Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Am nächsten Morgen vermaß ich mit Karas Hilfe die Ruinen, so unauffällig wie möglich. Die Aufmerksamkeit der Dschamikun war derart auf den Rennplatz gerichtet, daß sie uns gar nicht beachteten. Ich fand, daß meine Vermutungen mich nicht getäuscht hatten. Die Seitenkanäle lagen genau unter den sich amphitheatralisch erhebenden einzelnen Stockwerken. Und das Alabasterzelt stand, allerdings in viel größerer Höhe, ebenso genau über der Nische des hintern Bassins.

Nachdem ich dieses festgestellt hatte, machte ich einen Spazierritt, ja, einen Spazierritt, freiwillig, ohne daß ich vom Pferde dazu gezwungen wurde. Es ging vortrefflich, rund um den See, hübsch langsam und bedächtig, bis Assil auf den Gedanken kam, doch auch mal einen Trab mit mir zu versuchen. Das schukkerte ein bißchen, und ich kam einige Male etwas schief auf die Seite; aber ich konnte mich doch unmöglich vor meinem eignen Pferde blamieren und so hielt ich es nolens volens aus. Da kam mir eine Schar von Jungens entgegen, welche, hier wie überall, den künftigen Ereignissen vorzugreifen suchten. Die kleineren saßen auf alten Ziegenböcken, die größeren auf Eseln. Laut schreiend, lachend, jubelnd kam mir diese Bande entgegen, mit allen Beinen zappelnd und mit allen Händen in der Luft. Sie füllten den ganzen Weg und Keinem fiel es ein, mir auszuweichen. Das sah Assil ebenso gut wie ich. Er wollte sie nicht über den Haufen rennen, prallte mitten im Trabe auf die Seite und stand fest. Das gab für mich zwei ganz unerwartete Stöße, die mich allerdings nicht im geringsten geniert hätten, wenn ich schon wieder bei vollen Kräften gewesen wäre. So aber war ich nicht stark genug, mich in den Bügeln zu halten. Ich verlor die Balance und wäre wohl herabgestürzt, wenn ich nicht schnell den zweiten Stoß benutzt hätte, in möglichst unlächerlicher Weise aus dem Sattel zu kommen. Ich schwang mich auf den Sattelknopf stützend, das eine Bein über das Kreuz des Pferdes auf die andere Seite herüber, um der Sache den Anschein zu geben, als ob ich absichtlich habe hinabgleiten wollen, doch hatte ich diesem Schwunge trotz meiner Entkräftung oder noch wahrscheinlicher grad wegen derselben zu viel Kraft gegeben und kam darum nicht nur ganz elegant vom Pferde herab, sondern setzte mich noch viel eleganter auf den Boden nieder.

Für einen Augenblick war ich ganz starr darüber, daß mir, mir, mir so Etwas hatte geschehen können. Auch Assil drehte den Kopf herum, hob sehr verwundert den Schweif und spielte mit den Ohren, als ob er diese ganze, kolossale Fatalität für gar nicht wahr, sondern nur für eine ausgesonnene Geschichte halte. Dann stand ich auf und gab mir Mühe, ein möglichst unbefangenes Gesicht zu machen, ungefähr so, wie ein Pudel, der beim heimlichen Milchtrinken ertappt worden ist und sich noch schnell den weißen Schnurbart abwischen will, aber doch nicht kann. Es verfing auch nicht im Geringsten.

Die Zeugen meiner »öffentlichen Sitzung« waren halten geblieben, und alle Ziegenböcke, Esel und Jungens richteten ihre Augen auf mich. Von den ersteren Kreaturen will ich nicht reden; auch die Knaben gaben sich aus Ehrfurcht vor dem »Effendi« alle Mühe, nicht laut aufzulachen, aber in ihren Gesichtern lachte es um so deutlicher; mehrere kicherten. Das war schon aufrichtiger. Der Aufrichtigste aber war ein lang aufgeschossener, wahrscheinlich etwas vorlauter »Hans in allen Gassen,« der vor Wonne von seinem Esel sprang und, mit den Armen windmühlend, in ein schallendes Gelächter ausbrach, in welches erst die nur Kichernden und dann auch alle Andern sich bewogen fühlten, einzustimmen.

»Abgerutscht, abgerutscht!« schrie der Schlingel, indem er einen Freudensprung tat und dabei in die Hände klatschte.

Er schien der Anführer und Vergnügungsdirektor dieser lustigen Erynnien zu sein, denn

»Abgerutscht, abgerutscht!« ertönte es nun aus allen Kehlen, wobei alle Beine sprangen und alle Hände klatschten.

»Herunter hat er gemußt, herunter!« jubelte er vor.

»Herunter hat er gemußt, herunter!« triumphierte der ganze Chor ihm nach.

»Und gesetzt hat er sich sogar, gesetzt, so wie ich hier!«

Er ließ sich bei diesen Worten niederplumpsen. Im nächsten Augenblicke saß die ganze Räuberbande an der Erde, und Alles schüttelte sich vor Vergnügen und schrie dazu:

»Gesetzt hat er sich sogar, gesetzt, so wie ich hier!«

Natürlich lachte ich mit. Nun aber kam es schlimmer:

»Dann stand er stolz wieder auf, mit einem solchen Gesicht!«

Bei diesen Worten krebste sich der Naseweis langsam in die Höhe und ahmte nach, wie unbefangen ich hatte erscheinen wollen, aber so übertrieben, daß es auch für mich selbst eine Wonne war, ihm zuzusehen.

»Dann stand er stolz wieder auf, mit einem solchen Gesicht!« frohlockte es in allen Tonlagen, deren eine jugendliche Kehle fähig ist. Ein Jeder erhob sich zunächst auf alle Viere, balancierte sich dann langsam und vollends in die Höhe und versuchte hierauf, das vorgezeichnete Gesicht so treffend wie möglich nachzumachen. Der Eindruck keines Lustspieles, keiner Posse kann so hinreißend sein wie die Wirkung dieser improvisierten, höchst wohlgelungenen Burleske. Was ein Anderer an meiner Stelle getan hätte, geht mich nichts an. Der Knabe war begabt, war originell. Ich fragte ihn:

»Bist du wohl im Reiten ebenso schnell wie mit dem Munde?«

»Noch schneller!« versicherte er.

»So? Dann höre, was ich dir sage, mein Junge! Ich sehe, daß Ihr Wettrennen macht. Hier fangt Ihr wieder an und reitet bis zur letzten Bucht hinunter. Wer zuerst ankommt, der erhält ein großes Pul-i-Säfid von mir. So steigt also wieder auf, und reitet los!«

Da waren sie alle im Nu auf ihren Ziegenböcken und Eseln. Ich hob die Hand, und die frohe Hetze begann. Natürlich waren die Esel den gehörnten Rennern schon sehr bald weit voraus. Das gab ein tolles Schreien und Strampeln, um doch noch nachzukommen! Ich aber stieg vergnügt wieder auf und folgte langsam hintendrein. Das Seeufer machte weiterhin eine Biegung, welche mir den Anblick der Rennenden entzog. Als ich diese Stelle erreichte und um sie gebogen war, sah ich gar nicht weit von mir das ganze »Feld« wieder eng beisammen. Man war abgestiegen und schien die Burleske hier zu wiederholen, wie ich an den Bewegungen bemerkte und an dem Gelächter, welches zu mir her scholl.

Mich nähernd, sah ich den langen Improvisatore am Boden sitzen. Er rieb sich hinten das Kreuz und machte ein unaussprechlich jämmerliches, elendes Gesicht. Um ihn herum fielen soeben alle seine Genossen nieder und riefen lachend durcheinander:

»Er wollte auf, setzte sich aber wieder nieder!«

Und einer von ihnen, der das Amt des Vorsprechers übernommen hatte, fuhr fort:

»Nun scheuert er sich da in dieser Gegend!«

Indem er dieses sagte, fuhr er sich mit beiden Händen nach dem Kreuze und begann, zu reiben. Die Andern machten es ihm schleunigst nach und wiederholten lachend:

»Nun scheuert er sich da in dieser Gegend!«

»Und schneidet dabei folgendes Gesicht!« fügte er hinzu, indem er das Minenspiel des vom Esel Gestürzten nachahmte.

»Und schneidet dabei folgendes Gesicht!« repetirte die lustige Gesamtheit, indem auf den Gesichtern aber alle möglichen Uebergangsstaffeln von der einfachen Betrübnis zur höchsten Verzweiflung zu sehen waren.

In diesem tragikomischen Augenblicke erreichte ich die jubelnden Bewunderer meiner Reiterkünste.

»Was ist denn geschehen?« fragte ich.

Sie standen höflich auf. Auch mein Kritikaster kam langsam und seufzend in die Höhe.

»Der Esel hat mich abgeworfen, Effendi,« antwortete er, fast weinend über die von dem Tiere an ihm verübte Niederträchtigkeit.

»Ohne daß dir der Weg versperrt worden ist, wie Ihr es bei mir tatet?«

»Ja, ohne!« gestand er, indem er nun wirklich und laut zu heulen begann.

»Beruhige dich, mein Junge. Das ist weiter nichts! Du bist nicht der Erste und wirst nicht der Letzte sein, der über Andere kritisiert und dann vom eigenen Esel abgeworfen wird. Damit ist das Rennen zu Ende. Aber trotzdem sollt Ihr Euer Pul-i-Säfid haben. Hier; teilt Euch drein, Jungens!«

Ich griff in die Tasche und warf das Silberstück unter sie hinein. Sie stürzten sich alle über dasselbe her, am schnellsten der soeben noch heulende Schlingel. Seine Kreuzschmerzen wurden durch den Anblick des Geldes augenblicklich kuriert. Ich aber ritt vergnügt von dannen, um, daheim angekommen, zu meinem Hadschi Halef hinaufzusteigen. Er war wach, und zwar noch munterer als gestern. Kara hatte ihm erzählt, was ich in Beziehung auf meine etwaige Beteiligung am Rennen gesagt hatte, und er war darüber so begeistert, daß er mich mit den Worten empfing:

»Hamdulillah, wir werden das Rennen gewinnen, Sihdi!«

»Wer behauptet das?« fragte ich.

»Ich, Hadschi Halef Omar, der Scheik der Hadeddihn vom großen Stamme der Schammar! Du reitest ja mit, und da werden wir auf alle Fälle siegen!«

»Nicht so laut, mein Halef, sonst wirst du ausgelacht!«

»Warum? Von wem?«

»Weil ich soeben vom Pferd gefallen bin.«

»Du? Kara Ben Nemsi Effendi, der jedes Pferd hinwirft, aber es nicht ihn?!«

»Ja, ich!«

Nun setzte ich mich nieder und erzählte. Ich war bei guter Stimmung, und so gelang mir mein Bericht derart, daß der brave Hadschi sich in ein Lachen verwickelte, aus welchem er gar nicht wieder herauskommen konnte. Sich vorzustellen, daß sein Sihdi vom Pferde »gerutscht« sei, war das Allerlustigste, was er sich nur denken konnte.

»Wieder eine Arznei!« sagte er, als er sich endlich beruhigt hatte. »Das kuriert! Alle Tage zweimal so lachen, Vormittags einmal und Nachmittags einmal, da werde ich in kürzester Zeit gesund und mache das Rennen auch noch mit! Denn, weißt du, Sihdi, der Frohsinn ist der allerbeste Arzt. Ueber ihn kommt kein Hekim und Hekimbaschi. Darauf kannst du dich verlassen!«

Nach dem Mittagsschläfchen, welches ich mir gönnte, kam ein Kalhuri-Reiter, welcher mir eine Botschaft von dem Ustad brachte. Es war eine gute. Der Schah befand sich zur Zeit nicht in Isphahan sondern auf seinem uns viel näher liegenden Schlosse Mihribani, und zwar mit fast seinem ganzen Hofstaate, ein Umstand, welcher die Abwesenheit des Ustad ganz bedeutend abkürzen konnte. Der Bote suchte dann seinen Gebieter, den Scheik der Kalhuran auf, dem er eine wichtige Mitteilung zu machen hatte. Wie ich dann erfuhr, betraf sie die Bruderhilfe von Seiten sämtlicher Kalhuran, falls die Dschamikun von irgend einer andern Seite angegriffen werden sollten. Der Ustad schien also unterwegs Beobachtungen gemacht oder Dinge erfahren zu haben, welche sich hierauf bezogen.

Später saß ich, in einem seiner Werke lesend, auf meinem platten Dache, da sah ich Schakara. Sie war drüben in den Ruinen, auf dem wüsten Vorhofe der zweistöckigen Etage, über deren schmaler Tür sich die zwei zerbrochenen Tafeln befanden. Da ich grad am Schlusse eines Kapitels angekommen war, legte ich das Buch weg, um sie zu überraschen. Sie hatte ein Gefäß in der Hand und schien Brom- oder Himbeeren zu pflücken, die es dort in Masse gab. Daß dieser Vorhof voll dorniger Sträucher und Stachelranken war, habe ich bereits gesagt.

Ich stieg also meine Stufen zum Glockenwege hinüber und ging von hier aus auf dem schmalen Ruinenfelde nach dem Turme, in welchem wir den Aschyk festgenommen hatten. Hier war eine Treppe gewesen, welche in den Vorhof, wohin ich wollte, hinuntergeführt hatte. Jetzt war sie kaum noch zu erkennen, verwittert, zerbröckelt und mit allerlei Geröll ausgefüllt, aber für bedächtige Füße doch noch gangbar. Ich glitt mehr, als ich stieg, diese Steilung hinab und wand mich zwischen den Beerenranken hindurch, um zu Schakara zu kommen. Da sah sie mich. Sie deutete nach der entgegengesetzten Seite und sagte:

»Wärest du doch von daher gekommen; da ist es viel bequemer. Da findet man sich sogar des Nachts zurecht!«

Ich sah freilich, daß von dem breiten Steinbruchwege der Zugang zu diesem Vorhofe ein viel kürzerer und leichterer war. Das hatte nichts Auffälliges. Dennoch hielt ich ihre letzten Worte fest und fragte, als ich sie erreichte:

»Des Nachts? Weißt du das so genau?«

»Wie aufmerksam du bist und Alles gleich bedenkst!« antwortete sie, indem sie das Gefäß zu Boden setzte. Es waren wirklich Hubub darin. »Ich bin allerdings schon hiergewesen, des Nachts.«

»Allein?«

»Allein und doch nicht allein. Von unsern Leuten war Niemand hier, dafür aber Andere.«

»Wer?«

»Ja, wer das wüßte! Ich wollte dir es später sagen, weil du dich schonen sollst. Aber weil du nun einmal hier bist und auch gleich fragst, will ich es dir nicht länger vorenthalten. Du weißt, daß ich mich bei den Dschamikun befinde, um zu beobachten; was, das sage ich dir schon noch. Ich gehöre nicht zu den Frauen, welche vor der Nacht erschrecken und sich fürchten, wenn es dunkel ist. Wer nur das Gute will, braucht nirgends Angst zu haben. Und ich liebe grad das Sternenfirmament und den guten Mond, der so verschwiegen tut und doch so gern erzählt, wenn man ihn nicht verachtet.«

»Ich auch.«

»Auch du? Wieder ähnlich! Das war also der Mond, mein alter lieber Freund, der kam zu mir, als ich nicht weit vom Garten saß, und zeigte mir die magische Gewalt der alten Mauern, der man kaum widerstehen kann, wenn sie in seinem Glanze wie erzittern. Ich mußte mich erheben und mit ihm hier herüber. Wie kam es doch, daß er mich grad bis dort zur Ecke führte, wo der Gedanke auf mich wartete, mich in den tiefen Schatten hinzusetzen? Der Abend war so schön. Er wartete auf seine Mitternacht. Und als sie kam, floß silbern ihr Gewand, und auf dem Haupte trug sie alle Sterne. Doch hinter ihr kroch leise es heran, verstohlen, heimlich, jeden Laut vermeidend, fast so, wie ich mir ein Gewissen denke, das sich durchs Leben nur noch schleichen kann. Es waren Menschen. Sie kamen nicht zusammen, sondern einzeln. Dort von dem breiten Pfad nach hier herüber und huschten alle nach der engen Tür, in welcher sie verschwanden. Der Letzte kam nach einer längern Pause. Sein Angesicht war schwarz; wovon, das konnte ich nicht sehen, weil ich so fern von seinem Wege saß. Er war sodann der Erste, der, wie mir schien, nach einer halben Stunde den Bau verließ und nach den Brüchen ging. Nach wieder einer Pause erblickte ich den Nächsten, der ihm folgte. Sie kamen allesamt zurück, doch ebenso vereinzelt wie vorher. Ich hatte sie gezählt und schlich dem Letzten nach. Er stieg nicht ganz hinunter. Er wandte sich zur Seite, um den Duar herum, als ob er ihn vermeiden müsse und doch hinüberwolle nach dem See. Das lenkte meinen Blick hinaus ans Wasser. Ich habe scharfe Augen, und günstig war mir meines Freundes Licht. Ich sah, daß Reiter sich von dort entfernten, genau so einzeln wie die Fremden hier.«

»Hat sich diese Beobachtung später wiederholt?« fragte ich.

»Nein. Ich sah es nur einmal.«

»Wieviel Personen waren es?«

»Sechs, mit dem Letzten.«

»Kannst du dich vielleicht auf den Tag besinnen?«

»Sehr genau. So Etwas merkt man sich. Am nächsten Montag werden es vier Wochen.«

»Sprachst du mit irgend Jemand schon davon?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich schwieg, weil das mit meinem Zweck zusammenhängt, doch dachte ich sehr oft darüber nach. Ich wollte an demselben Mondestag mich wieder dorthin an die Ecke setzen, um zu erfahren, ob sie kommen würden.«

»Schakara!« rief ich da aus.

»Was, Effendi? Worüber bist du so überrascht?«

»Daß du so deutlich ahnst! Daß das in dir so klar am Tage liegt, was ich aus der Verborgenheit mit aller Mühe zerre! Du sollst die Seele sein und bist sie wirklich! Dschanneh, Dschanneh, die sicherer empfindet und überzeugender das Ferne schaut, als es dem Geist, dem stolzen, möglich ist!«

»Dschanneh?« fragte sie. »Hast du dieses Wort von Marah Durimeh gehört? Es ist mein Kosename. So nannte sie mich stets, wenn sie mich zärtlich, lobend an sich zog und mir das Haar mit Mutterlippen küßte.«

»Wirklich? Wirklich? Kosename? Mein Kind, wenn Marah Durimeh in solchem Augenblick dir einen Namen gibt, so liegt in diesem Kosen tiefste Wahrheit. Man ruft dich „Schakara“, damit du „dankbar“ seist. Wofür? Nicht nur Dschanneh zu heißen, es wirklich auch zu sein!«

»Ich verstehe dich nicht, Effendi, und doch fühle ich, daß du nichts Falsches sagst. Ich sprach von meiner Wiederkehr nach jener Ecke dort. Ich wollte gern erfahren, ob sich in dieser Mäjmä-i-Yähud vielleicht ein –«

»Mäjmä-i-Yähud?« unterbrach ich sie schnell. »Sonderbar, höchst sonderbar! Wie kommst du auf diesen Namen für grad diese Etage?«

»Ich weiß es nicht. Ich halte sie dafür. Das kommt mir so empor und auf die Zunge!«

»Ja, ich verstehe. So muß es sein! Du ahnst und darfst nicht ahnen! Dschanneh, Dschanneh, das unbewußte Wissen! Wir gehn gleich jetzt nach dieser deiner Ecke und setzen uns dort nieder. Ich habe zu erzählen. Du wirst sie kommen sehen, am hellen Tageslicht, die Schatten alle und zuletzt die Männer, die du des Nachts damals gesehen hast.«

Wir gingen hin. Es gab jetzt nicht Mondes- sondern Sonnenschatten dort. Ein großer, niedriger Stein lag da; der diente uns als Bank. Ich begann meinen Bericht da, wo ich am Tigris die Sillan belauscht und zum ersten Male das Wort Mäjmä-i-Yähud gehört hatte, und berichtete ihr Alles, was dann geschehen war und bestimmt zu sein schien, grad mich, den Fremden, den eigentlich ganz Unbeteiligten, als den gefährlichsten Feind der Schatten heranzuziehen. Sie hörte still zu, ohne Unterbrechung, wie das so ihre liebe, verständige Weise war. Als ich geendet hatte, holte sie tief Atem und sagte:

»Effendi, liegt nicht in dem Allen ein fester, zielbewußter und sicher vorwärtsschreitender Wille? Kein Fatum, kein Kismet, sondern eine Führung, eine Oberleitung, welche zwar dich erkoren hat, ihre Absichten auszuführen, aber dir doch jeden möglichen Spielraum für deine eigenen Gefühle, Gedanken und Entschlüsse läßt? Wer hat dies angeordnet, und wer sind all die Guten, Mächtigen, die dich in jeder Not beschützen und stetig dafür sorgen, daß deine Augen immer weiter und immer klarer sehen dürfen? Du gehst den Weg, den du den deinen nennst; er ist es auch, jedoch zugleich der ihre. Weich ja nicht von ihm ab! Laß dich nicht auf die Pfade Anderer hinüberlocken! Du würdest diesen starken Schutz verlieren und nicht Gebieter, sondern Sklave sein! Das ist dieselbe Führung, die auch mich, sobald du kamst, zum hohen Hause brachte. Das sehe ich jetzt ein. Wir reichen uns die Hände, zum Heil der Dschamikun. Und nun ich dieses weiß, kann ich jetzt offen sprechen: Hast du Zeit, Effendi?«

»Für meine Seele stets. Das bist du ja – Dschanneh!«

»Wie mich das freut, daß dieser liebe Name mir auch aus deinem Brudermunde klingt! Du weißt, daß ich von Marah Durimeh beauftragt bin, im Stillen hier zu forschen. Der Ustad sollte zwar nichts davon wissen, doch aber dann das Resultat erfahren. Du ahnst es nicht, wie weit sie blickt, die hohe Frau im ärmlichen Gewande! Und ihre scheinbar schwache, kleine Hand, wie ist sie doch so mächtig, wenn es gilt, den Guten zu bewahren vor dem Bösen! Sie kennt die Schatten, kennt auch ihr Gebahren und läßt sie nicht aus ihrem scharfen Auge. Für diese Gegend hier soll ich dies Auge sein. Darum mein stilles Wandeln überall und auch mein Forschen hier in den Ruinen.«

»Sogar des Nachts! Hast du denn wirklich keine Furcht?« fragte ich.

»Furcht? Fürchtest du dich wohl, Effendi?«

»Nein.«

»So sag, warum soll die Seele Angst haben, wenn nicht einmal der Geist sich ängstiget? Kennst du denn diese beiden noch so wenig, daß du wohl ihn für riesenstark, doch aber sie für hilfsbedürftig hältst? Ich bitte dich, glaub an das Gegenteil! Denk an die Seele deines eignen Volkes! Laß alle, alle Geister Eurer Weltgeschichte sich gegen sie, die Wunderbare, wappnen, was wird sie tun? Nur lächeln? Angst aber gibt es nicht! Vor wem denn auch?! Du weißt es ja, ich wollte wiederkommen, um jene sechs Geheimen zu belauschen, was jedenfalls nicht ganz gefahrlos wäre, und doch ist mir dabei nicht eingefallen, an Furcht auch nur zu denken. Ich ging am Tag nach der erwähnten Nacht dann wieder her, die Spuren zu betrachten. Sie führten in das Allerheiligste, wo man gesessen hatte, doch jeden Falles zu Beratungszwecken.«

»Sahst du noch Weiteres?«

»Nein.«

»Wo liegt das „Allerheiligste“, von dem du eben sprachst?«

»Es ist der zweite Raum durch jene schmale Tür.«

»Ich bitte dich, ihn mir zu zeigen.«

»Jetzt?«

»Ja.«

»So warte! Es ist vollständig dunkel drin; ich aber hole Licht.«

»Im Hause drüben?«

»Nein. Ich habe Kerzen hier versteckt, weil ich sie öfters brauche.«

Sie entfernte sich, kam jedoch schon nach kurzer Zeit wieder. Ihr Versteck lag also in der Nähe. Wir gingen nach der erwähnten, schmalen Tür. Von weitem sah es so aus, als ob der Gestrüpphaufen vor derselben ganz undurchdringlich sei; aber er war an der Mauer hin so vollständig niedergetreten, daß man gut passieren konnte. Und das schien gar nicht selten zu geschehen!

Als wir eingetreten waren, befanden wir uns in einem quadratischen, hohen Raume, welcher drei Türöffnungen besaß, natürlich ohne Türen. Durch die eine waren wir gekommen. Links führte die zweite in einen langen, schmalen Saal, grad vor uns die dritte in das Allerheiligste. Auch rechts war eine Tür gewesen, aber schon längst vermauert worden. Ich habe diese Etage zweistöckig genannt. Von außen schien sie es zu sein, der untere Stock ohne, der obere mit Fenstern, schmale, wagerecht liegende Lichtlöcher, wie man sie in Deutschland zuweilen an alten Scheunen sieht. Von einer Innenbeleuchtung durch die Sonne hatte da keine Rede sein können. Die Versammlungshalle, in welcher wir uns befanden, ging durch beide Stockwerke. Die Decke wurde durch eine einzige, überaus starke Mittelsäule getragen, welche aus einem großen, steinernen Wasserbottich zu steigen schien, der jetzt natürlich aber trocken war. Hatte man sich in diesem steinernen »Meer« gereinigt, wie später in dem gegossenen? Der Boden bestand aus großen Platten, die aber vor Schmutz nicht zu sehen waren.

Wir brannten eine Kerze an und gingen nach der gegenüberliegenden Tür, um in das Allerheiligste zu treten. Wie war Schakara zu diesem Worte gekommen? Kannte sie die Bibel? Diese Abteilung war kleiner und niedriger als die vordere und vollständig fensterlos. Es gab da eine schwere, schlechte Luft. Drei Wände waren kahl; die hintere nicht. Dort stand Etwas, was ich für einen Altar hielt. Ein Israelit hätte es wahrscheinlich für eine Nachbildung oder gar für das Uroriginal der Bundeslade gehalten. Und darüber zog sich, so breit wie diese Hintermauer war, eine Art von Empore hin, zu welcher früher eine Treppe geführt hatte, die aber nicht mehr existierte. Man sah die Stellen noch, wo die einzelnen Stufen an die Seitenwand gestoßen hatten. In der Mitte sahen wir dreimal drei steinerne, einst für die Priester bestimmte Sitze. Auch hier bestand der Boden aus Platten. Der auf ihnen liegende Schmutz war noch größer als draußen.

Schakara bewies mir, daß die sechs fremden Männer auf diesen Steinen gesessen hatten. Wir sahen die Stellen, wo die Talglichter, die sie mitgehabt hatten, festgetropft und dann wieder losgerissen worden waren. Der zurückgebliebene Talg war noch so sauber, daß diese fettigen Flecke nicht über vier Wochen alt sein konnten. Und als wir genauer suchten, fanden wir ähnliche, aber viel ältere Flecke in Menge. Das stimmte ganz genau mit dem, was wir wußten und was wir uns dachten.

Nun nahm ich Schakara das Licht aus der Hand, um nach weiteren Spuren zu suchen. Sie konnte hierin doch nicht die Erfahrung besitzen, die ich hatte. Ich fand nichts, als menschliche Fußstapfen. Aber endlich, als ich eben aufhören wollte und in die letzte, hintere Ecke leuchtete, sah ich einen andern Eindruck im tiefen, mehligen Staube. Das war von keinem Fuße, sondern von einer starken Stange oder etwas Aehnlichem, welche hier eingestoßen und oben an die Empore gelehnt worden war. Und gar nicht weit davon lagen zwei losgebrochene, kurze Holzästchen, die ich aufhob und aufmerksam betrachtete.

»Warum so nachdenklich, Effendi?« fragte Schakara. »Zwei Stückchen Holz, weiter nichts! Wer weiß, wie sie hierhergekommen sind!«

»Wer? Ich weiß es. Und – weiter nichts, sagst du? Es ist viel, sehr viel! Als ich diesen Raum sah, in welchem die Päderan ihre geheimen Versammlungen abhalten, dachte ich sogleich daran, in welcher Weise man sie belauschen könne, wenn sie Montag wiederkommen. Man müßte vorher da hinauf auf die Empore steigen. Das war mein Gedanke. Jetzt sehe ich, daß ich nicht der Erste bin, dem dieser Einfall gekommen ist. Sie sind schon belauscht worden.«

»Von wem?«

»Das sagen mir diese beiden Aestchen leider nicht. Man hat eine Leiter oder wenigstens eine Stange gebraucht, um die Empore zu erreichen, aber keines von beiden gehabt. Darum ist man in den Wald gegangen, um sich ein passendes Baumstämmchen zu holen. Die Aeste wurden abgeschnitten. Einige dürre Zweigreste aber blieben. Das stemmte man hier unten in den Boden und legte es oben an. Beim Hinaufklettern wurden die beiden Aestchen abgebrochen. Sie und das Loch hier verraten mir das. Wenn man in dieser Weise hinaufklettert und die Stange nach sich zieht und sie lang niederlegt, kann man fast sicher sein, nicht entdeckt zu werden.«

»Das leuchtet mir ein, Effendi. Wer mag wohl der Betreffende gewesen sein?«

»Ein Dschamiki keinesfalls, denn ein solcher hätte es nicht nötig gehabt, zu einem solchen Behelfe zu greifen.«

»Kein Dschamiki –!« sagte sie nachdenklich. »Effendi, da fällt mir Etwas ein. Ich habe eine solche ganz roh zugeschnittene Stange gesehen.«

»Wo?«

»Droben in dem Quaderturme, wo Ihr den Aschyk ergriffen habt.«

»Wann?«

»An dem Morgen, an welchem ich hier nach diesen Spuren suchte. Ich ging dann durch die obere Etage, auch in den Turm. Da sah ich ein Fichtenstämmchen liegen, ganz so, wie du es beschrieben hast. Auch die Länge stimmt. Ich dachte, ein Dschamiki sei hier gewesen; darum fiel es mir nicht auf. Am Nachmittage kam ich wieder hin; da war es weg.«

»Ah der Aschyk! Er! Er belauschte die Päderan! Also gehört er nicht zu ihnen! Falls er ein Sill ist, ist er nur ein gewöhnlicher! Hat er dem Scheik ul Islam hierüber zu berichten? Oder tut er es nur, weil er zu den Sillan gehört, die sich gegen ihren Aemir empören wollen? Es gilt, nicht allzu schnelle Schlüsse ziehen. Wir haben ja Zeit, hierüber nachzudenken. Komm!«

Wir gingen. Draußen wendeten wir uns nach der dritten Tür, die nach dem langen, schmalen Saale führte. Wir fanden nichts Auffälliges. Aber als wir an sein Ende kamen, gab es keine Wand, sondern einen Schutthaufen, der nicht ganz bis hinauf zur Decke reichte.

»Schakara!« rief ich laut und verwundert aus. »Mein Traum, mein Traum! Das ist das Geröll, ganz genau das Geröll, von welchem herunter mich der „Zauberer“ beobachtete! Mich dünkt, ich müsse seinen Kopf da oben erscheinen sehen. Das ist doch sonderbar!«

»Sonderbar?« fragte sie. »Effendi, Effendi, du weißt wirklich noch gar nicht viel von deiner Seele! Und doch seid Ihr auf Euer Müdschewwedet so stolz! Suchst du nicht auch nach der Treppe, auf welcher du im Traum hinaufgestiegen bist zum Schatten an der offnen Tür?«

»Die liegt drüben auf der andern Seite, die zugemauert ist.«

»So laß dort öffnen, und ich bin überzeugt, daß sie vorhanden ist!«

»Das werde ich wohl tun, jedoch zu seiner Zeit. Jetzt möchte ich hinaus, nur wieder an die Sonne! Aber warte; da fällt mir Etwas ein. Da hinter diesem Schutt geht es ja tief hinunter in das Wasser, wo der Aschyk ist. Ich muß ein Lebenszeichen von ihm haben!«

Ich kletterte hinauf. Sie folgte mir sogleich, indem sie mein Gewand ergriff.

»Um Chodehs willen, stürze nicht hinab!« warnte sie.

»Keine Sorge! Ich bin vorsichtig!«

»Ich halte dich dennoch und lasse dich nicht los! Stürzest du, so gehe ich auch mit unter!«

»Das ist Dschanneh, Dschanneh, die Seele, die mit dem Geiste steigt und mit ihm fällt!«

Der Haufen war oben breit und fest, doch nahm ich mich in Acht. Schakara hielt mich trotzdem noch fest. Ich atmete hier eine feuchte Luft. Die Decke über mir war von Schimmel überzogen. Nun rief ich laut, wieder und wieder. Nach dem dritten Male kam Antwort, aber was für eine! Es war, als ob da unten hunderte von Stimmen zeterten und brüllten, eine Folge des vielfachen Widerhalles. Verstehen konnte ich nichts. Doch genügte es ja, zu wissen, daß er noch lebte und nicht vom Steine herabgeglitten und ertrunken war. Ich kroch also zurück und stieg hinab zum festen Boden. Da wischte Schakara sich den Schweiß von der Stirn und bat:

»Effendi, nie, nie wieder so etwas Fürchterliches! Das mußt du mir versprechen!«

»Ich denke, du hast weder Furcht noch Angst?« antwortete ich.

»Nur um mich selbst! Für Andre aber kann und muß ich zittern! Komm schnell hinaus! Ich muß dich draußen sehen!«

Sie zog mich fort und gab mich erst dann wieder los, als wir den Vorhof erreicht hatten. Sie konnte nicht anders; es lag in ihrem Wesen. Nun atmete sie auf, tief und froh, und sprach:

»Da drin sah ich nichts als den Untergang, als das Verderben! Die Zeit ist da; es kracht schon überall! Hier aber stehe ich im klaren Sonnenlicht und sehe schon von fern die Hilfe kommen. Im Osten sind bereit die Kalhuran, und dort, wo sich die höchsten Berge öffnen, erscheint die Hilfe Marah Durimehs. Ich brauche ihr das Zeichen nur zu geben, so sendet sie die kampfgewohnten Scharen, die sie bereit hält gegen unsre Feinde.«

»Sie hält Hilfe bereit?« fragte ich schnell. »Das wäre ja köstlich für uns! Sie ist also überzeugt gewesen, daß es zum Kampfe kommt?«

»Ja. Und sie hat sich vorbereitet. Ihr sollt Euch auf den Schah-in-Schah verlassen, ja. Er hat euch lieb und ist der Herrscher dieses Reiches. Aber die, welche sich seine „Hohen“ nennen, verwandeln seine Liebe unterwegs in Haß und spiegeln aller Welt die große Lüge vor, er habe ihnen die Gewalt gegeben, die doch nur er allein besitzen kann. Der Ungehorsam schließt sich ihnen an und macht sie scheinbar stark, dem Herrn zu widerstehen. Wer still des Herrschers gute Wege wandelt, wird angefeindet, möglichst unterdrückt. Wer aber sich vor jenen „Großen“ beugt, aus Dummheit, oder auch des Vorteils wegen, den unterstützen sie auf jede Art und Weise. Der Schah ist gütig, aber auch gerecht. Er straft nicht gleich. Doch kommt dann seine Zeit, so fällt das Wort, das wie ein Hammer schmettert. Der kluge Untertan greift ihm nicht vor. Die Trägheit nur braucht immerwährend Hilfe. Für Jeden aber, der Charakter hat, ist es wohl Mannesseligkeit, zu wissen, daß er sich füglich selber helfen könne. Effendi, komm; Charakter ist vorhanden! Wir greifen gern mit eignen Händen zu. Und wenn der Schah das sieht, wird er sich freun. Denn darin grad, daß wir es selbst vollbringen, liegt seine größte Macht: direkte Volkesliebe!«

Sie hatte sehr ernst gesprochen. Nun nahm sie das Gefäß auf und fügte mit herzlichem Lächeln hinzu:

»Diese Beeren pflückte ich für dich und den kranken Hadschi. Natursäfte! Besser als Alles, was die Kochkunst unverständig mischt!«

»Gib sie ihm alle, Schakara! Ich habe Charakter und pflücke mir jetzt selber!«

Da verwandelte sich ihr Lächeln in jenes kurze, wohlklingende Lachen, welches ich so gern von ihr hörte.

»So gehe ich voran,« sagte sie. »Hanneh weiß, daß ich komme.«

Ich blieb noch eine ganze Weile, um mir die großen, weißen Himbeeren schmecken zu lassen. Da hörte ich meinen Namen rufen. Als ich mich umdrehte, sah ich Kara Ben Halef, welcher an der schon einmal erwähnten Mauerstelle herabgeklettert und dann auf mich zugeeilt kam.

»Sihdi, ich bringe dir Besuch, sehr hohen Besuch,« sagte er.

»Wen?«

»Das darf ich dir nicht sagen.«

»Woher?«

»Auch das soll ich verschweigen. Du sollst selbst kommen und sehen.«

»Etwas Gutes?«

»Sehr, sehr!«

Da ich jetzt noch nicht klettern wollte, gingen wir zum Glockenweg hinauf. Unterwegs erzählte mir der junge Hadeddihn:

»Ich machte meinen Uebungsritt, dieses Mal nach dem Hasenpasse. Da kam mir ein Reitertrupp entgegen, bei dem sich einer der Dschamikun befand, die mit dem Ustad fortgeritten sind. Der Anführer war ein sehr vornehmer Perser. Er wußte, daß der Ustad verreist ist, und fragte nach dir; er habe dich zu besuchen. Ich kehrte selbstverständlich mit ihnen um und bin soeben angekommen. Er hat mit Schakara gesprochen und auch mit dem Pedehr. Beide beeilten sich sofort, die obere Etage des Wartturmes aufzuschließen, wo sich einige Stuben für besondere Gäste befinden. Da soll er wohnen. Jetzt ist er in der Halle.«

»Wieviel Dienerschaft?«

»Nur drei Stallburschen für die Pferde.«

»So ein vornehmer Herr? Und in dieser unsichern Gegend!«

»Für seine Sicherheit hatte er gesorgt. Es hatte ihn eine Schar von Kalhuran bis an den Paß begleitet und war dort von ihm entlassen worden. Es sind im ganzen acht Pferde, vier zum Reiten, drei für das Gepäck und ein lediges, welches wertvoll zu sein scheint, denn es ist ganz und gar in einen Anzug geschnallt, der nur die Hufe, die Nüstern und die Augen sehen läßt. Sogar der Schweif ist sorgsam eingewickelt, in einen leichten, dünnen Schleierstoff, wie vornehme Damen ihn vor dem Gesicht tragen. Ist das nicht sonderbar?«

»Hiernach scheint das Pferd allerdings von größtem Wert zu sein. Wir werden ja sehen!«

Als wir in den Hof kamen, befanden sich die Pferde schon nicht mehr da. Sie waren einstweilen in das Gewölbe gebracht worden, in dem sich die gefangenen Soldaten befunden hatten. Ich ging in die Halle. Da saß der Fremde mit dem Pedehr. Er trug einen persischen Reiseanzug. Als er mich kommen sah, sprang er auf. Er erkannte mich und ich ihn.

»Dschafar!« rief ich aus.

»Mein Retter!« klang es aus seinem Munde.

Dabei eilte er auf mich zu, schlang die Arme um mich und küßte mich fünf, sechs, acht mal, auf den Mund, auf die Stirn, auf die Wangen, wohin er nur gleich kam! Ich war damals in den Vereinigten Staaten zuweilen etwas streng gegen ihn gewesen; das schien er aber vollständig vergessen zu haben. Er strahlte förmlich vor Freude; die meinige war ebenso herzlich, aber stiller, und doch dauerte es längere Zeit, bis alles schnell fragende Hin und Her vorüber war und wir uns niedersetzten. Der Pedehr war so vernünftig, zwei Hukah’s kommen zu lassen. Das Rauchen derselben und das stete Bemühen, sie nicht ausgehen zu lassen, zwang uns zum ruhigeren Gespräche. Da wir uns jetzt nicht im »wilden Westen« sondern im innersten Oriente befanden, nannten wir uns nach der Sitte dieser Gegend sofort du. Sonderbarer Weise schien er um keinen Tag gealtert zu sein, und von mir behauptete er, daß ich jetzt jünger aussehe als damals. Der persischen Anstandslehre zu gehorchen, hielt ich ihm gegenüber nicht für nötig. Man hat geduldig zu warten, bis dem Andern die ersehnte Mitteilung beliebt. Das fiel mir aber gar nicht ein. Ich fragte ihn sehr einfach, woher er wisse, daß ich mich hier bei den Dschamikun befinde. Da sah er mich kopfschüttelnd an und fragte:

»Hast du denn nicht gewußt, daß ich ein Bekannter des Ustad bin?«

»Doch!«

»Und da hast du dir nicht gedacht, daß es sein Erstes war, mich zu benachrichtigen, als du hier angekommen warst? Ich hatte erzählt, was ich dir zu verdanken habe, und wie sehr ich wünsche, dich einmal wiederzusehen! Er hat mich wiederholt über dein Befinden unterrichtet, dir aber nichts davon sagen dürfen, weil ich dich hier überraschen wollte. Nun bin ich endlich da! Und habe dich zu grüßen! Von wem?«

»Nun?« fragte ich.

»Vom Schah-in-Schah.«

»Von – dem?!« rief ich erstaunt aus.

»Da gibt es doch nichts zu verwundern! Es ist vielmehr sehr einfach! Ich erzählte ihm von dir. Und nicht nur einmal, sondern öfters. Du hieltest mich da drüben in Amerika für einen Unwissenden, einen unvorsichtigen Träumer. Aber –« fügte er mit seinem Lächeln hinzu – »diese Träumerei war Tebdil, war Haßlama, obgleich ich zugebe, daß ich die Verhältnisse allerdings nicht kannte, sondern sie erst studieren wollte und mir dabei zuviel zugetraut hatte. Meine Aufgabe war – doch davon vielleicht später! Kurz, der Schah lernte dich aus meinen Erzählungen kennen, und nicht bloß kennen, sondern mehr. Er erfuhr Alles, was ich von dir wußte. Und kürzlich stellte sich auch noch ein Anderer ein, der ihm noch mehr als ich von dir erzählen konnte. Das war ein Engländer, welcher David Lindsay heißt und –«

»Lindsay ist in Isphahan?« unterbrach ich ihn schnell.

»Nicht mehr, sondern schon wieder fort.«

»Wohin?«

»Zunächst nach Jesd hinüber, so viel ich weiß. Dann will er hierher, um mit dir weiter zu reisen. Ich glaube aber nicht, daß er dazu kommen wird. Ein Verwandter, der bei ihm ist, nämlich ein General, aber kein Original, hat ihn so in Beschlag genommen, daß du wohl kaum hoffen darfst, deinen sonderbaren Freund jetzt wiederzusehen. Er wurde mir vorgestellt und erzählte mir von dir, aber so viel und so interessant, daß ich ihn bat, mich zu besuchen. Ich machte den Schah auf ihn aufmerksam. Die Folge war ein sehr unterhaltender Abend zu Dreien. Der Gegenstand des Gespräches waren seine Reisen mit dir und die Absichten, welche du mit diesen Reisen verbindest. Du wirst wissen, daß der Schah Bücher schreibt. Auch ich bin Schriftsteller. Man nennt mich sogar Dichter. Da ist es begreiflich, daß er sich sehr lebhaft für dich interessierte und sich freute, dich jetzt hier in seinem Lande zu wissen. Als er erfuhr, daß ich dich besuchen werde, gab er mir seine Grüße mit und außerdem noch zweierlei. Ueber das Eine wirst du dich freuen, denn es ist ein Zeichen seiner Huld. Das Andere aber ist etwas so Eigentümliches, daß es dich wahrscheinlich befremden wird. Ich bin nicht ermüdet, bedarf also nicht der Erholung von dem heutigen Ritte und halte es darum für das Beste, mich dieser beiden Aufträge sofort zu entledigen. Hast du Zeit, Effendi?«

»Ja.«

»So komm mit mir jetzt dorthin, wo ich wohnen werde!«

Wir gingen nach dem Turme, zwei steinerne Stiegen hinauf. Die Reitknechte hatten das Gepäck bereits heraufgebracht. Es war Niemand da als Schakara, welche ordnete. Sie wollte sich sofort entfernen, ich bat sie aber, zu bleiben. Während er eines der Pakete öffnete, trat ich an das Fenster. Es gab hier eine fast ebenso schöne Aussicht wie drüben bei mir.

Nun war das Paket aufgemacht, und er begann, auszulegen. Ich sah eine lange, weite Sirdschameh von kostbarer, blauer Seide, ein weißseidenes Pirahen, ein Alkalok von feinster, dunkelblauer Baumwolle, mit engliegenden, silbernen Knebeldressen, eine ebensofarbige Käba aus dünner, aber unverwüstlicher Kaschamira, einen wenigstens sechs Meter langen Kemär, fast spinnwebenfein, als Gürtel um den Leib zu winden, eine Dschubbeh mit köstlichem Pelzwerk verbrämt, eine hohe, schwarze Lammfellmütze von jener Art, die nur ein Kaiser verschenken kann, ein Paar Pantoffel, ein Paar Schuhe und ein Paar Reitstiefel von weichstem Gazellenleder.

Schon die Bibel spricht von »Feierkleidern«, welche die Könige verschenkten. Es ist das eine orientalische Sitte, die man in einigen Ländern bis heute beibehalten hat. Besonders liebte es der Schah, in dieser Weise seine Gunst zu zeigen.

»Schau her!« forderte mich Dschafar auf. »Dieses Ehrenkleid habe ich dir vom Beherrscher zu überbringen. Es wurde von ihm eigenhändig ausgewählt, nachdem ich ihm deine Gestalt beschrieben hatte. Aus den Stoffen magst du ersehen, ob diese Ehrung eine gewöhnliche ist oder nicht. Du bist gewohnt, tiefer zu blicken. Ich weiß, daß dieser Anzug für dich mehr bedeutet, als er für einen Andern sein würde. Allah gibt seinen Geistern verschiedene Gewänder, scheinbar schöne und scheinbar häßliche. Man nennt sie alle „Leib“. Vor ihm ist nur das Schlechte häßlich und nur das Gute schön. Nur auf den Menschen kommt es an, ob er die Kleidung würdigt oder nicht!«

So Etwas hatte ich ja ganz unmöglich erwarten können! Meine Freude wurde verdoppelt, als Dschafar ein zweites Paket öffnete, welches einen ähnlichen Anzug für meinen Hadschi Halef enthielt. Ich sah den braven Freund schon jetzt im Geist in Wonne schwimmen! Das war ja noch nie, noch nie passiert, daß ein Hadeddihn vom Schah-in-Schah geehrt worden war, und noch dazu in dieser Weise!

Es ist nicht meine Art, den Dank, den ich gern still empfinde, in viele laute, wohlklingende Worte zu kleiden. Ich verstand die beiden Geber des Geschenkes, und Dschafar verstand auch mich, obwohl ich nur wenig sagte.

»Und nun das Zweite, das Sonderbare!« begann er wieder. »Ich lenkte meinen Ritt hierher zunächst nach dem Schlosse Mihribani, wo sich der Herrscher jetzt befindet. Eine Tagesreise, nachdem ich es verlassen hatte, traf ich mit dem Ustad zusammen, der zu ihm wollte. Er bat mich, zu warten und dann mit ihm zu reiten, wenn er zurückkehren werde; ich ging aber nicht hierauf ein. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir Vieles, wenn auch nicht Alles, was hier geschehen ist. Ich erfuhr auch, daß du von Syrr gehört hast, dem angeblichen Geschenk des Schah-in-Schah, dem rätselhaften Pferde. Ich bitte dich, mir mitzuteilen, was du jetzt von ihm weißt!«

Ich sagte ihm, was ich über Syrr erfahren hatte; es war nicht viel und klang ziemlich dunkel.

»Man hat dir Wahres und Falsches berichtet,« sagte er dann. »Es war ein köstlicher Gedanke vom Beherrscher, sein bestes, grad sein allerbestes Pferd ganz im Verborgenen und ohne jeden Zeugen so zu schulen, wie es mit Syrr geschehen ist. Es trägt nur ihn allein. Zu dem alten Kunststück mit dem Abwerfen Anderer ist es zu gut, zu edel. Aber es gehorcht eben nur dem Schah-in-Schah. Setzt sich ein Anderer auf, so bleibt es eben stehen. Am Zügel führen läßt es sich, reiten aber nicht. Damit es nicht durch seine vielen Stallbediensteten und die Mucken anderer Pferde verdorben werde, hat er es zu mir getan, wo es nicht belästigt wird. Mein kleiner aber schöner Stall steht fast ganz leer, und weil ich nicht das bin, was man einen »Reiter« zu nennen pflegt, ist Syrr nicht der Gefahr ausgesetzt, daß ich ihn behellige. Ich habe ihn also nicht geschenkt bekommen; dieses Gerücht ist falsch. Wenn der Herrscher ihn braucht, kommt er zu mir und stellt ihn dann auch selbst wieder ein. Aber er ist keineswegs dagegen, sondern es macht ihm vielmehr Spaß, wenn angebliche Reitvirtuosen mich bitten, beweisen zu dürfen, daß Syrr ihnen gehorchen müsse, er möge wollen oder nicht. Es ist noch Keiner dagewesen, der dies fertiggebracht hat, sondern es hat ein Jeder mit Beschämung abziehen müssen, weil er das Geheimnis zwischen dem Schah und diesem Pferde nicht entdecken konnte. Du schaust mich an, Effendi. Du lächelst. Glaubst du etwa, daß du es entdecken würdest?«

»Es käme auf eine Probe an,« antwortete ich.

Da fiel er rasch ein:

»Die sollst du machen!«

»Wann?«

»Wann es dir beliebt!«

Da sah ich ihn freilich noch ganz anders an als vorher.

»Dschafar!« rief ich aus. »Ich hörte, Du habest ein vollständig verhülltes Pferd mitgebracht. Soll ich etwa gar vermuten, daß –«

Ich empfand es als Wagnis, den begonnenen Satz auszusprechen. Er aber lachte fröhlich auf und tat es an meiner Stelle:

»Daß dieses Pferd der Syrr des Herrschers ist? Ja, er ist es. Ich habe ihn mitgebracht.«

Da sagte ich kein Wort. Ich war fast erschrocken. Dann kam mir die Sprache wieder:

»Welche Kühnheit von dir! Was wird der Schah-in-Schah tun, wenn er es erfährt! Er stellte den Syrr bei dir ein, damit er unbelästigt bleibe, und du schleppst ihn so viele Tagereisen weit hierher zu uns, allen, allen den Gefahren ausgesetzt, vor denen dieses kostbare Pferd grad durch dich bewahrt werden sollte!«

Nun lachte er noch herzlicher als vorher und antwortete:

»Eine Strafrede statt des Lobes! Du bist ja förmlich zornig, Effendi! Aber ich nehme das als gutes Zeichen und will dich beruhigen. Wisse, daß ich nichts, gar nichts gewagt habe. Wir wurden, nämlich Syrr und ich, von einer Abteilung der Leibgarde bis zu den Kalhuran und dann von diesen Euren Freunden bis fast ganz hierher gebracht. Es konnte uns also unterwegs nichts geschehen. Und grad um das Pferd nicht anzustrengen, habe ich nicht auf den Ustad gewartet, sondern bin langsam vorausgeritten. Und wenn ich sage Leibgarde, so soll das heißen, daß ich es nicht ohne die besondere Erlaubnis des Beherrschers tat. Ja, er selbst ist es, der den Gedanken angeregt hat, Syrr mit nach hier zu nehmen!«

»So bin ich starr!«

»Starr? Ich werde dich sofort wieder lebendig machen, indem ich dir sage, daß ich den Syrr für Niemand bringe, als für dich allein!«

»Für mich? Sei ernst!«

»Ja, ja; für dich! Und das kam so: Daß du ein guter Reiter seist, das hatte ich erzählt, doch ist das nicht der Grund. Die Andern alle, welche nichts erreichten, hatten ja geglaubt, nicht nur gute, sondern sogar virtuose Reiter zu sein. Aber ich hatte auch von deiner Findigkeit gesprochen, von deiner Aufmerksamkeit für alles Tiefere und von deiner Liebe zu den Tieren. Lindsay erzählte so viel von dir und deinem Rih, dem herrlichsten Pferde der Hadeddihn. Der Schah erfuhr, wie du dich zu den Pferden und überhaupt zur Kreatur verhältst, und als ihm dein Sprung über die Verräterspalte und gar das gräßliche Wagestück berichtet wurde, daß du, vorn und links den Abgrund, rechts die Felswand, hinter dir die Feinde und unter dir den kaum vier Fuß breiten Stein, durch einige liebe Worte dein zitterndes Pferd bewegtest, sich vorn zu erheben, den halben Körper über der Tiefe, und langsam umzuwenden – da rief er aus, daß du es vielleicht sein könntest, dem Syrr außer ihm gehorchen würde, weil ein freundliches Wort von dir genügt habe, die Todesangst des Pferdes in ruhiges Vertrauen zu verwandeln. Und als er hörte, daß ich dich besuchen werde, ging er mit sich zu Rate, ob er mir den Syrr anvertrauen solle oder nicht. Ich selbst riet ihm ab, weil ich nicht glaubte, eine solche Verantwortlichkeit auf mich nehmen zu können. Aber grad mein Widerstand schien ihm die Gewähr zu bieten, daß das Pferd nicht nur daheim, sondern auch während dieser Reise in guten Händen sei, und so befahl er mir, es mitzunehmen. Ich sage, er befahl; so durfte ich mich nicht länger weigern.«

»Dschafar – Mirza – vor allen Dingen, wie soll ich dich titulieren?«

»Du nennst mich einfach Dschafar; ich will es so. Die Andern mögen immerhin Mirza sagen!«

»Ich danke dir! Nun wieder zu dem Pferde! Ich kann mir nicht denken, daß dir der Schah den köstlichen Syrr bloß aus reiner Neugierde anvertraut hat, nur um zu erfahren, ob es mir gehorchen werde. Es muß noch ein anderer, höherer oder tieferer Grund vorhanden sein.«

»Der ist auch da! Bezeichne ihn, wie du willst; ich nenne ihn psychologisch. Der Herrscher nannte es ein Problem, und zwar ein wichtiges Problem. Er ist nicht etwa neugierig, sondern gespannt! Das ist doch wohl ein Unterschied! Er sagte sogar, Syrr sei zwar unbezahlbar, aber keineswegs ein zu hoher Preis für die Lösung, doch wolle er warten, ehe er hiervon spreche. Effendi, Effendi, merkst du, was der Beherrscher will?«

»Ja.«

»So gieb dir Mühe!«

»Mühe? Dschafar, Dschafar! Mühe tut es am allerwenigsten; ja, sie würde nur verderben! Wenn mich das Pferd nicht gleich beim ersten Anblick liebgewinnt, brauche ich gar nicht zu probieren; es würde doch vergeblich sein. Sag mir, was frißt es wohl am allerliebsten?«

»Sein größter Leckerbissen ist ein Apfel.«

»Hat es irgend eine Untugend, welche zu schonen ist, wenn man es nicht erzürnen will?«

»Nein, keine einzige.«

»Irgend eine empfindliche Körperstelle, die man nicht berühren darf?«

»Auch nicht. Effendi, ich höre, du bist Kenner. Du fängst es richtig an, ganz anders als jene Virtuosen, die nur das Vieh im edlen Pferde sehen!«

»Nun, das liegt eben im Virtuosentum. Noch deutlicher im Wort Dressur! Liebt Syrr den Stall?«

»Nein. Das Freie ist ihm lieber, sogar des Nachts.«

»Hat er Eigenheiten in Beziehung auf das Wasser, auf das Futter?«

»Nicht daß ich wüßte.«

»So will ich die Probe wagen. Aber ich bitte dich um Eins!«

»Um was?«

»Von diesem Augenblicke an bin ich der Herr des Pferdes. Kein Mensch darf es ohne meine Erlaubnis berühren, auch du selbst nicht!«

Da wurde er ernst.

»Weißt du, was du da auf dich nimmst, Effendi?« fragte er.

»Alles!«

»Jeden Andern würde ich abweisen, denn das Pferd ist nicht mein, sogar den Ustad, den ich doch so kenne! Dir aber will ich vertrauen. Syrr sei dein Eigentum, natürlich nur für die Zeit meines Aufenthaltes hier. Bist du zufrieden?«

»Ja, ich danke dir!«

»So geh hinab zu ihm, indessen ich es mir hier wohnlich mache!«

Das war auch für Schakara das Zeichen, sich zu entfernen. Sie nahm mein »Feierkleid« mit, um es hinauf zu mir zu tragen. Halefs Anzug wollte Dschafar selbst überbringen.

»Denn ich kenne ihn aus Lindsays Erzählungen,« sagte er lächelnd. »Es hat höhern Wert für ihn, den Boten des Schah-in-Schah persönlich zu empfangen.«

Unten ging ich sofort in das Gewölbe, in welchem die Pferde standen. Die Reitknechte waren da.

»Weiß hier schon Jemand, daß Ihr den Syrr mitgebracht habt?« fragte ich.

»Nein,« lautete die Antwort. »Dschafar Mirza hat uns verboten, davon zu sprechen.«

»So verschweigt es auch weiterhin. Niemand soll es wissen. Jetzt ist er mein. Ich werde ihn selbst bedienen; es hat ihn von jetzt an kein Anderer zu berühren. Wie ist er gesattelt, wenn er den Schah-in-Schah trägt? Wohl Reschma?«

»Nein, sondern arabisch.«

»Wie verhält er sich zu andern Pferden?«

»Er mag sie nicht; er ist stolz; aber er tut ihnen nichts. Wenn sie ihm nahe kommen, geht er fort. Er hat sich noch von keinem berühren lassen, auch selbst noch keines berührt.«

»Kannst du das so genau wissen?«

»Ja, denn ich bin Dschydd und habe Syrr von Anfang an gepflegt.«

»So werde ich mich an dich wenden, wenn ich Etwas wissen will. Liebt er das kalte Wasser?«

»Es ist ihm sogar eine Wonne. Er lächelt froh, wenn man ihn wäscht. Der Beherrscher hatte ihn einmal mit am Narghis-See. Da war er noch jung und lief frei herum, das schönste Füllen, das es auf der Erde gab. Da war er fast gar nicht aus dem Wasser herauszubringen. Effendi, ich bitte dich, nimm ihn in Acht! Ich habe ihn so lieb!«

»Sei unbesorgt; er ist in guten Händen! In welcher Sprache redest du mit ihm? Persisch natürlich?«

»Nein nicht persisch, sondern meine Muttersprache. Ich bin ein Dschubeileh-Araber.«

Da ließ ich mir diejenigen Worte und Ausdrücke aufzählen, welche dem Syrr geläufig waren, und nahm ihn dann aus dem Gewölbe heraus, um ihn hinter nach der Weide zu führen. Schakara hatte den Anzug hinaufgebracht und kam jetzt wieder herunter. Sie war bei meinem Gespräch mit Dschafar zugegen gewesen, hegte das lebhafteste Interesse für das Pferd und bat mich, mitgehen zu dürfen. Als wir durch den Garten kamen, pflückte ich zwei Aepfel, einen gewöhnlichen Küchenapfel und einen edlen, nach Rosinen duftenden Sib-y-Kischmisch-Apfel. Jeden in einer Hand, hielt ich dem Pferde beide zugleich vor. Es faßte nicht etwa hastig zu, sondern es beroch sie mit Bedacht und griff dann zu dem duftenden. Da sagte Schakara:

»Effendi, das ist kein „Vieh“. Es beherrscht den Appetit; es wählt; es folgt nicht der Gier, sondern dem prüfenden Sinne. Und schau, wie langsam es kaut, fast wie ein Mensch, der eine Delikatesse genießt. Ein anderes Pferd hätte schon längst nach dem zweiten Apfel gelangt. – Nun nimmt es ihn, fast leise, zögernd, als ob es dir einen Gefallen tun wolle, indem es nun auch den weniger guten frißt. Syrr ist edel, sehr edel. Ich habe ihn schon lieb!«

Sie klopfte ihm mit der flachen Hand den Oberschenkel, so, wie man Pferde kräftig zu liebkosen pflegt. Da hob er den einen Vorderfuß und zuckte mit dem eingewickelten Schwanze. Dieses »Klatschen« war ihm also unangenehm. Für mich ein wichtiger Fingerzeig! Als wir an die Quelle kamen, ließen wir ihn trinken. Er versuchte erst den Geschmack des Wassers und trank dann mit sichtlichem Behagen, zuweilen eine Pause machend, wie ein Weinkenner, der eine seltene Nummer nicht gleich hinunterstürzt. Dann führte ich ihn hinter in das Gras und begann, die Hülle aufzuschnallen. Da sah ich denn, daß Syrr auch ein Rappe war, aber was für einer! Ein Rappe mit Doppelmähne! Ohne das geringste helle Fleckchen! Der volle, vornehm getragene Schwanz reichte fast bis zur Erde nieder. Die Behaarung war seidenweich und biberfein, fast schwärzer noch als schwarz, aber die Spitze jedes einzelnen Haares wie in eine Brillanttinktur, in lichten Fluß getaucht und darum leise, aber doch ganz deutlich schimmernd. So Etwas hatte ich noch nie gesehen. Schakara schlug verwundert die Hände zusammen und rief aus:

»Ein Mischki en Nur! Das Märchen hat also Recht! Es gibt Rappen, welche dunkler sind als Kohle und doch wie Demant glänzen! Wenn die Alten am Lagerfeuer sitzen und von jenem Wunderpferd erzählen, welches des Nachts von Stern zu Stern galoppiert, um einen Geist zu suchen, der es reiten könne, so ist es stets ein Mischki en Nur. Der Glanz der Sterne wurde seinem Haar zu eigen; einen würdigen Reiter aber hat es bis heut noch nicht gefunden.«

Diese Spitzenfärbung war umso erstaunlicher, als sie sich nicht nur bei den kurzen Härchen des Körpers sondern auch bei den langen Haaren der Mähne und des Schwanzes zeigte. Wenn er den Letzteren bewegte, so war dieses leise Flimmern, um mich so auszudrücken, eine wahre Augenfreude. Aber nun erst die Gestalt, der Körperbau des Hengstes! Ich habe Rih beschrieben und auch Assil Ben Rih, seinen Sohn, zu beschreiben versucht. Das war ein Fehler. So wenig, wie man die Schönheit einer Blume, einer Frau, eines Kunstwerkes beschreiben kann, ebenso wenig läßt sich durch Worte eine Anschauung von der Schönheit eines Rassepferdes geben. Ich werde mich also hüten, meinen Fehler zu wiederholen, indem ich Syrr beschreibe. Zudem weiß ich sehr wohl, welche Vorurteile im Abendlande gegen den ächten Araber herrschen. Der Europäer bezeichnet den Beduinen als den größten Dieb und Lügner im Pferdehandel, verbreitet aber doch die »Lügen«, welche man ihm aufgehängt hat, und glaubt sie auch selbst! Die Beduinen wissen sehr wohl, was es heißt, wenn fremde Völker den Europäern ihre Schätze zeigen und ihnen erklären, worin der Wert derselben besteht. Die Folgen solcher Aufrichtigkeiten liegen allüberall so zu Tage, daß sie gar nicht zu übersehen sind. Wenn der größte Reichtum des Arabers in seinen edlen Pferden liegt, so fällt es ihm gar nicht ein, jeden Franken über Alles, was diese Pferde betrifft, bereitwilligst zu unterrichten. Die bösen Erfahrungen, welche Andere gemacht haben, zwingen ihn zu Ausflüchten, Täuschungen und Unwahrheiten, durch welche er zwar seinen Ruf verschlechtert, aber fremde Gelüste von sich weist. Was man in Büchern über das arabische Pferd zu lesen bekommt, ist häufig ein Beweis für diese Täuschungen. Selbst berühmte Hippologen behaupten in ihren Schriften, daß der Araber selten Rappen züchte, weil er die schwarze Farbe für ordinär halte, daß eine volle Mähne und ein voller, langer Schweif für häßlich gelte, und was dergleichen Dinge weiter sind. Hiernach wäre Syrr als ein unschönes, gemeines Pferd zu bezeichnen. Wenn ich höflich sein und dies als Wahrheit gelten lassen will, so muß ich begeistert hinzufügen, daß der Bau seines Körpers noch viel, viel häßlicher und gemeiner war als seine Farbe!

Ich trat ein Stück von ihm zurück, um diese herrlichen Formen zu betrachten, die jeden Kenner oder Pferdefreund entzücken mußten. Ich suchte nach Fehlern, scharf und unerbittlich, fand aber keinen, keinen einzigen, nicht den allergeringsten! Dieser Syrr war körperlich ideal. Ob auch in Beziehung auf seine innern Eigenschaften – fast hätte ich Geist oder Seele gesagt; das ist mir aber für Tiere streng verboten worden – das hatte sich noch zu zeigen. Da sah Assil mich stehen. Er kam herbei, um mir zu zeigen, daß er auch noch vorhanden sei. Ich liebkoste ihn wie immer. Da ging er weiter, hin zu Syrr. Auch er machte niemals Gemeinschaft mit andern Pferden. Er schritt langsam, prüfend vorwärts. Er hob die sich erweiternden Nüstern, so daß die Linie von den Ganaschen zur Kinnkettengrube eine wagerechte wurde. Seine Ohren spielten. Der Schweif hob sich. So kam er näher, immer näher – zwei Vollbluthengste! Was wird wohl geschehen! Syrr stand still. Er bewegte keine Muskel. Kein Haar zuckte. Aber seine innen rosagefärbten Nüstern öffneten sich mehr und mehr, und seine großen Augen schienen noch größer zu werden. Nun war Assil da. Er legte die Ohren grad nach vorn, sog den Atem des neuen Kameraden ein, wieherte kurz und wie vor Freude auf und – gab Syrr einen Kuß.

Ja, Pferde küssen! Wer das nicht weiß, der hat sie noch nicht beobachtet!

Eine solche Vertraulichkeit erschien dem Rappen des Schah-in-Schah wohl unerhört. Er hob schnell auch den Kopf, legte die Ohren ganz nach hinten und öffnete die Lippen so, daß das prächtige, elfenbeinene Gebiß zu sehen war. Dann wieherte er ebenso, schloß die Lippen wieder und – küßte Assil Ben Rih auch.

»Wie schön, wie gut, Effendi!« sagte Schakara. »Ich befürchtete schon, es werde eine gewaltige Schlägerei beginnen. Sie haben sich aber erkannt. Edel zu edel, hoch zu hoch, echt zu echt, das gibt niemals Konflikt!«

»Möchtest du mir einige weiche Lappen besorgen?« bat ich sie. »Er ist unter der engen Hülle ganz verdunstet. Ich will ihn waschen.«

»Auch Machassa und Furscha?« fragte sie.

»Nein. Heut nicht. Es könnte das der neuen Bekanntschaft schaden.«

Sie ging, das Verlangte zu holen. Ich war nun mit Syrr allein und begann, mich bei ihm einzuschmeicheln. Fast hätte ich mit der bekannten Redensart gesagt – ihm seelisch näher zu treten. Ich strich ihm leise das Haar, nicht Mähne oder Schwanz, sondern nur das kurze, und zwar genau in der Richtung, in der es lag. Wo es einen Bogen machte, folgte auch ich ihm mit der Hand. Wo sich bei Gliederbeugen zwei verschiedene Haarrichtungen begegneten, beachtete ich das wohl und folgte mit einer Hand der einen, mit der zweiten Hand der anderen. Wo ein Wirbel gebildet wurde, wirbelte ich auch. In dieser Weise ging ich über den ganzen Körper, von hinten nach vorn. Es fiel mir nicht ein, Etwas zu tun, womit ich Syrr belästigt hätte, etwa wie die Hufe zeigen zu lassen oder das Gebiß zu untersuchen. Den Kopf behandelte ich mit besonderer Aufmerksamkeit. Es gab da am Oberauge einige herabragende Borstenhaare, welche den Blick unausgesetzt belästigen mußten. Ich schnitt sie mit meiner kleinen Taschenmesserschere sofort weg. Auch ein Pferd merkt so Etwas sogleich und ist dankbar dafür! Nur kann es leider nicht sagen »Ich danke Ihnen ergebenst, Herr Rollfuhrmann oder Herr Droschkenkutscher!« So gab es schließlich am ganzen Körper keine Stelle, die ich nicht berührt hatte, lieb, streichelnd und alle Derbheit oder Hast vermeidend. Wäre es kein Pferd sondern ein Mensch gewesen, so würde ich sagen, Syrr sollte bei sich denken: Der hat Verstand; der ist aufmerksam und gütig; den muß man liebhaben!

Dann legte ich ihm die Hände an die Backen, ließ ihm meinen Atem fühlen und sprach freundlich mit ihm. Zu verstehen brauchte er kein Wort. Er sollte nur den Ton meiner Stimme hören und meine Augen betrachten dürfen, denen es nicht einfiel, sich zu einem »Pferdebändigerblick« zu verschärfen. Er hatte sich zu alledem sehr ruhig wie abwartend verhalten – reserviert, sagt man bei Menschen. Da sah ich Schakara zurückkommen und trat einen Schritt von ihm zurück. Sofort tat er diesen Schritt auf mich zu, nahm meinen Arm zwischen die Zähne und hielt mich fest, doch ohne mir wehe zu tun. Da berührte ich zum ersten Male seine Mähne. Ich strich liebkosend an ihr herab und sagte:

»Ich gehe nicht fort; sei ruhig, Syrr!«

Aber was war denn das? Schon während des Berührens seines Körpers hatte ich ein eigentümliches Prickeln in den Händen gefühlt, ganz leise nesselartig, wie ein feiner, wohltuender elektrischer oder galvanischer Reiz. Ich verspürte ihn jetzt noch. Er kam vom Pferde. War er nur einseitig oder gegenseitig? Bekam ihn Syrr etwa auch von mir? Und als ich jetzt mit der Hand an der Mähne niederfuhr, wurde er stärker, und ich hörte es in den Haaren knistern, freilich nicht etwa laut, sondern schwach, aber doch recht gut vernehmlich.

»Horch!« bat ich Schakara, als sie uns erreicht hatte, und strich etwas kräftiger.

Sie lauschte einige Augenblicke. Dann fragte sie:

»Fühlst du Etwas, Effendi?«

»Ja. Es ist wie irgend eine Kraft, die meine Hand berührt und in den Nerven weitergeht.«

Da ließ sie die mitgebrachten Lappen fallen, legte die Hände zusammen und rief aus:

»Das Knistern, das Knistern! Weißt du noch, was ich dir von der „verlorengegangenen Poesie“ erzählt habe? Von dem Rosse, dessen Mähne Funken sprüht? Wie lichtgewordene Strophen um die Stirn des Reiters? Effendi, ich bitte dich, nimm deinen Fez vom Kopfe! Berühre erst die Mähne und dann hierauf dein Haar! Ich muß wissen –«

Sie hielt inne.

»Was?« fragte ich.

»Ob – ob – ob du dann Etwas fühlst.«

Ich tat ihr den Gefallen, nahm den Fez ab, strich einige Male mit der Hand an der Mähne herunter und legte sie mir dann auf den Kopf. Die Wirkung war eine ganz eigenartige. Das Prickeln verschwand sofort aus meiner Hand und ging auf die Kopfhaut über, wobei es in den Haaren leise, leise knisterte. Indem ich Schakara dies mitteilte, stand ich vorn bei Syrr. Dieser öffnete die Nüstern, sog die Luft laut ein, kam mit dem Kopfe zu mir herum und faßte mich am Haare, nicht mit den Zähnen, sondern ganz weich, nur mit den Lippen. Da ging über Schakaras Gesicht ein frohes, glückliches Lächeln. Sie hob die Lappen wieder auf und sagte:

»Nun komm nach dem Wasser, wenn du ihn waschen willst. Ich gehe; du aber reitest!«

Diese Aufforderung befremdete mich nicht im Geringsten. Es war auch mir ganz so, als ob sich das Pferd gegen mich nicht abweisend verhalten werde. Ich stieg also auf, vorsichtig, schmerzhaften Druck vermeidend. Kaum oben, legte ich beide Fersen an, die rechte etwas weiter vor als die linke. Syrr drehte sich sofort links um und ließ sich von mir nach der Quelle reiten. Dort sprang ich wieder ab und belohnte ihn mit einem Kusse. Da warf er den Kopf hoch in die Höhe und wieherte so triumphierend, daß Schakara, laut lachend, sagte:

»Das ist Jubel! Er tut, als habe er dich besiegt anstatt du ihn! Also ein Doppelsieg mit gegenseitigem Wohlgefallen hinterher! Was wird Dschafar Mirza dazu sagen?!«

»Nichts, denn er erfährt noch nichts,« antwortete ich. »Ich bitte dich, Schakara, sei verschwiegen! Ehe ich Etwas sage, muß ich Syrr vollständig kennengelernt haben, und das hat heimlich zu geschehen. Es ist vielleicht zu kühn, aber ich denke hierbei auch an das Rennen. Wenn Syrr das ist, was ich von ihm erwarte, so lache ich über jeden Gegner, den man ihm zu stellen wagt.«

Hierauf begann die Wäsche. Schakara hätte wohl gern mitgeholfen, doch gab ich es nicht zu. Der Glanzrappe mußte erfahren, daß ich nicht nur sein Herr sein wollte, sondern auch gern mit eigenen Händen für ihn sorgte. Dieses Waschen war kein rücksichtsloses Begießen, Reiben und Scheuern; es geschah genau so vorsichtig und schonend wie das vorhergehende Streicheln. Als Syrr abgetrocknet war, machte ich eine weitere Probe. Zu den Ausdrücken, welche er verstand, gehörte auch, wie der Stallknecht mir gesagt hatte, das Wörtchen »komm«!

»Ta‘ al!« sagte ich darum und ging vom Wasser fort.

Er kam zu meiner Freude sogleich hinter mir her. Ich führte ihn nach der Weide, doch nicht geraden Weges. Um ihn zu prüfen, wich ich einige Male scharf ab, nach rechts oder links. Er machte diese Schwenkungen mit und blieb eng hinter mir, bis ich endlich stehen blieb. Zum Lohne hierfür holte ich ihm dann noch einige Aepfel und gab ihm auch selbst seine Abendgerste, worauf ich ihn mit der Ueberzeugung verlassen konnte, daß wir gute Freunde geworden seien.

Als ich in den Hof trat, stand Hanneh oben auf der Halle und winkte mir, hinaufzukommen. Ich tat es gern. Halef lag nicht, sondern er saß, im Rücken gestützt von einigen Polstern. Das »Feierkleid« war vor ihm ausgebreitet. Auf seinem Gesichte glänzte die Freude und mit ihr neue Lebensfarbe.

»Sihdi, mir ist ein großes, großes Heil widerfahren,« sagte er. »Dschafar Mirza, der Abgesandte des Schah-in-Schah, war bei mir, um mir dieses Geschenk der Ehrung zu überbringen. Ich weiß gar wohl, ich verdanke es nicht mir, sondern nur dem Umstande, daß ich dein Begleiter bin. Aber ich freue mich doch unendlich darüber und werde mich, so oft ich es trage, nach seinen ernsten Farben richten!«

Diese letzte Wendung kam mir nicht ganz unerwartet. Krankheiten machen eben ernst, und Genesungsfreude und Besserungsfreude sind zwei liebe Schwestern. Es war ihm anzusehen, daß dieses Geschenk ihn wieder einen bedeutenden Schritt vorwärts gebracht hatte.

Hierauf ging ich zum Abendessen mit Dschafar, dem Pedehr und dem Chodj, den ich dazu geladen hatte. Dieser Mann war es wert, daß man ihn nicht bloß arbeiten sondern auch mit beraten ließ. Nach Tische nahm ich Dschafar mit hinauf zu mir. Wir saßen im Freien und erzählten. Von dem Mordanschlag auf ihn sagte ich ihm noch nichts. Die Gefahr war jetzt noch nicht da, und ich wollte ihm den Aufenthalt bei uns nicht gleich am ersten Tage mit Sorgen vergällen. Daß er wenigstens bis zum Rennen bleiben werde, verstand sich ganz von selbst. Er hatte zwar behauptet, von der Reise nicht ermüdet zu sein; aber trotz der Lebendigkeit unserer Unterhaltung erklärte er gegen Mitternacht doch, nun schlafen gehen zu müssen. Ich begleitete ihn bis hinunter an seinen Wartturm und kehrte dann zu mir zurück, um mich auch niederzulegen. Der Mond schien hell, und ich sah von meiner hohen Plattform aus, daß die Pferde alle lagen, das eine etwas abseits von den andern; das war Syrr.

Als ich mich niederlegte, fiel mir ein, daß heut vor einer Woche, am Freitag, zum ersten Male vom »Feste der fünfzig Jahre« und von dem Rennen zu mir gesprochen worden war. Was hatte sich in dieser Woche alles ereignet, und wie unerwartet schnell war es während dieser Zeit mit meiner Genesung vorwärts gegangen! Wie vortrefflich war die Anstrengung des Sonntages und des hierauf folgenden Nachtgespräches überstanden worden! Ich hatte dann allerdings volle vierundzwanzig Stunden fest geschlafen, aber wundersam war diese schnelle Erholung nach einer so langen Krankheit jedenfalls.

Als ich früh aufstand, schlief Dschafar noch. Ich besuchte zunächst die Pferde. Die drei anderen begrüßten mich von Weitem. Assil kam schnell heran zu mir, um sich an mir zu reiben. Syrr war zurückhaltender. Seine noch nassen Vorderbeine bewiesen mir, daß er trinken gewesen und dabei direkt in die Quelle gestiegen war. Ich holte ihm einige Aepfel, die er langsam und bedächtig verzehrte. Dann leckte er mir die Hand. War das, weil sie noch nach den Aepfeln rochen? Oder war es Dankbarkeit, vielleicht schon Liebe? Ich brachte ihm nun seine Morgengerste und suchte dann den Pedehr auf, um mit ihm über die Sicherheitsmaßregeln zu sprechen, welche wir in Beziehung auf Dschafar zu treffen hatten. Wir mußten umso besorgter sein, als er jetzt noch nichts erfahren sollte. Die Wächter des Duars hatten ihre Aufmerksamkeit von jetzt an zu verdoppeln, zumal die Zeit des Rennens immer näher rückte und der Fremdenzufluß nun bald beginnen würde. Dies brachte ihn auf die Wege, welche zum Duar führten, und auch auf den, auf welchem wir nach dem Sprunge über den Abgrund nach dem hohen Hause gebracht worden waren.

»Bist du schon wieder dortgewesen, Effendi?« fragte er.

»Nein,« antwortete ich. »Wie weit ist es bis hin?«

»Nur eine Viertelstunde.«

»Nur? Hast du Zeit?«

»Ja. Wir haben zwei Wege; einen vom Dorfe aus, und einer führt von hier aus um den Wartturm herum. Beide treffen später zusammen. Hast du Lust, zu gehen?«

»Ja. Komm!«

Das Tal der Dschamikun stand nach drei Seiten hin mit der Außenwelt in Verbindung. Ostwärts ging es nach dem Hasen- und Kurierpaß. Nordwestlich nach dem Gebiete der Takikurden, zugleich aber auch zu den im Norden halbansässigen Dschamikun. Und südwärts nach dem Daraeh-y-Dschib, dem Tale des Sackes. Durch das letztere waren wir, von Nordwesten aber Hanneh und Kara gekommen. Der Weg nach dem Tale des Sackes führte zwischen dem Tempel- und dem Ruinenberge hindurch. Beide traten hier so eng zusammen, daß sie nur durch eine schmale Schlucht geschieden wurden. Unten lief der Duarpfad, etwas höher derjenige, auf dem wir uns befanden. Er führte durch einen steil ansteigenden Wald. Tief unten eilte rauschendes Wasser nach dem See. Es kam aus dem Felsenrisse, über den wir mit unsern Pferden gesprungen waren. Nach einiger Zeit stieg der Duarweg zu uns heran, und dann hatten wir nur noch eine kurze Strecke bis zu der Stelle, wo wir unser Leben gewagt hatten, um den Massaban zu entkommen. Es war jetzt eine neue Brücke da. Als ich auf ihr stand, in die Tiefe schaute, in welche sich von drüben her das Wasser stürzte, und die Breite des Risses mit den Augen maß, überkam mich nachträglich die Angst, von der ich damals keine Spur empfunden hatte. Wie war es doch nur möglich gewesen, sich ein solches Wagnis zuzutrauen!

Der Pedehr mochte meine Gedanken erraten, denn er sagte:

»Das hat Euch keiner vorgemacht und wird Euch wohl auch Keiner nachmachen! Schau dir die Brücke an, Effendi! Bemerkst du Etwas?«

»Natürlich! Sie ist zum Aufziehen.«

»Ja. Nach den Erfahrungen mit den Massaban konnten wir uns nicht zu einem neuen, festen Uebergang entschließen, der im Kriegsfalle immer zerstört werden muß. Der Ustad ließ von unserem Nälbänd Ketten machen und vom Najjar die starken Rollen dort an der Eiche. Jetzt genügt die Kraft eines einzelnen Mannes, die Brücke aufzuziehen. Das ist ein Wunder, welches ich nicht begreife, denn sie ist ja zehnmal schwerer als der Mann selbst.«

»Es ist kein Wunder, sondern sehr einfach. Diese Rollen bilden ein Suhulet, durch welches die Kraft des Menschen derart vervielfältigt wird, daß ein Einzelner genügt, die Brücke zu heben. Der Ustad kennt dieses Naturgesetz sehr wohl.«

»Und hältst du so eine Brücke für gut?«

»Ja. Doch wie diese liegt, hat man dafür zu sorgen, daß man nicht einmal selbst auch abgesperrt wird!«

Als wir zurückkehrten, wählten wir den Weg nach dem Duar. Dort angekommen, konnten wir Dschafar beobachten, welcher nun schon unten war und uns nicht sogleich bemerkte. Er hatte gehört, daß ich mit dem Pedehr fortgegangen sei, und war darum auch gegangen, um uns vielleicht zu treffen. Er hatte das Boot am Landeplatz entdeckt und sich den Chodj-y-Dschuna holen lassen. Nun segelten sie bei gutem Winde mit einem halben Dutzend Lastkamelen um die Wette, welche, hoch mit Heu beladen, für das Wettrennen eingeübt wurden. Wie man sich erinnern wird, hatte der Pedehr auf Halefs Frage, was für Pferde laufen würden, folgendermaßen geantwortet: »Es werden nicht bloß Pferde sein. Wir lassen alle Arten der Tiere laufen, die es bei uns gibt, Schafe, Ziegen, Esel, Maultiere, Lastkamele, Reitkamele, gewöhnliche Pferde, und zum Schlusse wird es mehrere Rennen zwischen Tieren edelster Rasse geben.« Der Wettkampf sollte also scherzhaft beginnen, um ernst und würdig zu enden. Als man diese Disposition traf, hatte man nicht geahnt, daß sich aus dem beabsichtigten Rennen unter Freunden ein erbitterter Wettkampf zwischen Freund und Feind entwickeln werde, war aber trotzdem bei der ursprünglichen Bestimmung geblieben, daß der Anfang heiter zu sein habe, möge er enden, wie er wolle. Daher jetzt die Uebung mit den Lastkamelen.

Es konnte hierbei nicht etwa von Tierquälerei die Rede sein. Die Dschimal waren zwar so hoch und so breit beladen, daß von ihnen nur die Beine zu sehen waren, aber man hatte das Heu so leicht und duftig gepackt, daß es für die starken Tiere nichts weniger als eine Last zu nennen war. Vorn gab es in dem Heuballen eine Oeffnung aus welcher über dem sonderbaren Maule die Konvexbrillenaugen des Tieres den Weg überschauen konnten. Hoch oben war nur der Kopf des tief im Heu vergrabenen Führers zu sehen, der sein Kamel nur durch Zurufe zu leiten hatte. Es war also vorauszusehen gewesen, daß sich die Sache höchst drollig ausnehmen werde, und die jetzige, erste Probe zeigte, daß man sich hierin nicht getäuscht hatte. Wir sahen die langen Beine, die großen, plumpen Füße und sämtliche Heubündel in eiligster Bewegung, als ob es beabsichtigt sei, binnen zwei Stunden dreimal rund um die Erde zu jagen. Da blieb plötzlich eines der Kamele mitten im Laufe stehen, um in der größten Gemütsruhe sich ein Maulvoll aus der eigenen Last zu raufen und gemächlich zu verzehren. Der Kopf hoch oben begann zu bitten, zu flehen, zu jammern, zu schimpfen, zu drohen. Da besann sich das Kamel auf seine Pflicht und warf die Beine wieder vorwärts, daß der Staub nur so flog, bis es an ein anderes prallte, welches in derselben guten, aber für den Reiter höchst ärgerlichen Absicht stehengeblieben war. Weiter vorn sahen wir zwei Heuladungen im größten Eifer und eng neben einander herrennen, bis der Weg zwischen Berg und See zu eng wurde und sie beide miteinander stecken blieben. Der allerschnellste dieser Renner war den andern weit vorausgekommen und schien nun der guten Ueberzeugung zu sein, seinen Zweck erreicht zu haben. Er hatte sich also gemütlich auf die Mutter Erde niedergelassen und ließ Alles, was aus dem Munde seines Besitzers kam, in größter Seelenruhe über sich ergehen, ohne weiter ein Glied zu rühren. Das gab selbstverständlich Veranlassung zur größten Heiterkeit. Die liebe Jugend machte natürlich mit, was aber keineswegs dazu beitrug, die zwei Dutzend Kamelbeine von dem Werte der kostbaren Zeit zu überzeugen. Dschafar segelte mit dem Chodj-y-Dschuna nebenher, um das Schauspiel aus sichrer Entfernung zu genießen, bis sich alle Kamele niedergelegt hatten und keines weiter fortzubringen war. Da kam er nach dem Duar zurück und versicherte uns, noch nie im Leben so gelacht zu haben wie heut. Nachdem er diesen Ausgang des Kampfes gesehen habe, verspreche er sich von dem Rennen nun überhaupt sehr große Dinge und sei erfreut, grad am »Feste der fünfzig Jahre« zu den Dschamikun gekommen zu sein!

Der Chodj-y-Dschuna teilte mir mit, daß man mich als Rekonvaleszenten bisher nicht habe belästigen wollen. Nun aber bitte er mit dem Pedehr um die Erlaubnis, mich über Alles, was sich auf das Fest beziehen sollte, unterrichten und fragen zu dürfen. Wir gingen infolgedessen nach seiner Wohnung und hielten das ab, was man in Deutschland, wo es bekanntlich keine Fremdwörter gibt, als eine Komiteesitzung bezeichnen würde. Es gab keinen einzigen Punkt, dem ich nicht zustimmen konnte, was den braven Chodj-y-Dschuna so erfreute, daß er den Mut bekam, uns zum Essen einzuladen. Das war um die Mittagszeit, und so nahmen wir es an. Ich ging aber vorher hinauf, um Syrr zu füttern und beauftragte Kara, mir dann meinen Assil und das Pferd des Mirza herabzubringen, weil ich einen etwas weiteren Spazierritt versuchen wolle, an dem auch er teilnehmen möge.

Wir dehnten diesen Spazierritt auf über zwei Stunden aus, ohne daß ich mich, als ich heimkehrte, von ihm ermüdet fühlte. Ich glaubte also, mir für heut Abend auch noch eine weitere Anstrengung zumuten zu können, und sagte Kara also, daß wir gegen Mitternacht den Aschyk aufsuchen würden; er solle sich also bereithalten und alles dazu Nötige besorgen.

Bis zu dieser Zeit geschah nichts, was einer besonderen Erwähnung bedarf. Ich brachte die Zeit nach dem Abendessen absichtlich bei Dschafar zu, weil ich da gehen konnte, wenn es mir beliebte. Wäre aber er bei mir gewesen, so hätte ich warten müssen, bis er sich entfernte. Kara stand bereit. Der Weg durch das große Eingangstor wäre kürzer gewesen; aber ich hatte Gründe, den Umweg über die Ruinen zu wählen. Ich wollte ihn mir in allen seinen Einzelheiten so einprägen, daß ich ihn später des Nachts nicht nur gehen sondern auch sicher reiten konnte. Ich hatte nämlich die Absicht, Syrr heimlich einzuüben, und das war nur dann möglich, wenn alle Leute schliefen.

Wir gingen also im Mondscheine über das Gemäuer und dann den Steinbruchweg hinunter nach der Landestelle. Das Boot war da. Wir kamen in den Kanal und aus diesem in das vordere Bassin, ganz so wie die vorigen Male. Ich hatte erwartet, daß unser Gefangener vor Freude laut aufschreien werde. Es blieb aber still, obgleich wir so laut ruderten, daß die Schläge wie Meeresrauschen von den Säulen widerhallten.

»Er ist tot!« sagte Kara. »Herabgefallen und ertrunken!«

»Möglich. Wir werden ja sehen.«

Wir kamen schnell näher. Er mußte trotz der tiefen Finsternis nun auch unser Licht sehen. Und doch hörten wir nichts von ihm! Nun sahen wir die Säule und den Stein. War der Aschyk noch da? Ja. Er saß oben. Still. Hüben das Gerippe und drüben er. Wir hatten absichtlich nicht eine, sondern zwei Fackeln brennen. Es war also so hell, daß wir sein Gesicht, seine Züge deutlich erkennen konnten. Er lehnte mit dem Rücken an der Säule. Seine Augen waren geschlossen. Als das Boot stand und wir die Ruder einzogen, sagte er in mir ganz unbegreiflich ruhigem Tone:

»Ihr kommt wieder. Ich wußte es! Ahnst du, was ich da tat ? Nein! – Ich habe gebetet!«

Wie kam es doch, daß dieses Wort, dieses letztere, mich innerlich so packte, als ob in mir Etwas hierauf vorbereitet gewesen sei! War es infolge des Traumes, an den ich sogleich dachte? Mußte sich hier, in dieser tiefen, dunkeln Verlassenheit, denn Alles, Alles, selbst die ärgste Verkalkung und Verhärtung, schließlich doch und doch noch zum Gebet verwandeln? Nicht nur im Traume, sondern auch in der Wirklichkeit? Er wartete ein Wenig, und als ich nichts antwortete, fuhr er fort:

»Effendi, ich will beichten – beichten – beichten! Ich will nicht nur, sondern ich muß – ich muß – ich muß!«

»Doch wieder wohl nur Lügen!« sagte ich.

»Lügen? Hier? Effendi, hier hat jede Lüge entweder zum Wahnsinn zu werden oder sich in Wahrheit zu verwandeln. Außer diesen beiden gibt es kein Drittes. Nun prüfe, ob ich wahnsinnig geworden bin! Wenn nicht, so ist nur Wahrheit zu erwarten!«

»So sag vorerst, wie du zu dieser mir ganz unverhofften Ruhe kommst!«

»Wie –? Welch eine Frage! Wenn nicht hier, wo soll man dann wohl ruhig werden! Hier wird ja Alles, Alles, Jedermann zu Stein! Entweder zum gemeinverkalkten Tode, oder zum edlen Alabaster, an dem die aus dem Kalk erlösten Geister arbeiten, bis er – beten lernt! O, Effendi, ich schlief hier ein, ermüdet vom Rufen, Schreien, Brüllen. Da kam ein Traum – ein Traum! Ich hatte tausend Jahre, tausend Jahre lang hier im Wasser gelegen, verhärtet und verkalkt in meinen Sünden. Niemand wollte mich retten, und ich selbst konnte es nicht. Da kam ein Ruf von oben, einmal – zweimal – dreimal; der weckte mich. Ich antwortete, daß alle Säulen klangen. Da war es oben still; aber in mir, in mir, tief unten, da wurde es laut und laut und immer lauter! Da kamen die Tage mein Lebens, einzeln, furchtbar einzeln, einer nach dem andern! Sie klagten mich nicht an, nein nein, nein nein! Das tat ich ja schon selbst! Sie gaben gute Worte! Ein jeder, jeder, jeder von ihnen kniete im Büßergewande neben mir nieder, griff nach meiner Hand und drang in mich, mit ihm zu beten, zu beten, zu beten! Und als sie alle um mich lagen, alle, alle, vom ersten bis zum letzten, da kniete ich inmitten meines Lebens und faltete die Hände wie sie alle. Und als ich sprach: „Vergieb mir meine Sünden!“ Da hörte ich erst Eure Ruderschläge, und dann sah ich auch Eures Lichtes Schein! Was Ihr mir bringt, das habe ich zu nehmen. Doch bitte ich, seid nicht auch Ihr von Stein!«

Als er geendet hatte, lauschte ich noch immer. Es war, als ob das, was aus ihm gesprochen hatte, nun in mir weiterrede. »Tausend, tausend Jahre hier im Wasser gelegen!« hatte er gesagt. Nur zwei Erdentage, für den Geist, die Seele aber tausend, tausend Jahre! Welcher Mensch kann behaupten, gerecht zu richten! Der Buchstabe des Gesetzes behandelt alle gleich. Aber die Gerechtigkeit liegt nicht im gleichen Strafquantum; in diesem ist vielmehr ihr Gegenteil, die Ungerechtigkeit zu suchen. Denselben Tatbestand vorausgesetzt, wird der Eine nicht durch zwanzig Jahre Zuchthaus gebessert, der Andere aber schon durch einen einzigen Tag Gefängnishaft. Hätte für den Letzteren dann nicht die Strafe aufzuhören? Es war von mir die füchterlichste Strenge gewesen, den Aschyk hierher an diesen Ort zu detinieren. Ich sah und hörte jetzt, daß es genau die beabsichtigte Wirkung hervorgebracht hatte. Eine Verlängerung seiner Qual wäre nicht nur Grausamkeit, sondern geradezu Unmenschlichkeit gewesen. Darum antwortete ich ihm jetzt:

»Der Menschheitsjammer muß sogar den Stein erbarmen, warum nicht auch den Menschen selbst! Wenn du gebetet hast, so ist mein Zweck erreicht. Ich führe dich hinaus.«

»Das wolltest du? Du, Du, der von mir betrogen werden sollte, wie kaum vorher ein Anderer?«

»Was du an Andern tatest, das habe nicht ich zu richten. Was du mit mir vorhattest, da sei dir gern vergeben. Hier hast du meine Hand. Komm herab!«

Ich richtete mich auf und streckte sie ihm entgegen, um ihm herabzuhelfen. Er griff nicht sofort zu, er sagte:

»Warte noch, Effendi! Ich habe dir doch vorher zu beichten!«

»Nicht hier! Hier hattest du nur dir allein zu beichten. Nun wartet draußen jetzt ein Anderer auf dich.«

»Ein Anderer?« fragte er schnell. »Effendi, reicht dein Blick in mein Inneres? Wenn ich in den Ruinen stand und drüben Euren Tempel stehen sah, so lachte ich der Albernheit, die solche Häuser baut für Einen, den es nie gegeben hat und niemals geben werde. Hier aber griff er in die Finsternis und stellte meine Seele vor mich hin, die ich mir aus der Brust gerissen und weggeworfen hatte. Da kam ein Drang, ein Sehnen über mich, ein innerlicher und doch lauter Schrei nach diesem Tempel. Er klingt noch jetzt, laut, überlaut, Effendi. Erhöre ihn! Laß uns hinauf zum Beith-y-Chodeh steigen! Das ist der einzig rechte Ort zum Beichten!«

»So komm!«

Er griff knieend nach meiner wieder ausgestreckten Hand, küßte sie und kletterte dann herab in das Boot. Als wir zu den Rudern griffen, schaute er noch einmal nach dem Stein hinauf und sagte:

»Dort laß ich das Gerippe! Mir ist, als ob es mein eigenes Skelett sei, mein früheres. Ich habe jetzt ein neues. Das ist nicht starres Knochenwerk, aus dem mir das Vergangene, die Zähne fletschend, in die Augen grinst, sondern ein fester, froher Wille, der vor Freude jauchzt, gutmachen zu können, was ich verbrochen habe.«

Er saß in der Mitte des Bootes zwischen uns beiden, mit dem Rücken nach vorn. Während wir nach dem Kanale ruderten, schaute er bald rechts, bald links an mir vorüber nach den bewegten Wellen hinter uns.

»Sie kommen!« sagte er, sich nach den Augen greifend.

»Wer?« fragte ich.

»Die Geister meiner Lebenstage, alle, alle, alle! Ich sehe sie. Sie schwimmen hinter uns her. Ihre Köpfe ragen aus dem Wasser.«

Ich dachte an meinen Traum und an die Geister, welche mir hinaus in den See gefolgt waren. Als wir uns im Kanale befanden, wiederholte er:

»Sie folgen auch hier, eng bei einander, Kopf an Kopf!«

»Beruhige dich,« antwortete ich; »es ist das Phantasie!«

»Meinst du? So laß sie mir! Die Tage meines Lebens sollen mit mir hinauf zum Tempel steigen. Sie, meine Ankläger, sollen mit mir beten und werden dann verschwinden; so hoffe ich!«

Draußen empfing uns der helle Mondschein! Ich lenkte zunächst geradeaus, ganz so, wie es im Traume geschehen war. Es lag Etwas in mir, was mich bestimmte, so und nicht anders zu tun. Da fragte der Aschyk:

»Sind es die Wellen unseres Bootes, welche immer breiter werden? Ich sehe noch immer Kopf an Kopf. Sie kommen aus dem Berge. Die Schar wird breiter und immer breiter. Aber die Vordern folgen uns, und die Andern kommen hinter ihnen her.«

Nun befanden wir uns an der Stelle, wo wir im Traume gehalten hatten. Da gab ich dem Fahrzeuge die Richtung nach dem südlichen Ufer, nach derselben Stelle, wo die erlösten Geister an das Land gestiegen waren. Da verließen auch wir das Boot und zogen es ein Stück an das Ufer, weil es hier nicht angebunden werden konnte. Die Fackeln waren natürlich ausgelöscht worden. Da hielt der Aschyk mir seine Hände hin und forderte mich auf:

»Binde mich, Effendi!«

»Wozu?«

»Daß ich dir nicht entfliehen kann, während wir zum Beit-y-Chodeh gehen.«

Da legte ich ihm die Hand auf die Achsel, sah ihm in das Gesicht und antwortete:

»Zu wem willst du? Hinauf zu Gott? Und da soll ich dich fesseln? So lange die Erde steht, ist es noch keinem Menschen gelungen, mit seiner Stimme Gott wirklich zu erreichen, wenn ihm die Hände des Gebetes gefesselt waren! Steig auf zu ihm, aber frei!«

»Frei – frei!« jubelte er, die Hände hoch erhebend. »Du hast das Richtige gewählt, Effendi. Ich werde nicht fliehen, sondern eng bei dir bleiben, wie ein Hund, der seinem Herrn gehorcht, weil er ihn liebt – liebt – liebt!«

»Du wirst nicht eng bleiben, denn ich gehe nicht mit.«

»Also wohl Kara Ben Halef?«

»Auch nicht. Wir bleiben hier. Du gehst allein.«

»Allein?!«

Er trat einige Schritte zurück und staunte mich mit großen Augen an.

»Ihr geht nicht mit?« rief er aus. »Keiner von Euch? Ist das wahr – ist das wahr?«

»Ja.«

»Effendi – Sihdi – Emir! Ich bin ein Dieb, ein Fälscher, ein Betrüger, ein Helfershelfer der Mörder! Ich habe dich und Euch alle mit vernichten wollen. Ich habe Pekala verführt und Tifl verführt, welche gute Menschen waren und noch gute Menschen sind, welche Euch liebten und immer, immer lieben werden! Und du giebst mich frei, vollständig frei? Weißt du, ich habe dich vorhin da drin im Berge angelogen. Ich habe nicht gebetet. Ich bin nicht besser, sondern schlechter geworden. Ich werde jetzt gehen und mich an dir rächen! Bedenke das, bedenke!«

»Still; sei still! Wo und wann du gelogen hast, das weiß ich vielleicht besser als du selbst. Ich kenne dich, wie du früher warst, und ich kenne den, der du jetzt geworden bist. Du steigst jetzt ganz allein hinauf und wirst dann wiederkommen. Grad deine Warnung gibt mir die Gewähr, daß ich dir mein Vertrauen schenken darf. Mich zu täuschen, warst du niemals fähig, und von jetzt an kommt es dir auch gar nicht in den Sinn!«

Da sank er in den Sand des Ufers nieder, griff nach meiner Hand, drückte sie an sein Herz und an seine Lippen und sprach:

»So holt sich Allah den Verlornen wieder, den die Gerechtigkeit des Menschen noch tiefer in den Abgrund stoßen würde! Effendi, ich bin gar wohl im Stande, deine Güte in ihrer ganzen Tiefe zu wiegen und zu wägen. Ich gehörte nicht zu den Armen und Elenden des Landes. Ich war berufen, gut und groß zu werden. Mein Vater stand hoch, in nächster Nähe des Schah-in-Schah. Ich eiferte ihm nach, und er hatte seine Freude an mir. Da kamen sie, vom Schlage derer, die bei dir waren, um sich einen Ustad der Taki-Kurden zu erschwindeln. Ich war zu jung, sie zu durchschauen. Sie brauchten mich, und darum mußte ich sinken, tiefer, immer tiefer, bis ich im Wasser des Verbrechens untersank. Schon war ich am Ertrinken, da kamst du und holtest mich heraus – in Liebe, in Liebe! Du kennst die Menschenseele, Effendi! Wie ich dir danke, werde ich nicht sagen, sondern – zeigen!«

Er stand wieder auf und ging den Tempelpfad hinan. Wir aber setzten uns nieder, um zu warten. Kara war einige Zeit still. Er wischte an den Augen herum. Dann sagte er:

»So rettet man Menschenseelen! Spricht jetzt nicht mit mir, Effendi. Der Aschyk steigt hinauf, um mit Allah zu sprechen. Ich kann hier unten jetzt nichts Anderes tun. Ich – bete auch!«

Ich glaube, es betete noch ein dritter!

Die Zeit verging. Nach einem kleinen Stündchen kehrte der Aschyk zurück.

»Da bin ich wieder,« sagte er. »Erlaube mir, daß ich mich niedersetze, um Euch Alles zu erzählen, was ich zu berichten habe!«

»Nicht hier,« antwortete ich.

»Wo denn?«

»Komm wieder in das Boot!«

Wir stiegen ein und fuhren über den See hinüber nach dem Landeplatze. Von dort gingen wir nach dem hohen Hause. Im Hofe verabschiedete ich Kara; den Aschyk aber nahm ich mit hinauf zu mir. Wir hatten unterwegs kein Wort gesprochen. Jetzt brannte ich die Lampe an. Er stand, ganz wie betreten, im Mittelzimmer und schaute sich um.

»Sind das die Räume, welche du bewohnst, Effendi!« fragte er.

»Ja,« antwortete ich.

»Ich brauchte eigentlich nicht zu fragen, denn ich wußte es schon. Ich kenne Euer ganzes Haus; ich kenne Alles, Alles. Es war mir auch nicht unbekannt, daß im Wartturme noch leere Stuben sind; aber ich tat gegen Pekala so, als ob ich das nicht wisse, denn ich wollte hierher, oder doch wenigstens hinunter in die Wohnung des Ustad. Warum, das wirst du erfahren.« Er trat an den Tisch, um die helle Schrift des Lampenschirmes zu lesen.

»Die Liebe hört nimmer auf, steht da geschrieben,« sagte er. Dann drehte er sich mir wieder zu und fuhr fort: »Effendi, ich treffe in dir den ersten Menschen, der diese Worte nicht bloß liest, sondern auch nach ihnen handelt! Warum gibt es so viele Verlorene? Sie müssen verloren gehen, weil man ihnen schon den ersten, kleinen Fehltritt nicht verzeiht. Warum spricht man nur von Gerechten und nur von Ungerechten? Weil in der Mitte zwischen ihnen Diejenigen fehlen, welche Menschen sein würden, wenn es welche gäbe! Ich meine die Menschen, welche ihrer Natur nach zuweilen sündigen dürfen, ohne sofort ausgestoßen zu werden! Sage mir, warum hast du mich hierherauf zu dir geführt?«

»Um dir zu zeigen, daß ich dir vertraue und daß bei uns kein Arg zu finden ist. Du wolltest dich hier einwohnen, um heimlich zu forschen und uns zu schaden. Nun schau dich um und frag nach Allem, was dir beliebt! Ich bin bereit, dir Alles zu zeigen und dir jede Auskunft zu erteilen.«

Da senkte er den Kopf.

»Wie du mich beschämst, Effendi! Wir wußten nur zu gut, daß nichts Arges oder gar Böses hier zu finden sei, nämlich jetzt. Desto sicherer aber später, denn – es sollte gefälscht werden. Und diese Nachahmungen und betrügerischen Verdrehungen sollten nicht nur dem Schah-in-Schah vorgelegt, sondern auch dem ganzen Lande bekannt gegeben werden. Es gibt zwei Parteien, welche es auf die Vernichtung des Ustad abgesehen haben. Ich diente nur der einen, der frommen, weil sie besser belohnte als die andere; aber ich kenne auch diese andere, denn ich habe sie scharf beobachtet und bin ihren Anführern lange heimlich nachgestiegen, um hinter ihre Absichten und Geheimnisse zu kommen. Beide bekämpfen einander unerbittlich; aber sobald es sich um den Ustad handelt, gehen sie fein brüderlich Hand in Hand, jedoch dabei ruhmneidisch auf einander, wer von ihnen am gewissenlosesten gegen ihn gehandelt habe. Wenn du wüßtest, was Alles ich dir von ihnen erzählen kann!«

»Glaubst du etwa, daß ich mich fürchte, es zu hören?« frage ich.

»O nein! Im Gegenteil! Sie, sie sind es, die sich zu fürchten haben, wenn ich dir Alles sage! Der Ustad schreibt ja Bücher! Ein einziges Buch von ihm, mit den Beweisen, die ich bringe, ganz so, wie sie es mit ihren Fälschungen wollten, dem Schah-in-Schah vorgelegt und über das Reich verbreitet – was würden für sie wohl die Folgen sein!«

»Das habe ich bereits gewußt, denn ich bin beiden schon lange auf der Spur.«

»Spur, nur Spur! Was ich dir bringe, sind nicht bloß Spuren, sondern Beweise, Handschriften, Briefe, Dokumente. Diese vernichtenden Waffen liegen bei mir drüben in den Ruinen. Die eine Partei war zu aufrichtig mit mir; die andere hielt mich für dumm. Nun habe ich beide in den Händen. Ich hole dir Alles herüber, um sie dir auszuliefern. Dann mache mit ihnen, was dir beliebt, Effendi. Man ging auf Fälschungen aus, um sagen zu können, daß man Euch entlarve. Nun sollt aber Ihr entlarven können, ohne fälschen zu müssen, denn was ich Euch gebe, ist echt!«

»So bringe es mir! Aber nur dann, wenn es dein Gewissen erleichtert! Ich finde auch ohne Verrat die sämtlichen Blößen des Gegners.«

»Das traue ich dir wohl zu; ich erfahre es ja an mir selbst! Aber Spuren sind doch nur Spuren. Laß mich jetzt zu dir reden; dann wirst du deutlicher sehen!«

»So komm heraus ins Freie! Diese Zimmer sind mir zu heilig für solche Dinge.«

Wir gingen auf die Plattform und setzten uns da nieder, genau so, wie ich im Traume mit dem »Zauberer« gesessen hatte. Und wie dieser, so begann nun auch der Aschyk zu erzählen: Ein Menschenleben nur, und aber doch ein Menschheitsleben! Vom »Zauberer« hatte ich erfahren, warum es Schatten geben muß. Heut nun erfuhr ich, wie diese Schatten wirken und wie man sich verhalten sollte, um sie so klein wie möglich zu machen. Dieser Aschyk hatte im tiefsten Schatten unserer Feinde gelegen und sie genau studiert. Er schonte sich selbst nicht im Geringsten, aber er schonte auch keinen Andern. Und als er fertig war, lag nicht bloß er allein, sondern lagen auch alle Die, von denen er gesprochen hatte, so durchsichtig vor mir, daß ich sie nun wahrscheinlich besser kannte als er selbst. Hierbei befriedigte es mich, daß sich alle meine Vermutungen als richtig herausstellten. So war er es auch wirklich gewesen, der die sechs Fremden drüben in der Mäjmä-i-Yähud belauscht hatte, und er berichtete mir jedes Wort, welches von ihnen gesprochen worden war.

Nun stand er von seinem Sitze auf.

»Fertig – für heut!« sagte er. »Jetzt kennst du mich in allen meinen Sünden; nun sprich mein Urteil aus! Das meinige habe ich da unten gefällt, im Wasser, auf dem Steine. Mit Allah habe ich da drüben in Eurem Beith-y-Chodeh gesprochen. Ich glaube, er verzeiht. Wende dich hinüber, und lausche!«

Es hatte sich im Ost ein starker Morgenhauch erhoben; der wehte durch den offnen Rosenpark und brachte dann den Duft zu uns herüber.

»Das soll mir von da drüben Antwort sein!« nickte der Aschyk. »Und nun noch du! Du bist ein Christ; ich bin ein Muselmann; so sprich als Mensch nun dein Erkenntnis aus. Die Menschheit sollst du nicht etwa vertreten; die kenne ich; ich mag sie gar nicht hören! Sprich zu mir als der Mund des Menschentums; die Menschlichkeit ists, die ich hören will. Und was du sagst, soll über mich entscheiden!«

Da hielt ich ihm meine Hand hin und sprach:

»Greif zu! Die Menschlichkeit, die du jetzt hören willst, hat schon durch mich gesprochen: Ich verzeihe!«

»Ganz?«

»Ganz!«

Erst jetzt faßte er zu. Er hatte mit gesenktem Kopfe vor mir gestanden; nun hob er ihn empor und sagte:

»Da drüben, unterhalb des Tempels, habe ich vor dir gekniet. Ich tat es gern, denn dort war ich Verbrecher. Jetzt aber bin ich wieder Mensch. Ich darf dir also frei ins Antlitz sehn und kann dir danken, ohne mich zu beugen. Sag mir, was hast du über mich beschlossen?«

»Nichts. Du bist frei, dein eigner Herr!«

»So kann ich gehn – in diesem Augenblick – sofort?«

»Ja.«

Da trat er an die Balustrade vor und sah hinab zum See, dann weit hinaus. Hierauf drehte er sich wieder zu mir um, räusperte sich wie verlegen und sprach:

»Effendi, gewähre mir das Glück, das allergrößte, welches es für mich hier bei dir geben kann!«

»Wenn es mir möglich ist, wohl gern.«

»Ich möchte nach so langer, langer Zeit gern wieder einmal fühlen, wie es ist, wenn ein Mensch dem anderen vertraut. Verschließest du hier diese Tür, wenn du dich schlafen legst?«

»Nein.«

»Das Fenster?«

»Auch nicht.«

»Du denkst nicht klein und wirst mich drum verstehen. Ich war dein Feind; dein Leben galt mir nichts. Ich sah drin auf dem Tisch ein Messer, Scheren und noch Andres liegen, was in des Mörders Hand zur Waffe werden kann. Geh trotzdem jetzt hinein, und lege dich zur Ruhe, obgleich hier Alles offenstehen bleibt. Ich aber setze mich hier auf das Kissen nieder und denke mich in meine Jugendzeit, in der ich rein von Schuld, ein gutes Kind, ein braver Mensch noch war. Ich will es wieder sein!«

Da reichte ich ihm abermals die Hand und sagte nichts als:

»Gute Nacht! Ich gehe schlafen!«

Er richtete sich hoch auf. Ich ging, durch das Mittelzimmer, wo ich die Lampe auslöschte, und dann nach der Schlafstube. Dort drehte ich mich noch einmal nach ihm um. Er stand genau so, wie der »Zauberer« im Traume, draußen vor der Tür und schaute mir nach.

»Gute Nacht!« sagte ich noch einmal.

»Gute Nacht! Allah segne dich, Effendi!« klang es zurück. Dann ging ich weiter, in die Stube hinein.

Ich schlief sehr gut und sehr lang. Als ich erwachte, schaute mir die Sonne freundlich in die Augen. Ich dachte sogleich an die Gestalt des Aschyk, wie sie draußen an der Tür gestanden hatte, kleidete mich schnell an und ging hinaus. Er war nicht mehr da. Die Stufen, welche von meiner Plattform aus hinüber nach dem Glockenwege führten, hatten es ihm ermöglicht, sich zu entfernen. Aber er war dann noch einmal hiergewesen, denn auf dem Tisch des Mittelzimmers lag ein Paket, welches nur von ihm sein konnte. Als ich den Umschlag auseinander genommen hatte, sah ich, was es war: die Beweise, Handschriften, Briefe und Dokumente, welche mir über das Treiben unserer Gegner von ihm versprochen worden waren. Ich erstaunte zunächst über die Menge dieser Sachen, sollte aber später, als ich sie las, über ihren Inhalt noch viel mehr erstaunen!

Jetzt zu lesen, war keine Zeit, denn heut war Sonntag, und ich sah schon einzelne Dschamikun nach dem Beith-y-Chodeh steigen. Ich tat also diese Beweise an einen sichern Ort und ging dann hinten hinab, um mich zunächst den Pferden zu zeigen. Assil kam auf mich zugesprungen. Syrr blieb zwar stehen, wieherte aber kurz und freudig auf und erwiderte meine Liebkosungen. Ich holte ihm einige Aepfel und seine Gerste, nahm hierauf mein Frühstück ein und suchte hernach Dschafar Mirza auf, um ihn zu fragen, ob er mit nach dem Tempelberge gehen wolle. Er war mit großem Interesse bereit dazu, und so schlossen wir uns dem Pedehr an, welcher in gleicher Absicht im Hofe mit uns zusammentraf.

Welch ein gottesdienstlicher Sinn unter diesen Dschamikun! Es gab noch keinen Priester, und doch stieg Alles, was nicht unbedingt im Duar bleiben mußte, den Berg hinauf, zur Laienandacht, die erst später, bei gesicherteren Zuständen, von berufenerer Hand geleitet werden sollte. Sie verlief unter zweimaligem Glockenklang derjenigen ähnlich, welcher ich am vorigen Sonntage beigewohnt hatte, nur unterblieb heute alles Weitere.

Auf dem Rückwege blieben wir an derselben Stelle stehen, von welcher aus mir Tifl die jenseits liegenden Ruinen gezeigt hatte. Heute waren sie mir bekannter noch als ihm. Ich erklärte Dschafar, wie man sich die Entstehung und den Zweck dieser Bauten zu denken habe, und freute mich darüber, daß er mich leicht begriff. Da fragte mich der Pedehr:

»Hat der Ustad schon von unserer Kirche zu dir gesprochen?«

»Von einer Kirche? Nein,« antwortete ich. »Das muß noch in weitem Felde liegen, sonst hätte er mir sicher Etwas davon gesagt. Wohin soll sie zu stehen kommen?«

»Eben dort hinüber in die Ruinen. Grad in der senkrechten Linie des Alabasterzeltes.«

»Woher aber der Platz! Ah, ich verstehe. Die Ruinen sollen ja abgetragen werden! Die frommen Herren aus Chorremabad sträuben sich dagegen. Aber dann auch welch ein großartiges Material zum Kirchenbau! Nur müßte auch der Plan dieses Materiales würdig sein!«

»Das ist er auch; Effendi, das ist er auch! Der Ustad hat ihn selbst entworfen und jahrelang daran gezeichnet. Es wurde längst dazu gesammelt und gesteuert. Wir haben weit mehr zusammengebracht, als wir erwarten konnten, aber es reicht noch nicht einmal zum Beginn, viel weniger zur Vollendung. Die Bewältigung solchen Materials erfordert viel Zeit und sehr bedeutende Mittel.«

Da sagte Dschafar schnell:

»Mittel? Darf ich tausend Tuman beitragen?«

»Du? Als Moslem?« fragte der Pedehr erstaunt und erfreut zugleich.

»Warum nicht? Wäre das ein Hindernis? Wir sagen Allah, und Ihr sagt Chodeh. Der Engländer sagt God und der Franzose Dieu. Aber es ist doch ganz gewiß derselbe Gott gemeint! Ich habe schon oft meine Hand geöffnet, um den Bau einer Moschee zu ermöglichen, denn sie ist ein Gotteshaus. Ich gab auch schon zum Baue einer Synagoge. Warum soll ich nicht auch für eine Kirche geben, in der man doch keinem andern Gotte dient? Oder würde meine Gabe Eure Kirche entweihen, weil Eure Verehrung eine etwas andere ist, als die unserige? Würdet Ihr Euch weigern, einen Beitrag des Schah-in-Schah anzunehmen?«

»Des Landesherrn? Auf keinen Fall!«

»So! Er ist Moslem, und ich bin auch einer, habe also das gleiche Recht! Es bleibt bei den tausend Tuman, und mit dem Schah werde ich in Eurem Interesse sprechen, sobald ich wieder zu ihm komme! Man nennt uns Schiiten unduldsam; wir sind es aber nicht, wenigstens die gebildeten. Nur bitten wir um gleiche Toleranz!«

Das war sehr freundlich, aber auch sehr energisch gesprochen. Er gab sich hier überhaupt ganz anders als drüben im wilden Westen. Hier wußte man, was er war und was er wollte; drüben hatte man das aber nicht gewußt. Daher damals das mangelnde, jetzt aber das scharf ausgeprägte Sicherheitsgefühl!

Als wir dann beim Mittagsessen saßen, hörten wir im Hofe Pferdegetrappel und schlürfende Kamelschritte, und ehe uns Jemand meldete, wer es sei, wer kam da mit schnellen Schritten zu uns herein? Der Ustad! Unsere Freude war umso größer, als wir ihn nicht so schnell zurückerwartet hatten. Ich hielt diese rasche Wiederkehr für ein gutes Zeichen, und es stellte sich heraus, daß ich da ganz richtig vermutet hatte. Als die frohe Begrüßung vorüber war, sagte er:

»Ihr werdet wißbegierig sein. Ich will Euch antworten, ehe Ihr fragt, einstweilen nur kurz und bündig: Es steht sehr gut und sehr schlecht, sehr gut für uns und sehr schlecht für die Andern. So! Damit habt Ihr Euch für jetzt zu begnügen, denn ich habe Hunger und setze mich gleich mit her!«

Indem er es sagte, tat er es. Seine Stimmung war eine glückliche, eine heitere. Er sah so wohl und so munter aus, als ob er einige Jahre jünger geworden sei. Es ist etwas so Köstliches um die Freude. Wollte man sie doch allen Menschen gönnen!

Den Nachmittag brachten wir auf seinem Balkon zu, von welchem aus wir das lebhafte Treiben, welches im ganzen Tale herrschte, vorzüglich beobachten konnten. Wir waren nur zu Dreien, er, Dschafar und ich. Er erzählte vom Schah, der gegen ihn sehr gütig gewesen war, in anderer Beziehung sich aber sehr streng gezeigt hatte.

»Er weiß mehr, als ich dachte,« sagte er; »ja, er scheint sogar noch mehr zu wissen als wir selbst. Ich habe von ihm erfahren, daß es sich nicht nur um unsere Existenz, sondern auch um die seinige handle. Es wird ein allgemeiner Aufstand der Babi vorbereitet. Der erste Schlag soll hier bei uns fallen. Das Volk soll glauben, daß wir ihm gefährlich sind und daß der Schah ein Verräter am Glücke seiner Untertanen ist, weil er in jeder Beziehung sich als unser Gönner zeigt. Man will sich als Retter des Vaterlandes aufspielen, indem man den ersten Hieb gegen uns richtet. Hierauf wird der Schah-in-Schah abgesetzt. Das weiß er, und zwar ganz genau. Nur hat er nicht erfahren können, wer sein Nachfolger werden soll.«

Nach dieser Mitteilung sah uns der Ustad an, als ob er die höchste Ueberraschung bei uns erwarte. Dschafar aber sagte sehr ruhig:

»Das wußte ich schon Alles. Der Schah hat es mir erzählt.«

»Und du, Effendi?« fragte der Ustad. »Auch du tust, als ob dir diese aufregende Nachricht höchst gleichgültig sei!«

»Sie ist mir weder gleichgültig, noch überrascht sie mich. Ich bin nämlich in die Verschwörung eingeweiht, vollständig eingeweiht.«

»Du, du?« riefen beide zugleich.

»Ja, ich! Ich weiß sogar, wer der Nachfolger des Beherrschers sein soll.«

»Wer denn, wer, wer?«

»Nur langsam! Ich weiß noch immer mehr. Wollt Ihr vielleicht auch den Namen der neuen Kaiserin hören?«

»Kaiserin –?« fragen beide gleich erstaunt und wie aus einem Munde.

»Nicht wahr, das klingt für Persien sonderbar, ist aber trotzdem Faktum. Wenn Euch ihr Name nicht genügt, so doch vielleicht ihr Bild. Ich besitze es nämlich.«

Da sahen sie mich sprachlos an. Ich mußte lächeln und fuhr fort:

»Der Schah hat zwar Recht, wenn er von einem Babiaufstande spricht, und doch ist es noch anders. Man hat nämlich die Babi nur zu dem Zwecke mit herbeigezogen, um die Schuld, falls der Aufstand mißlingen sollte, ihnen in die Schuhe schieben zu können. Auch ist man auf einige Forderungen der Babi zurückgekommen, weil sie den Zwecken der eigentlichen Macher gut entsprechen. So soll das neue Reich ein Wahlreich sein, in welchem nach 19, der heiligen Babizahl, neunzehn Hohepriester nach Ableben des alten den neuen Herrscher zu wählen haben. Und ebenso soll die Stellung der Frau eine freiere sein, ja noch viel freier, als die Babi jemals gefordert haben. Die Haremswirtschaft hat aufzuhören, weil man Eingang in die Familie und Einfluß auf die Frauen haben will. Darum ist auch dem neuen Kaiser, wie jedem seiner Untertanen, nur eine einzige öffentliche Frau erlaubt, welche den Titel Kaiserin zu führen hat, nachdem sie von den Hohenpriestern für ihn gewählt worden ist. Die erste Kaiserin ist schon gewählt. Ich trage sie hier in meiner Tasche.«

Ich legte bei diesen Worten die Hand auf die Brusttasche meiner Jacke. Dort steckte nämlich das Bild Dschafars und der Schahzadeh Khanum Gul, welches ich im Birs Nimrud zu mir genommen hatte. Als wir von dem Ustad aufgefordert worden waren, mit zu ihm zu kommen, hatte ich mir gedacht, wovon wir sprechen würden, und war hinauf zu mir gegangen, um es mit herabzunehmen. Der Ustad kannte meine damaligen Erlebnisse ganz genau und also auch dieses Bild. Er mochte ahnen, daß ich es meinte, denn er warf einen besorgten Blick auf den Mirza. Dieser aber fragte im Tone der höchsten Spannung:

»In deiner Tasche, Effendi? Darf man es sehen?«

»Ein Fremder nicht; dir aber bin ich sogar verpflichtet, es zu zeigen.«

»Verpflichtet? Wieso?«

»Schau selbst!«

Ich nahm es aus der Tasche und reichte es ihm hin. Er zog es mir aus der Hand, sah es an und – sprang sofort von seinem Sitze auf, als ob er von einer Natter gestochen worden sei. Dann ließ er die Hand mit dem Bilde sinken, sah mich mit einem ganz eigenartigen Blicke an und fragte:

»Effendi, bist du hierhergekommen, um mich abermals zu retten? Aus einer noch viel, viel größern Gefahr, als alle die damaligen waren? Woher hast du dieses Bild?«

»Aus dem Birs Nimrud, von dem ich dir ja schon erzählte. Es lag im Schatz der Sillan, und ich versteckte es, weil ich dich sogleich erkannte.«

»Welch ein Glück, welch ein Glück für mich! Dieses Weib hat es hergegeben, um mich zu verderben, weil ich nichts mehr von ihr wissen wollte! Du lieber, lieber Freund, der du mir bist, wer mag da deine Hand geleitet haben! Man wollte jedenfalls beweisen, daß ich an der Empörung mit beteiligt sei. Denn nun weiß ich es: sie soll die Kaiserin und Ahriman Mirza der Kaiser sein! Ist es so oder nicht, Effendi?«

»Genau so,« nickte ich.

»Aber wie hast du das erfahren können? Du, du, der Fremde!«

»Setz dich wieder her! lch will es dir erzählen. Und nicht nur das allein. Du mußt nun Alles erfahren, Alles. Der Ustad wird es mir erlauben.«

Nun weihte ich ihn in unsere Geheimnisse ein. Er hörte ruhig zu und zeigte selbst dann nicht die geringste Aufregung, als ich ihm mitteilte, daß und für wann sein Todestag bestimmt worden sei. Er öffnete vorn den Alkalok und das seidene Pirahen. Da sahen wir ein wunderbar gearbeitetes Panzerhemde schimmern.

»Du siehst, Effendi,« sagte er, »daß Ahriman Mirza nicht der Einzige ist, der die Notwendigkeit der Vorsicht kennt. Er trachtet mir nach dem Leben; das habe ich schon längst gewußt, und ich werde Euch hierüber noch sehr Interessantes berichten. Neu ist mir nur, daß der Tag, an dem ich sterben soll, so genau festgesetzt worden ist. Ich bin an diesem Tage hier bei Euch, Ahriman auch, der Mörder ebenso. Das ist eine Schalkhaftigkeit des Schicksales, für welche ich herzlich dankbar bin. Wer da noch vom starrsinnigen Fatum oder vom blinden Kismet sprechen kann, der ist ein Tor, der niemals klüger werden wird. Aber das beantwortet mir doch Alles noch nicht meine Frage, woher du erfahren hast, wer Kaiser und wer Kaiserin werden soll!«

»Ich hatte dir erst das Vorangehende zu sagen. Nun kommt die eigentliche Antwort, welche auch den Ustad interessieren wird, weil er noch nicht weiß, was sich während seiner Abwesenheit hier ereignet hat. Ihr sollt es jetzt hören.«

Ich gab meinen Bericht, auch über den Traum, und verschwieg nichts, als nur den einen Umstand, daß mir Syrr gleich bei dem ersten Versuche gehorsam gewesen war. Die beiden Zuhörer folgten meinen Worten mit der größten Spannung, der Ustad still, Dschafar Mirza aber mit ganz besonderer Lebhaftigkeit. Als ich fertig war, tat es der Letztere nicht anders, ich mußte sofort die Beweise holen, welche der Aschyk mir ausgeliefert hatte.

Das tat ich natürlich gern; ich hatte sie ja selbst noch nicht durchsehen können. Das taten wir nun gemeinschaftlich. Ich kann sagen, daß sie alle unsere Erwartungen weit übertrafen. Was wir über Ahriman Mirza Neues erfuhren, war zwar von ganz bedeutender Wichtigkeit für uns und mußte ihm unbedingt verderblich werden, konnte uns aber nicht verwundern. Wenn seine Mittel auch als noch so verwerflich bezeichnet werden mußten, und wenn seine Ziele auch noch so unerlaubte waren, so hatte er seinen Haß doch immer Haß genannt und war zu stolz, fast möchte ich sagen, zu ehrenhaft gewesen, zu verbergen, daß er wühle. Das hat man selbst am ärgsten, am schlimmsten Feinde anzuerkennen und wird ihn, wenn es möglich ist, hiernach behandeln. Was aber den Scheik ul Islam und seine von Allah zur Alleinseligkeit berufene Partei betrifft, so waren wir geradezu empört über das, was wir da lasen und erfuhren. Das klang Alles so mild und freundlich, so leutselig und demütig, so tiefreligiös und gottgefällig, so edel und erhaben, so hart und unerbittlich, so dünkelhaft und hochmütig, so pfauenstolz und truthahneitel, so fanatisch und bigott, so ekelhaft feierlich und weihevoll und darum so schändlich, gemein und niederträchtig, daß Dschafar sich schließlich nicht länger beherrschen konnte. Er sprang auf, spuckte dreimal aus und sagte:

»Das ist schändlich, nichtswürdig und infam! Diese Schurken geberden sich, als ob sie den Herrgott zu beschützen und seine ganze Menschheit zu behüten und zu bewahren hätten. Dabei aber retten sie nur immer sich, sich, sich und keinen andern Menschen! Weil sie weder Geist noch Vernunft besitzen, glauben sie sich von jedem vernünftigen Worte angegriffen und schlagen ihre mißverstandenen Kuransprüche Jedem an die Backen, der besser, tiefer und höher denkt als sie! Wehe dem, der daran zweifelt, daß sie die Einzigen sind, die Allahs Licht erleuchtet! Sie können sich leicht bescheiden stellen, denn sie sind geistig dumm! Und sie können ebenso leicht erhaben und unfehlbar tun, weil sie leider nicht die einzigen geistig Dummen sind! Und diese Menschen nehmen es dem Schah-in-Schah übel, daß bei uns die Familie ein Heiligtum ist, vor dessen Tür sie mit ihren salbungsvollen Schritten innehalten müssen! Der Hausherr soll nicht mehr Herr des Hauses sein, sondern sie, sie, sie wollen es regieren! Besonders aber haben alle Frauen durch das geheimnisdüstre und verschwiegene Bab zu gehen, von welchem diese Babi ihren Namen herleiten! Oh, ich kenne diesen Scheik ul Islam von Feraghan aus! Dieser Schwachkopf ist überzeugt, daß er zur Belohnung von dort nach Chorremabad versetzt worden sei. Er ahnt nicht, daß sein treues Luristan das Bab sein soll, aus dem man ihn mit einem gänzlich unerwarteten Fußtritt werfen wird! Er ist so tölpelhaft, es sich selbst zu öffnen, jetzt eben, jetzt, und wir sind es, wir, von denen er den Fußtritt zu bekommen hat! Es werden noch viele, viele Andere mit ihm fliegen!«

Nun setzte er sich wieder nieder, hatte sich aber seines Zornes noch nicht ganz entledigt. Er fuhr fort:

»Wie gut, daß ich durch dich, Effendi, diesen tiefen und klaren Einblick gewinne! Es gehen also eigentlich zwei Empörungen gegen den Schah neben einander her. Die eine leitet der Fürst der Schatten, die andere der Scheik ul Islam, welcher aber nicht weiß, wer dieser Fürst der Schatten ist. Der Aschyk sollte es erspähen. Für beide ist Ahriman Mirza als zukünftiger Herrscher in Aussicht genommen. Auf welche Weise dieser Prinz den Scheik ul Islam für sich gewonnen hat, das ist für uns jetzt Nebensache. Beide Heerlager wollen sich vereinigen und hier bei uns beginnen. Welch eine Vereinigung! Die Frommen mit den Gottesleugnern, die Grundehrlichen mit den Fälschern und Betrügern, die Auserwählten Gottes mit den Auserkorenen des Teufels! Die Einen haben sich stets als die Aristokraten des Glaubens und der Religiosität und die Andern als Farmasonha, als niedrige Demokraten, als ketzerisches Gesindel bezeichnet; nun aber schließen sie mit ihnen Bruderbund, um sie zum Dank dann anzuspein und wieder wegzuwerfen! Effendi, ich bitte dich, mir diese Beweise anzuvertrauen, nicht für immer, sondern nur für einige Stunden. Ich weiß, wie wertvoll sie Euch zur Entlarvung Eurer persönlichen Gegner werden können; aber ich muß sofort einen Bericht für den Schah-in-Schah anfertigen und dabei ihren Inhalt vor mir liegen haben. Wirst du mir diese Bitte gewähren? Sie sind in meinen Händen sicher, und du bekommst sie dann sogleich zurück.«

»Nimm sie mit,« antwortete ich. »Dir und dem Ustad kann ich sie gern anvertrauen; ein Anderer aber bekäme sie wohl nicht. Wann willst du diesen Bericht schreiben? Du sagst, sofort. Hältst du das für nötig?«

»Allerdings. Es eilt. Darum werde ich ihn, sobald er fertig ist, durch einen zuverlässigen Boten nach Mihribani senden. Aber – freilich – ich habe nur Reitknechte mit. Ich konnte nicht an die Notwendigkeit einer solchen Botschaft denken und muß darum Euch um einen Mann ersuchen, der sich eher totschlagen läßt und meinen Bericht vorher verschlingt, ehe er ihn in falsche Hände kommen läßt.«

Der Ustad sah mich fragend an. Es gab unter den Dschamikun wohl Manchen, der geeignet war, aber er kam dennoch nicht sogleich auf einen bestimmten Namen. Da sagte ich:

»Unser Kara Ben Halef! Er besitzt alle Eigenschaften, welche hierzu erforderlich sind. Trotz seiner Jugend können wir ihm wohl am meisten vertrauen. Außerdem stehen ihm die echten Eilkamele der Hadeddihn zur Verfügung. Es giebt also für ihn nicht die geringste Gefahr, denn kein Mensch würde ihn einholen können. Er braucht nicht mehr als zwei Tage hin und zwei her. Wenn Ihr ihm einen Mann mitgebt, der den Weg nach Mihiribani kennt, so kann er am Donnerstag Abend wieder hier sein. Muß er aber auf Antwort warten, dann allerdings erst am Freitag.«

Dieser Vorschlag fand solchen Anklang, daß ich mich gleich aufmachte, um mit Kara zu sprechen. Dschafar begleitete mich nach unten. Die Dokumente in der Hand, ging er nach seinem Turme.

