Kapitel 8

 

8

 

Tage vergingen. Andy beschloß, noch eine weitere Woche zu bleiben. Er suchte Dr. Granitt auf und beriet mit ihm. Der Dorfarzt besuchte Nelson auch, und obwohl er keine Kreislaufstörungen feststellen konnte, ließ er seinen Patienten doch mit dem Eindruck zurück, daß er eine ganze Anzahl böser Leiden habe.

 

Andy hatte Stella nur einmal aus der Entfernung wiedergesehen. Sein Urlaub näherte sich nun seinem Ende, und es wäre wirklich ratsam gewesen, wenigstens die letzte Woche noch mit Fischen und Angeln zu verbringen, wie er es ursprünglich geplant hatte. Aber sein Zimmer im Gästehaus war wirklich schön, der Golfplatz ausgezeichnet, und es war eigentlich kein Grund vorhanden, warum er nun gerade fischen sollte.

 

Am Sonntag ging er sogar zur Kirche. Das geschah etwas plötzlich, denn er hatte noch im Pyjama gesessen, als er Stella Nelson mit ihrem Gesangbuch vorbeigehen sah. Zehn Minuten nach ihr betrat auch er das Gotteshaus und ließ sich auf einer Bank nieder, von der aus er sie gut von der Seite sehen konnte. Nach Schluß des Gottesdienstes wartete er auf sie, und sie gingen zusammen nach Beverley Green zurück.

 

»Ich habe gehört, daß Sie uns morgen verlassen wollen?« fragte Stella.

 

»Ich hatte ursprünglich die Absicht, morgen abzureisen, aber wahrscheinlich werde ich noch einige Tage hierbleiben, wenn man mich nicht aus dem Gästehaus hinauswirft.«

 

»Bei uns wird niemand hinausgeworfen, außer von der Polizei«, sagte sie ein wenig boshaft. Er lachte.

 

Als sie über die Straße gingen, kam ihnen ein Mann entgegen. Er wandte sich plötzlich um und verschwand in einer Seitenstraße.

 

»Es sieht so aus, als ob Mr. Sweeny mir nicht begegnen möchte«, meinte sie lächelnd.

 

»Ich hatte denselben Eindruck. Wer ist eigentlich dieser Mr. Sweeny?«

 

»Er war früher bei Mr. Merrivan als Hausmeister angestellt, aber ich glaube, er mußte die Stelle unter ein wenig sonderbaren Umständen verlassen. Er ist sehr schlecht auf Mr. Merrivan zu sprechen.«

 

Sie war erstaunt, denn sie hatte Sweeny nicht zugetraut, daß er ihr so taktvoll aus dem Wege gehen würde, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen und sie an ihre letzte Begegnung zu erinnern.

 

Gleich darauf trafen sie Mr. Merrivan, von dem sie eine Erklärung über Mr. Sweenys Besuch erhielten. Er trat zu ihnen, als sie gerade an der Gartentür des Nelsonschen Hauses standen.

 

»Guten Morgen, Miss Nelson!« sagte er freundlich. »Haben Sie auch diesen niederträchtigen Sweeny getroffen? Dieser gemeine Kerl! Ich hätte nicht gedacht, daß er die Frechheit besitzt, sich in Beverley Green zu zeigen. Ich faßte den Menschen doch ab, als er bei meinem Haus herumspionierte – vielmehr mein Gärtner hat ihn gesehen. Wenn ich nun wie gewöhnlich zur Kirche gegangen wäre, hätte ich wahrscheinlich überhaupt nicht erfahren, daß er hier war. Diese Dienstboten stecken doch alle unter einer Decke.«

 

Andy wunderte sich, daß es ein so großes Verbrechen war, Mr. Merrivans Grundstück zu betrachten. Aber der redselige Mann erzählte ihm, daß Sweeny ein Loch in die Hecke gemacht habe, um hindurchzuspähen, und daß sein wachsamer Gärtner ihn gerade in diesem Augenblick entdeckt hatte.

 

An diesem Tage ereignete sich nichts Besonderes. Das Schicksal, das drohend über Beverley Green hing und es weithin bekannt machen sollte, brach erst in der Nacht herein.

 

Stella saß in der Halle und las. Sie war gerade bei ihrem Vater oben gewesen, um ihn für die Nacht zu versorgen, denn Mr. Nelson hatte den Rat der Ärzte gewissenhaft befolgt und sein Zimmer nicht verlassen, seitdem Andy ihn gewarnt hatte.

 

Sie blätterte gerade eine Seite um, als sie ein leises Klopfen am Fenster hörte. Einen Augenblick lauschte sie, da sie glaubte, sich getäuscht zu haben. Vielleicht tropfte der Wasserhahn in der Küche. Aber dann vernahm sie wieder deutlich dasselbe Geräusch, legte das Buch nieder und stand auf. Sie war keineswegs ängstlich, denn Artur Wilmot hatte sich früher häufig auf diese Weise bemerkbar gemacht.

 

Sie zog den Vorhang beiseite und schaute in den Garten hinaus, konnte aber nichts sehen. Düstere Wolken waren schon am Nachmittag von Südwesten heraufgezogen, und der Mond war nicht zu sehen. Sie ging zur Haustür und wollte eben öffnen, als sie einen Brief auf dem Boden liegen sah. Er mußte unter der Tür durchgeschoben worden sein. Es stand keine Adresse auf dem Umschlag, und nachdem sie einen Augenblick gezögert hatte, riß sie ihn auf. Es war ein vier Seiten langes Schreiben. Zuerst dachte sie, der Brief käme von Artur. Sie hatte in den letzten Tagen noch verschiedene Briefe von ihm erhalten, aber sie hatte sie ungelesen vernichtet.

 

Sie las die Unterschrift, hielt einen Augenblick bestürzt inne, begann dann aber doch zu lesen. Je weiter sie kam, desto größerer Schreck ergriff sie. Sie ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Sie las weiter. Jeder Satz traf sie wie ein Dolchstoß. Voller Zorn warf sie das Schreiben ins Feuer. Dann öffnete sie die Schublade eines Schrankes und nahm einen kleinen Revolver heraus, der ihrem Vater gehörte. Vor langer Zeit hatte sie die Waffe einmal weggeschlossen, als sie sich noch von den Drohungen einschüchtern ließ, die er in seiner Trunkenheit ausstieß. Sie zog auch eine kleine grüne Pappschachtel hervor, die mit Patronen gefüllt war. Mit einem Staubtuch reinigte sie den Revolver, öffnete ihn und lud ihn mit drei Patronen. Dann ging sie in ihr Zimmer, zog einen dunklen, weiten Mantel an und steckte die Waffe in die Tasche.

 

Als sie wieder unten in der Halle stand, tat es ihr leid, daß sie den Brief in ihrer Erregung verbrannt hatte. Jetzt war sie wieder vollkommen kühl und ruhig. Sie warf noch ihren Schal um und überzeugte sich, daß sie den Hausschlüssel in der Tasche hatte, bevor sie die Tür zuschlug.

 

An der Gartenpforte blieb sie stehen und schaute zum Gästehaus hinüber. Einen kurzen Augenblick war sie versucht, Andy all ihre Sorgen und ihren Kummer anzuvertrauen – aber sie überwand sich. Wie absurd wäre es gewesen, einem Polizeibeamten zu beichten!

 

Sie ging hinaus ins Dunkel. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß ihr nun auch der letzte Hoffnungsschimmer genommen war.

 

Andy Macleod hatte seine Pläne an diesem Tag schon zum drittenmal geändert. Morgen würde er endlich abreisen. Er war eben doch ein sentimentaler Mensch. Dieses Eingeständnis war wirklich beschämend für einen vernünftigen Mann von fünfunddreißig Jahren.

 

Er ging zu Nelsons Haus hinüber. Doch als er sah, daß kein Fenster erleuchtet war, kehrte er wieder in sein Zimmer zurück und versuchte zu lesen. Aber bald legte er das Buch weg und ging zu Bett. Er war schon nach wenigen Minuten fest eingeschlafen.

 

Ein heftiges Klopfen an der Tür weckte ihn plötzlich auf.

 

»Wer ist dort?«

 

»Johnston, der Hausmeister – kann ich Sie einen Augenblick in einer sehr dringenden Sache sprechen?«

 

Andy Macleod machte Licht. Er sah nach der Uhr – es war drei Viertel zwei. Was mochte vorgefallen sein? Er vermutete, daß eine telefonische Nachricht von Scotland Yard für ihn gekommen sei. Wahrscheinlich brauchte man ihn wegen Scotties Verhaftung, und er verwünschte den armen Menschen.

 

Als er aber das Gesicht des Hausmeisters sah, wußte er, daß etwas anderes geschehen sein mußte. Johnstons Gesicht war aschfahl, und seine Lippen zitterten.

 

»Sir«, sagte er atemlos, »es ist etwas Fürchterliches passiert. Mr. Pearson bat mich, Sie zu rufen, bevor ich zur Polizei ginge.«

 

»Was gibt es denn?« fragte Andy schnell.

 

»Mr. Merrivan – Mr. Merrivan«, wimmerte der Mann.

 

»Erzählen Sie doch!«

 

»Tot – ermordet. – ach, es ist zu schrecklich!«

 

»Merrivan – ermordet? Warten Sie einen Augenblick, in ein paar Minuten komme ich hinunter. Machen Sie mir eine Tasse Tee, wenn es möglich ist.«

 

Er zog sich mit größter Eile an und stürzte den heißen Tee hinunter, den ihm der Hausmeister an der Treppe reichte. Jemand anders mußte bereits die örtliche Polizei benachrichtigt haben, denn ein Polizeisergeant öffnete Andy die Tür, nachdem er angeklopft hatte.

 

»Ich bin froh, daß Sie gekommen sind, Sir. – Das ist eine böse Geschichte. Ich habe alle Polizeistationen alarmiert.«

 

»Ist er tot?«

 

»Ja. Es ist sicher schon eine Stunde her, daß er gestorben ist. Ich habe um Doktor Granitt geschickt.«

 

Andy nickte.

 

»Wo liegt er?«

 

»Dort.« Der Sergeant zeigte auf das Arbeitszimmer.

 

Andy öffnete die Tür und betrat den langgestreckten Raum. Alle Lichter waren eingeschaltet. Unwillkürlich wandte er sich nach rechts, wo Mr. Merrivans Schreibtisch stand. Aber dort lag der Tote nicht, sondern am anderen Ende des Zimmers mit den Füßen zum Fenster. Die Arme lagen nach oben, als ob er einen Angreifer abwehren wollte, und die Gesichtszüge waren entsetzlich verzerrt.

 

Er mußte aus nächster Nähe erschossen worden sein, denn Andy sah Pulverspuren auf seiner weißen Weste.

 

Es war nicht nötig, ihn noch genauer zu untersuchen. Ein Blick auf die leblose Gestalt sagte alles.

 

Kapitel 9

 

9

 

Andy ging in die Diele zurück.

 

»Wo sind die Dienstboten?« fragte er.

 

»Der Hausmeister beruhigt die Mädchen, Sir.«

 

»Lassen Sie ihn sofort holen«, sagte Andy kurz.

 

Der Hausmeister hatte nichts gehört. Mr. Merrivan hatte ihn und die anderen Angestellten früh zur Ruhe geschickt und gesagt, daß er selbst alle Lichter ausdrehen und das Haus abschließen werde. Er pflegte das häufiger zu tun.

 

»Hatte er heute abend irgendwelchen Besuch?«

 

Der Hausmeister zögerte.

 

»Das kann ich nicht genau sagen. Einmal hörte ich unten Stimmen. Ich ging die Treppe hinunter, um etwas zu holen, und ich glaube, ich habe ihn sprechen hören.«

 

»Mit wem hat er gesprochen?«

 

»Soweit ich es beurteilen konnte, war es eine Dame.«

 

»Haben Sie ihre Stimme erkannt?«

 

»Nein, Sir.«

 

»Wann war das?«

 

»Zwischen halb elf und elf.«

 

»Haben Sie denn keinen Schuß gehört?«

 

»Nein. Irgend etwas weckte mich auf – vielleicht war es der Knall. Die Köchin sagt, sie habe ein Geräusch gehört, als ob eine Tür laut zuschlug. Sie kam herauf und weckte mich. Sie kam aber nicht gleich, da sie sich entsetzlich fürchtete und glaubte, es seien Einbrecher im Hause. Schließlich stand sie aber doch auf und klopfte an Mr. Merrivans Tür. Und als sie keine Antwort erhielt, kam sie zu mir. Ich habe dann Mr. Merrivan tot aufgefunden.«

 

»Waren die Fenster offen oder geschlossen, als Sie eintraten?«

 

»Sie waren geschlossen.«

 

»Gibt es außer der vorderen Tür noch einen anderen Ausgang?«

 

»Ja, man kann auch durch die Küche gehen.«

 

Beide Ausgänge waren verriegelt und zugeschlossen. Andy ging in das Arbeitszimmer zurück. Das geschnitzte chinesische Schränkchen kam ihm sonderbar vor. Die Tür schien nicht ganz zu schließen – er zog daran, und sie öffnete sich. Plötzlich wurde ihm der eigentliche Sinn des Möbels klar, denn er fand im Innern einen Stahlsafe verborgen. Auch dessen Tür stand auf, und ein Schlüsselbund hing am Schloß. Der Safe war leer. Im Kamin entdeckte Andy verbrannte Papiere, die teilweise noch glimmten. Vorsichtig nahm er die unverbrannten Stückchen heraus und rettete dabei auch ein kleines, in Leder gebundenes Tagebuch, das erst halb verkohlt war. Er legte es behutsam auf ein Stück Papier.

 

»Niemand darf die Asche anrühren – verstanden, Sergeant?«

 

»Vollkommen, Sir.«

 

Andy untersuchte die vorderen Fenster, sie waren alle fest verschlossen. Von den Fenstern auf der Rückseite war, wie er erwartet hatte, eins nicht verriegelt. Der Fensterflügel war nur angelehnt.

 

»Entschuldigen Sie«, sagte der Sergeant, »haben Sie den Brief gesehen?«

 

»Welchen Brief?« fragte Andy. »Wo ist er?«

 

»Der Hausmeister fand ihn auf dem Boden neben dem Schreibtisch. Er sagte, er habe ihn aufgehoben und unter einen Stoß anderer Schriftstücke auf den Tisch gelegt. Er hat sich eben erst daran erinnert. Er glaubt, daß Mr. Merrivan den Brief gelesen haben muß, kurz bevor er getötet wurde.«

 

Andy durchsuchte die Papiere auf dem Tisch und zog unter allerlei Rechnungen einen gelben Briefbogen hervor. Die Handschrift sah verstellt aus. Er setzte sich in den Schreibtischsessel und las.

 

›Ich habe Ihnen eine Chance gegeben, aber Sie haben meine Bedingungen nicht erfüllt. Sie müssen also die Konsequenzen tragen. Wenn Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden Ihr Versprechen nicht einlösen, werden Sie es bereuen. Dies ist meine letzte Warnung. Ich habe schon zu lange Geduld gehabt.‹

 

Das Schreiben war mit A. S. unterzeichnet. A. S.! Albert Selim! Es stand noch eine Nachschrift unter dem Brief.

 

›Einer meiner Freunde, dem ich vertrauen kann, wird diesen Brief unter Ihre Türe schieben.‹

 

Andy faltete das Schreiben zusammen und legte es in seine Brieftasche. Kurze Zeit später kam Dr. Granitt und untersuchte den Toten.

 

»Eine schlimme Sache«, sagte der alte Doktor kopfschüttelnd. »Es ist wohl schon eine Stunde her, denke ich. Heben Sie ihn einmal ein wenig an, Doktor Macleod. Hier ist die Wunde. Das Geschoß hat die Hauptschlagader getroffen und dann den vierten Wirbelknochen zerschmettert.«

 

»Können Sie irgend etwas Besonderes an ihm feststellen?« »Nein«, erklärte Dr. Granitt und sah den Toten nachdenklich an.

 

»Sehen Sie sich doch einmal seine Schuhe an.«

 

Dr. Granitt folgte der Aufforderung und runzelte die Stirn.

 

»Du meine Güte – er trägt ja Stiefel wie ein Landarbeiter!«

 

Die dicken, unförmigen Stiefel waren mit getrocknetem gelbbraunem Lehm bedeckt. Der alte Arzt schaute verwundert auf.

 

»Brauchen Sie mich noch, Doktor Macleod?«

 

»Nein, ich glaube, daß Sie nicht einmal bei der Leichenschau nötig sind, wenn nicht gewünscht wird, daß Sie meine Aussagen bestätigen.«

 

»Gott sei Dank.« Granitt graute es wie allen Ärzten vor gerichtlichen Verhandlungen und dem damit verbundenen Zeitverlust. »Ich bin augenblicklich sehr stark beschäftigt, kaum eine Nacht vergeht, ohne daß ich nicht von irgendeinem überängstlichen Ehemann geweckt werde – die Bevölkerung von Beverley vermehrt sich beängstigend.«

 

Andy begleitete ihn bis zur Haustür und ging dann wieder in das Zimmer zurück, wo der Tote lag, um eine genauere Untersuchung des Tatortes vorzunehmen. Er begann mit dem Fenster, durch das der Mörder hereingekommen sein mußte. Seine Theorie bestätigte sich auch sogleich, denn er sah schmutzige Fußspuren auf einem der unter dem Fenster stehenden Diwane. Er betrachtete sie genauer, es waren zwei linke und zwei rechte Schuhabdrücke. Sie waren verhältnismäßig klein, nicht größer als die einer Frau, obgleich der Absatz breiter schien. Wahrscheinlich stammten sie von den Hausschuhen einer Frau. Der Hausmeister hatte ja auch eine weibliche Stimme gehört. Das Fenster ließ sich leicht und geräuschlos öffnen. Andy entdeckte wieder etwas, als er zum Schreibtisch kam. Es war ein großes, altes Möbelstück aus Mahagoni, das sicher echt war, denn ein Mann wie Merrivan hätte sich schwerlich mit einer Imitation begnügt. An jeder Seite des Tisches waren zwei Schubladen, von denen eine offenstand. Merrivan hatte sie vielleicht selbst geöffnet, als er im Sessel saß. Andy zog sie noch weiter heraus, und plötzlich glitzerte ihm etwas Goldenes entgegen. Es war ein Damenring – ein schmaler Reif mit fünf kleinen Smaragden.

 

Er runzelte die Stirn. Diesen Ring kannte er doch – wo hatte er ihn nur gesehen? Nun besann er sich – aber er wollte es nicht glauben. Es war Stella Nelsons Ring, den er auf dem Postamt an ihrer linken Hand bemerkt hatte! Er starrte entsetzt auf den kleinen Gegenstand und besah ihn von allen Seiten, dann ließ er ihn in seiner Westentasche verschwinden und schloß die Schublade.

 

Er setzte seine Nachforschungen auf und unter dem Schreibtisch fort. Wieder wurden seine Bemühungen belohnt. Er fand ein kleines leeres, mit Leder bezogenes Etui, wie es Juweliere benützen. Er gab sich nicht die Mühe nachzusehen, ob der Ring in die weißsamtene Füllung paßte, denn jeder Ring konnte in ein solches Kästchen gesteckt werden. Er hörte Schritte im Gang und ließ auch das Etui in seine Rocktasche gleiten.

 

Der Polizeiinspektor von Beverley trat ein, ein gewichtiger Mann, der ängstlich darauf bedacht war, überall gebührend gewürdigt zu werden.

 

Auch er sagte, daß es eine böse Geschichte sei – es war merkwürdig, daß alle Leute immer denselben Ausdruck gebrauchten.

 

»Ich werde nun hier die Leitung übernehmen, Mr. Macleod«, sagte er mit Bestimmtheit.

 

»Gewiß«, antwortete Andy. »Aber Sie müßten mir dann vorher eine schriftliche Anweisung geben, daß ich mich nicht weiter um die Sache kümmern soll.«

 

Der Polizeiinspektor zögerte.

 

»Das möchte ich nicht – wir könnten ja zusammenarbeiten. Ich werde, sobald es geht, Scotland Yard benachrichtigen.«

 

»Dann werden wir den Fall zusammen bearbeiten, wenn ich den Auftrag bekomme«, entgegnete Andy. »Ihr Name soll nicht verschwiegen werden, im Gegenteil, man wird ihn gebührend erwähnen, Inspektor. Aber überlassen Sie es mir, den Mörder aufzufinden.«

 

»Ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht zu kurz kommen lassen, Mr. Macleod. Was soll ich nun tun?«

 

Andy gab seine Anweisungen, und nach einer halben Stunde war die Leiche aus dem Zimmer entfernt. Später brachte der Polizeiinspektor neue Nachrichten.

 

»Mr. Pearson hat den Schuß gehört, er ist davon aufgewacht. Er kam gerade dazu, als der Hausmeister Mr. Merrivan fand. Der Schuß kam aus dem Obstgarten, der hinter dem Haus liegt.«

 

Andy hörte ungläubig zu.

 

»Aus dem Obstgarten? Das ist unmöglich. Mr. Merrivan ist aus nächster Nähe erschossen worden. Die Weste ist vollständig versengt und geschwärzt.«

 

»Aber eins der Dienstmädchen hat den Schuß auch gehört; sie kann vom Fenster ihres Zimmers in den Obstgarten sehen. Sie war auch wach, das Klopfen an der Tür des Hausmeisters hatte sie geweckt.«

 

»Aber der Hausmeister selbst hat den Schuß doch nicht gehört!«

 

»Er muß gerade die Treppe hinuntergegangen sein«, meinte der Beamte.

 

Andy strich nervös sein Haar zurück.

 

»Merrivan muß zu der Zeit schon tot und der Safe ausgeraubt gewesen sein. Es hat mindestens einige Minuten gedauert, bis der Mann den richtigen Schlüssel gefunden und den Geldschrank geöffnet hat. Nein, was Sie da sagen, ist unmöglich. Der Hausmeister wird irgendwelchen Lärm gemacht haben – vielleicht hat er einen Stuhl umgeworfen.«

 

»Aber das hätte Mr. Pearson doch schwerlich hören können?«

 

Andy schwieg zunächst. »Ja, da haben Sie recht«, gab er dann nach einer Weile zu.

 

Der Tag dämmerte herauf, und Andy ging durch die Küche in den Garten. Draußen herrschte eine fast feierliche Stille, und die frische Morgenluft war voll Duft und Süße.

 

Der Obstgarten lag hinter den Gemüsebeeten. Durch ein Holztor kam man auf einen mit Schlacken bestreuten Weg. Eine Reihe von Obstbäumen stand hinter der anderen, und die mit Kalk angestrichenen Stämme schimmerten weiß im Zwielicht. Der Weg endete im Gras.

 

Andy schaute nach rechts und nach links, aber er konnte nichts entdecken, bis er die erste Baumlinie passiert hatte. Auch dann sah er noch nicht gleich die Gestalt, die neben einem der Baumstämme lag, denn seine Augen mußten sich erst an das Zwielicht gewöhnen. Er beugte sich zu dem Mann hinab. Er war tot, über dem Herzen war der Einschuß.

 

Andy ging ins Haus zurück und rief den Polizeiinspektor herbei.

 

»Ich habe im Garten einen zweiten Toten gefunden, und wenn ich mich nicht täusche, kennen Sie den Erschossenen.«

 

Der Beamte begleitete ihn zu der Stelle, wo der Tote lag.

 

»Ja, ich kenne ihn. Es ist ein gewisser Sweeny, der früher in Mr. Merrivans Diensten stand. Er wurde entlassen, weil er etwas gestohlen hatte. Das war also der Mörder! Zuerst hat er Mr. Merrivan erschossen, dann ging er hierher und tötete sich selbst!«

 

»Dann müßte hier aber doch eine Waffe zu finden sein«, erwiderte Andy ruhig.

 

Der Inspektor suchte ohne Erfolg den ganzen umliegenden Boden ab. Das Gras war ganz kurz, es mußte erst kürzlich gemäht worden sein. – Andy stellte später fest, daß in der Woche gerade eine Schafherde im Obstgarten gegrast hatte.

 

»Hier hat ein Kampf stattgefunden«, sagte Andy plötzlich. »Sehen Sie doch einmal auf den Boden. Hier sind drei Spuren, als ob sich jemand mit dem Fuß abzustemmen versucht hätte. Und – holen Sie doch bitte einmal den Hausmeister her, Inspektor.«

 

Andy wartete, bis der Beamte außer Sicht war, dann ging er schnell zum nächsten Baum und hob einen Gegenstand auf. Es war ein schwarzseidener Schal – der Schal Stella Nelsons, den sie umgelegt hatte, als sie ihn damals zur Gartenpforte begleitet hatte.

 

Es stand außer jedem Zweifel: In einer Ecke sah er das roteingestickte Monogramm S. N. Das Tuch war etwas eingerissen. Er roch daran, da er wußte, daß sie ein zartes, unaufdringliches Parfüm benützte. Er konnte sich deutlich an den Duft erinnern. Ja, das Tuch gehörte Stella. Er faltete es so klein als möglich zusammen und steckte es in die Tasche. Mit Entsetzen kam ihm zum Bewußtsein, daß alle seine Anhaltspunkte Stella Nelson belasteten.

 

Und doch zweifelte er im Grunde nicht an ihr. Nicht ihre Schönheit und ihre Jugend überzeugten ihn, daß sie diese Tat unmöglich begangen haben konnte. Eine innere Stimme sagte es ihm. Vielleicht war auch er wie Scottie hellsichtig geworden. Er lächelte bei dem Gedanken. Aber plötzlich wurde ihm klar, daß ihn dieser schreckliche Druck nicht mehr quälte, der ihn die ganze Zeit verfolgt hatte. Hatte ihn der beginnende Tag davon befreit?

 

Der Polizeiinspektor kam mit dem Hausmeister zurück, und um seinen Auftrag zu rechtfertigen, fragte Andy den erregten Mann, ob er den Toten wiedererkenne.

 

»Jawohl, Sir, das ist Sweeny, den Mr. Merrivan heute morgen hier auf dem Grundstück traf – nein, es war gestern morgen.«

 

Andy hatte den kleinen Vorfall vergessen. Dieser Sweeny hatte Merrivan gehaßt. Vielleicht gab es auch noch einen anderen Grund für seine Feindschaft außer dem Widerwillen, den ein Dienstbote gegen einen Herrn empfindet, der ihn beim Diebstahl ertappt hat.

 

Als sie in das Haus zurückgegangen waren, gab er weitere Anweisungen.

 

»Niemand darf hereingelassen werden – den Zeitungsberichterstattern darf nur die Tatsache mitgeteilt werden, daß Mr. Merrivan etwa in der Zeit zwischen Mitternacht und ein Uhr ermordet wurde. Die Lage der Leiche kann den Leuten anhand einer Skizze erklärt werden, aber niemand darf das Zimmer betreten, in dem sich der Mord ereignete. Motiv der Tat: Raub. Über den Mann im Obstgarten mögen sie sich ihre eigenen Theorien bilden.«

 

Er war den Weg zum Gartentor schon halb hinuntergegangen, als Artur Wilmot plötzlich hereinstürmte. Sein Pyjama war unter dem Mantel zu sehen. Er war sehr bleich.

 

»Mr. Macleod, ist das wahr – mein Onkel? Großer Gott, das ist doch unmöglich!«

 

»Ich bin froh, Sie zu sehen«, sagte Andy langsam. »Ja, es ist leider wahr. Ihr Onkel ist tot – er ist erschossen worden!«

 

»Ermordet?«

 

Artur flüsterte dieses Wort gespannt, und Andy nickte.

 

»Aber er hatte doch keine Feinde –«

 

»Wenige Menschen werden ermordet, weil sie Feinde haben. Der einzige, der drohte, Mr. Merrivan umzubringen, waren Sie!«

 

Wilmot taumelte zurück, als ob er einen Schlag erhalten hätte.

 

»Ich?« stammelte er. »Ich soll…? Niemals!«

 

»Mr. Merrivan war schon tot, als er aufgefunden wurde, er konnte nichts mehr aussagen. Mr. Wilmot, antworten Sie mir jetzt nicht übereilt, sondern denken Sie nach. Sie brauchen meine Frage auch überhaupt nicht zu beantworten, wenn Sie nicht wollen. Hatten Sie einen Streit mit Darius Merrivan?«

 

Der junge Mann war so betroffen, daß ihm die Stimme versagte. Er schüttelte nur den Kopf und starrte den Detektiv entsetzt an.

 

»Ich will Ihnen sagen, daß ich vor einer Woche hier vor dem Haus stand und Sie sagen hörte: ›Eher will ich dich umbringen!‹«

 

Jetzt fand Wilmot seine Sprache wieder.

 

»Da muß jemand Lügen über mich verbreitet haben«, rief er erregt. »Ich kann Ihnen aber auch einige Dinge erzählen. Ich habe mit ihm gestritten – ja! Wegen eines Mädchens, das keinen Pfifferling wert ist! So, nun wissen Sie es! Er sagte damals, er wolle sie heiraten – und dabei war er schon verheiratet! Er hatte keine Ahnung, daß ich das wußte, ich erzählte es ihm niemals. Seine Frau ist ihm davongelaufen. Er hat sich aber nie von ihr scheiden lassen. Er muß irgendeinen Grund dafür gehabt haben. Und als er mir nun sagte, daß er das Mädchen heiraten wollte –«

 

»Brüllen Sie nicht so!« erwiderte Andy scharf. »Ich bin nicht taub. Außerdem interessieren mich Ihre Familienstreitigkeiten nicht besonders. Ich bin ziemlich sicher, daß Sie nichts mit dem Mord selbst zu tun haben, obwohl Sie –« er machte eine Pause, um seinen nächsten Worten mehr Nachdruck zu geben, »der Erbe des Verstorbenen sind und durch seinen Tod nur Gewinn haben, wenn Sie nicht beweisen wollen«, fügte er hinzu und sah Wilmot durchdringend an, »daß seine Frau noch am Leben ist. In dem Fall erbt seine Frau das Vermögen. Vielleicht aber existiert ein Testament.«

 

»Soviel ich weiß, hat er kein Testament gemacht«, sagte Wilmot leiser und ruhiger. »Es tut mir leid, daß ich mich so weit vergessen habe, Macleod. Aber die Sache hat mich entsetzlich mitgenommen – Sie werden das verstehen.«

 

Andy nickte schweigend.

 

Er ging mit Artur Wilmot zur Gartenpforte zurück und beobachtete ihn, bis er in seinem Haus verschwunden war. Der Mann wollte jemand anklagen – das Mädchen, ›das keinen Pfifferling wert war‹. Er dachte darüber nach. Hatten die beiden, die man in Beverley Green bereits als Verlobte betrachtete, miteinander gestritten? Wie sehr mußte Stella Wilmots Eitelkeit verletzt haben, daß er sich zu solchen Worten hinreißen ließ! Andy hatte diese Schwäche in dem Charakter des jungen Mannes bald erkannt. Langsam ging Andy den breiten Fahrweg entlang. Sollte er zu ihr gehen? Er schaute auf die Uhr. Es war sechs, sie würde noch nicht wach sein. Unentschlossen sah er zu der ruhig daliegenden Villa hinüber. Die Jalousien waren heruntergelassen. Aber plötzlich erinnerte er sich daran, daß sie gesagt hatte, sie müßte um sechs Uhr aufstehen, wenn sie keine Dienstboten habe. Trotzdem zögerte er noch. Aber wenn sie wach war, hörte sie ihn ja, und wenn sie noch schlief, schadete sein Klopfen auf keinen Fall. Er ging zur Haustür und klopfte. Gleich darauf öffnete sie sich.

 

Kapitel 7

 

7

 

Andy brachte zwei unangenehme Tage in Beverley Green zu. Sie waren deshalb unangenehm, weil der einzige Mensch, dem er gerne begegnet wäre, ihn ängstlich mied. Einmal sah er ein junges Mädchen auf der anderen Seite der Straße gehen. Zwei große Hunde begleiteten es, die unruhig herumliefen. Er beschleunigte seine Schritte, erkannte dann aber, daß es Miss Sheppard war; eine junge Dame, der er auf dem Golfplatz vorgestellt worden war.

 

Am ersten Abend speiste er mit Mr. Merrivan und Mr. Sheppard, dem Architekten. Dieser Mann war so zurückhaltend, daß es Andrew schwerfiel, sich ein Bild von seiner Persönlichkeit zu machen.

 

Mr. Merrivan war Junggeselle, aber, wie er seinen Gästen erzählte, kein unverbesserlicher. Er würde sich gern von den Annehmlichkeiten der Ehe überzeugen lassen.

 

»Wirklich?« fragte Macleod.

 

Andy überlegte sich, welche Frau Merrivan wohl heiraten würde. Mr. Sheppard dachte überhaupt nicht mehr nach. Er machte den Eindruck, daß er aufgehört hatte nachzudenken, nachdem er genügend Geld erworben hatte, um sich zur Ruhe setzen zu können.

 

»Meine Herren«, sagte Mr. Merrivan wieder und sprach jetzt ganz leise, als ob es sich um ein großes Geheimnis handelte, »so schön es hier auch ist und so angenehme und reizende Menschen hier leben, so habe ich doch für meine Zukunft andere Pläne. Kennen Sie den Corner See, Doktor Macleod? Ich habe dort eine Villa gekauft – die Villa Frescoli –, ein hübscher, ruhiger Flecken der Erde, wo ich glücklicher zu werden hoffe als hier in Beverley.«

 

Andy wurde nachdenklich. Mr. Merrivan war nicht der Mann, der nur renommierte. Die Villa Frescoli war nicht klein, sie glich eher einem Palast. Es war ein großes Gebäude aus weißem Marmor. Die Bezeichnung ›Villa‹ schien kaum für dieses majestätische, herrliche Haus zu passen, das ursprünglich für einen russischen Großfürsten erbaut worden war.

 

Mr. Merrivan gewann in Macleods Augen neues Interesse. Er hatte schon gehofft, daß die Nelsons nach dem Abendessen zu einem kurzen Besuch herüberkommen würden. Aber die Umgangsformen waren hier steifer und konventioneller, als er vermutet hatte. Die Nachbarn besuchten einander nicht, in Beverley Green lebte jede Familie für sich.

 

Mr. Sheppard brach früh auf, und Andy ging mit seinem Gastgeber in dessen Arbeitszimmer, um dort eine Tasse Kaffee zu trinken.

 

Er war nun in dem Raum, in dem sich gestern Mr. Merrivan und Wilmot unterhalten hatten, als er ihr Gespräch belauschte. Es war ein eigenartiges, langgestrecktes Zimmer, das schmaler erschien, als es in Wirklichkeit war. Es lief von der Vorderfront zur Rückseite des Hauses. Durch zwei große Fenster konnte man vorn auf die Straße und hinten in den Garten sehen. In die Mitte der einen Wand war ein großer, schön verzierter Kamin eingebaut, der besser in ein Schloß gepaßt hätte, denn der Raum erschien dadurch wenig gut proportioniert, vor allem zu niedrig. Die Wände hatten Eichentäfelung.

 

Andy sah keinen Bücherschrank. Offenbar machte sich Mr. Merrivan wenig aus Literatur und gab sich auch keine Mühe, seine gelegentlichen Besucher über diese Tatsache zu täuschen. Aber kostbare Radierungen schmückten die Wände. Andy bemerkte einige wertvolle Arbeiten von Zorn, und Mr. Merrivan zeigte ihm Handzeichnungen bekannter Künstler.

 

Mr. Merrivan wußte wohl selbst, daß der Kamin eigentlich nicht hierhergehörte. Er hatte das Stück auf der Auktion im Stockley-Schloß erworben. Das Wappen der Stockleys war auch oben am Sims angebracht. Die anderen Möbel waren gut und modern. Zwei Ottomanen waren in den Fensternischen untergebracht, und außer dem Schreibtisch, der im vorderen Teil des Zimmers nach der Straße zu stand, waren noch ein großer Tisch und ein schön geschnitztes chinesisches Schränkchen vorhanden. Daneben luden bequeme Armsessel zum Ausruhen ein.

 

»Ich bin ein einfacher Mann und habe dementsprechend einen einfachen Geschmack«, behauptete Mr. Merrivan. »Mein Neffe sagt immer, daß dieses Zimmer fast wie ein Büro aussehe. Nun, ich habe immer ein sehr bequemes Büro gehabt. Rauchen Sie, Herr Doktor?«

 

Andy wählte eine Zigarette aus dem Silberkasten, der ihm zugeschoben wurde.

 

»Finden Sie nicht, daß es hier sehr ruhig ist?«

 

Andy lächelte. »Ja, es herrscht eine wohltuende Stille hier.«

 

Mr. Merrivan freute sich über das Lob.

 

»Ich selbst bin sozusagen der Gründer des Ortes. Ich habe diese Häuser nacheinander gekauft. Einige sind schon sehr alt, obwohl Sie das vielleicht nicht glauben werden. Ich habe Beverley Green eigentlich so angelegt, wie Sie es jetzt sehen. Ich verkaufte ein Haus nach dem anderen und habe dabei nicht einen Schilling verdient.«

 

Andy war sehr erstaunt.

 

»Das war aber wenig geschäftstüchtig von Ihnen.«

 

»An Geschäft habe ich dabei überhaupt nicht gedacht«, erklärte Mr. Merrivan. »Meine Absicht war, die richtigen Leute hierherzubringen. Aber ich fürchte, es ist mir nicht ganz gelungen. Die Menschen sind nicht alle so, wie sie scheinen, auch verschlechtert sich mit der Zeit der Charakter mancher Leute. Aber für Sie in Ihrem rastlos tätigen Leben, lieber Doktor, muß der Aufenthalt in Beverley Green doch eine Erholung sein.«

 

Das Gespräch wandte sich dann dem Thema »Verbrechen und Verbrechen zu. Es war aber weniger eine Unterhaltung als ein Ausforschen von seilen Mr. Merrivans. Macleod gab längere oder kürzere Antworten, je nach dem Interesse, das er Mr. Merrivans Fragen entgegenbrachte.

 

»Haben Sie bei Ihren vielen Erkundungen jemals einen gewissen Albert Selim kennengelernt?« Merrivan sprach zögernd.

 

»Dieselbe Frage hat erst vor kurzem jemand an mich gestellt. Wer war es doch gleich? Auf jeden Fall ist mir Selim noch nicht begegnet. Er soll einen sehr gemeinen Charakter haben.«

 

»Er ist ein Wucherer, und ich habe allen Grund anzunehmen, daß er auch ein Erpresser ist«, sagte Mr. Merrivan ernst. »Glücklicherweise bin ich niemals in seine Klauen geraten, aber andere Leute – können Sie mir nicht sagen, wer von ihm gesprochen hat? War es nicht Mr. Nelson?«

 

»Nein, ich glaube, es war Mr. Boyd Salter.«

 

»Sehen Sie einmal an«, sagte Merrivan belustigt. »Unser vornehmer Ortsvorstand. Wirklich ein netter Mann, dieser Mr. Boyd Salter. Kennen Sie ihn gut?«

 

»Ich habe ihn nur kurz kennengelernt. Ich brauchte eine Unterschrift als Friedensrichter für die Überführung meines Gefangenen.«

 

»Ein äußerst liebenswürdiger Herr, nur schade, daß wir sowenig von ihm sehen. Er ist schwer nervenkrank, wie mir erzählt wurde.«

 

Andy erinnerte sich an den behutsamen Diener und an die tiefe Ruhe im Haus.

 

Kurz darauf empfahl er sich. Andy wollte allein sein, es zog ihn nach Nelsons Villa. Es scheint, daß ich meine Zeit hier nur damit zubringe, an fremden Türen zu lauschen, dachte er. Er stand jetzt dem Haus des Künstlers gegenüber und war sehr bestürzt, als er drinnen einen Mann fürchterlich schreien hörte. Gerade öffnete sich die Tür, und zwei Frauen stürzten aufgeregt und schimpfend heraus. Nelson lief mit langen Schritten hinter ihnen her. Er trug nur Hose, Oberhemd und Pantoffeln. Andy vermutete, daß er betrunken war, obwohl er noch keinen Betrunkenen gesehen hatte, der so gerade ging und so klar und deutlich sprach.

 

»Laßt euch hier nicht wieder sehen, ihr –«, es folgte ein Ausbruch wüster Schimpfnamen.

 

»Vater!« Stella war bereits an seiner Seite und legte ihren Arm in den seinen. »Es ist besser, wenn du jetzt hereinkommst.«

 

»Ich gehe nicht hinein! Ich tue, was mir paßt! Mach, daß du auf dein Zimmer kommst!« Er zeigte theatralisch auf die Haustür. »Soll ich mir vielleicht von diesen Scheuerfrauen, diesen schlampigen Weibern, alles gefallen lassen – ich, Kenneth Nelson, Mitglied der Königlichen Akademie? Ich dulde das nicht!«

 

»Komm doch bitte ins Haus, Vater. Willst du denn wirklich ganz Beverley zum Zeugen haben –«

 

»Dieses verdammte Nest! Ich bin erhaben über Beverley Green, wo nur Marmeladenfritzen wohnen – geh auf dein Zimmer, Stella!«

 

Aber sie rührte sich nicht.

 

Andy glaubte, daß es jetzt Zeit sei, sich bemerkbar zu machen.

 

»Ach, guten Abend, Mr. Macleod!« Nelson war plötzlich so liebenswürdig, daß man ihn fast nicht wiedererkannt hätte.

 

»Guten Abend, Mr. Nelson. Ich möchte gern noch ein wenig mit Ihnen plaudern.«

 

Er nahm den Maler am Ann und führte ihn ins Haus. Stella folgte ihnen.

 

Sie war dankbar, obgleich sie sich fürchtete. Und doch war sie auch wieder begierig, mehr von diesem Mann zu erfahren und ihn aus der Nähe zu sehen. Sie fühlte sich gedemütigt, daß sie ihn in einer so peinlichen Situation kennenlernen mußte. Das erste, was sie an ihm beobachtete, war seine Kraft. Sie sah, daß er gewohnt war, mit Leuten umzugehen, und spürte etwas von der überlegenen Wirkung seiner Persönlichkeit. Vielleicht überschätzte sie seinen Einfluß, weil ihr Vater ihm so gehorsam und ohne Widerstreben folgte.

 

»Ich habe gerade zwei unverschämte Dienstmädchen hinausgeworfen, zwei ganz gemeine Weiber, Mr. Macleod«, sagte Nelson, der plötzlich wieder in seinen alten, anmaßenden Ton verfiel. »Diese Leute aus den unteren Schichten führen sich immer unerträglicher auf. Stella, ich kann deine Wahl eigentlich nicht billigen – wirklich, die beiden haben mich sehr enttäuscht. Hole Mr. Macleod jetzt etwas zu trinken. Ich werde zur Gesellschaft ein Gläschen mittrinken.«

 

»Nun, dann trinken wir am besten ein Gläschen Wasser miteinander«, meinte Andy lächelnd.

 

»Wasser!« rief Nelson verächtlich. »Solange ich noch ein Haus und einen Keller habe, geht kein Gast von meiner Schwelle, lieber Freund, ohne daß ich ihm nicht einen Becher dieses schönen Getränkes aus Schottland kredenzt habe!« Er lachte unbändig.

 

Andy hatte erwartet, Stella niedergeschlagen und bedrückt zu sehen. Die Selbstbeherrschung, die sie in diesem kritischen Augenblick bewahrte, verriet, daß sie an solche Szenen gewöhnt war. Sie tat ihm unendlich leid, sie schien noch sehr jung zu sein, fast noch ein Kind. Er bewunderte die zarte Reinheit ihrer Haut, die Anmut ihrer Gestalt. Und doch war es nicht das, was ihn so tief ergriff.

 

Sie machte keinen Versuch, Whisky zu holen, denn sie wußte, daß keiner im Hause war.

 

»Der Keller ist leer, Vater«, erwiderte sie trocken. »Die Winzer streiken.«

 

Der Spott brachte ihn wieder zur Raserei, und er drehte sich wütend nach ihr um, aber Andys Blick bannte ihn.

 

»Miss Nelson, könnte ich Ihren Vater ein paar Minuten allein sprechen? Ich möchte etwas mit ihm beraten.«

 

Sie nickte und ging hinaus.

 

»Aber, mein Lieber …« versuchte Nelson schwach zu protestieren.

 

»Sie nannten mich vorhin Mr. Macleod – Sie haben vergessen, daß ich Arzt bin. Haben Sie in der letzten Zeit einen Arzt konsultiert?«

 

»Nein, das hatte ich nicht nötig, meine Gesundheit ist in bester Ordnung«, erwiderte Mr. Nelson trotzig.

 

»Davon ist sie so weit entfernt, daß Sie dicht vor einem vollständigen Zusammenbruch stehen, von dem Sie sich niemals wieder ganz erholen werden. Ohne daß ich Ihr Herz untersucht habe, kann ich Ihnen sagen, daß sie böse Kreislaufstörungen haben. Nun erschrecken Sie, weil Sie wissen, daß ich recht habe. Sie werden das nächste Jahr nicht überleben, wenn Sie nicht aufhören zu trinken.«

 

Nelson blinzelte.

 

»Sie wollen mir nur Angst einjagen. Ich weiß selbst, daß es nicht richtig ist zu trinken. Aber ich bin doch noch nicht so kindisch, wie Sie denken. Ich trinke ja nur, weil ich soviel Sorgen habe, Mr. – Doktor Macleod.«

 

»Sie können sich die meisten Sorgen ersparen, wenn Sie keinen Whisky mehr anrühren. Gestatten Sie, daß ich morgen wiederkomme und Sie untersuche? Wer ist eigentlich Ihr Arzt?«

 

»Doktor Granitt aus Beverley. Ich habe ihn aber niemals meiner eigenen Gesundheit wegen zu Rate ziehen müssen. Er hat meine arme Frau während ihrer letzten Krankheit behandelt.«

 

»Nun gut, ich werde Sie untersuchen, und er kann dann Ihre Behandlung übernehmen. Wir werden Sie zusammen ein zweites Mal untersuchen.«

 

»Ich weiß aber gar nicht, warum«, begann Nelson in seinem alten anmaßenden Ton.

 

Aber Andy überging seine Einwände.

 

»Ich möchte Ihre Tochter nicht zu sehr erschrecken«, sagte er leise, »Wir werden deshalb nicht weiter über die Sache sprechen, wenn sie kommt.«

 

Als Stella gleich darauf wieder in das Zimmer trat, fand sie ihren Vater lammfromm, bescheiden und ruhig. Kenneth Nelson empfand nun doch eine gewisse Furcht und konnte sich davon nicht so schnell erholen.

 

»Ich glaube, es ist besser, wenn ich zu Bett gehe, Stella. Ich habe mich schon während der letzten Tage nicht wohl gefühlt.« Andy amüsierte sich über ihn, aber er ließ sich nichts merken. Er ging zur Tür und wartete dort, bis Stella einen kleinen Schal umgelegt hatte. Er war aus schwarzer Seide und trug in einer Ecke ein roteingesticktes Monogramm. Alles an ihr interessierte ihn in hohem Maße. Als sie miteinander zum Gartentor gingen, erzählte er ihr, was er mit ihrem Vater besprochen hatte.

 

»Ich weiß sehr wohl, daß er nicht an Kreislaufstörungen leidet, aber ich werde Doktor Granitt besuchen. Ich kenne seinen Sohn sehr gut – wir waren zusammen auf der Universität. Wir können uns ja irgendeine komplizierte Krankheit ausdenken, die Ihrem Vater das Trinken zum mindesten auf eine längere Zeit verleidet.«

 

»Ja, vielleicht ist das möglich«, sagte sie unsicher.

 

»Sie haben keine Hoffnung mehr?«

 

»Mit der Zeit verliert man sie.«

 

»Ich möchte Ihnen darauf etwas erwidern. In London gibt es Taxis, die einem gewissen Stadmere gehören. Diese Stadmere-Wagen sind die besten ihrer Art. Ich habe mir angewöhnt, wenn ich nicht gerade in der größten Eile bin, auf ein solches zu warten. Dabei ist mir aufgefallen, daß sofort ein Stadmere-Taxi auftaucht, wenn man sich fest entschließt, ein solches zu nehmen.«

 

»Das ist ein Gleichnis.« Sie lächelte. »Aber ich warte auf etwas, das mehr ist als ein Stadmere-Taxi – ich warte auf ein Wunder.«

 

»Ich habe sogar erlebt, daß Wunder geschehen, und es lohnt sich wirklich, auf sie zu warten. Wenn man jung ist, verrinnen die Tage schnell, und die Jahre erscheinen wie Ewigkeiten, so daß man ungeduldig wird.«

 

»Sie sprechen wie ein alter Mann«, versuchte sie zu scherzen, obwohl ihr nicht danach zumute war.

 

»Das mag stimmen. Zwar, werde ich auch noch manchmal ungeduldig, aber ich habe das Warten gelernt!«

 

Er hielt ihre Hand einen Augenblick in der seinen. Sie sah ihm nach, als er über den Rasen davonschritt, bis seine Gestalt immer undeutlicher wurde und im Tor des Gästehauses verschwand.

 

Kapitel 28

 

28

 

Andy blieb noch da, bis Mr. Nelson zurückkam, dann ging er quer über den Rasen zum Gästehaus, wo er sein altes Zimmer wieder bezog.

 

Er war der einzige Gast, und Johnston begrüßte ihn mit großer Freude.

 

»Gott sei Dank, daß Sie wieder da sind – ich fürchtete schon, daß Sie nicht mehr wiederkommen würden.«

 

Andy sah den Mann forschend an, dessen Gesicht ganz eingefallen war.

 

»Was ist denn mit Ihnen los, Johnston? Sind Sie krank?«

 

»Ich bin sehr nervös geworden. Ich bin seit dem Mord so unruhig, daß ich fast keinen Augenblick stillsitzen kann, und vor drei Uhr morgens komme ich nicht ins Bett.«

 

»Warum denn nicht?«

 

Der Hausmeister lachte hysterisch.

 

»Wenn ich Ihnen alles erzähle, werden Sie wahrscheinlich glauben, ich sei nicht mehr bei Verstand. Und es gibt Augenblicke, in denen ich wirklich fürchte, verrückt zu werden. Von Natur aus bin ich gar nicht nervös und war es auch früher nie. Ihnen kann ich es ja sagen, daß ich in meinen jüngeren Tagen auf allen Gütern in der Umgegend wilderte, aber …«

 

»Aber?« fragte Andy nach einem Schweigen.

 

»Ich bin zu einem gewissen Grad ein frommer Mann«, fuhr Johnston fort. »Ich gehe jeden Sonntag vor- und nachmittags in die Kirche, und ich glaube nicht an Gespenster, Spiritismus und solchen Unsinn.«

 

»Sie haben wohl Gespenster gesehen? Johnston, Sie sind gesundheitlich vollkommen herunter. Ich werde morgen Mr. Nelson aufsuchen und ihn bitten, daß er dem Komitee empfiehlt, Ihnen einen Urlaub zu bewilligen.«

 

»Vielleicht haben Sie recht, aber … ich habe in Beverley Green Dinge gesehen, die mir das Blut erstarren ließen. Es ist wirklich ein Gespenstertal, ich habe es immer gesagt – und das stimmt.

 

»Haben Sie denn ein Gespenst zu Gesicht bekommen?«

 

Johnston schluckte.

 

»Ich habe Mr. Merrivan gesehen«, sagte er schließlich.

 

Andy, der nach oben gegangen war, wandte sich plötzlich um.

 

»Was, Sie haben Mr. Merrivan gesehen – wo?«

 

»Ich habe ihn so deutlich gesehen, wie ich ihn früher Dutzende von Malen sah, als er in seinem Schlafrock an seiner Gartentür stand. Früher pflegte er immer am Morgen herauszukommen, bevor andere Leute wach waren. Er trug dann immer seinen langen gelbbraunen Schlafrock.«

 

»So?« fragte Andy freundlich. »Und Sie haben ihn nach seinem Tod beobachtet?«

 

Der Mann nickte.

 

»In der vorletzten Nacht – ich habe niemand etwas davon gesagt, aber ich habe seitdem kaum noch schlafen können, und dabei gehe ich doch immer noch spazieren, bevor ich mich zu Bett lege. Ich gehe mindestens zwanzigmal hier in den Anlagen hin und her. Vor zwei Nächten ging ich also auch auf und ab und überlegte, wer wohl das Haus kaufen würde. Mr. Wilmot hat alle Möbel herausschaffen lassen, nur noch die Vorhänge sind an den Fenstern. Ich schlenderte gerade in einiger Entfernung vorbei und dachte, daß es jetzt doch sehr verlassen aussehe, als ich plötzlich Licht im Haus bemerkte.« Seine Stimme zitterte. »Es war in dem Raum, in dem die Leiche gefunden wurde.«

 

»Was für ein Licht war es denn?«

 

»Es schien eine Kerze zu sein, es war nicht so hell wie elektrisches Licht. Mr. Wilmot hat ja auch den Zähler abnehmen lassen.«

 

»Und was geschah dann?« fragte Andy.

 

»Ich sah nur den Lichtschimmer zwischen den Jalousien und dachte zuerst, daß es Einbildung sei – aber die Jalousie wurde langsam hochgezogen –«

 

Andy wartete, bis der Mann seine Erregung etwas überwunden hatte.

 

»Ich konnte ihn nicht deutlich sehen, aber er trug einen Schlafrock und schaute in den Garten hinaus. Ich war wie gelähmt vor Entsetzen, ich stand still und konnte mich nicht bewegen. Dann ließ er die Jalousie wieder herunter, und das Licht ging aus.

 

Einige Minuten darauf war der Flur erleuchtet. Über der Haustür ist ein Glasfenster. Ich weiß nicht, wie lang ich dort stand, vielleicht zehn Minuten, vielleicht auch nur zehn Sekunden – ich kann mich nicht besinnen. Als ich mich gerade ein wenig erholt hatte, öffnete sich die Haustür. Es war nur ein schwaches Licht im Korridor zu sehen – er kam heraus.«

 

»Merrivan?«

 

Der Mann nickte.

 

»Auf alle Fälle ein Mann in einem Schlafrock?« fragte Andy.

 

»Jawohl, Sir.«

 

»Haben Sie ihn noch einmal gesehen?«

 

»In der letzten Nacht – ich zwang mich, wieder hinüberzugehen. Er stand vor der Haustür und hatte die Hände in den Taschen.«

 

»Haben Sie denn sein Gesicht gesehen?«

 

»Nein, so lange habe ich nicht gewartet – ich schlich schnell weg.«

 

»Haben Sie das Mr. Wilmot erzählt?«

 

»Nein, ich wollte es ihm nicht sagen, Mr. Merrivan war doch sein Onkel.«

 

Andy überlegte und sagte dann: »Sie leiden wahrscheinlich an Halluzinationen. Sie sind mit Ihren Nerven vollkommen fertig. Ich werde Sie morgen einmal untersuchen, Johnston.«

 

Es war elf Uhr, als Andy das Licht ausschaltete und zu Bett ging. Er fiel in einen unruhigen Schlaf.

 

Ein heiserer Angstschrei weckte ihn. Er sprang aus dem Bett und machte Licht. Eine Sekunde später hörte er eilige Schritte auf dem Gang. Er öffnete die Tür und sah Johnston vor sich, der totenbleich war und vor Entsetzen nicht mehr zusammenhängend sprechen konnte. Er zeigte nur auf das Fenster. Andy lief hin und riß es auf, konnte aber nichts sehen.

 

»Machen Sie das Licht aus, Johnston!«

 

Gleich darauf lag der Raum im Dunkeln, aber auch jetzt war draußen nichts zu erkennen.

 

»Ich habe ihn wieder gesehen!« keuchte Johnston atemlos. »Er war dort auf dem Rasen, unter meinem Fenster. Er ging in seinem Schlafrock auf und ab. Ich öffnete das Fenster und schaute hinaus, um mich zu vergewissern – und da hat er mit mir gesprochen! O mein Gott!«

 

»Was hat er denn gesagt?« Andy rüttelte den zitternden Mann an den Schultern. »So reden Sie doch endlich! Was hat er denn gesagt?«

 

»Er fragte nach dem Schlüssel«, jammerte Johnston. »Er nannte mich sogar beim Namen.«

 

Andy zog seinen Mantel an und lief ins Freie. Aber er konnte niemand entdecken. Er spähte nach allen Seiten aus, aber seine Bemühungen waren vergeblich.

 

Als er zu Johnston zurückkam, fand er ihn dem Zusammenbruch nahe. Es gelang ihm, ihn wenigstens einigermaßen zu beruhigen.

 

»Warum sollte er denn Sie nach dem Schlüssel gefragt haben?«

 

»Weil ich ihn aufbewahre, hier ist er.«

 

Er nahm den Schlüssel von einem Wandbrett in seinem Zimmer.

 

»Mr. Wilmot hat ihn mir gegeben. Ich sollte das Haus zeigen, falls Käufer kämen.«

 

»Geben Sie ihn lieber mir«, sagte Andy und steckte ihn in seine Tasche.

 

Er wußte, daß er in dieser Nacht doch nicht mehr schlafen würde, zog sich an und machte sich auf den Weg zu Merrivans Haus. Es begegnete ihm weder ein Mensch noch ein Geist, aber als er durch das Gartentor trat, packte ihn doch ein unheimliches Gefühl. Mit Hilfe seiner Taschenlampe fand er das Schlüsselloch und schloß auf.

 

Er zögerte einen Augenblick, bevor er die Tür zum Arbeitszimmer Mr. Merrivans öffnete. Die Möbel waren weg, auch der Teppich war fortgenommen worden. Einige lose herabhängende Drähte zeigten die Stelle, wo früher die Radierungen gehangen hatten.

 

Er blieb einen Augenblick stehen und betrachtete auf dem Fußboden den dunklen Flecken, wo der Eigentümer des Hauses den Tod gefunden hatte. Dann beleuchtete er das Fenster. In dem Augenblick sah er etwas und ein kalter Schauer überlief ihn. Er hatte im Schein seiner Lampe im Garten eine Gestalt gesehen. Im nächsten Moment war sie aber verschwunden. Hatte er sich getäuscht?

 

Er sprang zum Fenster und versuchte, es zu öffnen. Es war zugeschraubt, und es dauerte einige Zeit, bis er in den Garten kam und auf dem mit Asche bestreuten Weg zum Obstgarten laufen konnte. Aber es war nichts von einem Mann oder einem Geist zu sehen.

 

Andy wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn, ging zum Haus zurück, schloß die Tür ab und machte sich auf den Heimweg. Plötzlich blieb er stehen, als er zu Stellas Fenster hinaufschaute. Wieder einmal brannte Licht in ihrem Zimmer.

 

*

 

Kapitel 29

 

29

 

Diesmal wollte Andy nicht wieder bis zum Morgen auf eine Erklärung warten, die wahrscheinlich sehr einfach sein würde. Er ging auf das Haus zu. In der Eingangshalle wurde gerade Licht gemacht. Er klopfte leise an die Haustür, und Stella antwortete sofort: »Wer ist dort?« Ihre Stimme klang ängstlich.

 

»Ich bin es – Andy.«

 

»Ach, du!« Er hörte, wie sie die Sicherheitskette löste und den Riegel zurückschob. »Ach, Andy!« rief sie, als er ihr entgegentrat, und fiel ihm schluchzend in die Arme. »Ich fürchte mich so, ich bin außer mir vor Angst!«

 

»Heute nacht scheinen sich alle Leute zu fürchten und den Verstand zu verlieren.« Andy strich über ihr braunes Haar. »Was hast du denn gesehen?«

 

»Hast du denn nichts gesehen?« fragte sie und schaute ihn an.

 

Von oben hörte man die Stimme Mr. Nelsons.

 

»Es ist Andy, Vater. Willst du nicht herunterkommen?«

 

»Ist etwas nicht in Ordnung?« Nelson knöpfte seinen Schlafrock zu, als er die Treppe herabkam.

 

»Das eben will ich gerade ausfindig machen«, erwiderte Andy. »Halb Beverley Green scheint diese Nacht in Aufruhr zu sein.«

 

Mr. Nelsons Schlafrock hatte eine dunkelrote Farbe. Der Maler schien eben aufgewacht zu sein.

 

»Haben Sie vorhin geklopft? Ich könnte schwören, daß jemand geklopft hat.«

 

»Nein, Vater, das war nicht Andy«, sagte Stella zitternd.

 

»Hat denn jemand geklopft?« fragte Andy. Sie nickte.

 

»Ich habe einen sehr leichten Schlaf und habe das Klopfen sofort gehört. Ich dachte, du seiest es und öffnete das Fenster, um hinunterzusehen. Und ich sah auch jemand unten auf dem Weg stehen, er war deutlich zu sehen.«

 

»Wie war er denn gekleidet? Trug er einen Schlafrock?«

 

»Hast du ihn gesehen? Wer war es, Andy?«

 

»Erzähl doch weiter, Liebling – was geschah dann?«

 

»Ich rief hinunter: ›Wer ist dort?‹ Er antwortete zuerst nicht, aber dann fragte er mit einer tiefen Stimme: ›Haben Sie Ihren Schal bekommen?‹ Ich wußte nicht gleich, was er meinte, aber plötzlich erinnerte ich mich an den Schal, der im Obstgarten gefunden wurde. ›Ja‹, sagte ich, ›wer sind Sie denn?‹ Aber er sagte nichts mehr, und ich sah, wie er fortging. Ich saß lange im Dunkeln und überlegte, wer es gewesen sein konnte. Es war nicht deine Stimme, es war auch nicht die Stimme eines anderen Bekannten, wenn nicht – aber das ist unmöglich!«

 

»Glaubst du, es war Merrivans Stimme?« fragte Andy ruhig.

 

»Natürlich nicht, aber sie war genauso tief wie die seine, und je länger ich darüber nachdachte, desto ängstlicher wurde ich. Ja, ich dachte, es wäre Mr. Merrivans Stimme gewesen, aber ich konnte es nicht glauben. Dann drehte ich das Licht in meinem Zimmer an und ging hinunter. Ich wollte mir ein Glas Milch holen und meinen Vater wecken. Und dann kamst du, Andy.«

 

»Das ist sehr merkwürdig.« Andy erzählte ihnen, was er gesehen und gehört hatte. »Johnston ist vollkommen fertig, Sie müssen dafür sorgen, daß er Urlaub bekommt, Mr. Nelson.«

 

»Aber wer könnte denn das gewesen sein? Glauben Sie, daß uns jemand einen Schrecken einjagen wollte?«

 

»Das wäre ihm ja vollkommen gelungen«, meinte Andy.

 

»Ich nehme an«, sagte Nelson, der nie um eine Theorie verlegen war, »daß Sie beide durch den Zusammenbruch dieser geschmacklosen Frau nervös geworden sind. Ich sah sofort, wie aufgeregt Sie waren, als ich zurückkam.«

 

»Aber Johnston war doch gar nicht da, der kann doch davon nicht nervös geworden sein! Außerdem glaube ich, daß meine Nerven in bester Ordnung sind.« Er nahm den Schlüssel aus der Tasche. »Gehen Sie doch hin und sehen Sie sich Merrivans Haus einmal an«, schlug er lächelnd vor.

 

»Und wenn Sie mir tausend Pfund gäben, täte ich es nicht. Geh zu Bett, Stella, sonst bist du morgen krank.«

 

»Es ist schon Morgen geworden«, sagte sie und zog die Vorhänge beiseite. »Ich wüßte gern, ob Artur Wilmot auch wach ist.«

 

Andy war derselbe Gedanke gekommen. Nachdem Stella ihm das feierliche Versprechen gegeben hatte, sich sofort hinzulegen, verabschiedete er sich und machte sich auf den Weg zu Wilmots Häuschen.

 

Es dauerte nicht lange, bis er ihn geweckt hatte. Artur Wilmot hörte sich die Neuigkeiten mit merkwürdiger Ruhe an.

 

»Es ist sonderbar«, sagte er. »Ich war gestern noch in dem Haus. Ich bin es auch gewesen, der das hintere Fenster verriegelt hat. Es war nach dem Mord nicht wieder geschlossen worden.«

 

»Haben Sie denn nichts gesehen?« fragte Andy.

 

»Nichts. Wenn Sie eine Minute warten, bis ich mich angezogen habe, können wir zusammen hinübergehen. Es wird bis dahin hell genug sein, um Fußspuren im Garten erkennen zu können.«

 

»Damit brauchen Sie gar nicht zu rechnen. Ein mit Asche bestreuter Weg und ein asphaltierter Hof sind nicht das beste Material, um Fußabdrücke zu bewahren.«

 

Trotzdem begleitete er Artur; sie durchsuchten alle Räume und begannen beim Eingangsflur.

 

»Hier ist etwas.«

 

Wilmot zeigte auf den Boden.

 

»Tropfen von einer Kerze!« rief Andy interessiert. »War jemand mit Kerzen hier?«

 

Wilmot schüttelte den Kopf.

 

Sie fanden noch weitere Kerzenspuren in Merrivans Arbeitszimmer und entdeckten im Kamin auch einen Kerzenstumpf.

 

»Es war nicht einmal dieser Beweis nötig, um zu erkennen, daß ein Mensch von Fleisch und Blut und kein Gespenst hier sein Wesen getrieben hat«, sagte Andy. »Ohne eine Autorität auf dem Gebiet zu sein, weiß ich doch, daß sie keine Kerzen brauchen.«

 

Er wickelte den Stumpf sorgfältig in ein Stück Papier.

 

»Was wollen Sie damit anfangen?« fragte Wilmot erstaunt.

 

Andy lächelte.

 

»Für einen Mann, der mir noch eben vorschlug, mich nach Fußspuren auf dem Asphalt umzusehen, sind Sie eigentlich sehr schwerfällig, Wilmot. Dieser Kerzenstumpf ist doch mit Fingerabdrücken bedeckt. Der Mörder, ob er nun bei klarem Verstand oder wahnsinnig war, fühlte sich zu dem Ort der Tat hingezogen, wahrscheinlich war er schon häufig hier.«

 

*

 

Andy sagte Wilmot und Nelson nichts von seinen Plänen. Zuerst mußte er Mrs. Crafton-Bonsor aufsuchen. Aber sie ließ sich nicht sprechen, und als Andy die Dringlichkeit seines Besuches betonte, weigerte sie sich noch hartnäckiger, ihn zu empfangen. Scottie war ihr Bote.

 

»Das sind so Weiberlaunen«, sagte er halblaut. »Es hat keinen Zweck, Macleod, sie ist in dieser Beziehung unnachgiebig und hart wie ein neolithisches Fossil. Ich habe mein Bestes getan, aber sie will Sie nicht sehen.«

 

»Scottie, ich habe Sie immer gut behandelt, Sie müssen mir jetzt helfen. In welchen Beziehungen stand Albert Selim zu ihr?«

 

Scottie zuckte die Schultern.

 

»Man soll die Vergangenheit einer Frau nie erforschen wollen, Macleod. ›Vergangenheit ist tot, damit die Zukunft glücklich sei.‹«

 

»Die Zukunft interessiert mich nicht, aber über Mr. Crafton-Bonsors Vergangenheit möchte ich etwas erfahren«, sagte Andy unwillig. »Ich werde sie sprechen – oder ich mache Schwierigkeiten!«

 

Scottie verschwand und blieb fast eine halbe Stunde weg.

 

»Sie ist zweifellos krank, Macleod, als Arzt werden Sie das sofort sehen. Trotzdem will sie Ihnen zwei Minuten schenken. Aber bleiben Sie bitte nicht zu lange.«

 

Mrs. Bonsor lag auf einer Couch. Scottie hatte nicht übertrieben. Die Erwähnung des Mordes hatte eine schlechte Wirkung auf die Frau gehabt. Ihre vollen Wangen schienen eingesunken zu sein, die Anmaßung, die sonst in ihren blauen Augen lag, war verschwunden.

 

»Ich habe Ihnen nichts zu erzählen, Sir«, sagte sie bei Andys Eintritt scharf.

 

»Hat Scottie Ihnen nicht mitgeteilt …«, begann er.

 

»Nein«, rief sie mit schriller Stimme, »und ich sehe nicht ein, mit welchem Recht Sie hier eindringen, um mich auszuhorchen!«

 

»Waren Sie mit Albert Selim bekannt?«

 

Sie zögerte.

 

»Ja, ich kannte ihn«, erwiderte sie dann widerstrebend. »Vor vielen Jahren. Ich werde aber mit Ihnen nicht darüber sprechen. Meine Privatangelegenheiten gehen niemand etwas an. Es ist mir ganz gleich, ob Sie Polizeibeamter sind oder nicht. Ich habe nichts zu verbergen, glauben Sie mir das.«

 

Andy wartete, bis sie geendet hatte.

 

»Sie hießen früher Hilda Masters und heirateten einen John Severn in der Sankt-Pauls-Kirche in Kensington«, sagte er dann.

 

Sie starrte ihn hilflos an und begann gleich darauf zu schreien.

 

Scottie bewahrte bei diesem Zusammenbruch der verzweifelten Frau die Ruhe. Er war zugleich behutsam und bestimmt, beruhigend und ironisch. Andy ließ die beiden taktvoll eine halbe Stunde allein, dann kam Scottie zu ihm heraus.

 

»Macleod, sie wird Ihnen die Wahrheit sagen. Und da Stenographie von jeher meine Lieblingsbeschäftigung war, werde ich alles mitschreiben. Ich schrieb hundertachtzig, als ich jung war, und es gab nur wenige Stenotypisten, die mich an Schnelligkeit im Maschinenschreiben übertrafen. Mirabel spricht kein erstklassiges Englisch, und es ist besser, ich bringe alles gleich in Polizeisprache. – Sie ist sommersprossig und hat Plomben im Mund, und sie mißfiel mir, als ich sie das erstemal sah. Aber ich habe die Frau jetzt gern. Sie ist nicht mehr allzu jung, aber man nimmt es nicht mehr so genau, wenn man selbst älter wird. Sie fragen sie am besten, und ich schreibe das Wichtigste aus ihren Antworten auf.«

 

Andy war einverstanden, und aus dieser sonderbaren Zusammenarbeit ergab sich eine noch sonderbarere Geschichte.

 

Kapitel 3

 

3

 

Stella Nelson verließ das Postamt in Bestürzung und Schrecken. Obgleich sie sich nicht umsah, wußte sie doch, daß ihr der Herr mit den scharfgeschnittenen Gesichtszügen aus der Telefonzelle nachschaute. Was würde dieser Mann denken, für den wahrscheinlich schon das kleinste Zucken eines Augenlides Bedeutung hatte?

 

Sie war beinahe schwach geworden, als sie das Wort ›Detektiv ‹ hörte; er hatte auch sicher gesehen, wie sie schwankte und blaß wurde, und er mußte sich über ihr Benehmen gewundert haben.

 

Am liebsten wäre sie davongelaufen; und es bedurfte ihrer ganzen Willenskraft, ihre Schritte nicht noch mehr zu beschleunigen. Sie ging rasch den Abhang zum Bahnhof hinunter. Dort erfuhr sie, daß sie noch eine halbe Stunde bis zum Abgang des Zuges zu warten hatte. Sie war so frühzeitig von zu Hause fortgegangen, weil sie noch einige Besorgungen machen wollte. Aber konnte sie zurückkehren? Durfte sie sich seinen forschenden Blicken, die sie so erschreckt hatten, noch einmal aussetzen?

 

Schließlich ging sie zurück. Ihr Selbstbewußtsein zwang sie dazu. Und sie atmete erleichtert auf, als sie sah, daß der dunkelblaue Wagen verschwunden war. Sie eilte von einem Geschäft zum anderen, um so schnell wie möglich fertig zu werden. Nach kurzem Zögern wandte sie sich wieder zum Postamt und kaufte noch einige Marken.

 

»Welchen Beruf hatte der Herr, von dem wir vorhin sprachen?« Es kostete sie einige Mühe, ruhig zu fragen.

 

»Er war Detektiv, mein Fräulein«, sagte der alte Postbeamte wichtig. »Ich weiß nicht, hinter wem er her ist.«

 

»Wohin ist er denn gegangen?« Sie fürchtete schon die Antwort.

 

»Er wollte nach Beverley Green fahren, wie er mir sagte.«

 

Der Postbeamte schien nicht das beste Gedächtnis zu haben, sonst hätte er sich darauf besinnen müssen, daß Andy eine solche Absicht nicht geäußert hatte.

 

»Nach Beverley Grenn?« wiederholte sie langsam.

 

»Er heißt Macleod!« rief er plötzlich. »Ach ja, jetzt erinnere ich mich!«

 

»Wissen Sie, ob er hier wohnt?«

 

»Nein, mein Fräulein, er ist nur auf der Durchreise. Banks, der Fleischermeister, wollte es nicht glauben, daß wir einen richtigen Detektiv in der Stadt hatten – einen Beamten von Scotland Yard. Macleod machte die entscheidende Zeugenaussage in dem Marchmont-Giftmordprozeß. Erinnern Sie sich nicht …? Das war eine aufregende Geschichte! Ein Mann vergiftete seine Frau, weil er eine andere heiraten wollte, und durch Macleods Aussage kam er an den Galgen. Für Mordprozesse habe ich ein ausgezeichnetes Gedächtnis.«

 

Sie ging jetzt langsam zum Bahnhof und löste ihre Fahrkarte. Ungewißheit, Zweifel und Furcht quälten sie. Der Gedanke, auch nur ein paar Stunden abwesend zu sein, während dieser Mann hier herumspionierte, erschien ihr unerträglich. Der Himmel mochte wissen, welche Absichten er hatte.

 

Wieder wandte sie sich der Stadt zu, aber dann hörte sie den Zug pfeifen. Kurz entschlossen ging sie zum Bahnhof zurück. Sie wollte ihren ursprünglichen Plan ausführen. Sie haßte Macleod. Sie haßte und fürchtete ihn zugleich. Sie zitterte bei der Erinnerung an seinen durchdringenden, prüfenden Blick, der so deutlich sagte: ›Du hast etwas zu fürchten.‹ Sie versuchte im Zug zu lesen, aber ihre Gedanken waren nicht bei der Zeitung, und obwohl ihre Blicke den Zeilen folgten, sah und las sie doch nichts.

 

Als sie sich ihrem Ziel näherte, wunderte sie sich, daß ihr jemals der Gedanke gekommen war umzukehren. Sie hatte doch nur noch eine Woche Zeit, um diese schreckliche Sache zu ordnen – nur noch eine Woche, und jeder Tag zählte. Vielleicht hatte sie Erfolg und kehrte am Nachmittag glücklich zurück, jauchzend vor Freude. Wie schön wäre es, wenn sie durch dieselben Felder und über dieselben Brücken mit ruhigem Gemüt nach Hause fahren könnte.

 

Mechanisch betrachtete sie durch das Fenster die Landschaft, an der sie ihr Zug vorbeiführte.

 

Ihre Träumereien waren zu Ende, als sie ausstieg. Sie eilte durch die drängende Menschenmenge. Ein Taxi kam auf ihren Wink heran.

 

»… Ashlar Building?« sagte der Chauffeur überlegend. »Ja, ich weiß, was Sie meinen, Fräulein.«

 

Ashlar Building war ein großes Bürohaus; sie hatte es noch nie gesehen und wußte auch nicht, wie sie den Mann finden sollte, den sie sprechen mußte. In der Eingangshalle sah sie jedoch die Firmentafeln, die die zwei einander gegenüberliegenden Wände bedeckten. Sie las eine nach der anderen, bis sie plötzlich anhielt.

 

»309, Albert Selim.«

 

Seine Geschäftsräume lagen im fünften Stock.

 

Es dauerte einige Zeit, bis sie das Büro gefunden hatte, denn es lag am Ende eines langen Flügels. Sie sah zwei Türen. Die eine trug die Aufschrift ›Privat‹, die andere ›Alb. Selim‹.

 

Sie klopfte an, und jemand rief: »Herein!«

 

Eine kleine Schranke trennte den eigentlichen Büroraum von dem schmalen Gang, in dem sich die Besucher im allgemeinen aufhalten durften.

 

»Nun, Miss?«

 

Der Herr, der auf sie zutrat, sprach barsch, beinahe feindselig.

 

»Ich möchte Mr. Selim sprechen«, sagte sie, aber der junge Mann schüttelte den Kopf.

 

»Das ist unmöglich, wenn Sie nicht eine Verabredung mit ihm haben. Und auch dann würde er nicht persönlich verhandeln.« Plötzlich unterbrach er sich und sah sie groß an. »Aber Sie sind doch Miss Nelson«, sagte er dann erstaunt. »Ich hatte nie erwartet, Sie hier zu sehen.«

 

Sie wurde über und über rot und versuchte vergeblich, sich zu besinnen, woher er sie kennen konnte.

 

»Sie erinnern sich sicher – Sweeny ist mein Name.«

 

Sie errötete noch mehr.

 

»Ja, natürlich – Sweeny.«

 

Sie war bestürzt und fühlte sich gedemütigt, als sie ihn erkannte.

 

»Sie haben seinerzeit Ihre Stelle bei Mr. Merrivan sehr schnell verlassen?«

 

Nun wurde es ihm ungemütlich, als das Gespräch diese Wendung nahm.

 

»Ja, das stimmt.« Er räusperte sich verlegen. »Ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit Mr. Merrivan. Ein geiziger Mensch! Und schrecklich mißtrauisch!« Er räusperte sich wieder. »Haben Sie damals nichts darüber gehört?«

 

Sie verneinte. Die Dienstboten blieben nicht lange genug im Nelsonschen Haus in Stellung und wurden nicht so vertraut mit ihrer Herrschaft, daß sie über Klatsch sprechen konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten.

 

»Nun, die Sache verhielt sich so.« Mr. Sweeny war ein wenig erleichtert, daß er Gelegenheit hatte, ihr die Geschichte zuerst von seinem Standpunkt aus zu erzählen. »Mr. Merrivan vermißte einige Stücke seines Tafelsilbers, die ich unglücklicherweise meinem Bruder geliehen hatte, der sie kopieren wollte. Er interessierte sich sehr für altes Silber, da er selbst gelernter Juwelier und Goldschmied ist. Als nun Mr. Merrivan die Stücke vermißte –« Er hustete wieder, wurde sehr verwirrt und sagte, er sei bezichtigt worden, das Silber gestohlen zu haben! Mr. Merrivan hatte ihn fristlos entlassen! »Ich hätte damals verhungern können, wenn nicht Mr. Selim von mir gehört und mir diese Stellung gegeben hätte. Sie ist nicht gerade glänzend«, fügte er entschuldigend hinzu, »aber es ist doch wenigstens etwas. Ich wünsche oft, ich wäre wieder dort in dem hübschen Tal von Beverley Green.«

 

Sie unterbrach ihn: »Wann kann ich denn Mr. Selim sprechen?«

 

Aber er schüttelte wieder energisch den Kopf.

 

»Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen, Miss Nelson. Ich habe ihn selbst auch noch nicht gesehen.«

 

»Wie?« Sie starrte ihn verwirrt an.

 

»Das ist eine Tatsache. Er ist Geldverleiher – aber das brauche ich Ihnen doch nicht zu erzählen.«

 

Er sah sie mit einem wissenden Blick an, und sie wäre am liebsten vor Scham in den Boden versunken.

 

»Er wickelt alle seine Geschäfte brieflich ab. Ich empfange hier die Besucher und bespreche mit ihnen die Angelegenheit. Damit ist aber noch nicht gesagt, daß er sich daran hält«, erklärte er. »Die Kunden füllen dann die Formulare aus – Sie verstehen mich schon –, sie geben an, welche Summe sie brauchen, welche Sicherheiten sie bieten können und dergleichen Dinge – und ich lasse dann die Schriftstücke hier im Geldschrank für Mr. Selim, bis er kommt.«

 

»Wann kommt er denn?«

 

»Das weiß Gott allein«, erwiderte Mr. Sweeny. »Auf jeden Fall kommt er hierher, denn die Briefe werden zwei- bis dreimal wöchentlich abgeholt. Er setzt sich dann schriftlich mit den Leuten in Verbindung. Ich erfahre niemals, welches Darlehen sie erhalten oder wieviel sie zurückzahlen.«

 

»Gibt er Ihnen seine Aufträge auch schriftlich?« fragte Miss Nelson, deren Neugierde im Augenblick über ihre Enttäuschung siegte.

 

»Nein, er telefoniert mit mir, ich weiß aber niemals, woher. Es ist überhaupt eine sonderbare Stellung. Ich bin nur je zwei Stunden an vier Tagen der Woche beschäftigt.«

 

»Gibt es denn wirklich keine Möglichkeit, ihn zu sprechen?« fragte sie noch einmal verzweifelt.

 

»Nein, nicht die geringste«, entgegnete Mr. Sweeny, der wieder überheblich wurde. »Es ist nur ein Weg vorhanden, mit Albert Selim geschäftlich zu. verkehren – man muß ihm schreiben.«

 

Sie dachte eine Weile nach.

 

»Geht es Mr. Nelson gut?«

 

»Danke, sehr gut«, antwortete sie hastig, »es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, sich nach meinem Vater zu erkundigen. Ich –« Es war ihr unerträglich peinlich, einen Angestellten ins Vertrauen ziehen zu müssen. »Sie sagen doch nichts davon, daß Sie mich hier gesehen haben?«

 

»Aber bestimmt nicht«, meinte Sweeny zuvorkommend. »Großer Gott, wenn Sie wüßten, welche Leute hierherkommen, Sie würden erstaunt sein. Berühmte Schauspieler und Schauspielerinnen, Leute, deren Namen ein Begriff sind. Minister, Geistliche –«

 

»Leben Sie wohl, Sweeny.«

 

Sie schloß die Tür hinter sich.

 

Ihre Knie wankten, als sie die Treppe hinunterstieg. Sie zog es vor, den Fahrstuhl nicht zu benützen. Erst jetzt wurde ihr klar, wie sehr sie sich auf eine Unterredung mit Mr. Selim verlassen hatte. Verzweifelt sah sie sich nun der unerbittlichen Wirklichkeit gegenüber. Es gab keinen Ausweg mehr. Was konnte den Untergang jetzt noch aufhalten? Nichts – nichts! Der Mann, den sie hatte sprechen wollen, der einzige, der ihr helfen konnte, war unerreichbar für sie:

 

Sie stieg um und kam um fünf Uhr nachmittags in Beverley an. Der erste, den sie sah, als sie aus dem Zug stieg, war der ruhige, kluge Detektiv mit den grauen Augen. Er hatte sie auch erkannt, und ihre Blicke trafen sich, als sie das Abteil verließ. Einen Augenblick stand ihr Herz still, dann sah sie an seiner Seite einen Mann mit Handschellen – es war der kanadische Professor! Den hatte er also verhaften wollen – den freundlichen Gelehrten, der sich mit ihr so interessant über Versteinerungen unterhalten hatte.

 

Scottie wußte sehr viel über Fossilien und Gesteinsformationen. Es war sein Steckenpferd. An Scotties anderer Seite stand ein Polizist. Der Verbrecher selbst erwiderte ihren erschrockenen Blick durch ein liebenswürdiges Lächeln. Sie vermutete, daß solche Menschen allmählich abstumpften und hart wurden.

 

Sie sah schnell zu Andy hinüber, ging an ihm vorbei und atmete dann erleichtert auf. Ihre schreckliche Befürchtung hatte sich also nicht bewahrheitet. Sie konnte getrost zurückkehren. Und sie war beinahe in froher Stimmung, als sie den mit Rosenstöcken eingesäumten Gartenweg entlangging.

 

Kapitel 30

 

30

 

»Ich heiße Mirabel Hilda Crafton-Bonsor. Ich weiß nicht sicher, ob dies der wirkliche Name meines verstorbenen Mannes war. Wahrscheinlich hieß er Michael Murphy. Er war irischer Abstammung, und als ich ihn kennenlernte, war er Unternehmer in Sacramento im Staat Kalifornien.

 

Ich wurde in dem Dorf Uckfield, Sussex, geboren, kam aber schon mit sieben Jahren nach London. Als meine Eltern starben, zog ich zu einer Tante, Mrs. Pawl, in die Bayham Street, Camden Town. Mit sechzehn Jahren nahm ich eine Stellung als Hausmädchen bei Miss Janet Severn an, 104 Manchester Square. Miss Severn hatte sonderbare Ansichten über das Heiraten.

 

Außer Miss Janet und den anderen Dienstboten wohnte noch Mr. John Severn, ihr Neffe, im Haus. Er war aber nur während der Ferien da. Er studierte in Cambridge.

 

Leider kann ich weder lesen noch schreiben, und obgleich ich später meinen Namen schreiben lernte, so daß ich Schecks ausstellen kann, habe ich es doch nicht weitergebracht. Deshalb habe ich auch von dem Mord nichts weiter gelesen. Ich wußte die Namen der Personen nicht, die es anging. Ich sah Mr. John sehr häufig, wenn er daheim war. Er hatte mich ganz gern, ich war ein hübsches Mädchen. Aber er hat nie mit mir angebändelt.

 

Während ich bei Miss Janet in Stellung war, lernte ich Mr. Selim kennen – Albert Selim. Er kam gewöhnlich einmal in der Woche an den Eingang für Dienstboten. Zuerst dachte ich, er sei ein Händler, der uns allerhand auf Kredit verkaufen wollte, später aber fand ich heraus, daß er ein Geldverleiher war, der draußen in West End viel mit Dienstboten zu tun hatte. Die Köchin war sehr hoch bei ihm verschuldet, und ein Dienstmädchen hatte auch Geld von ihm geliehen. Er sah ganz gut aus, und als er entdeckte, daß ich kein Geld von ihm leihen wollte, sondern sogar etwas auf der Bank hatte, schien ich ihm zu gefallen, und er fragte mich, ob ich nicht an meinem nächsten freien Sonntag mit ihm ausgehen wollte. Ich sagte zu, weil ich noch nie einen Schatz gehabt hatte. Am nächsten Sonntag fuhren wir zusammen nach Hampton. Selim bewirtete mich auf das beste.

 

Dann trafen wir uns häufiger, und eines schönen Tages fragte er mich, ob ich ihn nicht heiraten wollte. Er sagte aber, daß wir es geheimhalten müßten und ich noch ein oder zwei Monate in meiner Stellung bleiben müßte, da er besondere Pläne habe. Mir machte das nichts aus, denn ich fühlte mich bei Miss Janet wohl.

 

An einem Montag, an dem ich frei hatte, trafen wir uns und ließen uns auf dem Standesamt in Brixton trauen. Selim wohnte in diesem Stadtteil. Am Abend ging ich wieder nach Hause.

 

Eines Tages kam er sehr aufgeregt zu mir und fragte, ob ich nicht etwas von einem Herrn gehört hätte, dessen Namen ich aber vergessen habe. Ich sagte ihm, daß Miss Janet schon von ihm gesprochen habe. Es war ihr Schwager, mit dem sie aber nicht sehr gut stand, weil er seine Frau, ihre Schwester, schlecht behandelt hatte. Er lebte in guten Verhältnissen, doch nach allem, was ich erfuhr, hatten weder Miss Janet noch John einen Pfennig von ihm zu erwarten. Ich sagte meinem Mann alles, was ich wußte, und er schien sehr befriedigt zu sein. Er fragte, ob Mr. John mich schon einmal geküßt habe. Ich war sehr wütend darüber. Er beruhigte mich wieder und sagte, daß er vielleicht ein Vermögen verdienen könnte, wenn ich ihm helfen wollte. Er erklärte auch, er habe vor unserer Heirat keine Ahnung gehabt, daß ich nicht lesen und schreiben könne. Er meinte, daß ihm das noch Schwierigkeiten bereiten werde.

 

Aber ich könne ihm viel helfen, wenn ich herausfinden würde, wohin Mr. John abends gehe. Ich erfuhr später, daß er diese Information brauchte, um eine Begegnung mit Mr. John herbeizuführen, den er noch nicht kannte. Ich wußte, daß Mr. John Schulden hatte, denn er hatte mir erzählt, daß der Lebensunterhalt in Cambridge sehr teuer sei und er Geld habe borgen müssen. Er bat mich aber, seiner Tante nichts davon zu sagen.

 

Ich dachte natürlich, daß Albert das erfahren hatte und ein kleines Geschäft mit Mr. John machen wollte. Hätte ich gewußt, wozu ihre Zusammenkunft führen würde, hätte ich mir lieber die Zunge abgeschnitten als Albert erzählt, wo John seine Abende verbrachte. Er ging gewöhnlich in einen Klub in Soho.

 

Ungefähr eine Woche später teilte mir Selim mit, daß er Mr. John getroffen und ihm aus der Patsche geholfen habe.

 

›Sag ihm aber nie, daß du mich kennst.‹

 

Ich versprach es ihm. Miss Janet war sehr streng, und ich hätte sicher Unannehmlichkeiten bekommen, wenn sie etwas von meiner Heirat erfahren hätte. Ich wußte nicht, welches Abkommen Albert mit Mr. John getroffen hatte, aber er schien sehr zufrieden zu sein. Er kam jetzt nicht mehr selbst ins Haus, sondern schickte immer einen Angestellten.

 

Es ist merkwürdig, daß dieser Angestellte Albert nie zu Gesicht bekam. Ich kam später darauf, daß Albert nicht persönlich mit Mr. John gesprochen hatte, obwohl er das vorgab. Um diese Zeit fing er überhaupt an, sehr geheimnisvoll zu werden. Mr. John erzählte mir, daß er eine sehr gute Vereinbarung mit einem Herrn getroffen habe.

 

›Er glaubt, daß ich später einmal ein großes Vermögen erben werde, ich sagte ihm aber, daß ich nichts zu erwarten hätte. Er bestand darauf, mir alles Geld zu leihen, das ich brauchte.‹

 

Ich teilte Albert das bei unserem nächsten Zusammensein mit, er lachte nur. An den Abend erinnere ich mich noch sehr gut. Es war Sonntag, und wir hatten uns in einem Restaurant in der Nähe des King’s-Cross-Bahnhofs getroffen. Ich muß noch bemerken, daß wir uns nur in der Öffentlichkeit sahen, obgleich ich schon über einen Monat mit ihm verheiratet war. Er hat mich kein einziges Mal geküßt.

 

Es regnete heftig, und als wir aus dem Restaurant kamen, nahm er ein Taxi für mich und sagte dem Fahrer, daß er mich an der Ecke von Portman Square absetzen sollte. Es war etwa zehn Uhr, als ich dort ankam und den Fahrer bezahlte. Albert gab mir immer reichlich Geld. Ich erschrak sehr, als ich mich umwandte und beinahe Miss Janet in die Arme lief. Sie sagte kein Wort, aber als ich heimkam, ließ sie mich sofort rufen.

 

Sie sagte, sie verstehe nicht, daß ein anständiges junges Mädchen ein Taxi benütze, und fragte, woher ich das Geld hätte. Ich erwiderte, daß ich Geld gespart und daß ein Freund den Wagen für mich bezahlt habe. Sie wollte davon nichts hören, und ich wußte, daß sie mir kündigen würde.

 

›Bleiben Sie bitte auf und warten Sie auf Mr. John‹, sagte sie.

 

›Er speist heute auswärts in Gesellschaft einiger Freunde, aber er wird nicht später als elf kommen.‹

 

Ich war froh, daß sie nach oben ging. Mr. John kam erst nach zwölf, und ich sah sofort, daß er etwas zuviel getrunken hatte. Ich servierte ihm noch eine kleine Mahlzeit.

 

Er wurde zudringlich, nannte mich sein ›liebes, kleines Mädchen‹ und sagte, daß er mir eine Perlenbrosche kaufen wollte.

 

Und dann nahm er mich, bevor ich wußte, was geschah, in die Arme und küßte mich. Ich wehrte mich verzweifelt, aber er war sehr stark, und seine Lippen lagen auf den meinen, als sich die Tür öffnete und Miss Janet hereintrat.

 

Sie wies auf die Tür, und ich war froh, gehen zu dürfen. Ich erwartete bestimmt, daß ich am nächsten Morgen meine Sachen packen müßte, besonders nachdem Miss Janet mir hatte sagen lassen, daß ich nicht mehr arbeiten solle. Ungefähr um zehn Uhr ließ sie mich ins Wohnzimmer kommen.

 

Ich werde nie vergessen, wie sie in ihrem schwarzen Alpakakleid und ihrer kleinen, weißen Spitzenhaube dort saß. Ihre schönen, schlanken Hände waren im Schoß gefaltet.

 

›Hilda‹, sagte sie, ›mein Neffe hat Ihnen großes Unrecht getan. Wie weit er gegangen ist, weiß ich nicht. Ich verstehe jetzt aber, warum Sie soviel Geld haben und der Köchin vorige Woche fünf Pfund zeigten. Doch das gehört nicht zur Sache. Sie sind ein junges Mädchen in meinem Hause und stehen unter meinem Schutz. Ich habe eine große Verantwortung vor Gott und den Menschen für Sie, und ich habe angeordnet, daß mein Neffe Sie heiraten wird, um alles wieder gutzumachen.‹

 

Ich konnte nicht sprechen, ich hätte weinen mögen, als sie zu reden begann. Und dann wurde ich von ihren Worten ganz zerschmettert. Ich wollte ihr erzählen, daß ich schon verheiratet sei und ihr meinen Trauschein zeigen, um es zu beweisen. Aber die Urkunde war nicht in meinem Besitz, Albert verwahrte sie.

 

›Ich habe mit meinem Neffen gesprochen und habe meinen Rechtsanwalt beauftragt, ihm die nötigen Unterlagen zu beschaffen. Sie werden in der St.-Pauls-Kirche, Kensington, am nächsten Donnerstag getraut werden.‹

 

Ich machte mich sofort auf den Weg zu Albert. Er hatte ein kleines Büro über dem Laden des Tabakhändlers Ashlar. Ashlar ist später ein reicher Mann geworden und hat, wie ich glaube, ein großes Geschäftshaus errichtet, das seinen Namen trug. Zufällig war Albert im Büro, aber es dauerte sehr lange, bis er die Tür aufschloß und mich einließ. Er sagte, daß er Kunden nie persönlich abfertige, und er war ärgerlich, daß ich zu ihm kam. Aber als ich ihm von der peinlichen Lage erzählte, in der ich mich befand, änderte er seinen Ton. Ich sagte ihm, daß er mit Miss Janet sprechen müsse. Davon wollte er nichts wissen.

 

›Ich dachte mir schon, daß das passieren würde, Hilda. Du mußt nun verständig sein und etwas für mich tun.‹

 

Als ich erfuhr, was er von mir verlangte, wollte ich meinen Ohren nicht trauen. Ich sollte Mr. John tatsächlich heiraten!

 

›Aber das geht doch nicht – ich bin doch schon verheiratet!‹

 

›Es wird niemand etwas davon erfahren. Du bist mit mir doch in einem anderen Stadtteil getraut worden. Ich verspreche dir, daß er dich an der Kirchentür verläßt und du ihn nie wieder siehst. Tue das für mich, ich werde dir hundert Pfund geben.‹

 

Er fügte noch hinzu, daß wir beide genug für unser ganzes Leben verdienen würden, wenn ich Mr. John heiratete. Aber er gab mir keine nähere Auskunft.

 

Er konnte immer sehr überzeugend sprechen, und ich war so verwirrt, daß ich nicht mehr wußte, ob ich bei klarem Verstand war. Er konnte Schwarz zu Weiß machen, wie man so sagt, und schließlich willigte ich ein.

 

Ich habe mir später oft überlegt, ob er mich auf diese Weise loswerden wollte, aber das war es nicht; denn dann hätte er mich ja überhaupt nicht zu heiraten brauchen. Jetzt bin ich zu der Ansicht gekommen, daß er ein hübsches Mädchen im Haus haben wollte, das alle seine Wünsche erfüllen würde. Er hat wohl nie erwartet, daß mir Mr. John einen Heiratsantrag machen würde, aber er hatte vielleicht etwas viel Schlimmeres kommen sehen. Er war ein gemeiner, kaltblütiger Schuft.

 

Am Tag vor der Trauung hatte ich noch eine Unterredung mit Miss Janet.

 

›Hilda‹, sagte sie, ›morgen werden Sie also meinen Neffen heiraten. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich auf diese Heirat nicht stolz bin, und gebe Ihnen den Rat, Ihre Meinung für sich zu behalten. Was nun die Zukunft angeht, so können Sie nicht erwarten, daß ein Gentleman wie Mr. John seinen Freunden ein Mädchen Ihrer Art vorstellt. Sie sind vollständig ungebildet, und wenn auch Ihr Wesen nett und liebenswürdig ist, so ist doch Ihre Sprache unmögliche

 

Es ist merkwürdig, daß ich mich noch an jedes Wort erinnere, das Miss Janet damals sprach, obgleich inzwischen über dreißig Jahre vergangen sind. Ich war sehr empört, aber ich beherrschte mich und fragte, was sie denn mit mir vorhabe.

 

›Ich werde Sie in ein erstklassiges Institut schicken, wo Sie erst noch einiges lernen sollen. Sie werden dort bleiben, bis Sie zweiundzwanzig Jahre alt sind. Dann werden Sie imstande sein, den Platz an der Seite Ihres Gatten einzunehmen, ohne ihn oder sich zu kompromittieren.‹

 

Irgendwie paßte dieser Vorschlag ganz gut zu Alberts Versprechen. Ich glaubte sogar, daß er alles so eingerichtet hatte. Aber ich weiß jetzt, daß er einen ganz anderen Plan verfolgte und daß Miss Janet aus eigenem Willen so handelte.

 

Erst als ich am Donnerstag in der St.-Pauls-Kirche stand, sah ich Mr. John wieder. Ich weiß heute noch nicht, was zwischen ihm und seiner Tante vorgegangen war. Er sah sehr blaß aus und war zurückhaltend, aber höflich. Es waren nur vier Leute in der Kirche, und die Zeremonie ging schneller vorüber, als ich erwartet hatte. Warum mich Mr. John überhaupt geheiratet hat, weiß ich nicht. Ich kann schwören, daß nichts zwischen uns beiden vorgefallen ist. Er hatte mich nur einmal geküßt, als er zuviel getrunken hatte. Aber er heiratete mich. Es erscheint mir auch heute noch merkwürdig. Bevor ich zur Kirche ging, gab mir Miss Janet fünfzig Pfund und die Adresse. Die Schule lag in Eastbourne, Victoria Drive. Sie schrieb mir auch die Abfahrtszeiten der Züge auf.

 

Ich verabschiedete mich von Mr. John nach der Trauung und ließ ihn mit seinem Freund allein. Miss Janet war nicht erschienen. Ich habe ihn nie wiedergesehen.

 

Albert wollte mich nach der Trauung treffen und zum Essen mitnehmen. Er wartete vor dem King’s-Cross-Restaurant auf mich. Ich erzählte ihm alles, was geschehen war.

 

›Gib mir den Trauschein‹, sagte er, und ich gab ihm die Heiratsurkunde. Wir sprachen nicht mehr viel über die Eheschließung, obgleich ich ein wenig nervös war. Ich wollte nicht nach Eastbourne, ich hatte überhaupt nie die Absicht gehabt, fortzugehen. Aber ich war nun von Albert abhängig. Ich wußte, er würde irgendeinen Plan für mich haben, und er erzählte mir auch später davon. Aber er hatte nicht die Absicht, wie ich gehofft hatte, mit mir irgendwohin aufs Land zu ziehen – das hatte er mir versprochen, als ich meine Einwilligung zu der Heirat mit Mr. John gab – und unsere Ehe nun wirklich zu beginnen.

 

Als wir unser Mahl beinahe beendet hatten, zog er einen großen Briefumschlag aus der Tasche.

 

›Ich habe eine Kabine Erster Klasse für dich belegt, und wenn du den Mund hältst, wird niemand wissen, daß du ein Dienstmädchen bist. Hier in dem Kuvert sind fünfhundert Pfund in Banknoten – du wirst dir in zwei Tagen die nötigen Kleider beschaffen.‹

 

Ich war ganz verstört und wußte nicht, wovon er sprach.

 

›Du wirst nach Amerika fahren. Ich habe dir einige Einführungsbriefe von meinem Freund Mr. Merry‹ – so ähnlich war der Name, es kann auch Merrivan gewesen sein – ›verschafft.‹ Er sagte noch, daß dieser Herr ein Kunde sei.

 

›Die Leute drüben werden dir schon eine Stellung besorgen, außerdem hast du genug Geld, dir selbst weiterzuhelfen.‹

 

›Aber ich will doch gar nicht fortgehen‹, schrie ich. Ich sprach so laut, daß sich die Leute im Lokal nach uns umsahen.

 

Das machte ihn ganz wild. Ich habe nie einen Menschen getroffen, der so teuflisch aussehen konnte wie er. Ich war entsetzt und fürchtete mich vor ihm.

 

›Entweder fährst du nach Amerika, oder ich rufe einen Polizisten und lasse dich wegen Bigamie verhaften.‹

 

Ich hatte nicht die Kraft, mich ihm zu widersetzen, und so schiffte ich mich auf der ›Lucania‹ nach New York ein. Von dort kam ich nach Denver City, wohin ich einen Empfehlungsbrief hatte, und war dort ein Jahr in Stellung. Drüben heißt man nicht ›Dienstmädchen‹, sondern ›Stütze‹. Als ›Stütze‹ war ich also dreizehn Monate dort beschäftigt, dann bekam ich ein Angebot als Haushälterin zu Mr. Bonsor, einem Witwer mit einem Kind, das später starb. Als Mr. Bonsor mir nach einiger Zeit einen Heiratsantrag machte, mußte ich ihm die Wahrheit sagen. Er meinte, daß eine Heirat ihm nichts ausmache.

 

Ich habe Albert Selim nie wiedergesehen, aber ich weiß, daß er an die Leute in Denver geschrieben hatte, um zu erfahren, was aus mir geworden sei. Sie wußten es nicht. Es war sieben Jahre nach meiner Ankunft in Amerika. Ich habe auch nichts mehr von Mr. John gehört, ich weiß nur, daß Miss Janet zwei Jahre nach meiner Abreise an Lungenentzündung starb. Mr. Bonsor fand die Nachricht in einer englischen Zeitung.«

 

Kapitel 31

 

31

 

Es gab einen Mann, der diese Aussage von Hilda Masters lesen mußte, überlegte Andy. Seit einiger Zeit schon hatte er den Verdacht, daß Mr. Salter mehr über seinen Freund Severn wußte, als er vorgab.

 

Er sandte ein Telegramm nach Beverley Hall und bat um eine Unterredung. Als er nach Beverley Green zurückkam, erwartete ihn dort eine Nachricht, daß er sofort kommen möge.

 

»Ich werde dich begleiten«, sagte Stella. »Ich kann ja solange in deinem Wagen warten.«

 

Der vorsichtige Tilling schien ängstlicher denn je zu sein.

 

»Sie müssen sehr behutsam sein, Herr Doktor. Er hat schlecht geschlafen, und der Arzt sagte zu Mr. Francis – das ist unser junger Herr –, daß jeden Augenblick mit einem Zusammenbruch zu rechnen sei.«

 

»Ich danke Ihnen, ich werde es berücksichtigen.«

 

Als Andy in das Zimmer trat, fand er, daß Tilling nicht übertrieben hatte. Salters Gesicht sah grau aus, trotzdem begrüßte er den Detektiv mit einem Lächeln.

 

»Sie wollen mir sicher mitteilen, daß Sie meinen Einbrecher gefunden haben«, meinte er. »Sie können sich die Mühe sparen – es war Ihr Juwelendieb!«

 

Andy war darauf nicht vorbereitet.

 

»Ich fürchte, es ist so, aber ich glaube, daß er nicht in böser Absicht herkam. In Wirklichkeit war er hinter einem Verbrecher her, der damals in Mr. Wilmots Haus einbrach.«

 

»Hat er ihn gefunden? Es soll doch ein geheimnisvoller Parkwächter sein?«

 

»Wie haben Sie denn das herausgebracht?«

 

Salter lachte, aber dann hatte er plötzlich Schmerzen. Andy sah es, und es tat ihm leid. Mr. Salter hatte Herzbeschwerden.

 

»Ich möchte Ihnen nichts vormachen«, erwiderte Boyd Salter, der sich über die Wirkung freute, die seine Worte hervorgerufen hatten. »Scottie – das ist doch der Name dieses Menschen – verschwand am nächsten Tag, ebenso Miss Nelson. Sie verkehrte in einem Haus in der Castle Street und pflegte dort jemand. Und wer anders sollte das gewesen sein als Ihr wenig ehrenhafter Freund?«

 

Plötzlich erkannte Andy die Zusammenhänge.

 

»Das haben Sie natürlich von Downer!«

 

Salter nickte lächelnd.

 

»Aber wie kamen Sie denn auf den Parkwächter?«

 

»Das weiß ich auch von Downer und von einem gewissen Big Martin, der auch ein Verbrecher ist.«

 

Andy war zu großzügig, um Downer die Bewunderung vorzuenthalten, die ihm gebührte.

 

»Ich werde Downer die Bearbeitung des Falles übergeben«, sagte Andy. »Er ist der beste Spürhund.«

 

»Er kam«, begann Salter, »und ich mußte alle meine Parkwächter rufen. Er fragte sie aus, und einer gab zu, daß er in der Küche war – wir lassen nämlich Kakao für sie kochen, wenn sie Nachtdienst haben – und das Haus etwa um die Zeit verließ, als Scottie ihn sah. Soviel weiß ich. Aber welche Neuigkeiten bringen Sie?«

 

»Ich habe Hilda Masters gefunden.«

 

Mr. Salter schaute auf. »Hilda Masters? Wer ist denn das?«

 

»Sie besinnen sich sicher, daß in einem Geheimfach in Merrivans Schlafzimmer ein Trauschein gefunden wurde?«

 

»Ja, er wurde auch in einer Zeitung erwähnt. Es war die Heiratsurkunde eines ehemaligen Dienstboten, die später von einer geisterhaften Erscheinung gestohlen wurde, von Ihnen Selim genannt. War das der Name der Frau, auf die sich die Urkunde bezog? Und Sie haben sie gefunden, wie Sie sagen?«

 

Andy nahm eine Kopie des Protokolls aus der Tasche und legte sie vor den Friedensrichter.

 

Mr. Salter schaute lange darauf, bevor er seine Hornbrille aufsetzte und zu lesen begann.

 

Er las sehr langsam, und es kam Andy vor, als ob er jedes Wort abschätzte. Einmal blätterte er zurück und las eine Seite noch einmal. Fünf – zehn – fünfzehn Minuten verstrichen in tiefstem Schweigen. Andy wurde ungeduldig, er dachte an Stella, die draußen im Wagen wartete.

 

»Ach!« Mr. Salter legte das Manuskript wieder hin. »Der Geist, der in diesem Tal umging, ist gebannt, Doktor Macleod.«

 

Andy verstand ihn nicht sofort. Mr. Salter sah seine Verwirrung und kam ihm zu Hilfe.

 

»Ich meine Selim. Hier ist er, enthüllt in seiner ganzen Gemeinheit. Er verkaufte Seelen, brach Herzen, spielte mit dem Leben.« Er tippte auf das Manuskript.

 

Andy entdeckte einen ungewöhnlichen Glanz in seinen Augen. Salters Gesicht sah nicht mehr eingefallen aus, und die tiefen Falten waren verschwunden. Er mußte eine geheime Klingel gedrückt haben, denn Tilling kam herein.

 

»Bringen Sie mir eine Flasche Portwein.« Als der Diener sich entfernt hatte, fuhr er fort: »Sie können sich beglückwünschen – Sie haben einen größeren Sieg davongetragen, als wenn Sie Ihre Hand auf die Schulter Albert Selims gelegt hätten. Wir müssen Ihren Erfolg feiern, Doktor.«

 

»Es tut mir leid, daß ich nicht länger bleiben kann – Miss Nelson wartet draußen in meinem Wagen.«

 

Salter sprang auf, wurde blaß und setzte sich wieder.

 

»Das bedauere ich aber wirklich sehr«, sagte er atemlos. »Es ist unverantwortlich von Ihnen, mir nichts davon mitgeteilt zu haben. Bitte bringen Sie sie doch herein.«

 

Andy sagte zu Stella: »Die Nachricht, daß du im Wagen wartest, hat ihn sehr mitgenommen. Er sieht sehr elend aus.«

 

Mr. Salter hatte sich inzwischen wieder etwas erholt. Er beobachtete Tilling, wie er den kostbaren Wein in die Gläser goß.

 

»Verzeihen Sie, wenn ich nicht aufstehe«, sagte Mr. Salter lächelnd, als Stella mit Andy eintrat. »Sie also haben den Mann gepflegt, der bei mir einbrach?«

 

»Hat Andy Ihnen das erzählt?« fragte sie bestürzt.

 

»Nein, Andy hat mir nichts davon gesagt. Aber Sie werden jetzt ein Glas Portwein mit mir trinken, Miss Nelson. Nein? Das war schon alter Wein, als Ihr Vater noch ein kleines Kind war.«

 

Er hob sein Glas und trank ihr zu.

 

»Was wird nun aus Miss Masters oder Mrs. Bonsor werden?«

 

»Sie wird wohl kaum in London bleiben. Sie hat ein schweres Verbrechen eingestanden – obwohl es schon so lange zurückliegt, daß es verjährt ist. Aus gewissen Anzeichen könnte man fast schließen, daß diese vielfach verheiratete Dame sich, zum viertenmal in das Eheleben stürzen wird.«

 

Salter nickte.

 

»Die arme Frau«, meinte er. »Die arme, getäuschte Frau!«

 

Andy hatte nicht erwartet, bei Mr. Salter Sympathie für Mrs. Crafton-Bonsor zu finden.

 

»Sie ist nicht besonders arm«, erwiderte er. »Scottie, der doch ein Kenner ist, schätzt den Wert ihrer Juwelen auf mindestens hunderttausend Pfund. Außerdem hat sie große Besitzungen in den Vereinigten Staaten. Ich bin aber eigentlich gekommen, um mit Ihnen über John Severn zu sprechen. Haben Sie eine Ahnung, wo er sein könnte? Ich bin fest überzeugt, daß Albert Selim diese Eheschließung zu seinem eigenen Vorteil ausnützte!«

 

»Das tat er. Selim teilte Severn mit, daß seine Frau gestorben sei. Severn heiratete wieder und hatte, soviel ich weiß, Kinder. Selim hatte die Beweise für seine frühere Bigamie in der Hand, wodurch er große Summen von ihm erpreßte. Der Kontrakt, den Sie fanden, war Schwindel. Selim hat meinem Freund keinen Pfennig gezahlt, er hat nur eine alte Schuld getilgt. Das ist ja auch in der Aussage von Mrs. Crafton-Bonsor angedeutet. Im Lauf der Jahre fand seine Habgier immer neue Methoden, Severn zu quälen. Sie sehen, Doktor, daß ich offen bin. Ich wußte mehr über Severn, als ich Ihnen damals mitteilte.«

 

»Daran habe ich nie gezweifelt«, sagte Andy lächelnd.

 

»Und Sie, Miss Nelson, sind nun auch eine große Sorge losgeworden. Aber auch Sie haben etwas dafür gefunden.«

 

Er schaute Andy an und dann Stella. »Es wird sich alles erfüllen, wie ich hoffe.«

 

Bald darauf verabschiedeten sie sich.

 

Andy schlief den ganzen Nachmittag, und sobald es dunkel wurde, begab er sich auf seinen Wachtposten in das lange, leere Arbeitszimmer Mr. Merrivans. Die Nacht ging ohne Zwischenfall vorüber. Kurz nach Tagesanbruch sah er Stella über den Rasen kommen. Sie trug etwas in der Hand. Sie kam direkt auf das Haus zu und klopfte zu seinem größten Erstaunen an.

 

»Ich habe dir etwas Kaffee und ein paar Brötchen gebracht, Andy. Du Armer, du mußt doch entsetzlich müde sein.«

 

»Woher wußtest du denn, daß ich hier bin?«

 

»Das vermutete ich. Als du gestern abend nicht kamst, wußte ich, daß du Geisterdienst hattest.«

 

»Du kluges Mädchen! Ich hatte es dir absichtlich nicht gesagt.«

 

»Hast du nicht wieder den schlimmsten Verdacht gehabt, als du mich so früh am Morgen hierherkommen sahst?« Sie zog ihn am Ohrläppchen. »Du hast doch nichts gesehen und gehört?«

 

»Nichts.«

 

Sie schaute den düsteren Gang entlang und schüttelte den Kopf. »Ich möchte kein Detektiv sein. Andy, fürchtest du dich nicht manchmal?«

 

»O doch, oft. Wenn ich zum Beispiel daran denke, wie ich es fertigbringen soll, dir ein Heim einzurichten, das gut genug für dich ist –«

 

»Wir wollen ein wenig darüber plaudern«, sagte sie, und sie saßen zusammen, bis die Sonne durch die Fenster schien. Sie sprachen von Häusern und Wohnungen und von den hohen Kosten, die man für eine Einrichtung zahlen muß.

 

Es war Andy nichts von der schlaflosen Nacht anzusehen, als er um elf Uhr im Metropolitan-Hotel stand. Er hatte noch mehrere Punkte aufzuklären.

 

»Mrs. Crafton-Bonsor ist abgereist«, sagte der Empfangschef.

 

»Abgereist?« fragte Andy erstaunt. »Wann?«

 

»Gestern nachmittag, Sir. Sie und Professor Bellingham reisten zusammen ab.«

 

»Hat sie auch das Gepäck schon mitgenommen?«

 

»Es ist alles fort.«

 

»Wissen Sie, wohin sie gereist ist?«

 

»Ich habe nicht die geringste Ahnung – sie sagte, sie wolle für einige Tage an die See gehen.«

 

Das war eine Überraschung für Andy.

 

Er fuhr zur Castle Street, um vielleicht Scottie dort zu finden, aber er traf nur den etwas verwirrten Mr. Martin an.

 

»Nein, Doktor Macleod, Scottie war nicht hier. Er ist seit drei Tagen nicht mehr hiergewesen.«

 

»Hat er Ihnen denn keine Anweisungen hinterlassen, wie Sie diese Diebsherberge bewirtschaften sollen?«

 

»Nein, Sir.« Big Martin sagte das aber in einem Ton, daß Andy sofort wußte, er log. Es hatte keinen Zweck, ihn weiter auszufragen. Andy fuhr nach Beverley Green zurück und legte sich schlafen.

 

Um neun Uhr abends ging er wieder in Merrivans Haus. Johnston hatte einen bequemen Lehnsessel in das Arbeitszimmer gebracht. Er war so weich, daß Andy mehrmals einschlief.

 

Das hat keinen Zweck, sagte er sich schließlich und ging zu dem vorderen Fenster, öffnete es und ließ die frische Nachtluft hereinströmen.

 

Die Kirchturmuhr in Beverley schlug eins, und es war nichts von dem nächtlichen Besucher zu sehen.

 

Er hatte den Riegel von dem hinteren Fenster zurückgezogen. Er war sicher, daß der Fremde auf diesem Weg ins Haus gekommen war, als Johnston ihn gesehen hatte.

 

Andy wartete. Jetzt schlug es zwei Uhr. Er saß wieder im Lehnsessel, und sein Kinn war auf die Brust gesunken. Er träumte von Stella und Mrs. Crafton-Bonsor.

 

Aber dann hörte er plötzlich ein Geräusch und war sofort ganz wach. Er schaute nach dem hinteren Fenster und sah, wie sich draußen eine dunkle Gestalt abhob. Die elektrische Leitung war auf seine Bitte hin wieder in Ordnung gebracht worden, und er schlich sich leise zum Schalter. Der Mann öffnete langsam das Fenster und gleich darauf hörte Andy Schritte im Zimmer. Aber er drehte das Licht noch nicht an, er wartete noch. Plötzlich ertönte eine merkwürdige Stimme.

 

»Komm heraus, Albert Selim, du verfluchter Hund!«

 

Die Stimme klang unheimlich hohl in dem leeren Raum.

 

»Komm heraus!«

 

Andy drehte das Licht an.

 

Ein Mann in einem gelben Schlafrock stand, den Rücken dem offenen Fenster zugekehrt, im Zimmer. In seiner ausgestreckten Hand hielt er eine lange Pistole, die er gegen einen unsichtbaren Feind gerichtet hatte.

 

Es war Salter! Boyd Salter!

 

Andy stockte der Atem. Dann war also Boyd Salter der kühle, gewandte Mann, der ihn so lange und so geschickt getäuscht und der seine Rolle so sicher gespielt hatte!

 

Seine Augen waren weit geöffnet und blickten starr ins Leere.

 

Er war nicht bei sich. Andrew hatte es gleich bemerkt, als er seine undeutliche, mißtönende Stimme gehört hatte.

 

»Das ist für dich, du verdammter Schuft!«

 

Salter zischte diese Worte durch die Zähne, und Andy hörte, wie die Pistole knackte. Dann sah er, wie Salter sich niederbeugte – zu der Stelle, wo sie Merrivan gefunden hatten. Dann kniete er langsam nieder und seine Hände befühlten einen Körper, den er zu sehen meinte. Er sprach dauernd mit sich selbst.

 

Salter durchlebte das Verbrechen noch einmal. Nacht für Nacht war er hergekommen. Es war unheimlich zu sehen, wie er das Pult absuchte, das nicht dastand, wie er den Schrank aufschloß, der längst entfernt war. Andrew beobachtete ihn genau. Jetzt steckte der Mann ein Streichholz an und glaubte die Papiere zu entzünden, die er seiner Meinung nach in den Kamin gelegt hatte. Dann blieb er an der Stelle stehen, wo man den Brief gefunden hatte.

 

»Du wirst keine Briefe mehr schreiben, Merrivan, du verdammter Kerl! Du wirst keine Briefe mehr unter meine Tür stecken – der war wieder für mich bestimmt – wie?« Er wandte sich wieder dorthin, wo die Leiche gelegen hatte. »Für mich?«‘ Seine Blicke schweiften umher, und er schien etwas aufzuheben. »Ich muß den Schal des Mädchens mitnehmen«, sagte er dann leise. »Arme Stella! Dieser Teufel wird sie nicht mehr quälen. Ich will ihn mitnehmen.« Er steckte seine Hand in die Tasche, als ob er etwas hineinstecken wollte. »Wenn sie ihn finden, denken sie, daß sie hier war, als ich ihn niederschoß.«

 

Andrew folgte atemlos allen Bewegungen und Worten.

 

Nun war ihm plötzlich alles klar. Albert Selim und Merrivan waren ein und dieselbe Person, und der Drohbrief, der allem Anschein nach an Merrivan gerichtet war, stammte von diesem selbst. So war es! Merrivan wollte in der Nacht den Brief nach Beverley Hall bringen. Er hatte ihn geschrieben und zusammengefaltet, aber er hatte keine Zeit mehr gehabt, einen Umschlag zu adressieren, bevor ihn sein Schicksal ereilte.

 

Salter ging langsam durch den Raum und war ein paar Sekunden später durch das Fenster verschwunden. Er schloß es hinter sich. Gleich darauf war auch Andy im Garten und folgte dem Schlafwandler, der durch den Obstgarten ging. Plötzlich hörte er ihn wieder sprechen.

 

»Geh aus dem Weg, du verdammter Hund!«

 

Und wieder knackte der Pistolenhahn.

 

So war also Sweeny ums Leben gekommen! Sweeny war dort gewesen. Er hatte wahrscheinlich auch die Identität Selims mit Merrivan entdeckt und das Haus in jener Nacht beobachtet. Es war jetzt alles so einfach. Merrivan hatte Salter erpreßt. Aber wer mochte Severn sein – Severn, der Mann von Hilda Masters?

 

Er folgte Salter durch den Obstgarten, durch ein Tor in der Hecke. Salter war nun auf seinem eigenen Grund und Boden und bewegte sich weiter in jener merkwürdig behutsamen Art, die Schlafwandlern eigen ist. Andrew ließ ihn nicht aus dem Auge. Salter hielt sich auf einem Pfad nach Spring Covert, bog plötzlich unvermittelt nach links ab und überquerte die Wiese vor Beverley Hall.

 

Kaum war er hier ein Dutzend Schritte gegangen, als plötzlich ein heller Lichtschein aus dem Gras aufblitzte und eine Explosion folgte. Salter taumelte vornüber und fiel zu Boden.

 

Andy war sofort an seiner Seite. Salter lag bewegungslos.

 

Andy machte seine Taschenlampe an und rief um Hilfe. Gleich darauf antwortete ihm aus einiger Entfernung der Parkwächter Madding, den er schon von früher her kannte.

 

»Was ist geschehen, Sir? Sie müssen sich in einem Draht verfangen und einen Alarmschuß ausgelöst haben. Wir haben verschiedene ausgelegt, um die Wilddiebe zu fangen … Mein Gott«, rief er plötzlich erschrocken, »das ist ja Mr. Salter!«

 

Sie legten ihn auf den Rücken. Andy öffnete seine Pyjamajacke und legte das Ohr auf seine Brust.

 

»Ich fürchte, er ist tot.«

 

»Tot?« fragte der Parkwächter erschrocken. »Es war aber doch keine scharfe Patrone in dem Selbstschuß!«

 

»Er ist durch die Explosion erwacht, und der Schreck hat ihn sicher getötet. Und es ist wohl gut, daß er auf diese Weise starb.«

 

*

 

Andy ließ sich müde auf einen Sessel in Nelsons Wohnzimmer nieder.

 

Stella setzte sich neben ihn und legte ihre Hand auf seine Schulter. Andy nahm einen Zeitungsausschnitt aus seiner Tasche.

 

»Das fand ich in Salters Geldschrank. Sein Sohn hatte es ruhig aufgenommen. Man erwartete ja ein solches Ende. Er wußte, daß sein Vater Schlafwandler war, er hatte den Schmutz an seinem Pyjama entdeckt und hielt infolgedessen die Tür bewacht. Aber das alte Haus hat ein halbes Dutzend geheimer Wendeltreppen, und er ist jedesmal entkommen. Was hältst du davon?«

 

Sie las den Zeitungsausschnitt. Er war aus der ›Times‹.

 

*

 

›In Übereinstimmung mit den Anordnungen des Testaments des verstorbenen Mr. Philipp Boyd Salter wird sein Neffe, Mr. John Severn, der einzige Erbe seines Onkel, den Namen und Titel John Boyd Salter führen. Eine diesbezügliche gerichtliche Erklärung erscheint in den amtlichen Bekanntmachungen dieser Nummer auf Seite 8.<

 

»Hier haben wir also die Aufklärung. Severn und Boyd Salter waren ein und dieselbe Person. Wenn ich so vernünftig gewesen wäre, das Testament des Onkels nachzusehen, hätte ich das schon vor einem Monat wissen können. Er ist als ein glücklicher Mann gestorben. Seit Jahren hatte er unter dem Druck seiner Schuld und der Erpressungen Selims gelebt. Durch Merrivans Verrat hätte sein Sohn den Titel und das Vermögen verloren, die nur an einen rechtmäßigen Erben übergehen können. Aus der Aussage von Hilda Masters – sie hat übrigens vor ihrer Abreise Scottie tatsächlich geheiratet – ging ja die Rechtmäßigkeit seiner Ehe mit der Mutter seines Sohnes deutlich hervor. Merrivan war der größte Schrecken für seine Mitmenschen. Um die Zukunft seines Sohnes sicherzustellen, tötete ihn Salter. Aus demselben Grund drang er, als Parkwächter verkleidet, in Wilmots Haus ein, stahl den Trauschein und verbrannte ihn.«

 

»Woher wußte er, daß das Dokument dort zu finden war?«

 

»Downer verriet doch die Sache in dem Artikel, den er über uns schrieb.«

 

»Und was wird nun. aus Selims großem Vermögen? Fällt es an Artur Wilmot?«

 

»Nein, an Mrs. Bellingham. Es ist beinahe tragisch.«

 

Sie lachte und legte ihren Arm um seinen Nacken.

 

»Scottie ist doch eigentlich sehr geschickt«, meinte sie.

 

»Ja, aber wie kommst du gerade jetzt darauf?«

 

»Denk doch daran, wie schnell er sich – die Heiratspapiere beschafft hat –«

 

Eine Woche später erfuhr Mr. Downer eine Neuigkeit. Er war weder betrübt noch erfreut darüber, denn er war in erster Linie Geschäftsmann, und Hochzeiten und Morde hatten für ihn denselben Wert. Er rief sofort das ›Megaphone‹ an und sprach mit dem Chefredakteur.

 

»Haben Sie schon gehört, daß Macleod Miss Nelson geheiratet hat? Ich könnte Ihnen darüber eine Spalte schreiben und die ganze interessante Vorgeschichte dieser Ehe berichten – ja, ein Bild von ihr kann ich auch beschaffen. Wie? Zwei Spalten? Geht in Ordnung!«

 

Kapitel 4

 

4

 

Wenn man in Nelsons Haus eintrat, kam man in eine große Eingangshalle, die auf drei Seiten von einer Galerie umgeben war, zu der man auf einer breiten Treppe emporsteigen konnte.

 

Nelson stand an einer Staffelei und betrachtete ein Gemälde, sein Gesicht war nicht zu sehen. Aber Stella brauchte es auch nicht zu sehen, seine Haltung sagte ihr schon genug. Er wandte sich jetzt um und betrachtete seine Tochter mit einem gewissen Unmut. Er hatte ein schmales Gesicht und war ziemlich kahlköpfig. Seine Nase war fein und aristokratisch, Mund und Kinn waren ohne Energie. Ein dünner, brauner Schnurrbart, der grau zu werden begann, gab ihm ein fast militärisches Aussehen, das augenblicklich auch zu seiner kriegerischen Stimmung paßte.

 

»Nun, endlich zurück?«

 

Er kam langsam auf sie zu. Seine Hände lagen auf dem Rücken, die Schultern waren zurückgezogen.

 

»Weißt du auch, daß ich kein Mittagessen hatte?« fragte er düster.

 

»Ich sagte dir doch heute morgen, daß ich in die Stadt fahren würde. Warum hast du nicht Mary gefragt?«

 

Sie fürchtete schon seine Antwort.

 

»Mary habe ich entlassen«, erklärte er hochfahrend.

 

Stella seufzte.

 

»Du hast doch nicht etwa auch die Köchin fortgeschickt?«

 

»Die habe ich auch hinausgeworfen.«

 

»Hast du ihnen denn auch ihren Lohn gegeben?« fragte sie zornig. »Vater, warum machst du immer so schreckliche Geschichten?«

 

»Ich habe sie entlassen müssen, weil sie unverschämt wurden«, entgegnete Mr. Nelson würdevoll. »Das genügt doch wohl. Ich bin Herr in meinem eigenen Hause.«

 

»Ich wünschte, du wärst etwas mehr Herr deiner selbst«, sagte sie müde, ging zum Kamin, nahm eine dort stehende Flasche und hielt sie gegen das Licht. »Immer wirfst du die Dienstboten hinaus, wenn du betrunken bist!«

 

»Betrunken?« fragte er beleidigt.

 

Sie nickte. In solchen Augenblicken sagte sie ihre Meinung frei heraus. »Morgen wirst du mir wieder erzählen, daß du dich an nichts erinnern kannst, und dann tut dir alles leid. Ich muß aber wieder nach Beverley und zwei neue Dienstboten auftreiben. Sie werden sehr schwer zu finden sein.«

 

Nelson hob die Augenbrauen. »Wie, du hältst mich für betrunken?!« rief er vorwurfsvoll.

 

Aber sie achtete nicht weiter auf ihn, ging in die Küche und machte sich daran, etwas zu kochen. Sie hörte, wie er die Treppe hinaufstieg und immer wieder vor sich hinsagte: »Betrunken?« Dann lachte er höhnisch.

 

Sie saß am Küchentisch, trank eine Tasse Kakao und aß eine Schnitte Brot mit Butter. Sie sah sich auch nach einem Stückchen Käse um, aber sie wußte im voraus, daß nichts dasein würde. Mr. Nelson hatte eine Vorliebe für Käse, wenn er trank. Hätte er doch nur etwas gearbeitet! Sie ging in das Atelier, das auf der Rückseite des Hauses lag. Die Leinwand, die sie ihm am Morgen aufgespannt hatte, war unberührt, kein Kohlestrich war darauf zu sehen.

 

Stella seufzte.

 

»Es hat ja doch alles keinen Zweck«, sagte sie traurig und betrachtete wehmütig die vielen halbvollendeten Studien, die an der Wand hingen.

 

Sie ließ sich an einem kleinen Schreibtisch in der Ecke des Ateliers nieder und machte Eintragungen in ihr Wirtschaftsbuch, als die Hausglocke läutete. Sie stand auf und ging in die Halle. Draußen dämmerte es schon. Der Herr, der geklingelt hatte, war einige Schritte von der Tür zurückgetreten, so daß sie ihn zuerst nicht erkennen konnte.

 

»Ach, du bist es, Artur? Komm bitte herein. Vater ist schon nach oben gegangen.«

 

»Das habe ich vermutet.«

 

Mr. Artur Wilmot wartete, bis sie das Licht im Wohnzimmer eingeschaltet hatte, bevor er nähertrat.

 

»Du warst heute in der Stadt?«

 

»Hast du mich gesehen?« fragte sie schnell.

 

»Nein, jemand hat es mir erzählt – ich glaube, es war Merrivan. Hast du schon die Geschichte von dem kanadischen Professor gehört? Er ist in Wirklichkeit ein so bekannter Einbrecher, daß sich ein Mann wie Andrew Macleod mit ihm beschäftigt. Macleod ist eigentlich ein Arzt.«

 

Sie wußte sofort, daß er von dem Mann mit den grauen Augen sprach, aber sie wollte Gewißheit haben.

 

»Wer ist Andrew Macleod?«

 

»Ein Detektiv, aber eigentlich ist er Arzt. Man vertraut ihm alle schwierigen, wichtigen Fälle an, und unser Professor ist ein Muster von einem Einbrecher. Er hat den Spitznamen Scottie, wenigstens hat ihn Mr. Macleod so angeredet.«

 

»Ich muß ihn auf dem Bahnhof gesehen haben, Ein hübscher Mensch mit eigentümlichen Augen.«

 

»Ich würde Scottie kaum als einen hübschen Mann bezeichnen«, erwiderte Wilmot.

 

Sie war so verwirrt, daß sie seinen Irrtum nicht korrigierte.

 

»Ich kann dich leider nicht bitten, heute abend länger zu bleiben; wir haben kein Personal im Hause.«

 

»Schon wieder einmal kein Personal?« fragte er erstaunt. »Das ist aber doch zu schlimm! Dein Vater benimmt sich wirklich unmöglich! Nun mußt du wieder Köchin und Dienstmädchen spielen, bis du neue Leute gefunden hast.«

 

»Und mein zerknirschter Vater will mir dabei helfen und steht mir dabei dauernd im Wege. Es ist eine Not mit ihm, und dabei ist Vater doch ein so guter, liebenswürdiger Charakter, wenn –«

 

Der junge Mann hatte schon die Frage auf der Zunge, wann Mr. Nelson überhaupt einmal nüchtern sei. Er war aber so klug, sie damit nicht zu ärgern. In anderer Weise jedoch war er nicht klug genug, wie sich später herausstellte.

 

»Was hast du denn in der Stadt gemacht?«

 

»Warum willst du das wissen?« Sie schaute ihn an.

 

»Wenn ich geahnt hätte, daß du in der Stadt warst, hätten wir zusammen zu Mittag essen können.«

 

»Ich denke nicht an Essen, wenn ich nach London gehe. Aber was treibst du eigentlich immer dort? Ich habe dich schon oft nach deiner Beschäftigung gefragt. Erlaube, daß ich einmal indiskret bin und gerne wissen möchte, womit du deinen Lebensunterhalt verdienst.«

 

Er schwieg zunächst. »Ich habe eben meinen Beruf«, erwiderte er dann unbestimmt.

 

»Hast du ein Büro?«

 

»Ja, ich habe auch ein Büro.«

 

»Wo liegt es denn?«

 

»Ich benütze meistens andere Büros – ich habe viele Freunde und mein –« Er stockte wieder. »Ich besuche meine Kunden möglichst in ihren Wohnungen.«

 

»Du bist weder Rechtsanwalt noch Arzt. Du bist auch kein Börsenagent – ich muß sagen, Artur, daß du fast ebenso geheimnisvoll bist wie – wie Scottie, wie du ihn nennst. Ich meine unseren armen Professor. Aber nun gehst du besser nach Hause«, sagte sie dann unvermittelt. »Ich bin nicht peinlich in bezug auf Anstandsregeln« – von oben kam ein Poltern und sie schaute zur Decke hinauf – »aber wenn mein Vater zu Bett gegangen ist ich glaube, er hat eben seine Stiefel ausgezogen –, dann kannst du nicht mehr bleiben.«

 

»Du hast wohl nicht mehr nachgedacht über –«, begann er zögernd. »Ich möchte dich nicht drängen oder Vorteil aus … aus der jetzigen Lage ziehen…«

 

Sie sah ihn freundlich an. Er hatte ein großes Gesicht, gepflegtes Haar und einen kleinen, schwarzen Schnurrbart. Stella hatte manchmal die Vorstellung, daß sich eine schwarze Raupe auf seine Oberlippe verirrt hätte, und zuweilen kam ihr seine ganze Erscheinung ein wenig lächerlich vor. Aber heute abend empfand sie nur Mitgefühl mit ihm.

 

»Ich habe über alles nachgedacht, Artur – es ist ganz unmöglich. Ich möchte überhaupt nie heiraten. