XXVII.


XXVII.

Am 6. December. – Ich habe einige Stunden schlafen können. Um vier Uhr Morgens erweckt mich das Pfeifen des Windes, und ich vernehme Robert Kurtis‘ Stimme, welche noch das Brausen der Windstöße, unter denen die Masten erzittern, hörbar durchdringt.

Ich erhebe mich, packe die um unseren luftigen Aufenthalt gezogenen Leinen und versuche mir darüber klar zu werden, was unter mir und um mich herum vorgeht.

Mitten durch die Dunkelheit grollt das Meer unter meinen Augen, und zwischen den Masten schäumen die jetzt mehr bleichen als weißen Wellen auf. Zwei schwarze Schatten ganz am Hintertheile heben sich von der helleren Farbe des Wassers ab. Diese Schatten sind der Kapitän Kurtis und der Hochbootsmann.

Ihre bei dem Klatschen der Wellen und dem Pfeifen der Brise nur wenig verständlichen Stimmen dringen nur wie ein zerrissenes Seufzen zu meinem lauschenden Ohre. Was geht wohl vor?

Da kommt ein Matrose, der in die Takelage gestiegen war, um ein Tau zu befestigen, an mir vorüber.

»Was ist geschehen? frage ich ihn.

– Der Wind ist umgesprungen …«

Noch einige Worte fügt der Matrose hinzu, die ich nicht genau verstehen kann. Indessen glaubte ich die Worte »gerade umgekehrt« zu hören.

Gerade umgekehrt! Dann müßte der Wind aber von Nordosten nach Südwesten umgeschlagen sein, und er müßte uns jetzt in die offene See hinaustreiben! Meine Ahnungen trügten mich also nicht!

Nach und nach wird es heller. Der Wind hat sich zwar nicht vollkommen verkehrt, aber – ein ebenso verderblicher Umstand für uns, – er bläst aus Nordwesten und entfernt uns von dem Lande. Jetzt stehen nun fünf Fuß Wasser über dem Deck, und die Linie der Schanzkleidung ist vollkommen verschwunden. Das Schiff sank in der Nacht noch tiefer ein, auch Vorderkastell und Oberdeck befinden sich jetzt in gleichem Niveau mit dem Wasser, das ununterbrochen darüber hinströmt. Unter dem Winde arbeiteten Robert Kurtis und seine Leute an der Herstellung des Flosses, doch machen sie bei der bewegten See nur langsame Fortschritte, und erforderte es die aufmerksamste Fürsorge, die Balken des Unterbaues sich nicht verschieben zu lassen, bevor sie unverrückbar fest verbunden wurden.

Die Herren Letourneur stehen an meiner Seite; der Vater umschlingt mit den Armen den Sohn, den er bei dem heftigen Rollen des Schiffes zu halten sucht.

»Dieser Mastkorb wird brechen!« ruft Mr. Letourneur, der in der beschränkten Plateform, die uns trägt, ein Krachen vernommen hat.

Miß Herbey erhebt sich bei diesen Worten und zeigt auf die neben ihr liegende Mrs. Kear.

»Was sollen wir thun, meine Herren? fragt sie.

– Wir müssen bleiben, wo wir sind, habe ich ihr geantwortet.

– Hier ist noch unsere sicherste Zuflucht, Miß Herbey, fügt Andre Letourneur hinzu. Fürchten Sie nichts, Miß …

– O, für mich fürchte ich auch nicht, erwidert das junge Mädchen mit ruhiger Stimme, aber für Diejenigen, welche Ursache haben, an ihrem Leben zu hängen!«

Um acht ein viertel Uhr ruft der Bootsmann seinen Leuten zu:

»He! Ihr da auf dem Kastell!

– Was wollen Sie, Meister, antwortet einer der Matrosen, ich glaube O’Ready.

– Habt Ihr die Jolle dort?

– Nein, Meister.

– Nun, dann ist sie also weggeschwemmt worden.« In der That hängt die Jolle nicht mehr am Bugspriet, fast gleichzeitig gewahrt man aber auch das Verschwundensein Mr. Kear’s, Silas Huntly’s und dreier Leute von der Mannschaft, eines Schotten und zweier Engländer. Jetzt wird mir der Gegenstand der gestrigen Unterhaltung zwischen Kear und dem Ex-Kapitän klar. In der Befürchtung, daß der Chancellor noch vor Fertigstellung des Flosses untergehen könne, sind sie überein gekommen, zu entfliehen, und haben drei Matrosen durch Geld bestochen, sich des kleinen Bootes zu bemächtigen. Auch über den schwarzen Punkt, den ich verwichene Nacht vorübergehend sah, geht mir nun ein Licht auf. Der Elende hat seine Frau im Stiche gelassen! Der unwürdige Kapitän sein Schiff! Sie haben uns die Jolle gestohlen, das einzige noch übrig gebliebene Boot.

»Fünf Gerettete! sagt der Bootsmann.

– Fünf Verlorene!« antwortet der alte Irländer.

Wirklich giebt der Zustand des Meeres O’Ready’s Worten am meisten recht. Wir sind nur noch Zweiundzwanzig an Bord. Wie weit wird sich diese Zahl noch vermindern?

Bei dem Bekanntwerden jener feigen Flucht und des diebischen Schurkenstreichs macht sich die Stimmung der Mannschaft in einem Schwall von Flüchen über die Entflohenen Luft, und wenn der Zufall sie an Bord zurückführen sollte, würden sie ihren Verrath schwer zu büßen haben!

Ich halte es für gerathen, der Mrs. Kear die Flucht ihres Mannes zu verheimlichen. Die bedauernswerthe Frau wird vom Fieber furchtbar geschüttelt, gegen das wir völlig ohnmächtig dastehen, weil das Schiff so schnell gesunken ist, daß auch die Arzneikiste nicht zu retten war. Und wenn wir auch Arzneimittel gehabt hatten, welchen Erfolg hätten sie bei dem Zustande, in dem sich Mrs. Kear thatsächlich befand, wohl noch erzielen können?

XXI.


XXI.

Vom 21. bis 23. November. – In der That ist es nothwendig, dieses beschränkte Bassin, und zwar sobald als möglich, zu verlassen. Das Wetter, welches uns während des ganzen Monats November begünstigt hat, droht umzuschlagen. Seit gestern ist das Barometer gesunken und rings um den Ham-Rock geht die See höher. Das Eiland bietet den Windstößen zu wenig Widerstand; der Chancellor müßte hier ohne Zweifel zertrümmert werden.

Während der Ebbe am heutigen Abend haben wir, Robert Kurtis, Falsten, der Hochbootsmann, der Zimmermann und ich, uns nach der jetzt freiliegenden Basaltbarriere begeben. Ein Passiren derselben ist nur zu erzwingen, wenn die Felskante in einer Breite von etwa zehn und einer Länge von sechs Fuß mit der Spitzhaue bearbeitet wird. Eine Tieferlegung von acht bis neun Zoll muß für den Chancellor schon das nöthige Wasser schaffen, und wenn man diesem kleinen Canale mit der nöthigen Vorsicht folgt, kann der Chancellor ihn ohne Schaden zu nehmen durchfahren und dicht außerhalb desselben in tiefes Fahrwasser gelangen.

»Dieser Basalt ist aber so hart wie Granit, bemerkt der Hochbootsmann, und das wird um so mehr eine lange Zeit beanspruchende Arbeit werden, als sie nur während der Tiefebbe, d. h. während zwei Stunden von vierundzwanzigen, vorgenommen werden kann.

– Ein Grund mehr, Hochbootsmann, um keine Secunde zu verlieren, erwidert ihm Robert Kurtis.

– Ei, Kapitän, sagt Daoulas, einen Monat über werden wir damit zu thun haben! Ging‘ es denn gar nicht an, die Felsen zu sprengen? Pulver ist ja an Bord.

– Zu dem Zwecke zu wenig!« erklärt der Hochbootsmann.

Die Situation wird sehr ernst. Einen Monat lang Arbeit! Vor Verlauf eines Monats wird aber das Schiff durch die Wellen zerstört sein.

»Wir haben ja etwas Vorzüglicheres, als Pulver, sagt da Falsten.

– Und was? fragt Robert Kurtis mit einer Wendung nach dem Ingenieur.

– Das Natron-Pikrat!« antwortet der Ingenieur.

Das Natron-Pikrat, wahrhaftig! Das von dem unglücklichen Ruby herein gepaschte Colli. Die explosive Substanz, welche nahe daran gewesen ist, das Schiff zu zersplittern, soll nun dazu dienen, unser Fahrthinderniß zu beseitigen!

Ein Sprengloch in den Basalt, und die Felskante existirt nicht mehr!

Das Pikratcolli ist wie gesagt auf dem Riff an sicherer Stelle niedergelegt worden. Es darf als ein Glück betrachtet werden, daß man jenes nach seiner Entfernung aus dem Raume nicht in’s Meer geworfen hat.

Die Matrosen holen Spitzhauen herbei, und Daoulas beginnt unter Leitung Falsten’s einen Minengang in derjenigen Richtung, welche den umfassendsten Effect zu erzielen verspricht, auszuarbeiten. Alles berechtigt zu der Hoffnung, daß derselbe während der Nacht vollendet werden wird und daß morgen mit Tagesanbruch nach stattgehabter erfolgreicher Explosion die Durchfahrt frei gelegt sein werde.

Bekanntlich ist die Pikrinsäure ein kristallinischer Körper von bitterem Geschmacke, den man aus Steinkohlentheer gewinnt und welcher mit Natron eine gelbgefärbte Verbindung, eben jenes Natron-Pikrat, bildet. Die explosive Gewalt dieser Substanz erreicht zwar die der Schießbaumwolle noch nicht, übertrifft indessen die des gewöhnlichen Pulvers um ein Bedeutendes. Seine Entzündung erfolgt schon durch einen heftigen, kurzen Stoß, wir werden sie aber auch durch Zündpillen leicht ermöglichen können.

