Achtundzwanzigstes Capitel

Achtundzwanzigstes Capitel

Ein köstlicher Abend. – Joe’s Küche. – Erörterung über rohes Fleisch. – Geschichte von James Bruce. – Das Bivouak. – Joe’s Träume. – Das Barometer fällt. – Das Barometer steigt wieder. – Vorbereitungen zum Aufbruch. – Der Orkan.

Der Abend war herrlich, und die drei Freunde brachten ihn, nachdem sie sich an einem Mahle gelabt hatten, unter dem frischen Laub der Mimosen zu. Thee und Grog wurden heute nicht gespart.

Kennedy hatte das kleine Paradies nach allen Seiten hin durchsucht und gefunden, daß sie die einzigen lebenden Wesen auf diesem Gebiete waren. Sie streckten sich auf ihre Decken aus und erfreuten sich einer friedlichen Nacht, die ihnen Vergessen der überstandenen Leiden brachte.

Am Morgen des 7. Mai leuchtete die Sonne in ihrem hellsten Glanz, aber ihre Strahlen vermochten nicht, das dichte Laubwerk zu durchbrechen. Da Lebensmittel in hinreichender Menge vorhanden waren, beschloß der Doctor, an diesem Orte einen günstigen Wind abzuwarten.

Joe hatte seine tragbare Küche hierher transportirt, und versuchte eine Masse culinarischer Combinationen, bei denen er das Wasser mit sorgloser Verschwendung benutzte.

»Welch‘ sonderbare Aufeinanderfolge von Leid und Freude, bemerkte Kennedy; dieser Ueberfluß nach so qualvoller Entbehrung! Dieser Luxus im Gefolge solches Elends! ach, ich war nahe daran, den Verstand zu verlieren.

– Mein lieber Dick, wäre Joe nicht gewesen, so würdest Du jetzt nicht mehr über die Unbeständigkeit der menschlichen Dinge philosophiren.

– Der wackere Junge, der treue Freund! rief der Schotte, indem er Joe die Hand reichte.

– Keine Ursache; es lohnt nicht davon zu reden,« antwortete dieser; »Sie können sich ja einmal revanchiren, Herr Dick; ich wünschte zwar nicht, daß sich Gelegenheit dazu böte.

– Armselige Creaturen sind wir doch, versetzte der Doctor, daß eine solche Kleinigkeit uns so niederzudrücken vermag!

– Sie meinen den Mangel von ein wenig Wasser, Herr Doctor? Dies Element muß doch wohl außerordentlich nothwendig zum Leben sein!

– Allerdings, Joe, man kann länger ohne zu essen, als ohne zu trinken leben.

– Das glaube ich; übrigens kann man im Falle der Noth so ziemlich Alles essen, was Einem aufstößt, sogar Seinesgleichen, obgleich das eine Speise sein muß, die schwer im Magen liegt.

– Die Wilden nehmen weiter keinen Anstoß daran, meinte Kennedy.

– Ja, die Wilden! sie sind aber auch daran gewöhnt, rohes Fleisch zu essen; ich für meine Person würde den Ekel davor nicht überwinden können.

– Es muß in der That ziemlich widerwärtig sein, stimmte der Doctor bei, und Niemand wollte den ersten Afrika-Reisenden Glauben schenken, als sie erzählten, daß verschiedene Völker sich von rohem Fleische nährten. James Bruce begegnete in dieser Hinsicht ein merkwürdiges Abenteuer.

– Bitte, erzählen Sie, Herr Doctor, wir haben Zeit, Ihnen zuzuhören …. Mit diesen Worten streckte sich Joe behaglich auf dem weichen Grase aus.

– Gern, mein Junge. James Bruce war ein Schotte, aus der Grafschaft Stirling gebürtig, der in den Jahren von 1768 bis 1772 behufs Aufsuchung der Nilquellen ganz Abessynien bis zum Tyana-See durchreiste; dann kehrte er nach England zurück, wo er erst im Jahre 1790 seine Reisebeschreibung veröffentlichte. Die darin enthaltenen Erzählungen wurden mit außerordentlichem Unglauben aufgenommen, einem Unglauben, der sicherlich auch den unserigen bevorsteht. Die Gewohnheiten der Abessynier waren von englischen Sitten und Gebräuchen so verschieden, daß Niemand sie für möglich hielt.

Unter Anderm hatte James Bruce behauptet, daß die Völker Ostafrika’s rohes Fleisch äßen. Diese Angabe brachte Jedermann in Harnisch gegen ihn; er könne ja Alles sagen, was ihm beliebe, meinte man, es würde Niemand hinreisen, um ihn zu widerlegen! Bruce war ein sehr muthiger, aber äußerst jähzorniger Mann, und diese Zweifel an seinen Worten reizten ihn im höchsten Grade. Eines Tages, als in einer Gesellschaft zu Edinburg ein Schotte das gewöhnliche Scherzthema wieder aufnahm und rund heraus erklärte, daß die Sache weder möglich noch wahr sei, entfernte sich Bruce stillschweigend und kehrte nach einigen Minuten mit einem rohen Beefsteak zurück, das nach afrikanischer Manier mit Pfeffer und Salz bestreut war. »Mein Herr,« sagte er zu dem Schotten, »durch Ihren Zweifel an einer meiner Behauptungen haben Sie mir eine schwere Beleidigung zugefügt; darin, daß Sie die Thatsache für unausführbar hielten, haben Sie sich sehr geirrt, und um das allen Anwesenden zu beweisen, werden Sie sofort entweder dies rohe Beefsteak essen, oder mir für Ihre Worte Genugthuung geben.« Der Schotte hatte Furcht und gehorchte nicht ohne allerlei Grimassen. Sodann sagte James Bruce mit der größten Kaltblütigkeit: »Wenn Sie vielleicht immer noch behaupten, mein Herr, daß meine Angabe nicht auf Wahrheit beruht, so werden Sie wenigstens nicht mehr sagen können, daß sie unmöglich sei.

– Gut gegeben! meinte Joe; wenn sich der Schotte an dem rohen Beefsteak ein Wenig den Magen verdorben hat, so ist ihm nur Recht geschehen. Wenn man bei unserer Rückkehr nach England unsere Reise gleichfalls in Zweifel ziehen sollte ….

– Nun, Joe, was gedenkst Du dann zu thun?

– Ich werde den Ungläubigen die Stücke des Victoria ohne Salz und Pfeffer zu essen geben!«

Und Jeder lachte über Joe’s Auskunftsmittel. Der Tag verging so unter angenehmen Gesprächen; mit der Kraft kehrte die Hoffnung, und mit der Hoffnung die Kühnheit wieder. Die Vergangenheit vermischte sich fast unmerklich mit der Zukunft.

Joe hätte am Liebsten dies entzückende Asyl nie wieder verlassen; es war das Ideal seiner Träume; er fühlte sich hier wie zu Hause, und sein Herr mußte ihm die genaue Aufnahme der Oertlichkeit angeben, die er mit großem Ernst in seine Reisenotizen eintrug: 15° 43′ L. und 8° 32′ Br.

Kennedy bedauerte nur eins, nämlich daß er in diesem Miniaturwalde nicht jagen konnte; seiner Ansicht nach fehlten zur Annehmlichkeit der Situation noch wilde Thiere.

»Du hast ein kurzes Gedächtniß, lieber Dick,« versetzte der Doctor. »Denkst Du gar nicht mehr an den Löwen und an die Löwin?«

»Ach das!« sprach er mit der Verachtung, die ein richtiger Jäger für das erlegte Wild an den Tag legt. »Aber freilich, ihre Anwesenheit in dieser Oase gestattet wohl der Vermuthung Raum, daß wir nicht mehr sehr entfernt von fruchtbaren Landstrichen sind.«

»Kein sicherer Beweis dafür, Dick. Diese Thiere überschreiten, von Hunger oder Durst getrieben, oft beträchtliche Entfernungen; in der nächsten Nacht werden wir sogar gut thun, größere Wachsamkeit zu beobachten und Feuer anzuzünden.«

»Bei dieser Temperatur noch Feuer anzünden!« rief Joe. »Nun wenn es sein muß, soll es geschehen. Aber es wird mir wirklich schwer werden, dies hübsche Gehölz, das uns so nützlich und erquickend gewesen ist, zu verbrennen.«

»Wir müssen besonders Acht darauf geben daß wir es nicht in Brand stecken,« fügte der Doctor hinzu, »damit auch andere Reisende hier eines Tages Zuflucht finden können.«

»Wir wollen schon dafür sorgen, Herr; aber meinen Sie denn, daß diese Oase bekannt ist?«

»Gewiß. Es ist ein Haltepunkt für die Karawanen, die Central-Afrika besuchen, und es wäre wohl möglich, daß solch‘ Besuch Dir wenig behagen würde, Joe.«

»Giebt es in dieser Gegend auch solche abscheuliche Nyam-Nyam?«

»Ohne Zweifel! das ist der Gesammtname für all diese Völkerschaften, und unter demselben Klima müssen dieselben Racen auch gleiche Gewohnheiten haben.«

Joe gab mit einem kräftigen »Puh« seinem Widerwillen Ausdruck.

»Trotzdem finde ich das eigentlich sehr natürlich! wenn Wilde denselben Geschmack wie gesittete Europäer hätten – wo bliebe der Unterschied? Es mag hier ganz honette Leute geben, die sich nicht bitten lassen würden, das rohe Beefsteak des Schotten und ihn selber noch obendrein zu verzehren.«

Nach dieser sehr verständigen Betrachtung errichtete Joe seine Scheiterhaufen für die Nacht, machte sie jedoch so klein wie möglich. Diese Vorsichtsmaßregeln erwiesen sich jedoch glücklicher Weise als unnöthig, und die drei Reisenden schliefen abwechselnd in tiefster Ruhe.

Am folgenden Morgen zeigte sich noch keine Aenderung des Wetters; es blieb hartnäckig klar und schön. Der Ballon verhielt sich vollständig ruhig, und nicht die geringste Schwankung seines beweglichen Körpers verrieth einen Windhauch.

Der Doctor wurde wieder besorgt; wenn die Reise sich sehr verlängern sollte, würden die Lebensmittel nicht ausreichen. Nachdem man beinahe dem Wassermangel erlegen war, sollte man schließlich vor Hunger sterben müssen?

Fergusson gewann indessen seine Zuversicht wieder, als er sah, wie das Quecksilber im Barometer sehr merklich fiel; das war ein augenscheinliches Zeichen einer nahen Veränderung in der Atmosphäre; demnach beschloß er seine Vorbereitungen zum Aufbruch zu treffen, um die erste günstige Gelegenheit sofort benutzen zu können. Der Speisungskasten wie auch die Wasserkiste wurden vollständig gefüllt.

Der Doctor mußte nun das Gleichgewicht des Luftschiffes wieder herstellen, und Joe wurde genöthigt, einen ansehnlichen Theil seines kostbaren Golderzes zu opfern. Mit der Gesundheit waren ihm jedoch wieder habsüchtige Gedanken aufgestiegen, und er schnitt ein böses Gesicht über das andere, ehe er sich entschloß, seinem Herrn zu gehorchen; dieser aber bewies ihm geduldig, daß er ein so bedeutendes Gewicht nicht mitnehmen könne, und ließ ihm die Wahl zwischen Wasser und Gold; Joe schwankte nun nicht länger, und schleuderte eine tüchtige Menge seiner werthvollen Kiesel auf den Sand, indem er rief:

»Mögen es die behalten, welche nach uns kommen; sie werden nicht wenig erstaunt sein, an solchem Orte ihr Glück zu finden.«

»Wenn nun irgend ein gelehrter Reisender diese Steinmuster hier auffindet?« hub Kennedy an.

»Ich zweifle durchaus nicht, mein lieber Dick, daß es ihn sehr überraschen und er seiner Verwunderung in zahlreichen Folianten Ausdruck verleihen würde! Vielleicht hören wir bald einmal von einer wunderbaren Schicht goldhaltigen Quarzes inmitten der Sandwüsten Afrika’s.«

»Und Joe ist dann die Ursache hiervon gewesen.« Der Gedanke, irgend einen Gelehrten zu mystificiren, schien den braven Joe zu trösten; er entlockte ihm wenigstens ein Lächeln.

Der Doctor wartete vergebens den Tag über auf Wetterveränderung. Die Temperatur stieg bedeutend, und wäre ohne den Schatten der Oase unerträglich gewesen. Das Thermometer zeigte in der Sonne hundertneunundvierzig Grad. Ein wahrer Feuerregen durchfuhr die Luft. Es war die höchste Wärme, die bis jetzt beobachtet worden war.

Joe ordnete wie am vergangenen Abende das Bivouak, und während der Doctor und später Kennedy wachten, ereignete sich kein weiterer Zwischenfall. Aber gegen drei Uhr Morgens, als Joe die Wache hatte, wurde die Temperatur plötzlich kühler, der Himmel bedeckte sich mit Wolken, und die Dunkelheit nahm zu.

»Auf! auf!« rief Joe, indem er seine beiden Gefährten weckte; »der Wind!«

»Endlich!« sagte der Doctor, indem er den Himmel betrachtete; »es erhebt sich ein Sturm; in den Victoria, in den Victoria

Es war die höchste Zeit zum Einsteigen. Der Victoria bog sich unter der Gewalt des Orkans und schleppte die Gondel fort, die auf dem Sande hinstreifte. Wenn durch irgend einen Zufall ein Theil des Ballasts zur Erde gestürzt wäre, würde der Ballon auf und davon gegangen sein, und jede Hoffnung, ihn wiederzufinden, wäre vergeblich gewesen.

Aber Joe lief, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, zum Victoria und hielt die Gondel an, während der Ballon sich auf den Sand legte und der Gefahr des Zerreißens sehr nahe war. Der Doctor nahm seinen Platz ein, zündete das Knallgasgebläse an und warf den Gewichtüberschuß auf den Sand.

Die Reisenden betrachteten ein letztes Mal die Bäume der Oase, die sich unter dem Sturm beugten, und verschwanden bald zweihundert Fuß über der Erde, vom Ostwinde getrieben, im Dunkel der Nacht.

Neunundzwanzigstes Capitel

Neunundzwanzigstes Capitel

Symptome bei Vegetation. – Phantastischer Gedanke eines französischen Schriftstellers. – Ein herrliches Land. – Das Königreich Adamova. – Die Forschungsreisen Speke’s und Burton’s mit denen Barth’s verknüpft. – Die Atlantika-Berge. – Der Benue-Fluß. – Die Stadt Yola. – Der Bagele. – Der Berg Mendif.

Die Reisenden fuhren vom Augenblick ihres Aufbruchs an mit großer Geschwindigkeit; sie sehnten sich danach, diese Wüste, die ihnen beinahe so verhängnißvoll geworden wäre, zu verlassen.

Gegen ein Viertel zehn Uhr Morgens erblickte man einige Symptome der Vegetation, Gräser, die auf diesem Sandmeer zitterten und ihnen, wie dem Christoph Columbus, die Nähe des Landes verkündeten. Grüne Keime sproßten schüchtern unter Kieseln hervor, und am Horizonte zogen sich Hügel in wellenförmiger Linie hin. Ihre vom Nebel verwischte Seitenansicht zeichnete sich in vagen Umrissen ab; die Eintönigkeit schwand.

Fergusson begrüßte freudig diese neue Gegend, und wie ein Matrose im Mastkorbe hätte er ausrufen mögen: »Land! Land!«

Eine Stunde später entfaltete sich der Continent vor seinen Augen; er bot bis jetzt nur noch einen wilden Anblick dar, war aber doch weniger flach und nackt; einige Bäume hoben sich vom grauen Himmel ab.

»Wir sind jetzt also in civilisirten Landen? fragte der Jäger.

– Civilisirt? Herr Dick, was denken Sie sich? von Einwohnern ist noch nichts zu sehen.

– Bei der Schnelligkeit, mit der wir fortkommen, wird auch das nicht lange dauern, entgegnete Fergusson.

– Sind wir noch im Negerlande, Herr Samuel?

– Noch immer, Joe, und dann kommen wir zu den Arabern.

– Zu den Arabern, Herr Doctor? zu richtigen Arabern mit Kameelen?

– Nein, ohne Kameele; diese Thiere sind hier selten, wenn nicht gar unbekannt; man trifft sie erst einige Grade nördlicher an.

– Das gefällt mir nicht.

– Warum denn, Joe?

– Weil sie uns bei widrigem Winde nützlich werden könnten. Es kommt mir nämlich ein Gedanke, Herr Doctor. Man könnte sie an die Gondel spannen und sich von ihnen in’s Schlepptau nehmen lassen.

– Mein armer Joe, diesen Gedanken hat schon ein Anderer vor Dir gehabt, und er ist von einem sehr geistreichen, französischen Schriftsteller durchgeführt worden … allerdings nur in einem Roman. Reisende lassen sich im Ballon von Kameelen ziehen, es kommt ein Löwe, der die Kameele verschlingt, das Sattelzeug gleichfalls verspeist und nun an ihrer Stelle ziehen muß, und so dann weiter. Du siehst, daß dies Alles in’s Genre der höhern Phantasie gehört, und nichts mit unserer Beförderungsart gemein hat.«

Joe, der sich ein wenig durch den Gedanken gedemüthigt fühlte, daß seine Idee schon Verwendung gefunden hatte, sann darüber nach, welches Thier den Löwen hätte verschlingen können, kam jedoch zu keinem Resultat und begann wieder, das Land zu besichtigen.

Ein See von mittlerer Größe erstreckte sich unter ihnen und wurde von einem Amphitheater von Hügeln eingeschlossen, die noch keinen Anspruch darauf erheben konnten, Berge zu heißen; dort schlängelten sich zahlreiche, fruchtbare Thäler mit ihrem unentwirrbaren Durcheinander der mannigfaltigsten Bäume; die Oelpalme mit ihren fünfzehn Fuß langen Blättern auf scharfdornigen Stengeln, war hauptsächlich unter ihnen vertreten; der Bombyx (Seidenwollenbaum) füllte den Wind mit dem feinen Flaum seines Samens; der strenge Geruch des Pendanus, des »Kenda« der Araber, durchduftete die Lüfte bis zu der Zone, in welcher der Victoria dahinschwebte. Der Melonenbaum mit gefingerten Blättern, der Stinkbaum, auf dem die Sudanischen Nüsse wachsen, Baobabs und Bananen vervollständigten diese üppige Flora der Tropengegenden.

»Das Land ist herrlich, sagte der Doctor.

– Thiere finden sich schon ein, dann sind auch Menschen nicht weit, äußerte Joe.

– Ach, die prächtigen Elephanten! rief Kennedy; ließe sich hier nicht eine kleine Jagd veranstalten?

– Wie könnten wir bei einer so heftigen Strömung wohl anhalten, lieber Dick? Stehe nur ein wenig Tantalusqual aus! Du kannst Dich später dafür entschädigen.«

Es war allerdings Ursache vorhanden, einen Jäger in Aufregung zu bringen. Dick klopfte das Herz in der Brust, und seine Finger legten sich fester um den Kolben seines Purdey.

