreiber an derselben vorüberhuschen wollte.

„Master Haller, wollt Ihr nicht einmal hereinkommen?“ fragte er ihn. Der Angeredete hielt das Papier noch in der Hand. Er steckte es schnell ein und folgte der an ihn ergangenen Aufforderung mit sichtlicher Verlegenheit. Was aber machte er erst für ein Gesicht, als er seinen Genossen an den Stuhl gebunden sah! Doch nahm er sich schnell zusammen, und es gelang ihm wirklich, eine ziemlich unbefangene Miene zu zeigen. „Was für ein Papier habt Ihr soeben eingesteckt?“ fragte ihn Old Firehand.

„Eine alte Tüte,“ antwortete der Tramp.

„So? Zeigt sie doch einmal her!“

Der Schreiber warf ihm einen erstaunten Blick zu und antwortete: „Wie kommt Ihr dazu, mir einen so unbegreiflichen Befehl erteilen zu wollen? Wer seid Ihr denn? Ich kenne Euch nicht. Sind meine Taschen etwa Euer Eigentum?“

„Ihr kennt ihn dennoch,“ fiel der Ingenieur ein. „Es ist Old Firehand.“

„Old Fi– – –!“ schrie der Tramp förmlich auf. Die zwei letzten Silben ließ der Schreck nicht aus seinem Munde. Seine Augen waren weit und starr auf den Genannten gerichtet.

„Ja, ich bin es,“ bestätigte dieser; „hier habt Ihr mich wohl nicht vermutet! Und was den Inhalt deiner Taschen betrifft, so habe ich auf ihn wohl mehr Recht als du selbst. Zeig einmal her!“

Old Firehand nahm dem Tramp, ohne daß dieser zu widerstreben wagte, zuerst das Messer ab; dann holte er einen geladenen Revolver, welchen er zu sich steckte, aus der Tasche, und nun zog er ihm auch den Zettel aus derselben.

„Sir,“ fragte der Schreiber jetzt in verbissenem Tone, „mit welchen Rechte thut Ihr das?“

„Zunächst mit dem Rechte des Stärkern und des Ehrlichen, und sodann hat Mr. Charoy, welcher die Polizeigewalt dieses Ortes vertritt, mir den Auftrag erteilt, in dieser Angelegenheit seine Stelle zu vertreten.“

„In welcher Angelegenheit? Was ich bei mir trage, ist mein Eigentum. Ich habe nichts Ungesetzliches gethan und muß unbedingt wissen, aus welchem Grunde Ihr mich wie einen Dieb behandelt!“

„Dieb? Pshaw! Wohl Euch, wenn es nur das wäre. Es handelt sich nicht nur um einen Diebstahl, sondern erstens um einen Mord und zweitens um etwas, was noch viel schlimmer ist, als einfacher Mord, nämlich um den Überfall und die Plünderung des Eisenbahnzuges, wobei voraussichtlich nicht nur ein einzelner Mensch sein Leben verlieren würde.“

„Sir, höre ich recht?“ rief der Mann mit gut gespieltem Erstaunen. „Wer hat Euch eine solche Ungeheuerlichkeit vorgelogen?“

„Niemand. Wir wissen genau, daß diese Ungeheuerlichkeit in der That ausgeführt werden soll.“

„Von wem?“

„Von Euch!“

„Von mir?“ lachte der Tramp auf. „Nehmt es mir nicht übel, Sir, aber wer da behaupten kann, daß ich, ein armer Schreiber, der hier ganz allein steht und diese That also ohne Helfershelfer ausführen müßte, einen Zug anhalten und berauben will, der muß geradezu verrückt sein!“

„Ganz richtig! Aber zunächst seid Ihr kein Schreiber, und sodann steht Ihr nicht so allein da, wie Ihr uns glauben machen wollt. Ihr gehört zu den Tramps, welche am Osage-nook die Osagen überfallen, dann Buttlers Farm angegriffen haben und nun hier eine halbe Million Dollar aus dem Bahnzuge holen wollen.“

Man sah den beiden Männern an, daß sie erschraken, doch nahm sich der vermeintliche Haller zusammen und antwortete im Tone eines vollständig unschuldigen Menschen: „Davon weiß ich kein Wort!“

„Und doch seid Ihr nur zu dem Zwecke hieher gekommen, um die Gelegenheit auszuspähen und Eure Verbündeten zu benachrichtigen!“

„Ich? Ich bin ja keinen Augenblick aus diesem Hause gekommen!“

„Ganz recht; aber Euer Kamerad hier hat den Boten gemacht. Was habt Ihr denn gestern Abend durch das geöffnete Fenster mit einander gesprochen? Ich habe über Euch auf dem Dache gelegen und jedes Wort gehört. Auf diesem Zettel steht die Antwort, welche Euch der rote Cornel sendet. Ich habe ihn noch nicht gelesen, kenne sie aber bereits und will Euch das beweisen. Die Tramps lagern drüben beim Eagle-tail. Sie wollen in der nächsten Nacht herüberkommen und sich außerhalb Sheridan an der Bahn lagern und ein Feuer anbrennen. Dieses letztere soll euch beiden den Ort andeuten, an welchem ihr den Maschinisten zwingen sollt, mit dem Zuge zu halten, aus diesem wollen sie sich dann das Geld holen.“

„Sir,“ stieß der Schreiber, welcher jetzt seine Angst nicht mehr verbergen konnte, hervor, „wenn es wirklich Leute gibt, welche das unternehmen wollen, so ist es nur eine mir ganz unbekannte Folge von Umständen, welche mich mit diesen Verbrechen in Verbindung zu bringen scheinen. Ich bin ein ehrlicher Mann und – – – “

„Schweigt!“ gebot Old Firehand. „Ein ehrlicher Mann mordet nicht.“

„Wollt Ihr etwa behaupten, daß ich gemordet habe?“

„Allerdings! Ihr beide seid Mörder. Wo ist der Arzt, und wo ist sein Gehilfe, welche Ihr mit dem roten Cornel verfolgt habt? Ist der erstere nicht erschossen worden, weil Ihr seinen Brief brauchtet, um Euch hier statt seiner als den Schreiber Haller vorzustellen und Euch auf diese Weise das Handwerk des Spions zu erleichtern? Habt Ihr etwa dem Arzte nicht sein ganzes Geld abgenommen?“

„Sir, ich weiß – – kein – – kein Wort von alledem!“ stotterte der Tramp.

„Nicht? So werde ich Euch sofort überführen. Damit Ihr aber nicht auf den Gedanken kommt, Euch uns zu entziehen, werden wir uns Eurer Person versichern. Mr. Charoy, habt doch die Güte, diesem Kerl die Hände auf den Rücken zu binden. Ich werde ihn halten.“

Als der Tramp diese Worte hörte, wendete er sich rasch nach der Thür, um zu entfliehen. Noch schneller aber war Old Firehand. Er ergriff ihn, riß ihn zurück und hielt ihn trotz des kräftigen Sträubens so fest, daß der Ingenieur ihn ohne alle Mühe fesseln konnte. Dann wurde Faller vom Stuhle losgebunden und mit dem Schreiber nach dem Zimmer geführt, in welchem der verwundete Hartley lag. Als dieser die beiden Menschen erblickte, welche er sofort erkannte, erhob er sich in sitzende Stellung und rief aus: „Holla, das sind ja die Kerle, die mich beraubt und den armen Haller ermordet haben? Wo ist denn der dritte?“

„Der fehlt uns noch, wird uns aber auch noch in die Hände laufen,“ antwortete Old Firehand. „Sie leugnen die That.“

„Leugnen? Ich erkenne sie wieder, ganz genau, und will tausend Eide darauf schwören, daß sie es sind. Hoffentlich gilt mein Wort mehr als ihre Ausrede!“

„Es bedarf Eurer Versicherung gar nicht, Master Hartley. Wir haben Beweise genug in den Händen, um zu wissen, woran wir mit ihnen sind.“

„Schön! Aber wie steht es mit meinem Gelde?“

„Das wird sich noch finden. Zunächst habe ich ihnen nur die Waffen abgenommen und diesen Zettel, welchen wir nun lesen wollen.“

Er entfaltete denselben, nahm Kenntnis von dem Inhalt und gab ihn dann dem Ingenieur zu lesen. Auf dem Papier stand ganz genau das, was Winnetou erlauscht und Old Firehand vorhin den Tramps gesagt hatte. Diese letzteren sagten kein Wort; sie erkannten, daß ferneres Leugnen mehr als lächerlich sei.

Nun wurden ihre Taschen vollends geleert. Es fanden sich die Banknoten, welche auf ihren Anteil gefallen waren, die man Hartley zurückgab. Sie gestanden, daß der rote Cornel den Rest besitze. Dann wurden sie auch an den Füßen gefesselt und auf die Diele gelegt. Es gab im Hause keinen Keller oder sonstigen festen Raum, in welchen man sie hätte stecken können. Hartley war so erzürnt auf sie, daß es keinen bessern Wächter für sie gab als ihn. Er bekam einen geladenen Revolver und dazu die Weisung, sie sofort zu erschießen, falls sie den Versuch machen sollten, sich ihrer Banden zu entledigen.

Als man mit diesen beiden fertig war, konnten die weiteren Vorbereitungen für die Ausführung des Planes getroffen werden. Es war nun nicht mehr nötig, die beiden Tramps auf die Lokomotive zu postieren, und darum brauchte der Zug, welcher in Carlyle rangiert wurde, nicht schon dort von Old Firehand übernommen zu werden. Es wurde dorthin vielmehr die Weisung telegraphiert, daß der Train zur bestimmten Zeit dort abgehen und eine Strecke vor Sheridan an einer bestimmten Stelle halten solle, um dort übernommen zu werden.

Im ferneren Laufe des Nachmittags traf von Fort Wallace die Drahtmeldung ein, daß mit Einbruch der Dunkelheit ein Detachement Soldaten abgehen und schon um Mitternacht am Rendezvous eintreffen würde.

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Achtes Kapitel

Ein Drama auf der Prairie.

Über die Prairie schritt langsam und müd ein Fußgänger, eine seltene Erscheinung, wo selbst der allerärmste Teufel ein Pferd besitzt, da der Unterhalt desselben nichts kostet. Welchem Stande dieser Mann angehörte, das war schwer zu erraten. Sein Anzug war städtisch, aber sehr abgetragen, und gab ihm das Aussehen eines friedlichen Mannes, wozu aber die alte, gewaltig lange Flinte, welche er geschultert trug, nicht recht passen wollte. Das Gesicht war bleich und eingefallen, wohl infolge der Entbehrungen, welche eine lange Fußwanderung mit sich gebracht hatte. Zuweilen blieb er stehen, wie um auszuruhen, aber die Hoffnung, Menschen zu treffen, trieb ihn immer schnell wieder zur neuen Anstrengung seiner müden Füße. Er musterte wieder und immer wieder den Horizont, doch lange vergeblich, bis endlich sein Auge froh aufleuchtete – er hatte draußen am Horizont einen Mann bemerkt, auch einen Fußgänger, welcher von rechts her kam, so daß beide Richtungen zusammenstoßen mußten. Das gab seinen Gliedern neue Spannkraft; er schritt schnell und weit aus und sah bald, daß er von dem andern bemerkt wurde, denn dieser blieb stehen, um ihn herankommen zu lassen.

Dieser andre war sehr eigentümlich gekleidet. Er trug einen blauen Frack mit rotem Stehkragen und gelben Knöpfen, rotsammetne Kniehosen und hohe Stiefel mit gelbledernen Stulpen. Um seinen Hals war ein blauseidenes Tuch geschlungen und vorn in eine große, breite Doppelschleife, welche die ganze Brust bedeckte, geknüpft. Den Kopf beschattete ein breitkrempiger Strohhut. An einem um den Hals gehenden Riemen hing vorn ein Kasten aus poliertem Holze. Der Mann war lang und dürr, das glatt rasierte Gesicht scharf geschnitten und hager. Wer in diese Züge und in die kleinen, listigen Augen blickte, der wußte sofort, daß er einen echten Yankee vor sich habe, einen Yankee von jener Sorte, deren Durchtriebenheit sprichwörtlich geworden ist.

Als die beiden sich bis auf bequeme Hörweite genähert hatten, lüpfte der Kastenträger leicht seinen Hut und grüßte den andern: „Good day, Kamerad. Woher des Weges?“

„Von Kinsley da unten,“ antwortete der Gefragte, indem er mit der Hand rückwärts deutete. „Und Ihr?“

„Von überall her. Zuletzt von der Farm, welche da hinter mir liegt.“

„Und wohin wollt Ihr?“

„Überall hin. Zunächst nach der Farm, welche da vor uns liegt.“

„Gibt es da eine?“

„Ja. Wir werden kaum länger als eine halbe Stunde zu gehen haben.“

„Gott sei Dank! Ich hätte es auch nicht länger aushalten können!“

Er sagte das mit einem tiefen Seufzer. Er war herangekommen und stehen geblieben, wobei man seinen Körper wanken sah.

„Nicht aushalten? Warum?“

„Vor Hunger.“

„Alle Teufel! Hunger? Ist das möglich! Warte, da kann ich helfen. Setzt Euch nieder, hierher auf meinen Kasten. Ihr sollt gleich etwas zwischen die Zähne bekommen.“

Er legte den Kasten ab, drückte den Fremden auf denselben nieder, zog dann aus der Brusttasche seines Frackes zwei riesige Butterbrote hervor, brachte aus der einen Schoßtasche ein großes Stück Schinken zum Vorscheine, reichte beides dem Hungrigen und fuhr fort: „Da eßt, Kamerad! Es sind nicht etwa Delikatessen, aber für den Hunger wird es ausreichend sein.“

Der andre griff schnell zu. Er war so hungrig, daß er das Brot sofort zum Munde führen wollte; hoch besann er sich, hielt in dieser Bewegung inne und meinte: „Ihr seid sehr gütig, Sir; aber diese Sachen sind für Euch bestimmt; wenn ich sie esse, werdet dann Ihr selbst hungern müssen.“

„O nein! Ich sage Euch, daß ich auf der nächsten Farm soviel zu essen bekommen werde, wie mir beliebt.“

„So seid Ihr dort bekannt?“

„Nein. Ich war noch nie in dieser Gegend. Aber sprecht jetzt nicht, sondern eßt!“

Der Hungrige folgte dieser Aufforderung, und der Yankee setzte sich in das Gras, sah ihm zu und freute sich darüber, daß die riesigen Bissen so schnell hinter den gesunden Zähnen des Essenden verschwanden. Als sowohl Brot wie auch Schinken alle geworden waren, fragte er: „Satt seid Ihr noch nicht, aber einstweilen befriedigt wohl?“

„Ich bin wie neugeboren, Sir. Denkt Euch, ich bin seit drei Tagen unterwegs, ohne einen Bissen zu essen.“

„Ist das denkbar! Von Kinsley bis hierher habt Ihr nichts gegessen? Warum? Konntet Ihr Euch denn nicht Proviant mitnehmen?“

„Nein. Meine Abreise ging zu plötzlich vor sich.“

„Oder unterwegs einkehren?“

„Ich habe die Farmen vermeiden müssen.“

„Ah so! Aber Ihr habt ein Gewehr bei Euch; da konntet Ihr Euch doch ein Wild schießen!“

„O, Sir, ich bin kein Schütze. Ich treffe eher den Mond als einen Hund, der gerade vor mir sitzt.“

„Wozu dann aber das Gewehr?“

„Um etwaige rote oder weiße Vagabunden abzuschrecken.“

Der Yanke sah ihn forschend an und meinte dann: „Hört, Master, bei Euch ist irgend etwas nicht in Ordnung. Ihr scheint Euch auf der Flucht zu befinden und doch ein höchst ungefährliches Subjekt zu sein. Wo wollt Ihr denn eigentlich hin?“

„Nach Sheridan an die Eisenbahn.“

„So weit noch, und ohne Lebens- und Existenzmittel! Da könnt Ihr leicht Schiffbruch leiden. Ich bin Euch unbekannt, aber wenn man sich in der Not befindet, so ist es gut, Vertrauen zu fassen. Sagt mir also, wo Euch der Schuh drückt. Vielleicht kann ich Euch helfen.“

„Das ist bald gesagt. Ihr seid nicht aus Kinsley, sonst müßte ich Euch kennen, und könnt also nicht zu meinen Feinden gehören. Ich heiße Haller; meine Eltern waren Deutsche. Sie kamen aus dem alten Lande herüber, um es zu etwas zu bringen, kamen aber nicht vorwärts. Auch mir haben keine Rosen geblüht. Ich habe mancherlei gemacht und gearbeitet, bis ich vor zwei Jahren Bahnschreiber wurde. Zuletzt war ich in Kinsley angestellt. Sir, ich bin ein Kerl, der keinen Wurm treffen kann, aber wenn man allzusehr beleidigt wird, so läuft endlich die Galle über. Ich bekam mit dem dortigen Redakteur einen Streit, auf welchen ein Duell folgte. Denkt Euch, ein Duell auf Flinten. Und ich habe niemals im Leben so ein Mordwerkzeug in den Händen gehabt! Ein Duell auf Flinten, dreißig Schritt Distanz! Es wurde mir gelb und blau vor den Augen, als ich es nur hörte. Ich will es kurz machen: die Stunde kam, und wir stellten uns auf. Sir, denkt von mir, was Ihr wollt, aber ich bin ein friedfertiger Mann und mag kein Mörder sein. Schon bei dem Gedanken, daß ich den Gegner töten könnte, überlief mich eine Gänsehaut, welche so scharf wie ein Reibeisen war. Darum zielte ich, als kommandiert wurde, mehrere Ellen weit daneben. Ich drückte ab, er auch. Die Schüsse gingen los – denkt Euch, ich war nicht getroffen, aber meine Kugel war ihm gerade durch das Herz gegangen. Die Flinte, die gar nicht mir gehörte, festhaltend, rannte ich entsetzt fort. Ich behaupte, daß der Lauf krumm ist; die Kugel geht volle drei Ellen zu weit nach links. Was aber das Schlimmste war, der Redakteur hatte einen zahl- und einflußreichen Anhang, und das hat hier im Westen gar viel zu bedeuten. Ich mußte fliehen, sofort fliehen, und nahm mir nur Zeit, mich kurz von meinem Vorgesetzten zu verabschieden. Meiner ferneren Existenz wegen gab er mir den Rat, nach Sheridan zu gehen, und händigte mir einen offenen Empfehlungsbrief an den dortigen Ingenieur ein. Ihr könnt ihn lesen, um Euch zu überzeugen, daß ich die Wahrheit sage.“

Er zog ein Schreiben aus der Tasche, öffnete es und gab es dem Yankee. Dieser las:

„Liebster Charoy.

Hier sende ich Dir Master Joseph Haller, meinen bisherigen Schreiber. Er ist von deutscher Abstammung, ein ehrlicher, treuer und fleißiger Kerl, hat aber das Unglück gehabt, um die Ecke zu schießen und gerade darum seinen Gegner in den Sand zu legen. Er muß darum für einige Zeit von hier fort, und Du thust mir einen Gefallen, wenn Du ihn in Deinem Bureau so lange beschäftigst, bis hier Gras über die Angelegenheit gewachsen ist.

Dein

Bent Norton.“

Unter diesem Namen war zur besseren Legitimation noch ein Stempel angebracht. Der Yankee faltete den Brief wieder zusammen, gab ihn dem Eigentümer zurück und sagte, indem ein halb ironisches, halb mitleidiges Lächeln um seine Lippen spielte: „Ich glaube Euern Worten, Master Haller, auch ohne daß Ihr mir diesen Brief zu zeigen braucht. Wer Euch sieht und sprechen hört, der weiß, daß er einen grundehrlichen Menschen, welcher gewiß mit Willen kein Wässerlein trübt, vor sich hat. Mir geht es gerade wie Euch, auch ich bin kein großer Jäger und Schütze vor dem Herrn. Das ist kein Fehler, denn der Mensch lebt nicht durch Pulver und Blei allein. Aber so sehr ängstlich wie Ihr, wäre ich an Eurer Stelle denn doch nicht gewesen. Ich glaube, Ihr habt Euch ein wenig ins Bockshorn jagen lassen.“

„O nein; die Sache war wirklich gefährlich.“

„So seid Ihr überzeugt, daß man Euch verfolgt hat?“

„Gewiß! Darum habe ich bisher alle Farmen vermieden, damit man nicht erfahren soll, wohin ich mich gewendet habe.“

„Und seid Ihr überzeugt, daß Ihr in Sheridan gut aufgenommen werdet und eine Stelle erhaltet?“

„Ja, denn Mr. Norton und Mr. Charoy, der Ingenieur in Sheridan, sind außerordentlich befreundet.“

„Nun, welchen Gehalt gedenkt Ihr dort zu beziehen?“

„Ich hatte jetzt wöchentlich acht Dollar und meine, daß man mich dort ebenso bezahlen wird.“

„So! Ich weiß eine Anstellung mit noch einmal so viel, also sechzehn Dollar und freie Station für Euch.“

„Was? Wirklich?“ rief der Schreiber erfreut, indem er aufsprang. „Sechzehn Dollar? Das ist ja geradezu zum Reichwerden!“

„Wenn auch das nicht; aber sparen könntet Ihr Euch etwas dabei.“

„Wo ist diese Stelle zu haben? Bei wem?“

„Bei mir.“

„Bei – – Euch?“ erklang es im Tone der Enttäuschung.

„Allerdings. Wahrscheinlich traut Ihr mir das nicht zu?“

„Hm! Ich kenne Euch nicht.“

„Dem kann gleich abgeholfen werden. Ich bin nämlich Magister Doktor Jefferson Hartley, Physician und Farrier meines Berufes.“

„Also Menschen- und Roßarzt?“

„Arzt für Menschen und Tiere,“ nickte der Yankee. „Habt Ihr Lust, so sollt Ihr mein Famulus sein, und ich zahle Euch den erwähnten Gehalt.“

„Aber ich verstehe nichts von der Sache,“ erklärte Haller bescheiden.

„Ich auch nicht,“ gestand der Magister.

„Nicht?“ fragte der andre erstaunt. „Ihr müßt doch Medizin studiert haben?“

„Fällt mir gar nicht ein!“

„Aber, wenn Ihr Magister und auch Doktor seid – –!“

„Das bin ich allerdings! Diese Titel und Würden besitze ich; daß weiß ich am allerbesten, denn ich selbst habe sie mir verliehen.“

„Ihr – – Ihr selbst?“

„Freilich! Ich bin offen gegen Euch, weil ich denke, daß Ihr meinen Antrag annehmen werdet. Eigentlich bin ich Schneider; dann wurde ich Friseur, nachher Tanzlehrer; später gründete ich ein Erziehungsinstitut für junge Ladies, als das aufhörte, griff ich zur Ziehharmonika und wurde wandernder Musikant. Seitdem habe ich mich noch in zehn bis zwanzig andern Branchen rühmlichst hervorgethan. Ich habe das Leben und die Menschen kennen gelernt, und diese Kenntnis gipfelt in der Erfahrung, daß ein gescheiter Kerl kein Dummkopf sein darf. Diese Menschen wollen betrogen sein; ja, man thut ihnen den größten Gefallen, und sie sind außerordentlich erkenntlich dafür, wenn man ihnen ein X für ein U vormacht. Besonders muß man ihren Fehlern schmeicheln, ihren geistigen und leiblichen Fehlern und Gebrechen, und darum habe ich mich auf diese letzteren gelegt und bin Arzt geworden. Hier seht Euch einmal meine Apotheke an!“

Er schloß den Kasten auf und schlug den Deckel desselben zurück. Das Innere hatte ein höchst elegantes Aussehen; es bestand aus fünfzig Fächern, welche mit Sammet ausgeschlagen und mit goldenen Linien und Arabesken verziert waren. Jedes Fach enthielt eine Phiole mit einer schön gefärbten Flüssigkeit. Es gab da Farben in allen möglichen Schattierungen und Abstufungen.

„Das also ist Eure Apotheke!“ meinte Haller. „Woher bezieht Ihr die Medikamente?“

„Die mache ich mir selbst.“

„Ich denke, Ihr versteht nichts davon!“

„O, das verstehe ich schon! Es ist ja kinderleicht. Was Ihr da seht, ist alles weiter nichts als ein klein wenig Farbe und ein bißchen viel Wasser, Aqua genannt. In diesem Worte besteht mein ganzes Latein. Dazu habe ich mir die übrigen Ausdrücke selbst fabriziert; sie müssen möglichst schön klingen, und so seht Ihr hier Aufschriften wie: Aqua salamandra, Aqua peloponnesia, Aqua chimborassolaria, Aqua invocabulataria und andre. Ihr glaubt gar nicht, welche Kuren ich mit diesen Wassern schon gemacht habe, und ich nehme Euch das gar nicht übel, denn ich glaube es selbst auch nicht. Die Hauptsache ist, daß man die Wirkung nicht abwartet, sondern das Honorar einzieht und sich aus dem Staube macht. Die Vereinigten Staaten sind groß, und ehe ich da herumkomme, können viele, viele Jahre vergehen, und ich bin inzwischen ein reicher Mann geworden. Das Leben kostet nichts, denn überall, wohin ich komme, setzt man mir mehr vor, als ich essen kann, und steckt mir, wenn ich gehe, auch noch die Taschen voll. Vor den Indianern brauche ich mich nicht zu fürchten, weil ich als Medizinmann bei ihnen für heilig und unantastbar gelte. Schlagt ein! Wollt Ihr mein Famulus sein?“

„Hm! brummte Haller, indem er sich hinter dem Ohre kratzte. Die Sache kommt mir bedenklich vor. Es ist keine Ehrlichkeit dabei.“

„Macht Euch nicht lächerlich. Der Glaube thut alles. Meine Patienten glauben an die Wirkung meiner Medizin und werden gesund davon. Ist das Betrug? Versucht es wenigstens zunächst einmal! Ihr habt Euch jetzt gestärkt, und da die Farm, nach der ich will, auf Eurem Wege liegt, so habt Ihr keinen Schaden davon.“

„Nun, versuchen will ich es, schon aus Dankbarkeit; aber ich habe kein Geschick, den Leuten etwas weiß zu machen.“

„Ist gar nicht nötig; das besorge ich schon selbst. Ihr habt ehrfurchtsvoll zu schweigen, und Eure ganze Arbeit besteht darin, diejenige Phiole aus dem Kasten zu langen, welche ich Euch bezeichne. Freilich müßt Ihr es Euch gefallen lassen, daß ich Euch dabei Du nenne. Also vorwärts! Brechen wir auf!“

Er hing sich den Kasten wieder um, und dann schritten sie miteinander der Farm entgegen. Nach kaum einer halben Stunde sahen sie dieselbe von weitem liegen; sie schien nicht groß zu sein. Nun mußte Haller den Kasten tragen, da sich das nicht für den Prinzipal, Doktor und Magister schickte.

Das Hauptgebäude der Farm war aus Holz gebaut; neben und hinter demselben lag ein wohlgepflegter Baum- und Gemüsegarten. Die Wirtschaftsgebäude standen in einiger Entfernung von diesem Wohnhause. Vor demselben waren drei Pferde angebunden, ein sicheres Zeichen, daß sich Fremde hier befanden. Diese saßen in der Wohnstube und tranken Hausbier, welches der Farmer selbst gebraut hatte. Die Fremden waren allein, da sich nur die Farmersfrau daheim befand und jetzt in dem kleinen Stalle war. Sie sahen den Quacksalber mit seinem Famulus kommen.

„Thunderstorm!“ rief der eine von ihnen. „Sehe ich recht? Den muß ich kennen. Wenn mich nicht alles trügt, so ist das Hartley, der Musikant mit der Harmonika!“

„Ein Bekannter von dir?“ fragte der zweite. „Hast du etwas mit ihm gehabt?“

„Freilich. Der Kerl hatte gute Geschäfte gemacht und die Taschen voller Dollars. Natürlich machte ich ebenso gute Geschäfte, indem ich sie ihm des Nachts leerte.“

„Weiß er, daß du es gewesen bist?“

„Hm, wahrscheinlich. Wie gut, daß ich meine roten Haare gestern schwarz gefärbt habe! Nennt mich ja nicht Brinkley und auch nicht Cornel! Der Kerl könnte uns einen Strich durch die Rechnung machen!“

Aus diesen Worten ging hervor, daß dieser Mann der rote Cornel war.

Die beiden Ankömmlinge hatten jetzt das Haus erreicht, gerade als die Farmersfrau aus dem Stalle kam. Sie begrüßte dieselben freundlich und fragte nach ihrem Begehr. Als sie hörte, daß sie einen Arzt und dessen Famulus vor sich habe, zeigte sie sich sehr erfreut und ersuchte sie, in die Stube zu treten, die sie öffnete.

„Mesch’schurs,“ rief sie hinein, „da kommt ein hochgelehrter Arzt mit seinem Apotheker. Ich denke, daß euch die Gesellschaft dieser Herren nicht unangenehm sein wird.“

„Hochgelehrter Arzt?“ brummte der Cornel vor sich hin. „Unverschämter Kerl! Möchte ihm zeigen, was ich von ihm denke!“

Die Eintretenden grüßten, und nahmen ohne Umstände an dem Tische Platz. Der Cornel bemerkte zu seiner Genugthuung, daß er von Hartley nicht erkannt wurde. Er gab sich für einen Fallensteller aus und sagte, daß er mit seinen beiden Gefährten hinauf in die Berge wolle. Dann entspann sich ein Gespräch, währenddessen die Wirtin am Herdfeuer beschäftigt war. Über demselben hing ein Kessel, in welchem das Mittagessen kochte. Als dasselbe fertig war, trat sie vor das Haus und stieß nach der Sitte jener Gegenden in das Horn, um die Ihrigen herbeizurufen.

Diese kamen von den naheliegenden Feldern. Es war der Farmer, ein Sohn, eine Tochter und ein Knecht. Sie reichten den Gästen, besonders dem Arzte, mit aufrichtiger Freundlichkeit die Hand und setzten sich dann zu ihnen, um das Mahl, vor und nach welchem gebetet wurde, einzunehmen. Es waren einfache, unbefangene, fromme Leute, welche gegen die Smartneß eines richtigen Yankee freilich nicht aufzukommen vermochten.

Während des Essens verhielt sich der Farmer vollständig einsilbig, nach demselben brannte er sich eine Pfeife an, legte die Ellbogen auf den Tisch und sagte in erwartungsvollem Tone zu Hartley: „Nachher, Doktor, müssen wir wieder auf das Feld; jetzt aber haben wir ein wenig Zeit, mit Euch zu reden. Vielleicht kann ich Eure Kunst in Anspruch nehmen. In welchen Krankheiten seid Ihr denn bewandert?“

„Welche Frage!“ antwortete der Kurpfuscher. „Ich bin Physician und Farrier und heile also die Krankheiten aller Menschen und aller Tiere.“

„Well, so seid Ihr der Mann, den ich brauche. Hoffentlich gehört Ihr nicht zu den Schwindlern, welche als Ärzte umherziehen und alles gewesen sind und alles versprechen, aber nicht studiert haben?“

„Sehe ich etwa aus, wie so ein Halunke?“ warf sich Hartley in die Brust. „Hätte ich mein Doktor- und Magisterexamen bestanden, wenn ich nicht ein studierter Mann wäre? Hier sitzt mein Famulus. Fragt ihn, und er wird Euch sagen, daß Tausende und aber Tausende von Menschen, die Tiere gar nicht mitgerechnet, mir Gesundheit und Leben verdanken.“

„Ich glaube es, ich glaube es, Sir! Ihr kommt gerade zur richtigen Zeit. Ich habe eine Kuh im Stalle stehen. Was das heißen will, werdet Ihr wissen. Hier zu Lande kommt eine Kuh nur dann in den Stall, wenn sie schwer krank ist. Sie hat zwei Tage nichts gefressen und hängt den Kopf bis zur Erde herab. Ich gebe sie verloren.“

„Pshaw! Ich gebe einen Kranken erst dann verloren, wenn er gestorben ist! Der Knecht mag sie mir mal zeigen; dann sage ich Euch Bescheid.“

Er ließ sich nach dem Stalle führen, um die Kuh zu untersuchen. Als er zurückkam, zeigte er eine sehr ernste Miene und sagte: „Es war die höchste Zeit, denn die Kuh wäre bis heute abend gefallen. Sie hat Bilsenkraut gefressen. Glücklicherweise habe ich ein untrügliches Gegenmittel; morgen früh wird sie so gesund sein wie zuvor. Bringt mir einen Eimer Wasser, und du, Famulus, gib einmal das Aqua sylvestropolia heraus!“

Haller suchte, nachdem er den Kasten geöffnet hatte, das betreffend Fläschchen, aus welchem Hartley einige Tropfen in das Wasser goß, von dem der Kuh dreistündlich je eine halbe Gallone gegeben werden sollte. Dann kamen die menschlichen Patienten daran. Die Frau hatte einen beginnenden Kropf und erhielt Aqua sumatralia. Der Farmer litt an Rheumatismus und bekam Aqua sensationia. Die Tochter war kerngesund, doch wurde sie leicht veranlaßt, gegen einige Sommersprossen Aqua furonia zu nehmen. Der Knecht hinkte ein wenig, schon seit seinen Knabenjahren, ergriff aber die Gelegenheit, diesen Umstand durch Aqua ministerialia zu beseitigen. Zuletzt fragte Hartley auch die drei Fremden, ob er ihnen dienen könne. Der Cornel schüttelte den Kopf und antwortete: „Danke, Sir! Wir sind äußerst gesund. Und fühle ich mich je einmal unwohl, so helfe ich mir auf schwedische Weise.“

„Wieso?“

„Durch Heilgymnastik. Ich lasse mir nämlich auf der Ziehharmonika einen flotten Reel vorspielen und tanze so lange danach, bis ich in Schweiß komme. Dieses Mittel ist probat. Verstanden?“

Er nickte ihm dabei bedeutungsvoll zu. Der Heilkünstler schwieg betroffen und wandte sich von ihm ab, um den Wirt nach den nächstliegenden Farmen zu fragen. Laut des Bescheides, den er bekam, lag die nächste acht Meilen weit gegen Westen, dann eine fünfzehn Meilen nach Norden. Als der Magister erklärte, daß er unverzüglich nach der ersteren aufbrechen werde, fragte ihn der Farmer nach dem Honorare. Hartley verlangte fünf Dollar und bekam sie auch sehr gern ausgezahlt. Dann brach er mit seinem Famulus auf, welcher wieder den Kasten auf sich lud. Als sie sich so weit entfernt hatten, daß sie von der Farm aus nicht mehr gesehen werden konnten, sagte er: „Wir sind westlich gegangen, biegen aber nun nach Norden ein, denn es kann mir nicht einfallen, nach der ersten Farm zu gehen; wir suchen die zweite auf. Die Kuh war so hinfällig, daß sie wohl schon in einer Stunde stirbt. Wenn es da dem Farmer einfällt mir nachzureiten, kann es mir schlecht ergehen. Aber ein Mittagessen und fünf Dollar für zehn Tropfen Anilinwasser, ist daß nicht einladend? Ich hoffe, Ihr erkennt Euern Vorteil und tretet in meinen Dienst!“

„Die Hoffnung trügt Euch, Sir,“ antwortete Haller. „Was Ihr mir bietet, ist viel, sehr viel Geld; dafür aber hätte ich noch viel mehr Lügen zu machen. Nehmt es mir nicht übel! Ich bin ein ehrlicher Mann und will es auch bleiben. Mein Gewissen verbietet mir, auf Euern Vorschlag einzugehen.“

Er sagte das so ernst und fest, daß der Magister einsah, daß alles fernere Zureden unnütz sei. Darum sagte der letztere, indem er mitleidig mit dem Kopfe schüttelte: „Ich habe es gut mit Euch gemeint. Schade, daß Euer Gewissen ein so zartes ist!“

„Ich danke Gott, daß er mir kein andres gegeben hat. Hier habt Ihr Euern Kasten zurück. Ich möchte Euch gern erkenntlich für das sein, was Ihr an mir gethan habt, aber ich kann nicht, es ist mir unmöglich.“

„Well! Des Menschen Wille ist sein Himmelreich; darum will ich nicht weiter in Euch dringen. Aber wir brauchen uns trotzdem nicht sogleich zu trennen. Euer Weg ist fünfzehn Meilen weit, bis zu der betreffenden Farm, auch der meinige, und wir können also wenigstens bis dahin beisammen bleiben.“

Er nahm seinen Kasten wieder an sich. Die Schweigsamkeit in welche er nun verfiel, ließ vermuten, daß die Rechtlichkeit des Schreibers nicht ganz ohne Eindruck auf ihn geblieben sei. So wanderten sie nebeneinander weiter und richteten ihre Augen nur nach vorwärts, bis sie hinter sich Pferdegetrappel vernahmen. Sich umdrehend, erblickten sie die drei Männer, mit denen sie auf der Farm zusammengetroffen waren.

„Woe to me!“ entfuhr es Hartley. „Das scheint mir zu gelten. Diese Kerle wollten doch nach den Bergen! Warum reiten sie ha nicht westlich! Ich traue ihnen nicht; sie scheinen eher Strolche als Trappers zu sein.“

Er sollte bald zu seinem Leidwesen erfahren, daß er mit dieser Vermutung das Richtige getroffen hatte. Die Reiter hielten bei den beiden an, und der Cornel wendete sich in höhnischer Weise an den Quacksalber: „Master, warum habt Ihr Eure Richtung geändert? Nun wird der Farmer Euch nicht finden.“

„Mich finden?“ fragte der Yankee.

„Ja. Als Ihr fort waret, sagte ich ihm aufrichtig, was es für eine Bewandtnis mit Euern schönen Titeln hat, und er brach schleunigst auf, um Euch zu folgen und sich sein Geld wiederzuholen.“

„Unsinn, Sir!“

„Es ist nicht Unsinn, sondern die Wahrheit. Er ist nach der Farm, welche Ihr angeblich mit Eurer Gegenwart beglücken wolltet. Wir aber waren klüger als er. Wir verstehen es Fährten zu lesen und sind der Eurigen gefolgt, um Euch einen Vorschlag zu machen.“

„Wüßte nicht, welchen. Ich kenne Euch nicht, und habe nichts mit Euch zu schaffen.“

„Desto mehr aber wir mit Euch. Wir kennen Euch. Indem wir dulden, daß Ihr diese ehrlichen Farmersleute betrügt, sind wir Eure Mitschuldigen geworden, wofür es nur recht und billig ist, daß Ihr uns einen Teil des Honorares auszahlt. Ihr seid zwei, und wir sind drei Personen; also haben wir drei Fünftel des Betrags zu fordern. Ihr seht, daß wir gerecht und billig handeln. Solltet Ihr nicht einverstanden sein, so – nun, seht Euch meine Kameraden an!“

Er deutete nach den beiden andern, welche jetzt ihre Gewehre auf Hartley richteten. Dieser hielt nun alle Disputation für vergeblich. Er war völlig überzeugt, es mit richtigen Wegelagerern zu thun zu haben, und freute sich innerlich, so billig davonzukommen. Darum zog er drei Dollar aus der Tasche, hielt sie dem Cornel hin und sagte: „Ihr scheint Euch in meiner Person zu irren und Euch in Verhältnissen zu befinden, welche diesen Teil meines wohlverdienten Honorares für Euch nötig machen. Ich will Eure Forderung als Scherz gelten lassen und auf denselben eingehen. Hier sind die drei Dollar, welche nach Eurer eignen Rechnung auf Euch entfallen.“

„Drei Dollar? Seid Ihr des Teufels!“ lachte der Cornel. „Meint Ihr, daß wir Euch einer solchen Lumperei wegen nachreiten? Nein, nein! Es war nicht bloß das heutige Geld gemeint. Wir verlangen unsern Anteil von dem, was Ihr bisher überhaupt verdient habt. Ich nehme an, daß Ihr ein erkleckliches Sümmchen bei Euch tragt.“

„Sir, das ist keineswegs der Fall,“ rief Hartley erschrocken.

„Werden sehen! Wenn Ihr leugnet, muß ich Euch untersuchen. Ich denke, daß Ihr Euch das ruhig gefallen lassen werdet, denn meine Kameraden spaßen mit Ihren Büchsen nicht. Das Leben eines armseligen Harmonikaspielers ist für uns keinen Pfifferling wert.“

Er stieg vom Pferde und trat zu dem Yankee. Dieser erging sich in allen möglichen Vorstellungen, um das drohende Unheil von sich abzuwenden, doch vergebens. Die Gewehrmündungen starrten ihm so drohend entgegen, daß er sich in sein Schicksal ergab. Dabei hoffte er im stillen, daß der Cornel nichts finden werde, da er seine Barschaft sehr gut versteckt glaubte. Der jetzt schwarz gefärbte Rote untersuchte alle Taschen, fand aber nur wenige Dollar. Dann betastete er jeden Zoll breit des Anzuges, um zu fühlen, ob vielleicht etwas eingenäht sei. Das war ohne Erfolg. Nun glaubte Hartley, der Gefahr entgangen zu sein, aber der Cornel war schlau. Er ließ den Kasten öffnen und betrachtete denselben genau.

„Hm!“ meinte er. „Diese sammetne Apotheke ist so tief, daß die Fächer nicht bis auf den Boden reichen. Wollen doch einmal versuchen, ob sie sich nicht herausnehmen lassen.“

Hartley erbleichte, denn der Gauner befand sich auf der richtigen Spur. Der letztere faßte mit beiden Händen an den Zwischenwänden der Fächer und zog – – richtig, die Apotheke ließ sich aus dem Kasten heben, und unter ihr lagen mehrere Papiercouverte neben- und übereinander. Als er sie öffnete, sah er sie mit Banknoten verschiedenen Wertes gefüllt.

„Ah, hier ist der verborgene Schatz zu heben,“ lachte er vergnügt. „Habe es mir gedacht. Ein Physician und Farrier verdient ein Heidengeld, es mußte also welches vorhanden sein.“

Er griff zu, um die Couverte einzustecken. Das versetzte den Yankee in die größte Wut. Er warf sich auf ihn, um ihm das Geld zu entreißen. Da krachte ein Schuß. Die Kugel hätte ihn gewiß durchbohrt, wenn er sich nicht gerade in schneller Bewegung befunden hätte, so traf sie nur den Oberarm, dessen Knochen sie zerschmetterte. Einen Schrei ausstoßend, sank der Verwundete in das Gras.

„Recht so, Halunke!“ rief der Cornel. „Stehe wieder auf, oder sage nur ein falsches Wort, so trifft dich die zweite Kugel besser als die erste. Nun wollen wir auch den Master Famulus untersuchen.“

Er schob die Couverte in seine Tasche und trat zu Haller.

„Ich bin nicht sein Famulus; ich habe ihn erst kurz vor der Farm getroffen,“ erklärte dieser ängstlich.

„So? Wer oder was seid Ihr denn?“

Haller beantwortete diese Frage der Wahrheit gemäß. Er gab dem Cornel sogar den Empfehlungsbrief zu lesen, um die Wahrheit seiner Aussage zu beweisen. Dieser nahm Kenntnis von dem Inhalte des Schreibens, gab ihm dasselbe zurück und sagte verächtlich: „Ich glaube Euch. Wer Euch ansieht, der muß gleich beim ersten Blicke bemerken, daß Ihr ein gutehrlicher Kerl seid, der aber das Pulver nicht erfunden hat. Lauft immerhin nach Sheridan; ich habe nichts mit Euch zu schaffen.“ Und sich wieder an den Yankee wendend fuhr er fort: „Ich sprach von unsrem Anteile; da du uns aber belogen hast, so kannst du dich nicht darüber beklagen, daß wir dir das Ganze abnehmen. Gib dir Mühe, auch weiterhin gute Geschäfte zu machen. Wenn wir dich dann wieder treffen, werden wir genauer teilen.“

Hartley hatte erkannt, daß Widerstand vergeblich sei. Er gab gute Worte, um wenigstens einen Teil seines Geldes zurückzuerhalten, hatte jedoch nur den Erfolg, daß er ausgelacht wurde. Der Cornel stieg wieder zu Pferde und ritt mit seinen Gefährten und dem Raube davon, nach Norden zu, dadurch beweisend, daß er kein Trapper sei und es gar nicht in seiner Absicht gelegen habe, sich westwärts in die Berge zu wenden.

Unterwegs besprachen und belachten die Strolche das gehabte Abenteuer und kamen überein, das Geld zu teilen, ohne ihren Genossen davon zu erzählen.

Als sie nach längerer Zeit einen passenden Ort fanden, von welchem aus die ganze Gegend zu übersehen war und sie also weder gestört noch beobachtet werden konnten, stiegen sie ab, um den Raub zu zählen. Als dann jeder seinen Anteil zu sich gesteckt hatte, meinte einer der beiden Tramps zu dem Cornel: „Du hättest den andern auch durchsuchen sollen. Es sollte mich wundern, wenn er ohne Geld gewesen wäre.“

„Pshaw! Was kann man bei einem armen Schreiber finden! Einige Dollars höchstens und das lohnt die Mühe nicht.“

„Es fragt sich, ob er die Wahrheit gesagt hat und wirklich ein Schreiber war. Was stand in dem Briefe, den er dir zeigte?“

„Es war ein Empfehlungsschreiben an den Ingenieur Charoy in Sheridan.“

„Was? Wirklich?“ fuhr der Mann auf. „Und das hast du ihm wiedergegeben!“

„Ja. Was hätte dieser Wisch uns nutzen können?“

„Viel, sehr viel! Und das fragst du noch? Es liegt doch klar auf der Hand, daß dieser Brief der Ausführung unsres Planes ungeheuer förderlich hätte sein müssen. Es ist geradezu wunderbar, daß du das nicht einsiehst und nicht darauf gekommen bist. Wir haben unsre Leute zurückgelassen, um uns zunächst die Gelegenheit heimlich zu betrachten. Wir müssen die Örtlichkeit kennen lernen und auch die Kassenverhältnisse, das ist um so schwieriger, als wir uns dabei nicht sehen lassen wollen. Hätten wir aber diesem Manne den Brief abgenommen, so konnte einer von uns nach Sheridan gehen und sich für diesen Schreiber ausgeben; er wäre gewiß im Bureau beschäftigt worden, hätte Einblick in die Bücher erhalten und wäre wohl schon am ersten oder zweiten Tage im stande gewesen, uns alle notwendige Auskunft zu erteilen.“

„Teufel!“ rief der Cornel. „Das ist wahr. Wie ist’s nur möglich, daß ich nicht auf diesen Gedanken gekommen bin! Gerade du bist mit der Feder bewandert und hättest diese Rolle übernehmen können.“

„Und ich hätte sie wohl auch richtig ausgeführt. Es wären damit alle Schwierigkeiten beseitigt gewesen. Sollte es nicht noch Zeit sein, das Versäumte nachzuholen?“

„Gewiß! Natürlich ist’s noch Zeit! Wir wissen ja, wohin die beiden wollen; der Weg ist ihnen von dem Farmer angedeutet worden und führt hier vorüber. Wir brauchen also nur zu warten, bis sie kommen.“

„Ganz richtig, thun wir das! Aber es genügt nicht, dem Schreiber den Brief abzunehmen. Er würde nach Sheridan gehen und uns alles verderben. Wir müssen also ihn und den Quacksalber daran verhindern.“

„Das versteht sich ganz von selbst. Wir geben jedem eine Kugel in den Kopf und scharren sie ein. Du gehst dann mit dem Briefe nach Sheridan, suchst alles Nötige zu erfahren und gibst uns Nachricht davon.“

„Aber wo und wie?“

„Wir zwei reiten zurück und holen die andern. Du wirst uns dann in der Gegend finden, wo die Bahn über den Eagle-tail geht. Genau können wir die Stelle vorher nicht bestimmen. Ich werde Vorposten in der Richtung nach Sheridan aufstellen, auf welche du unbedingt treffen mußt.“

„Schön. Aber wenn nun meine Entfernung auffällt und Verdacht erweckt?“

„Hm, darauf müssen wir uns freilich gefaßt machen. Aber wir können es umgehen, indem du nicht allein gehst, sondern den Faller mitnimmst. Du gibst an, ihn unterwegs getroffen zu haben, und er sagt, daß er an dem Bahnbaue Beschäftigung suche.“

„Vortrefflich!“ stimmte der zweite Tramp bei, welcher Faller hieß. „Arbeit werde ich sofort bekommen, und wenn nicht, so ist es mir desto lieber, da ich dann Zeit habe, die Botschaft nach dem Eagle-tail zu bringen.“

Der Plan wurde noch weiter besprochen und die Ausführung desselben beschlossen. Dann warteten die drei auf die Annäherung des Quacksalbers und seines Gefährten. Aber es vergingen Stunden, ohne daß dieselbe erfolgte. Es war anzunehmen, daß sie ihre ursprüngliche Richtung verändert hatten, um nicht etwa abermals mit den drei Tramps zusammenzutreffen. Diese faßten daher den Entschluß zurückzureiten und der neuen Spur zu folgen.

Was nun die beiden Männer betrifft, welche von dieser neuen Gefahr bedroht wurden, so hatte der Yankee sich zunächst von dem Schreiber notdürftig verbinden lassen. Der Oberarm war schwer verletzt, und es stellte sich für den Verwundeten die Notwendigkeit heraus, einen Ort aufzusuchen, an welchem er wenigstens für die ersten Tage Pflege finden konnte. Dies war die Farm, nach welcher sie sich wenden wollten. Da aber die Tramps dieselbe Richtung eingeschlagen hatten, meinte der Yankee:

„Wollen wir ihnen nochmals in die Hände laufen? Wir müssen gewärtig sein, daß sie bedauern, uns nicht unschädlich gemacht zu haben, und dann, wenn wir wieder auf sie treffen, das Versäumte nachholen. Mein Geld haben sie; aber mein Leben möchte ich ihnen nicht auch noch hinterdrein tragen. Suchen wir uns also eine andre Farm!“

„Wer weiß, wie spät wir eine solche finden,“ sagte Haller. „Werdet Ihr eine so lange Wanderung aushalten?“

„Ich denke es. Ich bin ein so kräftiger Kerl, daß wir wohl an Ort und Stelle sein werden, ehe das Wundfieber eintritt. Auf alle Fälle hoffe ich, daß Ihr mich nicht vorher verlasset.“

„Gewißlich nicht. Solltet Ihr unterwegs liegen bleiben, so suche ich Leute auf, welche Euch zu sich holen werden. Nun wollen wir aber keine Zeit verlieren. Wohin wenden wir uns?“

„Nach Norden, wie vorher, nur etwas weiter rechts. Der Horizont ist dort dunkel, es scheint da also Wald oder Busch zu geben, und wo Bäume sind, da ist auch Wasser, was ich zur Kühlung meiner Wunde notwendig brauche.“

Haller nahm den Kasten auf und die beiden verließen die Unglücksstelle. Die Vermutung des Yankee bewährte sich. Sie gelangten nach einiger Zeit in eine Gegend, wo es zwischen grünem Buschwerk ein Wasser gab, an welchem der erste Verband erneuert wurde. Hartley schüttete alle seine gefärbten Tropfen weg und füllte die Phiolen mit reinem Wasser, um unterwegs den Verband nach Bedarf befeuchten zu können. Dann brachen sie wieder auf.

Sie kamen über eine Prairie von so kurzem Grase, daß die Fußspuren kaum zu erkennen waren. Es gehörte das Auge eines sehr erfahrenen Westmannes dazu, um bestimmen zu können, ob die Fährte von einem oder von zwei Menschen verursacht worden sei. Nach längerer Zeit sahen sie die Linie des Horizonts wieder dunkel vor sich liegen, ein Zeichen, daß sie sich abermals einer waldigen Stelle näherten. Als der Yankee sich jetzt zufällig einmal umdrehte, erblickte er hinter sich mehrere Punkte, welche sich bewegten. Es waren ihrer drei, und so kam ihm sofort die Überzeugung, daß die Tramps umgekehrt seien; es galt also das Leben. Ein andrer hätte den Schreiber auf die Verfolger aufmerksam gemacht; Hartley aber that das nicht; er setzte den Weg mit verdoppelter Schnelligkeit fort, und als Haller sich über diese plötzliche Eile wunderte, stellte er ihn durch den ersten besten plausiblen Grund zufrieden.

Reiter kann man natürlich weiter sehen als Fußgänger. Die Entfernung der Reiter war eine solche, daß Hartley annehmen konnte, daß er und sein Begleiter von den Tramps noch nicht bemerkt worden seien. Hierauf gründete er den Plan zu seiner Rettung. Er sagte sich, daß Widerstand vergeblich sein werde; wurden sie ereilt, so waren sie beide verloren. Höchstens war für einen von ihnen die Möglichkeit, sich zu retten, vorhanden, dann aber mußte der andre geopfert werden und dieser andre sollte natürlich der Schreiber sein, er durfte nicht erfahren, welche Gefahr ihm drohe. Darum schwieg der schlaue Yankee. Er fühlte sein Gewissen, daß er seinen Gefährten dem Verderben überliefere, nicht im mindesten beschwert, da derselbe ja auf jeden Fall verloren war.

So ging es schnell weiter und weiter, bis sie das Gehölz erreichten, welches aus dichtem Buschwerke bestand, über welchem sich die Wipfel von einzelnen Hickorys, Eichen, Walnußbäumen und Wasserulmen erhoben. Es war nicht tief, zog sich aber lang ausgedehnt nach rechts hinüber. Als sie dasselbe durchschritten hatten und den jenseitigen Rand erreichten blieb der Yankee stehen und sagte: „Master Haller, ich habe mir überlegt, wie beschwerlich ich Euch falle. Ihr wollt nach Sheridan und habt meinetwegen vom geraden Weg abweichen müssen. Wer weiß, ob und wann wir in der jetzigen Richtung eine Farm finden; da könnt Ihr Euch tagelang mit mir herumquälen, während es doch ein höchst einfaches Mittel gibt, diese Aufopferung ganz unnötig zu machen.“

„So? Welches denn?“ fragte Haller ahnungslos.

„Ihr geht in Gottes Namen weiter, und ich kehre nach der Farm zurück, von welcher ich kam, ehe ich Euch heute traf.“

„Das kann ich nicht zugeben; es ist zu weit.“

„Ganz und gar nicht. Ich bin erst westlich gegangen und dann mit Euch gerade nördlich, also im rechten Winkel. Wenn ich diesen abschneide, habe ich von hier aus nicht ganz drei Stunden zu gehen, und so lange halte ich es sehr gut aus.“

„Meint Ihr? Nun gut; aber ich gehe mit. Ich habe versprochen, Euch nicht zu verlassen.

