Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Spricht auch des Waldes edles Thier
Sein Recht an in dem Jagdrevier;
Gibt man dem Hirsche Raum und Frist,
Eh‘ springt der Hund, der Bogen zischt: –
Wo, wie den Schleicher Fuchs man schlägt,
Wann man ihn fängt, doch Niemand frägt.
Die Jungfrau vom See.

Nicht leicht findet man die Lager der Eingebornen gleich denen der besser unterrichteten Weißen von bewaffneten Kriegern bewacht. Von dem Nahen jeder Gefahr, während sie noch ferne ist, wohl unterrichtet, bleibt der Indianer im Allgemeinen sicher mit seiner Kenntniß der Zeichen des Waldes und im Vertrauen auf die langen und schwierigen Pfade, die ihn von den gefürchtetsten Gegnern trennen. Der Feind, der durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen Mittel gefunden, die Wachsamkeit der Kundschafter zu täuschen, begegnet in der Nähe ihrer Wohnungen selten Schildwachen, welche Lärm machen könnten. Zudem kannten die den Franzosen befreundeten Stämme das Gewicht des Schlages zu gut, der ihre Feinde eben betroffen hatte, um unmittelbare Gefahr von den Nationen zu fürchten, welche der brittischen Krone unterthan waren.

Als sich daher Duncan und David inmitten der Kinder befanden, welche die bereits erwähnten läppischen Spiele trieben, hatten diese nicht die geringste Kunde von ihrer Annäherung gehabt. Kaum aber waren sie erblickt worden, so erhob die ganze Kinderrotte einstimmig ein gellendes Warnungsgeschrei und verschwand wie durch einen Zauberschlag vor den Augen der Fremden. Die nackten, lohfarbigen Leiber der sich duckenden Unholde gingen zu dieser Tageszeit so ganz in die Farbe des verwitterten Grases über, daß es Anfangs wirklich schien, als ob sie die Erde verschlungen hätte. Als aber die erste Überraschung vorüber war und Duncan genauer hinschaute, begegnete sein Blick überall schwarzen, lebhaft rollenden Augen.

Dieses plötzliche Vorspiel der Ausforschung war für Heyward eben nicht sehr ermuthigend und sagte ihm, was er erst von dem reiferen Urtheile der Männer zu erwarten hätte. Es war ein Augenblick, wo der junge Krieger gerne den Rückweg angetreten hätte; allein jeder Schein von Zögerung wäre zu spät gekommen. Das Geschrei der Kinder hatte ein Dutzend Krieger an die Thür der nächsten Wohnung gezogen, wo sie in einer düstern und wilden Gruppe zusammen blieben und mit ernster Würde die Annäherung der unverhofften Besucher erwarteten.

David, einigermaßen vertraut mit der Scene, schritt mit einer Festigkeit voran, die jedes leichten Hindernisses zu spotten schien, und trat eben in jene Hütte ein. Sie war das Hauptgebäude des Dorfes, obgleich roh aus Rinde und Baumästen errichtet. Innerhalb seiner Wände hielt der Stamm bei seinem zeitigen Aufenthalte an den Gränzen der englischen Provinz seine öffentlichen Versammlungen und Berathungen. Während Duncan zwischen den dunkeln und mächtigen Gestalten der Wilden, die an der Schwelle zusammengedrängt waren, hindurchging, konnte er nur mit Mühe in seiner Miene die nothwendige Unbefangenheit behaupten; in der Ueberzeugung aber, daß sein Leben von seiner Geistesgegenwart abhänge, überließ er sich der Willkühr seines Begleiters, und ihm auf dem Fuße folgend, suchte er auf dem Wege alle Gedanken für das nun Kommende wieder zu sammeln. Sein Blut stockte, als er sich in der unmittelbarsten Berührung mit so wilden und unversöhnlichen Feinden sah; er bemeisterte aber seine Gefühle in so weit, daß er, ohne in seinem Ausdruck eine solche Schwäche zu verrathen, in die Mitte der Hütte gelangte. Nach dem Beispiel des besonnenen Gamut nahm auch er einen Bündel wohlriechenden Buschwerks von einem Haufen in der Ecke der Hütte, und ließ sich schweigend darauf nieder.

Sobald der neue Ankömmling an den beobachtenden Kriegern vorbeigeschritten war, verließen diese den Eingang, stellten sich um ihn her und schienen geduldig den Augenblick zu erwarten, wo die Würde des Fremden ihm zu sprechen gestatten würde. Bei weitem der größte Theil stand in müßiger, träger Stellung an die aufrechten Pfosten gelehnt, die das schwache Gebäude stützten, während drei oder vier der ältesten und ausgezeichnetsten unter den Häuptlingen sich etwas mehr im Vordergrunde niedersetzten.

Eine blendende Fackel brannte, und sandte, wie sie unter der Zugluft hin und herflackerte, ihren röthlichen Schimmer von Gesicht zu Gesicht und von Gestalt zu Gestalt. Duncan benützte ihr Licht, um aus den Mienen seiner Gastfreunde zu erforschen, welcher Empfang seiner wartete. Aber sein Scharfblick half ihm wenig, der wohlüberlegten Hinterlist des Volkes gegenüber, unter dem er sich befand. Die vorne sitzenden Häuptlinge warfen kaum einen Blick auf seine Person, ihre Augen mit einem Ausdruck auf die Erde heftend, den man für Achtung nehmen, aber eben so leicht als Mißtrauen fürchten konnte. Die Männer, welche im Schatten standen, waren weniger zurückhaltend. Duncan begegnete bald ihren forschenden, aber verstohlenen Blicken, wie sie seine Gestalt und seinen Aufzug Zoll für Zoll musterten, und keinen Zug seiner Miene, keine Geberde, keine Linie seiner Malerei, ja seinen Theil seiner Bekleidung unbeachtet und unbeurtheilt ließen

Endlich trat Einer, dessen Haare bereit« mit Grau sich zu mengen begannen, dessen sehnigte Glieder und fester Tritt aber ankündigten, daß er noch allen Ansprüchen des Mannesalters genügen könne, aus dem Dunkel eines Winkels hervor, wohin er sich wahrscheinlich begeben hatte, um ungesehen beobachten zu können, und sprach. Da er aber in der Mundart der Wyandots oder Huronen redete, so blieben seine Worte Heyward unverständlich, schienen aber nach den Geberden, die sie begleiteten, mehr Artigkeit, als Unwillen auszudrücken. Duncan schüttelte den Kopf und bedeutete durch eine Geberde, daß er nicht zu antworten vermöge.

»Spricht Keiner meiner Brüder französisch oder englisch?« fragte er in der ersteren Sprache, von einem Gesicht auf das andere schauend, und in der Hoffnung einem bejahenden Nicken zu begegnen.

Obgleich mehr denn ein Kopf sich wandte, den Sinn seiner Worte zu fassen, so blieben sie doch unbeantwortet.

»Es wäre mir leid,« fuhr Duncan langsam und in dem einfachsten Französisch, dessen er mächtig war, fort, »wenn ich glauben müßte, daß keiner in dieser weisen und tapferen Nation die Sprache des ›großen Monarchen,‹ deren er sich gegen seine Kinder bedient, verstehe. Schwer würde es ihm auf das Herz fallen, müßte er denken, daß seine rothen Krieger ihm so wenig Ehrfurcht bezeigen!«

Eine lange und ängstliche Pause erfolgte, keine Bewegung eines Gliedes, kein Ausdruck eines Auges ließ die Wirkung errathen, die seine Bemerkung hervorgebracht hatte. Duncan, welcher wußte, daß Stillschweigen eine Tugend bei seinen Wirthen hieß, benützte gerne diese Sitte, unterdessen seine Gedanken zu ordnen. Endlich antwortete derselbe Krieger, der sich vorher an ihn gewandt hatte, mit der trockenen Frage in canadischer Mundart:

»Wenn unser großer Vater mit seinem Volke spricht, geschieht es in der Sprache der Huronen?«

»Er kennt keinen Unterschied unter seinen Kindern, mag die Farbe ihrer Haut roth, schwarz oder weiß seyn,« antwortete Duncan, ausweichend, »obgleich er besonderes Wohlgefallen an den Huronen hat!«

»Wie wird er aber sprechen,« fragte der schlaue Häuptling, »wenn die Läufer ihm die Skalpe zählen, die vor fünf Nächten noch auf den Köpfen der Yengeese wuchsen?«

»Sie waren seine Feinde,« sprach Duncan, unwillkürlich schaudernd, »und ohne Zweifel wird er sagen: es ist gut – meine Huronen sind sehr tapfer.«

»Unser Canadavater denkt nicht so. Statt vorwärts zu schauen und seine Indianer zu belohnen, sind seine Augen rückwärts gewendet. Er sieht die todten Yengeese, aber keine Huronen. Was kann dies bedeuten?«

»Ein großer Häuptling, wie er, hat mehr Gedanken als Zungen. Er schaut sich um, zu sehen, ob ihm keine Feinde auf der Fährte seyen.«

»Das Canoe eines todten Kriegers schwimmt nicht mehr auf dem Horican,« entgegnete düster der Wilde. »Seine Ohren sind den Delawaren offen, welche nicht unsere Freunde sind, und sie füllen sie mit Lügen.«

»Es kann nicht seyn. Seht, er hat mich, da mir die Kunst, Kranke zu heilen, eigen ist, geheißen, zu seinen Kindern, den rothen Huronen an den großen Seen zu gehen, um zu fragen, ob welche krank seyen.«

Eine zweite Pause folgte dieser Ankündigung des Berufs, den sich Duncan gegeben hatte. Aller Augen hefteten sich zu gleicher Zeit auf ihn, als wollten sie die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussage erkunden, und mit so kühnem Scharfblick, daß der Gegenstand ihrer Ausforschung zittern mußte. Er wurde jedoch von dem früheren Sprecher wieder beruhigt.

»Bemalen die kunstfertigen Männer in Canada sich die Haut?« fragte der Hurone kaltblütig weiter: »sie rühmten sich doch sonst ihres blassen Gesichtes!«

»Wenn ein Indianerhäuptling zu seinen weißen Vätern kommt,« versetzte Duncan mit großer Festigkeit, »so legt er seine Büffelkleidung ab, um das Hemd zu tragen, das ihm angeboten wird. Meine Brüder haben mir diese Farben gegeben, und ich trage sie.«

Ein halblautes Gemurmel des Beifalls verkündigte, daß diese Artigkeit für den Stamm günstig aufgenommen wurde. Der ältliche Häuptling machte eine Geberde der Zufriedenheit, in welche die meisten seiner Genossen einstimmten, ihre Hand aufreckend und mit einem kurzen Ausrufe des Wohlgefallens. Duncan athmete wieder freier, in der Meinung, das Schwerste sey vorüber, und da er sich bereits auf eine einfache und leicht glaubliche Erzählung zur Stütze seines angeblichen Berufes vorbereitet hatte, so fand seine Hoffnung auf endliches Gelingen neue Nahrung.

Nach einem kurzen Stillschweigen erhob sich ein anderer Krieger, als wollte er seine Gedanken vorher ordnen, um auf die eben gegebene Erklärung des Gastes gebührenden Bescheid zu ertheilen, und schickte sich zum Sprechen an. Schon bewegten sich seine Lippen, da erschollen dumpfe, aber schreckhafte Laute aus dem Walde, denen unmittelbar ein helltönendes, schrilles Geschrei, von solcher Dauer folgte, daß es dem kläglichen langen Geheul eines Wolfes glich. Diese plötzliche und furchtbare Unterbrechung schreckte Duncan von seinem Sitze auf und ließ ihn über dem Eindrucke dieser gräßlichen Töne alles Uebrige vergessen. In demselben Augenblick verließen alle Krieger zumal die Hütte, und die Luft außerhalb erfüllten laute Ausbrüche von Geschrei, die jene schrecklichen, immer noch aus den Blätterhallen des Waldes schallenden Laute beinahe übertönten. Unfähig, sich länger zu halten, eilte auch der Jüngling aus der Hütte und fand sich plötzlich mitten unter einem unordentlichen Haufen, der beinahe Alles, was in den Gränzen des Lagers Leben hatte, in sich schloß. Männer, Weiber und Kinder; Alte, Gebrechliche, Rüstige, Starke – Alles war auf den Beinen: die Einen riefen laut, Andere schlugen wie verrückt vor Freude die Hände zusammen, und Alle drückten ihr wildes Frohlocken über ein unerwartetes Ereigniß aus. Obgleich anfangs wie betäubt von dem Aufruhr, fand Heyward bald in der folgenden Scene alles erklärt.

Der Himmel gab noch hinreichendes Licht, um die helleren Oeffnungen zwischen den Gipfeln der Bäume bemerken zu lassen, wo verschiedene Pfade aus der Lichtung in die Tiefen der Wildniß führten. Auf einem derselben kam eine Reihe von Kriegern aus dem Walde hervor und näherten sich langsam den Wohnungen. Einer der Vordersten trug eine kurze Stange, an welcher, wie man nachher sah, mehrere menschliche Skalpe aufgehängt waren. Die erschütternden Töne, welche Duncan gehört, waren das, was die Weißen nicht ungeeignet das Todesgeschrei nennen, und jede Wiederholung derselben sollte dem Stamme das Schicksal eines Feindes verkünden.

So weit konnte Heyward von seiner Erfahrung Aufschluß erhalten: und da er jetzt wußte, daß die unerwartete Rückkehr aus einem glücklichen Kriegszuge Ursache der Unterbrechung gewesen war, so verschwand jede Besorgniß und er wünschte sich innerlich Glück zu einer so willkommenen Erleichterung, die viele Aufmerksamkeit von ihm abziehen mußte.

Etwa hundert Schritte von den Hütten machten die neu angekommenen Krieger Halt. Ihr klägliches und erschreckendes Geheul, bald das Wehklagen der Sterbenden, bald den Triumph der Sieger darzustellen bestimmt, hatte gänzlich aufgehört. Einer von ihnen rief jetzt laut in Worten, welche ferne davon, die Ohren der Zuhörer zu erschrecken, ihnen doch kaum verständlicher waren, als das eben verstummte ausdrucksvolle Geheul. Es würde schwer seyn, einen Begriff von der wilden Verzückung zu geben, mit welcher die so mitgetheilte Kunde aufgenommen wurde. Das ganze Lager bildete in einem Augenblicke den Schauplatz der wildesten, geräuschvollsten Bewegung. Die Krieger zogen ihre Messer und bildeten, sie emporschwingend, zwei Reihen zu einer Gasse, welche von dem Siegerhaufen bis zu den Hütten fühlte. Die Squaws ergriffen Keulen, Aexte oder die erste beste Angriffswaffe, die sich ihren Händen darbot, und stürzten herbei, um in dem grausamen Spiele, das nun beginnen sollte, ihre Rollen zu übernehmen. Selbst die Kinder wollten nicht ausgeschlossen seyn: Knaben, schwer vermögend Waffen zu handhaben, rissen ihren Vätern die Tomahawks aus dem Gürtel, schlichen sich in die Reihen und ahmten geschickt die wilden Bewegungen ihrer Aeltern nach. Große Haufen Gestrüpp lagen in der Lichtung zerstreut umher, und eine erfahrene, alte Squaw war beschäftigt, deren so viele anzuzünden, als zur Beleuchtung der kommenden Scene erforderlich war. Die Flamme schlug empor, sie war mächtiger als der scheidende Tag, und ließ die Gegenstände zwar deutlich, aber nur um so gräßlicher erscheinen. Die ganze Scene bot das fesselndste Gemälde, dessen Rahmen der dunkle Saum der hohen Fichten bildete. Die neu angekommenen Krieger waren am weitesten entfernt, im Vordergrunde aber standen zwei Männer, aus der Zahl der Uebrigen auserwählt, um in dem nun beginnenden Schauspiele die Hauptrollen zu spielen. Das Licht war nicht stark genug ihre Gesichtszüge deutlich erkennen zu lassen, aber man sah wohl, daß sie von sehr verschiedenen Gefühlen bewegt wurden. Während der Eine in fester Haltung aufrecht stand, bereit, seinem Schicksal als Held sich zu unterwerfen, senkte der Andere sein Haupt, als wäre er von Schrecken gelähmt oder von Scham darnieder gedrückt. Der edelmüthige Duncan fühlte sich mächtig angetrieben, dem Ersteren Bewunderung und Theilnahme zu zollen, obgleich sich keine Gelegenheit bot, seinen edeln Regungen Worte zu geben. Er bewachte mit unverwandtem Auge seine geringsten Bewegungen, und während er den leichten Umrissen eines wunderbar schön gebildeten und kräftigen Körpers folgte, suchte er sich zu überreden, daß wenn es in der Macht eines Menschen stehe, unterstützt durch Muth und Entschlossenheit die Probe so schwerer Gefahr glücklich zu bestehen, der junge Gefangene wohl auf Glück in dem ihm bevorstehenden gewagten Laufe hoffen dürfe. Unvermerkt näherte sich der junge Mann den dunkeln Reihen der Huronen, und athmete kaum, so gespannt war sein Interesse für das ganze Schauspiel. Jetzt ertönte das Signalgeschrei, und die augenblickliche Stille, welche vorangegangen war, wurde durch einen Ausbruch von Geheul unterbrochen, der seines Gleichen noch nicht gefunden hatte. Das eine so sehr niedergeschlagene Schlachtopfer blieb regungslos stehen, der Andere aber sprang bei dem Schrei mit der Geschwindigkeit und Gewandtheit eines Hirsches davon. Statt durch die feindlichen Linien, wie man erwartet hatte, zu stürzen, hatte der Gefangene kaum die gefährliche Enge erreicht, als er sich wandte und ehe ein Streich gegen ihn geführt werden konnte, über die Köpfe einer Reihe Kinder setzte und mit einem Mal die äußere, sicherere Seite der furchtbaren Kriegerreihe gewann. Dieser List folgten hundertstimmige Verwünschungen: die ganze, aufgeregte Menge stob auseinander und zerstreute sich in wilder Verwirrung über den Platz.

Ein Dutzend Haufen brennenden Gestrüppes ergossen ihr röthliches Licht über den Platz, der einer unheimlichen, geisterhaften Kampfstätte glich, wo böse Dämonen sich versammelt hatten, ein blutiges, ruchloses Werk zu beginnen. Die Gestalten im Hintergrunde glichen überirdischen Wesen, während sie vor dem Auge vorbeiglitten und die Lüfte mit tollen und sinnlosen Bewegungen durchschnitten: die wilden Leidenschaften solcher aber, die an der Flamme vorüber kamen, erschienen furchtbar deutlich in dem Lichte, das über ihre wuthsprühenden Züge lief.

Es läßt sich leicht denken, daß unter solch einem Getümmel rachedürstender Feinde der Flüchtling nicht zu Athem kommen konnte. Einen einzigen Augenblick schien es, als ob er den Wald erreichen würde; aber der ganze Schwarm der Sieger warf sich ihm entgegen und trieb ihn in die Mitte einer erbarmungslosen Verfolgung zurück. Sich umwendend, wie ein eingeholter Hirsch, schoß er pfeilschnell über ein hoch aufloderndes Feuer, durchdrang die ganze Menge ungefährdet und erschien wieder auf der entgegengesetzten Seite der Lichtung. Aber auch hier traf er auf einige der älteren und schlaueren Huronen, die ihn abermals zurücktrieben. Noch einmal warf er sich in das Gedränge, als ob er in der allgemeinen Verwirrung Sicherheit suchte, und dann vergingen einige Augenblicke, während welcher Duncan den gewandten und muthigen jungen Fremdling verloren glauben mußte. Man konnte nichts unterscheiden als eine dunkle Masse menschlicher Gestalten, welche sich in einem verworrenen Getümmel stießen und durch einander drängten. Arme, blitzende Messer und furchtbare Keulen ließen sich erkennen, aber die Streiche wurden augenscheinlich nur aufs Gerathewohl geführt. Der furchtbare Eindruck dieser Scene ward noch erhöht durch das durchdringende Geschrei der Weiber und das wilde Geheul der Krieger. Hier und da fiel ein flüchtiger Lichtschein auf eine leichte Gestalt, welche in verzweifeltem Sprunge durch die Luft schoß, und ließ Duncan mehr hoffen als glauben, der Gefangene sey immer noch Herr seiner bewundernswürdigen Stärke und Gewandtheit. Plötzlich warf sich die Menge zurück nach der Stelle, wo er selber stand: die schwerfällige Masse der Verfolger drängte die Weiber und Kinder im Vorgrunde und warf einige zu Boden. Der Fremde ward in der Verwirrung wieder sichtbar. Menschliche Kräfte aber mußten einer so fürchterlichen Probe erliegen. Dies schien der Gefangene zu fühlen: die augenblickliche Oeffnung benutzend, brach er aus der Mitte der Krieger hervor und machte einen verzweifelten und, wie es Duncan schien, letzten Versuch, den Wald zu gewinnen. Gleich als wüßte er, daß ihm von dem jungen Soldaten keine Gefahr drohe, berührte er ihn beinahe auf seiner Flucht, dicht an ihm vorbei eilend. Ein hoher, mächtiger Hurone, der seine Kräfte bisher geschont hatte, war ihm auf den Fersen und drohte mit aufgehobenem Arm einen tödlichen Streich zu führen, Duncan streckte seinen Fuß vor und dieser Stoß warf den ungestümen Wilden weit vor sein beabsichtigtes Opfer gestreckt auf die Erde hin. Mit Gedankenschnelle benützte der Verfolgte den Vortheil: er wandte sich, blitzte einem Meteore gleich vor Duncan vorbei und im nächsten Augenblick, als dieser seine Besinnung wieder gewann und nach dem Gefangenen umschaute, sah er ihn ruhig gegen einen kleinen bemalten Pfosten vor dem Thor der Haupthütte gelehnt dastehen.

Aus Furcht, die Rolle, die er bei dieser Rettung gespielt, möchte ihm selbst verderblich werden, verließ Duncan ohne Verzug seinen Platz und folgte dem Haufen, der sich unmuthig und düster nach den Wohnungen zog, einer schaulustigen Volksmenge ähnlich, die vergeblich auf eine Hinrichtung gewartet hat. Neugierde oder vielleicht ein besseres Gefühl trieb ihn, sich dem Fremden zu nähern. Dieser hielt mit einem Arm den schützenden Pfosten umschlungen und athmete nach seiner verzweifelten Anstrengung tief und schwer, doch zu stolz, das geringste Zeichen des Leidens von sich zu geben. Er war jetzt durch eine unvordenkliche und heilige Sitte geschützt, bis der Stamm in voller Versammlung sein Schicksal berathen und entschieden hatte. Wenn man übrigens aus der Stimmung derer, die den Platz umgaben, Schlüsse ziehen dürfte, so war das Ergebniß leicht vorauszusehen.

Kein Schimpfwort gab es in der Huronensprache, das die getäuschten Weiber nicht gegen den glücklichen Fremden verschwenderisch ausgestoßen hätten. Sie höhnten seine Anstrengungen und sagten ihm mit bitterem Spott, daß seine Füße besser als seine Hände seyen; daß er Flügel verdiente, da er weder Pfeil noch Messer zu kennen scheine. Der Gefangene gab auf alles dies keine Antwort, sondern begnügte sich, eine Stellung zu beobachten, in der sich Würde wunderbar mit Verachtung mischte. Diese Ruhe sowohl, als das gute Glück des Gefangenen erbitterten die Weiber gleich sehr, ihre Worte erstickten und gingen in ein schrilles, durchdringendes Geheul über. Gerade jetzt drang die geschäftige Alte, welche die Vorsicht gebraucht hatte, das Gesträuch in Brand zu stecken, durch die Menge und machte sich vor dem Gefangenen freie Bahn. Die schmutzige und verwitterte Erscheinung dieser Unholdin mochte leicht auf ein Vorhandenseyn übermenschlicher Kräfte schließen lassen. Ihr leichtes Gewand zurückwerfend, streckte sie höhnisch ihren langen knöchernen Arm vor und rief, um dem Gegenstand ihrer Schmähungen verständlicher zu werden, in der Sprache der Lenapen: »Höre mich, Delaware,« schrie sie, indem sie ihm in’s Antlitz ein Schnippchen schlug, »Deine Nation ist ein Geschlecht von Weibern; die Hacke schickt sich besser für Eure Hände als die Büchse. Eure Squaws gebären Hirsche; käme ein Bär, eine wilde Katze oder eine Schlange unter Euch zur Welt, so würdet Ihr Reißaus nehmen. Die Huronenmädchen sollen dir Weiberröcke machen und wir wollen nach einem Manne für dich sehen.«

Ein wildes Gelächter folgte diesem Angriff, und die sanften, melodischen Töne der jüngeren Frauen klangen seltsam mit der kreischenden Stimme der ältern und boshafteren Genossin zusammen. Allein der Fremde trotzte allen diesen Bemühungen. Sein Haupt blieb unbeweglich, nicht die leiseste Kenntniß schien er von den Anwesenden zu nehmen, außer wenn sein stolzes Auge von Zeit zu Zeit gegen die dunkeln Gestalten der Krieger rollte, welche – schweigende, finstere Beobachter der Scene – in dem Hintergrunde auf und nieder schritten.

Wüthend über die Selbstbeherrschung des Gefangenen, stemmte die Alte ihre Arme in die Seite, warf sich in eine herausfordernde Stellung und brach von Neuem in einen Strom von Schmähungen, welche keine Kunst vermögend wäre, mit Erfolg zu Papier zu bringen. Sie verströmte jedoch vergeblich ihren Athem: obgleich sie unter ihrem Volke als eine Heldin in der Kunst zu schmähen gelten konnte, und sich in eine Wuth gesteigert hatte, die ihr den Schaum aus dem Munde trieb, so konnte sie es doch nicht dahin bringen, daß der regungslos dastehende Fremde auch nur eine Muskel rührte. Der Aerger über diese Gleichgültigkeit begann sich auch den andern Zuschauern mitzutheilen, und ein Jüngling, der eben erst aus dem Knabenalter in die Jahre der Mannheit hinüberschritt, kam der keifenden Alten zu Hülfe, indem er, einen Tomahawk vor dem Schlachtopfer schwingend, ihren Hohn mit seinen leeren Ruhmreden verstärkte. Jetzt wandte der Gefangene sein Antlitz nach dem Lichte und sah auf den Knaben mit einem Blick herab, der mehr als Verachtung ausdrückte! im nächsten Augenblick aber nahm er die ruhige, lehnende Haltung gegen den Pfosten wieder ein: aber diese Veränderung der Stellung hatte Duncan vergönnt, einige Blicke mit den festen, durchdringenden Augen des Gefangenen – mit Uncas zu wechseln.

Athemlos vor Erstaunen und schwer geängstet über die gefährliche Lage des Freundes, wich Heywald diesem Blicke aus, zitternd, das Verderben des Gefangenen – wußte er auch nicht wie – zu beschleunigen. Doch diese Furcht war für den Augenblick unnütz. Jetzt drängte sich ein Krieger durch die erhitzte Menge, Weiber und Kinder mit ernster Miene bei Seite weisend, nahm Uncas beim Arm und führte ihn gegen die Thüre des Versammlungshauses. Alle Häuptlinge und die meisten ausgezeichneten Krieger der Nation folgten, und der ängstliche Heyward fand Mittel, sich unter ihnen mit einzudrängen, ohne eine ihm selbst gefährliche Aufmerksamkeit zu erregen.

Einige Minuten gingen darüber hin, den Anwesenden nach ihrem Rang und Einfluß in dem Stamme Plätze anzuweisen. Die Ordnung war ziemlich dieselbe, wie bei dem früheren Zusammentreffen: die älteren und höheren Häuptlinge nahmen den Vordergrund des geräumigen Gemaches ein, hell beleuchtet von dem blendenden Lichte einer Fackel, indeß die jüngeren, untergeordneteren Krieger im Hintergründe sich sammelten, eine dunkle Masse schwärzlicher Gestalten und scharf ausgeprägter Gesichtszüge. Mitten im Kreise, unmittelbar unter einer Oeffnung, durch welche ein Paar Sterne flimmerten, stand Uncas, ruhig, erhaben, gefaßt. Seine Hoheit und Würde verfehlte ihres Eindruckes auf die Sieger nicht: ihre Blicke wandten sich oft mit einem Ausdruck auf ihn, der, die Unbeugsamkeit ihrer Entschlüsse verkündend, dennoch Von Bewunderung für den kühnen Muth des Fremdlings zeugte.

Anders das Individuum, welches Duncan vor dem verzweifelten Reihenlauf neben seinem Freunde hatte stehen sehen. Statt an der Jagd Theil zu nehmen, war der Gefangene während dieses wilden Aufruhrs, einem Bilde der Scham oder des Unglücks gleich, niedergedrückt dagestanden. Obgleich keine Hand sich ausgereckt hatte ihn zu grüßen, kein Auge sich herabließ, seine Bewegungen zu bewachen, war auch er gleichfalls in die Hütte eingetreten, als zöge ihn ein Verhängniß, dem er sich ohne Kampf fügen müsse. Heyward benützte die erste Gelegenheit, ihm ins Gesicht zu sehen, in der geheimen Besorgniß, auch in seinen Zügen einem Bekannten zu begegnen; allein sie waren die eines fremden, und, was ihm noch unerklärlicher schien, er trug alle unterscheidenden Merkmale eines Huronenkriegers. Statt jedoch unter seinen Stamm zu treten, setzte er sich bei Seite, einsam mitten unter der Menge, und duckte sich in eine demüthige Stellung, als wollte er so wenig als möglich Raum einnehmen. Als Jeder den ihm zukommenden Platz eingenommen hatte und allgemeine Stille eingetreten war, begann der Häuptling mit grauen Haaren, den wir bereits erwähnt haben, in der Sprache der Lenni-Lenapen:

»Delaware,« sprach er, »obgleich aus einer Nation von Weibern, so hast du dich doch als ein Mann erprobt. Gerne würd‘ ich dir Nahrung geben, aber wer mit einem Huronen ißt, muß sein Freund werden. Ruhe im Frieden bis zur Morgensonne, dann soll unser letztes Wort gesprochen werden.«

»Sieben Nachte und sieben Sommertage habe ich auf der Fährte der Huronen gefastet,« erwiederte kaltblütig Uncas. »Die Kinder der Lenapen wissen auf dem Pfade der Gerechten zu wandeln, ohne sich mit Essen aufzuhalten.«

»Zwei meiner jungen Krieger verfolgen deinen Begleiter,« fuhr der Andere wieder fort, ohne, wie es schien, auf die Ruhmrede seines Gefangenen zu achten; »wenn sie zurück sind, werden unsere weisen Männer zu dir sagen: leb‘ oder stirb!«

»Hat ein Hurone keine Ohren?« rief Uncas verächtlich aus. »Zwei Mal hat der Delaware, seit er euer Gefangener ist, den Knall einer Büchse gehört, die er wohl kennt. Eure jungen Männer kehren nimmer zurück!«

Eine kurze und düstere Pause folgte dieser kühnen Behauptung. Duncan, welcher merkte, daß der Mohikaner auf die verhängnißvolle Büchse des Kundschafters anspielte, beugte sich vorwärts, ängstlich zu beobachten, welchen Eindruck diese Worte auf die Sieger machen würden; der Häuptling begnügte sich aber, einfach zu erwiedern:

»Wenn die Lenapen so geschickt sind, warum ist einer ihrer tapfersten Krieger hier?«

»Er folgte den Fußstapfen eines fliehenden Feiglings und fiel in eine Schlinge. Auch der schlaue Biber kann gefangen werden.«

Während Uncas so sprach, deutete er mit dem Finger auf den einsamen Huronen, ohne jedoch einem so unwürdigen Gegenstande weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Diese Antwort und die Miene des Sprechers brachten unter seinen Zuhörern große Aufregung hervor. Aller Augen wandten sich finster auf den durch jene einfache Geberde Bezeichneten und ein dumpfes, drohendes Gemurmel lief durch die Versammelten. Diese verhängnißvollen Laute erreichten die äußere Thüre und das Ohr der Weiber und Kinder, die so dicht zusammengedrängt standen, daß zwischen Schulter und Schulter keine Lücke blieb, die nicht durch die dunkeln Lineamente eines neugierigen menschlichen Gesichtes ausgefüllt worden wäre. Indessen verkehrten die älteren Häuptlinge in der Mitte unter einander in kurzen, abgebrochenen Sätzen. Kein Wort ward gesprochen, das nicht die Meinung des Sprechers auf die einfachste, kräftigste Weise zu erkennen gab. Abermals trat eine lange, feierliche Stille ein. Sie war, wie Alle wußten, der ernste Vorbote eines wichtigen und schweren Urtheilspruchs. Die den äußeren Kreis Bildenden, stellten sich auf die Zehenspitzen, um sehen zu können; selbst der Schuldige vergaß für einen Augenblick seiner Schmach und gab, von einem stärkeren Gefühle ergriffen, seine niedergeschlagenen Gesichtszüge preis, um einen ängstlichen, unruhigen Blick auf die finstere Versammlung der Häuptlinge zu werfen. Das Stillschweigen ward endlich von dem öfter genannten betagten Häuptlinge unterbrochen. Er erhob sich von der Erde, ging an der unbeweglichen Gestalt des Mohikaners vorbei und stellte sich in würdevoller Haltung vor den Schuldigen. In diesem Augenblick trat die vorerwähnte alte Squaw, eine Fackel in der Hand in den Kreis, auf die eine Seite geneigt einen langsamen Tanz beginnend und die unverständlichen Worte einer Art von Beschwörung murmelnd. Obgleich sie sich ungerufen eingedrängt hatte, so ließ man sie dennoch gewähren.

Als sie sich Uncas genähert hatte, hielt sie ihm den lodernden Feuerbrand dicht entgegen, dessen rother Schein ein so volles Licht auf ihn warf, daß man die geringste Bewegung in seinen Gesichtszügen unterscheiden konnte. Der Mohikaner beharrte in seiner festen, stolzen Haltung; und sein Auge, verschmähend, ihrem forschenden Blicke zu begegnen, schaute fest in die Ferne, als ob es die Hindernisse, die seine Blicke hemmten, durchdränge und in die Zukunft schaute. Zufrieden mit ihrer Untersuchung, verließ sie ihn mit einem leichten Ausdruck des Vergnügens, um ihren schuldigen Landsmann derselben Probe zu unterwerfen.

Der junge Hurone war mit den Kriegsfarben seines Stammes bemalt und sein Anzug verhüllte wenig von seinen schön gebildeten Formen. Das Licht ließ alle Glieder und Gelenke genau unterscheiden; aber schaudernd wandte sich Duncan ab, als er sah, wie sie in unbesiegbarer Todesangst rangen. Die Alte stimmte bei diesem traurigen und schimpflichen Anblick ein tiefes klagendes Geheul an; der Häuptling aber streckte seinen Arm aus und drängte sie sanft auf die Seite.

»Schwankendes Rohr!« sprach er, den jungen Schuldigen bei seinem Namen und in seiner Muttersprache anredend; »obgleich der große Geist dich gefällig für das Auge geschaffen hat, so wäre es doch besser, du wärest nicht geboren worden. Deine Zunge ist laut in dem Dorf, aber stumm in der Schlacht. Keiner meiner Jünglinge schlägt den Tomahawk tiefer in den Kriegspfosten – keiner so schwach auf die Yengeese. Die Feinde kennen die Gestalt deines Rückens, haben aber nie die Farbe deiner Augen gesehen. Drei Mal haben sie dir zugerufen, zu kommen, und eben so oft hast du vergessen zu antworten. Dein Name wird in deinem Stamme nie wieder genannt werden. – Er ist bereits vergessen.«

Während der Häuptling langsam diese Worte sprach, und nachdrucksvoll zwischen jedem Satze innehielt, erhob der Schuldige aus Achtung vor dem Rang und den Jahren des Andern sein Antlitz. Scham, Schrecken und Stolz kämpften in seinen Zügen. Sein Auge, vor innerem Schrecken krampfhaft zusammengezogen, irrte auf den Personen umher, von deren Athem sein Ruf abhing, und Stolz gewann für einen Augenblick die Oberhand. Er stand auf, entblößte seine Brust und blickte fest auf das scharfe, blinkende Messer, das sein unerbittlicher Richter bereits empor hielt. Als die Waffe ihm langsam in das Herz drang, lächelte er sogar, als freue er sich, den Tod nicht so furchtbar zu finden, als er erwartet hatte, und fiel in schwerem Falle auf sein Gesicht zu den Füßen des starren und unbeugsamen Uncas nieder.

Die Squaw erhob ein lautes, klägliches Geheul, stieß die Fackel auf die Erde, und begrub Alles umher in tiefe Finsterniß. Die ganze schaudernde Gruppe der Zuschauer eilte gleich aufgeschreckten Geistern aus dem Hause; und Duncan glaubte sich mit dem noch zuckenden Schlachtopfer eines indianischen Richterspruchs allein in demselben zurückgelassen.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Der Weise sprach‘, alsbald der Fürsten Rath
Sich auflöst‘, ihrem Haupte zu gehorchen.
Pope’s Iliate.

Ein einziger Augenblick überzeugte den Jüngling, daß er sich getäuscht hatte. Eine Hand legte sich mit kräftigem Druck auf seinen Arm, und Uncas‘ leise Stimme flüsterte ihm in das Ohr:

»Die Huronen sind Hunde. Vor dem Anblick des Blutes eines Feigen erzittert ein Krieger nicht. Das ›graue Haupt‹ und der Sagamore sind in Sicherheit, und Hawk-eye’s Büchse schläft nicht. Geh – Uncas und die ›offene Hand‹ sind sich jetzt fremd. Es ist genug!«

Heyward hätte gerne noch mehr gehört, aber ein sanfter Druck des Freundes schob ihn nach der Thüre hin und mahnte ihn an die Gefahr, die mit einer Entdeckung ihres Verkehres verbunden seyn müßte. Langsam und widerstrebend fügte er sich in die Nothwendigkeit, verließ die Hütte und trat unter die Menge, welche in der Nähe verweilte. Die erlöschenden Feuer der Lichtung warfen ein düsteres, ungewisses Licht auf die dunkeln Gestalten, welche stillschweigend hin und her schritten; von Zeit zu Zeit drang ein hellerer Schein, stärker als gewöhnlich, in die Hütte, und ließ Uncas‘ Gestalt immer noch in derselben aufrechten Stellung, neben ihm die Leiche des Huronen, erblicken.

