Einunddreißigstes Capitel

Einunddreißigstes Capitel

Nächtliche Abreise. – Alle drei. – Kennedy’s Instinct. – Vorsichtsmaßregeln. – Der Lauf des Shari. – Der Tschad-See. – Das Wasser des Sees. – Das Nilpferd. – Eine nutzlos verschossene Kugel.

Gegen drei Uhr Morgens sah Joe, der die Wache hatte, endlich, wie die Stadt unter ihnen zurückblieb, und bemerkte so, daß der Victoria seine Fahrt wieder aufnahm. Kennedy und der Doctor erwachten.

Der Letztere sah nach dem Compaß, und nahm mit Befriedigung wahr, daß der Wind das Luftschiff nach Nord-Nord-Osten trug.

»Wir haben heute Glück, Alles gelingt uns; noch heute werden wir wahrscheinlich den Tschad-See entdecken,« theilte Fergusson seinen Gefährten mit.

»Hat er eine bedeutende Ausdehnung?« fragte Kennedy.

»Freilich, mein lieber Dick; in seiner größten Länge und Breite mag dieses Wasser immerhin hundertundzwanzig Meilen messen.«

»Es muß ganz amüsant sein, über einem Wasserteppich spazieren zu fahren; das wird ein wenig Abwechslung in unsere Reise bringen.«

»Nun, ich dächte, wir hätten uns nicht zu beklagen; haben wir doch an Abwechslung keinen Mangel, und schreiten unter den bestmöglichen Bedingungen vor.«

»Gewiß, Samuel; von den Entbehrungen in der Wüste abgesehen, hat uns noch keine ernstliche Gefahr bedroht.«

»Unser wackerer Victoria hat sich ganz vorzüglich bewährt. Heute haben wir den 12. Mai; am 18. April sind wir aufgebrochen, folglich sind wir jetzt fünfundzwanzig Tage unterwegs. Noch etwa zehn Tage, und wir können am Ziele angelangt sein.«

»Wo glaubst Du, daß wir eintreffen werden?«

»Ich weiß es nicht, auch kommt nicht viel darauf an.«

»Du hast Recht, Samuel; überlassen wir der Vorsehung die Sorge, den Ballon zu lenken und uns gesund zu erhalten, wie bisher! Wir sehen nicht gerade aus, als hätten wir pestilentialische Länder durchreist.«

»Wir konnten uns über sie erheben, und das haben wir gethan.«

»Es leben die Luftreisen!« jubelte Joe; »hier sind wir nun nach fünfundzwanzig Reise-Tagen, wohlbehalten, gut restaurirt, und trefflich, vielleicht etwas zu sehr, ausgeruht, denn meine Beine fangen an einzuschlafen, und ich würde gern wieder einmal einige dreißig Meilen laufen.«

»Dies Vergnügen kannst Du Dir später in den Straßen von London machen, Joe, aber für jetzt wollen wir uns so viel wie möglich bei einander halten. Wir sind zu dreien gereist, wie Denham, Clapperton und Overweg, und wie später Barth, Richardson und Vogel, aber glücklicher als unsere Vorgänger, befinden wir uns noch alle drei zusammen. Es ist sehr wichtig, daß wir uns nicht trennen; wenn in der Zeit, die einer von uns auf festem Boden verbringt, der Victoria sich, um einer plötzlichen, unvorhergesehenen Gefahr zu entrinnen, in die Lüfte erheben müßte, wer weiß, ob wir uns je wieder zusammenfinden würden? Deshalb hege ich auch immer eine gewisse Sorge, wenn Du, Kennedy, Dich von uns entfernst, um zu jagen. Ich muß gestehen, daß ich das nicht gern habe.«

»Trotzdem wirst Du mir wohl gestatten müssen, dieser Passion auch fernerhin zu fröhnen, Freund Samuel; auch bedürfen unsere Vorräthe einer Erneuerung, und – hast Du mir vor unserer Abreise nicht eine Reihe herrlicher Jagden in Aussicht gestellt? Bis jetzt habe ich noch wenig auf der Bahn eines Anderson und eines Cumming geleistet.«

»Nun, lieber Dick, Dein Gedächtniß scheint in dieser Beziehung äußerst kurz zu sein, oder veranlaßt Dich Bescheidenheit, Deine Heldenthaten so schnell zu vergessen? Meines Wissens hast Du, des niedern Wildes nicht zu gedenken, bereits einer Antilope, einem Elephanten und zwei Löwen den Garaus gemacht.«

»Ach, was will das für einen Jäger in Afrika sagen, an dem alle Thiere der Schöpfung schußgerecht vorüberziehen? Sieh doch, sieh doch dieses Rudel Giraffen!«

»Wie, das sollen Giraffen sein? Sie sind ja kaum faustdick!« rief Joe erstaunt.

»Das scheint Dir so, weil Du tausend Fuß über ihnen bist; in der Nähe würdest Du sehen, daß sie drei Mal höher sind, als Du.«

»Und was sagst Du zu dieser Gazellenherde und zu jenen Straußen, die eben so schnell wie der Wind davonlaufen?« hub Kennedy wieder an.

»Strauße!« höhnte Joe; »Hennen sind’s, nichts weiter als Hennen!«

»Können wir ihnen nicht etwas näherkommen, Samuel?«

»Das wohl, aber nicht aussteigen; wozu nützt es auch, diese Thiere, die Dir keinen Nutzen bringen können, zu erlegen? Wenn es sich darum handelte, einen Löwen, eine Tigerkatze oder eine Hyäne zu vertilgen, würde ich Deinen Eifer begreiflich finden; damit wäre ein reißendes Raubthier vernichtet. Aber eine Antilope oder Gazelle ohne andern Zweck als die eitle Befriedigung Deines Jägergelüstes zu tödten, lohnt doch wirklich nicht der Mühe. Wir wollen uns jedoch hundert Fuß vom Erdboden halten, und wenn Du ein wildes Thier siehst, kannst Du ihm zu unserer Unterhaltung eine Kugel in’s Herz senden.«

Der Victoria fiel allmälig, hielt sich jedoch noch immer in beruhigender Höhe. In dieser wilden, sehr bevölkerten Gegend mußte man gegen unerwartete Gefahren auf der Hut sein.

Die Reisenden folgten nun geraden Wegs dem Laufe des Shari; die reizenden Ufer dieses Flusses verschwanden unter dem Schatten der mannigfaltigsten Bäume; Lianen und Schlingpflanzen wanden sich überall um die stärkern Stämme und Zweige, und brachten ein wunderbares Gemisch von Laub und Farben hervor. Die Krokodile tummelten sich im Sonnenschein, tauchten mit der Behendigkeit flinker Eidechsen unter das Wasser und landeten spielend an den zahlreichen, grünen Inseln, die den Lauf des Flusses unterbrachen.

So zog in reicher, von üppigem Grün überwucherter Natur der District Maffatay an den Reisenden vorüber, und gegen neun Uhr Morgens erreichten sie endlich das südliche Ufer des Tschad-Sees.

Dies war also das Caspische Meer Afrika’s, dessen Existenz so lange Zeit in das Bereich der Fabel verwiesen wurde; dies das Binnenmeer, bis zu welchem nur die Expeditionen Denham’s und Barth’s vorgedrungen waren.

Der Doctor versuchte die gegenwärtige Gestaltung des Sees, die sich sehr von der im Jahre 1847 beobachteten Configuration unterschied, zu fixiren, aber eine Karte von dem Tschad-See zu zeichnen ist eine Unmöglichkeit, da er von schlammigen und fast unübersteiglichen Morästen umgeben ist, in denen Barth einst umzukommen fürchtete. Von einem Jahr zum andern verwandeln sich diese, mit Rohr und Papierstaude bedeckten Sümpfe in Wasser, und vergrößern auf diese Weise den See, oder die, an den Ufern liegenden Städte werden halb versenkt, wie es im Jahre 1856 Ngornu erging; jetzt trieben die Nilpferde und Alligatoren an der nämlichen Stelle ihr plätscherndes Spiel, wo einst die Wohnungen der Bornu gestanden hatten.

Die Sonne goß ihre blendenden Strahlen über die ruhige Fluth, und im Norden schienen Wasser und Feuer an demselben Horizont mit einander zu verschmelzen.

Der Doctor wollte die Beschaffenheit des Wassers, das man lange für salzig gehalten hatte, feststellen, und da man sich ohne Gefahr für die Gondel fast bis auf die Wasserfläche herablassen konnte, näherten sich die Reisenden derselben bis auf etwa fünf Fuß.

Joe ließ nun eine Flasche hinab und zog sie halb gefüllt wieder herauf. Das Wasser aber erwies sich wenig trinkbar, da es einen starken natronartigen Beigeschmack hatte.

Während Fergusson dies Ergebniß seines Versuchs notirte, wurde neben ihm ein Flintenschuß abgefeuert; Kennedy hatte der Versuchung nicht widerstehen können und einem ungeheuren Nilpferd eine Kugel zugesandt; dies jedoch athmete ruhig weiter, und verschwand, nur von dem Geräusche des Schusses verscheucht. Die Spitzkugel des Jägers schien es nicht weiter zu geniren.

»Mit einer Harpune würde man ihm besser beikommen können!« bemerkte der weise Joe.

»Wie meinst Du?«

»Nun, mit einem unserer Anker; das wäre so ein entsprechender Angelhaken für solch‘ Thierchen.«

»Es ist wirklich wahr!« rief Kennedy; »Joe hat wieder einmal einen Gedanken ….«

»Den ich euch bitte, nicht in Ausführung zu bringen!« fiel der Doctor ein; »das Thier würde uns bald dorthin nachschleppen, wohin zu kommen keiner von uns Neigung haben dürfte.«

»Besonders jetzt, wo wir über die Wasserbeschaffenheit des Tschad-Sees im Klaren sind. Kann man denn diesen Fisch essen, Herr Fergusson?«

»Was Du einen Fisch nennst, Joe, ist ganz einfach ein Säugethier von der Gattung der Dickhäuter; sein Fleisch ist übrigens vorzüglich, und bildet einen Haupthandelsgegenstand unter den Völkerschaften, welche die Ufer des Sees bewohnen.«

»Dann bedaure ich sehr, daß Herrn Dick’s Flintenschuß keinen bessern Erfolg gehabt hat.«

»Das Thier ist nur am Bauche und zwischen den Schenkeln verwundbar; Dick’s Kugel hat es‘ nicht einmal geschrammt. Wenn das Terrain mir günstig erscheint, können wir uns jedoch am nördlichen Ufer des Sees aufhalten, dort wird Kennedy eine wahre Menagerie von Thieren vorfinden und sich nach Belieben schadlos halten können.«

»Nun,« schlug Joe vor, »dann mag Herr Dick nur ein Nilpferd auf’s Korn nehmen; ich möchte gar zu gern das Fleisch von diesem Amphibium kosten. Es ist eigentlich nicht natürlich, bis zum Mittelpunkt von Afrika vorgedrungen zu sein, und dabei noch immer von Becassinen und Rebhühnern zu leben wie in England.«

Zweiunddreißigstes Capitel

Zweiunddreißigstes Capitel

Die Hauptstadt von Bornu. – Die Inseln der Biddiomahs. – Die Lämmergeier. – Die Besorgnisse des Doctors. – Seine Vorsichtsmaßregeln. – Ein Angriff hoch in der Luft. – Riß in der Hülle des Ballons. – Der Fall. – Erhabene Aufopferung. – Die Nordküste des Sees.

Der Victoria war seit seiner Ankunft am Tschad- See in eine Strömung gerathen, die mehr nach Westen wehte; einige Wolken mäßigten jetzt die Hitze, man verspürte fast einen kleinen Luftzug über der Wasserstrecke. Aber gegen ein Uhr, als der Ballon über diesen Theil des Sees schräg dahingefahren war, drang er etwa sieben bis acht Meilen in’s Land vor.

Der Doctor, dem zuerst diese Richtung nicht besonders genehm war, dachte nicht mehr daran, sich hierüber zu beklagen, als er Kuka, die berühmte Hauptstadt von Bornu, bemerkte; sie war mit Mauern von Pfeifenthon umgeben, und einige ziemlich kunstlose Moscheen erhoben sich schwerfällig über die arabischen Häuser, die einer Menge Spielwürfel nicht unähnlich sahen. Auf den Höfen der Häuser und den öffentlichen Plätzen wuchsen Palm- und Kautschukbäume, von einem über hundert Fuß breiten Blätterdom gekrönt. Joe machte darauf aufmerksam, daß diese ungeheuren Sonnenschirme im Verhältniß zu der Gluth der Sonnenstrahlen ständen, und zog hieraus für die Vorsehung sehr schmeichelhafte Schlüsse.

Kuka besteht aus zwei verschiedenen Städten, die durch den »Dendal«, einen großen Boulevard von dreihundert Toisen, auf dem sich gerade jetzt Reiter und Fußgänger drängten, von einander getrennt sind. Auf der einen Seite brüstet sich der reiche Stadttheil mit seinen hohen und luftigen Wohnhäusern; auf der andern zieht sich die arme Stadt hin, eine traurige Versammlung niederer, kegelförmiger Hütten, in denen eine dürftige Bevölkerung vegetirt, denn Kuka treibt weder Handel noch Industrie.

Kennedy fand zwischen dieser Stadt mit ihren beiden vollkommen abgegrenzten Theilen, und einem Edinburg, das sich in der Ebene erstreckt, eine gewisse Aehnlichkeit.

Aber kaum konnten die Reisenden dies Alles wahrnehmen, denn sie wurden bei der Beweglichkeit, welche die Luftströmungen dieser Gegend charakterisirt, rasch von einem widrigen Winde erfaßt und etwa vierzig Meilen auf den Tschad-See zurückgeworfen.

Nun bot sich ein neues Schauspiel; sie konnten die zahlreichen, von den Biddiomahs, blutdürstigen, sehr gefürchteten Seeräubern, bewohnten Inseln des Sees übersehen. Diese Wilden, deren Nachbarschaft ebenso gefürchtet wird, wie die der Tuaregs der Sahara, schickten sich an, den Victoria muthig mit Pfeil- und Steinschüssen zu empfangen; aber dieser war bald über die Inseln hinausgekommen, über welche er, wie ein riesengroßer Käfer, hinwegzuflattern schien.

In diesem Augenblick richtete Joe einen Blick auf den Horizont und wandte sich mit den Worten an Kennedy:

»Wahrhaftig, Herr Dick das ist etwas für Sie, der Sie immer von der Jagd träumen, und diesmal wird mein Herr gegen Ihre Flintenschüsse nichts einzuwenden haben.«

»Was giebts denn?«

»Sehen Sie dort diesen Zug großer Vögel, die gerade auf uns zusteuern?«

»Vögel?« rief der Doctor, und griff zu seinem Fernglase.

»Ich sehe sie,« erwiderte Kennedy; »es sind ihrer wenigstens ein Dutzend.«

»Vierzehn, wenn Sie erlauben«, verbesserte Joe.

»Gebe der Himmel, daß sie bösartig genug sind, um nicht den Protest des weichmüthigen Samuel hervorzurufen.«

»Ich werde nichts dagegen haben,« antwortete Fergusson, »wünschte aber, diese Vögel wären weit von uns entfernt.«

»Sie haben Furcht vor diesem Geflügel?« fragte Joe.

»Es sind Lämmergeier der größten Art; und wenn sie uns angreifen ….«

»Nun, wir werden uns zu vertheidigen wissen, und haben ein Arsenal bereit, um sie gebührend zu empfangen. Ich kann mir nicht denken, daß diese Thiere uns wirklich gefährlich werden können.«

»Wer weiß?« warf der Doctor hin.

Zehn Minuten später hatte sich die Schaar bis auf Schußweite genähert; vierzehn Vögel erfüllten die Luft mit ihrem krächzenden Geschrei; sie rückten mehr gereizt als erschreckt durch die Gegenwart des Victoria auf diesen los.

»Wie sie schreien!« begann Joe; »was für ein Lärm! es paßt ihnen wahrscheinlich nicht, daß wir uns in ihr Gebiet wagen, und daß wir uns erlauben, wie sie umherzustiegen.«

»Sie sehen allerdings schrecklich aus,« sagte der Jäger; »und ich würde sie für ziemlich gefährlich halten, wenn sie mit einem Carabiner von Purdey Moore bewaffnet wären.«

»Dergleichen brauchen sie nicht,« versetzte Fergusson, der sehr ernst geworden war.

Die Lämmergeier beschrieben in ihrem Fluge ungeheure Kreise, die sich um den Victoria mehr und mehr verengten. Sie streiften mit phantastischer Geschwindigkeit durch die Luft, indem sie zuweilen mit der Schnelligkeit einer Kugel dahinschossen und ihre Projectionslinie mit einem scharfen, kühnen Winkel abschnitten.

Der Doctor, welcher immer unruhiger wurde, beschloß, sich zu erheben, um dieser gefährlichen Nachbarschaft aus dem Wege zu gehen; er dehnte das Wasserstoffgas des Ballons aus, und dieser stieg alsbald empor. Aber die Lämmergeier stiegen mit ihm und zeigten nicht die geringste Neigung, ihn zu verlassen.

»Sie thun gerade so, als hätten sie es auf uns abgesehen,« bemerkte der Jäger, und lud seinen Carabiner.

Die Vögel näherten sich in der That bis auf eine Entfernung von kaum fünfzig Fuß, und schienen die Waffen Kennedy’s herauszufordern.

»Ich habe eine rasende Lust, auf die Bande zu schießen.«

»Nein, Dick, ja nicht; wir wollen die Thiere nicht ohne Grund wüthend machen. Das hieße, sie zum Angriff reizen.«

»Ich gedenke leicht mit ihnen fertig zu werden.«

»Für dies Mal irrst‘ Du Dich, Dick.«

»Wir haben für jede der Bestien eine Kugel parat.«

»Und wie willst Du sie erreichen, wenn sie sich auf den obern Theil des Ballons stürzen? Stelle Dir vor, daß Du Dich einer Masse Löwen auf dem Lande, oder einer Schaar Haifische im Meer gegenüber befindest. Für Luftschiffer ist unsere Situation gerade ebenso gefährlich.«

»Sprichst Du im Ernst, Samuel?«

»Ja. Dick.«

»Dann wollen mir warten.«

»Gut, halte Dich im Fall eines Angriffs bereit, aber gieb nicht Feuer ohne meinen Befehl.«

Die Vögel thaten sich jetzt in einer geringen Entfernung vom Ballon zusammen; man unterschied deutlich ihre federlosen Kehlen, die sich unter der Anstrengung des Schreiens aufblähten, und ihre knorpeligen, mit bläulichen Fetzen versehenen Kämme, die sich vor Wuth emporrichteten. Die Thiere hatten eine außerordentliche Größe; ihr Körper war über drei Fuß lang, und die untere Seite ihrer weißen Flügel schillerte in der Sonne; man hätte sie geflügelte Haifische nennen können, denn mit diesen hatten sie eine fürchterliche Aehnlichkeit.