Kara befand sich bei seinen Eltern. Als ich hinaufkam, saß Halef aufrecht im Bette, nur ganz leicht gestützt.

»Willkommen, Sihdi!« rief er mir mit ziemlich kräftiger Stimme entgegen. »Du schaust so eilig aus?«

»Es ist auch eilig, mein lieber Halef. Ich komme, um dir den Sohn für mehrere Tage zu nehmen. Er muß eine Botschaft übernehmen, welche ich nur dem Zuverlässigsten, den ich hier kenne, anvertrauen kann.«

»Dem Zuverlässigsten? Hältst du unseren Kara dafür?«

»Ja.«

»Allah segne dich! Das ist wieder Arznei! Das hilft; das stärkt! Das macht mich schnell gesund! Wo soll er hin?«

»Zum Schah-in-Schah.«

»Zum –!«

Das Wort blieb ihm vor Freude und Staunen im Munde stecken.

»Ja, zum Schah-in-Schah!« wiederholte ich. »Mit höchst wichtigen Depeschen!«

»Zum Schah – in – Schah –!« brachte er jetzt hervor, indem er die Hände selig zusammenschlug.

»Mit höchst wichtigen Depeschen!« fügte Hanneh hinzu, die vor Wonne strahlte, denn das war wieder Etwas, was noch nicht dagewesen war, eine Ehrung sondergleichen.

Kara aber war still. Er sagte nichts. Das war so seine Art!

Ich erklärte ihnen die Angelegenheit. Da ging Kara, um die Eilhedschihn zu füttern und zu tränken. Halef aber hielt mir seine Hand hin und sagte:

»Sihdi, das kommt von dir. Ich weiß es, daß du ihn vorgeschlagen hast, denn ich kenne dich. Du weißt allerdings, daß Kara der richtige Bote ist, aber du hast dabei auch an uns, seine Eltern gedacht. Das ist abermals Arznei! Wenn das so fortgeht mit den frohen Botschaften, so springe ich noch heut von meinem Lager auf und laufe in einer Tour den ganzen Berg hinunter! Seit ich hier oben im Freien liege, werde ich wie im Galopp gesund!«

Von hier aus ging ich zu den Pferden. Schon war ich an der Küchentür vorüber, da hörte ich mich hinter mir rufen. Ich drehte mich um. Pekala kam mir nach. Sie tat sehr heimlich.

»Effendi, weiß du, daß heute Sonntag ist?« fragte sie halblaut.

»Natürlich!«

»Und daß da mein Aschyk kommen wollte?«

»Ja.«

»Er kommt aber nicht!«

»So? Warum nicht?«

»Er hat sich anders besonnen und läßt dich bitten, nicht auf ihn zu warten.«

»So war er aber doch wohl da? Denn du hast mit ihm gesprochen?«

»Ja, er war da.«

»Wann?«

»Heut früh. Des Sonntags stehe ich immer eher auf als sonst, weil ich, wenn die Glocken läuten, mit der Arbeit fertig sein will. Heut war es nun noch zeitiger als gewöhnlich. Ich ging in den Garten, um Soghanlar zu holen; da stand mein Aschyk plötzlich vor mir und sagte, daß er schon jetzt gekommen sei, weil er heute Abend nicht dasein werde.«

»Wo will er da wohl hin?«

»Das weiß ich nicht. Ich konnte ihn nach gar nichts fragen, weil er keine Zeit hatte, mir zu antworten. Aber es war sehr rührend, als er ging, sehr!«

»Wieso?«

»Er ergriff meine Hand und streichelte mir mit seiner anderen Hand über den Kopf, so – so –«

Sie zeigte mir, wie er es gemacht hatte, und fuhr dann fort:

»Und dazu sagte er: „Pekala“, sagte er, „wir haben im letzten Jahre viele, sehr viele Lügen gemacht, und der Ustad und der Effendi sind doch so liebe und so gute Menschen, die man auf keinen Fall belügen oder gar betrügen sollte. Versprich mir, daß du ihnen von heute an die volle Wahrheit sagen willst, wenn sie dich nach mir fragen!“ Da habe ich es ihm versprochen und ihm auch die Hand darauf gegeben, daß ich es halten werde, denn –«

Sie hielt inne, weil ihr die Tränen kamen. Da wischte sie sich die Aeuglein und auch das kleine Näslein an die Schürze und fuhr hierauf fort:

»Denn mit dem Lügen ist es – verzeihe mir, Effendi! Ich nehme dann nachher zum Kochen gleich eine andere, eine neue Schürze – denn mit dem Lügen ist es eine schlimme Sache. Man kann nämlich nicht schlafen, wenn man dich oder den Ustad belogen hat, und so will ich dir denn jetzt ganz offen sagen –«

Sie wischte sich jetzt abermals, und zwar sehr nachhaltig, was sie jetzt nun doch wohl durfte, weil sie ja nachher eine neue Schürze nehmen wollte, und sprach weiter:

»– – will dir ganz offen sagen, daß die Sache anders gewesen ist, als ich dir erzählt habe. Es muß vom Herzen herunter, sonst halte ich es nicht aus! Mein Aschyk ist nämlich nicht nur alle Monate gekommen, sondern –«

Da unterbrach ich sie:

»Laß das jetzt, Pekala! Ich wünsche nicht, daß du dir wehe tust.«

»Ich soll es dir nicht erzählen?«

»Nein.«

»Aber da bringe ich es doch nicht herunter und kann heute Nacht wieder nicht schlafen!«

»Doch, doch! Es ist nämlich genau so gut, als ob du es erzählt hättest. Der Ustad und ich verzeihen es dir. Wenn wir es einmal wissen wollen, werden wir dich schon selbst fragen. Dann aber mußt du uns freilich die volle Wahrheit sagen, keine Lüge mehr!«

Da wurden ihre Aeuglein wieder klar; das Näslein verlor die Lust, sich kummerfeucht zu zeigen, und sie antwortete schnell:

»Lüge? Nie wieder, nie, niemals! Wir sind wahrscheinlich selbst auch belogen worden, besonders vom Scheik ul Islam, der gesagt hat, daß er bloß sein Schreiber sei! Von ihm hat mir mein Aschyk eine Schlechtigkeit mitgeteilt, die ganz unerhört ist!«

»Ich denke, er hat gar nicht viel mit dir gesprochen!«

»Das ist auch wahr, aber dieses doch! Denke dir, dieser armselige Scheik des Islam hat behauptet, meine Nase sei zu klein, mein Maul zu groß und mein Gang wie Elefantentrab! Der soll mir einmal wiederkommen! Ich warte schon darauf! Was so eine Lüge anrichtet, das glaubst du gar nicht, Effendi! Ich habe diesen ganzen Tag daran denken müssen und mich vor Aerger wenigstens hundertmal vergriffen. Dem Pedehr habe ich seinen Kaffee nicht von Bohnen, sondern von Pfefferkörnern gekocht. Denke dir sein Gesicht, als er trank! Den Leuten habe ich Salz anstatt Zucker in die Limonada geschüttet! Und in dem Eierkuchen, den ich für mich selbst gebacken habe, fand ich einen Strang schwarzen Nähzwirn, vier Knöpfe und eine bleierne Flintenkugel. Ist das nicht geradezu fürchterlich, was solche Lügen für schreckliche Folgen haben? Meine Nase zu klein! Wenn dieser Mensch sich wiedersehen läßt, bekommt er den ganzen Eierkuchen ins Gesicht, den ganzen, gleich auf einmal! Ich hebe ihn mir auf! Der liegt bereit, alle Tage, und schwapp, da hat er ihn!«

Sie machte mir mit den Händen die betreffende Bewegung vor. Ich mußte lachen; sie aber meinte es ernst. Der Aschyk schien seine Pekala zu kennen. Er hatte dem Scheik ul Islam diese Sünden gegen die weibliche Schönheit in den Mund gelegt und damit mehr erreicht, als er durch alle möglichen Warnungen und Ermahnungen hätte erreichen können. Ich durfte überzeugt sein, daß sie den frommen Herrn niemals wieder um eine Naddara bitten werde! Sie fuhr fort:

»Nur den Lügen dieses Scheik ul Islam ist es zuzuschreiben, daß mein Tifl fortgegangen ist, obgleich ich ihm so gute Worte gab, bei uns zu bleiben. Er hatte ihm weißgemacht, hier bei uns werde er es doch zu nichts bringen; wenn er aber mit ihm gehe und beim Rennen den Kiss-y-Darr reite, werde er sofort unter die Aeltesten der Taki-Kurden aufgenommen; in einem Jahre könne er schon Scheik geworden sein, und dann werde sich kein Ustad mehr weigern, die Dschamikun durch einen Bund mit den Taki-Nachbarn so mächtig zu machen, daß sich kein Feind mehr an sie wagen könne.«

»Ah, so! Das, das ist die Leimrute gewesen, an welcher Tifl hängen geblieben ist! Er glaubte, es gut mit uns zu meinen?«

»Wie denn anders, Effendi? Denkst du etwa, daß Tifl im stande sei, jemals unsern Schaden zu wollen? Das „Kind“ ist eben noch dumm. Ich habe es zu erziehen. Später, wenn diese Erziehung vollendet ist, wird es keinem Scheik ul Islam mehr gelingen, ihm Sand in die Augen zu streuen. Und das „Kind“ ist nicht bloß dumm, sondern auch gescheidt und klug. Es wird sich drüben bei den Taki-Kurden umschauen und sehr bald einsehen, daß man es dort nur an der Nase führen will. Dann kommt es wieder. Darauf kannst du dich verlassen, Effendi. Ich freue mich schon darauf!«

»Wie hieß das Pferd, welches er gegen uns reiten soll?«

»Kiss-y-Darr.«

»Sonderbarer Name! Was ist das für ein Pferd?«

»Das weiß ich nicht. Tifl hat ihm weiter nichts gesagt, als daß es eigentlich das Eigentum des Ustad sei. Nun aber muß ich in die Küche, Effendi, weil es heut eine große Sukdscha mit Zucker und Zitrone gibt. Die hat der Ustad mich gelehrt, zu machen. Sie ist eines seiner Leibgerichte in der warmen Jahreszeit, und so soll er sie heut bei seiner Heimkehr haben.«

»So hüte dich, wieder Salz anstatt Zucker zu nehmen!«

»Allah verhüte es! Aber mein Aerger ist noch nicht heraus, und so wäre es wohl kein Wunder, wenn ich es täte!«

Sie kehrte in ihr Reich zurück, und ich setzte meinen unterbrochenen Weg nach der Pferdeweide fort, wobei ich mich mit einigen Aepfeln versah, nicht nur für Syrr, sondern auch für Assil. Denn, so lächerlich es auch klingen mag, weil es sich doch nur um Tiere handelt, es erschien mir ungerecht, dem einen, wohlverdienten, Etwas vorzuenthalten, was das andere bekam, ohne schon auch nur Aehnliches geleistet zu haben. Sie standen bei einander, fast zärtlich Kopf an Kopf. Ich gab ihnen die Aepfel nicht direkt, sondern ich legte sie vor sie hin in das Gras. Beide senkten die Köpfe zu gleicher Zeit, hoben sie aber auch zugleich wieder in die Höhe. Warum? Aus Neidlosigkeit. Edles Blut! Keine Spur von Habgier. Jedes von ihnen sah, daß das andere die Früchte haben wollte und zog darum den Kopf bereitwillig zurück. Keines langte wieder nieder. Syrr aber rieb sein Maul an Assils Hals. War das eine Aufforderung, zu nehmen und zu fressen? Ich hob die Aepfel auf und gab jedem das Seinige. Da langten beide zu – Tiere!

Von jetzt an versorgte ich auch Assil wieder mit eigener Hand. Er war das so gewohnt und hatte es verdient.

Eben als ich beiden Pferden ihre Abendgerste gab, sah ich drüben jenseits der Ruinen einen Reiter kommen, den Duar vermeidend, über Stock und Stein, aus dem hintern Tal herauf quer auf die Brüche zu. Das war fast wagehalsig! Als er den obern Steinbruch erreichte, erkannte ich ihn; es war – Tifl. Als ob das Wort seiner Pekala ihn herbeigezogen hätte! Er lenkte nach dem Glockenwege und dann linksab zu mir. Der Schritt seines Pferdes wurde immer langsamer und zögernder, je näher er mir kam. Endlich hielt er ganz an, wohl über zehn Pferdelängen von mir entfernt.

»Effendi, darf ich wiederkommen?« fragte er.

Ich antwortete nicht. Er wartete eine kleine Weile und fuhr dann verlegen fort:

»Da drüben ist die Hölle! Ich mag nichts von ihr wissen!«

Natürlich blieb ich still.

»Und heut kam der Sonntag! Am Freitag plärrten sie den ganzen Tag. Das klang so kindisch. Fast habe ich mich an ihrer Stelle geschämt! Nun betete ich heut. Sie sahen es. Ich tat es still; ich plärrte, plapperte und murmelte nicht wie sie. Da lachten sie mich aus und schimpften mich einen Kafir. Ich dachte an unsere Glocken, an unsern Sonntagsgesang, an unser Beit-y-Chodeh, an meine gute Pekala, an den Ustad, an dich, Effendi, an Alles, Alles, Alles! Da hielt ich es nicht länger aus. Ich mußte fort, nur fort! Ich kann die Gesichter da drüben nicht leiden. Sie sind so sanft, so fromm und doch so unverschämt! Als ob sie lauter heilige Engel seien und ich ein ganz verlorenes, von Gott verstoßenes Subjekt! Sie wollten mir meinen Chodeh nehmen, den ich verehre. Sie sprachen schlecht von meinem Ustad, den ich liebe. Und sie sprachen von den Dschamikun wie von ganz albernen Geschöpfen, denen man ihren Ustad verbieten müsse, wenn man brauchbare Menschen aus ihnen machen wolle. Das ergrimmte mich so, daß ich sie hätte erwürgen mögen, diese Dummköpfe. Aber ich kämpfte meinen Zorn nieder, ging heimlich aus dem Duar, holte mir mein Pferd von der Weide und – nun bin ich wieder da, Effendi!«

Das war eine lange Rede. Er hatte sie nicht etwa fließend gehalten, sondern seine Sätze von Pause zu Pause wie mit Gewalt herausgestoßen. Nun wartete er, ob ich endlich Antwort geben werde. Ich tat es nicht. Da trieb er sein Pferd etwas näher heran, stieg ab, kam auf mich zu und sagte:

»Sprich doch, Effendi, sonst fange ich an, zu weinen! Es war falsch und dumm von mir, daß ich ging. Sei gut wie immer, und verzeihe mir! Was willst du denn auch anders mit mir machen; ich bin doch Euer alter, treuer Tifl!«

Ich war im Stillen gerührt, zeigte ihm dies aber nicht, sondern deutete nach dem Hause und sagte:

»Der Ustad ist wieder da; er mag entscheiden. Geh zu ihm!«

Da holte er sein Pferd. Indem er es an mir vorüberführte, hingen seine Augen an Syrr, mit einer Bewunderung, als ob er etwas Ueberirdisches sehe. Er getraute sich aber nicht, noch Etwas zu sagen.

Ich schaute ihm nicht nach, hörte aber gleich darauf eine weibliche Stimme jubeln. Die Festjungfrau nahm ihr Herzens- und Schmerzenskind wieder in Empfang. Das war eine neue Aufregung für sie, infolge deren die ebenso bedenkliche wie berechtigte Frage in mir auftauchte: Was wird nun wohl aus der Kalteschale werden ?!

Als ich dann wieder vor auf den Hof kam, stand Kara mit den Kamelen zum Aufbruche bereit. Er war gut bewaffnet. Einer von Dschafars Reitknechten sollte ihn begleiten. Der Bericht an den Herrscher war aber noch nicht fertig. Der Ustad stand auf seinem Balkon; er winkte mir, hinaufzukommen. Tifl lehnte an einer der Säulen vor der Halle. Als ich an ihm vorüberwollte, sagte er:

»Effendi, unser Ustad hat mir verziehen; ich darf hierbleiben. Willst du nicht auch so gütig sein wie er?«

»Hat er vergeben, so habe auch ich es getan,« antwortete ich. »Wie du über den Scheik ul Islam denkst, das hast du mir gesagt, und ich hoffe, daß du nicht wieder anderer Ansicht wirst. Wie aber steht es mit Ahriman Mirza? Wer hatte ihm damals Alles über mein Lager hier in der Halle mitgeteilt?«

»Ich war es,« gestand er aufrichtig. »Der Aschyk hatte uns gesagt, daß Ahriman ein großer Freund der Dschamikun sei; er dürfe es sich jetzt nur noch nicht merken lassen. Darum beantwortete ich alle seine Fragen. Ich hielt mich für klüger und unterrichteter, als Ihr alle seid. Ich war überzeugt, daß Ihr mir später rechtgeben und meine Umsicht bewundern würdet. Ich bin aber ein Schaf, Effendi, das allergrößte Schaf, daß es gibt, so weit das Gras hier auf den Bergen wächst!«

»Da hast du Recht, Tifl! Du solltest bei den Takikurden geschoren werden. Sei froh, daß du mit dem Felle davongekommen bist!«

Als ich hinauf zum Ustad kam, empfing er mich mit den Worten:

»Du wirst mich nach Tifl fragen wollen. Mir liegt aber zunächst etwas Anderes auf dem Herzen, wovon du in Dschafars Gegenwart nicht gesprochen hast, nämlich Syrr. Er zeigte mir das Pferd, als ich ihn unterwegs traf, und auch der Schah sprach sogleich mit mir davon.

Als wir in jener Nacht hier bei mir von Syrr sprachen, konnten wir nicht ahnen, daß er sich eine Woche später bei uns befinden werde. Ich sehe unserm Rennen mit Zuversicht entgegen; aber diese Zuversicht würde sich verzehnfachen, ja verhundertfachen, wenn Jemand hier wäre, der ihn reiten könnte. Der Schah ist sehr gespannt darauf, ob du es fertig bringst. Er hält es sogar für nicht unwahrscheinlich, daß es dir gelingen werde. Aber die Tatsache, daß er dich aufsitzen läßt und dich trägt, wohin du willst, genügt doch für so ein Rennen nicht. Du hättest ihn erst wochen-, vielleicht sogar monatelang zu studieren, um seine Schule zu entdecken. Sodann bist du ja noch krank. Es müßte also ein Anderer sein, und den gibt es nicht.«

»Was du da sagst, ist Alles, Alles Nebensache, mein Freund,« antwortete ich. »Die Hauptsache ist doch wohl, ob wir uns anmaßen dürften, Syrr zum Rennen zu benützen.«

»Unbedingt, unbedingt!«

»Du meinst, daß der Schah nichts dagegen hätte?«

»Dagegen? Er würde sich sogar freuen, herzlich freuen, zeigen zu können, daß seine Schule alle andern Schulen schlägt. Der Kampf würde aber ein heißer, sogar ein entscheidender werden, denn wisse, der „Teufel“ wird gegen uns geritten, und Ahriman reitet ihn selbst!«

»Der Teufel? Was ist das für ein Pferd?«

»Eine Khorassan-Schecke von wunderbarer Schnelligkeit und Ausdauer. Sie gewann noch jedes Rennen, und zwar spielend, selbst gegen die berühmtesten Pferde. Man hält sie für unbesiegbar und wagt es schon seit Jahren nicht mehr, gegen sie zu setzen. Es heißt „Teufel“ und ist ein Teufel, der oberste aller Teufel. Darum heißt die Schecke nicht bloß Schetan oder Scheitan, sondern „Iblis“. Und bezeichnender Weise ist dieser Iblis nicht im Besitze eines Mannes, sondern eines Weibes. Du wirst staunen. Seine Herrin ist nämlich jene Schahsadeh Khanum Gul, die sich „Rose von Schiras“ nennen läßt und, wie wir jetzt wissen, Kaiserin von Persien werden will.«

»Höchst kurios! Aber wundervoll!«

»Wundervoll? Das klingt ja, als freutest du dich darüber?«

»Natürlich freue ich mich! Mir ist nur bange, ob man diesen „Iblis“ auch wirklich bringen wird. Von Schiras bis hierher ist ein weiter Weg!«

»Schiras? Ah, ich vergesse, daß du ja noch nicht weißt, was ich von Tifl erfahren habe. Ahriman Mirza und die Khanum Gul sind jetzt nämlich in Chorremabad, als Gäste des Scheik ul Islam.«

»Das würde für uns erstaunlich sein, wenn uns ihre Zwecke unbekannt wären. Aber er und sie mögen stecken, wo sie wollen; das ist mir in diesem Augenblicke unendlich gleichgültig. Ich frage nur nach dem Teufel!«

»Der ist auch in Chorremabad. Die Gul reist stets mit Hofstaat und trennt sich nie von ihrem Lieblingspferde.«

»So kommt der „Iblis“ also sicher?«

»Ganz gewiß! Er soll uns unser ganzes Vollblut abgewinnen, uns vollständig zuschanden machen!«

»So bin ich zufriedengestellt. Ich reite also den Syrr! Aber kein Mensch darf es vorher ahnen, ausgenommen du und Schakara!«

»Effendi!« rief er aus, indem er einige Schritte von mir zurückwich.

»Ja, ich reite ihn!« versicherte ich. »Das war bis jetzt noch ungewiß; nun aber ist es fest bestimmt.«

»Duldet er dich denn?«

»Mit Vergnügen!«

»Aber du kennst doch seine Schule nicht, und kein einziges seiner Geheimnisse!«

»Er hat weder das Eine noch das Andere. Er hat nie zu Diensten einer Schule oder Wissenschaft gestanden, welche zwar alte Mähren reitet und mißratenes Voll- und Halbblut dressiert, aber niemals ein wirklich edles Pferd gehorsam machen wird, weil sie beharrlich seine Seele leugnet. Und Geheimnis? Ich behandle Syrr nach dem großen und liebevollen Geheimnisse der Natur. Er hat sich gleich beim ersten Versuche einverstanden gezeigt. Ich habe mich nur mit ihm zusammenzuleben. Das Fest beginnt Sonntag. Der Montag ist für die Vorrennen bestimmt. Der Hauptwettlauf folgt Dienstag. Das sind noch neun Tage, also genug Zeit, mich körperlich vollends zu erholen und Syrr ganz für mich zu gewinnen. Ich kenne den „Teufel“ dieser Khanum Gul noch nicht. Wer weiß, auf welche Kniffe und Finessen er läuft. Aber wenn ich dir sage, daß ich ihn selbst mit Assil nicht fürchten würde, viel weniger mit Syrr, so kannst du ruhig sein!«

Da lächelte er mir fröhlich ins Gesicht, gab mir die Hand und antwortete:

»Da steht für uns ja Alles, Alles gut, sogar vortrefflich! Ich reite meine Sahm und du den Syrr –«

»Vielleicht auch noch den Assil!« fiel ich ein. »Kara soll ihn bekommen. Aber wenn ich es für nötig halte, setze ich mich selbst auf.«

»Dann iß nur, iß, und pflege dich, mein Freund! Denn ich merke, du wirst es sein, der den Ausschlag zu geben hat.«

»Nicht essen, sondern üben ist die Hauptsache. Ich werde damit gleich heute noch beginnen.«

»Dafür ist es zu spät!«

»Nein, denn ich übe nur des Nachts. Es soll Niemand den Syrr eher sehen, als bis zum letzten Augenblick. Man wird uns den „Teufel“ nur erst zum letzten, Alles entscheidenden Rennen stellen und meinen, uns damit perplex zu machen. Dann bringe ich meinen Glanzrappen, nicht eher! Bist du deiner Stute sicher?«

»Ein halber Tag im Sattel, so ist sie wieder mein!«

»Schön! Was aber hat es für eine Bewandtnis mit dem sogenannten „Kiss-y-Darr“, von welchem Pekala gesprochen hat?«

»Das ist eine Gemeinheit, eine Infamie sondergleichen gegen mich von Seiten des Scheik ul Islam. Dieses Pferd ist eigentlich mein, ja, ohne allen Zweifel mein; man hat mich darum betrogen, und nun es vollständig niedergeritten worden ist, will man mich mit ihm beschimpfen und blamieren. Laß dir erzählen, Effendi!«

Sein bisher heiteres Gesicht beschattete sich, als er begann:

»Der Name lautet eigentlich nur „Kiss“, bekanntlich das arabische Wort für „Roman“. Warum ich das Pferd, als es geboren wurde, grad so und nicht anders genannt habe, brauche ich nicht dir zu erklären, der du auch Bücher schreibst. Das „y-Darr“, den „Schund“, hat man erst jetzt hinzugefügt! Kiss stammte von edeln Eltern. Er war ein Hellbrauner von besten Eigenschaften und versprach, diesen Eltern und auch mir Ehre zu machen. Eben, als er sich zu einem reitbaren Pferde entwickelt hatte, traf ich mit einem Scheik der Kutubikurden zusammen, der mich bat, ihm dieses Pferd zu seiner Aufzucht gegen eine zu vereinbarende Gebühr zu leihen. Er wolle gern seine Rasse veredeln und sei überzeugt, daß Kiss sich am besten hierzu eigne. Dieser Mann sprach so rechtschaffen, so ehrlich, so bieder, daß ich ihm mein Vertrauen schenkte. Ich lieh ihm Kiss; er ging auf alle meine Bedingungen ein, gab mir Handschlag und Wort und zahlte auch die erste Rate der Leihgebühr. Die übrigen Gratifikationen aber blieben aus. Das war vor zwanzig Jahren. Seit dieser Zeit habe ich trotz aller Fragen und Mahnungen weder eine Gebühr erhalten noch mein Pferd zurückbekommen können. Der Mann ist gestorben. Seine Erben haben Kiss verkauft. Sie und der Käufer behaupten, das Pferd gehöre nicht mir, obwohl sie wissen, daß man solche Rasse überhaupt niemals verkauft. Es ist jedem Kutubikurden bekannt, daß man derartige Pferde höchstens nur gegen eine fortgesetzte und langjährige Rente aus den Händen gibt. Ich habe Kiss nur ein einziges Mal wiedergesehen, vor gar nicht langer Zeit. Er war über zwanzig Jahre alt, abgetrieben, entstellt, verletzt, verhunzt, besudelt, beinahe zur Karrikatur gemacht, und nun hat ihn der Scheik ul Islam sich von dem Käufer schicken lassen, um ihn in dieser Heruntergekommenheit öffentlich gegen mich auszuspielen. Die Karrikatur eines Pferdes sollte von der Karrikatur eines Menschen, nämlich Tifl, hier vorgeritten werden, um vor aller Augen den Beweis zu liefern, welchen verderblichen Einfluß ich auf die Erziehung von Mensch und Tier besitze! Vor allen Dingen aber soll das arme, absichtlich mißhandelte Tier vor dem Rennen nicht als „Kiss“, sondern als „Kiss-y-Darr“, also nicht als „Roman“, sondern als „Schundroman“ ausgerufen werden. Du siehst, mit welchen Mitteln diese „Ebenbilder Gottes“ gegen mich kämpfen!«

»So ist es also, so!« sagte ich. »Nun ist ihnen aber Tifl entgangen. Vielleicht verzichten sie aus diesem Grunde auf den beabsichtigten Streich?«

»Das denke nicht! Es wird sich schon ein feiler „Taki“ finden, dem es eine Wonne ist, sich auf dem Schundroman vor aller Welt zu brüsten, weil ihn ein andres Pferd sofort vom Sattel werfen würde! Nicht etwa, daß ich mich hierüber ärgere, o nein; ich freue mich sogar auf diese Hanswurstiade, denn, denn – ich habe Etwas vor!«

»Was?«

»Kiss war edel und ist noch heute edel, trotz seines Alters und trotz seiner Entstellung. Der Kenner sieht sofort, was ursprüngliche Natur und was Verhunzung ist. Ich werde aus diesem Humbug einen Ernst zu machen wissen, an den zu denken, ihnen Geist und Grütze fehlen! Du wirst es wohl erraten?«

»Allerdings. Wenn sie sich einbilden, uns mit ihrem „Schund“ schlagen zu können, so werden sie es sein, die beschämt abziehen müssen. Du oder ich, ganz gleich; wir haben uns beide nicht zu schämen!«

»Ich höre, du hast mich verstanden. Uebrigens scheint dieser Plan mit Kiss-y-Darr in demselben Gehirn entsprungen zu sein, aus welchem die famose Karawane des Pischkhidmet Baschi5 stammt. Sie sind einander so ähnlich. Mit dem Pferde wollen sie mich blamieren; mit jener Karawane, die auch nur Humbug war, sollte die Ehre des Schah-in-Schah an den heiligen Orten untergraben werden.«

»Woher weißt du das?« fragte ich verwundert, weil auch ich mir schon so etwas Aehnliches gedacht hatte.

»Der Herrscher hat es mir selbst erzählt. Es ist ihm über diese Karawane berichtet worden. Er hat nicht das Geringste von ihr gewußt, und unter seinen Kammerherren befindet sich nicht ein einziger solcher Dummkopf, wie jener sogenannte Pischkhidmet gewesen ist. Darum hat er nachforschen lassen. Die Spuren führten zum Scheik ul Islam, und es stellte sich auch wirklich heraus, daß dieser der Unternehmer des ganzen Schwindels gewesen ist.«

»Und ich habe den Pseudo-Kammerherrn beschützt!«

»Trotz seiner Frechheit und Undankbarkeit! Laß dich das nicht reuen! Dank kennt nur der Gute, aber so ein Mensch doch nicht! Uebrigens kam während dieses Gespräches mit dem Beherrscher noch eine andere Episode vor. Ich war nämlich zweimal bei ihm. Beim ersten Male erzählte ich ihm Alles und zeigte ihm auch den Brief des Aemir-i-Sillan an den Henker und las ihm die Zeilen vor. Da sagte er, daß dieser Henker uns jetzt ganz nahe sei, denn er befinde sich auch hier, habe um eine Audienz gebeten und sei für die jetzige Zeit herbeibefohlen worden. Als ich dann ging, stand der Multasim auch wirklich im Vorzimmer und mußte sofort eintreten. Er hatte seinen Balapuschi abgelegt, und der günstige Augenblick erlaubte mir, den Brief in eine Tasche desselben zu schieben, in welcher schon ein Notizbuch steckte; er ist also ganz sicher gefunden worden. Bei der Abschiedsaudienz erfuhr ich vom Schah, daß dieser Mensch die Stirn gehabt habe, mich wegen Mordanschlages und widerrechtlicher Gefangennahme bei ihm anzuklagen und um strengste Bestrafung zu bitten. Der Herrscher hätte ihn am liebsten sofort festnehmen und aufhängen lassen mögen, war aber in Anbetracht unserer Pläne so bedacht gewesen, ihm den ruhigen Bescheid zu erteilen, daß er das Resultat seiner Zeit erfahren werde. Hierauf hatte Ghulam el Multasim angenommen, daß er seinen nächsten Aufenthaltsort nennen müsse, und gesagt, daß er jetzt nach Chorremabad gehe, um dort der Gast des Scheik ul Islam zu sein. Hätte er geahnt, was der Schah über diesen Würdenträger wußte und dachte!«

»So haben wir also die lieben Freunde jetzt in unserer Nähe, und wahrscheinlich kommen noch immer mehr hinzu!«

»Ja; es drängt nun Alles auf die Entscheidung hin, und unser Rennen wird der Anfang vom schnellen Ende sein!«

»Dann los! Heut Abend, wenn mir Niemand mehr begegnen kann, reite ich zum ersten Male mit Syrr aus.«

»Wohin? Zur Rennbahn?«

»Jetzt das noch nicht. Ich muß ihm zunächst Freiheit geben, weiten Spielraum. Vielleicht wähle ich den Weg nach den Pässen hin.«

»Da müßtest du durch den Duar, den du doch wohl besser vermeidest. Wende dich lieber nach Norden. Drüben den Steinbruchweg hinab, links um den Berg herum und dann über die breite, grasige Talsenkung rechts. Da kommst du bald auf eine Ebene, wo man sogar in finstrer Nacht gefahrlos galoppieren kann, weil der Boden so glatt und sicher ist wie hier die Bretterdiele.«

Hier mußte unsere Unterredung ein Ende nehmen, denn wir sahen Dschafar aus dem Wartturme kommen, den Brief an den Schah in der Hand. Da gingen wir hinab, um Kara noch einige Worte und Wünsche mitzugeben. Sein Vater hatte sich das Bett ganz vor an den Rand des Daches schaffen lassen, um den Sohn fortreiten zu sehen.

»Allah begleite dich, mein Liebling!« rief er herab. »Sag dem Schah-in-Schah unsern Dank. Den nächsten Brief werde ich ihm selber bringen! Nun geh, und komm zurück, wie du gegangen bist: gesund und mit einem Schreiben!«

Nur wenige Minuten später stand ich hinten bei den Pferden. Ich schaute zum See hinab. Da sah ich Kara und seinen Begleiter schon weit über demselben draußen. Es ist fast unglaublich, was so ein ächtes, gutgezogenes Bischarikamel zu leisten vermag!

Hierauf ging es zur Kalteschale. Sie war vortrefflich. Wenigstens hatte sie nichts von der Aufregung an sich, in welcher ich mir ihre festjungfräuliche Zubereiterin noch immer dachte. Dann pflegte ich der Ruhe, bis es oben und unten still geworden war und ich kein Licht mehr brennen sah. Da holte ich mein Sattelzeug und ging zu Syrr hinab.

Er lag mit Assil abseits von den andern Pferden. Der Mond schien. Als sie den Sattel sahen, standen sie beide auf. Sobald ich aber Syrr zu zäumen begann, legte Assil sich wieder nieder. Er war so sehr verständig!

Ich war natürlich neugierig auf das nun Folgende. Würde es gelingen? Ich stieg auf. Die Füße in die Bügel. Eben wollte ich die Unterschenkel anlegen; da ging der Rappe auch schon vorwärts. Es gab bis in die Ruinen mehrere Biegungen. Kaum dachte ich an die Schwenkung, so war sie schon gemacht. Welch ein feines Empfinden! Und dieser ruhige, sichere Schritt! Leichter, hochgraziöser Rhythmus auf fester Baßunterlage! Drüben ging es am Turm vorüber, auf die Steinbrüche zu. Da stand rechts dichtes Strauchwerk. Bei demselben angekommen, blieb Syrr stehen, ohne angehalten worden zu sein.

»Wer ist hier?« fragte ich, den Blick scharf auf die Büsche richtend.

»Du bist es, du, Effendi,« antwortete es. »Da darf ich hervorkommen. Ich glaubte nicht, daß du schon wieder reiten könntest, und hielt dich darum für einen Andern.«

Es war der Aschyk.

»Hattest du hier zu tun?« fragte ich.

»Ja,« antwortete er. »Ich wache! Hast du mein Paket gefunden? Kannst du es verwerten?«

»Sehr gut. Ich danke dir!«

»So bitte ich dich, mich still gewähren zu lassen! Du sollst nicht herabgezogen werden, in das Gemeine, wo du nicht hingehörst. Laß das mir lieber über; mir schadet der Schmutz nicht so wie dir! Ich bin ihn ja gewöhnt. Ich vermute, daß du morgen die Päderan belauschen willst. Auch das ist Schmutz, vielleicht der allergrößte. Wirst du trotzdem kommen?«

»Ganz bestimmt!«

»So beschwere dich mit nichts. Ich bin sicher da und helfe dir herauf in das Versteck.«

»Verkehrst du noch mit unsern Gegnern?«

»Laß mich hierüber schweigen, Effendi! Ich darf dein Gewissen nicht beschweren. Aber wenn ich dir einen Wink gebe, so folge ihm mit Vertrauen. Es nahen schwere Zeiten. Ich will sie dir erleichtern. Und dann, dann geht mir vielleicht der größte Wunsch in Erfüllung, den ich in meinem Herzen trage.«

»Welcher?«

»Bei uns ist der Hund verachtet. Bei euch im Abendland aber wird er geschätzt. Da ist er der Freund, der Wächter, der Beschützer der Menschen. Effendi, prüfe mich jetzt, und wenn du mich als treu befunden hast, so laß mich dein Wächter sein, dein Hund, der dich begleitet, so lange du in diesen Gegenden bist! Der mit dir hungert und dürstet, im Regen und im Sonnenbrande vor deinem Zelte liegt, jeden Feind zerreißt, der sich an dich drängen will, und lieber stirbt, als daß er dir ein Leid zufügen läßt! Willst du?«

»Da du es wünschest, werde ich dich – nicht prüfen, denn das ist nicht mehr nötig; ich vertraue dir – aber meinen Freunden Zeit geben, dasselbe Vertrauen wie ich zu dir zu fassen. Dann – doch hierüber später!«

»Das ist mehr, als ich erwartete. Allah vergelte es dir!«

Bei diesen Worten entfernte er sich, nicht hinter das Gesträuch zurück, sondern nach dem Steinbruche hin, an welchem ich dann vorüberritt, um hinab auf den Weg nach Nordwest zu kommen. Ich folgte ihm genau so, wie der Ustad mich bedeutet hatte und war nach einer Viertelstunde oben auf der Ebene, die wie ganz besonders für meinen Zweck gebildet war.

Und nun ging ich an die Arbeit. Arbeit? Falsch, grundfalsch! Ein Vergnügen ist es, ein hochdankbares Studium, die Gedanken eines edlen Pferdes zu erraten und sie mit ihm auszuführen! Ich habe wohl viele, viele Reiter kennen gelernt, gute und schlechte, unter ihnen aber nur einen einzigen, der mit mir darin einig war, daß das Pferd auch einmal Etwas selbstwollen dürfen muß. Das war mein Winnetou. Es hat ja Willen, wie jedes Tier. Und es besitzt auch Intelligenz, diesen Willen entweder für richtig oder für falsch zu halten. Es merkt sofort, wenn der Reiter einen Fehler macht, und zeigt die Absicht, diesen Fehler zu verbessern. Aber das ist ihm verboten. Es muß sich den gefühllosesten, unverständigsten Bengel gefallen lassen, der keine Ahnung von der zarten Empfindsamkeit und von dem Ehrgefühle, der Auffassungskraft, der Ueberlegsamkeit und dem Gedächtnisse eines guten Pferdes hat und es einfach zum innerlich und äußerlich steifen Gaul herunterrackert! Ich kam einst mit einem solchen Menschen scharf zusammen. Er hatte von Nachmittag bis Mitternacht in der Kneipe beim Kartenspiele gesessen und einen Grog nach dem andern getrunken, denn es war ein sehr strenger Wintertag und selbst in der Stube kalt. Draußen aber stand sein Pferd angebunden, nicht zugedeckt, fast klappernd vor grimmiger Kälte. Es war ein gutes, fünfjähriges Halbblut. Der dünnspitzige Schnee, welcher wie Nadeln fiel, bedeckte es handhoch. Die Haut besaß nicht mehr die nötige Wärme, ihn wegzutauen. Das Pferd hatte während dieser ganzen Zeit weder Futter noch Trank bekommen und den lieben Herrn dann noch volle drei Stunden weit heimzutragen. Das ergab einen Wortwechsel zwischen mir und ihm, den er mit der Zurechtweisung schloß: »Das Vieh gehört mir, nicht Ihnen. Sie haben mir gar nichts zu sagen! Und mit Ihren sogenannten Gefühlen kommen Sie mir erst recht nicht! Zu behaupten, daß die Tiere, die Pferde eine Seele haben, ist eine Sünde und von den Geistlichen verboten. Das habe ich von meinem Pfarrer, und der hat es aus der Bibel! Na, also.« Hierauf spielte er ruhig weiter. Er ritt erst gegen Morgen fort, kam aber nicht ganz heim. Er mußte das arme Tier unterwegs einstellen. Es hatte so stark verschlagen, daß es eine unheilbare Lähmung davontrug. Da gab er es dem Schinder!

Syrr war nicht nur edel, auch nicht nur hochedel; er war mehr. Ich hatte mir für heut eine große Fläche, einen weiten Spielraum zum Reiten gewünscht. Warum? Weil ich nicht sofort den Herrn und Gebieter spielen wollte. Der Rappe sollte zunächst ganz seinen eigenen, freien Willen haben. Er sollte gleich am ersten Tage herausfühlen, daß ich nicht so dumm sei, seine Natur, seine Gaben, seine Vorzüge zu knechten und zu knebeln. Das war doch ja das beste Mittel, diese Gaben und Vorzüge kennen zu lernen! Er merkte auch sehr bald, daß er mir zwar bis hierher habe folgen müssen, nun aber tun könne, was er wolle. Er wartete zunächst auf eine Willensäußerung von mir. Es erfolgte keine. Da blieb er überlegend stehen. Ich saß ohne Regung, denn er hätte der geringsten sofort gehorcht. Nun hob er den Kopf und windete, nach vorn, nach rechts, nach links. Wie fein sein Geruchssinn war, hatte er mir unten in den Ruinen gezeigt, als er des Aschyk wegen stehen blieb. Das schätzte ich sehr hoch, denn ein Pferd ohne diese Sinnesschärfe hätte ich überhaupt nicht brauchen können. Nun schien er überzeugt zu sein, daß uns nichts stören werde. Da drehte er den Kopf halb zu mir herum und ließ ein leises, kurzes Halbwiehern hören. Das klang fast wie eine Frage, als ob er sagen wolle: »Na, darf ich denn auch wirklich?« Ich streichelte ihm den Hals. Das war die Antwort. Da ging er vorwärts, langsam, quer tänzelnd, eine ganze Weile, die Kniee zierlich werfend, als ob er zunächst die Sehnen und Gelenke prüfen wolle. Dann fiel er in Trab. Aber was war das für ein Trab! Ich staunte! War dieses Pferd nur Muskel? Das ging so weich, so geschmeidig, so elastisch, so nachgiebig, biegsam und federnd – mir fehlt das rechte Wort, das Richtige zu sagen! Dieser Trab war kein Laufen, sondern ein Fließen!

Und nun folgte der Galopp. Erst kurz, graziös, feierlich stolz, paradierend, wie wenn ein König am Balkon der Königin vorüberreitet. Und doch so natürlich und so ungesucht, die reine, sehr wohl erlaubte Freude über sich selbst! Dann aber nicht mehr hoch, sondern weiter ausgestreckt. Das war fast wie der Flug eines Adlers, dessen Schwingen man sich nicht bewegen sieht. Und doch hatte ich das Gefühl, daß Syrr jetzt erst im Beginnen sei, seine Schnelligkeit zu zeigen! Er griff nach und nach immer weiter aus. Der Galopp ging ins Rennen über. Kilometer um Kilometer verschwand hinter uns. Die Sterne leuchteten, und der Mond lächelte freundlich zu dem guten Verhältnisse zwischen Mensch und Tier. Die jenseitigen Berge kamen schnell näher. Das Terrain wollte sich zu Tale senken. Syrr bemerkte es ebenso wie ich. Er schlug ganz von selbst einen Bogen, um zurückzulenken. Er wollte in bekannter Gegend bleiben, denn das, was er zeigen wollte, hatte er noch nicht gezeigt. Es sollte erst noch kommen.

Es schien, daß diese Karri ère ihm Vergnügen, keinesweges aber eine Anstrengung sei. Wie aber stand es da mit mir, dem Abgeschwächten, dem Rekonvaleszenten? Was Schwachheit, und was Rekonvaleszent? Lächerlich! Ich war gesund, ganz plötzlich gesund, und aber wie gesund! Erschlaffung und Entkräftung? Auf einem solchen Pferde? Setzt einen Toten in diesen Sattel, und er muß wieder lebendig werden, unbedingt! Denn jetzt war es, als ob Alles, Alles verschwinden müsse, was lebenswidrig, was körperlich hindernd war. War Syrr jetzt Geist geworden, nur Geist, vollständig ohne Fleisch und Bein? Er lief nicht mehr; er galoppierte und rannte nicht mehr, und – er flog nicht mehr! Nein! Sondern wir standen still. Aber die Ebene, die ganze Erde um uns war in rasender Bewegung. Sie schoß auf uns zu und rechts und links und unter Syrrs lang ausgestrecktem Leib hinweg nach hinten. Es war, um schwindelig zu werden! So laufen arabische Pferde allerersten Ranges, wenn der Reiter das sogenannte „Geheimnis“ in Anwendung bringt – auf Leben und Tod! Aber weder der berühmte Rih noch sein gleichwertiger Sohn Ben Rih hatten trotz ihrer bewundernswerten Leistungen diesen köstlichen Syrr erreicht, der den Raum, die Zeit und die Materie bloß nur in Gedanken verwandelte, ohne daß es nötig gewesen war, ihn durch irgend einen Kunstgriff dazu anzuspornen. Er durchmaß die Ebene zurück und wieder hin und wieder zurück in stets gleicher Rapidität, so daß ich besorgt um ihn wurde und ihm das Wörtchen »wakkif!« zu hören gab. Er gehorchte sofort. Zwar schoß er noch eine kurze Strecke weiter, überwand aber die Beharrung außerordentlich schnell und stand dann still.

Da sprang ich ab, nahm seinen Kopf in beide Arme und drückte ihn an mich. Ich streichelte ihn mit einer Wonne, die keinesweges die bekannte Wonne der Redensarten war. Sein Atem ging ganz ruhig. Nicht der geringste Anflug von Schweiß war zu spüren; kein Flöckchen Schaum war zu sehen. Die Flanken lagen still und nur das Herz schien in etwas schnellerer Bewegung zu sein als wie gewöhnlich. Aber in den Haaren der Mähne und des Schwanzes knisterte es mit doppelter Vernehmlichkeit, als ich über sie hinwegstrich.

»Bist ein Prachtkerl, Syrr, bist unvergleichlich!« rief ich begeistert aus. »Dich hat uns nicht nur der Schah gesandt, sondern ein noch Höherer! Er wollte, daß wir durch dich gerettet würden!«

Da rieb er seinen schönen, feinen Kopf an meiner Schulter, kniff mir mit den Lippen einige Male in das Haar und leckte mir dann die Hand. Dann stieg ich wieder auf, um ihn nicht der scharfen Nachtluft ohne Bewegung auszusetzen. Ich saß still, ohne die auf dem Sattelknopfe liegenden Zügel aufzunehmen und ohne seinen Leib unterhalb des Sinpusch zu berühren. Auch er stand unbeweglich. So warteten wir auf einander, ich lächelnd, er aber, um zu gehorchen. Als aber von meiner Seite so gar nichts geschah, drehte er den Kopf abermals zu mir herum und ließ dasselbe Halbwiehern vernehmen wie gleich nach unserer Ankunft hier, nur nicht so kurz, sondern länger und in mehreren Intervallen. Es klang fast so, als ob er mir eine kleine Rede halte: »Was soll denn nun werden? Ich habe meinen Willen gehabt. Du kennst mich jetzt. Nun bist du wieder der Herr. So rühre dich also!«

Hierauf streichelte ich ihm wieder den Hals, nahm die Zügel auf und legte die Schenkel an. Da warf er befriedigt den Kopf in die Höhe und ging vorwärts. Wir ritten vollends über die Ebene hinüber, den Berg hinab und auf demselben Wege heim, den wir gekommen waren. Assil stand auf, um uns zu begrüßen und legte sich dann wieder nieder. Nachdem ich abgezäumt und abgesattelt hatte, holte ich einige Aepfel und die Lappen, welche Schakara mir besorgt hatte. Syrr schwitzte nicht; er besaß keine Spur von übergewöhnlicher Wärme. Ich rieb ihn aber trotzdem sorgfältig ab, trug dann das Sattelzeug an Ort und Stelle und ging hinauf zu mir.

Von meinem platten Dache schaute ich noch einmal hinab. Syrr hatte sich auch niedergelegt, eng neben Assil. Sie hatten die Köpfe nebeneinander. Da hörte ich unter mir ein Geräusch, auf dem Balkon des Ustad. Er hatte dagesessen, stand auf und ging hinein. Das war die Liebe zu mir. Der Gute!

Als ich am andern Tag erwachte, war es hell; aber ich sah die Sonne nicht, obgleich der Himmel keine Wolken hatte. Da stand ich schnell und ahnungsvoll auf. Dann auf die Plattform hinaustretend, sah ich sie zwar, aber es war, als ob sie schelmisch über mich lache. Da, wo sie stand, pflegte sie ungefähr um 4 Uhr Nachmittags zu stehen!

»Bist du munter?« klang die Stimme des Ustad vom Balkon herauf. »Ich höre, daß du nicht mehr schläfst.«

»Soeben aufgestanden! Vier Uhr nach dem Mittag!« antwortete ich. »Ist das nicht eine Schande?«

»Nein, sondern eine Notwendigkeit! Folge des Rittes – hast dich mehr angestrengt, als du solltest. Das gleicht die Güte der Natur wieder aus. Wie ist der Ritt gelungen?«

»Zur größten Zufriedenheit! Ich erzähle es dir nachher. Aber meine armen, armen Pferde! Zweimal nicht gefüttert. Alles verschlafen!«

»Sei unbesorgt! Als du nicht aufstandest, habe ich es an deiner Stelle getan. Wasser, Gerste, Aepfel. Sie sind zufriedengestellt, ließen mich aber bemerken, daß du ihnen lieber gewesen wärst als ich. Was tust du jetzt?«

»Ich gehe zu ihnen, bade dann und sehe hierauf, wo es Etwas zu essen gibt.«

»Natürlich bei mir. Ich habe mit dem Mittagsbrote auf dich gewartet.«

»Wo ist Dschafar Mirza?«

»Unten im Duar. Man sieht ihn dort sehr gern. Sein freundliches, gütiges Wesen hat ihm die Herzen schnell gewonnen. So komm also dann zu mir; ich werde das Essen befehlen!«

Als ich nach der Weide kam, sprang mir nicht nur Assil, sondern auch Syrr entgegen. Das war bei Letzterem das erste Mal. Ich sah: nun war er mein!

Der ungewöhnlich lange Schlaf belehrte mich, daß der nächtliche Ritt doch anstrengender für mich gewesen war, als ich gedacht hatte. Auf einem gewöhnlichen Pferde hätte ich so Etwas doch noch nicht wagen können. Ich hatte ihn in diesem Abend wiederholen wollen, nach dem Gange in die Ruinen, beschloß aber aus Vorsicht, für heut zu pausieren. Meine Hauptaufgabe war, am Tage des Rennens zur Teilnahme fähig zu sein. Da war ein Ueberstürmen der Natur unbedingt zu vermeiden. Uebrigens entwickelte ich beim Ustad einen solchen Appetit, daß er über mich, den sonst so genügsamen Esser, beinahe erstaunte und, sich darüber freuend, lächelnd sagte:

»So ist es recht, mein lieber Freund. Nur tüchtig essen und tüchtig schlafen, sonst kannst du das nicht wieder werden, was du gewesen bist! Ich bin ja nun wieder da und nehme dir alles Andere ab. Du wirst von mir über Alles unterrichtet und hast sonst nur für dich und Syrr zu leben, damit Ihr beide uns beim Rennen nicht etwa versagt!«

»Gut! Ich trete dir also Alles ab, bitte dich aber, mir dafür den Aschyk zu überlassen. Oder wolltest heut du zu ihm hinüber, um bei der Zusammenkunft der Päderan zu sein?«

»Nein. Auf dieses Gebiet darf ich dir doch nicht folgen. Aber nimm dich in Acht! Die Sache ist höchst gefährlich, denn diese Sillan sind zu Allem fähig, und den Aschyk hast du doch vielleicht noch nicht ganz sicher!«

»Ich habe ihm mein Vertrauen zugesagt und pflege Wort zu halten. Uebrigens liebe ich es nicht, unvorsichtig zu sein. Ich werde meine beiden Revolver laden und nehme sie mit. Da bin ich für alle Fälle gerüstet.«

»Also doch Waffen!« lächelte er. »Darum gab ich sie dir zurück. Der Kampf mit geistigen Waffen ist der höhere, der edlere; aber es denken nicht alle Gegner ebenso hoch und edel. Gegen Niederträchtigkeiten hilft kein geharnischtes Sonett, kein Distichon und kein Alexandriner; da sind nur Drehpistolen gut, die mit Patronen auf „Patrone“ schießen, denn was nicht kracht, das wirkt bei ihnen nicht!«

Er nahm, als er mich dann zu mir hinaufbegleitete, meine Gewehre aus der Rumpelkammer und hing sie oben in dem Mittelzimmer auf. Wir luden die Revolver. Er legte mir sogar das lange Messer hin und zeigte sich erst dann befriedigt, als ich ihm versprach, auch dieses zu mir zu stecken.

Es war des Abends nach zehn Uhr, als ich mich auf den Weg machte, einige Lichte und die dazugehörigen Zündhölzer in der Tasche. Der Mond leuchtete mir hinüber bis an die schmale Tür. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich diesen Gang nicht offen, nicht unvorsichtig machte, denn ich hatte mit der Möglichkeit zu rechnen, daß sich irgend einer der Sillan schon hier befand. Ich ging also nicht, sondern ich schlich, hielt mich so viel wie möglich im Schatten und machte meine Schritte unhörbar. So war ich, als ich die Tür erreichte, überzeugt, von Niemand bemerkt worden zu sein, hatte aber auch selbst Niemand gesehen.

Da ich das Innere schon kannte, hätte ich mich im Dunkel wohl zurecht gefunden; aber ich brannte dennoch eine der Kerzen an und nahm das Messer in die rechte Hand, um mich sofort wehren zu können, falls ein Gegner hier versteckt sei. So ging ich durch den vordern Raum nach dem Allerheiligsten. Der Schein meines Lichtes trug nicht weit; darum leuchtete ich zunächst nach der Mitte hin und dann auch noch entlang an allen Wänden. Dann blieb ich an dem Steine stehen, der einem Altare oder einer Bundeslade glich, und hielt die Kerze in die Höhe. Da erklang es von oben herab:

»Du bist es, Effendi? Bei einem einzelnen Lichte sieht man nur schwer. Wenn sie dann kommen, wird es heller. Ich werde dir meine Stange hinunterlassen und oben festhalten. Sie ist extra für deine Bequemlichkeit zugeschnitten. Es sind starke Aststumpfe daran. Du brauchst also nicht zu klettern, sondern kannst steigen.«

Er gab sie von oben herab. Ich stemmte sie fest ein. Die Stumpfe waren stark genug, mich zu halten. Er brannte oben sein Licht an. Ich löschte das meine aus, um beide Hände frei zu haben, und stieg hinauf zu ihm. Wir zogen die Naturleiter wieder empor, legten sie lang auf den Boden der Empore und dann sah ich mich auf dieser um. Es befand sich Niemand da, außer uns. Nun löschten wir aus und setzten uns nieder, nicht neben sondern entfernt von einander, damit der Eine sehen könne, was dem Andern durch die Säule verdeckt wurde. Ich hatte volles Vertrauen zu dem Aschyk, zog aber dennoch das Messer, welches ich eingesteckt hatte, wieder heraus. Das wurde mir von der Vorsicht geboten, der man in jeder Lage und auf alle Fälle zu gehorchen hat.

Es war unheimlich, hier in diesem Dunkel. Fast tat die schlechte Luft der Lunge weh. So recht ein Ort, um Böses auszubrüten! Glücklicher Weise hatten wir nicht lange zu warten, so kam der Erste. Er machte draußen Licht und brachte es herein. Er war seiner Sache so sicher, daß er sich gar nicht die Mühe gab, den Raum erst zu untersuchen, sondern er schritt gleich auf die Mitte zu, tropfte seine Kerze dort fest an und setzte sich da nieder.

Dann kam der Zweite, der Dritte, der Vierte. Sie alle machten es ebenso wie der Erste. Keiner grüßte. Niemand sprach ein Wort. Nun gab es vier Kerzen, aber ihr Schein reichte nicht hin, von unserer Entfernung aus die Gesichter zu erkennen, welche aber unverhüllt waren. Da trat der fünfte ein. Das änderte die Szene. Sie standen alle auf, und Einer fragte schnell:

»Ist der Aemir vielleicht schon draußen?«

»Nein,« antwortete er. »Sein Pferd hängt noch nicht am gewohnten Baume. Aber der Spion steht da, der aufzupassen hat, ob wir so kommen und so gehen, wie uns vorgeschrieben ist. Das muß ein Ende nehmen!«

Diese Stimme kam mir bekannt vor. Er bückte sich nieder, um sein Licht auch zu befestigen. Dadurch kam sein Gesicht zur Beleuchtung, und ich erkannte – Ghulam, el Multasim, den Bluträcher, den Henker der Schatten!

»Lassen wir nur erst den Putsch vorüber!« sagte der vorige Sprecher. »Dann rechnen wir mit ihm ab!«

»Aber ob er gelingen wird, dieser Putsch!« warf ein Anderer ein.

»Unbedingt! Das weiß ich genau!« versicherte Ghulam. »Heut bringt der Aemir den Scheik ul Islam mit, um uns zu beweisen, daß die frommen Lichter mit den gottlosen Schatten Hand in Hand gehen werden, den Herrscher zu entthronen. Ich komme soeben fast direkt vom Schah. Er hat keine Ahnung von der ihm drohenden Gefahr. Auch sein Liebling Dschafar, dem er den Ehrentitel ›Itemad‹ verliehen hat, ahnt nicht, daß schon in einigen Tagen die Gul-i-Schiraz auf seiner Brust zu blühen hat, und es –«

»Er soll sterben?« wurde er unterbrochen. »Wie? Wann? Wo?«

»Das ist meine Sache. Wenn ich, ich es sage, so wißt Ihr, daß es unbedingt geschehen wird. Ich fand den Brief mit dem Befehl in meiner Tasche, so geheimnisvoll, wie der Aemir es immer liebt. Er fängt es darauf an, allgegenwärtig zu erscheinen. Aber wenn wir nur erst wissen, wer er eigentlich ist, so blüht ihm seine Rose auch! Es fällt uns gar nicht ein, die seit Jahrhunderten hier aufgestapelten Schätze mit ihm zu teilen! Nur erst den Putsch, damit wir die Dschamikun wieder von hier loswerden, und Ahriman Mirza auf den Thron! Bei so einem Herrscher sind wir vor jeder Bestrafung sicher! Die Verbündeten sind, über das ganze Land verbreitet, zum Losschlagen bereit. Der Schah weg; Dschafar, sein Ratgeber, weg und Ahriman, der selbst Halunke ist, auf dem Throne, so mag die Macht des Aemir noch so groß sein, mit seinem Tode hört sie auf; wir teilen unter uns und sind mit diesen Reichtümern dann öffentlich, was wir bisher nur heimlich waren – die Herren des ganzen Landes! Doch jetzt still! Die vorgeschriebene Pause im Kommen wird gleich vorüber sein. Wir haben nicht mit einander gesprochen!«

Es vergingen hierauf vielleicht zehn Minuten. Da hörte man draußen wieder Schritte. Dieses Mal kam nicht ein Einzelner, sondern es waren Zwei, doch ohne Licht in ihren Händen. Der Eine, welcher geführt worden zu sein schien, blieb vorn am Eingange stehen. Der Andere kam näher, jedoch nicht ganz heran. Ich sah zu meiner Ueberraschung, daß sein Anzug genau ein solcher war, wie ich von dem Schah bekommen hatte. In der rechten Hand hielt er eine Reitpeitsche. Sein Gesicht steckte hinter einer schwarzen Larve, und an seiner Mütze funkelten trotz des wenigen Lichtes, wenn er sich bewegte, die Steine einer dort befestigten Agraffe. Die Anwesenden waren ehrfurchtsvoll aufgesprungen. Er forderte durch eine stolze, gebieterische Armbewegung Aufmerksamkeit und sprach:

»Schon wieder befinden wir uns fern von unserer sichern Majmä-i-Yähud und kommen hier zusammen, von wo uns dieser Ustad mit seinen Dschamikun vertrieben hat. Nun aber ist der Tag der Rache nahe, der uns das fast Verlorne wieder gibt und diese Christenbande auseinanderreißt, um sie in alle Lüfte zu zerstreuen. Dann sind wir wieder Herren unsers Dunkels und lassen niemals mehr ein Licht in die Ruinen scheinen. Der letzte Tag des Soldes fand nicht statt, weil wir ja fern von der Yähudeh waren, und auch den nächsten werden wir versäumen, weil wir hier mit dem Ustad abzurechnen haben. Es gibt ein Rennen hier, das uns gelegen kommt. Es bietet uns den Anlaß, zu erscheinen, und doch durch unsre Zahl nicht aufzufallen. Wir bringen unsre schnellsten Renner mit und werden dieses Vorspiel unbedingt gewinnen.«

Hier machte er eine Pause. Er verstellte seine Stimme, wobei ihn seine Larve und der dumpfe Widerhall dieses Raumes unterstützten. Auch bemühte er sich, in Beziehung auf seine Gestikulationen Alles zu vermeiden, was ihn verraten könne. Aber die eigenartige, hochmutsstolze Haltung war nicht wegzubringen; auch die Figur stimmte ganz genau, und so war ich überzeugt, Ahriman vor mir zu haben. Er fuhr fort:

»Dem Vorspiel wird sofort die Handlung folgen; wir lassen keine Zwischenzeit entstehen. Ihr kennt den Plan und seid zum Schlag bereit. Doch kann ich Euch die Stunde noch nicht sagen. Ihr habt für nächsten Freitag, grad um Mitternacht, hinauf zum Dschebel Adawa zu kommen; dort fällt das letzte Wort, das Urteil, die Entscheidung. Heut aber bring ich Euch den Scheik ul Islam mit, um Euch durch sein Erscheinen zu beweisen, daß wir in Wirklichkeit verbündet sind und also uns der Sieg nicht fehlen kann.«

Er winkte. Da kam der Scheik ul Islam herbei. Sein Gesicht war nicht verhüllt, sondern frei. Er zeigte sich nicht im Geringsten durch die Situation gedrückt oder gar verlegen, sondern tat ganz so, als ob er in seinem Elemente sei, gütig, menschenfreundlich, salbungsvoll. Er sagte Jedem einige verbindliche Worte, reichte dem Henker sogar die Hand und trat dann wieder auf die Seite. Die Vorstellung war beendet, und Ahriman Mirza sprach weiter, doch nur noch wenig:

»Für heut sind wir nun also fertig. Zieht Euer Volk so nahebei heran, daß es mit einem Marsche von zwei Tagen das Tal der Dschamikun erreichen kann; doch muß das völlig unbemerkt geschehen! Die andern Päderan sind übers Land verteilt und warten nur auf hiesigen Erfolg, um ihrerseits sofort auch loszuschlagen. Jetzt geht! Ihr seid entlassen!«

Dieser Befehl schien sie zu verwundern. Der Henker fragte:

»Heut wir voran? Du gingst doch stets zuerst!«

Da fuhr der Aemir zornig auf:

»Was hast du noch zu fragen, wenn ich befohlen habe! Ihr geht – ich bleibe noch! Soll ich dich etwa um Erlaubnis bitten? Du weißt es: Wenn ich bitte, geschieht es nur mit solchen Lippen hier!«

Er zog ein Pistol hervor und zielte ihm nach der Stirn. Da wendete sich der Bedrohte schnell ab und griff nach seiner Kerze, um sich zu entfernen.

»Die Lichte laßt Ihr hier!« gebot der Aemir. »Ich werde sie dann später selbst verlöschen. Ihr geht wie gewöhnlich – in den vorgeschriebenen Pausen – kein Wort wird gesprochen –. Hinaus!«

Der Henker verschwand sofort. Die Andern folgten ihm nach und nach. Erst als der Letzte gegangen war, steckte der Aemir die Pistole zu sich, lachte verächtlich auf und sagte:

»Lumpenpack! Das ist nur zu gebrauchen, wenn ihm die Angst durch alle Knochen zittert!«

»Ich halte es anders,« antwortete der Scheik ul Islam. »Bei mir regiert die Liebe!«

»Aber was für eine! Ich kenne sie! Wir beide wollen uns doch gegenseitig nicht etwa Etwas weißmachen! Meine Unerbittlichkeit ist offen, ist ehrlich; die Scham verbietet ihr, sich zu verstellen. Eure Liebe ist aber der Eigennutz in allerhöchster Potenz. Sie vernichtet in einem einzigen Jahre mehr Existenzen, als ich in einem ganzen Jahrhundert zerstören könnte! Du weißt, daß ich dich kenne. Darum hast du auch niemals versucht, mir gegenüber deine heilige Maske festzuhalten!«

Da trat ihm der Scheik ul Islam näher, richtete sich hoch auf und sprach:

»Ja, dir gegenüber stehe ich Mann gegen Mann, Geist gegen Geist. Du bist die vernichtende Verneinung; ich bin die zerstörende Uebertreibung der Bejahung. Ich bejahe nur für mich, für mich; was aus der Menschheit wird, ist mir vollständig Schnuppe. Darum hassest du mich – grimmig – zum Zerreißen!«

»Hassen?« lachte der Aemir. »Noch mehr, noch schlimmer: Ich verachte dich! Zum Hasse ist nur Eure leutselige Liebe fähig, weiter Niemand. Ich will Edles erreichen, indem ich das Gemeine knechte. Ihr aber wollt das Niedrige erheben, indem Ihr das Hohe bekämpft! Ich spreche und handle offen und ehrlich mit dir. Du aber hast sogar gegen mich die Falschheit im Nacken und willst mich zertreten, sobald du mich nicht mehr brauchst. Ist es so oder nicht?«

Da senkte der Scheik ul Islam den Kopf und sagte in begütigendem Tone:

»Mein Freund, mein lieber, bewunderter Freund, ich versichere dir bei Allah, daß ich nicht –«

»Laß deinen Allah aus dem Spiele; er steht dir doch um keinen einzigen Gedanken höher als mir!« grimmte ihn der Aemir an. »Wir haben uns nicht verbündet, um uns gegenseitig anzulügen. Wir sind Feinde, Todfeinde, und reichen einander für kurze Zeit die Hand, um Dritte zu vernichten, welche so unglücklich sind, uns Beiden im Wege zu stehen. Ist das vorüber, so beginnt der Kampf zwischen uns von Neuem. Ich bin nur mit Ueberwindung auf unser Bündnis eingegangen. Ich habe mit Ueberwindung Ahriman Mirza bewogen, morgen zu dir, zu den Taki zu kommen. Ich bestellte dich nur mit Ueberwindung für heut an die Stelle am Bach, wo ich dich traf, um dich hierher zu führen. Und auf der kurzen Strecke bis hierher hat es mich Ueberwindung gekostet, deine frommen Reden zu hören und bei deinen scheinheiligen Versicherungen nicht zu zerplatzen. Pfui! Darum brauchst du dich nicht zu wundern, daß ich jetzt in diesem Tone zu dir spreche. Ich bin geladen wie eine aufrichtige Kanone, die ihren Schuß niemals in Schweigen hüllt. Willst du, daß unser Zusammengreifen zum guten Ende führe, so sorge dafür, daß ich dich ertragen kann! Sei wenigstens gegen mich auch äußerlich der Mann, der du in deinem Innern und ebenso vor deinem Allah bist! Ist deine Feigheit denn gar so groß, daß du es nicht wagst, mir die Tigerkrallen an deinem Schlangenkörper zu zeigen?«

Da fuhr der Scheik ul Islam einige Schritte zurück, zog die Ellbogen nach hinten, ballte die Fäuste und rief aus:

»Mensch! Schurke! Weißt du, wo du dich befindest? Ich kann dich vernichten – hier, sofort – auf der Stelle!«

»So ist’s recht! Das wollte ich haben!« lachte der Sill. »Jetzt kommen die Krallen! Sprich in diesem aufrichtigen Tone weiter, so ist es möglich, daß wir einig bleiben! Du fragst mich, ob ich wisse, wo ich sei. Lächerlich! Ich bin hier in meinem Reiche, als unbeschränkter Gebieter desselben.«

»In deinem Reiche, deinem?« höhnte der Scheik ul Islam auf. »Ja, du glaubtest, mich hier einzuführen, um mich zunächst deinen Sillan vorzustellen und mir dann die hier aufgehäuften Schätze zu zeigen, damit ich sähe, welch eine Mitgift du dem neuen Kaiser geben kannst. Aber du irrst, du armer, machtloser „Fürst der Schatten“! Ich bin hier längst eingeführt. Ich kenne jeden Stein, jeden Winkel, auch das Wasser da unten in der Tiefe!«

»Du – du – du?« fragte der Aemir erstaunt.

»Ja, ich! Denn diese Ruinen sind nicht dein Reich, sondern mein oder vielmehr unser Reich. Wir, wir, wir sind die Baumeister, die nach der alten Sage den Herrn einmauern wollten, aber den Teufel eingemauert haben!«

»Wer sind diese wir?«

»Die Männer des Taki-Ordens, welcher bei der Grundlegung dieses Baues entstand, vor ungezählten Jahrhunderten, eine Ewigkeit vor Zoroasters Zeit. Wir bauten aber nicht für uns, sondern für Euch, für unsere Schatten! Wir bauten den Bienenstock, für Euch, für unsere Insekten. Wir waren die Herren von Anbeginn bis heut, ihr aber die Knechte, welche ernten, wo sie nicht gesäet haben, um Honig für uns zu sammeln. Du arme, arme Drohne! Du wolltest mir Eure Schätze zeigen, die du die Deinigen nennst. Ich aber kenne sie besser als du! Diese von Allah verdammten Dschamikun kamen uns überraschend. Wir hatten anderswo zu tun und konnten sie damals nicht hindern, sich hier festzusetzen. Es ging uns grad wie Euch! Nun aber werfen wir sie wieder hinaus, und ihr, ihr habt mit Euern Stacheln dabei zu helfen. Du sendest Ahriman zu den Taki-Kurden; ich bin von morgen an bei ihnen. Dich aber treffe ich am Freitag wieder – auf dem Dschebel Adawa.«

»So! Mich triffst du wieder?« fragte der Aemir, die Arme über die Brust zusammenlegend. »Das klingt ja ganz, als ob nur du, nur du zu bestimmen hättest!«

»Das ist allerdings der Fall! Der Herr bin ich, die wirkliche Person; du aber bist der Schatten!«

»Und wenn ich nun – am Freitag nicht erscheine? Und auch du dann nicht erscheinen kannst?« fragte der Sill in drohendem Tone, indem er sein Pistol wieder hervorzog.

»So spreche ich mit dir eher!« antwortete der Scheik ul Islam in unerwarteter Ruhe.

»Wo?«

»Hier!«

»Wann?«

»Jetzt!«

»Ah, ich verstehe! Auch du hast Waffen mit!«

»Nein, keine einzige!«

Er schlug seinen Mantel auseinander, um zu zeigen, daß er die Wahrheit sage.

»Und willst dich aber wehren, wie ich aus deinen Worten vermute? Sind uns etwa die drei bewaffneten Taki heimlich gefolgt, welche du mitbrachtest, als du zum heutigen Stelldichein kamst? Mein „Freund, mein lieber, bewunderter Freund“, diesen Schachzug muß ich betrachten! Wahrscheinlich stehen sie da draußen!«

Er nahm eines der Lichter und ging mit demselben hinaus. Da gab es unter uns, grad in der Mitte, wo der Altar stand, ein Geräusch, wie wenn Steine aneinander gerieben werden, und hierauf ein leises Flüstern; dann war es wieder still. Und schon war der Aemir wieder da. Er war nur vor dem Eingange stehen geblieben, um hinauszuleuchten. Er drehte sich wieder um, kam zurück und sagte:

»Niemand draußen! Ich habe mich geirrt!«

»Ja, du irrtest dich, wie immer!« antwortete der Scheik. »Steck deine Waffe ein! Sie ist überflüssig!«

»Was für ein Ton! Das klingt ja wie ein Befehl.«

»Es ist auch einer. Also weg mit ihr!«

»Mensch, bist du wahnsinnig?! Der Fürst der Schatten soll sich von dir befehlen lassen, was –«

Er kam nicht weiter. Drei Männer huschten aus dem Schatten der Säule auf ihn zu, entrissen ihm die Pistole und schlangen ihre Arme so fest um ihn, daß er sich nicht bewegen konnte. Er stieß einen Schrei aus, ob vor Schreck oder Wut, das konnte man nicht wissen. Da trat der Scheik ul Islam auf ihn zu, riß ihm die Larve herunter, sah ihm in das Gesicht und sagte:

»Ahriman Mirza! Ich wußte es! Unser neuer Kaiser, der oberste aller Verbrecher!«

Es war ein eigener, ganz eigener Augenblick, eigen in jeder Beziehung, auch psychologisch. Ahriman machte nämlich nicht den geringsten Versuch, sich der Umarmung zu entwinden. Ich konnte seine Züge nicht deutlich unterscheiden, aber es klang nach einem überlegenen Lächeln, als er in fast gleichgültigem Tone antwortete:

»Ja, Euer neuer Kaiser! Oder wollt Ihr ihn nun nicht? Ihr könnt mich ja mit meiner eigenen Pistole hier erschießen!«

»Daß ich ein Tor wäre!« erwiederte der Scheik ul Islam. »Du warst bisher mein Schatten und wirst nun mein Geschöpf. Kein anderer würde sich so gut wie du für unsere Zwecke eignen. Wozu wir dich machen wollten, das wirst du nun erst recht!«

»Es würde dir auch wohl sehr schlecht bekommen, wenn du mich hier ermorden ließest!«

»Das weiß ich wohl! Du bist ja umsichtig und wirst auch für einen solchen Fall deine Vorkehrungen getroffen haben. Ueberleben würde ich dich nicht lange; davon bin ich überzeugt. Aber ich will leben, und darum sollst du es auch. Und ich will herrschen; darum gebe ich dir den Thron! Bist du einverstanden, Ahriman Mirza?«

»Unter Bedingungen!«

»Die ich kenne! Jetzt sitzt dir dieselbe Falschheit im Nacken, die du mir vorgeworfen hast. Dennoch frage ich nochmals: Bist du einverstanden?«

»Ja.«

»So gieb mir Wort und Handschlag! Laßt ihn los!«

Die drei Männer gaben den Aemir frei. Der Scheik ul Islam hielt ihm die Hand hin; er schlug ein und sagte:

»Ja, hier meine Hand! Aber ich bin ehrlich und prophezeie Euch, daß Ihr sie fühlen werdet!«

»So will ich auch einmal ehrlich sein und dich warnen. Wir sind sanftmütig und von Herzen demütig, weil uns das zur Herrschaft führt. Aber hinter dieser Sanftmut steckt die Schonungslosigkeit und hinter dieser Demut der unerschütterliche Wille. Selbst der Kaiser hat sich vor uns zu beugen; wenn nicht, so muß er brechen! Fordre ja den Taki-Orden nicht heraus! Wenn er zürnt, kann er vielleicht noch verzeihen; wenn er aber wohlwollend lächelt, ist er erbarmungslos! Jetzt habe ich dir gezürnt. Laß mich nicht etwa lächeln!« –

  1. Siehe Band II pag. 27.

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Der Scheik ul Islam hatte seine letzten Worte so laut und mit solchem Nachdrucke gesprochen, daß sie von der Decke dumpfgrollend wiederhallten. Seine Gestalt schien gewachsen zu sein. Er hielt den Kopf herausfordernd zurückgeworfen und strich sich mit beiden Händen den langen, dünnen Bart, als ob in diesen Haaren die Kraft gelegen habe, endlich einmal den Mut der Aufrichtigkeit zu zeigen. Seine Leute verhielten sich zuwartend. Der Aemir – ja, was war denn das? Der setzte sich ganz ruhig auf den nächsten Stein, putzte die Schuppen von den Kerzen und sagte in einem Tone, als ob er ein höchst gleichgültiges Gespräch fortzusetzen habe:

»Es ist also nicht nötig, daß ich dir hier noch Etwas zeige?«

»Nein, keineswegs!« antwortete der Andere, noch immer scharf.

»Dann könnte ich ja gehen!«

»Allerdings!«

»So möchte ich vorher wissen, wie diese deine Leute hier hereingekommen sind! Wir ließen sie am Bach zurück, wo unsere Pferde jetzt noch stehen!«

»Ich liebe die Geheimniskrämerei ebenso wie du. Darum sage ich dir: Ich verwandelte sie in Geister und rief sie durch die Mauern,« antworte der Scheik ul Islam höhnisch.

»Das klingt sehr leicht begreiflich. Du treibst also als Scheik ul Islam Hokuspokus! Eine neue, sehr interessante Seite von dir! Jedenfalls bist du ein außerordentlich begabter Mensch! Wahrscheinlich lässest du sie ganz in derselben Weise, wie sie gekommen sind, auch wieder gehen?«

»Ja.«

»Und was geschieht mit dir selbst?«

»Nichts Anderes. Ich werde Geist und lasse mich verschwinden.«

»Darf man das sehen?«

»Nein, denn du bist noch nicht so unsterblich wie wir. Für Euch Irdische ist so Etwas nicht!«

»Wirklich nicht? Solltest du dich da nicht irren? Auch wir Irdische verstehen Etwas von Eurer Magie, wenn auch nicht Alles. Ich habe es zwar nicht so weit gebracht, mich selbst verschwinden zu lassen, aber mit Andern bringe ich es doch schon fertig. Und ich verfahre dabei nicht so geheimnisvoll wie du. Wenn ich nächstens einmal meinen Zauberstab schwingen werde, so lade ich dich dazu ein. Ja, ich bin sogar sehr gern bereit, dich selbst verschwinden zu lassen. Zunächst aber haben wir uns morgen bei den Taki drüben zu treffen?«

»So wurde ausgemacht, und so hat es zu bleiben!«

»Und Freitag auf den Dschebel Adawa?«

»Auch da. Du natürlich als Aemir!«

»Den du aber nicht kennst?«

»Sei unbesorgt! Es liegt in meinem eigenen Interesse, keinen Menschen erfahren zu lassen, daß ich dich entlarvte.«

»Und diese Leute hier?«

»Sind verschwiegen!«

»So gehe ich jetzt!«

Er stand vom Steine auf.

»Meine Pistole!« gebot er, die Hand ausstreckend.

Der, welcher sie noch in der Hand hielt, gab sie ihm.

»Hier liegt meine Maske und dort meine Peitsche. Soll ein Kaiser sich bücken?«

Das klang so zwingend, daß man beide aufhob und ihm gab. Er steckte Larve und Waffe zu sich, hieb mit der Peitsche verächtlich hinter sich und sagte:

»Also nun los mit dem Hokuspokus! Hier und überall! Ich aber liebe den festen Weg zum Pferde. Wollen sehen, wer eher in den Sattel kommt, Ihr oder ich! Vergeßt aber nicht, die Lichter zu entfernen! Ihr seid ja Dunkelmänner. Und wenn auch nur der geringste Schimmer zurückbleibt, entdeckt man Euer Tun und Treiben und klopft Euch auf die Finger. Also macht es finster – finster – finster!«

Er schwippte noch einmal mit der Peitsche und ging.

»Nun schnell diese Tür wieder auf!« gebot der Scheik ul Islam. »Wir wollen ihm doch zeigen, daß wir noch eher bei den Pferden sind als er; ich sehe nach, ob er sich auch wirklich entfernt.«

Bei diesen Worten eilte er hinter dem Aemir her. Wir hörten unter uns dasselbe Steinschlürfen und sahen die drei Männer nicht mehr. Sie standen unter der Empore bei der Bundeslade. Da kam er wieder herein und berichtete:

»Er ist wirklich fort; ich sehe ihn schon nicht mehr. Merkt Euch hier Folgendes! Die Dschamikun werden natürlich glauben, daß wir von außen kommen. Demzufolge besetzen sie die Zugänge zu dem Tale. Wir aber dringen durch diesen Gang heimlich in die Ruinen, verbreiten uns da leise, bis alle beisammen sind, und fallen dann über sie her. Nun weg mit den Kerzen, und rasch fort durch den heiligen Stein! Wer weiß, wie Vielen er schon als letzte Ausflucht diente, wenn sich die Menschen hier von Zeit zu Zeit die Auserwählten Allahs nicht mehr gefallen lassen wollten!«

Es wurde dunkel; die Steine schliffen wieder, und dann war nichts mehr zu hören. Die Vorsicht gebot mir, noch zu warten.

»Effendi, es ist vorbei. Wollen wir nicht gehen?« fragte der Aschyk halblaut herüber.

»Nein« antwortete ich. »Der Aemir verhielt sich zuletzt derart, daß ich seine Rückkehr vermute. Also still!«

Es verging nach meiner Schätzung wohl über eine halbe Stunde, und schon griff ich in meine Tasche, um die Kerze herauszunehmen und anzubrennen. Da gab es draußen ein Geräusch. Man blieb dort stehen, um Licht zu machen, und kam dann herein. Es waren zwei Männer, beide mit unverhüllten Gesichtern. Der Eine war der Aemir. Der Andere trug das Licht. Wahrscheinlich war er der von dem Aemir ausgestellte Wächter, von dem gesprochen worden war. Er mußte das Vertrauen Ahrimans in hohem Grade besitzen und in Alles eingeweiht sein, weil der Letztere die Larve nicht wieder vorgenommen hatte, um sich unkenntlich zu machen.

»Zu denken, daß ich zurückkehren und nachforschen werde, dazu war der Kerl trotz seiner sonstigen Geriebenheit zu dumm!« fuhr der Aemir in dem jedenfalls draußen und unterwegs geführten Gespräch fort. »Ich entfernte mich gar nicht, sondern stellte mich einfach draußen hinter die Wasserbeckensäule, um welche ich nur langsam zu kreisen brauchte, als er nach vorn ging, um hinauszuschauen. Es genügte ihm, daß er mich nicht mehr sah. Da ging er wieder hinein. Ich folgte ihm bis an die Tür, wo ich alles sah und jedes Wort verstand.«

»So kennen wir also die Geheimnisse dieses alten Gemäuers doch noch nicht ganz genau!« meinte der Andere.

»Nein. Aber ich habe es mir auch nicht eingebildet, daß wir sie alle kennen. Diese Taki sind so voller Ränke und Schliche, daß man allwissend sein möchte, um hinter Alles zu kommen. Es ist nicht Zeit, ihr bisheriges Verhältnis zu diesen Ruinen zu erörtern. Heut gilt es nur, zu erfahren, was sie jetzt mit ihnen bezwecken. Da habe ich denn gehört, daß sie heimlich hereinbrechen wollen durch den Gang, welcher hier mündet. Das ist aber ganz gegen meine Verabredung mit dem Scheik ul Islam. Er will mich betrügen, mich, uns, Euch! Nach unserm Plane werden die Dschamikun mit einem Schlage und von allen Seiten überfallen, ohne daß sie vorher Etwas ahnen. Ich komme mit meinen Schatten von Osten. Sollte unsere Absicht durch irgend einen Zufall verraten werden, so besetzen sie die Pässe des Hasen und des Kuriers. Von dort drängen wir sie in den Duar zurück. Die Taki kommen von Nordwest und die Dinarun über die neue Zugbrücke am Tale des Sackes. So nehmen wir die Dschamikun von allen Seiten. So drängen wir sie rund um den See zusammen und treiben sie in das Wasser. Sie können der gänzlichen Vernichtung unmöglich entgehen. In Betreff der Ruinen aber habe ich extra die strenge Bedingung gestellt, daß sie von Niemand berührt werden dürfen, weil ich sie als unser Eigentum betrachte. Die Massaban, welche von den Dschamikun von hier vertrieben wurden, gehörten zu uns; sie sind mir untertan. Ich habe sie in ihr Eigentum zurückzuführen. Der Scheik ul Islam ist auf diese Bedingung eingegangen. Er hat mir zugesagt, daß keiner seiner Takikurden die Ruinen betreten werde. Vorhin nun stellte er aber, als ich ihn zur Offenheit zwang, plötzlich die Behauptung auf, daß der Taki-Orden diese Bauten errichtet habe und noch heut der Eigentümer ist. Er bezeichnete die Taki als die wirklichen Personen, uns aber als ihre Schatten, ihre Insekten, die für sie zu arbeiten und zu sammeln haben. Und als er glaubte, daß ich fort sei, sagte er zu seinen Begleitern, daß die Taki durch den Gang hier kommen würden, um die Ruinen zu besetzen. Wozu dieser heimliche Plan gegen meine Bedingung? Der Besitz der Ruinen ist ihm wichtiger als sein gegebenes Wort und der Sieg über alle Dschamikun. Sie, sie will er vor allen Dingen haben. Und zwar aus Angst, daß wir doch noch entdecken möchten, was wir bisher noch nicht gefunden haben. Das laß ich mir um keinen Preis gefallen! Besetzt er sie, besetze ich sie auch! Und tut er es geheim, so greife ich zu derselben Heimlichkeit und komme ihm dabei sogar zuvor. Verläßt er sich auf den geheimen Gang, so werden wohl auch wir die Mittel finden, noch eher da zu sein, als er mit seinen Leuten!«

»Stellt das nicht unser ganzes Werk in Frage, Aemir?«

»Wieso?«

»Muß es nicht infolge dieser gegenseitigen Eigenmächtigkeiten hier in den Ruinen zwischen dir und ihm zum blutigen Kampfe kommen? Wenn die Verbündeten in dieser Weise beginnen, sind die Dschamikun gerettet, und das ganze Land wartet vergeblich auf den Schlag, welcher den Schah entthronen soll!«

»Wie irrig! Du behauptest, mich zu kennen und traust mir doch noch Knabenstreiche zu! Ich sehe weiter als du. Ich habe das Naheliegende festzuhalten, um das Fernerliegende zu erreichen. In den Ruinen hier spielt nur die erste Episode. Die eigentliche Frage ist: Wer soll der Herrscher sein? Der Scheik ul Islam oder ich? Der Taki-Orden oder meine Schatten? Der Scheik hat mir frech in das Angesicht gesagt, daß ich nichts, als nur sein Geschöpf bedeuten werde. Ich schwieg dazu, doch stand es augenblicklich fest in mir, daß er mit diesem Wort sich selbst gerichtet habe. Er glaubt, mich fest in seiner Hand zu haben, und krümmt sich doch schon unter meiner Faust! Wie schnell gehorchte er doch meinen Zähnen, die ich ihm zeigte, um sein Inneres aus ihm herauszulocken! Die Krallen waren augenblicklich da! So läßt sich nur der Schwächling übertölpeln! Ich war dann um so ruhiger, je drohender er sprach!«

»Aber wenn du dich gleich anfangs mit ihm verfeindest, geht dir die Hilfe seines ganzen Ordens und Aller, die zu ihm halten, verloren!«

»Das glaube nicht! Nur darf die Feindschaft keine halbe sein. Sie darf nicht zögern, keine Ausflucht lassen. Sie muß sofort die Faust zusammendrücken, daß Alles kracht, was sich in ihr befindet! Wenn er mit seinen Taki hier erscheint, so fasse ich ihn stracks bei dem Genick und schüttle ihn wie eine tote Katze da unten über unserm Wasserloch. Ich sage dir, er wird um Gnade heulen und alles tun, was ich von ihm verlange!«

»Es aber dann nicht halten!«

»Nicht? Du denkst, ich lasse ihn so auf Versprechen frei? Daß ich ein solcher Tor, ein solcher Stümper wäre! Ich hänge ihn am glatten Felle auf, bis ich die lieben Seinen nicht mehr brauche, und werfe ihn dann immer noch ins Wasser! Doch sprechen wir hierüber späterhin. Ich halte dir hier eine lange Rede und sehe doch, daß unser Licht dabei nur kleiner wird!«

»Ich habe noch einige.«

»Dann gut! Schau dir diesen Stein an! Er scheint massiv zu sein, ist es aber nicht. Ich sah ihn offenstehen, und zwar nach innen. Leuchte nieder, daß wir ihn betrachten!«

Weder ich noch der Aschyk konnten sehen, was sie jetzt taten. Aber wir hörten ihre Worte, und das war genug.

»Hier diese Vorderseite hat ringsum an den Kanten ein Relief, fast wie ein Bilderrahmen,« sagte der Aemir. »Die eingefaßte Platte aber ist vollständig glatt. Es fehlt Alles, was auf Bewegbarkeit schließen läßt. Folglich ist es nur der einfache Druck, dem sie gehorchen wird. Versuchen wir es!«

Wir hörten ein lautes Atmen, wie wenn sich Jemand anstrengt, und dann das schon bekannte Schleifen der Steine.

»Sie weicht!« rief der Aemir. »So, jetzt ist sie völlig offen! Der Gang kann nicht unbequem sein, denn als ich jenseits an den Bach kam, wo mein Pferd bei den ihrigen stand, waren alle vier schon da, und der Scheik ul Islam höhnte mich damit, daß ich ihn immerhin verschwinden lassen möge; er werde sicher ebenso schnell wieder erscheinen wie jetzt. Krieche hinein, und untersuche die Innenseite!«

Der Andere tat es. Wir hörten seine dumpfe Stimme:

»Hier hat die Platte eine Handhabe.«

»Das konnte man sich denken. Und der Gang? Ist er niedrig?«

»Warte!«

Er hatte, wie wir am Schatten sahen, das Licht mit hineingenommen und untersuchte. Dann kam er wieder an die Oeffnung und berichtete:

»Nur drei Schritte niedrig, dann aber gleich ziemlich hoch, höher als ein Mann. Das scheint ein natürlicher Innenriß des Berges zu sein, dessen Mündung man vermauerte, um ihn zu diesen Heimlichkeiten auszunützen.«

»Und die Luft?«

»Wie es scheint, besser als drin bei dir.«

»So geh zurück; ich komme!«

Ein leises Rascheln, hierauf das Schlürfen der Platte, welche zugeschoben wurde, dann war es wieder finster und still im Allerheiligsten. Ich wartete diesmal nur kurze Zeit; dann machte ich Licht.

»Jetzt fort?« fragte der Aschyk.

»Ja.«

»Nicht warten, bis sie fertig sind, und dann den Gang auch untersuchen?«

»Nein. Wer weiß, was sie alles noch tun und wann sie wiederkommen. Ich halte diese Luft hier nicht mehr aus. Ich muß hinaus!«

Wir stiegen hinab und löschten das Licht aus. Er nahm seine Leiterstange; wir gingen. Draußen blieb ich stehen und holte mit Wonne Atem. Die Luft da drin im einstigen Heiligtum war nichts als Gift gewesen! Noch war der Mond nicht hinter dem Berg verschwunden. Die Ruinen lagen in seinem gelblich silbernen Glanze. Ein Lauscher war nicht zu sehen. Wir gingen nach dem Steinbruche, wo wir uns zu trennen hatten, blieben aber noch einige Minuten im Schatten beieinander stehen.

»Ehe ich den Scheik ul Islam durchschaute, mußte ich Dich für einen Sill halten,« sagte ich. »Was aber bist du nun?«

»Weder Sill noch Taki. Mein Wunsch aber ist, ein Dschamiki werden zu dürfen.«

»Fürchtest du nicht den Leumund, wenn man erfährt, was du gewesen bist?«

»Was man verachtet, kann man doch nicht fürchten! Gute Menschen verzeihen; was die Andern tun, kommt nicht in Betracht. Sobald Ihr mich hier nicht mehr braucht, werde ich mich bei der Behörde zur Strafe melden, der ich mich durch die Flucht entzogen habe. Ist sie verbüßt, so kehre ich als neuer Mensch zurück. Vielleicht nimmt mich dann der Ustad auf!«

»Ist das dein Ernst, dein wirklicher Ernst?« fragte ich.

»Ja, Effendi. Ich habe es mir reiflich überlegt. Ich bin dazu entschlossen und tue es unbedingt.«

»Aber bedenke! Es stehen dir mehrere Jahre Gefängnis bevor, schweres, bitteres Gefängnis! Du kannst das sehr leicht vermeiden, indem du dich einfach nicht meldest. Es sucht ja kein Richter und keine Polizei mehr nach dir. Das Gesetz hat dich also aufgegeben. Und hier, wo du dich befindest, ist dein Name unbekannt. So laß ihn doch gestorben sein, und nimm einen andern an! Dann bist du auch ein anderer Mensch, und deine Vergangenheit ist vollständig vergessen!«

Es versteht sich ganz von selbst, daß ich das nur sagte, um ihn zu prüfen. Er schüttelte den Kopf und antwortete:

»Ich kann nicht glauben, daß deine Worte wirklich so gemeint sind, wie sie klingen. Ich muß mich ausliefern; ich muß, ich muß, ich muß! Noch bis vor wenigen Tagen hätte ich diesen Gedanken freilich für Wahnsinn gehalten, für die blödeste Albernheit, die es nur geben kann. Aber da unten, neben dem Gerippe, in der schrecklichsten aller Finsternisse, in der innerlich laut heulenden tiefen Stille, die äußerlich um mich lag, an der zwar nur leise, leise, aber umso entsetzlicher in sich knirschenden Säule, die von Augenblick zu Augenblick über mir einzustürzen und mich zu zerschmettern drohte, ist mir das rechte, wahre Licht hierüber aufgegangen. Ich will und will und will die Strafe haben, um mit mir selbst, mit meinem Gewissen quitt zu werden. Indem ich ihr entgehen wollte, habe ich mir eine noch viel fürchterlichere auferlegt. Ich flüchtete mich doch nur aus dem einen in das andere Gefängnis, in die Gefangenschaft des Bösen. Und was das heißt, und welche Qualen das bringt, davon hast du keine, keine, keine Ahnung, Effendi!«

Er bewegte den tief gesenkten Kopf schwer und langsam hin und her und fuhr dann fort:

»Der Scheik ul Islam versprach mir, sich für meine Begnadigung zu verwenden. Dieser Tor! Wie unverzeihlich dumm ist er doch in Beziehung auf die Menschenseele, er, der doch behauptet, daß ihm tausende von Seelen von Allah anvertraut worden seien! Oder war es nicht Dummheit, sondern gewissenslose Hinterlist? Neue Verbrechen zu den alten fügen, um Gnade zu erlangen! Dann wäre mir zwar die äußere Strafe erlassen worden, aber die zur Gigantin erwachsene Schuld in mir hätte nur um so lauter nach Rache, nach Vergeltung aufgebrüllt! Aeußerlich gerettet, innerlich aber für immer verloren, so hätte es mit mir gestanden! Ja, ich weiß es, und ich fühle es: die Gnade ist der Sühne gleich, der vollständigen Sühne. Sie hat vielleicht sogar noch größere Macht als diese Sühne; aber es ist ganz unmöglich, daß sie auf bösem Wege zu uns niederkommen kann. Wenn mir der Scheik ul Islam heut, jetzt, die Erlassung meiner Sünden und meiner Strafe brächte, ich würde sie nicht annehmen!«

»Wirklich nicht?«

»Nein; denn eine Gnade aus solcher Hand wäre nichts als Spiegelfechterei, die mich um mich selbst betrügen würde!«

»So sag, was würdest du wohl tun, wenn ein Anderer sie dir brächte? Nicht auf bösem, sondern auf gutem Wege?«

»Ein Anderer? Wer könnte das wohl sein?«

»Das weißt du nicht?«

»Nein!«

»Weil man dir weisgemacht hat, daß die Gnade nur durch ein Vermittelungsgeschäft zwischen dir und dem Schah-in-Schah zu erlangen sei! Es kann sie dir nur Einer bringen, ein Einziger, und der bist du selbst! Bleib nur nicht stehen! Geh auf dem Wege weiter, den du jetzt beschritten hast! Er ist gut, und die Augen des Schah-in-Schah sind scharf. Es bedarf keines Menschen, der sich mit seinem erlogenen Einflusse auf den Schah vor dir und Andern brüstet. Ich sage dir vielmehr, und du kannst es mir glauben, denn ich bin wohlunterrichtet: Der Herrscher kennt den Scheik ul Islam ganz genau. Die Fürbitte grad dieses Mannes wäre nicht etwa zu deinem Heile, sondern zu deinem Verderben ausgefallen. Sie hätte dich als sein Geschöpf bezeichnet und damit nur bewiesen, daß du der Gnade gar nicht würdig seist.«

Er senkte den Kopf noch tiefer als vorher. Dann hob er ihn mit einem schnellen, energischen Ruck empor und sagte:

»Also so steht es, so, so, so! Wohlan, Effendi, ich gehe diesen neuen, guten Weg! Ich gehe ihn selbst! Ich lasse mich nicht führen! Von keinem Menschen, auch nicht von dir! Allah will das Gute, nur das Gute, und er gibt jedem Menschen die nötige Kraft, es zu tun. Ich will doch sehen, ob er nicht auch mir diese Kraft verliehen hat, es zu vollbringen, ohne daß ich sie mir von Andern zu leihen und zu borgen brauche! Er sei mein Schutz und meine Hilfe, er allein, in Zeit und Ewigkeit!«

Er schluchzte. Da konnte ich mich nicht halten; ich legte ihm die Hände an beide Wangen und sprach:

»Das ist das einzig Richtige! Laß es dir nicht wieder nehmen; von keinem, keinem Menschen! Es wächst jetzt eine Säule in dir auf, in der es nie und nie so knirschen wird wie in der andern unten in dem Wasser. In ihr liegt Gottesstärke. Vertraue ihr und ihm!«

Ich ging.

»Gottesstärke –!« erklang es hinter mir. »Das war sie – das ist sie – schon jetzt, schon jetzt – die Gnade!«

Auf dem Nachhauseweg war mir nicht wohl. Ich hatte das Gefühl des Schwindels, und meine Lunge war nicht mit mir einverstanden. Meine Beine schienen Kraft verloren zu haben, obgleich ich die ganze Zeit über doch nur gesessen hatte. Ich dachte darum an nichts, als nur daran, mich schnell niederzulegen, und freute mich, als dies geschehen war, über die gute, reine Luft, welche durch Türen und Fenster freien Zutritt hatte. Aber ich konnte nicht einschlafen. Der Grund lag wohl weniger in dem, was ich gesehen und gehört hatte, denn das konnte mich nicht beunruhigen, sondern die Ursache war eine körperliche, keine geistige. Und als der Schlaf dann erst gegen Morgen kam, war er kein ruhiger und erquickender. Ich wachte von Zeit zu Zeit immer wieder auf, und weil das quälender als das Wachen war, so zog ich es vor, das Lager zu verlassen.

Als ich hierauf den Weg nach dem Brunnen hinunterstieg, fühlte ich ein wirkliches, ausgesprochenes Unwohlsein. Da traf ich Schakara. Ich sah, daß sie bei meinem Anblicke erschrak.

»Was ist mit dir, Effendi?« fragte sie hastig. »Dein Gesicht ist ganz graugelb, und deine Augen liegen tief. Du bist krank!«

»Ich war heut Nacht mehrere Stunden lang drüben im Allerheiligsten,« antwortete ich. »Das scheint mir nicht gut bekommen zu sein.«

»Mehrere Stunden lang? Im Allerheiligsten?« rief sie aus. »Diese Luft hält kein Gesunder aus, viel weniger ein Genesender! Du kannst dir sehr leicht einen Rückfall in den Typhus geholt haben, und dann, dann ist es nicht möglich, dich zu retten! Komm, wir müssen sofort zum Ustad!«

Sie führte mich hinauf zu ihm. Er hatte mein spätes Heimkommen gehört und darum auch schon Sorge gehabt. Schakara brauchte ihm gar nicht zu sagen, weshalb wir zu ihm kamen; mein Aussehen schien sprechend genug zu sein. Auch er zeigte sich, sobald wir eintraten, sofort über dasselbe bestürzt. Ich mußte mich hinsetzen und erzählen. Als ich mit meinem Berichte zu Ende war, sagte er sehr ernst:

»Effendi, was du gehört und gesehen hast, beunruhigt mich nicht im Geringsten, aber daß du gezwungen gewesen bist, die krankheitsschwangere Atmosphäre des Sacrosanctum einzuatmen, das kann Folgen nach sich ziehen, denen wir sofort vorzubeugen haben. Dein Blut ist bereits wieder mit Stoffen geschwängert, welche unbedingt entfernt werden müssen. Zum Glück ist Alles vorhanden, was wir dazu brauchen. Ich bitte dich, mich wieder als deinen Arzt zu betrachten! Denke von jetzt an nur an dich selbst, an deine Genesung; alles Andere schlage dir aus dem Sinn! Das bist du dir, mir und uns Allen schuldig!«

»Aber der Aschyk? Mein Syrr? Der verborgene Gang, welcher untersucht werden muß?« warf ich ein.

»Das ist es eben, woran du jetzt nicht denken sollst!« antwortete er. »Ich gebe dir die Versicherung, daß du dich nicht zu sorgen brauchst. Habe ich während meiner Abwesenheit dir vertraut, so vertraue du nun auch mir!«

Er hatte Recht, und so ließ ich denn mit mir machen, was er für geboten hielt. Er verordnete zunächst ein Bad, so heiß wie möglich. Während desselben hatte man mein Lager heraus auf die Plattform geschafft, damit ich nur die beste Luft atmen möge. Ein Leinendach war angebracht worden, um Schatten zu geben. Der für seine Muttersprache begeisterte Germane nennt so ein Dach »Marquise«. Dort legte ich mich nieder und trank einen Tee, welcher alle Poren öffnete und mir aber dafür die Augen schloß. Ich schlief ein.

Als ich erwachte, war es Nacht. Veilchen dufteten, drüben an der Balustrade saß Schakara, vom Monde hell beleuchtet. Ich sah, daß sie die Augen auf mich gerichtet hielt.

»Dschanneh, wo sind die Veilchen her?« fragte ich. »Im Garten und auf der Weide blühen sie nicht mehr.«

»Ich ließ sie von hoch oben holen,« antwortete sie.

»Jenseits des Alabasterzeltes hören sie gar nicht auf, zu blühen und zu duften. Du hast sehr gut geschlafen und sehr regelmäßig geatmet. Nun sag, kannst du klar und deutlich denken? Oder macht es dir Mühe, Gedanken zu fassen und festzuhalten?«

»Gar keine Mühe! Es liegt Alles bestimmt und scharf vor meinem Geiste. Ich könnte dir ohne die geringste Anstrengung jedes einzelne Wort wiederholen, welches drüben im Allerheiligsten gesprochen worden ist.«

»Das ist gut, sehr gut! Deinem geistigen Körper sind die Ansteckungsstoffe also fern geblieben, und aus dem leiblichen werden wir sie schnell wieder herausbekommen.«

»So ist also wohl kein Rückfall zu befürchten?«

»Da es so steht, nicht. Der Ustad ist derselben Meinung wie ich. Er war öfters hier; erst wieder vor einigen Minuten.«

»Nun aber schläft er wohl?«

»Schlafen? Was nennst du Schlaf, Effendi? Ich schlafe wohl auch, indem ich hier bei dir wache; aber so oft du die Augen öffnest, wirst du die meinen auch offen sehen. Du nennst mich ja Dschanneh!«

Das waren so tiefe Worte! Sie sagten so viel über Leib und Geist und Seele. Ich dachte über sie nach und schloß dabei die Augen. Da rauschte Schakara’s Gewand. Sie war aufgestanden, kam zu mir her, legte mir die Hand auf die Stirn und sagte:

»Ich fühle, daß mein Bruder denkt. Er will den Sinn ergründen, der in meinen Worten liegt. Das ist aber nicht möglich, weil er noch so viele Stufen zu steigen hat, bis er dahin kommt, wo er mich verstehen kann. Und, weißt du, vergebliches Bemühen des Geistes bereitet der Seele Schmerzen. Darum zog es mich von dort auf und zu dir her. Bitte, denke nicht mehr darüber nach! Wir gehen ja, sobald hier Alles vollendet ist, hinauf zu unserer Marah Durimeh! Das sind die Stufen, die du zu steigen hast. Sind wir oben, so wirst du sie und mich und dann wohl auch dich selbst begreifen. Jetzt schlaf – schlaf wieder ein! Dschanneh will es; du wirst es also tun!«

Ich verstand jedes ihrer Worte, war also vollständig wach. Ich fühlte, daß von ihrer Hand ein süßer Friede, eine selige Ruhe auf meine Stirn herüberfloß und sich von da aus über mein ganzes Wesen breitete, und wenn man das so deutlich, so scharf beobachtend empfindet, so kann man doch wohl nicht schon eingeschlafen sein! Und aber doch und doch – denn ich führte meine Hand zur Stirn, um sie auf die ihrige zu legen und ihr zu danken, da sagte sie:

»Effendi, ich berührte dich, um dich zu wecken. Es nahen uns Gäste, die du vielleicht gern kommen sehen möchtest.«

Die Augen wieder aufschlagend, sah ich sie im hellsten Sonnenlichte vor mir stehen. Es war fast Mittagszeit!

»Du staunst?« fragte sie, schalkhaft lächelnd. »Du wirst dich wohl noch öfters wundern, bis du weißt, was Dschanneh ist und was sie kann! Agha Sibil ist mit seiner Familie angekommen und hat schon begonnen, sein Zelt zu errichten. Und vor einigen Minuten berichtete ein Bote aus dem Grenzduar, daß deine Bagdader Freunde dort übernachtet haben und gegen Mittag hier sein werden. Wenn du sie sehen willst, darfst du aufstehen, doch nur für ein Stündchen, und ohne hinunter zu gehen oder sie heraufkommen zu lassen.«

»Kennt Agha Sibil die Zeit ihrer Ankunft?«

»Nein, wir verschwiegen es ihm. Er wird zwar in seinem Zelte wohnen, ist aber für heute Mittag unser Gast. Wir richten es so ein, daß ihn sein Schwiegersohn hier in der Halle beim Essen überrascht.«

»So stehe ich freilich auf und mache es wie Hadschi Halef, der sich jedenfalls auch ganz vorn aufs Dach postieren wird, um unseren „früheren Bimbaschi und jetzigen Mir Alai“ zu begrüßen.«

»Und ob er das tun wird!« antwortete sie heiter. »Er sitzt wohl schon jetzt bereit, denn Hanneh war im Hofe, als der Bote kam, und hat es ihm sofort berichtet. Der Ustad ist mit Dschafar Mirza dem Mir Alai entgegengeritten. Errätst du, auf welchem Pferde?«

»Auf der Sahm?«

»Nein, sondern auf dem Assil Ben Rih.«

»Wirklich, wirklich?« fragte ich, nicht verwundert und nicht erstaunt, aber außerordentlich erfreut.

»Ja; er hat den Rappen gleich schon gestern vorgenommen, als du hier oben eingeschlafen warst. Er muß sich doch für den Fall vorbereiten, daß du auf jede Teilnahme am Rennen zu verzichten hast, und grad auf Assil sind Hoffnungen gesetzt, die wir nicht täuschen dürfen. Jetzt gehe ich hinab, um dir dein Frühstück zu bereiten und Syrr für dich mit Aepfeln zu erfreuen.«

»Syrr! Daß ich nicht zu ihm hinunterdarf!«

»Sorge dich nicht um ihn. Er steht in meiner ganz besonderen Pflege und – er denkt an dich.«

Ich lächelte. Da fuhr sie fort:

»Er war während des gestrigen Tages unruhig, weil er dich nicht zu sehen bekam. Am Abend wollte er sich nicht niederlegen. Da holte ich deine Kamelhaardecke, unter welcher du so oft geschlafen hast. Ich hielt sie ihm zusammengefaltet vor die Nüstern. Da schnaubte er froh und leckte mir dankbar die Hand; hierauf tat ich sie auf den Boden, doch ohne sie auszubreiten. Da ließ er sich sogleich nieder und legte den Kopf auf sie. Als ich heute früh wiederkam, lag er noch ebenso und hatte aber den Kopf bis an die Augen in die Decke hineingewühlt. Und schau hierher!«

Sie ging dorthin, wo meine arabische Jacke lag, und zog drei Aepfel aus jedem Aermel.

»Die bringe ich ihm jetzt hinab,« sagte sie. »Das habe ich gestern zweimal und heut auch schon einmal getan. Diese frißt er; aber andere mag er nicht, auch wenn sie von demselben Baume sind. Nun wirst du glauben, daß er dich nicht vergessen hat.«

Sie ging. Als sie fort war, stand ich auf. Da sah ich denn, daß man unten am See sehr fleißig gewesen war. Man hatte am Fuße des nördlichen Berges die für uns bestimmte Tribüne vollständig fertiggestellt. In ihrer Nähe wurde jetzt das große Verkaufszelt Agha Sibils errichtet. Auf den höchsten Punkten der umliegenden Gebirgszüge waren Leute beschäftigt, mächtige Holzstöße für die geplante Höhenbeleuchtung aufzuhäufen. Auch an tiefer liegenden, aber hervorragenden Punkten wurde das Gleiche getan. Um den See kreisten die verschiedensten Reittiere in lebhaftester Uebung. Kamele trugen Holzscheite zum Beit-i-Chodeh hinauf, denn auch der Tempelplatz sollte erleuchtet werden. Was ich von meinem Dache aus nicht sehen konnte, schloß ich aus dem Umstande, daß ich viele auch mit Brennstoff beladene Maultiere und Esel auf dem steilen Pfade nach dem Alabasterzelte erblickte: Dort sollten ebenfalls die Festesflammen lodern.

Ein Teil der Tribüne war jetzt von der Dschemma besetzt, welche sich unter dem Vorsitze des Pedehr in einer, wie es schien, sehr wichtigen Beratung befand. Vor ihr hielten wohl über zwanzig mir unbekannte, sehr wohlbewaffnete Männer, welche von ihren Pferden gestiegen waren und dem Chodj-y-Dschuna zuhörten, der eifrig zu ihnen sprach. Das waren die Anführer der verschiedenen, nicht seßhaften Abteilungen des Dschamikun, die von unserm »Kriegsminister« ihre Instruktion entgegennahmen. Zu meiner Genugtuung bemerkte ich dort auch den Scheik der Kalhuran, der also nun genesen war und sich wieder an die Spitze seiner mit uns verbündeten Krieger stellen konnte.

Grad unter mir erschien jetzt Schakara, welche nach dem Weideplatze ging, um Syrr die Aepfel zu bringen. Er nahm einen nach dem andern, langsam und prüfend, nachdem er jeden vorher erst berochen hatte. Sie schaute zu mir herauf und nickte mir zu. Als der letzte verzehrt worden war, faßte sie den Kopf des Glanzrappen und richtete ihn so, daß er nach oben, herauf zu mir sehen mußte. Ich hatte die Jacke angezogen und den Fez aufgesetzt. Um den Blick des Pferdes auf mich zu lenken, bewegte ich die Arme. Syrr sah es; er stutzte. Seine Ohren begannen zu spielen; der prächtige Schweif wurde gehoben. So stand er eine kleine Weile prüfend still; dann schob er die Vorderbeine breit auseinander und schmetterte mir ein so frohes Wiehern herauf, daß gar nicht daran zu zweifeln war: er hatte mich erkannt. Aber hiermit war es noch nicht genug; er jubelte wieder und wieder, so daß ich mich gezwungen fühlte, zurückzutreten und mich seinem Auge zu entziehen, damit seine weithin schallende Stimme nicht die Aufmerksamkeit Unberufener auf ihn lenken möge.

Während ich dann frühstückte, richtete Schakara mir einen so hohen Sitz her, daß ich über die Brüstung hinunter in den Hof sehen konnte, ohne stehen zu müssen. Hierauf ließ sie mich allein, weil ich es so wünschte. Der Mittag war nahe. Da kam Agha Sibil mit den Seinen. Sie wurden in die Halle gewiesen.

Nur kurze Zeit später bemerkte ich, daß im Duar eine Bewegung entstand, die sich südwärts richtete. Sie galt den Bagdader Gästen, welche nun eingetroffen waren. Der kleine Zug kam den Berg herauf und dann durch das Tor geritten. Voran der Ustad und der Mirza, in ihrer Mitte mein alter Freund, der Mir Alai. Hinter ihnen einige Packpferde mit den Effekten des Offiziers. Hierauf ein Kamel mit der größten Sänfte, welche man hatte auftreiben können. Sie war rundum verhangen. Wer nicht wußte, wer drin saß, mußte also denken, daß es sich um etwas »ewig Weibliches« handle. Hintendrein die Dschamikun, welche den Besuch geholt hatten.

Weil die Aufmerksamkeit des Agha Sibil nicht sofort auf die Ankömmlinge gelenkt werden sollte, war befohlen worden, ihr Eintreffen hier oben in aller Stille und möglichst unbeachtet geschehen zu lassen; aber die liebe Neugierde hatte trotzdem zwei Personen herbeigezogen, die sich den ersten Anblick der Erwarteten auf keinen Fall versagen wollten – Tifl und Pekala.

Als die ersten drei Reiter zum Tore hineinkamen, flog der scharfe Blick des Ustad zu mir herauf. Er sah mich. Ich winkte ihm schnell, den Polen nicht auf mich aufmerksam zu machen. Er nickte mir zu, daß er mich verstanden habe. Dann legte er beide Schenkel an, stemmte die Hände in die Seiten und ließ Assil in der prächtigsten Natnata el mutarid, die ich jemals gesehen habe, über den Hof hinüber und nach der Weide gehen, wo er abstieg. Er tat dies meinetwegen. Ich sollte sehen; daß Assil bei ihm gut aufgehoben sei. Wer eine so schwere Natnata in so meisterhafter Weise zu reiten vermag, dem kann man auch das kostbarste Pferd gern anvertrauen.

Dschafar Mirza und der Mir Alai stiegen ab. Der Erstere war unterrichtet. Er nahm den Letzteren bei der Hand und führte ihn nach der Halle, in welcher es gleich darauf sehr laut zu werden begann. Auch die begleitenden Dschamikun waren abgestiegen, um sich zunächst mit den Packpferden zu beschäftigen. Da rief ihnen Pekala zu:

»Und das Kamel laßt Ihr stehen? Man sieht doch, daß eine vornehme Harema drin sitzt! Soll diese Madama etwa warten, bis es Euch beliebt?«

Die Angeredeten lachten! Darum wendete sie sich an Tifl und sagte:

»Gib dem Kamele das Zeichen zum Niederknieen; du verstehst das besser als ich! Die Madama darf von keiner Männerhand berührt werden. Ich werde ihr also selbst heraushelfen.«

Tifl tat, wie ihm befohlen worden war; das Kamel gehorchte. Die hohe Sänfte bekam die drei bekannten, fürchterlichen Rucke; dann lag sie wieder still. In ihrem Inneren grunzte es. Pekala schob den Seitenvorhang auf, schaute hinein und meldete dann:

»Sie schläft. Aber ich muß sie wecken, sie mag es mir übelnehmen oder nicht.«

Sie griff hinein und zupfte am Gewande. Da bewegte es sich drin.

»Ich bitte dich, steig aus; du bist am Ziel!« rief sie hinein. »Du brauchst nur langsam herabzurutschen; ich helfe dir dabei!«

Indem sie das sagte, trat sie einen Schritt zurück und breitete die Arme weit aus, um ihr Versprechen wahr zu machen. Da ächzte es in der Sänfte; da stöhnte es; da murmelte es. Dann kamen zwei große, rote Pantoffel zum Vorscheine. Ein weites, faltenreiches Gewand wurde Falte um Falte herausgestopft. Man erkannte trotz dieser Falten die Umrisse von zwei Knieen. Hierauf wurde die Sache immer breiter und immer umfangreicher. Nun entwickelten sich mit Mühe und Not zwei Arme. Ueber ihnen erschien ein rotes, gelb befranstes Keffije, welches vorn nur um eine Lücke geöffnet war. In dieser Lücke gab es einen Mund und eine Nase; sonst sah man weiter nichts.

Jetzt war die »Madama« auf dem »toten Punkte« angekommen. Sie lag im vollsten Gleichgewicht mit dem Rücken auf der unteren Sänftenkante. Der nächste Augenblick hatte darüber zu entscheiden, ob sie herunterrutschen oder rücklings wieder hineinfallen werde. Da bat die Festjungfrau in ermunterndem Tone:

»Fasse Mut. Gieb dir nur noch den einen kleinen Ruck, dann sinkst du grad in meine Arme. Ich fange dich auf!«

Das half! Der »Ruck« stellte sich ein. Was von der Gestalt noch in der Sänfte steckte, das quoll vollends heraus. Die Sache kam in Schuß. Zuerst die Pantoffel, doch allerdings separat. Dann tat es einen gewichtigen Plumps. Die Masse stand auf den nackten Füßen, genau zwischen den beiden Pantoffeln. Sie wankte hin und her, ungewiß, nach welcher Seite sie sich zu neigen habe. Die Arme streckten sich aus, um sich irgendwo festzuhalten. Da trat Pekala schnell wieder näher, und im nächsten Augenblicke hielten sich Beide innig umschlungen, so fest und so lange, als ob sie nie, nie wieder von einander lassen dürften. Erst nach einer Weile klang es aus der Umarmung heraus:

»Wie glücklich bin ich, daß du gekommen bist! Niemand soll dich mir wieder nehmen! Komm mit mir, du Liebling meiner Seele! Ich führe dich in meine Küche!«

»Küche – Küche – Küche?!« fragte es da schnell und dreimal hinter einander.

»Ja. Beeile dich, sonst nimmt man dich mir weg!«

»Mich? Dir? Niemals, niemals, niemals! Komm schnell; ich habe Hunger – Hunger – Hunger!«

Die Umarmung ging nur halb auseinander. Die Hände hielten wie unzertrennlich zusammen. So schritten beide, eng aneinander geschmiegt, die eine Gestalt strahlend vor Wonne und Glück, die andere unter dem Keffije hustend und pustend, in seliger Eintracht über den Hof hinüber, um in der Sphäre zu verschwinden, der sie mit Leib und Seele angehörten. Ich aber lächelte ihnen mit innigster Befriedigung nach. Wer seinen Lebenszweck im niedern Stoffe sucht, den läßt man gern in diesem Stoff verschwinden!

Tifl stand da und schaute die Pantoffel an. Sie lagen noch da, weil Kepek, der Dicke, vor Freude über das Wort »Küche« gleich barfuß fortgelaufen war. Das »Kind« machte ein höchst bedenkliches Gesicht und kratzte sich unter der Spinnenmütze. Er war mit irgend Etwas nicht einverstanden, aber womit, das sagte er den Pantoffeln nicht. Er hob sie schließlich auf, betrachtete sie hin und her, warf sie wieder hin, hob sie abermals auf, schüttelte den Sand heraus und trug sie dann langsamen Schrittes nach der Küche, den einen in der rechten und den anderen in der linken Hand, beide aber nur mit den äußersten Fingerspitzen festhaltend.

Da kam der Ustad durch den Garten.

»Wie geht es dir?« fragte er zu mir herauf.

»Gut, sagte Schakara,« antwortete ich.

»So darf ich ruhig nach der Halle gehen?«

»Ganz unbesorgt. Widme dich deinen Pflichten und deinen Gästen. An mich soll man nicht denken, doch grüße den Mir Alai von mir!«

Hierauf sah ich Schakara nach der Weide gehen. Sie fütterte den Syrr und dann auch den Assil Ben Rih, nachdem sie ihm das Reitzeug abgenommen hatte.

Einige Zeit später erschienen vier fremde Reiter auf dem Hofe, welche nach dem Ustad fragten. Sie waren Dinarun, wie ich nachher erfuhr. Ihr Scheik Ben Hidr befand sich selbst dabei. Sie waren unten im Duar von dem Pedehr als vermutliche Feinde sehr kurz behandelt und herauf an den Ustad gewiesen worden. Darum stiegen sie gar nicht ab, als dieser aus der Halle trat, und Ben Hidr rief ihm in beinahe verletzender Weise die Meldung zu, daß sie gekommen seien, ihre Teilnahme am Wettrennen anzusagen, weiter nichts! Jeder Andere als der Ustad hätte sie nun in ganz derselben Weise sofort entlassen. Dieser aber war menschenfreundlich und klug genug, sich zu beherrschen. Er ging auf sie zu, reichte ihnen die Hand und lud sie ein, mit hinauf in seine Wohnung zu kommen. Das überraschte sie. Sie sahen einander fragend an und sprangen dann doch von ihren Pferden, um ihm zu folgen.

Sie waren wohl zwei Stunden lang bei ihm in seinem Zimmer. Auf den Balkon führte er sie nicht, weil sie Syrr nicht sehen sollten. Ich hatte mich inzwischen wieder niedergelegt und hörte ihre Stimmen unter mir, konnte aber nicht verstehen, was gesprochen wurde. Als sie sich entfernt hatten, kam er herauf zu mir und sagte mir, wer diese Leute gewesen seien und was er mit ihnen verhandelt habe.

»Das sind die sogenannten Klugen,« fügte er hinzu. »Sie lächeln nach beiden Seiten und sagen einstweilen zu Allem „Ja“, um abzuwarten, nach welcher Seite sich der Zeiger neigen werde. Dann aber sind sie die Schlimmsten, die Unerbittlichsten, die keine Schonung kennen. Ich bin überzeugt, daß sie unsern Feinden ihre Hilfe zugesagt haben, und daß sie aber dennoch heut zu uns kamen, um nachzuschauen, ob es nicht vielleicht doch geraten sei, sich den Weg zum Rückzuge offen zu halten. Ich habe sie bedient, wie man so unsichere Kantonisten zu bedienen hat: Kein Wort zu wenig, aber auch keins zu viel. Sie werden sich zum Rennen einstellen; ob sie sich aber dann auch beteiligen, steht noch in Frage. Erst waren sie zornig über den Empfang, den sie im Duar gefunden hatten; dann wurden sie immer freundlicher und zutraulicher, um von mir so viel wie möglich zu erfahren, was ihnen aber natürlich nicht gelang, und zuletzt bot mir Ben Hidr die Hilfe seines ganzen Stammes an, die ich aber sehr höflich ablehnte, weil ich an die Feinde, von denen er gesprochen habe, unmöglich glauben könne. Noch am Schlusse behauptete ich mit aller Bestimmtheit, daß es ganz gewiß keinen einzigen Menschen gebe, der die Absicht habe, uns hier zu belästigen oder gar zu überfallen. So sind sie also in der festen Ueberzeugung fortgeritten, daß wir von der Gefahr, die sich in diesen Tagen um uns zusammenziehen soll, nicht das Geringste ahnen. Aber ich habe ihnen die goldene Karte des Schah-in-Schah gezeigt und sie dann noch viel Wichtigeres ahnen lassen. Nun haben sie Angst!«

Wir unterhielten uns noch einige Zeit, besonders über Assil Ben Rih, für den er ganz begeistert war. Dann kam Schakara, um mir die Grüße des Mir Alai zu bringen. Er ließ mir sagen, er sehe nun ein, daß es nichts Herrlicheres gebe als so einen Glauben und so ein unerschütterliches Gottvertrauen, dem nichts auf Erden widerstehen könne.

Sehr erfreulich war es mir, daß der Ustad sich über mein Befinden höchst befriedigend äußerte, doch behauptete er, mich erst Freitag, also übermorgen, aus seiner Behandlung entlassen zu können. Ich hatte mich zu fügen und tat es gern.

Als es dunkel werden wollte, nahm ich mein Abendessen ein und sank dann dem auch in Kurdistan und Persien sehr wohlbekannten Morpheus in die Arme. Er hielt mich möglichst fest, konnte es aber doch nicht verhindern, daß ich, grad wie gestern in der Nacht einmal für kurze Zeit erwachte. Das geschah auf eine ganz eigentümliche Weise. Ich träumte nämlich nicht, und doch war es, als flüstere mir Jemand leise in das Ohr, aber nicht in das äußere, sondern in das innere:

»Wache auf! Ich komme nur für einige Augenblicke wieder, um dir Etwas zu zeigen, worüber du dich herzlich freuen wirst!«

Das hörte ich ganz deutlich. Da schlug ich die Augen auf. Die Sterne leuchteten hell. Ich schaute hinüber, wo Schakara gesessen hatte. Da kniete Einer im Gebete. Er hatte die gefalteten Hände auf die Ballustrade gelegt und das Gesicht emporgehoben. Ich erkannte ihn. Ich sah sogar, daß er die Lippen bewegte. Es war der Aschyk. Ich wußte genau, daß ich wach sei, und doch hörte ich die leise Stimme in meinem Ohre weitersprechen:

»Er betet für dich! Das ist der beste Dank, den wir in Euerm Erdenleben kennen. Schlaf wieder ein!«

Weiter vernahm ich nichts. Die Lider wurden mir plötzlich so schwer, daß sie niedersanken. Dann wußte ich nichts mehr, weder von mir noch von sonst Etwas. Man nennt das »Schlaf«. Das richtige Wort hierfür hat sich erst noch zu finden!

Dann war es, grad auch wie gestern, gegen Mittag, als ich wieder erwachte. Jetzt saß Schakara da. Sie sah mich an, nickte mir lächelnd zu und sagte:

»Noch eine solche Nacht, Effendi, dann ist die Gefahr vollständig überstanden.«

»Hast denn auch du dich ausgeruht?« fragte ich.

»Ich wollte nicht. Dschanneh wacht gern für dich. Ich saß schon hier. Da kam der Aschyk vom Glockenwege herüber. Er hatte Einiges für dich aufgeschrieben und wollte es dir in das Zimmer legen. Er bat so nachhaltig und so rührend, meine Stelle hier einnehmen zu dürfen, daß ich es ihm erlaubte. Bist du mir bös darüber?«

»O nein! Ich wachte auf und sah ihn beten. Dann schlief ich sogleich wieder ein.«

»Und ich kam gegen Morgen wieder, als er fort mußte. Da sagte er mir, daß er für dich gebetet habe. Es sei dann ein Gefühl des Glückes über ihn gekommen, wie fast noch nie in seinem ganzen Leben.«

»Wo ist das, was er für mich aufgeschrieben hat?«

»Ich trug es dem Ustad hinunter, weil du mit solchen Dingen jetzt noch nicht behelligt werden sollst. Horch! Was ist das für ein Rufen im Hofe? Es kommt Jemand, den man begrüßt.«

Sie stand auf und schaute hinab.

»Kara Ben Halef!« fuhr sie fort. »Aber der Reitknecht des Mirza ist nicht bei ihm, sondern ein Anderer. Man sieht ihm an, daß er kein Diener, sondern ein Herr ist, und zwar ein vornehmer. Kara ist stehend abgesprungen; das andere Hedschin aber muß sich legen, damit der Fremde bequem herunter kann. Jetzt kommt der Ustad. Er staunt, doch ist sein Erstaunen ein freudiges. Sie kennen einander. Ihre Begrüßung ist eine herzliche. Jetzt schaut der Ustad herauf. Er sieht mich. Er winkt, daß ich kommen soll. Ich muß also fort, Effendi, werde dir aber bald berichten.«

Sie ging. Es dauerte über eine Stunde, ehe sie wiederkam. Sie hatte dem neuen Gaste die im Wartturme unter Dschafars Wohnung liegenden Gemächer herrichten müssen. Nun sagte sie:

»Es ist ein Hauptmann der kaiserlichen Leibwache. Er besitzt das Vertrauen des Schah-in-Schah und wurde von ihm gesandt, um sich unter den Befehl des Ustad zu stellen. Es kommen hundert Mann der Leibgarde nach, lauter auserlesene Krieger, die hoch im Range stehen. Der Reitknecht des Mirza wird ihr Führer sein, weil er den Weg nun kennt. Kara ist sehr gut aufgenommen und auch mit einem Ehrenkleide beschenkt worden. Er hat ein eigenhändiges Schreiben an den Ustad mitgebracht und der Hauptmann ein ebensolches an Dschafar Mirza. Den Inhalt wird dir der Ustad selbst mitteilen. Jetzt speisen sie. Dann wird ein weiter Außenritt rund um das Tal gemacht, denn der Hauptmann will hinter den Bergen rekognoszieren, weil dies jetzt noch unbemerkt geschehen kann. Die Gegner sollen nämlich erst im letzten Augenblick erfahren, wer er ist und wozu er sich bei uns befindet. Der Ustad wird jetzt nicht zu dir kommen. Ich habe ihm Bericht über dein Befinden erstattet und soll dir sagen, daß du dich als genesen betrachten darfst. Doch hat er Gründe, zu wünschen, daß du noch für krank gehalten wirst. Er läßt dich also bitten, dich den Leuten so wenig wie möglich zu zeigen, bis er dich hier aufsucht und dir Alles sagt. Er gab mir eine große, starke Papierrolle mit, die ich dir herein auf den Tisch gelegt habe. Es sei, um dich zu beschäftigen, meinte er.«

Jawohl, es war eine Beschäftigung, und zwar was für eine! Als Schakara wieder gegangen und ich aufgestanden war, öffnete ich die Rolle, welche aus mehreren größeren und kleineren Blättern bestand. Das erste große Blatt war eine Federzeichnung, welche die jetzige westliche Seite des Sees darstellte, von der Mitte desselben aus gesehen. Unten der Duar, links der Weg nach dem Tale des Sackes und rechts der Pfad nach den Gebieten der Takikurden und der nördlichen Dschamikun. In der Mitte, am Berge aufsteigend, die Ruinen, trotzig, düster, verschwiegen, ohne eine Spur innern oder äußern Lebens. Südlich von ihnen das Haus des Ustad, auf hoher Gigantenmauer, den Stürmen ausgesetzt. Von ihm ausgehend der Glockenpfad hinauf zum Alabasterzelt. Indem ich dieses Blatt betrachtete, kam mir der Gedanke, es zeige viel zu viel und dennoch fehle Alles! Ich griff also zum zweiten.