Die Fauna dieses Landes kam der Flora gleich. Der wilde Ochse walzte sich in einem so dichten Grase, daß er fast darunter verschwand; graue, schwarze und gelbliche Elephanten von riesenhaftem Wuchse schritten wie ein Windbruch durch die Wälder, verheerend, niederbrechend, umstürzend und ihren Weg durch Verwüstung bezeichnend. Auf dem mit Holz bestandenen Abhang der Hügel sickerten Cascaden und Wasserrinnen, die ihren Weg gen Norden nahmen; dort badeten sich Nilpferde mit lautem Plätschern, und Seekühe von zwölf Fuß Länge und fischartigem Körper streckten sich an den Ufern aus, indem sie ihre runden milchgeschwellten Euter nach oben kehrten.

Es war eine förmliche Menagerie seltener Thiere in einem wunderbaren Treibhause, das zahllose, buntfarbig schillernde Vögel durchschwirrten.

An dieser, mit verschwenderischer Ueppigkeit geschmückten Natur erkannte der Doctor das stolze Königreich Adamova.

»Wir treten nunmehr in die Fußtapfen der neuern Entdecker ein,« theilte der Doctor seinen Begleitern mit; ich habe die unterbrochene Spur der Reisenden wieder aufgenommen; eine glückliche Schickung, meine Freunde. Wir werden die Forschungsreisen der Kapitäne Burton und Speke mit denen des Doctor Barth verknüpfen können; wir haben Engländer verlassen, um einen Hamburger wiederzufinden, und bald werden wir an dem äußersten Punkte angelangt sein, den dieser kühne Gelehrte erreicht hat.

– Es kommt mir vor, hub Kennedy an, als ob sich zwischen diesen beiden Entdeckungsreisen eine große Länderstrecke befinden müßte, wenn ich nach dem von uns zurückgelegten Wege urtheilen darf.

– Das können wir leicht berechnen; nimm die Karte zur Hand und sieh, welches der Längengrad der von Speke erreichten Südspitze des Ukerewe-Sees ist.

– Sie zeigt sich etwa unter dem siebenunddreißigsten Grad.

– Und wo liegt die Stadt Yola, die wir heute Abend aufnehmen werden, nach der Barth gelangte?

– Ungefähr unter dem zwölften Längengrad.

– Beträgt also fünfundzwanzig Grad; jeden zu sechzig Meilen, macht fünfzehnhundert Meilen.

– Ein hübscher Spaziergang für Leute, die zu Fuß reisen.

– Trotzdem wird er gemacht werden. Livingstone und Moffat gehen immer weiter in’s Innere vor; der Nyassa, den sie entdeckt haben, liegt in nicht zu großer Entfernung von dem durch Burton recognoscirten Tanganiyka-See. Noch ehe das Jahrhundert zu Ende geht, werden diese unermeßlichen Gegenden gewiß durchforscht sein. Aber,… fügte Fergusson nach Besichtigung seines Compasses hinzu,… ich bedaure, daß der Wind uns so sehr nach Westen trägt; ich hätte mehr nach Norden kommen mögen.«

Nach einer zwölfstündigen Reise befand sich der Victoria auf den Grenzen Nigritiens; die ersten Bewohner dieses Landes, Chua-Araber, weideten ihre Nomadenherden. Die ungeheuren Gipfel der Atlantika-Berge erhoben sich über den Horizont, Berge, die noch der Fuß keines Europäers betreten hat, und deren Höhe auf ungefähr dreizehnhundert Toisen geschätzt wird. Ihr westlicher Abhang bestimmt den Abfluß aller Wasser aus diesem Theile Afrika’s nach dem Ocean; es sind die Mondberge dieser Gegend.

Endlich zeigte sich ein wirklicher Strom den Augen der Reisenden, und an den kolossalen Ameisenhaufen in seiner Nähe erkannte der Doctor den Benue, einen der großen Zuflüsse des Niger, ihn, den die Eingeborenen »die Quelle der Wasser« genannt haben.

»Dieser Strom, belehrte der Doctor seine Gefährten, wird dermaleinst der natürliche Communicationsweg mit dem Innern Nigritiens werden. Unter dem Oberbefehl eines unserer tapfern Kapitäne ist das Dampfboot, »die Plejade« bereits auf demselben bis zur Stadt Aola gefahren. Ihr seht, daß wir in bekanntem Lande sind.«

Zahlreiche Sclaven beschäftigten sich mit Feldarbeiten, indem sie den Sorgo (eine Art Hirse), ihr hauptsächliches Nahrungsmittel, anbauten. Starres Staunen prägte sich auf den Gesichtern der Leute aus, als der Victoria wie ein Meteor an ihnen vorüberflog. Am Abend machte er vierzig Meilen von Yola Halt, und vor ihm, in der Ferne, erhoben sich die beiden spitzigen Kegel des Mendif-Berges.

Der Doctor ließ den Anker auswerfen und hakte ihn in den Wipfel eines hohen Baumes ein; aber ein sehr rauher Wind schüttelte den Victoria dermaßen, daß er sich mitunter in ganz wagerechter Lage befand, und so wurde die Stellung der Gondel bisweilen äußerst gefährlich. Fergusson schloß in dieser Nacht kein Auge; oft war er nahe daran, das Befestigungstau zu durchhauen und vor dieser Pein zu fliehen. Endlich aber legte sich der Sturm, und die Schwankungen des Luftschiffes hatten nichts Beunruhigendes mehr.

Am andern Morgen war der Wind gemäßigter, aber er entfernte die Reisenden von der Stadt Jola, die kürzlich von den Fullannes neu aufgebaut, die Neugier Fergusson’s erregte; nichtsdestoweniger mußte man sich darein ergeben, nach Norden, ja sogar ein wenig nach Osten zu segeln.

Kennedy schlug vor, in diesem Jagdlande Station zu machen; Joe behauptete, für die Küche frisches Fleisch sehr nöthig zu haben; aber die wilden Sitten dieses Landes, die Haltung der Bevölkerung, das Abfeuern einiger Flintenschüsse auf den Victoria veranlaßten den Doctor, seine Reise ohne Aufenthalt fortzusetzen. Man schwebte über ein Land hinweg, das einen Schauplatz von Brand und Mord darstellte, in welchem kriegerische Kämpfe nimmer aufhören, und in denen die Sultane unter dem scheußlichsten Gemetzel um ihre Reiche spielen.

Zahlreiche, bevölkerte Dörfer mit langen Negerhütten erstreckten sich zwischen den großen Viehweiden, deren dichtes Gras mit violetten Blumen besäet war; Häuser, großen Bienenkörben ähnlich, standen im Schutze starrender Palissaden, und die wilden Abhänge der Hügel erinnerten, wie Kennedy mehrmals hervorhob, an die »Glen« des schottischen Hochlandes

Trotz aller Anstrengungen segelte der Doctor nach Nordosten, gerade auf den Mendif-Berg zu, der in den Wolken verschwand; die hohen Gipfel dieses Gebirges trennen das Nigerbassin von dem Becken des Tschad-Sees.

Bald erschien der Bagele mit seinen achtzehn Dörfern, die wie Kinder im Schooß ihrer Mutter, an den Seitenabhängen des Berges kleben. Für die Reisenden, die dies Ensemble überschauen konnten, bot das Bild einen wahrhaft reizenden Anblick; die Schluchten waren mit Reis- und Erdeichelfeldern bedeckt.

Um drei Uhr befand sich der Victoria dem Mendif-Berge gegenüber. Man hatte ihn nicht umsegeln können, und so mußte er überschritten werden. Mittelst einer Temperatur, die der Doctor um hundertundachtzig Grad steigerte, gab er dem Ballon eine neue emportreibende Kraft von beinahe sechzehnhundert Pfund. Er stieg um mehr als achttausend Fuß: die bedeutendste auf der Reise erreichte Höhe, in der die Temperatur dergestalt abnahm, daß der Doctor und seine Gefährten sich in Decken einhüllen mußten.

Fergusson stieg eilig wieder hinab, denn die Hülle des Luftschiffes dehnte sich zum Zerspringen aus; dennoch hatte man Zeit gehabt, den vulkanischen Ursprung des Berges zu constatiren; seine ausgebrannten Krater zeigen sich jetzt nur noch als tiefe Abgründe. Große Anhäufungen von Vogelmist geben den Seitenabhängen des Mendif das Aussehen von Kalkfelsen; man hätte damit die Ländereien des ganzen Königreichs düngen können.

Um fünf Uhr segelte der Victoria, vor den Südwinden geschützt, sanft an der Senkung des Gebirges hin, und hielt in einer großen, von jeder menschlichen Wohnung entfernt liegenden Lichtung; sobald die Gondel den Boden berührt hatte, wurden Vorsichtsmaßregeln getroffen, um sie an der Erde zu fesseln, und Kennedy stürzte, die Flinte in der Hand, über die sanftabfallende Ebene davon. Bald kam er, mit einem halben Dutzend wilder Enten und einer Art Becassinen beladen, zurück, die Joe kunstgerecht herrichtete. Das Mahl war köstlich, und ihm folgte eine Nacht ungestörter, tiefer Ruhe.

Drittes Capitel

Drittes Capitel

Der Freund des Doctors. – Geschichte ihrer Freundschaft. – Dick Kennedy in London. – Ein unerwarteter, aber keineswegs beruhigender Vorschlag. – Das wenig tröstlich klingende Sprichwort. – Einige Worte über die afrikanische Märtyrerliste. – Vortheile eines Luftschiffes. – Das Geheimnis des Doctor Fergusson.

Doctor Fergusson besaß einen Freund. Derselbe war nicht etwa sein zweites Ich, kein alter ego, – zwischen zwei vollkommen gleichartigen Wesen hätte wirkliche Freundschaft nicht existiren können, – aber wenn Dick Kennedy und Samuel Fergusson auch verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten, ja sogar ein verschiedenes Temperament besaßen, so waren sie doch ein Herz und eine Seele und wurden dadurch nicht weiter gestört – im Gegentheil. –

Besagter Dick Kennedy war ein Schotte im vollen Sinne des Worts; offen, entschlossen und beharrlich. Er wohnte in der kleinen Stadt Leith bei Edinburg, eine richtige Bannmeile von dem »alten Rauchnest« entfernt. Bisweilen trieb er die Fischerei, aber immer und überall war er dem Jägerhandwerk mit Leib und Seele ergeben; und das war bei einem Kinde Caledoniens, das gewohnt ist, in den Bergen des Hochlands umherzustreifen, nicht eben zu verwundern. Man rühmte ihn als einen vorzüglichen Schützen mit dem Carabiner und sagte ihm nach, daß er die Kugel beim Schuß auf eine Messerklinge nicht nur durchschnitt, sondern sie auch auf diese Weise in so gleiche Hälften theilte, daß beim Wiegen kein Unterschied zwischen ihnen gefunden werden konnte.

Die Physiognomie Kennedy’s erinnerte lebhaft an diejenige Halbert Glendinning’s, wie sie Walter Scott im »Kloster« gezeichnet hat; seine Größe überstieg sechs englische Fuß; obgleich graciös und behende, war er mit einer herkulischen Körperkraft ausgerüstet; ein wettergebräuntes Antlitz, lebhafte schwarze Augen, eine natürliche, ausgeprägte Kühnheit, kurz eine gewisse Güte und Solidität in der ganzen Person des Schotten nahm von vornherein zu seinen Gunsten ein.

Die beiden Freunde hatten sich in Indien, als beide bei demselben Regiment dienten, kennen gelernt; während Dick sich auf der Tiger- und Elephantenjagd vergnügte, erbeutete Samuel Pflanzen und Insecten. Dieser wie Jener konnte sich in seiner Sphäre eines guten Erfolges rühmen, und dem Doctor fiel gar manche Pflanze in die Hände, deren Werth einem Paar Elfenbeinhauern gleich zu schätzen war.

Die beiden jungen Leute hatten niemals Gelegenheit gehabt, einander das Leben zu retten, oder sich sonstige Dienste zu erweisen; daher erhielt sich unter ihnen eine ungetrübte, gleichmäßige Freundschaft. Das Geschick trennte sie zuweilen von einander, aber immer führte sie ihre Sympathie wieder zusammen.

Seitdem sie nach England zurückgekehrt waren, wurden sie oft durch die Expeditionen des Doctors geschieden; wenn er indessen heimkam, verfehlte er niemals, ungebeten bei seinem Freunde vorzusprechen und ihm einige Wochen zu widmen.

Dick plauderte dann von der Vergangenheit, und Samuel machte Zukunftspläne; der eine sah vorwärts, der andere schaute zurück, und so kam es, daß der Geist des einen die personificirte Aufregung, der des andern die vollkommenste Ruhe war.

Nachdem der Doctor von Tibet zurückgekommen war, sprach er fast zwei Jahre lang nicht von neuen Forschungsreisen, und Dick gab sich der Hoffnung hin, daß sein Reisetrieb und seine Sucht nach Abenteuern nun endlich befriedigt wären. Er war von diesem Gedanken entzückt. »Wenn man auch noch so gut mit den Menschen umzugehen versteht, sagte er zu sich, muß es doch früher oder später ein schlechtes Ende nehmen; man begiebt sich nicht ungestraft unter Menschenfresser und wilde Thiere.« So forderte denn Kennedy seinen Freund auf, ein Ende mit seinen Reisen zu machen, und stellte ihm vor, daß er für die Wissenschaft genug und für die Dankbarkeit der Menschen bereits viel zu viel geleistet habe.

Hierauf erhielt er von dem Doctor keine Antwort; derselbe war in der nächsten Zeit nachdenklich, beschäftigte sich insgeheim mit Berechnungen, verbrachte die Nächte mit minutiösen Arbeiten, über Zahlen brütend; ja, er stellte sogar Experimente mit allerlei sonderbaren Maschinerieen an, von denen man nicht wußte, was sie zu bedeuten hatten. So viel aber war klar ersichtlich: Es gährte ein neuer, großer Gedanke in dem Hirn Samuel Fergusson’s.

»Worüber mag er so gegrübelt haben?« fragte sich Kennedy, als sein Freund ihn im Monat Januar verlassen hatte, um nach London zurückzukehren.

Da wurde ihm die Beantwortung dieser Frage eines Morgens aus dem bereits mitgetheilten Artikel des »Daily Telegraph«.

»Barmherziger Himmel! rief er aus, ist der Mensch wahnsinnig geworden! Afrika in einem Ballon durchreisen! Weiter fehlte nichts! Also darüber hat er in diesen beiden Jahren nachgesonnen!«

Denkt euch anstatt aller dieser Ausrufungszeichen kräftige, auf das eigene Hirn geführte Faustschläge, und ihr werdet euch einen ungefähren Begriff von der körperlichen Motion machen können, in welcher unser wackerer Dick seine Erregung austobte.

Als seine alte Vertraute, Frau Elspeth, ihm zu bedenken gab, daß dies Alles nur eine Mystifikation sein könne, antwortete er:

»Unsinn! ich werde doch meinen Mann kennen? Das sieht ihm ähnlich, ganz ähnlich! Durch die Lüfte reisen! Jetzt wird er gar eifersüchtig auf die Vögel! Nein, daraus soll nichts werden! ich werde es zu verhindern wissen! Ja, wenn man ihn gewähren ließe; wer könnte Einem dafür gut sagen, daß er sich nicht eines schönen Tages nach dem Monde aufmachte!«

Noch am Abend desselben Tages setzte sich Kennedy voll großer Unruhe und Erbitterung in ein Coupé der Eisenbahn nach der General Railway Station und langte am folgenden Morgen in London an.

Drei Viertelstunden später setzte ihn eine Droschke vor dem kleinen Hause des Doctors, Soho Square, Greek Street ab.

Er schritt über den Vorplatz und kündigte sich durch fünf nachdrückliche Schlage gegen die Thür an, worauf Fergusson öffnete.

»Dick?« fragte er, ohne irgend welches Erstaunen zu verrathen.

»Dick selber«, erwiderte Kennedy kurz.

»Du hältst Dich zur Zeit der Winterjagden in London auf? was führt Dich hierher?«

»Eine grenzenlose Thorheit, die ich verhindern will.«

»Eine Thorheit?«

»Ist das, was in dieser Zeitung steht, wahr?« rief jetzt Kennedy, indem er die betreffende Nummer des Daily Telegraph hervorholte und sie seinem Freunde entgegenhielt.

»Ach davon sprichst Du! diese Zeitungen schwatzen doch wirklich Alles aus! aber setze Dich doch, lieber Dick.«

»Nein, ich werde mich nicht setzen. Sage mir, ob Du wirklich und wahrhaftig die Absicht hast, diese Reise zu unternehmen?«

»Ganz entschieden; meine Vorbereitungen sind schon im Gange, und ich …«

»Wo hast Du Deine Vorbereitungen? In tausend Stücke will ich sie zerschlagen! Her damit!«

Der würdige Schotte gerieth jetzt ernstlich in Zorn.

»Beruhige Dich, mein lieber Dick«, versetzte der Doctor; »ich begreife Deine Gereiztheit sehr wohl. Du zürnst mir, daß ich Dir meine neuen Pläne noch nicht mitgetheilt habe.«

»Das nennt er neue Pläne!«

»Ich bin nämlich sehr beschäftigt gewesen«, fuhr Samuel fort; »es gab in der letzten Zeit viel für mich zu thun. Aber trotzdem wäre ich nicht abgereist, ohne Dir zu schreiben . . .«

»Ach, was liegt mir daran …«

»Weil ich die Absicht habe, Dich mitzunehmen.«

Der Schotte machte einen Satz, der einem Gemsbock zur Ehre gereicht haben würde.

»Ah so!« sagte er; »Du gehst also darauf aus, uns Beide nach Bedlam zu bringen!«

»Ich habe mit voller Bestimmtheit auf Dich gerechnet, lieber Dick, und mit Ausschluß von vielen Anderen Dich zu meinem Reisegefährten erwählt.«

Kennedy war ganz starr vor Staunen.

»Wenn Du mich zehn Minuten lang angehört hast, wirst Du mir dafür dankbar sein«, fuhr der Doctor fort.

»Sprichst Du wirklich im Ernst?«

»Vollständig im Ernst.«

»Und wenn ich mich nun weigere, Dich zu begleiten?«

»Das wirst Du nicht thun.«

»Wenn ich mich nun aber doch weigere?«

»Dann reise ich allein.«

»Setzen wir uns, sagte der Jäger, und sprechen wir ohne alle Leidenschaft. Von dem Augenblick an, wo ich weiß, daß Du nicht scherzest, ist die Sache wenigstens einer Unterredung werth.«

»Wenn Du nichts dagegen hast, können wir dabei frühstücken, lieber Dick.«

Die beiden Freunde setzten sich einander gegenüber an einen kleinen Tisch, auf dem rechts ein stattlicher Berg von Butterbroden, und links eine ungeheure Theekanne stand.

