Fünftes Capitel

Fünftes Capitel

Träume Kennedy’s. – Artikel und Pronomina in der Mehrzahl. – Dick’s Insinuationen. – Spaziergang auf der Karte von Afrika. – Was zwischen den beiden Spitzen des Zirkels bleibt. – Gegenwärtige Expeditionen. – Speke und Grant. – Krapf, von Decken, von Heuglin.

Doctor Fergusson betrieb die Vorbereitungen zur Abreise äußerst rührig, und leitete selbst, gewissen Angaben gemäß, über die er das absoluteste Schweigen beobachtete, den Bau seines Luftschiffes. Er hatte sich schon seit geraumer Zeit mit dem Studium der arabischen Sprache und verschiedener Mundarten der Mandingos beschäftigt und machte, in Folge seiner vortrefflichen Anlagen zu einem Polyglotten, reißende Fortschritte.

Inzwischen verließ ihn sein Freund, der Jäger, nicht; er blieb ihm so ängstlich zur Seite, als fürchte er, daß der Doctor sich einmal, ohne vorher etwas davon zu sagen, in die Lüfte schwingen könne. Er hielt ihm, um ihn von seinem gefährlichen Vorhaben abzubringen, die überzeugendsten Reden, aber sie überzeugten Samuel Fergusson nicht; er erging sich in den gefühlvollsten, inständigsten, flehentlichsten Bitten, aber den Doctor vermochten sie nicht zu rühren. Dick merkte, wie ihm sein Freund förmlich zwischen den Fingern durchschlüpfte.

Der arme Schotte war wirklich zu beklagen; er konnte nicht mehr ohne düstere Schreckensregungen zum azurblauen Himmelsgewölbe aufschauen; er hatte im Schlaf das Gefühl eines schwindelerregenden Wiegens und Schaukelns, und jede Nacht kam es ihm vor, als stürze er jäh von unermeßlichen Höhen herab.

Wir müssen noch hinzufügen, daß er unter diesen schrecklichen Anfällen von Beklemmungen und Alpdrücken ein oder zwei Mal aus dem Bette fiel, worauf es dann andern Morgens seine erste Sorge war, Fergusson eine starke Quetschung zu zeigen, die er sich am Kopfe dabei zugezogen hatte.

»Und doch,« fügte er hinzu, »bedenke – nur drei Fuß hoch, und schon eine solche Beule! Nun bitte ich Dich zu erwägen – –!« Diese schwermuthsvolle Andeutung machte auf unsern Doctor indessen keinen Eindruck.

»Wir werden nicht fallen«, erwiderte er kurz.

»Es wäre aber doch möglich …«

»Ich sage Dir, wir werden nicht fallen!«

Auf eine so entschiedene Meinungsäußerung blieb dann Kennedy nichts übrig, als zu verstummen. –

Was den guten Dick besonders beunruhigte und reizte, war der Umstand, daß Fergusson seit einiger Zeit einen unerträglichen Mißbrauch mit der ersten Person Pluralis der Pronomina trieb:

»Wir werden an dem und dem bereit sein …, wir werden dann und dann abreisen« …, »wir werden da und da vorgehen« …, hieß es bei jeder Gelegenheit.

Und ebenso machte er es mit dem Possessiv-Pronomen in der Einzahl wie in der Mehrzahl:

›Unser‹ Ballon …, ›unser‹ Schiff …, ›unsere‹ Entdeckungsreise …, ›unsere‹ Vorbereitungen …, ›unsere‹ Entdeckungen …, ›unsere‹ Steigungen … und dem armen Schotten schauderte dabei die Haut, obgleich er fest entschlossen war, nicht zu reisen.

Aber er mochte seinem Freunde auch nicht zu sehr widersprechen, und wir wollen sogar gestehen, daß er sich ganz in der Stille aus Edinburg zur Reise geeignete Kleider hatte nachschicken lassen.

Eines Tages, als er sich herbeigelassen hatte, zuzugestehen, daß bei einem unverschämten Glück die Chancen für ein Gelingen des Unternehmens etwa wie eins zu tausend ständen, that er so, als füge er sich den Wünschen des Doctors; begann aber, um die Reise weiter in die Ferne zu rücken, eine lange Reihe der mannigfachsten Ausflüchte.

Er verbreitete sich darüber, ob die Expedition wirklich nützlich und zeitgemäß, ob diese Entdeckung der Nilquellen in der That nothwendig sei? … ob man sich würde sagen können, daß man für das Glück der Menschheit gearbeitet habe? … und ob die Völkerstämme Afrika’s sich, wenn sie der Civilisation zugänglich gemacht wären, dadurch glücklicher fühlen würden? …

Ob man übrigens darüber ganz sicher sei, daß die Civilisation nicht vielmehr dort, als in Europa angetroffen werde? … Vielleicht ja. – Und ob man nicht noch mit der Expedition warten wolle? … Man würde einst gewiß auf mehr praktische und weniger lebensgefährliche Weise Afrika durchreisen … Wer weiß, ob das nicht schon in einem Monat, in einem halben Jahr der Fall sein könne; vor Ablauf eines Jahres würde ohne allen Zweifel irgend ein Entdeckungsreisender dahin kommen …

Diese Andeutungen brachten eine Wirkung hervor, die durchaus nicht beabsichtigt war; der Doctor gerieth vor Ungeduld außer sich.

»Möchtest Du unglücklicher Dick, Du falscher Freund denn wirklich, daß solcher Ruhm einem Andern zu Gute käme? Soll ich meine ganze Vergangenheit Lügen strafen? vor Hemmnissen, die keine wirklichen Hindernisse sind, zurückbeben? mit feigem Zögern vergelten, was die englische Regierung und die Königlich Geographische Gesellschaft zu London für mich gethan haben?«

»Aber …«, begann von Neuem Kennedy; er schien eine ganz besondere Vorliebe für diese Conjunction zu haben.

»Aber«, fuhr der Doctor fort, »weißt Du denn nicht, daß meine Reise mit den gegenwärtig in der Ausführung begriffenen Unternehmungen in Concurrenz treten soll? Daß schon wieder neue Entdecker sich rüsten, um nach Central-Afrika zu gehen?«

»Aber …«

»Höre mich genau an. Dick, und wirf einen Blick auf diese Karte.«

Dick ergab sich in sein Schicksal und that, wie ihm geheißen.

»Verfolge den Lauf des Nil«, sagte Fergusson, »und reise nach Gondokoro.«

Kennedy dachte, wie leicht doch solche Reise sei … auf der Karte.

»Nimm eine der Spitzen dieses Zirkels«, versetzte der Doctor, »und setze sie auf diese Stadt, über welche die Kühnsten kaum hinaus gekommen sind. Und jetzt suche an der Küste die Insel Zanzibar, unter dem 6.° südl. Breite. Folge sodann diesem Parallelkreise bis Kaseh, gehe an dem 33. Längengrade entlang bis zum Beginn des Ukerewe-Sees, der Stelle, bis zu welcher der Lieutenant Speke kam.«

»Ich bin glücklich am Ziel! Noch etwas weiter, und ich wäre in den See gefallen.«

»Nun, weißt Du wohl, was man nach den von den Ufervölkern gegebenen Belehrungen mit Recht voraussetzen darf?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Daß dieser See, dessen unteres Ende unter 2° 30′ Breite liegt, sich gleichfalls zwei und ein halb Grad über den Aequator erstrecken muß.«

»Wirklich?«

»Nun geht aber von diesem nördlichen Ende ein Wasser aus, das sich nothwendig mit dem Nil vereinigen muß, wenn es nicht der Nil selbst ist.«

»Das wäre merkwürdig.«

»Setze nun die andere Spitze Deines Zirkels auf dieses Ende des Ukerewe-Sees. Wie viel Grade zählst Du zwischen den beiden Spitzen?«

»Kaum zwei Grade.«

»Und weißt Du, wie viel Meilen das sind. Dick?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Kaum hundertundzwanzig Meilen, also so gut wie gar nichts.«

»So gut wie gar nichts, Samuel?«

»Weißt Du denn vielleicht, was in diesem Augenblick vorgeht?«

»Nein, auf mein Wort!«

»Nun, so höre. Die Geographische Gesellschaft hat die Erforschung dieses von Speke entdeckten Sees als sehr wichtig erkannt. Unter ihren Auspicien hat sich der Lieutenant, jetzt Kapitän Speke, mit dem Hauptmann im indischen Heere, Herrn Grant, vereinigt; sie haben sich an die Spitze einer zahlreichen, trefflich ausgerüsteten Expedition gestellt und sollen jetzt den Auftrag ausführen, über den See zu setzen und dann nach Gondokoro zurückkehren; man hat ihnen Subsidien im Betrage von über fünftausend Pfund gewährt, und der Gouverneur des Caplandes stellt ihnen hottentottische Soldaten zur Verfügung. Ende October 1860 sind sie von Zanzibar aufgebrochen. Unterdessen hat der Engländer John Petherick, Ihrer Majestät Consul in Chartum, von dem Foreign-Office etwa siebenhundert Pfund bekommen, um ein Dampfboot in Chartum auszurüsten, es mit genügenden Vorräthen zu versehen und sich nach Gondokoro zu begeben; dort wird er die Karawane des Kapitän Speke erwarten und im Stande sein, sie neu zu verproviantiren.«

»Fein ausgedacht«, sagte Kennedy.

»Du siehst also, daß es Eile hat, wenn wir uns an diesen Forschungsarbeiten betheiligen wollen. Und das, was ich Dir eben mitgetheilt habe, ist noch nicht Alles; wahrend man sichern Schrittes auf die Entdeckung der Nilquellen losgeht, dringen andere Reisende kühn in das Herz von Afrika vor.«

»Zu Fuß«, warf Kennedy ein.

»Ja wohl, zu Fuß«, antwortete der Doctor, ohne die Andeutung verstehen zu wollen. »Der Doctor Krapf beabsichtigt, im Westen auf dem Dschobflusse unter dem Aequator vorzugehen; und Baron von Decken hat Monbas verlassen, die Kenian- und Kilimandscharo-Berge recognoscirt und rückt gegen Central-Afrika vor.«

»Immer zu Fuß?«

»Immer zu Fuß oder auf Maulthieren.«

»Das ist in meinen Augen genau dasselbe«, meinte Kennedy.

»Endlich«, fuhr der Doctor fort, »hat Herr von Heuglin, österreichischer Vice-Consul in Chartum, eine sehr bedeutende Expedition organisirt, deren erster Zweck der ist, den Reisenden Vogel aufzusuchen, der im Jahre 1853 nach Sudan geschickt wurde, um an den Arbeiten des Doctor Barth Theil zu nehmen. Im Jahre 18S6 verließ er Bornu mit dem Entschluß, das unbekannte Land zwischen dem Tschad-See und Darfur zu erforschen; seit dieser Zeit ist er aber nicht wieder erschienen. Briefe, die im Juni 1860 nach Alexandrien gelangten, haben berichtet, daß er auf Befehl des Königs von Wadai ermordet worden sei; aber andere Nachrichten, von Doctor Hartmann an den Vater des Reisenden gesandt, theilen uns mit, daß Vogel nach den Erzählungen eines Fellatahs von Bornu nur in Wara gefangen gehalten werde; alle Hoffnung ihn wiederzufinden ist also noch nicht verloren. Unter dem Vorsitz des regierenden Herzogs von Sachsen-Coburg-Gotha hat sich ein Comité gebildet (mein Freund Petermann ist Secretär desselben); und eine nationale Subscription hat die Kosten dieser Expedition, der sich zahlreiche Gelehrte angeschlossen haben, bestritten. Herr von Heuglin hat sich im Monat Juni von Massauah aus auf den Weg gemacht, und während er den Spuren Vogel’s nachgeht, ist es zugleich seine Aufgabe, alles zwischen dem Nil und dem Tschad-See liegende Land zu erforschen, d. h. die Reisen des Kapitän Speke mit denen des Doctor Barth zu verknüpfen. Und wenn dies geschehen ist; wird Afrika von Osten bis nach Westen durchwandert sein!« [Fußnote]

»Das ist ja prächtig«, versetzte der Schotte, »wenn sich das Alles so gut einfädelt, haben wir dort unten doch eigentlich nichts mehr zu suchen.«

Doctor Fergusson antwortete nicht; er zuckte nur verächtlich mit den Achseln.

Sechstes Capitel

Sechstes Capitel

Ein undenklicher Bedienter. – Er bemerkt die Trabanten des Jupiter. – Dick und Joe im Streit. – Zweifel und Glaube. – Das Wiegen. – Joe. – Wellington. – Er erhält eine halbe Krone.

Doctor Fergusson hatte einen ganz unglaublich eifrigen Bedienten, der auf den Namen Joe hörte: eine vortreffliche Natur, und seinem Herrn mit Leib und Seele ergeben. Er pflegte sogar seine Befehle schon mit richtigem Verständniß auszuführen, noch ehe jener sie ausgesprochen hatte, und war niemals mürrisch oder verdrießlich, sondern ein stets gutgelaunter Caleb; man hätte sich einen vorzüglicheren Diener überhaupt nicht denken können.

Fergusson konnte sich, was die Einzelheiten seiner Existenz betraf, vollständig auf ihn verlassen. – Ja, es war ein ausgezeichneter, ein braver Joe! ein Diener, der das Mittagessen anordnet, der den Geschmack seines Herrn zu dem seinigen gemacht hat, der den Koffer packt und weder Strümpfe noch Hemden vergißt, und der die Schlüssel und Geheimnisse des Herrn unter seinen Händen hat, ohne jemals irgend welchen Mißbrauch damit zu treiben.

Aber was war auch der Doctor für ein Mann in den Augen unseres würdigen Joe! mit welcher Achtung und welchem Vertrauen nahm er seines Herrn Rathschläge an! Wenn Fergusson einmal gesprochen hatte, konnte nur ein Thor etwas dagegen einwenden! Alles, was er dachte, war richtig, Alles, was er sagte, vernünftig, Alles, was er unternahm, möglich, und Alles, was er vollendete, bewundernswerth. Man hätte Joe in Stücke zerhauen können, eine Procedur, die jedenfalls nur mit dem größesten Widerstreben vollzogen worden wäre – nie würde er seine Meinung rücksichtlich des Doctors, seines Herrn, geändert haben.

Wenn demnach Fergusson den Plan aussprach, Afrika durch die Lüfte zu bereisen, so war dies für Joe eine abgemachte Sache; Hindernisse gab es von dem Augenblick, in welchem der Doctor die Unternehmung beschlossen hatte, nicht mehr, und daß er, der treue Diener, seinen Herrn begleiten würde, unterlag für ihn nicht dem geringsten Zweifel, obgleich noch nie die Rede davon gewesen war.

Es sollte ihm übrigens vorbehalten sein, durch seine Einsicht und erstaunliche Gewandtheit seinem Herrn die größten Dienste zu leisten. Wenn man für die Affen im Zoologischen Garten einen Turnlehrer gesucht hätte, so wäre er der richtige Mann dafür gewesen; denn springen, klettern, fliegen und tausend unmögliche Kunststücke ausführen, war für ihn eine Kleinigkeit.

Wenn Fergusson der Kopf und Kennedy der Arm bei der Expedition war, so sollte Joe die Hand sein. Er hatte seinen Herrn schon auf mehreren Reisen begleitet und war im Besitz einiger oberflächlicher Kenntnisse, die er sich auf seine Weise nach und nach angeeignet hatte; aber seine Hauptstärke bestand in einer herrlichen Lebensweisheit, einem angenehmen Optimismus; er fand Alles leicht, logisch, natürlich, und kannte demzufolge das Bedürfniß zu fluchen oder sich zu beklagen kaum dem Namen nach.

Unter anderen, schätzenswerthen Eigenschaften besaß er auch ein vortreffliches Auge, eine fast wunderbare Fernsichtigkeit; er theilte mit Moestlin, dem Lehrer Kepler’s, die seltene Fähigkeit, mit unbewaffnetem Auge die Trabanten des Jupiter zu unterscheiden, und in der Gruppe der Plejaden vierzehn Sterne zu zählen, von denen die Letzten neunter Größe sind. Er war deshalb nicht etwa stolzer oder hochmüthiger; im Gegentheil! er grüßte schon aus weiter Ferne, und wußte sich bei geeigneten Gelegenheiten seiner Augen sehr gut zu bedienen.

