XIII.


XIII.

Vom 24. bis 29. October. – Während der nun folgenden fünf Tage geht das Meer sehr hohl. Der Chancellor hat es aufgeben müssen, dagegen anzukämpfen, und trotzdem er jetzt mit dem Winde und den Wellen geht, wird er doch ganz außerordentlich umhergeworfen. Bei dieser Fahrt auf einem Brander ist uns auch kein Augenblick der Ruhe gegönnt. Man betrachtet das Wasser, welches das Schiff umgiebt und anzuziehen scheint, fast mit Vergnügen.

»Warum aber,« habe ich zu Robert Kurtis gesagt, wollen Sie das Verdeck nicht öffnen? Warum keine Tonnen mit Wasser in den Kielraum eingießen? Und wenn das Schiff damit angefüllt würde, was thäte das? Wenn das Feuer gelöscht ist, werden die Pumpen das Wasser ja leicht wieder entfernen.

– Mr. Kazallon, antwortet mir Robert Kurtis, ich habe Ihnen schon gesagt und wiederhole es Ihnen, wenn wir der Luft einen auch noch so geringen Zutritt gestatten, so wird das Feuer sich sofort durch das ganze Schiff verbreiten und die Flammen werden dasselbe vom Kiel bis zu den Mastspitzen ergreifen. Wir sind zur Untäthigkeit verurtheilt und befinden uns unter Verhältnissen, in denen man den Muth haben muß, Nichts zu thun!«

Ja! Jede Oeffnung hermetisch verschließen, das ist noch immer das einzige Mittel, die Feuersbrunst zu bekämpfen, und das vernachlässigt auch die Mannschaft nicht.

Inzwischen schreitet das Feuer unablässig fort, und vielleicht schneller, als wir es annehmen. Nach und nach ist die Hitze so unleidlich geworden, daß die Passagiere haben auf das Verdeck flüchten müssen und nur die Cabinen im Hintertheil, welche die größeren Fenster im Spiegel haben, sind noch einigermaßen bewohnbar.

Die eine derselben verläßt die Mrs. Kear niemals, die andere hat Robert Kurtis für den Kaufmann Ruby in Beschlag genommen. Ich habe den Unglücklichen mehrmals besucht; er ist vollkommen närrisch geworden und muß gefesselt gehalten werden, um ihn am Zertrümmern der Thür zu hindern. Sonderbar! In seiner Verwirrtheit hat er doch das Gefühl des furchtbarsten Schreckens noch bewahrt und stößt entsetzliche Schreie aus, als leide er wirklich unter schmerzhaften Brandwunden.

Wiederholt habe ich auch dem Ex-Kapitän einen Besuch abgestattet, und fand in ihm einen ruhigen Mann, der ganz vernünftig spricht, nur nicht über sein Geschäft. Ueber letzteres sind ihm nur ganz allgemeine Anschauungen verblieben. Ich erbiete mich, ihn zu pflegen, denn er leidet offenbar; doch er weist es ab, und will seine Cabine auf keinen Fall verlassen. Heute ist der wachthabende Matrose durch den scharfen und ekeln Rauch, der durch die Fensterritzen dringt, von der gewohnten Stelle vertrieben worden. Es steht fest, daß die Feuersbrunst nach dieser Seite fortschreitet, und wenn man das Ohr an die Zwischenwände legt, hört man ein dumpfes Prasseln. Woher nimmt dieses Feuer die Luft zum Brennen? Wo ist die Oeffnung, die jeder Nachforschung entgeht? Die schreckliche Katastrophe kann nunmehr nicht fern sein! Vielleicht handelt es sich nur noch um wenige Tage, vielleicht nur um Stunden, und zum Unglück geht das Meer so hoch, daß man an eine Einschiffung in die Boote gar nicht denken kann.

Auf Befehl Robert Kurtis‘ ist die Zwischenwand nach den Schlafräumen der Mannschaften mit einem nassen Segel belegt worden. Trotz alledem verbreitet sich der Rauch bei einer feuchten und heißen Temperatur, welche die Luft fast unathembar macht.

Zum Glück sind der große und der Besanmast aus Eisen, sonst wären die unteren Theile derselben gewiß schon durchgebrannt, und sie selbst niedergestürzt, wir aber rettungslos verloren.

Robert Kurtis läßt so viel Segel als möglich beisetzen, und der Chancellor läuft bei dem auffrischenden Nordostwinde mit großer Schnelligkeit.

Schon sind seit Ausbruch des Feuers vierzehn Tage vergangen, immer hat dasselbe zugenommen, da wir nicht im Stande waren, es zu beschränken. Der Dienst an Bord wird allmälig sehr beschwerlich. Auf dem Oberdeck, dessen Fußboden mit dem Kielraum nicht in unmittelbarer Verbindung steht, kann man wohl noch einher gehen, auf dem Verdeck bis zum Vorderkastell ist das aber, selbst mit starken Schuhen, fast unmöglich geworden. Das Wasser reicht nicht mehr hin, die Bretter abzukühlen, an denen die Flammen lecken und die sich auf ihren Balken krümmen. Das Harz des Holzes schwitzt um die Aststellen aus, die Fugen öffnen sich und der durch die Hitze geschmolzene Theer läuft in wunderbaren Windungen, je nach der Bewegung des Schiffes, überall umher.

Um das Unheil voll zu machen, springt der Wind plötzlich nach Nordosten um, und weht mit aller Kraft. Es erhebt sich ein wahrhafter Orkan, wie sie in jenen Gegenden nicht selten sind, und verschlägt uns von den Antillen, nach denen wir steuern. Robert Kurtis will erst beizulegen suchen, das Wasser wird aber so schwer, daß der Chancellor seinem Andrängen von der Seite nicht zu widerstehen vermag.

Am 29. erreicht der Sturm seine größte Heftigkeit. In wilder Empörung schäumt der Ocean und die Wellen fluthen über den Chancellor. Ein jetzt in’s Meer gelassenes Boot müßte sofort umschlagen und sinken. Wir haben uns, die Einen auf das Oberdeck, die Anderen auf das Vorderkastell geflüchtet. Keiner spricht ein Wort. Das Colli mit Pikrat kommt uns fast gar nicht mehr in den Sinn. Wir haben dieses »Detail« vergessen, um mit Robert Kurtis zu reden. Ich weiß wirklich nicht, ob die Explosion des Schiffes, die unsere angstvolle Lage auf einmal beendigen würde, nicht zu wünschen wäre. Ich glaube hiermit die Gedanken aller Uebrigen auszusprechen. Wenn dem Menschen eine Gefahr lange Zeit droht, so wünscht er sie endlich wohl herbei, denn die Erwartung einer unvermeidlichen Katastrophe ist stets schlimmer als die Wirklichkeit selbst.