Ein Trupp Krieger traten wieder herein und trugen jene leblosen Ueberreste in den benachbarten Wald. Nach diesem Auftritte wanderte Duncan, unbefragt und unbeachtet, den Wohnungen entlang, bemüht, eine Spur von ihr aufzufinden, für welche er sich in solche Gefahr begeben hatte. Bei der jetzigen Stimmung der Wilden wäre es ihm leicht gewesen, zu entfliehen und seine Freunde wieder zu finden, hätte ihm ein solcher Gedanke kommen können. Aber außer der nimmer ruhenden Angst um Alice hielt ihn auch die neue, wenn gleich minder quälende Sorge um Uncas an dem Orte fest. Er streifte daher von Hütte zu Hütte weiter, doch immer nur um neuer Täuschung auf seine suchenden Blicke zu begegnen, bis er im ganzen Dorfe die Runde gemacht hatte. Endlich gab er eine Nachforschung auf, die so fruchtlos blieb, und kehrte nach der Berathungshütte zurück, entschlossen David aufzusuchen und zu befragen, um seinen Zweifeln ein Ende zu machen. Als Duncan das Gebäude erreicht hatte, das Gerichtsstätte und Hinrichtungsort zumal geworden, fand er, daß die Aufregung bereits verschwunden war. Die Krieger hatten sich wieder versammelt und rauchten ruhig ihre Pfeifen, während sie sich über die Hauptvorfälle auf ihrem letzten Zuge nach der Quelle des Horican ernsthaft unterhielten. Obgleich Duncan’s Rückkehr sie an seinen vorgeblichen Stand und die verdächtigen Umstände seines Besuchs erinnern mußte, so blieb sie doch ohne sichtbaren Eindruck. Ja die kaum entschwundene schreckliche Scene begünstigte sogar seine Zwecke, und er durfte nur in sein Inneres blicken, um sich von der Nothwendigkeit einer schnellen Benützung dieses unerwarteten Vortheils zu überzeugen.

Ohne sichtbare Zögerung trat er in die Hütte, und nahm seinen Sitz mit einem Ernste ein, der zu dem Benehmen seiner Gastfreunde ungemein gut stimmte. Ein flüchtiger, aber forschender Blick genügte ihm darzuthun, daß Uncas an seinem früheren Platze geblieben war, David aber nicht wieder erschienen sey. Jener war keiner andern Bewachung unterworfen, als den aufmerksamen Blicken eines jungen Huronen, der ihm zur Seite stand. Ein bewaffneter Krieger lehnte überdies an dem Pfosten, der eine Seite des engen Thorweges bildete. In jeder andern Hinsicht schien der Gefangene frei zu seyn, nur war er von aller Theilnahme an der Unterhaltung ausgeschlossen, und glich mehr einer schön geformten Bildsäule, als einem Manne, der Leben und Willen in sich trug. Heyward hatte vor zu kurzer Zeit ein schreckliches Beispiel von dem schnellen Strafverfahren eines Volkes erlebt, in dessen Hände er gegeben war, um sich durch übertriebene Keckheit einer Gefahr auszusetzen. Er hätte daher gerne statt aller Unterhaltung in schweigendem Nachsinnen verharrt, da eine Entdeckung seines wahren Charakters so augenblicklich verderblich für ihn hätte werden können. Zum Unglück aber für diesen klugen Entschluß schienen die Anwesenden anders gestimmt. Er hatte den Platz noch nicht lange inne, den er klüglich etwas im Schatten eingenommen hatte, als ein zweiter älterer Krieger, der französisch sprach, sich an ihn wandte.

»Mein Canadavater vergißt seine Kinder nicht,« sagte der Häuptling, »ich danke ihm. Ein böser Geist lebt in der Frau eines meiner jungen Männer. Kann der kundige Fremde ihn hinwegschrecken?«

Heyward besaß einige Kenntniß von den Gaukeleien, die unter den Indianern gegen vermeintliches Besessenseyn im Schwange waren. Er sah mit einem Blicke, daß dieser Umstand vielleicht für seine eigenen Zwecke ausgebeutet werden könne, und es hätte ihm daher eben jetzt Wohl nicht leicht ein erwünschterer Vorschlag gemacht werden können. Da er aber von der Nothwendigkeit überzeugt war, die Würde seines vorgeblichen Charakters zu bewahren, so unterdrückte er seine Gefühle und antwortete in einem entsprechend geheimnißvollen Tone: »Der Geister sind verschiedene: die einen weichen der Macht der Weisheit, die andern sind zu mächtig für sie.«

»Mein Bruder ist ein großer Arzt,« sprach der schlaue Wilde, »will er es versuchen?«

Eine Geberde der Zustimmung war die Antwort. Der Hurone war mit der Zusage zufrieden, nahm seine Pfeife wieder auf und wartete auf einen schicklichen Augenblick zum Aufbruch. Der ungeduldige Heyward verwünschte innerlich die ruhige Sitte der Wilden, die dem Scheine so viel Opfer brachte, nahm aber klüglich dieselbe Gleichgültigkeit, wie der Häuptling an, der wirklich ein naher Verwandter der gequälten Frau war. Minute um Minute schwand, und der Aufschub dünkte den angehenden Charlatan stundenlang, da setzte endlich der Hurone seine Pfeife bei Seite und zog seinen Mantel über die Brust, als sey er im Begriff, ihn nach der Wohnung der Kranken zu führen. In diesem Augenblicke aber verdunkelte die mächtige Gestalt eines Kriegers das Licht des Thorwegs, und setzte sich, stillschweigend durch die aufmerksame Gruppe hinschreitend, auf das andere Ende des niederen Haufens Gestrüpp, welcher Duncan trug. Dieser warf einen ungeduldigen Blick auf seinen Nachbar, und ein unwillkürlicher Schauder überlief ihn, als er sich in so unmittelbarer Berührung mit Magua fand.

Die plötzliche Rückkehr dieses arglistigen und gefürchteten Häuptlings ließ den Huronen seinen Weg aufschieben. Mehrere Pfeifen, die bereits ausgelöscht waren, wurden wieder angezündet, während der neue Ankömmling, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Tomahawk aus dem Gürtel zog, den Kopf an dem oberen Ende desselben füllte und die Dünste des Krautes durch den hohlen Schaft mit einer Gleichgültigkeit einsog, als wäre er nicht zwei ermüdende Tage auf einer langen und anstrengenden Jagd ausgewesen. Zehn Minuten, welche Duncan eben so viele Menschenalter schienen, mochten auf diese Weise verflossen seyn, und sämmtliche Krieger waren in eine weiße Rauchwolke eingehüllt, ehe einer von ihnen sprach.

»Willkommen!« rief endlich einer, »hat mein Freund das Mußthier gefunden?«

»Die jungen Krieger schwanken unter ihren Lasten,« versetzte Magua, »das schwankende Rohr gehe auf den Jagdpfad; er wird sie treffen.«

Eine tiefe, feierliche Stille folgte dem Klange des verbotenen Namens. Die Pfeife fiel aus jedes Mund, als ob Alle im nämlichen Augenblicke etwas Unreines eingesogen hätten. Der Rauch wirbelte in kleinen Säulen über ihre Köpfe empor und zog sich schneckenförmig und schnell durch die Oeffnung am Dache der Hütte, den Platz unter sich von seinem Dunste reinigend, so daß die dunkeln Gesichter zumal wieder deutlich sichtbar wurden. Die Blicke der meisten Krieger waren auf die Erde geheftet, und nur wenige Jüngere, minder Begabte in der Versammlung ließen ihre wilden, blitzenden Augäpfel auf einen Greis mit weißen Haaren rollen, der zwischen zwei der geehrtesten Häuptlinge des Stammes saß. Es lag übrigens nichts in dem Aeußern und dem Anzug dieses Indianers, das ihn zu solcher Auszeichnung hätte berechtigen können. Seine Miene drückte eher Niedergeschlagenheit aus, als daß sie sich durch die den Eingebornen eigene Haltung bemerklich machte, und seine Kleidung war die gewöhnliche eines Indianers der niederen Klassen. Wie bei den Meisten um ihn her, war auch sein Blick eine Weile zur Erde gerichtet; als er aber endlich einmal seine Augen verstohlen bei Seite sehen ließ und gewahrte, daß er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden war, stand er auf und erhob mitten in der allgemeinen Stille seine Stimme: »Es war eine Lüge,« sprach er, »ich hatte keinen Sohn. Er, der mit diesem Namen genannt wurde, ist vergessen; sein Blut war blaß, und kam nicht aus den Adern eines Huronen; die verruchten Chippewas hatten mein Weib bethört. Der große Geist hat gesagt: Wiß-en-tush’s Geschlecht soll enden – Glücklich der, welcher weiß, daß das Verderben in seinem Geschlecht mit ihm stirbt! Ich habe gesprochen.«

Der Redner, dessen Sohn der feigherzige junge Indianer gewesen war, blickte umher, als wollte er in den Augen der Zuhörer Beifall über seinen Stoicismus lesen. Aber die strengen Sitten seines Volkes hatten dem alten schwachen Manne eine zu harte Probe auferlegt, der Ausdruck seines Auges widersprach seinen bilderreichen, ruhmredigen Worten, während jede Muskel seines mit Runzeln bedeckten Gesichtes vor innerer Qual zuckte. Er blieb noch einen Augenblick stehen, um seinen bittern Triumph zu genießen und wandte sich dann ab, als schauderte er bei dem Anblick der Menschen, verhüllte das Gesicht mit seiner Decke und entfernte sich mit dem geräuschlosen Tritte eines Indianers, um in der Abgeschiedenheit seiner eigenen Hütte die Theilnahme einer Gefährtin zu suchen, alt, kummervoll und kinderlos wie er.

Die Indianer, welche an eine Vererbung der Tugenden und Fehler des Charakters glauben, ließen ihn stillschweigend hinausgehen.

Als er sich entfernt hatte, zog einer der Häuptlinge, getrieben von einer zarten Rücksicht, die manche gebildetere Kreise der Gesellschaft anstreben dürften, die Aufmerksamkeit der jungen Krieger von der Schwäche ab, von der sie so eben noch Zeugen gewesen waren, und wandte sich in freundlichem Tone an Magua, den letzten Ankömmling.

»Die Delawaren sind um mein Dorf geschlichen, wie die Bären nach den Honigkörben. Aber wer hat einen Huronen je schlafend gefunden?«

Die finstere drohende Gewitterwolke, die dem Donnerschlage vorangeht, ist nicht schwärzer, denn Magua’s Braue war, als er rief:

»Die Delawaren von den Seen!«

»Nicht doch. Die, welche Weiberröcke an ihrem eignen Flusse tragen. Einer von ihnen ist durch den Stamm gegangen.«

»Haben meine jungen Krieger seinen Skalp genommen? –«

»Seine Beine waren gut, obgleich sein Arm besser für die Hacke als für den Tomahawk taugt,« erwiederte der Andere, auf die unbewegliche Gestalt des Mohikaners deutend.

Statt mit weibischer Neugierde seine Augen an dem Anblick eines Gefangenen zu weiden, dessen Volk er mit so vielem Grund haßte, rauchte Magua mit der nachdenklichen Miene fort, die ihm eigen war, wenn seine Arglist oder Beredsamkeit nicht unmittelbar in Anspruch genommen wurde. Obgleich über die in der Rede des alten Vaters kundgewordenen Thatsachen insgeheim verwundert, erlaubte er sich doch keine Frage, jede weitere Ausforschung auf eine schicklichere Zeit aufsparend. Erst nach einer geraumen Weile schüttete er die Asche aus seiner Pfeife, nahm den Tomahawk wieder zu sich, zog den Gürtel fester an und stand auf, zum ersten Mal einen Blick auf den Gefangenen werfend, der etwas hinter ihm stand. Der aufmerksame, obgleich scheinbar in Gedanken vertiefte Uncas bemerkte diese Bewegung, wandte sich plötzlich dem Lichte zu und ihre Blicke begegneten sich. Fast eine Minute standen diese kühnen, unbeugsamen Geister einander gegenüber, sich fest in das Auge schauend, und keiner schlug den Blick vor dem stolzen Ausdruck des Gegners nieder. Uncas‘ Gestalt hob sich und seine Nasenlöcher öffneten sich gleich denen des verfolgten Tigers; aber so entschieden und unbeugsam war seine Stellung, daß die Einbildungskraft leicht ein treffliches, fehlerloses Abbild der kriegerischen Gottheit seines Stammes aus ihm geschaffen hätte. Die Umrisse der spielenden Züge Magua’s waren geschmeidiger; seine Miene verlor allmählig an Trotz, in einen Ausdruck wilder Freude übergehend; er athmete tief auf, den furchtbaren Namen – »le cerf agile!« – aussprechend. Alle Krieger sprangen auf, als dieser wohlbekannte Name genannt wurde, und eine Weile hindurch wich die stoische Sündhaftigkeit der Eingebornen gänzlich der Gewalt der Ueberraschung. Der Verhaßte und doch geachtete Name ward aus aller Munde wiederholt und ertönte selbst über die Gränzen der Hütte hinaus. Die Weiber und Kinder, welche den Eingang belagerten, nahmen ihn auf wie ein Echo, dem ein schrilles, klägliches Geheul folgte. Dieses war noch nicht verhallt, als die Aufregung unter den Männern sich bereits gänzlich gelegt hatte. Alle Anwesenden setzten sich wieder, als schämten sie sich ihrer Uebereilung: aber noch manche Minute ruhten ihre Augen auf dem Gefangenen, einen Krieger mit neugierigen Blicken prüfend, der so oft an den Besten und Stolzesten ihrer Nation seine Tapferkeit bewährt hatte.

Uncas genoß diesen Sieg, begnügte sich aber, seinen Triumph durch ein ruhiges Lächeln auszudrücken – ein Zeichen der Verachtung, das allen Zeiten und Völkern eigen ist. Magua gewahrte diesen Ausdruck, erhob seinen Arm und schüttelte ihn gegen den Gefangenen, so daß die leichten Silberzierrathen an seinen Armbändern von der zitternden Bewegung des Gliedes rasselten, während er in rachedrohendem Tone auf Englisch ausrief:

»Mohikaner, du stirbst!«

»Die heilenden Wasser bringen die todten Huronen nie mehr an’s Leben,« erwiederte Uncas in der wohlklingenden Sprache der Delawaren; »die rollenden Wogen bespülen ihre Gebeine: ihre Männer sind Weiber, ihre Weiber Eulen. Geh – ruf die Hunde von Huronen zusammen auf, daß sie einen Krieger schauen mögen. Meine Nase ist beleidigt, sie riecht das Blut eines Feigen.«

Die letzte Anspielung schlug tief und die Wunde brannte. Manche unter den Huronen verstanden die fremde Sprache, in welcher der Gefangene redete: so auch Magua. Der schlaue Wilde nahm seinen Vortheil wahr und eilte ihn zu benützen. Sein leichtes Fell von der Schulter werfend, reckte er seinen Arm aus und ließ seiner arglistigen, verderblichen Beredtsamkeit freien Lauf. Wie sehr auch sein Einfluß durch die unheilvolle Schwäche, der er sich zu Zeiten hingab, und durch seinen Abfall von dem Stamme gelitten haben mochte – sein Muth und sein Ruf als Redner war unbestritten geblieben. Er sprach nie ohne Zuhörer, und selten, ohne daß er Anhänger für seine Meinung gewann. Im gegenwärtigen Falle wurde sein natürliches Talent noch durch den Durst nach Rache gestachelt.

Er erzählte von Neuem die Ereignisse bei dem Angriff auf der Glenn-Insel, den Tod seiner Genossen und das Entkommen ihrer furchtbarsten Feinde. Dann beschrieb er die Natur und die Umgebung des Erdhügels, wohin er die Gefangenen geführt hatte, die in seine Hände gefallen waren. Seiner eigenen blutdürstigen Absichten gegen die Mädchen und seiner vereitelten Bosheit gedachte er mit keinem Wort, sondern ging rasch zu dem Ueberfall durch la longue Carabine mit seinen Genossen und dessen unglücklichem Ausgang über. Hier machte er eine Pause, und schaute um sich, Ehrfurcht für das Andenken der Gefallenen heuchelnd, in Wahrheit aber, um den Eindruck seiner beginnenden Rede zu beobachten. Wie gewöhnlich waren Aller Augen auf sein Antlitz geheftet, die düstern Gestalten schienen belebte Bildsäulen, so regungslos war ihre Stellung, so gespannt die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen.

Jetzt ließ Magua seine Stimme, die bisher hell, stark, erhoben gewesen war, sinken, und berührte die Verdienste der Gefallenen. Keine Eigenschaft, die auf das Mitgefühl des Indianer Einfluß üben konnte, blieb ungerühmt. Der Eine war als nimmer fehlender Jäger bekannt; ein Anderer war unermüdlich gewesen, die Fährte des Feindes zu verfolgen. Dieser war tapfer, Jener edelmüthig. Kurz, er wußte seine Anspielungen so gut anzubringen, daß es ihm bei einem Volksstamme, der aus so wenigen Familien bestand, gelingen mußte, jede Saite anzuschlagen, die in irgend einer Brust wiederklingen konnte.

»Sind die Gebeine – so schloß er – meiner jungen Krieger auf dem Begräbnißplatze der Huronen? Ihr wißt es, nein. Ihre Geister sind nach der untergehenden Sonne gegangen und ziehen bereits über die großen Wasser nach den glücklichen Jagdgründen. Aber sie sind hingegangen ohne Nahrung, ohne Büchsen oder Messer, ohne Moccasins, nackt und arm, wie sie geboren wurden. Soll das so seyn? Sollen ihre Seelen in das Land der Gerechten treten, gleich hungrigen Irokesen oder unmännlichen Delawaren – oder sollen sie ihren Freunden begegnen, Waffen in der Hand und Mäntel auf dem Rücken? Was, werden unsre Väter denken, ist aus den Stämmen der Wyandots geworden? Mit finstrem Blicke werden sie auf ihre Kinder schauen und sprechen: geht! Ein Chippewa ist unter dem Namen eines Huronen hieher gekommen. Brüder, wir dürfen der Todten nicht vergessen; einer Rothhaut Gedächtniß ist immer frisch. Wir wollen den Rücken dieses Mohikaners beladen, bis er unter unseren Gaben zu Boden sinkt, und ihn den jungen Kriegern nachsenden. Sie rufen uns um Hülfe an; aber unsere Ohren sind nicht offen; sie sprechen: vergeßt uns nicht. Wenn sie den Geist dieses Mohikaners unter seiner Bürde ihnen nachkeuchen sehen, werden sie erkennen, daß wir noch der gleichen Gesinnung sind. Dann werden sie glücklich ihres Weges ziehen, und unsere Kinder werden sagen: dieß thaten unsere Väter für ihre Freunde, wir müssen ein Gleiches für sie thun. Was ist ein Yengee? Wir haben Viele erschlagen; aber die Erde ist noch blaß. Ein Flecken auf dem Namen eines Huronen kann nur durch Blut getilgt werden, das aus den Adern eines Indianers strömt. So sterbe denn dieser Delaware!«

Die Wirkung einer solchen Rede, die in der nervigten Sprache und mit dem hinreißenden Vortrage eines Huronischen Redners gesprochen ward, war nicht zu mißkennen. Magua hatte die natürlichen Gefühle und den religiösen Aberglauben seiner Zuhörer auf eine so schlaue Weise zu vermengen gewußt, daß ihre Gemüther, schon durch Gewohnheit darauf vorbereitet, den Manen ihrer Landsleute blutige Opfer zu bringen, jede Spur von Menschlichkeit in dem Wunsche nach Rache verloren. Ein Krieger insbesondere, ein Mann von wilder, unbändiger Miene, hatte sich durch die Aufmerksamkeit ausgezeichnet, welche er den Worten des Sprechers geschenkt hatte. Sein Ausdruck wechselte unter jeder vorübergehenden Bewegung, bis er sich in einen Blick tödtlicher Bosheit festsetzte. Er sprang auf, als Magua kaum geendet hatte, und schwang, ein dämonisches Geheul erhebend, eine kleine hellgeschliffene Streitaxt, die im Fackellicht erglänzte, über sein Haupt. Die Bewegung und das Geschrei erfolgte zu plötzlich, als daß Worte die blutige Absicht hätten abwenden können. Es war, als ob ein blitzender Strahl seiner Hand entschöße, in demselben Augenblick mächtig durchkreuzt von einem dunklen Streifen. Die schnelle, entschlossene Bewegung des Häuptlings kam nicht ganz zu spät. Die kühne Waffe durchschnitt die Kriegsfeder auf dem Skalpirschopf des jungen Mohikaners und fuhr durch die schwache Wandung der Hütte, als wäre sie von einer furchtbaren Maschine geschleudert worden.

Duncan war Zeuge der drohenden Handlung gewesen und sprang schnell auf seine Füße, während sein Herzblut stockte und die edelmüthigsten Entschlüsse zu Gunsten seines Freundes in ihm erwachten. Ein Blick sagte ihm, daß der Streich gefehlt hatte und sein Schrecken ging in Bewunderung über, Uncas stand ruhig da, seinem Feinde mit einer Miene, die über jede Aufregung erhaben war, fest in’s Auge blickend, Marmor konnte nicht kälter, unbeweglicher, starrer seyn, als der Ausdruck, womit er diesem plötzlichen, rachsüchtigen Angriff begegnete. Dann aber lächelte er, den Mangel an Geschick, der ihn gerettet hatte, gleichsam bemitleidend und murmelte einige Worte der Verachtung in seiner Muttersprache.

»Nein,« sprach Magua, nachdem er sich beruhigt hatte, daß der Gefangene unbeschädigt war, »die Sonne muß seine Schande beleuchten. Die Squaws sollen sehen, wie sein Fleisch zittern wird, oder unsre Rache ist nur ein Knabenspiel. Geht, bringt ihn an einen Ort, wo Schweigen herrscht. Wir wollen sehen, ob ein Delawarer in der Nacht schlafen kann, und am andern Morgen sterben.«

Die jungen Krieger, welche den Gefangenen zu bewachen hatten, wanden alsbald ihre Bastriemen um seine Arme und führten ihn unter tiefer unheimlicher Stille aus der Hütte. Nur unter der Oeffnung des Eintritts zögerte Uncas‘ fester Tritt: er wandte sich und warf einen eilenden, stolzen Blick auf seine Feinde umher. In diesem las Duncan gerne den Ausdruck eines Muthes, der immer noch nicht alle Hoffnung aufgab.

Magua begnügte sich mit dem gewonnenen Erfolge, oder war er zu viel mit geheimen Planen beschäftigt, um seine Nachforschungen fortzusetzen. Seinen Mantel schüttelnd und über der Brust faltend verließ auch er die Hütte, ohne einen Gegenstand zu verfolgen, der für seinen Nebenmann so leicht verderblich werden konnte. Trotz des in ihm wachsenden Rachegefühls, trotz seiner natürlichen Festigkeit und der Besorgnis für Uncas fühlte sich Heyward doch durch die Entfernung eines so gefährlichen und listigen Feindes merklich erleichtert. Die Aufregung, welche Magua’s Rede hervorgerufen hatte, legte sich allmählig. Die Krieger nahmen ihre Sitze wieder ein, und Wolken von Rauch füllten abermals die Hütte. Fast eine halbe Stunde ward keine Silbe gesprochen, kaum ein Blick bei Seite geworfen. Ein ernstes, nachdenkliches Schweigen war die natürliche Folge dieser Scene der Gewaltthat und der Aufregung unter Menschen, die neben solcher Leidenschaftlichkeit so viel Selbstbeherrschung zeigen.

Als der Häuptling, welcher sich Duncans Hülfe erbeten, seine Pfeife zu Ende geraucht hatte, machte er eine letzte und ungehinderte Bewegung zum Aufbruch. Ein Wink mit dem Finger war für den vermeintlichen Arzt das Zeichen, zu folgen; und während Duncan durch die Rauchwolken schritt, war er in mehr als einer Hinsicht froh, bald die reine Luft eines kühlen und erfrischenden Sommerabends wieder athmen zu dürfen.

Statt den Weg nach den Hütten zu nehmen, wo Heyward bereits seine erfolglose Nachsuchung angestellt hatte, wandte sich sein Begleiter seitwärts und schritt gerade auf die Ansteigung eines nahen Berges zu, der über den zeitigen Wohnsitz der Huronen ragte. Ein Dickicht von Unterholz umgab seinen Fuß und ein schmaler, geschlängelter Pfad lag gerade vor ihnen. Die Knaben hatten ihre Spiele in der Lichtung wieder begonnen und gaben eben unter sich eine mimische Vorstellung von der Jagd nach dem Kriegspfosten. Um ihre Spiele der Wirklichkeit so nahe als möglich zu bringen, hatte einer der kecksten einige Feuerbrände in Bündel von abgehauenen Baumwipfeln geworfen, die bis jetzt der Flamme entgangen waren. Der Schein eines dieser Feuer leuchtete dem Häuptling und Duncan auf ihrem Wege und erhöhte noch den wilden Charakter der rauhen Landschaft. In geringer Entfernung von einem kahlen Felsen und gerade vor demselben kamen sie an eine Grasfläche, die sie eben durchschreiten wollten. In diesem Augenblick erhielt das Feuer neue Nahrung, und das Licht der mächtigen Flamme drang selbst bis zu jener entfernten Stelle. Es fiel auf die weiße Oberfläche des Berges und warf sich auf ein dunkles, geheimnißnißvoll aussehendes Wesen zurück, das sich unerwartet auf ihrem Wege erhob.

Der Indianer zögerte, als sey er unschlüssig, ob er weiter gehen sollte, und ließ seinen Begleiter zu sich heran kommen. Ein großer schwarzer Knäuel, der Anfangs stille zu liegen schien, begann sich jetzt auf eine für Duncan unerklärliche Weise zu bewegen. Das Feuer flammte von Neuem auf, und sein Schein fiel deutlicher auf den Gegenstand. Jetzt erkannte selbst Duncan das Thier an der unruhigen und schwankenden Stellung, die den obern Theil seiner Gestalt in beständiger Bewegung erhielt, während das Ganze zu sitzen schien – für einen Bären. Obgleich er laut und wild brummte, und von Zeit zu Zeit seine feurigen Augäpfel sichtbar wurden, gab er doch kein Zeichen von Feindseligkeit. Der Hurone wenigstens schien von den friedlichen Absichten des seltsamen Eindringlings überzeugt, denn er verfolgte nach einer aufmerksamen Betrachtung ruhig seinen Weg.

Duncan, welcher wußte, daß dieses Thier unter den Indianern oft als Hausthier gefunden wird, folgte dem Beispiel seines Begleiters, in der Meinung, ein Lieblingsbär des Stammes habe, auf Futter ausgehend, seinen Weg in das Dickicht gefunden, und sie kamen unangefochten vorbei. Obgleich genöthigt, mit dem Ungeheuer in nahe Berührung zu kommen, schritt der Hurone, der anfänglich über diesen seltsamen Gast sich so vorsichtig zu beruhigen gesucht hatte, nun ohne einen Augenblick weiteren Forschens voran, aber Heyward konnte nicht umhin, sich nochmals umzusehen, in wachsamer Hut gegen Angriffe von hinten. Seine Unruhe verminderte sich in keiner Weise, als er bemerkte, wie das Thier den Weg entlang rollte und ihnen auf dem Fuße folgte. Er wollte eben sprechen, als der Indianer in diesem Augenblick eine Thür von Rinde bei Seite schob und in eine Höhle im Innern des Berges trat.

Zufrieden, sich einen so leichten Rückzug gesichert zu sehen, folgte ihm Duncan auf dem Fuße und wollte die leichte Thüre der Oeffnung hastig hinter sich schließen, als er sie seiner Hand durch das Thier entrissen fühlte, dessen zottige Gestalt unverweilt den Eingang verdunkelte. Sie befanden sich jetzt in dem engen und langen Gang einer Felsenspalte, wo jede Umkehr, ohne auf das Thier zu stoßen, unmöglich war. In dieser Noth das Beste wählend, eilte der junge Mann vorwärts, sich möglichst nahe an seinen Führer haltend. Der Bär brummte häufig dicht auf seinen Fersen, und ein- oder zweimal legten sich ihm seine ungeheuren Tatzen auf den Rücken, als wollte er ein weiteres Vordringen in die Höhle hindern.

Wie lange Heyward’s Nerven in dieser so außerordentlichen Lage ausgehalten haben würden, läßt sich schwer entscheiden, denn glücklicherweise wurde er bald erlöst. Ein Lichtschimmer war beständig vor ihnen gewesen, und sie befanden sich jetzt an der Stelle, von welcher er ausging.

Die geräumige Höhlung des Felsens war auf eine rohe Weise zum Dienste verschiedener Gemächer eingerichtet worden. Die Unterabtheilungen waren einfach, aber sinnreich aus Stein, Aesten und Rinde in buntem Gemisch aufgeführt. Oeffnungen von oben ließen das Tageslicht herein, und bei Nacht vertraten Feuer und Fackeln die Stelle der Sonne. Hierher hatten die Huronen ihre meisten Besitzthümer von Werth gebracht, besonders diejenigen, welche Gemeingut des Stammes waren; und hierher, wie sich jetzt zeigte, war auch die kranke Frau, die man für ein Opfer übernatürlicher Mächte hielt, geschafft worden, in dem unbewußten Eindrucke, ihrem Quälgeiste werde es schwerer fallen, mit seinem Angriffe durch die Steinwände, als durch die Laubdächer der Hütten zu dringen. Das Gemach, in welches Duncan mit seinem Führer zuerst eintrat, war ausschließlich der Bequemlichkeit der Kranken gewidmet. Er näherte sich ihrem Lager, das von Weibern umgeben war, in deren Mitte Heyward zu seiner Ueberraschung den vermißten Freund David entdeckte.

Ein einziger Blick überzeugte den vorgeblichen Arzt, daß die Kranke der Hülfe der Heilkunst bereits entrückt sey. Sie lag in einer Art Lähmung, gleichgültig gegen ihre ganze Umgebung, und schien zum Glücke ihre Leiden nicht zu empfinden. Heyward war es keineswegs unlieb, daß er seine Gaukeleien an einem Wesen üben sollte, das sich viel zu schlecht befand, um an ihrem Erfolg oder Mißlingen noch Interesse zu nehmen. Der leichte Gewissensskrupel, den sein vorgehabter Betrug in ihm erregt hatte, war alsbald beschwichtigt, und er begann eben seine Gedanken zu sammeln, um seine Rolle mit gebührendem Nachdruck zu spielen, als er fand, daß ein Anderer seiner Geschicklichkeit zuvorkommen und die Gewalt der Musik erproben wollte.

Gamut, der bereit gewesen war, seinen Geist zu einem Gesang zu erheben, als die neuen Ankömmlinge eintraten, zog nach augenblicklichem Aufschub einen Ton aus seiner Pfeife und begann eine Hymne, die Wunder gewirkt haben würde, wenn der feste Glaube an ihre Wirksamkeit hier von Belang hätte seyn können. Man ließ ihn zu Ende singen, da die Indianer seine vermeintliche Geistesschwäche schonten, und dem jungen Soldaten der Verzug zu gelegen kam, um die geringste Unterbrechung zu wagen. Die letzte hinsterbende Cadenz klang eben in Duncan’s Ohren, da fuhr er erschreckt bei Seite, denn er hörte dieselben Strophen hinter sich mit einer Stimme wiederholen, die, nur halb menschlich, wie aus einem Grabe herauftönte. Er sah um sich und erblickte das zottige Unthier in einem schattigen Winkel der Höhle, auf den Hinterbeinen sitzend, wo es seinen Leib in der unruhigen Weise dieser Thiere rastlos hin und her wiegte, und mit dumpfem Brummen Laute, wo nicht Worte wiederholte, die mit der Melodie des Sängers eine entfernte Ähnlichkeit hatten.

Die Wirkung eines so unerwarteten Echo’s auf David läßt sich leichter denken als beschreiben. Er öffnete die Augen weit, als ob er an ihrer Wirklichkeit zweifelte, und seine Stimme verstummte augenblicklich vor Erstaunen. Ein tief durchdachter Plan, Heyward wichtige Mittheilungen zu machen, ward aus seinem Gedächtniß durch ein Gefühl vertrieben, das so ziemlich der Furcht glich, von ihm aber gerne für Bewunderung gehalten wurde. Unter solchen Einflüssen rief er laut: »Sie erwartet Euch! – sie ist in der Nähe!« und rannte eilig zur Höhle hinaus.

Sechzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Edg. Eh‘ Ihr zum Kampfe gehet, lest den Brief.
Lear.

Major Heyward fand Munro allein mit seinen Töchtern. Alice saß auf seinem Knie und theilte die grauen Haare des alten Kriegers mit ihren zarten Fingern, und als er über ihre Tändelei die Stirne zu runzeln schien, drückte sie ihre Rosenlippen auf das befurchte Haupt, um den scheinbaren Unmuth zu beschwichtigen. Cora saß neben ihnen, eine ruhige und heitere Zuschauerin, indem sie die kindischen Bewegungen ihrer jüngern Schwester mit jener Art von mütterlicher Zärtlichkeit betrachtete, die ihre Liebe zu Alice so eigenthümlich bezeichnete. Nicht blos die Gefahren, die sie überstanden hatten, sondern auch die zukünftigen, die sie noch bedrohten, schienen in diesem harmlosen Familienkreise vergessen. Es war, als ob sie den kurzen Waffenstillstand benützen wollten, um sich für einen Augenblick dem Ergusse der edelsten Zärtlichkeit hinzugeben. Die Töchter vergaßen ihre Befürchtungen, der Veteran seine Sorgen in der Sicherheit des Augenblicks. Duncan, welcher in dem Eifer, von seiner Sendung zu berichten, unangemeldet eingetreten war, blieb einige Augenblicke ein unbemerkter Zuschauer bei einer Scene, die ihn entzückte. Bald aber erblickte das lebhafte, bewegliche Auge Alicens seine Gestalt in einem Spiegel, sprang erröthend von ihres Vaters Knie auf und rief mit lauter Stimme:

»Major Heyward!«

»Was soll der Junge?« fragte ihr Vater, »ich schickte ihn zu dem Franzmann in’s Lager, um ein wenig mit ihm zu schwatzen. Ha! Sir, Sie sind jung und flink! Entfernt Euch, Ihr Schelme! hat der Soldat nicht Beschwerden genug, muß er auch noch das Lager voll solcher Schwätzerinnen haben, wie Ihr seyd?«

Alice folgte lächelnd ihrer Schwester, welche sie aus dem Zimmer führte, wo man ihre Gegenwart nicht länger wünschte. Munro schritt, statt den jungen Mann nach dem Ergebniß seiner Sendung zu fragen, einige Augenblicke in dem Zimmer auf und nieder, die Hände auf dem Rücken und das Haupt zu Boden gekehrt, als ob er in tiefes Nachdenken versunken wäre. Endlich erhob er seine Augen, die in dem Ausdruck väterlicher Zärtlichkeit erglänzten, und rief:

»’s sind ’n paar köstliche Mädchen, Heyward, auf die sich ein Vater was zu Gute thun darf.«

»Sie wollen, hoffe ich, gewiß nicht erst meine Meinung über Ihre Töchter kennen lernen, Obrist Munro?«

»’s ist wahr, Junge, ja,« unterbrach ihn der ungeduldige Alte. »Sie wollten mir Ihr Herz am Tage Ihrer Ankunft umständlicher öffnen, und ich glaubte, es zieme sich für einen alten Soldaten nicht, von Hochzeitfreuden und Hochzeitscherzen zu sprechen, wenn die Feinde seines Königs sich als ungebetene Gäste bei dem Feste einfinden könnten! Aber es war Unrecht von mir, Duncan! Junge, ’s war Unrecht und ich bin jetzt bereit zu vernehmen, was Sie mir zu sagen haben.«

»So viel Freude mir Ihre Versicherung macht, theuerster Herr, so habe ich Ihnen jetzt eine Botschaft von Montcalm« –

»Laßt den Franzmann mit seinem ganzen Heere zum Teufel gehen!« rief der ungestüme Veteran. »Er ist noch nicht Meister von William Henry, und soll es auch nie werden, wofern Webb seine Schuldigkeit thut. Nein, Sir, dem Himmel sey Dank, wir sind noch nicht so in der Klemme, daß Munro nicht einen Augenblick seinen häuslichen Angelegenheiten widmen könnte. Ihre Mutter war das einzige Kind meines Busenfreundes, Duncan, und ich will Sie jetzt anhören, wenn auch alle Ritter von St. Louis vor dem Ausfallthor stünden mit ihrem französischen Heiligen an der Spitze, und ein Wörtchen mit mir sprechen wollten. Ein sauberer Ritterorden, den man mit Zuckertonnen kaufen kann, und dann ihre Pfennigmarquisate! Die Distel ist der Orden der Ehre und des Alterthums; das wahre nemo me impune lacessit des Ritterthums; Sie hatten Ahnen, Duncan, in diesem Orden, und sie waren eine Zierde der schottischen Ritterschaft.«

Heyward, welcher wahrnahm, daß sein Oberer ein boshaftes Vergnügen daran fand, die Botschaft des französischen Generals verächtlich zu machen, wollte einem Spleen keine Nahrung geben, von dem er wußte, daß er nur von kurzer Dauer seyn werde, und erwiederte deshalb mit so viel Gleichgültigkeit, als er hier annehmen konnte:

»Mein Verlangen, Sir, ging, wie Sie wissen, soweit, nach der Ehre zu geizen, mich Ihren Sohn nennen zu dürfen.«

»Ja, Junge, darüber haben Sie sich so ziemlich deutlich auszudrücken gewußt. Aber lassen Sie mich fragen, Sir, haben Sie sich ebenso verständlich gegen meine Tochter ausgesprochen?«

»Bei meiner Ehre, nein,« rief Duncan warm, »es hieße ein mir geschenktes Vertrauen gemißbraucht, hätte ich mein Verhältniß zu einem solchen Zwecke benützt!«

»Sie haben als Ehrenmann gehandelt, Major Heyward, Ihr Benehmen war ganz an seiner Stelle. Aber Cora Munro ist ein zu verständiges Mädchen, ihre Denkungsart zu erhaben und befestigt, als daß sie der Leitung selbst eines Vaters bedürfte.«

»Cora!«

»Ja – Cora! wir sprechen von Ihrer Bewerbung um Miß Munro’s Hand, nicht wahr, Sir?«

»Ich – ich – ich glaube, ihren Namen noch nicht genannt zu haben,« stotterte Duncan.

