Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Eben stieg die Sonne aus den Wassergefilden hervor, in denen die blauen Inseln von Massachusetts schwimmen, als die Einwohner von Newport anfingen, ihre Türen und Fenster zu öffnen und sich mit der Frische und Lebendigkeit an ihr Tagewerk zu machen, die einem Volke eigen ist, das seine Zeit weislich in zwei Hälften teilt, deren eine es der Ruhe, die andere den Geschäften und Erholungen widmet. Die Morgengrüße der Nachbarn erfolgten freundlich, sowie jeder seine Fensterläden und Türen aufschloß; die gewöhnlichen Fragen ergingen und wurden beantwortet, man erkundigte sich nach dem Fieber einer Tochter, nach der Gicht einer alten Großmutter.

Der Wirt zum »Unklaren Anker«, dem so sehr daran lag, den Ruf seines Hauses durch frühe Beurlaubung seiner Abendgäste zu erhalten, war einer der ersten, der des Morgens auf den Beinen war und vor seiner Tür stand, um etwa im Vorübergehen einen Kunden zu haschen, der das Bedürfnis fühlte, die bösen Dünste der Nacht wegzuwaschen und seinem Magen eine kleine Stärkung zukommen zu lassen. Eine solche Herzstärkung wurde in den britischen Provinzen allgemein, jedoch unter verschiedenen Namen, zu sich genommen. Je nachdem die Provinzen selbst voneinander abwichen, wichen auch die Namen ab und hießen: »Ein Gläschen Bitters«, »wider den bösen Nebel«, »eine Juleppe«, »ein Morgenschnaps«, »stärkende Tropfen« usw. Die Gewohnheit ist zwar etwas in Abnahme gekommen, behält aber noch viel von dem ehrwürdigen Charakter bei, den das Altertum mit sich führt. Es darf uns nicht wundernehmen, daß dieser an und für sich edle, löbliche Gebrauch, die Unreinigkeiten des physischen Menschensystems wegzuwaschen, seit einiger Zeit, wo es ihm überall an einem moralischen Fürsprecher fehlt, und er allen Begriffen und Übeln ausgesetzt ist, die das Erbteil des Fleisches sind, die Amerikaner den Witzeleien ihrer europäischen Brüder preisgegeben hat. Wir sind gewiß nicht die letzten, die den überseeischen Philanthropen dankbar sind für den warmen Anteil, den sie in dem Maße an unserm Wohl nehmen, daß sie eine republikanische Schwäche selten an uns bemerken, ohne ihr, wie sie es verdient, die kaustische Verdammnis ihrer Federn einzubrennen. Unsere Dankbarkeit ist vielleicht um so größer, da wir sie mit einer Gegenbemerkung erwidern können. Wir glauben nämlich bemerkt zu haben, daß sie den Eifer für unsere unmündige Staaten – denn obschon ziemlich robust und ein wenig widerbellerisch, sind sie doch noch als Kinder zu betrachten – soweit treiben, und sich in der Reform unserer cisatlantischen Sünden ihrem Feuer so sehr überlassen, daß sie über den Splitter in unserem Auge den Balken in dem ihrigen übersehen. Die Anzahl der Missionäre, die das Mutterland zu diesem frommen, wohlwollenden Bekehrungsgeschäft zu uns herübergeschickt hat, ist Legion; nur müssen wir bedauern, daß ihre Bemühungen so wenig mit Erfolg gekrönt worden sind.

Der Wirt zum »Unklaren Anker« war also früh auf den Beinen, und um so flinker dahinter her, weil sein Nachbar erst vor kurzem auf den Einfall gekommen war, um neue Kunden anzulocken, das rote Gesicht eines Mannes im Scharlachrock als Schild auszuhängen, und das geklexte Bild »Zum Kopfe Georg des Zweiten« zu benennen. Und wirklich blieb die Tätigkeit des früh muntergewordenen Wirts nicht unbelohnt, denn die Kundenflut strömte in der ersten halben Stunde dem Hafen seines einladenden Schenktisches so mächtig zu, daß er nicht ohne Hoffnung blieb, die eindringende Flut werde dieses Mal die gewöhnliche Zeitgrenze übersteigen, selbst als es schon wieder Ebbe zu werden anfing. Jedoch nahm letztere immer mehr zu; die Trinker begaben sich, einer nach dem andern, zur gewohnten Tagesverrichtung, so daß er es ratsam fand, seinen Standort hinter den Flaschen zu verlassen und sich vor die Türe hinauszumachen, sich mit beiden Händen in beiden Taschen hinstellend, und Vergnügen daran findend, mit den neuen runden Einquartierten zu klimpern. Ein Fremder, der nicht mit den übrigen in die Schenkstube gekommen war, und demnach auch nicht an ihren Libationen teilgenommen hatte, stand einige Schritte vor der Tür, die Hand in der Weste und den Kopf in Gedanken vertieft. Die Gestalt entging dem umschauenden Auge des Wirtes nicht; er wußte aus langer Erfahrung, daß wer schon so frühe auf seinem Gesicht die Spur der Tagessorgen trage, noch keinen Morgentrunk zu sich genommen habe. – Er zog hieraus den strengen logischen Schluß: bei jenem Fremden sei etwas zu verdienen, nur müsse man es beim rechten Ende anzufangen wissen. Somit leitete er das Gespräch ein.

»Eine reine Luft,« sagte er, »eine frische Luft, guter Freund, die Nebel und Dünste der Nacht zu vertreiben.« Und zugleich schnupfte er den herrlichen, stärkenden Duft eines heitern Oktobermorgens ein. »Diesen Vorzug haben wir auf unsrer Insel; sie ist die allergesündeste aus Gottes Erdboden, sowie sie die allerschönste ist. Eine reine Luft! … Der Herr ist wahrscheinlich hier fremd?«

»Gestern abend spät angekommen«, war die Antwort.

»Ein Seefahrer, nach der Tracht zu urteilen? Wie es scheint, eine Anstellung suchend?« setzte der Wirt kichernd hinzu und sich auf seinen Scharfsinn etwas einbildend. »Wir haben hier oft dergleichen, die sich melden. Newport ist zwar ein blühender Ort; gleichwohl darf man nicht denken, daß immer Stellen offen sind. Hat der Herr schon in dem Hauptorte von Massachusettsbai sein Heil versucht?«

»Ich verließ Boston erst vorgestern.«

»Wie? das eingebildete Stadtvolk konnte kein Schiff für Euch finden? Ja ja, sprechen können sie wie gedruckt, und es ist wahr, sie stellen ihr Licht nicht untern Scheffel, und ich muß sagen, es gibt unter ihnen Leute, die ich für aufgeklärte Köpfe halte, und die der Meinung sind, Narragansettbai sei auf gutem Wege, bald ebensoviel Segel zu zählen, als Massachusetts … Seht mal dort hin, Freund; da liegt eine stattliche Brigg segelfertig; sie geht noch diese Woche ab, um Pferde in Rum und Zucker umzusetzen; und hier ist ein Schiff, das schon gestern abend in den Strom angeholt worden. Ein schönes, prächtiges Fahrzeug, und hat Kajüten, wie sie kein Prinz besser wünschen kann! Es sticht mit dem ersten günstigen Winde in die See, und ich bin der Meinung, wer sich zu einem Dienste meldete, würde nicht mit leerer Hand abgewiesen werden. Dann ist noch im Außenhafen, am Fort vorüber, der Sklavenhändler, wenn Euch eine Anstellung belieben sollte, wo Ihr statt Geld ein paar Wollköpfe in Zahlung bekämet.«

»Und ist es gewiß, daß das Schiff im innern Hafen mit dem ersten Winde segelt?« fragte der Fremde.

»So gewiß als irgend sonst was. Meine Frau ist Geschwisterkind mit des Einnehmers Schreibers Frau; ich habe die Papiere mit Augen gesehen, alles ist fertig und expediert, es fehlt bloß am Winde. Ich treibe, wie Ihr denken könnt, einigen Verkehr mit den Blaujacken, denn bei den jetzigen schweren Zeiten darf ein ehrlicher Mann, wenn er durchkommen will, nichts von der Hand weisen … Nu ja, da liegt es, das Schiff, ein sehr bekanntes Schiff, die ›Royal Carolina‹; sie macht regelmäßig einmal des Jahres die Reise zwischen den Provinzen und Bristol, legt auf dem Hin- und Herwege hier an, bringt uns Vorräte und Bedürfnisse, nimmt Holz und Wasser ein, und geht von hier nach England oder nach den Karolinas, wie es die Umstände mit sich bringen.«

»Bitte, Sir, ist die Carolina gut bewaffnet?« fuhr der Fremde fort, der hier anfing, sein nachdenkendes Wesen zu verlieren und an der Rede des andern einen lebhaften Anteil zu nehmen.

»Ja, ja! Sie ist nicht ohne ein halbes Dutzend Bullenbeißer, für sie zu bellen, wenn es daraufs ankäme, ihr Recht zu verfechten, oder auch ein Wort für die Ehre Sr. Majestät des Königs mitzusprechen, den Gott erhalte … Judith! Judith!« rief er überlaut einem Negermädchen zu, das auf dem Schiffbauerdamm Späne sammelte, »spring‘ zu Nachbar Homespuns hin, klappre mit den Fensterläden seiner Schlafkammer, der Mann hat die Zeit verschlafen, ’s muß ganz was Neues mit ihm vor sein: die Glocke hat sieben geschlagen, und die durstige Kehle hat ihr Bitteres noch nicht runter!«

Die Episode brachte eine kurze Pause im Gespräch hervor, und das Mädchen tat, was ihr der Herr befohlen hatte. Aber das Geklapper hatte weiter nichts zur Folge als ein schrilles »Wer da?« von seiten der Dame Desideria, deren gellende Stimme durch die dünne Wand hervordrang, wie durch ein durchlöchertes Sieb.

Einen Augenblick darauf öffnete sich das Fenster, und die verehrliche Dame schob ihr verstörtes Antlitz in die frische Morgenluft hinaus.

»Na! Und dann? Na! Und dann!« fragte die aufgebrachte und ihrer Meinung nach vernachlässigte Haus- und Ehefrau; denn sie zweifelte keinen Augenblick, daß es nicht ihr Herumläufer, ihr Nachtschwärmer sei, der so spät zu seiner häuslichen Lehnspflicht zurückkehrte, und sich unterstehe, sie im Schlafe zu stören. »Seid Ihr nicht zufrieden, die ganze lange Nacht aus Bett und Haus geblieben zu sein? Müßt Ihr Euch noch unterstehen, die unschuldige Ruhe einer Familie von sieben lieben Kindern und ihrer Mutter zu unterbrechen. O Hektor! Hektor! Was für ein Beispiel gebt Ihr der jungen, leichtsinnigen Brut? Was für Kummer macht Ihr der armen Mutter?«

»Bring‘ mir mein schwarzes Notandumbuch«, sagte der Wirt zu seiner Frau, die das Wehklagen der Schneiderin ans Fenster gelockt hatte. »Mich dünkt, die Frau murmelte so was von einem Abstecher ihres Mannes; ist er eines solchen Streiches fähig, der Philosoph, so muß ein Ehrenmann wie ich nach seinen Buchschulden sehen. Sieh‘ da, so wahr ich lebe, Ketzija, du hast dem hinkenden Bettler siebzehn und sechs Pence Kredit gegeben, und das für lauter Morgenschnäpse und Nachttränke!«

»Na, na! Guter Freund, nicht so hitzig, ohne allen Grund! Hat er unserm Jack nicht ein Kleidchen zur Schule gemacht? Du wirst finden …«

»Still, gutes Weib«, erwiderte der Wirt, das Buch zuschlagend, es der Frau zurückgebend, und ihr winkend, sich zu entfernen. »Wie ich sage, alles findet sich zu seiner Zeit, und je weniger Lärmen wir über die Seitensprünge unserer Nachbarn machen, desto weniger wird man uns selbst Böses nachsagen. Der Mann«, setzte er hinzu, sich an den Fremden wendend, »ist ein guter, fleißiger Arbeiter, aber einer, dem die Sonne niemals hat in die Fenster scheinen wollen, obschon, weiß der Himmel, das Glas nicht so dick ist, daß ihre Strahlen nicht durchkönnten.«

»Wie könnt Ihr aber auch nur, bei so schwachen Vermutungen und Beweisen glauben, daß sich ein solcher Mann wirklich davongemacht habe?«

»Ei,« entgegnete der Wirt, mit gefalteten Fingern beide Hände über die Brust legend, und sich ein wichtiges Ansehen gebend, »dergleichen Unglück ist wohl schon besseren Leuten begegnet! Wir Gastwirte sind so ziemlich im Besitz aller Stadtgeheimnisse, weil ein lustiger Trunk die Zunge zu lösen pflegt; wir müssen folglich wohl wissen, wie es bei unserm nächsten Nachbar zugeht. Könnte der gute Nachbar Homespun den Geist seiner Ehehälfte so zügeln und bügeln, wie eine Naht, so würde manches nicht geschehen, – aber … Wollt Ihr nicht eins trinken, Sir?«

»Ein Gläschen von Euerm Besten.«

»Nu, was wollt‘ ich sagen?« fuhr der andere fort, indem er den neuen Gast bediente. »Ja, das war’s: wenn eine Gans von Schneider ebenso die Falten aus dem krausen Sinn seiner Frau plätten könnte, wie aus ihrem Rocke, ja dann ginge alles gut: oder wenn ein Mann, dem seine Frau alles mögliche Herzeleid auftischt, es runteressen könnte, wie z. B. die Gans, die hier an der Wand hängt … Wollt Ihr bei mir zu Mittag speisen, Sir?«

»Ich sage nicht nein, aber auch nicht ja«, erwiderte der Fremde, indem er für das Glas, woraus er nur genippt hatte, bezahlte. »Es wird vom Erfolg der Versuche abhängen, die ich bei den Schiffern im Hafen machen werde.«

»Alsdann würde ich Euch, Sir, bei meiner Euch bekannten Uneigennützigkeit raten und empfehlen, in diesem Hause Quartier zu nehmen, solange Ihr in Newport verweilet. Bei mir gehen die meisten Seefahrer ein und aus, und ich darf, ohne mich zu rühmen, den Wirt zum ›Unklaren Anker‹ als einen Mann aufstellen, der Euch mehr und besser als irgendein anderer alles sagen kann, was Ihr zu wissen wünscht und nötig habt.«

»Ihr habt mir schon den Rat gegeben, mich an den Kommandeur jenes Schiffes im Strome zur Anstellung zu melden; wird es gewiß so bald abgehen, wie Ihr sagt?«

»Mit erstem Winde. Ich bin mit der ganzen Geschichte des Schiffs bekannt, von dem Tage an, wo man die Blöcke zu seinem Kiel gelegt, bis zu der Minute, wo es auf der Stelle, wo Ihr es seht, die Anker fallen ließ. Die reiche Erbin von Süden, General Graysons schöne Tochter, ist eine der Passagiere: sie und ihre Erzieherin, ihre Gouvernante, wie man sie nennt, eine gewisse Frau Wyllys, warten nur auf das Zeichen der Abfahrt, hier ganz in der Nähe, im Hause der Frau von Lacey. Die Dame ist die Witwe des Konteradmirals dieses Namens, und eine leibliche Schwester des Generals, folglich die Tante der jungen Lady, wenn mich ihr Stammbaum nicht trügt. Man ist allgemein der Meinung, daß das Vermögen beider Köpfe auf sie übergehen wird, und in diesem Falle würde der Mann, dem Miß Getty Grayson ihre Hand gäbe, nicht bloß ein glücklicher, sondern auch ein reicher Gatte sein.«

Der Fremde, der bis zum Schluß dieses genealogischen Vortrags einen ziemlich gleichgültigen Zuhörer abgegeben hatte, fing nun an, einen Anteil daran zu nehmen, der mit den darin erwähnten Personen in näherer Verbindung stand, und benutzte die erste Pause, die der Wirt, um Atem zu schöpfen, machen mußte, ihm in die Rede zu fallen und schnell zu fragen:

»Ihr sagt also, das Haus in der Nähe, auf der Anhöhe, sei die Wohnung der Frau von Lacey.«

»Hab‘ ich das gesagt, so weiß ich nicht, was ich gesagt habe. In der Nähe soll heißen: über ein paar tausend Schritte von hier. Dort liegt nämlich ein Haus, wo eine Dame von ihrem Range wohnen darf, und nicht in einer von den Hütten hier herum, wo man sich nicht umdrehen kann, ohne sich an den Ellbogen zu stoßen. O, Ihr würdet das Haus schon allein an den schönen grünen Blenden, und an den hohen grünen Bäumen erkennen. Ich will behaupten, daß es in ganz Europa keinen so kühlen Schatten gibt, als vor der Haustüre der Frau von Lacey.«

»Sehr wahrscheinlich«, murmelte der Fremde, der, kein so großer Enthusiast seiner Provinz wie der Wirt, schon wieder in sein Nachsinnen verfallen war. Anstatt den Gegenstand des Gesprächs fortzusetzen, brach er es plötzlich nach einigen Gemeinplätzen ab; dann wiederholte er, daß er wahrscheinlich zum Essen zurückkommen werde, und nahm seinen Abmarsch, schnurgerade in der angegebenen Richtung des Hauses der Frau von Lacey. Dem schlauen, beobachtenden Wirte würde dieser abgebrochene Schluß der Unterredung und der ebenso plötzliche Abzug des Fremden nicht entgangen sein, und zu mancher Überlegung Anlaß gegeben haben, wäre nicht eben in diesem Augenblick Frau Desideria aus ihrer Wohnung herausgestürmt, und hatte durch die pikante Art und Weise, womit sie ihren armen Sünder von Mann abschilderte, die ganze Nachbarschaft, folglich auch den Wirt, aufmerksam gemacht.

Unsere Leser haben gewiß schon längst vermutet, daß die Person, die sich mit dem Wirt als Fremder unterhielt, kein Fremder für sie, mit einem Worte kein anderer als Wilder ist. Nachdem er, einem geheimen Zuge folgend, den wortreichen Mitredner hatte stehen lassen, war er schnell die Höhe hinangestiegen, an die sich die Stadt lehnt, und hatte schon die Vorstadt erreicht.

Es fiel ihm nicht schwer, selbst von weitem, unter einem Dutzend ähnlicher Landwohnungen das gesuchte Haus herauszufinden, da es sich durch seine Schatten, wie sich der Wirt in einem gewohnten Provinzialismus ausdrückte, von den anderen unterschied. Tiefe Schatten bestanden in einigen hohen Ulmen, die den kleinen Vorhof überdeckten. Seine Vermutung ging bald in Gewißheit über: Vorübergehende, die er befragte, bestätigten sie, und nun eilte er sinnend der Wohnung zu.

Es war voller Morgen geworden, ein schöner Morgen, der Vorbote eines schönen, milden Herbsttages, wie sie in dortiger Gegend so gewöhnlich, so wohltuend sind. Ein Lüftchen, das aus Süden wehte, fächelte wie ein Kühlwind im Juni das Gesicht des jungen Mannes an, wenn er bisweilen im Steigen stillstand, um die Schisse im Hasen zu überschauen. Mit einem Worte, es war ein Wetter, wie es der Spaziergänger sich nur wünschen kann, wie es aber der Schiffer unter die verlorenen Tage rechnet.

Wilder ging immer weiter. Als er eine niedrige Mauer entlang kam, weckten ihn aus seinen Betrachtungen Stimmen, die ihm ganz nahe zu sein schienen. Unter anderen war eine, die seine Pulse in Bewegung setzte, und aus eine ihm unerklärliche Weise jede Saite seines Nervensystems anschlug. Der Ort war ihm günstig; es fand sich in einem Einbug der Mauer eine Bank. Auf diese stieg er, und war nun, selbst ungesehen, den Redenden ganz nahe.

Die Mauer lief um den Garten und das Mittelbeet der Besitzung, die er nicht mehr verkennen konnte. Ein ländlicher Pavillon, zu seiner Zeit in Laub und Blumen begraben, stand auf einer kleinen Anhöhe nahe an der Straße. Lage und Aussicht waren unvergleichlich. Man übersah die Stadt, den Hafen, nach Osten zu die Inseln der Massachusettsbai, nach Westen die Pflanzungen von Providence, nach Süden den unermeßlichen Ozean. Die Laubdecke war ziemlich dünn geworden, man konnte durch die freistehenden Pfeiler, die den Dom des Lusthäuschens trugen, bis tief hinein sehen. Hier war es, wo Wilder eben die Personen entdeckte, deren Unterredung er tags vorher, als er mit dem Rover in der Ruine verborgen war, zugehorcht hatte. Die Admiralswitwe und Frau Wyllys standen im Vordergrunde, im Gespräch mit einem Manne begriffen, der, wie er schloß, außerhalb der Mauer am Wege stand, aber Wilders scharfes Auge entdeckte bald die reizenden Umrisse der blühenden Gertraud im Hintergrund des Pavillons. Doch wendete er ebenso bald den Blick von ihr ab, um die Stimme aufzusuchen, die soeben der alten Dame Antwort gab. Er traf bald die Richtung, und bemerkte nun einen alten Mann, der, aus einem Steine sitzend und seine müden Glieder ruhend, sich mit den Damen in der Sommerlaube unterhielt. Sein Haar war grau; der lange Stab, der ihm zur Stütze dienen sollte, zitterte ab und zu in seiner Hand, dabei war in seinem Wesen, seiner Haltung, seiner Stimme etwas, woraus sich augenscheinlich schließen ließ, er sei früherhin ein Seemann gewesen.

»Lieber Gott,« sagte er mit zitternder Stimme, worin sich jedoch die unverkennbaren charakteristischen Töne seines Gewerbes hören ließen, »Euer Gnaden müssen wissen, daß wir alten Seehunde niemals in den Kalender gucken, wenn wir in See stechen, um zu erfahren, was es am morgenden Tage für Wetter sein wird. Uns genügt es, daß der Befehl zum Absegeln am Bord ist, und der Kapitän von seiner Lady Abschied genommen hat.«

»Die nämlichen Worte meines armen beweinten Admirals!« rief die alte Dame aus, mit inniger Freude über die Gelegenheit, von ihrem Steckenpferde herab mit einem alten Seeinvaliden weiter sprechen zu können, »also seid Ihr der Meinung, mein ehrlicher Freund, daß wenn ein Schiff segelfertig ist, es in See geben muß, sei das Wetter wie es wolle?«

»Hier kommt ein zweiter Seekundiger wie gerufen!« unterbrach Gertraud, die soeben ihrerseits den jungen Wilder bemerkt hatte. Sie sprach die Worte mir einigem Ungestüm, denn ihr war daran gelegen, ihre Tante zu verhindern, im Streite über Wind und Wetter, der sich vorhin zwischen ihr und Frau Wyllys angesponnen hatte und mir der Abreise in Verbindung stand, mit Beistand des alten Mannes einen entscheidenden dogmatischen Ausspruch zu tun. Darum setzte sie hinzu: »Lassen Sie jenen Schiedsmann sein.«

»Gertraud hat recht«, sagte Frau Wyllys. »Bitte, Sir, was halten Sie vom Wetter? Ist es ratsam, heute abzufahren oder nicht?«

Ungern wendete der junge Seefahrer den Blick von der errötenden Gertraud, die schnell näher gerückt war, als sie ihn zuerst gewahrte, nm sich zu überzeugen, ob’s auch ein Seemann sei, jetzt sich verschämt in die Mitte des Sommerhäuschens zurückzog, wie eine, die sich ihre Dreistigkeit vorwirft. Er richtete nun seine Augen auf die Fragende, und heftete sie dabei so lange und so unverwandt auf sie, daß Frau Wyllys, in der Meinung, was sie gesagt, sei nicht deutlich genug gewesen oder nicht recht verstanden worden, die Frage wiederholte.

»Dem Wetter ist nicht zu trauen, Madame«, war die spät erfolgende Antwort. »Man müßte nur wenig Kenntnis von der Seefahrt haben, um daran zu zweifeln.«

In Wilders Stimme lag etwas so Sanftes, Wohlerzogenes, und doch zu gleicher Zeit Männliches, daß sich die Damen, wie durch einen gemeinschaftlichen Impuls zu ihm hingezogen fühlten. – Dabei war sein Anzug, obschon ganz der eines Matrosen, so nett, so schmuck und glatt, so gentlemanartig, daß man leicht auf die Vermutung kommen konnte, er gehöre zu einer höheren Klasse der Gesellschaft, als die, in deren Tracht er auftrat. Dies alles erhöhte den Eindruck, den er machte. – In der Ungewißheit, wen sie vor sich habe, und mit dieser Ungewißheit die Absicht verbindend, gegen den Unbekannten höflich zu sein, machte ihm Frau von Lacey eine tiefere Verbeugung, als sie getan haben würde, wenn sie nicht geglaubt hätte, im zweifelhaften Falle etwas weitergehen zu müssen, und fuhr fort:

»Diese beiden Ladys sind im Begriff, sich jenes Schiffes zu bedienen, um nach Karolina zu segeln, und wir waren eben beschäftigt, uns zu befragen, von welcher Seite der Wind heute kommen werde. Doch bei einem solchen Schiffe, Sir, ist wohl nichts zu befürchten, er mag günstig sein oder nicht?«

»Im Gegenteil«, war die Antwort. »Mir scheint das Schiff so beschaffen, daß es nicht viel leisten werde, wie auch der Wind sei.«

»Es steht im Rufe ein guter Segler zu sein. Was sage ich: im Rufe! Wir haben davon die volle Überzeugung, da es in der kurzen Zeit von sieben Wochen von England in die Kolonien gekommen ist. Aber Seeleute haben, glaub‘ ich, wie wir arme Sterbliche zu Lande, ihre Vorliebe und ihre Vorurteile. Entschuldigen Sie mich daher, Sir, wenn ich diesen ehrlichen Veteran über seine Meinung in dieser Sache weiter befrage … Lieber Freund, was haltet Ihr von jenem Schiffe? Ist es ein guter Segler? Ich meine das Schiff dort mit den überhohen Vorbrambäumen und den vorragenden runden Marsen.«

Wilders Lippe zuckte, er mußte ein unfreiwilliges Lächeln zurückhalten; aber er verbiß es und schwieg. Der alte Seemann hingegen stand auf, schaute aus nach der Gegend des Schiffes, schien es sorgfältig zu untersuchen, und die etwas untechnische Kunstsprache der Admiralswitwe vollkommen zu verstehen. Jetzt erst, nach vollendeter Prüfung, wandte er sich wieder zur Lady und sagte:

»Das Schiff da im innern Hafen, das Ew. Gnaden meinen, ist gerade solch ein Schiff, wie es der Seemann liebt und gern betrachtet. Es ist ein braves, sicheres, oder wie wir zu sagen pflegen, ein heiles Schiff, darauf will ich schwören: und was das Segeln anbelangt, so ist’s zwar kein Zauberer, kein Luftsegler, aber kunst- und kraftvoll eingerichtet, und vollkommen gut beschaffen, oder ich will nichts vom blauen Wasser oder von solchen verstehen, die darauf leben.«

»Hier sind also zwei verschiedene Meinungen«, sagte Frau von Lacey. »Es ist mir lieb, daß Ihr das Schiff ein heiles nennt: denn wenn schon Seefahrer ein schnelles Schiff lieben, so möchten diese Damen hier doch lieber ein sicheres … Ich hoffe, Sir, Sie werden dem Schiffe nicht abdisputieren, daß es ein heiles sei?«

»Eben diese Eigenschaft ist es,« war Wilders lakonische Antwort, »die ich ihm streitig mache.«

»Seltsam! Höchst seltsam! Hier steht ein alter Seemann, der ganz verschiedener Meinung ist.«

»Er mag zu seiner Zeit gute Augen gehabt haben und bessere als ich, Madame, aber ich zweifle, ob sie jetzt noch so gut sind als vordem. Wir find etwas zu weit vom Schiffe, um von hier aus die Eigenschaften und Mängel beurteilen zu können: ich bin ihm näher gewesen.«

»Also sind Sie wirklich der Meinung, Sir, daß Gefahr ist?« fragte Gertrauds sanfte Stimme, deren Furcht über das Mißtrauen die Oberhand gewann.

»Ja, gewiß. Hätte ich Mutter oder Schwester« – hier, bei dem Worte Schwester rückte er am Hute, verbeugte sich vor der schönen Zitternden, und sprach das Wort mit Nachdruck aus – »würde ich Bedenken tragen, sie sich einschiffen zu lassen. Auf meine Ehre, Myladys, ich halte das Schiff da für gefährlicher als irgendeines, das diesen Herbst aus einem der Häfen der Provinz ausgelaufen ist oder noch auslaufen wird.«

»Mir unbegreiflich!« bemerkte Frau Wyllys. »Dies ist ganz und gar nicht die Beschreibung, die man uns von dem Schiffe gemacht hat; und ist diese Beschreibung nicht übertrieben, so kann man sich ihm als einem sichern, bequemen anvertrauen. Dürft‘ ich bitten, Sir, auf welche Umstände Sie Ihre Meinung gründen?«

»Sie springen in die Augen. Es ist zu scharf in der Rundung vom Bug bis zu den Vorsteven; es ist zu voll in der Billing des Spiegels zum Steuer. Dann stehen die Seiten gerade wie Kirchenmauern, und haben keine Einweichung, und das Schiff staut zu hoch über der Wasserlinie. – Überdies hat es kein Vorsegel, und wird überhaupt nach hinten gepreßt, dadurch in den Wind geklemmt, und mehr als sein sollte, back gedrängt. Es kommt gewiß mit ihm dahin, daß das Vorderste sich zu hinterst kehrt.«

Die weiblichen Zuhörer hörten diesem Vortrage, den Wilder entschieden und im Orakeltone hielt, mit der Aufmerksamkeit, dem blinden Glauben und der demütigen Folgsamkeit zu, die der Ununterrichtete gewohnt ist, dem Manne vom Fache zu zollen, wenn dieser die Geheimnisse seiner Kunst oder Wissenschaft vorträgt. Keine von beiden hatte freilich einen deutlichen Begriff von seiner Auseinandersetzung; so viel aber fanden sie in seinen Worten: es sei augenscheinliche Gefahr und selbst Lebensgefahr vorhanden. Frau von Lacey suchte jedoch wie immer, so auch bei dieser Gelegenheit, zu zeigen, wie sehr sie in der Schiffskunst bewandert sei. Sie versicherte, die angegebenen Fehler vollkommen einzusehen, nannte sie große, ernsthafte, wesentliche Fehler, konnte es nicht begreifen, wie es möglich sei, daß sie ihr Agent nicht darauf aufmerksam gemacht habe, und schloß mit der Frage, ob es noch sonst etwas gebe, was dem Auge des jungen Tadlers in dieser Ferne nicht entgangen sei und die Gefahr noch vermehren könne?

»O ja, sehr viel. Sie sehen, Madame, daß die Bramstengen nach hinten zu mir Splitzhörnern versehen sind: daß keines der obersten Segel flattert, und dann noch, Madame, daß sich das Bugspriet, dieser wesentliche Teil, auf das Wasserstag und die Wuhlingen verläßt.«

»Nur zu wahr! Nur zu wahr!« sagte Frau von Lacey mit innerem Schauder. »Dies alles war mir entgangen, aber jetzt, da ich darauf aufmerksam gemacht werde, sehe ich es deutlich. Eine solche Fahrlässigkeit ist höchst strafbar: und sich vor allem aus Wuhlingen und Wasserstag zu verlassen, wenn der Bugspriet fest sein soll! Gewiß und wahrhastig, Mistreß Wyllys, ich kann’s nun und nimmer zugeben, daß sich meine Nichte solch einem Schiffe anvertraue.«

Während Wilder sprach, weilte das ruhende Auge der Frau Wyllys auf seinen Zügen, und als er zu Ende war, wandte sie sich mit ungetrübter Heiterkeit an die Admiralswitwe. »Vielleicht mag aber die Gefahr etwas vergrößert werden«, bemerkte sie. »Sollten wir nicht den andern Seefahrer über die verschiedenen Punkte befragen und anhören? … Hört, lieber Freund, seid auch Ihr der Meinung, daß es so gefährlich mit dem Schiffe aussieht, und daß wir unrecht täten, uns in dieser Jahreszeit nach Karolina einzuschiffen und jenes Schiff zu besteigen?«

»Ei, du lieber Gott, Madame!« sagte der alte Seefahrer, sich vor Lachen ausschüttend, »der junge Mann da hat dem Schiffe ganz neumodische Fehler und Mängel abgesehen, wenn es überhaupt wirklich Fehler und Mängel sind. Zu meiner Zeit wurde dergleichen nie erwähnt, und ich muß meine Unwissenheit gestehen, und daß ich nicht die Hälfte von dem, was er Ihnen vorgesagt, verstanden habe.«

»Es mag wohl eine gute Zeit seit Eurer letzten Fahrt verflossen sein, guter Alter«, sagte Wilder.

»Fünf bis sechs Jahre seit der letzten; fünfzig seit der ersten«, war die Antwort.

»Also seht Ihr keinen Grund zur Besorgnis?« fragte Frau Wyllys wieder.

»So alt und abgenutzt ich bin, Madame, würde ich eine Anstellung auf dem Schiffe als eine Vergünstigung ansehen und annehmen.«

»Not sucht sich zu helfen«, bemerkte Frau von Lacey mit leiser Stimme und bedeutendem Blick, der für die Beweggründe des alten Mannes nicht sonderlich schmeichelhaft war. »Ich halte es mit dem jungen Schiffer, der seine Meinung mit substantiellen, wissenschaftlichen Gründen unterstützt.«

Frau Wyllys hielt mit Fragen ein, solange sie glaubte, der Dame hierin aus Gefälligkeit willfahren zu müssen. Nach dieser Pause wendete sie sich zu Wilder und setzte die Unterredung fort.

»Wie erklären Sie sich aber, Sir, die Verschiedenheit der Meinungen zwischen zwei Männern vom Fach, deren jedem man ein kompetentes Urteil zuschreiben kann?«

»Ich sollte denken,« versetzte der junge Mann lächelnd, »wir haben ein Sprichwort, das sich hier anwenden ließe. Sollte aber auch nichts darauf gegeben werden, daß sich der Schiffbau vervollkommnet hat? Sollte nicht Rücksicht darauf genommen werden, auf welcher Gattung von Schiffen jeder von uns gedient hat?«

»Beides sehr wahr«, sagte Frau Wyllys. »Aber mich dünkt, in einem so alten Gewerbe kann ein halbes Dutzend Jahre keinen Unterschied machen.«

»Ich bitte sehr um Verzeihung, Madame. Für Schifffahrer ist eine beständige Übung durchaus notwendig. Und ich möchte wohl behaupten, daß jene würdige alte Teerjacke nicht mit der Weise bekannt ist, wie ein Schiff mit vollen Segeln die Wellen mit seinem Hackebord zerteilt.«

»Unmöglich!« rief hier die Admiralswitwe. »Der jüngste, gemeinste Seefahrer müßte ja von dem Anblick eines so herrlichen, einzigen Schauspiels entzückt sein!«

»Ja, ja!« fiel der alte Mann ein, dem anzusehen war, daß er sich beleidigt fühlte, und der sich, wäre ihm auch irgendein Zweig seiner Kunst verborgen geblieben, wohl gehütet haben würde, es einzugestehen, »o wie oft hab‘ ich dieses Schauspiel genossen; wie manches stolze Schiff bestiegen, das durch die Wellen flog! Ja, ja, wie die Lady sagt: Es ist ein großes, herrliches, einziges Schauspiel!«

Wilder schien beschämt und vernichtet. Er biß sich in die Lippen, wie jemand, den entweder die Unwissenheit oder die Verschmitztheit eines andern zuschanden gemacht hat; aber die Selbstliebe der Frau von Lacey) sparte ihm die Verlegenheit der Antwort und ließ ihm Zeit zur Besinnung.

»Es würde freilich ein ganz eigener, außerordentlicher Fall gewesen sein,« sagte sie, »wenn ein Mann, dessen Haar auf der See grau geworden, niemals hätte Gelegenheit haben sollen, von einem so nobeln Anblick entzückt zu werden. Gleichwohl, mein würdiger Alter, kommt es mir vor, daß Ihr das Schiff nicht gehörig untersucht habt, weil Euch die Fehler entgangen sind, die der junge … Gentleman doch so umständlich und namentlich angeführt hat.«

»Erlauben, Ew. Gnaden, es sind keine Fehler. Geradeso pflegte mein verstorbener, braver, trefflicher Kommandeur sein Schiff zu takeln: und ich bin stolz, versichern zu können,

daß nie ein besserer Seemann und ein edlerer Mann auf der Flotte Sr. Majestät ein Kommando geführt.«

»Also habt Ihr dem Könige gedient? Wie hieß Euer lieber Kommandeur?«

»Wie hieß er? … Wir anderen, die unter ihm dienten und ihn von innen und außen kannten, hießen ihn nie anders als den Kommandeur Fairweather, denn unter seinen Befehlen gab’s immer schön Wetter und gute Zeit; doch zu Lande war er unter dem Namen des tapfern, siegreichen … Konteradmirals de Lacey bekannt.«

»Und ließ mein hochverehrter und erfahrener Gemahl wirklich seine Schiffe auf diese Weise auftakeln?« fiel die Witwe mit einer bebenden Stimme ein, die das deutlichste Zeugnis ablegte, wie groß und innig ihre angenehme Bestürzung und ihr geschmeichelter Stolz war.

Der alte Mann trat langsam und ehrfurchtsvoll näher, verneigte sich tief vor der Dame und sagte:

»Hab‘ ich wirklich die Ehre und das Glück, die Lady meines Admirals zu sehen, so ist dies ein Trost und eine Freude für meine alten Tage, die sich nicht beschreiben läßt. Sechzehn Jahre hab‘ ich auf seinem Schiffe gedient und zwanzig in seinem Geschwader. Ich sollte fast denken, Ew. Gnaden müßten vom Aufseher seines großen Mars gehört haben, von Bob-Bunt, von Robert Bunt.«

»Ja, mir scheint, mir scheint! Der Admiral sprach gern, sehr gern von seinen treuen Dienern.«

»Gott hab‘ ihn selig und schenke ihm einen glorreichen Nachruhm! Er war ein guter Herr, ein unvergleichlicher Offizier, der keines Freundes vergaß, gleichviel, ob auf der Rahe oder in der Kajüte. Ja, er war des Seemanns Freund, der edle, brave Admiral!«

»Wie dankbar der Mann ist,« sagte Frau von Lacey, sich die Augen trocknend, »und dabei ein kompetenter Richter in seinem Fach. Seid Ihr auch ganz gewiß, lieber Freund, daß mein Gemahl, der selige Admiral, alle seine Schiffe ebenso einrichten ließ, wie jenes da, von dem wir sprechen?«

»So gewiß als ich hier vor Ihnen stehe, Madame: mir diesen meinen eigenen Händen hab‘ ich sie vor seinen Augen so getakelt.«

»Auch den Wasserstag?«

»Und die Wuhlingen, Mylady, Wäre der Admiral noch am Leben und hier, er würde das Schiff ein heiles, gesundes, gut ausgerüstetes nennen: daraus will ich schwören.«

Frau von Lacey drehte sich jetzt mir Majestät, Würde und Entschlossenheit zu Wilder und fuhr fort:

»Mein Gedächtnis hat mich einen Augenblick verlassen: und das ist kein Wunder, da ich solange der Belehrung und des Beistandes eines Gatten habe entbehren müssen, der mich leiten könnte. Wir sind Ihnen, Sir, recht sehr für Ihre Meinung verbunden, können uns aber nicht enthalten, zu denken, daß Sie die Gefahr ein wenig übertrieben haben.«

»Auf Ehre, Madame,« unterbrach Wilder, die Hand aufs Herz legend und mit besonderem Nachdruck die Worte sprechend, »auf meine Ehre, ich bin aufrichtig, wenn ich sage, daß ich der Meinung bin, es sei große Gefahr vorhanden, wenn man mit jenem Schiffe abreist: und ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich, indem ich so spreche, nicht im geringsten die boshafte Absicht habe, dem Kommandeur, den Eignern des Schiffs, oder irgend jemanden, der mit Ihnen in Verbindung steht, nahe zu treten.«

»Wir zweifeln nicht im mindesten an Ihrer Aufrichtigkeit, Sir: wir glauben nur, daß Sie sich vielleicht in Ihrem Urteil irren«, erwiderte die Witwe mir einem mitleidigen, oder, Wofür sie selbst es hielt, mir einem herablassenden Lächeln. »Wir danken Ihnen nochmals recht für Ihre gute Absicht … Kommt, ehrlicher Veteran, wir müssen näher bekannt werden. Ihr dürft nur an die Haustür klopfen: ich habe noch mehr mit Euch über die Sache zu sprechen.«

Sie verneigte sich nochmals kalt gegen Wilder und ging von der Mauer tiefer in den Garten zurück, begleitet von den beiden andern. Sie schritt mehr einher, als sie ging, und stolzierte wie jemand, der sich aller seiner Vorteile bewußt ist, während Frau Wyllys ihr still, langsam und nachdenkend folgte. Gertraud schloß sich den letztern an, mit gesenktem Haupt und das Gesicht unter den Strohhut verbergend. Wilder schien zu bemerken, daß sie einen verstohlenen, ängstlichen Blick auf ihn zurückwarf; doch, da er von den Gefahren der Fahrt gesprochen hatte, konnte er nicht wissen, ob dies ein Blick der Teilnahme, des Gefühls, oder nur der Besorgnis und Furcht war. Er sah ihr nach, bis sich die Gruppe unter das Gesträuch verloren hatte. Als er aber seinen Bruder Seefahrer aufsuchen wollte, um seinen ganzen Unwillen an ihm auszulassen, fand er, daß der alte Seemann seine Beine und seine Zeit gut angewendet hatte und schon im Hause war, um den Lohn seiner Schmeichelei einzuernten.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Dieses »Morgen« kam, und mit ihm eine vollkommene Verwandlung der Szene. Friedlich segelten der Delphin und der Pfeil Seite an Seite; die Fahne Englands wehte wieder vom Flaggentopp des Pfeil, während der Delphin eine nackte Gaffelspitze zeigte. Die Beschädigungen, die Sturm und Gefecht verursacht hatten, waren so weit wieder ausgebessert, daß beide stattliche Schiffe dem gewöhnlichen Auge gleich fähig erscheinen mußten, die Gefahren der See oder des Krieges abermals zu bestehen. Ein langer, blauer Nebelstreif nach Norden zu, deutete die Nähe von Land an; und drei oder vier leichte Küstenfahrer jener Gegenden, die unfern segelten, bewiesen, daß die Freibeuter jetzt nichts weniger als feindliche Absichten im Sinne führten.

Was indessen ihre eigentliche Bestimmung sei, blieb noch immer ein in der Brust des roten Freibeuters allein vergrabenes Geheimnis. Nicht nur auf den Zügen seiner Gefangenen, sondern auch auf denen seiner eigenen Leute malten sich abwechselnd die Spuren von Zweifel, Bewunderung und Mißtrauen; die ganze lange Nacht hindurch, die auf den letzten, ereignisreichen, wichtigen Tag folgte, hatte man ihn in brütendem Schweigen auf dem Hüttendeck auf und ab wandeln sehen. Nur dann und wann vernahm man einige Laute aus seinem Munde; es waren Kommandoworte in Beziehung auf die Richtung, die dem Schiffe gegeben werden sollte, ein Wink, dem niemand Gehorsam zu versagen wagte, reichte hin, um jeden zu entfernen, der so kühn war, sich seiner Person zu nahen, ohne daß es der Dienst erforderte, und sicherte ihm die gewünschte Einsamkeit. Zwar sah man ein- oder zweimal den Knaben Roderich in seiner Nähe, allein es war so, wie man sich einen um den Gegenstand seiner Sorgfalt weilenden Schutzgeist denkt, und fast dürfte man hinzusetzen: unsichtbar. Als aber nun, glanzreich und herrlich, die Sonne dem östlichen Gewässer entstieg, wurde eine Kanone abgefeuert, das Zeichen für eines der nahesegelnden Küstenschiffe, an die Seite des Delphin heranzukommen; und nun schien es, daß der Vorhang vor der Schlußszene des Dramas aufgezogen werden sollte. Die Mannschaft auf dem tieferen Deck vor ihm versammelt und die vorzüglichsten Personen seiner Gefangenen oben bei ihm auf dem Deck, redete der Rover seine Leute also an:

»Jahrelang hat uns ein gemeinsames Los vereint. Lange gehorchten wir einem und demselben Gesetze. Wenn ich schnell war in der Bestrafung, so war ich nicht minder bereit, unseren Gesetzen zu gehorchen. Ihr könnt mich keiner Ungerechtigkeit zeihen. Allein der Bund hat nunmehr sein Ende erreicht. Zurück nehme ich mein gegebenes Pfand, zurück gebe ich euch eure verpfändete Treue. Ihr zürnt? Ihr stutzt? Ihr murrt? Lasset das! Der Vertrag ist zu Ende, und mit ihm unsere Gesetze. Damit ihr keinen Grund zum Vorwurfe habet, sei mein Schatz euch geschenkt. Seht,« sagte er, indem er jene blutige Flagge wegzog, mit der er so oft der Macht der Nationen Trotz geboten, und die Säcke voll des Metalls, das seit Jahrhunderten die Welt regiert, sehen ließ – »seht! Dies war mein, es ist nun euer! Es soll in jenes Küstenschiff gebracht werden; dort mögt ihr es selbst unter denen verteilen, die euch am würdigsten scheinen. Geht; das Land ist nah. Zerstreut euch, zu euerm eigenen Besten, zerstreut euch. Verzieht nicht, zu gehorchen; denn ohne mich, das wißt ihr gar wohl, würde dies Fahrzeug des Königs von England jetzt euer Herr sein. Das Schiff selbst gehört mir bereits, von dem Rest der Beute verlange ich nichts als diese Gefangenen. Lebt wohl!«

Stummes Staunen folgte auf diese unerwartete Anrede. In der Tat zeigte sich einen Augenblick lang einige Neigung zur Meuterei; allein zu gut hatte der Rover seine Maßregeln gegen Auflehnung genommen. Entlang dem Delphin lag der Pfeil, dessen Mannschaft mit brennenden Lunten an den schweren Seitenbatterien kampffertig stand. Unvorbereitet, ohne Anführer und überrascht wäre Widerstand Wahnsinn gewesen. Kaum waren sie von ihrem ersten Staunen zurückgekommen, so stürzte ein jeder Freibeuter fort, seine eigenen Habseligkeiten auf das Verdeck des Küstenschiffes und dort in sichere Verwahrung zu bringen. Als alle, bis auf die Bemannung eines einzigen Bootes, den Delphin verlassen hatten, wurde ihnen das verheißene Gold ausgehändigt, und bald sah man das beladene Fahrzeug dem Schutze einer verborgenen Bucht zueilen. Still wie der Tod schaute der Rover diesem Auftritte zu. Hierauf wandte er sich gegen Wilder und sprach nach einer mächtigen, aber erfolgreichen Anstrengung, um seine Gefühle zu unterdrücken:

»Und nun müssen auch wir scheiden. Ihrer Sorgfalt empfehle ich meine Verwundeten. Ich muß sie notwendig in den Händen Ihrer Wundärzte zurücklassen. Ich weiß, Sie werden für die Ihnen Anvertrauten Sorge tragen.« »Mein Wort als Unterpfand für ihre Sicherheit«, erwiderte der junge de Lacey.

»Ich glaube Ihnen. – Madame,« fuhr er fort, indem er sich der älteren Dame mit einem Blicke näherte, in dem der Kampf zwischen Zaudern und Entschlossenheit sichtbar erschien, »wenn ein verfolgter und schuldiger Mann Sie noch anreden darf, so gewähren Sie eine Bitte.«

»Nennen Sie sie; nie kann dem, der einer Mutter das Kind erhielt, ihr Ohr verschlossen sein.«

»Wenn für dies Kind Ihre Gebete gen Himmel steigen, so vergessen Sie nicht, daß es auch außer ihm noch ein Wesen gibt, dem sie frommen können! – Genug. – Und jetzt,« fügte er hinzu, indem er, entschlossen das Weh des Augenblicks, es koste, was es wolle, ganz zu durchfühlen, den schmerzvollen Blick über das vor kurzem von regem, tosendem Leben volle, nunmehr einsame Verdeck schweifen ließ; »und jetzt – ja – jetzt scheiden wir! Das Boot wartet Ihrer.«

Wilder bedurfte nur wenig Zeit, um seine Mutter und Gertraud in die Pinasse zu begleiten; allein er selbst kehrte wieder zurück. Es war ihm, als könne er das Verdeck nicht verlassen.

»Und Sie,« sagte er, »was wird aus Ihnen werden?«

»Ich werde bald … vergessen sein. – Leben Sie wohl!«

Die Art, wie der Rover diese Worte sprach, verbot jedes längere Zaudern. Der Jüngling stockte, drückte ihm die Hand und ging.

Seinem eigenen Schiffe wiedergeschenkt, dessen Kommando durch Bignalls Tod auf ihn überging, erteilte Wilder sogleich den Befehl, die Segel beizusetzen und auf den nächsten Hafen seines Vaterlandes zuzusteuern. Solange als die Gesichtskraft die Bewegungen des auf dem Delphin zurückgebliebenen Menschen zu erreichen vermochte, war kein Blick von dem regungslosen Schiff abgewendet. Da lag es, das Oberbramsegel am Mast, ein schöner Bau, lieblich anzusehen in seinem Ebenmaße und vollkommen in allen seinen Teilen, wie durch Feenmacht hingepflanzt. Man entdeckte eine menschliche Gestalt, die rasch auf der Hütte hin und her ging, und ihr zur Seite schwebte ein Wesen, das aussah wie der verjüngte Schatten der bewegten Figur. Endlich verschlang die Entfernung auch diese schillernden Bilder! Das Auge mühte sich nunmehr umsonst, von den inneren Bewegungen des ferner und ferner zurückweichenden Schiffes eine Spur aufzufangen. Allein bald endete jeder Zweifel. – Ein Flammenstreif blitzte plötzlich vom Verdeck hervor, wild aufwärts von einem Segel zum andern springend. Nun entquoll dem Rumpfe eine ungeheure Rauchwolke und dann das gedämpfte Gebrüll des losgehenden Geschützes. Diesem folgte das erhabene, nicht minder anziehende als furchtbare Schauspiel eines im Brande stehenden Schiffes. Eine unermeßliche Rauchhülle lagerte sich über der Stelle, und das Ganze endete mit einem Krach, von dem trotz der Entfernung die Segel des Pfeil erzitterten und in ungewisse Schwankung gerieten, als wenn die Passatwinde ihren ewigen Strich verlassen hätten. – Als sich die schwarze Wolke von der Meeresfläche weghob, blieb dem Blick nichts mehr als eine fortgesetzte Wasseröde sichtbar; vergebens strebte das Auge, den Fleck wiederzufinden, wo so kürzlich jenes schöne Erzeugnis menschlicher Geschicklichkeit geschwommen hatte. Einige von denen, die mit Ferngläsern versehen, die obersten Stengen des königlichen Kreuzers erklettert hatten, glaubten zwar einen einsamen schwarzen Punkt auf der See zu erblicken; ob es aber ein Boot oder einige Trümmer des Wracks gewesen, hat man nie erfahren können.

Von jener Zeit an begann sich die Geschichte des gefürchteten roten Freibeuters nach und nach, verdrängt durch die neuen Ereignisse auf jenen belebten Seegegenden, zu verlieren. Doch geraume Zeit noch pflegten Seefahrer sich die langen Wachen der Nacht mit den Erzählungen tollkühner Taten zu verkürzen, die unter dessen Befehlen ausgeführt worden sein sollten. Das Gerücht verfehlte nicht, sie auf alle erdenkliche Weise auszuschmücken und zu entstellen, bis der wahre Charakter, ja der Name des Mannes mit dem anderer großer Frevler zusammenfloß. Auch traten Vorfälle von höherem, erhebenderem Interesse ein, die alle Einzelheiten verwischten und nur noch eine unbestimmte, von vielen für schimärisch und unwahrscheinlich gehaltene, Sage übrig ließen. Die britischen Kolonien empörten sich gegen die Regierung der Krone, und ein lang sich hinziehender Krieg führte endlich den gewünschten Erfolg herbei. Newport war bald von den Truppen des Königs von England, bald von denen jenes Monarchen besetzt, der eine ritterliche Schar seines Volkes geschickt hatte, um in dem Kampfe hilfreiche Hand zu leisten, der dem nebenbuhlerischen Reiche dessen ungeheuere Besitzungen entriß.

Der schöne Hafen hatte feindliche Flotten beherbergt und die friedlichen Landhäuser gedröhnt unter dem Gejauchze junger Krieger. – Über zwanzig Jahre waren seit den erzählten Ereignissen in das Buch der Zeiten eingetragen, als die Inselstadt abermals der Schauplatz eines solchen Freudenfestes war, wie es die erste Szene unserer Erzählung schilderte. Die verbündeten Truppen hatten durch Geschicklichkeit und größere Anzahl den unternehmendsten Anführer der Engländer gezwungen, sich und seine Armee gefangen zu geben. Man glaubte, der Krieg sei zu Ende, und die werten Städter waren, wie gewöhnlich, etwas laut in dem Ausbruch ihrer Freude gewesen. Doch mit dem Tage nahmen auch die Lustbarkeiten ein Ende; und als die Farbe der Abenddämmerung sich in die schwärzere der Nacht zu verschmelzen anfing, verbreitete sich auch über den Ort die gewöhnliche Stille eines Provinzialstädtchens. Eine stattliche Fregatte, die gerade auf demselben Fleck vor Anker lag, wo das Fahrzeug des Rover erst dem Leser erschienen ist, hatte bereits die bunten, heiteren Farben der Alliierten niedergelassen, die, weil es ein Galatag war, vereint geflattert hatten, und nur eine einzige Flagge von gemischten Farben, mit einer Gruppe glänzender, aufgehender Sterne, sah man noch an ihrer Gaffelspitze wehen. In diesem Augenblick erschien auf der offenen See draußen ein Fahrzeug, bei weitem kleiner, das aber ebenfalls die Flagge der jungen Staaten führte. Da die Flut eben zurückkehrte und der Wind die Segel nicht faßte, so ließ es in der Durchfahrt zwischen den Eilanden Connecticut und Rhode einen Anker fallen, und sofort wurde ein Boot sichtbar, das von den Armen sechs stämmiger Männer nach dem innern Hafen zuruderte. Als die Barke einen etwas abgelegenen und verlassenen Teil der Kaje erreichte, konnte ein Mann, der einsam dastand und ihre Bewegungen beobachtet hatte, unterscheiden, daß sie eine mit Vorhängen verhüllte Tragbahre und eine einzige weibliche Gestalt enthielt. Aber ehe noch die erwachte Neugier des einsamen Beobachters Zeit hatte, sich in allerhand Mutmaßungen zu ergehen, waren schon die Ruder aus dem Wasser geschwungen, berührte schon das Boot die Schälung, und die Tragbahre, von den Seeleuten getragen und von dem Weibe begleitet, hielt vor ihm.

»Sagen Sie mir, ich bitte,« erklang es von einer Stimme, in deren Tönen Schmerz und Entsagung wunderbar vereint waren, »ob Kapitän Heinrich de Lacey von der Kontinentalmarine ein Haus in dieser Stadt besitzt?«

»Das hat er,« antwortete der von der Frau angeredete Alte, »das hat er; oder wie man eigentlich sagen könnte, zwei, indem die Fregatte dort nicht weniger sein ist, als das Wohngebäude hier auf der Anhöhe.«

»Du bist zu alt, um uns den Weg zu zeigen; doch, wenn ein Enkelchen oder irgend jemand, der nichts zu tun hat, in der Nähe ist; hier ist Silber, ihn zu belohnen.«

»Ei du guter Gott, gnädige Frau!« erwiderte der andere, sie wegen ihrer demütigen Erscheinung mit einem Seitenblick betrachtend, der gleichsam den gegebenen Titel wieder zurücknehmen sollte, und dabei mit ganz besonderer Sorgfalt die angebotene kleine Münze in die Tasche steckend. »Ei du guter Gott, Madame! Bin ich auch alt und einigermaßen geschwächt durch Strapazen und wunderbare Abenteuer zu See und zu Land, so will ich doch gern für jemand in Ihrer Lage einen so kleinen Dienst tun. Folgen Sie mir, und Sie werden sehen, daß Ihr Lotse nicht ganz unbekannt mit dem Pfade ist.«

Noch ehe der Alte mit dieser selbstgefälligen Anpreisung seiner Tüchtigkeit fertig war, hatte er rechtsum geschwenkt und den Weg eingeschlagen, der von der Kaje abführte. Die Seeleute und die Frau folgten, letztere an der Seite der Tragbahre, in stille Schwermut versunken.

»Solltet Ihr etwa Erfrischungen nötig haben,« sagte ihr Wegführer und zeigte dabei über die Schulter weg, »dort ist ein wohlbekanntes Wirtshaus, das seinerzeit von Matrosen stark besucht wurde. Nachbar Joram und der Unklare Anker sind in ihren Tagen berühmt gewesen, so gut wie der größte Krieger im Lande; der ehrliche Joram ist freilich eingetan zu seinen Vätern, aber das Haus steht noch so fest wie an dem Tage, da er es zuerst betrat. Er ist als ein gottseliger Christ gestorben, und jeder bange Sünder sollte zum Heil seiner Seele dessen frommes Beispiel vor Augen haben.«

Hier vernahm man aus dem Innern der Tragbahre einen tiefen, dumpfen Seufzer; der Wegweiser stand stille und lauschte, allein kein ferneres Zeichen bot sich dar, wodurch er hätte auf die Spur kommen können, wer sich wohl drinnen befinden möchte.

»Der kranke Mann leidet,« nahm er wieder auf; »aber körperlicher Schmerz und alle Leiden, die wir im Fleische erfahren, dauern nur eine bestimmte Zeit. Sieben blutige und grausame Kriege hab‘ ich erlebt, der siebente, der jetzt wütet, wird, Gott woll‘ es, der letzte sein. Im sechsten hab‘ ich Ihnen Wunder gesehen, Gefahren ausgestanden – ihresgleichen hat noch kein Auge geschaut, kann keine menschliche Zunge aussprechen!«

»Die Zeit ist rauh mit Euch umgegangen, Freund,« unterbrach ihn sanft die Frau, »hier habt Ihr Gold; vielleicht trägt es dazu bei, Euch die übrigen Lebenstage zu versüßen.«

Der Krüppel, denn der Wegführer war nicht nur alt, sondern auch lahm, empfing das Geschenk mit großer Dankbarkeit und war von nun an zu sehr beschäftigt, den Betrag bei sich zu überschlagen, um in seiner Redseligkeit fortzufahren.

Das kurze Dämmerlicht war verschwunden, während die Träger noch im Hinansteigen des Abhangs begriffen waren, und es war Nacht, als die Gruppe in tiefem Schweigen an der Haustür der Villa anlangte. Nachdem der Alte die Klingel stark angezogen hatte, wurde ihm bedeutet, daß seine Dienste nun nicht weiter vonnöten seien.

»Viele und schwere Fährlichkeiten hab‘ ich mitgemacht,« wendete er ein, »und gar wohl weiß ich, daß ein kluger Seefahrer den Lotsen nicht eher entläßt, als bis das Schiff sicher vor Anker liegt. Vielleicht ist die alte Madame de Lacey ausgegangen, oder der Kapitän mag vielleicht nicht …«

»Genug, Freund, hier ist schon jemand, der uns Auskunft geben wird.«

Die kleine Tür wurde jetzt geöffnet, und ein Mann mit einem Licht in der Hand erschien auf der Schwelle. Die Erscheinung des Türstehers war gerade nicht von der aufmunterndsten Art. – Ein gewisses Aussehen, das keiner der es nicht hat, zum Schein anzunehmen, keiner, der es hat, von sich abzulegen vermag, ließ sogleich den Sohn des Ozeans erkennen, und ein hölzerner Fuß, der seinen noch immer vierschrötigen, athletischen Körper stützen half, bewiesen hinlänglich, daß die Erfahrungen, die er in seinem verwegenen Berufe gemacht haben mochte, nicht ohne einige persönliche Gefahr erkauft waren. Seine Züge, beschienen von dem Lichte, das er hoch über dem Kopf hielt, um die verschiedenen Personen genauer zu untersuchen, die eine Gruppe vor der Tür bildeten, hatten etwas Absprechendes, Düsteres, ja Wildes. Doch unterschied er gar bald den Krüppel, den er ziemlich barsch fragte, was »eine solche Bö zur Nacht« bedeuten solle.

»Hier ist ein verwundeter Seemann,« erwiderte die Frau mit so bebendem Ton, daß das Herz des nautischen Zerberus auf der Stelle dadurch erweicht wurde: »er kommt, um das Recht der Gastfreundschaft von einem Kriegsgenossen anzusprechen, und um eine Herberge für die Nacht zu bitten. Wir wünschten, den Kapitän Heinrich de Lacey zu sprechen.«

»Dann haben Sie an der rechten Küste Anker geworfen, Madame,« erwiderte der Teer, »wie Ihnen der junge Herr, der Paul hier, in seines Vaters Namen, nicht minder versichern wird als in dem der gnädigen Frau, seiner Mutter; und auch, nicht zu vergessen, im Namen der alten gnädigen Frau, seiner Großmama, die, was das anbelangen tut, selber kein Neuling oder Süßwasserfisch ist; ja, das wird Master Paul da Ihnen versichern.«

»Herzlich gern«, sagte ein männlich schöner Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren, der die Uniform eines Seekadetten trug und von hinten dem alten Seemann neugierig über die Schultern gesehen hatte. »Ich will meinem Vater den Besuch melden, und du Richard, du suchst ohne Verzug einen schicklichen Raum für unsere Gäste.«

Die Weise, wie dieser Befehl gegeben wurde, verriet, daß Selbsthandeln und Gebieten dem Jüngling schon nichts Ungewohntes waren. Richard gehorchte auf der Stelle. Das Gemach, das er wählte, war das gewöhnliche Wohnzimmer im Hause, wo die Träger die Bahre nach wenigen Augenblicken niederstellten und darauf entlassen wurden, so daß die Frau allein blieb mit dem in der Bahre Befindlichen und dem barschen Diener, der sie mit so vieler Derbheit empfangen hatte. Der letztere befleißigte sich, die kurze Zwischenzeit bis zur Erscheinung seiner Herrschaft durch Sprechen so wenig langweilig als möglich zu machen, dabei hatte er allerhand zu schaffen, putzte die Lichter, legte frisches Holz auf das hellflackernde Feuer, ohne deswegen die geringste Pause eintreten zu lassen. – Jetzt öffnete sich eine innere Tür, und der Jüngling führte die drei Bewohner des Hauses ins Zimmer.

Zuerst kam ein Mann von mittleren Jahren, in der Negligéeuniform eines Schiffskapitäns der neuen Staaten, eine Heldengestalt. Ruhig war sein Blick und noch immer fest sein Schritt, wenn auch die Zeit und Strapazen seinem Haupthaar schon die Mischung von Grau gaben. Den einen Arm trug er in einer Binde, ein Beweis, daß er erst vor kurzem in Aktion gewesen sein mußte; am andern schmiegte sich eine Matrone, deren noch immer blühende Wangen und glänzendes Auge die Spuren gereifter hoher Schönheit trugen. Diesen beiden folgte eine Dame, mit zwar weniger elastischem Schritte, deren ganze Person aber von dem friedlichen Abend eines stürmischen Lebenstages zeugte. Die drei grüßten höflich die Fremde, ohne ihr Zartgefühl durch irgendeine vorschnelle Frage nach der Ursache ihres Besuches zu verletzen. Auch war diese Rücksicht nichts weniger als überflüssig; denn der ganze Körper der unbekannten Dame, der ohnedies von Schmerz und Schwäche erschöpft schien, fing an zu zittern und zeigte nur zu deutlich, daß ihr eine Pause not tat, um ihre Kraft zu sammeln und ihre Gedanken zu ordnen.

Sie weinte lange und schmerzlich, ganz als wäre sie einsam; erst als längeres Schweigen Verdacht erregt haben würde, versuchte sie zu sprechen. Sie trocknete die Tränen von einer Wange, auf der eine hektische Röte glänzte, und dann vernahmen ihre erstaunten Wirte zum erstenmal den Ton ihrer Stimme:

»Sie sehen diesen Besuch vielleicht als eine Zudringlichkeit an; doch der, dessen Wille mir Gesetz ist, wollte hierher gebracht sein.«

»Mit welchem Wunsche?« fragte der Offizier sanft, als er bemerkte, daß ihr schon die Rede versagte.

»Zu sterben!« flüsterte sie mir erstickter, schluchzender Stimme.

Bei diesen Worten fuhr ein jeder ihrer Zuhörer erschreckt zusammen; hierauf trat der ältere Herr an die Bahre, zog sanft den Vorhang beiseite und enthüllte den bis jetzt unsichtbaren Bewohner den forschenden Augen aller Anwesenden. Helles Bewußtsein lag in dem Blick, der dem seinigen begegnete, obgleich die blassen Züge des Verwundeten nur zu unverkennbar das Gepräge des Todes trugen. Nur sein Auge schien noch der Erde anzugehören; das ganze Antlitz hatte bereits das Starre der letzten Stufe menschlicher Schwäche angenommen, sein Auge allein blieb glänzend, voller Bewußtsein, glühend – fast möchte man sagen strahlend.

Nach einer langen, feierlichen Pause, während der alle Umherstehenden trauernd in dem tragischen Anblick schwindender Sterblichkeit befangen waren, fragte Kapitän de Lacey: »Können wir durch irgend etwas zu Ihrem Troste beitragen, Ihren Wünschen entgegenkommen?«

Das Lächeln des Sterbenden hatte etwas Gespenstiges, und doch war in seinem Ausdruck, ebenso seltsam als schrecklich, Zärtlichkeit mit Schmerz vermischt. Er antwortete nicht, allein sein Auge schweifte von einem Gesicht zum andern, bis es, wie durch eine Art von Zauber, auf dem der ältesten Dame haften blieb. Seinen stieren Augen erwiderte ein nicht minder angestrengter Blick; ja, so sehr trat nach und nach das mächtige gegenseitige Gefühl der beiden hervor, daß es der Bemerkung der übrigen Zuschauer nicht entgehen konnte.

»Mutter!« sagte der Offizier mit liebevoller Besorgtheit; »meine Mutter! Was fehlt Ihnen?«

»Heinrich … Gertraud,« antwortete die Ehrwürdige und breitete, dem Hinsinken nahe, die Arme nach ihren Kindern aus; »ihr habt, meine Teuern, euer Haus einem geöffnet, der ein heiliges Recht hat es zu betreten. O, es ist in diesem Augenblicke, wo die Leidenschaften schweigen und sich unsere Hinfälligkeit offenbart, in diesem Augenblicke der Schwäche und der Krankheit ist’s, wo die Natur ihr ursprüngliches Gepräge wiedererkennt! Ganz sehe ich es in diesem bleichen Antlitz, in diesen eingesunkenen Zügen, wo alles verschwunden ist, nur nicht der letzte dauernde Ausdruck der Familie, der Verwandtschaft!«

»Verwandtschaft!« rief Kapitän de Lacey; »unser Gast mit uns verwandt!«

»Ein Bruder,« antwortete die Dame, indem sie das Haupt auf die Brust sinken ließ, als ob sie einen Grad der Verwandtschaft ausgesprochen habe, der sie nicht minder schmerze als erfreue.

Der Fremde, zu sehr ergriffen, um sprechen zu können, gab seine Bestätigung durch eine freudige Gebärde zu erkennen, ohne den Blick von ihr abzuwenden, der seine Richtung behalten zu wollen schien, so lange als ihm das Leben Bewußtsein verlieh.

»Ein Bruder!« wiederholte ihr Sohn mit innigem Erstaunen. »Wohl wußte ich, daß Sie einen Bruder besaßen; doch glaubte ich, er sei schon im Knabenalter gestorben.«

»Ich selbst glaubte es lange, obgleich mir eine bange Ahnung vom Gegenteil die Seele oft mit Wehmut erfüllte; die Wahrheit steht aber zu klar auf diesem hingewelkten Antlitz, in diesen eingefallenen Zügen geschrieben, als daß sie noch verkannt werden könnte. Armut und Unglück trennten uns. Ich glaube, wir wähnten uns gegenseitig tot.«

Eine zweite schwache Bewegung verkündete die Beistimmung des Verwundeten.

»Es ist kein Grund zur Verheimlichung mehr vorhanden. Heinrich, der Fremde ist dein Oheim … mein Bruder … einst mein Pflegling.«

»Ich wünschte, ihn in glücklicheren Umständen zu treffen,« erwiderte der Offizier mit seemännischer Offenherzigkeit; »doch als ein Verwandter ist er von Herzen willkommen. Die Armut wenigstens soll Sie beide nicht wieder voneinander trennen.«

»Sehet doch, Heinrich – Gertraud!« fuhr die Mutter fort, sich die Augen beim Sprechen bedeckend, »dies Antlitz ist euch ja nicht fremd. Seht ihr denn nicht die traurigen Trümmer von einem, den ihr zugleich geliebt und gefürchtet habt?«

Erstaunt verstummten ihre Kinder und schauten, bis sich ihr Auge umdämmerte; solange, so angestrengt war ihr forschender Blick. Ein hohles Stöhnen aus der Brust des Fremden steigerte ihre Aufmerksamkeit bis zum höchsten Grade, und als seine leise, aber deutliche Sprache ihrem Ohre erklang, da schwand aller Zweifel, alle Verwirrung.

»Wilder,« sagte er, seine letzten Kräfte aufbietend, »ich bin gekommen, mir den letzten Dienst von Ihnen zu erbitten.«

»Kapitän Heidegger!« schrie der Offizier.

» Der rote Freibeuter!« sprach zitternd und erschreckt die jüngere Frau de Lacey und trat unwillkürlich einen Schritt rückwärts.

»Der Red Rover!« wiederholte ihr Sohn und drang mit unbezähmbarer Neugier einen Schritt vorwärts.

»Endlich abgetakelt!« war Fids barsche Bemerkung, als er mit seinem hölzernen Fuß näher zur Gruppe heranhinkte, die Feuerzange in der Hand, die er bisher in einem fort gehandhabt hatte, um einen Vorwand dafür zu haben, daß er im Zimmer blieb.

Als sich die augenblickliche Überraschung einigermaßen gelegt hatte, fuhr der Sterbende fort: »Lange hatte ich meine Reue wie meine Schande dem Blicke der Welt entzogen; aber dieser Krieg rief mich aus meiner Verborgenheit hervor. Unser Vaterland brauchte uns beide, und beide hat es gehabt! Sie haben gedient, wie einer dienen durfte, der sich nie ein Vergehen zuschulden kommen ließ; allein eine so heilige Sache mußte ein Name wie meiner nicht beflecken. Wenn die Welt einst von meinen schlechten Taten spricht, möge auch des wenigen Guten gedacht werden, das ich getan habe! Meine Schwester, meine … Mutter – verzeih‘ mir!«

»Der da seine Geschöpfe mit einer so furchtbaren Verschiedenheit der Gemüter bildet, Gott, blicke gnädig auf unsere Schwachheit hernieder!« betete Madame de Lacey kniend, mit himmelwärts gehobenen Augen und Händen. »O, Bruder, Bruder! Dir ward in deiner Kindheit von dem heiligen Geheimnis unserer Erlösung viel gesagt, du darfst nicht erst unterrichtet werden, auf welchen Fels sich deine Hoffnung auf Vergebung gründen muß!«

»Hätte ich nie jene Vorschrift vergessen, mein Name dürfte auch fortan mit Ehren erwähnt werden. Doch, Wilder!« fügte er abspringend und kräftig hinzu, »Wilder! …«

Aller Augen waren auf den Sprechenden geheftet. Er hielt eine Rolle, auf der er bis jetzt wie auf einem Kissen geruht hatte, in der Hand. Übernatürliche Kraft schien ihn zu durchströmen, als er sich mit halbem Körper in der Bahre erhob; und beide Hände hoch über sein Haupt emporhebend, ließ er jene glanzreiche, buntgestreifte Flagge mit ihrem blauen Feld ausgehender Sterne vor ihnen herniederrollen, und wie in seinen stolzesten Tagen leuchtete noch einmal die Glut hohen Triumphes aus allen seinen Zügen.

»Wilder!« schrie er und gewann dem Tode noch ein krampfhaftes Lachen ab. » Wir haben gesiegt!« – Dann fiel er erstarrt zurück, und die triumphierende Miene umschattete der Tod, wie schwarze Wolken das Lächeln der glänzenden Sonne.

Drittes Kapitel.

Drittes Kapitel.

Sobald sich der grüne Fremde vom leichtgläubigen Schneider getrennt hatte, verlor er sein angenommenes Wesen, und gewann ein natürlicheres und gesetzteres. Doch schien es bald, als sei auch dieses eine zweite Maske, wenigstens ein ungewohntes, lästiges Joch, das er abzuschütteln suchte, denn nach einer Minute klopfte er schon wieder mit der Reitgerte gegen den Stiefel und trat in die Hauptstraße des Orts mit leichtem Gange und umherschweifenden Blicken ein. Seinem Schnellblick, so sehr er von einem Gegenstande auf den andern übersprang, entgingen wenige der Vorübergehenden; und selbst die Eile, womit er um sich schaute und alles zu umfassen schien, ließ erkennen, daß sein Geist ebenso tätig und regsam war als sein Auge. Ein Fremder in diesem Aufzuge, und dem man es auf den ersten Blick ansehen mußte, daß er ein Fremder war, konnte der Aufmerksamkeit der wachsamen Gastwirte unmöglich entgehen. Allein er entzog sich den Scharrfüßen und Höflichkeiten der beiden Vornehmsten, und ließ sich – seltsam genug! – vom dritten in sein Haus komplimentieren, das die gewöhnliche Herberge des Hafengesindels war.

Als er in die Gaststube dieser Taverne eintrat (denn sie führte diesen edleren Namen, obschon sie im Mutterlande kaum auf den einer Bierschenke hätte Anspruch machen dürfen), fand er das Zimmer mit den gewöhnlichen Trinkkunden vollgepfropft. Das Erscheinen eines Gastes, der sich an Gestalt und Kleidung über die Klasse der täglichen Besucher des Hauses erhob, brachte eine augenblickliche Unterbrechung hervor; doch hörte die Pause bald auf, als sich der Neueingetretene auf eine Bank geworfen und den Wirt mit seinen Wünschen und Bedürfnissen bekannt gemacht hatte. Dieser holte das Verlangte, setzte es dem Fremden vor, und machte ihm, und zugleich denen, die ihm zunächst saßen, eine Art von Entschuldigung, daß ein Mann, am andern äußersten Ende des langen, schmalen Tisches, nicht allein das Monopol der Rede, sondern auch die Aufmerksamkeit aller Gäste durch das Versprechen an sich gerissen, ihnen etwas ganz Ungeheures erzählen zu wollen.

Der würdige Zögling und Aufwärter des Bacchus setzte hinzu, sich besonders an den Grünen wendend: »Squire, der Mann dort im Winkel ist der Bootsmann des Sklavenschiffes im äußern Hafen, ein Mann, der sich den Seewind manches Jahr um die Nase wehen ließ, und soviel Gefechte und Wunder erlebt hat, daß er einen dicken Quartanten damit anfüllen könnte. Man nennt ihn hier nur den alten Boreas; sein wahrer Name ist aber Jack Nightingale Ist der Toddy nach des Squires Geschmack?«

Der Fremde beantwortete die zweite Frage mit einer schmatzenden Lippenbewegung, einer leichten Verneigung und dem Absetzen des kaum berührten Glases auf den Tisch. Zugleich drehte er den Kopf nach der soeben beschriebenen Person hin, die, nach der Art, wie sie deklamierte, zu urteilen, für einen zweiten »Redner des Tages« gelten konnte.

Eine Gestalt, weit über sechs Fuß hoch: Ein fürchterlicher Backenbart, der die gute Halbscheid seines grimmigen Aussehens versteckte; eine Schmarre, die als Zeuge eines schlecht geheilten Hiebes auftrat, der einst diese Halbscheid in zwei Vierteile zu spalten gedroht hatte; der Gliederbau im Verhältnis, das Ganze gehoben durch die Seemannstracht und durch eine lange, schmutzige, silberne Kette und eine kleine Pfeife von demselben Metall. Ohne durch das Eintreten eines Mannes aus einer anscheinend höhern Klasse im geringsten aus der Fassung gekommen zu sein, fuhr dieser Sohn des Ozeans in seiner angefangenen Erzählung fort, mit einer Stimme, die ihm die Natur als Gegensatz und Verspottung seines musikalischen Namens gegeben zu haben schien; denn wirklich hatten seine Laute eine so schlagende Ähnlichkeit mit dem tiefen Gebrülle eines Stiers, daß ein gewohntes Ohr erfordert wurde, sie in Worte zu übersetzen. Seinen gebräunten Arm mit der geschlossenen Faust ausstreckend, und den Norden des Seekompasses mit dem Daumen bezeichnend, fuhr er fort:

»Wohl! Angenommen, die Guineaküste liege hier: toter Wind von der Küste, seht ihr, nichts als Bö und gebrochener Wind, wie wenn eine Katze prustet, oder wenn der alte Graubart, der ihn in seinem Schlauche für uns aufbewahrt, bisweilen den Pfropfen durch die Finger fahren läßt, und dann gleich wieder die Schnur doppelt um die Öffnung des Sacks herumschlägt – Ihr wißt doch, was ein Sack ist, Bruder?«

Mit dieser abgebrochenen Frage wandte er sich an den schafsköpfigen Landmann, der dem Leser schon bekannt ist, und, sein neues Kleidungsstück unter dem Arme, mit offenem Munde dasaß, die Wundererzählung verschlingend, um sie, zusammen mit den Brocken, die ihm der Schneider mitgeteilt hatte, seinen Freunden und Gevattern vom Lande brühheiß zu hinterbringen. Ein allgemeines lautes Gelächter erfolgte auf Kosten des horchenden Pardon. Nightingale warf einen vielsagenden Blick auf zwei oder drei von seiner Bekanntschaft, und die Gelegenheit benutzend, »einen hinter die Halsbinde zu gießen« – wie er sich witzig ausdrückte – goß er ein Nösel Rum mit Wasser hinunter und fuhr im Predigthon in seiner Erzählung fort:

»Und die Zeit wird kommen, Bruder, wo Ihr lernen werdet, was eine Rundschnur ist, wenn Ihr nicht ehrlich bleibt. Eines Menschen Hals ist dazu gemacht, daß er den Kopf über Wasser halte, nicht daß er wie eine alte, windschiefe Luke aus den Fugen gereckt wird. Deswegen macht Eure Rechnung beizeiten und folgt dem Bleilot des Gewissens, auf daß Ihr nicht auf die Untiefen der Versuchung geratet.« – Hierauf seinen Tabak im Munde rollend, blickte er um sich wie einer, der sich einer moralischen Verbindlichkeit entledigt hatte, und fuhr fort: »Nu weiter. Dort liegt das Land, und wie gesagt, von hier kam der Wind Ost zu Süd, vielleicht auch Ost zu Süd Halbsüd. Bisweilen blies er stark, bisweilen ließ er nach, daß sich die Segel an der Takelage und den Spieren zerrieben, als wäre ein Segelholz nicht mehr wert wie eines reichen Mannes Segen. Mir waren die Ansichten des Wetters gar nicht angenehm; ich sah voraus, es wird was anders geben als eine ruhige Wache. Ich blieb also auf den Beinen, um mich instand zu setzen, meine Meinung von mir zu geben, wenn etwa danach gefragt würde. Ihr müßt aber wissen, Brüder, daß infolge meiner Begriffe von Religion und Lebensverhalten ein Mensch zu nichts gut ist, wenn es ihm am gehörigen Maß der Sittlichkeit fehlt; deswegen wird man nie von mir sagen können, daß ich an des Kapitäns Back den Löffel eintunke, wenn ich nicht von ihm eingeladen werde, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil mein Tischlein vorne und das seinige hinten steht. Ich will nicht entscheiden, an welchem Schiffsende sich der bessere Mann befindet; dieses ist ein Punkt, worüber verschiedene Leute verschiedener Meinungen sind, obschon die meisten, denen ein Urteil in der Sache zusteht, in ihren Ansichten so ziemlich einig sind. Nu, wie gesagt, ich blieb auf den Beinen, um mich in den Stand zu setzen, meine Meinung von mir zu geben, wenn ich danach gefragt würde. Und siehe da, alles ereignete sich, wie ich es vorhersah. ›Mister Nightingale,‹ sagte unser Kapitän, denn er ist ein Gentleman und vergißt sich nie im Punkte der Schicklichkeit am Deck, oder wenn jemand von der Mannschaft zugegen ist; › Mister Nightingale,‹ sagte er, ›was haltet Ihr von jenem Wolkenlappen dort in Nordwest‹, sagte er. – ›Wohl, Sir‹, antwortete ich dreist, denn ich bleibe niemand ’ne Antwort schuldig, wenn man mich anredet, wie sich’s schickt. ›Wohl, Sir!‹ sagte ich. ›Mit Ew. Gnaden Erlaubnis‹ – eine bloße Redensart, eine Schnurre, denn der Kapitän war gegen mich, an Erfahrungen und Jahren ein Kiekindiewelt; aber ich streue nie heiße Asche oder sonst was Warmes gegen den Wind, ›mit Ew. Gnaden Erlaubnis, meine Meinung wäre, die drei Toppsegel zu beschlagen und den Klüver zu stauchen. Wir haben keine Eile, aus dem einfachen Grunde: Wo Guinea heute abend liegt, wird es morgen früh auch liegen. Und um das Schiff bei gebrochenem Winde im Schick zu halten, haben wir das Schönfahrsegel …‹

»Euer Schönfahrsegel hättet Ihr ebenfalls beschlagen sollen«, ließ sich von hinten her eine Stimme vernehmen, ebenso entscheidend, nur etwas weniger brüllend, als die des wortführenden Bootsmannes.

»Was für ein Ignorant sagt das?« fragte Nightingale im stolzen Ton, als wenn eine so grobe und dreiste Unterbrechung seinen ganzen innern Zorn rege gemacht hätte.

»Kein Ignorant; ein Mann, der Afrika vom Kap Bon bis zum Vorgebirge der Guten Hoffnung, und das mehr als einmal beschifft hat, und eine weiße Bö von einem bunten Regenbogen zu unterscheiden versteht.« – Also sprach Dick Fid der Weiße, der mit seinem Begleiter, dem Neger Scipio, eingetreten war, und seine kleine, untersetzte Person dem wütenden Bootsmann, der sich durch den dichten Haufen, der ihn umgab, kraft seiner massiven Schultern Platz gemacht hatte, stämmig entgegenstellte und hinzusetzte: »Ja, ja, Bruder, ein Mann bin ich, unwissend oder vielwissend, gleichviel, der es nie seinem Kapitän raten würde, soviel Hintersegel auf dem Schiffe zu behalten, wenn Gefahr wäre, daß es backwärts vom Winde gepackt würde.«

Auf die kühne Aufstellung einer Meinung, die allen Umstehenden so verwegen vorkam, erfolgte ein allgemeines lautes Gemurmel. Aufgemuntert durch dieses unverdächtige Zeugnis seiner größern Popularität, blieb Nightingales derbe ausfallende Antwort nicht aus. Zugleich fiel ein schreiendes Konzert aus den höheren und kreischenden Stimmen der Gesellschaft ein, das mit dem tieferen Baß abwechselte, in die die – Hauptsänger ihre beiderseitigen Meinungen durch Gründe und Gegengründe verfochten.

Eine Zeitlang war es unmöglich, nur einen Teil der Streiterörterung aufzufassen, so groß war die Verwirrung der Stimmen; zugleich fehlte es nicht an Symptomen von beiden Seiten, den Wortstreit in einen handgreiflichen zu verwandeln. Schon hatte Fid seinen starken Gliederbau der kolossalen Gestalt seines Gegners, des Bootsmannes, entgegengestemmt; schon fielen vier athletische Arme dies- und jenseits gegeneinander aus, gleich indianischen Knotenstöcken, aus Massen von Knochen, Gelenken und Sehnen bestehend, die alles, was ihnen entgegen zu kommen wagen würde, zu zerschmettern drohten. Jedoch, als das allgemeine Geschrei allmählich abnahm, fing man an, die Hauptgegner anzuhören; und diese, damit zufrieden, daß man ihren rhetorischen Kräften Aufmerksamkeit schenken wollte, ließen von der feindlichen Stellung ab und verließen sich auf ein noch siegreicheres aber weniger furchtbares Glied als ihre braungebrannten Arme.

»Ihr seid ein verwegener Seemann, Bruder,« fing Nightingale an, als er seinen Sitz wieder eingenommen hatte, »und wenn Reden soviel wäre als Handeln, so würdet Ihr bald dem Schiffe eine Zunge leihen. Ich aber, der ich Flotten von Zwei- oder Dreideckern gesehen habe, und das von allen Nationen – jedoch mit Ausnahme Eurer Mohawks, deren Kreuzern ich nie begegnet zu sein gestehen muß – ich, der diese Flotten habe liegen sehen, schnigge wie die Seemöwen mit ihren eingereisten Schönfahrsegeln, ich verstehe mich auf den Lauf des Schiffes und auf jede Wendung.«

»Ich werde Euch in alle Ewigkeit nicht zugeben, daß man ein Boot mit Hilfe der Hinterrahesegel halten muß«, erwiderte Dick. »Ich will zugeben, daß Ihr ihm die Stagsegel gebt, ohne daß es unrecht sei; aber kein echter Seemann, der sein Handwerk versteht, wird nur einen Sack voll Wind zwischen den großen Mast und die Borgwandtaue durchlassen. Aber Worte sind wie der Donner, der oberhalb rollt, ohne je eine Barkuse hinabzugleiten; laßt uns daher die Frage einem Dritten vorlegen, der das Wasser kennt, und was vom Schiff und Schiffsleben versteht.«

»Wäre der älteste Flottenadmiral Sr. Majestät hier zugegen, er würde bald entschieden haben, wer von uns beiden recht und wer unrecht hat. Hört, Brüder, wenn es einen unter euch allen gibt, der auf der See erzogen ist, so stehe er auf und spreche, damit die Sache mal zum Spruch komme, und nicht wie ein Splitzeisen zwischen einem Brassenblock und einer beschmierten Rahe festsitzt.«

»Hier denn,« rief Fid, »hier ist der Mann.« Zugleich streckte er den Arm aus, ergriff Scipio beim Kragen, zog und schob ihn ohne viele Umstände mitten in den Kreis, der sich um die beiden Streiter gebildet hatte. – »Hier ist ein Mann für Euch, der noch eine Reise mehr zwischen Amerika und Afrika gemacht hat als ich, und zwar aus dem Grunde, weil er daselbst geboren ist. Nu paß auf, Sip, und antworte wie einer, der vom Tauwerk herabruft: Unter welches Segel würdest du, an deines Landes Küste, ein Schiff bringen, wenn es Gefahr liefe, einen Windstoß aushalten zu müssen?« »Unter gar keins; ich würde es lenzen.«

»Aber hör‘ mich doch an; wenn du sicher gehen wolltest, würdest du das Schiff unter ein Schönfahrsegel bringen, oder bloß das Vorsegel gebrauchen?«

»Darauf weiß ja jeder Narr die Antwort«, brummte Seipio verdrießlich, weil ihm die Katechismusfragen lästig zu werden anfingen. »Wenn Ihr die Vorsegel weglaßt, wie wollt Ihr es mit dem großen Segel machen? Gebt mir Antwort, Mister Dick!«

»Meine Herren,« sagte Nightingale, mit Gravität rund um sich blickend, »ich überlasse es Ihnen zu entscheiden, ob es sich schickt, einen Neger auf eine so ganz ungewöhnliche Weise auftreten zu lassen, damit er einem Weißen seine Meinung in die Zähne werfe?«

Dieses Appellieren an die verletzte Würde der Gesellschaft wurde mit allgemeinem Gemurmel beantwortet. Scipio, der sich bereit hielt, seine auf Erfahrung gestützte Meinung zu behaupten, und sie ohne Zweifel gegen jedermann durchgesetzt haben würde, hatte nicht das Herz, sich der Äußerung zu widersetzen, daß es ihm nicht zukomme, mitzusprechen. Ohne ein Wort zu seinen Gunsten oder zu seiner Entschuldigung zu sprechen, schlug er die Arme übereinander und verließ das Haus mit der Nachgiebigkeit und Unterwürfigkeit eines Menschen, der an Unterdrückung gewöhnt, sich zum Widerstand zu schwach und demütig fühlt. Nicht so sein Gefährte Fid, der sich mit einem Male von ihm verlassen und seines Zeugnisses beraubt sah. Er schwieg zu diesem unerwarteten Abzug nicht, remonstrierte und protestierte laut dagegen; als er aber fand, daß es zu nichts half, tat er einen herzhaften Fluch, stopfte sich ein paar Zoll Tabak in den Mund und folgte dem Kompagnon, nachdem er seinen Gegner nochmals fest ins Auge gefaßt und ihm zugerufen hatte: »Wenn sein Kamerad nur eine schmucke Haut hätte, würde er von beiden der Weiseste sein!«

Der Triumph des Bootsmannes war nun vollständig und seine Freude darüber unmäßig.

»Gentlemen,« sagte er hierauf, mit zunehmender Selbstzufriedenheit die bunte Gesellschaft anredend, die um ihn stand, »ihr seht, daß Vernunft einem Schiffe gleicht, das aus beiden Seiten von Leesegeln niedergehalten wird, dem geraden Kielwasser folgend und den Mast schonend. Aber ich mag mich nicht rühmen, weiß auch nicht, wer der Mensch ist, der sich eben davongemacht hat, um seine Ehre in Zeiten zu wahren – nur soviel sag‘ ich, daß der Mann zwischen Boston und Westindien noch zu finden ist, der sich besser als ich drauf versteht, ein Schiff gehen oder stehen zu machen, vorausgesetzt, daß …«

Hier stockte mit einem Male der tiefe Baß Nightingales, sein Auge starrte, er stand wie bezaubert da, weil ihn der Blitzblick des grünen Mannes traf, dessen Gestalt und Züge plötzlich unter den gemeinen Gesichtern der Menge hervorragten.

»Mag sein,« fuhr jetzt der Bootsmann fort, die Worte halb verschluckend aus Bestürzung, daß er sich einem so niederschmetternden Auge gegenübersah, »mag sein, daß dieser Herr einige Seekenntnis hat und den vorliegenden Streit entscheiden kann.«

»Wir studieren auf der Universität nicht die Seetaktik,« erwiderte der andere kurz abgebrochen, »obschon ich nach meiner geringen Kenntnis gestehe, daß ich für das Lenzen bin.«

Er sprach dieses letzte Wort mit einem Nachdruck aus, der auf den Gedanken bringen konnte, er wolle einen Scherz, ein Wortspiel machen; um so mehr, da er gleich darauf seine Zeche auf den Tisch warf, sich lenzte und Nightingalen das Feld räumte. Nach einer kurzen Pause setzte dieser seine Erzählung fort; nur, sei’s aus Ermüdung, sei’s aus einer andern Ursache, weniger entschieden als vorher und auffallend abgekürzt. Kaum war sie zu Ende und sein Grogkrug leer, als er dem Ufer zuwankte, wo bald nachher ein Boot anlegte, um ihn nach dem Schiffe zu bringen, das, wie wir gesehen, das beständige Augenmerk des guten Homespun geblieben war.

Unterdessen hatte der grüne Fremdling seinen Gang durch die Hauptstraße des Ortes fortgesetzt. Fid war seinem beschämten Begleiter Scipio nachgeeilt, nicht ohne verächtliche Bemerkungen über des Bootsmanns Seekenntnisse vor sich in den Bart zu murmeln. Als er den Schwarzen eingeholt hatte, änderte er den Angriff und fiel mit Vorwürfen über ihn her. »Wie konntest du einen so einfachen Punkt fahren lassen?« fuhr er ihn an. »Es ist ja so klar wie die Sonne am Himmel, daß der Schoner doch schneller fortkommen würde, mit dem Wind von beiden Seiten, als vom Winde geklemmt.«

Der grüne Mann folgte dem vor ihm herschlendernden Paare; es mochte ihm nun ihr Betragen in der Schenke aufgefallen sein oder aus bloßer Laune. Sie schlugen sich um das Wasser hin, bestiegen eine Anhöhe, die beiden eine Strecke voraus, der Grüne in einiger Entfernung von ihnen, bis dieser sie, beim Umbiegen um eine Straßen- oder vielmehr Feldstraßenecke aus dem Gesicht verlor, denn schon war man aus Stadt und Vorstadt herausgekommen. Jetzt verdoppelte der Rechtsgelehrte (wofür er sich ausgegeben hatte) seine Schritte, und war froh, als er nach einigen Minuten beide Ehrenmänner an einem Zaune sitzend wiederfand. Hier hielten sie ein frugales Mahl aus dem Inhalt eines kleinen Kobers, den der Weiße bisher unter dem Arm getragen hatte, und wovon er seinem Kompagnon freigebig zukommen ließ. – Scipio hatte seine Stelle nahe genug eingenommen, zum Beweise, daß der Friede gemacht war, doch etwas mehr im Hintergrund aus Anerkenntnis des höhern Ranges, den der andere seiner weißen Farbe verdankte. Der Fremde näherte sich ihnen und sprach:

»Da ihr mit dem Kober so gastfrei umgeht, so möchte vielleicht euer dritter Mann ohne Abendessen zu Bette gehen müssen.«

»Wer prait?« rief Dick, von seinem Knochen mit einem Ausdrucke aufsehend, der dem Blicke eines Bullenbeißers glich, wenn man ihn bei einer ähnlichen Beschäftigung stören würde.

»Ich wünschte nur,« erwiderte jener im Kavaliertone, »Euch freundschaftlich zu erinnern, daß sich noch ein dritter Speisekandidat vorfindet.«

»Wollt Ihr eine Schnitte? Da nehmt, Bruder«, sagte der Seemann, mit Matrosenfreigebigkeit den Kober hinreichend, sobald er zu merken glaubte, daß es darauf abgesehen sei.

»Nicht doch, Ihr versteht mich unrecht; hattet Ihr nicht auf der Kaje einen dritten Kompagnon?«

»Ja, so! Der ist dort in der Abfahrt, wo Ihr das Stück von einer Feuerbake seht, die schlecht genug verteiet ist, man müßte denn gewollt haben, daß sie den Ochsengespannen und inländischen Händlern den Kanal zeigen solle. Dort, dort, Gentleman, wo Ihr den Steinhaufen seht, der alle Augenblicke, scheint’s, runterrollen will.«

Der Fremde sah in die angegebene Richtung hin und sah den jungen Seemann, nach dem er sich erkundigt hatte, nicht weit am Fuße eines alten verfallenen Turmes stehen, dem, vom Zahne der Zeit zerfressen, alle Augenblick der Einsturz drohte. Den beiden Schiffern eine Handvoll Münze zuwerfend, wünschte er ihnen eine gesegnete Mahlzeit und sprang über den Zaun, in der Absicht, ebenfalls die Ruine zu betrachten.

»Der Bursche,« sagte Dick, indem er mit seiner Kinnladenbewegung innehielt und dem Abgehenden einen freundlicheren Blick nachschickte, als der beim ersten Empfang gewesen war: »Der Bursche ist freigebig mit seinen Kupferpfennigen; da sie aber da, wo er sie gesät, nicht wurzeln würden, so heb‘ sie auf, Sip, und stecke sie mir in die Tasche. Das nenn‘ ich, traun! einen raschen, freien Handel, Afrika; so sind sie aber alle, die Gesetzhändler. Ihre Pence werfen sie dem Teufel in den Rachen; dafür wissen sie auch mehr zu bekommen, wenn Ebbe in ihrer Lade ist.«

An der Ruine selbst war nicht viel, was das Beschauen einem Manne lohnen konnte, der seinen Versicherungen zufolge, Gelegenheit gehabt hatte, weit imposantere Überbleibsel der alten Zeit, jenseits des Ozeans, in Augenschein zu nehmen. Es war ein kleiner, runder Turm; er stand auf rohen Pfeilern, die durch Bogen unter sich verbunden waren, und mag in der Kindheit des Landes zu einer Schutzwehr erbaut worden sein, obschon es weit wahrscheinlicher ist, daß er zu anderm als kriegerischem Gebrauch gedient habe. Dieses kleine Gebäude mit seiner sonderbaren Gestalt, seinem verfallenen Zustand und Baumaterial ist auf einmal, fünfzig Jahre und darüber seit jener Zeit ein Gegenstand der Untersuchungen einer sehr gelehrten Klasse von Männern – der amerikanischen Altertumsforscher – geworden.

Als der grüne Mann den Ort erreicht hatte, gab er seinem Stiefel mit der Reitgerte einen kräftigen Schlag, um die Aufmerksamkeit des vertieften Seemanns auf sich zu ziehen, und bemerkte dann mit freiem, leichten Wesen:

»Wie malerisch liegt diese Ruine? Wie schön würde sie sich im Prospekt ausnehmen, wenn man sie, mit Efeu bewachsen, durch eine Waldöffnung erblickte? Doch ich muß um Verzeihung bitten; Herren von Ihrem Gewerbe haben mit Wäldern und verwitterten Steinen wenig zu tun. Dort (mit dem Finger auf die hohen Masten des Schiffes im äußern Hafen zeigend), dort ist der Turm, den Sie lieben; ein Wrack ist Ihre Ruine!«

»Sie scheinen, Sir,« antwortete jener kalt, »mit unserem Geschmack vertraut.«

»So ist es aus Instinkt; denn gewiß, ich habe bis jetzt wenig Gelegenheit gehabt, durch Umgang mit Männern vom … Gewerbe in diesem Fach Kenntnisse zu sammeln, und ich darf nicht hoffen, daß ich in gegenwärtigem Augenblicke glücklicher sein werde. Doch lassen Sie uns frei sein, Freunde werden und ein freundliches Wort miteinander reden. Was für ein Vergnügen finden Sie an diesem Steinklumpen? Wie kann er Sie nur einen Augenblick von der Betrachtung jenes schönen, netten, wohlausstaffierten Schiffes abhalten?«

»Nu, wenn ich, ein Seemann ohne Anstellung, ein Schiff betrachten wollte, das mir gefiele, selbst in der Absicht, Dienste darauf zu nehmen, würde Sie das so befremden?«

»Der Kapitän müßte ein ganzer Narr sein, der einen Mann wie Sie abwiese! Aber Sie scheinen für eine der niedrigen Berths zu gebildet und wohlerzogen.«

»Berths?« wiederholte der andere stutzend und die Augen scharf auf den Grünen richtend.

»Berths oder Births. Dies ist ja wohl in der Schiffersprache das Wort für Stelle, Lage, Stellung? Ist’s nicht so? Wir Rechtsgelehrte verstehen uns wenig aufs Seewörterbuch; aber ich sollte meinen, ich hätte den dorischen Dialekt getroffen. Sind Sie auch der Meinung?«

»Das Wort ist in der Tat noch nicht obsolet, und als Figur ist es in dem Sinne, worin Sie es nehmen, korrekt.«

» Obsolet?« wiederholte der Mann in Grün mit eben der Miene, womit jener sein Berths aufgefaßt hatte; »das ist wohl der Name eines Schiffteils? Sie verstehen vielleicht unter Figur die Figur am Spiegel, und unter Obsolet das lange Boot?«

Der junge Seemann lachte, und als hätte dieser Scherz die Schranke seiner Zurückhaltung durchbrochen, schien es, als verliere sein Benehmen von nun an und im übrigen Teile der Unterredung viel von dem anfänglichen kalten Zwange.

»Es ist geradeso klar,« sagte er, »daß Sie die Schiffsplanken, als daß ich die Schulbänke gedrückt habe. Da wir nun beide so glücklich gewesen sind, so lassen Sie uns ehrlich zu Werke gehen und aufhören, in Parabeln zu reden. Und, um den Anfang zu machen, frage ich Sie, was Sie von dieser Ruine halten, der Absicht und dem Gebrauche nach, als sie noch in gutem Stande war.«

»Um dieses besser zu beurteilen und beantworten zu können,« erwiderte der Grüne, »ist es notwendig, sie genauer zu untersuchen, und vor allem, sie zu besteigen.«

Zugleich kletterte er auf einer vorgefundenen morschen Leiter bis zum Fußboden über dem Bogengewölbe, durch das eine offene Falltür führte. Sein Kompagnon nahm Anstand, zu folgen; als er aber sah, daß jener oben auf der Leiter auf ihn wartete, ihm zuwinkte und ihm die Öffnung zeigte, sprang er nach und erreichte die Höhe mit einer Behendigkeit und Schnelle, die ihm bei seiner Lebensart geläufig war.

»Hier sind wir!« rief der grüne Mann, sich nach den nackten Wänden umsehend, die aus so kleinen, ungleichen Steinen aufgebaut waren, daß sie dem Gebäude ein hinfälliges, gefährliches Ansehen gaben. »Wir haben gute eichene Planken zum Deck, wie Ihr sagen würdet, und den Himmel zum Roof … so nennen wir aus der Universität den Oberteil des Hauses. Nu laßt uns aber sprechen von Dingen der niedern Welt. Hm! Hm! … Hab‘ ich doch vergessen, wie Ihr Euch gewöhnlich nennt.«

»Das hängt von Verhältnissen ab. So wie die Lagen und Umstände verschieden waren, war es auch meine Benennung. Wollt Ihr mich aber Wilder nennen, so werde ich auf den Namen hören und antworten.«

» Wilder! Ein guter Name; doch dünkt mich, würdet Ihr nichts dabei verlieren, wenn Ihr Euch Wildfang nenntet. Ihr jungen Schiffsburschen steht im Rufe, zuweilen in euern Launen wild umherzuschweifen. Wie manches zärtliche Herz habt ihr in schattigen Lauben über euern Flattersinn seufzen und brechen lassen, während ihr das salzige Wasser des Ozeans durchpflügtet … Ist das nicht der Ausdruck, durchpflügen?«

Nachdenkend, dabei aber sichtbar empfindlich über die Art von Katechismusexamen, erwiderte der junge Mann: »Nur wenige haben über mich geseufzt … Doch laßt uns die Untersuchung des alten Turmes fortsetzen. Was dünkt Euch seine Bestimmung gewesen zu sein?«

»Wozu er jetzt dient, ist deutlich; wozu er früher gedient hat, ist auch nicht schwer zu erraten. Gegenwärtig schließt er, wie wir sehen, zwei leichte Herzen ein, und, wo ich nicht irre, zugleich zwei leichte Köpfe, die nicht schwer an Weisheit geladen haben. Früherhin waren dieses hier Kornböden und die Bewohner kleine Tierchen, ebenso leichtfüßig, als wir leichtsinnig an Kopf und Herz‘ mit einem Wort und auf gut Englisch: Es war eine Mühle.«

»Andere wollen behaupten, es sei eine Feste gewesen.«

»Hm! Zur Notdurft hätte man den Ort dazu gebrauchen können,« versetzte der Grüne, ihn schnell und aufmerksam betrachtend, »aber soviel ist gewiß, eine Mühle ist es gewesen, so gern man ihm einen edleren Ursprung beilegen möchte. Die dem Winde günstige Lage, die Pfeiler, die das Ungeziefer von unten abhalten sollen, Gestalt, luftiger Bau, innere Einrichtung, alles dient zum Beweise. Whirr… irr… irr, Klatter … atter … atter … atter: mich dünkt, ich höre noch den alten Lärm der Flügel und Räder … St! Still! Ich höre noch jetzt eine Art von Geklapper!«

Mit diesen Worten sprang er an eine der Öffnungen hinan, die dem Gebäude ehedem zu Luftlöchern oder Fenstern gedient hatten, und steckte den Kopf durch, zog ihn nach einer halben Minute zurück und winkte seinem Gefährten, sich still zu verhalten. Dieser verstand und befolgte das Zeichen, und bald vernahmen sie in kleiner Entfernung weibliche Stimmen. Sowie die Redenden näher kamen, stiegen die Laute von unten den Turm gerade hinauf zu den Ohren der beiden, die sich, alles Geräusch vermeidend, ein Plätzchen aufsuchten, wo sie, selbst ungesehen, sehen und horchen und sich am Horchen belustigen konnten.

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Die Gesellschaft unten bestand aus vier Personen, lauter Frauen. Die eine war eine Lady im sinkenden Alter, die andere über die Mitte der Jahre hinaus, die dritte auf der Schwelle der Tür, die man »Leben« nennt, insofern sie der Übergang zu den gesellschaftlichen Verhältnissen der Welt ist, die vierte war eine Negerin, die einige fünfundzwanzig Jahreswechsel gesehen haben mochte. Sie schloß sich den übrigen zwar in einem untergeordneten Verhältnisse an, denn Zeit und Umstände hatten sie in die dienende Klasse gebracht, allein sie genoß Vertrauen und Achtung von seiten der Herrschaft.

Die ersten verständlichen Worte der alten Lady an die junge waren folgende:

»Und nun, liebstes Kind, da ich dir die Weisung gegeben habe, die die Umstände und dein eigenes vortreffliches Herz nötig gemacht haben, will ich dieses unfreundliche Geschäft mit einem angenehmeren vertauschen. Du wirst deinen Vater von der Fortdauer meiner Zuneigung versichern und ihn an sein Versprechen erinnern, dich noch einmal zu mir zu schicken, ehe wir uns auf immer trennen.«

Die Anrede war, wie gesagt, an das jüngste Mädchen gerichtet und wurde, wie zu vermuten war, ebenso zärtlich und aufrichtig aufgenommen als gehalten. Die junge Person schlug die Augen auf, worin Tränen glänzten, die sie vergeblich zu unterdrücken bemüht war, und antwortete mit einer Stimme, deren Töne in den Ohren der beiden Lauschenden melodisch genug klangen.

»Liebste Tante, es ist unnötig, mich an ein Versprechen zu erinnern, woran mich mein eigener Vorteil so dringend mahnt. Ich hoffe Sie sogar öfter zu besuchen, als Ihnen vielleicht lieb ist; und wenn mein Vater nicht nächstes Frühjahr mit mir herüberkommt, so wird es gewiß nicht an meinen inständigen Bitten liegen.«

»Unsre gute Frau Wyllys wird uns beistehen«, erwiderte die Tante, sich gegen die ältere Frau mit einem Gesicht voll Freundlichkeit und Anstand neigend, das den eingeführten Formen der damaligen Zeit, wenn ein Oberer einen Untergebenen anredete, eigen und angemessen war. »Sie ist durch ihre treuen Dienste völlig zu dem Einfluß berechtigt, den sie über den General Grayson übt.«

»O, sie ist zu allem berechtigt, was Liebe und Herz geben kann!« rief die Nichte mit einer Hast und einem Ernste, der dazu dienen sollte, die zu förmliche Höflichkeit der Tante durch die Wärme ihrer eigenen Ausdrücke zu heben. »Mein Vater wird ihr schwerlich etwas versagen!«

»Sind wir auch gewiß, daß sich Mistreß Wyllys zu uns schlägt?« fragte die Tante, ohne sich durch die lebhafteren Gefühle der Nichte von ihrem angenommenen Gange ableiten zu lassen. »Mit einem so mächtigen Alliierten wird unser Bund unüberwindlich sein!«

»Ich bin so ganz der Meinung, daß die gesunde Luft dieser heilbringenden Insel meinem jungen Fräulein zuträglich ist, Madame, daß, wenn auch keine anderen Gründe in Betracht kommen sollten, Sie auf den geringen Beistand, den Sie von mir erwarten, sicher rechnen könnten.«

Frau Wyllys sprach dies mit Würde, aber auch mit jenem Grade von bescheidener Zurückhaltung, die ihr das Verhältnis der vermögenden, hochgeborenen Tante zu der bezahlten, abhängigen Erzieherin der Erbin ihres Bruders zur Pflicht machte. Dabei war ihr Anstand edel und ziemend, und ihre Stimme, wie die Stimme ihres jungen Zöglings, sanft und entschieden weiblich.

»Folglich können wir den Sieg für entschieden achten, wie sich mein verstorbener Gemahl, der Konteradmiral, auszudrücken pflegte. Der Admiral de Lacey hatte, meine liebe Mistreß Wyllys, frühzeitig im Leben die Maxime zur Regel genommen und sein ganzes Handeln danach eingerichtet – und er verdankte dieser Maxime einen großen Teil des Rufes, worin er auf der See stand –, daß zum Gelingen nur eines erfordert werde, nämlich: Es zu wollen; eine schöne, edle und ermutigende Maxime, eine Maxime, wobei es nicht fehlen konnte, daß sie ihn zu den ausgezeichneten Erfolgen geführt hatte, die uns allen bekannt sind.«

Wyllys verneigte sich zum Zeichen, daß sie völlig der Meinung sei, und zum Beweis, wie sehr sie das Verdienst des verstorbenen Admirals anerkenne, hielt es aber nicht für nötig, etwas zu erwidern. Anstatt sich länger mit diesem Gemeinsatz zu beschäftigen und ihn wortreich auszuspinnen, drehte sie sich zu ihrer jungen Elevin um und bemerkte mit einem Tone und Wesen, aus dem alles, was Zwang und Zurückhaltung heißen mag, verbannt war.

»Liebste Gertraud, Sie werden das Vergnügen haben, wieder nach dieser lieblichen Insel zurückzukehren, die kühlenden Seewinde einzuatmen …«

»Und meine Tante wiederzusehen«, setzte Gertraud hinzu. »Meine Wünsche wären, daß sich mein Vater entschlösse, seine Güter in Karolina loszuschlagen, nach Norden zu ziehen und das ganze Jahr hier zuzubringen.«

»Es ist nicht so leicht, wie du wohl glauben magst, mein Kind, sich großer Landbesitzungen zu entäußern«, erwiderte Frau von Lacey. »So sehr ich auch wünschen mag, daß sich dein Plan verwirklichen lasse, so hab‘ ich doch nie meinen Bruder darum gebeten. Überdies weiß ich nicht, ob die Familie nicht ganz und gar nach Hause gehen würde, wenn sie eine Abänderung treffen wollte. Es ist jetzt über ein Jahrhundert, Mistreß Wyllys, daß die Graysons in die Kolonien gekommen sind, weil zwischen ihnen und der Regierung in England etwas vorgefallen war. Mein Urgroßvater, Sir Everard, war mit seinem zweiten Sohne unzufrieden, und die Spannung brachte meinen Großvater nach der Provinz Karolina. Doch, da der Bruch seit langer Zeit geheilt ist, so hab‘ ich oft gedacht, ob mein Bruder nicht wieder in die Hallen unserer Väter zurückkehren möchte. Doch wird viel daraus ankommen, wie wir unser Besitztum diesseits des Meeres unterbringen werden.«

Hier schloß die gutmütige, aber etwas redselige und mit sich zufriedene Dame ihre Rede und sah sich mit einem forschenden Blick nach ihrer jungen Nichte um, der der Schluß ihrer Rede vollkommen entgangen war. Gertraud hatte wie gewöhnlich, wenn Frau von Lacey die Gouvernante mit Familiennachrichten zu unterhalten geruhte, den Kopf gewendet, und die von Gesundheit, vielleicht auch diesmal von einer kleinen Scham brennenden Wangen dem kühlenden Abendwinde hingehalten. Aber sobald ihre Tante zu reden aufgehört hatte, schloß sie sich von neuem schnell den beiden an, und auf ein Schiff zeigend, dessen Masten – da es im innern Hafen lag – über die Stadtdächer vorragten, rief sie, in der Absicht, der Unterredung irgendeine andere Wendung zu geben:

»Und in jenen finstern Kerker sollen wir, liebste Wyllys, den ganzen nächsten Monat zubringen?«

»Ich will hoffen, Ihre Abneigung gegen die See hat bei Ihnen das Zeitmaß verlängert,« entgegnete sanft die Erzieherin; »die Überfahrt von hier nach Karolina ist oft in einem weit kürzeren Zeiträume gemacht worden.«

»Daß dies der Fall sei, kann ich bezeugen«, setzte hier die Admiralswitwe hinzu, die gar zu gern einen Gedanken verfolgte und ausspann, wenn er einmal in ihr rege geworden war und in ihr Lieblingsfach einschlug. »Mein verstorbener, würdiger und (ich bin überzeugt, niemand wird mir hierin widersprechen) mein tapferer Gemahl führte einst ein Geschwader seines königlichen Herrn von einem Ende der amerikanischen Besitzungen Sr. Majestät zum andern in kürzerer Zeit, als die von meiner Nichte angegebene. Freilich mag zur Eile, mit der er segelte, zum Teil der Umstand beigetragen haben, daß er die Feinde des Königs und des Reichs verfolgte; soviel aber bleibt gewiß und ausgemacht, daß die Reise in weniger als einem Monat vollendet werden kann.«

»Da ist das furchtbare Henlopen mit seinen Sandbänken und Schiffbrüchen von der einen Seite und der sogenannte Golfstrom von der andern!« rief Gertraud mit einem Schauder und Ausbruch weiblichen Entsetzens, das hin und wieder sogar die Furchtsamkeit anziehend macht, wenn es mit Jugend und Schönheit zusammenfällt. »Wäre nicht Henlopen, und die Stürme, und die Bänke, und der Golf, ich könnte mich dem Vergnügen, meinen geliebten Vater wiederzusehen, ganz überlassen.«

Frau Wyllys, die ihrem Zöglinge nie in solchen natürlichen Schwachheiten, so liebenswürdig sie auch in anderen Augen scheinen mögen, etwas nachsah, wandte sich mit fester Miene zu der jungen Lady, indem sie kurz und entschieden, und als wollte sie den Punkt der Furcht auf einmal ins reine bringen, bemerkte:

»Wenn alle Gefahren, liebe Gertraud, die Sie auf Ihrer Reise anzutreffen besorgt sind, wirklich stattfänden, so würde ja die Überfahrt nicht täglich, ja stündlich sicher geschehen können. Sie selbst, Madame, sind gewiß oft mit Ihrem Gemahl, dem Admiral de Lacey, aus Karolina hier eingelaufen?«

»Nie«, erwiderte die Witwe schnell und etwas trocken. »Die Wasserreise war meiner Konstitution zuwider; deswegen hab‘ ich jederzeit die Reise zu Lande gemacht. Dabei müssen Sie aber wissen, Wyllys, daß ich, die Gattin und Witwe eines Flaggenoffiziers, nichts weniger als unerfahren in der Seewissenschaft geblieben bin. Es werden gewiß wenige unter den britischen Damen sein, die mit Schiffen bekannter und vertrauter sind als ich, sowohl mit einzelnen Fahrzeugen, als mit ganzen Geschwadern. Diese Kenntnis hab‘ ich mir als die Gemahlin eines Offiziers verschafft, dessen höchstes Glück es war, Flotten anzuführen. Mit Ihnen, Wyllys, mag es anders sein: ich vermute, was zur Schiffahrt gehört, sind böhmische Dörfer für Sie.«

Die ruhige, würdevolle Haltung der Gouvernante nahm hier augenblicklich einen trübern Anstrich von Schwermut an. Es war ihr freilich schon vorher anzusehen, daß tiefliegende, lang gehegte, peinliche Erinnerungen ihren Zügen einen dauernden, doch sanften Kummer eingegraben hatten, der die Spuren ihres Grundcharakters, der immer noch aus ihren Augen sprach, mehr milderte als verwischte. Sie war eine Zeitlang unschlüssig, ob sie nicht lieber abbräche, faßte sich aber und antwortete:

»Ich bin keineswegs ein Fremdling auf der See. Mein Verhängnis hat gewollt, daß ich manche lange und manche gefährliche Fahrt habe machen müssen.«

»Doch nur als Passagier. Wir Gattinnen von Seehelden sind die einzigen unseres Geschlechts, die auf die edle Wissenschaft Anspruch machen können. Kann es wohl ein schöneres und erhabeneres Schauspiel geben«, fuhr die verwitwete Seeheldin mit einer Art von Begeisterung über diesen Gegenstand fort, »als der Gang eines stattlichen Schiffs, das die Wellen durchschneidet, dessen Hackebord, wie mein seliger Admiral wohl tausendmal gesagt hat, die See pflügt, dessen Schaft einen hellen Streifen hinter sich läßt, wie die Windungen einer Schlange, wie ein lebendes Tier, das auf dem Lande daherfliegt und den Hinterfuß in die Stapfen des Vorderfußes setzt! Ich weiß nicht, liebste Wyllys, ob ich mich Ihnen verständlich mache, soviel aber ist gewiß, meinem geschärften, unterrichteten Auge stellt sich zugleich mit dieser reizenden Beschreibung ein Bild dar, das alles, was groß und schön ist, weit hinter sich läßt.«

Das heimliche Lächeln, das sich in den Mundwinkeln der Gouvernante zu zeigen anfing, weil sie sich nicht des Gedankens erwehren konnte, der selige Admiral sei ein Schalk gewesen, der die Frau Admiralin oft zum besten gehabt, würde sie vielleicht verraten haben, wenn sich nicht von oben herab ein Geräusch hätte hören lassen, das dem Rascheln des Windes in Blättern glich, aber im Grunde nichts weiter war, als ein unterdrücktes Gelächter. Noch schwebten die Worte: »O, wie allerliebst!« auf den Lippen der jungen Gertraud, die das soeben entworfene Gemälde der Tante bewunderte, ohne sich in die Kleinigkeitskrämerei der Wortkritik einzulassen, als auf einmal ihre Stimme stockte und ihre Stellung einem Standbilde glich. Nach einigen Sekunden fragte sie:

»Haben Sie nichts gehört?«

»Die Ratten treiben noch immer ihr Wesen in der Mühle!« war die ruhige Antwort der Frau Wyllys.

»In der Mühle? Liebste Wyllys, bleiben Sie noch immer dabei, diese pittoreske Ruine eine Mühle zu schelten?«

»So sehr das Gebäude dadurch in achtzehnjährigen Augen verlieren mag, so kann ich es nicht anders nennen als – eine Mühle.«

Das liebenswürdige Mädchen lachte, aber ihr feuriger Blick zeigte zugleich den Ernst, mit dem sie ihre Lieblingsmeinung verfocht: »Gibt es denn der Ruinen soviel hierzulande, daß Sie sich kein Gewissen daraus machen, den wenigen, in deren Besitz wir sind, Namen und Wert zu rauben?«

»Desto besser! Je weniger Ruinen, um so glücklicher das Land! Ruinen sind einem Lande, was sie dem Gesichte sind, nämlich Zeichen des Verfalls, traurige Folgen der Mißbräuche und Leidenschaften, die das Umsichgreifen der Zeit beschleunigen. Unsere Provinzen, liebste Gertraud, sind wie Sie, in ihrer Frische und Jugend, und, um den Vergleich fortzusetzen – in ihrer Unschuld. Lassen Sie uns hoffen, daß beide Teile noch lange in diesem glücklichen Zustande bleiben werden.«

»Ich danke Ihnen in meinem und meines Vaterlandes Namen für die Wünsche, kann mich aber nicht entschließen, diese malerische Ruine für eine ehemalige Mühle zu halten.«

»Was sie auch gewesen sein mag, soviel ist gewiß, sie hat den Platz hier lange eingenommen und wird ihn, allem Anschein nach, viel länger einnehmen, als das, was Sie soeben ›einen finstern Kerker‹ nannten, das stattliche Schiff dort, das wir in kurzer Zeit besteigen werden. Trügen meine Augen mich nicht, Madame, so bewegen sich die Masten langsam über die Schornsteine der Stadt hin.«

»Sie sehen ganz recht, Wyllys. Es sind die Matrosen, die das Schiff in den äußern Hafen bugsieren; dort werden sie es vor Anker legen und es so lange Warpen, bis sie die Segel aufrollen, um mit dem Frühesten in See zu stechen. Dieses ist ein Manöver, das oft unter meinen Augen vorgenommen wurde, eines von denen, die mir mein Admiral so deutlich erklärt hat, daß ich wenig Schwierigkeit finden würde, es in eigener Person anzuordnen, wenn es sich für mein Geschlecht und meinen Stand schickte.«

»Also ein Wink für uns, liebstes Kind, mit unsern Anstalten zur Reise zu eilen. So reizend auch dieser Ort – und Ihre Ruine – Ihnen scheinen mag, so müssen wir ihn doch, wenigstens auf einige Monate, verlassen.«

»Ja, ja,« fuhr Frau von Lacey fort, indem sie der Gouvernante, die sich bereits in Bewegung gesetzt, langsam nachfolgte: »Auf diese Weise sind oft ganze Flotten bugsiert, vor Anker gelegt, gewarpt worden, bis sich der günstige Wind zum Absegeln eingefunden. Keiner von unserem Geschlecht sind die Gefahren des Ozeans so bekannt als mir, die so eng mit Offizieren von hohem Rang und Diensten verbunden gewesen ist; keine von ihnen kann einen so vollen Begriff und Genuß von der wirklichen Größe des edelsten Berufs auf Erden haben. Kann es wohl ein schöneres Schauspiel geben, als das eines stattlichen Schiffs, dessen Hackebord die Wellen durchschneidet, dessen Schaft das spurlose Wasser furcht, wie ein Renner, der im schnellsten Lauf in seine eigene Fußtapsen tritt?«

Die Antwort der Frau Wyllys entging den lauschenden Ohren der beiden Turmbewohner. Gertraud hatte sich mit den anderen auf den Weg gemacht; aber in einiger Entfernung von ihrer lieben Ruine blieb sie stehen, um von den zerbröckelten Mauern einen zärtlichen Abschied zu nehmen. Die Pause hielt über eine Minute an. Dann aber sprach sie zu dem schmelzfarbenen Mädchen, das ihr den Arm gab: »Kassandra, dort in den Steinklumpen ist etwas … was mich wünschen ließe, es wäre mehr als eine Mühle.«

»Ratten sind’s,« antwortete die Negerin, »nichts weiter als Ratten; habt Ihr’s nicht gehört? Mistreß Wyllys hat’s gesagt.«

Gertraud drehte sich zu ihr, lachte, klopfte ihr die schwarzen Backen mit Fingern, die dagegen wie Schnee aussahen, zur Strafe wie es schien, weil jene wünschte, ihr die süße Täuschung zu rauben, der sie sich so gern überließ: und nun sprang sie mit ein paar Sätzen den Hügel hinab, der Tante und Erzieherin nach, wie eine junge, rasche, fröhliche Atalante.

Die beiden Männer, die der Zufall so sonderbar im Turm zusammengebracht halte, standen jeder vor seinem Fensterloch und sahen dem lieblichen Mädchen nach, solange noch der schwächste Schimmer ihres weißen Gewandes zu erblicken war. Alsdann kehrten sie sich um, standen da, sahen einander an und suchten wechselseitig einer in des andern Augen den Ausdruck seiner Gedanken zu lesen. Endlich rief der Anwalt aus:

»Ich bin bereit, vor dem Lord-Großkanzler die eidliche Aussage zu machen, daß dieses hier nie eine Mühle gewesen!«

»Ei, ei! Ihr habt ja Eure Meinung schnell geändert!«

»O ich bin zur Überzeugung gekommen, so wahr ich hoffe, einst Richter zu werden. Der Prozeß ist von einem unwiderstehlichen Sachwalter geführt und mir sind die Augen geöffnet worden.«

»Und doch sind Ratten im Turme.«

»Landratten oder Wasserratten?« fragte schnell der Grüne, aus seinen Gefährten einen von den suchenden, eindringenden Blicken heftend, die seinem forschenden Auge so sehr zu Gebote standen.

»Von beiden Gattungen, wie mich dünkt,« war die trockene, stechende Antwort; »wenigstens von der ersten, oder das Gerücht müßte den Herren im langen Talar sehr unrecht tun.«

Der Anwalt lachte und schien ganz und gar nicht empfindlich über den Stich, der seinen gelehrten und hochachtbaren Kollegen versetzt worden war.

»Ihr Herren vom Ozean habt einen so verehrlichen und kurzweiligen Freimut an euch,« sagte er, »daß ich bei Gott versichere, ihr seid unwiderstehlich. Ich muß überhaupt eure Seesprache bewundern. Sie ist so edel und bisweilen so geschickt und gewählt in ihren Ausdrücken und Redensarten. ›Kann es wohl ein herrlicheres Schauspiel geben, als ein stattliches Schiff, die Wellen mit seinem Hackebord zerteilend und mit seinem Schafte jagend, wie ein Roß im Wettlauf‹.«

»Und den Hinterfuß einsetzend, daß es einen Streifen gibt, wie eine Feuerbacke, usw., usw., usw.«

Beide fanden eine solche Ergötzlichkeit an den Bildern und Gleichnissen der würdigen Witwe des tapfern Admirals, daß sie zugleich in ein unmäßiges, weitschallendes Gelächter ausbrachen, so daß der Turm, wie in den Zeiten seines besten Windes, erklang. Der Anwalt war der erste, der über sich Herr wurde, denn die Lustigkeit des jungen Seemanns war leichterer Art und mehr ausgelassen.

»Dies ist hier ein gefährlicher Grund,« sagte er, nachdem er sein Lachen ebenso plötzlich eingestellt, als er es sich erlaubt hatte, »ein gefährlicher Grund, eine Sandbank für alle, nur nicht für die Witwe eines Seemanns. Was für ein leckerer Bissen, was für ein heiteres, liebenswürdiges Geschöpf ist aber jene Jüngere, die keine Liebhaberin von Mühlen ist! Es scheint, sie ist die Nichte der alten seekundigen Dame.«

Jetzt hörte auch der junge Seemann zu lachen auf, weil es ihm unangenehm auffiel, wie unschicklich es sei, eine so nahe Verwandte der schönen Erscheinung, die er soeben gehabt hatte, zum Gegenstand des Spottes zu machen. Er mochte sich insgeheim denken, was er wollte, genug, er begnügte sich mit der kurzen Antwort:

»Sie hat es ja selbst gesagt.«

»Sagt mir, Freund,« fuhr jener fort, dem Seemann näherrückend, wie einer, der ein wichtiges Geheimnis in eine Frage einkleidet, »kommt es Euch nicht vor, als liege etwas Merkwürdiges, Inniges, Außerordentliches, Herzrührendes in der Stimme der Frau, die sie Wyllys nannten?«

»Habt Ihr es auch bemerkt?«

»Sie klang in meinen Ohren wie die Töne eines Orakelspruches, wie das Gelispel der Phantasie, wie die Worte der Wahrheit selbst. Es war eine seltsame, überredende Stimme.«

»Ich gestehe ebenfalls, daß sie einen tiefen Eindruck auf mich gemacht und mich angesprochen hat, ich kann nicht erklären, wie.«

»Es steckt eine Art von Zauber dahinter!« sagte der Rechtsgelehrte, im kleinen Raum auf und ab schreitend. Jede Spur von Humor und Ironie war von ihm gewichen, oder hatte sich in einem Blick tiefen und sorgsamen Nachsinnens verwandelt. Sein Gefährte schien wenig gestimmt, ihn und seine Betrachtungen zu stören. Er stand gegen die nackte Wand gelehnt und überließ sich ebenfalls seinen Gedanken. Endlich schüttelte der erste mit jener Raschheit, die in seinem Wesen lag, die ungewohnte Last ab, stellte sich an ein Fenster, zeigte Wildern das Schiff im äußern Hafen und fragte ihn kurz und abgebrochen:

»Hat bei Euch aller Anteil, den Ihr an jenem Schiff nahmt, aufgehört?«

»Gerade das Gegenteil: es ist just ein Fahrzeug, wie es ein Seemannsauge am liebsten betrachtet.«

»Wollt Ihr versuchen, es zu besteigen?«

»In dieser Stunde des Tages? Allein? Ich kenne weder den Kapitän noch die Mannschaft.«

»Es braucht ja nicht eben diese Stunde zu sein, und ein Schiffer ist bei seinen Kameraden immer willkommen.«

»Nicht doch; die Sklavenschiffe haben gewöhnlich nicht gern, daß man sie besucht; sie sind bewaffnet und wissen, wie man die Fremden zurückweist.«

»Gibt es nicht in der Maurerei Eures Gewerbes Losungsworte, woran ein Bruder den andern erkennt? Worte z. B. wie ›die Wellen mit dem Hackebord zerteilen‹ oder dergleichen Kunstphrasen, wie wir soeben gehört haben?«

Hier warf Wilder einen festen Blick auf den andern, als er sich so befragt sah, und schien seine Antwort lange abzuwägen.

»Wozu diese Fragen?« sagte er endlich kühl.

»Wie ich glaube, daß ein blödes Herz keine Schöne gewinnt, so glaube ich auch, daß ein unschlüssiges kein Schiff erobert. Ihr wünscht, sagt Ihr, eine Anstellung; und soviel ist gewiß, wäre ich Admiral, ich machte Euch zum Flaggenkapitän. Wenn wir anderen in den Assisen ein Dokument nachsuchen, so haben wir unsere Weise, den Wunsch zu erkennen zu geben. Vielleicht gehe ich aber mit einem Fremden, wie Ihr mir seid, aufs Geratewohl zu weit. Nur vergeht nicht, daß der Rat, wenn er auch von einem Rechtskundigen kommt, Euch unentgeltlich gegeben wird.«

»Und kann ich mich aus diesem Grunde um so mehr darauf verlassen, daß er gut sei?«

»Darüber müßt Ihr selbst urteilen«, sagte der Grünrock, setzte den Fuß auf die Leiter und stieg so weit hinab, bis der Kopf allein über der Öffnung zu sehen war. »Hier durchschneide ich buchstäblich die Wellen mit einem Hackebord!« setzte er hinzu, indem er rücklings weiter hinabstieg, und schien auf die Worte einen besondern Nachdruck zu legen.

»Adieu, Freund: sollten wir uns nicht wiedersehen, so vergeßt wenigstens die Ratten in der Ruine von Newport nicht!«

Mit diesen Worten verschwand er, und im zweiten Augenblick war seine leichte Gestalt auf dem Boden. Mit bewundernswürdiger Kälte drehte er sich um und gab der Leiter mit dem Fuße einen Stoß, daß sie abrutschte, umfiel, und dem Manne oben den einzigen Weg zur Rückkehr unmöglich machte. Hierauf zum bestürzten Wilder hinausblickend, nickte er ihm mit dem Kopfe vertraulich zu, wiederholte sein: »Adieu Freund!« und schlüpfte mir einem Satze aus dem Gewölbe ins Freie.

»Das ist seltsam, ja sogar unverschämt«, murmelte Wilder, der auf diese Weise in der Ruine gefangen blieb. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß ihm ein Sprung durch die Öffnung ein Bein und vielleicht beide kosten könnte, lief der junge Schiffer nach einem von den Fenstern, um seinen Gefährten mit Vorwürfen zu überhäufen und sich vor allem zu vergewissern, ob es ihm Scherz oder Ernst dabei sei. Aber der Anwalt war schon über alle Berge, und ehe sich Wilder noch besinnen konnte, was zu tun sei, hatte der Leichtfuß schon die Vorstadt erreicht und sich zwischen den Gebäuden verloren.

Während der Zeit, als alles dieses, vom ersten Besteigen des Turmes an, vorfiel, hatten sich Fid und der Neger fleißig an den Inhalt des Kobers gehalten. Nur als die Eßlust des ersten etwas befriedigt war, stellte sich seine didaktische Stimmung wieder ein, und gerade in dem Augenblick, wo Wilder in den Turm eingesperrt wurde, hielt Fid dem Neger eine Vorlesung über das Benehmen in gemischten Gesellschaften.

»Folglich siehst du, Guinea,« so schloß er sie, »daß, wenn es in Gesellschaft heißt: Rückwärts das Ruder! Tu niemals ganz abfallen und das hinterste voran, aus einem Disput steuern mußt, wie es dir zu tun beliebt hat. Wenn ich selbst kein Dummkopf bin, so ist es ausgemacht, daß Master Nightingale besser hinter einen Gasttisch in der Wirtsstube gehört als in eine Bö. Hättest du luv angemacht und in seine Windvierung geschossen, als du sahst, daß ich mich dwarsab mit meinen Gründen quer vor seine Klüsen legte, so siehst du wohl, daß wir ihm die Rede regelmäßig bekniffen und ihm vor allen Umstehenden Schande gemacht hätten … Was ist das? Wer praiet da? Wo wird ein Schwein abgestochen?«

»Herjemine! Misser Fid,« rief der Neger, »da steckt Misser Harry den Kopf aus einer Stückpforte, dort oben, des Weges da, in dem Leuchtturm, und gröhlt wie ein Matrose im Boote, das er auspropt!«

»Ei! Laß ihn praien, soviel er Lust hat, als wenn er beim Bramsegel oder beim Klüverbaum stände! Der Kerl hat eine Stimme wie ein Waldhorn, wenn er sie anstrengt. Aber was Teufel fällt ihm ein, sich an das vom Wind und Wetter gepeitschte Wrack zu machen. Auf jeden Fall laß ihn seine Künste allein treiben, wie’s ihm beliebt – warum geht er zum Sturm ohne die Trommel gerührt, ohne Posten ausgestellt und die Mannschaft gemustert zu haben!«

Da gleichwohl Dick und sein Kumpan sich gleich anfangs auf die Beine gemacht hatten, dem Rufenden zu Hilfe zu kommen, sobald sie seine Not inne geworden, so waren sie während des Redens soweit vorgerückt, daß sie sich ihm verständlich machen konnten. Wilder rief ihnen mit dem kurzen nachdrücklichen Tone eines kommandierenden Seeoffiziers zu, sie möchten die Leiter wieder aufstellen. Sie taten es, und als er sich befreit sah, fragte er sie mit sehr bedeutender Miene, ob sie die Richtung bemerkt hätten, die der Mann in Grün genommen habe?

»Meint Ihr den gestiefelten Kunden, der vorhin dort auf der Kaje sein Ruder in eines andern Rojeklampen schieben wollte?«

»Richtig, den meine ich!«

»Der hat den Wind quer durchschnitten, bis er luvwärts um die Scheune gekommen ist: dann hat er laviert Ostsüdost, dann ist er mit Leesegeln oben und unten in die hohe See gegangen und hat schon, wie ich glaube, eine tüchtige Strecke zurückgelegt.«

»Ihm nach!« schrie Wilder, sich auf den Weg hinstürzend, den Fid angegeben, ohne weiter aus die mit Seeredensarten ausstaffierten Weisungen der andern zu achten.

Ihm folgten beide: doch war die Jagd vergebens, obschon sie ihre Nachforschungen bis nach Sonnenuntergang fortsetzten. Niemand konnte ihnen die geringste Nachricht geben, was aus dem grünen Mann geworden war. Einige hatten ihn zwar gesehen und sich über sein sonderbares Kostüm und seinen kecken, um sich schauenden Blick gewundert: aber aus allem ergab sich’s, daß er ebenso geheimnisvoll aus der Stadt verschwunden, als er hineingekommen war.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Die guten Einwohner der Stadt Newport pflegten sich zeitig zur Ruhe zu begeben. Sie zeichneten sich durch eine Regelmäßigkeit und Ordnungsliebe aus, die noch heutigentags ein Charakterzug der Sitten und Gewohnheiten der Neu-Engländer ist. Um zehn Uhr waren alle Türen in der ganzen Stadt verschlossen: und es ist mehr als wahrscheinlich, daß eine Stunde später von allen den Augen, die den Tag über eigene Geschäfte, vielleicht auch wohl Geschäfte der Nachbarn wach erhalten hatten, kein einziges mehr offen war.

Der Wirt zum »Unklaren Anker«, so hieß die Schenke, wo es zwischen Nightingale und Fid beinahe zur Prügelei gekommen wäre, schloß seine Tür pünktlich um acht Uhr: hiermit wollte er nämlich im Schlafe alle die kleinen Sünden abbüßen, die er sich am Tage erlaubt haben mochte. Überhaupt war es in der Stadt zur allgemeinen Regel geworden, daß alle, die die meiste Mühe gehabt, ihren Namen und Ruf rein zu erhalten, sich frühzeitig von den Sorgen und Umtrieben der Welt zurückzogen. So war’s auch der Fall mit der Admiralswitwe. Sie hatte zu ihrer Zeit durch langes Aufbleiben und späte Beleuchtung ihres Hauses, wenn alles schlief oder schlafen sollte, kein kleines Ärgernis gegeben, – Überdies war in ihrem Leben und Umgang manches vorgefallen, wodurch sich die gute Frau der tadelnden Beurteilung ihrer weiblichen Bekanntschaft ausgesetzt hatte. So pflegte sie sich z. B., ungeachtet sie zur bischöflichen Kirche gehörte, am Samstagabend mit der Nadel zu beschäftigen, obschon sie keineswegs im Ruf stand, eine fleißige Arbeiterin zu sein. Sie tat es nur, um auf diese Weise zu erkennen zu geben, ihrem Glauben und ihrer Meinung nach sei der Sonntagabend der wahre orthodoxe Abend des Sabbats. In diesem Punkte war zwischen ihr und der Frau des Hauptpfarrers in der Stadt eine Art offener Fehde, doch ohne Kriegserklärung und Feindseligkeit. – Die Frau Pastorin begnügte sich nur, das Wiedervergeltungsrecht auszuüben. Sie brachte ihren Nähbeutel alle Sonntag abend zur Frau Admiralin, unterbrach bisweilen die Unterredung, um zur Arbeit zu greifen, nähte emsig und fleißig fünf bis sechs Minuten hintereinander, und knüpfte alsdann den Faden des Diskurses wieder an. Während der Pause und Sabbatschändung wußte sich Frau von Lacey gegen die Gefahr der Ansteckung nicht anders zu decken, als daß sie in einem vor sich liegenden Gebetbuche blätterte. Sie dachte vermutlich dabei an den Grundsatz der Kirche, daß man durch Weihwasser den Teufel in Respekt und in der gehörigen Entfernung halten könne.

Abends zehn Uhr also war Newport so still, als wenn es keine lebendige Seele beherbergt hätte. Ich sage mit Bedacht: Abends zehn Uhr, und nicht, als der Wächter rief: »Zehn ist die Glock!« Denn es gab damals keine Nachtwächter in Newport, aus dem ganz einfachen Grunde, weil es noch keine Schelme und Spitzbuben in der Provinz gab, die ihr Handwerk in der Nacht trieben. Als sich daher Wilder und seine zwei Gefährten um diese Zeit in den Straßen sehen ließen, fanden sie die Stadt menschenleer und ausgestorben. Kein Licht brannte; keine Seele rührte sich. Dies mochte unseren Abenteurern wohl bewußt sein, denn anstatt an die Tür eines Gasthofes zu klopfen und den schläfrigen Wirt herauszupochen, schlugen sie sich gleich auf die Wasserseite. Wilder führte den Trupp an, Fid folgte auf ihn, und Scipio, wie gewöhnlich still und untertänig, machte den Nachtrab.

Am Strande fanden sie mehrere kleine Fischerboote am Fuße einer nahen Kaje. Wilder gab den beiden seinen Auftrag, und schritt selbst weiter, eine bequeme Stelle zum Einsteigen suchend. Nach Verlauf kurzer Zeit kamen zwei Boote zugleich ans Land, das eine geführt vom Neger, das andere von Fid,

»Was ist das?« fragte Wilder. »Warum zwei? Ihr habt gewiß unrecht verstanden!«

»Nicht doch«, antwortete Fid, das Ruder flach liegen lassend und sich mit den Fingern in das Haar fahrend, wie einer, der mit dem, was er getan hat, zufrieden ist, »Hier ist ebensowenig Mißverständnis, als wenn jemand bei klarem Wetter und stillem Wasser in See sticht. Scipio ist im Boote, das Ihr gedungen habt; aber ich dachte gleich, als Ihr den Handel abschlosset, daß er nichts tauge, und so folgte ich meiner Regel und meinem Sprichwort: ›Besser bewahrt als beklagt!‹ Und weil ich denn Lunte gerochen und den Betrug entdeckt habe, so bring‘ ich Euch dies Boot. Wenn es nicht das beste, festeste von allen ist, so mögt Ihr sagen, ich verstehe nichts davon.«

»Kerl,« erwiderte Wilder aufgebracht, »du wirst mich dahin bringen, daß ich dich über kurz oder lang wegjage. Gleich rudre das Boot wieder dahin, wo du es genommen hast.«

»Mich wegjagen?« antwortete Fid frei und entschlossen, »das hieße, Meister Harry, mit einem Hieb Euer gut Wetter meilenweit abschneiden. Ihr und Scipio Afrika würdet nicht viel Kluges anfangen, wenn wir uns trennen sollten. Habt Ihr wohl je im Log nachgemessen, wie lange wir zusammengesegelt sind?«

»Freilich hab‘ ich’s; doch es gibt Fälle, wo man eine zwanzigjährige Freundschaft abbricht.«

»Mit Eurer Erlaubnis, Meister Harry, will ich verdammt sein, wenn ich so was glaube. Hier steht Guinea, er ist nichts besser als ein Neger, und folglich weit entfernt, ein geeigneter Gesellschafter für einen Weißen zu sein! Da ich aber gewohnt bin, seht Ihr, zweiundzwanzig Jahre in sein schwarzes Gesicht zu schauen, so hat seine Farbe Eingang bei mir gefunden, und gefällt mir nun wie eine andere. Überdies läßt sich zur See, in stockfinsterer Nacht, nicht leicht schwarz von weiß unterscheiden. Nein, nein, Master Harry, ich bin Eurer noch nicht überdrüssig, und eine Kleinigkeit wie diese soll uns nicht trennen.«

»Dann mußt du aber auch die Gewohnheit ablegen, mit dem Eigentum anderer wie mit dem deinen umzugehen.«

»Nichts, gar nichts leg‘ ich ab. Niemand kann austreten und sagen: Er hab‘ mich ein Deck verlassen sehen, solang noch eine Planke mit dem Balken zusammenhing, und ich sollte meine Rechte fahren lassen oder ablegen, wie Ihr’s nennt? Was hab‘ ich denn so groß verbrochen, daß das Schiffsvolk zusammengerufen wird, weil ein alter Seemann bestraft werden soll? Ihr habt einem ungehobelten Fischer, einem Kerl, der nie in tieferem Wasser gewesen, als wo seine Angel den Grund finden kann, Ihr habt ihm, sag‘ ich, einen blanken Spanier gegeben für den mageren Gebrauch seines Kahns auf eine Nacht, oder allenfalls auch auf einen Teil des Morgens. Nun was hat Richard Fid getan? Er hat zu sich selbst gesprochen: – denn Gott soll mich verdammen, wenn ich jemals im Schiff herumgezogen bin und geplappert, und mich bei der Mannschaft über einen Offizier beschwert habe. – Nein, zu sich selbst hat Dick gesprochen: ›Das ist zuviel Geld!‹ Und dann ist er hingegangen und hat für weniger Geld einen bessern Nachbarskahn gedungen. Geld kann man veressen und, was noch besser ist, vertrinken: folglich muß man es nicht, wie der Schiffskoch die kalte Asche, über Bord werfen. Ich bin ferner überzeugt, beim Lichte besehen, daß die Eigentümer dieser Jolle und jenes Kahns Vettern und Muhmen sind, und daß von der ganzen Familie das Geld in Tabak und stark Bier verzehrt wird, so daß es zuletzt auf eines rausläuft, und niemanden unrecht geschehen ist.«

Wilder gab dem andern ein Zeichen der Ungeduld und den schweigenden Befehl zu gehorchen, und ging am Strande auf und nieder, bis er zurück kam. Fid widerstand nie einem ausdrücklichen deutlichen Gebot; nur wenn es ein weniger bestimmtes war, nahm er sich Zeit, ihm nachzukommen. Diesmal ging’s also rasch vor sich; unverzüglich ruderte er das Boot zurück, doch erlaubte er sich dabei den kleinen Subordinationsfehler, unterwegs vor sich hin zu protestieren. Sobald alles wieder in Ordnung war, bestieg Wilder das Boot, die beiden anderen griffen zu den Rudern, und jener wies sie an, sich mit so wenig Geräusch als möglich zum Hafen hinauszuarbeiten. Fid steckte die Linke in den Busen, und führte mit der Rechten das Ruder mit Kraft, so daß die Jolle leicht und schnell dahinglitt. Er sagte dabei:

»Erinnert Ihr Euch noch der Nacht, wo ich Euch bis in Louisburg hineinruderte, um zu rekognoszieren? Damals wickelten wir uns ein wie Wickelkinder und hatten keine Zunge. Wenn es not tut, der Equipage einen Knebel ins Maul zu stecken, so hab‘ ich nichts dagegen; in anderen Fällen aber bin ich der Meinung, daß die Zunge zum Sprechen gemacht ist, wie die See zum Leben, und habe gern ein vernünftiges Gespräch und eine gesellschaftliche Unterhaltung … Sip! Junge! Wo willst du hin? Die Insel liegt ja rechts, und du ruderst gerade links auf die Kirche zu!«

»Legt die Ruder an,« unterbrach Wilder befehlend, »laßt das Boot vor dem Schiffe vorbeitreiben.«

Sie waren in diesem Augenblick dem Schiffe nahe, das unweit der Kaje vor Anker lag, und, wie der junge Seemann heimlich im Turme erfahren hatte, am folgenden Morgen mit Frau Wyllys und der bezaubernden Gertraud nach Karolina absegeln sollte. Während das Boot vorüberschwamm, betrachtete Wilder mit Seemannsaugen das Schiff beim schwachen Sternenlicht. Kein Teil des Rumpfs, die Spieren, die Takelage, nichts entging seiner Untersuchung; und als sie sich entfernten und alles ineinanderfloß und wie eine dunkle Masse hinter ihnen lag, da lehnte sich der junge Mann mit dem Kopfe auf den Bootsrand und fiel in ein langes und tiefes Nachdenken. Fid fand sich nicht berufen, ihn in seinen Betrachtungen zu stören. Er hielt sie für eine natürliche Folge der Ansicht des Schiffs, für eine Sitte des Seemanns, kein Segel unbeachtet vorüber zu lassen, und somit für eine Art heiliger Beschäftigung. – Scipio schwieg ebenfalls, weil er überhaupt gern schwieg. So vergingen mehrere Minuten. Wilder war der erste, der die Stille brach und, sich plötzlich fassend und besinnend, die paar Worte hervorstieß:

»Ein großes, festes Schiff; ein Schiff, das eine lange Jagd machen könnte!«

»Ja, und imstande wäre, beim Vorteil des Windes, und mit vollen Segeln, einem königlichen Kreuzer bis zum Entern nahe zu kommen; aber eingeklemmt wie es ist, wär‘ ich der Mann, mich mit der naseweisen Hebe an seine Windseite zu …«

»Burschen!« unterbrach Wilder, »es ist Zeit, daß ich euch zum Teil von meinen Bewegungen unterrichte. Wir sind seit zwanzig Jahren und drüber, Schiffsgenossen – ich möchte sagen Schiffskameraden gewesen. Ich war nicht viel besser als ein Kind, als du, Fid, mich zum Patron deines Schiffes brachtest, und nicht nur der Retter meines Lebens, sondern auch das Werkzeug warst, das mich in der Folge vielleicht zum Offizier erheben wird!«

»Sprecht doch nicht davon, Master Harry; Ihr wart ja bald geborgen und machtet nicht viel Umstände. Eine kleine Hängematte war Euch ebensoviel wert als des Kapitäns Kajüte.«

»Nein, Fid, ich bin dir viel schuldig für diesen ersten Dienst, und nicht weniger für deine Anhänglichkeit in der Folge.«

»Darin habt Ihr recht, Master Harry; in diesem Punkt bin ich nie von der Bahn gewichen und habe besonders nie meinen Enterhaken fahren lassen, so oft Ihr auch geschworen, mich wegzujagen. Was den Schuft hier, den Guinea, betrifft, der macht immer schön Wetter mit Euch, und hängt den Mantel nach dem Winde, wogegen zwischen uns beiden bald ein kleiner Sturm aufstößt, wie z. B. der Handel mit dem Boote …

»Nichts mehr davon«, unterbrach ihn Wilder, dessen Gefühle durch die Rückerinnerung an soviel Ereignisse seines Lebens, an soviel bittere Auftritte aufgeregt waren. »Du weißt, daß nur der Tod uns trennen kann, du müßtest mich denn jetzt verlassen wollen. Ihr müßt nämlich beide wissen, daß ich in einem verzweifelten Handel begriffen bin, daß ich einen Plan verfolge, der mich leicht, und alle, die mich begleiten, in Tod und Verderben stürzen kann. Es schmerzt mich, liebe Freunde, wenn ich von euch scheiden müßte, vielleicht auf immer, aber ich kann nicht umhin, euch die ganze Gefahr meiner Lage zu entdecken.«

»Ist dabei viel Wegs zu Lande?« fragte Fid herausplatzend.

»Nein, das ganze Geschäft, soweit es sich erstreckt, macht sich zu Wasser ab.«

»Nu, so schlagt Eure Schiffsbücher auf und macht mein Zeichen, nämlich ein paar Anker kreuzweise, denn das hat immer soviel bedeutet, als wenn ganz ausgeschrieben dastände: Richard Fid.«

»Vielleicht aber, wenn Ihr erst erfahret …«

»Ich brauche von der Sache nichts zu wissen und zu erfahren, Master Harry. Bin ich nicht oft mit Euch bei versiegelter Order gesegelt? Sollte ich meine Pflicht vergessen und meinen alten Leichnam Euch nicht noch mal anvertrauen? Und was sagst du dazu, Guinea. Willst du mit? Oder sollen wir dich dort auf jene flache Landspitze absetzen, und dich mit den Stechmücken Bekanntschaft machen lassen?«

»Ich will sie mir hier schon abwehren«, murmelte der Neger, der gern mitging.

»Seht doch, Master Harry, Guinea ist wie die Barkasse eines Küstenfahrers, immer bereit, sich in Euer Kielwasser bugsieren zu lassen. Ich hingegen lege mich oft quer vor Eure Klüsen, oder schieße auf die eine oder die andere Weise Eurem Schiff in die Windvierung. Soviel aber ist ausgemacht, wir gehen mit Euch auf den Kreuzzug aus, und sind mit allen Umständen vollkommen zufrieden. Sagt uns nur noch, was wir zu tun haben, und dann kein Wort weiter parlamentiert!«

»Denkt an die Weisung, die Ihr von mir erhalten habt,« erwiderte Wilder, weil er wohl sah, daß die Ergebenheit seiner Begleiter keines Sporns bedurfte, und ihm eine lange Erfahrung ihre Treue und Anhänglichkeit verbürgte, und daß er nur über kleine Fehler und Verstöße, Folgen ihres Standes und ihrer Erziehung, wegzusehen habe; »denkt an meine Erklärung, und nun geradezu auf das Schiff im Außenhafen.«

Fid und der Schwarze gehorchten, und bald strich das Boot neben der kleinen Insel vorbei, in die sogenannte große See. Sowie sie dem Schiffe näher kamen, gingen die Ruder erst leiser, dann hörten sie zugleich ganz auf. Wilder zog es vor, die Jolle dem Strome zu überlassen, damit er das Schiff gemächlich untersuchen könnte, bevor er an Bord ginge.

»Hat das Schiff nicht die Finkenetten, wie zum Gefecht, um die Takelage gelegt?« fragte er mit einer Stimme, deren leiser Ton unbemerkt bleiben sollte, und dennoch den Anteil verriet, den er an der Antwort nahm.

»Sehe ich recht, so ist es so«, entgegnete Fid, »Die Sklavenhändler haben kein gut Gewissen, und sind nie ohne Furcht, außer wenn sie an der Küste von Kongo Jagd auf einen jungen Neger machen. Und doch ist hier in dieser Nacht so wenig Gefahr, daß sich ein französisch Segel sehen lasse, bei diesem Landwinde und klaren Himmel, als ich zu befürchten habe, Lord Großadmiral von England zu werden; wenigstens nicht sobald, weil meine Verdienste, leider! Sr. Majestät dem Könige zurzeit noch unbekannt sind.«

»In der Tat,« fuhr Wilder fort, der den Ausschmückungen, womit Fid seine Reden pikant zu machen suchte, keinen Geschmack abgewann, »die Leute sind in Bereitschaft, jeden, der zu entern versuchte, heiß zu empfangen. Es würde kein leichtes Stück Arbeit sein, ein so gut ausgerüstetes Schiff anzugreifen und wegzunehmen, wenn sich der Kapitän auf seine Leute verlassen kann.«

»Ich wollte wohl wetten, daß ein gut Vierteil der Wache in diesem Augenblicke zwischen den Kanonen schläft, mitten in dem weiten Ausguck von Krahnbalken und Hackebord. Ich stand mal in der Hebe, bei der Fockrahe, an der Wetterseite, als ich von Südwest ein Schiff mit raumem Wind auf uns zukommen sah …«

»Still! Man rührt sich auf dem Verdeck!«

»Ja, gewiß und wahrhaftig. Der Koch spaltet ein Brett, der Kapitän ruft nach seinem Nachttrunk.«

Fids Stimme verlor sich in einen Anruf vom Schiffe, der wie das Brüllen eines Seeungeheuers klang, das unvermutet den Kopf aus dem Wasser hervorstreckt. Die geübten Ohren unserer Seefahrer begriffen im ersten Augenblick, was es war, nämlich die Art und Weise, wie man ein Boot anholt. Ohne an die Möglichkeit zu denken, daß noch ein anderes in der Nähe sein könne, bildete er sich ein, es gelte seinem, stand auf und gab Antwort.

»Was ist das?« rief jene Ungeheuerstimme. »Das ist keiner von denen, die hier am Bord Brot essen. Wo steckt ihr, die ihr mir zuruft?« fuhr er fort zu fragen.

»Hier unter Euerm Backbordbug, im Schatten des Fahrzeugs.«

»Und was habt Ihr hier zu suchen im Bereich meiner Klüsen?«

»Ich durchschneide die Wellen mit meinem Hackebord«, erwiderte Wilder nach einer Pause.

»Wer ist der Narr, der auf das Schiff hier lostreibt?« murmelte der Fragende. »Hervor mit dem Tölpel! Laßt sehen, ob der Kerl imstande ist, eine vernünftige Antwort zu geben.«

»Halt!« rief eine Stimme in ruhigem aber befehlendem Tone vom äußersten Ende des Schiffes. »Alles ist, wie es sein soll.«

Der Mann im Bug hieß sie näherkommen, und die Unterredung hatte ein Ende. Erst jetzt fand Wilder Zeit, zu bemerken, daß das Anholen ein anderes Boot betraf, das weiter zurück war, und daß er zu frühzeitig Antwort gegeben hatte. Da es aber zu spät war, sich zurückzuziehen, und vielleicht auch, da er fand, daß es in seinen ersten Plan paßte, so hieß er seine Gefährten heranrudern.

»Die Wellen mit dem Hackebord durchschneiden, ist zwar nicht die schicklichste Antwort auf ein Anholen«, murmelte Fid vor sich hin, als er das Ruder fallen ließ. »Allein es liegt doch auch keine Beleidigung darin. Wollen sie uns dort, Master Harry, durchaus was am Zeuge flicken, so laßt es aus dem Walde rausschallen, wie es reinschallte, und rechnet auf uns. Euch den Rücken zu decken.«

Die mannhafte Versicherung blieb von Wilder unbeantwortet, denn inzwischen war das Boot nur noch einige Fuß vom Fahrzeuge entfernt. Wilder bestieg nun das Schiff unter einer tiefen, und wie er selbst fühlte, nichts Gutes versprechenden Stille. Die Nacht war dunkel, obschon von den hier und dort sichtbaren Sternen so viel Licht herabschien, daß das Auge eines geübten Seemannes die Gegenstände unterscheiden konnte. Sobald unser junger Abenteurer das Deck erreicht hatte, warf er einen schnell forschenden Blick um sich, als sollten die Zweifel und Eindrücke, womit er sich lange getragen hatte, mit einem Male durch dieses ernste Umsichschauen aufgelöst und erklärt werden.

Auf einen, der solch Schauspiel nie gesehen, würde die Ordnung und Symmetrie des Schiffs, die hohen, wolkenansteigenden Spieren, die schwarze Masse des Rumpfs, die in der Luft hängende Takelage, das dunkel sich durchkreuzende Tauwerk, das ganze anscheinend verwirrte, verwickelte, und doch so kunstreich eingerichtete und berechnete Labyrinth, einen unbeschreiblichen Eindruck gemacht haben. Für Wilder waren die ihm bekannten Gegenstände kaum anziehend. Den ersten, schnellen Blick hob er zwar nach Seemanns Sitte aufwärts, dann aber durchlief er kurz und als Kenner die oben erwähnten Teile. Mit Ausnahme eines einzigen, der, in einen großen Wachtmantel bis an die Augen vermummt, ein Offizier schien, war keine Menschenseele auf den Verdecken sichtbar. Von jeder Seite zeigte sich eine finster drohende Batterie, in der schönen, imposanten Ordnung aufgestellt, wodurch sich die Marineartillerie und Architektur auszeichnet. Nirgends aber konnte er eine Spur von Menschengruppen entdecken, die gewöhnlich das Deck eines bewaffneten Schiffs einnehmen, oder nur die Mannschaft, die zur Bedienung des Geschützes erforderlich ist. Es mochte sein, daß die Leute in ihren Hängematten lagen, wie es zur Nachtzeit zu sein pflegt; aber wo blieb dann der Teil der Equipage, der die Wache hatte, und für die Sicherheit sorgen sollte? Einem einzigen Individuum gegenüber, fing unser Waghals an, das Befremdende und Unrichtige jener Lage inne zu werden, und sah sich gedrungen, eine Erklärung einzuleiten.

»Ihr wundert Euch mit Recht, Sir, daß ich eine so späte Stunde zu meinem Besuche gewählt habe.«

»Ihr wurdet freilich früher erwartet!« war die lakonische Antwort.

»Erwartet?«

»Ja, erwartet. Hab‘ ich nicht gesehen, wie Ihr und Eure beiden Gefährten im Boote uns den halben Tag über von der Kaje aus, und selbst vom alten Turm auf dem Hügel beobachtet habt? Was konnte all diese Neugierde bedeuten, als die Absicht, an Bord zu kommen?«

»Seltsam! Ich muß es gestehen!« rief Wilder nicht ohne Unruhe aus. »Also war Euch meine Absicht bekannt?«

»Hört, Freund,« unterbrach ihn der andere, sich ein kurzes, leises Lächeln erlaubend, »nach Eurem Äußern und Aussehen zu urteilen, muß ich Euch für einen Seemann halten. Glaubt Ihr denn, daß wir keine Ferngläser an Bord haben, und daß wir sie nicht zu gebrauchen wissen?«

»Ihr müßt wichtige Gründe haben, auf die Bewegungen der Fremden am Strande so genau acht zu geben.«

»Hm! Vielleicht warten wir auf Ladung vom Lande. Aber Ihr seid wohl nicht in stockfinsterer Nacht hergekommen, Euch unsere Deklaration zeigen zu lassen? Doch, Ihr wolltet ja den Kapitän sprechen?«

»Seh‘ ich ihn nicht hier?«

»Wo?« fragte der andere mit einer Bestürzung, die bewies, daß er ihn hinter sich stehend vermutete.

»In Eurer Person.«

»Ich? So hoch steh‘ ich nicht, obschon es mit der Zeit dahin kommen mag. Hört aber, Freund, Ihr seid doch auf dem Wege hierher am Spiegel jenes Schiffes vorbeigerudert?«

»Ja; es liegt, wie Ihr seht, gerade auf meinem Wege.«

»Ein schönes, künstlich gebautes, gesundes Schiff; eines der besten, die ich sah. Bereit zur Abfahrt, wie man mir gesagt.«

»So scheint es; die Segel sind angeschlagen; es flotet wie ein Gefäß, das seine volle Ladung hat.«

»Und diese Ladung?« fragte jener abgebrochen.

»Nun, ich soll denken, die Artikel stehen auf der Deklaration. Aber Ihr scheint noch leicht; und wenn Ihr hier ladet, so mögen wohl noch ein paar Tage verstreichen, ehe Ihr abfahrt.«

»Hm! Ich sollte meinen, kaum ein paar Stunden später als der Nachbar.« Diese Worte stieß der andere etwas trocken aus, schien sich aber zu besinnen, als habe er zuviel gesagt, und setzte hinzu: »Wir Sklavenschiffer laden, wie Ihr wißt, nicht viel mehr, als die Schellen für unsere Neger, und so viel Reis, als wir brauchen. Den Ballast machen Kanonen aus, und die Munition.«

»Bringt es denn der Gebrauch mit sich, daß Handelsschiffe schweres Geschütz führen?«

»Bisweilen ja, bisweilen nein. Die Wahrheit zu sagen, ist hier an der Küste wenig gesetzliche Ordnung, und der starke Arm kommt oft so weit, und noch weiter, als der rechtliche. Daher kommt’s, daß es unsere Patrone nicht für überflüssig halten, sich mit Geschütz und Kriegsvorrat zu versorgen.«

»Dann müßten sie sich aber auch mit Leuten versehen, die damit umzugehen wissen.«

»Freilich haben Sie das in ihrer Weisheit oder Unweisheit vergessen.«

Die letzten Worte wurden von derselben rauhen Stimme halb erstickt, die Wilders Boot angeholt hatte, und jetzt wieder Töne in die See hineinbrüllte, die so viel bedeuten sollten, als: »Boot, halt!«

Die Antwort erfolgte schnell, kurz und seemännisch; aber leise und mit Vorsicht gegeben. Der Mann, mit dem Wilder die zweideutige Unterredung gewagt hatte, schien über die plötzlich eingetretene Störung verlegen, und ungewiß, wie er sich bei dem neuen Auftritte zu benehmen habe. Schon wollte er dem Fremden anbieten, ihn in die Kajüte zu führen, als das Plätschern der Ruder die Nähe des Bootes meldete, und es zu spät war. Er bat ihn also, einen Augenblick zu verweilen, und sprang nach der Laufplanke hin, den Leuten im Boote entgegen.

So sah sich der verlassene Wilder ganz allein im Besitz des Schiffsteiles, worauf er stand. Dies erleichterte ihm zugleich eine zweite Musterung der ihn umgebenden Gegenstände, und eine erste der neuen Ankömmlinge.

Fünf bis sechs Matrosen von athletischer Gestalt stiegen von dem Boot aufs Schiff, das tiefste Schweigen beobachtend. Eine kurze, leise Zwischensprache erfolgte mit dem Offizier, der ihren Bericht anzuhören und ihnen einen Befehl zu erteilen schien. Nachdem dieses vorläufige Geschäft beendigt war, wurde ein Seil vom Klappläufer der großen Rahe gerade auf das Boot herabgelassen, und gleich nachher sah Wilder zwischen Wasser und Spieren eine Last schweben, erst hoch, dann wieder nachgelassen, bis sie, mit vieler Sorgfalt geleitet, das Verdeck erreicht hatte.

Während dieser ganzen Verrichtung, die an und für sich nichts Seltenes und Außerordentliches ist, und täglich bei Auf- und Abladen der Schiffe am Hafen vorkommt, hatte Wilder seine Augen dergestalt angestrengt, als wollten sie aus ihren Höhlen hervordringen. Die dunkle Masse, die aus dem Boote geluftet wurde, hatte ihm, als ihr die Sterne zum Hintergrunde dienten, etwas von den Verhältnissen einer Menschengestalt gezeigt. Die Matrosen drängten sich bald um den Klumpen oder Körper oder was es sonst war, hoben die Last auf, trugen sie fort, und verschwanden mit ihr hinter die Masten, Boote und Kanonen am Vorderteil.

Das Ereignis war vollkommen geeignet, die ganze Aufmerksamkeit Wilders zu fesseln. Doch war sein Auge nicht so ganz auf die Leute gerichtet, die ihre Bürde nach der Laufplanke trugen, daß es nicht zugleich ein Dutzend schwarzer Gegenstände entdeckt haben sollte, die hinter den Spieren und andern dunkeln Massen des Schiffs sichtbar wurden. Es konnten in der Luft schwebende Blöcke sein, gleichwohl hatten sie eine wunderbare Ähnlichkeit mit Menschenköpfen. Die gleichförmige Weise, auf die sie abwechselnd sichtbar wurden und wieder verschwanden, schien ihn in der letztern Meinung zu bestärken, so daß er bald gar nicht daran zweifelte, die Neugier, ihn zu sehen, bringe dieses Auf- und Niederducken der Köpfe aus ihren Verstecken hervor. Doch hatte er nicht Muße, sich die Sache genauer zu überlegen, denn jetzt kam der Offizier zurück, der, allem Anschein nach, mit ihm ganz allein auf dem Deck war.

»Ihr wißt, wie schwer es hält, die Mannschaft vom Lande wieder ins Schiff zu bringen, wenn die Abfahrt nahe ist.«

»Wie es scheint,« erwiderte Wilder, »macht Ihr kurzen Prozeß, und habt Eure unvergleichlichen Mittel, das Volk zusammenzuholen.«

»O, Ihr meint den Kerl, den wir heraufgewunden? Guter Freund, Ihr müßt gute Augen haben, daß Ihr in einer solchen Weite ein Jackknief von einem Spitzeisen unterscheiden könnt. Aber der Bursch war meuterisch – zwar nicht eigentlich ein Meuterer, aber betrunken; ein Meuterer, wie man es sein kann, wenn man weder sitzen, noch stehen, noch sprechen kann.«

Mit seinem eigenen Humor ebenso zufrieden, als mit dieser einfachen Erklärung, lachte jener, und schüttelte sich auf eine Art, die zu erkennen gab, wie sehr er sich in diesem Humor gefiel.

»Aber Ihr steht ja hier eine Ewigkeit auf dem Deck, und der Kapitän wartet auf Euch in der Kajüte; kommt, ich will Euch hineinlotsen.«

»Halt,« sagte Wilder, »wollt Ihr mich nicht vorher melden.«

»Er weiß schon, daß Ihr da seid; es gibt hier auf dem Schiffe wenige Stellen, wohin sein Ohr nicht reichen sollte.«

Wilder machte keinen Einwurf und zeigte sich bereit, zu folgen. Jener führte ihn nun zu dem Verschlag, der die Hauptkajüte von dem Hinterdeck trennt, zeigte dann auf eine Tür und flüsterte mehr als er sprach: »Pocht zweimal, und gibt er Antwort, so tretet ein.«

Wilder tat, wie ihm geheißen. Das erste Anpochen wurde entweder überhört und blieb unbeachtet. Das zweitemal rief man: Herein! Der junge Seemann machte die Tür auf und stand nun, im Scheine einer gewaltigen Lampe – dem Fremden im grünen Rock gegenüber.

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Das Zimmer, in dem sich unser Abenteurer befand, gab keinen schlechten Begriff vom Charakter seines Bewohners. Es war an Raum und Form den gewöhnlichen Kajüten ähnlich, aber an Gerät und Einrichtung ein sonderbares Gemisch von Pracht- und Waffenliebe. Die Lampe, die an der Decke schwebte, war von massivem Silber, und obschon zu ihrer jetzigen Bestimmung künstlich eingerichtet, verriet sie durch Bau und Zieraten, daß sie zu einem heiligen Gebrauch – auf einem Altar – gedient hatte. Massive Kandelaber vom selben Metall, und deren Form ebenfalls einen früheren kirchlichen Dienst andeuteten, standen auf einem ehrwürdigen Tische von Mahagoni, glänzend von der Politur eines halben Jahrhunderts, getragen von vergoldeten Klauen und kannelierten Säulen, und dessen ursprüngliche Stelle sicher keine Schiffskajüte gewesen war. Längs dem Heckbalken stand das Bette mit einer Sammetdecke. Den Schotten gegenüber ein mit blauer Seide überzogener Diwan, dessen Gestalt, Material und Kissenwülste zu erkennen gaben, daß Asien zur Bequemlichkeit des jetzigen Besitzers hatte beitragen müssen. Das Ameublement vollständig zu machen, sah man Kupferstiche, geschliffene Gläser, Rahmen, Spiegel, Silberzeug, und sogar Tapeten und Gardinen. Jedes Stück schien aus einer andern Gegend zusammengebracht; keines glich an Fasson und Material dem Nachbar. Überhaupt war es einleuchtend, daß in der Wahl und Zusammenstellung mehr auf Pracht und Eleganz gesehen worden als auf Geschmack, und daß hier alles nur die Bestimmung hatte, der Laune oder der Bequemlichkeit des Besitzers zu dienen.

Mitten unter diesem Gemengsel von Reichtum und Luxus sah man eine zweite Gattung von Möbeln – drohendes, furchtbares Kriegsgerät. In der Kajüte standen vier schwarze Kanonen, deren Anzahl und Kaliber zuerst Wilders Augen auf sich zogen. Obschon von den vielen Prachtstücken halb versteckt, die wir soeben gemustert, bedurfte es nur eines Seemannsblicks, um herauszubringen, daß sie zum wirklichen und ernstlichen Gebrauch da waren, und daß fünf Minuten erforderlich wären, das Zimmer von allem Flitterstaat zu säubern, und es in eine heiße Batterie umzuschaffen. Pistolen, Säbel, Halbpiken, Streitäxte und das ganze Zeughaus kleiner Seewaffen war in der Kajüte auf eine Art aufgestellt und aufgehängt, die ihr zum Kriegsschmuck und im Notfall bei einem Angriff zur Wehr diente.

Rund um den Mast bildeten ebenfalls Musketen einen Kreis, und starke, hölzerne Riegel, offenbar dazu bestimmt, in Träger zu passen, und die Tür von beiden Seiten zu verrammeln, gaben den Beweis ab, daß die Schotten leicht in ein Bollwerk verwandelt werden konnten. Alles deutete darauf hin, daß man die Kajüte zur Zitadelle des Schiffs hatte machen wollen. Was diese Absicht vollends verriet, war eine Lukenklappe, die mit den Zimmern der Subalternoffiziere zusammenhing und zu den Vorräten führte. All diese Einrichtungen wichen von dem ab, was Wilder bisher in andern Schiffen gesehen hatte, und fielen ihm auf, obschon er nicht Muße genug hatte, reiflich darüber nachzudenken.

Der Fremde, der noch immer in Grün gekleidet war, zeigte, als er aufstand, seinen Gast zu bewillkommnen, auf seinem Gesichte eine geheime Selbstzufriedenheit, mit einem kleinen Zusatz von ironischer Freude.

Beide standen einen Augenblick einander gegenüber, ohne zu sprechen, bis es endlich dem vermeinten Anwalt gefiel, das lästige Schweigen zuerst zu brechen. Er fragte:

»Welchem glücklichen Umstande hab‘ ich die Ehre dieses Besuchs zu danken?«

Wilder antwortete mit eben der Festigkeit und Ruhe, die jener in seine Frage gelegt: »Ich glaube, sagen zu können, der Einladung des Schiffskapitäns.«

»Hat er Euch sein Patent gezeigt, als er sich diesen Titel gab? Es darf sich ja wohl kein königlicher Kreuzer zur See ohne Patent sehen lassen.«

»Was sagen die Herren von der Universität über diesen Punkt?«

»Nun, ich sehe, daß ich auf alle Fälle besser tue, meinen Advokatentalar abzuwerfen, und zum Marlpfriem zu greifen«, erwiderte der Grüne lächelnd. »Es liegt so was in unserm Handwerk – Gewerbe hört Ihr es lieber nennen – also in unserm Gewerbe, was uns einen dem andern verrät. Nun ja, Herr Wilder,« fuhr er fort, sich setzend, und dem andern mit Würde und Höflichkeit winkend, Platz zu nehmen, »ich bin wie Ihr, ein Seemann, und habe das Glück hinzusetzen zu können, der Kommandeur dieses braven Fahrzeugs.«

»So müßt Ihr auch zugeben, daß ich mich nicht ohne hinreichende Bürgschaft hier einfinde.«

»Ich gebe es zu. So wie Euch mein Schiff vorteilhaft ins Auge gefallen ist, so Ihr mir. Euer Wesen, Eure ganze Person hat mir gefallen, und ich wünschte, wir wären früher bekannt geworden. Sucht Ihr Anstellung?«

»In diesen aufgeregten, unfreundlichen Zeiten wär’s Schande, müßig zu gehen.«

»Ihr habt recht. Wir leben in einer wunderlichen, verkehrten Welt, Master Wilder. Jener denkt sich auf einer Grundlage in Gefahr, die so fest und unerschütterlich ist, wie die Terra firma; während andere zufrieden sind, wenn sie ihr Heil zur See versuchen können. So gibt es wieder manche, die sich einbilden, der Mensch müsse nichts tun als beten, und andere, die mit ihrem Atem wirtschaftlich umgehen, und sich nehmen, was ihnen ansteht, weil sie weder Lust noch Zeit haben, darum zu bitten. Nicht wahr, Ihr habt mit Euch selbst über die Art und Weise unsers Verkehrs nachgedacht, ehe Ihr hergekommen seid, eine Anstellung zu suchen?«

»Es wird allgemein in Newport von den Einwohnern gesagt, daß Ihr ein Sklavenschiff seid.«

»O, sie irren sich nie, Eure Kleinstädter und Dorfklatschen! Hat es jemals Hexen und Hexerei in der Welt gegeben, so war der erste Hexenmeister im Orte der Schenkwirt, der zweite der Doktor, der dritte der Priester. Um die vierte Stelle mögen sich Schneider und Bartscherer prügeln … Roderich!«

Der Kapitän unterbrach sich selbst ohne Umstände durch diesen Ausruf. Zugleich schlug er an einen Gong, der nebst andern Seltsamkeiten an einem Deckbalken des obern Verdecks aufgehängt war, so daß er ihn mit der Hand erreichen konnte.

»Roderich!« rief er, »schläfst du?«

Ein lebhafter, leichtfüßiger Bursche sprang aus einer der beiden Nebenkojen und meldete sich.

»Ist das Boot zurück?«

»Ja.«

»Ist alles gut gegangen?«

»Der General ist in seiner Kajüte, Sir, und kann Euch besser Antwort geben als ich.«

»So laß den General kommen und berichten, wie sein Feldzug abgelaufen.«

Wilder war viel zu sehr mit sich beschäftigt, um das plötzliche Nachsinnen zu stören, in das sein Gesellschafter gefallen war, der mehr zu schlafen als zu wachen schien. Der Junge glitt durch die Falltüre der Luke wie eine Schlange in ihr Loch, oder vielmehr wie ein Fuchs in seinen Bau. Jetzt herrschte eine Totenstille in der Kajüte. Der Schiffskapitän lehnte den Kopf auf die Hand und schien sich der Gegenwart eines zweiten ganz unbewußt. Das Schweigen würde leicht noch viel länger gedauert haben, wäre es nicht durch die Erscheinung eines dritten unterbrochen worden. Plötzlich aber hob sich durch die Luke eine lange, lange, gerade, steife Figur empor, zu vergleichen mit den Geistern auf der Bühne, die aus einer Falltür hervorkommen. Die Gestalt war erst halb sichtbar, als sie im Steigen innehielt und sich schulgerecht und rapportierend gegen den Kapitän kehrte.

»Ich erwarte Oder«, ließ sich eine murmelnde Stimme aus kaum bewegten Lippen vernehmen.

Wilder stutzte über das unerwartete Wesen, dem es in der Tat an nichts fehlte, was dieses Erstaunen hervorbringen und rechtfertigen konnte. – Das Gesicht war das eines Mannes in den Fünfzigern und von der Zeit mehr abgehärtet als abgenützt. Die Farbe war ein überall gleichmäßig verteiltes Rot, mit Ausnahme einer ausdrucksvollen, markierten Schmarre auf jeder Backe, den Krümmungen der Rebe nicht unähnlich, und die hier als Kommentar zu dem bekannten Sprichworte dienen konnte: »Guter Wein bedarf keines Aushängeschilds.« Der Scheitel war kahl; über dem Ohren hing ein Büschel grau werdenden Haars, stark pomadiert und in steife, militärische Locken ausgehend. Den langen, dünnen Hals umgab eine schwarzseidene Krause; Arme, Schultern und Brust verrieten einen starken Körperbau. Das Ganze steckte in einem Überrock, der, obschon er das Ansehen haben wollte, nach der Mode zu sein, nicht übel einem Domino glich. Kaum hatte sich die Stimme vernehmen lassen, als der Kapitän auffuhr, den Kopf in die Höhe hob und rief:

»Ha! General, seid Ihr auf Euerm Posten? Habt Ihr Land gefunden?«

»Ja.«

»Und die Stelle? Und den Mann?«

»Beide.«

»Und was habt Ihr weiter getan?«

»Order pariert.«

»So ist’s recht. Ihr seid ein Juwel, General, in der Ausführung; als solches trage ich Euch in meinem Herzen. Jammerte der Kerl?«

»Er war geknebelt.«

»Eine gute, heilsame Methode, die Klagen verstummen zu lassen. Alles ist, wie es sein sollte, General – wie immer. Ihr habt meinen Beifall verdient.«

»Aber auch meinen Lohn.«

»Worin besteht dieser? Steht Ihr nicht so hoch, als ich Euch stellen kann? Der nächste Schritt müßte die Ritterwürde sein.«

»Pshaw! Was kann mir das! Aber meine Leute! Sie sehen aus wie Landmiliz; sie haben keine Röcke.«

»Sie sollen sie haben. Die Garden Sr. Majestät sollen nicht halb so schmuck aussehen. General, ich wünsche Euch eine gute Nacht.«

Jetzt stieg die Gestalt mit eben der gespenstischen steifen Bewegung wieder hinunter, wie sie heraufgekommen war, und ließ Wilder mit dem Kapitän in der Kajüte allein. Der letzte schien einen Augenblick betroffen, daß die närrische Unterredung in Gegenwart eines dritten vorgefallen, der nicht viel besser als ein Fremder war, und fand es daher für gut, ihm eine Art von Erklärung zum besten zu geben.

»Mein Freund«, sagte er mit zwar hohem, doch dabei erläuterndem Tone, »hat das Kommando über das, was man bei einem mehr in der Regel stehenden Kreuzer die ›Garde-Marine‹ nennen würde. Er ist stufenweise, vom Range eines Subalternen zu dem hohen Posten gestiegen, den er jetzt einnimmt. Ihr werdet bemerkt haben, daß er nach dem Lager riecht.«

»Mehr als nach dem Schiff. Ist es aber Gebrauch bei den Sklavenhändlern, so militärisch bemannt zu sein? Ich finde Euch mit allen Waffen vollständig ausgerüstet.«

»Ihr möchtet gern mehr von uns wissen, ehe wir unsern Handel schließen, nicht wahr?« antwortete der Kapitän mit einem Lächeln. Zugleich öffnete er ein Kästchen, das auf dem Tische stand, und zog ein Pergamentblatt heraus, das er Wildern kaltblütig einhändigte. Dann fuhr er fort, seine Rede mit einem der scharfen Blicke begleitend; die ihm eigen waren: »Ihr werdet hieraus ersehen, daß wir Kaperbriefe haben und bevollmächtigt sind, für den König zu streiten, auch wenn wir mitunter unsere eigenen friedlichen Geschäfte betreiben.«

»Dies ist ja die Vollmacht für eine Brigg!«

»Ah, wirklich? – Dann gab ich Euch das unrechte Papier. Leset dieses hier; Ihr werdet es genauer finden.«

»Ihr habt recht, das ist Eure Ausfertigung, für ›Das gute Schiff der sieben Schwestern‹. Aber wie ist’s mit dem Punkt der Kanonen? Ihr führt deren mehr als zehn: und diese hier in der Kajüte sind keine Vierpfünder – es sind Neunpfünder.«

»Ei, Ihr seid mit Euerm Punkte auch gar zu pünktlich; gerade, als wäret Ihr der Anwalt und ich der konfuse Seemann. Habt Ihr nie von einer gewissen Freiheit gehört, die man sich herausnimmt? Von so etwas, was man eine Ausfertigung ausdehnen, erweitern nennt?« fuhr der Kapitän trocken fort, das Papier wieder in das Kästchen unter eine Menge ähnlicher schiebend. – Hiermit stand er auf, schritt schnell auf und ab, und fuhr fort: »Ich brauche Euch nicht zu sagen, daß wir ein gewagtes Geschäft treiben. Einige nennen es gesetzwidrig. Da ich mich aber nicht gern mit theologischen Streitigkeiten abgebe, so wollen wir die Frage unentschieden lassen. Ihr seid jedoch nicht hergekommen, ohne unser Geschäft zu kennen?«

»Ich suche eine Anstellung.«

»Ohne Zweifel habt Ihr Euch die Sache reiflich überlegt, und Euch selbst über den Betrieb des Schiffs befragt, ob es nach Eurem Geschmack ist oder nicht. Um also keine Zeit zu verlieren, um frei und offen zu Werke zu gehen, wie es zwei ehrlichen Seefahrern geziemt, will ich Euch mit einem Worte gestehen, daß ich Eurer bedarf. Ein braver, geschickter Mann, ein älterer als Ihr, aber, wie ich mir schmeicheln darf, kein besserer, bewohnte vor einem Monat die Backbordkajüte. Aber der arme Teufel ist Futter für die Fische geworden.«

»Ist er ertrunken?«

»Nicht doch! Er starb mitten im Gefecht mit einem Schiffe Sr. Majestät.«

»Des Königs? Habt Ihr denn Eure Ausfertigung soweit ausgedehnt, daß Ihr darin eine Erlaubnis gefunden habt, Euch mit Sr. Majestät Kreuzern herumzuschlagen?«

»Als ob es keinen andern König gäbe als Georg den Zweiten! Vielleicht trug das Schiff die weiße Flagge, vielleicht eine dänische. Aber wieder auf meinen Leutnant zu kommen; er war wahrhaftig ein tapferer Kerl; und nun ist seine Stelle noch ebenso unbesetzt als an dem Tage, wo er in die See geworfen wurde. Er war der Mann, der bestimmt schien, mein Nachfolger zu sein, hätte mich ein feindliches Los betroffen. Ich glaube, ich würde ruhiger sterben, wüßte ich, daß dieses edle Schiff einem zufiele, der es zu leiten verstände.«

»Wir wollen hoffen, daß der Eigentümer dafür sorgen würde, wenn sich das Unglück ereignen sollte.«

»Meine Schiffseigentümer«, erwiderte der andere mit einem bedeutsamen Lächeln, während er auf Wilder einen forschenden Blick warf, der diesen nötigte, die Augen niederzuschlagen, »beunruhigen mich selten mit lästigen Aufträgen und Befehlen.«

»Sie sind sehr gütig … Doch, wie ich sehe, sind in Euerm Inventarium die Flaggen nicht vergessen. Geben Eure Eigentümer Euch ebenfalls die Erlaubnis, unter ihnen die zu wählen, die Euch gerade paßt?«

Bei dieser Frage begegneten sich die ausdrucksvollen, verständlichen Blicke der beiden Seemänner. Der Kapitän zog eine Flagge nach der andern aus einer Schieblade hervor, in der sie Wilder hatte liegen sehen, rollte sie auseinander und sagte bei jeder:

»Dies sind die Lilien, wie Ihr seht‘ kein schlechtes Sinnbild der fleck- und makellosen Franzosen. Ein Wappenschild, das Ansprüche ohne Tadel ausstellt, dabei aber doch etwas beschmutzt und durch vielen Gebrauch abgenutzt. – Hier habt Ihr den Rechner, den Holländer, schlicht, substantiell und bei dem wenig zu holen. Ich liebe die Flagge nicht. Ist das Schiff von Wert, so schlagen es die Eigentümer nur zu hohen Preisen los. – Hier ist unser Windmacher, der Hamburger. Er fühlt sich reich im Besitz seiner einzigen Stadt und prahlt mit dem Reichtum, der in seinen Wappentürmen steckt. Von seinen übrigen Besitzungen sagt die Allegorie weislich kein Wort. – Hier ist der türkische Halbmond: ein mondsüchtiges Volk, das sich für die Erben des Himmels hält. Laß es sein eingebildetes Recht der Erstgeburt in Frieden genießen; nur selten geht es dahin aus, sein Glück auf dem Meere zu machen. – Und hier sind die kleinen Trabanten, die um den mächtigen Mond spielen: die afrikanischen Staaten der Barbarei. Ich habe nicht viel Umgang mit diesem weitbehosten Volke, denn es ist nicht viel bei ihnen zu holen. Und doch –« hier glänzten seine Augen, indem er sie auf den seidenen Diwan warf, auf dem Wilder saß – »und doch hab‘ ich mit den Kujonen zu schaffen gehabt, und sie sind nicht davon gekommen, ohne Haare zu lassen! – Aha, hier kommt aber der Mussjöh, den ich lieb habe, der goldene, prächtige Spanier. Das gelbe Feld der Flagge erinnert an den Reichtum seiner Minen; und die Krone – man sollte sagen, sie sei von massivem Golde, und möchte gleich eine Hand ausstrecken, um nach dem Schatze zu greifen! Was für ein herrliches Wappen für eine Gallione! – Hier ist der schon demütigere Portugiese, und doch ist sein Blick der eines mächtigen Reichen. Ich hab‘ mir oft eingebildet, in diesem königlichen Kinderspiel wirkliche Diamanten aus Brasilien zu sehen. Jenes Kruzifix, das Ihr da nahe an der Tür der Kajüte links hängen seht, ist ein Pröbchen solcher echten Edelsteine, wie ich sie gern habe.«

Wilder drehte sich um und erblickte in der Tat das kostbare Emblem, wenige Zoll von der Stelle, die der andere bezeichnet hatte. Nach gestillter Neugierde wollte er seine Aufmerksamkeit schon wieder auf die Flagge richten, als ein zweiter Blick auf ihn fiel, wie sie sein Gesellschafter auf die zu werfen pflegte, durch deren Augen er in ihrer Seele lesen wollte. Es mochte dieses Mal seine Absicht sein, zu entdecken, welchen Eindruck das verschwenderische Auskramen seines Reichtums auf den Besucher machen würde. Dem sei wie ihm wolle, Wilder lächelte, denn er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, alle diese Schätze und Verzierungen der Kajüte seien sorgfältig und absichtlich aufgestellt worden, weil man ihn erwartet habe, damit sie seine Sinne und sein Herz bestächen. Der andere las diesen Gedanken in seinen Augen; vielleicht aber las er auch unrecht, verfehlte den Sinn und glaubte in der Miene des Fremden eine Aufmunterung zu finden, mit dem Vorzeigen der Flaggen fortzufahren, das er jetzt noch gefälliger und emsiger tat als anfangs.

»Diese doppelköpfigen Ungeheuer sind Landvögel und wagen selten einen Flug über See. Sie sind nicht für mich. Der kühne, tapfere Däne, der mutige Trotzkopf, der Schwede: ein Nest kleinerer Fischbrut,« fuhr er fort, mit der Hand schnell über ein Dutzend Rollen wegeilend, die in engeren Fächern lagen, »lauter Duodezseestaaten, die ihr Tuch auch flaggen lassen; – und dann der üppige Neapolitaner, aber vor allem die Flagge mit den Himmelsschlüsseln! Das ist eine Flagge, unter der man sterben muß! Ich lag einst Rahenocken an Rahenocken mit einem schweren Korsar von Algier und hatte diesen Lappen aufgezogen …«

»Was? Ihr fandet für gut, unter dem Banner der Kirche zu fechten?«

»Aus lauter Andacht. Ich malte mir im Geiste die Überraschung des Heiden, wenn er finden würde, daß wir keine Litaneien sängen. Wir gaben ihm nur eine bis zwei Lagen, als er rief: Allah habe ihn prädestiniert, sich zu ergeben. Das war ein köstlicher Augenblick, als ich beim Winde an seiner Seite aufstach. Ich glaube, der Muselmann dachte nicht anders, als das ganze heilige Konklave sei flott und das Verderben Mohammeds und seiner Kinder hereingebrochen. Ich muß bekennen, daß ich ihm die friedlichen Schlüsseln absichtlich gezeigt hatte, um ihn zu locken. Der Narr mochte glauben, sie dienten nur dazu, der Christenheit den Himmel zu öffnen.«

»Als er aber seinen Irrtum einsah und eingestand, ließet Ihr ihn laufen?«

»Mit meinem Segen. Wir tauschten einige Artikel aus, deren wir gegenseitig benötigt waren, und dann setzte jeder seinen Weg fort. Ich verließ ihn, seine Pfeife schmauchend, bei schwerem Wetter, seine Vorstange seitwärts liegend, seinen Besanmast unter der Gilling, mit sechs bis sieben Löchern im Bauch, die gerade soviel Wasser einließen, als die Pumpe herausschaffen konnte. Ihr seht, daß er sich auf gutem Wege befand, zu seinem himmlischen Erbe zu gelangen. Aber der Himmel wollte es so, er war prädestiniert, und somit hatte er alle Ursache, zufrieden zu sein!«

»Ihr habt aber mehrere Flaggen übersprungen? Welche sind’s? Sie scheinen reich und mannigfaltig.«

»Hier diese ist England, aristokratisch wie das Land, das sie vorstellt, in Parteien geteilt, und guten Teils mit Humor und Laune gezeichnet. Die Flagge hat Raum genug, alle Stände und Klassen zu enthalten, und so sollte es auch sein; sind nicht alle Menschen vom selben Fleisch und Bein? Sollten nicht alle Bewohner eines Reichs mit den nämlichen Farben und Sinnbildern segeln? – Hier ist Mylord Groß-Admiralsflagge, ein Sankt Georg, mit den roten und blauen Streifen, je nachdem der Humor gestimmt ist. Hier die Streifen von Indien. Hier die königliche Standarte selbst.«

»Was? Die königliche Standarte?«

»Warum nicht? Ist der Schiffskommandeur nicht ein Monarch in seinem Schiff? Ja, ja, dies ist des Königs Standarte, und was noch mehr, ich habe sie in Gegenwart eines Admirals aufgezogen.«

»Das verdient eine Erklärung«, rief der Zuhörer aus, der die Art von Scheu und Abscheu zu fühlen schien, die einen Geistlichen bei Entdeckung eines Kirchenraubes anwandeln würde. »Wie? Die königliche Standarte vor einer andern Flagge aufzuziehen? Wir wissen alle, welchen Verdrießlichkeiten, welchen Gefahren sich der aussetzt, der nur zum Scherze eine bloße Wimpel flattern ließe, wenn ein königlicher Kreuzer im Anzuge ist.«

»Ei ja doch, aber mir macht es Spaß,« unterbrach der andere mit gedämpftem doch bitterem Lachen, »mich gegen die Schufte in die Brust zu werfen. O, es ist köstlich, sie herauszufordern! Um mich strafen zu können, müssen sie stark genug sein; sie haben es mehrmals versucht, aber immer auf ihre Kosten. Nichts macht so richtige Rechnung, als wenn man dem Landesgesetz ein tüchtiges Stück Segelzeug entgegenhalten kann. Mehr brauche ich nicht zu sagen.«

»Wer welcher von diesen Flaggen bedient Ihr Euch am häufigsten?« fragte Wilder nach einer Pause augenblicklichen Nachdenkens.

»Beim bloßen Segeln, muß ich Euch sagen, bin ich so wetterwendisch und wankelmütig wie ein Mädchen von zehn Jahren in der Wahl ihrer Bänder. Ich wechsle oft die Flagge ein dutzendmal des Tages. Wie mancher ehrliche Kauffahrer hat, wenn er einen Hafen verließ, versichert, er habe in offener See mit einem Holländer oder Dänen gesprochen? Wenn’s aber an ein Gefecht ging, wo ich freilich auch manchmal meiner Laune Gehör gab, und es war mir recht ernst dabei, so war es vor allem eine, von der ich mir den meisten Erfolg versprach.«

»Und diese ist?«

Hier ließ der Kapitän eine Zeitlang seine Hand auf der Rolle ruhen, zu der er gegriffen hatte, und schien tief in der Seele des andern lesen zu wollen, so eindringend und scharf war sein Blick die ganze Weile. Dann gab die Hand nach, der Lappen rollte sich langsam auf, und es wurde ein dunkelrotes, blutrotes Feld sichtbar, ohne irgendein Zusatz von Bild, Wappen oder anderweitigen Zierats. Zugleich sagte der Kapitän mit emphatischem Nachdruck:

»Diese!«

»Dies ist ja die Farbe eines Räubers!«

»Hm – sie ist rot, wie Ihr seht, und rot ist mir lieber als Eure dunkeln schwarzen Felder mit Totenköpfen und anderen kindischen Vogelscheuchen. Diese Flagge droht nicht, sie sagt nur: ›Dies ist der Preis, um den man mich erkauft!‹ – Herr Wilder,« setzte er hinzu, den gemischten Ton der Ironie und des Scherzes ablegend, mit dem er bis jetzt gesprochen hatte, und die Miene des Ansehens und des Übergewichtes annehmend: »Herr Wilder, mir scheint, wir verstehen einander. Es ist Zeit, daß jeder von uns seine Flagge aufziehe. Ich brauche Euch nicht zu sagen, wer ich bin.«

»Ich selbst halte es für unnötig«, versetzte Wilder. »Aus diesen handgreiflichen Beweisen zu schließen, stehe ich hier dem …«

» Red-Rover gegenüber«, fuhr der andere fort, als er sah, daß jener Bedenken trug, den Beinamen auszusprechen. »Ja, ich bin es, bin der rote Freibeuter, und ich hoffe, unser erstes Zusammentreffen werde der Anfang einer langen und dauerhaften Bekanntschaft sein. Ich kann den geheimen Drang nicht erklären; aber vom ersten Augenblick an, als ich Euch sah, hat mich ein unwiderstehliches, unaussprechliches Etwas zu Euch gezogen. Vielleicht war es das Gefühl der Leere, worin ich seit einiger Zeit lebe: – sei es nun aber auch, was es wolle, genug, ich empfange Euch mit offenem Herzen und offnen Armen.«

Es war wohl aus allem, was diesem freimütigen Geständnis vorausgegangen, nicht zu bezweifeln, daß Wilder Ahnung und Kenntnis von der Bestimmung und dem Charakter des Schiffes hatte, worauf er sich befand; gleichwohl konnte er sich bei diesen Worten einer gewissen Verwirrung nicht erwehren. Der Ruf des berüchtigten Freibeuters, seine Vermessenheit, sein Gemisch von Liberalität und Zügellosigkeit, seine bei allen Gelegenheiten gezeigte desperate Gleichgültigkeit gegen den Tod, mochte sich in diesem Augenblicke unserem jüngeren Abenteurer lebhaft vormalen und schuld an der Art von Gemütserschütterung sein, der wir alle mehr oder weniger unterworfen sind, wenn uns irgendein wichtiges Ereignis, worauf wir vorbereitet waren, wirklich aufstößt.

»Ihr habt Euch«, gab er endlich zur Antwort, »weder in meinen Absichten, noch darin geirrt, daß ich Euch für den halte, der Ihr seid. Ich gestehe offenherzig, daß ich Euch und Euer Schiff gesucht habe. Ich gehe in Euer Anerbieten ein, und von diesem Augenblicke an mögt Ihr mich hinstellen, wo Ihr wollt und wo Ihr glaubt, Euch meines Dienstes erfreuen zu können.«

»Ihr seid von nun an der erste nach mir. Morgen früh soll diese Erklärung auf dem Hinterdecke bekannt gemacht werden, und auf den Fall meines Todes – ich müßte mich denn in dem Manne geirrt haben – werdet Ihr mein Nachfolger … Dies kann Euch mit Recht befremden. Die zutrauliche Eröffnung scheint etwas schnell zu kommen, und kommt auch wirklich so, aber unsere Schiffsernennungen sind nicht wie die königlichen, werden nicht in den Hauptstraßen der Hauptstadt mit Trommelschlag angekündigt; und dann – ich müßte denn ein schlechter Kenner und Beurteiler des menschlichen Herzens sein, oder mein offenes, festes Vertrauen in Euch wird seinen Zweck nicht verfehlen und mir das Eurige nebst Eurem Wohlwollen gewinnen.«

»So ist’s!« rief Wilder plötzlich und mit tiefem Nachdruck. Der Freibeuter fuhr lächelnd und mit ruhiger Stimme fort:

»Junge Männer von Euerm Alter pflegen einen großen Teil ihres Herzens auf den Händen zu tragen. Aber trotz der anscheinenden Sympathie unter uns beiden muß ich Euch doch sagen, damit Ihr die gehörige Achtung vor der Behutsamkeit Eures Freundes und Führers bekommt, daß ich Euch schon früher gesehen habe. Ich war von Eurer Absicht mich aufzusuchen, und von Euerm Entschluß Euch mir anzubieten, unterrichtet.«

»Unmöglich,« rief Wilder, »kein menschliches Wesen …«

»Kann sicher sein, daß niemand um seine Geheimnisse wisse,« unterbrach ihn der andere, »wenn es ein so unverhülltes Gesicht trägt als Ihr. Es sind nur vierundzwanzig Stunden her, daß Ihr in Boston waret.«

»Ich geb‘ es zu; aber …«

»Ihr werdet auch das übrige zugeben. Ihr waret zu neugierig, zu eifrig bei Euren Erkundigungen über den Esel, der dort Klage führte, er sei von mir um Schiff und Ladung gebracht worden. Der falschzüngige Bube! Es steht ihm zu wünschen, daß ich ihn nicht auf meinem Wege betreffe, sonst würde ich ihm eine Lehre geben, daß seiner Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe die Augen übergehen sollten! Glaubt er, so ein armseliges Wild, wie er, könne mich veranlassen, auch nur einen Zoll Segel auszusetzen oder ein Boot ins Wasser zu lassen?«

»Ist denn sein Bericht erlogen?« fragte Wilder mit einer Bestürzung, die er nicht einmal zu verbergen versuchte.

»Sein Bericht? Bin ich denn wirklich, was der Ruf aus mir gemacht hat? Schaut mal dem Ungeheuer ins Gesicht, damit Euch keiner seiner Züge entgehe!« entgegnete der Rover, bitter auflachend, und hinter dem spöttischen Lachen das Gefühl des beleidigten Stolzes verbergend. »Wo sind die Hörner und der Pferdefuß? Zieht die Luft ein, Freund! Riecht; ist sie nicht mit Schwefel geschwängert? … Doch genug davon, und wieder auf Euch zurück. Ich wußte um Eure Erkundigungen, und mir gefiel Eure Person. Kurz, ich studierte Euch aus, und ob ich gleich dabei behutsam zu Werke ging, so kam ich Euch doch nahe genug, um einen Entschluß fassen zu können. Ihr gefielt mir, Wilder, und ich hoffe, wir werden gegenseitig miteinander zufrieden sein.«

Der neuangestellte Buccanier neigte sich bei dem Kompliment seines Obern und schien um die Antwort etwas verlegen. Als habe er Lust, den Punkt ganz abzubrechen, bemerkte er etwas hastig:

»Da wir nun unter uns einverstanden sind, so will ich nicht länger beschwerlich fallen, Euch noch für diese Nacht verlassen und mich morgen früh zu meiner Pflicht einstellen.«

»Mich verlassen!« erwiderte der Rover, so plötzlich stillstehend und den andern mit einem Blick durchbohrend. »Es ist nicht Gebrauch bei meinen Offizieren, mich so spät allein zu lassen. Ein Seemann muß sein Schiff liebhaben und nie die Nacht außerhalb zubringen, es sei denn aus Not oder Zwang.«

»Wir müssen uns vor allen Dingen recht verstehen«, versetzte Wilder rasch. »Ist es darauf abgesehen, daß ich Euer Sklave, oder wie einer von den Bolzen niet- und nagelfest am Schiffe sei, und könnt Ihr mich nur auf diesem Fuße brauchen, so ist unser Handel null und nichtig.«

»Hm! Ich bewundere Eure Entschlossenheit mehr als Eure Überlegung. Ihr werdet in mir einen anhängigen Freund finden, einen Freund, der sich ungern von Euch trennt, auch nur auf eine kurze Zeit. Ist hier aus meinem Schiffe nicht genug, was Euch zufriedenstellen kann? Ich rede nicht von dem, was niedrige Seelen, was sinnliche Menschen befriedigt. Ihr habt gelernt, den Wert der Vernunft einzusehen und zu würdigen, und hier sind Bücher, Ihr habt Geschmack, hier ist Eleganz; Ihr seid arm, hier ist Reichtum und Pracht.«

»Dies ist alles so viel als nichts, wo Freiheit fehlt«, erwiderte der andere kaltblütig.

»Und was versteht Ihr unter Freiheit? Ich will nicht hoffen, junger Mann, daß Ihr gesonnen seid, das Vertrauen, das ich Euch eben geschenkt habe, so bald zu verraten? Unsere Bekanntschaft ist blutjung, und ich bin vielleicht zu rasch in meinen Eröffnungen gegen Euch gewesen.«

»Ich muß ans Land,« wiederholte Wilder mit Nachdruck, »wäre es auch nur, um zu erproben, daß Ihr mir trauet und ich nicht Euer Gefangener bin.«

»Darin liegt entweder eine sehr edle Gesinnung oder ein tief angelegter Bubenstreich«, erwiderte der Rover nach einer Minute ernsten Nachsinnens. »Ich will hoffen, das erste. Gebt mir also die Versicherung, daß, während Ihr Euch in Newport aufhalten werdet, keine Seele durch Euch den wahren Charakter dieses Schiffs erfahren soll.«

»Mit einem Eid!« unterbrach ihn Wilder mit Feuer.

»Auf dieses Kreuz,« fuhr der Rover mit sarkastischem Lachen fort, »auf dieses mit Brillanten besetzte Kreuz? … Nein, Sir,« setzte er mit stolz aufgeworfener Lippe hinzu, das Kreuz verächtlich wieder auf die Seite legend, »Eide sind für die, die des Zwanges der Gesetze bedürfen, um ihr gegebenes Versprechen zu halten; ich brauche nichts weiter, als das klare, unzweideutige Wort eines Ehrenmannes.«

»Nun dann, klar und unzweideutig erkläre ich hiermit, daß ich, solange ich noch in Newport verweile, wider Euern Willen, oder ohne Euern Befehl, niemanden den Charakter dieses Schiffs entdecken will. Ja noch mehr …«

»Nichts weiter. Es ist der Klugheit gemäß, mit Euren Beteurungen wirtschaftlich umzugehen und nicht mehr zu versprechen, als was gefordert wird. Es mag vielleicht eine Zeit kommen, wo es Euch helfen kann, ohne mir zu schaden, daß Ihr nicht durch Euer Wort gefesselt seid … In einer Stunde sollt Ihr ans Land gehen; die Zwischenzeit braucht Ihr dazu, Euch mit den Bedingungen Eurer Anstellung bekannt zu machen, und meine Schiffsliste mit Eurem Namen zu beehren … Roderich!« rief er, indem er wieder an den Gong schlug, »Roderich, komm herauf!«

Eben der flinke Bursche, der sich schon einmal gezeigt, fand sich wieder ein, die kleine Treppe im Fluge heraufeilend, und meldete sich durch sein: »Hier bin ich!«

»Roderich,« fuhr der Rover fort, »du siehst hier meinen künftigen Leutnant, deinen künftigen Offizier, und meinen Freund. Wünscht Ihr eine kleine Erfrischung, Sir? Da ist der Roderich; der wird Euch so ziemlich alles geben, was Ihr begehren könnt.«

»Ich danke, Sir; ich bedarf nichts.«

»Nun, so habt die Güte, dem Knaben zu folgen. Er wird Euch in die große Kajüte führen und Euch die geschriebenen Schiffsartikel zustellen. In einer Stunde könnt Ihr den Aufsatz durchgelesen haben, dann bin ich wieder bei Euch. Leuchte besser auf die Leiter, Junge … doch, ich müßte mich sehr irren, oder Ihr könnt der Leiter entbehren, um hinunterzukommen, sonst würde ich ja in diesem Augenblicke schwerlich das Vergnügen haben. Euch bei mir zu sehen.«

Das vielsagende Lächeln des Rover blieb von dem Manne unbeantwortet, dem der Scherz galt, und dem es nicht entging, daß jener schalkhaft den Streich in Erinnerung brachte, den er ihm im Turme gespielt hatte.

Er drückte sein Mißfallen über die unzeitige Erwähnung dadurch aus, daß er sich ernst und schweigend anschickte, dem Knaben zu folgen, der, das Licht in der Hand, die Treppe schon halb hinabgestiegen war.

Der Kapitän trat Wildern mit einem Schritte entgegen, und teils um das Geschehene wieder gutzumachen, teils um zu zeigen, daß es ihm nicht an Takt und seiner Erziehung fehle, sprach er mit Grazie und einiger Raschheit:

»Master Wilder, ich habe Euch noch meine Entschuldigung zu machen, daß ich Euch dort im Turme so unartig und unhöflich verlassen habe. Ich sah Euch zwar schon für den Meinigen an, war aber doch der Sache noch nicht ganz gewiß. Ihr werdet begreifen, wie notwendig es für einen in meiner Lage war, sich damals einen … Begleiter vom Halse zu schaffen.«

Wilder kehrte sich um, zeigte ein Gesicht, worauf sich keine Spur von Mißfallen befand, und winkte ihm zu, nicht weiter davon zu reden. Er selbst sagte:

»Es war mir freilich nicht wohl zumute, als ich mich in dem Mäuseturm wie in einem Gefängnis eingesperrt sah; aber ich sehe vollkommen ein, was Euch so handeln ließ. Ich würde vielleicht das nämliche getan haben, mir zu helfen, wenn ich gerade soviel Geistesgegenwart gehabt hätte.«

»Der Spukgeist, der in der Newportsruine hauset und verkehrt, ist wirklich zu bedauern, denn alle Ratten sind ihm davongelaufen«, sagte der Rover in lustigem Tone, als sein Leutnant dem Vorleuchter folgte. Wilder stimmte abgehend in die Laune des Freibeuters ein und ließ ihn allein.

Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Der Rover blieb zurück und sah dem Abgehenden nach. Eine Minute stand er da, in der Stellung eines Mannes, der sich zu einem hohen Triumphe Glück wünscht, der über seinen glücklichen Erfolg nicht nur stolz, sondern entzückt ist. Verriet aber auch der lebhafte Ausdruck seines geistreichen Gesichts die innere Freude, so machte sie sich doch durch kein äußeres Zeichen eines wilden Ausbruchs kund. Man hätte allenfalls an ihm das frohe Gefühl bemerken können, daß ihm ein Stein vom Herzen gefallen sei, nicht die eigennützige, gierige Freude über den neuangeworbenen Diener. Ja noch mehr, ein tieferer Menschenkenner würde vielleicht in seinen unsteten Augen, auf seinen zuckenden Lippen den geheimen Vorwurf und eine Art von Reue über den eben errungenen Sieg gelesen haben. Doch diese streitenden Gefühle gingen schnell vorüber, und seine Züge nahmen bald wieder die Lage ein, die er ihnen in den Stunden der Einsamkeit zu geben gewohnt war.

Er ließ dem Knaben die gehörige Zeit, den Fremden an den Ort seiner Bestimmung führen und ihm die Disziplinargesetze einhändigen zu können. Dann schlug er an den Gong, erwartete seine Rückkehr, verfiel aber zugleich in so tiefe Gedanken, daß der Knabe Zeit hatte, heraufzukommen, sich neben ihn zu stellen, sich dreimal zu melden, ehe ihn sein Herr bemerkt hatte. »Roderich!« rief er endlich, »bist du da?«

»Ich bin da«, antwortete der Kleine mit leiser, und wie es schien, kleinlauter Stimme.

»Aha! Du gabst ihm das Regulativ?«

»Ja, Herr.«

»Und er liest es durch?«

»Ja, Herr.«

»’s ist gut. Ich muß den General sprechen – sag’s ihm! Roderich, du bedarfst der Ruhe. Bestell den General zu mir, und dann gute Nacht, gute Nacht, Roderich.«

Der Knabe sprach sein: »Ja, Sir«, aber anstatt schnell abzugehen und mit gewohntem Feuer den Befehl auszurichten, verweilte er noch immer am Stuhle seines Herrn. Als er aber sah, daß der Versuch, ihm ins Auge zu schauen, nicht gelingen wollte, ging er langsam und wider Willen die Stiege nach den unteren Kojen hinab und verschwand.

Wir haben nicht nötig, die zweite Erscheinung des Generals umständlich zu beschreiben. Sie war fast ganz dieselbe, wie bei seinem ersten Auftreten, nur daß er dieses Mal gleich ganz dastand; eine lange, gerade Figur, mit natürlichem Anstand und richtigen Verhältnissen, dabei so ganz militärisch zugestutzt, daß jedes Glied seine einzelne Bewegung verloren hatte, und sich keines regte, ohne daß sich die übrigen wie im Tempo mitregten. Der lebende, eingeübte Gliedermann trat auf, verbeugte sich, ging auf einen Stuhl zu, blieb eine Weile davor stehen, rückte daran, setzte sich darauf und schwieg. Der Rover schien ihn nicht sogleich zu bemerken, begrüßte ihn dann mit einem freundlichen Kopfnicken, ließ sich aber nicht im Nachsinnen stören, so wenig brachte ihn die Erscheinung aus seinem wachen Traum. Endlich, nachdem er die Audienz mit seinen Gedanken aufgehoben hatte, gab er dem Manne Gehör und redete ihn an:

»General, der Feldzug ist noch nicht geschlossen.«

»Was bleibt übrig? Das Schlachtfeld ist behauptet, der Feind gefangen.«

»Ei, Ihr habt das Eure getan und gesiegt. Ich aber bin noch nicht fertig. Habt Ihr den jungen Mann in der großen Kajüte gesehen?«

»Ja.«

»Wie findet Ihr ihn? Sein Äußeres? …«

»Seemännisch.«

»Das will soviel sagen als, er gefällt Euch nicht.«

»Ich liebe das Militärische.«

»Ich müßte mich sehr irren, oder Ihr werdet ihn auf dem Hinterdeck nach Euerm Geschmack finden. Doch, das beiseite! Ich habe Euch um eine Gefälligkeit zu bitten.«

»Um eine Gefälligkeit? Es ist spät.«

»Sagte ich Gefälligkeit? Es ist eine Dienstsache.«

»Ich warte auf Order.«

»Es muß behutsam zu Werke gegangen werden; denn wie Ihr wißt …«

»Ich warte auf Order«, wiederholte der andere lakonisch.

Der Freibeuter zog den Mund zusammen; ein Lächeln wollte sich von seinen Lippen schleichen, er verbiß es aber, und halb mit freundlicher, halb mit befehlender Miene fuhr er fort:

»Ihr werdet zwei Matrosen in einem Boot hart am Schiffe finden; der eine ist weiß, der andere schwarz. Beide müßt Ihr auf das Schiff bringen, in eine der Vorderkojen; da müßt Ihr sorgen, daß sie über und über betrunken werden.«

»Soll geschehen!« erwiderte der Mann mit dem Generalstitel, stand auf und ging mit langen Schritten der Tür zu.

»Noch einen Augenblick!« rief der Rover. »Wessen wollt Ihr Euch dabei bedienen?«

»Nightingale ist der Mann, einen unter den Tisch zu trinken.«

» Der hat heute schon seine Ladung weg. Ich schickte ihn diesen Morgen ans Land, um zu sehen, ob er ein paar dienstlose Leute für das Schiff werben könnte. Dort fand ich ihn in einer Taverne, mit schwerer Zunge lallend und wie ein Advokat deklamierend, der sich von beiden Parteien hat bezahlen lassen. Überdies geriet er mit einem der beiden im Boote in Streit, und es wäre leicht möglich, daß sie wieder anbänden und sich die Gläser an den Kopf schmissen.«

»Nu, so will ich’s selbst übernehmen. Ohnehin wartet meine Schlafmütze auf mich, und ich habe weiter nichts zu tun, als sie etwas fester zu schnüren.«

Der Rover schien mit dem Anerbieten zufrieden und gab seinen Beifall mit vertraulichem Kopfnicken zu erkennen. Nun wollte der Krieger abgehen, wurde aber zum zweiten Male aufgehalten.

»Noch eines, General! Da ist Euer Gefangener …«

»Soll ich ihn auch betrunken machen?«

»Bewahre! Laßt ihn herbringen.«

»Gut«, sagte der General und ging.

»Es wäre unbesonnen von mir,« dachte der Freibeuter, die Kajüte wieder auf und ab gehend, »wenn ich einem offenen Gefühl und einem jugendlichen Enthusiasmus zu sehr vertraute. Ich müßte mich sehr irren, wenn der junge Mann nicht Gründe hätte, mit der Welt unzufrieden zu sein, und sich nicht in der Absicht einschiffte, irgendeinen Roman zu spielen. Mich von ihm betrügen lassen, könnte schlimme Folgen haben; und auf jeden Fall kann man nicht behutsam genug zu Werke gehen. Er ist mit den beiden Matrosen genau bekannt und eng verbunden. Ich muß tiefer in seine Geschichte eindringen. Das alles muß mir mit der Zeit klar werden. Ich behalte fürs erste die beiden als Bürgen für seine Rückkehr und seine Treue. – Kommt es heraus, daß er ein Betrüger ist – ei nun! Die beiden Männer sind ja ein Paar Schiffer, und wieviel ihresgleichen sind schon im wilden Seedienst daraufgegangen! Ja, so ist’s am besten; und überdies kann der junge Mann keinen angelegten Plan von meiner Seite ahnen, wenn er es selbst, wie ich hoffe und wünsche, ehrlich meint.«

So, oder ungefähr so, dachte der Rover über diese Angelegenheit, und beschäftigte sich damit einige Minuten nach dem Abgange des Generals. Seine Lippen bewegten sich beim Denken; bald lächelte er, bald war sein Blick ernster und finster, während seine Züge zu sprechen schienen. Alles an ihm gab Zeugnis, daß sein Geist tief und heftig arbeitete. So wie er abwechselnd dachte, so wechselten auch Gang und Schritt und Gebärde; sie waren bald schneller, bald langsamer, bald exzentrischer. Plötzlich aber und mit einem Male hielt er inne, als sich ihm gegenüber eine Gestalt zeigte, oder vielmehr eine Erscheinung.

Denn indessen er sich allein glaubte und sich ganz sich selbst überließ, waren zwei handfeste Matrosen eingetreten, hatten sich, nachdem sie ein menschliches Wesen hereingetragen und abgesetzt, in aller Stille wegbegeben. Vor dieser Masse stand nun der Rover. Das Staunen war gegenseitig und wurde lange von keinem Teil unterbrochen. Befremden und Unentschlossenheit hielten den Rover stumm; Bestürzung und Schrecken schienen alle Leibes- und Seelenkräfte des andern zugleich versteinert zu haben. Endlich ermannte sich jener, rief ein erkünsteltes Lächeln zu Hilfe, nahm eine ruhigere Miene an und rief aus:

»Sir Hektor Homespun, seid mir willkommen.«

Der außer sich gesetzte Schneider – denn es war kein anderer, als das schwatzhafte Männchen, das in die Netze des grünen Mannes gefallen war – rollte sein Augenpaar von der Rechten zur Linken, ließ es auf das Gemisch der Eleganz eines Prunkzimmers und der Kriegsgeräte eines Zeughauses umherschweifen, von denen es aber immer wieder auf die vor ihm stehende Gestalt zurückfiel und sie zu verschlingen schien.

»Ich heiße Euch nochmals willkommen, Sir Hektor Homespun!« sagte der Rover.

»Der Herr sei den Sünden eines miserabeln Vaters von sieben kleinen Würmern gnädig!« heulte der Schneider. »Ach Gott! Ach Gott! Tapferer Pirat, was kann ein armer Handwerksmann, wenn er auch von morgens früh bis abends spät aufsitzt, durch sein bißchen Arbeit und seinen sauern Schweiß erschwingen?«

»Ei, was sind das für schlechte Redensarten im Munde eines Ritters, Sir Hektor!« unterbrach ihn der Rover, griff nach der kleinen Reitgerte, die zufällig auf dem Tisch lag und klopfte damit wie ein zweiter Merlin dem »verwunschenen Schneider« auf die Schulter, um ihn zu entzaubern. »Munter, du ehrlicher, loyaler Untertan; Fortuna hat endlich aufgehört, dir zu schmollen! Noch vor kurzem, vor wenigen Stunden, beschwertest du dich, daß dir keine einzige Jacke von diesem Schiffe zukäme; jetzt bist du auf dem Wege, die ganze Kundschaft zu erhalten.«

»Ach, ehrwürdigster, großmütigster Herr Seeräuber,« versetzte Homespun, dessen Redseligkeit mit seiner Besinnung zurückgekehrt war, »ich bin ein ganz verarmter, zugrunde gerichteter Mann. Mein Leben ist eine Folge von schweren Leiden und harten Prüfungen. Fünf blutige, grausame Kriege …«

»Genug. Ihr habt’s gehört. Das Glück fängt an Euch zu lächeln. Kleider sind Leuten unseres Gewerbes ebenso nötig als dem Pfarrherrn Eurer Stadt. Ihr sollt ohne bare Bezahlung keine Naht bügeln. Seht!« setzte der Rover hinzu, auf die Feder eines geheimen Schiebfachs drückend, das aufsprang und einen großen, gemischten Haufen Goldes von fast allen Geprägen der Christenheit zeigte, »wir sind imstande, treue Dienste zu bezahlen.«

Dieser Anblick des glänzenden Goldberges, der bei weitem alles überstieg, nicht nur was dem Schneider bisher von Schätzen vorerzählt worden war, sondern was sich seine eigene Einbildungskraft nur denken konnte, verfehlte seine Wirkung auf die Sinne und Empfindungen des guten Mannes nicht. Seine Augen wühlten in dem Goldklumpen, solange es dem Rover gefiel, ihm den Schmaus zu gönnen; als dieser ihn aber bald nachher seinen Blicken entzog, fragte er den beneideten Besitzer so großer Reichtümer mit einem Tone, der in eben dem Grade vertraulicher und zuversichtlicher wurde, als sich sein Inneres durch die Entdeckung dieser Goldgrube gestärkt und ermutigt fühlte:

»Und was hab‘ ich zu tun, mächtiger Seeherr, um an diesem Peru einen kleinen Anteil zu bekommen?«

»Was Euresgleichen täglich zu Lande tun – zuschneiden, nähen, bügeln, Kleider machen. Vielleicht werdet Ihr auch bei mir Gelegenheit finden, von Zeit zu Zeit an Maskenanzügen Euer Talent zu versuchen.«

»Masken und Larven sind gesetz- und religionswidrige Erfindungen des leidigen Satans, um die Menschen zu Sünden und weltlichen Greueln zu verleiten. Aber, würdigster Seeheld, da ist noch meine trostlose – bald hätte ich gesagt, Witwe – meine Desideria; das gute Weib ist zwar weit in Jahren vorgerückt und eine Widerbellerin, eine Zunge, wie’s keine gibt; aber doch bei dem allen ist sie meine eheliche, gesetzliche Hälfte und die Mutter meiner zahlreichen Kinder.«

»Sie soll keinen Mangel leiden. Mein Schiff ist überhaupt ein Asyl für unglückliche Ehemänner. Ihr alle, denen es an Herz und Kraft gebricht, zu Hause das Kommando zu führen, kommt in mein Schiff, als zu einem Zufluchtsorte! Du wirst der siebente sein, der seine verlorene Hausruhe in diesem Heiligtume wiedergefunden hat. – Die andern sechse sind glücklich; ihre Familien sind durch Mittel geborgen, die mir am besten bekannt sind. Beide Teile sind zufrieden, und dies ist nicht die kleinste meiner wohltätigen Handlungen.«

»O wie preiswürdig und gerecht, hochverehrter Herr Kapitän! Ich hoffe, meine Desideria und ihre Kindlein sollen nicht vergessen werden. Der Arbeiter ist seines Lohnes wert; und sollte es sich ereignen, daß ich in Euren Diensten abmagern – wie soll ich sagen? – in Zwang und Not mich placken und arbeiten muß, so hoffe ich, edelster Sir, Eure Freigebigkeit wird dafür Weib und Kinder mästen und fett machen.«

»Ihr habt mein Wort; es soll ihnen an nichts fehlen.«

»Vielleicht, allverehrtester Herr Freibeuter, ließe sich von diesem Goldberge etwas zu einem Vorschuß für mein geängstetes Weib trennen, damit sie sich nicht zu sehr über meinen Verlust gräme und ihn desto leichter ertrüge. Ich bin so ziemlich mit dem Temperament meiner Desideria vertraut und weiß sicherlich, daß, solange sie sich mit dem Gedanken an Mangel und Not quälen wird, kein Augenblick Ruhe in ganz Newport zu erwarten ist. Nun aber, da der Himmel so gnädig ist, mir etwas Ruhe zu gönnen, so ist ja der Wunsch, daß sie von Dauer sein möge, gewiß keine Sünde.«

Obschon der Rover keinen Grund hatte, wie sein Gefangener, zu fürchten, daß die Stimme der Frau Desideria den Frieden und die Harmonie des Schiffes stören möchte, so war er doch gerade einmal in dieser Stunde zur Gefälligkeit gestimmt, drückte wieder an die Feder, nahm eine Handvoll Gold aus der Lade, hielt sie Homespun hin und sagte:

»Wollt Ihr Handgeld nehmen und mir Treue schwören, so ist das Gold Euer.«

»Der Herr führe mich nicht in Versuchung, sondern erlöse mich vom Bösen!« schrie der erschrockene Schneider und sprach dann weiter: »Heldenmütiger Rover, ich habe Furcht vor dem Gesetze. Sollte Böses über Euch kommen, in der Gestalt eines königlichen Kreuzers, oder ein Sturm Euch auf den Strand jagen, so dürfte ich Gefahr laufen, mit Eurer Mannschaft einerlei Schicksal zu haben. Es würde leicht heißen: mitgefangen, mitgeh … Die kleine Dienste, die ich Euch aus Zwang geleistet hätte, würde man wahrscheinlich übersehen … dagegen, großmütiger, würdiger, vortrefflicher Kommandeur, darf ich wohl hoffen, daß Ihr sie nicht vergessen werdet, so oft sich Gelegenheit zeigen wird, Euern rechtschaffenen Erwerb mit mir zu teilen?«

»Das nenn‘ ich mir, was man bei Schneidern den Abfall nennt, oder ein Mäntelchen umhängen. Die Katze läßt vom Mausen nicht, der Schneider nicht vom Stehlen«, murmelte der Rover für sich, drehte sich um den Hacken und klopfte an den Gong mit einer Gewalt, daß der Schall durch jede Ritze des Schiffes drang. Vier bis fünf Köpfe zeigten sich durch ebensoviel Öffnungen; es wurde gefragt, was der Kapitän befehle?

»Bringt ihn in seine Hängematte!« war die schnelle Antwort.

Der gute Homespun, der aus Furcht oder Verstellung außerstande schien, sich zu rühren, wurde von rüstigen Armen in die Höhe gehoben, um in die Schanze transportiert zu werden.

Schon waren sie mit ihm halb zur Türe hinaus, als er rief: »Halt! Ich habe noch ein Wort zu sagen. Achtbarer, loyaler Rebell, ich nehme zwar eigentlich keine Dienste bei Euch, indessen weise ich sie keineswegs auf eine unziemende, beleidigende Weise von mir. Ich widerstehe nur einer gefährlichen Versuchung und möchte gern mit allen Fingerspitzen danach greifen, wenn sie nur nicht gar zu gefährlich wäre. Laßt uns einen Vertrag miteinander schließen, worunter kein Teil leiden soll, und womit hoffentlich beide Teile zufrieden sein werden; denn mein sehnlichster Wunsch ist, mächtiger Commodore, einen ehrlichen Namen mit mir ins Grab zu nehmen; ferner ist es auch mein sehnlichster Wunsch, bis an das Ende der mir von Gott bestimmten Tage – zu leben, das ist, eines natürlichen Todes zu sterben, denn, da ich mit Ehren, bei gutem Ruf und ohne Wunde durch fünf blutige, grausame Kriege …«

Hier wurde er mir Heftigkeit unterbrochen. »Fort mit ihm!«

Und verschwunden war mit einem Male und wie durch Zauber Homespun. Keine Spur von ihm; der Rover wieder allein und seinen Betrachtungen überlassen. Es rührte sich kein Fuß, es erfolgte kein Laut. Im ganzen Schiffe kein hörbarer Atemzug, überall die Stille des Grabes; eine Folge der strengen Seedisziplin. Alles im Schiffe still und stumm, wie in einer einsamen Kirche, die wilde, ungezügelte Mannschaft wie in eine Wüste gebannt, selbst die notwendigsten Diensttöne leise und erstickt, wie abgestorben. Ab und zu gröhlte ein unmusikalischer Bruder Lustig im Bauche des Schiffs ein paar Strophen aus einem Schifferliedchen, die den Waldhornklängen eines Anfängers nicht unähnlich waren; aber auch diese Harmonie nahm ab und verhallte endlich ganz. Aber jetzt raschelte, bei der allgemeinen Stille, eine Hand an der Türklinke der Kajüte. Der Rover blickte auf und der General trat ein, um zu rapportieren.

In seinem Gange, seinen Augen, seinem Wesen zeigte sich etwas, das zugleich zu erkennen gab, daß er seinen letzten Auftrag zwar erfüllt habe, dabei aber für seine Person nicht ganz leer ausgegangen sei. Was er die beiden machen sollte, war er zum Teil selbst geworden – berauscht. Der Rover, der beim Eintreten seines Freundes ein wenig aufgeschreckt und vom Stuhl aufgesprungen war, ließ ihn erzählen.

»Der Weiße ist soweit, daß er nicht mal liegen kann, ohne sich an dem Mast zu halten; aber der Neger ist entweder ein Gauner, oder sein Kopf ist ein Kiesel.«

»Ich will nicht hoffen, daß Ihr zu früh von ihm abgelassen habt?«

»Ich? von ihm ablassen? Eher hätte ich ein ganzes Gebirge eingeschossen! Nein, ich nahm meinen Abzug keine Minute zu früh. Alles ist … wie es sein soll.«

Der Rover heftete bei den Worten, »wie es sein soll«, seinen Blick auf den General, um seiner Sache gewiß zu sein, ob alles auch wirklich so sei. Nachdem er den Zustand des Mannes genau untersucht, begnügte er sich zu sagen:

»Gut; wir wollen uns schlafen legen.«

Bei diesen Worten rückte der General seine lange Person bedächtig in die Höhe, kehrte sich um und brachte sein Gesicht mit der Lukentreppe, so gut es sich tun ließ, in eine Linie. Dann ermannte er sich mit einem Male desperat, und versuchte mit gewohntem militärischem Schritt und gerader Haltung einherzuschreiten. Er machte zwar im Gehen ein paar kleine Abweichungen von der kürzesten Linie, was der Kapitän nicht zu bemerken schien, schlug ein paarmal ein Bein übers andere und segelte dann, seiner Meinung nach, schnurgerade, ohne zu stolpern, der Stiege zu; nur war der moralische Mensch in ihm nicht ganz imstande, die kleinen Unregelmäßigkeiten und Krümmungen seines physischen Mitmenschen richtig zu beurteilen. Der Rover sah nach seiner Uhr, und als er vermuten konnte, daß er dem General so viel Zeit gelassen, als nötig, mit seinem »festen, abgemessenen« Schritt sein Ziel zu erreichen, machte er sich selbst auf den Weg und stieg die Treppe hinab.

Die unteren Kajüten des Schiffes waren zwar nicht so elegant möbliert, aber doch so eingerichtet, daß es ihnen weder an Reinlichkeit noch an Bequemlichkeit fehlte. – Ein paar Kojen für die Aufwärter nahmen das äußerste Ende ein und standen mit dem Speisezimmer der Offiziere zweiten Ranges, aber wie man es nach Schiffsgebrauch zu nennen pflegt, der großen untern Schanzenkajüte, in Verbindung. Auf beiden Seiten lagen die sogenannten Staatskajüten, ein imposanter Name für die Schlafkammern derer, denen die Ehre zuteil wird, die Schanze zu betreten. Weiter vorwärts, und an die große Kajüte anstoßend, lag das Zimmer für die untersten Offiziere, und diesem gerade gegenüber war die kleine Wohnung des langen Generals, die eine Art von Scheidewand zwischen der gemeinen Mannschaft und ihrem Vorgesetzten ausmachte.

Diese Einrichtung der verschiedenen Abteilungen wich nur von der ab, die auf Kriegsschiffen von der Größe und Dimension des hier beschriebenen stattfand; nur war es dem scharfen Blick Wilders nicht entgangen, daß die Querwand, die die Kajüten und Offizierzimmer von der übrigen Mannschaft trennte, weil stärker und fester gebaut war, als gewöhnlich, und daß eine kleine Haubitze bereit stand, ein Wort mit zu sprechen, wenn sich, wie sich ein Arzt ausdrücken würde, eine kleine innerliche Unordnung einstellen sollte. Die Türen waren ebenfalls von ungewöhnlicher Dicke, und die Mittel, sie zu verrammeln, glichen mehr der Vorkehrung zu einer Belagerung, als den gewöhnlichen Maßregeln gegen Zimmereinbruch. – Musketen, Doppelhaken, Pistolen, Säbel, Halbpiken usw. waren an Deckbalken und Scherschocken befestigt, und dienten nur scheinbar zur Verzierung der Schanze, denn ihre Anzahl war so bedeutend, daß man es beim ersten Blick weg hatte, sie seien zum Gebrauch, keineswegs zur Ausschmückung da. Dem Auge des Seemanns verriet die ganze Einrichtung einen Zustand der Dinge, wobei es von seiten der Oberen abgesehen war, sich gegen die Versuche von Insubordination und Gewalt sicherzustellen, mit dem Übergewicht ihres Ansehens jedes Verteidigungsmittel zu verbinden, und durch Wachsamkeit und Vorsichtsmaßregeln das zu ersetzen, was ihnen, im Verhältnis mit dem größern Haufen, an physischer Kraft abging.

Im größten der unteren Zimmer, in der Schanzenkajüte, fand der rote Freibeuter seinen neuen Leutnant, anscheinend beschäftigt, das Dienstreglement des Schiffs durchzulesen, womit er sich bekannt machen sollte. Wilder saß in einem Winkel, im Lesen vertieft, als ihn der Rover anredete:

»Ich will hoffen, Master Wilder, Ihr findet unsere Gesetze hinreichend fest und bestimmt.«

»Mangel an Festigkeit und Bestimmtheit ist gewiß kein Vorwurf, den man ihnen machen kann«, erwiderte dieser, indem er aufstand und den Kapitän grüßte. »Und wenn bei ihrer Anwendung ebenso fest und bestimmt zu Werke gegangen werden kann, so ist alles, wie es sein soll. Ich wenigstens habe niemals so strenge Regeln gefunden, selbst nicht in …«

»In? Worin, Sir?« fragte der Rover, als er merkte, daß sein Kompagnon stockte.

»Ich wollte sagen … selbst in Sr. Majestät Diensten«, versetzte Wilder, leicht errötend. »Ich weiß übrigens nicht, ob es ein Unrecht oder eine Empfehlung ist, auf einem königlichen Schiffe gedient zu haben.«

»Das letzte; und ich muß dies um so mehr denken, da ich selbst mein Handwerk in einem solchen Dienste gelernt habe.«

»Auf welchem Schiff?« unterbrach ihn Wilder mit Feuer.

»Auf mehreren«, war die kalte Antwort. »Doch, Ihr findet unsere Vorschriften streng. Ihr werdet bald einsehen lernen, daß in einem Dienste, wo es weder Gerichtshöfe, zu Lande gibt, um uns zu beschützen, noch Kreuzer zur See, um unser Wohl wahrzunehmen, nichts übrig bleibt, als dem Kommandeur eine große Portion Gewalt einzuräumen. Ihr seht, mein Ansehen ist ein gut Teil ausgedehnt.«

»Sagt lieber, unbeschränkt«, erwiderte Wilder mir einem Lächeln, das für ironisch hätte gelten können.

»Ich will nicht hoffen, daß Ihr je Anlaß finden werdet, zu sagen, daß ich es willkürlich ausübe«, entgegnete der Rover, ohne dies Lächeln bemerkt zu haben, oder vielleicht sich das Ansehen gebend, als hätte er es nicht bemerkt. »Doch, die Stunde ist abgelaufen; Eure Zeit ist da, Ihr habt die Freiheit, ans Land zu gehen.«

Der junge Mann verneigte sich dankbar und schien bereit. Als beide wieder oben in der Kajüte waren, drückte der Kapitän sein Bedauern aus, daß die späte Stunde und die Notwendigkeit, das Inkognito seines Schiffes beizubehalten, ihm nicht erlaubten, einen Offizier von seinem Range aus die seiner Ehre zukommende Weise ans Land zu schicken.

»Doch,« setzte er hinzu, »da liegt ja immer noch das Boot, woraus Ihr angekommen seid, dem Schiffe zur Seite; Eure beiden kräftigen Begleiter werden Euch bald hingerutscht haben. Apropos, die beiden Leute sind doch mit in unsern Vertrag einbegriffen?«

»Sie haben mich seit meiner Kindheit nicht verlassen, und würden es gewiß auch jetzt nicht tun wollen.«

»Es ist bei alledem ein besonderes Band, das zwei Männer wie sie mit einem Manne wie Ihr zusammenbringt, der an Erziehung und Sittlichkeit so sehr von ihnen abweicht.« Bei dieser Bemerkung sah der Rover dem andern dreist ins Gesicht, zog aber den Blick sogleich wieder ab, als jener zu bemerken schien, wieviel ihm an seiner Antwort gelegen war.

»Ihr habt recht,« erwiderte Wilder mit Ruhe, »doch bei Seeleuten ist der Unterschied nicht so groß, als man’s wohl anfangs glauben sollte. Ich will jetzt zu ihnen und auf die Art und Weise denken, wie ich es ihnen beibringe, daß ich gesonnen bin, in Eure Dienste zu treten.«

Der Rover entließ ihn nun und folgte ihm auf die Schanze mit langsamen, nachlässigen Schritten, als sei es ihm nur um die frische Nachtluft zu tun.

Das Wetter hatte sich nicht geändert; der Himmel war trübe, aber die Luft mild. Auf dem Verdeck herrschte immer noch die vorige Stille, und mit einer einzigen Ausnahme ließ sich keine Menschengestalt unter all den dunkeln Massen sehen, die Wilder schon früher bemerkt hatte und für notwendige Schiffsbedürfnisse zu halten schien. Jene Ausnahme war eben die Person, die den jungen Abenteurer bei seinem ersten Eintritt in Empfang genommen hatte, und die jetzt wie vorher in den Nachtmantel gehüllt, das Verdeck auf und ab ging. Wilder wendete sich wieder an sie, und machte sie mit seinem Vorhaben, das Schiff zu verlassen, bekannt. Der eingehüllte Mann hörte die Mitteilung mit Zeichen der Ehrerbietung an, die Wildern deutlich zu erkennen gaben, seine Anstellung und sein Rang sei kein Geheimnis, und er selbst nur dem einzigen Rover im Ansehen untergeordnet.

»Ihr wißt, Sir,« war die höfliche, aber feste Antwort, »daß ohne Befehl des Kapitäns niemand zu dieser Stunde das Schiff verlassen darf.«

»So vermute ich: allein ich habe diesen Befehl und teile ihn Euch mit. Ich soll auf meinem eigenen Boote landen.«

Der andere hatte schon die Gestalt erblickt und sie für die des Kapitäns erkannt; sie stand nahe genug, das Gespräch mitanhören zu können. Er wartete ein Weilchen, ob sie reden würde: als sie aber schwieg und kein Zeichen gab, so hielt er es für eine Einwilligung und zeigte Wildern die Stelle, wo das Boot lag.

Dieser, im Begriff hinabzusteigen, trat verwundert ein paar Schritte zurück und rief aus:

»Die Männer haben das Boot verlassen! Wo sind die Schufte hin?«

»Sir, sie sind nicht fort und sind keine Schufte. Sie sind im Schiffe und müssen aufgefunden werden.«

Zugleich mit dieser entschiedenen Antwort wartete er ab, wie sie von der Gestalt, die sich noch immer in der nämlichen Entfernung im Schatten des Mastes hielt, aufgenommen werden würde. Als wieder kein Zeichen und keine Bewegung von dort erfolgte, so hielt er dies Zeichen für einen Befehl zu gehorchen, erbot sich, demzufolge, die Leute aufzusuchen, fing das Visitieren mit dem vordern Teile des Schiffes an, und ließ Wildern – wie dieser es wenigstens glaubte – im alleinigen Besitz der Schanze. Doch blieb er nicht lange in dem Wahn, denn als der Rover merkte, daß sein neuer Leutnant das Verdeck mir starken Schritten auf und nieder ging und anfing, sich seinen Grillen auf eine unangenehme Weise zu überlassen, schlenderte er an ihn heran, das Gespräch auf das Schiff lenkend, um ihnen eine andere Richtung zu geben.

»Ein treffliches Seeboot, Master Wilder, nicht wahr? Ein Schiffchen, das niemals einen Tropfen Flugwasser hinter seinem großen Mast schäumen läßt. Es ist gerade solch ein Gefäß, wie es der Seemann liebt und lobt: stark gebaut, leicht in der Takelage, beweglich in der Welle. Ich nenne es ›der Delphin‹, weil es wie der Delphin die Fluten durchschneidet; vielleicht auch, werdet Ihr sagen, oder wenigstens denken, weil es wie der Delphin vielfarbig ist. – Nun, Ihr wißt ja, das Matrosenvolk muß einen Namen für das Schiff haben, und ich kann nun mal Eure Mord- und Brandbenennungen, Eure Feuerspeier oder Blutige Mörder für den Tod nicht ausstehen.«

»Ihr habt von Glück zu sagen, solch ein Schiff zu besitzen. Habt Ihr es selbst bauen lassen?«

»Die meisten Schiffe unter sechshundert Tonnen, die aus den Häfen der Kolonien segeln, sind für mich gebaut«, entgegnete der Rover mit Lächeln; er wollte, wie es schien, seinem Neugeworbenen Mut und Lust machen, indem er ihm die Vorteile und Goldminen ihrer Verbindung vor Augen legte. »Dieses Schiff,« fuhr er fort, »ist ursprünglich für Se. allergläubigste Majestät gezimmert worden, und, wie mich dünkt, bestimmt, entweder ein Geschenk oder eine Geißel für Algier zu sein; allein … allein, es hat, wie Ihr seht, den Eigner gewechselt, und ist von seiner ersten Bestimmung etwas abgewichen; wie? und warum? ist eine Kleinigkeit, um die wir uns in diesem Augenblick nicht kümmern. Ich hab’s in den Hafen gezogen, habe einige Verbesserungen damit vorgenommen, und jetzt ist es zu einer langen … Tour bestimmt und eingerichtet.«

»Wagt Ihr Euch bisweilen innerhalb der Forts?«

Des Rovers Antwort war ausweichend. »Ich will Euch mein Privattagebuch mitteilen; da werdet Ihr, bei Muße, manches Interessante finden … Nicht wahr, Herr Wilder, mein Schiff ist so beschaffen, daß sich kein Seemann dessen schämen darf?«

»Im Gegenteil, Sir. Eben das schöne, nette Aussehen zog mein Auge und meine Aufmerksamkeit auf sich und bewog mich, es näher kennen zu lernen.«

»Ihr machtet schnell die Entdeckung, daß es nur an einem Anker lag«, erwiderte der Rover lachend. »Aber ich wage nichts ohne Grund, nicht einmal den Verlust meines Ankertaues. Es würde mir zwar ein kleines sein, bei den tüchtigen Batterien des Schiffs jedes Fort zum Schweigen zu bringen, aber es könnte sich doch unversehens ein Zufall ereignen, und deswegen will ich alles zu einer schnellen Abfahrt bereit haben.«

»Es muß doch bei alledem unangenehm sein, sich in Gefechte einzulassen, wo man im äußersten Fall seine Flagge nicht streichen darf«, sagte Wilder halblaut und mehr zu sich selbst, als zum andern.

»Geht’s nicht so, so geht’s so«, war die lakonische Antwort. »Und dann, im Vertrauen zu Euch gesprochen, ich halte, meinem Grundsatze getreu, gewaltig viel auf meine Spieren. – Ich lasse sie täglich untersuchen, wie die Hufe eines Pferdes; denn es trifft oft der Fall ein, daß Tapferkeit der Klugheit weichen muß.«

»Und wie und wo bessert Ihr Euch aus, wenn das Schiff im Sturm oder im Gefecht gelitten hat?«

»Hm! wir finden Mittel, und halten bis dahin die See, wie und so lange wir können.«

Er schwieg, und Wilder schwieg ebenfalls, als er sah, daß sich jener ihm nicht ganz entdecken wollte. Während der Pause kam der Offizier zurück, brachte aber nur einen mit sich, den Schwarzen. Ein paar Worte waren hinreichend, über den Zustand, worin Fid angetroffen worden, Auskunft zu geben. Dem jungen Mann war es anzusehen, daß er nicht nur zur Unzeit aufgehalten, sondern tief gekränkt war. Er ahnte aber so wenig List und Betrug bei der Sache, daß er es für Pflicht hielt, den Rover wegen des Umstandes um Verzeihung zu bitten, um den Mann, so gut sich’s tun ließ, zu entschuldigen. Die Art, wie er es tat, war so offen und aufrichtig, daß sich nicht der geringste Argwohn verriet, als habe sonst jemand, als Fid selbst, dazu beigetragen, ihn in diese unwürdige Lage zu versetzen.

»Ihr wißt,« sagte Wilder, »wie das Schiffsvolk ist: Ihr kennt es zu gut, um meinem Manne sein Vergehen als ein Verbrechen auszulegen, das Euern Haß verdient. Kein besserer Seemann lag je auf einer Rahe und bestieg eine Strickleiter, als Richard Fid; aber leider muß ich zugeben, daß er sich vergißt und in guter Gesellschaft des Guten zuviel tut.«

»Ihr könnt von Glück sagen, wenigstens noch einen zu haben, der Euch an den Strand rudern kann«, warf der Rover nachlässig hin.

»Das kleine Geschäft kann ich ganz allein besorgen; überdies möchte ich nicht gern die beiden voneinander trennen. Mit Eurer Erlaubnis wird der Schwarze wohl diese Nacht im Schiffe beherbergt werden können.

»Wie es Euch beliebt. An ledigen Hängematten fehlt es uns seit dem letzten Strauße nicht.«

Wilder ließ hierauf den Neger zu seinem Kameraden zurückgehen, um so lange über ihn zu wachen, als er selbst abwesend sein würde. Der Schwarze, in dessen eigenem Kopf es nichts weniger als klar war, versprach alles. Hierauf nahm der junge Mann Abschied und stieg in das Boot. Während er mit kräftigem Arme vom dunkeln Schiffe abstieß, waren seine Augen mit wahrem Seemannsvergnügen über das schöne, nette Gebäude, erst auf die Kardeelen, dann auf den Rumpf geheftet. Eine leichtgliedrige, zusammengeduckte Gestalt war am Fuße des Bugspriets sichtbar, und schien auf seine Bewegungen achtzugeben. Der Himmel war bewölkt, das Sternenlicht schien trübe durch das Gewölk; gleichwohl entging es seinen scharfen Blicken nicht, daß die Person, die so vielen Anteil an ihm und seiner Abfahrt nahm, niemand anders war, als der rote Freibeuter selbst.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Achtundzwanzigstes Kapitel.

»Ja!« murmelte der Freibeuter mit bitterer Ironie, als sein Boot unter dem Spiegel des königlichen Kreuzers wegruderte; »ja! ich und meine Offiziere wollen von Euerm Gastmahl kosten! Aber die Speisen sollen von der Art sein, daß diese Mietlinge eines Königs wenig Appetit dazu haben sollen! – Ausgeholt! wacker ausgeholt! meine Leute: in einer Stunde sollt ihr zur Belohnung die Vorratskammern dieses Narren durchwühlen!«

Die gierigen Freibeuter, die die Ruder bemannten, unterdrückten nur mit Mühe ihr Freudengeschrei und heuchelten jenen Schein von Mäßigung, den die Klugheit noch immer zur Pflicht machte; dagegen äußerten sie ihre innere Aufgeregtheit durch verdoppelte Anstrengung beim Vorwärtsstoßen der Pinasse, so daß sich sämtliche Abenteurer nach einer Minute wieder unter dem Schutze der Kanonen des Delphin befanden.

Aus den stolzen Blitzen, die in den Augen des Rover leuchteten, als sein Fuß das Deck seines eigenen Schiffes wiederum betrat, schlossen seine Leute, daß der Zeitpunkt einer wichtigen Unternehmung gekommen sei. Einen Augenblick weilte er auf der Schanze, mit einer Art von grimmiger Freude die handfesten Gegenstände seines gesetzwidrigen Kommandos überblickend; darauf schoß er plötzlich, ohne zu sprechen, hinab in seine Kajüte, entweder uneingedenk, daß er anderen deren Gebrauch überlassen hatte, oder in seinem jetzigen aufgeregten Gemütszustande, sich gar nicht daran kehrend. Den erschrockenen Frauen, die sich bei dem gegenwärtigen freundschaftlichen Benehmen zwischen beiden Schiffen von dem geheimen Ort, wohin sie Wilder in Sicherheit gebracht, wieder heraufgewagt hatten, verkündete ein plötzlicher und furchtbarer Schlag auf die chinesische Glocke nicht nur, daß er angekommen, sondern auch in welcher Laune er angekommen sei.

»Man sage dem ersten Leutnant, daß ich ihn erwarte«, war der düstre Befehl, der auf die Erscheinung des gerufenen Bedienten erfolgte.

Während der kurzen Zeit, die verfloß, bis seinen Befehlen nachgekommen werden konnte, schien der Rover mit einer Bewegung zu kämpfen, die ihm fast den Atem versetzte. Als sich aber nun die Türe der Kajüte öffnete und Wilder vor ihm stand, da hätte der argwöhnischste und schärfste Beobachter von dem wilden Zorne, der in seinem Innern wütete, vergebens auch nur die geringste äußerliche Spur gesucht. Mit der Rückkehr seiner Fassung kam ihm auch die Erinnerung wieder an die Art und Weise seines stürmischen Einbrechens in einen Ort, der nach seinem eigenen Befehl bevorrechtet sein sollte. Jetzt erst blickte er sich nach den eingeschüchterten Gestalten der Damen um und eilte, sie von dem Schreck, der nur zu deutlich auf ihren blassen Gesichtern saß, durch eine entschuldigende Erklärung zu befreien.

»Die Ungeduld, einen Freund zu sprechen, hat mich vergessen lassen, daß ich so glücklich bin, Wirt von solchen Gästen zu sein, obgleich die Bewirtung weit hinter der Ehre zurückbleibt.«

»Ersparen Sie sich alle Artigkeiten, Sir«, sagte Mistreß Wyllys würdevoll. »Wir werden viel leichter vergessen, daß uns diese Kajüte eingeräumt wurde, wenn Sie vollkommen so handeln, als wäre es nicht geschehen.«

Der Rover führte die Damen erst zu ihren Sitzen und winkte dann mit einem Lächeln vornehmer Höflichkeit seinem Leutnant, ebenfalls Platz zu nehmen, als ob er dächte, die außerordentliche Gelegenheit sei eine hinlängliche Entschuldigung für diese Abweichung von der üblichen Sitte.

»Sr. Majestät Schiffsbauer haben schon schlechtere Fahrzeuge, als der Pfeil ist, in die See laufen lassen, Wilder,« fing er mit einem bedeutsamen Blick an, der dem andern zu sagen schien, daß er sich das übrige zu den Worten hinzudenken möge; »aber seine Minister hätten ein gewandteres Subjekt zum Kommando des Schiffes wählen sollen.«

»Kapitän Bignall besitzt den Ruf eines tapfern und redlichen Mannes.«

»Der ist ihm allerdings zu wünschen, denn streift man ihm diese Eigenschaften ab, so bleibt wenig übrig. Er gibt mir zu verstehen, daß er in dieser Breite mit dem ganz besondern Auftrage abgeschickt sei, ein Schiff aufzusuchen, von dem wir alle haben sprechen hören, sei’s nun Gutes oder Schlechtes; ich meine den roten Freibeuter!«

Das unwillkürliche Zusammenschrecken der Wyllys und die ängstliche Hast, mit der Gertraud den Arm ihrer Erzieherin faßte, blieben von dem zuletzt Redenden zwar nicht unbemerkt, allein auch nicht die leiseste Andeutung davon erschien in seiner Weise. Bewunderungswürdig wetteifernd mit der Selbstbeherrschung des Seeräubers war die Fassung Wilders, der mit höchst natürlicher Unbefangenheit antwortete:

»Seine Reise wird erfolglos sein, wo nicht gar gefahrvoll.«

»Vielleicht beides. Und doch verspricht er sich keine geringen Dinge.«

»Ihm geht es wahrscheinlich wie allen andern: er hat einen unrichtigen Begriff von dem Charakter dessen, den er sucht.«

»Inwiefern unrichtig?«

»Insofern er wähnt, es mit einem gemeinen Seeräuber zu tun zu haben, einem rohen, raubgierigen, unwissenden und schonungslosen, wie andere seiner …«

»Seiner was, Sir?«

»Seiner Klasse, wollt ich sagen; allein ein Seemann, wie der, von dem wir sprachen, bildet eine Klasse für sich.«

»Lassen Sie uns ihn immerhin bei dem Namen nennen, Herr Wilder, unter dem er einmal bekannt ist – Rover, Seewanderer. Doch, antworten Sie mir, ist es nicht merkwürdig, daß ein so alter, erfahrener Seemann gerade in dieser wenig besuchten See ein Schiff aufsucht, dessen Treiben viel eher darauf hinführen muß, es in lebendigeren Gegenden zu suchen?«

»Er kann dem Schiff vielleicht bei dessen Durchfahrt durch die Meeresengen der Inseln auf die Spur gekommen sein, und kann den Strich, auf dem man es zuletzt sah, verfolgt haben.«

»Ja, wohl kann er das«, erwiderte der Rover tiefsinnig. »Ein ausgemachter Seemann weiß Euch, trotz allen möglichen Fällen, seinen Weg durch Wind und Wasserströmungen zu finden wie ein Vogel in den Lüften. Aber wenigstens müßte er doch eine Beschreibung von dem Schiffe haben, die ihn bei der Jagd leite.«

Wilder mußte, trotz aller Mühe, vor dem ihn durchdringenden Blick des Räubers sein Auge bei folgender Antwort auf den Boden gleiten lassen:

»Vielleicht fehlt ihm auch diese Kenntnis nicht.«

»Vielleicht nicht. In der Tat, er gab mir zu glauben Ursache, daß sein Spion das Geheimnis des Feindes besitze. Ja, er hat es geradezu gestanden und zugegeben, daß seine Aussicht eines guten Erfolgs allein von der Geschicklichkeit und der Mitteilung jenes Subjektes abhinge, das ohne Zweifel seine geheimsten Mittel besitzt, die erschlichene Kenntnis der Bewegungen seiner gegenwärtigen Genossen weiter zu befördern.«

»Nannte er die Person?«

»Ja«

»Er war? …«

»Heinrich … Arche, sonst genannt Wilder.«

»Es wäre vergebens, wollte ich leugnen,« sagte der junge, sich von seinem Platze erhebende Abenteurer, mit einer stolzen Miene, hinter der er aber eine Anwandlung von Unruhe zu verbergen strebte; »ich sehe, Sie kennen mich.«

»Als einen treulosen Verräter.«

»Kapitän Heidegger, es ist freilich keine Gefahr dabei, wenn Sie sich an diesem Orte dergleichen Schmähungen erlauben.«

Der Rover kämpfte mit sich, bis es ihm gelang, seines empörten Innern Herr zu werden; doch ließ die Anstrengung, die es ihn kostete, heftige und bittere Verachtung durch seine Züge durchscheinen.

»So teilen Sie denn auch diese Tatsache Ihrem Vorgesetzten mit«, sagte er mit höhnender Ironie. »Das Ungeheuer der Meere, er, der wehrlose Fischerleute plündert, unbeschützte Küsten verheert und der Flagge des Königs Georgs ausweicht, wie sich andere Schlangen beim Herannahen von Menschentritten in ihren Höhlen verkriechen, darf in der Sicherheit seiner eigenen Kajüte und an der Spitze von hundertundfünfzig Freibeutern ohne Gefahr seine wahre Meinung aussprechen. – Vielleicht auch weiß er, daß er in der Atmosphäre des friedlichen und friedestiftenden Weibes atmet.«

Wilders erste Überraschung war indessen vorüber, und nunmehr vermochten ihn weder Schmähungen zu einer harten Gegenrede anzustacheln, noch Drohungen bis zu Bitten einzuschüchtern. Gelassen und mit verschränkten Armen sagte er nur:

»Ich habe dieses Wagnis bestanden, um eine Pest des Ozeans zu vertilgen, an der alle bisherigen Versuche gescheitert waren. Ich wußte, was ich wagte, und werde vor der Strafe nicht fliehen.«

»Das sollen Sie nicht, Sir!« erwiderte der Räuber, und schlug dabei nochmals mit Riesengewalt auf den Gong. »Laßt den Neger und seinen Kameraden, den Toppgast, in Fesseln werfen und erlaubt ihnen unter keiner Bedingung, weder durch Worte, noch durch Signale, den geringsten Verkehr mit dem andern Schiffe!« Als sich der Vollstrecker seiner Strafbefehle, der auf den wohlbekannten Aufruf erschienen war, wieder zurückgezogen hatte, wendete sich der Rover wieder gegen die fest und regungslos vor ihm stehende Gestalt Wilders und fuhr fort: »Herr Wilder, die Verbrüderung, in die Sie sich so verräterisch einzustehlen wußten, hat ein Gesetz, wodurch diese zusammengehalten wird, und das Sie und Ihre elenden Mitverschwornen der Rahenocke überliefert, in demselben Augenblick, wo meine Leute von Ihrem wahren Charakter unterrichtet sind. Ich darf nur die Tür öffnen und die Beschaffenheit Ihres Verrats kundtun, so sind Sie den unbarmherzigen Händen der Mannschaft überantwortet.«

»Das werden Sie nicht tun! Nein, das werden Sie nicht!« jammerte eine Stimme dicht bei ihm, die selbst seine eisernen Nerven erschütterte. »Wenn Sie auch die Bande, die die Menschen untereinander vereinigen, nicht achten, ach, Grausamkeit ist Ihrem Herzen doch nicht natürlich. Bei allen Erinnerungen Ihrer frühesten und glücklichsten Tage, bei der Zärtlichkeit, dem Mitleid, das liebevoll über Ihre Kindheit wachte, bei dem heiligen, allwissenden Wesen, das nicht duldet, daß dem Unschuldigen ein Haar ungestraft gekrümmt werde, beschwöre ich Sie, innezuhalten, ehe Sie Ihre eigene schreckliche Verantwortlichkeit vergessen. Nein! Sie werden nicht – können – dürfen nicht so erbarmungslos sein!«

»Welches Los bereitete er mir und meinen Leuten, als er dieses verräterische Unternehmen begann?« fragte dumpf der Korsar.

»Göttliche und menschliche Gesetze sind auf seiner Seite«, fuhr die Gouvernante fort und zagte nicht, als ihr zusammengezogenes Auge von dem strengen Blicke des ihr Gegenüberstehenden getroffen wurde. »Hören Sie in meiner Stimme die der Vernunft; hören Sie die Stimme der Gnade, die, ich weiß es, in Ihrem Herzen spricht. Die Sache, der Beweggrund heiligen seine Handlungen, während Ihre Laufbahn keine Rechtfertigung findet, weder vor dem Richterstuhl des Himmels noch der Erde.«

»Dies ist eine kühne Sprache für die Ohren eines blutdürstigen, schonungslosen Piraten!« sagte der Rover und schaute mit einem Lächeln stolzen Selbstgefühls um sich her, in dem sich kundgab, daß er recht gut wisse, die Sprecherin fuße auf Eigenschaften, die denen, die er nannte, gerade entgegengesetzt war.

»Es ist die Sprache der Wahrheit; und ein Ohr wie das Ihrige kann gegen ihren Klang nicht verschlossen sein, wenn …«

»Hören Sie auf, Madame«, unterbrach der Rover, indem er mit Ruhe und Würde den Arm ausstreckte. »Mein Entschluß war bereits von Anfang an gefaßt; und keine Vorstellung, keine Furcht vor den Folgen vermag ihn zu ändern. Herr Wilder, Sie sind frei. Wenn Sie mir nicht so treu dienten, als ich erwartete, so haben Sie mir wenigstens eine Belehrung über die Kunst der Physiognomik gegeben, die mich für den Rest meiner Tage um vieles weiser gemacht hat.«

Sich selbst verurteilend und gedemütigt stand der schuldige Wilder da. Welcher Kampf in seinem Innersten vorging, war leicht auf seinem bewegten, von Scham und Schmerz bedeckten Gesicht zu lesen, von dem die Maske der List nunmehr abgefallen war. Doch dauerte dieser Kampf nur einen Augenblick.

»Sie kennen vielleicht den ganzen Umfang meines Planes nicht, Kapitän Heidegger,« sagte er; »es war auf nichts Geringeres abgesehen, als den Verlust Ihres Lebens und die Zerstörung oder Zerstreuung Ihrer Leute.«

»Das war es freilich, nach dem bestehenden Gebrauch jenes Teilchens Erde, das den Rest der Erde unterdrückt, weil es einmal die Macht dazu hat. Gehen Sie, Sir, begeben Sie sich auf Ihr Schiff; noch einmal, Sie sind frei.«

»Ich kann Sie nicht verlassen, Kapitän Heidegger, ohne ein Wort der Rechtfertigung.«

»Wie! kann der gehetzte, vogelfreie und verurteilte Freibeuter noch auf eine Erklärung Anspruch haben! Kann der tugendsame Diener der Krone das Bedürfnis fühlen, seine gute Meinung zu besitzen!«

»Bedienen Sie sich triumphierender und vorwurfsvoller Ausdrücke, ganz nach Ihrem Belieben, Sir«, erwiderte der andere, indem ihm beim Sprechen das Blut bis an die Schläfe stieg. »Mich kann jetzt Ihre Rede nicht beleidigen; doch möchte ich Sie nicht gern verlassen, ohne einen Teil des Hasses zu beseitigen, den ich in Ihrem Dafürhalten verdiene.«

»So sprechen Sie frei. Sie sind mein Gast, Sir.«

Obgleich der beißendste Spott den reuigen Wilder nicht tiefer hätte verwunden können als dies großmütige Betragen, so behielt er seine Gefühle doch genug in der Gewalt, um fortzufahren:

»Sie erfahren’s jetzt gewiß nicht zum erstenmal, daß das gemeine Gerücht Ihren Handlungen und Ihrem Charakter eine Farbe geliehen habe, die nicht geeignet ist, die Achtung der Menschen zu gewinnen.«

»Sie werden vielleicht Zeit finden, die Farben noch stärker aufzutragen«, unterbrach ihn rasch sein aufmerksamer Zuhörer, obgleich das Beben in seiner Stimme deutlich durchschauen ließ, wie tief er die Wunde fühle, die eine Welt ihm schlug, die er zu verachten affektierte.

»Wenn Sie überhaupt wollen, daß ich spreche, Kapitän Heidegger, so erwarten Sie von mir nur die Wahrheit. Urteilen Sie selbst, ob es so erstaunlich sei, daß ich mich begeistert für einen Dienst, den Sie selber einst für ehrenvoll hielten, sollte willig finden lassen, das Leben zu wagen, ja, die Heuchelei zu verschmähen, um eine Tat zu vollbringen, die, wäre sie gelungen, nicht nur Belohnung, sondern Ruhm verschafft hätte? Solche Gefühle beseelten mich, als ich zuerst das Wagnis übernahm; allein, der Himmel ist mein Zeuge, Ihr männliches Vertrauen hatte mich auch schon halb entwaffnet, als mein Fuß noch kaum über Ihre Schwelle gekommen war.«

»Und dennoch kehrten Sie nicht um?«

»Vielleicht waren mächtige Gründe vorhanden, die mich zum Gegenteil bewogen«, nahm der sich Verteidigende wieder das Wort, indem er beim Sprechen unwillkürlich einen Seitenblick auf die Damen warf. »Ich blieb meinem Worte zu Newport treu; und wären meine zwei Leute damals aus Ihrem Schiffe befreit gewesen, so würde ich es gewiß mit keinem Fuße betreten haben.«

»Junger Mann, ich glaube Ihnen nicht ungern. Es war ein gewagtes Spiel, was Sie spielten; und statt daß es Sie schmerzen wird, es verloren zu haben, werden Sie sich einst darüber freuen. Gehen Sie, Sir; ein Boot wird Sie zum Pfeil führen.«

»Geben Sie dem Glauben nicht Raum, daß Ihre Großmut, wie tief ich sie auch anerkenne, mich gegen meine Pflicht blind zu machen vermöge: Sie würden sich täuschen, Kapitän Heidegger. In dem Augenblick, wo ich den Befehlshaber des von Ihnen soeben genannten Schiffes sehe, wird Ihr Gewerbe verraten.«

»Ich erwarte es.«

»Auch wird meine Hand nicht müßig sein bei dem Kampfe, der unausbleiblich folgen muß. Es hängt von Ihnen ab, ob ich hier sterben soll, ein Opfer meines Irrtums: allein in dem Moment, wo ich frei bin, bin ich Ihr Feind.«

»Wilder!« rief der Rover, indem er dessen Hand mit einem Lächeln der Begeisterung erfaßte, »warum haben wir uns nicht früher gekannt! Doch bedauern ist vergeblich. – Gehen Sie; erführen meine Leute die Wahrheit, so würde meine Gegenvorstellung so wenig gehört werden wie Geflüster in einem Sturmwinde.«

»Als ich zuletzt auf den Delphin kam, so geschah es in Begleitung.«

»Ist es nicht genug,« versetzte der Rover, mit Kälte einen Schritt zurücktretend, »daß ich Ihnen Freiheit und Leben anbiete?«

»Von welchem Nutzen kann ein weibliches Wesen, hilflos und unglücklich wie diese, in einem Schiffe sein, das einem Gewerbe wie das des Delphin geweiht ist?«

»Soll ich denn auf immer getrennt bleiben von der Gemeinschaft der besten meiner Mitgeschöpfe! Gehen Sie, Sir, lassen Sie mir den Schatten der Tugend wenigstens, wenn mir auch das Wesen fehlt.«

»Kapitän Heidegger, einst, begeistert von Ihren besseren Gefühlen, verpfändeten Sie Ihr Wort zugunsten dieser Damen; ich hoffe, es kam Ihnen vom Herzen.«

»Ich weiß, worauf Sie sich beziehen, Sir. Was ich damals aussprach, ist nicht vergessen, wird es nie sein. Allein wohin wollen Sie Ihre Gefährtinnen bringen? Gewährt nicht mein Fahrzeug auf der hohen See ebenso große Sicherheit als ein anderes? Soll ich mich eines jeglichen Mittels, mir Freunde zu erwerben, berauben lassen? – Verlassen Sie mich, Sir – gehen Sie – Sie möchten sonst zaudern, bis meine Erlaubnis zu gehen Ihnen nichts mehr helfen würde.«

»Was unter meine Obhut gestellt ist, werde ich nie verlassen«, sagte Wilder fest.

»Herr Wilder – oder Herr Leutnant Arche, wie ich Sie vielmehr nennen sollte – Sie werden so lange mit meiner Nachsicht spielen, bis der Augenblick Ihrer eigenen Sicherheit vorüber ist.«

»Handeln Sie mit mir nach Ihrem Gutdünken: ich sterbe auf meinem Posten, oder gehe in Begleitung derer, mit denen ich gekommen bin.«

»Sir, die Bekanntschaft, die Sie so stolz macht, ist nicht älter als die meinige. Wer sagt Ihnen, daß die Damen Sie als Beschützer vorziehen? Ich müßte mich sehr getäuscht haben und weit hinter meinen Absichten zurückgeblieben sein, wenn sie Grund gefunden hätten, sich zu beklagen, seit ihr Wohl und ihre Zufriedenheit meiner Sorgfalt anvertraut sind. Schöne, sprechen Sie, wen wollen Sie zu Ihrem Beschützer?«

»Fort, fort«, schrie Gertraud, als er sich ihr mit dem einnehmenden, verräterischen Zuge um den Mund nahte, und bedeckte die Augen mit beiden Händen, als wollte sie sich gegen den verderblichen Zauber eines Basiliskenblicks schützen. »Ach, wenn Mitleid in Ihrem Herzen wohnt, lassen Sie uns Ihr Schiff verlassen!«

Ungeachtet der erstaunenswürdigen Gewalt, die der Mann, den sie so stürmisch und aus ihrem tiefsten Innern von sich zurückstieß, in der Regel über seine Gefühle ausübte, konnte er sich doch beim Anhören dieser Worte eines Blickes tiefer, demütigender Kränkung, trotz aller Anstrengung, nicht erwehren. Ein kaltes, wildentstellendes Lächeln durchzuckte seine Gesichtszüge, als er mit einer Stimme, die er ebenso vergeblich zu unterdrücken bemüht war, vor sich hin murmelte:

»Diesen Abscheu hab‘ ich mir von allen meinen Mitmenschen erkauft, und teuer, sehr teuer muß ich ihn büßen! – Dame, Sie und Ihre liebenswürdige Mündel sind Herrinnen Ihrer Handlungen. Dies Schiff, diese Kajüte stehen Ihnen zu Befehl; indes sind andere bereit, Sie zu empfangen, wenn Sie wählen, beide zu verlassen.«

»Unser Geschlecht kann nur unter dem pflegenden Schutze der Gesetze wahre Sicherheit finden«, sagte Mistreß Wyllys. »Wollte Gott …«

»Genug! Sie sollen Ihren Freund begleiten. Wenn mich alle verlassen haben, so wird die Leere in diesem Schiffe nur ein Bild von der in meinem Herzen sein.«

»Riefen Sie?« fragte eine leise Stimme nahe bei ihm, aber so traurig und weich, daß er sie nicht überhören konnte.

»Roderich,« antwortete er mit einiger Verwirrung, »du wirst unten Beschäftigung finden. Verlaß uns, lieber Roderich. Verlaß mich auf einen Augenblick.«

Gleichsam als wünschte er, dem Auftritt sobald als möglich ein Ende zu machen, gab er hierauf noch ein Signal durch den Gong. Er befahl, daß man Fid und den Schwarzen in das Boot bringen solle, wohin auch die wenigen Sachen seiner weiblichen Gäste geschafft wurden. Sobald diese kurzen Vorbereitungen vollendet waren, bot er mit gewählter Höflichkeit der Gouvernante den Arm, führte sie längs der Reihen seiner überraschten Leute nach der Schiffsseite, wo er wartete, bis sie, ihre Pflegbefohlene und Wilder ihre Sitze in der Pinasse eingenommen hatten. Zwei Matrosen saßen an den Riemen. Hierauf winkte er mit der Hand ein stummes Lebewohl hinab und verschwand. Den Damen kam ihre gegenwärtige Befreiung, so wie vorher die Gefangenschaft wie ein Trugbild des Traumes vor.

Allein den Ohren Wilders war die Drohung, daß sich die Mannschaft des Delphin selber könnte Recht verschaffen wollen, noch nicht verklungen. Ungeduldig gab er den Ruderern ein Zeichen, tüchtig auszuholen, und lenkte vorsichtig das Steuer des Bootes in eine solche Richtung, die es am schnellsten aus dem Bereich der Kanonen des Freibeuters führte. Als sie unter dem Spiegel des Delphin wegruderten, scholl ein rauher Anruf über die Wasserfläche: es war die Stimme Rovers, der den Kommandeur des Pfeils anredete:

»Ich schicke Ihnen einige Ihrer Gäste; die ganze Theologie meines Schiffes befindet sich unter Ihnen.«

Nur kurz war die Überfahrt, so daß die Befreiten noch nicht aus ihrer Gedankenverwirrung gekommen waren, als man sie schon aufforderte, die Treppe des königlichen Schiffes zu besteigen.

»Hilf Himmel!« rief Bignall, als er durch ein Kanonengat Damen unter den Besuchenden entdeckte; »der Himmel helf‘ uns beiden, Herr Prediger! Der junge, gedankenlose Schlingel schickt uns ja ein paar Schürzen an Bord; und die nennt der gottlose Schelm seine Theologie! Es läßt sich leicht erraten, wo er diese Standespersonen aufgelesen haben mag; na, lassen Sie’s nur gut sein, lieber Doktor, bei fünf Faden Wasser, es ist keine Sünde, wenn man sich einmal ohne Geistlichkeit behilft!«

Das aufgeräumte Lachen des alten Kommandeurs verriet, daß er mehr als halb geneigt war, es mit der vermuteten Frechheit seines dreisten Untergebenen nicht so genau zu nehmen, und beruhigte die Umstehenden, daß die fröhliche Stunde durch keine unzeitigen Skrupel getrübt werden würde. Als aber Gertraud hochrot durch das Aufregende der soeben erlebten Ereignisse, und strahlend von der der Unschuld eigentümlichen Liebenswürdigkeit, auf dem Verdeck erschien, rieb sich der Veteran die Augen mit einem Erstaunen, das nicht größer hätte sein können, wenn wirklich ein Herr im geistlichen Ornat vor seinen Füßen von den Wolken herabgefallen wäre.

»Der herzlose Schurke!« rief der wackere Teer; »ein so junges und liebenswürdiges Wesen zu verführen! Ha! So wahr ich lebe, mein eigener Leutnant! Was ist das, Herr Arche! Leben wir denn in den Tagen der Wunder?«

Ein Schrei, tief aus dem Innersten der Gouvernante, und ein dumpfer, trauernder Ton von den Lippen des Geistlichen unterbrachen seine Äußerungen von Unwillen und Erstaunen.

»Kapitän Bignall,« bemerkte der Geistliche, hinzeigend auf die zitternde Gestalt, die sich auf Wilders Arm stützte, »bei meinem Leben, Sie haben einen falschen Begriff von dem Charakter dieser Dame. Es sind über zwanzig Jahre, seit wir uns das letztemal sprachen, allein ich verpfände meinen eigenen Charakter für die Reinheit und Echtheit des ihrigen.«

»Führt mich in die Kajüte«, sprach leise Mistreß Wyllys. »Gertraud, meine Liebe, wo sind wir? Ach führt mich an einen einsameren Ort.«

Es wurde ihr willfahren, indem sich die ganze Gruppe zusammen den neugierigen Blicken der das Verdeck füllenden Zuschauer entzog. Jetzt gewann die tiefbewegte Frau einen Teil ihrer gewöhnlichen Fassung wieder, und es suchte ihr ängstlicher Blick das sanftmütige, gerührte Antlitz des Schiffskaplans.

»Dies ist ein spätes und herzzerreißendes Wiederfinden«, sagte sie, indem sie die Hand, die er ihr darreichte, an ihre Lippen führte. »Gertraud, in diesem Herrn sehen Sie den Geistlichen, der mich mit dem Manne verband, der einst der Stolz und das Glück meines Daseins war.«

»Trauern Sie nicht über seinen Verlust«, flüsterte der ehrwürdige Geistliche, sich mit väterlicher Teilnahme über die Stuhllehne zu ihr herabbeugend. »Er ist Ihnen früh genommen worden; allein er starb, wie alle, die ihn liebten, ihm nur hätten wünschen können.«

»Ach, ohne ein Kind zurückzulassen, das, mit seinem stolzen Namen, auch das Andenken seiner Tugenden der Nachwelt überliefern könnte! O sagen Sie, guter Merton, ist nicht die Hand der Vorsehung in diesem Verhängnis zu erkennen? – Sollte ich mich nicht vor ihr demütigen und es als eine gerechte Strafe hinnehmen für meinen Ungehorsam gegen einen zwar unerbittlichen, aber liebevollen Vater?«

»Wer mag sich erkühnen, in die Geheimnisse des gerechten Regierers zu dringen, der nichts ordnet, nichts tut, was nicht wohlgetan und wohlgeordnet wäre. Genug für uns, wenn wir uns in seinen Willen fügen lernen, in dem unbedingten kindlichen Glauben, daß er der beste, der gerechteste sei.«

»Aber,« fuhr die Gouvernante fort, mit einer so bedeckten Stimme, daß man sehen konnte, wie stark sie die Versuchung fühlte, seine Ermahnung zu vergessen, »war es nicht genug mit einem Leben? Mußte ich aller beraubt werden?«

»Fassen Sie sich, Madame! Was geschehen ist, geschah in Weisheit und – ich lebe des Vertrauens – aus Gnade.«

»Sie reden die Wahrheit. Ich will das Ganze der traurigen Ereignisse vergessen, nur nicht insofern sie auf meinen eigenen Wandel Einfluß auszuüben geeignet sind. Und Sie, würdiger, gütiger Merton, wo und wie sind Ihre Tage dahingeflossen, seit der Zeit, von der wir reden?«

»Ich bin nur der glanz- und geräuschlose Hirt einer wandernden Herde«, erwiderte der milde Diener Gottes mit einem leisen Seufzer. »Gar manche entfernte Meere hab‘ ich besucht, und viele fremde Gesichter und noch fremdere Gemütsarten war es mein Los auf dieser Pilgerfahrt anzutreffen. Erst vor kurzem kehrte ich vom Osten in die Hemisphäre zurück, wo ich zuerst das Licht der Welt erblickte, und kam, mit der Erlaubnis meiner Vorgesetzten, auf dieses Schiff, um einen Monat bei meinem Freunde hier zuzubringen, dessen Freundschaft sich sogar von noch früherer Zeit herschreibt, als die unsrige.«

»Ganz richtig, Madame,« erwiderte der wackere Bignall, dessen Gefühle durch die vorhergehende Szene nicht wenig aufgeregt waren; »ganz recht, es ist so ziemlich ein halbes Jahrhundert her, seit der Prediger und ich Knaben zusammen waren, und da haben wir denn auf dieser Reise alte Erinnerungen wieder aufgewärmt. Glücklich schätze ich mich, daß eine Dame von so lobenswerten Eigenschaften gekommen ist, um von unserer Partie zu sein.«

Hastig unterbrach ihn der Geistliche, gleichsam als wisse er, daß der wohlmeinenden Biederkeit seines Freundes mehr zu trauen sei, als dessen Klugheit:

»Sie sehen in dieser Dame die Tochter des verstorbenen Kapitäns ***, und die Witwe von dem Sohne unseres ehemaligen Obern, Konteradmirals de Lacey.«

»Hab‘ sie beide gekannt: ’s waren tapfere Männer und ausgemachte Seeleute, die beiden! Die Dame war schon als Ihre Freundin, Merton, willkommen, allein sie ist es doppelt als die Witwe und Tochter der Herren, die Sie nannten.«

»De Lacey!« flüsterte bebend vor Rührung eine Stimme der Erzieherin ins Ohr.

»Das Gesetz gibt mir ein Recht, diesen Namen zu führen«, erwiderte die Gouvernante, indem sie ihre weinende Schülerin lange und innig an ihr Herz drückte. »Der Schleier ist nun unerwartet weggezogen worden. Teure, es wäre Ziererei, noch länger verborgen bleiben zu wollen. Mein Vater war Kapitän auf dem Admiralschiffe. Die Dienstpflicht zwang ihn, mich öfter in der Gesellschaft Ihres jungen Verwandten zu lassen, als er getan haben würde, hätte er die Folgen davon voraussehen können. Allein ich kannte sowohl seinen Stolz als seine Armut zu gut, um es zu wagen, ihn über mein Schicksal entscheiden zu lassen, nachdem die bloße Ungewißheit für meine unerfahrene Einbildungskraft größere Schrecken hatte als sein Zorn selbst. Wir wurden heimlich durch diesen Herrn verbunden, und weder sein Vater, noch der meinige ahnten das Verhältnis. Der Tod …«

Die Stimme der Witwe stockte, und sie winkte dem Kaplan, als wünschte sie, daß er in der Erzählung fortfahren möchte.

»Herr de Lacey und sein Schwiegervater fielen in derselben Schlacht, als noch kein Monat seit der Trauung verflossen war«, fügte Merton mit gedämpfter Stimme hinzu. »Sie selbst, teuerste Frau, kennen die tragische, aber herzerhebende Szene noch nicht, die ihrem Ende voranging. Ich war der einsame Zeuge ihres beiderseitigen Todes; denn mir wurden sie in der Verwirrung der Schlacht überlassen. Das Blut beider floß ineinander. Ihr Vater umarmte noch den jungen Helden und segnete in ihm, ohne es zu wissen, seinen Sohn.«

»Ach, ich habe den Edlen getäuscht und schwer und teuer dafür gebüßt!« rief die sich demütigende Witwe. »Sagen Sie mir, Merton, erfuhr er noch meine Vermählung?«

»Nein. Herr de Lacey starb zuerst, an ihres Vaters Busen, der ihn stets wie einen Sohn liebte; allein die Gedanken, die ihre Seelen in jenen Augenblicken füllten, hatten anderes als fruchtlose Aufklärungen zum Gegenstande.«

»Gertraud,« sagte die Gouvernante mit tiefer, reuiger Stimme, »es gibt nirgendwo Friede für unser Geschlecht, als in der Unterwerfung; nirgendwo ein Glück, als im Gehorsam.«

»Es ist ja nun vorbei,« sagte leise das weinende Mädchen; »ganz vorbei und vergessen. Ich bin Ihr Kind – Ihre Gertraud – bin alles, was ich bin, nur durch Sie.«

»Aber Harry!« schrie nun Bignall, indem er sich so gewaltig räusperte, daß man ihn oben auf dem Deck hören konnte, dabei seinen in andere Räume entrückten Leutnant beim Arm faßte und von der Szene beiseite zerrte. »Harry! Was zum Teufel geht mit dem Jungen vor! Sie vergessen ja, daß ich die ganze Weile von Ihren eigenen Abenteuern gerade so viel weiß, als Sr. Majestät erster Minister von der Schifffahrtskunde. – Wie kommt’s, daß ich in diesem Augenblick, wo Sie, wie ich glaubte, den Scheinpiraten spielten, Sie hier vor mir, und zwar als Besuchenden aus einem königlichen Schiffe sehe? Und wie kam das gelbschnablige Adelsreis da drüben in den Besitz einer so stattlichen Gesellschaft und eines so wackern Schiffes?«

Wilder holte einen langen und tiefen Atemzug, wie jemand, der aus einem angenehmen Traume erwacht, und war nur mit Mühe von einem Flecke wegzuziehen, wo er – das sagte ihm sein eigenes Gefühl – ewig hätte weilen können, ohne zu ermüden.

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Der Fremden waren drei; denn »Fremde sind’s!« wisperte der gute Homespun seinem Begleiter ins Ohr, und Homespun war ein Mann, der nicht nur die Namen kannte, sondern meistenteils die geheime Geschichte aller Männer und Frauen, zehn Meilen ab von seiner Residenz. »Fremde sind’s, und überdies«, setzte er hinzu, »Fremde von geheimnisvoller, drohender Art.«

Der eine von ihnen und bei weitem der, dessen Äußeres am meisten hervorstach, war ein junger Mann, dem man ungefähr sechs- bis siebenundzwanzig Jahre geben konnte. Daß dieser Teil seines Lebens nicht bei Tage in beständigem Sonnenschein, bei Nacht nicht in ungestörter Ruhe verflossen, verrieten die Lagen von brauner Farbe, die sich über seine Züge schichtweise und in einer so deutlichen Folge von Nuancen verbreitet hatten, daß seine ehemals weiße Haut allmählich in dunkle Olivenfarbe übergegangen war, durch die das Blut in Fülle der Gesundheit noch immer hervorschimmerte. Seine Züge waren eher männlich und edel, als sich durch genaues Ebenmaß auszeichnend, seine Nase mehr stolz und kühn hervorragend als regelmäßig gebaut, seine Augenbrauen, buschig, bogenmäßig gekrümmt, gaben seiner Stirn und dem obern Teile des Gesichts einen entschiedenen Ausdruck geistigen Vermögens, der den amerikanischen Physiognomien so eigentümlich geworden ist. Der Mund zeigte Festigkeit und Mannheit, und da ihn der Fremde zufällig, als sich der neugierige Schneider an ihn heranschlich, zu einem bedeutenden Lächeln verzog und ein paar Worte in sich murmelte, zeigten sich zwei Reihen schöner Zähne, deren Weiße durch die braune Umgebung noch gehoben wurde. Das pechschwarze Haar floß in wilden, starken Locken auf die Schultern herab; die Augen waren nicht größer als gewöhnlich, grau, und obschon von verschiedenem Ausdruck und wandelbar, doch eher zur Milde als zur Strenge geneigt. Die ganze Gestalt des jungen Mannes hielt das Mittel, das Tätigkeit mit Kraft verbindet, das glückliche Mittel zwischen richtigem Ebenmaß und leichter Gefälligkeit. Gegen diese körperlichen Eigenschaften und Vorzüge stand die Kleidung des Fremden einigermaßen im Nachteil; sie war reinlich und geschmackvoll, und wiewohl ganz die schlichte, einfache eines gemeinen Seemanns, doch von der Art, daß sie den bedächtigen Arbeiter in Steifleinen stutzig machte, und er zweifelte, ob er den Mann wohl anreden dürfe, dessen Auge wie bezaubert auf das Sklavenschiff im äußern Hafen geheftet schien. Ein Zucken der Oberlippe und ein zweites seltsames Lächeln und Gemurmel, in das sich ein ernsteres Gefühl zu mischen schien, übte einen entschiedenen Einfluß auf den unschlüssigen Geist unseres Schneiderleins. Er wagte es nicht, den in sich vertieften Fremdling zu stören, der sich an das Pfahlwerk, wo er stand, anlehnte und nicht die leiseste Ahnung hatte, daß jemand in der Nähe war und ihn beobachtete. Dieser Jemand wendete sich schnell von ihm zu den beiden anderen.

Von diesen beiden war der eine ein Weißer, der andere ein Neger. Beide waren über das Mittelalter hinaus; beiden sah man es an, daß sie des Lebens Last und Hitze getragen, der Strenge des Klimas und den Stürmen der See ausgesetzt gewesen. Ihre Tracht war die einfache, verschossene, abgenutzte, beteerte Tracht der gemeinen Matrosen; sie verrieten beim ersten Blick ihren Stand und Verkehr. Der erste war eine kurze, dicke, stämmige Gestalt, teils von der Natur, teils durch lange Anstrengung vorzüglich mit breiten, muskeligen Schultern und starken, sehnigen Armen begabt, als wären gleichsam die unteren Teile nur dazu bestimmt, den oberen zur Unterlage und zur Erleichterung ihrer Bewegungen und Kraftäußerungen zu dienen. Der Kopf stand im Verhältnis zu den oberen Gliedern, die Stirn rund, fast ganz mit Haaren bedeckt, die Augen klein, starr, bisweilen wild, bisweilen stumpf, die Nase aufgestülpt, dick, gemeiner Art, der Mund breit und gefräßig, die Zähne kurz, rein, vollkommen gesund, das Kinn breit, männlich, voll Ausdruck. Dieser so sonderbar gestaltete Mensch hatte seinen Sitz auf einem leeren Fasse genommen; mit übereinandergeschlagenen Armen saß er da, ebenfalls das Sklavenschiff betrachtend und ab und zu seinem Gefährten, dem Schwarzen, Bemerkungen mitteilend, die ihm seine Beobachtungen und seine nicht geringe Erfahrung eingaben.

Der Neger nahm einen niedrigeren Posten ein, der sich besser für seine untergeordneten Verhältnisse und Neigungen schickte. An Gestalt und besonderer Einteilung der körperlichen Kraft glichen sich beide, nur daß der Schwarze einen höhern Wuchs und mehr Ebenmaß in den Gliedern besaß. Die Natur hatte zwar seinen Zügen die charakteristischen Merkmale seiner Abstammung eingeprägt, aber nicht in jenem abstoßenden Maße, womit sie manchen aus seinem Volke auf die widrigste Art bezeichnet hat. Sein Gesicht war mehr ausgearbeitet als gewöhnlich; sein Auge mild, der Freude leicht empfänglich, und wie das seines Gefährten bisweilen humoristisch. Sein Haupthaar fing an zu grauen, seine Haut hatte die glänzende Pechfarbe verloren, die sie in seiner Jugend auszeichnete; alle seine Glieder und Bewegungen bekundeten den Mann, dessen Körper durch unaufhörliches Arbeiten hart und steif geworden war. Er saß auf einem niedrigen Steine und schien seine ganze Aufmerksamkeit auf kleine runde Kiesel zu richten, die er in die Luft warf und mit großer Geschicklichkeit wieder mit derselben Hand auffing; ein Zeitvertreib, der zugleich die natürliche Richtung seines Gemüts, sich an Kleinigkeiten zu vergnügen, und die Abwesenheit höherer Gefühle verriet, die die Folge einer gebildeteren Erziehung sind, obschon er auch geeignet war, die physischen Kräfte des Negers anschaulich zu machen. Um sein triviales Spiel desto ungehinderter und mit mehr Bequemlichkeit treiben zu können, hatte er den Ärmel seiner groben Jacke bis zum Ellbogen aufgestreift und zeigte einen entblößten Arm, der als Modell zu einem Herkulesarm hätte dienen können.

Beide hier beschriebene Personen hatten gewiß nichts so Imponierendes an sich, daß sie ein von Neugier so geplagtes Wesen, wie unser ehrlicher Schneider war, hätten abhalten können, näher an sie zu rücken. Gleichwohl hütete er sich, seinem Gelüste sogleich Luft zu machen und geradezu auf sie loszusteuern; im Gegenteil wollte er die Sache so einleiten, daß sein Begleiter, der Landmann, einen hohen Begriff von seiner Kunst bekäme, in ein Geheimnis einzudringen. Er fing damit an, ihm ein geheimes Zeichen von Behutsamkeit und Einverständnis zu geben; dann näherte er sich dem Fremdenpaar von hinten mit leisem Tritt und auf den Zehen, damit er Gelegenheit hätte, Heimliches aufzufangen, was diesem und jenem der unachtsamen Seeleute in ihrer Unterredung entschlüpfen könnte. Sein Aufpassen führte ihn jedoch zu keinem wichtigen Resultat; nur diente es dazu, ihn in dem Verdacht zu bestärken, den er schon gegen diese Leute geschöpft hatte, denn in jedem Laut, der über ihre Lippen kam, glaubte er neue offenbare Beweise zu hören, daß sie nichts Geringeres als Landesverräter sein müßten. Die Worte, die sie sprachen, waren freilich nicht so beschaffen, daß sie den Argwohn des guten Mannes hätten vermehren können; und obschon es in seinen Augen ausgemacht war, daß sie Verrat und Hochverrat enthielten, so konnte er doch nicht umhin, sich selbst zu gestehen, daß ihre Reden so künstlich gesetzt seien, daß sich durchaus, selbst von einem scharfsinnigen Späher wie er, nichts zu ihren Ungunsten herausbringen ließe.

»Sieh mal die schöne Binnenbucht an, Guinea,« bemerkte der Weiße, seinen Tabak im Munde rollend und zum erstenmal die Augen vom Schiffe abwendend; »ist sie nicht ein Plätzchen, in dem man gerne sein Schiff untergebracht sehen möchte, wenn man ohne Krücken vor einem Legerwall liegt? Ich bin doch auch ein Stück von einem Seemann, kann aber die Philosophie jenes Burschen nicht klein kriegen, der sein Schiff draußen liegen hat, wenn er’s in einer halben Stunde hier im Mühlenteich einbringen könnte. Wozu läßt er seine Böte so unnütz arbeiten? Meinst du nicht auch so, schwarzer Sip? Heißt das nicht aus schönem Wetter schlechtes machen?«

Der Neger hatte nämlich in der Taufe den Namen Scipio Africanus – abgekürzt Sip – erhalten; eine Art von Witz, der zur Zeit, als Amerika noch in Provinzen zerfiel, weit mehr Mode war, als seitdem es in Staaten geteilt ist, und die niedrigen Dienerklassen mit Namen, wenigstens mit Beinamen belegte, die mit den Philosophen, Helden, Dichtern und Kaisern des alten Roms seltsam kontrastierten. Ihm, dem afrikanischen Scipio aus Guinea, war es im Grunde einerlei, ob das Schiff in offener See oder im Hafen lag, so daß er, ohne sein Kinderspiel zu unterbrechen, mit großer Gleichgültigkeit zur Antwort gab:

»Er mag denken, das Binnenwasser ist ’nem Mars verschlossen.«

»Ich sage dir, Guinea,« erwiderte jener in hartem, nachdrücklichem Tone, »der Kerl draußen ist ein Strohmann. Würde sich ein Mensch, der nur ein Lot Grütze im Kopfe hätte und mit einem Schiff umzugehen wüßte, auf der Reede abäschern, wenn er sein Gefäß, Steuer und Spiegel, in das schöne Becken bringen könnte?«

»Reede? Reede?« – wiederholte der Schwarze mit dem Triumph der Unwissenheit, der es einmal gelingt, den Widerpart auf einem kleinen Irrtum zu ertappen. – »Reede? Was versteht Ihr unter Reede?« Der andere hatte nämlich den Außenhafen von Newport mit dem stürmischen Ankerplatze der Reede verwechselt; dieses griff unser Scipio mit jener Gier auf, womit Leute seiner Art auf Nebendinge achten, wenn sie die Hauptsache nicht anfechten können. »Ich hab‘ nie, solange ich lebe, einen Ankergrund mit Land herum Reede nennen hören.«

»Hört, Meister Goldküste,« murmelte der Weiße, mit drohender Kopfbewegung seinem Gegner zunickend, ohne ihn mit einem Blicke zu beehren, »wenn Ihr Lust habt, im nächsten Monat Eure Haut ganz zu behalten, so rate ich Euch wohlmeinend, die Schlacken Eures Witzes bei Euch zu tragen, und darauf bedacht zu sein, wie und wann Ihr sie von Euch gebt. Antworte mir, Sip, und das gleich! Ist ein Hafen ein Hafen? Und ist die offene See die offene See?«

Die beiden Fragen waren von der Art, daß Scipio mit allem seinem Naturwitze nichts dagegen aufbringen konnte. Er nahm also die klügste Partei; er berührte keine von beiden, und begnügte sich, schweigend und mit großer Selbstgefälligkeit den Kopf zu schütteln, wobei er innerlich über den Triumph, den er davongetragen zu haben glaubte, so herzlich lachte, als ob er keine Sorge kennte und nicht lange Jahre der geduldige Gegenstand von Mißhandlung und Demütigung gewesen wäre.

»Ei, sieh doch«, brummte der Weiße, der inzwischen seine vorige Stellung eingenommen und die Arme wieder übereinandergeschlagen, die sich, als wollten sie die ausgestoßene Drohung unterstützen, schon etwas geöffnet hatten. »Jetzt, da du statt zu antworten, den Wind aus deiner Kehle pfeifen läßt, wie ein Volk Uferkrähen, jetzt denkst du wohl, groß recht zu behalten! Der Herr und Erschaffer der Welt hat den Neger zum unvernünftigen Tiere gemacht; und ein erfahrener Seemann wie ich, der beide Kaps umsegelt und sich alles Gelände zwischen Fundy und Horn hat vorüber gehen lassen, kann sich die Mühe und den Atem ersparen, einen deines Gelichters in die Schule zu nehmen. So viel sage ich dir, Scipio, weil doch einmal Scipio der Name ist, den du in unsern Schiffsbüchern führst, obschon ich einen Monatssold gegen einen hölzernen Bootshaken verwette, daß dein Vater zu Hause Quashee und deine Mutter Quasheiba heißt – so viel sag‘ ich dir, Herr Scipio Africa mit der afrikanischen Farbe, daß jener Schuft in dem Außenraume des hiesigen Newportschen Seehafens sich aus keinen Ankerplatz versteht, sonst hätte er seinen Kat-Anker hoffentlich hier rum in einer Linie mit der Südspitze des kleinen Eilandes fallen lassen, das Schiff nachgeholt und es mit guten Hanftauen und eisernen Schlammhaken befestigt. Nu aber,« fuhr er in einem Tone fort, der klar bewies, daß dieser Vorfall nur eines von den vielen kleinen Scharmützeln gewesen war, die sie miteinander ausgesuchten hatten und auf die stets eine freundliche Windstille gefolgt war – »nu aber, Sip, strenge deinen Vernunftkasten an, und achte auf das, was ich dir sagen will. Der Mensch da hat jenen Ankerplatz gewählt, entweder mit oder ohne Grund. Ich hoffe, eins von beiden wirst du mir zugeben. Ohne Grund? so ist’s auf Geratewohl geschehen, und ich hab‘ nichts weiter zu sagen; mit Grund? so hätt‘ er auf jeden Fall besser getan, wenn er, wie ich dir gesagt habe, hier rum und keinen Faden näher oder weiter geankert hätte, aber nicht da, wo das Schiff jetzt liegt; das war nicht schwerer, als eine Handvoll Federn in des Kapitäns Kopfkissen stecken. Hast du nu was Kluges einzuwenden und dem Manne einen andern Grund unterzulegen, so bin ich bereit, dir als ein vernünftiger Mensch zuzuhören, und als einer, der, wie er sich zum Philosophen gebildet, die gewöhnlichen Sitten der Gesellschaft nicht abgelegt hat.«

»Angenommen, daß sich ein frischer Wind hier aus Nordwest erhebt,« hob der Schwarze an und streckte zugleich den Arm nach der Gegend des Kompaßstriches aus, die er andeuten wollte, »und ein Schiff will in der Eile in See gehen, muß es sich nicht weit genug halten, um durch das Wetter zu kommen? Ha, knackt mir mal diese Nuß auf, Misser Dick! Ihr seid ein grundgelehrter Seemann, aber Ihr habt ebensowenig ein Schiff dem Winde in die Zähne segeln gesehen, als einen Affen sprechen gehört.«

»Der Schwarze hat recht!« rief der dritte Seemann aus, der dem Streite zugehört hatte, so sehr man hätte glauben sollen, er sei mit etwas ganz anderem beschäftigt gewesen. »Der Sklavenhändler hat sein Schiff in dem äußern Hafen gelassen, weil er weiß, daß sich in dieser Jahreszeit der Wind meistenteils westwärts hält; und dann seht Ihr überdies, daß er seine leichten Spieren oben nach dem Topp rauf hält; und doch gibt die Art und Weise, wie seine Segel beschlagen sind, deutlich zu erkennen, er liege fest. Könnt Ihr nicht rausbringen, gute Freunde, ob er ein zweites Anker unter sich hat, oder bloß an einem liegt?«

»Der Mann muß ein Narr sein,« erwiderte der Weiße, ohne zu bedenken, daß es bei Seeleuten auch andere Gründe geben kann, als die bloßen Regeln der Schiffahrt, »ein Narr, daß er sich und sein Schiff ohne einen Wurfanker, ja selbst ohne einen Kedsche anzulegen, einer solchen Strömung von Ebbe und Flut überläßt. Daß er sich überhaupt wenig aufs Ankern versteht, will ich ihm allenfalls schriftlich geben; aber man muß den Verstand verloren haben, wenn alles so hoch hinaufgerollt und beschlagen ist, das Schiff, Steuerbord und Backbord, einem einzigen Tau zu vertrauen, wie jenes stößige Pferd, das wir auf unserem Landwege von Boston mit einem langen Halfter an einen Baum gebunden antrafen.«

»Sieh‘ da,« fiel der Neger ein, sein glänzend Auge immer auf das Schiff gerichtet und sein Steinchenspiel immer fortsetzend, »sieh‘ da! Sie haben den Wurfanker runtergelassen und alle übrigen Anker gestaut. Ich denke, man klemmt das Ruder ganz an Backbord, Misser Harry, und nimmt die Strömung unter seinen Bug. Glaubt Ihr nicht, er könne dann Trab und Galopp davongehen? Ei, ich möchte den Misser Dick ein Pferd reiten sehen, das an einen Baum gebunden wäre!«

Der Einfall machte den Neger selbst lachen und den Kopf schütteln, als sähe er im Geiste dem Ritt zu, den ihm seine Phantasie zeigte. Er lachte herzlich, während sein weißer Gefährte wieder schwer und heftig gegen ihn loszog. Auf diesen halb witzigen, halb groben Streit schien der dritte Mann nicht zu achten; dagegen waren seine Blicke auf das Schiff gefesselt, das für ihn ein Gegenstand des größten Interesses zu sein schien. Auch er schüttelte das Haupt, nur ernster als der Schwarze; und als ob sich in diesem Augenblick seine Zweifel lösten, oder als hätte er nur das Ende des Ausbruchs der Negerfreude abwarten wollen, rief er aus:

»Recht, Scipio, du hast recht, Junge. Das Schiff reitet ganz auf seinem Wurfanker; alles ist in Bereitschaft zum baldigen Aufbruch. In zehn Minuten würde es sich außer dem Feuer der Batterie bringen, wofern es nur über eine Mütze voll Wind schalten könnte.«

»Sir, Sie scheinen ein guter Richter in dergleichen Dingen zu sein«, ließ sich eine unbekannte Stimme hinter ihnen vernehmen.

Der junge Mann drehte sich schnell auf dem Absatze um, und erst jetzt merkte er, daß sie drei nicht mehr allein waren. Doch war er nicht der einzige, den die Erscheinung stutzig machte; denn dieser unvermutete Zuwachs der Gesellschaft nahm den geschwätzigen Schneider ebensosehr wunder, wo nicht noch mehr, als irgendeinen von der Gruppe, die er so angelegentlich behorcht und beobachtet hatte, daß ihm für das Bemerken eines neuen Ankömmlings kein Raum übrig geblieben war.

Dieser Ankömmling war ein Mann zwischen dreißig und vierzig; Miene und Gestalt waren nicht wenig dazu geeignet, die schon so angeregte Neugier des guten, ehrlichen Homespun noch mehr anzufachen. Winzig von Person, sah man ihm Leichtigkeit und selbst ein Maß von Kraft an, das mit seiner Figur von nicht ganz mittlerer Größe in auffallendem Gegensatz stand. Seine Haut wäre weiß wie ein Frauenteint gewesen, hätte nicht ein Dunkelrot, das die unteren Gesichtszüge überzogen und besonders an seiner schönen Habichtsnase sichtbar war, allen Verdacht von Weiblichkeit beseitigt. Sein Haar war wie seine Farbe, schön und rollte längs den Schläfen in vollen blonden Ringeln herab. Mund und Kinn waren fein gebildet; nur daß sich am ersten ein Zug von Spottliebe zeigte, und an beiden ein entschiedener Charakter von Lüsternheit und Wollust. Das Auge blau und voll, und obschon meistenteils ruhig und sogar sanft, doch zuweilen unstet und wild. Er trug einen hohen konischen Hut halb auf einem Ohre, der seinen Zügen einen leichten Anstrich von Ausschweifung gab, einen hellgrünen Reitfrack, rehlederne Beinkleider, Stulpenstiefeln und Sporen. In der Hand hielt er eine dünne Reitgerte, mit der er, als er zuerst entdeckt wurde, mit einem Schein von großer Gleichgültigkeit über die Entdeckung durch die Luft hieb.

»Sie scheinen, Sir, wie ich sagte, ein guter Richter in dergleichen Dingen zu sein,« wiederholte er, als er die erste Beschauung und Augenuntersuchung des jungen Mannes überstanden hatte und etwas ungeduldig zu werden anfing; »Sie sprechen darüber wie ein Mann, der es fühlt, daß er ein Recht hat, seine Meinung zu sagen.«

»Wie? Finden Sie darin was Merkwürdiges, daß unsereiner in dem Beruf, in dem er erzogen worden ist, und in dem Geschäft, das er lebenslang betrieben hat, nicht unwissend sei?«

»Hm! das eben nicht. Nur etwas merkwürdig find‘ ich es allerdings, daß jemand, dessen Geschäft ein bloßes Handwerk ist, diesem Treiben das ehrenvolle Beiwort Gewerbe beilegt. Wir ausgelernte Mitglieder der Rechtsgenossenschaft, und ehemalige Zöglinge der Alma mater-Universität, bedienen uns keines höhern Ausdrucks.«

»Nu, so nennen Sie es meinethalben Handwerk; denn ein Seemann möchte nicht gern mir Herren von Ihrer Kunst und Ihrem Gewerbe etwas gemein haben«, erwiderte der junge Schiffer, sich zugleich von dem Ankömmling wegwendend und sein Mißbehagen über ihn nicht verbergend.

»In dem steckt edles Metall!« murmelte der Grünrock: und was er halblaut dachte, gab er durch Ausdruck und Lächeln zu erkennen. Dann setzte er hinzu: »Freund, lassen Sie ein leichtes, unbedachtes Wort uns nicht trennen. Ich gestehe meine Unwissenheit in allem ein, was das Seeformular betrifft, und würde mir Vergnügen von einem in seinem Gewerbe so geschickten Manne wie Sie lernen. Wie mich dünkt, ließen Sie über die Art der Beankerung jenes Schiffes etwas fallen, und über die verschiedene Lage der unteren und oberen Teile.«

»Der unteren und oberen?« rief der junge Mann aus, jenen, der die Frage getan, mit einem Blicke von oben bis unten messend, der der vorigen Miene nichts nachgab.

»Der unteren und oberen«, wiederholte der andere.

»Ich sprach nur von der netten Einrichtung oben, kann aber in solcher Ferne nicht über die unteren Teile urteilen.«

»Dann hab‘ ich mich geirrt und bitte um Verzeihung, bitte Nachsicht mit jemandem zu haben, der in Sachen, die das Marinegeschäft betreffen, ein Neuling ist. Wie ich schon die Ehre gehabt habe zu sagen, ich bin nichts mehr und nichts weniger als ein demütiger Anwalt, im Dienste Seiner Majestät in einer besonderen Sendung begriffen. Wäre es nicht ein gar so erbärmliches Wortspiel, so würde ich hinzusetzen: Ich bin für jetzt – kein Richter.«

»Es ist kein Zweifel,« erwiderte der Schiffer, »daß Sie nicht bald zu dieser Würde und Auszeichnung gelangen werden, wofern nur die Minister Seiner Majestät sich einen Begriff von ›bescheidenem Verdienst‹ machen können; es wäre denn, daß Sie frühzeitig…«

Hier hielt er inne, biß in die Lippe, machte eine stolze Verneigung mit dem Kopfe und ging nun langsam und in Begleitung der beiden Schiffer, die mit ihm das Fahrzeug ins Auge gefaßt hatten und ein ebenso entschiedenes Wesen annahmen, auf der Kaje spazieren. Der Mann in Grün beobachtete die Bewegung der drei mit ruhigem und dem Anschein nach sich an dem Anblick werdenden Auge, schlug mit der Gerte gegen den Stiefel und schien dann nachdenkend zu werden, wie einer, der gern den Faden eines Gesprächs wieder anknüpfen möchte.

»Frühzeitig – gehenkt würden«, murmelte er zuletzt, als wollte er den Satz, den jener unvollendet gelassen, ergänzen. »Drollig genug, daß so ein Mensch sich herausnimmt, mir eine so hohe Beförderung vorauszusagen!«

Er schickte sich augenscheinlich an, dem abgehenden Kleeblatte zu folgen, als er eine Hand fühlte, die sich ohne Umstände aus seinen Arm legte. Nun blieb er stehen.

»Ein Wort ins Ohr, Sir,« sagte der geschäftige Schneider und gab dabei mit einem bedeutenden Zeichen zu erkennen, er habe Sachen von Wichtigkeit mitzuteilen: »Nur ein einziges Wort, Sir, da Sie sich in Seiner Majestät besondern Diensten befinden. Nachbar Pardon,« setzte er mit vornehmer Gönnermiene hinzu, »die Sonne ist im Sinken; Ihr habt noch weil bis nach Hause und keine Zeit zu verlieren. Mein Mädchen wird Euch das Kleid geben. Gott behüte Euch. Sagt von allem, was Ihr gesehen und gehört habt, nichts, bis ich Euch noch vorher gesprochen habe. Zwei Männern, die in einem Kriege, wie der gegenwärtige, so manche Erfahrung gemacht haben, darf es nicht an der gehörigen Behutsamkeit fehlen. Lebt Wohl, guter Freund! Empfehlt mich dem werten Pachter, Euerm Vater! Bringt meinen freundschaftlichen Gruß Eurer Mutter, der guten Wirtin. Noch mal, lebt wohl, ehrlicher Junge, lebt wohl!«

Als sich aus diese Weise Homespun seines gaffenden und staunenden Begleiters entledigt hatte, sah er ihm noch mit wichtigerem Blicke nach, bis jener die Kaje hinunter war, und nun erst wandte er sich wieder zum Grünrock. Dieser war mittlerweile ruhig stehen geblieben, ohne die geringste Gemütsbewegung zu äußern; er wartete daraus, daß der Schneider, den er Zeit genug gehabt hatte zu betrachten, und den er, wie man zu sagen pflegt, schon ziemlich auf den ersten Blick weg hatte, seinen Vortrag fortsetzen möchte.

Dies geschah mit großer Behutsamkeit von seiten des Fragenden, der sicher gehen wollte, ehe er sich dem Fremden anvertraute: »Sie sagen also, Sir, daß Sie in Diensten Seiner Majestät stehen?«

»Ich sage noch mehr: Ich bin sein Vertrauter.«

»Zuviel Ehre für mich, mit einem Manne, der so hoch steht, mich in ein Gespräch einzulassen. Ich fühle die Gnade in allen Gliedern,« versetzte der Lahme, indem er mit der Hand über die spärlichen Haare fuhr und sich tief zur Erde neigte, »ein großes Glück… eine so gnädige Erlaubnis … es ist die höchste Auszeichnung …«

»Sei es, was es will, Freund, genug, ich nehme es auf mich, Euch im Namen Seiner Majestät willkommen zu heißen.«

»Eine so große Herablassung würde mir das ganze Herz aufschließen, und sollte auch Verrat und sonstiger Unrat darin verborgen sein. Ich fühle mich so glücklich, so geehrt, mein geehrtester Herr, eine Gelegenheit … diese Gelegenheit zu finden, meinen brennenden Eifer für den König einem Manne vorzulegen, der nicht ermangeln wird, meine devotesten Bemühungen Seiner Majestät zu Ohren zu bringen.«

»Sprecht frei,« unterbrach ihn der grüne Fremdling mit einer Miene fürstlicher Herablassung, worin jeder andere, den nicht seine eigene, knospentreibende Ehre beschäftigt hätte, entdeckt haben würde, daß er lästig zu werden beginne, »sprecht ohne Rückhalt, Freund, wie wir es bei Hofe gewohnt sind.« Hierauf mit der Gerte gegen den Stiefelschaft schlagend und sich auf dem Absätze drehend, murmelte er mit gleichgültigem Blick in die Zähne: »Wenn der Kerl diesen Brocken hinabwürgt, so ist er noch dümmer als seine Gänse!«

»Ich will sprechen, Sir; ich will – ich sehe es als eine Gnade und Barmherzigkeit an, wenn ein so vornehmer Herr mir sein Ohr leiht. Sie sehen doch, Sir, jenes große Schiff im äußern Hafen dieser loyalen Seestadt.«

»O ja; das Schiff scheint überhaupt die Aufmerksamkeit der würdigen Einwohner sehr zu beschäftigen.«

»Ew. Herrlichkeit haben hierin den Scharfsinn meiner guten Mitbürger etwas zu sehr überschätzt. Das Schiff liegt hier schon mehrere Tage, ohne daß ich über den Charakter und die Tendenz oder Absicht dieses Schiffes von einem sterblichen Wesen ein sterblich Wort hätte äußern hören, als – von mir selbst.«

»Ei! Ei!« murmelte der Fremde, in den Griff seiner Reitgerte beißend und seine blitzenden Augen fest auf das Gesicht des meckernden Mannes heftend, während dieser, über die Wichtigkeit seiner Entdeckung buchstäblich anschwoll. »Und worin bestehen denn Eure Vermutungen?«

»Ich kann mich irren, Sir, und Gott wird mir’s verzeihen, wenn ich’s tue; aber soviel – nicht mehr und nicht weniger – denke ich mir über die Sache. Jenes Schiff da und das Volk daraus gilt bei den Einwohnern von Newport für ehrliche, unschuldige Sklavenhändlerequipage. Als solche werden die Leute hier angesehen und gern zugelassen, das Schiff nämlich zu einem guten, sichern Ankerplatz, die Mannschaft in die Tavernen und Kramläden. Sie dürfen aber nicht etwa glauben, daß ein einziger von ihnen einen einzigen Rock habe bei mir ausbessern oder gar anfertigen lassen; nein, Sir, das ganze Geschäft geht durch die Hände oder besser zu sagen durch die Finger eines jungen Anfängers im Metier, namens Tape. Der versteht es, auf alle Weisen Kunden an sich zu locken. Er spricht schlecht von seinen Mitmeistern hinter ihrem Rücken, springt mit ihrem guten Namen herum, verschleudert seine Arbeit; kurz … Gewiß und wahrhaftig, ich habe auf dem ganzen Fahrzeuge noch keine Jacke für den kleinsten Schiffsjungen gemacht.«

»Da könnt Ihr von Glück sagen, Freund,« erwiderte der grüne Mann, »daß Ihr mit den Buben nichts zu schaffen habt. Doch Ihr habt vergessen, mir zu sagen, worin die Beschwerde besteht, die ich dem Könige vortragen soll.«

»Ich komme sogleich auf den Hauptpunkt. Ew. Herrlichkeit müssen wissen, daß ich ein Mann bin, der viel gesehen und viel gelitten hat in Seiner Majestät Diensten. Fünf grausamen, blutigen Kriegen hab‘ ich beigewohnt, eine Menge anderer Abenteuer und Erfahrungen ungerechnet, denn es ist die Pflicht eines jeden guten Untertans, zu dulden und zu schweigen.«

»Dies alles, ich versprech‘ es Euch, soll dem Könige zu beiden Ohren kommen. Und nun, würdiger Freund, macht Eurem Herzen Luft und teilt mir Euren Argwohn frei und unumwunden mit.«

»Dank, ehrenwerter Sir, tausend Dank! Soviel Güte gegen mich darf nie vergessen werden; obschon nicht von mir gesagt werden kann, daß die Ungeduld, zu der versprochenen Gnade zu gelangen, mich bewogen, mein Geheimnis leichtsinnig und widerrechtlich aufzudecken. Ew. Gnaden müssen also wissen, daß gestern, um diese Stunde, als ich allein auf meinem Werktische saß und über dieses und jenes nachdachte – unter andern auch und hauptsächlich darüber, daß mein Nachbar und Brotneider alle neue Ankömmlinge mir vor der Nase wegschnappt – ja, Sir, der Kopf arbeitet, wenn die Hände nichts zu tun haben – als ich nun so dasaß, wie ich mit wenig Worten gesagt, und nachdachte über dieses und jenes, über die Mühseligkeit des Lebens, über meine Erfahrungen im Kriege – denn Sie müssen wissen, Sir, außer den Händeln im Lande der Perser und Meder, außer dem Porteousauflauf in Edinbro‘, hab‘ ich in fünf grausamen, blutigen Kriegen …«

»O, ich sehe es schon Eurer Nase an, daß Ihr gedient habt,« unterbrach ihn sein Zuhörer, der nur mit Mühe verbarg, daß ihm die Geduld zu reißen anfing, »allein, da mir jeder Augenblick kostbar ist, so wünschte ich genauer zu vernehmen, was Ihr über das Schiff vorzubringen habt.«

»Man behält, Sir, einen militärischen Überblick, wenn man unzählbare Kriege durchlebt hat, so daß ich, zu unserem beiderseitigen Nutz und Frommen, zu dem Teile meines Geheimnisses kommen kann, das die Natur und den Charakter des Schiffes vorzüglich berührt. Hier saß ich also, wie gesagt, darüber nachdenkend, wie die Verdacht erregende Schiffsmannschaft von meinem Nachbar, dem Zungendrescher Tape, betrogen worden – denn, Sir, soviel muß ich noch im Vorbeigehen erinnern, der Tape ist ein desperates Klatschmaul und dabei ein Gelbschnabel, der aufs höchste einen Krieg gesehen hat – wie ich nun so nachdachte, daß er mir meine Kunden wie die Fliegen wegfängt, und da bekanntlich ein Gedanke der Vater eines andern ist, so kam durch eine natürliche Schlußfolge – wie sich unser frommer Pfarrer wöchentlich in seinen erbaulichen und gelehrten Reden der Schlußfolgen bedient – folgendes in mir auf: Wären jene Schiffer ehrliche, gewissenhafte Sklavenhändler, würden sie wohl einen arbeitsamen Handwerksmann und Familienvater übergehen und ihr wohlverdientes Geld einem gemeinen Schwätzer in den Rachen schieben? Eine neue Schlußfolge hatte zur Folge, daß ich folgerte: Nein, unmöglich! Ich war mit diesem folgerechten Satze vollkommen zufrieden, und folglich lege ich jedem, der mir zuhören will, die Frage vor: Sind es keine Sklavenhändler, was sind es denn für Leute? Eine Frage, von der selbst der König in seiner hohen Weisheit zugeben würde, daß sie leichter auszuweisen, als zu beantworten sei. Nu schloß ich weiter: Ist das Schiff kein ehrliches Sklavenschiff, oder etwa ein königlicher Kreuzer, so ist es ja handgreiflich, und ein Kind muß einsehen, daß es nichts anderes sein kann, als das Schiff des heillosen Piraten, des Red-Rover.«

»Des Red-Rover?« rief der Fremde aus, mit einem so natürlichen Ausdruck von Überraschung, daß dadurch seine schon dahinsterbende Aufmerksamkeit auf des Schneiders Gewäsch plötzlich und mächtig wieder auflebte. »Ja, Freund, das war‘ in der Tat eine Entdeckung, die sich der Mühe verlohnte! Aber wie kommt Ihr darauf?«

»Aus mehreren Gründen, die ich nacheinander aufzählen will. Erstens ist es ein bewaffnetes Schiff, Sir. Zweitens ist es kein gesetzlicher Kreuzer, denn dies würde allgemein, und mir vor allen, bekannt sein, da hier so leicht keines von des Königs Schiffen anlegt, bei dem ich mir nicht ein paar Dreier verdienen sollte. Mein dritter Beweis ist das raubsüchtige und rohe Betragen der wenigen vom Schiffsvolke, die ans Land gekommen sind; und zum vierten und letzten, was hinlänglich bewiesen ist, kann füglich als substantiell bestehend angenommen werden. Hier haben also Ew. Gnaden, was ich billig die Vordersätze meiner Schlußfolge hätte nennen sollen, und ich bitte untertänig, sie der königlichen Prüfung Seiner Majestät vorzulegen.«

Der Anwalt im grünen Rocke horchte aus die etwas verwirrte und verdrehte Folgereihe von Homespuns Gründen mit großer Aufmerksamkeit, obschon die Ordnung, in der sie der eifrige Schneider vortrug, nicht eben gemacht schien, ihnen größeres Gewicht zu geben. Sein durchdringendes Auge rollte schnell abwechselnd vom Schiffe auf den Redner; und es vergingen einige Augenblicke, ehe er es für gut fand, ihm Antwort zu geben. Die sorglose Munterkeit, mit der er sich anfangs eingeführt, und die ihn bisher beim Reden nicht verlassen hatte, wich von ihm und wurde durch ein nachdenkendes und zurückhaltendes Wesen ersetzt, das hinreichend bewies, daß er sich, so leicht und flüchtig er auch von Natur zu sein schien, gleichwohl ebensogut in ernsthafte Gedanken vertiefen könne. Doch ebenso schnell, als er sie angenommen, legte er die ernstsinnende Miene ab, nahm eine andere an, in der Ironie und Aufrichtigkeit in seltener Verbindung standen, und, die Hand auf des gespannten Kleidermachers Schulter legend, erwiderte er:

»Freund, Ihr habt mir über einen wichtigen Gegenstand Aufschlüsse gegeben, die Euch als einen treuen, loyalen Diener des Königs bezeichnen. Ich weiß, und wir wissen alle, daß ein hoher Preis auf den Kopf des geringsten Mitgenossen und Begleiters des roten Freibeuters gesetzt ist, und daß eine reiche, ja, ich möchte sagen, eine glänzende Belohnung den erwartet, den sein Glück zum Werkzeug bestimmt, durch das der ganze Bund der verruchten Bösewichter in die Hände der Gerechtigkeit geliefert wird. Ich bin überzeugt, daß ein vorzügliches Zeichen der königlichen Gnade auf eine Entdeckung dieser Art folgen werde. Da ist schon zum Beispiel ein gewisser Fipps gewesen, ein Mann von geringer Abkunft, den der König zum Ritter gemacht hat …«

»Wie? Zum Ritter?« wiederholte der Schneider, vor Bewunderung und Respekt außer sich.

»Zum Ritter,« wiederholte langsam und kalt der grüne Mann, »zum ehrenhaften, ritterlichen Ritter. Wie ist Euer Taufname?«

»Meine Zugabe, mein Given name, gnädiger und huldvoller Herr, ist Hektor.«

»Und Euer Haus- und Familienname, der alte Name Eures Stammes?«

»Ist jederzeit Homespun gewesen.«

»Nun, Sir Hektor Homespun wird ebensowohl klingen als ein anderer. Aber, lieber Freund, um Euch Euern Lohn nicht entgehen zu lassen, müßt Ihr besonnen und verschwiegen sein. Ich bewundere Euern Scharfsinn und gebe mich Eurer Logik gefangen, Ihr habt den Grund Eurer Vermutungen so klar auseinandergesetzt, daß ich ebensowenig daran zweifle, jenes Schiff sei das des berüchtigten Piraten, den man den roten nennt, als daß Ihr nächstens Sporen tragen und Sir Hektor genannt werdet. Beides hat sich zugleich in meinem Kopfe festgesetzt, aber wir müssen behutsam und klug zu Werke gehen. Nicht wahr, ich kann mich darauf verlassen, daß noch kein anderer von Euch Licht und Aufklärung in der Sache erhalten hat?«

»Keine Gottesseele. Tape selbst würde auftreten und schwören, daß die ganze Equipage aus gewissenhaften Sklavenhändlern besteht.«

»Desto besser. Erst müssen wir der Sache auf den Grund kommen; dann folgt die Belohnung von selbst. Trefft mich diesen Abend elf Uhr an jener niederen Stelle, wo die Landzunge nach dem äußeren Hafen ausläuft. Von da aus wollen wir unsere Beobachtung anstellen, und sobald sie der Erfolg gekrönt hat und jeder Zweifel verschwunden ist, soll von der Massachusettsbai bis zu den Niederlassungen von Oglethorpe die Entdeckung laut ausposaunt werden. Bis dahin laßt uns scheiden, denn es ist der Klugheit nicht gemäß, daß wir länger in Unterredung betroffen werden. Denkt an dreierlei, lieber künftiger Ritter, an Schweigen, an Pünktlichkeit und an die Gunst des Königs. Dies seien unsere Losungsworte.«

»Adieu, hochgeehrtester Herr«, antwortete der Schneider und bückte sich wieder bis auf die Erde, während jener kaum an dem Hut rückte.

»Adieu, Sir Hektor«, rief ihm der Grünrock zu, mit freundlichem Kopfnicken, wohlwollendem Lächeln und leichter Bewegung mit der winkenden Hand. Hierauf ging er langsam die Kaje entlang, vor dem Hause der Familie Homespun vorbei, und verschwand. Das Haupt dieses alten Stammes stand eine Weile unbeweglich da, wie so mancher Vorgänger und Nachfolger, dergestalt über sein Glück entzückt, und dergestalt verblendet in seiner Torheit, daß, obschon sein physisches Auge die Rechte von der Linken unterscheiden konnte, seine geistigen Sehnerven, von den Wolken des Ehrgeizes umhüllt, durchaus verfinstert und erblindet waren.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Der Kommandeur des Pfeils und sein halbverzückter Schiffsleutnant erreichten schweigend die Schanze. Das erste, was letzterer hier tat, war, daß er sich nach dem nahen Schiffe umsah, und zwar mit einem Blick, dessen ungewisses, bewußtlos Hin- und Herirren das Bild eines augenblicklichen Wahnsinns gab. Toch war das Fahrzeug des Rovers in dem vollen, schönen Ebenmaße seines bewunderungswürdigen Baues klar genug vor Augen. Start noch in einem Zustande der Ruhe zu liegen, hatte man, seit er es verlassen, die Vorderrahen umgeschwungen, so daß das stolze Gebäude, dessen Segel nun der Wind füllte, bereits angefangen, sich zierlich, obgleich nicht sehr schnell, vorwärts zu bewegen. Das Manöver trug indes auch nicht den fernsten Anschein eines Versuchs, die Flucht zu ergreifen. Im Gegenteil, die höheren, leichteren Segel waren alle angeschnürt, und einige ließen eben mit vieler Geschäftigkeit jene dünneren Spieren aufs Verdeck hinab, die zum Ausbreiten der zur schleunigern Flucht nötigen Leinwand durchaus unentbehrlich gewesen wären. Mit banger Besorgnis wendete sich Wilder weg von dem Anblick; gar wohl war ihm bekannt, daß dies die Vorkehrungen waren, die erfahrene Seeleute zu treffen pflegen, wenn sie beschlossen haben, im Kampfe das Äußerste zu wagen.

»Ha, ha, dort geht mein Seeheld von St. James, hat seine drei Bramsegel voll und seinen Besan heraus, als wenn er schon vergessen hätte, daß er bei mir zu Mittag essen soll, und daß sein Name auf der Kommandeursliste an dem einen Ende zu finden ist, und meiner an dem andern«, brummte der unwillige Bignall. »Doch er wird schon zu rechter Zeit wieder rechtsum machen, denk‘ ich, wenn ihm sein Appetit sagt, es sei Essenszeit. Übrigens könnte er immer in Gegenwart eines ältern im Amte seine Flagge aufziehen, unbeschadet seiner adeligen Würde. Beim Himmel, Harry, er handhabt die Rahen dort allerliebst! Na, was gibt’s, irgendeines ehrlichen Mannes Sohn ist ihm unter der Gestalt eines Premierleutnants zur Amme mit an Bord gegeben worden; da wird er uns denn bei Tische die Ohren vollprahlen, als da ist: ›Dieses mache ich auf meinem Schiffe so‹, und ›jenes leide ich auf meinem Schiffe nicht‹, und dergleichen mehr. Ha, ha, nicht wahr, Sir? Er hat einen ausgelernten Matrosen zu seinem Premier?«

»Wenig Leute,« erwiderte Wilder, »verstehen die Schifffahrtskunde besser als der Kapitän jenes Fahrzeuges in eigener Person.«

»Den Teufel auch mag er davon verstehen! Sie haben mit ihm über derlei Dinge geschwatzt, Herr Arche, und da hat er denn dem Pfeil dies und jenes abgelernt, das ist alles. Ich kann ebenso schnell hinter die Wahrheit kommen als irgendein anderer.«

»Ich versichere Sie, Kapitän Bignall, es ist höchst gefahrvoll, sich durch den Glauben an die Unwissenheit des außerordentlichen Mannes in jenem Schiffe sicher machen zu lassen.«

»Aha, nun komme ich aufs rechte Fahrwasser, in Beziehung auf seinen Charakter. Der junge Hund ist ein Spaßvogel und hat einen Matrosen aus der alten Schule, wie er es nennt, zum besten gehabt. Hab‘ ich’s, Sir? Der hat vor dieser Reise schon Salzwasser gesehen, ha, ha?«

»Die See ist fast seine Heimat; er lebt schon länger als dreißig Jahre auf dem Element.«

»Da, Harry, hat er Sie nicht übel angeführt. Ha, ha, ha! Ich habe es aus seinem eigenen Munde, daß er morgen erst dreiundzwanzig Jahre alt wird.«

»Auf mein Wort, er hat Sie hintergangen, Sir.«

»Ich weiß nicht, Herr Arche. Mich hintergehen, das ist leichter unternommen als ausgeführt. Fünfundeindrittel Dutzend Jahre mögen wohl die Füße etwas schwerfällig machen; dagegen füllen sie aber auch den Kopf mit gewichtiger Klugheit! Kann sein, daß ich eine zu geringe Meinung von der Geschicklichkeit des Junkers faßte, aber was seine Jahre anbetrifft, so kann ich mich unmöglich sehr geirrt haben. – Aber, wo zum Teufel steuert denn der Kerl hin? Will er sich erst von seiner gnädigen Frau Mama eine Vorsteckserviette holen, um sein Mittagsmahl an Bord eines Kriegsschiffes einzunehmen?«

»Sieh! Er stellt sich wirklich seewärts!« rief Wilder mit einer solchen Hast und Freude, daß ein aufmerksamerer Beobachter als sein Kommandeur Verdacht hätte schöpfen müssen.

»Was Sie sagen, ist wahr, oder ich weiß nicht mehr den Spiegel eines Schiffes von seinem Vorkastell zu unterscheiden«, erwiderte der andere etwas barsch. »Wissen Sie was, Herr Arche, ich habe große Lust, den Stutzer Respekt gegen seinen Vorgesetzten zu lehren, und ihm noch ein bißchen mehr Raum zum Rudern zu geben, um seinen Appetit zu schärfen. Ja, beim Himmel, ich will’s; mag er dann mit seinen nächsten Depeschen nach Hause auch von diesem Manöver einen Bericht abstatten. He! Braßt die Hinterrahen voll, Sir; braßt sie voll! – Da diesem ehrenwerten Jüngling beliebt, sich mit einer Schnellsegelpartie zu amüsieren, ei nu, so darf’s ihn nicht verdrießen, wenn andere dieselbe Laune haben.«

Der Leutnant der Wache, an den die Order ergangen war, gehorchte, und nach einer Minute fing der Pfeil an, sich vorwärts zu bewegen, allein in einer Richtung, die der des Delphin gerade entgegengesetzt war. – Dem alten Manne machte sein schnellfertiger Entschluß nicht wenig Freude, die er durch hundert Späße und selbstgefälliges Händereiben zu erkennen gab. Er war zu sehr mit dem eben getanen Schritt beschäftigt, um gleich wieder auf den Gegenstand, der ihm vor einigen Augenblicken der angelegentlichste war, zurückzukommen; und die beiden Schiffe, ein jedes auf seinem Striche sich leicht und stetig bewegend, hatten schon ein breites Wasserfeld zwischen sich gelassen, als er erst wieder daran dachte, das Gespräch fortzusetzen.

»So! Mag er dies in sein Logbuch eintragen, Herr Arche«, nahm der reizbare alte Teer wieder auf, indem er zu Wilder, der sich in der Zwischenzeit nicht von seinem Platze gerührt hatte, zurückkehrte. »Mein Koch versteht sich zwar nicht darauf, wie man einen Frosch schmackhaft zubereite, wer aber kosten will, ob er sonst was zubereiten könne, der muß zu ihm kommen. Beim Himmel, Junge, es wird ihm zu schaffen machen, wenn er es unternimmt, mit dieser Wendung zu uns heranzukommen. – Doch, durch welchen Zufall sind denn Sie in sein Schiff geraten? Von diesem ganzen Teil der Reise weiß ich ja noch kein Sterbenswörtchen.«

»Ich habe Schiffbruch gelitten, Sir, seit Sie meinen letzten Brief erhalten haben.«

»Wie! So ist denn der rote Patron dem Teufel endlich doch anheimgefallen?«

»Der Unfall ereignete sich in einem Schiffe aus Bristol, wo ich als eine Art von Prisenmeister angestellt war. Wahrhaftig, er hält sich langsam, aber stetig nordwärts!«

»So lassen Sie doch den jungen Stutzer laufen! Sein Abendessen wird ihm um so besser schmecken. Da sind Sie also von dem königlichen Schiffe, die Gazelle, aufgenommen worden. So: ich sehe nun schon, wie das Ganze hergegangen ist. Ja, ja, man gebe einem alten Seehund nur seinen Strich und Kompaß, so findet er seinen Weg zum Hafen, mag die Nacht noch so dunkel sein. Aber wie kam’s, Sir, daß dieser Herr Howard sich stellte, als wäre Ihr Name ihm unbekannt, als er denselben auf meiner Offiziersrolle sah?«

»Unbekannt! Schien mein Name ihm unbekannt? Vielleicht …«

»Nicht weiter davon, mein tapferer Junge, nicht weiter davon«, unterbrach Wilders besonnener, aber ebenso hitziger Kommandeur. »Mir ist dergleichen vornehme Behandlung ebenfalls widerfahren: doch wir stehen über ihnen, hoch über ihnen, mitsamt ihren Unverschämtheiten. Niemand braucht sich zu schämen, sich seinen Rang so wie Sie und ich, durch sauern, schweren Dienst, bei gutem und schlechtem Wetter, selber erworben zu haben. Zum Henker, Junge, hatte ich nicht einen dieser Emporkömmlinge einst eine ganze Woche gefüttert, und wie ich in den Straßen Londons auf ihn stoße, stiert er Ihnen nicht quer über die Straße eine Kirche an, so daß ein Einfältiger geglaubt hätte, der Gelbschnabel wisse wirklich, zu welchem Zweck ein solches Gebäude diene? Denken Sie nicht weiter daran, lieber Harry: mir sind schon ärgere Dinge passiert, ich versichere Sie.«

»Ich ging unter meinem angenommenen Namen, solange ich in jenem Schiffe war«, gewann endlich Wilder Gewalt über sich, hinzuzufügen. »Selbst die Damen, die mit mir Schiffbruch litten, kennen mich unter keinem andern.«

»Ach, das war vernünftig: so hat das junge Adelsreis am Ende doch nicht aus vornehmem Stolz Unwissenheit vorgeschützt. Na, Master Fid, wie geht’s? Du bist willkommen wieder hier auf dem Pfeil.«

»Ich habe mir die Freiheit genommen, mich beinahe selbst schon willkommen zu heißen, gnädiger Herr«, versetzte der Toppgast, der sich nicht weit von seinen beiden Offizieren etwas zu schaffen machte, offenbar, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, »’s ist ein hübsches Zimmerwerk, das dort, hat einen kühnen Befehlshaber, und derbe, wackere Mannschaft: aber was mich anbelangen tut, sintemalen ich einen Charakter zu verlieren habe, so ist’s doch mehr nach meinem Geschmack, in einem Schiffe zu segeln, das sein Patent aufweisen kann, wenn es von denen, die befugt sind, dazu aufgefordert wird.«

Die Farbe wechselte auf Wilders Wange, wie der rötlich schillernde Abendhimmel, und sein Auge nahm jede Richtung, nur die nicht, in der es dem erstaunten Blicke seines Freundes, des Veterans, begegnen mußte.

»Verstehe ich auch den Burschen nicht unrecht, Herr Arche? Jeder Offizier in der königlichen Flotte, vom Kapitän bis zum Bootsmann, das heißt nämlich, ein jeder, der nur seine fünf Sinne beisammen hat, führt zur See die schriftliche Befugnis zu seinem Amte bei sich; sonst könnte er sich leicht einmal in einer Lage befinden, die nicht minder kitzlig wäre als die eines Piraten.«

»Das ist’s ja eben, was ich sage, Sir; nur daß Ew. Gnaden durch Studia und die lange Übung besser mit Worten aufgetakelt sind. Guinea und ich haben die Sache oft hin und her besprochen, und fürwahr, Kapitän Bignall, wir sind mehr als einmal nicht wenig nachdenklich dabei geworden. ›Angenommen,‹ frug ich den Schwarzen, ›angenommen, einem der Schiffe Sr. Majestät stößt gegenwärtiges Fahrzeug auf, und es kommt zum Handgemenge und Losbrennen, was,‹ fragte ich, ›was würden zwei unseresgleichen, Guinea, bei einer solchen Bescherung tun?‹ – ›Nu,‹ sagte der Schwarze, ›wir täten bei unsere Kanonen halten, aus der Seite von Master Harry‹, sagte er; ich hatte auch nichts dawider einzuwenden, aber mit schuldigem Respekt vor seiner Gegenwart und Ew. Gnaden Ihrer muß ich gestehen, ich war so frei, hinzuzusetzen, daß, nach meiner geringen Meinung, es doch viel bequemer wäre, aus einem ehrlichen Schiffe getötet zu werden, als auf dem Deck eines Bukaniers.«

»Eines Bu … kaniers!« schrie der Kommandeur mit großen Augen und offenem Munde.

»Kapitän Bignall,« sagte Wilder, »ich habe vielleicht die von Ihnen erfahrene Nachsicht gemißbraucht, daß ich solange schwieg; doch hören Sie meine Erzählung an, ich hoffe, einige Stellen darin werden zu meiner Entschuldigung sprechen. Das Fahrzeug, das Sie dort sehen, ist das Schiff des berühmten roten Freibeuters – unterbrechen Sie mich nicht, ich beschwöre Sie bei aller Liebe, die Sie mir solange bewiesen haben, lassen Sie mich vollenden, und dann tadeln Sie, wenn Sie können.«

Wilders Worte und der männliche Ernst, mit dem er sie begleitete, hielten den aussteigenden Unwillen des ehrlichen Alten zurück. Ernst und hoch gespannt lauschte er der bündigen, aber klaren Erzählung, die sein Leutnant sich ihm zu geben beeilte; und ehe dieser noch fertig war, war auch er von jenem dankbaren, wenigstens hochherzigen Gefühl großenteils eingenommen, das den Jüngling so abgeneigt gemacht hatte, den anstößigen Charakter eines Mannes zu verraten, von dem er eine so großmütige Behandlung erfahren hatte. Einige starke, seinem Fache eigentümliche Ausrufungen der Überraschung und der Bewunderung unterbrachen wohl den Bericht hier und da; im ganzen aber zähmte er seine Ungeduld und seine Gefühle auf eine Weise, die merkwürdig genug war, wenn man das Temperament des Kapitäns in Erwägung zieht.

»In der Tat wunderbar!« rief er, als der andere geendigt hatte; »und jammerschade, daß ein so grundehrlicher Kerl ein solcher Erzspitzbube ist. Aber, Harry, bei alledem können wir ihn doch nicht frei passieren lassen; unsre Untertanenpflicht wie unsre Religion verbieten es. Wir müssen wenden und auf ihn zusteuern; wenn er mit guten Worten nicht zur Vernunft bewogen werden kann, so bleibt kein anderes Mittel als Zuschlagen, soviel ich davon verstehe.«

»Ich fürchte, unsre Pflicht läßt uns keine andere Wahl, Sir«, erwiderte der junge Mann mit einem tiefen Seufzer.

»Auch unsre Religion nicht. – Und so ist also der Schwatzhans, den er mir an Bord schickte, gar nicht einmal ein Kapitän gewesen! Aber doch hat er mich in Hinsicht auf das Äußere und das Benehmen eines Mannes von Stande nicht hintergehen können. Ich stehe dafür, es war irgendein junger Taugenichts aus guter Familie, sonst könnte er den vornehmen Wüstling nicht so gut gespielt haben. Hören Sie, Herr Arche, wir müssen versuchen, seinen Namen geheim zu halten, damit keine Schande auf seine Angehörigen falle. Unsere aristokratischen Säulen, wenn sie auch anfangen einige Sprünge und Ritzen zu bekommen, sind denn doch am Ende die Stützen des Throns, und es geziemt uns nicht, gemeine Augen zu deutlich sehen zu lassen, daß sie morsch sind.«

»Der Mann, der den Pfeil besuchte, war der Korsar selber.«

»Ha! Der rote Freibeuter auf meinem Schiff, ja sogar in meiner persönlichen Gegenwart!« schrie der alte Teer mit einer Art heiligen Abscheues. »Es gefällt Ihnen, meine Leichtgläubigkeit zum besten zu haben, Sir.«

»Ich müßte tausend Verbindlichkeiten erst aus den Augen setzen, ehe ich so dreist sein könnte. Nehmen Sie meine feierliche Versicherung, Sir, es war kein anderer.«

»Das ist unbegreiflich! Außerordentlich bis zum Wunderbaren! Außerordentlich! Seine Vermummung war sehr vollständig, ich muß es gestehen, da er imstande war, jemand zu täuschen, der sich so genau auf die Züge im menschlichen Gesicht versteht. Ich habe nichts von seinem borstigen Backenbart gesehen, nichts von seiner bestialischen Stimme gehört, kurz, bemerkte keine jener monströsen Entstellungen, die diesen Menschen auszeichnen, wie allgemein bekannt ist.«

»Alles dies sind nur Ausschmückungen, die ihm das gemeine Gerücht geliehen. Ich fürchte, Sir, die verwegensten und gefährlichsten unter der Anzahl menschlicher Laster verbergen sich oft hinter der anziehendsten Außenseite.«

»Aber der mißt ja nicht einmal seine Zolle, Sir.«

»Sein Körper ist nicht groß, allein er umfaßt einen Riesengeist.«

»Und halten Sie, Herr Arche, jenes Schiff für dasselbe Fahrzeug, das mit uns vergangenen März in den Nachtgleichen handgemein war?«

»Ich weiß es ganz gewiß.«

»Na, hören Sie, Harry, Ihretwegen will ich großmütig mit dem Schelm verfahren. Einmal ist er mir entwischt, daran war aber der Verlust einer oberen Stenge und das ungünstige Wetter schuld; doch jetzt haben wir einen guten, wirksamen Wind, auf den man mit Sicherheit rechnen kann, und eine herrliche, ruhige See. Ich brauche also bloß zu wollen, so ist er mein – denn ich denke wirklich, daß er nicht vorhat, Reißaus zu nehmen.«

»Ich fürchte, nein«, erwiderte Wilder, und verriet in den Worten unwillkürlich seine eigentlichen Wünsche.

»Kämpfen, mit der geringsten Hoffnung guten Erfolges, kann er nicht; und da er eine ganz andere Personage zu sein scheint, als ich mir ihn dachte, so wollen wir versuchen, was Unterhandlung bei ihm vermag. Wollen Sie es übernehmen, der Überbringer meiner Bedingungen zu sein? – Doch, seine Mäßigung könnte ihn vielleicht gereuen.«

»Meine Ehre zum Unterpfand, er hält Wort«, rief Wilder mit Eifer. »Lassen Sie eine Kanone leewärts lösen. Aber nicht zu vergessen, Sir, alle Zeichen müssen freundschaftliche Absichten andeuten; eine Parlamentärflagge wehe von unserm Hauptmast, so will ich mich jeder Gefahr unterziehen, um ihn in den Schoß der Gesellschaft zurückzuführen.«

»Beim heiligen Georg, es wäre wenigstens eine christliche Tat,« erwiderte der Kommandeur nach einer augenblicklichen Überlegung; »und wenn wir auch des Sieges verlustig gehen und somit nicht zu Rittern auf Erden geschlagen werden, so werden unser um so sanftere Hängematten dort oben warten.«

Kaum hatten der warmherzige und vielleicht etwas schwärmerische Kapitän des Pfeils und sein Leutnant diese Maßregel beschlossen, so trafen sie auch eifrig die nötigen Vorkehrungen, um den Erfolg zu sichern. Das Ruder wurde leewärts gelenkt; und als das Vorkastell sich dem Winde zuwendete, blitzte eine Feuersäule aus einer Pfortgate aus der Leeseite und schickte die herkömmliche, freundschaftliche Aufforderung über das Wasser, daß die, die den Pfeil regierten, den Bewohnern des andern Schiffes eine Mitteilung zu machen hätten. Zu gleicher Zeit sah man eine kleine Flagge mit schneeweißem Felde von der höchsten Spitze des Spierenwerkes wehen, während die Wimpel Englands von der Gaffel herabgelassen wurden. Eine halbe Minute tiefer Besorgnis im Busen derer, die diese Signale zu geben befohlen hatten, folgte jetzt. Indessen wurde ihrer Ungewißheit bald ein Ende gemacht. Eine Rauchwolke aus dem Fahrzeug des Rover trieb vor dem Winde, und gleich darauf erscholl der dumpfe Knall der erwidernden Kanone. Eine der ihrigen ähnliche Flagge flatterte, gleichsam wie die Fittiche einer fliegenden Taube, hoch über allen Stengentopps; dagegen war an der Spitze, wo man gewöhnlich die Farben sieht, die die Nation eines Küstenfahrers andeuten, durchaus kein Signal der Art zu entdecken.

»Der Kerl ist doch so bescheiden, in unserer Gegenwart mit nackter Gaffel zu fahren«, sagte Bignall, indem er seinen Gefährten auf den Umstand, als eine ihren Wünschen günstige Vorbedeutung aufmerksam machte. »Bis zu einer mäßigen Entfernung wollen wir auf ihn lossteuern, und dann sollen Sie das Boot besteigen.«

Diesem Entschluß gemäß wurde der Pfeil gewendet und mehr Segel beigesetzt, um die Schnelligkeit zu vermehren. Als sie innerhalb einer halben Kanonenschußweite gekommen waren, brachte Wilder seinem Obern bei, daß es ratsam wäre, nicht weiter vorzurücken, um den Anschein feindseliger Gesinnung zu vermeiden. Sogleich wurde das Boot hinab in die See gelassen und bemannt: eine Waffenstillstandsflagge vorn aufgepflanzt und dann Bericht abgestattet, daß alles bereit sei, um den Überbringer der Botschaft aufzunehmen.

»Sie können ihm diese schriftliche Auseinandersetzung unserer Streitkräfte einhändigen, Herr Arche; denn da er ein Mann ist, der Vernunft annimmt, so wird ihn dies Papier belehren, wie sehr wir im Vorteil stehen«, sagte der Kapitän, nachdem er sich in der Wiederholung seiner mannigfaltigen Instruktionen erschöpft hatte. »Ich denke, Sie können ihm immer Verzeihung für das Vergangene zusichern, wenn er nämlich in meine sämtlichen übrigen Bedingungen einwilligt; in jedem Fall aber können Sie soviel sagen, daß alle mögliche Verwendung geschehen soll, um für seine Person wenigstens eine vollständige Reinigung zu erwirken. Gott erhalte dich, Junge! Daß Sie ja nichts fallen lassen von der Havarie, die wir in der Affäre vom vergangenen März gelitten haben; denn … hm … denn die Winde der Nachtgleichen bliesen gerade etwas scharf, wie Sie wissen. Adieu! Und guten Erfolg!«

Das Boot stieß von der Seite des Schiffes ab, als er fertig war, und nach wenigen Augenblicken war Wilder, obgleich er sich zu hören anstrengte, schon zu weit, um von dem fernern guten Rat, den der Alte noch nachrief, ein Wort vernehmen zu können. Während des Ruderns nach dem noch ziemlich entfernten Korsarenschiffe hatte unser Abenteurer hinlänglich Muße, über die außerordentliche Lage, in der er sich jetzt befand, seine Betrachtungen anzustellen. Ein- oder zweimal durchzuckte seine Seele ein Schimmer von Mißtrauen in die Klugheit des Schrittes, den er zu tun im Begriff war; doch war er nur flüchtig und vorübergehend, denn die Erinnerung an die großartige Gesinnung des Mannes, dem er sich anvertraute, ließ diese Besorgnis nicht vorherrschend werden. Ungeachtet der Bedenklichkeit seiner Lage wurde doch, sowie er dem Fahrzeuge des Rover näher kam, das Interesse am Seewesen immer mächtiger, ein Interesse, das jedem echten Matrosen so charakteristisch ist und in seinem Busen selten ganz verstummt. Das vollkommene Ebenmaß der Spieren, das anmutige Auf- und Niederschweben des ganzen Gebäudes, indem es sich auf den langen, regelmäßigen Wogen, wie sie sich unter Passatwinden zu gestalten pflegen, gleich einem Seevogel wiegte, endlich das zierliche, schiefe Aufschießen der schlanken Masten, wie sie sich Bahn brachen vorwärts durch den blauen, von dem künstlich verwickelten Netzwerk der Taue durchschnittenen Äther, waren reizende Gegenstände für ein Auge, das ihre Schönheit nicht nur im ganzen fühlte, sondern auch die Anordnung jedes einzelnen Teils dieses schönen Ganzen würdigen konnte. So konnte es geschehen, daß Wilder einen Augenblick ganz vergaß, was für eine wichtige Botschaft er hatte, als das Schiff, das mit Recht darauf Anspruch machen konnte, ein Juwel des Ozeans zu sein, nun klar vor seinen Augen lag.

»Laßt einmal eure Ruder ruhen, Burschen,« sagte er, und winkte den Leuten, den Lauf des Bootes anzuhalten; »setzt die Ruder beiseite! Hast du je schöner aufschießende Masten als diese da gesehen, Master Fid, oder Segel, die herrlicher gebraßt gewesen wären?«

Der Toppmann, der an dem Hauptruder in der Pinasse saß, warf einen Blick über seine Schulter, und nachdem er sich die eine Wange mit einem Stück Rollentabak angestaut hatte, das dreist mit einem Kanonenpfropfen verglichen werden darf, ließ er sich bei einer Gelegenheit, wo so unmittelbar ein Gutachten von ihm verlangt wurde, ohne Zögern also vernehmen:

»Ich kümmere mich nicht, wer es hört, denn mag’s nu von ehrlichen Kerlen oder von Spitzbuben gehandhabt werden, so hab‘ ich doch den Vorkastellmännern aus dem Pfeil gleich in den ersten fünf Minuten, nachdem ich wieder bei ihnen angelangt war, gerade raus gesagt, daß sie einen ganzen Monat im Portsmouther Hafen liegen könnten, ehe sie einen so leichten und doch so gute Dienste tuenden Windsang zu sehen bekämen, wie der an Bord dieses Rumschwärmers. Ist doch sein unteres Tauwerk eingefädelt und schlank wie Jungfer Lene Dale, wenn sie die Stagtaljereepen an ihrem Schnürleibchen wacker angeholt hat! Da ist auch nicht ein einziger Block, der da, wo er sitzt, größer aussähe, als in dem niedlichen Mädchengesicht die Guckäugelein. Sehen Sie dort das Taugewinde an dem Fockbrassenblock? Das ist von der Hand eines gewissen Richard Fid verfertigt, und das Herz in dem großen Stag, das hat der Guinea hier eingedreht; man muß zwar bedenken, daß er nur ein Neger ist, aber nach Schiffsart ist es doch gemacht, sag‘ ich.«

»Es ist in allen seinen Teilen herrlich, das Schiff!« rief Wilder, tief Atem holend. »Zugerudert, Leutchen, Angerudert! Glaubt ihr denn, ich sei da, um die Seetiefen zu sondieren?«

Die Leute schraken zusammen bei der Hast, womit ihr Leutnant sprach, und nach einer zweiten Minute war das Boot an der Seite des Piratenschiffs. Die wilden, drohenden Blicke, die ihn trafen, als er die Planken betrat, machten ihn einen Augenblick unschlüssig, ob er sich mitten durch die Mannschaft vorwärts wagen sollte oder nicht. – Allein die persönliche Gegenwart des Freibeuters, der mit der ihm eigentümlichen, hohen, imposanten Herrschermiene auf der Schanze stand, ermutigte ihn nach einem Zaudern, das von zu kurzer Dauer war, um bemerkt werden zu können, seinen Gang fortzusetzen. Schon öffnete er die Lippe zum Sprechen, da gab ihm der andere einen Wink, worauf sich beide schweigend in die einsame Kajüte zurückzogen.

»Der Argwohn unter meinen Leuten ist wach geworden, Herr Arche«, hob der Rover, als sie allein waren, das Gespräch an und legte einen besondern, bedeutsamen Nachdruck auf den Namen des Angeredeten. »Der Verdacht regt sich unter ihnen, obgleich sie vorerst kaum wissen, was sie eigentlich glauben sollen. Die Bewegungen beider Schiffe sind nicht von der Art gewesen, wie sie sie zu sehen gewohnt sind, und es fehlt nicht an Stimmen, deren Einflüsterungen gerade nicht sehr günstig für Sie lauten. Sie haben nicht wohlgetan, Sir, daß Sie wieder zu uns zurückkehrten.«

»Ich bin auf Befehl meines Obern gekommen, und unter dem Schutze einer Parlamentärflagge.«

»Wir geben uns wenig damit ab, über die gesetzlichen Unterscheidungszeichen der Welt zu vernünfteln, und könnten leicht Ihre Rechte in Ihrer so neuen Eigenschaft verkennen. Doch«, fügte er rasch und mit Würde hinzu, »wenn Sie der Überbringer einer Botschaft sind, so darf ich wohl voraussetzen, daß sie für meine Ohren bestimmt ist.«

»Und für keine anderen. Wir sind nicht allein, Kapitän Heidegger.«

»Achten Sie auf den Knaben nicht; wenn ich will, so ist er taub.«

»Ich wünschte, die Anerbietung, die ich überbringe, Ihnen allein mitteilen zu können.«

»Dieser Mast ist nicht bewußtloser als Roderich«, sagte der andere ruhig, aber mit Entschiedenheit.

»Wohlan, so muß ich denn reden, auf jede Gefahr hin. – Der Kommandeur des Schiffes dort, angestellt von unserem königlichen Herrn, Georg dem Zweiten, hat mir befohlen, folgendes Ihrer reiflichen Erwägung vorzulegen: Unter der Bedingung, daß Sie dies Fahrzeug mit seinen sämtlichen Magazinen, Waffenrüstungen und sonstiger Kriegsmunition unbeschädigt übergeben, will er sich mit zehn aus Ihrer Mannschaft durchs Los auszuhebenden Geiseln, Ihnen selbst und noch einem Ihrer Offiziere begnügen; den Rest will er entweder in königliche Dienste aufnehmen oder ihm erlauben, auseinander zu gehen und sich einem ehrenvolleren und, wie ich wohl jetzt sagen darf, sicherern Beruf zu widmen.«

»Dies ist die Großmut eines Fürsten! Ich sollte hinknien und das Deck küssen vor einem, dessen Lippen solche Gnadenworte entströmen.«

»Ich wiederhole nur die Worte meines Vorgesetzten«, fuhr Wilder fort, und das Blut schoß nach seinen Wangen. »Was Sie selbst betrifft, so macht er sich ferner anheischig, sich höchstangelegenrlich zu verwenden, um einen Pardon zu erhalten, unter der Bedingung, daß Sie das Meer verlassen und dem Namen eines Engländers auf ewig entsagen.«

»Letzteres ist bereits geschehen; aber darf ich die Ursachen erfahren, warum man einem, dessen Name solange von den Menschen präskribiert ist, solche milde Bedingungen macht?«

»Kapitän Bignall hat vernommen, wie großmütig Sie seinen Offizier, wie zart Sie die Tochter und Witwe zweier ehemaliger Waffenbrüder behandelt haben. Er gesteht, das Gerücht habe Ihrem Charakter keine sonderliche Gerechtigkeit widerfahren lassen.«

Mit einer mächtigen Anstrengung gelang es dem Zuhörenden, den Triumph, der auf seinen Zügen leuchtete, zu unterdrücken, so daß er durchaus gelassen, ohne äußerliche Bewegung und mit einer gewissen Kälte die offenbar zum Fortfahren auffordernde Zwischenbemerkung hinwarf:

»Man hat ihn falsch berichtet, Sir.«

»Dies räumt er ohne Anstand ein. Eine Berichtigung des allgemein verbreiteten Irrtums an den gehörigen Ort ergehend, wird Gewicht genug haben, um die versprochene Amnestie für das Vergangene, ja wie er hofft, glänzendere Aussichten für die Zukunft herbeizuführen.«

»Und gibt er keinen Grund an, warum ich diese meine ganze Lebensweise so gewaltsam ändern, warum einem Element entsagen soll, das mir ebensosehr wie das, was ich atme, zum Bedürfnis geworden ist, und warum ich namentlich den vielgepriesenen Vorzug aufgeben soll, mich einen Briten zu nennen? Gibt er zu alle diesem keinen weitern Grund an als sein hohes Belieben?«

»Ja. Hier diese Beschreibung seiner Streitkräfte, die Sie, wenn Sie wollen, mit eigenem Auge untersuchen können, muß Sie überzeugen, daß Widerstand hoffnungslos sei, und wird, denkt er, Sie bewegen, seine Anerbietungen anzunehmen.«

»Und was ist Ihre Meinung?« fragte der andere mit einem vielsagenden Lächeln und ganz eigentümlichem Nachdruck, indem er die Hand ausstreckte, um das Papier in Empfang zu nehmen. »Doch ich bitte um Verzeihung«, setzte er schnell hinzu und kehrte, als er das ernste Antlitz seines Gefährten gewahr wurde, selbst zum Ernst zurück. »Ich scherze, während der Moment uns so sehr zum Gegenteil auffordert.«

Rasch durchflog er die Schrift; nur zwei oder drei Punkte, die am meisten seiner Aufmerksamkeit würdig zu sein schienen, fesselten seinen Blick etwas länger und gewannen ihm eine flüchtige Äußerung von größerem Interesse ab.

»Sie finden doch durch diese Auseinandersetzung meine Behauptung von unserer Überlegenheit bestätigt?« fragte Wilder, als das Auge des andern von dem Papier wegsah.

»Ja.«

»Darf ich nun fragen, was sie für einen Entschluß fassen auf dies Anerbieten?«

»Zuerst sagen Sie mir, welchen Rat gibt Ihr eigenes Herz? Dies ist nur die Sprache eines Dritten.«

»Kapitän Heidegger,« sagte Wilder errötend, »ich will nicht zu leugnen streben, daß ich andere Ausdrücke gewählt haben würde, hätte die Abfassung der Botschaft von mir allein abgehangen; demungeachter, bei der lebendigsten und wärmsten Erinnerung an Ihre Großmut, und als ein Mann, der mit Wissen und Willen selbst seinen Feind zu keinem entehrenden Schritt verleiten möchte, rate ich Ihnen dringend zur Annahme. Erlauben Sie mir zu sagen, daß ich schon während unseres Umganges vor kurzem nicht ohne Grund in Ihnen die Einsicht voraussetzen durfte, daß in Ihrer jetzigen Lebensweise weder der Charakter, den Sie gewiß zu verdienen wünschen, noch die Zufriedenheit, nach der alle sich sehnen, zu finden sei.«

»Ei, ei, daß ich in Herrn Heinrich Wilder einen so haarfeinen Kasuisten bewirtete, ließ ich mir in der Tat nicht träumen. Haben Sie außerdem noch etwas vorzubringen, Sir?«

»Nichts«, erwiderte der schmerzlich getäuschte Abgesandte des Pfeil.

»Doch, doch, noch etwas,« sprach eine eifrige Stimme hinter dem Rover, aber so leise, daß die Silben mehr hervorgehaucht als wirklich ausgesprochen schienen: »noch nicht die Hälfte seines Auftrags hat er ausgerichtet, oder er ist des heiligen Vertrauens zu ihm auf eine schreckliche Weise uneingedenk.«

»Der Knabe hat oft seine Träume«, unterbrach der Rover mit dem wohlbekannten, wild entstellenden Lächeln. »Er läßt zuweilen seine inhaltslosen Gedanken in äußere Gestalt heraustreten, indem er sie in Worte einkleidet.«

»Nicht inhaltlos sind meine Gedanken«, fuhr Roderich lauter und bei weitem kühner geworden fort. »Ach, wenn sein Frieden, sein Wohl Ihnen teuer ist, verlassen, verlassen Sie ihn noch nicht. Halten Sie ihm seinen hohen, ehrenvollen Namen vor; seine Jugend, jenes teure und tugendhafte Wesen, das er einst so unsäglich liebte, dessen Andenken er noch, ja noch immer, anbetet. Da Sie zu sprechen verstehen, o, sprechen Sie mit ihm von diesen Dingen; und bei meinem Leben, sein Ohr wird nicht taub, sein Herz kann nicht hart bei Ihren Worten bleiben.«

»Das kleine Wesen ist wahnsinnig!«

»Ich bin nicht wahnsinnig; oder wenn ich es bin, so ist es durch die Verbrechen, die Gefahren derer, die ich liebe. Ach! Herr Wilder, verlassen Sie ihn nicht. Seit Sie bei uns waren, ist er weit mehr wieder das, was er, ich weiß es, einst gewesen. Weg mit dieser schlecht berechneten Aufzählung Ihrer Streitkräfte; Drohungen verhärten ihn nur. Als Freund ermahnen Sie, aber hoffen Sie nichts als Diener der Rache. Sie kennen das furchtbare Gemüt dieses Mannes nicht, sonst würden Sie nicht einem reißenden Strome Einhalt zu tun versuchen. Jetzt – ach jetzt reden Sie! Sieh, sein Auge wird schon milder.«

»Aus Mitleid, Knabe, daß ich sehen muß, wie deine Vernunft wankt.«

»O, daß sie nie mehr als in diesem Augenblick gewankt hätte, Walter! Dann würde es zwischen dir und mir der Rede eines Dritten nicht bedurft haben; dann würden meine Worte beachtet, meine Stimme laut genug gewesen sein, um von dir vernommen zu werden. – Ach, warum sind Sie stumm? Eine einzige Silbe könnte ihn jetzt retten.«

»Wilder, das Kind ist durch diese Aufzählung von Kanonen und Truppen in Schrecken gejagt. Er fürchtet den Zorn Ihres gesalbten Herrn. Gehen Sie; schenken Sie ihm einen Platz in Ihrem Boot, und empfehlen Sie ihn der Gnade Ihres Vorgesetzten.«

»Hinweg, hinweg!« schrie Roderich. »Ich werde nicht, will nicht, kann dich nicht verlassen. Wer bleibt mir hienieden noch außer dir?«

»Ja,« fuhr der Rover fort, in dessen Ausdruck nicht mehr die erzwungene Ruhe, wohl aber tiefes, trauriges Nachdenken vorherrschte: »so wird es wirklich besser sein! Schauen Sie her, hier ist viel Gold; Sie werden ihn der Sorgfalt jenes vortrefflichen Weibes anempfehlen; ihr ist ja ohnedies schon ein Wesen anvertraut, kaum weniger verlassen, obgleich vielleicht weniger …«

» Schuldig! Sprich es immerhin aus, das Wort, Walter! Verdient habe ich den Zusatz, und werde nicht zittern, ihn aussprechen zu hören. Sieh,« sagte er, haschte dabei die schwere Geldbörse, die Wildern hingehalten wurde, und hielt sie mit Verachtung hoch über sein Haupt weg, »dies kann ich wegwerfen; aber das Band, das mich mit dir verbindet, soll nie zerrissen werden.«

Während des Sprechens hatte der Knabe sich einem offenen Fenster der Kajüte genähert; es ertönte das Geplätscher eines fallenden Körpers, und ein Schatz, der einem Menschen von mäßigen Wünschen ein immerwährendes Auskommen hätte sichern können, war für den Gebrauch derer, die ihm den Wert beigelegt, auf ewig verloren. Der Leutnant des Pfeil eilte herbei, um den Zorn des Rovers zu beschwichtigen; allein keine Spur von einem andern Gefühl als Mitleid konnte sein Auge auf den Zügen des gesetzlosen Häuptlings entdecken, aber ein Mitleid, so innig, daß es selbst durch sein ruhiges, unbewegliches Lächeln hindurchdrang.

»Roderich würde einen schlechten Zahlmeister abgeben«, sagte er. »Dennoch ist es nicht zu spät, ihn den Seinigen wieder zu schenken. Der Verlust des Goldes ist nicht unwiederbringlich; aber wenn ein wirkliches Leid das Kind träfe, es wäre auf immer um meinen Seelenfrieden geschehen.«

»So behalten Sie ihn in Ihrer Nähe«, lispelte der Knabe, dessen heftige Erschütterung ihn erschöpft zu haben schien. »Gehen Sie, Herr Wilder, gehen Sie; Ihr Boot wartet, längeres Bleiben ist zwecklos.«

»Das befürchte ich!« erwiderte unser Abenteurer, der während des vorhergehenden Gesprächs unaufhörlich den Blick voll männlichen Bedauerns auf das Antlitz des Knaben geheftet hielt; »sehr befürchte ich das! – Da ich indessen als Abgesandter eines Dritten hier bin, Kapitän Heidegger, so ist es nun an Ihnen, auf meinen Antrag eine zweckmäßige Antwort zu geben.«

Hierauf nahm ihn der Rover beim Arme und führte ihn an eine Stelle, von wo aus man sehen konnte, was draußen vorging. Hier zeigte er mit dem Finger hinauf auf seine Spieren, machte seinen Gesellschafter auf die geringe Anzahl Segel, die er führte, aufmerksam, und sprach diese wenigen Worte: »Sir, Sie sind Seemann, und was Sie sehen, wird Sie meine Absichten erraten lassen. – Ich werde den prahlenden Kreuzer Ihres Königs Georg weder suchen noch vermeiden.«