»Sie folgen uns,« sagte der Doctor, als er sah, wie sie sich mit dem Ballon erhoben, »und vergebens würden wir noch höher steigen. Ihr Flug würde uns noch überholen.«

»Was sollen wir machen?« fragte Kennedy rathlos.

Der Doctor antwortete nicht.

»Höre, Samuel, versetzte der Jäger, es sind ihrer vierzehn; und wir haben, wenn wir unsre sämmtlichen Waffen benutzen, siebzehn Schüsse zur Disposition. Giebt es denn kein Mittel, sie zu vertilgen oder zu zerstreuen? Ich übernehme eine bestimmte Zahl von ihnen.«

»Ich zweifle nicht an Deiner Geschicklichkeit, Dick; ich betrachte die, welche vor Deinen Carabiner kommen, von vorn herein als geliefert, aber ich wiederhole Dir, so wie sie den obern Ballon angreifen, können wir nichts mehr gegen sie thun; sie werden seine Hülle, die uns in der Luft hält, verletzen und sprengen, und dabei befinden wir uns gegenwärtig dreitausend Fuß hoch!«

In diesem Augenblick schoß einer der wildesten Vögel mit aufgespanntem Schnabel und geöffneten Krallen, zum Beißen und Zerreißen bereit, auf den Victoria los.

»Feuer! Feuer!« rief der Doctor, und kaum waren die Worte von seinen Lippen, als der Vogel, zum Tode getroffen, wirbelnd in die Tiefe herabsank.

Kennedy hatte eine der doppelläufigen Flinten ergriffen, Joe legte die andere an.

Durch den Knall erschreckt, entfernten sich die Lämmergeier für einen Augenblick, aber fast unmittelbar darauf kehrten sie zu einem neuen Angriff zurück. Kennedy zerschmetterte mit einer Kugel den Hals des nächsten, Joe zerschoß den Flügel eines andern.

»Noch immer mehr als elf,« sagte er.

Aber nunmehr änderten die Vögel ihre Taktik; einmüthiglich erhoben sie sich über den Victoria. Kennedy sah Fergusson in’s Antlitz.

Trotz seiner Energie und seines Gleichmuthes war dieser blaß geworden. Ein furchtbarer Augenblick des Schweigens. Dann ließ sich ein zischendes Pfeifen wie von zerreißender Seide vernehmen, und die Gondel schwankte unter den Füßen der Reisenden.

»Wir sind verloren,« rief Fergusson, die Augen auf das schnellsteigende Barometer gerichtet.

Dann fügte er hinzu: »Den Ballast heraus, rasch!«

In wenigen Secunden waren sämmtliche Quarzstücke verschwunden.

»Wir fallen noch immer! … Leert die Wasserkisten! … Joe! hörst Du? … Wir stürzen in den See!«

Joe gehorchte. Der Doctor bog sich über den Rand der Gondel; der See schien auf ihn zuzukommen wie eine steigende Fluth; die Gegenstände vergrößerten sich zusehends, die Gondel war nicht mehr zweihundert Fuß von der Oberfläche des Tschad entfernt.

»Die Vorräthe! die Vorräthe!« rief der Doctor.

Und die Kiste mit den Lebensmitteln ward hinabgestürzt.

Die Schnelligkeit des Falles verminderte sich; aber die Unglücklichen sanken noch immer!

»Werft noch mehr heraus! noch immer mehr!« schrie abermals der Doctor.

»Es ist nichts mehr da,« sagte Kennedy.

»Doch!« antwortete Joe lakonisch, indem er mit schneller Handbewegung auf sich selber wies, und er verschwand über dem Rande der Gondel.

»Joe! Joe!« rief der Doctor entsetzt.

Aber Joe konnte ihn nicht mehr hören. Der Victoria nahm erleichtert wieder seinen Weg in die Lüfte, stieg in eine Höhe von tausend Fuß und wurde von dem Winde, der sich in der schlaffen Hülle verfing, nach der Nordküste des Sees getrieben.

»Verloren!« murmelte der Jäger verzweiflungsvoll.

»Verloren, um uns zu retten,« ergänzte Fergusson.

Und große Thränen rannen über die Wangen der so unerschrockenen Männer. Sie beugten sich über die Gondel, um vielleicht noch irgend welche Spur von dem Unglücklichen zu entdecken, aber man war schon zu weit von der Unglücksstelle entfernt.

»Wozu sollen wir uns entschließen?« fragte Kennedy.

»Wir wollen so bald wie möglich an’s Land steigen, Dick, und dann warten.«

Nach einer Fahrt von sechzig Meilen ließ sich der Victoria auf einer verlassenen Küste im Norden des Tschad-Sees nieder. Die Anker wurden an einem Baume von geringer Höhe eingehakt und von dem Jäger befestigt.

Die Nacht kam, aber weder Samuel Fergusson noch Kennedy konnten einen Augenblick der Ruhe finden.

Dreiunddreißigstes Capitel

Dreiunddreißigstes Capitel

Muthmaßungen. – Wiederherstellung des Gleichgewichts des Victoria. – Neue Berechnung des Doctor Fergusson. – Kennedy’s Jagd. – Vollständige Erforschung des Tschad- Sees. – Tangalia. – Rückkehr. – Lari.

Am Morgen des 13. Mai recognoscirten die Reisenden zunächst den von ihnen eingenommenen Theil der Küste; es war eine Art Insel festen Landes inmitten eines ungeheuren Morastes. Um dieses Stück Erde erhob sich Schilf von der Höhe europäischer Waldungen, das sich unabsehbar weit ausdehnte.

Diese unübersteiglichen Sümpfe sicherten die Stellung des Victoria; man brauchte nur die Seite nach dem See hin zu überwachen; die ungeheure Wasserfläche breitete sich nach Osten fernhin aus, und weder Festland noch Inseln waren am Horizont sichtbar.

Die beiden Freunde hatten noch nicht gewagt, von ihrem unglücklichen Begleiter zu sprechen; Kennedy theilte zuerst dem Doctor seine Muthmaßungen mit.

»Joe ist vielleicht noch nicht verloren, sagte er, es ist ein geschickter Bursche, ein Schwimmer, wie man ihn selten findet. Wir werden ihn wiedersehen, wenn ich mir auch noch nicht sagen kann, wann und wie; aber laß uns nichts vernachlässigsn, um ihm Gelegenheit zu geben, sich uns wieder anzuschließen.

– Gott höre Dich, Dick, entgegnete der Doctor mit bewegter Stimme; wir werden thun, was uns möglich ist, um unseren Freund wiederzufinden. Wir wollen uns zunächst orientiren, aber vor Allem den Victoria dieser äußern Hülle entledigen, die zu nichts mehr dienen kann. Das wird uns von einem bedeutenden Gewicht befreien, sechshundertundfünfzig Pfund, und das ist schon der Mühe werth.«

Der Doctor und Kennedy machten sich an’s Werk; sie hatten große Schwierigkeiten zu überwinden, mußten sie doch Stück für Stück von diesem sehr festen Seidenzeug herunterreißen, und in dünne Streifen zerschneiden, um es von den Maschen des Netzes zu lösen. Der durch den Schnabel der Raubvögel verursachte Riß war mehrere Fuß lang.

Diese Operation nahm mindestens vier Stunden in Anspruch; jedoch schien der innere Ballon, als er vollständig von seiner Hülle befreit war, in keiner Weise gelitten zu haben. Der Victoria war nun um ein Fünftel verkleinert, ein Unterschied, der so auffallend hervortrat, daß er Kennedy in Erstaunen setzte.

»Wird er genügen? fragte er den Doctor.

– Fürchte in dieser Beziehung nichts, Dick, ich werde das Gleichgewicht wieder herzustellen wissen, und wenn unser armer Joe zurückkehren sollte, können wir mit ihm unsere Reise fortsetzen.

– Wenn mein Gedächtniß mich nicht täuscht, Samuel, so befanden wir uns, als wir fielen, nicht fern von einer Insel.

– Ich erinnere mich gleichfalls daran; aber diese Insel wird wie alle andern des Tschad, zweifellos von einem Stamme Seeräuber und Mörder bewohnt; diese Wilden sind jedenfalls Zeugen unserer Katastrophe gewesen, und was wird aus Joe werden, wenn er in ihre Hände fällt und nicht etwa der Aberglauben ihn schützt?

– Er ist ganz der Mann danach, sich aus der Affaire zu ziehen, ich wiederhole es Dir; ich habe viel Vertrauen auf seine Gewandtheit und Geistesgegenwart.

– Ich hoffe es. Jetzt, Dick, magst Du in der Umgegend jagen, ohne Dich jedoch weit zu entfernen; es wird dringend nöthig, unsere Lebensmittel zu erneuern, deren größten Theil wir geopfert haben.

– Gut, Samuel; ich werde nicht lange ausbleiben.« Kennedy nahm eine doppelläufige Flinte und schritt durch das hohe Gras einem nahen Dickicht zu. Zahlreiche Schüsse, die bald an des Doctors Ohr schlugen, gaben ihm Nachricht, daß die Jagd nicht erfolglos sei.

Unterdessen beschäftigte sich Fergusson damit, ein Verzeichniß der noch in der Gondel enthaltenen Gegenstände aufzunehmen und das Gleichgewicht des zweiten Luftschiffes herzustellen; es blieben etwa dreißig Pfund Pemmican, einige Vorräthe von Thee und Kaffee, ungefähr anderthalb Gallonen Branntwein, und eine vollständig leere Wasserkiste; alles getrocknete Fleisch war verschwunden.

Der Doctor wußte, daß die emportreibende Kraft seines Luftschiffes durch den Verlust an Wasserstoffgas in dem äußern Ballon um etwa neunhundert Pfund verringert war; er mußte also diese Differenz in Betracht ziehen, um das Gleichgewicht wieder zu gewinnen. Der neue Victoria hatte einen Inhalt von siebenundsechzigtausend Cubikfuß, und enthielt dreiunddreißigtausend vierhundert und achtzig Cubikfuß Gas; der Ausdehnungsapparat schien in gutem Zustande zu sein: weder die Batterie noch das Schlangenrohr waren beschädigt.

Die emportreibende Kraft des jetzigen Ballons betrug also etwa dreitausend Pfund; wenn der Doctor die Gewichte des Apparats, der Reisenden, des Wasservorraths, der Gondel nebst Zubehör zusammenrechnete, dabei fünfzig Gallonen Wasser und hundert Pfund frisches Fleisch stauete, so kam er auf ein Gesammtgewicht von zweitausend achthundertunddreißig Pfund. Er konnte somit hundertundsiebenzig Pfund Ballast für unvorhergesehene Fälle mitnehmen, und das Luftschiff mußte sich dann im Gleichgewicht mit der umgebenden Luft befinden.

Seine Anordnungen, wurden demgemäß getroffen, und er ersetzte Joe’s Gewicht durch eine Ballastergänzung. Der Doctor verwandte den ganzen Tag zu diesen verschiedenen Vorbereitungen, die bei der Rückkehr Kennedy’s beendigt waren. Der Jäger hatte eine gute Jagd gemacht; er brachte eine förmliche Last an Gänsen, wilden Enten, Becassinen, Krickenten und Regenpfeifern mit und machte sich nun daran, dies Wildpret zuzubereiten und zu räuchern. Jedes Stück wurde an einem dünnen Stäbchen befestigt und über einem Feuer von grünem Holze aufgehängt. Als Kennedy, der sich auf dergleichen vorzüglich verstand, die Zubereitung für vollendet erklärte, wurde das Ganze in der Gondel untergebracht.

Am folgenden Tage sollte der Jäger den Proviant noch vervollständigen.

Der Abend überraschte die Reisenden mitten in diesen Arbeiten; ihr Abendbrod bestand aus Pemmican, Zwieback und Thee. Die Ermüdung, durch welche sie zuerst Appetit bekommen hatten, gab ihnen auch Schlaf. Jeder spähte während seiner Wacht in die Finsterniß und glaubte zuweilen Joe’s Stimme zu vernehmen. Aber ach, diese Stimme, die sie so gern gehört hätten, war sehr fern!

Mit Tagesanbruch wurde Kennedy vom Doctor geweckt.

»Ich habe lange darüber nachgedacht, was wir thun könnten, um unsern Begleiter wiederzufinden,« begann er.

»Was Du auch beabsichtigst, Samuel, ich werde Dir beistimmen; sprich.«

»Vor allen Dingen muß Joe Nachricht von uns erhalten.«

»Das versteht sich; wenn dieser wackere Bursche denken könnte, daß wir ihn verließen ….«

»Unmöglich! er kennt uns zu gut, als daß ihm solch‘ Gedanke in den Sinn kommen könnte, er muß jedoch erfahren, wo wir sind.«

»Aber wie das?«

»Wir werden unsern Platz in der Gondel wieder einnehmen und uns in die Luft erheben.«

»Wenn nun aber der Wind uns fortreißt?«

»Das wird glücklicher Weise nicht geschehen. Sieh, Dick, die Brise führt uns wieder über den See, und dieser Umstand, der uns gestern unangenehm gewesen wäre, ist heute günstig. Unsere Anstrengungen werden sich vorläufig darauf beschränken müssen, daß wir uns den ganzen Tag über dieser ungeheuren Wasserfläche halten. Joe kann uns unfehlbar zuerst da erblicken, wo seine Augen uns unaufhörlich suchen werden. Vielleicht gelingt es ihm sogar, uns von seinem Aufenthaltsorte in Kenntniß zu setzen.«

»Wenn er allein und frei ist, wird er das sicher thun.«

»Und auch, wenn er irgendwo gefangen gehalten wird, versetzte der Doctor, wird er uns alsbald sehen und den Zweck unserer Forschungen errathen. Die Eingeborenen pflegen ihre Gefangenen nicht einzuschließen.«

»Was thun wir aber,« hob Kennedy hervor, »wenn uns kein Zeichen wird, und er auch keine Spur auf seinem Wege hinterlassen hat? wir müssen auch diesen Fall in’s Auge fassen.«

»Dann versuchen wir, den nördlichen Theil des Sees wieder zu erreichen, indem wir uns möglichst frei und in Sicht halten; dort werden wir warten, die Ufer erforschen, die Gestade genau untersuchen, an denen Joe gelandet sein könnte, und nicht weichen, ohne Alles, was wir konnten, zu seiner Rettung gethan zu haben.«

»Auf denn!« rief der Jäger.

Der Doctor bestimmte genau die Lage des Stückchen festen Landes, das er sich zu verlassen anschickte; er mußte nach seiner Karte und seinem Besteck annehmen, daß er sich im Norden des Tschad zwischen der Stadt Lari und dem Dorfe Ingemini, zwei von dem Major Denham besuchten Ortschaften, befände. Während dieser Zeit vervollständigte Kennedy den Mundvorrath an frischem Fleisch; doch obgleich die Moräste Spuren von Nashörnern, Seekühen und Nilpferden aufwiesen, hatte er keine Gelegenheit, auch nur ein einziges dieser ungeheuren Thiere zu treffen.

Um sieben Uhr Morgens wurde der Anker nicht ohne große Schwierigkeiten, die Joe sonst vorzüglich zu lösen gewußt hatte, von dem Baume losgemacht. Das Gas dehnte sich aus, und der neue Victoria stieg zweihundert Fuß in die Luft. Hier zögerte er ein wenig, indem er sich um sich selbst drehte, aber endlich wurde er von einer ziemlich lebhaften Strömung erfaßt, über den See getrieben und bald mit einer Schnelligkeit von zwanzig Meilen auf die Stunde fortgetragen.

Der Doctor stieg beständig in einer Höhe von zwei- bis fünfhundert Fuß hinauf und hinunter; Kennedy feuerte häufig seinen Carabiner ab. Ueber den Inseln angekommen, ließen sich die beiden Freunde sogar unvorsichtig weit zum Lande herab, um überall das Dickicht, die Büsche und das Gestrüpp zu untersuchen. Wo eine Höhlung oder irgend welche Kluft ihrem Gefährten hätte Zuflucht bieten können, nahten sie sich. Ja, sie geriethen in so unmittelbare Nachbarschaft mit den Piroguen (Kähne von ausgehöhlten Baumstämmen), welche den See durchfurchten, daß die Fischer sich aus Furcht und Schrecken in den See stürzten und auf ihre Inseln zurückflohen; aber alles Suchen nach Joe war vergebens.

»Wir sehen nichts, sagte Kennedy niedergeschlagen nach zweistündigem Suchen.

– Laß uns warten, Dick; wir dürfen den Muth noch nicht verlieren; von der Stelle des Unfalls sind wir jetzt nicht mehr weit.«

Um elf Uhr war der Victoria etwa neunzig Meilen vorgeschritten; er gerieth nun in eine andere Strömung, die ihn, fast im rechten Winkel mit ihrem bisherigen Wege, nach Osten trieb.

Das Luftschiff schwebte jetzt über einem sehr großen und, wie es schien, stark bevölkerten Eiland, das der Doctor als die Insel Farram erkannte, auf der die Hauptstadt der Biddiomahs liegt. Er erwartete, Joe auf der Flucht und um Hilfe rufend, aus jedem Busch hervorspringen zu sehen. War er frei, so hätte man ihn einfach davongeführt, und wurde er gefangen gehalten, so konnte das bei dem Missionar angewandte Verfahren nochmals eingeschlagen werden, und die drei Gefährten wären bald wieder vereint gewesen. Aber nichts zeigte sich, keine Spur ließ sich auffinden; es war zum Verzweifeln!

Um halb drei Uhr kam der Victoria in Sicht eines am östlichen Ufer des Tschad gelegenen Dorfes mit Namen Tangalia, das den äußersten, von Denham erreichten Punkt bezeichnet.

