Kapitel 40

 

40

 

Es gibt eine Glückseligkeit, die mit keiner anderen im Leben zu vergleichen ist, und das ist jene, die uns überkommt, wenn einer unserer Lieben uns nach Gefahren wiedergegeben ist. Ray Bennett saß neben seinem Vater und war glücklich, all diese Liebe und Zärtlichkeit zu genießen. Es schien ihm wie ein Traum, daß er wieder in diesem gemütlichen Wohnzimmer mit seinen Kretonvorhängen, seinem schwachen Lavendelduft, seinem großen Kamin, seinen bleigefaßten Fenstern saß und Ella vor sich sah.

 

Der Regensturm, der an die Fensterscheiben prasselte, verlieh der Behaglichkeit und dem Frieden seines Daheims noch gesteigerte Wirkung. Von Zeit zu Zeit betastete er wie abwesend sein rasiertes Gesicht. Es war ihm dies der sicherste Beweis, daß er wach war und seine Eindrücke der Welt der Wirklichkeit angehörten. »Hol deinen Stuhl heran, Junge«, sagte Bennett, als Ella mit der dampfenden Teekanne ins Zimmer kam. Ray erhob sich gehorsam und stellte seinen Windsorsessel dorthin, wo er immer gestanden, zur rechten Hand seines Vaters.

 

John Bennett saß bei Tisch und beugte das Haupt. Das alte Tischgebet erklang, das der Vater jahrelang gebetet hatte und das Ray in vergangener Zeit stets mit heimlichem Spott bedachte. Nun aber schien es ihm von schöner Bedeutung erfüllt, die ihm das Herz zusammenschnürte.

 

»Für all die Segnungen, die wir heute erfahren haben, mache der Herr uns wahrhaft dankbar.«

 

Es war eine wundervolle Mahlzeit. Viel wunderbarer als jene, die er im Herons-Klub oder in jenen teueren Restaurants genossen hatte, die Lola so liebte. Er legte Messer und Gabel nieder und lehnte sich mit glücklichem Lächeln zurück.

 

»Zu Hause!« sagte er einfach. Und sein Vater faßte unter dem Schutze des Tischtuches seine Hand und drückte sie so fest, daß es den Jungen fast schmerzte.

 

»Ray, man möchte dir die Direktorstelle bei Maitlands geben. Johnson trägt sie dir an. Was denkst du darüber, mein Sohn?«

 

Ray schüttelte den Kopf.

 

»Ich bin ebensowenig geeignet, das Geschäft der Vereinigten Maitlands zu führen, wie ich Präsident der Bank von England sein könnte«, sagte er mit einem kleinen Lachen. »Nein, Papa, meine Erwartungen sind heute nicht mehr so übertrieben wie früher. Ich glaube, ich könnte mir einen ganz schönen Lebensunterhalt mit dem Ausgraben von Kartoffeln verdienen. Ich würde es gern tun.«

 

Der Alte sah nachdenklich auf das Tischtuch.

 

»Ich, ich würde wohl dringend einen Assistenten bei meinen Aufnahmen brauchen, falls sie, wie Selinski sagt, weiterhin Erfolg haben werden. Inzwischen kannst du ja vielleicht Kartoffeln graben – wenn Ella erst verheiratet ist.«

 

»Ella soll heiraten? Wirklich, Ella?« Ray sprang auf das Mädchen zu und küßte es. »Aber der Vorfall mit mir wird dir doch nicht schaden?«

 

»Nein, mein Lieber«, sagte sie. »Jetzt nicht mehr.«

 

»Was willst du damit sagen?« fragte John Bennett, als er sah, wie Ellas Antlitz sich verdüsterte.

 

»Ich habe an etwas sehr Unangenehmes gedacht, Papa«, sagte sie und erzählte von dem schrecklichen Besuch.

 

»Was, der Frosch wollte dich heiraten?« fragte Ray atemlos.

 

»Das ist ja unglaublich! Und hast du sein Gesicht gesehen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Er trug eine Maske«, sagte sie, »reden wir lieber nicht mehr darüber.

 

Sie stand rasch auf und begann abzuräumen, und zum erstenmal nach langer Zeit half Ray ihr dabei.

 

»Es ist eine schreckliche Nacht heute«, sagte sie, als sie aus der Küche zurückkam. »Der Wind hat das Fenster aufgerissen und die Lampen ausgeblasen. Und es regnet in Strömen herein.«

 

»Jetzt sind alle Nächte gute Nächte für mich«, sagte Ray, und es klang wie leises Schluchzen in seinem Lachen mit. Es war noch kein Wort über seine schreckliche Todespein gesprochen worden. Sie waren stillschweigend übereingekommen, daß dieses Erlebnis für immer in die Region der schlimmen Träume verwiesen bleiben sollte.

 

»Verriegle die Hintertür, Liebling«, sagte John Bennett und sah auf, als sie hinausging. Jeder der beiden Männer rauchte, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Und dann sprach Ray mit seinem Vater natürlich von Lola.

 

»Ich glaube nicht, daß sie schlecht war, Vater«, sagte er. »Sie konnte nicht ahnen, was mit mir geschehen sollte. Der Plan war so teuflisch ausgeklügelt, daß ich bis zu der Stunde, da ich von Gordon die wahre Geschichte erfuhr, der Meinung war, ich hätte Brady wirklich getötet.«

 

Bennett nickte.

 

»Ich habe immer gedacht«, fuhr Ray fort, »daß Maitland etwas mit den Fröschen zu tun haben müßte; ich erriet es zuerst, als er nach Herons-Klub gekommen war. Was beunruhigt dich, Vater?«

 

»Ella!« rief John Bennett. Es kam keine Antwort aus der Küche.

 

»Ich möchte nicht, daß sie allein draußen bleibt und das Geschirr abwäscht, ruf sie herein, Ray.«

 

Ray stand auf und öffnete die Tür. Die Küche war dunkel.

 

»Die Lampe, bring die Lampe, Vater!« rief er. Und John Bennett eilte ihm nach.

 

Die Küchentür war verschlossen, aber nicht verriegelt. Etwas Weißes lag davor auf dem Boden, und Ray bückte sich, um es aufzuheben. Es war ein abgerissenes Stück der Schürze, die Ella getragen hatte. Die zwei Männer sahen einander an, und Ray rannte in sein Zimmer und kam mit einer Windlaterne, die er anzündete, herunter.

 

»Vielleicht ist sie im Garten«, sagte Ray gepreßt, stieß die Tür auf und schrie in den Sturm hinaus.

 

Der Regen strömte erbarmungslos hernieder. Die Männer waren durch und durch naß, ehe sie noch ein paar Meter gegangen waren. Ray leuchtete mit der Laterne den Boden ab. In dem regenfeuchten Grund sah er Spuren vieler Tritte, und plötzlich erkannte er die von Ellas Fuß. Am Rand des Rasens verschwanden sie, aber gerade vor der Seitentür kamen sie wieder zum Vorschein. Dieser -Durchgang verband die Straße mit einer Wiese hinter Maytree Haus, und die Gartentür war gewöhnlich verschlossen. Ray sah als erstes die Spuren eines Autos, dann sah er, daß das Tor offenstand. Er rannte hinaus und sah, daß die Spuren nach rechts wiesen.

 

»Wir wollen vielleicht den Garten durchsuchen, um ganz sicherzugehen, Vater«, sagte er. »Ich werde einige von den Nachbarn herausrufen und um Hilfe bitten.« Als er dies getan hatte, hatte John Bennett den Garten bereits durchsucht, ohne eine Spur von Ella zu finden.

 

»Fahr in die Stadt und telefoniere Gordon!« sägte er. Und seine Stimme war eigentümlich ruhig.

 

Nach einer Viertelstunde sprang Ray vor der Tür von seinem alten Fahrrad ab, um dem Vater die ernste Neuigkeit mitzuteilen.

 

»Die Telefonlinie ist zerschnitten«, sagte er gepreßt.

 

»Aber ich habe ein Auto bestellt, das von der Garage kommen wird. Wir wollen versuchen, den Spuren zu folgen.«

 

Das Mietauto kam gerade an, als auch schon die Scheinwerfer von Dicks Auto in Sicht waren.

 

Gordon sah ihre Gesichter und war auf das Schlimmste gefaßt, noch ehe er heraussprang. Es folgte eine kurze, sachliche Besprechung. Dick ging rasch durch die Küche und den Spuren nach, die auf die Straße führten, und dort sahen sie schon Elk, der gebückt den Boden mit einer elektrischen Taschenlampe langsam und methodisch absuchte.

 

»Hier ist noch eine schmale Radspur«, sagte er. »Aber zu schwer für ein Fahrrad und zu leicht für ein Auto. Sieht wie ein Motorradaus!«

 

Dick sandte Ray und den Vater ins Haus und bestand darauf, daß sie sich umkleideten, bevor sie weitere Schritte unternahmen. Sie kamen in Regenmäntel gehüllt heraus und sprangen in den gelben Rolls, der sich sogleich in Bewegung setzte. Die Spuren blieben auf der Strecke von fünf Meilen hinaus sichtbar, dann fuhren sie durch ein Dorf. Der Schutzmann hatte vor ganz kurzer Zeit einen Wagen und einen Motorradfahrer durchkommen sehen.

 

»Fuhr der Motorradfahrer direkt hinter dem Wagen?« fragte Elk.

 

»Nein, er folgte ihm in einem Abstand von etwa hundert Metern«, sagte der Polizist. »Ich wollte ihn aufschreiben, weil sein Licht nicht brannte, aber er kümmerte sich nicht um mich.«

 

Sie legten eine neue Meile zurück, aber da kamen sie auf die harte Oberfläche einer frisch geteerten Straße, und hier verloren sie die Spur. Noch eine Meile weiter kamen sie zu einem Punkt, wo drei Wege abzweigten. Zwei davon waren geteert und zeigten keine Radspuren. Auch der dritte nicht, obwohl dessen Oberfläche weich war.

 

»Es muß also einer von diesen beiden Wegen sein«, sagte Dick.

 

»Wir wollen die rechte Straße probieren.«

 

Sie war geteert, bis sie das nächste Dorf erreichten. Aber der Nachtwächter schüttelte den Kopf, als Dick ihn befragte.

 

»Nein, Herr, seit zwei Stunden ist kein Auto durchgekommen.«

 

»Wir müssen zurückfahren!« sagte Dick, Verzweiflung im Herzen. Das Auto wendete und flog mit größter Geschwindigkeit zu dem Straßenknotenpunkt zurück. Hier fuhren sie nun auf der neuen Straße weiter und waren noch nicht lange gefahren, als Dick das rote Hecklicht eines vor ihnen haltenden Autos erblickte und heraussprang. Seine Hoffnungen jedoch sollten sich nicht erfüllen.

 

Das Auto war nicht das, das sie suchten. Es hatte an der Straßenseite eine Panne erlitten, aber der beschmutzte Fahrer konnte ihnen doch wertvolle Fingerzeige geben.

 

Vor dreiviertel Stunden war ein Wagen vorbeigerast. Er beschrieb ihn ganz genau, ja, er war sogar imstande gewesen, die Fabrikmarke festzustellen. Der Motorradfahrer war gefolgt, sein Rad war eine Red Indian.

 

»Wie weit fuhr er hinter dem Auto?«

 

»Gute hundert Meter, möchte ich sagen«, war die Antwort.

 

Von nun an bekamen sie häufige Mitteilungen über das Auto, aber im nächsten Dorf hatte man den Motorradfahrer nicht mehr gesehen, und auch in den folgenden Orten, die das fremde Auto passiert hatte, erfuhren sie nichts mehr von ihm.

 

Mitternacht war vorbei, als sie endlich das Auto, dem sie nachjagten, antrafen. Es stand außerhalb einer Garage auf der Straße nach Shoreham, und Elk war der erste, der es erreichte. In der Garage selbst war der Besitzer beschäftige Platz für diesen letzten Gast zu machen. Das Auto war leer und ohne Fahrer.

 

»Ja, Herr, vor einer Viertelstunde«, sagte er, als Elk sich legitimiert hatte. »Der Chauffeur sagte, er wollte sich in der Stadt nach einem Quartier umschauen.«

 

Mit Hilfe einer starken elektrischen Lampe durchsuchten sie das Innere des Wagens. Es blieb kein Zweifel, daß Ella dessen Insasse gewesen war. Eine kleine Elfenbeinbrosche, die John Bennett ihr zum Geburtstagsgeschenk gemacht hatte, wurde in einer Ecke zerbrochen am Boden gefunden.

 

»Es hat gar keinen Sinn, nach dem Chauffeur zu suchen«, sagte Elk. »Unsere einzige Chance wäre, wenn er in die Garage zurückkommen würde.«

 

Die Lokalpolizei wurde zur Besprechung herbeigerufen.

 

»Es ist ein sehr großer Ort«, sagte der Polizeichef. »Wenn der Chauffeur einer Diebesbande angehört, so ist es sehr wahrscheinlich, daß Sie ihn gar nicht finden und er des Autos wegen nicht mehr zurückkommen wird.«

 

Etwas aber erschien Dick noch rätselhafter als alles andere. Es war dies das Verschwinden des Motorradfahrers. Wenn es wahr war, daß er immer in der Distanz von hundert Metern hinter dem Auto hergefahren und zwischen zwei Dörfern abgestiegen war, so hätten sie ihn passieren müssen.

 

»Wir sollten lieber zurückfahren«, sagte Elk. »Es ist fast sicher, daß man mit Fräulein Bennett irgendwo auf der Straße ausgestiegen ist. Der Motorradfahrer ist jetzt unser einziger Anhaltspunkt, denn offenbar ist sie mit ihm gewesen. Und es war entweder der Frosch oder einer seiner Leute.«

 

»Sie sind zwischen Shoreham und Morby verschwunden«, sagte Dick. »Sie kennen doch die Gegend hier, Bennett? Gibt es hier einen Ort in der Umgebung von Morby, zu dem sie hätten hinfahren können?«

 

»Ich kenne die Gegend«, stimmte Bennett zu, »es liegen noch ein paar Häuser außerhalb Morbys. Natürlich, es könnte auch Morby-Feld sein! Aber ich kann mir wirklich nicht denken, daß man Ella dorthin gebracht haben soll.«

 

»Was ist Morby-Feld?« fragte Dick, als das Auto langsam den Weg, den es eben gekommen war, zurückfuhr.

 

»Morby-Feld ist ein unbenutzter Steinbruch. Die Gesellschaft hat vor ein paar Jahren liquidiert«, erwiderte Bennett. Sie fuhren im Schneckentempo durch Morby und hielten vor dem Haus der Ortspolizei, um vielleicht etwas Neues zu erfahren, das in ihrer Abwesenheit vorgefallen sein mochte. Aber es gab nichts Neues. »Sind Sie absolut sicher, daß Sie den Motorradfahrer nicht gesehen haben?«

 

»Absolut!« sagte der Mann. »Das Auto fuhr so nahe an mir vorbei, wie Sie jetzt halten. Ich mußte tatsächlich auf den Gehsteig treten, um nicht mit Kot bespritzt zu werden. Ich hatte sogar den Eindruck, daß das Auto leer war.«

 

»Warum waren Sie dieser Meinung?« fragte Elk rasch.

 

»Erstens fuhr es sehr leicht, und zweitens rauchte der Chauffeur. Ich verbinde immer rauchende Chauffeure mit einem leeren Auto.«

 

»Mein Sohn«, sagte der bewundernde Elk, »in dir liegen Möglichkeiten verborgen!« Und der Nachwuchs für die Polizeidirektion wurde notiert.

 

»Ich möchte diesem Dorfpolizisten beistimmen«, sagte Dick, als sie zu ihrem Rolls zurückgingen. »Der Wagen war leer, als sie hier durchkamen, und das erklärt auch das Fehlen des Motorradfahrers. Wir müssen zwischen Morby und Wellan suchen.«

 

Nun bewegten sie sich mit der Langsamkeit von Fußgängern weiter. Die Scheinwerfer wurden so eingestellt, daß man den Graben und die Hecke auf beiden Seiten der Straße beleuchtete. Sie waren noch nicht fünfhundert Meter gefahren, als Elk: »Halt!« brüllte und hinaussprang. Nach ein paar Minuten rief er Dick zu sich. Die drei Männer eilten dem Detektiv entgegen, der vor einem großen roten Motorrad stand, das sich unter dem Schutz einer verfallenen Steinmauer verbarg. Sie waren, ohne es zu sehen, daran vorbeigefahren, denn es stand auf der anderen Seite der Mauer, und nur ein Lichtreflex auf der Lenkstange hatte zu seiner Entdeckung geführt. Dick rannte nach dem Auto und stellte die Scheinwerfer so ein, daß sie das Rad hell beleuchteten.

 

Es war fast neu, über und über mit Kot bespritzt, und die Lampe fühlte sich kalt an. Elk hatte eine Eingebung. An der Rückseite des Sitzes war ein schwerer Werkzeugbeutel mittels eines festen Lederriemens angebracht, und diesen schnürte er auf.

 

»Wenn es eine neue Maschine ist, so hat der Fabrikant den Namen und die Adresse des Besitzers in den Beutel eingeschrieben«, sagte er.

 

Sie nahmen den Beutel ab. Elk löste den letzten Riemen und schlug die Klappe zurück.

 

»Du großer Moses!« sagte Elk.

 

Auf dem rohen Leder zeigte sich die säuberlich gemalte Inschrift: »Joshua Broad, Caverley Haus, Cavendish Square.«

 

Kapitel 41

 

41

 

Ellas erster Eindruck, als sie in die Küche kam, war der, daß das auf einer Leine unter der hohen Decke zum Trocknen aufgehängte Tischtuch herabgefallen war.

 

Mit überraschender Plötzlichkeit wurde sie von rückwärts her in die Falten des schweren feuchten Tuches eingehüllt. Ein Arm preßte sich um sie, eine Hand bedeckte ihren Mund und drückte ihren Kopf nach unten. Sie versuchte zu schreien, aber sie brachte keinen Ton hervor. Sie stieß mit dem Fuß gegen die Tür, doch ein eiserner Arm legte sich um ihre Knie. Sie hörte einen Ton wie von zerreißendem Stoff, und ihre Gelenke wurden zusammengebunden. An dem eiskalten Luftzug spürte sie, daß die Tür geöffnet wurde, und in der nächsten Sekunde war sie im Garten.

 

»Geh!« zischte eine Stimme, und sie fühlte, daß ihre Füße jetzt wieder befreit wurden. Sie vermochte nichts zu sehen, sie fühlte nur, daß der Regen auf das Tuch, das ihren Kopf bedeckte, herniederströmte und daß es vom Wind mit aller Kraft ihr ins Gesicht geweht wurde. Der Wind blies es ihr so eng um Mund und Nase, daß sie kaum zu atmen vermochte. Erst als sie die Füße in dem feuchten Straßenkot versinken fühlte, wußte sie, daß sie in der kleinen Allee neben dem Haus war. Und als sie dies erkannte, fühlte sie sich auch schon erfaßt und in ein Auto gehoben. Sie hörte, wie jemand den Platz neben ihr einnahm und der Wagen ansprang. Dann löste eine geschickte Hand das Tuch von ihrem Kopf. Auf einem der beiden Vordersitze saß eine dunkle Gestalt, deren Gesicht sie nicht zu erkennen vermochte.