»Und wen wollten Sie denn heirathen, daß Sie meiner Zustimmung bedürften, Major Heyward?« fragte der alte Soldat, mit der Würde verletzten Gefühls sich emporrichtend.

»Sie haben eine zweite, nicht minder liebenswürdige Tochter!«

»Alice!« rief der Vater, ebenso überrascht, als es Duncan gewesen war, als er den Namen der Schwestern wiederholt hatte.

»Sie war der Gegenstand meiner Wünsche, Sir.«

Der junge Mann erwartete schweigend das Resultat der außerordentlichen Bewegung, die eine, wie sich jetzt zeigte, so unerwartete Mittheilung hervorgebracht hatte. Mehrere Minuten lang ging Munro mit großen und raschen Schritten im Zimmer auf und nieder; seine Gesichtsmuskeln arbeiteten krampfhaft, und jede andere Geistesthätigkeit schien in seinem tiefen Nachdenken zu schlummern. Endlich blieb er vor Heyward stehen, heftete seine Augen fest auf ihn und sprach, indem seine Lippe heftig zitterte:

»Duncan, Heyward, ich habe Sie wegen des Mannes geliebt, dessen Blut in Ihren Adern fließt, ich habe Sie um Ihrer eigenen guten Eigenschaften willen geliebt und habe Sie geliebt, weil ich dachte, Sie würden mein Kind glücklich machen. Aber alle diese Liebe würde sich in Haß verwandeln, wüßte ich, daß das, was ich fürchte, wahr ist.«

»Gott wolle verhüten, daß ich das Geringste thun oder denken sollte, was einen solchen Wechsel herbeiführen könnte!« rief der junge Mann, dessen Auge unter dem durchdringenden Blicke, der ihn traf, nicht wankte. Ohne daran zu denken, daß Heyward zu fassen unvermögend war, was in seinem Innern vorging, schien Munro durch den unverändert ruhigen Blick besänftigt, dem er begegnete, und fuhr in milderem Tone fort:

»Sie wollen mein Sohn werden, Duncan, und kennen die Geschichte dessen nicht, den Sie Vater zu nennen wünschen. Setzen Sie sich, junger Mann, und ich will Ihnen mit wenigen Worten ein Herz öffnen, dessen Wunden noch nicht vernarbt sind.«

Montcalm’s Botschaft war jetzt sowohl von dem, der sie überbringen, als auch von dem, der sie anhören sollte, vollkommen vergessen. Jeder nahm einen Sitz, und während der Veteran einige Augenblicke mit seinen eigenen Gedanken verkehrte, scheinbar bekümmert, unterdrückte der junge Mann seine Ungeduld und suchte in Blick und Geberden achtungsvolle Aufmerksamkeit zu legen.

»Sie wissen bereits, Major Heyward, daß meine Familie alt und ehrenvoll ist,« begann der Schottländer, »obgleich sie mit Glücksgütern nicht so begünstigt war, wie es ihrem Adel gebührt hätte. Ich war ungefähr in Ihrem Alter, als ich mich Alice Graham mit Herz und Mund verpflichtete; sie war das einzige Kind eines benachbarten Lairds, nicht ohne Vermögen. Allein ihr Vater war nicht für die Verbindung, weil außer meiner Armuth noch Mehreres seinen Wünschen entgegen war. Ich that daher, was jeder Mann von Ehre gethan hätte, ich gab dem Mädchen sein Wort zurück und verließ das Land im Dienste meines Königs. Ich hatte schon viele Länder gesehen, schon an vielen Orten mein Blut vergossen, als mich mein Dienst nach den westindischen Inseln rief. Hier wollte mein Schicksal, daß ich mit einem Mädchen bekannt ward, die bald mein Weib und Coras Mutter wurde. Sie war die Tochter eines Mannes von Stand auf jenen Inseln, dessen Gattin das Unglück hatte, wenn Sie so wollen, in einem entfernten Grade von jener unglücklichen Menschenrasse abzustammen,« sprach der alte Mann stolz, »die zu so schändlicher Sklaverei verurtheilt ist, um den Bedürfnissen eines üppigen Volkes zu fröhnen. Ja, Sir, das ist ein Fluch, den Schottland seiner so unnatürlichen Verbindung mit einem fremden Handelsvolke zu danken hat. Aber würde ich unter diesem Einen finden, der sich geringschätzig über mein Kind äußerte, der sollte das volle Gewicht meines väterlichen Zorns empfinden! Doch! Major Heyward, Sie selbst sind im Süden geboren, wo diese unglücklichen Geschöpfe als eine niedrigere Menschenklasse betrachtet werden.«

»Das ist unglücklicher Weise nur zu wahr, Sir,« sprach Duncan, so verlegen, daß er seine Augen zu Boden zu senken gezwungen war.

»Und Sie werfen deshalb einen Tadel auf mein Kind? Sie verschmähen es, das Blut der Heyward mit dem Blute eines so verachteten, wenn auch noch so liebenswürdigen und tugendhaften Mädchens zu vermischen?« fragte der mißtrauische Vater.

»Der Himmel behüte mich vor einem Vorurtheil, das meiner Vernunft so unwürdig wäre!« erwiederte Duncan, wiewohl er sich sagen mußte, daß wirklich ein solches Vorurtheil so tief in ihm wurzelte, als ob es seiner Natur eingepflanzt worden wäre. »Die Anmuth, die Schönheit, der Zauber Ihrer jüngern Tochter, Obrist Munro, werden meine Beweggründe hinlänglich erklären, ohne mich einer solchen Ungerechtigkeit schuldig erscheinen zu lassen.«

»Sie haben Recht, Sir,« versetzte der alte Mann, der wieder in den Ton der Güte oder vielmehr Sanftmuth überging; »das Mädchen ist das Bild ihrer Mutter in jenem Alter, bevor sie noch den Gram hatte kennen lernen. Als mich der Tod meines Weibes beraubte, kehrte ich, durch diese Heirath reicher geworden, nach Schottland zurück, und werden Sie es glauben, Duncan! der leidende Engel war zwanzig lange Jahre in dem herzlosen Zustand der Ehelosigkeit verblieben, und zwar wegen eines Mannes, der sie vergessen konnte! Sie that noch mehr, Sir; sie vergab mir meine Treulosigkeit, und da alle Schwierigkeiten nun beseitigt waren, nahm sie mich zu ihrem Gatten.«

»Und wurde Alicens Mutter?« rief Duncan mit einer Heftigkeit, die verderblich hätte werden können, wäre nicht Munro in diesem Augenblicke so tief in seine schmerzlichen Erinnerungen versunken gewesen.

»Ja,« antwortete der alle Mann, »und theuer bezahlte sie das kostbare Geschenk, das sie mir hinterließ. Doch sie ist eine Heilige im Himmel, Sir; und nicht ziemt es einem Manne, der mit einem Fuß schon in dem Grabe steht, ein so wünschenswerthes Loos zu beklagen. Ich besaß sie blos ein Jahr, ein kurzes Glück für ein Weib, das ihre Jugend in hoffnungsloser Sehnsucht hatte dahinschwinden sehen.« Es lag in dem Kummer des alten Mannes etwas so Ueberwältigendes, daß Heyward kein Wort des Trostes an ihn zu richten wagte. Munro schien Duncans Gegenwart völlig vergessen zu haben, seine Züge kämpften gegen den Schmerz seiner Empfindungen, während schwere Thränen seinen Augen entquollen und über seine Wangen rollten. Endlich rührte er sich, als sey er plötzlich wieder zu Besinnung gelangt; er stand auf, ging ein Mal durch das Zimmer, und trat dann mit einem Ausdrucke kriegerischer Größe vor Heyward, mit der Frage:

»Haben Sie mir keine Botschaft von dem Marquis von Montcalm zu überbringen, Major Heyward?«

Duncan fuhr auf und begann sogleich mit verlegener Stimme des halbvergessenen Antrags sich zu entledigen. Es ist unnöthig, bei der gewandten, wenn gleich höflichen Art zu verweilen, womit der französische General jedem Versuche Heywards ausgewichen war, ihn über den Inhalt der Mittheilung, die er hatte machen wollen, auszuholen; oder bei der Botschaft, durch welche er seinem Feinde in artigen, aber bündigen Worten bedeuten ließ, daß er selbst kommen und die Erklärung holen, oder darauf verzichten möge. Während Munro die Einzelnheiten des Berichtes anhörte, wich das aufgeregte Vatergefühl allmählig den Rücksichten für seine Dienstpflicht; und als Duncan zu Ende war, erblickte er nur noch den Veteranen, dessen Ehre als Soldat gekränkt worden war.

»Sie haben genug gesagt, Major Heyward!« rief der erzürnte Alte; »genug, um einen Kommentar über französische Höflichkeit zu schreiben. Da ladet mich der Herr zu einer Zusammenkunft ein, und wie ich ihm statt meiner in Ihnen einen tüchtigen Stellvertreter schicke, denn das sind Sie, Duncan, so jung Sie auch noch sind, so antwortet er mir in einem Räthsel.«

»Er hatte vielleicht eine minder günstige Meinung von dem Stellvertreter, mein theuerster Herr! und Sie werden sich erinnern, daß die Einladung, die er nun wiederholt, an den Kommandanten des Forts und nicht an einen Untergebenen geht.«

»Recht, Sir! ist aber nicht der Stellvertreter mit aller Gewalt und Würde desjenigen bekleidet, der ihm den Auftrag gibt? Er wünscht mit Munro zu sprechen! Meiner Treu, Sir, ich habe große Lust, ihm die Unterredung zu gewähren, und sollt‘ es nur seyn, ihm zu zeigen, wie fest wir ihm trotz der Zahl seiner Truppen und seinen Uebergabevorschlägen ins Auge sehen, ’s wäre vielleicht keine üble Politik, junger Mann.«

Duncan, welcher es für höchst wichtig hielt, möglichst bald den Inhalt des von dem Kundschafter überbrachten Briefs zu erfahren, unterstützte ihn gerne dann, indem er sagte:

»Ohne Zweifel wird unsre Gleichgültigkeit seine Zuversicht herabstimmen.«

»Nie haben Sie wahrer gesprochen. Ich wollte, Sir, er käme, und beschaute sich unsere Werke am hellen Tage und zwar in einem Sturm. Das ist das untrüglichste Mittel, zu sehen, ob sich der Feind wacker hält, und tausendmal besser, als das Beschießungssystem, welches er angenommen hat. Das Schöne und Männliche der Kriegskunst hat durch die Künste Ihres Monsieur Vauban sehr gelitten, Major Heyward! Unsre Vorfahren waren über diese systematische Feigheit weit erhaben.«

»Das mag ganz wahr seyn, Sir; jetzt aber müssen wir uns eben mit den Waffen vertheidigen, mit denen wir angegriffen werden. Was sind Sie gesonnen in Betreff der Zusammenkunft?«

»Ich will den Franzosen sprechen, und das ohne Furcht oder Aufschub; prompt! Sir, wie’s einem Diener meines königlichen Gebieters ziemt. Gehen Sie, Major Heyward, lassen Sie eine Fanfare blasen und schicken Sie einen Trompeter, um dem Marquis zu melden, wer komme. Wir folgen mit einer kleinen Bedeckung; denn Ehre gebührt dem, der über die Ehre eines Königs zu wachen hat; und hören Sie, Duncan,« fügte er halbflüsternd, obgleich sie allein waren, hinzu: »es wird gut seyn, eine Verstärkung bei der Hand zu haben, falls eine Verrätherei zulezt Allem zu Grunde läge.«

Der junge Mann benützte den Befehl, um das Zimmer zu verlassen, und beeilte sich, da der Tag zu Ende ging, unverzüglich die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. In wenigen Minuten waren Truppen unter das Gewehr getreten, und eine Ordonnanz mit einer weißen Fahne abgeschickt, die Ankunft des Kommandanten von Fort William Henry zu melden. Sobald dies geschehen war, führte er die Bedeckung nach dem Ausfallthor, wo sein Oberer bereits auf ihn wartete. Nach den bei einem Auszug von Truppen üblichen Förmlichkeiten verließ der Veteran und sein jüngerer Gefährte, von der Bedeckung begleitet, die Festung.

Kaum waren sie einige hundert Schritte aus den Festungswerken marschirt, als der kleine Trupp Soldaten, der den französischen General begleitete, aus einem Hohlwege hervorkam, der das Bett eines zwischen den Batterien der Belagerer und dem Fort fließenden Baches bildete. Sobald Munro seine eigenen Werke verließ, um seinen Feinden entgegenzutreten, nahm seine Miene eine gewisse Hoheit an, und Schritt und Haltung wurden ächt kriegerisch. In dem Augenblicke, da er des weißen Federbusches, der von Montcalms Hute wehte, ansichtig ward, blitzten seine Augen und das ganze Feuer der Jugend schien wieder in dem hohen, muskulösen Körper des Greises zu erwachen.

»Sagen Sie den Jungen, sie sollen auf ihrer Hut seyn,« flüsterte er Duncan zu, »und Flinten und Säbel wohl bei der Hand halten, denn man ist bei einem Diener dieser Louis niemals sicher; dabei wollen wir aber die Stirne von Männern zeigen, die sich in tiefer Sicherheit glauben. Verstehen Sie mich, Major Heyward?«

Ein Zeichen mit der Trommel unterbrach sie, und ward sogleich von ihrer Seite beantwortet. Während jede Partei eine Ordonnanz mit einer weißen Fahne vortreten ließ, hielt der vorsichtige Schotte seine Bedeckung dicht hinter dem Rücken. Sobald diese flüchtige Begrüßung vorüber war, trat Montcalm mit leichtem, anstandsvollem Schritte auf ihn hinzu, und entblößte sein Haupt gegen den Veteranen, so daß sein weißer Federbusch beinahe den Boden berührte. War das Aeußere Munro’s männlicher und ehrfurchtgebietender, so fehlte ihm dagegen die leichte, einschmeichelnde Artigkeit des Franzosen. Beide schwiegen eine Weile, indem sie sich mit neugierigem Auge betrachteten; sodann unterbrach Montcalm, wie es sein höherer Rang und die Art der Unterhandlung mit sich brachte, das Stillschweigen. Nach der gewöhnlichen Begrüßung wandte er sich an Duncan und fuhr mit einem Lächeln des Wiedererkennens in französischer Sprache fort:

»Es freut mich, mein Herr, daß Sie uns bei dieser Veranlassung das Vergnügen Ihrer Gegenwart schenken. Wir können so des gewöhnlichen Dolmetschers entbehren; denn bei Ihnen fühle ich die gleiche Sicherheit, als wenn ich selbst Ihre Sprache spräche.« Duncan dankte für dieses Compliment; Montcalm aber wandte sich zu seiner Bedeckung, welche nach dem Vorgang von Munro’s Leuten sich dicht hinter ihm aufgestellt hatte, und fuhr fort:

»Zurück, Kinder – es ist warm; zieht euch ein wenig zurück!«

Ehe Major Heyward diesen Beweis von Vertrauen erwiederte, warf er einen Blick auf die Ebene umher und gewahrte nicht ohne Unruhe die zahlreichen dunkeln Gruppen von Wilden, welche als neugierige Zuschauer der Zusammenkunft aus dem Saum der sie umgebenden Wälder hervorschauten.

»Herr von Montcalm wird ohne Zweifel den Unterschied unserer Lage einsehen,« sprach er mit einiger Verlegenheit und wies zugleich auf die gefährlichen Feinde, die von allen Seiten sichtbar wurden. »Entließen wir unsere Bedeckung, so wären wir der Willkühr unserer Feinde preisgegeben.«

»Monsieur, sie haben das Ehrenwort eines französischen Edelmannes für Ihre Sicherheit!« erwiederte Montcalm, die Hand auf das Herz legend: »das sollte genügen.« »Und genügt auch. Zurück!« sprach Duncan zu dem Offizier, der die Bedeckung befehligte. »Zurück, Sir, bis auf weitere Ordre, so weit, daß Sie uns nicht hören können.«

Munro sah diese Bewegung mit sichtbarer Unruhe und fragte sogleich, was sie zu bedeuten habe.

»Liegt es nicht in unserem Interesse, Sir, sein Mißtrauen zu verrathen?« versetzte Duncan. »Monsieur de Montcalm verpfändet sein Ehrenwort für unsre Sicherheit, und ich habe den Leuten befohlen, sich etwas zurückzuziehen, um zu zeigen, wie fest wir auf seine Zusicherung bauen.«

»Sie können Recht haben, Sir; ich habe aber kein überschwängliches Vertrauen auf diese Marquis, oder wie sie sich nennen. Ihre Adelspatente sind zu gemein, als daß man ihnen auch das Siegel wahrer Ehre zutrauen könnte.«

»Sie vergessen, theuerster Herr, daß wir einen Offizier vor uns haben, der sich durch seine Thaten in Europa und America gleich ausgezeichnet hat. Von einem Kriegsmann seines Rufes können wir Nichts zu befürchten haben.«

Der Veteran machte ein Zeichen, daß er nachgebe; allein seine strengen Züge verriethen immer noch das Beharren in einem Mißtrauen, welches seinen Grund eher in einer gewissen anererbten Verachtung seines Feindes haben mochte, als in klaren, ein so liebloses Gefühl rechtfertigenden Gründen. Montcalm wartete geduldig das Ende dieses halblauten, kurzen Zwiegesprächs ab, trat dann näher und eröffnete die Unterredung mit folgenden Worten:

»Ich habe Ihren Obern um diese Zusammenkunft gebeten, Monsieur, weil ich glaube, er werde sich überzeugen lassen, bereits Alles gethan zu haben, was für die Ehre seines Fürsten nothwendig war, und jetzt auf die Stimme der Menschlichkeit hören. Ich werde ihm stets das Zeugniß des tapfersten Widerstandes geben, der so lange fortgesetzt wurde, als noch Hoffnung vorhanden war.« Als dieser Beginn Munro mitgetheilt wurde, antwortete er mit Würde, aber mit hinreichender Höflichkeit:

»So sehr ich ein solches Zeugniß von Monsieur de Montcalm zu schätzen weiß, so wird es mir doch noch werther seyn, wenn ich es besser verdient haben werde.«

Der französische General lächelte, als ihm diese Antwort übersetzt wurde, und bemerkte:

»Was man erprobtem Muthe so gerne gewährt, dürfte nutzloser Hartnäckigkeit verweigert werden. Monsieur beliebe, mein Lager anzusehen, meine Truppen zu zählen und sich selbst von der Unmöglichkeit eines längeren Widerstandes zu überzeugen!«

»Ich weiß, daß der König von Frankreich gut bedient ist,« erwiederte der unerschütterliche Schotte, sobald Duncan seine Uebersetzung beendigt hatte; »aber mein königlicher Gebieter hat ebenso viele und ebenso getreue Truppen.«

»Die aber zum Glück für uns nicht bei der Hand sind,« entgegnete Montcalm, ohne in seinem Eifer auf den Dolmetscher zu warten. »Es gibt ein Kriegsgeschick, dem sich der tapfere Mann mit demselben Muthe unterwerfen muß, mit dem er den Feinden die Stirne bietet.«

»Hätte ich gewußt, daß Monsieur de Montcalm des Englischen so mächtig ist, so hätte ich mir die Mühe eines so unvollkommenen Verdolmetschens erspart.« versetzte Duncan empfindlich und trocken, indem er sich augenblicklich seines neulichen Intermezzo’s mit Munro erinnerte.

»Verzeihen Sie, mein Herr,« entgegnete der Franzose, indem eine leichte Röthe über seine dunkle Wange flog. »Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Sprechen und dem Verstehen einer fremden Sprache, Sie werden daher die Gefälligkeit haben, mir auch ferner Ihren Beistand nicht zu entziehen.« Dann fuhr er nach einer Pause fort: »Diese Berge hier machen es uns sehr bequem, ihre Werke zu rekognosziren, meine Herren, und ich kenne vielleicht ihren schwachen Zustand so gut, als Sie selbst.« »Fragen Sie den französischen General, ob seine Gläser bis an den Hudson reichen!« sprach Munro mit Stolz; »und ob er weiß, wann und wo Webb’s Heer erwartet werden darf.«

»General Webb mag sein eigener Dolmetscher seyn,« versetzte der schlaue Montcalm, indem er mit diesen Worten Munro einen offenen Brief hinhielt; »Sie werden daraus ersehen, mein Herr, daß seine Bewegungen meinem Heere nicht eben viel in den Weg legen werden.«

Der Veteran ergriff das dargebotene Papier, ohne zu warten, bis Duncan Montcalm’s Worte verdolmetscht hatte, mit einer Heftigkeit, welche verrieth, wie wichtig ihm sein Inhalt seyn müsse. Während sein Auge das Schreiben überlief, ging seine Miene plötzlich von dem Ausdruck militärischen Stolzes in den des tiefsten Kummers über. Seine Lippe begann zu beben, das Papier entfiel seiner Hand und das Haupt sank ihm auf die Brust, wie einem Manne, dessen Hoffnungen ein Schlag vernichtet hat. Duncan hob den Brief auf und ohne die Freiheit, die er sich nahm, zu entschuldigen, warf er einen Blick auf dessen grausamen Inhalt. Ihr gemeinschaftlicher Oberer ermunterte sie nicht nur nicht zum Widerstände, sondern rieth ihnen sogar selbst, sich unverzüglich zu ergeben, indem er mit dürren Worten als Grund anführte, es sey ihm durchaus unmöglich, ihnen auch nur einen einzigen Mann zu Hülfe zu senden.

»Hier findet keine Täuschung Statt!« rief Duncan, indem er den Brief sorgfältig außen und innen untersuchte, »Er trägt Webb’s Siegel und es muß der aufgefangene Brief seyn.«

»Der Mann hat mich verrathen!« rief Munro endlich bitter aus; »er hat das Haus eines Mannes entehrt, dem Schande bisher unbekannt war, und Schmach über meine grauen Haare gebracht!«

»Sagen Sie das nicht!« rief Duncan; »noch sind wir Herren des Forts und unserer Ehre. Wir wollen unser Leben um einen Preis verkaufen, der selbst unsern Feinden zu theuer erscheinen soll!«

»Sohn, ich danke dir!« rief der alte Mann, der wie aus einer Betäubung erwachte. »Mit einem Male hast du Munro zu seiner Pflicht zurückgerufen. Wir wollen heim, und unsere Gräber hinter jenen Bollwerken graben!«

»Messieurs,« sprach Montcalm, mit edelmüthiger Theilnahme, einen Schritt vortretend, »Sie kennen Louis de St. Veran wenig, wenn Sie ihn für fähig halten, diesen Brief zur Demüthigung tapferer Soldaten und zur Befleckung seines eigenen Rufes benutzen zu wollen. Hören Sie meine Bedingungen, ehe Sie mich verlassen.«

»Was sagt der Franzose?« fragte der Veteran finster; »macht er sich ein Verdienst daraus, einen Kundschafter mit einem Zettel aus dem Hauptquartier aufgefangen zu haben? Sir, er thäte besser, die Belagerung aufzuheben, und sich vor Fort Edward zu legen, wenn er einen Feind mit Worten einzuschüchtern wünscht.«

Duncan erklärte ihm, was Montcalm gesagt hatte.

»Monsieur de Montcalm, wir sind bereit, Sie anzuhören,« fügte der Veteran hinzu, als Duncan geendet hatte.

»Das Fort zu behaupten, ist jetzt unmöglich,« sprach sein hochsinniger Gegner; »das Interesse meines Gebieters fordert, daß es zerstört werde: was aber Sie selbst und Ihre wackern Kameraden betrifft, so soll Ihnen kein Vorrecht, das dem Soldaten theuer ist, verweigert bleiben.«

»Unsre Fahnen?« fragte Heyward.

»Nehmen Sie nach England, um sie Ihrem Könige zu zeigen.«

»Unsre Waffen?

»Sie sollen ihnen bleiben; Niemand kann sie besser führen.«

»Unser Auszug, die Uebergabe des Platzes?«

»Alles soll auf die ehrenvollste Weise für Sie vor sich gehen.«

Duncan wandte sich jetzt zu seinem Kommandanten, um ihm diese Punkte mitzutheilen. Der Greis hörte ihn mit Erstaunen an und war von einem so ungewöhnlichen und unerwarteten Edelmuth tief ergriffen.

»Gehen Sie, Duncan,« sprach er, »gehen Sie mit diesem Marquis, der ein ächter Marquis ist, gehen Sie mit ihm in sein Zelt und bringen Alles in Ordnung. Zwei Dinge habe ich in meinem Alter erlebt, die ich nie für möglich gehalten hätte. Ein Engländer ist so feig, seinem Waffenbruder Hülfe zu versagen, und ein Franzose hat zu viel Ehrgefühl, um seinen Vortheil auszubeuten.« Mit diesen Worten ließ der Veteran sein Haupt wieder auf die Brust sinken und kehrte langsamen Schrittes nach dem Fort zurück, wo seine Niedergeschlagenheit die bestürzte Besatzung üble Botschaft erwarten ließ.

Dieser unerwartete Schlag hatte Munro’s stolzen Sinn so niedergebeugt, daß er sich nie mehr erholte. Von dem Augenblicke an war in seinem entschiedenen Charakter eine Veränderung vorgegangen, die ihn bald mit in das Grab begleiten sollte. Duncan blieb zurück, um die Bedingungen der Kapitulation festzusetzen. Man sah ihn um die erste Nachtwache in das Fort zurückkehren und unmittelbar nach einer kurzen Besprechung mit dem Kommandanten dasselbe wieder verlassen. Es ward jetzt öffentlich bekannt gemacht, daß die Feindseligkeiten aufzuhören hätten. Munro hatte eine Kapitulation unterzeichnet, laut welcher der Platz mit dem anbrechenden Morgen dem Feinde übergeben werden, die Besatzung aber ihre Waffen, ihre Fahnen und ihr Gepäcke, folglich nach militärischen Begriffen ihre Ehre behalten sollte.

Siebenzehntes Kapitel.

Siebenzehntes Kapitel.

Laßt weben uns. Den Faden dreht geschwind.
Webt das Geweb. Das Werk ist schon zu End‘.
Gray.

Die feindlichen Heere, welche in den Wildnissen des Horican gelagert waren, brachten die Nacht des neunten Augusts 1757 ungefähr auf dieselbe Weise zu, wie wenn sie auf dem schönsten Schlachtfelde Europas zusammengetroffen wären. Während die Besiegten still, verdrossen und niedergeschlagen waren, triumphirten die Sieger. Aber Trauer wie Freude haben ihre Gränzen: und lange vor der Morgenwache wurde die Stille der endlosen Wälder nur noch durch den Jubelruf eines lustigen jungen Franzosen bei einem entfernten Piquet, oder durch ein drohendes Anrufen aus dem Fort unterbrochen, das jede Annäherung von feindlichen Fußtritten vor der festgesetzten Zeit verbot. Selbst diese gelegentlich laut werdenden drohenden Töne verstummten in der unheimlichen Stunde, die dem Anbruch des Tages vorangeht, und auch ein Lauscher hätte vergeblich auf irgend ein Zeichen gehorcht, daß die Anwesenheit der an den Ufern des »heiligen Sees« schlummernden Streitkräfte verkündigt hätte.

Während dieser Augenblicke tiefer Stille wurde der Vorhang vor dem Eingange eines geräumigen Zeltes in dem französischen Lager bei Seite geschoben, und ein Mann schlüpfte unter demselben in die freie Luft hervor. Er war in einen Mantel gehüllt, der ihn gegen die kalten Dünste der Wälder schützen, aber auch seine ganze Gestalt verbergen sollte. Ungehindert ließ ihn der Grenadier, welcher den schlummernden französischen Befehlshaber zu bewachen hatte, vorüber, und die Schildwache machte nur das gewöhnliche Zeichen militärischer Ehrerbietung, als er flüchtigen Schritts durch die kleine Zeltstadt in der Richtung von William Henry forteilte. So oft der Unbekannte auf eine der zahlreichen Schildwachen auf seinem Wege stieß, war seine Antwort kurz und, wie es schien, befriedigend, denn man ließ ihn überall ohne weitere Ausforschung vorüber. Mit Ausnahme solcher oft wiederholten aber kurzen Unterbrechungen störte ihn auf seiner stillen Wanderung von der Mitte des Lagers bis zu den äußersten Vorposten nichts. Als er sich dem Soldaten näherte, der zunächst an den feindlichen Festungswerken Wache hielt, ward er mit dem gewöhnlichen Rufe empfangen: »Wer da?«

»Frankreich,« war die Antwort.

»Die Losung?« –

»Der Sieg!« sprach der Andere, ihm so nahe tretend, daß er ihm seine Antwort zuflüstern konnte.

»Gut,« versetzte die Schildwache, die Muskete wieder auf die Schulter nehmend, »Ihr geht frühe spazieren, Herr!«

»Man muß wachsam seyn, mein Kind,« bemerkte der Andere, indem er eine Falte seines Mantels fallen ließ und beim Vorübergehen den Soldaten scharf in’s Gesicht faßte, indem er seinen Weg nach den brittischen Bastionen verfolgte. Der Soldat fuhr auf, seine Waffen erklirrten stark, als er sie zum ehrerbietigsten militärischen Gruße vorwarf, und ging dann, seine Flinte wieder aufnehmend und zwischen den Zähnen murmelnd, auf und nieder.

»Gewiß muß man wachsam seyn! Ich glaube, wir haben da einen Korporal, der nie ein Auge schließt!«

Der Offizier that nicht, als hatte er die Worte, welche der überraschten Schildwache entschlüpften, gehört, und ging weiter, bis er das niedrige Ufer des Sees in der etwas gefährlichen Nähe der westlichen Wasserbastion des Forts erreichte. Das Licht des überwölkten Mondes reichte eben hin, die Umrisse der Gegenstände schwach unterscheiden zu lassen. Er gebrauchte daher die Vorsicht, sich an den Stamm eines Baumes zu stellen, wo er sich eine Weile anlehnte, und die dunkeln, stillen Erddämme der englischen Festungswerke mit gespannter Aufmerksamkeit zu betrachten schien. Sein Blick nach den Bollwerken war nicht der eines neugierigen oder müßigen Gaffers, sondern wanderte von einem Punkt zum andern und bewies militärische Kenntniß, verrieth aber auch, daß seine Untersuchung nicht ganz frei von Mißtrauen war. Endlich schien er befriedigt, er warf die Augen ungeduldig auf das östliche Gebirge, als könnte er den Anbruch des Morgens nicht erwarten, und war im Begriff, wieder zurückzukehren, als ein leises Geräusch auf der nächsten Ecke der Bastion sein Ohr erreichte und ihn zu bleiben bewog.

Eben näherte sich eine Gestalt dem Rande der Brustwehr, wo sie stehen blieb und die entfernten Zelte des französischen Lagers zu betrachten schien. Ihr Haupt wandte sich nach Osten, als sehe sie dem nahenden Tage mit Bangigkeit entgegen, und schien dann, an den Erdwall gelehnt, die klare Fläche der Wasser zu überblicken, die wie ein zweites Firmament das Bild von tausend Sternen wiederstrahlte. Das melancholische Aussehen, die Stunde und der hohe Wuchs des Mannes, welcher sich sinnend an die englische Brustwehr gelehnt hatte, ließ den aufmerksamen Beobachter über die Person nicht im Zweifel. Zartgefühl nicht minder als Klugheit geboten ihm nun, sich zurückzuziehen, und vorsichtig hatte er sich um den Baumstamm gedreht, um nicht bemerkt zu werden, da zog ein anderer Laut seine Aufmerksamkeit auf sich und ließ ihn abermal stille stehen. Leise, kaum hörbar bewegte sich das Wasser, dann war es, als ob Kieselsteine sich aneinander rieben. In einem Nu erhob sich eine dunkle Gestalt, wie aus dem See, und schlich geräuschlos an das Land, einige Schritte von der Stelle, wo er stand. Nächstdem erhob sich zwischen seinen Augen und dem Wasserspiegel eine Büchse, aber ehe sie noch losgeschossen werden konnte, war schon seine Hand auf dem Schloß.

»Hugh!« rief der Wilde, dessen verrätherische Absicht so seltsam und unerwartet unterbrochen worden war.

Ohne ein Wort zu sprechen, legte der französische Offizier seine Hand auf die Schulter des Indianers und führte ihn in tiefem Stillschweigen von der Stelle weg, wo ihr folgendes Zwiegespräch hätte gefährlich werden können, und wo wenigstens einer von ihnen ein Schlachtopfer zu suchen schien. Den Mantel zurückschlagend, um seine Uniform und das Ludwigskreuz an seiner Brust zu zeigen, fragte jetzt Montcalm in strengem Tone:

»Was soll das? Weiß mein Sohn nicht, daß die Kriegsart begraben ist zwischen dem Engländer und seinem canadischen Vater?«

»Was sollen die Huronen beginnen?« entgegnete der Wilde, ebenfalls französisch, aber nur unvollkommen sprechend. »Kein Krieger hat einen Skalp und die Blaßgesichter werden Freunde.« »Ha! Le Renard Subtil! Mich dünkt, ein übertriebener Eifer für einen Freund, der jüngst noch ein Feind war! Wie viele Sonnen gingen unter, seitdem le Renard den Kriegspfahl der Engländer berührt hat!«

»Wo ist jene Sonne?« fragte der trotzige Wilde. »Hinter den Bergen, und sie ist schwarz und kalt. Aber wenn sie wieder kommt, wird sie glänzen und warm seyn. Le Subtil ist die Sonne seines Stamms, Wolken und viele Berge waren zwischen ihm und seiner Nation; aber jetzt scheint er hell und es ist klarer Himmel!«

»Daß le Renard Macht über die Männer seines Volkes hat, weiß ich wohl,« sprach Montcalm, »denn gestern jagte er noch nach ihren Skalpen, und heute hören sie ihn bei dem Versammlungsfeuer.«

»Magua ist ein großer Häuptling.«

»Er zeig‘ es dadurch, daß er sein Volk lehrt, wie es sich gegen unsere neuen Freunde zu betragen hat.«

»Warum führte der Häuptling von Canada seine jungen Krieger in die Wälder und feuerte sein Geschütz nach dem Haus von Erde ab?« fragte der schlaue Indianer.

»Um es in Besitz zu nehmen. Meinem Herrn gehört das Land und Euer Vater bekam den Befehl, diese englischen Eindringlinge daraus zu vertreiben. Sie willigen ein, zu gehen, und jetzt heißt er sie nicht mehr Feinde.«

»Das ist gut. Aber Magua nahm die Kriegsaxt, um sie mit Blut zu färben. Jetzt glänzt sie; wenn sie roth ist, soll sie wieder begraben werden.«

»Aber Magua ist verpflichtet, Frankreichs Lilien nicht zu beflecken. Die Feinde des großen Königs über dem Salzsee sind seine Feinde; seine Freunde die Freunde der Huronen.«

»Freunde!« wiederholte der Indianer verächtlich, »Der Vater Magua’s lasse ihn seine Hand nehmen.«

Montcalm, welcher wußte, daß er seinen Einfluß auf die kriegerischen Stämme, die er versammelt hatte, mehr durch Nachgiebigkeit, als durch Gewalt behaupten könne, willfahrte ihm widerstrebend. Der Wilde legte den Finger des französischen Befehlshabers in eine tiefe Narbe auf seiner Brust und fragte dann frohlockend:

»Weiß mein Vater, was dies ist?«

»Welcher Krieger sollte das nicht wissen? Es ist von einer bleiernen Kugel.«

»Und das?« fuhr der Indianer fort, dem Andern den nackten Rücken zukehrend, denn er trug gerade seinen Calicomantel nicht.

»Dieß! mein Sohn ist hier schwer mißhandelt worden. Wer hat es gethan?«

»Magua schlief hart in den englischen Wigwams, und Streiche haben ihre Spur zurückgelassen,« antwortete der Wilde mit dumpfem Gelächter, das gleichwohl seinen wilden Trotz nicht zu verbergen vermochte, der ihn beinahe überwältigte. Bald aber faßte er sich und fuhr mit seiner angebornen und schnell wieder gewonnenen Würde fort: »Geh‘, sag‘ Deinen jungen Kriegern, es ist Friede, Le Renard Subtil weiß, wie er mit dem Huronenkrieger sprechen muß.«

Ohne weitere Worte für der Mühe werth zu halten oder eine Antwort zu erwarten, nahm der Wilde seine Büchse in den Arm und schritt langsam durch das Lager auf die Wälder zu, wo sein Stamm sich gelagert hatte. Jede paar Schritte wurde er von den Schildwachen unterbrochen, ging aber trotzig weiter, ohne den Ruf der Soldaten zu beachten, die sein Leben nur schonten, weil sie das Aussehen und den Tritt nicht weniger als die Tollkühnheit des Indianers kannten. Montcalm verweilte noch lange und trübsinnig an dem Ufer, wo ihn der Wilde verlassen hatte, und verfiel in tiefes Nachsinnen über die Stimmung, die sein unbändiger Verbündeter an den Tag gelegt hatte. Bereits war sein Ruf einmal durch eine Gräuelscene befleckt worden, und unter Umständen, die mit den jetzigen eine furchtbare Aehnlichkeit hatten. Je weiter er nachsann, desto lebhafter drang sich ihm das Gefühl auf, welche Verantwortlichkeit derjenige auf sich lade, welcher die Mittel, die ihm für seinen Zweck zu Gebote stehen, nicht gehörig bedenke, und eben so wenig die Gefahr, Kräfte in Thätigkeit zu setzen, deren Leitung über den Bereich menschlichen Vermögens geht. Er entschlug sich aber dieser Gedanken, die er im Augenblick des Sieges für Schwäche hielt, kehrte in sein Zelt zurück und gab im Vorbeigehen Befehl, das Heer aus seinem Schlummer zu erwecken.