Bei dem Vertrauen, das Joe auf den Doctor setzte, darf man nicht über die Streitigkeiten erstaunen, die sich unaufhörlich, natürlich mit Beachtung des schuldigen Respects, zwischen Kennedy und dem würdigen Diener abspannen. Der Eine zweifelte, der Andere glaubte; der Eine repräsentirte die hellsehende Klugheit, der Andere das blinde Vertrauen; der Doctor aber hielt die Mitte zwischen Zweifel und Glauben, womit ich sagen will, daß er sich weder von dem Einen noch von dem Andern beeinflussen ließ.

»Nun, Herr Kennedy?« begann eines Tages Joe.

»Was willst Du, mein guter Junge?«

»Jetzt kommt derAugenblick bald heran; es scheint, als wenn wir nächstens nach dem Monde abfahren würden.«

»Du meinst damit wahrscheinlich das Mondland; es liegt zwar nicht ganz so weit ab, aber beruhige Dich; die Gefahr ist noch immer groß genug.«

»Gefahr? von Gefahr ist keine Rede bei einem Mann wie Doctor Fergusson.«

»Ich will Dir Deine glückliche Täuschung nicht rauben, mein lieber Joe, aber was er da zu unternehmen gedenkt, ist ganz einfach das Beginnen eines Verrückten. Es wird übrigens keinenfalls zu dieser Reise kommen.«

»Keinenfalls zur Reise kommen? Dann haben Sie also nicht den Ballon gesehen, der in der Werkstatt der Herren Mitchell in Borough gearbeitet wird?«

»Ich werde mich wohl hüten, ihn mir anzusehen.«

»Da büßen Sie wirklich einen schönen Anblick ein, Herr Kennedy; es ist ein herrliches Gebäude! und die hübsche Form, die reizende Gondel! Wie wohl werden wir uns darin fühlen!«

»Du denkst also im Ernst daran, Deinen Herrn zu begleiten?«

»Das versteht sich! ohne allen Zweifel! versetzte Joe. Ich begleite ihn, wohin er will. Das fehlte noch! – Ich soll ihn wohl allein reisen lassen, nachdem ich bis jetzt mit ihm zusammen die Welt durcheilt habe! Wer würde ihm denn helfen, wenn er ermüdet ist, wer ihm eine starke Hand reichen, wenn er über einen Abgrund springen will? Wer sollte ihn pflegen, wenn er etwa gar krank würde? Nein, Herr Dick, Joe wird immer auf seinem Posten sein.«

»Wackerer Junge«, rief der Schotte.

»Übrigens kommen Sie mit uns, Herr Kennedy«, fügte Joe hinzu.

»Natürlich, sagte Kennedy, ich begleite Euch, um Samuel noch bis zum letzten Augenblick von der Ausführung einer solchen Thorheit abzurathen. Ich werde ihm sogar nach Zanzibar folgen, um das Meinige zu thun, damit dieser unsinnige Plan nicht zur Ausführung gelange.«

»Allen Respect vor Ihnen, Herr Kennedy, aber Sie werden ihn auch nicht um ein Haar breit von seinem Vorhaben abbringen. Mein Herr ist nicht so hirnverbrannt, wie Sie meinen. Wenn er etwas unternehmen will, sinnt er lange zuvor darüber nach, und wenn dann sein Entschluß gefaßt ist, kann kein Teufel ihn darin irre machen.«

»Das werden wir sehen!«

»Schmeicheln Sie sich nicht mit dieser Hoffnung. Übrigens liegt sehr viel daran, daß Sie mitkommen. Für einen so ausgezeichneten Jäger wie Sie ist Afrika ein herrliches Land. Sie würden keine Ursache haben, Ihre Reise zu bereuen.«

»Ich werde sie auch nicht bereuen, besonders wenn dieser Starrkopf sich überzeugen läßt und zurückbleibt.«

»Beiläufig, äußerte Joe, Sie wissen doch, daß heute das Wiegen vorgenommen wird.«

»Wovon sprichst Du?«

»Nun, der Herr Doctor, Sie und ich, wir sollen alle drei gewogen werden.«

»Wie Jockeys!«

»Ja wohl; aber haben Sie keine Bange: Abmagerungsversuche werden nicht an Ihnen gemacht, wenn Sie zu schwer sind. Man wird Sie so nehmen, wie Sie sind.«

»Ich werde mich unter keiner Bedingung dazu hergeben, darauf verlaß Dich!« sagte der Schotte sehr entschieden.

»Aber, Herr Kennedy, ich glaube, es ist für seine Maschine nothwendig.«

»Er kann sehen, wie er seine Maschine ohne das fertig bekommt.«

»Wenn mir nun aber aus Mangel an genauen Berechnungen nicht aufsteigen können?«

»Das wäre mir gerade recht!«

»Machen Sie sich darauf gefaßt, Herr Kennedy; mein Herr wird uns gleich abholen.«

»Ich werde nicht mitkommen.«

»Sie werden ihm doch das nicht anthun.«

»Allerdings.«

»Ich weiß schon«, meinte Joe lachend, »Sie sprechen nur so, weil mein Herr noch nicht hier ist; aber wenn er Ihnen erst von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht und zu Ihnen sagen wird: ›Dick‹ – verzeihen Sie die Freiheit, Herr Kennedy – ›Dick, ich muß genau wissen, wie viel Du wiegst,‹ so werden Sie mitkommen, ich wette darauf.«

»Ich werde nicht mitkommen.«

In diesem Augenblick betrat der Doctor sein Arbeitszimmer, in welchem diese Unterredung stattgefunden hatte; er sah Kennedy, der sich nicht ganz behaglich zu fühlen schien, fest an, und sagte dann:

»Dick, komm mit, und Du auch, Joe; ich muß wissen, wie schwer Ihr seid.«

»Aber …«

»Du kannst Deinen Hut aufbehalten. Komm.«

Und Kennedy ging mit. – Sie begaben sich miteinander in die Werkstatt der Herren Mitchell, wo bereits eine Schnellwage mit Laufgewicht aufgestellt worden war. Der Doctor mußte wirklich die Schwere seiner Begleiter kennen, um das Gleichgewicht seines Luftschiffes herzustellen. Er hieß Dick auf die Brücke der Wage treten, was dieser auch, ohne Widerstand zu leisten, that; aber er murmelte vor sich hin:

»Schon gut! schon gut! das verpflichtet noch zu nichts.«

»Hundertdreiundfünfzig Pfund«, sagte der Doctor und notirte sich die Zahl in seinem Notizbuch.

»Bin ich zu schwer?«

»Bewahre, Herr Kennedy«, erwiderte Joe, »übrigens bin ich leicht – das wird sich heben.«

Und mit diesen Worten nahm Joe voller Begeisterung für die Sache, der er diente, die Stelle des Jägers ein; fast hätte er beim Hinaufsteigen in seiner Hitze die Wage umgeworfen. Jetzt nahm er eine imponirende Haltung an, etwa wie der Wellington, welcher am Eingange von Hyde-Park den Achilles nachäfft, und gab auch ohne Schild eine prächtige Figur ab.

»Hundertundzwanzig Pfund«, notirte der Doctor.

»Heh, heh!« schmunzelte Joe mit Genugthuung.

Warum lächelte er? Wahrscheinlich hätte er selbst den Grund nicht anzugeben gewußt.

»Jetzt ist die Reihe an mir«, bemerkte der Doctor und schrieb gleich darauf hundertundfünfunddreißig Pfund als Gewicht seiner eigenen Person auf. »Wir drei wiegen zusammen nicht mehr als vierhundert Pfund.«

»Wenn es für Ihre Expedition erforderlich wäre, Herr Doctor, so könnte ich wohl um zwanzig Pfund abmagern, indem ich mich etwas knapper hielte.«

»Das ist unnöthig, mein Junge«, antwortete Fergusson. »Du kannst essen, so viel Du willst; und hier hast Du eine halbe Krone, um Dich nach Herzenslust zu delectiren.« –

Siebentes Capitel

Siebentes Capitel

Geometrische Einzelheiten. – Berechnung der Tragfähigkeit des Ballons. – Das doppelte Luftschiff. – Die Hülle. – Die Gondel. – Der geheimnißvolle Apparat. – Lebensmittel. – Noch eine Zugabe.

Doctor Fergusson hatte sich schon seit geraumer Zeit mit den näheren Details seiner Expedition beschäftigt, und selbstverständlich war der Ballon, dies wunderbare Fahrzeug, das ihn durch die Luft führen sollte, der Hauptgegenstand seiner Sorge.

Zunächst beschloß er, das Luftschiff mit Wasserstoffgas zu füllen, damit er ihm keine zu großen Dimensionen zu geben brauche. Die Erzeugung dieses Gases macht keine Schwierigkeit, es ist vierzehn und ein halb mal leichter als die Luft, und hat bei aerostatischen Versuchen die befriedigendsten Ergebnisse geliefert.

Nach sehr genauen Berechnungen fand der Doctor, daß die zur Reise und Ausrüstung unentbehrlichen Gegenstände ein Gewicht von viertausend Pfund haben würden; man mußte also erforschen, wie groß die emportreibende Kraft sei, welche dies Gewicht zu heben vermochte, und wie hoch sich demgemäß ihre Tragfähigkeit belaufe.

Ein Gewicht von viertausend Pfund wird repräsentirt durch eine Luftverdrängung von vierundvierzigtausend achthundert siebenundvierzig Cubikfuß, was darauf hinausläuft, daß vierundvierzigtausend achthundert siebenundvierzig Cubikfuß Luft etwa viertausend Pfund wiegen.

Wenn man dem Ballon einen Inhalt von vierundvierzigtausend achthundert siebenundvierzig Cubikfuß giebt, und ihn statt mit Luft mit Wasserstoffgas füllt, das vierzehn und ein halb mal leichter, nur zweihundert sechsundsiebzig Pfund wiegt, so bleibt eine Gleichgewichtsdifferenz über, welche einem Gewicht von dreitausend siebenhundert und vierundzwanzig Pfund gleichzusetzen ist. Diese Differenz zwischen dem Gewicht des in dem Ballon enthaltenen Gases und dem Gewicht der atmosphärischen Luft macht die emportreibende Kraft des Luftschiffes aus.

Wenn man jedoch in den Ballon die erwähnten vierundvierzigtausend achthundert siebenundvierzig Cubikfuß Gas einführte, so würde er ganz gefüllt sein; nun darf dies aber nicht geschehen, denn in dem Maße, wie der Ballon in die weniger dichten Luftschichten steigt, strebt das eingeschlossene Gas danach, sich auszudehnen, und würde alsbald die Hülle sprengen. Man füllt also die Ballons gewöhnlich nur zu zwei Dritteln an.

Aber der Doctor beschloß, in Folge eines gewissen, ihm allein bekannten Projektes, sein Luftschiff nur zur Hälfte zu füllen, und da er ja vierundvierzigtausend achthundert siebenundvierzig Cubikfuß Wasserstoff mit sich nehmen mußte, seinem Ballon eine etwa doppelte Tragfähigkeit zu geben.

Er ließ ihn in der länglichen Form anfertigen, der man, wie bekannt, den Vorzug giebt; der horizontale Durchmesser betrug fünfzig, der verticale fünfundsiebenzig Fuß [Fußnote]; er erhielt demgemäß ein Sphäroid, dessen Inhalt sich in runden Zahlen auf neunzigtausend Cubikfuß belief.

Wenn Doctor Fergusson zwei Ballons hätte verwenden können, so würden die Chancen des Gelingens für ihn gestiegen sein; man kann sich thatsächlich, im Fall ein Ballon in der Luft zerplatzen sollte, mittelst des andern durch Auswerfen von Ballast obenhalten. Aber die Handhabung zweier Luftschiffe wird sehr schwierig, wenn es darauf ankommt, ihnen eine gleiche Steigungskraft zu bewahren.

Nach reiflicher Ueberlegung vereinigte Fergusson in Folge eines sinnreichen Gedankens die Vortheile zweier Ballons, ohne deren Nachtheile mit in den Kauf zu nehmen; er construirte zwei von ungleicher Größe und schloß sie in einander ein. Sein äußerer Ballon, dem er die oben angeführten Dimensionen gab, enthielt einen kleineren von gleicher Gestalt, der nur fünfundvierzig Fuß im horizontalen, und achtundsechzig Fuß im verticalen Durchmesser hatte. Der Inhalt dieses inneren Ballons betrug also nur siebenundsechzigtaufend Cubikfuß; er sollte in dem ihn umgebenden Fluidum schwimmen; eine Klappe öffnete sich von einem Ballon nach dem andern, und man konnte dadurch nach Bedürfniß eine Verbindung unter ihnen herstellen.

Diese Einrichtung bot den Vortheil, daß, wenn man, um zu fallen. Gas entweichen lassen wollte, zuerst dasjenige des großen Ballons preisgegeben wurde; selbst wenn man ihn ganz geleert hätte, wäre der kleine unangetastet geblieben; man konnte sich dann der äußern Hülle wie eines lästigen Gewichts entledigen, und das zweite Luftschiff, nunmehr allein, diente dem Winde nicht in gleicher Weise zum Spielball, wie die halbentleerten Ballons.

Sodann hatte beim Eintreten eines etwaigen Unfalls, z. B. eines in den äußern Ballon gekommenen Risses, der andere den Vorzug, unversehrt geblieben zu sein.

Die beiden Luftschiffe wurden aus Lyoner Köperseide, die mit Guttapercha überzogen war, construirt. Diese gummi-harzige Substanz erfreut sich einer absoluten Undurchdringlichkeit; sie wird von den Säuren und Gasen durchaus nicht angegriffen. Der Taffet wurde am obern Pol des Globus, wo die stärkste Spannung ist, doppelt aufgelegt.

Diese Hülle war im Stande, das Fluidum eine unbeschränkte Zeit hindurch zurückzuhalten. Sie wog ein halb Pfund auf neun Quadratfuß. Da jedoch die Oberfläche des äußeren Ballons ungefähr elftausendsechshundert Quadratfuß betrug, wog seine Hülle sechshundertundfünfzig Pfund. Die Hülle des zweiten Ballons, welche neuntausendzweihundert Quadratfuß Oberfläche hatte, wog nur fünfhundertundzehn Pfund: also im Ganzen gleich elfhundertundsechzig Pfund.

Die Stricke, welche die Gondel tragen sollten, waren aus Hanf von größtmöglicher Festigkeit gedreht, und die beiden Ventile bildeten, gerade wie das Steuer eines Schiffes, den Gegenstand der minutiösesten Sorgfalt.

Die Gondel, welche kreisförmig war und fünfzehn Fuß im Durchmesser hatte, wurde aus Korbweide gefertigt, mit einem leichten Eisenbeschlag verstärkt und am untern Theile mit elastischen Sprungfedern versehen, welche die Bestimmung hatten, etwaige Stöße abzuschwächen. Ihr Gewicht betrug, mit Einschluß der Stricke, nicht über zweihundertundachtzig Pfund.

Außerdem ließ der Doctor vier Kasten von zwei Linien dickem Blech construiren, und diese untereinander mit Röhren verbinden, welche wiederum mit Hähnen versehen waren. Er setzte damit ein Schlangenrohr von ungefähr zwei Zoll Durchmesser in Verbindung, welches Letztere in zwei ungleich lange, gerade Enden auslief, deren größtes fünfundzwanzig Fuß maß, während das kürzere nur eine Höhe von fünfzehn Fuß hatte.

Die Blechkasten wurden dergestalt in die Gondel eingepaßt, daß sie einen möglichst geringen Raum einnahmen; das Schlangenrohr, welches erst später eingefügt werden sollte, wurde besonders verpackt, und ebenso eine sehr starke Bunsen’sche elektrische Batterie. Dieser Apparat war so sinnreich zusammengestellt, daß er nicht mehr als siebenhundert Pfund wog, sogar fünfundzwanzig Gallonen Wasser, die in einem besondern Kasten waren, mit inbegriffen.

Die für die Reise bestimmten Instrumente bestanden in zwei Barometern, zwei Bussolen, einem Sextanten, zwei Chronometern, einem künstlichen Horizont und einem Altazimuth, um entfernte und unzugängliche Gegenstände mehr hervortreten zu lassen. Die Sternwarte in Greenwich hatte sich dem Doctor zur Verfügung gestellt. Dieser hatte übrigens nicht die Absicht, physikalische Experimente zu machen; er wollte nur über die Direction im Klaren sein und die Lage der hauptsächlichsten Flüsse, Berge und Städte bestimmen können.

Er versah sich mit drei eisernen, genau erprobten Ankern, so wie mit einer leichten, widerstandsfähigen, etwa fünfzig Fuß langen, seidenen Leiter.