Was sah ich da? Nicht mehr die massige Materie, sondern an ihrer Stelle das Geistige, das Seelische. Die Veränderung erstreckte sich nur auf die Ruinen, und doch hatte sie alles Fehlende gebracht. Die Hand des Menschen hatte dem Gestein eine andere Gestalt und mit ihr ein neues Leben gegeben. Da, wo jetzt der Landeplatz lag, führten hier sehr breite Stufen durch die geöffnete Mauer nach dem freien Platze, der durch den Wegfall der Etagen entstanden war. Rosen, viele Rosen, nichts als Rosen blühten hier, grad wie drüben vor dem Beit-y-Chodeh. Alle Wege, die es zwischen ihnen gab, führten nach einer gradezu imposanten, prächtigen Säulenhalle, zu deren Bau die sämtlichen Kolossalquader der Ruinen verwendet worden waren. Ich dachte an Baalbek, an den Kailafa von Ellora, an die aztekischen Teocalli; aber alle diese berühmten Bauten schienen von dieser einen Halle in den Schatten gestellt zu sein. Ihr Hintergrund bildete eine hohe, runde, dunkle Nische mit einem Riesenpostamente, welches jedenfalls bestimmt war, eine entsprechend große Figur zu tragen.

Die Halle trug kein eigentliches Dach, sondern, ähnlich wie die schwebenden Gärten der Semiramis, eine zweite, umfangreiche Blumenanlage, aus welcher zu meinen frohen Erstaunen ganz genau jenes kleine Dorfkirchlein emporstieg, dessen Bild in meiner Schlafstube hing, darunter die kindlich einfachen Worte:

»Kirchlein mein, Kirchlein klein,
Könnt so fromm wie du ich sein!
Deine Höhe zu erreichen,
Will ich dir an Demut gleichen.
Kirchlein mein, Kirchlein klein,
So wie du will stets ich sein!«

Man sollte denken, daß diese kirchliche Bescheidenheit sich auf so gigantischer Unterlage gradezu lächerlich habe ausnehmen müssen; das war aber keineswegs der Fall. Es schien mir vielmehr ganz im Gegenteile, als ob es gar nicht anders sein könne. Ein von Gottes Felsen getragenes Menschenwerk wird nur dann lächerlich, wenn es sich mit dem Anscheine brüstet, auch aus Gottes Felsen zu bestehen!

Das war die Mitte des Berges, von dessen Höhe, genau über der Spitze des Kirchturmes, das Alabasterzelt herniederschaute. Auf den beiden Flanken lagen in fruchttragenden Gärten zwei villenähnliche, freundlich blickende Häuser. Unter dem einen war das Wort »Pfarrhaus«, unter dem andern aber »Schulhaus« zu lesen.

Die übrigen Blätter enthielten die architektonischen Risse und Zeichnungen zu diesen drei Gebäuden. Sie interessierten mich dermaßen, daß ich mich sofort hinsetzte und sie zu studieren begann. Zu einer so klaren, liebevollen Beantwortung alter, düsterer Ruinenfragen kann man doch wohl keinen Augenblick lang gleichgültig sein! Ich ließ mich darum nur kurze Zeit durch das Essen stören und saß noch gegen Abend rechnend, messend und kalkulierend da, als der Pedehr kam, um, wie er sagte, mir etwas Wichtiges mitzuteilen.

Es war nämlich ein Bote dagewesen, welcher gemeldet hatte, daß der Scheik ul Islam und Ahriman Mirza gemeinschaftlich und in höchster Eintracht mit einander den hochverdienten Ghulam el Multasim zum Ustad der Taki-Kurden ernannt hätten. Man gebe uns das zu wissen, weil er beim Rennen auch erscheinen werde und dieser seiner Würde entsprechend von uns zu empfangen und zu behandeln sei. Unser Ustad war von seinem Ritte noch nicht heimgekehrt, und so hatte der Pedehr es für geboten erachtet, diese Neuigkeit herauf zu mir zu bringen. Ich sagte ihm:

»Das hat nicht die geringste Wichtigkeit für uns. Man mag diesen »Henker« zum Kaiser von China oder gar zum Dalai Lama ernennen, so ist es uns doch im höchsten Grade gleichgültig. Er kann dem Schicksale, welches er sich selbst bereitet hat, durch keine Spiegelfechterei entgehen. Er griff zum Messer, um mich zu vernichten. Womit man sündigt, damit wird man bestraft. Wir haben es noch hier, unten in der Rumpelkammer. Warten wir ruhig ab, was geschieht!«

Da ging er wieder. Hätte mich Jemand gefragt, warum ich ihn grad mit diesem Bescheide gehen ließ, so wäre es mir wohl nicht gelungen, eine zufriedenstellende Erklärung abzugeben. Es soll vorkommen, daß der Mensch grad dann am klarsten spricht, wenn er sich selbst ein Rätsel ist!

Bald darauf sah ich, daß der Ustad mit dem Hauptmann heimkehrte. Er ließ sich nach dem Abendessen für kurze Zeit bei mir sehen. Wir sprachen nur über den geplanten Kirchenbau; alles Andere wurde vermieden. Doch bevor er ging, sah er mir lächelnd in das Gesicht und sagte:

»Ich belästige dich nicht mit Dingen, die ich verpflichtet bin, auf mich selbst zu nehmen. Du sollst nicht Arbeiter sein bei mir, sondern mein lieber, hochwillkommener Gast, den ich nur dann mit der Bitte um Hilfe belästige, wenn ich sie nötig habe. Die geistige Gastfreundschaft hat genau dieselben Rücksichten zu nehmen wie die materielle. Ich weiß, daß du verstehst, was ich meine, und bin deiner Approbation gewiß!«

Da reichte ich ihm die Hand und antwortete:

»Du denkst da ebenso tief wie richtig. Du fragtest mich früher einmal, wer ich eigentlich sei; jetzt höre ich, daß du es weißt. Wollte man doch endlich einmal begreifen, daß der soi-disant Menschengeist kein Spezialblock ist, an dem die sogenannte Erziehung herummeißeln kann, wie es ihr beliebt! Wir sind mit einander verbunden und dennoch nicht nur Einer. Sobald du mich brauchst, bin ich du!«

Er sah mich an, sann einige Augenblicke nach, nickte dann und sprach:

»Sehr richtig! Du treibst doch immer und immer Psychologie! Bisher war ich mir ein Rätsel. Kamst du, um mich zu lösen?«

»Ein Jeder löse sich selbst! Er hat ja Augen und Ohren und um sich herum eine ganze, ganze Welt, die ihn über sich selbst belehren soll und kann! Jetzt, gute Nacht, mein Freund. Du hast außer mir noch andere Gäste, deren Hände gestalten helfen, was zu gestalten ist. Hoffentlich sind es nur gute!«

»Sie sind es. Mit den bösen rechnen wir in den nächsten Tagen ab. Du hörst, ich psychologiere nun auch!«

Soll ich nun wieder erzählen, daß und wie ich geschlafen habe? Es ist eigentlich eine Schande, von Tag zu Tag sagen zu müssen, daß man erst gegen Mittag aufgewacht sei; aber ich muß dieses Geständnis schon wieder machen, wünsche aber, zum letzten Male. Jedenfalls war mir dieses ausgiebige Schlafen sehr nötig gewesen; der Erfolg bewies es mir. Nun aber war es genug! Ich ging hinab, ohne erst um Erlaubnis zu fragen.

Zu wem? Natürlich zunächst zu Syrr, nach welchem ich mich förmlich sehnte. Wer aber kam da eiligen Schrittes gelaufen? Der Ustad!

»Willst du gleich wieder hinauf!« lachte er. »Schau dir die Welt von oben an! Unten darf man ja noch gar nicht wissen, wie gesund und energisch du bist!«

»Ja, richtig; daran hatte ich gar nicht gedacht! Aber arretiere mich nicht sofort, sondern erlaube mir, Syrr vorher einige Aepfel zu holen!«

»Das werde ich tun, und zwar bringe ich seine Lieblingssorte. Schakara hat sie mir verraten.«

Während er nach dem Garten ging, war es gradezu rührend für mich, zu sehen, wie der Glanzrappe sich darüber freute, daß ich wieder einmal bei ihm war. Er gab mir das nicht etwa in drolliger Weise zu erkennen, sondern so still, so ruhig, fast möchte ich sagen, so innig oder so herzlich, als ob es eine menschliche Anmaßung sei, daß Tiere absolut keine Seele haben sollen. Man pflegt ihnen höchstens sogenannte »psychische Funktionen« zu gestatten. Nun wohlan, die psychischen Funktionen meines Syrr waren ehrlich, aufrichtig und ohne eine Spur von Falschheit oder Verstellung. Hoffentlich ist das bei den Menschenseelen in entsprechend höherem Grade ebenso der Fall!

Als er wiederkam, reichte er Syrr einen der Aepfel hin. Das Pferd roch die Frucht gar nicht einmal an. Es legte die Ohren nach hinten und wich einige Schritte zurück. Der Ustad tat einen zweiten Apfel zu dem ersten und folgte nach. Syrr ging abermals rückwärts, und der Ustad avancierte wieder, ihm die Aepfel hinhaltend. Da drehte sich der Rappe um und hob den hintern Fuß, zum Zeichen, daß er sich nun wehren werde.

»Was? Schlagen will er mich!« verwunderte sich der Ustad. »Er ist also wirklich edler als Assil, der keinen Unterschied macht zwischen mir und dir!«

»Ja. Der höchste Adel zeigt sich eben darin, daß er distinguiert, nicht aber in den Fransen und Quasten, mit denen der Herr ihm Zaum und Sattel behängt. Teilen wir die Früchte zwischen beide Pferde!«

Wir taten es. Der Ustad gab Assil die eine Hälfte; die andere bekam Syrr von mir. Er nahm sie jetzt ohne Weigern, und ich liebkoste ihn dafür. Indem wir dann fortgingen, sagte der Ustad:

»So; nun gehst du wieder hinauf, doch nicht, ohne daß ich dich für deine Folgsamkeit belohnen werde. Du sollst dich am Tage so wenig wie möglich zeigen; aber heut Abend reiten wir im Dunkel mit Kara zusammen nach dem Dschebel Adawa, um zu versuchen, Etwas über die dortige Zusammenkunft zu erfahren. Ist dir das recht?«

»Sogar sehr, falls du glaubst, daß ich nicht zu schwach zu diesem Ritte bin.«

»Zu schwach?« fragte er lächelnd. »Nach einer so ausgiebigen Schlafmützigkeit? Uebrigens wird es interessant, auch wenn wir nichts Neues sehen und hören. Du reitest den Syrr, ich den Assil und Kara den Barkh. Das gibt heimwärts ein Vorrennen, welches uns zeigen wird, wie weit wir in unsern Berechnungen gehen dürfen.«

Ich war mit dem geplanten, abendlichen Ritte natürlich sehr gern einverstanden. Man wird sich erinnern, daß der Fürst der Schatten seine Päderan für heut um Mitternacht nach dem Dschebel Adawa, dem »Berge der Feindschaft«, bestellt hatte, um ihnen seine letzten Weisungen zu erteilen. Zwar kannten wir die Stelle nicht, an welcher diese Unterredung stattfinden sollte, doch bot uns der alte Hollunderbaum, in dem Kara die Agraffe gefunden hatte, einen Halt, den wir benutzen konnten. Als ich das dem Ustad jetzt sagte, antwortete er:

»Das ist ganz derselbe Gedanke, den auch ich verfolgen will. Ahriman Mirza wird kommen, um seine Agraffe abzuholen. Wenn wir uns vorher dort verstecken und ihm dann heimlich nachschleichen, wird er unser Führer sein, ohne es zu ahnen.«

»Aber die Gefahr, in welche wir uns begeben?«

»Gefahr? Wie drollig dieses Wort klingt, wenn man es aus deinem Munde hört! Wo du nicht ängstlich bist, kann ich es doch ebensowenig sein. Uebrigens bewaffnen wir uns gut und legen andere Kleider an.«

»Welche?«

»Die Anzüge vom Schah. Ich habe ja auch einen. Du sagtest, Ahriman Mirza sei genau so gekleidet gewesen. Er wird es wahrscheinlich wieder sein. Ich glaube zwar nicht, daß man uns sehen wird. Aber sollte es doch geschehen, so wird man vermuten, daß wir zu der persischen Begleitung gehören, die mit ihm bei den Taki angekommen ist. Es ist dann sogar möglich, daß man glaubt, er selbst habe – Ah,« unterbrach er sich da, »vielleicht ein guter Gedanke: Ich nehme seine Reitpeitsche mit, in welcher die schwarze Larve steckt! Kommt dann noch die Agraffe dazu, so kann man jede Gefahr in ihr gerades Gegenteil verwandeln, indem man sich für den Aemir-y-Sillan ausgibt. Meinst du nicht auch?«

»Welch eine Idee! Woher mag sie dir gekommen sein? Derartige Gedanken sind niemals Sondergeburten irgend eines menschlichen Gehirnes, sondern sie stammen aus einem verborgenen Zusammenhange, in welchem ihre Resultate vorherberechnet werden und dann einzufügen sind. Tue es, mein Freund, tue es! Ich bin überzeugt, daß du damit einer Absicht folgst, die weiter schaut als wir.«

Er ging, und ich stieg zu mir hinauf. Wie kam es doch nur, daß ich nun während des Tages so oft an diese unsere Verkleidung denken mußte? Ich legte sie an und wieder ab – um sie zu probieren, redete ich mir ein. Der Mensch sieht eben nicht weiter, als er kann! Als Schakara mir das Abendessen brachte, lächelte sie mich verständnisvoll an. Ich hatte mich nämlich schon umgezogen, und sie kannte den Grund, der ihr vom Ustad mitgeteilt worden war.

»Sobald du gegessen hast, wird er kommen, um dich abzuholen,« sagte sie. »Die Pferde werden von Kara heimlich gesattelt.«

»Mein Syrr aber nicht,« fiel ich ein. »Sage ihm das! Ich tue es selbst. Bereithalten mag er das Zeug; angelegt wird es nur von mir.«

Ich hatte meine geladenen Revolver bereitgelegt. Als der Ustad kam, steckte ich sie zu mir. Er war der Verabredung nach gekleidet und hatte den langen Bart unter den Anzug geknöpft und das Haupthaar unter die Lammfellmütze emporgekämmt, so daß beides nicht zu sehen war. Die Reitpeitsche des Mirza steckte im Gürtel. Eben wollten wir gehen, da erschien der Aschyk unter der Tür. Er erschrak, als er uns stehen sah, denn er hielt uns im ersten Augenblicke für wirkliche Perser. Als er uns aber erkannte, rief er aus:

»Allah sei Dank! Fast glaubte ich, Ahriman Mirza sei mit hier! Warum tragt ihr diese Kleidung, Effendi?«

»Um nicht erkannt zu werden, falls man uns sehen sollte,« antwortete ich. »Wir wollen nach dem Dschebel Adawa hinüber.«

»Und ich komme geraden Weges von dorther! Ich bringe zwei wichtige Neuigkeiten, eine schriftliche und eine mündliche. Der Scheik ul Islam glaubt, ich sei hier Euer Gast und komme nur zu ihm, um Euch zu verraten. Ich besitze darum sein Vertrauen und habe Euch aufgezeichnet, was ich heut von ihm erfuhr. Es sind die Orte, an denen losgeschlagen werden soll, sobald der Streich gegen Euch gelungen ist. Auch die Namen der Anführer stehen dabei, lauter fromme, hochangesehene Männer.«

Er reichte auf meinen Wink das Verzeichnis dem Ustad hin und fuhr dann fort:

»Die andere Nachricht wird Euch wahrscheinlich noch mehr erfreuen. Ist Euch ein junger Taki-Kurde bekannt, welcher Ibn el Idra heißt?«

»Sehr gut sogar,« antwortete der Ustad. »Du nennst ihn jung, er sitzt aber schon seit Jahren in der Dschemma. Sein Vater, der reichste Mann des Stammes, ließ ihn in Teheran studieren und dann weite Reisen machen. Er ist unterrichtet, klug und ehrlich. Man sagt, daß er ein heimlicher Gegner des Scheik ul Islam sei und unter den Taki einen nicht unbedeutenden Anhang besitze. Er war schon einigemale hier, mein Gast, und ich meine, daß wir beide Wohlgefallen an einander gefunden haben.«

»Hältst du ihn einer Hinterlist für fähig?«

»Nein, auf keinen Fall.«

»So kann ich dir sagen, daß er eine Unterredung mit dir wünscht.«

»Wann?«

»Heut.«

»Wo? Hier bei mir?«

»Nein. Dazu hat er keine Zeit, wegen der wichtigen Sitzungen, welche die Dschemma jetzt fortwährend hat, sogar heut nach Mitternacht. Auch soll diese Unterredung eine heimliche sein. Er läßt dich bitten, zwei Stunden nach Mitternacht an den Bach des Dschebel Adawa zu kommen, du allein und er allein. Von der Quelle an zählst du die fünfte große Windung des Wassers. Dort steht ein einzelner hoher Baum, unter dem er dich erwarten wird.«

»Sonderbar! Wie kommst du zu diesem Manne? Wäre es ein Anderer, so würde ich einen Hinterhalt befürchten, obgleich ich nicht wüßte, wozu ihm das nützen sollte!«

»Ich kann dir nicht zürnen, wenn du an mir zweifelst. Aber ich darf dir auch nicht antworten, denn ich habe Ibn el Idrak Verschwiegenheit geloben müssen, um Euch nützen zu können. Behalte mich hier, und gib Befehl, daß ich erschossen werde, wenn dir Etwas geschieht!«

»Daß ich ein Tor wäre! Ich glaube dir und ihm und werde also kommen.«

»Ich danke dir! Auch dein jetziger Anzug paßt. Es gibt jetzt am Dschebel Adawa mehr Leben und Verkehr als sonst. Man könnte dich sehen und erkennen. Darum sollte ich dich bitten, nicht deine gewöhnliche Kleidung anzulegen. Ich kam auf einem seiner Pferde herüber. Darf ich wieder zurück, um ihm Nachricht zu bringen?«

»Ja. Sag ihm, daß ich kommen werde, zwei Stunden nach Mitternacht, an die betreffende Stelle. Bin ich verhindert, pünktlich zu sein, so soll er dennoch warten. Ich bleibe nicht aus.«

Hierauf entfernte sich der Aschyk. Auf meinem Tische lag der Chandschar, den ich von Dschafar geschenkt bekommen hatte. Der Ustad sah ihn und fragte:

»Nimmst du den Dolch nicht mit?«

»Nein,« antwortete ich. »Ich wollte, halte es aber nun doch nicht für nötig.«

»So erlaube ihn mir! Ich kann vielleicht in eine Lage kommen, in welcher eine still wirkende Klinge besser ist als ein laut krachender Schuß. Geh jetzt immer hinab. Ich will erst das Verzeichnis vom Aschyk zu mir tragen, um es einzuschließen. Dann komme ich nach.«

Er schob den Chandschar in den Gürtel und ging hinaus. Ich aber steckte fürsorglich einige Lichter zu mir, obgleich ich keinen Grund hatte, sie für nötig zu halten, und stieg dann den Glockenweg zum Weideplatze hinunter, wo ich Kara, persisch gekleidet, bei den Pferden fand.

Assil und Bark waren schon gesattelt, Syrr noch nicht. Ich tat es selbst. Sonderbar! Als ich ihm das Mundstück einschieben wollte, weigerte er sich, seine Zähne zu öffnen. Ich bat ihn; er tat es trotzdem nicht; ihn aber zu zwingen, fiel mir gar nicht ein. Der Ustad kam grad dazu, als ich Kara beauftragte, den einfachen Halfter zu holen.

»Bloß mit Halfter willst du ihn reiten?« fragte er. »Des Nachts? Dort hinüber, wo vielleicht sehr viel davon abhängig ist, daß wir unserer Pferde vollständig sicher sind?«

»Laß Syrr seinen Willen!« antwortete ich. »Ich habe nur nötig, ihn zu dem meinigen zu machen, dann kann uns nichts geschehen. Ein Reiter, der sich weniger auf das Pferd als vielmehr auf die Zäumung verläßt, bringt schließlich auch trotz dieser letzteren nichts fertig. Ein edles Pferd, welches Grund hat, den eisernen Zwang zu fürchten, kann seinen Herrn unmöglich liebgewonnen haben.«

»Fast hättest du gesagt – kann ihn nicht achten!« lächelte der Ustad. »Natürlich denkst du hierbei neben dem Pferde an noch etwas ganz Anderes. Ich kenne dich!«

Syrr bekam also nur den Halfter; dann ritten wir fort, über die Ruinen, an den Steinbrüchen hinunter und dann nach links, wo es hinauf zur jenseitigen Ebene ging, welche der Dschebel Adawa hoch überragte. Der Ustad war schon so oft dort gewesen, daß wir uns auf seine Terrainkenntnis vollständig verlassen konnten.

Er schlug klugerweise nicht die gerade Richtung ein. Wir ritten erst nach Norden und bogen dann in einem rechten Winkel nach Westen. Falls wir nun ja gesehen wurden, hatte es nicht den Anschein, als ob wir von den Dschamikun herüberkämen. Und das war gut. Denn wir hatten noch kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, so bemerkten wir auf der mondbeschienenen Fläche vor uns einen Reiter, welcher zwar stutzte, als er uns erblickte, aber doch nicht aus seiner bisherigen Richtung wich. Er mußte uns begegnen. Wir taten natürlich, als ob auch wir ihn nicht zu scheuen hätten, und hielten still, als er uns erreichte und grüßte.

»Wo kommst du her?« fragte der Ustad.

»Von daher, wo Ihr hinreitet,« antwortete er. »Man sieht Euch doch gleich an, daß Ihr zu Ahriman Mirza gehört. Bringt Ihr gute Nachrichten aus Isphahan?«

»Vortreffliche. Man braucht dort nur noch die Zeit zu erfahren, so fährt der Säbel aus der Scheide.«

»Das klingt gut! Und die Zeit ist mir bekannt. Ich habe sie soeben von dem Mirza gehört und den Massaban von Feraghan entgegenzutragen, welche schon auf dem Wege sind. Wißt Ihr vom Rennen bei den Dschamikun?«

»Wir wissen Alles. Das Fest beginnt am Sonntag. Das Vorrennen findet am Montag statt, und das Hauptrennen wird am Dienstag sein.«

»Das stimmt. Nun aber komme ich mit meiner wichtigen Kunde: Nämlich die Umschließung der Dschamikun findet am nächsten Tage, also Mittwoch, statt. Sie muß am Donnerstag früh vollendet sein. Sobald der Tag graut, schlagen wir von allen Seiten auf sie los. Diese Nachricht habe ich den Massaban zu bringen, und zwar eilig. Darum verzeiht, daß ich nicht länger halten kann!«

Er ritt weiter; wir ebenso. Keiner von uns bezweifelte, daß wir diese hochwichtige Nachricht nur unsern persischen Anzügen zu verdanken hatten.

Nun kam es darauf an, den Gefahren des Gesehenwerdens für uns vorzubeugen. Die Helligkeit erlaubte es nicht, uns etwaigen Beobachtungen vom Dschebel Adawa aus zu entziehen. Unser einziger Schutz bestand in der Vortäuschung, daß wir vom Lager der Takikurden nach dem Berge kämen. Daher umritten wir ihn in einem weiten Bogen, bis wir an seine westliche Seite gelangten, wo auch das Wasser floß, an dem sich Ibn el Idrak einstellen wollte. Dieser Bach war weit hinaus mit Buschwerk besetzt und bot uns also die beste Gelegenheit, uns unter guter Deckung anzunähern. Das glückte uns aufs Beste. Wir folgten den Windungen des Wassers und kamen also auch an diejenige, wo die Unterredung mit Ibn el Idrak stattfinden sollte. Es stimmte, daß ein einzelner, hoher Baum da stand. Nun brauchte der Ustad diesen Ort nicht später erst zu suchen.

Jetzt handelte es sich zunächst um eine verborgene Stelle für unsere Pferde, bei denen ich zu bleiben hatte, weil Kara mit hinauf mußte, um dem Ustad den hohlen Hollunderbaum zu zeigen. Sie sollte sich bald finden. Als wir eine Strecke längs der Südseite des Berges geritten waren, schnitt eine schmale Schlucht tief in die Felsenmassen ein. Sie war nicht offen, sondern durch eine hohe, starke, uralte Mauer abgesperrt, deren obere Kante höchst unregelmäßig verlief, weil die Werkstücke von dort herabgestürzt waren und nun unten wirr durcheinander lagen. Diese Mauer hatte zu ebener Erde eine schmale Toröffnung, auf welche der Ustad zuritt, indem er sagte:

»Das ist die Diwar-y-Mugasa. Weshalb sie so genannt wird, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hat sie einst als eine Art von Talsperre gedient. Jetzt ist dieser Ort so verrufen, daß man ihn am hellen Tage meidet, wie viel mehr also jetzt, des Nachts. Du wirst hier ungestörter sein als an jeder andern Stelle, Effendi. Man behauptet, wenn der Teufel eine Seele hole, so schaffe er sie des Nachts hierher, um sie zu zerreißen.«

»Angenehme Wartestation!« lachte ich. »Bei der bekannten Leichtgläubigkeit der frommen Taki-Kurden bin ich da allerdings im höchsten Grade vor menschlichen Besuchen sicher. Andere aber können mich nicht stören.«

Wir stiegen ab, führten unsere Pferde zwischen den Steinen hindurch dem Tore zu und befanden uns, als wir dasselbe passiert hatten, zunächst in einem oben zugebauten Raume, in dem es vollständig dunkel war.

»Daran habe ich nicht gedacht,« fuhr der Ustad fort. »Wir hätten Licht mitnehmen sollen.«

»Habe ich,« sagte ich, indem ich eines aus der Tasche nahm und anbrannte.

Man hatte einen viereckigen, mit einem Dache versehenen Anbau an die Mauer gefügt. Hinten ging eine Oeffnung in die Schlucht; sie war von außen dicht verwachsen. In der Mitte der Dunkelkammer lag eine große Steinplatte. Weiter war nichts zu sehen. Da uns die Vorsicht verbot, die Pferde gleich hier unterzubringen, wo es im unerwünschten Falle weder ein Verbergen noch ein Entrinnen gab, versuchten wir, durch die Oeffnung hinaus in das Freie zu dringen, doch ohne die hindernden Büsche, welche diese Tür verstopften, in auffälliger Weise zu verletzen. Es gelang. Draußen war es halbdunkel, denn die Sterne fehlten dieser schmalen Schlucht, deren Felsenwände ganz beträchtlich in die Höhe stiegen. Es war keineswegs ein einladender Ort, an dem wir uns befanden. Seine Düsterheit stimmte ganz zu der teuflischen Idee, von welcher der Ustad gesprochen hatte. Wir führten die Pferde ein beträchtliches Stück in die Enge hinein und ließen sie sich niederlegen. Dann wurde es für Kara und den Ustad Zeit, ihren Gang nach der Bergeshöhe anzutreten. Ich bat sie, das Gebüsch an der Tür zu schonen, damit wir nicht durch abgebrochene Zweige verraten würden; dann entfernten sie sich. Ich aber setzte mich zu Syrr, doch so, daß ich jeden Nahenden eher bemerken konnte, als er mich.

Es verging Viertelstunde um Viertelstunde. Die Mitternacht kam. Also befanden sich meine beiden Kameraden jetzt wahrscheinlich oben auf ihrem Lauscherposten. War es ihnen gelungen, den Ort der Zusammenkunft zu entdecken? Eben legte ich mir diese Frage vor, da sah ich zwei Gestalten, welche langsamen Schrittes von der Mauer her nach hinten kamen – persisch gekleidet; sie waren es. Da stand ich auf.

»Bleib ruhig sitzen!« sagte der Ustad. »Wir haben über eine Stunde zu warten, ehe ich nach dem Bache gehen kann.«

»Eure Absicht ist nicht gelungen?« fragte ich.

»Nein,« antwortete er, indem wir uns niedersetzten. »Wir lagen gut versteckt beim Hollunderbaum. Da kam Ahriman Mirza mit noch Einem. Wahrscheinlich war dies der Vertraute, den du in unsern Ruinen bei ihm gesehen hast, denn der Mirza hatte sich nicht vor ihm verhüllt. Sie sprachen miteinander, nicht lange und auch nicht laut, doch so, daß wir jedes Wort verstanden.

Ahriman hatte die Reitpeitsche in der Hand. Er mußte erst kürzlich einmal hier gewesen sein, denn er nahm eine Larve aus dem hohlen Baume, die nicht drin gewesen ist, als Kara ihn untersuchte. Er band sie vor das Gesicht und zog dann eine Agraffe aus der Tasche seines Rockes, um sie an die Mütze zu stecken. Dabei sagte er:

„Die habe ich noch von drüben, bei den Dschamikun. Ich fand keine Zeit, sie zu verstecken, weil ich wegen des Scheik ul Islam schnell um den Berg herum zu meinem Pferde mußte. Die hiesige kann also steckenbleiben, vielleicht für immer, denn ich glaube nicht, daß ich sie hier noch einmal brauchen werde. Heut mache ich es kurz. Die Befehle zur Umzingelung am Mittwoch Abend sind schnell gegeben. Dann gehe ich im »Utaq-y-Scheijtan« noch einmal die beiden Dokumente durch, ehe ich dem Scheik ul Islam das seinige in der Dschemma wiedergebe. Jetzt komm! Dieser Lieblingsesel Allahs ahnt gar nicht, daß er sich mit der Unterschrift der Kaiserurkunden vollständig in meine Hand geliefert hat!“

»Sie gingen, und wir krochen aus unserm Versteck hervor, um ihnen zu folgen. Da dies aber höchst leise und vorsichtig geschehen mußte, taten wir es nicht schnell genug und suchten dann vergeblich, eine Spur von ihnen zu sehen oder zu hören. Um wenigstens nicht ganz ohne Resultat zu dir zu kommen, kehrten wir zum Hollunder zurück, aus dem wir die Agraffe genommen haben.«

»Warum? Wozu? Kann das nicht üble Folgen haben?«

»Möglich! Aber ich hatte das Gefühl, daß ich dieses glitzernde Ding nicht steckenlassen dürfe. Ich kenne diese Empfindung; sie hat mich immer richtig geführt. Denke an unsere Anzüge, ohne welche wir von dem Boten jedenfalls nichts erfahren hätten!«

»So mag es sein. Auch ich folge derartigen Eingebungen stets gern. Ist dir der Name Utaq-y-Scheijtan bekannt?«

»Nein. Ich habe ihn noch nicht gehört. Aber ich habe jetzt unterwegs darüber nachgedacht und vermute, daß er hier mit dieser Mauer in Verbindung zu bringen sei. Der Name »Teufelsstube« harmoniert mit dem Aberglauben, daß der Teufel hier die von ihm geholten Seelen zerreiße. Sollte Ahriman Mirza mit diesem Utaq-y-Scheijtan den finstern Raum dort gemeint haben, durch den wir mußten, um hierher zu kommen?«

»Mir kommt dies fast wahrscheinlich vor.«

»Mir ebenso! Er will da die beiden Kaiserdokumente noch einmal prüfen. „Kaiserurkunden“! Also das Allerwichtigste, was man ihm entreißen könnte! Aber entreißen? Nein. Es müßte klüger angefangen werden. Bitte, sprecht jetzt nicht auf mich! Es kommt mir ein Gedanke. Könnte er richtig ausgeführt werden, so wäre er unvergleichlich!«

Er schwieg hierauf, um nachzudenken. Darum waren wir auch still. Nach einiger Zeit sprang er plötzlich auf und sagte:

»Was das nur ist? Es läßt mir keine Ruhe. Komm mit, Effendi! Ich muß vor an die Mauer. Es ist Etwas in mir, was mir sagt, daß Ahriman Mirza bald erscheinen wird.«

Wir gingen mit einander nach vorn, bis zu der mit Büschen besetzten Tür. Wir schoben das Gesträuch mit den Händen zurück, um in den Raum zu treten. Da flüsterte der Ustad:

»Da – da – da, schau! Wie recht die Stimme in mir hatte! Siehst du ihn?«

Allerdings sah ich ihn. Er war soeben gekommen und stand draußen vor dem Eingange, im Sternenschein, um sich umzusehen. Die Reitpeitsche in der Hand, die schwarze Maske vor dem Gesicht, die Agraffe an der Mütze. In seinem Gürtel flimmerte der Griff seines Chandschar, welcher dem meinigen glich. Das war Alles sehr deutlich zu sehen. Da fragte mich der Ustad leise:

»Kennst du die Sage vom Chodem des Menschen?«

»Ja,« antwortete ich ebenso leise.

»Ich weiß, daß der Mirza an diese Sage glaubt, und werde ihn bei ihr fassen. Halte die Büsche zurück, wenn ich zu ihm hineinschlüpfe und auch dann, wenn ich wiederkomme!«

Er nahm die Maske aus dem Peitschengriffe und band sie sich vor das Gesicht. Dann holte er die Agraffe aus der Blechkapsel und steckte sie an die Mütze. Hierauf steckte er auch meinen Chandschar genau so, wie der Mirza den seinigen im Gürtel trug. Und nun wartete er.

Ich wußte nicht eigentlich, was er beabsichtigte, obwohl ich die Bedeutung des Chodem kannte. Chodem ist das persische Wort für »ich selbst«. Die dortigen Metaphysiker aber bezeichnen mit diesem Worte etwas noch Anderes, ungefähr so eine Art dessen, was wir »Doppelgänger« nennen, aber in viel höherem, edlerem Sinne. Sie lehren, daß der Mensch zwar auch einen Geist besitze, den die Seele nach und nach aus den Stoffen des Körpers heraus- und emporzubilden habe, aber dieser rein menschliche Geist sei abhängig und werde geleitet von einem Geiste aus höheren Regionen, der Gott mit seinem eigenen Schicksale dafür verantwortlich sei, daß der ihm anvertraute Mensch seine Bestimmung erreiche. Dieser hohe Geist eigne sich sämtliche Aggregatszustände seines Menschen an und sei also imstande, ihm und auch Anderen persönlich zu erscheinen, und zwar ganz genau in derselben Gestalt und Kleidung wie der Betreffende selbst. Erscheine er Andern, so habe das nichts Schlimmes zu bedeuten; lasse er sich aber vor seinem eigenen Menschen sehen, so sei das ein sicheres Zeichen, daß er ihn für immer verlassen werde, also entweder des nahenden Wahnsinns oder des zu erwartenden Todes. Denn ein Mensch, der von seinem höhern Geiste, von seinem Chodem aufgegeben wird, muß entweder sofort sterben oder in geistiger Nacht langsam versiechen.

Das ist die Sage oder die Lehre, auf welche der Ustad sein jetziges Verhalten stützen wollte.

Ahriman Mirza kam herein. Er brannte ein mitgebrachtes Licht an und ging an die Steinplatte, um es dort fest anzutropfen. Als dies geschehen war, zog er zwei zusammengefaltete, große Papierbogen aus der Tasche, schlug sie auseinander und beugte sich zum Lichte, um zu lesen. Da schob sich der Ustad leise, zwischen Gebüsch und Wand hinein, schlich unhörbaren Schrittes zu ihm hin, bis er hinter ihm stand, und berührte ihn mit der Reitpeitsche. Der Mirza zuckte zusammen, richtete sich schnell auf, drehte sich um und – stieß einen Schrei aus, wie ihn nur der größte Schreck oder gar das wirkliche Entsetzen aus der Lunge zu pressen vermag. Dann stand er starr wie Stein, vollständig bewegungslos.

Mir selbst, der ich doch wußte, woran ich war, erschien die Szene beinahe grauenhaft. An der gespenstigen »Mauer der Vergeltung« – in der »Teufelsstube«, wo der Satan die von ihm geholten Seelen zerreißt – ein kleines Licht, nur zwei, drei Schritte weit schimmernd – ein Menschen- und ein höherer Geist – sich schwarz aus der Schwärze des ringsum herrschenden Dunkels herausgestaltend – nicht nur einander ähnlich, sondern von unbedingt ganz gleicher Wesenheit – der Eine ganz genau das Augenbild des Andern – vom Kopf bis zu dem Fuß herab ein einziges »Ich« und doch in zwei Personen! Wenn es mich dabei wie kalt überlief, wie mochte es da erst dem Mirza zu Mute sein!

Sonderbarer, aber psychologisch doch ganz richtiger Weise gab er seinem Entsetzen nach dem ersten Schrei nicht etwa einen Totalausdruck, sondern er richtete es auf Einzelheiten, die ihn an sich selbst irr machten.

»Meine Agraffe!« rief er aus, mit der Hand nach des Ustad Mütze deutend. »Meine Larve – mein Chandschar – meine Peitsche!«

Seine Finger öffneten sich. Die beiden Papierbogen flatterten zur Erde nieder. Ich sah ihn zittern. Seine Kniee wankten; sie brachen zusammen. Er sank zu Boden, hielt sich am Steine fest, hob die andere Hand abwehrend empor und schrie:

»Mein Chodem – mein Chodem – mein Chodem! Was hast du mir zu bringen?«

Der Ustad antwortete, und seine Stimme klang genau so dumpf wie diejenige des Mirza unter der Larve hervor:

»Keine Krone und kein Kaiserreich! Wähle: Tod oder Wahnsinn!«

»Den Tod? Nicht ihn, nicht ihn! Ich will nicht sterben, nicht sterben! Ich muß leben, leben – leben!«

»So hast du gewählt. Der Wahnsinn sei der Geist, der dich nun packt wie alle deine Schatten! Hinaus mit dir, hinaus! Such Schutz bei deinen Massaban! Knie vor den heiligen Scheik des Islam nieder! Verlaß dich auf die ganze Macht der Lüge! Er hat die Faust soeben ausgestreckt. Er faßt dich beim Genick wie eine tote Katze. Er schleppt dich hin, bis wo der Abgrund gähnt, und schüttelt dich hoch über –«

»Tote Katze, tote Katze!« unterbrach ihn der Mirza, indem er schaudernd aufbrüllte, als er diese seine eigene Drohung hörte. »Du weißt Alles, Alles, Alles! Aber ich mag deinen Wahnsinn nicht; ich will ihn nicht! Behalte ihn hier bei dir; ich aber eile fort, fort – fort!«

Er schnellte sich auf und sprang zur Tür hinaus. Der Ustad hob die Dokumente auf, faltete sie zusammen und steckte sie zu sich. Dann trat er vorsichtig in das Freie hinaus, um dem Fliehenden nachzuschauen.

»Komm, mein Freund!« forderte er mich dann auf. »Komm, wenn du einen Menschen sehen willst, der vor dem Wahnsinn flieht und ihm aber nun ganz unmöglich entgehen kann!«

Ich ging zu ihm hin. Der Mirza rannte, wie von Furien gejagt, geraden Weges in die Ebene hinaus, wo er doch nicht das Geringste zu suchen und zu finden hatte.

»Ist das nicht schon geistige Störung?« fragte der Ustad. »Jeder Andere würde dahin gehen, wo er seine Leute trifft; dieser aber weiß schon nicht mehr, was er tut! Für uns aber ist es geraten, uns schleunigst zu entfernen. Holen wir die Pferde!«

Wir taten es. Dann ritten wir fort, ohne das Licht ausgelöscht zu haben. Der Ustad wollte es so.

Er führte uns um den Berg herum und dann weit gegen Norden, wo wir nicht gesehen werden konnten. Dort stiegen wir ab und setzten uns nieder, denn die Zeit der Unterredung mit Ibn el Idrak war noch nicht da.

Keiner von uns sprach. Ich hatte kaum Raum genug für die Gedanken, welche mir kamen und gingen. Ist es wirklich nur Sage, oder giebt es einen Chodem für Jeden, der ein geistiges Leben führt? Da legte der Ustad seine Hand auf meinen Arm und sagte:

»Du denkst, und ich weiß, worüber. Grüble nicht, sondern warte! Der Mensch ist ja gewöhnt, nur das zu glauben, was er mit seinen körperlichen Augen sieht. Weißt du noch, daß ich Hadschi Halefs Seele durch die besondere Betonung seines vollständigen, langen Namens zurückrief. Hätte ich das nicht getan, so wäre er gestorben, so aber zwang ich ihn, „sich auf sich selbst zu besinnen“, wie man sich leider auszudrücken pflegt. Meinst du vielleicht, daß nur die Seele zu zwingen sei? Warte es ab! Die sogenannte „Erziehung“ zwingt Millionen Geister in Schablonen. Sollte es denn gar so unmöglich sein, von diesen Millionen wenigstens einen einzigen aus dieser Schablone wieder herauszuzwingen?«

Wie das so eigenartig klang! Ich sollte nicht denken, sondern warten. Wer das wohl fertig brächte!

Als die Zeit gekommen war, ritten wir wieder näher an den Berg und dort in eine kleine Bodenvertiefung hinab, die uns vor unberufenen Augen schützte. Dort hatte ich mit Kara zu bleiben. Der Ustad aber ging zu Fuß hinüber nach dem Bach, wo Ibn el Idrak wahrscheinlich schon auf ihn wartete. Ich war nicht ganz ohne alle Besorgnis um den Freund, doch versicherte er, es mit einem ehrlichen Manne zu tun zu haben. Das mußte ich gelten lassen. Natürlich hatte er Larve und Agraffe schon längst wieder abgelegt.

Es verging weit über eine Stunde; da kam er wieder, mit schnellen, kräftigen Schritten, wie Jemand, der eine gute Botschaft bringt.

»Dieser Aschyk ist ein Prachtmensch geworden!« rief er uns zu, noch ehe er uns erreicht hatte. »Ich muß ihn dem Schah-in-Schah unbedingt zur Begnadigung empfehlen, und zwar sofort, wenn wir jetzt heimgekehrt sind. Denn es muß wieder ein Eilbote fort.«

»So hast du also Gutes gehört?« fragte ich.

»Sehr Gutes! Wir müssen noch vor Tages Anbruch daheim sein, damit man deinen Syrr nicht sehe. Darum habe ich mich jetzt nur kurz zu fassen. Unsere Renngegner treffen heut schon ein, um ihre Pferde mit der Bahn vertraut zu machen. Was ich nur ahnte, ist mir jetzt gewiß: Ibn el Idrak hat einen so bedeutenden Anhang unter den Taki, daß er im Stande ist, die Pläne des Scheik ul Islam zu durchkreuzen, und dazu ist er unbedingt entschlossen. Von ihm ist der Gedanke ausgegangen, daß ich Ustad der Taki werden soll, und er hält ihn sogar jetzt noch fest. Der Scheik ul Islam hat ihm aber in schlauer Weise vorgegriffen, um entweder die Ausführung ganz unmöglich oder mich zu einem seiner willigen Geschöpfe zu machen. Seit er seinen Ghulam als Ustad eingeschmuggelt hat, haben mehrere stürmische Sitzungen stattgefunden. Zu ihm halten die denkschwachen Fanatiker, welche Fatima noch über Muhammed selbst setzen, und die jüngeren Babi, die den Kaiser tief unter sich wissen wollen. Das sind unsere Gegner, die sich zunächst am Rennen und dann auch am Kampfe beteiligen werden. Ich will sie einstweilen die Ultra-Taki nennen. Die Andern sind die Friedfertigen. Sie haben uns beobachtet und nie eine Ueberhebung, eine Falschheit bei uns gefunden. Sie verlangen, uns als Menschen achten zu dürfen, nicht aber um des Glaubens willen uns hassen und befeinden zu müssen. Sie wollen Mohammed verehren, aber nicht den Scheik ul Islam anbeten. Sie wollen dem Schah-in-Schah gehorchen und keine willenlose Puppe an seiner Stelle sehen. Sie haben Ibn el Idrak beauftragt, diese ihre Wünsche in der Dschemma vorzutragen, sind aber mit einer so hochmütigen und beleidigenden Rücksichtslosigkeit abgewiesen worden, daß sie beschlossen haben, nun auch ihrerseits nicht die geringste Rücksicht mehr zu nehmen und ihre Wege ebenso heimlich zu gehen wie die Andern. Die erste Folge dieses Entschlusses ist die jetzige Unterredung mit mir. Ich bin mit Ibn el Idrak so aufrichtig gewesen, wie es mir geboten erschien. Er staunte über das, was er erfuhr. Als ich ihm schließlich aber auch noch mitteilte, daß ihr neuer Ustad der blutige, gewissenlose Henker der Sillan sei und daß der Oberste der Schatten Kaiser werden solle, war er ganz außer sich über dieses betrügerische Spiel und nahm sich vor, diese Hinterlist mit gleicher Münze zu bezahlen. Die Ultra-Taki werden also nicht das Geringste von dem erfahren, was die Friedfertigen und Regierungstreuen zu tun gesonnen sind. Der gegen sie gerichtete Schlag wird über sie kommen wie ein Blitz aus wolkenlosem Himmel.«

»Und worin wird dieser Schlag bestehen?« fragte ich.

»Man wird kein Wort gegen den Kampf mit uns sprechen, sie aber im letzten Augenblick einfach sitzen lassen. Greifen sie uns dann trotzdem an, so geschieht ihnen, was sie verdienen. Das sind die allgemeinen Gesichtspunkte; über das Besondere sprechen wir später. Jetzt müssen wir fort, denn der Osten wird schon licht.«

»Also nun der Proberitt! Ich denke, es wird noch Niemand so schnell hinübergekommen sein, wie gegenwärtig wir. Reitet ihr voran!«

»Voran? Warum?«

»Weil ihr mich sonst bald aus den Augen verlieren würdet!« lachte ich.

»Uebermut! Willst du Kara’s Barkh und sogar deinen Assil kränken?«

»Nein. Darum eben bitte ich Euch, eine Vorgabe anzunehmen.«

»So sei es! Aber ich sage dir: Wir wenden, um uns nicht einholen zu lassen, sogar das Geheimnis an, und dein Syrr hat ja keines!«

»Er braucht keins, weil er selbst Geheimnis ist. Macht los! Ich steige nicht eher auf, als bis ich Euch nicht mehr sehen kann; dann aber komme ich!«

Sie schwangen sich über die Bügel, nahmen gleichen Anlauf und ritten in die Ebene hinaus, westwärts, schneller, immer schneller, bis ich sie in fliegenden Galopp fallen sah. Syrr war verwundert. Er sah bald mich an, bald hob er den Kopf, um den Forteilenden nachzuwinden. Er warf ihn auf und nieder; er schüttelte ihn. Er schnaubte; er scharrte den Boden. Er wieherte endlich gar. Da streichelte ich ihn, und sofort wurde er vollständig ruhig. Aber er richtete die Augen unablässig nach vorwärts, wo die beiden Reiter immer kleiner und kleiner wurden.

Nun verschwanden sie. Ich setzte den Fuß in den Bügel. Da drehte Syrr den Kopf herum und ließ jenen tiefen, fast grunzenden Baßton hören, dem man es deutlich anhört, daß er sagen soll: »Na, endlich, endlich, endlich! Aber nun!« Noch saß ich nicht fest, so flog ich schon. Ich brauchte nichts zu sagen, ich brauchte nichts zu tun. Er wollte ja selbst, was er sollte! Ein solcher Ritt läßt sich leider nicht beschreiben. Wenn ich die Augen schloß, war es mir, als ob ich nur so schwebe!

Schon nach einigen Minuten sah ich den Ustad und Kara wieder. Sie ritten noch beisammen. Ich näherte mich ihnen zusehends. Jetzt mußten sie sich umgeschaut und mich bemerkt haben, denn ich erkannte aus den Bewegungen ihrer Pferde, daß die Geheimnisse in Anwendung kamen. Da bog ich mich vor und berührte Syrrs Hals, leise streichelnd. »U – u – u!« machte er und griff sodann in einer Weise aus, als ob die bisherige Schnelligkeit so viel wie nichts gewesen sei. Wir rückten vor, kamen näher, immer näher. Kara war schon zurückgeblieben, denn mein Assil war dem Barkh überlegen. Noch zehn Pferdelängen – noch fünf, noch drei, noch eine – Jetzt hatte ich ihn eingeholt und ritt neben ihm.

»Ma’assalami – lebe wohl, Kara!« lachte ich ihm zu. »Gieb dem Barkh doch das Geheimnis!«

»Ich gab es ja bereits!« antwortete er.

»So komm hübsch langsam nach!«

Syrr wieherte, als ob er diesen Scherz verstanden habe, in sich hinein, schnellte sich mit zwei, drei fast unbegreiflichen Sprüngen über Barkh hinaus, warf den Kopf für einen Augenblick herum, um zu sehen, ob er ihn auch wirklich überholt habe, und nahm dann nur noch Assil in die Augen. Dieser war ungefähr zwanzig Pferdelängen voran.

»Sabah bil-cher – guten Morgen!« rief ich nun dem Ustad zu. »Mach schnell, sonst wird es Tag!«

Er antwortete nur, indem er den Arm in die Luft warf, denn etwas Anderes hätte den Lauf seines Pferdes leicht hemmen können. Dennoch wurden aus den zwanzig Längen fünfzehn – zehn – fünf – zwei  – eine – jetzt hatte ich ihn! – wieder einige federschnellende Sprünge meines Syrr – da war ich voraus –

»Gibst du zu, daß du bald weit hinter mir sein wirst?« fragte ich.

»Warum das ausdrücklich zugeben?« antwortete er.

»Weil ich dann innehalte. Ich möchte meinen Assil nicht kränken. Er schämt sich, wenn er überholt wird.«

»Das ist brav von dir! Ja, dein Syrr ist uns über, sogar weit über. Hemmen wir also den Lauf!«

Indem wir dies taten, holte uns Kara schnell ein. Da war es geradezu rührend, daß alle drei Pferde vor Freude darüber, daß sie nun wieder beisammen waren, laut aufwieherten, eines wie das andere, fast »wie aus einem Munde«, wie man zu sagen pflegt. Und nun sahen wir, wie unglaublich schnell uns dieses Proberennen vorwärts gebracht hatte: Die Ebene war zu Ende; die Berge der Dschamikun lagen vor uns. Wir hatten nur noch hinunter in das Tal und drüben wieder hinaufzureiten, um an den Steinbruchweg und also heimzukommen. So leicht, so schnell kommt der Mensch vom Bösen auf das Gute, wenn er die Kräfte zu benutzen weiß, die ihn nach oben und heim zu tragen haben!

Wir konnten mit dem Resultate dieses Proberittes im höchsten Grade zufrieden sein. Hatten wir uns schon vorher nicht vor dem Rennen gefürchtet, so waren wir nun vollständig überzeugt, wenn nicht alle, so doch wenigstens die Haupttouren sicher zu gewinnen. Bei uns angekommen, sorgten wir zunächst für die herrlichen Tiere; dann trennten wir uns. Ich ging sogleich schlafen und wachte erst am späten Morgen auf.

Als Schakara mir das Frühstück brachte, sagte sie mir, daß noch während der Nacht ein Eilbote des Schah gekommen und dann mit der Antwort des Ustad wieder fortgeritten sei. Er habe sich absichtlich so gekleidet gehabt, daß Niemand erraten konnte, wer oder was er sei. Der Herrscher hatte nichts weiter als den Befehl geschickt, womöglich Blutvergießen zu vermeiden. Der Ustad war erfreut gewesen, bei dieser Gelegenheit dem Schah zunächst das von dem Aschyk erhaltene Verzeichnis und sodann auch die heut nacht erlangten beiden Kaiserdokumente senden zu können. Damit waren der Scheik ul Islam und Ahriman Mirza ein für allemal vernichtet. Und zugleich hatte er auch ein Gnadengesuch für den Aschyk beigelegt. Ich dachte, als ich dies hörte, an seinen Ausspruch, daß der Aschyk ein prachtvoller Mensch geworden sei. Er hatte sich hierüber nicht weiter geäußert; nun aber erfuhr ich von Schakara, daß der Aschyk sich Ibn el Idrak freiwillig zur Verfügung gestellt und eine gradezu erstaunliche Geschicklichkeit und Ausdauer entwickelt habe, die Taki zu überzeugen, daß man durch lichtscheuen Ungehorsam gegen den Schah nichts als den eigenen Untergang erreiche. Uebrigens sei der Ustad der Meinung, daß die dortigen Ultra’s den Mut nicht haben würden, den sie zeigten, wenn sich nicht grad jetzt der Scheik ul Islam, der Mirza und die Gul-i-Schiras bei ihnen befänden, in deren Interesse es liege, diese Leute in ihrem stupiden Fanatismus zu bestärken.

Ich war noch nicht draußen auf meinem Freidache gewesen. Jetzt bat mich Schakara, mit ihr hinauszukommen, weil sie mir Interessantes zu zeigen habe. Sie meinte da zunächst ein großes, herrschaftliches Zelt, welches, schon fast fertig, drüben in den Ruinen errichtet worden war. Nicht weit davon sah ich andere Leute beschäftigt, ein zweites, auch großes, aber nicht so prächtiges herzustellen. Auf meine Frage, für wen diese beiden Zelte seien, antwortete sie:

»Das so schön ausgeschmückte ist für die Gul-i-Schiras bestimmt. Sie handelt da jedenfalls im Auftrage des Ahriman Mirza, der hierdurch der Besetzung der Ruinen durch die Taki vorauskommen will. Ihre Leute kamen schon kurz nach Tagesanbruch hier an, um den Bau sogleich zu beginnen. Der Scheik ul Islam scheint so etwas gewußt oder wenigstens geahnt zu haben, denn er hat sich beeilt, auf diesen Schachzug einen ähnlichen zu tun. Seine Diener kamen mit dem zweiten Zelte, und wie du siehst, wird sich nun die himmlische Tugend eng neben dem irdischen Laster niederlassen, und zwar beide, ohne uns vorher um unsere Ansicht hierüber gefragt zu haben.«

»Will das der Ustad dulden?«

»Er wartet noch. Kommt seine Zeit, so wird er zu handeln wissen. Und nun schau dort hinaus, jenseits des Sees! Da baut man ein drittes, großes Zelt. Das ist für Ahriman Mirza. Er hat, auch ohne zu fragen, diese Stelle gewählt, weil seine Schatten und Massaban von jener Seite heranziehen werden. Der Anfang zu der Umzingelung wird also schon heut gemacht. Aber ebenso von heute an sind auch schon unsere nahen und fernen Posten ausgestellt, welche dafür sorgen, daß wir jede feindliche Annäherung rechtzeitig erfahren. Die sämtlichen Dschamikun stehen bereits unter Waffen, wenn sie es auch nicht sehen lassen, die hiesigen wie auch die auswärtigen. Ebenso auch die Kalhuran, mit denen wir verbündet sind. Sie haben bereits ihre besten Reiter und Rennpferde gesandt. Da schau hinab, wie sie schon üben! Was der Ustad für einen Verteidigungsplan entworfen hat, das weiß ich nicht; aber er sagte mir, ich solle Marah Durimeh nicht um Hilfe bitten; wir seien stark genug. Diese Zuversicht ist höchst beruhigend. Ich habe aber trotzdem einen Boten an sie gesandt, und ihre noch nie besiegten, wohlgewappneten Reiter werden zur rechten Zeit erscheinen. Du weißt ja,« fügte sie lächelnd hinzu, »die Seele ist selbst dann noch gern für den Geist besorgt, wenn er meint, seiner Sache vollständig sicher zu sein!«

Eben als sie dies sagte, bemerkten wir eine lebhafte Bewegung, welche sich schnell über den ganzen Duar verbreitete. Die Ursache war ein jetzt aus dem Osten angekommener Reiter, welcher allen, die es hören wollten, eine Neuigkeit verkündete und dann herauf zum hohen Hause lenkte. Als er durch das Tor kam, erkannten wir ihn. Es war der Reitknecht unseres Dschafar Mirza. Er hatte der Hilfe des Schah als Führer gedient und war ihr eine Strecke vorausgeritten, um zu melden, daß hundert Mann der Ghulman-i-Schahi im Anzuge seien. Er brachte das Pferd des Hauptmanns mit. Zu gleicher Zeit kam die Gul-i-Schiras mit ihrem Hofstaate auf unserm gestrigen Wege links heraufgeritten, und in kurzem Abstande folgte ihr der Scheik ul Islam mit seinem hochtrabenden weltlichen und geistlichen Stabe. Sie ritten direkt nach den Ruinen, von denen sie Besitz ergriffen, als ob sie da zu Hause seien. Ihre Rennpferde wurden ihnen nachgeführt.

Schon nach einigen Minuten schien sich zwischen den beiden Parteien ein Streit über den Platz entspinnen zu wollen, kam aber für dieses Mal nicht ganz zum Ausbruche, weil die Aufmerksamkeit der sich Entzweienden nach Osten abgelenkt wurde, wo jetzt die Leibwache auf der Bildfläche erschien. Diese außerordentlich gut berittenen und bewaffneten, glänzend uniformierten Hundert erregten Verwunderung. Wie kam der Ustad zu der noch nie dagewesenen Auszeichnung, vom Kaiser eine so direkte Unterstützung zu empfangen?! Aber diese Verwunderung verwandelte sich wohl gar in Schreck, als hinter dieser Leibkavallerie noch ein Artilleriezug von zwanzig Zambureks erschien, dem eine ganze Reihe Bagage und Munition tragender Kameele folgte. Zwanzig Kanonen! Wenn auch nur so kleine! Wenn solche Abwehrmittel den Dschamikun zur Verfügung standen, so war es doch wohl nicht so leicht, mit ihnen anzubinden, wie man gedacht hatte! Und wozu oder warum waren dem Ustad diese Truppen geschickt worden? Er wußte doch nicht das Geringste von dem geplanten Angriff gegen ihn! Er sollte doch vollständig überrascht werden! Sollte er doch vielleicht Etwas erfahren haben? Aber von wem? Es galt vorsichtig zu sein! Vor allen Dingen gegen die eigenen Verbündeten!

Jetzt stieg der Hauptmann hier oben zu Pferde, um hinabzureiten und die zwar kleine, aber kriegerisch gewichtige Schar zu empfangen und seinen Absichten gemäß unterzubringen. Ihre Ankunft hatte auch da draußen bei Ahriman Mirza Aufsehen erregt. Er kam am See herbeigeritten, anscheinend um der Prinzessin seinen ersten Besuch in ihrer neuen Wohnung zu machen, denn er hatte sein Gefolge bei sich, genau dieselben Personen, die am Sonntag voriger Woche drüben am Beith-y-Chodeh mit ihm unser Fest gestört hatten. Das war eine Art von Demonstration, die wir ihm gönnen konnten, da er uns unvorsichtiger Weise durch sie verriet, daß seine Unteranführer bei ihm angekommen seien. Er ritt, ohne im Duar anzuhalten, direkt nach den Ruinen. Als er vor dem Zelte abstieg, kam die Gul heraus, ihn zu begrüßen. Hierbei sah ich sie zum ersten Male. Sie führte ihn hinein. Seine Begleiter blieben im Freien. Nach einiger Zeit ließ man den Scheik ul Islam kommen. Auch er verschwand in dem Zelte.

Nun bemerkte ich erst, daß Syrr nicht zu sehen war. Ich fragte Schakara nach ihm, fast beschämt über diese meine Unaufmerksamkeit. Man hatte ihn im Garten untergebracht, damit er von den Zelten da drüben aus nicht gesehen werden könne. Ich bat meine »Seele«, ihn ja gut zu versorgen.

Jetzt traten die drei hohen Persönlichkeiten wieder aus dem Zelte und gingen mit einander quer durch die Ruinen, dem Glockenwege zu.

»Sie wollen herüber zu uns!« sagte Schakara. »Das muß ich dem Ustad augenblicklich melden. Unser liebes Haus muß rein von solchem Zuspruch bleiben! Er wird sie abweisen!«

»So bitte ihn, dies womöglich hier unter meinem Dach zu tun. Ich möchte die Gul kennen lernen und darum gern hören, was und wie sie spricht.«

Schakara eilte hinab. Ich beobachtete die Nahenden, doch so, daß sie mich nicht sahen. Die Prinzessin war eine hohe, volle Gestalt. Sie hatte ihre Kleidung überreich mit Schmuck beladen. Einen Schleier trug sie nicht, hatte sich also von der in ihrem Kreise gebotenen, schamhaften Zurückhaltung emanzipiert. Ihr Haar war vorn abgeschnitten und bedeckte die Stirn, ganz nach Art unserer sogenannten Simpelfransen, zuweilen auch Ponyfrisur genannt. Die persischen Haremsfrauen lieben es nämlich sehr, ihrem Gesichte hierdurch einen zwar geistlosen, dafür aber um so begehrlicheren Ausdruck zu geben.

Hinten hingen die Zöpfe fast bis auf den Boden herab. Sie waren mit goldenen Schnuren, Fransen und Trotteln durchflochten, also sehr wahrscheinlich nicht echt. Bezeichnenderweise trug sie in der Hand eine Reitpeitsche, ganz so, wie Ahriman Mirza auch. Sie schwippte mit derselben im Gespräche bald hin und bald her und war überhaupt in allen ihren Bewegungen so lebhaft, so bestimmt und so gebieterisch, so wegwerfend und, ich möchte sagen, so keck, wie ich bisher noch keine einzige Orientalin zu sehen bekommen hatte.

Sie erreichten die Pferdeweide und blieben einige Zeit bei Assil, Barkh und Sahm stehen. Sie sprachen dabei sehr lebhaft über die Pferde. Was, das konnte ich nicht hören, aber ihren Gestikulationen nach konnte es nicht sehr lobend sein. Da trat die Prinzessin zu Assil heran und faßte ihn am Maule, um es zu öffnen und seine Zähne zu sehen. Er wollte das nicht dulden. Da schrie sie ihn zornig an und schlug ihn an die Ganaschen. Im nächsten Augenblicke lag sie am Boden, von einer kräftigen Kopfbewegung des Rappen niedergeschleudert. Sofort sprang Ahriman Mirza hinzu, hob die Peitsche empor und holte aus, um ihn zu züchtigen – kam aber nicht dazu. Assil war schneller als dieser Mensch. Er machte eine blitzschnelle Schwenkung, warf sich hinten in die Höhe und schlug nach ihm aus. Der Huf traf den Kopf des Persers, welcher mit einem lauten Schrei zusammenbrach. Der Hengst wieherte herausfordernd auf und stellte sich zur weiteren Gegenwehr bereit. Der Scheik ul Islam aber und auch die Prinzessin, welche sich wieder aufgerafft hatte, traten zu Ahriman hin, um zu sehen, mit welchen Folgen er getroffen worden sei. Er stand mit ihrer Hilfe wieder auf, hielt aber den Kopf in beiden Händen. Es schien glücklicher Weise nur ein Streifhieb gewesen zu sein. Der Kopf wurde betastet, begutachtet und endlich wieder freigegeben. Dann setzten sie den unterbrochenen Weg zu uns fort, sichtlich im höchsten Grade erzürnt, aber langsam, sehr langsam, weil Ahriman nur schwankend und nicht schneller gehen konnte.

Schakara hatte den Ustad geholt. Sie standen mit einander grad unter mir und hatten den Angriff auf das Pferd und dessen Verteidigung gesehen. Nun kamen die Drei heran. Sie blieben vor ihnen stehen. Ein eigenartiges Zusammentreffen! Es wurde zunächst kein Wort gesprochen; aber Auge tauchte sich in Auge. Dann begann die Prinzessin zu fragen:

»Von wem werden wir hier empfangen? Wer bist du?«

Ihre Stimme klang hart, hochmütig, verächtlich.

»Ich bin der Ustad der Dschamikun,« antwortete er gelassen.

»Und wer ist das Geschöpf an deiner Seite?«

»Geschöpf?« wiederholte er ihren beleidigenden Ausdruck, aber lächelnd. »Ja, du hast recht gesagt, ohne es zu wollen: Sie ist ein Geschöpf Gottes, des Allerhabenen, des Allreinen; sie wurde von ihm erschaffen in seiner Weisheit und Güte. Du aber bist kein Geschöpf. Du wurdest nicht von dieser Weisheit und Güte erschaffen, sondern von sündigen Menschen in Sünde erzeugt und geboren. Darum wird sie, die körpergewordene Reinheit der Frauenseele, sich jetzt von uns entfernen, weil die Tugend geht, sobald das Laster naht!«

Er trat zur Seite, um Schakara an sich vorüberzulassen. Sie senkte errötend das liebe Gesicht und ging. Die Prinzessin schien vor Erstaunen über diese Verwegenheit keine Worte finden zu können. Sie schnappte förmlich nach Luft. Ihre Augen funkelten; ihre Lippen bebten; die Peitsche zitterte in ihrer Hand; die Antwort aber blieb aus. Da nahm sich der Scheik ul Islam der Beleidigten zornig an:

»Du scheinst nicht zu wissen, wen du vor dir hast. Diese hochgeborene, edelgepriesene Fürstin ist unsere allverehrte Schahsadeh Khanum Gul, welche gekommen ist, dich mit ihrer beglückenden Gegenwart zu erfreuen.«

»Das weiß ich wohl. Ich weiß sogar noch mehr, nämlich daß auch du sie kennst und dich trotzdem nicht schämst, ihre Gegenwart beglückend zu nennen. Wehe dem Volke, dessen geistliche Väter, deren Obersten einer du bist, sich mit den Töchtern des Fleisches verbinden, um dann die Männer beherrschen zu können! Scheik des heiligen Islam lässest du dich nennen? Und nimmst dich, schlau berechnend, des geraden Gegenteils von heilig an? Erscheint dir die Schande nur deshalb so verdienstlich, weil du sie durch die goldene Naddara betrachtest, mit welcher du leichtsinnige Köchinnen zu belohnen pflegst? Dort steht die Tür zu meiner Küche offen. Deine Freundin Pekala und dein Vertrauter Tifl sind bereit, den Segen des heiligen Mannes und des unheiligen Weibes zu empfangen! Du brauchst dich ihnen nicht wieder in der Demut des Schreibers zu nahen. So dumm sie sind, als Meisterstück des Islam erkennen sie dich an!«

Sein Gesicht erbleichte. Er krallte mit den Händen in seinen langen, dünnen Bart, als ob er sich da festhalten wolle. Er stand wie ein Schulknabe da, der Prügel bekommen hat und sich noch extra dafür bedanken soll. Eine Erwiederung fand er nicht. Dafür aber ergriff nun der Mirza des Wort. Er hatte sich mit den Händen wiederholt nach der schmerzenden Stirn gegriffen. Jetzt sammelte er sich und brach los:

»Mensch, was ist mit dir, daß du es wagst, in dieser Weise mit uns zu reden! Die Allerhöchsten des ganzen Reiches stehn vor dir! Ist denn hier bei Euch Alles verrückt geworden, die Menschen sowohl wie auch die Tiere? Wir sind es nicht gewöhnt, daß jede Bestie nach uns schlägt! Sei froh, daß ich jenes Vieh dort nicht sofort erschossen habe!«

Er zog bei diesen Worten als nachträgliche Drohung seine Pistole halb aus dem Gürtel. Da schüttelte der Ustad lächelnd den Kopf und sagte:

»Heb diese deine Kugel für Euren Iblis auf! Es ist doch –«

»Iblis?« unterbrach ihn da der Mirza schnell. »Wer hat dir verraten, daß ich den Iblis, den Unbesieglichen, mitgebracht habe? Wer, wer?«

Da bohrte sich des Ustad Blick in seine Augen, und langsam, schwer, bedeutungsvoll erklang die Antwort:

»Dein eigener Chodem sagte es dem meinigen!«

Da fuhr sich der Mirza mit beiden Händen schnell wieder an den Kopf und rief aus:

»Mein Chodem – Chodem – Chodem! Auch hier wieder, auch hier! Warum läßt er mir seit dieser Nacht keine Ruhe! Ich bin doch fort von ihm! Ich habe ihn stehen lassen! Warum läuft er mir nach, überall, überall! Warum dieser Schlag des Pferdes an meinen Kopf! Der war von ihm, von ihm! Ich soll wahnsinnig werden, verrückt, verrückt! Ich werde es auch, wenn er mir keine Ruhe läßt. Fort, fort! Ich lasse ihn wieder stehen! Mag verrückt werden, wer da will, aber nur nicht ich, nicht ich!«

Er drehte sich um und lief von dannen, »mit gleichen Beinen,« wie man zu sagen pflegt, mehr als eilig und immer mit der Peitsche um sich herumfuchtelnd, über die Weide – aber dann nicht nach dem Wege – sondern er kletterte, als ob er gejagt werde, gleich an der Mauer nach den Ruinen hinunter – rannte nach dem Zelte der Khanum Gul, warf sich dort auf sein Pferd und jagte derart davon, daß ihn sein sofort auch aufbrechendes, verwundertes Gefolge unmöglich einholen konnte.

Was aber die Prinzessin und den Scheik ul Islam betrifft, so machten auch sie sich wieder von dannen, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, Beide besiegt und beschämt, wie vielleicht in ihrem ganzen Leben noch kein einziges Mal. Dann schaute der Ustad herauf zu mir und fragte:

»Denkst du noch an meine Worte? Dieser Geist beginnt bereits seine Schablone zu verlassen. Wie bald, so haben wir es nur noch mit einem stupiden Menschen zu tun. Das ist das Schicksal aller Fürsten der Schatten!«

Er kehrte in das Haus zurück, und ich kam mit ihm heut gar nicht mehr zu sprechen. Seine Zeit war zu sehr in Anspruch genommen, doch ließ er mich durch Schakara über alle Geschehnisse schnell und ausführlich unterrichten!

Zu meiner Ueberraschung wurde mir heut das Mittagessen nicht von ihr allein gebracht. Pekala kam mit. Sie hatte das gewünscht, um mir Etwas mitteilen zu können. Da stand sie nun vor mir, glühend vor Verlegenheit und nach den passenden Worten suchend. Als ich ihr Mut machte, begann sie endlich:

»Effendi, ich bitte dich, es mir zu glauben: Ich dachte, daß es eine Madama sei, eine echte, richtige, wirkliche Madama! Sie war ja so dick! Aber als sie sich in der Küche niedersetzte, gleich auf den Boden, mit einem solchen Plumps, da nahm ich ihr das Tuch vom Kopfe und – und – und da erschrak ich so fürchterlich, daß ich ganz gewiß auch niedergefallen wäre, wenn ich mich nicht an ihr festgehalten hätte – nein, nicht an ihr, sondern an ihm, denn sie war ein Mann. Denke dir! Und sie hatte solchen Hunger! Und er aß so schön, und so schnell, und so viel! Und dann schlief sie ein! Und dann aß er weiter und schlief wieder ein! Sie aß mir fast Alles weg, was ich für Andere machte, denn er war ganz ausgehungert von der Reise. Nun ist sie endlich satt, und weil es ihm bei mir so schmeckt, sind wir mit einander übereingekommen, daß wir uns niemals, niemals wieder trennen werden. Was sagst du dazu, Effendi? Bist du einverstanden?«

»Du bist doch deine eigene Herrin und kannst also machen, was du willst!«

»Das weiß ich wohl. Und ich würde mir auch nicht dreinreden lassen; aber die Höflichkeit erfordert doch, daß ich wenigstens so tue, als ob ich frage. Darum bin ich schon beim Ustad gewesen. Er hat mich freigegeben, vollständig frei. Nun komme ich auch zu dir. Lässest auch du mich gehen?«

»Sehr gern!«

»Aber ich komme nicht wieder, gar nicht!«

»Das wünsche ich auch!«

»So! Also auch du! Ich dachte, man würde weinen. Aber es fällt keinem Einzigen ein, es zu tun. Und ich habe doch so gut gekocht! Darum räche ich mich. Ich gehe nämlich sofort. Agha Sibil hat einige Retourkamele nach Isphahan zu schicken. Da setzen wir uns auf, ich, mein Kepek und auch mein Tifl. Es geht schon in einer Stunde fort. Mein Kepek hat seit heut früh immerfort gegessen und wird es also aushalten bis zur nächsten Station. Ich will also Abschied von dir nehmen, für immer und für ewig, und reiche dir meine Hand!«

»Behalte sie! Sie gehört nicht mir, sondern deinem Kepek, für immer und für ewig.«

Diese völlige Gleichgültigkeit schien sie zu erzürnen. Sie ging nach der Tür, blieb dort noch einmal stehen und sagte:

»Es gibt hier Keinen, der ein edles Frauenherz begreift. Mein Kepek ist der Einzige. Aber der Ustad hat mir meinen Lohn gegeben und auch noch ein großes Bakschisch dazu. Nun bin ich mit Euch allen quitt und mag nie wieder Etwas von Euch wissen. Mich seid Ihr los, ganz gründlich, gründlich los!«

So ging sie hinaus.

Wie das so schnell gekommen war! Ob ein Aschyk oder ein Kepek, ist ganz gleich; nur die Kochkunst muß er bewundern, und erziehen muß er sich lassen! Auch eine Art derjenigen weiblichen Wesen, welche sich rühmen, die »Seelen« oder gar die »Engel« ihrer Männer zu sein! Genau eine Stunde später sah ich, daß ihre Sachen hinunter nach Agha Sybils Zelt geschafft wurden. Dann gingen sie selbst, Pekala an ihres Kepek Seite, eine voluminöse Eßwarenliebe, voran Tifl, der dünn Aufgeschossene. Nicht lange Zeit hierauf humpelten die Lastkamele aus dem Duar, welche die »Festjungfrau« mit ihrem neuen, erkochten Glück von dannen trugen. Kein einziger Dschamiki gab ihnen das Geleite. Das war die ganz natürliche Folge ihrer unbedachten Schwätzereien!

Am Nachmittag erfuhr ich durch Schakara, daß der Ustad den geheimen Weg vom Allerheiligsten auch untersucht hatte. Er war sogar auch unten im Bassin gewesen, hatte mir aber nichts davon mitgeteilt, um mich nicht über ihn zu beunruhigen.

Ich hatte mir die Dschamikun in einer gewissen, nicht sehr hohen Zahl vorgestellt. Als sie sich aber heut, am Vortage der morgenden Feier, einstellten, einzeln, in größeren Trupps und in ganzen Scharen, sah ich zu meinem Erstaunen, wie dicht bevölkert diese so abgelegene Gegend war und wie bedeutend der geistige Einfluß, den der einsame Duar rundum gewonnen hatte. Man sah die Zelte, Jurten, Laubhütten und offenen Lager überall und eng aneinander entstehen. Sie bedeckten nach und nach das ganze Tal, stiegen an allen Höhen empor, krochen unter die Bäume der ringsum ragenden Wälder und kletterten über die Berge hinüber, um sich über die Hochebene dort weit auszubreiten. Man hatte mir nicht zuviel gesagt; es kamen Tausende, und selbst als es schon dunkel geworden war, hörte dieser Zufluß noch nicht auf.

Am Abend ließ der Ustad mir sagen, daß ich möglichst zeitig schlafen gehen möge, weil er beabsichtige, mit mir in frühester Morgenstunde auszureiten. Ich tat es und erwachte, als es noch nicht vier Uhr morgens war. Der Tag begann, leise zu grauen. Von meinem Vorplatze aus sah ich, daß er schon unten bei den Pferden war. Er sattelte die Sahm. Daher beeilte ich mich, zu ihm hinabzukommen, wo ich erfuhr, daß ich den Syrr reiten sollte. Sitz und Halfter lagen schon bereit; ich brauchte beides nur an- und aufzuschnallen.

»Heut wirst du die Sahm kennen lernen,« sagte er. »Dein Assil hat sie besiegt. Wollen aber sehen, wie du nach einigen Stunden hierüber denkst.«

»Stunden?« fragte ich, denn ich bemerkte, daß die Satteltaschen mit Proviant gefüllt waren. »Willst du an diesem Gedenktage so lange von hier fortbleiben?«

»Hierüber später,« antwortete er, indem er aufstieg.

Ich folgte diesem Beispiele; dann ritten wir – nicht etwa durch das Tor oder über die Ruinen, sondern den steilen, schmalen Glockenweg empor zum Alabasterzelt, er voran, ich hinterher, ein nicht ganz ungefährlicher, aber wunderbarer Ritt!

Das Tal war noch nicht erwacht. Kein Mensch schaute zu uns empor. Die Sahm ging unter ihm so leicht, so sicher, als ob sie Flügel habe und ausgleiten dürfe, ohne je zu stürzen. Und Syrr? Er tat, als ob er jeden Schritt dieses kühnen Weges kenne. So fest und dabei so elastisch federnd stieg doch die Stute nicht!

Hoch oben wich der jetzige Pfad von dem früheren ab, welcher quer über die schon einmal erwähnten, lockern Geröllmassen geführt hatte. Diese waren in Bewegung gekommen und hatten sich so weit vorgeschoben, daß sie in die Tiefe zu stürzen drohten.

»Das macht mir schwere Sorge,« sagte der Ustad. »Dem Zelte zwar kann nichts geschehen, denn es steht auf unerschütterlichem Felsen; aber wenn diese gewaltigen, haltlosen Massen rechts und links von ihm aus irgend einem Grunde einmal in Schuß geraten, so steht für die Ruinen da unten eine Katastrophe bevor, der sie nicht widerstehen können. Ich vermute, dann ist es mit der ganzen, steinernen Vergangenheit zu Ende! Ich nehme an, daß du gern hin zum Zelte möchtest, bitte dich aber, für heute zu verzichten. Da, schau, es ist von Holzstößen umgeben, welche angebrannt werden sollen. Das muß man von unten aus sehen, nicht von hier.«

Wir ritten also von weitem vorüber, bis auf die zurückliegende, höhere Kuppe des Berges, von welcher aus man das ganze Gebiet der Dschamikun im ersten Morgenlichte liegen sah.

»Mein liebes, kleines Reich!« sagte er. »Man will es mir nehmen. Wie töricht das ist! Fast eine Hanswurstiade! Man zieht von allen Seiten bewaffnet gegen uns heran. Darum starren nun auch wir in Waffen; mein guter, kriegerischer Chodj-y-Dschuna hat es so gewollt. Wie überflüssig! Die Rädelsführer befinden sich ja ganz in meinen Händen. Ich brauchte sie nur festzunehmen und abzuliefern, wie ich die Beweise abgeliefert habe. Aber wie mich die Liebe der Meinen gezwungen hat, zu der heutigen Gedenkfeier ein Ja zu sagen, so will ich ihnen auch den Willen lassen, zu zeigen, daß sie nicht nur in guten, sondern auch in gefährlichen Tagen treu zu mir stehen. Es würde von mir undankbar sein, ihnen die Vorfreude auf den Sieg zu zerstören. Aber für heut verlasse ich sie. Wir kommen erst am Abend wieder. Man mag gegen mich schreien und zetern, gegen mich schreiben und sprechen, gegen mich lügen und schwindeln, fälschen und verzerren, fabeln und fingieren – ich weiche keinen Schritt, keinen einzigen, von dem Platze, den mir der Unverstand nicht gönnen will. Aber wo ich gelobt oder gar gefeiert werden soll, da ist meine Stätte nicht. Die Erfahrung hat mich gewitzigt. Ich kenne das Lob der Menschen, welche nur rühmen, um auszunützen. Die Huldigung wird schnell zur Eloge, der Triumphbogen zum kaudinischen Joch, welches den soeben Gefeierten zwingt, beim nächsten Schritte den stolzen Nacken vor ihnen zu beugen. So lobte mich der Scheik ul Islam gegen dich, damit ich seine Kreatur, der Prügeljunge seiner Partei werden möge. Die Liebe meiner Dschamikun ist zwar echt; sie kommt direkt aus vollen, ehrlichen Herzen und scheut sich keinen Augenblick, sich für mich aufzuopfern. Die Dankbarkeit eines Jeden von ihnen ist für mich reines, lauteres Gold; ihr Wert tut meinem Herzen wohl, wenn es im Stillen zu mir kommt, wie der Duft von einer Blume, die nicht redet. Heut aber will man mir öffentlich danken. Tausende wollen sprechen, laut, nur von mir, von mir! Das ist grad das Gegenteil von dem, wonach ich strebe! Ich konnte die Erlaubnis zu diesem Feste nicht verweigern; aber als ich sie erteilte, wußte ich, daß ich heut nicht daheim sein dürfe, weil es mir eine Profanation dessen bringt, was ich im tiefsten Innern sorgsam pflege. Darum bin ich geflohen.«

Ich wollte eine Bemerkung machen, doch schnitt er sie mir schnell ab, indem er fortfuhr:

»Habe keine Sorge! Ich bin nicht leichtsinnig gegangen, denn ich weiß am Besten, wie nötig ich grad jetzt da unten bin. Es ist Alles wohl besorgt. Der Umstand, daß ich mich scheinbar ganz unbedenklich entfernt habe, wird im Gegenteile unsere Feinde nur noch sicherer machen. Sie ahnen nicht, was ich inzwischen tue. Wir umreiten nämlich heut unser ganzes Gebiet. Ich besichtige die ausgestellten Posten. Das ist unumgänglich nötig. Also komm!«

Um an der andern Seite des Berges hinabzukommen, mußten wir die Pferde führen, bis wir den Bach im Tale erreichten, wo er mir die verborgene Stelle zeigte, an welcher der geheime Gang aus dem Allerheiligsten hier mündete. Dann ging es drüben wieder bergan, nach der Taki-Hochebene, und auf dieser nach Norden. Da trafen wir in gewissen Abständen je zwei Dschamikun, welche bei ihren Pferden saßen und uns Bericht erstatteten. Beim nördlichsten dieser Doppelposten begrüßte uns ein Kurde von Schohrd in voller Kriegsausrüstung. Er war soeben erst angekommen und meldete uns, daß die Hilfstruppen Marah Durimehs nur einen Tagesritt von hier ständen und um Weisungen bäten. Das überraschte den Ustad; ich teilte ihm aber mit, was Schakara mir gesagt hatte, und so gab er den Befehl, Dienstag Abend hier an dieser Stelle einzutreffen und das Weitere zu erwarten.

Von da wendeten wir uns ostwärts. Das war das Gebiet der nördlichen Dschamikun. Wir fanden da Alles so, wie wir es wünschten. An das äußerste ihrer Lager schloß sich die Wachtlinie der Kalhuran, welche hinter den Pässen des Hasen und des Kuriers nach Süden verlief. Hier erteilte der Ustad die Weisung, die Massaban und die Sillan hindurchzulassen, ihnen aber heimlich zu folgen, um den Ring immer enger zu schließen. Um die Mittagszeit machten wir an einem Wasser halt, um uns auszuruhen, zu essen und die Pferde grasen zu lassen. Dazu ließen wir ihnen zwei volle Stunden Zeit. Hierauf ging es weiter, quer über jenes unbewohnte Land, durch welches ich und Halef mit den Massaban gekommen waren. Da trafen wir auf die breite Fährte der Dinarun, die nordwärts nach unserm Lager führte, und auf einen einzelnen Reiter, welcher auf dieser Fährte zurückgeritten kam. Es war zu unserer Verwunderung der Scheik der Dinarun selbst.

Auch er erstaunte, als er den Ustad erkannte, schien aber hierüber nicht unerfreut zu sein. Die Höflichkeit erforderte, abzusteigen und uns mit ihm niederzusetzen. Im hierauf folgenden Gespräch erfuhren wir etwas für uns sehr Erfreuliches. Er war nämlich heut früh mit seinem Trupp bei uns angekommen und hatte sofort den Scheik ul Islam aufgesucht, welcher sich, ebenso wie Ahriman Mirza, grad bei der Ghul befand. Hier erhielt er seine Weisungen für die folgenden Tage, und da stellte sich denn heraus, daß er mit seinen Dinarun nur ausersehen war, mit auf uns einzuschlagen, natürlich bloß um der lieben Religion willen; einen praktischen Nutzen aber schlug man ihm rund ab. Dazu kam, daß man ihn von hoch oben herunter behandelt hatte, wie einen Menschen, für den es eine Gottesgnade ist, mit solchen Auserwählten überhaupt nur reden zu dürfen. Er hatte klugerweise zu Allem Ja gesagt, sich aber in seinem Grimm hierüber augenblicklich vorgenommen, die Lanze umzudrehen und zu uns überzugehen. Um sich aber das Für und Wider vorher reiflich und ungestört überlegen zu können, hatte er sich später auf das Pferd gesetzt und den einsamen Ritt gemacht, auf dem er hier mit uns zusammengetroffen war.

Da gab es denn für uns kein Bedenken mehr. Der Ustad legte seine Zurückhaltung ab und erzählte ihm Alles, Alles. Wie staunte dieser Mann! Er hatte ja nicht geahnt, für was für Menschen er das Blut seiner Dinarun vergießen sollte, um nicht die geringste Entschädigung dafür zu erhalten, nicht einmal ein höfliches Wort! Für jetzt war er nur mit den Rennpferden und der dazu gehörigen Mannschaft gekommen; seine eigentliche Kriegerschar aber hatte nachzufolgen. Er bot sie uns an und hielt uns beide Hände hin, in welche wir sehr gern die unseren schlugen. Da er nun wußte, welchen Zweck unser Ritt hatte, bat er, uns begleiten zu dürfen; der Ustad willigte ein.

Es ging also nun zu Dreien weiter, westwärts, zu den südlichen Dschamikun, die sich ebenso wohlverbreitet zeigten wie alle Andern. Hierbei wurde das Gesicht des Scheikes immer ernster. Was er bisher von uns nur gehört hatte, das sah er nun, nämlich die große, tödliche Schlinge, welche sich hinter ihm und seinen Leuten zusammengezogen hätte, wenn er auf der Seite unserer Feinde geblieben wäre. Auch in Beziehung auf das Rennen wurde er bedenklich. Die Sahm ging unvergleichlich. Welch ein Unterschied zwischen heut und damals, als der Pedehr sie ritt! Der Araber sagt: Das Pferd ist ein Prozeß; wird er gut oder schlecht geführt, so wird er gewonnen oder verloren! Und nun gar der Syrr! Nur am Halfter! Der Scheik war ganz Bewunderung für ihn, fragte aber nur einmal und dann nicht wieder, als er hörte, daß hier ein Geheimnis obwalte, von welchem nicht gesprochen werden dürfe.

Unsere Runde war grad beendet, als es dunkel zu werden begann. Wir kamen durch das Tal des Sackes und hielten hüben an, weil drüben die Brücke aufgezogen war, der jetzigen Unsicherheit wegen. Es hatte ein Posten drüben zu stehen; wir riefen hinüber; er war aber nicht da.

»So müssen wir hier warten, bis er kommt,« sagte ich, über diese Nachlässigkeit erzürnt.

»Ja, warten wir,« lächelte der Ustad. »Ich erzähle dem Scheik inzwischen von dem verwegenen Sprunge, den nur dein Assil glatt zuwege brachte.«

Er gab den Bericht, ohne von seinem Pferde zu steigen. Als er bei dem betreffenden Augenblicke angekommen war, lenkte er die Sahm nach der Stelle, an welcher wir zum Sprunge ausgeholt hatten. Sich immer noch stellend, als ob er nur erzählen wolle, sprach er weiter. Dann aber warf er plötzlich den Arm hoch empor und rief ganz dasselbe Wort wie wir: »Jatib, jatib, ia Sahm – spring, spring, o Sahm!« Da schoß die Stute vorwärts, packte die Kante des Abgrundes mit sicherem Hufe und flog über ihn hinüber, so glatt, so frei, so leicht, daß der Schrei des Schreckes, den ich ausstoßen wollte, sich in einen jubelnden Ruf der aufrichtigsten Bewunderung verwandelte. Dann stieg er drüben ab, ließ die Brücke nieder und forderte uns auf, gemächlich nachzukommen.

»Nun, was sagst du jetzt zu meiner Sahm?« fragte er mich, indem seine Augen froh in die meinen glänzten.

Ich umarmte ihn; das war genug; eine andere Antwort hatte ich nicht. Der Scheik der Dinarun aber schüttelte sich noch nachträglich vor Entsetzen und versicherte:

»So Etwas sah ich noch nie! Da mag man immerhin das beste Pferd von Luristan und auch den vielgerühmten Iblis bringen, Ihr reitet sie doch nieder. Meine Dinarun aber können froh sein, daß Ihr mir auch noch dieses zeigtet. Wir werden uns hüten, gegen Euch zu wetten!«

Hierauf baten wir ihn, allein nach dem Duar zu reiten und aber ja den Syrr gegen Niemand zu erwähnen. Das Uebrige war schon vorher besprochen worden. Wir beide dagegen blieben auf dem Bergwege durch den Wald und kamen unbemerkt bei unserm Wartturme an. Im Hofe war kein Mensch. Wir ritten schnell über ihn hinweg, brachten unsere Pferde an Ort und Stelle und schlichen uns dann wohin? Hinauf zu unserm Hadschi Halef Omar, wo wir erwartet wurden, denn Schakara war da, welche von dem Ustad in das Vertrauen gezogen worden war. Sie hatte gesagt, daß wir diesen Abend hier im Verborgenen zubringen wollten, und dann den Hof für uns so frei gehalten, daß Niemand von unserer Heimkehr Etwas merkte.

Wir aßen da. Wovon und wie wir uns dabei unterhielten, kann man sich denken. Halef wußte, daß er morgen zum ersten Male hinunter in den Duar dürfe. Es war für ihn auf der Tribüne ein besonderer, höchst bequemer Platz errichtet worden, wo er mit seiner Hanneh das ganze Tal überschauen konnte, ohne sich anstrengen zu müssen. Er freute sich wie ein Kind darauf.

Als die Zeit dazu gekommen war, ging der Ustad mit hinauf zu mir. Wir setzten uns auf das Vordach, um die nun beginnende Höhenbeleuchtung von diesem allerbesten Punkte aus zu genießen. Sie geschah unter einem allgemeinen Feuerwerke, an dem sich Jedermann nach Kräften beteiligte. Der Kurde liebt es ebenso wie der Perser, bei derartigen Veranlassungen, Pulver und Bärlapp nicht zu schonen. Wir blieben vollständig unbeachtet, denn man nahm an, daß der Ustad noch nicht heimgekommen sei. Darum konnte das, was wir sahen, ohne Störung auf uns wirken.

Es wurde Licht allüberall, wohin wir schauten. Die Nacht erhellte sich. Was oben brannte, brannte auch im See. Und all die Menschen, die das Tal erfüllten, erschienen uns wie Wesen einer Welt, die sich im Licht von oben nach aufwärts reflektiert. Und wir zwei Einsamen, die wir hier oben blieben, obgleich man unten auf uns wartete? Nur nicht ins Lob der Tiefe niedersteigen; dann findet sich ihr Tadel nicht herauf! Wir sahen zwar zu, aber was wir dabei mit einander sprachen, das war nicht bestimmt, wie Feuerwerk zu verknallen oder wie totes Holz zu Asche zu verbrennen. Und als die Feuer nach und nach erloschen und Licht um Licht im Tal verglimmen wollte, da stand der Ustad auf, gab mir die Hand und sprach:

»Nun gehn auch wir zur Ruhe. Zur Ruhe! Glaubst du das? Schließ dreifach dich in deinem Zimmer ein, und lege leiblich dich zum Schlafen nieder! Ich komme doch zu dir, wie ich heut morgens kam, und hole dich zum Flug um unsere Grenzen. Auch dort hält mancher Posten für uns Wacht, um uns Bericht und Auskunft zu erstatten. Und kehren wir von unserm Fluge heim, so lassen wir vor Menschen uns nicht sehen, ganz so, wie wir es jetzt am Abend taten. Denn was für diese Welt der Abend ist, das ist für jene andere der Morgen. Schlaf wohl, doch – komme mit.« –

Als ich am andern Morgen auf mein Vordach trat, sah ich, daß der gestrige Tag die vorherige Zahl der Menschen verdoppelt hatte. Draußen an Ahriman Mirza’s Zelt waren die Pferde zu sehen, welche von ihm, den Schatten und den Massaban zum Rennen gestellt wurden. In den Ruinen standen diejenigen des Scheik ul Islam und der Takikurden. Unten am See, rechts, konnte man die Renner der Dinarun besichtigen, und links, unweit der Tribüne, waren die unserigen untergebracht. An diesen Orten wimmelte es von wirklichen und eingebildeten Kennern, welche es für höchst nötig fanden, ihre Urteile hören zu lassen. Mit Ibn el Idrak und dem Scheik der Dinarun hatte der Ustad gleich heut früh das heimliche Abkommen getroffen, daß sie alle ihnen abgenommenen Pferde zurückbekommen würden. Sie konnten also ruhig den Anschein beibehalten, daß sie unsere Gegner seien. Zu bemerken ist, daß die eigentlichen Matadore des Rennens, wie die Sahm, Assil, das »beste Pferd von Luristan« etc. etc. sich nicht bei diesen heut schon ausgestellten Pferden befanden. Weil der Feind seine Trümpfe nicht sehen ließ, taten auch wir es nicht.

Es gab mir Spaß, daß ich Hadschi Halef mit Hanneh schon unten auf seinem Platze sitzen sah. Der Gute hatte es nicht aushalten können. Und womit war er bekleidet? Natürlich mit dem Ehrengewande vom Schah-in-Schah! Auch hatte er alle seine Waffen bei sich. Ich sah später sogar die bekannte Nilpferdpeitsche in seiner Hand. Sie kam dem »Henker« dann zu statten!

Nach dem Frühstück ging ich zu meinen Pferden und dann zum Ustad, bei dem ich den Hauptmann der Leibgarde fand. Sie sprachen über den, den ich soeben erwähnt habe, nämlich über Ghulam el Multasim, den Henker. Diesem dreisten Patrone war alles bisher gegen uns Unternommene noch nicht genug gewesen. Er hatte zunächst drüben bei den Taki öffentlich und in der schandbarsten Weise gegen den Ustad gesprochen und dieses gestern sogar bei uns hier fortgesetzt. Er war mit seinem Anhange bald hier, bald da im Tale aufgetaucht und hatte immer ganz genau dieselbe einstudierte Rede gehalten, in welcher der Ustad als ein Mensch bezeichnet wurde, vor welchem man Andere nur warnen müsse. Dieser Ustad gebärde sich als ein treuer Anhänger des Schah-in-Schah, sei es aber nicht. Auch gebe er sich den Anschein, daß ihm nur das Wohl der Dschamikun am Herzen liege, sei aber in Wahrheit nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Vor solchen Leuten habe man sich mehr zu hüten, als selbst vor den allerschlimmsten Massaban, und so möge man sich nicht darüber wundern, daß er – nämlich der Henker – es für seine Pflicht erachte, diesen höchst gefährlichen Verführer des Volkes endlich einmal zu entlarven. Er fordere hiermit sämtliche Dschamikun auf, ihren Ustad fortzujagen, der sich zwar rühme, Menschen glücklich machen zu wollen, aber höchstens nur imstande sei, unglückliche, beulige und schwärige Pferde in die Welt zu setzen. Er – nämlich der Henker, – werde das am Kiss-y-Darr beweisen!

Weil ich erst am Schlusse dieser Unterredung kam, teilte mir der Hauptmann das Resultat derselben mit:

»Ich habe den Ustad gebeten, sich ja nicht an diesem unsaubern Patron zu beschmutzen, sondern die Sache lieber mir zu überlassen, der ich die Polizei des Schah-in-Schah vorstelle. Für eine so zügellose und „abgrundtiefe“ Anmaßung und Frechheit ist einzig nur die Peitsche richtig. Er wird sie bekommen, ganz bestimmt! Wann und in welcher Weise, das lehrt der Augenblick. Gebt mir nur die von ihm zurückgelassenen Kleidungsstücke, bei denen sich auch das Messer und das geheime Alphabet befindet. Weiter brauche ich nichts.«

Er bekam diese Gegenstände, und dann ging ich mit dem Ustad und Dschafar Mirza hinunter an den See, weil die Zeit gekommen war, die Preisrichter zu wählen. Das ging sehr schnell. Oberrichter wurde der Hauptmann der Leibgarde. Die Andern waren Dschafar, Hadschi Halef, Ibn el Idrak und der Pedehr. Andere Konkurrenten gab es nicht, ein sehr triftiger Grund, auf allen Seiten mit dieser Wahl einverstanden zu sein.

Hierauf wurden die Bedingungen vereinbart. Sie waren sehr einfach: jede Aufforderung ist gegenseitig anzunehmen, weiter nichts! An diesen Verhandlungen nahmen auch der Scheik ul Islam, Ahriman Mirza und die Khanum Gul teil. Letztere hatte ihren Tribünenplatz zwischen den beiden Erstgenannten, doch nicht in unserer Nähe. Besonders aber war der Henker wegen des beabsichtigten Mordanschlages auf Dschafar Mirza stets von uns fern und unter strenger, aber unbemerkbarer Aufsicht zu halten.

Punkt zwölf Uhr sollte das Vorrennen beginnen, zunächst das heitere. Die Lastkamele, Esel, Ziegenböcke, Schafe und sonstige Konsorten standen schon bereit. Neben der Tribüne war ein erhöhter Stand errichtet worden, von welchem aus die einzelnen Touren angesagt werden sollten. Eine Kärna hatte das Zeichen dazu zu geben. Eben erscholl der Ton dieses trompetenartigen Hornes, und der Ausrufer wollte hinansteigen, da blieb er aber unten stehen, weil er verhindert wurde. Nämlich von Ghulam el Multasim, dem Henker, welcher auf seinem turkmenischen Tiukihfuchs6 geritten kam und grad an dem erhöhten Stand halten blieb. Er führte an einer langen Leine ein zweites Pferd, welches einen ebenso lächerlichen wie traurigen Anblick bot. Lächerlich war die Art und Weise, in der man es herausgeputzt hatte, traurig aber der Körperzustand, in dem es sich befand. Sein Alter betrug wohl sicher über zwanzig Jahre. An Schwanz und Mähne absichtlich dünn gerauft, trug es an diesen Stellen anstatt der Haare nur angebundenes Gerstenstroh. Kopf, Leib und Beine waren mit Dutzenden von Pflastern beklebt. Einen Sattel hatte es nicht, und so sah man, wie fürchterlich wund es geritten war. Aber in das Maul hatte man ihm eine jener fürchterlichen Trensenkandaren gezwängt, mit deren Hilfe man sogenannte »Pferdeteufel« entweder zum Gehorsam oder zum Tode reitet.

»Allah verfluche diesen Schinder!« hörte ich des empörten Hadschi Stimme hinter mir. Und Kara, sein neben ihm sitzender Sohn, fügte in gleichem Abscheu hinzu: »Darf man das dulden? Vater, gib mir deine Kurbadsch 3)! Ich fühle, daß ich sie brauchen werde!«

So dachte und fühlte der »unzivilisierte« Sohn der Wüste, nicht aber der sich hoch über ihm dünkende Renegat der christlichen Kirche, denn das war der Multasim! Er schwang sich von seinem Turkmanen, stieg an Stelle des Ausrufers die Stufen hinauf, so daß er von Jedermann zu sehen war, und rief mit lauter, weithin schallender Stimme:

»Das Zeichen wurde gegeben; das lustige Rennen beginnt. Der Scheik ul Islam hat mich beauftragt, den Anfang zu machen, mich, den die Gunst des Schah-in-Schah erfreut, und der ich zugleich die vereinigte Stimme aller rechtgläubigen Anhänger des Propheten bin. Ich fordere jeden Dschamiki hiermit zum lächerlichen Kampf heraus, vor allen Dingen ihren Ustad selbst, von dem ich Euch folgendes zu erzählen habe.«

Und nun begann er, abermals jenen auswendig gelernten Vortrag zu halten, welcher schon mehr als genügend bezeichnet worden ist. Seine Rede strotzte förmlich von Lügen, Verdrehungen und Beleidigungen. Man hörte jedem seiner Worte an, daß es nur daraufhin überlegt und angebracht worden war, der gewissenlosesten Gehässigkeit zu dienen und der ekelhaftesten Freude am Skandal willen zu sein. Es wurde mir fast zum Erbrechen übel! Wie bewunderte ich die Ruhe und Selbstbeherrschung unserer Dschamikun, die ihn vollständig ausreden ließen, ohne daß es einem Einzigen einfiel, ihn auch nur anzurühren! In unserem hochgesitteten Abendlande hätte man solcher Niederträchtigkeit wohl sehr schnell Einhalt getan! Denn da wacht, Gott sei Dank, besonders die öffentliche Presse darüber, daß solchen Prangerknechten und Ehrenhenkern so schnell wie möglich das geschieht, was ihnen zuzukommen hat. Hier aber verhielt man sich bis zum letzten Wort des Vortrages vollständig still. Dann ließ der Scheik ul Islam ein schmetterndes »Ssyhaßyh = bravo, herrlich!« hören. Ahriman schrie: »Chähi, chähi!« was ganz dieselbe Bedeutung hat. Die Ghul schlug die fetten Hände zusammen und rief: »Bäh, bäh!« der gebräuchliche Bewunderungsruf für Taschenspielerkunststücke. Einige nahestehende Taki, Massabahn und Schatten stimmten wohl oder übel mit halber Tonkraft ein; im übrigen aber herrschte Schweigen; kein einziger Laut des Mißfallens war zu hören. Anstatt dieses allgemeine Schweigen kluger Weise für bedrohlich zu halten, nahm der Henker in seiner beispiellosen Verblendung an, daß es ein Zeichen der Zustimmung sei, und fuhr fort:

»Schaut hin! Da sitzt nun dieser Ustad mitten unter Euch, auf Eurem schönsten Platze! Ich frage Euch: Was tut er wohl, indem ich ihn vernichte und zermalme? Er lächelt, lauscht und schweigt! Ich weiß, dies Lächeln soll Euch imponieren, jedoch bei mir verfehlt es diesen Zweck. Es soll den Anschein geben, als ob er mich verachte, ist aber nichts, als nur Verlegenheit! Und warum dieses Schweigen? Wozu hat er den Mund? Wer angegriffen wird und sich nicht schuldig fühlt, der hat doch wohl die Pflicht, sich zu verteidigen! Er aber sagt kein Wort. Er hat geschwiegen und schweigt immer weiter, als ob –«

Er kam nicht weiter. Der Hauptmann der Leibgarde, der sich mit einigen seiner Leute dem Ausruferstande unauffällig genähert hatte, sprang jetzt zu ihm hinauf, faßte ihn beim Genick und rief:

»Er hat geschwiegen, weil er sicher wußte, daß jede faule Frucht von selbst vom Baume fällt! So falle denn! Hinab mit dir, denn deine Zeit ist da!«

Er schleuderte ihn seinen Leuten zu, die ihn sofort packten und in ihr naheliegendes Zelt führten. Da sprang der Scheik ul Islam ebenso wie Ahriman Mirza auf.

»Was soll das sein?!« rief der Erstere aus. »Wer gibt dir das Recht, dich an diesem Ehrenmanne zu vergreifen?! Er steht unter meinem Schutz!«

»Schutz?« lachte der Hauptmann ihm von oben herunter zu. »Wenn du nur fähig wärest, dich selbst zu schützen!«

»Auch unter dem meinigen!« behauptete Ahriman Mirza drohend. »Was hast du überhaupt hier bei den Dschamikun zu suchen?«

»Das will ich dir gern sagen: Ich suche nach dem Obersten der Schatten, der hier seit kurzer Zeit sein dunkles Wesen treibt. Ich denke, daß ich ihn bald finden werde, da ich nun seinen Freund und Henker habe! Setzt Euch nur augenblicklich wieder nieder! Ich möchte sehen, ob es Euch wohl gelänge, so still zu sein und so bewußt zu lächeln, wie es dem Ustad vorgeworfen wurde!«

»Welch eine Frechheit! Ich bin ein kaiserlicher Prinz und kann dich augenblicklich köpfen lassen, von deinen eigenen Leuten!«

»Versuche es!« Er zog den kleinen Lederumschlag aus der Tasche, hielt ihn empor und fuhr fort: »Kennst du wohl dieses Täliq-Alphabet, mit dessen Hilfe ich gewisse Briefe lese? Ich las auch folgenden: An Ghulam el Multasim, meinen Henker! Es ist die Zeit gekommen, daß die Gul-i-Schiraz auf der Brust von Dschafar Mirza zu erblühen hat. Das soll am fünften Tage des Monates Schaban geschehen, zur Zeit des Abendgebetes, keine –«

»Wo hast du das her, woher?!« brüllte Ahriman ihm mitten in den Satz hinein, indem er sich über die Spitze der Tribüne schwang, um ihm das Alphabet zu entreißen.

Da stand der Ustad auf, nahm ihn fest und scharf in das Gesicht und rief ihm zu:

»Schau her zu mir, Mirza; ich kann es dir sagen! Dein Chodem war bei ihm und hat es ihm verraten! Wer aber seinen Chodem von sich läßt, der ist verrückt – verrückt – verrückt!«

Da blieb Ahriman halten, fuhr sich mit der Hand schnell an die Stirn, als ob er da geschlagen worden sei, stieß einen Schrei aus, sprang von der Tribüne herab und verschwand fliehend in der Menge der dastehenden Leute. Es gab nur Wenige, die diese rasche, stille Flucht begriffen.

Das geschah, als der Henker eben wieder aus dem Zelte gebracht wurde. Er war nur mit der Hose bekleidet, und man hatte ihm den Oberkörper und die Arme mit Oel eingerieben. Einer der Trabanten trug den Kleiderpack und das Messer hinter ihm her. Der Hauptmann befahl, diese Sachen zum Scheik ul Islam hinzubringen, und sagte diesem:

»Du nahmst den „Ehrenmann“ in deinen Schutz. Wir haben Mann und Ehre so genau getrennt, wie er es tat, um Henkersknecht zu werden. Der Mann entfloh; die Ehre aber ließ er weislich liegen. Wir hoben sie ihm auf, weil wir ja wußten, daß er wiederkäme. Nun ist er da, und abermals als Henker, mit Oel gesalbt, ein schlüpfriger Gesell! Ich lasse ihn jetzt peitschen, vor aller Derer Augen, vor deren Ohren er die hochberühmte Rede hielt, die du mit deinem Ssyhaßyh belohntest. Heb ihm inzwischen seine Ehre auf, da er dein Schützling ist. Hat dann der Mann die Hiebe überstanden, so ziehe ihm die Ehre wieder an, und gib den Taki ihren Ustad wieder!«

Der Scheik ul Islam sagte kein Wort, als ihm die Sachen hingelegt wurden. Er wäre wohl wie gern fortgegangen, mußte aber bleiben, weil seine Entfernung ihn ja erst recht blamiert hätte. Auch der Henker war still.

Er stand zwischen zwei Trabanten, mit zusammengepreßten Zähnen und funkelnden Augen, deren Blick vergeblich nach Hilfe suchte. Da geschah Etwas, was ihm Gelegenheit zur Flucht zu bieten schien. Er hatte wahrscheinlich schon daran gedacht, sich ganz unerwartet auf sein Pferd zu werfen und davon zu reiten; aber dieses hing ja mit dem »Schundroman« zusammen, und ehe es ihm gelungen wäre, die lange Leine zu lösen, hätte man ihn wieder festgehabt. Da stand nun jetzt der gute, mitleidige Kara Ben Halef von seinem Platze auf und begab sich nach vorn, um nach den Gebrechen des armen Tieres zu sehen. Er untersuchte zunächst die Druckwunden und dann die bepflasterten Stellen.

»Das ist ja alles Lüge!« rief er endlich aus, nachdem der Ausdruck seines Gesichtes immer erstaunter geworden war. »Es ist eine gradezu bodenlose, abgrundtiefe Albernheit, uns diesen »Kiss« als »Darr«, uns diesen »Roman« als »Schund« vorzuführen! Der einzige Schund an diesem zwar alten, aber sonst ganz vortrefflichen Pferde sind die betrügerischen Pflaster, diese frech aufgeklebten Behauptungen, unter den man vergeblich nach gültigen Beweisen sucht. Wäre es nicht so wund geritten, so setzte ich mich jetzt auf, um zu zeigen, daß –«

»Zeige es doch, zeige es!« unterbrach ihn da der Henker. »Deine Dummheit macht mich frei!«

Kara hatte nämlich während seiner Untersuchung des Pferdes die Leine gelöst. Nun sprang der Gefangene zwischen den Trabanten hervor, schwang sich auf seinen Fuchs und jagte davon, auf der Bahn dahin, die für das Rennen vollständig freilag. Jedermann sprang auf, und fast auch Jedermann schrie. Kara aber war nicht im Geringsten verblüfft. Die Kurbadsch seines Vaters noch von vorhin in der Hand, schnellte er sich sofort auf den sattellosen Kiss und rief:

»Ich bin schuld; darum bringe ich ihn auch wieder!«

Ein scharfes, aufforderndes »Chchchchchhhhh« trieb das Pferd vorwärts. – Das erste Rennen begann, aber freilich ein ganz anderes, als wir vermutet hatten.

Nur Diejenigen, welche sich in Hörweite von der Tribüne befanden, wußten, um was es sich handelte, die vielen, vielen Andern aber nicht. Sie hielten die ganze Bahn rund um den See besetzt und drängten sich nur noch enger und dichter zusammen, als sie die beiden Reiter kommen sahen, voran der Henker, für den es erst an dem Ende des Sees eine Aussicht gab, durch die Menschen zu brechen und dann nach einem der Pässe zu entkommen. Hinter ihm Kara, der dies sehr wohl erkannte und sich darum bemühte, ihn vorher einzuholen. Der langbeinige Turkmene griff weite Sätze; der kleinere zierlichere Kiss aber ging trotz seines Alters leichter und schneller. Hierzu kam ein Umstand, an den der Henker nicht gedacht hatte; er schleppte nämlich die lange Leine nach, und da diese am Ringe des Brustschildes festgebunden war, konnte er sich ihrer nicht entledigen. Sie kam dem Fuchs wiederholt zwischen die Beine. Das störte ihn. Er wurde vorsichtig, dann gar bedenklich. Auch die Zuschauer machten ihn irr. Diese sahen, daß der Reiter halb nackt war. Sie sahen ebenso den sonderbaren Aufzug des Kiss und die drohend geschwungene Peitsche des Verfolgers. Diese Umstände sagten ihnen, daß es sich nicht um eine Wette, sondern um eine wirkliche Flucht handle. Sie schrieen einander zu, den Henker nicht etwa ausbrechen zu lassen. Und dieser Lärm machte den Fuchs scheu, nicht aber den anders gearteten Kiss.

So kam es, daß der Letztere dem Ersteren immer näher rückte und ihn grad da einholte, wo es die einzige Möglichkeit gab, zwischen den Bergen hinauszukommen. Kara war klug. Er ritt an der äußeren Seite und hieb mit der Nilpferdpeitsche so auf den nackten Henker ein, daß dieser auf der innern bleiben mußte und also dem See immer wieder zugedrängt wurde. Es hagelte Hieb auf Hieb. Was dabei für Worte fielen, das erfuhren wir erst später. Der Henker bot Himmel und Hölle auf, Kara zu bewegen, ihn entkommen zu lassen, bekam aber als einzige Antwort nur Hiebe und immer nur Hiebe. So wurde er nach der andern Seite des Sees und dieser entlang gepeitscht und getrieben, uns wieder näher und immer näher, rund auf der Bahn, am Tempelweg vorbei, durch den Duar und endlich bis her zur Tribüne. Er war fast von Sinnen. Er schäumte. Da trieb Kara den Kiss noch einmal an, kam vor, entriß Jenem den Zügel, gab einen Ruck, daß beide Pferde sich bäumten. Der Henker mußte herunter; Kara ihm nach, indem er rief:

»Schuft, ich schlage dich tot, wenn du nicht antwortest. Ist Kiss ein Schund oder nicht?«

Der Gefragte stand da, an allen Gliedern zitternd. Er brachte kein Wort hervor.

»Schund oder reines, edles Blut?« wiederholte Kara, indem er ihm die Peitsche über das Gesicht herüberstrich.

»Kein Schund, kein Schund! Edles, reines Blut!« klang da nun das Geständnis.

»Von Euch zum Schund gelogen?«

»Ja – gelogen!« stammelte der Henker aus Angst vor der wieder drohenden Peitsche.

»Das bittest du dem Ustad ab! Sofort, sofort!«

Ein neuer Hieb sauste nieder.

»Ja doch – ja doch – ich bitte; ich bitte!«

Er faltete beide Hände und hob sie flehend empor. Was bildete er doch jetzt, hier unten, für eine ganz andere Figur als vorhin dort oben, wo er auf der schamlos angemaßten, hohen Stufe stand und wie eine unfehlbare Gottheit vom Himmel niederschmetterte! Tausende und Abertausende hatten gedacht, an ihn glauben zu müssen, weil sie Wunder meinten, was ein gefährlicher Multasim zu bedeuten habe, gegen dessen Rachsucht man keine Waffe besitze. Und nun kam hier ein ganz einfacher, junger Mensch und zeigte vor ebenso tausenden von Augen, wie es um die Wichtigkeit dieser Personage eigentlich stehe: Nur der Stand hatte sie verhüllt; in ihrer jetzigen, entlarvten Blöße aber war sie weniger, viel weniger als – nichts!

»So bin ich mit dir fertig. Marsch, fort, zu deinem Richter!« sagte Kara, indem er ihn mit der Peitsche hin zum Hauptmanne trieb, welcher ihn mit den Worten empfing:

»Die Prügel hast du bekommen. Du holtest sie dir selbst. Nun geh zum Scheik ul Islam, deinem Beschützer! Der zieht dich wieder an, um den »Ehrenmann« von Neuem herzustellen. Dann hängen wir dich auf. Der Mir Dschassab steht schon bereit – der Henker für den Henker!«

Das brachte eine seltsame Wirkung auf den Multasim hervor. Sein bisher angstverzerrtes Gesicht nahm einen ganz anderen Ausdruck an. Er kroch in sich zusammen und fragte:

»Gehenkt? Gehenkt soll ich werden? Wirklich?«

»Ja, und zwar sofort, damit ich Dschafar Mirza rette!«

»So flüchte ich mich in den Schutz des Scheik ul Islam, der mich verteidigen muß, wenn er nicht selbst zugrunde gehen will. Ich würde Alles verraten!«

Er rannte hin zu ihm. Dieser aber streckte beide Hände abwehrend gegen ihn aus und rief:

»Bleibe mir fern, du Unvorsichtiger! Warum hast du dich entlarven lassen! Wer nicht einmal das Alphabet der Sillan geheim zu halten weiß, der ist auch imstande, die Absichten des heiligen Islam an das Laientum zu verraten! Du bist ein abtrünniger Christ, also überhaupt Verräter gewesen, seit ich dich kenne. Nun drohst du auch mir mit Verrat. Hebe dich weg! Ich sehe mit Freuden dich hängen!«

Da brüllte der Henker laut auf. Er trat, anstatt sich zu entfernen, ganz nahe an ihn heran, ballte die Fäuste und sprach, infolge seines nicht zu überwältigenden Grimmes in die unbeschränkteste Offenheit verfallend:

»Ja, du hast recht; ich bin ein Verräter, ein Verräter überhaupt! Ich habe nicht nur die Menschen verraten, sondern auch Gott und mich selbst. Ich verriet meinen christlichen Glauben. Ich täuschte sodann den Beherrscher. Ich betrog den Fürsten der Schatten. Ich täuschte auch dich, genau so, wie du selbst täuschest. Aber einmal lüge ich nicht, nämlich jetzt, wenn ich öffentlich beichte! Soll ich gehangen werden, so hänge man gleich Zwei! Die Dritte und den Vierten wird man wohl laufen lassen. Dir aber knüpfe ich die wohlverdiente Schlinge!«

Er wendete sich von ihm ab, zu uns, richtete sich hoch auf und wollte sprechen. Da griff der Scheik ul Islam nach den vor ihm liegenden Kleidungsstücken, bei denen auch das Messer des Henkers lag, faßte es, zuckte es gegen ihn und drohte:

»Schweig, Wahnsinniger, sonst stirbst du an deiner eigenen Klinge!«

»Ob Strick oder Klinge, das ist nun Alles gleich; aber ich spreche!« entgegnete der Multasim, schnell zugreifend, um sich zu wehren.

»Dann fahre hin, und rede in der Hölle, aber nicht hier!«

Im nächsten Augenblicke hatten sie sich gefaßt. Die Khanum Gul schrie vor Entsetzen auf, gab Raum und eilte fort. Niemand schaute ihr nach, denn aller Augen waren auf die beiden Kämpfenden gerichtet, welche einander niederzerrten und dann unter den Sitzen weiterrangen, still, lautlos, wie zwei ineinander verbissene, wilde Tiere.

Da plötzlich gab es einen Blitz und hoch über uns einen lauten Krach. Der Donner rollte. Unsere ganze Aufmerksamkeit war so ausschließlich hier unten festgehalten worden, daß wir die schweren Wetterwolken gar nicht beachtet hatten, welche hinter dem Ruinenberge aufgestiegen waren und nun über dem Alabasterzelte drohend kulminierten. Wir kannten diese Art von Wetter, welche sich in jenen Bergen ganz unerwartet zusammenziehen und alle Gewalt der Elemente entfesselt zu haben scheinen7. Darum wußten wir sogleich, daß wir auf unser lustiges Vorrennen wenn nicht ganz, so doch für jetzt zu verzichten hatten. Es fielen schon gleich einzelne schwere, erbsengroße Regentropfen.

Da war der Kampf auf Leben und Tod zu Ende. Der Scheik ul Islam kam unter den Sitzen hervorgekrochen und richtete sich auf, ganz ermattet, langsam, blutend. Er sah sich mit stierem Blick im Kreise um und rief mit heiserer Stimme:

»Es kam so, wie ich sagte: Er ist zur Hölle gegangen. Dort mag er reden, was er will, so wird es doch nichts schaden. Die Teufel glauben nicht so schnell wie die Menschen! Ich bin verwundet. Bringt mich nach meinem Zelte!«

Einige Taki eilten hinzu, um ihm zu helfen. Man zog den Multasim hervor. Er war tot. Das Messer steckte bis an den Griff in seiner nackten Brust. Da blitzte und krachte es abermals, und der Regen begann in einer solchen Weise sich zu ergießen, daß ich schleunigst nach dem Zelte Agha Sybils eilte, wo ich, der längst Erwartete, von meinem alten Bagdader Freunde und all den Seinen mit herzlicher Freude aufgenommen wurde.

Mein Erstes war, gute Plätze für Halef, Hanneh und Kara zu reservieren, welche natürlich nicht auf sich warten ließen, und dann geschah der Freundschaft und der Vergangenheit ihr Recht, mochte es draußen gießen oder strömen und hier innen tropfen oder träufeln, wie es wollte. Auch Kepek wurde erwähnt. Man hatte ihn wegen seiner unbehilflichen Körperfülle so schnell wie möglich als Fracht nach Isphahan gesandt, wo sein Herr sich für die Zukunft mit ihm niederlassen wollte. Die »Festjungfrau« war als lebenslängliche Köchin in Aussicht genommen, und Tifl hatte dabei als Pendant zu Kepek tüchtig mitzuessen.

Der Regen währte ausnahmsweise stundenlang. Als er einmal eine Pause machte, schickte Schakara für mich und Kara Pferde, für Halef und Hanneh aber eine Doppelsänfte, mit deren Hilfe wir schnell nach Hause kamen. Der Ustad folgte erst später. Wie umsichtig Schakara war, bewies sie jetzt auch wieder dadurch, daß sie unsere Pferde aus dem schweren Regen in das bereits wohlbekannte Gewölbe gerettet hatte.

Der Ustad kam mit Dschafar Mirza, eben als das zurückgekehrte Gewitter mit einer zweiten, noch längeren Entladung einsetzte. Sie hatten im Hause des Chodj-y-Dschuna ein bequemes Unterkommen gefunden und von dort aus Alles beobachtet und nach Kräften dirigiert. Sie nahmen den von dem Unwetter angerichteten Wirrwarr nicht von der tragischen, sondern von der komischen Seite, und so fiel es auch mir nicht ein, mir um irgend Etwas betrübte Gedanken zu machen. Als ich nach der Leiche des Henkers frug, erfuhr ich, daß man sie nach den Ruinen geschafft und dort dem Scheik ul Islam vor das Zelt gelegt habe. Sein Pferd war vom Hauptmanne konfisziert worden; den Kiss-y-Darr aber hatte der Ustad jetzt mitgebracht, um ihn wieder gesund zu pflegen.

Der Regen ließ auch für später nicht nach. So war nichts mehr zu machen, und wir gingen in der Hoffnung schlafen, daß er sich bis morgen ausgegossen haben werde. – Es legte sich heut wohl kein Mensch so hochbefriedigt, so stolz nieder wie Hadschi Halef und Hanneh. Ihr Sohn war unbedingt der Held des heutigen Tages gewesen, und ich hatte ihnen gesagt, daß dies nicht etwa Zufall, sondern in der vortrefflichen Begabung Kara’s begründet sei. Das war eine Wonne für meinen Hadschi, der, als ich am andern Morgen aufstand, soeben in die Sänfte stieg, um sich nach der Tribüne tragen zu lassen, denn Ahriman Mirza und der Scheik ul Islam hatten einen Zusammentritt des Preisgerichtes und der Dschemma gefordert, weil sie gleich heut früh einen wichtigen Antrag zu stellen hätten. Bei einer solchen Beratung mußte der »Scheik der Hadeddihn« natürlich gegenwärtig sein, und wenn er noch so schwach gewesen wäre! Der gestrige Tag aber war ihm außerordentlich gut bekommen, natürlich infolge der Freude über das brave Verhalten seines Sohnes.

Nach einer Stunde, als die Verhandlung vorüber war, welche der Ustad geleitet hatte, kam dieser selbst nach dem Hause herauf, um mich aufzusuchen und abzuholen. Da erfuhr ich denn, welche Wünsche Ahriman Mirza und der Scheik ul Islam vorgebracht hatten. Diesen beiden Herren schien nämlich der Gedanke, sich nach der gestrigen Blamage den ganzen heutigen Tag den Blicken einer so großen Volksmenge auszusetzen, sehr peinlich zu sein. Sie hatten sich also schon am frühesten Morgen darüber geeinigt, daß das Rennen, wenigstens für sie und ihre Zwecke, so kurz wie möglich abzumachen sei. Daher ihr Antrag. Dieser lautete: Die edlen Pferde, welche eigentlich laufen sollten, laufen nicht, werden aber als Gewinne gestellt. Wirklich rennen werden von jeder Seite nur drei. Wer in zwei Rennen siegt, gewinnt sämtliche Pferde. Keiner von diesen drei Matadoren darf zweimal laufen, und sie vorher vorzuzeigen, ist nicht nötig. Die Preispferde müssen gegenseitig von gleichem Werte sein.

Was ich nun erwartete, das war auch geschehen: Die Dschamikun hatten diesen Antrag einstimmig angenommen, und man war unten am See jetzt schon sehr fleißig dabei, die Preise zu taxieren und zu vergleichen. Diese Bedingungen bezogen sich auch auf ein voranzugehendes Kamelrennen, bei welchem die Chancen der Dschamikun freilich nicht günstig standen, weil ihre Tiere mehr in die Berge als für den Schnellauf in der Ebene paßten, während dem Aemir-y-Syllan jedenfalls die besten Eilkamele seiner Schatten und Massaban zur Verfügung standen. Dieser Mangel aber wurde, zumal unter den neuen Bedingungen, durch die beiden Leibkamele unserer Hanneh vollständig ausgeglichen.

Da wir nur Syrr verbergen, sonst aber mit unsern Matadoren nicht Verstecken spielen wollten, gab der Ustad Befehl, die Letzeren für unsere Boten bereit zu halten. Syrr jedoch wurde mit alten Decken behangen und ganz heimlich hinunter zum Chodj-y-Dschuna gebracht und in dessen Hof gestellt, den Niemand betreten durfte. Als wir dann gehen wollten, fragte Schakara, ob sie dieses gewiß seltene Rennen mit ansehen dürfe, und wir freuten uns darüber, ihr einen guten Platz zwischen uns Beiden versprechen zu können.

Was das Wetter betrifft, so war es so, wie wir es uns gar nicht besser hätten wünschen können. Es hatte zwar bis spät nach Mitternacht »wie aus Flußmulden« gegossen; alles Buschwerk hing von der Schwere des herabgestürzten Wassers tief niederwärts; die Stauden und Gräser lagen hart am Boden, und gar mancher Baum war mitsamt den Wurzeln ausgewuchtet worden; aber die Flut hatte sich vollständig in den See verlaufen; die Wege waren schnell wieder getrocknet, und die Rennbahn lag sogar noch besser da als gestern, weil die Wucht der Regenmassen von ebnender Wirkung gewesen war.

Als wir mit Dschafar Mirza, der nun wahrscheinlich seines Lebens wieder sicher sein konnte, hinunterkamen, sahen wir, wie sehr Ahriman und der Scheik ul Islam sich beeilt hatten, ihre Preise zu stellen. Sie waren beide persönlich da, um darüber zu wachen, daß ihnen nur Gleichwertiges gegenübergesetzt wurde, denn es lag ja in ihrer Absicht, uns alles Gute abzugewinnen und dann über den zurückgebliebenen Schund zu lachen und zu lästern. Dadurch hatten sie aber auch sich selbst gezwungen, nur ihr Bestes daranzuwagen, und ich war sehr neugierig darauf, wie dieses »Beste« sich wohl ausnehmen und bewähren werde.

Was zunächst nicht die Pferde und Kamele sondern die beiden genannten Personen betrifft, so machte der Scheik ul Islam heut fast denselben Eindruck, den gestern der »Schundroman« gemacht hatte, ja einen fast noch schlimmeren, weil die vielen Schnittwunden und Schmarren, welche er im Kampfe mit seinem eigenen Schützling erhalten hatte, keine gefälschten, sondern wirkliche waren. Das Messer schien ihm wiederholt entrissen und gegen ihn selbst gerichtet worden zu sein. Besonders hatte er das Gesicht sehr arg bepflastert, und an der einen Wange und dem Kinn fehlte ihm ein großes Stückchen Haut mitsamt dem Bart. Der Rest des letzteren war nun nicht mehr eine Zierde für ihn, sondern vielmehr eine Schande. Er gab sich aber die Miene, als ob ihm das im höchsten Grade gleichgültig sei. Ahriman Mirza zwar war sehr still und in sich gekehrt. Bald hatte sein Gesicht einen geradzu blöden Ausdruck; bald funkelten seine Augen in grimmiger Energie. Alles, was er tat, war unsicher und überhastet, und sehr oft horchte er ängstlich auf oder schaute wie erschrocken hinter sich, als ob er sich von etwas Unsichtbarem ärgerlich beobachtet und beeinflußt fühle.

Sie hatten über dreißig Kamele gestellt. Diese waren vortrefflich, einige davon sogar ausgezeichnet, ausnahmslos nur echte, hochrassige Schuturi Ba’aud. Der Umstand, daß die Dschamikun nur Bergkamele besaßen, die aber als solche von ganz demselben, vielleicht noch höherem Werte waren, wurde von ihnen bereitwillig durch die Zahl ausgeglichen: Sie stellten zehn Stück mehr dagegen. In Beziehung auf die Taki und Dinarun war dies nicht nötig. Diese brachten gegen vierzig Stück zusammen, was die Dschamikun mit ebenso vierzig erwiderten.

In Betreff der Pferde lagen die Verhältnisse umgekehrt. Die Gegner mochten in Beziehung auf ihre Matadore denken, was sie wollten; der Durchschnitt aber stellte sie tief. Sie konnten nicht einmal so tun, als ob sie das leugnen wollten. Ihr Aerger hierüber war groß; sie verschluckten ihn aber im stillen. Sie brachten mit den Dinarun und Taki zwar gegen sechzig Stück »edles Blut« zusammen, wie sie es nannten, mußten es sich aber gefallen lassen, daß wir mit nur vierzig parierten.

Nach Abschluß dieser Verhandlungen wurde das Resultat bekannt gegeben und schnell über das ganze Tal verbreitet. Nun schickten wir nach den beiden Eilkamelen, welche von einem der mitgebrachten Hadeddihn und von Hanneh geritten werden sollten; sie tat das nicht anders; sie wollte auch einmal zeigen, daß man kann, wenn man will! Unser drittes war das schnellste Kamel der Dschamikun, leider aber schon ziemlich alt und dabei eigenwillig. Als die Gegner ihre drei Trümpfe brachten, sahen wir freilich, daß es nicht leicht war, gegen solche Kamele aufzukommen. Der Scheik ul Islam und der Mirza gebärdeten sich sehr siegesgewiß; der alte, bigotte Scheik der Taki ebenso. Sie lachten, als der Dschamiki mit dem seinigen kam. Und sie lachten noch lauter, als unsere Bischarihn-Hedschihn gebracht wurden und sie nun erfuhren, daß eines derselben von einem Weibe geritten werden solle.