 

»Was wollen Sie, wer sind Sie?« fragte sie. Aber lange bevor die Stimme des Mannes an ihre Ohren klang, hatte sie schon gewußt, daß sie in der Gewalt des Frosches war.

 

»Ich will dir noch eine letzte Chance geben«, sagte er. »Nach dieser Nacht ist die Frist zu Ende.«

 

Sie beherrschte mit Anstrengung das Zittern ihrer Stimme und fragte: »Was wollen Sie von mir?«

 

»Du wirst dich verpflichten, mich zu heiraten und das Land am Morgen mit mir zu verlassen. Ich habe solches Zutrauen zu dir, daß ich mich mit deinem Wort zufrieden gebe.«

 

Sie schüttelte heftig den Kopf, bis ihr zum Bewußtsein kam, daß er sie in der Finsternis des Wagens ja nicht zu sehen vermochte. Erst dann sprach sie.

 

»Das werde ich nie tun«, antwortete sie ruhig. Und es wurde während der ganzen Fahrt kein anderes Wort mehr gesprochen. Einmal flüsterte der Mann mit der Maske, sie sah trotz der zugezogenen Vorhänge den Reflex seiner Glimmerbrille, als das Auto durch eine Dorfstraße fuhr, einen Befehl, und der Mann, der neben ihr saß, spähte durch das rückwärtige Fenster.

 

»Nichts!« sagte er.

 

Es wurde ihr keine Gewalt angetan. Sie wurde nicht gehindert oder gebunden, aber sie wußte wohl, daß es vollkommen aussichtslos war, an Flucht auch nur zu denken.

 

Nun fuhren sie in verlangsamtem Tempo dahin, und das Auto blieb stehen. Die Insassen sprangen heraus, und sie verließ als letzte den Wagen. Ein Mann faßte ihren Arm und zog sie durch die Lücke einer Hecke auf ein gepflügtes Feld, wie ihr schien.

 

Der andere kam nach und brachte einen Regenmantel, in den er ihr hineinhalf. Der Regen strömte herab und trommelte auf die ölgetränkten Mäntel. Der Frosch ging voraus, ohne sich ein einziges Mal umzusehen. Sie glitt oft aus und wäre gefallen, hätte sie der Arm des Begleiters nicht so fest gehalten.

 

»Wohin führen Sie mich?« fragte sie endlich. Es kam keine Antwort. Sie überlegte, ob sie sich nicht losmachen konnte, um in der herrschenden Finsternis zu entfliehen. Gerade als ihr dieser Gedanke kam, sah sie einen Schimmer von Wasser zu ihrer Rechten, einen runden, gespenstisch bleichen Fleck.

 

»Das ist ja Morby-Feld«, sagte sie, denn nun hatte sie den Ort erkannt. »Sie bringen mich zum Steinbruch!«

 

Wieder keine Antwort. Unaufhörlich marschierten sie weiter, bis sie wußte, daß man in nicht zu großer Entfernung vom Steinbruch selbst angelangt war. Sie hätte gern erfahren, welches Schicksal ihrer wartete, wenn sie den Frosch bis zum Ende zurückweisen würde, wie sie es zu tun gedachte. Wollte dieser furchtbarer Mensch sie töten?

 

»Warte!« sagte der Frosch plötzlich und verschwand im Finstern. Dann sah sie ein Licht, das aus einem kleinen Holzhaus kam. Eigentlich waren es zwei Lichtflecken, ein langer und ein viereckiger. Ein Fenster und eine Tür. Das Fensterviereck verdunkelte sich sogleich, denn der Laden wurde geschlossen. Dann sah sie die Gestalt des Frosches mit dem abenteuerlichen Kopfschmuck wie eine höllische Silhouette in der Tür stehen.

 

»Komm!« befahl er, und sie ging wie hypnotisiert auf ihn zu. An der Tür der Hütte wollte sie zurückweichen, aber seine Hand erfaßte ihren Arm und hielt ihn fest.

 

Sie wurde in das Innere der Hütte hineingezogen, die Tür wurde zugeschlagen und verriegelt. Sie war mit dem Frosch allein. Ihre Neugierde war nun stärker als ihre Angst. Sie sah sich in dem kleinen Raum um. Er war ungefähr sechs Meter lang und vier Meter breit. Das Mobiliar war sehr einfach: ein Tisch, ein Bett, zwei Sessel, ein Kamin. Der hölzerne Fußboden war mit einem alten, schmutzigen Teppich bedeckt. An einer der Wände standen lange Glaszylinder, die eine opalene Substanz oder Flüssigkeit enthielten. Daneben sah sie zwei flache Kisten, deren Holz ganz neu schien.

 

Der Maskierte folgte ihrem Blick, und sie hörte ihn kichern.

 

»Gold!« sagte er. »Dein Gold, unser Gold. Es ist eine Million Pfund Sterling darin.«

 

Ella sah geblendet hin.

 

»Setz dich nieder«, sagte er. Er sprach rasch und geschäftsmäßig. Sie erwartete, als er sich ihr gegenübersetzte, daß er die Maske abnehmen würde. Aber sie wurde enttäuscht. Durch die Glimmerbrille sah sie, wie seine harten Augen sie beobachteten. »Nun, Ella Bennett, willst du mich heiraten? Oder willst du lieber in ein willkommenes Nichts eingehen? Du verläßt diese Hütte als mein Weib oder als Leiche.« Er stand auf, ging zu den Glaszylindern und. tippte mit dem Nagel daran. »Einen von diesen hier werde ich zerschlagen und meine Maske herunternehmen. Du wirst dann wenigstens die Genugtuung haben, sicher zu wissen, wer ich bin, bevor du stirbst!«

 

»Ich werde Sie nie heiraten!« sagte sie. »Niemals! Und wäre es aus keinem anderen Grund, als um Ihres elenden Komplotts gegen meinen Bruder willen.«

 

»Dein Bruder ist ein Narr«, sagte die hohle Stimme, »und er hätte diese Qualen nie durchmachen müssen, wenn du mir schon damals versprochen hättest, mich zu heiraten. Ich hatte einen Mann, einen Halbblödsinnigen, bereit, der gestanden hätte, daß er Lew Brady getötet hat, und ich hätte selbst das Risiko auf mich genommen, sein Geständnis zu unterstützen.«

 

»Ja, aber warum wollen Sie mich eigentlich heiraten?« fragte sie. Es klang banal, fast töricht, aber die Situation war so grotesk, daß sie kaltblütig und ohne innere Bewegung sprach.

 

»Weil ich dich liebe«, war die Antwort. »Ob ich dich so wie Gordon liebe, weiß ich nicht. Es kann ja wohl sein, daß du etwas bist, was ich nie besitzen darf und mir deshalb kostbarer erscheint als alles. Noch nie hat sich etwas meinem Wunsch verweigert.«

 

»Eher will ich den Tod willkommen heißen«, sagte sie rasch, und sie hörte wieder ein verhaltenes Kichern.

 

»Es gibt ärgere Dinge als den Tod für ein feinfühliges Mädchen«, sagte er bedeutungsvoll, »und du wirst erst sterben, wenn alles zu Ende ist.«

 

Er sah sie an, und etwas in seinen Augen ließ sie erstarren.

 

»Vielleicht wirst du nie mein Gesicht sehen«, sagte er und streckte die Hand nach der Petroleumlampe aus, die auf dem Tisch stand. Er drehte den Docht langsam tiefer.

 

Da wurde ein gedämpftes Klopfen an der Tür hörbar.

 

»Tapp, tapp, tapptapptapp, tapp.«

 

Der Frosch stand still, die Hand an der Lampe.

 

Das Klopfen wiederholte sich. Er drehte ein wenig das Licht auf und ging zur Tür. »Wer ist da?« fragte er.

 

»Hagn!« antwortete eine tiefe Stimme, und der Frosch trat erstaunt zurück. »Schnell, öffne!«

 

Der Frosch schob die schwere Eisenstange zurück, zog den Schlüssel aus der Tasche und schloß auf. »Hagn, wie bist du losgekommen?«

 

Die Tür wurde mit solcher Gewalt aufgestoßen, daß er gegen die Wand taumelte, und Ella stieß einen Freudenschrei aus.

 

Im Türrahmen stand ein Mann, barhaupt, in einem glänzenden Regenhautmantel. Es war Joshua Broad: »Zurück!«

 

Er sah sie nicht an, aber Ella wußte, daß die Worte an sie gerichtet waren und stand starr wie ein Steinbild in der Ecke. Broads Hände steckten in den Manteltaschen. Seine Augen hingen an der Maske.

 

»Harry«, sagte er gedämpft, »du weißt, was ich fordere.«

 

»Nimm, was dir gebührt!« schrie der Frosch. Zwei Schüsse erklangen gleichzeitig, und der Frosch taumelte gegen die Wand. Sein Fuß war nur ein paar Zoll von den Zylindern entfernt, und er erhob ihn. Aber Broad schoß noch einmal, und der Frosch fiel rücklings, sein Kopf schlug auf den Kamin auf. Er erhob sich noch einmal auf die Füße, fiel aber mit einem kleinen, erstickten Seufzer zurück, die Arme weit ausgebreitet.

 

Dann kam der Klang von Stimmen von draußen, das Geräusch von Tritten auf dem kotigen Weg, und John Bennett stürzte in die Hütte. Ella flog in seine Arme. Elk und Dick blieben in der Tür stehen.

 

»Meine Herren«, sagte Joshua Broad und trat den drei Männern entgegen, »ich rufe Sie zu, Zeugen auf, daß ich diesen Mann aus Notwehr getötet habe. Es ist der Frosch! Sein Name ist Harry Lyme. Er ist ein englischer Sträfling.«

 

»Ich habe gewußt, daß es Harry Lyme ist«, sagte Elk.

 

Broad beugte sich hinab und fuhr mit der Hand unter die Weste des Mannes.

 

»Ja, er ist tot. Es tut mir leid, daß ich Sie Ihrer Beute beraubt habe, Herr Elk, aber es war Lebensnotwendigkeit, daß er von mir getötet wurde; denn einer von uns beiden mußte in dieser Nacht sterben.«

 

Elk kniete neben der stillen Gestalt nieder und begann, die scheußliche Gummimaske zu lösen.

 

»Hier wurde Genter getötet«, sagte Dick Gordon leise. »Sehen Sie dort das Glas?« Elk sah auf die Zylinder und nickte. Dann wanderten seine Augen zu dem barhäuptigen Amerikaner.

 

»Saul Morris, wie ich glaube?« sagte er. Und »Joshua Broad« nickte. Elk kratzte nachdenklich sein Kinn und blickte neuerdings auf die stille Gestalt zu seinen Füßen.

 

»Nun, Frosch, laß dir ins Gesicht sehen!« sagte er und riß die Maske ab. Er sah in das Gesicht des Philosophen Johnson.

 

Kapitel 5

 

5

 

Elk begleitete Johnson in sein Büro zurück, und als sie sich dem Bankpalast der Vereinigten Maitlands näherten, brach Herr Johnson mitten in der interessanten Darlegung seiner Philosophie ab und beschleunigte den Schritt. Elk sah auf dem Gehsteig vor ihnen Ray Bennett und neben ihm die schmale Gestalt eines Mädchens. Sie wendete den beiden Männern den Rücken zu, aber Elk erriet sogleich, daß es Ella Bennett war. Er hatte sie zweimal vorher gesehen und besaß ein wunderbares Gedächtnis für Rückenlinien. Als Johnson auf sie zustrebte, grüßte Ella ihn mit einem freundlichen Nicken.

 

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen, Fräulein Bennett.« Johnsons gemütliches Gesicht erglühte rosig, und Elk stellte fest, daß sein Handschlag noch wärmer und herzlicher war als sonst.

 

»Ich wollte heute gar nicht in die Stadt kommen, aber Vater ist wieder auf einem seiner Ausflüge fort«, sagte sie. »Und ganz komisch – wenn ich nicht genau wüßte, daß sein Zug schon vor zwei Stunden abgefahren ist, so würde ich schwören, ihn soeben auf einem Autobus gesehen zu haben.«

 

»Mein Freund, Herr Elk«, stellte Johnson ein wenig ungeschickt vor.

 

»Es freut mich, Sie kennenzulernen, Fräulein Bennett«, sagte Elk.

 

Ray verabschiedete sich, und Ella sprach zu ihrem Bruder noch ein leises Wort. Elk sah, wie der Junge die Stirn runzelte.

 

»Nein, nein, ich werde nicht mehr so spät kommen«, sagte er so laut, daß der Detektiv es hörte. Er zog den Hut und war schon im Tor verschwunden. Ella sah ihm mit einem kleinen schmerzlichen Mundzucken nach, dann nahm sie sich zusammen, reichte Johnson die Hand, grüßte Elk mit einem leisen Neigen ihres Hauptes und ging.

 

»Haben Sie Fräulein Bennett schon gekannt?«

 

»Oberflächlich«, antwortete Elk mürrisch. »Oberflächlich kenne ich fast jeden. Gute und schlechte Leute. Je besser sie sind, desto weniger kenne ich sie. Auf Wiedersehen!«

 

Als Johnson die Treppe zu Maitlands Haus hinaufstieg, schlenderte Elk ziellos fort. Er überquerte die Straße und blieb stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Es war vier Uhr, und ein Taxi hielt vor der Tür der Vereinigten Maitlands und wartete. Elk sah wenige Minuten später den alten Maitland herauskommen, hastig, weder rechts noch links blickend. Elk betrachtete ihn mit mehr als dem gewöhnlichen Interesse. Er kannte den Finanzier vom Sehen her und hatte zwei oder drei Besuche im Büro gemacht, die mit ein paar kleinen, von Aufwartefrauen begangenen Diebstählen in Verbindung standen. So war er auch mit Philo Johnson bekannt geworden, denn der alte Mann hatte die Unterredung seinem Angestellten überlassen. Elk schätzte Maitland auf fast siebzig Jahre, und zum ersten Male überkam ihn die Neugier, wo er wohnen mochte. Es kam ihm als eine merkwürdige Tatsache zum Bewußtsein, daß er nicht das geringste über den Finanzier wußte und daß Maitland die einzige der Stadtgrößen war, über die die Zeitungen nichts schrieben.

 

Als das Auto davonfuhr, konnte Elk dem Anreiz nicht widerstehen und winkte einen zweiten Wagen heran.

 

»Verfolgen Sie das Auto!« sagte er. Und der Fahrer nickte ohne Frage, denn es gab keinen Chauffeur in den Straßen von London, der den melancholischen Polizeimann nicht gekannt hätte. Der erste Wagen fuhr schnell in der Richtung nach London-Nord und hielt bei einem belebten Straßenknotenpunkt in Finsbury-Park. Maitland stieg aus und eilte um die Ecke, eine belebtere Straße entlang, und Elk folgte ihm auf den Fersen. Der Alte ging eine kleine Strecke, dann stieg er in einen Straßenbahnwagen. Elk sprang hinter ihm auf, als der Wagen sich eben in Bewegung setzte. Der Alte fand einen Platz, zog eine verknüllte Zeitung aus der Tasche und begann zu lesen. In Tottenham stieg Herr Maitland aus.

 

Er bog in ein Seitengäßchen, überquerte die Straße, kam in eine engere und noch armseligere Gasse und dann – zu Elks namenlosem Erstaunen – schloß er die eiserne Tür eines dunkeln und schmutzigen Hauses auf, trat ein und warf sie hinter sich zu.

 

Der Detektiv blickte die Straße hinauf und hinunter. Sie war von armen Kindern bevölkert. Elk betrachtete wieder das Haus.

 

Die Fenster waren schmutzig, die Vorhänge hingen in Fetzen, der winzige Vorhof war vernachlässigt. Und dies war das Haus Ezra Maitlands, des Mannes, der Millionen besaß.

 

Elk faßte einen Entschluß und klopfte an die Tür. Lange kam keine Antwort, dann war das Schlürfen von Füßen, die in Pantoffeln steckten, hörbar, und eine alte Frau mit krankhaft gelbem Gesicht öffnete die Tür.

 

»Verzeihen Sie«, sagte Elk; »Ich glaube, der Herr, der gerade hereingegangen ist, hat dies hier fallen gelassen.« Er zog ein Taschentuch hervor, und sie starrte es einen Augenblick lang an. Dann streckte sie wortlos die Hand aus, zog es ihm weg und schlug ihm die Tür vor der Nase zu.

 

Das war das letzte meiner guten Taschentücher, dachte Elk bitter. Er hatte einen Blick in das Innere des Hauses geworfen. Ein trüb aussehender Gang, mit einem Streifen verblichenen Teppichs belegt, war zu sehen gewesen. Er entschloß sich, fortzugehen und Erkundigungen einzuziehen.

 

»Maitland oder Mainland, das weiß ich nicht genau«, sagte ein Kaufmann, der an der Ecke sein Geschäft hatte. »Der alte Herr geht jeden Tag um neun Uhr fort und kommt immer um dieselbe Stunde wie heute zurück. Ich kann nicht sagen, wer er ist. Aber das eine weiß ich: essen tun sie nicht viel. Er kauft alle seine Waren bei mir, und das alles, wovon die beiden Leute einen Tag lang leben, könnte ein gesundes Kind bei einer einzigen Mahlzeit verzehren.«

 

Elk kehrte niedergeschlagen nach dem Westen der Stadt zurück. Er beschloß, sich mit der Angelegenheit weiter zu befassen.

 

Doch schien es ihm für den Moment angebrachter, alle seine Kräfte auf diese interessante junge Dame, Fräulein Lola Bassano, zu konzentrieren. In einer jener modernen Straßen, die von Cavendish Square auslaufen, gibt es eine Reihe Appartements, die nur von reichen Mietern bewohnt werden. Die Miete ist auch für jenes exklusive Viertel ganz besonders hoch bemessen, und Elk, den man nicht leicht zu überraschen vermochte, war ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht, als er sah, daß Lola Bassano in diesem luxuriösen Gebäude eine Flucht von Zimmern innehatte.

 

Der Liftboy, dem Elk mit reichlicher Berechtigung ein wenig verdächtig vorkam, berichtete ihm, daß Fräulein Bassano im dritten Stock wohne.

 

»Wie lange wohnt sie hier?« fragte Elk.

 

»Das geht Sie nichts an«, antwortete der Liftboy, »dort ist der Eingang für Lieferanten.«

 

Beim Anblick von Elks Dienstmarke wurde er jedoch sofort höflicher und mitteilsamer.

 

»Sie wohnt seit zwei Monaten hier«, sagte er. »Und um Ihnen die Wahrheit zu sagen, es hat mich oft gewundert, daß sie die Wohnung im Caverley-Haus bekommen hat. Wie ich gehört habe, hat sie einmal einen Spielklub in der Germynstraße gehabt. Sie sind doch nicht gekommen, um sie zu verhaften?« fragte er ängstlich. »Das wäre ein schönes Renommee für Caverley -Haus.«

 

»Ich mache nur einen freundschaftlichen Besuch«, sagte Elk. Der Liftboy trat aus dem Aufzug und wies nach einer der beiden glatten Mahagonitüren, die auf den Flur mündeten.

 

»Die andere Wohnung gehört einem amerikanischen Millionär.«

 

Elk war im Begriff zu antworten, als der Liftboy zur Tür ging und auf eines der polierten Paneele deutete. »Das ist doch sonderbar –«, sagte er. »Da, schauen Sie einmal her.«

 

Elk trat neben ihn, und mit einem Blick erfaßte und verstand er. Auf der Mahagonitafel war ein kleiner weißer Frosch sichtbar, ein genaues Stempelbild desjenigen, den er heute morgen auf Dick Gordons Fotografien gesehen hatte.

 

Ein Frosch, kauernd und ein wenig schief. Er rührte mit spitzem Finger daran. Die Farbe war noch naß und blieb haften.

 

Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein Mann mittleren Alters erschien in ihrem Rahmen. Mit dem langläufigen Revolver in der Hand zielte er auf das Herz des Detektivs.

 

»Halten Sie die Hände hoch!« befahl er scharf.

 

Dann stockte er und starrte dem Detektiv ins Gesicht. Elk erwiderte sprachlos den Blick, denn der elegante Herr, der vor ihm stand, war der Hausierer, den er in Whitehall gesprochen hatte. Der Amerikaner gewann als erster die Selbstbeherrschung zurück, und Elk sah von neuem das Aufblitzen innerer Belustigung in seinen Augen. Er trat zurück und öffnete die Tür ganz. »Kommen Sie herein, Herr Elk«, sagte er und nickte dem verblüfften Liftboy zu. »Schon gut, Worth, ich habe mir einen kleinen Scherz mit Herrn Elk erlaubt.«

 

Er schloß die Tür und ließ den Detektiv in seinen Salon eintreten. Elk beschloß, den Frosch an der Tür zum Gegenstand einer späteren Diskussion zu machen.

 

»Wir sind ganz allein, Herr Elk, und Sie brauchen nicht leise zu sprechen. Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?« Elk streckte mechanisch die Hand aus und wählte eine blonde Havanna.

 

»Wenn ich mich nicht sehr irre, so haben wir uns schon heute morgen gesehen«, sagte er.

 

»Sie täuschen sich nicht«, unterbrach ihn der andere kühl. »Wir haben uns in Whitehall getroffen, und ich habe mit Schlüsselringen hausiert. Mein Name ist Joshua Broad. Sie können mir also nicht vorwerfen, daß ich unter falschem Namen gehandelt habe.«

 

Der Detektiv zündete die Zigarre an, bevor er sprach.

 

»Diese Wohnung scheint sehr kostspielig zu sein«, sagte er langsam. »Und ich verstehe es, daß Sie versuchen, etwas zu verdienen. Aber es dünkt mich, daß das Hausieren mit Schlüsselringen einem Geschäftsmann nur recht armselige Verdienstmöglichkeiten bieten kann.«

 

Joshua Broad nickte.

 

»Es macht mir aber Spaß, Herr Elk. Ich bin eine Art von Kriminalpsychologe.« Er zündete seinerseits eine Zigarre an und machte es sich in einem tiefen, kattunüberzogenen Armsessel bequem, die gekreuzten Beine von sich streckend, ein Bild der Zufriedenheit.

 

»Als Amerikaner habe ich Interesse an sozialen Problemen, und ich habe immer gefunden, daß der einzige Weg, um die Armen irgendeines Landes zu verstehen, der ist, unter ihnen zu leben.«

 

Elk setzte seine Brille fester auf die Nase, und seine Blicke streiften Herrn Broads Tasche, in die der Revolver zurückgekehrt war. »Wir leben in einem ziemlich freien Lande«, sagte er.

 

»Und jedermann kann hier mit Schlüsselringen hausieren, sogar wenn er im Nebenberuf Mitglied des Oberhauses wäre. Aber etwas ist hier doch verboten, Herr Broad, und das ist, ehrbaren Polizeileuten Revolver auf die Brust zu setzen!«

 

Broad kicherte. »Ich bedauere, ich war ein wenig zu heftig«, sagte er. »Aber ich habe in Wahrheit mehr als eine Stunde auf jemanden gewartet, der zu mir kommen sollte. Und als ich Ihre Schritte hörte …« Er zuckte die Achseln. »… ich bin darüber so zerknirscht, wie Sie es nur verlangen können.«

 

Elks Blicke ließen nicht von ihm ab. »Ich möchte Ihnen nicht lästig werden, wenn ich Sie frage, ob Sie einen Freund erwartet haben? Ich möchte gar zu gerne den Namen des Gastes wissen.«

 

»Das möchte ich auch«, sagte der andere. »Und noch eine ganze Menge von Leuten mit mir.« Er sah Elk gedankenvoll an. »Ich habe einen Mann erwartet, der jeden Grund hat, sich sehr vor mir zu fürchten. Er heißt –, nun das tut nichts zur Sache. Ich habe ihn nur einmal im Leben getroffen und sah damals sein Gesicht nicht.«

 

»Aber Sie sind aneinandergeraten?« fragte Elk.

 

»Keineswegs, ich benahm mich sehr gutmütig gegen ihn. Ich war nicht länger als fünf Minuten mit ihm in einem verfinsterten Raum allein, der nur von einer Laterne, die auf dem Tisch stand, erhellt wurde. Und ich glaube, daß dies alles ist, was ich Ihnen darüber erzählen kann, Herr Inspektor.«

 

»Sergeant!« murrte Elk. »Es ist doch merkwürdig, wie viele Leute meinen, daß ich Inspektor wäre.«

 

Eine recht unbehagliche Pause entstand. Und dann fragte Elk und wies mit dem Kopf nach dem Gang: »Verkehren Sie mit Ihren Nachbarn?«

 

»Mit der Bassano und ihrem Freund? Nein! Sind Sie ihretwegen da?« Elk schüttelte den Kopf.

 

»Ich wollte nur einen freundschaftlichen Besuch machen«, sagte er. »Ich bin gerade aus Ihrem Land gekommen, Herr Broad. Es ist ein schönes Land, aber es gibt dort zu große Entfernungen für mich.« Er studierte noch eine ganze Weile das Teppichmuster, dann sagte er: »Ich hätte Ihren Freund von Herzen gerne kennengelernt. Ist er vielleicht auch Amerikaner?«

 

Broad schüttelte den Kopf. Als er Elk hinausbegleitete, sprachen sie beide kein Wort, und es schien fast, als ob Elk ohne guten Tag zu sagen gehen wollte, denn er schritt geistesabwesend weiter. Aber er drehte sich doch in der Tür um und lächelte trüb.

 

»Ich würde mich freuen, Sie wiederzusehen, Herr Broad«, sagte er. »Vielleicht treffen wir uns wieder in Whitehall?«

 

Seine Blicke hafteten an dem grotesken weißen Frosch an der Tür. Broad wischte mit dem Finger über das Zeichen.

 

»Der Abdruck ist noch ganz frisch«, sagte er. »Haben Sie sich schon Ihre Meinung darüber gebildet, Herr Elk?«

 

Elk prüfte die Matte vor der Tür. Ein kleiner weißer Fleck war auf ihr sichtbar, zu dem er sich hinabbückte. »Vollkommen frisch. Es muß gerade, bevor ich hierhergekommen bin, geschehen sein.«

 

Und hiermit schien sein Interesse an dem Frosch erschöpft.

 

»Ich werde jetzt hinübergehen. Guten Tag«, sagte er.

 

Lola Bassano saß wartend in ihrem schönen Salon. In einem tiefen Sessel kindhaft eingeschmiegt, viele weiche und farbige Kissen im Rücken, saß sie mit untergeschlagenen Beinen da, eine Zigarette zwischen den Lippen.

 

Von Zeit zu Zeit wendete sie den Kopf nach dem Mann, der, die Hände in den Hosentaschen, am Fenster stand und auf die Straße hinaussah. Er war groß, schwer gebaut, klobig und unvornehm. Alle Hilfe, die die Perfektion seines Schneiders und Kammerdieners ihm hatten angedeihen lassen, genügte nicht, um, seinen Ursprung zu verwischen. Er blieb ein recht fett gewordener Boxer. Vor einiger Zeit – vor noch ganz kurzer Zeit – war Lew Brady Schwergewichtsmeister von Europa gewesen, ein schrecklicher Kämpfer, mit gerade jenem Tropfen farbigen Blutes in den Adern, der den Unterschied zwischen Größe und Mittelmäßigkeit im Ring auszumachen pflegt. Ein stärkerer Mann hatte seine Schwäche aufgedeckt, und der Ruhm Lew Bradys welkte mit bemerkenswerter Schnelle dahin. Er hatte einen einzigen Vorteil vor seinen Gefährten, und dieser rettete ihn vor völliger Vergessenheit. Ein Philanthrop hatte ihn einst als Kind in der Gosse gefunden und ihm eine Erziehung angedeihen lassen. Er hatte eine gute Schule besucht und war mit Männern, die ein gutes Englisch sprachen, befreundet. Die Vorteile, die er dieser Freundschaft verdankte, waren nicht verlorengegangen, und seine Sprache war von so merkwürdiger Kultur, daß Leute, die den brutalen Mann zum ersten Male sprechen hörten, mit dem hellsten Erstaunen lauschten.

 

»Um wieviel Uhr erwartest du deinen Pagen?« fragte er.

 

Lola zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht, wann er kommt.«

 

Der Mann wendete sich vom Fenster ab und begann langsam im Zimmer auf und nieder zu schreiten. »Ich verstehe nicht, warum sich der Frosch für ihn interessiert«, murrte er. »Lola, ich bin dieses alten Herrn Frosches entschieden überdrüssig.«

 

Lola lächelte und sah ihn mit halbgeschlossenen Augen an. »Vielleicht bist du nur der Tatsache überdrüssig, daß du Geld bekommst und nichts dafür zu tun hast«, sagte sie. »Mich selbst wird solch ein Überdruß niemals anwandeln. Und sei sicher, daß der Frosch nicht nach dem jungen Bennett fragen würde, wenn er dessen nicht wert wäre.« Brady zog seine Uhr heraus und blickte auf das juwelengeschmückte Zifferblatt. »Fünf Uhr. Vermutlich weiß der Junge nicht, daß du mit mir verheiratet bist.«

 

»Du bist ein Narr!« sagte Lola, sich träge dehnend. »Sollte ich mich dessen auch noch rühmen?«

 

Lew Brady ging von neuem hin und her, hin und her. Ein schwaches Glockenzeichen wurde hörbar, und er sah Lola an. Sie nickte, erhob sich, schüttelte die Kissen auf und nahm von neuem ihre frühere Stellung ein.

 

»Mach auf!« sagte sie, und der Mann ging gehorsam. Dann kam Ray Bennett herein; er nahm Lolas Hand und küßte sie.

 

»Ich komme spät. Der alte Johnson hat mich zurückgehalten, nachdem die anderen schon lange gegangen waren. Oh, ist das aber ein schöner Raum! Ich hatte keine Ahnung, daß du in so großem Stile lebst.«

 

»Kennst du Lew Brady?«

 

Ray nickte lächelnd. Er sah wie die verkörperte Glückseligkeit aus, und die Gegenwart Bradys hinderte ihn wenig. Er wußte längst, daß Lola mit Brady in irgendeiner Geschäftsverbindung stand.

 

»Also, sprechen wir jetzt von deinem wundervollen Plan!«

 

sagte er, als er auf ein Zeichen von Lola sich neben sie gesetzt hatte. »Weiß Brady davon?«

 

»Es ist Lews Idee«, sagte sie leichthin. »Er späht ja immer nach guten Gelegenheiten aus, allerdings nicht für sich selber, sondern für andere.«

 

»Ja, das ist eine meiner Schwächen«, sagte Lew bescheiden.

 

»Ich weiß ja nicht, ob Sie mit meinen Plänen einverstanden sein werden. Ich würde die Sache selbst übernehmen, aber ich habe leider im Augenblick zuviel zu tun. Hat Lola Ihnen alles darüber gesagt?«

 

Ray nickte. »Ich kann es kaum glauben«, sagte er. »Ich habe immer gemeint, daß so etwas nur in Zeitschriften steht. Lola hat mir von einem Geheimagenten erzählt, den die japanische Regierung in London einsetzen möchte. – Jemanden, den sie desavouieren könnte, wenn es notwendig wäre. Aber worin bestünde denn eigentlich meine Arbeit?«

 

»Das weiß ich nicht«, sagte Lew kopfschüttelnd. »Soweit ich informiert bin, haben Sie nichts zu tun, als zu atmen. Vielleicht werden sie Sie brauchen, um Dinge in Erfahrung zu bringen, die in der politischen Welt vor sich gehen. Das, was mir, wie ich ehrlich gestehe, daran nicht gefällt, ist, daß Sie ein Doppelleben führen müssen. Niemand darf erfahren, daß Sie bei Maitland angestellt sind. Sie legen sich einen beliebigen Namen bei und treffen Ihre häuslichen Arrangements so gut Sie es vermögen.«

 

»Das wird nicht schwer halten«, unterbrach ihn Ray. »Vater meinte ohnedies, ich müßte ein Zimmer in der Stadt nehmen. Er findet die tägliche Reise von und nach Horsham zu kostspielig. Das habe ich Samstag mit ihm ausgemacht. Zum Wochenende werde ich immer nach Hause fahren; aber was habe ich zu tun und wem muß ich berichten?«

 

Lola stand auf und kam langsam auf ihn zu. »Armer Junge«, spottete sie mit ihrem leisen Lachen, »die Aussicht, eine schöne Wohnung zu haben und mich jeden Tag zu sehen, macht ihm solche Sorgen!«

 

Kapitel 38

 

38

 

Ray Bennett erwachte nach einem erquickenden Schlaf und setzte sich im Bett auf. Einer der Wärter, die die ganze Nacht bei ihm gewacht hatten, stand auf und kam zu ihm.

 

»Wollen Sie Ihre Kleider haben, Carter? Der Direktor meint, es würde Ihnen nichts daran liegen, die alten Sachen zu tragen.«

 

»Er hat recht«, sagte Ray dankbar. »Dieser Anzug sieht ganz gut aus«, sagte er, als er die Hose anzog.

 

Der Wärter hustete. »Ja, es ist ein guter Anzug«, stimmte er bei. Mehr sagte er nicht, aber etwas in seinem Gehaben verriet die Wahrheit. Es waren Kleider, in denen schon ein anderer Mann gehängt worden war. Und doch zitterten Rays Hände nicht, als er sie anlegte. Um sechs Uhr brachte man ihm das Frühstück.

 

Seine Blicke schweiften von neuem zur Schreibmappe, aber er streckte die Hand nicht nach ihr aus. Der Kaplan kam, ein ruhiger Mann, Kraft in jeder Linie seines beweglichen Antlitzes. Sie plauderten eine Weile, und dann riet der Wärter, Ray möge sich in dem gepflasterten Hofraum ein wenig Bewegung machen. Ray freute sich darüber, er wollte noch einmal den blauen Himmel sehen. Dennoch wußte er, daß dies keine selbstlose Güte war, und erriet auch wohl, warum dieser Vorzug ihm gewährt wurde, als er Arm in Arm mit dem Priester im Hofe hin und her ging. Man bereitete die Exekutionszelle neben der seinen vor und wünschte seine Gefühle zu schonen. Eine halbe Stunde später war er wieder in seiner Zelle.

 

»Wollen Sie noch ein Geständnis machen, Carter? Heißen Sie überhaupt so?«

 

»Nein, Herr«, sagte er ruhig, »aber es tut nichts zur Sache.«

 

»Haben Sie den Mann getötet?«

 

»Ich weiß es nicht«, sagte Ray. »Ich wünschte ihn zu töten, daher ist es möglich, daß ich es getan habe.«

 

Zehn Minuten vor acht kamen der Direktor und der Sheriff in die Zelle, um ihm die Hand zu schütteln. Die Uhr in der Gefängnishalle ging langsam, aber unerbittlich vorwärts. Durch die offene Tür der Zelle konnte Ray sie sehen, und der Direktor, der dies bemerkte, schloß sie sanft, denn es fehlte noch eine Minute auf acht, und sie mußte sich bald wieder öffnen. Ray sah, wie die Klinke von außen niedergedrückt wurde, und eine Sekunde lang verließ ihn die Fassung. Er wendete sich ab, um den Mann, der jetzt eintreten mußte, nicht zu sehen. Er fühlte seine Hände von rückwärts zusammengebunden.

 

»Möge mir Gott vergeben! Möge mir Gott vergeben!« murmelte jemand hinter ihm, und beim Klang dieser Stimme wendete Ray sich mit einem Ruck um und sah dem Henker ins Gesicht.

 

Der Henker war John Bennett.

 

Vater und Sohn, Henker und Verurteilter, standen einander gegenüber. Mit fast unhörbarer Stimme hauchte John Bennett das Wort: »Ray!«

 

Ray nickte. Es war seltsam, daß in diesem Moment seine Gedanken zu den geheimnisvollen Fahrten seines Vaters zurückstreiften. Er entsann sich des Hasses, den dieser gegen seinen Beruf gehegt hatte, in den ihn Umstände gedrängt hatten.

 

»Ray!« hauchte der Mann nochmals.

 

»Kennen Sie diesen Mann?« Es war der Direktor, der so fragte, und seine Stimme zitterte vor Erregung.

 

John Bennett wendete sich ihm zu.

 

»Er ist mein Sohn«, sagte er und zog an den Fesseln, um sie zu lösen.

 

»Bennett, Sie müssen das Urteil vollstrecken!« Nun klang die Stimme fest und schrecklich.

 

»Vollstrecken? Meinen eigenen Sohn umbringen? Sind Sie wahnsinnig? Halten Sie mich für wahnsinnig?« Er schloß Ray in die Arme und drückte sein Gesicht fest gegen dessen bärtige Wange.

 

»Mein Junge! Mein Junge!« sagte er und strich ihm das Haar zurück, wie er es in Rays Kindheit getan hatte. Dann riß er sich plötzlich zusammen, stieß den Jungen durch die offene Tür in die Todeskammer, folgte ihm, schlug die Tür zu und verriegelte sie.

 

Ray sah das baumelnde gelbe Seil, das Zeichen auf der Falltür, und taumelte bebend gegen die Mauer, die Augen geschlossen.

