Kapitel 19

 

19

 

Andy hatte Glück, den Sergeanten gleich zu treffen, der zugegen gewesen war, als Artur Wilmot das Haus betreten hatte.

 

»Nein, Sir, ich glaube, er war fast die ganze Zeit im Schlafzimmer. Er war überhaupt nicht lange hier«, erwiderte der Beamte auf seine Frage.

 

Andy lief die Treppe hinauf, jedesmal zwei Stufen zugleich nehmend. Er hatte Merrivans Schlafzimmer schon drei- oder viermal durchsucht. Rein gefühlsmäßig wußte er, daß das Geheimfach irgendwo in der Nähe des Bettes sein mußte. Das Wappen und die Tudor-Rose zogen seine Aufmerksamkeit auf sich, da er bemerkte, daß das eine flache Ende des Blumenblattes geradestand und mit dem Bettpfosten einen rechten Winkel bildete, während es an dem anderen Pfosten nach der Seite gedreht war. Er zog an der Rose, und als das nichts half, versuchte er, sie zu drehen. Plötzlich knackte es, und eine Schublade öffnete sich.

 

Sie schien leer zu sein. Als er aber genauer hinschaute, sah er ein Stück Papier, auf dem drei verschiedene Geldbeträge notiert waren. Die erste Zahl war 6700 Pfund, sie war durchgestrichen. Die zweite 6500 Pfund, aber auch dieser Betrag war gestrichen und darunter geschrieben: 6370 Pfund. Die Differenz zwischen den beiden letzten Summen betrug 130 Pfund. Das war der Preis des Brillantringes. Andrew war nun klar, daß in dieser Schublade auch die Wechsel und die Heiratsurkunde jenes ehemaligen Dienstboten verborgen gewesen sein mußten und außerdem bestimmt noch diese 6370 Pfund!

 

Merrivan war doch ein gewissenhafter Mann gewesen. Er hatte genau Buch geführt über das Geld, das im Geheimfach aufbewahrt wurde. Wenn er etwas davon genommen hatte, strich er die alte Summe aus und schrieb den Betrag darunter, der übrigblieb.

 

Andy ging zu Stella zurück, er war jetzt viel zuversichtlicher. Sie saß noch genauso da, wie er sie verlassen hatte.

 

»Andy, du wirst doch nicht wirklich deinen Abschied einreichen?« sagte sie, als er wieder in das Zimmer trat. »Ich werde den ganzen Sachverhalt wahrheitsgetreu aufschreiben und dir dieses Schriftstück übergeben.«

 

»Wie willst du denn Scotties Eingreifen erklären?«

 

Sie senkte den Kopf.

 

»Daran habe ich nicht gedacht.«

 

»Nein, meine Liebe, wir sind das beste Beispiel für das nette, alte Sprichwort von den Betrügern, die sich in ihren eigenen Netzen fangen. Wir sind so miteinander verkettet, daß keiner von uns ohne den anderen herauskommen kann. Aber ich werde meinen Abschied trotzdem nicht nehmen. Wir wollen die Sache auf sich beruhen lassen, bis ich höre, wie man in Scotland Yard darüber denkt.«

 

Zwischen dem Yard und der Redaktion des ›Megaphone‹ herrschte eine alte Spannung. Andy erhielt also lediglich eine Aufforderung, persönlich zum Yard zu kommen. Er sprach dort eine Stunde mit seinem unmittelbaren Vorgesetzten. Das Ergebnis dieser Unterredung war, daß er sich nicht nur vollständig rechtfertigen, sondern sogar seine Stellung festigen konnte. Und als er nach Beverley Green zurückkehrte, fand er ein Schreiben von Downer vor, in dem sich dieser halb und halb entschuldigte. Das war sonst nicht seine Art.

 

Mr. Nelson hatte inzwischen auch den Artikel gelesen. Er tobte. Glücklicherweise traf er weder Downer noch Artur Wilmot. Scottie versuchte, ihn zu besänftigen.

 

»Es ist einfach ungeheuerlich, Macleod«, rief er wütend. »Ich werde diese Kerle wegen Verleumdung verklagen. Am besten wäre es, diesen Schuften den Schädel einzuschlagen!«

 

»Bezüglich der Klage können Sie natürlich tun, was Sie wollen«, erwiderte Andy. »Immerhin würden Sie mich in eine sehr schwierige Lage bringen, wenn Sie sich jetzt in die Sache einmischen wollten. Ich werde schon etwas unternehmen, um Downers Ausführungen zu entkräften. Er hat wahrscheinlich schon einen neuen, scharfen Artikel für morgen zurechtgebaut, aber wenn ich mich nicht sehr irre, wird er nicht gedruckt werden. Man kann einen Berichterstatter in derselben Weise angreifen wie einen Staatsanwalt. Man muß nur die Glaubwürdigkeit ihrer Zeugen erschüttern. Und ich werde jetzt Artur Wilmot einen Schrecken einjagen, an den er sein Leben lang denken soll.«

 

Wilmot hatte in Downer einen klugen und urteilsfähigen Menschen gefunden. Er versicherte dem Journalisten verschiedene Male, daß er keine schnellen Freundschaften schließe. Downer behauptete natürlich, er habe diesen Eindruck auch gehabt. Sie speisten zusammen im Beverley-Hotel zu Abend.

 

»Ihr Artikel war ein wenig scharf, Mr. Downer.«

 

»Nein, ich glaube nicht«, sagte Downer gleichgültig, »Er bringt allerdings die junge Dame in eine unangenehme Lage, aber wir haben doch zunächst einmal unsere Pflichten als Staatsbürger. Und obgleich ich nicht annehme und niemals angenommen habe, daß sie etwas von dem Mord weiß, hat sie sich doch recht sonderbar benommen.«

 

»Das ist auch meine Meinung. Ich möchte nur betonen, daß ich unter keinen Umständen als derjenige erscheinen möchte, der Ihnen diese Informationen gegeben hat. Als ich Ihnen sagte, daß ich sie in das Haus gehen sah, versprachen Sie mir hoch und heilig, meinen Namen nicht zu erwähnen.«

 

»In Verbindung mit dieser Tatsache«, verbesserte Downer. »Sie können versichert sein, daß ich nicht ein Wort über Sie schreibe, das Sie auch nur im leisesten kompromittieren könnte. Sie haben mir eigentlich noch nichts von Ihren Privatangelegenheiten erzählt, Mr. Wilmot. Ich verstehe das; Sie sind eben einer dieser zurückhaltenden Menschen, die ihr Herz nicht auf der Zunge tragen, aber ich vermute, daß diese junge Dame Sie nicht gerade sehr gut behandelt hat.«

 

»Das ist richtig«, erwiderte Wilmot kurz. »Aber wir wollen nicht darüber sprechen. Ich habe durchaus nichts gegen sie, und wie Sie vorhin schon bemerkten, haben wir gewisse Pflichten als Bürger dieses Landes.«

 

»Ganz gewiß.«

 

Sie gingen langsam nach Beverley Green zurück und benützten den Weg, der am weitesten von Nelsons Haus entfernt war. Downer wurde ein wenig ungeduldig. Er hatte eine ganze Anzahl von Tatsachen gesammelt, aber gerade dieses eine Mal brauchte er Wilmots Erlaubnis, sie zu veröffentlichen, bevor er seinen Artikel abschicken konnte. Später, wenn er erst alle Fäden in der Hand hatte, würde er sich nicht mehr um seine Genehmigung oder Zustimmung zu kümmern brauchen.

 

Es war schon spät, aber er nahm Artur Wilmots Einladung an, noch auf ein paar Minuten zu ihm hinaufzukommen. Er wurde in denselben Raum gebeten, in dem Andy den halbfertigen Damenhut auf dem Tisch gesehen hatte.

 

Es war ein schönes Eckzimmer mit harmonischen Proportionen. Zwei bunte Glasfenster waren in tiefe Nischen eingelassen und von dunkelblauen Samtvorhängen verdeckt. Wilmot hatte die Wahrheit gesagt, als er Andy erklärte, daß kein Dienstbote den Raum betreten durfte, denn er mußte die Tür erst aufschließen, bevor sie hineingehen konnten.

 

»Nehmen Sie bitte Platz«, sagte Artur und drehte das Licht an. »Der Stuhl drüben ist bequemer. Trinken Sie etwas?«

 

»Nein, danke. Ich habe noch viel vor. Nun erzählen Sie mir mal etwas von der jungen Dame. Ich muß die Fortsetzung meines Artikels von gestern bringen. Haben Sie begründete Ursache zu der Annahme, daß Macleod in das Mädchen verliebt ist?«

 

»Einen Augenblick«, erwiderte Wilmot, stand auf, ging zu den zugezogenen Vorhängen am anderen Ende des Raumes und schob sie beiseite. »Ich wußte es doch, ich habe einen Luftzug gefühlt – das Fenster steht auf! Der Himmel mag wissen, wer es aufgemacht hat.« Er schloß es, zog die Vorhänge wieder zu und setzte sich. »Das ist nun gerade die Sache, die ich Sie bitten möchte, nicht zu berühren. Das Mädchen ist eben in dem Alter, in dem man leicht zu beeinflussen ist, und er hat wahrscheinlich großen Eindruck auf sie gemacht.«

 

»Also bestehen zwischen den beiden doch Beziehungen?« fragte Downer schnell.

 

»Ja, es ist eine Art von« – Wilmot zögerte – »ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrücken soll. Er ist bedeutend älter als sie, und er hat alle Tricks gebraucht, um …«

 

»Nein, ich glaube kaum, daß man es so bezeichnen kann«, entgegnete Mr. Downer. »Sollen wir nicht lieber sagen, daß sich eine Freundschaft zwischen ihnen entwickelt hat? Die Leser verstehen schon, was ich damit sagen will. Ich möchte nämlich die Vorstellung hervorrufen, daß er sich mit dem Mädchen eingelassen hat.«

 

Es klopfte leise an die Tür, und ein Dienstmädchen trat ein.

 

»Mr. Macleod möchte Sie sprechen.«

 

Die beiden wechselten einen schnellen Blick, und Downer nickte.

 

»Bitten Sie ihn herein«, sagte Wilmot, dem es plötzlich sehr unbehaglich wurde.

 

»Guten Abend, Downer – guten Abend, Mr. Wilmot.«

 

Andy blieb an der Tür stehen und betrachtete sie.

 

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?« fragte Wilmot nervös. »Sie kennen Mr. Downer?«

 

»Sehr gut sogar«, erwiderte Andy gelassen.

 

»Sie sind doch nicht etwa über meinen Artikel ärgerlich?« fragte Downer mit gutgeheucheltem Erstaunen. »Sie sind schon zu lange im Fach, um sich darum zu kümmern, was die Zeitungen sagen.«

 

»Dieser Herr ist also die Quelle Ihrer Informationen?« Andy wies mit dem Kopf zu Wilmot hinüber.

 

»Das möchte ich nicht behaupten.«

 

»Downer, Sie halten sich in Ihren Artikeln gewöhnlich so eng wie möglich an die Wahrheit. Aber diesmal haben Sie einen Bericht losgelassen, der dazu bestimmt war« – Downer lächelte – »die Ziele der Justiz zu durchkreuzen. Unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe Ihnen so etwas noch nie sagen müssen, und ich hoffe, daß ich es nicht wieder tun muß. Miss Nelson mag eine Klage gegen Ihre Zeitung erheben, oder nicht, das steht in ihrem Ermessen. Wenn sie es aber tut, dann wird es Ihre Zeitung zwanzigtausend Pfund kosten.«

 

»Mein Bericht geht auf eine zuverlässige Quelle zurück.«

 

»Sie meinen damit doch nicht etwa diesen Mann?« Andy zeigte auf den düster dreinschauenden Wilmot. »Ich werde Ihnen gleich zeigen, wie sehr Sie sich auf ihn verlassen können.« Er trat auf Arthur Wilmot zu und schaute verächtlich auf ihn hinunter. »Ich bin gekommen, um mich nach dem Verbleib einer Summe von 6370 Pfund zu erkundigen, die aus einem Geheimfach in Mr. Merrivans Bett entwendet wurden.«

 

Wilmot sprang auf, als ob er einen Schlag bekommen hätte.

 

»Was – was?« stammelte er.

 

»Außerdem sind noch verschiedene Dokumente von Ihnen gestohlen worden!«

 

»Gestohlen?« wiederholte Wilmot mit schriller Stimme. »Wie dürfen Sie das sagen? Ich bin der Erbe meines Onkels!«

 

»Sie wurden von Ihnen gestohlen, ich sage es noch einmal mit allem Nachdruck. Ob Sie der Erbe Ihres Onkels sind, wird das Gericht entscheiden. Es lag eine gewisse Heiratsurkunde dabei« – er schaute Wilmot scharf an, als er sprach, und er bemerkte seine Verwirrung. »Ich glaube, daß Sie noch in ernste Schwierigkeiten kommen werden. Was haben Sie mir darüber mitzuteilen?«

 

Artur Wilmot atmete schwer, er war unfähig zu sprechen.

 

Andy wandte sich an den Journalisten.

 

»Wird es Ihnen nun klar, daß dieser Mann unter einem schweren Verdacht steht und daß auch Sie eine Anzeige zu gewärtigen haben, da Sie mit ihm unter einer Decke stecken, um eine unschuldige Frau zu verdächtigen?«

 

»Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun«, antwortete Downer. »Ich berichte nur die Tatsachen, die ich vorfinde.«

 

»Sie erfinden aber noch ein wenig dazu, Sie sind weit davon entfernt, objektiv zu sein, Downer. Im Gegenteil, Sie nehmen Partei. Ich muß hieraus den Schluß ziehen, daß Sie von dem Diebstahl wußten.«

 

»Ich würde mich doch an Ihrer Stelle hüten, von einem Diebstahl zu reden«, unterbrach ihn Mr. Wilmot, der seine Fassung wiedergefunden hatte. »Ich gebe zu, daß ich verschiedene Dinge aus jener Schublade genommen habe, aber das war der Wunsch meines Onkels.«

 

»Haben Sie denn die Sache seinem Rechtsanwalt gemeldet?« fragte Andy trocken.

 

»Das war nicht nötig.«

 

»Das war sehr nötig«, verbesserte Andy.

 

»Ich nahm diese Dinge, weil ich fürchtete, sie könnten in die Hände der Dienstboten fallen.«

 

»Was lag denn noch in der Schublade?«

 

»Wenn Sie früher gekommen wären, hätte ich Ihnen alles übergeben«, lenkte Wilmot ein.

 

»Ich möchte wissen, was Sie genommen haben.«

 

»Einen Trauschein, eine Geldsumme – es kann der Betrag gewesen sein, den Sie nannten, obgleich ich ihn nicht nachgezählt habe –, dann noch eine Liste von Sicherheiten und –«, er machte eine Pause und sprach dann mit besonderem Nachdruck weiter – »zwei gefälschte Wechsel von Mr. Nelson zugunsten Albert Selims, die von meinem Onkel akzeptiert waren. Aber die Unterschriften Mr. Merrivans waren gefälscht. Diese Wechsel sind mir von einem Verbrecher gestohlen worden, der in Ihren Diensten steht. Wahrscheinlich sind sie vernichtet worden.«

 

»Wann war das?« fragte Andy.

 

»Vor zwei Tagen.«

 

»Haben Sie die Sache angezeigt?«

 

»Nein, Sie wissen sehr gut, daß ich das nicht getan habe.«

 

»Warum denn nicht?« fragte Andy kühl. »Das Gesetz schützt Sie ebensogut wie jeden anderen. Sie erwarten doch nicht etwa, daß ich Ihnen glaube, Sie hätten sich ruhig zwei wertvolle Dokumente stehlen lassen und kein Wort davon gesagt, obwohl der ganze Ort von Polizeibeamten wimmelt?«

 

Wilmot schwieg.

 

»Auf alle Fälle will ich die Sachen jetzt sehen. Wo sind sie?«

 

»Dort im Wandschrank«, sagte Wilmot mürrisch.

 

Er nahm einen Schlüsselbund aus der Tasche und begann daran zu suchen.

 

»Wo zum Teufel ist denn der Schlüssel zum Safe?«

 

Wilmots Bestürzung war echt. Hastig ließ er einen Schlüssel nach dem anderen durch die Finger gleiten.

 

»Der Schlüssel war heute nachmittag noch an dem Bund, als ich zum Baden ging. Ich habe ihn nur einen Augenblick aus der Hand gelegt.«

 

Er schob das Paneel beiseite, das den Geldschrank verdeckte.

 

»Die Tür ist ja gar nicht geschlossen«, sagte Andy.

 

Mit einem überraschten Ausruf öffnete Wilmot die Tür ganz und faßte hinein.

 

»Großer Gott!« rief er erleichtert. »Ich dachte, jemand habe sie gestohlen!«

 

Er warf die Brieftasche auf den Tisch.

 

»Und die anderen Dokumente?«

 

»Hier ist die Liste der Sicherheiten und hier …« er suchte und tastete noch einmal. Andy sah, daß er verstört war. »Aber ich kann einen Eid darauf leisten, daß ich ihn hierhergelegt habe.«

 

»Was denn?«

 

»Der Trauschein ist verschwunden!«

 

Andys Blick fiel in diesem Moment zufällig auf die Tür. Zwischen dem Türrahmen und den dunkelblauen Samtvorhängen, welche da ein Fenster verdeckten, war der Lichtschalter angebracht. Andy sah, wie eine Hand hinter dem Vorhang hervorkam und sich zum Schalter hinbewegte. Er war starr vor Erstaunen. Plötzlich hörte man ein Knacken, und der Raum lag vollkommen im Dunkeln. Im nächsten Augenblick blitzte eine Taschenlampe auf.

 

»Rühren Sie sich nicht von der Stelle!« rief eine heisere Stimme. »Wenn Sie es tun, schieße ich Sie sofort nieder, wer es auch gerade sein mag!«

 

»Wer sind Sie?« fragte Andy.

 

»Mein Name ist Albert Selim.«

 

Schon hatte sich die Tür geöffnet und wieder geschlossen. Sie hörten, wie der Schlüssel umgedreht und gleich darauf die Haustür zugeschlagen wurde.

 

Andy sprang zu dem Fenster, das nach der Straße zu lag, und riß den Vorhang beiseite. Aber durch die bunten Glasfenster hätte man auch am hellen Tag nichts erkennen können. Er riß das Fenster auf und sah hinaus. Von dem Einbrecher war nichts mehr zu sehen.

 

»Das ist wieder so ein Abenteuer Ihres Freundes Scottie«, sagte Wilmot zähneknirschend.

 

Andy wandte sich ihm zu.

 

»Mein Freund Scottie, wie Sie ihn zu nennen belieben, hätte kaum sechstausend Pfund in Ihrem Geldschrank gelassen. Außerdem hat er nicht so gepflegte Hände wie der Mann, der das Licht ausschaltete.«

 

Auf Andys schrillen Pfiff stürzte ein Polizist herbei.

 

»Schicken Sie den Sergeanten zu mir und rufen Sie Ihre Station an, daß alle Leute zu einer Durchsuchung des Geländes ausgeschickt werden. Sehen Sie zu, daß Sie jede mögliche Unterstützung bekommen – aber machen Sie schnell!«

 

Kapitel 2

 

2

 

Nachdem man in Beverley angekommen war, mußte Andy erst noch einige Formalitäten erledigen, bevor der Gefangene nach London überführt werden konnte.

 

Es wurde ihm auf der Polizeistation mitgeteilt, daß die Überführung erst noch von einem lokalen Justizbeamten genehmigt und angeordnet werden müsse.

 

»Wo kann ich denn einen finden?« fragte Andy.

 

»Da ist zunächst Mr. Staining, Sir«, sagte der Polizeisergeant gemütlich, »aber der ist gerade krank. Dann Mr. James Bolter, aber der ist auf Urlaub. Mr. Carrol – gut, daß ich daran denke, der ist zur Pferdeschau gegangen. Er züchtet nämlich –«

 

»Es scheint hier etwas in der Luft zu liegen«, unterbrach ihn Andy, »das die Leute schwatzhaft macht, Sergeant. Aber vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt. Ich wollte nicht die Leute wissen, die nicht zu sprechen sind. Gibt es hier in der Nähe denn niemand, der das Amt eines Friedensrichters verwaltet?«

 

»Ja, wir haben hier einen solchen Herrn«, erwiderte der Sergeant mit Nachdruck. »Mr. Boyd Salter. Der wird Ihnen den Schein ausstellen.« Er fügte aber vorsichtig hinzu: »Wenn er zu sprechen ist.«

 

Andy mußte lachen, machte sich aber doch auf, um sein Heil bei Mr. Boyd Salter zu versuchen.

 

Er fand, daß der nächste Weg zu dessen Haus nicht über Beverley Green führte. Mr. Salters Ländereien grenzten an Beverley, man konnte am Ende der Stadt durch ein großes Parktor zu seinem Besitz kommen. Andy hatte es schon vorher bemerkt und war neugierig gewesen, wer da wohnen mochte.

 

Beverley Hall, der Sitz Mr. Boyd Salters, war ein stattliches Gebäude, das im Stil des berühmten Iñido Jones erbaut war.

 

Hier herrschten Schweigen und Ruhe. Das Ticken einer Standuhr war das einzige Geräusch, das Andy vernahm, als er in die geräumige, mit Steinfliesen ausgelegte Halle geführt wurde. Der Diener, der Andys Karte hineintrug, ging völlig geräuschlos, und Andy bemerkte zu seinem Erstaunen, daß der Mann Gummischuhe trug. Als dieser nach einiger Zeit zurückkehrte, bat er den Detektiv, näher zu treten.

 

»Mr. Salter ist leidend. Wenn Sie in seiner Gegenwart recht leise und ruhig sprechen wollten, würde er Ihnen sicher sehr dankbar sein.«

 

Andy erwartete nun, einen schwerkranken, zitternden, alten Herrn zu finden, der in einem Sessel saß und von vielen Kissen gestützt wurde. Aber er trat einem gesund aussehenden Mann von etwa fünfzig Jahren gegenüber, der lebhaft aufschaute, als sein Besucher den Raum betrat.

 

»Guten Tag, Mr. Macleod. Was kann ich für Sie tun? Ich sehe, daß Sie Polizeibeamter sind«, sagte er und betrachtete die Karte noch einmal.

 

Andy erklärte ihm die Ursache seines Besuches.

 

»Es ist nicht nötig, daß Sie so leise sprechen«, meinte Mr. Salter lächelnd. »Tilling hat Sie wahrscheinlich darum gebeten? Manchmal bin ich allerdings sehr nervös, aber heute habe ich einen guten Tag.«

 

Er las das Schriftstück durch, das Andy ihm vorlegte, und unterschrieb es.

 

»Unser Freund ist der Diamantenräuber, nicht wahr? Wo hat er sich denn versteckt gehalten?«

 

»In Ihrer Gartenstadt«, erwiderte Andy.

 

Ein Schatten legte sich über Mr. Salters schöne Gesichtszüge.

 

»Sprechen Sie von Beverley Green? Er war natürlich im Gästehaus?«

 

Andy nickte.

 

»Haben Sie einen der Villenbesitzer getroffen?«

 

»Ja – Mr. Merrivan.«

 

»Es sind merkwürdige Leute!« sagte Mr. Salter nach einem kurzen Schweigen. »Wilmot, sein Neffe, ist ein sonderbarer Mensch. Ich weiß nicht, was ich aus ihm machen soll. Mir ist schon öfters der Gedanke gekommen, daß er ein Gentlemanverbrecher ist. Wirklich, ein merkwürdiger Kerl! Und dann dieser Nelson – ein heruntergekommener Bursche! Trinkt wie der Teufel!«

 

Andy erinnerte sich jetzt an die Geschichte, die er von dem Künstler gehört hatte.

 

»Er hat ja wohl eine Tochter«, warf Andy hin.

 

»Ja, ein hübsches Mädchen. Wilmot soll mit ihr verlobt sein. Mein Sohn erzählt mir alle diese Neuigkeiten, wenn er zu Hause ist. Der bringt alles heraus. Er müßte eigentlich Detektiv werden – er ist aber noch auf der Schule.«

 

Er schaute auf den Haftbefehl, löschte die Unterschrift ab und reichte Andy das Schriftstück über den Tisch.

 

»Mr. Merrivan scheint ein sehr liebenswürdiger Herr zu sein«, setzte Andy die Unterhaltung fort.

 

»Ich weiß nichts Genaueres über ihn. Ich habe noch nicht mehr als ›Guten Tag‹ zu ihm gesagt. Er scheint harmlos zu sein, ein wenig langweilig, aber harmlos, und er redet zuviel – wie alle Leute in Beverley.«

 

Um diese lokale Eigenart zu bestätigen, sprach er dauernd weiter und erzählte die Geschichte von Beverley und seinen Bewohnern. Plötzlich brachte er das Gespräch auf den Herrensitz.

 

»Es ist ein schöner, ruhiger Platz, aber es ist auch sehr teuer, ihn zu unterhalten. Ich wäre nicht imstande gewesen, für alles aufzukommen, wenn –«

 

Er sah schnell fort, als ob er fürchtete, der Besucher könnte seine Gedanken lesen. Erst nach einiger Zeit begann er wieder zu sprechen.

 

»Haben Sie jemals mit dem Teufel zu tun gehabt, Mr. Macleod?« Er scherzte nicht, sein Blick war ernst und fest.

 

»Ich bin schon einer ganzen Anzahl kleinerer Teufel begegnet«, erwiderte Andy lächelnd, »aber ich habe noch nicht das Vergnügen gehabt, ihr Oberhaupt in Person kennenzulernen.«

 

Mr. Salter schaute Andy mit abwesendem Ausdruck an, obwohl eine sonderbare Bestimmtheit in seinem Blick lag. »In London lebt ein gewisser Albert Selim«, sagte er dann langsam, »dieser Kerl ist ein Teufel. Ich erzähle Ihnen das nicht, weil Sie Polizeibeamter sind. Ich weiß überhaupt nicht, warum ich davon spreche. Ich habe schon so manchen Verhaftungsbefehl unterzeichnet, aber niemals habe ich die Feder aufs Papier gesetzt, ohne an diesen größten aller Verbrecher zu denken. Er ist ein Mörder – ein Mörder!« Andy war bestürzt.

 

»Er hat Menschen getötet, er hat ihre Herzen gebrochen und sie vorzeitig unter die Erde gebracht. Einen meiner Freunde hat er fast erdrosselt!« Bei diesen Worten preßte er seine Hände so krampfhaft zusammen, daß die Knöchel weiß wurden.

 

»Albert Selim?« Andy wußte nichts anderes zu sagen.

 

Mr. Salter nickte.

 

»Wenn er, wie ich hoffe, eines Tages doch einen Fehler macht und in Ihre Hände fällt, wollen Sie mir dann den Gefallen tun und mich benachrichtigen? Aber dazu wird es wohl nie kommen – der läßt sich nicht fangen!«

 

»Ist er arabischer Herkunft?«

 

Boyd Salter schüttelte den Kopf: »Ich habe ihn nie gesehen. Ich habe auch noch niemand getroffen, der persönlich mit ihm. zusammengekommen wäre«, sagte er zu Andys größtem Erstaunen. »Nun will ich Sie aber nicht länger aufhalten, Mr. Macleod. Was haben Sie eigentlich für einen Rang, wenn ich fragen darf?«

 

»Die Frage habe ich mir auch schon öfters vorgelegt. Ich habe Medizin studiert.«

 

»Sie sind Arzt?«

 

Andy nickte: »Ich führe viele Untersuchungen und Obduktionen aus. Ich bin eigentlich Pathologe.«

 

Boyd Salter lächelte: »Dann hätte ich Sie mit ›Doktor‹ anreden sollen. Sie haben sicher in Edinburgh studiert?«

 

Andy bejahte die Frage.

 

»Ich habe eine Vorliebe für Ärzte. Meine Nerven quälen mich entsetzlich. Gibt es dagegen nicht ein Heilmittel?«

 

»Psychoanalyse. Mit ihrer Hilfe kann man krankhafte Komplexe erkennen und aus dem Denken ausschalten. – Leben Sie wohl.«

 

Ein Gespräch über Medizin war das sicherste Mittel, Andy zum. Aufbruch zu veranlassen.

 

»Auf Wiedersehen, Herr Doktor. Sie sehen noch sehr jung aus für Ihre Stellung – Sie sind doch nicht älter als dreißig oder einunddreißig?«

 

»Sie haben es richtig getroffen,« erwiderte Andy lachend und verabschiedete sich.

 

Kapitel 20

 

20

 

Um diese Zeit hätte Scottie ausgegangen sein können, aber zufällig hatte er Stella geholfen, Kenneth Nelsons neues Gemälde einzupacken. Er habe das Haus den ganzen Abend nicht verlassen, erzählte Stella. Der Detektiv ging zu Wilmot zurück. Downer war inzwischen gegangen.

 

»Ich will das Geld an mich nehmen«, sagte Andy und hob die Brieftasche auf. »Und nun sagen Sie mir alles, was Sie von dem Trauschein noch wissen.«

 

»Glauben Sie wirklich, daß es Albert Selim war?«

 

»Ich bin sicher, daß es der Mann war, der Mr. Merrivan tötete«, erwiderte Andy kurz. »Er bedrohte uns mit derselben Waffe, mit der er den Mord beging.«

 

Mr. Wilmot schauderte.

 

»Der Trauschein beurkundete eine Heirat zwischen einem gewissen John Severn und einem Dienstmädchen namens Hilda Masters. Die Ehe wurde vor etwa dreißig Jahren geschlossen und in der St.-Pauls-Kirche, Kensington, eingesegnet.«

 

Andy notierte sich diese Einzelheiten.

 

»Erschien der Name Ihres Onkels in irgendeiner Weise auf der Urkunde?«

 

Wilmot schüttelte den Kopf.

 

»Sie kennen John Severn nicht? Hat Ihr Onkel Ihnen gegenüber nie den Namen erwähnt?«

 

»Nein. Ich möchte Ihnen aber noch etwas wegen des Geldes sagen, Macleod. Ich will nicht in Ungelegenheiten kommen, wenn es sich vermeiden läßt. Ich habe es wirklich nur genommen, um es in Sicherheit zu bringen. Wie sind Sie denn dahintergekommen?«

 

»Sie kennen meine Methoden, Wilmot«, erwiderte Andy sarkastisch. »Die ganze Sache kann für Sie sehr übel werden. Ich gebe Ihnen den guten Rat, um Downer einen weiten Bogen zu machen. Der hat mit Ihnen kein Erbarmen und wird Sie ebenso verraten, wie er Albert Selim verraten würde, wenn er ihn fangen könnte.«

 

Ein ähnlicher Gedanke war Wilmot auch schon gekommen.

 

»Wegen der Verleumdungsklage ist auch Downer nicht ganz wohl«, meinte er. »Ich glaube, in seinem nächsten Artikel wird er zahmer sein. Außerdem wird ihm ja auch Selim genügend Stoff dafür geben.«

 

Andy war derselben Ansicht. Er sprach noch einmal bei Stella vor, ehe er ins Gästehaus ging. Scottie hatte sich schon zur Ruhe gelegt, er war direkt musterhaft geworden.

 

»Alle Leute in Beverley sind über den Artikel sehr aufgebracht und haben mir ihre Anteilnahme ausgedrückt«, sagte Stella. »Ich habe noch nie soviel Besuch gehabt wie heute. Sheppards waren hier, Masons, sogar die Gibbs, die doch so ruhige Leute sind. Alle sind sehr ungehalten über Artur Wilmot. Was wird die Zeitung wohl morgen bringen?«

 

»Sehr wenig. Downer wird über den Einbruch in Wilmots Wohnung berichten und den Besuch dieses geheimnisvollen Albert Selim mit allen Einzelheiten schildern. Er wird auch die Gelegenheit wahrnehmen, sich zu verteidigen. Man droht in ähnlichen Fällen den Zeitungen häufig mit Verleumdungsklagen. Downer wußte, daß er den Bogen überspannt hatte. Ich habe schon gemerkt, daß er etwas nervös war, als ich heute seinen Brief erhielt. Es gehört schon viel dazu, ihn nervös zu machen, aber wahrscheinlich waren ihm schon selbst Zweifel an der Glaubwürdigkeit Wilmots gekommen.«

 

Die Schleier, die über dem geheimnisvollen Mord von Beverley Green lagen, wurden immer dichter und undurchdringlicher. Auch Albert Selims Erscheinen brachte Andy der Lösung keinen Schritt näher. Warum hatte der Mann sich einer so großen Gefahr ausgesetzt, nur um einen offensichtlich wertlosen Trauschein in seinen Besitz zu bringen? Wer war dieser John Severn, und wer war das Dienstmädchen Hilda Masters?

 

Ins Gästehaus zurückgekommen, erhielt er von Zeit zu Zeit telefonische Berichte von den Polizeibeamten, die die Gegend nach dem Fremden absuchten. Die Polizei der Nachbarorte unterstützte sie. Die Hauptstraßen wurden abpatrouilliert und die Nebenwege überwacht. Mit der kleinen Mannschaft konnte man allerdings das offene Land nicht absperren, damit mußte bis zum Tagesanbruch gewartet werden.

 

Um ein Uhr nachts trat er kurz vor die Tür, um ein wenig frische Luft zu schöpfen. Das Zimmer bedrückte ihn, und er hatte Kopfschmerzen bekommen.

 

In Beverley Green war um diese Zeit jedes Haus dunkel, auch aus Stellas Zimmer drang kein Lichtschein.

 

Inspektor Dane kam eben mit dem Rad an, um ihm den letzten Bericht persönlich zu überbringen.

 

»Wir haben jedes Auto zwischen hier und Cranford Corner angehalten. Glauben Sie, daß es ratsam wäre, eine Durchsuchung sämtlicher Häuser von Beverley Green vorzunehmen?«

 

»Ich wüßte nicht, warum. Sollte Selim tatsächlich ein Bewohner des Ortes sein, so könnten wir das durch eine Haussuchung auch nicht feststellen. Außerdem wäre es gesetzwidrig, wenn wir nicht die nötigen Befehle aus London haben. Vielleicht …«

 

Andy wurde plötzlich unterbrochen, denn durch die Stille der Nacht tönte ein Schuß. Gleich darauf fielen ein zweiter, ein dritter und nach kurzer Zeit noch ein vierter. Sie kamen aus der Richtung der Hügel jenseits des Ortes.

 

»Wilddiebe können es nicht gut sein«, meinte Inspektor Dane.

 

»Wilddiebe benützen gewöhnlich keine Pistolen.«

 

Das Telefon im Gästehaus klingelte stürmisch. Die Haustür war offen geblieben, und sie hörten es schon, bevor Johnston herausgestürzt kam, um Andy zu rufen.

 

»Mr. Salter ist am Apparat. Er möchte Sie dringend sprechen!« Andy lief hinein und nahm den Hörer auf.

 

»Sind Sie es, Mr. Macleod? Haben Sie die Schüsse gehört?«

 

»Jawohl.«

 

»Ich habe geschossen. Es ist ein Raubüberfall auf Beverley Hall gemacht worden. Jemand versuchte einzubrechen. Er ist in Richtung Spring Covert entflohen. Können Sie herkommen?«

 

Andy holte seinen Wagen aus der Garage und fuhr mit Inspektor Dane in schnellstem Tempo die Hauptstraße entlang.

 

Mr. Salter sah blaß und angegriffen aus. Er trug einen Schlafrock über dem Pyjama und erwartete die Beamten in seiner Bibliothek.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie stören mußte, Macleod«, begann er.

 

»Haben Sie den Mann zu Gesicht bekommen?« fragte Andy schnell.

 

»Ich konnte ihn nur von hinten sehen. Er muß mindestens schon eine halbe Stunde im Haus gewesen sein, bevor ich ihn hörte. Ich hätte ihn wahrscheinlich gar nicht bemerkt, wenn er nicht die Frechheit besessen hätte, in mein Schlafzimmer zu kommen.«

 

Salter zeigte ihnen das Fenster, das aufgebrochen worden war. Es gehörte zu dem kleinen Arbeitszimmer neben der Bibliothek.

 

»Er war auch in der Bibliothek. Sehen Sie, diese Schubladen sind gewaltsam geöffnet worden.«

 

Die Fächer waren ganz herausgezogen, ihr Inhalt auf den Boden verstreut.

 

»Vielleicht glaubte er, hier Geld zu finden. Aber ich bewahre hier nichts Wertvolles auf.«

 

»Ist er auch in anderen Räumen gewesen?«

 

»Ich glaube, er war auch im Zimmer meines Sohnes – er ist augenblicklich nicht hier, er studiert in Cambridge –, aber das kann ich nicht genau sagen.«

 

Er führte sie ins obere Stockwerk, aber hier war alles in bester Ordnung, obgleich die Tür zum Zimmer des jungen Salter offenstand.

 

»Es ist sehr leicht möglich, daß er zuerst diesen Raum mit dem meinen verwechselte. Mein Schlafzimmer liegt direkt gegenüber. Ich weiß nicht, wovon ich aufwachte. Vielleicht quietschte die Tür, obwohl sie regelmäßig geölt wird. Ich setzte mich im Bett aufrecht und hörte noch das Geräusch seiner Schritte, dann war er fort. Als ich aus der Tür herauskam, sah ich ihn noch einen kurzen Augenblick am anderen Ende des Ganges. Ich lief die Treppe hinunter und rief nach Tilling. Ich habe ihn dann noch einmal gesehen, als er durch das Bibliotheksfenster stieg. Ich habe stets eine Pistole in meinem Zimmer, und ich schoß hinter ihm her, als er die Stufen der Terrasse hinunterlief und im Dunkeln verschwand.«

 

»Hörten Sie ihn nicht sprechen?«

 

Mr. Salter schüttelte den Kopf.

 

Es war das Werk eines erfahrenen Einbrechers, das erkannte Andy sofort. Und wenn er nicht absolut sicher gewesen wäre, daß Scottie in diesem Augenblick den Schlaf des Gerechten schlief, hätte er schwören mögen, daß er den Einbruch verübt hatte.

 

Aber dieser Einbrecher hatte offenbar keinen festen Plan gehabt. Scottie hätte auch keine Papiere aus den Schubladen herausgeworfen und obendrein noch Salter in seinem Schlafzimmer gestört. Man ging wieder in die Bibliothek zurück.

 

»Das ist der zweite Raubüberfall heute abend in Beverley Green«, sagte Andy und erzählte von dem Vorfall bei Wilmot.

 

»Albert Selim?« meinte Mr. Salter nachdenklich. »Ich möchte mich Ihrer Theorie fast anschließen, Mr. Macleod.«

 

»Vermissen Sie etwas?«

 

»Ich glaube kaum, es befand sich nichts in der Bibliothek, das sich zu stehlen lohnte, höchstens ein paar Pachtverträge, die ihn aber schwerlich interessiert haben können.«

 

»Was ist denn das?«

 

Andy ging zum Kamin. Er war leer, da das Wetter ungewöhnlich warm war, aber auf der Feuerstelle lag die Asche von verbranntem Papier! Wieder eine Parallele zu der Ermordung Merrivans!

 

»Haben Sie etwas verbrannt?«

 

»Nein. Ist die Schrift noch erkennbar – manchmal ist das ja der Fall.«

 

Andy kniete nieder und beleuchtete die Asche mit seiner Taschenlampe.

 

»Nein, es ist leider fast nichts mehr zu erkennen.« Vorsichtig nahm er ein größeres Stückchen verbrannten Papiers heraus und brachte es zum Tisch.

 

»Es sieht aus wie ›RYL‹, meinte er. »Eine sonderbare Kombination von Buchstaben.«

 

»Es könnte Orylbridge geheißen haben«, erwiderte Boyd Salter. »Ich habe dort Grundeigentum.«

 

Bei diesen Worten hob er einige Papiere vom Fußboden auf.

 

»Es ist mir jetzt unmöglich, alle Dokumente zu ordnen und zu sehen, was fehlt. Vielleicht kommen Sie morgen früh noch einmal, Doktor.«

 

Andy wartete noch, um den Bericht zweier Parkwächter entgegenzunehmen, die aufgestanden waren und die Gegend abgesucht hatten.

 

»Dieser Fall geht mir langsam auf die Nerven, Dane«, sagte er, als der Wagen den Hügel hinunter zum Parktor fuhr. »Eins ist sicher: In diesem Tal verbirgt sich irgendwo ein Mörder, mag er nun Albert Selim oder sonstwie heißen. Offenbar ist er von hier. Es gibt keine andere Erklärung für seine Schnelligkeit und Sicherheit. Er kennt hier jeden Zoll Boden, und er sucht nach irgend etwas. Er tötete Merrivan, um es zu finden, er tötete Sweeny, weil ihm der zufällig im Obstgarten über den Weg lief. Er brach in Beverley Hall ein, um auch dort zu suchen. Aber warum hat er in beiden Fällen Papiere im Kamin verbrannt?«

 

»Wo hätte er sie sonst verbrennen sollen?« fragte Inspektor Dane. »Der Kamin war doch in beiden Fällen ganz in der Nähe.«

 

Andy erwiderte nichts darauf.

 

Er erinnerte sich jetzt daran, daß er auch ein drittes Mal verbranntes Papier gesehen hatte. Stella hatte sich in derselben Weise der Dinge entledigt, die sie vernichten wollte.

 

Um halb drei verabschiedete er sich von dem Polizeiinspektor. Im Osten dämmerte schon der neue Tag, als er in sein Zimmer kam. Er warf noch einen Blick zu dem Haus Nelsons hinüber und blieb erschrocken stehen. Stella mußte wach sein, denn er sah Licht durch ihre Jalousien schimmern.

 

Er wartete fast eine volle Stunde. Erst als es ganz hell geworden war, wurde drüben das Licht ausgemacht.

 

Andrew seufzte und ging zu Bett.

 

Kapitel 13

 

13

 

Scottie ging selten bei Tag aus. Er tat es aber nicht aus Geheimniskrämerei, sondern er nahm Rücksicht auf Andys Wünsche. Er ließ sich im allgemeinen nur zwischen ein und zwei Uhr mittags sehen, und um diese Zeit speiste man in Beverley Green gewöhnlich zu Mittag.

 

Er verließ Nelsons Haus durch den Seitenausgang, um zum Gästehaus zu gehen und Andy zu sprechen. Ein Artikel in einer Morgenzeitung, die er unter dem Arm trug, war der Zweck seines Besuches. Er selbst wurde nämlich darin erwähnt, und ihm war unbehaglich. Irgendein Berichterstatter, der anscheinend nichts von der Beendigung des Verfahrens gegen Scottie gehört hatte, schrieb etwas von einer aufsehenerregenden Verhaftung in diesem kleinen Ort, die kurz vor dem Mord stattfand, und zog hieraus für Scottie wenig schmeichelhafte Schlüsse.

 

Er hatte kaum einen Schritt auf die Straße getan, als er schon wieder stehenblieb.

 

Ein großes Auto versperrte den Weg, es stand halb auf der Straße und war halb in die Sträucher hineingefahren, die sie begrenzten. Scottie wußte, daß die Anlagen der Stolz der Bewohner von Beverley Green waren.

 

Der Chauffeur hatte ein rotes Gesicht und machte verzweifelte Anstrengungen, den Wagen zu wenden, worunter natürlich die Sträucher litten. Aber Scotties Aufmerksamkeit richtete sich nicht auf den Chauffeur, auch nicht auf das prachtvolle Auto – er sah nur die Dame, die darin saß.

 

Ihr Alter war schwer zu schätzen, aber sie war eine majestätische und bis zu einem gewissen Grad sogar schöne Erscheinung. Unter dem Hut zeigte sich üppiges, rotes Haar, zu dem ihre schwarzen Augenbrauen einen eigentümlichen Gegensatz bildeten. Eine dicke Puderschicht bedeckte ihr von Natur rotes Gesicht. Die großen blauen Augen traten ein wenig hervor. All dies stellte Scottie fest, während er ihren Schmuck einer eingehenden Prüfung unterwarf.

 

In den Ohren trug sie Brillanten von der Größe zweier Erdnüsse. Eine dreifach geschlungene Kette großer Perlen lag um ihren Hals. Eine Brillantbrosche blitzte an ihrem Kleid, eine Smaragdspange an ihrem Gürtel. Scottie betrachtete ihre Hände und stellte fest, daß sie nur an den Daumen keine Ringe trug.

 

»Es tut mir entsetzlich leid, daß der Wagen hier soviel Schaden anrichtet, aber warum machen Sie Ihre Straßen nicht breiter?«

 

Sie mußte wohl einige Jahre in Amerika gelebt haben, denn sie hatte diesen eigentümlichen Akzent angenommen, den Engländer nach einem längeren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten bekommen. Scottie war unbehaglich zumute.

 

Recht gewöhnlich, dachte er und fragte sich, wie sie zu dem Schmuck gekommen sein mochte.

 

»Ich bin seit vielen Jahren nicht in dieser Gegend gewesen«, sprach sie gleich weiter. Sie hielt ihn natürlich für einen Bewohner von Beverley Green. »Man hat mir soviel von diesem Ort erzählt. Hier ist doch jemand umgebracht worden?«

 

»Gewiß«, entgegnete Scottie höflich und reichte ihr die Zeitung. »Sie finden hier einen eingehenden Bericht darüber.«

 

»Ich habe leider meine Brille nicht bei mir«, sagte sie, nahm aber die Zeitung trotzdem an, »Es ist doch schrecklich, daß schon wieder ein Mensch getötet wurde. Man hat mir seinen Namen nicht genannt, und er ist ja auch ohne Bedeutung für mich. Es ist wirklich fürchterlich, daß in letzter Zeit wieder so viele Morde vorkommen. Vor einigen Jahren wurde auch ein solches Verbrechen ganz in unserer Nähe in Santa Barbara verübt, aber mein verstorbener Mann, der Senator, wollte mir nichts darüber erzählen, um mich nicht zu beunruhigen. Er war der Senator Crafton-Bonsor. Vielleicht haben Sie schon einmal von ihm gehört? Sein Name war häufig in den Zeitungen. Er hat sich allerdings nicht viel darum gekümmert, was sie schrieben.«

 

Scottie schloß daraus, daß die Zeitungen den Mann wahrscheinlich recht unfreundlich behandelt hatten, aber ein Senator der Vereinigten Staaten! Darüber kam er nicht so leicht hinweg. Er wußte zwar nicht viel von den Amerikanern, deren Namen in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen, seine Kenntnisse beschränkten sich auf einige Staatsanwälte. Aber er hatte die Vorstellung, daß amerikanische Senatoren hochgestellte Leute seien.

 

»Nun, ich muß jetzt weiterfahren. Es wäre mir entsetzlich, an einem Ort leben zu müssen; an dem ein Mord verübt wurde. Ich könnte nachts nicht mehr schlafen, Mr. –«

 

»Bellingham ist mein Name – Professor Bellingham.«

 

Seine Worte schienen großen Eindruck auf sie zu machen.

 

»Ach, wie interessant! Wissen Sie, ein Professor kam auch einmal zu uns in Santa Barbara. Die Rasenflächen in meinem Park sind so groß wie der ganze Ort hier. Ach ja, der Professor, der mich besuchte, war einfach wunderbar. Er holte lebendige Kaninchen aus seinem Zylinder, und vorher hatte er mir doch gezeigt, daß er nichts darin hatte. Nun muß ich aber wirklich weiterfahren, Herr Professor. Ich wohne im Great Metropolitan-Hotel. Mein Gott, die können einem aber Rechnungen schreiben! Und als ich nach einer Beutelmelone fragte, wußte kein Mensch, was ich meinte. Also, dann auf Wiedersehen.«

 

Der Wagen fuhr an und war bald außer Sicht. Scottie wurde nachdenklich.

 

»Haben Sie den Wagen gesehen?« war die erste Frage, die er an Andy richtete.

 

»Nein, gesehen nicht, aber gehört – ich dachte, es wäre ein Lastauto gewesen.«

 

»Ja, so könnte man es nennen«, gab Scottie zu. »Sie hätten nur die Fracht sehen sollen! Ungefähr – aber ich will Sie nicht langweilen. Es war einfach großartig – und was für eine Dame!«

 

Andy hatte etwas anderes zu tun, als sich um gelegentliche Besucher von Beverley Green zu kümmern.

 

»Wie geht es Miss Nelson?«

 

»Ausgezeichnet, sie macht heute nachmittag einen langen Spaziergang.«

 

Andy wurde rot.

 

»Wer hat Ihnen denn das verraten?«

 

»Sie selbst«, antwortete Scottie kühl. »Sie hat mir sogar aufgetragen, es Ihnen zu sagen. Dieses Mädchen ist recht intelligent.«

 

»Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen über die Intelligenz Miss Nelsons zu unterhalten«, entgegnete Andy ein wenig von oben herab. »Und ich weiß auch nicht, warum Sie irgendwelche Schlußfolgerungen aus ihren Worten ziehen. Wahrscheinlich hat sie gemeint, Sie möchten mir bestellen, daß sie sich wohl genug fühlt, allein einen längeren Spaziergang zu machen.«

 

»Vielleicht. Sie sagte nur, daß sie um drei Uhr am zweiten Golfloch sei und dort auf Sie warten werde.«

 

Andy wußte darauf nichts zu erwidern.

 

»Und da wir gerade von Liebe sprechen«, fuhr Scottie fort, »so möchte ich Sie doch bitten, einmal nachzusehen, was der Berichterstatter des ›Post Herald‹ über die Verhaftung eines gefährlichen Verbrechers schreibt – damit meint er nämlich mich. Er zieht allerhand Schlüsse aus der Tatsache, daß sich die Verhaftung kurz vor dem Mord ereignete.«

 

*

 

Andy hatte schon zehn Minuten am Golfloch gewartet, ehe Stella kam.

 

»Ich fürchtete schon, Sie könnten nicht abkommen«, sagte sie. »Hat Ihnen der Professor meinen Auftrag ausgerichtet?«

 

»O ja, er hat es mir bestellt«, entgegnete Andy trocken.

 

»Hat er Ihnen auch von der merkwürdigen Dame erzählt?« fragte sie ihn interessiert. »Scottie hatte eine lange Unterredung mit ihr. Ihr Auto hat zwei Fliederbüsche vollständig umgefahren. Der große Wagen wollte in der engen Straße wenden!«

 

»Was war denn das für eine merkwürdige Dame? Hat sie Beverley Green besucht?«

 

Stella nickte.

 

»Ich sah sie durchs Fenster, Es gibt nur eine Beschreibung für sie – sie glitzerte! Ich hatte leider noch keine Gelegenheit, Scottie über sie auszufragen.«

 

Sie gingen langsam weiter – Andy wußte nicht, welchen Weg sie eingeschlagen hatten. Ihm wurde nur so viel klar, daß sie zu den Grenzhecken von Beverley Hall kamen. Er war in einer ganz anderen Welt unendlich glücklich. Anziehend – hübsch – schön? Er hatte sich diese Frage schon einmal beantwortet. Er betrachtete Stella von der Seite. Ihr Profil war vollkommen, ihre Haut schimmerte in dem wenig schmeichelhaften, hellen Sonnenlicht ebenso zart wie in der Abendbeleuchtung.

 

»Artur Wilmot hat mich heute geschnitten«, sagte sie.

 

»Aber warum denn? Ich dachte doch – ich hatte gehört –«

 

Er vollendete den Satz nicht.

 

»Daß ich mit ihm verlobt sei?« sagte sie leise lachend. »Die Leute von Beverley verloben einen sehr leicht. Ich war nie mit ihm verlobt. Ich trug wohl früher einen Ring, weil – nun, weil er mir gefiel. Mein Vater hat ihn mir früher einmal geschenkt.«

 

Er seufzte erleichtert auf, sie hörte es und sah ihn schnell von der Seite an. Aber dann schaute sie rasch wieder fort.

 

»Was ist eigentlich der Beruf Artur Wilmots?«

 

»Ich weiß es nicht. Er hat immer in London zu tun. Über seine Geschäfte spricht er nie, und niemand weiß etwas davon. Das ist merkwürdig, denn die meisten jungen Leute erzählen sehr gern von ihrem Beruf – wenigstens die ich kenne. Sie sind stolz auf die eigene Tüchtigkeit und wissen eigentlich sonst nicht viel zu reden. Aber Sie habe ich noch nie über ihre Tüchtigkeit sprechen hören, Doktor Andrew.«

 

»Ich glaubte, daß ich schön außerordentlich gesprächig gewesen wäre – Miss Nelson.«

 

»Nun seien Sie doch nicht komisch – Sie haben mich schon Stella genannt und ein dummes Kind, als Sie neulich morgens kamen. Ist es nicht wunderschön?«

 

»Ich bin damals wohl sehr kühn gewesen«, gab er kleinlaut zu.

 

»Ich meinte, daß wir uns kennengelernt haben und daß ich Sie gerne mag. Im allgemeinen kann ich mich nämlich nur schwer an einen Menschen gewöhnen. Vielleicht war es auch eine Reaktion. Ich habe Sie so sehr gehaßt, weil ich mich immer schuldig fühlte, wenn Sie mich ansahen. Ich dachte immer, Sie müßten schrecklich sein, ein Bluthund, der arme, unglückliche Menschen hetzt.«

 

»Wahrscheinlich haben alle Leute diese Vorstellung von Polizeibeamten. Und wir schmeicheln uns mit dem Gedanken, daß der Anblick einer Polizeiuniform jeden guten Bürger erfreut.«

 

»Ich bin kein guter Bürger. Im Gegenteil, ein sehr schlechter – Sie wissen gar nicht, wie schlecht ich bin.«

 

»Ich kann es vermuten.«

 

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her.

 

»Stella«, sagte er dann plötzlich, »hat Merrivan bei Ihrem letzten Zusammensein mit ihm irgendwelche Andeutungen über die Zukunft gemacht – wo er leben würde?«

 

»In Italien«, sagte sie. »Er erzählte mir, daß er viel Geld bekommen würde, und daß er einen herrlichen Palast am Corner See gekauft habe.«

 

»Hat er Ihnen nicht mitgeteilt, ob er das Geld bereits erhalten habe?«

 

»Nein, ich kann mich erinnern, daß er sagte, er werde es bekommen. Ich hatte den Eindruck, daß er es von irgendeiner Seite erhalten würde. Aber wir wollen bitte nicht mehr über diese Sache sprechen.«

 

Von wem erwartete Merrivan das Geld? Doch nicht von Albert Selim? Oder hatte er vielleicht die Summe schon erhalten und versteckt? Möglicherweise hatte der Wucherer entdeckt, daß Merrivan ins Ausland gehen wollte, und versucht, das Geld wieder zurückzubekommen. Selim klagte sein Geld nie vor Gericht ein – das war auch ein sonderbarer Umstand. Er verlieh offenbar nur Geld, wenn er sein Opfer irgendwie in der Hand hatte.

 

Als sie an eine steile Stelle kamen, nahm er Stellas Hand, um sie zu stützen, aber er ließ sie nicht los, als der Weg wieder eben wurde. Sie zog die Hand auch nicht fort. Sie war glücklich in seiner Gegenwart. Die Berührung dieser starken Hand, die die ihre so behutsam hielt, war wohltuend. Etwas von seiner Kraft und Ruhe war auf sie übergegangen, als er sie damals an den Schultern gepackt hatte.

 

»Sie sind sehr ernst geworden«, sagte sie auf dem Rückweg. »Ich wußte, daß unser Spaziergang so sein würde – so wunderschön. Ich wünsche mir jetzt nichts mehr – mein Glück ist vollkommen. Ein zweites Mal würde es nicht mehr so werden wie heute.«

 

Sie waren bei dem zweiten Golfloch angekommen. Es war niemand zu sehen.

 

Andy beugte sich zu ihr, und seine Lippen berührten die ihren.

 

Kapitel 14

 

14

 

Mr. Boyd Salter saß an einem kleinen Tisch in der Nähe des offenen Fensters seiner Bibliothek. Von hier aus konnte er das ganze Tal und auch einen Teil von Beverley Green überschauen. Er war damit beschäftigt, Patiencen zu legen, wurde aber doch nicht so davon in Anspruch genommen, daß er nicht von Zeit zu Zeit eine Pause gemacht und aus dem Fenster gesehen hätte. Einmal interessierte ihn eine Schafherde, die gerade des Weges kam, dann beobachtete er einen Habicht, der plötzlich herabstieß und sich mit seiner Beute wieder in die Lüfte erhob. Er wurde auf einen Mann in einem langen dunklen Mantel aufmerksam, der sich sehr merkwürdig benahm. Aber die Entfernung war zu groß, um feststellen zu können, was er eigentlich tat. Er ging an dem Rand einer Pflanzung entlang, aus der er vermutlich herausgekommen war.

 

Mr. Salter drückte den Knopf einer elektrischen Klingel.

 

»Bringen Sie mir meinen Feldstecher, Tilling. Wissen Sie, ob dort ein Parkwächter in der Gegend herumstreift?«

 

»Ich glaube nicht. Madding ist unten im Leutezimmer.«

 

»Schicken Sie ihn, bitte, herauf, aber bringen Sie erst mein Glas.«

 

Mr. Salter stellte den Feldstecher ein, aber er konnte den Fremden nicht erkennen, der etwas zu suchen schien. Der Mann kam nur langsam vorwärts und bewegte sich nicht in gerader Linie.

 

Boyd Salter wandte den Kopf. Ein untersetzter Mann mit rotem Gesicht, der einen Anzug aus Manchestersamt und Gamaschen trug, war eingetreten.

 

»Madding, wer geht dort bei Spring Covert?«

 

Der Wächter legte die Hand über seine Augen.

 

»Sieht mir so aus, als ob es einer von diesen Leuten aus Beverley Green wäre. Ich glaube, es ist Wilmot.«

 

Mr. Salter schaute wieder hinaus.

 

»Sie werden wohl recht haben. Gehen Sie hin, bestellen Sie einen schönen Gruß von mir und fragen Sie, ob Sie etwas für ihn tun können. Vielleicht hat er etwas verloren. Warum aber gerade auf meinem Grundstück etwas vermißt wird, ist mir ein Rätsel.«

 

Madding ging hinaus, und Mr. Salter wandte sich wieder seinen Karten zu. Als er nach einiger Zeit noch einmal hinaussah, eilte der Wächter mit großen Schritten durch das Gelände. Später konnte er nur Madding allein ins Glas bekommen, der Fremde war verschwunden.

 

Boyd Salter nahm die Karten zusammen, mischte sie und legte sie von neuem auf. Bald darauf kam Madding zurück.

 

»Ich danke Ihnen, ich habe schon gesehen, daß Sie ihn nicht mehr angetroffen haben.«

 

»Dieses Ding habe ich gefunden, Sir. Es lag etwas weiter entfernt von der Stelle, wo Mr. Wilmot suchte. Wahrscheinlich hat er danach gesucht.«

 

Er reichte Salter ein goldenes Zigarettenetui, von dem er den Lehm abgewischt hatte. Der Boden um Spring Covert war feucht und lehmig.

 

Mr. Salter nahm das Etui und öffnete es. Es enthielt zwei feuchte Zigaretten und ein abgerissenes Stück Zeitungspapier, auf dem mit Bleistift eine Adresse geschrieben war.

 

»Es ist gut, Madding. Ich werde dafür sorgen, daß es Mr. Wilmot zurückerhält. Es wird ihm gehören, hier ist sein Monogramm. Ich glaube, daß er Ihnen eine gute Belohnung geben wird. Ich habe gehört, Sie haben heute morgen ein Hermelin gefangen? Diese Tiere sind doch die größten Feinde der jungen Fasane. Sagten Sie nicht, daß es in diesem Jahr viele gibt? Nun, es ist gut, ich danke Ihnen, Madding.«

 

»Entschuldigen Sie bitte, Sir, ich möchte Ihnen noch etwas mitteilen.«

 

Der Parkwächter wartete einen Augenblick, bis Salter ihm zunickte weiterzusprechen.

 

»Es ist wegen des Mordes. Ich habe die Vermutung, daß der Täter durch den Park geflohen ist.«

 

»Wie kommen Sie darauf?«

 

»Ich war in jener Nacht draußen unterwegs. Die Leute von Beverly wildern schlimmer denn je. Mr. Goldings Oberwächter erzählte mir erst heute wieder, daß er einen Mann gefaßt hat, der sechs Fasanen in seinem Rucksack hatte. Als ich so herumstreifte, hörte ich unten bei Vally Bottom einen Schuß. Ich lief so schnell wie möglich hin, obgleich ich mir sagte, daß sich Wilddiebe im allgemeinen hier nicht mit Gewehren herumtreiben. Als ich eine Strecke weit gegangen war, hielt ich an und horchte. Ich kann einen Eid darauf leisten, daß ich hörte, wie jemand über den hartgetretenen Weg ging, der nach Spring Covert führt, wo eben auch Mr. Wilmot war. Ich rief ihn an, aber da hörte ich keine Schritte mehr. ›Bleiben Sie stehen, Sie sind erkannt!‹ rief ich, da ich dachte, es sei ein Wilddieb. Ich habe aber nichts mehr gehört und auch niemand gesehen.«

 

»Haben Sie der Polizei das alles mitgeteilt? Das hätten Sie tun sollen, Madding. Es könnte ein wichtiger Anhaltspunkt sein. Glücklicherweise besucht mich Mr. Macleod heute nachmittag.«

 

»Ich wußte nicht recht, was ich tun sollte. Ich habe den Schuß nämlich nicht mit dem Mord in Verbindung gebracht. Erst als ich es meiner Frau erzählte, sagte sie, daß ich Ihnen das mitteilen müsse.«

 

»Ihre Frau hat recht, Madding«, erwiderte Salter lächelnd. »Bleiben Sie in der Nähe, wenn Doktor Macleod kommt.«

 

Andy, der Mr. Salter wegen der Leichenschau verschiedenes zu fragen hatte, hörte die Geschichte des Parkwächters mit Interesse an und erkundigte sich nach der genauen Zeit, wann er den Schuß gehört hatte.

 

»Madding hat auch ein Zigarettenetui gefunden, das Mr. Wilmot gehört«, sagte Boyd Salter und erzählte, daß er Artur auf der Suche nach einem Gegenstand gesehen habe. »Ich danke Ihnen, Madding, Sie brauchen nicht zu warten, wenn nicht Doktor Macleod noch weitere Fragen an Sie hat. Nein? Dann können Sie gehen.«

 

Andy betrachtete das Etui.

 

»Wie kam er denn in die Nähe von Spring Covert? Führt dort ein öffentlicher Weg vorbei?«

 

»Nein, er hat unerlaubt fremdes Gebiet betreten, obgleich ich so harte Worte nicht gern von den Spaziergängen eines Nachbarn auf meinem Grund und Boden gebrauche. Unsere Freunde in Beverley Green haben die Erlaubnis, hier auf meinem Gelände Picknicks zu veranstalten. Sie müssen nur meinem Wächter davon Mitteilung machen. Aber sie kommen eigentlich nie nach Spring Covert – es ist nicht besonders schön dort.«

 

Andy öffnete das Etui und nahm das Stückchen Zeitungspapier heraus. »Es ist wohl eine Adresse«, meinte Mr. Salter.

 

»Ja – die Adresse des ermordeten Sweeny –, und Wilmot hat sie am selben Tag erhalten, an dem der Mord begangen wurde!«

 

Er drehte den kleinen Fetzen um. Er war von einer Sonntagszeitung abgerissen, oben war noch zu lesen … onntag, den 23. Juni…

 

Offenbar hatte diese Zeitung Sweeny gehört, dachte Andy. Wahrscheinlich hatten sich die beiden getroffen, miteinander gesprochen, Wilmot hatte sich währenddessen überlegt, daß ihm der Sekretär Albert Selims vielleicht noch irgendwie nützlich sein könnte, und hatte sich deshalb seine Adresse notiert. Diese Begegnung hatte aber schwerlich in Spring Covert stattgefunden, wo das Etui gefunden worden war. Sie mußten sich dort nach Einbruch der Dunkelheit noch einmal getroffen haben, oder Wilmot hatte nachts diesen Platz heimlich aufgesucht. Die erste Möglichkeit erschien Andy wahrscheinlicher.

 

Wilmot hatte also doch etwas mit der Sache zu tun.

 

»Worüber denken Sie nach?« fragte Boyd Salter.

 

»Es ist merkwürdig, ich weiß nicht, was ich aus diesem Fund machen soll. Ich werde Wilmot aufsuchen und ihm das Etui zurückgeben, wenn Sie gestatten.«

 

Als er nach Beverley Green zurückging, fiel es ihm plötzlich auf, daß fast alle wichtigen Ereignisse während seines Aufenthaltes doppelt eingetreten waren. Er hatte die Drohung Wilmots vor Merrivans Haus und die Wutausbrüche Nelsons vor dessen Tür gehört. Sowohl in Merrivans als auch in Nelsons Haus hatte er verbrannte Papiere entdeckt. Und nun war wieder etwas gefunden worden –

 

»Wir haben einen kostbaren Brillantring gefunden – vielmehr Mr. Nelson hat ihn auf dem Rasen entdeckt«, begrüßte ihn der Polizeiinspektor. »Ich habe nicht gehört, daß irgendwo ein Ring vermißt würde. Niemand im ganzen Dorf bekennt sich als Eigentümer des Schmuckstücks.«

 

Stella war doch wirklich zu achtlos! Sie streute verdächtigende Gegenstände wie der ›Fuchs‹ bei der Schnitzeljagd.

 

»Der Eigentümer wird sich schon noch melden«, meinte Andy gleichgültig.

 

Am Abend traf er Wilmot, der gerade nach Hause kam.

 

»Ich glaube, das gehört Ihnen«, sagte Andy und hielt ihm das Etui hin.

 

Wilmot wurde rot.

 

»Ich glaube kaum. Ich habe nichts verloren –«

 

»Aber Ihr Monogramm ist doch darauf, und zwei Leute haben es bereits als Ihr Eigentum erkannt.«

 

Das war zwar nicht die Wahrheit, aber Andy hatte Erfolg mit dieser Methode.

 

»Tatsächlich! Ich danke Ihnen, Doktor Macleod. Ich hatte es noch nicht vermißt.«

 

Andy lächelte.

 

»Dann haben Sie oben bei Spring Covert wohl nach etwas anderem gesucht?«

 

Wilmot wurde jetzt blaß.

 

»Wann haben Sie sich Sweenys Adresse notiert?«

 

Wilmot sah Andy haßerfüllt an. Entweder war Wilmot schuldig oder eifersüchtig. Wahrscheinlich war Eifersucht die Ursache – er wußte oder vermutete doch, wie Andy zu Stella Nelson stand.

 

»Ich traf ihn am Sonntagmorgen, er bat mich, ihn für eine neue Stellung zu empfehlen. Ich hatte ihn kennengelernt, als er in den Diensten meines Onkels stand. Ich traf ihn auf dem Golfplatz, und so schrieb ich seine Adresse auf ein Stück Zeitungspapier.«

 

»Sie haben aber weder mir noch Inspektor Dane gesagt, daß Sie ihm begegnet waren.«

 

»Das hatte ich ganz vergessen – nein, das stimmt nicht, aber ich wollte nicht in diesen Fall verwickelt werden.«

 

»Sie haben ihn dann nachts noch einmal gesehen – warum wählten Sie Spring Covert als Treffpunkt?«

 

Wilmot schwieg, und Andy mußte seine Frage wiederholen.

 

»Er war von Beverley Green fortgegangen und wollte mich noch einmal sprechen. Er dachte, daß es mir peinlich sei, wenn man uns zusammen sähe.«

 

»Wann dachte er denn das? Am Morgen, als die zweite Verabredung vereinbart wurde?«

 

»Ja«, entgegnete Wilmot zögernd. »Wollen Sie nicht hereinkommen, Macleod.«

 

»Sind Sie allein?«

 

»Ja, ich bin allein im Haus. Die Dienstboten haben heute alle Ausgang. Sie kommen auch sonst nur in mein Zimmer, wenn ich sie rufe.«

 

Artur Wilmots Haus war das kleinste von allen, aber es war mit hervorragendem Geschmack eingerichtet. Wenn es Andy trotzdem nicht vollständig befriedigte, so lag das wohl daran, daß ihm der Charakter der Einrichtung zuwenig männlich erschien.

 

Auf dem Tisch des Zimmers, in das sie traten, lag ein halbfertiger Damenhut. Wilmot unterdrückte einen Ausruf. Es war eine mit prachtvoller, farbiger Seide überzogene Hutform.

 

Ihre Ankunft mußte irgend jemand gestört haben. Andy tat, als ob er nichts gesehen hätte, aber Wilmot war zu aufgeregt, um die Sache übergehen zu können, und versuchte, Andy eine Erklärung zu geben.

 

»Vermutlich hat wieder eins der Dienstmädchen hier gearbeitet!« Mit diesen Worten packte er den Hut und schleuderte ihn in eine Ecke.

 

Der Zwischenfall, der eigentlich Wilmots Verwirrung hätte vergrößern müssen, schien die entgegengesetzte Wirkung zu haben. Seine Stimme war klar und fest, als er jetzt sprach.

 

»Ich habe Sweeny zweimal getroffen, und es war töricht von mir, es nicht sofort zuzugeben. Sweeny haßte meinen Onkel. Er kam zu mir, um mir etwas zu erzählen – er deutete wenigstens an, daß er etwas wüßte, durch das ich Mr. Merrivan in meine Hand bekäme. Die zweite Zusammenkunft in Spring Covert diente dazu, über die Bedingungen zu verhandeln, unter denen Sweeny mir seine Informationen geben wollte. Ich wünschte, ich wäre nicht hingegangen, ich bin auch nicht lange dort gewesen. Ich versprach Sweeny, ihm zu schreiben, und damit hatte die Sache ein Ende.«

 

»Worin bestand denn Sweenys Geheimnis?«

 

Wilmot zögerte.

 

»Offen gestanden, ich weiß es nicht. Ich hatte nur den Eindruck, daß Mr. Merrivan irgendwie in Selims Schuld war – Selim war der Name von Sweenys Chef. Aber das kann ich nicht recht glauben, es kommt mir fast lächerlich vor. Mein Onkel war ein reicher Mann.«

 

Andy schwieg und überlegte, ob Wilmot die Wahrheit gesagt haben könnte.

 

»Haben Sie irgendeine Ahnung, wer Ihren Onkel getötet haben könnte?«

 

Wilmot runzelte die Stirn. »Haben Sie denn eine Vermutung?«

 

Andy wußte, wen Wilmot beschuldigen würde, wenn auch nur der geringste Verdacht auf ihn selbst fallen sollte.

 

»Ich habe mir viele Theorien zurechtgelegt«, erwiderte er kühl. »Aber es wäre übereilt, wenn ich mich jetzt schon endgültig für eine von ihnen entscheiden würde. Da fällt mir etwas ein, Mr. Wilmot. Als wir uns das letztemal sahen, sprachen Sie von einem nichtswürdigen Mädchen. Das interessiert mich. Sie beschwerten sich heftig über sie und sagten, daß Sie ihretwegen Streit mit Ihrem Onkel gehabt hätten. Das könnte ein wichtiger Anhaltspunkt sein. Wer war diese Dame?«

 

Das war ein meisterhafter Angriff, der wohlüberlegt im günstigsten Augenblick geführt wurde.

 

Auf eine so direkte Frage war Wilmot nicht vorbereitet. Es war ihm klar, daß Macleod genau wußte, wen er gemeint hatte. Er mußte jetzt mit der Sprache heraus oder –

 

»Die Antwort darauf muß ich schuldig bleiben.«

 

Aber Andy war schon zu weit gegangen und hatte zu viel gewagt, um seinem Gegner jetzt noch gestatten zu können, das Gefecht abzubrechen.

 

»Das kann ich nicht gelten lassen. Entweder kennen Sie eine solche Dame oder Sie kennen sie nicht. Entweder haben Sie sich mit Ihrem Onkel gestritten oder nicht. Ich spreche jetzt als der Polizeibeamte, der mit der Untersuchung dieses Falles beauftragt ist, und ich muß die Wahrheit erfahren.«

 

Seine Stimme klang hart und drohend.

 

»Ich war damals sehr verwirrt«, sagte Artur Wilmot mürrisch und widerwillig. »Ich wußte nicht, was ich sagte. Ich meinte keine bestimmte Dame, auch habe ich mich mit meinem Onkel nicht gestritten.«

 

Langsam zog Andy ein Notizbuch aus der Tasche und schrieb diese Worte Wilmots, der ihn wütend beobachtete, auf.

 

»Ich danke Ihnen. Ich werde Sie jetzt wohl nicht wieder in dieser Angelegenheit belästigen müssen.«

 

Ohne ein weiteres Wort entfernte er sich.

 

Wilmot blieb zurück und trug sich mit Mordgedanken.

 

»Mr. Macleod!«

 

Andy drehte sich an der Gartenpforte noch einmal um. Wilmot kam hinter ihm her.

 

»Es ist jetzt sicher kein Grund mehr vorhanden, warum ich das Haus meines Onkels nicht betreten dürfte. Ich bin der gesetzmäßige Erbe Mr. Merrivans, und ich habe einige Vorbereitungen für seine Beerdigung zu treffen.«

 

»Ich muß Ihnen im Augenblick nur noch die eine Beschränkung auferlegen, daß Sie nicht in sein Arbeitszimmer gehen. Dieser Raum kann erst nach der Leichenschau freigegeben werden.«

 

Andy ging über die Straße und sprach mit dem Polizeisergeanten, der das Haus bewachte.

 

»So, diese Sache habe ich in Ordnung gebracht, Mr. Wilmot. Der Beamte wird Sie einlassen.«

 

Andy war weder überrascht noch belustigt über den Damenhut in Wilmots Zimmer, der zu vielen Vermutungen Anlaß geben konnte. Wilmots Verlegenheit war zu deutlich und seine Erklärung vollständig unglaubwürdig gewesen. Ein Dienstmädchen sollte den Hut dort genäht haben? Das stimmte doch nicht mit seiner Angabe überein, daß kein Dienstbote in sein Zimmer kommen dürfe, wenn er nicht gerufen war. Wilmot war Junggeselle wahrscheinlich nicht besser und nicht schlechter als alle Junggesellen. Aber es war doch ein wenig überraschend, daß er seine Damen nach Beverley Green brachte, wo alle Dienstboten bekanntermaßen klatschten. Eine solche Unbesonnenheit sah Artur Wilmot gar nicht ähnlich.

 

Er ging zu Nelsons. Wenn er nach seinen Wünschen hätte handeln können, wäre er jeden Tag dort hingegangen und die ganze Zeit dort geblieben. Er richtete es jetzt immer so ein, daß er Scottie in den frühen Morgenstunden draußen im Freien traf, gewöhnlich in den Parkanlagen.

 

Stella empfing ihn. Ihr Vater war im Atelier und arbeitete. Sie war begeistert, denn Kenneth Nelson hatte ein neues Gemälde begonnen, ein Porträt Scotties.

 

»Das ist ja großartig, weil ich dann immer ein gutes Bild von Scottie zur Verfügung habe«, meinte Andy. »Wenn ich ihn in Zukunft wieder einmal verhaften lassen muß, schicke ich meine Leute einfach zur Akademie, damit sie ihn vorher genau studieren können.«

 

»Er wird in Zukunft aber nichts mehr anstellen«, sagte sie, denn sie war über seine Worte erschrocken. »Er erzählte mir, daß er sein altes Leben aufgeben und nicht mehr stehlen wolle.«

 

Andy lächelte.

 

»Ich würde ja nur zu froh sein, wenn es so wäre. Kennst du Artur Wilmot sehr gut, Stella?«

 

Sie wollte schon sagen, daß sie ihn nur allzugut kenne.

 

»Ich habe es einmal gedacht«, erwiderte sie. »Warum fragst du danach?«

 

»Weißt du, ob er irgendwelche Freundinnen oder weibliche Verwandte hat?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Seine einzigen Verwandten waren Mr. Merrivan und eine alte Tante. Er hat nie Besuch gehabt mit Ausnahme seiner Tante, die aber gestorben ist, soviel ich weiß. Er hat nicht einmal Junggesellenabende gegeben. Ich weiß nicht mehr, was vorgeht. Hast du neue Anhaltspunkte gefunden? Der ganze Ort wimmelt von Zeitungsreportern. Einer kam und fragte mich, ob ich ihm irgendwelche Einzelheiten aus Mr. Merrivans Privatleben erzählen könne. Er fragte mich zum Beispiel, ob er regelmäßig zur Kirche gegangen und sonst ein ruhiger, stiller Mensch gewesen sei. Ich gab zur Antwort, daß ich nicht viel über ihn wisse. Er war leicht zufriedenzustellen.«

 

Andy seufzte. »Ich bin nur froh, daß Downer nicht gekommen ist.«

 

»Wer ist Downer?«

 

»Ein Journalist, der tüchtigste und geschickteste Mann von der ganzen Gesellschaft. Der gibt sich nicht so leicht zufrieden wie der Reporter, der dich aufgesucht hat. Er hätte auch nicht so dumme Fragen gestellt. Er hätte mit deinem Vater über Kunst gesprochen, wäre ins Atelier gegangen, hätte den Pygmalion bewundert und mit deinem Vater über Farbwerte, den Einfluß der Atmosphäre, über Beleuchtungs- und Bewegungsmotive diskutiert. Wenn er aber gegangen wäre, hättest du das unangenehme Gefühl gehabt, mehr gesagt zu haben, als gut war. Und zwar nicht über alte Meister, sondern über Mr. Merrivans Privatleben.«

 

Sie wandte die Augen nicht von ihm, während er sprach. Aber er sah sie nicht lange an, denn er fürchtete, er würde sie an sich reißen und nicht wieder freigeben.

 

»Du mußt unheimlich viele Menschen kennenlernen, diesen Downer zum Beispiel, und Leute wie Scottie. Ich nannte ihn übrigens aus Versehen auch Scottie, es schien ihm sehr angenehm zu sein. Gibt es eigentlich etwas Neues?«

 

»Inspektor Dane hat deinen Ring gefunden. Streust du deine Brillantringe immer so aus?«

 

Sie war nicht im mindesten verwirrt.

 

»Ich habe ihn weggeworfen, ich weiß nicht mehr, wo. Willst du schon gehen? Du bist noch kaum eine Minute hier und hast weder meinen Vater noch sein Gemälde gesehen.«

 

»Ich bin schon lange genug hiergewesen, um die ganze Nachbarschaft in Aufruhr zu bringen. Verstehst du nicht, daß ich dich nur besuchen kann, wenn ich unter dem einen oder anderen Vorwand auch zu allen anderen gehe? Jeden Tag mache ich zehn bis zwölf verschiedene Besuche und falle den Leuten auf die Nerven – nur um dich einmal sehen zu können.«

 

Sie begleitete ihn zur Tür.

 

»Ich wünschte, du würdest kommen und wieder Staub wischen«, sagte sie zärtlich.

 

»Und ich – ich wünschte, wir wären wieder bei dem zweiten Golfloch«, erwiderte er leise.

 

Sie lachte, und er hörte sie noch auf dem Gartenweg.

 

Kapitel 1

 

1

 

Der Zufall und ein schnelles Auto brachten Andrew Macleod in die Gegend von Beverley. Die Stadt selbst liegt am Ende einer kleinen Nebenstrecke der Eisenbahn. Sie hat eigentlich keine ersichtliche Existenzberechtigung und auch keine nennenswerten Einnahmequellen. Aber trotzdem leben die Einwohner und sind bis jetzt noch nicht verhungert. Im Gegenteil, die Besitzer der kleinen, sauberen Läden, die an der einzigen breiten und schattigen Hauptstraße liegen, scheinen gute Geschäfte zu machen. Die Bewohner des vornehmen Vororts Beverley Green geben ihnen allerdings nichts zu verdienen, denn sie besorgen ihre Einkäufe in großen Warenhäusern und kommen höchstens herein, wenn sie etwas vergessen haben und eilig benötigen.

 

Andy brachte seinen großen Wagen vor dem Postgebäude zum Stehen und stieg aus. Fünf Minuten lang telefonierte er mit Scotland Yard über Alison John Wicker, der als ›Vieraugen-Scottie‹ bekannt war. Diesen Spitznamen hatte der Mann erhalten, weil er eine Brille trug.

 

Als der geschäftsführende Direktor des Agent Diamond Syndicate an einem Montagmorgen sein Büro betrat, entdeckte er, daß jemand in der Zwischenzeit dort gewesen war und ihm die Mühe abgenommen hatte, den großen, feuer- und diebessicheren Geldschrank zu öffnen. Es war allerdings nicht der Schlüssel, sondern Thermit und ein Sauerstoffgebläse dazu verwendet worden. Dieser Einbruch sah so unzweifelhaft nach Scotties Arbeit aus, daß er ebensogut eine Quittung über die sieben gestohlenen Päckchen Brillanten hätte zurücklassen können. Alle Bahnhöfe und Überseehäfen des Landes wurden durch besondere Polizeibeamte scharf überwacht, die Fremdenlisten der Hotels und Gasthäuser wurden durchforscht und alle Polizeistationen alarmiert.

 

Andy Macleod war gerade auf Urlaub gewesen. Er hatte sich mit seinen Angelgeräten und einem großen Stoß Bücher aufs Land zurückgezogen. Ganz unerwartet hatte man ihn nun aus den Ferien zurückgeholt, um die Nachforschungen nach Scottie zu leiten.

 

Dr. Macleod war zuerst als Pathologe in die Dienste von Scotland Yard getreten, aber im Laufe der Zeit war ein Detektiv und Verbrecherfänger aus ihm geworden, ohne daß er selbst wußte, wie das eigentlich gekommen war. Offiziell war er jedoch immer noch Arzt und erschien bei Prozessen als Zeuge, um die Todesursache der Ermordeten zu bekunden. Inoffiziell aber nannte ihn auch der jüngste Polizist nicht ›Doktor‹, sondern nur ›Andy‹.

 

»Vor drei Tagen ist er zu Fuß durch Panton Mills gekommen. Ich bin ganz sicher, daß es Scottie war«, sagte er. »Ich durchsuche nun den Landstrich von hier bis Three Lakes. Die hiesigen Polizeibeamten schwören, daß er nicht in der Nähe von Beverley sei, was heißt, daß er sich direkt vor ihrer Nase herumgetrieben hat. Es sind überhaupt Leuchten; sie fragten mich allen Ernstes, ob er denn schon wieder etwas verbrochen habe, und dabei haben sie bereits vor einer Woche den Bericht über den Einbruch mit allen Einzelheiten sowie eine genaue Personalbeschreibung Scotties erhalten.«

 

In diesem Augenblick betrat eine junge Dame das Postamt. Andy betrachtete sie voller Bewunderung durch das seitliche Fenster der Telefonzelle. Anziehend – hübsch – schön? fragte er sich. Die meisten Frauen sehen in einem eleganten Kostüm am vorteilhaftesten aus. Sie war groß und schlank.

 

»Ja, ich glaube«, antwortete er seinem Vorgesetzten mechanisch, denn seine Gedanken und seine Aussagen waren jetzt bei diesem Mädchen.

 

Sie hob ihre Hand, und er sah einen Ring am vierten Finger ihrer linken Hand aufblitzen. Es war ein Goldreif mit eingesetzten Smaragden – oder sollten es etwa Saphire sein –, nein, er sah deutlich den meergrünen Schimmer, es waren Smaragde.

 

Nachdem der geheime Teil seines Berichtes erledigt war, öffnete er die Telefonzelle ein wenig und lauschte mit einem Ohr auf den Klang ihrer Stimme.

 

Sie ist wirklich außerordentlich schön, entschied er und bewunderte ihr Profil.

 

Dann ereignete sich etwas Merkwürdiges. Auch sie mußte ihn beobachtet haben, während er nicht hingesehen hatte. Vielleicht fragte sie jetzt, wer er sei. Andy hatte dem mitteilsamen Postbeamten seine Karte gezeigt, um schneller mit London verbunden zu werden. Der Mann würde ihr sicher bereitwillig Auskunft geben. Andy hörte, wie das Wort ›Detektiv‹ fiel. Er konnte jetzt ihr Gesicht deutlich sehen.

 

»Detektiv!« Sie flüsterte nur, aber er hörte es doch und sah sie an. Sie war blaß geworden und mußte sich an der Kante des Schalterbrettes festhalten.

 

Er war so bestürzt, daß er den Hörer vom Ohr nahm. In diesem Augenblick wandte sie sich ihm zu und begegnete seinem Blick. Er las Furcht, Entsetzen und Schrecken in ihren Augen. Ein gequälter Ausdruck lag auf ihren Zügen, als ob er sie irgendwie überrascht und gefangen hätte. Sie schaute verlegen fort und machte sich mit dem Geld zu schaffen, das sie herausbekommen hatte. Ihre Hände zitterten aber so sehr, daß sie schließlich ihre hohle linke Hand unter das Schalterbrett hielt und die Münzen mit der rechten hineinstrich. Dann verließ sie eilig das Postamt.

 

Andy kam es gar nicht zum Bewußtsein, daß am anderen Ende der Leitung ein erstaunter Beamter saß, der dauernd auf den Haken drückte und weitersprechen wollte. Andy hängte einfach den Hörer an und trat an den Schalter.

 

»Wer war die Dame?« fragte er, während er die Gebühr für sein Gespräch bezahlte.

 

»Das war Miss Nelson aus Beverley Green. Ein herrlicher Platz, Sie müßten sich ihn einmal ansehen. Es wohnen viele reiche Leute dort, zum Beispiel Mr. Boyd Salter – haben Sie schon von dem gehört? Und dann Mr. Merrivan, auch sehr wohlhabend, aber ein wenig geizig – na –, und dann leben noch allerlei Herrschaften da. Es ist eine Art – wie soll ich sagen – Villenkolonie – eine Gartenstadt! Das ist der richtige Ausdruck. Da gibt’s einige der größten und schönsten Häuser der ganzen Grafschaft. Die Familie Nelson ist schon seit Jahren dort ansässig, lange bevor die Gartenstadt gegründet wurde. Ich kann mich noch deutlich an Nelsons Großvater erinnern, das war ein netter Mann.«

 

Der Postbeamte war im besten Zuge, Andy genaue Biographien der bekannten Leute von Beverley Green zu geben, aber der Detektiv wollte das junge Mädchen noch sehen und beendete seine Unterhaltung etwas schroff.

 

Er sah sie draußen eilig davongehen und vermutete, daß der Bahnhof ihr Ziel war.

 

Sein Interesse und seine Verwunderung waren geweckt. Wie sollte er sich ihre Aufregung und Bestürzung erklären? Was hatte sie denn von einem Detektiv zu fürchten? Warum hatte sie ihn mit solchem Entsetzen angesehen?

 

Es war Zeitverschwendung, sich darüber Gedanken zu machen. In diesen malerischen kleinen Städten, die dem großen Weltgetriebe so fern lagen, schien der Strom des Lebens so idyllisch und sanft dahinzugleiten, unberührt von den leidenschaftlichen Stürmen, die die großen Städte in Aufruhr versetzen.

 

Das kleine Wörtchen ›Detektiv‹ hatte doch nichts Schreckliches für Leute, die das Gesetz achten!

 

»Hm!« sagte Andy und rieb sich nachdenklich das glattrasierte Kinn. »Auf diese Weise werde ich Scottie wohl nicht fangen!«

 

Er verließ den Ort in seinem Auto, um erst die Hauptstraße ein Stück entlangzufahren und dann mit der systematischen Durchsuchung der vielen kleinen Nebenwege zu beginnen.

 

Er war etwas mehr als zwei Kilometer von Beverley entfernt, als er langsamer fuhr, um eine scharfe Kurve zu nehmen. In dem Augenblick sah er zu seiner Rechten eine breite Öffnung in der Hecke, die die Straße einfaßte. Ein bequemer Weg, der zu beiden Seiten mit Bäumen bestanden war, zweigte hier ab; er war von wohlgepflegten Rasenstreifen eingefaßt, schlängelte sich weithin und verschwand dann im hügeligen Gelände. Ein Wegweiser trug die Aufschrift ›Privatweg nach Beverley Green‹.

 

Andy hatte die Abzweigung schon hinter sich und fuhr nun ein Stück rückwärts. Nachdenklich betrachtete er die Aufschrift und bog dann in die Straße ein. Es war kaum anzunehmen, daß Scottie diesen Weg eingeschlagen hatte. Allerdings war er ein Mann, der jede günstige Gelegenheit wahrnahm. Und in Beverley Green wohnten viele reiche Leute. Auf diese Weise versuchte Andy, seinen Abstecher vor sich selbst zu entschuldigen, obwohl er sehr gut wußte, daß ihn nur seine persönliche Neugierde vom Weg abführte. Er wollte das Haus sehen, in dem sie lebte. In welchen Verhältnissen mochte sich ihr Vater befinden?

 

Der Weg beschrieb viele Windungen, und endlich brachte ihn eine ungewöhnlich scharfe Kurve zum Ziel. Beverley Green breitete sich in all seiner sommerlichen Schönheit plötzlich vor ihm aus. Andy fuhr jetzt so langsam, daß ein Fußgänger neben dem Wagen hätte hergehen können. Vor ihm lag ein ausgedehnter Platz, der von einer ununterbrochenen Reihe blühender Sträucher eingefaßt war. Etwa zehn Meter von der Straße entfernt begann ein Golfplatz, der sich wahrscheinlich das ganze Tal entlangzog. Mitten im Grünen, halb verdeckt durch die umgebenden Bäume, standen mehrere Villen. Hier schaute ein Giebel aus den Bäumen hervor, dort schimmerte ein Fensterkreuz durch das Laub. Anderswo sah er kunstvolles Fachwerk.

 

Andy schaute sich um, ob er nicht jemand um Auskunft fragen könne, denn die Straße teilte sich jetzt … An der Ecke lag ein sauber mit Schindeln verkleidetes Gebäude, das den Eindruck eines Klubhauses machte. Er stieg eben aus, um die Ankündigungen am Torpfosten zu lesen, als ein Herr um die Ecke bog.

 

Ein wohlhabender Kaufmann, der sich zur Ruhe gesetzt hat, dachte Andy. Trägt schwarze Alpakajacke, breite Schuhe, hohen steifen Kragen, doppelte goldene Uhrkette. Sehr von sich eingenommen und äußerst verwundert über mein Eindringen in diese elysischen Gefilde.

 

Der Herr sah Andy ernst an, aber es war keine Ablehnung in seinem Blick.

 

Sein Alter konnte zwischen fünfundvierzig und sechzig liegen. Sein großes, glattes Gesicht zeigte keine Falten, sein Gang war lebhaft und seine Haltung ausgezeichnet, so daß Andy zuerst nichts von seiner Anlage zur Korpulenz wahrnahm.

 

Ein freundlicher Gruß zeigte Andy, daß er hier gut aufgenommen werden würde.

 

»Guten Morgen, Sir«, begann der Herr. »Sie scheinen hier jemand zu suchen? In Beverley kann sich ein Fremder nur schwer zurechtfinden. Es gibt hier nämlich weder Straßennamen noch Hausnummern.« Er lachte behaglich.

 

»Ich wollte eigentlich niemand aufsuchen«, entgegnete Andy. »Ich bin aus reiner Neugierde hierhergefahren. Es ist ein herrliches Fleckchen Erde. Ich habe in Beverley schon viel davon gehört.«

 

Der andere nickte geschmeichelt. »Es kommen nur selten Fremde hierher zu Besuch – beinahe hätte ich gesagt, glücklicherweise. Der Grund und Boden hier gehört mir und meinen Freunden und Nachbarn. Es gibt kein Hotel, das Fremde in Versuchung führen könnte, sich hier aufzuhalten. Aber wir haben unser Gästehaus.« Er zeigte auf das von Grün umsponnene Gebäude, das Andy für einen Klub gehalten hatte. »Wir unterhalten es gemeinsam für Besucher. Manchmal können wir nicht alle unsere Freunde unterbringen, und dann wohnt auch wieder nur eine einzige Person dort, die dann gewissermaßen Gast unseres kleinen Gemeinwesens ist. Augenblicklich hält sich zum Beispiel ein bedeutender kanadischer Geologe bei uns auf.«

 

»Ein glücklicher Mann – und eine glückliche Gemeinde. Sind alle Häuser hier bewohnt?«

 

Andy stellte diese Frage, obwohl er sich die Antwort darauf selbst geben konnte.

 

»Aber natürlich! Das letzte Haus dort links gehört dem großen Architekten Pearson, der sich jetzt allerdings zur Ruhe gesetzt hat. Das nächste mit dem spitzen Giebel bewohnt Mr. Wilmot, ein Herr – nun, ich kann Ihnen leider nicht genau sagen, welchen Beruf er hat, obwohl er mein eigener Neffe ist. Ich weiß nur, daß er eine Stellung oder ein Geschäft in der Stadt hat. Das Haus nebenan mit den Kletterrosen ist das Eigentum von Mr. Nelson – Kenneth Leonard Nelson –, Sie haben sicher schon von ihm gehört.«

 

»Der bekannte Maler?« fragte Andy interessiert.

 

»Ja, ein großer Künstler. Er hat hier sein Atelier, aber Sie können es von hier aus nicht sehen, es liegt auf der Nordseite. Künstler bevorzugen sie zur Arbeit, soviel ich davon verstehe. Dann das Gebäude dort hinten an der Ecke – dort zweigt ein ziemlich breiter Weg zu den Tennisplätzen ab – ist mein Heim«, sagte er zufrieden.

 

»Was ist denn das für ein großes Gebäude an der Seite des Hügels?« fragte Andy – und überlegte schnell: Ihr Vater war also der Maler Nelson. Was hatte er doch über ihn erfahren? Der Name rief irgendeine unangenehme Erinnerung in ihm wach.

 

»Das Haus auf dem Hügel? Das gehört leider nicht zu unserer Gemeinde. Das ist der hochherrschaftliche Adelssitz, um den wir anderen bescheidenen Landbewohner unsere Hütten gebaut haben.« Der Vergleich schien ihm so zu gefallen, daß er noch einmal sagte: »Unsere kleinen Hütten.« Dann fuhr er fort: »Das Schloß dort wird von Mr. Boyd Salter bewohnt, dessen Familie in dieser Gegend seit Jahrhunderten ansässig ist. Die Salters stammen aus – aber ich will Sie nicht mit ihrer Geschichte belästigen. Mr. Boyd Salter ist ein sehr reicher Mann, aber leider Invalide.«

 

Andy nickte höflich.

 

»Sehen Sie, dort kommt unser Gast, Professor Bellingham. Nebenbei bemerkt, mein Name ist Merrivan.«

 

Das war also Mr. Merrivan. Der Postbeamte hatte ihn ›sehr wohlhabend, aber ein wenig geizig‹ genannt.

 

Andy betrachtete den näher kommenden kanadischen Geologen – einen hageren Mann mit bauschigen Breeches. Seine Haltung war etwas gebeugt, was wohl von seiner Arbeit am Studiertisch kommen mochte.

 

»Er war wieder draußen in den Bergen und hat Versteinerungen gesammelt. Er hat schon eine ganze Menge hier gefunden«, erklärte Mr. Merrivan.

 

»Ich glaube, ich kenne ihn sehr gut«, erwiderte Andy, der plötzlich großes Interesse für den Fremden zeigte.

 

Er ging dem Professor entgegen. Als er nur noch einige Schritte von ihm entfernt war, schaute der Gelehrte auf und stutzte.

 

»Peinliche Sache, Scottie«, sagte Andrew Macleod mit schlecht gespieltem Bedauern. »Wollen Sie hier eine Szene machen, oder soll ich Sie irgendwohin zum Mittagessen mitnehmen?«

 

»Wenn Sie gestatten, daß ich eben noch auf mein Zimmer gehe und mein Gepäck in Ordnung bringe, so werde ich Sie begleiten. Ich sehe, Sie haben ein Auto, aber ich möchte lieber zu Fuß gehen.«

 

Andy sagte nichts, bis sie zu Merrivan kamen.

 

»Professor Bellingham will mir einige interessante Funde zeigen«, erklärte er dann liebenswürdig. »Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihre Freundlichkeit.«

 

»Vielleicht kommen Sie wieder einmal hierher – ich würde Sie dann gerne in Beverley Green herumführen.«

 

»Das wäre mir ein großes Vergnügen.« Es war keine Höflichkeitsphrase, sondern Andys wirkliche Meinung.

 

Er stieg hinter Scottie die Treppe des Gästehauses hinauf und folgte ihm in das hübsche Zimmer, das ›Professor Bellingham‹ zwei Tage lang bewohnt hatte.

 

»Mißtrauen ist der Fluch unserer Zeit«, beklagte sich Scottie bitter. »Glaubten Sie etwa, daß ich nicht wieder zu Ihnen hinuntergekommen wäre, wenn Sie mich allein gelassen hätten?«

 

Scottie war mitunter kindisch, und Andy gab sich gar nicht die Mühe, auf diese Frage zu antworten.

 

Ein Ausdruck gekränkter Unschuld lag auf den Zügen des großen Mannes, als er in den Wagen stieg.

 

»Es gibt zu viele Autos jetzt«, beschwerte er sich. »Durch unvorsichtiges Fahren kommen täglich Hunderte um. Was wollen Sie eigentlich von mir, Macleod? Was Sie auch gegen mich vorbringen mögen, ich habe in jedem Fall ein Alibi.«

 

»Wo haben Sie das her? Haben Sie es auch bei den Versteinerungen gefunden?« fragte Andy.

 

Scottie hüllte sich in würdevolles Schweigen.

 

Kapitel 10

 

10

 

Stella war totenblaß, tiefe Schatten lagen unter ihren Augen. Aber ein noch untrüglicherer Beweis ihrer Schuld lag für Andy darin, daß ihr ganzes Aussehen darauf schließen ließ, daß sie die letzte Nacht überhaupt nicht zu Bett gegangen war, sie trug noch dieselbe Kleidung wie am Tag vorher.

 

Stella trat in die Halle zurück, wo Licht brannte. Die Vorhänge waren noch nicht aufgezogen.

 

»Ich habe Sie erwartet«, sagte sie fast teilnahmslos. »Wollen Sie mir bitte gestatten, daß ich es meinem Vater sage, bevor Sie mich fortbringen?«

 

Er war wie vom Blitz getroffen.

 

»Bevor ich … Sie … fortbringe?« wiederholte er.

 

»Ich wußte, daß Sie kommen würden … ich habe die ganze Nacht auf Sie gewartet, Mr. Macleod.« Sie sah, wie angegriffen er war, und senkte den Kopf. »Es tut mir leid«, flüsterte sie, »ich war von Sinnen … ich war wahnsinnig.«

 

Plötzlich riß er sich zusammen. Mit zwei Schritten stand er vor ihr und packte sie an den Schultern.

 

»Sie armes, dummes Kind – Sie armes, dummes Kind!« sagte er schweratmend. »O Gott, was haben Sie getan!«

 

Er zog den Schal aus der Tasche und warf ihn auf den Tisch, den Ring legte er dazu.

 

»Mein Schal – mein Ring« Ach, ich besinne mich.«

 

Es wurde ihm schwer zu sprechen, sein Herz schlug wild.

 

»Ach, Stella, auch ich bin von Sinnen. Aber ich kann es nicht … ich kann Sie nicht in dieser Hölle lassen. Ich liebe Sie … mir scheint es selbst ganz unglaublich … ich werde meinen Wagen in einer Viertelstunde bereithalten und Sie wegbringen, bevor nur der Schatten eines Verdachtes auf Sie gefallen ist. Ich weiß, daß es Wahnsinn ist, aber ich kann es nicht mit ansehen, daß Sie –«

 

Sie schaute ihn verwirrt an, und Tränen schimmerten in ihren Augen: »Ach, Doktor, Sie sind zu gut … aber das geht nicht. Mr. Merrivan weiß doch alles … er wird uns verraten!«

 

Er prallte einen Schritt zurück.

 

»Was sagen Sie da … er weiß alles! Er wird uns verraten? Er ist doch tot!«

 

Sie verstand nicht.

 

»Merrivan ist tot – er ist in der Nacht ermordet worden!«

 

»Ermordet?«

 

Eine Zentnerlast fiel ihm vom Herzen, er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

»Ach, ich muß wirklich verrückt gewesen sein, daß ich auch nur daran denken konnte, Sie hätten etwas damit zu tun.«

 

Er sprang plötzlich zu ihr und stützte sie, als sie taumelte.

 

Als sie das Bewußtsein wiedererlangte, war ihr erster Gedanke, daß er sie für eine Mörderin gehalten hatte und sie trotzdem retten wollte. Mr. Merrivan war tot! Das war schrecklich. Der Verdacht mußte ja auf sie fallen, aber er hielt sie nicht für schuldig, dieser Mann mit den grauen Augen, der sie so forschend angesehen und den sie so bitter gehaßt hatte!

 

»Ich kann meine Gedanken nicht sammeln«, sagte sie schwach, und. das Glas, das er ihr reichte, stieß an ihre zitternden Lippen.

 

Sie schaute ihm in die Augen, als sie trank, und er las in ihrem Blick die gläubige Zuversicht eines Kindes.

 

»Sie sind so gut zu mir«, flüsterte sie, »und Sie lieben mich trotz allem«, sagte sie unvermittelt. »Es ist entsetzlich, daß Mr. Merrivan tot ist. Ich war gestern bei ihm. Er schickte mir einen Brief, daß er mich sprechen wolle, und ich ging hin, weil ich etwas von ihm brauchte.«

 

»Was war es, Stella?« fragte er liebevoll.

 

»Das werde ich Ihnen nie sagen können, selbst wenn ich sterben sollte, Doktor – Andrew. Ich habe Sie so sehr gehaßt – und Sie sind so gut zu mir.«

 

Er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt und stützte ihren braunen Lockenkopf. Während sie sprach, spielte sie mit seinen Fingern.

 

»Und was geschah dann?«

 

»Ach, er benahm sich so fürchterlich, es war grauenvoll. Ich mußte es ertragen, daß er mich mit seinen dicken Händen anfaßte« – er fühlte, wie ein Schauder ihren Körper durchrann – »und mich küßte. Dann zeigte er mir die Dinge, die ich haben wollte, und sagte, ich solle meinen Ring abnehmen. Dafür steckte er mir einen großen glitzernden Brillantring an. Er gab mich einen Augenblick frei, und ich ergriff die Dinge – sie lagen noch auf dem Tisch. Er kam dicht hinter mir her, aber ich hielt ihm den Revolver entgegen.«

 

»Einen Revolver hatten Sie auch? Mein Gott, Stella, Sie haben aber auch alles getan, um sich in Gefahr zu bringen!«

 

»Vielleicht. Und dann bin ich geflohen –«

 

»Auf welchem Weg?«

 

»Durch die Haustür – ich kenne keinen anderen Ausgang.«

 

»Sie sind nicht durch den Obstgarten gegangen?«

 

»Nein, warum?«

 

»Erzählen Sie weiter – Sie gingen direkt nach Hause – wieviel Uhr war es?«

 

»Elf. Die Beverley-Kirchenuhr schlug gerade, als ich die Haustür öffnete.«

 

»Warum waren Sie zu ihm gegangen?«

 

»Er hatte mir einen Brief geschrieben – einen schrecklichen Brief –, er hatte mir alles mit nackten, dürren Worten gesagt und mich vor die Wahl gestellt. Ich habe die Dinge verbrannt, die ich mitnahm. Und dann wartete ich, daß Sie mich verhaften würden. Zuerst wünschte ich, daß nicht Sie kämen, aber später dachte ich, Sie würden nicht so rauh sein wie Inspektor Dane, und als ich sah, daß Sie kamen, hatte ich nur noch den einen Wunsch, daß alles möglichst bald vorüber sein möchte.«

 

»Hat Sie irgend jemand gesehen, als Sie in sein Haus gingen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Glauben Sie, daß – Wilmot Sie bemerkte?«

 

»Arthur Wilmot – nein. Warum fragen Sie?«

 

»Er machte so dunkle Andeutungen. Waren die Gegenstände, die Sie verbrannten, irgendwelche Schriftstücke?«

 

Sie nickte.

 

»Wo haben Sie die Dokumente verbrannt – hier oder bei Merrivan?«

 

»Hier.« Sie zeigte auf den Kamin. »Hier habe ich auch seinen Brief verbrannt.«

 

»War das der Brief, in dem er Sie aufforderte, zu ihm zu kommen?« fragte er vorwurfsvoll. »Damit hätten Sie doch alles beweisen können!«

 

Seine Worte machten keinen Eindruck auf sie.

 

»Das ist mir alles gleich – wenn nur Sie mir glauben.« Sie richtete sich mühsam auf. »Ich werde mich jetzt hinlegen – aber nein, das kann ich ja nicht, es ist niemand im Haus, der meinem Vater das Frühstück macht.«

 

»Sie legen sich jetzt trotzdem hin«, erwiderte Andy bestimmt. »Das Frühstück Ihres Vaters werde ich schon zurechtmachen. Ich habe gestern mit meinem Diener telefoniert, daß er kommen soll. Er kann perfekt kochen und auch die Zimmer in Ordnung halten.«

 

»Meinen Sie wirklich?« fragte sie zweifelnd, aber sie ließ sich doch gerne von ihm überzeugen, denn sie war todmüde.

 

»Ich war so froh, daß Sie kamen«, sagte sie, als er ihre Hand nahm und an seine Wange legte. »Vaters Schlafzimmer liegt im ersten Stock – nach vorn hinaus.« Dann ging sie.

 

Als sie verschwunden war, zog er die Vorhänge auf und öffnete die Fenster. Er hatte nicht mit seinem Diener telefoniert. Er hatte zwar einen Diener, aber wenn er daran dachte, wie er kochte, überlief ihn ein kalter Schauer. Er durchsuchte Küche und Speisekammer, machte zunächst für sich selbst etwas Tee und begann dann das Frühstück für Kenneth Nelson vorzubereiten. Er wunderte sich über sich selbst, aber noch mehr war Kenneth Nelson erstaunt.

 

»Welchen Tag haben wir denn heute?« fragte er, als er sich von der Überraschung erholt hatte.

 

»Es ist Montag«, sagte Andy und setzte das Tablett nieder. »Ich habe Ihre Tochter ins Bett geschickt.«

 

»Sie ist doch nicht etwa krank?« Kenneth war sehr erschrocken.

 

»Nein, nur müde – sie hat eine aufregende Nacht hinter sich. Merrivan ist tot. Ich glaube, es ist ganz gut, wenn Sie heute aufstehen. Ein wenig Unterhaltung mit Ihren Bekannten wird Ihnen nicht schaden. Aber trinken dürfen Sie nichts.«

 

Nelson war durch die Neuigkeit ganz verstört.

 

»Was – Merrivan ist tot – wann ist er denn gestorben? Er sah doch noch so gesund aus, als ich ihn zuletzt sah.«

 

Andy erzählte ihm die Einzelheiten erst, als er nach unten kam. Er brachte auch das Tablett mit den Eiern und dem Tee wieder hinunter, und sie frühstückten zusammen.

 

»Das ist aber eine böse Geschichte – der arme Merrivan – er war ja nicht gerade mein besonderer Freund, aber –«

 

Andy sah, wie sein Gesicht zuckte, als ob irgendeine häßliche und lange unterdrückte Erinnerung plötzlich in ihm lebendig würde. Er kannte die Schwäche dieses Mannes, und wenn er Zeit gehabt hätte, wäre er der Sache auf den Grund gegangen. Andy beobachtete ihn während des Frühstücks, wie er sich dauernd bemühte, mit sich ins reine zu kommen.

 

»War Stella die ganze Nacht auf?«

 

»Sie hat vielleicht den Schuß gehört – vielleicht haben es ihr auch die Leute erzählt. Eins der Dienstmädchen hatte einen Nervenzusammenbruch und schrie eine ganze Stunde lang. Ich wundere mich, daß in Beverley Green überhaupt jemand schlafen konnte.«

 

Als er fortging, machte sich Mr. Nelson zum Ausgehen fertig. Andy ging zum Gästehaus. Es war acht Uhr, und er hatte bereits sechs anstrengende Stunden hinter sich.

 

Inspektor Dane kam gerade aus der Tür. »Telefonische Nachricht von Scotland Yard«, berichtete er. »Alle Polizeistationen sind alarmiert worden, heute morgen noch wird ein Haftbefehl gegen Albert Selim erlassen werden. Scotland Yard möchte wissen, ob Sie eine Ahnung haben, wo er wohnt. Sein Büro hat man bereits gefunden.«

 

Andy konnte darüber auch keine Angaben machen.

 

»Ist sonst nichts Neues entdeckt worden?« fragte er.

 

»Nein, aber auf dem polierten Teil des Schreibtisches sind Fingerabdrücke zu sehen. Ich habe schon alles vorbereitet, daß sie fotografiert werden. Der Leichenbeschauer möchte Sie um elf Uhr sprechen.«

 

Andy war vollständig erschöpft und schlief wenigstens eine Stunde lang. Stella Nelson wachte erst am Nachmittag auf. Ihr erstes Gefühl war, daß sich irgend etwas sehr Schönes ereignet habe. Diese Stimmung hielt auch noch an, während sie ihr Bad nahm und obwohl sie wußte, daß in nächster Nähe ein Mann ermordet worden und sie die letzte Person war, die ihn vor seinem Tod gesehen hatte. Sie sagte sich das alles selbst, aber sie war trotzdem sehr ruhig.

 

»Ich bin kaltblütig und schlecht, ja unmenschlich«, sagte sie sich. »Keine Frau würde so fühlen können.«

 

Andrews Diener war offenbar ein oberflächlicher Mensch, der es mit dem Abstauben der Zimmer nicht sehr genau nahm. Sie nahm den Wedel und das Staubtuch fort, die noch auf dem Klavier lagen.

 

In diesem Augenblick kam Kenneth Nelson nach Hause. Er sprudelte vor Neuigkeiten über, denn er hatte im Klub gegessen, wo er viele Bekannte getroffen hatte.

 

»Weißt du vielleicht, wo Andrew Macleods Diener ist? Ich möchte mich bei ihm bedanken. Hat er dir das Frühstück gebracht? Du mußt heute morgen sehr überrascht gewesen sein.«

 

»Allerdings. Doktor Macleod hat mir das Frühstück selbst gebracht. Von seinem Diener habe ich nichts gesehen, es ist mir auch ganz neu, daß er hier einen Diener hat. Stella, ich sage dir, es ist schrecklich mit Merrivan und dem anderen.«

 

»Welchem anderen?«

 

Sie fragte beinahe mechanisch, denn sie dachte an etwas anderes. Andrew also hatte so nachlässig abgestaubt. Sie fühlte sich fast versucht, den Wedel und das Staubtuch wieder aufs Klavier zu legen.

 

»Wie hieß er doch gleich – Sweeny –«

 

»Sweeny?« fragte sie schnell.

 

Er erzählte ihr die Geschichte und war glücklich, jemand gefunden zu haben, der noch nichts davon wußte und mit dem er darüber sprechen konnte.

 

»Hat Macleod dir denn nichts darüber mitgeteilt? Er sagte, daß du den Schuß gehört hättest und die ganze Nacht wach gewesen wärst. Merrivan und der andere müssen so eine Art Duell ausgefochten haben.«

 

Sie wunderte sich, daß Andrew die Eier gefunden hatte. Sie hätte ihm doch auch wenigstens sagen müssen, wo sie das Brot aufbewahrte und daß die Butter im Kühlschrank lag. Sie nahm sich vor, nicht weiter abzustauben. Das wäre wie eine Entweihung gewesen. Und dann die Teelöffel – wie hatte er nur die Teelöffel gefunden? Aber dann fiel ihr ein, daß er ja Detektiv war.

 

»Warum in aller Welt lachst du denn?« fragte Mr. Nelson aufgebracht. »Ich glaube nicht, daß das zum Lachen ist.«

 

»Entschuldige bitte, meine Nerven sind sicher überreizt. Was hast du denn da?«

 

Sie nahm einen Brief aus seiner Hand.

 

»Der Kunsthändler hat mir einen Scheck geschickt. Der Betrag ist viel größer, als ich erwartet habe. Ich hätte es beinahe vergessen, Liebling. Aber als ich dich lachen sah, mußte ich wieder daran denken.«

 

Früher hatte er ihr nie einen Scheck gegeben, den er durch die Post erhielt. Er brachte ihn immer selbst zur Bank, und am nächsten Morgen mußte sie sich dann gewöhnlich nach neuen Dienstboten umsehen.

 

»Das ist lieb von dir, Vater.« Sie umarmte ihn.

 

Mr. Nelson war zum erstenmal seit langer Zeit wieder zufrieden.

 

»Macleod wurde mit der Aufklärung des Falles betraut. Ich sah ihn eben, er sieht überarbeitet aus. Es ist ja auch selbst für einen solchen Mann keine Kleinigkeit, das hat er mir selbst gesagt. Er erzählte, daß er heute morgen beinahe zusammengebrochen wäre – der arme Mensch! Aber eben war er vergnügt und munter, fast so vergnügt wie … du. Ich nehme an, daß sich diese Polizeibeamten allmählich an alles gewöhnen. Aber er ist wirklich ein fähiger Kopf, das muß ich sagen. Ich bin froh, daß er hier ist.«

 

»Ich auch«, sagte sie und schaute gerührt auf die Staubstreifen, die auf einem Tisch zu sehen waren.

 

Mr. Nelson hatte noch eine gute Nachricht für Stella. Er hatte die frühere Köchin getroffen. Zum größten Erstaunen der Frau war er stehengeblieben und hatte sich mit ihr unterhalten.

 

»Ich sagte ihr, daß ich jetzt nicht mehr trinke. Das war nicht leicht für mich. Ihre Schwester erwartet ihr viertes Kind«, fügte er unvermittelt hinzu. »Sie kommt heute nachmittag und bringt ihre Schwester mit – nein, nicht die, sondern eine andere, ein gutes Dienstmädchen, die mit einem Soldaten in Indien verlobt ist. Wir werden sie wahrscheinlich sehr lange behalten können.«

 

Stella war Andrew schon wieder dankbar.

 

Sie versuchte den ganzen Nachmittag, sich alle ihre Begegnungen mit ihm ins Gedächtnis zurückzurufen und sich darüber klarzuwerden, was sie gefühlt hatte, als sie ihn zum erstenmal sah. Es fiel ihr jetzt doch ein wenig schwer, denn man kann sich in den Zustand der Angst nicht mehr ganz zurückversetzen, wenn sie einmal überwunden ist. Sie hatte ihn erst viermal gesehen und wenig mit ihm gesprochen, und er wollte seine ganze Existenz, seine Stellung, seine Ehre für ihre Sicherheit opfern. Und wie heftig er sie gescholten hatte! Ein Kind hatte er sie genannt, ein dummes, törichtes Kind –

 

Kapitel 11

 

11

 

›Wer war die Frau in Mr. Merrivans Arbeitszimmer? Der Hausmeister des Verstorbenen hörte deutlich eine weibliche Stimme. Mr. Merrivan hatte an diesem Abend keinen Besuch. Der Hausmeister gibt an, daß er niemanden hereingelassen habe. Eine halbe Stunde nachdem Mr. Merrivan ihm sagte, er könne zu Bett gehen, kam er die Treppe noch einmal herunter und hörte Stimmen im Arbeitszimmer. Wer war dieser geheimnisvolle Besuch? Aller Wahrscheinlichkeit nach kann diese Frau Aufschluß geben über das doppelte Verbrechen, für das man infolge seiner seltsamen Begleitumstände keine Parallele finden kann.‹

 

Andy las den Artikel gelassen durch. Andere Blätter brachten ähnliche Berichte. Die Reporter hatten sich an den Hausmeister gewandt, das war unvermeidlich, da er den Mann schließlich nicht hinter Schloß und Riegel halten konnte. Offensichtlich war seine Warnung erfolglos gewesen.

 

Der erste Berichterstatter, den er am nächsten Morgen traf, brachte wieder die Angelegenheit mit der Frau zur Sprache. Er hielt sie für äußerst wichtig.

 

»Wahrscheinlich könnte sie uns verschiedenes mitteilen, aber den Mord selbst kann sie sicher nicht aufklären. Man hat gesehen, daß sie um elf Uhr das Haus verließ – der Mord wurde aber erst später begangen.«

 

»Wer sah sie denn das Haus verlassen?«

 

»Das ist ein kleines Geheimnis«, sagte Andy lächelnd, »das ich im Augenblick noch nicht preisgeben kann. Aber im Ernst, ich würde der Frau nicht zu viel Bedeutung beimessen. Vielleicht war es eine Dame aus der Nachbarschaft, die natürlich vor dem Gedanken, in der Presse erwähnt zu werden, zurückschreckt.«

 

Dem zweiten Berichterstatter gegenüber war Andy schon bedeutend ausführlicher.

 

»Merkwürdigerweise war ich es selbst, der sie das Haus verlassen sah. Ich saß an meinem offenen Fenster. Es war eine schöne, warme Nacht und beinahe so hell, als ob der Mond schiene. Ich beobachtete, wie sie über den Rasen ging. Sie kam unter meinem Fenster vorbei und ging, soviel ich sehen konnte, die Hauptstraße entlang.«

 

Andrew Macleod war sich selbst ein Rätsel. Er verfolgte ein schwieriges Ziel, Er wollte Stella ganz aus diesem Fall heraushalten und den Mörder vor Gericht bringen. Die Leichtigkeit, mit der er log, setzte ihn in Erstaunen, denn er war sonst sehr wahrheitsliebend. Nie hätte er eine Vermutung als Tatsache hingestellt, um die Verurteilung eines Gefangenen zu erzwingen, der seiner Meinung nach schuldig war. Und jetzt log er schamlos.

 

Jedesmal, wenn ihm ein neuer Berichterstatter gemeldet wurde, erwartete er einen Mann mit einem hartgeschnittenen Gesicht, der schwieriger zu behandeln sein würde als alle anderen. Glücklicherweise war dieser Mr. Downer noch nicht erschienen.

 

»Wäre das nicht ein Fall für Downer?« fragte Andy einen der Journalisten.

 

»Er ist gerade in Urlaub. Und ich bin recht froh darüber, denn ich arbeite nicht gern mit ihm zusammen.«

 

Andy lächelte. Auch er war erleichtert, daß Downer sich noch nicht eingefunden hatte. Er hatte eben auf das Telegramm von Scotland Yard, ob man ihm Hilfe senden sollte, geantwortet. Sicher war ein großer Teil der Lösung des Mordfalles in London zu: finden. Die Nachforschungen dort überließ er gerne den Beamten von Scotland Yard, und so drahtete er zurück, daß er mit der Hilfe, die er an Ort und Stelle vorgefunden habe, auskommen werde. Aber dann erschien ein inoffizieller und unerwarteter Helfer in Beverley Green, als Andy gerade den letzten Zeitungsreporter abgefertigt hatte. Es war elf Uhr vormittags.

 

Ein großer, hagerer Mann in Sportanzug und Golfschuhen betrat das Gästehaus. Der Hausmeister machte ein langes Gesicht, als er ihn sah.

 

»Guten Morgen, Johnston. Ist Macleod oben?«

 

»Der Herr Doktor ist in seinem Wohnzimmer«, erwiderte der Hausmeister langsam. »Ich bin sehr überrascht, Sie wiederzusehen, Herr Professor.«

 

›Vieraugen-Scottie‹ nahm seine goldgeränderte Brille ab und putzte sie mit einem Taschentuch.

 

»Die ganze Sache war ein Irrtum, die Polizei hat sich entsetzlich blamiert. Aber ich nehme ihnen das nicht übel. Derartige Fehler können der höchstentwickelten Polizei unterlaufen. Nein, man kann den Beamten keinen Vorwurf machen, selbst wenn man persönlich noch so unangenehme Erfahrungen machen muß. Es ist besser, daß ein Dutzend unschuldiger Bürger auf kurze Zeit verhaftet wird, als daß ein Verbrecher entkommt.«

 

»Jawohl, Sir«, erwiderte Johnston verwirrt und nahm sofort wieder seine frühere ehrerbietige Haltung an. »Sie möchten Doktor Macleod sprechen?« Er zögerte einen Augenblick. »Welchen Namen darf ich nennen?«

 

»Natürlich Bellingham – Professor Bellingham –«

 

»Welcher Professor will mich sprechen?« rief Andy von oben.

 

»Bellingham – der Herr, der früher hier wohnte.«

 

»Teufel noch mal«, sagte Andy verblüfft. »Führen Sie ihn herauf.«

 

Scottie trat seelenruhig ein, entließ Johnston durch ein Kopfnicken und schloß die Tür.

 

»Welchem Wunder verdanke ich denn die Ehre Ihres Besuchs, Scottie?«

 

»Der gründlichen Arbeit unserer wunderbaren Justiz.« Scottie nahm unaufgefordert Platz. »Ich nehme das aber nicht übel, Macleod.«

 

Andy mußte lachen.

 

»Sie sind mit Ihrem Alibi also tatsächlich durchgekommen?«

 

Scottie nickte.

 

»Der Richter sagte, daß er mich nicht verurteilen könne und daß anscheinend eine Verwechslung vorliege. Solche Dinge sind schon manchmal vorgekommen und werden immer wieder passieren. Unter uns – ich spielte an dem bewußten Abend mit Felix Lawson, dem bekannten Lebensmittelhändler –«

 

»Sie meinen den Hehler?« fragte Andy. »Ich weiß genau, daß er schon einmal verurteilt wurde.«

 

»Wärmen Sie doch alte Skandalgeschichten nicht wieder auf. Die Hauptsache ist, daß ich wieder hier bin.«

 

Andy drehte sich plötzlich zu seinem Besucher herum und sah ihn groß an.

 

»Welchen Namen haben Sie denn dem Hausmeister angegeben?«

 

»Bellingham – Professor Bellingham. Es ist natürlich ein Deckname. Und was ist schon ein Professor? Jemand, der sein Fach beherrscht. Und ich beherrsche doch die Geologie wirklich vollkommen, vor allem die Versteinerungen. Devonische Formationen sind mein Fachgebiet.«

 

»Wir wollen uns nicht über die Frage Ihrer Vorbildung streiten«, meinte Andy gutgelaunt. »Warum sind Sie eigentlich wiedergekommen? Sie sind mit knapper Not der Verurteilung entgangen, was meiner Meinung nach nur durch die größten Meineide möglich war –«

 

Scottie zog seinen Stuhl näher heran und beugte sich zu Andy.

 

»Ich erzählte Ihnen doch schon einmal etwas über diesen Ort«, sagte er düster. »Ich wußte, daß sich hier ein schweres Unglück ereignen würde – und das ist doch nun auch wirklich eingetroffen.«

 

Andy nickte. Er hatte häufig an Scotties Prophezeiung gedacht.

 

»Und nun möchte ich Ihnen noch mehr mitteilen«, fuhr Scottie fort. »Streng vertraulich, natürlich.«

 

»Wissen Sie denn etwas, was den Mord aufklären könnte?«

 

»Nein, ich weiß nichts, aber ich vermute manches. Ich kam her, weil der Ort nicht an der großen Hauptverkehrsstraße liegt und weil mir der Aufenthalt hier vielversprechend erschien. Es wohnen hier viele reiche Leute, denen man eine Menge Gold und Silber abnehmen könnte. Die Frau des Architekten Sheppard trägt Perlen, die fast so groß wie kleine Taubeneier sind. Ihr Mann ist natürlich ein Gauner. Aber das nur nebenbei. Ich sage Ihnen, hier ist Beute zu finden – aber nur für einen Eingeweihten. Natürlich habe ich den ganzen Ort vom Klubhaus bis zu Sheppards Garage genau untersucht. Nur ein Einbruch in Mr. Nelsons Haus wäre zwecklos. Aber wahrscheinlich wissen Sie das ebensogut wie ich. Ich will damit allerdings nicht behaupten, daß es keinen Schatz enthielte –«

 

»Kommen Sie doch zur Sache«, sagte Andy kurz, aber es tat ihm gleich leid, denn Scottie warf ihm einen prüfenden Blick zu. Er erwähnte jedoch Nelsons Haus und den Schatz, den es vielleicht barg, nicht mehr.

 

»Ich habe mich auch eingehend auf Mr. Merrivans Grundstück umgesehen. Er ist der einzige, der sich genügend gegen Einbrecher und Diebe gesichert hat. An jedem seiner Fenster befindet sich eine elektrische Alarmklingel. Nur an dem einen Fenster an der Rückseite des Arbeitszimmers fehlt sie. Es hat einen Patentriegel an einer Ecke, man kann es unmöglich von außen öffnen. Außerdem besitzt er einen Revolver, den er in einem kleinen Schrank hinter seinem Schreibtisch aufbewahrt. Die Tür dazu sieht genauso aus wie die übrigen Paneelbretter der Wand.«

 

»Die habe ich nicht entdeckt«, sagte Andy interessiert. »Wie öffnet man sie denn?«

 

Scottie schüttelte den Kopf.

 

»Ich bin nie selbst in dem Zimmer gewesen, ich habe es nur von außen gesehen. Ich will Ihnen noch etwas anderes erzählen, Macleod. Das hintere Fenster hat deshalb keine elektrische Alarmklingel, weil der alte Merrivan gewöhnlich durch dieses Fenster nachts seine Wohnung verließ. Unter dem Fenster steht außen eine breite Steinbank. Haben Sie die gesehen?«

 

»Wohin ging er nachts?«

 

»Das weiß ich nicht, ich habe ihn nur einmal beobachtet. Aber er stieg so schnell und gewandt aus dem Fenster, daß er diesen Weg zweifellos schon häufig benützt hat. Er ging dann durch den Obstgarten, der Himmel mag wissen, wohin. Ich bin ihm niemals gefolgt – das wäre zu indiskret gewesen. Er war ebenso zu seinen Abenteuern berechtigt wie jeder andere auch.«

 

»Wann haben Sie ihn aus dem Fenster steigen sehen?«

 

»In der Nacht, bevor Sie mich festnahmen. Es war ungefähr halb zwölf. Ich sah ihn nicht zurückkommen, aber ich beobachtete einen Mann, der ihm nachging. Ich habe ihn natürlich nicht so genau gesehen, daß ich sagen könnte, wer es war, oder daß ich ihn unter zwanzig anderen herausfinden könnte. Auf jeden Fall bin ich ihm nicht nachgegangen, weil mich sein Haus mehr interessierte. Ich vermutete schon, daß er in irgendwelche Schwierigkeiten geraten würde. Nun, haben Sie meine Mitteilungen interessiert?«

 

»Natürlich. Haben Sie nicht noch eine Vorstellung von der Größe des Mannes, der Mr. Merrivan folgte?«

 

»Er war klein«, erwiderte Scottie, der selbst über ein Meter achtzig maß.

 

»Etwa eins fünfundfünfzig?«

 

»Das könnte stimmen. Aber vielleicht war er noch kleiner. Ich möchte fast sagen, daß er Ihnen kaum bis zur Schulter reichen würde. Aber das ist sehr schwer zu beurteilen, besonders nachts. Ich bemerkte den Mann schon, bevor Merrivan herauskam. Die Stämme im Garten sind mit weißem Kalk bestrichen, und ich sah, wie er an einem Baum vorbeiging. Das beunruhigte mich ein wenig. Ich war natürlich nur auf meine eigene Sicherheit bedacht und schlich ihm deshalb nicht nach. Dann erschien Merrivan und nahm den Weg, den ich Ihnen schon beschrieben habe. Er war verschwunden, bevor der andere Mann, der ihn im Obstgarten beobachtete, sich rührte. Dann sah ich ihn wieder im Mondschein auftauchen. Ich hatte den Eindruck, daß er ihm nicht zum erstenmal nachspürte – vielleicht hatte er auch einen, guten Grund dafür.«

 

»Ihre Aussagen lassen den Fall in einem ganz anderen Licht erscheinen«, meinte Andy nachdenklich. »Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, Scottie, so war ich selbst bemüht, einen solchen Gesichtspunkt zu finden. Das gibt uns wenigstens einen Anhalt. Haben Sie denn nie etwas von einer Skandalgeschichte im Ort gehört?«

 

»Ich kümmere mich nicht um solche Dinge. Ich habe mich nur am nächsten Morgen im Golfklub unter den Damen umgesehen, aber ich konnte keine entdecken, die einen Mann von Geschmack und Urteilskraft irgendwie hätte begeistern können.«

 

Andy überlegte eine Weile.

 

»Ich weiß nicht recht, was ich mit Ihnen machen soll, Scottie. Sie könnten mir von großem Nutzen sein, aber natürlich können Sie hier nicht Ihre alte gesellschaftliche Rolle weiterspielen. Immerhin bin ich froh, Sie wiederzusehen, obwohl es gegen das Gerechtigkeitsgefühl geht, daß Sie frei herumlaufen. Aber was soll ich nun mit Ihnen anfangen? Vielleicht nehmen die Nelsons Sie in ihrem Hause auf – ich weiß allerdings nicht, wie Mr. Nelson darüber denkt.«

 

Er fügte noch hinzu, daß die Tochter sicher nichts dagegen einzuwenden habe, woraus Scottie sogleich folgerte, daß Andy zum mindesten Stellas Bekanntschaft gemacht haben mußte.

 

»Warten Sie hier einen Augenblick, während ich hinübergehe und lesen Sie meine Korrespondenz nicht, wenn Sie es vermeiden können.«

 

Scottie war empört und protestierte. Aber Andy lachte nur.

 

Stella, die glücklich war, wieder zwei tüchtige Dienstboten zu haben, arbeitete draußen im Garten, als Andy durch das Tor trat. Sie zog die Handschuhe aus und begrüßte ihn.

 

»Stella, ich möchte Sie um einen Gefallen bitten. Eben ist ein alter Freund von mir angekommen, den ich nicht gut im Gästehaus unterbringen kann. Aber seine Hilfe und sein Beistand wären mir sehr erwünscht.«

 

»Warum kann er denn nicht im Gästehaus wohnen?« fragte sie erstaunt.

 

»Nein, das geht wirklich nicht. Es ist nämlich Scottie – Sie erinnern sich doch noch an ihn?«

 

»Der Professor? Ich dachte, der säße im Gefängnis.«

 

»Es lag ein Justizirrtum vor«, erklärte Andy ruhig. »Er wurde freigesprochen. Könnten Sie ihn nicht in Ihrem Haus aufnehmen? Ich weiß, daß ich eine ungewöhnliche Bitte ausspreche, denn Scottie ist zweifellos ein Verbrecher. Aber ich verspreche Ihnen, daß er Sie nicht enttäuschen oder Ihnen gar das Silber stehlen wird. Vor allem aber müßten wir Ihrem Vater eine glaubhafte Erklärung geben.«

 

Sie überlegte.

 

»Wenn mein Vater wirklich davon überzeugt werden könnte, daß es ein Justizirrtum war – ich meine, daß er nur irrtümlich verhaftet wurde – und daß es dem Professor infolgedessen peinlich ist –«

 

»Ja, so könnten wir es ihm beibringen«, erwiderte Andy und ging ins Haus, um Mr. Kenneth Nelson zu fragen.

 

Er fand ihn im Atelier an der Arbeit. Er malte gerade mit besonderer Sorgfalt Pygmalions linkes Auge. Mit großem Interesse hörte er die Geschichte von Sconies Rückkehr.

 

»Ich verstehe vollkommen«, sagte er dann. »Dieser arme Mann möchte natürlich jetzt nicht mehr all den Leuten begegnen, und wenn er, wie Sie sagen, seine Studien über die geologischen Formationen von Beverley zu Ende bringen will, werde ich ihn mit Freuden bei mir aufnehmen.«

 

Kapitel 12

 

12

 

Scotties Einquartierung in Nelsons Haus diente einem doppelten Zweck. Einmal hatte Andy auf diese Weise einen klugen Gehilfen in der Nähe, der allerdings wenige oder gar keine Prinzipien hatte. Außerdem war er beruhigt, daß Stella nun noch einen anderen Beschützer hatte außer ihrem Vater. Es war eine unbestreitbare Tatsache, daß sich der Mörder noch irgendwo frei herumtrieb und daß er wahrscheinlich die Unterredung zwischen Stella und Merrivan beobachtet hatte. Es bestand also die Gefahr, daß er ihr die Schuld zuschieben würde, um sich selbst zu retten. Wie wäre ihr Schal sonst in den Obstgarten gekommen? Er konnte nicht einmal vermuten, zu welchem Zweck er entwendet worden war, aber es war ihm klar, daß der Mörder von ihrem Besuch bei Merrivan wußte.

 

Andy fuhr am Morgen in die Stadt und nahm das halbverbrannte Tagebuch mit sich. Er hatte ihm keine weiteren Aufschlüsse entnehmen können, denn die Hälfte der Seiten war schon herausgerissen und verbrannt worden, ehe das Buch ins Feuer geworfen wurde.

 

Sein erster Weg führte ihn zum Ashlar Haus. Die Büroräume Albert Selims wurden von der Polizei bewacht. Der wichtigste Fund, den die Beamten gemacht hatten, war ein an Sweeny adressierter Brief. Offenbar war es eine Antwort auf eine Anfrage, die dieser an seinen Chef gerichtet hatte. Es handelte sich darum, wie die Büroräume gereinigt werden sollten und welche Kosten man dafür bewilligen könne. Die Bedeutung des Schreibens lag darin, daß Andy die Schriftzüge mit der Handschrift des Briefes vergleichen konnte, den er auf Merrivans Schreibtisch gefunden hatte.

 

Sweeny war am Tage vor seiner Ermordung entlassen worden.

 

Das war die zweite wichtige Tatsache, die durch die Aussage eines Liftboys herausgekommen war. Er kannte Sweeny gut und hatte auch den Grund für seine Entlassung erfahren. Selim hatte Sweeny den Vorwurf gemacht, daß er heimlich Briefe geöffnet und gelesen habe. Allem Anschein nach war diese Beschwerde auch berechtigt, obgleich Sweeny es dem Liftboy gegenüber in Abrede gestellt hatte.

 

Sonst war nur wenig in Erfahrung zu bringen. Auch Sweenys Vorgänger hatte seinen Chef nie zu sehen bekommen, und er schien dieselben Pflichten gehabt zu haben wie Sweeny. Die Briefe wurden im Geldschrank zurückgelassen und gewöhnlich am Sonnabend und Mittwoch abgeholt. An diesen beiden Tagen durfte der Sekretär nicht in die Nähe der Geschäftsräume kommen. Niemand hatte diesen geheimnisvollen Mr. Selim jemals sein Büro betreten oder verlassen sehen. Auch der Portier des Hauses kannte ihn nicht. Da Andy vermutete, daß vielleicht die Angestellten des benachbarten Mieters Mr. Selim gesehen haben könnten, machte er einen Besuch bei der Schiffahrtsfirma Messrs. Wentworth & Wentworth.

 

Das Personal dieser Firma bestand aus einer Stenotypistin. Nach ihrer Aussage hatte die Firma früher bessere Tage gesehen und wurde weitergeführt, ohne irgendwelchen Gewinn abzuwerfen.

 

»Mr. Wentworth ist nicht zugegen«, sagte das Mädchen. »Er ist kränklich und kommt nur zweimal in der Woche hierher. Ich kann Ihnen aber versichern, daß er nicht viel über Mr. Selim mitteilen könnte. Er hat ein- oder zweimal gesagt, wie sonderbar es sei, daß noch niemand Mr. Selim gesehen habe. Ich habe zwar den Sekretär manchmal zu Gesicht bekommen, aber auch der war nur von elf bis eins hier. Es war doch wirklich eine angenehme Stellung für ihn, und ich wundere mich, daß er so leichtsinnig war, sie aufs Spiel zu setzen.«

 

Sie hatte anscheinend die Geschichte von den heimlich geöffneten Briefen auch gehört.

 

Andy machte schließlich dem zuständigen Finanzamt einen Besuch und erfuhr dort, daß Mr. Selims Abrechnungen stets in bester Ordnung waren und daß er seine Steuern pünktlich zahlte. Den Mann selbst habe man nie gesehen, und es gab ja auch keine Veranlassung, ihn aufzusuchen.

 

Andy überließ einem Detektiv die Büroräume Albert Selims zur Beobachtung und Bewachung und fuhr nach Beverley Green zurück.

 

Würde Scottie etwas wissen – Scottie, der doch die Unterwelt Londons kannte? Andy nahm sich vor, ihn zu fragen. Er hatte ihn schon häufig zu Rate gezogen, seitdem er bei Nelson wohnte und dadurch immer einen Vorwand gehabt, das Haus betreten zu können.

 

Er fand den ehrenwerten Scottie damit beschäftigt, Stella in die Geheimnisse des Kartenspiels einzuweihen. Mr. Nelson war im Klub.

 

»Selim? Albert Selim?« fragte Scottie. »Ja, ich habe von ihm gehört, er ist Geldverleiher und, soviel ich weiß, ein ganz gefährlicher Gauner.«

 

Andy bemerkte, daß sich Stellas Gesichtszüge verfinsterten.

 

»Ich habe noch niemand getroffen, der ihn persönlich kannte, aber ich bin vielen Leuten begegnet, die Geld von ihm geliehen hatten.«

 

»War er ein Wucherer, der die Leute, die nicht zahlen konnten, bedrohte?«

 

»Bedrohte?« rief Scottie verächtlich. »Es gibt nichts, was Selim nicht getan hätte! Ein Freund von mir – ich wollte sagen, ein Mann, von dem ich gehört habe – Harry Hopson, hat ihn mit einer Summe von zweihundert Pfund hereingelegt. Harry wurde kurz darauf zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt – ich will nicht behaupten, daß Harry die Strafe nicht verdient hätte, aber Selim brachte eine schlau eingefädelte Anklage gegen ihn vor wegen einer alten Geschichte, die Harry längst vergessen hatte. Auf alle Fälle hat er seine zehn Jahre abbekommen.«

 

Wenn Merrivan wirklich in so großer finanzieller Verlegenheit war, daß er sich von Selim Geld lieh, so mußten seine Schulden schon sehr hoch sein. Aber dem widersprachen andere Tatsachen. In den Geschäften war bis zum Sonnabend alles bezahlt, auf der Bank hatte Merrivan mehrere tausend Pfund, und auch sonst: konnte man keinen Anhaltspunkt dafür finden, daß er in Geldschwierigkeiten gewesen war. Wieviel Vermögen er besaß, konnte man erst sagen, wenn die Bücherrevisoren ihre Arbeit beendet hatten. Man hatte auch keine Briefschaften gefunden, denen man hätte entnehmen können, daß er Schulden bei diesem geheimnisvollen Albert Selim hatte.

 

Ein Punkt war jedenfalls aufgeklärt worden – die ungewöhnlichen Schuhe, die Merrivan trug, als er starb. Er pflegte nächtliche Besuche zu machen. Aber warum zog er diese schweren Stiefel an, die doch einen höllischen Lärm machen mußten, wenn er über einen geschotterten Weg oder über einen Fußboden ging. Sicher wären Gummischuhe für diese Art von Abenteuern geeigneter gewesen. Andy überlegte sich das alles, als er zu Merrivans Haus hinüberging.