Der Doctor fing an, sich wegen der beharrlichen Windrichtung zu beunruhigen; er sah sehr wohl, daß er nach Osten zurückgeworfen und in die unendlichen Wüsten Central-Afrika’s verschlagen werden konnte.

»Wir müssen jetzt anhalten und sogar landen,« sagte er; »besonders Joe’s wegen ist es dringend nothwendig, daß wir über den See zurückkehren; es gilt nur, eine entgegengesetzte Strömung zu finden.«

Ueber eine Stunde lang suchte er nun in verschiedenen Zonen, und endlich, in einer Höhe von tausend Fuß, fand er ein heftiges Wehen, das den Ballon nach Nordwesten trieb.

Samuel und Dick hatten sich jetzt überzeugt, daß der Gesuchte nicht auf einer der Inseln des Sees zurückgehalten wurde; er hätte sonst jedenfalls Mittel und Wege gefunden, seine Gegenwart auf irgend eine Weise kund zu thun.

»Vielleicht hat man ihn an’s Land geschleppt,« dachte der Doctor, als er auf das nördliche Ufer des Tschad herniederblickte.

Die Annahme, daß Joe ertrunken sei, war unwahrscheinlich; freilich durchschauerte eine andere Vorstellung den Geist Fergusson’s und Kennedy’s: »Die Kaimans sind unter diesen Breiten sehr häufig!« Aber keiner von ihnen hatte den Muth, dieser Besorgniß Worte zu leihen. Mit der Zeit trat ihnen dieselbe jedoch so unabweisbar vor die Seele, daß Fergusson ohne weitere Einleitung anhob:

»Krokodile pflegen nur an den Ufern der Inseln oder des Sees vorzukommen, und Joe ist gewandt genug, um ihnen aus dem Wege zu gehen; sie sind übrigens wenig gefährlich; die Afrikaner z. B. baden ohne Furcht vor ihren Angriffen.«

Kennedy erwiderte kein Wort hierauf; eine Erörterung dieser schauerlichen Möglichkeit war zu entsetzlich.

Gegen fünf Uhr Abends signalisirte der Doctor die Stadt Lari. Die Einwohner derselben arbeiteten vor Hütten von geflochtenem Schilf, mitten in sorgfältig gepflegten Gehegen, an der Baumwollenernte. Der Ort bestand aus etwa fünfzig Wohnungen, die sich zwischen zwei niedrigen Bergen auf einer langen Strecke hinzogen, die mehr Senkung als Thal zu nennen war. Der heftige Wind führte den Ballon weiter vorwärts, als dem Doctor erwünscht war, aber jetzt wechselte die Luftströmung abermals, und brachte ihn genau zu seinem Ausgangspunkt, einer Art fester Insel zurück, auf der man die verflossene Nacht zugebracht hatte. Der Anker haftete, statt sich in den Zweigen des Baumes zu verhaken, in Schilfhaufen, die sich mit dem Schlamme des Morastes vermischt hatten und eine bedeutende Resistenzfähigkeit besaßen. Es kostete Fergusson viele Mühe, das Luftschiff zu beherrschen, aber endlich, mit Einbruch der Nacht legte sich der Wind, und die beiden Freunde wachten mit einander in verzweiflungsvoller Stimmung.

Vierunddreißigstes Capitel

Vierunddreißigstes Capitel

Der Orkan. – Gezwungene Abreise. – Verlust eines Ankers. – Trübe Erwägungen. – Ein Entschluß. – Die Sandhose. – Die verschüttete Karawane. – Widriger und günstiger Wind. – Rückkehr nach dem Süden. – Kennedy auf seinem Posten.

Um drei Uhr Morgens wehte der Wind mit so großer Heftigkeit, daß der Victoria nicht ohne Gefahr auf dem Boden bleiben konnte; das Schilf streifte und rieb seine Umhüllung und drohte, sie zu zerreißen.

»Wir müssen fort von hier. Dick,« sagte der Doctor, »es ist unmöglich für uns, noch länger in dieser Lage zu verharren.«

»Aber Joe, Samuel?«

»Ich werde ihn nicht verlassen, gewiß nicht, und sollte mich der Orkan hundert Meilen weit nach Norden tragen, ich werde zurückkehren. Aber wenn wir hier bleiben, setzen wir die Sicherheit Aller auf’s Spiel.«

»Ohne ihn abreisen?« rief der Schotte im Ton schmerzlichen Bedauerns.

»Glaubst Du denn,« erwiderte Fergusson, »daß mir nicht das Herz ebenso blutet wie Dir? muß ich mich nicht der gebieterischen Notwendigkeit fügen?«

»Wie Du willst,« antwortete der Jäger; »brechen wir auf.«

Aber die Abreise bot große Schwierigkeiten. Der tiefeingesenkte Anker leistete allen Anstrengungen Widerstand, und der Ballon, der nach verkehrter Richtung zog, machte dies Uebel noch immer größer. Es gelang Kennedy nicht, den Anker herauszureißen; und das Beginnen des Schotten wurde in der gegenwärtigen Lage ein sehr gefährliches, denn man mußte besorgen, daß der Victoria sich, noch ehe Dick eingestiegen war, auf und davon machte.

Fergusson, der sich dem nicht aussetzen wollte, ließ den Freund in die Gondel steigen und ergab sich darein, das Ankertau abzuhauen. Der Victoria machte einen Satz von dreihundert Fuß in die Luft, und wandte sich direct nach Norden.

Fergusson konnte nichts hiergegen thun; er kreuzte die Arme und gab sich trüben Erwägungen hin.

Nach einigen Minuten tiefen Schweigens richtete er sich mit folgenden Worten an den nicht minder traurig gestimmten Kennedy:

»Wir haben vielleicht Gott versucht; die Unternehmung einer solchen Reise kam nicht Menschen zu! …« und ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust.

»Vor wenigen Tagen noch schätzten wir uns glücklich, großen Gefahren entronnen zu sein,« erwiderte der Jäger. »Wir drückten uns alle drei die Hände!«

»Armer Joe, die gute, durch und durch ehrliche Natur, das brave Herz! wenn er sich auch einen Augenblick von seinen Reichthümern blenden ließ, so opferte er doch willig all‘ seine Schätze! Jetzt ist er weit von uns entfernt, und der Wind trägt uns mit unwiderstehlicher Gewalt davon!«

»Höre doch, Samuel, könnte er es nicht, wenn er unter den Stämmen des Sees eine Zuflucht gefunden haben sollte, so machen wie die Reisenden, welche dieselben vor uns besucht haben, wie Denham, wie Barth? Diese haben doch ihre Heimat wiedergesehen.«

»Ach, mein armer Dick, Joe versteht nicht ein Wort von der Sprache des Landes! er steht völlig allein und ohne Hilfsquellen da! Die von Dir erwähnten Reisenden gingen nur auf solche Weise vorwärts, daß sie den Häuptlingen zahlreiche Geschenke übersandten, auch waren sie unter starkem Geleit und für diese Expeditionen bewaffnet und gerüstet. Und doch konnten sie Leiden und Qualen der furchtbarsten Art nicht Vermeiden! Was soll aus unserm unglücklichen Gefährten werden? es ist schauerlich, nur daran zu denken, und nie habe ich eine größere Sorge empfunden!«

»Aber wir werden doch wieder zurückkehren, Samuel.«

»Ja, Dick, und selbst wenn wir den Victoria im Stich lassen, zu Fuß nach dem Tschad-See zurückwandern und uns mit dem Sultan von Bornu in Verbindung setzen sollten! Die Araber können den ersten Europäern kein schlechtes Andenken bewahrt haben.«

»Ich werde Dir überall hin folgen, Samuel,« betheuerte der Jäger energisch. »Du kannst auf mich zählen! Eher wollen wir darauf verzichten, diese Reise zu beenden! Joe hat sich für uns dahingegeben, wir wollen uns für ihn opfern!«

Dieser Entschluß ermuthigte von Neuem die beiden Männer, sie fühlten sich stark in demselben Gedanken. Fergusson setzte Alles daran, um in eine entgegengesetzte Strömung zu gerathen, die ihn dem Tschad wieder nähern könnte, aber dies war jetzt unmöglich, und sogar die Landung ließ sich auf einem entblößten Terrain und bei einem so heftig tosenden Orkan nicht bewerkstelligen.

So durcheilte der Victoria das Land der Tibbus; er durchschnitt Belad el Dscherid, eine dornige Wüste, die den Saum von Sudan bildet, und drang in das, von langen Karawanenspuren durchfurchte Sandmeer vor; die letzte Vegetationslinie verschmolz bald am südlichen Horizont mit dem Himmel, nicht weit von der hauptsächlichsten Oase dieses Theiles von Afrika, deren fünfzig Brunnen von prächtigen Bäumen beschattet werden; es war unmöglich, anzuhalten. Ein arabisches Lager, Zelte aus gestreiften Stoffen, einige Kameele, die ihren Vipernkopf auf dem Sande ausstreckten, belebten diese Einöde; aber der Victoria zog wie ein wandelnder Stern vorüber und legte in drei Stunden eine Entfernung von sechzig Meilen zurück, ohne daß es Fergusson gelang, seinen Lauf zu hemmen.

»Wir können nicht Halt machen! wir können nicht herniedersteigen! rief er aus; kein Baum, kein Vorsprung zeigt sich! Sollen wir denn die Sahara überschreiten? der Himmel ist entschieden gegen uns!«

So sprach er in muthloser Verzweiflung, als er im Norden mitten in einem dichten Staub den Wüstensand sich zusammenthürmen und unter dem Stoß entgegengesetzter Luftströmungen dahinwirbeln sah.

Mitten in diesem Chaos, von der Sandlawine überschüttet, zerschmettert, daniedergeworfen, ging elend eine Karawane unter. Die Kameele ließen ein dumpfes, jammervolles Stöhnen hören, und durch den erstickenden Nebel drang verzweifeltes Geschrei und Geheul. Bisweilen sah man noch die grellen Farben bunter Gewänder durch den grausamen tödtenden Sand schimmern, aber bald verschwanden auch diese, und das Gebrüll des Sturmes übertönte jeden andern Laut.

Wo sich eben noch eine ununterbrochene Ebene erstreckte, erhob sich jetzt ein noch in Bewegung begriffener Hügel – das ungeheure Grab einer verschlungenen Karawane.

Der Doctor und Kennedy hatten erbleichend diesem entsetzlichen Schauspiel beigewohnt; an ein Lenken ihres Ballons war nicht zu denken; er wirbelte in ganz entgegengesetzten Strömungen und gehorchte nicht im Geringsten mehr der verschiedenen Anspannung des Gases. In diese Luftstrudel hineingerissen, drehte er sich mit schwindelerregender Schnelligkeit; die Gondel wurde heftig hin und hergeschleudert, so daß die unter dem Zelte aufgehangenen Instrumente klirrend an einander stießen und die Windungen des Schlangenrohrs sich zum Zerspringen krümmten. Die Wasserkisten wurden lärmend aus einer Ecke der Gondel in die andere gerückt, und die Reisenden, welche mit krampfhaft geballter Hand das Tauwerk umklammerten und sich gegen die Wuth des Orkans zu halten versuchten, konnten sich in dem Tosen des Sturms durch kein Wort, keinen Ruf verständigen.

Kennedy, dessen Haar wild um Stirn und Augen flatterte, starrte in den Orkan hinein, ohne zu sprechen. Der Doktor aber schien in dieser drohenden Gefahr seine Ruhe und Kühnheit wiedergefunden zu haben; auf seinen Zügen zeigte sich keine Bewegung des Schreckens, ja nicht einmal, als der Victoria nach einer letzten, scharfen Drehung plötzlich und unerwartet still stand. Der Nordwind hatte die Oberhand gewonnen und jagte ihn jetzt in entgegen gesetzter Richtung wie am Morgen, aber mit ebenso großer Schnelligkeit dahin.

»Wo geraten wir hin?«, rief Dick besorgt.

»Lass der Vorsehung ihren Lauf, mein lieber Dick; es war unrecht von mir, einen Augenblick an ihr zu zweifeln; sie weiß besser als wir, was uns heilsam ist, und führt uns jetzt an Orte zurück, die wir nie wiederzusehen hofften.«

Der noch vor kurzer Zeit so ebene Boden war jetzt aufgewühlt wie eine Fluch im Sturm; eine Reihe kleiner, fast noch flüssiger Berge bildeten Richtpunkte in der Wüste; der Wind blies noch immer gewaltig und der Victoria schnellte förmlich durch die Luft.

Die von den Reisenden verfolgte Bahn war nicht genau dieselbe wie am heutigen Morgen; statt die Ufer des Tschad wiederzufinden, sahen sie immer noch die Wüste vor sich. – Kennedy machte seinen Freund hierauf aufmerksam.

»Tut nichts«, beruhigte ihn der Doktor; »die Hauptsache für uns ist, wieder nach Süden zu gelangen; wahrscheinlich kommen wir auf die Städte Wuddie oder Kuka in Bornu zu und ich werde kein Bedenken tragen, dort anzuhalten.«

»Wenn Du damit zufrieden bist, bin ich es auch,« erwiderte der Jäger. »Gebe nur der Himmel, daß wir nicht noch genöthigt werden, die Wüste zu durchreisen, wie jene unglücklichen Araber! Was wir heute sahen, war schauerlich.«

»Und kommt doch so häufig vor, Dick. Die Wanderungen durch die Wüste haben dieselben Gefahren wie die Reisen auf dem Ocean; auch in der Wüste kann man versinken, und außerdem warten der Wanderer die qualvollsten Strapazen und Entbehrungen.«

»Es scheint, als ob der Wind schwächer würde,« bemerkte Kennedy; »der Staub, welcher über dem Sande wirbelt, ist weniger dicht, seine wellenförmigen Linien glätten sich allmälig wieder, und der Horizont klärt sich auf.«

»Um so besser; wir müssen genau mit dem Fernglase ausspähen; nicht ein Punkt darf unserm Blick entgehen!«

»Laß das meine Sorge sein, Samuel; sobald sich der erste Baum zeigt, werde ich’s Dir sagen.«

Und Kennedy postirte sich, mit dem Fernglase in der Hand, an den Rand der Gondel.

Dreiundzwanzigstes Capitel

Dreiundzwanzigstes Capitel

Joe’s Zorn. – Der Tod eines Gerechten. – Die Leichenwache. – Trockenheit. – Das Begräbniß. – Die Quarzblöcke. – Joe in Verzückung. – Kostbarer Ballast. – Aufnahme der Goldberge. – Joe’s Verzweiflung beginnt.

Eine prachtvolle Nacht breitete sich über der Erde aus; der Missionar schlief im Zustande größter Entkräftung.

»Er wird nicht wieder genesen, sagte Joe. Der arme Mann! er kann kaum dreißig Jahre alt sein!

– Er wird in unsern Armen verscheiden, begann der Doctor; auch er war ohne alle Hoffnung. Sein Athem wird schwächer und schwächer, und ich vermag nichts zu seiner Rettung zu thun.

– Die schändlichen Kerle, rief Joe, den bisweilen solche Ausbrüche plötzlichen Zorns erfaßten; und dabei findet dieser würdige Gottesmann noch Worte, sie zu entschuldigen und zu beklagen; ja, er verzeiht ihnen sogar!

– Der Himmel sendet ihm noch eine schöne Nacht, Joe, vielleicht seine letzte. Er wird, denke ich, nicht mehr viel zu leiden haben, sondern sanft und friedlich einschlummern.«

Der Sterbende sprach einige abgebrochene Worte, und der Doctor trat näher zu ihm heran. Der Kranke klagte über Mangel an Athem und verlangte mehr Luft. Es wurden die Vorhänge des Zeltes bei Seite gezogen, und er sog mit Entzücken die köstliche, milde Nachtluft ein. Die Sterne sandten ihm ihr freundliches, zitterndes Licht, und der Mond hüllte ihn in das weiße Leichentuch seiner Strahlen.

»Meine Freunde, sagte er mit schwacher Stimme, ich scheide! Möge Gott, der das Gute belohnt, euch zum sichern Hafen geleiten und meine Wünsche für euch erfüllen.

– Geben Sie nicht alle Hoffnung auf, versetzte Kennedy; Sie haben jetzt nur einen vorübergehenden Schwächeanfall, aber der Tod kommt noch nicht. Kann man sterben in solch‘ herrlicher Sommernacht?

– Der Tod ist da, erwiderte der Missionar; laßt mich ihm gefaßt in’s Auge sehen. Der Tod ist nur der Anfang der Ewigkeit und das Ende aller irdischen Sorgen. Helft mir, daß ich niederknieen kann, meine Brüder, ich bitte euch.«

Kennedy richtete ihn auf; es war ein jammervoller Anblick zu sehen, wie seine hilflosen Glieder unter ihm zusammenbrachen.

»Mein Gott! mein Gott! rief der sterbende Apostel, erbarme Dich meiner!«

Sein Gesicht leuchtete wie in überirdischem Glanze. Fern von der Erde, deren Freuden er niemals gekannt, mitten in der Nacht, die ihm ihr mildes Licht spendete, auf dem Wege zu jenem Himmel, dem er sich wie in wundersamer Himmelfahrt näherte, schien er schon jetzt in ein neues Leben einzugehen.

Seine letzte Geberde war eine Bewegung des Segens für seine neuen Freunde; dann fiel er in die Arme Kennedy’s zurück, dessen Antlitz von Thränen überströmt war.

»Todt! sagte der Doctor, indem er sich über ihn neigte; todt!«

Und einmüthig knieten die Freunde nieder, um schweigend zu beten.

»Morgen früh, begann sodann Fergusson, wollen wir ihn in dieser, mit seinem Blut getränkten Erde Afrika’s begraben.«

Der Doctor, Kennedy und Joe hielten während des übrigen Theiles der Nacht abwechselnd bei der Leiche Wache, und nicht ein Wort störte das ehrfurchtsvolle, fromme Schweigen ringsumher. –

Am folgenden Morgen wehte der Wind von Süden, und der Victoria segelte ziemlich langsam über ein wüstes Gebirgsplateau hinweg; hier zeigten sich ausgebrannte Krater, dort tiefe Schluchten, aber nirgend auch nur ein Tropfen Wasser. Die dürren Bergkämme sowohl, wie die aufgethürmten Felsen, erratischen Blöcke und weißlichen Mergelgruben verkündeten die äußerste Unfruchtbarkeit.