Der erste Schlag der französischen Trommeln fand ein Echo im Innern der Festung, und augenblicklich füllte sich das Thal mit den anhaltenden und durchdringenden Klängen einer Kriegsmusik, die ihre lärmende Begleitung noch übertönte. Die Hörner der Sieger bliesen heitere und fröhliche Weisen, bis der letzte Mann im Lager unter den Waffen war; sobald aber die brittischen Pfeifen im Fort ihr schrilles Signal gaben, verstummten sie wieder. Unterdessen war der Tag angebrochen, und als das französische Heer zum Empfange seines Generals in Reihe und Glied bereit stand, erblitzten die Waffen der Krieger von den Strahlen einer glänzenden Sonne. Der gewonnene Vortheil, schon so wohl bekannt, wurde nun öffentlich verkündigt, und die begünstigte Schaar, welcher die Auszeichnung zu Theil wurde, die Thore des Forts zu besehen, zog vor ihrem Chef vorüber: das Zeichen zum Aufbruch ward gegeben, und alle üblichen Vorbereitungen eines Wechsels der Herrschaft wurden unter den Kanonen der bestrittenen Festungswerke getroffen und sogleich ausgeführt.

Einen ganz verschiedenen Anblick gewährten die Reihen des englisch-amerikanischen Heers. Sobald das Abzugssignal gegeben war, gewahrte man alle Zeichen eines übereilten, gezwungenen Abmarsches. Finstern Blickes warfen die Soldaten ihre ungeladenen Feuerrohre auf die Schulter, und als sie in ihre Reihen traten, sah man wohl, daß ihr Blut durch den so lange geleisteten Widerstand erhitzt war, und sie blos nach einer Gelegenheit verlangten, einen Schimpf zu rächen, der ihren Stolz immer noch verletzte, so sehr er auch unter den gewöhnlichen Formen militärischer Etiquette verdeckt worden war. Weiber und Kinder liefen hin und her, theils die spärlichen Reste des Gepäckes tragend, theils in den Reihen der Soldaten die Gesichter derjenigen suchend, von denen sie Schutz und Schirm erwarteten.

Munro erschien festen Antlitzes, aber niedergeschlagen, in der Mitte seiner schweigenden Truppen. Offenbar hatte dieser unerwartete Schlag sein Herz hart getroffen, obgleich er sich anstrengte, sein Unglück als Mann zu tragen.

Duncan war tief bewegt von dem ruhigen und doch so eindringlichen Gram, der aus seiner Miene sprach. Er hatte seine eigene Pflicht erfüllt und eilte jetzt an die Seite des alten Mannes, um ihm seine Dienste anzubieten.

»Meine Töchter!« war der kurze, aber bedeutungsvolle Bescheid.

»Gott des Himmels! Sind noch keine Vorkehrungen für sie getroffen?«

»Heute bin ich blos Soldat, Major Heyward!« sprach der Veteran, »Alle, die Sie hier sehen, wollen ebenso meine Kinder seyn!«

Duncan hatte genug gehört. Ohne einen Augenblick der jetzt so kostbaren Zeit zu verlieren, eilte er nach der Wohnung des Kommandanten, um die Schwestern aufzusuchen. Er fand sie auf der Schwelle des niedern Gebäudes zur Abreise bereit und umgeben von einem Haufen weinender und jammernder Weiber, welche sich gleichsam instinktmäßig hier versammelt hatten, wo sie am ehesten Schutz erwarten durften. Cora hatte nichts von ihrer Festigkeit verloren, obgleich ihre Wange blaß und ihre Miene unruhig war. Alicens Augen aber waren entzündet und verriethen, daß sie lange und bitterlich geweint hatte. Beide empfingen den jungen Mann mit unverhohlener Freude, die Erstere gegen ihre Gewohnheit das Gespräch beginnend.

»Das Fort ist verloren,« sprach sie mit melancholischem Lächeln, »aber unser guter Name ist, darauf traue ich, unverloren!«

»Er steht glänzender da, als je! Aber theuerste Miß Munro, es ist Zeit, weniger an Andere zu denken, und für sich selbst zu sorgen. Militärische Sitte – Stolz – der Stolz, den Sie selbst so hoch schätzen, verlangt, daß Ihr Vater und ich, eine kleine Weile an der Spitze der Truppen ziehen. Aber wo einen geeigneten Beschützer für Sie gegen die Verwirrung und die Wechselfälle eines solchen Abmarsches finden?«

»Es ist keiner nöthig,« versetzte Cora, »wer wird es wagen, die Töchter eines solchen Vaters zu einer Zeit, wie diese, zu beleidigen oder zu beschimpfen?«

»Ich möchte Sie nicht für das Kommando des besten Regiments in königlichem Solde allein lassen,« entgegnete der Jüngling, flüchtig um sich blickend. »Bedenken Sie, unsere Alice besitzt nicht Ihre Seelenstärke, und Gott weiß, welche Schrecken sie könnte auszustehen haben!«

»Sie mögen Recht haben,« sagte Cora, wieder lächelnd, aber viel ernster, als zuvor. »Hören Sie, der Zufall hat uns bereits einen Freund gesandt, da wir ihn am nöthigsten haben.«

Duncan horchte und verstand sogleich, was sie meinte. Die langsamen, ernsten Töne des heiligen Gesangs, so wohl bekannt in den östlichen Provinzen, trafen sein Ohr und führten ihn in das Zimmer eines nahen Gebäudes, das bereits von seinen bisherigen Bewohnern verlassen war. Hier fand er David, der seine frommen Gefühle in der einzigen ihm eignen Weise aussprach. Duncan wartete, bis er aus dem Aufhören seiner Handbewegung schließen durfte, daß der Gesang zu Ende sey, klopfte ihm dann auf die Schulter, um seine Aufmerksamkeit rege zu machen, und sprach ihm in wenigen Worten seine Wünsche aus.

»Recht gerne,« sprach der schlichte Jünger des Königs von Israel, als der junge Mann ausgeredet hatte, »ich habe viel Anmuth und viel melodische Anlagen bei diesen Mädchen gefunden, und es will sich ziemen, daß wir, die wir so viele Gefahren getheilt haben, auch ferner in Frieden zusammenreisen. Ich will sie begleiten, wenn ich mein Morgenlied beendigt habe, wozu blos noch die Lobpreisung fehlt. Wollen Sie mit anstehen, Freund? Das Sylbenmaß ist bekannt und die Weise »Southwell«.«

Dann schlug David sein Büchlein auf, gab mit wohlüberlegter Achtsamkeit den Ton an, begann und endigte seinen Gesang mit jener Bestimmtheit, die nicht leicht eine Unterbrechung sich gefallen ließ. Heyward konnte kaum erwarten, bis die Verse zu Ende waren, und fuhr, sobald er sah, daß David seine Brille in das Futteral und das Buch in die Tasche steckte, fort:

»Eure Pflicht wird seyn, dafür zu sorgen, daß Niemand den Ladies in einer rohen Absicht sich nahe, oder das Unglück ihres tapfern Vaters schmähe oder verhöhne. Die Diener ihres Haushalts werden euch hierin behülflich seyn.«

»Ganz gut.«

»Es ist möglich, daß euch Indianer oder Streifzüge der Feinde etwas anhaben wollen. Ihr verweiset sie dann nur auf die Bedingungen der Uebergabe, und drohet ihnen, die Sache Montcalm zu berichten. Ein Wort wird genügen.«

»Wo nicht, so hab‘ ich hier etwas, das seine Wirkung thut,« versetzte David, mit einer Miene frommer Zuversicht nach seinem Buche greifend, »Hier stehen Worte, welche mit gehörigem Nachdruck und im richtigen Zeitmaße gesprochen oder vielmehr gedonnert, den unbändigsten Sinn zähmen müßen!«

»Warum toben die Heiden so wüthend?«

»Genug!« sprach Heyward, seine musikalische Standrede unterbrechend; »wir verstehen einander; es ist Zeit, daß jeder von uns seiner Pflicht nachgehe.«

Gamut stimmte ein und sie suchten die beiden Schwestern auf. Cora empfing ihren neuen, etwas sonderbaren Beschützer wenigstens mit Artigkeit; und selbst Alicens blasse Gesichtszüge überschlich wieder ein Zug ihrer angebornen Schalkhaftigkeit, als sie Heyward für seine Fürsorge dankte. Duncan versicherte ihnen, er habe so viel gethan als die Umstände erlaubten, und, wie er glaube, genug für ihre Sicherheit, da keine wirkliche Gefahr vorhanden sei. Er sprach dann heiter von seinem Plane, einige Meilen vom Hudson wieder mit ihnen zusammenzutreffen, sobald er die Vorhut bis an den Fluß geführt, und nahm alsbald Abschied.

Das Zeichen zum Abmarsch war indessen gegeben worden, und die englische Kolonne bereits in Bewegung. Die Schwestern erschracken bei dem Trommelschlag, und um sich blickend wurden sie die weißen Uniformen der französischen Grenadiere gewahr, welche die Thore des Forts bereits in Besitz genommen hatten. In diesem Augenblicke schien plötzlich eine ungeheure Wolke an ihren Häuptern vorüberzuziehen, und emporschauend erblickten sie über sich die weiten Falten der Standarte von Frankreich.

»Laßt uns gehen!« sprach Cora; »dies ist kein schicklicher Aufenthalt mehr für die Kinder eines englischen Offiziers.«

Alice hing sich an den Arm ihrer Schwester und zusammen verließen sie den Paradeplatz, umringt von der sich langsam fortbewegenden Menge. Als sie durch den Thorweg gingen, verbeugten sich die französischen Offiziere, welche ihren Rang erfahren hatten, oft und tief, enthielten sich aber weiterer Aufmerksamkeiten, die, wie ein feiner Takt ihnen sagte, nicht an der Stelle seyn konnten. Da alle Wagen und Lastthiere für Kranke und Verwundete in Anspruch genommen waren, so hatte Cora beschlossen, mit ihrer Schwester lieber die Beschwerden eines Fußmarsches zu theilen, als Jener Bequemlichkeit zu verkürzen. Wirklich mußte mancher verstümmelte und schwache Soldat, weil es in diesen Wildnissen an den nöthigen Beförderungsmitteln fehlte, seine erschöpften Glieder hinter den Kolonnen herschleppen. Alles war jedoch in Bewegung: die schwachen und Verwundeten stöhnend und leidend, ihre Kameraden still und verdrießlich, und die Weiber und Kinder von Schrecken ergriffen, ohne zu wissen warum.

Als der verworrene, schüchterne Haufe die schützenden Wälle des Forts verließ und auf die offene Ebene gelangte, stellte sich mit einem Mal die ganze Scene vor Augen. In einiger Entfernung zur Rechten und etwas nach hinten stand das französische Heer unter den Waffen, da Montcalm alle seine Truppen zusammengezogen hatte, so bald seine Wachen Besitz von den Festungswerken genommen. Sie waren aufmerksame, aber schweigende Beobachter der Bewegungen der Besiegten, keine der stipulirten militärischen Ehren versäumend, und im Bewußtseyn ihres Sieges ohne allen Hohn oder Spott gegen ihre minder glücklichen Feinde. Kriegerische Schaaren der Engländer, im Ganzen beinahe dreitausend Mann stark, zogen langsam über die Ebene zu dem gemeinschaftlichen Centrum heran und näherten sich einander allmälich, der Richtung ihres Marsches zueilend, einem durch den hohen Wald gehauenen Wege, der die Straße nach dem Hudson bildete. Um den gedehnten Saum der Wälder hing eine finstere Wolke von Wilden, welche den Marsch ihrer Feinde beobachteten und Geiern ähnlich in einiger Entfernung lauerten, während sie nur die Gegenwart und der Zwang eines überlegenen Heers abhielt, über ihre Beute herzustürzen. Einige hatten sich sogar unter die Kolonnen der Besiegten gemischt, wo sie in finsterem Unmuth, als aufmerksame, für jetzt noch unthätige Beobachter der sich bewegenden Menge mitwanderten. Der Vortrab, von Heyward angeführt, hatte bereits das Defilé erreicht und verschwand allmälig, als Cora’s Aufmerksamkeit sich durch ein lautes Gezänk auf einen Trupp von Nachzüglern richtete. Ein Soldat von den Provinzialen büßte seinen Ungehorsam, indem er eben der Effekten beraubt wurde, die ihn vermocht hatten, seinen Platz in den Reihen zu verlassen. Der Mann war von starkem Körperbau und zu eigennützig, um sich seine Habe ohne Widerstand entreißen zu lassen. Von beiden Seiten mischte man sich in den Streit, die Einen, den Raub zu verhindern, die Andern, um ihn zu unterstützen. Die Stimmen wurden immer lauter und ungestümer, und Hunderte von Wilden erschienen wie mit einem Zauberschlag, wo man vor einem Augenblick kaum ein Duzend zählen konnte. Jetzt erblickte Cora die Gestalt Magua’s, unter seinen Landsleuten umherschleichend, mit seiner arglistigen und verderblichen Beredsamkeit zu ihnen redend. Die Masse der Weiber und Kinder blieb stehen und drängte sich gleich einer verscheuchten, hin- und herflatternden Taubenschaar an einander. Doch die Raubsucht des Indianers war bald befriedigt und der Zug ging wieder langsam vorwärts.

Die Wilden zogen sich jetzt zurück, und schienen ihre Feinde ohne fernere Störung weiter ziehen lassen zu wollen. Als aber der Weiberhaufen herannahte, zog die bunte Farbe eines Shawls die Augen eines wilden und unbewachten Huronen auf sich. Er kam herbei, um sich desselben ohne Weiteres zu bemächtigen. Die Frau hüllte, mehr aus Schrecken, denn aus Liebe zu dem Kleidungsstück, ihr Kind in den gefährdeten Schmuck und drückte beide fester an ihre Brust. Cora wollte eben sprechen und dem Weibe rathen, die Kleinigkeit dem Wilden zu überlassen, als dieser den Shawl fahren ließ und das schreiende Kind aus ihren Armen riß. Alles den gierigen Griffen der Wilden um sie her überlassend, stürzte die Mutter verzweiflungsvoll auf ihn, um ihr Kind zurückzufordern. Der Indianer lächelte grimmig und reckte eine Hand aus, seine Bereitwilligkeit zu einem Tausche anzudeuten, während er mit der andern das Kind an den Füßen um den Kopf schwang, als wollte er dadurch das Lösegeld steigern. »Hier – hier – da – Alles – Alles!« rief die unglückliche Mutter mit zitternden, ungeschickten Fingern die leichtern Kleidungsstücke sich vom Leibe reißend, »nimm Alles, nur gib mir mein Kind wieder!«

Der Wilde verschmähte die werthlosen Lappen und sobald er gewahrte, daß der Shawl bereits die Beute eines Andern geworden war, ging sein spöttisches, aber tückisches Lächeln in einen Ausdruck der Wuth über; er zerschmetterte dem Kinde den Kopf an einem Felsen und warf die noch zuckenden Glieder der Mutter vor die Füße. Einen Augenblick stand die Arme regungslos, ein Bild der Verzweiflung da und blickte wild auf das entstellte Wesen, das sich erst noch an ihren Busen geschmiegt und ihr zugelächelt hatte; dann erhob sie Augen und Gesicht gen Himmel, als flehte sie Gott an, den ruchlosen Verbrecher zu verderben. Die Sünde eines solchen Gebetes blieb ihr erspart; wüthend über die getäuschte Hoffnung, und durch den Anblick des Blutes aufgeregt, spaltete ihr der Hurone mit seinem Tomahawk den Schädel. Die Mutter sank unter dem Streich und stürzte zu Boden, nach ihrem Kinde mit derselben überwältigenden Liebe greifend, mit der sie es im Leben umfaßt hatte.

In diesem gefahrvollen Augenblick brachte Magua beide Hände an den Mund und ließ das verhängnißvolle, furchtbare Kriegsgeschrei ertönen. Die zerstreuten Indianer fuhren bei dem wohlbekannten Rufe auf, wie Rosse, ungeduldig, die Schranken des Ziels zu durchbrechen, und plötzlich erscholl durch die Ebene und die Baumgewölbe des Waldes ein so schreckliches Geheul, wie es selten aus Menschenlippen vernommen ward. Denen, welche es hörten, gerann das Herzblut in einem Entsetzen, wohl nicht viel geringer, als wenn die Posaune des jüngsten Tags ertönt hätte.

Mehr als zweitausend Wilde brachen auf dieses Signal wüthend aus dem Walde und zogen mit instinktmäßiger Eile auf die verhängnißvolle Ebene. Wir verweilen nicht bei den empörenden Gräuelscenen, die jetzt erfolgten. Ueberall war der Tod, und zwar in seinen schrecklichsten, abscheulichsten Gestalten. Widerstand diente nur dazu, die Wuth der Mörder noch mehr zu entflammen. Sie führten noch ihre wüthenden Streiche, wenn ihre Opfer sie schon lange nicht mehr fühlen konnten. Die Ströme von Blut glichen den Wogen eines Gießbachs, und sein Anblick machte die Eingebornen so hitzig und wüthend, daß manche unter ihnen niederknieten, um unter höllischem Jauchzen die dunkelrothe Fluth auszutrinken.

Die regelmäßigen Truppen warfen sich schnell in gedrängte Massen zusammen, um den Angreifern durch eine geschlossene Schlachtordnung zu imponiren. Der Versuch gelang zum Theil, aber nur zu viele Soldaten ließen sich, in der eiteln Hoffnung, die Wilden zu beschwichtigen, die ungeladenen Flinten aus den Händen reißen.

Während einer solchen Scene vermochte niemand die vorübereilenden Augenblicke zu zählen. Zehn Minuten, für sie ebenso viele Jahrhunderte, mochten die Schwestern erstarrt vor Entsetzen und beinahe rettungslos gestanden seyn. Als der erste Streich gefallen war, hatten sich ihre Begleiterinnen laut kreischend um sie zusammengedrängt, jede Flucht verhindernd, und nun, da Furcht oder Tod die Meisten, wo nicht Alle, zerstreut hatte, sahen sie nirgend einen Ausweg, der nicht unter die Tomahawks der Feinde geführt hätte. Von allen Seiten hörte man Geschrei, Gestöhn, Ermahnungen und Flüche. In diesem Augenblick war es Alicen als erblickte sie die hohe Gestalt ihres Vaters unaufhaltsam über die Ebene in der Richtung des französischen Lagers dahin eilend. Er war allerdings, keine Gefahr achtend, auf dem Wege zu Montcalm, um die nur zu späte Begleitung, die er ausbedungen hatte, zu verlangen. Fünfzig blitzende Streitäxte, Speere mit Widerhaken drohten seinem Leben, aber selbst noch in ihrer Wuth achteten die Wilden seinen Rang und seine unerschütterliche Ruhe. Die verderblichen Waffen wichen der immer noch nervigen Hand des Veteranen, oder senkten sie sich, als hätte Keiner den Muth, den lange gedrohten Streich zu vollführen. Zum Glück suchte der rachesüchtige Magua sein Opfer gerade unter der Abtheilung, welche der Veteran so eben verlassen hatte.

»Vater! – Vater! – wir sind hier!« schrie Alice, als er in geringer Entfernung, wie es schien, ohne auf sie zu achten, an ihnen vorübereilte. »Komm zu uns, Vater, oder wir sterben!« Der Hülferuf ward wiederholt und in Worten und Tönen, die ein Felsenherz gerührt haben würden, aber er blieb unbeantwortet. Einmal Wohl schien der alte Mann wirklich die Töne vernommen zu haben, denn er hielt inne und horchte; aber Alice war besinnungslos zu Boden gesunken und Cora kniete ihr zur Seite, mit unermüdlicher Zärtlichkeit über der leblosen Gestalt weilend. Munro ging getäuscht und kopfschüttelnd weiter, nichts als die hohen Pflichten seiner Stellung im Auge.

»Lady,« sprach Gamut, der, so hülf- und nutzlos er auch war, nicht davon träumte, seine Schutzbefohlenen zu verlassen, »das ist ein Jubelfest der Teufel, und kein Ort, wo Christen verweilen können. Auf! laßt uns fliehen!«

»Geh,« sprach Cora, immer noch ihre besinnungslose Schwester anstarrend; »rette dich. Mir kannst du nichts mehr helfen!«

David begriff die Festigkeit ihres Entschlusses vermöge der einfachen, aber ausdrucksvollen Geberde, welche ihre Worte begleitete. Einen Augenblick schaute er noch auf die dunkeln Gestalten, welche rings um ihn her ihr Höllenwerk vollbrachten, und seine hagere Gestalt ward noch höher, während seine Brust sich hob, jeder seiner Züge schwoll und die Gewalt der Gefühle, die ihn beherrschten, hervorströmen zu wollen schien.

»Wenn der jüdische Hirtenknabe durch den Klang seiner Harfe und die Worte heiligen Gesanges Saul’s bösen Geist bezwingen konnte, so wird es nicht am unrechten Orte seyn,« sprach er, »wenn ich hier die Macht der heiligen Musik versuche.« Seine Stimme zur höchsten Höhe erhebend, begann er einen so mächtigen Gesang, daß er selbst in dem Getümmel des blutigen Schlachtfeldes hörbar wurde. Einige Wilde stürzten eben heran, um die unbeschützten Schwestern ihres Schmucks zu berauben, und ihnen die Skalpe abzuziehen, als sie aber diese seltsame und unbewegliche Gestalt fest an ihre Stelle gefesselt erblickten, blieben sie horchend stehen. Ihr Staunen ging bald in Bewunderung über, und offen ihren Beifall über die Standhaftigkeit ausdrückend, womit der weiße Krieger sein Todtenlied sang, wandten sie sich ab, um andere, weniger muthige Schlachtopfer zu suchen. Erhoben und zugleich getäuscht durch diesen ersten Erfolg verdoppelte David seine Anstrengung, um die Kraft dieses, wie er glaubte, heiligen Einflusses zu erhöhen. Diese ungewohnten Laute drangen in das Ohr eines entfernten Wilden, welcher wüthend von Gruppe zu Gruppe eilte, gleich einem, der, den gemeinen Haufen anzurühren verschmähend, nach einem Opfer jagte, würdiger seines Rufes. Es war Magua, der einen Freudenschrei ausstieß, als er seine alten Gefangenen wieder in seiner Gewalt erblickte.

»Komm!« rief er, seine befleckte Hand auf Coras Kleid legend, »der Wigwam des Huronen ist noch leer. Ist er nicht besser als dieser Ort?«

»Hinweg!« rief Cora, ihre Augen vor seinem empörenden Anblick verhüllend.

Der Indianer lachte höhnisch und antwortete, seine rauchende Hand emporhaltend: »sie ist roth, aber das Blut kommt von weißen Adern!«

»Ungeheuer! Blut, Ströme von Blut lasten auf deiner Seele: – dein Geist hat diese Scene herbeigeführt!«

»Magua ist ein großer Häuptling!« erwiederte der frohlockende Wilde: – »will das schwarze Haar zu seinem Stamme gehen?« »Nimmermehr! führe deinen Streich, wenn du willst, und vollende deine Rache!«

Der schlaue Indianer zögerte einen Augenblick; dann aber faßte er rasch die leichte und anscheinend leblose Gestalt Alicens in seine Arme und enteilte über die Ebene dem Wald zu.

»Halt!« schrie Cora, und eilte ihm mit wildem Ungestüme nach. »Laß das Kind! Elender! was willst du mit ihr?«

Aber Magua war taub für ihre Stimme; oder vielmehr er kannte seine Macht und war entschlossen, von ihr Gebrauch zu machen.

»Haltet – Lady – haltet!« rief Gamut der besinnungslosen Cora nach, »Der heilige Zauber beginnt zu wirken und bald werdet Ihr diesen schrecklichen Aufruhr gestillt sehen!«

Da er sah, daß man nicht auf ihn hörte, folgte der treue David der trostlosen Schwester, seine Stimme wieder zu einem heiligen Gesang erhebend, mit seinen langen Armen in steter Begleitung die Luft durchfurchend, das Zeitmaß anzugeben. So eilten sie über die Ebene hin, mitten durch Fliehende, Verwundete und Todte. Der wilde Hurone war Schutz genug für sich selbst, wie für das Schlachtopfer, das er trug; aber Cora wäre mehr denn einmal unter den Streichen ihrer wilden Feinde gefallen, hätten nicht die erstaunten Eingebornen das außerordentliche Wesen, das ihr auf dem Fuße folgte, mit dem schützenden Geiste der Verrücktheit begabt geglaubt.

Magua, welcher den dringendsten Gefahren zu entgehen wußte, trat, um alle Verfolgung zu vereiteln, durch eine kleine Schlucht in den Wald, wo er bereits die Narragansets seiner wartend fand, welche die Reisenden so kurz zuvor verlassen hatten. Hier bewachte sie ein Hurone, dessen Züge eben so wild und boshaft waren als die seinigen. Er setzte Alice auf eines der Pferde und winkte Cora, das andere zu besteigen. Trotz des Abscheus, den die Gegenwart Magua’s in ihr erregte, fühlte sie sich doch für den Augenblick erleichtert, daß sie dem gräßlichen Schauspiele auf der Ebene entronnen war. Sie nahm ihren Sitz ein, und streckte ihrer Schwester die Arme entgegen, mit einem bittenden Ausdruck der Liebe, dessen Gewalt sich sogar der Hurone nicht entziehen konnte. Er brachte Alice auf dasselbe Pferd, auf welchem Cora saß, ergriff den Zügel und drang, seinen Weg fortsetzend, in die Tiefe des Waldes. Als David merkte, daß man ihn allein ließ, als einen, den es nicht einmal verlohne zu verderben, warf er eines seiner langen Beine über den Sattel des zurückgelassenen Pferdes und kam so schnell vorwärts, als es die Schwierigkeiten des Pfades erlauben wollten.

Bald begannen sie zu steigen; da aber diese Bewegung die schlummernde Lebenskraft Alicens wieder zu erwecken schien, so war Cora’s Aufmerksamkeit zu sehr zwischen der zärtlichen Sorgfalt für die Schwester, und dem Geschrei, das sich immer noch laut genug von der Ebene her vernehmen ließ, getheilt, um darauf achten zu können, nach welcher Richtung hin sie reisten. Als sie jedoch auf die ebene Fläche eines Berggipfels gelangt waren, und dem östlichen Absturze nahten, erkannten sie den Platz wieder, zu welchem sie vor einigen Tagen unter der freundlicheren Leitung des Kundschafters geführt worden waren. Hier ließ sie Magua absteigen, und trotz ihrer eigenen Gefangenschaft, trieb sie doch die Neugierde, die vom Schauder unzertrennlich scheint, einen Blick auf das entsetzenvolle Schauspiel unter ihnen zu werfen.

Das grausame Werk war noch nicht zu Ende. Auf allen Seiten flohen die Besiegten vor ihren erbarmungslosen Verfolgern, während die bewaffneten Kolonnen des allerchristlichsten Königs mit einer Gefühllosigkeit stehen blieben, die sich nicht erklären läßt und die auf den sonst so hohen Ruf ihres Anführers einen unauslöschlichen Flecken wirft. Das Schwert des Todes ruhte nicht eher, als bis die Raubgier der Wilden über ihren Blutdurst die Oberhand gewann. Endlich wurde das Gewinsel der Verwundeten und das Schlachtgeheul der Mörder allmählig schwächer, und die Schreckensrufe verstummten oder wurden von dem lauten, langen, durchdringenden Triumphgeschrei der Wilden übertönt. –

Prospectus.

Prospectus.

Die hiermit begonnene neue Ausgabe eines Romanschriftstellers, dessen Werke seit Jahrzehnten eine Lieblingslektüre zweier Welttheile bilden und auch neben den berühmtesten Namen durch eine lebendige Frische, ein stets spannendes Interesse und jenen eigenthümlich fesselnden Reiz hervorragen, wie ihn nur der dichterische Boden einer neuen Welt geben konnte, dem sie entsprungen sind – wird vorerst nur die Meisterwerke Cooper’s umfassen, in denen er sich die Schilderung Amerikanischer Schauplätze und Begebnisse, sowohl der See als des Festlandes, zur Aufgabe gesetzt hat. Diese haben seinen weit verbreiteten Ruhm zuerst begründet und stehen den späteren Erzeugnissen, in welchen er die neue Welt mit Europa vertauscht, in einem Grade voran, der beide außer alle Vergleichung bringt. Sie schließt sich den beliebten Ausgaben deutscher und ausländischer Klassiker an, die seit kurzem den besten Erzeugnissen der Literatur ganz neue Leserkreise gewonnen haben und wird durch die Schönheit der Ausstattung, wie durch die der Übertragung gewidmete Sorgfalt, eine ehrenvolle Stelle unter denselben behaupten, sicher, ein ungewöhnlich zahlreiches Publikum zu finden, da Cooper noch lange nicht geschätzt und verbreitet ist, wie er verdient. Seine Werke werden an Bedeutung und Interesse nur noch gewinnen, je mehr die Zeit und die Verhältnisse seines Vaterlandes, die er schildert, in einen geschichtlich-poetischen Hintergrund treten, je mehr namentlich die unglücklichen Ureinwohner Amerikas, die »Rothhäute,« deren Bild uns Cooper in manchen Helden seiner Romane so unnachahmlich zeichnet, in ihrem verhängnißvollen Schicksale den Augen der Mitwelt entschwinden.

Seine unvergleichlichen Darstellungen, die neben ihren poetischen Vorzügen eine seltene Reinheit der Gesinnung zeigen, gehören zu den wenigen Romanen, die unbedenklich und ohne Einschränkung auch der reiferen Jugend in die Hände gegeben werden können. Hier wird unsere Ausgabe, ihres überaus wohlfeilen Preises und ihrer Käuflichkeit wegen, auf einen vorzugsweise dankbaren Leserkreis rechnen dürfen.

Stuttgart, im August 1840.

S. G. Liesching’s Verlagsbuchhandlung.

Achtzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Ja, so etwas:
Ein ehrenwerther Mörder, wenn Ihr wollt; –
That Nichts aus Haß, der Ehre wegen Alles.
Othello.

Die blutige, barbarische Scene, die wir im vorigen Kapitel mehr nur flüchtig erwähnt, als im Einzelnen geschildert haben, führt in der Geschichte der Kolonien den wohlverdienten Namen des »Blutbads von William Henry.« Der Ruf des französischen Heerführers hatte schon durch einen früheren Vorgang ganz ähnlicher Art gelitten, und diesen neuen Flecken konnte selbst sein frühzeitiger, ruhmvoller Tod nicht völlig tilgen. Die Zeit hat ihn jetzt etwas verwischt, und Tausende, die erfahren haben, daß Montcalm auf den Ebenen von Abraham den Tod eines Helden starb, wissen vielleicht nicht, wie sehr es ihm an jenem moralischen Muthe gebrach, ohne den es keine wahre Größe gibt. Seiten ließen sich schreiben, um an diesem allbekannten Beispiele die Mängel menschlicher Vortrefflichkeit zu zeigen – um darzuthun, wie die Eigenschaften der Großmuth, feiner Höflichkeit und ritterlicher Tapferkeit vor dem erstarrenden Frosthauch der Selbstsucht dahinschwinden, und wie ein Mann, groß nach allen niederen Attributen des Charakters, zu Falle kommen kann, wenn es gilt, zu zeigen, wie hoch über der Politik die Forderungen des Sittengesetzes stehen. Aber diese Aufgabe würde die Gränzen unsres Werkes überschreiten; und da die Geschichte, gleich der Liebe, ihre Helden so gern mit einem Heiligenschein umgibt, so wird wohl die Nachwelt in Louis de Saint Veran nur den ritterlichen Vertheidiger seines Vaterlandes erblicken und seine grausame Fühllosigkeit an den Ufern des Oswego und des Horican vergessen. Mit Bedauern über diese Schwäche unsrer Schwestermuse, treten wir aus ihrem geheiligten Gebiete zurück auf das Feld unsres eigenen bescheidenern Berufs.

Der dritte Tag nach der Uebergabe des Forts ging zu Ende; doch muß der Leser noch etwas an den Ufern des heiligen Sees verweilen. Als wir seine Gewässer zuletzt sahen, waren die Umgebungen der Festungswerke der Schauplatz der Gewaltthat und des Aufruhrs; jetzt herrschte dort eine Todtenstille. Die blutbefleckten Sieger waren abgezogen; und ihr Lager, das erst noch vom Jubelruf eines siegreichen Heeres ertönt hatte, war nun eine verlassene Hüttenstadt. Die Festung lag in rauchenden Trümmern: verkohltes Sparrwerk, Stücke zerrissenen Geschützes, zersprengtes Mauerwerk sah man in verworrener Unordnung auf den Erdwällen umher zerstreut.

Ein grauenhafter Wechsel war selbst in der Witterung eingetreten. Die Sonne hatte ihre wärmenden Strahlen hinter eine undurchdringliche Dunstmasse verborgen, und Hunderte lebloser menschlicher Gestalten, welche die glühende Hitze des Augusts geschwärzt hatte, erstarrten vor einem Winde, der mit der Strenge des Novemberfrostes daherstürmte. Die wogenden Nebelwolken, welche über die Berge nach Norden zogen, wurden jetzt mit der Wuth eines Orkans in einem endlosen, schwarzen Streifen nach Süden getrieben. Der ruhige Spiegel des Horican war dahin: statt seiner peitschten grüne, ungestüme Fluten die Ufer, als ob sie alle Unreinigkeit unwillig an den entweihten Strand zurückwerfen wollten. Doch immer noch behielt das weite Becken einen Theil seiner Klarheit, spiegelte aber nur das düstere Gewölk zurück, das den Himmel über ihm verdeckte. Die liebliche, feuchte Atmosphäre, welche sonst der Landschaft Reiz verlieh und den Charakter der Wildheit und Strenge milderte, war verschwunden, und der Nordwind brauste so scharf und ungestüm über die Wasserfläche, daß weder dem Auge, noch der Einbildungskraft etwas blieb, mit dem sie sich gerne hätten beschäftigen können. Das ungestüme Element hatte das Grün der Ebene so verdorren lassen, als wenn ein verzehrender Blitzstrahl darüber hingefahren wäre. Hier und da erhoben sich dunkelgrüne Stellen, inmitten der Verödung, als wollten sie die künftige Fruchtbarkeit des mit Menschenblut getränkten Bodens verkündigen.

Die ganze Landschaft, welche bei günstiger Beleuchtung und Temperatur so lieblich erschien, glich jetzt einem Bilde des Lebens, wo die Gegenstände in ihren grellsten, aber treuen Farben hervortreten, doch ohne durch irgend einen Schatten gemildert zu werden.

Wenn aber die vereinzelten, versengten Grashalme sich vor den darüber hinstreichenden Windstößen nur furchtsam erheben konnten, so traten dagegen die kühnen Felsenberge in ihrer Nacktheit um so deutlicher hervor, und vergeblich suchte das Auge einen Ruhepunkt, indem es die unbegränzte Leere des Himmels, der durch trübe, dahintreibende Nebelzüge dem Blicke verschlossen war, zu durchdringen suchte.

Der Wind blies ungleich: bald strich er dicht über dem Boden hin, als wollte er sein dumpfes Stöhnen in das kalte Ohr der Todten flüstern, bald erhob er sich in ein schrilles, klägliches Pfeifen und fuhr in die Wälder mit einem Ungestüm, welches die Luft mit abgerissenen Blättern und Zweigen erfüllte. Mitten in diesem unnatürlichen Regenschauer kämpften einige hungrige Raben mit dem Sturm, waren aber nicht sobald über das grüne Wäldermeer, das unter ihnen flutete, hinweg, als sie aufs neue zu der willkommenen, scheußlichen Mahlzeit niederschossen, die dort ihrer wartete.

Mit einem Wort, es war eine Scene wilder Verödung; und es schien, als hätte der unerbittliche Arm des Todes Alle ergriffen, die sich in seine Nähe wagten. Doch dieser Bann war vorüber: und zum Erstenmale, nachdem die Urheber jener Gräuelthaten, die den Schauplatz hatten entweihen helfen, verschwunden waren, wagten es wieder menschliche Wesen, dem Orte zu nahen.

An dem bereits erwähnten Tage, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, sah man fünf Männer aus dem Waldpfade, der nach dem Hudson führt, hervortreten und den zerstörten Festungswerken zuschreiten. Ihre ersten Schritte waren langsam und vorsichtig, als ob sie nur widerstrebend in den Bereich dieses Ortes träten, oder die Wiederholung seiner Schreckensscenen fürchteten. Die leichte Gestalt eines Jünglings schritt den andern voran mit der Vorsicht und Gewandtheit eines Eingebornen, stieg auf jeden kleinen Hügel, um zu spähen und zeigte durch Geberden seinen Begleitern den Weg, welchen er für den sichersten hielt. Auch die ihm Folgenden ließen es nicht an jener Vorsicht und Wachsamkeit fehlen, die bei einem Kriege in den Wäldern unerläßlich ist. Einer unter ihnen, ebenfalls ein Indianer, hielt sich etwas bei Seite, indem er seine Augen, gewohnt, die nahende Gefahr an dem leisesten Zeichen zu erkennen, unverwandt auf den Saum der Wälder heftete: die drei andern waren Weiße, aber in einem Anzug, der nach Stoff und Farbe für ihr gefahrvolles Unternehmen berechnet war – einem sich zurückziehenden Heere in der Wildniß auf dem Fuße zu folgen.