So lange es noch Zeit war, hat Kapitän Kurtis eine gewisse Menge Nahrungsmittel aus der Kombüse, welche man jetzt nicht mehr betreten könnte, herausschaffen lassen. Schon hat die Hitze viel davon verdorben. Doch sind einige Fässer Salzfleisch und Schiffszwieback, ein Tönnchen Branntwein und einige Behälter mit Wasser auf dem Verdeck untergebracht worden, denen man etwas an Decken, Instrumenten, eine Bussole und Segelleinwand hinzufügt, um im Falle der Noth das Fahrzeug unverweilt verlassen zu können.

Um acht Uhr Abends hören wir trotz des tobenden Orkanes ein entsetzliches Geräusch. Die Luken des Decks haben sich unter dem Druck der erhitzten Luft gehoben, und schwarzer Rauch wirbelt aus ihnen empor, so wie der Dampf unter der Platte des Sicherheitsventils an einem Dampfkessel ausströmt.

Die Mannschaft eilt auf Robert Kurtis zu, als erwarte sie seine Befehle. Ein einziger Gedanke erfaßt uns, der, diesen Vulkan, der sich unter unseren Füßen öffnet, zu fliehen!

Robert Kurtis schaut auf den Ocean hinaus, dessen Wogen sich schäumend überstürzen. Der Schaluppe vermag man sich jetzt nicht einmal zu nähern; nur das Boot, welches in den Krahnen an der Steuerbordseite hängt, ist zu erreichen, so wie die kleine Jolle am Hintertheil des Schiffes. Die Matrosen stürzen auf das Boot zu.

»Nein, ruft ihnen Robert Kurtis zu, nein! Das wäre ein zu verwegenes Spiel, sich jetzt dem Meere anzuvertrauen!«

Einige Matrosen, Owen an der Spitze, wollen dennoch halb von Sinnen das Boot in’s Meer herablassen. Da eilt Robert Kurtis nach dem Oberdeck und ergreift eine Axt:

»Dem Ersten, der an die Taue rührt, ruft er, zerspalte ich den Schädel!«

Die Matrosen ziehen sich zurück. Einige klettern in die Maschen der Strickleitern; Andere flüchten bis in die Mastkörbe.

Um elf Uhr hört man im Kielraum heftige Detonationen. Die Zwischenwände springen, und öffnen der heißen Luft und dem Rauche den Weg. Sofort wälzen sich Dampfströme aus der Treppenkappe der Mannschaftskajüte, und eine lange Flamme leckt am Besanmast in die Höhe.

Da tönt ein Schrei. Mrs. Kear verläßt, unterstützt von Miß Herbey, ihre Cabine, welche das Feuer erreicht. Dann erscheint Silas Huntly, das Gesicht von Rauch geschwärzt, und ruhig begiebt er sich, nach einem Gruße gegen Robert Kurtis, nach der Strickleiter des Besanmastes.

Die Erscheinung Silas Huntly’s erinnert mich noch an einen anderen Menschen, der unter dem Oberdeck eingeschlossen geblieben ist, in der Cabine, welche die Flammen in kurzer Zeit verzehren müssen.

Soll man den unglücklichen Ruby umkommen lassen? Ich eile nach der Treppe … da zeigt sich der Irrsinnige, der seine Fesseln gesprengt hat, schon mit verbrannten Haaren und brennenden Kleidern. Ohne einen Schrei auszustoßen, geht er auf dem Verdecke. Ihn brennt es nicht an die Füße. Er stürzt sich in die Rauchwirbel hinein, der Rauch erstickt ihn nicht! Er macht den Eindruck eines menschlichen Salamanders, der durch die Flammen geht! Eine neue Detonation! Die Schaluppe berstet; die Luke in der Mitte fliegt in die Höhe und zerreißt die übergedeckten Segelstücken. Eine Feuergarbe schießt bis zur Hälfte des Hauptmastes empor.

Da stößt der Irrsinnige ein schreckliches Geschrei aus und ruft:

»Das Pikrat! Das Pikrat! Wir fliegen Alle in die Luft! Alle! Alle!«…

Noch ehe es möglich ist, ihn zurück zu halten, springt er durch die Luke in den glühenden Abgrund.

XIV.


XIV.

Während der Nacht des 29. Oktobers. – Die Scene war schrecklich, und erfüllte trotz der verzweifelten allgemeinen Lage Jedermann mit Entsetzen.

Ruby existirt nicht mehr, doch eines seiner letzten Worte sollte noch die traurigsten Folgen haben.

Die Matrosen haben ihn rufen hören: »Das Pikrat! Das Pikrat!« Sie sind unterrichtet, daß das Schiff jede Minute in die Luft gehen kann und daß sie nicht nur die Feuersbrunst, sondern auch die gräßlichste Explosion bedroht.

Einige Leute, die ganz außer sich sind, wollen um jeden Preis und ohne Verzug entfliehen.

»Das Boot! Das Boot!« rufen sie.

Sie sehen es nicht, nein, sie wollen es nicht sehen, diese Verblendeten, daß das Meer in wilder Empörung ist, daß kein Boot ihm trotzen kann, ohne von den furchtbaren, schäumenden Wellen verschlungen zu werden. Nichts vermag sie zurück zu halten, sie hören die Stimme ihres Kapitäns gar nicht mehr.

Robert Kurtis eilt mitten unter seine Mannschaft. Vergebens. Der Matrose Owen reizt seine Kameraden an. Die Leinen des Canots werden gelöst; und das kleine Boot hinaus geworfen.

Einen Augenblick schwankt es in der Luft und stößt in Folge des Rollens unseres Schiffes gegen seinen Aufzug. Die Matrosen stoßen es ab; eben, als es schon fast das Wasser berührt, erfaßt es eine ungeheure Welle von unten, entfernt es zunächst ein wenig und schleudert es dann mit einer solchen Gewalt gegen die Wände des Chancellor, daß es zertrümmert wird.