Der Doctor beschloß, in eine Schlucht inmitten plutonischer Felsen primitiver Formation hinabzusteigen, um das Begräbniß vorzunehmen. Die umgebenden Berge sollten den Ballon vor Winden schützen und so die Möglichkeit gewähren, ihn bis auf den Erdboden herabzulassen; denn es fand sich kein Baum, der dem Anker hätte einen Anhaltspunkt bieten können.

In Folge des Ballastverlustes bei der Entführung des Missionars, konnte das Luftschiff jedoch nur fallen, wenn es eine verhältnißmäßige Menge Gas entweichen ließ. Fergusson öffnete also die Klappe des Ballons, der Wasserstoff entwich zischend, und der Victoria senkte sich in die Schlucht hinab.

Sobald die Gondel die Erde berührte, schloß der Doctor die Klappe; Joe sprang, indem er sich mit einer Hand am Rande der Gondel festhielt, auf die Erde, und sammelte mit der andern eine gehörige Zahl Steine auf, damit diese sein eigenes Gewicht ersetzen sollten. Nun konnte er seine beiden Hände gebrauchen, und hatte bald über fünfhundert Pfund Steine in der Gondel aufgehäuft, so daß auch der Doctor und Kennedy aussteigen konnten. Der Victoria befand sich jetzt im Gleichgewicht, und seine emportreibende Kraft war nicht mächtig genug, ihn zu entführen.

Uebrigens bedurfte man, da die verwendeten Steine von außerordentlicher Schwere waren, keiner sehr großen Menge hierzu.

Dieser Umstand war so auffallend, daß Fergusson’s Aufmerksamkeit darauf hingelenkt wurde, und er das Mineral einer näheren Besichtigung würdigte. Der Boden war rings mit Quarz und porphyrhaltigen Felsstücken besäet.

»Eine sonderbare Entdeckung,« murmelte der Doctor.

Unterdessen gingen Kennedy und Joe einige Schritte, um den Platz für das Grab zu wählen. Es herrschte eine glühende Hitze wie in einem ungeheuren Schmelzofen in dieser Schlucht, die sich kesselförmig einsenkte. Die Mittagssonne ließ eben jetzt senkrecht ihre brennenden Strahlen hineinfallen.

Zunächst mußte man den Boden von den Felsstücken und dem Geröll, das ihn bedeckte, reinigen, und dann wurde eine ziemlich tiefe Grube ausgehöhlt, damit der Leichnam nicht durch wilde Thiere ausgegraben werden könne.

Nun wurde die sterbliche Hülle des Märtyrers ehrfurchtsvoll hineingebettet, das Grab mit Erde gefüllt und dicke Felsstücke darüber zu einem Denkmal gethürmt.

Der Doctor stand während der ganzen Zeit unbeweglich und in seine Betrachtungen versunken daneben. Er hörte nicht auf den Zuruf seiner Gefährten, und suchte nicht wie sie Schutz gegen die Hitze des Tages.

»Woran denkst Du? fragte ihn Kennedy.

– An einen seltsamen Contrast der Natur, ein wunderbares Spiel des Zufalls; wißt ihr, in was für Erde dieser Mann der Entsagung, dieses edle Herz begraben liegt?

– Was meinst Du damit? forschte abermals der Schotte.

– Dieser Priester, der das Gelübde der Armuth abgelegt, ruht hier in einer Goldmine.

– In einer Goldmine? riefen Joe und Kennedy in höchstem Staunen.

– In einer Goldmine, bestätigte mit größter Sicherheit der Doctor. Diese Blöcke, die ihr wie werthlose Steine mit den Füßen bei Seite stoßt, sind Erz von schönster Reinheit.

– Unmöglich! Unmöglich! begann Joe wieder.

– Ihr würdet zwischen diesen Schieferplatten nicht lange suchen, ohne bedeutende Goldklumpen anzutreffen.«

Joe stürzte wie närrisch auf die zerstreut umherliegenden Stücke zu, und Kennedy zeigte eine nicht viel geringere Aufregung.

»Beruhige Dich, mein guter Joe, sprach Fergusson.

– Herr Doctor, Sie bleiben dabei so kalt!

– Wie! ein Philosoph Deines Schlages ….

– Ach! dagegen hält keine Philosophie Stand.

– Aber überlege Dir’s doch; was nützt uns all‘ dieser Reichthum? Wir können ihn nicht mit uns nehmen.

– Wie? nicht mitnehmen? das wäre doch ….

– Die Last ist etwas schwer für unsere Gondel! ich trug sogar Bedenken, Dir diese Entdeckung mitzutheilen, aus Furcht, Dein Bedauern rege zu machen.

– Wir sollen diese Schätze im Stich lassen? ein großes Vermögen, das rechtmäßig uns gehört, preisgeben?

– Nimm Dich in Acht, guter Freund; packt Dich etwa das Goldfieber? Hat Dich dieser Todte, den Du so eben der Erde übergeben hast, nicht über die Eitelkeit weltlicher Schätze belehrt?

– Das ist Alles wahr, erwiderte Joe; aber doch – dies Gold! – Herr Kennedy, möchten Sie nicht auch ein paar Millionen von hier mit fort nehmen?

– Was sollen wir machen, mein armer Joe? antwortete der Jäger, der sich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Wir sind nun einmal nicht hierher gegangen, um Schätze zu suchen, und so werden wir auch keine heimbringen.

– Die Millionen dort sind ziemlich schwer, fügte der Doctor hinzu, und man kann sie nicht so leicht in die Tasche stecken.

– Aber können wir nicht vielleicht anstatt des Sandes dies Erz als Ballast mitnehmen?

– Nun, das will ich gestatten, sagte Fergusson. Du darfst aber kein zu böses Gesicht machen, wenn wir einige hundert Pfund über Bord werfen müssen.

– Einige hundert Pfund! sprach Joe ihm nach, kann denn das Alles Gold sein?

– Ja, mein Lieber; es ist dies ein Becken, in welchem die Natur seit Jahrtausenden ihre Schätze aufgehäuft hat. Man könnte ganze Länder damit bereichern. Es finden sich hier tief in der Wüste Californien und Australien mit einander vereinigt!

– Und das Alles soll hier ohne jeden Nutzen liegen bleiben?

– Vielleicht! etwas aber kann ich Dir zu Deinem Troste mittheilen.

– Schwerlich, meinte Joe sehr niedergeschlagen.

– Höre nur; ich werde die genaue Lage dieses Flecks aufnehmen, und bei Deiner Rückkehr nach England kannst Du Deine Mitbürger davon in Kenntniß setzen, wenn Du glaubst, daß so viel Gold ihr Glück machen kann.

– Nun, Herr Doctor, ich sehe wohl, daß Sie Recht haben, und ergebe mich darein, weil es nun einmal nicht anders sein kann. Aber unsere Gondel wollen mir wenigstens mit diesem kostbaren Erz füllen; was dann am Ende unserer Reise davon übrig ist, können mir als reinen Verdienst betrachten.«

Und Joe machte sich an’s Werk; er arbeitete aus allen Kräften, und hatte bald etwa tausend Pfund von jenen Quarzstücken angehäuft, in denen das Gold eingeschlossen ruht wie in einem Gangstein von großer Härte.

Der Doctor sah lächelnd mit an, wie er ein Stück nach dem andern in die Gondel trug; er selbst nahm indessen die Besichtigung der Höhen vor, und fand als genaue Angabe für die Lage des Grabes 22° 23′ L. und 4° 55′ nördlicher Breite.

Sodann warf Fergusson noch einen Blick auf den Steinhügel, unter welchem die sterbliche Hülle des armen Franzosen ruhte, und kehrte zur Gondel zurück. Gern hätte er ein einfaches Kreuz auf diesem einsamen Grabe inmitten der afrikanischen Wüste errichtet, aber weit und breit war kein Baum zu erblicken.

»Gott wird es auch ohne das nicht vergessen,« dachte er.

Des Doctors Geist war von einer schweren Sorge erfüllt; er würde gern all‘ dies Gold hingegeben haben, wenn er nur ein wenig Wasser hätte finden können. Die Wasserkiste, welche er, um aus dem Bereich der Neger zu kommen, fortgeworfen hatte, war noch nicht ersetzt worden, und auf diesem dürren, unfruchtbaren Boden durfte er nicht an die Möglichkeit hiezu denken. Da er unaufhörlich das Knallgasgebläse mit Wasser zu speisen hatte, mußte er jetzt schon mit dem Trinkwasser kargen, und er nahm sich fest vor, so viel wie möglich nach einer Gelegenheit zur Erneuerung seines Vorraths auszuspähen.

Als er auf die Gondel zuschritt, fand er sie von dem habgierigen Joe stark mit Steinen beschwert; er stieg indessen hinein, ohne ein Wort darüber zu sagen, und auch der Schotte nahm seinen gewöhnlichen Platz ein. Joe folgte ihnen, nicht ohne einen begehrlichen Blick auf die noch ungehobenen Schätze der Schlucht zu werfen.

Fergusson zündete sein Knallgasgebläse an, das Schlangenrohr erhitzte sich, der Wasserstoffstrom wurde in wenigen Minuten hergestellt, und das Gas dehnte sich aus, aber – der Ballon rührte sich nicht.

Joe bemerkte dies Alles nicht ohne Unruhe, sagte aber kein Wort.

»Joe,« sagte der Doctor.

Joe antwortete nicht.

»Joe, hörst Du?«

Joe gab zu verstehen, daß er wohl höre, aber nicht verstehen wolle.

»Du wirst wohl so gut sein müssen, eine gewisse Menge von diesem Erz wieder auf den Erdboden zu werfen.

– Aber Herr Doctor, Sie haben mir doch erlaubt…

– Ich habe Dir erlaubt, daß Du den Ballast ersetzen durftest, weiter nichts.

– Aber…

– Sollen wir denn ewig in dieser Wüste bleiben?« Joe warf einen Blick der Verzweiflung auf Kennedy, aber dieser sah aus wie ein Mann, der nicht im Stande ist, gegen das Schicksal anzukämpfen.

»Nun, Joe?

– Ihr Knallgasgebläse arbeitet wohl nicht? fragte der Eigensinnige.

– Du siehst es ja, aber der Ballon wird sich erst heben, wenn Du ihm etwas Ballast abgenommen hast.«

Joe kratzte sich hinter den Ohren, nahm ein Stück Quarz, das kleinste von Allen, wog es einmal, dann noch einmal, ließ es in den Händen springen (es hatte ein Gewicht von drei bis vier Pfund) und warf es fort.

Der Victoria rührte sich nicht.

»Nun, meinte er, wir steigen noch immer nicht?

– Wie Du siehst; fahre nur fort.«

Kennedy lachte, und Joe entschloß sich, noch etwa zehn Pfund zu opfern. Der Ballon blieb trotzdem unbeweglich. Joe erblaßte.

»Mein armer Junge, sagte Fergusson nun. Dick, Du und ich, wir wiegen zusammen, wenn ich nicht irre, vierhundert Pfund; Du mußt also mindestens ebensoviel hinausspediren, da erst dies Gewicht dem unserigen gleichkommt.

– Vierhundert Pfund soll ich fortwerfen! rief Joe kläglich.

– Und noch etwas dazu, damit wir steigen können. Faß Dir ein Herz, Joe.«

Der brave Bursche seufzte tief auf, aber er begann, den Ballon zu entlasten. Von Zeit zu Zeit hielt er zögernd inne:

»Jetzt werden wir steigen, Herr Doctor.

– Nein, wir steigen noch nicht! war die stete Erwiderung.

– Ich glaube, er rührt sich.

– Nur weiter!

– Er steigt! ganz gewiß, er steigt!

– Fahre nur immer fort.«

Da ergriff Joe verzweiflungsvoll einen letzten Block und warf ihn aus der Gondel; und sieh, der Victoria hob sich um etwa hundert Fuß, und schwebte, mit Unterstützung des Knallgasgebläses, bald über die umliegenden Berghöhen hinweg.

»Nun, Joe, wenn es uns gelingt, diesen Vorrath von Erz mit nach Hause zu bringen, so bleibt Dir noch immer ein großes Vermögen, und Du bist für den Rest Deiner Tage ein reicher Mann.«

Joe antwortete nichts auf diese Trostworte des Doctors; er streckte sich warm und weich auf sein Bett von Erz.

»Sieh, mein lieber Dick, bemerkte Fergusson, was dieses Metall selbst auf den besten Menschen für eine unheilvolle Macht ausübt. Wie viel Leidenschaften, Begierden und Verbrechen würde die Kenntniß von einer solchen Goldmine an den Tag rufen! es ist ein trüber Gedanke.«

Am Abend dieses Tages war der Victoria um neunzig Meilen nach Westen vorgedrungen; er befand sich jetzt – in gerader Linie gerechnet – vierzehnhundert Meilen von Zanzibar entfernt.

Sechzehntes Capitel

Sechzehntes Capitel

Anzeichen eines Sturmes. – Das Mondland. – Die Zukunft des afrikanischen Continents. – Die Maschine des jüngsten Gerichtes. – Ansicht des Landes bei Sonnenuntergang. – Die Flora und Fauna. – Der Sturm. – Die Feuerzone. – Der gestirnte Himmel.

»So kann’s kommen, sagte Joe, wenn man ohne Luna’s Erlaubniß als ihre Nachkommenschaft erscheinen will. Dieser Trabant hätte uns beinahe einen garstigen Streich gespielt. Sollten Sie, Herr Doctor, vielleicht Ihren ärztlichen Ruf durch die eingegebene Arznei in Frage gestellt haben?

– Erzähle doch, versetzte der Jäger, was war dieser Sultan von Kaseh für ein Mann?

– Ein alter, schon halbtodter Trunkenbold, antwortete der Doctor, dessen Verlust nicht zu schmerzlich gefühlt werden wird. Aber die Moral von der Geschichte ist, daß Ehren hienieden vergänglich sind, und man ihnen nicht zu viel Geschmack abgewinnen darf.

– Um so schlimmer, meinte Joe, verehrt werden und den Gott spielen, das paßte mir! aber sehen Sie doch, meine Herrn, wie roth der Mond heute auf uns herabschaut. Es ist ein Zeichen, daß er böse ist!«

Während dieser und anderer Reden, bei denen Joe das Gestirn der Nächte unter einem ganz neuen Gesichtspunkte betrachtete, bezog sich der Himmel gegen Norden mit dicken, unheilkündenden, gewitterschweren Wolken. Ein ziemlich starker, in einer Höhe von dreihundert Fuß vom Boden wehender Wind trieb den Victoria gegen Nord-Nordosten. Ueber ihm war das dunkelblaue Himmelsgewölbe rein, aber man fühlte einen unheimlichen Druck.

Die Reisenden befanden sich gegen acht Uhr Abends unter 32° 40′ L., und 4° 17′ Br.; die atmosphärischen Strömungen trieben sie unter dem Einfluß eines bevorstehenden Sturmes mit einer Schnelligkeit von fünfunddreißig Meilen in der Stunde vorwärts.

Die fruchtbaren, wellenförmigen Ebenen von Mfuto flogen schnell unter ihnen dahin. Das Schauspiel war bewundernswerth, und fand die gebührende Bewunderung.

»Wir sind mitten im Mondlande, sagte der Doctor Fergusson, denn diesen Namen, den ihm schon das Alterthum gab, hat es bis jetzt bewahrt; ohne Zweifel deshalb, weil daselbst der Mond zu jeder Zeit verehrt wurde. Es ist wirklich ein herrliches Land, und man könnte nirgend eine üppigere Vegetation finden.

– Wenn man dergleichen in der Umgegend von London hätte, so würde das freilich nicht natürlich sein, aber es wäre doch sehr hübsch. Warum ist so Schönes diesen barbarischen Ländern vorbehalten?

– Und weiß man denn, erwiderte der Doctor, ob nicht dieses Land einst der Mittelpunkt der Civilisation werden wird? Die Völker der Zukunft werden sich vielleicht hier niederlassen, wenn die Länder Europa’s ihre Leistungskraft, die Völker zu ernähren, erschöpft haben.

– Glaubst Du? meinte Kennedy.

– Ganz gewiß, mein lieber Dick. Betrachte nur den Gang der Ereignisse, die auf einander folgenden Wanderungen der Völker, und Du wirst zu demselben Schlusse wie ich gelangen. Asien ist bekanntlich die erste Amme der Welt. Viertausend Jahre etwa hat es gearbeitet, wird befruchtet und trägt seine Frucht. Wenn dann die Steine da sprießen, wo die goldenen Ernten Homer’s prangten, verlassen seine Kinder den erschöpften und hingewelkten Schooß; Du siehst dann, wie sie sich auf das junge, mächtige Europa stürzen, welches sie seit jetzt zweitausend Jahren ernährt. Aber schon verliert sich auch dort die Fruchtbarkeit; seine Erzeugungsfähigkeit nimmt täglich ab. Die neuen Krankheiten, von denen alljährlich die Producte der Erde befallen werden, die Mißernten, die ungenügenden Hilfsquellen, Alles das ist ein gewisses Zeichen für die sich verringernde Lebenskraft und eine nahe bevorstehende Erschöpfung. Sehen wir nicht, wie jetzt die Völker zu der nährenden Brust Amerika’s eilen, gleichsam an eine nicht unerschöpfliche, aber noch unerschöpfte Quelle? Auch dieser neue Continent wird altern; seine jungfräulichen Waldungen werden unter der Axt der Industrie fallen, sein Boden schwach werden, weil seine Kraft für die Production in zu hohem Grade beansprucht worden ist: wo alljährlich zwei Ernten erblühten, wird auf dem, am Ende seiner Kraft angelangten Erdreich kaum eine erzielt werden. Dann endlich wird Afrika den neuen Völkerstämmen die seit Jahrhunderten in seinem Schooß angehäuften Schätze darbieten; das den Fremden Verderben bringende Klima wird durch gehörige Bewirthschaftung des Bodens und Drainirung von seinen bösen Einflüssen befreit werden, man wird die zerstreuten Gewässer in einem gemeinsamen Bett zur Herstellung eines schiffbaren Canales ansammeln, und so wird dieses Land, über dem wir schweben, fruchtbarer, reicher, lebensfrischer als die andern, sich zu einem großen Reiche gestalten, in welchem noch erstaunlichere Entdeckungen, als der Dampf und die Elektrizität, der Zukunft vorbehalten sind.

– Das möchte ich wohl erleben, sagte Joe.