Fergusson berechnete auch das genaue Gewicht seiner Lebensmittel; diese bestanden in Thee, Kaffee, Zwieback, gesalzenem Fleisch und Pemmican, einer Zubereitung von getrocknetem Fleisch, welche bei sehr geringem Umfange viele nährende Bestandtheile enthält. Als Getränk stellte er, außer einem genügenden Vorrath Branntwein, zwei Wasserkisten auf, die jede zweiundzwanzig Gallonen faßten. Der Verbrauch dieser verschiedenen Nahrungsmittel sollte allmälig das von dem Luftschiff getragene Gewicht verringern; denn das Gleichgewicht eines Ballons in der Atmosphäre ist bekanntlich äußerst empfindlich. Der Verlust eines ganz unbedeutenden Gewichts genügt, um eine sehr merkliche Aenderung der Stellung hervorzubringen.

Der Doctor vergaß weder ein Zelt, das einen Theil der Gondel schützen sollte, noch die Decken, welche das ganze Reisebettzeug ausmachten, noch auch die Flinten oder den Kugel- und Pulvervorrath des Jägers.

Hier eine Uebersicht seiner verschiedenen Berechnungen:

Fergusson 135 Pfund
Kennedy 153 Pfund
Joe 120 Pfund
Gewicht des ersten Ballons 650 Pfund
Gewicht des zweiten Ballons 510 Pfund
Gondel nebst Stricken 280 Pfund
Anker, Instrumente, Flinten, Decken, Zelt, verschiedene Utensilien 196 Pfund
Fleisch, Pemmican, Zwieback, Thee, Kaffee, Branntwein 380 Pfund
Wasser 400 Pfund
Apparat 700 Pfund
Gewicht des Wasserstoffs 276 Pfund
Ballast 200 Pfund
Summa 4000 Pfund

Diese Bestimmung gab der Doctor im Einzelnen den viertausend Pfund, welche er mitzunehmen beabsichtigte; er nahm nur zweihundert Pfund Ballast ein, »nur für unvorhergesehene Fälle«, wie er sagte, denn, Dank seinem Apparat, hoffte er stark darauf, keinen Gebrauch davon machen zu dürfen.

Fünfunddreißigstes Capitel

Fünfunddreißigstes Capitel

Die Geschichte Joe’s. – Die Insel der Biddiomahs. – Anbetung. – Die verschlungene Insel. – Die Ufer des Sees. – Der Schlangenbaum. – Fußreise. – Leiden. – Moskitos und Ameisen. – Hunger. – Vorüberziehen des Victoria. – Verschwinden des Victoria. – Verzweiflung. – Der Morast. – Ein letzter Schrei.

Was war, während all dieser vergeblichen Nachforschungen seines Herrn, aus Joe geworden?

Als er sich in den See gestürzt hatte und wieder an die Oberfläche kam, war seine erste Bewegung, die Augen aufzuschlagen und emporzuschauen.

Er bemerkte, daß der Victoria schon wieder hoch über dem See schwebte, und noch unablässig stieg. Allmälig wurde er kleiner und kleiner, endlich erfaßte ihn eine schnelle nördliche Strömung, und er verschwand hinter dem Horizont.

»Es ist wirklich ein Glück,« sprach Joe zu sich selbst, »daß ich diesen Gedanken gehabt habe. Jedenfalls wäre sonst Herr Kennedy noch darauf gekommen, und er hätte ebenso wenig gezögert, ihn auszuführen wie ich, denn es ist ja ganz natürlich, daß ein Mensch sich opfert, um zwei zu retten. Das ist mathematisch richtig.«

Als Joe sich über diesen Punkt beruhigt hatte, begann er, an sich zu denken; er befand sich mitten in einem unermeßlichen, von unbekannten, wilden Völkerschaften umgebenen See. Ein Grund mehr um sich zu retten, ohne die Hilfe Anderer in Anspruch zu nehmen; das erschreckte ihn also weiter nicht.

Vor dem Anfall der Raubvögel, die sich übrigens seiner Meinung nach wie richtige Lämmergeier benommen haben, hatte er am Horizont eine Insel bemerkt; er beschloß jetzt, auf sie zuzusteuern und begann, nachdem er sich der hinderlichsten Theile seiner Kleidung entledigt hatte, alle seine Schwimmkunststücke zu entfalten. Eine Wasserpromenade von sechs bis sieben Meilen machte ihm keine besondern Schwierigkeiten, und so dachte er jetzt nur daran, kräftig und geraden Weges auf die Insel los zu schwimmen.

Nach ein und einer halben Stunde fand er bereits die Entfernung, welche ihn von der Insel trennte, sehr verringert.

Aber jemehr er sich dem Lande näherte, bemächtigte sich ein Gedanke seines Geistes, der zuerst nur flüchtig auftauchte, sich dann aber nicht mehr zurückdrängen ließ. Er wußte, daß die Ufer des Sees von ungeheuren Alligatoren unsicher gemacht würden, und kannte sehr wohl die Gefräßigkeit dieser Thiere.

So sehr der brave Bursche sich auch daran gewöhnt hatte, Alles in der Welt natürlich zu finden, fühlte er gegen die weitere Ausführung dieses Gedankens doch eine unbesiegbare Abneigung. Er fürchtete, das Fleisch eines Weißen möchte den Krokodilen ganz besonders zusagen, und rückte deshalb nur äußerst bedächtig und scharf umherlugend vor. Er war nur noch etwa zweihundert Schwimmstöße von einem, mit grünen Bäumen beschatteten Ufer entfernt, als ein mit dem penetranten Geruch des Moschus gefüllter Luftzug zu ihm hinüberwehte.

»Ganz wie ich dachte!« sagte er zu sich; »der Kaiman ist nicht weit!«

Er tauchte eilig unter, aber doch nicht schnell genug, um den Contact mit einem enormen Körper zu vermeiden, dessen schuppige Haut ihn hart streifte. Er hielt sich für verloren und begann, mit verzweifelter Schnelligkeit zu schwimmen; er kam wieder auf die Oberfläche des Wassers, schöpfte von Neuem Athem und verschwand dann wieder. Fünfzehn Minuten lang stand er eine unsägliche Angst aus, die seiner ganzen Philosophie spottete, und zuweilen glaubte er das Geräusch der ungeheuren Kinnlade hinter sich zu vernehmen, die sich bereit machte, ihn fortzuschnappen.

Er schwamm so leise wie möglich unter dem Wasser fort, da fühlte er plötzlich, wie man ihn zuerst am Arm und dann um den Leib faßte.

Der arme Joe! er dachte noch ein letztes Mal an seinen Herrn, und begann dann ein verzweifeltes Ringen, während dessen er nur darüber erstaunt war, daß er nicht weiter hinab gezogen wurde. Er wußte sehr wohl, daß Krokodile ihre Beute auf dem Grunde der Gewässer zu verschlingen pflegen. Er aber fühlte sich auf die Oberfläche geschleppt.

Kaum hatte er hier Athem geholt und die Augen geöffnet, als er sich zwischen zwei ebenholzschwarzen Negern erblickte, die ihn mit kräftigen Fäusten gepackt hielten und ein sonderbares Geschrei ausstießen.

»Sieh doch, Neger anstatt Kaimans!« rief Joe erstaunt aus; »ich ziehe sie wahrhaftig noch den Bestien vor! aber wie können diese Kerle wagen, sich hier zu baden?«

Es war ihm nicht bekannt, daß die Bewohner der Tschad-See-Inseln ungefährdet in die Alligatoren-Gewässer tauchen, ohne sich auch nur um die Gegenwart der Thiere zu kümmern; diese genießen den wohlverdienten Ruf unschädlicher Saurier.

War Joe aber nicht aus einer Gefahr in die andere gerathen? er wollte dies wenigstens abwarten und ließ sich inzwischen, da ihm nichts anders übrig blieb, an’s Ufer geleiten.

»Augenscheinlich,« sagte er zu sich, »haben diese Leute den Victoria wie ein Ungeheuer der Lüfte über den See streichen sehen! Sie sind von ferne Zeugen meines Falls gewesen und werden jedenfalls die gebührende Rücksicht für einen Mann an den Tag legen, der vom Himmel gefallen ist; lassen wir ihnen einstweilen ihr Vergnügen!«

So weit war Joe mit seinen Erwägungen gekommen, als er unter dem heulenden Zuruf einer Menge jeden Geschlechts, jeden Alters, aber nicht jeder Farbe an’s Land stieg. Er war bei einem Stamm der Biddiomahs, die sich durch ein prächtiges Schwarz auszeichnen. Er brauchte nicht einmal über die Leichtigkeit seiner Tracht zu erröthen; er war »entkleidet« nach der neuesten Mode des Landes.

Aber ehe er Zeit hatte, sich von seiner Lage Rechenschaft abzulegen, sah er bereits, daß ihm die offenkundigste Verehrung entgegengetragen wurde. Dies gewährte ihm eine gewisse Beruhigung, obgleich ihm das Abenteuer in Kaseh noch wohl im Gedächtniß war.

»Ich ahne schon, daß ich wieder ein Gott werden soll; wahrscheinlich irgend ein beliebiger Sohn der Luna! nun, schließlich ist dies Geschäft ebenso gut wie jedes andere, wenn man keine Wahl hat. Das Wichtigste ist jedenfalls, Zeit zu gewinnen. Wenn der Victoria wieder vorübersegelt, werde ich meine neue Stellung benutzen, um meinen Anbetern das Schauspiel einer wunderbaren Himmelfahrt zu gewähren.«

Während Joe diese Betrachtungen anstellte, schloß die Menge einen immer engern Kreis um ihn; sie warf sich auf den Boden, heulte, betastete ihn und wurde nach und nach zutraulich; aber man dachte auch daran, ihm ein köstliches Mahl anzubieten, das aus saurer Milch mit in Honig gestoßenem Reis bestand. Der wackere Junge ließ diesen Vortheil nicht unbenützt vorübergehen, hielt sofort eine der besten Mahlzeiten seines Lebens, und brachte dem Volk einen hohen Begriff von der Art und Weise bei, wie sich die Götter bei solchen Gelegenheiten delectiren.

Als der Abend herangekommen war, nahmen die Zauberer der Insel Joe ehrfurchtsvoll bei der Hand und führten ihn zu einer Hütte, die von Amuletten umgeben war. Bevor Joe hineinging, warf er einen etwas besorgten Blick auf die Knochenhaufen, die sich um dies Heiligthum erhoben; als er in seine Hütte eingeschlossen war, hatte er volle Zeit, über seine Lage nachzudenken.

Während des Abends und eines Theiles der Nacht hörte er Festgesänge, und außerdem vollführte man einen Lärm, der für afrikanische Ohren ohne Zweifel sehr lieblich klang, indem man eine Art Trommel rührte und altes Eisen an einander schlug; kräftig gebrüllte Chöre begleiteten Tänze mit Körperverdrehungen und Grimassen, die um die heilige Hütte aufgeführt wurden.

Joe konnte dies Treiben durch die aus Schmutz und Schilf aufgeführten Wände des Häuschens genau beobachten, und zu jeder andern Zeit hätte er gewiß das lebhafteste Vergnügen an all‘ diesen Ceremonien gefunden, aber sein Geist wurde bald von sehr unangenehmen Erwägungen heimgesucht. Wenn er auch noch so sehr geneigt war, die Dinge von ihrer guten Seite aufzufassen, so ließ sich die Thatsache doch nicht wegphilosophiren, daß er allein in diese terra incognita, unter einen wilden Volksstamm gerathen war, und diese Thatsache war wohl geeignet, trübe Gedanken in ihm wachzurufen. Wie wenige der Reisenden, die sich bis in diese Gegenden gewagt, hatten ihr Vaterland wiedergesehen!

Trotz dieser unglücklichen Perspective trug nach einigen Stunden die Müdigkeit den Sieg über jene schwarzen Gedanken davon, und Joe fiel in einen tiefen Schlaf, der jedenfalls bis Tagesanbruch gedauert hätte, wäre er nicht durch eine Feuchtigkeit, die sich rings in der Hütte verbreitete, gestört worden.

Bald verwandelte sich diese Feuchtigkeit in wirkliche Wassermassen, die hoch genug stiegen, um Joe bis an den Leib zu reichen.

»Was giebts?« rief dieser; »eine Überschwemmung! wahrscheinlich eine neue Todesqual der verdammten Neger! ich werde wahrhaftig nicht warten, bis mir das Wasser über dem Kopf zusammenschlägt!«

Mit diesen Worten stieß er die Mauer kräftig ein und befand sich – mitten auf dem See! Die Insel existirte nicht mehr, sie war während der Nacht im Wasser verschwunden, und an der Stelle, wo sie gegrünt, breitete sich die weite Fläche des Tschad-Sees.

»Ein trauriges Land für Grundbesitzer!« dachte Joe, und machte sich von Neuem an seine Schwimmübungen.

Eine der am Tschad-See ziemlich häufigen Naturerscheinungen hatte den wackern Joe befreit. Mehr als eine Insel, welche die Festigkeit eines Felsens zu haben schien, ist auf diese Weise verschwunden, und oft mußten die Ufervölker die Unglücklichen, welche solchen schrecklichen Katastrophen entgangen waren, bei sich aufnehmen.

Joe kannte diese Eigentümlichkeit der Tschad-Inseln nicht, aber er ließ die Gelegenheit, sie zu benutzen, nicht vorübergehen.

Bald erspähte er eine treibende Barke, eine Art grob ausgehöhlten Baumstamms, und näherte sich ihr schleunigst. Ein paar Pagajen (Ruder) befanden sich gücklicher Weise darin, und Joe schoß bald in einer ziemlich schnellen Strömung über den See.

»Orientiren wir uns,« sagte er. »Der Polarstern wird mir dabei zu Hilfe kommen, er pflegt ja sonst seinem Geschäft, einem Jeden die nördliche Richtung anzugeben, ehrlich nachzukommen.«

Joe erkannte zu seiner großen Befriedigung, daß der Strom ihn zum nördlichen Ufer des Tschad-Sees trug, und ließ ihn gewähren. Gegen zwei Uhr Morgens faßte er auf einem, mit dornigem Schilf bedeckten Vorsprunge festen Fuß; es war hier ein Baum emporgeschossen, der ihm ein Obdach in seinen Zweigen darbot. Joe kletterte, der größern Sicherheit wegen, hinein und erwartete, ohne viel zu schlafen, das Tageslicht.

Als der Morgen schnell und plötzlich angebrochen war, wie dies in den Aequatorialgegenden gewöhnlich ist, warf Joe einen Blick auf den Baum, der ihn beherbergt hatte; ein ziemlich unerwartetes Schauspiel erschreckte ihn. Die Zweige waren mit Schlangen und Chamäleons buchstäblich bedeckt; das Laub verschwand unter ihren Umschlingungen; man hätte glauben können, es sei ein Baum ganz seltsamer Art, der als Früchte diese wunderlichen Thiere hervorbringe. Bei den ersten Sonnenstrahlen fingen die Reptilien an, sich zu regen, und Joe stürzte unter dem Pfeifen und Zischen des Gewürms hinunter.

»Das ist wieder etwas, das man in Europa nicht glaublich finden wird,« dachte er.

Es war ihm unbekannt, daß die letzten Briefe des Doctor Vogel bereits von dieser Eigenthümlichkeit der Tschad-Ufer berichtet und dabei erwähnt hatten, daß sich hier Reptilien in einer Masse vorfänden, wie in keinem andern Theile der Welt.

Nach dem Erlebniß dieser Nacht beschloß Joe jedoch, in Zukunft mehr um sich zu schauen. Er machte sich nun in nordöstlicher Richtung auf den Weg, wobei er Hütten, Häuser, Gruben und Alles, was menschlichen Wohnungen glich, so viel wie möglich vermied.

Wie oft wandten sich seine Blicke in die Luft; immer hoffte er den Victoria zu bemerken, und obgleich er den ganzen Tag vergebens nach ihm ausgeschaut hatte, wurde sein Vertrauen auf Samuel Fergusson doch nicht geringer. Es war eine große Thatkraft des Charakters dazu nothwendig, um diese Situation so philosophisch aufzunehmen.

Der Hunger gesellte sich bald zur Ermüdung; denn eine Nahrung aus Wurzeln, dem Mark der Sträucher, dem »mele«, oder den Früchten der Dum-Palme erhält keinen Menschen bei der Anstrengung eines dreißig Meilen weiten Marsches, und so weit war er inzwischen nach Westen vorgedrungen. Sein Körper trug wohl an zwanzig Stellen die Spuren der Dornen, von denen das Rohr des Sees, die Akazien und Mimosen starren, und seine blutrünstigen Füße machten ihm beim Gehen große Schmerzen. Aber trotzdem konnte er doch gegen die Leiden Stand halten, und er beschloß, die Nacht an den Ufern des Sees zuzubringen.