Schaluppe und Boot sind nun zerstört; es bleibt uns nichts mehr übrig, als die kleine zerbrechliche Jolle.

Wie vom Donner gerührt, stehen die Matrosen dabei. Man hört nichts mehr als das Pfeifen des Windes im Takelwerk und das Prasseln der Flammen. Tief gähnt der Gluthofen in der Mitte des Fahrzeuges, und Ströme von Dampf und Rauch drängen sich aus der Luke empor. Man kann nicht mehr vom Vorderkastell bis zum Oberdeck sehen, eine Barriere von Feuer trennt den Chancellor in zwei Theile.

Die Passagiere und zwei oder drei von der Mannschaft haben sich nach dem Oberdeck geflüchtet.

Mrs. Kear liegt ohne Bewußtsein ausgestreckt da, Miß Herbey weicht nicht von ihrer Seite. Mr. Letourneur hält seinen Sohn in den Armen und preßt ihn an sein Herz. Eine nervöse Erregtheit hat sich meiner bemächtigt, die ich nicht zu bezwingen vermag. Der Ingenieur Falsten sieht seelenruhig nach der Uhr und bemerkt die Zeit in seinem Notizbuche.

Was mag auf dem Vordertheil vorgehen, wo sich ohne Zweifel der Lieutenant, der Hochbootsmann und die anderen Mannschaften befinden, welche wir jetzt nicht zu sehen vermögen? Zwischen den beiden Hälften des Fahrzeuges ist jede Verbindung unterbrochen, und Niemand könnte durch die Wand von Flammen dringen, welche aus den Luken emporwirbelt.

Ich nähere mich Robert Kurtis.

»Alles verloren? frage ich ihn.

– Nein, antwortet er, da die Luke einmal offen ist, werden wir versuchen, Ströme von Wasser in die Gluth zu leiten und sie vielleicht zu löschen.

– Wer soll aber auf dem brennenden Verdeck die Pumpen bedienen, Mr. Kurtis? Wie wollen Sie den Matrosen durch jene Flammen hindurch Ihre Befehle zukommen lassen?«

Robert Kurtis erwidert kein Wort. »Es ist Alles verloren, nicht wahr? frage ich noch einmal.

– Nein, Herr, sagt Robert Kurtis, nein, so lange ich noch ein Brett unter meinen Füßen fühle, verzweifle ich noch nicht!«

Die Wuth der Feuersbrunst nimmt zu, die Wellen des Meeres färben sich mit röthlichem Scheine. Ueber uns spiegelt sich der Feuerschein an den niedrigeren Wolken. Lange Feuerstrahlen schießen jetzt aus den Deckluken, und wir haben uns nach dem Hackbord hinter dem Oberdeck zurück gezogen.

Mrs. Kear ist in der Jolle niedergelegt worden, die noch an ihren Trägern hängt, und Miß Herbey hat neben ihr Platz genommen.

Welch‘ entsetzliche Nacht! Welche Feder wäre im Stande, ihre Schrecken zu schildern!

Der entfesselte Orkan bläst wie ein ungeheurer Ventilator in diesen Schmelzofen. Der Chancellor, trotzdem er schon viel Segel eingebüßt hat, fliegt wie ein riesiger Brander durch die Finsterniß dahin. Wir haben offenbar keine Wahl. Entweder in’s Meer springen, oder in den Flammen umkommen!

Aber das Pikrat fängt kein Feuer! Der Vulkan öffnet sich nicht unter unseren Füßen! Ruby hat doch wohl gelogen! Es ist gar keine explosive Substanz im Raume!

Um elf ein halb Uhr, das Meer tobt gerade furchtbarer als je, hört man ein von den Seeleuten so gefürchtetes Scharren und Kratzen durch den Lärm der Elemente hindurch, und vom Vordertheil dringt ein Schrei bis zu uns.

»Riffe! Riffe auf der Steuerbordseite!«

Robert Kurtis springt auf die Schanzkleidung, überfliegt mit einem raschen Blicke die weißlichen Wellen und ruft mit lautester, gebieterischer Stimme:

»Backbord steuern! Backbord!«

Doch es ist zu spät. Ich fühle, wie der Rücken einer ungeheuren Welle uns emporhebt und ein plötzlicher Stoß erfolgt. Das Schiff schleift mit dem Hintertheil, stößt wiederholt auf, und der Besanmast stürzt, dicht über Deck abbrechend, in’s Meer. Der Chancellor sitzt unbeweglich fest!

XV.


XV.

Fortsetzung der Nacht vom 29. October. – Noch ist es nicht Mitternacht, kein Mond am Himmel, rings tiefes Dunkel. Wo das Schiff aufgefahren ist, können wir jetzt unmöglich wissen. Ob es wohl durch den Sturm verschlagen wieder an die Küste Amerikas getrieben ist? Zeigt sich vielleicht, wenn es Tag wird, Land?

Ich sagte, daß der Chancellor, nachdem er wiederholt aufstieß, unbeweglich sitzen blieb. Bald nachher belehrte Robert Kurtis ein Geräusch von rasselnden Ketten, daß man die Anker herablasse.

»Gut! Gut! sagte er, der Lieutenant und der Bootsmann lassen die Anker fallen; hoffentlich werden sie fassen!«

Dann sehe ich Robert Kurtis auf der Schanzkleidung hinlaufen, bis ihm die Flammen jedes Weitergehen verwehren. Er gleitet auf die Rüsten am Steuerbord, nach welchem das Schiff geneigt liegt, und hält sich dort einige Minuten, trotzdem das Meer ihn mit Wellen überspült. Ich sehe, wie er aufmerksam horcht. Man sollte meinen, er höre ein eigenthümliches Geräusch neben dem Geheul des Sturmes. Nach einer Viertelstunde kehrt Robert Kurtis nach dem Oberdeck zurück.

»Es dringt Wasser ein, sagt er zu mir, und dieses Wasser – Gott stehe uns bei – wird vielleicht die Feuersbrunst bewältigen!

– Aber nachher? sage ich.