„Und ich muß Euch dieses Versprechens entbinden, da ich Euch nicht in Gefahr bringen darf.“

„Gefahr?“

„Ja. Die Pflanzersfrau ist nämlich, wie sie mir erzählte, die Schwester des Sheriffs von Kinsley. Werdet Ihr von dort aus verfolgt, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß der Sheriff auf dieser Farm vorspricht. Ihr würdet ihm also gerade in die Hände laufen.“

„Das werde ich freilich bleiben lassen,“ meinte Haller erschrocken. „Wollt Ihr denn wirklich hin?“

„Ja; es ist das beste für mich und auch für Euch.“

Er stellte ihm die Vorteile dieses Entschlusses in so aufrichtiger und eindringlicher Weise vor, daß der arme Schreiber endlich in die Trennung willigte. Sie schüttelten sich die Hände, sprachen gegenseitig die besten Wünsche aus und trennten sich dann. Haller ging weiter, auf die offene Prairie hinaus. Hartley sah ihm nach und meinte dabei zu sich selbst: „Der Kerl kann mir leid thun, aber es geht nicht anders. Blieben wir zusammen, so wäre er auch verloren, und ich müßte mit ihm sterben. Nun aber ist’s hohe Zeit für mich. Wenn sie ihn einholen und nach mir fragen, wird er ihnen sagen, wohin ich bin, also da nach rechts hinüber. Ich mache mich also nach links davon und suche mir einen Ort, an welchem ich mich verstecken kann.“

Er war kein Jäger oder Fallensteller, aber er wußte, daß er keine Fährte zurücklassen dürfe, und hatte auch zuweilen gehört, wie man es machen müsse, um eine Spur zu verwischen. Indem er in die Büsche eindrang, suchte er sich solche Stellen aus, welche keine Fußeindrücke aufnahmen. War ja ein solcher zu bemerken, so glich er ihn hinter sich mit der Hand wieder aus. Dabei war ihm freilich seine Verwundung hinderlich und ebenso der Kasten, den er wieder an sich genommen hatte. Er kam also nur sehr langsam weiter, traf aber zu seinem Glücke bald auf eine Stelle, auf welcher die Büsche so dicht standen, daß sie für das Auge undurchdringlich waren. Er arbeitete sich hinein, legte den Kasten ab und setzte sich darauf. Kaum war das geschehen, so hörte er die Stimmen der drei Reiter und den Schritt ihrer Pferde. Sie ritten vorüber, ohne zu bemerken, daß die Spur von jetzt an eine nur einfache war.

Der Yankee schob die Zweige nach der betreffenden Richtung auseinander; er konnte hinaus auf die Prairie blicken. Da draußen ging Haller. Die Tramps sahen ihn, und ließen ihre Pferde in Galopp fallen. Jetzt hörte er sie, drehte sich um und blieb erschrocken stehen. Bald hatten sie ihn erreicht; sie sprachen mit ihm; er deutete ostwärts; jedenfalls sagte er ihnen, daß der Yankee in dieser Richtung nach der Farm zurückgekehrt sei. Dann krachte ein Pistolenschuß und Haller stürzte nieder.

„Es ist geschehen,“ murmelte Hartley. „Wartet nur, ihr Halunken! Vielleicht begegne ich euch einmal, und dann sollt ihr diesen Schuß bezahlen! Bin neugierig, was sie nun thun werden.“

Er sah, daß sie abstiegen, und sich mit dem Erschossenen beschäftigten. Dann standen sie beratend bei einander, bis sie wieder zu Pferde stiegen, wobei der Cornel den Ermordeten zu sich quer über den Sattel nahm. Zum Erstaunen des Yankee kam dieser zurück, während seine beiden Gefährten nicht mit ihm umkehrten, sondern weiter ritten. Als der Cornel das Buschwerk erreichte, drängte er sein Pferd ein Stück in dasselbe hinein und ließ dann die Leiche herabfallen; sie lag nun so, daß man sie von außerhalb des Gebüsches nicht sehen konnte, gar nicht weit von Hartley entfernt. Hierauf zog der Reiter sein Pferd zurück und ritt fort, wohin, das konnte Hartley nicht sehen; er hörte den Hufschlag noch kurze Zeit, dann wurde es still.

Den Yankee überkam ein Grauen. Fast bereute er es jetzt, den Schreiber nicht gewarnt zu haben. Er war Zeuge der entsetzlichen That gewesen, nun lag die Leiche fast in seiner unmittelbaren Nähe; er hätte sich gern davon machen mögen, wagte es aber nicht, da er annehmen mußte, daß der Cornel nach ihm suchen werde. Es verging eine Viertelstunde und noch eine, da beschloß er, die grausige Stelle zu verlassen. Vorher sah er noch einmal hinaus auf die Prairie; da erblickte er etwas, was ihn veranlaßte, noch in seinem Verstecke zu bleiben.

Ein Reiter, welcher ein lediges Pferd neben her führte, kam von rechts her über die Prairie geritten. Er stieß auf die Spur der beiden Tramps und hielt an, um abzusteigen. Nachdem er sich sorgfältig nach allen Richtungen umgeschaut hatte, bückte er sich nieder, um die Spur zu untersuchen. Dann schritt er, während die Pferde ihm freiwillig folgten, auf derselben zurück bis an die Stelle, an welcher der Mord geschehen war. Hier blieb er wieder halten, um sie zu betrachten. Erst nach längerer Zeit richtete er sich wieder auf und kam näher. Die Augen auf den Boden geheftet, folgte er der Spur des Cornels. Etwa fünfzig Schritte vom Gebüsch entfernt, blieb er stehen, stieß einen eigentümlichen Kehllaut aus und deutete mit dem Arme nach dem Gesträuch. Das schien dem Reitpferde zu gelten, denn dieses entfernte sich von ihm, schlug einen kurzen Bogen nach den Büschen und kam dann am Rande derselben her, die Luft in die weit geöffneten Nüstern ziehend. Da es kein Zeichen von Unruhe gab, fühlte der Reiter sich befriedigt und kam nun auch herbei.

Jetzt sah der Yankee, daß er einen Indianer vor sich hatte. Derselbe trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten mit Fransen und Stickereien versehenes Jagdhemd. Die kleinen Füße staken in Mokassins. Sein langes schwarzes Haar war in einen helmartigen Schopf geordnet, aber mit keiner Adlerfeder versehen. Um den Hals hing eine dreifache Kette von Bärenkrallen, die Friedenspfeife und der Medizinbeutel. In der Hand hielt er ein Doppelgewehr, dessen Schaft mit vielen silbernen Nägeln beschlagen war. Sein Gesicht, matt hellbraun mit einem leisen Bronzehauch, hatte fast römischen Schnitt, und nur die ein wenig hervorstehenden Backenknochen erinnerten an den Typus der amerikanischen Rasse.

Eigentlich war die Nähe eines Roten ganz geeignet, den Yankee, welcher überhaupt nicht zum Helden geboren war, mit Angst zu erfüllen. Aber je länger dieser letztere in das Gesicht des Indianers blickte, um so mehr kam es ihm vor, als ob er sich vor diesem Mann nicht zu fürchten brauche. Derselbe hatte sich auf vielleicht zwanzig Schritte genähert. Das Pferd war noch weiter herbeigekommen, während das andre sich hinter dem Reiter hielt. Jetzt – es hob schon den kleinen Vorderhuf, um weiter zu schreiten, da stieg es vorn empor und warf sich mit einem lauten, auffälligen Schnauben zurück; es hatte einen von dem Yankee oder dem Toten kommenden Luftzug gespürt. Der Indianer that im Nu einen wahren Panthersatz zur Seite und verschwand, mit ihm auch das zweite Pferd. Hartley konnte sie nicht mehr sehen.

Er verhielt sich lange, lange stille und bewegungslos, bis ein halb unterdrückter Laut an sein Ohr drang. „Uff!“ diese Silbe hatte er gehört, und als er das Gesicht nach der betreffenden Seite wendete, sah er den Indianer über der Leiche des Schreibers knieen und dieselbe mit Augen und Händen untersuchen. Dann kroch der Rote zurück und war wohl eine Viertelstunde lang nicht zu sehen, bis der Yankee erschrocken zusammenfuhr, denn hart neben ihm erklangen die Worte: „Warum sitzt das Bleichgesicht hier versteckt? Warum tritt es nicht hervor, um sich dem Blicke des roten Kriegers zu zeigen? Will es etwa nicht sagen, wohin die drei Mörder des andern Bleichgesichtes entwichen sind?“

Als Hartley mit dem Kopfe herumfuhr, sah er den Indianer, das blanke Bowiemesser in der Hand, neben sich knieen. Die Worte desselben bewiesen, daß er die Fährte richtig gelesen und höchst scharfsinnig beurteilt hatte. Er hielt nicht den Yankee für den Mörder; das beruhigte diese, und er antwortete: „Ich versteckte mich vor ihnen. Zwei sind fort, in die Prairie hinaus; der dritte warf die Leiche hier ab, und ich blieb stecken, weil ich nicht weiß, ob er fort ist oder nicht.“

„Er ist fort. Seine Spur führt durch den Busch und dann noch Osten.“

„So ist er nach der Farm, um mich zu verfolgen. Aber ist er auch wirklich nicht mehr da?“

„Nein. Mein weißer Bruder und ich sind die einzigen lebenden Menschen, welche sich hier befinden. Er mag heraus ins Freie kommen und mir erzählen, was geschehen ist.“

Der Rote sprach sehr gut englisch. Was er sagte und wie er es sagte, flößte dem Yankee Vertrauen ein; darum weigerte sich der letztere nicht, der Aufforderung zu folgen. Er kroch aus dem Dickicht hervor und sah, als er das Gebüsch hinter sich hatte, daß die beiden Pferde eine ziemliche Strecke abwärts angepflockt waren. Der Rote betrachtete den Weißen mit einem Blicke, welcher alles zu durchdringen schien, und sagte dann: „Von Süden her sind zwei Männer auf ihren Füßen gekommen; der eine versteckte sich hier, und der bist du; der andre ging weiter, in die Prairie hinaus. Da kamen drei Reiter, welche diesem andern folgten; sie schossen ihm eine Pistolenkugel in den Kopf. Zwei ritten fort. Der dritte nahm die Leiche auf das Pferd, ritt an das Gebüsch, warf sie hinein und jagte dann ostwärts im Galopp von dannen. Ist es so?“

„Ja, genau so,“ nickte Hartley.

„So magst du mir sagen, warum man deinen weißen Bruder erschossen hat. Wer bist du, und warum befindest du dich in dieser Gegend? Sind es auch die drei Männer gewesen, welche deinen Arm verwundet haben?“ Der freundliche Ton, in welchem diese Fragen ausgesprochen wurden, bewies dem Yankee, daß der Rote ihm wohlgesinnt sei und keinerlei Verdacht gegen ihn hege. Er beantwortete die ihm vorgelegten Fragen. Der Indianer sah ihn dabei nicht an; dann aber fragte er plötzlich mit einem durchbohrenden Blicke: „So hat dein Gefährte dein Leben mit dem seinigen bezahlen müssen?“

Der Yankee schlug die Augen nieder und antwortete beinahe stockend: „Nein. Ich bat ihn, sich mit mir zu verstecken; aber er wollte nicht.“

„So, hast du ihm gezeigt, daß die Mörder hinter euch her kamen?“

„Ja.“

„Und ihm auch gesagt, daß du dich hier verbergen wolltest?“

„Ja.“

„Warum hat er da den Mörder, als dieser nach dir fragte, ostwärts nach der Farm gewiesen?“

„Um ihn zu täuschen.“

„So hat er dich retten wollen und war ein wackerer Kamerad. Bist du seiner wert gewesen? Nur der große Manitou weiß alles; mein Auge kann nicht in dein Inneres dringen. Könnte es das, so würdest du dich vielleicht vor mir schämen müssen; ich will schweigen; dein Gott mag dein Richter sein. Kennst du mich?“

„Nein,“ antwortete Hartley kleinlaut.

„Ich bin Winnetou, der Häuptling der Apachen. Meine Hand richtet sich gegen die bösen Menschen, und mein Arm schützt jeden, der ein gutes Gewissen hat. Ich werde nach deiner Wunde sehen; noch notwendiger als das aber ist, zu erfahren, warum die Mörder umgekehrt sind, um euch zu folgen. Weißt du es?“

Hartley hatte schon oft von Winnetou gehört. Nun er wußte, daß dieser berühmte Häuptling vor ihm stehe, antwortete er in doppelt höflichem Tone: „Ich habe es dir bereits gesagt. Sie wollten uns auf die Seite schaffen, damit wir nicht verraten konnten, daß sie mich beraubt haben.“

„Nein. Wäre es bloß das, so hätten sie euch sofort getötet. Es muß etwas andres sein, was ihnen erst später eingefallen ist. Hatten sie dich genau durchsucht?“

„Ja.“

„Und dir alles abgenommen? Auch deinem Gefährten?“

„Nein. Er sagte ihnen, daß er ein armer Flüchtling sei, und bewies es ihnen, indem er ihnen den Brief zeigte.“

„Einen Brief? Haben sie denselben behalten?“

„Nein; er bekam ihn zurück.“

„Wo steckte er ihn hin?“

„In die Brusttasche seines Rockes.“

„Da befindet er sich nicht mehr. Ich habe in alle Taschen des Toten gegriffen und keinen Brief gefunden; sie haben ihm denselben hier abgenommen. Also ist es dieses Schreiben, welches sie bewogen hat, umzukehren und euch einzuholen.“

„Schwerlich!“ meinte Hartley kopfschüttelnd.

Der Indianer antwortete nicht darauf. Er holte die Leiche aus dem Gebüsch und untersuchte die Taschen noch einmal. Der Tote bot einen gräßlichen Anblick, nicht etwa zufolge der Kugelwunde, sondern weil man sein Gesicht mit Messern kreuz und quer zerschnitten hatte, so daß es ganz unkenntlich geworden war. Die Taschen waren leer. Natürlich hatte man auch sein Gewehr mitgenommen.

Der Indianer blickte sinnend in das Weite; dann sagte er im Tone tiefster Überzeugung: „Dein Kamerad wollte nach Sheridan; zwei von den Mördern sind nordwärts geritten, in der Richtung dieses Ortes; sie wollen auch dorthin. Warum haben sie ihm den Brief abgenommen? Weil sie denselben brauchen, sich desselben bedienen wollen. Warum haben sie das Gesicht des Toten entstellt? Damit man ihn nicht erkennen soll. Man soll nicht wissen, daß Haller tot ist; er darf nicht gestorben sein, weil einer der Mörder in Sheridan sich für Haller ausgeben will.“

„Aber zu welchem Zwecke?“

„Das weiß ich nicht, werde es aber erfahren.“

„So willst du auch hin, ihnen nach?“

„Ja. Ich wollte nach dem Smocky-hill-fluß, und Sheridan liegt in der Nähe desselben; wenn ich nach diesem Orte reite, wird mein Weg dadurch nicht viel größer und länger werden. Diese Bleichgesichter haben etwas Schlimmes vor, was sie dort ausführen wollen. Vielleicht ist es mir möglich, es ihnen zu nichte zu machen. Geht mein weißer Bruder mit?“

„Ich wollte eine nahe Farm aufsuchen, um meinen Arm zu pflegen. Freilich möchte ich noch lieber nach Sheridan. Vielleicht erhalte ich dort das geraubte Geld zurück.“

„So wirst du mit mir reiten.

„Aber meine Verwundung!“

„Ich werde sie untersuchen. Auf der Farm hat mein weißer Bruder zwar Pflege, aber keinen Arzt; in Sheridan aber wird es einen solchen geben. Auch versteht sich Winnetou auf Behandlung der Wunden. Er kann zersplitterte Knochen wieder fest machen und besitzt ein ausgezeichnetes Mittel gegen das Wundfieber. Zeige mir jetzt deinen Arm!“

Schon der Schreiber hatte dem Yankee den Frackärmel aufgetrennt; es fiel also dem letzteren nicht schwer, seinen Arm zu entblößen. Winnetou untersuchte denselben und erklärte, daß die Wunde nicht so schlimm sei, als es den Anschein habe. Die Kugel hatte, da der Schuß aus so großer Nähe abgegeben worden war, den Knochen nicht zersplittert, sondern glatt durchschlagen. Der Rote holte eine getrocknete Pflanze aus seiner Satteltasche, befeuchtete sie und legte sie auf die Wunde; dann schnitt er zwei Holzschienen zurecht und verband mit Hilfe derselben den Arm so kunstgerecht, wie ein Wundarzt es mit den gegebenen Mitteln auch nicht besser fertig gebracht hätte. Dann erklärte er: „Mein Bruder kann getrost mit mir reiten. Das Fieber wird gar nicht kommen, oder doch erst dann, wenn er sich längst in Sheridan befindet.“

„Aber wollen wir nicht erst zu erfahren suchen, was der dritte Mörder thut?“ fragte Hartley.

„Nein. Er sucht nach dir, und wenn er deine Spur findet, so wird er umkehren und den beiden andern folgen. Vielleicht thut er das nicht, sondern er hat noch andre Verbündete, welche er vorher aufsucht, um mit ihnen nach Sheridan zu reiten. Ich komme aus bewohnten Gegenden und habe erfahren, daß sich in Kansas viele von den Bleichgesichtern, welche Tramps genannt werden, zusammenziehen. Es ist möglich, daß die Mörder zu diesen Leuten gehören, daß die Tramps einen Streich gegen Sheridan beabsichtigen. Wir dürfen keine Zeit verlieren; wir müssen schnell hin, um die dortigen Weißen zu warnen.“

„Aber wenn dieser dritte Feind nach hier zurückkehrt, wird er unsre Spur finden und aus ihr ersehen, daß wir seinen Freunden gefolgt sind? Muß er da nicht Verdacht schöpfen?“

„Wir folgen ihnen nicht. Winnetou weiß, wohin sie wollen, und braucht also ihre Fährte nicht. Wir reiten einen andern Weg.“

„Und wann werden wir nach Sheridan kommen?“

„Ich weiß nicht, wie mein Bruder reitet.“

„Nun, ein Kunstreiter bin ich freilich nicht. Ich habe noch wenig im Sattel gesessen, aber abwerfen lasse ich mich nicht.“

„So dürfen wir nicht stürmen, werden das aber durch Stetigkeit einholen. Wir reiten von jetzt an die ganze Nacht hindurch und werden am Morgen am Ziele sein. Diejenigen, denen wir folgen, werden des Nachts Lager machen und also später als wir ankommen.“

„Und was geschieht hier mit der Leiche des armen Haller?“

„Wir werden sie begraben, und mein Bruder mag dann ein Gebet sprechen.“

Die Erde war locker, und so wurde, obgleich nur die Messer gebraucht werden konnten, recht bald eine leidlich tiefe Grube fertig, in welche die beiden den Toten legten, um ihn dann mit der aufgeworfenen Erde zu bedecken. Hierauf nahm der Yankee den Hut ab und faltete die Hände. Ob er dabei wirklich betete, war zu bezweifeln. Der Apache blickte ernst in die untergehende Sonne. Es war, als ob sein Auge jenseits des Westens die ewigen Jagdgründe suche. Er war ein Heide, aber er betete ganz gewiß. Dann schritten sie zu den Pferden.

„Mein weißer Bruder mag mein Tier nehmen,“ sagte der Rote „Es hat einen sanften Gang, gleich und eben wie ein Kanoe im Wasser. Ich nehme das ledige.“

Sie stiegen auf und ritten fort, erst eine Strecke westlich, um dann nach Norden einzubiegen. Die Pferde hatten gewiß schon einen weiten Weg gemacht, schritten aber so munter und rüstig aus, als ob sie eben erst von der Weide gekommen seien. Die Sonne sank tiefer und tiefer; endlich verschwand sie hinter dem Horizonte; die kurze Dämmerung ging schnell vorüber, und dann wurde es finstere Nacht. Das machte den Yankee bange.

„Wirst du dich bei dieser Finsternis nicht verirren?“

„Winnetou verirrt sich nie, weder bei Tag noch bei Nacht. Er ist wie der Stern, welcher sich stets an der richtigen Stelle befindet, und kennt alle Gegenden des Landes so genau, wie das Bleichgesicht die Räume seines Hauses kennt.“

„Aber es gibt so viele Hindernisse, welche man nicht sehen kann!“

„Winnetous Augen sehen auch des Nachts. Und was er nicht bemerken kann, wird seinem Pferde sicher nicht entgehen. Mein Bruder reite nicht neben, sondern hinter mir, so wird sein Tier keinen falschen Schritt thun.“

Es war, auch wirklich fast wunderbar, mit welcher Sicherheit Pferd und Reiter sich bewegten. Bald im Schritt, bald im Trabe, oft sogar galoppierend, wurde Stunde um Stunde zurückgelegt und jedes Hindernis umgangen. Es waren sumpfige Stellen zu vermeiden und Bäche zu durchwaten; man kam an Farmen vorüber; stets wußte Winnetou, wo er sich befand, und nicht einen einzigen Augenblick lang schien er im Zweifel über die Örtlichkeit zu sein. Das beruhigte den Yankee ungemein. Er war besonders seines Armes wegen besorgt gewesen; aber das Wundkraut war von außerordentlicher Wirkung. Er fühlte fast gar keinen Schmerz und hatte sich über nichts als nur die Unbequemlichkeit des ungewohnten Reitens zu beklagen. Einigemal wurde angehalten, um die Pferde trinken zu lassen und den Verband mit kühlendem Wasser zu benetzen. Nach Mitternacht zog Winnetou ein Stück Fleisch hervor, welches Hartley essen mußte. Sonst gab es keine Unterbrechung, und als die zunehmende Kühle den Morgen verkündete, sagte sich der letztere, daß er recht gut im stande sei, noch länger im Sattel zu sitzen.

Nun graute der Osten, doch waren die Linien des Terrains noch nicht zu erkennen, da ein dicker Nebel auf der Erde lag.

„Das sind die Nebel des Smocky-hill-flusses,“ erklärte der Häuptling. „Wir werden ihn bald erreichen.“

Es war ihm anzuhören, daß er hatte weiter sprechen wollen, aber er hielt sein Pferd an und lauschte nach links hinüber, von wo taktmäßiger Hufschlag sich näherte. Das mußte von einem galoppierenden Reiter sein. Richtig, da kam er heran und flog vorüber, ventre à terre, blitzesschnell wie ein Phantom. Die beiden hatten weder ihn noch sein Pferd gesehen; nur sein dunkler, breitkrempiger Hut, welcher über dem dichten, am Boden hinkriechenden Nebelschwaden hervorragte, war für einen Augenblick sichtbar gewesen. Einige Sekunden später war der Hufschlag schon nicht mehr zu hören.

„Uff!“ rief Winnetou überrascht. „Ein Bleichgesicht! So, wie dieser Mann ritt, können nur zwei Weiße reiten, nämlich Old Shatterhand, aber dieser befindet sich nicht hier, da ich oben am Silbersee mit ihm zusammentreffen will, der zweite ist Old Firehand. Sollte er sich jetzt in Kansas befinden? Sollte er es gewesen sein?“

„Old Firehand?“ meinte der Yankee. „Das ist ein hochberühmter Westmann.“

„Er und Old Shatterhand sind die besten und tapfersten, auch erfahrensten Bleichgesichter, welche Winnetou kennt. Er ist ihr Freund.“

„Der Mann schien es sehr notwendig zu haben. Wohin mag er wollen?“

„Nach Sheridan, denn seine Richtung ist die unsrige. Links liegt der Eagle-tail und vor uns befindet sich die Furt, welche über den Fluß führt. Wir werden sie in wenigen Minuten erreichen. Und in Sheridan werden wir erfahren, wer dieser Reiter gewesen ist.“

Die Nebel begannen, sich zu zerteilen; sie wurden vom Morgenwinde auseinander getrieben, und bald sahen die beiden den Smocky-hill-fluß vor sich liegen. Auch hier bewährte sich die außerordentliche Ortskenntnis des Apachen. Er erreichte das Ufer genau an der Stelle, an welcher sich die Furt befand. Das Wasser reichte den Pferden hier kaum bis an den Leib, so daß der Übergang ein leichter und ganz ungefährlicher war.

Jenseits angekommen, hatten die Reiter ein Gebüsch, welches sich am Ufer hinzog, zu durchqueren und ritten dann wieder durch offenes Grasland, bis Sheridan, ihr Ziel, sich ihren Augen zeigte.

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Dreizehntes Kapitel

Edelmut Old Shatterhands.

Es war an demselben Morgen, als an dem Bache, welchem gestern abend die Utahs mit ihren Gefangenen gefolgt waren, ein Reitertrupp aufwärts ritt. An der Spitze desselben befand sich Old Firehand mit der Tante Droll. Hinter ihnen ritten Humply-Bill und der Gunstick-Uncle mit den englischen Lord; kurz, es waren die Weißen alle, welche das bereits erzählte Abenteuer am Eagle-tail erlebt hatten und dann nach den Bergen aufgebrochen waren, um nach dem Silbersee zu gelangen. In Denver war Butler, der Ingenieur, mit Ellen, seiner Tochter, zu ihnen gestoßen. Er hatte sich von der Farm seines Bruders direkt dorthin begeben, da es nicht seine Absicht hätte sein können, sein Kind den Gefahren eines abermaligen Zusammentreffens mit den Tramps auszusetzen. Das Mädchen, welches sich auf keinen Fall von dem Vater hatte trennen mögen und ihm zuliebe mit in die Wildnis ging, saß in einer Art von Sänfte, welche von zwei kleinen, aber ausdauernden indianischen Ponies getragen wurde.

Winnetou war jetzt nicht zu sehen, da er als Kundschafter, wozu er sich außerordentlich eignete, voranritt. Zufälligerweise hatte der Weg, welcher von ihm und Old Firehand vorgezeichnet worden war, den Trupp nach dem Walde und über die Blöße geführt, auf welcher Old Shatterhand und seine Begleiter mit den Utahs zusammengetroffen waren. Die beiden Anführer waren erfahren und scharfsinnig genug, die Spuren lesen zu können; sie hatten gesehen, daß Weiße von den Indianern gefangen genommen worden seien, und waren sofort bereit gewesen, der Fährte zu folgen, um vielleicht Hilfe zu bringen.

Sie ahnten nicht, daß von den Utahs das Kriegsbeil ausgegraben worden sei. Sowohl Winnetou als auch Old Firehand wußten sich mit diesem Stamme in tiefstem Frieden, und beide waren überzeugt, bei demselben eine freundliche Aufnahme zu finden und ein gutes Wort für die gefangenen Weißen einlegen zu dürfen.

Wo die Roten ihr Lager aufgeschlagen hatten, wußten sie nicht genau; aber sie kannten den See, und da die Umgebung desselben sich prächtig zum Kampieren eignete, so glaubten sie, die Utahs dort zu finden. Trotz der vorausgesetzten freundlichen Gesinnung wäre es ganz und gar gegen den Gebrauch des Westens gewesen, sich ihnen zu zeigen, ohne sie vorher beobachtet zu haben. Darum war Winnetou vorangeritten, um zu rekognoszieren. Eben als der Trupp die Stelle, an welcher die Ufer des Baches auseinander traten, um die Ebene zu bilden, erreicht hatte, kehrte der Apache zurück. Er kam im Galopp geritten und winkte schon von weitem, daß man anhalten solle. Das war kein gutes Zeichen, und darum fragte Old Firehand, als Winnetou vollends herangekommen war: „Mein Bruder will uns warnen. Hat er die Utahs gesehen?“

„Ich sah sie und ihr Lager.“

„Und Winnetou durfte sich ihnen nicht zeigen?“

„Nein, denn sie haben das Beil des Krieges ausgegraben.“

„Woran war das zu erkennen?“

„Aus den Farben, mit denen sie sich bemalt hatten, und auch daraus, daß ihrer so viele beisammen sind. Die roten Krieger vereinigen sich zu so vielen nur im Kriege und zur Zeit der großen Jagden. Da wir uns nicht in der Jahreszeit der Büffelzüge befinden, kann es nur das Schlachtbeil sein, um welches sich so viele geschart haben.“

„Wie groß ist ihre Zahl?“

„Winnetou konnte das nicht genau sehen. Es standen wohl dreihundert am See, und in den Zelten werden sich wohl auch welche befunden haben.“

„Am See? So viele? Was hat es da gegeben? Vielleicht ein großes Fischtreiben?“

„Nein. Beim Treiben der Fische bewegen die Menschen sich vorwärts; diese aber standen still und blickten ruhig in das Wasser.“

„Alle Teufel! Sollte das etwa eine Exekution bedeuten? Sollte man die Weißen in das Wasser geworfen haben, um sie zu ertränken?“

Diese Vermutung Old Firehands bewegte sich auf nicht ganz falscher Fährte, denn der Apache hatte die Utahs in dem Augenblicke beobachtet, in welchem das Wettschwimmen begonnen hatte. Winnetou antwortete mit solcher Zuversicht, als ob er mit am See gestanden und alles beobachtet hätte: „Nein, man will sie nicht ertränken; aber es gilt ein Schwimmen um das Leben.“

„Hast du Grund, das zu vermuten?“

„Ja. Winnetou kennt die Gebräuche seiner roten Brüder, und Old Firehand ist mit denselben auch so gut bekannt, daß er mir beistimmen wird. Die Utahs tragen die Kriegsfarben und betrachten die bei ihnen befindlichen Weißen also als Feinde. Dieselben sollen getötet werden. Aber der rote Mann läßt seinen Feind nicht schnell sterben, sondern er martert ihn langsam zu Tode; er wirft ihn nicht in das Wasser, um ihn rasch zu ertränken, sondern er gibt ihm einen überlegenen Gegner, mit welchem er um das Leben schwimmen muß. Da der Gegner stets besser schwimmt als das Bleichgesicht, so ist der Weiße unbedingt verloren. Man läßt ihn schwimmen, nur um sein Sterben, seine Todesangst zu verlängern.“

„Das ist richtig, und ich bin also ganz deiner Ansicht. Wir haben die Spuren von erst vier und dann zwei Weißen gezählt; das sind sechs. Man wird sie nicht alle schwimmen lassen, sondern jeden auf eine andre Art um sein Leben kämpfen lassen. Wir müssen uns beeilen, sie zu retten.“

„Wenn mein weißer Bruder das thut, so wird er sich nur beeilen, selbst zu sterben.“

„Nun, das muß gewagt werden. Ich baue darauf, daß ich mich gegen die Utahs niemals feindlich gezeigt habe.“

„Darauf darfst du dich nicht verlassen. Haben sie das Kriegsbeil gegen die Weißen ausgegraben, so behandeln sie ihren besten Freund als Feind, wenn er ein Bleichgesicht ist; sie würden auch deiner nicht schonen.“

„Aber die Häuptlinge würden mich schützen!“

„Nein. Der Utah ist nicht treu und aufrichtig, und kein Häuptling dieses Volkes hat auf seine Krieger den Einfluß, welcher dich zu retten vermöchte. Wir dürfen uns nicht zeigen.“

„Aber du darfst doch zu ihnen gehen!“

„Nein, denn ich weiß nicht, ob sie das Beil nicht auch gegen andre rote Nationen geschliffen haben.“

„Dann sind diese sechs Weißen aber doch rettungslos verloren!“

„Mein Bruder mag das nicht glauben. Ich habe zwei Gründe, welche dagegen sprechen.“

„Nun, erstens?“

„Erstens habe ich bereits gesagt, daß die Gefangenen der roten Männer nur langsam sterben dürfen; es ist aber noch früh am Morgen, und wir haben also noch Zeit, das Lager zu beobachten. Vielleicht erfahren wir mehr, als wir jetzt wissen, und dann können wir leichter einen Entschluß fassen.“

„Und zweitens?“

Der Apache machte ein äußerst pfiffiges Gesicht, als er antwortete: „Es befindet sich bei den Bleichgesichtern ein Mann, welcher sich und die Seinigen nicht so leicht töten läßt.“

„Wer?“

„Old Shatterhand.“

„Was!“ fuhr der Jäger auf. „Old Shatterhand, mit welchem du droben am Silbersee zusammentreffen willst? Sollte er wirklich schon hier sein?“

„Old Shatterhand ist so pünktlich wie die Sonne oder ein Stern am Himmel.“

„Hast du ihn gesehen?“

„Nein.“

„Wie willst du da behaupten, daß er sich hier befindet!“

„Ich weiß es bereits seit gestern.“

„Ohne es mir zu sagen?“

„Schweigen ist oft besser als sprechen. Hätte ich gestern gesagt, wessen Gewehr auf der Blöße gesprochen hat, so würdet Ihr nicht ruhig geblieben sein, sondern viel schneller vorwärts gedrängt haben.“

„Sein Gewehr hat gesprochen? Woher weißt du das?“

„Als wir den Waldessaum und das Gras der Lichtung absuchten, fand ich ein Bäumchen mit Kugellöchern. Die Kugeln stammen aus Old Shatterhands Wunderbüchse; ich weiß das genau. Er hat die roten Männer erschrecken wollen, und sie fürchten sich nun vor seinem Gewehre.“

„Hättest du mir das Bäumchen gezeigt! Hm! Wenn Old Shatterhand sich unter diesen Weißen befindet, so braucht uns allerdings nicht allzu bange zu sein. Ich kenne ihn; ich weiß, was er leistet, und welchen Respekt die Indianer für ihn hegen. Was sollen wir thun? Was schlägst du uns vor?“

„Meine Freunde werden mir jetzt folgen und dabei einzeln hintereinander reiten, damit die Utahs, wenn sie ja auf unsre Fährte treffen sollten, nicht zählen können, wieviel Personen wir sind. Howgh!“

Er wendete sein Pferd nach rechts und ritt weiter, ohne zu fragen, ob Old Firehand ihm beistimme, und ohne sich umzuschauen, ob man ihm folge.

Die Ufer des Baches waren, wie schon gesagt, auseinander getreten, um als erst niedriger und dann immer mehr ansteigender Höhenzug die Ebene des Sees einzusäumen. Die Ebene war baumlos, aber die Höhen standen voller Wald, welcher bis zum Fuße derselben herniederstieg und dann einen lichten Saum von Büschen bildete. Hinter diesen Büschen und unter den Bäumen Schutz und Deckung suchend, folgte Winnetou der Höhe rechts, welche die nördliche Seite der Ebene begrenzte und dann im Westen an jenen Bergstock stieß, dessen Wasser den See speiste.

Auf diese Weise umritten die Weißen die Ebene von dem östlichen bis zu dem westlichen Punkte derselben, wo sie an den Bach gelangten und, einige hundert Schritte vom See entfernt, sich unter Bäumen befanden, zwischen denen hindurch sie auf das Lager sehen konnten. Dort stiegen sie ab. Doch banden sie ihre Pferde nicht an; es behielt vielmehr ein jeder die Zügel des seinigen in der Hand, und Winnetou verschwand, um die Umgebung abzusuchen. Er kehrte sehr bald zurück und meldete, daß er nichts Verdächtiges gefunden habe. Es war kein Utah heute an diesen Ort gekommen. Nun erst band man die Pferde an und lagerte sich in das weiche Moos. Der Platz war wie dazu gemacht, das Lager heimlich und dabei mit aller Gemütlichkeit zu beobachten.

Man sah die Utahs vor demselben stehen nach Süden hin. Dann erblickte man zwei Männer, welche sich von dem Haufen trennten und aus Leibeskräften südwärts rannten. Old Firehand nahm sein Fernrohr vor das Auge, sah hindurch und rief: „Ein Wettlauf zwischen einem Roten und einem Weißen! Der Rote ist schon weit voran und wird siegen. Der Weiße ist ein sehr kleiner Kerl.“

Er gab dem Apachen das Rohr. Kaum hatte dieser den kleinen Weißen vor das Glas bekommen, so fuhr er auf: „Uff! Das ist der Hobble-Frank! Dieser kleine Held muß um sein Leben laufen und kann den Roten unmöglich überholen.“

„Der Hobble-Frank, von dem du uns erzählt hast?“ fragte Old Firehand. „Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen; wir müssen einen Entschluß fassen!“

„Jetzt noch nicht,“ meinte der Apache. „Noch hat es keine Gefahr. Old Shatterhand ist ja bei ihm.“

Die Bäume standen so, daß man nicht das ganze Terrain des Wettlaufes zu übersehen vermochte. Die beiden Läufer waren rechts verschwunden; man erwartete ihre Rückkehr und war natürlich überzeugt, daß der Rote zuerst erscheinen werde. Wie erstaunte man aber, als an Stelle dessen der Kleine erschien, ganz gemächlich gehend, als ob es sich um einen Spaziergang handle.

„Der Frank zuerst!“ rief Old Firehand. „Wie ist das möglich!“

„Durch List,“ antwortete Winnetou. „Er hat gesiegt, und wir werden es erfahren, wie er es angefangen hat. Hört ihr, wie die Utahs zornig schreien! Sie entfernen sich; sie kehren in das Lager zurück. Und seht, dort stehen vier Bleichgesichter; ich kenne sie.“

„Ich auch,“ rief Droll. „Old Shatterhand, der lange Davy, der dicke Jemmy und dieser kleine Hobble-Frank.“

Diese Namen erregten allgemeines Aufsehen. Einige kannten einen oder mehrere der Genannten persönlich; die andern hatten genugsam von ihnen gehört, um ihnen das größte Interesse zu widmen. Die Bemerkungen flogen hin und her, bis Winnetou zu Old Firehand sagte: „Sieht mein Bruder jetzt, daß ich recht hatte? Unsre Freunde haben ihre Waffen noch; es kann also nicht gefährlich um sie stehen.“

„Einstweilen noch, ja; aber wie bald kann sich das ändern. Ich schlage vor, ganz offen hinzureiten.“

„Will mein Bruder hin, so mag er es thun; ich aber bleibe hier,“ antwortete der Apache in sehr bestimmtem Tone. „Old Shatterhand kennt die Verhältnisse und weiß, was er thut; wir aber kennen sie nicht und würden ihn vielleicht in der Ausführung seines Planes stören. Bleibt hier, ich werde so weit wie möglich vordringen, um zu erfahren, was geschieht.“

Er behielt das Fernrohr in der Hand und verschwand zwischen den Bäumen. Es verging eine lange halbe Stunde; da kehrte er zurück und meldete: „Es gibt mitten im Lager einen Zweikampf. Die Utahs stehen so eng beisammen, daß ich die Kämpfenden nicht sehen konnte; aber den Hobble-Frank sah ich. Er zog die Pferde heimlich und vorsichtig hinter das Zelt und gab ihnen die Decken. Die Weißen wollen fort.“

„Und heimlich? Also fliehen?“ fragte Old Firehand. „So postieren wir uns hier an den Weg und nehmen sie auf oder gehen ihnen gar entgegen.“

„Keins von beiden,“ entgegnete der Apache kopfschüttelnd.

„Meine Ansichten scheinen heute bei meinem roten Bruder stets auf Widerspruch zu stoßen!“

„Old Firehand mag nicht zürnen, sondern nachdenken. Was werden die Roten thun, wenn die Weißen fliehen?“

„Sie werden dieselben verfolgen.“

„Wenn man vier oder sechs Männer verfolgt, wie viele Krieger braucht man dazu?“

„Nun, zwanzig bis dreißig.“

„Gut! Diese werden wir sehr leicht besiegen. Wenn wir uns aber den Utahs zeigen, wird der ganze Stamm hinter uns her sein, und dann muß viel Blut fließen.“

„Du hast recht, Winnetou. Aber wir können die Roten doch nicht blind machen. Sie werden unsre Zahl sehr bald aus der Fährte erkennen.“

„Sie werden die Fährte betrachten, welche vor ihnen ist, aber nicht diejenige, welche sich hinter ihnen befindet.“

„Ach, du meinst, daß wir ihnen folgen?“

„Ja.“

„Ohne daß wir uns Old Shatterhand zeigen?“

„Wir werden mit ihm sprechen, aber nur du und ich. Horch! Was ist das?“

Vom Lager her erscholl ein fürchterliches Geheul, und gleich darauf sah man vier Reiter im Galopp aus demselben kommen. Es waren die Weißen. Sie schlugen die Richtung nach dem obern Ende des Sees ein, hatten also die Absicht, den Bach zu erreichen und an demselben aufwärts zu reiten.

„Da kommen sie,“ sagte Winnetou. „Old Firehand mag mir folgen. Meine andern weißen Brüder aber müssen mit den Pferden schnell tiefer in den Wald hinein und dort warten, bis wir zurückkehren. Sie mögen unsre Pferde mitnehmen.“

Er nahm Old Firehand bei der Hand und zog ihn mit sich fort, immer am hohen Ufer des Baches entlang, unter den Bäumen hin, bis an eine Stelle, von welcher aus man das Lager sehen konnte, ohne von dort aus bemerkt zu werden. Da blieben sie stehen.

Old Shatterhand kam schnell näher. Er hielt sich mit seinen Begleitern nahe am Wasser, ritt also unten, während der Apache und Old Firehand oben standen. Als er die Stelle erreichte, erklang es von oben herab: „Uff! Meine weißen Brüder mögen hier halten bleiben.“

Die vier parierten ihre Pferde und blickten nach oben.

„Winnetou, Winnetou!“ riefen sie zugleich.

„Ja, es ist Winnetou, der Häuptling der Apachen,“ antwortete er. „Und hier steht noch einer, welcher ein Freund meiner weißen Brüder ist.“

Er zog den gewaltigen Jäger hinter einem Baume hervor.

„Old Firehand!“ rief Old Shatterhand. „Du hier, du! Ich muß hinauf, dich zu begrüßen! Oder komm herab!“

Trotz der Gefahr, in welcher er sich befand, machte er Miene, vom Pferde zu springen.

„Halt, bleib!“ wehrte ihm Old Firehand ab. „Auch ich darf nicht zu dir.“

„Warum?“

„Die Utahs, welche dir folgen werden, dürfen von unsrer Gegenwart nichts ahnen.“

„Ach! Seid ihr allein?“

„Nein. Wir sind wohl vierzig Jäger, Rafters und sonstige Westmänner. Du wirst gute Bekannte bei uns finden. Jetzt ist es nicht Zeit zum Erzählen. Wo wolltest du hin?“

„Nach dem Silbersee.“

„Wir auch. Reitet jetzt weiter. Sobald eure Verfolger vorüber sind, kommen wir auch und nehmen sie in die Mitte.“

„Recht so!“ rief Old Shatterhand. „Welch eine Freude und welch ein Glück, euch hier zu treffen! Aber wenn wir auch keine langen Reden halten können, so müßt ihr doch in Kürze erfahren, was geschehen ist. Könnt ihr von da oben aus das Lager sehen?“

„Ja.“

„So paßt auf, damit ich nicht überrumpelt werde. Ich will euch das Nötigste erzählen.“

Die Freude dieser Männer über das Zusammentreffen war gewiß groß; aber die Verhältnisse verboten es, ihr Worte zu verleihen und dabei Zeit zu verschwenden. Man machte sich gegenseitig in kurzer Weise die nötigen Mitteilungen, welche der geübte Scharfsinn dieser Leute sehr leicht zu ergänzen vermochte. Als man damit zu Ende war, ergriff Winnetou das Wort, indem er Old Shatterhand fragte: „Mein weißer Bruder kennt die tiefe Schlucht, welche von den Bleichgesichtern Night-Canon genannt wird?“

„Ja; ich bin ja mit dir mehrere Male dort gewesen.“

„Sie ist von hier aus in fünf Stunden zu erreichen. Sie erweitert sich in ihrer Mitte zu einem runden Platze, dessen Wände, die niemand zu ersteigen vermag, bis zum Himmel zu reichen scheinen. Erinnert Old Shatterhand sich dieser Stelle?“

„Sehr gut.“

„Bis dorthin mag mein weißer Bruder reiten. Ist er durch diese runde Stelle gekommen, so mag er sich jenseits derselben festsetzen. Die Schlucht ist da so schmal, daß kaum zwei Reiter einander ausweichen können. Er bedarf seiner Gefährten gar nicht und kann allein mit seiner Zauberflinte mehrere hundert Utahs aufhalten. Wenn sie dort angekommen sind, so können sie weder vorwärts noch rückwärts, denn wir werden schnelle hinter ihnen sein. Es bleibt ihnen nur die Wahl, sich bis auf den letzten Mann erschießen zu lassen oder sich zu ergeben.“

„Gut, wir werden diesem Rate folgen. Aber sagt mir nur vor allen Dingen noch das eine: Warum reitet ihr zu so vielen hinauf an den Silbersee?“

„Das will ich dir sagen,“ antwortete Old Firehand. „Es gibt da oben eine äußerst reiche Silbermine, aber in so wasserloser Gegend, daß die Ausbeutung derselben eine Unmöglichkeit ist, falls es uns nicht gelingt, Wasser zu schaffen. Da ist mir der Gedanke gekommen, das Wasser des Silbersees hinzuleiten. Gelingt uns das, so nehmen wir Millionen aus der Mine. Ich habe einen Ingenieur mit, welcher die technischen Punkte erst zu begutachten und, im Falle des Glückes, dann auszuführen hat.“

Über Old Shatterhands Gesicht flog ein undefinierbares Lächeln, als er bemerkte: „Eine Mine? Wer hat sie entdeckt?“

„Ich selbst war mit dabei.“

„Hm! Leite den See nach dieser Mine, so machst du ein doppeltes Geschäft.“

„Wieso?“

„Auf dem Grunde desselben liegen Reichtümer, gegen welche deine Silberader die reinste Armut ist.“

„Ah! Meinst du den Schatz im Silbersee?“

„Allerdings.“

„Was weißt du davon?“

„Mehr, als du denkst. Du wirst es später erfahren, wenn mehr Zeit als jetzt dazu ist. Aber du selbst sprichst von diesem Schatze. Von wem hast du darüber erfahren?“

„Von – – na, auch davon später. Mache dich fort! Ich sehe Indianer aus dem Lager kommen.“

„Hierher?“

„Ja, zu Pferde.“

„Wie viele?“

„Fünf.“

„Pshaw! Sie sind nicht zu fürchten; aber ihr dürft euch doch nicht vor ihnen sehen lassen. Es ist die Avantgarde, welche uns nicht aus den Augen lassen soll; das Gros wird jedenfalls bald folgen. Also vorwärts! Auf Wiedersehen im Nachtcanon!“

Er gab seinem Pferde die Fersen und ritt mit den drei Begleitern davon. Old Firehand und Winnetou duckten sich nieder, um die fünf Utahs zu beobachten. Sie kamen heran und ritten, die Blicke aufmerksam nach vorn und gegen die Erde gerichtet, vorüber, ohne zu ahnen, was für gefährliche Leute sich in der Nähe befanden.

Nun kehrten die beiden zu ihren Leuten zurück. Diese hatten sich in den Wald zurückgezogen und befanden sich nahe der Einmündung des Baches in den See. Old Firehand wollte ihnen mitteilen, was er mit Old Shatterhand besprochen hatte; da fiel sein Auge auf mehrere Utahfrauen, welche sich dem Ufer des Sees näherten; sie trugen die zum Angeln nötigen Gerätschaften in den Händen. Er machte Winnetou auf sie aufmerksam und sagte: „Wenn man diese Squaws belauschen könnte, so würde man über die Absicht ihrer Krieger vielleicht etwas erfahren.“

„Winnetou wird es versuchen, wenn sie nahe genug herankommen,“ antwortete der Apache.

Ja, sie kamen nahe genug herbei. Sie wollten nicht im See, sondern in der Mündung des Baches fischen. Dort setzten sie sich unter Büschen nebeneinander ans Ufer hin, warfen die Angeln aus und sprachen miteinander. Sie schienen es gar nicht zu wissen oder wenigstens sich nicht daran zu kehren, daß der Angler nicht sprechen darf. Winnetou wand sich wie eine Schlange zu ihnen hin und legte sich hinter die Büsche, an denen sie saßen. Es war unterhaltend, sie und zugleich auch ihn beobachten zu können. So lag er wohl über eine Viertelstunde und kehrte dann zurück, um zu melden: „Wenn diese Squaws nicht besser schweigen lernen, werden sie niemals eine Forelle fangen. Sie haben mir alles gesagt, was ich wissen wollte.“

„Und was war das?“ wurde er gefragt.

„Die fünf Krieger, welche an uns vorüberritten, sollen die Fährte Old Shatterhands deutlicher machen, und in kurzer Zeit werden fünfzig andre folgen, angeführt von dem „großen Wolfe“.“

„So ist er unverletzt?“

„Ja. Der Hieb Old Shatterhands hat ihm die rechte Hand gelähmt und seinen Atem ins Stocken gebracht. Dieser ist ihm zurückgekehrt und die Hand hindert ihn nicht, die Verfolgung selbst zu leiten. Old Shatterhand soll erschossen werden, damit er den Navajos nichts über die Absichten der Utahs verraten kann. Diese letzteren zerstreuen sich heute in der ganzen Gegend, um zu jagen und Fleisch zu machen, denn morgen soll das Lager abgebrochen werden.“

„Wohin wird es verlegt?“

„Die Frauen und Kinder ziehen zu den Alten in die Berge, wo sie sicher sind; die Krieger aber folgen dem „großen Wolfe“ nach, um den Versammlungsplatz aller Utahstämme aufzusuchen.“

„Wo ist derselbe?“

„Das schienen die Squaws nicht zu wissen. Mehr konnte ich nicht erfahren; es ist aber für das, was wir vorhaben, genug.“

„So können wir nichts thun, als warten, bis der „große Wolf“ mit seinem Truppe vorüber ist. Daß er fünfundfünfzig Männer mit sich nimmt, zeigt uns, welchen Respekt er vor Old Shatterhand hat. Eine solche Überzahl gegen vier Weiße!“

„Old Shatterhand ist mein Freund und Schüler,“ meinte Winnetou stolz. „Er hat fünfundfünfzig nicht zu fürchten.“

Nun legte man sich auf die Lauer, bis wohl nach einer Stunde der „große Wolf“ mit seinen Leuten kam. Sie ritten vorüber, ohne einen Blick unter die Bäume zu werfen. Ihr Aussehen war ein höchst kriegerisches. Sie waren ohne Ausnahme mit Schießgewehren bewaffnet. Der Häuptling trug die rechte Hand in einer Binde. Sein Gesicht war noch dicker bemalt als am Morgen. Von seinen Schultern hing der mit Federn geschmückte Kriegsmantel auf den Rücken des Pferdes nieder; aber der Kopf trug nicht mehr den Schmuck der Adlerschwingen. Er war besiegt worden und wollte diese Auszeichnung erst wieder anlegen, wenn er seine Rache befriedigt hatte. Seine besten Leute ritten die besten Pferde, welche sich im Lager befunden hatten.

Zehn Minuten später folgte der kühne Winnetou ganz allein und nach abermals zehn Minuten brachen die andern auf.

Von einem wirklichen Wege war natürlich keine Rede. Man ritt immer am Wasser aufwärts. Dieses hatte im Frühjahre während des Hochwassers an den Ufern gefressen. Losgerissene Steine und Stämme lagen überall, und man kam infolgedessen nur sehr langsam vorwärts, besonders da die Sänfte nur schwer über solche Hindernisse zu bringen war. Als man dann die Lehne des Berges hinter sich hatte, wurde es besser. Die größte Steigung war überwunden, und je weniger Fall das Wasser hatte, desto weniger zerstört war die Umgebung des Baches.

Was die Fährte betrifft, welcher man folgte, so konnte dieselbe gar nicht deutlicher sein. Da Old Shatterhand solche Verbündete gefunden hatte, hielt er es nicht mehr für nötig, für eine unlesbare Spur zu sorgen. Die ihm folgenden fünf Utahs waren mit Absicht so geritten, daß ihre Hufeindrücke leicht zu sehen waren, und da der „große Wolf“ keinen Feind hinter sich wußte, war es ihm nicht eingefallen, Vorsicht anzuwenden. Die Richtung nach dem Nachtcanon führte an der schmalsten Stelle der Elk Mountains quer über das Gebirge. Als man sich oben befand, wurde der Bach verlassen; es ging mitten durch Urwald, welcher kein Unterholz hatte. Die weit auseinander stehenden Stämme vereinigten ihre Kronen zu einer so dichten Laubdecke, daß nur an einzelnen Stellen ein Sonnenstrahl durchzudringen vermochte. Der Boden war moderig und weich und zeigte die Fährte tief eingeschnitten.

Einige Male näherte man sich dem Apachen so, daß man ihn zu sehen bekam. Seine Haltung war eine sehr unbesorgte. Er wußte, daß die Utahs ihre Aufmerksamkeit wohl schwerlich hinter sich richteten.

Zehn Uhr war es gewesen, als Old Firehand mit seinen Leuten vom See aufgebrochen war. Bis ein Uhr ging es fast nur durch Wald und dann über eine Buschprairie, was den Weißen sehr lieb sein mußte. Wäre die Prairie offen gewesen, so hätte man viel größere Abstände nehmen müssen. Das grasige Land senkte sich oft zu Thal, um drüben wieder emporzusteigen, dann kam wieder Wald, aber nicht für lange Zeit, denn schon nach wenigen Minuten erreichte man den jenseitigen Saum desselben. Dort hielt der Apache, um seine Gefährten zu erwarten. Warum er nicht weiterritt, diese Frage beantwortete er nicht durch Worte, sondern dadurch, daß er vorwärts zeigte.

Ein Anblick wirklich ganz einziger Art bot sich den Weißen. Man hatte das Gebiet des Elkgebirges hinter und dasjenige des Grand-River mit seinen Canons vor sich. Von rechts, von links und von da, wo die Reiter hielten, senkten sich drei schwarze, schiefe Felsenebenen wie riesige, unten zusammenstoßende Schiefertafeln gegeneinander. Die Neigung derselben war so stark und ihre Fläche so glatt, daß man unmöglich im Sattel bleiben konnte. Es war fast schaurig, bis auf den tiefen Grund, den man doch erreichen mußte, zu blicken. Von beiden Seiten, da wo die Riesentafeln zusammenstießen, floß ein Wasser abwärts, aber ohne einen Baum, einen Busch oder auch nur einen Halm zu nähren. Unten vereinigten sich die beiden Wasser, um in einem Felsenspalt zu verschwinden, welcher die scheinbare Breite eines Lineales besaß.

„Das ist der Night-Canon,“ erklärte Old Firehand, indem er auf diese Spalte deutete. „Er trägt diesen Namen, weil er so tief und schmal ist, daß das Licht der Sonne nicht hinabzudringen vermag und es in seiner Tiefe selbst am hellen Tage fast Nacht ist; daher der Name Nachtcanon. Man reitet da um die Mittagszeit in einer ziemlichen Dämmerung. Und seht da unten!“

Er zeigte abwärts, dahin, wo das Wasser im Spalt verschwand. Dort bewegten sich kleine Gestalten; Reiter waren es, so klein, daß sie dem Beobachter kaum bis an die Kniee zu reichen schienen. Das waren die Utahs, welche soeben im Felsenspalt verschwanden.

Dieser war fast senkrecht in eine gigantische Steinmauer gerissen, über welcher eine weite, weite Ebene lag, die von nebelfernen Bergriesen, dem Bookgebirge, abgeschlossen wurde. Die Tante Droll blickte in die Tiefe und sagte zu dem schwarzen Tom: „Da solle wir ’nunter? Das kann doch nur een Schieferdecker fertig bringe! Das is ja de reene Lebensgefährlichkeet, wenn’s nötig is! Wennste dich hersetzt, und ich geb‘ dir eenen Schwupps, so kannste bis ’nunter Schlitte fahre.“

„Und doch müssen wir hinab,“ meinte Old Firehand. „Steigt ab, und nehmt eure Pferde bei den Zügeln, aber kurz. Wir müssen es allerdings gerade wie beim Schlittenfahren machen, wenn es einen Berg hinabgeht. Da man kein Schleifzeug und keinen Hemmschuh hat, kann man nur dadurch hemmen, daß man im Zickzack abwärts fährt. So auch wir jetzt, immer herüber und hinüber.“

Dieser Rat wurde befolgt, und es zeigte sich, daß derselbe gut war. In gerader Richtung wäre man schwerlich ohne verschiedene Schiffbrüche hinabgekommen; der Abstieg nahm weit über eine halbe Stunde in Anspruch. Ein wahres Glück, daß die Utahs so ahnungslos waren! Hätten sie ihre Verfolger bemerkt und sich im Felsenspalt festgesetzt, so wäre es ihnen ein Leichtes gewesen, sie während dieses langsamen Abstieges, ohne alle Gefahr für sich, einen nach dem andern wegzuputzen.

Endlich war man unten und ordnete sich zum Eindringen in den Canon, welcher hier so schmal war, daß neben dem Wasser nur zwei Reiter Platz fanden. Voran war natürlich wieder Winnetou. Ihm folgte Old Firehand, neben welchem jetzt der Lord ritt. Dann kamen die Jäger und nachher die Rafters, welche den Ingenieur und seine Tochter zwischen sich nahmen. Der Trupp war seit dem Eagletail dadurch größer geworden, daß sich Watson, der Schichtmeister, mit noch mehreren Arbeitern angeschlossen hatte.

Gesprochen durfte nicht werden, da jeder Laut in diesem Spalte viel weiter als im Freien zu hören war. Der Hufschlag der Pferde konnte zum Verräter werden; darum war Winnetou abgestiegen und, während sein Pferd von einem Rafter geführt wurde, auf seinen weichen Mokassins den Gefährten vorangegangen.

Es war wie ein Ritt durch die Unterwelt. Vor und hinter sich den engen Spalt, unter sich den starren, steinbesäeten Felsen und das dunkle, unheimliche Wasser und rechts und links die gerade aufstrebenden Felsenwände, welche so hoch waren, daß sie den Himmel nicht sehen ließen, sondern oben zusammenzustoßen schienen. Die Luft wurde, je weiter man eindrang, desto kälter und schwerer, und das Tageslicht verwandelte sich in Dämmerung.

Und lang war der Canon, ewig lang! Zuweilen wurde er ein wenig breiter, so daß er Raum für fünf oder sechs Reiter bot; dann traten die Wände wieder so eng zusammen, daß man vor Angst, erdrückt zu werden, laut hätte aufschreien mögen. Sogar den Pferden war es nicht geheuer; sie schnaubten ängstlich und strebten schnell vorwärts, um aus dieser Enge erlöst zu werden.

Eine Viertelstunde verging und noch eine; da – – unwillkürlich blieben alle halten – – gab es einen Krach, als ob zehn Kanonen zugleich abgeschossen worden seien.

„Um Gottes willen, was war das?“ fragte Butler, der Ingenieur. „Stürzen vielleicht die Felsen ein?“

„Ein Flintenschuß,“ antwortete Old Firehand. „Der Augenblick ist da. Je ein Mann für drei Pferde bleibt zurück; die andern vor. Absteigen!“

Im Nu waren über dreißig Mann, jeder die Büchse in der Hand, auf den Füßen, um ihm zu folgen. Schon nach wenigen Schritten sahen sie Winnetou stehen, den Rücken ihnen zugekehrt und die Silberbüchse nach vorwärts zum Schusse angelegt.

„Die Waffen nieder, sonst spricht meine Zauberbüchse!“ ertönte eine gewaltige Stimme; man wußte nicht, woher, ob von oben hernieder oder aus dem Erdboden heraus.

„Nieder die Waffen!“ donnerte es abermals in der Sprache der Utahs, daß in dem engen Spalte aus den wenigen Silben ein ganzes Gewittergrollen wurde. Dann fielen schnell aufeinander drei Schüsse. Man hörte, daß sie aus einem und demselben Laufe kamen. Das mußte der Henrystutzen Old Shatterhands sein, dessen Knall hier allerdings die Stärke eines Kanonenschusses hatte. Gleich darauf blitzte auch die Silberbüchse Winnetous auf. Die Getroffenen schrieen, und dann folgte ein Geheul, als ob alle Scharen der Hölle losgelassen seien.

Old Firehand hatte den Apachen erreicht und konnte nun sehen, was und wen er vor sich hatte. Der Spalt erweiterte sich auf eine kurze Strecke und bildete einen Raum, welchen man am besten ein Felsengemach nennen konnte. Es war von rundlicher Gestalt und so groß, daß vielleicht hundert Reiter in demselben Platz finden konnten. Das Wasser lief am linken Rande desselben hin. Auch hier herrschte Dämmerung; doch konnte man die Schar der Utahs sehen.

Die fünf vorausgesandten Krieger hatten einen großen Fehler begangen. Sie waren hier halten geblieben, um die Ihrigen zu erwarten. Hätten sie das nicht gethan, so wären die jenseits postierten vier Weißen gezwungen gewesen, sie anzureden, und sie hätten wohl rückwärts fliehen können, um die Ihrigen zu warnen. Da sie aber so lange gewartet hatten, bis diese nachkamen, so waren sie nun alle eingeschlossen. Drüben stand Old Shatterhand mit dem erhobenen Henrystutzen, und neben ihm kniete der Hobble-Frank, damit Davy und Jemmy über ihn hinwegschießen könnten. Die Roten hatten ihre Waffen auf die Aufforderung des ersteren nicht sofort gesenkt, und darum waren die Schüsse gefallen. Fünf tote Utahs lagen am Boden. Die andern konnten kaum an Gegenwehr denken; sie hatten genug zu thun, ihre Pferde zu bändigen, welche durch den außerordentlichen Wiederhall der Schüsse scheu geworden waren.

„Werft die Waffen weg, sonst schieße ich wieder!“ ertönte Old Shatterhands Stimme abermals.

Und von der andern Seite her erschallte es: „Hier steht Old Firehand. Ergebt euch, wenn ihr euer Leben retten wollt!“

Und neben diesem rief der Apache: „Wer kennt Winnetou, den Häuptling der Apachen? Wer sein Gewehr gegen ihn erhebt, der verliert seinen Skalp. Howgh!“

Waren die Utahs der Meinung gewesen, den Feind nur vor sich zu haben, so sahen sie jetzt, daß ihnen der Rückweg auch verschlossen war. Dort stand die mächtige Gestalt Old Firehands und die stolz-schlanke des berühmten Apachenhäuptlings. Neben ihnen hielt, da sonst kein Raum vorhanden war, die Tante Droll mit angeschlagenem Gewehr im Wasser, und zwischen diesen dreien sah man verschiedene Gewehrläufe ragen.

Kein einziger der Utahs wagte, sein Gewehr wieder zu erheben. Sie starrten nach vorn und nach hinten und wußten nicht, was sie thun sollten.

Widerstand leisten wäre ihr Verderben gewesen, das sahen sie ein; aber sich so schnell und ohne alle Verhandlung ergeben, das widerstrebte ihnen. Da sprang Droll aus dem Wasser, schritt bis zum Häuptling vor, hielt ihm den Lauf des Gewehres an die Brust und rief ihm zu: „Wirf das Gewehr weg, sonst drücke ich los!“

Der „große Wolf“ hielt den Blick starr auf die dicke, fremdartige Gestalt geheftet, als ob er ein Gespenst vor sich sehe; die Finger seiner Rechten öffneten sich und ließen das Gewehr fallen.

„Den Tomahawk auch und das Messer!“

Der Häuptling griff in den Gürtel, nahm die beiden genannten Waffen heraus und warf sie fort.

„Binde deinen Lasso los!“

Auch diesem Befehle gehorchte der „große Wolf“. Droll nahm den Lasso und band mit demselben die Füße des Häuptlings unter dem Bauche seines Pferdes zusammen. Dann nahm er dieses letztere beim Zügel, führte es auf die Seite und rief dem Gunstick-Uncle, welcher hinter Old Firehand stand, zu: „Komm her, Onkel, und fessele ihm die Hände!“

Der Uncle kam steif und gravitätisch herbeigeschritten und antwortete: „An den Gürtel will ich hinten – – ihm die beiden Hände binden.“

Er schwang sich hinter dem „großen Wolf“ auf das Pferd, machte seine Worte zur That und sprang dann wieder ab. Es war, als habe der Häuptling gar nicht gewußt, was mit ihm vorging; er befand sich wie im Traume. Sei Beispiel wirkte. Die Seinen ergaben sich nun auch in ihr Schicksal; sie wurden ebenso entwaffnet und gebunden wie er, und das ging außerordentlich schnell von statten, da alle Weißen nur darauf bedacht waren, zu thun, was der Augenblick erforderte.

Gern hätte der Hobble-Frank Winnetou begrüßt; Davy und Jemmy hatten ganz dasselbe Verlangen; aber man durfte jetzt nicht an solche Herzensangelegenheiten denken, sondern mußte die Erledigung derselben für später aufheben. Es galt vor allen Dingen aus dem Canon zu kommen. Darum wurde, als der letzte Rote gebunden war und man die erbeuteten Waffen aufgelesen hatte, sofort der Weiterritt angetreten. Voran ritten die Jäger, dann kamen die Roten, und den Beschluß bildeten die Rafters. Winnetou und Old Firehand ritten mit Old Shatterhand voran. Sie hatten ihm still die Hand gegeben, die einzige Begrüßungsart, welche sie einstweilen für nötig hielten. Gerade vor den Gefangenen ritten zwei, welche sich viel näher standen, als sie dachten, nämlich die Tante Droll und der Hobble-Frank. Keiner sagte ein Wort zu dem andern. Nach einiger Zeit nahm Droll die Füße aus den Steigbügeln, stieg im Reiten auf den Rücken des Pferdes und setzte sich verkehrt in den Sattel.

„Heavens! Was soll das heißen?“ fragte Frank. „Wollt Ihr Komödie spielen, Sir? Vielleicht seid Ihr in einem Cirkus als Clown angestellt gewesen?“

„Nein, Master,“ antwortete der Dicke. „Ich habe nur die Gewohnheit, die Festtage so zu feiern, wie sie fallen.“

„Wie meint Ihr das?“

„Ich setze mich verkehrt, weil es uns sonst verkehrt gehen kann. Denkt doch daran, daß hinter uns fünfzig Rote reiten; da kann leicht etwas geschehen, woran man nicht gedacht hat. Ich behalte sie in dieser Stellung im Auge und habe den Revolver in der Hand, um ihnen, wenn’s nötig ist, eine Pille zu geben. Wenn Ihr gescheit seid, so macht es auch so!“

„Hm! Was Ihr sagt, ist sehr richtig. Mein Pferd wird es nicht übelnehmen; ich drehe mich auch um.“

Einige Sekunden später saß auch er verkehrt im Sattel, um die Roten beaufsichtigen zu können. Es ging nun gar nicht anders, als daß diese beiden possierlichen Reiter einander oft ansehen mußten; dabei wurden ihre Blicke immer freundlicher; sie gefielen einander offenbar. Das ging so eine Weile, ohne daß dabei ein Wort fiel, bis endlich der Hobble-Frank nicht länger zu schweigen vermochte. Er begann: „Nehmt mir’s nicht übel, wenn ich Euch nach Eurem Namen frage. So wie Ihr da neben mir sitzet, habe ich Euch schon gesehen.“

„Wo denn?“

„In meiner Einbildung.“

„Alle Wetter! Wer hätte geahnt, daß ich in Eurer Einbildung lebe! Wieviel Mietzins habe ich da zu bezahlen, und wie steht es mit der Kündigung?“

„Ganz nach Belieben; aber heute ist es mit der Einbildung alle, da ich Euch nun in Person sehe. Wenn Ihr der seid, für den ich Euch halte, so habe ich viel Spaßhaftes von Euch gehört.“

„Nun, für wen haltet Ihr mich denn?“

„Für die Tante Droll.“

„Und wo habt Ihr von dieser gehört?“

„An verschiedenen Orten, an denen ich mit Old Shatterhand und Winnetou gewesen bin.“

„Was! Mit diesen beiden berühmten Männern seid Ihr geritten?“

„Ja. Wir waren oben im Nationalpark und dann auch in den Estacato.“

„Donner und Doria! Da seid Ihr wohl gar der Hobble-Frank?“

„Ja. Kennt Ihr mich?“

„Natürlich! Der Apache hat oft von Euch gesprochen und Euch noch heute, als wir vor dem Lager der Utahs lagen, einen kleinen Helden genannt.“

„Einen – kleinen – Helden!“ wiederholte Frank, indem ein seliges Lächeln über sein Gesicht ging. „Einen – kleinen – Helden! Das muß ich mir aufschreiben! Ihr habt richtig geraten, wer ich bin; aber ob auch ich richtig geraten habe?“

„Für wen haltet Ihr mich denn?“

„Für die Tante Droll, wie ich schon gesagt habe.“

„Die bin ich auch.“

„Wirklich? Das freut mich herzlich!“

„Wie seid Ihr denn auf die Vermutung gekommen, daß ich diese Tante bin?“

„Eure Kleidung sagte es mir, und ebenso Euer Verhalten. Ich habe oft erzählen gehört, daß die Tante Droll ein ganz außerordentlich couragiertes Weibsbild ist, und als ich Euch vorhin so mit dem Häuptlinge der Utahs umspringen sah, dachte ich mir gleich: Das und keine andre ist die Tante!“

„Sehr ehrenvoll für mich! Na, wir sind wohl beide Kerle, welche ihre Schuldigkeit thun. Aber die Hauptsache für mich ist, daß ich vernommen habe, Ihr seid ein Landsmann von Old Shatterhand?“

„Das ist richtig.“

„Also ein Deutscher?“

„Ja.“

„Woher denn da?“

„Gerade aus der Mitte heraus. Ich bin nämlich ein Sachse.“

„Alle Wetter! Was für einer? Königreich? Altenburg? Koburg-Gotha? Meiningen-Hildburghausen?“

„Königreich, Königreich! Aber Ihr kennt diese Namen so genau. Seid Ihr etwa auch ein Deutscher?“

„Natürlich!“

„Woher denn da?“ fragte Frank nun seinerseits entzückt.

„Auch aus Sachsen, nämlich Sachsen-Altenburg.“

„Herrjemerschnee!“ fiel da der Kleine in seinem heimischen Dialekte ein. „Ooch een Sachse, und zwar een Altenburger? Is es denn die Möglichkeet! Aus der Schtadt Altenburg oder vom Lande, he?“

„Nich aus der Residenz, sondern aus der Langenleube.“

„Langen– – leube?“ fragte Frank, indem ihm der Mund offen stehen blieb. „Langenleube-Niederhain?“

„Jawohl! Kennen Sie es?“

„Warum sollte ich nich? Ich habe ja Verwandte dort, ganz nahe Verwandte, bei denen ich als Junge zweemal off der Kirmse gewesen bin. Hören Sie, dort gibt’s aber Kirmsen, im Altenburgischen! Da wird gleich vierzehn Tage lang Kuchen gebacken. Und wenn so eene Kirmse alle is, da geht sie off dem nächsten Dorfe wieder an. Drum schpricht man dort nur so im allgemeenen vom Altenburger Landessen.“

„Das is richtig!“ nickte Droll. „Mache könne mersch, denn habe thune mersch. Aber Se habe Verwandte bei uns? Wie heiße denn die Leute, und wo schtamme se her?“

„Es is ganz nahe Verwandtschaft. Das is nämlich so! Mein Vater hat eenen Paten gehabt, dessen selige Schwiegertochter sich in der Langenleube wieder verheiratet hat. Später schtarb sie, aber ihr Schtiefsohn hat eenen Schwager, und der is es, den ich meene.“

„So! Was war er denne?“

„Alles mögliche. Er war een ganzer Kerl, der alles fertig brachte. Bald war er Kellner, bald Kirchner, bald Bürgergardenfeldwebel und bald Hochzeitsbitter, bald –“

„Halt!“ unterbrach ihn Droll, indem er herüberlangte und seinen Arm ergriff. „Wie war sein Name?“

„Seinen Vornamen kenne ich nicht mehr; aber sein Familienname war Pampel. Ich nannte ihn nur immer Vetter Pampel.“

„Wie? Pampel? Höre ich recht?“ rief Droll. „Hatte er Kinder?“

„Die schwere Menge!“

„Wisse Se, wie Se geheeße habe?“

„Nee, nich mehr. Aber off den größten kann ich mich noch sehr gut besinnen, denn ich war dem Kerl gut. Er hieß Bastel.“

„Bastel, also Sebastian?“

„Jawohl, denn Sebastian wird off Altenburgisch Bastel ausgeschprochen. Ich gloobe, er hieß ooch noch Melchior dazu, een Name, der in Altenburg sehr gäng und gäbe is.“

„Richtig, sehr richtig! Es thut schtimme, es thut sehr genau schtimme! Sebastian Melchior Pampel? Wisse Se, was aus ihm geworde is?“

„Nee, leider nich.“

„So sehe Se mal mich an, schaue Se mal her zu mir!“

„Warum?“

„Weil ich es bin, der draus geworde is.“

„Sie – Sie?“ fragte der Kleine.

„Ja, ich! Ich war der Bastel, und ich weeß noch ganz genau, wer bei uns off der Kirmse gewese is; des war der Vetter Frank aus Moritzburg, der nachher Forschtgehilfe geworde is.“

„Der bin ich, ich in eegener Person! Vetter, also hier, hier mitten in der Wildnis finden wir uns als schtammverwandte Menschen und Cousängs! Wer hätte das für möglich gehalten! Komm her, Bruderherz, ich muß dich an meinen Busen drücken!“

„Ja, ich ooch. Hier haste mich!“

Er langte herüber, und der andre langte hinüber. Die Umarmung war, da beide verkehrt auf ihren Pferden saßen, mit einigen Schwierigkeiten verbunden, welche aber zur Not überwunden wurden.

Die finster blickenden Indianer wußten jedenfalls nicht, was sie von dem Gebaren der beiden halten sollten; diese aber kehrten sich nicht an die bemalten Gesichter; sie ritten Hand in Hand nebeneinander, mit dem Rücken nach vorn, und sprachen von der seligen Jugendzeit. Sie hätten wohl noch lange kein Ende gefunden, wenn nicht im Zuge eine Stockung eingetreten wäre. Man hatte nämlich das Ende der Spalte erreicht, welche auf einen größeren und viel breiteren Canon mündete.

Zwar war die Sonne schon so tief gesunken, daß ihre Strahlen den Boden desselben nicht mehr erreichten, aber es gab doch Licht da und eine reine, bewegte Luft. Die Reiter atmeten erleichtert auf, als sie ins Freie gelangten, welches sie freilich nicht eher betraten, als bis sie vorsichtig Umschau gehalten hatten, ob keine feindlichen Wesen in der Nähe seien.

Dieser Canon war vielleicht zweihundert Schritte breit und hatte auf seinem Grunde ein kleines, schmales Flüßchen, welches man leicht durchwaten konnte. Am Wasser gab es Gras und Buschwerk, und auch einige Bäume standen da.

Die Roten wurden von den Pferden genommen und dann mit wieder gefesselten Füßen auf die Erde gesetzt. Nun erst war der richtige Augenblick zur ausgiebigen Begrüßung gekommen, und er wurde gehörig ausgenutzt. Diejenigen, welche sich bisher noch nicht gekannt hatten, lernten sich schnell kennen, und es dauerte gar nicht lange, so gab es keine andre Anrede als das trauliche „Du“. Davon waren natürlich Firehand, Shatterhand, Winnetou, der Lord und der Ingenieur ausgenommen.

Der Trupp Old Firehands hatte Proviant bei sich gehabt, und es wurde zunächst gegessen. Dann sollte über das Schicksal der Roten entschieden werden. Hierüber gab es mehr als eine Ansicht. Winnetou, Old Firehand und Old Shatterhand waren bereit, sie frei zu geben; die andern aber verlangten eine strenge Bestrafung. Der Lord meinte: „Bis dahin, wo die Zweikämpfe vorüber waren, halte ich sie nicht für strafbar, dann aber mußten sie euch die Freiheit geben. Statt das zu thun, haben sie euch verfolgt, um euch zu ermorden, und ich zweifle gar nicht daran, daß sie dies gethan hätten, wenn ihnen die Gelegenheit dazu geworden wäre.“

„Das ist sehr wahrscheinlich,“ antwortete Old Shatterhand; „aber sie haben die Gelegenheit dazu nicht gefunden, und es also auch nicht gethan.“

„Well! So ist die Absicht strafbar.“

„Wie wollt Ihr diese Absicht bestrafen?“

„Hm! Das ist freilich schwierig.“

„Mit dem Tode doch nicht?“

„Nein.“

„Mit Haft, Gefängnis, Zuchthaus?“

„Pshaw! Prügelt sie tüchtig durch!“

„Das wäre das Schlimmste, was wir thun könnten, denn es gibt für den Indianer keine größere Beleidigung, als Schläge. Sie würden uns über den ganzen Kontinent verfolgen.“

„So legt ihnen eine Geldstrafe auf!“

„Haben sie Geld?“

„Nein, aber Pferde und Waffen.“

„Ihr meint, daß wir ihnen diese nehmen sollen? Das wäre grausam. Ohne Pferde und Waffen müßten sie verhungern oder in die Hände ihrer Feinde fallen.“

„Ich begreife Euch nicht, Sir! Je nachsichtiger Ihr mit diesen Leuten seid, desto undankbarer werden sie. Gerade Ihr solltet nicht so milde denken, da gerade eben Ihr es seid, an dem sie sich vergangen haben.“

„Und gerade weil sie sich an mir, Frank, Davy und Jemmy vergangen haben, sollten wir vier es sein, die über ihr Schicksal zu bestimmen haben.“

„Macht, was Ihr wollt!“ sagte der Lord, indem er sich unwillig abwendete. Gleich aber drehte er sich ihm wieder zu und fragte: „Wollen wir wetten?“

„Worüber?“

„Darüber, daß diese Kerle es Euch übel vergelten, wenn Ihr sie mit Nachsicht behandelt?“

„Nein.“

„Ich setze zehn Dollar!“

„Ich nicht.“

„Ich setze zwanzig gegen zehn!“

„Und ich wette gar nicht.“

„Niemals?“

„Nein.“

„Schade, jammerschade! Ich habe es während dieses ganzen langen Rittes vom Osagenook bis hierher zu keiner Wette gebracht. Nach allem, was ich von Euch hörte, muß ich Euch für einen veritablen Gentleman halten, und nun sagt auch Ihr mir, daß Ihr niemals wettet. Ich wiederhole es: Macht, was Ihr wollt!“

Er war beinahe zornig geworden. Er hatte sich sehr leicht und gut in das Leben des fernen Westens gefunden, aber daß nie jemand mit ihm wetten wollte, das wollte ihm nicht behagen.

Die Worte Old Shatterhands, daß er, Frank, Jemmy und Davy allein das Recht besäßen, über das Schicksal der Roten zu entscheiden, war nicht ohne Wirkung geblieben, und nach längerer Debatte einigte man sich dahin, daß diesen genannten vier die Entscheidung anheimgegeben werden solle, doch sei dabei darauf zu achten, daß man von den Roten keine weiteren Feindseligkeiten zu erwarten habe. Es sollte also ein festes Abkommen mit ihnen getroffen werden. Dazu genügte es nicht, daß mit dem Häuptlinge allein verhandelt wurde; seine Untergebenen mußten auch hören, was er sagte und versprach. Vielleicht blieb er dann aus Rücksicht auf ihre gute Meinung über seine Ehrenhaftigkeit seinen Versprechungen getreu.

Es wurde also ein weiter Kreis gebildet, der aus allen Weißen und Roten bestand. Zwei Rafters mußten aufwärts und abwärts im Canon Wache halten, um die Annäherung eines Feindes sofort zu melden. Der Häuptling saß vor Winnetou und Old Shatterhand. Er sah sie nicht an, vielleicht aus Scham, vielleicht auch aus Verstocktheit.

„Was denkt der „große Wolf“, was wir jetzt mit ihm machen werden?“ fragte Old Shatterhand in der Utahsprache.

Der Gefragte antwortete nicht.

„Der Häuptling der Utah hat Angst; darum antwortet er nicht.“

Da erhob er den Blick, bohrte ihn mit grimmigem Ausdrucke in das Gesicht des Jägers und sagte: „Das Bleichgesicht ist ein Lügner, wenn es behauptet, daß ich mich fürchte!“

„So antworte! Überhaupt darfst nicht du von Lügen sprechen, denn du selbst bist es, der welche geredet hat.“

„Das ist nicht wahr!“

„Es ist wahr. Als wir uns noch in eurem Lager befanden, fragte ich dich, ob wir frei sein würden, wenn ich den Sieg errungen hätte. Was antwortetest du mir?“

„Daß ihr gehen könntet.“

„War das keine Lüge?“

„Nein, denn ihr seid gegangen.“

„Aber ihr habt uns verfolgt!“

„Nein.“

„Willst du es leugnen?“

„Ja, ich leugne es.“

„Zu welchem Zwecke habt ihr dann das Lager verlassen?“

„Um nach dem Versammlungsorte der Utahs zu reiten, nicht um euch zu verfolgen.“

„Warum hast du denn fünf deiner Krieger auf unsre Fährte gesandt?“

„Das habe ich nicht gethan. Wir haben das Kriegsbeil ausgegraben, und wenn dies geschehen ist, so hat man vorsichtig zu sein. Als ich euch die Freiheit versprach, falls du mich besiegen würdest, wußte ich gar nicht, nach welcher Richtung ihr euch wenden wolltet. Wir wollten euch ziehen lassen und haben Wort gehalten. Ihr aber habt uns überfallen, uns alles abgenommen und fünf unsrer Krieger getötet. Die Leichen derselben liegen noch drin im Felsenspalt.“

„Du weißt nur zu gut, was ich von deinen Worten zu denken habe. Warum schossen deine Wächter auf uns, als wir fortritten?“

„Sie wußten nicht, was ich euch versprochen hatte.“

„Warum stießen alle deine Leute das Kriegsgeschrei aus? Diese kannten dein Versprechen ganz genau.“

„Dieses Geschrei galt nicht euch, sondern den Wächtern, daß diese nicht mehr schießen sollten. Gerade das, was wir gut gemeint haben, legst du uns für schlimm aus.“

„Du verstehst es, dich sehr scharfsinnig zu verteidigen; aber es gelingt dir nicht, deine Unschuld zu beweisen. Ich will einmal sehen, ob deine Krieger den Mut besitzen, aufrichtiger zu sein, als du bist.“

Er legte einigen der Roten die Frage auf, wem ihr jetziger Ritt gegolten habe, und sie antworteten übereinstimmend mit dem Häuptlinge, daß sie keine böse Absicht gegen die Bleichgesichter verfolgt hätten.

„Diese Leute wollen dich nicht Lügen strafen,“ fuhr er, zu dem „großen Wolfe“ gerichtet fort. „Aber ich habe einen unumstößlichen Beweis. Wir haben dein Lager umschlichen und deine Leute belauscht. Wir wissen, daß ihr uns töten wolltet.“

„Das vermutet ihr nur!“

„Nein, wir haben es gehört. Wir wissen auch, das Lager morgen abgebrochen wird, und daß alle Krieger dir nach dem Versammlungsorte der Utahs folgen werden, die Frauen und Kinder aber gehen zu den Alten in die Berge. Ist das wahr?“

„Ja.“

„Nun, so ist auch das andre wahr, was wir hörten. Wir sind fest überzeugt, daß ihr uns nach dem Leben getrachtet habt. Welche Strafe werdet ihr wohl dafür erhalten?“

Der Rote antwortete nicht.

„Wir hatten euch nichts gethan, und ihr nahmt uns mit, um uns zu töten. Jetzt habt ihr uns das Leben nehmen wollen; ihr hättet also mehr verdient als nur den Tod. Aber wir sind Christen. Wir wollen euch vergeben. Ihr sollt eure Freiheit und eure Waffen zurückerhalten, und dafür müßt ihr uns versprechen, daß keinem von uns, die wir hier sitzen, jemals von euch ein Haar gekrümmt werde.“

„Spricht das deine Zunge oder dein Herz?“ fragte der Häuptling, indem er einen ungläubig forschenden, scharf stechenden Blick auf Old Shatterhand warf.

„Meine Zunge hat niemals andre Worte als mein Herz. Bist du bereit, mir das Versprechen zu geben?“

„Ja.“

„Daß wir alle, welche wir uns hier befinden, rote und weiße Männer, von heute an Brüder sind?“

„Ja.“

„Die einander beistehen wollen und müssen in jeder Not und in jeder Gefahr?“

„Ja.“

„Und bist du bereit, das mit der Pfeife des Friedens zu beschwören?“

„Ich bin bereit.“

Er antwortete schnell und ohne alles Besinnen; dies ließ darauf schließen, daß es ihm ernst mit seinem Versprechen war. Der Ausdruck seines Gesichtes ließ sich infolge der dick aufgetragenen Farbe nicht bestimmen.

„So mag die Pfeife reihum gehen,“ fuhr Old Shatterhand fort. „Ich werde dir die Worte vorsagen, welche du dabei nachzusprechen hast.“

„Sage sie, und ich werde sie wiederholen!“

Diese Bereitwilligkeit schien ein gutes Zeichen zu sein, und der wohlmeinende Jäger freute sich von Herzen darüber, konnte aber nicht umhin, noch eine Warnung auszusprechen: „Ich hoffe, daß du es dieses Mal ehrlich meinst. Ich bin stets ein Freund der roten Männer gewesen; ich berücksichtige, daß die Utahs jetzt angegriffen worden sind. Wäre das nicht der Fall, so würdet ihr jetzt nicht so wohlfeilen Kaufes davonkommen. Erweisest du dich aber nochmals treulos, so bezahlst du es mit dem Leben. Das versichere ich dir, und ich halte Wort!“

Der Häuptling blickte vor sich nieder, ohne den Blick zu dem Sprechenden zu erheben. Dieser nahm sein Calumet vom Halse, an welchem er es hängen hatte, und stopfte es. Nachdem er es in Brand gesteckt hatte, löste er die Fesseln des Häuptlings. Dieser mußte sich erheben, den Rauch nach den bekannten sechs Richtungen blasen und dabei sprechen: „Ich bin der „große Wolf“, der Häuptling der Yampa-Uthas; ich spreche für mich und diese meine Krieger, welche sich bei mir befinden. Ich rede zu den Bleichgesichtern, welche ich sehe, zu Old Firehand, Old Shatterhand und allen andern, auch zu Winnetou, dem berühmten Häuptlinge der Apachen. Alle diese Krieger und weißen Männer sind unsre Freunde und Brüder. Sie sollen sein wie wir, und wir wollen sein wie sie. Es soll ihnen niemals von uns ein Leid geschehen, und wir werden lieber sterben als zugeben, daß sie uns für ihre Feinde halten! Das ist mein Schwur. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Er setzte sich wieder nieder. Nun wurden auch die andern von ihren Fesseln befreit, und die Pfeife ging von Mund zu Mund, bis alle geraucht hatten. Selbst die kleine Ellen Butler mußte ihre sechs Züge thun; man durfte um ihrer selbst willen mit ihr keine Ausnahme machen.

Darauf erhielten die Roten auch ihre ganzen Waffen wieder. Das war kein Wagnis, wenn man ihrem Schwure trauen konnte. Dennoch aber verhielten sich die Weißen so vorsichtig wie möglich, und jeder von ihnen hatte die Hand in der Nähe seines Revolvers. Der Häuptling holte sein Pferd herbei und fragte dann Old Shatterhand: „Mein Bruder hat uns die Freiheit vollständig zurückgegeben?“

„Vollständig.“

„So dürfen wir fortreiten?“

„Ja, wohin ihr wollt.“

„Wir werden nach unserm Lager zurückkehren.“

„Ach! Ihr wolltet ja nach dem Versammlungsorte der Utah! Jetzt gibst du doch zu, daß euer Ritt nur uns gegolten hat.“

„Nein. Ihr habt uns die Zeit geraubt, so daß wir nun zu spät kommen würden. Wir kehren zurück.“

„Durch den Felsenspalt?“

„Ja. Lebe wohl!“

Er gab ihm die Hand und stieg auf. Dann ritt er in den Spalt hinein, ohne sich nach einem andern Menschen umzublicken. Seine Leute folgten ihm, nachdem jeder von ihnen freundlich gegrüßt hatte.

„Und der Kerl ist doch ein Schuft!“ meinte der alte Blenter. „Hätte er die Farbe nicht so fingerdick auf dem Gesichte, so könnte man ihm die Falschheit von demselben ablesen. Eine Kugel vor den Kopf wäre das beste gewesen.“

Winnetou hörte diese Worte und entgegnete: „Mein Bruder kann recht haben, aber es ist besser, Gutes thun anstatt Böses. Wir bleiben während der Nacht hier, und ich werde jetzt den Utahs folgen, um sie zu belauschen.“

Er verschwand im Felsenspalt, nicht zu Pferde, denn zu Fuße konnte er seine Absicht leichter ausführen.

Eigentlich war allen jetzt viel wohler und freier zu Mute als vorher. Was hätte man mit den Utahs machen sollen? Sie töten? Unmöglich! Sie als Gefangene mit sich herumschleppen? Ebenso unmöglich! Jetzt hatte man sie verpflichtet, Frieden und Freundschaft zu üben, und war sie los geworden. Das war besser als jedes andre.

Der Tag neigte sich zur Rüste, zumal es hier im Canon eher dunkel wurde als außerhalb desselben. Einige der Männer gingen, Holz zum Lagerfeuer zu suchen. Old Firehand ritt südwärts im Canon hinab und Old Shatterhand nordwärts hinauf, um zu rekognoszieren. Man mußte vorsichtig sein. Beide legten eine bedeutende Strecke hinter sich und kehrten, als sie nichts Verdachterregendes bemerkten, wieder zurück.

Es waren hier wohl seit langer Zeit keine Menschen gewesen, welche ein Feuer gebrannt hatten, denn es gab, trotzdem von einem Walde keine Rede war, genug Holz zum Brennen. Die Frühjahrsflut hatte vieles mitgebracht und angeschwemmt. Niemand freute sich mehr über das Feuer als der Lord, denn er fand da brillante Gelegenheit, mit Hilfe seines Bratgestelles seine kulinarischen Geschicklichkeiten zu entwickeln. Es gab noch einen kleinen Fleischvorrat und auch Konserven, Mehl und dergleichen, was man aus Denver mitgenommen hatte. Da konnte er braten und backen nach Herzenslust.

Später stellte sich Winnetou wieder ein. Dieser Mann hatte sich trotz der in dem Felsenspalt herrschenden Stockdunkelheit mit seinen geübten Augen zurechtgefunden. Er erzählte, daß die Utahs die Leichen mitgenommen und dann ihren Weg wirklich fortgesetzt hatten. Er war ihnen bis jenseits des Spaltes gefolgt und hatte noch deutlich gesehen, daß sie die steile Felssenkung emporgeritten und dann oben im Walde verschwunden waren. Dennoch wurde eine Wache tief in den Spalt postiert, um von da aus jeden Überfall unmöglich zu machen. Zwei andre Wächter standen je hundert Schritte ober- und unterhalb des Lagerplatzes im Hauptcanon; auf diese Weise war für vollständige Sicherheit gesorgt.

Natürlich gab es außerordentlich viel zu erzählen, und es war später als Mitternacht, als man sich zur Ruhe legte. Old Firehand revidierte vorher die Posten, um sich zu überzeugen, daß dieselben wachsam seien, und erinnerte die andern an die Reihenfolge, in welcher die Ablösung stattzufinden hatte. Dann löschte man das Feuer, und es wurde still und dunkel im Canon. –

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Drittes Kapitel

Nächtliche Kämpfe.

Am hohen Ufer des Black-bear-Flusses brannte ein großes Feuer. Zwar stand der Mond am Himmel, aber sein Licht vermochte nicht, die dichten Wipfel der Bäume zu durchdringen, unter denen ohne das Feuer tiefe Finsternis geherrscht hätte. Die Flamme desselben beleuchtete eine Art Blockhaus, welches nicht aus horizontal übereinander lagernden Stämmen, sondern in andrer Weise errichtet war. Man hatte von vier in den Winkeln eines regelmäßigen Vierecks stehenden Bäumen die Wipfel abgesägt und auf die Stämme Querhölzer gelegt, welche das Dach trugen. Dieses letztere bestand aus sogenannten Clap-boards, Brettern, welche man roh aus astlosen Cypressen- oder auch Roteichenstämmen spaltet. In der vordern Wand waren drei Öffnungen gelassen, eine größere als Thür und zwei kleinere, zu den Seiten der vorigen, als Fenster. Vor diesem Hause brannte das erwähnte Feuer und um dasselbe saßen gegen zwanzig wilde Gestalten, denen es anzusehen war, daß sie längere Zeit nicht mit der sogenannten Zivilisation in Berührung gekommen waren. Ihre Anzüge waren abgerissen und ihre Gesichter von Sonne, Wind und Wetter nicht nur gebräunt, sondern förmlich gegerbt. Außer den Messern hatten sie keine Waffen bei sich; diese mochten vielmehr im Innern des Blockhauses liegen.

Über dem Feuer hing von einem starken Baumaste herab ein großer, eiserner Kessel, in welchem mächtige Stücke Fleisches kochten. Neben dem Feuer standen zwei ausgehöhlte Riesenkürbisse mit gegorenem Honigwasser, also Met. Wer Lust dazu hatte, schöpfte sich einen solchen Trunk oder nahm sich einen Becher voll Fleischbrühe aus dem Kessel.

Dabei wurde eine lebhafte Unterhaltung geführt. Die Gesellschaft schien sich sehr sicher zu fühlen, denn keiner gab sich die Mühe, leise zu sprechen. Hätten diese Leute die Nähe eines Feindes angenommen, so wäre das Feuer wohl nach indianischer Weise genährt worden, so daß es eine nur kleine, nicht weit sichtbare Flamme gab. An der Wand des Hauses lehnten Äxte, Beile, große Sägen und andres Handwerkszeug, aus welchem sich erraten ließ, daß man eine Gesellschaft von Rafters, also von Holzhauern und Flößern, vor sich habe.

Diese Rafters sind eine ganz eigene Art der Hinterwäldler. Sie stehen zwischen den Farmern und Fallenstellern mitten inne. Während der Farmer zur Zivilisation in näherer Beziehung steht und zu den seßhaften Leuten gehört, führt der Trapper, der Fallensteller ein beinahe wildes Leben, ganz ähnlich dem Indianer. Auch der Rafter ist nicht an die Scholle gebunden und führt ein freies, fast unabhängiges Dasein. Er streift aus einem Staate in den andern und aus einer County in die andre. Menschen und deren Wohnungen sucht er nicht gern auf, weil das Gewerbe, welches er treibt, eigentlich ein ungesetzliches ist. Das Land, auf welchem er Holz schlägt, ist nicht sein Eigentum. Es fällt ihm auch nur selten ein, zu fragen, wem es gehört. Findet er passende Waldung und ein zum Verflößen bequemes Wasser in der Nähe, so beginnt er seine Arbeit, ohne sich darum zu bekümmern, ob der Ort, wo er sich befindet, Kongreßland ist oder schon einem Privateigentümer gehört. Er fällt, schneidet und bearbeitet die Stämme, sucht sich dazu nur die besten Bäume aus, verbindet sie zu Flößen und schwimmt auf denselben dann abwärts, um das erbeutete Gut irgendwo zu verkaufen.

Der Rafter ist ein nicht gern gesehener Gast. Zwar ist es wahr, daß manchem neuen Ansiedler der dichte Wald, den er vorfindet, zu schaffen macht, und daß er froh wäre, denselben gelichtet vorzufinden, aber der Rafter lichtet nicht. Er nimmt, wie gesagt, nur die besten Stämme, schneidet die Kronen ab und läßt sie liegen. Unter und zwischen diesen Wipfeln sprossen dann neue Schößlinge hervor, welche durch wilde Reben und andre Schlingpflanzen zu einem festen Ganzen verbunden werden, gegen welches die Axt und oft sogar auch das Feuer nur wenig vermag.

Dennoch bleibt der Rafter meist unbelästigt, denn er ist ein kräftiger und kühner Gesell, mit welchem in der Wildnis, fern von aller Hilfe, nicht so leicht jemand anzubinden wagt. Allein kann er natürlich nicht arbeiten, sondern es thun sich stets mehrere, meist vier bis acht oder zehn zusammen. Zuweilen kommt es auch vor, daß die Gesellschaft aus noch mehr Personen besteht; dann fühlt sich der Rafter doppelt sicher, denn mit einer solchen Anzahl von Menschen, welche um den Besitz eines Baumstammes ihr Leben auf das Spiel setzen würden, wird kein Farmer oder sonstiger Besitzer einen Streit beginnen.

Freilich führen sie ein sehr hartes, anstrengungs- und entbehrungsreiches Leben, doch ist am Ende ihr Lohn kein geringer. Der Rafter verdient, da ihn das Material nichts kostet, ein schönes Stück Geld. Während die andern arbeiten, sorgt ein Kamerad oder sorgen zwei oder mehrere, je nach der Größe der Gesellschaft, für die Ernährung derselben. Das sind die Jäger, welche tagsüber und oft auch während der Nacht umherstreifen, um „Fleisch zu machen“. In wildreichen Gegenden ist das nicht schwer. Mangelt es aber an Wild, so gibt es viel zu thun; der Jäger hat keine Zeit übrig, Honig und andre Delikatessen zu suchen, und die Rafters müssen auch diejenigen Fleischstücke essen, welche der Hinterwäldler sonst verschmäht, sogar die Eingeweide.

Die Gesellschaft nun, welche hier am schwarzen Bärenflusse ihr Wesen trieb, schien, wie der volle Kessel bewies, keine Not zu leiden. Darum waren alle guter Laune, und es wurde nach der harten Tagesarbeit viel gescherzt. Man erzählte sich heitre oder sonst interessante Erlebnisse; man schilderte Personen, welche man getroffen hatte und die irgend eine Eigenschaft besaßen, welche zum Lachen Veranlassung gab.

„Da solltet ihr einen kennen, den ich da oben mal in Fort Niobrara getroffen habe,“ sagte ein alter, graubärtiger Kerl. „Der Mann war ein Mann und wurde doch nur Tante genannt.“

„Meinst du etwa Tante Droll?“ fragte ein andrer.

„Ja, grad den und keinen andern meine ich. Bist du ihm etwa auch begegnet?“

„Ja, einmal. Das war in Desmoines, im Gasthofe, wo sein Erscheinen große Aufmerksamkeit erregte und sich alle über ihn lustig machten. Besonders einer war es, der ihm keine Ruhe ließ, bis Droll ihn bei den Hüften nahm und zum Fenster hinauswarf. Der Mann kam nicht wieder herein.“

„Das traue ich der Tante gut und gern zu. Droll liebt einen Spaß und hat nichts dagegen, wenn man über ihn lacht, aber über einen gewissen Punkt hinaus darf man nicht gehen, sonst zeigt er die Zähne. Übrigens würde ich einen jeden, der ihn ernstlich beleidigen wollte, sofort niederschlagen.“

„Du, Blenter? Warum?“

„Darum, weil ich ihm mein Leben verdanke. Ich bin mit ihm bei den Sioux gefangen gewesen. Ich sage euch, daß ich damals gewiß und wirklich von ihnen in die ewigen Jagdgründe geschickt worden wäre. Ich bin nicht der Mann, der sich vor drei oder fünf Indianern fürchtet; ich pflege auch nicht zu wimmern, wenn es mir einmal verkehrt geht; damals aber war keine Spur von Hoffnung mehr vorhanden, und ich wußte wahrhaftig keinen Ausweg. Dieser Droll aber ist ein Pfiffikus sondergleichen; er hat die Roten so eingeseift, daß sie nicht mehr aus den Augen sehen konnten. Wir entkamen.“

„Wie war das? Wie ging das zu? Erzähle, erzähle!“

„Wenn es dir recht ist, werde ich lieber den Mund halten. Es ist kein Vergnügen, eine Begebenheit zu berichten, bei welcher man keine rühmliche Rolle gespielt hat, sondern von den Roten übertölpelt wurde. Genug, daß ich dir sage, wenn ich heut hier sitze und mir den Rehbock schmecken lassen kann, so habe ich das nicht mir, sondern der Tante Droll zu danken.“

„So muß die Tinte, in welcher du saßest, sehr tief und schwarz gewesen sein. Der alte Missouri-Blenter ist doch als ein Westmann bekannt, welcher gewiß die Thür findet, wenn überhaupt eine vorhanden ist.“

„Damals aber habe ich sie nicht gefunden. Ich stand fast schon unter dem Marterpfahle.“

„Wahrhaftig? Das ist freilich eine Situation, in welcher es wenig Aussicht auf Entkommen gibt. Eine verteufelte Erfindung, dieser Marterpfahl! Ich hasse die Canaillen doppelt, wenn ich an dieses Wort denke.“

„So weißt du nicht, was du thust und was du sagst. Wer die Indsmen haßt, der beurteilt sie falsch, der hat nicht darüber nachgedacht, was die Roten alles erduldet haben. Wenn jetzt jemand käme, um uns von hier zu vertreiben, was würdest du thun?“

„Mich wehren, und sollte es sein oder mein Leben kosten.“

„Und ist dieser Ort etwa dein Eigentum?“

„Weiß ganz und gar nicht, wem er gehört; ich aber habe ihn gewiß nicht bezahlt.“

„Nun, den Roten gehörte alles Land, es ist ihnen von uns genommen worden, und wenn sie sich wehren, wozu sie mehr Recht haben als du, so verurteilst du sie?“

„Hm! Ist schon richtig, was du sagst, aber der Rote muß fort, muß aussterben, das ist ihm bestimmt.“

„Ja, er stirbt aus, weil wir ihn morden. Es heißt, daß er nicht kulturfähig sei und darum verschwinden müsse. Die Kultur aber schießt man nicht wie eine Kugel nur so aus dem Laufe heraus; dazu gehört Zeit, viel Zeit; ich verstehe das nicht, aber ich meine, daß dazu sogar Jahrhunderte gehören. Gibt man aber etwa dem Roten Zeit? Schickst du einen sechsjährigen Boy in die Schule und schlägst ihm über den Kopf, wenn er nach einer Viertelstunde noch kein Professor geworden ist? Das thut man aber mit den Indsmen. Ich will sie nicht verteidigen, denn ich habe nichts davon; aber ich habe bei ihnen ebensoviel gute Menschen getroffen wie bei den Weißen, ja noch viel mehr. Wem habe denn grad ich es zu verdanken, daß ich nicht mein schönes Heim und meine Familie besitze, sondern als alter, grauer Kerl noch im wilden Westen herumirren muß, den Roten oder den Weißen?“

„Das kann doch ich nicht wissen. Du hast noch nie davon gesprochen.“

„Weil ein richtiger Mann solche Sachen lieber in sich hinein vergräbt, als daß er von ihnen redet. Ich brauch nur noch einen, den letzten, der mir entkam und der von ihnen übrig geblieben ist, gerade der Anführer, der Allerschlimmste!“

Der alte Mann sprach das knirschend aus, langsam, als ob er auf jedes Wort ein schweres Gewicht legen wolle. Das erhöhte die Aufmerksamkeit der andern; sie rückten näher zusammen und sahen ihn auffordernd an, ohne aber etwas zu sagen. Er starrte eine Weile in das Feuer, stieß mit dem Fuße in die brennenden Hölzer und fuhr fort, als ob er nur zu sich selbst spreche: „Ich habe sie nicht erschossen und nicht erstochen, sondern totgepeitscht, einen nach dem andern. Lebendig mußte ich sie haben, damit sie ganz genau so sterben sollten, wie meine Familie sterben mußte, mein Weib und meine beiden Söhne. Sechs waren es, fünf von ihnen habe ich ausgelöscht in kurzer Zeit, der sechste entkam. Ich habe ihn gejagt durch die ganzen Staaten, bis es ihm gelang, seine Fährte unsichtbar zu machen. Ich bin noch nicht wieder auf sie getroffen, aber er lebt noch, denn er war jünger als ich, viel jünger, und so denke ich, daß meine alten Augen ihn noch einmal erblicken, ehe ich sie für immer schließe.“

Es trat eine tiefe Stille ein. Alle fühlten, daß es sich hier um etwas ganz Ungewöhnliches handle. Erst nach einer langen Pause wagte einer zu fragen. „Blenter, wer war der Mann?“

Der Alte fuhr aus seinem Sinnen auf und antwortete. „Wer er war? Nicht etwa ein Indianer, sondern ein Weißer, ein Scheusal, wie es bei den Roten keines gibt. Ja, Männer, ich will es euch sogar sagen, daß er das war, was ihr alle seid und was auch ich jetzt bin, nämlich ein Rafter.“

„Wie? Rafters haben deine Familie getötet?“

„Ja, Rafters! Ihr habt gar keine Veranlassung, stolz auf euer Gewerbe zu sein und besonders euch besser zu dünken, als die Roten sind. So wie wir hier sitzen, sind wir alle Diebe und Spitzbuben.“

Diese Behauptung stieß natürlich auf lebhafte Widersprüche. Blenter aber fuhr unbekümmert um dieselben fort: „Dieser Fluß, an dem wir uns befinden, dieser Wald, dessen Bäume wir niederschlagen und verkaufen, ist nicht unser Eigentum. Wir vergreifen uns widerrechtlich an dem, was dem Staate oder gar Privatpersonen gehört. Wir würden jeden niederschießen, selbst den rechtmäßigen Besitzer, wenn er uns von hier vertreiben wollte. Ist das nicht Diebstahl? Ja noch mehr, ist das nicht Raub?“

Er sah im Kreise umher, und da er nicht gleich eine Antwort bekam, sprach er weiter: „Und mit solchen Räubern bekam ich es damals zu thun. Ich war von Missouri herübergekommen mit dem richtigen Kaufbriefe in der Hand. Mein Weib und meine Söhne waren bei mir. Wir hatten Rinder mit, einige Pferde, Schweine und einen großen Wagen voll Hausgerät, denn ich war leidlich wohlhabend, sage ich euch. Einen Ansiedler gab es nicht in der Nähe; aber wir brauchten auch niemand, denn unsre acht Arme waren kräftig und fleißig genug, alles selbst und auch schnell fertig zu bringen. In kurzer Zeit stand das Blockhaus da; wir brannten und rodeten ein Ackerland aus und begannen, zu säen. Eines schönen Tages fehlte mir eine Kuh und ich ging in den Wald sie zu suchen. Da hörte ich Axtschläge und ging dem Schalle nach. Ich fand sechs Rafters, welche meine Baume niederschlugen. Bei ihnen lag die Kuh; sie hatten sie erschossen, um sie zu verzehren. Nun, Mesch’schurs, was hättet ihr an meiner Stelle gemacht?“

„Die Kerls niedergeschossen,“ antwortete einer. „Und das mit vollem Rechte. Nach dem Gesetze des Westens verfällt ein Pferde- oder Rinderdieb dem Tode.“

„Das ist richtig, aber ich habe es doch nicht gethan. Ich sprach freundlich zu den Leuten und verlangte von ihnen nur, meinen Grund und Boden zu verlassen und mir die Kuh zu bezahlen. War das etwa zu viel?“

„Nein, nein,“ ertönte es im Kreise. „Thaten sie es nicht?“

„Nein. Sie lachten mich aus. Ich ging aber nicht direkt heim, denn ich wollte etwas für das Abendessen schießen. Als ich dann nach Hause kam, fehlte auch die zweite Kuh. Die Rafters hatten sie indessen geholt, mir zum Trotze, um mir zu zeigen, daß sie sich aus mir nichts machten. Als ich am andern Morgen hinkam, hatten sie dieselbe in Stücke zerlegt und die Schnitten zum Trocknen aufgehangen, um Pemmikan zu machen. Meine wiederholte und nun natürlich gesteigerte Forderung wurde ebenso verlacht wie gestern. Ich drohte also von meinem Rechte Gebrauch zu machen und verlangte Geld. Dabei legte ich das Gewehr an. Ein Mensch, welcher den Sprecher und Anführer machte, erhob sofort auch sein Gewehr. Ich sah es ihm an, daß er Ernst mache und zerschmetterte es ihm mit meiner Kugel. Ich hatte ihn nicht verwunden wollen, sondern auf das Gewehr gezielt. Dann eilte ich zurück, um meine Söhne zu holen. Wir drei fürchteten uns keineswegs vor diesen sechs, doch als wir kamen, waren sie schon fort. Natürlich war nun Vorsicht geboten, und wir kamen mehrere Tage lang nicht über die nächste Umgebung der Blockhütte hinaus. Am vierten Morgen waren die Rationen alle geworden, und ich ging also mit dem einen Sohn, um Fleisch zu machen. Natürlich sahen wir uns vor, aber es war keine Spur von den Rafters zu bemerken. Als wir uns dann langsam und leise durch den Wald pürschten, vielleicht zwanzig Schritte voneinander entfernt, sah ich plötzlich den Anführer von ihnen hinter einem Baum stehen. Er erblickte nicht mich, sondern meinen Sohn und legte das Gewehr auf ihn an. Hätte ich den Kerl augenblicklich niedergeschossen, wie es mein gutes Recht und sogar meine Pflicht war, so wäre ich gewiß nicht kinderlos und Witwer geworden. Aber es ist nie meine Passion gewesen, ohne Not ein Menschenkind zu töten, und so sprang ich nur schnell hinzu, riß ihm die Flinte aus der Hand, das Messer und das Pistol aus dem Gürtel und gab ihm einen Hieb in das Gesicht, daß er zu Boden stürzte. Er verlor seine Geistesgegenwart keinen Augenblick, war vielmehr noch schneller als ich. Im Nu hatte er sich aufgerafft und sprang davon, ehe ich nur eine Hand nach ihm ausstrecken konnte.“

„Alle Teufel! Diese Dummheit hast du nachher büßen müssen!“ rief einer.

„Es ist ausgemacht, daß der Mann diesen Schlag später gerächt hat.“

„Ja, er hat ihn gerächt,“ nickte der Alte, indem er aufstand, um einigemal auf und ab zu schreiten. Die Erinnerung regte ihn auf. Dann setzte er sich wieder nieder und fuhr fort: „Wir hatten Glück und machten eine gute Jagd. Als wir heimkehrten, ging ich hinter das Haus, um dort die Beute einstweilen abzulegen. Es war mir, als ob ich einen erschrockenen Ruf meines Sohnes hörte, aber ich achtete leider nicht darauf. Beim Eintritte in die Stube sah ich meine Leute gebunden und geknebelt am Herde liegen, und zu gleicher Zeit wurde ich gepackt und niedergerissen. Die Rafters waren während unsrer Abwesenheit nach der Farm gekommen und hatten meine Frau und den jüngeren Sohn überwältigt, um dann auch auf uns zu warten. Als der älteste Sohn dann vor mir kam, hatten sie sich so schnell über ihn gemacht, daß ihm kaum Zeit zu dem erwähnten Warnungsrufe geblieben war. Mir erging es nicht schlimmer und nicht besser als den andern. Es kam so überraschend und ging so schnell, daß ich gebunden war, ehe ich an Gegenwehr denken konnte; dann stopfte man auch mir irgend einen Zeugfetzen in den Mund, damit ich nicht schreien könne.“

„Bist selber schuld daran! Warum warst du nicht vorsichtiger! Wer sich mit Rafters verfeindet und überdies einen von ihnen geschlagen hat, muß sich vorsehen.“

„Ist wahr. Aber ich hatte damals meine jetzigen Erfahrungen noch nicht. Töteten Rafters mir heut eine Kuh, so schösse ich die Kerls einzeln weg, ohne mich von ihnen sehen zu lassen. Doch weiter! Ich will es kurz machen, denn was nun kommt, kann mit Worten nicht geschildert werden. Es wurde Gericht gehalten; daß ich geschossen hatte, wurde mir als todeswürdiges Verbrechen ausgelegt. Die Halunken hatten sich übrigens über meinen Brandy hergemacht; sie tranken sich einen solchen Rausch an, daß sie nicht mehr Menschen, auch nicht Tiere waren, sondern zur Bestie wurden. Sie beschlossen, uns sterben zu lassen. Als Extrastrafe für den Schlag, den der Anführer von mir erhalten hatte, verlangte er, daß auch wir geschlagen, das heißt tot gepeitscht werden sollten. Zwei stimmten ihm bei, drei waren dagegen; er setzte es aber durch. Wir wurden hinaus an die Fenz geschafft. Die Frau kam zuerst daran. Man band sie fest und schlug mit Knütteln auf sie los. Einer fühlte doch eine Art von Mitleid mit ihr und gab ihr eine Kugel in den Kopf. Den Söhnen erging es schlimmer als ihr, sie wurden buchstäblich totgeprügelt. Ich lag dabei und mußte es mit ansehen, denn ich sollte der letzte sein. Leute, ich sage euch, daß jene Viertelstunde mir zur Ewigkeit geworden ist. Es kann mir nicht einfallen, zu versuchen, euch meine Gedanken und Gefühle zu beschreiben. Die Worte Wut und Grimm sagen gar nichts, es gibt eben kein passendes Wort. Ich war wie wahnsinnig und konnte mich doch nicht rühren, nicht bewegen. Also endlich kam ich an die Reihe. Ich wurde aufgerichtet und angebunden. Die Schläge, welche ich nun erhielt, habe ich nicht gefühlt. Meine Seele befand sich in einem Zustande, in welchem sie auf die körperlichen Schmerzen gar nicht achthaben konnte. Ich weiß nur, daß plötzlich vom Maisfelde her ein lauter Ruf erscholl und daß, als dieser von den Rafters nicht augenblicklich beachtet wurde, ein Schuß fiel. Ich war ohnmächtig geworden.“

„Ach, es kamen zufällig Leute, welche dich retteten!“

„Leute? Nein, denn es war nur einer. Er kannte natürlich die Verhältnisse nicht und hatte gemeint, daß ein Dieb oder sonstiger Verbrecher gezüchtigt werde. Aus der Haltung meines Kopfes hatte er schon von weitem gesehen, daß mein Leben keinen Penny wert sei, wenn er nicht schon aus der Ferne Einhalt thue. Darum sein Ruf und sein Schuß. Er hatte nur einen Warnungsschuß gethan, also in die Luft geschossen, da er nicht geglaubt hatte, es mit Mördern zu thun zu haben. Als er dann rasch herbeikam, erkannte ihn einer der Kerls und rief erschrocken seinen Namen. Feig morden hatten sie gekonnt; aber sie, sechs Personen, es mit diesem einen aufzunehmen, dazu fehlte ihnen der Mut. Sie rannten davon; indem sie das Haus als Deckung benutzten, um nach dem Walde zu entkommen.“

„Dann muß der Ankömmling ein hochberühmter und gefürchteter Westmann gewesen sein.“

„Westmann? Pshaw! Ein Indianer war’s. Ja, Leute, ich sage euch, daß ein Roter mich rettete!“

„Ein Roter? Der so gefürchtet war, daß sechs Rafters vor ihm davonliefen? Unmöglich!“

„Zweifle nicht! Auch du würdest, wenn du ein böses Gewissen hättest, alles im Stiche lassen, um vor ihm zu entkommen, denn es war kein andrer als Winnetou.“

„Winnetou, der Apache? Good lack! Ja, dann ist’s freilich zu glauben. Aber war der denn schon damals so bekannt?“

„Er stand freilich erst im Anbeginne seines Ruhmes, aber der eine Rafter, welcher den Namen rief und dann ausriß, hatte ihn wohl schon auf eine Weise kennen gelernt, die ihm ein zweites Zusammentreffen nicht erwünscht sein ließ. Überdies, wer Winnetou nur ein einziges Mal gesehen hat, der weiß, welchen Eindruck sein bloßes Erscheinen macht.“

„Aber er hat die Kerls entwischen lassen?“

„Einstweilen, ja. Oder hättest du es etwa anders gemacht? Aus ihrer eiligen Flucht erkannte er zwar, daß sie ein böses Gewissen hatten, aber die eigentlichen Umstände wußte er doch nicht. Dann sah er mich hängen und die losgebundenen Leichen, die er vorher nicht hatte bemerken können, am Boden liegen. Nun wußte er freilich, daß ein Verbrechen geschehen war; aber er konnte den Fliehenden nicht nach, weil er sich vor allen Dingen meiner anzunehmen hatte. Dabei war auch gar nichts versäumt, denn ein Winnetou weiß seine Leute auch später mit Sicherheit zu finden. Als ich erwachte, kniete er neben mir, gerade wie der Samariter in der heiligen Schrift. Er hatte mich von den Fesseln und dem Knebel befreit, verbot mir aber, zu sprechen, eine Untersagung, auf welche ich nicht achtete. Ich fühlte wahrhaftig keine Schmerzen und wollte auf und fort, um mich zu rächen. Er gab das nicht zu, schaffte mich und die Leichen in das Haus, wo ich mich, falls die Rafters es sich einfallen lassen sollten, wiederzukommen, leicht ihrer erwehren konnte, und ritt dann zum nächsten Nachbar, um eine pflegende und helfende Hand zu holen. Ich sage euch, daß dieser Nachbar über dreißig Meilen von mir wohnte und daß Winnetou noch nie in dieser Gegend gewesen war. Er fand ihn doch, obgleich er erst des Abends dort ankam, und brachte ihn und den Knecht gegen Morgen zu mir. Dann verließ er mich, um die Spuren der Mörder zu verfolgen. Ich mußte ihm heilig versprechen, nicht eigenmächtig zu handeln, da dies zwecklos sei. Er blieb über eine Woche aus. Ich hatte indessen meine Toten begraben und dem Nachbar Auftrag gegeben, meinen Besitz zu verkaufen. Meine zerschlagenen Glieder waren noch nicht heil; aber ich hatte mit wahren Schmerzen auf die Rückkehr des Apachen gewartet. Er war den Rafters gefolgt, hatte sie des Abends belauscht und gehört, daß sie nach dem Smoky-hill-Fort wollten. Gezeigt hatte er sich ihnen nicht, ihnen auch nichts gethan, da die Rache nur die meine war. Als er sich von mir verabschiedet hatte, nahm ich die Büchse, stieg auf das Pferd und ritt fort. Das Übrige wißt ihr bereits oder könnt es euch denken.“

„Nein, wir wissen es nicht und denken es uns auch nicht. Erzähle nur weiter, erzähle! Warum ist Winnetou nicht mit dir gegangen?“

„Jedenfalls weil er noch andres und Besseres zu thun hatte. Oder hatte er vielleicht noch nicht genug gethan? Und weitererzählen werde ich nicht. Ihr könnt euch denken, daß mir das kein Vergnügen sein kann. Die fünf sind ausgelöscht, einer nach dem andern; der sechste und schlimmste ist mir entkommen. Er war Rafter und ist vielleicht noch bei diesem Geschäfte; darum bin ich auch Rafter geworden, weil ich denke, daß ich ihn auf diese Weise am sichersten einmal treffen kann. Und nun – – behold! Was für Personen sind denn das?“

Er sprang auf, und die andern folgten seinem Beispiele, denn soeben waren zwei in bunte Decken gehüllte Gestalten aus dem Dunkel des Waldes in den Lichtkreis des Feuers getreten. Es waren Indianer, ein alter und ein junger. Der erstere hob beruhigend die Hand und sagte: „Nicht Sorge haben, denn wir nicht Feinde sind! Arbeiten hier Rafters, welche schwarzen Tom kennen?“

„Ja, den kennen wir,“ antwortete der alte Blenter.

„Er für euch fort, um zu holen Geld?“

„Ja, er soll kassieren und kann in einer Woche wieder bei uns sein.“

„Er noch eher kommen. Wir also bei richtige Leute, bei Rafters, welche wir suchen. Feuer klein machen, sonst weit sehen. Und auch leise sprechen, sonst weit gehört werden.“

Er warf die Decke ab, trat an das Feuer, riß die Brände auseinander, verlöschte sie und ließ nur einige weiterbrennen. Der junge Indianer half ihm dabei. Als das geschehen war, warf er einen Blick in den Kessel, setzte sich nieder und sagte: „Uns Stück Fleisch geben, denn wir weit geritten und nicht gegessen; großen Hunger haben.“

Sein so selbständiges Beginnen erregte natürlich das Erstaunen der Rafters. Der alte Missourier gab demselben Ausdruck, indem er fragte: „Aber, Mann, was fällt dir ein! Wagst dich zu uns heran, sogar des Nachts und obgleich du ein Roter bist! Und thust genau so, als ob dieser Platz nur dir gehörte!“

„Wir nichts wagen,“ lautete die Antwort. „Roter Mann muß nicht sein schlechter Mann. Roter Mann sein guter Mann. Bleichgesicht wird das erfahren.“

„Aber wer bist du denn? Du gehörst jedenfalls nicht einem Flußlands- und Prairiestamme an. Nach deinem Aussehen muß ich vielmehr vermuten, daß du aus Neumexiko kommst und vielleicht ein Pueblo bist.“

„Komme aus Neumexiko, bin aber kein Pueblo. Bin Tonkawahäuptling, heiße „der große Bär“, und dies mein Sohn.“

„Was, „der große Bär“?“ riefen mehrere Rafters überrascht, und der Missourier fügte hinzu. „So ist dieser Knabe also „der kleine Bär“?“

„So richtig!“ nickte der Rote.

„Ja, das ist etwas andres. Die beiden Tonkawabären sind überall willkommen. Nehmt euch Fleisch und Met, ganz wie es euch beliebt und bleibt bei uns, solange es euch gefällt. Was aber führt euch denn in diese Gegend?“

„Wir kommen, um Rafters warnen.“

„Warum? Gibt es für uns eine Gefahr?“

„Große Gefahr.“

„Welche denn? Sprich!“

„Tonkawa erst essen und Pferde holen, dann reden.“

Er gab seinem Sohne einen Wink, worauf dieser sich entfernte, und nahm sich dann ein Stück Fleisch aus dem Kessel, welches er mit solcher Ruhe zu verzehren begann, als ob er sich daheim in seinem sichern Wigwam befände.

„Pferde habt ihr mit?“ fragte der Alte. „Des Nachts hier im finstern Walde? Und dabei habt ihr uns gesucht und auch wirklich gefunden! Das ist wirklich eine Art Meisterstück von euch!“

„Tonkawa hat Augen und Ohren. Er weiß, daß Rafters stets wohnen am Wasser, am Fluß. Ihr sehr laut reden und großes Feuer brennen, welches wir sehen sehr weit und riechen noch weiter. Rafters sehr unvorsichtig, denn Feinde haben es leicht, sie zu finden.“

„Es gibt hier keine Feinde. Wir befinden uns ganz allein in dieser Gegend und sind auf alle Fälle stark genug, uns etwaiger Feinde zu erwehren.“

„Missouri-Blenter sich irren!“

„Wie, du kennst meinen Namen?“

„Tonkawa stehen lange Zeit da hinter Baum und hören, was Bleichgesichter sprechen; auch hören deinen Namen. Wenn Feinde nicht da, so nun doch kommen. Und wenn Rafters unvorsichtig, dann werden besiegt sogar von wenigen Feinden.“

Jetzt hörte man Hufschlag im weichen Boden. Der kleine Bär brachte zwei Pferde, band sie an einen Baum, nahm ein Stück Fleisch aus dem Kessel, und setzte sich neben seinen Vater, um zu essen. Dieser letztere hatte seine Portion verzehrt, schob das Messer in den Gürtel und sagte: „Nun Tonkawa sprechen, und Rafters dann wohl mit ihm Friedenspfeife rauchen. Der schwarze Tom hat viel Geld. Tramps kommen, ihm aufzulauern und es ihm abzunehmen.“

„Tramps? Hier am schwarzen Bärenflusse? Da wirst du dich wohl irren.“

„Tonkawa nicht irren, sondern genau wissen und es auch erzählen.“

Er berichtete in seinem gebrochenen Englisch das Erlebnis auf dem Steamer, war jedoch zu stolz, dabei über die Heldenthat seines Sohnes ein Wort zu erwähnen. Man hörte ihm natürlich mit der größten Spannung zu. Er erzählte auch, was nach der Flucht der Tramps geschehen war. Er hatte kurz nach ihnen mit seinem Sohne im kleinen Boote das Ufer des Arkansas erreicht und war da bis zum ersten Tagesgrauen liegen geblieben, da er des Nachts nicht der Fährte zu folgen vermochte. Diese war dann sehr deutlich gewesen und hatte, Fort Gibson vermeidend, zwischen dem Canadian und dem Red-fork nach Westen geführt, um dann wieder nach Norden einzulenken. Während einer der nächsten Nächte hatten die Tramps ein Dorf der Creekindianer überfallen, um sich Pferde zu verschaffen. Am Mittag des nächsten Tages waren die beiden Tonkawa wandernden Choctowkriegern begegnet, von denen sie sich zwei Pferde gekauft hatten. Doch war durch die beim Pferdehandel gebräuchlichen Zeremonien eine so lange Zeit in Anspruch genommen worden, daß die Tramps einen Vorsprung von einem ganzen Tag bekommen hatten. Sie waren dann über den Red-fork gegangen und über die offene Prairie nach dem schwarzen Bärenflusse geritten. Den Tonkawa war es gelungen, ihnen nahe zu kommen. Nun lagerten die Tramps auf einer kleinen Lichtung am Flußufer, und die Tonkawa hatten es für notwendig gehalten, zunächst die Rafters aufzusuchen, um diese zu benachrichtigen.

Die Wirkung dieser Erzählung ließ nicht auf sich warten. Man sprach nun nur noch im leisen Tone und löschte das Feuer ganz aus.

„Wie weit ist der Lagerplatz dieser Tramps von hier aus entfernt?“ fragte der alte Missourier.

„So viel, was die Bleichgesichter eine halbe Stunde nennen.“

„Alle Wetter! Da können sie zwar unser Feuer nicht gesehen, aber doch den Rauch gerochen haben. Wir sind wirklich zu sicher gewesen. Und seit wann liegen sie dort?“

„Eine ganze Stunde vor Abend.“

„Dann haben sie gewiß auch nach uns gesucht. Weißt du nichts darüber?“

„Tonkawa nicht dürfen beobachten Tramps, weil noch heller Tag. Sogleich weiter, um Rafters zu warnen, denn – –“

Er hielt inne und lauschte. Dann fuhr er in noch viel leiserem Tone fort. „Großer Bär etwas sehen, eine Bewegung an Ecke von Haus. Still sitzen und nicht sprechen. Tonkawa fortkriechen und nachsehen.“

Er legte sich auf den Boden nieder und kroch, sein Gewehr zurücklassend, dem Hause zu. Die Rafters spitzten die Ohren. Es vergingen wohl zehn Minuten, dann ertönte ein schriller, kurzer Schrei, ein Schrei, den jeder Westmann kennt – der Todesschrei eines Menschen. Nach kurzer Zeit kehrte der Häuptling zurück.

„Ein Kundschafter der Tramps,“ sagte er. „Tonkawa hat ihm das Messer gegeben, von hinten in das Herz getroffen. Wird nicht sagen können, was hier gesehen und gehört. Aber vielleicht noch ein zweiter da. Wird zurückkehren und melden. Drum schnell machen, wenn weiße Männer wollen vielleicht belauschen Tramps.“

„Das ist wahr,“ stimmte der Missourier flüsternd ein. „Ich werde mitgehen und du wirst mich führen, da du den Ort kennst, an welchem sie lagern. Jetzt haben sie noch keine Ahnung davon, daß wir von ihrer Gegenwart wissen. Sie fühlen sich also sicher und werden über ihr Vorhaben sprechen. Wenn wir uns gleich aufmachen, erfahren wir vielleicht, welche Pläne sie haben.“

„Ja, aber ganz leise und heimlich, damit, wenn etwa noch zweiter Kundschafter da, er nicht sehen, daß wir gehen. Und nicht Flinte mitnehmen, sondern nur Messer. Gewehr uns im Weg sein.“

„Und was machen inzwischen die andern hier?“

„In Haus hineingehen und still warten, bis wir zurückkehren.“

Dieser Rat wurde befolgt. Die Rafters begaben sich in die Blockhütte, wo sie nicht beobachtet werden konnten; der Missourier aber kroch mit dem Häuptling eine Strecke weit fort, und erst dann erhoben sich die beiden, um am Flusse abwärts zu gehen und womöglich die Tramps zu belauschen. Der schwarze Bärenfluß kann die Grenze jenes eigentümlich hügeligen Landes genannt werden, welches man mit dem Namen Rolling-Prairie, die rollende Prairie, bezeichnet. Es erhebt sich da Hügel neben Hügel, fast einer genau so wie der andre, getrennt durch Thäler, welche einander ebenso gleichen. Das geht durch den ganzen Osten von Kansas. Diese rollende Prairie ist wasserreich und gut bewaldet. Aus der Vogelschau könnte man diese unendlich aufeinander folgenden Hügel und Thäler mit den rollenden Wogen eines grüngefärbten Meeres vergleichen. Daher der Name, aus dem man erkennt, daß unter Prairie nicht stets ein ebenes Gras- oder Wiesenland zu verstehen ist. In dieses weiche, humusreiche Hügelland haben sich die Wasser des schwarzen Bärenflusses tief eingefressen, so daß seine Ufer bis dahin, wo sie die rollende Prairie verlassen, meist steil und dabei bis an das Wasser mit dicht stehenden Bäumen bewachsen sind. Das ist oder vielmehr war ein rechtes, echtes Wildland, denn in neuerer Zeit ist die rollende Prairie verhältnismäßig dicht bevölkert und von den Sonntagsjägern ihres Wildstandes beraubt worden.

Da, wo die Rafters ihren Arbeitsplatz aufgeschlagen hatten, fiel das hohe Ufer unweit des Blockhauses steil zum Wasser hinab, was höchst vorteilhaft war, da es die Anlegung sogenannter Schleifen ermöglichte, das sind Rutschbahnen, auf denen die Rafters die Stämme und Hölzer ohne große Anstrengung an das Wasser bringen können. Glücklicherweise war das Ufer vom Unterholze frei, aber dennoch war es nicht leicht, dasselbe in der Dunkelheit zu beschreiten. Der Missourier war ein alter gewandter und viel erfahrener Westmann; dennoch wunderte er sich über den Häuptling, der ihn bei der Hand genommen hatte und nun geräuschlos und so sicher zwischen den Bäumen dahinschritt und die Stämme so sicher zu vermeiden wußte, als ob es heller Tag sei. Unten hörte man das Rauschen des Flusses, ein sehr vorteilhafter Umstand, da dasselbe ein etwa mit dem Fuße erzeugtes Geräusch unhörbar machte.

Blenter befand sich seit längerer Zeit hier. Er arbeitete nicht als Rafter, sondern als Jäger und Fleischmacher und kannte die Gegend ganz genau. Um so mehr mußte er die Sicherheit anerkennen, mit welcher der Indianer, der sich zum erstenmal und zwar auch nur seit dem Anbruch der Dunkelheit hier befand, bewegte.

Als etwas über eine Viertelstunde vergangen war, stiegen die beiden in ein Wellenthal hinab, welches den Lauf des Flusses durchkreuzte. Auch dieses war mit Bäumen dicht bewachsen; es wurde durch einen leisen murmelnden Bach bewässert. In der Nähe der Stelle, wo derselbe sich in den Fluß ergoß, gab es einen baumfreien Platz, auf dem nur einige Büsche standen. Dort hatten sich die Tramps gelagert und ein Feuer angebrannt, dessen Schein den beiden Männern schon in die Augen fiel, als sie sich noch unter dem Wipfeldache des Waldes befanden.

„Tramps ebenso unvorsichtig wie Rafters,“ flüsterte der Tonkawahäuptling seinem Gefährten zu. „Brennen großes Feuer, als ob sie braten wollten ganzen, großen Büffel. Roter Krieger stets nur kleines Feuer machen. Flamme nicht sehen und ganz wenig Rauch. Wir da sehr leicht hinkommen und es so machen können, daß uns nicht sehen.“

„Ja, hinkommen können wir,“ meinte der Alte. „Aber ob so nahe, daß wir hören können, was sie sprechen, das ist noch fraglich.“

„Wir ganz nahe, wir hören werden. Aber einander beistehen, wenn Tramps uns entdecken. Angreifer totstechen und schnell in Wald hinein.“

Sie gingen bis an die letzten Bäume vor und sahen nun das Feuer und die um dasselbe lagernden Leute. Hier unten gab es mehr Stechmücken, die gewöhnliche Plage der Flußläufe dieser Gegenden, als oben im Lager der Rafters. Wohl aus diesem Grunde hatten die Tramps ein so mächtiges Feuer angebrannt. Seitwärts standen die Pferde. Man sah sie nicht, aber man hörte sie. Sie wurden so von den Moskitos geplagt, daß sie, um diese von sich abzuwehren, in immerwährender Bewegung waren. Der Missourier hörte das Stampfen ihrer Hufe; ja, der Häuptling vernahm sogar das Peitschen ihrer Schwänze.

Nun legten sie sich auf die Erde nieder und krochen nach dem Feuer hin. Dabei benutzten sie als Deckung die Büsche, welche auf der Lichtung standen. Die Tramps saßen nahe am Bache, dessen Ufer mit dichtem Schilfe bewachsen war; das letztere reichte bis an das Lager hin.

Der vorankriechende Indianer wendete sich dem Schilfe zu, welches die beste Gelegenheit zum Verbergen bot. Dabei entfaltete er eine wahre Meisterschaft in Beziehung auf die Kunst des Anschleichens. Es galt, durch die hohen, dürren Halme zu kommen, ohne das im Schilfe fast unvermeidliche Geräusch zu verursachen. Auch durften sich die Spitzen desselben nicht bewegen, weil dadurch leicht die Entdeckung herbeigeführt werden konnte. Der alte Bär vermied diese Gefahr dadurch, daß er sich einfach den Weg schnitt. Er legte mit dem scharfen Messer das Schilf vor sich nieder und hatte dabei noch Aufmerksamkeit für den Missourier übrig, um diesem das Nachfolgen zu erleichtern. Dieses Niedersicheln des harten Schilfes geschah so unhörbar, daß sogar der Alte das Fallen der Halme nicht vernehmen konnte.

So näherten sie sich dem Feuer und blieben erst dann liegen, als sie sich so nahe bei den Tramps befanden, daß sie deren Gespräch, welches freilich nicht leise geführt wurde, hören konnten. Blenter war nicht zurückgeblieben, sondern hatte sich neben dem Häuptling Platz gemacht. Er überflog die vor ihm sitzenden Gestalten und fragte leise: „Welcher ist denn der Cornel, von welchem du uns erzählt hast?“

„Cornel nicht da, er fort,“ antwortete der Indianer flüsternd.

„Wohl auch, um nach uns zu suchen?“

„Ja; es können fast nicht anders sein.“

„So ist er jedenfalls derjenige, den du erstochen hast?“

„Nein, er es nicht sein.“

„Das hast du doch nicht sehen können?“

„Bleichgesicht sehen nur mit Augen, Indianer aber sehen auch mit Händen. Meine Finger hätten Cornel gewiß erkannt.“

„So ist er nicht allein, sondern in Begleitung eines andern gewesen, und diesen andern hast du erstochen.“

„Das sehr richtig. Nun hier warten, bis Cornel zurückkehren.“

Die Tramps unterhielten sich sehr lebhaft; sie schwatzten von allem möglichen, nur nicht von dem, was den beiden Lauschern interessant gewesen wäre, bis dann doch einer sagte: „Soll mich wundern, ob der Cornel richtig vermutet hat. Es wäre ärgerlich, wenn sich die Rafters nicht mehr hier befänden.“

„Sie sind noch da, und zwar ganz nahe,“ antwortete ein andrer. „Die Axtspäne, welche das Wasser hier angeschwemmt hat, sind noch ganz neu; sie stammen von gestern oder höchstens vorgestern.“

„Wenn das richtig ist, so müssen wir wieder zurück, weil wir den Kerls hier so nahe sind, daß sie uns bemerken werden. Und sehen dürfen sie uns doch nicht. Mit ihnen haben wir eigentlich nichts zu schaffen, sondern wir wollen nur den schwarzen Tom und sein Geld abfangen.“

„Und werden es nicht bekommen,“ fiel ein dritter ein.

„Warum nicht?“

„Weil wir es so dumm angefangen haben, daß es unmöglich gelingen kann. Meint ihr etwa, daß die Rafters uns nicht bemerken werden, wenn wir eine Strecke zurückgehen? Sie müßten geradezu blind sein. Wir lassen hier Spuren zurück, welche gar nicht zu vertilgen sind. Und ist unsre Anwesenheit verraten, so ist es aus mit unsrem Plan.“

„Gar nicht! Wir schießen die Kerls nieder!“

„Werden sie sich hinstellen und ruhig auf sich schießen lassen? Ich habe dem Cornel den besten Rat gegeben, bin aber leider von ihm abgewiesen worden. Im Osten, in den großen Städten, geht der Bestohlene zur Polizei und überläßt es dieser, den Dieb ausfindig zu machen; hier im Westen aber nimmt jeder seine Sache in die eigene Hand. Ich bin überzeugt, daß man uns wenigstens eine Strecke weit verfolgt hat. Und wer sind diejenigen gewesen, die sich auf unsre Fährte gesetzt haben? Jedenfalls nur diejenigen unter den Passagieren, welche sich auf so etwas verstehen, also Old Firehand, der schwarze Tom und höchstens noch diese sonderbare Tante Droll. Wir hätten auf sie warten sollen, und es wäre uns sehr leicht gewesen, Tom sein Geld abzunehmen. Statt aber das zu thun, haben wir diesen weiten Ritt gemacht und sitzen nun hier am Bärenflusse, ohne zu wissen, ob wir es bekommen werden. Und daß der Cornel jetzt bei Nacht im Walde herumläuft, um die Rafters zu suchen, das ist ebenso dumm. Er konnte bis morgen warten und – – “

Er hielt in seinem Raisonnement inne, denn derjenige, von welchem er sprach, kam in diesem Augenblicke unter den Bäumen hervor und auf das Feuer zugeschritten. Er sah die Blicke seiner Leute neugierig auf sich gerichtet, nahm den Hut vom Kopfe, warf ihn auf den Boden und sagte: „Bringe keine gute Nachricht, Leute, habe Unglück gehabt.“

„Welches? Was für eins? Inwiefern?“ fragte es rundum. „Wo ist Bruns? Warum kommt er nicht mit?“

„Bruns?“ antwortete der Cornel, indem er sich niedersetzte. „Der kommt überhaupt nicht wieder; er ist tot.“

„Tot? Bist du des Teufels! Wie ist er verunglückt? Denn getötet kann ihn doch niemand haben.“

„Wie klug du bist?“ antwortete der Anführer dem Frager. „Freilich ist der arme Teufel nur verunglückt, aber durch ein Messer, welches man ihm in das Herz gestoßen hat.“

Diese Nachricht brachte eine große Aufregung hervor. Jeder fragte nach dem Wie und Wo, und vor lauter Fragen konnte der Cornel gar nicht zur Antwort kommen. Darum gebot er Ruhe. Als diese eingetreten war, berichtete er: „Ich nahm gerade Bruns und keinen andern mit, weil er der beste Sucher ist oder vielmehr war. Er hat sich in dieser Eigenschaft auch gut bewährt, denn seine Nase führte uns zu den Rafters.“

„Seine Nase?“ fragte derjenige, welcher die Gewohnheit zu haben schien, für die andern den Sprecher zu machen.