Daoulas hat zwar, so gut wie seine Leute, tüchtig gearbeitet, bei Tagesanbruch ist das Sprengloch aber noch weit von seiner Vollendung entfernt. Wirklich kann an demselben nur zur Zeit der tiefsten Ebbe, d. h. immer nur eine Stunde lang gearbeitet werden. Vier Gezeiten werden vorübergehen müssen, jenem die gewünschte Tiefe zu geben.

Erst am Morgen des 23. ist die mühsame Arbeit vollbracht. Die Basaltmauer ist mit einem schräg nach unten verlaufenden Sprengloche versehen, hinreichend für gut zehn Pfund des explosiven Salzes, und diese Mine soll sofort geladen werden.

Gerade vor dem Einbringen des Pikrats in das Loch bemerkt Falsten:

»Wir sollten unser Sprengmittel mit gewöhnlichem Pulver vermischen, das erlaubt uns, die Mine durch eine Lunte in Brand zu setzen, was jedenfalls geeigneter erscheint, als die Explosion einer Zündpille durch einen Schlag zu veranlassen. Uebrigens hat man sich überzeugt, daß die gleichzeitige Anwendung von Pulver und Pikrat bei harten Felsarten bessere Resultate erzielt. Das seiner Natur nach sehr plötzlich wirkende Pikrat arbeitet dabei, wie es scheint, dem Pulver vor, welches sich langsamer entzündend den Basalt dann vollends zur Seite wirft.«

Sehr oft spricht der Ingenieur Falsten nicht, aber wenn er es thut, sind es Worte von Gehalt. Sein Rath wird befolgt. Man vermengt die beiden Substanzen und bringt nach vorhergegangener Einführung einer Lunte die Mischung in das Sprengloch, das sorgfältig verschlossen wird.

Der Chancellor liegt weit genug von der Mine entfernt, so daß für ihn von der Explosion Nichts zu fürchten ist; doch haben sich Passagiere und Mannschaften aus Vorsicht bis nach den entfernteren Theilen des Riffs und in die Grotte zurückgezogen, und auch Mr. Kear hat sich bequemen müssen, trotz seiner Einwendungen das Schiff zu verlassen.

Falsten entzündet die Lunte, welche eine Brenndauer von zehn Minuten haben muß, und gesellt sich dann zu uns.

Die Explosion erfolgt. Sie ist dumpf und weniger laut gewesen, als man erwartet hätte, doch soll das bei allen tief angelegten Minen der Fall sein.

Wir eilen hinzu … Die Operation ist vollkommen geglückt. Die Basaltwand ist buchstäblich zerstäubt, und jetzt durchsetzt ein kleiner Canal, den die Fluth eben anzufüllen beginnt, das Hinderniß und gewährt uns einen unbehinderten Durchgang.

Ein allgemeines Hurrah! Die Kerkerthür ist offen, wir brauchen nur zu entfliehen!

Nach eingetretenem Hochwasser wird der Chancellor mittels seiner Anker angeholt, passirt den Canal und schwimmt im freien Wasser!

Noch einen Tag lang müssen wir uns jedoch bei dem Eilande aufhalten, denn in seinen jetzigen Verhältnissen vermag das Schiff nicht zu segeln und muß erst noch Ballast einnehmen, um seine Stabilität zu sichern. Während der nächsten vierundzwanzig Stunden beschäftigt sich die Mannschaft also mit der Einladung von Steinen und derjenigen Baumwollenballen, welche am wenigsten Havarie erlitten haben.

Heute unternehmen Mr. Letourneur, Miß Herbey und ich noch einen letzten Spaziergang durch die Felsen des Riffs, welches wir nie wiedersehen sollen und auf oder neben dem wir drei Wochen verlebten. Der Name des Chancellor, der des Riffs selbst, das Datum der Strandung werden von André in eine Wand der Grotte kunstgerecht eingemeißelt, und wir rufen ein letztes Lebewohl dem dürren Felsen zu, auf dem wir manche Tage und Zwei von uns vielleicht bis dahin die glücklichsten ihres Lebens verbrachten!

Endlich am 24. November schmückt sich der Chancellor zur Zeit der Morgenfluth mit seinen unteren Segeln, und zwei Stunden später verschwindet die letzte Spitze des Ham-Rock unter dem Horizonte.

XXII.


XXII.

Vom 24. November bis 1. December. – Nun schwimmen wir also auf dem Meere, und das auf einem Fahrzeuge, dessen Festigkeit nur sehr zweifelhaft ist; doch haben wir ja zum Glück keine allzu weite Fahrt vor uns. Es handelt sich nur um 800 Meilen, und wenn der Nordostwind nur einige Tage anhält, so wird der Chancellor, der vom Wind im Rücken nicht so arg angegriffen wird, die Küste von Guyana mit Sicherheit erreichen.

Beim Cours nach Südwesten nimmt das Leben an Bord nun wieder seinen gewohnten Lauf.

Die ersten Tage vergehen ohne weitere Zufälle. Die Richtung des Windes bleibt immer günstig, doch vermeidet Robert Kurtis zu viel Segel beisetzen zu lassen, da er eine Wiedereröffnung des Lecks fürchtet, wenn das Schiff zu schnell fährt.

Eine traurige Fahrt, wenn man zu dem Schiffe, das einen trägt, kein Zutrauen haben kann. Jeder ist mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und an Bord entwickelt sich nicht jene lebhafte Mittheilungslust, wie bei einer raschen und sicheren Seefahrt.

Während des 29. geht der Wind um ein Viertel nach Norden zurück. Die Segelstellung muß geändert und die Steuerbordhalsen müssen beigesetzt werden. In Folge dessen neigt sich das Schiff stark nach der Seite.

Robert Kurtis zieht die Bramstengen ein, denn er bemerkt wohl, wie stark die Seitenneigung den Chancellor belästigt. Er thut recht daran, denn es handelt sich weniger darum, eine schnelle Ueberfahrt auszuführen, als ohne neuen Unfall einen Hafen zu erreichen.

Die Nacht vom 29. zum 30. ist dunkel und dunstig. Die Brise frischt immer mehr auf und unglücklicher Weise droht der Wind nach Nordwesten umzuschlagen. Die meisten Passagiere halten sich in ihren Cabinen auf, Kapitän Kurtis verläßt dagegen das Oberdeck niemals, und die ganze Mannschaft verbleibt auf dem Verdecke.

Noch immer neigt sich das Schiff ganz bedeutend, trotzdem es gar kein Obersegel mehr trägt.

Gegen zwei Uhr Morgens will auch ich mich in meine Koje zurückziehen, als einer der Matrosen, der im Kielraum gewesen war, eiligst daraus hervorkommt und ausruft:

»Zwei Fuß Wasser!«

Robert Kurtis und der Bootsmann eilen die Leiter hinab und finden die traurige Neuigkeit nur allzuwahr. Ob sich der Leck trotz aller Vorsichtsmaßregeln wieder geöffnet hat, oder ob einige schlecht kalfaterte Fugen auseinander gewichen sind, läßt sich noch nicht sagen, jedenfalls dringt das Wasser wieder in den Kielraum ein.

Der Kapitän kommt auf das Verdeck zurück, läßt das Schiff wieder vor den Wind legen, damit es weniger umher geworfen wird, und so erwartet man den Tag.

Beim Sondiren am Morgen findet man drei Fuß Wasser …

Ich sehe Robert Kurtis an. Eine leichte Blässe fliegt über sein Angesicht, doch bewahrt er seine Kaltblütigkeit. Die Passagiere, von denen einige auf das Verdeck gekommen sind, werden von dem Vorfall unterrichtet, den zu verheimlichen doch schwierig gewesen wäre!

»Ein neues Unglück, sagt Mr. Letourneur zu mir.

– Das war vorauszusehen, habe ich geantwortet, indessen können wir nicht weit vom Lande entfernt sein, und hoffe ich, daß wir es erreichen.

– Gott möge Sie erhören! erwiderte Mr. Letourneur.

– Ist denn Gott an Bord? fragt Falsten mit Achselzucken.

– Er ist gegenwärtig, mein Herr«, fällt da Miß Herbey ein.

Der Ingenieur schweigt bei diesen Worten, dem Ausfluß eines frommen Glaubens, über den nicht zu streiten ist.

Inzwischen ist auf Anordnung Robert Kurtis‘ der Dienst an den Pumpen organisirt worden. Mit mehr Resignation als Eifer geht die Mannschaft an die Arbeit; aber es geht um den Kopf, und die in zwei Rotten getheilte Mannschaft löst sich an den Pumpenstangen ab.

Im Laufe des Tages wiederholt der Hochbootsmann die Sondirungen, und man erkennt, daß das Meer langsam, aber unablässig in den Schiffsraum eindringt.

Zum Unglück kommen die Pumpen häufig in Unordnung; sie verstopfen sich entweder durch Asche oder Baumwollenbällchen, welche sich noch im unteren Theile des Kielraumes befinden. Bei der nothwendig werdenden Reinigung verlieren wir natürlich eine gewisse Zeit und die Erfolge unserer Mühe.

Am folgenden Morgen ergiebt eine neue Untersuchung fünf Fuß Wasser im Raume. Wenn das Herausschaffen desselben aus irgend einem Grunde ausgesetzt werden müßte, so würde das Schiff also sinken. Ueberhaupt kann das ja nur eine Frage der Zeit, und zwar einer sehr kurzen Zeit sein. Schon ist die Schwimmlinie des Chancellor um einen Fuß gesunken und sein Stampfen wird stärker, da er sich nur schwerfällig mit den Wellen hebt. Den Kapitän Kurtis sehe ich auch die Augenbrauen runzeln, sobald ihm der Lieutenant oder der Hochbootsmann eine Meldung machen. Das ist kein gutes Vorzeichen!