– Mr. Kazallon, antwortet er mir, »nachher« wie Gott will. Wir denken jetzt nur an das Nächste!«

Das Nächstliegende wäre nun wohl gewesen, sich mittels der Pumpen vom Stande des Wassers zu überzeugen, aber diese kann Niemand mitten in dem Flammenmeer erreichen. Wahrscheinlich gestattet ein Leck im Grunde des Fahrzeuges dem Wasser, in vollen Strömen einzudringen, denn es will mir scheinen, als vermindere sich das Feuer schon ein wenig. Man vernimmt jetzt ein betäubendes Gezisch, den Beweis, daß beide Elemente mit einander kämpfen. Unzweifelhaft ist der Untertheil des Feuerherdes erreicht und das erste Lager der Baumwollenballen schon überschwemmt. Nun wohl, möge dieses Wasser das Feuer löschen, dann werden wir auch mit ihm fertig zu werden wissen! Vielleicht ist es minder zu fürchten als das Feuer! Das Wasser ist ja des Seemanns Element, das er zu besiegen gewohnt ist!

Die nachfolgenden drei Stunden dieser Schreckensnacht verbringen wir in fürchterlicher Angst. Wo sind wir? Eins nur steht fest, daß jetzt Ebbe einzutreten scheint, und die Wuth der Wellen sich zu mäßigen beginnt. Der Chancellor muß eine Stunde nach der Fluth aufgestoßen sein, doch ist das ohne Rechnung und Beobachtung nicht möglich, sicher zu bestimmen. Wenn es so ist, darf man hoffen, sich nach Löschung des Feuers bei steigender Fluth wieder flott zu machen.

Gegen vier ein halb Uhr Morgens vermindert sich die Flamme, welche einen Vorhang zwischen dem Vorder- und dem Hintertheile des Schiffes bildete, nach und nach, und wir erblicken eine geschwärzte Gruppe Menschen. Das ist die Mannschaft, die sich auf dem engen Vorderkastell zusammen gedrängt hat. Bald wird die Verbindung zwischen den beiden Enden des Fahrzeuges wieder hergestellt und kommen der Lieutenant und der Bootsmann zu uns nach dem Oberdeck, indem sie auf dem Barkholz hingehen, da es noch unmöglich ist, den Fuß auf das Verdeck zu setzen.

Kapitän Kurtis, der Lieutenant und der Hochbootsmann berathen in meiner Gegenwart und stimmen in dem einen Punkte völlig überein, daß vor Anbruch des Tages Nichts zu unternehmen sei. Wenn das Land nicht entfernt, das Meer einigermaßen fahrbar ist, wird man die Küste, und wäre es auf einem Flosse, zu erreichen suchen. Wenn aber kein Land in Sicht, wenn der Chancellor auf einem ganz isolirten Riffe gestrandet wäre, wird man versuchen, ihn wieder flott zu machen, um dann die nächstgelegene Küste anzulaufen.

»Jedoch, sagt Robert Kurtis, dessen Meinung auch von den beiden Anderen getheilt wird, es ist sehr schwierig, zu beurtheilen, wo wir uns befinden. Der Nordwestwind muß den Chancellor weit nach Süden verschlagen haben. Ich habe schon längere Zeit keine Messung der Sonnenhöhe vornehmen können, und da mir in diesem Theile des Atlantischen Oceans keine Klippen bekannt sind, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß wir an irgend einem Punkte Amerikas strandeten.

– Wir befinden uns aber immer, warf ich ein, vor einer drohenden Explosion. Sollten wir den Chancellor nicht verlassen können und uns flüchten?

– Auf dieses Riff etwa? antwortet Robert Kurtis. Welche Gestalt hat es? Wird es nicht zur Zeit der Fluth überschwemmt? Können wir es bei dieser Dunkelheit überhaupt erkennen? Lassen Sie es erst hell werden, dann wollen wir davon reden.«

Ich theile diese Worte Robert Kurtis‘ sofort den übrigen Passagieren mit. Sie sind doch nicht besonders beruhigender Natur, aber Keiner hat ein Einsehen für die neue Gefahr, welche uns bedroht, wenn das Schiff auf ein in der offenen See isolirtes Riff aufgestoßen ist, das vielleicht Hunderte von Meilen vom Lande entfernt liegt. Alle haben nur einen einzigen Gedanken, den, daß das Wasser jetzt erfolgreich gegen das Feuer ankämpft und also die Explosionsgefahr vermindert.

In der That dringt statt der leuchtenden Flammen jetzt ein dicker schwarzer Rauch in feuchten Wirbeln aus der großen Luke herauf. Einige Feuerbüschel züngeln zwar noch manchmal zwischen dem Höllenqualm auf, doch sie verlöschen meist sofort wieder. Dem Prasseln und Knackern des Feuers folgt nun das Zischen des Wassers, das auf dem Herde im Inneren verdampft. Sicher erfüllt jetzt das Meer das, was unsere Pumpen und Eimer niemals erreicht hätten, und diese Feuersbrunst, welche mitten in 1700 Ballen Baumwolle ausgebrochen war, konnte eben nur durch eine Ueberschwemmung überwunden werden!

I.


I.

Charleston, am 27. September 1869. – Um drei Uhr Nachmittags verlassen wir den Batterie-Quai. Rasch führt uns die Ebbe dem freien Meere zu. Kapitän Huntly hat alle Segel beisetzen lassen, und der Nordwind treibt den Chancellor quer durch die Bai von Charleston. Bald ist das Fort Sumter umschifft und liegen uns die Batterien, welche den Hafen bestreichen, zur Linken. Um vier Uhr passirt unser Schiff die enge Einfahrt, durch die bei sinkendem Wasser eine schnelle Strömung fluthet. Von hier aus ist die eigentliche offene See freilich noch ziemlich weit entfernt und nur durch enge gefährliche Wasserstraßen zwischen ausgedehnten Sandbänken zu erreichen. Kapitän Huntly biegt in das Fahrwasser nach Südwesten ein und hält auf den Leuchtthurm an der linken Spitze des Fort Sumter zu. Die Segel werden so dicht als möglich gegen den Wind gestellt, und um sieben Uhr Abends bleibt der letzte Ausläufer der Sandbänke hinter unserem Fahrzeuge zurück, das nun in den Atlantischen Ocean hinaussteuert.

Der »Chancellor«, ein schöner Dreimaster von 900 Tonnen, gehört dem reichen Hause der Gebrüder Leard in Liverpool. Das Schiff ist zwei Jahre alt, mit Kupfer bekleidet, aus Teakholz gebaut und führt, außer dem Besanmaste, Untermaste und Takelage aus Eisen. Das solide und schöne Schiff, beim Bureau Veritas unter A. I. classificirt, vollendet eben seine dritte Reise zwischen Charleston und Liverpool. Bei der Abfahrt aus Charleston hißte es die englische Flagge; ein Seemann hätte aber auch ohne diese seinen Ursprung auf den ersten Blick erkannt: es war wirklich, für was es sich ausgab, d.h. englisch von der Wasserlinie bis zur Mastspitze.

An Bord des Chancellor, der jetzt nach England zurücksegelt, habe ich mich aus folgenden Gründen eingeschifft:

Zwischen Süd-Carolina und dem Vereinigten Königreiche besteht keine directe Dampferverbindung. Um eine transatlantische Linie zu erreichen, müßte man entweder nach Norden hinauf bis New-York gehen oder nach Süden hinunter, bis New-Orleans. Zwischen New-York und der alten Welt unterhalten verschiedene englische, deutsche und französische Gesellschaften eine häufige und sichere Verbindung, und von dort aus hätte mich eine Scotia, Holfatia oder ein Pereire (bekannte Schiffe jener Linien) schnell genug meinem Bestimmungsorte zugeführt. Zwischen New-Orleans und Europa verkehren die Dampfer der National Steam navigation Co., die sich an die französische Linie nach Colon und Aspinwall anschließen. Als ich aber auf den Quais in Charleston dahinging, sah ich den Chancellor. Das Schiff gefiel mir, und ich weiß nicht, welcher Instinct mich an Bord desselben trieb. Es ist übrigens recht bequem eingerichtet, und bei günstigem Wind und Meere, – wobei die Schnelligkeit die der Dampfer fast erreicht –, ziehe ich es nach allen Seiten hin vor, mit einem Segelschiff zu reisen. Zu Anfang des Herbstes hält sich in diesen niedrigen Breiten die Witterung noch sehr schön. Ich entschied mich also für die Ueberfahrt auf dem Chancellor.

Habe ich daran wohl gethan? Werde ich es zu bereuen haben? Die Zukunft wird es lehren. Ich will meine Beobachtungen tagtäglich notiren, und jetzt, da ich schreibe, weiß ich selbst noch nicht mehr als die Leser dieses Tagebuchs, wenn dasselbe überhaupt jemals Leser findet.

II.


II.

Am 28. September. – Ich erwähnte schon, daß der Kapitän des Chancellor Huntly heißt, – mit Vornamen John Silas. Er ist ein Schotte aus Dundee, gegen fünfzig Jahre alt und macht den Eindruck eines erfahrenen Oceanschiffers. Bei nur mittlerer Körpergröße sind seine Schultern nicht breit, sein Kopf, den er aus Gewohnheit immer nach der linken Seite neigt, etwas klein. Ohne Physiognomiker ersten Ranges zu sein, glaube ich schon, trotzdem ich Kapitän Huntly erst seit wenigen Stunden kenne, ein Urtheil über denselben abgeben zu können.

Daß Silas Huntly das Aussehen eines guten Seemanns habe und in seinem Fache wohlunterrichtet sei, dem widerspreche ich nicht; daß in diesem Manne aber ein fester Charakter stecke, der unbeugsam jeder Prüfung entgegenträte, nein, das ist nicht möglich.

In der That erscheint die Haltung des Kapitäns etwas schwerfällig, sein Körper ziemlich abgespannt. Er ist nachlässig, das sieht man an seinem unsicheren Blicke, den passiven Bewegungen der Arme und seinem Schwanken, bei dem er von einem Beine auf das andere fällt. Dieser Mann ist nicht energisch, kann es nicht sein, nicht einmal starrköpfig, denn seine Augen haben kein Feuer, sein Kinn ist fein und weich und seine Hände scheinen sich gar nicht ballen zu können; außerdem fällt mir an ihm noch ein eigentümliches Wesen auf, das ich mir noch nicht zu erklären vermag, doch werde ich ihm auch ferner diejenige Aufmerksamkeit schenken, welche der Befehlshaber eines Schiffes verdient, auf dem er sich »nach Gott den Nächsten« nennt.

Wenn ich nicht irre, befindet sich aber zwischen Gott und Silas Huntly noch ein Anderer an Bord, der gegebenen Falls eine hervorragende Stelle einzunehmen bestimmt scheint, das ist der zweite Officier des Chancellor, den ich noch nicht genügend studirt habe und von dem zu sprechen ich mir für später vorbehalte.

Die Besatzung des Chancellor besteht aus Kapitän Huntly, dem zweiten Officier Robert Kurtis, dem Lieutenant Walter, einem Hochbootsmann und vierzehn Matrosen, lauter Engländer oder Schotten, zusammen also achtzehn Seeleute, – eine Anzahl, welche zur Führung eines Dreimasters von 900 Tonnen Gehalt völlig hinreichend ist. Die Männer scheinen ihr Geschäft Alle gut zu verstehen. Was ich bis jetzt davon sah, beschränkt sich freilich darauf, daß sie unter dem Commando des zweiten Officiers in dem engen Fahrwasser vor Charleston sehr geschickt manoeuvrirten.

Ich vervollständige das Verzeichniß der auf dem Chancellor eingeschifften Personen durch Erwähnung des Steward Hobbart, des Negerkochs Jynxtrop und durch Hinzufügung einer Liste der Passagiere.

Von Letzteren zähle ich, wenn ich mich einrechne, acht Personen. Noch kenne ich sie kaum, doch werden die Eintönigkeit einer längeren Ueberfahrt, die kleinen Vorkommnisse jedes Tages, die unumgängliche Berührung mehrerer in so engem Raume zusammen wohnender Leute, das natürliche Bedürfniß, seine Gedanken auszutauschen und die dem Menschenherzen eingeborene Neugier uns zeitig genug einander näher bringen. Bis jetzt haben uns noch der Wirrwarr der Einschiffung, die Besitznahme der Cabinen, die Einrichtungen, welche eine Reise von drei bis vier Wochen nöthig macht, und verschiedenerlei andere Geschäfte noch von einander fern gehalten. Gestern und heute erschienen noch nicht einmal Alle bei Tische, und vielleicht leiden Einige an der Seekrankheit. Noch habe ich sie nicht einmal Alle gesehen, weiß aber, daß sich unter den Passagieren zwei Damen befinden, die in der hintersten Cabine wohnen, deren Fenster in dem Spiegel des Fahrzeugs angebracht sind.

Hier folge eine Liste, wie ich sie der Schiffsrolle entnehme:

Mr. und Mrs. Kear, Amerikaner, aus Buffalo;
Miß Herbey, Engländerin, Gesellschaftsdame der Mrs. Kear;
Mr. Letourneur und Sohn, André Letourneur, Franzosen, aus Havre;
William Falsten, Ingenieur aus Manchester, und
John Ruby, Kaufmann aus Cardiff, Beide Engländer, endlich
J. R. Kazallon aus London, der Verfasser dieser Zeilen.

XI.


XI.

Fortsetzung am 21. Oktober. – Ich kann es nicht schildern, was bei den Worten des Ingenieurs in mir vorging. Das ist kein Erschrecktsein mehr, es ist eine Art Resignation. Mir scheint sich die Situation dadurch zu klären, der Knoten vielleicht eher zu lösen. Kühl bis an’s Herz suche ich Robert Kurtis auf, der sich auf dem Vordercastell befindet.

Auf die Nachricht hin, daß ein Colli mit dreißig Pfund Pikrat, – d. h. eine hinreichende Menge, um einen Berg in die Luft zu sprengen –, an Bord ist und zwar im Schiffsraume, nahe dem Herde des Feuers selbst, und daß der Chancellor jeden Augenblick in die Luft gehen kann, entsetzt sich Robert Kurtis keineswegs, kaum runzelt sich seine Stirn und erweitert sich sein Auge.

»Gut, antwortet er mir, nicht ein Wort hiervon. Wo ist dieser Ruby?

– Auf dem Verdeck.

– Kommen Sie mit mir, Mr. Kazallon.«

Wir steigen Beide nach dem Oberdeck hinauf, wo der Kaufmann und der Ingenieur noch im Gespräch waren.

Robert Kurtis geht geraden Wegs auf sie zu.

»Sie haben das gethan? fragt er Ruby.

– Nun ja, das habe ich gethan!« antwortet seelenruhig Ruby, der sich höchstens eines Betrugs schuldig gemacht zu haben glaubt.

Einen Augenblick erscheint es mir, als wolle Robert Kurtis den unseligen Passagier zermalmen, der die Tragweite seiner Unklugheit gar nicht zu begreifen scheint! Dem zweiten Officier gelingt es aber, sich zu bemeistern, und ich sehe, wie er die Hand auf dem Rücken ballt, um nicht verleitet zu werden, Ruby bei der Gurgel zu nehmen.

Dann richtet er mit ruhiger Stimme einige Fragen an Ruby. Dieser bestätigt die von mir gemeldete Thatsache. Zwischen seinem Gepäck befindet sich ein Colli, welches dreißig Pfund jener so höchst gefährlichen Substanz enthält. Der Passagier hat hier mit derselben Nachlässigkeit und Unklugheit gehandelt, die, wie man gestehen muß, der anglo-sächsischen Race angeboren ist, und hat jenen explosiven Körper in dem Raume des Fahrzeugs unterbringen lassen, wie ein Franzose etwa eine Flasche Wein. Wenn er den Inhalt dieses Colli falsch declarirt hatte, so kam es daher, daß er die Weigerung des Kapitäns, dasselbe mitzunehmen, vorher vollkommen kannte.

»Nun, nun, das ist doch kein Grund, einen Menschen zu hängen! Wenn das Ding Ihnen so sehr unangenehm ist, so mögen Sie es meinetwegen in’s Meer werfen. Mein Gepäck ist versichert!«

Bei dieser Antwort kann ich mich nicht mehr zurückhalten, denn mir fehlt Robert Kurtis‘ kaltes Blut, und der Zorn übermannt mich. Bevor mich der zweite Officier daran hindern kann, stürze ich mich auf Ruby und schreie:

»Elender, Sie wissen also wohl nicht, daß an Bord Feuer ist!«

Kaum ist mir das Wort entflohen, so gereut es mich schon. Doch es ist zu spät! Die Wirkung dieser Nachricht auf den Kaufmann Ruby ist gar nicht zu beschreiben. Den Unglücklichen erfaßt eine convulsivische Furcht. Sein Körper zuckt, seine Haare sträuben sich, sein Auge weitet sich erschreckend aus, sein Athem wird keuchend, wie der eines Asthmatikers, er vermag nicht zu sprechen, der Schreck erreicht in ihm seinen Höhepunkt. Plötzlich bewegen sich seine Arme krampfhaft; er stiert auf das Verdeck des Chancellor, das jeden Moment in die Luft gehen kann, er läuft vom Oberdeck herab und wieder hinauf, durch das ganze Schiff und gesticulirt wie ein Wahnsinniger. Endlich kommt ihm die Sprache wieder, und seinem Munde entringen sich die fürchterlichen Worte:

»Es ist Feuer an Bord! Es ist Feuer an Bord!«

Bei diesem Rufe läuft die ganze Mannschaft auf dem Verdeck zusammen, offenbar in dem Glauben, daß die Flammen einen Weg nach Außen gefunden haben und es nun Zeit sei, in die Boote zu entfliehen. Die Passagiere kommen hinzu, Mr. Kear, seine Gattin, Miß Herbey, die beiden Letourneur. Robert Kurtis versucht Ruby Ruhe zu gebieten, doch dieser will keine Vernunft annehmen.

Die Unordnung erreicht ihren Höhepunkt. Mrs. Kear ist bewußtlos auf dem Deck zusammen gebrochen. Ihr Mann bekümmert sich nicht im mindesten um sie und überläßt sie der Sorgfalt der Miß Herbey. Die Matrosen haben sich schon an die Winden der Schaluppen gemacht, um diese in’s Meer zu bringen.

Indessen theile ich den Mr. Letourneur mit, was sie noch nicht wissen, daß Feuer an Bord ist; der nächste Gedanke des Vaters gehört seinem Sohne, den er umschlingt, als wolle er ihn schützen. Der junge Mann bewahrt sein kaltes Blut und beruhigt den Vater durch die Versicherung, daß es ja keine unmittelbare Gefahr habe. Robert Kurtis hat mit Unterstützung des Lieutenants inzwischen seine Leute wieder zur Ordnung gebracht. Er versichert ihnen, daß die Feuersbrunst keine weiteren Fortschritte gemacht, daß Passagier Ruby keine Vorstellung von dem habe, was er thue oder sage, daß man nicht übereilt handeln solle und daß man, wenn der Augenblick gekommen, das Schiff verlassen werde …

Der größte Theil der Matrosen hört auf die Stimme des zweiten Officiers, den sie lieben und achten. Dieser erreicht bei ihnen, was dem Kapitän Huntly nicht gelungen wäre, und die Schaluppe verbleibt auf ihrem Lager.

Glücklicher Weise hat Ruby von dem im Kielraum eingeschlossenen Pikrat nicht weiter gesprochen. Wenn die Mannschaft die ganze Wahrheit wüßte, wenn sie hörte, daß das Schiff eigentlich nur noch ein Vulkan ist, der sich jeden Augenblick unter ihren Füßen öffnen kann, kämen sie gewiß aus Rand und Band, und Niemand würde im Stande sein, ihr Entfliehen zu hindern.

Der zweite Officier, Ingenieur Falsten und ich, wir sind die Einzigen, welche die schreckliche Complication der Feuersbrunst kennen, und es ist gut, daß es dabei bleibt.

Nach wiederhergestellter Ordnung suchen wir, Robert Kurtis und ich, den Ingenieur wieder auf dem Oberdeck. Dieser ist noch dort und steht mit gekreuzten Armen da; wahrscheinlich denkt er über ein mechanisches Problem nach – mitten unter dem allgemeinen Schrecken. Wir empfehlen ihm dringend, nichts von der Verschlechterung unserer Lage zu sagen, die wir der Unklugheit Ruby’s verdanken.

Falsten verspricht darüber zu schweigen. Dem Kapitän Huntly, der auch noch nicht unterrichtet ist, übernimmt es Robert Kurtis, Alles mitzutheilen.

Vorher muß er sich aber der Person Ruby’s versichern, denn der Unglückliche ist vollkommen geistig gestört. Er weiß nicht mehr, was er thut, und läuft nur mit dem Rufe: »Feuer! Feuer!« auf dem Oberdeck umher.

Robert Kurtis befiehlt einigen Matrosen, sich des Passagiers zu bemächtigen, den man fesselt und unschädlich macht. Dann wird er in seine Cabine gebracht und sorgfältig bewacht.

Das schreckliche Wort ist nicht über seine Lippen gekommen!

XII.


XII.

Am 22. und 23. October. – Robert Kurtis hat dem Kapitän Alles mitgetheilt.

Kapitän Huntly ist, wenn auch nicht in der That, so doch dem Wortlaute nach sein Vorgesetzter, und er darf ihm Nichts verheimlichen.

Bei dieser Nachricht hat Kapitän Huntly kein Sterbenswörtchen geantwortet, sondern ist nur mit der Hand über die Stirn gefahren, wie ein Mensch, der sich irgend einen Gedanken vertreiben will; dann ist er ruhig in seine Cabine zurückgekehrt, ohne einen Befehl zu ertheilen.

Robert Kurtis, der Lieutenant, der Ingenieur Falsten und ich, wir treten zu einer Berathung zusammen, und ich erstaune über die Kaltblütigkeit, die Jeder unter diesen Umständen an den Tag legt.

Alle Möglichkeiten einer Rettung werden erwogen, und Robert Kurtis faßt unsere Lage in folgende Worte zusammen:

»Die Feuersbrunst kann unmöglich beschränkt werden, und schon ist der Mannschaftsschlafraum am Vordertheil kaum noch zu bewohnen. Der Augenblick muß also, und das vielleicht bald kommen, an dem die Flammen das Verdeck durchbrechen. Wenn vor Eintritt dieser Katastrophe das Meer es erlaubt, werden wir das Schiff auf den Booten verlassen. Ist es uns dagegen unmöglich, den Chancellor zu verlassen, so kämpfen wir gegen das Feuer bis zum letzten Athemzuge. Wer weiß, ob wir seiner nicht leichter Herr werden, wenn es zum Durchbruch gekommen ist. Vielleicht bekämpfen wir den Feind, der sich offen zeigt, erfolgreicher, als den, der sich verbirgt!

– Das entspricht meiner Ansicht, bemerkte ruhig der Ingenieur.

– Auch der meinigen, setzte ich hinzu. Doch, Mr. Kurtis, ziehen Sie gar nicht in Betracht, daß dreißig Pfund jener furchtbaren explosiven Substanz sich im Kielraum befinden?

– Nein, Mr. Kazallon, antwortet Robert Kurtis, mit einem Uebermaße von kaltem Blute, das ist nur ein Detail, welches mich nicht besonders kümmert. Warum sollte es auch? Kann ich das gefahrdrohende Colli mitten aus dem brennenden Cargo heraussuchen? Und das aus einem Raume, dem wir jeden Luftzutritt verwehren müssen? Nein, daran denke ich gar nicht! Noch bevor ich ausspreche, kann das Pikrat seine entsetzliche Wirkung äußern, das ist wohl wahr. Indeß entweder erreicht das Feuer jenes oder nicht! Der erschwerende Umstand, den Sie anführen, ist für mich nicht weiter vorhanden. Es liegt in der Hand Gottes und nicht in der meinigen, uns diese schreckliche Katastrophe zu ersparen!«

Robert Kurtis hat diese Worte in ernstem Tone gesprochen, und wir senken die Köpfe, ohne darauf zu antworten. Da der Zustand des Meeres eine Benutzung der Boote ganz unmöglich macht, so dürfen wir an jenen besonderen Umstand nicht weiter denken.

»Die Explosion ist ja nicht unbedingt nothwendig, hätte wohl ein Formalist gesagt, sie ist nur eine zufällige!«

Eine ähnliche Bemerkung äußerte der Ingenieur auch wirklich.

»Auf eine Frage möchte ich Sie noch um eine Antwort bitten, Mr. Falsten, sagte ich. Kann das Natron-Pikrat sich auch ohne Stoß entzünden?

– Gewiß, entgegnete der Ingenieur. Unter gewöhnlichen Verhältnissen ist das Pikrat nicht mehr entzündlich, als das Pulver, aber ebenso wie dieses.«

Falsten hatte das Wort »ergo« gebraucht. Sollte man nicht glauben, er docire in einem Cursus der Chemie?

Wir sind nach dem Verdeck zurückgegangen. Robert Kurtis ergreift meine Hand.

»Mr. Kazallon, sagt er, ohne einen Versuch seine Erregung zu verbergen, diesen Chancellor, dieses schöne Schiff, das ich so sehr liebe, durch Feuer zerstören zu sehen, ohne etwas dagegen thun zu können …

– Mr. Kurtis, Ihre Erregung …

– Ich könnte sie nicht bezwingen! Sie allein sind Zeuge dessen, wie viel ich leide. – Doch, es ist vorüber, fügte er hinzu, – aber ich sah den Kampf, den er bestand.

– Ist die Situation ganz verzweifelt? fragte ich darauf.

– Nun, unsere Lage ist folgende, antwortete wieder ruhig Robert Kurtis. Wir befinden uns über einer Mine, deren Lunte schon entzündet ist. Jetzt ist nur die Frage die, wie lang diese Lunte wohl ist.«

Dann zieht er sich zurück.

Jedenfalls ist es der Mannschaft und den übrigen Passagieren noch unbekannt, wie ungeheuer ernst unsere Lage ist.

Seit er von der Feuersbrunst gehört hat, beschäftigt sich Mr. Kear damit, seine werthvollsten Objecte zusammen zu raffen und denkt an seine Frau natürlich gar nicht. Nachdem er gegen den zweiten Officier halb befehlend den Wunsch geäußert hat, das Feuer zu löschen, und ihn für alle Folgen desselben verantwortlich gemacht, zieht er sich in seine Cabine im Hintertheil zurück und kommt nicht wieder zum Vorschein. Mrs. Kear seufzt und stöhnt und findet trotz ihrer sonstigen Lächerlichkeiten doch allgemeines Mitleid. Miß Herby glaubt sich unter diesen Umständen von den Pflichten gegen ihre Herrin nur um so weniger entbunden, und widmet Jener die erdenklichste Sorgfalt. Ich muß das Benehmen dieses jungen Mädchens bewundern, der ihre Pflicht über Alles geht.

Am nächsten Tage, dem 23. October, läßt der Kapitän den zweiten Officier nach seiner Cabine rufen. Zwischen Ihnen entspinnt sich folgendes Gespräch, dessen Inhalt mir Robert Kurtis mitgetheilt hat.

»Mr. Kurtis, sagt der Kapitän mit irrem Blicke und den offenbaren Anzeichen geistiger Störung, ich bin doch wohl Seemann, nicht wahr?

– Gewiß, Herr Kapitän.

– Nun gut, stellen Sie sich vor, daß ich von meinem Geschäfte nichts verstehe … ich weiß nicht, was mit mir vorgeht … ich vergesse … ich bin mir unklar. Sind wir seit unserer Abreise von Charleston nicht nach Nordosten gesegelt?

– Nein, antwortet der zweite Officier, wir fuhren auf Ihren Befehl nach Südosten.

– Wir haben aber doch nach Liverpool geladen?

– Gewiß.

– Und der … ? Wie heißt doch das Schiff, Mr. Kurtis?

– Der Chancellor.

– Ah, richtig, der Chancellor! Wo befindet er sich jetzt?

– Im Süden des Wendekreises.

– Gut, gut; ich verpflichte mich auch nicht, ihn nach Norden zurückzuführen! Nein! Nein! Das könnte ich nicht … ich wünsche meine Cabine nicht wieder zu verlassen … ich kann den Anblick des Meeres nicht ertragen! …

– Herr Kapitän, antwortet Robert Kurtis, ich hoffe, daß unsere Sorgfalt…

– Ja, ja, ist schon gut, … wir werden später sehen – indeß, ich habe einen Befehl für Sie, den letzten, den Sie von mir empfangen werden.

– Ich höre, entgegnete der zweite Officier.

– Mein Herr, nimmt der Kapitän das Wort, von jetzt ab existire ich nicht mehr an Bord und Sie übernehmen das Commando des Schiffes … Die Verhältnisse sind stärker als ich, … ich vermag nicht zu widerstehen … Mein Kopf schwindelt! … O, ich leide sehr, Mr. Kurtis«, fügt Silas Huntly hinzu und drückt seine beiden Hände gegen die Stirn.

Aufmerksam betrachtet der zweite Officier Den, der bisher an Bord befehligte und begnügt sich zu antworten:

»Es ist gut, Herr Kapitän.«

Nach dem Verdeck zurückgekehrt, erzählt er mir das Vorgefallene.

»Ja wohl, sage ich, wenn der Mann auch noch nicht ganz von Sinnen ist, so leidet er doch am Gehirn und es ist besser, daß er sich seines Mandats freiwillig begeben hat.

– Ich trete unter sehr ernsten Umständen an seine Stelle, erwidert mir Robert Kurtis. Doch, wie dem auch sei, ich werde meine Pflicht zu thun wissen.«

Nach diesen Worten ruft der zweite Officier einen Matrosen herbei und befiehlt ihm, den Hochbootsmann zu suchen.

Der Hochbootsmann erscheint in kurzer Zeit.

»Hochbootsmann, sagt Robert Kurtis zu ihm, lassen Sie die Mannschaften sich am Großmast versammeln.«

Der Hochbootsmann zieht sich zurück und wenige Minuten später umringen die Leute des Chancellor den bezeichneten Platz.

Robert Kurtis begiebt sich mitten unter sie.

»Jungens, sagt er mit ruhig ernster Stimme, in der Lage, in welcher wir uns befinden, und aus anderen mir bekannten Gründen hat Mr. Silas Huntly sein Commando als Kapitän niederlegen zu sollen geglaubt. Von heute an commandire ich an Bord.«

So vollzog sich dieser Wechsel, der nur zu unser Aller Besten dienen kann. Jetzt haben wir einen energischen und verläßlichen Mann an der Spitze, der vor keiner für das allgemeine Wohl erforderlichen Maßnahme zurückschrecken wird. Die Herren Letourneur, Ingenieur Falsten und ich bringen Robert Kurtis unsere Glückwünsche dar, wobei der Hochbootsmann und der Lieutenant sich uns anschließen.

Das Schiff steuert nach Südwesten, und Robert Kurtis, der so viele Segel als möglich beisetzen läßt, sucht die nächste Insel der Kleinen Antillen auf kürzestem Wege zu erreichen.