Die Eindrücke der schrecklichen Scenen, die sich mit jedem Schritte auf ihrem Wege nach dem See den Augen der Wanderer darboten, waren so verschieden als ihre Charaktere. Der Jüngling warf, leichten Schrittes über die Ebene wandelnd, ernste aber verstohlene Blicke auf die verstümmelten Schlachtopfer, ängstlich, die Gefühle, die sich ihm aufdrangen, zu verbergen, und doch zu unerfahren, um ihrem mächtigen Einflusse sich ganz entziehen zu können. Sein rother Gefährte dagegen war weit über eine solche Schwäche erhaben. Festen Schrittes und mit ruhiger Miene ging er durch die Gruppen von Leichnamen hin, so daß man wohl erkannte, lange Gewohnheit habe ihn mit dergleichen Scenen vertraut gemacht. Selbst die Gefühle, welche dieser Anblick in den Gemüthern der Weißen erregte, waren verschiedener Art, doch herrschte bei ihnen Allen der Kummer vor. Der Eine, obwohl jetzt als Waidmann verkleidet, verrieth durch seine grauen Haare, die gefurchte Stirne und seine kriegerische Haltung einen Mann, der an Scenen des Krieges schon lange gewohnt war; er schämte sich aber gleichwohl nicht, laut zu seufzen, wenn ein ungewöhnlich schrecklicher Anblick ihm vor Augen trat. Der junge Mann an seiner Seite schauderte, schien aber aus zarter Schonung für seinen Begleiter solche Empfindungen zu unterdrücken. Unter ihnen allen sprach allein der Letzte, welcher gleichsam den Nachtrab bildete, seine Empfindungen ohne Scheu und Rückhalt laut aus. Mit Blicken und einem Spiel seiner Muskeln, die die tiefste Bewegung verkündigten, schaute er auf die Gräuelscenen um ihn her und mit den stärksten und bittersten Verwünschungen gab er seinen Abscheu vor den Unthaten der Feinde zu erkennen.

Der Leser wird in den beschriebenen Personen alsbald die Mohikaner und ihren weißen Freund nebst Munro und Heyward erkannt haben. Es war wirklich der Vater, der seine Kinder suchte, begleitet von dem jungen Manne, der so innigen Antheil an ihrem Schicksale nahm, und von den wackern und zuverlässigen Waldbewohnern, welche schon in so gefahrvollen Begegnissen Beweise ihres Geschicks und ihrer Treue gegeben hatten.

Als Uncas, welcher voranging, die Mitte der Ebene erreicht hatte, stieß er einen Schrei aus, der sogleich die Gefährten an seine Seite rief. Der junge Krieger stand vor einer Gruppe von Weibern, welche, eine verworrene Masse von Leichen, beisammen lagen. So abschreckend auch die Aufgabe war, so eilten gleichwohl Munro und Heyward auf den Haufen zu, und suchten mit einem Eifer, den keinerlei Scheu mindern konnte, nach Spuren der Vermißten unter den zerstreuten und bunten Gewändern, die umherlagen. Der Vater und der Liebende fanden in dem Ergebniß ihrer Nachforschung augenblickliche Erleichterung, obgleich sie sich wieder aufs neue zu den Qualen einer Ungewißheit verurtheilt sahen, die fast eben so peinlich als die schreckhafteste Ueberzeugung ist. In nachdenkliches Stillschweigen versunken standen sie vor den Todten, als der Kundschafter herbeikam. Die klägliche Scene mit Entrüstung betrachtend, sprach der derbe Waldbewohner zum Erstenmale, seit sie die Ebene betraten, laut und verständlich:

»Ich habe mehr als ein grauenvolles Schlachtfeld gesehen und die Spuren des Blutes oft manche ermüdende Meile weit verfolgt, aber nie habe ich die Hand des Teufels so sichtbar im Spiele gefunden, als hier! Rache ist ein Gefühl des Indianers, und alle, die mich kennen, wissen, daß kein Tropfen ihres Blutes in meinen Adern rinnt; aber so viel will ich sagen – hier, im Angesicht des Himmels, und vor dem Allgewaltigen, der in der heulenden Wildniß seine Macht so laut verkündet – wenn diese Franzosen mir wieder in Schußweite kommen, so gibt es eine Büchse, die ihre Schuldigkeit thut, so lange der Stein noch Feuer gibt und das Pulver zündet! – den Tomahawk und das Messer überlasse ich denen, die von der Natur angewiesen sind, sie zu führen. »Was sagst du dazu, Chingachgook?« fuhr er in Delawarischer Sprache fort; »sollen die Huronen sich dessen gegen ihre Weiber rühmen, wenn der tiefe Schnee fällt?«

Ein Rachestrahl blitzte über die finstern Züge des Mohikaner-Häuptlings, er lockerte sein Messer in der Scheide, wandte aber sein Auge von dem Anblick wieder ab und sein Gesicht wurde so ruhig, als wäre ihm jede Leidenschaft fremd.

»Montcalm! Montcalm!« fuhr der tiefentrüstete Kundschafter fort, der sich weniger Zwang auferlegte; »man sagt, es komme eine Zeit, wo man alle seine Handlungen auf Erden mit Einem Blicke überschaue und zwar mit Augen, die von menschlicher Schwäche gereinigt sind! Wehe dann dem Elenden, der geboren ist, um Rechenschaft von dem abzulegen, was sich auf der Ebene hier begeben hat. Ha – ich bin ein Mann von weißem Blut, aber dort liegt eine Rothhaut, der man den Schopf abgezogen hat. Sieh nach ihm, Delaware, ’s ist vielleicht einer von eurem Volk, den Ihr vermißt! und der sollte ein Begräbniß haben, wie’s ein wackerer Krieger verdient. Ich les‘ es in deinen Augen, Sagamore: ein Hurone zahlt dafür, eh‘ noch die Winde von den Wasserfällen den Geruch seines Blutes weggeweht!

Chingachgook nahte sich dem Verstümmelten, und ihn umkehrend, gewahrte er die unterscheidenden Zeichen Eines aus den sechs verbündeten Stämmen oder Nationen, wie man sie nannte, die, obgleich sie in den Reihen der Engländer fochten, Todfeinde seines Volkes waren. Den unwillkommenen Gegenstand verächtlich mit dem Fuße zurückstoßend, wandte er sich mit derselben Gleichgültigkeit ab, als ob es die Ueberreste eines Thieres gewesen wären. Der Kundschafter begriff die Meinung des Andern wohl und verfolgte bedächtlich seinen Weg, während er fortfuhr, seine rachedürstenden Verwünschungen gegen den französischen Heerführer auszustoßen.

»Nur der tiefsten Weisheit und schrankenloser Macht sollte es zustehen, so viel Menschen auf einmal wegzuraffen,« sprach er; »denn der ersten nur kommt es zu, die Zeit des Gerichts zu bestimmen und wer will sich der zweiten vergleichen, die die Geschöpfe Gottes zu ersetzen im Stande ist? Ich halte es schon für eine Sünde, einen zweiten Rehbock zu schießen, ehe der erste verzehrt ist; ich müßte denn einen Marsch in der Fronte oder einen Hinterhalt vorhaben. Etwas Anderes ist es, wenn man mit wenigen Kriegern in offenem, herbem Kampfe ist; da gilt es den Tod mit der Büchse oder dem Tomahawk in der Hand, je nachdem Eines Haut gerade roth oder weiß ist. Uncas, komm her, Junge, und laß die Raben auf dem Mingo sich niedersetzen; ich weiß, sie haben eine Vorliebe für das Fleisch eines Oneida, und der Vogel mag seinem natürlichen Appetit folgen.«

»Hugh!« rief der junge Mohikan, auf die Spitzen seiner Zehen tretend und aufmerksam geradeaus blickend, indem er die Raben durch den Laut und die Bewegung auf eine andere Beute scheuchte.

»Was gibt es, Junge?« flüsterte der Kundschafter, seine hohe Gestalt wie ein Panther zusammendrückend, der auf seine Beute losspringen will. »Gott gebe, daß es ein saumseliger Franzose ist, der noch plündern will. Ich glaube, mein Wildtödter würde sich heute ganz besonders gut halten.«

Ohne zu antworten, enteilte Uncas und hatte einen Augenblick darauf von einem Gebüsch ein Stückchen von Cora’s grünem Schleier herabgeholt, das er nun wie im Triumphe schwang. Die Bewegung, die Geberde und der Schrei, der den Lippen des jungen Mohikaners entfuhr, riefen die Andern im Augenblick herbei.

»Mein Kind,« rief Munro mit ungestümer, wilder Stimme; »gebt mir mein Kind!«

»Uncas will’s versuchen,« war die kurze und bewegliche Antwort.

Diese einfache aber bedeutungsvolle Zusage ward von dem Vater nicht beachtet. Er ergriff das Stückchen Schleier, preßte es krampfhaft in die Hand, während seine stieren Blicke sich auf die Büsche umher hefteten, als hoffte oder fürchtete er, sie möchten ein Geheimniß enthüllen.

»Hier sind keine Todte!« sprach Heyward, »der Sturm scheint nicht diesen Weg genommen zu haben.«

»Das ist so klar, wie der Himmel über uns,« bemerkte der unverzagte Kundschafter; »aber entweder sie selbst oder diejenigen, die sie entführten, sind durch dieses Gebüsch gedrungen; »ich erinnere mich noch recht gut, daß sie diesen Lappen trug, um ein Gesicht zu verbergen, in das Alle so gern schauten. Uncas, du hast Recht; das schwarzlockige Mädchen ist hier gewesen und wie ein verscheuchtes Hirschkalb in den Wald geflohen – und wer hätte sich auch der Flucht entzogen, um sich morden zu lassen? Wir wollen nach ihrer Spur forschen; es ist mir oft, als ob für ein Indianerauge selbst der Kolibri Merkzeichen in der Luft zurücklassen müßte.«

Der Mohikaner stürzte während dieser Bemerkung fort, und kaum hatte der Kundschafter ausgeredet, so erhob der Erstere vom Saume des Waldes ein neues Freudengeschrei. Als sie an die Stelle kamen, gewahrten sie ein zweites Stückchen Schleier, das an dem niedrigen Aste einer Buche flatterte.

»Gemach! gemach!« rief der Kundschafter, dem eiligen Heyward die lange Büchse vorhaltend; »wir wissen jetzt, wo wir daran sind; aber die Schönheit der Spur darf nicht entstellt werden. Ein Schritt zu früh kann uns Stunden lang zu schaffen machen; wir haben sie; das ist nicht zu läugnen.«

»Gott segne euch, Gott segne euch, würdiger Mann!« rief Munro; »wohin sind sie denn geflohen, und wo sind meine Lieben?«

»Der Weg, den sie genommen haben, hängt von mancherlei Umständen ab. Wenn sie allein geflohen sind, so können sie ebensowohl im Kreis herum, als gerade aus gegangen seyn; dann sind sie wohl nicht mehr als zwölf Meilen von uns. Haben aber die Huronen, oder andere französische Indianer Hand an sie gelegt, so sind sie wahrscheinlich bereits den Gränzen Canadas nahe. Aber was thut das?« fuhr der besonnene Kundschafter fort, der Angst und Bestürzung in den Mienen seiner Zuhörer las; »hier sind die Mohikaner und ich an dem einen Ende der Fährte, und verlaßt euch darauf, wir finden das andere, wenn auch hundert Stunden dazwischen lägen! Sachte! sachte; Uncas! du bist so ungeduldig, wie einer aus den Kolonien! du vergißt, daß leichte Füße nur schwache Spuren hinterlassen!«

»Hugh!« rief Chingachgook, eine Oeffnung untersuchend, die, wie man nur zu deutlich sah, durch das niedrige, den Wald umsäumende Unterholz gemacht worden war, richtete sich auf und deutete auf die Erde in der Stellung und mit der Geberde eines Mannes, der eine widerliche Schlange erblickt hat. »Hier ist die deutlichste Spur eines Männerfußes!,« rief Heyward, indem er sich auf die bezeichnete Stelle niederbückte: »er ist an den Rand dieser Pfütze getreten, das sieht man deutlich. Sie sind Gefangene!«

»Besser als wenn man sie in der Wildniß hätte Hungers sterben lassen!« versetzte der Kundschafter; »und um so sichtlicher wird ihre Fährte werden. Ich wollte fünfzig Biberfelle gegen eben so viel Flintensteine wetten, daß die Mohikaner und ich innerhalb eines Monats in ihren Wigwams sind! Bücke dich, Uncas, und sieh, was du aus dem Moccasin machen kannst: denn ein Moccasin ist’s offenbar und kein Schuh!«

Der junge Mohikaner bückte sich über die Spur, entfernte die zerstreuten Blätter in der Nähe und untersuchte Alles mit der Sorgfalt eines Geldmäklers, der in unsern Tagen der Bedenklichkeit einen verdächtigen Schuldbrief betrachtet. Endlich erhob er sich von den Knieen, mit dem Erfolg seiner Untersuchung, wie es schien, zufrieden.

»Nun, Junge,« fragte der aufmerksame Kundschafter, »was meinst du? Kannst du etwas daraus machen?«

»Le Renard Subtil!«

»Ha, wieder der schleichende Teufel! Es wird kein Ende mit ihm nehmen, bis mein Wildtödter ein vertrauliches Wort mit ihm gesprochen hat,«

Heyward räumte nur widerstrebend die Richtigkeit dieser Betrachtung ein und drückte mehr Hoffnung als Zweifel aus, während er sprach:

»Ein Moccasin ist wie der andere, ’s wird eine Täuschung seyn.«

»Ein Moccasin ist wie der andere! Eben so gut könntet ihr sagen: ein Fuß ist wie der andere; und doch wissen wir alle, daß die einen lang, die andern kurz sind, die einen breit, die andern schmal, daß bei den einen der Rist hoch, bei andern nieder ist; daß die einen einwärts, die andern auswärts gehen. Die Moccasins sehen einander so wenig gleich als ein Buch dem Andern, wenn schon derjenige, der in dem einen liest, nicht immer im Stande ist, etwas vom andern zu sagen. So ist alles aufs Beste geordnet und Jedem sein Vortheil vor dem andern gegeben. Laß mich auch darnach sehen, Uncas: Buch oder Moccasin, zwei Meinungen sind immer besser, als nur eine.« Der Kundschafter bückte sich und fügte augenblicklich hinzu: »Du hast Recht, Junge; hier ist die Spur, die wir so oft gesehen haben, wenn wir Jagd auf ihn machten. Der Bursche trinkt gern, wenn er dazu kommen kann. Wenn ein Indianer den Trunk liebt, so hält er immer ein weiteres Geleise, als der Wilde im Naturzustand, da ein Säufer sich gerne spreizt, mag seine Haut nun von rother oder weißer Farbe seyn. ’s ist auch die rechte Länge und Breite! Da sieh her, Sagamore: du hast die Fußstapfen mehr denn einmal gemessen, als wir das Geziefer von Glenn’s bis zur Heilquelle verfolgten,«

Chingachgook willfahrte, und nach einer kurzen Untersuchung stand er wieder auf und sprach mit seiner eigenthümlichen Ruhe nur das Wort:

»Magua.«

»Ja, soviel ist gewiß; hier ist das Mädchen mit dem schwarzen Haar und Magua vorbeigekommen.«

»Und Alice nicht?« fragte Heyward.

»Von ihr haben wir noch keine Spuren entdeckt,« antwortete der Kundschafter, die Bäume, die Gebüsche und den Boden aufmerksam beäugend. »Aber was sehe ich hier? Uncas, hol‘ mal das Ding, welches dort an dem Dornbüsche hängt.«

Der Indianer gehorchte und der Kundschafter nahm den Fund, hob ihn in die Höhe und lachte still und herzlich vor sich hin.

»Das ist das Spielzeug des Sängers! Jetzt haben wir ’ne Spur, die ein Priester verfolgen könnte,« sprach er, »Uncas, such‘ ‚mal die Spuren eines Schuhs, der lang genug ist, um ein sechs Fuß zwei Zoll hohes schlotterndes Menschengestell tragen zu können. Ich fasse einige Hoffnung für den Burschen, er gibt sein Gequiek auf, um sich auf ein besseres Handwerk zu legen.«

»Wenigstens hat er treu auf seinem Posten ausgehalten,« sprach Heyward; »und Cora und Alice sind doch nicht ohne Freund.«

»Ja,« entgegnete Hawk-eye, indem er seine Büchse senkte und sich mit sichtbarer Verachtung darauf stützte; »er singt für sie! Aber kann er ’nen Rehbock zum Mittagsmahle schießen, nach dem Moos an den Buchen den Weg ermessen, oder einem Huronen die Gurgel abschneiden? Und kann er’s nicht, so lauft ihm der erste beste Spottvogel, den er trifft, den Rang ab. Nun, Junge, findest du was, das ’ne solche Grundlage gibt?«

»Hier ist so was, wie der Tritt von einem, der Schuhe getragen hat; kann es der unsers Freundes seyn?«

»Berührt die Blätter leicht, sonst verrückt ihr die Form. Dies? dies ist der Tritt eines Fußes, aber es ist der des schwarzlockigen Mädchens und klein für eine so edle Höhe und herrliche Haltung. Die Ferse des Sängers würd‘ ihn von vorne bis hinten bedecken.«

»Wo? laßt mich die Fußtritte meines Kindes schauen,« sprach Munro, indem er die Büsche bei Seite schob, und sich sehnsüchtig über den halbverwischten Eindruck des Fußes bückte. Obgleich der Tritt, der die Spur hinterlassen hatte, nur leicht und eilig gewesen war, so ließ er sich doch noch deutlich unterscheiden. Die Augen des alten Soldaten verdunkelten sich während der Beobachtung, und als er sich erhob, sah Heyward, daß er den Fußtritt seiner Tochter mit einer heißen Thräne benetzt hatte. Um den Schmerz zu mildern, der jeden Augenblick über den ihm auferlegten Zwang zu siegen drohte, und den Sinn des Veteranen auf etwas Anderes zu lenken, sprach der junge Mann zu dem Kundschafter: »Da wir nun untrügliche Kennzeichen besitzen, so wollen wir unsern Weg beginnen. Ein Augenblick in solcher Lage muß den Gefangenen zu einer Ewigkeit werden.«

»Der Hirsch, der am schnellsten läuft, gibt nicht die längste Jagd,« entgegnete Hawk-eye, ohne sein Auge von den Spuren, die sich ihm darboten, abzuwenden; »wir wissen, daß der schleichende Hurone – und das Schwarzhaar – und der Sänger hier vorbeigekommen sind – aber wo ist das Mädchen mit den blonden Locken und den blauen Augen? Wenn auch klein und bei weitem nicht so muthvoll, wie die Schwester, ist sie doch lieblich anzuschauen und anmuthig im Gespräch. Hat sie keinen Freund, daß Niemand nach ihr fragt?«

»Das wolle Gott verhüten! Hunderte für Einen! Suchen wir sie nicht eben jetzt? Für Einen stehe ich, ich höre nicht auf zu suchen, bis sie gefunden ist.«

»In diesem Falle müssen wir vielleicht verschiedene Wege einschlagen; denn hier ist sie nun einmal nicht gegangen, so leicht und klein auch ihr Fußtritt ist.«

Heyward schrack zurück, all sein Eifer schien in diesem Augenblicke zu verschwinden. Ohne auf einen so plötzlichen Wechsel in der Stimmung des Andern zu achten, fuhr der Kundschafter nach kurzem Bedenken fort – »Es gibt kein Weib in dieser Wildniß, das eine solche Spur hinterlassen könnte, wie die Schwarzlockige oder ihre Schwester. Wir wissen, daß die Erstere hier gewesen ist aber wo sind die Spuren der Andern? Laßt uns die Fährte schärfer verfolgen, und wenn sich Nichts zeigt, so müssen wir zurück auf die Ebene und Merkmale aufsuchen. Geh‘ voran, Uncas, und richte dein Auge auf das dürre Laub. Ich will die Büsche untersuchen, während dein Vater die Nase dicht auf den Boden halten wird. Freunde! die Sonne sinkt hinter die Berge.«

»Kann ich Nichts dabei thun?« fragte der ängstliche Heyward.

»Ihr!« wiederholte der Kundschafter, der mit seinen rothen Freunden bereits in der vorgeschriebenen Ordnung vorrückte: »ja Ihr könnt hinter uns hergehen und darauf Acht haben, daß Ihr die Fährte nicht durchkreuzt.«

Wenige Ruthen waren sie vorangeschritten, als die Indianer hielten und mit größerer Aufmerksamkeit die Erde betrachteten. Beide, Vater und Sohn, sprachen schnell und laut, indem sie bald den Gegenstand ihrer Verwunderung, bald einander selbst mit der größten Freude anblickten.

»Sie haben den kleinen Fuß gefunden!« rief der Kundschafter indem er auf sie zulief, ohne weiter daran zu denken, was ihm selbst obläge. »Was gibt es hier? Ein Hinterhalt lag an diesem Orte! Nein, bei der sichersten Büchse auf den Gränzen, hier haben wir die einseitigen Pferdchen wieder! Jetzt ist das ganze Geheimniß heraus, und Alles so klar und hell, wie der Nordstern um Mitternacht. Ja, hier sind sie aufgestiegen. Dort waren die Thiere an den jungen Baum gebunden und warteten, und hier führt die breite Fährte in voller Eile nach Canada!«

»Aber immer sind noch keine Spure»von Alice – der jüngeren Miß Munro – vorhanden,« sagte Duncan.

»Wenn nicht das schimmernde Spielzeug, das Uncas just vom Boden aufgehoben, uns darauf hilft. Bring es her, Junge, daß wir’s untersuchen.«

Heyward erkannte es sogleich als das Geschmeide, welches Alice gerne trug, und das, wie er sich mit dem getreuen Gedächtniß eines Liebenden erinnerte, an dem verhängnißvollen Morgen des Blutbades um den schönen Nacken seiner Geliebten hing. Er ergriff das theure Kleinod, und hatte kaum den Fund seinen Gefährten angekündigt, als er auch schon aus den Augen des Kundschafters verschwand, während Duncan das Kleinod längst gegen sein schlagendes Herz drückte.

»Ach!« klagte Hawk-eye, der eine Weile vergeblich mit dem Kolben seiner Büchse in dem Laube wühlte; »es ist ein sicheres Zeichen, daß das Alter naht, wenn Einem das Gesicht abzunehmen anfängt. Ein so glitzerndes Ding, und soll nicht zu finden seyn! Nun ich kann doch noch, selbst wenn’s trübe ist, über den dunkeln Lauf einer Büchse hinschielen, und das ist genug, um allen Streit zwischen mir und den Mingos zu schlichten. Gerne möchte ich das Ding wieder finden, wär’s auch nur, um es der rechten Eigenthümerin wieder zu bringen, und das hieße die zwei Enden einer langen Fährte hübsch zusammengebracht – denn jetzt ist der breite St. Lorenz oder vielleicht selbst die großen Seen zwischen uns.«

»Um so mehr Grund für uns, den Marsch nicht aufzuschieben,« versetzte Heyward; »ziehen wir sogleich weiter!«

»Junges Blut und heißes Blut, sagt man, sind alle Zeit bei einander. Es gilt nicht, Eichhörnchen zu jagen, oder ein Wild in den Horican zu treiben; wir sind Tage und Nächte unterwegs und müssen durch eine Wildniß, die selten ein Menschenfuß betritt, und wo eure Bücherweisheit euch nicht unversehrt durchbringen würde. Ein Indianer unternimmt nie einen solchen Zug, ohne zuvor an seinem Versammlungsfeuer zu schmauchen; und ob ich gleich ein Mann von weißer Abstammung bin, so ehre ich doch auch diesen Punkt ihrer Sitte, da ich sehe, daß sie weise und wohl überlegt ist. Wir wollen daher zurück, heute Nacht unser Feuer in den Ruinen des alten Forts anzünden, und am Morgen frisch und gestärkt das Werk wie Männer beginnen, und nicht wie plaudernde Weiber und unbesonnene Knaben.«

Heyward sah an dem Benehmen des Kundschafters, daß jede Einrede vergeblich wäre. Munro war in jenen Zustand von Theilnahmlosigkeit zurückversunken, aus dem er seit den letzten überwältigenden Unglücksfällen nur durch neue und lebhafte Eindrücke aufgerüttelt werden konnte. Aus der Noth eine Tugend machend, nahm der junge Mann den Veteran unter dem Arm und folgte den Schritten der Indianer und des Kundschafters, welche bereits den Rückweg nach der Ebene eingeschlagen hatten.

Neunzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Salarino. Nun, ich bin’s gewiß, wenn er dir verfällt,
so nimmst du doch sein Fleisch nicht, zu was wär’s nütze?
Shylock. Um Fisch‘ damit zu angeln; und sättigt‘ es sonst
Nichts, so sättigt’s meine Rache.
Shakespeare.

Die Schatten des Abends hatten das Unheimliche des Platzes noch vermehrt, als die Reisenden die Ruinen von William Henry betraten. Der Kundschafter und seine Begleiter trafen sogleich Anstalten für die Nacht, aber mit einem Ernste und einer Besonnenheit, welche den tiefen Eindruck verriethen, den der schreckliche Anblick, den sie gehabt hatten, selbst auf ihre abgehärtete Natur hatte ausüben müssen. Einige Trümmer von Balken wurden an eine geschwärzte Wand gelehnt, und nachdem Uncas sie leicht mit Gestrüpp überdeckt hatte, schienen sie ein genügendes Obdach darzubieten. Der junge Indianer deutete auf die einfache Hütte hin, als seine Arbeit zu Ende war, und Heyward, welcher den Sinn dieser schweigsamen Geberde verstand, drang freundlich in Munro, einzutreten. Indem er den alten verlassenen Mann mit seinem Kummer allein ließ, trat er in die freie Luft zurück; denn er fühlte sich zu aufgeregt, um selbst der Ruhe zu genießen, die er so eben seinem alten Freunde empfohlen hatte.

Während Hawk-eye und die Indianer ein Feuer anzündeten und ihre frugale Abendmahlzeit, in gedörrtem Bärenfleisch bestehend, verzehrten, begab sich der junge Mann auf einen Zwischenwall des zerstörten Forts, der auf die Wasserfläche des Horican hinaussah. Der Wind hatte sich gelegt, und die Wogen schlugen bereits in regelmäßigerer, minder ungestümer Folge an das sandige Ufer unter ihm. Die Wolken zertheilten sich, als wären sie ihres wüthenden Treibens müde; und die schwerern unter ihnen sammelten sich in schwarzen Massen um den Horizont, während die leichteren über das Wasser dahinglitten oder um die Gipfel der Berge wirbelten, dem unterbrochenen Fluge gescheuchter Vögel gleich, die um ihre Nester flattern. Hie und da rang sich der rothe, funkelnde Schimmer eines Sterns durch die treibenden Nebel und goß ein schwaches Dämmerlicht über den finstern Himmel.

Im Schooße der umgebenden Berge ruhte bereits undurchdringliche Finsterniß, und die Ebene lag wie ein weites, ödes Beinhaus vor ihm, ohne daß selbst das leiseste Geflüster den Schlummer der zahlreichen auf ihr liegenden Unglücklichen zu unterbrechen versuchte.

Lange stand Duncan in tiefer Betrachtung der Scene versunken, die mit der Vergangenheit in so schrecklichem Einklange stand. Seine Augen wanderten von dem Innern des Erdwalls, wo die Waldbewohner um ihr schwaches Feuer saßen, nach dem schwächern Lichte, das immer noch am Himmel weilte, und ruhten dann lange und besorgt auf dem tiefen, unheimlichen Dunkel, das gleich einem öden Chaos über der Strecke lag, wo die Todten schlummerten. Bald aber war es ihm, als drängen von dieser Seite her unerklärliche Laute so leise und unbestimmt in sein Ohr, daß er über ihren Ursprung und selbst ihre Wirklichkeit ungewiß blieb. Der Unruhe, die ihn unwillkührlich überschlich, sich schämend, wandte sich der junge Mann nach dem Wasser, um seine Aufmerksamkeit auf die Sterne zu lenken, die sich auf der bewegten Oberfläche des See’s spiegelten. Aber immer thaten seine ängstlichen Ohren ihren undankbaren Dienst, als ob sie ihn vor einer drohenden Gefahr warnen wollten. Endlich schien ein rascher Fußtritt ganz hörbar durch die Finsterniß zu tönen. Unfähig, seine Unruhe länger zu beschwichtigen, sprach Duncan leise mit dem Kundschafter, und ersuchte ihn, auf den Erdwall nach der Stelle zu kommen, wo er gestanden hatte. Hawk-eye warf seine Büchse über den Arm und nahte mit einer so unbeweglichen, ruhigen Miene, daß man wohl sah, er glaube sich in völliger Sicherheit.

»Horcht!« sagte Duncan, als sich der Andere bedächtlich an seine Seite gestellt hatte, »ich höre da halblaute Töne auf der Ebene, die mich glauben machen, daß Montcalm seine Eroberung noch nicht gänzlich verlassen hat!«

»Dann sind die Ohren besser als die Augen,« bemerkte der Kundschafter, der, ein Stück Bärenfleisch zwischen seinen Backenzähnen, schwer und undeutlich sprach, wie Einer, dessen Mund zwiefach beschäftigt ist. »Mit meinen leiblichen Augen hab‘ ich ihn mit seinem ganzen Heere auf den Ty gehen sehen; denn wenn eure Franzosen einen guten Streich ausgeführt haben, so eilen sie gleich nach Hause und stellen mit ihren Weibern einen Tanz oder andere Lustbarkeiten an.«

»Das weiß ich nicht; aber ein Indianer schläft selten während des Kriegs, und die Lust zu plündern kann wohl einen Huronen noch zurückgehalten haben, auch nachdem sein Stamm schon abgezogen ist. Es wäre besser, wir löschten das Feuer aus und blieben auf unsrer Hut. Horcht! hört Ihr nicht das Geräusch, das ich meine?«

»Ein Indianer schleicht selten um Gräber herum. Er ist bei der Hand, wenn es gilt, Feinde zu erschlagen, und über die Mittel nicht sehr bedenklich. Er begnügt sich aber gemeiniglich mit dem Skalp, wenn sein Blut nicht zu erhitzt und seine Leidenschaften zu aufgeregt sind. Ist aber der Geist aus dem Körper geschieden, so vergißt er seine Feindschaft und gönnt den Todten ihre Ruhe. Da wir einmal von Geistern sprechen, Major, glaubt Ihr, daß die Rothhäute und wir Weiße dereinst in einen und denselben Himmel kommen?«

»Ohne Zweifel – ohne Zweifel. Aber es war mir, als ob ich wieder den gleichen Laut vernähme! Oder war es vielleicht das Rauschen der Blätter auf der Buche dort?«

»Für meinen Theil,« fuhr Hawk-eye fort, sein Gesicht einen Augenblick mit einer nichtssagenden, gleichgültigen Miene nach der Seite kehrend, nach welcher Heyward wies; »ich glaube, das Paradies ist zur Glückseligkeit bestimmt, und die Menschen werden je nach ihren Neigungen und Anlagen derselben theilhaftig werden. Meine Meinung ist daher, daß die Rothhaut nicht so ganz Unrecht hat, wenn sie die schönen Jagdgebiete, wovon die Sage spricht, wieder zu finden hofft; und so würde es für einen Mann, dessen Blut unvermischt ist, nicht so ganz uneben seyn, wenn er sich die Zeit mit –«

»Hört Ihr’s nicht wieder?« unterbrach ihn Duncan.

»Ja, ja, wenn’s Futter knapp geht, oder im Ueberfluß da ist, werden die Wölfe keck,« bemerkte der unbewegliche Kundschafter. »Es wäre eine hübsche Jagd, die Häute dieser Satane, wenn wir Tag und Zeit zur Kurzweil hätten. Was aber das künftige Leben betrifft, Major, so hört‘ ich Prediger in den Kolonieen sagen, der Himmel sey ein Ort der Ruhe. Nun sind aber die Begriffe der Menschen von Glückseligkeit sehr verschieden. Für mein Theil sag‘ ich bei aller Achtung vor den Fügungen der Vorsehung, – ich würde es ihr nicht groß danken, wenn ich in den Wohnungen von welchen sie predigen, eingeschlossen bleiben würde, der ich doch von Natur einen Hang zur Bewegung und zum Jagen in mir fühle.«

Duncan, der nun die Natur des Geräusches erfahren zu haben glaubte, das ihn beunruhigt hatte, ging in seiner Antwort näher auf den Gegenstand ein, den der Kundschafter sich zur Unterhaltung ausersehen hatte.

»Es ist schwer,« sagte er, »die Gefühle zu beurtheilen, die bei jenem letzten großen Wechsel sich aufdringen mögen.«

»Das wäre freilich ein Wechsel für einen Mann, der seine Tage unter freiem Himmel verlebt, und so oft an den Quellen des Hudson seinen Morgenimbiß eingenommen hat,« versetzte der schlichte Kundschafter, »wenn er im Bereich eines heulenden Mohawk sein Schläfchen halten sollte. Aber ’s ist ein Trost zu wissen, daß wir einem barmherzigen Herrn dienen, wenn’s auch jeder auf seine Weise thut, und viele Wildnisse zwischen uns liegen. – Was war das?«

»Ist das nicht der Tritt der Wölfe, von denen Ihr gesprochen habt?«

Hawk-eye schüttelte langsam den Kopf und winkte Duncan, nach einer Stelle zu kommen, die das Feuer nicht beleuchtete. Nach dieser Vorsichtsmaßregel nahm er die Stellung der gespanntesten Aufmerksamkeit ein, und horchte lang und scharf, ob sich der so unerwartete leise Laut nicht wiederholen würde. Er schien jedoch vergeblich zu lauschen; denn nach einer Minute fruchtloser Stille flüsterte er Duncan zu:

»Wir müssen Uncas rufen, der Junge hat indianische Sinne und hört, was uns ganz verborgen bleibt; denn ich, als eine weiße Haut, kann meine Natur nicht verläugnen.«

Der junge Mohikaner, der sich am Feuer leise mit seinem Vater unterhielt, fuhr auf, als er den Ruf einer Eule vernahm, und blickte nach den schwarzen Erdwällen, als suchte er den Ort, woher der Laut ertönte. Der Kundschafter wiederholte den Schrei und in wenigen Augenblicken sah Duncan Uncas Gestalt vorsichtig nach der Brustwehr heranschleichen, wo sie standen.

Hawk-eye theilte ihm in kurzen Worten seine Wünsche in delawarischer Sprache mit; und sobald dieser vernommen hatte, um was es sich handle, warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde, wo er, wie es Duncan schien, ruhig und regungslos liegen blieb. Verwundert über die unbewegliche Lage des jungen Kriegers, und neugierig zu beobachten, wie dieser die gewünschten Erkundigungen einziehen werde, trat Heyward einige Schritte vor und bückte sich zu dem dunkeln Gegenstand nieder, auf den er seine Augen geheftet hielt, entdeckte aber, daß Uncas verschwunden, und was er erblickte, nur der dunkle Umriß hervorstehender Trümmer war.

»Was ist aus dem Mohikaner geworden?« fragte er den Kundschafter, indem er sich erstaunt wieder umwandte; »ich sah ihn hier niederfallen und hätte geschworen, daß er hier auch geblieben sey!«

»St! sprecht leiser; denn wir wissen nicht, was für Ohren uns belauschen, und die Mingos sind eine scharfsichtige Brut. Uncas ist auf der Ebene und die Maquas, wenn welche um uns sind, bekommen vollauf mit ihm zu thun.«

»Ihr glaubt, Montcalm habe nicht alle seine Indianer weggezogen? Wir wollen den Unsern rufen und zu den Waffen greifen. Wir sind fünf und nehmen es schon mit einem Feinde auf.«

»Kein Wort zu ihnen, wenn euer Leben euch lieb ist. Seht den Sagamoren an, wie ganz ein großer Indianerhäuptling sitzt er an dem Feuer! Wenn Laurer in der Finsternis umherschleichen, so erkennen sie gewiß nicht an seiner Miene, daß wir an Gefahr denken!«

»Aber sie entdecken ihn und das ist sein Tod. Seine Gestalt ist am Scheine des Feuers zu deutlich sichtbar und er wird das erste und sicherste Opfer seyn.«

»Die Wahrheit eurer Worte ist unläugbar,« antwortete der Kundschafter, mehr als gewöhnliche Unruhe verrathend, »aber was ist zu thun? Ein einziger Blick des Verdachts führt einen Angriff herbei, ehe wir zum Widerstand uns bereitet haben. Aus dem Zeichen, das ich Uncas gegeben habe, weiß er, daß wir Unrath wittern. Ich will ihm bedeuten, daß wir den Mingos auf der Spur sind; sein Indianerinstinkt wird ihm sagen, was er zu thun hat.«

Der Kundschafter hielt die Finger an den Mund und ließ einen leisen, zischenden Laut hören, über welchen Duncan zuerst bei Seite fuhr, als hätte er eine Schlange gehört. Chingachgook’s Haupt ruhte auf seiner Hand, und er schien in Gedanken versunken; sobald er aber den warnenden Laut des Thieres vernahm, von dem er seinen Namen trug, richtete er sich auf und seine dunkeln Augen blickten schnell und scharf nach allen Seiten hin. Mit dieser plötzlichen und vielleicht unwillkürlichen Bewegung war jeder Anschein von Ueberraschung und Unruhe verschwunden. Seine Büchse lag unberührt und, wie es schien, kaum beachtet, im Bereiche seiner Hand. Der Tomahawk, den er, zu seiner Bequemlichkeit im Gürtel gelockert hatte, fiel sogar auf den Boden und seine Gestalt schien, wie bei einem Manne, dessen Sehnen und Nerven sich der Ruhe überlassen dürfen, zusammenzusinken. Schlau seine frühere Stellung wieder einnehmend, wechselte der Eingeborne gleichwohl die Lage seiner Hände, als ob die Bewegung blos geschehe, um den Arm zu erleichtern, und erwartete den Ausgang mit einer Ruhe und Seelenstärke, die nur ein indianischer Krieger zeigen konnte.

Aber Heyward bemerkte, während der Mohikanerhäuptling für ein minder geübtes Auge zu schlummern schien, wie seine Nasenlöcher sich erweiterten, und sein Haupt sich ein wenig auf die Seite neigte, um den Gehörorganen zu Hülfe zu kommen – wie seine lebhaften und schnellen Blicke sich unaufhörlich nach jedem Gegenstande wandten, den er mit dem Auge erreichen konnte.