 

Dann zerhieb John Bennett das Seil, zerhieb es, daß die Stücke zu Boden fielen. Es gab einen Krach, die Falltüren öffneten sich, und in die gähnende Öffnung schleuderte er das abgeschnittene Seil. Ray starrte ihn fassungslos an. Und während die Schläge gegen die Tür donnerten, kam der Alte auf ihn zu, nahm sein Gesicht in die Hände und küßte ihn.

 

»Kannst du mir vergeben, Ray?« fragte er gebrochen. »Ich mußte es tun. Ich verhungerte beinahe, bevor ich mich dazu hergab. Ich war gerade aus einer medizinischen Schule gekommen, und die Sache schien mir nicht so schrecklich. Ich versuchte alle möglichen Berufe, um Geld zu verdienen, und lebte mein ganzes Leben in Angst, daß jemand mit dem Finger auf mich zeigen und sagen würde: »Da geht Ben, der Scharfrichter!«

 

»Ben, der Scharfrichter?« fragte Ray verwundert. »Du bist Ben?«

 

Der Alte nickte.

 

»Kommen Sie heraus, Ben. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich die Hinrichtung auf morgen verschieben werde. Ihr könnt nicht hierbleiben!«

 

John Bennett sah auf das abgeschnittene Seil. Die Hinrichtung konnte nicht ausgeführt werden, denn es gab eine Vorschrift, die verlangte, daß ein völlig ungebrauchtes Seil vom Polizeidirektionsgefängnis geliefert werden mußte. Die gesamte Ausrüstung der Hinrichtung, bis auf das Stück Kreide, mit dem das T auf die Klappe gezeichnet wurde, auf das der Mann seine Füße stellen sollte, mußte genauestens aus dem Hauptgefängnis gebracht und ebenso genau zurückgestellt werden.

 

John Bennett zog den Riegel zurück und trat hinaus.

 

Die Gesichter der Leute in der Gefangenenzelle waren geisterbleich.

 

Der Gefängnisarzt schien zusammengeschrumpft, der Sheriff saß auf dem Bett und hatte das Gesicht in den Händen verborgen.

 

»Ich werde nach London telegraphieren und die Umstände mitteilen«, sagte der Direktor. »Ich verdamme Sie Ihrer Handlungsweise wegen nicht, Ben, es wäre ungeheuerlich, zu erwarten, daß Sie das vermocht hätten!« Ein Wärter kam den Gang herabgerannt. Hinter ihm hinkte ein barhäuptiger, staubbedeckter Mann, mit zerkratztem Gesicht, über das vertrocknete Blutstreifen hinliefen, die Augen rotgeschwollen vor Müdigkeit. Eine Minute lang erkannte ihn John Bennett nicht.

 

»Aufschub von des Königs eigener Hand«, stammelte Dick Gordon schwankend und überreichte das blutbefleckte Kuvert dem Direktor.

 

Kapitel 39

 

39

 

Während des ganzen Tages lag Ella Bennett halb wachend, halb im Schlaf. Sie erinnerte sich später, daß der Arzt gekommen war und sie auf Elks flehentliche Bitte das zubereitete Getränk zu sich genommen hatte. Und obgleich sie vermutete, was es war, und sich dagegen wehrte, den milchweißen Trank einzuschlürfen, hatte sie schließlich nachgegeben. Sie war durch den innerlichen Kampf, den sie geführt hatte, um ihren gesunden Verstand zu bewahren, völlig erschöpft.

 

Als ihr Bewußtsein zurückzukehren begann, fühlte sie, daß sie in einem Bett lag und daß jemand ihr die Schuhe ausgezogen und ihr Haar gelöst hatte. Es kostete sie eine entsetzliche Anstrengung, die Augen zu öffnen, und sie sah, daß eine Frau am Fenster saß und las. Das Zimmer war sichtlich das eines Mannes und roch schwach nach Rauch.

 

»Dicks Bett!« murmelte sie. Die Frau legte ihr Buch hin und stand auf.

 

Ella sah sie verwundert an. Warum trug sie nur die weiße Haube um ihr Haar und die blaue Jacke mit den weißen Manschetten? Ach, natürlich, sie war eine Pflegerin. Zufrieden, dieses Problem gelöst zu haben, schloß Ella die Augen und verlor sich wieder in das Land der Träume.

 

Sie erwachte nochmals. Die Frau war noch da, aber diesmal war Ellas Geist völlig klar.

 

»Wie spät ist es?« fragte sie.

 

Die Pflegerin kam mit einem Glas Wasser zu ihr, das Ella gierig trank.

 

»Es ist sieben Uhr«, sagte sie.

 

»Sieben?« Ella schauderte und versuchte, mit einem Aufschrei aufzustehen. »Es ist Abend!« stammelte sie.

 

»Was ist geschehen?« fragte sie dann.

 

»Ihr Vater ist unten, Fräulein«, sagte die Pflegerin, »ich werde ihn rufen.«

 

»Vater ist hier?« Sie runzelte die Brauen.

 

»Herr Gordon ist auch unten und Herr Johnson!«

 

Die Frau führte getreulich die Instruktionen, die man ihr gegeben hatte, aus.

 

»Sonst niemand?« fragte Ella flüsternd.

 

»Nein, Fräulein, der andere Herr kommt erst morgen oder übermorgen.«

 

Mit einem Schluchzen vergrub das Mädchen das Gesicht in die Kissen.

 

»Sie sagen mir nicht die Wahrheit!«

 

»O doch!« sagte die Frau, und etwas in ihrem Lachen ließ Ella aufblicken.

 

Die Pflegerin ging aus dem Zimmer, und nach einer Weile öffnete sich die Tür und John Bennett kam herein. Da lag sie auch schon in seinen Armen und schluchzte vor Freude.

 

»Ist es wahr! Ist es wirklich wahr, Papa?«

 

»Ja, mein Herz, es ist wahr!« sagte Bennett. »Ray wird morgen hier sein. Es sind noch einige Formalitäten zu erledigen. Sie können seine Befreiung nicht sofort erwirken, wie man das in Romanen liest. Wir sprechen gerade über seine Zukunft. Ach, mein armes Mädel!«

 

»Wann hast du es erfahren, Vater?«

 

»Heute morgen«, sagte er ruhig.

 

»Hat es dich nicht entsetzlich geschmerzt?« fragte sie.

 

Er nickte. »Johnson möchte Ray die Führung der Vereinigten Maitlands übergeben«, sagte er. »Das wäre etwas Herrliches für Ray. – Ella, unser Junge hat sich sehr verändert.«

 

»Hast du ihn gesehen?« fragte sie überrascht.

 

»Ja, heute morgen.«

 

Es kam Ella ganz natürlich vor, daß der Vater ihn gesehen hatte, und sie dachte auch gar nicht daran, wie es ihm wohl gelungen war, in das eifrig behütete Gefängnis zu gelangen.

 

»Ich glaube aber nicht, daß Ray Johnsons Anerbieten annehmen wird«, sagte der Vater. »Wenn ich ihn recht verstehe, so wird er es gewiß nicht tun. Er wird jetzt keine ihm fertig angebotene Stellung annehmen wollen, sondern sich lieber selbst emporarbeiten. Ella, er kommt wieder zu uns.«

 

»Papa, wenn Ray wieder zurückkommt«, sagte sie nach einem langen Schweigen, »würde es dir dann möglich sein, deine Beschäftigung, die du doch so hassest, aufzugeben?«

 

»Ich habe sie schon aufgegeben, Liebling«, erwiderte er ruhig. »Nie wieder! Niemals wieder! Gott sei gedankt!«

 

Sie sah sein Gesicht nicht, aber sie fühlte den Schauer, der durch des Vaters Gestalt rann.

 

 

Das Arbeitszimmer lag voller Rauchwolken. Dick Gordon, dessen Kopf ganz bandagiert, und dessen hübsches Gesicht ein wenig durch drei Querkratzer verunziert war, saß in seinem Schlafrock und Pantoffeln, eine Shagpfeife zwischen den Zähnen wie ein Bild der etwas mitgenommenen Zufriedenheit da. »Sehr nett von Ihnen, Johnson«, sagte er. »Ob Ray wohl Ihr Anerbieten annehmen wird? Glauben Sie es ehrlich, daß er befähigt ist, als Direktor eines so ungeheuren Unternehmens zu fungieren?«

 

Johnson sah zweifelnd drein. »Bei Maitland war er bloß Angestellter, aber man hat vielleicht keine Ahnung von seinen administrativen Qualitäten.«

 

»Sind Sie nicht fast ein bißchen zu großmütig gegen ihn?«

 

»Das weiß ich nicht. Vielleicht«, sagte Johnson. »Ich möchte ihm natürlich gern helfen. Es sind ja auch noch andere, weniger wichtige Stellungen da, und vielleicht würde Ray, wie Sie sagen, nicht einmal einen so verantwortlichen Platz einnehmen wollen.«

 

»Sicherlich nicht«, sagte Dick entschieden.

 

»Mir scheint«, sagte Elk, »das schwierigste ist, daß wir den Jungen ganz aus den Klauen der Frösche befreien. Einmal ein Frosch, allzeit ein Frosch! Und dieser alte Herr Nummer Eins ist nicht derjenige, der mit den Händen im Schoß dasitzt und seine Niederlage wie ein kleiner Edelmann aufnimmt. Heute früh hatten wir einen Beweis dafür. Johnson wurde in Ihrer Straße angeschossen.«

 

Dick nahm die Pfeife aus dem Mund und sandte eine blaue Rauchwolke in den Nebel, der über dem Raum lag.

 

»Der Frosch hat ausgespielt«, sagte er. »Die einzige Frage ist nur die, was der beste und wirksamste Weg ist, ein Ende mit ihm zu machen. Balder ist gefangen, Hagn im Kerker. Lew Brady, einer der hilfreichsten Agenten, ist tot, nur Lola …«

 

»Lola ist fort!« sagte Elk. »Heute morgen hat sie sich nach den Vereinigten Staaten eingeschifft, und Joshua Broad war es, der ihr die Oberfahrt ermöglichte. Es bleibt also nur noch der Frosch selbst übrig und die Organisation, die er leitet. Fängt man ihn, so ist es mit der ganzen Bande zu Ende.«

 

In diesem Moment kam John Bennett zurück, und das Gespräch nahm eine andere Wendung. Wenig später verabschiedete sich Johnson.

 

»Sie haben Ella doch nichts gesagt, Herr Bennett?« fragte Dick.

 

»Über mich? Nein! Ist es nötig?«

 

»Ich glaube nicht«, sagte Dick ruhig, »lassen Sie dies Ihr eigenes und Rays Geheimnis bleiben. Mir selbst war es schon lange Zeit bekannt. An dem Tag, an dem Elk mir erzählte, daß er Sie auf dem Kings-Cross-Bahnhof getroffen hat und daß ein Einbruch verübt worden ist, habe ich erfahren, daß man einen Mann im Gefängnis von York hingerichtet hat. Ich nahm mir die Mühe, in den Spalten der Zeitungen nachzusehen, und fand heraus, daß Ihre Abwesenheit tatsächlich, wie Elk behauptete, immer mit Einbruchsdiebstählen zusammentraf. Aber es werden im Lauf eines Jahres so viele Einbrüche in England verübt, daß es nur merkwürdig gewesen wäre, wenn sich dieses Zusammentreffen nicht ereignet hätte. Es gab aber auch noch andere Zufälle. An dem Tag, an dem der Mord in Ibbley Copse verübt wurde, waren Sie in Gloucester. Und an dem gleichen Tag wurde Walbsen, der Mörder von Hereford, hingerichtet.«

 

John Bennett senkte den Kopf. »Sie haben es gewußt und dennoch . . .« Er zögerte.

 

Dick nickte.

 

»Ich kannte das Scheitern all Ihrer Pläne, das Sie in Ihren schrecklichen Beruf getrieben hat«, sagte er freundlich. »Mir erscheinen Sie als ein Vollstrecker des Gesetzes – nicht mehr oder minder schrecklich als ich selbst, der ich so viel dazu beigetragen habe, Menschen aufs Schafott zu bringen. Sie sind nicht unreiner als der Richter, der aburteilt und der das Todesurteil unterschreibt. Wir alle sind nur Instrumente der Ordnung.«

 

Ella und ihr Vater blieben in jener Nacht in Harley Terrace und fuhren am Morgen nach Paddington-Station, um Ray dort zu treffen. Weder Elk noch Dick begleiteten sie.

 

»Aber es kommt mir sehr auffallend vor«, sagte Elk, »daß weder Sie noch ich Bennett kannten.«

 

»Wie sollten wir auch?« sagte Dick. »Weder Sie noch ich pflegen Hinrichtungen beizuwohnen, und die Person des Scharfrichters bleibt für gewöhnlich unbekannt. Nur wenn er vorzieht, von sich reden zu machen, genießt er eine zweifelhafte Berühmtheit. Bennett aber scheute vor der Öffentlichkeit zurück und vermied sogar die Bahnhöfe der Städte, in denen Exekutionen stattfanden. Er stieg gewöhnlich in einem abseits gelegenen Dorf aus und marschierte zu Fuß in die Stadt. Der Hauptwärter in Gloucester sagte mir, daß er immer erst um Mitternacht in das Gefängnis kam. Niemand hat ihn je kommen oder gehen sehen.«

 

»Der alte Maitland muß ihn aber erkannt haben.«

 

»Der wohl«, nickte Dick, »Maitland war eine Zeitlang im Kerker, und es ist möglich, daß besonders bevorzugte Gefangene den Scharfrichter sehen konnten. Unter bevorzugten Gefangenem verstehe ich Leute, die wegen ihres guten Betragens sich im Gefängnis frei bewegen dürfen. Maitland hat Ella doch erzählt, daß er ‹im Loch› war. Und das ist sicherlich die richtige Erklärung dafür. Alle offiziellen Briefe für Bennett kamen nach Dorking, wo er ein Zimmer fürs ganze Jahr gemietet hatte. Seine geheimnisvollen Reisen in die Stadt schienen den Leuten nicht geheimnisvoll, die ihn weder dem Aussehen noch dem Namen nach kannten.«

 

Zu Elks Überraschung war, als er abends Harley Terrace aufsuchte, Dick nicht anwesend. Der Diener meldete, daß der Herr ein wenig geschlafen und sich umgekleidet hätte. Dann sei er ausgegangen, ohne Botschaft zu hinterlassen. Dick pflegte in der Regel nicht auf einsame Spaziergänge auszugehen, und Elk dachte zuerst, er wäre nach Horsham gefahren. Elk dachte sehnsüchtig an sein eigenes bequemes Bett, aber er wollte sich nicht zurückziehen, bevor er nicht seinen Vorgesetzten gesprochen hatte. So machte er es sich im Arbeitszimmer bequem und war fest eingeschlafen, als ihn jemand leise an der Schulter rüttelte. Er schlug die Augen auf und sah Dick vor sich stehen.

 

»Hallo«, sagte er, »wollen Sie die ganze Nacht aufbleiben?«

 

»Mein Auto steht vor der Tür«, sagte Dick, »nehmen Sie Ihren Überrock, wir fahren nach Horsham.«

 

Elk gähnte die Uhr an. »Sie wird jetzt an ihr Bettchen denken«, protestierte er.

 

»Hoffentlich!« sagte Dick. »Aber ich habe meine Befürchtungen. Um neun Uhr abends hat man den Frosch auf der Straße nach Horsham gesehen.«

 

Jetzt war Elk vollkommen wach. »Woher wissen Sie das?« fragte er.

 

»Ich habe ihn den ganzen Abend beobachtet«, sagte Dick, »aber er ist mir entkommen.«

 

»Sie haben den Frosch beobachtet?« wiederholte Elk langsam. »Ja, kennen Sie ihn denn?«

 

»Ich kenne ihn schon seit einem Monat«, sagte Dick. »Nehmen Sie Ihren Revolver mit!«

 

Kapitel 31

 

31

 

Elk hatte versprochen, mit Gordon in dessen Klub zu speisen. Dick wartete mehr als zwanzig Minuten über die Stunde des Rendezvous, und Elk hatte nicht abtelefoniert. Erst fünfundzwanzig Minuten später kam er in aller Eile.

 

»Herrgott!« keuchte er und sah auf die Wanduhr, »ich hatte keine Ahnung, daß es so spät ist.«

 

Sie gingen zusammen in den Speisesaal, und Elk war es, als trete er in eine Kirche, solch feierliche Würde herrschte in dem stattlichen Raum mit seinen schweigsamen und wohlerzogenen Speisenden.

 

»Was hat Sie denn so lange aufgehalten, Elk?« fragte Dick. »Ich beklage mich ja nicht darüber, aber wenn Sie nicht zur Zeit kommen, so mache ich mir Sorgen, was Ihnen geschehen sein könnte.«

 

»Mir ist gar nichts geschehen«, sagte Elk und nickte dem verlegenen Klubkellner freundlich zu. »Wir haben nur eine Untersuchung in Gloucester gehabt. Ich dachte, ich hätte eine neue Froschaffäre aufgedeckt, aber die zwei Leute, die in die Angelegenheit verwickelt waren, hatten kein Froschzeichen.«

 

»Um wen handelt es sich?«

 

»Einer heißt Phenan, das ist der Tote.«

 

»Ein Mord?«

 

»Ich glaube schon«, sagte Elk und legte sich vor. »Er war schon tot, als man ihn in Jbbley Copse fand. Den anderen hat man eingesperrt. Er war sinnlos betrunken. Wie es scheint, waren sie in Laverstock und haben schon in der Schenke zum ›Roten Löwen‹ Streit gehabt und eine Rauferei begonnen. Die Polizei wurde informiert und hat nach dem nächsten Dorf telefoniert, der Schutzmann soll auf die beiden ein Auge haben, aber sie waren noch gar nicht hingekommen. Und deshalb schickte man eine Radfahrpatrouille aus, um nach ihnen zu suchen. Es sind nämlich in der Gegend ein paar Einbrüche verübt worden. Carter, das ist der Mörder, hat man in das Gefängnis von Gloucester gebracht. Es ist ein ganz einfacher Fall, und die Polizei von Gloucester hat ja auch hochmütig über die Idee gelächelt, die Polizeidirektion davon benachrichtigen zu sollen. Aber es ist doch immerhin ein Verbrechen, das mehr als das intellektuelle Niveau der Landpolizei verlangt.«

 

Dicks Lippen preßten sich zusammen. »Ach, gerade jetzt sollten wir nicht großtun, wo die Landpolizei so unangenehme Kommentare über unsere Weisheit abzugeben vermag«, sagte er.

 

»Mögen sie«, tröstete Elk. »Diese Leute haben doch auch ein Recht auf ihre bescheidenen Vergnügungen, und ich bin der letzte, es ihnen abzusprechen. Übrigens habe ich heute schon wieder John Bennett auf einem Bahnhof getroffen, auf dem Paddington-Bahnhof diesmal. Ich hab‘ immer das Glück, ihn auf Bahnhöfen zu treffen. Der Kerl ist sicher ein Reisender. Diesmal habe ich mit ihm gesprochen. Er war ganz verzweifelt. Er hat mir erzählt, daß er eingeschlafen ist und im Traum auf den Auslöser gedrückt und ein Vermögen an Film verschwendet hat. Ich sagte ihm, daß ich neulich eine Notiz über seine Bilder in der Zeitung gelesen hätte. Es sah ja wirklich wie ein ungewöhnlicher Erfolg aus.«

 

»Ich würde es ihm aufrichtig wünschen«, sagte Dick ruhig, und ein Etwas in seiner Stimme ließ seinen Gast aufblicken.

 

»Sie erinnern mich daran, daß ich von Freund Johnson einen Brief bekam, in dem er fragte, ob ich nicht Rays Adresse wüßte. Er hat ihn im Herons-Klub angerufen, aber Ray war schon seit Tagen nicht dort. Er möchte ihm eine Anstellung geben. Eine ganz große Anstellung. Es ist doch wirklich viel Gutes an diesem Johnson.«

 

»Haben Sie ihm die Adresse gegeben?«

 

Elk nickte. »Ich gab ihm die Adresse und habe Ray besucht, aber er ist nicht mehr in der Stadt. Er ist vor ein paar Tagen fortgefahren und wird nicht allzubald zurück sein. Es wäre zu töricht, wenn er deshalb seine Stellung verlieren sollte. Ich glaube, es tat Johnson leid, zu sehen, wie der junge Mann sich aufführt. Vielleicht ist da noch ein anderer Einfluß am Werk.« Dick verstand wohl, daß er Ella meinte, aber er reagierte nicht auf die Anspielung. Nach dem Essen gingen sie ins Rauchzimmer hinüber.

 

Während Elk mit Behagen eine der guten Zigarren seines Wirtes rauchte, schrieb Dick einen Brief an Ella, bei der seine Gedanken den ganzen langen Tag über geweilt hatten. Es war ein unnötiger Brief, ein überlanger Brief, aber die Nachricht, die Elk gebracht hatte, mochte vielleicht zu seiner Entschuldigung dienen.

 

Elk begann Dick eine neue Theorie darzulegen.

 

»Ich habe einen meiner Leute hinbeordert, um sich einmal diese Chemische Fabrik anzusehen, an die Balders Briefe gerichtet waren. Es ist eine Schwindelgesellschaft. Kaum ein Dutzend Leute sind angestellt, und auch diese nur von Fall zu Fall. Es ist eine alte Giftgasfabrik, aber sie hat eine sehr starke elektrische Anlage. Die jetzige Gesellschaft hat sie für einen Pappenstiel gekauft, und zwei Burschen, die wir in Gewahrsam nahmen, sind die nominellen Käufer.«

 

»Wo liegt sie?« fragte Dick.

 

»Zwischen Newbury und Didcot. Als die Fabrik noch unter Regierungskontrolle stand, mußte sie einen jährlichen Beitrag für die Newbury-Feuerwehr leisten, und als die jetzige Gesellschaft sie übernahm, hat sie auch den Kontrakt mitübernommen. Sie hat der Feuerwehr oftmals versichert, daß sie bereit wäre, auf den Alarmdienst zu verzichten, aber diese, die im Vorteil ist und während des Krieges durch das Arrangement viel Geld verloren hat, weigert sich, den dreijährigen Kontrakt zu annullieren.«

 

Dick war nicht im geringsten an dem Streit zwischen Löschbrigade und Fabrik interessiert, aber die Stunde war nahe, da er Elk für dieses Gespräch unendlichen Dank schuldete.

 

 

Etwa vierzehn Tage nach dem Verschwinden von Ray Bennett nahm Elk Joshua Broads Einladung zum Mittagessen an.

 

Elk, bei dem die Zeit keine Rolle spielte, kam wie gewöhnlich eine Viertelstunde zu spät.

 

»Viertel vor zwei«, sagte er. »Ich kann jetzt keine Verabredung einhalten. Es sind jetzt im Büro so viel Geschichten mit meinem neuen Safe gemacht worden, den man neulich angebracht hat; irgend etwas ist dabei nicht in Ordnung und sogar der Mechaniker weiß nicht, was los ist.«

 

»Können Sie ihn nicht öffnen?«

 

»Das ist eben die Geschichte. Ich kann es nicht und soll noch heute Akten herausnehmen, die von allergrößter Wichtigkeit sind. Sie haben doch so große Erfahrung in der Kriminalistik, und da dachte ich, als ich hierherging, ob Ihnen nicht eine Methode bekannt ist, vermittels der man diesen verfluchten Safe öffnen könnte? Eigentlich braucht man einen Ingenieur dazu, und wenn ich mich recht entsinne, so haben Sie einmal gesagt, daß Sie Ingenieur sind, Herr Broad?«

 

»Da läßt Sie Ihr Gedächtnis im Stich«, sagte der Amerikaner ruhig, indem er seine Serviette entfaltete und den Detektiv mit seinem lustigen Augenzwinkern ansah. »Nein, das öffnen von Safes gehört leider nicht zu meinem Beruf.«

 

»Es ist mir auch nicht eingefallen, das zu behaupten«, versicherte Elk herzlichst. »Aber es ist mir immer aufgefallen, daß ihr Amerikaner viel geschicktere Hände habt als meine Landsleute. Also, Sie können mir keinen Rat geben?«

 

»Ich werde Sie mit meinem Lieblingseinbrecher bekannt machen«, sagte Broad ernst, und dann lachten sie beide. »Was halten Sie eigentlich von mir?« fragte der Amerikaner unerwartet. »Ich verlange nicht, daß Sie mir ein Urteil über meinen Charakter oder meine äußere Erscheinung geben sollen. Aber was denken Sie eigentlich über meinen Aufenthalt in London, wo ich nur Amateurpolizeiarbeit leiste?«

 

»Ich habe niemals lange über Sie nachgedacht«, sagte Elk unaufrichtig. »Aber da Sie Amerikaner sind, erwarte ich auch, daß Sie etwas Ungewöhnliches sind.«

 

»Schmeichler!« sagte Broad.

 

»Oh, ich würde nie so weit gehen, Ihnen zu schmeicheln«, verwahrte sich Elk.

 

Er entfaltete mit einer Entschuldigung sein mitgebrachtes Abendblatt.

 

»Sie wollen wohl nachsehen, was die ungeschwänzten Amphibien machen, was?«

 

Elk sah verdutzt auf.

 

»Die Frösche«, erklärte der Amerikaner.

 

»Nein, ich sehe nicht gerade der Frösche wegen nach. Tatsächlich ist jetzt sehr wenig in den Zeitungen über diese interessanten Tierchen zu lesen. Aber es wird schon kommen.«

 

»Und wann?« Die Frage klang wie eine Herausforderung.

 

»Wenn wir den Frosch fangen.«

 

Herr Broad zerkrümelte eine Semmel in der Hand. »Glauben Sie, daß Sie Frosch Nummer eins früher fangen werden als ich?« fragte er ruhig, und Elk blickte ihn über die Brille hinweg an. »Das möchte ich schon lange gerne wissen«, sagte er, und beider Augen trafen sich sekundenlang. Dann senkte sich Elks Blick auf die Zeitung, und plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit durch einen Absatz gefesselt. »Rasche Arbeit«, sagte er. »In dieser Beziehung sind wir euch Amerikanern über!«

 

»In welcher?« fragte Broad.

 

»Vierzehn Tage«, rechnete Elk. »Und das hat gerade gereicht, um vom Schwurgericht zum Tode verurteilt zu werden.«

 

»Wer wurde verurteilt?«

 

»Dieser Carter, der einen Vagabunden in der Nähe von Gloucester erschossen hat«, sagte Elk.

 

»Carter? Von dem Mord habe ich gar nichts gelesen.«

 

»Es gibt eigentlich keinen Beweis. Carter hat sich geweigert, zu gestehen oder den Advokaten zu instruieren. Und es muß geradezu ein Schnelligkeitsrekord unter den Mordprozessen gewesen sein. Es hat wenig darüber in den Zeitungen gestanden. Es war eigentlich auch kein interessanter Mord, und merkwürdigerweise war keine Frau im Spiel.«

 

Elk faltete die Zeitung zusammen, und während der übrigen Mahlzeit sprachen sie von den Polizeimethoden der Vereinigten Staaten, ein Gebiet, auf dem Herr Joshua Broad eine Autorität zu sein schien. Der Zweck der Einladung war ein sehr durchsichtiger. Immer wieder versuchte Broad das Gespräch auf Balder zu bringen, und so geschickt er auch die Rede auf den Gegenstand lenkte, immer wußte Elk abzubiegen.

 

»Sie sind verschlossen wie eine Auster, Elk«, sagte Broad und winkte dem Kellner, die Rechnung zu bringen. »Und doch könnte ich Ihnen ebensoviel über Balder sagen, wie Sie selbst wissen.«

 

»Nun also, in welchem Gefängnis ist er?« fragte Elk.

 

»Er ist in Pentonville. Aufseher Nr. 7, Zelle Nr. 84«, sagte Broad, und Elk setzte sich kerzengerade in seinem Sessel auf.

 

Kapitel 4

 

4

 

Auf der ganzen Welt gab es keinen Detektiv, der weniger nach einem Polizeioffizier, und einem recht klugen Polizeioffizier, aussah, als Elk. Er war groß und hager, und seine etwas krumme Haltung verstärkte noch den Eindruck seiner Kümmerlichkeit. Seine Kleider schienen schlecht zu passen und hingen mehr an ihm herunter, als daß sie ihn kleideten. Winters und sommers trug er einen schmutzigen, rehfarbenen Überzieher, der stets und ständig zugeknöpft blieb, und den gleichen gelbbraunen Anzug trug er seit jedermanns Gedenken. Wenn Regen fiel, dann glänzte sein schwarzer steifer Hut vor Nässe, aber Elk spannte den Regenschirm nicht auf, der schlecht gewickelt und plump an seinem Arm hing. Niemals hatte jemand diesen Gebrauchsgegenstand geöffnet gesehen. Elks leichenblasses Gesicht trug unentwegt den Ausdruck tiefster Düsterheit, und seine Vorgesetzten fanden seinen Einfluß deprimierend, denn seine Zukunftsaussichten wurden durch sein Mißgeschick bei der Beförderung beeinträchtigt. Zehnmal hatte er sich zur Prüfung gemeldet und zehnmal hatte er unweigerlich bei demselben Gegenstand: Geschichte, versagt. Dick Gordon, der Elk besser als dessen unmittelbare Vorgesetzte kannte, vermutete, daß dieses Mißgeschick ihn gar nicht so sehr bekümmerte, wie man annahm.

 

»Die armen Sünder haben auf Erden keine Ruhe«, seufzte Elk und nahm auf dem angebotenen Sessel Platz. »Ich dachte, Herr Gordon, ich würde wenigstens nach meiner Reise nach den USA Ferien von Ihnen bekommen.«

 

»Lieber Elk, ich möchte womöglich alles über Lola Bassano erfahren«, sagte Dick. »Wer ihre Freunde sind, warum sie sich so plötzlich an Ray Bennett angeschlossen hat, der ein kleiner Beamter bei den Vereinigten Maitlands ist. Besonders aber, warum sie ihn gestern nacht an der Ecke von St. James Square abgeholt und nach Horsham gefahren hat. Ich sah sie durch Zufall, als ich aus meinem Klub kam, und folgte ihnen. Sie saßen fast zwei Stunden in ihrem Wagen ungefähr hundert Meter von Bennetts Haus entfernt und sprachen miteinander. Ich stand im Regen hinter dem Wagen und lauschte. Wenn er ihr den Hof gemacht hätte, so hätte ich es verstanden. Aber sie redeten und redeten nur von Geld. Und dabei hat der junge Bennett keinen Pfennig in der Tasche.«

 

Elk rauchte gedankenvoll. »Bennet hat eine Schwester«, sagte er plötzlich zu Dicks Erstaunen. »Sie ist sehr hübsch, aber der alte Bennett ist bestimmt irgendeine Art von Gauner. Er leistet keine regelmäßige Arbeit, sondern bleibt manchmal tagelang fort und sieht merkwürdig schlecht aus, wenn er zurückkommt.«

 

»Sie kennen die Familie?«

 

Elk nickte. »Der alte Bennett interessiert mich. Irgend jemand hat über seinen Lebenswandel schon als verdächtig berichtet. Die Lokalpolizei hat ja nichts zu tun, als Lämmchen zu hüten und sieht natürlich jeden, der kein Lämmchen ist, als verdächtigen Charakter an. Ich habe den alten Bennett beobachtet, bin aber seinen Handlungen nie auf den Grund gekommen. Er hat eine Menge der sonderbarsten Berufe gehabt. Jetzt hat er sich auf Bildaufnahmen geworfen. Ich würde wirklich etwas dafür geben, zu erfahren, was sein wirklicher Beruf ist. Regelmäßig einmal im Monat, manchmal zweimal, manchmal noch öfter, verschwindet er, und man kann ihn nicht auffinden. Ich habe jeden Stromer in London nach ihm gefragt, aber sie sind alle genauso ratlos und verblüfft darüber wie ich. Lew Brady hat sich auch für ihn interessiert. Er haßt Bennett. Vor Jahren machte er sich an den alten Mann heran und versuchte aus ihm herauszubringen, was für ein Spiel er treibt. Aber Bennett hat es ihm heimgezahlt.«

 

»Der alte Mann?« fragte Dick ungläubig und sah ihn an.

 

»Jawohl! Er ist stark wie ein Stier … Also, ich werde Lola besuchen. Sie ist kein schlechtes Mädel, aber mir persönlich sagen Vampire nicht zu. Also, Genter ist tot? Halten Sie den Frosch auch dabei für beteiligt?«

 

»Ohne Zweifel«, sagte Dick aufstehend. »Und hier, Elk, ist einer der Leute, die ihn umbrachten.«

 

Er ging ans Fenster und beugte sich hinaus. Der Mann, den er minutenlang beobachtet hatte, war plötzlich verschwunden.

 

»Wo?« fragte Elk hinter ihm.

 

»Er ist jetzt eben fort. Ich …« Im gleichen Moment zerbrach das innere Fenster, und die Glassplitter verletzten sein Gesicht. In der nächsten Sekunde riß ihn Elk heftig zurück.

 

»Vom Dach der Onslow-Gärten«, sagte Dick ruhig.

 

»Der Schütze hat ein Dutzend Wege, um zu entwischen, die Feuerleiter nicht ausgenommen. Es geschieht zum zweiten Male, daß sie heute bei hellem Tageslicht hinter mir her sind. Als ich nach Hause zurückkehrte, war es das erste Mal. Ein geradezu genialer Versuch, mich mit einem leichten Auto zu überfahren. Das verdammte Ding erkletterte sogar das Trottoir.«

 

»Haben Sie sich die Nummer gemerkt?«

 

»10 L. 19741. – Es gibt keine solche Nummer im Register, und der Fahrer war fort, bevor ich irgend etwas unternehmen konnte, um ihn aufzuhalten.«

 

Elk kratzte sich am Kinn und betrachtete den jugendlichen Staatsanwalt mit zweifelndem Blick. »Das klingt ja sehr interessant. Ich habe bisher viel zuwenig auf die Frösche geachtet. Heutzutage sind geheime Gesellschaften so üblich, daß jedesmal, wenn mir ein Herr die Hand schüttelt, er mich enttäuscht ansieht, wenn ich nicht mein Ohr zupfe oder mit dem Fuß aufstampfe.

 

Eine Räuberbande von großem Format habe ich immer als etwas angesehen, wovon man nur in Romanen liest.«

 

Elk nahm Abschied und ging auf dem größtmöglichen Umweg nach Scotland Yard zurück, anscheinend ein arbeitsloser kleiner Angestellter mit schlechtgerolltem Regenschirm und verbogener Stahlbrille. Er schlenderte nach Trafalgar Square, stand gedankenvoll still und kehrte wieder um. Dem Büro des Staatsanwaltes gegenüber hatte ein langer Straßenverkäufer mit einem kleinen Tragbrett voller Zündhölzchen, Schlüsselringen, Bleistiften und den tausenderlei Kleinigkeiten, die solche Leute verkaufen, Posten gefaßt. Seine Waren waren im Augenblick mit einem regennassen Wachstuch bedeckt.

 

Elk hatte ihn früher nie bemerkt und wunderte sich, warum der Mann einen so ungünstigen Standpunkt gewählt hatte, denn das Ende der Onslow-Gärten, der windigste Punkt in Whitehall, ist auch an schönen Tagen nicht der Ort, an dem der eilige Fußgänger sich aufhalten würde, um einen Gegenstand zu erstehen. Der Händler trug einen schäbigen Regenmantel, der bis zu den Stiefelabsätzen reichte. Sein weicher Filzhut war tief in die Stirn gezogen, aber Elk sah das Gesicht, das an einen Raubvogel gemahnte, und blieb stehen.

 

»Guter Verdienst?«

 

»Ne-in.«

 

Elk war sofort gefesselt. Dieser Mann war Amerikaner und wollte seine Aussprache verstellen, um als Cockney zu gelten.

 

»Sie sind Amerikaner, aus welchem Staat?«

 

»Georgia«, war die Antwort, und diesmal machte der Hausierer keinen Versuch mehr, seine Sprache zu verstellen.

 

Elk streckte die Hand aus. »Zeigen Sie mal Ihre Lizenz!«

 

Ohne Zögern wies der Mann den geschriebenen Polizeierlaubnisschein vor, der ihn zum Straßenverkäufer ermächtigte. Er lautete auf den Namen »Joshua Broad« und war in Ordnung.

 

»Sie sind nicht aus Georgia –«, sagte Elk, »aber das macht nichts. Sie sind aus Hampshire oder Massachusetts.«

 

»Connecticut, um ganz genau zu sein«, sagte der andere kühl. »Aber ich habe in Georgia gewohnt. Brauchen Sie keinen Schlüsselring?« In seinen Augen zeigte sich ein belustigtes Zwinkern.

 

»Nein, ich habe nie einen Schlüssel besessen, habe nie etwas Einschließenswertes gehabt«, sagte Elk und befingerte die Sachen auf dem Brett. »Das ist aber kein guter Platz hier.«

 

»Nein«, sagte der Hausierer, »viel zu nahe bei Scotland Yard, Herr Elk.«

 

»Woher kennen Sie mich?«

 

»Das tun doch die meisten! Nicht?« fragte der Mann unschuldig.

 

Elk musterte den Hausierer von den Sohlen seiner starken Schuhe bis zu dem durchweichten Hut und ging mit einem Nicken weiter. Der Händler sah dem Detektiv nach, bis dieser außer Sicht war, dann befestigte er das Wachstuch wieder über seinem Tragbrett, schnallte es fest zu und ging in der Richtung, die Elk eingeschlagen hatte, weiter.

 

Als Ray Bennett aus Maitlands Haus trat, um zum Mittagessen zu gehen, sah er einen schäbigen und schwermütig aussehenden Mann an der Ecke des Gehsteiges stehen, der ihm aber nur einen flüchtig schweifenden Blick schenkte. Er kannte Elk nicht und ihm fiel auch nicht auf, daß er von jenem in das kleine Wirtshaus verfolgt wurde, wo Philo Johnson und er ihr bescheidenes Essen einzunehmen pflegten. Der Beobachter würde Ray sicherlich sonst unter keinen Umständen entgangen sein, aber in seiner heutigen Gemütsverfassung hatte er keinen anderen Gedanken als den an sich selbst und an das beleidigende Gehaben des alten, rübezahlbärtigen Maitland.

 

»Dieser alte Teufel …!« sagte er, als er neben Johnson einherging. »Einen zehnprozentigen Gehaltsabzug zu machen und damit gerade bei mir anzufangen! Und die Morgenzeitungen schreiben heute, daß er für das ›Nord-Spital‹ fünftausend Pfund gespendet hat.«

 

»Er ist ein wohltätiger Bursche, aber was den Abzug anbetrifft, so wollte er Sie einfach loswerden«, sagte Johnson fröhlich. »Was nützt das Schelten? Der Handel liegt darnieder, und die Börse ist toter als Ptolemäus. Der Alte wollte Sie abbauen. Er meinte, Sie wären irgendwie überflüssig. Aber wenn Sie doch darüber die idealere Seite des Lebens nicht vergessen wollten, Ray?«

 

»Idealere Seite!« schnaubte der junge Mann, und sein Gesicht wurde rot wie Mohn. »Ich habe das Gehalt eines kleinen Jungen, und ich brauche entsetzlich viel Geld, Philo.«

 

»Wenn ich so denken würde wie Sie, so müßte ich verrückt werden, oder zumindest ein großer Verbrecher. Ich verdiene kaum fünfzig Prozent mehr als Sie, und doch vertraut mir der alte Herr Hunderttausende an. Die Kunst, glücklich zu sein«, sagte er, »besteht darin, keine Bedürfnisse zu haben. Dann erhält man immer mehr, als man nötig hat… Wie geht es Ihrer Schwester?«

 

»Danke gut«, sagte Ray gleichgültig. »Ella hat dieselbe Veranlagung wie Sie. Es ist leicht, die Sorgen anderer Leute als Philosoph zu betrachten … Wer ist denn dieser merkwürdige Mensch?« fügte er hinzu, als ein Mann an dem Tisch, der dem ihrigen gegenüberlag, Platz nahm. Philo, der ein wenig kurzsichtig war, setzte sein Glas auf.

 

»Das ist Elk, einer von Scotland Yard«, sagte er und lachte dem Neuankömmling zu. Ein Wiedererkennen, das zu Rays Ärger und Unbehagen den kümmerlichen Mann an ihren Tisch heranbrachte.

 

»Mein Freund, Herr Bennett … Inspektor Elk.«

 

»Sergeant«, verbesserte Elk fest. »Das Schicksal war in Angelegenheiten der Beförderung immer grausam gegen mich. Warum ein Mann die Diebe leichter erwischen soll, wenn er weiß, wann Washington geboren wurde oder wann Napoleon Bonaparte gestorben ist, habe ich nie begriffen … Essen Sie jeden Tag hier, Herr Bennett?«

 

Ray nickte.

 

»Ich glaube, Ihren Herrn Vater zu kennen – John Bennett.«

 

Ray stand in Verzweiflung auf, entschuldigte sich mit Zeitmangel ließ die beiden allein.

 

»Ein hübscher Junge«, nickte Elk und sah Ray Bennett lange nach.

 

Kapitel 32

 

32

 

Es gibt eine Zelle im Gefängnis von Gloucester, die als allerletzte am Ende eines langen Ganges liegt. Tür an Tür mit ihr gibt es noch einen anderen Raum, aber dieser wird aus ganz besonderen Gründen nie mit Häftlingen belegt.

 

Die Zelle, in der Ray Bennett saß, war ein wenig besser ausgestattet als die anderen. Es stand eine eiserne Bettstelle darin, ein einfacher Tisch, ein bequemer Windsorstuhl und zwei andere Stühle, auf deren einem Tag und Nacht der Wärter saß. Die Wände waren rosa getüncht. Ein großes Fenster nahe der Decke war schwer vergittert und mit durchscheinendem Glas bedeckt und ließ das bleiche Licht herein, das von einer elektrischen Birne am gewölbten Plafond verstärkt wurde. Es führten drei Türen aus der Zelle. Die eine auf den Gang, die andere in ein kleines Gelaß, das mit Waschschüssel und Badewanne ausgestattet war, die dritte in eben diesen leeren Raum mit hölzernem Boden, in dessen Mitte eine Falltür sich abzeichnete.

 

Ray wußte nicht, wie nahe er der Behausung des Todes war, aber hätte er das gewußt, so würde ihn das auch nicht berührt haben. Der Tod war der geringste aller Schrecken, die ihn bedrängten. Aus seinem betäubenden Schlaf aufgewacht, hatte er sich in der Zelle des Landgefängnisses gefunden, und völlig verwirrt vernahm er die gegen ihn vorgebrachte Anklage auf Mord. Er konnte sich an das Geschehen nicht erinnern. Alles, was er noch wußte, war, daß er Lew Brady um Lolas willen gehaßt hatte und ihn hätte umbringen mögen. Später sagte man ihm, daß Brady tot sei und daß man die Waffe, mit der der Mord begangen worden war, in seiner Hand gefunden hatte. Ray zerquälte sein Hirn, ob er wirklich diesen Revolver mit sich geführt hatte. Lew hatte ihm etwas Entsetzliches über Lola gesagt, und er hatte ihn erschossen.

 

Es befremdete Ray selbst, daß er so ganz ohne Sehnsucht Lolas gedachte. Seine Liebe zu ihr war erloschen. Er dachte an sie als an etwas Unwichtiges, das der Vergangenheit angehörte. Einzig dies lag ihm am Herzen, daß sein Vater und Ella nichts erfahren sollten. Um jeden Preis wollte er ihnen diese Schande ersparen. Er hatte vor Ungeduld gezittert, bis der Prozeß zu Ende war und er aus der Öffentlichkeit verschwinden konnte. Glücklicherweise war der Mord nicht einmal interessant genug für die ländlichen Zeitungsfotografen gewesen. Ray wünschte nur, daß alles schon vorbei wäre und er unbekannt aus dem Leben scheiden könnte. Er war Jim Carter und besaß weder Eltern noch Freunde. Und wenn er als Jim Carter sterben wollte, so mußte er auch die letzten Tage als Jim Carter verbringen. Der Wärter, der bei ihm saß, hatte ihm verraten, daß nach dem Gesetz zwischen Todesurteil und Exekution drei Sonntage vergehen müßten. Der Kaplan besuchte ihn täglich, ebenso der Gefängnisdirektor. Ein Klopfen zeigte ihm die Stunde des Besuches an, und Ray erhob sich, als der grauhaarige Beamte eintrat.

 

»Haben Sie irgendwelche Klagen, Carter?«

 

»Nein, Herr Direktor.«

 

»Wünschen Sie etwas?«

 

»Nein, Herr, nichts.« Der Direktor sah nach dem Tisch. Die Schreibmappe des Verurteilten war unberührt geblieben.

 

»Haben Sie keine Briefe zu schreiben? Sie können doch schreiben?«

 

»Ja, aber ich habe niemanden, an den ich schreiben möchte.«

 

»Wer sind Sie eigentlich, Carter? Sie sind kein gewöhnlicher Landstreicher. Sie sind besser erzogen, als diese Klasse es zu sein pflegt.«

 

»Ich bin ein ganz gewöhnlicher Landstreicher, Herr«, sagte Ray.

 

»Erhalten Sie auch alle Bücher, die Sie wünschen?«

 

Ray nickte, und der Direktor ging.

 

Täglich kamen die unausbleiblichen Fragen. Manchmal machte der Direktor auch eine Anspielung auf seine Freunde, aber er würde dessen müde, ihn der unbenutzten Schreibmappe wegen zu befragen.

 

Morgens und abends durchschritt er den viereckigen Gefängnishof, von drei Wachen beobachtet und eifersüchtig vor den Blicken der anderen Gefangenen bewahrt. Seine Heiterkeit erstaunte alle, die ihn sahen.

 

Das Triebrad der Geschehnisse hatte ihn erfaßt, und er mußte die volle Drehung mitmachen. Er war schon ein toter Mann. Niemand nahm sich die Mühe, einen Urteilsaufschub zu erwirken, die Zeitungen brachten keine Riesenüberschriften, die einen neuen Prozeß verlangten, seinetwegen würden sich die berühmten Advokaten nicht versammeln, um über den Fall zu diskutieren. Er war ein zu uninteressanter Mörder.

 

Er hätte Besuche empfangen dürfen, wenn er sie verlangt hätte, aber er schöpfte aus seiner Einsamkeit eine ganz seltsame Befriedigung.

 

Eines Tages trat der Direktor in feierlicher Weise ein, und in seiner Begleitung erschien ein Herr, den Ray am Tag des Prozesses gesehen zu haben sich erinnerte. Es war der Untersheriff. Der Direktor mußte sich zweimal räuspern, bevor er sprach:

 

»Carter, der Staatsanwalt hat mir mitgeteilt, daß er keinen Grund sieht, den Lauf des Gesetzes aufzuhalten. Der Oberexekutor hat den nächsten Mittwoch, morgens acht Uhr, als Datum und Stunde der Hinrichtung bestimmt.«

 

Ray neigte den Kopf. »Ich danke Ihnen«, sagte er.

 

Kapitel 33

 

33

 

John Bennett kam aus seinem Holzschuppen, den er zur Dunkelkammer umgewandelt hatte, und in jeder Hand trug er eine flache, viereckige Kassette. »Ella, ich bitte dich, sprich jetzt nicht zu mir«, sagte er, »oder ich werde diese zwei verwünschten Dinger verwechseln. Das da«, er schüttelte seine rechte Hand, »ist eine Forellenaufnahme und eine wirklich wunderschöne Aufnahme!« sagte er begeistert. »Der Mann, der die Forellenfarm leitet, hat sie mich durch die Glasseite des Behälters machen lassen, und es war ein wunderbar sonniger Tag.«

 

»Und die andere, Papa?« fragte Ella.

 

»Ach, das ist die verdorbene«, sagte er bedauernd.

 

»Dreihundert Meter guter Film sind verdorben. Vielleicht habe ich zufällig auch ein Bild mit aufgenommen, aber ich kann es nicht riskieren, sie auf jeden Fall entwickeln zu lassen. Ich will sie aufheben, und eines Tages, wenn ich Geld habe, werde ich mir das Vergnügen leisten, meine Neugierde zu befriedigen.«

 

Er trug beide Kassetten ins Haus und war im Begriff, die kennzeichnenden Etiketten zu schreiben, als Dick Gordons fröhliche Stimme unter dem Fenster erklang. Er stand hastig auf und ging zu ihm hinaus.

 

»Nun, Hauptmann, wie steht es?« fragte er.

 

»Ich hab’s bekommen!« rief Dick feierlich und schwang einen Briefumschlag in die Luft. »Sie sind der erste Kinophotograph, der die Erlaubnis hat, im Zoologischen Garten Aufnahmen zu machen, aber ich mußte vor den hohen Herrschaften meinen Kotau machen, um mir die Erlaubnis zu erwirken.«

 

Bennetts blasses Gesicht rötete sich vor Vergnügen. »Das ist ja großartig!« sagte er.

 

»Es sind noch niemals Aufnahmen vom Zoo gemacht worden, und Selinski hat mir eine fabelhafte Summe versprochen, falls ich ihm den Film bringe.«

 

Ella erinnerte sich nicht, ihren Vater je lächeln gesehen zu haben.

 

»Die fabelhafte Summe ist bereits in Ihrer Tasche, Herr Bennett«, lachte Dick.

 

»Es war sehr nett, sich für mich zu verwenden, Herr Hauptmann.«

 

»Ich habe ja gewußt, daß Sie sich für Tierphotographien so sehr interessieren.«

 

John Bennett ging mit leichterem Herzen zu seinem Pult zurück als an so manchem Tag.

 

Er schrieb die Zettel fertig, befeuchtete den Klebstoff und zögerte. Dann stand er auf und ging in den Garten.

 

»Ella, erinnerst du dich, in welcher von den zwei Kassetten der Film mit den Forellen war?«

 

»In der rechten Hand, Papa«, sagte sie.

 

»Das habe ich mir auch gedacht«, sagte er und ging, um seine Arbeit zu vollenden. Aber als er die Schildchen aufgeklebt hatte, kam ihm ein neuer Zweifel. Er besann sich nicht mehr, an welcher Seite des Tischchens er gestanden hatte, als er die Kästchen niederstellte. Dann begann er mit einem Achselzucken die Forellenaufnahme einzupacken, und die beiden jungen Leute sahen, wie er, das Kästchen unter dem Arm, zum Dorfpostamt ging.

 

»Noch keine Nachricht von Ray?« fragte Dick. Das Mädchen schüttelte den Kopf.

 

»Was meint Ihr Vater?«

 

»Er spricht nie von ihm, und ich habe auch die Tatsache ihm gegenüber nicht erwähnt, daß seit Rays letztem Brief so lange Zeit vergangen ist.« Sie schlenderten durch den Garten hin, nach dem kleinen Häuschen, das John Bennett erbaut hatte, als Ray noch ein Schuljunge war. »Und haben Sie nichts von ihm gehört?« fragte sie. »Ich denke Sie mir immer mit einer Allwissenheit ausgestattet, die Sie vielleicht gar nicht besitzen. Haben Sie den Mann noch nicht gefunden, der Herrn Maitland erschossen hat?«

 

»Nein«, sagte Dick. »Aber ich würde wahrhaftig wünschen, daß ich allwissend wäre. Ich habe in all diesen Tagen immer wieder nur an dies eine gedacht …«

 

Sie hob fragend den Blick, aber sie senkte ihn sogleich wieder. Eine tiefe Röte schoß über ihre blassen Wangen, und in ihre schöne Stimme trat ein zu beherrschendes Zittern.

 

»Woran haben Sie gedacht, Hauptmann Gordon?«

 

»An dich«, sagte Dick. »Nur an dich. Ob du mich liebst wie ich dich und ob du meine Frau werden willst?«

 

John Bennett wartete an jenem Tag lange auf seinen Lunch. Er ging hinaus, um zu sehen, wo seine Tochter blieb, da traf er Dick, und in kurzen Worten sagte ihm dieser alles. Er sah den Schmerz auf des alten Mannes Zügen und sagte, indem er die Hand auf dessen breite Schulter legte: »Ella hat sich mir angelobt und wird ihr Versprechen nicht mehr zurücknehmen, was immer auch geschieht, was immer sie auch erfährt.«

 

John Bennett erhob seinen Blick zu Dicks Antlitz.

 

»Aber Sie, werden Sie Ihr Versprechen nicht zurücknehmen, was immer Sie auch erfahren mögen?«

 

»Ich weiß«, sagte Dick einfach.

 

Ella Bennett ging an jenem Tag wie auf Wolken. Eine wunderbare Sicherheit war über sie gekommen, die alle Zweifel und Befürchtungen verbannte. Ihr Vater ging nach Dorking hinüber, und als er zurückkam, hatte sein Gesicht jenen gequälten Ausdruck, der sie tief in der Seele schmerzte.

 

»Ich werde wieder in die Stadt fahren müssen, Liebling«, sagte er. »Es hat seit zwei Tagen ein Brief auf mich gewartet. Ich bin von meinen Aufnahmen so in Anspruch genommen gewesen, daß ich beinahe meine anderen Verpflichtungen vergessen hätte.«

 

Der Vater suchte sie nicht mehr im Garten auf, um sie zum Abschied zu küssen, und als sie ins Haus zurückkehrte, war er in solcher Eile aufgebrochen, daß er nicht einmal seinen Apparat mitgenommen hatte.

 

Ella fürchtete das Alleinsein nicht, da sie auch schon in der Zeit, als Ray noch im Haus wohnte, viele Nächte hatte einsam verbringen müssen.

 

Sie bereitete den Tee und begann einen langen, glücklichen Brief an Dick zu schreiben. Etwa hundert Meter von der Straße entfernt war ein Postkasten angebracht. Ella entschloß sich, den Brief sogleich aufzugeben. Es war eine schöne Nacht, und die Leute standen vor ihren Haustüren und schwatzten, als sie vorüberging. Sie warf den Brief in den Kasten, kam in das Haus zurück, versperrte und verriegelte das Tor und setzte sich mit ihrem Arbeitskorb nieder, um die Stunde bis zum Schlafengehen auszufüllen.

 

Während sie nähte, kehrten ihre Gedanken immer wieder zu Ray zurück.

 

Die einzige Beleuchtung des gemütlichen Speisezimmers war eine mit einem Lampenschirm bedeckte Petroleumlampe, die auf dem Tisch neben ihr stand und ihr genügend Licht zur Arbeit gab. Außerhalb ihres Lichtkreises lag alles im Dunkeln. Ella hatte soeben die Socken ihres Vaters fertiggestopft, und stach mit einem glücklichen Seufzer die Nadel in das Polster, als ihr Blick die Tür streifte, die in die Küche führte.

 

Sie hatte sie vorhin geschlossen. Aber nun öffnete sie sich langsam, Zoll für Zoll.

 

Einen Augenblick saß Ella starr vor Schrecken da, ehe sie auf die Füße sprang.

 

»Wer ist da?« rief sie.

 

Da erschien im dunklen Türrahmen eine Gestalt, deren bloßer Anblick den Schrei in ihrer Kehle erstickte. Sie schien riesengroß in dem engen schwarzen Mantel, den sie trug. Gesicht und Kopf waren hinter einer scheußlichen Maske von Gummi und Glimmer verborgen. Das Lampenlicht reflektierte auf den großen Augengläsern und erfüllte sie mit unheimlichem Feuer.

 

»Schrei nicht und rühr dich nicht!« sagte der Maskierte, und die Stimme klang hohl und weit entfernt. »Ich werde dir nichts tun.«

 

»Wer sind Sie?« stammelte Ella.

 

»Ich bin der Frosch«, sagte der Fremde. Für die Dauer einer Ewigkeit stand sie hilflos, jeder Bewegung unfähig. Er begann von neuem zu sprechen. »Wie viele Männer lieben dich, Ella Bennett?« fragte er. »Gordon und Johnson und der Frosch, und der liebt dich am meisten.«

 

Er machte eine Pause, als erwarte er ihre Antwort, aber sie war nicht imstande, zu sprechen.

 

»Die Männer arbeiten für das Weib, und sie morden für das Weib, und hinter allem, was sie tun, ob es ehrlich oder unehrlich sein mag, steht ein Weib«, sagte der Frosch. »Das Weib bist du für mich, Ella.«

 

»Aber wer sind Sie?« versuchte sie zu fragen,

 

»Ich bin der Frosch«, wiederholte er, »und du wirst meinen Namen erfahren, wenn du selbst ihn von mir empfangen hast. Ich will dich besitzen.« Er hob die Hand, als er das Entsetzen in ihrem Antlitz aufsteigen sah. »Und du wirst freiwillig zu mir kommen!«

 

»Sie sind wahnsinnig!« rief sie. »Ich kenne Sie nicht. Wie kann ich, ach, es ist sinnlos, nur daran zu denken … Bitte gehen Sie!«

 

»Ich werde gehen«, sagte der Frosch, »willst du mich heiraten, Ella?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Willst du mein Weib werden, Ella?« fragte er nochmals.

 

»Nein!« Sie hatte ihre Ruhe und auch ein wenig Selbstbeherrschung wiedergewonnen.

 

»Ich will dir alles schenken, was du …«

 

»Und wenn Sie mir alles Gold der Erde geben würden, ich würde Sie nicht heiraten!« sagte sie.

 

»Ich will dir noch etwas viel Kostbareres schenken«, seine Stimme wurde sanfter, fast unhörbar. »Ich will dir ein Menschenleben schenken.«

 

Sie dachte, daß er von Dick Gordon spräche.

 

»Ich will dir das Leben deines Bruders schenken.«

 

Eine Sekunde lang drehte sich das ganze Zimmer im Kreis um sie, und ihre Hand tastete nach einem Stuhl.

 

»Was meinen Sie?« fragte sie.

 

»Ich will dir das Leben deines Bruders geben, der im Gefängnis von Gloucester zum Tode verurteilt sitzt«, sagte der Frosch.

 

Mit äußerster Anstrengung klammerte sie sich an den Stuhl an.

 

»Mein Bruder?« fragte sie stammelnd.

 

»Heute ist Montag«, sagte der Frosch. »Und am Mittwoch stirbt er! Gib mir dein Wort, daß du kommst, wenn ich dich rufe, und ich werde ihn retten.«

 

»Was hat er verbrochen?«

 

»Er hat Lew Brady getötet.«

 

»Brady?« keuchte sie. Der Frosch nickte.

 

»Das ist nicht wahr!« brachte sie hervor. »Sie sagen das nur, um mich zu erschrecken.«

 

»Willst du mein Weib werden?« fragte er.

 

»Nie! Nie!« schrie sie. »Eher sterben! Sie haben gelogen!«

 

»Wenn du meiner bedarfst, so rufe mich«, sagte der Frosch.

 

»Stelle eine weiße Karte in dein Fenster, und ich werde deinen Bruder retten.«

 

Sie lag vornüber auf den Tisch geworfen, den Kopf auf ihren verschränkten Armen.

 

»Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr!« schluchzte sie.

 

Es kam keine Antwort, und als sie aufsah, war das Zimmer leer. Sie wankte in die Küche hinaus. Die Tür, die in den Garten ging, stand weit offen. Sie lauschte ins Dunkel, aber sie vernahm keinen Schritt. Sie hatte noch die Kraft, die Tür zu verriegeln und sich in ihr Zimmer hinauf und zu ihrem Bett zu schleppen, dann fiel sie in Ohnmacht.

 

Das Tageslicht schien durch das Fenster, als sie zur Besinnung kam. Alle Glieder schmerzten sie, ihre Augen waren rot vom Weinen, ihr Kopf wirbelte. Aber sie fühlte sich wohler und überblickte ihr Abenteuer ruhigeren Blutes. Es war nicht wahr, konnte nicht wahr sein. Der Mann hatte sie nur erschrecken wollen.

 

Sie zog sich in Hast an und eilte in die Stadt, um den Frühzug zu erreichen. So viele Gedanken ihr Hirn auch durchkreuzten, so erwog sie doch keinen Augenblick lang die Übergabe, und nicht ein einziges Mal sah sie nach dem Fenster, in das eine weiße Karte hätte gelegt werden können, um das Leben ihres Bruders zu retten.

 

Dick und Elk saßen gerade beim Frühstück, als sie eintrat, und der erste Blick sagte ihnen, daß sie schlechte Nachrichten brachte.

 

»Gehen Sie nicht, Herr Elk!« sagte sie, als der Inspektor seinen Sessel zurückschob. »Sie müssen alles erfahren.«

 

So kurz sie es vermochte, schilderte sie die Ereignisse der vergangenen Nacht, und Dick lauschte mit aufsteigendem Zorn.

 

»Ray zum Tode verurteilt?« fragte er ungläubig.

 

»Das ist nicht wahr!«

 

»Wo sagten Sie, daß sich Ray befindet?« fragte Elk.

 

»Im Gefängnis von Gloucester.«

 

In Gegenwart ihrer beiden Freunde schmolz Ellas Beherrschung dahin, und sie kämpfte mit den aufsteigenden Tränen.

 

»Gloucester?« wiederholte Elk langsam. »Es sitzt dort ein zum Tode Verurteilter, ein Mann namens … namens …« Er strengte sich an, um sich zu erinnern. »Carter«, sagte er schließlich.

 

»Richtig, Carter, ein Vagabund, er hat einen andern Stromer mit Namen Phenan ermordet.«

 

»Natürlich hat das nichts mit Ray zu tun«, sagte Dick und drückte Ellas Hand. »Dieser Unmensch hat dich nur erschrecken wollen. Wann sollte diese Hinrichtung stattfinden?«

 

»Morgen!« schluchzte Ella. Nun, da die Notwendigkeit der Selbstbeherrschung fehlte, schien sie die letzte Grenze ihrer Kraft erreicht zu haben.

 

»Mein Liebling, weine noch nicht, Ray ist wahrscheinlich auf dem Kontinent«, tröstete sie Dick. Und als die Unterredung bei diesem Punkt angelangt war, hielt es Elk für angemessen und zartfühlend, sich leise hinwegzustehlen.

 

Elk war nicht ganz so fest wie Gordon davon überzeugt, daß der Frosch nur einen Streich hatte spielen wollen. Er war kaum in seinem Büro angelangt, als er seinem neuen Beamten klingelte.

 

»Rekord«, befahl er kurz. »Alle Details über einen Mann namens Carter, im Gefängnis zu Gloucester zum Tode verurteilt. Photographie, Fingerabdrücke und das Protokoll über das Verbrechen.« Nach zehn Minuten kam der Beamte mit einer kleinen Mappe zurück.

 

»Wir haben noch keine Photographie bekommen«, sagte er. »In Mordfällen bekommen wir die vollen Berichte der Landpolizei erst nach der Hinrichtung.« Elk verfluchte die Landpolizei mit ungewohnter Geläufigkeit und machte sich an die Durchsicht der Papiere. Diese hatten ihm wenig oder nichts zu sagen. Die Höhe und das Gewicht des Mannes schätzte er beiläufig als übereinstimmend mit dem von Ray ein. Kennzeichen waren nicht angegeben, nur die Bemerkung »leichter Bart«.

 

Elk fuhr auf. »Leichter Bart?« Ray Bennett hatte sich doch aus irgendeinem Grunde einen Bart wachsen lassen? »Ach was!« sagte er laut und warf die Fingerabdruckskarte -auf das Pult, »es ist unmöglich!« Es war unmöglich und dennoch … Er zog die Telegrammformulare heran und schrieb eine Depesche:

 

›Direktor S. M. Gefängnis Gloucester, sehr dringend. Schickt mit besonderem Boten Photographie von James Carter, unter Mordanklage in Ihrem Gefängnis. An Polizeidirektion, Berichtabteilung. Bote mit dem ersten Zug fortzusenden. Sehr dringend!‹

 

Er nahm sich die Freiheit, dies mit dem Namen des Polizeipräsidenten zu unterzeichnen. Nachdem das Telegramm abgesandt war, kehrte er wieder zur Untersuchung der Personalbeschreibungstabelle zurück. Und plötzlich entdeckte er eine Bemerkung, die er früher übersehen hatte: »Impfnarben am rechten Unterarm.« Das war ungewöhnlich. Die meisten Leute waren am linken Oberarm geimpft. Er zeichnete dies an und kehrte zu der Arbeit, die seiner wartete, zurück.

 

Mittags kam eine Antwortdepesche von Gloucester mit der Mitteilung, daß die Photographie auf dem Wege sei. Dies zumindest war befriedigend. Aber wenn sie erwies, daß es Ray war, was sollte man dann beginnen? In seinem Herzen betete Elk inständig, daß der Frosch sie belogen hatte.

 

Gerade vor ein Uhr rief Dick ihn an und lud ihn ein, mit Ella und ihm im Autoklub zu Mittag zu speisen. Es war dies eine Einladung, die Elk unter allen Umständen angenommen haben würde, denn er liebte es höchlichst, anderer Leute Klubs zu besuchen.

 

Als er ankam (ungewöhnlich pünktlich sogar), fand er das Mädchen in einer sicheren und fast fröhlichen Stimmung. Und sein rasches Auge entdeckte an ihrem Finger einen Ring von überraschender Schönheit, den er früher an ihr nie gesehen hatte.

 

Dick Gordon hatte von seinem freien Nachmittag guten Gebrauch gemacht.

 

»Ich fürchte, Elk, daß ich meine Arbeit vernachlässige«, sagte Dick, nachdem er die beiden in das fürstlich ausgestattete Speisezimmer des Autoklubs geführt, ein Kissen für den Rücken des Mädchens gesucht und ihren Stuhl genau dorthin gestellt hatte, wo er am bequemsten stand. »Aber ich vermute, Elk, Sie haben den Vormittag verbracht, ohne meine Abwesenheit zu hart zu empfinden.«

 

»Sicherlich habe ich das«, sagte Elk. »Es war ein sehr interessanter Vormittag. Im Ostende von London grassieren wieder die Blattern«, fuhr er fort, »und ich habe in der Direktion davon gehört, daß eine Neuimpfung des ganzen Personals durchgeführt werden soll. Wenn es etwas gibt, was ich nicht leiden mag, so ist es diese Impferei. Ich finde, ich in meinem Alter sollte schon gegen jeden Bazillus immun sein, der zufällig in der Welt umherspaziert.«

 

Ella lächelte. »Armer Herr Elk, da fühle ich mit Ihnen. Als Ray und ich, vor ungefähr fünf Jahren, während der großen Epidemie, geimpft wurden, ist es uns schrecklich arg ergangen. Aber bei mir war es noch lange nicht so arg wie bei Ray. Er mußte fast zwei Wochen den Arm in der Schlinge tragen.«

 

Sie zog den Ärmel ihrer Bluse hinauf und wies auf drei winzige Narben auf der Unterseite des rechten Arms.

 

»Der Doktor sagte, er will uns dort impfen, wo man es nicht so stark bemerkt. War das nicht einegute Idee?«

 

»Ja«, sagte Elk langsam. »Und Ihr Bruder ist genau auf derselben Stelle geimpft worden?«

 

Sie nickte und fragte bestürzt: »Was haben Sie, Herr Elk?«

 

»Ach, ich habe so einen Olivenkern verschluckt«, sagte Elk. »Ich verstehe nicht, warum nicht irgend jemand endlich anfängt, Oliven ohne Kerne zu ziehen.« Er sah angelegentlich zum Fenster hinaus. »Na, Sie haben sich einen netten Tag für Ihren Besuch ausgesucht, Fräulein Bennett.« Und er begann mit einem ausschweifenden und langatmigen Verdammungsurteil über das englische Klima.

 

Es schien Elk Stunden zu währen, bis die Mahlzeit endlich beendet war.

 

Ella sollte nach Gordons Haus zurückfahren, um die Kataloge anzusehen, die Dick telefonisch nach Harley Terrace bestellt hatte.

 

»Wollen Sie nicht ins Büro kommen?« fragte Elk.

 

»Ungern! Halten Sie es denn für nötig?« forschte Dick.

 

»Ich möchte Sie zehn Minuten lang sprechen«, näselte Elk. »Vielleicht auch eine Viertelstunde.«

 

»Kommen Sie in den Klub zurück.«

 

»Ja, richtig, daran dachte ich gar nicht«, sagte Elk.

 

»Vielleicht gibt es hier einen Damensalon? Ich erinnere mich, einen gesehen zu haben, als ich durch die Marmorhalle ging, und Fräulein Bennett wird nichts dagegen haben?«

 

»Aber gewiß nicht«, sagte Ella. »Wenn ich im Weg bin, so bin ich gerne bereit, alles zu tun, was Sie nur wünschen. Führe mich in den Damensalon.«

 

Als Dick zurückkam, saß der Detektiv rauchend da, die Ellenbogen auf dem Tisch, die braunen, mageren Hände unter dem Kinn gefaltet, und prüfte mit den Augen eines Kenners die wunderschön geschnitzte Zimmerdecke.

 

»Worum handelt es sich, Elk?« fragte Gordon und setzte sich auf den Stuhl neben ihm.

 

Elks Blicke verließen die Decke und hefteten sich auf Dicks Gesicht.

 

»Der Mann, der zum Tode verurteilt wurde, ist Ray Bennett«, sagte er.

 

Kapitel 34

 

34

 

Dicks Gesicht wurde aschfahl. »Woher wissen Sie das?«

 

»Die Photographie ist auf dem Weg zu uns, heute nachmittag wird sie in London sein. Aber ich brauche sie erst gar nicht zu sehen. Der Mann in Gloucester hat drei Impfnarben am rechten Unterarm.«

 

Es herrschte Totenstille.

 

»Ich wunderte mich, als Sie das Gespräch auf die Blattern brachten«, sagte Dick gefaßt. »Ich hätte mir denken können, daß etwas dahintersteckt. Was sollen wir nun machen?«

 

»Ich werde Ihnen lieber aufzählen, was wir nicht machen können«, sagte Elk. »Wir dürfen Bennett und Fräulein Ella nicht benachrichtigen. Ray hat sich aus guten Gründen entschlossen, seine Identität nicht zu offenbaren. Sie werden einen verdorbenen Nachmittag haben, Herr Hauptmann«, sagte Elk liebenswürdig. »Oh, ich möchte nicht mit Ihnen tauschen! Denn Sie müssen dabei Ihr leichtes Geplauder aufrechterhalten, oder die junge Dame wird erraten, daß etwas vorgeht.«

 

»Gott im Himmel, das ist ja entsetzlich!« sagte Dick leise.

 

»Das ist wohl wahr«, gab Elk zu, »und wir können nichts machen. Wir müssen es als Tatsache hinnehmen, daß er schuldig ist. Wenn Sie anders dächten, würde es Sie verrückt machen. Und selbst wenn er so unschuldig wäre wie Sie oder ich, was für Möglichkeiten hätten wir, eine Untersuchung einzuleiten oder die Ausführung des Urteils aufzuhalten?«

 

»Der arme John Bennett«, sagte Dick niedergeschlagen.

 

»Wenn Sie anfangen wollen, sentimental zu werden«, knurrte Elk und zwinkerte dabei wütend, »dann verfüge ich mich in eine nüchternere Atmosphäre. Guten Tag!«

 

»Warten Sie ein bißchen, ich kann ihr momentan nicht allein gegenübertreten. Kommen Sie mit mir zurück?«

 

Elk zögerte und folgte dann widerwillig.

 

Ella vermochte aus dem Betragen der beiden den Schrecken, der auf ihren Gemütern lastete, nicht zu erraten. Elk kam von neuem auf Geschichte und Daten zu sprechen und die Enttäuschungen, die diese ihm bereitet hatten, und dies war ein ausgiebiges und geläufiges Thema, das den ganzen Weg nach Harley Terrace vorhielt.

 

»Gott sei Dank, die Preislisten sind gekommen!« sagte Dick mit einem Seufzer der Erleichterung, als er den großen Stoß auf seinem Schreibtisch bemerkte.

 

»Und warum: Gott sei Dank?« lächelte Ella.

 

»Weil ihn sein Gewissen drückt, wenn er eine Entschuldigung dafür braucht, daß er seine Arbeit im Stich läßt!« half Elk ihm.

 

Der Zwang war so groß, daß er ihn unerträglich fand, und als Dick ihm nach einem beschwörenden Blick durch ein Nicken die Erlaubnis erteilte, sprang er mit einem Gefühl wie vor den Ferien auf.

 

»Ich muß jetzt gehen, Fräulein Bennett«, sagte er. »Ich glaube, Sie beide werden den ganzen Nachmittag brauchen, um Maytree Haus einzurichten, obgleich …«

 

Soweit war es gekommen, als eine Stimme im Vorraum laut wurde. Es war die aufgeregte, schrille, hysterische Stimme einer Frau. Bevor Dick die Tür erreichen konnte, wurde sie aufgerissen, und Lola stürzte ins Zimmer. Sie war aufgelöst, verzweifelt, ihr schönes Gesicht geschwollen von Tränen.

 

»Gordon, Gordon! Oh, du mein Gott«, schluchzte sie. »Wissen Sie es schon?«

 

»Still!« sagte Dick, denn Ella stand neben ihm. Aber Lola war außerstande zu hören und zu verstehen.

 

»Sie haben Ray gefangen und sie werden ihn hängen! Und Lew ist tot!«

 

Das Unglück war geschehen.

 

»Mein Bruder?« fragte Ella, starr vor Schrecken.

 

Erst in diesem Augenblick erkannte Lola sie und nickte heftig. »Ja, ich habe es herausbekommen«, schluchzte sie. »Ich hatte Verdacht und ich schrieb. Ich habe eine Fotografie von Phenan bekommen. Ich wußte sofort, daß es Lew sei. Der Frosch hat es getan! Der Plan war monatelang vorbereitet! Ich weine nicht um Lew. – Ich schwöre, daß ich nicht um Lew weine. Aber der Junge! Es war meine Schuld, ich habe den armen Jungen in den Tod gelockt, Gordon!« Und sie brach in hysterisches Schluchzen aus.

 

»Bringen Sie sie fort«, sagte Dick leise. Und Elk führte die willenlose Gestalt zur Tür hinaus.

 

»Ist das wahr?« hauchte Ella.

 

Dick nickte. »Ich fürchte, daß es wahr ist, Ella.«

 

»Wenn ich‘ nur wüßte, wo ich Vater finden kann!« sagte sie gefaßt.

 

»Glaubst du, daß es gut ist, ihn zu benachrichtigen, wo er nicht helfen kann?«

 

Sie forschte in seinem Gesicht.

 

»Ich glaube, du hast recht, Dick. Ja, Vater darf nichts erfahren. Dick, könnte ich Ray nicht sehen?«

 

Dick schüttelte den Kopf. »Ella, wenn Ray so tapfer geschwiegen hat, um euch das zu ersparen, so würden seine ganze Haltung und sein Mut dahin sein, wenn du ihn besuchen wolltest.«

 

Elk kam rasch herein. »Ein Telegramm für Sie, Fräulein Bennett«, sagte er. »Ich habe den Boten vor der Haustür getroffen. Es ist von Horsham nachgeschickt worden, wie ich vermute.«

 

»öffne es, bitte«, sagte das Mädchen. »Es kann von Vater sein.«

 

Dick riß den Umschlag auf, das Telegramm lautete:

 

›Ihr Bild entwickelt. Kann Mord nicht verstehen. Besuchen Sie mich. Selinski-Haus, Wardourstraße.‹

 

»Was soll das heißen?« fragte Elk.

 

»Ich verstehe es auch nicht!« sagte Dick. »Kann Mord nicht verstehen? Hat dein Vater versucht, Aufnahmen für Kinostücke zu machen?«

 

»Nein, Liebster, sicher nicht! Das hätte er mir gesagt.«

 

»Was für Bilder hat dein Vater an Selinski geschickt?«

 

Sie versuchte ihre Gedanken zu sammeln. »Es war eine Forellenaufnahme«, sagte sie. »Aber er hat mir von einem verdorbenen Film erzählt. Er war auf dem Land und ist eingeschlafen, während er auf einen Dachs gewartet hat. Und die ganze Zeit hat der Apparat gekurbelt. Er wollte den Film gar nicht entwickeln lassen. Er muß ihn verwechselt haben. Selinski erwähnt die Forellen ja gar nicht.«

 

»Wir müssen sofort nach der Wardourstraße.«

 

Es war Elk, der so entschieden sprach, der ein Auto holte und die beiden hineinschob.

 

Als sie in die Wardourstraße kamen, war Herr Selinski gerade beim Lunch, und niemand wußte etwas über den Film oder hatte Erlaubnis ihn vorzuführen. Eineinhalb Stunden warteten sie auf ihn in dem schmierigen Büro, während Boten auf der Suche nach Selinski durch die Stadt jagten. Schließlich kam er, ein höflicher, gefälliger, kleiner Mann, der sich in tausend Entschuldigungen erging, obgleich er seine Besucher gar nicht hatte erwarten können.

 

»Ja, es ist eine merkwürdige Aufnahme«, sagte er. »Ihr Herr Vater, Fräulein Bennett, ist ein sehr guter Amateur, das heißt, jetzt ist er ja Berufsfotograf. Und wenn es wahr ist, daß er die Erlaubnis für die Zoo-Aufnahmen bekommen hat, so wird er sicherlich in die erste Reihe unserer Naturfotografen treten.«

 

Sie folgten ihm in einen großen Saal, in dem die Sessel aneinandergereiht standen. Sie setzten sich vor einen kleinen, weißen Schirm.

 

»Das ist unser Theater«, erklärte Selinski. »Haben Sie vielleicht eine Ahnung, Fräulein, ob Ihr Vater nicht versucht hat, Kinostücke zu drehen? Denn die Szene ist an und für sich sehr gut gespielt. Auf der Etikette stand ›Forellen in einem Teich‹, oder so ähnlich. Aber es kommen weder Forellen noch ein Teich vor.«

 

Man hörte ein Knacken, und der Raum verfinsterte sich. Dann erschien auf der Leinwand ein Bild, das im Vordergrund einen Streifen grauen, sandigen Bodens zeigte. Man sah die schwarze Öffnung eines Baues, aus der ein seltsam aussehendes Tier hervorspähte.

 

»Sehen Sie, das ist der Dachs«, erklärte Herr Selinski. »Bis jetzt sieht es sehr vielversprechend aus, aber ich verstehe nicht, was Ihr Herr Vater weiterhin damit gemacht hat. Die ganze Stellung der Kamera wird eine andere.«

 

Während er sprach, schwenkte das Bild ein wenig nach rechts, als ob es heftig gezogen würde. Und jetzt sah man zwei Männer, Landstreicher offenbar. Einer saß, den Kopf in den Händen, da, der andere neben ihm schenkte einen Becher voll.

 

»Das ist Lew Brady!« flüsterte Elk aufgeregt. Und in diesem Augenblick sah der andere Mann auf. Ella stieß einen Schrei aus.

 

»Es ist Ray! O Dick, es ist Ray!«

 

Keine Frage, er war es. Sie sahen, wie Brady ihm zu trinken anbot; sahen ihn den Becher widerwillig leeren und zurückreichen. Dann sahen sie, wie er die Arme gähnend ausstreckte und sich zum Schlaf zusammenkauerte. Die liegende Gestalt wurde auf das Gesicht gedreht, und Lew bückte sich und steckte Ray etwas in die Tasche. Sie bemerkten deutlich den Glasreflex.

 

»Die Flasche!« sagte Elk.

 

Aber dann wendete sich die Gestalt in der Mitte des Bildes hastig um. Ein Mann schritt langsam auf Lew zu. Sein Gesicht war den Beschauern unsichtbar, er wendete sich ihnen nicht ein einziges Mal während der ganzen Zeit zu. Sie sahen, wie er den Arm hob, sahen das Aufblitzen von zwei Schüssen und beobachteten atemlos, als läge Zauberbann auf ihnen, die Tragödie, die darauf folgte. Der Mörder beugte sich nieder, legte die Pistole neben den schlafenden Ray und, eben als er … jetzt … jetzt … jetzt sich ihnen zuwendete, wurde die Leinwand wieder weiß, und das Licht flammte auf.

 

»Er ist unschuldig, Dick, er ist unschuldig!« rief Ella verzweifelt. »Hast du nicht den Mann gesehen, der geschossen hat?«

 

Dick erfaßte mit festem Griff ihre beiden Schultern. Sie war halb wahnsinnig vor Schmerz und Entsetzen. Und während der verblüffte Selinski verständnislos auf die Szene blickte, sagte Dick kurz und befehlend: »Du wirst jetzt zu mir nach Hause gehen, wirst ein Buch nehmen und wirst lesen. Hörst du, Ella? Du darfst nichts beginnen, eh du Nachricht von mir erhältst! Du wirst nicht aus dem Haus gehen, du wirst nur lesen und lesen die Bibel, Polizeinachrichten, was du willst, aber du darfst nicht daran denken! Elk und ich werden alles tun, was menschenmöglich ist.«

 

Sie bemeisterte ihre wilde Angst und versuchte sogar zu lächeln. »Ich weiß, daß du es tun wirst«, sagte sie, am ganzen Leib schaudernd. »Bitte, bring mich nach Haus.«

 

Er sandte Elk nach der Fleetstraße, um auch die geringsten Berichte über den Mord in den Zeitungsbüros zu erheben, und brachte Ella selbst nach Harley Terrace.

 

Als sie aus dem Wagen stiegen, sah Dick, daß ein Mann vor dem Haus wartete. Es war Joshua Broad. Ein Blick auf sein Gesicht genügte, um zu erkennen, daß er von dem Mord wußte und dessen Umstände erriet. Er wartete im Vorraum, bis Dick das Mädchen in sein Arbeitszimmer geführt und jede illustrierte Zeitung, jedes Buch, das er finden konnte, vor ihr aufgestapelt hatte.

 

»Lola ist zu mir gekommen und hat mir alles erzählt.«

 

»Das habe ich geahnt«, sagte Dick. »Wissen Sie etwas Näheres?«

 

»Ich wußte nur, daß die beiden Männer in der Verkleidung von Landstreichern ausgezogen sind. Das ist das Werk des Frosches. Aber warum hat er das getan?«

 

»Ich weiß es«, sagte Dick. »Der Frosch kam gestern nacht zu Fräulein Bennett und fragte sie, ob sie ihn heiraten will. Er versprach, ihren Bruder zu retten, wenn sie einwilligte. Aber ich kann kaum glauben, daß er den ganzen teuflischen Plan zu diesem Zweck ersonnen haben soll.«

 

»Zu keinem anderen«, sagte Broad kühl. »Sie kennen den Frosch nicht, Gordon. Der Mann ist ein Stratege. Sagen Sie, Gordon, kann ich irgend etwas für Sie tun?«

 

»Ich möchte Sie bitten, hier zu bleiben und Fräulein Bennett Gesellschaft zu leisten«, sagte Dick.

 

Ella sah mit einem peinvollen Blick auf, als der Besucher ins Zimmer trat. Sie glaubte die Anwesenheit eines Fremden zu dieser Stunde nicht ertragen zu können und sah flehentlich zu Dick auf.

 

»Falls Sie nicht wollen, daß ich hierbleibe, Fräulein Bennett«, sagte Broad, »so werde ich sogleich gehen, aber ich habe Ihnen die Mitteilung zu machen, daß Ihr Bruder sicherlich gerettet werden wird.«

 

»O Gott, haben Sie Nachrichten von ihm?« fragte Ella hastig.

 

»Ja, die habe ich, aber Sie dürfen es mir nicht verargen, wenn ich jetzt noch nicht darüber sprechen darf!« sagte der Amerikaner fröhlich.

 

Dick telefonierte an die Garage nach seinem Wagen, nach demselben gelben Rolls, den Ray gelenkt hatte, als er zum erstenmal nach Horsham gekommen War. Dicks erster Besuch galt dem Büro der Staatsanwaltschaft, wo er die Tatsachen vorlegte.

 

»Das ist eine höchst merkwürdige Geschichte«, sagte der Oberstaatsanwalt, »aber ich bin da natürlich nicht kompetent. Sie würden besser sofort den Staatssekretär aufsuchen, Gordon.«

 

»Tagt das Unterhaus jetzt?«

 

»Nein, und ich glaube sogar, daß der Staatssekretär, der als einziger etwas für Sie tun kann, sich zur Zeit nicht einmal in der Stadt befindet. In der letzten Woche wurde eine Konferenz in San Remo abgehalten. Und ich habe so eine Ahnung, daß er auch hingefahren ist.«

 

Dicks Herz stand still.

 

»Ist niemand sonst im Ministerium des Innern, der helfen kann?«

 

»Der Unterstaatssekretär. Vielleicht fahren Sie zu ihm.«

 

Das Departement der Staatsanwaltschaft war im Ministerialgebäude untergebracht, und Dick ging geradewegs auf die Suche nach dem verantwortlichen Beamten.

 

Der Sekretär, dem er die Umstände erklärte, schüttelte den Kopf.

 

»Ich fürchte, daß wir nichts machen können, Gordon«, sagte er. »Der Staatssekretär ist auf dem Land und sehr krank.«

 

»Wo ist der Vizestaatssekretär?« fragte Dick verzweifelt.

 

»Der ist in San Remo.«

 

»Und wie weit ist Herrn Whitbys Haus von der Stadt entfernt?«

 

»Ungefähr dreißig Meilen, diesseits von Tunbridge Wells.«

 

Dick schrieb die Adresse auf ein Stück Papier.

 

Eine halbe Stunde später raste über die Westminsterbrücke ein langer gelber Rolls Royce, der sich mit einer Sorglosigkeit durch das Gewühl hindurchdrängte, die sogar den kaltblütigsten Chauffeuren den Atem stocken ließ. Vierzig Minuten, nachdem er Whitehall verlassen hatte, eilte Dick durch eine Ulmenallee nach dem Heim des Staatssekretärs.

 

Der Kammerdiener, mit dem er sprach, vermochte ihn nicht zu entmutigen.

 

»Ich fürchte, Herr Whitby wird Sie nicht empfangen können. Der Herr hat einen sehr bösen Gichtanfall gehabt, und die Ärzte haben verordnet, daß er sich von allen Geschäften fernhalten muß.«

 

»Es ist eine Sache auf Leben und Tod«, sagte Dick. »Ich muß ihn sprechen! Wenn er mich nicht empfängt, dann bleibt mir nichts übrig, als zum König zu gehen!«

 

Diese Botschaft, die er dem Kranken überbringen ließ, hatte eine Einladung zur Folge.

 

»Worum handelt es sich?« fragte der Minister scharf, als Dick hereintrat. »Ich kann mich mit keinem, wie immer gearteten Geschäft befassen. Ich leide durch diesen höllischen Fuß die Qualen eines Verdammten. Sagen Sie schnell, worum es sich handelt!«

 

Gordon erzählte ihm rasch seine Entdeckung.

 

»Eine erstaunliche Geschichte!« sagte der Minister ächzend. »Wo ist denn der Film?«

 

»In London.«

 

»Aber ich kann doch nicht nach London fahren, es ist mir physisch unmöglich. Können Sie nicht jemanden im Ministerium dazu veranlassen, dies zu bestätigen? Wann soll Ihr Mann gehängt werden?«

 

»Morgen früh um acht, Exzellenz.«

 

Der Staatssekretär dachte nach und trommelte wütend auf die Tischplatte. »Ich wäre ja ein Unmensch, wenn ich mich weigerte, diesen gottverdammten Film zu sehen«, sagte er. »Aber ich kann nicht in die Stadt fahren. Es sei denn, Sie verschaffen mir einen Krankenwagen. Vielleicht rufen Sie eine Londoner Garage an, daß sie mir einen Wagen schickt, oder, noch besser, lassen Sie mir einen vom hiesigen Spital schicken.«

 

Alles schien sich gegen Dick verschworen zu haben. Das Krankenauto des Ortes war in Reparatur. Aber schließlich meldete man Dick aus London, daß ein Krankenauto sich in zehn Minuten auf den Weg begeben würde.

 

Aber zwei Stunden vergingen, bevor der Krankenwagen kam. Der Chauffeur hatte während der Fahrt zweimal die Reifen wechseln müssen. Mit großer Vorsicht und doch unter den wütenden Flüchen des Ministers, mit denen er das schmerzende Bein bedachte, wurde die Bahre in den Krankenwagen gehoben. Die Reise schien Dick kein Ende nehmen zu wollen. Er hatte an Selinski telefoniert und ihn gebeten, sein Büro so lange offenzuhalten, bis sie kämen. Es war acht Uhr abends, als der Minister in das »Theater« geleitet und der Film abgerollt wurde.

 

Herr Whitby verfolgte das Drama mit dem größten Interesse, und als es zu Ende war, schöpfte er tief Atem.

 

»So weit wäre das in Ordnung«, sagte er. »Aber wie soll ich mich davon überzeugen, daß es nicht mit Absicht gestellt wurde, um dem Mann einen Aufschub zu verschaffen? Und wie soll ich mich davon überzeugen, daß der Vagabund derjenige ist, den Sie meinen?«

 

»Diese Sicherheit kann ich verschaffen, Exzellenz«, sagte Elk. »Ich bekam heute nachmittag die Fotografien aus Gloucester.«

 

Er zog aus seiner Brieftasche zwei Bilder hervor, das eine im Profil, das andere en face, und legte sie vor den Minister hin.

 

»Führen Sie den Film noch einmal vor«, befahl dieser, und sie sahen die Tragödie von neuem sich abrollen.

 

»Aber was, um Himmels willen, hat denn der Operateur angestellt, um diesen Film aufzunehmen?«

 

»Er ging aus, um die Aufnahme eines Dachses zu machen. Ich weiß dies, Exzellenz, weil Herr Selinski mir alle zu seiner Verfügung stehenden Informationen mitgeteilt hat.«

 

Der Minister sah Dick an. »Sie sind aus dem Staatsanwaltsdepartement, ich erinnere mich jetzt sehr gut an Sie. Ich muß Ihrem Manneswort glauben. Dies ist kein Fall für einen Aufschub, sondern nur für eine Wiederaufnahme des Prozesses, zur Aufklärung sämtlicher Umstände.«

 

»Ich danke, Exzellenz«, sagte Dick und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

»Sie können mich jetzt in das Ministerium des Innern bringen«, brummte der dicke Mann. »Morgen werde ich ja wahrscheinlich Ihren Namen und Ihr Gedächtnis verfluchen, obgleich ich gestehen muß, daß ich mich seit dieser Fahrt beinahe besser fühle. Ich möchte diesen Film haben.«

 

Sie mußten warten, bis der Film in der Kassette gebracht wurde, und dann halfen Gordon und Elk dem Sekretär in das wartende Krankenauto. Um Viertel zehn lag der Urteilsaufschub zur Unterschrift des Königs bereits in Dicks Händen. Und das Wunder, das der Minister gar nicht zu hoffen gewagt hatte, begab sich. Er war imstande, mit Dicks und eines Stockes Hilfe nach seinem Auto zu humpeln.

 

Vor dem großen Palast standen Wagen um Wagen. Es, war die Nacht des ersten Balles in dieser Saison, und die Halle bot ein unvergeßliches Bild.

 

Die fürstlichen Juwelen der Damen, das Scharlachrot, Blau und Giftgrün diplomatischer Uniformen, der Glanz der Orden, so unzählbar wie nächtliche Sterne, und mehr noch die Organisation dieser prächtigen Veranstaltung fesselten Dick, während er müde und verstaubt, eine sonderbar kontrastierende Figur, an. einer Säule lehnte und das Gepränge an sich vorüberziehen ließ.

 

Der Minister war humpelnd in einem der Vorsäle verschwunden, kam aber fast gleich darauf zurück und winkte Dick mit dem Finger.

 

Dick folgte ihm, an weißhaarigen, scharlachroten und goldenen Dienern vorbei, bis sie an eine Tür kamen, vor der ein Lakai wartete.

 

Auf ein geflüstertes Wort klopfte der Lakai, und eine Stimme bat einzutreten.

 

Der Diener öffnete vor ihnen die Tür.

 

Von dem Tisch, an dem er gesessen hatte, erhob sich ein Mann, der die scharlachrote Uniform eines Generals trug. Quer über seine Brust schlang sich das blaue Band des Hosenbandordens. Aus seinen Augen blickte so viel Güte.und Menschlichkeit, wie Dick sie hier kaum zu finden erwartet hatte.

 

»Wollen Sie Platz nehmen? Bitte erzählen Sie mir jetzt den Fall so schnell Sie es vermögen, denn ich habe noch eine andere Verabredung, und Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige«, lächelte er.

 

Er hörte aufmerksam zu und unterbrach Gordon hier und da mit einer kurzen Frage. Als Dick zu Ende war, nahm er die Feder und schrieb mit kühner, mannhafter Schrift ein Wort, löschte es ab und händigte das Dokument dem Staatssekretär aus.

 

»Hier ist Ihr Aufschub. Ich freue mich darüber«, sagte er.

 

Dick, der sich über die ausgestreckte Hand beugte, hatte das Gefühl eines ungeheuren Triumphes und vergaß für einen Augenblick die schreckliche Gefahr, in der Ray geschwebt hatte. Als er in das Ministerium des Innern zurückkehrte, verabschiedete er sich mit einem sehr ernsten Ausdruck der Dankbarkeit von dem cholerischen, aber gütigen Minister, flog die Stufen zu seinem eigenen Büro hinauf und riß das Hörrohr ans Ohr. »Verbinden Sie mich mit Gloucester 8585 Amt«, sagte er und wartete auf das Fernsignal. Es kam nach wenigen Minuten.

 

»Tut mir leid, keine Verbindung mit Gloucester, die Linie ist gestört. Die Drähte abgeschnitten.«

 

Dick legte langsam das Telefon nieder. Und in diesem Augenblick erst entsann er sich dessen, daß der Frosch noch lebte, wachsam, mächtig, rachsüchtig wie immer.