Hier hatte er viel von den abscheulichen Stichen zahlloser Insecten zu ertragen; Fliegen, Moskitos und Ameisen, die einen halben Zoll an Länge haben, bedecken dort im eigentlichsten Sinne des Worts die Erde. Nach zwei Stunden der Ruhe war Joe auch nicht ein Fetzen von seinen wenigen Kleidungsstücken geblieben; die Insecten hatten Alles verschlungen.

Es war eine entsetzliche Nacht, die dem ermüdeten Wanderer auch nicht eine Stunde der Ruhe gönnte. Rings umher erscholl das schauerliche Concert der wilden Thiere im Dunkel der Nacht; der Eber, die wilden Büffel, das Ajub (eine Art ziemlich gefährlicher Seekuh) kreisten fortwährend um den Ruheplatz Joe’s oder hielten sich in den Büschen und unter dem Uferwasser des Sees.

Endlich nahte der Tag; Joe stand eilig auf, und sah zu seinem unbeschreiblichen Ekel, daß eine ungeheure Kröte, ein unsauberes, widerliches Thier, das ihn jetzt mit großen, runden Augen anglotzte, sein Lager getheilt hatte. Joe fühlte sich von Ekel dnrchschauert; endlich aber raffte er sich auf, schüttelte diese widerwärtige Empfindung ab, und machte sich eilig daran, seine Glieder in das Wasser des Sees zu tauchen. Das Bad besänftigte einigermaßen das Uebelkeitsgefühl, welches sich seiner bemächtigt hatte, und nachdem er einige Blätter gekaut, verfolgte er mit einer Hartnäckigkeit, von der er sich keine Rechenschaft ablegen konnte, wieder seinen Weg. Er hatte kein volles, klares Bewußtsein mehr von seinen Handlungen, und doch fühlte er eine Macht in sich, welche über die Verzweiflung die Oberhand gewann.

Indessen begann ihn ein furchtbarer Hunger zu quälen; sein Magen, der weniger resignirt als sein Herr zu sein schien, wurde rebellisch; doch Joe schnürte eine Liane straff um seinen Körper. Glücklicher Weise konnte er nach Belieben seinen Durst löschen, und als er sich an die Leiden der Wüste erinnerte, fand er ein relatives Glück darin, nicht die Marter dieses gebieterischen Bedürfnisses erdulden zu müssen.

»Wo kann der Victoria sein? fragte er sich … der Wind weht aus Norden! Er hätte auf den See zurückkehren müssen. Gewiß hat Herr Samuel eine neue Einrichtung getroffen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen; aber der gestrige Tag sollte doch zu diesen Arbeiten genügt haben; heute wäre es also nicht unmöglich, daß …. Aber ich will handeln, als ob ich ihn nie wiedersehen sollte. Gelänge es mir schließlich, eine der großen Städte des Sees zu erreichen, so würde ich mich in der Lage der Reisenden befinden, von denen mein Herr uns erzählt hat. Warum sollte ich nicht ebenso gut fertig werden können, wie sie? Manche von ihnen sind wieder zurückgekehrt, warum sollte ich nicht …. Wohlan! Muth denn!«

Während der tapfere Joe dies Selbstgespräch hielt und dabei immer weiter marschirte, bemerkte er in einer kleinen Entfernung eine Schaar Wilder. Er machte noch zeitig genug Halt, um nicht gesehen zu werden, und schaute durch die Büsche, um zu erspähen, was sie vorhätten. Man war gerade daran, die Pfeile mit dem Saft der Wolfsmilch zu vergiften, eine Hauptbeschäftigung der Völkerschaften dieser Gegend, die stets mit einer gewissen Feierlichkeit vorgenommen wird.

Joe, der sich nicht zu bewegen wagte und den Athem anhielt, hatte sich in einem Dickicht verborgen, als er unwillkürlich die Blicke emporwendete und durch eine lichte Stelle im Laubwerk den Victoria bemerkte, wirklich und wahrhaftig den Victoria, der kaum hundert Fuß über ihm auf den See zusegelte. Es war gegenwärtig vollständig unmöglich, daß er vom Ballon aus gehört oder gesehen werden konnte.

Eine Thräne trat ihm in die Augen, nicht etwa aus Verzweiflung, sondern aus Dankbarkeit. »Sein Herr suchte nach ihm! sein Herr wollte ihn nicht im Stich lassen.« Jetzt aber mußte der arme Bursche den Aufbruch der Schwarzen abwarten, ehe er sein Versteck verlassen und nach den Ufern des Tschad eilen konnte.

Aber sieh! in diesem Augenblick verlor sich der Victoria am Horizont. Joe beschloß, auf ihn zu warten: gewiß würde er wieder vorüberkommen. Und er kam wirklich noch einmal vorbei, aber mehr im Osten. Joe lief, gesticulirte und schrie … aber vergebens! ein heftiger Wind riß den Ballon mit unwiderstehlicher Schnelligkeit davon!

Zum ersten Mal verließen Energie und Hoffnung den Unglücklichen, und er sah sich verloren; mußte er nicht glauben, daß sein Herr auf Nimmerwiedersehn davongefahren sei? er wagte nicht mehr, über seine Lage nachzudenken, noch sonstige Ueberlegungen anzustellen.

Er marschirte, trotzdem seine Füße von Blut trieften und sein Körper gequetscht und geschunden war, wie ein Narr den ganzen Tag und einen Theil der Nacht darauf los; er schleppte sich bald auf den Knieen, bald auf den Händen weiter, und sah jeden Augenblick den Zeitpunkt kommen, wo ihm die Kraft ausgehen und er sterben müßte.

Als er sich so eine Weile vorwärts bewegt hatte, kam er an einen Morast, oder doch an eine Stelle, die er mit der Zeit als Morast erkannte, denn die Nacht hatte sich seit einigen Stunden bereits herabgesenkt; Joe fiel, ehe er sich’s versah, in einen zähen Schlamm und fühlte, wie er trotz seines verzweifelten Widerstandes allmälig immer tiefer in den sumpfigen Boden versank; nach wenigen Minuten steckte er schon bis zum Gürtel in dem dunkeln Schlamm.

»Das also ist der Tod! dachte er; und was für ein Tod!« …

Mit rasender Anstrengung suchte er sich emporzuarbeiten, aber die Bemühungen des Unglücklichen dienten nur dazu, das Grab, welches er sich auf diese Weise selbst aushöhlte, noch schneller zu bereiten. Kein Stück Holz, nicht ein Rohr, an dem er sich hätte halten können! Er begriff mit furchtbarer Deutlichkeit, daß es um ihn geschehen war! … Seine Augen schlossen sich.

»Mein Herr! mein Herr! zu Hilfe! zu Hilfe!« … schrie er.

Und die verzweifelte, einsame, schon halb erstickte Stimme verlor sich in der Nacht.

Sechsunddreißigstes Capitel

Sechsunddreißigstes Capitel

Ein dunkler Punkt am Horizont. – Eine Arabertruppe. – Die Verfolgung. – Er ist’s! – Sturz vom Pferde. – Der erwürgte Araber. – Eine Kugel Kennedys. – Manöver. – Entführung im Fluge. – Joe gerettet.

Seitdem Kennedy den Beobachtungsposten in der Gondel eingenommen hatte, spähte er unablässig und mit gespanntester Aufmerksamkeit am Horizonte umher.

Nach einiger Zeit wandte er sich zum Doctor:

»Wenn ich mich nicht täusche, sehe ich dort einen Trupp Menschen oder Thiere, der sich vorwärts bewegt; und zwar geschieht dies mit außerordentlicher Kraft, denn es werden enorme Staubmassen dabei aufgewirbelt.«

»Sollte es nicht ein widriger Wind sein, eine Windsbraut, die uns wieder nach Norden verschlagen will?«

Mit diesen Worten stand Fergusson auf, um selber den Horizont zu prüfen.

»Das glaube ich nicht, Samuel,« erwiderte Kennedy; »es ist eine Herde wilder Rinder oder Gazellen.«

»Möglich, Dick; aber vorläufig ist sie noch neun oder zehn Meilen von uns entfernt, und was mich betrifft, so kann ich selbst mit dem Fernglase noch nichts Bestimmtes erkennen.«

»Jedenfalls werde ich den Punkt nicht aus den Augen verlieren; es muß etwas Außerordentliches sein und reizt mich ganz besonders. Zuweilen würde man es für ein Kavalleriemanöver halten können; ich täusche mich auch nicht, es sind Reiter! sieh doch!«

Der Doctor fixirte aufmerksam die erwähnte Gruppe.

»Ich glaube wirklich, Du hast Recht, Dick; es ist eine Abtheilung Araber oder Tibbus. Sie entfliehen in derselben Richtung wie wir, aber wir bewegen uns schneller vorwärts und holen sie bald ein. In einer halben Stunde werden wir im Stande sein, zu sehen und nach der Sachlage zu handeln.«

Kennedy hatte wieder zum Fernglase gegriffen und bemühte sich, Genaueres zu erkennen. Die Reitermasse wurde deutlicher sichtbar, ja man konnte unterscheiden, daß ein kleiner Theil derselben sich absonderte.

»Augenscheinlich ist es ein Manöver oder eine Jagd, versetzte Kennedy. Die Leute scheinen irgend etwas zu verfolgen. Ich möchte wohl über ihr Vorhaben in’s Klare kommen.

– Geduld, Dick, in kurzer Zeit werden wir die Reiter einholen und, wenn sie dieselbe Richtung beibehalten, sogar über sie hinauskommen. Wir machen jetzt zwanzig Meilen in der Stunde, und das kann kein Pferd leisten.«

Nach einigen Minuten scharfer Beobachtung hub Kennedy von Neuem an:

»Es sind etwa fünfzig Araber im schnellsten Ritt; ich kann sie jetzt deutlich unterscheiden; ihre Burnusse schwellen im Winde; es ist eine Reiterübung; jetzt ist ihr Anführer etwa hundert Schritte voraus, und Alle stürzen hinter ihm her.

– Mögen sie sein, wer sie wollen. Dick, wir haben sie nicht zu fürchten, und im Nothfall werde ich steigen.

– Warte noch, Samuel, warte!

– Sonderbar! fügte er nach einer Weile hinzu; diese Araber haben mehr das Ansehen, als ob sie auf der Verfolgung wären, wenn ich nämlich nach ihren Anstrengungen und der Unregelmäßigkeit ihrer Linie urtheilen darf.

– Bist Du dessen ganz sicher?

– Es ist offenbar so, ich täusche mich nicht; sie machen Jagd, und zwar Jagd auf einen Menschen. Der Eine, von dem ich sagte, daß er hundert Schritt voraus wäre, ist nicht ihr Führer, sondern ein Flüchtling.

– Ein Flüchtling! sagte Samuel bewegt. Wir wollen ihn nicht aus dem Gesicht verlieren, aber vorläufig noch warten.«

In nicht gar langer Zeit hatte man den Reitern, die mit der äußersten Geschwindigkeit dahinschossen, drei bis vier Meilen abgewonnen.

»Samuel! Samuel! rief Kennedy mit bebender Stimme.

– Was hast Du, Dick?

– Ist es eine Sinnestäuschung? wäre es möglich?

– Nun?

– Er ist’s, Samuel, er ist’s!

– Er!« rief nun auch Fergusson.

Er! Das sagte Alles; man brauchte keinen Namen zu nennen!

»Er ist zu Pferde, kaum hundert Schritt vor seinen Verfolgern voraus! er flieht!

– Wirklich, es ist Joe! sagte der Doctor erbleichend.

– Er kann uns auf seiner Flucht nicht bemerken!

– Bald wird er uns sehen, versetzte Fergusson und mäßigte die Flamme in seinem Knallgasgebläse.

– Wodurch willst Du das erreichen?

– In fünf Minuten sind wir fünfzig Fuß vom Boden, und in fünfzehn Minuten dicht über ihm.

– Wir wollen ihn durch einen Flintenschuß aufmerksam machen.

– Nein, das geht nicht, denn er kann nicht umkehren. Er ist abgeschnitten.

– Was sollen wir thun?

– Warten.

– Warten, wenn diese Araber ihm auf den Fersen sind?

– Wir holen sie ein und gehen über sie hinaus!

Jetzt sind wir nicht mehr zwei Meilen von ihm entfernt, und wenn nur Joe’s Pferd noch aushält …

– Großer Gott! schrie Kennedy.

– Was giebts?«

Kennedy hatte einen Schrei des Schreckens ausgestoßen, als er sah, wie Joe zur Erde stürzte; sein Pferd, das augenscheinlich ermattet und vollkommen erschöpft war, lag auf dem Boden.

»Er hat uns gesehen! rief der Doctor frohlockend; als er soeben wiederaufstand, gab er uns ein Zeichen!

– Aber die Araber werden ihn einholen! weshalb wartet er? Ach, der muthige Bursche! Hurrah!« jubelte der Jäger, der seine Freude nicht mehr beherrschen konnte.

Joe war sofort nach seinem Sturze wieder aufgesprungen, und als gleich darauf der schnellste von den Reitern ihn erreicht hatte, ging er ihm durch einen Seitensprung aus dem Wege, fuhr dann wie ein Panther auf den Araber los, packte ihn an der Gurgel, erwürgte ihn mit eigener Hand, und setzte, nachdem er den Leichnam auf den Sand niedergestoßen, seine Flucht fort.

Ein Wuthgeschrei der Araber drang durch die Lüfte.

Aber da sie ganz und gar mit ihrer Verfolgung beschäftigt waren, hatten sie den Victoria noch nicht bemerkt, obgleich derselbe nur fünfhundert Schritt hinter ihnen und kaum dreißig Fuß vom Boden entfernt war. Sie selber waren jetzt dem Flüchtling bis auf etwa zwanzig Pferdelängen nachgekommen.

Einer der Verfolger näherte sich Joe immer mehr und wollte ihn gerade mit einer Lanze durchbohren, als Kennedy Jenem sichern Auges und mit fester Hand ein schnelles Halt durch eine Kugel gebot, welche ihn todt zu Boden streckte.

Joe wandte sich bei dem Knall nicht einmal um. Ein Theil der Truppe zögerte in ihrem Lauf, und Einige fielen beim Anblick des Victoria mit dem Gesicht in den Staub, aber die Andern setzten ihre Verfolgung fort.

»Was in aller Welt macht denn Joe? rief Kennedy. Er bleibt nicht stehen!

– Joe benimmt sich ganz vorzüglich, Dick, ich habe ihn errathen; er hält sich in der Richtung des Luftschiffes und rechnet auf unser Verständniß. Ah, der wackere Junge! wir werden ihn diesen Arabern vor der Nase entführen! Jetzt ist er nur noch zweihundert Schritte von uns entfernt.

– Was soll ich thun? fragte Kennedy.

– Vor allen Dingen Deine Flinte bei Seite lassen.

– Gut! … Kennedy legte seine Waffe ab.

– Kannst Du hundertundfünfzig Pfund Ballast in Deinen Armen halten?

– Noch mehr.

– Nein, das wird genügen.«

Und der Doctor thürmte auf Kennedy’s Armen Sandsäcke auf.

»Halte Dich im Hintergründe der Gondel und sei bereit, diesen Ballast mit einem einzigen Wurf hinauszuschleudern. Aber bei Deinem Leben! thu es nicht vor meinem Befehl.

– Sei ruhig.

– Im andern Fall würden mir Joe missen, und er wäre verloren!

– Verlaß Dich auf mich!«

Der Victoria schwebte nun beinahe über der Reitertruppe, die mit verhängtem Zügel hinter Joe herflog. Der Doctor stand am vordern Gondelrand und hielt die aufgewickelte Leiter in seiner Hand, um sie im geeigneten Augenblick herabzulassen. Joe hatte sich vor seinen Feinden noch einen Vorsprung von fünfzig Fuß bewahrt. Der Victoria flog über diesen Raum hinweg.

»Achtung, Kennedy!

– Ich bin bereit!

– Joe, paß auf!« schrie der Doctor mit lautschallender Stimme, indem er ihm die Leiter zuwarf, deren erste Sprossen den Staub des Bodens berührten.

Bei dem Ruf des Doctors hatte sich Joe, ohne sein Pferd anzuhalten, umgewandt, die Leiter kam in seine Nähe, er umklammerte sie, und in demselben Augenblick rief der Doctor Kennedy zu:

»Jetzt!