„Ja, seine Nase. Wir vermuteten die Gesellschaft natürlich weiter aufwärts und schlugen also diese Richtung ein. Dabei mußten wir sehr vorsichtig sein, da wir sonst leicht gesehen werden konnten. Aus diesem Grunde kamen wir nur langsam weiter, und es wurde dunkel. Ich wollte umkehren, aber Bruns gab das nicht zu. Wir hatten mehrere Spuren gesehen, aus denen er schloß, daß wir dem Flößplatze nahe seien. Er meinte, wir würden die Rafters riechen, da sie schon wegen der Stechfliegen ein Feuer haben mußten. Diese Ansicht bewahrheitete sich, denn es roch endlich nach Rauch, und auf der Höhe des Ufers gab es einen leichten Schein wie von einem Feuer, dessen Licht durch Büsche und Bäume dringt. Wir kletterten hinauf und konnten nun das Feuer vor uns sehen. Es brannte vor einem Blockhause, und um die Flamme saßen die Rafters, ihrer zwanzig, gerade so viel wie wir. Um sie zu belauschen, schlichen wir uns näher. Ich blieb unter einem Baume liegen, und Bruns machte sich hinter das Haus. Wir hatten noch gar nicht Zeit gefunden, auf das Gespräch zu achten, als plötzlich zwei Kerls kamen, nicht Rafters, sondern Fremde. Ratet einmal, wer sie waren. Doch nein, ihr kommt doch nicht auf das Richtige. Es waren nämlich die beiden Indianer, der große und der kleine Bär, vom „Dogfish“.

Die Tramps zeigten sich über diese Nachricht sehr erstaunt, sie wollten derselben keinen Glauben schenken. Geradezu betroffen aber wurden sie, als sie erfuhren, was der Häuptling den Rafters erzählt hatte. Dann fuhr der Cornel fort: „Ich sah, daß der Rote das Feuer ganz auslöschte, und dann wurde so leise gesprochen, daß ich nichts mehr verstehen konnte. Ich wollte nun gern fort, mußte aber selbstverständlich auf Bruns warten. Plötzlich hörte ich einen Schrei, so entsetzlich, so fürchterlich, daß er mir durch Mark und Bein ging. Er kam von der Blockhütte her, hinter welcher Bruns steckte. Mir wurde bange um ihn, und ich schlich mich also um das Lager nach der Hütte. Es war so dunkel, daß ich mich vorwärts tasten mußte. Dabei traf ich mit der Hand auf einen menschlichen Körper, welcher in einer Blutlache lag. Ich fühlte an der Kleidung, daß es Bruns war, und erschrak auf das heftigste. Er hatte im Rücken einen Stich, welcher gerade ins Herz gedrungen sein muß, war also tot. Was konnte ich thun? Ich leerte seine Taschen, nahm sein Messer und seinen Revolver zu mir und ließ ihn liegen. Als ich dann wieder nach vorn kam, bemerkte ich, daß die Rafters sich in die Blockhütte zurückgezogen hatten, und machte mich nun schnell aus dem Staube.“

Die Tramps ergingen sich in Ausdrücken rohen Mitleids über den Tod ihres Gefährten, doch der Anführer machte denselben ein Ende, indem er sagte: „Laßt das jetzt sein! Wir haben keine Zeit dazu, denn wir müssen fort.“

„Warum?“ wurde er gefragt.

„Warum? Habt ihr denn nicht gehört, daß diese Roten unsern Lagerplatz kennen? Natürlich werden sie uns überfallen wollen, wahrscheinlich am Morgen. Da sie sich aber sagen müssen, daß wir den Toten vermissen und infolgedessen Verdacht schöpfen werden, so ist es möglich, daß sie noch eher kommen. Lassen wir uns überraschen, so sind wir verloren. Wir müssen also sofort weiter.“

„Aber wohin?“

„Nach dem Eagle-tail.“

„Ach, um uns die Eisenbahnkasse zu holen. Auf das Geld der Rafters sollen wir also verzichten?“

„Leider. Es ist das Klügste, und –“

Er hielt inne und machte mit der Hand eine Bewegung der Überraschung, welche die andern nicht verstanden.

„Was ist’s? Was hast du?“ fragte ihn einer. „Sprich weiter.“

Der Cornel stand, ohne zu antworten, auf. Er hatte nahe an der Stelle gesessen, wo die beiden Lauscher lagen. Diese befanden sich nicht mehr nebeneinander wie vorher. Als nämlich das Auge des alten Missouriers auf den Cornel gefallen war, hatte sich seiner eine ganz ungewöhnliche Aufregung bemächtigt, welche sich bei dem Klange der Stimme des Genannten noch gesteigert hatte. Er blieb nicht ruhig liegen, sondern schob sich weiter und immer weiter im Schilfe vor. Seine Augen glühten, und es schien, als ob sie aus ihren Höhlen treten wollten. In dieser Erregung vergaß er die nötige Vorsicht; er achtete nicht darauf, daß sein Kopf fast ganz aus dem Schilfe ragte.

„Nicht sehen lassen!“ raunte ihm der Häuptling zu, indem er ihn faßte und zurückzog.

Aber es war schon zu spät, denn der Cornel hatte den Kopf gesehen. Darum unterbrach er seine Rede und war rasch aufgestanden, um den Lauscher unschädlich zu machen. Er verfuhr dabei mit großer Schlauheit, indem er sagte: „Es fiel mir eben ein, daß ich dort bei den Pferden noch – – doch, kommt ihr beide einmal mit!“

Er winkte den zwei Männern, welche an seiner Rechten und Linken gesessen hatten. Sie standen sogleich auf, und er flüsterte ihnen zu: „Ich verstelle mich nur, denn da hinter uns liegt ein Kerl, jedenfalls ein Rafter, im Schilfe. Sieht er, daß ich es auf ihn abgesehen habe, so läuft er davon. Sobald ich mich auf ihn werfe, packt ihr ihn auch sofort. Auf diese Weise bekommen wir ihn gleich so fest, daß er sich gar nicht wehren und mich verwunden kann. Also – – vorwärts!“

Bei dem Worte vorwärts, welches er nun laut ausrief, drehte er sich blitzschnell um und that einen Sprung nach der Stelle, an welcher er den Kopf gesehen hatte.

Der Tonkawahäuptling war ein äußerst vorsichtiger, erfahrener und scharfsinniger Mann. Er sah den Cornel aufstehen und mit den beiden flüstern; er sah, daß der eine derselben eine unwillkürliche Bewegung nach rückwärts machte. So gering und fast unbemerkbar diese Bewegung war, dem großen Bär verriet sie doch, um was es sich handle. Er berührte den Alten mit der Hand und flüsterte ihm zu. „Schnell fort! Cornel dich sehen und dich fangen. Schnell, schnell!“

Zu gleicher Zeit wendete er sich um und schnellte sich, ohne sich vom Boden zu erheben, fort und hinter den nächsten Busch. Das war das Werk von höchstens zwei Sekunden, aber schon ertönte hinter ihm das „Vorwärts“ des Cornels, und als er zurückblickte, sah er diesen sich auf den Missourier stürzen, welchem Beispiele die beiden andern Tramps augenblicklich folgten.

Der alte Blenter wurde trotz seiner gerühmten Geistesgegenwart vollständig überrumpelt. Die drei lagen oder knieten auf ihm und hielten ihm die Arme und Beine fest, und die Tramps sprangen vom Feuer auf und kamen schnell herbei. Der Indianer hatte sein Messer gezogen, um dem Alten beizustehen, er mußte aber einsehen, daß er gegen diese Übermacht nichts auszurichten vermöge. Er konnte nichts weiter thun, als sehen, was mit dem Missourier geschehen werde, und dann die Rafters benachrichtigen. Um aber nicht auch selbst entdeckt zu werden, kroch er von dem in das Schilf geschnittenen Wege fort, weit weg zur Seite, wo er sich hinter einem Busch verbarg.

Die Tramps wollten, als sie den Gefangenen erblickten, laut werden, doch der Cornel gebot ihnen Schweigen: „Still! Wir wissen nicht, ob noch andre da sind. Haltet ihn fest. Ich werde nachsehen.“

Er ging die Umgebung des Feuers ab und bemerkte zu seiner Beruhigung keinen Menschen. Dann gebot er, den Mann an das Feuer zu bringen. Dieser hatte alle seine Kräfte angestrengt, sich loszumachen, doch vergebens. Er sah ein, daß er sich in sein Schicksal fügen müsse. Allzu schlimm konnte dasselbe nicht sein, da er den Tramps ja bis jetzt nichts zuleide gethan hatte. Übrigens mußte ihn der Gedanke an den Indianer beruhigen. Dieser ging gewiß schnell fort, um Hilfe herbeizuholen.

Während vier Mann den Gefangenen am Boden festhielten, beugte sich der Cornel nieder, um ihm in das Gesicht zu sehen. Es war ein langer, langer, scharf und nachdenklich forschender Blick, mit dem er dies that. Dann sagte er: „Kerl, dich müßte ich kennen! Wo habe ich dich eigentlich schon gesehen?“

Der Alte hütete sich wohl, es ihm zu sagen, da er in diesem Falle verloren gewesen wäre. Der Haß kochte in seiner Brust, aber er gab sich Mühe, ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu zeigen.

„Ja, ich muß dich gesehen haben,“ wiederholte der Cornel. „Wer bist du? Gehörst du zu den Rafters, welche da oberhalb arbeiten?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte.

„Was hast du dich hier herumzuschleichen? Warum belauschest du uns?“

„Sonderbare Frage? Ist es hier im Westen etwa verboten, sich die Leute anzusehen? Ich meine vielmehr, daß es ein Gebot der Notwendigkeit ist, dies zu thun. Es gibt da Leute genug, vor denen man sich in acht nehmen muß.“

„Zählst du vielleicht auch uns zu denselben?“

„Unter welche Sorte von Menschen ihr gehört, das muß sich erst zeigen. Ich kenne euch ja nicht.“

„Das ist eine Lüge. Du hast gehört, was wir gesprochen haben und wirst also wissen, wer und was wir sind.“

„Nichts habe ich gehört. Ich war unten am Flusse und wollte nach unserm Lager, da sah ich euer Feuer und schlich natürlich herbei, um zu sehen, wer hier lagert. Ich fand gar nicht Zeit, zu hören, was gesprochen wurde, denn ich war zu unvorsichtig und wurde in dem Augenblicke, an welchem ich mich zum Lauschen anschickte, von euch gesehen.“

Er hoffte, daß nur der getötete Tramp ihn oben an der Blockhütte gesehen habe, da er sein Gesicht derselben zugewendet gehabt hatte; aber er irrte sich, denn der Rothaarige antwortete: „Das ist lauter Schwindel. Ich sah dich vorhin nicht nur bei den Rafters sitzen, sondern ich hörte dich auch sprechen und erkenne dich wieder. Willst du das eingestehen?“

„Kann mir nicht einfallen! Was ich sage, ist wahr; du verkennst mich also.“

„So bist du wirklich allein hier gewesen?“

„Ja.“

„Und behauptest, wirklich nichts von unsrer Unterhaltung gehört zu haben?“

„Kein Wort.“

„Wie heißest du?“

„Adams,“ log der Missourier, welcher allen Grund zu haben glaubte, seinen wirklichen Namen nicht zu nennen.

„Adams,“ wiederholte der Cornel nachdenklich. „Adams! Habe niemals einen Adams gekannt, der dein Gesicht gehabt hätte. Und doch ist es mir, als ob wir einander schon gesehen hätten. Kennst du mich? Weißt du, wie ich heiße?“

„Nein,“ behauptete der Alte, abermals wahrheitswidrig. „Nun aber laßt mich los! Ich habe euch nichts gethan und hoffe, daß ihr ehrliche Westmänner seid, welche andre ehrliche Leute in Ruhe lassen.“

„Ja, wir sind allerdings ehrliche Männer, sehr ehrliche Männer,“ lachte der Rote; „aber ihr habt vorhin einen von uns erstochen, und nach den Gesetzen des Westens schreit das nach Rache. Blut um Blut, Leben um Leben. Magst du sein, wer du willst, es ist aus mit dir.“

„Wie? Ihr wollt mich ermorden?“

„Ja, gerade so, wie ihr unsern Kameraden ermordet habt. Es handelt sich nur darum, ob du, gerade so wie er, durch das Messer stirbst oder ob wir dich da im Flusse ersäufen. Große Zeremonien aber werden keinesfalls gemacht. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Stimmen wir schnell ab. Bindet ihm den Mund zu, daß er nicht schreien kann. Wer von euch dafür ist, daß wir ihn in das Wasser werfen, der hebe den Arm empor.“

Diese Aufforderung war an die Tramps gerichtet, deren Mehrzahl sofort das erwähnte Zeichen gab.

„Also ersäufen!“ meinte der Cornel. „Bindet ihm Arme und Beine fest zusammen, damit er nicht schwimmen kann; dann schnell in das Wasser, und nachher fort mit uns, ehe seine Leute kommen!“

Der alte Missourier war während des Verhöres von mehreren Männern festgehalten worden. Jetzt sollte ihm zunächst der Mund zugebunden werden. Er wußte, daß der Indianer unmöglich schon die Rafters erreicht haben könne; auf Hilfe war also nicht zu rechnen; dennoch that er das, was jeder andre auch gethan haben würde; er wehrte sich mit Anstrengung aller seiner Kräfte und schrie um Hilfe. Der Ruf drang weit in die Stille der Nacht hinaus.

„All lightnings!“ zürnte der Rote. „Laßt ihn doch nicht so schreien. Wenn ihr nicht mit ihm fertig werdet, so will ich selbst ihn ruhig machen. Paßt auf!“

Er ergriff sein Gewehr und holte aus, um dem Alten einen Kolbenhieb an den Kopf zu versetzen, kam aber nicht dazu, seine Absicht auszuführen, denn – – –

Kurz vor Abend waren vier Reiter, welche die Fährte der Tramps scharf im Auge hatten, dem Ufer des Flusses aufwärts gefolgt, nämlich Old Firehand, der schwarze Tom und Tante Droll mit seinem Knaben. Die Spur führte unter den Bäumen hin; sie war wohl leidlich zu erkennen, aber schwer nach ihrem Alter zu bestimmen. Erst als sie über eine mit Gras bewachsene lichte Stelle ging, stieg Old Firehand vom Pferde, um sie zu untersuchen, da die Halme bessere Anhaltspunkte als das niedrige Waldmoos gaben. Als er die Eindrücke genau betrachtet hatte, sagte er: „Die Kerls sind ungefähr eine englische Meile vor uns, denn die Fährte wurde vor einer halben Stunde getreten. Wir müssen unsre Pferde also besser ausgreifen lassen.“

„Warum?“ fragte Tom.

„Um noch vor Nacht so nahe an die Tramps zu kommen, daß wir ihren Lagerplatz erfahren.“

„Ist das nicht gefährlich für uns?“

„Nicht, daß ich wüßte.“

„O doch! Sie lagern sich jedenfalls, noch ehe es dunkel wird, und wenn wir eilen, müssen wir gewärtig sein, ihnen gerade in die Arme zu reiten.“

„Das befürchte ich nicht. Selbst wenn Ihre Voraussetzung richtig sein sollte, können wir sie vor der Dämmerung nicht erreichen. Ich schließe aus verschiedenen Anzeichen, daß wir uns in der Nähe der Rafters, welche wir vor ihnen zunächst zu warnen haben, befinden. Da ist es vorteilhaft, den Ort zu kennen, an welchem die Tramps lagern. Und dazu ist eben Eile nötig. Sonst überrascht uns die Nacht, in welcher bis zum Morgen viel geschehen kann, was wir dann nicht zu verhindern vermöchten. Was meinen Sie dazu, Droll?“

Die beiden hatten deutsch gesprochen. Droll antwortete also in seinem Dialekte: „Se habe da ganz meine eegne Meenung ausgeschproche. Reite mer rasch weiter, so habe mer se eher; reite mer aber langsamer, so bekomme mer se schpäter und könne leicht eher und tiefer ins Dekerment gerate, als diejenigen, welche mer rette wolle. Also, meine Herre, reite mer Trab, daß de Bäume wackle!“

Da die Bäume nicht eng standen, konnte dieser Vorschlag selbst im Walde ausgeführt werden. Doch hatten auch die Tramps das Tageslicht vollständig ausgenützt und erst dann Halt gemacht, als sie durch die Dunkelheit dazu gezwungen wurden. Hätte Old Firehand sich nicht auf der Fährte derselben, sondern mehr in der Nähe des Ufers gehalten, so wäre er auf die Spur der beiden Tonkawaindianer gestoßen, welche einen ganz geringen Vorsprung vor ihm hatten.

Als es so dunkel wurde, daß die Hufeindrücke fast nicht mehr zu erkennen waren, stieg er abermals ab, um sie zu untersuchen. Das Resultat war: „Wir haben eine halbe Meile gut gemacht; aber leider sind die Tramps auch schnell geritten. Dennoch wollen wir versuchen, sie zu erreichen. Steigen Sie ab; wir müssen nun zu Fuß weiter und die Pferde führen!“

Leider war die Strecke, welche sie noch zurücklegen konnten, nicht bedeutend, da es so finster wurde, daß die Fährte nicht mehr zu erkennen war. Die vier blieben also halten.

„Was nun?“ fragte Tom. „Wir sind fast gezwungen, hier zu kampieren.“

„Nee,“ antwortete Droll. „Ich kampiere nich, sondern mer laufe hübsch weiter, bis mer se finde.“

„Da hören sie uns doch kommen!“

„So mache mer sachte. Mich höre se nich, und mich kriege se nich. Meene Se nich ooch, Herr Firehand?“

„Ja, ich bin ganz Ihrer Meinung,“ antwortete der Genannte. „Aber die Vorsicht verbietet uns, die Richtung der Fährte beizubehalten. Thäten wir das, so würde Tom recht behalten, die Tramps müßten uns kommen hören. Halten wir uns mehr nach rechts, vom Flusse ab, dann haben wir sie zwischen uns und dem Wasser und müssen ihr Feuer bemerken, ohne daß sie uns gewahren.“

„Und wenn sie kein Feuer haben?“ bemerkte Tom.

„So rieche mer ihre Pferde,“ antwortete Droll. „Im Walde schnuppert mer de Pferde viel leichter aus als drauße im freie Felde. Meine Nase hat mich da noch nich im Schtich gelasse. Schteige mer also weiter, nach rechts nebber!“

Old Firehand schritt, sein Pferd am Zügel führend, voran, und die andern folgten hintereinander. Leider aber machte der Fluß hier einen ziemlich weiten Bogen nach links. Die Folge war, daß sie zu weit von demselben abkamen. Old Firehand bemerkte das an der verminderten Feuchtigkeit des Bodens und der Umgebung und wendete sich darum mehr nach links. Aber der Umweg war nicht ungeschehen zu machen, zumal man im finstern Walde nur sehr langsam gehen konnte. Die vier kamen zu der Ansicht, einen Fehler gemacht zu haben, und hielten es für geraten, vor allen Dingen nach dem Flusse zurückzukehren. Sie wußten nicht, daß sie den Lagerplatz der Tramps umgangen hatten und sich nun zwischen demselben und demjenigen der Rafters befanden. Glücklicherweise spürte Old Firehand den Geruch des Rauches und blieb stehen, um zu prüfen, woher derselbe komme. Hinter ihm schnoberte Droll in der Luft herum und meinte dann: „Das is Rooch; er kommt von da drüben rebber; also müsse mer dort nebber. Aber nehme mer uns in acht; mer scheint’s, als ob’s dort heller werde wolle. Das kann nur vom Feuer sein.“

Er wollte den Fuß weiter setzen, hielt aber inne, denn sein scharfes Ohr vernahm nahende Schritte. Old Firehand vernahm sie auch und zugleich das hastige Atmen des Kommenden. Er ließ den Zügel seines Pferdes los und trat einige Schritte vor. Sein Gehör sagte ihm, daß der Mann da vorüberkomme. Im Dunkel der Nacht und des Waldes, selbst dem Auge des berühmten Jägers kaum erkennbar, tauchte vor demselben eine Gestalt auf, welche schnell weiter huschen wollte. Old Firehand griff mit beiden Händen zu.

„Halt!“ gebot er, doch mit unterdrückter Stimme, um nicht zu weit gehört zu werden. „Wer bist du?“

„Schai nek-enokh, schai kopeia – ich weiß es nicht, niemand,“ antwortete der Gefragte, indem er sich loszureißen versuchte.

Selbst der furchtloseste Mann wird erschrecken, wenn er, sich des Nachts im Walde allein wähnend, plötzlich von zwei starken Fäusten gepackt wird. In solchen Augenblicken des Schreckens bedient sich fast jeder, der auch in andern Zungen spricht, ganz unwillkürlich der Muttersprache. So auch der Mann, welcher von Firehand festgehalten wurde. Dieser letztere verstand die Worte und sagte überrascht. „Das ist Tonkawa! Der große Bär ist mit seinem Sohne vor uns. Solltest du – sag, wer bist du?“

Jetzt hörte der Mann auf, zu widerstehen; er hatte die Stimme des großen Jägers erkannt und antwortete hastig in seinem gebrochenen Englisch: „Ich Nintropan-hauey; du Old Firehand. Das sehr gut, sehr gut! Noch mehr Männer bei dir?“

„Also der große Bär! Das ist ein glücklicher Zufall. Ja, ich bin Old Firehand. Es sind noch drei Personen bei mir, und wir haben Pferde mit. Was treibst du hier? Die Tramps sind in der Nähe. Nimm dich in acht!“

„Habe sie sehen. Haben gefangen nehmen alt Missourier-Blenter. Wollen ihn wahrscheinlich töten. Ich laufen zu Rafters nach Hilfe; da mich Old Firehand festhalten.“

„Sie wollen einen Rafter töten? Da müssen wir Einhalt thun. Wo sind sie?“

„Dort hinter mir, wo zwischen den Bäumen hell werden.“

„Ist der rote Cornel bei ihnen?“

„Ja, er dort sein.“

„Wo haben sie ihre Pferde?“

„Wenn Old Firehand zu ihnen, dann Pferde stehen rechts, ehe an Feuer kommen.“

„Und wo befinden sich die Rafters?“

„Oben auf Berg. Der alte Bär schon bei ihnen gewesen und mit ihnen gesprochen.“

Er erzählte in fliegender Eile, was geschehen war, worauf Old Firehand antwortete: „Wenn ein Tramp getötet worden ist, so werden sie dafür den Missourier ermorden wollen, und zwar gleich, um keine Zeit zu verlieren, da sie fliehen müssen, weil ihre Anwesenheit verraten ist. Wir vier werden unsre Pferde hier anbinden und uns schleunigst nach dem Feuer begeben, um den Mord zu verhindern. Du aber lauf zu den Rafters, um sie herbeizuholen! Wir fürchten uns zwar nicht vor diesen, aber es ist immerhin besser, wenn die Holzfäller schnell nachkommen.“

Der Indianer rannte fort. Die vier befestigten die Zügel ihrer Pferde an die Bäume und schritten dann so schnell wie möglich dem Lager der Tramps zu. Schon nach kurzer Zeit wurde es vor ihnen heller, und bald sahen sie das Feuer zwischen den Stämmen der Bäume leuchten. Rechts erblickten sie auf der Lichtung die Pferde.

Sie hatten sich bis jetzt keine Mühe gegeben, nicht gehört und gesehen zu werden. Nun aber legten sie sich nieder und näherten sich dem Feuer kriechend. Dabei wendete Old Firehand sich zu dem Knaben Fred. Er wollte ihm sagen, sich zu den Pferden zu begeben und jeden Tramps niederzuschießen, der etwa aufsteigen und entfliehen wollte; aber kaum war das erste fort über seine Lippen, so ertönte vor ihnen ein lauter, durchdringender Schrei. Es war der bereits erwähnte Hilferuf des alten Missouriers.

„Sie morden ihn!“ sagte Old Firehand, aber noch immer in gedämpftem Tone.

„Schnell drauf, mitten unter sie hinein. Keine Schonung gegen den, der sich wehrt!“

Er erhob sich und sprang nach dem Feuer zu und warf drei, vier Tramps zur Seite, um zu dem Roten zu kommen, welcher eben, wie schon berichtet, zum Schlage ausholte. Er kam gerade noch zur rechten Zeit und hieb den Cornel mit dem Kolben nieder. Zwei, drei Tramps, welche beschäftigt waren, den Missourier zu binden und zu knebeln, um ihn dann in den Fluß zu werfen, fielen unter seinen nächsten Streichen. Dann zog er, das noch nicht abgeschossene Gewehr wegwerfend, die Revolver und feuerte auf die übrigen Feinde. Dabei sagte er kein Wort. Es war seine Gewohnheit, im Kampfe zu schweigen, außer wenn er gezwungen war, Befehle zu erteilen.

Desto lauter waren die drei andern. Der schwarze Tom war auch wie ein Wetter unter die Tramps gefahren und arbeitete sie mit dem Kolben nieder, indem er ihnen die kräftigsten Schimpf-, Spott- und Drohnamen zurief. Der sechzehnjährige Fred hatte erst die Flinte auf sie abgeschossen, sie weggeworfen, und die Revolver gezogen. Er gab Schuß auf Schuß ab und schrie dabei aus Leibeskräften, um ihren Schreck zu erhöhen.

Am lautesten aber ließ sich die kreischende Fistelstimme der Tante Droll hören. Der wundersame Jäger schrie und wetterte geradezu für hundert Personen. Seine Bewegungen waren so ungemein schnell, daß keiner der Feinde mit Sicherheit auf ihn zu schießen vermocht hätte. Aber es gab auch keinen, der dies beabsichtigte. Die Tramps waren vor Schreck über den unerwarteten Überfall so verblüfft, daß sie zunächst gar nicht an Widerstand dachten, und als sie zu sich kamen, sahen die Unverletzten von ihnen so viele ihrer Kameraden tot oder verwundet oder betäubt am Boden liegen, daß sie es für das klügste hielten, die Flucht zu ergreifen. Sie rannten davon, ohne sich Zeit genommen zu haben, die Angreifer zu zählen, deren sie infolge von Tante Drolls Geschrei eine große Anzahl vorhanden glaubten. Von dem Augenblicke, an welchem Old Firehand den ersten Streich geführt hatte, bis zur Flucht der unverwundeten Tramps war nicht eine ganze Minute vergangen.

„Ihnen nach!“ rief Old Firehand. „Ich halte den Platz. Laßt sie nicht zu den Pferden!“

Tom, Droll und Fred rannten unter großem Geschrei nach dem Platze, an welchem sie die Tiere gesehen hatten. Diejenigen Tramps, welche dorthin geflohen waren, um sich in den Sattel zu retten, kamen vor Angst nicht dazu, diesen Vorsatz auszuführen; sie flüchteten sich weiter in den Wald hinein.

Indessen hatten die Rafters oben in ihrer Blockhütte auf die Rückkehr der beiden Kundschafter, des Missouriers und des Tonkawahäuptlings, gewartet. Als sie die Schüsse unten am Flusse fallen hörten, glaubten sie diese beiden in Gefahr. Um sie womöglich zu retten, griffen sie zu den Waffen, verließen das Haus und rannten, so gut die Finsternis es ihnen gestattete, der Gegend zu, in welcher die Schüsse gefallen waren. Dabei schrieen sie aus Leibeskräften, um dadurch die Tramps von den Bedrohten abzuschrecken. Ihnen voran lief der junge Bär, da er die Stelle, an welcher die Tramps lagerten, genau kannte. Er ließ von Zeit zu Zeit seine Stimme hören, um die Rafters in der rechten Richtung zu erhalten. Sie hatten kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als vor ihnen noch eine andre Stimme erschallte, nämlich diejenige des alten Bären.

„Rasch kommen!“ rief er. „Old Firehand da sein und auf Tramps schießen. Er nur drei Mann mit; ihm helfen.“

Nun ging es mit vermehrter Schnelligkeit zu Thale. Das Schießen hatte aufgehört, und man wußte also nicht, wie die Angelegenheit stand. Das Geschrei der Rafters hatte zur Folge, daß die fliehenden Tramps in ihrer Flucht nicht inne hielten, sondern sich die größte Mühe gaben, soweit wie möglich zu entkommen. Die ersteren hatten es ebenso eilig. Mancher rannte an einen Baum und verletzte sich, ohne es aber zu beachten.

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