»Mein lieber Samuel, Dein Plan ist geradezu verrückt; an seine Durchführung ist nicht zu denken, er ist mit einem Wort unmöglich!«

»Das werden wir erst genau wissen, wenn wir den Versuch gemacht haben.«

»Aber eben dieser Versuch soll ja nicht gemacht werden!«

»Und warum nicht, wenn’s beliebt?«

»Denke doch an die Gefahren, die Hindernisse aller Art!«

»Hindernisse«, versetzte Fergusson sehr ernst, »sind erfunden, um besiegt zu werden; und was die Gefahren betrifft – wer kann sich schmeicheln, ihnen zu entgehen? Alles im Leben ist Gefahr! Es kann das größte Unglück herbeiführen, wenn man sich an einem Tische niederläßt oder auch nur seinen Hut aufsetzt. Ueberdies muß man sich sagen, daß Alles, was bereits geschehen ist, auch wiederum geschehen wird, daß die Zukunft nur eine etwas entferntere Gegenwart ist.«

»Ich kenne Deine Ansichten«, schob Kennedy ein, indem er mit den Achseln zuckte. »Du bist Fatalist!«

»Immer, aber im besten Sinne des Wortes. Beschäftigen wir uns also nicht mit dem, was das Geschick uns möglicher Weise vorbehalten hat, sondern halten wir uns an das gute englische Sprichwort: Wer zum Hängen geboren ist, wird nie den Tod des Ertrinkens sterben.«

Hierauf war nichts zu erwidern, doch hinderte dies Kennedy nicht, eine Menge naheliegender Gründe gegen die beabsichtigte Unternehmung aufzuzählen, deren nähere Erörterung uns hier zu weit führen würde.

»Warum willst Du denn aber, sagte er nach einer Stunde lebhaftester Debatte, wenn diese Bereisung Afrikas absolut zu Deinem Lebensglück gehört, nicht dieselben Bahnen einschlagen, wie andere gewöhnliche Sterbliche vor Dir?«

»Warum?« rief der Doctor, in Eifer gerathend; »weil bis jetzt alle Versuche scheiterten! weil von Mungo Park’s Ermordung am Niger bis zum Verschwinden Vogels in Wadai, von Oudney’s und Clapperton’s Tod in Murmur und Sackatu bis auf den Franzosen Maizan, der in Stücke gehauen wurde, von dem Major Laing, der durch die Hand der Tuaregs sein Ende fand, bis zur Ermordung Roschers aus Hamburg im Anfange des Jahres 1860, zahlreiche Opfer in die afrikanische Märtyrerliste eingetragen worden sind! Weil es ganz unmöglich ist, gegen die Elemente, gegen den Hunger, den Durst, das Fieber, gegen die wilden Thiere und die noch viel wilderen Völkerstämme anzukämpfen! Weil man das, was nicht auf eine Weise zu erreichen ist, auf eine andere Art versuchen muß, und endlich, weil man da, wo nicht gerade durch zu kommen ist, nebenher oder darüber hinweg gehen muß.«

»Wenn es sich nur darum handelte, darüber hinweg zu gehen!« äußerte Kennedy; »aber Du willst ja hoch darüber fort fliegen.«

»Nun«, argumentirte der Doctor mit der größten Kaltblütigkeit weiter, »was habe ich denn zu fürchten? Wie Du Dir wohl denken kannst, habe ich meine Vorsichtsmaßregeln dergestalt getroffen, daß ein Fall meines Ballons nicht besorgt werden darf. Sollte das Luftschiff mich trotz alledem im Stich lassen, so würde ich mich auf der Erde noch immer in gleichen Verhältnissen mit andern Entdeckungsreisenden befinden; aber mein Ballon wird sich bewähren; wir können fest darauf rechnen.«

»Wir dürfen im Gegentheil nicht darauf rechnen.«

»Doch wohl, mein lieber Dick; ich beabsichtige, mich nicht eher von meinem Luftschiff zu trennen, als bis ich auf der Westküste Afrikas angekommen bin. Mit diesem Ballon ist Alles möglich; ohne ihn aber fiele ich wieder den Gefahren und natürlichen Hindernissen solcher Expeditionen zum Opfer. Mit ihm gedenke ich ebenso der Hitze, den Strömen und Stürmen, wie dem Samum und dem ungesunden Klima zu trotzen; weder wilde Thiere noch Menschen können mir etwas anhaben. Ist mir zu heiß, so steige ich; wird es zu kalt, so lasse ich mich herab. Über einen Berg fliege ich hinweg, über jeden Abgrund schwebe ich hin; ich schieße über Flüsse und Ströme wie ein Vogel, und entladet sich ein Gewitter, so erhebe ich mich über dasselbe und beherrsche es von oben herab. Ich komme vorwärts, ohne zu ermüden, und halte an, ohne der Ruhe zu bedürfen! Ich schwebe über den Städten, und fliege mit der Schnelligkeit des Orkanes bald hoch oben in den Lüften, bald nur hundert Fuß vom Erdboden entfernt; und unter meinen Augen entrollt sich die Karte von Afrika im großen Atlas der Welt!«

Der wackere Kennedy begann eine gewisse Bewegung und Rührung zu verspüren, und doch schwindelte ihm bei dem vor seinen Augen entrollten Schauspiel. Er betrachtete Samuel mit einem Gemisch von Bewunderung und Sorge; fast fühlte er sich schon schwebend im Weltenraum.

»Nach alledem, mein lieber Samuel«, sagte er endlich, »hast Du das Mittel ausfindig gemacht, den Ballon zu lenken?«

»Nein! Das ist eine Unmöglichkeit.«

»Aber dann wirst Du reisen. ….«

»Wohin es der Vorsehung beliebt, aber jedenfalls von Osten nach Westen, denn ich gedenke mich der Passatwinde, die eine durchaus beständige Richtung haben, zu bedienen.«

»O, freilich!« sagte Kennedy überlegend; »die Passatwinde…. gewiß….. Man kann im Nothfall….. Es wäre immerhin möglich….«

»Es wäre möglich? nein, mein wackerer Freund, es ist sogar gewiß. Die englische Regierung hat mir ein Transportschiff zur Verfügung gestellt, und es ist abgemacht, daß zu der voraussichtlichen Zeit meiner Ankunft drei oder vier Schiffe an der Westküste kreuzen sollen. In drei Monaten spätestens werde ich in Zanzibar sein, um die Füllung des Ballons zu bewerkstelligen, und von dort aus wollen wir uns in die Lüfte schwingen …«

»Wir!« rief Dick.

»Hast Du mir noch den leisesten Einwand zu machen, so sprich, Freund Kennedy.«

»Nicht einen Einwand, sondern tausend! aber sage mir unter Anderm: wenn Du das Land zu besichtigen und Dich nach Belieben zu erheben oder herabzulassen gedenkst, so kannst Du das nicht, ohne von Deinem Gas einzubüßen. Schon dieser Umstand hat bis jetzt alle langen Reisen in Luftballons verhindert.«

»Mein lieber Dick, ich will Dir nur dies eine Wort sagen: ich werde auch nicht das kleinste Atom, kein Molecül Gas einbüßen.«

»Und doch willst Du nach Belieben steigen und fallen können? Wie willst Du das machen?«

»Das ist mein Geheimniß, Freund Dick. Habe nur Vertrauen zu mir, und laß mein Losungswort auch das Deinige sein: ›Excelsior!‹«

»Gut, also ›Excelsior,‹« antwortete der Jäger, der kein Wort lateinisch verstand.

Er war fest entschlossen, sich mit allen erdenklichen Mitteln der Abreise des Doctors zu widersetzen; vorläufig aber gab er sich den Anschein, als sei er der Meinung desselben beigetreten. Er begnügte sich damit, den Freund zu beobachten. Dieser machte sich jetzt daran, die Zurüstungen für seine Reise zu beaufsichtigen.

Dreißigstes Capitel

Dreißigstes Capitel

Mosfeia. – Der Scheik. – Denham, Clapperton, Oudney, Vogel. – Die Hauptstadt von Loggum. – Toole. – Windstille über Kernak. – Der Gouverneur und sein Hof. – Der Angriff. – Die Tauben als Brandstifter.

Am Morgen des 11. Mai nahm der Victoria seinen abenteuerlichen Flug wieder auf; die Reisenden schauten auf ihn mit demselben Vertrauen wie der Seemann auf sein Schiff.

Aus wüthenden Orkanen, tropischer Hitze, mit Gefahren verknüpften Auffahrten und noch gefährlicheren Landungen war er überall und glücklich hervorgegangen. Fergusson konnte ihn mit einem Druck der Hand führen und hegte, auf die Vortrefflichkeit seines Fahrzeugs bauend, keine Befürchtungen mehr für den Ausgang seiner Reise. Die Klugheit nöthigte ihn, in diesem Lande der Barbarei und des Fanatismus die strengsten Vorsichtsmaßregeln zu beobachten; er empfahl also seinen Begleitern dringend, auf Alles, was sich ereignen sollte, zu jeder Stunde ein offnes Auge zu haben.

Der Wind führte sie wieder etwas mehr nördlich, und gegen neun Uhr erblickten sie die große, zwischen zwei hohen Bergen auf einer Anhöhe gebaute Stadt Mosfeia; sie lag in einer unangreifbaren Stellung; eine enge, zwischen Morast und Gehölz hinlaufende Straße bildete den einzigen Zugang.

In diesem Augenblick hielt ein Scheik, von einer berittenen Escorte geleitet, in Gewänder von lebhaften Farben gekleidet, seinen Einzug in die Stadt. Trompetenbläser und Läufer, welche die auf seinen Weg gestreuten Zweige entfernten, gingen ihm voran.

Der Doctor ließ den Ballon fallen, um die Eingebornen aus größerer Nähe zu betrachten, aber in dem Maße, wie sich der Ballon in ihren Augen vergrößerte, offenbarten sich Zeichen tiefen Schreckens unter ihnen, und sie entwichen alsbald, so schnell sie ihre Pferde und ihre Beine tragen wollten.

Nur der Scheik rührte sich nicht von der Stelle; er nahm seine lange Muskete, lud sie und wartete stolz. Da näherte sich der Doctor auf etwa hundertundfünfzig Fuß und richtete in wohlgesetzten Worten einen arabischen Gruß an ihn.

Als diese Worte, wie vom Himmel kommend, an sein Ohr schlugen, setzte der Scheik den Fuß zur Erde, streckte sich auf den Staub des Weges nieder, und der Doctor konnte ihn nicht von seiner Anbetung zurückbringen.

»Es liegt in der Natur der Sache,« sagte Fergusson, »daß diese Leute uns für übermenschliche Wesen halten. Haben sie doch schon bei der Ankunft der ersten Europäer unter ihnen gemeint, diese seien aus übernatürlichem Stamme entsprossen. Wenn später der Scheik von dieser Begegnung sprechen wird, so verfehlt er gewiß nicht, die Thatsache mit allen Hilfsquellen einer arabischen Einbildungskraft auszustatten. Du kannst Dir wohl denken, was die Sage dermaleinst für einen Glorienschein um uns weben wird.«

»Vom Standpunkt der Civilisation betrachtet, wäre es doch besser, daß wir ihnen für einfache Menschen gelten; das würde diesen Negern noch einen weit höhern Begriff von der europäischen Macht beibringen.«

»Einverstanden, lieber Dick; aber was können wir dagegen thun? So weitläufig Du auch den Gelehrten des Landes den Mechanismus eines Luftschiffes erklären magst, sie würden Deine Worte doch nicht begreifen und in der Begegnung mit uns immer das Eingreifen höherer Wesen suchen.«

»Herr Doctor, Sie sprachen soeben von den ersten Europäern, die dies Land erforschten; bitte, erzählen Sie uns doch, wer sie waren.«

»Mein lieber Joe, wir verfolgen jetzt genau die Straße, wie vor uns einst der Major Denham; hier in Mosfeia wurde er von dem Sultan von Mandara aufgenommen; er hatte Bornu verlassen, begleitete den Scheik auf einem Zuge gegen die Fellatahs, und wohnte dem Angriff auf die Stadt bei, die mit ihren Pfeilgeschossen tapfer gegen die Kugeln der Araber Widerstand leistete und die Truppen des Scheik zur Flucht nöthigte; doch alles das gab nur den Vorwand zum Morden, Plündern und Verwüsten her. Der Major wurde vollständig beraubt, gänzlich entkleidet, und wäre niemals nach Kuka, der Hauptstadt von Bornu, zurückgekehrt, hätte er nicht einem Pferde unter den Bauch gleiten und so in rasendem Galop den Siegern entrinnen können.

»Aber wer war denn dieser Major Denham?«

»Ein unerschrockener Engländer, der von 1822 bis 1824 in Gesellschaft von Kapitän Clappperton und Doctor Dudney eine Expedition nach Bornu befehligte. Im März brachen sie von Tripoli auf, gelangten nach Mursuk, der Hauptstadt von Fezzan, und indem sie den Weg einschlugen, den später der Doctor Barth verfolgen sollte, um nach Europa zurückzukehren, kamen sie am 16. Februar 1823 in Kuka am Tschad-See an. Denham machte verschiedene Forschungsreisen nach Bornu, Mandara und den östlichen Ufern des Sees; unterdessen drangen am 19. December 1823 Kapitän Clapperton und Doctor Oudney in Sudan bis Sackatu vor, und der Letztere starb vor Mattigkeit und Erschöpfung in der Stadt Murmur.«

»Dieser Theil Afrika’s hat also der Wissenschaft manches Opfer gekostet?« fragte Kennedy.

»Ja, diese Landstriche hier sind verhängnißvoll: wir reisen geraden Wegs auf das Königreich Baghirmi zu, welches Vogel im Jahre 1856 durchreiste, um nach Wadai vorzudringen, und dort ist er verschwunden. Dieser junge Mann wurde im Alter von dreiundzwanzig Jahren abgesandt, um an den Arbeiten des Doctor Barth mitzuwirken; sie trafen sich am ersten December 1854; dann begann Vogel die Erforschung des Landes; gegen 1856 that er in seinen letzten Briefen die Absicht kund, das Königreich Wadai zu recognosciren, in das noch kein Europäer bis dahin gedrungen war; es scheint, als sei er bis nach der Hauptstadt Wara gekommen, wo er nach einigen Berichten getödtet wurde, nach andern noch gefangen gehalten wird, weil er den Versuch gemacht hatte, einen der geheiligten Berge in der Umgegend zu besteigen. Man darf jedoch nicht den Tod der Reisenden als gewiß annehmen, denn das würde etwaige Forschungen nach ihnen überflüssig machen. Wie oft ist die Nachricht vom Tode des Doctor Barth officiell verbreitet worden, und wie oft hat er eine gerechte Entrüstung darüber empfunden! So ist es auch leicht möglich, daß Vogel von dem Sultan des Wadai-Landes gefangen gehalten wird, der vielleicht ein Lösegeld für ihn zu erpressen hofft. Der Baron von Neimans wollte sich nach Wadai begeben, aber er starb im Jahre 1855 in Kairo. Bekanntlich hat sich jetzt Herr von Heuglin mit der von Leipzig abgesandten Expedition auf die Reise gemacht, um die Spuren Vogel’s zu entdecken. So werden wir demnächst über das Schicksal dieses interessanten jungen Reisenden Gewißheit erhalten.« [Fußnote]

Mosfeia war schon lange am Horizont verschwunden, und jetzt entrollte Mandara unter den Reisenden seine wunderbare Fruchtbarkeit; hier zeigten sich üppige Wälder von Akazien, dort rothblühende Grasähren und die krautartigen Pflanzen der Baumwollenstauden und Indigofelder; der Shari, welcher sich achtzig Meilen weiter in den Tschad ergießt, rollte ungestümen Laufes dahin.

Der Doctor zeigte auf den Karten Barth’s seinen Gefährten den Lauf dieses Flusses.

»Ihr seht, sagte er, daß die Arbeiten dieses Gelehrten von außerordentlicher Wichtigkeit sind; wir steuern gegenwärtig gerade auf den District von Loggum zu, und vielleicht auch sehen wir die Hauptstadt Kernak. Dort starb der arme Toole im Alter von kaum zweiundzwanzig Jahren. Es war dies ein junger Engländer, ein Fähndrich vom 80sten Regiment, der sich einige Wochen zuvor dem Major Denham in Afrika angeschlossen hatte, und hier so bald schon seinen Tod fand. Man kann mit Recht diese unermeßliche Gegend den Kirchhof der Europäer nennen!«

Einige, fünfzig Fuß lange Canots schifften den Shari abwärts; der Victoria, tausend Fuß von der Erde entfernt, zog nur in geringem Maße die Aufmerksamkeit der Eingeborenen auf sich. Der Wind, welcher bis jetzt ziemlich kräftig geweht hatte, begann mehr und mehr abzunehmen.

»Sollten wir noch einmal unter Windstille zu leiden haben?« begann der Doctor.

»Thut nichts, Herr Fergusson, wir haben weder Wassermangel noch die Wüste zu fürchten.«

»Freilich, aber dafür wilde Völkerschaften.«

»Dort taucht etwas auf, das einer Stadt ähnlich sieht,« meldete Joe.

»Das ist Kernak; das letzte Wehen des Windes führt uns dahin, und mir werden einen genauen Plan der Stadt aufnehmen können.«

»Sollen mir uns nicht noch mehr nähern?« fragte Kennedy.

»Nichts leichter als das, Dick. Wir schweben gerade über der Stadt; ich werde mir erlauben, den Hahn des Knallgasgebläses ein wenig zu drehen, und wir senken uns sofort.«

Der Victoria hielt eine halbe Stunde später unbeweglich in einer Höhe von zweihundert Fuß über dem Boden.

»Wir sind hier nicht so weit von Kernak entfernt, als ein Mann im Knopf der St. Paulskirche es von London sein würde. Wir können uns jetzt bequem umsehen.«

»Was ist das für ein Gehämmer? man hört es überall.«

Joe schaute aufmerksam hinunter und entdeckte bald, daß das Geräusch von Webern herrührte, die unter freiem Himmel an ungeheuren Baumstämmen ihre Gewebe aufgespannt hatten.

Die Hauptstadt von Loggum ließ sich jetzt in ihrem ganzen Umfang wie auf einem aufgerollten Plan überschauen; es war eine wirkliche Stadt mit Häuserreihen und ziemlich breiten Straßen; mitten auf einem großen Platz wurde gerade Sclavenmarkt abgehalten; es war großer Zudrang von Käufern, denn die Mandaraninnen, die durch äußerst kleine Hände und Füße bekannt sind, werden sehr gesucht und vortheilhaft verkauft.

Beim Anblick des Victoria spielte von Neuem die so oft beobachtete Scene: zuerst erhob sich Geschrei, und dann das höchste Staunen; Jeder ließ sein Geschäft im Stich und unterbrach seine Arbeit, um hinaufzuschauen. Endlich hörte der Lärm auf, die Reisenden hielten sich unbeweglich und schauten mit Interesse auf all‘ die Merkwürdigkeiten dieser seltsamen Stadt; der Ballon senkte sich sogar bis auf sechzig Fuß vom Erdboden herab.

Nun trat der Gouverneur von Loggum aus seinem Hause; eine grüne Fahne wurde entfaltet, und die Musikanten bliesen auf den Büffelhörnern, als wenn die Gewalt ihrer Töne Alles sprengen könne – nur ihre Lungen nicht. Die Menge versammelte sich um den Gouverneur. Samuel Fergusson suchte sich Gehör zu verschaffen, aber es war unmöglich.

Das Volk hatte ein stolzes und kluges Aussehen; überall begegnete der Blick hohen Stirnen, gelocktem Haar und fast adlerartig gebogenen Nasen; gegenwärtig hatte die Anwesenheit des Victoria alle Einwohner in große Verwirrung gesetzt; man sah Reiter nach allen Richtungen sprengen, und bald bemerkten die Reisenden, daß die Truppen des Gouverneurs sich versammelten, um einen vermeintlichen Feind zu bekämpfen. Es half Joe nichts, daß er mit buntfarbigen Taschentüchern winkte; alle derartigen Verständigungsversuche blieben erfolglos.

Indessen hatte der Scheik, von seinem Hofe umgeben, Schweigen geboten, und richtete an die Reisenden eine Rede, die nur den einen Fehler hatte, daß diejenigen, für welche sie bestimmt war, kein Wort davon verstanden. Es war eine Art Arabisch mit Baghirmi-Sprache gemischt. Der Doctor errieth jedoch aus der allgemein verständlichen Sprache der Geberden, daß man die ausdrückliche Aufforderung des Abzugs an ihn richtete. Gern wäre er diesem Begehren auch nachgekommen, aber in Folge der Windstille konnte man nicht daran denken. Die unbewegliche Haltung des Ballons erbitterte den Gouverneur, und seine Hofbeamten begannen ein ohrzerreißendes Geheul, um das Ungeheuer zur Flucht zu nöthigen.

Diese Höflinge bildeten übrigens sonderbare Figuren; sie trugen fünf bis sechs buntscheckige Hemden, die über einander gezogen waren, und zeichneten sich durch enorme Schmerbäuche aus, von denen einige angesetzt zu sein schienen. Der Doctor unterrichtete seine Gefährten, daß dies hier zu Lande die Art sei, wie man sich beim Sultan beliebt zu machen suche; die Rundung des Leibes lege hier ein Zeugniß für den Ehrgeiz der Leute ab. All diese dicken Hofschranzen gesticulirten jetzt lebhaft, sie schrieen aus allen Kräften, und ganz besonders zeichnete sich einer von ihnen aus, der jedenfalls Premierminister hätte werden müssen, wenn sein Umfang hierfür maßgebend gewesen wäre. Die Neger vereinigten ihr Geheul mit dem Geschrei des Hofes, indem sie sich die größte Mühe gaben, die Gestikulationen desselben nachzumachen, wodurch eine gleichmäßige Bewegung von etwa zehntausend Armen hervorgebracht wurde.

Zu diesen Versuchen, den Ballon einzuschüchtern, die sich bald als wirkungslos erwiesen, gesellten sich noch andere, die unsern Reisenden gefährlicher zu werden drohten. Soldaten, die mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren, stellten sich in Schlachtordnung auf; aber schon blähte sich der Victoria und stieg ruhig über ihr Bereich hinaus. Nun ergriff der Gouverneur seine Muskete und richtete sie auf den Ballon, aber Kennedy hatte seine Bewegungen überwacht und zerschmetterte jetzt mit einer Kugel seines Carabiners die Waffe in der Hand des Scheik.

Bei diesem unerwarteten Schusse entstand eine allgemeine Flucht; Jeder zog sich so schnell wie möglich in seine Hütte zurück, und die Stadt blieb während des übrigen Tages öde und verlassen.

Die Nacht kam heran, aber mit dem schwindenden Tageslicht hatte sich auch die letzte Spur eines Luftzugs verloren, und man mußte sich damit begnügen, ruhig in einer Höhe von ungefähr dreihundert Fuß zu schweben. Nicht ein Feuer leuchtete durch das Dunkel der Nacht; es herrschte eine Todtenstille. Der Doctor verdoppelte seine Vorsicht; diese Ruhe war vielleicht nur scheinbar, um eine Falle zu verbergen.

Und Fergusson hatte guten Grund, wachsam zu sein. Gegen zwölf Uhr schien die ganze Stadt in Flammen zu stehen; hunderte von Feuerstreifen kreuzten sich wie Brander eines Feuerwerks, indem sie eine förmliche Verwickelung von Flammenlinien bildeten.

»Eine höchst sonderbare Erscheinung!« meinte der Doctor.

»Gott bewahre uns,« rief ietzt Kennedy, »der Brand scheint emporzusteigen und sich uns zu nähern.«

Wirklich erhob sich unter dem Lärm eines wüthenden Geheuls und dem Knall der Musketenschüsse diese Feuermasse zum Victoria, und Joe schickte sich an, Ballast auszuwerfen. Bald indessen hatte der Doctor eine Erklärung für das Phänomen gefunden.

Man hatte Tausende von Tauben, deren Schwanzfedern mit leichtentzündlichen Stoffen versehen waren, gegen den Ballon losgelassen, und erschreckt stiegen sie empor, indem sie in der Luft feurige Zickzacklinien beschrieben. Kennedy setzte all seine Schießwaffen gegen die Thiere in Thätigkeit, aber was vermochte er gegen diese zahllose Masse? Schon umflatterten die Tauben die Gondel und den Ballon, dessen Wände das Licht zurückstrahlten, und der in ein Feuernetz eingehüllt zu sein schien.

Der Doctor warf ohne Zögern ein Stück Quarz aus der Gondel und wich so schnell wie möglich vor den Angriffen dieser gefährlichen Vögel. Noch zwei Stunden lang sah man sie im Dunkel der Nacht hin und herfliegen; dann verminderte sich ihre Zahl allmälig, und endlich war jede Spur von ihnen verschwunden.

»Jetzt können wir ruhig schlafen,« sprach der Doctor.

Joe dachte noch über das Abenteuer nach.

»Für Wilde kein übler Gedanke«, meinte er.

»Man wendet diese Tauben hier ziemlich allgemein an, um die Strohdächer von feindlichen Dörfern in Brand zu stecken, aber dies Mal flog das Dorf noch höher, als das brandstiftende Geflügel!«

»Der Ballon hat eigentlich keine Feinde zu fürchten,« bemerkte Kennedy.

»Das möchte ich nicht so absolut behaupten.«

»Welche denn, zum Beispiel?«

»Vor allem die Unvorsichtigkeit Derjenigen, die er in seiner Gondel trägt; darum, meine Freunde, überall und stets die strengste Wachsamkeit!«

Siebenzehntes Capitel

Siebenzehntes Capitel

Die Mondberge. – Ein grüner Ocean. – Der Anker wird ausgeworfen. – Der Elephant als Bugsirschiff. – Ein wohl unterhaltenes Feuer. – Tod des Dickhäuters. – Der Bratofen auf freiem Felde. – Mahlzeit im Grünen. – Eine Nacht auf festem Boden.

Gegen sechs Uhr früh erhob sich am Montag die Sonne über den Horizont; die Wolken zerstreuten sich, und ein angenehmer Wind wehte frisch durch den jungen Morgen. Die Erde erschien den Reisenden ganz durchduftet.

Der Ballon hatte sich inmitten der entgegengesetzten Strömungen ziemlich auf derselben Stelle gedreht und war kaum aus seiner Bahn gewichen; der Doctor ließ das Gas sich zusammenziehen und stieg herab, um eine mehr nördliche Richtung einzuschlagen. Lange waren seine Nachforschungen vergebens; der Wind zog ihn nach Westen, bis er die berühmten Mondberge vor Augen hatte, welche in einem Halbkreis um die Spitze des Tanganiyka-Sees herum liegen; ihre wenig coupirte Kette zeichnete sich an dem bläulichen Horizont ab, einem natürlichen Befestigungswerk vergleichbar, welches bis jetzt den Entdeckungsreisenden in Central-Afrika eine unübersteigliche Schranke entgegensetzte; einige isolirte Kegel trugen die Last eines ewigen Schnees.

»Wir sind hier in einem unerforschten Lande, sagte der Doctor; Kapitän Burton ist sehr weit nach Westen vorgedrungen, hat jedoch diese berühmten Berge nicht erreichen können, ja sogar die Existenz derselben in Abrede gestellt, während sein Begleiter Speke von ihrem Vorhandensein überzeugt ist. Burton behauptet, sie seien einzig und allein in der Einbildung seines Gefährten entstanden; wir, meine Freunde, können nun nicht mehr an ihrem Dasein zweifeln.

– Werden wir sie übersteigen? fragte Kennedy.

– So Gott will, nein; ich hoffe einen günstigen Wind zu finden, der mich nach dem Aequator tragen soll; ja, ich werde nöthigen Falls sogar warten und es mit dem Victoria machen, wie mit einem Schiff, das bei widrigem Winde die Anker auswirft.«

Die Erwartungen des Doctors sollten bald in Erfüllung gehen. Nachdem er die Strömungen in verschiedenen Höhen versucht hatte, steuerte der Victoria mit mäßiger Schnelligkeit nach Nordosten.

»Wir sind in guter Richtung, sagte er, indem er seinen Compaß zu Rathe zog; und kaum zweihundert Fuß von der Erde: Alles glückliche Umstände zur Erforschung dieser neuen Gegenden. Der Kapitän Speke, der auf die Entdeckung des Ukerewe-Sees ausging, wandte sich mehr nach Osten in gerader Linie über Kaseh.

– Werden wir lange in dieser Richtung bleiben? fragte Kennedy.

– Vielleicht; unser Zweck ist, nach den Nilquellen hin einen Streifzug zu machen; und wir haben noch mehr als sechshundert Meilen zurückzulegen, um zu der äußersten Grenze zu gelangen, welche die vom Norden gekommenen Entdeckungsreisenden erreicht haben.

– Werden wir nicht einmal den Fuß auf’s feste Land setzen, um uns die Glieder zu recken? fragte Joe.

– Freilich; wir müssen außerdem unsere Lebensmittel schonen, und unterwegs wirst Du, mein wackerer Dick, uns mit frischem Fleisch verproviantiren.

– Sobald Du willst, Freund Samuel.

– Wir müssen auch unsern Wasservorrath erneuern. Wer weiß, ob wir nicht nach trocknen Gegenden verschlagen werden? Man kann also nicht vorsichtig genug in dieser Beziehung sein.«

Um Mittag befand sich der Victoria unter 29° 15′ L. und 3° 15′ Br. Er ging über das Dorf Uyofu, welches die äußerste nördliche Grenze von Unyamwesi ist, neben dem Ukerewe-See weg, den man noch nicht bemerken konnte.

Die dem Aequator näher wohnenden Völkerschaften scheinen etwas civilisirter zu sein und werden von unumschränkten Monarchen, deren Despotismus ohne Grenzen ist, regiert. Die Provinz Karagwah vereinigt in sich die größte Zahl dieser Völkerstämme.

Es wurde unter den drei Reisenden ausgemacht, daß sie bei dem ersten günstigen Landungsplatze aussteigen wollten. Man beabsichtigte, einen längern Halt zu machen, und das Luftschiff einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Die Flamme des Knallgasgebläses wurde gemäßigt; die aus der Gondel ausgeworfenen Anker streiften bald die hohen Gräser einer unermeßlichen Wiese; von einer gewissen Höhe ab schien sie mit glattem Rasen bedeckt, aber in Wirklichkeit war derselbe sieben bis acht Fuß hoch.

Der Victoria streifte wie ein riesenhafter Schmetterling an den Gräsern hin, ohne sie umzubiegen. Kein hervortretender Gegenstand war zu entdecken: gleichsam ein grüner Ocean ohne irgend welche Erhebung.

»Wir können lange so reisen, sagte Kennedy. Ich bemerke hier weit und breit keinen Baum. Die Jagd in diesen Gegenden scheint mir sehr fraglich.

– Warte, mein lieber Dick. Du könntest in diesem Grase, welches höher ist als Du, doch nicht jagen. Wir werden schließlich noch einen günstigen Platz finden.«

Es war wirklich eine reizende Fahrt, eine richtige Schifffahrt auf diesem so grünen, fast durchsichtigen Meere, das unter dem Hauche des Windes sanft hin und her wogte. Die Gondel machte ihrem Namen alle Ehre und schien gleichsam Fluthen zu durchschneiden. Hätte sich nicht eine Kette Vögel in glänzendem Gefieder, mit tausendfachem fröhlichem Geschrei, aus dem hohen Grase erhoben, so wäre die Täuschung vollständig gewesen. Die Anker tauchten in dieses Blumenmeer hinein und zogen Furchen, die sich hinter ihnen schlossen, wie das Wasser hinter einem Schiffe.

Plötzlich erfuhr der Ballon eine starke Erschütterung. Der Anker hatte sich ohne Zweifel in eine unter dem riesenhaften Grase verborgene Felsspalte gesenkt.

»Wir sitzen fest, rief Joe.

– Nun, so wirf die Leiter aus, befahl der Jäger.

Er hatte diese Worte noch nicht vollendet, als ein durchdringender Schrei die Luft durchtönte.

– Was ist das? rief Kennedy,

– Ein seltsamer Schrei!

– Halt! wir gehen weiter!

– Der Anker muß sich losgerissen haben!

– Nein doch, er hält noch immer! versicherte Joe, der an dem Stricke zog.

– Der Felsen geht weiter!«

Eine sonderbare Bewegung ging durch das hohe Gras; ein gewundenes, ungeheures, graufarbiges Gebilde erhob sich aus den grünen Wogen.

»Eine Schlange! rief Joe, und Kennedy griff nach seinem Carabiner.

– Nein, sagte der Doctor, es ist ein Elephantenrüssel.

– Ein Elephant, Samuel! … mit diesen Worten legte der Jäger sein Gewehr an.

– Warte, Dick, warte; ohne Zweifel nimmt uns das Thier in’s Schlepptau.«

Der Elephant lief mit ziemlicher Schnelligkeit vorwärts. Er kam bald an eine Lichtung, auf der man ihn ganz sehen konnte. An seiner riesenhaften Gestalt erkannte der Doctor einen männlichen Elephanten von ausgezeichneter Gattung. Das Thier hatte zwei herrlich gebogene Hauer, welche etwa acht Fuß lang sein mochten. Die Ankerschaufeln hatten sich fest zwischen ihnen verfangen.

Das Thier suchte vergebens, sich mit seinem Rüssel von dem Stricke, der es mit der Gondel verband, loszumachen.

»Vorwärts! munter! schrie Joe im höchsten Jubel, indem er nach besten Kräften das sonderbare Kutschpferd anspornte. Das ist wieder eine neue Art zu reisen; wer fragt noch nach einem Pferd? Wir reisen mit einem Elephanten.

– Aber wo bringt er uns hin? fragte Kennedy, indem er seine Büchse, die ihm in den Händen brannte, hin und herschwang.

– Er bringt uns dahin, wo wir hin wollen, mein lieber Dick; nur ein wenig Geduld!

Wig a more, Wig a more, wie die schottischen Bauern sagen, schrie der fröhliche Joe. Vorwärts, vorwärts!«

Das Thier setzte sich in schnellen Galop; es warf seinen Rüssel nach rechts und links, und brachte in seinen Sprüngen der Gondel heftige Stöße bei. Der Doctor stand mit der Axt bereit, den Strick im Nothfall zu durchhauen.

»Aber, sagte er, erst im letzten Augenblick werden wir uns von unserm Anker trennen.«

Diese Fahrt mit dem Elephanten als Bugsirschiff dauerte ungefähr anderthalb Stunden. Das Thier schien durchaus nicht ermüdet: diese ungeheuern Dickhäuter können beträchtliche Strecken weit traben, und von einem Tage zum andern findet man sie an weit von einander entlegenen Orten, wie die Wallfische, denen sie an Umfang und Schnelligkeit ähnlich sind.

»Wir haben in der That einen Wallfisch harpuniert, sagte Joe; und wir ahmen nun das Manöver der Wallfischfänger nach.«

Aber eine Veränderung in der Beschaffenheit des Terrains nöthigte den Doctor, sein Fortbewegungsmittel zu modificiren.

Ein dichter Wald von Camaldoren zeigte sich im Norden der Prairie in einer Entfernung von etwa drei Meilen; es wurde somit eine Abtrennung des Ballons von seinem Führer nothwendig.

Kennedy erhielt also den Auftrag, den Elephanten zu erschießen.

Er legte an, aber seine Stellung war nicht günstig, um das Thier mit Erfolg zu treffen. Die erste Kugel, die er auf den Schädel abschoß, wurde wie auf einer Eisenplatte breit gedrückt. Das Thier schien davon nicht im Geringsten beunruhigt; beim Knall des Schusses wurde sein Schritt schneller. Seine Geschwindigkeit war die eines im Galop dahinsausenden Pferdes.

»Schändlich! rief Kennedy.

– Was hat das Thier für einen harten Kopf! meinte Joe.

– Wir wollen versuchen, ihm einige Spitzkugeln in die Weichen zu schicken,« versetzte Kennedy, indem er sorgfältig seinen Carabiner lud, und er gab Feuer.

Der Elephant stieß einen furchtbaren Schrei aus und schritt noch schneller vorwärts.

»Seht doch, rief Joe, sich mit einer der Flinten bewaffnend, ich muß Ihnen helfen, Herr Dick, oder das nimmt kein Ende.«

Und zwei Kugeln hafteten in der Seite des Thiers.

Der Elephant blieb stehen, richtete seinen Rüssel empor und nahm in aller Schnelligkeit seinen Lauf nach dem Walde wieder auf; er schüttelte seinen ungeheuren Kopf, und das Blut begann in Strömen aus seinen Wunden zu fließen.

»Setzen wir unser Feuer fort, Herr Dick.

– Und ein wohl unterhaltenes Feuer, fügte der Doctor hinzu; wir sind nicht zwanzig Toisen von dem Walde entfernt!«

Zehn Flintenschüsse krachten hinter einander. Der Elephant that einen schrecklichen Satz; Gondel und Ballon erdröhnten, daß man hätte glauben können, Alles wäre zerbrochen; die Erschütterung bewirkte, daß dem Doctor das Beil aus der Hand und auf den Boden fiel.

Ihre Lage wurde nunmehr kritisch; das stark befestigte Ankertau ließ sich weder losmachen, noch von den Messern der Reisenden durchschneiden; der Ballon näherte sich mit großer Geschwindigkeit dem Gehölz, als das Thier in demselben Moment, wo es den Kopf hob, eine Kugel in’s Auge erhielt. Es blieb stehen, schwankte; seine Kniee bogen sich, es stand jetzt dem Jäger schußgerecht.

»Eine Kugel in’s Herz,« sagte dieser, indem er ein letztes Mal seinen Carabiner abfeuerte.

Der Elephant stieß im Todeskampfe ein Brüllen des Schmerzes aus; er richtete sich für einen Augenblick auf, indem er seinen Rüssel im Kreise in der Luft umherwarf. Dann fiel er mit seinem ganzen Gewicht auf einen seiner Hauer, den er mitten durchbrach. Er war todt.

»Sein Hauer ist zerbrochen, rief Kennedy; Elfenbein, wovon in England hundert Pfund fünfunddreißig Guineen gelten würden.

– So viel? meinte Joe, und ließ sich am Ankerseil zur Erde gleiten.

– Wozu Dein Bedauern, lieber Dick? entgegnete Doctor Fergusson; sind wir etwa Elfenbeinkrämer? sind wir hiehergekommen, um Glücksgütern nachzujagen?«

Joe untersuchte den Anker; er hing fest an dem unversehrt gebliebenen Hauer. Samuel und Dick sprangen auf den Erdboden, während der halbschlaffe Ballon über dem Körper des Thieres hin und her schwankte.

»Ein prächtiges Vieh! rief Kennedy. Welche enorme Masse! nie habe ich in Indien einen Elephanten von so kolossalen Dimensionen gesehen!

– Das ist nicht zu verwundern, lieber Dick; die Elephanten Central-Afrika’s sind die schönsten. Jäger, wie Anderson, Cumming, haben in der Umgegend des Cap dergestalt auf sie Jagd gemacht, daß die Thiere nach dem Aequator zu auswandern, wo wir ihnen oft in zahlreichen Schaaren begegnen werden.

– Unterdessen hoffe ich, hub Joe an, daß wir uns von diesem hier einen guten Braten nehmen werden! ich mache mich anheischig, Ihnen ein saftiges Mahl von diesem Kleinen da zu bereiten. Herr Kennedy mag ein oder zwei Stunden auf die Jagd gehen, Herr Samuel die Musterung des Victoria, vornehmen, und mittlerweile werde ich die Küche besorgen.

– Das hast Du gut angeordnet, versetzte der Doctor, mache es, wie Dir’s beliebt.

– Was mich betrifft, so gedenke ich die beiden freien Stunden, die Joe mir aufzudringen geruht hat, gut zu benutzen.

– Geh, mein Freund, aber sei vorsichtig; entferne Dich nicht zu weit, mahnte der Doctor.

– Sei unbesorgt.«

Und Dick verschwand mit seiner Flinte in der Tiefe des Waldes.

Alsdann machte sich Joe an sein Geschäft. Er grub zunächst ein zwei Fuß tiefes Loch in die Erde, welches er mit trockenen Zweigen anfüllte. Dann häufte er noch darüber einen zwei Fuß hohen Scheiterhaufen an und setzte ihn in Brand.

Hierauf kehrte er zum Körper des Elephanten zurück, der kaum zehn Toisen von dem Walde gefallen war; er löste geschickt den Rüssel ab, der an seiner Wurzel fast zwei Fuß Breite maß, wählte davon den zartesten Theil und legte einen der schwammigen Füße des Thieres hinzu. Dies sind die anerkannt vorzüglichsten Stücke des Elephanten, wie der Höcker des amerikanischen Büffels, die Bärentatze und der Wildschweinskopf.

Als der Scheiterhaufen über und in der Erde vollständig abgebrannt war, bot das Loch, von Asche und Kohlen gereinigt, eine sehr hohe Temperatur; die Elephantenstücke, in aromatische Blätter gehüllt, wurden auf den Grund dieses improvisirten Bratofens gelegt und mit heißer Asche bedeckt; dann errichtete Joe einen zweiten Scheiterhaufen über dem Ganzen, und als das Holz sich verzehrt hatte, war das Fleisch gerade richtig gebraten.

Dann servirte Joe dies appetitliche Gericht auf grünen Blättern, und ordnete das Mahl mitten auf einem prächtigen Grasplatz; er tischte dazu Zwieback, Branntwein und Kaffee auf und schöpfte in einem nahen Bache frisches, klares Wasser.

Das so hergerichtete Mahl gewährte einen angenehmen Anblick, und Joe dachte, ohne gerade stolz zu sein, daß noch angenehmer sein müßte, es zu verzehren.

»Eine Reise ohne Ermüdung und ohne Gefahr! sprach er vor sich hin. Ein Mahl zu seiner Zeit, stets eine Hängematte zur Disposition! was kann man mehr verlangen? und dieser gute Herr Kennedy wollte nicht einmal mitkommen.«

Der Doctor unternahm seinerseits eine ernstliche Prüfung des Luftschiffes; dasselbe schien von den Fährlichkeiten nicht gelitten zu haben; Seidenzeug wie Guttapercha hatten vorzüglich Stand gehalten. Als er die gegenwärtige Bodenerhebung nahm und die emportreibende Kraft des Ballons berechnete, sah er mit Befriedigung, daß der Wasserstoff sich in seiner Menge gleichgeblieben war. Die Hülle war noch ganz undurchdringlich.

Erst vor fünf Tagen hatten die Reisenden Zanzibar verlassen, der Pemmican war noch unberührt, Zwieback wie die Bestände von conservirtem Fleisch reichten für eine lange Reise aus; es war also nur der Wasservorrath zu erneuern.

Die Röhren und das Schlangenrohr schienen in gutem Zustande zu sein; Dank ihren Kautschukgliedern hatten sie allen Schwingungen des Luftschiffes nachgegeben.

Nach Beendigung seiner Prüfung beschäftigte sich der Doctor damit, seine Notizen in Ordnung zu bringen; er entwarf eine sehr gelungene Skizze von der umgebenden Landschaft mit der weiten, unabsehbaren Prairie, dem Camaldorenwalde und dem unbeweglich über dem Körper des ungeheuerlichen Elephanten schwebenden Ballon.

Nach Verlauf von zwei Stunden kehrte Kennedy mit einer Schnur fetter Rebhühner und der Keule eines Oryx, einer Art Gemsbock, zurück, welche zu der behendesten Gattung der Antilopen gehört. Joe übernahm es, diesen Zuwachs des Mundvorraths vorzubereiten.

»Der Tisch ist gedeckt,« meldete er bald mit seiner einladendsten Stimme.

Und die drei Reisenden brauchten sich nur auf dem grünen Rasen zu setzen; Elephantenfüße und Rüssel wurden für ganz vorzüglich erklärt; man trank, wie immer, auf Englands Wohl, und köstliche Havannahs durchdufteten zum ersten Mal dies reizende Land.

Kennedy aß, trank und plauderte für vier; er war förmlich berauscht, schlug seinem Freunde, dem Doctor in allem Ernste vor, sich in diesem Walde niederzulassen, eine Hütte von Laubwerk zu bauen, und hier die Dynastie der afrikanischen Robinsone zu beginnen.

Sonst wurde dem Vorschlage weiter keine Folge gegeben, obgleich Joe sich vorgenommen hatte, die Rolle des Freitag zu spielen.

Die Landschaft schien so ruhig, so verlassen, daß der Doctor beschloß, die Nacht auf festem Boden zuzubringen. Joe richtete einen Kreis von Feuern her, als unentbehrliche Barrikade gegen die wilden Thiere; Hyänen, Cuguars, Schakale, von dem Geruch des Elephantenfleisches angezogen, streiften in der Nähe umher. Kennedy mußte zu wiederholten Malen seinen Carabiner auf zu verwegene Besucher abfeuern; aber doch verlief die Nacht ohne störenden Zwischenfall.

Achtzehntes Capitel

Achtzehntes Capitel

Karagwah. – Der Ukerewe-See. – Eine Nacht auf einer Insel. – Der Aequator. – Ueberfahrt über den See. – Die Wasserfälle. – Ansicht des Landes. – Die Nilquellen. – Die Benga-Insel. – Namenszug Andrea Debono’s. – Die Flagge mit dem Wappen Englands.

Am folgenden Tage begannen um fünf Uhr Morgens die Vorbereitungen zur Abreise. Joe zerschmetterte die Hauer des Elephanten mit dem glücklich wiedergefundenen Beil. Der nun in Freiheit gesetzte Victoria führte die Reisenden mit einer Geschwindigkeit von achtzehn Meilen gegen Nordosten davon.

Der Doctor hatte am vergangenen Abend nach der Höhe der Sterne genau die Lage bestimmt. Er befand sich unter 2° 40′ Br. südl. vom Aequator, gleich hundertundsechzig geographischen Meilen; er reiste über zahlreiche Dörfer hinweg, ohne sich um das durch seine Erscheinung hervorgerufene Geschrei zu kümmern, zeichnete summarische Ansichten von der Gestaltung der Gegenden, überschritt die Abhänge des Rubemhe, die fast ebenso steil waren wie die Gipfel des Usagara, und traf später in Tenga die ersten Vorsprünge der Karagwah-Ketten, welche seiner Meinung nach nothwendig von den Mondbergen aussgehen müssen. Die alte Sage, welche diese Berge zu der Wiege des Nils machte, kam der Wahrheit nahe, weil dieselben den Ukerewe-See, das angebliche Reservoir der Wasser des Großen Stromes, begrenzen.

Von Kafuro, dem großen District der Kaufleute des Landes, bemerkte er endlich am Horizont den so sehr gesuchten See, welchen der Kapitän Speke am 3. August 1858 erblickt hatte.

Samuel Fergusson fühlte sich von Rührung ergriffen. Er hatte eine der Hauptspitzen seiner Entdeckungsreise beinahe erreicht, und ließ sich, das Fernglas im Auge, nicht einen einzigen Winkel dieses geheimnißvollen Landes entgehen.

Unter ihm ein im Allgemeinen reizloses Land, kaum einige cultivirte Landstriche; das Terrain, mit Bergkegeln mittlerer Höhe besäet, plattete sich in der Nähe des Sees ab; Gerstenfelder traten an die Stelle der Reisfelder; dort wuchs der Wegerich (Plantago), aus dem der Wein des Landes gewonnen wird, und der »Mwani«, eine wilde Pflanze, die als Kaffee dient. Die Vereinigung von etwa fünfzig kreisförmigen Hütten, mit blumigem Strohdach bedeckt, machten die Hauptstadt von Karagwah aus.

Man konnte aus der Höhe ohne Anstrengung die erstaunten Gesichter einer ziemlich schönen Race mit gelblich braunem Teint gewahren. Weiber von unglaublicher Corpulenz schleppten sich in den Pflanzungen mit Mühe von der Stelle; und der Doctor setzte seine Gefährten sehr in Erstaunen durch die Mittheilung, daß solche, sehr geschätzte Wohlbeleibtheit durch den streng geregelten Genuß dicker Milch erlangt werde.

Um zwölf Uhr befand sich der Victoria unter 1° 45′ südl. Br.; um ein Uhr trieb ihn der Wind über den See.

Kapitän Speke hat demselben den Namen Nyanza-Victoria gegeben. An dieser Stelle mochte er neunzig Meilen in der Breite messen; an seinem südlichen Ende fand der Kapitän eine Inselgruppe, welche er den Bengalischen Archipelagus nannte. Er setzte seine Recognoscirung bis nach Muanza an der Ostküste fort, wo er von dem Sultan gut aufgenommen wurde. Er nahm die trigonometrische Vermessung dieses Theiles des Sees vor, konnte sich aber keine Barke verschaffen, um ihn zu überfahren oder die große Insel Ukerewe zu besuchen. Dies sehr volkreiche Eiland wird von drei Sultanen regiert und bildet zur Zeit der Ebbe nur eine Halbinsel.

Der Victoria näherte sich dem See mehr im Norden zum großen Verdruß des Doctors, welcher gern die südlichen Umrisse hatte bestimmen wollen. Die mit dornigem Gebüsch und verwickeltem Gesträuch dicht bewachsenen Ufer verschwanden buchstäblich unter Myriaden hellbräunlicher Moskitos. Dies Land sollte unbewohnbar und unbewohnt sein; man sah Schaaren von Nilpferden sich im Röhricht wälzen oder unter das weißliche Wasser des Sees tauchen.

Von oben herab gesehen, bot dieser im Westen einen so weiten Gesichtskreis, daß man ihn fast ein Meer hätte nennen können; die Entfernung zwischen den beiden Ufern ist zu groß, als daß ein Verkehr sich herstellen ließe; übrigens sind dort die Stürme stark und häufig, denn die Winde wüthen furchtbar in diesem hohen und bloßliegenden Becken.

Der Doctor hatte Mühe, den Ballon zu lenken; er fürchtete nach Osten getragen zu werden, aber glücklicher Weise führte ihn eine Strömung direct nach Norden, und um sechs Uhr Abends ließ sich der Victoria unter 0° 30′ Br. und 32° 52′ L. zwanzig Meilen weit von der Küste auf einer kleinen verlassenen Insel nieder.

Die Reisenden konnten an einen Baum anhaken, und da der Wind sich gegen Abend gelegt hatte, schwebten sie ruhig über ihrem Anker. Man konnte nicht daran denken, an’s Land zu steigen; hier bedeckten ebenso wie an den Ufern des Nyanza-Sees Legionen Moskitos den Boden mit einer dichten Wolke. Joe selbst kam mit Stichen bedeckt von dem Baume zurück, aber das ärgerte ihn weiter nicht, denn er fand dies von Seiten der Moskitos sehr natürlich.

Der Doctor indessen, welcher weniger Optimist war, ließ so viel wie möglich von dem Stricke ab, um diesen unerbittlichen Insecten, die mit einem beunruhigenden Summen zu ihm aufstiegen, zu entgehen.

Er bestimmte die Höhe des Sees über dem Meeresspiegel ebenso wie Kapitän Speke, auf dreitausendsiebenhundertundfünfzig Fuß.

»Wir sind hier also auf einer Insel! sagte Joe, der sich kratzte, bis das Blut hervorkam.

– Wir würden sie ohne Gefahr umgehen können, antwortete der Jäger, denn von diesen liebenswürdigen Insecten abgesehen, bemerkt man kein einziges lebendes Wesen.

– Die Inseln, von denen der See durchwebt ist, bemerkte der Doctor Fergusson, sind eigentlich Gipfel versenkter Hügel; wir können uns glücklich schätzen, hier eine Zuflucht gefunden zu haben, denn die Ufer des Sees werden von wilden Stämmen bewohnt. Schlaft also, da der Himmel uns eine Nacht der Ruhe schickt.

– Wirst Du Dich nicht auch niederlegen, Samuel?

– Nein, ich könnte kein Auge zuthun. Meine Gedanken würden allen Schlaf verscheuchen. Morgen werden wir, wenn der Wind günstig ist, gerade auf Norden zugehen und vielleicht die Nilquellen, dies bis jetzt undurchdringlich gebliebene Geheimniß, entdecken. So nahe an den Quellen des großen Flusses kann ich nicht schlafen.«

Kennedy und Joe, die weniger von wissenschaftlichem Enthusiasmus aufgeregt wurden, schlummerten bald ruhig unter der Wacht des Doctors ein.

Am Mittwoch, dem 23. April, machte sich der Victoria um vier Uhr Morgens bei bedecktem Himmel segelfertig; die Nacht hob sich langsam von den Ufern des Sees, die ein dichter Nebel verhüllte, aber bald zerstreute ein heftiger Wind die schwere Luft. Der Victoria schwankte einige Minuten nach verschiedenen Richtungen hin und her, und hielt endlich geraden Weges auf Norden zu.

Doctor Fergusson schlug vor Freude in die Hände.

»Wir sind auf gutem Wege, rief er aus. heute oder nie werden wir den Nil sehen! Meine Freunde, hier überschreiten wir den Aequator! Wir treten in unsere Hemisphäre ein!

– Oho! rief Joe aus. Sie meinen, daß hier der Aequator durchgeht?

– Allerdings, mein wackerer Junge.

– Nun, verzeihen Sie, Herr, es scheint mir passend, daß wir ihn ein wenig einweihen, und zwar ohne weiteren Zeitverlust.

– Ein Glas Grog möge zur Feier des Tages geopfert werden! antwortete der Doctor lachend; – Du hast eine Weise, Dich mit der Kosmographie zu befassen, die nicht übel ist.«

Und so wurde das Passiren der Linie an Bord des Victoria feierlich begangen.

Dieser schwebte in raschem Fluge vorwärts. Im Westen bemerkte man die niedrige und wenig unebene Küste, im Hintergrunde die höheren Plateaux von Uganda und Usoga. Die Schnelligkeit des Windes wurde außerordentlich: mehr als dreißig Meilen auf die Stunde.

Die gewaltsam aufgewühlten Wasser des Nyanza schäumten wie die Wogen eines Meeres. An gewissen tiefgehenden Wasserstrudeln, welche sich nach schon eingetretener Windstille noch lange hin und her bewegten, erkannte der Doctor, daß der See eine große Tiefe haben müsse. Kaum sah man während dieser schnellen Ueberfahrt ein oder zwei rohe Barken.

»Dieser See, sagte der Doctor, ist augenscheinlich durch seine erhabene Lage das natürliche Flußbecken der Ströme des östlichen Theiles von Afrika. Der Himmel giebt ihm an Regen wieder, was er ihm anderweitig entzieht. Es scheint mir nunmehr gewiß, daß der Nil dort seine Quelle hat.

– Wir werden sehen,« versetzte Kennedy.

Gegen neun Uhr näherte man sich der Westküste; sie schien verlassen und bewaldet. Der Wind erhob sich ein wenig gegen Osten, und man konnte das andere Ufer des Sees erblicken. Dasselbe krümmte sich derartig, daß es in einen sehr stumpfen Winkel gegen 2° 40′ nördl. Br. auslief. Hohe Berge erhoben ihre dürren Gipfel an diesem Ende des Nyanza; aber zwischen ihnen, in einem tief ausgehöhlten Schlunde, brach ein siedender Fluß sich Bahn.

Während Doctor Fergusson mit der Handhabung seines Luftschiffes beschäftigt war, ließ er seine Blicke begierig über das Land schweifen.

»Seht! rief er, seht, meine Freunde! die Erzählungen der Araber waren genau! Sie sprachen von einem Flusse, in welchen der Ukerewe-See sich nach Norden zu ergösse: dieser Fluß existiert, wir fahren ihn hinunter, er fließt mit einer Geschwindigkeit, die sich mit unsrer eigenen Schnelligkeit vergleichen läßt; und dieser Wassertropfen, welcher zu unsern Füßen verrinnt, wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit den Fluthen des Mittelmeers vereinigen! Es ist der Nil!

– Es ist der Nil! wiederholte Kennedy, der sich von der Begeisterung Samuel Fergusson’s fortreißen ließ.

– Es lebe der Nil!« sagte Joe, der gern ein Vivat ausbrachte, wenn er freudig gestimmt war.

Ungeheure Felsen hemmten hie und da den Lauf dieses geheimnißvollen Flusses: das Wasser schäumte, es bildeten sich Stromschnellen und Katarakte, welche den Doctor in seiner Ansicht, daß hier die Quelle des Nils zu suchen sei, bestärkten. Von den umliegenden Bergen ergossen sich zahlreiche, bei ihrem Falle wild schäumende Bäche. Man sah aus dem Boden vereinzelte, dünne Wasserstrahlen hervorsprudeln, die sich kreuzten, in einander flossen, an Schnelligkeit wetteiferten, und sämmtlich dem werdenden Flusse zueilten, welcher, nachdem er sie aufgenommen, zum Strome wird.

»Es ist der Nil! wiederholte der Doctor mit voller Ueberzeugung. Der Ursprung seines Namens hat die Gelehrten, ebenso wie der Ursprung seiner Gewässer, leidenschaftlich erhitzt. Man hat ihn aus dem Griechischen, dem Koptischen, dem Sanskrit abgeleitet; übrigens kommt nichts darauf an, da er endlich doch das Geheimniß seiner Quellen hat offenbaren müssen.

– Aber, sagte der Jäger, wie kann man darüber in’s Klare kommen, daß dieser Fluß derselbe ist, welchen die Reisenden des Nordens erforscht haben?

– Wir werden sichere, unwiderlegliche, unfehlbare Beweise davon erhalten, antwortete Fergusson, wenn der Wind uns noch eine Stunde begünstigt.«

Die Berge trennten sich und machten zahlreichen Dörfern Platz, die von Sesam-, Durrah- und Zuckerrohrfeldern umgeben waren. Die Stämme dieser Gegenden zeigten sich aufgeregt und feindlich: sie schienen mehr zum Zorne als zur Anbetung geneigt zu sein und witterten Fremde, aber keine Götter; es schien, als ob sie die Erforschung der Nilquellen als einen an ihnen begangenen Raub betrachteten. Der Victoria mußte sich außer Schußweite ihrer Musketen halten.

»Es wird uns schwer fallen, hier zu ankern, sagte der Schotte.

– Nun, erwiderte Joe. Um so schlimmer für diese Eingeborenen. Wir werden sie des Reizes unserer Unterhaltung berauben.

– Ich muß dennoch aussteigen, entgegnete der Doctor Fergusson; und wäre es nur auf eine Viertelstunde. Sonst kann ich die Resultate unserer Entdeckungen nicht feststellen.

– Es ist also unerläßlich, Samuel?

– Allerdings; und wir werden aussteigen, selbst wenn wir uns unserer Feuerwaffen bedienen müßten.

– Mir ganz Recht, antwortete Kennedy mit einem zärtlichen Blick auf seine Büchse.

– Es wäre nicht das erste Mal, daß man mit den Waffen in der Hand der Wissenschaft seine Dienste leiht, hob der Doctor hervor; etwas Aehnliches ist einem französischen Gelehrten in den spanischen Gebirgen begegnet, als er mit der Messung des Erdmeridians beschäftigt war.

– Sei unbesorgt, Samuel, und verlaß Dich auf Deine beiden Leibwächter.

– Sind wir so weit, Herr Doctor?

– Noch nicht; wir werden sogar noch höher steigen, um die genaue Gestaltung des Landes uns zu veranschaulichen.«

Das Wasserstoffgas dehnte sich aus, und in weniger als zehn Minuten schwebte der Victoria in einer Höhe von zweitausend fünfhundert Fuß über dem Boden. Von dort konnte man ein unentwirrbares Netz von Flüssen wahrnehmen, welche der Strom in sein Bett aufnahm. Es rannen noch mehrere Bäche von Westen zwischen den zahlreichen Hügeln inmitten fruchtbarer Felder herbei.

»Wir sind keine neunzig Meilen von Gondokoro entfernt, sagte der Doctor, das Besteck auf der Karte machend; und weniger als fünf Meilen von dem Punkte, der von den aus Norden gekommenen Entdeckungsreisenden erreicht worden ist. Wir wollen uns nun vorsichtig der Erde nähern.«

Der Victoria senkte sich mehr als zweitausend Fuß.

»Jetzt, meine Freunde, seid auf Alles gefaßt.

– Wir sind bereit, antworteten Dick und Joe.

– Gut!«

Der Victoria flog bald längs des Strombettes kaum hundert Fuß von der Erde dahin. Der Nil maß an dieser Stelle fünfzig Toisen, und die Eingeborenen befanden sich in den Dörfern, welche an seinen Ufern lagen, in lärmender Bewegung. Unter dem zweiten Grade bildet er einen jähen Sturz, der eine Höhe von ungefähr zehn Fuß hat und folglich unpassirbar ist.

»Das ist der von Herrn Debono bezeichnete Wasserfall,« rief der Doctor.

Das Flußbecken erweiterte sich und war mit zahlreichen Inseln übersäet, von denen Samuel Fergusson kein Auge abwandte. Er schien einen Landungsplatz zu suchen, den er noch nicht entdecken konnte.

Einige Neger, welche in einem Kahn unter dem Ballon gefahren waren, begrüßte Kennedy mit einem Flintenschuß, welcher, ohne zu treffen, sie dazu veranlaßte, so schnell wie möglich wieder an’s Ufer zu rudern.

»Glückliche Reise! rief ihnen Joe nach. An ihrer Stelle würde ich das Wiederkommen bleiben lassen und die Nähe eines solchen Ungeheuers, das nach Belieben Blitze schleudert, vermeiden.«

Plötzlich griff Fergusson nach seinem Fernrohr und richtete es auf eine mitten im Strom gelegene Insel.

»Vier Bäume! rief er; seht dort unten!«

Wirklich waren vier einzelne Bäume sichtbar.

»Das ist die Insel Benga! Ohne allen Zweifel! setzte er hinzu.

– Nun, was weiter? fragte Dick.

– Dort werden wir aussteigen, so Gott will.

– Aber sie scheint bewohnt, Herr Samuel!

– Joe hat Recht; wenn ich mich nicht täusche sehe ich einen Haufen von etwa zwanzig Eingeborenen.

– Wir werden sie in die Flucht jagen; das wird nicht schwer halten, antwortete Fergusson.

– Drauf und dran!« entgegnete der Jäger.

Die Sonne stand im Zenith. Der Victoria näherte sich der Insel.

Die Neger, welche dem Stamme Makado angehörten, stießen ein kräftiges Geschrei aus; einer von ihnen schwang seinen Borkenhut in der Luft. Kennedy zielte auf denselben, gab Feuer, und der Hut flog in Stücke.

Das war das Signal zu einer allgemeinen Flucht; die Eingeborenen stürzten sich in den Strom und durchschwammen ihn; von beiden Ufern kam ein Hagel von Kugeln, eine Wolke von Pfeilen, aber ohne Gefahr für das Luftschiff, dessen Anker sich in eine Felsspalte eingelassen hatte. Joe glitt auf die Erde herab.

»Die Leiter! rief der Doctor. Folge mir, Kennedy!

– Was willst Du thun?

– Wir wollen aussteigen; ich brauche einen Zeugen.

– Ich bin bereit.

– Joe, halte Du Wache!

– Sein Sie ohne Sorge, Herr; ich stehe für Alles.

– Komm, Dick,« sagte der Doctor, als er den Fuß auf festen Boden setzte.

Er zog seinen Gefährten nach einer Felsgruppe, welche sich an einem Ausläufer der Insel erhob; dort suchte er einige Zeit, spürte in den Gebüschen umher und riß sich dabei die Hände blutig.

Plötzlich ergriff er den Jäger lebhaft am Arme.

»Sieh dorthin! sagte er.

– Buchstaben!« rief Kennedy.

Wirklich erschienen zwei in den Fels eingegrabene Buchstaben in ihrer vollen Klarheit; man las deutlich: A. D.

»A. D., versetzte der Doctor Fergusson, Andrea Debono! Der Namenszug des Reisenden, welcher den Lauf des Nils am weitesten aufwärts verfolgt hat!

– Das ist unwiderleglich, Freund Samuel!

– Bist Du jetzt überzeugt?

– Es ist der Nil! Wir können nicht mehr daran zweifeln!«

Der Doctor blickte noch einmal auf diese kostbaren Initialen und zeichnete genau ihre Form und Größe ab.

»Und jetzt zum Ballon zurück! sagte er.

– Schnell also; denn dort sind mehrere Eingeborene, die wieder über den Fluß kommen wollen.

– Das kümmert uns jetzt wenig; wenn der Wind uns einige Stunden lang nach Norden treibt, werden wir Gondokoro erreichen und unsern Landsleuten die Hand drücken.«

Zehn Minuten darauf stieg der Victoria majestätisch empor, während Doctor Fergusson als Zeichen des errungenen Erfolges die Flagge mit dem englischen Wappen entfaltete.

Neunzehntes Capitel

Neunzehntes Capitel

Der Nil. – Der Zitterberg. – Erinnerungszeichen an das Land. – Die Erzählungen der Araber. – Die Nyam-Nyam. – Verständige Gedanken Joe’s. – Der Victoria lavirt. – Luftschifffahrten. – Madame Blanchard.

»Wohinaus steuern wir? fragte Kennedy, als er sah, wie sein Freund den Compaß zu Rathe zog.

– Nach Nord-Nordwest.

– Aber zum Teufel! Das ist nicht Norden!

– Nein, Dick; und ich glaube, daß wir schwerlich Gondokoro erreichen werden; ich bedauere es, aber schließlich haben wir die Forschungen des Ostens mit denen des Nordens verknüpft; da darf man sich nicht beklagen.«

Der Victoria entfernte sich allmälig vom Nil.

»Ein letzter Blick, sagte der Doctor, auf diesen noch unüberschrittenen Breitegrad, über den die unerschrockensten Reisenden nicht haben hinauskommen können. Das sind sicher die unzugänglichen Stämme, von denen die Herren Petherick, D’Arnaud, Miani sprechen; ebenso wie der junge Reisende Herr Lejean, dem wir die besten Arbeiten über den obern Lauf des Nil verdanken.

– So stimmen unsere Entdeckungen mit den Vermuthungen und Hypothesen der Wissenschaft überein? fragte Kennedy.

– Vollständig. Die Quellen des Weißen Flusses, des Bahr-el-Abiad sind in einem See, der die Größe eines Meeres hat, verborgen: dort hat er seinen Ursprung; die Poesie wird freilich dabei verlieren, man dachte sich für diesen König der Ströme gern eine himmlische Abkunft. Die Alten benannten ihn mit dem Namen Ocean, und man war geneigt zu glauben, daß er direct von der Sonne herkäme! Aber man muß ab und zu etwas von solchem Glauben aufgeben und das annehmen, was die Wissenschaft uns lehrt. Es wird vielleicht nicht immer Gelehrte, immer aber Dichter geben!

– Man bemerkt wieder Katarakte, äußerte Joe.

– Die Katarakte von Makado, auf drei Breitegraden; es stimmt ganz genau! Ach, warum haben wir nicht dem Laufe des Nils einige Stunden weit folgen können!

– Und da unten vor uns, sagte der Jäger, bemerke ich den Gipfel eines Berges.

– Das ist der Logwek, der Zitterberg der Araber; diese ganze Gegend ist von Herrn Debono besucht worden, der sie unter dem Namen Latif Effendi durchreiste. Die dem Nil anwohnenden Stämme sind unter einander verfeindet und führen einen gegenseitigen Vertilgungskrieg. Ihr könnt Euch leicht die Gefahren vorstellen, denen er hat Trotz bieten müssen.«

Der Wind trug nun den Victoria nach Nordwesten. Um den Berg Logwek zu vermeiden, mußte man eine niedrigere Strömung suchen.

»Meine Freunde, sagte der Doctor zu seinen beiden Begleitern, jetzt erst fangen wir wirklich unsere Entdeckungsreise in Afrika an. Bis hierher sind wir hauptsächlich den Spuren unserer Vorgänger gefolgt. Wir werden uns nunmehr in eine unbekannte Welt begeben. Wird uns der Muth nicht im Stich lassen?

– Niemals! riefen einstimmig Dick und Joe.

– Auf den Weg denn, und der Himmel beschütze uns!«

Um zehn Uhr Abends gelangten die Reisenden über Schluchten, Wälder und zerstreute Dörfer hinweg zum Zitterberge, an dessen sanft abfallenden Abhängen sie hinstreiften.

An diesem denkwürdigen Tage, dem dreiundzwanzigsten April, hatten sie während einer fünfzehnstündigen Reise, von einem raschen Winde getrieben, eine Entfernung von über dreihundert und fünfzehn Meilen zurückgelegt.

Aber dieser letzte Theil der Reise hatte ihnen einen traurigen Eindruck hinterlassen. Vollständiges Schweigen herrschte in der Gondel. War Doctor Fergusson einzig und allein mit seinen Entdeckungen beschäftigt? Dachten seine beiden Gefährten an die ihnen bevorstehende Fahrt mitten durch unbekannte Landstriche? In all‘ das mischten sich ohne Zweifel Erinnerungen an England und die entfernten Freunde. Joe zeigte dabei seine gewohnte Philosophie der Sorglosigkeit, die es ganz natürlich fand, daß das Vaterland nicht überall mit ihm herumziehen konnte; aber er achtete das Schweigen Samuel Fergusson’s und Dick Kennedy’s.

Um zehn Uhr Abends legte sich der Victoria auf der andern Seite des Zitterberges [Fußnote] vor Anker; man nahm ein substantielles Mahl ein, und Alle schliefen nacheinander, sich in der Wache ablösend.

Am folgenden Morgen sah man wieder fröhlichere Gesichter; es hatte sich prächtiges Wetter und ein günstiger Wind eingestellt, und ein durch die Scherze des muntern Joe gewürztes Frühstück brachte vollends die gute Laune der kleinen Gesellschaft zurück.

Das Land, welches man gegenwärtig zu durchreisen hatte, ist ein unermeßlich großes; es grenzt an die Mondberge und die Gebirge von Darfur; es mag an Ausdehnung etwa Europa zu vergleichen sein.

»Wir durchreisen jetzt jedenfalls das sogenannte Land Usoga, saqte der Doctor; Geographen haben behauptet, daß sich im Mittelpunkte von Afrika eine tiefe Senkung, ein ungeheurer Binnensee befände. Wir werden sehen, ob diese Annahme irgendwie begründet ist.

– Aber wie ist man zu dieser Voraussetzung gelangt? fragte Kennedy.

– Durch die Berichte der Araber; diese Leute erzählen gern, vielleicht zu gern. Einige in Kaseh oder an den großen Seen angekommene Reisende haben Sclaven gesehen, welche von dem Innern des Landes hergekommen waren, und dieselben über ihr Land ausgefragt, diese verschiedenen Mittheilungen dann mit einander verschmolzen, und daraus Systeme abgeleitet. Alledem liegt immer etwas Wahres zu Grunde und, wie Du siehst, hat man sich z. B. über den Ursprung des Nil nicht getäuscht.

– Ganz richtig! stimmte Kennedy bei.

– Auf diese Mittheilungen hin hat man Karten zu zeichnen versucht, und meine Absicht ist, unsern Weg auf einer derselben zu verfolgen, und sie erforderlichen Falls zu verbessern.

– Ist dieses weite Land bewohnt? erkundigte sich Joe.

– Allerdings, aber nur spärlich.

– Das habe ich mir gedacht.

– Diese zerstreuten Volksstämme begreift man unter der allgemeinen Bezeichnung Nyam-Nyam: der Name ist nur eine Onomatopöe; er giebt das Geräusch des Kauens wieder.

– Ausgezeichnet! rief Joe, Nyam! Nyam!

– Mein alter Junge, wenn Du die unmittelbare Ursache dieser Onomatopöe wärest, würdest Du das nicht ausgezeichnet finden.

– Was meinen Sie damit, Herr?

– Daß diese Völkerschaften Menschenfresser sind.

– Ist das wirklich wahr?

– Freilich; man hat auch behauptet, daß diese Eingeborenen wie gewöhnliche Vierfüßler mit einem Schwanze versehen seien; aber bald hat man erkannt, daß dieser Appendix nur den Thierfellen, mit denen sie bekleidet sind, angehört.

– Um so schlimmer für sie; ein Schwanz müßte in diesen Gegenden sehr angenehm sein, um die Moskitos zu verjagen.

– Wohl möglich, Joe; aber es ist das in’s Bereich der Fabel zu verweisen, wie auch die Hundsköpfe, welche der Reisende Brun-Rollet gewissen Völkerschaften beilegte.

– Hundsköpfe? sehr bequem zum Bellen und äußerst brauchbar für Menschenfresser!

– Was leider auf Wahrheit beruht, ist die Wildheit dieser nach Menschenfleisch lechzenden Völker.

– Ich wünsche nur, daß ich ihnen nicht zu viel Appetit einflöße, versetzte Joe.

– Da haben wir’s, sagte der Jäger.

– Meine Meinung ist die, Herr Dick: Wenn ich einmal gefressen werden muß, so soll es zu Ihrem Nutzen und zum Vortheil meines Herrn sein. Aber diesen Mohren zur Nahrung dienen! Pfui, ich würde mich zu Tode schämen!

– Recht so, mein braver Joe, meinte Kennedy; das nenne ich doch noch ein Wort! wir werden Dich bei Gelegenheit berücksichtigen.

– Stehe immer zu Diensten, meine Herren!

– Joe spricht nur so, bemerkte der Doctor, damit wir ihn gut füttern und recht fett machen sollen.

– Wer weiß? antwortete Joe; der Mensch ist nun einmal so egoistisch!«

Am Nachmittag bedeckte sich der Himmel mit einem heißen Nebel, der aus dem Boden empordampfte. Der umdüsterte Himmel gestattete kaum, die Gegenstände auf der Erde zu unterscheiden, und so gab der Doctor, aus Furcht an eine Felsspitze zu stoßen, um fünf Uhr das Haltesignal.

Die Nacht verging ohne Unfall, aber man hatte bei der tiefen Dunkelheit seine Wachsamkeit verdoppeln müssen.

Der Monsun wehte am andern Morgen mit außerordentlicher Heftigkeit; der Wind verfing sich in den untern Höhlungen des Ballons und schüttelte heftig den Kasten, durch welchen die Ausdehnungs-Röhren sich hinzogen. Man mußte sie mit Seilen befestigen, ein Geschäft, das Joe mit großer Geschicklichkeit ausführte.

Er constatirte zugleich, daß die Mündung des Luftschiffes noch immer hermetisch verschlossen war.

»Es hat das eine doppelte Bedeutung für uns, sagte Doctor Fergusson; zunächst vermeiden wir den Verlust des für uns sehr kostbaren Gases, und dann lassen wir in unserer Umgebung keinen entzündbaren Streifen zurück, der am Ende gar in Flammen gerathen könnte.

– Das wäre ein ärgerlicher Zwischenfall für unsere Reise.

– Würden wir zur Erde herabstürzen? fragte Dick

– Stürzen? nein! das Gas würde ruhig verbrennen und wir nach und nach zur Erde niedersteigen. Ein ähnlicher Unfall ist der französischen Luftschifferin Madame Blanchard, begegnet. Beim Abbrennen eines Feuerwerks entzündete sich ihr Ballon, aber sie fiel nicht, und würde ohne Zweifel mit dem Leben davongekommen sein, wenn ihre Gondel nicht an einen Schornstein gestoßen wäre, von welchem herunter sie zur Erde stürzte.

– Hoffen wir, daß uns nichts Aehnliches treffen wird, versetzte der Jäger; bis jetzt scheint mir unsere Fahrt nicht gefährlich. Ich sehe keinen Grund, der uns hindern könnte, an unserm Ziel anzukommen.

– Ich auch nicht, lieber Dick; übrigens sind die Unfälle auf Luftreisen immer durch Unvorsichtigkeit, oder den mangelhaften Bau der Apparate verursacht worden. Indessen zählt man auf mehrere tausend Ballonexpeditionen nicht zwanzig Unfälle, die den Tod zur Folge gehabt hätten. Im Allgemeinen bieten die Abfahrten und Landungen die meisten Gefahren. So dürfen wir in solchem Falle keine Vorsichtsmaßregel außer Augen lassen.

– Es ist Frühstückszeit, meldete Joe; wir müssen schon mit Kaffee und conservirtem Fleisch vorliebnehmen, bis Herr Kennedy Gelegenheit gefunden hat, uns mit einem guten Stück Wildbret zu versorgen.«

Zweites Capitel

Zweites Capitel

Ein Artikel des »Daily Telegraph«. – Gelehrter Federkrieg. – Herr Petermann unterstützt seinen Freund, den Doctor Fergusson. – Antwort des Gelehrten Koner. – Abschluß von Wetten. – Dem Doctor werden verschiedene Vorschläge gemacht.

Am folgenden Tage veröffentlichte der »Daily Telegraph« in seiner Nummer vom 15. Januar einen also lautenden Artikel: »Das Geheimniß der ungeheuren afrikanischen Einöden wird endlich offenbart werden; ein moderner Oedipus wird uns die Lösung dieses Räthsels bringen, das die Gelehrten von sechs Jahrtausenden nicht zu entziffern vermochten. Ehedem wurde eine Aufsuchung der Nilquellen, fontes Nili quaerere, als ein wahnsinniges Beginnen, ein nicht zu verwirklichendes Hirngespinst betrachtet.

»Indem der Doctor Barth die von Denham und Clapperton vorgezeichnete Straße bis Sudan verfolgte, Doctor Livingstone seine unerschrockenen Nachforschungen von dem Cap der guten Hoffnung bis zu dem Flußbecken des Zambesi ununterbrochen betrieb, die Kapitäne Burton und Speke die großen Binnenseen entdeckten, haben sie der modernen Civilisation drei Bahnen geöffnet; der Durchschnittspunkt, nach dem noch kein Reisender hat gelangen können, ist das eigentliche Herz Afrika’s; darauf hin müssen sich nunmehr alle Anstrengungen richten.

Jetzt aber werden die Arbeiten dieser unerschrockenen Pioniere der Wissenschaft durch den kühnen Versuch des Doctor Samuel Fergusson untereinander verknüpft werden.

Dieser verwegene Entdecker, dessen so herrliche Forschungen unsere Leser so oft mit Interesse verfolgt haben, hat sich vorgenommen, über ganz Afrika von Osten bis Westen in einem Ballon hinwegzufahren. Sind wir recht unterrichtet, so würde der Ausgangspunkt dieser wunderbaren Reise die Insel Zanzibar an der Ostküste sein. Was ihren beabsichtigten Endpunkt anbetrifft, so ist die Kenntniß desselben allein der Vorsehung vorbehalten.

Der Vorschlag zu dieser wissenschaftlichen Forschungsreise ist gestern officiell der Königlich Geographischen Gesellschaft gemacht worden, und eine Summe von zweitausend fünfhundert Pfund von derselben ausgeworfen, um die Kosten des Unternehmens zu decken.

Wir werden unsere Leser beständig in Kenntniß über den Verlauf dieser staunenswerthen Entdeckungsreise halten, von der sich in den Annalen der Geographie kein Präcedenzfall vorfindet.«

Wie man sich denken kann, machte dieser Artikel ein ungeheures Aufsehen; zuerst stieß er auf allgemeinen Unglauben; der Doctor Fergusson galt bei vielen für ein in der Idee existirendes, nur fingirtes Wesen von der Erfindung des Herrn Barnum, der, nachdem er in den Vereinigten Staaten gearbeitet hatte, sich nunmehr anschickte, die britischen Inseln zu »machen«.

Eine scherzhafte Antwort erschien in Genf in der Februar-Nummer der Bulletins de la Société Géographique; dieselbe verspottete in geistreicher Weise die Königlich Geographische Gesellschaft zu London, den Traveller’s-Club und den riesigen Stör.

Aber Herr Petermann brachte die Genfer Zeitschrift in seinen zu Gotha veröffentlichten »Mittheilungen« gründlich zum Schweigen, denn er kannte den Doctor Fergusson persönlich und leistete für die Unerschrockenheit seines kühnen Freundes Gewähr.

Bald mußten übrigens alle Zweifel verstummen; die Vorbereitungen zu der Reise gingen in London vor sich; Lyoner Fabriken hatten bedeutende Taffetbestellungen für den Bau des Luftschiffes erhalten, und endlich stellte die Regierung von Groß-Britannien das Transportschiff »The Resolute«, Kapitän Pennet, dem Doctor zur Verfügung.

Alsbald ließen sich von vielen Seiten Aeußerungen der Ermuthigung vernehmen, und tausend Glückwünsche wurden laut. Die Einzelheiten der projectirten Reise wurden des Langen und Breiten in den »Bulletins de la société géographique« zu Paris besprochen, und ein interessanter Artikel über diesen Gegenstand in den »Nouvelles Annales des voyages, de la géographie, de l’histoire et de l’archéologie de M. V. – A. Malte-Brun« abgedruckt. Eine äußerst sorgfältige Arbeit des Doctor W. Koner, die in der »Zeitschrift für allgemeine Erdkunde« veröffentlicht wurde, wies siegreich die Möglichkeit der Reise, ihre Aussichten auf Erfolg, die Natur der Hindernisse, und die unermeßlichen Vortheile der Beförderungsweise auf dem Luftwege nach; er tadelte nur den Anfangspunkt und gab Massauah, einem kleinen Hafenorte Abessyniens, den Vorzug, von welchem aus James Bruce im Jahre 1768 zu der Erforschung der Nilquellen ausgezogen war. Übrigens bewunderte er rückhaltlos den energischen Geist des Doctor Fergusson und das mit dreifachem Erz umschlossene Herz, welches den Plan zu einer solchen Reise entwerfen und sie zur Ausführung bringen konnte.

Die »North American Review« sah nicht ohne Mißvergnügen einen solchen Ruhm England vorbehalten, nahm den Vorschlag des Doctors von einer scherzhaften Seite, und lud ihn ein, da er dann einmal auf dem Wege sei, gleich weiter bis nach Amerika zu fahren.

Kurz, ohne die Zeitschriften der ganzen Welt aufzählen zu wollen, können wir versichern, daß es vom »Journal des missions évangéliques« bis auf die »Revue Algérienne et coloniale«, von den »Annales de la propagation de la foi« bis auf den »Church missionary intelligencer« keine wissenschaftliche Zeitschrift gab, welche diese Thatsache nicht in allen Variationen berichtet hätte.

Beträchtliche Wetten wurden in London wie in ganz England eingegangen, 1. über die wirkliche oder nur vermuthete Existenz des Doctor Fergusson; 2. über die Reise selbst, die nach der Behauptung der Einen nicht angetreten, nach der Meinung der Andern unternommen werden würde; 3. über die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit einer Rückkehr des Doctor Fergusson.

Man trug bedeutendere Summen in das Wettbuch ein, als wenn es sich um ein Epsom-Rennen gehandelt hätte.

So waren die Augen von Gläubigen und Ungläubigen, von Unwissenden und Gelehrten auf den Doctor gerichtet, und er wurde der Löwe des Tages, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß er eine Mähne trüge. Er gab bereitwillig Auskunft über die Expedition, denn er war der natürlichste und zugänglichste Mensch von der Welt. Mehr als ein kühner Abenteurer bot sich an, den Ruhm und die Gefahren seines Versuchs zu theilen, aber Fergusson wies alle solche Anerbietungen ab, ohne die Gründe hiezu anzugeben.

Außerdem stellten sich eine Menge Erfinder von allerhand Mechanismen bei ihm ein, um ihr System für die Direction des Ballons zu empfehlen; er ließ sich jedoch auf nichts ein, und wenn man ihn fragte, ob er selbst in dieser Beziehung etwas entdeckt habe, weigerte er sich hartnäckig, eine bestimmte Erklärung abzugeben, und beschäftigte sich eifriger als je mit den Vorbereitungen zu seiner Reise.

Zwanzigstes Capitel

Zwanzigstes Capitel

Die himmlische Flasche. – Die Feigen-Palmbäume. – Die »mammouth trees.« – Der Kriegsbaum. – Das geflügelte Gespann. – Kämpfe zweier Völkerstämme. – Blutbad. – Göttliche Dazwischenkunft.

Der Wind wurde heftig und unregelmäßig, und der Victoria lavirte förmlich in der Luft. Bald nach Norden, bald nach Süden geworfen, konnte er keine beständige Luftströmung antreffen.

»Wir fahren sehr rasch, ohne eigentlich vorwärts zu kommen, sagte Kennedy, als er die häufigen Schwankungen der Magnetnadel bemerkte.

– Der Victoria zieht mit einer Schnelligkeit von mindestens achtzehn Meilen auf die Stunde,« erwiderte Samuel Fergusson. Blickt herab und überzeugt euch, wie schnell das Feld zu unsern Füßen verschwindet. Dieser Wald sieht aus, als wollte er sich auf uns losstürzen!

– Aus dem Walde ist schon eine Lichtung geworden, bemerkte der Jäger.

– Und aus der Lichtung ein Dorf, setzte Joe einige Augenblicke später hinzu; ich glaube einige erstaunte Negergesichter zu erkennen!

– Das ist ganz natürlich, erklärte der Doctor. Die französischen Bauern haben beim ersten Erscheinen der Ballons auf dieselben geschossen, weil sie sie für Ungeheuer der Lüfte hielten. Ein Sudanischer Neger hat also wohl ein Recht, die Augen weit aufzureißen.

– Ich möchte mir wohl einen Spaß mit ihnen machen, sagte Joe, während der Victoria hundert Fuß hoch über einem Dorfe hinstreifte. Mit Ihrer Erlaubniß, Herr Doctor, will ich den Kerlen eine leere Flasche hinwerfen; wenn sie heil unten ankommt, werden sie sie anbeten; zerbricht sie, so werden sie sich Amulette aus den Stücken machen!«

Und mit diesen Worten schleuderte er eine Flasche hinab, die alsbald in tausend Stücke zerschellte, während die Eingeborenen ein lautes Geschrei ausstießen und in ihre runden Hütten stürzten.

Als man ein wenig weiter gekommen war, rief Kennedy:

»Seht doch diesen sonderbaren Baum an; er ist oben vollständig anders wie unten.

– Ach, meinte Joe, in diesem Lande wächst ein Baum auf dem andern!

– Es ist ganz einfach ein Feigenbaumstamm, erklärte der Doctor, auf welchem sich ein wenig fruchtbare Erde festgesetzt hat. Durch den Wind ist eines schönen Tages Saat von einem Palmbaum darauf geweht, und der Palmbaum wie auf offenem Felde emporgeschossen.

– Eine herrliche Mode, die ich in England einführen werde, rief Joe. Es wird sich in den Londoner Parks gut ausnehmen, ganz abgesehen davon, daß es ein vorzügliches Mittel ist, die Obstbäume zu vervielfältigen. Man würde Gärten in der Höhe bekommen, und alle kleinen Besitzer dürften das sehr wohl zu würdigen wissen.«

In diesem Augenblick mußte man den Victoria steigen lassen, um einen Wald von über dreihundert Fuß hohen Bäumen, einer Art hundertjähriger Bananen, zu überschreiten.

»Herrliche Bäume! rief Kennedy aus, ich kenne nichts so Schönes, als den Anblick dieser ehrwürdigen Wälder. Sieh doch, Samuel!

– Die Höhe dieser Bananen ist wirklich wunderbar, lieber Dick, und doch würde sie in den Wäldern der neuen Welt nichts Erstaunliches haben.

– Wie, es giebt noch höhere Bäume?

– Ganz gewiß, und zwar unter denen, welche mir die »mammouth trees« nennen. So hat man in Californien eine vierhundertundfünfzig Fuß hohe Ceder gefunden, eine Höhe, welche den Thurm des Parlamentsgebäudes und selbst die große ägyptische Pyramide überragt. Der untere Stamm des Baumes hatte hundertundzwanzig Fuß im Umkreise, und nach den concentrischen Ringen seines Holzes fristete er eine mehr als viertausendjährige Existenz.

– Nun, Herr Doctor, dann finde ich seine Dicke sehr natürlich; wenn man viertausend Jahre lebt, hat man Zeit genug, sich eine gute Figur zuzulegen!«

Aber während der Erklärung des Doctors und Joe’s Erwiderung war der Wald bereits einer großen Vereinigung von Hütten gewichen, welche kreisförmig um einen Platz gebaut waren. In der Mitte desselben wuchs ein einzelnstehender Baum, bei dessen Anblick Joe in Ekstase ausrief:

»Nun, wenn der da seit viertausend Jahren solche Blüthen trägt, so mache ich ihm nicht mein Compliment dafür.«

Und er wies auf eine riesenhafte Sykomore, deren Stamm fast gänzlich unter einem Haufen menschlicher Gebeine verschwand. Die Blüthen, von denen Joe sprach, waren frisch abgeschnittene, mit Dolchen in der Rinde befestigte Menschenköpfe.

»Der Kriegsbaum der Kannibalen! sagte der Doctor. Die Indianer nehmen nur die Schädelhaut, die Afrikaner aber den ganzen Kopf.

– Modesache!« bemerkte Joe.

Aber schon verschwand das Dorf mit den blutigen Köpfen am Horizont; ein anderes, etwas weiter hin, bot ein nicht minder widerliches Schauspiel dar; halbverzehrte Leichname, vermodernde Skelette, hier und da zerstreute menschliche Gliedmaßen waren den Hyänen und Schakalen zum Fraß gelassen.

»Dies sind jedenfalls die Körper der Verbrecher; man giebt sie, wie in Abessynien, den wilden Thieren preis, die ihre Opfer in aller Gemüthsruhe verschlingen, nachdem sie ihnen mit einem einzigen Biß in die Kehle den Garaus gemacht haben.

– Das ist nicht viel grausamer, als der Galgen, äußerte der Schotte, es ist schmutziger, das ist der ganze Unterschied.

– In den Gegenden des südlichen Afrika’s, versetzte der Doctor, begnügt man sich damit, den Verbrecher mit seinen Thieren und, unter Umständen, seiner Familie in der eigenen Hütte einzuschließen. Man zündet dann diese an, und Alles verbrennt zu gleicher Zeit. Ich nenne das Grausamkeit, räume jedoch mit Kennedy ein, daß der Galgen, wenn auch weniger grausam, doch ebenso barbarisch ist.«

Joe signalisirte jetzt einige Schwärme fleischfressender Vögel, die er mit seinem scharfen Auge am fernen Horizont bemerkte:

»Es sind Adler, rief Kennedy aus, nachdem er sie mit dem Fernglase recognoscirt hatte, prächtige Vögel, deren schneller Flug dem unsrigen gleichkommt.

– Der Himmel schütze uns vor ihren Angriffen, sagte der Doctor, wir haben sie mehr zu fürchten, als die wilden Thiere und Völkerstämme.

– Pah! höhnte der Jäger, ich würde sie bald mit Flintenschüssen verjagen.

– Bei allem Vertrauen auf Deine Geschicklichkeit, möchte ich sie in diesem Falle doch lieber nicht in Anspruch nehmen, lieber Dick; der Taffet unsers Ballons würde gegen einen ihrer Schnäbelhiebe nicht Stand halten. Doch hoffentlich werden diese furchtbaren Vögel von unserer Maschine mehr erschreckt als angezogen werden.

– Ach, mir kommt ein Gedanke, sagte Joe, sie wachsen mir heute zu Dutzenden im Gehirn: Wenn wir ein Gespann lebender Vögel einfingen, könnten wir sie an unsere Gondel ketten, und sie würden uns durch die Lüfte ziehen!

– Man hat dies Mittel im Ernste vorgeschlagen, entgegnete Fergusson, aber ich halte es für wenig zweckentsprechend, da diese Vögel ihrer Natur nach so störrig sind.

– Man könnte sie abrichten, schlug Joe vor; anstatt mit einem Gebiß würde man sie mit Scheuklappen versehen, welche ihnen das Gesicht beschränken. Einäugig, würden sie nach rechts oder links abweichen, und blind, überhaupt nicht von der Stelle zu bringen sein.

– Erlaube, daß ich einen günstigen Wind Deinem Adlergespann vorziehe, mein guter Joe; das kostet weniger Futter und ist sicherer.«

Es war zwölf Uhr. Der Victoria hatte seit einiger Zeit seine Schnelligkeit gemäßigt; das Land ging nur noch im Schritt unter ihm her, es war nicht mehr auf der Flucht.

Plötzlich vernahmen die Reisenden ein lautes Schreien und Pfeifen, sie sahen hernieder und bemerkten in einer offenen Ebene ein Schauspiel, von dem sie aufs Tiefste ergriffen wurden.

Zwei Völkerschaften waren im erbittertsten Kampfe mit einander begriffen, und Wolken von Pfeilen flogen in der Luft hin und her. Die Kämpfenden, von wilder Mordlust entflammt, wurden von der Annäherung des Victoria nichts gewahr; es waren ihrer ungefähr dreihundert, die in einem verworrenen Handgemenge auf einander stießen. Die Meisten, vom Blut der Verwundeten, in dem sie sich wälzten, roth, gewährten einen scheußlichen Anblick.

Bei der Erscheinung des Luftschiffes hielt man betroffen einen Augenblick inne; das Geheul verdoppelte sich; einige Pfeile wurden nach der Gondel abgesandt, und einer derselben flog so weit, daß Joe ihn mit der Hand abfangen konnte.

»Steigen wir aus ihrem Bereich! rief der Doctor Fergusson. Keine Unvorsichtigkeit! Dergleichen Fährlichkeiten dürfen wir uns nicht aussetzen«

Das Gemetzel wurde auf beiden Seiten mit Streitäxten und Sagajen fortgesetzt; sobald ein Feind auf dem Boden lag, beeilte sich sein Gegner, ihm den Kopf abzuschneiden; die Frauen, welche mitten im Gewühl waren, sammelten die blutigen Köpfe, thürmten sie zu beiden Seiten des Schlachtfeldes auf, und oft schlugen sie sich, um diese scheußlichen Trophäen zu erobern.

»Eine entsetzliche Scene! rief Kennedy mit tiefem Abscheu.

– Es sind garstige Kerle! bemerkte Joe; wenn sie aber in einer Uniform steckten, würde man an ihnen wenig Besonderes finden.

– Ich fühle einen unwiderstehlichen Drang, in dem Kampfe zu interveniren, versetzte der Jäger, indem er seinen Carabiner zur Hand nahm.

– Nein, erklärte entschieden der Doctor; bekümmern wir uns um unsere eigenen Angelegenheiten! weißt Du, wer hier Recht oder Unrecht hat, daß Du die Rolle der Vorsehung spielen willst? Laß uns sobald wie möglich vor diesem widerlichen Schauspiel fliehen! Wenn die großen Feldherrn so den Schauplatz ihrer Heldenthaten beherrschen könnten, würden sie schließlich vielleicht den Geschmack an Eroberungen und Blutvergießen verlieren!«

Der Anführer einer der wilden Parteien zeichnete sich durch einen athletischen Wuchs und eine herkulische Kraft aus. Mit einer Hand senkte er seine Lanze in die dichten Reihen der Feinde, und mit der andern vollführte er wuchtige Axtschläge. Jetzt eben warf er seine blutgeröthete Sagaje von sich, stürzte auf einen Verwundeten zu, dem er mit einem Schlage den Arm abhieb, nahm denselben in die Hand, und biß, ihn zum Munde führend, gierig hinein.

»Ha! rief Kennedy; die schauerliche Bestie! ich halte es nicht länger aus!«

Und der Krieger, von einer Kugel an der Stirn getroffen, fiel rücklings zu Boden.

Bei diesem plötzlichen Falle bemächtigte sich seiner Krieger Staunen und Entsetzen; der Muth ihrer Widersacher wurde von Neuem angefacht, und in wenigen Secunden war das Schlachtfeld von der Hälfte der Kämpfenden verlassen.

»Suchen wir mehr in der Höhe eine Strömung auf, die uns von dannen führt, sagte der Doctor; dieses Schauspiel ekelt mich an!«

Vor dem Abgange mußte er indessen noch mit ansehen, wie der siegreiche Stamm sich auf die Todten und Verwundeten warf, um das noch warme Fleisch miteinander raufte und sich gefräßig daran weidete.

»Puh! schüttelte sich Joe, das ist widerwärtig!«

Der Victoria erhob sich durch Ausdehnung des Gases, das Geheul der rasenden Horde verfolgte ihn noch einige Augenblicke, aber endlich entfernte er sich in der Richtung nach Süden von dieser Scene des Blutbades und Kannibalismus.

Das Terrain zeigte nunmehr mannigfache Unebenheiten und zahlreiche Wasserbäche, die nach Osten flossen; sie ergossen sich zweifellos in die Zuflüsse des Nu-Sees oder des Gazellenflusses, über welchen Herr Guillaume Lejean so merkwürdige Nachrichten verbreitet hat.

Bei Einbruch der Nacht warf der Victoria nach einer Fahrt von 150 Meilen Anker unter 27° L. und 4° 20′ nördl. Br.

Einundzwanzigstes Capitel

Einundzwanzigstes Capitel

Seltsames Geräusch. – Ein nächtlicher Angriff. – Kennedy und Joe in dem Baume. – Zwei Schüsse. – Zu Hilfe! zu Hilfe! – Antwort in französischer Sprache. – Der Morgen. – Der Missionar. – Der Rettungsplan.

Die Nacht war sehr dunkel. Der Doctor hatte das Land nicht recognosciren können; der Anker war in einen sehr hohen Baum eingelassen, dessen verworrene Masse im Schatten kaum zu erkennen war. Fergusson hatte, nach seiner Gewohnheit, von neun Uhr ab die Wache übernommen, und um zwölf Uhr wurde er von Dick abgelöst.

»Wache scharf, Dick, wache mit größter Sorgfalt.

– Ist Dir irgend etwas verdächtig?

– Nein, aber ich habe ein unbestimmtes Geräusch unter uns zu vernehmen geglaubt; ich weiß nicht genau, wohin uns der Wind geführt hat, zu große Vorsicht kann nicht schaden.

– Du wirst das Geschrei einiger wilder Thiere gehört haben.

– Nein, es kam mir anders vor. Kurz, bei dem Geringsten, was Dir auffällt, versäume nicht, uns zu wecken.

– Sei unbesorgt.«

Nachdem der Doctor ein letztes Mal aufmerksam, jedoch vergebens gelauscht hatte, warf er sich auf seine Decke und schlief alsbald ein.

Der Himmel war mit dichten Wolken bedeckt, aber nicht ein Windhauch bewegte die Luft. Der Victoria, obgleich nur von einem Anker gehalten, schwebte in vollständiger Ruhe.

Kennedy, mit dem Arm auf die Gondel gestützt, so daß er das Knallgasgebläse überwachen konnte, sah in diese dunkle Stille hinunter; er richtete seinen Blick auf den Horizont und glaubte, wie es wohl unruhigen oder befangenen Geistern begegnet, bisweilen ein unbestimmtes Aufleuchten wahrzunehmen.

Einen Augenblick vermeinte er sogar deutlich, ein solches in einer Entfernung von etwa zweihundert Schritten zu erkennen. Aber es war eben nur ein kurzes Aufblitzen, und dann wieder tiefe Dunkelheit.

Gewiß hatte er nur eine jener Lichtempfindungen, die das Auge bei undurchdringlicher Finsterniß zuweilen auffängt. Kennedy beruhigte sich wieder und verfiel in seine unbestimmten Betrachtungen, als ein gellender Pfiff die Lüfte durchschnitt.

War es der Schrei eines Thieres, vielleicht eines Nachtvogels? oder kam dieser Ton von menschlichen Lippen?

Kennedy, obgleich sich des ganzen Ernstes der Situation wohl bewußt, zögerte noch, seine Gefährten zu wecken. Konnte ja bis jetzt noch nichts zur Abwendung irgend welcher Gefahr gethan werden! Er untersuchte also seine Waffen und richtete von Neuem sein Auge, mit dem Nachtfernglase bewaffnet, hinunter.

Bald glaubte er, unter sich unbestimmte Gestalten zu bemerken, welche auf den Baum zuglitten, und bei einem Mondstrahl, der wie ein schwacher Blitz zwischen zwei Wolken hindurchbrach, erkannte er deutlich eine Gruppe Individuen, die sich im Schatten hin und her bewegten.

Das Abenteuer mit den Hundskopfaffen kam ihm in den Sinn; er nahm nun nicht länger Anstand, den Doctor zu wecken.

Dieser war sofort wach.

»Still! mahnte Kennedy, laß uns leise sprechen!

– Zeigt sich etwas Gefährliches?

– Ja, wir müssen Joe wecken.«

Sobald dieser sich erhoben, erzählte der Jäger, was er gesehen hatte.

»Wieder diese verwünschten Affen? fragte Joe.

– Wohl möglich; auf alle Fälle müssen wir unsere Vorsichtsmaßregeln treffen.

– Joe und ich, schlug Kennedy vor, wollen auf der Leiter in den Baum hinabsteigen.

– Und unterdessen, versetzte der Doctor, werde ich Alles dazu vorbereiten daß wir uns leicht auf und davon machen können.

– Einverstanden.

– Macht von den Waffen nur im äußersten Nothfall Gebrauch, es ist zwecklos, unsere Gegenwart hier zu verrathen.

Dick und Joe antworteten nur mit einem bejahenden Zeichen. Geräuschlos glitten sie auf den Baum hinunter, und nahmen auf einer Gabel von starken Zweigen, in welche der Anker sich eingehakt hatte, eine geschützte Stellung ein.

Einige Minuten lang horchten sie stumm und ohne sich zu bewegen. Bei einem leisen Knacken der Aeste, das durch die Stille der Nacht vernehmbar wurde, ergriff Joe die Hand des Schotten.

»Hören Sie nichts?«

– Ja wohl, es kommt näher.

– Wenn es eine Schlange wäre? Das Pfeifen, das Sie gehört haben …

– Nein, ich glaube, es sind Menschen gewesen!

– Das wäre mir jedenfalls lieber, sprach Joe vor sich hin. Diese Reptilien sind widerwärtig!

– Das Geräusch nimmt zu, versetzte Kennedy nach einigen Augenblicken.

– Ja, es scheint, sie steigen und klettern.

– Halte Du auf dieser Seite Wache, ich übernehme die andere.

– Gut.

Sie saßen beide isolirt auf dem Wipfel eines Hauptastes, der inmitten dieses mit dem Namen Baobab benannten Waldes gerade emporgeschossen war; die durch die Dichtigkeit des Laubes noch vergrößerte Dunkelheit war undurchdringlich, nur nicht für Joe’s scharfes Auge; er flüsterte, während er auf den untern Theil des Baumes hinwies, Kennedy in’s Ohr:

»Neger.«

Jetzt schlugen sogar einige halblaut gewechselte Worte an das Ohr unserer beiden Reisenden.

Joe machte seine Flinte schußfertig.

»Warte!« gebot Kennedy.

Wirklich hatten Wilde den Baobab erklettert; sie tauchten von allen Seiten auf, sich wie Reptilien auf den Zweigen hinschlängelnd und langsam, aber sicher emporklimmend; nunmehr verriethen sie ihre Gegenwart durch die Ausdünstung ihrer Körper, die sie mit einem übelriechenden Fett eingerieben hatten.

Bald zeigten sich zwei Neger den Blicken Kennedy’s und Joe’s, in ziemlich gleicher Höhe mit dem von ihnen besetzten Aste.

»Achtung! commandirte Kennedy. Feuer!«

Der doppelte Schuß erkrachte wie ein Donnerschlag und erlosch inmitten eines Wehgeschreis. In wenigen Augenblicken war die ganze Horde verschwunden.

Aber durch all‘ das Geheul war ein seltsamer, unerwarteter, unerklärlicher Schrei gedrungen; eine menschliche Stimme hatte deutlich in französischer Sprache die Worte gerufen: »Zu Hilfe! zu Hilfe!«

Kennedy und Joe stiegen höchlichst erstaunt, so schnell wie möglich in die Gondel.

»Habt ihr gehört?« fragte der Doctor.

»Natürlich! einen angstvollen Schrei: zu Hilfe! zu Hilfe!

– Ein Franzose in den Händen dieser Barbaren!

– Ein Reisender!

– Vielleicht ein Missionar!

– Der Unglückliche, rief der Jäger, man mordet ihn, martert ihn aller Wahrscheinlichkeit nach.«

Der Doctor suchte vergebens seine innere Bewegung zu verbergen:

»Wir können nicht daran zweifeln, sagte er. Ein unglücklicher Franzose ist diesen Wilden in die Hände gefallen. Aber wir werden uns nicht von dieser Stelle entfernen, ohne Alles, was in unsern Kräften steht, zu seiner Rettung gethan zu haben. Unsere Flintenschüsse haben ihm eine unverhoffte Hilfe, eine Dazwischenkunft der Vorsehung in Aussicht gestellt; wir werden ihm diesen letzten Hoffnungsstrahl nicht untergehen lassen. Denkt ihr ebenso?

– Natürlich, Samuel, und wir harren Deiner Befehle.

– Dann wollen wir unsern Plan machen und den Franzosen mit Tagesanbruch zu entführen suchen.

– Aber wie sollen wir diese nichtswürdigen Neger beseitigen? fragte Kennedy.

– Nach der Weise zu urtheilen, wie sie sich aus dem Staube gemacht haben, sind ihnen Feuerwaffen noch unbekannt; wir müssen also ihr Entsetzen zu benutzen suchen; ehe wir handeln, laßt uns jedoch den Tag abwarten und unsern Rettungsplan nach der Beschaffenheit der Oertlichkeit einrichten.

– Der arme Unglückliche kann nicht fern sein, äußerte Joe, denn …

– Zu Hilfe! zu Hilfe! wiederholte die Stimme ebenso klagend, aber schwächer als vorher.

– Die Barbaren! rief Joe in großer Aufregung. Wenn sie ihn in dieser Nacht noch tödteten!

– Hörst Du, Samuel? fiel Kennedy ein, indem er den Doctor hastig bei der Hand faßte, wenn sie ihn in dieser Nacht noch tödteten?

– Das ist nicht wahrscheinlich, meine Freunde; diese wilden Völkerschaften bringen ihre Gefangenen bei hellem, lichtem Tage um; sie bedürfen dazu des Sonnenlichts.

– Wenn ich die Nacht dazu benutzte, mich in die Nähe dieses Unglücklichen zu stehlen? sagte der Schotte.

– Ich begleite Sie, Herr Dick!

– Halt, meine Freunde! halt! dieser Plan macht eurem Herzen und eurem Muthe alle Ehre; aber ihr würdet uns alle in Gefahr bringen und dem, den wir retten wollen, keinen Dienst erweisen.

– Warum das? fragte Kennedy. Die Wilden sind erschreckt, zerstreut! Sie werden nicht wiederkommen.

– Dick, ich bitte Dich, gehorche mir, ich handle in unser Aller Interesse; wenn Du überfallen und gefangen genommen würdest, wäre Alles verloren!

– Aber dieser Unglückselige wartet, hofft, und erhält keine Antwort; niemand kommt ihm zu Hilfe! Er muß glauben, daß er eine Sinnestäuschung gehabt, daß er unsere Schüsse nicht gehört habe! . . .

– Man kann ihn beruhigen,« entgegnete Doctor Fergusson.

Und er machte aus seinen Händen ein Sprachrohr und rief kräftig in der Sprache des Fremden mitten in das Dunkel hinein:

»Wer Du auch seist, habe Vertrauen! Drei Freunde sind Dir nah!«

Ein schreckliches Geheul, das ohne Zweifel die Antwort des Gefangenen erstickte, antwortete ihm.

»Man erwürgt ihn! man wird ihn erwürgen! rief Kennedy. Unsere Dazwischenkunft hat nur dazu gedient, die Stunde seiner Todesqual zu beschleunigen! Wir müssen handeln!

– Aber wie, Dick? Was gedenkst Du bei dieser Dunkelheit zu thun?

– O, wenn es doch Tag wäre! wünschte Joe.

– Nun, und was wäre dann? fragte der Doctor in bedeutungsvollem Ton.

– Dann machte sich die Sache sehr einfach, Samuel, antwortete der Jäger. Ich würde auf die Erde herabsteigen und dieses Gesindel mit Flintenschüssen in alle Winde jagen.

– Und Du, Joe? fragte Fergusson weiter.

– Ich würde vorsichtiger zu Werke gehen, Herr Doctor, und dem Gefangenen nur angeben, in welcher Richtung er sich auf die Flucht begeben solle.

– Und wie würdest Du ihm das mittheilen?

– Vermittelst dieses Pfeils, den ich im Fluge aufgefangen habe, und an den ich einen Zettel befestigen könnte; oder ich würde ganz einfach mit lauter Stimme zu ihm reden; die Neger verstehen ja unsere Sprache nicht.

– Eure Pläne sind unausführbar, meine Freunde; die größte Schwierigkeit würde für den Unglücklichen darin bestehen, sich durch die Flucht zu retten, wenn es ihm wirklich gelingen sollte, die Wachsamkeit seiner Henker von sich abzuwenden. Dein Plan, mein lieber Dick, könnte mit einem großen Aufwand von Kühnheit, und indem wir das, durch unsere Feuerwaffen hervorgebrachte Entsetzen benutzen, vielleicht gelingen; wenn er jedoch mißglückte, wärest Du verloren, und wir hätten zwei Personen statt einer zu retten. Nein! wir müssen alle Chancen des Erfolgs auf unserer Seite haben und anders verfahren.

– Jedenfalls aber sofort handeln! rief der Jäqer.

– Vielleicht! erwiderte Samuel, dies eine Wort nachdrücklich betonend.

– Sind Sie denn im Stande, diese Finsterniß zu zerstreuen?

– Wer weiß, Joe?

– Wenn Sie das wirklich können, so erkläre ich Sie für den ersten Gelehrten der Welt.«

Der Doctor schwieg einige Augenblicke in tiefem Nachdenken, und seine beiden Gefährten sahen erwartungsvoll auf ihn hin. Das Außerordentliche der Situation hatte sie auf’s Höchste erregt. Jetzt nahm Fergusson wieder das Wort:

»Hört meinen Plan: Unsere zweihundert Pfund Ballast sind noch nicht angegriffen. Wenn dieser Gefangene, der jedenfalls ein von Leiden geschwächter Mensch ist, auch ebenso viel wiegt wie einer von uns, so bleiben uns trotzdem noch sechzig Pfund Ballast übrig, die wir auswerfen können, um schneller zu steigen.

– Wie gedenkst Du denn zu verfahren? fragte Kennedy.

– Auf folgende Weise, Dick: wenn ich bis zu dem Gefangenen gelange und eine seinem Gewicht gleichkommende Quantität Ballast auswerfe, so habe ich doch an dem Gleichgewicht des Ballons nichts geändert; wenn ich dann aber, um den Negern zu entgehen, eine rasche Steigung bewerkstelligen will, so muß ich kräftigere Mittel als das Knallgasgebläse in Anwendung bringen. Indem ich nun also diesen Ueberschuß an Ballast in dem gewünschten Augenblick herabstürze, erhebe ich mich sicher mit einer großen Geschwindigkeit.

– Ganz gewiß.

– Es ist allerdings ein mißlicher Umstand für uns hierbei. Wenn ich nämlich später herabsteigen will, werde ich eine Quantität Gas opfern müssen, die im Verhältniß steht zu dem Mehr des ausgeworfenen Ballasts. Das Gas ist allerdings für uns sehr werthvoll, aber wir dürfen den Verlust desselben nicht bedauern, wenn es sich um die Rettung eines Menschenlebens handelt.

– Du hast Recht, Samuel, mir müssen Alles opfern, um den Armen zu retten.

– Laßt uns also handeln, und bringt diese Säcke an den Rand der Gondel, damit mir uns ihrer durch einen einzigen Stoß entledigen können.

– Aber die Dunkelheit?

– Sie verbirgt unsere Vorbereitungen, und wird sich erst lichten, wenn dieselben beendet sind. Haltet nur sorgfältig alle Waffen in Bereitschaft. Vielleicht werden wir ein Feuer eröffnen müssen, dann haben wir den einen Schuß des Carabiners, zwei Flintenschüsse und außerdem noch zwölf aus den Revolvern, die sämmtlich in einer Viertelminute abgefeuert werden können. Vielleicht jedoch brauchen wir diesen Lärm nicht einmal. Seid ihr fertig?

– Ja, antwortete Joe.

– Gut. Nun habt ein Auge auf Alles. Joe soll den Ballast hinabstürzen und Dick den Gefangenen entführen; aber nichts geschehe vor meinen Anordnungen. Joe, mache zunächst den Anker los, und steige dann rasch wieder in die Gondel.«

Joe ließ sich an dem Tau hinuntergleiten und erschien nach einigen Augenblicken wieder; der losgelöste Victoria schwebte fast unbeweglich in der Luft.

Unterdessen versicherte sich der Doctor des Vorhandenseins einer hinreichenden Gasmenge in dem Mischungskasten, um nach Bedürfniß das Knallgasgebläse zu nähren, so daß man für einige Zeit die Arbeit der Bunsen’schen Batterie nicht dafür in Anspruch zu nehmen brauchte. Er nahm sodann die beiden vollkommen isolirten Leitungsdrähte, welche zur Zerlegung des Wassers dienten, fort, und zog aus seinem Reisesack zwei Stücke zugespitzter Kohle, die er am Ende jedes Drahtes befestigte.

Kennedy und Joe schauten ihm zu, ohne sein Thun begreifen zu können, aber sie schwiegen. Als der Doctor seine Arbeit beendigt hatte, stellte er sich mitten in die Gondel, nahm in jede Hand eine der beiden Kohlen und näherte die beiden Spitzen einander.

Plötzlich wurde ein intensives, blendendes Leuchten von unerträglichem Glanz zwischen den beiden Kohlenspitzen hervorgebracht; ein ungeheurer Büschel elektrischen Lichts durchbrach im eigentlichen Sinne des Worts die Dunkelheit der Nacht.

»O! mein Herr! rief Joe.

– Kein Wort,« flüsterte der Doctor.