– Es ist geschehen!«

Und der Victoria, um eine Last, die schwerer als Joe wog, erleichtert, stieg hundertundfünfzig Fuß hoch in die Lüfte.

Joe hielt sich, während die Leiter in großen Schwingungen umherschwebte, krampfhaft an derselben fest, dann machte er den Arabern eine unbeschreibliche Geberde und kletterte mit der Behendigkeit eines Clown zu seinen Gefährten hinauf, die ihn mit offenen Armen empfingen.

Die Araber hatten einen Schrei der Überraschung und der Wuth ausgestoßen, als ihnen der Flüchtling so im Fluge entführt worden war, und der Victoria sich so schnell entfernt hatte.

Als Joe in der Gondel anlangte, stieß er nur die Worte:

»Herr Doctor! Herr Dick!« hervor und fiel dann, der ungeheuren Anstrengung und Ermüdung erliegend, in eine tiefe Ohnmacht, während Kennedy, fast wahnsinnig vor Freude, ausrief:

»Gerettet! gerettet!

– Wir haben ihn wieder!« sprach der Doctor, der seine gleichmäßig ruhige Stimmung zurückgewonnen hatte.

Joe war fast völlig nackt, und dies, wie seine blutenden Arme und sein überall verletzter Körper, erzählten genugsam von den Leiden, die er ertragen. Der Doctor verband die Wunden und bettete ihn sorgsam unter dem Zelte.

Bald jedoch hatte sich Joe von seiner Ohnmacht erholt und verlangte ein Glas Branntwein, das ihm Fergusson gern zugestand, da er glaubte, daß man Joe nicht wie andere Leute zu behandeln brauche. Nachdem der brave Bursche getrunken hatte, drückte er dem Doctor und Kennedy die Hand und erklärte sich bereit, seine Erlebnisse zu erzählen.

Aber Fergusson gestattete ihm noch nicht, zu sprechen, und so fiel er bald abermals zurück, um in einen tiefen Schlaf zu versinken, dessen er sehr zu bedürfen schien.

Der Victoria schlug nun eine schräge Richtung nach Westen ein. Unter dem Wehen eines starken Windes sah er nochmals den Saum der dornigen Wüste, über Palmen hinweg, die vom Winde gebeugt oder entwurzelt wurden; und nachdem man seit Joe’s Entführung eine Reise von beinahe zweihundert Meilen zurückgelegt hatte, überschritt der Victoria gegen Abend den zehnten Längegrad.

Siebenunddreißigstes Capitel

Siebenunddreißigstes Capitel

Die Straße nach Westen. – Joe’s Erwachen. – Sein Eigensinn. – Ende von Joe’s Geschichte. – Tagelel. – Kennedy’s Besorgnisse. – Straße im Norden. – Eine Nacht bei Aghades.

Der Wind schien sich in der Nacht von seinen Strapazen am vorhergehenden Tage auszuruhen, und der Victoria weilte friedlich über dem Wipfel einer großen Sykomore; der Doctor und Kennedy hatten abwechselnd die Wache, und Joe machte sich das zu Nutze, um tüchtig zu schlafen, und zwar vierundzwanzig Stunden in einem Zuge.

»Es ist das beste Heilmittel für ihn, sagte Fergusson; die Natur wird seine Herstellung schon allein besorgen.«

Am Tage begann wieder ein heftiger, jedoch launischer Wind zu wehen; er wechselte oft seine Richtung, trieb den Victoria nach Süden, um ihn dann wieder nach Norden zu tragen, schließlich aber riß er den Ballon in westlicher Richtung fort.

Der Doctor recognoscirte, mit der Karte in der Hand, das Königreich Damerghu, ein wellenförmiges, sehr fruchtbares Gebiet, auf welchem die Hütten aus einer Mischung von langem Schilf und Asklepiazweigen erbaut waren; auf den beackerten Feldern erhoben sich Kornmühlen auf kleinen Gestellen, die sie vor der Zudringlichkeit der Mäuse und Termiten schützen sollten.

Bald erreichte man die Stadt Zinder, die sich durch ihren großen Richtplatz auszeichnet; im Mittelpunkt ist der Baum des Todes errichtet; der Henker wacht am Fuße desselben, und wer in seinen Schatten kommt, wird sofort gehangen.

Kennedy sah nach dem Compaß und konnte die Bemerkung nicht unterdrücken: »Nun gehen wir wieder nach Norden.

– Was thut’s! wenn der Weg uns nach Timbuktu führt, werden wir uns nicht darüber beklagen! Niemals ist dann eine schönere Reise unter besseren Umständen zu Stande gekommen! . . .

– Oder bei besserm Gesundheitszustande, fügte Joe rasch hinzu, und ließ sein gutmüthiges Gesicht freudig durch die Zeltvorhänge blicken.

– Da ist ja auch Freund Joe, unser Retter! rief Kennedy; wie geht’s denn?

– Wie natürlich, Herr Kennedy, wie natürlich! noch nie habe ich mich wohler befunden! Nichts reinigt den alten Menschen so gut, als ein Bad im Tschad-See und nachher eine kleine Vergnügungsreise. Sind Sie nicht auch der Meinung?

– Gute Seele! antwortete Fergusson, indem er ihm die Hand drückte; wie viel Angst und Unruhe haben wir um Dich empfunden.

– Und ich um Sie! oder glauben Sie, daß ich über Ihr Geschick ganz ruhig gewesen wäre? Sie können versichert sein, daß ich keine kleine Angst Ihretwegen ausgestanden habe!

– Wir werden uns nie verständigen, wenn Du die Dinge von dieser Seite auffassest.

– Ich sehe, daß sein Sturz ihn nicht verändert hat! fügte Kennedy hinzu.

– Deine edle Aufopferung hat uns gerettet, mein Junge, denn ohne sie wäre der Victoria in den See gefallen, und dann hätte ihn Niemand wieder herausziehen können.

– Wenn wirklich meine Aufopferung, wie Sie meinen Purzelbaum zu nennen belieben, Sie gerettet hat, Herr Doctor, so hat er jedenfalls auch mich selber mitgerettet, denn wir sind jetzt alle drei wieder wohlbehalten bei einander. Wir haben uns also gegenseitig nichts vorzuwerfen.

– Man wird sich mit dem Burschen nie verständigen, meinte der Jäger.

– Das beste Mittel zu einer Verständigung besteht darin, daß wir nicht mehr von der Geschichte sprechen. Was geschehen ist, ist geschehen! Mag es nun gut oder schlecht sein, so nützt es doch nichts, darauf zurückzukommen.

– Eigensinn! schalt der Doctor lachend. Du kannst uns nun wenigstens Deine Geschichte erzählen.

– Wenn sie Sie interessirt! Aber zuvor werde ich mit Ihrer gütigen Erlaubniß diese fette Gans in einen eßbaren Zustand versetzen; ich sehe, daß der Herr Dick seine Zeit nicht verloren hat.

– Wie Du willst, Joe.

– Wir wollen sehen, wie dies afrikanische Wild einem europäischen Magen behagt.«

Die Gans wurde alsbald in den Flammen des Knallgasgebläses geröstet und sodann verzehrt. Joe nahm seine tüchtige Portion davon, wie es sich für einen Menschen, der mehrere Tage nichts gegessen hat, ziemt. Nach dem Thee und dem Grog begann er, von seinen Abenteuern zu erzählen. Er sprach in einer gewissen Aufregung, da er zugleich die Ereignisse mit seiner gewöhnlichen Philosophie beleuchtete. Der Doctor drückte ihm mehrmals kräftig die Hand, als er sah, daß der brave Diener sich mehr mit der Wohlfahrt seines Herrn als mit dem eigenen Ergehen beschäftigt hatte. Bei dem Bericht von der Versenkung der Insel im Tschad-See erklärte er, daß diese Naturerscheinung dort durchaus nicht zu den Seltenheiten gehöre.

Endlich gelangte Joe im Lauf seiner Erzählung zu dem Moment, wo er im Morast versunken, einen letzten Schrei der Verzweiflung ausgestoßen habe.

»Ich hielt mich für verloren, fuhr er fort, und meine Gedanken richteten sich auf Sie. Noch ein Mal begann ich mich loszuarbeiten; wie? kann ich nicht genau sagen, aber ich war durchaus nicht Willens, mich so ohne allen Widerstand verschlucken zu lassen. Plötzlich gewahrte ich, etwa zwei Schritte von mir, ein frisch abgeschnittenes Tauende; ich arbeite mich mit äußerster Anstrengung, so gut es gehen will, bis nahe heran, und ergreife das Tau. Ich ziehe, es hält; ich hebe mich daran empor und stehe in kurzer Zeit auf festem Lande. Am Ende des Taues finde ich einen Anker; es war ein Anker des Victoria! . . . Ach, mein lieber Herr Doctor, ich hatte wohl ein Recht, ihn meinen Rettungsanker zu nennen, wenn Sie sonst nichts dagegen haben. Ich sah, daß Sie hier gelandet waren, und erkannte an der Lage des Taues, nach welcher Richtung hin Sie sich begeben hatten. Mit meinem Muthe waren auch meine Kräfte wiedergekommen, und ich marschirte einen Theil der Nacht hindurch, mich immer weiter von dem See entfernend. Endlich gelangte ich an den Saum eines unermeßlichen Waldes, wo in einem Gehege friedlich Pferde weideten. Es giebt im menschlichen Leben Augenblicke, wo ein Jeder reiten kann, nicht wahr? Ich für mein Theil verlor nicht eine Minute durch überflüssige Reflexionen, springe einem dieser Vierfüßler auf den Rücken und sprenge in aller Geschwindigkeit gen Norden. Ich erzähle Ihnen nichts von den Städten, die ich nicht gesehen habe, noch von den Dörfern, denen ich aus dem Wege geritten bin. Ich überschreite die Saatfelder, breche durch das Dickicht, überklettere Palissaden, treibe und sporne mein Thier an, und gelange endlich an die Grenze des angebauten Landes. Die Wüste! gut! das ist mir gerade Recht. Ich werde hier eine weitere Strecke übersehen können. Immer hoffte ich, den Victoria zu bemerken, wie er lavirend auf mich wartete. Aber nichts, gar nichts von ihm zu sehen! Nach drei Stunden gerieth ich Thor auf einen Lagerplatz der Araber; ach, was für eine Jagd! … Sehen Sie, Herr Kennedy, ein Jäger weiß eigentlich nicht, was eine Jagd ist, ehe er nicht selbst einmal gehetzt worden ist. Und doch, wenn er es vermeiden kann, gebe ich ihm den Rath, es lieber nicht zu versuchen! Mein Pferd sank vor Mattigkeit zusammen; die Kerle waren dicht hinter mir her; ich springe ab und einem Araber in den Rücken! ich habe nichts Böses mit ihm im Sinn gehabt, und hoffe, er wird mir’s nicht weiter übel nehmen, daß ich ihn erwürgt habe! Aber ich hatte Sie gesehen … und das Uebrige wissen Sie. Der Victoria eilt hinter mir her, Sie nehmen mich im Fluge auf, wie ein Reiter einen Ring auffängt. Hatte ich nicht Recht, daß ich auf Sie meine Hoffnung setzte? Sie haben nun gesehen, Herr Samuel, daß die ganze Geschichte höchst einfach und natürlich zugegangen ist. Ich bin gern bereit, Alles noch einmal durchzumachen, wenn ich Ihnen einen Dienst damit leisten kann; wie ich schon sagte, Herr Doctor, es ist nicht der Mühe werth, davon zu sprechen.

– Mein braver Joe, erwiderte der Doctor gerührt, wir hatten uns nicht geirrt, als wir uns auf Deine Klugheit und Geschicklichkeit verließen!

– Bah! man braucht nur immer den Ereignissen zu folgen, und sich bei precären Geschichten so gut wie möglich herauszuziehen. Das Sicherste ist immer noch, die Dinge zu nehmen, wie sie eben kommen.

Wahrend der Erzählung Joe’s hatte der Ballon in schnellem Fluge eine weite Strecke Landes durchmessen; Kennedy wies jetzt auf einen Complex von Hütten, der am Horizont wie eine Stadt erschien. Der Doctor zog seine Karte zu Rathe und recognoscirte den kleinen Marktflecken Tagelel in Damerghu.

»Wir kommen hier wieder auf die Straße Barth’s, sagte er,»in Tagelel trennte er sich von seinen beiden Begleitern Richardson und Overweg. Der Erstere sollte der Straße nach Zinder, der Letztere der nach Maradi folgen; ihr erinnert euch, daß von diesen drei Reisenden nur Barth Europa wiedersah.

– So steuern wir also jetzt direct nach Norden? fragte der Jäger, indem er auf der Karte die Richtung des Victoria verfolgte.

– Ja, mein lieber Dick.

– Und beunruhigt Dich das nicht einigermaßen?

– Warum meinst Du?

– Nun, weil dieser Weg uns nach Tripoli und über die große Wüste führt.

– O, wir werden so weit nicht kommen, Freund Kennedy, wenigstens hoffe ich es.

– Wo denkst Du einen Halt zu machen?

– Würde es Dir nicht interessant sein, einmal Timbuktu zu besuchen?

– Timbuktu?

– Ei freilich, mischte sich Joe in das Gespräch; wer in Afrika gewesen ist, muß auch Timbuktu gesehen haben.

– Du wirst der fünfte oder sechste Europäer sein, der diese geheimnißvolle Stadt sieht.

– Gut, also nach Timbuktu!

– Wenn wir zwischen den siebzehnten und achtzehnten Breitegrad kommen, werden wir eine günstige Strömung suchen, die uns nach Westen tragen kann.

– Haben wir noch eine lange Strecke nach Norden zu durchreisen? fragte der Jäger weiter.

– Noch mindestens hundertundfünfzig Meilen.

– Dann will ich ein wenig schlafen.

– Gute Ruhe, Herr Kennedy; legen Sie sich gleichfalls nieder, Herr Doctor; die Herren müssen sehr müde sein; ich habe Sie auf wirklich unverschämte Weise wachen lassen.«

Der Jäger streckte sich unter dem Zelte aus, aber Fergusson, über den die Müdigkeit wenig Macht hatte, blieb auf seinem Beobachtungsposten.

Nach drei Stunden überschritt der Victoria mit äußerster Geschwindigkeit ein steiniges Terrain mit hohen, kahlen Bergrücken auf einer Grundlage von Granit; einzelne, isolirte Spitzen erreichten sogar viertausend Fuß Höhe. Giraffen, Antilopen, Strauße sprangen mit wunderbarer Behendigkeit durch Wälder von Akazien, Mimosen, Suahs und Dattelpalmen; nach der Dürre der Wüste trat die Vegetation wieder in vollster Pracht in dem Lande der Kailuas auf, die sich ebenso wie ihre gefährlichen Nachbarn, die Tuaregs, mittelst einer Baumwollenbinde das Gesicht verschleiern.

Um zehn Uhr Abends hielt der Victoria nach einer herrlichen Fahrt von zweihundertundfünfzig Meilen über einer bedeutenden Stadt; beim Mondlicht konnte man erkennen, daß ein Theil derselben aus Ruinen bestand, einige Moscheenspitzen traten hie und da, von einem bleichen Mondstrahl beleuchtet, hervor. Der Doctor recognoscirte nach der Höhe der Sterne, daß er sich unter der Breite von Aghades befand.

Diese Stadt, ehemals der Mittelpunkt eines bedeutenden Handels, lag schon theilweise in Ruinen, als Doctor Barth sie besuchte.

Der Victoria, welcher im Schatten nicht bemerkt wurde, landete zwei Meilen oberhalb Aghades, auf einem großen Hirsefelde. Die Nacht war ziemlich ruhig und schwand gegen fünf Uhr Morgens, während ein leichter Wind den Ballon nach Westen und sogar ein wenig nach Süden lockte.

Fergusson beeilte sich, diesen glücklichen Umstand wahrzunehmen. Er stieg schnell empor und entfloh beim ersten, lichten Morgenstrahl.

Achtunddreißigstes Capitel

Achtunddreißigstes Capitel

Rasche Fahrt. – Vorsichtige Entschließungen. – Karawanen. – Beständige Regengüsse. – Gao – Der Niger. – Golberry, Geoffroy, Gray. – Mungo-Park. – Laing. – René Caillié. – Clapperton. – John und Richard Lander.

Der Tag des 17. Mai verging ruhig und ohne jeden Zwischenfall; die Wüste begann von Neuem; ein Wind mittlerer Stärke führte den Victoria nach Südwesten; dieser wich weder nach rechts noch nach links ab, und sein Schatten zog auf dem Sande eine strenggerade Linie.