»Sehet einmal den edlen Kämpen an!« flüsterte Hawk-eye, Heyward’s Arm drückend; »er weiß, daß ein Blick, eine Bewegung unsre Pläne vereiteln und uns der Satansbrut in die Hände liefern könnte« –

Hier unterbrach ihn der Blitz und Knall einer Büchse. Feuerfunken erfüllten die Luft rings um den Ort, auf den Heywards Augen noch mit Bewunderung und Erstaunen gerichtet waren. Ein zweiter Blick sagte ihm, daß Chingachgook in der Verwirrung verschwunden war. Mittlerweile hatte der Kundschafter seine Büchse vorgeworfen, zum Schusse bereit und erwartete mit Ungeduld den Augenblick, wo ein Feind sich sehen lassen würde. Aber mit dem einzelnen, fruchtlosen Versuche auf Chingachgook’s Leben schien der Angriff beendigt. Ein oder zwei Mal glaubten die Horchenden ein entferntes Rauschen der Gebüsche zu vernehmen, wie wenn unbekannte Massen sich durchdrängten; aber bald deutete Hawk-eye auf ein Rudel verscheuchter Wölfe, die eilends vor dem Eindringling in ihre Gebiete Reißaus nahmen. Nach einer athemlosen Pause der Ungeduld plumpte etwas in’s Wasser und gleich darauf folgte der Knall einer andern Büchse.

»Das ist Uncas!« sprach der Kundschafter; »der Junge führt eine herrliche Büchse! Ich kenne ihren Knall, wie ein Vater die Stimme seines Kindes; denn ich trug sie lange selbst, bis sich mir eine bessere anbot.«

»Was soll das heißen?« fragte Duncan; »wir werden bewacht und es scheint auf unser Verderben abgesehen.«

»Der zerschossene Feuerbrand dort zeigt, daß man nichts Gutes im Schilde führte, und der Indianer hier mag beweisen, daß er keinen Schaden genommen hat.« versetzte der Kundschafter, indem er seine Büchse wieder in den Arm fallen ließ; und Chingachgook, der eben wieder innerhalb des Lichtkreises erschien, in das Innere der Festungswerke folgte. »Wie steht es, Sagamore? Sind uns die Mingos ernstlich auf der Fährte, oder ist’s blos einer von dem Gewürm, das dem Heere nachzieht, um die Todten zu scalpiren – heimzuziehen, um sich bei den Squaws seiner ritterlichen Thaten gegen die Blaßgesichter zu rühmen?«

Chingachgook nahm ruhig seinen Sitz wieder ein, und gab keine Antwort, bis er den Feuerbrand untersucht hatte, den die Kugel getroffen, die ihm selbst beinahe verderblich geworden wäre.

Hierauf hob er einen Finger empor und begnügte sich das englische Wort auszusprechen:

»Einer.«

»Das dachte ich!« versetzte Hawk-eye, sich wieder setzend, »und da er den Schutz des Sees gewonnen hat, ehe Uncas abfeuern konnte, so ist es mehr denn wahrscheinlich, daß der Schurke den Leuten von einem großen Hinterhalte vorlügen wird, in welchem er gegen zwei Mohikaner und einen weißen Jäger gelegen habe – denn die beiden Offiziere können nur als müßige Zuschauer bei einem solchen Scharmützel betrachtet werden. Thu‘ er’s immerhin. Es gibt überall in jeder Nation ein Paar ehrliche Kerls, – obgleich sie, der Himmel weiß es, unter den Maquas dünn genug gesät sind – die einen solchen Glückspilz zurechtweisen können, wenn er es gar zu bunt macht. Aber das Blei von diesem Schuft hat dir recht an den Ohren vorbeigepfiffen, Sagamore.«

Ruhig und gleichgültig wandte Chingachgook sein Auge nach der Stelle hin, wo die Kugel aufgeschlagen hatte, und nahm dann seine frühere Haltung mit einer Fassung wieder an, die ein so unbedeutender Vorfall nicht stören konnte. Jetzt glitt Uncas wieder in ihren Kreis und setzte sich mit derselben Gleichgültigkeit, die sein Vater zeigte, an das Feuer.

Heyward war mit Erstaunen und der lebhaftesten Theilnahme Zeuge aller dieser Bewegungen. Es schien ihm, als hätten die Waldbewohner geheime Zeichen, durch die sie sich verständlich machten, die aber den Sehkreis seiner Beobachtungsgabe überstiegen. Statt jener eilfertigen Geschwätzigkeit, womit ein junger Weißer das, was in der Finsternis der Ebene vorgegangen war, mitgetheilt und vielleicht übertrieben hätte, war der junge Krieger, wie es schien, zufrieden, seine Thaten für sich sprechen zu lassen. Es war wirklich hier für einen Indianer weder der Augenblick noch der Ort, sich des Vollbrachten zu rühmen; und wahrscheinlich wäre kein Wort über den Gegenstand mehr geäußert worden, hätte Heyward nicht dazu Veranlassung gegeben.

»Was ist aus unsrem Feinde geworden, Uncas?« fragte Duncan, »wir hörten deine Büchse und hofften, du werdest nicht umsonst geschossen haben.«

Der junge Häuptling schob eine Falte seines Jagdhemdes zurück und zeigte ruhig den verhängnißvollen Haarschopf, den er als Siegeszeichen trug. Chingachgook legte die Hand auf den Skalp und betrachtete ihn einen Augenblick mit tiefer Aufmerksamkeit; dann ließ er ihn, mit einem Ausdruck von Verachtung in seinen strengen Zügen, los und rief:

»Ein Oneida!«

»Ein Oneida!« wiederholte der Kundschafter, dessen Antheil an dem Ereigniß sich beinahe in die Gleichgültigkeit seiner rothen Genossen verlor, betrachtete aber das blutige Siegesunterpfand mit ungewöhnlichem Ernste. »Bei Gott, wenn die Oneidas uns auflauern, dann sind wir auf allen Seiten von Teufeln umgeben. Nun, für weiße Augen ist zwischen diesem Stückchen Haut und dem eines andern Indianers kein Unterschied, und doch erklärt der Sagamore, sie komme von dem Schädel eines Mingo; ja er nennt sogar den Stamm des armen Teufels mit so viel Sicherheit, als ob der Skalp das Blatt eines Buches und jedes Haar ein Buchstabe wäre. Welches Recht haben die christlichen Weißen, sich ihrer Gelehrsamkeit zu rühmen, wenn der Wilde eine Sprache lesen kann, welche die Kunst ihres Weisesten beschämen müßte! Was sagst du dazu, Junge? Von welchem Volke war der Schurke?«

Uncas schaute in das Antlitz des Jägers und antwortete mit seiner klangreichen Stimme:

»Oneida!«

»Wieder Oneida! Wenn ein Indianer etwas sagt, so ist es gewöhnlich wahr; aber wenn ein Anderer seines Volkes es bestätigt, so darf man’s für ein Evangelium halten!«

»Der arme Schelm hat uns für Franzosen gehalten,« sagte Heyward, »sonst hätte er nicht einem Freunde nach dem Leben gestanden«

»Er einen Mohikaner, mit den Farben seines Volks bemalt, für einen Huronen halten! Eben so leicht könntet Ihr die weißen Röcke von Montcalms Grenadieren mit den rothen Jacken der königlichen Amerikaner verwechseln,« entgegnete der Kundschafter. »Nein, nein, die Natter kannte ihren Weg wohl. Auch ist’s am Ende kein so großer Verstoß; denn zwischen einem Delawaren und einem Mingo ist die Liebe nicht eben groß, gleichviel für wen ihre Stämme in einem Kampfe zwischen den Weißen auch streiten mögen. Was das betrifft, obgleich die Oneidas Seiner Majestät dem König dienen, der mein Souverän und Gebieter ist, ich hätte mich eben nicht lange bedacht, meinen Wildtödter auf ihn loszulassen, wenn er mir in die Quere gekommen wäre.«

»Das wäre eine Verletzung unserer Verträge und Eures Charakters unwürdig gewesen.«

»Wenn Einer viel mit einem Volke verkehrt,« fuhr Hawk-eye fort, »und sie sind ehrlich und er kein Schuft, so werden Sie einander zugethan. – Es ist wahr, die Arglist der Weißen hat unter diese Wilden eine solche Verwirrung gebracht, daß man kaum mehr weiß, wer Freund oder Feind ist. So ziehen denn die Huronen und die Oneidas, welche dieselbe oder beinahe dieselbe Sprache reden, einander die Skalpe ab, und die Delawaren sind in Spaltung unter einander. Einige sind daheim an ihrem Flusse bei ihrem großen Versammlungsfeuer geblieben und fechten für dieselbe Sache, wie die Mingo’s, indes, der größere Theil aus natürlichem Haß gegen die Maqua’s in Canada ist; so ist Alles in Unordnung und kein rechter Gang im Kriegführen! Es liegt jedoch nicht in der Art der Rothhäute, mit jedem Kunstgriff der Politik die Farbe zu wechseln, und darum gleicht die Freundschaft zwischen einem Mohikaner und einem Mingo so ziemlich der Neigung eines Weißen zu der Schlange.«

»Es thut mir wehe, dies zu hören; ich hatte geglaubt, die Eingebornen, die innerhalb unserer Gränzen wohnen, hätten uns zu gerecht und zu gutgesinnt gefunden, als daß sie nicht unsere Sache ganz zu der ihrigen machten.«

»Nun, ich meine, es sey doch natürlich, daß man den eignen Streit vor dem fremden auskämpfe. Ich für mein Theil liebe die Gerechtigkeit und will deshalb nicht sagen, ich hasse einen Mingo, – das würde sich weder für meine Farbe noch für meine Religion schicken– doch – noch einmal: die Nacht allein war Schuld daß mein Wildtödter bei dem Tode dieses schleichenden Oneita nicht betheiligt ist««

Ueberzeugt von dem Gewicht seiner Gründe und unbekümmert um den Eindruck, den sie auf die Ansicht des Andern machten, wandte sich der ehrliche, aber unversöhnlich Waldmann von dem Feuer ab, zufrieden, den Streit ruhen zu lassen. Heyward begab sich wieder auf den Wall, weil er sich, nicht vertraut mit dieser Art von Kriegführung, zu unbehaglich fühlte, um ruhig an einem Orte zu bleiben, wo sich so hinterlistige Angriffe wiederholen konnten. Nicht so der Kundschafter und die Mohikaner. Ihre feinen und lange geübten Sinne, deren Schärfe oft in’s Unglaubliche ging, hatten sie nicht nur in den Stand gesetzt, die Gefahr zu entdecken, sondern ihnen auch über den Umfang und die Dauer derselben Gewißheit gegeben. Keiner von den Dreien schien jetzt im Geringsten zu zweifeln, daß sie in vollkommener Sicherheit seyen; und sie bewiesen ihren Glauben durch die Vorkehrungen welche sie alsbald trafen, um weitere Maßregeln zu berathen.

Die Verwirrung unter den Nationen, ja selbst den Stämmen, auf welche Hawk-eye angespielt hatte, war um diese Zeit auf’s Höchste gestiegen. Das mächtige Band der Sprache, und sonach auch der gemeinschaftlichen Abkunft war mancher Orten gelöst, und so kam es, daß der Delaware und der Mingo (mit welchem Namen man die sechs Nationen bezeichnete), in denselben Reihen kämpften, während der Letztere den Skalp des Huronen suchte, der doch für einen Sprößling desselben Stammes galt. Die Delawaren selbst waren unter sich getheilt. Die Liebe zu dem Boden, der seinen Ahnen zugehört hatte, hielt zwar den Sagamoren der Mohikaner mit einem kleinen Trupp Delawaren, die in dem Fort Edward dienten, unter den Fahnen des Königs von England zurück; der bei weitem größte Theil seiner Nation aber stand, wie man wohl wußte, als Montcalms Verbündete im Felde. Der Leser weiß wahrscheinlich, wenn es aus dem Verlauf unserer Erzählung noch nicht erhellt haben sollte, daß die Delawaren oder Lenapes darauf Anspruch machten, das Stammvolk jener zahlreichen Völkerschaften zu seyn, welche einst Herren der meisten östlichen und nördlichen Staaten Amerikas waren, und unter denen die Gemeinschaft der Mohikaner einen alten und in hohem Ansehen stehenden Zweig bildete.

Mit den kleinlichen und verwickelten Interessen, die Freund gegen Freund bewaffnet und geborne Feinde als Waffenbrüder neben einander gestellt hatte, vollkommen vertraut, schickten sich der Kundschafter und seine Gefährten zur Berathung der Maßregeln an, die ihre künftigen Bewegungen unter so vielen entzweiten und rohen Stämmen zu leiten hätten. Duncan wußte von den indianischen Sitten genug, um zu verstehen, warum das Feuer wieder aufgeschürt wurde, und die Krieger, Hawk-eye nicht ausgenommen, sich mit feierlichem Anstande unter den Wolken des Rauches wieder zusammensetzten. An die Ecke eines Winkels der Festungswerke gelehnt, wo er die Scene im Innern beobachten und zugleich ein wachsames Auge für jede Gefahr von außen behalten konnte, wartete er das Ergebniß der Berathung mit so viel Geduld ab, als er sich abgewinnen konnte.

Nach einer kurzen, bedeutungsvollen Pause zündete Chingachgook eine Pfeife mit hölzernen Rohre an, deren Kopf aus einem weißen Steine des Landes künstlich gearbeitet war, und fing an zu rauchen. Nachdem er den Duft des sänftigenden Krautes zur Genüge eingeathmet, gab er das Instrument in die Hände des Kundschafters. Auf diese Weise hatte die Pfeife drei Mal die Runde gemacht, und einige Zeit verging im tiefsten Stillschweigen, ehe einer der Gefährten seinen Mund öffnete. Endlich trug der Sagamore, als der Aelteste und Höchste im Rang, in wenigen Worten mit Ruhe und Würde den Gegenstand der Berathung vor. Ihm antwortete der Kundschafter, und Chingachgook entgegnete, als der Andere Einwendungen machte. Der jugendliche Uncas blieb ein stiller und ehrerbietiger Zuhörer, bis ihn Hawk-eye in freundlicher Rücksicht um seine Meinung fragte. Heyward schloß aus der Miene und den Geberden der verschiedenen Sprecher, daß Vater und Sohn die eine Meinung verfochten, während der Kundschafter auf der andern beharrte. Der Streit wurde allmählig wärmer, bis man deutlich sah, daß sich die Sprecher ziemlich in ihren Gegenstand vertieft hatten; trotz des zunehmenden Eifers aber, womit die Freunde stritten, hätte die ehrsamste christliche Versammlung, selbst die Zusammenkünfte ehrwürdiger Geistlichen nicht ausgenommen, an der Zurückhaltung und dem Anstande der Streitenden sich ein heilsames Muster der Mäßigung nehmen können. Uncas Rede wurde mit derselben Aufmerksamkeit angehört, als die Worte gereifterer Einsicht, die sein Vater gesprochen; und weit entfernt, Ungeduld zu verrathen, antwortete Keiner, ohne zuvor einige Augenblicke, wie es schien, in stillem Nachdenken über das Gesprochene, schweigend verbracht zu haben.

Die Rede der Mohikaner war von so natürlichen und ausdrucksvollen Geberden begleitet, daß es Heyward nicht schwer fiel, den Faden ihrer Beweisführungen zu verfolgen. Dunkler blieb ihm dagegen der Kundschafter, weil er aus geheimem Stolz auf seine Farbe jener kaltblütigen und nüchternen Sprechweise sich befliß, die allen Klassen der Angloamerikaner eigen ist, so lange sie sich nicht in Aufregung befinden. Aus ihrer häufigen Wiederholung der Merkmale eines Waldzuges ließ sich schließen, daß sie auf eine Verfolgung zu Lande drangen, wogegen des Kundschafters immer wiederkehrende Armbewegung gegen den Horican anzudeuten schien, daß er für die Wasserstraße sprach.

Der Letztere schien zu verlieren, und die Sache war auf dem Punkte, gegen ihn entschieden zu werden, als er sich plötzlich erhob, alle seine Ruhe fahren ließ, und ganz die Weise eines Eingebornen annehmend, alle Künste indianischer Beredsamkeit aufbot. Seinen Arm emporhaltend, wies er auf den Lauf der Sonne und wiederholte diese Geberde für jeden Tag, den er für ihre Aufgabe erforderlich glaubte. Er beschrieb sodann einen langen, mühevollen Weg über Felsen und durch Gewässer. Das Alter und die Schwäche des schlummernden und arglosen Munro wußte er durch Zeichen anschaulich zu machen, die verstanden werden mußten. Selbst von Duncans Kräften schien er in seiner Rede keine gar hohe Meinung zu haben: er reckte seine flache Hand aus und bezeichnete ihn mit der Benennung »offene Hand,« – ein Name, den ihm seine Freigebigkeit bei allen befreundeten Stämmen erworben hatte. Dann folgte eine Darstellung der leichten und zierlichen Bewegungen des Canoe in schreiendem Contraste mit den schwankenden Schritten eines müden und erschöpften Wanderers. Zum Schlusse deutete er auf den Skalp des Oneida, und drang offenbar darauf, eilig aufzubrechen, und zwar so, daß keine Spur von ihnen zurückblieb.

Die Mohikaner hörten mit vielem Ernste zu, und man las in ihrem Ausdrucke die Wirkung der Rede des Andern. Sie ließen sich allmählig überzeugen und begleiteten gegen das Ende Hawk-eye’s Worte mit dem gewohnten Ausruf der Einwilligung. Mit einem Worte, Uncas und sein Vater bekehrten sich zu seiner Meinung und verließen ihre bisher verfochtenen Ansichten mit so viel Bereitwilligkeit und Offenheit, daß sie in Folge eines solchen Mangels an Consequenz sicher allen politischen Ruf eingebüßt hätten, wären sie Repräsentanten eines großen civilisirten Volkes gewesen.

Sobald die Sache nun entschieden war, schien der Streit vergessen, mit allem was daran hing, ausgenommen seinem Resultate. Ohne umzuschauen, um in den Augen der Zuhörer einen Triumph zu lesen, streckte Hawk-eye seine hohe Gestalt ruhig vor dem erlöschenden Feuer auf die Erde nieder und entschlief.

So gleichsam sich selbst überlassen, benützten die Mohikaner, die sich seither so ausschließlich den Interessen Anderer gewidmet hatten, diesen Augenblick für sich selbst. Mit einem Male den Ernst und die Strenge des Indianerhäuptlings ablegend, begann jetzt Chingachgook in dem sanften und heitern Tone der Zärtlichkeit zu seinem Sohne zu sprechen. Uncas begegnete vergnügt der vertraulichen Stimmung seines Vaters, und ehe das tiefe Athemholen des Kundschafters verrieth, daß er eingeschlafen sey, war in dem Benehmen seiner beiden Gefährten ein völliger Wechsel vorgegangen.

Wir versuchen nicht, den Wohllaut dieser Sprache für Ohren, die so melodische Töne noch nie gehört haben, zu beschreiben, während sich die Mohikaner in Scherzen und Liebkosungen ergingen. Ihre Stimmen, besonders die des Jünglings, waren von wundervollem Umfang und vereinigten den tiefsten Baß mit Lauten von fast weiblicher Sanftheit. Die Augen des Vaters folgten den plastischen und sinnigen Bewegungen des Sohnes mit sichtbarem Vergnügen, und er stimmte wohlgefällig in das hinreißende und doch nur halblaute Lachen desselben ein. Unter dem Walten dieser zärtlichen und so natürlichen Gefühle war aus den gesänftigten Zügen des Sagamoren jede Spur von Wildheit verschwunden, und die Sinnbilder des Todes, die in grauenhaften Farben auf seinen Körper gemalt waren, schienen mehr den Scherz einer Mummerei, als die stolze Absicht zu verkünden, Vernichtung und Zerstörung seinen Fußtritten folgen zu lassen.

Eine Stunde war in diesen Ergießungen edlerer Gefühle hingegangen, als Chingachgook plötzlich den Wunsch nach Ruhe zu erkennen gab, indem er den Kopf in seine Decke hüllte und sich auf der nackten Erde niederstreckte. Uncas gebot alsbald seiner lauten Fröhlichkeit Schweigen, schürte sorgfältig die Kohlen des Feuers zusammen, damit sie die Füße seines Vaters wärmen sollten, und suchte dann selbst unter den Ruinen des Forts eine Lagerstätte.

Aus der Sicherheit der erfahrenen Waldbewohner neues Vertrauen schöpfend, folgte Heyward ihrem Beispiel, und lange vor Mitternacht schienen sie, die im Schooße der Festungstrümmer ruhten, in so tiefen Schlaf versunken, als die leblosen Schlachtopfer, deren Gebeine auf der umgebenden Ebene bereits zu bleichen begannen.

Zwanzigstes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Albanien, mein Auge weil‘ auf dir,
Du rauhe Amme wilder Männer! –
Childe Harold.

Der Himmel war noch mit Sternen besäet, als Hawk-eye kam, die Schläfer zu wecken. Ihre Mäntel bei Seite werfend, waren Munro und Heyward schon auf den Beinen, während der Waldmann am Eingang des kunstlosen Obdaches, unter dem sie die Nacht zugebracht hatten, noch mit gedämpfter Stimme ihre Namen rief. Als sie aus ihrem Verstecke traten, fanden sie Hawk-eye nahebei ihrer wartend. Ihr einziger Gruß war das bedeutungsvolle Zeichen des Stillschweigens, das ihr scharfblickender Führer wiederholte.

»Betet in Gedanken!« flüsterte er, auf sie zutretend, »denn Er, zu dem Ihr betet, versteht alle Sprachen, die des Herzens sowohl, als des Mundes. Aber sprecht keine Sylbe; selten trifft eines Weißen Stimme in diesen Wäldern den rechten Ton, wie wir an dem Beispiel des armen Teufels, des Sängers, gesehen haben. »Kommt,« fuhr er fort, nach einem Walle des Forts sich wendend, »wir wollen in den Graben hinabsteigen und beim Gehen sorgfältig auf die Steine und Holzstücke treten.«

Seine Begleiter willfahrten, obgleich für zwei unter ihnen die Gründe dieser außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln noch ein Geheimniß waren. Als sie sich in der niedern Höhlung befanden, welche die Erdwälle des Forts von drei Seiten umgab, trafen sie den Weg beinahe ganz durch Trümmer versperrt. Vorsicht und Geduld machten es jedoch möglich, dem Kundschafter nachzuklettern, bis sie das sandige Ufer des Horican erreichten.

»Das ist ’ne Fährte, die man nur mit der Nase verfolgen kann,« sagte der Kundschafter, auf den schwierigen Weg zurückblickend; »Gras ist ein verrätherischer Teppich für Fliehende; aber Holz und Stein nehmen keine Spur eines Moccasin an. Hättet Ihr Eure bespornten Stiefel angehabt, so wäre immerhin noch etwas zu fürchten gewesen; aber mit einer passend zugerichteten Hirschhaut unter den Füßen darf sich Einer gemeinhin den Felsen ganz sicher anvertrauen. Ein wenig näher ans Land mit dem Canoe, Uncas; in den Sand drückt sich ein Fuß so leicht ein, als auf die Butter der Deutschen am Mohawk. Gemach, Junge, gemach! Es darf das Ufer nicht berühren, sonst merken die Schelme, wo wir den Ort verlassen haben.«

Der junge Mann beobachtete diese Vorsicht; der Kundschafter legte ein Brett, das er aus den Trümmern mitgenommen hatte, auf den Kahn, und winkte den beiden Officieren, einzusteigen. Sobald dies geschehen war, wurde Alles wieder sorgsam in den früheren Zustand gebracht und Hawk-eye gelang es, sein kleines Birkenfahrzeug zu gewinnen, ohne eine jener Spuren zu hinterlassen, die sie so sehr zu fürchten schienen. Heyward schwieg, bis die Indianer das Canoe vorsichtig eine Strecke von dem Fort weggerudert hatten, in den Schutz der breiten, dunkeln Schatten, die von den östlichen Bergen auf den Wasserspiegel des Sees fielen; dann fragte er:

»Warum mußten wir so verstohlen und eilig abziehen?«

»Wenn das Blut eines Oneida eine so reine Wasserfläche, wie die, auf der wir fahren, färben könnte.« versetzte der Kundschafter, »so würden eure zwei Augen diese Frage selbst beantworten. Habt Ihr den schleichenden Wurm vergessen, den Uncas erschlagen hat?«

»Keineswegs. Aber es hieß ja, er sey allein, und Todte sind nicht mehr zu fürchten.«

»Ja bei seiner Teufelei war er allein! Aber ein Indianer, dessen Stamm so viele Krieger zählt, darf nicht leicht fürchten, sein Blut fließen zu sehen, ohne daß dafür einigen Feinden der Todesschrei entrissen wird.«

»Aber unsre Gegenwart – das Ansehen Obrist Munro’s würde hinlänglicher Schutz gegen den Unwillen unsrer Verbündeten seyn, besonders in einem Fall, wo der Elende sein Schicksal nur zu wohl verdient hat. Ich hoffe zum Himmel, daß ein so wenig triftiger Grund euch nicht einen Schritt von der geraden Richtung unsers Weges abzuweichen vermocht habe.«

»Glaubt Ihr, die Kugel des Spitzbuben wäre ausgewichen, wenn Seine Majestät der König ihr in dem Wege gestanden hätte?« entgegnete der unbeugsame Kundschafter. »Warum ließ der große Franzose, der Generalkapitän von Canada ist, nicht die Tomahawks der Huronen begraben, wenn das Wort eines Weißen so großen Einfluß auf die Natur eines Indianers übt?«

Heyward’s Antwort wurde durch einen Seufzer Munro’s unterbrochen; er schwieg deshalb aus Achtung vor dem Kummer seines betagten Freundes einen Augenblick, fuhr aber dann fort:

»Der Marquis von Montcalm kann diese Schuld allein mit seinem Gott abmachen,« sprach der junge Mann in feierlichem Tone.

»Ja, ja, nun ist Vernunft in euern Worten; denn sie stützen sich auf Religion und Ehre. Es ist ein großer Unterschied, ein Regiment Weißröcke zwischen Wilde und Gefangene werfen, oder einem wüthenden Wilden mit Worten, die stets »mein Sohn« beginnen müssen, aus dem Gedächtnisse zu bringen, daß er ein Messer und eine Büchse trägt. Nein, nein,« fuhr der Kundschafter fort, indem er nach dem verschwindenden Ufer von William Henry zurückblickte, das immer weiter zurückwich – und dabei, wie er pflegte, still und herzlich lachte: »sie müssen unsere Spur auf dem Wasser suchen, und wenn die Satane nicht mit den Fischen Freundschaft schließen und von ihnen hören, wer an diesem schönen Morgen über ihren See gerudert hat, so kriegen wir den ganzen Horican hinter uns, ehe sie mit sich im Reinen sind, welchen Weg sie einschlagen wollen.«

»Feinde vor und hinter uns, kann es unserer Reise nicht an Gefahren fehlen.« »Gefahren!« wiederholte Hawk-eye ruhig; »nein, nicht eben Gefahren: mit wachsamen Ohren und scharfen Augen können wir den Schelmen immer ein Paar Stunden vorausbleiben; und wenn wir zu den Büchsen greifen müssen, so verstehen drei von uns sie so gut zu gebrauchen, wie nur irgend Einer auf der weiten Gränze. Nein, von Gefahr ist gerade keine Rede; nicht daß ich behaupten wollte, wir würden ganz frei ausgehen, dies ist unwahrscheinlich: ’s kann zu einem kleinen Strauß, einem Scharmützel oder anderer Kurzweil kommen; aber wir können uns immer decken und haben reichlichen Schießbedarf.«

Wahrscheinlich hatte Heyward, wenn er von Gefahr sprach, einen andern Maßstab, als der Kundschafter: denn statt etwas zu erwiedern, schwieg er jetzt, während das Canoe mehrere Meilen lang auf dem Wasser dahinglitt. Gerade als der Tag anbrach, kamen sie in die Engen des Sees und stahlen sich schnell und vorsichtig durch die zahllosen kleinen Eilande. Auf diesem Wege hatte sich Montcalm mit seinem Heere zurückgezogen und unsere Abenteurer mußten für möglich halten, er habe einige Indianer als Hinterhalt zurückgelassen, um den Nachtrab zu decken und die Streifzügler zu sammeln, Sie nahten sich also der Durchfahrt in tiefstem Stillschweigen und mit ihrer gewöhnlichen Vorsicht.

Chingachgook legte sein Ruder bei Seite, während Uncas und der Kundschafter das leichte Fahrzeug durch die Schlangenwindungen der Kanäle trieben, wo sie mit jedem Fuße, den sie vordrangen, auf ein plötzliches Hemmniß gefaßt seyn mußten. Die Augen des Sagamoren rollten, während das Canoe sich leicht fortbewegte, behutsam von Insel zu Insel, von Busch zu Busch: und sein scharfer Blick schweifte, sobald die Weite des Spiegels es erlaubte, längs der fahlen Felsen und der darüber hängenden Waldungen, welche die enge Wasserstraße begränzten.

Heyward, den die Schönheit der Natur auf der einen Seite, auf der andern die in seiner Lage natürlichen Besorgnisse zu einem doppelt aufmerksamen Zuschauer machte, glaubte schon, daß für die letztern kein genügender Grund vorhanden gewesen, als die Ruder auf ein von (Chingachgook gegebenes Zeichen plötzlich stille hielten.

»Hugh!« rief Uncas beinah in demselben Augenblick, wo sein Vater durch einen leichten Schlag auf den Rand des Canoes auf eine nahe Gefahr aufmerksam gemacht hatte.

»Was gibt es?« fragte der Kundschafter, »der See ist so glatt, als ob nie ein Wind darüber geweht hätte, und ich kann ihn meilenweit überblicken: nicht einmal der schwarze Kopf einer Wasserente ragt über seine Oberfläche hervor.«

Der Indianer hob ernsthaft sein Ruder auf und deutete auf einen Punkt, dem sich seine Augen unverrückt zuwandten. Duncans Augen folgten der Bewegung. Wenige Ruthen vor ihnen lag eine niedere, bewaldete Insel, schien aber so still und friedlich, als ob ihre Einsamkeit nie durch den Tritt eines Menschen gestört worden wäre. »Ich sehe Nichts,« sprach er, »als Land und Wasser; und entzückend ist der Anblick!«

»St!« unterbrach ihn der Kundschafter. »Ja, Sagamore, du thust nie etwas ohne Grund, ’s ist blos ein Schatten; aber doch ist er nicht natürlich. Ihr seht den Nebel, Major, der sich über die Insel erhebt; Ihr könnt es keinen eigentlichen Nebel nennen: es ist mehr wie der Streif eines dünnen Gewölks,«

»Es sind Dünste, die aus dem Wasser kommen!«

»Das sieht ein Kind. Was ist aber der Rand eines schwärzern Dunstes, der sich weiter unten hinzieht und den Ihr bis in das Dickicht von Haselstauden verfolgen könnet? ’s ist von einem Feuer, das man aber, wie mir vorkommt, hat abbrennen lassen,«

»So wollen wir denn anlegen, und unsere Zweifel lösen,« sprach der ungeduldige Duncan: »der Trupp muß klein seyn, der auf einem so kleinen Fleckchen Land liegen kann,«

»Wenn Ihr die List der Indianer nach den Regeln, die Ihr in euern Büchern findet, oder mit dem Scharfsinn eines Weißen beurtheilen wollt, so führt’s euch in die Irre, wo nicht dem Tode entgegen,« erwiederte Hawk-eye, indem er diese Merkmale mit seinem eigenthümlichen Scharfblick betrachtete. »Wenn ich meine Meinung sagen darf, so haben wir nur Zweierlei zu wählen: das Eine ist, wir kehren um, und geben alle Gedanken an die Verfolgung der Huronen auf –«

»Nimmermehr!« rief Heyward, mit viel lauterer Stimme als die Umstände rathlich machten.

»Gut! Gut!« fuhr Hawk-eye fort, indem er ihn hastig bedeutete, seine Ungeduld zu unterdrücken; »ich bin auch eurer Meinung, aber ich glaubte meiner Erfahrung schuldig zu seyn, Alles zu sagen. So müssen wir denn voran! Und wenn die Indianer oder die Franzosen in diesen Engen sind, so müssen wir durch die hohen Berge hin Spießruthen laufen. Ist Vernunft in meinen Worten, Tagamore?«

Der Indianer antwortete nur damit, daß er das Ruder in das Wasser senkte und das Canoe weiter trieb. Da ihm die Lenkung des Laufes oblag, so war sein Entschluß durch diese Bewegung genugsam ausgesprochen. Auch die Uebrigen ruderten jetzt kräftig zu, und in wenigen Minuten hatten sie einen Punkt erreicht, von wo aus sie das ganze, bisher verborgen gewesene nördliche Ufer der Insel mit einem Blick beherrschen konnten.

»Da sind sie! wenn nicht alle Kennzeichen täuschen!« flüsterte der Kundschafter! – »zwei Canoe und ein Rauch! Die Augen der Schelme sind noch in dem Nebel gefangen, sonst hätten wir schon ihr verdammtes Kriegsgeschrei hören müssen. Zugerudert, Freunde! Wir entfernen uns von ihnen und sind schon beinahe aus der Schußweite einer Kugel.«

Der wohlbekannte Knall einer Büchse, deren Kugel auf der ruhigen Wasserfläche daherhüpfte und ein schrilles Geheul von der Insel unterbrach seine Rede, und verkündete, daß sie entdeckt seyen. Einen Augenblick darauf sah man mehrere Wilde in die Canoe stürzen, die bald in eiliger Verfolgung auf dem Wasser dahertanzten. Diese furchtbaren Vorläufer eines nahenden Kampfes brachten, so weit Duncan entdecken konnte, in den Gesichtszügen und den Bewegungen seiner drei Führer keine Veränderung hervor, außer daß ihre Ruderschläge stärker und übereinstimmender wurden: und die kleine Barke schien nun wie mit belebtem Flügelschlage dahinzueilen,

»Bleibe in dieser Richtung, Sagamore,« sagte Hawk-eye, kaltblütig über seine linke Schulter blickend, während er immer noch fortruderte; »halte das Fahrzeug gerade so! Die Huronen haben nie Gewehre, die so weit reichen; aber mein Wildtödter hat ein Rohr, auf welches ein Mann bauen kann.«

Als der Kundschafter sich überzeugt hatte, daß die Mohikaner allein vermögend waren, das Canoe in der erforderlichen Entfernung zu halten, legte er ruhig sein Ruder bei Seite und erhob die verhängnißvolle Büchse. Dreimal legte er sein Gewehr an die Schulter, die Gefährten erwarteten den Schuß, und dreimal senkte er es wieder, um die Indianer zu bitten, ihre Feinde ein wenig näher herankommen zu lassen, Endlich schien sein genaues, scharfes Auge befriedigt, er brachte seine linke Hand unter den Lauf und hob eben die Mündung langsam empor, als ein Ruf aus Uncas‘ Munde, der am Buge saß, seinen Schuß abermals verhinderte.

»Was gibt es, Junge?« fragte Hawk-eye: »du hast einen Huronen vom Todesschrei errettet! Hast du Grund dazu gehabt?« –

Uncas wies nach dem Felsenufer, wo ein anderes Kriegscanoe ihren Weg gerade zu durchschneiden im Begriffe war. Offenbar war jetzt ihre Lage so äußerst mißlich, daß es keiner Worte darüber bedurfte. Der Kundschafter legte seine Büchse weg und ergriff das Ruder wieder, während Chingachgook den Bug des Canoe ein wenig gegen das Westufer richtete, um die Entfernung zwischen ihnen und dem neuen Feind möglichst zu vergrößern. Zugleich drang sich ihnen die Gegenwart der Feinde wieder auf, die in ihrem Rucken waren und nun ein wildes und frohlockendes Geschrei ausstießen. Eine so bedenkliche Scene weckte selbst Munro aus seiner Theilnahmlosigkeit.

»Laßt uns den Felsen dort am Lande zu,« sprach er mit der Miene eines erfahrnen Soldaten: »und mit den Wilden kämpfen! Gott möge mich und alle, die mit mir und den Meinigen verbunden sind, davor bewahren, je einem Diener dieser Ludwige wieder zu trauen!«

»Wer im Indianerkrieg gut fahren will,« entgegnete der Kundschafter, »darf nicht zu stolz seyn, von der Erfahrung der Eingebornen zu lernen. Mehr an’s Land, Sagamore: wir umsegeln die Schelme, und vielleicht werden sie versuchen weiter auszuholen.«

Hawk-eye hatte sich nicht geirrt: sobald die Huronen sahen, daß der Weg, den sie genommen, den Verfolgten einen Vorsprung ließ, steuerten sie allmählig weniger geradeaus und nahmen immer mehr eine schiefe Richtung, so daß die beiden Canoes bald in gleichlaufenden Linien etwa zweihundert Ruthen von einander fuhren. Jetzt galt es, wer am schnellsten ruderte. Die Bewegung der leichten Fahrzeuge war so schnell, daß der See vor ihnen kleine Wellen warf und sie durch ihre eigene Schnelligkeit in eine wogende Bewegung kamen. Dieser Umstand und die Nothwendigkeit, alle Hände beim Rudern zu beschäftigen, war vielleicht Ursache, daß die Huronen nicht sogleich Feuer gaben. Die Anstrengungen der Fliehenden waren jedoch zu groß, um lange andauern zu können, und die Verfolger hatten den Vortheil der Ueberzahl. Duncan bemerkte nicht ohne Bangigkeit, daß der Kundschafter verlegen um sich zu blicken begann, als suche er nach neuen Hülfsmitteln, ihre Flucht zu beschleunigen,«

»Fahr‘ ein wenig mehr aus der Sonne, Sagamore,« sprach der unverzagte Waidmann, »ich sehe, einer von den Schelmen denkt an seine Büchse. Ein einziges verwundetes Glied könnte uns unsere Skalpe kosten. Fahr‘ etwas aus der Sonne, so haben wir bald die Insel zwischen uns und ihnen.«

Das Auskunftsmittel war nicht ohne Erfolg. Ein langgedehntes, niedriges Eiland lag in geringer Entfernung vor ihnen und als sie an dasselbe herankamen, war das verfolgende Canoe genöthigt, sich auf der andern Seite zu halten. Der Kundschafter und seine Gefährten ließen diesen Vortheil nicht unbenützt; sobald sie durch die Gebüsche jeder Beobachtung entzogen waren, verdoppelten sie ihre Anstrengungen, die schon vorher an’s Wunderbare gränzten. Die beiden Canoes kamen um die letzte niedrige Spitze, wie zwei Renner am Ziele ihres Laufes: die Fliehenden aber voran. Diese Veränderung brachte sie jedoch einander näher, während sie auf der andern Seite ihre beiderseitige Lage änderte.