– Dazu bist Du zu früh aufgestanden, mein Junge.

– Uebrigens, hob Kennedy hervor, wird jene Zeit, in der die Industrie Alles zu ihrem Nutzen ausbeutet, aller Wahrscheinlichkeit nach sehr langweilig sein! Bei der Erfindung so vieler Maschinen werden die Menschen sich schließlich gegenseitig durch dieselben vernichten! Ich habe mir immer gedacht, daß der jüngste Tag dann anbricht, wenn ein ungeheurer, zu einer Spannung von drei Milliarden Atmosphäre erhitzter Kessel unsern Erdball in die Luft sprengen wird.

– Und ich denke, daß die Amerikaner nicht die Letzten sein werden, die an dieser Maschine arbeiten, bemerkte Joe.

– Ich gebe zu, daß es unter ihnen große Kupferschmiede giebt, erwiderte der Doctor; aber folgen wir nicht weiter dem Zuge dieser Erörterungen, und begnügen wir uns damit, dieses Mondland zu bewundern, da uns der Anblick desselben vergönnt ist.«

Die Sonne, welche gerade ihre letzten Strahlen durch die Masse der aufgethürmten Wolken gleiten ließ, schmückte die geringsten Unebenheiten des Bodens mit einem goldenen Saum: riesenhafte Bäume, baumartige Kräuter, auf dem Boden dahinkriechende Moose.

– Alles hatte seinen Theil an dieser Lichtausströmung. Das leicht wellenförmig gestaltete Terrain sprang hie und da in kleinen, konischen Hügeln vor; keine Berge am Horizont, unermeßliche grüne Hecken, undurchdringliche Zäune, dornige Dschungeln trennten die Lichtungen, in denen sich zahlreiche Dörfer hinstreckten; riesenhafte Euphorbien umgaben sie mit einem natürlichen Befestigungswall, indem sie sich an die korallenförmigen Zweige der Sträucher hingen.

Bald schlängelte sich der Hauptzufluß des Tanganiyka-Sees, der Malagasari, unter einem grünen Teppich dahin; er bot den zahlreichen Wassern eine Zuflucht, welche aus zur Zeit des Hochwassers angeschwellten Strömen entstanden waren, oder von in der Thonschicht des Bodens befindlichen Teichen herkamen. Aus der Vogelperspektive glaubte man ein Netz von Wasseradern zu sehen, das sich über die ganze westliche Seite des Landes hinbreitete.

Thiere mit großen Höckern weideten auf fetten Wiesen und verschwanden fast im tiefen Grase; die Wälder, prächtige Wohlgerüche ausströmend, boten sich dem Auge dar wie ungeheure Sträuße; aber in diese Sträuße flüchteten sich Löwen, Leoparden, Hyänen und Tiger, um der letzten, schwülen Hitze des Tages zu entrinnen. Bisweilen wogte das Dickicht von dem Schritt eines Elephanten, und man hörte das Krachen der Zweige, die von seinen Elfenbeinhauern zerbrochen wurden.

»Welch‘ herrliches Jagdland, rief Kennedy begeistert aus; eine auf’s Gerathewohl in die Tiefe des Waldes hineingesandte Kugel würde sicher irgend ein gutes Wild treffen! Könnten wir nicht einen Versuch machen?

– Nein, mein lieber Dick, es naht eine böse, von einem Sturm begleitete Nacht; die Stürme aber sind schrecklich in diesem Lande, wo die Sonne einer ungeheuren elektrischen Batterie zu vergleichen ist.

– Sie haben Recht, Herr, die Hitze ist förmlich erstickend geworden, der Wind hat sich vollständig gelegt, und man merkt, daß sich etwas vorbereitet.

– Die Atmosphäre ist mit Elektricität überladen, antwortete der Doctor; jedes lebende Wesen ist gegen diesen Zustand der Luft, welcher diesem Kampfe der Elemente vorangeht, empfindlich, und ich gestehe, daß ich nie bis zu diesem Grade davon berührt worden bin.

– Wäre es unter diesen Umständen nicht gerathen, herabzusteigen? fragte der Jäger.

– Ich möchte im Gegentheil lieber emporsteigen. Dick, und befürchte nur, von dieser Kreuzung atmosphärischer Strömungen aus meiner Route verschlagen zu werden.

– Gedenkst Du denn, die Richtung, welcher wir von der Küste an gefolgt sind, aufzugeben?

– Wenn es mir möglich ist, werde ich mich etwa sieben bis acht Grade direkter nach Norden halten, und den Versuch machen, nach der Breite, in welcher die Nilquellen vermuthet werden, hinaufzusteigen. Vielleicht gelingt es uns, einige Spuren von der Expedition des Kapitän Speke, oder auch die Karawane des Herrn von Heuglin zu bemerken. Wenn meine Berechnungen stimmen, befinden wir uns unter 32° 40′ L., und ich möchte geraden Wegs über den Aequator hinaufsteigen.

– Sieh doch, rief Kennedy, seinen Begleiter unterbrechend, sieh doch dort die Nilpferde, die aus den Teichen auftauchen, diese blutgierigen Fleischmassen, und jene Krokodile, die geräuschvoll nach Luft schnappen!

– Sie ersticken fast vor Hitze! meinte Joe. Ach, welch‘ herrliche Weise zu reisen! wie man auf all‘ dies bösartige Gewürm mit Verachtung herabsieht! Herr Samuel! Herr Kennedy! sehen Sie doch diese Rudel von Thieren, die in geschlossenen Reihen zusammengehen. Es sind ihrer wohl an zweihundert. Wölfe sind’s!

– Nein, Joe, aber wilde Hunde; eine berühmte Race, die nicht davor zurückschreckt, sich selbst mit Löwen in einen Kampf einzulassen. Von ihnen angefallen zu werden, ist das Schrecklichste, was einem Reisenden widerfahren kann; er wird sofort in Stücke gerissen.

– Nun, Joe wird es nicht riskiren, ihnen einen Maulkorb anzulegen, antwortete der muntere Bursche; wenn es übrigens in ihrer Natur liegt, darf man’s ihnen nicht weiter übel nehmen.«

Unter dem Einfluß des herankommenden Sturmes verstummte allmälig jedes Gespräch; es war, als wenn die verdickte Luft ungeeignet dazu würde, den Schall fortzupflanzen. Die Atmosphäre schien wie wattirt und verlor jede Klangfähigkeit, wie ein mit Stofftapeten behangener Saal. Der Ruderfalke, der Pfauenkranich, die rothblauen Holzschreier, der Spottvogel, der Fliegenschnäpper verschwanden in den großen Bäumen; die ganze Natur bot die Symptome einer nahe bevorstehenden Sündfluth.

Um neun Uhr Abends hielt der Victoria unbeweglich über Mjene, einer großen Vereinigung von Dörfern, die im Schatten kaum zu erkennen waren. Zuweilen zeigte der Wiederschein eines Sonnenstrahls, der sich im trüben Wasser verirrt hatte, regelmäßig vertheilte Gräben, und bei einem letzten Aufleuchten konnte der Blick noch die ruhige, düstere Gestalt der Palmbäume, Tamarinden, Sykomoren und riesenhaften Euphorbien erspähen.

»Ich ersticke, sagte der Schotte, indem er mit vollen Zügen so viel Luft wie möglich einsog. Wir rühren uns nicht mehr von der Stelle; werden wir herabsteigen?

– Aber der Sturm! stieß der Doctor ziemlich unruhig hervor.

– Wenn Du fürchtest, vom Winde fortgerissen zu werden, so wirst Du Dich wohl dafür entscheiden müssen, den Ballon sinken zu lassen.

– Der Sturm wird vielleicht diese Nacht noch nicht losbrechen, versetzte Joe, die Wolken sind sehr hoch.

– Das ist auch ein Grund, der mich davon zurückhält, über sie emporzusteigen. Wir müßten uns zu einer bedeutenden Höhe erheben, würden die Erde aus dem Gesicht verlieren, und die ganze Nacht nicht wissen, ob, und auf welcher Seite wir weiter kommen.

– Entscheide Dich, mein lieber Samuel, es hat Eile.

– Es ist ärgerlich, daß der Wind sich gelegt hat, warf Joe ein; er hätte uns weit von dem Sturme fortgetragen.

– Es ist sehr zu bedauern, denn die Wolken bringen uns Gefahr; sie enthalten entgegengesetzte Strömungen, die uns in ihre Wirbel verwickeln, und Blitze, die unsern Ballon in Brand stecken können, Andererseits kann uns die Gewalt der Windstöße zur Erde schleudern, wenn wir im Wipfel eines Baumes Anker werfen.

– Was ist da zu thun?

– Wir müssen den Victoria zwischen den Gefahren der Erde und denen des Himmels in einer mittleren Zone halten. Wir haben Wasservorrath in einer für das Knallgasgebläse hinreichenden Menge, und unsere zweihundert Pfund Ballast sind noch nicht angegriffen. Im Fall der Noth würde ich mich ihrer bedienen.

– Wir werden mit Dir wachen, sagte der Jäger.

– Nein, meine Freunde, verwahrt die Vorräthe und geht zu Bette. Ich werde Euch wecken, wenn es die Nothwendigkeit erheischt.

– Aber, Herr Doctor, werden Sie nicht gleichfalls ruhen? bis jetzt droht uns noch keine Gefahr.

– Nein, danke, mein Junge, ich will lieber wachen; wir rühren uns nicht, und wenn die Umstände sich nicht ändern, werden wir uns morgen genau an derselben Stelle befinden.

– Guten Abend, Herr Doctor.

– Schlafe wohl, wenn es möglich ist.«

Kennedy und Joe streckten sich unter ihren Decken aus, und der Doctor blieb allein in dem unermeßlichen Weltenraum.

Inzwischen senkte sich allmälig die Wolkenschicht, und es entstand ein tiefes Dunkel. Ein schwarzes Gewölbe rundete sich über dem Erdball, wie um ihn zu zerschmettern.

Plötzlich durchzuckte ein gewaltiger, rascher, schneidender Blitzstrahl den Schatten, und sein Riß hatte sich noch nicht geschlossen, als ein furchtbarer Donnerschlag die Tiefe des Himmels erschütterte.

»Achtung! rief Fergusson. Die beiden Schläfer, von dem entsetzlichen Krachen geweckt, waren bereits emporgefahren.

– Steigen wir herab? fragte Kennedy.

– Nein, der Ballon würde nicht Stand halten. Steigen wir, ehe diese Wolken sich in Wasser auflösen und der Wind sich entfesselt!«

Und er trieb die Flamme des Knallgasgebläses kräftiglich in die Spiralen des Schlangenrohrs.

Die Stürme der Tropen entwickeln sich mit einer Geschwindigkeit, die sich nur mit ihrer Heftigkeit vergleichen läßt. Ein zweiter Blitzstrahl zerriß die Wolke, und zwanzig andere folgten ihm unmittelbar. Der Himmel wurde von elektrischen Funken, die unter den dicken Regentropfen knisterten, buntfarbig übersäet.

»Wir haben uns verspätet, und unser mit entzündbarer Luft gefüllter Ballon muß jetzt eine Feuerzone durchschneiden.

– Zur Erde, zur Erde! begann Kennedy immer wieder.

– Die Gefahr, vom Blitz getroffen zu werden, würde immer dieselbe sein, und das Luftschiff alsbald an den Zweigen der Bäume zerreißen!«

– Wir steigen, Herr Samuel!

– Schneller! noch schneller!«

Es ist nicht selten, daß in diesem Theile von Afrika während der Aequatorialstürme zwanzig bis dreißig Blitze auf die Minute gezählt werden. Der Himmel steht buchstäblich in Feuer, und die Donnerschläge dauern ununterbrochen fort.

Der Wind entfesselte sich in dieser entzündeten Atmosphäre mit einer wahrhaft erschreckenden Gewalt; er wirbelte die weißglühenden Wolken wild durcheinander wie ein ungeheurer Ventilator, der diesen ganzen Brand in immer neue Bewegung bringt.

Der Doctor Fergusson erhielt sein Knallgasgebläse in voller Hitze; der Ballon dehnte sich aus und stieg. Kennedy hielt inmitten der Gondel auf seinen Knieen die Vorhänge des Zeltes zurück. Das Luftschiff drehte sich im Kreise, und die Reisenden, welche sich des Schwindels nicht erwehren konnten, vermochten sich nur mit Mühe in der Gondel festzuhalten. Es bildeten sich große Vertiefungen in der Hülle des Ballons; der Wind setzte sich hinein und der Seidenstoff erdröhnte unter seinem Druck. Eine Art Hagel, dem ein lärmendes Geräusch voranging, durchfurchte die Atmosphäre, und rasselte auf den Victoria nieder. Dieser setzte indessen sein Emporsteigen fort; die Blitze zogen feurige Flammen-Tangenten an seinen Kreis. Er stand in einem Feuermeer.

»Im Schutze Gottes, sagte Doctor Fergusson, wir stehen in seiner Hand; er allein kann uns retten. Bereiten wir uns auf jegliches Ereigniß vor, selbst auf einen Brand. Unser Fall kann nur langsam von Statten gehen.«

Die Stimme des Doctors gelangte kaum zu dem Ohr seiner Gefährten, aber sie konnten inmitten der zuckenden Blitze sein ruhiges Gesicht sehen. Er beobachtete die Lichtentwickelungen, welche durch das über dem Netz des Luftschiffes schwebende St. Elmsfeuer hervorgebracht wurden.

Der Ballon drehte sich in stetem Wirbel, aber er stieg fortwährend. Nach einer Viertelstunde war er über die Zone der Wetterwolken hinaus; die elektrischen Ausströmungen entwickelten sich unter ihm, wie der ungeheure Pechkranz eines Feuerwerks.

Es war dies eins der schönsten Schauspiele, welche die Natur dem Menschen bieten kann. Tief unten das Gewitter, oben der stumme, ruhige, unveränderliche Sternenhimmel mit dem Monde, der seine friedlichen Strahlen auf die wildstürmenden Wolken warf.

Doctor Fergusson sah nach dem Barometer, dieses wies zwölftausend Fuß Höhe nach. Es war jetzt elf Uhr Abends.

»Dank dem Himmel, jede Gefahr ist vorüber, sagte er; wir brauchen uns nur in dieser Höhe zu halten.

– Es war schrecklich! rief Kennedy aus.

– Dergleichen Erlebnisse haben auch ihre Reize versetzte Joe; sie bringen eine kleine Abwechslung in das Einerlei der Reise, und ich bedauere durchaus nicht, auf diese Art ein Gewitter von oben herab mit angesehen zu haben. Es ist ein herrliches Schauspiel!«

Siebenzehntes Capitel

Siebenzehntes Capitel

Die Mondberge. – Ein grüner Ocean. – Der Anker wird ausgeworfen. – Der Elephant als Bugsirschiff. – Ein wohl unterhaltenes Feuer. – Tod des Dickhäuters. – Der Bratofen auf freiem Felde. – Mahlzeit im Grünen. – Eine Nacht auf festem Boden.

Gegen sechs Uhr früh erhob sich am Montag die Sonne über den Horizont; die Wolken zerstreuten sich, und ein angenehmer Wind wehte frisch durch den jungen Morgen. Die Erde erschien den Reisenden ganz durchduftet.

Der Ballon hatte sich inmitten der entgegengesetzten Strömungen ziemlich auf derselben Stelle gedreht und war kaum aus seiner Bahn gewichen; der Doctor ließ das Gas sich zusammenziehen und stieg herab, um eine mehr nördliche Richtung einzuschlagen. Lange waren seine Nachforschungen vergebens; der Wind zog ihn nach Westen, bis er die berühmten Mondberge vor Augen hatte, welche in einem Halbkreis um die Spitze des Tanganiyka-Sees herum liegen; ihre wenig coupirte Kette zeichnete sich an dem bläulichen Horizont ab, einem natürlichen Befestigungswerk vergleichbar, welches bis jetzt den Entdeckungsreisenden in Central-Afrika eine unübersteigliche Schranke entgegensetzte; einige isolirte Kegel trugen die Last eines ewigen Schnees.

»Wir sind hier in einem unerforschten Lande, sagte der Doctor; Kapitän Burton ist sehr weit nach Westen vorgedrungen, hat jedoch diese berühmten Berge nicht erreichen können, ja sogar die Existenz derselben in Abrede gestellt, während sein Begleiter Speke von ihrem Vorhandensein überzeugt ist. Burton behauptet, sie seien einzig und allein in der Einbildung seines Gefährten entstanden; wir, meine Freunde, können nun nicht mehr an ihrem Dasein zweifeln.

– Werden wir sie übersteigen? fragte Kennedy.

– So Gott will, nein; ich hoffe einen günstigen Wind zu finden, der mich nach dem Aequator tragen soll; ja, ich werde nöthigen Falls sogar warten und es mit dem Victoria machen, wie mit einem Schiff, das bei widrigem Winde die Anker auswirft.«

Die Erwartungen des Doctors sollten bald in Erfüllung gehen. Nachdem er die Strömungen in verschiedenen Höhen versucht hatte, steuerte der Victoria mit mäßiger Schnelligkeit nach Nordosten.

»Wir sind in guter Richtung, sagte er, indem er seinen Compaß zu Rathe zog; und kaum zweihundert Fuß von der Erde: Alles glückliche Umstände zur Erforschung dieser neuen Gegenden. Der Kapitän Speke, der auf die Entdeckung des Ukerewe-Sees ausging, wandte sich mehr nach Osten in gerader Linie über Kaseh.

– Werden wir lange in dieser Richtung bleiben? fragte Kennedy.

– Vielleicht; unser Zweck ist, nach den Nilquellen hin einen Streifzug zu machen; und wir haben noch mehr als sechshundert Meilen zurückzulegen, um zu der äußersten Grenze zu gelangen, welche die vom Norden gekommenen Entdeckungsreisenden erreicht haben.

– Werden wir nicht einmal den Fuß auf’s feste Land setzen, um uns die Glieder zu recken? fragte Joe.

– Freilich; wir müssen außerdem unsere Lebensmittel schonen, und unterwegs wirst Du, mein wackerer Dick, uns mit frischem Fleisch verproviantiren.

– Sobald Du willst, Freund Samuel.