Es wurde eine Schnur quer über die Bahn gezogen. An ihr hatten sich die sechs Kamele in einer Reihe neben einander niederzulegen. Sie wurden bestiegen. Sobald das Zeichen gegeben wurde, hatte man die Schnur zu entfernen. Es handelte sich hier um einen Gesamtlauf, während die Pferde zu zweien rennen sollten.

Unsere Hanneh schwang sich mit einer Miene in den Sattel, als ob es sich um etwas ganz Alltägliches handle. Sie hatte nur den dünnen Medrek in der Hand, ein leichtes Stäbchen, mit welchem man dem Hadschihn zeigt, nach welcher Seite es sich zu halten habe. Die Gegner aber waren mit schweren, schmerzenden Hetzpeitschen versehen.

Da ertönte die Kärna. Die Schnur verschwand. Sechs Zurufe erschollen. Aber nur fünf Kamele gehorchten. Dasjenige des Dschamiki sprang nicht auf. Es blieb liegen. Es brüllte vor Zorn über die große Menschenmenge, vor der es sich produzieren sollte. Das paßte ihm nicht. Unsere Gegner lachten; wir aber auch. Der Dschamiki lachte schließlich ebenso mit, stieg ab und gab seinem Kamele so lange gute Worte, bis es aufstand und sich von ihm fortbringen ließ.

Inzwischen waren die drei Gegner sofort im eiligsten Laufe davongeritten, Hanneh und der Hadeddihn aber erst langsam hinterher. Der Scheik ul Islam jubelte laut, denn der Abstand, den es gab, war nach seiner Ansicht bei der nur einmaligen Runde, die es gab, fast gar nicht einzubringen. Aber die Schnelligkeit unserer Hedschihn vergrößerte sich; sie vergrößerte sich auch dann noch, als sie diejenige der Vorläufer erreicht hatte; sie nahm zu, immer zu, als ob sie sich bis in das Unheimliche steigern wolle. Jetzt war der hinterste Gegner erreicht; er wurde überholt. Bald auch der zweite. Der erste war weiter voran. Er schaute sich wiederholt nach dem Verhängnisse um, dem er so gern entrinnen wollte und doch nicht konnte. Es kam; es kam! Es flog an ihm vorüber, weiter, immer weiter, den Geisterhedschahn gleich, von denen man in den Steppen des Sudan erzählt – jenseits am See zurück, vom brausenden Jubel der staunenden Menge begleitet, herbei, herbei, um endlich bei uns zu halten.

Hanneh wartete das Niederknieen ihres unübertrefflichen Tieres gar nicht ab. Sie schwang sich von oben herunter, ging leuchtenden Auges dorthin, wo der Scheik ul Islam und der Mirza saßen, schlug mit ihrem Stabe laut auf die Bank vor ihnen und sagte:

»Ihr lachtet über das Weib; das Weib lacht nicht, aber es siegt!«

Hierauf kehrte sie an ihren Platz zurück, von Mann und Sohn mit Händedrücken empfangen. Ihr Hadeddihn führte die siegreichen Tiere fort. Dann erst kamen die Gegner, einer immer später als der andere. Wir hatten von drei Nummern zwei Gewinner und also die siebzig Kamele und auch die drei Matadore gewonnen. Der Pedehr sorgte dafür, daß sie sofort in Sicherheit gebracht wurden.

Das hatten die Feinde nicht erwartet. Aber anstatt klug und still zu sein, verfielen sie in das Gegenteil und rühmten sich, mit den Pferden Rache nehmen zu wollen. Der Scheik ul Islam rief nach seinem »besten Pferd von Luristan«, gegen welches zunächst zu reiten sei. Es wurde ihm schnell gebracht, und so bekamen wir dieses vielgepriesene Wunder nun endlich einmal zu sehen.

Es war Taki-Zucht, nicht Araber, doch auch nicht Perser, von jeder Rasse ein Muskel oder ein Knochen. Aber gut, sehr gut sah der Kerl aus! Doch nicht für die Augen des Kenners, der sich vielmehr sagen mußte: Trügerische Formen, Paraderenner, aber nicht für den Ernst!

»Den nehme ich getrost mit meiner Sahm!« sagte der Ustad. »Er verdient keinen berühmten Gegner.«

Wir hatten nach Hause geschickt und unsere »Trümpfe« kommen lassen. Sie standen in der Nähe und wurden von den Gegnern in ausgiebigster Weise behaßäugelt. Der Scheik ul Islam erklärte, daß er sein Pferd selbst reiten werde, und so stellte sich ihm der Ustad mit der Sahm als Gegenpartner vor. Beide Pferde und beide Reiter wurden ausgerufen, und es ging wie ein Rauschen von Mund zu Mund und laut um den See, wen man jetzt im Kampfe zu sehen bekommen werde. Beide Reiter warfen ihre Oberkleider ab und stiegen auf. Sie hielten neben einander. Der Hornist hob die Kärna zum Munde, um das Zeichen zu geben. Noch aber erscholl es nicht, so jagte der Scheik ul Islam schon davon. Es galt für die drei Pferderennen je eine Doppelrunde.

Man schrie laut auf über diese Unehrlichkeit; aber der Ustad rief:

»Ich protestiere nicht! Aber ich reite ehrlich! Heraus mit dem Zeichen!«

Die Kärna schmetterte. Die Stute ging regelrecht fort, erst Schritt, dann Trab, dann Galopp. Es sah aus, als reite der Ustad nur spazieren. Das »beste Pferd von Luristan« aber flog da draußen, als sei es aus einem Böller geschossen worden, denn der Scheick ul Islam hatte das Geheimnis schon gegeben. Tiefe Stille herrschte. Die Sahm lag jetzt in glattem Galopp. Ich sage mit Absicht, sie »lag«. Wie eine jener einst so hochberühmten amerikanischen Briggs mit ihrer Schonertakelage, die man nicht »gehen« sieht, wenn sie vor dem Winde »liegt«, und aber doch nie einzuholen ist! Und sie »blieb liegen!« Die Entfernung der beiden Pferde blieb die gleiche, fort und fort, und um den See. Das Rennen kam von drüben wieder herüber – an uns vorbei. Der Scheik ul Islam, mit tiefgeröteter Gesichtshaut zwischen den weißen Pflastern. Sein Pferd troff von Schweiß, und weiße Flocken flogen ihm vom Maule. Dann der Ustad, mit unveränderter Miene, uns vertraulich zunickend. Die Sahm war trocken und noch ganz bei Atem. Sie arbeitete nicht, sondern sie »lag« noch immer.

»Er siegt!« sagte Schakara neben mir. »Er hat das Geheimnis ja noch gar nicht angewendet!«

Es war, als ob er in innerer Verbindung mit der Sprecherin sei, denn kaum hatte sie es gesagt, so warf der Ustad den Arm hoch empor, und die Sahm bekam einen Ruck, dessen Schnellkraft nicht etwa verschwand, sondern von jetzt an ununterbrochen weiterwirkte. Und nun begann der bisherige Abstand, sich zusehends zu verringern. Das »beste Pferd von Luristan« war zu früh gezwungen worden, herzugeben, was es hatte. Die Kräfte ließen nach; die Lunge versagte den Dienst. Der fliegende Galopp verwandelte sich in ein unregelmäßiges Springen. Die Sahm aber »lag« nun wieder, aber im Geheimnisse! Sie holte den Gegner ein; sie schoß an ihm vorüber. Noch eine kleine Weile, so nahm der Ustad das Geheimnis wieder ab, um sie zu schonen, denn er hatte zurückgeschaut und bemerkt, daß das Pferd des Scheikes nun nicht mehr rannte, sondern sich gegen seinen Reiter sträubte, weiter zu gehen. Er schlug mit der Peitsche zwar unbarmherzig auf das arme, so töricht ausgepumpte Tier los, aber vergeblich. Es blieb einfach stehen, so daß er ihm schließlich seinen Willen oder vielmehr Unwillen lassen mußte und langsam durch den Duar herbeigeritten kam. Als er die Tribüne erreichte und abstieg, saß der Ustad schon längst wieder an seinem Platze! Der Besiegte ließ »das beste Pferd« stehen, ging, ohne ein Wort zu sagen, zu seinem Sitz und sank ermattet auf demselben nieder. Ahriman Mirza aber sprang auf, warf ihm einige grimmige Worte in das Gesicht und verkündete hierauf laut, daß jetzt der unbesiegbare Iblis erscheinen und uns eines ganz Anderen belehren werde!

Natürlich war man allgemein gespannt, dieses Pferd zu sehen. Es wurde gebracht. Wir gingen hin. Ahriman stand bei ihm und pries es mit überschwenglichen Worten. Schakara sah ihn dabei aufmerksam an und sagte uns dann leise:

»Nehmt Euch in acht! Ich fühle eine schlimme Absicht, die er hat; nur weiß ich nicht, welche.«

Wir wußten, daß der Iblis eine Khorassan-Schecke sei. Dieses Pferd hier war eine Schecke, ja, aber auf keinen Fall aus Khorassan stammend! Freilich, man konnte uns falsch berichtet haben, und sie war dann doch der Iblis. Aber da sagte der Mirza, daß sein »Freund« sie reiten werde, und da stand es bei uns fest, daß ein Betrug oder wenigstens eine List beabsichtigt werde. Der Ustad war der Meinung, man wolle uns verleiten, unsern besten Trumpf an dieses vorgeschobene Pferd zu verschwenden, und es stellte sich dann auch heraus, daß dies richtig war. Da keiner der Matadore zweimal rennen durfte, hätte dann der echte Iblis keinen ebenbürtigen Gegner gehabt. So wenigstens hatte Ahriman gerechnet, dabei aber nicht angenommen, daß schon das erste Rennen für ihn verloren gehen könne. War er denn gedankenschwach geworden? Er sah doch unsere Rappen stehen, gegen welche diese Schecke unmöglich aufkommen konnte! Wenn sie dieses zweite Rennen verlor, wurden wir Sieger und brauchten gar nicht weiter mitzumachen! Wir fragten unsern Kara, ob er es übernehmen wolle, den angeblichen Iblis mit dem Barkh behaglich um die Ecke zu reiten, und er war mit Wonne bereit dazu.

So wurden also diese beiden Pferde und ihre Reiter ausgerufen. Wir sahen, daß der »Freund« jener Vertraute war, der mit dem Obersten der Schatten den geheimen Gang in den Ruinen untersucht hatte. Er stieg auf und schaute von seiner Schecke herab, als ob er die Absicht habe, seinen Gegner sofort in Grund und Boden zu reiten. Es kam aber anders!

Hatte nämlich der Ustad mit dem Geheimnisse gespart, so tat Kara jetzt das Gegenteil. Kaum waren nach dem gegebenen Zeichen die Pferde in Gang, so gab er es und war schon in der nächsten Minute dem »Freunde« so weit voraus, daß alle Zuschauer staunten. Und das wuchs und wuchs! Die Schecke lief gut; sie lief, was sie nur konnte; aber sie kam gegen unsern Rappen nicht vorwärts, trotz ihres guten Willens. Auch der Reiter gab sich alle Mühe, doch umsonst. Als Kara, die zweite Runde beginnend, an uns vorüberkam, hatte er das Geheimnis bereits wieder ausgelöst; die Schecke war aber noch jenseits draußen vor dem Duar, dessen ganze Ausdehnung also schon zwischen ihnen lag. Und nun tat Kara weiter nichts, als daß er diesen Abstand unausgesetzt erhielt, bis er nach der zweiten Runde das Ziel erreichte.

Zwei Touren gewonnen von Dreien! Wir waren also Sieger! Da aber erhob Ahriman Mirza von dem Ausruferstand, den er bestieg, lauten Einspruch. Das erste Rennen gelte nichts, weil der Scheik ul Islam unehrlich gewesen und vorgeritten sei. Er beschimpfte also seinen eigenen Partner und drang auf die dritte und letzte Tour. Nur wer diese gewinne, sei Sieger, sonst aber Keiner! Die Preisrichter nahmen diese Frage vor und entschieden für uns, denn man könne die Unehrlichkeit doch nicht belohnen und der Ustad habe ausdrücklich erklärt, daß er nicht protestiere. Die Gegner aber standen zum Mirza und wollten sich nicht fügen. Schon standen wir in Begriff, mit Gewaltmaßregeln zu drohen, da geschah etwas sonderbar Seltsames. Schakara verließ nämlich, ohne uns vorher hierüber zu verständigen, ihren Sitz, stieg die Stufen zum Stand hinauf und winkte Schweigen. Das Erscheinen eines Mädchens da eben verwunderte. Man war still. Da begann sie zu sprechen, kurz, klar, bestimmt. Sie forderte Ahriman Mirza auf, seinen Chandschar mit zu den Preisen zu legen, dann werde das dritte Rennen sofort stattfinden, und wer es gewinne, der habe gesiegt. Sie tat sogar noch mehr: Sie setzte gegen den Dolch die bereits gewonnenen Kamele, so daß also dem Sieger dieser letzten Tour der ganze Gewinn und dazu der Chandschar zu gehören habe.

Wir staunten! Der Mirza auch! Woher nahm dieses sonst so bescheidene, zurückgezogene Mädchen den Mut, hier in dieser Weise öffentlich aufzutreten? Uns allen in einer so wichtigen Sache ohne Erlaubnis vorzugreifen? Da drückte mir der Ustad die Hand und sagte:

»Erschrecke nicht! Du weißt, sie kommt von Marah Durimeh! Sie hat geheime Gründe! Wenn der Mirza darauf eingeht, tue ich es gern. Du hast ja den Syrr!«

Da verließ Ahriman seinen Platz. Mit weit geöffneten Augen Schakara anstarrend, schritt er langsam zu ihr hin, löste den Chandschar vom Gürtel und reichte ihn ihr hinauf. Sie nahm ihn. Nun legte er sich beide Hände vor die Augen und stand eine Weile still, doch mit zuckendem Körper. Hierauf nahm er die Hände hinweg, richtete sich kerzengerade empor, warf beide Arme in die Höhe und rief aus:

»Meinen Chandschar, meine Waffe, mein Höchstes! Nicht um ein Reich zu beherrschen, sondern für Pferde und Kamele! Aber ich muß, ich muß! Sie hat ihre Augen! Sie hat ihre Gestalt, ihre Stimme! Und sie hat auch ihre Gedanken und ihre Macht! Da bin ich nichts; da muß ich gehorchen! – Wohlan! Holt mir den Teufel! Aber den echten, den wahren, den wirklichen, nicht den falschen, den gelogenen! Es gilt ein Reiten, wie es wohl noch nie geritten worden ist! Denn wenn Marah Durimeh mich zwingt, in den Sattel zu steigen, um meinen Chandschar zu retten, so stellt sie mir auch jenes von der Hölle gehaßte Geschöpf, aus dessen Haar beim Ritt die Funken springen! Also den Teufel her, den Iblis! Und schnell, denn es hat Eile!«

Wen oder was meinte er mit jenem »Geschöpf, aus dessen Haar die Funken springen«? Hatte er das nur figürlich gemeint? Oder war er bereits verrückt? Vielleicht das Letztere, denn sein Gebaren glich augenblicklich ganz dem eines Irren, der auf Etwas warten muß und es doch nicht erwarten kann. Und als man das verlangte Pferd brachte, sprang er auf dasselbe zu, schnellte sich in den Sattel und rief aus:

»Das ist er, das, der schnellste aller Teufel! Und ich bin Ahriman, sein Meister und sein Herr! Wo ist der Mensch, der sich an mich und diesen Satan wagt?«

Wir gingen hin, um das Pferd in Augenschein zu nehmen, konnten uns aber nicht ganz nähern, denn die Bestie duldete das nicht. Sie biß und schlug nach Jedem, den sie erreichen konnte. War das natürliche Bosheit oder Dressur? Ja, diese Schecke war ein echtes Khorassanvollblut, starrsinnig und bis zur Glühhitze kalt, wie das Klima ihrer heimatlichen Salzwüsten! Die Ohren groß, mit hängenden Spitzen, wie die gewissen Hunderassen. Die Stirn verschwindend niedrig, doch knochig, höckerig und überbreit. Das Auge boshaft, aus dem Weißen schielend. Das knorpelige Maul mit Borsten stark besetzt. Die Brust sehr schmal, das Ideal einer Rennerlunge andeutend. Die Muskeln der Vorarme und Schenkel vortrefflich geübt und gestählt. Die Beugesehnen, Kötengelenke, Fesseln, Kronen und Hufe geradezu unvergleichlich. Schopf, Mähne und Schwanz aber häßlich dünn, ohne Glanz, mit absterbenden Haarspitzen. Das Alles zusammen ein Pferd, welches ein Fragezeichen für jeden Kenner war, sobald es ruhig stand, dann aber schon bei der kleinsten Bewegung ahnen ließ, daß höchst wahrscheinlich ganz Ueberraschendes in ihm stecke.

Ich hatte, sobald der Mirza nach seinem Teufel rief, Kara fortgeschickt, auch Syrr zu bringen. Er kam mit ihm, grad als Ahriman die Frage, wer mit ihm anzubinden wage, zum zweitenmal wiederholte. Da trat ich vor und sagte nichts, als – »ich!« Da lachte er fast brüllend auf und rief zu seiner Khanum Gul hinüber:

»Hast du es gehört? Er – er – derselbe! Fast dachte ich es mir! Denn dieser Mensch scheint mir dazu geboren, stets da zu sein, wo ihn kein Teufel braucht!« Er strich mit der Reitpeitsche quer gegen mich hernieder und fuhr dann fort: »Kein Anderer käme mir so recht wie du! Ein Ausgestoßener des Abendlandes, der uns das schöne Morgenland vergällt, um sich in seiner Heimat wieder einzuschmeicheln! Du wärst der Mann, den Chandschar mir zu nehmen! Ich habe wohl gehört von deinem Rappen, mit dem du prahlst, wohin du immer kommst. Assil Ben Rih, der Hengst der Hadeddihn, der dort bei euern andern Kleppern steht! Hol ihn herbei! Ich weiß, er ist doch Eure letzte Hoffnung!«

»Er?« antwortete ich. »Nein, den reite ich nicht.«

»Wen sonst? Etwas Besseres habt Ihr ja nicht!«

»Wir haben nicht nur ihn, sondern auch seinen Chodem. Den reite ich. Schau dich um!«

Da fuhr er scharf zusammen, riß seine Schecke herum und starrte Syrr an, der, von Kara gehalten, hinter ihm gestanden hatte. Man sah, wie er erschrak, als er ihn erblickte.

»Syrr! Der Syrr! Das Lieblingspferd des Schah!« entfuhr es tonlos seinen Lippen. »Oh, nun weiß ich Alles! Das ist dein Werk, Marah Durimeh, das deinige! Du, du und nur du kannst den Schah-in-Schah veranlaßt haben, den Syrr zum Chodem des Assil zu machen! Aber, sei es denn! Er geht ja keinen Schritt mit einem Fremden! Und gar den Halfter nur, nicht Trense und Kandare! Verrückt, verrückt, verrückt! Fast sollte ich mich schämen, des Teufels Ruhm mit einem Sieg zu schänden, den jedes Kind vorauszusehen hat. Doch, weil es meinem Chandschar gilt, bin ich gezwungen, diese Tour zu reiten, blamiert vom Syrr, der stehenbleiben wird!«

Er trieb den Teufel an die Schranke. Ich stieg auf, um ihm zu folgen. Syrr aber ging keinen Schritt. Wollte er heut nicht! Oder war ihm die Schecke so zuwider, daß er sich weigerte, sich in gleiche Linie mit ihr zu stellen! Als Ahriman dieses Weigern bemerkte, lachte er siegessicher auf und gebot, das Zeichen zu geben. Er hatte schon gleich im Anfange wenigstens fünfzehn Pferdelängen voraus. Die Spannung, welche ringsum herrschte, war eine ungeheure. Die Namen wurden verkündet.

Wir sahen und hörten, daß sie weitergetragen wurden, uns voraus. Dann ertönte die Kärna, und der Teufel flog sofort im Galopp auf die weite, offene Bahn hinaus.

Noch stand Syrr still. Ich trieb ihn an, doch ohne Erfolg. Fast wollte es mir Angst werden. Da streckte er den schönen Kopf aus, ließ seine schmetternde Stimme hören und – ja, was war denn das? Ritt ich, oder flogen alle die doch unbeweglich stehenden Menschen auf mich zu, um hinter mir zu verschwinden? Ich fühlte nichts, als nur den Wunsch, den Teufel zu besiegen, und es war, als säße ich nicht auf einem Pferde, sondern auf diesem Wunsche, dem die Erfüllung entfliehen wollte und aber doch mit immer wachsender Schnelligkeit entgegenkam. Am Ende des Sees war ich dem Iblis schon so nahe, daß ihn der Mirza zu peitschen begann. Im Duar holte ich ihn ein. An der Tribüne fluchte Ahriman schon hinter mir. Bald darauf hörte ich schon den Hufschlag des Teufels nicht mehr. Ich drehte mich nicht um. Aber als ich zum zweiten Male um den See gebogen war; sah ich den Mirza erst an der Biegung ankommen. Er hatte die Peitsche umgedreht und bearbeitete den Kopf der Schecke mit dem schweren Griffe. Der Schmerz veranlaßte sie zu einer letzten Anstrengung; sie kam mir wieder näher. Da gab mir Syrr durch sein tiefes »U – u – u – uh« zu verstehen, daß er das auch sehe, und griff derart aus, daß ich glaubte, ihn zügeln zu müssen. Wieder im Duar angekommen, ließ er schnell nach, ging in hohem parierendem Galopp am Landeplatz vorüber und kam dann, gemächlich schreitend, bei der Tribüne an.

Wie gönnte ich ihm den brausenden Jubel, dessen Bedeutung er gar wohl verstand, wie mir seine spielenden Ohren verrieten. Aber der Kuß, den ich ihm gab, sobald ich abgestiegen war, schien ihm doch lieber zu sein, denn er küßte mich wieder, auf die Wange, fuhr mir in das Haar, nahm bald meine eine, bald meine andere Hand in das Maul, kurz, zeigte mir auf alle mögliche Weise, daß er nur für mich da sei, für nichts Anderes. Und doch war er es, auf dem Aller Augen bewundernd ruhten, nicht etwa auf mir, und das war auch ganz selbstverständlich und richtig!

Und da kam nun auch Ahriman mit dem Teufel, oder vielmehr der Teufel mit Ahriman, denn er ging mit ihm durch; infolge der Hiebe mit der Peitsche. Die Zügel hingen vorn herunter; die Bügel waren leer; der Reiter lag nach vorn und klammerte sich am Halse fest. Aber dieses Durchbrennen war kein gewöhnliches. Es geschah nicht etwa in vollem Jagen und ging auch nicht stets in derselben Richtung, sondern das Pferd verfolgte die sehr bemerkbare Absicht, den Reiter aus dem Sattel und unter die stampfenden Hufe zu bringen. Es bockte und schlingerte, sprang bald nach rechts, bald nach links, rannte dann eine Strecke geradeaus, blieb stehen, um mit gefletschten Zähnen nach rückwärts zu beißen, lief wieder fort, kehrte um, drehte sich im Kreise, kurz, es wollte den Mirza herunterhaben, um sich zu rächen. Den Grund sahen wir, als es sich uns näherte. Es hatte nur noch ein gesundes Auge. Das andere hing aus der blutenden Höhle. Ahriman hatte es ihm ausgeschlagen! Er befand sich in ganz derselben Stimmung wie sein Teufel: Scham, Wut, Rache! Als er uns erreichte, stand die Schecke für einen Augenblick still, um eine neue Tücke vorzubereiten. Da richtete er sich auf und rief:

»Der Chandschar ist verloren, und so sei es denn dieser Satan auch! Ihr habt ihn gewannen. Wohlan, da nehmt ihn hin! Aber nur als Aas für den Schinder!«

Er zog die Doppelpistole aus dem Gürtel, spannte die Hähne, hielt die Läufe an die zwischen den Nickwirbeln liegende Stelle und gab die beiden Schüsse rasch hinter einander ab. Er hätte jetzt schnell abspringen müssen, war aber in seinem Rachedurste für die Vorsicht blind. Der Iblis zuckte unter den Kugeln. Das übriggebliebene Auge schloß sich; der Kopf sank niederwärts, und die Kniee schienen brechen zu wollen. Da aber sammelte sich seine sterbende, dämonische Kraft. Er warf den Kopf empor, ging mit allen Vieren in die Luft, faßte wieder Boden, warf sich aus freier Hand grad auf den Rücken, sprang wieder auf und packte den nun an der Erde liegenden Peiniger mit den Zähnen, und zwar am Kopfe, dessen oberer Teil in dem weit, weit geöffneten Rachen ganz verschwand. Dabei überkam ihn ein Zittern, welches über seinen ganzen Körper lief. Den Kopf des Prinzen festhaltend, brach er zusammen – er war tot!

Man eilte hin. Die schreckliche Gruppe war vor den hilfeleistenden Menschen für einige Zeit nicht zu sehen. Dann teilte es sich. Man hatte Ahriman aus den Zähnen der verendeten Bestie befreit. War es Besinnung oder etwas Anderes, daß er sich aus seiner Ohnmacht halb aufrichtete, um zu sprechen? Er hob die geballte Faust empor, schüttelte sie und rief:

»Mein Kopf, mein Kopf! Immer nur mein Kopf, mein Kopf! Das war der Chodem wieder, der Chodem, der mich aufgegeben hat! Ich soll verrückt werden, verrückt, verrückt! Ich habe gekämpft mit ihm – von der „Mauer der Vergeltung“ an bis hierher! Vergeblich! Er empörte den Teufel gegen mich – er warf mich unter ihn nieder – er faßte mein Gehirn mit des Satans Zähnen – der Biß ging durch und durch – durch den Geist und durch die Seele – es ist aus; es ist aus; es ist aus!« Mit einer letzten, großen Anstrengung aufspringend, schrie er, indem seine Stimme überschnappte: »Freut Euch, Ihr Dschamikun, denn hört, was ich Euch sage – der Fürst der Schatten ist von jetzt an nur ein Aas – ein verwesendes Aas für den Schinder – genau wie der Satan hier – schleppt uns fort; schleppt uns fort – alle Drei, alle Drei – nicht nur die Aase, sondern auch den Verrückten!«

Er ließ den erhobenen Arm sinken, schüttelte sich wie vor innerem Grauen und fiel dann, wieder ohnmächtig, auf den scheckigen Kadaver des Teufels nieder. Auch uns graute; wir wendeten uns ab. Schakara’s Augen aber strahlten in glänzender Freude. Sie reichte mir den gewonnenen Chandschar des Mirza und sagte:

»Nimm sie hin, die Waffe der Feinde, die sich von nun an nur gegen sie selbst zu richten hat! Sie ist in unsere Hand geraten, doch wollen wir den Frieden. Stecke sie in die Scheide! Nimmt man diesen Frieden aber nicht an, so fährt sie wieder heraus. Dann aber gibt es kein spielendes Rennen wie heut, nur um dem Volke den Satan figürlich zu zeigen, sondern wir machen das Spiel zum tödlichen Ernst! Wen unser Rennen nicht warnt, weil er den Geist nicht besitzt, zu begreifen, was es bedeutet, der treibe die Feindschaft weiter, sich selbst zur schließlichen Schande!«

Man räumte den Teufel aus dem Wege und schaffte auch Ahriman fort. Als ich nach den Sitzen der Khanum Gul und des Scheik ul Islam hinüberschaute, waren Beide verschwunden. Die gewonnenen Pferde wurden in Sicherheit gebracht, doch verständigte der Ustad den Scheik der Dinarun und den Takikurden Ibn el Idrak davon, daß sie heut Abend die ihrigen und ebenso auch ihre Kamele heimlich zurückbekommen würden. Die Gegner wurden von jetzt an unsichtbar, einer nach dem andern. Es versteht sich von selbst, daß wir uns unseres Sieges freuten, am meisten aber wohl mein kleiner Hadschi Halef. Er strahlte geradezu vor Glück. Sein Kara ein mehrfacher Sieger! Und gar auch Hanneh, die »lieblichste Blume der Frauen«, ein großes Rennen gewonnen! Das ging ihm über Alles, was er bisher erlebt hatte, sogar auch über das Ehrengewand vom Beherrscher des persischen Reiches!

Großen Jubel gab es, als die Kärna ertönte und dann der Ausrufer verkündete, daß jetzt das gestern verregnete, lustige Rennen beginnen werde. Während dieses vorbereitet wurde, trat die Dschemma mit den Preisrichtern zu einer schnellen Beratung zusammen, um noch mehrere bedeutende, aber friedliche Rennen zu veranstalten, zu denen sich nur Freunde melden durften. Kara bat mich hierzu um den Assil und bekam ihn natürlich sehr gern. Ich aber ritt den Syrr nach Hause, nicht ohne befriedigt über die Worte zu sein, welche Dschafar mir mitgab. Er hatte nicht gewußt, daß Syrr mir gern gehorchte, und war daher auf das Heftigste erschrocken, als ich den Glanzrappen gegen den Teufel stellte. Umso größer aber war nun sein Entzücken über den Sieg, und er nahm sich vor, dem Beherrscher sehr ausführlich Bericht zu erstatten.

Es war rührend, wie wohl sich Syrr fühlte und wie deutlich er seine Freude äußerte, als er aus der Menschenmenge herauskam. Auch ich bin am liebsten allein, und so beschloß ich, bei ihm zu bleiben und mir die nun noch folgenden Ereignisse des Tages von oben anzuschauen. Auf der Pferdeweide angekommen, sattelte ich ab, gab ihm Wasser und Gerste, holte ein Gericht Aepfel für ihn und setzte mich neben ihn dahin, wo ich eine gute Aussicht über das Tal hatte. Später gesellte sich Schakara zu mir. Um es kurz zu machen, sei gesagt, daß der Ustad mit der Sahm einen Preis gewann und Kara mit Assil und Ghalib auch je einen. Das war mehr als genug.

In und bei den zwei herrschaftlichen Zelten drüben in den Ruinen war es während des ganzen Nachmittages sehr still. Der Scheik ul Islam ließ sich nicht sehen und die Khanum Gul auch nicht. Hier und da ritt ein Bote zwischen ihnen und Ahriman Mirza hin und her. Das Gefolge schien nach auswärts gegangen zu sein, jedenfalls um bei der Vorbereitung zu der morgenden Umzingelung mit tätig zu sein.

Gegen Abend kam der Ustad und fragte mich, ob ich ihn zu einer genauen Wiederholung unsers Sonntagsrittes begleiten wolle. Es gelte aber heut nicht, die Posten zu revidieren, sondern die erwähnte, berühmte Umzingelung wieder zu umzingeln. Ich war natürlich sofort und gern bereit. Syrr wurde von Neuem gesattelt, und dann ging es, der Ustad auf der Stute, abermals den Berg zum Alabasterzelte hinan.

Als wir da oben ankamen, blieben wir betroffen, ja beinahe erschrocken halten. Die Wucht und Masse des gestrigen, langen Regens war hier von unheilvoller Wirkung gewesen. Sie hatte das ganze Erdreich von der zurückliegenden Bergkuppe herabgeschwemmt und, mit schweren Steinen vermischt, in eine Art von Moräne verwandelt, welcher das abschüssige Terrain keinen Stillstand erlaubte. Man sah an der glatten Bahn dieses Rutsches ganz deutlich, welchen Weg er bereits zurückgelegt hatte. Es war zwar noch ziemlich weit von ihm bis zu dem schon wiederholt erwähnten, gefährlich lockern Steingeröll; aber wenn er es erreichte, so mußte sein Druck sofort die Katastrophe herbeiführen, welche der Ustad am Sonntage nicht nur erwähnt, sondern sogar befürchtet hatte.

Jetzt freilich war hier nichts zu unternehmen, denn der Abend nahte schon; aber für morgen früh nahm sich der Ustad vor, dem Weiterschreiten der Moräne schnellsten Einhalt zu tun. Wir mußten von hier oben fort, um noch vor Nachts hinüber auf die Nordebene zu kommen. Das gelang uns auch.

Genau an derselben Stelle, wo wir den Boten von Marah Durimehs Hilfstruppen gefunden hatten, erwarteten uns diese, angeführt von dem unternehmenden Scheik von Schohrd, der sich herzlich freute, mich wiederzusehen. Seine Truppen waren mehr als genügend, die Ultra-Taki von hinten zu packen. Er erhielt die nötigen Weisungen für alle möglichen Fälle und dazu das Versprechen, daß wir ihm den uns freundlich gesinnten Taki Ibn el Idrack schicken würden. Dann ritten wir weiter.

Im Norden standen die dortigen Dschamikun nicht mehr zerstreut, sondern schon festgeschart. Sie hatten Fühlung mit dem Scheik von Schohrd und mit den Kalhuran im Osten. Als wir diese erreichten, fanden wir sie in zwei Treffen geteilt, um die von den Kundschaftern bereits erspähten Massaban und Schatten hindurchzulassen und sich dann hinter ihnen wie zwei Torflügel zu schließen.

Im Süden freuten wir uns über die dortlagernden Dinarun, die sich so schnell aus Feinden in Freunde verwandelt hatten. Ihr Scheik war soeben bei ihnen angekommen, hatte ihnen Alles erzählt und war soeben dabei, ihnen auch zu sagen, daß er die verwetteten Pferde und Kamele bereits zurückerhalten habe, und zwar unter Aufsicht des Pedehr, dem dies von dem Ustad übertragen worden war. Als wir ihnen mitteilten, daß es besten Falles gar keinen Kampf geben werde, versicherten sie uns, daß dies ganz gegen ihre Absicht sei, da sie wünschten, uns ihre Freundschaft durch die Tat beweisen zu können.

Wir brachten sie in Fühlung mit den südlichen Dschamikun, die sich im Rücken der Taki und mit dem Scheik von Schohrd zu verbinden hatten. So war unser Ring also geschlossen, mit Ausnahme der Durchzugsstelle für die Massaban und Schatten. Wenn sie so töricht waren, diese Tür zu benutzen, so gerieten sie in eine Falle, aus welcher es kein Entrinnen gab!

Es war mitten in der Nacht, als wir heimkehrten, und doch wartete Schakara auf uns. Sie sagte, sie habe vor Sorge nicht schlafen können, um uns eine Beobachtung mitzuteilen, die vielleicht sehr wichtig sei. Sie war, ehe sie sich zur Ruhe legen wollte, noch einmal zu den Pferden gegangen und hatte sie in einer ganz auffälligen Unruhe gefunden. Besonders waren die Tiere nicht dazu zu bewegen gewesen, sich zu legen. Das deutete auf irgend eine Gefahr, die unter ihnen in der Erde lag. Schakara dachte nach, und indem sie so still dastand und sann, hörte sie, scheinbar unter ihren Füßen, ein dröhnendes Geräusch, dem ein fortrollendes Donnern und Beben folgte. Das machte sie besorgt, und darum beschloß sie, nicht schlafen zu gehen, bevor sie es uns mitgeteilt habe.

»Wir müssen hinunter« – »in das Bassin!« sagte der Ustad und sagte auch ich, beide wie aus einem Munde. Wir holten Fackeln und begaben uns, begleitet von Schakara, die nicht ohne uns bleiben wollte, nach dem Landeplatze, stiegen in das Boot und ruderten nach dem Kanale. Es gab keinen Menschen, der uns sah. Weil der Ustad auch schon hier gewesen war, wußte er Bescheid. Wir bemerkten sofort, daß das Wasser in Folge des langen, bedeutenden Regengusses viel höher stand als früher. Die Ranken waren hier oben dichter; sie ließen uns nur schwer hindurch. Dann brannten wir sogleich zwei Fackeln an und stakten und ruderten uns durch den Kanal in das vordere Becken.

Heut konnten wir die Decken über uns erkennen, wohl wegen des Wasserhochstandes. Diese Flut mußte drücken und heben. Gleich an der ersten Säule sahen wir, daß an ihrer Basis ein großes Stück ausgewuchtet worden war; oben aber prasselte es. Dennoch wagten wir uns weiter. Es bröckelte überall, und zwar in beängstigender Art und Weise. Stein auf Stein fiel klingend oder gluchzend in die Flut. Es war wirklich verwegen, nicht umzukehren! Wir kamen dahin, wo die Säule mit dem Gerippe gestanden hatte. Sie war verschwunden. Nur der untere Stein stand noch, mit dem Skelett darauf. Von hinterher kam ein Aechzen, Knarren und Prasseln. Schakara war bisher still gewesen, überwältigt von der unheimlichen Schrecknis dieser Unterwelt; jetzt aber schrie sie auf und bat uns, Gott ja nicht länger zu versuchen, sondern sofort umzukehren und zu flüchten. Wir taten es, ohne erst noch nachzusehen, ob vielleicht nicht nur diese eine, sondern noch mehrere Säulen zusammengestürzt seien. Die Folge sollte zeigen, daß dies sehr wahrscheinlich der Fall gewesen war.

So standen wir also zwischen zwei drohenden Gefahren: Oben am Alabasterzelte rückte die Moräne vor, und unter uns brach das Innere der Erde zusammen. Glücklicher Weise lag sowohl der Duar als auch unser Haus mit dem Garten und dem Weideplatze zwar nahe, aber doch außerhalb des Bereiches der beiden Katastrophen, von denen nur die Ruinen betroffen werden konnten! Wir waren weder Geologen noch Architekten von Fach, aber es stand dennoch für uns außer allem Zweifel, daß kein Leben bedroht sei außer demjenigen, welches sich von jetzt an noch in das alte Gemäuer wagte.

Darum ließ der Ustad gleich in der Morgenfrühe den Zutritt zu den Ruinen allgemein und bei hoher Strafe verbieten. Auch schickte er Boten nach den beiden Zelten hinüber, um die Bewohner derselben zu warnen. Man ließ ihm aber antworten, daß man die feindseligen Gründe dieser albernen Warnung kenne und über sie nur lache! Hierauf stieg eine Menge Arbeiter zum Alabasterzelte hinauf, um den Absturz der Erd- und Steinmassen zu verhindern. Da sandte uns der Scheik ul Islam ein Stück Papier, auf welchem folgende Zeilen standen:

»Gebt Euch keine Mühe, weder von oben noch von unten! Wir glauben keinen Lügen! Wir halten die Ruinen fest bis morgen; dann werden Alle gehen, die nicht hierher gehören! Hierauf mein Wort als Scheik ul Islam!«

Was unsere Festgäste betrifft, so hatten alle, denen nicht zu trauen war, sich wohlweislich entfernt. Von den andern aber fiel es keinem ein, den Ustad zu verlassen. Sie verhielten sich so, als ob sie vollständig ahnungslos seien, waren aber alle sehr wohl unterrichtet und warteten mit Ungeduld auf den nächsten Morgen, der die Entscheidung zu bringen hatte. Im Verlaufe des Nachmittages kamen Boten zu verschiedenen Zeiten, und als es dunkel geworden war, brachte der letzte von ihnen die Nachricht, daß die Massaban und Schatten in die Falle gegangen seien.

Was die Taki betrifft, so hatte sich Ibn el Idrak schon früh bei dem Ustad eingestellt, um sich mit ihm für Weiteres zu besprechen. So sehr dieser Stamm an seinen alten Vorurteilen hing und so von Allah bevorzugt sich die Angehörigen desselben betrachteten, dieser vermeintlichen Ueberlegenheit ein blutiges Opfer zu bringen, zumal so friedfertigen Nachbarn gegenüber, das erschien ihnen doch als zuviel verlangt. Nur die kleine, halsstarrige Corona, welche sich in den Strahlen des Scheik ul Islam sonnte, hielt fest zu ihm, sonst aber Niemand weiter. Und diese Verblendeten waren es auch, die in den geheimen Gang eindringen sollten, um uns zu überrumpeln. Der Ustad beschloß, sie trotz alledem zu schonen, aber sie in diesem Gange derart festzustopfen, daß sie sich nicht zu rühren vermochten. Ibn el Idrak war hiermit außerordentlich gern einverstanden und ritt dann fort, um den Scheik von Schohrd aufzusuchen. Infolge dessen gingen bei Anbruch des Abends zwei Abteilungen Dschamikun heimlich ab, die eine um von außen her bis zur Hälfte des Ganges vorzudringen, ihn zu verstopfen und sich hinter dieser Barrikade aufzustellen. Der hierzu bestimmte Punkt war natürlich so gewählt, daß ihn keine der beiden zu erwartenden Katastrophen berühren konnte. Die andere Abteilung sollte die Feinde alle eindringen lassen und dann den Ausgang besetzen, um ihnen die Rückkehr unmöglich zu machen. Wenn dies gelang, konnten die Eingeschlossenen keine andere als nur noch eine höchst lächerliche Rolle spielen, und es sei gleich hier gesagt, daß es so gut gelang, wie es gar nicht besser gelingen konnte.

Hiermit waren diese Feinde also kaltgestellt, und es handelte sich nur noch um die Massaban und Schatten, vor denen es uns ebenso wenig bange wie vor Jenen war, denn wir hatten sie ja fest und konnten sie erdrücken, sobald es uns beliebte.

Man hatte während des ganzen Tages wieder Reisig und Holz auf sämtliche Häupter und Vorsprünge der Berge geschafft. Wie das Fest mit einer Höhenbeleuchtung begonnen hatte, so sollte es auch mit einer solchen enden. So wurde gesagt. Die Eingeweihten aber wußten, daß das Aufflammen dieser Feuer für die Umschließung der Feinde das Zeichen sei, daß die Entscheidung einzutreten beginne. Nur eine einzige Stelle war von dieser Bedeutung ausgenommen, nämlich die Kuppe des Alabasterzeltes. Man hatte dort den ganzen Tag sich mit der größten Anstrengung bemüht, der Moräne Stillstand zu gebieten, doch ohne den gewünschten Erfolg. Sie war trotz aller künstlichen Hemmnisse weiter und weiter vorgerückt, um die vorlagernden Geröllmassen zu ergreifen. Das verheerende Schicksal von oben war also mit Gewißheit zu erwarten, doch sah man sich außer Stande, die Zeit genau zu berechnen. Darum standen nun Wächter oben, welche die dortigen Holzhaufen anzubrennen hatten, sobald der gefährliche Augenblick im Nahen sei. Das war es, was die Feuerzeichen von diesem Punkte aus zu sagen hatten.

In Erwartung aller dieser Dinge versicherten wir uns unserer Pferde, welche in das Gewölbe gebracht wurden. Auf der ganzen Breite der Pferdeweide standen Posten, um uns von den Ruinen abzuschließen. Im Hofe etablierte der Ustad eine Art Hauptquartier, zu welchem alle geltenden Personen gehörten, doch aber nicht Ibn el Idrak und die Scheike der Dinarun und Kalhuran, welche sich bei ihren Stämmen befanden und genau wußten, wie sie zu handeln hatten. Je weiter der Abend vorrückte, umso stiller wurde es unten im Tale. Alle Dschamikun verließen den See und stiegen bergauf in die Höhe. Die Schatten sollten kommen dürfen, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Aber der Duar selbst blieb umso schärfer besetzt, an jeder Flanke sechs Kamelkanonen, um den Zugang von beiden Seiten des Sees her zu bestreichen. Schon diese Geschütze allein genügten, den Schatten ihre Ohnmacht gegen uns zu beweisen. Die übrigen acht waren zu beiden Seiten des Sees auf dominierende Punkte verteilt, von denen aus wir mit ihnen die ganze Rennbahn beherrschten. Für den Bedarfsfall hatte der Ustad eine Menge von Fackeln verteilen und anfertigen lassen, und draußen am Ende des Sees lagen Späher versteckt, um das Zelt Ahrimans zu beobachten und uns das Erscheinen der Massaban zu melden. Er wollte ja mit diesen die Ruinen besetzen, und so waren sie viel früher als die Schatten zu erwarten.

Als wir die Zeit dazu gekommen glaubten, gingen wir hinunter in den Duar und erfuhren dort, daß der Pedehr so gewissenhaft gewesen war, die Bewohner der Zelte noch einmal zu warnen, und zwar in eigener Person, von ihnen aber ebenso höhnisch abgewiesen worden war wie die vorherigen Boten. Damit hatten wir den Pflichten der Menschlichkeit genügt. Auf dreimaliges Vermahnen nur Spott; mochte für sie nun kommen, was da wollte!

Am Himmel waren die Sterne verschwunden, nicht etwa infolge von Regenwolken, sondern es schien, als habe er sich in einen dichten, undurchdringlichen Schleier gehüllt, um nicht sehen zu müssen, was sich hier unten ereignen werde. Es nahte eine zwar nicht vollständig dunkle, aber fahl obskure Mitternacht, so recht geeignet für Schemen, Phantome und Chimären. Auf dem See bildeten sich Nebel. Sie lagen erst in unbestimmten Umrissen auf dem Wasser. Dann lösten sie sich von ihm, um sich in einzelnen Fetzen aufzurichten und zu individualisieren. Hierauf verdichteten sie sich zu allerlei gespenstischen Gestalten und trachteten dem Lande zu, um, feucht und kalt, wie Geister von Ertrunkenen, sich auf uns zuzuschleichen.

Da tauchte aus ihnen einer der Späher auf und teilte uns mit, daß die Massaban bei Ahriman Mirza angekommen seien. Und bald darauf stellte sich ein zweiter mit der Nachricht ein, der Mirza habe sich an ihre Spitze gestellt und komme mit ihnen anmarschiert, doch leise, ohne Pferde, wie es seine Absicht ja erfordere. Der Ustad wiederholte seine für diesen Fall schon vorher gegebene Weisung, sich so weit zurückzuziehen, daß man nicht bemerkt werden könne, und den Heranschleichenden den Weg nach den Ruinen vollständig freizugeben.

Es dauerte nicht lange, so kamen sie, von den Nebeln gedeckt, die aber auch uns ihnen verbargen. Sie glaubten den Duar im friedlichen Schlafe und zogen vorüber, ohne daß Etwas geschah, was ihnen diesen Glauben benahm. Wir kehrten also in unsere vorherige Stellung zurück. Einige Zeit später erklang in den Ruinen über uns ein lauter, aber kurzer, abgerissener Schrei. Hierauf war es, als ob jemand mit unterdrückter Stimme irgend Etwas kommandiere. Dann war es wieder still.

So ungefähr eine Stunde nach Mitternacht erfuhren wir, daß die Vorhut der Schatten von den Pässen her nahe und draußen in der Ebene halte, um die ganze Horde herankommen zu lassen; die Unteranführer des Mirza seien ihnen entgegengeritten, um sie dann nach dem See zu führen. Und nach einer längeren Pause meldete man uns von der andern Seite des Berges, daß die Ultra-Taki in das Garn gegangen seien und nun in dem Gange stäcken, ohne rück- oder vorwärts zu können; Ibn el Idrak aber habe die ganze Vollzahl der verständigen Taki zu dem Entschlusse gebracht, sich dem Scheik von Schohrd anzuschließen und gegen Morgen bei uns einzutreffen.

Dieser Bote hatte sich eben entfernt, so kam Jemand, an den wir jetzt am allerwenigsten gedacht hätten, nämlich der – Aschyk. Er war oben im Hause gewesen, um uns zu sprechen, und hatte erfahren, wo wir uns befanden. Was er uns mitteilte, war noch interessanter als sein völlig unerwartetes Erscheinen.

»Ich bin öfters bei Euch gewesen, als Ihr denkt,« sagte er, »und von Allem sehr gut unterrichtet. Der Scheik ul Islam hat mich bis heut als seinen Spion betrachtet, der sich in Euer Vertrauen geschlichen habe, um Euch an ihn zu verraten. Darum erntet er aber nun selbst das Unkraut, welches er für Euch säete! Ich war oben auf dem Berge und habe mich überzeugt, daß die Lawine nicht mehr zu halten ist. Ich hielt es für meine Menschenpflicht, es ihm zu sagen, damit er sich entfernen möge. Da lachte er mich aus. Ja, er wurde sogar mißtrauisch, von mir dieselbe Warnung zu hören, wie von Euch, doch durfte ich bei ihm bleiben. Er wanderte unruhig zwischen seinem Zelte und dem Allerheiligsten hin und her, um nachzusehen, ob seine Taki durch den Gang angekommen seien. Sie stellten sich aber nicht ein. Auch seine Bedienung habe ich gewarnt. Sie steht auf dem Sprunge, sich zu retten.«

»Und sein Gefolge?« fragte ich. »Der Heilige, der Selige, der Imam und die Generale!«

»Die sind bei den Taki geblieben und bleiben auch dort, bis der Kampf vorüber ist.«

»Das ist ja höchst bezeichnend!« sagte der Pedehr, der bei uns stand. »Früchte auflesen, aber ja nicht mit schütteln! Wie leicht könnte eine treffen, vielleicht gar eine faule! Sprich weiter! Hast du die Khanum Gul gesehen?«

»Nicht nur gesehen, sondern sogar mit ihr gesprochen. Diese beiden Personen verkehren notgedrungen sehr höflich miteinander, hassen sich aber grimmig. Sie glaubt ebenso wie der Prinz, daß ich der Schatten des Scheik ul Islam sei, und schmeichelt mir, um Gefährliches über ihn zu erfahren. Das zwingt sie, auch ihrerseits mitteilsam gegen mich zu sein, und so werde ich von beiden Seiten unterrichtet, ohne diesen Unterricht selbst bezahlen zu müssen. Mit heut ist aber hierin eine Aenderung eingetreten. Die Khanum Gul hat mir nämlich den Antrag gestellt, in ihren Dienst zu treten. Sie sagte, es gehe mit dem Scheik ul Islam zu Ende und sie werde mir die beste Garantie für meine Zukunft geben, falls ich geneigt sei, Alles zu sagen, was ich über ihn wisse. Das war gegen Mitternacht, denn sie hatte mich für diese Zeit zu sich bestellt, weil sie da Ahriman bei sich erwarte. Er kam, aber nicht allein, sondern mit den Massaban. Als er hörte, worüber wir verhandelt hatten, forderte er mich auf, sofort mit ihm zu gehen, um bewiesen zu sehen, daß es besser für mich sei, zu ihm und zur Khanum Gul, als zu dem Scheik ul Islam zu stehen, der sich grad eben in seinem Zelt befand. Er ließ dieses von den Massaban umzingeln und trat mit den Anführern hinein. Ich durfte mit. Da ich die Unterredung dieser beiden Männer im Allerheiligsten mit belauscht hatte, ahnte ich, was es nun für eine Szene geben werde, und wie ich dachte, so geschah es auch: Der Fürst der Schatten nahm den Scheik ul Islam beim Genick, nicht nur bildlich, sondern auch wörtlich, und schüttelte ihn so lange ab, bis auch der letzte Rest von Hochmut herausgeschlottert war. Dann warf er ihn hin und befahl, ihn auf das Strengste hier zu bewachen, bis der Kampf vorüber sei, und ihn dann zur weiteren Bestimmung vorzuführen. Natürlich trat er während alles Dessen, was ich erzähle, nur als Ahriman Mirza, nicht aber als der Fürst der Schatten auf und gab kluger Weise zu ahnen, daß dieser Letztere sich bei den heranziehenden Sillan befinde. Er ließ hierauf das Allerheiligste besetzen, um die Taki nicht in die Ruinen zu lassen, und kehrte dann nach dem Zelte zurück. Ich hatte vor demselben zu bleiben, bei der Dienerschaft, der ich dann half, Decken und Kissen nach der Vorderkante des Stockwerks zu schaffen, wohin der Mirza und die Gul sich beim ersten Grauen des Morgens setzen wollen, um von diesem allerbesten Platze aus dem Abschlachten der Dschamikun zuzusehen. Das gab mir Gelegenheit, mich zu entfernen. Ich eilte nach Eurem Hause hinüber und wurde da zu Euch hierhergeschickt.«

»Und was tust du nun?« fragte der Ustad.

»Das weiß ich nicht. Gib mir einen Platz, damit ich für euch kämpfe!«

»Wir haben Krieger genug. Bist du ein guter Reiter?«

»Ja.«

»So eile nach dem Hause zurück, und sag Kara Ben Halef, daß schnell gesattelt werden soll. Der Barkh für ihn, der Ghalib für dich und der Assil für mich. Dem Syrr mag Schakara den Sitz auflegen; er ist für den Effendi, doch nur mit Halfter. Dann kommt Ihr herab!«

»Wohin soll es gehen?« fragte ich, indem sich der über diesen Auftrag erfreute Aschyk entfernte.

»Hinauf nach dem Beit-y-Chodeh. Dieser Gedanke kam mir erst soeben. Es gibt kein edles Waffenspiel, keinen Kampf zwischen gleichwertigen Männern, sondern nur ein völlig gefahrloses Kesseltreiben auf niedriges Gezücht. Der Kessel ist gestellt, und Jedermann kennt seinen Posten und das, was man von ihm erwartet. Der Hauptmann mag an meine Stelle treten; er weiß Bescheid für alles Mögliche. Wir aber reiten dort hinauf, weil wir vom Beit den besten Ausblick haben. Sehen wir, daß man uns braucht, so können wir in zwei Minuten wieder unten sein. Nötigenfalls dienen Kara oder der Aschyk uns als Boten.«

Das hatte meinen Beifall, besonders deshalb, weil der zu erwartende Bergsturz, falls er nicht später kam, von dem Säulentempel aus viel besser als an jeder andern Stelle beobachtet werden konnte. Der Hauptmann bekam also seine Weisung, und wir gingen nach dem Bergwege, wo Kara mit dem Aschyk und unsern Pferden sehr bald eintraf.

Der Himmel hatte noch die stumpfe, bleierne Farbe, und auch die Nebel zogen noch dicht über den See und das Tal. Sie waren jetzt so kompakt, daß man nur wenige Schritte weit sehen konnte. Dann aber hörten sie plötzlich auf. Wir waren ihrer Grenze entstiegen und befanden uns in freier, durchsichtiger Morgenluft. Es war zwar noch nicht Tagesanbruch, aber im Osten dämmerte es schon leise, und die Linien unserer Bergesspitzen wurden – Bergspitzen? Ah! Auf der dort im Westen flammten hochlodernde Feuer. Waren sie erst jetzt angebrannt worden, oder hatten wir sie wegen des Nebels vom Tale aus nicht sehen können! Das waren die Warnungszeichen auf der Höhe des Alabasterzeltes. Die Lawine holte zum schrecklichen Sturze aus!

Am Beit-y-Chodeh angekommen, stiegen wir ab. Der Aschyk blieb bei den Pferden; wir andern Drei betraten das Innere und gingen nach vorn, wo wir uns niedersetzten. Da sagte der Ustad:

»Hier war es, hier an diesem Orte, wo der Feind uns herausforderte, so soll es nun auch hier sein, von wo aus wir sehen, was er vermag. Der frechste von ihnen damals, der Henker, ist schon dahin, beseitigt durch sich selbst, durch seine eigene Waffe. Du, auf dessen Person er die Blutrache warf, brauchtest gar nicht einzugreifen. So nun auch ich; ich lasse es dem Verhängnis über!«

Wir waren nicht etwa allein hier oben. Ich habe bereits gesagt, daß sich die ganze, große Menge der heut bewaffneten Festgäste auf die ringsum liegenden Höhen zurückgezogen hatte. Sie waren auch hier am Beit. Sie füllten den ganzen, freien Platz. Ihre Linie lief nach beiden Seiten in den Busch, in den Wald hinein. Und als es nun nach und nach heller zu werden begann und unser Blick über den See hinüberreichte, sahen wir sie auch drüben stehen, fast Kopf an Kopf, den ganzen See entlang – auch eine Lawine, welche bereit war, hernieder zu fahren, in den ethischen Abgrund, in das Heer der Sillan hinein. Diese Gefahr für die Feinde war zwar von hier oben, aber noch nicht von unten aus zu sehen. Denn die Nebel rückten enger und enger zusammen, und immer neue und neue kamen dazu. Sie machten für die Tiefe den Blick nach oben unmöglich. Es war, als ob sich die heranziehenden Schatten in dieses dunstige Geschwader verwandelt hätten, um ihren Angriff vom Lande auf das Wasser zu verlegen. Denn der erste Hauch des Morgens war gekommen, von Osten her, wo die Kalhuran mit den nördlichen Dschamikun nun standen, und schob die Nebel, zunächst langsam zwar, doch unwiderstehlich vor sich her, der Ruinenseite zu. Dort wirrten und wühlten sie sich an den alten Mauern empor, wickelten und wirbelten zu den Türmen hinauf und wagten sich sogar über diese hinüber, wo sie an der Kühle und Ruhe des Felsens erstarben.

So wurde es da draußen gegen Aufgang von ihnen frei und zugleich am Himmel immer heller und heller. Schon wurde die Ebene klar, die nach den Pässen führte. Da sahen wir sie reiten, die Schatten. Sie hatten sich am Zelte des Mirza geteilt, um an beiden Ufern gleichzeitig vorzudringen. Ihre Spitzen steckten schon tief in den Nebeln, aber ihre Zahl war so groß und ihre Kolonne so lang, daß nur ein sehr scharfes Auge den hinterherziehenden Troß zu erkennen vermochte. Wehe ihnen, wenn Ahriman den Befehl gegeben hatte, daß diese ganze Menge den See besetzen solle! Sie konnte sich ja nicht rühren! Sie war genau so eingestopft wie die Ultra-Taki im geheimen Gange, nur daß hier die Flucht nach rückwärts offen stand! Aber was für eine Flucht!

Während wir da hinausschauten, um sie heranziehen zu sehen, kam er hinter ihnen her – der Tag! Er folgte ihnen; er hing die Vorhut seines Lichtheeres an ihre Fersen und sandte uns, hoch über ihnen, den Odem seines Grußes zu. Dieser kraftvolle Atemstrom brach sich am Berge der Ruinen und wühlte dort die Nebel auseinander, um das Gemäuer, wenn auch nur vorübergehend, unsern Blicken preiszugeben. Da lagen die beiden Zelte. Das eine war von den Massaban umzingelt. Bei dem andern sahen wir Niemand. Aber vorn, auf der Mauerkante, saß Ahriman Mirza neben der Khanum Gul, und hinter ihnen standen die Diener. Die Stelle, welche sie sich gewählt hatten, lag so weit zurück, daß es ihnen selbst auch ohne die Nebel nicht möglich gewesen wäre, unsere Aufstellung unten im Duar zu bemerken. Sie befanden sich also noch immer in dem Glauben, daß die Dschamikun in tiefem Schlafe lägen.

Da wieherte bei den Schatten ein Pferd. Ein anderes antwortete – noch eines und noch eines. Das war in der Stille des Morgens weithin zu hören und für Ahriman ein Zeichen, daß seine Schatten angekommen seien. Er hatte sie schon des Nachts erwartet und war ungeduldig geworden. Warum den Duar erst leise und schleichend besetzen, wenn es nur einiger weniger Augenblicke bedurfte, ihn in schnellem Ansturm zu überrumpeln? Der Morgenhauch war zum Winde geworden, welcher die Dünste zur rascheren Bewegung zwang. Er begann, sie zu drängen, zu zerreißen, zu peitschen. Sie flatterten auseinander. Sie stoben nach allen Seiten. Sie flohen in alle Lüfte, um dort zerrissen zu werden. Der lichte Morgen war am See erschienen und räumte mit ihnen auf. Von den Ruinen verschwanden sie zuerst, weil der von der Felsenwand zurückkehrende Luftstrom dort doppelt wirkte. Da sahen wir Ahriman stehen. Er hatte sich hoch und gebieterisch aufgerichtet und eine Pistole in der Hand, um das verabredete Zeichen zu geben. Er schaute hinaus, über den See. Er sah nur Schatten, nichts als Schatten, welche nun alle herangekommen waren und in dichtgedrängter Menge das Tal besetzt hielten. Er sah nicht die Dschamikun auf den Höhen, weil sie sich hinter Felsen, hinter Bäumen und Sträuchern verbargen. Und er sah, wie bereits erwähnt, auch nicht unsere kanonenstarrende Aufstellung unten an der vordersten Ruinenmauer. Darum gab er sein Signal; die Pistole krachte.

Nun war er selbstverständlich überzeugt, daß die Schatten sofort von beiden Seiten in das Dorf dringen würden. Das geschah aber nicht, jedenfalls zu seinem größten Erstaunen. Ihre Spitzen waren nahe genug herangekommen, um zu sehen, was vor ihnen lag. Sie hatten beim Anblicke der ihnen entgegengähnenden Geschütze ihre Bewegung eingestellt, und die Führer schienen sich zu beraten. Da schoß Ahriman den zweiten Lauf ab und winkte mit beiden Armen, indem er laute Befehle rief. Man sah seinen Bewegungen an, daß er zornig geworden war. Jedenfalls hatte er befohlen gehabt, sein Zeichen zu erwidern, denn die Päderan gaben nun auch ihre Schüsse ab, je einen auf beiden Seiten. Weiter vorzurücken aber unterließen sie, indem sie wiederwinkten und nach dem Dorfe zeigten. Ihre Schüsse schienen ein vielstimmiges und nicht enden wollendes Echo erweckt zu haben, und Aller Augen richteten sich nach oben, von wo es herunterklang. Da brannten die Warnungsfeuer zwar noch, aber blaß und fahl im Tageslichte. Die Wächter hatten sich auf dem sichern Felsen am Alabasterzelte zusammengezogen und sagten uns durch die Stimmen der mit hinaufgenommenen Gewehre, daß die Moräne zum Sturze auszuholen beginne. Und zu gleicher Zeit griff nun der Hauptmann in die Szene ein. Seine kommandierende Stimme erscholl. Auf seinen beiden Flanken donnerte je ein Geschütz, für dieses eine Mal nicht scharf geladen, und die acht rund um den See verteilten Kanonen fielen augenblicklich ein. Und nun sprangen auf allen Höhen die Dschamikun hinter ihren Verstecken hervor und ließen ihre Stimmen erschallen und ihre Gewehre ertönen. Das war wie ein einziger Schrei und wie ein einziger Krach, unter dem das ganze Tal und der See in ihm erbebte. Dann trat jene tiefe, den Atem anhaltende Stille ein, welche nur entscheidenden oder gar fürchterlichen Ereignissen voranzugehen pflegt.

Kein Mensch, so weit man sah, schien sich bewegen zu können, mit Ausnahme von nur einem. Das war der Chodj-y-Dschuna. Er ging nach dem Landeplatze, stieg in das Boot und ruderte es so weit vom Lande ab, daß er von Ahriman gesehen werden konnte. Dieser stand, noch immer hoch aufgerichtet, aber wie zu Stein erstarrt, auf seinem Platze. Begriff er das, was vor ihm lag? Oder konnte er überhaupt nichts mehr begreifen? Da erhob sich der brave Lehrer der Dschamikun von der Ruderbank und rief mit weithin hörbarer Stimme zu ihm hinauf:

»Ahriman! Die Sterbestunde deines Reiches naht. Die Mauern unter dir beginnen schon, zu wanken, und über dir will die Lawine stürzen; man gab von dort das Zeichen, daß sie kommt. Du willst dem Schah-in-Schah die Herrschaft stehlen und –«

Ein schmetterndes Gelächter schnitt ihm die Rede ab. Aber nicht der Mirza lachte, der sich immer noch nicht regen zu können schien, sondern die Gul war aufgesprungen, um in dieser Weise zu zeigen, daß das Weib in den Augenblicken der Gefahr oft hoch über dem Manne stehe. Sie riß dem vollständig Ratlosen den Säbel aus der Scheide, trat bis ganz an den Rand der hohen Mauer vor und schrie herab:

»Erzähle keine Fabeln, sondern schau dich nach der Wahrheit um! Die Lawine will nicht erst kommen, sondern sie ist schon da. Sie wird Euch packen, sofort, sofort! Heran, ihr Leibscharen des neuen Schah-in-Schah, heran! Hier blitzt der Stahl; ich rufe Euch zum Siege! Yallah – yallah – yallah!«

Sie schwang den Säbel hoch empor, indem sie diesen Ruf ebenso hinausschmetterte, wie vorher das Gelächter und – war das tollkühne Absicht oder die Folge des unvorsichtigen, zu weiten Vortretens? Sprang sie, oder stürzte sie? Ließ sie die Klinge fallen, oder hielt sie sie fest? Man konnte das nicht unterscheiden, aber – bei dem dritten Yallah flog sie von der Mauer herunter. Das sah genauso aus, als tue sie das, um durch diesen verwegenen Sprung in die Feinde herunter die zögernden Schatten zum Angriff zu begeistern. Und es wirkte!

»Yallah, yallah!« riefen die Päderan, indem sie vorwärts stürmten. »Yallah, yallah!« schrien die ihnen nachdrängenden Schatten. »Yallah – yallah – yallah!« brüllte es, weiterlaufend, rund um den ganzen See. Die beiden Kolonnen drängten nach vorn. Da winkte der Chodj-y-Dschuna vom Boote aus dem Hauptmanne zu. Dieser gab das Zeichen. Es wurde zu beiden Seiten gesehen, und die Geschütze begannen, den Tod in die Feinde zu sprühen, nicht nur die zwölf im Duar, sondern auch die übrigen acht.

Der Donner der Kanonen riß den Mirza aus seiner Erstarrung. Er fuhr sich mit beiden Händen nach dem Kopfe und trat, so wie vorher die Khanum, ganz an den Rand der Mauer vor, um ihr nachzublicken. Aber unsere Augen wurden durch etwas Anderes von ihm und von der Wirkung der Schüsse ab- und in die Höhe gezogen.

Wir konnten vom Beit-y-Chodeh aus das ganze abschüssige Terrain am Alabasterzelte übersehen. Die Moräne hatte das lockere Geröll erreicht und schob es vor sich her. Sie wuchtete selbst die größten Blöcke aus, welche infolge ihrer Schwere ins Rollen kamen und der eigentlichen Lawine vorausstürzten. Das geschah gerade in der Pause nach dem ersten Krachen unserer Kanonen. Die Massaban schauten von der Kampfesszene weg, hinauf nach der Bergeskuppe. Sie wußten von dem Aschyk, daß ein Bergsturz erfolgen werde, und als sie nun Stein auf Stein herniederfallen sahen, ergriffen sie schleunigst die Flucht. Der Duar lag zu nahe am Berge; von ihm aus konnte der Eintritt der Katastrophe noch nicht bemerkt werden. Aber den Schatten draußen am Wasser mußte er unbedingt in die Augen fallen. Sie hielten im Vordrängen wieder inne. Sie schrien nicht mehr »yallah«, sondern ganz anders. Sie richteten ihre Blicke nicht nach vorn, obgleich da unsere Geschütze weiterdonnerten, sondern nach oben, wo die Moräne sich am Felsen des Zeltes in zwei breite, wirbelnde Ströme geteilt hatte und nun herniederschoß. Noch ehe sie unten auftraf, erscholl von allen Punkten des Tales ein vieltausendstimmiger Schrei, dann –

Das war kein Krach, den es gab, kein Schlag, kein Knattern und Prasseln, kein Dröhnen und Rasseln, kein Knirschen und Tosen, kein Brausen und Saufen, kein Zerbersten, Zerspringen und Zerplatzen, kein Knallen, kein Beben, kein Zittern, kein Rollen, und doch aber war es dieses Alles, Alles, Alles, aber in so entsetzlicher und betäubender Weise vereint, daß es ganz unmöglich beschrieben werden kann. Die Wucht des Sturzes dieser schweren Massen erregte einen Luftdruck, der uns hier hüben wie ein unsichtbarer Schlag an die Köpfe traf, drüben aber Alles, was da stand, zu Boden warf. Ahriman Mirza wurde von der Mauer hinweg und weit in die Luft hinausgeblasen. Wohin er fiel, das sahen wir nicht, weil aus der höllischen Verwirrung eine Staubwolke aufstieg, welche zunächst die ganze Ruinenseite des Tales verhüllte und sich dann in der Weise weiter verbreitete, daß wir nur mit Vorsicht atmen konnten. Die Atmosphäre wurde in solcher Höhe und Weite von diesem Staube erfüllt, daß noch einige Tage später der Bergwald am äußersten Ende des Sees aus Grün in Grau verwandelt lag. Das Auftreffen der Lawine hatte eine Bodenerschütterung zur Folge, die als Zittern weiterlief und von einem Geräusch begleitet wurde, als ob ein Kegeljunge alle seine Kugeln auf der Laufrinne hinunterrollen lasse.

Obgleich wir auf dieses Ereignis vorbereitet gewesen waren, konnten wir uns dem Eindrucke seiner elementaren Gewalt doch nicht entziehen. Wie mußte es da erst bei Denen wirken, die es unerwartet traf! Wir sahen das zwar nicht, aber wir hörten umso mehr. Das war kein Lärm, der zu uns heraufdrang, sondern ein überlaut zeterndes Getöse. Menschliche Stimmen erschallten in jeder Klangfarbe des Entsetzens. Pferde wieherten überall, aber in einer mir bisher ganz fremden Weise. Kamele brüllten; Hunde heulten. Auch im Walde wurde es laut. Die ganze Tierwelt, die zahme und die wilde, schien sich in der größten Aufregung zu befinden. Wir mußten hin zum Aschyk eilen, weil unsere Pferde durchgehen wollten.

Als wir sie beruhigt hatten und wieder an unsern Platz kamen, stieß der Ustad einen Ruf der Ueberraschung aus, indem er dort hinüber deutete, von woher die Lawine gekommen war. Auch wir staunten, Kara und ich. Die Staubwolke hatte nicht bis zur Bergeskuppe steigen können, und hier bei uns begann sie, dünner zu werden. Darum sahen wir zwischen den beiden Wegen, welche die Moräne genommen hatte, einen freien, nackten, starken Felsenarm weit in die Luft hinausragen, in dessen gewaltiger Faust die glänzend weiß blinkende Alabasterkrone ruhte. So, genau so hatte ich es mir gedacht, als ich mich zum ersten Male auf dem See befand8. Meine damalige Idee war also keine schnell und spurlos zerplatzende Gedankenblase gewesen!

Wie da drüben die eine Lawine niedergegangen war, so schickte sich nun auch die andere, die kriegerische, an, zu Tale zu rollen. Ueberall, wo der Staub es nicht verhüllte, sahen wir, daß die Dschamikun die Höhen verließen, um in die von der Katastrophe unterbrochene Aktion einzugreifen. Es war vorherbestimmt worden, daß sie nach den ersten Kanonensalven sich unter guter Deckung an die Schatten machen sollten, um sie unter ihr Gewehrfeuer zu nehmen, welches bei den hier gegebenen Verhältnissen denselben Erfolg haben mußte wie ein Hagelwetter auf ein schutzlos stehendes Feld. Dann hatte die zu beiden Seiten des Duar versteckte Reiterei hervorzubrechen, um die Uebriggebliebenen niederzurennen oder, einer unheilvoll wirkenden Schaufel gleich, in den See zu werfen.

Wir erwarteten, daß das Schnellfeuer dieser tausende von Schützen jetzt beginnen und mit seinem ununterbrochenen Rollen jedes andere Geräusch verschlingen werde, bekamen aber nichts zu hören als das dumpf herauftönende Stampfen eilig laufender Pferde. Kein Schuß wollte fallen, weder aus einer Kanone noch aus einem Gewehre. Was war das? Welchen Grund hatte dieses für uns rätselhafte Schweigen?

Unser Freund, der Morgen, beantwortete uns diese Frage. Wie vorher in die Nebel, so fuhr er mit seinem Winde nun auch in die Staubwolke. Er trieb sie vom See hinweg nach dort, woher sie gekommen war, nach den Ruinen, und drückte sie derart gegen die Felsenwand, daß sie zu ersticken begann. Das Tal lag infolge dessen vollständig frei vor unseren Augen, und da erkannten wir, daß uns unser so wohlüberlegter Plan auf das Gründlichste verdorben worden war. Wir sehen einander an und wußten nicht, ob wir lachen oder uns ärgern sollten.

Wie lächerlich von uns, geglaubt zu haben, daß die Schatten unter dem Schutze des Alles verhüllenden Staubes unsern Kanonen standhalten würden! Sie waren nämlich gar nicht mehr da, diese unstäten, schreckhaften Memmen! Wo Lawinen stürzen, bleiben nur herzhafte Männer stehen, nicht aber feige Gesellen, denen das Rückgrat fehlt! Wie aber war das gekommen? Und wie hatte es geschehen können, daß eine so dicht zusammengedrängte Menge sich zu entfernen vermochte, ohne unter sich selbst auch nur eine Spur von Verwirrung anzurichten? O, sehr einfach und leicht! So kompakt sich ihre Masse vorerst zusammengeschoben hatte, es war doch schnell, sehr schnell Platz geworden. Die Hintertreffen hatten gleich bei den ersten Kanonenschüssen das Weite gesucht, denn für eine so grobe Behandlung ist kein Schatten zu haben. Dadurch waren ganz naturgemäß neue Hintertreffen entstanden, welche ganz derselben Meinung waren und auch ganz dasselbe taten; sie machten ebenso Kehrt. So hatte sich ein Hintertreffen nach dem andern gemütvoll abgelöst, um heimlich nach rückwärts zu gehen. Wir sahen diese einzelnen Geschwader schon außerhalb des Tales reiten, um sich dort einträchtig und wohlbehalten wieder zusammenzufinden. Wenn auch nicht ganz, aber doch so ziemlich nahe befanden sich nur noch die beiden lieben Vordertreffen. Sie hatten ganz unerwartet und zu ihrem größten Erstaunen bemerkt, daß sie nun nicht mehr vorn, sondern hinten waren, und sich augenblicklich umgedreht, um wieder nach vorn zu kommen. Ihre Pferde waren es, deren galoppierenden Hufschlag wir gehört hatten. Sie strebten soeben von beiden Seiten dem Zelte Ahriman Mirza’s zu und jagten, als ob ihnen unsere ganze Macht im Nacken säße.

»Schatten!« sagte der Ustad in einem Tone, als ob es ihn ekele. »Und mit solchem Gesindel will man nicht nur uns, sondern sogar dem Schah-in-Schah imponieren! Wie töricht von uns, solche Vorbereitungen zu treffen, wo es sich jetzt herausstellt, daß es keines einzigen Mannes von uns bedurfte. Fast schäme ich mich!«

Wir sahen, daß man unten im Duar ebenso erstaunt war, wie wir hier oben, doch zögerte man nicht, sich der neuen Situation sofort anzubequemen. Die Reiterei brach hervor, um die Verfolgung aufzunehmen. Drüben erschien der auf dem Nordwestwege versteckt gewesene Scheik von Schohrd mit seinen Leuten, und ihm folgte Ibn el Idrak mit den Takikurden, die er hatte anmelden lassen. Hüben brachen die südlichen Dschamikun aus dem Wege nach dem Tale des Sackes hervor, hinter ihnen die Dinarun, von ihrem Scheike angeführt. Sie ritten, was ihre Pferde nur laufen konnten, auf der Rennbahn zu beiden Seiten des Wassers hin, um die Schatten den vereinigten Kalhuran und nördlichen Dschamikun entgegen zu treiben. Auch der Hauptmann der Leibgarde warf sich auf sein Pferd; der Chodj-y-Dschuna ebenso. Dschafar Mirza eilte nach dem Hause hinauf, um sich beritten zu machen. Die Dschamikun alle, welche im Niedersteigen begriffen gewesen waren, kehrten schnell wieder um, weil sich jenseits der Höhen die Plätze befanden, wo ihre Pferde einstweilen untergebracht worden waren. Von dort aus war es ihnen leicht, im Osten hinabzukommen und die Umzingelung der Schatten zu verstärken. Es schien, als ob Jedermann von einer Art von Verfolgungsfieber ergriffen worden sei, ausgenommen die Leute des Schah-in-Schah, welche nun nach der Entfernung des Hauptmannes ein Najyb-y-Aewwäl kommandierte.

Auch wir fühlten uns nicht berufen, wegen fliehender Schatten unsere Pferde anzustrengen; wir blieben. Zudem wurden wir von dem Anblicke festgehalten, den der Ruinenplatz jetzt bot. Die Lawine war, wie bereits erwähnt, in zwei Hälften herabgestürzt. Die beiden hohen, gewaltigen Erd- und Steinhaufen, welche sich hierdurch gebildet hatten, lagen im Hintergrunde vereinigt, vorn aber nicht. Es gab da eine schmale Einbuchtung der Trümmer, durch welche die Tür zum Allerheiligsten freigelassen worden war. Dort hatte ein Teil der Massaban gestanden, um den geheimen Gang zu bewachen. Wie sich später herausstellte, war es ihnen gelungen, sich durch die Flucht zu retten und einstweilen zu verbergen. Und doch gab es Leute dort. Sie traten aus der Tür, Einer nach dem Andern, und zeigten durch ihre Bewegungen, wie sehr sie über den Anblick erschraken, der sich ihnen bot. Es folgten Mehrere, und als sie weiter nach vorn kamen, sahen wir, daß es unsere Leute waren, welche in dem Gang postiert gewesen waren, um die Ultra-Taki nicht hindurchzulassen. Sie hatten das Aufschlagen der Lawine und die erdbebenartige Erschütterung sehr deutlich gespürt und einen Kameraden herausgeschickt, um nachzusehen, was geschehen sei. Er meldete es ihnen, und nun kamen sie Alle, um sich zu retten. Sie wußten ja, daß die Säulen unter den Ruinen einzubrechen begannen, und waren überzeugt, daß die Decke die niedergestürzten Massen nicht zu tragen vermöge. Wenn sie einbrach, so mußte Jeder, der sich im bedrohten Teile des Ganges befand, verloren sein. Darum hatten sie sich geflüchtet und beeilten sich, in der schnellsten Weise herunter in den Duar zu kommen.

Hinter ihnen erschienen die eingeschlossenen Taki, Allen voran der Selige, der Heilige, der Imam und die Generale. Sie waren sehr wohl bedacht gewesen, die Gefahr des Kampfes zu meiden, und aber nun in eine viel größere geraten. Wie behend sie klettern konnten! Wie sie sprangen und rannten, ganz gegen alle früher gezeigte Würde! Nur um den lieben, irdischen Leib in Sicherheit zu bringen! Nach diesen drängten sich die Andern aus der Tür, alle die Feinde, die wir bei den Taki hatten. Sie schoben sich; sie stießen sich; sie trieben einander mit den Fäusten vorwärts. Ihre Zahl wuchs mehr und mehr. Und wie sie so dem Dunkel der Erde entquollen und schreiend, fluchend, stolpernd, über einander stürzend, in sinnloser Hast zu entrinnen und nur zu entrinnen suchten, kamen sie mir vor wie fliehende Ratten, welche von ihren Schiffe nichts mehr wissen wollen, weil es zu sinken beginnt. Sie waren so voller Angst und so Hals über Kopf verwirrt und verschüchtert, daß sie sofort Alles, was sie an Waffen bei sich trugen, wegwarfen, als der Oberleutnant ihnen unten entgegentrat und sagte, daß er sie als Feinde gefangen zu nehmen habe. Trotz dieser Bereitwilligkeit aber erklärten der Selige, der Heilige, der Imam und die beiden Generale, sofort mit dem Ustad sprechen zu müssen. Weder sie noch die hier anwesenden Taki hätten je irgend Etwas gegen uns unternommen, und es sei also eine schreiende Ungerechtigkeit von uns, sie als Gefangene zu betrachten und zu behandeln. Als sie hörten, daß der Ustad hier oben am Beit-y-Chodeh sei, verlangten sie, hinaufgeführt zu werden, damit diese wichtige Sache sogleich entschieden werde. Er hielt es für keinen Fehler, auf dieses Verlangen einzugehen, und so sandte er uns die ganze Cohorte zu, von einer Anzahl Leibgardisten als Wache begleitet.

Als sie oben anlangten, kamen sie alle in den Tempel herein und stellten sich hinter uns auf. Der Selige trat vor, um zum Ustad zu sprechen; dieser aber forderte ihn auf, jetzt noch zu schweigen und hinüber nach den Ruinen zu sehen, wo soeben ein Anderer zu sprechen beginne, der über allen Seligen erhaben sei und dessen Rede man nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen bekommen werde.

Er hatte mit diesen Worten nicht zuviel gesagt, denn was sich jetzt da drüben vorbereitete, mußte Jeden, der es sah, mit Grauen erfüllen. Es war im Osten vollständig morgenrot geworden, und die Sonne stand dem Aufgange nahe. Die Alabasterkrone hoch oben lag bereits in vollster, goldiger Glut. Sie flimmerte wie von millionen Diamanten und Rubinen. Aber tief unter ihr war es unheimlich, denn da begann es sich zu regen und zu bewegen, und man konnte doch nicht deutlich erkennen, wo und wie. Es war wie ein langsames Wiegen hin und her. Hier und hier und dort und da schütterte und verschwand der Boden in sich hinein, in die Tiefe, wie durch sich bildende Schächte. Wir hörten einen Knall, als ob die Erde von innen heraus auseinandergesprengt werde. Es folgte ein steinernes Knacken und Prasseln, wie von einem gigantischen Ungeheuer, welches Berge verzehrt und die Felsenknochen derselben mit den Zähnen zermalmt. Und da – da – da tat sich vor unsern Augen da drüben ein furchtbarer Rachen auf und begann die Ruinen mitsamt den herabgestürzten Höhenmassen zu verschlingen! Und während sie in diesem heißhungrigen, gefräßigen Schlund verschwanden, schoß ihm das emporgetriebene Wasser der Tiefe über die Lefzen und wurde zu gleicher Zeit mit einer solchen Gewalt aus dem Kanal in den See gepreßt, daß es sich wie ein beutegieriger, springender Leviathan über seine Fläche stürzte und erst weit draußen verendend niedersank.

Wir aber achteten weder auf den jetzt plötzlich in hohen Wellen gehenden See, in den sich der ganze Inhalt der unterirdischen Bassins zu ergießen hatte, noch auf sonst etwas Anderes, sondern nur auf eine einzige Stelle, die unsere Aufmerksamkeit in fast wunderbarer Weise gefangennahm. Wir sahen von den Ruinen nur noch die vordere Mauer. Alles, was hinter und über ihr gelegen hatte, war verschwunden, in ein vollständig ebenes Feld verwandelt, fast genau so, wie es von der Kirchenzeichnung des Ustad dargestellt wurde. Und grad da, wo auf dieser Zeichnung im Hintergrunde der Säulenhalle das leere Postament stand, leuchtete uns die herrliche Alabastergestalt des durch die Katastrophe nun endlich erlösten »verzauberten Gebetes« entgegen. Vom dunkeln Hintergrunde der Nische uns doppelt hell gezeigt, streckte es seine emporgehobenen Arme dem Aufgange der Sonne entgegen, um mit offenen Händen den Segen zu nehmen und zu spenden, in den der tausendjährige Fluch verwandelt worden war. Und wie sie nun emporstieg, die ersehnte Sonne, so kam ihr Licht von der funkelnden Alabasterkrone hernieder, wie auf Engelsschwingen getragen, die sich hold und froh zur Erde senken. Sie küßte die Stirn, die Wangen, den Mund des genau unter dieser Krone stehenden Gebetes und floß dann über das ganze Tal, um zu verkünden, daß es bisher nur Morgen gewesen, nun aber endlich und wirklich Tag geworden sei.

Der Ustad sprach kein Wort. Er hatte meine Hand ergriffen und drückte sie mir so, daß es allerdings keiner Worte bedurfte, ihn zu verstehen. Um so lauter waren die hinter uns Stehenden. Ihr Dogma zwang sie, die auf so rätselhafte Weise erschienene Figur als einen Greuel zu betrachten, denn Allah hat verboten, von beseelten Wesen Bilder anzufertigen. Wer vor Bildern betet, ist ein Götzendiener. Wer aber gar Bilder selbst beten läßt, der ist ein Gotteslästerer, wie es keinen größern geben kann. Sie sagten das ganz ungeniert und in so scharfen Ausdrücken, daß ich die Selbstbeherrschung des Ustad bewunderte, der sich zu ihnen umdrehte und sie fragte, was sie eigentlich hier an dieser Stelle zu suchen hätten. Da öffnete der Selige den Mund und hielt seine Rede, deren Grundgedanke die Behauptung war, daß kein Einziger von ihnen jemals daran gedacht habe, irgend etwas Feindseliges gegen die Dschamikun zu unternehmen. Sie seien keine Feinde und also augenblicklich freizulassen. Zur Bekräftigung gebe er im Namen Aller sein Ehrenwort, daß er die Wahrheit gesprochen habe.

»Im Namen Aller? Wirklich?« fragte der Ustad, indem er sie anschaute und sein Auge auf jedem Einzelnen ruhen ließ.

Da erhoben sie ihre Hände zum Zeichen der Bejahung, keiner von ihnen ausgenommen. Der Ustad nickte mir und Kara zu, ihm zu folgen. Er ging, ohne Antwort zu geben. Wir bestiegen unsere Pferde und ritten nach dem Duar. Unten angekommen, teilte er dem Oberleutnant mit, daß die Gefangenen frei seien, aber das Gebiet der Dschamikun sofort zu verlassen hätten.

»Frei?« rief Kara, der sich doch nicht halten konnte, fast zornig aus. »Sie haben ja bei ihrer Ehre gelogen, alle, alle! Der Selige, der Heilige, der Imam, die Generale und sämtliche Taki, vom Ersten bis zum Letzten!«

»Das weiß ich ebenso gut, wie sie es selbst auch wissen,« antwortete der Ustad lächelnd. »Aber grad darum gebe ich sie frei, denn solche Ehrenmänner möchte ich nicht einmal als Gefangene bei mir haben! Verstehst du mich nun?«

Das Erste, was wir nun taten, war, uns nach Ahriman Mirza und der Khanum Gul zu erkundigen. Denn daß die Katastrophe mit den Ruinen zugleich auch den Scheik ul Islam vernichtet hatte, das bedurfte ja keiner Frage. Der Oberleutnant sagte, daß wir im Hofe des Chodj-y-Dschuna die Antwort finden würden. Dort angekommen, sahen wir Beide. Die Khanum war tot, in den Säbel gestürzt. Der Mirza saß neben ihr, unbeschädigt am Körper, aber mit stumpfem Gesicht und leeren Augen. Er kannte uns nicht mehr. Er schien auch sich selbst nicht mehr zu kennen und leierte, wir mochten sagen, was wir wollten, nur immer und immer den Satz vor sich hin: »Ahriman Mirza ist der Fürst der Schatten, und wenn er stürzt, ist es mit ihnen aus. Ahriman Mirza ist der Fürst der Schatten, und wenn er stürzt, ist es mit ihnen aus –!« Der Ustad hat es also erreicht: Ihn nur mit dem einen Worte »Chodem«, am richtigen Orte und zur rechten Zeit angewendet, aus der »Schablone« herausgetrieben, die nichts und nichts als Lüge war! Da hatten wir sie vor uns, nicht die seidene, sondern die eigentliche schwarze Larve des Aemir-y-Sillan. Und dieses psychologische Präparat wurde nun durch die Macht des Verhängnisses gezwungen, nichts und nichts weiter mehr zu tun, als die bisher so sorgfältig verhüllte Wahrheit ganz offen und nur immer und immer vor sich herzuleiern!

Als wir aus dem Hause traten, trafen wir auf Agha Sybil und die Seinen, welche vor dem Nahen der Schatten ihr vollständig ausverkauftes Zelt abgebrochen und sich hinauf zu uns geflüchtet hatten. Sie kehrten zu dem verlassenen Platz zurück. Auch kamen von allen Seiten die Angehörigen der Festgäste und die Frauen und Kinder unserer heimischen Dschamikun herbei. Sie hatten sich selbstverständlich zurückziehen müssen und nun aber die Nachricht erhalten, daß sie sich wieder einstellen könnten. Man kann sich das Erstaunen denken, als sie die Veränderung sahen, welche mit dem Ruinenplatze vor sich gegangen war. Wir warnten sie, die gern sogleich hinaufgestiegen wären. Ehe man dies wagen konnte, hatte sich die Masse erst noch zu beruhigen und zu senken. Zugleich langten diejenigen von unseren Leuten an, mit denen an der andern Seite des Berges der geheime Gang von außen besetzt worden war. Auch sie hatten die Detonationen gehört und die Erschütterung der Erde gespürt. Als sie dann später bemerkten, daß sich die Ultrataki gar nicht mehr in dem Gange befanden, hatten sie geglaubt, ihren Posten verlassen zu dürfen. Sie kamen eben von der einen Seite in den Duar, als die von ihnen eingeschlossen Gewesenen von der andern, der Seite des Tempelberges, sich näherten. Diese Letzteren gingen mit würdevoll abgemessenen Schritten und hochgetragenen Häuptern stolz zwischen den Dschamikun hindurch, um jenseits in der Schlucht des Baches zu verschwinden! Den Ersteren aber sagte der Ustad, daß die nicht gebrauchten Signalflammen sich heut Abend in Freudenfeuer zu verwandeln hätten, wobei auch die verteilten Fackeln mit zu verwenden seien. Das brachte die schnellste Bewegung auch in die Menge der Frauen und Kinder. Man ging sofort an das Werk, alles vorhandene Brennmaterial zusammenzusuchen und die Zahl der Holzstöße zu vermehren, denn heut Abend müsse es im Tale so hell wie am Tage sein.

Hierauf wurde beschlossen, einen Ritt um den See zu machen, um nach den gefallenen Schatten zu sehen. Sie lagen nur an den Stellen, welche von den Kanonen bestrichen worden waren. Wir fanden nicht nur den Vertrauten des Mirza, sondern auch sämtliche Pädäran, welche an jenem Sonntage des Gottesdienstes mit dem Mirza und dem Henker als Bluträcher zu uns gekommen waren. Der Ustad beschloß, diese Leichen alle den Ultra-Taki hinüberzuschicken, um nach dem von dem Scheik ul Islam vorgeschriebenen Dogma und Ritus begraben werden zu können. Das solle eine Todeskarawane werden, welche wirkliche Verstorbene, nicht aber Gewehre für Empörer transportiere.

Als wir das andere Ende des Sees erreichten, stand das Zelt Ahrimans verlassen, gänzlich menschenleer. Wir gingen hinein. Es war fürstlich ausgestattet. An der hintern Wand stand zwischen einem Diwan und einem langen Speiseserir eine köstlich gearbeitete, verschlossene Truhe. Ueber ihr hing ein kleines Bild und ein vergoldeter Schlüssel dabei. Der Ustad trat hinzu, um nachzusehen, was für ein Bild es sei. Kaum fiel sein Blick darauf, so stieß er einen Ruf der Ueberraschung aus. Er nahm es herab und ging zum Eingang, um besser sehen zu können. Dann öffnete er vorn sein Gewand und zog eine Perlenkette unter demselben hervor, an welcher auch ein Bild, von ganz derselben Form und Größe, hing. Er hielt beide neben einander, um sie zu vergleichen. War das seinige vielleicht dasselbe Bild, von welchem Pekala mir erzählt hatte, daß er es an einem einzigen Tage des Jahres auf seinem härenen Gewande trage?

Nach einiger Zeit kehrte er zur Truhe zurück und versuchte, ob der Schlüssel passe. Es war der richtige. Sie schien nur Papiere zu enthalten. Er griff hinein, um zu sehen, was für welche. Er las, griff weiter und las wieder. Dann drehte er sich zu mir herum und sagte:

»Befremdet es dich, wenn ich Euch bitte, mich jetzt zu verlassen? Ich muß allein sein, muß suchen und lesen. An der Verfolgung der Schatten beteiligte ich mich nicht; sie widerte mich an. Nach dem aber, was ich hier sehe, möchte ich, daß keiner von ihnen entkomme, kein einziger. Ich habe sie alle zu fassen, alle, und dem Beherrscher auszuliefern. Das Reich muß frei werden von ihnen, gänzlich frei! Darum bitte ich Euch, reitet unsern Leuten nach und sorgt dafür, daß man ja nicht nachsichtig oder gar sorglos verfahre! Ich vermute, daß ich lange Stunden brauche, bis ich hier fertig bin; für mich habt Ihr Euch also mit Eurer Rückkehr nicht zu beeilen.«

So stiegen wir Drei also wieder auf und ritten nicht nach dem Duar zurück, sondern nach Osten, gegen die Pässe. Die dorthin führende Ebene lag frei. Kein Mensch war auf ihr zu sehen. Die sehr flüchtig berittenen Schatten hatten keine Nachzügler oder gar Marode zurückgelassen, und die Verfolger waren ebenso schnell hinterher gewesen. Als wir in der Nähe des Gebirgszuges angekommen waren, sahen wir, daß man sich geteilt hatte, um gleichzeitig durch beide Pässe zu gehen. Wir wählten den südlichen, den des Hasen, durch welchen Kara damals mit Tifl geritten war. Auf seiner Höhe angekommen, sahen wir die herrenlose, steppenähnliche Fläche unter uns liegen, auf welcher Kara den von den Bluträchern gejagten Scheik der Kalhuran und seine Frau gerettet hatte. Sie war die festgeschlossene Falle, in welcher sich die Sillan jetzt befanden.

Sie bildete ein großes, von der Natur mit Bergeszügen abgeschlossenes Viereck, dessen Seiten folgendermaßen besetzt waren: Auf der Westseite, also grad unter uns, die Duardschamikun, die Gewappneten von Schohrd und die verbündeten Taki; auf der Nordseite alle unsere männlichen Festgäste, welche zur rechten Zeit gekommen waren, mit eingreifen zu können; im Osten die nördlichen Dschamikun und die Kalhuran, und im Süden die südlichen Dschamikun mit den Dinarun. Die Einschließung war also außerordentlich exakt und genauso ausgeführt worden, wie der Ustad sie entworfen hatte. Die Schatten befanden sich in der Mitte; keiner fehlte. Sie kamen nicht auf den Gedanken, sich zu einer Phalanx zu vereinigen, um einen Durchbruch zu versuchen, denn dazu waren sie zu feig, sondern sie ritten in getrennten Trupps oder Rudels ganz ratlos hin und her und ließen sich immer enger zusammenschnüren.

Unweit der Stelle, an welcher der Hasenpaß in die südwestliche Ecke der Falle mündete, hatten sich unsere sämtlichen Führer zu einer Beratung zusammengefunden, zu welcher sich soeben auch der Scheik der Kalhuran von dem entferntesten Punkte unserer Aufstellung einstellte. Wir ritten hinab. Es war aber ein sehr steiler Weg, und wir schonten unsere Pferde. Darum kamen wir erst unten an, als diese kurze Besprechung soeben zu Ende war. Der Scheik der Kalhuran, der die Gegend genau kannte, hatte einen Vorschlag gemacht, welcher einstimmig angenommen worden war. Es handelte sich um die beste Art und Weise, in welcher die Schatten schnell zu entwaffnen und dann leicht zu bewachen seien. Ich fügte da nachträglich den Befehl des Ustad hinzu, ja Niemand entkommen zu lassen. Nun gab es drüben an der nördlichen Seite eine große, weite Felsenkluft, deren Wände so steil und so hoch waren, daß kein Mensch an ihr emporsteigen konnte. Sie war nur durch einen schmalen Riß zugänglich, welcher hier heraus auf unsere Ebene mündete. Die Schatten mußten nach diesem Risse getrieben und dort entwaffnet werden. Waren sie dann in der Kluft, so gab es für keinen Einzigen ein Entrinnen.

Die Anführer kehrten infolge dieses Beschlusses an ihre Plätze zurück, um der Aufstellung die erforderliche neue Gestalt zu geben, was sehr schnell geschehen konnte, weil mehr als genug Platz zu den erforderlichen Bewegungen vorhanden war. Unser bisheriges Viereck verwandelte sich in ein Dreieck, dessen offene Spitze nach der Kluft führte. Als dies geschehen war, wurde der Feind auf diese Spitze zugedrängt. Wir sahen, daß er zögerte, diesem Stoße zu folgen. Es schien, daß er endlich nun einmal den Mut fasse, wenigstens so zu tun, als ob er die Absicht habe, sich zur Wehr stellen zu wollen. Da machte der energische Scheik von Schohrd kurzen Prozeß. Er gebot seinen Gewappneten, blank zu ziehen, setzte sich mit entblößtem Schwerte an ihre Spitze, ritt mit ihnen bis ganz an die Schatten heran und begann zu sprechen. Wir konnten nicht hören, was er sagte, aber es hatte den beabsichtigten Erfolg: Die Hinteren drängten unwiderstehlich nach vorn, und die Vorderen rückten weiter. Da auf der Flucht die vorn Befindlichen niemals die Mutigen sind, so sahen sie sehr vernünftiger Weise ein, wie überlegen wir ihnen waren und daß Widerstand nichts als nur Dummheit sei. Sie stiegen ab, lieferten ihre Waffen und Pferde aus und verschwanden dann in der Kluft.

Das Beispiel wirkt, und was der Eine kann, das kann der Andere auch! Während wir von den andern Seiten immerfort nachdrängten, gab es auf der Ostseite mehr als vollauf zu tun, die erbeuteten Waffen und Rosse aus der Linie zu bringen. Aber der einzige Zugang zu dem Massengefängnisse war so schmal, daß die Unterbringung der Schatten viel langsamer vor sich ging, als wir es wünschten. Uebrigens nahmen sie ihr Schicksal nicht sehr tragisch auf. Schatten denken ja heut so und morgen so! Als es ihnen mit der Zeit im Sattel zu unbequem wurde, stiegen sie ab und machten es sich auf der Erde gemütlicher. Und wenn dann unsere Leute kamen, um die Pferde wegzunehmen, so bekamen sie die Gewehre, Pistolen und Messer ganz ohne Widerrede obendrein. So kam es, daß wir die Beute schon alle beisammen hatten, als noch fast die Hälfte der Schatten im Freien saßen und darauf warteten, untergebracht zu werden.

Was diese Beute betraf, so hatte der Ustad im Namen sämtlicher Dschamikun auf sie verzichtet. Sie sollte nur unsern Verbündeten zufallen, und diese ernannten sogleich an Ort und Stelle eine Kommission, welche die einzelnen Stücke zu taxieren und gerecht zu verteilen hatte. Das geschah denn auch, und grad als der letzte Schatten in der Ritze der Kluft verschwunden war, hatte auch das letzte ihrer Pferde seinen neuen Herrn bekommen und die letzte ihrer Waffen ihre neue Stelle gefunden. Da war es nun aber auch beinahe Abend.

Die Bewachung der Gefangenen wurde den Kalhuran anvertraut, von deren Scheik man sicher sein konnte, daß er dieser seiner Pflicht genügen werde. Was hier nun noch zu geschehen hatte, konnte mir gleichgültig sein. Darum beschloß ich, heimzureiten, und Dschafar Mirza gesellte sich zu demselben Zweck zu uns. Da sahen wir weit draußen im Osten einen Kamelreiter kommen. Sein Tier war kein gewöhnliches. Es entwickelte eine Schnelligkeit, welche Dschafar zu dem Ausrufe veranlaßte:

»Das kann nur ein Eilbote sein! Vielleicht wieder vom Schah-in-Schah!«

Er hatte ganz richtig vermutet. Wir ritten so, daß der Mann auf uns treffen mußte, und erfuhren da, daß er vom Beherrscher komme und je einen Brief an Dschafar Mirza und an den Ustad der Dschamikun habe. Der Erstere bekam seinen Brief und las ihn sofort. Es war ein langer, schmaler, starkbesiegelter Zettel dabei. Dschafar lächelte, sagte aber jetzt noch nichts. Wir ritten weiter, mit dem Kuriere Schritt haltend. Aber meinem Syrr schien der Geruch des Kamels unangenehm zu sein. Er schüttelte den Kopf wie gegen einen lästigen Mückenschwarm und drängte seitwärts ab. Das half nicht genug. Da bäumte er sich unwillig auf und setzte sich dann in einen Galopp, der mich weit, weit eher als die Andern vor das Zelt Ahriman Mirzas brachte. Der Ustad war noch da. Er sagte, daß er soeben erst mit dem Lesen fertig geworden sei und mir erst morgen mitteilen werde, was er hier so ganz unerwartet gefunden habe. Ich erzählte ihm, in welcher Weise die Schatten entwaffnet und untergebracht worden waren, und dann kam der Kurier, welcher das Schreiben abgab.

Es war inzwischen so dunkel geworden, daß wir im Zelte Licht anbrannten, damit der Ustad es lesen könne. Es enthielt zwei Bogen, beide mit dem Siegel und der eigenhändigen Unterschrift des Beherrschers. Den einen gab er mir mit dem Bemerken, davon Gebrauch zu machen, sobald es mir beliebe. Es war – die volle, bedingungslose Begnadigung des Aschyk. Den andern steckte er ein, ohne jetzt schon über seinen Inhalt zu sprechen. Es war ihm zunächst um den Transport der Truhe zu tun, die er unmöglich hierlassen könne. Es sei nicht nur Wahnsinn, sondern geradezu Verrücktheit, derartige Papiere nicht besser aufzubewahren als der Prinz. Da erbot sich der Kurier, die Truhe mit auf sein Kamel zu nehmen. Er mußte ja mit nach dem Duar, um dort zu warten, bis der Bericht des Ustad und die Antwort Dschafars fertig waren. Sie wurde ihm hinaufgegeben und oben festgebunden, und dann ritten wir heim.

Heim! Ja, es ist Heimatsgefühl, welches mir dieses Wort aus der Feder fließen läßt. Wer sich bei guten Menschen nicht daheim fühlt, für den gibt es überhaupt keine Heimat, weder hier noch dort. Er hat sie sich erst zu – ersühnen! Und wer da nicht weiß, daß es auch geistige und seelische Stätten gibt, welche köstlicher und heiliger sind als jedes irdische Vaterhaus, der ist ärmer als selbst der Bettler, dem die kleinste Herberge einen Platz zum Ruhen gewährt. Zu so einer heiligen Stätte war mir das Haus des Ustad geworden, und der Duar hier im Tal zu einem Wohnsitz von lieben Verwandten. Darum war der Tag ihrer Befreiung von Schatten und Schemen nicht bloß für sie, sondern auch für mich ein Freudentag, und ich horchte froh auf, als jetzt ganz da vorn eine krachende Salve von allen Kanonen ertönte und mit ihrem Donner die Feuer der Höhen erweckte.

Wir ritten langsameren Schrittes, um den sich entwickelnden Anblick hastlos zu genießen. Da stiegen zuerst drüben am Beit-y-Chodeh die Flammen auf, als ob dort ein Jesaias stehe, der sein »Mach dich auf, und werde Licht!« in Feuergluten erschallen lasse. Und das ganze Tal gehorchte; die Berge »machten sich auf«, und auf allen Höhen »wurde Licht«. Und hoch über diesen Bergen zündete auch das Firmament jetzt seine Leuchten an und ließ »das Licht von oben« niedersteigen. Die Alabasterkrone erschien, uns im Sternenscheine gezeigt, als ob sie der Erde vom Himmel entgegengestreckt werde, weit hinaus in das Dunkel der Bergestiefe ragend. Da machte sich auch dieses Dunkel auf, gehorsam zu sein. Es begannen Fackeln zu leuchten, von fröhlichen Kindern im Duar herumgetragen. Hierauf strebten auf der stehengebliebenen, vordern Cyklopenmauer, zu beiden Seiten des heut entstandenen Kirchenplatzes, zwei gewaltige Flambeaus in die Höhe, von mächtigen Holzstößen erzeugt, welche Schakara hier hatte aufhäufen lassen, um den Bereich der Vernichtung zu illuminieren. Das gab eine solche Fülle von Licht und tagesähnlicher Helle, daß die Finsternis enteilte und, sich in ängstlich zitternde Schatten auflösend, an der Bergwand emporkletterte. Und mitten aus diesem häßlichen, zappelnden Schreck trat in erhabener Schönheit und imponierender Ruhe die makellose, herrliche Gestalt des Gebetes hervor, einer Offenbarung gleich, einer Manifestation der frohlockenden Menschheitsseele. Der Eindruck dieser Erscheinung war so unmittelbar packend und so unwiderstehlich, daß der Ustad sein Pferd anhielt, auch dem meinigen in den Halfter griff und, aber nur leise, sagte:

»Halt – warte! Laß die Andern fort; sie stören!«

Sie ritten weiter. Wir aber stiegen ab und standen lange, lange, in die Gedanken versunken, oder richtiger, die Gedanken förmlich atmend, mit denen uns die Seele des aus dem Fluche erlösten Gegners überflutete.

»Mein liebes, kleines, längst gewünschtes Kirchlein!« unterbrach der Ustad endlich und tief aufatmend unser Schweigen. »Nun kann und darf ich dich wohl endlich bauen! Ich habe nichts, gar nichts hinwegzuräumen vom Platze, den ich mir dachte; ein Anderer tat es für mich. Die Wasser der Bassins sind in den See gewichen und werden dort verbleiben. Die versunkenen Quader geben mir den allerbesten Grund. Die riesigen Würfel und Rundstücke zu den Pfosten und Säulen der Halle sind zwar aus dem Neuen herzustellen, doch ist hier überall das reichste Material dazu vorhanden. Aufs leere Postament wird dieses Bild gehoben, und wenn dann meine Dschamikun begreifen, daß Beten eine Kunst, und zwar die allerhöchste ist auf Erden, obgleich Natur sie schon den Kindern lehrt, so ist die Einsicht und Erkenntnis da, selbst mit dem kleinsten Kirchlein gern fürlieb zu nehmen. Schon sehe ich den Ort der Andacht ragen, der zeigen soll, wie groß, wie groß der Herr, wie aber winzig, winzig klein das arme Menschlein ist. Schon höre ich dort am Berg die Glocken hell erklingen, die übers ganze Tal – horch!«

Er hielt inne, denn hinter uns waren die Freudensalven zu hören, mit denen die heimkehrenden Krieger den im Wiederscheine der Flammen strahlenden See und den schimmernden Duar begrüßten: Darum schwangen wir uns wieder auf und eilten, den letzteren zu erreichen. Wir hielten dort gar nicht an, sondern ritten direkt hinauf zum Hause. Noch vor dem Tore holten wir Dschafar und Kara mit dem Kurier und dem Aschyk ein, die sich unten etwas verweilt hatten. Im Hofe angekommen, wurden wir von der noch immer hier postierten Besatzung mit Jubel begrüßt und erfuhren, daß die Katastrophe auf dieser Seite des Berges nicht den geringsten Schaden angerichtet habe. Der Kurier wurde diesen Leuten als Gast übergeben. Der Ustad ließ die Truhe nach seiner Wohnung tragen und folgte auf dem Fuße hinterher, so wichtig war sie ihm. Dschafar ging nach der seinigen, um sich umzukleiden, denn wir hörten, daß ein festlicher Schmaus für uns und die sämtlichen Anführer vorbereitet werde. Kara eilte zu Vater und Mutter. Er wollte zwar vorher die Pferde besorgen, doch nahm ich das auf mich; der Aschyk half mir dabei.

Als wir sie durch den Hof und nach der Weide führten und dabei an der offenen Küche vorüberkamen, sah ich, daß da drin die in der Kochkunst wohlerfahrene Frau des Chodj-y-Dschuna als heutige Gebieterin waltete. Sie hatte das große Werk übernommen, den Hunger aller unserer Diplomaten und Feldherren zu befriedigen. Schakara’s Aufgabe aber war gewesen, »die prunkende Tafel zu decken«. Da ich sie nicht sah, so vermutete ich sie in der Halle, wo gegessen werden sollte.

Ich überließ die andern Pferde dem Aschyk, versorgte nur Syrr und ging dann hinauf zu mir, nicht durch das Haus, sondern von außen. Noch hatte ich die Plattform nicht erreicht, so sah ich Schakara, welche oben an den Stufen stand, mich zu begrüßen. Wie kam es doch, daß wir einander nur die Hände reichten und nichts dazu sagten? Sie zog mich zur Balustrade und zeigte hinab, auf das Gebet. Wir sahen es von hier aus in noch vollerer Gestalt als von unten, auch den Sockel. Warum erschien es mir jetzt noch schöner, erhabener und eindrucksvoller als vorher? Ich faltete die Hände. Da fragte Schakara:

»Effendi, kennst du die Sage von Chodeh, dem Eingemauerten?«

Schon wollte ich antworten: »Du hast sie mir ja selbst erzählt!« Aber ihr Gesicht stand im alabasternen Schimmer des Gebetes, und da sah ich, daß sie schalkhaft lächelte. Darum blieb ich still. Nach Kurzem fragte sie abermals:

»Effendi, kennst du die Sage von dem verzauberten Gebete?«

Natürlich antwortete ich auch dieses Mal nicht. Da fuhr sie fort:

»Bevor du kamst, stand ich hier und dachte darüber nach, ob diese beiden Sagen wohl ganz dasselbe meinen. Ich glaube, ja. Und wenn das richtig ist, so habe ich den Berg gefunden, den ich suchte.« –

  1. Siehe Band III pag. 518
  2. Siehe Band III pag. 79.
  3. Siehe pag. 244.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Es war eine eigenartige Stimmung, in welcher ich mich befand, als mich der Ustad hinauf nach der mir zugedachten Wohnung führte. Es war nicht Spannung, noch viel weniger Neugierde. Ich hatte das Gefühl, als ob eine schon längst in mir lebende und doch niemals ganz in das Bewußtsein getretene Sehnsucht nun in Erfüllung gehen werde, als ob mir ein Glück bevorstehe, auf welches ich schon längst, aber ohne mein Wissen, vorbereitet worden sei. Warum war ich dabei so ernst, als ob auf jeder der Stufen, welche wir emporstiegen, eine Gestalt aus vergangenen Tagen stehe und stumm mahnend die Hand erhebe?

Als wir oben vor der Wohnung des Ustad angekommen waren, sah ich eine zweite Treppe. Auf ihrer Biegung stand ein brennendes Licht. Er zeigte hinauf und sagte:

»Du wirst da über mir wohnen. Und doch so tief, so tief, wie ich heut nicht mehr wohnen möchte!«

Ich sah ihn fragend an. Da legte er mir die Hand auf die Schulter und fuhr fort:

»Effendi, fürchtest du dich vor Gespenstern?«

»Nein,« antwortete ich.

»Oder vor Gräbern?«

»Nein.«

»So gehe hinauf, und schaue dich um! Ich lasse dich für kurze Zeit allein, komme dir aber dann nach oben nach. Ich könnte wohl noch besser sagen: nach unten, denn, mein Freund, du wirst bei Leichen wohnen. Du bist der Erste und gewiß auch der Letzte, also der Einzige, der jene Gruft betreten darf, welche ich den Verstorbenen aus den verflossenen Tagen meines Lebens baute. Ich spreche in dunklen Worten; aber grad dieses Dunkel werde dir zum Licht! Das ist mein Herzenswunsch!«

Er öffnete seine Wohnung, nickte mir mit wehmütigem Lächeln zu und verschwand dann hinter der Thür. Ich ging weiter.

Indem ich dies that, kehrte Alles, was ich bisher aus seinem Munde gehört hatte, zu mir zurück. Wie tief, wie bedeutungsvoll war jedes Wort gewesen! Aus welcher Höhe schaute jeder Gedanke dieses Mannes auf die Oberflächlichkeit gewöhnlicher Menschen nieder! »Freund« hatte er mich genannt. Wie alles so ungewöhnlich war, so durfte ich auch dieses Wort nicht in der umgangsüblichen Bedeutung nehmen. Er meinte es ganz zweifellos nicht leer, sondern voll. Ich konnte überzeugt sein, daß ich seinen Inhalt auch in mir selbst zu suchen und zu finden haben werde.

Die zweite Treppe stieg in das Innere des Felsens hinein, an welchen sich die oberste Etage des »hohen Hauses« lehnte. Ich sah nur eine einzige Thür. Sie stand offen. Gedämpfter Lichtschein fiel heraus. Ich trat ein. Welch eine Ueberraschung, diese »Gruft«!

Das war doch allem Anscheine nach das Studierzimmer eines europäischen Gelehrten! Es sah ganz so aus, als ob der letztere soeben erst den Raum verlassen habe, um aber gleich wieder zurückzukehren. War er Geograph? Ethnolog? Den Fußboden bedeckten die Felle wilder Tiere, denen die präparierten Köpfe, Klauen und Krallen gelassen worden waren. An den Wänden hingen neben den Kriegswaffen verschiedener Völker auch allerlei friedliche, aber interessante Gebrauchsgegenstände derselben. Neben einem höchst bequemen persischen Diwan stand ein indischer Perlmuttertisch, auf welchem einige aufgeschlagene Bücher lagen, als ob vor ganz Kurzem noch in ihnen gelesen worden sei. Ich trat hin, um nachzuschauen. Ein geöffnetes neues Testament! Ein mit Tinte unterstrichener Vers: »Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, sollen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten!« Daneben ein beschriebenes, nicht losblätteriges sondern eingebundenes Manuskript. Da, wo der Verfasser aufgehört hatte, lautete der Satz: »Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege. So spricht der Herr!«

Auf dem Schreibtische brannte eine Lampe, deren Licht durch einen grünen Schirm gemildert wurde. Der letztere war von feinster Seide, von Frauenhand gestickt. Arabische Schriftzeichen, doch wohlbekannte Worte: »Die Liebe hört nimmer auf!« Als ich den Schirm emporhob, um diesen Wahrheitsspruch zu lesen, sah ich, daß es eine sogenannte Astrallampe war. Astral! Das erweckte eigentümlicherweise eine Erinnerung aus meiner Knabenzeit in mir. Ich hatte in einem alten Buche gelesen, daß es Astralgeister gebe, welche die uns unbekannten Sterne bewohnen. Meine kindliche Phantasie gab sich die größte Mühe, diesen Geistern Gestalt und Farbe zu erteilen, wobei sie natürlich zu den sonderbarsten Resultaten kam. Da hörte ich, daß der Rektor für seine Studierstube eine Astrallampe als Geburtstagsgeschenk bekommen habe. Ich ging augenblicklich hin und bat um die Erlaubnis zu einer Exkursion auf dieses geisterhafte Gebiet. Man kann sich denken, wie enttäuscht ich war, als sich bei der sehr eingehend vorgenommenen Okularinspektion keine einzige meiner sehr hoch gespannten Erwartungen erfüllte! Der Herr Rektor sah mir meine Betrübnis an und fragte nach dem Grunde. Ich teilte ihm denselben aufrichtig mit. Da lachte er und sagte: »Mein lieber Junge, das wirkliche Astrallicht strahlt von Stern zu Stern durch den ganzen Himmelsraum, damit es alle Welt im Geiste des Herrn erleuchte. Der Name dieses irdischen Lämpchens aber wurde vom Himmel herabgestohlen, damit der Klempner die Herrlichkeit Gottes zwingen könne, sich für ihn und seinesgleichen in ein gutes, einträgliches Geschäft zu verwandeln.« Da fiel ihm ein, daß meine Fassungskraft doch nicht der seinigen gleiche. Darum fuhr er fort: »Wenn du im Leben die Augen auch fernerhin so offen hältst wie jetzt, so wirst du das, was ich jetzt sagte, begreifen lernen. Dieser Klempner ist nicht der einzige Mensch, dem der Herrgott ruhig herzuhalten hat. Es giebt noch ganz andere Kostgänger, die von dem wohlgedeckten Tische des Himmels speisen, obgleich ihre Berechtigung dazu nur eine angemaßte ist. Im göttlichen Astrallichte wandeln nur erhabene Geister. Im Lichte dieser Lampen aber sonnen sich meist nur die winzig kleinen Geisterlein, welche sich bei dem Oele des Rübsamens und des Rapses einbilden, von ihrem Tische aus das ganze All ergründen zu können. Und wenn sich ja einmal ein bedeutender Mann an diesem Tische niedergelassen haben sollte, so stehen tausende der Kleinen auf der Lauer, ihm selbst auch diese Lampe auszublasen!«

Ich verstand dieses Letztere ebensowenig wie das Vorhergehende; aber das Leben hat mich dann gelehrt, den alten, erfahrenen Rektor zu begreifen. Und als ich nun hier im hohen Hause vor der Lampe des Ustad stand, da war es mir, als ob es ein vielgestaltiges Weben von lauter, lauter Geisterwinzigkeiten um mich her gebe und als ob eine unsichtbare, hundertstimmige Schadenfreude mir in die Ohren raune: »Da steht sie noch, die wir ihm ausgeblasen haben. Wir dulden Geister, aber keinen Geist!«

Ich nahm sie vom Tische weg, um die beiden Nebenräume anzusehen, welche rechts und links an dieses Zimmer stießen. Der eine war zum Schlafen bestimmt. Ein weiß überzogenes Bett. Ich fühlte das Leinen an und war geneigt, es für europäisches zu halten. Die Wände zeigten keinen andern Schmuck als nur ein einziges, primitiv eingerahmtes Bild von sehr bescheidener Größe. Es hing der Fensterseite gegenüber. Als ich die Lampe hoch hielt, um es zu betrachten, sah ich, daß es eine mit großer Liebe ausgeführte Federzeichnung war und eine auf Bergeshöhe stehende kleine Dorfkirche vorstellte. Es handelte sich hier augenscheinlich nicht um ein Werk der Phantasie, sondern dieses Gotteshäuschen war ohne allen Zweifel hier nach der Wirklichkeit wiedergegeben. Unter dem Bilde standen einige geschriebene Zeilen. Ich las:

»Kirchlein mein, Kirchlein klein,
Könnt so fromm wie du ich sein!
Deine Höhe zu erreichen,
Will ich dir an Demut gleichen.
Kirchlein mein, Kirchlein klein
So wie du will stets ich sein!«

Wer hatte das geschrieben? Und für wen war es geschrieben worden? Wenn der Schreiber ein Dichter war, so hatte es ihm hier sehr fern gelegen, mit seinem Geiste zu prahlen. Wo gäbe es wohl einen Menschen, der einem gottgeweihten Hause gegenüber sich nicht klein zu fühlen hätte! Selbst der größte der Dichter würde wissen, daß er dem prunkenden Reime zu entsagen habe, falls er im Geiste zur Kirche gehen wolle. Der wirklich Größeste wird hier am kleinsten sein.

Der Raum, den ich nun betrat, war die Bibliothek. Ihr Vorhandensein konnte mich nicht überraschen, obgleich nicht anzunehmen war, daß Pekala, die von den Büchern des Ustad gesprochen hatte, hier oben nach Belieben schalten und walten dürfe. An allen vier Wänden gab es hohe Stellagen, welche mit Büchern, Karten und wohlumschnürten Paketen gefüllt waren. Diese letzteren lagen nach Jahren und Monaten geordnet, und ihre Aufschriften sagten mir, daß sie Briefe enthielten. Es gab auch mehrere am Boden stehende, offene Kästen, welche bis an den Rand mit Briefen oder Zeitungen gefüllt waren. In der Mitte des Zimmers stand ein ungewöhnlich großer Tisch. Er war mit Büchern, Karten und Skripturen belegt und sehr bequem für einen geistig arbeitenden Mann, der es liebt, viel Platz zu haben.

Die Fenster der ganzen Wohnung waren hoch und breit, um möglichst viel Licht einzulassen. Aus dem mittelsten Gemache, welches ich zuerst betreten hatte, führte eine Thür hinaus ins Freie. Ich öffnete sie, um mich draußen umzusehen. Wie froh überrascht war ich, als ich sah, daß ich mich auf einem platten Dache befand, unter welchem jedenfalls die Wohnung des Ustad lag. Hier oben gab es nichts als nur die von mir beschriebenen drei Stuben. Sie waren von der Vorderfront des Hauses so weit zurückgesetzt, daß man diesen schönen Vorplatz gewonnen hatte, welcher mir die allerfreieste Aussicht nach Norden, Osten und Süden bot, während auf der Westseite der Weg hinauf nach der Glockenhöhle an mir vorüberführte.

Es ist eine meiner Eigenheiten, so viel wie möglich im Freien zu arbeiten, selbst auch des Abends und des Nachts. Ich kann sagen, daß ich meine glücklichsten, geistig belebtesten und fruchtbarsten Zeiten auf den platten Dächern des Morgenlandes verlebt habe. Wer des Nachts unter funkelndem Sternenhimmel von den Dächern Siuts hinauf nach der Höhe des Stabl Antar, von Jerusalem hinüber nach Mar Eljas, von Tiberias über den Genezareth, vom herrlichen Brummana des Libanon hinunter auf die Lichter und den Hafen von Berut geschaut hat, dem werden diese Stunden lebenslang im Gedächtnisse bleiben. Und nun auch hier vom hohen Hause aus der unbeschreiblich schöne Blick hinaus und hinein in die orientalische Nacht, die nicht so wie die abendländische nur vom Abend nach dem Morgen schreitet, sondern vom Paradiese nach dem Paradiese wandelt!

Da hörte ich ein Geräusch. Ich schaute mich um und sah den Ustad, welcher bei mir eingetreten war. Er bemerkte, daß ich mich auf dem Vorplatze befand, und kam heraus. Ich lehnte an der Brüstung. Er sagte nichts. Die Hände auf die Steine vor uns legend, schaute er still auf den See hinab. Ich hörte seinen Atem leise gehen. Da, nach einer kleinen Weile, wendete er sich mir halb zu und sprach, nach unten deutend:

»Der See denkt jetzt in tiefer Andacht nach,
Was er vom Herrn wohl mit der Sonne sprach.
Sie schaute ihm dabei ins Herz hinein.
Woher mag wohl der Blick gewesen sein?
Und sieht er, daß in seiner klaren Flut
Das Bild des ganzen, ganzen Himmels ruht,
So sendet er der Sonne Blick und Licht
Auch mir ins Herz als Lob- und Dankgedicht!«

Wie seltsam! Soeben waren ganz ähnliche Gedanken in mir aufgestiegen! Doch sagte ich nichts. Ich konnte kein Wort finden, welches wert gewesen wäre, jetzt gesprochen zu werden. Dieses Gedicht war im jetzigen Augenblick in ihm entstanden. Daß er es sofort in laute Worte gefaßt hatte, war mir ganz selbstverständlich. Jeder Dichter pflegt das zu thun. Er wendete sich wieder ab und sagte nach kurzer Pause, an seine letzten Worte anknüpfend:

»Es war ja heut ein Tag des Lobes und des Dankes. Er ist für mich noch nicht vorüber; er hallt noch in mir nach. Du warst dem leiblichen Sterben nahe, bist aber noch vor dem Tode wieder auferstanden. Darum zogen wir hinauf zu unserm Haus des Herrn.«

»So laß mich dafür danken, daß auch du jetzt wieder lebst,« sagte ich.

»Ich?« fragte er schnell.

»Ja. Ich war dem Tode nahe; du aber bist gestorben.«

»Wer hat es gesagt? Wer hat es dir gesagt?«

»Pekala. Durfte sie es nicht?«

»Sie weiß, daß ich vor dir kein Geheimnis haben will. Aber sie hat dich falsch berichtet.«

»Hast du ihr nicht gesagt, daß dein Sterbetag gewesen sei? Hast du nicht auch zu mir vorhin von deiner Gruft gesprochen?«

»Allerdings. Aber ich bin von euch beiden falsch verstanden worden. Meine Gruft ist nicht mein Grab.

Nur das, was in mir abgestorben ist, liegt da begraben. Mein Sterbetag war der, an dem es starb.«

»So wünsche ich dir von ganzem Herzen, daß du recht haben mögest! Ist es schon so traurig, Liebes in sich sterben zu fühlen, so muß es ja entsetzlich sein, sich zwar körperlich noch am Leben, aber als geistig vollendete Individualität bereits gestorben und begraben zu wissen!«

Er schaute mir in das Gesicht, längere Zeit. Dann strich er sich mit der Hand über die Stirn, als ob er etwas von dort zu entfernen habe, und sprach:

»Ich kann mir allerdings nichts Furchtbareres denken, als das, was du soeben sagtest. Aber trotz allem, was in mir gestorben ist, ich selbst bin mit dem, was du meine geistige Individualität nennst, noch heut bei vollem Leben.«

»Gott gebe es!«

Der Ton, den ich unwillkürlich diesen drei Worten gab, machte, daß der Ustad sein Gesicht mir abermals zukehrte. Der Ausdruck desselben war fast der eines milden Erstaunens. Dann fragte er:

»Hältst du den Tod einer vollen, vielleicht bedeutenden oder sogar großen geistigen Persönlichkeit überhaupt für möglich?«

»Ja.«

»Woran soll sie sterben?«

»An einem plötzlichen, scheinbar wohlbegründeten Entschlusse. Oder auch an einer selbstverschuldeten, langsamen Verzehrung. In beiden Fällen liegt Selbstmord vor, falls der Geist vorher gesund gewesen ist.«

»Effendi, weißt du, wie hart du sprichst?«

»Wir sprechen vom Geiste. Darum mag der Geist zum Geiste reden. Der Geist aber ist hart, vielleicht härter als alles, was wir hart zu nennen pflegen. Du wolltest meine Ansicht über den Tod hören; diese ist nicht Herzenssache. Sobald du mein Herz fragst, wird es sprechen, und zwar so gern, so gern!«

Da faltete er die Hände, hob die Augen empor und sagte: »Sollte ich ein Selbstmörder sein?! Chodeh, ich bitte dich, verhüte es!«

»Chodeh ist allmächtig; aber selbst seiner Allmacht ist es nicht möglich, etwas zu verhüten, was bereits geschehen ist.«

»So will ich mich prüfen. Ich will wissen, was ich gethan habe und ob ich etwa anders hätte handeln können oder handeln sollen.«

»Hältst du dich für einen unparteiischen Richter über dich?«

»Nein. Aber du sollst mich richten.«

»Ich? Das ist unmöglich, denn ich liebe dich.«

»So wollen wir beide es vereinigt sein. Wir wollen einander beaufsichtigen, damit das Urteil ein gerechtes werde. Ich will anfangs der Dritte sein, der Zeuge, der dir und mir der vollen Wahrheit gemäß erzählt, wie es zugegangen ist, daß die Hand des Todes mir in mein Inneres griff. Ich sage dir aufrichtig, daß ich dich hier heraufgeführt habe, um dir eine Liebe zu erweisen. Vielleicht bist du es, der sie mir erweist. Ich glaubte, dich nicht nur von dem einen, sondern auch noch von dem andern Tode erretten zu müssen. Nun werde ich zu fragen haben, ob nicht im Gegenteile dir die Aufgabe zufällt, mir zu zeigen, daß ein Toter einen noch Lebenden nicht vor dem Tode bewahren kann.«

Unser Gespräch wurde in diesem Augenblicke unterbrochen. Wir hörten Stimmen, welche vom Vorplatze heraufklangen, und die schlürfenden Schritte langsam durch das Thor kommender Kameele. Zwei Männer sprachen miteinander. Der eine war Tifl, der andere ein Fremder. Dann kam der Pedehr dazu. Dieser schien einige Fragen auszusprechen, die wir nicht verstanden; dann hörten wir deutlich, daß er sagte:

»Steigt ab, und seid willkommen! Ich werde deinen Wunsch unserm Ustad melden.«

Da beugte sich der letztere über die Brüstung vor und rief hinab:

»Wer ist es, mit dem du sprichst, Pedehr?«

»Agha Sibil und sein Enkelkind aus Isphahan,« antwortete der Gefragte herauf. »Er ist den Bluträchern begegnet und bringt uns eine wichtige Kunde.«

»Er sei unser Gast. Ich komme sogleich hinab.«

Hierauf entschuldigte er sich in einigen Worten bei mir, daß er sich für kurze Zeit entfernen müsse, und wollte gehen.

»Erlaube nur einen Augenblick,« sagte ich. »Wer ist der Angekommene?«

»Ein Kaufmann aus Isphahan, welcher von dort aus einen bedeutenden Handel nach dem Innern des Landes treibt. Er versorgt viele der freien Stämme mit allem, was sie brauchen, und ist der Hauptabnehmer auch unserer Erzeugnisse. Seine Leute sind fast immerfort mit Waren unterwegs. Zur Abrechnung aber pflegt er selbst zu kommen.«

Als er mir diese Auskunft erteilt hatte, verließ er mich. Er hatte angenommen, daß meine Erkundigung nur deshalb ausgesprochen worden sei, weil es sich um eine Nachricht von dem Multasim handelte. Ich hatte aber auch noch einen zweiten Grund. Nämlich mein Wirt in Bagdad, der nach Halefs Ausdruck »früher Bimbaschi gewesene und dann Mir Alai gewordene« Offizier Dozorca, hatte mir, wie man sich erinnern wird1, die Namen seiner Familienmitglieder genannt und dabei gesagt, daß sein Schwiegervater Mirza Sibil oder auch Agha Sibil heiße und ein persischer Handelsmann gewesen sei. Nun war ein Kaufmann dieses Namens aus Isphahan hier angekommen. Da mußte ich natürlich sofort an die vermeintlichen Toten denken, welche mein armer Wirt so lange Zeit betrauert hatte. Es lag mir fern, gleich etwas Gewisses anzunehmen; aber dieser Agha Sibil hatte einen Enkel mit, nicht etwa einen Sohn, und dieser Umstand machte den Gedanken in mir rege, daß sich hier in diesem wunderbaren »hohen Hause« gar wohl auch noch eine dritte Art von Auferstehung ereignen könne, nämlich eine Wiederkehr aus dem Lande der Totgeglaubten. Ich war darum gewillt, womöglich mit diesem Kaufmann selbst zu sprechen.

Zunächst aber war meine Zeit für den Ustad in Beschlag genommen, über dessen Vergangenheit ich jetzt einen Bericht zu erwarten hatte, der für mich so wichtig werden sollte, wie ich es jetzt, in diesem Augenblicke, gar nicht ahnte. Wir kurzsichtigen, unwissenden Menschen, die wir auf ganz verkehrten anthroposophischen Wegen wandeln, sind vollständig blind und taub gegen die große Wahrheit, daß der eine sich in dem andern zu erkennen habe. Der Gesamtmensch ist jedem einzelnen derart eigen, daß nicht nur die körperlichen und geistigen Gesichtszüge, sondern auch die Lebensführungen von Personen, die uns bei oberflächlicher Betrachtung als sehr verschieden erscheinen, doch mit absoluter Notwendigkeit große innerliche Aehnlichkeiten, ja oft sogar Gleichheiten besitzen müssen, durch welche die Menschenkenntnis ganz unbedingt zur Selbsterkenntnis werden müßte, wenn wir nicht die fatale Eigenheit besäßen, uns mehr nach bösen als nach guten Menschen umzuschauen und den Zusammenhang mit der Menschheit nur in unser eigenes Belieben zu stellen. Wie sich der Kreislauf des Blutes durch Millionen Körper auf ganz dieselbe Weise vollzieht, so pulsiert in diesen Millionen auch der Geist durch gleiche Adern, und wenn diese letzteren sichtbar vor unsern Augen lägen, so würden wir gar wohl bemerken, daß unter tausend auf den Seciertisch gelegten Geistern es nicht einen einzigen gäbe, der sich sowohl anatomisch als auch in Beziehung auf seinen Vitalismus und das, was ich vorhin Lebensführung nannte, derart von den andern unterschiede, daß es dem Professor nicht mehr möglich wäre, an ihm allein in aller Ausführlichkeit zu demonstrieren, warum alle übrigen nun jetzt mit ihm das gleiche Schicksal haben.