»Du hast gezeigt, daß Du Dich auf die birkenen Fahrzeuge verstehst, Uncas, als Du dieses unter den Canoes der Huronen auswähltest,« bemerkte lächelnd der Kundschafter, mehr befriedigt durch ihren Vorsprung im Rudern, als durch die schwache Aussicht, endlich zu entrinnen, die sich nun öffnete. »Die Schelme haben sich wieder ganz auf’s Rudern gelegt, und wir müssen mit Stücken glatten Holzes, statt mit dem dunklen Rohr und scharfen Augen um unsere Skalpe kämpfen. Holt weiter mit dem Ruder aus, Freunde, und schlagt zumal!«

»Sie schicken sich zum Schießen an,« sagte Heyward, »und da wir in einer Linie mit ihnen sind, so werden sie kaum fehlen.«

»So legt Euch auf den Boden des Fahrzeugs,« erwiederte der Kundschafter, »Ihr und der Obrist; es sind dann schon ein Paar Zielpunkte weniger.«

Heyward antwortete lächelnd:

»Das wäre ein gutes Beispiel, wenn die Höchsten am Rang sich ducken würden, während die Krieger im Feuer stehen.«

»Gott und Herr!« rief der Kundschafter, »das ist wieder einmal eines Weißen Muth und eine Ansicht, die vor der Vernunft ganz zusammenfällt! Meint Ihr, der Sagamore, oder Uncas, oder selbst ich, dem kein unächter Tropfen Blutes in den Adern rinnt, würden sich bei einem Scharmützel bedenken, ein Versteck zu suchen, wenn es nichts nützte, sich blos zu stellen? Wozu haben sich die Franzmänner in Quebek verschanzt, wenn man immer im freien Felde fechten muß?«

»Alles dies ist sehr wahr, mein Freund,« erwiederte Heyward, »und doch verbietet unsere Sitte uns, Euren Wunsch zu erfüllen.«

Eine Salve der Huronen unterbrach das Gespräch, und als die Kugeln um ihre Ohren pfiffen, sah Duncan, wie Uncas sich umwandte, um nach ihm und Munro zu sehen. Ungeachtet der Nähe des Feindes und der eigenen großen Gefahr, drückte die Miene des jungen Kriegers, wie Heyward glauben musste, keine andere Empfindung, als Erstaunen darüber aus, dass Leute sich so nutzlos einer Gefahr aussetzen wollten. Chingachgook war wahrscheinlich mit den Begriffen der Weißen mehr bekannt: denn er blieb, ohne einen Seitenblick zu thun, einzig mit dem Werkzeuge der Lenkung des Kahns beschäftigt. Gleich darauf schlug eine Kugel dem Häuptling das leichte und geglättete Ruder aus den Händen und schleuderte es weit vor sie in die Luft. Die Huronen stießen einen Jubelschrei aus und ergriffen die Gelegenheit, eine zweite Salve zu geben, Uncas beschrieb mit seinem Ruder einen Bogen in dem Wasser, und während das Canoe pfeilschnell vorschoß, erhaschte Chingachgook sein Ruder wieder, schwang es hoch empor, das Schlachtgeschrei der Mohikaner erhebend, und wandte dann wieder alle seine Stärke und Geschicklichkeit der wichtigsten Aufgabe des Ruderns zu.

Der weittönende Ruf: Le gros Serpent! La longue Carabine! Le Cerf agile! erscholl mit einem Male aus den Canoes hinter ihnen und schien die Verfolger mit neuem Eifer zu beleben. Der Kundschafter ergriff seinen Wildtödter mit der Linken und schwang ihn triumphirend über seinem Haupte den Feinden entgegen. Die Wilden beantworteten diesen Hohn mit einem Geheul, und unmittelbar darauf folgte eine weitere Salve. Die Kugeln sausten auf dem See daher und eine schlug sogar durch die Rinde ihres kleinen Kahns. Keine merkliche Aufregung war während dieses kritischen Augenblicks an den Mohikanern zu entdecken, ihre Gesichtszüge drückten weder Hoffnung noch Furcht aus; aber der Kundschafter sah nach Heyward um und sagte still vor sich hin lachend:

»Die Schufte hören sich gerne schießen: aber kein Auge findet sich unter den Mingos, welches in einem auf den Wellen tanzenden Canoe die Schußweite bemessen könnte. Ihr seht, die dummen Teufel nahmen einen Mann zum Laden weg, und auf’s Geringste angeschlagen machen wir drei Schuh vorwärts, wenn sie zwei!«

Duncan, welcher sich während dieser gemüthlichen Schätzung der Entfernungen nicht ganz so behaglich fühlte, als seine Gefährten, war froh, als er sah, wie sie durch ihre überlegene Gewandtheit und die Ausweichung der Feinde einen merklichen Vortheil gewannen. Die Huronen feuerten wieder, und eine Kugel schlug in die Schaufel von Hawk-eye’s Ruder, doch ohne ihn zu verletzen.

»Nicht übel!« sprach der Kundschafter, die leichte Zersplitterung an seinem Ruder untersuchend; »es hätte einem Kinde nicht die Haut geritzt, viel weniger Männern, die, gleich uns, schon aller Ungunst des Himmels in Wind und Wetter getrotzt haben. Nun, Major, wenn Ihr’s etwas mit dem Stücke flachen Holzes versuchen wollt, so will ich meinen Wildtödter an der Unterhaltung Theil nehmen lassen.«

Heyward ergriff das Ruder und machte sich mit einem Eifer an’s Werk, der sein geringes Geschick ersetzte, während Hawk-eye das Zündkraut seiner Büchse untersuchte. Er zielte schnell und feuerte. Der Hurone im Bug des vordern Canoe hatte sich in gleicher Absicht erhoben, sank aber zurück und ließ seine Bückse in’s Wasser fallen. Doch raffte er sich in einem Augenblick wieder auf, aber seine Geberden waren wild und verstört. Zugleich hörten seine Begleiter auf zu rudern, die verfolgenden Canoes stießen zusammen und blieben stille stehen, Chingachgook und Uncas benützten die augenblickliche Pause um Athem zu schöpfen; Duncan aber fuhr fort, mit ausdauerndem Eifer zu arbeiten. Vater und Sohn warfen jetzt ruhige, aber forschende Blicke auf einander, um zu sehen, ob keiner durch das Feuer der Feinde verletzt worden sey: denn beide wußten wohl, daß kein Schrei oder Ausruf in einem solchen Augenblick der Noth, den Unfall hätte verrathen dürfen. Einige große Tropfen Blutes rannen über die Schulter des Sagamoren herab, und als er sah, daß Uncas Blicke zu lange darauf verweilten, schöpfte er etwas Wasser in der hohlen Hand, um den Fleck damit zu waschen, und begnügte sich, den Sohn auf diese einfache Weise von der geringen Bedeutung der Wunde zu überzeugen.

»Gemach, gemach, Major!« sagte der Kundschafter, welcher indessen seine Büchse wieder geladen hatte. »Wir sind schon ein wenig zu weit entfernt, als daß eine Büchse ihre Vorzüge entfalten könnte, und Ihr seht, die Schelme berathen sich so eben. Laßt sie auf Schußweite herankommen; ich darf mich wohl auf mein Auge verlassen! Sie sollen den ganzen Horican hinab gelockt werden, und ich will dafür stehen, daß keiner ihrer Schüsse im schlimmsten Falle mehr als die Haut streifen soll, während mein Wildtödter zweimal in drei Tempos ihnen an’s Leben gehen soll.«

»Wir vergessen den Zweck unserer Reise,« entgegnete der besorgte Duncan, »Um Gottes Willen laßt uns diesen Vortheil benützen, um uns immer weiter von den Feinden zu entfernen.«

»Gebt mir meine Kinder!« rief Munro mit unterdrückter Stimme, »treibt kein Spiel mit der Angst eines Vaters, gebt mir meine Kinder wieder!«

Seit langer Zeit geübte Achtung gegen die Befehle seiner Obern hatte den Kundschafter die Tugend des Gehorsams gelehrt. Einen letzten, zaudernden Blick auf die entfernten Canoes werfend, legte er seine Büchse bei Seite und ergriff, den ermüdeten Duncan ablösend, wieder das Ruder, das er mit Sehnen, die keine Erschöpfung kannten, regierte. Seine Anstrengungen wurden durch die Mohikaner unterstützt, und in wenigen Minuten war eine solche Wasserfläche zwischen ihnen und den Feinden, daß Heyward wieder freier athmete.

Der See dehnte sich jetzt weiter aus und ihr Weg ging über weite Wasserräume, die, wie bisher, von hohen, rauhen Felsen eingefaßt waren. Die wenigen Inseln waren leicht zu vermeiden. Die Ruderschläge wurden abgemessener und regelmäßiger, während die Ruderer nach der hitzigen, gefahrvollen Verfolgung, von der sie sich kaum etwas erholten, ihre Anstrengungen mit einer Kaltblütigkeit fortsetzten, als ob ihre bisherige Eile nur ein Spiel, nicht das Gebot dringender, ja verzweifelter Umstände gewesen wäre.

Statt dem westlichen Ufer zu folgen, wohin ihr Weg führte, steuerte der schlaue Mohikaner mehr auf die Berge zu, hinter welche, wie man wußte, Montcalm sein Heer nach der furchtbaren Festung Ticonderoga geführt hatte. Da die Huronen allem Ansehen nach die Verfolgung aufgegeben hatten, so war scheinbar kein Grund für eine so übermäßige Vorsicht vorhanden. Dennoch dauerte sie Stunden lang, bis sie in eine Bucht am nördlichen Ufer des Sees gelangten. Hier wurde das Canoe an’s Ufer getrieben und Alle stiegen an’s Land. Hawk-eye und Heyward bestiegen eine nahe Anhöhe, und jener, die weite Wasserfläche unter ihnen überschauend, machte diesen auf einen kleinen schwarzen Fleck aufmerksam, der in der Entfernung von mehreren Meilen unter einer Landspitze sichtbar war.

»Seht Ihr ihn?« fragte der Kundschafter, »Für was würdet Ihr nun diesen Fleck halten, wenn Ihr mit Eurer Erfahrung als Weißer allein den Weg durch diese Wasserwildniß machen müßtet?«

»Nach der Entfernung und der Größe würd‘ ich es für einen Vogel halten. Kann es etwas Lebendiges seyn?«

»Es ist ein Canoe von guter Birkenrinde und wird von wilden, listigen Mingos gerudert. Obgleich die Vorsehung den Bewohnern der Wälder Augen verliehen hat, die in den Niederlassungen nutzlos wären, wo es künstliche Mittel gibt, die Sehkraft zu heben, so sind doch menschliche Organe außer Stande, alle die Gefahren zu bemerken, von denen wir in diesem Augenblicke umgeben sind. Die Schelme thun, als dächten sie nur an das Abendmahl; sobald es aber finster ist, sind sie, Spürhunden gleich, uns auf der Fährte. Wir müssen sie los werden, oder auf Renard Subtil’s Verfolgung verzichten. Diese Seen sind manchmal zu etwas gut, besonders wenn das Wild ins Wasser stürzt,« fuhr der Kundschafter fort, mit etwas besorglicher Miene um sich blickend; »aber sie geben Niemand Schutz, wenn nicht den Fischen. Gott weiß, was aus dem Land werden würde, wenn die Weißen je ihre Niederlassungen weit über die zwei Flüsse ausdehnen wollten. Jagd und Krieg würden alle ihre Schönheit einbüßen.« »Laßt uns keinen Augenblick verlieren, ohne gute und dringende Gründe.«

»Der Rauch will mir gar nicht gefallen, den Ihr dort an dem Felsen über dem Canoe aufsteigen sehet,« unterbrach ihn der zerstreute Kundschafter. »Ich setze mein Leben daran, andre Augen, als die unseren sehen ihn und wissen, was er zu bedeuten hat. Nun, Worte machen nichts besser, und es ist Zeit, daß wir handeln.«

Hawk-eye stieg tief nachdenklich von seinem Späheort an das Ufer hinab. Hier theilte er den Erfolg seiner Beobachtungen seinen Gefährten in delawarischer Sprache mit, und eine kurze, ernstlichte Berathung folgte. Als sie zu Ende war, schritten alle Drei sogleich zur Ausführung ihrer Beschlüsse.

Sie hoben das Canoe aus dem Wasser und trugen es auf den Schultern nach dem Walde, indem sie möglichst breite, in die Augen fallende Spuren hinterließen. In kurzem erreichten sie ein Gewässer, welches sie überschritten und sich bald an einem nackten Felsen von bedeutendem Umfange fanden. Von hier aus, wo ihre Fußtapfen nicht weiter sichtbar seyn konnten, wandten sie ihren Weg zurück nach dem Bache, indem sie mit der äußersten Vorsicht rückwärts gingen. Jetzt folgten sie dem Bett des kleinen Flusses bis nach dem See, und ließen ihr Canoe alsbald wieder ins Wasser. Ein niedriger Felsenvorsprung verbarg sie hier vor der Landspitze, und der Rand des Sees war eine Strecke weit mit dichten, herabhängenden Büschen bewachsen. Unter dem Schutze dieser von der Natur gebotenen Vortheile, verfolgten sie ihren Weg mit ausdauerndem Eifer, bis der Kundschafter für angemessen hielt, wieder zu landen.

Hier blieben sie liegen, bis der Abend die Gegenstände dem Auge unkenntlich und ungewiß machte. Dann nahmen sie ihren Weg wieder auf und ruderten, von der Finsterniß begünstigt, in aller Stille rüstig auf das westliche Ufer zu. Obgleich die rauhen Umrisse der Berge, auf die sie Iossteuerten, Duncan’s Auge keine unterscheidenden Merkzeichen boten, so lief der Mohikaner doch in den kleinen Hafen, den er gewählt hatte, mit der Sicherheit und Umsicht eines erfahrenen Lotsen ein.

Das Boot wurde wieder aufgehoben und in die Wälder getragen, wo sie es sorgfältig unter einem Haufen Strauchwerk verbargen. Die Reisenden nahmen jetzt ihre Waffen und ihr Gepäck zu sich, und der Kundschafter kündigte Munro und Heyward an, daß er mit den Indianern endlich bereit sey, ihre Wanderung anzutreten.

Einundzwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Und findet ihr dort einen Mann,
so stirbt Er eines Flohes Tod.
Die lustigen Weiber von Windsor.

Die Wanderer hatten an der Gränze eines Landstrichs gelandet, der bis auf den heutigen Tag den Bewohnern der vereinigten Staaten weniger bekannt ist, als die Wüsten Arabiens oder die Steppen der Tatarei. Es war das unfruchtbare und rauhe Land, das die dem Champlain zinsbaren Flüsse von denen des Hudson, des Mohawk und des St. Lorenz trennt. Seit der Periode unserer Erzählung hat der Unternehmungsgeist des Landes dasselbe mit einem Gürtel reicher, blühender Niederlassungen umgeben, obgleich auch bis jetzt nur der Jäger oder der Indianer in seine wilden Gebiete eingedrungen ist.

Da jedoch Hawk-eye und die Mohikaner die Berge und Thäler dieser endlosen Wildniß oft durchstreift hatten, so bedachten sie sich nicht lange, in ihre Tiefen zu dringen, mit der Zuversicht von Männern, die an Entbehrungen und Anstrengungen gewöhnt sind. Mehrere Stunden lang hatten die Reisenden, von einem Sterne geleitet, oder dem Lauf eines Waldbaches folgend, ihren mühsamen Weg fortgesetzt, da rief der Kundschafter Halt: nach einer kurzen Berathung mit den Indianern wurde ein Feuer angezündet und die gewöhnlichen Vorkehrungen getroffen, den Rest der Nacht an diesem Orte zuzubringen.

Dem ermunternden Beispiele ihrer erfahreneren und zuversichtlicheren Gefährten folgend, überließen sich Munro und Duncan ohne Furcht, wenn auch nicht mit Behaglichkeit der Ruhe. Der Thau war verdunstet, die Sonne hatte die Nebel zerstreut, und goß ein starkes und helles Licht in den Wald, als die Reisenden ihre Wanderung wieder begannen.

Nachdem sie einige Meilen zurückgelegt hatten, fing Hawk-eye, welcher voranging, an, bedächtlicher und wachsamer vorwärts zu schreiten. Er blieb oft stehen, die Bäume zu untersuchen, und ging über keinen Bach, ohne die Tiefe, Schnelligkeit und Farbe seines Wassers zu beobachten. Seinem eigenen Urtheile mißtrauend, holte er häufig und angelegentlich die Meinung Chingachgook’s ein. Während dieser Besprechungen bemerkte Heyward, daß Uncas stets ein ruhiger und stillschweigender, obgleich wie es schien, theilnahmvoller Zuhörer war. Er fühlte sich stark versucht, den jungen Häuptling anzureden und ihn über seine Ansicht von ihren Fortschritten zu befragen; aber die ruhige, würdevolle Haltung des Eingebornen ließ ihn glauben, daß auch der Andere dem Scharfsinne und der Einsicht der Aelteren unbedingt vertraue. Zuletzt sprach der Kundschafter englisch und erklärte mit einem Mal die Verlegenheit ihrer Lage.

»Als ich fand, daß die Spuren des Heimwegs der Huronen nordwärts gingen,« sprach er, »da brauchte es kein gereiftes Urtheil, um zu schließen, daß sie den Thälern nachgehen und sich zwischen den Wassern des Hudson und des Horican halten würden, bis sie zu den Quellen der Flüsse Canadas kämen, die sie in das Herz des Franzosenlandes führen müßten. Jetzt sind wir hier nicht weit von dem Scaroon, und keine Spur einer Fährte haben wir getroffen! Es irrt der Mensch, und möglich ist, daß wir nicht den rechten Weg eingeschlagen haben!« »Der Himmel bewahre uns vor solch einem Irrthum!« rief Duncan. »Wir wollen zurück und mit schärferen Blicken suchen. Hat Uncas in solcher Noth keinen Rath zu ertheilen?«

Der junge Mohikaner warf einen Blick auf seinen Vater, schwieg aber mit der vorigen Miene der Ruhe und Zurückhaltung still. Chingachgook hatte dieß bemerkt und winkte ihm mit der Hand, zu sprechen. Kaum war die Erlaubnis, ertheilt, so ging die ernste Ruhe des Jünglings in einen Ausdruck der Freude und des Scharfsinns über. Mit der Geschwindigkeit eines Wildes lief er eine kleine Anhöhe hinan, die sich kaum vor ihnen erhob, und blieb frohlockend über einer Spur frisch aufgewühlter Erde stehen, die von dem Tritt eines beschwerten Thiers herzurühren schien. Aller Augen folgten der unerwarteten Bewegung und lasen in der triumphirenden Miene des Jünglings den glücklichen Erfolg seiner Forschung.

»Das ist ’ne Spur!« rief der Kundschafter, auf den Ort vortretend; »der Junge ist schnell von Blick und kühn für sein Alter!« »Es ist sonderbar,« murmelte Duncan zur Seite, »daß er mit seiner Entdeckung so lange an sich gehalten hat.«

»Es wäre noch mehr zu verwundern gewesen, wenn er unaufgefordert gesprochen hätte. Nein, nein; ein Junge bei euch Weißen, der seine Weisheit aus den Büchern schöpft, und sein Wissen nach den Seiten eines Buches mißt, mag sich einbilden, daß er mit dem Kopfe, wie mit den Beinen seinen Vater überhole: aber hier, wo es auf Erfahrung ankommt, lernt der Schüler den Werth der Jahre schätzen und achtet sie demgemäß.«

»Seht!« sprach Uncas, nach Norden und Süden auf die deutlichen Zeichen einer starken Fährte zu beiden Seiten deutend; »das schwarze Haar ist hier dem Froste zu gegangen.«

»Kein Spürhund hat je eine schönere Fährte gefunden,« versetzte der Kundschafter, plötzlich auf dem angedeuteten Wege vorwärts eilend; »der Himmel ist uns günstig, sehr günstig, und wir brauchen jetzt die Nase nicht mehr auf die Erde zu halten. Ja, hier sind wieder die zwei einseitigen Pferdchen: der Hurone marschirt wie ein General der Weisen. Er ist nicht recht bei Trost, er ist toll! Sieh, Sagamore, ob du sein Radgeleise findest,« fuhr er fort, indem er mit neuerwachter Befriedigung lachend rückwärts blickte; »bald wird der Thor noch in der Kutsche fahren, indeß ihm sechs der besten Augen auf der Gränze dicht auf der Ferse folgen.«

Die Aufgeräumtheit des Kundschafters und der unerwartet glückliche Erfolg, der ihren über mehr denn vierzig Meilen ausgedehnten Weg nun gekrönt hatte, verfehlte nicht, auch den Andern neue Hoffnung mitzutheilen. Ihr Vordringen geschah überaus schnell und mit einer Zuversichtlichkeit, die ein Reisender auf der Landstraße hätte haben können. Wenn ein Felsen, ein Bach, oder etwas härterer Boden den Faden des Knäuels, dem sie folgten, unterbrach, so fand ihn das untrügliche Auge des Kundschafters in einiger Entfernung wieder auf, und selten war es nöthig, auch mir einen Augenblick stehen zu bleiben. Sehr erleichtert wurde ihre Reise durch die Gewißheit, daß Magua es nothwendig gefunden, seinen Weg durch die Thäler zu nehmen: ein Umstand, der die Hauptrichtung ihrer Straße unbezweifelt sicher machte. Der Hurone hatte übrigens die gewöhnlichen Kunstgriffe der Eingebornen, wenn sie sich vor einem Feinde zurückziehen, nicht gänzlich verabsäumt. Falsche Spuren und plötzliche Wendungen waren häufig, so oft ein Bach oder die Bildung des Bodens es thunlich machte; aber die Verfolger ließen sich nur selten täuschen, oder verfehlten wenigstens nicht, ihren Irrthum zu entdecken, ehe sie Zeit oder Richtung auf der trügerischen Spur verloren hatten.

Gegen die Mitte des Nachmittags waren sie über den Scaroon gegangen und folgten nun der Richtung der untergehenden Sonne. Nachdem sie von einer Anhöhe herab in eine Niederung herabgestiegen waren, durch welche ein kleiner Bach dahin eilte, kamen sie unerwartet an eine Stelle, wo Le Renard’s Zug offenbar Halt gemacht hatte. Halbverzehrte Feuerbrände lagen um eine Quelle: Ueberreste eines Damhirsches waren umher zerstreut, und die Bäume trugen unverkennbare Spuren einer Abweidung durch die Pferde. In einiger Entfernung entdeckte Heyward ein kleines Laubdach, das er mit zärtlicher Rührung betrachtete, in dem Gedanken, daß Cora und Alice darunter geruht hatten. Während aber die Erde rundum zertreten war und Fußtapfen von Männern und Thieren im ganzen Umkreis des Platzes deutlich hervortraten, schien hier mit einem Male alle Spur zu verschwinden.

Leicht konnte man die Fährte der Narragansets verfolgen, sie schienen aber ohne Führer umhergelaufen und nur ihrem Futter nachgegangen zu seyn. Endlich fand Uncas, der mit seinem Vater der Spur der Pferde gefolgt war, ein Zeichen, das ihre Nähe unwiderleglich verkündete. Ehe er aber den Tritten nachging, theilte er die Entdeckung seinen Begleitern mit, und während die letzteren sich über diesen Umstand beriethen, erschien der junge Indianer wieder, die beiden Pferdchen herbeiführend mit zerbrochenen Sätteln und beschmutzten Decken, als wären sie mehrere Tage sich selbst überlassen umhergelaufen,

»Worauf deutet dies?« – fragte Duncan erbleichend, und besorgt um sich her blickend, als ob die Busche und Blätter ein entsetzliches Geheimnis entdecken könnten.

»Daß wir mit unsrer Reise zu einem schnellen Ende gekommen sind und uns in Feindesland befinden,« versetzte der Kundschafter. »Wäre der Schurke gedrängt worden und hätten die Mädchen keine Pferde gehabt, um mit den Uebrigen Schritt halten zu können, so hätte er ihnen vielleicht die Skalpe abgezogen; aber ohne einen Feind auf den Fersen, und mit solchen Thieren, hat er ihnen kein Haar auf dem Haupte gekrümmt. Ich weiß, was Ihr denket; und Schande ist’s für unsere Farbe, daß Ihr Grund dazu habt; wer aber glaubt, ein Mingo mißhandle eine Frau, es sey denn, um sie dann zu erschlagen, der kennt die Indianer und das Leben in den Wäldern nicht. Nein, nein, ich habe gehört, daß die französischen Indianer in diese Berge gekommen sind, um das Mußthier zu jagen, und wir sind in die Nähe ihres Lagers gekommen. Warum sollten sie auch nicht? Jeden Tag kann man Morgens und Abends die Kanonen von Ty in diesen Bergen hören: denn die Franzosen führen eine neue Vertheidigungslinie zwischen den Provinzen des Königs und Canada auf. Es ist wahr, die Pferde sind hier, aber die Huronen sind fort. Wir müssen jetzt den Pfad aufspüren, auf dem sie sich davon gemacht haben.«

Hawk-eye und die Mohikaner gingen alsbald ernstlich an’s Werk. Ein Kreis von einigen hundert Fußen ward um den Platz gezogen, und Jeder nahm sich seinen Theil davon. Die Forschung führte jedoch zu keinem Resultate. Häufige Spuren von Fußtritten waren vorhanden; allein die Leute schienen nur umhergelaufen zu seyn, ohne die Absicht, den Ort zu verlassen. Der Kundschafter und seine Gefährten machten noch einmal die Runde um den Ruheplatz, indem Einer dem Andern langsam folgte, bis sie in der Mitte zusammentrafen, ohne inzwischen klüger geworden zu seyn.

»Solche Arglist deutet auf den Satan!« rief Hawk-eye, als er den ängstlichen Blicken seiner Gefährten begegnete. »Wir müssen wieder hinab, Sagamore, und von der Quelle an den Boden Zoll für Zoll untersuchen. Der Hurone soll sich bei seinem Stamm nicht rühmen, daß sein Fuß keine Spur hinterlasse.«

Mit gutem Beispiel vorangehend, begann der Kundschafter die Untersuchung mit erneutem Eifer. Jedes Laub wurde umgekehrt, jedes dürre Reis weggeräumt, jeder Stein aufgehoben – denn es war eine bekannte List der Indianer, sich solcher Mittel zu bedienen, um jeden Tritt mit der größten Geduld und Sorgfalt zu verdecken. Noch immer blieb die Untersuchung ohne Erfolg. Endlich überdämmte Uncas, den eine gewohnte Lebhaftigkeit am ersten zur Vollendung seiner Aufgabe geführt hatte, den kleinen Bach, der jener Quelle entsprang, mit Erde und lenkte so seinen Lauf in ein anderes Bett. Sobald sein schmaler Grund hinter dem Damme trocken lag, bückte er sich mit scharfem, neugierigem Blicke darüber nieder. Ein Ruf ausgelassener Freude kündigte sogleich den Erfolg des jungen Kriegers an. Alle umstanden die Stelle, wo Uncas in der feuchten Anschwemmumg auf die Spur eines Moccasins deutete.

»Der Junge wird seinem Volke Ehre machen,« sprach Hawk-eye, die Fährte mit so vieler Bewunderung betrachtend, als der Naturforscher dem Hauzahn eines Mammuths oder der Rippe eines Mastoden schenken würde; »ja, und den Huronen ein Dorn im Auge seyn. Das ist aber kein Fußtritt eines Indianers! Das Gewicht ruht zu sehr auf der Ferse, und die Zehen sind viereckig, als wäre einer der französischen Tänzer hier gewesen und hätte seinen Leuten Kunststücke vorgemacht! Geh zurück, Uncas, und bring mir das Maß von des Singmeisters Fuß. Dort dem Felsen gegenüber an dem Abhang des Hügels findest du einen herrlichen Abdruck davon.«

Während der Jüngling mit diesem Auftrag beschäftigt war, betrachteten der Kundschafter und Chingachgook die Spuren mit großer Aufmerksamkeit. Das Maß traf zu, und der Erstere that unbedenklich den Ausspruch, daß es Davids Fußtritt sey, der seine Schuhe wieder mit Moccasins hatte vertauschen müssen.

»Jetzt ist mir Alles so klar und deutlich, als ob ich Le Subtil’s Künsten zugesehen hätte,« fuhr er fort: »da der Singmeister ein Mensch ist, dessen Hauptkraft in seiner Kehle und in seinen Füßen liegt, so mußte er vorausgehen, und die Andern sind in seine Fußstapfen getreten.«

»Aber,« rief Duncan, »ich sehe keine Spuren von –«

»Den Mädchen!« unterbrach der Kundschafter: »der Schelm muß ein Mittel gefunden haben, sie so weit zu tragen, bis er glaubte, er habe allen Verfolgungen die Spur entzogen. Mein Leben daran – ehe wir eine große Strecke hinter uns haben, treffen wir wieder die Spur ihrer niedlichen Füßchen!« Der ganze Zug brach jetzt auf und verfolgte den Lauf des Bachs, mit aufmerksamen Augen die regelmäßigen Spuren verfolgend. Das Wasser floß bald wieder in sein altes Bett, aber sie behielten den Boden auf beiden Seiten stets im Auge, überzeugt, daß unten im Wasser die Fährte fortgehe. Mehr als eine halbe Meile waren sie gegangen, bis der Bach um den Fuß eines großen und kahlen Felsen rieselte. Hier hielten sie, um sich zu vergewissern, daß die Huronen an dieser Stelle das Wasser nicht verlassen hätten.

Und wohl ihnen, daß sie dies nicht unterließen. Das lebhafte, scharfe Auge des jungen Kriegers fand bald die Spur eines Indianerfusses auf einem Büschel Moos, auf den jener aus Unachtsamkeit getreten war. Diese Entdeckung verfolgend, trat er in das nahe Dickicht und fand eine Spur, so frisch und deutlich, als jene, die sie vor der Quelle gefunden hatten. Ein zweiter Ruf verkündete das gute Glück des Jünglings seinen Begleitern und alles Suchen hatte nun ein Ende.

»Ja, ja, indianische Schlauheit war es,« sagte der Kundschafter, als sich alle um die Stelle versammelt hatten; »und sie hätte weise Augen sicherlich irre geführt.«

»Gehen wir weiter?« fragte Heyward,

»Gemach! gemach! Wir kennen jetzt unsern Weg, es wird aber gut seyn, wenn wir Alles genau untersuchen. Das ist mein Grundsatz, Major: und wenn Einer in dem Buche der Natur zu lesen verabsäumt, so erfährt er nicht, was ihm offen vor Augen liegt. Alles ist jetzt klar am Tage, nur nicht, wie er die Mädchen über die nasse Fährte gebracht hat. Selbst ein Hurone wäre zu stolz, die zarten Füße das Wasser berühren zu lassen.«

»Erklärt uns dies vielleicht das schwere Räthsel?« fragte Heyward, auf die Bruchstücke einer Art von Tragbahre deutend, die, aus rohen Aesten verfertigt und mit Weiden zusammengebunden, als unnütz jetzt nachlässig bei Seite geworfen schien.

»Jetzt haben wir’s!« rief der entzückte Hawk-eye. »Wenn die Schelme den Weg in einer Minute zurückgelegt haben, so waren Stunden nöthig, ihrer Fährte ein Lügen-Ende zu zimmern. Nun ich weiß, daß sie mit so geringfügiger Arbeit schon Tage zugebracht haben. Hier haben wir drei Paar Moccasins, und zwei von kleinen Füßen. Es ist erstaunlich, daß menschliche Wesen auf so kleinen Gliedern gehen können! Uncas, gib mir den bockledernen Riemen, daß ich die Länge dieses Fußes messe. Bei Gott, ’s ist der eines Kindes, und doch sind die Mädchen schlank und stattlich. Der Himmel ist parteiisch mit seinen Gaben, wiewohl er seine weisen Gründe dazu haben mag: das müssen die Besten und Zufriedensten von uns zugeben.«

»Die zarten Glieder meiner Töchter sind diesen Mühseligkeiten nicht gewachsen,« sagte Munro, die leichten Fußtritte seiner Kinder mit väterlicher Zärtlichkeit betrachtend; »wir werden ihre verschmachteten Gestalten in dieser Wüste finden.«

»Das habt ihr eigentlich nicht zu besorgen,« versetzte der Kundschafter langsam den Kopf schüttelnd! »das ist ein fester und gerader Schritt, wenn auch kurz und leicht. Seht, die Ferse berührte kaum den Boden, und hier hat die mit dem dunkeln Haar einen kleinen Sprung über Wurzeln gemacht. Nein, nein; wie ich die Sache verstehe, so war hier keine von ihnen dem Verschmachten nahe. Der Sänger fängt aber nun an wunde Füße und müde Beine zu kriegen, das sieht man an der Fährte da. Hier, seht ihr, ist er ausgegleitet. Er hat ein weites und sicheres Geleise; da ist es, wie wenn er auf Schneeschuhen gegangen wäre. Ja, ja. Einer, der immer nur seine Kehle schult, kann seine Beine nicht recht ziehen.«

Durch solch untrügliche Zeugnisse errieth der geübte Waidmann die Wahrheit so sicher und treffend, als ob er bei allen den Vorfällen, die sein Scharfsinn so leicht erklärte, gegenwärtig gewesen wäre. Erfreut über diese Resultate, und beruhigt durch seine so schlagende, einfache Schlußfolge, setzte die Gesellschaft ihren Marsch fort, nachdem sie eine Weile gehalten, um ein eiliges Mal einzunehmen.

Nach beendigtem Essen, warf der Kundschafter einen Blick auf die untergehende Sonne und eilte mit einer Schnelligkeit dahin, daß Heyward und der immer noch kräftige Munro alle Muskeln anstrengen mußten, um gleichen Schritt zu halten. Ihr Weg ging immer längs der schon erwähnten Niederung. Da die Huronen keine weitere Vorsicht gebraucht hatten, ihre Fährte zu verbergen, so hielt keine Ungewißheit die Verfolger mehr auf. Ehe jedoch eine Stunde verging, ließ die Eile Hawk-eye’s merklich nach, und sein Haupt wandte sich, statt die frühere gerade Richtung nach vorne beizubehalten, vorsichtig bald auf diese, bald auf jene Seite, als ob er eine nahende Gefahr ahne. Endlich hielt er an und wartete, bis die ganze Gesellschaft zu ihm herangekommen war. »Ich wittere die Huronen,« sagte er zu den Mohikanern: »dort zwischen den Baumgipfeln wird es Licht, wir kommen am Ende ihrem Lager zu nahe. Sagamore, nimm du den Hügel hier zur Rechten und Uncas geht links den Bach entlang, indeß ich die Spur Verfolge. Wenn es was gibt, so wird dreimal wie ’ne Krähe gekrächzt. Ich sah so eben einen dieser Vögel durch die Luft streichen, gerade über jener abgestorbenen Eiche – auch ein Zeichen, daß wir an ein Lager kommen,«

Die Indianer entfernten sich, ohne ein Wort zu erwiedern, Jeder nach seiner Seite hin, während Hawk-eye mit den beiden Offizieren weiter vorschritt. Heyward drängte sich bald an die Seite ihres Führers heran, begierig, der Feinde, die er mit solcher Mühe und Angst verfolgte, ansichtig zu werden. Sein Begleiter wies ihn an, nach dem Rande des Waldes zu schleichen, der wie gewöhnlich mit einem Dickicht umgeben war, und zu warten bis er komme: denn er wollte einige verdächtige Zeichen, die sich zur Seite darboten, untersuchen. Duncan gehorchte, und fand sich bald an einem Punkte, wo er eine Aussicht beherrschte, die ihm so außerordentlich, als neu erschien.

Die Bäume waren viele Morgen weit gefällt und die Glut eines milden Sommerabends lag auf der Lichtung, in schönem Kontrast mit der dunkleren Färbung der Wälder. In geringer Entfernung von der Stelle, wo Duncan stand, hatte sich der Bach in einen kleinen See erweitert, der den größten Theil der Niederung zwischen den Bergen einnahm und aus diesem weiten Becken in einem so regelmäßigen und sanften Wasserfalle abfloß, daß man mehr das Werk von Menschenhänden, als ein Gebilde der Natur zu erblicken glaubte. Hunderte von Wohnungen aus Erde standen an dem Rande des Sees und selbst noch in dem Wasser, als ob die Flut über ihr gewöhnliches Ufer getreten wäre. Die eigenthümlichen Dächer, zum Schutze gegen das Unwetter wundersam gerundet, zeugten von mehr Sorgfalt und Umsicht, als die Eingebornen ihren gewöhnlichen Hütten zu widmen pflegten, und waren denen am wenigsten zu vergleichen, die nur zu zeitigem Gebrauche während der Jagd und des Kriegs dienten. Kurz das ganze Dorf oder die kleine Stadt, wie man es nennen konnte, war niedlicher und mit mehr Kunstaufwand gebaut, als die Weißen bei den Indianern gewöhnlich vorauszusetzen pflegten. Der Ort schien jedoch verlassen; wenigstens war Duncan eine Weile dieser Meinung: endlich aber glaubte er mehrere menschliche Gestalten zu erblicken, die auf allen Vieren herankamen, und etwas Schweres, wie er schließen wollte, vielleicht eine furchtbare Kriegsmaschine, hinter sich schleppten. Eben jetzt schauten mehrere schwarze Köpfe aus den Wohnungen hervor und der Platz schien plötzlich von Wesen belebt, die so schnell von Versteck zu Versteck eilten, das es ihm unmöglich war ihre Stimmung oder Absicht zu unterscheiden. Beunruhigt durch diese verdächtigen und unerklärlichen Bewegungen, war er im Begriff, das Krähensignal zu geben, als ein nahes Rauschen der Blätter seine Augen nach einer andern Seite zog.