– Wir müssen auch unsern Wasservorrath erneuern. Wer weiß, ob wir nicht nach trocknen Gegenden verschlagen werden? Man kann also nicht vorsichtig genug in dieser Beziehung sein.«

Um Mittag befand sich der Victoria unter 29° 15′ L. und 3° 15′ Br. Er ging über das Dorf Uyofu, welches die äußerste nördliche Grenze von Unyamwesi ist, neben dem Ukerewe-See weg, den man noch nicht bemerken konnte.

Die dem Aequator näher wohnenden Völkerschaften scheinen etwas civilisirter zu sein und werden von unumschränkten Monarchen, deren Despotismus ohne Grenzen ist, regiert. Die Provinz Karagwah vereinigt in sich die größte Zahl dieser Völkerstämme.

Es wurde unter den drei Reisenden ausgemacht, daß sie bei dem ersten günstigen Landungsplatze aussteigen wollten. Man beabsichtigte, einen längern Halt zu machen, und das Luftschiff einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Die Flamme des Knallgasgebläses wurde gemäßigt; die aus der Gondel ausgeworfenen Anker streiften bald die hohen Gräser einer unermeßlichen Wiese; von einer gewissen Höhe ab schien sie mit glattem Rasen bedeckt, aber in Wirklichkeit war derselbe sieben bis acht Fuß hoch.

Der Victoria streifte wie ein riesenhafter Schmetterling an den Gräsern hin, ohne sie umzubiegen. Kein hervortretender Gegenstand war zu entdecken: gleichsam ein grüner Ocean ohne irgend welche Erhebung.

»Wir können lange so reisen, sagte Kennedy. Ich bemerke hier weit und breit keinen Baum. Die Jagd in diesen Gegenden scheint mir sehr fraglich.

– Warte, mein lieber Dick. Du könntest in diesem Grase, welches höher ist als Du, doch nicht jagen. Wir werden schließlich noch einen günstigen Platz finden.«

Es war wirklich eine reizende Fahrt, eine richtige Schifffahrt auf diesem so grünen, fast durchsichtigen Meere, das unter dem Hauche des Windes sanft hin und her wogte. Die Gondel machte ihrem Namen alle Ehre und schien gleichsam Fluthen zu durchschneiden. Hätte sich nicht eine Kette Vögel in glänzendem Gefieder, mit tausendfachem fröhlichem Geschrei, aus dem hohen Grase erhoben, so wäre die Täuschung vollständig gewesen. Die Anker tauchten in dieses Blumenmeer hinein und zogen Furchen, die sich hinter ihnen schlossen, wie das Wasser hinter einem Schiffe.

Plötzlich erfuhr der Ballon eine starke Erschütterung. Der Anker hatte sich ohne Zweifel in eine unter dem riesenhaften Grase verborgene Felsspalte gesenkt.

»Wir sitzen fest, rief Joe.

– Nun, so wirf die Leiter aus, befahl der Jäger.

Er hatte diese Worte noch nicht vollendet, als ein durchdringender Schrei die Luft durchtönte.

– Was ist das? rief Kennedy,

– Ein seltsamer Schrei!

– Halt! wir gehen weiter!

– Der Anker muß sich losgerissen haben!

– Nein doch, er hält noch immer! versicherte Joe, der an dem Stricke zog.

– Der Felsen geht weiter!«

Eine sonderbare Bewegung ging durch das hohe Gras; ein gewundenes, ungeheures, graufarbiges Gebilde erhob sich aus den grünen Wogen.

»Eine Schlange! rief Joe, und Kennedy griff nach seinem Carabiner.

– Nein, sagte der Doctor, es ist ein Elephantenrüssel.

– Ein Elephant, Samuel! … mit diesen Worten legte der Jäger sein Gewehr an.

– Warte, Dick, warte; ohne Zweifel nimmt uns das Thier in’s Schlepptau.«

Der Elephant lief mit ziemlicher Schnelligkeit vorwärts. Er kam bald an eine Lichtung, auf der man ihn ganz sehen konnte. An seiner riesenhaften Gestalt erkannte der Doctor einen männlichen Elephanten von ausgezeichneter Gattung. Das Thier hatte zwei herrlich gebogene Hauer, welche etwa acht Fuß lang sein mochten. Die Ankerschaufeln hatten sich fest zwischen ihnen verfangen.

Das Thier suchte vergebens, sich mit seinem Rüssel von dem Stricke, der es mit der Gondel verband, loszumachen.

»Vorwärts! munter! schrie Joe im höchsten Jubel, indem er nach besten Kräften das sonderbare Kutschpferd anspornte. Das ist wieder eine neue Art zu reisen; wer fragt noch nach einem Pferd? Wir reisen mit einem Elephanten.

– Aber wo bringt er uns hin? fragte Kennedy, indem er seine Büchse, die ihm in den Händen brannte, hin und herschwang.

– Er bringt uns dahin, wo wir hin wollen, mein lieber Dick; nur ein wenig Geduld!

Wig a more, Wig a more, wie die schottischen Bauern sagen, schrie der fröhliche Joe. Vorwärts, vorwärts!«

Das Thier setzte sich in schnellen Galop; es warf seinen Rüssel nach rechts und links, und brachte in seinen Sprüngen der Gondel heftige Stöße bei. Der Doctor stand mit der Axt bereit, den Strick im Nothfall zu durchhauen.

»Aber, sagte er, erst im letzten Augenblick werden wir uns von unserm Anker trennen.«

Diese Fahrt mit dem Elephanten als Bugsirschiff dauerte ungefähr anderthalb Stunden. Das Thier schien durchaus nicht ermüdet: diese ungeheuern Dickhäuter können beträchtliche Strecken weit traben, und von einem Tage zum andern findet man sie an weit von einander entlegenen Orten, wie die Wallfische, denen sie an Umfang und Schnelligkeit ähnlich sind.

»Wir haben in der That einen Wallfisch harpuniert, sagte Joe; und wir ahmen nun das Manöver der Wallfischfänger nach.«

Aber eine Veränderung in der Beschaffenheit des Terrains nöthigte den Doctor, sein Fortbewegungsmittel zu modificiren.

Ein dichter Wald von Camaldoren zeigte sich im Norden der Prairie in einer Entfernung von etwa drei Meilen; es wurde somit eine Abtrennung des Ballons von seinem Führer nothwendig.

Kennedy erhielt also den Auftrag, den Elephanten zu erschießen.

Er legte an, aber seine Stellung war nicht günstig, um das Thier mit Erfolg zu treffen. Die erste Kugel, die er auf den Schädel abschoß, wurde wie auf einer Eisenplatte breit gedrückt. Das Thier schien davon nicht im Geringsten beunruhigt; beim Knall des Schusses wurde sein Schritt schneller. Seine Geschwindigkeit war die eines im Galop dahinsausenden Pferdes.

»Schändlich! rief Kennedy.

– Was hat das Thier für einen harten Kopf! meinte Joe.

– Wir wollen versuchen, ihm einige Spitzkugeln in die Weichen zu schicken,« versetzte Kennedy, indem er sorgfältig seinen Carabiner lud, und er gab Feuer.

Der Elephant stieß einen furchtbaren Schrei aus und schritt noch schneller vorwärts.

»Seht doch, rief Joe, sich mit einer der Flinten bewaffnend, ich muß Ihnen helfen, Herr Dick, oder das nimmt kein Ende.«

Und zwei Kugeln hafteten in der Seite des Thiers.

Der Elephant blieb stehen, richtete seinen Rüssel empor und nahm in aller Schnelligkeit seinen Lauf nach dem Walde wieder auf; er schüttelte seinen ungeheuren Kopf, und das Blut begann in Strömen aus seinen Wunden zu fließen.

»Setzen wir unser Feuer fort, Herr Dick.

– Und ein wohl unterhaltenes Feuer, fügte der Doctor hinzu; wir sind nicht zwanzig Toisen von dem Walde entfernt!«

Zehn Flintenschüsse krachten hinter einander. Der Elephant that einen schrecklichen Satz; Gondel und Ballon erdröhnten, daß man hätte glauben können, Alles wäre zerbrochen; die Erschütterung bewirkte, daß dem Doctor das Beil aus der Hand und auf den Boden fiel.

Ihre Lage wurde nunmehr kritisch; das stark befestigte Ankertau ließ sich weder losmachen, noch von den Messern der Reisenden durchschneiden; der Ballon näherte sich mit großer Geschwindigkeit dem Gehölz, als das Thier in demselben Moment, wo es den Kopf hob, eine Kugel in’s Auge erhielt. Es blieb stehen, schwankte; seine Kniee bogen sich, es stand jetzt dem Jäger schußgerecht.

»Eine Kugel in’s Herz,« sagte dieser, indem er ein letztes Mal seinen Carabiner abfeuerte.

Der Elephant stieß im Todeskampfe ein Brüllen des Schmerzes aus; er richtete sich für einen Augenblick auf, indem er seinen Rüssel im Kreise in der Luft umherwarf. Dann fiel er mit seinem ganzen Gewicht auf einen seiner Hauer, den er mitten durchbrach. Er war todt.

»Sein Hauer ist zerbrochen, rief Kennedy; Elfenbein, wovon in England hundert Pfund fünfunddreißig Guineen gelten würden.

– So viel? meinte Joe, und ließ sich am Ankerseil zur Erde gleiten.

– Wozu Dein Bedauern, lieber Dick? entgegnete Doctor Fergusson; sind wir etwa Elfenbeinkrämer? sind wir hiehergekommen, um Glücksgütern nachzujagen?«

Joe untersuchte den Anker; er hing fest an dem unversehrt gebliebenen Hauer. Samuel und Dick sprangen auf den Erdboden, während der halbschlaffe Ballon über dem Körper des Thieres hin und her schwankte.

»Ein prächtiges Vieh! rief Kennedy. Welche enorme Masse! nie habe ich in Indien einen Elephanten von so kolossalen Dimensionen gesehen!

– Das ist nicht zu verwundern, lieber Dick; die Elephanten Central-Afrika’s sind die schönsten. Jäger, wie Anderson, Cumming, haben in der Umgegend des Cap dergestalt auf sie Jagd gemacht, daß die Thiere nach dem Aequator zu auswandern, wo wir ihnen oft in zahlreichen Schaaren begegnen werden.

– Unterdessen hoffe ich, hub Joe an, daß wir uns von diesem hier einen guten Braten nehmen werden! ich mache mich anheischig, Ihnen ein saftiges Mahl von diesem Kleinen da zu bereiten. Herr Kennedy mag ein oder zwei Stunden auf die Jagd gehen, Herr Samuel die Musterung des Victoria, vornehmen, und mittlerweile werde ich die Küche besorgen.

– Das hast Du gut angeordnet, versetzte der Doctor, mache es, wie Dir’s beliebt.

– Was mich betrifft, so gedenke ich die beiden freien Stunden, die Joe mir aufzudringen geruht hat, gut zu benutzen.

– Geh, mein Freund, aber sei vorsichtig; entferne Dich nicht zu weit, mahnte der Doctor.

– Sei unbesorgt.«

Und Dick verschwand mit seiner Flinte in der Tiefe des Waldes.

Alsdann machte sich Joe an sein Geschäft. Er grub zunächst ein zwei Fuß tiefes Loch in die Erde, welches er mit trockenen Zweigen anfüllte. Dann häufte er noch darüber einen zwei Fuß hohen Scheiterhaufen an und setzte ihn in Brand.

Hierauf kehrte er zum Körper des Elephanten zurück, der kaum zehn Toisen von dem Walde gefallen war; er löste geschickt den Rüssel ab, der an seiner Wurzel fast zwei Fuß Breite maß, wählte davon den zartesten Theil und legte einen der schwammigen Füße des Thieres hinzu. Dies sind die anerkannt vorzüglichsten Stücke des Elephanten, wie der Höcker des amerikanischen Büffels, die Bärentatze und der Wildschweinskopf.

Als der Scheiterhaufen über und in der Erde vollständig abgebrannt war, bot das Loch, von Asche und Kohlen gereinigt, eine sehr hohe Temperatur; die Elephantenstücke, in aromatische Blätter gehüllt, wurden auf den Grund dieses improvisirten Bratofens gelegt und mit heißer Asche bedeckt; dann errichtete Joe einen zweiten Scheiterhaufen über dem Ganzen, und als das Holz sich verzehrt hatte, war das Fleisch gerade richtig gebraten.

Dann servirte Joe dies appetitliche Gericht auf grünen Blättern, und ordnete das Mahl mitten auf einem prächtigen Grasplatz; er tischte dazu Zwieback, Branntwein und Kaffee auf und schöpfte in einem nahen Bache frisches, klares Wasser.

Das so hergerichtete Mahl gewährte einen angenehmen Anblick, und Joe dachte, ohne gerade stolz zu sein, daß noch angenehmer sein müßte, es zu verzehren.

»Eine Reise ohne Ermüdung und ohne Gefahr! sprach er vor sich hin. Ein Mahl zu seiner Zeit, stets eine Hängematte zur Disposition! was kann man mehr verlangen? und dieser gute Herr Kennedy wollte nicht einmal mitkommen.«

Der Doctor unternahm seinerseits eine ernstliche Prüfung des Luftschiffes; dasselbe schien von den Fährlichkeiten nicht gelitten zu haben; Seidenzeug wie Guttapercha hatten vorzüglich Stand gehalten. Als er die gegenwärtige Bodenerhebung nahm und die emportreibende Kraft des Ballons berechnete, sah er mit Befriedigung, daß der Wasserstoff sich in seiner Menge gleichgeblieben war. Die Hülle war noch ganz undurchdringlich.

Erst vor fünf Tagen hatten die Reisenden Zanzibar verlassen, der Pemmican war noch unberührt, Zwieback wie die Bestände von conservirtem Fleisch reichten für eine lange Reise aus; es war also nur der Wasservorrath zu erneuern.

Die Röhren und das Schlangenrohr schienen in gutem Zustande zu sein; Dank ihren Kautschukgliedern hatten sie allen Schwingungen des Luftschiffes nachgegeben.

Nach Beendigung seiner Prüfung beschäftigte sich der Doctor damit, seine Notizen in Ordnung zu bringen; er entwarf eine sehr gelungene Skizze von der umgebenden Landschaft mit der weiten, unabsehbaren Prairie, dem Camaldorenwalde und dem unbeweglich über dem Körper des ungeheuerlichen Elephanten schwebenden Ballon.

Nach Verlauf von zwei Stunden kehrte Kennedy mit einer Schnur fetter Rebhühner und der Keule eines Oryx, einer Art Gemsbock, zurück, welche zu der behendesten Gattung der Antilopen gehört. Joe übernahm es, diesen Zuwachs des Mundvorraths vorzubereiten.

»Der Tisch ist gedeckt,« meldete er bald mit seiner einladendsten Stimme.

Und die drei Reisenden brauchten sich nur auf dem grünen Rasen zu setzen; Elephantenfüße und Rüssel wurden für ganz vorzüglich erklärt; man trank, wie immer, auf Englands Wohl, und köstliche Havannahs durchdufteten zum ersten Mal dies reizende Land.

Kennedy aß, trank und plauderte für vier; er war förmlich berauscht, schlug seinem Freunde, dem Doctor in allem Ernste vor, sich in diesem Walde niederzulassen, eine Hütte von Laubwerk zu bauen, und hier die Dynastie der afrikanischen Robinsone zu beginnen.

Sonst wurde dem Vorschlage weiter keine Folge gegeben, obgleich Joe sich vorgenommen hatte, die Rolle des Freitag zu spielen.

Die Landschaft schien so ruhig, so verlassen, daß der Doctor beschloß, die Nacht auf festem Boden zuzubringen. Joe richtete einen Kreis von Feuern her, als unentbehrliche Barrikade gegen die wilden Thiere; Hyänen, Cuguars, Schakale, von dem Geruch des Elephantenfleisches angezogen, streiften in der Nähe umher. Kennedy mußte zu wiederholten Malen seinen Carabiner auf zu verwegene Besucher abfeuern; aber doch verlief die Nacht ohne störenden Zwischenfall.

Achtzehntes Capitel

Achtzehntes Capitel

Karagwah. – Der Ukerewe-See. – Eine Nacht auf einer Insel. – Der Aequator. – Ueberfahrt über den See. – Die Wasserfälle. – Ansicht des Landes. – Die Nilquellen. – Die Benga-Insel. – Namenszug Andrea Debono’s. – Die Flagge mit dem Wappen Englands.

Am folgenden Tage begannen um fünf Uhr Morgens die Vorbereitungen zur Abreise. Joe zerschmetterte die Hauer des Elephanten mit dem glücklich wiedergefundenen Beil. Der nun in Freiheit gesetzte Victoria führte die Reisenden mit einer Geschwindigkeit von achtzehn Meilen gegen Nordosten davon.

Der Doctor hatte am vergangenen Abend nach der Höhe der Sterne genau die Lage bestimmt. Er befand sich unter 2° 40′ Br. südl. vom Aequator, gleich hundertundsechzig geographischen Meilen; er reiste über zahlreiche Dörfer hinweg, ohne sich um das durch seine Erscheinung hervorgerufene Geschrei zu kümmern, zeichnete summarische Ansichten von der Gestaltung der Gegenden, überschritt die Abhänge des Rubemhe, die fast ebenso steil waren wie die Gipfel des Usagara, und traf später in Tenga die ersten Vorsprünge der Karagwah-Ketten, welche seiner Meinung nach nothwendig von den Mondbergen aussgehen müssen. Die alte Sage, welche diese Berge zu der Wiege des Nils machte, kam der Wahrheit nahe, weil dieselben den Ukerewe-See, das angebliche Reservoir der Wasser des Großen Stromes, begrenzen.

Von Kafuro, dem großen District der Kaufleute des Landes, bemerkte er endlich am Horizont den so sehr gesuchten See, welchen der Kapitän Speke am 3. August 1858 erblickt hatte.

Samuel Fergusson fühlte sich von Rührung ergriffen. Er hatte eine der Hauptspitzen seiner Entdeckungsreise beinahe erreicht, und ließ sich, das Fernglas im Auge, nicht einen einzigen Winkel dieses geheimnißvollen Landes entgehen.

Unter ihm ein im Allgemeinen reizloses Land, kaum einige cultivirte Landstriche; das Terrain, mit Bergkegeln mittlerer Höhe besäet, plattete sich in der Nähe des Sees ab; Gerstenfelder traten an die Stelle der Reisfelder; dort wuchs der Wegerich (Plantago), aus dem der Wein des Landes gewonnen wird, und der »Mwani«, eine wilde Pflanze, die als Kaffee dient. Die Vereinigung von etwa fünfzig kreisförmigen Hütten, mit blumigem Strohdach bedeckt, machten die Hauptstadt von Karagwah aus.