Wer hat jetzt noch Lust, dem kühnen oder vielleicht auch staarkranken Sprachgebrauche zu folgen und Geister zu distinguieren? Während der eine Mensch durch eine ebenso mühevolle wie langweilige Addition selbst bei einem achtzigjährigen Leben nicht dazu kommt, die Summe zu erreichen, wird der andere schon in seinem zwanzigsten Jahre durch eine schnelle Multiplikation zu dieser Summe geführt. Aber jeder einzelne der treu und gewissenhaft zusammengestellten Summanden des ersteren wiegt vor den Augen des höchsten und gerechtesten aller Geister mehr als das ganze durch eine bequemere Rechnungsart vollständig mühelos gefundene Produkt des letzteren. Der kleinste Geist kann groß trotz seiner Kleinheit, der größeste aber klein trotz seiner Größe sein. Unter den Geisterlein und sonst noch spukenden Winzigkeiten, welche mich vorhin bei der Lampe des Ustad belästigten, hat sich wahrscheinlich manche Längstvergessenheit befunden, welche damals, als man sie ihm auszublasen begann, zu den Geistesgrößen gerechnet wurde. Jetzt nun haben diese aus dem Leben geschwundenen Größen in der »Gruft« des »hohen Hauses« traurige Wache zu halten, daß die Lampe ja nicht wieder angebrannt werde!

Es ist mir im Vorhergehenden nicht eingefallen, anzudeuten, daß ich nicht an Geistesgrößen glaube. Sie waren da, sie sind da, und sie werden immer vorhanden sein; aber sie waren und sind es nur für die Menschen, doch nicht für den, der alle Nieren prüft. Er sendet die Jahrhunderte, in deren Verlaufe sich ihre Größe zu bewähren hat, und wenn sie vorüber sind, so waren sie wie ein Tag der heut vergangen ist. Für die nie versiechende Fülle der Ewigkeiten hat dann jeder, selbst der berühmteste Menschenname doch nur diesen einen Tag gelebt. Aber der Segen, den ein Menschenkind dem andern brachte, reißt sich vom Namen los, und wohl dereinst dann dem, dem es vergönnt ist, aus seiner irdischen Berühmtheit emporzusteigen, um dort in diesem Sinne namenlos zu werden!

Woher diese Gedanken? Umwehte mich hier auf dem freien Platze vor der »Gruft« eine jener geistigen Atmosphären, welche sich aus solchen namenlos gewordenen Bestandteilen zusammensetzen? Kamen die vom Staube befreiten Gedanken guter, edler, hoher Abgeschiedenen hier zusammen, um sich da oben im Alabasterzelte zur Fahrt gen Himmel zu vereinigen? Ich konnte mich nicht länger mit ihnen beschäftigen, denn der Ustad kam jetzt zurück und bat mich, mit ihm in die Bibliothek zu gehen. Er griff nach der Lampe, um sie mitzunehmen. Als er sah, daß mein Blick an der Schrift des Schirmes hängen blieb, sagte er:

»Die Liebe hört nimmer auf! Jawohl, die göttliche! Aber diese hier, sie ging für mich zu Ende. Oder hatte sie überhaupt niemals bestanden? Waren diese herrlichen Worte nicht mit dem Herzen, sondern nur mit der Hand gestickt worden? Mit dem kleinen, zarten, schönen Händchen, welches für mich zur Kralle wurde, obgleich ich es so oft, so oft an meine wahrheitstreuen Lippen gedrückt hatte?«

Hierauf trat er zu dem Perlmuttertischchen, zeigte auf das Testament und fuhr fort:

»Gott ist ein Geist! Ich suchte diesen Geist. Ich glaubte, daß er, der alles belebt, auch den Körper der Menschheit beseele. Darum forschte ich in ihr nach ihm. Ich beobachtete sie, wenn sie wachte, wenn sie schlief und wenn sie betete. Im Wachen war sie ihr eigener Gott. Im Schlafen träumte sie nur von sich allein. Und im Beten lag sie vor sich selbst auf allen Knieen! Da stand der Geist des Herrn im Morgenlande auf und ging als Hirt, der seine Herde suchte, von Land zu Land, von Volk zu Volk, von Herz zu Herz. Ueberall, wohin er kam, rief man ihm Hosiannah zu; dann wurde er verworfen und gekreuzigt. Allüberall, auf jedem Golgatha, sah man den Leib des Herrn an seinem Kreuze hängen. Wo aber blieb der Geist? Der Geist, von dem wir uns in alle Wahrheit leiten lassen sollten? Wo wurde dieser Geist in dieser Wahrheit angebetet? Ich fragte hier auf Erden hin und her. Ich fand wohl manchen Stall und manche Krippe, wo Engel lobgesungen und Hirten, Könige und Weise angebetet hatten. Auch fand ich noch den Duft des Weihrauchs und der Myrrhen, die man dem Geist der Liebe dargebracht; er aber selbst, er hatte sich geflüchtet, dem Haß und seiner Waffe zu entgehen. Wohin? Man sagte: nach Egyptenland.«

Nun berührte er das Manuskript mit seiner Hand, zog sie aber schnell wieder zurück, als ob er etwas Häßliches oder gar Feindliches berührt habe, und sprach:

»Hier liegt der Leib des Geistes, mit dem ich nach dem Geiste suchen ging. Er starb und ward begraben. Er hörte auf, zu leben, als ich dieses letztgeschriebene Wort vernahm, daß des Menschen Gedanken nicht die Gedanken Gottes seien. Warum sollte ich mit den Gedanken meines Geistes noch fernerhin nach jener Wahrheit suchen, die ich mit ihnen niemals finden kann, weil sie ganz andere als die göttlichen sind!«

Er schaute mich an, als ob er eine Zustimmung von mir erwarte. Ich aber schüttelte leise den Kopf und sagte:

»Du hättest mit diesem Worte nicht aufhören, sondern mit ihm beginnen sollen. Es mußte dir sagen, daß nicht mit der Schärfe des Geistes, sondern mit dem vertrauenden Blicke des Glaubens zu suchen sei. Wärest du mit seinen offenen Augen so, wie du sagtest, „hier auf der Erde hin und her gegangen,“ so hättest du gewiß nicht leere Krippen gefunden, aus denen der Herr vor Herodes geflohen ist, sondern so manches freundliche Bethanien und so manches liebe Emmahus, wo er vor und nach der Kreuzigung bei den Seinen weilte, um mit ihnen das Brot zu brechen. Meinst du, weil du den Geist des Herrn nicht fandest, können auch andere ihn nicht gefunden haben?«

»Ich fand ihn doch! Oeffne diese Leiche, und lies das erste Wort!«

Als ich die vordere Seite des Manuskriptes aufschlug, sah ich die groß geschriebene Ueberschrift: »Der Glaube ist es, der die Welt überwindet!«

»Nun?« fragte er. »Habe ich nicht gethan, was du sagtest? Bin ich nicht mit dem Glauben suchen gegangen? War er nicht das Alpha dieses Buches? Warum bin ich nicht auf diesem Wege, sondern auf einem anderen zum Omega gekommen?«

»Dein Alphaweg war der Hosiannahweg. Du gingst vom Glauben aus, um den Herrn zu finden. Doch da trat jener Geist zu dir, der den Messias einst versuchte. Dieser siegte; du aber bist unterlegen. Es war nicht Gottes Geist, sondern dein eigener, nach dessen Ruhm du fortan suchen gingst. Du fandest ihn, den gleißnerischen, falschen. Man rief dir Hosiannah zu, obgleich es nur ein Esel war, auf welchem du durch die schreiende Menge rittest. Er trat mit seinen Hufen die Palmenzweige deines Ruhmes nieder. Sie waren es auch wert! Denn schon begannen Stimmen hinter dir das »Kreuzige« zu rufen –«

»Effendi!« unterbrach er mich erstaunt. »Du weißt es, was geschah? Wie kannst denn du es wissen?!«

»Nur ich? Das weiß doch jedermann! Wer nach der Wahrheit strebt, hat durch den Jubel sogenannter Freunde hinauf nach Golgatha zu steigen, um von ihnen verlassen, von den Feinden aber gezwungen zu werden, seinen Geist aufzugeben.«

»Seinen – Geist – aufzugeben!« wiederholte er. »Wie wahr, wie wahr das ist! Sage mir: Hat man es zu thun? Muß man es thun?«

»Warum fragst du mich, den Sterblichen? Frage den, der uns noch heut dadurch erlöst, daß er uns vorangestorben ist! „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ so rief er aus, indem er von seinen Leiden Abschied nahm. Sag mir, o Ustad, hast du dieses sein Beispiel befolgt? Hast du, als man dich deines Geistes wegen marterte, ihn so, wie er den seinen, dem Herrn befohlen? Hier liegt die Leiche; so sagtest du. Wohin aber ist ihr Geist gegangen? Hast du dich zwingen lassen, ihn aufzugeben? Hättest du ihn in die Hände seines Herrn gelegt, so würde er in diesem seinem Leibe wieder auferstehen können, wie einst Isa Ben Marryam in ganz demselben Leibe auferstanden ist!«

Da setzte der Herr des »hohen Hauses« die Lampe langsam, langsam wieder auf den Tisch.

»Warte, Effendi!« sagte er.

Dann ging er hinaus ins Freie, Schritt um Schritt, als ob er plötzlich eine schwere Last zu tragen habe. Als er schon draußen war, drehte er sich noch einmal um.

»Glaubst du an eine Auferstehung solcher Toten?« fragte er.

»Ja!« antwortete ich.

»Wirklich?«

»Ich glaube nicht nur an sie, sondern ich kenne sie sogar!«

»Du?«

»Ja, ich!«

»So wollte ich, ich wäre du!«

»Du kannst und darfst es sein; du brauchst es nur zu wollen!«

»Effendi, Effendi! Für wen wurde hier diese Lampe wieder angebrannt? Für dich? Für mich? Für uns beide? Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege. So spricht der Herr! Warte! Laß mir Zeit!«

Während er nun draußen vor der Thür verschwand, nahm ich das noch offen vor mir liegende Manuskript, um es zuzuschlagen. Es fiel mir der Titel in die Augen. »Geist und Wahrheit« lautete er. Da setzte ich mich nieder, das Buch in der Hand behaltend. Es war mir, als sei ich plötzlich müd, sehr müd geworden. War es eine wirkliche, körperliche Schwäche, die mich überkommen hatte, oder mußte ich mich unter der intellektuellen Wucht dieser beiden Worte niedersetzen? Wer ist der Mensch, daß er es wagt, trotz allem, was ihm dazu fehlt, an eine solche Arbeit zu treten?! Dieses Buch war ganz gewiß in jener Zeit der Jugend begonnen worden, für welche das Land der Möglichkeit fast ohne Grenzen ist. Wenn dann das Alter alles, was unter größter Kraftanstrengung für die Unmöglichkeit geleistet wurde, als unbrauchbar vernichten soll, so geschieht dies fast nie, sondern es wird in allen Winkeln aufgestapelt, um dann irgendeinem infallibeln Pessimisten als Beweis dafür zu dienen, daß auf der Erde alles, alles eitel sei.

Es verlangte mich, dieses Manuskript lesen zu dürfen, und doch wäre ich wohl kaum mit Lust an diese Arbeit gegangen, weil ich mir ja sagen mußte, daß ich nicht damit einverstanden sein könne. So saß ich lange Zeit in beinahe trüben Gedanken da, bis der Ustad wieder hereinkam und mich abermals bat, mit ihm in die Bibliothek zu gehen.

Ich stand auf und ließ unwillkürlich einen forschenden Blick an seiner Gestalt niedergleiten. War er ein anderer geworden? Es hatte sich weder an seiner Figur noch überhaupt an seinem sichtbaren Menschen etwas verändert. Und doch war es mir, als ob er nicht mehr so vor mir stehe, wie er mir unten an meinem Lager erschienen war. Es wollte mich eine Art von Beschämung über diese meine Undankbarkeit beschleichen; aber gegen dieses Gefühl stand in mir etwas auf, was mächtiger und, wie ich jetzt weiß, auch richtiger und gerechter war und mich aufforderte: »Schmeichle nicht dir selbst, indem du ihn zu schonen scheinst. Die Sonde, welche du an ihn legst, muß dich so wie ihn schmerzen!« Er sah diesen meinen Blick auf sich ruhen und fragte mich:

»Du schaust mich an. Du hast mein Werk da in der Hand. Lasest du vielleicht darin.«

»Nur den Titel!«

»Und darum dieser dein Blick?«

»Ja.«

»Ich verstehe dich. Geist und Wahrheit! Vielleicht hätte es besser geheißen: Geist oder Wahrheit!«

»Auch das nicht.«

»Also weder „und“ noch „oder“!«

»Glaubtest du, dem Geiste, der Wahrheit durch Konjunktionen oder zufällige Konjunkturen nahetreten zu können? Indem du diesen Titel schriebst, hattest du das Werk geschrieben. Du brauchtest es gar nicht zu beginnen. Es mußte unvollendet bleiben. Aber der Geist, der sich an diese Aufgabe wagte, durfte trotz Kaiphas und Pilatus nicht von dir aufgegeben werden. Ich bin überzeugt, daß er Besseres, Edleres und Höheres erreicht hätte als alles, alles das, was hier auf diesen beschriebenen Blättern zu lesen ist. Möchte er doch nicht gestorben sein, sondern nur schlafen, um wieder erwachen zu können!«

»Ob er tot ist oder nur schläft, das wünsche ich, jetzt mit dir erfahren zu können. Ich will dir erzählen, wie er entstand und wie er von mir ging. Es wird keine lustige Geschichte sein.«

»Geschichte? Auf keinen Fall! Ist er tot, so hältst du seine Leichenrede. Gleicht er aber jenem Nichtverstorbenen, von welchem Christus sagte: unser Freund schläft, so wird es keine Erzählung, sondern eine Auferweckung sein. Da stehen wir vor der Thür des Raumes, in welchem du erzählen willst. Mir ist, als ob in mir jene Stimme klinge, welcher im Besitze des Höchsten, der da lebte, die Macht über den Tod gegeben war: Lazare, komm heraus!«

Da legte er seinen linken Arm um meine Schulter und drückte mich an sich. Ich schlang meinen rechten warm um ihn, und so traten wir beide hinein, innig vereint, als ob wir eine und dieselbe Person bedeuteten.

Er stellte die Lampe auf den großen Tisch, führte mich zu einem Sitze, auf den ich mich niederließ, schob die beiden Hände in die Gürtelschnur und ging dann eine ganze Weile schweigend auf und ab. Hierauf lehnte er sich mit dem Rücken an den Tisch, so daß der Lichtschein sein Gesicht nicht traf, und sagte:

»Höre meine Einleitung, Effendi!«

Ich nickte. Da begann er:

»Die Geschichte einer jeden Anbetungsform hat eine Zeit des Martyriums, der Verfolgung um des Glaubens willen, aufzuweisen. Ich meine hier die Verfolgung mit der Todeswaffe. Wenn dem Religionshasse diese Waffe entzogen worden ist, zieht er sich, rachsüchtig grollend, in den Schutz seiner Lehrsätze zurück, um aus ihnen heraus, die er für uneinnehmbare Mauern hält, auch fernerhin die Andersgläubigen nach Möglichkeit zu schädigen. Es giebt wohl nur wenige Breitengrade der festen Gotteserde, welche nicht die Spuren davon tragen, daß der Mensch keine andere Verehrung Gottes, als nur die seinige dulden will, obgleich es doch wohl allein Gottes Sache wäre, zu bestimmen, in welcher Weise der Mensch zu ihm zu sprechen habe. Dieser aber ist so verwegen, dem Herrn vorzuschreiben, was er zu dulden oder nicht zu dulden habe, und wenn die Berechtigung zu dieser Vorschrift von irgend einem andern angezweifelt wird, so ist man schleunigst mit der Behauptung da, daß sie ja Gottes eigene Offenbarung sei. Im Besitze dieser Offenbarung gebärdet man sich, als ob man den Himmel mit seiner ganzen Seligkeit in Pacht genommen habe und nun ganz nach eigenem Gutdünken am Eingange zu demselben eine Warnungstafel anbringen müsse, auf welcher in den drohendsten Worten zu lesen ist: „Der Zutritt ist nur solchen bevorzugten Personen gestattet, welche mit einer eigenhändig unterschriebenen Erlaubniskarte seiner Pächterlichen Hochgnaden versehen sind. Wer ohne diese Bescheinigung hier einzudringen wagt, der wird augenblicklich mit dem leiblichen, geistlichen und ewigen Tode bestraft!“ – Hast du gegen diese meine Ausführung etwas einzuwenden, Effendi?«

»Soll ich aufrichtig sein?« fragte ich.

»Ich fordere es von dir!«

»So wisse: Du stehst als Personifikation deines Lebens, von dem du jetzt erzählen willst, vor mir. Es ist ein individuelles Leben. Deine Ansichten sind die Ergebnisse desselben. Ich habe sie also als individuelle Meinungen zu betrachten, nicht aber als Gottesbotschaften, die für mich maßgebend sein sollen. Ich bin, wie ich hoffe, ein vernünftiger Mensch. Als solcher habe ich nicht nur den ernsten Fleiß zu achten, mit welchem du nach Erkenntnis strebtest, sondern auch die Früchte dieses Fleißes, die du so aufrichtig bist, mir vorzulegen. Ich weiß, daß du mich nicht zwingen willst, sie zu genießen, und habe also nicht den geringsten Grund zu einem Lobe oder Tadel. Sprich also ruhig weiter!«

Wahrscheinlich hatte er eine andere Antwort erwartet. Er sagte es aber nicht, sondern fuhr gleich fort:

»Hast du vielleicht einen solchen angeblich von Gott gepachteten Himmel kennen gelernt? Ich nicht nur mehrere, sondern viele. Wie sonderbar, daß sie einander alle so außerordentlich ähnlich sind! Und weißt du, was so ein allgewaltiger Vertreter Gottes für den Pacht bezahlt? Was von dem ihm gebrachten Weihrauche übrig bleibt, das schickt er dem Herrn hinauf. Weiter nichts! Und nachdem er sämtliche Verneigungen und Verbeugungen für sich hingenommen hat, ist er so gütig, nun auch seinerseits Gott einen Knicks zu machen. Weiter nichts! Denn dieser Gott ist so ganz ewige Liebe, Gnade, Geduld und Gutmütigkeit, daß der Usurpator seines Himmels gar nicht an einen Tag der Abrechnung zu denken hat, an welchem er sicher der erste aller derer ist, die hinausgeworfen werden! Da wirst du mich fragen, wie es sich mit der ewigen Gerechtigkeit verträgt, solchen übermütigen Himmelspächter so lange, lange Zeit im Paradiese sitzen zu lassen. Mein Freund, es ist ja gar nicht der Himmel, in dem er sich festgesetzt hat, sondern jene einstige, herrliche, nun aber zur Wüste gewordene Gedankenwelt, in welcher jedes folgende Kameel genau in die Stapfen des vorangehenden zu treten hat, wenn es nicht von dem Führer gezwungen werden will, auf die Vorderbeine zu fallen, um die Peitsche zu bekommen.«

Ich wollte hier eine berichtigende oder wenigstens mildernde Bemerkung machen. Er wies sie aber durch eine rasche und energische Bewegung seiner Hand zurück und sprach weiter:

»Ich weiß alles, was du sagen willst, alles! Du hast gemeint, ich wolle als Personifikation meines Lebens vor dir stehen, als Individuum. Nun lasse es mich auch sein! Ich hatte die Absicht, anders zu sprechen. Ich wollte mit der Stimme der Menschheit reden. Du aber hast mich darauf gebracht, als Einzelwesen mich jener Zunge zu bedienen, mit welcher mich Haß und Neid aus den Straßen des Lebens hierher in diese meine Einsamkeit verwiesen. Ich danke dir, daß du mir dies ermöglicht hast! Ich werde nicht die Unwahrheit sagen, auch nicht übertreiben, sondern alles bei dem rechten Namen nennen. Aber fordere nicht von mir, zu schweigen oder gar zu beschönigen und mißzuloben, wo man gegen mich nicht einmal Nachsicht hatte. Der Gemarterte hat keine andern Töne als die, welche ihm der Schmerz erpreßt. Und wenn ich jetzt in der Erinnerung von meinen Bergen aus zurück nach jenen Gegenden steige, in denen ich die größten Qualen erduldete, die ein Mensch erleiden kann, so wundere dich nicht, daß ich nicht im Tone eines Mannes erzähle, der seine Feinde vergessen hat!«

»Ich würde es dennoch thun!« warf ich ein.

»Du? Wirklich?«

»Ja.«

»Ich glaube es dir. Christus sprach ja: Liebet eure Feinde! Aber er war der Gottmensch, und du hast mich auf das Individuum, auf meine spezielle Persönlichkeit zurückgeführt, und so soll sie es sein, welche ich jetzt sprechen lasse. Ich fordere dich auf, dich als die Gesamtheit meiner Feinde zu betrachten. Zu ihr will ich weiter reden, nicht zu dir, dem das Leben nur Sonnenschein und die Menschheit gewiß nur freundschaftliche Anerkennung gegeben hat!«

Da war ich still! Ich sagte kein Wort, kein einziges! Aber mein Gesicht schien nicht ganz so verschwiegen zu sein, wie ich es wünschte, denn er fragte:

»Was hast du für ein eigenartiges Lächeln, Effendi? Gilt es mir?«

»Nein. Bitte, sprich weiter! Du sagtest, daß du viele jener gepachteten Himmel kennen gelernt habest?«

»Ja. Indem ich dir einen von ihnen beschreibe, lernst du mit ihm auch alle anderen kennen. Also höre! Ich kam auf meinem Pferde Imtichat vom Dschebel Din herab in ebenliegendes Menschenland. Da kehrte ich ein und erfuhr, daß hier der Weg zum nahen Paradiese sei. Ich ließ mir diesen Weg zeigen und folgte ihm. Die Leute, welche mir begegneten, schienen alle sehr fromm zu sein. Sie hielten die Hände gefaltet und schlugen die Augen ganz anders auf, als man für gewöhnlich thut. Bewohnte Zelte und Häuser gab es gar nicht mehr, dafür aber lauter Gebäude, welche Allah geweiht waren, wenn auch unter anderen Namen. Ich sah Moscheen neben hochfensterigen Bauten, an denen Türme standen, indische Tempel und chinesische Pagoden, malayische Götterhäuser und amerikanische Medizinzelte, hottentottische Götzenhütten und die in die Erde gegrabenen Andachtslöcher der Australen. Viele, viele Menschen strömten vor mir her. Sie alle wollten in den Himmel. Aber fast ebenso viele kamen traurig zurück, weil sie nicht hineingedurft hatten. Ich fragte sie, warum, und erfuhr, daß sie nicht im Besitze von Erlaubnisscheinen gewesen seien. Da ritt ich weiter. Das Gewühl wurde immer größer, bis ich das Thor des Himmels vor mir sah. Da hielt die Menge an, weil sich quer über den Weg das Chabl el Milal spannte. Ich war nicht da, um schon jetzt in den Himmel zu kommen und dort zu bleiben, sondern nur, um ihn zu prüfen. Darum ging mich dieses Seil nichts an. Ich spornte mein Pferd, und es sprang darüber weg. Nun befand ich mich auf dem freien Platze vor dem Thore des Paradieses. An der sehr, sehr hohen Mauer standen herrliche Palmen, Bäume und Sträucher, welche prächtig zu blühen schienen. Aber da ich keinen Duft bemerkte, schaute ich schärfer hin, und da sah ich denn, daß es keine wirklichen, sondern nur gemalte waren. Nur ein einziger von allen war ein wirklicher Baum, aber ein höchst sonderbarer. Er war sehr niedrig, doch unendlich breit. Blüten und Früchte trug er nicht, aber Tausende von eigentümlichen Blättern, welche die Form menschlicher Köpfe hatten, die lebendig zu sein schienen, denn sie bewegten die Augen immerfort, wobei sie mit den nie schweigenden Lippen plapperten. Ich drehte mich um und fragte einen der Dastehenden, was das für eine seltsame Pflanze sei.

„Das ist der Baum El Dscharanil,“ wurde mir geantwortet. „Kennst du ihn nicht? Er wurde hierher gepflanzt, weil der Baum der Erkenntnis, der einst mitten im Paradiese stand, abgestorben ist. Seitdem muß man die Blätter des El Dscharanil fragen, wenn man wissen will, ob man das Wohlgefallen Allahs besitze oder nicht. Denn nur sie allein sind es, denen er alle Geheimnisse seines Ratschlusses anvertraut, sonst niemandem weiter auf der ganzen Erde.“

Kaum hatte ich dies erfahren, so wurde ich von einigen der Blätter gesehen. Es erhob sich erst ein unverständliches Flüstern. Dieses wurde immer lauter, je mehr Augen sich auf mich richteten, bis sich endlich alle Lippen bewegten und meinen Namen riefen. Infolge dieses vereinten Geschreies thaten sich alle in der Nähe liegenden Thüren auf, und über mich ergoß sich eine Menge von Gestalten, von denen ich erdrückt worden wäre, wenn ich nicht hoch auf dem Pferde gesessen hätte. Ich spornte es zu einigen Seitensprüngen an, so daß ich freien Raum gewann, und fragte, was man wolle. Die Antwort erklang in allen Sprachen, die es auf der Erde giebt. Die mich Umringenden waren ja auch in die Trachten aller Völker gekleidet. Jeder von ihnen hatte etwas in der Hand, was er sein „heiliges Buch“ nannte, und jeder von ihnen versicherte, daß er der einzig und allein berechtigte Aussteller der hier vorzuzeigenden Erlaubniskarte sei. Ich aber machte kurzen Prozeß mit ihnen allen und verlangte die Unterschrift dessen zu sehen, von dem man diesen Himmel gepachtet habe. Das hatte noch niemand gethan, und darum waren sie von dieser meiner Forderung so verblüfft, daß sie alle wieder in ihren Thüren verschwanden. Ich konnte also ungehindert durch das Thor des Paradieses reiten. Doch als ich an dem Baum der Neugierde und Geschwätzigkeit El Dscharanil vorüberkam, riefen alle seine Köpfe in einem und demselben Tone:

„Er kommt zwar hinein, doch niemals wieder heraus. Wer dieses Himmelreich betritt, der ist verloren. Dafür haben wir gesorgt, wir, die Gottesstimmen!“«

Hier machte der Ustad eine Pause. Welch ein Bild er mir da vor die Augen stellte! Fremdartig, aber nicht ganz unwahr. Was ich als gerecht denkender Beobachter dagegen zu sagen hatte, das hob ich mir für später auf, weil sein Gedankengang zu interessant war, als daß ich ihn in demselben hätte stören mögen. Er sprach auch sehr bald weiter:

»Sobald ich das Thor hinter mir hatte, blieb ich, mich umschauend, halten. Wie groß war mein Erstaunen, als ich nichts, aber auch gar nichts zu entdecken vermochte, was ich hätte himmlisch oder paradiesisch nennen können! Ich befand mich in einer unbeschreiblich kahlen, öden, leblosen Traurigkeit. Man hatte es nicht einmal für der Mühe wert gehalten, die Innenseite der Mauer ebenso zu bemalen wie die äußere. Die Malereien da draußen waren angebracht worden, durch die mit ihnen bezweckte Täuschung die kurzsichtigen und vertrauensseligen Gläubigen anzulocken. Da man aber keinen, der das Chabl el Milal hinter sich hatte, wieder zurückkehren ließ, so hielt man es nicht für nötig, diese Beschönigungen dann im Paradiese fortzusetzen. Ich sah weder Baum noch Strauch. Kein Wasser floß. Kein Weg war zu erkennen. Nichts als verwehte Spuren im ausgetrockneten, unfruchtbaren Sande, so lag vor meinen Augen das sogenannte Eden, von welchem die „Erleuchteten des Herrn“ in hundert Zungen der Verzückung sprachen! Es mußte jedem Fuße grauen, einen Vorwärtsschritt in diese wüste Hoffnungslosigkeit zu wagen. Und doch schien man es für ganz selbstverständlich zu halten, daß jeder Angekommene diese ihn ganz unvermeidlich packende Angst zu überwinden habe. Es war dafür gesorgt, daß kein am Eingang Stehengebliebener den Nachfolgenden diese seine Bangigkeit verraten konnte. Es gab hier schnellbereite Wesen, welche ihn sofort wegzuschaffen hatten. Sie standen zu beiden Seiten des Thores, um, hinter der Mauer versteckt, bei jeder neuen Ankunft als vorzüglich auf den Mann dressierte Kameele und Esel schnell herbeizueilen, damit niemand Zeit finde, bedenklich zu werden. Auch als ich erschien, rührten sie augenblicklich die Beine. Da aber sahen sie mein Pferd. Das war genug für sie, mir fern zu bleiben. Wie bei den Menschen alles Unedle von dem Edlen abgestoßen wird, so auch hier bei diesen Tieren. Ich nahm mir Zeit, sie zu betrachten. Die Esel waren alle von tiefdunkelster Farbe, klein, fast winzig, doch mit so hochgehendem Sattelgestell, daß der Hinaufgekletterte sich wohl sehr erhaben vorkommen konnte. Anstatt des gebräuchlichen Riemenzeuges gab es nur eine kurze Aufsatzleine, welche das Maul des Esels so in die Höhe zog, daß die Augen nichts mehr von der Erde, sondern nur noch den Himmel sehen konnten. Das war so tierquälerisch, daß ich den Kopf über den Unverstand schütteln mußte, der zu dem Naturzwange, zu allem immer nur „Ja“ sagen zu müssen, auch noch diese „Köpfe-hoch-Dressur“ zu fügen weiß! Aber dieses Zuviel für das Tier hatte man durch ein Zuwenig für den Reiter ausgleichen zu müssen gemeint: Es gab für ihn keinen Zügel, um den Esel zu lenken. Er mußte einfach dorthin, wohin der letztere abgerichtet worden war.«

Der Ustad hatte während dieser Beschreibung mit gebeugtem Kopfe nur in sich hineingeschaut. Jetzt sah er mich an und fragte:

»Hast du mich verstanden, Effendi?«

»Ja,« nickte ich.

»Willst du etwas dazu bemerken?«

»Jetzt nicht, sondern später, wenn du fertig bist. Ich könnte ja nicht ganz und voll antworten, wenn ich dich nur halb sprechen ließe. Also bitte, weiter!«

»Ja weiter: die Kamele! Du kennst die edlen, herrlichen Bischarihn-Hedschihn, welche für Geld fast nie zu haben sind. Ihre Vornehmheit wird durch Stammbäume nachgewiesen. Du kennst auch das unvergleichlich nützliche bucharische oder turkistanische Kamel, ohne welches es in jenen Gegenden der Erde weder Leben noch Bewegung geben könnte. Doch kennst du auch jene tief verkommene Art des Kameles, welche bei euch in ungesunden, lichtlosen Ställen gezogen wird, um in Gesellschaft von Bären, Stachelschweinen und Murmeltieren dressierte Affen durch die Welt zu tragen? Als ich noch Knabe war, fand ich sie sehr belustigend. Seitdem ich aber edle Rasse kenne, thut mir der Anblick solcher Tiere wehe. Man sagt, daß diese Zucht vorzugsweise von Italien ausgehe. Wenigstens pflegen die Führer solcher Sehenswürdigkeiten, welche fast immer Virtuosen auf der Sackpfeife sind, nach welcher Bär und Affe tanzen müssen, meist italienischen Geblütes zu sein. Nun denke dir ein solches, im tiefsten Schmutze geborenes und mit der Peitsche erzogenes Kamel, mit Dornen und Disteln gefüttert und mit schmutzigem Wasser getränkt, nie vom Ungeziefer gereinigt, ein vom Hunger und Elend gefügig gemachtes Skelett mit haarlos geschundener Haut und wundem Gehufe, so hast du ein Bild der Kamele, die hier in dem Himmelreich standen, von fettreichen Pächtern entmagert, für die sie die Qualen zu dulden und sich schweigend zu opfern hatten! Ihre tiefhängenden Köpfe waren mit Doppelstricken an beide Kniee gefesselt, so daß sie nie den Himmel, sondern nur die Erde in den Augen hatten. Zum Kniebeugen reichten diese Stricke aus, doch nicht dazu, das Haupt emporzuheben. Und einen weiten, freien Schritt zu thun, auch das litt diese ihre Fessel nicht. Sie konnten nur behutsam vorwärtsschleichen und hatten nichts zu thun als das, was die Dressur befahl. An ihren Mäulern hingen Lippenkörbe, damit sie gegen Züchtigungen sich ja nicht wehren könnten und ja nicht von den giftigen Kräutern fräßen, an denen zwar sogar Kameele sterben, die aber für die Zwecke solcher Paradiese besonders wertvoll sind. Die Sättel waren hohe Throngestelle, mit farbenreichem Teppichwerk belegt, mit Fransen- und mit Federschmuck behangen, so daß der Reiter, falls es ihm gelang, sich auf der stolzen Höhe festzusetzen, und wenn er jene Phantasie besaß, die leidenschaftlich gern auf Höckern reitet, sich leicht als Allahs Liebling dünken konnte. – Hast du auch dieses Bild verstanden, Sihdi?«

»Ja,« antwortete ich. »Es ist ja deutlicher, als ich es geben möchte. Ich bitte dich, dein Pferd nun abzuwenden!«

»Ich habe es gethan. Ich ritt davon, mit offenem Auge in dieses vielgerühmte Himmelreich hinein. Fragst du mich vielleicht, wie lange es dauerte, bis ich es kennen gelernt hatte? Ein ganzes, ganzes Menschenelend lang! Soll ich beschreiben, was ich sah, was ich entdeckte? Wer kann Unbeschreibliches beschreiben! Schon gleich am ersten Tage blieb ich nicht allein. Der Menschheitsjammer kam zu mir und weinte mir aus tiefen Augenhöhlen zu. Er hat mich nicht verlassen bis zum letzten Schritt. Das Erdenweh gesellte sich zu mir. Es kroch zu mir aufs Pferd und schlang die Arme fest um meine Hüften. Des Lebens Elend faßte meinen Bügel und schleppte sich an meiner Seite weiter. Es kam die Not gerannt und griff in die Kanthare, um mich in meiner Richtung zu beirren. Wenn sich die Dämmerung senkte, tanzten die Schatten des Verbrechens vor mir her, und in der stillen Nacht begannen Schuld und Strafe hinter mir zu heulen. Ich ritt wochenlang durch Trümmerstätten, in denen mich der hohnlachende Menschenwahn als Gespenst der Vernichtung begrüßte. Ich kam über schier endlose Gräberfelder, aus deren Höhlen das irre Gekicher der Unduldsamkeit schrillte. Ich sah Tempelruinen, in denen der Unverstand im tiefsten Stumpfsinne hockte. Um die zerbrochenen Säulen einstiger Heiligtümer schlug die Narrheit ihre widerlichen Capriolen. An ausgetrockneten Quellen träumte die Gleichgültigkeit in Lumpen, die ihre Blöße kaum bedecken konnten. Die Scheinheiligkeit andächtelte vor eingestürzten Kapellen, für deren Erhaltung sie keine Hand gerührt hatte. Zuweilen tauchte am Horizonte einer jener Reiter auf, welche Einlaßkarten besessen hatten; aber sein Tier wendete sich sofort zur Flucht, sobald es sah, daß ich kein Kamel und keinen Esel ritt. Und wenn sich irgendwo noch ein anderes Wesen in diesem starren Himmelreiche zeigte, so hatte ich entweder einen listigen Fennek gesehen, der mit Lammesaugenaufschlag schnell verschwand, oder es war ein fraßgieriger Dibb, welcher mit eingezogenem Schwanze und heuchlerisch gesenktem Kopfe von weitem an mir vorüberschlich.«

Hier ließ der Ustad eine weitere Pause eintreten. Ich war ihm mit großem Interesse gefolgt. Nun fühlte ich eine Lücke in seiner Darstellung. Darum fragte ich:

»Aber alle die Unzähligen, welche Einlaß bekommen haben? Sie können dir doch nicht so einzeln erschienen und gleich wieder verschwunden sein!«

»Nein,« antwortete er. »Ich kann sie dir leider nicht ersparen. Meinst du vielleicht, dieses Paradies sei von einer himmlisch friedfertigen, sich gegenseitig liebenden und stützenden Bevölkerung bewohnt? Glaubst du, dort einen Hirten und eine Herde zu finden? Ich kenne so gut wie du das verheißende Wort: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das wird von Gott bereitet denen, die ihn lieben.“ Welche unbeschreiblichen Glückseligkeiten aber waren es, welche ich zu sehen und zu hören bekam? Höre und staune! Hast du schon einmal vernommen, daß es unter den wilden Tieren welche giebt, die sich von ihresgleichen zurückgezogen haben und sie so grimmig hassen, daß sie jedes, welches in ihren Bereich kommt, sofort zerreißen oder sonst vernichten?«

»Ja. Dies ist besonders bei den Elefanten, Nashörnern, Löwen, Tigern und andern Raubtieren der Fall. Man pflegt solche Exemplare „Einsiedler“ zu nennen.«

»Nun, so wisse, daß es in diesem Himmel keine andern Bewohner als nur solche „Exemplare“ giebt! Sie wohnen nicht zusammen, sondern als Einsiedler, weil keiner dem andern traut. Jeder ist an einer besondern Kluft oder Höhle von seinem Esel oder Kamele gestiegen. Dort wohnt er nun und verteidigt sie bis auf das Blut gegen jeden, der nicht seiner Meinung über den Himmel ist. Da es aber der Meinungen so viele und so verschiedene giebt, wie Individuen vorhanden sind, so herrscht zwischen ihnen allen eine Feindseligkeit, vor welcher wir selbst im Erdenleben erzittern würden. Jede Kluft und jede Höhle ist ein Götzentempel, in welcher der Bewohner sich selbst als seinen eigenen Fetisch verehrt. Er behauptet zwar, Gott anzubeten, zwingt aber diesem Gott seine eigenen Gedanken auf und setzt sich also über ihn. Die Folge dieser Selbstübergötterung ist, daß sich keiner dieser Götter an den andern wagt, weil er sonst von ihm herausgebissen wird. Das, Effendi, das ist dieser Himmel! Ueber ihm brennt die ewig glühende Sonne der alles verdorrenden Selbstgerechtigkeit, die auf Raub ausgeht wie jener listige Fuchs und jene heimtückische Hyäne, welche selbst hier im Paradiese nur niedere Lurche oder erdfarbige Kerbtiere zum Fressen finden. Wie froh war ich, als ich meine Wanderung vollendet hatte! Ich fühlte mich wahrhaft selig, diese falsche Seligkeit verlassen zu können. Als ich das Thor wieder erreichte, warfen uns die dort stehenden Esel und Kamele Blicke des unendlichsten Neides zu, daß wir es uns gestatten durften, dieses entsetzliche Elend zu verlassen. Die Pächter aber strömten herbei, um mich ihr Paradies preisen zu hören. Ich teilte ihnen aber mit, daß ich den Menschen die volle Wahrheit sagen werde. Da erhoben sie ein lautes Wutgeschrei. Im Baume El Dscharanil begann es zu rauschen. Alle seine Augen waren drohend auf mich gerichtet. Die Köpfe schüttelten sich, und von den Lippen ertönte ein Geheul, daß das Seil El Milal vor mir zersprang. Die Esel und Kamele jenseits des Thores stimmten jammernd ein. Ich aber ritt davon, ohne ein weiteres Wort zu sagen, gleichviel, ob ich für feig gehalten wurde oder nicht. Wer sich aus einem solchen Himmel herauszuretten weiß, der muß wohl Mut besitzen!«

Er schlug bei diesen Worten die Hände zusammen, als ob er jetzt noch froh über diesen glücklichen Ausgang sei. Hierauf ging er einige Male in langsamen Schritten durch das Zimmer, blieb dann vor mir stehen und fragte:

»Hast du jemals geahnt, daß es so ein Paradies giebt, Effendi?«

»Es giebt dieser Paradiese viele,« antwortete ich, mein Auge zu ihm erhebend. »Warum hast du damals nach keinem anderen gesucht?«

»Welche Frage! Ich verstehe dich nicht!«

»Du erzähltest mir ja, daß du vom Dschebel Din herab in ebenes Menschenland gekommen seist. Warum hast du deinen „Berg des Glaubens“ überhaupt verlassen? Mußtest du das? Und wenn du es mußtest oder wolltest, was bewog dich da, das geistige Tiefland, die Ebene, die Wüste aufzusuchen, wo kein Gedanke in die Höhe strebt, sondern nur darnach, sich über die Fläche auszubreiten?«

»Maschallah!« rief er erstaunt aus. »So, also so betrachtest du das, was ich erzählte?«

»Natürlich! Wie anders denn?«

»Ich habe von Menschen gesprochen!«

»Gewiß! Aber besteht der Mensch nur aus seinem Körper? Sprechen wir einmal nicht von der Seele, sondern sagen wir, daß der Mensch aus Leib und Geist bestehe. Der Leib wird sterben, der Geist aber nicht. So lange wir sowohl auf den Körper als auch auf den Geist Rücksicht nehmen, leben wir das wohlbekannte Erdenleben, welches ich als „das erste“ bezeichnen will. Wer aber so stark gewesen ist, alle Rücksicht auf den Leib und seinen Zusammenhang mit dem Menschheitskörper zu überwinden und hinter sich zu werfen und sich nur noch als Geist zu betrachten, während der Leib für ihn gestorben ist, der lebt schon hier vor der Auflösung dieses letzteren ein anderes, neues, höheres Leben, welches ich einstweilen, aber auch nur einstweilen „das zweite“ nennen will. Denn es giebt Menschen, deren Geist sich nicht zur Individualität gestaltet. Wenn diese Stufe für mich auch ein Leben ist, so muß ich sie das „erste“ Leben nennen und die vorhin erwähnten beiden Stufen als „zweites“ und „drittes Leben“ bezeichnen. Nun sage mir, o Ustad, von welcher dieser Stufen aus, auf der du dich befindest, hast du mir jetzt soeben den allerniedrigsten Himmel beschrieben, den ich mir nur denken kann? Ich wollte, ich dürfte dir einmal einen andern Himmel, vielleicht den meinigen, beschreiben!«

»Hast du ihn gesehen?«

»Ja. Ganz so, wie du den von dir beschriebenen! Vor meinem Himmel giebt es kein Seil El Milal, keinen Baum El Dscharanil und keine Wandmalereien. Ihn hat sich auch kein Pächter angemaßt, und an der Straße, die zu ihm führt, stehen keine Götzenhäuser. Auch giebt es keine Mauer und kein Thor. Es führen so viel Wege hinein, wie es Menschen giebt. Er steht ihnen allen offen, wenn sie nur kommen wollen. In diesem meinem Gedankenparadiese ist nichts versunken, vernichtet und vergessen. Da ragen die Gottesideen vergangener Jahrtausende noch so hoch wie damals im Morgenrot empor. Und in der Abendröte erglänzen die neuen, hohen Ideale zukünftiger Jahrhunderte, um zu Wirklichkeiten zu werden, wenn die Menschheit morgen oder übermorgen sagt:

Was sprachst du von Ruinen und Gräberfeldern? Dem Geiste sind sie unbekannt! Was er einst mit der Hand des Körpers baute, war für den Körper, aber nicht für ihn. Es war ja nur das Erdenabbild dessen, was er für sich im Geisterreich gebaut. Und dieser hochgelegene Bau ist ewig. Sein Abbild mag zerfallen, das Urbild aber trifft kein Zahn der Erdenzeit. Wenn du mit deinen körperlichen Augen dein Paradies in Trümmern und im Tode liegen sahst, so breitet sich in Himmelshöhe über ihm das meine aus, und alles, was bei dir in Schutt zerfallen ist, das blieb im Originale des Meisters mir erhalten. Und so, wie jedes Werk in meinem Himmel edler ist als in dem deinigen, so sind auch alle Menschen besser als die deinen. Du richtest sie. Ich habe nichts zu richten. Vielleicht verzeihst du ihnen. Doch ich verzeihe nicht. Warum? Man hat mir nichts gethan! Vor meinem Paradiese steht jede Feindschaft still. Sie wagt sich nicht herein. Und weil sie mich also nicht treffen kann, so giebt es für mich nichts, was ich verzeihen dürfte, so gern ich es auch möchte.«

»So hat es ganz gewiß den Baum El Dscharanil für dich niemals gegeben!«

»Ich kenne ihn! Du hast ihn an das Paradies der Selbstgerechtigkeit gesetzt; das heißt, an seine rechte Stelle. Auch ich habe ihn dort stehen sehen, diesen Baum der sehenden und sprechenden Blätter, der Zeitungen, der öffentlichen Presse. Doch schaute ich ihn anders an als du. Das Reich des Geistes hat die größte Aehnlichkeit mit dem Reiche der sichtbaren Natur. Es giebt hier wie dort keine Entwicklung, die nicht von unten nach oben zu gehen hätte. Ihre Aufgabe ist die Trennung von der niederen Materie und die Gestaltung zum selbständigen, sich frei bewegenden Einzelwesen. Lächle nicht, wenn ich dir sage, daß jedes, aber auch jedes geistige Gebiet sein Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich besitzt! – Du wirst das sofort und überall erkennen, wenn du nur die richtigen Augen dafür öffnest.«

»Also auch das Gebiet der öffentlichen Presse?« fragte er schnell, indem sein Gesicht den Ausdruck gespannter Erwartung annahm.

»Ja, auch dieses! Der Boden, also die Materie ist gegeben. Es existiert keine Felsen- oder Gesteinsformation und keine Erdbeschaffenheit, die nicht auch hier in diesem geistigen Reiche vorhanden wäre. Oder hörst du nicht die sogenannte öffentliche Stimme von den Spitzen hoher Berge, aus den tiefsten Thälern, aus finstern Schluchten, aus sandiger Oede, auf sonniger Flur und aber auch aus häßlichen Sümpfen erklingen? Giebt es nicht zahllose Blätter, in denen nur die Materie zu sprechen hat und nur der Stoff zum Worte kommt? Aber bald regt sich das Leben, zunächst das niedrige, welches durch sämtliche Ordnungen zu steigen hat, um sich von dem Stoffe zu erlösen. Du siehst geistige Flechten und Moose erscheinen, dann Farne, deren Gestalt auf spätere Palmen hoffen läßt, freundliche Gräser und Kräuter, duftend blühende Sträucher und früchtetragende Bäume. Diese alle aber, so lieb, so gut, so nützlich sie auch sein mögen, sie haben es doch nicht vermocht, den Boden zu verlassen, auf dem das Blatt, die Zeitung, gegründet worden war. Sie klammern sich mit ihren Wurzeln in ihm fest und müssen das ja auch thun, weil es die Absicht des Verlegers ist, grad diesen Boden für sich zu kultivieren.«

»Und aber die Zoologie der Presse?« fragte der Ustad.

»Sie kann und darf nicht fehlen, denn nur in ihren Erscheinungen schreitet die Befreiung von der Materie in rapider Weise fort. Auch hier beginnt die Entwicklung mit den niederen Lebewesen. Ich sehe winzige Goldkäferchen ihre geistige Nahrung aus Blumenkelchen ziehen und leuchtende Glühflügler um urweltliche Gedanken schwirren. Freundliche Schmetterlinge gaukeln von Leserin zu Leserin. Ein niemals ruhender Ameisenfluß trägt Wort um Wort und Satz um Satz zusammen, und Bienen summen überall, um Honig heimzutragen. In den Quellen und Bächen der Tagesereignisse schießen schnelle Flossenträger hin und her. Und wenn nun gar beim Morgen- oder Abendsonnenschein des Frühlings Odem durch die Blätter weht, da erzählen tausend süße, frohe Stimmen, daß grad die liebsten und die besten Sänger zur oft verkannten „Feder“-Welt gehören! Ich kenne manchen edlen Geist, der wie in Adlersferne hoch über der Gemeinheit horstet, und manchen scharfen Denker, der, gleich dem Albatros, den Staub der Erde nie berührt. Ist dir der Ackergaul bekannt, der für wenig Hafer, aber viel Häcksel täglich seine Furchenzeilen zu ziehen und sich am Ende jeder Reihe wieder umzudrehen hat, damit er ja nicht etwa auf fremde Gedanken komme?«

»Ich habe ihn gesehen, wie oft, wie oft!« antwortete er. »Aber du hast deine Beispiele nur von der einen, von der guten Seite genommen; der Ackergaul bringt mich auf die andere hinüber. Du warst so aufrichtig, auch von Sümpfen zu sprechen. Warum hast du die Giftpflanzen, die Dornen, Quecken und anderen Wucherungen nicht erwähnt? Das Ungeziefer unter den Insekten? Die Raubfische? – Die täglich auf den Blättern ihrer Schlammpflanzen nur von ihrer eigenen Weisheit quakenden Frösche? Die Giftschlangen? Die lästigen Sperlinge? Die Käuze und Eulen, deren lichtscheuer Mordhunger nur des Nachts auf Beute ausgeht? Die aaslüsternen Geier? Die Neuntöter, welche ihre Opfer erst am Stachel quälen, ehe sie verschlungen werden? Die Falken und Stößer, die sich selbst am hellen Tag nicht scheuen, auf Fraß auszugehen. Die Mäuse, Ratten, Hamster und anderen Schmarotzer auf geistigem Gebiet? Die kläffenden oder gar bissigen Hunde, die jedem in die Waden fahren, der es wagt, an einem ihrer Gedanken auch nur vorüberzugehen? Die ganze Unzahl der reißenden Fleischfresser, die Jeden, der nicht ganz vollständig ihresgleichen ist, mit ihren Klauen packen? Die große Schar der kreischenden Quadrumanen, von der zänkischen und rachsüchtigen Meerkatze bis zum menschengefährlichen Gorilla hinauf? Warum hast du nicht von ihnen gesprochen? Soll ich dir zutrauen, daß du beschönigen willst?«

»Das liegt mir fern. Wir sprechen ja von deinem und von meinem Gedankenparadiese. Das deinige ist traurig, das meine ideal. Die gegenwärtige Wahrheit wird zwischen beiden liegen, muß aber nach ewig geltenden Gesetzen nicht deiner Wüste, sondern meinem Eden immer näher kommen. Wir addieren leider auf ganz verschiedene Weise. Dein Pessimismus zieht nach altem Brauche die Summe, indem er abwärts rechnet. Mein Optimismus aber hat gefunden, daß es besser sei, aufwärts zu gehen. Du bist, unten angekommen, mit deinem Leben fertig. Du machst den großen Strich und schreibst als die so erreichte Summe deine kahle Geisteswüste hin. Bei mir aber giebt es oben keinen Strich, denn mein Paradies sendet mir ununterbrochen neue Summanden hinzu. Sie wachsen in die Ewigkeit hinauf.

Und wenn mein Körper dieser Rechnungsweise nicht mehr folgen kann, so wird mein Geist dort einst gewiß die Summe finden.«

Er trat an das offene Fenster und schaute hinaus.

»– – dort einst gewiß die Summe finden!« wiederholte er meine Worte.

Es war für einige Zeit still zwischen uns. Ich störte ihn nicht. Dann drehte er sich zu mir um und fragte:

»Bist du mit deinen geistigen Naturreichen der Presse schon zu Ende, Effendi?«

»Nein,« sagte ich.

»Du gingst auch hier von unten nach oben. Das scheint bei dir in allen Dingen der Fall zu sein! Kommt jetzt nun noch der Mensch?«

»Ja. Im Tiere hat sich die Befreiung vom geistigen Erdboden vollzogen, und das Streben nach der Individualität tritt immer mehr hervor. Doch erreicht kann diese letztere nur vom Menschen werden.«

»Von allen?«

»Nein. Sie sollte es, wird es aber leider nicht. Es giebt so viele, welche entweder durch tausend Rücksichten aller Art noch mit dem Boden in Verbindung bleiben, oder sich durch ganz dieselben und ähnliche Bedenken derart von andern beeinflussen lassen, daß sie es nicht zur intellektuellen Selbständigkeit, zur geistigen Freiheit, zur vollen Selbstbestimmung und Selbstbewegung bringen. Tritt in die Redaktionen, und frage, welche Rücksichten die dort bestimmenden und doch so angefesselten Geister zu nehmen haben! Aber ich habe auch vollendete Persönlichkeiten gefunden, zuweilen da, wo ich es gar nicht erwartete. Wie groß war da meine Freude! Und wie gern und aufrichtig habe ich ihnen meine Anerkennung gezollt! Ein solcher Geist weiß nichts von materiellen Banden. Er hat alle Fesseln zerrissen und sie der menschlichen Selbstsucht und geistigen Kurzsichtigkeit vor die Füße geworfen. Er kennt weder Parteiinteressen noch gesellschaftliche Sondergefälligkeiten. Für ihn giebt es keine Körper, sondern nur noch Geister. Darum wird er nie ein Urteil fällen, welches aus niedrigen Erwägungen gezogen ist und mit den auf ihn gerichteten Blicken der Körperwelt liebäugelt. Es kann ihm niemals beikommen, auch nur einen einzigen Menschen zu verdammen, denn er weiß, daß dieser Mensch, geistig betrachtet, ein ganz anderer ist, als ihn die gehässigen Augen der Fama sehen, die ihre Richtersprüche nur im Erdenschmutze züchtet. Er hat den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen begriffen und weiß, daß der Erstere nicht aus dem Letzteren gerissen werden kann, um ausgestoßen und von der geistigen Feindseligkeit abgethan zu werden. Er kennt die Strömungen und Gegenströmungen der übersinnlichen Atmosphäre, die frei von den Ausdünstungen egokranker Menschenkörper sind, und hebt jeden seiner Nächsten, bevor er ihn betrachtet, zu dieser durchsichtig klaren, reinen, keine Mißgunst kennenden Höhe empor.«

»Aber was dann, wenn es geschieht, daß er selbst einmal angegriffen, befeindet, verleumdet und verurteilt wird?« fragte der Ustad.

»So thut er eben das, was ich jetzt sagte: Er hebt die Angreifer aus ihrer Tiefe zu sich empor, um sie zu durchschauen. Da fällt der ganze Schmutz und alles, was sie sonst noch gewichtig gemacht hat, von ihnen ab. Sie werden leicht, so über oder vielmehr unter alle Maßen leicht, daß sie vor seinen Augen nach und nach in nichts zerfließen. Sie sind ja ganz nur Schmutz und ohne jede Spur von Geist gewesen, und so versteht es sich ja ganz von selbst, daß, sobald der Unflat abgefallen ist, für ihn von ihrer ganzen Existenz nichts mehr vorhanden sein kann.«

»Aber er wird doch antworten? Sich verteidigen?«

»Welch eine Frage! Ich habe dir doch soeben gesagt, daß sie für ihn in Nichts zerflossen seien. Wem soll er antworten? Diesem Nichts? Das wäre ja doch Widersinn! Oder dem Schmutze? Der geht ihn gar nichts an. Er ist der ihrige! Dem Geiste, den es bei ihnen gar nicht giebt? Ich begreife dich nicht! Würdest etwa du antworten?«

Da that er einige rasche Schritte auf mich zu und rief aus:

»Effendi, ich habe es gethan. Ich habe geantwortet – leider, leider, leider!«

»Dem Schmutze?«

»Ja.«

»Dem Nichts?«

»Nein. Ich stand ja, wie ich jetzt, erst jetzt einsehe, nicht so hoch über meinen Feinden, daß sie mir in ein Nichts zerfließen mußten. Und nun erkenne ich, daß auch ich nicht frei von Schmutz gewesen sein kann. Denn hätte er nicht auch an mir gehaftet, so wäre mein Verhalten ganz das jenes hohen, freien Geistes gewesen, von welchem du gesprochen hast. Mir scheint, ich habe Fehler einzugestehen, die mir bis zur gegenwärtigen Stunde keinesweges als Fehler erschienen sind. Du hast heut da drüben bei unserm Beit-y-Chodeh dem Pedehr gebeichtet. Ich war tief im Herzen gerührt davon. Deine mutvolle Aufrichtigkeit imponierte mir. Nun bist du rein und frei von allem, was dir angehangen hat. Ich glaubte nicht, daß auch ich mich zu reinigen haben werde. Jetzt aber weiß ich, daß es doch so ist. Ich werde denselben Mut besitzen, den du besessen hast. Auch ich werde beichten, dir, wie du dem Pedehr. Und wenn ich dann aus deinem Munde höre, daß mir verziehen werden könne, so werde ich mich für berechtigt halten dürfen, diese Verzeihung als ausgesprochen, als geschehen anzunehmen. Ich war über das hinaus, was du das „erste Leben“ nanntest. Ich stand im „zweiten Leben“, denn ich fühlte, daß sich meine geistige Individualität in mir gestalten wollte. Aber es gelang mir nicht, das „dritte“ zu erreichen. Warum? Wir werden nach den Gründen suchen, du und ich. Und ich ahne, daß ich in diesen Gründen meine mir bisher unbekannten Fehler entdecken werde.«

Als er bis hierher gekommen war, hörten wir, daß unten auf dem Vorplatze jemand dreimal in die Hände klatschte.

»Das gilt mir,« sagte er. »Der Pedehr weiß, wo ich bin und daß niemand zu uns kommen darf. Ich habe mit ihm, falls man meiner bedürfen sollte, dieses Zeichen verabredet!«

Er begab sich durch das Mittelzimmer auf das Vordach. Ich hörte ihn hinuntersprechen. Dann kehrte er zu mir zurück und sagte:

»Ich soll zum Pedehr hinabkommen und auch dich mitbringen. Es scheint sich um etwas Wichtiges zu handeln.«

»Was es ist, hat man dir nicht gesagt?«

»Nein. Ich fragte zwar, doch der Pedehr antwortete, er dürfe es mir nicht laut heraufrufen. Komm!«

Wir gingen hinunter. Der Pedehr befand sich in der Halle, in welcher ich gelegen hatte. Tifl und ein zweiter Dschamiki waren bei ihm. In dem letzteren erkannte ich den Wächter, welcher heut am Nachmittage über Stock und Stein geritten war, um uns die Ankunft der Perser zu melden. Halef schlief fest. Hanneh war auch schlafen gegangen. Sein Sohn saß bei ihm. Der Scheik der Dschamikun empfing uns mit der des Kranken wegen nur halblaut gesprochenen, aber sehr wichtigen Kunde:

»Der Bluträcher ist wieder da!«

»Wo?« fragte der Ustad im Tone der Ueberraschung.

»Das wissen wir nicht.«

»Wer hat ihn gesehen?«

»Mein Sohn,« antwortete der Wächter.

»Hat er sich nicht etwa getäuscht?«

»Nein. Er kennt ihn ja. Er hat ihn doch heute am Nachmittage durch den ganzen Duar bis an unser Gotteshaus geführt und ihn also genau betrachten können.«

»Wo ist dein Sohn?«

»Ich habe ihn mitgebracht. Er wartet draußen vor den Stufen.«

»Hole ihn!«

Ich ahnte natürlich sofort, daß irgendeine Teufelei geplant werde, und war höchst gespannt darauf, ob es uns wohl gelingen werde, zu erfahren, welcher Art sie sei. Natürlich durfte ich mir nicht erlauben, den beiden Oberhäuptern des Stammes in Beziehung auf die einzuziehenden Erkundigungen vorzugreifen. Der Sohn des Wächters hatte ein intelligentes Gesicht. Er sah sogar etwas wie pfiffig aus. Er kam mit seinem Vater bis vor den Ustad hin.

»Du hast den Bluträcher gesehen?« frage ihn dieser.

»Ja,« bestätigte der Gefragte.

»War er allein?«

»Nein. Es befanden sich noch zwei andere bei ihm.«

»Woher kamen sie?«

»Von draußen.«

»Wo sind sie hin?«

»Ich weiß es nicht.«

»Doch wohl hierher?«

»Wahrscheinlich.«

»Geritten?«

»Nein. Sie waren abgestiegen.«

Da sah der Ustad den Pedehr an, und dieser mich. Dabei sagte der letztere:

»Das ist eine ebenso unerwartete wie geheimnisvolle und bedenkliche Kunde! Was meinst du dazu, Effendi?«

»Erlaubt Ihr mir, einige Fragen auszusprechen?« erwiderte ich ihm.

»Natürlich!«

»Ich hörte, daß ein Handelsmann aus Isphahan hier angekommen sei und eine Botschaft von dem Bluträcher ausgerichtet habe. Wo ist dieser Mann?«

»Er wird nun wohl schon schlafen,« antwortete der Pedehr. »Soll ich ihn vielleicht wecken lassen?«

»Das ist nur dann nötig, wenn Ihr mir nicht sagen könnt, was ich von ihm wissen will. Woher kam er?«

»Von den nördlichen Dschamikun. Er traf mit den Persern auf der Höhe des Passes zusammen.«

»Wie verhielten sie sich zu ihm?«

»Weder freundlich noch feindlich. Sie kennen ihn. Sie fragten ihn, woher er käme und wohin er wolle. Er antwortete, daß er nach Süden zu den Kalhuran wolle. Da sagten sie ihm, daß er hierher reiten solle, um ein gutes Geschäft zu machen. Es sei ein großes Wettrennen geplant, zu welchem sich viele Menschen einstellen würden. Wenn er da sein Handelszelt aufschlage, werde er wohl viele Käufer finden. Er war ihnen für diese Mitteilung sehr dankbar und sagte ihnen, daß er ihrem Rate folgen und hierherreiten werde. Da bekam er von dem Multasim den Auftrag, den er uns ausgerichtet hat.«

»Wie lautete diese Botschaft?«

»Sie war höchst eigentümlich, uns allen unverständlich. Nämlich zwei Zeilen aus dem heute von uns gesungenen Liede: „Brich auf, mein Herz, der Rose gleich, in der sich alle Düfte regen!“ Und hinzugefügt hatte der Bluträcher: „Sage im Duar, daß die Rose noch heut aufbrechen werde!“ Ist das nicht sonderbar, Effendi?«

»Allerdings, aber nur in dem Sinne, daß überhaupt jede Unvorsichtigkeit sonderbar genannt werden muß.«

»Unvorsichtigkeit?« fragte er erstaunt.

»Ja.«

»Das begreife ich nicht. Wir haben diese Worte als einen nachträglichen Hohn gedeutet und uns dabei beruhigt.«

»Ich wollte, Ihr hättet sie mir eher mitgeteilt als jetzt! Es liegt wahrscheinlich ein Mordanschlag vor.«

»Chodeh!« fuhr der Pedehr auf, und auch die andern zeigten sich durch diese meine Deutung erschreckt. »Gegen wen?«

»Gegen mich.«

»Unmöglich!«

»Ich habe gesagt, wahrscheinlich. Und ich pflege zu wissen, was ich sage. Das betreffende Lied vergleicht Rose und Herz. Mit diesem Herzen aber ist das meinige gemeint. Wörtlich mein Herz! Es soll aufgebrochen werden! Mit dem scharfen, spitzen Stahle!«

»Aus welchem Grunde kommst grad du auf diese Idee?«

»Davon vielleicht später! Ich habe jetzt zu fragen und zu handeln. Der Bluträcher hat uns nicht für klug genug gehalten, ihn zu durchschauen. In ihm wohnt der Haß, und dieser ist bekanntlich der Bruder der Unvorsichtigkeit und Ueberhebung. Er hat später damit prahlen wollen, daß sein blutiges Werk gelungen sei, obgleich er uns vorher gewarnt habe.«

Hierauf wendete ich mich zu dem jungen Dschamiki und fragte ihn:

»Wo warst du, als du den Multasim sahst?«

»Draußen vor dem Duar,« antwortete er. »Ich hatte die Schafe in den Pferch gebracht und mich hinter einem Steine niedergelegt, um nach dem Alabasterzelte hinaufzuschauen. Man konnte mich vom Wege aus nicht sehen. Da kamen vier Reiter von Osten her. Sie blieben in der Nähe stehen und stiegen ab.«

»Drei waren es doch!«

»Diese drei, welche ich meinte, schlichen nach dem Duar. Der vierte blieb bei den Pferden.«

»Du erkanntest den Multasim?«

»Ganz deutlich. Er war einer von den dreien.«

»Was für Waffen hatten diese letzteren?«

»Sie gaben ihre langen Gewehre dem vierten, ehe sie sich entfernten. Alles andere aber haben sie noch bei sich.«

»Hast du dich sehen lassen?«

»Nein.«

»Was thatest du?«

»Ich schlich mich auf dem Boden hin, den dreien nach. Sie verließen den Weg. Sie huschten quer hinüber, um hinter den Duar zu kommen. Ich konnte ihnen nicht so schnell folgen, denn wenn ich mich aufgerichtet hätte, so wäre ich von ihnen gesehen worden. Darum verlor ich sie aus den Augen.«

»Und bist dann nicht weiter gefolgt?«

»Nein. Ich ging zum Vater und erzählte es ihm.

Hierauf sind wir sofort zum „hohen Hause“ gekommen, um es zu melden.«

»Welche Zeit ist vergangen, seit du sie von ihren Pferden steigen sahst?«

»Bis jetzt kaum eine halbe Stunde.«

Da klopfte ich ihm auf die Schulter und sagte:

»Du hast deine Sache gut gemacht. Ich muß dich loben!«

Dann fuhr ich, zu den andern gewendet, fort:

»Wir haben Zeit. Der Multasim wartet hinter dem Duar, bis hier oben bei uns kein Licht mehr brennt. Für mich steht es fest, daß er sich nicht eher heranwagt. Was er vorhat, ist verwegen, so verwegen, daß ich ihn bemitleiden muß. Ist dieser Mensch denn ein im Wildnisleben so erfahrener und gewandter Mann, daß er, ohne einen Wahnsinn zu begehen, sich zumuten kann, mit seinem Dolche hier im „hohen Hause“ ganz unentdeckt und unbestraft mein Herz zu finden?«

»Dein Herz!« sagte der Ustad. »Ich halte es noch immer für eine Unglaublichkeit!«

»Und dennoch ist es wahr!«

»Du mußt dich täuschen!«

»Nein. Ich wollte diese Angelegenheit als Geheimnis behandeln; aber da der Bluträcher nicht wartet, bis ich dich verlassen habe, sondern dein Haus zum Schauplatze dieses Mordes machen will, schon heut, gleich an demselben Tage, so halte ich es für meine Pflicht, dir mitzuteilen, was zwischen ihm und mir vorgekommen und gesprochen worden ist.«

Ich erzählte es so kurz, wie ich es für geraten hielt, legte ihnen jedes Für und jedes Wider in Beziehung auf meine Ansicht vor und überzeugte sie derart, daß der Pedehr, als ich geendet hatte, ganz entrüstet sagte:

»Du hast recht, Effendi: Es gilt einen Mord, und zwar nur dir, nur dir! Ich werde sofort die Warnungsglocke erklingen lassen und alle Bewohner des Duar zusammen –«

»Halt!« unterbrach ich ihn. »Das wirst du nicht!«

»Ja, ich werde es!«

»Nein!«

»Warum nicht?«

»Soll der Blutgierige ohne Strafe bleiben?«

»Nein! Das freilich nicht!«

»Er wird es aber. Denn sobald er den Lärm hört, den er auf sich beziehen muß, versteht es sich ganz von selbst, daß er die Flucht ergreift. Dann ist er fort und lacht uns später wegen unserer Unbedachtsamkeit aus, weil wir ihm nicht einmal die Absicht des Mordes nachzuweisen vermögen.«

»Das ist wahr; das ist richtig, Effendi! Aber was können wir anderes thun?«

»Ihn fangen!«

»Maschallah!«

»Mit der Waffe in der Hand!«

»Du meinst also, daß wir ihn kommen lassen?«

»Ja.«

»Das ist zu gefährlich!«

»Hast du nicht auch die Soldaten herankommen lassen und gefangen genommen? Ihrer waren so viele; jetzt aber sind es nur drei!«

»Auch das ist wahr!«

»Und gewiß kommt er nur allein herein; die andern beiden sind seine Wachen.«

»Herein? Hier herein, meinst du?«

»Ja.«

»Wie kommst du auf diesen Gedanken?«

»Auf die leichteste und zugleich sicherste Weise. Er will mich töten. Wann? Des Nachts. Was thue ich des Nachts? Ich schlafe. Wo? Droben in meiner neuen Wohnung, allerdings. Aber das weiß er nicht. Der heutige Wechsel ist ihm unbekannt. Er glaubt, daß ich noch hier schlafe, in der offenen Halle, in welche man sich des Nachts so leicht schleichen kann.«

»Was weiß er von deinem bisherigen Lager in dieser Halle?«

»Gewiß genug. Er hat heut am Nachmittage da drüben auf dem Berge mit mehreren Dschamikun gesprochen, doch wahrscheinlich hiervon nicht, denn seine Absicht gegen mich kann erst entstanden sein, nachdem ich die letzten Worte mit ihm gesprochen hatte. Tifl hat die Perser begleitet. Ich denke, daß er mir gar wohl eine Mitteilung machen kann, die sich hierauf bezieht.«

»Jawohl; das kann ich; das kann ich!« antwortete der Genannte.

»Nun?« fragte ich ihn.

»Ich ritt voran. Ich hatte mir vorgenommen, mit diesen Persern gar nicht zu sprechen. Das habe ich auch gehalten. Meine Leute ritten hinterher. An diese hat sich Ahriman Mirza gemacht und sich mit ihnen unterhalten. Erst über den Duar; hierauf über das „hohe Haus“, und dann über die jetzigen Gäste desselben. Als ich das später erfuhr, war ich sehr zornig darüber, daß man ihm Auskunft gegeben hat.«

»Was hat er erfahren?«

»Wo Hadschi Halef liegt; wo du schläfst; wann du dich niederlegst, und wer des Nachts noch außerdem sich in der Halle befindet. Die, welche es sagten, wußten nicht, daß du vom heutigen Abend an bei unserm Ustad wohnen werdest. Darum ist zu Ahriman Mirza gesagt worden, daß du in der Ecke rechter Hand in der Halle schläfst.«

»Was wohl noch?«

»Ob du im Schlafe Waffen in der Nähe habest.«

»Ah! Also! Was hat man geantwortet?«

»Daß sie am Fußende deines Lagers aufgehängt seien.«

»Wo sind sie jetzt? Ich habe sie in meiner neuen Wohnung nicht gesehen.«

»Erlaube, daß ich dir das später selbst mitteile!« fiel da der Ustad ein.

Ich nickte ihm zu und fuhr, zu Tifl gewendet, fort:

»Gab es noch weitere Erkundigungen?«

»Nein,« erklärte er.

»So ist das ganze Material beisammen, welches nötig war, mich zu überzeugen, daß ich mich nicht geirrt habe. Wer soll nun bestimmen, was zu geschehen hat?«

»Du,« antwortete der Ustad.

»Ja, du,« stimmte der Pedehr ein.

»So ist meine Ansicht die folgende: Der Bluträcher wird gefangen genommen, und zwar auf eine für uns möglichst ungefährliche Weise. Werden die gefangenen Soldaten bewacht?«

»Ja,« sagte der Pedehr.

»Von wieviel Personen?«

»Es sind zwei, welche vor dem verschlossenen Thore stehen. Das genügt vollständig.«

»Für heut genügt es nicht.«

»Warum?«

»Weil der Multasim jedenfalls die Absicht hat, diese Gefangenen zu befreien. Er kann mit zwei Begleitern die beiden Wachen, da sie so etwas nicht erwarten, leicht überraschen und überwältigen. Wir stellen also jetzt mehr Leute hin, damit er sich gar nicht nach dieser Seite wagen kann. Um so sicherer wendet er sich dann der Halle zu. Es wird an der Stelle, wo ich schlief, ein Lager errichtet. Doch niemand liegt darauf. Selbst wenn jemand so mutig wäre, diese Rolle zu übernehmen, so ist so ein Dolch oder Messer selbst für den stärksten Mann ein immerhin gefährliches Ding.«

Kara Ben Halef war von dem Lager seines Vaters herbeigekommen, um zuzuhören. Jetzt, bei diesen Worten, sagte er:

»Aber wenn du nicht so angegriffen von der Krankheit wärest, da wüßte ich, was geschähe, Effendi!«

»Nun, was?«

»Du würdest dich ruhig hinlegen, um die aufgehobene Hand des Mörders, wenn er zustoßen will, zu ergreifen und festzuhalten, damit er vollständig zu überführen sei.«

»Hm! Vielleicht thäte ich es! Davon kann aber jetzt keine Rede sein. Der Bluträcher darf nicht ahnen, daß er sich vollständig verraten hat. Es muß alles sorgfältig vermieden werden, was den Gedanken in ihm erwecken könnte, daß man seine Anwesenheit kenne und auf ihn vorbereitet sei. Darum dürfen wir nur so viel Personen in das Vertrauen ziehen, wie unumgänglich nötig sind. Kein weiterer darf etwas erfahren. Wie viele Wege giebt es nach hier herauf?«

»Nur den einen durch das Thor,« antwortete der Pedehr.

»Keinen verborgenen Schleichweg?«

»Keinen. Niemand kann über die Riesenmauer.«

»Also ist es auch für niemand möglich, anders als durch das Thor zu entfliehen?«

»Für keinen Menschen. Und das Thor wird ja geschlossen.«

»Man lasse es heut offen, damit der Multasim nicht darüberzuklettern braucht. Wir wollen ihm und seinen Begleitern das Kommen möglichst erleichtern, damit sie dann um so sicherer nicht ohne unsern Willen wieder fortgehen können. Ich meine, daß sie sich alle drei durch das Thor schleichen werden. Die beiden andern verstecken sich an einem passenden Orte, dem Multasim erforderlichen Falles beispringen zu können. Dieser setzt seinen Weg allein fort. Am Thore müssen sich handfeste Leute verbergen, welche die Perser zwar herein, aber nicht wieder hinaus lassen dürfen. Doch haben sie alles so still zu unternehmen, daß sie es uns nicht etwa verderben, hier oben den Multasim zu ergreifen. Hier bei uns genügen fünf bis sechs Personen, welche sich in den dunkeln Hintergrund der Halle zurückziehen, um den Mörder, sobald er sich hereingeschlichen und das Lager erreicht hat, zu packen. Wir haben schon um des Hadschi Halef willen das Geräusch zu vermeiden. Ich möchte gern haben, daß der Multasim in lautloser Stille überwältigt wird. Ich bin natürlich auch da, wenn ich auch nicht mit zugreifen werde. Wollt Ihr dabei sein, so ist es recht, denn da werden Eure Leute sich doppelte Mühe geben, alles richtig zu machen. Dort hinter der Thür müssen im Hausgange einige Personen mit brennenden Lichtern postiert sein, damit die Halle im gegebenen Augenblick sofort erleuchtet werden kann. Das ist es, was ich zu sagen habe. Hat jemand einen andern Wunsch?«

»Nein,« antwortete der Pedehr. »Denkst du, daß der Bluträcher uns lange warten lassen wird?«

»Gewiß nicht. Seine heutigen Begleiter kennen sicher alle seine Unternehmungen. Sie warten mit größter Neugierde auf seine Rückkehr. Auch den Mann mit den vier Pferden läßt er wohl nicht gern lange Zeit allein, weil jeden Augenblick sich eine Störung oder gar Entdeckung ereignen kann. Wie ich schon gesagt habe, so denke ich auch noch jetzt: Wenn kein Licht mehr hier oben brennt, wird der Multasim annehmen, daß wir schlafen, und sich unverzüglich an das Werk machen.«

»Wohlan, so wollen wir uns beeilen. In zehn Minuten soll alles zu seinem Empfange bereit sein. Gehst du einstweilen wieder hinauf in deine Wohnung, Effendi?«

»Nein. Ich bleibe hier.«

»So erlaubt, daß ich euch verlasse, die Vorbereitungen zu treffen!«

Er entfernte sich. Der Ustad ließ zwei Kissen bringen, auf welche wir uns an der Hinterwand niedersetzten, doch so, daß ich die drei Bogenöffnungen an den Säulen im Auge hatte und den Multasim, wenn er kam, sehen konnte. Kara war wieder zum Bette seines Vaters gegangen. Der Bote und sein Sohn hockten sich in unserer Nähe nieder, um im gegebenen Augenblicke mit zuzufassen. Dann kam der Pedehr mit noch vier kräftigen Männern, die sich in der hintern Ecke versteckten. Jenseits der Thür hielten einige Personen brennende Lichter. Dann wurden die unsern alle ausgelöscht. Da dachte ich an meine Lampe oben. Sie brannte ja, und ihr Schein mußte unten im Duar gesehen werden. Ich sagte das dem Ustad, der sich sofort erhob, um hinaufzugehen und sie selbst auszulöschen. Als er dann wieder kam, war alles bereit, denn der Pedehr hatte dafür gesorgt, daß sogar in der Küche alles finster war. Es schien sich jedermann im »hohen Hause« niedergelegt zu haben. Der Bluträcher konnte erscheinen!

War es nicht vielleicht sonderbar, daß ich herzlich wünschte, daß er kommen möge? Man soll doch nicht das Verlangen in sich tragen, daß sich einem das Verbrechen nahe! Aber nicht bloß das Denkvermögen, sondern auch das Gefühl hat seine Erwägungen, wenn man die logische Folgerichtigkeit derselben auch nicht so deutlich nachzuweisen vermag. Und wenn ich die Empfindung in mir trug, daß ich den Multasim herbeiwünschen müsse, so hatte sie jedenfalls ihren guten Grund. Der Bluträcher lebte; er war vorhanden. Seine Absichten richteten sich gegen mich. Sie konnten mir nur dann gefährlich werden, wenn ich auf seinen Angriff nicht gefaßt war. Ich hatte nicht ihn selbst, sondern nur die plötzliche Ueberrumpelung zu fürchten. Heut nun, jetzt, war ich auf ihn vorbereitet. Führte er seinen gegenwärtigen Plan nicht aus, so entwand er sich der Gewißheit, festgenommen zu werden, und zog alle meine Vorsicht, welche ich zu üben hatte, mit sich in die Ungewißheit hinaus. Darum mußte ich wünschen, daß nichts eintreten möge, was ihn verhindern könne, jetzt bei seinem Vorhaben zu bleiben.

Es war still in der Halle, und so dunkel, daß keiner den andern sehen konnte, obgleich wir uns so nahe waren. Der leise Schimmer der Nacht lag draußen auf den Stufen. Er konnte nicht bis zu den Säulen heran, weil er von dem Vordache über ihnen aufgefangen wurde. Darum hoben sich die drei Bogenöffnungen des Einganges zwar ganz bemerklich von dem Dunkel ab, aber der Fußboden war dem Sternenlichte so entzogen, daß ich mir sagen mußte, der Perser wäre sicher ganz unbemerkt hereingekommen, wenn wir seinen Anschlag nicht erfahren hätten. Bemerken muß ich da freilich, daß ich keinen Grund hatte, ihm diejenige Fertigkeit im Anschleichen zuzutrauen, welche zwar auch der geübte Beduine besitzt, in der aber nur die Indianer und Jäger des »fernen Westens« von Nordamerika wirklich Meister waren. Ich sollte bald erfahren, daß ich mich da geirrt hatte. Der Haß ist auf dem Schleichwege immer Meister. Er kann sich da in Beziehung auf seine Arglist und Ausdauer rühmen, unübertrefflich zu sein.

Der neben mir sitzende Ustad hatte zu mir herübergegriffen und meine Hand in die seinige genommen. Er hielt sie fest.

»Wie lieb ich dich habe, Effendi!« flüsterte er mir zu. »Ich habe es gar nicht gewußt. Aber als ich hörte, daß es sich um einen Angriff gegen dein Leben handle, erhob sich ein Gefühl in mir, als ob wir leiblich und geistig so eng verbunden seien, daß wir miteinander eine gleich denkende und gleich empfindende, vollständig unzertrennliche Einheit bilden.«

»War es wirklich ein Gefühl? Oder doch vielleicht etwas anderes?« fragte ich. »Wenn sich verwandte Geister küssen, fließen die Pulse ihrer körperlichen Herzen zu einem einzigen zusammen. Das Wort Geisterliebe klingt gespensterhaft, aber sie ist die höchste und die mächtigste, welche das Hier mit dem Dort verbindet. Indem sie das Eine zu dem Anderen emporhebt, bringt sie die Seligkeit.«

Vielleicht hätte ich noch etwas hinzugefügt, da ich mit diesem Gedanken mein Lieblingsthema berührte, aber ich verzichtete darauf, denn es war mir, als ob ich soeben etwas gehört und auch etwas gesehen habe. Es war nichts Bestimmtes, nichts für die Augen und Ohren fest Greifbares, sondern nur ein leises Rauschen oder Wehen wie von einem leichten Gewande, das schnelle Vorüberhuschen von etwas sich Bewegendem, aber gestaltlos und haltlos, von keinem wirklich existierenden Wesen rührend.

»Sahst du etwas? Hörtest du etwas?« fragte ich den Ustad.

»Nein. – Du?« antwortete er.

»Es war, als ob ein halbsichtbarer Gedanke quer durch die Halle gehuscht sei.«

»Wohin?«

»Nach der Ecke, wohin der Multasim kommen wird.«

»Den haben wir von draußen zu erwarten. Der ist nicht hier in dem Raume versteckt. Es wird eben, wie du sagtest, ein Gedanke gewesen sein.«

Das schien mir so richtig, daß ich annahm, mich wirklich getäuscht zu haben. Der, den wir erwarteten, konnte doch jedenfalls nicht aus der Ecke kommen, in welcher mein Hadschi Halef schlief. Wir hatten unsere Aufmerksamkeit nur nach dem Eingange zu richten, und das thaten wir in einer Weise, welche erwarten ließ, daß wir den Bluträcher trotz des allervorsichtigsten Anschleichens ganz gewiß und sofort sehen würden.

Es verging aber Zeit um Zeit, Viertelstunde um Viertelstunde, ohne daß wir etwas bemerkten. Da – es mochte wohl nach einer Stunde sein – gab es irgendwo ein leises Kratzen oder Scharren und hierauf ein ziemlich lautes, hastiges Atemholen, welches fast wie Röcheln klang. Der Ort, woher es kam, war nicht zu bestimmen. Ich nahm an, daß einer der versteckten Dschamikun so unvorsichtig gewesen sei, diesen lauten Atemzug zu thun, der uns sehr leicht verraten konnte; da aber erklang Kara Ben Halefs helle Stimme:

»Sihdi, laß die Lichter hereinbringen!«

Ich war natürlich außerordentlich überrascht, zumal dieser Ruf nicht von dem Bette seines Vaters her, wo er sich doch befunden hatte, erschollen war.

»Wo befindest du dich?« fragte ich ihn, selbstverständlich ebenso laut.

»Hier an deinem angeblichen Lager.«

»Welche Unvorsichtigkeit!«

»Sag lieber, welche Pfiffigkeit! Denn wenn ich nicht vorsichtiger gewesen wäre als ihr, so hätte er sich wieder fortgeschlichen. Ich habe ihn!«

»Maschallah! Ist das wahr?«

»Würde ich es sagen, wenn es anders wäre? Bringt Licht!«

Wir sprangen alle auf. Die Thür zum Hausgange wurde geöffnet, und die da draußen stehenden Leute kamen mit ihren brennenden Kerzen und Oellampen herein. Was wir nun sahen, das war allerdings verwunderlich. Ganz nahe an dem Bette, welches als das meinige gegolten hatte, lag ein Mensch, mit dem Rücken nach oben, vollständig bewegungslos. Er war nur mit der Hose bekleidet, sonst aber nackt, und hatte den Oberkörper und die Arme mit Oel eingerieben. Das ist eine Gepflogenheit der beduinischen Anschleicher, welche sich dadurch so schlüpfrig machen, daß sie, falls man sie entdeckt, nicht festgehalten werden können, weil das Oel oder Fett dem Körper eine Glätte verleiht, die jeden festen, ehrlichen Griff vergeblich macht. Bei ihm kniete Kara, welcher ihm beide Hände so fest um den Hals gelegt hatte, daß dem Ertappten die Möglichkeit der Gegenwehr vollständig genommen worden war.

»Schnell, bindet ihn!« sagte ich, alle Fragen auf später verschiebend. »Hinaus mit ihm und den Lichtern, die seinen Begleitern verraten, daß sein Vorhaben schlecht abgelaufen ist!«

Aber noch ehe man dieser Weisung nachgekommen war, traten die Folgen dieser plötzlichen Erleuchtung der Halle ein: Auf dem Vorplatze ließen sich laute Schritte hören, hierauf einige unterdrückte Rufe. Nun wurde es wieder still. Dann kam einer der dortigen Dschamikun die Stufen herauf und meldete:

»Sie sind ergriffen worden. Als sie die Lichter sahen, wollten sie schnell fort. Da nahmen wir sie fest!«

»Bringt sie uns!« sagte ich. »Ihr findet uns im Gange dort hinter der Thür.«

»Dürfen wir nicht hier bleiben, da wir sie nun doch haben?« fragte der Pedehr.

»Nein,« antwortete ich. »Die plötzliche Helligkeit dieses Raumes, auf den es abgesehen war, muß dem Perser, der sich bei den Pferden befindet, auffallen und ihn warnen. Schicke schnell deine Leute hinab, um auch ihn festnehmen zu lassen! Der junge Dschamiki, welcher weiß, wo der Ort liegt, mag sie führen!«

Während der Pedehr dieser Weisung folgte, wurde der Gefesselte hinausgetragen und die Thür hinter uns allen zugemacht, so daß es in der Halle nun wieder finster war. Erst jetzt fand ich Zeit, das Gesicht des Gefangenen zu betrachten. Wir hatten den Richtigen – Ghulam el Multasim. Er lag mit geschlossenen Augen da. War er besinnungslos, oder stellte er sich nur so? Es giebt Menschen, welche zwar den Mut des gehässigen Angriffes besitzen, weil sie zu thöricht sind, die Folgen zu bedenken, und dann, wenn diese eintreten, die Augen zumachen, als ob das genüge, die wohlverdiente und unvermeidliche Strafe von sich abzuwenden. Was äußerlich dem Mute ähnlich war, ist dann in seiner eigentlichen Gestalt als Feigheit zu erkennen.

Jetzt brachte man seine beiden Genossen zu uns; auch sie waren gebunden. Sie hatten die abgelegten Kleider des Bluträchers bei sich gehabt, auch seine Pistolen. Er war nur mit dem Messer versehen gewesen. Dieses war ihm aus der Hand entfallen, als er von Kara beim Halse genommen worden war. Der Pedehr hatte es aufgehoben und zeigte es mir.

»Das ist die Klinge, mit welcher die Rose aufgebrochen werden sollte,« sagte er. »Was soll mit diesen drei Menschen geschehen, Effendi?«

»Wer hat darüber zu bestimmen?« erkundigte ich mich.

»Natürlich du. Der Angriff war ja gegen dich geplant.«

»Wird man das auch wirklich ausführen, was ich bestimme?«

»Gewiß!«

Als ich auch dem Ustad einen fragenden Blick zuwarf, erklärte dieser, seinem Scheike beistimmend:

»Es ist uns jeder verfallen, der sich ohne unsere Erlaubnis hier mit der Waffe treffen läßt. Aber wir pflegen nicht zu töten. Es ist zwischen uns und dem Multasim ausgemacht worden, daß die Frage der Rache, welche ihn hiehergeführt hat, durch das Wettrennen beantwortet werden soll. Hast du mit ihm ein heimliches Abkommen getroffen, so geht das uns nichts an. Er erhalte die Folgen davon aus deiner Hand. Ich könnte ihn zwar dafür bestrafen, daß er sich mit dem Messer trotz unserer Vereinbarung in mein Haus geschlichen hat, trete aber dieses Recht hiermit an dich ab, Effendi. Thue mit ihm und seinen Helfershelfern, was dir beliebt. Er sei ganz nur in deine Hand gegeben!«

»So schafft diese drei Menschen einstweilen so, wie sie hier sind, zu den andern Gefangenen hinüber in das Gewölbe, und laßt sie dort bewachen! Morgen, wenn es Tag geworden ist, werden sie erfahren, was ich über sie beschlossen habe. Sie kamen bei Nacht; ich aber erwarte den Tag, denn ich will auf heimliche Anschläge keine lichtscheuen Antworten geben!«

Man kam dieser Weisung unverweilt nach. Als die Perser hinausgebracht worden waren, lagen die Kleider des Multasim noch am Boden. Der Pedehr forderte Tifl auf, nachzusehen, was sich in den Taschen befinde. Sie enthielten, wie es schien, nur die gewöhnlichen Gebrauchsgegenstände, und nur zuletzt entdeckte »das Kind« an einer verborgenen Stelle noch ein kleines Täschchen, aus dem er einen noch kleineren Lederumschlag hervorzog, in welchem einige beschriebene Papierblätter festgeheftet waren. Er gab das Büchelchen dem Pedehr, der es aufmerksam betrachtete und dann dem Ustad kopfschüttelnd mit den Worten hinreichte:

»Sonderbar! Das scheinen nur einzelne Buchstaben zu sein. Worte sind es nicht. Schau du zu, was es ist!«

Der Ustad nahm es in die Hand, sah es durch und sagte:

»Das ist das Täliq-Alphabet mit einer vorwärts gerückten Wiederholung. Ich würde glauben, es sei eine sogenannte Eselsbrücke für irgend einen Anfänger im Schreiben. Aber da auf der ersten Seite steht in derselben runden, stark nach links hängenden Schrift zu lesen: „Für Ghulam, den Dschellad„. Es ist also für Ghulam ganz besonders bestimmt. Er wird „Henker“ genannt. Weshalb? War es vielleicht ein Scherz? Dann hätte er es nicht so sorgfältig aufgehoben. Hat er es vielleicht selbst geschrieben? Was sagst du dazu, Effendi?«

»Ich kann nicht eher etwas sagen, als bis ich es gesehen habe,« antwortete ich ihm. »Ist es nur das Alphabet?«

»Dieses und die Ueberschrift, die ich vorgelesen habe. Denn die paar Buchstaben, die dann noch unter ihr stehen, können wohl kaum etwas zu bedeuten haben. Es ist ein Sa und ein Lam.«

»Weiter nichts?« fragte ich schnell.

»Noch das Verdoppelungszeichen dazwischen,« antwortete er. »Da, siehe selbst!«

Er gab es mir. Ja, das war das mir so wohlbekannte Erkennungszeichen der Sillan! Ich wußte sofort, daß dieses scheinbar ganz bedeutungslose Doppelalphabet gewiß von großer Wichtigkeit sei. Aber in welcher Weise wichtig, das war die Frage! Es enthielt zweimal alle persischen Buchstaben vom Aelyf bis zum Jäj und sogar Lam-Aelyf. Aber die gleichen Buchstaben standen nicht beieinander, sondern die zweite Reihe war weiter fortgeschoben, so daß die letzten sieben Buchstaben nicht hinten, sondern vorn ihr Ende fanden. Wenn ich versuchen will, dies durch das deutsche Alphabet zu verdeutlichen, so bekommt diese Probe folgendes Aussehen:

A b c d e f g h i k l m n o p q r s t u v w x y z –
t u v w x y z A b c d e f g h i k l m n o p q r s –

Es war mit Gewißheit anzunehmen, daß die bereits erwähnte Wichtigkeit dieser Zusammenstellung für die Sillan eine allgemeine, für den Multasim aber außerdem eine noch besondere sei. Ich wünschte sehr, hierüber Aufklärung zu erhalten. Aber von wem? Sie konnte mir nur durch eigenes Nachdenken werden. Jetzt aber gab es keine Zeit hierzu. Ich steckte also das Heftchen zu mir und sagte:

»Die Buchstaben sind wahrscheinlich das, wofür du sie hieltest, nämlich eine Eselsbrücke. Der Esel ist ohne Zweifel Ghulam selbst. Jetzt interessiert mich nur der Umstand, daß er „Henker“ genannt wird. Ihr kennt ihn besser als ich. Habt Ihr vielleicht schon einmal diese oder eine ähnliche Bezeichnung seiner Person gehört?«

»Nein, nie;« antwortete der Pedehr. »Aber dadurch, daß er als Multasim sich mit seiner unersättlichen Habsucht an die Stelle des gütigen Beherrschers setzt, ist er wohl schon Unzähligen in Wirklichkeit zum Henker geworden.«

»Hier fällt mir eine Aehnlichkeit auf,« fügte der Ustad hinzu. »Steuerpächter des Schah-in-Schah und Paradiesespächter! Hier leibliches und dort seelisches und geistiges Henkertum! Wie manchen solchen Geist- und Seelenhenker mag es geben, der seines traurigen Amtes dadurch waltet, daß er an Stelle des einfachen und ehrlichen Alphabetes, welches uns der Herr gegeben hat, ein gefälschtes setzt! Was thun wir mit den Kleidern des Gefangenen?«

»Sie mögen hier liegen bleiben, bis er sie morgen wieder bekommt. Das geschieht nicht eher, als bis ich ihm dieses Alphabet wieder in die Tasche gesteckt habe. Ich wünsche, daß er denken möge, es sei unentdeckt geblieben. Wenn eure Leute später den vierten Perser mit den Pferden bringen, so steckt ihn in ein besonderes Verließ. Der Multasim soll jetzt noch nicht wissen, daß wir auch noch diesen festgenommen haben. Und noch eins: Ich habe euch etwas zu sagen und zu zeigen. Das steckt in meiner Satteltasche. Wo befindet sich das alles, meine Sachen und die Waffen?«

»In meiner Wohnung,« antwortete der Ustad.

»Also bei dir? Ich danke dir! Das zeigt mir ja, wie wert du das Eigentum deines Gastes hältst.«

Da ging ein ganz eigenartiges Lächeln über sein Gesicht. Er machte eine den Sinn meiner Worte abwehrende Handbewegung und sagte:

»Es ist ein anderer Grund. Wenn du es erlaubst, werde ich dir ihn oben sagen. Soll auch der Pedehr mitgehen?«

»Ja.«

Der Genannte erteilte Tifl einige Weisungen in Beziehung auf den vierten Perser; dann begaben wir uns hinauf in die Wohnung des Ustad. Er führte uns nicht in die Balkonstube, sondern, nachdem er ein Licht angezündet hatte, in eine kleine, fensterlose Kammer, welche, wie es schien, für weggesetzte, unbrauchbar gewordene Gegenstände bestimmt war. Da hingen alle meine Sachen. Außer ihnen war nichts zu sehen als ein alter Kasten, dem man es ansah, daß er von Ur-Urgroßvaters Zeit herstammte. Indem der Ustad auf dieses Gerätstück zeigte, sagte er uns folgende, mir damals unverständliche Worte, die ich aber bald darauf sehr wohl begriffen habe:

»Wenn der Mensch wüßte, wie sehr ihm solche alte, anererbte Sachen schaden, die er in falscher Pietät mit sich durchs Leben schleppt! Für solche „erbliche Belastung“ ist die „Rumpelkammer“ noch viel zu gut! In solchen alten Gegenständen steckt ein ganzes Heer von geistig überkommenen Motten, Bohr- und Rüsselwürmern, welche, wenn man den Kasten öffnet, herausgekrochen und herausgeflogen kommen, um alles, was da Lebenswert besitzt, in zerfressenes Gerümpel und zernagte Lumpen zu verwandeln. Für solche Mottengeister giebt es nichts Heiliges, nichts unantastbar Hohes. Sie zerstören den königlichen Purpurmantel mit derselben Sicherheit, mit welcher sie den Hermelin der Wissenschaft zum kahlen Felle machen. Sie suchen das geistliche Gewand des Emir el Muminin ebenso heim, wie sie sich in der Filzmütze der tanzenden oder heulenden Derwische eingenistet haben. Sie sitzen im Kaftan des Näbi, im Turban des Sahibi Scheriat und in den Pantoffeln aller derer, die im Schatten solcher Vorschrift wandeln. Ganz außerordentliche Anziehungskraft aber hat auf sie das Papier, besonders das aus Lumpen fabrizierte. Man behauptet zwar, daß der Geruch der Druckerschwärze sie vertreibe, doch fand ich oft auch Druckpapier, aus welchem, wenn ich es zum Lesen auseinanderschlug, gleich eine ganze Wolke mich umnachten wollte!«

»Du sprichst in Rätseln,« sagte der Pedehr.

»Wohl dir, daß es für dich Rätsel, aber keine Erfahrungen sind! Du hast es glücklicherweise wohl nur mit materiellen, nicht aber mit solchen geistigen Schädlingen zu thun gehabt, welche es trotz ihrer Mottenarmseligkeit wagen, sich selbst allein für nützlich zu halten, jeden edlen, freien Geist aber zum Ungeziefer zu rechnen! Und an diese Verdrehung der wirklichen Verhältnisse glaubt der ganze, ganze Pelz, in dem die Motten sitzen!«

Sich hierauf mir zuwendend, sprach er weiter:

»Aus diesem Kasten war das Gedeck, von welchem du oben im Walde gespeist hast. Das wurde von dir vielleicht für eine besondere Ehrung gehalten; aber es war etwas anderes. Es ist mein Leichengedeck. Ich ließ es dir zu deinem eigenen Todesmahle vorlegen. So dachte ich! Vielleicht ist es durch dich mein Auferstehungsmahl geworden, zu welchem ich dich, ohne es zu ahnen, eingeladen habe. Und schau hierher! Da hängen deine Gewehre und alle deine Sachen. Warum ? Ich habe dich für gleich mit mir, für meinen geistigen Doppelgänger gehalten. Ich glaubte, du seist ganz denselben Weg gewandelt, den auch ich gegangen bin, und lebest jetzt in deiner „Hosiannazeit“. Ich sah für dich die Zeit kommen, in der du hinaufgeschleppt wirst nach Golgatha, wo die Kriegsknechte sich in dein Gewand und in deine Waffen teilen. Darum trug ich sie herauf und in diese meine Rumpelkammer, um dich zu bitten, ihnen hier freiwillig zu entsagen. Vor solchen Feinden ist’s um jede Waffe schade! Tritt völlig ungerüstet vor sie hin! Des Geistes Harnisch ist zwar unsichtbar, doch keine Motte und kein Rüsselwurm wird sich an ihn wagen! Dies Ungeziefer sucht sich nur an solchem Kram zu ätzen, der wohl auch ohne Mottenfraß von keiner Dauer wäre. – So dachte ich! Doch als ich zu dir kam, hinauf in meine „Gruft“, damit du dich in mir erkennen möchtest, da hörte ich aus deinem Munde Worte, die mir aus jener Welt herüberklangen, in welche ich mich gern mit dir hinüberretten wollte. Bist du vielleicht schon drüben? Hast du den Weg, den unbeschreiblich schweren, auch ohne mich gesehen und erkannt? Hast du nichts von der Menschenfurcht und feigen Scheu gewußt, die einst mich zwang, vor ihm zurückzubeben? Du sprachst so fest, so sicher, so bewußt, als hättest du schon längst erreicht, was ich erreichen wollte und dann doch fallen ließ. Sag mir auch jetzt ein festes, sicheres Wort! Du wirst wohl meine Frage kaum verstehen, doch krallt sich ihre Faust so tief in dich hinein, daß du vor Schmerzen dich zu winden hättest, wenn du in Wirklichkeit mein Doppelgänger wärest.«

Er stand hochaufgerichtet vor mir, das Licht in der Hand, und sah mir mit tief ernstem, forschendem Blicke in die Augen. So, ungefähr so muß das Gericht dem Menschen in die Augen schauen, wenn es einst von ihm sein früheres Leben fordert.

»Sprich deine Frage aus!« sagte ich.

»Du wirst erschrecken!« rief er aus.

»Versuche es!«

Wir standen Mann gegen Mann einander gegenüber. Oder war es Seele gegen Seele, Geist gegen Geist?

»Du bist Old Shatterhand?« fragte er. »Ich habe diesen Namen von meinem Freunde Dschafar gehört.«

»Ich war es,« antwortete ich ruhig aber bestimmt.

Er machte, als er hörte, daß ich sein Präsens in das Imperfectum verwandelte, eine Bewegung der Ueberraschung. Dann fuhr er fort:

»Du bist Kara Ben Nemsi Effendi?«

»Ich war es,« erwiderte ich abermals.

»Bist es nicht mehr? Beides nicht mehr?«

Bei diesen Worten leuchteten mir seine Augen vor erwartungsvoller Erregung förmlich entgegen.

»Beides nicht mehr!« nickte ich.

»Seit wann? Sage es mir!«

»Seit diese beiden Namen das geleistet haben, was sie leisten sollten und leisten mußten! In diesen zwei Namen habe ich denen, die es lösen wollen, ein Rätsel aufgegeben, aus dessen Thür das von seinen psychologischen Fesseln befreite Menschheits-Ich wie ein im Freudenglanze strahlender Jüngling hervorzutreten hat. Dieses so viel verachtete und so grimmig angefeindete „Ich“ in meinen Büchern hat allen denen, welche Ohren haben, von einer neuen, ungeahnten Welt zu erzählen, in welcher Leib, Geist und Seele nicht ineinander gekästelt und ineinander geschachtelt sind, sondern Hand in Hand nebeneinander stehen und miteinander wirken. Dieses so oft verspottete und so leidenschaftlich verhöhnte „Ich“ in meinen Werken war nicht die ruhmeslüsterne Erfindung eines wahnwitzigen Ego-Erzählers, welcher „unglaubliche Indianer- und Beduinengeschichten“ schrieb, um sich von den Unmündigen und Unverständigen beweihräuchern zu lassen, sondern unglaublich, über alle Maßen unglaublich ist nur die Blindheit derer gewesen, die einen solchen Wahnsinn für möglich hielten, weil sie sich in den ihnen sehr erwünschten Irrtum hineinlogen, daß diese meine Bücher nur zur vagen Unterhaltung der unerwachsenen Jugend, nicht aber ganz im Gegenteile für die geistigen Augen klar und ruhig denkender Leser geschrieben seien. Diesem so kraftvollen und selbstbewußten „Ich“ ist es nicht eingefallen, in den Gassen des geistigen Unvermögens bettelnd an die Thüren zu klopfen, denn von dieser geistigen Armut leben ja grad diejenigen „Ichs“, welche die Lösung meines Rätsels zu fürchten haben. Dieses mein „Ich“ vermied ganz im Gegenteile alle Straßen und Häuserreihen menschenwimmelnder Städte und ging hinaus in alle Welt –«

Da unterbrach mich der Ustad, indem er meinen Arm ergriff und im Tone größter Ueberraschung ausrief:

»Hinaus in alle Welt, um aller Welt zu sagen, daß alle Welt ihr „Ich“ verloren habe? Effendi, Effendi, was höre ich aus diesem deinem Munde! Wer hätte das gedacht! Auch ich war ein „Ich“-Erzähler. Auch ich sandte meine Gedanken hinaus in alle Welt, um – doch nein; davon später! Ich kannte dich nicht. Ich ahnte nur von dir. Es war, als ob ich einem innern Befehle folgen müsse. Und nun sind wir einander gleich, so gleich, so außerordentlich gleich! Wirklich? Wenn in allem, so doch in einem nicht! Ich bin ja noch nicht fertig, dich zu fragen! Mache dich bereit, jetzt die Hauptfrage zu hören! Sie ist fast unglaublich! Soll ich sprechen?«

»Ja!«

»Hier hängt das Eigentum von Kara Ben Nemsi. Willst du mir das alles schenken? So schenken, daß ich es behalten kann? Es ist dann nicht mehr dein. Du bekommst es nie im Leben wieder in die Hände. Es bleibt für alle Zeit in dieser Rumpelkammer, und keinem Menschen wird es je gezeigt!«

Was war das für ein Blick, den er in mein Gesicht förmlich bohrte? Ich mußte an Ahriman Mirza denken, den Teuflischen! Schaute etwa dieser Verführer mich jetzt aus den funkelnden Augen des Ustad an! So höllisch erwartungsvoll! Ja, es war eine große, eine hochbedeutende Frage, welcher ich da gegenüberstand. Ich begriff den Ustad. Die ganze Hölle, gegen welche er einst vergeblich gekämpft hatte, schaute mich jetzt mit diesem seinem Blicke an. Aber ich konnte ruhig sein. Mich sollte sie nicht hindern, den Weg zu gehen, den ich mir ja schon längst vorgezeichnet hatte. Es wurde mir nicht schwer, mich zu entscheiden. Ich hielt dem Ustad meine Rechte hin, schaute ihm ruhig lächelnd ins Gesicht und sagte:

»Gieb mir deine Hand!«

»Nun?« fragte er schnell, indem er sie mir reichte. »Was hast du beschlossen?«

»Wie gern erfülle ich dir deinen Wunsch! Nimm alles hin! Es sei dein Eigentum!«

»Alles – alles?« rief er in unbeschreiblicher Verwunderung.

»Alles!«

»Aber weißt du, was du thust?! Du hörst auf, zu sein, was du warst und was du bist! Du kannst nie wieder solche Bücher schreiben, wie du geschrieben hast! Du stirbst! Du mußt ein völlig andrer werden! Hältst du trotzdem dein Wort?«

»Ich halte es!«

»Unglaublich! Ich erinnere dich noch einmal an die Folgen, Effendi! – Bist du berühmt?«

»Pah! Man spricht von mir. So lange man mich aber nicht begreift, muß es mir gleichgültig sein, was man redet. Wenn man mich falsch versteht, spricht man von einem Falschen, doch aber nicht von mir!«

»Das klingt so wahr, doch aber auch so kühl! Fast möchte ich es verächtlich nennen! Bedenke aber, Effendi: Wenn du nicht mehr in dieser deiner bekannten Weise schreibst, wird man gar, gar nicht mehr von dir sprechen! Dann bist du tot, tot, tot!«

»Du armer, armer Ustad! Was hast du doch für irrige Begriffe von dieser Art von Leben und dieser Art von Tod! Ich habe mich dir geschenkt, so, wie ich da an diesen Nägeln hänge. Diese Embleme meiner bisherigen Tätigkeit, sie sind – ich! Das Ich, welches ich war! Bin ich nun tot?«

»Ja!«

»Du irrst! Ich ging in diesem Augenblicke in ein anderes Leben über, und dieses andere wird ein höheres, schöneres, edleres, unendlich wertvolleres sein. Ich schrieb eine Menge Bücher. Ich ließ mein „Ich“ in ihnen sprechen. Ich wurde nicht verstanden. Ich gab das Köstlichste, was es auf Erden giebt, in irdenem Gefäße. Ich füllte diese Schalen mit einem Rätsel an und ließ die Menschheit trinken. Es tranken Hunderttausende daraus, doch allen war der Trank nichts als nur Wasser. Die Schale täuschte alle! Ich hatte es den Menschen zu bequem gemacht. Man trank gedankenlos und lachte mich dann aus. Das ist der große Fehler, den ich mir vorzuwerfen habe, weiter nichts! Der Sterbliche trinkt lieber Sumpfwasser aus goldenen Gefäßen, als Himmelsnektar aus nur irdenen. Da stieg in mir ein heißes Wallen auf. Es griff ein heiliger, wenn auch stiller Zorn in meine Seele. Nicht daß ich diese irdenen Gefäße nun zertrümmerte, o nein! Ich nahm mir vor, nun goldene zu geben, doch mit demselben Trank, den man für Wasser hielt. Ich habe mir das Gold dazu auf diesem Ritt geholt, der mich zum geistigen Haupt der Dschamikun geführt. Du ahnst wohl nicht, wo ich hier suchte und wo ich es fand. Von heute an werde ich im „hohen Hause“ schreiben – ganz anders als bisher. Und hat man es erkannt, wie thöricht man einst war, so wird man dann zurück nach jenen Schalen greifen, die man zur Seite stellte. Dann leben meine alten Werke auf. Man wird sie mit ganz andern Augen lesen; die Seele tritt hervor, die tief in ihnen lebt. Und wenn man erst den Geist erkennt, der mir die Feder gab, dann wird sie dieser Geist in alle Häuser tragen, in denen sie bisher noch nicht zu sehen waren. – Nun sage mir, o Ustad, ob ich mich für gestorben halten muß!«

Da streckte er mir beide Hände entgegen. Ich sah, daß seine Augen feucht waren, indem er zu mir sprach:

»Sihdi, nicht hier will ich dir sagen, was ich erkennen muß! Wir gehn hinauf zu dir. Doch sage vorher, was mit dem Briefe war, den du uns zeigen wolltest!«

»Er ist nun dein,« antwortete ich.

»Mein?« fragte er verwundert.

»Ja. Er steckt ja dort in deiner Satteltasche.«

»In – meiner – meiner – Satteltasche!« wiederholte er lächelnd meine Worte. »Also du hast mit diesem Geschenke gewiß und wirklich Ernst gemacht?«

»Ja! Es war Ernst. Ich habe dir nichts geschenkt. Du hast mich nur befreit. Soll vielleicht ich nach diesem Briefe suchen?«

»Thue es! – Dann gehen wir hinüber in mein Zimmer.«

Ich fand das Schreiben, dessen sich der Leser wohl noch erinnern wird. Ich gab es dem Ustad und ging dann hinaus, ohne mein bisheriges Eigentum noch einmal anzusehen. Da sagte der Ustad, indem sie mir beide folgten:

»Effendi, du lässest deine Berühmtheit hier zurück. Willst du fortgehen, ohne auch nur noch einen einzigen Blick auf sie zu werfen?«

»Ja,« antwortete ich. »Berühmt! Kennst du diese Art von Berühmtheit? Sie ist dämonischer Natur. Soll sie deine Freundin sein, so verzichte auf dich selbst, und gieb ihr deinen Geist und deine ganze Seele hin!«

»Wie wahr, wie wahr du sprichst!« stimmte er mir bei. »Ich kenne sie. Sie war nicht nur meine Freundin; sie war mir mehr, viel mehr. Und was hat sie von mir gefordert! Welche Opfer habe ich ihr gebracht! Jedem Laffen hatte ich mich vor die Füße zu werfen und vor jedem hohlen Kopfe mich zu verbeugen! Jedem Narren mußte ich gefällig sein, um sie nur nicht zu schädigen, und jeden Dünkel mir gefallen lassen, damit er ihr ja nicht gefährlich werden könne. Meine Tasche mußte für jede Thorheit offen sein, und wenn der Unverstand mich auch mit tausend Albernheiten plagte, ich hatte stillzuhalten nur um ihretwillen. Der Neid stand Tag und Nacht vor mir mit seinen Argusaugen; die Mißgunst schlich mir nach auf allen Wegen, und wo ich mich zur Ruhe setzen wollte, saß schon die Scheelsucht da und jagte mich von dannen. Ich durfte nicht so sprechen, wie ich wollte, und was ich schrieb, das wurde von der Feindschaft falsch gedeutet. Ich habe viel verloren, was ich jetzt schwer beklage, doch daß ich zu dem allen auch sie verlor, nach der ich einst gestrebt mit einer Gier, die ich fast Sünde nenne, das ist mir ein Gewinn, der den Verlust mich gern ertragen läßt. Doch schweigen wir hiervon! Kommt jetzt herein zu mir!«

Als wir in seine Stube traten, hörten wir durch die offenstehende Balkonthür den Hufschritt von Pferden. Die Gefangennahme des vierten Persers war also gelungen. Der Ustad stellte das Licht auf den Tisch und betrachtete den Brief.

»Keine Adresse!« sagte er. »Nur die Zeichen, welche wir vorhin auf der Vorderseite des Alphabetes sahen. An wen ist dieses Schreiben gerichtet?«

»An Ghulam el Multasim,« antwortete ich.

»Woher weißt du das?«

»Ich werde es dir erzählen.«

Wir setzten uns nieder, und ich berichtete in möglichst kurzer Weise über unsere eigentümliche Bekanntschaft mit den Sillan, von unserer Begegnung auf dem Tigris an bis auf den Kaffeewirt in Basra. Hierauf sagte ich auch noch, wen ich hier bei den Dschamikun als zu dieser geheimen Gesellschaft gehörig entdeckt hatte. Die beiden Zuhörer folgten meiner Erzählung mit großer Aufmerksamkeit. Als ich geendet hatte, sah der Ustad eine Zeitlang sinnend vor sich nieder. Dann hob er den Kopf und sagte:

»Effendi, weißt du, was du uns berichtet hast?«

»Nun, was?«

»Ereignisse aus einem Fabellande.«

»Glaubst du, daß ich dichtete?«

»O nein! Der Brief ist ja Beweis. Er liegt als ein Gegenstand, welcher unserer Körperwelt angehört, in meiner Hand. Du hast wirkliche Thatsachen erzählt, nichts hinzugefügt, sondern ganz im Gegenteile sehr viel weggelassen, wie ich vermute. Und doch sprach ich von einem Fabellande. Warum?«

Er sann wieder eine Weile nach. Dann fuhr er fort:

»Fabel und Märchen! Ich frage nicht, was andere Leute sich bei diesen Worten denken. Ich sage, was für Vorstellungen diese Begriffe in mir selbst erwecken. Was Gott den Klugen und Weisen verschweigt, weil sie es ihm nicht glauben, das läßt er den Kindern und Unmündigen erzählen, damit der widerstrebende Verstand von dem ungetrübten Glauben lernen möge. Es schweben zwischen Himmel und Erde Wahrheiten, denen der Zweifel des geräuschvollen Tages verbietet, sich zu der Menschheit herniederzulassen. Aber in der verschwiegenen Nacht, wenn die Zweifel schlafen, gleiten diese Wahrheiten an den freundlichen Strahlen der Sterne herab, um, wie alles Himmlische, wenn es die Erde berührt, sichtbare Gestalten anzunehmen, sobald sie das ihnen verbotene Land erreicht haben. Sie hoffen, in diesen Körperformen vor ihren Feinden sicher zu sein. Sie trennen sich. Die eine Wahrheit geht in Tiergestalt als Fabelwesen durch Wald und Feld, kommt vielleicht auch in Haus und Hof des Menschen, um ihm im Bilde mitzuteilen, was ihm in anderer Weise zu sagen ein Wagnis ist. Die andere ist kühner. Sie nimmt die Form des bekannten Körpers an, der als das Ebenbild Gottes so berühmt geworden ist, und sucht die Städte und Dörfer auf, wo sie sich für ein bescheidenes Märchen ausgiebt, welches man passieren lassen kann. Sie hat scheinbar so gar nicht viel zu sagen, daß man sie gern hier und da zu Worte kommen läßt. Sobald sie spricht, denkt man sich zunächst nichts dabei. Doch wenn sie fortgegangen ist, beginnt man unwillkürlich nachzusinnen. Dann kommt es freilich an den Tag, daß dieses sogenannte Märchen ein Himmelskind gewesen ist, welches, wenn man dies gewußt hätte, fortgewiesen worden wäre. Nun hat es aber doch gesprochen, und was es sprach, sitzt fest! – Du lächelst, Effendi! Warum?«

»Weil du ein Freund dieser himmlisch reinen und irdisch doch so pfiffigen Wahrheiten zu sein scheinst,« antwortete ich. »Auch ich habe sie sehr lieb. Sprich weiter!«

»Kennst du,« fuhr er fort, »das Märchen von dem Sonnenstrahl, der hier auf Erden König wurde und so mild und gut regierte, daß alle seine Unterthanen, sobald sie starben, sich in helle Sonnenstrahlen verwandelten und zum Himmel stiegen?«

»Ich kenne es.«

»Auch das andere Märchen, von dem Schatten des Strahles?«

»Nein.«

»Der Schatten wollte es dem Lichte gleichthun. Er fiel in ein tieferliegendes Land und nahm dort ganz genau die Gestalt des andern Herrschers an. Auch er machte sich zum Könige und ahmte alles wörtlich nach, was der gute Herrscher da oben that und sprach. Aber er war leider nur der Schatten dieses Herrn. Weißt du, Effendi, was ein Schatten ist?«

»Er ist das dunkle Kehrseitenbild derjenigen irdischen Wesen, welche im Lichte des Himmels stehen,« antwortete ich.

Das war freilich keine physikalisch genaue Definition, sollte das aber auch gar nicht sein. Ich ahnte, was der Ustad sagen wollte, und gab ihm die Erklärung, die er dazu brauchte.

»Richtig, sehr richtig!« stimmte er bei. »Der Schatten setzt das Licht voraus. Er ahmt die Gestalt nach, welche in diesem Lichte steht. Aber die Nachahmung ist dunkel, so treu und so genau sie im übrigen auch ausfallen mag. Die Farbenbrechungen des himmlischen Lichtes entgehen dem Schatten ganz und gar. Er ist der finstere, herz- und gewissenlose Doppelgänger von allem Lebenden, was es auf Erden giebt. Ob es wohl in der Geistes- oder Seelenwelt ebenso Schatten giebt wie in der Welt der Körper? Was meinst du wohl, Effendi?«

»Natürlich giebt es sie.«

»Wie denkst du dir das?«

»Stelle etwas Geistiges oder Seelisches an das Licht, um es zu sehen, so wird sich sofort der betreffende Schatten einfinden. Hinter jeder Tugend steht dann das betreffende Laster, welches eine ganz genaue, aber kehrseitige Nachahmung aller ihrer Vorzüge ist. Hinter der weisen Sparsamkeit erscheint dann der Geiz, hinter der Freigebigkeit die Verschwendung, hinter der Wahrheitsliebe die grobe Rücksichtslosigkeit, hinter dem edlen Erwerbsinne der ordinäre Betrug und Diebstahl, hinter der Vorsicht die Feigheit, hinter dem Mute die Unbedachtsamkeit, hinter der Beredsamkeit das Schwätzertum, hinter der Verschwiegenheit die Starrköpfigkeit. Aber ich sehe auch noch andere Schatten stehen: Die rücksichtslose Tyrannei hinter der segensreichen Macht, das Schmeichlertum hinter dem Gehorsam, die Empörung hinter der Freiheit, den Mord hinter der Notwehr, die Scheinheiligkeit hinter der Frömmigkeit, die Schleicherei hinter der Demut, die Prahlsucht hinter der Selbsterkenntnis, den Völler hinter dem Esser, den Säufer hinter dem Trinkenden, den Vagabunden hinter dem Wanderer, den Verleumder hinter dem Richter. Soll ich noch weiter fortfahren, Ustad?«

»Nein; es ist genug,« antwortete er. »Deine Aufstellung war sehr interessant, wahrscheinlich ohne daß du weißt, warum ich dies meine. Du brachtest Tugenden und Untugenden, Zustände und Regungen. Wie kommt es, daß du hieran dann Personen geschlossen hast? Ist das absichtlich geschehen? Wolltest du etwa hiermit aus dem Gebiete „des Geistes“ hinüber nach dem Reiche „der Geister“ deuten? Hast du an das für uns unsichtbare Land gedacht, an dessen Pforte die sterbende Unwissenheit ihre letzten Worte „Von hier giebt es keine Wiederkehr“ ruft? Stand dir jenes Reich vor Augen, welches der Aberglaube mit Gespenstern bevölkert, obgleich er, er, er das allereinzigste Gespenst ist, welches existiert?«

»Ich gab Beispiele,« erwiderte ich. »Eine Unterscheidung lag mir fern.«

»Wohl! Schauen wir also nicht hinüber, sondern bleiben wir bei den Menschen! Jeder, der in der Sonne steht, kann, wenn er sich von ihr abwendet, seinen Schatten sehen. Das ist physikalisch. Aber es giebt auch noch andere Schatten. Ich will ihre Arten nicht aufzählen. Aber eine von ihnen, welche ich die mythologische nenne, möchte ich dir doch zeigen. Sie wurden im alten Griechenland entdeckt und als Erinnyen oder Furien bezeichnet. Sind dir diese Schemen bekannt, Effendi, die höllischer sind, als die Hölle selbst?«

»Nur aus der Mythologie,« sagte ich.

»Du irrst dich. Du hast sie auch im wirklichen Leben gesehen. Sie laufen da allüberall herum! Du hast sie nur nicht durchschaut, nicht definiert. Wenn die Sonne genau in deinem Zenite steht, so hast du keinen Schatten. Der, den du giebst, liegt unter deinen Füßen; man sieht ihn nicht. Aber sobald sie den Gipfelpunkt verläßt, kommt der Schatten unter dir hervorgekrochen und wird umso größer, je weiter sie sich von dir entfernt. In dem Augenblicke, an welchem dein Tag dahinzusterben und die Sonne für immer von dir zu gehen scheint, ist dieser dein Schatten so weit „über alles Menschliche hinausgestiegen“2, daß er die ganze hinter dir liegende Fläche bedeckt und so vollständig verdunkelt, als ob es hier niemals in deinem Leben Licht gegeben habe. Das kannst du bei jedem Sonnenuntergange beobachten. Es giebt aber auch noch andere Sonnenuntergänge. Soll ich dir einen beschreiben? Den meinigen? Und den Riesenschatten, der da hinter mir entstand?«

Er schaute in die kleine, leise hin und her wehende Flamme des brennenden Lichtes, dann schloß er die Augen, als ob er selbst den nur matten Schein desselben jetzt nicht ersehen könne, und sprach dann weiter:

»Mein Morgen war vergangen. Ich hatte Mittagszeit. Die Sonne stand grad über mir. Rund um mich her lag Helligkeit. Es wurde mir zu heiß, so schattenlos in solchem Licht zu stehen. Ich sah mich um. Meine ganze Welt schien Glück und Frieden auszustrahlen. Nur Freundesaugen sahen mich an. Nur Freundeshände griffen nach meiner Rechten. Nur Freundesworte drangen an mein Ohr. Aber es war mir unmöglich, dieses so gänzlich ungetrübten Sonnenscheines in meinem Innern froh zu werden. Ich kannte die alte Sage von jenem neidischen „Erdengotte“, der es nicht duldet, daß der Sterbliche sich glücklich fühle. Ich schaute besorgt empor zur Spenderin all dieses grellen Lichtes. Sie lächelte mir, wie eben noch, in heller Wonne zu. Aber ich sah, daß sie ihre Stellung zu mir aufgegeben hatte. Die Linie von ihr zu mir war schief geworden. Und da begann der „Erdengott“, sich unter mir zu regen. Er hatte sich zu meiner Mittagszeit mit meiner Person so vollständig einverstanden erklärt, daß er seine Dunkelheit gänzlich aufgegeben zu haben schien. Da bemerkte ich, daß die freundlichen Blicke mich verließen und nach unten glitten. Sie schauten hinter mich. Ich blickte an mir herab, bis tief zu meinen Füßen. Was sah ich da?! Einen Kopf, der unter mir hervorgekrochen kam! Er ahmte die Bewegung des meinen nach. Wollte er mich verspotten? Oder haben die Köpfe der Schatten so gar keine Spur von eigenem Gehirn, daß sie, um existieren zu können, auf die Nachäffung lichtdenkender Menschen angewiesen sind? Werden sie, die vollständig gedanken- und urteilslosen, von jenem „Erdengotte“ gezwungen, diesen Menschen jede geistige Form und jede intellektuelle Bewegung abzustehlen und sie im Bodenschmutze zu verzerren, um selbst auch einmal für „Etwas“ gehalten zu werden? Der Kopf kam immer weiter und immer deutlicher hinter mir hervor. Er bemühte sich, dem meinen möglichst ähnlich zu werden. Es war sogar das Bestreben zu erkennen, meine Gesichtszüge wiederzugeben. Aber so oft ich ihm das Gesicht auch zukehrte, ich sah doch nur, daß ihm dies nicht gelang. Diese Schemen haben ja ein- für allemal darauf verzichtet, ein menschenwürdiges Antlitz zu besitzen! Je mehr die Sonne sich von mir entfernte, um so dreister zeigte sich das Phantom. Die Schultern, der Leib, die Arme kamen zum Vorschein, sogar auch die Beine, aber nicht als wirkliche, greifbare, lebendige Gestalt, sondern als wesenloses Trugbild, welches nur so lange stand hielt, als man sich selbst nicht bewegte. Sobald man ihm aber nähertreten oder die Hand ausstrecken wollte, um es zu prüfen, wich es sofort zurück. Dabei war zu bemerken, daß die erst vorhandene Aehnlichkeit der Umrisse sich in ganz genau demselben Verhältnisse verringerte, in welchem das Zerrbild sich vergrößerte. Es verschwanden nicht nur sehr bald diejenigen Konturen, welche möglicherweise hätten auf mich schließen lassen können, sondern die Mißgestalt wurde allmählich so unförmlich und ging nach und nach derart in das Ungeheuerliche über, daß es mir fast wie ein Wahnsinn vorkam, die Stelle, an welcher ich stand, als den Entstehungspunkt derselben zu betrachten. Freilich waren ihre Füße grad da zu sehen, wo ich mit den meinen stand; außer diesem allereinzigen Umstand aber gab es keinen zweiten Grund, anzunehmen, daß diese ultramonströse Ausgeburt in irgend einer Beziehung zu mir stehe. Ich stand auf dieser Stelle aufrecht, selbstbewußt, eine kraftvoll und unabhängig sich bewegende Persönlichkeit! Wie aber der Schatten? Er hatte sich aus dem Schmutze entwickelt, den ich mit Füßen trat! Aus ihm war er unter diesen meinen Füßen hervorgekrochen! Aus ihm hatte er versucht, sich an mir emporzurichten, wohl gar über mich hinaus ins Sonnenlicht zu ragen! Aber es giebt keinen Schatten, der nicht fallen muß! Auch dieser mein ultramonströser Schatten fiel! Er konnte und durfte nichts als fallen – fallen – fallen! Das ist das furchtbare Schicksal jedes Schattens – jeder Dunkelheit – jeder Finsternis! – Und das Selbstbewußtsein? Konnte der Kopf meines Schattens überhaupt Etwas enthalten? Ja? Nun dann aber ganz gewiß nicht ein eigenes Selbstbewußtsein, sondern nur die schattenhafte Verzerrung des meinigen! Infolge dieser Verzerrung glaubte er wahrscheinlich, mich zu haben; aber ich, ich hatte ihn! Er war Schatten; er ist Schatten, und er wird Schatten bleiben! Er braucht volle Menschheitspersonen, um durch sie zu existieren. Finden sie sich nicht ein, um ihn zu werfen, wie man eben Schatten wirft, so kann er es nicht einmal zum bloßen Schemen bringen; er ist ein – Nichts! – Und die kraftvoll und unabhängig sich bewegende Persönlichkeit?

Jeder Schatten bedeutet fehlendes Licht. Ein Mensch, der sich zum Schatten anderer macht, hat seinem Geiste und seinem freien Eigenleben entsagt. Er ist eine unselbständige Dunkelexistenz geworden, die überall, wo Licht vorhanden ist, nach Trübem, Düsterem und Finsterem hascht. Diese Lichtscheu wirkt genau so, wie die Wasserscheu. Sie giebt sich ganz und gar der Tollheit hin und folgt von Schritt zu Schritt, nur um zu – beißen!«

Der Ustad hielt nach dieser längeren Gedankenfolge inne. Man sah es ihm an, daß er keine Bemerkung von uns erwartete. Ich hätte wohl manches einzuwenden gehabt, sah aber keinen zwingenden Grund, dies augenblicklich zu thun. Gegen derartige Ansichten und Anschauungen hat man vorsichtig zu verfahren. Es giebt Meinungsverschiedenheiten, die nicht im Handumdrehen, sondern nur mit Hilfe der Zeit zu beseitigen sind, und hier schien es mir, als ob grad diese Zeit es sei, die solche bittere Gedanken in ihm befestigt hatte. Er fuhr nach dieser Pause fort:

»Hast du, Effendi, einen Mann gekannt, Hadschi Halef Omar, den Scheik der Hadeddhin vom Stamme der Schammar, der bereit war, mit seinem deutschen Sihdi alle Qualen der Erde und der Hölle zu erdulden und tausend-, tausendmal für ihn zu sterben?«

Ich nickte nur.

»Du Glücklicher! Ich hatte keinen, keinen Halef! Ich besaß nicht einen einzigen Freund, der deinem Hadschi auch nur einigermaßen ähnlich gewesen wäre! Und doch gab es so viele, viele, die sich meine Freunde nannten, als ich in der Mitte meines Sonnentages stand! Sie wollten nichts von mir; sie verlangten nichts von mir; sie forderten nichts von mir; aber sie liebten mich alle, alle, alle so wahr, so treu, so innig! Nur eins sollte ich ihnen bringen, weiter nichts, weiter gar nichts: Nämlich Opfer, wieder Opfer und immer wieder Opfer! Und ich brachte sie! Wie gern! Ich liebte ja die Menschen alle, alle! Ich glaubte, daß sie meiner Liebe wert seien. Ich wußte nicht, daß es klug sei, nicht den Einzelnen an sich, sondern die Menschheit in ihm zu lieben. Meine Freunde aber überschüttete ich mit doppelter Liebe! Da kam der Augenblick, an welchem ich bemerkte, daß meine Sonne sich schief zu mir gestellt hatte. Welche unerwartete Wirkung fand sich da ein! Auch an meinen Freunden und sonstigen Bekannten begann jetzt so vieles schief zu werden! Sie dachten schief über mich; sie sprachen schief von mir; sie sahen mich schief an! Die Sonne wich mehr und mehr von mir zurück; mein Schatten wuchs; meine Freunde wurden immer schiefer! Gegen Abend ging es schneller mit der Sonne; mein Schatten füllte hinter mir schon die ganze Strecke bis zum Horizonte aus; meine Freunde waren jetzt so sehr schief geworden, daß gar nicht ausbleiben konnte, was nun geschehen mußte: Sie verloren das Gleichgewicht; sie begannen, auch zu fallen, einer nach dem andern, ganz genau so, wie mein großer Schemen fiel! Wohin fielen sie? Natürlich hinter mich, als meine Schatten, Schatten, Schatten! Ich warf sie fort nach rückwärts, hinweg zu ihm, der sich als „Erdengott“ gebärdete. Er verschluckte sie mit wahrer Orkusgier. Sein Nichts blähte sich nach dem Fraße dieser vielen tausend Nichtse zu einem so undenkbaren Nichtse auf, daß er dünner und immer dünner und endlich ganz unmöglich werden mußte! Es kostete mich schon Mühe, ihn, den Ultradimensionalen, nur noch zu erkennen. Da wendete ich meine Augen von der ebenso still wie unvermeidlich vor sich gehenden, schattenhaften Katastrophe ab. Ich schaute empor. Soeben verschwand die Sonne. Und da geschah das, was an jedem Tag geschieht und was wir doch bis heut noch nicht mit unserm Geist ergriffen haben: Es flammte der Westen in goldener Glut. Sie sprühte gen Himmel in zuckenden Blitzen. Ich tauchte den Blick in die feurige Flut und sah sie die Berge mit Funken umspritzen. Da, als sie mir so das Geheime erschloß, da mußten die Erdenphantome verschwinden: Sie wurden zu nichts; auch das meine zerfloß, und ich ging um „das Licht ohne Schatten“ zu finden!«

Er war da, wo die Sätze sich zu reimen begannen, aufgestanden und hatte stehend gesprochen. Jetzt ging er hinaus auf den Balkon, wohl um die Gestalten, welche in ihm erwacht waren, wieder zur Ruhe zu bringen. Als er dann wieder hereinkam, fragte er mich, indem er vor mir stehen blieb:

»Hast du verstanden, wen und was ich mit diesen meinen Schatten meinte?«

»Ja,« antwortete ich.