Der junge Mann fuhr auf und prallte einige Schritte instinktmäßig zurück, als er einige hundert Schritte vor sich einen fremden Indianer erblickte. Er ermannte sich jedoch augenblicklich wieder, und blieb, statt Lärm zu machen, der ihm selbst hätte verderblich werden können, unbeweglich stehen, ein aufmerksamer Beobachter des neuen Ankömmlings.

Ein Augenblick ruhiger Betrachtung überzeugte Duncan, daß er noch unentdeckt sey. Der Eingeborne schien, wie er, beschäftigt, die niedrigen Hütten des Dorfes und die eiligen Bewegungen seiner Bewohner zu beschauen. Unter der Maske einer grotesken Malerei waren seine Gesichtszüge unmöglich zu erkennen: doch war es Duncan, als ob sie eher Schwermuth als Wildheit ausdrückten. Sein Kopf war, wie gewöhnlich, geschoren bis auf den Scheitel, von dessen Schopf drei oder vier verwitterte Falkenfedern lose herabwehten. Ein zerrissener Calicomantel umgab seinen Leib zur Hälfte, während der untere Theil seiner Bekleidung aus einem schlichten Hemde bestand, dessen Aermel einen Dienst versahen, der sonst durch eine weit bequemere Vorrichtung geleistet wird. Seine Beine waren nackt und von Dornen kläglich zerrissen, seine Füße aber trugen ein paar Moccasins von gutem Hirschleder. Kurz das Aussehen des Individuums war verwahrlost und elend.

Duncan war immer noch mit neugieriger Betrachtung seines Nachbars beschäftigt, als der Kundschafter still und vorsichtig an seine Seite schlich.

»Ihr seht, wir haben eine ihrer Niederlassungen oder ein Lager erreicht,« flüsterte ihm der junge Mann zu, »und hier ist einer der Wilden selbst, der unsere ferneren Bewegungen sehr störend hemmt.«

Hawk-eye fuhr auf und ließ seine Büchse sinken, als er, dem Finger seines Begleiters folgend, den Fremden gewahrte. Doch senkte er die gefährliche Mündung wieder und streckte seinen langen Nacken vor, als sollte dieser eine so mißliche Untersuchung noch weiter unterstützen.

»Der Schelm ist kein Hurone« sprach er, »auch keiner aus den Canadastämmen, und doch seht Ihr an seinen Kleidern, daß er einen Weißen geplündert hat. Ja, Montcalm hat die Wälder für seinen Einfall gebrandschatzt und eine lärmende, mörderische Rotte um sich versammelt. Könnt Ihr sehen, wo er seine Büchse oder seinen Bogen abgelegt hat?«

»Er scheint unbewaffnet, und überhaupt keine schlimmen Absichten zu hegen. Wenn er nicht seine Gefährten, die dort unten am Wasser sich ducken, in Allarm bringt, so haben wir nur wenig von ihm zu fürchten.«

Der Kundschafter wandte sich gegen Heyward und sah ihn einen Augenblick mit unverholenem Erstaunen an: dann öffnete er den Mund weit und brach in ein volles und herzliches Lachen aus, aber immer in jener schweigsamen Weise, die ihn häufige Gefahr gelehrt hatte.

»Gefährten, die am Wasser herumschleichen!« wiederholte er: »das hat man davon, daß man seine Jugend in der Schule und innerhalb der Niederlassungen verbringt! Der Schelm hat jedoch lange Beine und wir dürfen ihm nicht ganz trauen. Haltet ihn mit eurer Büchse im Respekt, bis ich durch das Gebüsch von hinten heranschleiche und ihn lebendig fange. Schießt aber auf keinen Fall!«

Schon war sein Gefährte halb in dem Dickicht verschwunden, als Heyward seinen Arm vorstreckte, und ihn mit der Frage noch einmal anhielt:

»Wenn ich euch in Gefahr weiß, soll ich da nicht einen Schuß wagen?«

Hawk-eye sah ihn einen Augenblick an, wie einer, der nicht recht wußte, wie er die Frage nehmen sollte; dann nickte er mit dem Kopfe und antwortete lachend, obgleich kaum hörbar:

»Ein ganzes Pelotonfeuer, Major!«

Im nächsten Augenblick verbargen ihn die Blätter. Duncan wartete einige Minuten in fieberhafter Ungeduld, bis er den Kundschafter wieder gewahrte. Jetzt kam dieser von neuem zum Vorschein, auf der Erde liegend, von der ihn sein Anzug schwer unterscheiden ließ, und gerade auf seinen beabsichtigten Gefangenen zukriechend. Als er noch einige Schritte von ihm entfernt war, richtete er sich still und langsam auf. In diesem Augenblick fielen mehrere laute Schläge in das Wasser und Duncan wandte seine Augen gerade noch zur Zeit, um hundert schwarze Gestalten zusammen in das kleine in Aufruhr gebrachte Gewässer plumpen zu sehen. Er griff nach seiner Büchse; und seine Blicke richteten sich wieder auf den nahen Indianer. Statt über den Lärm zu stutzen, streckte der Wilde unwillkührlich den Hals vor, als ob auch er die Bewegungen um den düstern See mit einer Art einfältiger Neugierde bewachen wollte. Mittler Weile schwebte Hawk-eye’s Hand über ihm, sank aber wieder ohne sichtbaren Grund, und ihr Eigenthümer überließ sich von neuem einem langen, obgleich immer noch verborgenen Ausbruch von Heiterkeit. Endlich nachdem sein herzliches Gelächter zu Ende war, gab er, statt sein Schlachtopfer an der Kehle zu fassen, ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und rief laut:

»Wie, Freund, habt ihr vor, die Biber singen zu lehren?«

»Gewiß,« war die schnelle Antwort. »Das Wesen, das ihnen möglich machte, seine Gaben so gut anzuwenden, wird ihnen nicht die Stimme versagen, sein Lob zu singen.«

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Grund. Sind wir alle beisammen?
Quitte. Nun hier ist ein ungemein
Bequemer Ort für unsere Probe.
Shakespeare.

Der Leser wird sich Heyward’s Ueberraschung eher vorstellen können, als wir sie zu beschreiben vermögen. Seine lauernden Indianer waren plötzlich in vierfüßige Thiere umgewandelt, sein See in einem Biberteich, sein Wasserfall in einem Damm von diesen fleißigen und erfinderischen Vierfüßlern angelegt, ein verdächtiger Feind in einen erprobten Freund, David Gamut, den Meister im Psalmengesang. Die Gegenwart des Letztern rief so viel unerwartete Hoffnung in Betreff der Schwestern in’s Leben, daß der junge Mann, ohne sich einen Augenblick zu bedenken, aus seinem Verstecke hervor sprang und auf die beiden Hauptspieler in dieser Scene zueilte.

Hawk-eye’s lustige Laune ließ sich nicht so leicht unterdrücken. Ohne Weiteres drehte er mit rauher Hand den geschmeidigen Gamut auf der Ferse herum und versicherte mehr denn einmal, die Wahl seines Costüms mache den Huronen alle Ehre; dann ergriff er des Gefährten Hand, drückte sie mit einer Kraft, die dem ehrlichen David Thränen aus den Augen preßte, und wünschte ihm Glück zu seiner neuen Stellung.

»So waret Ihr also wirklich im Begriff, unter den Bibern eine Singschule aufzuthun, nicht wahr?« fragte er: »die gelehrigen Teufel haben den Handel schon halb los, sie schlagen mit ihren Schwänzen den Takt, wie Ihr eben gehört habt. Uebrigens hatten sie Zeit dazu, sonst hätte ihnen mein Wildtödter den ersten Ton angegeben. Ich habe Leute gekannt, die lesen und schreiben konnten, und nicht halb so viel verstanden, als ein alter Biber. Was aber das Singen betrifft, so läßt sich nichts mit ihnen machen. Die armen Thiere sind stumm geboren. Was haltet Ihr von einem Gesang, wie dieser?«

David hielt sich die Hände vor die beleidigten Ohren, als das Krächzen einer Krähe durch die Luft ertönte, und selbst Heyward, obgleich er die Natur des Geschrei’s kannte, sah unwillkürlich empor, als wollte er den Vogel suchen. »Seht,« fuhr der Kundschafter lachend fort, indem er auf seine zwei Begleiter deutete, die, dem Signale folgend, bereits herbeikamen, »das heiß‘ ich ’ne Musik, die Saft und Kraft hat! Sie bringt zwei gute Büchsen an meine Seite, der Messer und Tomahawks zu geschweigen. Doch wir sehen, daß Ihr gesund und wohlbehalten seyd, nun sagt uns, was aus den Mädchen geworden ist.«

»Sie sind in der Gefangenschaft der Heiden,« sprach David, »und wenn auch im Geiste sehr betrübt, doch körperlich völlig wohlbehalten und sicher.«

»Beide?« fragte Heyward, beinahe athemlos.

»Gewiß. Wenn auch unsere Reise anstrengend, und unsere Kost nicht die beste war, so hatten wir doch wenig zu klagen, außer dem Zwang, den man unserer Neigung anthat, indem man uns in ein fernes Land zur Gefangenschaft führte.«

»Gott segne Euch für diese Worte!« rief der zitternde Munro, »so erhalt‘ ich denn meine Kinder so unverletzt und engelrein wieder, als ich sie verloren habe!«

»Ich glaube nicht, daß Ihre Befreiung so nahe ist,« entgegnete der zweifelnde David. »Der Anführer dieser Wilden ist von einem bösen Geiste besessen, den nur die Allmacht des Herrn zähmen kann. Schlafend und wachend habe ich’s bei ihm versucht, aber weder Töne noch Worte scheinen seine Seele zu rühren,«

»Wo ist der Schurke?« unterbrach ihn der Kundschafter ungestüm.

»Er jagt heute mit seinen jungen Leuten das Mußthier, und morgen, höre ich, ziehen sie weiter in die Wälder, näher an die Gränze Canadas. Das ältere Mädchen ist zu einem benachbarten Volke gebracht worden, dessen Wohnungen dort hinter jenen schwarzen Felsengipfeln liegen; die jüngere aber muß bei den Weibern der Huronen bleiben, deren Hütten nur zwei kurze Meilen von hier auf einem Tafellande stehen, wo das Feuer die Dienste der Axt versehen, und den Ort für ihre Aufnahme bereitet hat.«

»Alice, meine sanfte Alice!« rief Heyward mit gedämpfter Stimme, »Du hast sogar den Trost verloren, bei Deiner Schwester zu seyn.«

»Gewiß. Aber alle Aufrichtung, die das Gebet und Lobgesänge dem niedergebeugten Geist geben können, ist ihr zu Theil geworden.«

»Hat sie denn noch Sinn für die Musik?«

»Ja, wenn sie ernst und feierlich ist; obgleich ich bekennen muß, daß das Mädchen, allen meinen Bemühungen zum Trotz, öfter weint, als lächelt. In solchen Augenblicken gebiete ich den heiligen Gesängen Schweigen; aber es gibt manche liebliche Momente tröstlicher Mittheilung, da dann die Wilden erstaunt aufhorchen, wenn wir unsere Stimmen zum Himmel erheben.«

»Und warum läßt man Euch so unbewacht umher gehen?«

David versuchte seinen Zügen einen Ausdruck bescheidener Demuth zu geben, ehe er mit sanfter Stimme antwortete:

»Wenig Ruhm gebührt einem Wurme, wie ich bin. Aber wenn auch die Macht des Psalmengesangs während der Scene auf jenem schrecklichen Blutfeld unterbrochen ward, so hat er doch selbst auf die Gemüther der Heiden seinen Einfluß wieder gewonnen, und ich darf gehen und kommen, wie ich will.«

Der Kundschafter lachte, berührte bedeutungsvoll seine eigene Stirne und erklärte vielleicht diese absonderliche Nachsicht noch genügender, indem er sagte:

»Die Indianer thun einem Verwirrten nie etwas zu Leide. Warum aber, wenn der Weg offen vor Euch lag, wandeltet Ihr nicht auf Eurer eignen Fährte, die nicht so spurlos ist, als die eines Eichhorns, zurück, und habt Kunde nach dem Fort Edward gebracht?«

Der Kundschafter, der blos seine unerschütterliche Eisennatur im Auge hatte, verlangte von David eine Leistung, die dieser wahrscheinlich unter keinen Umständen vollbracht hätte. Ohne aber seinen sanften Ausdruck ganz zu verlieren, begnügte sich der Psalmensänger zu antworten:

»Wenn sich auch mein Geist nach den Wohnungen des Christenthums zurück sehnt, so wollten doch meine Füße lieber den zarten Wesen, die meiner Obhut anvertraut worden, selbst in die abgöttische Provinz der Jesuiten folgen, als einen Schritt rückwärts thun, während sie in Gefangenschaft und Kummer schmachten.«

Obgleich die figürliche Sprache Davids nicht sehr verständlich war, so konnte doch der treuherzige, entschiedene Ausdruck seines Auges und das Feuer seiner ehrlichen Miene nicht leicht mißdeutet werden. Uncas trat näher zu ihm heran und betrachtete den Sprecher mit beifälligem Blick, während sein Vater durch den gewohnten, kräftigen Ausruf der Befriedigung sein Wohlgefallen zu erkennen gab. Kopfschüttelnd erwiederte der Kundschafter:

»Es war nie des Herrn Wille, daß der Mensch alle seine Sorgfalt auf die Kehle verwenden, und andere edlere Gaben darob vernachläßigen sollte! Aber er ist in die Hände einfältiger Weiber gefallen, statt daß er unter dem blauen Himmel und unter den Schönheiten des Waldes seine Erziehung hätte suchen sollen. Hier, Freund! Ich wollte mit diesem Eurem Tutinstrument ein Feuer anzünden; da Ihr es aber hoch haltet, so nehmt und pfeift wieder nach Herzenslust!«

Gamut empfing seine Pfeife mit einem so lebhaften Ausdruck von Freude, als er mit seinem wichtigen Beruf für verträglich hielt. Nachdem er das Instrument, seiner eigenen Stimme gegenüber, zu wiederholten Malen geprüft hatte, endlich überzeugt, daß es keiner seiner Klänge verloren sey, machte er einen ernstlichen Versuch, einige Stanzen aus einem der längsten Herzensergüsse in dem oft erwähnten Büchlein abzusingen.

Heyward störte jedoch eilig diesen frommen Vorsatz mit Fragen über Fragen über die bisherige und dermalige Lage seiner Mitgefangenen, und zwar mit mehr Zusammenhang, als seine Gefühle beim Beginn der Unterredung gestattet hatten. David sah sich, obgleich den wiedergewonnenen Schatz mit sehnsüchtigen Augen betrachtend, gezwungen zu antworten, zumal da auch der ehrwürdige Vater an den Fragen Theil nahm, und mit einem Interesse, das gebieterisch Befriedigung forderte. Auch der Kundschafter verfehlte nicht, bei schicklicher Gelegenheit eine Erkundigung einzuwerfen. Aus diese Weise gelangten die Verfolger, obgleich mit häufigen Pausen, welche gewisse drohende Töne aus dem wiedererlangten Instrumente füllten, zur Kenntniß der wichtigsten Umstände, die ihnen zur Ausführung ihres großen, alle Thätigkeit in Anspruch nehmenden Unternehmens, der Befreiung der beiden Schwestern, von großem Nutzen seyn konnten. David’s Erzählung war einfach und der Thatsachen nur wenige.

Magua hatte auf dem Berge gewartet, bis sich ein sicherer Augenblick zum Rückzüge bot; dann war er herabgestiegen und hatte den Weg längs der Westseite des Horican in der Richtung von Canada eingeschlagen. Da der kluge Hurone die Pfade kannte und wußte, daß keine unmittelbare Gefahr der Verfolgung drohte, so drangen sie nur langsam und ohne alle Ermüdung vor. Aus der ungeschmückten Erzählung David’s ging hervor, daß seine Gegenwart mehr geduldet, als gewünscht wurde; obgleich auch Magua nicht ganz frei von der Verehrung war, womit die Indianer diejenigen betrachten, die der große Geist an ihrem Verstande heimgesucht hat. Nachts wurde die größte Vorsicht gegen die Gefangenen beobachtet, um sie vor den Dünsten der Wälder zu schützen, aber auch ihre Entweichung zu verhindern. An der Quelle ließ man die Pferde laufen, wie wir gesehen haben, und ungeachtet der Entfernung und Länge der Fährte wurden doch die bereits erwähnten Kunstgriffe gebraucht, um alle weitere Spur zu ihrem Versteck abzuschneiden. Bei ihrer Ankunft im Lager seines Volks trennte Magua die Gefangenen, einer Politik zu Folge, die selten verlassen wurde. Cora war zu einem Stamme gesandt worden, der ein benachbartes Thal vorübergehend bewohnte; David aber war zu unbekannt mit den Sitten und der Geschichte der Eingebornen, um über seinen Namen oder seine Eigenthümlichkeit genügende Auskunft geben zu können, und wußte blos, daß er den letzten Zug gegen William Henry nicht mit gemacht hatte; daß diese Wilden, gleich den Huronen, Verbündete Montcalm’s waren und einen freundlichen, wie wohl behutsamen Verkehr mit dem kriegerischen und wilden Volke unterhielten, das der Zufall eben jetzt in so nahe und unangenehme Berührung mit ihnen gebracht hatte.

Die Mohikaner und der Kundschafter horchten auf seine oft unterbrochene und unvollständige Erzählung mit einem Antheil, der sichtbar stieg; und als er die Weise des Volksstamms, unter welchem Cora gefangen war, schildern wollte, fragte der Letztere plötzlich:

»Sahet Ihr die Form ihrer Messer? Waren sie englischen oder französischen Ursprungs?«

»Meine Gedanken waren nicht auf solche Eitelkeiten gerichtet, sondern blos auf Trost für die beiden Mädchen bedacht.«

»Die Zeit könnte kommen, wo Ihr das Messer eines Wilden für kein so verächtliches Ding ansehen werdet,« versetzte der Kundschafter, mit dem Ausdruck tiefer Verachtung für die Einfalt des Andern. »Haben sie ihr Kornfest gefeiert? Oder könnet Ihr etwas von den Totems ihres Stammes sagen?«

»Was das Korn betrifft, so hatten wir oft und reiche Feste; es war im Ueberfluß vorhanden, auch ist das Korn, in Milch gekocht, lieblich für den Mund und heilsam für den Magen. Was die Totems betrifft, so weiß ich nicht, was das ist: wenn es sich aber in irgend einer Weise auf die indianische Musik bezieht, so darf man bei ihnen gar nicht darnach fragen. Nie erheben sie ihre Stimmen, Gott zu preisen; und es scheint, daß sie zu den gottlosesten Götzendienern gehören.«

»Da lästert Ihr die Natur der Indianer. Selbst der Mingo betet nur den wahren, lebendigen Gott an; und ich sag‘ es zur Schande unsrer Farbe – ’s ist eine heillose Erfindung der Weißen – wenn sie den indianischen Krieger zu einem Anbeter selbstgeschaffener Bilder machen wollen. Wahr ist es, sie suchen mit dem bösen Feinde Frieden zu schließen, wie’s Einer mit einem Gegner thut, über den er nicht Meister werden kann; aber um Gunst und Beistand flehen sie nur den großen und guten Geist an.«

»Das mag seyn,« bemerkte David; »aber ich habe seltsame, fantastische Bilder gesehen, womit sie sich bemalen; und ihre Bewunderung und Sorgfalt für dieselben hatte viel von geistlichem Stolze; besonders eines, das noch dazu ein ekelhaftes, unreines Thier vorstellte.«

»War es eine Schlange?« fragte schnell der Kundschafter.

»Fast so was. Es hatte viel von einer gemeinen, kriechenden Landschildkröte.«

»Hugh!« riefen die aufmerksamen Mohikaner, in einem Athem, während der Kundschafter den Kopf schüttelte, mit der Miene eines Mannes, der eine wichtige, aber keineswegs erfreuliche Entdeckung gemacht hat. Dann sprach der Vater in der Mundart der Delawaren und mit einer Ruhe und Würde, die sogar die Aufmerksamkeit derer fesselten, denen seine Worte unverständlich waren. Seine Geberden waren ausdrucksvoll und mitunter energisch. Einmal hob er seinen Arm hoch empor, und als er ihn wieder sinken ließ, schoben sich die Falten seines leichten Mantels bei Seite und ein Finger blieb auf der Brust ruhen, als ob er durch diese Stellung seine Meinung bekräftigen wollte. Duncan’s Augen folgten der Bewegung, und er gewahrte, daß das eben erwähnte Thier in blauer Farbe schön, aber schwach auf die schwärzliche Brust des Häuptlings gemalt war. Alles, was er von der gewaltsamen Trennung der mächtigen Stämme der Delawaren je gehört hatte, drängte sich jetzt seinem Geiste auf, und er erwartete den geeigneten Augenblick zum Sprechen mit einer Ungeduld, die sein lebhafter Antheil an der Sache beinahe unerträglich machte. Seinem Wunsche kam jedoch der Kundschafter zuvor, der, von seinem rothen Freunde sich abwendend, begann:

»Wir sind auf etwas gekommen, das uns nützlich oder schädlich werden kann, wie der Himmel es fügen wird. Der Sagamore stammt aus dem edeln Blute der Delawaren und ist der große Häuptling ihrer Schildkröten! Daß Einige aus diesem Geschlecht unter dem Volke sind, von dem der Sänger erzählt, ist aus seinen Worten klar; und hätte er nur die Hälfte des Athems, den er ausblies, indem er aus seiner Kehle eine Trompete machte, auf kluge Fragen verwendet, so wüßten wir jetzt, wie viel Krieger sie zählen. Es ist immer ein gefährlicher Weg, den wir betreten: denn ein Freund, der sein Gesicht von euch abgewandt hat, ist oft blutdürstiger, als ein Feind, der auf euern Skalp ausgeht.«

»Sprecht euch aus,« bat Duncan.

»’s ist ein langer, trauriger Verlauf, an den ich nicht gern denke: denn es läßt sich nicht läugnen, daß das Uebel vornehmlich von Weißhäuten angerichtet wurde; und das Ende vom Liede war, daß der Bruder gegen den Bruder den Tomahawk erhob und der Mingo mit dem Delawaren auf einem Pfade wandelte!«

»So vermuthet Ihr denn, daß es ein Theil jenes Volkes sey, bei welchem sich Cora gegenwärtig befindet?«

Der Kundschafter nickte bejahend, obgleich er wenig geneigt schien, die Erörterung eines ihm peinlichen Gegenstandes weiter fortzuspinnen. Der ungeduldige Duncan entwarf jetzt hastig mehrere tollkühne Vorschläge, die Befreiung der Schwestern zu versuchen, und Munro entschlug sich seiner Theilnahmlosigkeit, auf die verzweifelten Pläne des jungen Mannes mit einer Rücksicht hörend, die man von seinen grauen Haaren und seinem Alter nicht hätte erwarten dürfen. Der Kundschafter aber verzog, bis die Hitze des Liebhabers sich ein wenig gelegt hatte, und wußte ihn dann von der Thorheit vorschnellen Handelns in einer Sache zu überzeugen, welche die kaltblütigste Ueberlegung und die äußerste Seelenstärke erfordere.

»Es wäre am besten,« fügte er hinzu, »wir ließen diesen Mann wieder hineingehen, daß er in ihrem Lager bliebe und den Mädchen Kunde von unserer Annäherung brächte, dann rufen wir ihn wieder durch ein Signal zu weiteren Berathungen. Ihr könnt doch das Geschrei einer Krähe von dem Pfeifen des Windsängers unterscheiden?«

»’s ist ein unterhaltender Vogel,« antwortete David, »und hat einen so sanften und melancholischen Ton, obwohl sein Takt zu schnell und regellos ist.«

»Er meint den Wish-ton-wish,« sagte der Kundschafter; »nun gut, wenn euch jenes Pfeifen gefällt, so soll das euer Signal seyn. Merkt’s euch denn, wenn Ihr den Ruf des Windsängers dreimal hört, so kommt Ihr in die Büsche, wo Ihr den Vogel vermuthet« –

»Halt!« unterbrach ihn Heyward; »ich will ihn begleiten.«

»Ihr!« rief der erstaunte Hawk-eye; »seyd Ihr müde, die Sonne auf- und untergehen zu sehen?«

»David ist ein lebendiger Beweis, daß die Huronen nicht immer unbarmherzig sind.«

»Ja, aber David kann seine Kehle benützen, und kein anderer Mensch, der bei Sinnen ist, wird sie so mißbrauchen.«

»Auch ich kann den Narren, den Wahnsinnigen, den Helden spielen, kurz Alles, wenn es gilt, sie, die ich liebe, zu befreien. Nennt keine Einwendungen mehr; ich bin entschlossen.«

Hawk-eye, sah den jungen Mann einen Augenblick mit sprachlosem Erstaunen an. Aber Duncan, der aus Achtung vor dem Geschick und den Diensten des Andern bisher beinahe blindlings gefolgt war, nahm jetzt die Miene des höheren Ranges an, auf eine Weise, der man nicht leicht widerstehen konnte. Er winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er jede Gegenvorstellung verschmähe, und fuhr dann mit ruhigerer Stimme fort:

»Ihr habt die Mittel, mich zu verkleiden; wandelt mich um, bemalt mich, wie es euch beliebt, kurz, macht einen andern Mann aus mir, einen Narren, wenn Ihr wollt.

»Für einen, wie ich bin, ziemt es sich nicht, zu sagen, daß er, der bereits durch die mächtige Hand der Vorsehung gebildet ist, eine Umwandlung nöthig habe,« murmelte der unzufriedene Kundschafter. »Wenn Ihr eure Abtheilung in den Krieg schicket, so findet Ihr es wenigstens gerathen, Plätze und Abzeichen für ein Lager zu bestimmen, damit die, welche auf eurer Seite fechten, wissen, wann und wo sie einen Freund zu erwarten haben.«

»Hört mich an,« unterbrach ihn Duncan; »Ihr habt von diesem getreuen Begleiter der Gefangenen gehört, daß die Indianer von zwei verschiedenen Stämmen, wo nicht Nationen sind. Bei einem, den Ihr für einen Zweig der Delawaren haltet, ist sie, die Ihr Schwarzhaar nennet, die andere und jüngere der Ladies befindet sich unstreitig bei unsern erklärten Feinden, den Huronen. Meiner Jugend und meinem Range kommt es zu, das letztere Abenteuer zu bestehen. Während Ihr daher mit euern Freunden die Befreiung der einen Schwester unterhandelt, will ich die andere erlösen, oder sterben!«

Neuerwachtes Feuer glühte in den Augen des jungen Soldaten und seine ganze Gestalt erhielt unter diesem Einflüsse etwas Ehrfurchtforderndes. Hawk-eye, welcher den Scharfsinn der Indianer zu gut kannte, um nicht die Gefahr eines solchen Unternehmens vorher zu fühlen, wußte gleichwohl nicht recht, wie er diesen plötzlichen Entschluß bekämpfen sollte.

Es lag vielleicht in diesem Gedanken etwas, was seiner eigenen kühnen Natur und jener geheimen Vorliebe für verzweifelte Abenteuer zusagte. Diese war mit seiner Erfahrung gestiegen, bis Wagniß und Gefahr ihm gewissermaßen zum Lebensbedürfniß geworden waren. Statt dem Plane Duncans sich weiter entgegenzusetzen, schlug seine Stimmung plötzlich um und er bot sich zur Mithülfe an.

»Kommt,« sprach er wohlwollend lächelnd; »dem Bock, der in’s Wasser will, muß man vorangehen, nicht folgen. – Chingachgook hat so viele Farben, als die Frau eines Ingenieuroffiziers, der die Natur auf Papierschnitzel malt, so daß die Berge wie Haufen verdorbenen Heues aussehen, und man den blauen Himmel mit den Händen erreichen könnte. Der Sagamore kann auch gut damit umgehen. Setzt euch da auf den Baumstamm, und ich wette meinen Kopf, er macht noch schneller einen natürlichen Narren aus euch, so daß Ihr euch selbst gefallen sollt.«

Duncan gehorchte, und der Mohikaner, welcher der Unterredung aufmerksam zugehört hatte, unterzog sich gerne dem Geschäft. Lange geübt in all den feineren Künsten der Eingebornen, zog er mit großer Gewandtheit und Schnelligkeit jene fantastischen Schattenlinien, welche die Wilden als ein Zeichen fröhlicher und scherzhafter Gemüthsstimmung zu betrachten pflegen. Jeder Zug, der möglicher Weise auf eine geheime Neigung zum Kriege hätte bezogen werden können, wurde sorgfältig vermieden, während er auf der andern Seite auf jede Nuance achtete, die eine freundliche Gesinnung bekräftigen konnte.

Kurz, er opferte gänzlich den Krieger der Mummerei des Narren. Solche Erscheinungen waren bei den Indianern nicht ungewöhnlich; und da Duncan bereits durch seine Kleidung zur Genüge unkenntlich war, durfte man mit einigem Grund annehmen, er werde sich bei seiner Kenntniß des Französischen für einen Gaukler von Ticonderoga ausgeben dürfen, der unter den verbündeten und befreundeten Stämmen umherschwärme.

Als er sich gehörig bemalt glaubte, gab ihm der Kundschafter manchen freundlichen Rath, verabredete Signale und bezeichnete den Ort, wo sie sich im Falle gegenseitigen Erfolges treffen wollten. Munro’s Trennung von seinem jungen Freunde war schwerer, und doch ergab er sich mit einer Gleichgültigkeit darein, die bei seiner natürlichen Wärme und seinem Edelmuth sich nur aus einer so gedrückten Stimmung erklären ließ. Der Kundschafter führte Heyward bei Seite und theilte ihm mit, daß er den Veteranen unter dem Schutze Chingachgook’s an einem sicheren Orte unterbringen wolle, während er und Uncas unter dem Volksstamm, den sie mit Grund für Delawaren halten durften, Nachforschungen anstellen wollten. Nachdem er ihm wiederholt seinen Rath ertheilt und die nöthigen Vorsichtsmaßregeln angegeben hatte, sprach er endlich in feierlichem Ton und mit einer Wärme des Gefühls, die Duncan tief bewegte: »Und nun segne Euch Gott! Ihr habt einen Muth gezeigt, wie ich ihn liebe; er ist das Angebinde der Jugend, mehr noch eines warmen Blutes und kühnen Herzens. Aber glaubt der Warnung eines Mannes, der Gründe genug für die Wahrheit seiner Worte hat. Ihr werdet all eurer Mannheit und schärferen Verstandes bedürfen, als man aus den Büchern lernt, um einen Mingo zu überlisten, oder seinen Muth zu übertreffen. Gott segne Euch! Wenn die Huronen Herren Eures Skalpes werden, so verlaßt Euch auf das Wort eines Mannes, der zwei tapfere Krieger in seinem Rücken hat; sie sollen ihren Sieg theuer bezahlen – ein Leben für jedes Haar. Noch einmal, junger Herr, die Vorsehung segne Eure gute Sache, vergeßt nicht, daß, um diese Schelme zu täuschen, Dinge erlaubt sind, für die ein Weißer sonst nicht geschaffen ist.«

Duncan schüttelte seinem würdigen und widerstrebenden Gefährten mit Wärme die Hand, empfahl den betagten Freund auf’s Neue seiner Fürsorge und gab, seine freundlichen Wünsche erwiedernd, David das Zeichen zum Aufbruch. Hawk-eye sah dem hochsinnigen, abenteuerlichen jungen Manne mehrere Augenblicke mit unverholener Bewunderung nach, schüttelte dann bedenklich das Haupt, wandte sich und begab sich mit seinen Begleitern in den Schutz des Waldes.

Der Weg, den Duncan und David gingen, führte gerade über die Lichtung längs des Biberteiches hin. Als Heyward sich allein mit einem Menschen sah, der, bei seiner Einfalt, so wenig im Stande war, in Fällen der Noth Beistand zu leisten, fing er an, der Schwierigkeiten seiner Aufgabe sich erst recht bewußt zu werden. Das verschwindende Tageslicht erhöhte noch das düstere Aussehen der öden und rauhen Wildniß, die sich nach jeder Richtung hin erstreckte, und selbst die Stille der kleinen, so stark bevölkerten Hütten hatte etwas Unheimliches. Während er diese staunenswerthen Baue und die wundervollen Vorsichtsmaßregeln ihrer scharfsinnigen Bewohner betrachtete, drang sich ihm auf, daß selbst die Thiere in dieser weiten Wildniß einen Instinkt besäßen, der sich beinahe der Vernunft des Menschen vergleichen dürfe, und konnte nicht ohne Bangigkeit an den ungleichen Kampf denken, in den er sich so unbesonnen gestürzt hatte. Dann trat wieder in glühenden Farben Alicens Bild, ihr Unglück, die Gefahr, in der sie schwebte, vor seine Seele, und alles Bedenkliche seiner eigenen Lage war vergessen. Er munterte David auf und ging mit dem leichten, kräftigen Schritt unternehmenden Jünglingsmuthes dahin.

Nachdem sie beinahe in einem Halbkreis um den Teich gegangen waren, verließen sie den Lauf des Wassers und erstiegen eine kleine Anhöhe auf der Niederung, über welche sie wanderten. Binnen einer halben Stunde kamen sie an den Saum einer zweiten Lichtung, wie es schien, gleichfalls das Werk der Biber, von diesen scharfsichtigen Thieren aber wahrscheinlich aus irgend einem Grunde um der günstigern Stelle willen, die sie jetzt inne hatten, verlassen. Ein sehr natürliches Gefühl ließ Duncan einen Augenblick zögern, als scheue er sich, den Schutz des Waldpfads aufzugeben, einem Manne gleich, der alle seine Energie für ein gewagtes Unternehmen aufbietet, in welchem er ihrer, wie er sich insgeheim sagt, in vollem Maße benöthigt ist. Er benutzte die kleine Pause, sich durch einige flüchtige, eilige Blicke, so weit als möglich, zu unterrichten. Auf der entgegengesetzten Seite der Lichtung und nahe der Stelle, wo der Bach von einer höheren Fläche über Felsenstücke herabfiel, entdecke er fünfzig bis sechszig Wohnstellen, ganz roh aus Baumstämmen, Zweigen und Erde aufgebaut. Sie standen ohne Ordnung durch einander und schienen mit wenig Rücksicht auf Zierlichkeit und Schönheit errichtet. Wirklich so weit blieben sie hinter dem Dorfe, das Duncan so eben gesehen hatte, in jenen beiden Beziehungen zurück, daß er eine zweite, nicht geringere Ueberraschung zu erwarten begann. Dieser Eindruck verminderte sich auch keineswegs, als er in zweifelhaftem Dämmerlicht zwanzig bis dreißig Gestalten erblickte, die sich aus dem Verstecke des hohen, rauhen Grases vor den Hütten abwechselnd erhoben, und dem Auge wieder entschwanden, als ob sie in die Erde schlüpfen wollten. So plötzlich und flüchtig gesehen, erschienen sie mehr wie finstere Gespenster oder andere übermenschliche Wesen, denn als Geschöpfe, aus dem gewöhnlichen Stoffe von Fleisch und Blut gebildet. Eine hagere, nackte Gestalt ward für einen Augenblick sichtbar, warf ihre Arme wild in die Luft und plötzlich war ihre Stelle wieder leer. Mit einemmal erschien sie weit davon von neuem, oder machte einer andern von eben so räthselhaftem Aussehen Platz. Als David bemerkte, daß sein Begleiter zögerte, folgte er der Richtung seines Blickes und rief Heyward einigermaßen zur Besinnung zurück, indem er sagte:

»Hier ist viel fruchtbarer, unbebauter Boden, und ich darf, ohne den sündhaften Sauerteig des Selbstlobs, wohl hinzufügen, daß seit meinem kurzen Aufenthalt in diesen Hütten des Heidenthums viel guter Same, aber leider nur auf den Weg, ausgestreut worden ist.«

»Diese Stämme lieben die Jagd mehr, als Arbeit und Landbau,« antwortete der arglose Duncan, noch immer auf die Gegenstände seiner Verwunderung schauend.

»Es ist eher Freude, als Arbeit für den Geist, die Stimme zum Lob zu erheben; aber diese Jungen mißbrauchen ihre Gaben auf eine traurige Weise; selten habe ich Knaben ihres Alters gefunden, welche die Natur so freigebig mit der Anlage zum Psalmgesang beschenkt hätte; und gleichwohl vernachlässigt sie Niemand mehr. Drei Nächte hab‘ ich hier verweilt, und zu drei verschiedenen Malen die Unholde zu einem heiligen Gesang versammeln wollen, und eben so oft haben sie meine Bemühungen mit einem Geheul und Geschrei erwiedert, daß es mir das Herz durchschnitt.«

»Von wem sprechet Ihr?«

»Von den Teufelskindern dort, welche die kostbare Zeit mit so eiteln Possen vergeuden. Ach, der heilsame Zwang der Kinderzucht ist bei diesem sich selbst dahingegebenen Volke wenig bekannt. In diesem Lande der Birken sieht man keine Ruthe; und es sollte Einen nicht Wunder nehmen, daß die kostbarsten Segnungen des Himmels zu solchen Mißtönen verschwendet werden.«

David hielt sich die Hände vor die Ohren gegen das schrille Geheul der jungen Horde, das den ganzen Wald erfüllte, Duncan aber verzog die Lippe zu einem Lächeln, als spotte er über seinen eignen Aberglauben, und sprach dann mit festem Tone:

»Wir wollen weiter gehen.«

Ohne die Schutzmittel von den Ohren zu entfernen, willfahrte der Singmeister, und sie verfolgten zusammen ihren Weg nach den Zelten der Philister, wie David sich zuweilen auszudrücken liebte.