Man konnte aus der Höhe ohne Anstrengung die erstaunten Gesichter einer ziemlich schönen Race mit gelblich braunem Teint gewahren. Weiber von unglaublicher Corpulenz schleppten sich in den Pflanzungen mit Mühe von der Stelle; und der Doctor setzte seine Gefährten sehr in Erstaunen durch die Mittheilung, daß solche, sehr geschätzte Wohlbeleibtheit durch den streng geregelten Genuß dicker Milch erlangt werde.

Um zwölf Uhr befand sich der Victoria unter 1° 45′ südl. Br.; um ein Uhr trieb ihn der Wind über den See.

Kapitän Speke hat demselben den Namen Nyanza-Victoria gegeben. An dieser Stelle mochte er neunzig Meilen in der Breite messen; an seinem südlichen Ende fand der Kapitän eine Inselgruppe, welche er den Bengalischen Archipelagus nannte. Er setzte seine Recognoscirung bis nach Muanza an der Ostküste fort, wo er von dem Sultan gut aufgenommen wurde. Er nahm die trigonometrische Vermessung dieses Theiles des Sees vor, konnte sich aber keine Barke verschaffen, um ihn zu überfahren oder die große Insel Ukerewe zu besuchen. Dies sehr volkreiche Eiland wird von drei Sultanen regiert und bildet zur Zeit der Ebbe nur eine Halbinsel.

Der Victoria näherte sich dem See mehr im Norden zum großen Verdruß des Doctors, welcher gern die südlichen Umrisse hatte bestimmen wollen. Die mit dornigem Gebüsch und verwickeltem Gesträuch dicht bewachsenen Ufer verschwanden buchstäblich unter Myriaden hellbräunlicher Moskitos. Dies Land sollte unbewohnbar und unbewohnt sein; man sah Schaaren von Nilpferden sich im Röhricht wälzen oder unter das weißliche Wasser des Sees tauchen.

Von oben herab gesehen, bot dieser im Westen einen so weiten Gesichtskreis, daß man ihn fast ein Meer hätte nennen können; die Entfernung zwischen den beiden Ufern ist zu groß, als daß ein Verkehr sich herstellen ließe; übrigens sind dort die Stürme stark und häufig, denn die Winde wüthen furchtbar in diesem hohen und bloßliegenden Becken.

Der Doctor hatte Mühe, den Ballon zu lenken; er fürchtete nach Osten getragen zu werden, aber glücklicher Weise führte ihn eine Strömung direct nach Norden, und um sechs Uhr Abends ließ sich der Victoria unter 0° 30′ Br. und 32° 52′ L. zwanzig Meilen weit von der Küste auf einer kleinen verlassenen Insel nieder.

Die Reisenden konnten an einen Baum anhaken, und da der Wind sich gegen Abend gelegt hatte, schwebten sie ruhig über ihrem Anker. Man konnte nicht daran denken, an’s Land zu steigen; hier bedeckten ebenso wie an den Ufern des Nyanza-Sees Legionen Moskitos den Boden mit einer dichten Wolke. Joe selbst kam mit Stichen bedeckt von dem Baume zurück, aber das ärgerte ihn weiter nicht, denn er fand dies von Seiten der Moskitos sehr natürlich.

Der Doctor indessen, welcher weniger Optimist war, ließ so viel wie möglich von dem Stricke ab, um diesen unerbittlichen Insecten, die mit einem beunruhigenden Summen zu ihm aufstiegen, zu entgehen.

Er bestimmte die Höhe des Sees über dem Meeresspiegel ebenso wie Kapitän Speke, auf dreitausendsiebenhundertundfünfzig Fuß.

»Wir sind hier also auf einer Insel! sagte Joe, der sich kratzte, bis das Blut hervorkam.

– Wir würden sie ohne Gefahr umgehen können, antwortete der Jäger, denn von diesen liebenswürdigen Insecten abgesehen, bemerkt man kein einziges lebendes Wesen.

– Die Inseln, von denen der See durchwebt ist, bemerkte der Doctor Fergusson, sind eigentlich Gipfel versenkter Hügel; wir können uns glücklich schätzen, hier eine Zuflucht gefunden zu haben, denn die Ufer des Sees werden von wilden Stämmen bewohnt. Schlaft also, da der Himmel uns eine Nacht der Ruhe schickt.

– Wirst Du Dich nicht auch niederlegen, Samuel?

– Nein, ich könnte kein Auge zuthun. Meine Gedanken würden allen Schlaf verscheuchen. Morgen werden wir, wenn der Wind günstig ist, gerade auf Norden zugehen und vielleicht die Nilquellen, dies bis jetzt undurchdringlich gebliebene Geheimniß, entdecken. So nahe an den Quellen des großen Flusses kann ich nicht schlafen.«

Kennedy und Joe, die weniger von wissenschaftlichem Enthusiasmus aufgeregt wurden, schlummerten bald ruhig unter der Wacht des Doctors ein.

Am Mittwoch, dem 23. April, machte sich der Victoria um vier Uhr Morgens bei bedecktem Himmel segelfertig; die Nacht hob sich langsam von den Ufern des Sees, die ein dichter Nebel verhüllte, aber bald zerstreute ein heftiger Wind die schwere Luft. Der Victoria schwankte einige Minuten nach verschiedenen Richtungen hin und her, und hielt endlich geraden Weges auf Norden zu.

Doctor Fergusson schlug vor Freude in die Hände.

»Wir sind auf gutem Wege, rief er aus. heute oder nie werden wir den Nil sehen! Meine Freunde, hier überschreiten wir den Aequator! Wir treten in unsere Hemisphäre ein!

– Oho! rief Joe aus. Sie meinen, daß hier der Aequator durchgeht?

– Allerdings, mein wackerer Junge.

– Nun, verzeihen Sie, Herr, es scheint mir passend, daß wir ihn ein wenig einweihen, und zwar ohne weiteren Zeitverlust.

– Ein Glas Grog möge zur Feier des Tages geopfert werden! antwortete der Doctor lachend; – Du hast eine Weise, Dich mit der Kosmographie zu befassen, die nicht übel ist.«

Und so wurde das Passiren der Linie an Bord des Victoria feierlich begangen.

Dieser schwebte in raschem Fluge vorwärts. Im Westen bemerkte man die niedrige und wenig unebene Küste, im Hintergrunde die höheren Plateaux von Uganda und Usoga. Die Schnelligkeit des Windes wurde außerordentlich: mehr als dreißig Meilen auf die Stunde.

Die gewaltsam aufgewühlten Wasser des Nyanza schäumten wie die Wogen eines Meeres. An gewissen tiefgehenden Wasserstrudeln, welche sich nach schon eingetretener Windstille noch lange hin und her bewegten, erkannte der Doctor, daß der See eine große Tiefe haben müsse. Kaum sah man während dieser schnellen Ueberfahrt ein oder zwei rohe Barken.

»Dieser See, sagte der Doctor, ist augenscheinlich durch seine erhabene Lage das natürliche Flußbecken der Ströme des östlichen Theiles von Afrika. Der Himmel giebt ihm an Regen wieder, was er ihm anderweitig entzieht. Es scheint mir nunmehr gewiß, daß der Nil dort seine Quelle hat.

– Wir werden sehen,« versetzte Kennedy.

Gegen neun Uhr näherte man sich der Westküste; sie schien verlassen und bewaldet. Der Wind erhob sich ein wenig gegen Osten, und man konnte das andere Ufer des Sees erblicken. Dasselbe krümmte sich derartig, daß es in einen sehr stumpfen Winkel gegen 2° 40′ nördl. Br. auslief. Hohe Berge erhoben ihre dürren Gipfel an diesem Ende des Nyanza; aber zwischen ihnen, in einem tief ausgehöhlten Schlunde, brach ein siedender Fluß sich Bahn.

Während Doctor Fergusson mit der Handhabung seines Luftschiffes beschäftigt war, ließ er seine Blicke begierig über das Land schweifen.

»Seht! rief er, seht, meine Freunde! die Erzählungen der Araber waren genau! Sie sprachen von einem Flusse, in welchen der Ukerewe-See sich nach Norden zu ergösse: dieser Fluß existiert, wir fahren ihn hinunter, er fließt mit einer Geschwindigkeit, die sich mit unsrer eigenen Schnelligkeit vergleichen läßt; und dieser Wassertropfen, welcher zu unsern Füßen verrinnt, wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit den Fluthen des Mittelmeers vereinigen! Es ist der Nil!

– Es ist der Nil! wiederholte Kennedy, der sich von der Begeisterung Samuel Fergusson’s fortreißen ließ.

– Es lebe der Nil!« sagte Joe, der gern ein Vivat ausbrachte, wenn er freudig gestimmt war.

Ungeheure Felsen hemmten hie und da den Lauf dieses geheimnißvollen Flusses: das Wasser schäumte, es bildeten sich Stromschnellen und Katarakte, welche den Doctor in seiner Ansicht, daß hier die Quelle des Nils zu suchen sei, bestärkten. Von den umliegenden Bergen ergossen sich zahlreiche, bei ihrem Falle wild schäumende Bäche. Man sah aus dem Boden vereinzelte, dünne Wasserstrahlen hervorsprudeln, die sich kreuzten, in einander flossen, an Schnelligkeit wetteiferten, und sämmtlich dem werdenden Flusse zueilten, welcher, nachdem er sie aufgenommen, zum Strome wird.

»Es ist der Nil! wiederholte der Doctor mit voller Ueberzeugung. Der Ursprung seines Namens hat die Gelehrten, ebenso wie der Ursprung seiner Gewässer, leidenschaftlich erhitzt. Man hat ihn aus dem Griechischen, dem Koptischen, dem Sanskrit abgeleitet; übrigens kommt nichts darauf an, da er endlich doch das Geheimniß seiner Quellen hat offenbaren müssen.

– Aber, sagte der Jäger, wie kann man darüber in’s Klare kommen, daß dieser Fluß derselbe ist, welchen die Reisenden des Nordens erforscht haben?

– Wir werden sichere, unwiderlegliche, unfehlbare Beweise davon erhalten, antwortete Fergusson, wenn der Wind uns noch eine Stunde begünstigt.«

Die Berge trennten sich und machten zahlreichen Dörfern Platz, die von Sesam-, Durrah- und Zuckerrohrfeldern umgeben waren. Die Stämme dieser Gegenden zeigten sich aufgeregt und feindlich: sie schienen mehr zum Zorne als zur Anbetung geneigt zu sein und witterten Fremde, aber keine Götter; es schien, als ob sie die Erforschung der Nilquellen als einen an ihnen begangenen Raub betrachteten. Der Victoria mußte sich außer Schußweite ihrer Musketen halten.

»Es wird uns schwer fallen, hier zu ankern, sagte der Schotte.

– Nun, erwiderte Joe. Um so schlimmer für diese Eingeborenen. Wir werden sie des Reizes unserer Unterhaltung berauben.

– Ich muß dennoch aussteigen, entgegnete der Doctor Fergusson; und wäre es nur auf eine Viertelstunde. Sonst kann ich die Resultate unserer Entdeckungen nicht feststellen.

– Es ist also unerläßlich, Samuel?

– Allerdings; und wir werden aussteigen, selbst wenn wir uns unserer Feuerwaffen bedienen müßten.

– Mir ganz Recht, antwortete Kennedy mit einem zärtlichen Blick auf seine Büchse.

– Es wäre nicht das erste Mal, daß man mit den Waffen in der Hand der Wissenschaft seine Dienste leiht, hob der Doctor hervor; etwas Aehnliches ist einem französischen Gelehrten in den spanischen Gebirgen begegnet, als er mit der Messung des Erdmeridians beschäftigt war.

– Sei unbesorgt, Samuel, und verlaß Dich auf Deine beiden Leibwächter.

– Sind wir so weit, Herr Doctor?

– Noch nicht; wir werden sogar noch höher steigen, um die genaue Gestaltung des Landes uns zu veranschaulichen.«

Das Wasserstoffgas dehnte sich aus, und in weniger als zehn Minuten schwebte der Victoria in einer Höhe von zweitausend fünfhundert Fuß über dem Boden. Von dort konnte man ein unentwirrbares Netz von Flüssen wahrnehmen, welche der Strom in sein Bett aufnahm. Es rannen noch mehrere Bäche von Westen zwischen den zahlreichen Hügeln inmitten fruchtbarer Felder herbei.

»Wir sind keine neunzig Meilen von Gondokoro entfernt, sagte der Doctor, das Besteck auf der Karte machend; und weniger als fünf Meilen von dem Punkte, der von den aus Norden gekommenen Entdeckungsreisenden erreicht worden ist. Wir wollen uns nun vorsichtig der Erde nähern.«

Der Victoria senkte sich mehr als zweitausend Fuß.

»Jetzt, meine Freunde, seid auf Alles gefaßt.

– Wir sind bereit, antworteten Dick und Joe.

– Gut!«

Der Victoria flog bald längs des Strombettes kaum hundert Fuß von der Erde dahin. Der Nil maß an dieser Stelle fünfzig Toisen, und die Eingeborenen befanden sich in den Dörfern, welche an seinen Ufern lagen, in lärmender Bewegung. Unter dem zweiten Grade bildet er einen jähen Sturz, der eine Höhe von ungefähr zehn Fuß hat und folglich unpassirbar ist.

»Das ist der von Herrn Debono bezeichnete Wasserfall,« rief der Doctor.

Das Flußbecken erweiterte sich und war mit zahlreichen Inseln übersäet, von denen Samuel Fergusson kein Auge abwandte. Er schien einen Landungsplatz zu suchen, den er noch nicht entdecken konnte.

Einige Neger, welche in einem Kahn unter dem Ballon gefahren waren, begrüßte Kennedy mit einem Flintenschuß, welcher, ohne zu treffen, sie dazu veranlaßte, so schnell wie möglich wieder an’s Ufer zu rudern.

»Glückliche Reise! rief ihnen Joe nach. An ihrer Stelle würde ich das Wiederkommen bleiben lassen und die Nähe eines solchen Ungeheuers, das nach Belieben Blitze schleudert, vermeiden.«

Plötzlich griff Fergusson nach seinem Fernrohr und richtete es auf eine mitten im Strom gelegene Insel.

»Vier Bäume! rief er; seht dort unten!«

Wirklich waren vier einzelne Bäume sichtbar.

»Das ist die Insel Benga! Ohne allen Zweifel! setzte er hinzu.

– Nun, was weiter? fragte Dick.

– Dort werden wir aussteigen, so Gott will.

– Aber sie scheint bewohnt, Herr Samuel!

– Joe hat Recht; wenn ich mich nicht täusche sehe ich einen Haufen von etwa zwanzig Eingeborenen.

– Wir werden sie in die Flucht jagen; das wird nicht schwer halten, antwortete Fergusson.

– Drauf und dran!« entgegnete der Jäger.

Die Sonne stand im Zenith. Der Victoria näherte sich der Insel.

Die Neger, welche dem Stamme Makado angehörten, stießen ein kräftiges Geschrei aus; einer von ihnen schwang seinen Borkenhut in der Luft. Kennedy zielte auf denselben, gab Feuer, und der Hut flog in Stücke.

Das war das Signal zu einer allgemeinen Flucht; die Eingeborenen stürzten sich in den Strom und durchschwammen ihn; von beiden Ufern kam ein Hagel von Kugeln, eine Wolke von Pfeilen, aber ohne Gefahr für das Luftschiff, dessen Anker sich in eine Felsspalte eingelassen hatte. Joe glitt auf die Erde herab.

»Die Leiter! rief der Doctor. Folge mir, Kennedy!

– Was willst Du thun?

– Wir wollen aussteigen; ich brauche einen Zeugen.

– Ich bin bereit.

– Joe, halte Du Wache!

– Sein Sie ohne Sorge, Herr; ich stehe für Alles.

– Komm, Dick,« sagte der Doctor, als er den Fuß auf festen Boden setzte.

Er zog seinen Gefährten nach einer Felsgruppe, welche sich an einem Ausläufer der Insel erhob; dort suchte er einige Zeit, spürte in den Gebüschen umher und riß sich dabei die Hände blutig.

Plötzlich ergriff er den Jäger lebhaft am Arme.

»Sieh dorthin! sagte er.

– Buchstaben!« rief Kennedy.

Wirklich erschienen zwei in den Fels eingegrabene Buchstaben in ihrer vollen Klarheit; man las deutlich: A. D.

»A. D., versetzte der Doctor Fergusson, Andrea Debono! Der Namenszug des Reisenden, welcher den Lauf des Nils am weitesten aufwärts verfolgt hat!

– Das ist unwiderleglich, Freund Samuel!

– Bist Du jetzt überzeugt?

– Es ist der Nil! Wir können nicht mehr daran zweifeln!«

Der Doctor blickte noch einmal auf diese kostbaren Initialen und zeichnete genau ihre Form und Größe ab.

»Und jetzt zum Ballon zurück! sagte er.

– Schnell also; denn dort sind mehrere Eingeborene, die wieder über den Fluß kommen wollen.

– Das kümmert uns jetzt wenig; wenn der Wind uns einige Stunden lang nach Norden treibt, werden wir Gondokoro erreichen und unsern Landsleuten die Hand drücken.«

Zehn Minuten darauf stieg der Victoria majestätisch empor, während Doctor Fergusson als Zeichen des errungenen Erfolges die Flagge mit dem englischen Wappen entfaltete.

Neunzehntes Capitel

Neunzehntes Capitel

Der Nil. – Der Zitterberg. – Erinnerungszeichen an das Land. – Die Erzählungen der Araber. – Die Nyam-Nyam. – Verständige Gedanken Joe’s. – Der Victoria lavirt. – Luftschifffahrten. – Madame Blanchard.

»Wohinaus steuern wir? fragte Kennedy, als er sah, wie sein Freund den Compaß zu Rathe zog.

– Nach Nord-Nordwest.

– Aber zum Teufel! Das ist nicht Norden!

– Nein, Dick; und ich glaube, daß wir schwerlich Gondokoro erreichen werden; ich bedauere es, aber schließlich haben wir die Forschungen des Ostens mit denen des Nordens verknüpft; da darf man sich nicht beklagen.«

Der Victoria entfernte sich allmälig vom Nil.