»So wirst du durch mich vielleicht die deinen sehen lernen!«

Ich saß ruhig da. Ich antwortete nicht. Aber ich lächelte ihn an.

»Warum bleibst du still?« fragte er.

»Sind Schatten es wert, daß man von ihnen spricht?« antwortete ich.

Er sah mich erstaunt, ja fast betroffen an. Da fuhr ich fort:

»Wenn sie Nichtse sind, wie du behauptest, warum so viele Worte über sie? Für Nichtse giebt es eben nichts. Sie scheinen dir also doch mehr als nichts gewesen zu sein !«

»Das war in der Vergangenheit. Das ist vorüber!« behauptete er.

»Vorüber? – Wirklich?«

»Ja!«

»Und doch erregt dich der Gedanke an sie noch heut in einer solchen Weise, daß du soeben an der Luft gewesen bist, um dich zu beruhigen! Ustad, Ustad! Du sagtest: „Und ich ging, um das Licht ohne Schatten zu finden“! Hast du es gefunden?«

Er trat einige Schritte zurück, schüttelte leise den Kopf, warf ihn dann schnell zurück und fragte mich:

»Etwa du, Effendi?«

»Von mir ist jetzt nicht die Rede, sondern von dir!«

»Es war von dir die Rede, von deinen Schatten! Du hast jedenfalls gar nicht gewußt, daß du welche hattest!«

Da stand nun auch ich auf.

»Mein Freund,« sagte ich, »mein armer Freund! Mir scheint, du hast das Leben ganz verkehrt genommen. Die Nichtse waren bestimmend für dich, nicht aber die inhaltsvolle Wirklichkeit. Du wolltest diese Wirklichkeit beherrschen, wurdest aber leider selbst nur von leeren Schatten regiert. Darum standest du machtlos vor dem Leben, als es sein Turnier mit dir begann, und wurdest von ihm in den Sand gestreckt! Du hattest es vielleicht wohl gar herausgefordert. Du dünktest dich, ein starker Geist zu sein, und wolltest kämpfen gegen andre Geister. Weißt du, was da das Leben that, das riesenstarke, mitleidskluge Leben?«

Er schaute mich fragend an, antwortete aber nicht.

»Es kannte dich. Was wäre wohl geworden, wenn es deine Forderung für Ernst genommen hätte! Es fiel ihm gar nicht ein, sich vor dir im Harnisch aufzustellen.

Es schob dir einen seiner Schatten hin, die du ja selbst jetzt nur Phantome nennst. Was thatest du? Du warfst dein Leben, deinen Geist und deine ganze Rüstung hin, ergriffst die Flucht und gingst in diese Berge, um dich hier in der „Gruft“, in diesem Grabe deines Jugendmutes, und hinter einem fremden Namen zu verstecken! Vor wem? Etwa vor dem Leben, welches dich gar nicht angegriffen hat? Nein, sondern vor jenem Nichtse, das für dich bald ein „Erdengott“ und bald ein nichtiges Phantasma ist!«

Ich hatte in wohl ernstem Tone gesprochen. Da griff er sich mit den Händen nach dem Kopfe, schaute vor sich nieder, ließ die Arme wieder sinken, holte tief, tief Atem und sagte:

»Effendi, du schonst mich wahrlich nicht! Ich sehe und ich höre, du bist mein Freund, mein wirklicher! Solche Klarheit, wie du mir giebst, ist mir noch nie geworden! Willst du mich vernichten, um mich als einen anderen wieder aufzurichten? Wohlan, thue es! Doch erlaube mir, mich in deine Klarheit hineinzufinden! Sie kommt zu plötzlich über mich! Ein Nichts und doch ein „Erdengott“! Ja, ich habe Beides gesagt und mit Beidem dieselbe Person gemeint. Konnte sie beides sein, beides?«

»Ja; sie konnte es. Aber ich bitte dich: Denke nicht an konkrete Personen, niemals, nie! Sondern abstrahiere! Der Bauer reißt die Giftpflanzen aus der Erde und wirft sie auf den Dünger. Der Chemiker aber zieht auch aus ihnen wohlthätige Extrakte. Auch ich kenne sogenannte „Erdengötter“. Ich meine da nicht etwa die wirklich großen Menschen, sondern eben die „Götter“ der Denkfaulheit und Urteilslosigkeit. Für mich aber sind sie nur wie jene Pflanzen: Ich koche ihre Seelen für mich aus, damit die meinige an diesem Trank sich stärke. Andere Gründe ihrer Existenz kenne ich nicht. Sie gedeihen nie im geistigen Sonnenscheine, sondern immer nur da, wo das Reich der Schatten eine seiner Provinzen errichtet hat. Dort sind sie Herr und Meister! Dort giebt es keine Persönlichkeit, kein Wollen und kein Dürfen. Die kleinen Schattlein haben ja alle in den großen zu fallen, um zu huschen und zu schleichen, so, wie er schleicht und huscht. Und wenn er einmal den Mund öffnet, weil dort im Sonnenscheine eine wirkliche Existenz den Mund geöffnet hat, so schau nur hin, was da erscheinen wird! Was dort der lebendige Odem des Geistes war, das ist hier nur der Dunst des lichtlos dunklen Bodens, auf dem der Schatten liegt und kriecht. – Ich spreche im allgemeinen, denn geistige Personen giebt es hier ja nicht. Wie ich auf die Schatten anderer sehr ruhig meine Füße setze, so mögen die andern auch ganz getrost auf den meinigen treten. Sie verletzen damit keinen wirklichen Menschen. Wer ihn aber mit Fußtritten strafen wollte, der wäre ein Thor, weil bei diesen Schemen ja überhaupt kein Stapfen haftet! So lange die Erde steht, haben diese Zerrgebilde sich unter den Füßen des menschlichen Verstandes und der denkenden Vernunft herumgetrieben, aber ich habe noch nicht gehört, daß ein Schatten durch diese Fußtritte nicht Schatten geblieben, sondern Mensch geworden sei. Darum begreife ich, o Ustad, nicht, daß die deinen eine so große Macht über dich besessen haben und heut noch zu besitzen scheinen!«

»Effendi, es waren die mythologischen Schatten, die Furien!« rief er aus.

»Wenn zehnmal und wenn tausendmal! Wer sind die Furien? Giebt es welche, oder leben sie nur in unserer Einbildung? Im letzteren Falle sind sie Geschöpfe meiner Phantasie, und ich kann sie vernichten, wann, wo und wie es mir beliebt. Im ersteren Falle aber frage ich: Wer steht höher, sie oder ich? Sie, die von meinen Fehlern und Sünden leben, oder ich, der ich sie ihnen hinwerfe, um rein oder gut zu werden? Welche Furie darf sich an mich wagen eines Fehlers wegen, den ich nicht mehr habe, weil nun sie ihn zwischen ihren Krallen hält, um sich an ihm zu mästen? Sie lebt von dem, was mir widerlich geworden ist. Sie steht so unendlich tief unter mir, daß ich es gar nicht hören oder sehen kann, wenn die Knochen meiner Sünden unter ihrem Raubgebisse krachen!«

»Aber andere hören es!« warf er ein.

»Wer?« fragte ich schnell und kurz. »Doch nur solche, die ebenso tief da unten wohnen. Die werden allerdings einen zähnefletschenden Jubel erheben, darüber, daß ihresgleichen sich abermals am Sündenaase laben kann. Aber jeder Brave, dem es bekannt würde, müßte es anerkennen, daß du nichts mehr von deinen Fehlern wissen willst. Dies letztere müßtest du ihm aber dadurch beweisen, daß du sie nicht etwa verteidigst, sondern sie den Furienkrallen schweigend überlässest. Nun sag, wie hast du dich verhalten?!«

Da setzte er sich hin, senkte den Kopf, legte die Hände zusammen und antwortete:

»Effendi, ich habe mich gewehrt, gegen diese Furien gewehrt, fast bis zum letzten Reste meiner Kraft!«

»So wundere dich nicht darüber, daß sie sogar noch heute Macht über dich besitzen! Du hast ihnen nicht erlaubt, reine Arbeit zu machen. Ich sage dir: Diese Eumeniden ruhen nicht. Sie werden nicht ohne Ursache mit kralligen Fingern, gifttriefendem Munde und hervorgestreckter Zunge abgebildet. Ihr Gift wird so lange triefen und ihre Zungen werden so lange heraushängen, bis dir der letzte und auch der allerletzte Rest von dem, was nicht hineingehört, aus dem Leibe und aus der Seele gerissen worden ist!«

Da stand er rasch wieder auf, faßte mich am Arme und sagte:

»Wie richtig Effendi! Oh, du scheinst sie doch zu kennen! Weißt du, was so eine Furie tat? Nein, du kannst es nicht wissen, nicht einmal ahnen! Du wirst es für unmöglich halten, aber es ist die volle Wahrheit; du kannst es mir glauben! Als diese Eumenide meine sogenannten öffentlichen Fehler öffentlich verzehrt hatte, war sie noch nicht satt. Sie begann nun auch nach heimlichen Sünden zu suchen. Sie war so unvorsichtig Briefe zu schreiben, in denen sie fragte, ob man vielleicht etwas gegen mich wisse. Man brachte mir solche Briefe. Wenn ich sie nicht gesehen und gelesen hätte, so würde ich heute wahrscheinlich glauben, daß es gar keine Furien gebe. Du siehst also, daß sie nicht bloß mythologische Gestalten, sondern noch jetzt lebende Wesen sind! Schatten, die unhörbar leise hinter meinem Rücken schleichen, um sogar die verborgensten Bewegungen meines Lebens aufzufangen, damit man sie selbst trotz ihrer Dunkelheit für reine, lichte Wesen halte! Glaubst du, was ich dir da erzählte, Effendi?«

Er wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern fuhr fort:

»Du hast gelächelt, und jetzt lachst du gar! Und zwar so eigentümlich! Warum? Du machst mich aufmerksam! Solltest vielleicht auch du – du – du –? Doch nein! In deinem frommen Christenlande kann es ja niemals solche Furien geben! Denn, würde eine entdeckt, so müßte sich die ganze Christenheit, die volle Priesterschaft an ihrer Spitze, erheben, um entrüstet nachzuweisen, daß ihre Liebes-, Gnaden- und Verzeihungsreligion unmöglich Eumeniden dulden kann! Verzeihe mir! Verzeihe mir im Namen deiner Christenheit, daß mir auch nur der Gedanke hieran kommen konnte! Ich sehe zu meinem Erstaunen, daß ich noch Schatten werfe, sogar auf dein geliebtes Abendland hinüber!«

»Beruhige dich!« bat ich ihn. »Der König des Schattenlandes, von welchem dein Märchen erzählte, hat Unterthanen überall. Auch bei uns! Doch will ein solcher Schatten einmal zur Furie werden, so behandeln wir ihn anders, als du deine Eumeniden behandelt hast. Wir lassen ihn sein trauriges Werk vollenden. Wir stören ihn nicht. Es ist ja doch wohl mehr als Strafe genug für ihn, daß er es thut! Wir sagen ihm sogar noch Dank dafür, jedoch nur öffentlich, selbst wenn er heimlich wirkt. Du siehst, wir haben sogar für die Furien nur Liebe und Verstand! Wir Christen wissen nur zu gut: Es kommt die Zeit, in der die Schatten schwinden. Was dann aus ihnen wird, das wissen wir zwar nicht, doch sagt das heilige Buch: „Ihre Werke folgen ihnen nach!“ Und ich, ich möchte dereinst mit solchen Werken nichts zu thun haben. Ich habe mit den Menschen, selbst mit solchen Furien, nachsichtig zu sein, weil ich wünsche, daß Gott dann, wenn es sich um meine Abrechnung handelt, auch gnädig mit mir sein möge!«

Da sagte er in plötzlich ganz anderem Tone:

»Du sprichst von einem „Wir“. Etwa mit Ueberzeugung, Effendi? Spielen wir Komödie miteinander? Denken und handeln wirklich alle Christen so, wie du mit diesem „Wir“ mich glauben machen willst?«

»Komödie?« fragte ich. »Wer hat damit begonnen, ich oder du?«

»Wieso ich?«

Jetzt war er es, welcher bei diesen zwei Worten lächelte. Dieses Lächeln verriet mir, daß es ihm ganz lieb sei, von mir verstanden worden zu sein. Doch drängte ich ihn noch weiter, indem ich sprach:

»Wie war deine Bitte um Verzeihung gemeint, Ustad?«

»Ganz so, wie du willst; ganz so, wie du sie betonst. Man kann mit genau denselben Worten Glauben oder Zweifel, Vertrauen oder Mißtrauen, Lob oder Tadel aussprechen. Es kommt auf den Ton an und auf den Willen dessen, zu dem man redet. Du bist kein Kind. Ich weiß, daß ich nicht nötig habe, gegen dich auch noch in der Betonung deutlich zu sein, wenn ich es schon in den Worten, welche ich wähle, bin. Ich könnte dir eine große Ueberraschung bereiten, wenn ich dir sagte, wer und was meine Schatten, meine Furien waren. Denke jetzt einstweilen nicht an ein bestimmtes Land! Thue das nun selbst, was du mir angeraten hast: Abstrahiere einmal! Ich werde erst später hierüber sprechen. Nur eine Mitteilung, eine einzige, will ich dir heut schon machen. Sie betrifft – doch nein! Auch hierzu bist du noch nicht vorbereitet! Es muß ja alles kommen, wie es kommen soll, aber scheinbar ganz von selbst. Jede Entwickelung, welche Sprünge macht, ist eine falsche. – Bitte, kehren wir lieber und endlich, endlich wieder zu dem Briefe des Multasim zurück!«

Er hatte ihn vorhin fortgelegt. Jetzt nahm er ihn wieder in die Hand, um nun auch die Rückseite zu betrachten.

»Kein besonderes Petschaft!« sagte er. »Man hat den Brief mit einem goldenen Tuman versiegelt. Das kann ein jeder thun, der ein Goldstück besitzt, ist also gleichgültig für uns.«

»Nein,« sagte ich. »In solchen Dingen hat auch der geringste Nebenumstand Wert. Ich pflege darum alles, auch das scheinbar Unbedeutende in Betracht zu ziehen.«

»Meinst du, daß dieser Tumanabdruck uns auf irgend einen Gedanken bringen könnte?«

»Er kann es nicht nur, sondern er hat es bereits gethan.«

»Bei dir?«

»Ja. Denke an die Ringe! Silberne und goldene. Das bessere Metall bedeutet einen höhern Rang. Liegt da nicht die Vermutung nahe, daß es in Beziehung auf den Siegelverschluß ebenso ist?«

»Das ist allerdings nicht unmöglich. Hieran hätte ich nicht gedacht!«

»Je höher der Rang des Schreibenden, ein desto wertvolleres Geldstück hat er zu nehmen. Und weiter! Warum nimmt man keine Petschaft, sondern Münzen?«

»Durch das Petschaft würde man sich unter Umständen verraten. Münzen aber können keinen Anhalt geben.«

»Sehr richtig! Hieraus aber ist darauf zu schließen, daß der Inhalt dieser Art von Briefen, falls sie in falsche Hände kommen, für den Schreiber selbst gefährlich ist. Der Tuman ist die höchste Münze. Der Verfasser dieses Schreibens steht also hoch im Range. Sie ist ferner eine persische Münze. Der Brief aber wurde unten im Irak Arabi aufgegeben, wo türkisches Geld kursiert. Was ist hieraus zu folgern?«

»Daß der Schreiber ein Perser ist, und daß er dieses Goldstück als Petschaft bei sich trägt. Oder nicht?«

»Ja. Schau, wie nun auch dir Gedanken kommen!

Der Tuman wollte dir erst als gleichgültig erscheinen, und jetzt hat er dir schon so viel gesagt!«

»Aber doch ohne Erfolg! Tuman ist Tuman. Es kann nicht ein jeder, der so ein Goldstück besitzt, der Schreiber dieses Briefes sein!«

»Allerdings. Aber bei wem man dieses findet, grad dieses, den darf man doch wohl mit sehr großer Wahrscheinlichkeit für den hohen Sill halten, der ihn abgeschickt hat?«

»Gewiß! Aber von wem könnte man erfahren, daß es grad dieser Tuman, also derselbe und kein anderer sei?«

»Von dem Tuman selbst.«

»Wieso?«

»Betrachte die Siegel genau, so wirst du es wohl finden!«

Er that es, doch, wie es schien, vergeblich.

»Ich sehe nichts Besonderes an diesem Abdrucke,« sagte er dann.

»Gehe über den Rand des Goldstückes hinaus,« unterwies ich ihn. »Was siehst du da?«

»Der Lack ist dick, der Abdruck also tief. An den Rändern giebt es auch Eindrücke, kleine, die wohl zufällige sind.«

»Nein, nicht zufällig. Schau sie genau an, und zwar nicht einzeln, sondern denke sie dir zusammen! Der Tuman hängt an einem dünnen Kettchen, dessen Glieder aus den Buchstaben Sa und Lam zusammengesetzt sind. Weil bei dem Siegeln zu viel Lack genommen worden ist, haben sich einige dieser Glieder mit abgedrückt. Nun ich dir dies gesagt habe, wirst du sie wohl deutlich als die genannten Buchstaben erkennen.«

»Allerdings, allerdings,« bestätigte er. »Nun ich es weiß, sehe ich es auch. Der Tuman hängt an einem Kettchen. Er wird also getragen, um immer bei der Hand zu sein. Aber wo?«

»Suche es! Die Antwort liegt schon bereit.«

»An welchem Orte?«

»Dort auf dem Briefe.«

»Ich sehe nichts!«

»So will ich es dir sagen, damit du auch das dann siehst. Der Tuman hänge am Ringe einer Geldbörse. Das andere Ende des Kettchens ist an diesen Ring befestigt. Das Goldstück steckt stets in der Börse. Wenn er sie durch das Aufschieben des Ringes öffnet, zieht er dadurch zu gleicher Zeit den Tuman hervor. Er braucht ihn auf diese Weise nicht erst unter den andern Geldstücken hervorzusuchen und kann ihn auch nicht irrtümlicherweise ausgeben oder gar verlieren, falls er nicht etwa die Börse selbst verliert.«

»Bist du allwissend, Effendi? Ich sehe nichts von allem, was du sagst!«

»Man sieht es aber doch sofort! Wieviel Siegel hat der Brief?«

»Fünf.«

»Er wurde von rechts unten nach links oben gesiegelt. Der Lack ist ein sehr guter, weicher. Er wird nicht sofort hart. Das Kettchen ist nicht so lang wie der Brief breit ist. Als der Absender links oben das letzte Siegel machte, kam infolgedessen die Börse quer auf die drei ersten Siegel zu liegen. Indem er mit den Fingern den Tuman da oben in den Lack drückte, drückte er zu gleicher Zeit, natürlich aber ohne es zu wollen, mit dem Handballen auf die Börse. Die drei Siegel waren noch nicht ganz kalt und hart geworden, und so kam es, daß von den Maschen des Geldbeutels und von dem untern Teile des Ringes Spuren entstanden, die gar nicht schwer zu bemerken sind. Du darfst nur nicht bloß nach den Abdrücken des Tuman sehen, welche tief liegen, sondern auch die hohen, breiten Ränder des Lackes betrachten; dann wirst du ganz dasselbe bemerken wie ich.«

Er sah genauer nach, gab dann den Brief dem Pedehr und sagte:

»Schau auch du ihn an! Würdest du etwas finden, wenn du nicht gehört hättest, was der Effendi sagte? Und nun sieht man die Maschen ganz deutlich und auch die Stelle, wo der Ring gelegen hat. Und da habe ich geglaubt, sehen zu können!«

»Du konntest auch sehen, aber du dachtest und kombiniertest nicht dabei,« erklärte ich. »Es ist gar nicht so leicht, wie ihr nun vielleicht denken werdet, mit dem körperlichen Auge diese Eindrücke, mit dem geistigen dann aber auch sofort das Kettchen, die Börse und den Ring zu sehen. Nachdem ich vorwärts geschlossen und die Sache gefunden habe, ist es nun für euch nicht schwer, auf diesem meinem Wege rückwärts zu gehen und mir zu bestätigen, daß ich mich nicht geirrt habe. Dein Wunsch, Ustad, ist also erfüllt: Du weißt, wo der Tuman getragen wird.«

»Ja,« lächelte er. »Wenn ich einen Menschen sehe, an dessen Geldbeutelringe, wenn er ihn aus der Tasche zieht und öffnet, an einem Sa– und Lam-Kettchen ein persischer Goldtuman hängt, so habe ich den Verfasser dieses Briefes entdeckt! Mein lieber Effendi, habe doch die Güte, ihn mir so schnell und so sicher zu bringen, wie du uns gelehrt hast, diese Siegel zu verstehen! Kannst du zaubern?«

»Nein. Es giebt überhaupt keine Zauberei. Aber wer zur rechten Zeit und an der rechten Stelle zuzugreifen versteht, dem wird vieles gelingen, worüber andere sich dann laut verwundern. Der Schreiber dieses Briefes ist ein Perser. Wir sind in Persien. Ist es eine Unmöglichkeit, daß er uns irgendwo und irgendwann begegne? Aber ihn dann auch wirklich sehen, ihn erkennen und – dann rasch zugreifen! Das ist es, was wir dann zu thun hätten! Würden wir das?«

»Ich hoffe es!« antwortete der Ustad, indem er den Brief von dem Pedehr zurücknahm. »Aber das Schreiben ist ja noch gar nicht geöffnet! Warum nicht?«

»Weil ich nicht der Adressat bin. Verschlossene Briefe sind mir heilig.«

»Was bist du für ein Mann! War den Schatten vielleicht an dir etwas heilig? Sogar ermordet solltet ihr von ihnen werden! Und nun wagst du dich nicht an dieses armselige Papier, obwohl du weißt, daß ein Schatten es beschrieben hat und daß es höchst wahrscheinlich Dinge enthält, welche guten, ehrlichen Menschen Schaden bringen müssen! Ich werde ihn sofort öffnen!«

Er nahm ihn derart in seine beiden Hände, daß ich sah, er wolle die Siegel erbrechen.

»Halt!« rief ich ihm zu. »Nicht so!«

»Wie denn?«

»Verletze die Siegel nicht!«

»Du meinst, ich solle ihn aufschneiden?«

»Auch nicht!«

»Aber was sonst? Warum diese Einwände?«

»Weil wir Grund haben, bedachtsam zu sein! Es ist möglich, daß wir diesen Brief zu unserem Vorteile brauchen können, entweder gegen den Verfasser selbst oder gegen Ghulam, an den er gerichtet ist, vielleicht auch gegen beide.«

»Um dies zu wissen, müssen wir ihn eben öffnen und lesen!«

»Aber mit Vorsicht! Wie nun, wenn wir nach dem Oeffnen guten Grund fänden, die Schatten glauben zu machen, daß er noch unverletzt sei?«

»Maschallah! Hältst du das für möglich?«

»Gewiß! Wir haben ihn so zu öffnen, daß wir ihn genau wieder so verschließen können, wie er jetzt verschlossen ist.«

»Wer kann das thun! Ich habe kein Geschick zu solchen Dingen!«

Bei diesen Worten reichte er das Schreiben mir. Nun untersuchte ich es sorgfältiger, als ich es früher gethan hatte. Ich war der Meinung gewesen, daß es ein zusammengefaltetes Blatt sei, aus nur einem Stücke bestehend. Als ich den Brief nun gegen das Licht hielt, bemerkte ich, daß er aus zwei Teilen bestand, dem Umschlage und dem eigentlichen Schreiben, welches innen lag. Der Umschlag war kein Couvert in unserm Sinne, mit vier auf die Rückseite geschlagenen und dort zusammengeleimten Ecken, sondern einfach ein zusammengelegtes und mit den Enden ineinander gestecktes Papier, ungefähr so, wie unsere Apotheker die Papierumschläge fertigen, in denen sie ihre Pulver verkaufen. Es gab also auf der Rückseite nicht vier zusammenstoßende Ränder, sondern nur einen, der quer über die Mitte ging. Er war durch das mittelste Siegel verschlossen worden. Die andern vier Siegel erschienen also als vollständig überflüssig, obgleich anzunehmen war, daß man auch sie nicht ohne Grund angebracht hatte.

Es handelte sich also nur darum, den Mittelverschluß zu öffnen, ohne daß dies später zu entdecken war. Als ich das den beiden andern mitteilte, bat der Pedehr mich um den Brief. Er bekam ihn, hielt ihn auch gegen das Licht, griff mit dem Zeigefinger erst rechts, dann links in den Umschlag und sagte lachend:

»Wo sich Gelehrte vergeblich die Köpfe zerbrechen, da findet der ungelehrte Mutterwitz sofort das Richtige. Ich mache auf, ohne ein Siegel anzurühren!«

Er zog auf der einen Seite den nach innen geschlagenen Teil des Umschlages heraus, schob hierauf zwei Finger hinein und brachte das Schreiben hervor. Der Ustad lachte, und ich stimmte ein. Der Pedehr aber sagte ernst:

»Hier zeigt sich wieder einmal, wie wenig sich der Böse auf den Bösen verlassen kann. Und wenn der Ungerechte seine Absichten sogar fünfmal versiegelt, sie kommen trotzdem an den Tag und zwar infolge seines eigenen Leichtsinnes und seiner Unvorsichtigkeit!«

Wir schlugen das Schreiben auf. Wir waren fast begierig, es zu lesen. Wir thaten das zu gleicher Zeit, ich mit meinem Kopfe ganz neben dem des Ustad. Aber schon nach kurzer Zeit erhob er den seinen, ich den meinen. Wir sahen einander verwundert an.

»Kannst du es lesen?« fragte er mich.

»Nein,« antwortete ich.

»Ich auch nicht! Ist dir diese Sprache bekannt?«

»Nein.«

»Auch mir nicht! So können nur ganz wilde Geschöpfe sprechen. Aber die schreiben doch nicht!«

»Es ist Täliq-Schrift!«

»Ganz wohl! Dieselbe Schrift, von welcher wir vorhin –«

Er hielt mitten in der Rede inne, sprang auf, machte eine Gebärde der Ueberraschung und fuhr dann fort:

»Effendi, welch ein Gedanke! Wenn er richtig wäre!«

»So sprich ihn aus!«

»Diesen Brief hat ein Sill geschrieben. Du behauptest, der Multasim sei auch ein Sill und hältst ihn für den Adressaten. Wir haben vorhin bei ihm ein Täliq-Alphabet gefunden. Sollte dieses Alphabet sich etwa auf diesen Briefwechsel beziehen?«

Dieser Gedanke war zwar frappierend, aber ganz natürlich. Wir nahmen das kleine Heftchen vor, schlugen es auf und begannen zu vergleichen. Wie freuten wir uns, schon gleich bei den ersten Buchstaben zu sehen, daß der Ustad mit seiner Vermutung das Richtige getroffen hatte! Es stand in dem Heftchen ganz deutlich, wie das Schreiben, welches wir geöffnet hatten, zu lesen war. Wir hatten sehr einfach die Buchstaben so zu verwechseln, wie es dort angegeben wurde. Indem ich auf meine Umschreibung in das deutsche Alphabet auf Seite 62 dieses Buches zurückgreife, ist dies so zu verdeutlichen, daß t statt a, u statt b, v statt c, w statt d u. s. w. zu lesen war.

Der Ustad holte zwei Papierblätter, für sich eines und für mich das andere. Dann setzten wir uns hin, um die vorgeschobenen Buchstaben in die richtigen zu verwandeln. Als wir damit fertig waren, stellte es sich heraus, daß zwischen den beiden Schreiben nicht der geringste Unterschied bestand.

Nun hatten wir mit dem Sinne der Worte zugleich den Inhalt des Briefes kennen gelernt. Für den Uneingeweihten wäre er selbst jetzt nach der Entzifferung ein Rätsel geblieben. Aber so wenig wir über die Sillan wußten, so war es doch genug für uns, diesen Inhalt zu verstehen. Der Brief lautete folgendermaßen:

»An Ghulam el Multasim, meinen Henker!

Es ist die Zeit gekommen, daß die Gul- ï-Sch ïraz auf der Brust von Rafadsch Azrim zu erblühen hat. Das soll am fünften Tage des Monates Schaban geschehen, zur Zeit des Abendgebetes, keine Stunde früher, keine später. Du brauchst ihn nicht zu suchen. Er wird dir zugeführt, wo es auch immer sei. Du weißt, daß ich zwar unsichtbar, doch auch allmächtig und allgegenwärtig bin! Blüht sie nicht ihm, so blüht sie sicher dir!

Der Aemir-i-Sillan.«

»Welch eine wichtige Entdeckung wir da machen!« rief der Ustad aus, als diese Zeilen laut vorgelesen worden waren. »Wenn man doch wüßte, wer dieser Aemir-i-Sillan ist!«

»Greif nicht sofort zu hoch!« forderte ich ihn auf.

»Wie meinst du das?« fragte er.

»Laß uns, ehe wir Fragen aufwerfen, den Brief erst geistig anschauen! Der Inhalt ist uns verständlich; aber das, worauf er sich bezieht, kennen wir noch nicht. Wir haben es uns zu suchen, auf dem Wege des Nachdenkens. Auf den „Obersten der Schatten“ können wir nur am Ende dieses Weges stoßen. Du aber willst, um ihn sofort zu finden, den ganzen Weg überspringen und machst also einen Salto mortale in das Ungewisse hinein. Jugendlicher Stürmer!«

Da lachte er vergnügt, was ihn bei seinem hohen Alter unendlich rührend machte, und sprach die heitere Bitte aus:

»So führe mich auf diesem Wege an deiner Hand so Schritt für Schritt spazieren, wie es für schwache Greise, wie wir sind, sich geziemt!«

»Ja, komm, und hänge bei mir ein! Wir wollen nach dem Gewaltigen suchen gehen, dem Mord und Rosenduft gleichbedeutend sind, weil sich in ihm, dem schon von weitem nur nach intellektuellem Dünger Riechenden, die Empörung gegen die geheiligte Lebensordnung verkörpert.« »Ob wir ihn aber auch finden werden?«

»Wenn nicht heut, so doch wahrscheinlich morgen. Wir brauchen uns keine Zeit zu nehmen, denn wir haben ja Zeit; es drängt uns nichts! Beginnen wir also von vorn, ganz vorn bei dem Anfang unserer Kenntnis von den Schatten!«

»Das wäre also in jener Tigrisbucht, in welcher die ersten Sillan zu euch kamen?«

»Ja. Welcher Nationalität waren sie?«

»Perser.«

»Gut! Merke dir das! Welchen Titel hatte ihr Anführer?«

»Pädär-i-Baharat, Vater der Gewürze. Er klagte aber darüber, daß er jetzt nur als Sill-i-Safaran, als Schatten des Safrans zu betrachten sei. Auch das war also ein Titel.«

»Bitte, merke dir auch dieses, bis ich darauf zurückkomme! Was hatte er für einen Ring?«

»Einen goldenen. Er bekleidete also eine hohe Charge.«

»Welcher Sill war dann der nächste, den wir trafen?«

»Der Bettler, welcher mit seinem Weibe zu euch auf das Floß kam.«

»Ein Perser?«

»Nein. Er hatte einen silbernen Ring war also ein ganz gewöhnlicher Sill.«

»Weiter! Dann?«

»Der Säfir. Er war Perser und hatte einen goldenen Ring.«

»Bitte, fahre fort!«

»Ghulam el Multasim mit dem goldenen Ringe und Ahriman Mirza mit seiner noch höheren Auszeichnung ,beide aber Perser.« »Du hast die Pascher vergessen, welche wir am Birs Nimrud gefangen nahmen. Hältst du sie für Perser!«

»Nein. Denn sie wurden begnadigt, türkische Zollbeamte zu werden, was wohl nicht hätte geschehen können, wenn sie persische Unterthanen gewesen wären. Warum fragst du bei diesen allen nach der Nationalität?«

»Weil dies der Weg ist, auf dem wir jetzt miteinander spazieren gehen. Die höheren Sillan waren Perser, die niedrigen aber nicht. Du suchst aber nach dem Aemir-i-Sillan. Wenn alle höheren aus Persien kamen, wo ist da wohl mit fast untrüglicher Sicherheit der allerhöchste erst recht zu finden?«

»Natürlich auch in Persien! Das würde für mich sogar eine ganz unumstößliche Gewißheit sein, wenn es nicht einen Umstand gäbe, der gegen diese Annahme spricht.«

»Ich errate, was du meinst.«

»Nun, was?«

»Daß der Brief unten in Korna aufgegeben worden ist, so weit von hier, auf türkischem Gebiete.«

»Ja, das ist es, Effendi. Es folgt daraus, daß der Schreiber desselben entweder da unten im osmanischen Irak Arabi wohnt, oder sich zur Zeit, als der Brief geschrieben wurde, dort aufgehalten hat. Du siehst, daß auch ich mit meinen Gedanken spazieren zu gehen verstehe!«

»Allerdings! Aber man thut das doch nicht mit zugemachten Augen!«

»Höre, ich glaube, sie ganz gewiß offen zu haben! Oder nicht?«

»Nein. Wenn du sie offen hättest, müßtest du doch wohl den Säfir sehen!«

»Den Säfir? Den sehe ich ja, sogar sehr deutlich.

Er befindet sich in den Ruinen von Babylon und hat mit Esara el Awar in Korna, dem das Schreiben übergeben wurde, nichts zu thun.«

»Um so wichtiger aber ist er für die Frage, welche wir beantworten wollen. Sage mir, Ustad, was man unter einem Säfir versteht!«

»Einen Gesandten. Einen Vertrauensmann, welchen man schickt, damit er eine wichtige Angelegenheit erledige.«

»Vollständig richtig! Wer hat diesen Säfir abgeschickt?“«

»Natürlich der Aemir-i-Sillan.«

»Wohin?«

»Hinab nach Babylon.«

»Also nach dem Irak, wo auch Korna liegt und wo der Brief aufgegeben worden ist. Ich habe den letzteren in Basra bekommen. Dort aber hat er wer weiß wie lange bei dem Kaffeewirte gelegen, und von Korna ist er wohl auch nicht sofort abgegangen. Nun bitte ich dich, nachzurechnen! Du kennst unsere Erlebnisse. Frage dich: Wann erschien der Säfir in Babylon? Vergleiche hiermit die Zeit, in welcher der Brief in Korna abgegeben worden sein muß. Was findest du dann?«

»Daß diese Zeiten stimmen, daß sie dieselben sind! Effendi, es scheint, du hast die Augen offener als ich!«

»Warte nur; ich bin noch gar nicht fertig. Ich sehe noch mehr! Wann wurde der Säfir zum erstenmal erwähnt?«

»Bei der Gefangennahme des alten polnischen Bimbaschi in den Ruinen. Da war er auch schon da.«

»Sehr richtig! Er ist also schon vor Jahren und wiederholt im Irak gewesen. Er kennt die dortigen Sillan. Er mußte also auch Esara el Awar kennen, an den der Brief abgegeben wurde. Und nun kommt der Hauptpunkt: Schickt man einen Gesandten dahin, wo man sich selbst befindet?«

»Nein; gewiß nicht!«

»Ist also anzunehmen, daß der Aemir-i-Sillan zu derselben Zeit im Irak war, als sein Stellvertreter sich dort befand?«

»Schwerlich!«

»Hierzu kommt, daß es sich um höchst wichtige Dinge handelte. Die Vernichtung der Karawane des Kammerherrn, die Bestechung des Sandschaki von Hilleh und noch so manches andere erscheint mir jetzt in einem ganz andern Lichte als damals. Ich werde später hierauf kommen. Aber das alles war so wichtig, daß der Aemir-i-Sillan ganz gewiß persönlich gekommen wäre, wenn er sich zu derselben Zeit in dieser Gegend befunden hätte. Ich bin also aus diesen und noch andern Gründen vollständig überzeugt, daß er es nicht selbst war, der diesen Brief in Korna abgegeben hat. Ich nehme vielmehr an, daß dies von dem Säfir besorgt worden ist.«

»Wenn du das in dieser Weise darlegst, muß ich dir recht geben. Aber Ghulam, der Henker, welcher das Schreiben erhalten sollte, war doch in Persien. Warum wurde es ihm nicht direkt geschickt? Warum mußte es einen so weiten Weg über das Ausland machen? Ich begreife das nicht. Etwa du?«

»Ja. Ich glaube, den Grund zu kennen.«

»So bin ich wohl begierig, ihn zu erfahren.«

»Er heißt: Vorsicht! Der Aemir-i-Sillan hat sich zu verstecken. Er hüllt sich in das tiefste Geheimnis ein. Seine persönliche Sicherheit erfordert das. Du hast doch gehört, daß der Pädär-i-Baharat Empörungsgedanken gegen ihn hatte; er sprach von noch anderen, welche ganz derselben Gesinnung seien. Der „Oberste der Schatten“ hat sich also nicht nur vor dem öffentlichen Gesetze, sondern sogar vor seinen eigenen Leuten sehr in acht zu nehmen. Niemand darf erraten, wer er eigentlich ist. Wir wissen ja, daß er stets einen Kettenpanzer trägt, wenn er am „Montag des Soldes“ in die Versammlung seiner sogenannten Pädärahn tritt. Je größere Macht er einem seiner Untergebenen anvertraut, desto mehr hat er selbst ihn dann zu fürchten. Vor wem hat er sich wohl am meisten in acht zu nehmen?«

»Das weiß ich nicht!«

»Nicht? Es ist aber doch so leicht, es sich zu denken! Die Macht liegt nicht im Besitze, sondern in der Ausführung der Gewalt. Die Gewalt über Leben und Tod aber ist die höchste. Kennst du den nicht, der die hierauf bezüglichen Befehle auszuführen hat?«

»Maschallah! Jetzt weiß ich es! Ghulam el Multasim. Er ist ja der Henker! Du dachtest doch an ihn, Effendi?«

»Gewiß! Der Aemir-i-Sillan hat sich vor niemand so zu hüten wie vor seinem Henker, weil dieser der blutige Schatten seiner eigenen Verbrechen ist. Er hat sich unausgesetzt und so sorgfältig vor ihm zu verstecken, daß nicht die geringste Ahnung aufkommen kann, wer der „Fürst“ ist und wo er sich befindet. Und doch hat er ihn ebenso unausgesetzt und sorgfältig im Auge zu behalten, um stets über die Gesinnungen des Henkers genau unterrichtet zu sein. Darum schreibt er ihm hier in dem Briefe: „Du weißt, daß ich zwar unsichtbar, doch auch allmächtig und allgegenwärtig bin!“ Er wird sich also fast immer in der Nähe des Henkers befinden, teils aus Vorsicht und teils, um ihn stets zur Ausführung seiner Befehle an der Hand zu haben und dabei beaufsichtigen zu können. Wer den „Fürsten der Schatten“ finden will, muß zu Ghulam el Multasim suchen gehen!« Da klatschte der Pedehr seine Hände laut zusammen und rief aus:

»Effendi, ich war zwar still bisher, aber ich bin auch mit spazieren gegangen. Es ist ja ganz erstaunlich, was du alles siehst und zusammenholst, wenn man so mit dir geht! Doch sobald man es dann in die Hände nimmt und ganz genau betrachtet, möchte man sich fast vorwerfen, blind gewesen zu sein. Jetzt aber sind auch mir einige Gedanken gekommen, welche ich dir mitteilen möchte. Erlaubst du es?«

»Von Erlaubnis kann keine Rede sein. Ich bitte dich darum,« antwortete ich.

»Ihr habt vorhin noch einige Sillan vergessen. Nämlich die zwei Männer im Khan Iskenderijeh, wo ihr eure Pferde tränktet und von den beiden hörtet, daß die Karawane des Kammerherrn kommen werde. Sie waren keine Perser und hatten nur silberne Ringe. Auch das deutet darauf hin, daß die hohen Sillan sich nur hier in Persien befinden. Ich habe aber einen noch viel besseren Beweis hierfür. Nämlich der Pädär-i-Baharat erwähnte eine Synagoge, in welcher diese Hohen am Montage des Soldes zusammenkommen. Läge diese Synagoge da, wo man arabisch oder türkisch spricht, so hätte er sie ganz gewiß Sinawon, Chawra oder Jähudi Chawrasy genannt. Da er sie aber als Mäjmä-i-Yähud bezeichnete, so ist anzunehmen, daß sie hier in Persien liegt. Ebenso vermute ich, daß die Pädärahn ihren Wohnsitz nicht in großer Ferne von ihr haben können, weil es ihnen sonst nicht möglich sein würde, sich an dem Versammlungstage regelmäßig einzufinden. Giebst du mir da recht?«

»Ja. Grad hierauf wollte ich euch später aus ganz besondern Gründen aufmerksam machen.«

»Und nun die Gewürze,« fuhr der Pedehr fort.

»Die sind mir aufgefallen. Es wurde von einem „Vater der Gewürze“ gesprochen, von einem „Schatten des Safrans“. Auch der Saflor wurde genannt. Der Pädär-i-Baharat sagte: „Warum bin ich für alle Gewürze bestimmt und habe doch nur den Safran bekommen. Muß ich das alles dulden?“ Es scheint, daß die Pflichten und Obliegenheiten eines jeden Pädär mit dem Geruche eines bestimmten Gewürzes bezeichnet werden, und daß der Pädär-i-Baharat die Erfüllung dieser Pflichten zu überwachen habe und dafür besser bezahlt werde als die anderen. Wenn du mir doch erlaubtest, auf diesen „Wohlgerüchen“ bis zum „Rosenduft“ emporzusteigen, Effendi!«

»Thue es!« antwortete ich rasch. »Ich höre, daß du auf dem richtigen Wege bist.«

Er fuhr fort:

»Was die Sillan thun, ist Sünde, ist Verbrechen. Sie beginnen mit dem Schmuggel, den man kaum für ein Vergehen hält, und steigen bis zum Mord hinauf, der schwersten aller strafbaren Thaten. Zwischen diesen beiden liegt gewiß die ganze Reihe der Verbrechen, deren jedes mit einem besondern Geruche bezeichnet wird. Nicht?«

»Jawohl,« nickte ich. »Es giebt wohl keinen Sill, von dem man sagen könnte, daß er „in einem guten Geruche“ stehe! Sprich weiter!«

»Der Duft der Rose bedeutet den Mord. Das wissen wir, seit heute die deine aufgebrochen werden sollte. Der des Safran scheint die Schmuggelei zu sein. Habe ich recht, wenn ich annehme, daß der Brief an den Multasim den Befehl zur Ermordung eines Menschen enthält?«

»Ja.«

»So ist es doch auffällig, daß nicht von der Rose im allgemeinen, sondern von der köstlichen Gul-i-Schiraz die Rede ist!«

»Mir fällt das gar nicht auf. Es ist das einfach eine Steigerung.«

»Eine Steigerung des Mordes? Kann ich, wenn ich jemand totschlage, dies noch steigern?«

»Ich meinte es anders. Der Duft der gewöhnlichen Rose bedeutet die Ermordung einer gewöhnlichen Person. Was für eine Person wird da wohl gemeint sein, wenn man nach der herrlichsten aller Rosen greift?«

»Ah, das ist die Lösung? Es handelt sich nicht um einen gewöhnlichen, sondern um einen wahrscheinlich sehr hochstehenden Menschen!«

»So ist es; ich wenigstens denke es mir so. Du hast unsern Gedankengang mit deiner Erwähnung der Gewürze unterbrochen. Wir waren bei der Ueberzeugung angekommen, daß der Aemir-i-Sillan in der Nähe des Multasim zu suchen sei. Er traut ihm nicht. Er will ihm nicht wissen lassen, daß er nur seine Hand auszustrecken brauche, um ihn zu vernichten. Er will ganz im Gegenteile die Meinung in ihm erwecken, daß er sich persönlich sehr weit von ihm befinde, womöglich gar jenseits der persischen Grenze. Darum hat er diesen Brief durch den Säfir hinunter nach dem Irak Arabi bringen lassen, von wo er dann zurück nach Persien und zu dem Multasim zu kommen hatte.«

Da fiel der Ustad ein:

»Das klingt zwar sehr richtig, doch stößt mir dabei ein Bedenken auf!«

»Welches?« fragte ich.

»Errätst du es nicht?«

»Doch! Wenn meine Ansicht die richtige ist, so muß der Multasim jedenfalls zu erfahren haben, von welchem Orte der Brief kommt?«

»Ja, so dachte ich. Es steht aber nichts davon im Briefe!«

»Sehen wir genau nach. Vielleicht finden wir etwas. Und wenn es auch weiter nichts als nur irgend ein Zeichen wäre. Ein Personenname wird freilich nicht angegeben sein, weil dies zum Verrate führen könnte.«

Wir untersuchten hierauf beide Seiten des Briefes, konnten aber nichts entdecken, selbst gegen das Licht gehalten nicht. Darum nahmen wir hierauf den Umschlag her. Wir hatten bisher nur seiner äußern Seite Beachtung geschenkt. Als wir nun auch die innere betrachteten, da sahen wir allerdings, mit einer feinen Feder ganz an den äußersten Rand geschrieben, in kleinsten Buchstaben einige Worte gekritzelt, die jedem andern als dem Eingeweihten unbedingt entgehen mußten. Sie lauteten: »Durch den Dartschin in Korna von dem Aemir.« Dartschin ist das persische Wort für Zimt.

»Nun?« fragte ich, über diese Entdeckung erfreut.

»Ja; es scheint sich alles, was du schließest, bestätigen zu sollen,« antwortete der Ustad. »Ich habe nicht geahnt, daß man bei einem Spaziergange auf solchem Wege, an welchem fast nichts zu stehen scheint, so schöne und so wichtige Blumen sammeln könne. Es giebt jedenfalls bei den Sillan eine Vorschrift darüber, wo und wie solche Auskünfte beizufügen sind. Aber nun kommt die Hauptsache: Wer ist der, welcher ermordet werden soll?«

»Ich hoffe, daß wir auch das finden werden.«

»Mir scheint es unmöglich!«

»Mir nicht. Es handelt sich jedenfalls um einen hochstehenden Herrn. Du bist am Hofe bekannt. Du wirst die Namen aller hervorragenden Männer Persiens wissen.«

»Die weiß ich allerdings. Aber einen Rafadsch Azrim kenne ich nicht. Dieser Name klingt so arabisch und so persisch, aber einen mir bekannten Mann, der ihn trägt, giebt es nicht.«

»Vielleicht heißt er gar nicht so, sondern anders,« fiel da der Pedehr ein. »Auf dem Umschlage wurde doch auch Dartschin anstatt Esara el Awar gesagt!«

»Aber Rafadsch Azrim ist kein Gewürz!« erwiderte der Ustad.

»Sollte da das Alphabet nicht helfen können?«

Wir versuchten es; aber auch das war vergeblich. Da aber schien den Ustad ein plötzlicher Gedanke zu überkommen. Er nahm den Brief in beide Hände, las und rief dann aus:

»Ich habe es! Wie leicht, und wie aber auch wie gräßlich!«

»Nun, wer ist’s?« fragte ich gespannt.

»Lies selbst! Lies den Namen rückwärts! So leicht! Wie konnten wir nicht hierauf kommen!«

Er wollte mir das Schreiben geben; ich nahm es aber gar nicht, denn man brauchte die geschriebenen Worte nicht zu sehen, um zu wissen, daß der Name Rafadsch Azrim, wenn man ihn von rückwärts liest, Dschafar Mirza lautet.

Da sahen wir uns alle drei nicht nur erstaunt, sondern höchst betroffen an.

»Das ist doch nicht etwa Mirza Dschafar, mein Bekannter?« fragte ich.

»Doch!« versicherte der Ustad.

»Aber dieser war ja nicht Prinz!«

»Er war es. Aber er setzte während seiner großen, mehrjährigen Studienreise den Mirza nicht hinter, sondern vor seinen Namen. Er glaubte Grund zu haben, jedes Aufsehen zu vermeiden. Er reiste im Namen des Schah-in-Schah, und das sollte niemand wissen.«

»Was ist er jetzt?«

»Er hat kein besonderes Amt. Er verzichtet auf alle Ehren und Würden. Er will sich nicht unter Die reihen lassen, welche angeben, die Diener des Beherrschers zu sein, und in Wirklichkeit nur seine Gegner sind. Aber er hat ihm sein ganzes Leben und seine ganze Kraft geweiht, und wo es gilt, das Volk von der Güte und von der Gerechtigkeit seines Herrn zu überzeugen, da ist er stets vorhanden.

»So muß ihn Ahriman Mirza hassen, wenn er ihn kennt!«

»Ob er ihn kennt! Sie stehen einander gegenüber wie Feuer und Eis, wie Licht und Finsternis, wie Liebe und Haß, wie Tugend und Verbrechen.«

»Wo ist Dschafar Mirza jetzt?«

»Ich weiß es nicht. Kürzlich war er in Teheran beim Schah, der sich jetzt in Isphahan befindet. Vielleicht ist er auch dort. Ich will dir nur sagen: Er ist mein Freund! Das ist genug! Ich muß ihn warnen! Sofort warnen!«

Da legte ich ihm die Hand auf den Arm und sagte:

»Nein! Du wirst ihn nicht warnen!«

»Höre ich recht? Verlange von mir alles, nur das nicht!«

»Ich verlange es!«

Da trat er von mir zurück, sah mir mit ungewissen, fast zornigen Augen in das Gesicht und fragte:

»Soll ich irr werden an dir, Effendi?«

»Werde irr! Doch sei nicht unbedachtsam!«

»Unbedachtsam? Es giebt hier nur eine einzige Bedachtsamkeit, einen einzigen Gedanken, einen einzigen Entschluß und eine einzige Pflicht für mich: meinen Freund zu retten!«

»Das sollst du auch!«

»Ohne ihn zu warnen?«

»Ja. Denn wenn du ihn warnst, so ist er zwar für jetzt zu retten, für später aber wahrscheinlich verloren!«

»Beweise es!«

Da schüttelte ich bedauernd den Kopf und sagte:

»Ich hörte aus deinem eigenen Munde, daß du mich liebest, daß du dich Eins mit mir fühlest. Das war, als ich mich in Todesgefahr befand. Da sagte ich dir, daß, wenn Geister sich küssen, es für sie fortan nur noch einen vereinten Pulsschlag gebe. Und nun? Jetzt? Ist es wirklich Liebe gewesen? Ein Kuß der Geister? Kaum eine Stunde später tritt schon eine andere Gestalt zwischen dich und mich! Die Einheit schwindet, und des Lebens Zwiespalt schiebt uns auseinander! Du willst Beweise! Kannst du nicht vertrauen? Soeben noch gingst du an meiner Hand „spazieren“. Ich zeigte dir, daß ich viel besser und viel weiter sah als du. Da kommt ein Bild aus vergangenen Tagen. Es steigt aus deiner „Gruft“ zu uns empor. Es ist der Schatten, der dich einst regierte. Kannst du ihn bannen? Ja? Versuche es!«

Er stand gesenkten Hauptes vor mir und sagte nichts. Da ließ der Pedehr seine begütigende Stimme hören:

»Zürne nicht, Effendi! Wir vertrauen dir! Wenn du willst, daß Dschafar Mirza nicht gewarnt werden solle, so wird er nicht gewarnt. Du hast deine Gründe!«

»Ja; ich habe sie und will sie euch nun sagen. Wann ist der Tag des Wettrennens, Pedehr?«

»Es ist der fünfte des Schaban,« antwortete er.

»Wann soll Dschafar Mirza ermordet werden?«

»Am fünften des Monats Scha –«

Er kam nur bis zu dieser Silbe, denn da fiel der Ustad schnell und verwundert ein:

»Maschallah! An – an ganz demselben Tage!«

»Merkst du etwas, Ustad?« fragte ich ihn.

»Nein!« gestand er.

»Noch nichts? Sein Blut wird hier bei euch vergossen werden sollen!«

»Effendi!« fuhr er auf.

»Effendi!« rief vor Schreck auch der Pedehr.

»Ich bitte euch, nicht zu erschrecken!« fuhr ich fort. »Es war das anders wohl vorherbestimmt. Als der Aemir-i-Sillan befahl, daß Dschafar Mirza am fünften Tage des Monates Schaban sterben solle, wußte er noch nicht, daß er diesen Tag hier bei euch verbringen werde.«

»Hier bei uns – hier bei uns? fragten beide wie mit einer Stimme.

»Ja, hier im Duar der Dschamikun!«

»Der Aemir-i-Sillan?« rief der Ustad.

»Er selbst?« stimmte der Pedehr ein.

»Er selbst!« bestätigte ich. »Er kommt mit seinem Henker.«

»Der ist doch hier! Den haben wir ja schon!« warf der Ustad ein. »Hast du vergessen, daß der Multasim der Henker ist? Unser Gefangener, oder vielmehr dein Gefangener, dem du es wohl verleiden wirst, jemals wieder hierher zu kommen!«

»Verleiden? Das würde der größte Fehler sein, den ich als euer Freund begehen könnte! Wenn ich mich heut oder morgen an ihm vergreifen wollte, so käme vielleicht schon übermorgen ein ganzes Heer von „Schatten“ über euch, die ich mit dieser meiner That geschaffen hätte! Wir wollen Feinde vernichten, aber keine neuen hervorrufen!«

»Willst du ihn etwa laufen lassen?« fragte der Pedehr.

»Ja,« gestand ich ein.

»Unmöglich!«

»Doch!«

»Den Henker freigeben, welcher Dschafar Mirza ermorden soll! Bedenke, Effendi!« rief er warnend aus.

»Ich habe es bedacht!«

Da sagte der Ustad in beruhigendem Tone zum Pedehr:

»Du vergissest eins: Der Multasim hat den Brief ja nicht erhalten. Er weiß also gar nicht, was der Aemir-i-Sillan von ihm verlangt, und kann es folglich auch nicht thun.«

»Du irrst!« warf ich ein. »Er wird den Brief bekommen.«

»Von wem?«

»Von uns. Wenn auch nicht direkt.«

Da waren sie beide still. Darum hob ich freundlich mahnend den Finger und sagte:

»Pedehr, Pedehr! Noch soeben hast du dich verständig meiner angenommen, und jetzt schaust du mich an, als ob du ganz und gar vergessen hättest, daß „ich wohl meine Gründe haben werde“! Ihr seid mit mir fast durch den ganzen Brief gegangen und habt die Augen immer noch nicht offen. Ich sah euch bei dem Gedanken, daß der Aemir-i-Sillan hierherkommen könne, förmlich erschrecken. Warum doch nur? Er ist ja schon hier gewesen!«

»Wann?« fragte der Ustad im Tone des Unglaubens.

»Vielleicht schon oft, nämlich heimlich. Ganz offen aber heut.«

»Heut –? Wann? Wo? Wie?«

»Mit den Persern. Er ist ja Perser!«

»Effendi, ich weiß nicht, was ich sagen soll!«

»Sage nichts, sondern suche!«

»Wo?«

»Hier in diesem Briefe und in den Reden, welche uns gehalten worden sind. Man soll nicht nur körperlich, sondern auch geistig sehen und hören lernen!«

»Ich sehe nichts, und ich höre nichts!«

»Und doch meine ich grad den Ton, in welchem dieser Brief verfaßt und jene Rede gehalten worden ist. Du sollst ihn jetzt noch einmal hören. Ich bin überzeugt, daß du mir dann sofort den Namen des Aemir-i-Sillan sagen wirst.«

Ich nahm das Schreiben mit der linken Hand hoch, las es in der beabsichtigten Weise vor und ahmte mit der Rechten die heut beobachteten, unendlich selbstbewußten Gesten nach. Kaum war das letzte Wort von meinen Lippen, so rief der Pedehr:

»Der Mirza, der Mirza, wie er leibt und wie er lebt!«

Der Ustad aber holte tief Atem. Seine Augen schienen größer zu werden. Sie schauten durch die offene Thür in die Nacht hinaus, genau mit jenem Blicke, den er in die unsichtbare Ferne gerichtet hatte, als er heut vor der Dschemma unter dem Baume stand.

»Ah – ri – man – Mir – za –!« seufzte er dann. »Wer ist von uns beiden der Hellsehende, Effendi? Als ich heut vor euch stand und diese Stimme hörte, deren Nachahmung dir jetzt so täuschend gelungen ist, da stiegen alte, ferne, ferne Bilder in mir auf. Es ging ein Schatten von mir aus, weit über diese meine geliebten Berge hinüber. Im Westen angekommen, richtete er sich auf, um Gestalt, um Farbe und um Leben anzunehmen. Ich erkannte diese Gestalt und dieses Gesicht: ich war es selbst; es war das meine! Da aber begann es, sich zu verwandeln. Es nahm andere Konturen und andere Züge an, und als sich das vollzogen hatte, als wer stand ich dann da? Als Ahriman, als Ahriman Mirza, der jetzt, in diesem Augenblick, zu meiner Dschemma sprach. Hatte dieser aus meiner Vergangenheit auftauchende Schatten hier in der Gegenwart menschliches Wesen angenommen, damit mir endlich, endlich die Erleuchtung komme, wem ich den raschen Absturz meines Lebensweges zu verdanken habe? Wer warf mich damals nieder? Wer gab mir den Gedanken ein, zu fliehen? Du sagtest, Effendi, daß es nicht das Leben, sondern mein eigener Schatten gewesen sei. Ich hatte ihn so oft, so oft gesehen, doch nie erkannt. Heut zeigte er mir endlich sein Gesicht. Heut war er Ahriman, der geistige „Weltzerstörer“, der mit dem niedern Sinn der blinden Masse kost, um alles ihm Verhaßte zu vernichten.«

»Wohl dir,« sagte ich. »Du hast den Richtigen gesehen!«

»Meinst du es auch? Den Mirza mit dem falschen Prunkgeschmeide? Den Geist der nachgemachten Edelsteine, mit deren Flimmern er der Menge imponiert? Den wohlgesinnten Schmeicheldemokraten, in Wahrheit aber grasser Demagog? Den treuen Förderer des öffentlichen Wohles, der aber nur sein eigenes erstrebt? Den immer hilfsbereiten Volkserbarmer, der aber dieses seines Volkes Seele mit egoistischer Berechnung niedertritt? Den anerkannten Feind und Richter jeder Lüge, der aber doch, sobald sie ihm nur paßt, grad vorzugsweise sie in seinem Stalle züchtet? Ich hätte ihn schon längst erkennen sollen, und bitte dich, Effendi, merk ihn dir!«

Ich machte, ohne zu antworten, ganz unwillkürlich eine Handbewegung, welche ihn zu der Frage veranlaßte:

»Wie meinst du das? Was wolltest du mit dieser Geste sagen? Ich glaubte zwar, du habest ihn bei mir zum erstenmal gesehen, doch da du schon so oft im Morgenlande warst, so ist es möglich, daß du ihm auch früher schon begegnet bist.«

»Im Morgenlande?« lachte ich. »Nein, nein! Doch kenne ich ihn auch; mehr habe ich nicht zu sagen. Du hast ihn gut gezeichnet. Wenn man dich sprechen hört, kann man sich gar nicht irren. Nun aber muß ich dich nach einem fragen: Du hast ihm heut verziehen. Aus welchem Grunde wohl?«

»Verziehen? Ich? Wieso?«

»Du gabst ihm jenes Märchen aus „Tausend und ein Tag“, in welchem selbst der Teufel selig wird. Woher nahmst du die Dichtung, daß die Hölle schon vor der Menschheit auf zum Himmel steige?«

»Verzeihung ist edler als Rache. Weißt du das nicht, Effendi?«

»Ich weiß es. Aber der Verzeihung muß die Reue vorangehen. Das ist Gottes Ordnung! Auch ich habe gefehlt, viel gefehlt. Als ich das erkannte, habe ich bereut und habe gebüßt. Ich war nur ein Mensch, also zu entschuldigen. Ich verzeihe gern, unendlich gern, weil auch mir verziehen wurde. Aber ich bin nicht Gott, der seine Ordnung ändern kann. Soll ich allein bereuen, mein Schatten aber nicht? Ich sage dir, ich hätte ihm ein ganz anderes Märchen erzählt, nicht aus „Tausend und einer Nacht“ und nicht aus „Tausend und einem Tag“, sondern jenen wunderbaren Schluß aus „Tausend und ein Narr“, in welchem der Sultan sie alle zu den heulenden und tanzenden Derwischen sperren läßt!«

Da sah er vor sich nieder, sinnend, längere Zeit. Dann sagte er, wie um sich zu entschuldigen:

»Und die Liebe, Effendi, deine christliche Liebe?!«

»Sei still, Ustad! Wende dich nicht an die meinige; du meinst ja doch die deinige! Die wahre christliche Liebe weiß nichts von Charakterlosigkeit und zweckloser Gefühlsduselei! Sie wirft sich nicht wie ein feiles Weib jedem unwürdigen Leichtsinn in die Arme. Sie lacht und lächelt nicht den ganzen Tag. Sie ist ein ernstes Himmelskind. Sie hat den Ratschluß Gottes auszuführen. Sie weiß gar wohl das, was sie soll und will. Sie trägt das Buch der Gnade in der einen, das Buch der Strafe in der andern Hand. Nun hat der Mensch zu wählen. Die Reue jubelt; die Teufel zittern. Für Narren aber hat sie weder Lohn noch Strafe. Sie läßt sie ohne jede Antwort schwatzen und giebt dem Sultan recht, der sie ermächtigte, in ihren „Tausend und ein Märchen“ vor aller Welt zu heulen und zu tanzen!«

»So, so sieht deine Liebe aus?« fragte er. »Ich denke, Gott läßt seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte!«

»Die Sonne da oben, den Himmelskörper, ja. Er giebt sogar dem Ungerechten alles, was er zum irdischen Leben braucht. Aber wenn er das in seiner Güte thut, so hütet er sich in seiner Gerechtigkeit, dies auch auf das andere Leben anzuwenden. Er weiß, daß dann alle Ungerechten den Himmel füllen würden, um die Gerechten nicht hereinzulassen! Nach dieser deiner Liebestheorie würde der Himmel schnell zur Hölle werden, nicht aber die Hölle zum Himmel. Ihre letzte logische Folge ist, daß alles Gute verschwinden und Gott zum Teufel werden müßte. Unsere Bibel spricht nicht ohne Grund von dem Wurme, der nie stirbt, von dem Feuer, welches nie verlischt, und von dem Orte, an welchem Heulen und Zähneklappern ist. Indem du in deinem Märchen die Hölle selig werden ließest, hast du alle diese Qualen für die armen Geschöpfe aufgehoben, die von ihr verführt worden sind. – War das etwa der Inhalt deiner Bücher, die du schriebst? Hast du jene angebliche Gottes- oder Christusliebe gelehrt, welche jedem Schuldigen die Strafe erläßt, nur damit Gott seinen Himmel nicht leer stehen zu lassen brauche? Bist du ein Verkünder jener unüberlegten Barmherzigkeit gewesen, welche die Bösen schont, damit sie gegen die Guten um so unbarmherziger verfahren können? Hast du jene pseudogöttliche Langmut gepredigt, welche das Unkraut ungehindert emporschießen läßt, bis der Weizen erstickt worden ist? Wenn du mir diese Fragen mit ja beantworten mußt, so hast du die Sünde und das Laster, die Selbstgerechtigkeit und die Heuchelei großgezogen und darfst dich nicht darüber wundern, daß diese deine Schatten schließlich dich auch selbst noch überwältigt haben! Du bist für die christliche Schwäche eingetreten, aber nicht für die christliche Liebe! Du hast diese Schwäche durch dein eigenes Leben in das Praktische übertragen und bist durch sie zum Rohre geworden, welches brechen mußte, als es sich nicht mehr tiefer beugen konnte! Du glaubtest, berufen zu sein, dich –«

»Halt ein, Effendi, halt ein!« rief er aus, indem er die Hände abwehrend gegen mich bewegte. »Du hast recht, recht, o wie so recht! Du hast vorhin von Liebesduselei gesprochen. Es war richtig! Ich dusele noch, jetzt noch, heute noch! Als du den Multasim vorhin laufen lassen wolltest, wohl um dann später seinen ganzen Anhang in die Hände zu bekommen, war ich dagegen. Ich wollte seine sofortige Bestrafung, aber mild, schonend. Ich gab ihn scheinbar ganz in deine Hände, aber wenn es deine Absicht gewesen wäre, ihn vollständig unschädlich zu machen, ihn zu vernichten, so hätte ich mich dagegen gewehrt mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen!«

»Wirklich? Das ahnte ich freilich nicht!«

»Es ist so, ganz gewiß! Du siehst, daß ich ehrlich bekenne. Du hast mich in diesen letzten fünf Minuten kuriert. Gefühlsduselei! Wie wahr, wie wahr, wie wahr! In dieser Duselei habe ich mir mein eigenes Mark aus Leib und Geist gesogen. Nun aber soll es anders, anders, anders werden! Ich bin zwar alt, sehr alt, aber noch habe ich Knochen, und noch habe ich Muskeln, nicht nur am Körper, sondern auch am Geiste. Erlaube mir, daß ich mich an dir stähle! Ich richte mich auf. Jawohl! Ich weiß, daß ich es werde! An dir will ich mich heben. Sei du die Hand, an der ich Kraft erlange! Sei du es jetzt, von dieser Stunde an! Ich gehe morgen fort, für eine ganze Woche. Ich bitte dich, an meine Statt zu treten! Du sollst der Herr im „hohen Hause“ sein. In deiner Hand weiß ich mein kleines Reich am besten aufgehoben. Hier mein Pedehr hört, was ich dir jetzt sage. Er wird, was du befiehlst, so auszuführen wissen, als ob ich selbst es ihm befohlen hätte.«

»Du willst verreisen?« fragte ich erstaunt.

»Ja,« antwortete er.

»Darf ich wissen, wohin?«

»Natürlich! Du bist ja nun der Herr, von dieser Stunde an! Ich gehe nach Isphahan, zum Schah-in-Schah. Infolge dessen, was ich heut von meinen Feinden hörte.«

»Vortrefflicher Gedanke!« stimmte ich ihm bei.

»Es freut mich sehr, daß du derselben Ansicht bist. Ich hab es ihnen ehrlich mitgeteilt, daß ich mir an der rechten Stelle Hilfe suchen werde. Sie höhnten wohl darüber. Wer sich allein auf seinen Schah verläßt und dieses ohne Furcht und offen sagt, den wird man zwar verspotten und zum Gelächter machen; doch wenn die Zeit des Schah gekommen ist, dann regt die Schar der Amdschaspands die Schwingen, und Geist um Geist fährt mit dem Schwert darein, dem Kindesglauben Himmelssieg zu bringen!«

Er hatte meine Hand ergriffen und schaute mit einem Blicke aufwärts, in welchem allerdings ein Vertrauen glänzte, dem keines Spötters Worte je imponieren konnte.

»Du willst den Herrscher selbst sprechen?« fragte ich.

»Nur ihn! Zwischen ihm und mir giebt es keine Mittelsperson. Ich sage ihm alles, alles, so wie ein Kind zu seinem Vater spricht. Es ist wie ein Gebet, bei dem ein Dritter doch nur stören würde.«

»Um was willst du ihn bitten?«

»Um nichts. Ich sage ihm, was ich zu sagen habe. Dann thut er selbst, was er für richtig hält. Ich stehe vor ihm aufrecht wie vor Gott. Ich meide jene kriecherische Weise, die auf gebeugten Knieen sich bis zum Throne schiebt, um dort den eignen Vorteil zu erschleichen und dann, wenn sie den Schah verlassen hat, die um ihr Recht Gebrachten zu verachten. Es ist mir also völlig unbekannt, was er für mich und uns bestimmen wird. Doch bin ich überzeugt, daß es weit über alle Wünsche geht, die du für mich im Herzen tragen könntest.«

»Aber der weite Weg! Fürchtest du ihn nicht?«

»Fürchten? Den Weg zu meinem Schah? Wie weit ist doch der Himmel von der Erde! Und täglich steig ich auf, um mit Chodeh zu sprechen! Dem Glauben, dem Vertrauen ist nie ein Weg zu weit und nie ein Herrscher fern! Auch mache ich diese Reise nicht allein. Ich habe Dschamikun an meiner Seite, die mich begleiten werden. Auch geht der Kaufmann mit, der heute bei uns schläft.«

»Agha Sibil?«

»Ja.«

»Sibil heißt Schnurrbart. Ist dieses Wort sein richtiger Name, oder nennt man ihn vielleicht nur seines Bartes wegen so?«

»Wahrscheinlich ist dies letztere der Fall, denn einen Bart, wie er ihn trägt, hab ich noch nie gesehen. Ich halte mich von Kaufgeschäften fern. Ich lasse das gern dem Pedehr hier über. Er kann dir Auskunft geben, wenn du willst.«

Es verstand sich ganz von selbst, daß mir erwünscht war, wo möglich Bestimmtes über den Handelsmann zu erfahren; darum fragte ich den Scheik:

»Kennst du die Verhältnisse dieses Agha Sibil?«

»Ich pflege nicht mit Leuten Geschäfte zu machen, die ich nicht kenne. Er ist reich, sehr reich, aber ehrlich und bescheiden.«

»Hat er Kinder?«

»Eine Tochter und zwei Enkel.«

»Sind die Enkel die Kinder dieser Tochter?«

»Sie sind es.«

»Wenn du die Namen wüßtest!«

»Ich kenne sie, denn wenn ich nach Isphahan komme, pflege ich sein Gast zu sein. Die Tochter heißt Aelmas. Ihr Mann war ein türkischer Offizier, der in Damaskus erschossen worden ist. Ihr Sohn, welcher heut mit seinem Großvater hier bei uns ist, heißt Ikbal, ihre Tochter Sefa.«

»Ist die Tochter verheiratet?«

»Nein. Sie will im Hause Agha Sibils bleiben.«

»Wie kommt es, daß die Tochter eines persischen Kaufmannes in Isphahan die Frau eines türkischen Offiziers in Damaskus geworden ist. Dieser letztere ist doch wahrscheinlich Sunnit gewesen, während sie Schiitin war!«

»Ich glaube, im Kreise der Familie sogar gehört zu haben, daß er vordem Christ gewesen ist. Wenn ich mich nicht irre, stammte er aus dem Lande, welches man Lehistan nennt. Er lernte den Kaufmann in Palästina kennen, wo dieser damals wohnte. Als die Tochter desselben seine Frau geworden war, kam er nach Damaskus. Agha Sibil zog mit. Bei der großen Christenverfolgung dort ereignete sich das schwere Unglück, welches die Familie traf. Der Offizier wurde wegen Ungehorsam erschossen. Agha Sibil wurde vollständig ausgeplündert und mußte als Schiit fliehen. Es gelang ihm, mit der Tochter und deren Kindern nach Persien zu entkommen, wo er ein neues Geschäft begann und es durch Fleiß und Ehrlichkeit zu seinem jetzigen Vermögen brachte. Deine Augen leuchten, Effendi. Warum? War dir von dem, was ich erzähle, vielleicht schon etwas bekannt?«

»Ja,« antwortete ich, indem ich vor freudiger Erregung im Zimmer hin und her zu gehen begann.

»Was? Oder wer?«

»Wer? Der Offizier.«

»Kanntest du ihn, ehe er erschossen worden ist?«

»Nein, sondern als er erschossen worden war.«

»So hast du seine Leiche gesehen.«

»Leiche? Hm! Ja! Denn er war eigentlich eine Leiche. Aber ich habe mit dem Erschossenen gesprochen.« »Maschallah! Tote reden doch nicht mehr!«

»Zuweilen doch! Besonders Erschossene, welche keine Kugel bekommen haben!«

»Keine – Kugel –? Effendi, du scherzest wohl!«

»Ich spreche im größten Ernste. Ich habe mit dem Toten gesprochen, und ihr beide kennt ihn auch.«

»Wir –? Daß ich nicht wüßte!«

»Ich habe euch doch von jenem alten Bimbaschi in Bagdad erzählt, welcher dann Mir Alai geworden ist!«

»Allerdings. Bei dem du wohntest, und der von dem Säfir gefangen genommen wurde?«

»Derselbe! Er ist nun ein doppelter Bekannter von euch, denn ihr kennt ihn erstens durch mich und zweitens durch den Kaufmann Agha Sibil. Ich bin sogar nun überzeugt, daß ihr ihn auch noch persönlich kennen lernen werdet. Er ist nämlich der Offizier, welcher damals in Damaskus erschossen wurde.«

Da fuhr der Pedehr von seinem Sitze auf, als ob er von einer gewaltigen, unsichtbaren Spannfeder emporgeschnellt worden sei.

»Der Christ, um den so viel geweint worden ist?« rief er aus. »Der Sunnit, dem die Schiiten treu geblieben sind, obgleich er starb? Der Mann, der von seinem Weibe angebetet wurde? Der Vater, den seine Kinder heut noch lieben, obwohl sie sich seiner Person nicht erinnern können? Der ist nicht tot? Der lebt noch? Der ist ihnen allen, allen auch ehrlich treu geblieben, trotzdem er in ein anderes Land gegangen war? Effendi, ist das wohl zu glauben! Ich weiß, daß du nicht lügst, doch bitte ich, erzähle uns, wie das gekommen ist!«

»Ja. Ich will und muß es euch erzählen. Ich will euch nicht warten lassen, bis er selbst erscheint, um euch zu beweisen, daß, wenn Gott will, der Tod nur eine leere Sage ist. Setzt euch hier vor mir nieder, und hört, was ich berichte!«

Da sie über den alten Zoll-Bimbaschi schon alles Uebrige von mir erfahren hatten, so brauchte ich jetzt nur über das zu sprechen, was mir von ihm über seine Familienverhältnisse mitgeteilt worden war. Ich schilderte hierauf seine Trauer über die scheinbar Verlorenen und erwähnte schließlich meine Bemühung, die Hoffnung in ihm zu erwecken, daß sie doch vielleicht noch leben könnten. Da stand der Ustad von seinem Sitze auf, legte die Hände langsam ineinander und sagte, indem ein tiefer Atemzug seine Brust schwellte:

»Du hast zu diesem deinem Freunde von einer Auferstehung der „Totgesagten“ gesprochen, und wir sind berufen, diese Auferstehung in das Werk zu setzen. Auch ich kenne einen Totgesagten. Er wird von Vielen, Vielen für tot gehalten. Sie glauben jetzt, daß er in ein anderes Land gegangen sei. Wie denkst du über ihn, Effendi? Du weißt ja, wen ich meine!«

Da fühlte ich, daß ein ganz seltenes Licht in meine Augen kam. Es wallte mir heiß vom Herzen nach dem Kopfe. Ich ging zu ihm hin, schlang meinen Arm um seine Schulter, legte meine Wange an die seine und fragte ihn:

»Wünschest du, daß er von diesem aufgezwungenen Tode auferstehe?«

Er nickte nur, sagte aber nichts. Doch legte er seine Hand an meinen Kopf, um ihn fest an den seinigen zu drücken.

»Wohlan!« fuhr ich fort. »Da wir einmal im Begriffe stehen, die „Auferweckung der Totgesagten“ in das Werk zu setzen, so wollen wir bei dieser Gelegenheit auch ihn mit auferstehen lassen! Ist dir das recht?«

Seine mir jetzt so nahen Augen schauten mit unendlicher Liebe in die meinen.

»Kannst du es? Willst du es?« fragte er.

»Für dich so gern!« antwortete ich.

»Denkst du, daß es geschehen kann?«

»Da wir uns lieben, ist es leicht, so leicht!«

»Wie aber wird es wohl zu machen sein?«

»Ich bitte dich, das mir zu überlassen! Leg deine Hand getrost hier in die meine! Und nun höre, was ich sage: Fühlst du den Mut, den Heldenmut in dir, mir deine Seele, deinen Geist zu schenken, so feiern wir die Auferstehung hier, indem wir ineinander uns versenken!«

Da schlug er beide Arme um mich, zog mich so fest, so fest an sich, als ob unsere Körper nur einen einzigen Leib zu bilden hätten, und antwortete:

»Ich habe den Mut; ich bin dein; nimm mich hin!«

Da verlöschte plötzlich das Licht. Es war vollständig herabgebrannt gewesen. Der Pedehr ging fort, dem abzuhelfen. Als er wiederkam, standen wir mit einander draußen auf dem Söller. Der Ustad hatte soeben mit der Hand auf die vor uns liegende, vom Himmel bestrahlte, kleine Welt gedeutet und gesagt:

»Es ist, als hätte ich das alles für dich vorbereitet, damit den Seelen meiner Dschamikun nun auch der rechte Geist gegeben werde, jener Geist der liebenden Unerbittlichkeit, der mir die Augen öffnete und uns in diesem „Schattenland“ so nötig ist! Du hast mich heut verdoppelt, und dadurch auch die Hoffnung auf den Erfolg. Zwei Ustawat, und doch ein einziger nur! Stelle zwei Kerzen nebeneinander.

Geben sie zwei Scheine? Nein. Es ist nun Doppelkerzenlicht!«

Da trat der Pedehr an die Thür und forderte uns auf:

»Ihr könnt wieder hereinkommen. Es ist nun heller als vorher.«

Wir folgten diesen Worten. Er zeigte nach dem Tische. Da standen jetzt zwei Kerzen statt der einen. Sonderbar! Der Ustad lächelte.

»Siehst du?« scherzte er mir zu. »Seien wir Autoren oder nur Autor, wir liefern die Gedanken, und er als praktischer Pedehr der Dschamikun ist schnell bereit, sie in Gestalt zu fassen. So soll es immer sein. Dann wird es im Duar bald ein bewegtes, frohes Leben geben!«

Er liebte es, in Bildern zu sprechen. Wer ihn verstehen wollte, hatte nachzudenken. So auch hier. Wen oder was meinte er mit den Dschamikun, denen sein ganzes Herz gehörte? Wo lag oder liegt wohl der Duar, über den die „Glocken des Gebetes“ für jeden Wunsch erklangen? In Persien? Ich will es nicht verraten. Die Folge wird es zeigen!

Wir waren mit unserer Besprechung noch nicht fertig, und doch mahnte der Scheik:

»Es ist jetzt wohl schon Mitternacht. Willst du nicht vor der Reise schlafen, Ustad? Und der Effendi steht noch im Genesen. Durchwachte Nächte sind ihm untersagt.«

Da antwortete der erstere: »Ich habe weder Zeit noch Lust zum Ruhen. Was in mir lebt, kennt keine Mitternacht.«

Und ich fügte hinzu:

»Mein Körper ist gewöhnt, dem Willen zu gehorchen. Ich fühle jetzt noch keine Müdigkeit. Die Seele hat die Macht, ihm, dem Geschwächten, ihre Kraft zu leihen. Ich halte aus, bis wir zu Ende sind.«

Da griff der Ustad nach meiner Hand, fühlte den Puls und sagte verwundert:

»Wie ruhig und kräftig! Genau so, wie der meine! Jawohl, ich glaube, daß wir weitersprechen können. Wo waren wir stehengeblieben? Doch wohl bei Ahriman. Der wieder erstandene Offizier brachte uns auf ihn. Willst du hier fortfahren, Effendi?«

»Ja,« antwortete ich. »Ich werde dem alten Mir Alai einen Brief nach Bagdad schreiben. Er bekommt ihn durch einige Dschamikun, welche zu ihm reiten, um ihn mit samt seinem dicken Kepek zu holen. Er hat schon vor dem Tag des Wettrennens einzutreffen. Du erlaubst seinem Schwiegervater, an diesem Tage sein Verkaufszelt hier aufzuschlagen. Ich spreche mit ihm, noch ehe du mit ihm abreisest. Er wird seine Tochter und deren Kinder mitbringen. Das giebt ein Wiedersehen, auf welches ich mich unendlich freue. Ist dir diese Anordnung recht?«

»Was du bestimmst, das ist mir immer recht! Soll Agha Sibil am Tage des Wettrennens überrascht werden, oder willst du ihm schon jetzt alles sagen?«

»Schon jetzt, alles! Es ist Grausamkeit, einem Menschen eine Freude vorzuenthalten, die man ihm sofort bereiten kann. Und so große seelische Erregungen, wie man hier zu erwarten hat, sollen möglichst vorbereitet sein.«

»Ich gebe dir recht. Ist das erledigt?«

»Ja. Nehmen wir also nun Ahriman Mirza wieder vor! Ich habe zu versuchen, den Beweis zu führen, daß er der Aemir-y-Sillan ist.«

»Den hast du schon geführt. Wenigstens für mich ist es so gut wie bewiesen.«

»Wodurch?« »Durch den Ton, in welchem du uns seinen Brief vorlasest. Dieser Ton ist nur der seine. So spricht und schreibt kein anderer. Auch hat er das höchste Sillan-Zeichen, welches wir kennen.«

»Wissen wir denn genau, daß es das höchste ist?«

»Freilich nicht. Es ist ja möglich, daß es ein noch höheres giebt.«

»Nicht nur möglich, sondern ganz gewiß!«

»Effendi! Da widersprichst du dir doch selbst!«

»Nein!«

»Gewiß! Wenn es ein höheres Zeichen giebt, so ist auch ein höherer Sill da. Der es trägt, steht also über dem Mirza!«

»Das ist ein logisch richtiger, aber ein praktisch falscher Schluß. Er trägt sie nämlich beide!«

»Beide? Das sagst du mit solcher Sicherheit? Woher weißt du es?«

»Ich bitte dich, nachzudenken. Als Oberster ist er im Besitze sämtlicher Zeichen, die es giebt. Er hat ja auch den Tuman an der Kette. Ich bin überzeugt, daß er, falls er es für nötig hält, auch den silbernen Ring ansteckt, um sich für einen gewöhnlichen Sill auszugeben. Wenn er dagegen als Aemir in der Versammlung seiner Pädärahn erscheint, wird er das höchste Zeichen tragen. Du hast aber gehört, daß er sich zu fürchten hat. Er wird in dieser Versammlung ganz gewiß sein Gesicht maskieren. Außerhalb derselben, im gewöhnlichen Leben, kann er es nicht verbergen. Wird er sich da durch das Tragen des höchsten Zeichens verraten?«

»Nein, gewiß nicht. Ein Zeichen muß er aber auch da tragen. Warum nimmt er da nicht einen gewöhnlichen Ring?«

»Alter Psycholog!« scherzte ich da. »Weißt du denn noch nicht, daß das Laster selbstgefälliger als die Tugend, die Häßlichkeit eitler als die Schönheit ist? Und grad dieser Mann besitzt eine Gefallsucht, die ihresgleichen wohl kaum wiederfindet. Du hast ja seinen Anzug und sein Pferdegeschirr gesehen. Alles an ihm ist Prunk, Flitter, Prahlerei und Flunkerei! Einen gewöhnlichen Ring wird er nur aus Hinterlist anstecken. Wenn sich solche Leute einmal herablassen, haben sie stets die Bosheit im Nacken sitzen. Für einen seiner Pädärahn gehalten zu werden, das giebt sein Hochmut, sein Eigendünkel nicht zu. Dieser Dünkel läßt sogar die Vorsicht außer Acht. Er steigt bis an die letzte Grenze der Gefahr hinauf. Wenn er sich nicht als „Fürst der Schatten“ zu erkennen geben darf, so soll man ihn aber doch für eine hervorragende Charge halten. Hast du noch nicht gehört, daß sich das Verbrechen unter seinesgleichen größer zu machen strebt, als es in Wahrheit ist? Die Sorge um sein Leben und seine Sicherheit gebietet ihm, sich kleiner zu machen; aber mehrere Schritte tiefer zu steigen, das fällt ihm gar nicht ein. Er thut wahrscheinlich nur einen einzigen. Er ersinnt ein Zeichen, welches scheinbar tiefer weist, aber auch nur scheinbar, denn ich bin überzeugt, daß nur er allein, aber kein anderer ein solches Gürtelschloß besitzt. Wer es sieht, wird ihn für einen hohen Sill halten, wenn auch nicht für den höchsten. Auf diese Weise wird er beiden gerecht, seiner Vorsicht und auch seiner Eitelkeit. Nun aber habe ich eins zu fragen: Er sagte heut vor der Dschemma: „Ihr seht mich jetzt zum ersten Male. Auch mein Name war euch bisher unbekannt. Ihr wißt also nicht, wer und was ich bin.“ Wie konnte er in dieser Weise sprechen? Waren seine Person und sein Name euch wirklich so unbekannt, wie er glaubte?«

»Nein,« antwortete der Ustad. »Er glaubte es auch nicht. Er weiß vielmehr sehr genau, daß besonders ich ihn kenne, weil ich ihn schon öfters getroffen und auch mit ihm gesprochen habe.«

»Das ist es, was ich wissen wollte! Sein Hochmut hat ihn verleitet, mehr zu sagen, als er beabsichtigte. Ihr kennt seine Person und seinen Namen. Das weiß er. Er behauptete trotzdem, ihr wisset nicht, wer und was er sei. Er muß also Jemand und Etwas sein, was außerhalb des Namens Ahriman Mirza liegt. Was ist das nun? Etwas Gewöhnliches oder etwas Bedeutendes. Ich meine das Letztere, denn er sagte in Beziehung hierauf: „Meine Freundschaft kann selig machen, und meine Feindschaft kann verdammen.“ Wer das sagen kann, muß sich für den Höchsten im ganzen Reiche halten! In welcher Beziehung aber ist er dies? In gutem oder in bösem Sinne? Im guten, in gesetzlichem Sinne ist es der Schah. Es bleibt also nur die Kehrseite des Guten, also das Böse. Wer da sagt: „Meine Feindschah kann verdammen“, ist unmöglich ein guter Mensch. Hierzu kommt die Erwägung, daß er das, was ihm seine Macht verleiht, heimlich halten muß. Es ist also etwas Verbotenes, etwas Ungesetzliches. Das sind die einzelnen Posten. Ziehen wir nun die Summe!«

»Laß mich es thun!« bat der Pedehr. »Ich will doch auch mitsprechen!«

»Gut! Thue es!« antwortete ich, weil ich mich über sein Bemühen freute, mir mit Aufmerksamkeit zu folgen.

»Das Ergebnis ist überraschend,« sagte er. »Es giebt zwei Gewalten im Reiche, eine gute und eine böse. Die gute ruht in den Händen des Schah-in-Schah; die böse übt Ahriman Mirza aus. Da aber, wie wir wissen, der Aemir-i-Sillan diese Macht in den Händen hat, so muß Ahriman Mirza der „Fürst der Schatten“ sein. Ist es so richtig Effendi?«

»So ungefähr. Sag, Ustad, bist auch du mit dieser Summe einverstanden?«

»Vollständig! Sie ist richtig!« erklärte er.

»So will ich darauf verzichten, euch weitere Beweisesgründe zu bringen, obgleich ich noch mehrere habe. Für mich sind Ahriman Mirza und der Aemir-i-Sillan eine und dieselbe Person! Auch das stimmt, daß er und sein Henker nahe beisammen sind. Er läßt ihn nicht aus den Augen. Nachdem wir uns hierüber klar geworden sind, kommt ein anderes. Nämlich die Frage: Was will der Mirza hier bei den Dschamikun? Welche heimlichen Gründe und Absichten haben ihn hierher geführt? Diese Frage giebt mir zu denken; ja, sie könnte mir sogar, wie ich fühle, Kopfschmerzen machen!«

»Warum?« fragte der Ustad. »Du siehst etwas zu schwarz!«

»Sag lieber: Ich sehe in das Schwarze! Es ist nicht zu leugnen, daß er direkt hat hierherkommen wollen. Daß er auf diesem seinem Wege auch die Kalhuran aufsuchte, geschah seinem Henker zuliebe. Was wollte er hier?«

»Die Blutrache!« warf der Pedehr ein.

»Die berührte ihn nicht, sondern nur den Multasim. Auch war er schon unterwegs nach hier, ehe es eine Veranlassung zur Blutrache gab.«

»So war es, um die Rede zu halten, die wir von ihm gehört haben!«

»Damit schießest du zwar nicht daneben, aber auch nicht in den Mittelpunkt! Er wollte euch einen andern Scheik geben. Wißt ihr, was das heißt? Er kam zu den Dschamikun, um den segensreichen, geistigen Einfluß ihres Ustad zu vernichten. Und wie glaubte er, dies am besten anfangen zu müssen? Indem er vor allen Dingen den Pedehr beseitigte, dessen Beruf es ist, den Dschamikun die geistigen Erzeugnisse ihres Ustad auf materiellem Wege zu übermitteln. Er sollte durch irgend einen Tifl ersetzt werden, der sich zwar nur einer Kerbelsuppen-Erziehung rühmen kann und einiger Pflaumen wegen die ganze Welt in Aufruhr schreit, aber doch die hochwillkommene Eigenschaft besitzt, für jeden bockbeinigen Gaul und für jede abgetriebene Mähre, die man ihm bringt, ein sattelfester Reiter zu sein! Der Mirza war überzeugt, er brauche den Dschamikun nur solche alte, hartmäulige Gäule und spatkranke Mähren vorreiten zu lassen, um aus ihnen gefügige Massaban3 zu machen!«

»Du weißt, wie er mit diesem seinem Vorschlage von uns abgewiesen worden ist,« versetzte der Pedehr. »Kopfschmerzen würden also überflüssig sein!«

»Denkst du? Er hat sich aber nicht abweisen lassen, sondern er will ihn am Tage des Wettrennens wiederholen und wird da wohl versuchen, seinen Worten in irgend einer Weise Nachdruck zu geben.«

»Es wird aber denselben Mißerfolg haben. In dieser Beziehung braucht es dir nicht bange zu sein!«

»Gewiß nicht! Als ich von dem Mittelpunkte sprach, den du nicht getroffen hast, schwebte mir etwas anderes vor. Ich erwähnte es schon einmal, als ich meine Vermutung aussprach, daß der Aemir-i-Sillan wahrscheinlich schon hier gewesen sei, wenn auch nur heimlich.«

»Solltest du dich nicht wenigstens diesmal irren?«

»Möglich! Denn ich habe keinen Beweis. Es ist nur Vermutung. Aber es giebt Vermutungen, die schon durch den Umstand, daß sie einem überhaupt kommen können, bestätigt werden! Ich habe euch auf den Umstand aufmerksam zu machen, daß euer Duar den Sillan nicht so ganz unbekannt ist, wie ihr zu glauben scheint.«

»Das wäre uns allerdings neu!«

»Mir nicht! Wie hat es der Multasim heut gemacht? Er hat die Pferde nicht weit draußen vom Duar gelassen, wie man doch thut, wenn man die Verhältnisse nicht kennt, sondern er ist erst ganz in der Nähe desselben abgestiegen.«

»Er kannte die Oertlichkeit, weil er heut am Tage zweimal dort vorübergeritten ist!«

»Das macht mich um so bedenklicher! Er traf grad dort auf den Wächter, welcher dann schnell kam, uns zu warnen. Warum hat er nicht angenommen, daß am Abende erst recht ein Wächter da sein werde? Hätte der Sohn desselben nicht zufälligerweise an seine Schafe gedacht, so wäre der Multasim nicht entdeckt worden! Dann schlich er sich quer nach der hinteren Seite des Duar. Er kannte also die Lage desselben genau. Die Häuser und Zelte liegen in zwei Reihen nach dem Aufgange zum „hohen Hause“ hin. Es war kein Mondenschein. Kann da ein vollständig Fremder unbemerkt durchkommen? Sodann der vielgekrümmte Weg herauf zum Hause! Ich kenne ihn. Rechne ich die Länge des Duar hinzu, so hätte ein im Anschleichen geschulter Indianer gewiß wenigstens zwei volle Stunden gebraucht, um bis herauf an das Thor zu kommen. Vom Verlöschen unserer Lichter an bis zum Erscheinen des Multasim war aber nur die Hälfte dieser Zeit vergangen. Der Weg scheint ihm also nicht unbekannt gewesen zu sein.«

»Er hat aber bewiesen, daß er im Anschleichen außerordentlich geschickt ist!«

»Das ändert nichts, denn ich habe einen wenigstens ebenso geschickten Indianer angenommen, und der Henker war ja nicht allein. Es befanden sich zwei Begleiter bei ihm, die durch ihre so prompt besorgte Gefangennahme bewiesen haben, daß sie es nicht einmal verstanden, sich genügend zu verstecken! Nein, nein! Dieser nächtliche Besuch kann unmöglich der erste sein! Ich werde mir den Multasim vornehmen, ehe ich ihn früh entlasse. Vielleicht gelingt es mir, etwas aus ihm herauszufragen.«

Die erwähnten Einwürfe waren mir von dem Pedehr gemacht worden. Jetzt schien der Ustad sich auf etwas zu besinnen. Er richtete die Frage an ihn:

»Wie war es doch mit jenem fremden Perser, den wir hier pflegten, bis sein verstauchter Fuß heil geworden war? Aus welchem Grunde hatte er das Mauerwerk erstiegen?«

»Um nach Altertümern zu suchen,« antwortete der Gefragte. »Er war aus Teheran und hatte dort einen Laden, in welchem solche Sachen verkauft werden. Es war an einem Dienstag früh, als wir ihn fanden.«

»Und da denke ich auch noch an jenen Arzt aus Hamadan, der an einem Montage sich so lange weigerte, bei uns zu bleiben.«

»Der hatte sich verirrt. Man traf ihn, als es schon dunkel war, und führte ihn zu uns herauf. Er wollte sich gar nicht halten lassen, obwohl er keinen wirklich triftigen Grund dazu angeben konnte. Diese beiden Personen kommen hier gar nicht in Betracht. Sie waren ehrliche Leute, aber keine Sillan. Dagegen fiel mir soeben etwas anderes ein. Erinnerst du dich der Peitsche, welche Tifl fand, als er hinüber auf die Mauern stieg um nach wildem Kekik otu für seine Küche zu suchen?«

»Natürlich weiß ich das. Es ist noch gar nicht lange her, und die Peitsche liegt dort hinter meinen Büchern. Ich schrieb den Tag, an welchem sie gefunden wurde, auf einen Zettel dazu, um dadurch vielleicht auf den Verlierer zu kommen. Sie gehörte keinem Dschamiki. Das fiel mir damals nicht auf. Jetzt aber beginne ich, bedenklich zu werden. Fällt dir sonst noch etwas ein?«

»Nein.«

»Mir auch nicht.«

Da rief ich aus:

»Es ist auch genug vollständig genug! Was seid ihr doch für liebe, gute, unbefangene Menschen!«

»Siehst du auch hier einen Grund, Verdacht zu hegen?« fragte der Ustad.

»Einen nur? Zehn, zwanzig Gründe habe ich! Bitte, zeige mir zunächst die Peitsche!«

Er holte sie. Es war eine Reitpeitsche. Am Griffe hing ein Zettel. Darauf stand: Dienstag den 9ten Ssäfär. Dieser Griff war schwarz lakiert. An einer Stelle, wo der Lack abgesprungen war, sah ich helles Blech. Er war also hohl. Der ebenso schwarze Knauf war dick und schwer, jedenfalls mit Blei ausgegossen. Ich versuchte, ihn zu drehen. Es gelang. Als ich ihn heruntergeschraubt hatte, war die Höhlung offen. Es steckte etwas Dunkles darin. Ich zog es heraus. Es war ein Stück schwarzer, dichter, zusammengerollter Seidenstoff, den ich auseinanderzog. Drei Löcher! Für Mund und Augen! Vier Schnuren, um über den Ohren und hinten am Halse zusammengebunden zu werden.

»Was ist das?« fragte ich, indem ich mir die Seide vor das Gesicht hielt.

»Eine Larve!« rief der Pedehr.

»Ja, eine Larve!« bestätigte der Ustad.

»Und von wem habe ich vermutet, daß er jedenfalls maskiert vor die Pädärahn trete?«

»Von dem Aemir-i-Sillan,« antwortete der letztere.

»Am Dienstag gefunden! Wann aber ist der „Tag des Soldes“, von welchem der Pädär-i-Baharat sprach?«

»Des Montags.«

»An was für einem Tage wollte sich der Arzt aus Hamadan nicht bei euch halten lassen?«

»Eines Montag abends.«

»An was für einem Tage wurde der Altertümerhändler mit verstauchtem Fuße angetroffen?«

»Dienstags früh.«

»Ustad! Pedehr! Seid ihr auch jetzt noch blind?«

Sie antworteten nicht. Sie sahen mir, vor Erstaunen starr, in das Gesicht.

»Glaubt ihr noch immer, daß kein Sill bei euch gewesen sei?« fuhr ich fort. »O, es ist sogar noch schlimmer, als ich dachte!«

»Noch, noch schlimmer?!« wiederholte der Ustad meine Worte.

»Ja! Leider! Drei Montage, drei Montage! Bedenkt es doch!«

»Sprich deutlicher!« forderte er mich auf.

»Noch deutlicher? Der Montag ist doch der Versammlungstag der Pädärahn!«

»Chodeh! Chodeh!« rief er da fast schreiend aus. »Auf was für einen Gedanken willst du mich bringen! Es ist unmöglich, ihn zu fassen, und es wäre Wahnsinn, ihn auszusprechen!«

»Und er muß, muß, und muß aber dennoch ausgesprochen werden! Wenn ihr es nicht wagt, so werde ich es thun: Es sind nicht nur Sillan bei euch gewesen, sondern sie verkehren ganz regelmäßig hier. Ja, die Obersten der Sillan, die man Pädärahn nennt, halten an den „Montagen des Soldes“ ihre Zusammenkünfte hier auf euerem Gebiete, wahrscheinlich in den Ruinen, in denen diese Peitsche gefunden worden ist!«

Der Eindruck dieser meiner Worte ist gar nicht zu beschreiben! Es war, als ob die beiden, zu denen ich sie gesagt hatte, vollständig sprachlos geworden seien.

»Und in diesen Versammlungen pflegt der „Fürst der Schatten“ persönlich zu erscheinen!« fuhr ich fort. »Er ist hier gewesen. Er läßt sein Gesicht niemals sehen. Er hat diese Larve getragen. Diese Reitpeitsche ist die seinige. Ob er sie verloren oder vergessen hat, das ist mir gleich. Er fand sie der Dunkelheit wegen nicht wieder, und bis zum hellen Tage konnte er nicht verweilen, weil er sonst von euch gesehen worden wäre. Kam denn der Arzt aus Hamadan zu euch geritten?«

»Nein. Als er getroffen wurde, war er zu Fuße,« antwortete der Pedehr kleinlaut.

»Aber er kann doch nicht den weiten Weg von Hamadan hierher gelaufen sein!«

»Freilich nicht. Er hatte ein Pferd.«

»Wo?«

»Es war weit draußen vor dem Duar am Ufer des Sees angepflockt.«

»Ich vermute, daß der Altertümler auch eines gehabt hat?«

»Ja.«

»Wo?

»An derselben Stelle.«

»Habe es mir gedacht! Und das ist euch nicht aufgefallen?«

»Mußten wir es nicht für einen Zufall halten?«

»Zufall! Es giebt ja überhaupt keinen Zufall.

Alles, was sich ereignet, geschieht aus gewissen Gründen oder nach einem bestimmten Willen. Wille und Gründe aber schließen jeden Zufall aus. Das sollte man doch endlich einmal einsehen! Und selbst wenn du an das Vorhandensein des Zufalles im allgemeinen glaubtest, so konnte doch in diesen beiden besonderen Fällen von ihm keine Rede sein. Man hatte die Pferde doch nicht aus Zufall zurückgelassen, sondern jedenfalls in der ganz bestimmten Absicht, sie zu verstecken, damit sie nicht gesehen werden sollten. Wenn die Pädärahn kommen, so müssen sie nach einem solchen Ritte vor allen Dingen ihre Pferde tränken. Darum steigen sie am See ab, wahrscheinlich immer an derselben Stelle. Ich werde sie mir zeigen lassen.«

»Darf ich dich hinbegleiten?« fragte er.

»Ja. Doch sage keinem Menschen etwas davon!«

»Nicht? – Warum?«

»Die Sillan, welche hier im Duar wohnen, könnten es erfahren.«

»Effendi, du bist – toll, hätte ich beinahe gesagt! Du glaubst an das geradezu Unmögliche!«

Er sagte das in größter Aufregung. Doch um so ruhiger sprach ich weiter:

»Ich bin überzeugt, daß das, was ich vermute, nicht stattfinden könnte, wenn die Feinde hier keine Helfershelfer hätten.«

»Wenn das wahr wäre, so hätten diese sich doch des am Fuße verletzten und auch des in der Nacht verirrten Sill angenommen!«

»Hatte sich der Letztere wirklich verirrt? Als er ertappt wurde, sagte er dies als Ausrede. Wer so nahe am Duar vom Pferde steigt und es an den See zur Tränke führt, der will erstens den Duar überhaupt vermeiden und könnte sich zweitens auf keinen Fall verirren, weil er die Zelte und Häuser grad vor der Nase liegen hat. Und wer in den Ruinen herumkriechen will, um nach Altertümern zu suchen, der thut dies doch wohl nicht des Nachts, nachdem er sein Pferd so sorgfältig versteckt hat. Er kommt des Tages, um sich als Fremder Auskunft, Erlaubnis und einen Führer zu erbitten! Ihr seid von einer Arglosigkeit gewesen, die geradezu kindlich ist. Du meinst, die hiesigen Sillan würden sich des Altertümerhändlers angenommen haben. Ich aber denke mir, daß sie von seinem Unfalle nichts wußten.«

»Ich kann dennoch deinen Verdacht nicht zu dem meinigen machen. Es giebt bei uns keinen Menschen, der den Ring der Sillan trägt.«

»Weißt du das so genau?«

»Beschwören freilich könnte ich es nicht. Ich weiß nur, daß ich nie einen Ring mit diesem Zeichen gesehen habe.«

»Das halte ich ja gar nicht für erforderlich. Es trägt ganz bestimmt nicht jeder Sill einen Ring. Wer einen hat, ist gewiß ein Sill. Ebenso gewiß aber ist es, daß nicht jeder Soldat, dem die Tapferkeitsmedaille fehlt, nicht als Soldat zu gelten habe.«

»Das ist ja ein neuer Gedanke! Du hältst den Ring also nicht für ein Erkennungs-, sondern für ein Anerkennungszeichen?«

»Ja. Der Fürst der Schatten wird sich hüten, jedem seiner Sillan, also auch denen, die sich noch gar nicht bewährt haben, einen Ring zu geben! Wenn du bei einem Menschen das Kainszeichen gewahrst, so darfst du getrost annehmen, daß er kein Anfänger im Bösen ist! Hat bei euch noch niemand es zu diesem Zeichen gebracht, so ist das noch kein Beweis, daß es unter euch gar keine Sillan gebe! Bei der Arglist, mit welcher der Aemir verfährt, ist es sogar möglich, daß man Sill sein kann, ohne es bestimmt zu wissen. Ja, du darfst nicht einmal von dir selbst behaupten, daß du noch nie in irgend einer Weise in seinem Dienst gestanden habest! Du hörst, daß ich keinen deiner Dschamikun direkt verdächtigen will; aber ich frage dich, ob du vielleicht behaupten willst, daß in eurem kleinen Reiche nichts als nur Licht vorhanden sei!«

»Leider ist dies nicht der Fall. Diese ganze Gegend war früher von den Massaban besetzt, jenen „Unglücklichen“, welche verführt worden waren, auf allen möglichen Irrwegen für ihre „Unterhaltung“ zu sorgen. Sie stürzten sich vollständig skrupellos über alles her, was ihnen in die Hände kam, und selbst der edle Lumpenhändler, der hier des Weges fürbaß zog, war ihnen noch willkommen und konnte dann mit leeren Händen weitergehen.«

Als der Pedehr bis hierher gekommen war, ergriff der Ustad, der zuletzt geschwiegen hatte, mit neu erwachter Lebendigkeit das Wort:

»Es war die schlimmste Wegelagerei, die man sich unter Menschen denken kann, und niemand war hier seines Eigentums sicher. Es gab bei dem Gesindel kein Bedenken und keinen Unterschied. Heute fiel man über einen Reichen her, und morgen wurde dann in ganz derselben Weise ein armer Schelm bis auf das letzte ausgeplündert. Ich glaube fast, man hätte nicht einmal das geistige Eigentum geachtet und selbst die Manen eines Schiller, Goethe um ihre „Jungfrau“, ihren „Faust“ beraubt! Am liebsten hielten sich die Massaban da drüben in den alten Mauern auf, in denen einst die Frömmigkeit verschwundener Völker wohnte. In diesem Schutze wußten sie sich sicher. Und wie sie dort gehaust, das kannst du sehen, wenn du hinüber gehst, um Heiliges zu suchen. Du findest nichts, als nur die Ueberbleibsel der Zerstörung, die alles einst Erhabene vernichtet hat!«

Jetzt warf er einen forschenden Blick auf mich und fragte:

»Hast du verstanden, was ich sprach, Effendi?«

»Ja,« antwortete ich. »Ich habe ja nach diesen Massaban nicht weit zu suchen, grad ich! Sie haben ja auch mich bis auf die Stiefel ausgezogen, obgleich ich doch kein Schiller und kein Goethe bin. Ich traute ihrem scheinbar ehrenhaften Dinarun-Gebaren. Dann aber sah ich freilich ein, daß es ihnen nur daran lag, sich meine Person und meine Waffen gegen brave Menschen dienstbar zu machen. Da begleitete ich sie denn in ihre eigene Falle, den Todessprung nicht scheuend, der über ihren Abgrund mich zu bringen hatte. Jetzt hörst du wohl, daß ich begriffen habe, wen du meintest? Sie hatten noch die Blödigkeit, mich vor diesem Sprung zu warnen, ich aber that ihn doch und ließ sie in dem „Tal des Sackes“ stecken.«

»Und rettetest dich grad in jene Gegend, von welcher aus sie einst ihr lichtscheues Rittertum betrieben hatten!« fügte der Ustad hinzu. »Könntest du den Haß ermessen, den sie auf mich warfen, als sie sich von mir aus dieser Gegend verdrängt sahen! Sie, die sich unter einander selbst nie etwas gönnten, sich unaufhörlich mit einander herumbissen und gegenseitig stets die Zähne fletschten, sie fühlten sich sofort als liebe Herzensfreunde, sobald es galt, sich gegen mich zu wenden. Du kennst ja ihren allerletzten Zug, den sie, mich zu verderben, unternahmen! Da waren alle schnell bereit, und keiner wollte fehlen! Sogar die Weiber schlossen sich mit an! Und alles, was man sonst „Bagage“ heißt, das wurde mit den Ochsen und mit den Eseln hintendrein geschleppt, um an dem leicht erhofften Siege teilzunehmen! Das ist so ganz, so recht die Weise dieser Leute, die ich zwar nur als Massaban, als „Unglückselige“ bezeichnen lasse, weil ich auch noch im Feind den Menschen sehe, doch dürften auf sie wohl auch noch ganz andre Namen passen, die weniger als dieser den Klang der milden Nachsicht haben! – Es war kein leichtes Werk, ihr einstiges Gebiet von ihnen ganz zu säubern. Sie gaben es ja nicht freiwillig auf. Wir hatten schwere Kämpfe zu bestehen. Und als sie mit Gewalt nichts mehr erreichen konnten, da griffen sie zur List. Ich bin nie den Gedanken los geworden, daß hier in den Ruinen noch etwas steckt, wovon sie angezogen werden. Vielleicht so etwas Aehnliches wie unten im Birs Nimrud, was dort von euch gefunden und an das Tageslicht gezogen wurde. Wir haben noch nach langer Zeit die Spuren fremder Füße im alten Bau gesehen, und noch bis in die Gegenwart kam es zuweilen vor, daß sich hier Leute niederlassen wollten, die ich nach stiller Prüfung wieder gehen hieß. Es waren auch Verwandte von einigen der Dschamikun dabei, die mir es, wie es scheint, nicht ganz vergessen können, daß ich den fremden Anhang nicht geduldet habe. Und das wird es wohl sein, was der Pedehr mit der Bemerkung meinte, daß auch bei uns nicht lauter Licht vorhanden sei.«

Als er dieses sein Geständnis ausgesprochen hatte, knüpfte ich schnell an dasselbe an:

»Was du jetzt gesagt hast, führt mich auf die Frage zurück: Was will der Mirza eigentlich hier? Warum ist ihm grad diese Gegend so wichtig, daß er alle seine sonstige Vorsicht vernachlässigt, nur um den früheren Einfluß wieder zu gewinnen?«

»Ich weiß es nicht. Kannst du es dir wohl denken? Vermuten kann ich auch, doch klar zu sehen ist mir noch nicht möglich.«

»Vergegenwärtige dir seine Reden! Er hat uns ja in Dreistigkeit sein bisher stets verschwiegenes Programm entwickelt. Daß er, der Schlaue, heut zu dieser Dummheit förmlich hingerissen wurde, das muß uns doch verraten, wieviel für ihn hier auf dem Spiele steht! Ihm widerstrebt die geistige und sittliche Kultur. Wo sie erblüht, hat er die Macht verloren. Er muß den Stumpfsinn pflegen, der weder sieht noch hört, und mit ihm jene Unzufriedenheit, die stets nach Hilfe schreit, weil sie zu faul und unerfahren ist, sich selbst zu helfen. Er muß den wahren, unverfälschten Gottesglauben töten, der Kraft und Mut zum Lebenskampf verleiht, dagegen aber jene Schwachkopf-Frömmigkeit beschützen, die jeden, der sie an den Wangen streichelt, sofort für einen Engel ihres Himmels hält. Da darf es auf der Erde keinen Frühling geben, der alles, was veraltet, von den Fluren fegt. Der Staub hat meterdick auf Stadt und Land zu liegen, und wo ein Wasser fließt, da muß es trüb und schleichend sein! Dann kommen jene nächtlichen Gespenster, die alles, doch nur keine Geister sind. Sie flattern überall, mit leisem Vampyrflügelschlage. Und wo sie sich aufs Volk herniederlassen, da saugen sie ihm bald die vollen Adern leer. Dann sieht man nicht mehr frohe Menschenkinder, die sich in Gottes reinem Lichte sonnen. Der Blick fällt nur auf geistge Mummelgreise, und alles ringsum wird zum – Schattenland!«

»So war es hier; so war es, wie du sagst!« stimmte der Ustad bei. »Es war die Geisteswüste, genau wie jenes Paradies, von dem ich dir erzählte, ein flaches, ödes, wüstes Schemenland! Der Stumpfsinn kroch im tiefen Bodenstaube. Der Groll schlich zähneknirschend nachts umher. Der arbeitsscheue Müßiggang schlug frömmelnd sich die Brust und schnappte gierig nach der Dummheit Brocken. Stumm lag der ausgenutzte Fleiß in dürrem Sande. Und über diesen und noch tausend andern Schatten gab es ein unhörbares Flattern dunkler Flederhäuter, für welche du den rechten Namen, Vampyr, hattest. – So, so war es um die Bewohner dieses traurigen Gebietes und also auch um meine jetzigen Dschamikun beschaffen, als ich zu ihnen kam. Ich hatte zwar schon oft von „Menschheitsjammer“ sprechen gehört und manches „Erdenleid“ an andern und auch an mir selbst erfahren, doch daß dies Elend nicht von dem Geschick bestimmt, sondern nur der Sauggier dieser Flügelhäuter zuzuschreiben sei, das war mir völlig unbekannt gewesen. Ich fragte mich, ob wohl noch Hilfe möglich sei. Wenn ich die unzählbaren Scharen sah, die es von ihnen gab, da hörte ich zu meinen eigenen Füßen die Verzagtheit stöhnen. Ich schob sie fort von mir und dachte nach. Ein Mensch, ein einzelner, war nicht zu helfen fähig, auch viele Tausend nicht. Dies nächtliche Getier stand unter einem Schutze, der mächtiger als Menschenschwachheit ist, dem Schutz der Dunkelheit. Jedoch noch mächtiger als diese ist das Licht. Gelang es mir, es dort hinüber in den Bau zu tragen, der ihm seit langer Zeit fast ganz verschlossen war, so mußten diese Sauger an die Helligkeit des Tages fliehen, wo sie von jedermann erkannt und dann gemieden werden konnten.«

Als der Ustad hier eine Pause machte, nahm der Pedehr das Wort.

»Was du jetzt sagtest, führtest du auch aus. Wir kannten dich noch nicht; du hattest keine Hilfe und wagtest dich allein in die Ruinen. Jedoch grad diese Kühnheit hat uns für dich gewonnen!«

»Es war viel leichter, als man denken sollte!« lächelte der Ustad. »Ich habe mich nicht etwa eingeschlichen. Ich kam im vollen, hellen Licht des Tages und sagte ehrlich, wer und was ich sei. Da hielt man mich erst recht für einen Schatten, der aus der Welt des Lichtes hierher in ihre Dunkelheit geworfen worden sei. Auch dies vermochte nicht, zum Trug mich zu bewegen. Ich nahm mein Licht heraus und zündete es an. Sie hatten nichts dagegen. Das kleine Flämmchen schien sogar hier Freude zu bereiten. Es konnte diese große Finsternis ja doch nur tiefer machen, und für die Menschen draußen brauchte man es als Beweis, daß man in den Ruinen das Licht zu schätzen wisse.«

Da fiel der Pedehr ein:

»Wir sahen dieses Licht. Es zog uns an. Wir kamen nach dem Bau. Erst einzeln nur, doch bald in größern Scharen. Wir drangen in den Bau. Es wurde hell in ihm, weil wir nicht ohne unsere Lichter kamen. Da ging ein schrillendes Gekreisch durch alle seine Gänge. Es flatterte und huschte überall. Wir leuchteten in alle Ecken und stöberten die Flederwesen auf. Sie flohen vor uns her auf jede Oeffnung zu. Und wer da draußen stand, der sah sie wie verscheuchte Irrgedanken aus dem Gemäuer kommen und, um die Ecken biegend, schnell verschwinden. Ob vielleicht welche, tief versteckt, sich noch im Bau befanden, das kümmerte uns nicht, weil wir doch nicht die Absicht haben konnten, ihn für uns zu benutzen. Wir bauten uns im Sonnenlichte an und haben bis zum heutigen Tag noch keinen Grund gehabt, es zu bereuen.«

»Ihr werdet auch fernerhin keinen solchen Grund finden,« sagte ich. »Für jetzt scheint es mir beachtenswert, daß du nicht genau weißt, ob damals vielleicht welche von den Massaban unentdeckt geblieben sind. Habt ihr denn die Ruinen nicht genau untersucht?«

»Doch! So weit sie nämlich zugängig waren. Es giebt auch alte, ganz oder halbverschüttete Gänge, in welche wir nicht vorgedrungen sind, weil wir keine zwingenden Gründe dazu hatten. Der Bau des Duar nahm uns so in Anspruch, daß wir keine Zeit fanden, alte Löcher neu auszugraben.«

»Wohl! Lassen wir das einstweilen ruhen! Wir haben es mit dem Aemir-i-Sillan zu thun. Er brüstete sich schamlos damit, daß die Massaban seine Beschützten seien. Er hat gesagt, daß es in seiner Macht stehe, euch das frühere Gebiet dieser Leute mit der Hilfe von Soldaten wieder abzunehmen. Er will dies aber nicht thun, falls ihr euch bewegen lasset, ihm einen bestimmenden Einfluß über euch einzuräumen. Warum das? Er muß doch Gründe haben! Sollten diese auf den Umstand deuten, daß ihr gewisse Teile der Ruinen noch nicht kennt? Wir werden diese Frage weiter verfolgen, sobald wir Zeit dazu finden. Es giebt für ihn noch eine andere, allgemeinere und noch wichtigere Ursache, euch zu stören. Ich habe sie bereits angedeutet. Er haßt die Kultur, weil sie ihn seiner Macht beraubt. Es liegt in seinem Interesse, sie zu vernichten und nicht wieder aufkommen zu lassen. Das ist ganz derselbe Geist, welcher Etage um Etage eurer Steinpyramide ihrem ursprünglichen Zwecke entzog, um sie schließlich mit gesindelhaften Menschen zu bevölkern. Grad eben, als er dies erreicht hatte und nun damit beginnen konnte, das, was ich vermute, in das Werk zu setzen, kam der Ustad, um mit Hilfe seiner Dschamikun dieses Gesindel wieder zu vertreiben –.«

»Was vermutest du?« fragte mich der Ustad.

»Davon später!« antwortete ich. »Für meinen jetzigen Gedankengang genügt die Bemerkung daß der Aemir-i-Sillan euer Gebiet als Stützpunkt seiner Pläne nicht nur betrachtet hat, sondern selbst auch heute noch betrachtet. Es ist sogar möglich, daß eure Ruinen für ihn von noch größerer Bedeutung als diejenigen des Birs Nimrud sind. Seine Pläne scheinen ihrer Ausführung entgegen zu treiben. Wäre dies nicht der Fall, so wäre er nicht in eigener Person und öffentlich gekommen und hätte es noch viel weniger gewagt, mit seinen Reden und Forderungen so aus sich herauszutreten.«

»Vielleicht giebst du dem allem eine größere Bedeutung, als es verdient,« warf der Ustad ein.

»Das glaube ich nicht. Ich überlege kalt und objektiv. Der Mirza hat heut Dinge gesagt, von denen man nur dann so deutlich redet, wenn man sie als letzte und höchste Trümpfe ausspielen will. Warum zum Beispiele dieses auffällige Eingehen auf das Wettrennen? Welchen Zweck hat dieses Rennen für ihn? Etwa euch einige Pferde oder Kamele abzugewinnen? Wirst du ihm das glauben? Ist es vielleicht deshalb, weil er dadurch eine unauffällige Gelegenheit findet, sich für einige Zeit hier aufzuhalten und herumzutreiben? Wir werden aufpassen, und ich hoffe, daß es uns gelingt, seinen Absichten auf die Spur zu kommen! Du glaubtest, Ustad, daß ich übertreibe. Bedenke doch, um was für einen Mann es sich handelt! Es ist ein großer Unterschied, ob ein gewöhnlicher Soldat oder ein hoher General geheime Pläne hegt. Wenn ein Prinz von der Bedeutung Ahriman Mirza’s euch hinter dem Rücken des Schah-in-Schah mit Vernichtung droht, mit seinen geheimen Gewalten prahlt und es unternimmt, euch verrückt klingende Anschläge zu machen, die kein vernünftiger Mensch begreifen kann, so kann es sich nicht um die bedeutungslose Subordination eines Soldaten gegen sein Korporälchen handeln, sondern die Angelegenheit muß eine höchst wichtige sein, und zwar nicht nur für dich und deine Dschamikun!«

»Willst du mich bange machen, Effendi?« fragte er besorgt.

»Nein! Ich will nur beweisen, daß wir vorsichtig zu sein haben. Wenn der Mirza fortfährt, so schwatzhaft zu sein, wie er heut gewesen ist, so denke wenigstens ich an keine Bangigkeit. Nur darf er nicht vermuten, daß wir ihn zu durchschauen beginnen. Darum dürfen wir ihn in seinem Anschlage gegen Dschafar Mirza nicht eher stören, als bis die rechte Zeit dazu gekommen ist. Wir machen also seinen Brief an den „Henker“ wieder zu. Der Multasim muß ihn auf jeden Fall bekommen.«

»Aber wie?«

»Auf irgend eine Weise, die ihn im Zweifel darüber läßt, wer der Bote gewesen ist.«

»Das kann ich jetzt in Isphahan sehr leicht besorgen. Er wohnt ja da!«

»Ja; thue das! Ich aber werde mir den Brief sofort abschreiben, und auch das Alphabet. Es kann später von großem Vorteile sein, eine Kopie zu besitzen.«

Ich machte die beiden Abschriften in mein Taschenbuch. Als ich damit fertig war, erkundigte sich der Ustad:

»Es ist möglich, daß ich Dschafar Mirza in Isphahan treffe. Ich soll ihm also nichts sagen?«

»Nein. Ich wünsche, daß er vollständig unbefangen sei, damit Ahriman Mirza gar nichts merke. Dieser wird ihn auf irgend eine Weise veranlassen, mit hierher zu reiten. Das giebt eine vortreffliche Gelegenheit, den Mord dann auf uns zu schieben, welche Ahriman sich ganz gewiß nicht wird entgehen lassen wollen. Du sagst Dschafar nur das eine, daß ich hier bin. Wenn er das hört, wird er sicher kommen. Dann sind wir wahrscheinlich genauer unterrichtet als jetzt und können ihm gleich Bestimmtes mitteilen, während er jetzt fast nur Vermutungen hören würde.«

»Durch die Erwähnung, daß man versuchen wird, Dschafar zum Wettrennen herbeizulocken, erinnerst du mich daran, daß er das edelste und beste Pferd in ganz Persien besitzt.«

»Das ist viel gesagt, sehr viel!« bemerkte ich.

»Es ist aber wahr!«

»Jedenfalls hat er es nicht selbst gezüchtet?«

»Nein. Es ist ein Geschenk des Schah-in-Schah.«

»So wird es bei Dschafar verdorben. Er ist kein Reiter und wird es auch nie werden. Das habe ich gesehen, als ich ihn kennen lernte.«

»Du bist Kenner, und doch hast du Unrecht. Dieses Pferd ist bisher weder von Dschafar selbst, noch von irgend einem andern verdorben worden. Niemand hat es noch je geritten.«

»Warum?«

»Der Grund ist eben so einfach wie unglaublich. Dieses herrlichste aller Vollblute läßt sich nämlich nicht reiten, absolut nicht!«

»Das wäre!« rief ich ungläubig aus. »Persien hat doch Reiter!«

»Allerdings! Aber die besten, die kühnsten und auch die geduldigsten haben es vergeblich versucht.«

Läßt es niemand aufsteigen, oder wirft es jeden ab?«

»Keines von beiden. Es läßt jeden hinauf und wirft keinen herunter. Es steht wie ein Lamm; aber es bleibt eben stehen. Es thut keinen Schritt, keinen einzigen! Es ist durch keine Lockung und aber auch durch keine Peitsche zu bewegen, sich von der Stelle zu rühren.«

»Aber wenn man es führt, während jemand daraufsitzt?«

»So thut es grad soviel Schritte, wie es geführt wird, doch keinen einzigen weiter. Ich habe mich schon gefragt, ob das Natur oder Dressur ist.«

»Natur – Dressur? Es kann durch keine Dressur erzwungen werden, was die Natur überhaupt verbietet. Es ist dem, was man Dressur nennt, möglich, die Grenzen des Wollens und Könnens um ein weniges zu verrücken; weiter kann sie nichts. Wenn das Tier aus Liebe zu seinem Herrn etwas thut, was gegen seine sogenannte Natur verstößt, oder wenn es sogar nach und nach selbst Freude an einem ihm angewöhnten Vorgang findet, der keine Folge seiner ursprünglichen Instinkte ist, so kann man doch wohl nicht mehr von Dressur sprechen. Es ist ein Unterschied, ob der Dresseur mit der Peitsche dasteht, oder ob das Tier etwas früher Gelerntes später ganz aus freiem Willen thut. Bei Dschafars Pferd steht niemand, der es durch heimliche Winke oder offene Drohungen zwingt, etwas zu leisten, was ihm eigentlich widerstrebt. Es denkt; es will; es folgt einem eigenen Entschlusse und führt ihn sogar mit einer so ausdauernden Energie aus, daß sich mancher Mensch ein Beispiel an ihm nehmen könnte. Es läßt sich weder durch freundliche Verführung noch durch Drohung oder gar Roheit irre machen. Das ist höchster Pferdeadel! Ein gewöhnlicher Gaul würde nur aus Angst gehorchen, so lange er die Peitsche sieht. Was der Schah-in-Schah in dieses Pferd gelegt hat, ist keine tote Angewöhnung, keine stumpfsinnige Zwangesgehorsamkeit. Es ist eine sehr liebe und sehr gütige Hand gewesen, von welcher das edle Tier dieses „Syrr“ empfangen hat, und es wird auch nur derselben Gesinnung gelingen, es zu lösen.«

»Syrr, hast du gesagt? – Sonderbar!« rief er aus.

»Warum?« fragte ich.

»Das ist der Name des Pferdes. Es heißt Syrr. Hast du vielleicht schon von ihm gehört, oder war es Zufall, daß du dieses Wort brauchtest?«

»Zufall? Du weißt doch, daß es für mich keinen Zufall giebt! Ich wußte übrigens nichts von diesem Pferde.«

»Aber du wirst doch nicht etwa behaupten wollen, diesen Namen infolge einer Fügung oder Schickung gefunden zu haben! Das wäre doch wohl lächerlich! Verzeihe mir dieses Wort!«

»Ich behaupte nichts, und ich vermute und ich folgere nichts. Ich wiederhole nur, daß es für mich diesen Freund der Oberflächlichkeit, den Zufall, nicht mehr giebt. Man nennt ihn auch das „blinde Ungefähr“. Es scheint nur „ungefähr“ zu sein, und ist auch keineswegs blind. Wer ruhig wartet und die Augen offen hält, der lernt dann ganz gewiß die verborgenen Fäden kennen.«

»Verborgene Fäden zwischen dir und diesem Syrr?« lachte er. »Effendi, Effendi, welcher Wunderglaube!«

»Wer hat sie angeknüpft? Du selbst?« antwortete ich ebenso heiter. »Du hast ein Wort betont, bei dem ich mir gar nichts dachte. Ob dieser Ton nur von dir stammt und also bedeutungslos ist, das wird sich finden. Hat denn Dschafar nicht irgend einmal wegen dieses Geheimnisses mit dem Schah-in-Schah gesprochen?«

»Doch! Er erzählte es mir. Der Beherrscher erkundigte sich einst bei ihm, wie sich das Pferd befinde. Da klagte er ihm seine Not und erzählte von den vielen vergeblichen Versuchen, welche angestellt worden waren. Hierauf lächelte der Schah wie in stiller Freude vor sich hin und sagte: „Sobald der Rechte kommt, wird es sofort und stets gehorchen, aber nur ihm allein. Es ist mein Syrr. Kein Mensch wird es ergründen!“ Dschafar verstand diese Worte nicht. Auch mir sind sie dunkel. Was denkst du dir wohl dabei, Effendi?«

»Nichts! Syrr heißt „Geheimnis“, sogar „Mysterium“. Achten wir es, indem wir nicht versuchen, an ihm herumzutasten. Das ist der Wille des Beherrschers!«

»So wollen wir für jetzt schließen. Ich bitte um die Erlaubnis, dich hinauf in deine Wohnung führen zu dürfen.«

Und indem er sich an den Pedehr wendete, fügte er für ihn hinzu:

»Bereite es vor, daß, sobald der Brief an den Offizier fertig ist, einige Boten sofort nach Bagdad reiten, um ihn und seinen Diener zu holen. Er wird sich nicht entschließen können, ohne diesen zu reisen. Für Kepek, den Gewichtigen, werden sie eine Kamelsänfte mitnehmen müssen, weil ein anderes Transportmittel für ihn gewiß zur Marter werden würde.«

Nun trennten wir uns vom Scheik. Dieser stieg in das Erdgeschoß hinab. Der Ustad aber nahm eines der beiden Lichter, um mit mir nach oben zu gehen.

Als wir aus seiner Stube traten und die Thür der Rumpelkammer vor uns hatten, machte er sie zu meiner Verwunderung auf und ging hinein.

»Komm, Effendi!« sagte er. »Tritt näher!«

»Warum?« fragte ich.

»Du hast diese Sachen mir geschenkt; aber du weißt gar wohl: Was mein ist, ist auch dein! Ich hatte vielleicht kein Recht dazu, doch folgte ich der Regung, dich zu prüfen. Du hast bestanden! Besser, viel besser, als ich erwarten konnte! Indem du mir diese Dinge alle schenktest, hast du etwas abgelegt. Was es ist, das überlege dir! Und indem ich, so bald und so oft du willst, sie dir alle wieder zur Verfügung stelle, thue ich etwas, was dich unendlich freuen muß. Was es ist, überlege dir auch das! Kamst du zu mir aus einem Land, auf dem es keine festen Wege giebt? Willst du dein Ziel von hier nur noch im Flug erreichen? Ich weiß, dir ist die Angst vollständig unbekannt. Du fühlst dich an der Hand, die keinen je verläßt, der sich ihr anvertraut. Doch, hebe deinen Fuß nicht von dem sichern Boden! Noch bist du nicht daheim! Kannst Waffen nicht entbehren! Nimm diese Warnung an! Nachdem ich dich geprüft, hab ich das Recht erworben und auch die Pflicht dazu, in diesem ernsten Ton mit dir zu reden!«

Er hob die Hand und drohte mir in liebevoller Weise mit dem Finger. Da kam es wie ein plötzliches Glück über mich, aber nicht wie ein unverstandenes, sondern wie eins, welches klar und deutlich vor einem steht und voll begriffen wird. Ich nahm ihn bei der erhobenen Hand, zog ihn heraus, machte die Thür zu und sagte:

»Komm hervor aus dieser unserer Kammer und schnell herauf zu mir! Ich muß dir etwas sagen!«

»Was?« fragte er.