 

Zwei Tage lang war der Garten von Reportern belagert gewesen. Aber jetzt war auch der letzte Journalist wieder gegangen.

 

Andy hatte sich vorgenommen, das ganze Haus genau zu durchsuchen. Bis jetzt hatten sich seine Nachforschungen nur auf das Arbeitszimmer beschränkt, und er hatte sich damit begnügt, einen oberflächlichen Blick in die anderen Räume zu werfen.

 

Die Durchsuchung sollte hauptsächlich auf Mr. Merrivans Schlafzimmer konzentriert werden. Es lag im ersten Geschoß nach der Straße zu, war groß, luftig und nur mit den nötigsten Möbeln ausgestattet. Eine Tür führte von hier aus in den Ankleideraum, eine andere ins Bad. Mr. Merrivan hatte alles möglichst bequem einrichten lassen. Besonders das Badezimmer war mit außerordentlichem Luxus ausgestattet, die Wände waren mit Marmor verkleidet. Im Schlafzimmer standen ein großes Bett, ein Nachttisch und ein geräumiger Schrank. Der Fußboden war zum Teil von einem viereckigen, weichen, grauen Teppich bedeckt. Außerdem waren noch eine Kommode mit großem Spiegel, ein kleinerer Tisch, ein niedriger, bequemer Sessel und zwei Stühle vorhanden.

 

Andy schenkte diesmal dem Bett etwas mehr Beachtung. Es war ein solides Möbelstück, Kopf- und Fußende waren verhältnismäßig stark. Er klopfte das Kopfende ab, aber es war aus massivem Holz. Die Fuß wand war auf der Innenseite sehr schön geschnitzt. Außen war sie fast ganz glatt, nur zwei Wappen waren darauf angebracht, die von einer heraldischen Rose gekrönt waren. Er wandte die Matratzen um, klopfte eine halbe Stunde lang die Zimmerwände ab und prüfte die übrigen Möbel.

 

Er war erstaunt, daß er keine weiteren Hinweise auf Albert Selim entdecken konnte. Man hatte kein einziges Schriftstück gefunden, das eine Erklärung für den Drohbrief gegeben hätte, den man bei dem Toten gefunden hatte. Albert Selim selbst blieb verschwunden. Man hatte alle Briefe, die in seinem Büro ankamen, geöffnet und den erstaunlichen Umfang seines Geschäftes feststellen können. Aber keinem der Briefe, die um ein Darlehen nachsuchten oder um Zahlungsaufschub baten, konnte man einen Anhaltspunkt entnehmen, wer Albert Selim selbst war. Der Mann war ein Wucherer schlimmster Sorte, und sein Verschwinden mußte vielen unglücklichen Leuten, die er ausgebeutet hatte, eine Erlösung sein.

 

Aber es war eine ungewöhnliche und die Polizei verwirrende Tatsache, daß keine Geschäftsbücher vorhanden waren, aus denen die Höhe der Schulden seiner Kunden zu ersehen war. Man fand weder in seinem Büro noch in seiner Bank Schuldscheine oder Verträge. Gewöhnlich bringen Geldverleiher ihre Papiere und andere Sicherheiten in den feuersicheren Räumen der Banken unter. Selim hatte auch auf der Bank keinen großen Betrag. Obwohl sein Konto lebhafte Bewegungen aufwies, war sein laufender Bestand doch nie größer als einige hundert Pfund. Wenn er Geld einzahlte, so wurde es auch bald wieder abgehoben. Wenn er Deckung für einen Scheck schaffen mußte, der auf eine größere Summe lautete, so zahlte er jedesmal den nötigen Betrag in Banknoten ein.

 

Man hätte annehmen sollen, daß Selim unmöglich seiner Bank unbekannt geblieben sein konnte. Zum mindesten mußte er doch einmal zur Bank gegangen sein, um sein Konto zu eröffnen. Aber es ergab sich die merkwürdige Tatsache, daß die erste Einzahlung von einer anderen Bank in der Provinz überwiesen wurde, deren Direktor gestorben war. Doch wenn er noch gelebt hätte, wäre er wohl kaum in der Lage gewesen, Aufschluß über Selim zu geben. Hätte man nun sagen wollen, daß er seine Spuren verwischt hatte, so wäre das auch nicht richtig gewesen, denn er hatte überhaupt keine Spuren hinterlassen, die zu verwischen wären. Er war unerkannt irgendwoher gekommen und ebenso unerkannt wieder ins Nichts verschwunden.

 

Kapitel 9

 

9

 

Hallick machte sich sofort an eine genaue Untersuchung der ganzen Örtlichkeit, aber er fand nichts außer einer Patronenhülse. Schließlich fuhr er wieder in die Stadt und ließ Sergeant Dobie in Monkshall zurück.

 

Der Tag war furchtbar für Mary und schien nicht enden zu wollen. Die Gegenwart des Beamten von Scotland Yard beruhigte sie in gewisser Weise, obwohl ihr Vater dadurch nervös wurde. Glücklicherweise hielt sich Sergeant Dobie im Hintergrund und fiel weiter nicht auf.

 

Nur zwei Bewohner des Hauses schienen sich um die furchtbaren Dinge nicht zu kümmern: Mr. Fane und der Pfarrer. Der Geistliche war sehr redselig und erzählte bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Anekdoten, für die sich niemand interessierte. Nur Mrs. Elvery fand ihn interessant und hatte nun endlich jemanden, mit dem sie sich unterhalten konnte.

 

Mary war erstaunt über Ferdie Fane. Sie wußte nicht recht, was sie eigentlich von ihm halten sollte. Nachdem sie ihn jetzt genauer kennengelernt hatte, gefiel er ihr doch ganz gut, und wenn er nicht so unmäßig getrunken, hätte – hätte sie ihn auch gern haben können. Wie sehr sie ihn in Wirklichkeit schon schätzte, wollte sie sich selbst nicht eingestehen. Er allein war vollkommen kühl und ruhig geblieben, als der Schuß fiel, der beinahe ihrem und vielleicht auch seinem Leben ein Ende bereitet hätte.

 

Am Nachmittag unterhielt sie sich mit ihm. Er war sehr liebenswürdig und vollkommen vernünftig.

 

»Sie meinen, der Mann hat mich erschießen wollen«, sagte er »Um Himmels willen, nein! Aber schließlich hat ja jeder Feinde ich auch!«

 

»So, haben Sie Feinde?« fragte sie.

 

Seine Augen leuchteten sonderbar, als er ihr antwortete.

 

»Vielleicht! Es gibt eine ganze Menge Leute, die mit mir abrechnen wollen.«

 

»Mrs. Elvery sagte, Scotland Yard würde Inspektor Bradley herschicken.«

 

»Welchen Zweck sollte das haben? Bradley ist ein völlig talentloser Beamter.« Als ob er ihre Gedanken lesen könnte, fragte er schnell: »Hat die interessante alte Dame vielleicht noch mehr darüber erzählt?«.

 

Sie gingen zusammen durch die lange Ulmenallee, die zum Parktor führte. Noch vor zwei Tagen wäre sie vor Fane geflohen, aber nun fühlte sie sich merkwürdig zufrieden und ruhig in seiner Gegenwart. Sie konnte das selbst nicht erklären. Wie war es nur möglich gewesen, daß sie ihn vorher so wenig hatte leiden können?

 

»Mrs. Elvery ist eine Spezialistin für Verbrechen«, sagte sie und lächelte mitleidig, obwohl ihr nicht zum Lachen zumute war. »Sie sammelt alle Zeitungsausschnitte über schwere Verbrechen, schon seit Jahren. Und sie hat mir auch erzählt, daß der ermordete Connor in einen großen Goldraub verwickelt war, der sich vor einigen Jahren ereignete. Außerdem nannte sie noch einen gewissen O’Shea.«

 

»O’Shea?« fragte Fane schnell, und sie sah, daß sich sein Gesichtsausdruck änderte. »Zum Kuckuck, was weiß sie denn von O’Shea? Es wäre besser, daß sie sich in acht nähme und nicht solchen Unsinn redete – ach, verzeihen Sie.« Er lächelte wieder.

 

»Haben Sie etwas über ihn gehört?« meinte Mary.

 

»Ja, allerdings nur ein Gerücht«, erwiderte er fast heiter. »Aber erzählen Sie mir nur weiter, was Mrs. Elvery noch gesagt hat.«

 

»Sie behauptete, daß damals eine große Goldsendung verschwand. Der Schatz soll irgendwo vergraben liegen, ihrer Meinung nach hier in Monkshall. Connor habe danach gesucht, wie sie sagt, und den Butler Cotton ins Vertrauen gezogen, damit der ihn ins Haus lassen sollte. So ließe sich auch erklären, daß die Tür verschlossen und kein Fenster erbrochen war. Ich habe gehört, wie sie Mr. Partridge die ganze Geschichte erzählte. Mich mag sie nicht, sonst hätte sie es mir auch gesagt.«

 

Eine Weile gingen die beiden schweigend nebeneinander her.

 

»Können Sie ihn gut leiden – ich meine den neuen Gast, den Pfarrer Partridge?« fragte Ferdie.

 

»Ach, er ist ein ganz netter Mann.«

 

»Sie wollen wohl sagen, daß er Sie langweilt.« Fane lachte leise vor sich hin. »Aber warum gehen Sie nicht nach London?«

 

Sie blieb plötzlich stehen und starrte ihn an.

 

»Meinen Sie, ich sollte Monkshall verlassen? Wie kommen Sie darauf?«

 

Er sah sie fest an.

 

»Meiner Meinung nach ist der Aufenthalt hier nichts für Sie. Ich glaube, es dürfte hier etwas zu gefährlich für eine junge Dame sein.«

 

»Warum denn?« fragte sie ungläubig.

 

»Es ist gefährlich für Sie, obgleich in Monkshall Leute wohnen, die Sie anbeten und die wahrscheinlich gern ihr eigenes Leben daransetzen würden, Sie zu retten und vor allem Übel zu bewahren.«

 

»Meinen Sie meinen Vater?«

 

Sie versuchte, ihn mißzuverstehen und das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen, da sie sich Fane gegenüber irgendwie verlegen fühlte.

 

»Nein, ich meine zwei andere – einer der beiden ist – Mr. Goodman.«

 

Zuerst wollte sie ärgerlich werden, aber dann lachte sie ziemlich laut.

 

»Das ist doch Unsinn! Mr. Goodman ist so alt, daß er mein Vater sein könnte!«

 

»Trotzdem ist er immer noch jung genug, um Sie zu lieben«, erklärte Fane ruhig. »Mr. Goodman ist wirklich aufrichtig in Sie verliebt und schätzt Sie außerordentlich, Miss Redmayne. Und es gibt auch noch einen anderen Mann, der sich sehr für Sie interessiert.«

 

»Sie meinen, wenn er nüchtern ist?« erwiderte sie herausfordernd. Aber dann tat es ihr leid, daß sie das gesagt hatte. Ihr fiel ein, daß sie im Haus noch etwas zu tun hatte, und er machte auch keinen Versuch, sie zurückzuhalten.

 

*

 

Als Inspektor Hallick nach London zurückfuhr, war er tief in Gedanken versunken, aber er tappte doch nicht so im Dunkeln, wie sein Assistent annahm. Er war fest davon überzeugt, daß der geheimnisvolle Mord in Monkshall etwas mit jenem, Jahre zurückliegenden Goldraub zu tun hatte.

 

Als er in sein Büro kam, klingelte er und gab dem eintretenden Beamten, den Auftrag, ihm die Akten über den großen Goldraub O’Sheas zu bringen.

 

»Außerdem brauche ich alle Angaben, die sich in der Registratur über O’Shea vorfinden.«

 

Als der Beamte gegangen war, öffnete Hallick sein Notizbuch und schrieb sich auf, was er in Monkshall erfahren und beobachtet hatte. Zweifellos war der Schuß von der Ruine gefallen. Hallick hatte die Örtlichkeit genau untersucht und entdeckt, daß tatsächlich hinter einer großen Baumgruppe die Ruine einer alten Kapelle versteckt lag, die vollkommen mit Efeu bewachsen war. Wie der Verbrecher, der den Schuß abfeuerte, entkommen konnte, war ein Geheimnis für sich. Hallick hielt es nicht für ausgeschlossen, daß eine dieser großen Steinplatten, die unter den Brombeer- und Weißdornbüschen verborgen waren, vielleicht den Eingang zu einem unterirdischen Gang verdeckte.

 

Er sprach auch mit einem der Inspektoren von Scotland Yard darüber, der zu einer kurzen Unterredung in sein Büro kam. Es war der bekannte Inspektor Elk, der nichts von der Sache wissen wollte.

 

»Was reden Sie da von unterirdischen Gängen? Das ist doch immer das letzte Verlegenheitsmittel. Wenn der Verfasser eines Kriminalromans nicht weiter weiß, verfällt er auf derartigen Unsinn. Unterirdische Gänge und Geheimtüren in der Wandverkleidung! Einfach lächerlich!«

 

»Ich möchte die Möglichkeit nicht vollkommen ausschließen«, entgegnete Hallick ruhig. »Monkshall ist eins der ältesten bewohnten Häuser in England. Ich habe mir in der Bibliothek die Literatur besorgt. Einige Nachrichten stammen aus der Zeit der Königin Elisabeth I.«

 

Elk stöhnte. »Ausgerechnet wieder diese Frau! Es gibt nichts, was nicht zu ihren Tagen existiert hätte!«

 

Inspektor Elk hatte einen ganz besonderen Grund, auf Königin Elisabeth I. böse zu sein, denn bei einem früheren Examen war er durchgefallen, weil er die Daten ihrer Regierung nicht genau wußte.

 

»Selbstverständlich gab es damals Geheimtüren, unterirdische Gänge und all solchen Kram!« meinte er verdrießlich.

 

Chefinspektor Hallick kam plötzlich ein Gedanke.

 

»Setzen Sie sich doch, Elk. Ich muß Sie etwas fragen.«

 

»Wenn es sich um Geschichtszahlen handelt, dann sparen Sie sich die Mühe. Ich weiß von der Königin Elisabeth I. nur –«

 

»Haben Sie jemals O’Shea gesehen?«

 

»Den Bankräuber? Nein, ich bin nie mit ihm in Berührung gekommen. Soviel ich weiß, ist er jetzt in Amerika. Oder sind Sie anderer Meinung?«

 

»Ich glaube, er ist in England«, erwiderte Hallick, aber Elk schüttelte den Kopf.

 

»Das möchte ich bezweifeln. Es ist doch gar kein Grund vorhanden, warum er in England sein sollte. In den letzten Jahren hat er sich vollkommen ruhig verhalten, und ein Mann, der so viel Geld zusammengebracht hat wie er, kann es sich auch leisten, sich zur Ruhe zu setzen. Gewöhnlich trägt ein Verbrecher, der große Beute gemacht hat, das Geld zum nächsten Spielklub und hat nicht eher Ruhe, als bis er den letzten Schilling verloren hat. Und da O’Shea doch nicht ganz richtig im Kopf ist –«

 

»Woher wissen Sie denn das?« fragte Hallick neugierig.

 

»O’Shea ist erblich mit Wahnsinn belastet. Das ist eine der Tatsachen, die seinerzeit bei der Verhandlung nicht erwähnt wurden.«

 

»Ich habe nichts davon gewußt, bis ich Connor im Gefängnis ausfragte, und ich kann mich auch nicht besinnen, daß ich es jemals in den Akten vermerkt habe«, meinte Hallick. »Wie haben Sie denn das erfahren?«

 

»Vor vielen Jahren habe ich mich einmal mit dem Fall beschäftigt. Wir konnten O’Shea selbst nicht fangen und auch keine Einzelheiten über ihn erfahren, nur ein paar Schriftstücke fand man, die von seiner Hand stammten. Das war in den Tagen vor dem letzten großen Goldraub, bevor Sie die Aufklärung des Falles übernahmen. Da ich damals weder sein Bild noch seine Fingerabdrücke zur Verfügung hatte, stellte ich Nachforschungen über seine Familie an. Sein Vater starb in einer Irrenanstalt, seine Schwester verübte Selbstmord. Sein Großvater hatte einen Mord begangen und starb während der Untersuchungshaft. Ich habe mich immer gewundert, warum niemand auf den Gedanken gekommen ist, eine Geschichte der Familie zu schreiben.«

 

Das war eine große Neuigkeit für Chefinspektor Hallick, aber sie stimmte genau mit dem überein, was Connor ihm früher gesagt hatte.

 

Der Beamte kam mit einem umfangreichen Aktenstück und einem dünnen Schnellhefter zurück. Der Inhalt des Hefters zeigte, daß in der letzten Zeit keine neuen Nachrichten über O’Shea eingegangen waren.

 

Elk beobachtete seinen Kollegen neugierig.

 

»Sie wollen wohl Ihr Gedächtnis über den großen Goldraub auffrischen? Werden Sie nicht neidisch, wenn Sie daran denken, daß diese Unmenge Gold irgendwo versteckt liegt? Nur schade, daß sich Bradley nicht mit der Aufklärung des Falles beschäftigt. Er kennt alle Einzelheiten aufs beste. Wenn Sie davon überzeugt sind, daß die Ermordung Connors mit O’Shea zu tun hat, würde ich ihn an Ihrer Stelle sofort telegrafisch zurückrufen.«

 

Hallick blätterte in dem Aktenstück.

 

»Was Connor angeht«, fuhr Elk fort, »so hat der schließlich nur seinen Lohn bekommen. Als er zu seiner letzten langen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, hat er alles verraten und mir ausführlich erzählt, daß O’Shea ihn hintergangen habe. Aber Connor selbst hat früher mehr Kameraden und Freunde betrogen als irgendein anderer Verbrecher. Übrigens ist Marks nicht besser als er. Ich kenne die beiden gut. Hätte ich sie vor dem Goldraub getroffen, so hätten sie mir wahrscheinlich alles verraten. Wo ist übrigens dieser Marks?«

 

Hallick schüttelte den Kopf und schloß das Aktenstück.

 

»Ich weiß es nicht. Wenn ich ihn nur einmal erwischte. Gewöhnlich treibt er sich in Hammersmith herum, und ich möchte ihn dringend warnen.«

 

Elk grinste. »Den können Sie nicht warnen. Der ist viel zu schlau. Nächstens finden wir ihn noch auf der Universität in Oxford oder Cambridge. Persönlich sind mir die klugen und schlauen Verbrecher lieber, denn sie fangen sich selbst. Man braucht sich nicht groß bei ihnen anzustrengen.«

 

»Ich meine nicht, daß er ins Garn geht oder sich selbst einen Strick dreht, aber ich fürchte, daß O’Shea ihn eher fängt als umgekehrt. Das ist durchaus möglich.«

 

Hallick rief Monkshall an, aber Sergeant Dobie konnte ihm nichts Neues mitteilen. »Ist Mrs. Elvery abgereist?«

 

»Nein, die bleibt bis zur Aufklärung des Falles hier. Sie ist nun einmal auf Verbrechen versessen. Und dann noch eins, Mr. Hallick. Ferdie Fane ist schon wieder betrunken.«

 

»Ist der überhaupt jemals nüchtern?«

 

Er kümmerte sich aber nicht weiter um Fanes Trunkenheit, er interessierte sich mehr für das Leben in Monkshall, das trotz der schweren Ereignisse seinen gewohnten Gang ging. Einige Zeitungsberichterstatter waren im Laufe des Tages dort erschienen und hat. ten versucht, den Colonel zu sprechen.

 

»Ich habe sie alle wieder fortgeschickt. Im allgemeinen, nimmt man an, daß Connor noch einen Komplicen hatte und daß es ihnen gelang, das Gold zu finden. Dann sind sie wohl in Streit geraten, und Connor wurde ermordet. Natürlich von seinem Komplicen, der sich darauf mit der Beute davongemacht hat. – Wenn ich vorhin sagte, daß man das im allgemeinen annimmt«, fügte Dobie hinzu, »so stimmt das eigentlich nicht ganz. Es ist mehr meine Idee. Was halten Sie davon?«

 

»Ach, das ist alles Humbug«, entgegnete Hallick und legte auf.