»Ein letzter Blick, sagte der Doctor, auf diesen noch unüberschrittenen Breitegrad, über den die unerschrockensten Reisenden nicht haben hinauskommen können. Das sind sicher die unzugänglichen Stämme, von denen die Herren Petherick, D’Arnaud, Miani sprechen; ebenso wie der junge Reisende Herr Lejean, dem wir die besten Arbeiten über den obern Lauf des Nil verdanken.

– So stimmen unsere Entdeckungen mit den Vermuthungen und Hypothesen der Wissenschaft überein? fragte Kennedy.

– Vollständig. Die Quellen des Weißen Flusses, des Bahr-el-Abiad sind in einem See, der die Größe eines Meeres hat, verborgen: dort hat er seinen Ursprung; die Poesie wird freilich dabei verlieren, man dachte sich für diesen König der Ströme gern eine himmlische Abkunft. Die Alten benannten ihn mit dem Namen Ocean, und man war geneigt zu glauben, daß er direct von der Sonne herkäme! Aber man muß ab und zu etwas von solchem Glauben aufgeben und das annehmen, was die Wissenschaft uns lehrt. Es wird vielleicht nicht immer Gelehrte, immer aber Dichter geben!

– Man bemerkt wieder Katarakte, äußerte Joe.

– Die Katarakte von Makado, auf drei Breitegraden; es stimmt ganz genau! Ach, warum haben wir nicht dem Laufe des Nils einige Stunden weit folgen können!

– Und da unten vor uns, sagte der Jäger, bemerke ich den Gipfel eines Berges.

– Das ist der Logwek, der Zitterberg der Araber; diese ganze Gegend ist von Herrn Debono besucht worden, der sie unter dem Namen Latif Effendi durchreiste. Die dem Nil anwohnenden Stämme sind unter einander verfeindet und führen einen gegenseitigen Vertilgungskrieg. Ihr könnt Euch leicht die Gefahren vorstellen, denen er hat Trotz bieten müssen.«

Der Wind trug nun den Victoria nach Nordwesten. Um den Berg Logwek zu vermeiden, mußte man eine niedrigere Strömung suchen.

»Meine Freunde, sagte der Doctor zu seinen beiden Begleitern, jetzt erst fangen wir wirklich unsere Entdeckungsreise in Afrika an. Bis hierher sind wir hauptsächlich den Spuren unserer Vorgänger gefolgt. Wir werden uns nunmehr in eine unbekannte Welt begeben. Wird uns der Muth nicht im Stich lassen?

– Niemals! riefen einstimmig Dick und Joe.

– Auf den Weg denn, und der Himmel beschütze uns!«

Um zehn Uhr Abends gelangten die Reisenden über Schluchten, Wälder und zerstreute Dörfer hinweg zum Zitterberge, an dessen sanft abfallenden Abhängen sie hinstreiften.

An diesem denkwürdigen Tage, dem dreiundzwanzigsten April, hatten sie während einer fünfzehnstündigen Reise, von einem raschen Winde getrieben, eine Entfernung von über dreihundert und fünfzehn Meilen zurückgelegt.

Aber dieser letzte Theil der Reise hatte ihnen einen traurigen Eindruck hinterlassen. Vollständiges Schweigen herrschte in der Gondel. War Doctor Fergusson einzig und allein mit seinen Entdeckungen beschäftigt? Dachten seine beiden Gefährten an die ihnen bevorstehende Fahrt mitten durch unbekannte Landstriche? In all‘ das mischten sich ohne Zweifel Erinnerungen an England und die entfernten Freunde. Joe zeigte dabei seine gewohnte Philosophie der Sorglosigkeit, die es ganz natürlich fand, daß das Vaterland nicht überall mit ihm herumziehen konnte; aber er achtete das Schweigen Samuel Fergusson’s und Dick Kennedy’s.

Um zehn Uhr Abends legte sich der Victoria auf der andern Seite des Zitterberges [Fußnote] vor Anker; man nahm ein substantielles Mahl ein, und Alle schliefen nacheinander, sich in der Wache ablösend.

Am folgenden Morgen sah man wieder fröhlichere Gesichter; es hatte sich prächtiges Wetter und ein günstiger Wind eingestellt, und ein durch die Scherze des muntern Joe gewürztes Frühstück brachte vollends die gute Laune der kleinen Gesellschaft zurück.

Das Land, welches man gegenwärtig zu durchreisen hatte, ist ein unermeßlich großes; es grenzt an die Mondberge und die Gebirge von Darfur; es mag an Ausdehnung etwa Europa zu vergleichen sein.

»Wir durchreisen jetzt jedenfalls das sogenannte Land Usoga, saqte der Doctor; Geographen haben behauptet, daß sich im Mittelpunkte von Afrika eine tiefe Senkung, ein ungeheurer Binnensee befände. Wir werden sehen, ob diese Annahme irgendwie begründet ist.

– Aber wie ist man zu dieser Voraussetzung gelangt? fragte Kennedy.

– Durch die Berichte der Araber; diese Leute erzählen gern, vielleicht zu gern. Einige in Kaseh oder an den großen Seen angekommene Reisende haben Sclaven gesehen, welche von dem Innern des Landes hergekommen waren, und dieselben über ihr Land ausgefragt, diese verschiedenen Mittheilungen dann mit einander verschmolzen, und daraus Systeme abgeleitet. Alledem liegt immer etwas Wahres zu Grunde und, wie Du siehst, hat man sich z. B. über den Ursprung des Nil nicht getäuscht.

– Ganz richtig! stimmte Kennedy bei.

– Auf diese Mittheilungen hin hat man Karten zu zeichnen versucht, und meine Absicht ist, unsern Weg auf einer derselben zu verfolgen, und sie erforderlichen Falls zu verbessern.

– Ist dieses weite Land bewohnt? erkundigte sich Joe.

– Allerdings, aber nur spärlich.

– Das habe ich mir gedacht.

– Diese zerstreuten Volksstämme begreift man unter der allgemeinen Bezeichnung Nyam-Nyam: der Name ist nur eine Onomatopöe; er giebt das Geräusch des Kauens wieder.

– Ausgezeichnet! rief Joe, Nyam! Nyam!

– Mein alter Junge, wenn Du die unmittelbare Ursache dieser Onomatopöe wärest, würdest Du das nicht ausgezeichnet finden.

– Was meinen Sie damit, Herr?

– Daß diese Völkerschaften Menschenfresser sind.

– Ist das wirklich wahr?

– Freilich; man hat auch behauptet, daß diese Eingeborenen wie gewöhnliche Vierfüßler mit einem Schwanze versehen seien; aber bald hat man erkannt, daß dieser Appendix nur den Thierfellen, mit denen sie bekleidet sind, angehört.

– Um so schlimmer für sie; ein Schwanz müßte in diesen Gegenden sehr angenehm sein, um die Moskitos zu verjagen.

– Wohl möglich, Joe; aber es ist das in’s Bereich der Fabel zu verweisen, wie auch die Hundsköpfe, welche der Reisende Brun-Rollet gewissen Völkerschaften beilegte.

– Hundsköpfe? sehr bequem zum Bellen und äußerst brauchbar für Menschenfresser!

– Was leider auf Wahrheit beruht, ist die Wildheit dieser nach Menschenfleisch lechzenden Völker.

– Ich wünsche nur, daß ich ihnen nicht zu viel Appetit einflöße, versetzte Joe.

– Da haben wir’s, sagte der Jäger.

– Meine Meinung ist die, Herr Dick: Wenn ich einmal gefressen werden muß, so soll es zu Ihrem Nutzen und zum Vortheil meines Herrn sein. Aber diesen Mohren zur Nahrung dienen! Pfui, ich würde mich zu Tode schämen!

– Recht so, mein braver Joe, meinte Kennedy; das nenne ich doch noch ein Wort! wir werden Dich bei Gelegenheit berücksichtigen.

– Stehe immer zu Diensten, meine Herren!

– Joe spricht nur so, bemerkte der Doctor, damit wir ihn gut füttern und recht fett machen sollen.

– Wer weiß? antwortete Joe; der Mensch ist nun einmal so egoistisch!«

Am Nachmittag bedeckte sich der Himmel mit einem heißen Nebel, der aus dem Boden empordampfte. Der umdüsterte Himmel gestattete kaum, die Gegenstände auf der Erde zu unterscheiden, und so gab der Doctor, aus Furcht an eine Felsspitze zu stoßen, um fünf Uhr das Haltesignal.

Die Nacht verging ohne Unfall, aber man hatte bei der tiefen Dunkelheit seine Wachsamkeit verdoppeln müssen.

Der Monsun wehte am andern Morgen mit außerordentlicher Heftigkeit; der Wind verfing sich in den untern Höhlungen des Ballons und schüttelte heftig den Kasten, durch welchen die Ausdehnungs-Röhren sich hinzogen. Man mußte sie mit Seilen befestigen, ein Geschäft, das Joe mit großer Geschicklichkeit ausführte.

Er constatirte zugleich, daß die Mündung des Luftschiffes noch immer hermetisch verschlossen war.

»Es hat das eine doppelte Bedeutung für uns, sagte Doctor Fergusson; zunächst vermeiden wir den Verlust des für uns sehr kostbaren Gases, und dann lassen wir in unserer Umgebung keinen entzündbaren Streifen zurück, der am Ende gar in Flammen gerathen könnte.

– Das wäre ein ärgerlicher Zwischenfall für unsere Reise.

– Würden wir zur Erde herabstürzen? fragte Dick

– Stürzen? nein! das Gas würde ruhig verbrennen und wir nach und nach zur Erde niedersteigen. Ein ähnlicher Unfall ist der französischen Luftschifferin Madame Blanchard, begegnet. Beim Abbrennen eines Feuerwerks entzündete sich ihr Ballon, aber sie fiel nicht, und würde ohne Zweifel mit dem Leben davongekommen sein, wenn ihre Gondel nicht an einen Schornstein gestoßen wäre, von welchem herunter sie zur Erde stürzte.

– Hoffen wir, daß uns nichts Aehnliches treffen wird, versetzte der Jäger; bis jetzt scheint mir unsere Fahrt nicht gefährlich. Ich sehe keinen Grund, der uns hindern könnte, an unserm Ziel anzukommen.

– Ich auch nicht, lieber Dick; übrigens sind die Unfälle auf Luftreisen immer durch Unvorsichtigkeit, oder den mangelhaften Bau der Apparate verursacht worden. Indessen zählt man auf mehrere tausend Ballonexpeditionen nicht zwanzig Unfälle, die den Tod zur Folge gehabt hätten. Im Allgemeinen bieten die Abfahrten und Landungen die meisten Gefahren. So dürfen wir in solchem Falle keine Vorsichtsmaßregel außer Augen lassen.

– Es ist Frühstückszeit, meldete Joe; wir müssen schon mit Kaffee und conservirtem Fleisch vorliebnehmen, bis Herr Kennedy Gelegenheit gefunden hat, uns mit einem guten Stück Wildbret zu versorgen.«

Zweites Capitel

Zweites Capitel

Ein Artikel des »Daily Telegraph«. – Gelehrter Federkrieg. – Herr Petermann unterstützt seinen Freund, den Doctor Fergusson. – Antwort des Gelehrten Koner. – Abschluß von Wetten. – Dem Doctor werden verschiedene Vorschläge gemacht.

Am folgenden Tage veröffentlichte der »Daily Telegraph« in seiner Nummer vom 15. Januar einen also lautenden Artikel: »Das Geheimniß der ungeheuren afrikanischen Einöden wird endlich offenbart werden; ein moderner Oedipus wird uns die Lösung dieses Räthsels bringen, das die Gelehrten von sechs Jahrtausenden nicht zu entziffern vermochten. Ehedem wurde eine Aufsuchung der Nilquellen, fontes Nili quaerere, als ein wahnsinniges Beginnen, ein nicht zu verwirklichendes Hirngespinst betrachtet.

»Indem der Doctor Barth die von Denham und Clapperton vorgezeichnete Straße bis Sudan verfolgte, Doctor Livingstone seine unerschrockenen Nachforschungen von dem Cap der guten Hoffnung bis zu dem Flußbecken des Zambesi ununterbrochen betrieb, die Kapitäne Burton und Speke die großen Binnenseen entdeckten, haben sie der modernen Civilisation drei Bahnen geöffnet; der Durchschnittspunkt, nach dem noch kein Reisender hat gelangen können, ist das eigentliche Herz Afrika’s; darauf hin müssen sich nunmehr alle Anstrengungen richten.

Jetzt aber werden die Arbeiten dieser unerschrockenen Pioniere der Wissenschaft durch den kühnen Versuch des Doctor Samuel Fergusson untereinander verknüpft werden.

Dieser verwegene Entdecker, dessen so herrliche Forschungen unsere Leser so oft mit Interesse verfolgt haben, hat sich vorgenommen, über ganz Afrika von Osten bis Westen in einem Ballon hinwegzufahren. Sind wir recht unterrichtet, so würde der Ausgangspunkt dieser wunderbaren Reise die Insel Zanzibar an der Ostküste sein. Was ihren beabsichtigten Endpunkt anbetrifft, so ist die Kenntniß desselben allein der Vorsehung vorbehalten.

Der Vorschlag zu dieser wissenschaftlichen Forschungsreise ist gestern officiell der Königlich Geographischen Gesellschaft gemacht worden, und eine Summe von zweitausend fünfhundert Pfund von derselben ausgeworfen, um die Kosten des Unternehmens zu decken.

Wir werden unsere Leser beständig in Kenntniß über den Verlauf dieser staunenswerthen Entdeckungsreise halten, von der sich in den Annalen der Geographie kein Präcedenzfall vorfindet.«

Wie man sich denken kann, machte dieser Artikel ein ungeheures Aufsehen; zuerst stieß er auf allgemeinen Unglauben; der Doctor Fergusson galt bei vielen für ein in der Idee existirendes, nur fingirtes Wesen von der Erfindung des Herrn Barnum, der, nachdem er in den Vereinigten Staaten gearbeitet hatte, sich nunmehr anschickte, die britischen Inseln zu »machen«.

Eine scherzhafte Antwort erschien in Genf in der Februar-Nummer der Bulletins de la Société Géographique; dieselbe verspottete in geistreicher Weise die Königlich Geographische Gesellschaft zu London, den Traveller’s-Club und den riesigen Stör.

Aber Herr Petermann brachte die Genfer Zeitschrift in seinen zu Gotha veröffentlichten »Mittheilungen« gründlich zum Schweigen, denn er kannte den Doctor Fergusson persönlich und leistete für die Unerschrockenheit seines kühnen Freundes Gewähr.

Bald mußten übrigens alle Zweifel verstummen; die Vorbereitungen zu der Reise gingen in London vor sich; Lyoner Fabriken hatten bedeutende Taffetbestellungen für den Bau des Luftschiffes erhalten, und endlich stellte die Regierung von Groß-Britannien das Transportschiff »The Resolute«, Kapitän Pennet, dem Doctor zur Verfügung.

Alsbald ließen sich von vielen Seiten Aeußerungen der Ermuthigung vernehmen, und tausend Glückwünsche wurden laut. Die Einzelheiten der projectirten Reise wurden des Langen und Breiten in den »Bulletins de la société géographique« zu Paris besprochen, und ein interessanter Artikel über diesen Gegenstand in den »Nouvelles Annales des voyages, de la géographie, de l’histoire et de l’archéologie de M. V. – A. Malte-Brun« abgedruckt. Eine äußerst sorgfältige Arbeit des Doctor W. Koner, die in der »Zeitschrift für allgemeine Erdkunde« veröffentlicht wurde, wies siegreich die Möglichkeit der Reise, ihre Aussichten auf Erfolg, die Natur der Hindernisse, und die unermeßlichen Vortheile der Beförderungsweise auf dem Luftwege nach; er tadelte nur den Anfangspunkt und gab Massauah, einem kleinen Hafenorte Abessyniens, den Vorzug, von welchem aus James Bruce im Jahre 1768 zu der Erforschung der Nilquellen ausgezogen war. Übrigens bewunderte er rückhaltlos den energischen Geist des Doctor Fergusson und das mit dreifachem Erz umschlossene Herz, welches den Plan zu einer solchen Reise entwerfen und sie zur Ausführung bringen konnte.

Die »North American Review« sah nicht ohne Mißvergnügen einen solchen Ruhm England vorbehalten, nahm den Vorschlag des Doctors von einer scherzhaften Seite, und lud ihn ein, da er dann einmal auf dem Wege sei, gleich weiter bis nach Amerika zu fahren.

Kurz, ohne die Zeitschriften der ganzen Welt aufzählen zu wollen, können wir versichern, daß es vom »Journal des missions évangéliques« bis auf die »Revue Algérienne et coloniale«, von den »Annales de la propagation de la foi« bis auf den »Church missionary intelligencer« keine wissenschaftliche Zeitschrift gab, welche diese Thatsache nicht in allen Variationen berichtet hätte.

Beträchtliche Wetten wurden in London wie in ganz England eingegangen, 1. über die wirkliche oder nur vermuthete Existenz des Doctor Fergusson; 2. über die Reise selbst, die nach der Behauptung der Einen nicht angetreten, nach der Meinung der Andern unternommen werden würde; 3. über die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit einer Rückkehr des Doctor Fergusson.

Man trug bedeutendere Summen in das Wettbuch ein, als wenn es sich um ein Epsom-Rennen gehandelt hätte.

So waren die Augen von Gläubigen und Ungläubigen, von Unwissenden und Gelehrten auf den Doctor gerichtet, und er wurde der Löwe des Tages, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß er eine Mähne trüge. Er gab bereitwillig Auskunft über die Expedition, denn er war der natürlichste und zugänglichste Mensch von der Welt. Mehr als ein kühner Abenteurer bot sich an, den Ruhm und die Gefahren seines Versuchs zu theilen, aber Fergusson wies alle solche Anerbietungen ab, ohne die Gründe hiezu anzugeben.

Außerdem stellten sich eine Menge Erfinder von allerhand Mechanismen bei ihm ein, um ihr System für die Direction des Ballons zu empfehlen; er ließ sich jedoch auf nichts ein, und wenn man ihn fragte, ob er selbst in dieser Beziehung etwas entdeckt habe, weigerte er sich hartnäckig, eine bestimmte Erklärung abzugeben, und beschäftigte sich eifriger als je mit den Vorbereitungen zu seiner Reise.