»Ein Geständnis. Komm nur, komm! Ich freue mich so sehr!«

»Ein Geständnis? Und doch Freude?«

»Ja! Es ist ein Sieg, ein innerlicher Sieg, den du soeben über dich und mich, über uns beide also, errungen hast!«

Er folgte mir so schnell, wie ich ihm voranstieg. Oben bei mir angekommen, nahm ich ihm das Licht aus der Hand und brannte zunächst die Lampe wieder an, welche er der Perser wegen hatte auslöschen müssen. Als dies geschehen war, bat ich ihn, sich aufrecht vor mich hinzustellen. Ich nahm ihn mit frohem Blicke von oben bis unten in die Augen und sagte dann:

»Es ist mir mit dir grad so ergangen, wie es so manchem Menschenkind mit seinem Geist ergeht. Es kennt ihn nicht, bis ihn der Feind ihm zeigt. Ich wußte nichts von dir, bis mich die Massaban auf jene Spuren führten, an denen ich zum erstenmal den Namen Ustad hörte. Man sprach von dir als dem „Geheimnisvollen“, von dem man ja „nichts Schlechtes sagen dürfe“. Sie schienen dich nicht bloß zu achten, sondern auch zu fürchten, und dennoch hegten sie nur Feindschaft gegen dich, weil sie als „Unglückselige“ dich ja doch hassen mußten. Dann traf ich den Pedehr, der mir nicht trauen wollte. Er nahm die Flucht vor mir, doch holte ich auf meinem Pferd das deinige schnell ein. Es war fast wie bei jenem Morgenritt im Märchen Danyseh, wo das schnellste Pferd des Menschengeistes von dem silberweißen Roß der Menschenseele überholt wird. Als ich hierauf mit ihm sprach, hörte ich zum zweitenmal von dir. Ich begann, in meiner Phantasie nach einem Bild von dir zu suchen. Dann warf mich jene schwere Krankheit nieder, von der ich hier bei dir erstanden bin. Ich lag bewußtlos, ohne Thätigkeit des Geistes. Da begann ich, zu erwachen. Es legte sich eine Hand auf meine Stirn, und dabei war es mir, als ob von ihr eine gütig reine, immaterielle Kraft ausströme und dann durch mein ganzes Wesen gehe. Und eine tiefe Stimme sprach die Worte: „Der Herr behüte deinen Eingang und deinen Ausgang von nun an bis in Ewigkeit. Amen!“«

»Das war ich,« sagte der Ustad.

»Ja, du warst es. Du kamst noch oft, wenn ich nicht wachte. Dann hatte ich einen Traum. Oder war es ein Gesicht? Ich befand mich im Haine Mamre, bei der Eiche Abrahams. Da trat die hohe Gestalt des Erzvaters leuchtenden Auges vor mich hin und grüßte mich: „Friede sei mit dir!“ Und als ich das meinige öffnete, standest du vor mir, breitetest deine Hand wie segnend über mich aus und sprachst ganz dieselben Worte. Darum wuchsest du in meinen Fieber- und dann auch in den Genesungsträumen dich in mir zum Ebenbilde jenes ausgewanderten Chaldäers aus, welchem der Herr einst die Verheißung gab: „Ich werde dich zum großen Volke machen!“ Als ich mich dann so weit erholt hatte, daß ich mich erheben und draußen vor der Halle sitzen konnte, da kamst du zu mir, und was und wie du da sprachst, das war im Geist des ersten Testaments gesprochen, der sich im zweiten die Verklärung holte. Nun kam das Heut, der Dankestag. Hättest du in mir noch höher wachsen können, so wäre das da drüben bei eurem „Gotteshaus“ gewiß geschehen. Du zeigtest dich dort Ahriman nicht nur gewachsen, sondern überlegen. Ich schaute zu dir auf, fast staunend, möcht ich sagen! Es stieg der Wunsch in meinem Herzen auf, so groß zu sein und auch so rein wie du. Das war wohl auch der mir nicht klar bewußte Grund, daß ich dann jene Beichte sprach, die mich befreien sollte. Ich wollte deiner würdig sein, ganz still, in meinem Innern!«

»Mein Freund, mein lieber, lieber Freund!« rief er gerührt aus.

»Warte,« bat ich, »und höre weiter! Es wurde Abend. Da stellten sich die finstern Schatten ein. Du zogst sie aus der früheren Zeit herbei und warfst sie leider über deine Gegenwart. Das Licht verschwand.

Du wurdest mir fast dunkel. Du ließest diese deine Schatten wachsen. Sie nahmen jene Riesengröße an, von welcher du bei deinem „Sonnentage“ sprachst! Du aber wurdest kleiner, in meinen Augen immer, immer kleiner! Ich sträubte mich dagegen, doch vergeblich. Ich wollte dich, die Hochgestalt, nicht lassen. Und dennoch thatst und sprachst du alles, was dich gering und winzig machen mußte. Du warst für mich nicht mehr der „Abraham von Erz“, an dem kein Schatten fressen, kein Schemen rütteln kann. Du hattest dich in jenen schnellen Hasenfuß verwandelt, der, wenn das dunkle Abbild eines Baumes, die Sonne fliehend, auf sein Lager fällt, rasch auch die Flucht ergreift und, blind vor Angst, im allerschnellsten Lauf von dannen jagt, um seine Feigheit in den Busch zu retten.«

»Maschallah!« verwunderte er sich jetzt. »Diesen Eindruck habe ich auf dich gemacht, nur diesen?«

»Ja!« antwortete ich.

»Wie war das möglich?!«

»Möglich? Sag unvermeidlich! Du sprachst soeben davon, daß ich die Angst nicht kenne. Sie ist mir fast verächtlich. Ich kann sie nicht begreifen. Da plötzlich seh ich die Gestalt, die ehern mir erscheint, als sei sie von des Schicksals eigener Hand gegossen und auf den rechten Platz auf festestem Granit gestellt, von diesem sichern Felsen niederspringen und wie besinnungslos die Flucht ergreifen! Vor wem? Vor nichts als nur vor ihrem eigenen Schatten! Fühlst du mir denn nicht nach, was ich empfinden mußte? Ahnst du denn nicht, daß du dich da in mir zerstören mußtest? Der Ritt durch dein Gedankenparadies, wie war er doch so traurig! Nicht dieser Thoren wegen, die es verfallen ließen, nein, deiner heiligen Einfalt wegen, in welcher du aus der Erhabenheit der Berge niederstiegst, um dich in Wüsteneien durchzuhungern und dann sogar den „Baum des Schwatzes“ zu beachten! Du warst mir fast so ideal geworden wie jenes Bild von „Akhal, den Durchschauenden“, den nie ein Mensch bethört. Was aber war aus diesem Geiste der Untrüglichkeit geworden, als ich ihn, „blind vor Angst“, die Flucht ergreifen sah, gehetzt von den Phantomen, die ihn auch heut noch nicht verlassen haben!«

Da ließ er den Kopf sinken und war eine kleine Weile still. Dann warf er ihn mit einer energischen Bewegung wieder empor und sagte:

»Das war eine böse, böse Sonde, Effendi! Aber du weißt nicht, wie ich dir dafür danke! Ich fühle, daß es in mir licht werden will. Siehst du die Schatten, welche von mir weichen und da, zur Thür hinaus, die Flucht ergreifen? Nicht? Ich auch nicht. Aber ich fühle, daß sie es thun, daß sie von dir aufgestöbert worden sind und mich verlassen müssen. Du hast mir nichts gesagt als nur die Wahrheit. Nun sage mir noch eins: Glaubst du, daß ich die innere Kraft besitze, dir wieder das zu werden, was ich dir vor dem heutigen Abend war?«

»Ja! Fast bist du es schon wieder! Ich sprach von dem Geständnis und auch zugleich von meiner Freude, bevor wir hier heraufgegangen sind. Das erstere hab ich dir nun gemacht. Die letztere sollst du jetzt mit mir teilen.«

»Freude? Worüber?«

»Ueber dich! Erinnere dich der Strenge, mit welcher du da unten in der Kammer zu mir sprachst! Das war der Mann von Erz! Nicht mehr der Schattenflüchtling! Du wuchsest plötzlich wieder empor. Du setztest deinen Fuß zurück auf den Granit. Ich bitte dich: Steig wieder auf die alte, gute Stelle! Ich gebe dir mein Wort: Kein Schatten ist es wert, und wenn es selbst der allergrößte wäre, daß man um seinetwillen auch nur ein einzig Mal den Kopf nach hinten wendet!«

»Nach hinten wendet!« wiederholte er. »Nach hinten! In die Vergangenheiten! Und grad dir, dir, der du es nicht einmal der Mühe für wert hältst, auch nur den Kopf zu wenden, dir wollte ich jetzt alle, alle meine Schatten bringen! Komm heraus! Ich will dir zeigen, wo sie stecken! Ich sehe es dir an: du ahnest, was ich will. Du bist glücklich darüber. Dein Auge leuchtet! Du hast von einem Sieg gesprochen, den ich über dich und mich errungen habe. Jetzt aber ist dir ein noch viel, viel größerer gelungen: Der Sieg über die, denen ich einst unterlag, über sie alle, alle, alle! Ich bitte dich noch einmal: Komm heraus!«

Er nahm die Lampe und führte mich hinaus in seine Bücherei. Dort stellte er sie auf den Tisch.

»Hier wollte ich dir erzählen, wohl stunden-, stundenlang«, sagte er. »Vielleicht wäre ich am Morgen noch nicht zu Ende damit gewesen. Nun aber wird es kurz gemacht, so kurz, wie diese Schatten es verdienen!«

Er deutete auf eine Reihe von Büchern, welche ganz gleich eingebunden waren, und sprach weiter:

»Hier steht mein Geist, in Bände wohlzerspalten und richtig numeriert, wie das so Sitte bei den Menschen ist. Schau du hinein, und sage mir sodann, ob diese Bücher wohl auch eine Seele haben!«

Ich griff hin, um eines vom Gestell zu nehmen. Da bat er:

»Nicht jetzt! Du hast ja dazu Zeit, wenn ich verreist bin und dich niemand stört. Ich habe dir noch weiteres zu zeigen. Ich wollte dir erzählen und erklären, zu welchem Zweck ich diese Werke schrieb. Ich unterlasse es, weil ich jetzt anders denke als noch vor einer Stunde. Du wirst sie lesen. Das heißt bei dir genau so viel, als ob ich sagte: du wirst sie und auch mich verstehen und begreifen. Sie sind Skizzen, Vorarbeiten, fließende Etuden, um mich und meine Leser einzuüben. Auf was sie vorbereiten sollten, darüber schweige ich. Man sagt das durch die That! Glaubst du, daß es Menschen giebt, welche so unerfahren sind, daß sie die flüchtigen Uebungsskizzen eines Malers für vollbeendete, fertige Werke halten können? Nein? Nicht? Unmöglich? So scheine ich ein Künstler allerersten Ranges zu sein, denn es hat keinen einzigen Kritiker gegeben, welcher die meinigen als leicht bewegliche Schwalben erkannte, die „meinem Freund, dem Frühling“ voranzufliegen hatten, wie ein bekannter Dichter sagt.«

»Ein Künstler allerersten Ranges!« lächelte ich. »Wozu denn hier die Ironie, die gänzlich überflüssig ist? Man hat das Zwitschern deiner Schwalben nicht verstanden, weil man noch in dem Eis des Winters steckte und weil sie nicht nach jenen Noten sangen, die auf fünf parallelen Linien stehn! Das konnte dich verbittern?«

Er sah mich an. Erst erstaunt, dann nachdenklich; endlich lächelte er auch.

»Wenn ich doch auch das heitere Gold besäße, das jetzt im Lichte deines Auges liegt!« rief er aus. Dann fügte er, nach den Wänden deutend, hinzu: »Schau hier die Briefe! Große Kisten voll! So schrieb man mir! Es war nur Liebe drin! Doch hier die Kästen mit den Zeitungsblättern, sie sind des Hasses voll, der mich vernichten sollte. Ich bin ihm gewichen, diesem Hasse. Er wurde mir zum Ekel! Aber ich habe ihn gekennzeichnet!

Ich habe seine Gründe nachgewiesen! Ich habe mich gewehrt, gewehrt, gewehrt!«

»Mit welchem Erfolge?« fragte ich.

»Ich mußte gehen, doch, doch und doch! Mein letztes Wort an die, denen ich weichen mußte, war folgendes.«

Er trat zu einem der Kästen, nahm die obenauf liegende Zeitung heraus, faltete sie auseinander und las:

»Ich bin ein Mensch. Ihr wollt das nicht begreifen,
Weil ihr wohl schon ganz übermenschlich seid.
Wenn solche Götter mich zum Richtplatz schleifen,
So trag ich stumm mein Armesünderkleid.

Ich steig getrost auf meinen Scheiterhaufen,
Den ihr mir bautet mit selbsteigner Hand,
Und laß mich von dem Flammengeiste taufen,
Für den ihr schon so manchen Leib verbrannt.

Doch wenn ihr mir nicht folgt, wohin ich gehe,
Hab ich mit eurer Gottheit nichts zu thun,
Denn während ich im Fegefeuer stehe,
Seh ich euch stolz auf meinem Lorbeer ruhn.

Ich lasse gern die Flammen um mich schlagen,
Denn mein Metall wird nur im Feuer rein,
Doch meinen Henkern habe ich zu sagen:
Ich möchte nicht an eurer Stelle sein!«

Hierauf legte er die Zeitung wieder zusammen und an ihre Stelle zurück. Dann fragte er mich:

»Weißt du, an wen ich bei diesen letzten Zeilen jetzt unwillkürlich denken muß? An Ghulam el Multasim, den „Henker“ des Mirza! So nackt wie er liegen jetzt auch die meinigen vor meinem geistigen Auge. Auch sie waren mit der glatten Salbe eingerieben, die jeden Leib zum Aal, zur Schlange macht. Du wirst sie kennen lernen, alle, alle! Da liegen sie. Du hast ja Zeit zum Lesen!«

»Ich? Lesen? Was soll ich lesen?« fragte ich.

»Diese Zeitungsartikel über mich!«

Da mußte ich denn aber doch so laut und so herzlich lachen, daß er sichtlich in Verlegenheit geriet.

»Woher so plötzlich diese Heiterkeit?« erkundigte er sich.

»Woher? Das fragst du noch?! Wenn ich mir das sonderbare Bild ausmale, welches dir soeben vorschwebte, so muß ich unwillkürlich an gewisse „lustige Blätter“ denken, welche geistige Gebrechen persiflieren! Und es wäre eine Persiflage meiner selbst, falls ich in jenen Sumpf zurückkehren wollte, über den ich mich schon längst, schon längst hinübergerettet habe. Einst brachte eines jener lustigen Journale eine heitere Abbildung dieses Sumpfes. Er war voller Amphibien, deren Mäuler weit offenstanden. Ein Mensch schritt durch den aufspritzenden Tümpel. Darunter war zu lesen:

»Wir müssen durch den Sumpf des Lebens waten,
Und wenn dabei die trüben Wasser spritzen,
So jammern über unsre Missethaten
Die Frösche alle, die im Schlamme sitzen!«

Nun sage mir ehrlich, mein Freund! Verlangst du im Ernst von mir, diese Musik, welche ich gar wohl kennen gelernt habe, noch einmal anzuhören? Als ich damals aus dem Sumpfe stieg, drehte ich mich um und lachte herzlich über die Batrachier, die sich zum Platzen quälten, mir zu zeigen, wer und was sie seien. Dieses komische Bild schwebte mir vor, als du vom Lesen dieser deiner Makulaturen sprachst. Begreifst du mich jetzt nun?«

»Ja,« antwortete er. »Ich begreife sogar noch mehr, als du ahnst!«

»So laß sehen, ob das wahr ist. Ich habe eine Bitte.«

»Welche?«

»Schenke mir diese Zeitungen!«

»Was willst du mit ihnen thun?«

»Verbrennen! Ich pflege solche Dinge niemals aufzuheben, noch weniger zu lesen. Sie fliegen stets, sobald ich sie erhalte, in das Feuer. So kommt kein Schatten bei mir auf. Ich will dich von den deinigen befreien. Erfüllst du meinen Wunsch?«

Da ging er von Kasten zu Kasten, stieß mit dem Fuß an sie und sagte:

»Das sind die Furien, die Erinnyen, die ich dir ja beschrieben habe. Sie lügen, wie gedruckt! – Hier die schadenfrohen oder gedankenlosen Nachbeter und Nachtreter, welche bei Gott schwören, daß sie schuldlos seien, weil sie doch bloß nachgedruckt und nichts erfunden hätten! – Und da die sogenannten guten Freunde, die stets behaupten, daß sie retten wollen, und doch so ungeschickt dabei verfahren, daß sie mehr schaden, als die andern alle. – Ich schenke sie dir. Nimm sie hin! Verbrenne sie! Du hast so recht: Ich will hier reine Arbeit machen!«

»Aber ich verbrenne sie wirklich!« versicherte ich. »Ich gebe sie dir nicht zurück!«

»Das weiß ich. Es ist dir ernst! Aber auch mir! Ich will nun endlich, endlich einmal freien Geistes sein.«

»Ich danke dir! „Endlich einmal freien Geistes sein“ willst du. Weißt du, was du mit diesen Worten gesagt hast? Unfreie Geister gibt es nicht. Wer in Fesseln liegt, ist vielleicht eine Intelligenz, doch niemals Geist! Du willst also nicht mehr bloß ein denkendes, ein nach Regeln, welche von Menschen vorgeschrieben sind, denkendes Wesen sein, sondern ein Geist, für den diese Regeln nur in so weit vorhanden sind, als sie mit seinen eigenen Wegen zusammenfallen. Du willst eine jener über sich selbst bestimmenden Personen werden, welche, wie ich unten ausführte, dem „dritten Leben“ angehören. Das ist ein großer Entschluß, den du nur dann auszuführen vermagst, wenn du den Körper, deinen bisherigen Gebieter, zum gehorsamsten aller deiner Diener zu machen weißt, und wenn du deine bisherige Sklavin, die krank in dir darniederliegende Seele, zu deiner Freundin, deiner allereinzigen Freundin erhebst. Denn wisse: der Geist wird ohne Seele nie den Weg empor zum Geiste aller Geister finden! Nun also: Sei fortan nur Geist, und – such‘ dir deine Seele!«

Wir standen einander gegenüber, ich ihm erwartungsvoll in das Gesicht schauend, ob er mich begreifen werde, er aber sinnend nach seinen Büchern hinüberblickend, als ob nur dort das zu finden sei, was ich jetzt bei ihm suchte.

»Meine Seele!« sagte er. »Ich habe dich gebeten, in meinen Werken nachzuschauen, ob sie darin vorhanden sei. Seele ist darin; das weiß ich ganz genau!«

»Seele? Nur Seele? Das ist so viel wie nichts! Oder vielmehr, es ist so wenig wie „nur Geist“! Du sollst nicht Geist und sollst nicht Seele haben! Sondern du sollst Geist sein und sollst auch Seele sein! Die Person „Geist“ sollst du sein, und die Person „Seele“ sollst du sein! Eine vollständige Persönlichkeit im Reiche der Geister und eine vollständige Persönlichkeit im Reiche der Seelen, beides zu Einem vereint in dir, wie Licht und Wärme in der brennenden Flamme, das sollst du sein. Der Körper sei – der Docht!«

»Der Docht!« wiederholte er nachdenklich. »Licht und Wärme wie in der Flamme. Das ist Seele und Geist! Der Körper des Menschen ist nichts, nichts, nichts, als nur der Docht! Und das Oel, Effendi? Vielleicht erfahre ich auch dieses noch! Was alles hast du mir doch schon gesagt! Es ist so viel dabei, was ich noch nicht ganz oder noch nicht recht begreife. Vielleicht grad deshalb, weil es gar so einfach klingt. Warum? Wer hat es dem Menschengeiste vorgelogen, daß nur das seines Strebens und seines Fleißes wert sei, was ihm durch die konvuse Ausdrucksweise des Pseudo-Gelehrtentums unverständlich gemacht worden ist? Auch in mir lebt noch ein Rest jenes alten Stolzes, der sich einer eigenen Kaste und auch einer eigenen Sprache rühmt. Aber gleich daneben habe ich das heilige Buch der Bücher liegen, in dem der Geist durch Welten und durch Himmel forschen geht und doch dabei in einer Sprache redet, die jedes Kind versteht. Ist diese kindliche Einfachheit, diese Klarheit jetzt plötzlich aus mir herausgetreten, um deine Gestalt anzunehmen? Ich sehe dich vor mir stehen, als seist du jener Teil von mir, welcher durch keine dialektischen Kunstsprünge irr zu machen ist, weil er die reine, wahrheitskeusche Sprache redet, die jeden Dialekt vermeidet. Wenn ich dich in dieser Weise sprechen höre, so bist du ich selbst, nur jünger, weicher, tiefer, nur scheinbar hart und doch von einem Willen, den selbst das andere Ich von mir wohl nicht erschüttern könnte. Mir ist, als hättest du nur immer jung zu bleiben, als könnte von uns beiden nur ich zu altern haben. Ich mochte schwören, daß ich durch dich schaue, als wärest du Kristall. Und dennoch kenne ich dich noch lange, lange nicht. Du bist mir ein Geheimnis und wirst’s vielleicht auch bleiben. Kannst du mir das erklären?«

»Werde dir klar, dann kann ich es; eher nicht!« antwortete ich. »Indem du dir klar wirst, erkläre ich mich dir. Du lobtest mich jetzt; aber dieses Lob ist ein Tadel, sowohl für dich als auch für mich!«

»Klingt das nicht auch schon wieder so geheimnisvoll?!«

Da griff ich nach seinen beiden Händen und forderte ihn auf:

»Schau mir in das Gesicht!«

Er that es.

»Wer bin ich?« fragte ich.

»Mein Freund,« antwortete er.

»Nein, denn ich bin mehr, viel mehr! Ich will anders fragen: Was bin ich? Was bin ich dir?«

Er sann, doch vergeblich. Dann sagte er:

»Ich weiß es nicht. Es kommen mir zwar Worte, doch keines trifft das Richtige, und keines sagt genug!«

»Und doch giebt es eins! Ein kleines, kleines Wörtchen. Und das ist richtig! Und das sagt genug, mehr als genug!«

»Welches?«

»Du hörst es nicht von mir. Du hast es selbst zu finden. Denn sagte ich es dir, so würdest du es nicht begreifen. Aber indem du es findest, hast du es verstanden.«

»Denkst du, daß ich es finde?«

»Ja, gewiß. Ich führe dich darauf.«

»Wann?«

»Bald. Vielleicht noch heut, noch jetzt, noch ehe wir uns trennen. Ich sprach vom Licht und von der Wärme in der Flamme. Ich gab dir auch das Gleichnis von dem Docht. Du fragtest mich sogar dann nach dem Oele. Wir redeten vom Geist und von der Seele. Bist du der Geist, für welchen ich dich halte, so mußt du ganz bestimmt das kleine Wörtchen finden!«

Jetzt war ich noch deutlicher gewesen als vorher, doch schien er sich nicht von dem einmal gefaßten Gedanken losreißen zu können. Er ging hinüber nach dem Fache, in welchem seine Werke standen, nahm ein Buch heraus, brachte es mir und sagte:

»Wenn sich mein Geist und meine Seele irgendwo so zusammengefunden haben, wie du sagtest, so ist es hier in diesen Blättern geschehen. Sie sind Flamme, vollständig Flamme! Schau es dir an!«

Ich öffnete es. Der Band war nicht gedruckt, sondern geschrieben, also Manuskript. Auf dem Titelblatte las ich: »Mein Leidensweg«. Ich war enttäuscht, ja sogar sehr enttäuscht!

»Deine Biographie?« fragte ich.

»Ja,« antwortete er.

»Vielleicht gar deine Rechtfertigung?«

»Gewiß! Das war ich mir doch schuldig!«

»Wehe dir, Ustad, wenn du dir noch etwas schuldig bist!«

»Wie streng das klingt! Und wie ernst du mich dabei anschaust, Effendi! So will ich mich anders ausdrücken: das war ich meinen Feinden schuldig, der Welt, die mich von sich gestoßen hat!«

Da hob ich warnend die Hand und sprach:

»Wenn dich die Welt aus ihren Toren stößt,
So gehe ruhig fort, und laß das Klagen,
Sie hat durch die Verstoßung dich erlöst
Und darum deine ganze Schuld zu tragen!

Wenn du Geist bist, wirklich Geist, so wirst du diese Worte verstehen und ihre Wahrheit so in dich atmen, daß sie dir zur Auferstehung werden muß und werden wird. Lazare, ich sage dir, komm heraus!«

Da wurden seine Augen groß und immer größer. Er hob seine beiden Hände empor, bis in die Nähe der Stirn, als ob er dort einen Gedanken fassen und festhalten wolle, und sagte:

»Was tritt jetzt an mich heran? Wer ist das? Wen giebst du mir? Ich sehe nichts. Ich höre nichts. Und doch sehe, höre und fühle ich etwas Wunderbares, etwas unendlich Beglückendes! Ich empfinde es deutlich, daß ich frei werde! Ist es etwas Geistiges? Etwas Seelisches?«

Da antwortete ich:

»Gieb mir dein Herz! Ich will’s zum Himmel tragen.
Von Gott gesegnet, bring ich dir’s zurück.
Dann soll’s nur noch im Himmelspulse schlagen,
Zu deinem und wohl auch zu meinem Glück!

Ustad, halte diese Worte fest! Laß sie dir nicht entweichen!«

Er schloß die Augen, als ob das, was in ihm vorging von außen nicht gestört werden solle, trat langsamen Schrittes, ohne etwas zu sagen, zum offenen Fenster und lehnte sich hinaus. Ich hatte das Buch »Mein Leidensweg« noch in der Hand und begann, darin zu blättern, doch ohne eigentlich zu lesen. Verschiedene Sätze, welche unterstrichen waren, fielen mir auf. Bei diesen verweilte ich. Ja, sie waren »Flamme«. Es glühte und flackerte in ihnen ein Zorn, welcher versengend war. Das Buch schloß auf der vorletzten Seite mit einem Gedichte. Dieses lautete:

»Ich kam zu dir am Hosiannatag
Und sah dich im Triumph durch Salem reiten,
Doch auch schon alles, was noch vor dir lag,
Sah hinter dir ich im Gefolge schreiten.

Da wendete ich mich zur Klagemauer
Und stand mit heißer Stirn am kalten Stein.
In deinen Jubel warf ich meine Trauer,
Denn mit dir zog ja auch dein Judas ein.

Ich kam zu dir am Eli-lama-Tag
Und sah dein Haupt im Todesschmerz sich senken.
Doch als dein Mund das Asabthani sprach,
Mußt schon ich an das nahe Ostern denken.
Du warst ja einst auf jenen Berg gestiegen,
Den man als Stätte der Verklärung preist,
Und mußtest beide, Grab und Tod, besiegen
In deiner Kraft als erdenfreier Geist.

Nun komme ich zum Auferstehungstag
Und sage dir: die Steine sind verschwunden.
Die Jünger sahen früh im Grabe nach
Und haben deinen Leichnam nicht gefunden.
Soll wohl der Geist hier in der Gruft verbleiben,
Wo doch der Körper längst schon auferstand?
Steh auf, steh auf! Es giebt noch viel zu schreiben,
Jedoch von jetzt nur mit – der Geisterhand!«

Ich las es noch einmal und dann zum dritten Male. Welch ein Gedicht! Ich meine nicht etwa den künstlerischen Wert desselben. Der ging und geht mich gar nichts an. Es war nicht die Form, sondern es war der Geist, der vor mir stand. Ich sah ihn deutlich, mit allem, was ich loben konnte, und auch mit allem, was ich an ihm tadeln mußte. Der Mann, der diese Zeilen geschrieben hatte, war aber unbedingt auch körperlich in Jersualem gewesen. Ich sah ihn durch das Jaffator kommen und geradeaus auf jenem Stufenwege schreiten, welcher hinab nach dem »Heiligtume« führt. Aber dorthin wollte er gar nicht, sondern er bog nach links, in die engen Bazare, die auf das Thor von Damaskus münden. Dort wendete er sich rechts, dem »Leidenswege« zu, hinauf nach Golgatha, dessen Stätte ein Gegenstand der Phantasie geworden ist, weil man die rechte Stelle nicht mehr kennt. Im tiefen Winkel liegt die »Klagemauer«. Hier hörte man die wahre Sehnsucht einst nach der Erlösung rufen. Jetzt aber kratzt man sich dort am Gestein die Finger blutig wund, nur um ein karges Bakschisch zu erhalten. So geht überall, nicht bloß im heiligen Jerusalem, die Menschheitsseele betteln, wenn sie den Geist verlor, der hier ihr Führer ist, damit dann sie ihn fort, nach oben, leite! Er aber, dieser Geist, schleicht forschend durch den Sukh des niederen Lebens, an Kesselflickern, Krämern und Wechsel-Habichten vorbei, nach dieser Seele suchend, die er verlieren mußte, weil er sein Herz an eitle Dinge hing! Und wenn er sie nicht findet, geht er hinaus vor Salems alte Mauern, steigt hin und her in jenen öden Thälern, wohin die Stadt das Aas gefallener Tiere sendet, am Oelberg dann hinauf, wo an dem Weg nach Jericho das Volk der Hammel abgeschlachtet wird. Und wenn er oben angekommen ist und von der höchsten Stelle des einstigen Jebus sein Morijah liegen sieht, so wallt es tief entrüstet in ihm auf. Er schüttelt seine Hände, in denen doch nichts ist, streng über Salem aus und klagt im Tone schmerzlicher Enttäuschung: »Ich kam zu dir – was habe ich gefunden?!«

Jetzt stand er dort am Fenster, den Rücken mir zugekehrt. Er achtete nicht auf mich, war nur in sich versunken. Die letzte Seite seines »Leidensweges« war noch leer. Tinte und Feder gab es hier auf dem Tische.

Wer war’s, der in mir sprach? Der mir befahl, zu schreiben, was ich hörte ? Ich that es! Ich hielt mich ganz an seine eigene Weise. Dasselbe Metrum und dieselbe Zahl der Verse. Drei Strophen, so wie er, genau auch so beginnend: »Ich kam –«; »Ich kam –«, und dann: »Nun komme ich –«! Er sah nicht, daß ich schrieb. Ich wurde fertig, schloß das Buch und ging vom Tische weg. Da drehte er sich um, verließ das Fenster und ging dorthin, wo ich geschrieben hatte. Dort blieb er stehen. Es war ein tiefer Ton, in dem er langsam sprach:

»Wo habe ich’s gelesen? Vielleicht auch las ich’s nicht. Erzählte man es mir? Hat mirs ein Traum gebracht? Ich weiß es nicht, doch ist es in mir da. Ich will es dir jetzt sagen.«

Nun hob er den Blick und sah mich an. Da glitt es wie etwas Helles über sein Gesicht, und er rief aus:

»Es hatte deine Augen! Ganz dieselben Augen, die jetzt im Schatten liegen und doch so hell erscheinen! Sonderbar!«

Er sann ein kleines Weilchen. Dann fuhr er fort:

»Es war an einem Tag, an dem der Himmel offen stand. Da sprach der Herr: „Geht hin, um zu erlösen!“ Sie folgten dem Befehl, sie alle, alle, viele Tausende. Bei ihnen die für mich bestimmte auch. Es war Dschanneh, der Gottessonnenstrahl!«

Welch ein Wort! Dschanneh! Sein Geist begann, klar, bestimmt und rein zu denken. Ich hörte, und ich sah, daß er den richtigen Weg gefunden hatte. Er sprach weiter:

»Sie suchte mich. Wie schwer war ich zu finden! Ich lag im tiefsten, fernsten Erdenwinkel, bei meiner bleichen Ahne, der Entbehrung, von den zerrissenen Fetzen ihres Mantels vollständig zugedeckt. Mich hungerte. Es war so dumpf, so dunkel unter meiner armen Decke. Da griff ein kleines, kleines Händchen unter sie herein, hob sie ein wenig auf. Ein Sonnenstrahlchen kroch zu mir heran, und da, wo innerlich die Nerven des Gehöres enden, erklangen mir die leisen, lieben Worte: „Jetzt hab ich dich! Ich bin ein Gruß aus Gottes Himmelreich und soll als Seele immer bei dir bleiben. Doch, halt mich fest! Und komm aus diesem Winkel zu uns hinaus ans Licht! Willst du mich nicht verlieren, so richte deinen Geist nach oben, nicht nach unten! Ich brauche Gottesodem; den kranken Hauch der Tiefe aber muß ich meiden!“ Da warf ich meine Fetzen von mir ab und ging ans Licht des Tages, an die Wärme. Nun sah ich erst, wieviel die Huld des Herrn dem Menschen spendet, und griff mit fester Hand in diese Fülle, der Ahne denkend, der dies nötig war. Da eilten sie herbei, die Lebensprasser, die sich so wenig um die bleiche Armut kümmern, daß sie ihr selbst die Fetzen kaum noch gönnen. Da packten fette, goldgeschmückte Fäuste die hagre Armutshand, ihr zu entreißen, was sie in schwerer Arbeit sich errungen. Es kam der Kampf! In seinen kurzen Pausen sah ich in mir zwei klare, milde Augen, die aber trüber, immer trüber wurden, und jene Seelenstimme flüsterte mir zu: „Ich warne deinen Geist! Er konnte es nicht sehen: die Fetzen waren Flügel!“ Doch dieser Geist stieg zornig vor mir auf und machte seine „heilgen Rechte“ geltend. Ich folgte ihm, und in des Kampfes Tagen, die nimmer enden wollten, verklang die Seelenbitte in weite, weite Ferne, bis ich sie nicht mehr hörte. Auch jene Augen sah ich niemals mehr. Ihr trüber Blick war für mich ausgelöscht!«

Hier hielt er inne. Sein Gesicht hatte den Ausdruck einer Wehmut angenommen, die gewiß schon oft in stillen Stunden bei ihm Gast gewesen war. Aber es erheiterte sich wieder, als er fortfuhr:

»Da kamst du! Besinnungslos – krank – schwach – genesend! Ich sah dich in allen diesen Stadien. Dein Auge hatte sie mit dir durchzumachen. Je mehr du dich erholtest, desto bekannter wurde mir dein Blick. Ich sann und sann – und endlich fand ich es: Dschanneh, mein Sonnenstrahl! Kann ein Mensch Seelenaugen haben? Ich frage nicht! Denn ich habe schon gefragt, vorhin, als ich wissen wollte, wer das sei, den du mir gabst! Als ich nun dort am Fenster stand, wurde es heller und immer heller in mir. Noch ist es nicht ganz licht; aber es wird, es wird, es wird! Effendi, ich liege auch heut im fernsten, tiefsten Erdenwinkel. Es ist so kalt, so dumpf unter meinem Mantel. Ich fühle die Nähe meiner Ahne wieder. Wird jemand kommen, wie damals, um die geistigen Fetzen aufzuheben und mir meinen Gottessonnenschein, meine Dschanneh, zurückzubringen, die mir im Kampfe des Lebens verloren gegangen ist, weil ich nicht mehr auf sie achtete?«

»Ja,« antwortete ich. »Es kommt jemand. Er ist schon da!«

»Wer?« fragte er.

»Ich! Ich bin es! Wünschest du wirklich, daß ich deinen Mantel aufhebe?«

»Ja!« nickte er, indem seine Augen leuchteten.

»Und wirst du ihn, wie damals, von dir werfen und an das Licht des Tages gehen?«

»Gewiß, gewiß! – Wie gern!«

Da schob ich ihn vom Tische hinweg, griff nach seinem Manuskripte und sagte:

»Hier liegt er! Das ist er! Dein „Leidensweg“, deine Biographie, deine Rechtfertigung, das sind die alten Fetzen, welche ebenso in das Feuer müssen wie dort die Kästen mit den Makulaturen! Ich bitte dich, auch sie mir zu schenken!«

»Das Manuskript, das ganze, ganze Manuskript?« fragte er erstaunt.

»Ja, das ganze!«

»Du kennst es ja nicht! Du hast es ja noch gar nicht gelesen! Lies wenigstens hinten das Gedicht!«

»Ustad, Ustad! Du glaubst, durch dieses Gedicht das Manuskript retten zu können! Ja, es ist wahr: deine Ahne sitzt bei dir, die geistige Armut, die ausgehungerte Denkschwachheit, das kraftlose Unvermögen, sich unter den Lumpen hervorzufinden, die man mit warmer Liebe um sich schlägt, weil man sie doch, und doch, und doch für ungeheuer kostbar hält, obgleich man es nicht wagt, dies einzugestehen! Du glaubst, das Gedicht sei mir unbekannt. Ich kenne es besser als du. Höre zu! Du sollst die Fetzen fliegen sehen!«

Ich schlug die vorletzte Seite auf und las. Freilich keinesweges in dem Tone, den er dabei jedenfalls angeschlagen hätte. Der meinige war ironisch frömmelnd, möglichst salbungsvoll, bei den letzten vier Zeilen sogar sarkastisch. Als ich geendet hatte, sah ich ihn an.

»Effendi, du vernichtest mich!« rief er aus.

»Nein! Nicht dich, sondern deine Ahne! Meinst du, auf solche geistige Vorschatten stolz sein zu können? Ich weiß, was ich thue; aber ich kenne kein Erbarmen für jene feigen Geister, welche den römischen Kriegsknechten die Mantelfetzen des Erlösers entreißen und sich hineinwickeln, weil sie weder die Kraft noch den Mut besitzen, das zu thun, was er von ihnen fordert: „Ein jeder nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ Du trugst diese Fetzen zu deiner „Hosiannazeit“; das war lächerlich! Du trugst sie an deinem „Eli-lama-Tage“; das war anmaßend! Und nun willst du sie sogar an deinem „Auferstehungstage“ tragen! Wie würde das wohl sein?! Diese vermeintliche Auferstehung würde sich in eine Leichenschändung verwandeln! Ich sah hier in deinem Manuskripte angestrichene Stellen. Du sprichst da von dem Himmelreiche, sprichst von der Seligkeit! Wußtest du denn, ob grad dein Himmelreich auch jedem andern wohlgefallen werde? War es dir unbekannt, wer die sind, die von Christus in seiner Bergpredigt seliggepriesen werden? Du aber wolltest Thoren selig machen, die grad das Gegenteil von dem thun, was der Meister fordert! Wie erhaben groß war jener Geist, um den sich nach zweitausend Jahren noch alle hohen, edlen Geister sammeln, um an ihm emporzuschauen. Wo steckt der deinige? Zu Christi Füßen wohl? Ich suche ihn zwar da, finde ihn aber nicht. Steckt er vielleicht in des Erlösers Schatten? Ich warne dich! Er mag zum Lichte kommen! Und nun höre das letzte: Wie hoch, wie hoch denkst du von diesem deinem Geiste! Er, der vor bloßen Schemen voller Angst die Flucht ergriff, er soll jetzt auferstehen, seinen Zufluchtsort verlassen, sich hier aus seiner „Gruft“ hervorwagen, und zwar zum Schrecken und Entsetzen derer, vor denen er so ganz besinnungslos entfloh? Du sprichst von deiner „Geisterhand“. Du sollst von mir erfahren, was du von dieser Hand zu hoffen hast! Da, schau!«

Ich schlug das letzte Blatt des Buches um und gab es ihm. Er sah die neuen Zeilen.

»Ein Gedicht!« sagte er.

»Meine Antwort auf das deinige,« erklärte ich.

»Wann schriebst du es?«

»Als du am Fenster standest. Laß es mich hören, laut!« Er las:

»Ich kam zu dir mit meinem Sonnenschein;
Du aber wolltest mich und ihn nicht haben,
Du glaubtest ja, ein großer Geist zu sein,
Und warfst um dich mit dieses Geistes Gaben.
Du hieltest für die Ewigkeit geschrieben,
Was Menschenhand für Menschenaugen schreibt,
Und bist doch selbst ein Manuskript geblieben,
Das ungedruckt im Kasten liegen bleibt!

Ich kam zu dir mit meinem Sonnenlicht;
Du aber glaubtest, eignes Licht zu strahlen.
Es glimmte wohl, doch leuchtete es nicht,
Und teuer war die Lampe zu bezahlen.
Du wolltest alle Welt im Nu entflammen
Für dich und deine Thorenseligkeit;
Da aber fiel der Docht in sich zusammen,
Und nun umfängt dich selbst die Dunkelheit!

Nun komme ich mit all dem Sonnenglanz,
In dem vor ihrem Herrn die Geister beten.
Ich will zum allerletztenmal, doch ganz,
In meiner Klarheit Fülle, zu dir treten,
Begreifst du nun auch jetzt das große Wunder,
Das doch so einfach ist, noch immer nicht,
So gehst du wie der Docht im Lämpchen unter,
Denn deinem Geist fehlt jede Spur von Licht!«

Er hatte die Vorlesung in jenem hohen Tone begonnen, den, wie er glaubte, das Metrum mit sich brachte. Dieser Ton war laut und vorwurfsvoll. Aber schon nach den ersten Zeilen begann er zu sinken. Die Sätze folgten sich langsamer, weil der Gedanke sich sträubte, so schnell mitzukommen. Es traten sogar kurze Pausen ein. Das Gesicht des Ustad wurde ernster und immer ernster.

Als er zu Ende war, las er das Gedicht noch einmal leise durch.

Nun war ich hochgespannt auf das, was er jetzt thun werde. Er sah mich gar nicht an. Er sagte nichts, kein Wort. Er drehte sich langsam um und ging wieder nach dem Fenster. Ich blieb stehen, still, erwartungsvoll. Still war es auch in meinem Innern. Kein Gedanke kam; kein Gefühl bewegte sich. Mein Herz klopfte. Ich hörte es. Gab es jemand in mir, der stumm betete?

Da verließ der Ustad das Fenster. Ist es möglich, daß sich ein Gesicht in so kurzer Zeit so sehr verändern kann? Das seinige war wie verklärt. Seine Augen strahlten. Er blieb vor mir stehen und riß das letzte Blatt langsam und sorgfältig um es nicht zu verletzen, aus dem Manuskripte. Dann warf er das letztere weit hinter sich, so daß es an die Wand zu den alten Zeitungen zu liegen kam, und rief im frohesten Tone aus:

»Hier hast du es, Effendi, alles, alles! Den „Leidensweg“, die „Biographie“ und vor allen Dingen auch die „Rechtfertigung“, die ich keinem einzigen Menschen hier auf Erden schuldig bin! Verbrenne es, sobald du kannst, dort mit den Zeitungs-Makulaturen! Ich habe dich endlich, endlich nun begriffen:

»Wenn mich die Menschheit aus den Thoren stößt,
Um mich, den Menschen, an das Kreuz zu schlagen,
So wurde ich von meiner Schuld erlöst;
Sie aber hat die ihre noch zu tragen!«

Nun richtete er seine Gestalt hoch auf. Auf seiner Stirn drohte plötzlich der heiligste, unerbittlichste Ernst. Aus seinen Augen flammten Zornesstrahlen, und seine Stimme klang in ihrer tiefsten Tiefe, als er fortfuhr:

»Hatte ich „meinen Leidensweg“ zu gehen, oder hatte ich meine Feinde aufzufordern, sich um ihre eigenen Balken, nicht aber um meine Splitter zu bekümmern? Von welchem Monarchen oder von welchem Herrgott waren sie beauftragt, über mich zu Gericht zu sitzen? Standen sie etwa als erhabene Geister in unermeßlicher Ferne über mir? Nein! Denn dann hätten sie gar nicht auf mich geachtet! Sie waren Dochte, grad wie ich, weiter nichts; ja, sie hatten nicht einmal eigenes Oel, sondern sie zehrten von dem meinigen! Und grad das ist es, was sie kennzeichnet! Wenn sich niemand findet, von dessen Fehlern sie leben können, wird es in ihren Laternen dunkle Nacht. Aber haben sie einmal Einen gefunden, den lassen sie jahrelang nicht los, um ihn so vollständig zu verschlingen, wie einst die sieben magern die sieben fetten Kühe im Traume Pharaos! Wenn dann der Geist im Lande teuer wird, so sind doch wenigstens sie vom Hungertod gerettet – zum ewigen Heil der ganzen Nation! Mußte ich mich von ihnen auf die Hörner nehmen lassen? War ich gezwungen, mich meiner Fehler wegen von den Sünden Anderer aus einer Welt treiben zu lassen, auf welche ich wenigstens ein ebenso großes Anrecht besaß wie sie? Welches innere oder äußere Gesetz kann mich wohl verurteilen, unter Millionen der Einzige zu sein, der seine Fehler willig auf sich nimmt, während die Uebrigen, bis an den Hals tief in den ihrigen steckend, ihre schadenfrohe Augenweide an mir haben? Und nun sie mich für gestorben und begraben halten, ist es da nicht eine beinahe unfaßbare Schande für mich, hier in meinem »Grabe« herumzuwimmern, anstatt mich kräftig zu regen, um die Steine desselben auseinander zu sprengen?«

Er ging einige Male im Zimmer hin und her, blieb dann vor mir stehen und sprach weiter:

»Man sagt, daß Gräber sehr oft die Geburtsstätten von Irrlichtern seien. Also nicht einmal Docht, sondern nur Verwesungsgas! Es irrlichteriert auch auf dem meinigen herum. Effendi, ich stehe auf; ich muß hinaus! Du hast mich gefragt, ob ich wirklich entschlossen sei, wieder an das Licht des Tages zu gehen. Ich gab dir mein Wort, und ich werde es halten. Dort liegt der Mantelfetzen, den du mir weggenommen hast, meine Rechtfertigung, die ich keinem Menschen schuldig war. Noch ehe du ihn ins Feuer wirfst, habe ich meinen Lebensanteil wieder in den Händen. Ich fühle es, die alte Kraft ist wieder da. Ich habe bloß nur Zeit versäumt und werde da beginnen, wo ich einst aufhörte.«

»Bloß nur Zeit!« antwortete ich. »Ustad, Ustad, du kannst nichts Köstlicheres verlieren als die Zeit! Sie kommt nie zurück!«

»Sei versichert, daß ich einholen werde, was einzuholen ist!«

»Aber auch hierzu brauchst du wieder Zeit, die du abermals einzuholen hättest! Und wo willst du wieder anfangen? Wo du aufgehört hast? An der Stelle deiner Arbeit, wo du sie unterbrachst, oder an dem Orte, wo du früher wohntest?«

»Beides. Ich muß; ich muß! Denke an dein Gedicht, mit welchem du das meinige beantwortetest? Alles Andere habe ich weggeworfen; das Blatt mit diesem Gedichte aber hebe ich mir auf. Ich trage es auf meinem Herzen. Wie recht hast du mit dem Vorwurfe der „Torenseligkeit“! Ist Gott wirklich nur Liebe, nichts als Liebe? Ist er nicht auch gerecht? So lange ich glaubte, nur geliebt zu werden, gab es in dem Himmel, den ich lehrte, eben auch nichts, als nur Liebe. Aber als ich mich unter der Faust des Hasses zu krümmen hatte und der giftige Neid an mir emporgekrochen kam, da erkannte ich, daß ich mich geirrt haben mußte. Ist der Himmel so arm, daß er für die Liebe und für den Haß nichts als dieselbe Münze hat? Und soll nur Gott allein das Böse bestrafen dürfen, nicht auch der Mensch, nicht ich? Wenn Tausende mich unter ihre Füße treten, indem sie behaupten, auf dem alleinigen Weg zur Seligkeit zu sein, muß ich da diesen ihren Irrtum als Wahrheit anerkennen, indem ich mich vollends von ihnen zermalmen lasse? Diese Fragen stiegen oftmals zornig in mir auf, ohne daß ich sie zu beantworten wagte. „Liebet eure Feinde!“ klang es tief in mir. Da kamst du vorhin mit deiner „Torenseligkeit“, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ja, es ist Christi Gebot „Liebet eure Feinde!“, und ich werde es halten, so lange ich lebe und bin. Aber ich weiß nun, daß ich die wahre Liebe zum Feinde ebenso wenig begriffen habe wie die Liebe überhaupt. Wenn der Feind gegen mich auftritt, um mich zu vernichten, so habe ich ebenso streng gegen ihn zu verfahren, doch nur, um ihn zu retten! Das ist die wahre Feindesliebe und nicht mehr kranke Herzensduselei! Die offene Hand für jede offene Hand, doch auch die Faust gegen Jeden, der mir die seine ballt! Die Feinde zu schonen, ging ich aus dem Lande und wurde für sie tot. Was habe ich für mich und was habe ich für sie dadurch erreicht? Nichts! Darum bin ich entschlossen, zu ihnen zurückzukehren und nachzuholen, was ich versäumte. Ich will unter sie treten als ganz derselbe, der ich war, und doch als ein ganz anderer. Ich werde ihnen –«

»– – die Faust zeigen!« unterbrach ich ihn. »Nicht wahr, Ustad?«

»Ja,« nickte er.

»Und deine Dschamikun –? Was wird aus ihnen –?« Ich sah ihm ernst fragend in die Augen. Er senkte sie zu Boden. Es entstand eine Pause, doch nur eine sehr kurze. Dann hob er den Blick wieder empor, reichte mir die Hand und antwortete, heiter lächelnd:

»Welch eine jugendliche Uebereilung bei solchem Alter! Verzeihe mir im Namen dieser meiner Treuen! Wie könnte ich die verlassen, die mich niemals, niemals verlassen würden! Du siehst, der Zorn führt leicht auf falsche Wege, sogar auch mich, den sonst so gern Bedächtigen!«

»Das warst nicht du; es war der alte Schatten. Nur immer groß scheinen, ohne wirklich und wahrhaft groß zu sein! Du wolltest in jenes dir fremd gewordene Land zurück und auch an jene Stelle, wo du zu schreiben aufhörtest. Auf das eine hast du verzichtet. Und das Andere?«

»Fremd geworden, sagst du, und das ist richtig! Das Land – wohl auch die Arbeit!«

»Jawohl! Die Feder ruhte, doch nicht dein Geist, und wahrer Geist kennt nicht das Rückwärtsgehen. Ich will dir zeigen, was du schreiben mußt. Komm mit hinaus, und höre, was ich sage!«

Ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch das Mittelzimmer auf das platte Dach. Indem ich mit der Hand einen Bogen über die Einfassung desselben hinaus beschrieb, fuhr ich fort:

»Da liegt dein Reich, das Reich der scheinbar Unmündigen, zu denen du von den scheinbar Mündigen getrieben worden bist. Ihre Augen sahen besser und schärfer als die Augen derer, die sich für weise hielten. Bei diesen letzteren liegt deine Vergangenheit, mit der du abgeschlossen hast. Laß sie mit ihr machen, was ihnen beliebt! Sie sind ja auch weiter nichts als nur die dunkeln, immer mehr verschwindenden Schatten einer Zeit, die hinter jedem von uns liegt, der in die Sonne schaut. Und diese Sonne kommt. Schau gegen Osten hin! Noch liegen die Ruinen hier in tiefer Dunkelheit, doch ballt sich schon der Nebel auf dem See. Er sagt uns, daß zu steigen jetzt beginne, was nicht mehr in der Tiefe bleiben will. Der Erde Sehnsucht ist also vorhanden. Es fehlt nur noch die lichte Kraft von oben, die liebend niederstrahlt, dies Sehnen zu erfüllen. Ein leiser Hauch verkündet schon den Morgen. Glaubst du, daß er uns täusche, daß er nicht kommen werde?«

»Er kommt bestimmt, mit Gottessicherheit!« antwortete er.

»So sag: Ist diese Sicherheit nur in der Zeit vorhanden, die Tag für Tag die gleichen Stunden bringt? Gibt es nicht auch noch andre Morgen, die ebenso gewiß nach andern Nächten folgen? Und andre Nebel, die grad jetzt sich ballen, wie diese hier, am See der Dschamikun? Du brachtest in dies Land den Trieb nach oben. Ich sah es ja, wie kräftig er sich zeigt. Es war hier Nacht, doch spürte ich den Hauch, der stets mit Sicherheit den jungen Tag verkündet. Glaubst du, daß es vermessne Menschen gebe, die ihre Nacht dem Licht entgegenstellen, damit der Tag von ihr vernichtet werde? Und wenn der Wahnsinn wirklich möglich wäre, der sich mit solcher Macht gewappnet denkt, so blase er mit seinem Hauch die Sonne, mit seinem Odem alle Sterne aus und füge zu der so entstandnen Finsternis das grasse Dunkel seines Hirns dazu, so wird es eben nur ein Wahnsinn sein und bleiben! Hetz tausend solche dunkle Aberwitzige auf einen einz’gen lichten, klaren Menschengeist, es wird geschehn, was unausbleiblich ist: Nicht werden diese Irren ihn verdunkeln, nein, sondern er wird ihren Wahn beleuchten und alles das, was hinter diesem liegt. Und schreitet er auf ihre Nebel zu, wird er zum Tag, vor dem die Schatten fallen. Das ist die andere Gottessicherheit, die unerbittlich naht, nach jeder Larve greift und jeden Vorhang hebt und alles an das Licht der Sonne zieht, was sich aus Angst vor diesem Licht versteckte.«

»Wie richtig!« nickte er. »Wir wissen ja, daß jene Schatten kommen, die heute sich hier angemeldet haben. Es gilt den großen Kampf, der zwischen Licht und Finsternis entscheidet. Wer Sieger bleiben wird, sagt das Naturgesetz. Ich ahne, daß sie nicht nur offen kommen werden. Des Dunkels Schwester ist die Heimlichkeit. Und wenn sie meinen, uns zu überwinden, so denken sie auch ganz gewiß daran, den Sieg sofort und schleunigst auszunützen. Drum fürchte ich, man kommt nicht nur zum See; man wird auch draußen unser Land besetzen. So habe ich also dafür zu sorgen, daß wir auch hierauf vorbereitet sind. Du siehst, ich denke schon nicht mehr an meine frühere Welt, zu der ich schleunigst wiederkehren wollte. Ich bleibe hier bei meinen Dschamikun, um zu beenden, was ich einst begann. Ich baute nur für sie das Alabasterzelt und muß sie heben, bis sie oben sind. Was ich von meiner „Geisterhand“ gedichtet, das hat Gedicht zu bleiben allezeit. Ich war ja doch kein Abgeschiedener und schaute über jene Grenze nicht, die keiner überschreitet, der noch lebt.«

»So hast du also doch noch nicht begriffen!« sagte ich.

»Was?« fragte er.

»Die Stelle meiner letzten Strophe: „Begreifst du nun auch jetzt das große Wunder, das doch so einfach ist, noch immer nicht“ –! Du hältst dich für einen Dichter, denn du dichtest. Und doch weißt du nicht, was ein Gedicht ist und wie es entsteht. Denk noch so tief und schön, und sage es in Reimen, das, was du schreibst, ist dennoch kein Gedicht. Der wahre Dichter denkt und schreibt zwar auch, doch was er schreibt ist Wirklichkeit und Leben, ist niemals nur Erdachtes. Dem Einen fehlt das Selbsterleben des Andern. Der eine „hat“ Geist, der Andere aber „ist“ Geist. Und dieser Geist kennt jene Grenze nicht, von der du sprachst. Ihm sind die Tore anderer Welten offen. Er geht da aus und ein. Ist er zurückgekehrt, um zu berichten, so kann er das nur in der Sprache tun, die man hier in der Körperwelt versteht. Und dieses Uebersetzen ist nicht leicht; man lernt es nur durch Mühe und Entsagung. Ich kenne keinen einzigen, der hierin Meister wurde; sie alle blieben bei dem Lehrling stehen. Auch ist dies Uebersetzen undankbar; ich meine undankbar im engsten Erdensinne. Wer Geistesleben übertragen will, der findet hier bei uns nicht eine einz’ge Form und keinerlei Begriff für das, was er uns gibt. Er hat sich mit der irdischen Gestalt und mit dem Menschenworte zu begnügen, die aber völlig unzureichend sind für seinen Zweck. Er kann nicht deutlich sagen, was er zu sagen hat, und uns nicht offen zeigen, was wir doch sehen sollen. Und wir, wir stehn dabei, mit vollen Körpersinnen und doch fast blind und taub für seine ganze Mühe. Der Ernste zwar, der logisch denkt und groß und rein empfindet, wird sehr bald ahnen, daß es um Unbeschreibliches, um Heiliges sich handelt, und darum sich befleißigen, sein Auge und sein Ohr dafür zu schärfen. An diesem Fleiße wächst sodann sein eigner Geist empor und lernt den andern nach und nach begreifen.«

»So ungefähr, wie ich zu wachsen habe,« fiel da der Ustad ein.

»Wer aber nicht so lauteren Herzens ist,« fuhr ich fort, »und trift’ge Gründe hat, den reinen Geist zu hassen, der stürzt sich wütend auf das arme Wort und auf die unwillkommene Gestalt und gibt sich Mühe, beide zu vernichten. Gelingt ihm dies, so prahlt er laut, den Geist besiegt zu haben, und wird von seinesgleichen hoch auf den Schild gehoben. Gelingt es aber nicht, so wirft er um die Blöße, die er sich gab, den Mantel frechen Spottes und greift anstatt des Geistes nun auch den Menschen an, um nichts an ihm zu lassen, was ihn zum Menschen machte. Welch ein Jubel nun für alle, die ebenso niedrig denken wie er! Sie fallen mit derselben Gier über den Verhaßten her. Er wird verhöhnt, geächtet, ausgestoßen, und wehe ihm, wenn er nichts Andres wäre als eben nur der Mensch, der an dem Pranger steht! Weißt du nun, Ustad, wie undankbar, ja wie gewagt es ist, mit der „Geisterhand“ schreiben zu wollen? Der Spott würde sich sofort deiner bemächtigen. Die raffinierte, rücksichtslose Lüge würde an dich herantreten, um den erhabenen Begriff, welcher dir bei dem Worte „Geist“ vorschwebt, zu fälschen und in „Gespenst“ zu verwandeln. Man würde höhnisch behaupten, du meinest nicht das Reich der Geister, welche große, edle Menschen sind, sondern das Geisterreich, von dessen Vorhandensein nur der Aberglaube faselt. Und selbst wenn du nicht mit Menschen-, sondern mit Engelzungen sprächest, die Unvernunft würde dich nicht verstehen „können“ und die Feindschaft dich nicht begreifen „wollen“, sondern dir alle möglichen Eigenschaften und Absichten unterschieben, aber ja nur keine guten!«

»Aber die Vernünftigen, Effendi?«

»Sie können dir keine Hilfe gewähren, denn sie sind machtlos, dem Heere der Andern gegenüber. Du kannst dich nur auf dich selbst verlassen. Du hast alleinzustehen, ganz, ganz allein, in allertiefster Seeleneinsamkeit, fest, stark, unerschütterlich – vollständig gleichgültig gegen jeden Schmutz, mit dem man nach dir wirft, gegen jede Niedertracht und Tücke, die aus vollen Nüstern dir entgegenschnaubt. Selbst die, welche an dir hangen, verstehen dich meist falsch, denn es erfordert Gedankenewigkeiten, bevor sie lernen, durch das Wort und die Gestalt hindurch den Sinn, den Geist, die Seele zu erfassen. Also auch sie stehen nicht bei dir, an deiner Seite. Aber grad diese Einsamkeit, diese Verlassenheit ist es, die dir den allerbesten, den einzigen Schutz gewährt. Bist du stark genug, dich zu dieser Entsagung zu bekennen, so gewinnst du sie lieb, unendlich lieb. Dein Ohr hört weder Lob noch Tadel mehr, und alles, was sich gegen dich aufbäumt, muß ohnmächtig in sich selbst zusammenfallen.«

»Ich begreife dich und begreife dich doch nicht,« gestand er ein. Auch ich habe entsagt, dann aber doch wenigstens meine Dschamikun gefunden. Die Einsamkeit, von der du sprichst, ist mir beinahe undenklich.«

»So schreibe, wie du ja wolltest, mit deiner Geisterhand; dann wirst du sie sofort kennen lernen! Versuche es, deinen Lesern ins Körperliche zu übersetzen, was Geist, was Seele ist, du wirst die Folgen so schnell an dir verspüren, daß es dir grauen möchte! Zeige ihnen einmal ein volles Menschen-Ich, von dessen Wesen sie trotz aller Psychologie noch keine Ahnung haben. Zerlege es vor ihren Augen in deutliche Gestalten, von denen du glaubst, daß sie sofort verstanden werden müssen – was wird die Folge sein? Man sieht das nicht, was du beschreibst, und denkt darum, du redest nur von körperlichen Dingen. Das preßt den Blinden jenes Lachen aus, worüber Sehende am liebsten weinen möchten. Man nennt dich einen Lügner, einen Prahler. Man spricht von Eigenlob, von widerlicher Selbstreklame. Und doch kann nirgendwo die Arroganz so ungeheuer sein wie grad bei diesen Toren, die ihren blinden Willen dem Schöpfer und den Menschen, sogar der sämtlichen Natur als oberstes Gesetz ins Antlitz schleudern. Was thust du dann, wenn diese –«

Ich konnte nicht weitersprechen, denn es fiel unter uns ein Schuß und wieder einer. Gleich hierauf hörte ich Kara Ben Halef, welcher seine Lagerstätte bekanntlich auf dem platten Dache über der Halle hatte, ausrufen:

»Was war das? Warum hat man geschossen?«

»Die Gefangenen brechen aus!« erwiderte eine weibliche Stimme.

»Wallahi! Laß sie nicht in das Haus! Ich packe sie hier von oben!«

Kaum gesagt, tat er es auch: Er schoß vom Dach herunter in den Hof.

»Das war die Stimme meiner wachsamen Schakara!« rief der Ustad. »Eile du hinab zu ihr, Effendi! Ich gebe meinen Dschamikun das Zeichen mit der Glocke; dann folge ich dir nach. Nimm deine Waffen; sie sind aber nicht geladen!«

Um die Lampe stehen lassen zu können, steckte ich eine Talgkerze an und ging schnellen Schrittes hinunter in die »Rumpelkammer«. So lange die Menschheit nicht Frieden hält, darf auch der Friedliche nicht auf die Wehr verzichten. Das wurde uns beiden jetzt bewiesen. Ich nahm den Stutzen nebst Patronen und sprang dann, mehr als ich stieg, die untern Treppen hinab. Da stand Schakara vor der Tür, welche in die Halle führte; sie hatte den Eisenriegel vorgeschoben und eine Pistole in der Hand. Am Boden stand eine brennende Lampe, daneben lagen die Kleider des Bluträchers. Auf dem Hofe brüllten viele Stimmen drohend durcheinander. Kara’s Schüsse krachten. Er beschützte von oben herab die Stufen zu der Halle. Ich warf das Licht weg, weil es mich hinderte, lud das Gewehr und erkundigte mich während dieser höchst eiligen Beschäftigung bei der Kurdin:

»Wie kamst du dazu, bewaffnet zu sein und die Flucht der Gefangenen zu entdecken?«

»Frage das später!« antwortete sie. »Horch! Die Glocken klingen! Nun erwachen alle unsere Krieger. Da ist die Gefahr für das hohe Haus vorüber. Die Feinde können jetzt weiter nichts mehr tun, als schleunigst fliehen. Lehre sie die Stimme deines Gewehres kennen!«

Sie schob den Riegel zurück und öffnete die Thür. Grad als ich hinaus in die dunkle Halle trat, kam Hanneh von oben herab.

»Mein Halef, mein Halef!« rief sie aus. »Wenn er die Schüsse hört, so wacht er auf und wird sich tief erregen!«

Sie eilte zu ihm hin. Ich aber bemerkte zu meiner Beruhigung, daß kein Fremder hier eingedrungen war. Sie waren schon fast alle zum Tore hinaus, und ich schickte ihnen mehrere Schüsse nach, doch nur in der Absicht, sie zu beängstigen, nicht aber, sie zu treffen.

»Verteilt euch schnell, schnell!« hörte ich die Stimme des Bluträchers brüllen. »Nur euch nicht wieder ergreifen lassen! Nur rasch zum Dorfe hinaus! Wir kommen ja doch wieder. Dann aber Rache, Rache!«

Die Glocken klangen weiter, in einzelnen, warnenden Schlägen. Im Küchengarten krachten jetzt auch Schüsse. Das war, wie ich später erfuhr, Tifl, der dort hinter den Sträuchern stand. Die übrigen männlichen Bewohner des Hauses erschienen, und unten im Dorfe begannen die Gewehre laute Antwort zu geben. Wo aber war der Pedehr? Und wo waren die Wachen, die drüben am Gefängnistore gestanden hatten? Ich sah sie nicht.

Da hörten die Glocken auf, zu stürmen, und der Ustad kam zu uns herab. Er traf mit dem Händler aus Isphahan und dessen Sohn zusammen, die sich nun auch einfanden. Ich bat, Fackeln anbrennen und vor allen Dingen das Tor wieder verschließen zu lassen. Als das geschehen war, ließ ich die Leute zusammenrufen. Man tat dies mit einer Hast, als ob es nun erst gelte, das zu verhüten, was doch bereits vorüber war. Die Aufregung hatte alle ergriffen, sogar den Ustad auch. Ich aber war gewohnt, mir in jeder Lage meine innere Ruhe zu bewahren, und konnte mich höchstens darüber wundern, daß der Pedehr sich noch immer nicht sehen ließ. Als ich nach ihm fragte, war es Schakara, welche antwortete:

»Ich sah ihn zu den Gefangenen hinübergehen, und er kam nicht wieder,« sagte sie.

»Wo warst du, als du das bemerktest?« erkundigte ich mich.

»Hier in der Halle. Ich wünschte, daß Hanneh und Kara schlafen möchten, und bat darum, bei Hadschi Halef wachen zu dürfen. Das gewährten sie mir.«

»Du immer Gute und stets Opferfertige!« unterbrach ich sie. »Was wollte denn der Pedehr so mitten in der Nacht bei diesen Fremden?«

»Das weiß ich nicht. Er sprach gar nicht mit mir, wohl weil er mich nicht sah. Als er so gar nicht wiederkehrte, wurde ich besorgt um ihn und ging hinaus auf die Stufen. Da sah ich das Tor des Gefängnisses offen, und die Soldaten kamen leise heraus. Ich erschrak so, daß ich kein Wort hervorbrachte, und doch war Hilfe nötig. Darum eilte ich in das Innere des Hauses und holte die Pistole des Pedehr, die stets geladen ist. Die schoß ich ab, alle beide Läufe, und dann verriegelte ich die Tür, damit es keinem Feinde gelingen möge, zu euch hinaufzukommen. Was dann geschah, das weißt du ja, Effendi.«

Wie kam es doch, daß es meine Hand hinüber zu der ihrigen zog, um sie zu drücken? Ich tat es und sprach dabei:

»Wenn der Geist des Hauses von unnützen Dingen träumt oder gar im vollen Wachen sich unvorsichtig erweist, so hat dann freilich die Seele die Augen offen zu halten. Und die bist du für uns gewesen, o Schakara! Ich vermute, der Pedehr steckt drüben im Gewölbe und ist Gefangener an Stelle derer, die er festzuhalten hatte. Schauen wir nach ihm!«

»Wird er nicht tot sein?« fragte höchst besorgt sein Tifl. »Sie können ihn ermordet haben!«

»O nein! Wer zum Wettrennen wiederkommen will wie dieser Multasim, der begeht zwar heimlichen, nicht aber offenbaren Mord. Der Pedehr wird ihm wie in einer Da’wa’l Ihana in die Hände gegangen sein und nicht den richtigen Vergleich zwischen sich und ihm getroffen haben. Da bleibt nun uns nichts Anderes übrig, als daß wir jetzt ganz ruhig sind und später anders als wie er verfahren. Nun kommt!«

Wir gingen mit zwei Fackeln über den Hof hinüber. Die Flüchtigen hatten infolge der Alarmschüsse gar nicht Zeit gefunden, die Tür fest zuzumachen; sie war nur angelehnt. Im Innern herrschte tiefe Dunkelheit! Durch unsere Fackeln aber wurde es hell. Da sahen wir sie am Boden liegen, den Pedehr und auch die Wächter, mit den eigenen Stricken gebunden und durch Knebel sprachlos gemacht. Alle, die mit hereingekommen waren, stießen Rufe des Erstaunens, der Verwunderung, ja des Schreckens aus. Der Ustad schlug die Hände zusammen und wollte sich wahrscheinlich in geharnischten Fragen ergehen; ich aber nahm ihm durch eine schnelle Handbewegung die Zeit dazu und sagte:

»Keiner von euch spreche! Es handelt sich hier um Anderes, als ihr denkt! Der Pedehr hat gethan, was er nicht lassen konnte. Schmälern wir ihm also nicht seinen Ruhm! Macht die Andern los; sie mögen gehen!«

Während man dies tat, bückte ich mich zu dem Scheik nieder, um ihn zu befreien, von denselben Fesseln, welche für seine und unsere Feinde bestimmt gewesen waren. Auch zog ich ihm den Knebel aus dem Munde. Da stand er langsam auf. Er sah uns an und lächelte. Sonderbar! Er wollte sprechen und brachte doch nichts hervor. Da sagte ich:

»Gib dir keine Mühe, o Pedehr! Wer sich von den Gegnern die Stimme rauben läßt, der braucht sich vor den Freunden auch nicht anzustrengen!«

Dann drehte ich mich um und ging hinaus. Die Andern folgten. Als wir wieder in den Hof kamen, wurde an dem großen Tore Einlaß begehrt. Es waren Dschamikun. Sie hatten einige der entflohenen Soldaten eingefangen und brachten sie wieder; ein Offizier oder gar der Bluträcher war aber nicht dabei. Darum bedeutete ich sie, diese ganz gewöhnlichen Menschen einfach aus dem Dorf zu schaffen und dann laufen zu lassen, dafür aber um so mehr acht auf ihre Pferde und andern Tiere zu geben, auf welche man es sehr leicht abgesehen haben könne. Beim Anbruche des hellen Tages sei dann die Gegend nach den Flüchtlingen abzusuchen und jeder Zurückgebliebene mit der Peitsche zu belehren, daß er hier bei den Dschamikun nichts mehr zu suchen habe. Hierauf entfernten sie sich, und das Tor wurde nun wieder verriegelt. Darauf fragte mich der Ustad, was jetzt zunächst und vor allen Dingen noch zu tun sei.

»Zunächst und vor allen Dingen?« antwortete ich lächelnd. »Vor allen Dingen schlafen wir.«

»Ich auch?«

»Jawohl! Es wird uns kein Fremder wieder stören.«

»Möglich; aber wir haben noch so viel zu besprechen und noch so viel zu bestimmen!«

»Mein Freund, wir haben schon viel zu viel besprochen, weit mehr, als nötig war und nötig ist. Und zu bestimmen? Dazu ist Zeit, wenn wir geschlafen haben, bevor du reisest. Laß mich dir offen sagen: Das Wort hat dann nur Wert, wenn es sich zur Tat gestaltet. Laß uns also von nun an mehr in Taten als in Worten sprechen! Daß der heutige Abend und ein Teil der Nacht so reich an Worten war, ist zu begreifen. Der vorangehende Tag gab uns den Stoff dazu, und dann war es ja Nacht; die Nebel wallten. Komm noch einmal mit mir herauf! Wir wollen sehen, ob sie noch da, ob sie vorhanden sind.«

Wir stiegen in meine Wohnung, wo die Lampe noch brannte; ich löschte sie aber aus. Unten in der Halle und unter den Bäumen des Hofes war es noch ganz dunkel gewesen. Hier oben aber führte die offenstehende Tür hinaus ins Freie und Schattenlose.

Als wir hinaustraten, standen die Bergeskuppen des Ostens bereits in wasseropales, bläuliches Hell getaucht. Hoch über uns lüfteten sich die Maschen des nächtlichen Schleiers, um vom Schein des Tages aufgelöst zu werden. In der Tiefe lag der See auch jetzt noch wie im Traume, aber dieser Traum war klar, von trüben Schatten rein.

Und die Nebel, die wir vorhin noch gesehen hatten? Verschwunden! Wohin? Wer kann es sagen!

»Nun?« fragte ich, hinunter nach dem Wasser deutend.

»Fort!« antwortete der Ustad.

»Und hier?«

Ich zeigte hinein nach der Bibliothek. Da holte er tief Atem und sagte:

»Ja, auch das waren Nebel, waren Dünste, und doch etwas ganz Anderes! Wie soll ich es nur nennen?«

»Du hast es bereits genannt und trafst den rechten Namen, als du behauptetest, daß es auf deinem Grabe irrlichteriere. Die Dünste hatten Flackerschein zu geben, um von ihm vollends weggezehrt zu werden. Verstehst du nun, was ich meinte, als ich von allzuvielen Worten sprach? Es ist geflackert worden. Wo? Ueber alten Sümpfen! Das schadet nichts; es reinigt sich die Luft. Dann sinken die Schwärme der stechenden Insekten nieder, und freundliche Gedanken kommen, den hellen Tagesfaltern gleich, herbei, um Häßliches und Scharfes abzulösen. Du sprachst von deinem Grabe, deiner Gruft, die hier in diesen deinen Räumen liege. Glaubst du, daß dies richtig gewesen sei?«

Er sah einige Zeit nachdenklich vor sich nieder und antwortete dann:

»Du weißt, daß man sich von alten, angewohnten Namen und Bildern nicht leicht zu trennen vermag.«

»Jawohl. Aber was wäre dann dein Alabasterzelt? Etwa das Mausoleum über der geliebten Gruft?«

Da fuhr er zusammen, schaute mich wie froh erschrocken an und rief aus:

»Effendi, Effendi! Was sagst du mir da für ein Wort! Was du mit keiner Rede des gestrigen Tages und der ganzen Nacht erreichtest, das sagst und beweisest du mir durch dies einzige Wort! Wer sein Zelt für so hoch oben baut, den kann vielleicht die Narrheit für gestorben halten, doch ist für diese Narrheit wohl jeder Kluge tot, und weil sie mich für tot hält, bin ich lebend! Effendi, du hast recht: Wir haben lange, lange Stunden mit einander geflackert und irrlichteriert: es mag auch heilsam gewesen sein, der stechenden Insekten und des Nachtgewürmes wegen; aber jetzt, jetzt erst, nachdem es Tag zu werden beginnt, hast du mir endlich das klare Wort und richtige Licht gegeben, in welchem ich erkenne, daß es nur an mir liegt, ob ich der Narrheit den Gefallen tun will, tot zu sein!«

»So schau hin gegen Osten! Dort bildet sich der erste Purpursaum, und leise Strahlen küssen ihn von fern. Reich an Erkenntnis nähert sich der Morgen, und wenn du willst, so teilt er sie dir mit.«

»Ja, ich heiße ihn willkommen, und er soll mein Lehrer sein,« rief er aus. »Du aber mußt ruhen und schlafen, den ganzen heutigen Tag. Ich verlangte zu viel von deinem noch nicht genesenen Körper. Darf ich dich für kurze Zeit wecken, ehe ich aufbreche, Effendi?«

»Ja, unbedingt! Ich habe vorher mit Agha Sibil zu sprechen und dann den Brief nach Bagdad zu schreiben.«

»So nimm jetzt meinen Dank, und schlaf am Herzen der Liebe ein, die dich und mich bewacht, indem sie uns wie eine einzige Seele umschließt!«

Er zog mich innig an sich, um mich auf Stirn und Mund zu küssen. Dann ging er hinab. Kaum war er fort, so trat die lange zurückgehaltene Schwäche ein. Es überkam mich eine so große Müdigkeit, daß ich schnell mein Lager aufsuchte und mich niederlegte, gleich so, wie ich war. Das Fenster stand offen. Ich richtete den letzten Blick hinaus. Am Himmel begannen die Strahlen in goldenen Funken zu blitzen. Dann war es wie ein Meer des Lichtes, welches mich plötzlich über und über umflutete. Nun schloß ich die Augen und schlief ein, doch ohne daß es um mich dunkel wurde. Wie war das sonderbar! –

  1. Siehe Band I pag. 548.
  2. Siehe Schiller, Die Kraniche des Ibykus: »So schreiten keine irdischen Weiber….«
  3. Siehe Band III S. 229.

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Wenn ein Maler alles das, was ich gestern mit dem Ustad gesprochen hatte, auf die Leinwand bringen könnte, so würde er es wohl am besten mit »Morgengrauen im Menscheninnern« zu unterzeichnen haben. Die vorangehende, lebensgefährliche Erkrankung, die Genesungsfreudigkeit, die fromme Feier am Tempeltage, das Erscheinen der Bluträcherschar, der vereitelte Mord in der Halle, das alles hatte trotz meiner innern Ruhe und Stetigkeit doch Nebel in mir aufgerührt, welche das fast überlang geführte Gespräch nur schwer zu Ende kommen ließen. Und noch viel schwerer war es in dem Ustad aufgewallt. Seine Lebensanschauung hatte im Haine Mamre gewurzelt, wohin die Engel einst zu Abraham kamen, und ihren höchsten Punkt in dem Worte Christi gefunden: »Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen!« Dieses Gebet war seine Richtschnur gewesen allezeit, in jeder Lebenslage. Da hatten sich die Andern, die sich ebenso Christen nennen, mit ihrem Haß auf ihn gestürzt, um ihn und seine Nächstenliebe zu vernichten. Er hatte nur einige kurze Versuche gemacht, sich gegen sie zu wehren; aber als er erkannte, mit welchen Waffen man gegen ihn kämpfte, da zog er sich in das stille, ruhige Land des Schweigens zurück, der christlichen Mahnung gedenkend: »So dir jemand deinen Rock nehmen will, dem laß auch den Mantel!« Aber in seinem Innern wallte es auf in wichtig schweren Fragen: Wer hat recht? Auf wessen Seite steht die göttliche Wahrheit, der göttliche Wille? Bei Christo, welcher sprach: »Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf ihn?« Oder bei diesen hochangesehenen christlichen Priestern und Laien, die mit den Gottesleugnern im engsten Operationsbunde den begeisterten Bekenner der Lehre von der Nächstenliebe aus der »Gemeinschaft der Gläubigen« hinauszuwerfen trachteten? Es kann ja doch gewiß nur eines von beiden wahr und richtig sein! Entweder hat der Heiland sich geirrt, indem er etwas forderte, was ganz unmöglich war, oder diese Herren treten mit Widerwillen vor dem allerchristlichsten seiner Gebote zurück, weil ihnen die Selbstüberwindung fehlt, es zu erfüllen!

Wenn solche Fragen im Ustad nach klarer Antwort und nach Lösung trieben, so mußte alles, was in ihm festgestaltet gewesen war, ins Wanken kommen, tief erschüttert werden. Daher sein Bestreben, mich zu sich heran in das Gespräch zu ziehen und so lange festzuhalten, bis er deutlich sehe, wo eigentlich das wahre Christentum zu finden sei, bei ihm oder bei diesem Anderen. Wo es zu suchen sei, das wußte ich genau, durfte es ihm aber nicht in deutlichen Worten sagen, weil die Klarheit in seinem eigenen Innern aufzutauchen hatte. Daher mein dilatorisches Verhalten, die Dehnung unsres Stoffes und dann aber auch unsere gemeinschaftliche Freude, als die Antwort endlich, endlich aus dem Alabasterzelte herabgestiegen kam.

Nun war es hell und licht geworden, sogar während meines Schlafes. Ich weiß, ich träumte nicht, und dennoch war es mir, als ob ich träume. Wer war ich wohl, und wo befand ich mich? Ich atmete nicht, und doch war alles Odem! Ich bewegte mich nicht, und doch wallten tausend und abertausend Wogen unendlichen Glückes in mir. Meine Augen waren geschlossen, und dennoch sah ich Herrlichkeiten rings um mich her, die unbegreiflich sind. Und plötzlich hatte ich Flügel. Ich flog. Wohin? Durch Ewigkeiten! Bis ich müde wurde und nach einem Punkte suchte, an dem ich ruhen könne. Und ich fand ihn, fand ihn wieder, diesen meinen irdischen Ruhepunkt im Reiche der Ewigkeiten. Und wo lag er? Im Schlafe, im tiefen, tiefen Schlafe. Ich neigte mich trotzdem zu ihm nieder und – schlug die Augen auf.

Da stand die Sonne schon in des Vormittags Mitte, und um mich her war alles licht und warm. Das Geräusch des Tages drang zu mir herauf. Ich fühlte mich gekräftigt und so frisch, wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Ich stand also auf und ging auf das freie Dach hinaus. Im Hofe unten wurden die Kamele des Ustad gesattelt. Ihn selbst sah ich nicht. Links drüben grasten unsere Pferde auf der bergigen Weide, welche an den Komplex der Ruinen grenzte. Der See glänzte azurblau zu mir herauf. Die Bewohner des Duar waren in lebhafter Bewegung, natürlich der Reise ihres Ustad wegen. Von meinem Vorplatze führten Stufen hinüber nach dem Glockenwege, welcher, von oben herabkommend, sich bis zur Gartenhöhe niedersenkte, wo die Quelle sprudelte, neben welcher sich der Herr des hohen Hauses eine rundum eingefaßte Badestelle abgeschlossen hatte. Ein solches Bad erschien mir sehr von Nutzen. Darum stieg ich da außen langsam am Berg hinab und fand die Tür zum Wasser geöffnet. Wie das erfrischte, dem Körper doppelte Kraft zu geben schien!

Als ich fertig war, spazierte ich auf dem weichen Grase zu unsern Pferden hin. Welche Freude, als sie mich erkannten! Als ich mich dann wieder entfernte, wollten sie partout mitgehen, und ich hatte sie sehr eindringlich zu bedeuten, daß ich dies für jetzt nicht wünsche. Nun durch den Garten nach dem Hofe gehend, kam ich an der Küche vorüber. Diese stand offen. Die »Festjungfrau« sah mich, kam heraus, schlug vor Verwunderung die Hände zusammen, daß es nur so klatschte, und rief:

»Maschallah, du schläfst nicht mehr, Effendi! Das ganze Haus durfte sich nicht laut bewegen, um dich ja nicht zu wecken. Wie hat unser Ustad dich doch gar so lieb!«

»Wo befindet er sich jetzt?« erkundigte ich mich.

»In seiner Stube.«

»Und Agha Sibil?«

»Der sitzt mit seinem Sohne in der Halle. Ich habe die halbe Nacht hindurch gebacken und gebraten, um Proviant für die Reise nach Isphahan zu machen. Für dich aber habe ich trotzdem immer Zeit. Weißt du, Effendi, um was ich den Ustad gebeten habe, was er mir aus der Hauptstadt mitbringen soll?«

»Nun?«

»Eine Kasawaika

Bei diesem Worte strahlte ihr Gesicht in einer auffälligen, mir krankhaft scheinenden Wonne.

»Eine Kasawaika?« fragte ich, »woher kennst du das? So etwas wird doch hier gar nicht getragen!«

»Ich habe es gesehen, als ich noch beim Schah-in-Schah mit kochte. Die russischen Madama hatten es. Ich muß so eine haben! Rot und blau, grün und gelb. Das sieht so schön im Fackellicht.«

»Fackellicht? Hm! Ich denke, du gehst stets weiß?«

Da kam sie die Stufen vollends herab, trat nahe zu mir heran, legte das fette Händchen auf meinen Arm und sagte in ehrfurchtsvoller Duzbrüderlichkeit:

»Ja, immer weiß! Zuweilen aber auch bunt, ganz bunt! Das steht mir besser, viel besser! Der Aschyk sagt das auch!«

»Du hast einen Geliebten, Pekala?«

Da errötete sie bis zur Farbe der persischen Mohnblume, nahm einen geheimnisvollen Ton an und raunte mir zu:

»Ich vertraue es nur dir, Effendi, allein nur dir! Es ist ein tiefes Geheimnis. Ich habe es schon vielen sagen wollen! aber ich fürchte, daß sie es verraten. Du aber hast ein solches Herz voll Freundlichkeit und Güte, daß du es gewiß nicht weiterplaudern wirst. Ein edles Frauenherz muß unbedingt ein edles Männerherz haben, von dem es ganz und gar verstanden wird. Und Tifl ist zwar ein liebes, folgsames Kind, jedoch ein edles Frauenherz, das kann er nicht begreifen!«

Sie schaute so ganz zerflossen und »edel« zu mir auf, daß sie mir gewiß sehr spaßig vorgekommen wäre, wenn ich nicht das zwar noch unbestimmte aber doch sehr deutliche Gefühl gehabt hätte, hier vor einer vielleicht sehr wichtigen Entdeckung zu stehen. Psychologisch zweifelhafte Personen sind stets mit Vorsicht zu behandeln.

Darum antwortete ich nicht anders als in meiner gewöhnlichen, freundlichen ernsten Weise:

»So sage mir, Pekala, was ein edles Männerherz von dir zu begreifen hat!«

»Dreierlei. Erstens daß man Vertrauen haben will. Zweitens daß man verschwiegen sein will. Drittens daß man nicht ewig Köchin bleiben will! Leuchtet dir das ein, Effendi?«

»Sehr!«

»Das wußte ich. Du bist vernünftiger als tausend andere Männer, die kein edles Frauenherz verstehen. Darum habe ich gewußt, daß ich dir alles, alles mitteilen kann, was ich den meisten Menschen verschweige.«

»Also den meisten! Das ist sehr vorsichtig von dir! Nun sage mir vor allen Dingen, von wem hast du denn eigentlich das von dem „edlen Frauenherzen“ erfahren?«

»Von meinem Aschyk. Ich habe gar nicht gewußt, daß ich auch so etwas Edles besitze; er aber hat es sofort erkannt und mir gesagt.«

»Und woher hat er von solchen Herzen erfahren?«

»Von einer Engländerin, die er mit ihrem Engländer in Buschehr getroffen hat. Die hat alle Tage einen neuen Papierfächer verlangt und dabei gesagt, sie habe ein edles Frauenherz und dürfe sich also ihre Gesichtsfarbe nicht verderben. Darum bringt mir mein Aschyk stets auch zwei oder drei Papierfächer mit, so oft er kommt.«

»Wo kauft er diese? Ist er ein Dschamiki?«

»Was du denkst, Effendi. Es ist noch keinem Dschamiki eingefallen, mein Herz edel zu nennen! O nein; mein Aschyk ist kein hiesiger und auch kein gewöhnlicher Mann, sondern ein vornehmer Schahsadeh aus Isphahan.«

»Du Glückliche! Kennst du ihn schon lange?«

»Schon seit einigen Jahren.«

»Besucht er dich oft?«

»Fast immer, wenn vier Wochen vorüber sind.«

»Hat er da einen bestimmten Tag?«

»Ja, denn so ein hoher Schahsadeh ist immer pünktlich. Er kommt stets, wenn es Pazar günü ist. Dann ziehe ich abends meine weißen Sachen aus und lege die schönen bunten an, die er mir immer schenkt. Hierauf gehe ich zu ihm hinüber in die Ruinen, wo ich mit ihm beim Mondenscheine hin und her spaziere, wie eine Tochter des Beherrschers. Ist es aber dunkel, so steigen wir in das Innere und brennen eine Fackel an.«

»Warum da droben und nicht hier?«

»Weil er nur heimlich kommen darf. Edlen Herzen wird es nämlich ungeheuer schwer gemacht, sich öffentlich zu verbinden. Wir können erst dann miteinander in Isphahan einziehen, wenn der jetzige Schah gestorben ist. Ich habe darum geschworen, das tiefste Geheimnis zu bewahren. Aber weil es bei dir ebenso verschwiegen aufgehoben ist wie bei mir, so halte ich meinen Schwur ja doppelt, indem ich es dir erzähle.«

»Aber welchen Grund hast du wohl, es grad mir mitzuteilen?«

»Einen sehr großen, wichtigen Grund. Du bist doch, wenn unser Ustad abgereist ist, der Herr des hohen Hauses?«

»Ja.«

»Ich wußte es. Der Ustad hat uns gesagt, daß wir dir in allen Dingen sofort und willig zu gehorchen haben. Und weil du über alles zu befehlen hast, muß ich dich um etwas bitten, womit ich das Leben meines Aschyk retten kann. Ich bin also gezwungen gewesen, dir mein Geheimnis zu verraten. Wäre das nicht, so hätte ich mich nicht an dich getraut, obgleich ich fühle, daß du ebenso edel bist wie ich! Aber dort kommt der Pedehr. Verrate mich nicht, Effendi! Kein Mensch darf es wissen, kein einziger! Nur du und ich allein! Ich sage dir vielleicht schon heut noch mehr. Jetzt aber muß ich in die Küche!«

Sie machte mir einen so tiefen Knix, wie bei ihrer Taille möglich war, und verschwand dann in ihrem Reiche. Der Pedehr hatte allerdings im Begriff gestanden, nach der Küche zu kommen, sich aber schon wieder umgedreht, um nicht zu stören. Das war mir lieb. Es war nur diese Pekala, diese Köchin gewesen, mit der ich gesprochen hatte, aber ich muß gestehen, daß ich mich trotzdem nicht in der Stimmung befand, sofort mit einer andern Person über andere Dinge zu reden.

Was für Gedanken hatten mich bisher bewegt! Bis fast zu diesem Augenblick! Und nun hier plötzlich diese geistige Nichtigkeit, zehnfach, hundertfach nichtig grad durch ihre strahlend freundliche Gestalt! Diese Null war hohl; hierüber gab es keinen Zweifel. Aber hinter ihr stand eine ganze Finsternis bereit, sie mit dem Verderben für uns vollständig anzufüllen! Und es war so viel, so ganz unerwartet viel, was ich erfahren hatte! Ich zog mich unter die Bäume des Gartens zurück, um nachzudenken.

Zunächst hielt ich es für begründet, dem Ustad diese Neuigkeit einstweilen zu verschweigen. Ich durfte ihm seine Reise nicht durch Sorgen erschweren, die ihm sehr leicht den klaren Blick beeinträchtigen konnten. Sodann war diese Pekala für mich jetzt in ein ganz neues, in ein drittes Stadium getreten. Von der Krankheit geschwächt, hatte ich sie für ein herzliebes, wenn auch recht unbedeutendes Wesen gehalten. Dann war ein gewisses Mißtrauen gegen sie erwacht, von welchem ich auch dem Ustad gegenüber kein Geheimnis gemacht hatte. Jetzt aber wurde es ernst, sehr ernst! Ein Mensch, welcher Charakter und Inhalt besitzt, kann berechnet werden, eine Pekala aber nicht. Sie ist trotz aller ihrer Liebenswürdigkeit gefährlicher als mancher Bösewicht. Solche Menschen gleichen freundlichen Schmetterlingen, die um ihrer Raupen willen unschädlich gemacht werden müssen. Es tut einem leid, doch hat man sich zu wehren.

Wer war dieser Aschyk, dessen Spionin sie in so unglaublich lächerlicher Weise geworden war? Jedenfalls ein Sill, ein Untergebener von Ahriman Mirza. Er kam monatlich einmal zu ihr, und stets Sonntags. Am Montag aber war der »Tag des Soldes«, also der Versammlungstag. Jedenfalls fragte er sie da nach allem aus, was hier bei den Dschamikun inzwischen geschehen war, und berichtete es dann weiter. So waren die Sillan stets vorzüglich unterrichtet. Das ganze Lebenswerk des Ustad hing also von der Schwatzhaftigkeit einer Person ab, die weiter nichts, als eine Törin, eine Närrin war! Wer weiß, wieviel sie bisher schon geschadet hatte! Stand sie allein mit ihrem Verrate, oder besaß sie noch andere Vertraute? Ich war sehr geneigt, anzunehmen, daß wenigstens Tifl, ihr »Kind«, auch mit beeinflußt worden sei. Konnte man es überhaupt für möglich halten, daß die geheimen Zusammenkünfte der »Schatten« hier in den Ruinen so ganz ohne Verrat und Unterstützung von seiten der Dschamikun abgehalten wurden? Mir erschien dies beinahe undenkbar. Mochte das aber sein, wie es wollte, ich hatte mir schon gestern vorgenommen gehabt, nach den hiesigen Geheimnissen der Sillan zu forschen, und nach dem jetzigen Gespräch mit der Köchin verstand es sich ganz von selbst, daß bei ihr der Anfang zu machen sei, und zwar so bald wie möglich.

Nun ging ich nach dem Hofe. Dort stand Agha Sibil mit seinem Enkel jetzt bei den fertiggeschirrten Kamelen. Ich erkannte den Ersteren sogleich an dem fast beispiellos starken Schnurrbarte, der so riesig war, wie ich noch keinen gesehen hatte. Man mochte auch mich ihm schon beschrieben haben, denn sobald er mich sah, kam er auf mich zu, nannte seinen und meinen Namen, stellte mir seinen Enkel vor und bat mich, bei ihnen im Baumesschatten Platz zu nehmen, damit sie von mir ausführlicher erfahren könnten, was ihnen von Andern nur andeutungsweise mitgeteilt worden sei. Es verstand sich ganz von selbst, daß ich diese Bitte mehr als gern erfüllte.

Noch während ich erzählte, kam der Ustad mit dem Pedehr aus der Halle. Sie gesellten sich zu uns. Der Erstere hatte gar nicht geschlafen und mich soeben wecken wollen, aber von dem Letzteren erfahren, daß ich schon aufgestanden sei. Der Pedehr verhielt sich so zu mir, als ob gar nichts vorgefallen sei, was man ihm vorzuwerfen habe, und darum zeigte auch ich mich unbefangen. Der Ustad aber schien sehr ernst mit ihm gesprochen zu haben und vermied es sogar jetzt noch, seinem Blicke zu begegnen. Der Kaufmann war ein hochehrwürdiger, braver Herr, der unendlich glücklich und dankbar war für das, was ich ihm erzählte. Er hätte mir noch gern stundenlang zugehört, mußte sich aber bescheiden, weil nun aufgebrochen werden mußte, weil es in der Absicht des Ustad lag, die verwandten Kalhuran noch heut zu erreichen, um ihnen Nachricht über das zufriedenstellende Befinden ihres Scheikes zu bringen. Doch blieb uns Zeit, das Nötigste zu besprechen.

Der Ustad übergab mir seine Wohnung mit dem sämtlichen Verschluß, und ich machte ihn noch einmal besonders auf den Brief aus Basra aufmerksam, den er in Isphahan an den »Henker« zu besorgen hatte. Als ich eine Bemerkung über die Gefahr aussprach, welche ihm seitens der entflohenen Soldaten drohen könne, teilte er mir mit, daß unten im Dorfe eine Schar bewaffneter Dschamikun auf ihn warteten, welche ihn begleiten würden, bis alle Gefahr vorüber sei. Hierauf wurden alle Bewohner des »hohen Hauses« herbeigerufen, damit er sich von ihnen verabschieden könne, grad als Kara Ben Halef von einer Tour heimkehrte, die er unternommen hatte, um sein Pferd wegen des Wettrennens geschmeidig zu erhalten. Er wendete sofort wieder um, weil er es für eine Ehrenpflicht hielt, den Ustad bis an die Grenze seines Gebietes zu begleiten.

Mir war es leider nicht möglich, mich ebenso höflich zu erweisen. Ich mußte bleiben, wo ich war, und konnte nur hinauf auf meine Plattform steigen, um erst mit dem Auge und dann mit dem Herzen dem zu folgen, von dem ich mich trotz aller äußerlichen Entfernung innerlich unzertrennlich fühlte. Ich war nun Herr seines Hauses und nahm mir vor, es im allerbesten Sinne zu sein, der menschenmöglich ist!

Eigentlich hatte ich mich jetzt wieder niederlegen wollen und auch sollen, aber ich fühlte sonderbarerweise nicht die geringste Spur von Müdigkeit. Darum ging ich jetzt wieder hinab, um zunächst nach meinem Halef zu sehen, von dem ich heut noch nichts vernommen hatte. Hanneh war bei ihm. Er hatte soeben die Augen aufgeschlagen und richtete sie auf mich, als ich mich bei ihm niederließ. Ein liebes, liebes Lächeln ging über sein eingefallenes Gesicht.

»Sihdi, gib mir deine Hand!« flüsterte er. »Ich muß sie küssen!«

Ich kannte ihn und wußte, daß ich ihm diese Liebe nicht verweigern durfte. Er führte meine Hand an seine Lippen und hielt sie dort so fest, wie es ihm möglich war. Dabei hielt er die Augen wieder geschlossen.

»Sihdi, wo – wo bist du gewesen?« fragte er leise. »Aus deiner Hand strömt – Leben – Kraft – und Genesung! Warst du vielleicht – im Schlafe dort, wo – wo – wo –«

Er sprach nicht weiter, sondern er schlief ein.

Dann ging ich wieder durch den Garten und nach der Pferdeweide hinter. Es war etwas in mir, was mich drängte, die dort so nahen Ruinen einmal in größerer Deutlichkeit als bisher vor mir liegen zu haben. Ich ahnte, daß in ihnen der Anfang des Endes liege, dessen Fäden jetzt in meine leider noch so schwache Hand gegeben waren. Das Gehen fiel mir heut schon wieder leichter als noch gestern. Meine kräftige Natur begann, sich geltend zu machen. Die Pferde seitwärts lassend, wendete ich mich der Stelle des alten Mauerwerkes zu, wo die letzten Büsche des Weidelandes standen. Dort war einer der cyklopischen Steine zu irgend einem Zwecke aus den Fugen gehoben und auf die hohe Kante gerichtet worden. Er warf nach Nord den Schatten. Da wollte ich mich niedersetzen und das Gemäuer in Augenschein nehmen. Aber es saß schon jemand da – Schakara. Meine Schritte waren im Grase unhörbar gewesen. Sie wurde auf mein Kommen erst aufmerksam, als sie meinen Schatten neben dem des Steines erscheinen sah. Da wendete sie den Kopf, wer es wohl sein möge. Als sie mich erblickte, wollte sie aufstehen, aber ich bat sie, ruhig sitzen zu bleiben, und nahm in ihrer Nähe Platz.

Sie zeigte nicht die geringste Spur von Verlegenheit, während ein europäisches Mädchen, in derselben Beschäftigung überrascht, gewiß aufgesprungen und davongelaufen wäre. Sie hatte nämlich ihre langen, schweren, dunklen Flechten geöffnet und war soeben dabei, dieses fast überreiche Haar durch den Kamm zu glätten.

»Laß dich nicht stören, Schakara!« sagte ich. »Hier bin ich Kurde und nicht Europäer.«

»Europäer – ?« Sie sah mich fragend an. Dann kam es wie Verständnis über sie: »Ist es bei euch eine Schande für die Frauen, ihr Haar vor euren Augen zu berühren?«

»Zwar keine Schande, aber auch keine Ehre. Unsere Frauen zeigen ihr Haar nur in künstlich geordnetem Zustande.«

»Künstlich geordnet?« lächelte sie. »Also ist bei euch diese Ordnung nicht Natur, sondern Kunst? Vielleicht ist das richtig; ich verstehe es nicht.«

Wie einfach und unbefangen das klang! Wie hell und sorglos sie mich dabei anschaute! Und wie unbedenklich sie dann in ihrer Beschäftigung fortfuhr! Ich richtete mein Auge auf die Ruinen, zunächst ohne weiter zu sprechen. Kein Lufthauch war zu spüren. Es herrschte tiefe Stille, und nur – was war denn das? Während Schakara ihr Haar bewegte, war jenes laut knisternde, ganz eigenartige Geräusch zu hören, welches entsteht, wenn elektrische Fünkchen überspringen. Sie bemerkte meine schnelle Kopfbewegung und fragte:

»Wolltest du mir etwas sagen, Effendi?«

»Eigentlich nicht; aber, knistert dein Haar stets so, wenn du es ordnest?«

»Ja. Oft noch viel lauter.«

»Seit wann?«

»So lange ich mich besinnen kann.«

»Kennst du noch andere Personen, bei denen dasselbe Geräusch entsteht?«

»Nur eine einzige, nämlich Marah Durimeh. So oft ich ihr die langen, weißen Zöpfe flocht, erklang ihr Haar in diesen lieben Tönen, und in den Händen war es mir, als sprängen tausend Funken auf mich über. Sie sagt, das müsse sein, wenn sich nichts Fremdes zwischen Leib und Seele stelle. Hast du es noch nicht gekannt, Effendi?«

»Doch!«

»Bei vielen?«

»Nein; nur bei einem, bei mir. Darum konnte ich nicht vergleichen und nach den Ursachen suchen.«

»Die Ursache ist das Leben, ist die Seele. Ist diese ungeschwächt, so hat sie auch die Kraft, zu zeigen, daß sie Ueberschuß an Lebensvermögen besitze.«

»Wie du so sprichst, Schakara!«

»Wie soll ich anders reden? Ich hörte es von Marah Durimeh, die meine Lehrerin gewesen ist, so lange ich lebe. Sie liebt dies Knistern sehr; sie pflegt es sogar; sie wird besorgt, wenn es sich einmal mindert. Sie spricht von ihm, wenn sie aus alter Zeit erzählt, als noch kein Mensch von Krankheit etwas wußte. Hat sie dir nicht gesagt von jenem fremden Dichter, der seine Poesie, die er verloren hatte, an diesem Knistern, als sie dann wiederkam, sofort erkannte? Das war das Roß der Himmelsphantasie, der treue Rappe mit der Funkenmähne, der keinen andern Menschen trug als seinen Herrn, den nach der fernen Heimat suchenden. Sobald sich dieser in den Sattel schwang, gab es für beide nur vereinten Willen. Die Hufe warfen Zeit und Raum zurück; der dunkle Schweif strich die Vergangenheiten. Des Laufes Eile hob den Pfad nach oben. Dem harten Felsen gleich ward Wolke, Dunst und Nebel, und durch den Aether donnerte das Rennen hinauf, hinauf ins klare Sternenland. Dort flog die Mähne durch Kometenbahnen, und jedes Haar klang knisternd nach der Kraft, die von den höchsten aller Sonnen stammt und drum auch nur dem höchsten Können dient. Und thaten sich die Thore wieder auf, die niederwärts zur Erdenstunde führen, so tranken Roß und Reiter von dem Brunnen, der aus der Tiefe jenes Lebens quillt, und kehrten dann im Schein der Sterne wieder. Der Reiter hüllte leicht sich in den Silbermantel, den ihm der Mond um Brust und Schultern warf, und seiner Locken Reichtum wallte ihm vom Haupte. Des Rosses düstre Mähne aber wehte, im Winde flatternd wie zerfetzte Strophen, schwarz auf des Mantels dämmerlichten Grund. Und jene wunderbare Kraft von oben, die aus den höchsten aller Sonnen stammt, sprang in gedankenreichen Funkenschwärmen vom wallenden Behang des Wunderpferdes, hell leuchtend, auf des Dichters Locken über und knisterte versprühend in das All.«

Sie hatte langsam und natürlich, ohne alle künstliche Hebung gesprochen, als ob diese Art der Ausdrucksweise eine ihr keineswegs ungewöhnliche sei. Ich war erstaunt, ja wohl mehr als erstaunt. Weniger über die bilderreiche Ausdrucksweise, weil diese dem Oriente eigen ist, als vielmehr über die Tiefe und den dichterischen Wert der Gedanken, welche sie ausgesprochen hatte. Welch ein Denken, Schauen und Empfinden! Welch eine reiche, seltsame Welt in ihrem Innern! Welche Schätze mochte sie in sich tragen, die doch so anspruchslos hier an der Erde saß! Sie begann jetzt, ihr aufgelöstes Haar wieder in Flechten zusammenzulegen. Sie sah dabei nicht zu mir herüber, fühlte aber dennoch meinen auf ihr ruhenden Blick, denn sie sagte:

»Effendi, du forschest in mir. Frage mich doch lieber, wenn du etwas willst! Ich sage es dir ja gern.«

Da erkundigte ich mich denn auch sogleich:

»Du nanntest Marah Durimeh deine Lehrerin. Was hat sie dich gelehrt, und in welcher Weise that sie es?«

»Als echte Muallima, die nichts falsch oder überflüssig tut. Sie lehrte mich zunächst das Lesen und das Schreiben. Dann brachte sie mir nach und nach alle jene Bücher, die das enthielten, was ich lernen sollte.«

»Gedruckte Bücher?«

»Nein, zunächst noch nicht. Diese bekam ich erst nach Jahren, als sie glaubte, daß mich fremde oder gar falsche Gedanken nicht mehr beirren könnten. Was ich in der ersten Zeit zu lesen und zu lernen hatte, das schrieb sie alles selbst, nur ganz allein für mich. Sie sagte, das müsse so sein, wenn ich werden solle, was ich zu werden habe. Solche Bücher haben die genaue Mostra zu enthalten, nach welcher die geistige Gestalt zu bilden sei, keinen Strich zu wenig und aber auch keinen zu viel. Weil aber niemals zwei verschiedene Personen ganz dieselbe Begabung besitzen, könne die Form für den einen nicht auch die Form für den andern sein. Darum sei außer der Schule des Lebens jede andere zu eng, die Kleinen in der Weise groß werden zu lassen, daß sich jeder in seiner besondern Eigenart entwickele. – Du siehst mich staunend an, Effendi. Habe ich etwas Törichtes gesagt?«

»Ich staune, ja; aber aus einem ganz andern Grunde, als du denkst. Schakara, ich sage dir: Marah Durimeh ist eine Meisterin! Hat sie noch andere Schülerinnen außer dir?«

»Wer kann das sagen! Sie ist zwar meist verborgen, doch überall geliebt, wo sie erscheint, und jeder lernt von ihr, zu dem sie kommt. Mich aber hat sie einst zu sich geholt; ich war und blieb bei ihr und teilte alles, was sie trug und tat. Sie gab sich wohl mit keiner so viel Mühe wie mit mir, und was ich bin, das habe ich nur ihr allein zu danken.«

»So weiß sie, daß du jetzt hier bei dem Ustad bist?«

»Ja. Ich bin sogar in ihrem Auftrag hergekommen, von dem er allerdings bis jetzt noch nichts erfahren hat. Ich mußte erst studieren.«

»Was oder wen? Darf ich es wissen?«

Da schlug sie ihre klaren Augen groß und voll zu mir auf und antwortete:

»Mir ist, als ob ich vor dir kein Geheimnis haben dürfe, als müsse ich dir alles sagen, was in mir ruht, und auch was mich bewegt. Drum will ich nicht verschweigen, daß ich den Ustad prüfe; weshalb, wozu, das weiß nur Marah Durimeh. Auch ist die Gegend, wo er wohnt, für mich von Wichtigkeit. Es liegt hier in der Nähe viel begraben, was auferstehen will. Er selbst spricht ja von seiner eignen Gruft, doch ist das wohl nicht richtig. Schau diese Mauern an, die hoch und stark sich hier vor uns erheben, als ob sie Heimlichkeiten zu verbergen hätten, die keines Menschen Auge sehen dürfe! Wer baute dies? Warum in dieser Weise? Aus welchem Grund gab man den Bau nicht völlig erdenfrei? So türmt man doch nur Festungen empor, von welchen aus man blutig herrschen will! Wozu Tyrannensitze für den Vater, der liebend zu den Kindern niedersteigt, wenn im Gebete sie ihn zu sich rufen? Indem ich dieses frage, muß ich an jene alte Sage denken, die von „Chodeh, dem Eingemauerten“ berichtet. Kennst du sie schon, Effendi?«

»Nein.«

»So laß sie dir erzählen!«

Sie schaute zu den Ruinen hinüber, nickte wie unter einem heimlichen Gedanken vor sich hin und begann sodann:

»Das war zu jener Zeit, als der Teufel auf den Gedanken kam, Baumeister zu werden. Er zeichnete viele tausend Pläne, aber keiner war ihm fromm genug. Da sah er ein, daß man jedes Fach, also auch dieses, erst nach und nach zu erlernen habe, und beschloß darum, zu den Menschen in die Schule zu gehen. Da er von unten zu beginnen hatte, so begab er sich zunächst zu einem Volke, welches nur auf Felsen baute. Als seine Zeit bei diesem vorüber war, suchte er ein anderes auf, welches ungeheure Steine aus dem Felsen brach, um sie zu Mauern aufeinander zu türmen. Bei einem dritten Volke lernte er Ziegel streichen und mit Asphalt zu Gebäuden vereinigen, die von scheinbar ewiger Dauer waren. Bei einem vierten richtete er sich auf riesenhafte Pfeiler und Säulen ein, welche selbst unter den schwersten Lasten nicht zusammenbrachen. Bei einem fünften hörte er zum erstenmal von Schönheit sprechen. Die Säulen bekamen freundlichere Gestalt, und die bisher platten Dächer hoben sich empor. Beim sechsten kam der Schmuck dazu und das Bedürfnis, Licht im Raum zu haben. Ein siebentes sah auf die äußere Gestalt und forderte für jedes Bauwerk andre Formen. So legte er sich also auf den „Stil“ und weiter noch auf alles, was sonst noch nötig war. Und als er dann vor seiner Meisterprüfung stand, an was für Bauten hatte er, der Teufel, sich geübt? Was glaubst du wohl, Effendi?«

»Erlaube mir, zu hören, nicht zu raten!« antwortete ich.

»An lauter frommen Werken, die nur zur Ehre dessen errichtet worden waren, für den der Teufel nichts als Haß besitzt. Zwar hatte wohl auch er die Frömmigkeit gewollt, denn fromm erscheinen, fördert selbst den Teufel, doch wirklich fromm zu sein, daran geht er zu Grunde. Drum war sein Haß jetzt gar zum Grimm, zur stillen Wut geworden, weil alle diese Bauten der Wahrheit dienten, aber nicht dem Scheine, und er beschloß, in seinem Meisterstück ein Werk zu schaffen, bei welchem alles Schein, nichts aber Wahrheit sei. Er ging in jenes Felsenland zurück, wo er die Lehre einst begonnen hatte, denn dort war Gott ein lieber Himmelsgast und ließ sich oft bei seinen Menschen nieder. Er saß so gern bei ihnen, licht und hehr, im offnen Alabasterberg, sich seiner Sonne freuend. Da kamen sie herbei, die er geschaffen, sie alle, groß und klein, von seiner eignen Hand den Segen zu empfangen. Sie liebten ihn; sie gönnten ihn auch andern; die Eifersucht auf Gott und auf die Seligkeit war ihnen unbekannt. In diesen Menschheitsfrieden trat der Andre, den es gelüstete, sein Meisterstück zu machen. Er brachte seine Scharen, die ihm dienen, und ließ den Neid der Hölle rings verbreiten. Als dann der Herr im Morgenrot erschien, um wieder einen Erdentag zu weilen, da drangen alle, alle auf ihn ein, nur hier bei ihnen noch, sonst nirgends zu erscheinen; die andern Menschen seien es nicht wert. Da neigte er das Haupt und ging betrübt von dannen. Er sprach den Segen nicht, sprach überhaupt kein Wort. Der Andre aber sprach: „Wißt ihr noch nicht, daß Gott sich zwingen läßt? Was ist die Bitte wert, wenn sie nicht zeigt, daß sie auch wirklich will! Beweist ihm euern Ernst, so muß und wird er tun, was ihr begehrt. Ich will euch euern wahren Gott verschaffen; die andre Welt mag andre Götter haben!“ Nun sandte er den Neid in Scharen aus, herbeizuschleppen, was er vorbereitet. Und als das nächste Morgenrot erschien, nahm er die göttliche Gestalt des Höchsten an und kam, den frommen Schein ins Werk zu setzen. Er ließ sich licht und hehr im Berge nieder und lächelte voll Huld den Menschen zu. Und als sie ihre Bitte wiederholten und ernsten Nachdruck auf die Worte legten, sprach er im Tone väterlicher Güte: „Ich prüfte euch; drum war ich gestern still; heut aber sag ich euch, ihr habt bestanden. Die Macht der Frömmigkeit ist größer als die meine. Drum nehmt mich hin als euer Eigentum. Ich will nun euch und niemand sonst gehören!“ Da flogen die Quader herbei, die Säulen, die Steine, die Ziegel. Der Felsen gab das Fundament; die Mauer klammerte sich fest; sie wuchs empor. Der Teufel saß als Gott im Heiligtume. Doch seine Scharen regten sich, ihn eiligst für das Volk hier einzumauern. Das Bauwerk stieg ihm immer höher, bis an den Leib – bis an die Brust – bis an den Hals! Und betend lag dabei die Andacht auf den Knieen! Der Kopf verschwand nun auch. Fast war der Berg verschlossen. Da schwang ein dunkler Flederhäuter sich aus der letzten Oeffnung und flatterte in das Verschwundensein. Und in demselben Augenblick erschien der Architekt vor seinem Werke und lobte laut, daß er zufrieden sei. – Was war es für ein Bau? Kein Mensch vermags zu sagen. Wo liegt der Berg? Ich weiß es nicht, doch möchte ich ihn finden. Und wenn ich mich nicht irre, bist du bereit, mit mir nach ihm zu suchen, Effendi.«

»Es wäre wohl der Mühe wert, sich hiermit zu beschäftigen,« antwortete ich. »Es steckt in jedem Märchen und in jeder Sage ein Kern, um dessen willen die Dichtung entstanden ist. Jedenfalls enthält auch diese Erzählung von „Chodeh, dem Eingemauerten“, eine Wahrheit, welche in dieser Form gesagt worden ist, um jedermann zugänglich zu werden. Nur meine ich, daß dieser Gottesberg mit seiner zugemauerten Alabasternische nicht an irgend einem geographischen Ort, sondern nur auf rein geistigem Gebiete zu suchen sei.«

»Ich nicht.«

»Wie?« fragte ich überrascht. »Du denkst dir einen wirklichen Berg, auf den ich mit diesen meinen Füßen hier steigen könnte?«

Da flog ein unbeschreiblich schalkhaftes Lächeln über ihr schönes Angesicht, und es klang beinahe wie von oben herab, als sie erwiderte:

»Effendi, Effendi! Willst du mich etwa glauben machen, daß ein Kurmangdschimädchen klüger sein könne als ein Gelehrter aus dem Abendlande? Was meinst du, wenn du von „Wirklichkeiten“ sprichst? Ist nur das wirklich, was ich sehe, höre, fühle? Und muß das, was du als „geistiges Gebiet“ bezeichnest, von unsern Sinnen niemals wahrzunehmen sein? Sind wir Menschen nicht unendlich verschieden begabt? Der Eine sieht, hört, riecht, fühlt oder schmeckt etwas, wofür der Andere nicht einen einzigen Empfängnisnerven besitzt. Und diesem Andern werden dafür viel tiefere und verborgenere Dinge offenbar, welche der Vorige für unbegreiflich hält. Ich bin nicht wie du, und du bist nicht wie ich; aber indem wir uns gegenseitig vertrauen und ergänzen, können wir uns zu einer Persönlichkeit vereinigen, welcher zu erreichen möglich ist, was wir vereinzelt nie erreichen würden. Das ist so leicht zu begreifen; aber schau um dich und sag, ob man es beherzigt! Der Sonderstolz, Effendi, der Sonderstolz! Du magst meinen, noch so hoch zu stehen, so hast du herabzusteigen, um zu lernen und dich fördern zu lassen. Willst du aber keinem Niederen etwas zu verdanken haben, so stehst du unter ihm, bist niedriger als er! Ich wollte, ich dürfte dir die Berge zeigen, die es für mich giebt, obgleich du sie nicht siehst!«

»Und ich dir auch die meinen!« fiel ich da schnell ein.

»Wo stehen sie?« fragte sie ebenso schnell.

»Da oben an der Grenze, in stiller Einsamkeit. Nur selten kommt ein Mensch, um dort emporzusteigen und heimzukehren in das Wunderland.«

»An der Grenze? Heimkehr? Wunderland? Effendi, du siehst, ich bin überrascht! Meinst du etwa dasselbe wie ich? Dieselben Felsenkronen, die mir so oft im Abendrot erglühten? Dieselben Pfade durch die heil’ge Stille, in welcher jede Blume und jeder Lufthauch betet? Dasselbe Wasserrauschen, von welchem meine Seele trinkt, noch durst’ger als die Lippe, die ich kühle? Warst du vielleicht in jenem Tal der Sternenblüten, wo unsichtbar die Seelen wandeln gehen, doch ihrer Füße Spur im grünen Moose lassen? Ich war einst dort mit Marah Durimeh! Wir hörten süßes Flüstern um uns her und leises Wehen, wie von himmlischen Gewändern. Ein Veilchen stand am Quell, das einzige im ganzen, weiten Tale, soeben erst gepflanzt, die Wurzel zärtlich sorgsam eingebettet und dann befeuchtet, daß sie trinken könne. Da kniete Marah Durimeh sich nieder, schloß es mit ihren lieben Händen ein und sprach: „So war er also hier! Ich kenne seine Weise und auch die namenlos Verehrte, die er mit seiner Lieblingsblume grüßt!“ Ich wagte nicht, zu fragen, wen sie meine. Jetzt aber denk‘ ich an die Lagerstätte, die ich mit deinen Lieblingsblumen schmückte, damit ihr Duft die Seele dir erhalte. – Nun sag‘, Effendi, kennst du meine Berge? Warst du schon dort? Bist du die Seele, die mit Veilchen grüßt?«

Da stand ich auf und ging zum nahen Erlenstrauch; dort blühten einige Veilchen. Ich pflückte sie und reichte sie der Fragenden. Auch sie stand auf, steckte die Blumen in das Haar, welches nun wieder in vollen Zöpfen niederhing und sagte:

»Ich kenne seine Weise, sprach Marah Durimeh. Effendi, wenn du ins Tal der Sternenblumen kommst und dort ein zweites Veilchen stehen siehst, begieße es, wie ich das deine tränken werde! Es sei fortan auch meine Lieblingsblume. Und nun sag‘ mir: Warum kamst du hierher an diesen Stein! Zwei Menschen, welche gleiche Pfade gehen, die pflegen gegenseitig sich zu ahnen. Dich zogen die Ruinen her zu mir?«

»Ja, Schakara. Dir will ich offen sagen, daß ich sie durchforschen werde, heimlich, bis in ihren tiefsten Winkel. Niemand soll jetzt davon erfahren, außer du.«

»Also treffen wir uns auch hier auf gleichem Wege! Ich war schon oftmals dort, ganz unbemerkt, des Nachts.«

»Warum?«

»Warum? Du weißt ja, was ich suche! Den Berg, die Alabastergrotte, das Meisterstück des Architekten, der Schein auf Schein anstatt der Wahrheit baute. Er kam zuletzt als Flattertier heraus. Was also kann die Grotte nun enthalten? Doch nichts! Leer muß sie sein! Es wurde weder Gott noch Teufel eingemauert. Und doch, und doch bin ich noch nicht am Schlusse; ich muß vielmehr noch weiter, weiter denken. Wo Gott von dem Teufel verdrängt wurde, da kann das Resultat doch wohl in keinem Nichts bestehen. Ich bin nur Weib, und du wirst wahrscheinlich über diese meine Mantyk lächeln; aber es handelt sich hier doch nicht um zwei Körper, welche zusammentreffen und sich wieder trennen können, ohne etwas zurückzulassen, sondern um die Frage, was entstehe, wenn das Gute von dem Bösen verdrängt wird und –«

Sie hielt inne. Es ist eben nicht leicht, Göttliches und Teuflisches durch menschliches Denken zu ergründen.

»Schakara, ich bitte dich, laß Mantyk Mantyk sein,« sagte ich. »Du fühlst das Richtige; aber es in Worten auszudrücken, das würde ich nicht wagen. Wenn der Teufel Schein auf Schein getürmt hat, so liegt hinter diesem Scheine sicher etwas Wahres verborgen. Was das ist, das können wir nicht wissen. Gelänge es aber, den Berg zu finden und die Grotte zu öffnen, so würde es sich zeigen. Ahnest du vielleicht einen gewissen Zusammenhang zwischen diesem Berge und dem alten Gemäuer hier im Gebiete der Dschamikun?«

»Ich ahne ihn nicht nur, ich fühle ihn ganz deutlich.«

»Hast du dich nicht gefürchtet, des Nachts so allein in den Ruinen herumzusteigen?«

»Vor Menschen, ja, doch sonst vor nichts.«

»Fandest du Spuren, daß Menschen dort verkehren?«

»Ja. Solche Spuren könnten eigentlich nicht befremden, weil die Neugierde doch gewiß so manchen Dschamiki und auch wohl manchen Andern hinunter in die alten Bauten treibt. Aber ich sah Einiges, was auf keine guten Absichten schließen läßt.«

»Was war das, Schakara?«

»Ich halte es für besser, es dir zu zeigen, statt jetzt davon zu plaudern, ohne daß es Nutzen bringt. Jetzt bist du noch zu schwach für solche Anstrengung, doch wird sich das schnell bessern. Dann steigen wir hinab und du wirst alles sehen, was ich entdeckte. Man sagte mir, daß du heut‘ den ganzen Tag zu schlafen haben werdest. Effendi, thue es! Es kommen schwere Tage, und du hast stark zu sein. Die Kraft, welche du heut‘ verschwendest, kann dir schon morgen fehlen. Glaube mir, ich meine es gut!«

Das klang so besorgt, so mütterlich, daß ich antwortete:

»Ich werde diesen deinen Rat befolgen, doch nicht sofort, erst nach der Mittagszeit, wenn Pekala –«

»Pekala?« fiel sie da rasch ein. »Du wolltest sagen, daß sie dir das Essen bringen werde. Du irrst. Von jetzt an werde ich es sein, die für dich sorgt. Ich lasse dich in keiner andern Hand.«

Ich wollte das nicht acceptieren und brachte meine Gründe dagegen vor. Da öffnete sie das kleine Dschasaltäschchen, welches an ihrem Gürtel hing, nahm ein Pergamentkärtchen heraus, gab es mir und sagte:

»Am Tage nach der Nacht, in welcher man dich und Halef zu uns brachte, sandte ich einen Boten an Marah Durimeh, denn ich hielt es für nötig, daß sie wisse, wie es um euer Leben stand. Ich habe ihr seitdem wiederholt berichtet und Antwort von ihr erhalten. Das Letzte, was sie schrieb, sind diese Worte.«

Ich las:

»Er sei der Geist; du aber sei die Seele, seine Schwester. Das zeige ihm und grüße ihn von mir.

Marah Durimeh.«

Da gab ich ihr das Pergament zurück, legte die Hand auf ihr Haupt und sprach:

»Was meine Freundin sagt, ist immer richtig. Ich will dein Bruder sein; so sorge denn für mich! Jetzt muß ich hinauf zu mir, um den Brief nach Bagdad zu schreiben. In einer halben Stunde wird er fertig sein.

Dann esse ich mit dir und Hanneh in der Halle, und da du es so willst, versuche ich hierauf, mich auszuschlafen.«

Dieses Programm wurde ausgeführt. Die Boten nach Bagdad hatten sich unten im Dorfe schon bereitgehalten. Sie gingen ab, sobald sie den Brief bekommen hatten, und nahmen eine Kamelsänfte für den dicken Kepek mit. Halef schlief noch fest, als wir uns zum Essen setzten. Ich bin ein mäßiger Esser; heut‘ aber aß ich doppelt so viel als gewöhnlich. Ich wurde von zwei Seiten hart bedrängt und hatte mich zu fügen. Als ich dann nach oben ging, nahm ich die noch immer im Hausgange liegenden Kleidungsstücke des Bluträchers mit, um sie in der »Rumpelkammer« aufzubewahren. Oben bei mir angekommen, trat ich auf die Plattform hinaus, um nach dem Stande der Sonne zu sehen. Es war eine Stunde nach Mittag. Da legte ich mich nieder.

Eigentlich war ich gar nicht müde. Es kamen mancherlei Gedanken, welche Audienz begehrten, und ich gab sie ihnen. Dann nickte ich ein bißchen ein, wachte aber sehr bald wieder auf. Nun griff ich zu künstlichen Mitteln. Ich sagte das ganze große und kleine Einmaleins rück- und vorwärts her, rezitierte in Gedanken Schillers Glocke und noch andere Gedichte, doch alles war vergebens. Dann stand ich wieder auf, zog mich an und schaute nach der Sonne. Es war seit dem Essen kaum eine Stunde vergangen. Was nun thun? In den Werken des Ustad lesen? Seine Zeitungen verbrennen? Ja. Aber da fiel mir ein, daß es doch meine Pflicht sei, einmal nach dem kranken Scheik der Kalhuran zu sehen. Das konnte sofort geschehen. Ich ging also hinab.

In der Halle saßen Hanneh und Schakara noch beisammen. Das Serir aber war fortgetragen worden.

»Es ist mir heut unmöglich, einzuschlafen,« sagte ich. »Darum kann ich mein Versprechen leider nicht halten. Hoffentlich bin ich heut abend müde.«

Da sahen sie einander an. Schakara blieb ernst. Hanneh aber lachte am ganzen Gesicht und sagte:

»Du kannst nicht einschlafen, Sihdi? Was hast du denn da während der ganzen, langen Zeit getrieben?«

»In welcher Zeit?« fragte ich belehrend. »Es ist ja höchstens eine Stunde!«

»Eine Stunde? So weißt du also wirklich nicht, daß du einen ganzen Tag geschlafen hast?«

Tableau, wie man im Abendlande sagt! Aber zum Scheik der Kalhuran ging ich nun erst recht, aber natürlich erst, nachdem ich wieder für zwei Mann hatte essen müssen. Der neue Herr des hohen Hauses trat sein Amt, wie es schien, mit vieler Würde an! Der Scheik befand sich in der besten Pflege. Er hoffte, schon in der kürzesten Zeit wieder aufzukönnen. Den Bluträcher erwähnte er nur ein einziges Mal, aber in einer Weise, die mehr als Worte sagte.

Hierauf wollte ich nach den Pferden sehen. Ich hatte nicht weit zu gehen. Barkh und Assil Ben Rih standen im Hofe. Kara sattelte sie, um sie auszureiten. Mit seinem Ghalib hatte er schon am Vormittage eine Uebungstour gemacht.

»Sihdi, wenn du nur wieder in den Sattel könntest,« sagte er. »Schau nur, wie dich dein Assil bittet!«

Der Rappe machte es allerdings sehr deutlich. Er tänzelte auf allen Vieren und schob sich dabei, ich mochte stehen wie ich wollte, so an mir vor, daß ich den Bügel in die Hand bekam. Das war drollig und rührend zugleich. Um dem Pferde eine, wenn auch nur kurze, Freude zu machen, hob ich den Fuß, setzte ihn auf und schwang mich in den Sitz. Ich wollte nur einen langsamen Gang durch den Hof, weiter nichts. Kaum aber saß ich oben, so war ich schon zum Tore hinaus, und ehe ich mich vorgebeugt und den herabhängenden Zügel aufgenommen hatte, war schon beinahe das Duar erreicht. Dabei fühlte ich weder Schmerzen noch sonst etwas, was mich hätte veranlassen können, abzusteigen. Es war mir sogar möglich, es zu einer Art von Schenkeldruck zu bringen. Ich saß ganz leidlich fest und wankte nicht. Kara hatte mich rasch eingeholt. Er freute sich wie ein König über den Streich, den mir das Pferd gespielt hatte.

»Der macht kurzen Prozeß mit dir, Sihdi!« lachte er. »Wie weit wirst du es wohl wagen können?«

»Wollen sehen,« antwortete ich. »Aber nur Schritt. Ich fühle mich ganz wohl; ja, es ist sogar, als ob im Sattel noch alte Kraft von mir aufgespart sei, die mir nun zugute komme. Sonderbar!«

Wir ritten langsam durch das Dorf. Die Leute kamen aus den Zelten, Hütten und Häusern, grüßten froh und waren baß verwundert, ihren Patienten so plötzlich schon zu Pferde zu sehen. Dann ging es am Seeufer hin, nach Osten zu. Ein Viertelstündchen hielt ich es aus. Dann wurde ich müde und sagte Kara, daß ich absteigen und ruhen müsse.

»Dann gleich hier,« antwortete er, nach dem Ufer deutend. »Das ist die Stelle, welche der Pedehr dir zeigen sollte.«

»Woher weißt du das?«

»Er hat es mir gesagt, als ich gestern hier an ihm vorüberritt.«

Das war mir interessant. Also der Ort, wo die Sillan ihre Pferde zu tränken pflegten! Wir ließen die unseren an das Wasser gehen, und ich legte mich lang in das Gras. Da begann Kara Ben Halef:

»Sihdi, bist du sehr müde? Oder darf ich von einer Sache zu dir reden, die mir sehr wichtig erscheint? So wichtig, daß ich es nur dir, keinem andern mitteilen kann?«

»Sprich!«

»Tifl lügt!«

Er sagte nur diese beiden Worte; dann war er still.