Die Arbeit an den Pumpen ist den ganzen Tag und die Nacht über fortgesetzt worden. Dennoch nimmt das Wasser zu. Die Mannschaft ist erschöpft; unter den Leuten werden Anzeichen von Entmuthigung bemerkbar. Inzwischen gehen der Lieutenant und der Hochbootsmann mit ihrem Beispiel voran, und die Passagiere nehmen an den Pumpenhebeln Platz.

Jetzt ist die Lage freilich nicht dieselbe, wie zur Zeit, als der Chancellor auf dem festen Grunde des Ham-Rock aufsaß; unser Fahrzeug schwebt über einem Abgrunde, in den es jeden Augenblick versinken kann.

XXIII.


XXIII.

Am 2. und 3. December. – Noch vierundzwanzig Stunden lang kämpfen wir mit aller Macht und verhindern ein Steigen des Wasserniveaus im Innern des Raumes; doch es liegt auf der Hand, daß die Zeit kommen wird, wo die Pumpen nicht mehr hinreichen werden, dieselbe Menge Wasser auszuwerfen, welche durch den Leck im Rumpfe eindringt.

Im Verlaufe dieses Tages geht Robert Kurtis, der sich keinen Augenblick der Ruhe gönnt, selbst an eine Untersuchung des Kielraumes, bei der der Zimmermann und der Hochbootsmann ihn begleiten; auch ich schließe mich Jenen an. Wir schaffen einige Baumwollenballen zur Seite und hören bei einiger Aufmerksamkeit ein Rauschen von Wasser, oder um es richtiger zu bezeichnen, ein »Gluck! Gluck!« Robert Kurtis will auf jeden Fall versuchen, den Schiffsrumpf am Hintertheil durch Einhüllung desselben mit getheerten Segeln trocken zu legen. Vielleicht gelingt es, dadurch wenigstens vor der Hand jede Communication mit dem Meere zu unterbrechen. Wenn das Nachströmen des Wassers nur momentan aufzuhalten ist, wird man erfolgreicher pumpen und das Schiff wahrscheinlich wieder heben können.

Die Ausführung dieser Absicht ist umständlicher, als man glauben sollte. Zunächst muß die Schnelligkeit des Fahrzeugs gemäßigt werden, und nachdem die großen Segel, welche die Jölltaue halten, bis nach dem Kiel hinuntergeglitten sind, leitet man sie bis zu der Stelle des früheren Lecks und versucht den ganzen Theil des Chancellor vollkommen einzuhüllen.

Von jetzt ab wirken die Pumpen etwas bemerkbarer, und wir gehen mit neuem Muthe an die Arbeit. Dennoch hat Kapitän Kurtis die größtmöglichste Menge Segel beibehalten lassen, denn er weiß zu gut, daß der Rumpf des Chancellor nicht lange aushalten kann und er große Eile hat, irgend ein Land zu erreichen. Wenn ein anderes Schiff in Sehweite vorüber käme, würde er nicht zögern, Nothsignale zu geben, seine Passagiere, selbst die Mannschaften auszuschiffen und allein an Bord zurückzubleiben bis zum Versinken des Chancellor unter seinen Füßen.

Alle unsere Hilfsmittel sollten aber vergeblich sein!

In der Nacht hat die Segelhülle dem Drucke von Außen nachgegeben, und am Morgen des 3. December meldet der Hochbootsmann mit einigen kräftigen Flüchen:

»Wieder sechs Fuß Wasser im Raum!«

Die Thatsache ist nur zu richtig! Das Schiff füllt sich auf’s Neue an, es sinkt merklich tiefer, und schon taucht seine Schwimmlinie weit unter das Wasser. Indessen arbeiten wir an den Pumpen mit mehr Anstrengung als je, und setzen unsere letzten Kräfte daran. Unsere Arme sind halb gebrochen, unsere Hände bluten, und trotz allen Quälens läuft uns das Wasser den Rang ab.

Robert Kurtis läßt nun noch an der großen Luke eine Kette bilden, und schnell fliegen die Eimer von Hand zu Hand.

Alles ist vergebens! Um acht ein halb Uhr Morgens ergiebt die Messung einen noch weiteren Zuwachs des Wassers im Raume. Schon bemächtigt sich die Verzweiflung einiger der Matrosen. Robert Kurtis treibt sie an, weiter zu arbeiten. Sie verweigern es.

Unter den Leuten ist Einer von sehr widerspenstigem Sinne, ein Anführer, von dem ich schon gesprochen habe, der Matrose Owen. Er mag vierzig Jahre alt sein. Sein Gesicht endet mit einem röthlichen Spitzbarte am Kinne, während die Wangen haarlos sind; seine Mundwinkel verlaufen nach unten, und seine fahlen Augen zeichnen sich durch einen rothen Punkt an der Verbindungsstelle mit den Lidern aus. Er hat eine scharfe Nase, weit abstehende Ohren und seine Stirn ist durch häßliche Falten tief gefurcht.

Dieser verläßt zuerst seinen Posten. Fünf oder sechs Kameraden folgen seinem Beispiele; unter ihnen bemerke ich den Koch Jynxtrop; ebenfalls ein verdächtiges Subject.

Auf den Befehl Robert Kurtis‘, an die Pumpen zurückzukehren, antwortet Owen mit einem trotzigen Nein.

Der Kapitän wiederholt seinen Befehl.

Owen bleibt bei seiner Weigerung.

Robert Kurtis nähert sich dem aufsässigen Matrosen.

»Ich rathe Ihnen, mich nicht anzurühren«, sagt Owen in kaltem Tone und steigt nach dem Vordercastell hinauf.

Robert Kurtis begiebt sich nach dem Oberdeck, geht in seine Cabine und kehrt mit einem geladenen Revolver in der Hand daraus zurück.

Einen Moment sieht Owen Robert Kurtis an, doch Jynxtrop macht ihm ein Zeichen, und Alle nehmen ihre Arbeit wieder auf.

XVII.


XVII.

Fortsetzung vom 30. Oktober. – Gelegentlich eines unsere jetzige Lage betreffenden Gespräches mit Mr. Letourneur habe ich ihm die Versicherung geben zu können geglaubt, daß unser Aufenthalt auf dem Riffe nur von kurzer Dauer sein werde, wenn uns die Umstände nur irgend begünstigen. Mr. Letourneur scheint meine Ansicht aber nicht zu theilen.

»Im Gegentheil, sagt er, ich glaube, wir werden auf diesem Felsen lange Zeit zurückgehalten bleiben.

– Und warum? erwidere ich; einige hundert Ballen Baumwolle über Bord zu werfen ist doch weder eine lange, noch allzu beschwerliche Arbeit, die in zwei bis drei Tagen recht wohl geschehen sein kann.

– Gewiß, Mr. Kazallon, das möchte schnell genug gehen, wenn sich die Mannschaft nur heute schon an’s Werk machen könnte. Vorläufig ist es absolut unmöglich, in den Kielraum des Chancellor hinabzusteigen, denn die Luft darin ist völlig irrespirabel, und wer weiß, ob nicht mehrere Tage vergehen, ehe sich das ändert, da die mittleren Lagen des Cargo noch immer in Brand sind. Uebrigens, wenn wir nun wirklich Herr des Feuers geworden sind, werden wir deshalb auch weiter schiffen können? Nein; erst muß die Eintrittsstelle des Wassers, die eine ziemliche Ausdehnung haben mag, verschlossen werden, und zwar mit größter Sorgfalt, wenn wir nicht sinken wollen, nachdem wir der Gefahr zu verbrennen entgangen waren. Nein, nein, Mr. Kazallon, ich mache mir keine Illusion und werde es als einen glücklichen Umstand betrachten, wenn wir das Riff nach drei Wochen wirklich verlassen haben werden. Nun gebe nur der Himmel, daß kein Sturm ausbricht, noch bevor wir wieder flott sind, denn der Chancellor müßte an diesen Klippen wie ein Glas zerschellen!«

In der That ist hierin die größte Gefahr zu suchen, welche uns drohen könnte. Das Feuer wird nun vollends gelöscht werden, das Fahrzeug wird wieder flott gemacht werden, mindestens haben wir allen Grund es zu glauben – aber wir leben vor der Hand von der Gnade eines Windstoßes! Zugegeben auch, daß der höchste Theil des nahen Riffes während eines Sturmes als Zuflucht dienen könnte, was soll aus den Passagieren und Mannschaften des Chancellor werden, wenn ihr Schiff in Stücke ginge!

»Mr. Letourneur, habe ich diesen darauf gefragt, Sie haben Vertrauen zu Robert Kurtis?

– Ein vollkommenes Vertrauen, Mr. Kazallon. Und ich sehe es für eine Gnade Gottes an, daß der Kapitän Huntly ihm das Commando des Schiffes abgetreten hat. Ich bin überzeugt, daß Robert Kurtis alles thun wird, was nöthig und möglich ist, um uns aus dieser schlimmen Lage zu reißen.«

Auf meine Frage an den Kapitän, auf wie lange er den entstehenden Aufenthalt veranschlage, antwortet er mir, daß er das jetzt, da es von verschiedenen Umständen abhänge, noch nicht abzuschätzen im Stande sei, er hoffe aber wenigstens, daß die Witterung nicht allzu ungünstig sein werde.