Der Doctor hatte vor seinem Aufbruch der Vorsicht halber die Wasserkisten frisch gefüllt; er fürchtete, in diesen, von den Auelimminianischen Tuaregs unsicher gemachten Gegenden nicht landen zu können. Das Plateau, welches sich achtzehnhundert Fuß über dem Meeresspiegel erhob, fiel nach Süden hin ab. Nachdem die Reisenden die oft von Kameelen beschrittene Straße von Aghades nach Murfuk gekreuzt hatten, befanden sie sich Abends, nach einer Fahrt von hundertundachtzig Meilen, über einem äußerst monotonen Landstrich, unter 16° Br. und 4°55′ L.

Während dieses Tages richtete Joe die letzten Stücke Wildpret, die bis jetzt nur eine sehr summarische Vorbereitung erhalten, zu. Es waren sehr appetitliche Becassinen, die er zum Abendbrod auftrug. Da der Wind günstig war, und der Mond mit seinem bleichen Schimmer die Nacht erleuchtete, beschloß der Doctor, seine Reise nicht zu unterbrechen, ließ den Victoria fünfhundert Fuß steigen, und nun zog dieser so ruhig dahin, daß selbst der leichte Schlaf eines Kindes in ihm nicht gestört worden wäre.

Sonntag Morgen zeigte sich eine neue Veränderung in der Windrichtung; der Victoria trieb nach Nordwesten; einige Raben flogen in der Luft, und am Horizont sah man eine Schaar Geier, die sich aber glücklicher Weise in respectabler Ferne hielten.

Der Anblick dieser Vögel veranlaßte Joe, seinen Herrn in Betreff der neuen Balloneinrichtung zu beglückwünschen.

»Wo wären wir jetzt, wenn der Victoria nur die eine Hülle gehabt hätte? sagte er. Dieser zweite Ballon ist wie die Schaluppe bei einem Schiff; im Fall des Schiffbruchs kann man sie zur Rettung benutzen.

– Du hast Recht, Joe; nur macht mir meine neue Schaluppe einige Sorge; sie kommt dem Schiffe nicht gleich.

– Was willst Du damit sagen? fragte Kennedy.

– Ich meine, der neue Victoria steht an Güte gegen den alten zurück. Mag nun das Gewebe etwas gelitten haben, oder das Guttapercha bei der Hitze des Schlangenrohrs geschmolzen sein, ich constatire einen gewissen Gasverlust, der zwar bis jetzt nicht erheblich, aber doch schon wahrnehmbar ist. Der Ballon zeigt Neigung zu fallen, und um ihn oben zu halten, muß ich das Wasserstoffgas mehr ausdehnen.

– Verdammt!, fluchte Kennedy, es wird dafür kaum eine Abhilfe geben.

– Leider nein, lieber Dick; wir würden darum gut thun, auch die Nacht zu reisen, um Aufenthalt zu vermeiden.

– Sind wir noch weit von der Küste entfernt?, fragte Joe.

– Von welcher Küste, mein Junge? Wissen wir denn, wohin der Zufall uns führen wird? Ich kann Dir nur sagen, daß Timbuktu noch vierhundert Meilen nach Westen zu liegt.

– Und wie viel Zeit werden wir gebrauchen, um dorthin zu gelangen?

– Wenn der Wind uns nicht zu weit verschlägt, denke ich dort Dienstag Abend anzukommen.

– Jedenfalls treffen wir dort eher ein, als diese Karawane,« bemerkte Joe.

Fergusson und Kennedy schauten herab und sahen einen langen Zug von Menschen und Thieren, der sich durch die Wüste hinwand; es waren über hundertundfünfzig Kameele von jener Art, die für zwölf Muttals Gold mit einer Last von fünfhundert Pfund auf dem Rücken von Timbuktu nach Tafilet wandern; Jedes trug unter dem Schwanze einen kleinen Sack, der dazu bestimmt war, seine Excremente aufzunehmen; das einzige Brennmaterial, auf welches man in der Wüste rechnen kann.

Diese Kameele der Tuaregs gehören der besten Species an; sie können drei bis sieben Tage, ohne zu trinken, und zwei Tage, ohne zu fressen, ausdauern; ihre Schnelligkeit übertrifft sogar die der Pferde, und verständnißvoll gehorchen sie der Stimme des Khabir (Karawanenführers). Die Kameele sind im Lande unter dem Namen »Mehari« bekannt.

Diese Einzelheiten theilte der Doctor seinen Begleitern mit, während man die lange Linie von Männern, Frauen und Kindern vorüberziehen sah, die mühsam auf dem halbbeweglichen Sande vorwärts glitten. Einige Disteln, vertrocknete Gräser und hier und da ein kümmerliches Gesträuch verliehen dem Boden kaum einige Festigkeit. Der Wind verwischte fast augenblicklich wieder die Spur der Tritte.

Joe erkundigte sich, wie die Araber ihre Richtung in der Wüste bestimmen können, um die in dieser unendlichen Einöde verstreuten Brunnen nicht zu verfehlen.

»Die Araber, erklärte Fergusson, haben von der Natur einen vorzüglichen Sinn dafür erhalten, ihre Straße zu recognosciren; da, wo ein Europäer sich nicht zu orientiren weiß, schwanken sie nicht einmal; ein unbedeutender Stein, ein Kiesel, ein Grasbüschel, ja schon die verschiedene Nüancirung des Sandes genügt ihnen, um sicher ihrem Ziel zuzuschreiten.

Während der Nacht richten sie sich nach dem Polarstern; sie machen übrigens nie mehr als zwei Meilen in der Stunde, und ruhen während der Mittagshitze; hiernach könnt ihr euch vorstellen, eine wie lange Zeit sie brauchen, um die Sahara, eine Wüste von über neunhundert Meilen, zu durchreisen.«

Der Victoria war jetzt längst den erstaunten Augen der Araber entschwunden, denen seine Schnelligkeit gewiß beneidenswerth erschien. Am Abend zog der Ballon unter 2°20′ L. vorüber, und während der Nacht überschritt er noch mehr als einen Grad.

Am Montag ging eine totale Aenderung des Wetters vor sich; der Regen begann mit großer Heftigkeit herabzuströmen. Man mußte dieser Fluth und der Gewichtsvermehrung, mit der sie den Ballon und die Gondel belastete, Einhalt thun. Der fortwährende Regen gab eine genügende Erklärung von den Sümpfen, die das Land überall erfüllten; die Vegetation bestand auch hier hauptsächlich aus Mimosen, Baobabs und Tamarinden.

Hier lag das Gebiet von Sonray, dessen Dörfer durch die sonderbare Gestalt ihrer Hüttendächer einen so sonderbaren Anblick gewähren. Die Wohnungen sehen aus, als habe man ihnen armenische Hüte aufgestülpt. Es erhoben sich nur wenig Berge, und nur eben Hügel genug, als nöthig waren, um Schluchten und Weiher für die große Masse Perlhühner und Becassinen zu bilden, die hier zu finden sind. Ab und zu durchschnitt in ungestümem Laufe ein Strom die Straßen, der durch die Eingeborenen überschritten wurde, indem sie sich an einer Liane hielten, die an Bäumen herüber und hinüber gespannt war. Statt der Wälder sah man Dschungeln, in denen Alligatoren, Nilpferde und Nashörner ihre Schlupfwinkel suchten.

»Bald werden wir den Niger erreicht haben, sagte der Doctor, die Landschaft nimmt in der Nähe großer Flüsse eine andere Gestalt an. Diese Wasserstraßen haben zuerst die Vegetation hervorgerufen, wie sie später auch die Civilisation hierher bringen werden. So hat der Niger, in seinem Lauf von zweitausendfünfhundert Meilen, an seinen Ufern die wichtigsten Städte Afrika’s.

– Halt, schob hier Joe ein, das erinnert mich an die Geschichte von jenem Schlaukopf, der die Weisheit der Vorsehung besonders darin bewunderte, daß sie die großen Flüsse gerade durch die Städte geführt habe!

Am Mittag segelte der Victoria über die ehemalige Hauptstadt Gao hinweg; jetzt zeigt sie nur noch eine Vereinigung armseliger Hütten, und bildet einen kleinen Marktflecken.

»Dort setzte Barth bei seiner Rückkehr aus Timbuktu über den Niger, erzählte Fergusson, es ist dies der bereits im Alterthum bekannte Fluß, der Nebenbuhler des Nil, dem der heidnische Glaube einen himmlischen Ursprung gab; wie dieser hat er die Aufmerksamkeit der Geographen aller Zeiten in Anspruch genommen; und seine Erforschung hat noch zahlreichere Opfer gekostet als jener.«

Der Niger floß zwischen zwei weit von einander gelegenen Ufern dahin; seine Gewässer rollten mit großer Gewalt dem Süden zu, aber die Reisenden konnten die merkwürdigen Linien seines Laufs nicht näher besichtigen, sie wurden im Fluge weiter getragen.

»Ich wollte euch von diesem Strome sprechen, und schon ist er uns fern gerückt! Unter den Namen des Dhiuleba, Mano, Egghirreu, Quorra und anderen mehr durchfließt er eine ungeheure Länderstrecke, und kann es an Länge fast mit dem Nil aufnehmen. All‘ diese Namen bedeuten schlechtweg »Strom«, je nach der Sprache der verschiedenen Länder, durch welche er fließt.

– Hat Doctor Barth diese Straße verfolgt?, fragte Kennedy.

– Nein, Dick; als er den Tschad-See verließ, reiste er durch die hauptsächlichsten Städte von Bornu und durchschnitt den Niger bei Say, vier Grad südlich von Gao; dann drang er in das Innere jener unerforschten Gegenden, die der Niger in seinem Bogenlaufe umschließt, und gelangte nach achtmonatlichen, neuen Strapazen nach Timbuktu. Diese Reise werden wir bei günstigem Winde in drei Tagen vollenden.

– Hat man die Quellen des Niger entdeckt?, fragte Joe.

– Seit lange schon. Die Erforschung des Niger und seiner Nebenflüsse hat zahlreiche Entdeckungsreisen veranlaßt, von denen ich nur die hauptsächlichsten nennen will. Von 1749 bis 1758 bereist Adamson das Flußgebiet und besucht Gorée; von 1785 bis 1788 durchstreifen Golberry und Geoffroy die Wüsten Senegambiens und kommen bis zu dem Lande der Mauren, die Saugnier, Brisson, Adam, Riley, Cochelet und so viele andere Unglückliche ermordeten. Dann folgt der berühmte Mungo-Park, ein Freund Walter Scott’s, und wie dieser ein Schotte. Er wurde im Jahre 1795 von der afrikanischen Gesellschaft zu London abgesandt, erreicht Bambarra, sieht den Niger, macht in Gesellschaft eines Sklavenhändlers fünfhundert Meilen, recognoscirt den Gambia und kehrt im Jahre 1797 nach England zurück.

Am 30. Januar 1805 reist er mit seinem Schwager Anderson, dem Zeichner Scott und einer Schaar Handwerker wieder ab, kommt in Gorée an, nimmt sich eine Verstärkung von fünfunddreißig Soldaten, sieht am 19. August den Niger wieder, aber von vierzig Europäern bleiben in Folge der übermenschlichen Anstrengungen, Entbehrungen, Mißhandlungen, der Ungunst des Himmels, und der ungesunden Ausdünstungen des Landes nur noch elf am Leben; am 16. November gelangten die letzten Briefe Mungo-Park’s an seine Frau, und ein Jahr später erfuhr man durch einen Handelsmann dieses Landes, daß der unglückliche Reisende am 23. December in Bussa am Niger angekommen, seine Barke von den Katarakten des Stromes umgestürzt, und er selbst von den Eingeborenen ermordet sei.

– Und dies schreckliche Ende hielt die Forscher nicht zurück?

– Im Gegentheil, Dick; denn jetzt hatte man nicht nur den Fluß zu recognosciren, sondern auch die Briefschaften und Notizen des Reisenden aufzusuchen. Im Jahr 1816 wird zu London eine Expedition organisirt, an welcher sich Major Gray betheiligt; diese kommt in das Senegal, dringt nach Futa- Dhiallon, besucht die Völkerschaften der Fulahs und Mandingos und kehrt ohne weiteres Ergebniß nach England zurück. Im Jahre 1822 erforscht Major Laing jenen ganzen Theil des westlichen Afrika, der den englischen Besitzungen benachbart liegt, und erwirbt den Ruhm, zuerst an die Quellen des Niger gelangt zu sein; nach seinen Angaben hat die Quelle dieses Riesenflusses kaum zwei Fuß Breite.

– Leicht zu überspringen, meinte Joe.

– Leicht? das ist doch noch die Frage, entgegnete der Doctor.»Wenn man der Ueberlieferung Glauben schenkt, so wird ein Jeder, der es versucht, durch Springen über die Quelle zu setzen, sofort verschlungen; wer Wasser daraus schöpfen will, fühlt sich durch eine unsichtbare Hand zurückgezogen.«

– Es ist doch wohl gestattet, daß man nichts davon glaubt? fragte Joe.

– Jeder nach seinem Belieben. Fünf Jahre später sollte der Major Laing sich durch die Sahara schlagen, nach Timbuktu vordringen und einige Meilen weiter nördlich einen furchtbaren Tod durch die Ulad-Shiman finden, die ihn zwingen wollten, Muselmann zu werden.

– Wieder ein Opfer, sagte der Jäger.

– Nun unternahm ein muthiger junger Mann, dem nur geringe Hilfsquellen zu Gebote standen, die erstaunlichste der neueren Reisen und brachte sie auch glücklich zu Ende; ich rede von dem Franzosen René Caillié. Nach verschiedenen Anläufen in den Jahren 1819 und 1824 brach er den 19. April 1827 zu einer neuen Reise von Rio-Nunez auf; am 3. August langte er so erschöpft und krank in Timé an, daß er seine Reise erst im Januar 1828, sechs Monate später, wieder aufnehmen konnte; er gesellte sich dann, durch seine orientalische Kleidung geschützt, einer Karawane zu, erreichte am 10. März den Niger, drang in die Stadt Dschenna und fuhr den Fluß stromabwärts bis Timbuktu, wo er am 30. April ankam. Ein anderer Franzose, Imbert, hatte, vielleicht im Jahre 1670; ein Engländer, Robert Adams, im Jahre 1810 diese interessante Stadt gesehen; aber René Caillié sollte der erste Europäer sein, der genaue Angaben über dieselbe heimbringen durfte; am 4. Mai verließ er diese Königin der Wüste; am 9. besichtigte er genau die Stätte, an welcher Major Laing ermordet worden war; am 19. kam er nach El-Arawan und verließ diese Handelsstadt, um unter tausend Gefahren die großen, zwischen Süden und den nördlichen Gegenden Afrika’s liegenden Einöden zu überschreiten; endlich zog er wieder in Tanger ein und segelte am 28. September nach Toulon ab; in neunzehn Monaten hatte er trotz hundertundachtzigtägiger Krankheit Afrika von Westen bis zum Norden durchreist. Wenn Caillié in England geboren wäre, hätte man ihn als den kühnsten Reisenden der neuern Zeit gleich Mungo-Park geehrt, aber in Frankreich wird er nicht nach Verdienst geschätzt. [Fußnote]

– Ein unerschrockener Mann, stimmte Kennedy bei, was ist aus ihm geworden?

– Er starb im Alter von neununddreißig Jahren an den Folgen seiner Strapazen; man glaubte genug gethan zu haben, als man ihm im Jahre 1828 den Preis der Geographischen Gesellschaft zuerkannte; in England wären ihm die größten Ehrenbezeugungen erwiesen worden! Während übrigens René Caillié diese bewundernswerthe Reise vollendete, faßte ein Engländer, Kapitän Clapperton, der Begleiter Denham’s, den Plan zu demselben Unternehmen, das er mit gleichem Muthe, wenn nicht mit gleichem Glücke ausführte. Im Jahr 1829 begann er vom Busen von Benin an der Westküste seinen Einzug in Afrika, verfolgte den Weg Mungo-Park’s und Laing’s, fand in Bussa die auf den Tod des Erstern bezüglichen Beweisstücke, kam am 20. August in Sackatu an, wo er als Gefangener zurückgehalten, seinen letzten Athemzug in den Armen seines treuen Dieners Richard Lander, aushauchte.

– Und was wurde aus diesem Lander? fragte Joe sehr interessirt.

– Es gelang ihm, die Küste wieder zu erreichen; er kehrte nach London zurück und brachte die Briefschaften des Kapitäns und einen genauen Bericht seiner eigenen Reise mit; dann bot er der Regierung seine Dienste an, um die Erforschung des Niger zu vervollständigen; zur Gesellschaft nahm er seinen Bruder John, das zweite Kind armer Leute aus Cornwallis, mit, und die Beiden fuhren in den Jahren 1829 bis 1831 den Fluß von Bussa bis zur Mündung stromabwärts, indem sie ihre Reise Dorf für Dorf, Meile für Meile beschrieben.

– So sind also diese beiden Brüder dem allgemeinen Schicksal entgangen? fragte Kennedy.

– Ja, wenigstens auf dieser Forschungsreise; im Jahre 1833 aber, als Richard eine dritte Niger-Fahrt unternommen hatte, kam er nahe der Mündung des Flusses um; eine Kugel von unbekannter Hand hatte ihn getroffen. Ihr seht also, meine Freunde, das Land, durch welches wir gegenwärtig reisen, ist vielfach Zeuge edler Aufopferung gewesen, die nur zu oft mit dem Tode belohnt worden ist!

Neununddreißigstes Capitel

Neununddreißigstes Capitel

Das Land in der Biegung des Niger. – Phantastische Ansicht der Hombori-Berge. – Kabra. – Timbuktu. – Plan des Doctor Barth. – Verfall. – Wohin der Himmel will.

Während dieses unfreundlichen Montags gefiel sich Doctor Fergusson darin, seinen Begleitern tausend Einzelheiten über die Gegend, die sie durchreisten, mitzutheilen. Der ziemlich flache Boden setzte ihrem Fortschreiten kein Hinderniß entgegen, aber desto mehr Sorge verursachte dem Doctor der böse, mit rasender Gewalt wehende Nordostwind, der ihn von der Breite Timbuktu’s entfernte.

Nachdem der Niger nördlich bis zu dieser Stadt gekommen ist, beschreibt er in ungeheurem Bogen ein Knie und strömt in weit ausgebreiteten Wassergarben dem Ocean zu.

Innerhalb dieser Biegung ist das Land von sehr verschiedener Bodenbeschaffenheit: bald prangt es in üppiger Fruchtbarkeit, bald schmachtet es in großer Dürre. Unbebaute Ebenen wechseln mit Maisfeldern ab, auf die wieder ausgedehnte, mit Ginster bedeckte Flächen folgen; alle Arten Wasservögel, Pelikane, Krickenten, Eisvögel leben in Schaaren an den Ufern der Ströme und Sümpfe.

Von Zeit zu Zeit zeigte sich ein Lager der Tuaregs, die unter ledernen Zelten ein Obdach suchten, während die Frauen die Arbeiten außer dem Hause versahen, ihre Kameele molken und ihre großen Pfeifenköpfe ausrauchten.

Der Victoria war um acht Uhr Abends um mehr als zweihundert Meilen nach Westen vorgedrungen, und jetzt bot sich den Reisenden ein prächtiges Schauspiel.

Einige Mondstrahlen bahnten sich einen Weg durch dichte Wolken, und fielen, zwischen den Regenlinien hingleitend, auf die Kette der Hombori-Berge. Nichts wunderbareres als diese Kämme, die da aussehen, als seien sie aus Basalt; sie zeichneten sich in phantastischen Silhouetten am dunklen Himmel ab; man hätte sie für die sagenhaften Ruinen einer großen Stadt des Mittelalters ansehen können, und dann wieder erschienen sie wie Eisschollenberge im Polarmeer beim Düster der Nacht.

»Das ist eine Stätte der Geheimnisse Udolfo’s, bemerkte der Doctor; Ann Radcliff hätte diese Berge nicht schauerlicher schildern können!

– Wahrhaftig, betheuerte Joe, ich möchte Abends nicht gern allein in diesem gespensterhaften Lande herumspazieren; wenn sie nicht so schwer wäre, möchte ich wohl die ganze Landschaft mit nach Schottland nehmen, sie würde sich an den Ufern des Lomond-Sees ganz ausgezeichnet machen, und die Touristen würden in Menge hinströmen.

– Unser Ballon ist leider nicht groß genug, um Dir dies Vergnügen zu machen. Aber es kommt mir vor, als ändere sich unsere Richtung. Gut! Die Kobolde hier scheinen sehr liebenswürdig! sie wehen uns einen kleinen Südostwind zu, der uns besser weiter führen wird.«

Wirklich schlug der Victoria eine mehr nördliche Bahn ein, und am 20. Morgens schwebte er über einem unentwirrbaren Netz von Kanälen, Strömen, Flüssen, die Verwickelung der Niger-Zuflüsse hinweg. Mehrere dieser Canäle, die mit dichtem Grase bedeckt waren, glichen fetten Weiden. Hier fand Fergusson die Straße Barth’s wieder; dieser hatte sich hier auf dem Flusse eingeschifft, um ihn bis Timbuktu hinunterzufahren. Der Niger floß hier, achthundert Toisen breit, zwischen zwei, an Cruciferen und Tamarinden reichen Ufern dahin; Gazellenheerden, die sich hier tummelten, bogen ihre geringelten Hörner in das hohe Gras, in welchem der Alligator schweigend auf sie lauerte.

Lange Reihen von Eseln und Kameelen, mit Waaren aus Dschenna beladen, standen im Schatten der schönen Bäume. Bald erschien ein Amphitheater niedriger Häuser an einer Wendung des Flusses; auf den Dächern und Terrassen war das, in den umliegenden Landstrichen gesammelte Futter aufgehäuft.

»Da ist Kabra, rief freudig der Doctor, der Hafen von Timbuktu; die Stadt ist nicht fünf Meilen von hier entfernt!

– Sind Sie zufrieden, Herr Fergusson? fragte Joe.

– Entzückt, mein Junge!

– Gut, Alles geht ausgezeichnet.«

In der That entfaltete sich nach zwei Stunden die Königin der Wüste, das geheimnißvolle Timbuktu, vor den Augen unserer Reisenden. Es hatte einst wie Athen und Rom seine Gelehrten-Schulen und Lehrstühle der Philosophie.

Fergusson verglich Alles bis auf’s Kleinste mit dem, von Barth selbst gezeichneten Plan, und erkannte, daß dieser äußerst genau war.

Die Stadt bildet ein großes, in eine weite Sandebene eingeschobenes Dreieck; die Spitze desselben zeigt nach Norden und schneidet einen Winkel aus der Wüste heraus; kaum kommen hier einige Grasarten, zwerghafte Mimosen und verkrüppelte Sträucher fort.

Was die Physiognomie von Timbuktu anbetrifft, so stelle man sich einen Haufen Billardkugeln vor; dies der Eindruck, den der Anblick der Stadt aus der Vogelperspective gewährt. Die Straßen sind ziemlich eng und werden theils von Häusern aus gebrannten Backsteinen theils aus viereckigen Stroh- und Rohrhütten gebildet. Auf den Terrassen sieht man ab und zu Einwohner in ihrer farbenglänzenden Tracht nachlässig hingestreckt, mit der Lanze oder Muskete in der Hand. Frauen ließen sich um diese Tageszeit noch nicht blicken.

»Sie gelten jedoch für schön, bemerkte der Doctor. Ihr seht die drei Thürme der Moscheen, sie sind allein von einer großen Zahl übriggeblieben. Die Stadt hat viel von ihrem alten Glanze eingebüßt! Am Gipfelpunkte des Dreiecks erhebt sich die Moschee Sankore mit ihren Galerien, die von Arcaden von ziemlich reiner Zeichnung getragen werden. Weiter hin in dem Viertel von Sane-Gungu die Moschee Sidi-Dahia und einige zweistöckige Häuser. Suchet nicht nach Palästen und Monumenten; der Scheik ist ein einfacher Handelsmann und seine königliche Wohnung ein Comptoir.

– Es kommt mir vor, als sähe ich halb zerstörte Wälle, sagte Kennedy.

– Sie sind im Jahre 1826 von den Fullannes niedergeworfen worden. Bis dahin war die Stadt um ein Drittel größer, denn Timbuktu hat, als allgemein begehrt, vom XI. Jahrhundert nach einander den Tuaregs, den Sonrayern, den Marokkanern und den Fullannes gehört; und dies große Centrum der Civilisation, in welchem ein Gelehrter wie Achmed-Baba im XIV. Jahrhundert eine Bibliothek von sechzehnhundert Manuscripten besaß, ist jetzt nur noch ein Stapelplatz Central-Afrika’s.«

Die Stadt schien gegenwärtig wirklich großer Vernachlässigung preisgegeben; sie verrieth die epidemische Liederlichkeit der Städte, welche dem Verfall entgegengehen. Ungeheure Schutthaufen thürmten sich in den Vorstädten auf und bildeten nebst einem auf dem Markt befindlichen Hügel die einzigen Unebenheiten des Terrains.

Beim Vorüberziehen des Victoria entstand einige Bewegung; die Trommeln wurden gerührt; aber kaum hatte wohl irgend ein Gelehrter des Ortes Zeit, die wunderbare Naturerscheinung zu beobachten; denn die Reisenden, von dem Wüstenwinde schnell weitergetrieben, verfolgten wieder den gewundenen Lauf des Flusses, und bald war Timbuktu nur noch eine der kurzen Erinnerungen ihrer Reise.

»Und jetzt«, sprach der Doctor, »führe uns der Himmel, wohin er will!«

»Wenn nur nach Westen«, fügte Kennedy hinzu.

»Bah!« meinte Joe, »handelte es sich auch darum, auf demselben Wege wieder nach Zanzibar zurückzukehren und den Ocean bis nach Amerika zu überfahren, ich würde kaum davor zurückschrecken.«

»Das müßte man in erster Linie können, Joe.«

»Und weshalb könnten wir’s nicht?«

»Wir würden kein Gas dazu haben, mein Junge; die emportreibende Kraft des Ballons vermindert sich merklich, und wir werden sehr damit sparen müssen, damit der Victoria uns noch bis zur Küste trägt. Wir werden sogar gezwungen sein, noch Ballast auszuwerfen. Unsere Last ist zu schwer.

»Das kommt vom Nichtsthun, Herr Doctor! Wenn man den ganzen Tag über in seiner Hängematte ausgestreckt liegt, wie ein Faullenzer, so ist nichts natürlicher, als daß man Fett ansetzt und schwer wird. Wir führen ja auf unserer Reise ein complettes Schlaraffenleben; wenn wir nach Hause zurückkehren, wird man uns erschrecklich dick und fett geworden finden.«

»Diese Gedanken sind eines Joe würdig, äußerte der Jäger; aber warte nur das Ende ab, man weiß nicht, was der Himmel uns vorbehalten hat; das Ziel unserer Reise ist noch weit entfernt. Wo glaubst Du, die afrikanische Küste zu erreichen, Samuel?«

»Ich wäre in Verlegenheit, wenn ich Dir darauf anworten sollte, Dick. Wir sind sehr veränderlichen Winden ausgesetzt. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn wir zwischen Sierra Leona und Portendik landen könnten; dort liegt eine gewisse Landstrecke, auf der wir Freunde finden würden.«

»Und dies Vergnügen dann, ihnen die Hand zu drücken! Aber folgen wir gegenwärtig wenigstens der gewünschten Richtung?«

»Nicht genau, Dick; sieh die Magnetnadel; wir halten nach dem Süden zu und gehen zu den Quellen des Niger hinauf.«

»Eine famose Gelegenheit, sie zu entdecken, fiel Joe schnell ein; im Fall sie nämlich noch unbekannt wären. Könnte man nicht vielleicht noch andere finden?«

»Nein, Joe, aber sei unbesorgt, ich hoffe, nicht ganz so weit zu kommen.«

Bei sinkender Nacht warf der Doctor die letzten Ballastsäcke aus; der Victoria stieg wieder, aber das Knallgasgebläse konnte ihn, obgleich es mit voller Flamme arbeitete, kaum oben halten; man befand sich nunmehr sechzig Meilen südlich von Timbuktu, und am andern Morgen erwachten die Reisenden am Ufer des Niger, nicht weit vom Debo-See.

Viertes Capitel

Viertes Capitel

Erforschungsreisen in Afrika. – Barth, Richardson, Overweg, Werne, Brun-Rolle, Peney, Andrea Debono, Miani, Guillaume Lejean, Bruce, Krapf und Rebmann, Maizan, Roscher, Burton und Speke.

Die Luftlinie, welcher der Doctor Fergusson zu folgen gedachte, war nicht auf’s Gerathewohl gewählt worden. In Bezug auf den Anfangspunkt seiner Reise hatte er tiefgehende Studien gemacht und nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, von der Insel Zanzibar aufzusteigen. Dieselbe liegt an der Ostküste von Afrika, unter dem 6.° südlicher Breite, d. h. gegen vierhundert und dreißig geographische Meilen südlich vom Aequator. Von hier aus war soeben die letzte Expedition aufgebrochen, welche über die großen Seen zur Entdeckung der Nilquellen abgesandt war.

Es dürfte jedoch an der Zeit sein, hier die Forschungsreisen, welche Doctor Fergusson mit einander zu verknüpfen gedachte, näher zu beleuchten. Die beiden hauptsächlichsten derselben waren die des Doctor Barth im Jahre 1849 und ferner diejenige der Lieutenants Burton und Speke im Jahre 1858.

Doctor Barth, aus Hamburg gebürtig, erhielt für seinen Landsmann Overweg und sich die Erlaubniß, die Expedition des Engländers Richardson begleiten zu dürfen, der mit einer Sendung nach dem Sudan betraut war. Dieses ausgedehnte Land liegt zwischen dem 15. und 10.° nördlicher Breite, d.h. wenn man dorthin gelangen will, muß man über fünfzehnhundert Meilen weit in das Innere Afrika’s dringen.

Bis zu jener Zeit kannte man diese Länderstrecke nur durch die Reisen Denham’s, Clapperton’s und Oudney’s in den Jahren 1822 bis 1824. Richardson, Barth und Overweg gelangen in ihrem Eifer, die Nachforschungen weiter auszudehnen, nach Tunis und Tripoli, wie auch ihre Vorgänger, und schlagen sich bis Mursuk, der Hauptstadt von Fezzan, durch.

Dann verlassen sie die senkrechte Linie und biegen unter der Führung der Tuaregs westlich, in der Richtung nach Ghat ein, nicht ohne mannigfache Schwierigkeiten zu überwinden. Ihre Karawane kommt, nachdem sie vielfache Plünderungen, verschiedene Angriffe von bewaffneter Hand und tausenderlei andere Belästigungen erlitten hat, im Oktober bei der großen Oase von Asben an. Doctor Barth trennt sich hier von seinen Gefährten, um einen Abstecher nach der Stadt Agades zu machen, und schließt sich dann der Expedition, die am 12. December weiter marschirt, von Neuem an. In der Provinz von Damerghu trennen sich die drei Reisenden, und Barth schlägt die Straße nach Kano ein, wo er nach langem geduldigem Ausharren und bedeutenden Geldopfern endlich anlangt.

Trotzdem er an einem heftigen Fieber leidet, verläßt er am 7. März in Begleitung eines einzigen Bedienten die Stadt. Der Hauptzweck seiner Reise ist, den Tschad-See zu recognosciren, von dem er bis jetzt noch dreihundert und fünfzig Meilen entfernt ist. Er schreitet also östlich vor und erreicht den eigentlichen Kern des großen Reiches von Central-Afrika, die Stadt Suricolo in Bornu. Hier erfährt er die Nachricht von dem Tode Richardson’s, der den Strapazen und Entbehrungen erlegen ist. Barth setzt seine Reise fort, und kommt nach drei Wochen, am 14. April, also ein Jahr und vierzehn Tage nach seiner Abreise von Tripoli, in der Stadt Ngornu an.

Am 29. März 1851 finden wir ihn mit Overweg wieder auf der Reise, um dem Königreich Adamaua im Süden des See’s einen Besuch abzustatten; er gelangt bis zur Stadt Nola, etwas unter dem 9. Grad nördlicher Breite: die äußerste Grenze im Süden, die von diesem kühnen Reisenden erreicht worden ist.

Im Monat August kehrt er nach Kuka zurück, durchreist sodann Mandara, Barghimi, Kanem und erreicht als äußerste Grenze gegen Osten die Stadt Masena, unter 17°20′ westlicher Länge gelegen. [Fußnote]

Nach dem Tode Overweg’s, seines letzten Begleiters, schlägt er sich am 25. November 1852 nach Westen, besucht Sockoto, überschreitet den Niger und kommt endlich in Timbuctu an, wo er in der schlechtesten Behandlung und in großem Elend acht lange Monate, unter den Quälereien des Scheiks, schmachten muß. Aber die Anwesenheit eines Christen in der Stadt wird nicht länger geduldet; die Fullannes drohen mit einer Belagerung. Der Doctor verläßt also Timbuctu am 17. März 1854, flüchtet an die Grenze, wo er dreiunddreißig Tage in der vollständigsten Hilflosigkeit zu verweilen gezwungen ist, kehrt im November nach Kano zurück und begiebt sich wieder nach Kuka, von wo er nach einer viermonatlichen Rast die Straße Denham’s weiter verfolgt. Gegen Ende August 1855 sieht er Tripoli wieder und erscheint, der einzige von der Expedition übriggebliebene, am sechsten September in London.

Dies war die kühne Reise Barth’s, in Bezug auf welche Doctor Fergusson sich sorgfältigst notirte, daß er über den 4.° nördl. Breite und den 17.° westlicher Länge nicht hinausgekommen sei.

Vergegenwärtigen wir uns nunmehr, was die Lieutenants Burton und Speke in Ostafrika ausrichteten.

Die verschiedenen Expeditionen, welche am Nil aufwärts gegangen waren, hatten niemals vermocht, bis an die geheimnißvollen Quellen des Flusses zu gelangen. Nach dem Bericht des deutschen Arztes Ferdinand Werne machte die im Jahre 1840 unter den Auspicien Mehemet-Ali’s unternommene Expedition in Gondokoro zwischen dem 4. und 5.° nördl. Parallelkreise Halt.

Im Jahre 1855 brach Brun-Rollet, aus Savoyen gebürtig (zum Consul von Sardinien im östlichen Sudan ernannt, um Bauden, der dort seinen Tod gefunden hatte, zu ersetzen), von Chartum auf, gelangte mit Gummi und Elfenbein handelnd, nach Belenia bis über den 4. Grad hinaus, und kehrte krank von da nach Chartum zurück, wo er im Jahre 1857 starb.

Weder Dr. Peney, Chef des Medicinal-Wesens in Aegypten, welcher auf einem kleinen Dampfboot einen Grad unterhalb Gondokoro erreichte und nach seiner Rückkehr vor Erschöpfung in Chartum starb, – noch der Venetianer Miani, der, um die unterhalb Gondokoro gelegenen Katarakten biegend, den zweiten Parallelkreis erreichte, – noch auch der Malteser Kaufmann Andrea Debono, welcher seine Excursion an dem Nil noch weiter fortsetzte, – konnten über diese bisher unüberschrittene Grenze hinauskommen.

Im Jahre 1859 begab sich Herr Guillaume Lejean im Auftrage der französischen Regierung über das Rothe Meer nach Chartum und schiffte sich mit einundzwanzig Mann Schiffsvolk und zwanzig Soldaten auf dem Nil ein; aber er konnte nicht über Gondokoro hinauskommen und hatte die größten Gefahren inmitten der aufrührerischen Negerhorden zu bestehen. Die von Herrn d’Escayrac von Lauture geleitete Expedition suchte gleichfalls vergeblich, an die berüchtigten Quellen zu gelangen.

Aber vor diesem verhangnißvollen Ziel machten die Reisenden noch immer Halt; die Abgesandten Nero’s hatten vor Zeiten den 9. Breitegrad erreicht; man kam also in achtzehn Jahrhunderten nur um 5 oder 7 Grade, d. h. um dreihundert bis dreihundertundsechzig geographische Meilen weiter.

Mehrere Reisende versuchten, zu den Nilquellen zu gelangen, indem sie von einem Punkte auf der Ostküste Afrika’s ihre Reise antraten.

In den Jahren 1768 bis 1772 reiste der Schotte Bruc von Massauah, dem Hafen Abessiniens, ab, durchzog Tigre, besuchte die Ruinen von Arum, glaubte irrthümlich die Nilquellen gefunden zu haben, und brachte kein nennenswerthes Ergebniß von seiner Reise mit.

Im Jahre 1844 gründete der Doctor Krapf, Missionär der anglicanischen Kirche, eine Niederlassung zu Mombas auf der Küste von Zanzibar und entdeckte, in Gesellschaft des Geistlichen Rebmann, dreihundert Meilen weit von der Küste zwei Berge, den Kilimandscharo und den Kenia, welche die Herren von Heuglin und Thornton kürzlich theilweise erstiegen haben.

Im Jahre 1845 stieg der Franzose Maizan in Bagamayo, Zanzibar gegenüber, an’s Land und gelangte nach Deje-la-Mhora, wo ein Häuptling ihn unter den grausamsten Martern hinrichten ließ.

Im Monat August des Jahres 1859 erreichte der jugendliche Reisende Roscher aus Hamburg, der sich mit einer Karawane arabischer Kaufleute auf den Weg gemacht hatte, den Niassa-See, wo er im Schlaf ermordet wurde.

Endlich wurden im Jahre 1857 die Lieutenants Burton und Speke, beide Officiere im bengalischen Heere, von der Geographischen Gesellschaft zu London ausgesandt, um die großen Binnenseen zu erforschen; am 17. Juni verließen sie Zanzibar und drangen geraden Wegs nach Westen vor.

Nach viermonatlichen, unerhörten Leiden langten sie, ihres Gepäcks beraubt, ohne ihre Träger, die der Wuth der Eingebornen zum Opfer gefallen waren, in Kaseh, dem Centralvereinigungspunkt der Kaufleute und Karawanen an, sie waren mitten im Mondlande und sammelten werthvolle Belehrungen über die Sitten und Gebräuche, die Regierung, die Religion und die Fauna und Flora des dortigen Gebiets; dann steuerten sie auf den ersten der großen Binnenseen, den Tanganyika zu, der zwischen dem 3. und 8.° südlicher Breite gelegen ist; sie langten daselbst am 14. Februar 1858 an und besuchten die verschiedenen, meist kannibalischen Völkerschaften, die seine Ufer bewohnten. Am 26. Mai traten sie den Rückweg an, und zogen am 20. Juni wieder in Kaseh ein. Dort mußte der vor Erschöpfung erkrankte Burton mehrere Monate liegen bleiben; unterdessen machte Speke einen Abstecher von über dreihundert Meilen gegen Norden nach dem Ukerewe-See, den er am 3. August bemerkte; es war ihm jedoch nur möglich, den Anfang desselben unter 2° 31′ Br. zu besichtigen.

Am 25. August war er nach Kaseh zurückgekehrt und schlug in Gemeinschaft mit Burton wieder den Weg nach Zanzibar ein, wo sie im März des folgenden Jahres wieder eintrafen. Die beiden kühnen Reisenden kehrten nun nach England zurück, und die Geographische Gesellschaft zu London erkannte ihnen den Jahrespreis zu.

Doctor Fergusson merkte sorgfältig an, daß sie weder den 2. Grad südlicher Breite, noch den 29. Grad östlicher Länge überschritten hatten.

Es kam also darauf an, die Entdeckungsreisen Burton’s und Speke’s mit denen des Dr. Barth zu vereinigen, und dazu war es nothwendig, eine Länderstrecke von über zwölf Graden zu überschreiten.

Vierzigstes Capitel

Vierzigstes Capitel

Besorgnisse des Doctor Fergusson. – Beharrliche Richtung nach Süden. – Eine Wolke von Heuschrecken. – Ansicht von Dschenna. – Ansicht von Sego. – Windveränderung. – Joe’s Bedauern.

Der Fluß theilte sich nun durch große Inseln in schmale Adern, die in sehr rascher Strömung dahinflossen. Auf einem der Eilande erhoben sich mehrere Schäferhütten, aber es war unmöglich, ihre Lage genau zu bestimmen, denn die Schnelligkeit des Victoria nahm fortwährend zu. Leider wandte er sich noch mehr südlich und überschritt in wenigen Augenblicken den Debo-See.

Fergusson suchte in verschiedenen Zonen nach anderen atmosphärischen Strömungen, indem er das Gas bis auf’s Aeußerste ausdehnte, aber vergebens. Er gab auch bald dieses Experiment auf, da es den Verlust des Gases, das hierdurch gegen die abgenutzten Wände des Luftschiffes gedrängt wurde, nur beschleunigte.

Der Doctor schwieg, aber wurde sehr besorgt; dieser eigensinnige Wind, der ihn durchaus nach dem Süden Afrika’s treiben wollte, machte all‘ seine Berechnungen zu Schanden; er wußte nicht mehr, auf wen oder auf was er zählen konnte. Wie würde es ihnen ergehen, wenn sie anstatt auf die englischen und französischen Besitzungen, mitten unter die Barbaren der Küste von Guinea geriethen? Wie konnte er dort auf ein Schiff warten, das ihn nach England zurückbringen sollte? Die jetzige Windrichtung jagte ihn auf das Königreich Dahomey zu, unter die wildesten Völkerschaften und in die Gewalt eines Königs, der bei öffentlichen Festen Tausende von Menschenopfern hinschlachten ließ!

Andererseits wurde der Ballon matter und matter, und der Doctor fühlte, daß er nicht mehr viel von seinen Diensten zu erwarten hatte. Da indessen das Wetterglas etwas stieg, gab er sich der Hoffnung hin, daß das Ende des Regens eine Aenderung in den atmosphärischen Strömungen herbeiführen würde.

Bald jedoch wurde er durch folgende Betrachtung Joe’s zu der richtigen Auffassung seiner Lage zurückgeführt:

»Gut! begann dieser, der Regen wird sich noch verdoppeln, und diesmal werden wir von einer wahren Sündfluth übergossen, wenn ich nach jener Wolke dort schließen darf.

– Noch eine Wolke! seufzte Fergusson.

– Und eine tüchtige! fügte Kennedy hinzu.

– So eine habe ich allerdings noch nie gesehen, versetzte Joe, sie sieht aus wie eine Masse Gräten, die auf eine Schnur gezogen sind.

– Ich athme wieder auf, rief der Doctor, als er sein Fernglas absetzte. Es ist keine Wolke.

– Was denn? fragte Joe erstaunt.

– Ein Heuschreckenschwarm, der wie eine Wetterwolke vorüberzieht!

– Das sollen Heuschrecken sein?

– Milliarden von Heuschrecken. Wehe dem Lande, auf das sie sich herniederlassen, es wird zu einer Wüste!

– Das möchte ich wohl mit ansehen.

– Warte noch ein wenig, Joe; in zehn Minuten etwa wird diese Wolke uns erreicht haben, dann kannst Du aus eigener Anschauung urtheilen.

Fergusson hatte Recht; das dichte, dunkle Gewölk von mehreren Meilen im Umfange kam mit einem betäubenden Geräusch heran, indem es seinen ungeheuren Schatten auf die Erdoberfläche warf, und eine zahllose Menge jener Heuschrecken, die man Schnarrheuschrecken (Acridium) nennt, ließ sich ungefähr hundert Schritte vom Victoria auf einem frischgrünen Felde nieder. Eine Viertelstunde später flog die Masse weiter, und die Reisenden konnten noch aus der Ferne wahrnehmen, daß die Bäume und Büsche nun ganz kahl, die Wiesen wie abgemäht waren. Es schien, als hätte ein plötzlicher Winter der Landschaft all‘ ihre Reize genommen.

»Nun, Joe?

– Nun, Herr Doctor, es war sehr interessant, aber doch auch sehr natürlich. Was eine Heuschrecke im Kleinen thun würde, führen Milliarden im Großen aus.

– Es ist ein furchtbarer Regen, und viel verheerender als das heftigste Hagelwetter«, bemerkte der Jäger.

– Und es giebt kein Mittel, sich davor zu schützen, fügte Fergusson hinzu; bisweilen haben die Bewohner des Landes daran gedacht, Wälder, ja sogar Erntefelder in Brand zu stecken, um den Flug dieser Insecten aufzuhalten, aber die ersten Reihen stürzten sich in die Flammen, verlöschten und erstickten sie durch ihre Masse, und die übrige Schaar zog dann siegreich weiter. Glücklicher Weise bieten sie selber in diesen Gegenden eine Art Ersatz für ihre Verwüstungen; die Eingeborenen sammeln die Thiere in Mengen und verzehren sie mit großem Wohlbehagen.

– Es sind die Flohkrebse der Luft,« meinte Joe, der sehr bedauerte, daß er sie »zu seiner Belehrung« nicht hatte kosten können.

Gegen Abend wurde das Land sumpfiger; die Wälder machten einzelnen Baumgruppen Platz, an den Ufern des Flusses zeigten sich hie und da Tabakpflanzungen und Brüche mit fetten Futterkräutern. Auf einer großen Insel erschien die Stadt Dschenna mit den beiden Thürmen ihrer aus Erde erbauten Moschee; es verbreitete sich ein pestilenzialischer Geruch, der aus Millionen von Schwalbennestern hervordrang, die an den Mauern klebten. Einige Wipfel von Baobabs, Mimosen und Dattelpalmen ragten zwischen den Häusern empor; selbst in der Nacht schien hier große Thätigkeit zu herrschen. Dschenna treibt einen starken Handel; es versieht Timbuktu mit Allem, was es bedarf; seine Barken bringen auf dem Flusse, und seine Karawanen auf beschatteten Wegen die verschiedenartigsten, industriellen Erzeugnisse dorthin.

»Wenn dadurch nicht eine Verlängerung unserer Reise herbeigeführt wäre, sagte der Doctor, hätte ich wohl in diese Stadt hinabsteigen mögen; es hält sich hier gewiß mancher Araber auf, der in Frankreich oder England gereist, und dem unsere Weise der Locomotion nicht unbekannt ist. Unter den gegebenen Verhältnissen wäre dies aber unvorsichtig gewesen.

– Wir wollen diesen Besuch auf unsere nächste Excursion verschieben, rief Joe lachend.

– Wenn ich mich übrigens nicht täusche, meine Freunde, zeigt der Wind eine kleine Neigung, aus Osten zu blasen. Solche Gelegenheit dürfen wir nicht unbenutzt vorübergehen lassen.«

Der Doctor schleuderte einige überflüssig gewordene Gegenstände, leere Flaschen und eine Fleischkiste, die nicht mehr gebraucht wurde, aus der Gondel, und es gelang ihm, den Victoria in einer Zone zu halten, die seinen Plänen günstig war. Um vier Uhr Morgens beleuchteten die ersten Sonnenstrahlen Sego, die Hauptstadt von Bambarra, eine Stadt, die dadurch kenntlich ist, daß sie aus vier einzelnen Städten besteht. Die Reisenden konnten nur im Fluge die maurischen Moscheen und das rege Kommen und Gehen der Fähren, welche die Einwohner nach den verschiedenen Stadtvierteln bringen, gewahren; der Südostwind trieb sie zu schnell vorüber, um ihnen einen genaueren Einblick in die Stadt zu gewähren, und so zogen sie schnell, ohne zu sehen oder gesehen zu werden, vorüber. Die Besorgnisse des Doctors schwanden nach und nach.

»Noch zwei Tage so rasch in dieser Richtung weiter, und wir können den Senegal erreichen.

– Dann sind wir in befreundeten Landstrichen? fragte der Jäger.

– Noch nicht ganz; wenn der Victoria uns aber im Stich lassen sollte, könnten wir dann zu französischen Niederlassungen gelangen. Ach, möchte er doch noch einige hundert Meilen aushalten, dann kämen wir ohne Strapazen, ohne Befürchtungen und ohne Fährlichkeiten bis zur Westküste.

– Und dann ist der Scherz zu Ende, meinte Joe. Wenn es nicht um das Vergnügen des Erzählens wäre, möchte ich nie wieder den Fuß auf festes Land setzen. Meinen Sie, daß man uns Glauben schenken wird, Herr Doctor?

– Wer weiß, mein lieber Joe? Schließlich wird doch die eine Thatsache sich nicht wegleugnen lassen; tausend Zeugen haben mit angesehen, wie wir auf der einen Seite Afrika’s abgereist sind, und tausend Zeugen werden uns auf der andern Seite ankommen sehen.

– In diesem Fall scheint mir die Behauptung, wir hätten die Fahrt über Afrika nicht gemacht, unmöglich, fügte Kennedy hinzu.

– Ach, Herr Samuel, versetzte Joe mit einem schweren Seufzer, ich werde noch mehr als ein Mal den Verlust meiner Kieselsteine von massivem Golde bedauern! Das hätte erst unsern Aussagen Gewicht, und unsern Erzählungen Wahrscheinlichkeit gegeben. Jeder Gramm Goldes hätte mir eine Menge Zuhörer verschafft, die meine Erzählungen angestaunt und mich bewundert hätten.«