»So!«

Ich sagte nur dieses eine Wort; dann war auch ich still. Nach einer Weile fuhr er fort:

»Ja, er lügt! Und du weißt, daß ich die Lüge hasse und den Lügner verachte! Und doch muß ich mit diesem Menschen sprechen, denn ich bin Gast!«

»Vielleicht irrst du dich,« warf ich ein. »Es ist ein großer Unterschied zwischen der absichtlichen Lüge, welche aus schlechten Gründen täuschen will, und einer Unwahrheit, die man mit gutem Gewissen verbreitet, weil man sie für Wahrheit hält.«

»Das weiß ich gar wohl, Sihdi; aber ich habe geprüft. Tifl weiß ganz genau, daß er lügt. Auch ist es nicht bloß leichtsinnige Schwatzhaftigkeit von ihm, die sich auf gleichgültige Dinge bezieht, sondern es handelt sich um Angelegenheiten, welche von größter Wichtigkeit für uns sind. Ich meine nämlich Ahriman Mirza.«

»Hat er diesen belogen?«

»Nein, sondern dich – uns!«

»Wieso?«

»Du frugst ihn vorgestern vor dem Mordüberfalle, woher der Henker wohl wisse, wo deine Lagerstätte in der Halle sei. Er antwortete dir, er sei den Persern vorangeritten und habe gar nicht mit ihnen gesprochen. Aber Ahriman Mirza habe sich an die begleitenden Dschamikun gemacht und alles, was er wissen wollte, aus ihnen herausgelockt. Tifl behauptete sogar, daß er über diese unvorsichtige Schwätzerei sehr zornig gewesen sei. Besinnst du dich, Effendi?«

»Ja. Ich erinnere mich noch jedes Wortes. Bezieht sich deine Behauptung etwa auf diese seine Angabe?«

»Ja. Er hat gelogen, dir mit vollem Bewußtsein in das Gesicht gelogen! Ahriman Mirza hat während des ganzen Rittes nach der Grenze mit keinem andern Dschamiki auch nur ein einziges Wort gesprochen. Bedenke seinen Stolz! Aber er ist mit Tifl und dem Henker vorangeritten, Tifl zwischen ihnen, und diese drei haben sich sehr lebhaft, fast wie gute Freunde, unterhalten. Beim Scheiden haben der Mirza und Ghulam ihm sogar die Hand gereicht, um Abschied von ihm zu nehmen. Was sie erfuhren, konnte also nur aus seinem, aus keinem andern Munde stammen.«

»Woher weißt du das, Kara?«

»Von Einem, der es am besten wissen muß, nämlich von Tifl selbst. Das war gestern abend, als ich den Pferden zum letzten Male Wasser gegeben hatte. Ich wollte noch nicht schlafen und ging hinter, wo das Weideland aufhört und die Ruinen beginnen. Dort ragt ein großer Mauerstein aufrecht empor, und nur einige Schritte davon steht ein dichter Kyßylbusch, an welchem ich mich niedersetzte. Du wirst wohl noch nicht dort gewesen sein und die Stelle also nicht kennen.«

»Ich kenne sie. Ich saß am Vormittage bei dem Steine und pflückte Veilchen bei dem Kyßylstrauch.«

»So weißt du also, daß beide so nahe beieinander liegen, daß man am Kyßyl hören muß, was an dem Steine gesprochen wird. Ich war noch nicht lange dort, so kamen Pekala und Tifl. Sie setzten sich nieder, ohne zu ahnen, daß ich mich so nahe bei ihnen befand. Ich gab mir gar keine Mühe, mich zu verbergen, hatte aber auch keinen Grund, sie besonders auf mich aufmerksam zu machen. Sie brauchten nur einigermaßen aufmerksam zu sein, so mußten sie mich sehen; aber es gibt Menschen, denen die Unvorsichtigkeit so zur zweiten Natur geworden ist, daß sie gar nicht mehr wissen, was man unter Vorsicht zu verstehen hat. Diese sonderbare Mutter sprach mit ihrem noch sonderbareren Kinde zunächst über allerlei, was mir vollständig gleichgültig war. Darum stand ich schon im Begriffe, mich leise zu entfernen; da wurde dein Name genannt, und darum blieb ich sitzen. Was sie sagten, war keineswegs besonders klug zu nennen; sie wissen nicht so recht, was sie aus dir machen sollen; aber Pekala versicherte, daß sie dich in ihr Herz geschlossen habe, und Tifl meinte, man habe mit dir sehr freundlich und sehr höflich zu sein, weil man nicht wissen könne, was aus deiner Freundschaft mit dem Ustad entstehen werde. Bei ihm komme es vor allen Dingen darauf an, was du für ein Reiter seist, und da getraue er sich unbedingt, dich und deinen Assil auf der Stute des Ustad zu überholen. Was sagst du dazu, Effendi?«

»Kinderei!«

»Dieser Mensch ist ein Pferdejunge, aber doch kein Reiter! Rohes Anklammern, Jagen und Hetzen, aber keine Spur von wahrer Reiterkunst! Für solche Leute ist Pferd eben nichts als Pferd! Dann sprachen sie vom Ustad. Ich muß dir sagen, Effendi, was ich da hörte, hat mir fast wehe getan. Sie gaben vor, ihn zu lieben; sie lieben ihn wohl auch, jedoch in ihrer Weise. Beiden steht die Küche oder das Pferd des Ustad höher als er selbst. Sein Geist und seine Gedanken imponieren ihnen; von seiner Person aber sprachen sie in einer Weise, die mir nicht gefallen konnte. Das war Klatsch! Hierauf kam die Rede auf eine Person, welche Aschyk genannt wurde. Wer gemeint war, weiß ich nicht. Dieser Aschyk kommt regelmäßig nach vier Wochen, um Pekala hier bei dem Steine abzuholen. Nächsten Sonntag kommt er wieder, eine Stunde vor Mitternacht. Nun erwähnten sie eine große Empörung. Es soll Jemand abgesetzt werden; aber wer, das konnte ich nicht verstehen. Dann reitet Pekala auf dem herrlichsten Kamele in einer großen Stadt ein, und Tifl wird ein sehr berühmter Mann. Auch aus dem Ustad wird etwas Bedeutendes, doch was, das blieb mir verborgen. Den Mirza und den Bluträcher hassen beide, doch müsse man sich gegen sie verstellen, denn der Aschyk habe es gewünscht. Und hiermit bin ich bei der Hauptsache angelangt: Als Tifl die Perser bis über die Grenze zu bringen hatte, wurde er von Ahriman und Ghulam in die Mitte genommen und ausgefragt. Er fürchtete sich, sie mit ihren Fragen abzuweisen, und sagte ihnen darum alles, was sie wissen wollten. Als du ihn dann in das Verhör nahmst, getraute er sich nicht, es zu verschweigen, und belog dich, um die Schuld auf seine Begleiter zu schieben.«

»War Pekala damit einverstanden?«

»Ja. Sie lügen also beide! Das von der Empörung und der hierauf folgenden Erhebung und Beförderung war wohl nur Kindergeschwätz. Aber das Andere hat mich sehr bedenklich gemacht. Pekala hat mir von Isphahan erzählt, von ihrem Vater, von Tifl, wie er betrunken gewesen ist, vom Ustad, der sich ihrer angenommen hat, von seinem Tode und von seinem Grabe hier im Hause. Sie weinte dabei vor Rührung. Es kommen so schöne Stellen vor, auch Gedichte. Man wird da selbst gerührt und hält sie für ein frommes, liebes, seelensgutes Wesen. Aber sie hat das fast mit ganz denselben Worten und denselben Tränen auch meiner Mutter erzählt; sie erzählt es überhaupt Jedem, der sich von ihr festhalten läßt, sogar den Hadeddihn, die mit uns gekommen sind. Dadurch wird ja das Heiligste entheiligt! Und wenn sie bei jeder Gelegenheit hinzufügt, daß die Männer alle noch erzogen werden müssen, so wird sie lächerlich. Vor allen Dingen aber hat mich Folgendes empört: Kaum haben Pekala und Tifl von den hohen Eigenschaften ihres Ustad gesprochen, so dichten sie ihm eine Menge ganz gewöhnlicher, sogar gemeiner Fehler an, die er gar nicht besitzt, sondern die sie nur von sich selbst auf ihn übertragen, weil sie alles, was sie an ihm nicht verstehen können, für Mängel halten wie die ihrigen. Und das tun sie in so niederträchtig vertraulicher Weise, als ob er sie für Engel halte, an denen er sich gern ein Vorbild nehme! Das ist teuflisch, doppelt teuflisch, weil es mit so freundlich lächelndem Munde und mit so warmer Rücksicht ausgesprochen wird. Ich habe es gehört; Jeder hat es gehört; Alle können es hören, die es hören wollen. Er allein, der vollständig Arglose, der stets und ganz Vertrauende, hat keine Ahnung von der Menge dieser giftigen Gedankenschlangen, die sich unablässig zu seinen Füßen ringeln, ohne daß er es bemerkt, weil er nie auf das Niedrige, auf das Gemeine achtet! Sihdi, was mag ihm das wohl schon geschadet haben! Wie gütig bist auch du zu dieser Pekala und diesem Tifl!

Ich aber halte sie für ein Gezücht, mit dem man keine Nachsicht üben sollte. Wer ist dieser Aschyk ? Ein Dschamiki wohl kaum. Sie verkehren mit ihm, und zwar heimlich, wie es scheint. Sie schildern auch ihm den Ustad gänzlich falsch. Er trägt es fort. Infolgedessen macht man sich da draußen im ganzen Lande über des Ustad sogenannte Fehler und Schwächen lustig, die aber nur in den schwachen Köpfen einer dicken Köchin und eines dünnen Pferdejungen existieren! Die Feinde sind wohl klug genug, das zu wissen. Sie lachen heimlich über die Türkin und ihr „Kind“. Oeffentlich aber tun sie, als ob sie es glauben, und verbreiten es aus allen Kräften weiter. Daher der freche Blick, den Ahriman Mirza für den Ustad hatte! Und daher auch die unverschämte Stirn des Multasim! Hätten diese Menschen sich wohl in der Weise, wie sie es taten, in den Duar und hinüber zum Tempel gewagt, wenn der Ruf des Ustad nicht schon fast vernichtet wäre? Sihdi, ich sage dir: Zwei solche Personen im eigenen Hause sind gefährlicher, weit gefährlicher als hundert offene Gegner, die keine Liebe heucheln! Ich habe noch nie, noch nie in dieser Weise zu dir gesprochen. Jetzt aber mußte ich es tun. Und warum? Verzeihe mir, daß ich es sage! Um einer Person willen, die euch mit ihrer Kerbelsuppe nur scheinbar erheitert, in Wirklichkeit aber regiert!«

Hierauf setzte er sich nieder. Wartete er, was ich nun sagen werde? Wenn ja, so ließ er es sich doch nicht merken. Er schaute über den See hinüber, wo soeben das Boot vom Ufer stieß. Es saßen zwei Männer darin. Der eine ruderte; der andere schien zu lesen.

»Das ist der Dschamiki, welcher den andern das Singen lehrt,« sagte Kara, als ob er unser Gespräch als abgebrochen betrachte.

»Und du bist der Hadeddihn, der mich etwas anderes lehrt,« antwortete ich. »Ich habe geglaubt, mich nur auf meine eigenen Augen verlassen zu können. Darf ich von jetzt an auch die deinen mit zu Rate ziehen?«

Da sprang er schnell wieder auf, kam zu mir her, kniete neben mir nieder, griff nach meiner Hand und rief im Tone des Glückes, der innigsten Freude aus:

»Sihdi, ich danke dir! Weißt du, was du mir mit diesen deinen Worten schenkst?«

»Ich weiß es, Kara: dich selbst! Du warst bisher ein Glied; nun aber bist du Person, vollständige Person. Es wurde über dich bestimmt; nun sollst du selbst bestimmen. Sag, gibt es noch andere Leute hier, welche dir Mißtrauen eingeflößt haben?«

»Ja.«

»Wer?«

»Willst du Vermutungen hören?«

»Nein.«

»So laß mich erst noch prüfen, ehe ich Namen nenne. Ich kann wohl Verdacht hegen, aber ihn weiterverbreiten, ohne Beweise zu haben, das würde gewissenlos gehandelt sein. Das aber tut Kara Ben Halef nicht! Ueber Menschen also schweige ich noch, doch über Dinge kann ich sprechen. Ich muß dir etwas zeigen, was ich gefunden habe. Ich weiß nicht, ob es Edelsteine sind oder ob es Glas ist, aber es funkelt wie lauter Diamanten.«

Er zog aus der Innentasche seiner Weste eine schmale Blechkapsel und reichte sie mir, nachdem er sie geöffnet hatte. Sie enthielt eine Turbanagraffe mit rotem Pferdehaarbusch, welcher mittelst eines Charnieres umgelegt war, vor dem Gebrauche aber aufgeschlagen wurde. Der Halter bestand aus großen Facetten, welche die beiden Buchstaben Sa und Lam umschlossen, über denen das Verdoppelungszeichen stand. Die Facetten waren von Glas, doch gut geschliffen und brillant unterlegt, so daß sie bei künstlichem Lichte wahrscheinlich wie Diamanten funkelten. Diese Haaragraffen durften früher nur von sehr hochgestellten Personen an den Turbanen getragen werden. Der Schah schmückt bei festlichen Gelegenheiten seine Lammfellmütze noch heut in dieser Weise, natürlich aber mit echten Steinen. Die Imitation, welche ich jetzt in meinen Händen hielt, war ohne eigentlichen Wert, eine »Theateragraffe«, wie man bei uns sagen würde, für mich aber von einer Bedeutung, die mich veranlaßte, einen Ruf der Freude auszustoßen.

»Also Edelsteine?« fragte darum Kara.

»Nein. Es ist nur Glas, wertloses Glas; aber du hast trotzdem einen Fund gemacht, der wohl kaum mit Geld bezahlt werden könnte. Wie bist du zu dieser Agraffe gekommen, lieber Kara?«

»Es war auf dem Dschebel Adawa –«

»Der liegt doch nicht hier, sondern schon im Gebiete der Takikurden!« fiel ich ein.

Taki heißt fromm. Die betreffenden Kurden führen diesen Namen, weil sie in Beziehung auf den Glauben sehr streng gegen Andere sind und mit großer Bestimmtheit behaupten, daß nur sie allein den Himmel erlangen werden. Jeder nicht ganz Gleichdenkende wird als verdammenswerter Ketzer betrachtet und mit unnachsichtlicher, herzloser Strenge verfolgt.

»Ja; ich bin aber dennoch oben gewesen,« antwortete er.

»Wann?«

»Heut.«

»Kennt schon Jemand diesen deinen Fund?«

»Nein; nur du allein.«

»So schweige jetzt noch gegen Andere; mir aber erzähle!«

»Ich ritt gestern gegen Norden, ganz allein. In der ersten Zeit nahm ich Tifl stets mit; jetzt aber tue ich das nicht mehr. Ich mag nicht Leute bei mir haben, die mir nicht gefallen. Da traf ich auf eine kleine Todeskarawane, lauter persische Schiiten, welche ihre Kamele und Maultiere mit Särgen belastet hatten.«

»Eine Todeskarawane? Hier? Sonderbar! Hier gibt es doch gar keinen Karawanenweg, welcher hinab nach Karbela oder Meschhed Ali führt!«

»Das sagte ich mir auch, und darum kamen mir diese Leute bedenklich vor. Als ich mich aber näher an sie heranmachen wollte, nannten sie mich einen sunnitischen Hund und drohten, auf mich zu schießen. Ich hielt also an und ließ sie von weitem an mir vorüber. Mein Pferd aber wurde ungeduldig und drängte vorwärts, als das letzte Kamel noch vorbeizugehen hatte. Darum kam ich so nahe an dasselbe heran, daß ich alles deutlich sehen konnte. Es trug vier Särge, an jeder Seite zwei. Einer war zerplatzt und mit einem Stricke wieder zusammengebunden, aber so liederlich, daß ich den Inhalt sehen konnte.«

»Wohl keine Leiche?«

»Nein. Mir war schon aufgefallen, daß die Karawane nicht den geringsten Geruch verbreitete. Jetzt nun war das erklärt: Gewehre stinken ja doch nicht.«

»Ah! Gewehre! Sahst du das genau?«

»Ja. Es war kein Irrtum möglich. Ich ritt weiter, zunächst ohne mich umzusehen, denn man sollte nicht merken, daß ich aufmerksam geworden war. Als ich mich aber weit genug entfernt hatte, lenkte ich hinter einen Felsen, um diesen angeblichen Leichenzug zu beobachten. Nachdem er in der Ferne verschwunden war, ritt ich ihm nach, wohl zwei Stunden lang, bis über die Grenze hinüber. Da bog er von seiner bisherigen Richtung ab und hielt auf den Dschebel Adawa zu. Nun folgte ich erst recht, doch so, daß ich nicht bemerkt werden konnte. Am Fuße des Berges gibt es Wasser. Die Tiere aber mußten an demselben vorüber und ohne Verzug die steile Wildnis hinauf. Warum? Wozu? Das war mir ein Rätsel, und ich beschloß, es zu ergründen. Doch mußte ich das für heut aufheben, denn der Tag war schon fast vorüber und ich wollte auch nichts unternehmen, ohne vorher mit dir gesprochen zu haben. Ich kam spät heim. Du schliefst. Ich stand zeitig auf. Du schliefst noch immer. Da beschloß ich, selbständig zu handeln, und ritt auf Ghalib wieder hin.«

»Bist du Jemandem begegnet?«

»Nein; keinem Menschen. Ich glaube auch nicht, daß mich wer gesehen hat. Als ich auf die gestrige Spur der Todeskarawane traf, sah ich zu meinem Erstaunen, daß es heut eine doppelte war; sie führte nämlich auch wieder zurück. Diese Perser hatten die Nacht auf dem Berge zugebracht und waren dann wieder heimgeritten.«

»Ah, hätte ich die Fährte sehen können!«

»Keine Sorge, Sihdi! Ich habe von dir gelernt, wie solche Spuren zu lesen sind. Ich sah, daß man getrabt hatte. Der Sand lag hinten weit hinausgeworfen und die Stapfen waren vorn sehr scharf, aber flach und leicht. Wären die Tiere noch so schwer wie gestern beladen gewesen, so hätten sich die Eindrücke mehr vertieft. Die Gewehre waren also auf dem Dschebel Adawa abgeladen worden, und ich beschloß, hinaufzureiten, aber sehr vorsichtig, denn es war doch mehr als möglich, daß die Personen, welche die Waffen erhalten hatten, sich noch oben befanden. Diese Befürchtung hob sich aber, als ich bei meiner Annäherung einen Reitertrupp bemerkte, welcher soeben herabgekommen war und sich nach Westen entfernte, wo die Weideplätze der Takikurden liegen.«

»Hatten sie die Gewehre?«

»Nein. Ich hielt mich versteckt, bis ich sie nicht mehr sehen konnte; dann ritt ich hinauf. Ich konnte nicht irren; die Spuren zeigten mir den Weg. Oben aber war alles so wirr und warr und es liefen so viele Eindrücke in- und durcheinander, daß es mir ganz unmöglich war, mir ein Bild von dem zu machen, was man hier vorgenommen hatte.«

»Gab es Bäume, Sträucher?«

»Genug! Dazu eine große Ruine, wohl aus ganz uralter Zeit. In ihrem Innern hatte das Lagerfeuer gebrannt. Ich suchte mit Fleiß und überall, wohin die Ladung versteckt worden sei, doch war alle Mühe vergebens. Von dem vielen Umherkriechen müde, sah ich mich nach einem schattigen Ort um, mich für kurze Zeit auszuruhen. Er war sehr bald gefunden. Ich legte mich nieder und pfiff mein Pferd herbei. Indem es graste, betrachtete ich den alten Märwer, der neben mir am Mauerpfeiler stand. Er war hohl. Das Loch befand sich ungefähr zwei Fuß über der Erde. Und nun komme ich auf etwas, was du so oft behauptet hast, Sihdi, nämlich, daß es keinen Zufall gibt. Es war auch wirklich keiner, sondern ich fühlte es wie eine ganz deutliche Aufforderung in mir, in dieses Loch zu greifen, weil etwas darin stecke, was ich unbedingt sehen müsse. Begreifst du das?«

»Ja. Du griffst hinein und fandest diese Kapsel!«

»So ist es! Wer war das, der es mir sagte?«

»Frage nicht, sondern begnüge dich mit dem Funde, der für uns viel, viel wichtiger ist, als du denkst! Hast du dich dann noch lange auf dem Berge aufgehalten?«

»Nein. Sobald ich das Blech geöffnet und den Inhalt gesehen hatte, ritt ich heim. Ich kam zu spät zum Essen, aß aber nach. Als ich nach dir fragte, hörte ich, du schliefest immer noch. Darum sattelte ich. Vielleicht warst du am Abend zu sprechen. Da aber kamst du doch. Ich wollte nicht sofort beginnen, sondern dich bitten, abseits mit mir zu gehen. Denn niemand sollte sehen, was ich dir zu zeigen hatte. Da aber stiegst du auf und Assil ging schleunigst mit dir fort. Ich folgte schnell. So ist es gekommen, daß wir uns hier befinden.«

»Ganz, als ob es genau so beabsichtigt worden wäre! Du mußt schnell fort.«

»Wohin?«

»Nach dem Dschebel Adawa. Wenn es möglich ist, lässest du dich unterwegs von keinem Menschen sehen. Hier nimm die Kapsel mit der Agraffe. Du steckst sie wieder in den hohlen Baum und reitest dann sogleich wieder heim.«

»Warum das, Sihdi?«

»Es ist keine Zeit, es dir jetzt zu erklären. Ich sage es dir später. Der Mann, dem diese Agraffe gehört, darf nicht ahnen, daß sie in unseren Händen gewesen ist. Ich glaube zwar nicht, daß er heut nach dem Berge kommt, will aber sicher gehen. Du reitest augenblicklich und kommst nach deiner Rückkehr sogleich zu mir, damit ich erfahre, ob es dir gelungen ist, den Auftrag unbemerkt auszuführen.«

»Darf ich dich denn verlassen, Sihdi? Kannst du allein heimreiten?«

»Da kommt ja der Kahn. Der Chodj-y-Dschuna will, wie ich sehe, hier bei uns anlegen. Ich werde also nicht allein sein.«

Da steckte er die Kapsel zu sich, schwang sich auf den Barkh und ritt davon, eben als das Boot an das Ufer stieß.

»Erlaubst du, Effendi, daß ich dich für einige Augenblicke störe?« fragte der Gesangslehrer, indem er ausstieg, während der Andere beim Ruder sitzen blieb.

»Du störst mich nicht,« antwortete ich. »Es ist mir vielmehr eine Freude, daß du dich wieder einmal bei mir sehen lässest. Nimm bei mir Platz!«

Er ließ sich mit den Worten nieder:

»Ich komme in einer sehr wichtigen Angelegenheit. Es gab für mich einen Grund, mit dir zu sprechen, ohne daß man darauf merkte, daß ich dich im hohen Hause besuchte. Ich überlegte soeben, wie ich dies anzufangen habe, da sah ich dich bei mir vorüberreiten und ging sogleich zum Boote, um hier auf deine Rückkehr zu warten. Da trifft es sich gut, daß du grad hier abgestiegen und gar nicht weitergeritten bist.«

»So ist es etwas Heimliches, was du mir zu sagen hast?«

»Ja.«

»Aber wir sind doch nicht allein!«

»Du meinst meinen Begleiter hier? Der ist ein treuer Dschamiki und darf alles hören. Er weiß es sogar schon.«

»Ein treuer Dschamiki? Das klingt ja fast so, als ob es auch untreue gebe!«

»Wo das Gute wohnt, baut sich das Uebel immer auch ein Haus. Doch jetzt zu meiner Sache! Ich habe einen Freund in Chorremabad, der Hauptstadt unserer Provinz. Er ist im Herzen ein guter Dschamiki und hat mir über die uns betreffenden Maßnahmen der Regierung schon manche heimliche Nachricht geschickt, welche ich dem Ustad mitzuteilen hatte. Heut, vorhin erst, kam wieder ein Bote von ihm an, der mir eine Mitteilung machte, über welche ich zunächst erschrak. Bei näherer Betrachtung aber fand ich, daß es noch schlimmer, viel schlimmer geworden wäre, wenn der Scheik ul Islam uns so vollständig überrascht hätte, wie es in seiner Absicht liegt.«

»Der Scheik ul Islam?« fragte ich. »Will uns überraschen? Also hierher kommen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Er trifft schon morgen ein.«

»Das ist ja gar nichts so Schreckliches, sondern ganz im Gegenteil im höchsten Grade interessant!«

Da hob er warnend den Finger und sprach:

»Effendi, urteile nicht so schnell! Du bist hier fremd, bist sogar krank und kennst die Verhältnisse nicht! Der Scheik ul Islam ist ein sehr hochgestellter, wichtiger Mann, von dessen Macht du wohl noch keine Ahnung hast. Er würde selbst für den Ustad ein Gegner sein, vor dem die größte Vorsicht nötig ist. Darum trifft es sich keineswegs gut, daß unser Herr verreist ist. Ich bitte dich, es mir nicht übelzunehmen, daß ich dich warne! Der morgende Besuch kommt in einer Absicht, hinter der sich alle List versteckt, die uns verderben kann. Darum wollte ich, der Ustad wäre hier!«

»Auch ich wünsche das. Da er nun aber einmal abwesend ist, haben wir den Fall zu nehmen, wie er liegt. Auch er muß, wie alles, mehrseitig betrachtet werden.

Beklagst du es, daß der Scheik ul Islam von einem Fremden empfangen werden muß, so gewährt uns grad dieser Umstand doch auch den gar nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß er sich von mir hinhalten lassen muß, er mag beabsichtigen, was er will. Während er den Ustad zu schnellen Entscheidungen verleiten könnte, deren Tragweite sich erst später herauszustellen hat, muß er es sich nun gefallen lassen, von mir vorsichtig ausgehorcht zu werden, ohne daß ich dann verpflichtet bin, auf irgend etwas einzugehen. Du siehst also wohl ein, daß ich, falls es sich um Feindseligkeiten handeln sollte, von den beiden Gegnern derjenige bin, welcher die Schutzrüstung trägt, der andere aber nicht!«

Er nickte zwar nur leise, ließ aber seine Augen forschend an mir niedergleiten, und sagte:

»Vorsichtig ausgehorcht zu werden! Effendi, dazu würde ein Mann gehören, wie ich noch keinen kenne!«

»So warte ruhig, ob du ihn wohl siehst!«

»Der Scheik ul Islam ist wegen seiner hohen geistlichen Würde unantastbar, und über seine persönliche Schlauheit kam noch nie ein Anderer. Dazu ist noch zu legen, daß er ein ganz besonderer Kenner aller unserer Gesetze und Verhältnisse ist, während du dich doch nur erst so kurze Zeit bei uns befindest!«

»Wenn ich nicht will oder nicht kann, so brauche ich weder auf seine Kenntnisse noch auf seine Schlauheit einzugehen. Vor allen Dingen bitte ich dich, unbesorgt zu sein und jedes Vorurteil abzulegen, mag es mich oder ihn betreffen. Ist der Bote deines Freundes noch hier?«

»Nein; er ist schon wieder fort. Die Vorsicht gebot ihm, sich so kurz wie möglich sehen zu lassen. Er macht einen Umweg zurück, um dem Scheik ul Islam ja nicht zu begegnen.«

»Wird dieser mit dem großen Gefolge kommen, welches bei so hohen Würdenträgern fast immer unvermeidlich ist?«

»Das weiß ich nicht. Auch konnte ich nicht erfahren, wie lange er zu bleiben beabsichtigt. Doch sind das ja nur Nebendinge. Die Hauptsache ist, daß ich unterrichtet bin, weshalb er kommt. Mein Freund hat es nämlich zu erfahren gewußt.«

»Ah! Also doch schon Einer, der ihm an Schlauheit über ist! Und du sagtest, daß es Keinen gebe! Das würde mich schon ganz bedeutend beruhigen, wenn ich mich überhaupt gefürchtet hätte. Sind die Ursachen dieses Besuches denn gar so schlimm für euch?«

»Das weiß ich nicht. Und grad diese Ungewißheit halte ich für gefährlich.«

»So sag: Kommt dieser mächtige Herr nur als Scheik ul Islam oder auch als Hekim-i-Schera

Da sah er mich überrascht an und fragte:

»Du kennst die Trennung dieser seiner Würde! Woher kannst denn du das wissen?«

»Es gibt bei uns im Abendlande Leute, welche eure Gesetze und Verhältnisse wahrscheinlich besser kennen, als ihr selbst. Oder weißt du noch nicht, daß ihr euch gelehrte oder auch sonstwie gebildete Männer von uns kommen lassen müßt, wenn es einmal gilt, euch über euch selbst klug zu werden?«

»Das kann ich freilich nicht bestreiten, Effendi. Ob dein Gast nur als Geistlicher oder auch als Richter aufzutreten beabsichtigt, das ist mir unbekannt. Er will dem Ustad einen Antrag stellen, welcher im höchsten Grade verführerisch klingt. Aber wenn man mir so ganz ohne alle sichtbare Veranlassung mit so großen Geschenken kommt, dann wird es mir heimlich angst, weil ich sofort an eine noch viel größere Gegenforderung denke. Der Ustad soll nämlich auch zum Ustad der Takikurden erhoben werden.«

»So! Weiter nichts?« fragte ich lächelnd.

»Weiter nichts!« antwortete er erstaunt. »Ich bitte dich, zu begreifen, was das heißt! Welch eine Machtvergrößerung für uns!«

»Machtverkleinerung, willst du sagen! Wenn du irgendwelche Sorge gehabt hast, so wirf sie getrost von dir! Dieser Scheik ul Islam ist schon jetzt durchschaut. Es fällt dem Ustad nicht mit einem einzigen Gedanken ein, die Seelen seiner Dschamikun für eine hohle Ehre zu verkaufen! Ein einziger braver Dschamiki ist ihm tausendmal lieber als alle Takikurden, deren sämtliche Höflichkeiten doch nur den Zweck hätten, ihn betrunken zu machen, damit er sich zu ihrem willenlosen und verächtlichen Werkzeuge erniedrige! Er wird sich nie in fremde Dienste stellen. Er ist sein eigener Herr und wird es bleiben, ohne nach den tauben Nüssen zu fragen, die man ihm mit so vielverheißender Höflichkeit entgegenträgt.«

Da richtete er sich halb auf und fragte in erwartungsvollem Tone:

»Aber man wird sich rächen! Unnachsichtlich und auf jede mögliche Art und Weise rächen! Hast du hieran gedacht?«

»Natürlich! Die Rache ist dann unvermeidlich. Sie liegt im Wesen dieser Art von Menschen. Doch möge sie nur kommen! Ich habe noch keine Rache gesehen, die sich nicht schließlich selbst vernichtet hat!«

»So bist du also entschlossen, dich von dem Scheik ul Islam nicht verlocken zu lassen?«

»Selbstverständlich! Fest entschlossen! Ich werde ihn genau so höflich behandeln wie er mich. Und er mag greifen, zu welchem Mittel er will, so wird er doch nur erreichen, was mir beliebt!«

Jetzt sprang er vollends auf, richtete sich in die Höhe und rief mit dem Ausdrucke der Erleichterung und der Ueberzeugung aus:

»Da kann ich nun freilich ruhig sein! Effendi, Effendi, ich kam in großer Sorge hierher; du aber hast mir das Herz wieder leicht gemacht! Ich kenne die Macht, welche morgen an dich herantreten wird. Sie schmückt sich mit dem Namen Gottes und des Schah-in-Schah. Sie stellt sich auf die Seite des Bestehens und Erhaltens und hat also das Gesetz für sich. Sie kommt im schimmernden Gewande oder im Bettlerkleide und schmeichelt also den Sinnen und der Menschlichkeit. Sie hofft alles Gute und verzeiht alles Böse. Sie ist geduldig freundlich, demütig, der Inbegriff aller Tugenden in menschlicher Gestalt! Aber, kennst du sie, Effendi?«

»Ja.«

»So ist es genug! Sie wird morgen aus Chorremabad bei dir erscheinen. Sie wird dir schmeicheln, dich absondern, dich –«

»Nein, das wird sie nicht,« fiel ich ein. »Daß sie das könne, mache ich ihr gar nicht weis. Ich werde nicht allein sein, wenn ich den Scheik ul Islam empfange.«

»Wohl der Pedehr wird bei dir sein, weil er der Scheik des Stammes ist?«

»Ja; er und du.«

»Auch ich?« fragte er in schnell aufquellender Freude. »Warum auch ich?«

»Ich will es so. Das sei dir genug.«

Da trat er einen Schritt näher zu mir heran und sprach:

»Effendi, damit ehrst du nicht nur mich, sondern Viele! Ich weiß nicht, ob man es dir schon gesagt hat: Ich lehre nicht nur den Gesang, sondern alles, was dem Geiste und dem Körper am Können nötig ist, auch Turnen, Reiten, Schießen, Exerzieren. Ich habe diesen Unterricht gegründet, als mich der Ustad dazu auserwählte, und dann Gehilfen angestellt, als die Zahl der Schüler sich vermehrte. Wir wirken still, ohne Lärm. Ein guter Lehrer lenkt die Aufmerksamkeit auf seinen Gegenstand, doch nicht auf sich. Darum hast du wohl noch wenig oder nichts von uns gehört. Wer mit dem prahlt, was er lernte, der hat nichts gelernt. Aber gib den Dschamikun Gelegenheit, zu zeigen, was sie können, so werden sie es zeigen, und ich hoffe, du wirst damit zufrieden sein! Ich sehe kommen, was nun kommen wird, und darum will und muß ich dir vor allen Dingen sagen: Wir fürchten keinen Feind! Auch in Beziehung auf das Rennen mit den Persern kannst du ruhig sein. Wir haben gutes Reiter- und Pferdematerial. Ich stehe inmitten unserer Vorbereitungen und werde dir hierüber berichten, sobald es dir beliebt. Der Scheik ul Islam ist ein großer Liebhaber des Aesp-däwani; er hat einen wohlgepflegten Stall und rühmt sich, das „beste Pferd von Luristan“ zu besitzen. Sobald er hier von unserm Rennen hört, bin ich überzeugt, daß er sich zur Beteiligung melden wird. Weise ihn ja nicht ab! Du würdest dadurch unsere Ehre schädigen! Das hatte ich dir zu sagen. Hase du vielleicht noch eine Frage?«

»Weiß ich jetzt alles, was dir der Bote mitgeteilt hat?«

»Ja.«

»So über alles Andere, auch über das Rennen, später. Nur über der Stute des Ustad bin ich mir noch nicht im klaren. Ich glaube, dieser Tifl hat sie gänzlich aus der Schule gebracht.«

»Das ist nur eben richtig, wenn Tifl im Sattel sitzt, sonst aber nicht.«

»Wer aber soll sie reiten?«

»Wer anders als der Ustad?« fragte er verwundert. »Er reitet jetzt nur selten; aber stelle jedes beliebige Pferd gegen seine Sahm, so wird er es besiegen, höchstens deinen Assil ausgenommen! Tifl aber wird vom Rennen ausgeschlossen sein.«

»Warum?«

»Das sage ich dir, sobald es reif geworden ist. Ich vermute, dieser Schwätzer wird nicht lange mehr zu den Dschamikun gehören. Der Ustad hat sich seiner nur aus Mitleid angenommen, und die Nachsicht, die er gegen ihn und Pekala übt, ist Vielen unbegreiflich.«

»Schwätzer?« fragte ich.

»Ja. Es genüge ein Beispiel: Tifl hatte die Perser, als der Bluträcher hier war, über die Grenze zu bringen. Da ist er den ganzen, weiten Weg zwischen dem Mirza und dem Multasim geritten und hat ihnen bereitwilligst Auskunft gegeben über alles, was sie wissen wollten.«

»Von wem hast du das erfahren?«

»Von meinem Ruderer hier, welcher dabei gewesen ist. Kein Dschamiki hat mit diesen Leuten ein Wort gesprochen; nur Tifl allein hielt keinen Augenblick den Mund. Doch damit sei es genug. Ich sehe, daß du aufbrechen willst, Effendi.«

Ich war nämlich auch aufgestanden.

»Ja; ich muß heim,« sagte ich. »Aber ich möchte mich über den See rudern lassen. Willst du dich auf Assil setzen und ihn mir an die Landestelle bringen?«

»Wie gern!« rief er aus. »Einmal deinen Rappen unter mir; das war schon längst mein Wunsch! Läßt er mich hinauf?«

»Wenn ich nichts dagegen habe, ja.«

»So zögere ich keinen Augenblick.«

Er schwang sich in den Sattel. Assil schnaubte verwundert, weigerte sich aber nicht, zu gehorchen. Als der Chodj-y-Dschuna ihn dann in hocheleganten Gängen davontänzeln ließ, sah ich, daß beide gar nicht übel zu einander paßten. Hierauf stieg ich in das Boot, und der Dschamiki legte sich in die Ruder.

So kurz dieser unbeabsichtigte Ausflug gewesen war, ich hatte auf ihm außerordentlich Wichtiges erfahren. Meine Gedanken wollten sich ganz ausschließlich hiermit beschäftigen, und ich mußte mich zwingen, sie auf die Schönheit der Umgebung zu lenken, als wir uns auf der Mitte des Sees befanden.

Ich sah jetzt zum ersten Male die westliche Seite des Thales grad vor mir liegen und alle ihre Linien auf zum Himmel streben. Nur allein der Fuß des Berges hatte sich nicht senkrecht, sondern quer gelagert, doch nicht vollständig wagerecht, sondern schief. Das erinnerte mich an die Struktur der Wände des Wadi Jahfufe, durch welches man im Antilibanon von Muallaka nach Damaskus reitet. Ich betone diese Art der Felsenlagerung besonders, weil sie mich zu einer Entdeckung führte, die ich sonst wohl schwerlich gemacht hätte.

Als ich von hier, von der Mitte des Sees aus, nach dem Alabasterzelte emporschaute, fiel mir etwas auf, was ich von dem Rosentempel aus nicht bemerkt hatte. Das Zelt besaß nämlich die Gestalt einer Krone, deren durchbrochene Kuppel von acht weißschimmernden Flügeln auf dem Ringe getragen wurde. Es stand, wie ich sah, nicht auf dem höchsten Punkte des Berges. Sondern von diesem lief ein heller Felsenstreif, fast wie ein niederwärts gestreckter Arm geformt, bis zu der senkrecht abstürzenden Kante vor und bildete dort eine hand- oder faustförmige Verbreitung, auf welche das Zelt gesetzt worden war. Zu beiden Seiten dieses Felsenstreifens lag nur unfester Steingrus, nur lockeres Geröll. Es bedurfte keiner großen Phantasie, sich einen Wetterguß oder sonst eine Katastrophe zu denken, durch welche dieses lose Gestein in die Tiefe gespült oder gerissen wurde. Dann mußte der felsige Arm sich frei in die Lüfte dehnen, um auf gewaltiger Faust die Alabasterkrone über dem Thale herniederzustrecken. Das war nur so eine ganz flüchtige, schnell vorübergehende Idee, wie man sie hat, um dann lächelnd den Kopf darüber zu schütteln. Aber wie oft verdichtet sich scheinbar Flüchtiges zur festen Form, die uns belehrt, daß die Idee denn doch wohl etwas anderes ist, als nur eine schnell und spurlos zerplatzende Gedankenblase!

Je mehr wir uns dem Ufer näherten, desto mehr wurden meine Gedanken nach unten gezogen. Die schiefe Struktur des Felsens beschäftigte mich. Ich folgte mit dem Auge ganz unwillkürlich den auffallend regelmäßigen Linien dieser Lagerung. Es war interessant, zu sehen, mit welcher Neigungsgleichheit sie alle ohne Ausnahme verliefen. Ohne Ausnahme? Nein; doch nicht! Ich bemerkte eine Stelle, wo dies doch nicht der Fall war. Grad da, wo der Berg am weitesten an den See herantrat, hörten die abwärts gesenkten Linien auf, nicht etwa, um anders zu verlaufen, sondern es gab überhaupt keine mehr. Diese Stelle war nicht groß, nicht breit, aber dicht bedeckt von wuchernden Rankengewächsen, welche von dem Humusboden des Ufers bis in das Wasser niederhingen. Es gab da weder Garten noch Feld, sondern wildliegendes Land, und darum war noch niemand auf den Gedanken gekommen, sich um dieses Gestrüpp und seine Bodenunterlage zu bekümmern. Mir aber fiel diese letztere sofort auf. Ich bin zwar kein Gelehrter, obgleich es wohl auch einige Menschen gab, die mich gar Manches lehrten, aber ich sagte mir doch, daß die Naturlinien da, wo sie aufhörten, durch etwas Anderes ersetzt worden sein mußten, was nicht natürlich, also künstlich war – also durch Menschenhand.

Hundert Andere wären vorübergerudert, ohne sich um diese scheinbare Nebensache weiter zu bekümmern; mir aber konnte das nicht passieren. Ich ließ den Kahn bis ganz nahe an das Gestrüpp treiben und nahm dann dem Dschamiki das eine Ruder aus der Hand. Indem ich mit demselben die Ranken zur Seite schob, sah ich unter ihnen nicht natürliche Felsen, sondern behauene Steine. Das waren genau solche Kolossalblöcke wie diejenigen, aus denen die Cyklopenmauer da drüben am Berge bestand! Ich begann, zu ahnen, und setzte die Untersuchung fort, doch so unauffällig und scheinbar spielend wie möglich, weil der Dschamiki nicht zu erraten brauchte, was für Gedanken oder Vermutungen mich beschäftigten. Und richtig! Endlich, endlich stieß ich durch, vollständig durch! Es gab eine Oeffnung hier, die unter dem schmalen Dorfwege nach dem Innern des Berges führte! Das Wasser war hier tief, sehr tief. Sollte der See etwa durch diese verwachsene Öffnung mit dem Innern des Berges in Verbindung stehen? Die Art des klüftereichen Gesteins ließ dies keineswegs als unmöglich erscheinen. Ich beschloß, dieser Frage anderweit nachzuspüren, und ließ nun nach dem Landeplatze rudern. Dem Dschamiki sah ich an, daß er nichts erriet, ja daß es ihm sehr gleichgültig gewesen war, weshalb ich in dem Pflanzengewirr herumgestochert hatte.

Der Chodj-y-Dschuna erwartete mich mit dem Pferde. Er pries es als das beste Tier, auf dem er je gesessen habe, und erklärte mir, morgen sofort zu kommen, sobald ich zu ihm schicken werde. Ich ritt langsam den Berg hinauf und durch das Thor in den Hof. Dort vergaß ich bei dem, was ich sah, das Absteigen: Halef hatte sich mit samt dem Lager aus seiner Hallenecke heraus vor die Säulen schaffen lassen. Da lag er nun mit bequem erhöhtem Kopfe und sah mich von meinem ersten Ritt nach Hause kehren. Er winkte mit der schwachen, müden Hand. Da ritt ich hin und ließ Assil die Stufen langsam steigen.

»Sihdi, welche Freude!« sagte er. »Wieder zu Pferde! Nun wohl bald auch ich!«

Hanneh saß bei ihm. Sie streichelte ihm zärtlich die Wange und erklärte mir:

»Wir erschraken, als Assil mit dir entfloh; aber Kara, mein Sohn, rief uns zu, daß er dir folgen und dich behüten werde. Das beruhigte uns. Dann sahen wir dich an seiner Seite den See entlang reiten; so brauchten wir uns also nicht zu sorgen. Als Halef später erwachte, erzählte ich ihm, daß du jetzt deinen ersten Ritt versuchest. Da gab er keine Ruhe; er mußte hierhergetragen werden, um dich heimkommen zu sehen. Nun bist du da. Wie freut er sich, der Liebe!«

Ich stieg ab und setzte mich zu ihnen. Assil ging ganz von selbst die Stufen wieder hinunter. Da kam Tifl.

»Effendi, ich werde absatteln,« sagte er. »Aber wenn du wieder reitest, so nimmst du mich mit. Du hast es mir versprochen! Weißt du es noch?«

»Ja. Und was ich verspreche, das halte ich. Wenn du dann nicht mehr mit mir reiten willst, brauchst du es bloß zu sagen.«

Das war eine Andeutung, die er aber nicht verstand. Was mir Kara von ihm erzählt hatte, war mir von dem Lehrer bestätigt worden. Der Lahme stand von jetzt an unter strenger Aufsicht, ohne daß er es ahnte. Und sonderbar: Als er den Rappen fortführte, schaute Halef ihm nach und sagte:

»Ein Gespenst! Ich habe es schon einige Male gesehen – wenn ich die Augen öffnete –. Es stand vor mir und schaute mich häßlich an –. Sihdi, laß diesen Mann nicht her zu mir –; ich mag ihn nicht!«

»So geht es mir mit seiner Pekala,« bemerkte Hanneh. »Warum steht immer Eines von beiden hier bei uns, um nachzusehen, was geschieht, und auch zu hören, was gesprochen wird? Es fällt mir schwer, dies nur für Neugierde zu halten; aber für Spione ist doch wohl hier kein Ort!«

Ich war still. Etwa aus Beschämung? Warum hatte ich Tifl und Pekala gegenüber nicht sogleich dasselbe Gefühl gehabt wie Halef und Hanneh? Wahrscheinlich weil diese beiden Letzteren Naturmenschen waren, welche die Instinkte noch besitzen, die uns im Verlaufe unserer »Bildung« mehr und mehr verloren gehen. Die immer strahlende »Festjungfrau« und ihr »originelles Kind« waren mir so außerordentlich »natürlich« vorgekommen, während ich jetzt immer mehr einzusehen begann, daß eine künstliche, eine nachgeäffte Natürlichkeit nicht mehr natürlich ist. Denn daß ich es hier mit Schauspielereien zu tun hatte, das war mir sehr wahrscheinlich. Darüber, daß ich mich einmal in einem oder zwei Menschen geirrt hatte, kam ich sehr leicht hinweg; um so fürchterlicher aber waren mir die kindlich naiven, rührseligen Masken, von denen ich mich hatte täuschen lassen. Wer so aufrichtig blickt und spricht wie diese beiden Menschen und aber doch nicht wahr und ehrlich ist, als was kann man den noch betrachten und behandeln! Es gibt in Persien eine große Menge von Sekten. Eine derselben, die Schujuch, lehrt, der menschliche Körper sei nur dazu da, daß die Geister einander täuschen; das Erdenleben sei ein großer, ununterbrochener Maskenball, doch keinesweges zum Vergnügen, und je schöner, freundlicher und liebenswürdiger ein Maskenbild erscheine, desto mehr habe man sich vor ihm in acht zu nehmen. Die Kinderlarven aber seien am allerschlimmsten. Ich bin weder Perser noch Sektierer, aber es wurde mir nun gar nicht schwer, mich in den Gedanken zu versetzen, daß Pekala und Tifl hier bei den Dschamikun Redoute spielten. Und ich, der ich die Kinder herzlich liebe, war diesen »allerschlimmsten« in das Garn gegangen.

Ueber Halef freute ich mich. Er schien seit gestern einen bedeutenden Fortschritt gemacht zu haben und bat, bis zum Abende im Freien bleiben zu dürfen. Darum schlug ich vor, hier an diesem Platze später unser Abendbrot zu nehmen, worauf gern eingegangen wurde. Als Hanneh mich fragte, wo Kara geblieben sei, sagte ich nur, daß er gegen Abend wiederkommen werde, und ging dann in den Garten, wo, wie ich hörte, sich der Pedehr befand. Er saß auf der Bank, wo ich von Tifl als Pflaumendieb überfallen worden war. Ich setzte mich zu ihm.

»Kennst du den Scheik ul Islam?« fragte ich.

»Ja,« antwortete er, sofort aufhorchend; »doch nicht persönlich.«

»Hat man sich vor ihm zu fürchten?«

»Du wohl nicht, aber vielleicht wir.«

»Falsch! Ich bin jetzt Dschamiki, so vollständig Dschamiki, daß ich keine Gefahr kenne, die es nicht für mich gibt, sondern nur für Euch. Der Scheik ul Islam wird morgen zu uns kommen.«

»Ist das wahr? Wer hat es gesagt?« rief er erschrocken aus.

»Der Chodj-y-Dschuna.«

»So kommt er allerdings. Der Chodj ist stets gut unterrichtet. Er hat sich nie geirrt, wenn er uns warnte. Wenn der Scheik ul Islam persönlich zu uns kommt, so handelt es sich um eine Sache von allerhöchster Wichtigkeit. Er ist ein Fürst des geistlichen Standes und unternimmt sicher keine solche Reise, ohne die schweren Gründe sorgsam abgewogen zu haben. Effendi, es steht uns nichts Gutes bevor!«

»Warum nichts Gutes. Warum muß es unbedingt Böses sein, was er uns bringt?«

»Weil von dieser Seite überhaupt nichts Gutes kommen kann. Er ist, streng genommen, kein Perser, sondern ein Takikurde. Es gibt ein bekanntes Wort, das lautet: So oft der Taki seinen Blick fromm zum Himmel hebt, tritt er mit dem Fuße einen Menschen nieder. Und dieser tugendheilige Fürst schaut fast immerwährend empor. Wer mag sie zählen, die er schon unter seine leisen, weichen, geräuschlosen Sohlen trat! Wir werden seinen demütigen, gottseligen Augenaufschlag zu sehen, aber auch seine fanatischen Fußtritte zu fühlen bekommen. In seinen Stapfen hebt sich kein Grashalm wieder auf!«

»So lassen wir ihn nur in Dornen treten; das wird uns nützlich und ihm heilsam sein! Ich konnte leider nicht erfahren, ob er allein kommt oder nicht.«

»Allein? Daran ist nicht zu denken! Er muß sich doch mit Glanz und Stolz umgeben, damit seine Demut um so deutlicher hervortrete! Wir werden hohe, sehr hohe Gäste haben, und zwar nicht wenig. Es gilt also, uns vorzubereiten!«

»Nein! Er darf auf keinen Fall bemerken, daß wir von seiner Ankunft gewußt haben. Die Gäste bekommen nur, was grad vorhanden ist. Angeschafft oder zubereitet wird nicht das Geringste. In der Küche darf Niemand Etwas ahnen. Ganz besonders aber hast du dafür zu sorgen, daß Pekala und Tifl nichts erfahren. Das fordere ich streng!«

Er sah still vor sich nieder und sagte nichts dazu. Darum fuhr ich fort:

»Also keine Vorbereitungen, schon dieser Beiden wegen, die absolut nichts merken dürfen! Wo aber werden wir die Gäste unterbringen?«

»In der Halle.«

»Wo Hadschi Halef liegt?«

»Wenn du erlaubst, betten wir ihn fort. Es trifft sich gut, daß Hanneh mich vorhin fragte, ob sie ihn nicht bald hinauf zu sich bekommen könne. Die Pflege werde ihr dadurch erleichtert, und er habe dann auch mehr Ruhe als jetzt in der Halle, die doch stets offen sei.«

»So bettet ihn gleich nach dem Abendessen hinauf! Hanneh hat Recht; ihr Wunsch ist sehr vernünftig. Sag aber auch zu ihr nichts von dem Scheik ul Islam, überhaupt zu keinem Menschen. Wer es erfahren soll, dem sage ich es selbst. Dieser „Fürst“ soll ganz den Eindruck haben, daß er uns vollständig überrasche. Und denke ja nicht an große Gasterei! Es ist sogar sehr möglich, daß weder er noch einer seiner Begleiter einen Bissen von uns bekommt.«

»Effendi, das nimm zurück! Das ist ausgeschlossen, vollständig ausgeschlossen!«

»Warum?«

»Bedenke zunächst die hohe Pflicht der Gastlichkeit!«

»Die kenne ich ebenso genau wie du, und Niemand kann lieber gastlich sein als ich. Nur habe ich abzuwarten, ob der Scheik ul Islam sich gegen uns so benimmt, daß ich ihm erlaube, unser Gast zu sein.«

Da sah er mich groß an.

»Das klingt ja, als ob du dir gar nichts aus diesem hohen Würdenträger machtest!« sagte er.

»Ich mache mir ganz genau das aus ihm, wozu er das Material besitzt, nicht weniger und nicht mehr. Teppiche, Polster, Pfeifen, Tabak, Kaffee, Wasser, das ist ja alles da. Wenn Weiteres gegeben werden soll, ist dann, wenn ich es sage, auch noch Zeit. Zugegen sein werden nur du, der Chodj-y-Dschuna und ich. Er ist der Einzige, mit dem du dich besprechen magst. Ob ich noch andere Dschamikun brauchen werde, das kann ich jetzt nicht wissen; es hat sich erst zu zeigen. Hast du vielleicht einmal vom „besten Pferd von Luristan“ gehört?«

»Schon oft. Es gehört dem Scheik ul Islam und ist der schnellste und ausdauerndste Renner aus der Taki-Zucht. Er wurde nie besiegt, und der Besitzer hat schon manchen Preis mit ihm gewonnen.«

»Wie kam er zu diesem Tiere?«

»Der Stamm machte es ihm zum Geschenk, um seine beispiellose Frömmigkeit und Glaubensstrenge zu belohnen. Es gab noch keinen Taki, der so hoch gestiegen ist wie dieser Mann. Darum sind sie stolz auf ihn und halten es für eine Ehre, ihn den Ihrigen nennen zu dürfen. Er sagt, die Liebe zu dem Pferde sei die einzige irdische Liebe, die er sich erlaube. Und da er seinen Stall gern jedem Rennen öffnet, so ist es gar nicht ausgeschlossen, daß er sich morgen mit anmeldet, sobald er hört, daß hier bei uns gelaufen wird.«

»Soll ich annehmen?«

»Das ist deine Sache, Effendi. Ich sage weder ja noch nein. Ein Pferd, welches noch nie geschlagen wurde, ist ein gefährlicher Gegner. Um so ehrenvoller ist es dann aber auch, es besiegt zu haben. Es handelt sich da vor allen Dingen um den Preis, zu welchem er dich in die Höhe treiben würde.«

»Weißt du vielleicht, ob der Scheik ul Islam in irgend einem persönlichen Verhältnisse zu Ahriman Mirza steht?«

»Nein.«

»Oder zu Ghulam el Multasim?«

»Ja, die sind eng befreundet. Der Scheik ul Islam hat Ghulam sogar zu einem seiner Kasi ernennen lassen und sieht ihn oft als Gast in seinem Hause.«

»Das ist mir wichtig, außerordentlich wichtig! Doch jetzt zu etwas anderem: Ich ließ es bisher ruhen; nun ich aber an Stelle des Ustad stehe, ist es meine Pflicht, mich dieser Sache anzunehmen. Ich war nämlich beim Scheik der Kalhuran und freue mich, daß seine Genesung vorwärts schreitet. Er steht nicht unter Eurer Dschemma; aber du sagtest, daß sein Weib bestraft werden müsse, weil sie Blut vergossen hat.«

»So ist es. Sobald er das Lager verläßt, haben wir über sie zu richten.«

»Hättest du an ihrer Stelle anders gehandelt? Hättest du deinen Gatten vollends erschlagen lassen?«

»Was ich getan hätte, kommt nicht in Betracht.

Wir haben das Gesetz, und nach diesem ist zu verfahren.«

»Also selbst bei Euch herrscht auch noch der Buchstabe, nicht der Geist des Gesetzes!«

»Du irrst. Wir werden die allergeringste Strafe wählen.«

»Aber doch Strafe! Ist es denn nicht möglich, daß sie freigesprochen wird?«

»Nein.«

»Wer hat das Recht der Begnadigung?«

»Der Ustad. Du weißt, daß in Persien jeder Weli oder Beglerbeg die Macht über Leben und Tod, also auch das Begnadigungsrecht besitzt, und der Ustad ist der Weli unseres Bezirkes.«

»Wer hat es jetzt, da er verreist ist?«

»Sein Stellvertreter, also du.«

»So bitte ich dich, zu dem Kalhuri zu gehen. Sage ihm, daß ich an Stelle seiner Frau gewiß auch Blut vergessen hätte. Ich halte sie also für ebenso unschuldig, wie mich und dich und gebe nicht zu, daß sie bestraft wird. Wer einen Menschen einer Tat wegen verdammt, zu der er unter Umständen selbst fähig gewesen wäre, der ist derselben Strafe wert. Gehe sogleich!«

»Effendi, das ist eine frohe Botschaft. Ich eile, sie zu überbringen. Du hast hiermit die Herzen aller Dschamikun und Kalhuran gewonnen!«

Nun ging ich nach meiner Wohnung um die Schlüssel zu derjenigen des Ustad zu holen. Es galt, mich für den morgenden Besuch so weit vorzubereiten, als es notwendig war, über alles Vorkommende genau unterrichtet zu sein. Ich fand eine Mappe, welche alle Schriftstücke enthielt, die sich auf die Abtretung des Gebiets, auf die Verwaltung desselben und auf die Rechte und Pflichten der Dschamikun bezogen. Der Ustad hatte überhaupt dafür gesorgt, daß ich mich sehr leicht zu orientieren vermochte. Es gab überall beschriebene Zettel, welche den betreffenden Inhalt anzeigten, und so fand ich auch ohne langes Suchen das wertvollste aller Dokumente, bei welchem die Notiz lag: Noch nie gebraucht und noch keinem Menschen gezeigt, doch unbedenklich zu benutzen!

Ich öffnete es mit Spannung und las es durch. Es enthielt Abmachungen, welche ohne alle Zeugen zwischen dem Schah und dem Ustad persönlich gepflogen worden waren, und sicherten dem Letzteren einen Schutz, wie ihn kein Weli oder Beglerbeg sich kräftiger wünschen konnte. Eine große Seltenheit war der eigenhändige Namenszug des Beherrschers und die dreimalige Wiederholung des ebenso eigenhändigen Siegels. Hierbei lag noch eine Karte von schwer vergoldetem Pergament. Die vier Ecken enthielten in Handmalerei das persische Wappen, den vor der Sonne liegenden Löwen. Und in der Mitte war, mit der Feder liebevoll kalligraphisch geschrieben, natürlich in persischer Sprache, doch gebe ich es deutsch: »Wer dieses vorzeigt, hat nur mir zu gehorchen!« Auch hierunter der eigenhändige Namenszug und das Siegel, dessen Inschrift aus den Worten bestand: »Als Nasr-ed-Din das Siegel in die Hand nahm, erschallte der Ruf der Gerechtigkeit vom Monde bis zum Fische.« Der Schah, bekanntlich ein eifriger Kalligraph, hatte diese Karte selbst gezeichnet und geschrieben, und sie war darum vorkommendenfalls selbst den Höchsten seines Reiches gegenüber eine Legitimation, welche zu sofortigem Gehorsam zwang.

Hiermit besaß ich schon viel mehr, als ich für morgen brauchte, und schon wollte ich wieder gehen, da wurde die Tür geöffnet und Pekala trat herein. Ihr Gesicht glänzte in der gewöhnlichen, ganz wie begeisterten Freundlichkeit, und es war ein höchst vertraulicher Ton, in dem sie sagte:

»Ich sah den Schlüssel stecken, Effendi, und dachte mir gleich, daß du hier im Zimmer seist. Ich habe zwar keine Zeit, doch für dich immer, und so wollte ich dich fragen, ob ich dir das von meinem Aschyk sagen darf.«

»Laß es hören!«

»Und du wirst aber nichts verraten?«

»Ist es denn ein Geheimnis?« umging ich diese ihre Frage.

»Ja, natürlich!« antwortete sie wichtig. »Ich habe eine ganze Menge von Geheimnissen, von denen Niemand Etwas wissen darf. Dir aber sage ich vielleicht einige davon. Das notwendigste von ihnen allen sollst du jetzt gleich hören. Nämlich mein Aschyk kommt immer nach vier Wochen; das habe ich dir schon mitgeteilt. Kürzlich aber war er einmal außer dieser Zeit hier; das weißt du noch nicht. Kannst du vielleicht erraten, weshalb er kam?«

»Nein. Sag es, und mach es so kurz wie möglich!«

»Warum das? Ich spreche ja immer kurz, Effendi! Mein Aschyk hat nämlich beschlossen, mit unserem Ustad zu reden und ihm Vieles mitzuteilen, was ihn vom Tode erretten kann.«

»Wen erretten? Den Aschyk oder den Ustad?«

»Den Aschyk; vielleicht aber auch beide; ich weiß es nicht genau. Ich soll dem Ustad sagen, daß er nächsten Sonntag kommen werde, grad um Mitternacht. Ich aber komme schon eine Stunde vorher mit ihm zusammen.«

»Und hast du das dem Ustad mitgeteilt?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil – weil – weil ich mich vor ihm fürchtete.«

»Vor mir aber nicht?«

»Doch auch! Aber die Zeit verging; der Sonntag ist schon nahe, und wenn ich mich so weiter fürchte und nichts sage, so verliere ich meinen Aschyk. Er hat mir nämlich gesagt, daß er niemals wiederkommen werde, wenn ich nicht ganz gewiß dafür sorge, daß er mit dem Ustad sprechen dürfe. Darum habe ich mir endlich ein Herz gefaßt und diese Bitte zu dir gebracht, weil der Ustad nächsten Sonntag noch nicht wieder hier sein kann. Was sagst du nun dazu?«

Sie wischte sich die feucht gewordene Stirn und atmete erleichtert auf. Es war ihr doch schwer geworden, sich an mich zu wenden.

»Ist es denn dem Aschyk gleich, ob er mich oder den Ustad trifft?« fragte ich.

»Ich denke es. Du stehst ja an des Ustad Stelle, und da die Sache nicht aufgeschoben werden darf, so muß er einverstanden sein.«

»Weiß noch Jemand davon, daß er Sonntag kommt?«

»Nein.«

»Auch Tifl nicht?«

»Tifl? Diesem Schwätzer darf man solche Dinge nicht mitteilen. Er weiß kein Wort!«

Das war eine Lüge, wurde aber mit der ehrlichsten und aufrichtigsten Miene der Welt gesagt. Die kleinen Aeuglein blickten mich dabei so offen, so treuherzig an, daß ich fast glaubte, mich besinnen zu müssen, ob ich mich nicht täusche.

»Hat der Aschyk gesagt, an welchem Orte er mit dem Ustad zu sprechen wünscht?« fuhr ich fort.

»Nein. Das hast nun du zu bestimmen. Willst du mir sagen, wo?«

»Heut noch nicht. Ich werde es dir noch rechtzeitig mitteilen. Und nun höre mich an! Du schweigst gegen Jedermann, auch gegen Tifl! Wenn du einem einzigen Menschen sagst, daß dein Aschyk kommt, um mir etwas zu sagen, so rede ich nicht mit ihm und jage dich aus dem Hause!«

»Effendi,« rief sie aus, indem sie erschrocken zurückfuhr. »Was machst du mir da für fürchterliche Augen. Du hast ja plötzlich ein ganz anderes Gesicht!«

»Das ist mein Gesicht, wenn ich mir etwas vornehme, was ich unbedingt auch ausführe. Du hast es noch nicht gesehen. Hüte dich vor der Wiederkehr! Wenn du nicht schweigst, lasse ich dich noch mitten in der Sonntagsnacht über die Grenze schaffen, ohne zu fragen, was dann aus dir wird! Verstanden?«

»Ja, ja, ganz genau!« versicherte sie, vor Schreck in sich zusammenkriechend. »Effendi, der Ustad ist doch freundlicher als du. Wer hätte das gedacht!«

»Jedes an seinem Orte, die Strenge sowohl als auch die Freundlichkeit! Hast du noch etwas zu sagen?«

»Nein.«

»So geh!«

Sie machte in ihrer inneren Zermalmung einen ganz verkehrten Knix und entfernte sich bedeutend weniger vertraulich, als sie hereingekommen war. Ich aber schloß die Wohnung sorglich ab und ging, mit Schakara zu sprechen.

Wie kam es doch, daß ich gar nicht nach ihr fragte, sondern daß es mir war, als wisse ich ganz genau, wo sie sei? Ich ging durch den Garten. Bei der Quelle angekommen, sah ich die »Schwester« bei den Pferden.

Die Sahm knusperte mit Ghalib im Grase herum. Assil aber hatte sich niedergelegt. Schakara saß neben ihm und flocht, über seinen Hals gelehnt, aus den Mähnenhaaren Zöpfe, in die sie Veilchen wand. Der Rappe langte von Zeit zu Zeit mit dem Maule herüber, um sie freundschaftlich in den Arm zu kneifen. Ich beobachtete das eine ganze Weile; dann ging ich hin und setzte mich zu ihnen.

Es war nichts Unaufschiebbares, was ich mit Schakara zu besprechen hatte. Ich wollte ihr nur mitteilen, wer morgen kommen werde. Aber indem ich dies tat, war es, als ob sich in mir alles Verschlossene öffne, um von ihr gesehen, geprüft und bestätigt oder verworfen zu werden. Sie sprach ganz wenig, und fast nur, wenn ich fragte. Und was sie dann sagte, war so selbstlos, so bescheiden und klang doch fest, bestimmt und zaglos sicher. Ich erkannte mehr und mehr, daß sie etwas unendlich Großes, Schönes, Klares in sich trug, und sann darüber nach, wie es zu nennen sei. Es war gewiß das, was wir »Gebildeten« eine Welt-, eine Lebensanschauung nennen, und doch noch mehr, viel mehr! Diese Anschauung erstreckte sich über noch ganz andere Schätze als diejenigen, welche die sogenannte »Welt« und das angebliche »Leben« uns bieten. Indem ich jetzt mit ihr sprach, tauchte der Augenblick wieder vor mir auf, an dem ich sie von meinem Krankenlager aus zum zweiten Male sah4: Unweit der Tür saß sie mitten im Pflanzengrün. Weiß war ihr Gewand. Sie hatte den Schleier nach hinten geschlagen. Ihr dunkles Haar hing in langen, schweren Flechten herab. Die schlanken Finger glitten über die Saiten der Sandurah. Darf man ein menschliches Wesen mit einem Gedicht vergleichen? Man sagt ja, daß der Mensch das herrlichste Gedicht der ganzen Schöpfung sei. Wenn nicht das herrlichste, aber gewiß eines der frömmsten sah ich hier!

Damals waren es Harfentöne, die ich von ihr hörte. Sie spielte, damit meine und Halefs Seele festgehalten werde. Jetzt waren es Worte, die ich von ihr vernahm; aber Alles, was und wie sie es sagte, hatte eine tiefe, innige Verwandtschaft mit jenen Harfenklängen. Es war Alles so melodiös, so harmonisch, so voll, so rein, so ganz ohne jede Spur von Dissonanz. Ich sprach weiter und weiter, nur um diese Lippen antworten zu hören, aus denen nichts Trübes, nichts Entweihtes klingen konnte. Es war, als ob ich ihr alle meine Gedanken hinübergeben müsse, um sie geläutert und geklärt dann wieder in Empfang zu nehmen. Hatte Marah Durimeh das gewußt, als sie schrieb, daß ich der Geist sein solle, sie aber die Seele, meine Schwester? Psychologie, nicht theoretisch, sondern praktisch gelehrt! Nicht aus wissenschaftlichen Leitfäden getüftelt, sondern aus dem Geistes- und Seelenleben direkt und ohne Deutelei herausgegriffen!

So saßen wir viel länger, als ich beabsichtigt hatte, beieinander, bis Kara Ben Halef mit seinem Barkh kam und mir meldete, daß es ihm gelungen sei, meinen Auftrag auszuführen, ohne von Jemand gesehen zu werden. Er habe die betreffende Stelle genau untersucht und sei überzeugt, daß kein anderer Fuß sie inzwischen betreten habe. Da es Zeit zum Abendessen war, so forderte ich ihn auf, mit uns zu kommen, um an demselben teilzunehmen. Er lehnte aber ab, weil er für die langsame Abkühlung Barkhs zu sorgen habe, damit dieser ja nicht etwa verschlage. Er war in Allem, was in seinen Händen lag, so wohlbedacht, gewiß mehr ein Erbteil von seiten seiner Mutter als seines Vaters, des oft nur allzu schnellen Hadschi, dessen lebhaftes Temperament der ruhigen Ueberlegung gern aus dem Wege ging.

Nach dem Essen zog ich mich hinauf zu mir zurück, um Alles, was ich von den Sachen des Ustad zu verbrennen hatte, einer vorherigen Prüfung zu unterwerfen. Ich gewann da einen tiefen Einblick in sein Leben, in sein menschenfreundliches Wollen und Empfinden. Die Zeitungen widerten mich an. Ich hatte erklärt, sie nicht durchlesen zu wollen, und tat es auch nicht. Aber indem ich die Blätter einzeln durch meine Hände gehen ließ, blieb mein Auge doch zuweilen an dieser oder jener Stelle haften, und dann flog der zerknitterte Bogen so weit wie möglich fort von mir. Man sollte es kaum für möglich halten, mit was für Quatsch und Tratsch und Klatsch sich jenes sonderbare Wesen befaßt, welches denen, die es besitzen, weißmacht, daß sie geistreich seien! Wenn der Ustad das Alles wirklich durchgelesen hatte, so war es sicher eines der größten Wunder, daß er der Menschheit seine Liebe noch immer treu bewahrte. Es muß doch etwas Großes um die wahre, nicht geheuchelte, sondern wirklich aus dem Herzen wirkende Humanität sein, wenn sie die Kraft besitzt, auf ihrem allgemein menschlichen Standpunkte selbst gegen diejenigen Widersacher auszuhalten, die sich nicht scheuen, nur mit den Waffen des Sonderinteresses anzugreifen und dabei doch zu versichern, daß sie die Verfechter der allgemeinen Menschheitsrechte, des edlen Menschentums seien. Hinweg also mit diesen Elaboraten! Ich warf sie auf den Herd, brannte sie an, und als die Flamme emporschlug, flog auch die »Rechtfertigung« hinein, die ganz ohne allen Grund geschrieben worden war.

Nachdem ich mich hierauf noch einige Zeit mit den Werken des Ustad beschäftigt hatte, ging ich schlafen und wachte nicht eher auf, als bis draußen an meine Tür geklopft wurde. Daß man mich weckte, mußte eine sehr triftige Ursache haben. Ich stand auf und öffnete. Der Pedehr war es.

»Verzeihe, Effendi, daß ich dich wahrscheinlich im Schlafe gestört habe!« sagte er. »Es wird nicht lange dauern, so ist der Scheik ul Islam da.«

»So zeitig? Woher weißt du es?« erkundigte ich mich.

»Ich sprach gestern abend noch mit dem Chodj-y-Dschuna. Er hielt es für gut, zu wissen, woran man sei. Darum ist er dann fortgeritten, in der Richtung nach Chorremabad. Er kam bis an den Grenzduar der Dschamikun und erfuhr, daß der Scheik ul Islam dort übernachte und heute mit dem frühesten Morgen aufbrechen wolle. Er gebot Verschwiegenheit und ist nun hier, weil du gewünscht hast, daß er anwesend sei. Sonst aber weiß Niemand davon. Wirst du jetzt herunterkommen ?«

»Nein. Schicke mir das Frühstück herauf! Wer kommt Alles mit?«

»Es sind, Herren und Diener zusammen, fünfzehn Personen, alle sehr gut beritten und bewaffnet. Man hat ihnen dort im Duar gesagt, daß kein Fremder ohne die besondere Erlaubnis des Ustad bei uns Waffen tragen dürfe, sondern sie abzugeben habe, sobald er das Gebiet der Dschamikun betritt. Sie haben sich aber geweigert, dies zu tun.«

»Nun, was dann? Hat man sie gezwungen?«

»Nein. Man hat geglaubt, nicht streng verfahren zu dürfen, weil es der Scheik ul Islam sei. Natürlich werden sie auch hier am ersten Hause angehalten. Wenn du willst, werde ich sie unbedingt entwaffnen lassen. Wollen sie es sich nicht gefallen lassen, so mögen sie umkehren, und ich lasse sie von einer Reiterschar begleiten, bis sie über die Grenze sind.«

»Recht so, Pedehr! So gefällst du mir! Es gibt keinen einzigen Menschen, vor dem wir Ursache, uns zu fürchten, hätten, und Furcht ist überhaupt die größte Torheit, die ich kenne. Aber Alles an seinem Ort und zu seiner Zeit! Faust gegen Faust, doch gegen List nichts Anderes als eben auch wieder List! Wenn man mich vor der Schlauheit dieses Scheik ul Islam warnt, werde ich mich hüten, wie ein dummer Bär mit Tatzen dreinzuschlagen. Und wenn wir fünfzehn Personen gleich am Eingange des Duar entwaffnen wollten, müßte ich so viele Dschamikun hinstellen, daß man sich sofort sagen müßte: die haben gewußt, daß wir kommen! Und grad das soll ihnen doch verheimlicht werden! Lassen wir es also laufen, wie es läuft! Ihr beide, nämlich du und der Chodj-y-Dschuna, habt sie mit allen Zeichen der Ueberraschung zu empfangen und in die Halle zu führen, wo Ihr Euch mit ihnen unterhaltet, bis ich komme.«

»Soll ich dich holen lassen?«

»Nein. Um die Ansicht, daß wir nichts gewußt haben, zu verstärken, sagst du, daß ich nicht daheim sei, sondern einen Spaziergang gemacht habe. Das werde ich auch tun, doch gar nicht weit. Ich sorge dafür, daß ich ihre Ankunft bemerke, und werde mich dann in der Halle einfinden. Jetzt geh! Also mein Frühstück möglichst schnell!«

Er entfernte sich und schickte es mir sofort herauf. Als ich es eingenommen hatte, schloß ich bei mir zu und ging in die Wohnung des Ustad, um die goldene Karte des Schah zu mir zu stecken. Es war leicht möglich, daß ich sie brauchte. Dann schloß ich auch hier zu und ging, aber nicht die Treppe, sondern hinten den Glockenweg hinab, der nach dem Garten, dem Bade und der Pferdeweide führte. Ich sah Niemand, der mich bemerkte. Da es mir darauf ankam, die Ankunft des Scheiks ul Islam zu beobachten, so suchte ich einen Ort, von welchem aus es möglich war, dies unbemerkt zu tun. Der ganze, lange Rand des Gartens und der Weide war mit dichtem Gebüsch eingefaßt, hinter welchem die Gigantenmauer senkrecht niederfiel. Durchdrang ich dieses Strauchwerk bis zur Mauerkante, so bot sich mir dann dort die freie Aussicht, die ich wollte. Ich wendete mich also nach einer Stelle, wo eine Lücke durch die Büsche zu führen schien, sah aber, als ich sie erreichte, daß sie nicht ganz hindurchführte. Sie war vielmehr wie eine Laube geformt und rundum mit einer Rasenerhöhung zum Niedersetzen versehen. Das Grün war hier so wirr und dicht, daß man nicht einmal hindurchsehen und also noch viel weniger hindurchdrängen konnte, ohne Aeste und Zweige loszubrechen. Aber gleich daneben standen einige Tamarisken so, daß ich mich zur Not hindurchdrängen konnte, ohne sie zu beschädigen. Ich tat es, konnte aber nicht ganz bis vor kommen, sondern mußte mich dann nach der Seite, also hinter die Laube, wenden. Dort fand ich, was ich suchte. Es gab genug Zweige, mich vollständig zu verstecken, und doch so viele Oeffnungen zwischen denselben, daß ich das ganze Tal und auch, nur einige Windungen abgerechnet, den zu uns heraufführenden Weg übersehen konnte. Ich machte es mir so bequem wie möglich und richtete mich auf längeres Warten ein, was aber gar nicht nötig gewesen wäre, denn eben, als ich mich lang ausgestreckt und den Kopf in die Hand gestützt hatte, kam von rechts unten eine Reitertruppe, die keine andere als diejenige des Scheik ul Islam sein konnte. Ich zählte freilich mehr als fünfzehn Pferde, doch kamen die überzähligen auf die Dschamikun, welche ihm von dem Grenzduar aus das Geleit gegeben hatten.

Fünf der Tiere waren nach reicher, persischer Reschma-Art geschirrt, eines von ihnen ganz besonders auffallend. Der Mann, welcher auf diesem saß, trug einen Taki-Turban von ungeheurem Durchmesser auf dem Haupte. Von dieser, mit einigen hohen, bunten Federn geschmückten Wulst ging ein weißer Schleier, welcher wie ein Mantel nicht nur den Reiter, sondern auch den ganzen hintern Teil des Rosses bedeckte.

Sollte diese so in die Augen fallende Gestalt etwa der fromme Würdenträger sein? Der Demütige? Der Mann mit den leisen, weichen, geräuschlosen Sohlen? Indem ich mir diese Frage vorlegte, betrachtete ich auch die Andern, welche völlig schmucklos ritten und natürlich dienstbare Personen vorstellen sollten. Einer von diesen hielt sich ganz am Ende. Er trug einen sehr gewöhnlichen Taki-Anzug, saß aber auf einem Pferde, welches meine ganze, übrige Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Die Entfernung war zu groß, als daß ich Einzelheiten bemerken konnte, aber dieser Adel in der Haltung, diese Lebensfülle in jeder Bewegung, diese graziöse Sicherheit des Schrittes und dieses spannkräftige Selbstbewußtsein trotz der Schenkel und Zügel, das war mir genug zu der Annahme, daß es das beste, das wertvollste Pferd von allen fünfzehn sei – ein Hellbrauner mit zwei weißen Vorderstiefeln!

Der Trupp bog nach dem Wege zum hohen Hause ein. Weil hierdurch die Entfernung sich stetig verringerte, bekam ich dieses Pferd immer deutlicher zu sehen, und indem ich es auf einen Kaufwert von ganz sicher wenigstens neuntausend Mark deutschen Geldes abschätzte, sagte ich mir, daß der Daraufsitzende unmöglich zu den Sijas gehören könne.

Es waren also sonderbarerweise zwei Personen, welche mir nicht als das vorkamen, für was man sie allem Anscheine nach halten sollte. Der Weißverschleierte und der letzte Reiter waren beide höchst wahrscheinlich in ihrer äußern Erscheinung darauf berechnet, uns zu täuschen. Der Eine sollte höher, der Andere niedriger erscheinen, als er eigentlich stand. Die Würde des Ersteren konnte mir gleichgültig sein, die des Letzteren aber nicht. Wenn von diesen Leuten einer überhaupt mehr war, als er zu sein schien, so hatte ich gewiß alle Veranlassung, mit meiner Vermutung nicht nur bis zur nächsten, sondern gleich bis auf die höchste Stufe zu steigen: Der vermeintliche Reitknecht war der Scheik ul Islam selbst!

Indem mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, sah ich Tifl, welcher drüben auf dem Wege erschien, um aus irgend einem Grunde hinab nach dem Duar zu gehen. Er wußte nichts von der Ankunft dieser Leute und blieb darum überrascht stehen, als er sie erblickte. Als sie ihn erreichten, sprach er auf sie, und da war es mir höchst interessant, zu bemerken, daß ihn die voranreitenden Vornehmen von sich ab und auf den letzten Reiter verwiesen. Das war ein Umstand, durch welchen meine Vermutung fast zur Gewißheit erhoben wurde.

Er winkte den Andern zu, weiter zu reiten, und blieb bei Tifl stehen. Dieser Wink verriet mir, daß er der eigentlich Befehlende sei. Sie sprachen eine kleine Weile miteinander; dann ließ der Fremde seinen Hellbraunen wieder vorwärtsgehen, und Tifl kehrte um und schritt, sich lebhaft mit ihm unterhaltend, an seiner Seite, bis beide hinter der letzten, obersten Biegung des Weges verschwanden.

Wie gut, daß ich hierher gegangen war, um zu rekognoszieren! Ich hatte dadurch erfahren, daß es dem Scheik ul Islam höchst wahrscheinlich beliebte, mit uns schauspielern zu wollen, und war nun also auf die beabsichtigte »Komödie der Irrungen«, falls sie wirklich versucht werden sollte, wohl gefaßt! Da ich nicht den geringsten Grund hatte, diese Gäste auf die Idee zu bringen, daß man vor Freude über ihr Kommen außer sich sei, so beeilte ich mich nicht im geringsten, sondern blieb noch eine ganze Weile auf meinem Platze sitzen. Und wie gut das war, stellte sich heraus, als ich Schritte hörte, welche sich sehr eilig der Laube näherten, hinter der ich lag. Zwei Personen traten ein.

»Niemand hat uns gesehen; das ist gut!« hörte ich Tifls Stimme sagen. »Er fragte, ob es einen Ort gebe, wo er unbemerkt mit dir sprechen könne. Darum eilte ich, dich hierher zu bringen. Nun schicke ich auch ihn.«

Nach diesen Worten ging er wieder fort. Wer war die Person, die sich nun allein in der Laube befand? Ich sollte nicht lange zu warten haben, es zu erfahren. Es kamen wieder Schritte, eilig aber leise, vorsichtig schleichend und wie auf weichen Sprungfedern fußend.

»Du bist die ungläubige Türkin Pekala?« wurde gefragt.

»Ja,« antwortete sie, die Falschheit ihrer Religion unbedacht mit bestätigend. »Und wer bist du?«

»Wie ich heiße, brauche ich nicht zu sagen; aber ich bin der Freund dessen, der sich deinen Aschyk nennt.«

Da schlug sie die Hände klatschend zusammen und rief aus:

»Der Freund meines Aschyk! Wie mich das freut! Wer hätte gedacht, daß –«

»Nicht so laut!« unterbrach er sie gebieterisch. »Kein Mensch darf wissen, daß ich ihn kenne und daß ich mit dir sprach – du Liebliche, du Blühende!« fügte er in plötzlich ganz weichem, schmeichelndem Tone hinzu. »Ich will dir aber beweisen, daß ich dich und ihn und eure Liebe kenne. Er wird nächsten Sonntag kommen, eine Stunde vor Mitternacht, und du wirst an einem hoch aufgerichteten Mauersteine auf ihn warten. Erkennst du hieran, daß ich sein Vertrauter bin, sein Freund und also auch der deinige?«

»Ja, ich vertraue dir,« versicherte sie. »Du hast gewiß auch so ein edles Männerherz wie er und weißt, was ein edles Frauenherz bedeutet!«

Es war ein Räuspern zu hören, als ob er mit einem unzeitigen Lachen zu kämpfen habe. Ich konnte beide nicht sehen, wußte aber, daß ich ihn an seiner Sprache sofort erkennen würde. Er sprach die gutturalen Spiranten mit mehr als gewöhnlicher kurdischer Schärfe aus und hatte ein so uvular schnarrendes Rrrrrr, als ob er an einer bösartigen Zäpfchenkrankheit leide.

»Ich weiß sogar, weshalb er diesmal kommt,« fuhr er fort. »Er will mit dem Ustad sprechen, und weil dieser nicht hier ist, mit dem fremden Effendi, da es nicht aufzuschieben ist. Ich ahnte nichts von der Anwesenheit dieses Stellvertreters, und es hat sich erst zu zeigen, ob sie gut oder nicht gut für uns ist. Dein Aschyk muß unbedingt als Gast im Hause des Ustad aufgenommen werden. Es war bezweckt, er solle in den Räumen wohnen, welche euer Herr sein „Grab“ zu nennen pflegt. Leider habe ich von diesem Tifl erfahren, daß dort der Fremde aufgenommen worden ist. Dafür sind aber nun die eigenen Stuben des Ustad frei geworden, und es würde uns genügen, wenn dein Aschyk nun wenigstens doch diese bekäme. Du bist die Herrin dieses Hauses, Pekala. Das weiß ich ganz genau. Und deiner Freundlichkeit kann Niemand widerstehen. Dein Aschyk wird den Effendi unbedingt bewegen, ihn bei sich aufzunehmen, aber wo! Ich hörte, daß du diesen Mann durch deine Holdseligkeit ganz für dich gewonnen habest. Nun sag: Glaubst du, ihn bewegen zu können, den Beglücker deines edlen Frauenherzens in den Räumen des Ustad wohnen zu lassen?«

»Sogleich, sogleich wird er es mir erlauben!« jubelte sie so unvorsichtig auf, daß er ihr in schnellem Zorne befahl:

»Schweig, unvorsichtige Katze! Dein falsches Maul hat schon genug verraten; mich aber soll es nicht –«

Er hielt mitten im Satze inne und fuhr mit vollständig verändertem Ausdrucke fort:

»Mein Herz begreift die Größe deines Glückes, den Aschyk als geliebten Gast hier bei dir zu haben, du treue, schöne Blume seines Lebens, aber ich bitte dich, dieses Glück tief und schweigsam in dich zu verschließen, bis die ersehnte Zeit gekommen ist, in welcher du es nicht mehr zu verheimlichen brauchst! Du weißt ja, daß das Leben des Aschyk von deiner Verschwiegenheit abhängt, und das deinige wahrscheinlich auch!«

»Chodeh! Auch mein Leben? Mein eigenes?« fragte sie erschrocken.

»Ja. Seine Feinde sind auch die deinigen, und wenn sie ihn töten, können sie dich nicht leben lassen!«

»Wer aber sind sie denn? Er hat sie mir noch nie genannt.«

»Um den Blick deiner strahlenden Augen nicht zu trüben, der ihm über alles Andere geht. Darum schweige auch ich. Dein Herz soll rein und unbefangen bleiben. Den Ustad kenne ich, doch den Effendi nicht. Was ist er für ein Mann? Welcher ist der klügere von beiden?«

»Kein Mann ist klug. Man hat sie alle zu erziehen. Ich habe da eine ganze Menge von Geheimnissen, die ich den meisten Menschen nicht sage, denn ich denke, daß sie es verraten. Zu dir aber habe ich Vertrauen. Darum will ich dir eines davon mitteilen: Der Ustad ist mir lieber als der Effendi.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil der Effendi mich fortjagen will.«

»Warum?«

»Wenn ich es Jemandem verrate, daß er mit meinem Aschyk sprechen wird.«

»Oh Allah, welche Dummheit sondergleichen! Und so ein Weib will Männer erziehen und –«

Wieder brach er mitten im Satze ab, um sie nicht zu beleidigen. Dieser Mann verstand es nicht, sein Temperament zu beherrschen. Oder nahm er sich nur deshalb nicht besser in acht, weil er wußte, es mit einer »leeren Null« zu tun zu haben ? Wie freundlich und gelassen klang es dagegen, als er fortfuhr:

»Fühlst du denn nicht, daß dieser Effendi dafür nicht zu tadeln, sondern zu loben ist? Ich weiß, daß du einen scharfen Verstand besitzest. Du wirst also einsehen, daß er nur in der besten Absicht Verschwiegenheit gefordert haben kann. Auch ich bitte dich, nichts zu verraten. Er konnte dir nur drohen, dich fortzujagen; ich aber weiß, daß es dein sicherer Tod ist, wenn du plauderst. Die Feinde deines Aschyk sind erbarmungslos, besonders gegen dich. Darum hüte dich, und schweig! Ich habe von diesem Effendi schon oft gehört, werde ihn aber heut zum erstenmale sehen. Ist er gutmütig?«

»Sehr!«

»Scharfsinnig?«

»Ganz und gar nicht! Er glaubt Alles, was man sagt!«

»Kennt er die hiesigen Verhältnisse?«

»Nein. Da ist mein Tifl hundertmal gescheiter!«

»Wie steht es mit seiner Religion?«

»Der hat gar keine. Es gibt hier gewiß Niemand, der ihn schon einmal beten sah.«

»Ist er ein schöner Mann?«

Sie schwieg, wahrscheinlich um über diese Frage nachzudenken. Der sie aussprach, war ganz gewiß kein schlechter Menschenkenner, und die Köchin ahnte nicht, was er mit dieser höchst überflüssig erscheinenden Erkundigung eigentlich bezweckte. Dann antwortete sie:

»Er ist nicht schön und auch nicht häßlich. Er hat ein ganz gewöhnliches Gesicht. Ich glaube, wenn er kein Fremder wäre, würde man ihn gar nicht beachten.«

»Maschallah! Das klingt nicht gut! Mir wäre es lieber, du hättest ihn schön genannt. Doch antworte mir weiter: Hat er Eigentümlichkeiten? In der Stimme, in der Sprache, in der Haltung, im Gange oder sonst irgendwie?«

»Nein, gar nicht. Er ist ein Mann wie alle andern Männer. Du brauchst dich ganz und gar nicht vor ihm zu fürchten. Er ist nicht halb so vornehm wie du!«

»Woher weißt du das?«

»Ich sehe es dir an. Du brauchst nur andere Kleider anzulegen, so ist der Pascha fertig!«

»Meinst du, meine liebe Pekala?«

Das klang geschmeichelt. Der Mann war also eitel! Das bestätigte sich durch seine folgenden Worte:

»Ich muß jetzt fort und sage dir, daß du mir gefallen hast. Ich möchte dir das durch ein Geschenk beweisen, welches ich dir durch deinen Aschyk sende. Ich weiß, du liebst den Schmuck und schöne Kleider, die du einstweilen in den Ruinen aufbewahrst, bis bessere Tage kommen. Wünsche dir Etwas?«

»Sehr gern! Aber was?« fragte sie da schnell.

»Was du willst!«

»Ja, bist du arm oder reich?«

»Wünsche nur! Dann sage ich dir, ob du es bekommst oder nicht!«

Das klang wieder so kalt, so gebieterisch, als ob er sie nicht soeben seine »liebe Pekala« genannt hätte. Dieser Mann wurde mir immer interessanter.

»Schicke mir eine goldene Naddara!« bat sie in ihrem süßesten Diskante.

»Eine Naddara? Wozu?« fragte er erstaunt.

»Es sieht so vornehm aus und so gelehrt. Ich sah in Isphahan sehr oft eine Madama aus Rußland. Die hatte stets zwei Gläser vor den Augen, wenn sie aus der Sänfte stieg. Das war so stolz. Man konnte sie für die Kaiserin von Rußland halten. Darum will ich auch eine Naddara. Aber von Gold muß sie sein, sonst nicht!«

»Weib, du bist verrückt! Es wohnt ein böser und dabei ungeheuer lächerlicher Geist in dir, den ich zerdrücken werde, sobald –«

Er wurde in diesem Ausbruche des Zornes, der zugleich verächtlich klang, unterbrochen. Tifl kam und meldete:

»Der Scheik ul Islam sendet mich. Er läßt dich bitten, zu kommen. Ich führe dich.«

»Sogleich!« gab der Andere streng zurück. Und ebenso streng oder noch strenger klang es weiter: »Du sollst die Naddara haben, Pekala, und zwar eine so scharfe, daß dir die Augen übergehen! Der Effendi hat Recht gehabt mit der Verschwiegenheit. Auch ich fordere sie von dir, von Euch. Für den Verrat gibt es weiter nichts als nur den Tod. Das merke, Tifl, du auch dir! Und nun führe mich zu meinen Leu – zum Scheik ul Islam, doch ohne daß man merkt, wo ich jetzt war!«

Er ging mit Tifl fort. Dann hörte ich, daß auch Pekala sich entfernte. Wer er war, das wußte ich nun. Er hatte es selbst verraten, und zwar durch das nur halb ausgesprochene Wort: »Führe mich zu meinen Leu –.« Leuten hatte es heißen sollen. Er war der Scheik ul Islam selbst, und der Andere, der nach ihm geschickt hatte, sollte diese Rolle mimen.

Ich wartete nur ganz kurze Zeit, dann verließ ich meinen Platz, schob mich zwischen den Tamarisken wieder hinaus, und als ich sah, daß Niemand hier war, ging ich nach dem Garten und durch diesen auf den Hof. Da standen die Pferde der Perser, die Diener dabei. Auf den Stufen lehnte Tifl an einer der Säulen; an einer andern der kurdisch gekleidete Reiter des Hellbraunen mit den weißen Vorderstiefeln. Beide sprachen miteinander und sahen nicht, woher ich kam. Ich grüßte die Reiterknechte freundlich und blieb bei den Pferden stehen, um sie zu betrachten. Ich wünschte aber nicht, für einen Kenner gehalten zu werden, und verhielt mich also dementsprechend. Da sah mich Tifl und machte den Kurden auf mich aufmerksam. Dieser schaute zu mir her und betrachtete mich scharf.

Er war von hoher, schön gebauter Gestalt. Sein lang herabwallender, grauer Vollbart war sehr, sehr dünn, als ob die Natur nicht genug guten Willen vorgefunden habe, das auszuführen, was sie wollte. Er sah, daß ich bei den minderwertigen Pferden länger verweilte, als bei den guten und an dem Stiefelbraunen so gleichgültig vorüberging, als ob er ein ganz gewöhnlicher Gaul sei. Da machte er eine Bemerkung gegen Tifl, die jedenfalls keine hochachtungsvolle war, denn er warf dabei den Kopf verächtlich nach hinten auf die Seite. Auch die Diener lächelten über mich, wenn auch nicht so auffallend, daß ich es hätte bemerken müssen, wenn ich nicht besonders aufgepaßt hätte. Mir war das recht. Je weniger man uns zutraute, umsomehr hatte man dann zu bereuen.

Als ich nun langsam auf die Stufen zuschritt, stand Kara Ben Halef auf, der oben auf dem Dache der Halle gesessen hatte. Er rief mir seinen Morgengruß herab.

»Komm herunter, Kara!« forderte ich ihn auf. »Ich höre, daß der Scheik ul Islam gekommen ist. Auch du sollst ihn begrüßen.«

Ich sagte das so laut, daß man es in der Halle hören mußte. Meine Absicht war, der Pedehr möge kommen. Sie wurde erreicht. Er erschien sogleich, kam sämtliche Stufen zu mir herunter und meldete mir den Besuch in ganz der Weise, als ob ich nichts davon gewußt habe.

»Du kennst den Scheik ul Islam also nicht persönlich?« fragte ich ihn halblaut, und wendete mich dabei so ab, daß Tifl und der Kurde meine Worte nicht verstehen konnten.

»Nein,« antwortete er.

»Welcher Dschamiki hat ihn schon gesehen?«

»Ich weiß keinen. Der Scheik ul Islam war früher in Feraghan und wurde erst vor noch nicht einem Jahre in die Nähe seines Stammes versetzt. Nur der Ustad kennt ihn genau. Er ist nicht so bescheiden, wie ich dachte, aber höflich. Daß der Ustad verreist ist, hat er erst in unserem Grenzduar erfahren.«

Während er das sagte, deutete er mit der Hand nach dem Tempelberge hinüber, um glauben zu machen, wir redeten von etwas vollständig Unverfänglichem.

»Wer ist der Kurde, welcher bei Tifl steht?« erkundigte ich mich noch.

»Der Katib des Scheik ul Islam. Er hat bei ihm an seiner Seite zu sitzen, doch blieb sein Platz bisher leer.«

»So komm!«

Wir gingen die Stufen hinauf. Da kreuzte der Katib die Arme und verbeugte sich höflich lächelnd vor mir. »Der Morgen sei dir gesegnet!« grüßte ich, indem ich ihm freundlich zunickte.

»Und dir der ganze Tag!« antwortete er.

Ah, diese Stimme! Und dieses uvulare Schnarren! Er war es, der mit Pekala gesprochen hatte, also der Scheik ul Islam! Er kam gleich hinter uns her und begab sich nach seinem Platze. Die Perser standen auf, als ich erschien, verbeugten sich sehr höflich und blieben hierauf stehen, um meine Anrede zu erwarten. Ich ging bis auf die von der Sitte vorgeschriebene Entfernung auf sie zu, breitete die Arme aus, verbeugte mich, verschlang sie auf der Brust, verbeugte mich wieder, breitete sie mit einer dritten Verbeugung abermals aus, ließ sie hierauf sinken und erhob nur die rechte Hand, um eine verbindliche Geste zu machen und dabei zu sagen:

»Der Mensch kennt nie das Glück des nächsten Tages. Allah allein weiß, was er senden will. Ist er es, der uns mit euch überrascht, so habe ich ihm zuerst und dann auch euch zu danken. Vor dem Scheik ul Islam gibt es nie verschlossene Türen, denn Allah will, daß sein Priester überall nur Freude bringe. Setzt Euch, und weilt, so lange es Euch beliebt!«

Sie verbeugten sich, wie eingeübte Statisten, und der Träger des Riesenturbans sprach:

»Der Scheik ul Islam bin ich, Effendi. Du sollst erfahren, wer meine Begleiter sind.«

Indem er auf jeden Einzelnen deutete, sagte er Namen und Stand desselben. Die geistlichen Herren nannte er vorerst, die Offiziere hinter ihnen. Es war ein Ahalyj-y-Dschennet, ein Wehlijullah, ein Imam-y-Dschuma, ein Särtib-y-Aewwäl, ein Särtib-y-Duwwum, und zuletzt kam noch der Schreiber! Man sieht, der Glanz war da. Ich verbeugte mich vor Jedem, wie auch er sich vor mir; dann setzten wir uns nieder. Die hohen Herren bildeten eine Linie. Nur der Schreiber saß ein wenig zurück, neben dem Scheik ul Islam. Er raunte ihm sehr häufig zu, was er sagen solle. Zwar suchte er die Bewegung seiner Lippen unter dem Barte zu verbergen, doch war dieser so dünn, daß ich sie doch bemerkte. Ich saß grad vor ihnen, rechts von mir der Pedehr, links der Chodj und etwas zurück Kara Ben Halef. Die ersten beiden hatten sich den Persern schon vorgestellt. Kara konnte ich gelegentlich nennen.

Ich schwieg, denn ich hatte meine Pflicht getan, und nun erforderte es die Höflichkeit, den hohen Gast beginnen zu lassen. Er ließ auch gar nicht auf sich warten.

»Ich bin gekommen, mit dem Ustad der Dschamikun zu sprechen,« sagte er. »Mein Wohlwollen leuchtet über ihm. Da hörte ich, er sei verreist und ein Effendi aus dem Abendlande vertrete seine Stelle. Ich kenne weder dich noch deine hohen Würden und Titel und möchte doch nicht, daß ich dir etwas vorenthalte. Darum verzeihe mir, wenn ich vor allen Dingen einige Fragen ausspreche. Welchen geistlichen Rang bekleidest du daheim in deinem Lande?«

»Keinen,« antwortete ich.

»Welche hohe militärische Charge führest du?«

»Keine.«

»So nenne deinen Rang bei der Regierung deines Volkes!«

»Ich habe keinen.«

»Aber was bist du sonst? Was hast du dann?«

»Ich bin nur ich und habe nur mich, sonst weiter nichts.«

Die Absicht, in welcher er seine Erkundigungen ausgesprochen hatte, war leicht zu durchschauen. Ich sollte mich ihm gegenüber so klein wie möglich fühlen! Direkte Unhöflichkeiten aber sucht der gebildete Perser so viel wie möglich zu vermeiden. Darum warf er mir zwar einen sehr deutlich mitleidigen Blick herüber, fuhr aber in gütigem Tone fort:

»Du hättest verschweigen können, daß du so gar nichts bist. Ja, du hättest dir hohe Ehren beilegen können, ohne daß wir an Lüge denken durften. Du bist aber wahr und offen gewesen, und das hat dir bei uns diejenige Achtung gewonnen, die Jedem gebührt, der sich zu lügen scheut. Unsere Würden sind unveräußerlich. Indem wir zu dir niedersteigen, nehmen wir sie mit herab zu dir und ehren dich durch sie. Aber wir möchten doch gern wissen, wie weit die Vollmacht reicht, welche der Ustad dir erteilte.«

»Diese Vollmacht ist die volle Macht. Es ist genau, als ob er selbst vor Euch säße.«

»Du kannst über Alles entscheiden, wenn es dir beliebt?«

»Ja.«

»Und er wird es bestätigen?«

»Unbedingt.«

»So freut es mich, dir mitteilen zu können, welch ein großes, reiches Geschenk ich Euch heut mitbringe. Schon als ich noch in Feraghan war, hörte ich von den Dschamikun sprechen und lernte ihren Ustad am Hofe des Schah-in-Schah kennen. Seit ich mich nun in Chorremabad befinde, habe ich Euch unausgesetzt beobachtet. Ihr strebt nach hohen Zielen. Ihr wollt die Menschen nicht erst dort, sondern auch schon hier glücklich sehen. Und Ihr greift zum besten Mittel, dieses Ziel zu erreichen. Ihr hebt das Volk empor durch guten Unterricht und haltet in jeder Beziehung, auch im Glauben, mit allen Menschen Frieden. Wenn jeder Stamm das täte, so wie Ihr, dann würde es wohl bald den längst ersehnten achten Himmel geben, den Himmel Allahs hier auf dieser Erde! In andern Ländern wird ein solches Bestreben, wie das Eurige ist, verfolgt. Wer Anteil nimmt, muß der Feindschaft unterliegen. Die Priesterschaft verdammt jeden Andersgläubigen und will nichts vom religiösen Frieden wissen. Und wer hoch steht, der haßt die Aufklärung des Volkes, weil sich nur Dumme dumm regieren lassen. Bei uns in Persien aber ist das anders. Wir wissen, daß es nicht nur einen Himmel gibt, und wollen alles Volk durch Schulen und Moscheen zur Ueberzeugung bringen, daß Jedermann des Andern Bruder ist. Bei uns gibt es also keine Verfolgung, sondern Unterstützung. Wir hassen nicht; wir lieben. Hältst du das für richtig? Oder nicht?«

»Ich stimme vollständig bei,« antwortete ich.

»Das habe ich erwartet! Es beweist mir, daß du würdig bist, den Ustad zu vertreten. Ich sagte, daß ich nicht verfolge, sondern unterstütze. Ich weiß, was er von seinen Widersachern erduldet hat. Sie taten Alles, um ihn zu vernichten. Ich aber komme, um ihn zu erheben. Ich will diesen Feinden zeigen, wer der Mann ist, den sie einst von sich stießen. Er soll ein Arbeitsfeld bekommen, welches seiner würdiger ist, als dieses kleine, rings von Gegnern eingeschlossene Gebiet der Dschamikun. Ich will ihm viele Tausende zu Untertanen machen, die er auf seinen Wegen zu seinen Zielen führt. Ich bringe ihm Gewalt und hohe Ehre, viel größer noch, als er sich jemals träumen lassen konnte. Sein Ruhm, sein Glück liegt hier in meiner Hand. Soll ich sie wieder an mich ziehen, ohne daß du nach ihr greifst, Effendi?«

Er hatte mir die Hand mit einer unendlich herablassenden Gebärde entgegengestreckt. Ich ließ ein sehr dankbares Lächeln sehen und antwortete:

»Warum sollte ich eine so gütige Hand von mir stoßen? Aber du sagtest mir noch nicht, welche Gabe es ist, die du für den Ustad bringst.«

»So bist du also bereit, sie anzunehmen? Wohlan, so sollst du es erfahren. Weißt du, daß ich ein Sohn der frommen Takikurden bin, die unverrückt auf Allahs Pfaden wandeln?«

»Ja.«

»Und weißt du auch, daß dieser Stamm die schönsten Berge, die fettesten Weideplätze unsers Landes besitzt? Daß dieser ihr Besitz von allerhöchstem Werte ist, weil er die größte strategische Bedeutung hat?«

»Auch das weiß ich.«

»Nun, dieses reiche Gebiet mit Allem, was darauf wohnt und lebt, soll von heute an in die Hand des Ustad übergehen.«

»In welcher Form?«

»Er soll der Ustad nicht nur der Dschamikun, sondern auch der Takikurden sein!«

Er sagte das langsam und mit ganz besonderer Betonung. Seine Begleiter ließen Ausrufe des Staunens und der Beteuerung hören, daß so ein Geschenk ein ganz außerordentliches sei. Er nickte ihnen wichtig zu und fuhr fort:

»Ja, noch mehr, noch mehr: Der Stamm der Takikurden soll mit dem Stamm der Dschamikun vereinigt werden, und zwar unter dem ganz vortrefflichen Namen der Taki-Dschamikun. Und diese Vereinigung soll sich in der Hand und unter der Aufsicht des Ustad vollziehen. Er wird der Gebieter dieses neuen Stammes sein, den dann an Macht und Einfluß ganz gewiß kein anderer erreichen dürfte. Was sagst du zu diesem meinem Anerbieten, Effendi?«

»Daß ich mich keinen Augenblick bedenke, es anzunehmen,« antwortete ich.

Ein gar so rasches Zugreifen hatte er denn doch wohl nicht erwartet. Er sah mich fragend an.

»Ich bin bereit, auf deinen Vorschlag einzugehen, und zwar sofort,« wiederholte ich.

»Wirklich, wirklich?« fragte er.

»Ja.«

Er schien mir nicht so recht trauen zu wollen; aber der »Schreiber« raunte ihm einen Befehl zu, und so sagte er:

»So ist der Zweck meines Besuches hier erfüllt! Aber wird der Ustad bestätigen, was du tust?«

»Ohne Zweifel.«

»Und sich an die Spitze des vereinten Stammes stellen?«

»Gewiß. Ich gebe dir mein Wort. Das gilt, als hätten er und ich geschworen.«

»So erhebe dich, und gib mir in seinem Namen deine Hand!«

Er stand auf, ich auch. Wir traten aufeinander zu und schüttelten uns die Hände. Er schien zu erwarten, daß ich mich nun in Versicherung unserer Dankbarkeit ergehen werde. Als ich das nicht tat, sagte er, indem sich nun auch seine Begleiter erhoben:

»Ein solches Abkommen muß mit Salz und Brot bekräftigt werden. Bis jetzt haben wir noch nichts genossen. Willst du uns als deine Gäste betrachten, Effendi?«

»Wenn du es wünschest, unverweilt. Ich weiß, was Salz und Brot bedeuten. Wer dann zurücktritt, ist ein Schurke. Ueberlege also wohl, ob ich dies Beides kommen lassen soll!«

»Schicke nur! Ich weiß genau, was ich tue!«

»So nehmen wir jetzt Salz und Brot, und dann erweist Ihr mir die Ehre, die Ghada bei uns einzunehmen!«

»Gern! Und inzwischen reiten wir einmal hinüber nach Eurer Moschee, von welcher aus man eine wunderbare Aussicht haben soll. Ich hörte, daß du krank gewesen seist. Wirst du uns begleiten können?«

Es wäre ihm allerdings lieber gewesen, eine solche Begleitung nicht zu haben, doch antwortete ich:

»Bis dort hinüber werde ich es im langsamen Schritte wagen können, weiter aber nicht. Dieser junge Mann wird mir satteln. Es ist Kara Ben Halef, der Sohn des Scheikes der Haddedihn vom Stamme der Schammar.«

Kara verbeugte sich vor ihm, um dann zu den Pferden zu gehen. Ich rief ihm noch nach, für sich den Ghalib und für den Chodj-y-Dschuna den Bark zu nehmen. Die Gäste waren mit dem ungeahnt schnellen und skrupellosen Ausgange ihres Anliegens überaus einverstanden. Sie wollten sich das freilich nicht merken lassen, doch war es ihnen deutlich anzusehen. Um so ernster war das Gesicht des Pedehr. Er begriff mich nicht. Darum warf ich ihm unbemerkt die Worte zu:

»Nur keine Sorge! Es steht Alles gut. Sie haben nicht mich, sondern ich habe sie gefangen. Schnell Salz und Brot! Dann reitest du mit.«

»Auf welchem Pferde? Die Sahm hat mir der Ustad einstweilen entzogen. Und ein gewöhnliches Pferd kann ich als Scheik doch wohl nicht nehmen.«

»So bleibe hier, und besorge das Essen!«

Nach Kurzem brachte Tifl auf einer Platte ein Häufchen Salz und kleingeschnittenes persisches Brot. Wir traten zusammen. Jeder nahm eines der Stückchen und tauchte es in Salz. Der Mann mit dem großen Turban sprach:

»Das Brot, welches wir essen, wird zum Leibe. Das Wort, welches man uns gibt, wird zur Seele. Es ist nie wieder von uns zu trennen!«

Hierauf aßen wir jeder seinen Bissen und drückten uns abermals gegenseitig die Hände. Das Uebereinkommen war abgeschlossen und besiegelt. Bald hierauf brachten Kara und der Chodj die Pferde. Wir stiegen auf und ritten den Berg hinab. Ich bemerkte, daß ich heut kräftiger war als bei dem ersten Ritte, doch gab ich mir nicht die geringste Mühe, als guter Reiter zu erscheinen.

Die Herren glaubten, erreicht zu haben, was sie hatten erreichen wollen. Darum hielten sie es nicht für nötig, ihre Rücksicht auf mich so weit zu treiben, daß sie im Trauertempo mit mir ritten. Sie wollten vielmehr zeigen, was für Pferde sie besaßen, und jagten durch den Duar und dann die jenseitige Höhe hinauf. Mir war das eben recht. Ich winkte Kara und den Chodj, ihnen nachzueilen und trottelte allein und langsam hinterher. Ich hatte wohl kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ich den Hufschlag eines galoppierenden Pferdes hinter mir hörte. Mich umschauend, sah ich, daß es Tifl war. Er ritt die ungesattelte Sahm und jagte an mir vorüber, ohne anzuhalten und zu fragen, ob es ihm erlaubt sei, mit bei den Gästen zu sein. Er hätte das gewiß nicht gewagt, wenn er nicht von irgend Jemand aufgefordert worden wäre, unbedingt mit nach dem Beit-y-Chodeh zu kommen. An mir vorbeigeritten war er, weil er befürchtet hatte, von mir zurückgeschickt zu werden. Eigentlich war es richtig, dies nachträglich zu tun, und zwar vor aller Augen; aber es lag ja in meiner Absicht, nicht für scharfsinnig und energisch zu gelten, und so hielt ich es für geraten, zu schweigen.

Als ich oben ankam, stand der »Schreiber« mit Tifl an einer der Vordersäulen des Tempels. Der Letztere schien dem Ersteren die Gegend zu erklären; sie schenkten mir keine Beachtung. Sonst sah ich von den Gästen keinen. Kara und der Chodj standen bei den Pferden. Ich ritt zu ihnen hin und fragte, wo die andern Perser seien. Der Chodj antwortete:

»Der Heilige, der Selige und der Hauptpriester kriechen in den Rosen herum. Die beiden Generale fragten, ob es weiter oben eine schöne, freiere Aussicht gebe. Ich wies sie nach der großen Hochwaldlichtung; sie sind dorthin.«

Er deutete nach dem Waldwege, auf dem ich am Tage des Festes von Tifl zum Essen geführt worden war.

»Gibt es noch andere Wege nach dieser Lichtung?« erkundigte ich mich.

»Ja. Es sind aber Umwege. Den besten sieht man von hier aus nicht. Man muß über diesen ganzen Platz hinüber und um die Buchenecke gehen. Dann führt er grad hinauf und unter den Tannen am obern Rande des freien Platzes hin.«

»Kann man ihn reiten?«

»Er ist breit genug. Willst du etwa jetzt dort hinauf?«

»Ja. Doch Niemand darf es wissen. Ich muß sehen, was die Offiziere dort machen. Uebrigens dürft Ihr ja nicht glauben, daß sie wirklich Generale seien. Man hat gemeint, den Mund so voll wie möglich nehmen zu müssen. Wenn man Euch fragt, wohin ich geritten bin, so gebt irgend eine Auskunft, die wahrscheinlich klingt; verratet aber ja das Richtige nicht.«

Ich ritt über den Tempelplatz hinüber und bog um die erwähnten Buchen. Dort öffnete sich der mir beschriebene Weg. Man konnte mich vom Tempel aus nicht mehr sehen. Nun trieb ich Assil zu größerer Schnelligkeit an. Ich kam durch hohe Tannen. Nach einiger Zeit wurde es rechts von ihnen licht. Da lag die Waldesblöße. Sie war ziemlich steil. Ich konnte zwischen den Bäumen hindurch die Offiziere sehen. Sie saßen ganz oben am Rande und schienen zu schreiben oder zu zeichnen. Ich war ihnen unsichtbar, weil ich mich unter den Tannen befand. Auch der übrige Teil meines Weges lag so, daß ich nicht zu befürchten brauchte, bemerkt zu werden. Oben angekommen, bog ich nach rechts. Als ich ihnen auf ungefähr siebzig Schritte nahe gekommen war, stieg ich ab. Ich legte dem Hengste die Hand auf die Nüstern und sagte nur das eine Wörtchen »uskut – still!« Nun konnte ich überzeugt sein, daß er sich nicht bewegen, nicht das geringste Geräusch verursachen werde.

Hierauf ging ich weiter. Der weiche Waldesboden machte meine Schritte unhörbar. Als ich anhielt, stand ich nur fünf Meter hinter den beiden Persern. Sie zeichneten; das sah und hörte ich. Und zwar die topographische Lage der sich von hier aus herrlich ausbreitenden Gegend. Dabei sprachen sie miteinander. Sie hielten sich für vollständig allein und taten es also nicht leise. Ich hörte jedes Wort.

»Dieser Effendi ist der unvorsichtigste Europäer, den ich jemals sah,« sagte der angebliche Divisioner. »Er benahm sich geradezu dumm!«

»Dafür machte der Kasi seine Sache um so besser,« bemerkte der Brigadier. »Sein Lob war fest wie Leim; der eitle Mensch blieb daran hängen. Wie blind, daß man uns hier heraufläßt, um die Pässe und Wege zu zeichnen und die ganze Lage des Duar aufzunehmen! Wir hätten nie erfahren, wie leicht er zu umfassen ist, wenn wir es nicht mit eigenen Augen sähen. Nur erst den Ustad von hier fort und hinüber zu den Taki! Dann sind zwei Tage genügend, den Duar wegzunehmen und das ganze Gebiet der Dschamikun einzuverleiben. Dann ist es mit dieser gefährlichsten Art des Christentumes für immer bei uns aus. Allah verdamme es!«

»Jawohl, zwei Tage genügen,« stimmte der Andere bei. »Die vereinigten Taki und Dinarum müssen ja gradezu erdrückend wirken. Sehr gut, sehr gut, daß ein Wettrennen hier stattfindet, an dem sich der Scheik ul Islam unbedingt zu beteiligen hat. Das gibt die vortrefflichste Gelegenheit, Vorbereitungen zu treffen, die uns sonst nicht möglich gewesen wären. Wir sparen Zeit dadurch und schlagen eher los.«

»So weit steht Alles gut. Was aber wird der Schah dazu sagen? Man weiß, daß er den Ustad schätzt und schützt.«

»Das überlaß dem Scheik ul Islam. Er sprach doch gestern von einem Vertrauten, der bei dem Ustad wohnen und alle seine Bücher, Schriften und Geheimnisse untersuchen wird. Dieser Mann soll der beste Muzabirdschi sein, den wir im Lande haben. Er stammt aus Isphahan, wo er vor langer Zeit einen Koch kennen lernte, dessen Tochter jetzt Köchin des Ustad ist. Er wurde in Teheran wegen schwerer und sehr pfiffiger Diebstähle zu mehreren Jahren Gefängnis bestraft, entfloh aber von dort und hielt sich lange Zeit hier in den Ruinen versteckt, wohin ihm die Köchin das Essen heimlich brachte. Wie er da von unserer Seite entdeckt wurde, das habe ich nicht erfahren, aber der Scheik ul Islam nahm sich seiner an und will ihm unter gewissen Bedingungen dazu verhelfen, von seiner Strafe frei zu werden. Welche Bedingungen das sind, geht uns nichts an; ich kann sie mir aber denken. – Nun bin ich fertig mit meiner Zeichnung.«

»Ich fast auch.«

»So beeile dich, damit man nicht auf unsere Abwesenheit aufmerksam wird und Verdacht schöpft.«

Als ich das hörte, zog ich mich schnell zurück. Assil stand noch genau so, wie ich ihn verlassen hatte. Ich stieg auf und ritt denselben Weg hinunter, den ich heraufgekommen war. Hinter den Buchen schlug ich dann noch einen Bogen nach auswärts, so daß es, als man mich kommen sah, den Anschein hatte, als sei ich abwärts, aber nicht aufwärts geritten gewesen. Der Chodj und Kara befanden sich noch an derselben Stelle. Die Perser waren jetzt beisammen. Sie standen im Innern des Tempels, Tifl bei ihnen. Ich stieg am Beit-y-Chodeh ab und ging zu ihnen hinauf. Als ich kam, wendeten sie sich mir zu, und der angebliche Scheik ul Islam fragte, indem er nach den Ruinen hinüberdeutete:

»Weißt du vielleicht, Effendi, was das für ein altes, sonderbares Bauwerk ist, da drüben?«

»Das wollte ich soeben dich fragen,« antwortete ich. »Du weißt ja, daß ich weder Priester oder Offizier, noch Beamter oder sonst Etwas von Bedeutung bin. Wie kann ich also, noch dazu als Europäer, hierüber besser Auskunft geben als du, der als ein Licht des Glaubens hoch über allem Wissen und aller Kenntnis steht!«

Er warf einen lächelnden Blick auf den »Schreiber«, nickte mir wohlwollend zu und sprach:

»Du hast Recht. Für die von Allah Erleuchteten liegt alles klar und offen da, was selbst das scharfe Auge der Wissenschaft niemals erkennen wird. Dieses Bauwerk war der Abgötterei gewidmet, dem Götzendienste, der uranfänglich nur Bilder verehrte, doch zuletzt sogar auch Idole anbetete, welche Menschen gewesen waren. Indem du da hinüberschaust, wirst du an alle Religionen erinnert, nur allein an unsern Islam nicht. Wie kommt das wohl? Weil der Islam die einzige Religion ist, welche Gottes Befehl erfüllt, daß wir uns kein Bild noch irgend ein Gleichnis machen sollen. Oder hast du jemals eine Moschee gesehen, in welcher das Bildnis eines Menschen hängt, um verehrt zu werden?«

»Nein,« antwortete ich im Tone kindlichster Unbefangenheit. »Das habt Ihr doch nicht nötig. Denn eure „Heiligen“ und „Seligen“ werden nicht erst nach dem Tode, sondern schon hier im Leben derart vor andern Menschen ausgezeichnet, daß sie auf spätere Anbetung recht wohl verzichten können.«

Bei diesen Worten machte ich dem Heiligen und auch dem Seligen eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung. Sie bedankten sich mit gütigem Kopfnicken. Der Mann mit dem großen Turbane aber sah mich mit einem zweifelhaft prüfenden Blicke an, ob nicht vielleicht hinter dieser meiner Unbefangenheit etwas Anderes stecke. Wahrscheinlich konnte er in meinem Gesicht nichts Verräterisches entdecken, denn er fuhr fort:

»Wir haben gehört, daß der Ustad beabsichtigt, mit diesem alten Bauwerke aufzuräumen. Er will die Ueberreste aus jenen götzendienerischen Zeiten abtragen. Warum? Wozu will er dieses kolossale Material verwenden, welches er doch nicht einfach verschwinden lassen kann? Wir können uns mit einem solchen Vorhaben unmöglich befreunden. Bis heut schwiegen wir dazu. Nun wir aber den Bund mit dir und ihm geschlossen und besiegelt haben, steht uns das Recht zu, Einspruch zu erheben. Diese Bauten haben zu bleiben, wie sie sind! Sie sind ein Denkmal der Vergangenheit, an welchem nicht gerüttelt werden darf. Denn selbst der Wahn wird heilig, wenn er so lange besteht, daß er durch sein Alter zur Ehrfurcht mahnt. Also, ich warne dich, Effendi, und ich warne den Ustad! Ich habe als Scheik ul Islam die heilige Pflicht, selbst den Irrtum zu erhalten, weil wir nur durch ihn zur Wahrheit kommen. Ihr gehört von jetzt an zu den Takikurden, und was ich als Oberster der Taki will, das hat auch jeder Dschamiki zu wollen!«

Ah! Bisher das weiche Pfötchen; jetzt kam schon die Kralle! Etwas vorzeitig! Sein eigentliches Interesse an der Erhaltung der Ruinen konnte er mir natürlich nicht mitteilen! Glücklicherweise war ich einer Antwort überhoben, denn die beiden »Generale« kamen soeben, und es wurde beschlossen, wieder aufzubrechen. Ich bemerkte gar wohl das befriedigte Lächeln, mit welchem sie dem »Schreiber« heimlich kundtaten, daß ihnen ihr Vorhaben wohlgelungen sei.

Die Heimkehr geschah in derselben Weise, wie der Ritt zum Berge; man ließ mich zurück, und es fiel mir gar nicht ein, mich darüber zu kränken. Als ich heimkam, sah ich, daß man nicht einmal mit dem Essen auf mich gewartet hatte; es war bereits im vollsten Gange. Ich nahm aber in der freundlichsten Weise meinen Platz ein und langte zu. Es gab mir heimlich Spaß, daß sich die Herren schon ganz wie zu Hause fühlten. Der Beturbante tat, als ob er nur so zu befehlen habe. Der Pedehr war hierüber so ärgerlich, daß er fast gar nichts genoß. Nicht etwa, daß man es an Höflichkeit hätte mangeln lassen; o nein! Man schmeichelte uns sogar in jeder Weise; zuweilen so auffällig, daß es gar nicht schwer war, zu erröten. Der Leutseligste von allen war der »Schreiber«. Er sprach nicht viel; aber was er sagte, war stets ein Kompliment für uns, welches Dankbarkeit erheischte. Er war so einfach, so bescheiden, so unendlich wohlwollend. Und all diese Einfachheit, diese Bescheidenheit, dieses Wohlwollen schien er mit Hilfe seines stetig wiederholten Augenaufschlages vom Himmel herabzunehmen. Er brachte Alles so still, so geräuschlos fertig. Die Andern schmatzten als Orientalen überlaut beim Essen; er als der Einzige nicht. Was bei ihnen klapperte und klirrte, das ging bei ihm so leise, so unhörbar von statten, als ob sein ganzer Körper nur von Watte sei. Aber zuweilen, wenn er sich unbeachtet wähnte, schoß aus seinem Auge ein Blick hervor, welcher, im Bilde gesprochen, noch lauter schnarrte, als das Rrrrrr an seinem Gaumen!

Wir erfuhren während des Essens, daß die Perser von uns weg nicht etwa zurück nach Chorremabad, sondern hinüber zu den Takikurden wollten. Man war so unvorsichtig, hinzuzufügen, daß man dies auch getan hätte, wenn unser »Vertrag« nicht zu stande gekommen wäre! Hierbei kam die Rede auf die Pferdezucht der Taki, und da geschah es, daß der »Schreiber« sich zum ersten Male zu einem zusammenhängenden Gespräch mit mir animiert zeigte. Er ahnte nicht, daß er durch dieses sein Interesse für die Pferde verriet oder vielmehr bestätigte, wer er sei. Er sagte:

»Wir haben gehört, daß bei Euch ein großes Rennen stattfindet, Effendi. Wer darf sich daran beteiligen?«

»Jedermann,« antwortete ich.

»Welches sind die Bedingungen, die Preise?«

»Der Sieger gewinnt den Besiegten.«

Da leuchtete sein Auge auf und er fragte auffallend rasch:

»Auch Eure Haddedihnpferde?«

»Ja.«

»Darf man sich den Gegner wählen?«

»Nein. Jeder stellt, was ihm beliebt. Doch es darf kein Angebot abgewiesen werden. Die Ehre allein hat zu bestimmen. Es hat Niemand zu befürchten, daß ihm minderwertiges Material gegenübergestellt wird.«

»Darf ein Pferd nur einmal rennen?«

»Nein, sondern so oft es beliebt.«

»Das ist vortrefflich! Wir haben beschlossen, uns zu beteiligen. Ist es erlaubt?«

»Sehr gern!«

»Müssen wir sagen, mit wieviel und mit welchen Pferden?«

»Nein. Ihr bringt, so viele Ihr wollt.«

»Und Ihr dürft keines zurückweisen?«

»Nein.«

»Muß man vorher melden, wer sie reiten wird?«

»Auch nicht.«

»So setze ich den Fall, daß wir eines unserer Pferde von einem Dschamiki reiten lassen wollen. Würdet Ihr ihn daran hindern?«

»Ganz gewiß nicht. Wer so ehrlos ist, dies tun zu wollen, dem haben wir niemals mehr Etwas zu befehlen oder Etwas zu verbieten.«

»Seine Person bleibt also auf alle Fälle unangetastet?«

»So lange er sich nur als Renngegner, nicht auch sonst als Feind beträgt, ja.«

»Das ist es, was ich wissen wollte. Ich bin befriedigt. Wir betrachten uns also als angemeldet und werden sicher kommen.«

Er sah vor sich nieder, warf dann einen sehr freundlichen, beinahe zärtlichen Blick auf mich und fuhr fort:

»Eigentlich habe ich noch eine Frage. Sie betrifft deinen Glauben. Du bist Christ?«

»Ja. Du doch auch!«

Ich gab diese sonderbare Antwort, weil ich eine lange, unfruchtbare, religiöse Auseinandersetzung erwartete und die Sache so kurz wie möglich machen wollte. Die Zeit des Versteckenspielens war nämlich für mich vorüber. Ich wußte nun genug und hatte keinen Grund mehr, mich und meine Weltanschauung für geistig rückständig halten zu lassen. Er warf den Kopf wie erschrocken in die Höhe und rief aus:

»Ich? Ein Christ? Allah verhüte es! Wer hat dir diese größte aller Lügen weisgemacht?«

»Lüge, sagst du? Ist der Kuran ein Lügner?«

»Nein. Jedes seiner Worte, ist heilig und unsere Auslegungen sind ebenso heilig. Willst du etwa behaupten, das, was du sagst, aus diesen Quellen zu haben?«

»Ja.«

»So beweise es! Was aber kann ein Europäer, ein Christ vom Kuran und seine Auslegungen wissen!«

Er faltete mitleidig die Hände, schlug die Augen auf und holte sich einen Blick des himmlischen Erbarmens herab, den er mir ganz unverkürzt herüberschickte. Ich nahm ihn ruhig hin und fragte:

»Was steht dir höher, der Himmel oder die Erde?«

»Natürlich der Himmel,« antwortete er.

»Das Zeitliche oder das Ewige?«

»Das Ewige.«

»Ein Fürst und Richter über einige Millionen oder ein Fürst und Richter über Alles, was da lebte, lebt und auch noch leben wird?«

»Dieser Letztere.«

»Du verehrst Mohammed. Du glaubst an seine Lehre und richtest hier auf Erden nach den Worten, die er Euch hinterließ. Er ist also der Gesetzgeber aller Mohammedaner. Was aber wird er einst in jenem Himmel sein?«

»Der herrlichste von Allen, die Propheten waren.«

»Hast du von der Moschee der Omajjaden in Damaskus gehört?«

»Ja. Sie ist die prächtigste und hochberühmt, des jüngsten Gerichtes wegen. Denn Isa Ben Marryam wird sich an diesem Tage auf einen ihrer Türme niederlassen, um Alle zu richten, die da sind und waren, die Lebenden und die Toten. Wozu aber diese Fragen, die mir ganz zwecklos und überflüssig erscheinen ?«

»Wie du so fragen kannst, o Katib! Dein Herr, der Scheik ul Islam, welcher neben dir sitzt, wird scharfsinniger sein als du und dir sagen, daß du soeben zugegeben hast, ein Christ zu sein.«

»Ich?« fuhr er zornig auf. »Klüger als ich? Eff –«

Er hielt inne, denn er fühlte, daß er soeben ganz aus seiner untergeordneten Rolle gefallen sei. Sein Blick stieg himmelan, um sich die erforderliche Gemütsruhe herabzuholen, und als dies geschehen war, fuhr er fort:

»Ich verstehe dich nicht. Mach, daß ich dich begreife!«

»Du sagtest, daß Christus der himmlische Herr und Richter sei, der Spender der Seligkeit, dem aber auch die Verdammten zu gehorchen haben. Ich brauche dich gar nicht zu fragen, wer also höher stehe, er oder Mohammed, sondern ich bestätige nur, was du sagtest:

Christus richtet einst Alle, auch die Moslemin. Er ist also Euer höchster Herr, und folglich seid Ihr Christen, so wie wir!«

Er war still. Die Andern auch. Tiefste Verlegenheit in allen ihren Gesichtern.

»Wer von Euch wagt es, mir zu widersprechen?« fragte ich. »Wer von Euch glaubt, in dem Kuran und seinen Auslegungen besser bewandert zu sein als ich, der Christ, der Europäer? Er widerspreche mir, und ich werde ihm mit den Worten des Kurans und seiner Erklärungen antworten!«

Da versuchte der Schreiber eine Ausrede:

»Du bist uns gleich zu hoch gestiegen, Effendi. Man hat von unten zu beginnen. Du aber fängst gleich im Himmel an, beim großen Weltgericht!«

»Wer noch nichts weiß, der mag von unten beginnen. Wir Christen aber sind im Himmel wohlbewandert, denn dort ist unser Vaterhaus, wo Isa Ben Marryam unser wartet. Es gibt keine einzige Religion, über welcher nicht Jener steht, der nach Eurer eigenen Ansicht Tod oder Leben, Verdammnis oder Seligkeit verteilt, und also sind die Menschen alle Christen. Sträubt Euch, so viel Ihr wollt, über diesen Punkt kommt Ihr doch nicht weg! Gebt Eurer Religion den Namen, der Euch beliebt; hoch über allen diesen Namen steht doch der, nach welchem wir uns Christen nennen! Willst du noch mehr Auskunft über meinen Glauben, o Katib ? Ich gebe sie dir sehr gern!«

»Nicht mehr Religion, nichts weiter vom Glauben!« fiel da der angebliche Scheik ul Islam schnell ein, um seinen »Schreiber« aus der sichtlich sehr großen Verlegenheit zu reißen. »Wir befinden uns hier bei den Dschamikun, aber noch nicht im Himmel. Wir sind auf der Erde, und da muß ich dich bitten, Effendi, anzuerkennen, was hier im Lande gilt, nämlich die Oberhoheit Mohammeds!«

Er glaubte, einen Trumpf ausgespielt zu haben; ich aber antwortete:

»Ja, wir sitzen hier bei den Dschamikun und haben uns nach dem zu richten, was hier im Lande gilt. Das ist aber nicht die Hoheit Mohammeds!«

»Doch!« fuhr er auf. »Ihr seid seit heute Taki-Dschamikun und habt also an Mohammed zu glauben! Das ist es ja, was wir erreichen wollten. Wir haben es mit Salz und Brot besiegelt und Ihr könnt nicht mehr zurück. Bei uns gilt das Wort: Ein Schurke, der nicht hält, was er bei Salz und Brot verspricht! Willst du ein Schurke sein?«

Da stand ich langsam auf, steckte die Hände gemächlich in den Gürtel und sprach:

»Was ist uns angetragen worden und was haben wir angenommen und besiegelt? Das ganze Gebiet der Takikurden solle heut in die Hand des Ustad übergehen! Er soll ihr Ustad sein, nichts Anderes! Du sagtest wörtlich: „Die Vereinigung der beiden Stämme soll sich in der Hand und unter der Aufsicht des Ustad vollziehen, und er wird der Gebieter dieses neuen Stammes sein!“ Das ist mit Salz und Brot besiegelt worden. Nun frage ich, wer wird jetzt Schurke sein?«

Keiner antwortete. Da sprach ich weiter:

»Es gibt also für die Taki-Dschamikun keinen andern Gebieter als den Ustad. Und da ich an seiner Stelle vor Euch stehe, so bin ich der Herr, dem man hier zu gehorchen hat, hier und drüben bei den Taki. Wo ist der Andere, der uns befehlen will, was wir zu glauben haben? Er stehe auf wie ich und stelle sich vor mich her! Ich möchte nämlich gern wissen, was für Augen so ein Schurke macht!«

Keiner regte sich. Sie sahen alle vor sich nieder. Aber die Augen des Pedehr funkelten, und der Chodj-y-Dschuna lächelte leise vor sich hin.

»Ihr schweigt,« fuhr ich fort. »So beantwortet wenigstens meine andern Fragen! In wessen Machtvollkommenheit kamt Ihr hierher, um uns dieses vermeintliche Geschenk zu machen? Sandte Euch der Landesherr, der Schah-in-Schah? Wurdet Ihr vom Stamm der Taki-Kurden geschickt, die sich nach unserm Ustad sehnen? Haben sie eine Dschemma abgehalten und beschlossen, daß er ihr Herr und Gebieter werden solle? Seid Ihr die Gesandtschaft, welche sie schicken, uns dies mitzuteilen? Wo ist die Unterschrift des Schah? Wo sind die Siegel der Aeltesten des Stammes? Habt Ihr es denn wirklich für möglich