Wirklich steigt das Barometer ununterbrochen, ohne das gewöhnliche Auf- und Abschwanken der Quecksilbersäule, das ihr eigen ist, so lange die Luftschichten noch nicht vollkommen in’s Gleichgewicht gekommen sind. Jene Erscheinung ist also ein Vorzeichen dauernder Ruhe – ein wahres Glück für unsere nothwendigen Arbeiten.

Uebrigens wird keine Stunde vergeudet, und Jeder geht freudig an seine Thätigkeit.

Vor allem Andern hat Robert Kurtis die Absicht, die Feuersbrunst vollkommen zu löschen, welche noch in den oberen Lagen der Baumwollballen, über dem Niveau des Wassers im Kielraum, fortdauert. Es kann sich aber nicht darum handeln, die Ladung zu schonen, offenbar gilt es nur, das Feuer zwischen zwei Wasserschichten zu ersticken. Die Pumpen beginnen ihr Werk demnach auf’s Neue.

Bei diesen ersten Vornahmen reichen die Mannschaften zur Bedienung der Pumpen aus. Die Passagiere werden nicht in Anspruch genommen, obgleich wir Alle zur Hilfe bereit sind; doch dürfte unsere Unterstützung nicht zu unterschätzen sein, wenn man zur Entlastung des Fahrzeuges vorschreiten wird. Die Mr. Letourneur und ich, wir verbringen unsere Zeit entweder mit Plaudern oder mit Lectüre, und außerdem verwende ich täglich einige Stunden auf die Fortführung meines Tagebuches. Der wenig mittheilsame Ingenieur Falsten ist ganz von seinen Ziffern in Anspruch genommen und entwirft fortwährend Maschinen im Aufriß, wie im Durchschnitte. Wenn es doch dem Himmel gefiele, ihn einen kräftigen Apparat ersinnen zu lassen, der den Chancellor wieder flott zu machen vermöchte! Die beiden Kear halten sich abseits und ersparen uns dadurch das langweilige Anhören ihrer unablässigen Entschädigungsansprüche; leider ist auch Miß Herbey genöthigt, an der Seite Jener zu verbleiben, und sehen wir das junge Mädchen sehr wenig oder gar nicht. Silas Huntly bekümmert sich um nichts, was auf das Schiff Bezug hat, der Seemann in ihm ist gestorben und der Mann vegetirt nur noch mühsam. Der Steward Hobbart versieht seinen Dienst, wie gewöhnlich, als befinde sich das Schiff auf der regelmäßigsten Ueberfahrt. Dieser Hobbart ist ein unterwürfiger Kriecher und unterscheidet sich sehr auffallend von seinem Koch Jynxtrop, einem häßlichen Neger mit brutalen und unverschämten Manieren, der sich mehr als nöthig zu den Matrosen hält.

Zerstreuungen können an Bord natürlich nicht allzu häufig sein. Da kommt mir zum Glück der Gedanke, das unbekannte Riff, auf dem der Chancellor gestrandet ist, näher zu untersuchen. Der Ausflug wird weder weit sein, noch besondere Abwechselungen bieten, doch giebt er Gelegenheit, das Schiff auf einige Stunden zu verlassen und einen Boden zu untersuchen, der einen interessanten Ursprung haben muß.

Uebrigens ist es von Wichtigkeit, daß der Plan dieses Riffes, das man noch auf keiner Karte verzeichnet findet, sorgfältig aufgenommen wird. Ich glaube mit den Herren Letourneur diese hydrographische Arbeit ausführen zu können, wobei wir dem Kapitän Kurtis natürlich die Sorge überlassen, sie durch genaue Aufnahme der geographischen Länge und Breite zu vervollständigen. Die Herren Letourneur stimmen meinem Vorschlage bei. Ein Boot nebst Tiefloth wird uns zur Verfügung gestellt, dazu ein Matrose zur Leitung desselben, und am Morgen des 31. Octobers verlassen wir den Chancellor.

XVIII.


XVIII.

Vom 31. Oktober bis 5. November. – Wir haben damit begonnen, das Riff, dessen Länge eine Viertelmeile betragen mag, zu umfahren.

Diese kleine »Umschiffung« ist bald beendigt, und wir bestätigen, die Sonde in der Hand, daß die Ränder des Gesteins unter Wasser sehr steil abfallen. Das Meer zeigt sich noch ganz nahe daran sehr tief, und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß eine auf plutonische Kräfte zurückzuführende plötzliche Erhebung, ein heftiger Druck von unten, das Riff über die Meeresfläche gedrängt haben.

Auch über den rein vulkanischen Ursprung des ganzen Eilandes ist gar nicht zu streiten. Durchweg besteht es aus ungeheuren Basaltblöcken, deren regelmäßige Prismen ihm das Aussehen einer gigantischen Krystallisation verleihen. Das Meer ist rund um den Rand des Riffes ganz wunderbar durchsichtig, und läßt die sonderbaren Bündel prismatischer Schafte erkennen, welche den merkwürdigen Bau tragen.

»Das ist ein eigenthümliches Gebilde, bemerkt Mr. Letourneur, und gewiß neueren Ursprungs.

– Ohne Zweifel, Vater, antwortet der junge André, und ich füge noch hinzu, daß es dieselbe Ursache, welcher z. B. die Insel Julia an der Küste Siciliens und die Insel Santorin im griechischen Archipel ihre Entstehung verdanken, gewesen ist, die dieses Eiland zur gelegenen Zeit erschuf, um den Chancellor darauf stranden zu lassen!

– Eine Bodenerhebung in diesem Theile des Atlantischen Oceans, bestätige ich, muß nothwendig stattgefunden haben, da dieses Riff auch auf den neuesten Karten sich nicht verzeichnet findet, und schwerlich konnte es doch den Augen der Seeleute in dieser vielbefahrenen Gegend des Oceanes bis jetzt entgehen. Wir wollen es deshalb sorgfältig untersuchen und zur Kenntniß der Seefahrer bringen.

– Wer weiß, ob es nicht in Folge eines ähnlichen Processes, wie dessen, der es erhob, nicht auch bald wieder verschwinden wird? antwortet Andre Letourneur. Sie wissen, Mr. Kazallon, daß solche vulkanische Inseln häufig nur von ganz ephemerem Bestande sind, und wenn die Geographen diese hier in ihre Karten eingetragen haben, existirt sie vielleicht schon nicht mehr.

– Das thut Nichts, liebes Kind, wendet Mr. Letourneur ein. Es ist besser, vor einer nicht mehr vorhandenen Gefahr zu warnen, als eine tatsächlich bestehende geringschätzig zu übergehen, und die Seeleute werden sich deshalb nicht zu beklagen haben, wenn sie ein Riff auch nicht mehr da antreffen, wo wir ein solches fanden.

– Du hast recht, mein Vater, erwidert André, nach Allem ist es ja auch möglich, daß ihm eine ebenso lange Dauer bestimmt ist, wie unseren Continenten. Wenn es aber verschwinden soll, so würde es Kapitän Kurtis gewiß gern sehen, daß es nach einigen Tagen, wenn er seine Havarien ausgebessert hat, geschähe, denn das würde ihm die Mühe ersparen, sein Schiff wieder flott zu machen.

– Wahrlich, André, rief ich da scherzend, sie wollen wohl mit der Natur ganz nach eigenem Gutdünken schalten und walten! Sie verlangen, daß jene ein Riff ganz nach Ihrem Willen hebe oder senke, so ganz nach Ihrem höchsteigenen persönlichen Bedürfnisse, und nachdem sie diese Felskanten ganz speciell geschaffen hat, um den brennenden Chancellor löschen zu können, mag sie dieselben, nur auf die Berührung Ihrer Wünschelruthe, wieder versenken, um denselben wieder frei zu machen?

– Nein, nein, Mr. Kazallon, erwidert der junge Mann lächelnd, ich will gar nichts, als Gott danken, daß er uns so sichtbar beschützt hat. Er hat unser Fahrzeug auf dieses Riff werfen wollen und er wird es schon wieder schwimmen lassen, wenn die Zeit dazu gekommen ist.

– Und wir werden dazu mit allen Kräften helfen, nicht wahr, meine Freunde?

– Gewiß, Mr. Kazallon, erwidert Mr. Letourneur, denn es ist eine unabweisliche Pflicht, sich selbst zu helfen; dennoch thut André sehr recht daran, sein Vertrauen auf Gott zu setzen. Wenn sich der Mensch auf das Meer hinauswagt, so wendet er die ihm von Natur verliehenen Fähigkeiten in weitestem Umfange an; auf dem grenzenlosen Oceane fühlt er aber auch, wenn die Elemente sich entfesseln, wie zerbrechlich das Fahrzeug, das ihn trägt, wie schwach und ohnmächtig er selbst ist! Deshalb meine ich, sollte die Devise des Seemanns lauten: Vertrauen zu sich selbst und Glauben an Gott!

– Wie wahr ist das, Mr. Letourneur, habe ich geantwortet. Auch glaube ich, es wird nur wenig Seeleute geben, deren Herzen religiösen Eindrücken hartnäckig verschlossen sind!«

Also sprechend untersuchen wir die Felsmassen, welche die Basis des Eilandes bilden, mit aller Sorgfalt, und überzeugen uns immer mehr von dessen ganz neuerlichem Ursprunge. Nirgends findet sich eine Muschel oder ein Barecbüschel an die Basaltwände geheftet. Ein Liebhaber der Naturkunde möchte bei der Durchsuchung dieser Steinhaufen schwerlich auf seine Kosten kommen, hier, wo weder Thier- noch Pflanzenreich ihren Stempel aufgedrückt haben. Schalthiere fehlen ebenso vollständig wie Wasserpflanzen. Noch hat der Wind kein Samenkörnchen hierher geweht und haben die Seevögel hier kein Obdach gesucht. Dem Geologen allein böte sich vielleicht Stoff zu interessanten Forschungen über dieses basaltische Gebilde, welches die Spuren seines plutonischen Herkommens noch unverwischt an der Stirn trägt.

Eben jetzt erreicht unser Canot die Südspitze des Eilandes, neben der der Chancellor aufgefahren ist. Ich schlage meinen Begleitern vor, an’s Land zu gehen, sie gehen mit großem Vergnügen darauf ein.

»Im Fall das Eiland wieder untergehen sollte, sagt der junge André lachend, müssen ihm menschliche Wesen wenigstens einen Besuch abgestattet haben!«

Das Canot landet, und wir betreten den Basaltfelsen. André geht bei dem ziemlich bequem zu ersteigenden Steinboden voraus; der junge Mann braucht keinen Arm, der ihn stützte. Sein Vater bleibt etwas hinter ihm, in meiner Nähe, zurück, und so ersteigen wir das Riff auf einem sanften Abhange, der zu seinem Gipfel empor führt.

In einer Viertelstunde legen wir die Entfernung bis dahin zurück und setzen uns alle Drei auf eine Basaltsäule, welche den höchsten Felsen des Eilands krönt. André Letourneur zieht dann ein Notizbuch aus der Tasche und beginnt, das Riff, dessen Ränder sich von dem grünlichen Wasser deutlich vor unseren Augen abheben, sorgsam abzuzeichnen.

Der Himmel ist rein, und das jetzt niedrige Meer entblößt auch die letzten Felsenvorsprünge im Süden, welche eine schmale Straße zwischen sich lassen, die der Chancellor vor dem Auffahren passirt hat.

Die Gestalt des ganzen Riffs erscheint sehr eigenthümlich und erinnert lebhaft an die eines »Yorker Schinkens«, dessen mittlerer Theil bis zu der Höhe anschwillt, die wir jetzt einnehmen.

Nachdem André die Umrisse des Eilandes zu Papier gebracht hat, sagt sein Vater:

»Du zeichnest ja da einen Schinken, mein Kind!

– Ja wohl, Vater, aber einen Schinken von Basalt, dessen Größe wohl auch einen Riesen zufrieden stellen würde, und wenn Kapitän Kurtis zustimmt, werden wir das Riff »Ham-Rock« (d. i. Schinken-Stein) taufen.

– Herrlich, rufe ich, ein gut erfundener Name! Das Schinkenstein-Riff! Mögen sich ihm die Seefahrer immer in respektvoller Entfernung halten, denn sie haben die Zähne nicht hart genug, dasselbe anzubeißen!«

An der Südspitze des Eilandes ist der Chancellor aufgefahren, d. h. auf dem Knochen oder Stiel des Schinkens und in der kleinen Ausbuchtung, welche seine Biegung bildet. Er neigt gerade jetzt sehr stark nach Steuerbord, da es eben tiefe Ebbe ist.

Nach Vollendung der Skizze durch André Letourneur steigen wir über eine andere schiefe, nach Westen zu abfallende Ebene wieder herab und treffen bald auf eine hübsche, niedliche Grotte. Zuerst möchte man sie für ein Werk der Architektur halten, und ähnelt sie sehr den von der Natur in den Hebriden geschaffenen, und speciell der Grotte auf der Insel Staffa. Die Herren Letourneur, welche die Fingalshöhle besucht haben, wollen diese, wenn auch in kleinerem Maßstabe, hier vollständig wieder finden; hier zeigt sich dieselbe Anordnung concentrischer Prismen, welche von der Art der Erstarrung des Basaltes herrührt; dieselbe Decke schwarzer Balken, deren Fugen mit einer gelblichen Masse verkittet erscheinen; dieselbe Reinheit der Krystallkanten, wie sie der Meißel eines Bildhauers nicht sauberer herzustellen vermöchte, endlich dasselbe Klingen in den tönenden Basalten, aus denen die gaëlische Volkssage Harfen der Schatten Fingal’s gemacht hat. Auf Staffa bildet aber das Meer den Boden der Höhle, der hier nur von hohen Wogen erreicht werden kann, wo eine Schicht von Basaltschaften einen festen Grund darstellt.

»Uebrigens, bemerkt André Letourneur, ist die Grotte auf Staffa eine ungeheure gothische Kathedrale, diese hier aber nur eine Capelle zu jener. Wer hätte jedoch ein solches Wunder auf einem unbekannten Riffe des Oceans zu finden erwartet?«

Nach einstündigem Ausruhen in der Ham-Rock-Grotte gehen wir längs dem Ufer des Eilandes hin und kommen nach dem Chancellor zurück. Robert Kurtis wird von den Resultaten unseres Ausfluges in Kenntniß gesetzt und verzeichnet auf der Karte das Eiland unter dem ihm von André Letourneur beigelegten Namen.

Die folgenden Tage haben wir niemals versäumt, einen Spaziergang nach der Ham-Rock-Grotte zu machen, in der wir so manche Stunde verbringen. Auch Robert Kurtis besuchte sie, doch ist er jetzt mit hunderterlei anderen Dingen zu sehr beschäftigt, um zur Bewunderung der Natur gestimmt zu sein. Falsten begab sich nur einmal dahin, um die Natur des Gesteins kennen zu lernen, und mit der für Schönheiten an sich unempfindlichen Ruhe des Geologen einige Brocken loszubrechen. Mr. Kear hat sich darum nicht incommodiren wollen, er ist an Bord geblieben. Der Mrs. Kear habe ich das Anerbieten gemacht, uns bei einer solchen Excursion zu begleiten, aber die Unannehmlichkeit, sich nach dem Boote zu begeben und vielleicht einiger Anstrengung ausgesetzt zu sein, hat sie veranlaßt, es abzuschlagen.

Mr. Letourneur hat auch Miß Herbey gefragt, ob sie Lust habe, das Riff zu besuchen. Das junge Mädchen glaubte dazu Ja sagen zu dürfen, glücklich, der launischen Tyrannei ihrer Herrin, wenn auch nur auf eine kurze Stunde, zu entfliehen. Als sie aber Mrs. Kear um die Erlaubniß bittet, das Schiff verlassen zu dürfen, schlägt diese es ihr rundweg ab.

Mich ärgert das, und ich lege bei Mrs. Kear ein Wort für Miß Herbey ein. Ich habe zwar meine Noth mit Jener, da ich aber früher schon Gelegenheit hatte, der Egoistin einige Dienste zu leisten, und sie nicht weiß, ob sie meiner vielleicht später wieder bedarf, so giebt sie endlich meinen Bitten nach.

Miß Herbey begleitet uns also nun mehrere Male beim Spaziergange über die Felsen. Oefter fischen wir auch am Ufer des Eilandes und verzehren heiter ein Frühstück in der Grotte, wozu die Basaltharfen im Winde tönen. Wir sind selbst ganz beglückt über das Vergnügen Miß Herbey’s, sich einige Stunden frei zu fühlen. Das Eiland ist gewiß nur klein, aber niemals ist dem jungen Mädchen Etwas in der Welt größer erschienen. Auch wir lieben dieses dürre, trostlose Riff, und bald giebt es keinen Stein mehr, den wir nicht kennten, keinen Pfad, den wir nicht fröhlich gewandelt wären. Gegen den Chancellor gehalten, ist es immer ein großes Gebiet, und ich weiß bestimmt, daß wir es zur Stunde der Abfahrt nur ungern verlassen werden.

Bezüglich der Insel Staffa theilt uns André Letourneur noch mit, daß sie der Familie Mac-Donald gehöre, welche sie für den jährlichen Zins von zwölf Pfund Sterling verpachtet hat.

»Nun, meine Herren, begann darauf Miß Herbey, glauben Sie, daß man für diese hier mehr als eine halbe Krone verlangen würde?

– Keinen Pfennig, Miß, antwortete ich lachend. Hätten Sie Lust, dieselbe in Pacht zu nehmen?

– Nein, Mr. Kazallon, erwidert das junge Mädchen mit einem unterdrückten Seufzer, und doch ist hier vielleicht der einzige Ort, an dem ich glücklich gewesen bin!

– Und ich auch!« sagt halblaut André.

Welch heimliches Leiden spricht aus dieser Antwort Miß Herbey’s! Das junge Mädchen in ihrer Armuth, ohne Eltern oder Freunde hat noch nirgends ein Glück – das Glück einiger flüchtiger Minuten – gefunden, als auf einem unbekannten Felsen des Atlantischen Oceans!

XIX.


XIX.

Vom 6. bis 15. November. – Während der fünf ersten Tage nach der Strandung sind dem Kielraum des Chancellor stets dicke, beißende Dämpfe entströmt; dann haben sie sich nach und nach vermindert und am 6. November kann man die Feuersbrunst als erloschen ansehen. Aus Fürsorge aber läßt Robert Kurtis die Pumpen noch fortarbeiten, so daß der Schiffsrumpf jetzt bis zum Zwischendeck mit Wasser gefüllt ist. Nur zur Zeit der Ebbe sinkt das Wasser im Raum, und stellen sich die Oberflächen im Inneren und Aeußeren auf gleiches Niveau.

»Es beweist das, sagt Robert Kurtis zu mir, daß der Leck ein ziemlich beträchtlicher sein muß, da das Wasser mit solcher Schnelligkeit nachsinkt.«

Wirklich beträgt die Oberfläche der Oeffnung im Rumpfe nicht weniger als vier Quadratfuß. Einer der Matrosen, Flaypol, ist in’s Meer getaucht und hat die Stelle und Ausdehnung der Havarie untersucht. Die Eintrittsöffnung des Wassers befindet sich etwa dreißig Fuß vom Steuer nach vorn zu; es sind drei Planken durch eine Felsenspitze eingedrückt, und zwar zwei Fuß über der Kielfuge. Der Anprall muß ein sehr starker gewesen sein, denn das Fahrzeug war schwer beladen und das Meer ging hoch. Fast möchte man bewundern, daß der Rumpf sich nicht an noch mehr Stellen geöffnet hat.

Ob der Leck leicht zu stopfen sein wird, läßt sich erst dann beurtheilen, wenn die Ladung entweder entfernt oder doch weggeräumt ist, so daß der Zimmermann denselben erreichen kann. Zwei Tage dürfen indeß noch vergehen, um in den Raum des Chancellor eindringen zu können und diejenigen Baumwollenballen zu entfernen, welche das Feuer noch unversehrt gelassen hat.

Während dieser Zeit bleibt Robert Kurtis nicht müßig, und es werden, unter thatkräftiger Unterstützung der Mannschaft, sehr wichtige Arbeiten ausgeführt. So läßt der Kapitän den Besanmast, der beim Auffahren abgebrochen war, wieder herstellen, da es gelungen ist, denselben mit seinem ganzen Takelwerk anzuholen. Mittels starker Stützbalken am Hintertheile gelangt man dazu, ihn auf seinen früheren Stumpf wieder aufzusetzen, nachdem der Zimmermann diesen mit Zapfenlöchern versehen hat. Angelegte Wangen, welche durch eiserne Bänder und tüchtige Bolzen gehalten sind, sichern die Verbindung der beiden Bruchstücke.

Nachdem das geschehen, mustert man sorgfältig die Strickleitern und das Tauwerk, prüft die Stagen, wechselt einige Segel aus, ordnet die laufenden Seile, und so dürfen wir hoffen, mit aller Sicherheit segeln zu können.

Am Vorder- und Hintertheile des Schiffes giebt es viel Arbeit, denn das Oberdeck und die Mannschaftskajüte sind von den Flammen arg mitgenommen. Es ergiebt sich also die Nothwendigkeit, Alles wieder in Stand zu setzen, was natürlich einige Zeit und Mühe erfordert. An Zeit fehlt es nicht, an Mühe spart man nicht, und bald können wir in unsere Cabinen zurückkehren.

Erst am 8. kann die Entladung des Chancellor mit Aussicht auf Erfolg begonnen werden. Da die Baumwollenballen von dem Wasser, das bei der Fluth den ganzen Kielraum erfüllt, durchnäßt sind, bringt man über den Deckluken Krahnen an, und wir gehen der Mannschaft mit zur Hand, die schweren Ballen herauf zu winden, die sich zum größten Theile zerstört zeigen. Einer nach dem anderen wird auf die Jolle verladen und nach dem Riff geschafft.

Nach Löschung der obersten Schicht des Cargo wird es nothwendig, das Wasser aus dem Raume mindestens zum Theil auszupumpen. Das erfordert aber einen möglichst guten Verschluß des Leckes, welchen der Felsen in den Rumpf gestoßen hat. Eine schwere Arbeit; doch der Matrose Flaypol und der Hochbootsmann unternehmen diese mit dem lobenswerthesten Eifer. Zur Zeit der Ebbe ist es ihnen geglückt, unter die Steuerbordseite zu tauchen, und eine Kupferplatte über die Oeffnung zu nageln; da dieses Blech aber dem Drucke von außen schwerlich Widerstand zu leisten im Stande sein kann, wenn sich in Folge des Pumpens das Niveau im Inneren senkt, so versucht Robert Kurtis dasselbe durch Baumwollenballen, welche gegen die eingedrückten Planken gepreßt werden, zu unterstützen. Material ist ja genug vorhanden, und bald ist der Grund des Chancellor wie gepolstert mit jenen schweren und undurchdringlichen Ballen, welche die Widerstandsfähigkeit des Kupferbleches erhöhen sollen.

Das Verfahren des Kapitäns hatte den gewünschten Erfolg. Man erkennt es deutlich, seitdem die Pumpen in Thätigkeit sind, denn das Wasserniveau im Raume sinkt immer mehr, und die Leute setzen die Entladung rüstig fort.

»Es wird nun wahrscheinlich, sagt Robert Kurtis zu uns, daß wir bis zu der Havarie hinunter gelangen und sie vom Inneren aus wieder ausbessern können. Freilich wäre es gerathener, das Schiff zu kielholen, doch fehlen mir dazu die Hilfsmittel gänzlich. Ich würde mich davon auch durch die Befürchtung abhalten lassen, daß schlechtes Wetter einträte, während das Schiff auf der Seite läge. Nichts destoweniger glaube ich Ihnen versichern zu können, daß der Zugang des Wassers auf geeignete Weise verschlossen werden wird, und daß wir in nicht zu ferner Zeit und unter Verhältnissen, welche eine genügende Sicherheit garantiren, nach der nächsten Küste absegeln können.«

Nach zweitägiger Arbeit war das Wasser zum größten Theile ausgepumpt, und die Entladung der letzten Ballen des Cargo ging ohne Schwierigkeit von statten. Auch wir haben bei den Pumpen jetzt mit Hand anlegen müssen, um die Mannschaft abzulösen, und haben das gewissenhaft gethan. Trotz seiner Schwäche hat sich auch André Letourneur uns angeschlossen, und Jeder erfüllt seine Pflicht nach besten Kräften.

Doch das war eine anstrengende Arbeit; wir vermochten sie nicht lange fortzusetzen, ohne einmal auszuruhen. Die fortwährende auf- und abgehende Bewegung brach uns fast die Arme, und ich begreife recht wohl, daß die Matrosen sich gern von ihr wegzustehlen suchen. Wir befinden uns dabei noch unter günstigen Verhältnissen, da das Schiff auf festem Grunde liegt und unter unseren Füßen kein Abgrund gähnt. Wir vertheidigen jetzt nicht unser Leben gegen das anstürmende Meer und bekämpfen kein Wasser, welches ebenso wie es ausgeschöpft wird, immer wieder nachdringt! Gebe der Himmel, daß wir nie auf einem sinkenden Schiffe eine solche Prüfung auszuhalten haben.

XX.


XX.

Vom 15. bis 20. November. – Heute endlich hat man den Schiffsraum eingehender untersuchen können; endlich ist das Colli mit dem Pikrat ganz hinten an einer Stelle aufgefunden worden, welche das Feuer glücklicher Weise nicht erreicht hat. Das Colli zeigt sich unversehrt, nicht einmal durch das Wasser hat sein Inhalt Schaden genommen, und man bringt es an einem sicheren Platze an der Spitze des Eilandes unter. Warum es nicht sofort in’s Meer geworfen wurde? – Ich weiß es nicht; mit einem Worte; es ist nicht geschehen.

Robert Kurtis und Daoulas haben gelegentlich ihrer Untersuchung das Deck und seine Tragbalken minder zerstört gefunden, als man erwartete. Die intensive Hitze, der sie ausgesetzt gewesen sind, hat sie zwar verzogen, ohne sie tief anzunagen, und scheint sich die Wirkung des Feuers mehr gegen die Seiten des Schiffsrumpfes geäußert zu haben.

Wirklich sind die Weger auf eine große Strecke hin von den Flammen verzehrt; da und dort ragen die Köpfe verkohlter Holzpflöcke hervor, und leider ist das ganze Rippenwerk sehr tiefgehend ergriffen worden. Das Werg an den Stoßverbindungen und in den Fugen muß bald verbrannt gewesen sein, und man darf es als ein reines Wunder betrachten, daß das Fahrzeug sich nicht schon längst geöffnet hat.

Man muß zugeben, daß das mißliche Umstände sind. Die Beschädigungen sind thatsächlich so ernster Natur, daß Robert Kurtis, wenn er sich jetzt auf einer Insel und nicht auf einem, jeden Augenblick dem Wogenschwalle preisgegebenen Riffe befände, gar nicht zögern würde, das ganze Schiff zu demoliren, und daraus ein kleineres, aber verläßlicheres zu erbauen.

Robert Kurtis ist sich jedoch über die Situation völlig klar; er läßt uns Alle, Mannschaften und Passagiere, auf dem Deck des Chancellor zusammentreten.

»Meine Freunde, beginnt er, unsere Havarieen erweisen sich weit bedeutender, als sie vorher angenommen wurden, und ist der Rumpf des Schiffes ganz besonders schwer betroffen. Da uns einerseits jedes Mittel abgeht, jenen wieder zu repariren, und wir andererseits auf diesem Eilande, nur abhängig von der Gnade des Windes, keine Zeit haben, ein anderes Fahrzeug zu erbauen, so geht mein Vorschlag dahin: wir verstopfen den Leck so gut als nur möglich, und suchen den nächsten Hafen zu erreichen. Wir sind nur achthundert Meilen von der Küste von Paramaribo, das den nördlichen Theil des holländischen Guyana bildet, entfernt und können dort bei einigermaßen günstigem Winde schon in zehn bis zwölf Tagen eine Zuflucht finden!«

Wirklich war ja nichts Anderes zu thun; so wurde denn Robert Kurtis‘ Vorschlag einstimmig gebilligt.

Daoulas und seine Gehilfen bemühen sich nun, das Leck auch von Innen her zu verschließen, und verstärken die angekohlten Rippenpaare auf’s Beste. Trotz alledem leuchtet es ein, daß der Chancellor für eine längere Fahrt die nöthige Sicherheit nicht bietet und da er im ersten besten Hafen, den er anläuft, condemnirt werden wird.

Der Zimmermann kalfatert auch die äußeren Fugen der Verplankung, soweit diese während der Ebbe bloß gelegt wird; denjenigen Theil aber, der auch zu dieser Zeit unter Wasser bleibt, kann er nicht untersuchen und muß sich begnügen, denselben inwendig möglichst auszubessern.

Diese verschiedenen Arbeiten dauern bis zum 20. November; nun, nachdem man alles Mögliche gethan hat, das Schiff wieder in Stand zu setzen, beschließt Robert Kurtis, es wieder in tieferes Wasser zu bringen.

Es versteht sich von selbst, daß der Chancellor, seit der Entfernung der Frachtgüter und des Wassers aus dem Raume selbst, vor Eintritt der vollen Fluth sich schwimmend erhielt. Da man die Vorsicht gebraucht hatte, ihn an beiden Enden zu verankern, so wurde er nicht weiter auf die Klippe gehoben, sondern verblieb in dem kleinen natürlichen Bassin, das zur Rechten und zur Linken von Felsen begrenzt ist, die sich auch während des höchsten Standes der Fluth nicht mit Wasser bedecken. Das Bassin erweist sich auch geräumig genug, um das Schiff zu wenden, was mit Hilfe starker Taue leicht ausgeführt wird, so daß sein Vordertheil jetzt nach Süden zu gekehrt ist. Es erscheint demnach gar nicht so schwierig, den Chancellor ganz frei zu machen, entweder durch Aufhissen der Segel, wenn der Wind dazu günstig wäre, oder durch Schleppen desselben durch die Einfahrtsöffnung bei conträrer Luftströmung. Der Ausführung dieses Vorhabens stellen sich freilich Hindernisse anderer Art entgegen, die dabei zu überwinden sind.

Der Eingang der Durchfahrt ist nämlich durch eine quer vorliegende Basaltbarriere verschlossen, welche auch beim höchsten Stande der Fluth kaum so hoch mit Wasser überdeckt ist, als es der Tiefgang des Chancellor, trotz der möglichsten Entlastung desselben, erfordert. Wenn er vor seiner Strandung dennoch über diesen Felsengrath hinweg gekommen ist, so erklärt sich das, ich wiederhole es, dadurch, daß er von einer gewaltigen Welle emporgehoben und in das Bassin hinein geworfen wurde. Dazu kommt noch, daß an jenem Tage nicht die gewöhnliche beim Neumond eintretende, sondern die stärkste Hochfluth des Jahres war, und dauert es einige Monate, bis sich eine so hohe äquinoctiale Springfluth wiederholt.

Nun leuchtet es aber ein, daß Robert Kurtis nicht mehrere Monate lang warten kann. Heute ist Syzygien-Springfluth; er muß diese benutzen, um sein Schiff zu befreien; gelangt es erst bis über das Bassin hinaus, so soll es auf’s Neue so weit belastet werden, um Segel tragen und Fahrt machen zu können.

Glücklicher Weise weht ein erwünschter Nordostwind in der Richtung der Durchfahrt. Der Kapitän ist aber mit Recht zu vorsichtig, mit vollen Segeln gegen ein Hinderniß anzufahren, das ihn doch vielleicht aufhalten konnte, noch dazu mit einem Fahrzeuge, dessen Haltbarkeit jetzt so fraglich geworden ist. Nach einer Berathung mit dem Lieutenant Walter und dem Hochbootsmann entscheidet er sich dahin, den Chancellor zu schleppen. In Folge dessen wird unter seinem Hintertheile ein Anker eingelegt, um für den Fall des Mißlingens der Operation das Schiff nach dem Ankerplatze zurückwinden zu können. Zwei weitere Anker werden außerhalb der kaum zweihundert Fuß langen Durchfahrt auf den Grund gelassen. Die Ketten derselben legt man an die Spille, die Mannschaften begaben sich an die Drehbalken derselben und um vier Uhr Nachmittags setzt sich der Chancellor in Bewegung.

Um vier Uhr dreiundvierzig Minuten muß die Fluth am höchsten sein. Schon zehn Minuten vorher ist das Schiff so weit angeholt, als es sein Tiefgang gestattet; bald aber streifte der vordere Theil des Kiels die Felskante und mußte es anhalten.

Jetzt, wo der Vorderstern schon über das Hinderniß hinweg ist, hat Robert Kurtis keine Ursache mehr, die Kraft des Windes nicht der mechanischen Wirkung der Spille beizugesellen; man entfaltet also möglichst viele Segel und stellt sie rechtwinkelig gegen den Wind.

Jetzt gilt es! Die Fluth steht. Passagiere und Matrosen sind an den Balken der Spille. Robert Kurtis befindet sich auf dem Oberdeck zur Beobachtung der Segel, der Lieutenant auf dem Vordercastell, der Hochbootsmann am Steuer.

Der Chancellor erzittert von einigen Stößen, und ein wenig hebt ihn auch das zum Glücke ruhige Meer.

»Nun vorwärts, meine Freunde, ruft Robert Kurtis mit seiner ruhigen, Vertrauen erweckenden Stimme, jetzt mit vereinten Kräften – los!«

Die Balken der Spille werden in Bewegung gesetzt, daß das Holz ächzt, die angezogenen Ketten scharren und klirren in den Klüsen. Da erhebt sich etwas Wind, und weil das Schiff ihm nicht nachgeben und sich fortbewegen kann, biegen sich die Masten unter seinem Drucke. Wir gewinnen gegen zwanzig Fuß. Ein Matrose stimmt eines jener monotonen Lieder an, deren Rhythmus die Gleichzeitigkeit der Bewegungen sichert. Wir verdoppeln unsere Anstrengungen, der Chancellor erzittert …

Vergeblich; das Meer sinkt schon wieder. Wir kommen nicht hindurch.

Auf der schmalen Felskante kann aber das Schiff unmöglich gelassen werden, da es bei voller Ebbe zerbrechen müßte. Auf Befehl des Kapitäns werden die Segel schleunigst wieder eingezogen und der hinter uns versenkte Anker soll nun in Anspruch genommen werden. Kein Augenblick ist jetzt zu verlieren. Man dreht rückwärts, es sind Augenblicke der entsetzlichsten Angst … Doch, der Chancellor gleitet auf dem Kiele und gelangt in das Bassin, jetzt sein Gefängniß, zurück.

»Nun, Kapitän, fragt da der Hochbootsmann, wie werden wir durchkommen?

– Ich weiß es noch nicht, antwortet Robert Kurtis, aber wir müssen hindurch.«

III.


III.

Am 29. September. – Das Connossament des Kapitän Huntly, d. h. die Acte, in welcher die im Chancellor verladenen Waaren aufgeführt und die Frachtbedingungen festgestellt sind, lautet wörtlich folgendermaßen:

»Herren Bronsfield u. Co., Commissionäre, Charleston.

»Ich, John Silas Huntly aus Dundee (Schottland), Commandant des Schiffes Chancellor, neunhundert Tonnen Last, gegenwärtig in Charleston, um mit dem ersten günstigen Winde auf kürzestem Wege und unter dem Schutze Gottes abzufahren und bis vor die Stadt Liverpool zu segeln, – bekenne hiermit von den Herren Bronsfield u. Co., Handelscommissionären in Charleston, unter das sonst leere Oberdeck des erwähnten Schiffes siebenzehnhundert Ballen Baumwolle im Werthe von 26.000 Pfd. Sterl., Alles in gutem Zustande, markirt und numerirt laut Buch, angeliefert erhalten zu haben, welche Waaren ich, abgesehen von den Gefahren und Zufällen des Meeres, in bestem Zustande in Liverpool an die Herren Gebr. Leard oder deren Ordre abliefern und mich für meine Frachtspesen mit 2000 Pfd. Sterl., nicht mehr, laut Charterbrief bezahlt machen werde; Havarieschäden nach Seegebrauch und Herkommen. Zur Bekräftigung dieses habe ich verpflichtet und verpflichte hiermit meine Person, mein Vermögen und das genannte Fahrzeug mit allem Zubehör.

»Zu dem Zwecke habe ich drei gleichlautende Connossamente unterzeichnet und sollen nach Erledigung eines derselben die anderen null und nichtig sein.

»Geschehen zu Charleston, am 13. Sept. 1869. J. S. Huntly.«

Der Chancellor führt also 1700 Ballen Baumwolle nach Liverpool. Absender: Bronsfield & Co. in Charleston. Empfänger: Gebrüder Leard in Liverpool.

Da das Schiff eigens zum Baumwollentransport eingerichtet ist, so wurde die Ladung mit größter Sorgfalt verstaut. Bis auf einen kleinen für das Passagiergepäck freigelassenen Theil nehmen jene Ballen den ganzen Schiffsraum ein und bilden, da sie mittels Winden sehr fest verschnürt sind, nur eine äußerst compacte Masse. Kein Eckchen des unteren Raumes ist auf diese Weise unbenutzbar geblieben, ein günstiger Umstand für ein Schiff, welches dabei seine volle Waarenladung aufzunehmen vermag.

XIII.


XIII.

Vom 24. bis 29. October. – Während der nun folgenden fünf Tage geht das Meer sehr hohl. Der Chancellor hat es aufgeben müssen, dagegen anzukämpfen, und trotzdem er jetzt mit dem Winde und den Wellen geht, wird er doch ganz außerordentlich umhergeworfen. Bei dieser Fahrt auf einem Brander ist uns auch kein Augenblick der Ruhe gegönnt. Man betrachtet das Wasser, welches das Schiff umgiebt und anzuziehen scheint, fast mit Vergnügen.

»Warum aber,« habe ich zu Robert Kurtis gesagt, wollen Sie das Verdeck nicht öffnen? Warum keine Tonnen mit Wasser in den Kielraum eingießen? Und wenn das Schiff damit angefüllt würde, was thäte das? Wenn das Feuer gelöscht ist, werden die Pumpen das Wasser ja leicht wieder entfernen.

– Mr. Kazallon, antwortet mir Robert Kurtis, ich habe Ihnen schon gesagt und wiederhole es Ihnen, wenn wir der Luft einen auch noch so geringen Zutritt gestatten, so wird das Feuer sich sofort durch das ganze Schiff verbreiten und die Flammen werden dasselbe vom Kiel bis zu den Mastspitzen ergreifen. Wir sind zur Untäthigkeit verurtheilt und befinden uns unter Verhältnissen, in denen man den Muth haben muß, Nichts zu thun!«

Ja! Jede Oeffnung hermetisch verschließen, das ist noch immer das einzige Mittel, die Feuersbrunst zu bekämpfen, und das vernachlässigt auch die Mannschaft nicht.

Inzwischen schreitet das Feuer unablässig fort, und vielleicht schneller, als wir es annehmen. Nach und nach ist die Hitze so unleidlich geworden, daß die Passagiere haben auf das Verdeck flüchten müssen und nur die Cabinen im Hintertheil, welche die größeren Fenster im Spiegel haben, sind noch einigermaßen bewohnbar.

Die eine derselben verläßt die Mrs. Kear niemals, die andere hat Robert Kurtis für den Kaufmann Ruby in Beschlag genommen. Ich habe den Unglücklichen mehrmals besucht; er ist vollkommen närrisch geworden und muß gefesselt gehalten werden, um ihn am Zertrümmern der Thür zu hindern. Sonderbar! In seiner Verwirrtheit hat er doch das Gefühl des furchtbarsten Schreckens noch bewahrt und stößt entsetzliche Schreie aus, als leide er wirklich unter schmerzhaften Brandwunden.

Wiederholt habe ich auch dem Ex-Kapitän einen Besuch abgestattet, und fand in ihm einen ruhigen Mann, der ganz vernünftig spricht, nur nicht über sein Geschäft. Ueber letzteres sind ihm nur ganz allgemeine Anschauungen verblieben. Ich erbiete mich, ihn zu pflegen, denn er leidet offenbar; doch er weist es ab, und will seine Cabine auf keinen Fall verlassen. Heute ist der wachthabende Matrose durch den scharfen und ekeln Rauch, der durch die Fensterritzen dringt, von der gewohnten Stelle vertrieben worden. Es steht fest, daß die Feuersbrunst nach dieser Seite fortschreitet, und wenn man das Ohr an die Zwischenwände legt, hört man ein dumpfes Prasseln. Woher nimmt dieses Feuer die Luft zum Brennen? Wo ist die Oeffnung, die jeder Nachforschung entgeht? Die schreckliche Katastrophe kann nunmehr nicht fern sein! Vielleicht handelt es sich nur noch um wenige Tage, vielleicht nur um Stunden, und zum Unglück geht das Meer so hoch, daß man an eine Einschiffung in die Boote gar nicht denken kann.

Auf Befehl Robert Kurtis‘ ist die Zwischenwand nach den Schlafräumen der Mannschaften mit einem nassen Segel belegt worden. Trotz alledem verbreitet sich der Rauch bei einer feuchten und heißen Temperatur, welche die Luft fast unathembar macht.

Zum Glück sind der große und der Besanmast aus Eisen, sonst wären die unteren Theile derselben gewiß schon durchgebrannt, und sie selbst niedergestürzt, wir aber rettungslos verloren.

Robert Kurtis läßt so viel Segel als möglich beisetzen, und der Chancellor läuft bei dem auffrischenden Nordostwinde mit großer Schnelligkeit.

Schon sind seit Ausbruch des Feuers vierzehn Tage vergangen, immer hat dasselbe zugenommen, da wir nicht im Stande waren, es zu beschränken. Der Dienst an Bord wird allmälig sehr beschwerlich. Auf dem Oberdeck, dessen Fußboden mit dem Kielraum nicht in unmittelbarer Verbindung steht, kann man wohl noch einher gehen, auf dem Verdeck bis zum Vorderkastell ist das aber, selbst mit starken Schuhen, fast unmöglich geworden. Das Wasser reicht nicht mehr hin, die Bretter abzukühlen, an denen die Flammen lecken und die sich auf ihren Balken krümmen. Das Harz des Holzes schwitzt um die Aststellen aus, die Fugen öffnen sich und der durch die Hitze geschmolzene Theer läuft in wunderbaren Windungen, je nach der Bewegung des Schiffes, überall umher.

Um das Unheil voll zu machen, springt der Wind plötzlich nach Nordosten um, und weht mit aller Kraft. Es erhebt sich ein wahrhafter Orkan, wie sie in jenen Gegenden nicht selten sind, und verschlägt uns von den Antillen, nach denen wir steuern. Robert Kurtis will erst beizulegen suchen, das Wasser wird aber so schwer, daß der Chancellor seinem Andrängen von der Seite nicht zu widerstehen vermag.

Am 29. erreicht der Sturm seine größte Heftigkeit. In wilder Empörung schäumt der Ocean und die Wellen fluthen über den Chancellor. Ein jetzt in’s Meer gelassenes Boot müßte sofort umschlagen und sinken. Wir haben uns, die Einen auf das Oberdeck, die Anderen auf das Vorderkastell geflüchtet. Keiner spricht ein Wort. Das Colli mit Pikrat kommt uns fast gar nicht mehr in den Sinn. Wir haben dieses »Detail« vergessen, um mit Robert Kurtis zu reden. Ich weiß wirklich nicht, ob die Explosion des Schiffes, die unsere angstvolle Lage auf einmal beendigen würde, nicht zu wünschen wäre. Ich glaube hiermit die Gedanken aller Uebrigen auszusprechen. Wenn dem Menschen eine Gefahr lange Zeit droht, so wünscht er sie endlich wohl herbei, denn die Erwartung einer unvermeidlichen Katastrophe ist stets schlimmer als die Wirklichkeit selbst.

So lange es noch Zeit war, hat Kapitän Kurtis eine gewisse Menge Nahrungsmittel aus der Kombüse, welche man jetzt nicht mehr betreten könnte, herausschaffen lassen. Schon hat die Hitze viel davon verdorben. Doch sind einige Fässer Salzfleisch und Schiffszwieback, ein Tönnchen Branntwein und einige Behälter mit Wasser auf dem Verdeck untergebracht worden, denen man etwas an Decken, Instrumenten, eine Bussole und Segelleinwand hinzufügt, um im Falle der Noth das Fahrzeug unverweilt verlassen zu können.

Um acht Uhr Abends hören wir trotz des tobenden Orkanes ein entsetzliches Geräusch. Die Luken des Decks haben sich unter dem Druck der erhitzten Luft gehoben, und schwarzer Rauch wirbelt aus ihnen empor, so wie der Dampf unter der Platte des Sicherheitsventils an einem Dampfkessel ausströmt.

Die Mannschaft eilt auf Robert Kurtis zu, als erwarte sie seine Befehle. Ein einziger Gedanke erfaßt uns, der, diesen Vulkan, der sich unter unseren Füßen öffnet, zu fliehen!

Robert Kurtis schaut auf den Ocean hinaus, dessen Wogen sich schäumend überstürzen. Der Schaluppe vermag man sich jetzt nicht einmal zu nähern; nur das Boot, welches in den Krahnen an der Steuerbordseite hängt, ist zu erreichen, so wie die kleine Jolle am Hintertheil des Schiffes. Die Matrosen stürzen auf das Boot zu.

»Nein, ruft ihnen Robert Kurtis zu, nein! Das wäre ein zu verwegenes Spiel, sich jetzt dem Meere anzuvertrauen!«

Einige Matrosen, Owen an der Spitze, wollen dennoch halb von Sinnen das Boot in’s Meer herablassen. Da eilt Robert Kurtis nach dem Oberdeck und ergreift eine Axt:

»Dem Ersten, der an die Taue rührt, ruft er, zerspalte ich den Schädel!«

Die Matrosen ziehen sich zurück. Einige klettern in die Maschen der Strickleitern; Andere flüchten bis in die Mastkörbe.

Um elf Uhr hört man im Kielraum heftige Detonationen. Die Zwischenwände springen, und öffnen der heißen Luft und dem Rauche den Weg. Sofort wälzen sich Dampfströme aus der Treppenkappe der Mannschaftskajüte, und eine lange Flamme leckt am Besanmast in die Höhe.

Da tönt ein Schrei. Mrs. Kear verläßt, unterstützt von Miß Herbey, ihre Cabine, welche das Feuer erreicht. Dann erscheint Silas Huntly, das Gesicht von Rauch geschwärzt, und ruhig begiebt er sich, nach einem Gruße gegen Robert Kurtis, nach der Strickleiter des Besanmastes.

Die Erscheinung Silas Huntly’s erinnert mich noch an einen anderen Menschen, der unter dem Oberdeck eingeschlossen geblieben ist, in der Cabine, welche die Flammen in kurzer Zeit verzehren müssen.

Soll man den unglücklichen Ruby umkommen lassen? Ich eile nach der Treppe … da zeigt sich der Irrsinnige, der seine Fesseln gesprengt hat, schon mit verbrannten Haaren und brennenden Kleidern. Ohne einen Schrei auszustoßen, geht er auf dem Verdecke. Ihn brennt es nicht an die Füße. Er stürzt sich in die Rauchwirbel hinein, der Rauch erstickt ihn nicht! Er macht den Eindruck eines menschlichen Salamanders, der durch die Flammen geht! Eine neue Detonation! Die Schaluppe berstet; die Luke in der Mitte fliegt in die Höhe und zerreißt die übergedeckten Segelstücken. Eine Feuergarbe schießt bis zur Hälfte des Hauptmastes empor.

Da stößt der Irrsinnige ein schreckliches Geschrei aus und ruft:

»Das Pikrat! Das Pikrat! Wir fliegen Alle in die Luft! Alle! Alle!«…

Noch ehe es möglich ist, ihn zurück zu halten, springt er durch die Luke in den glühenden Abgrund.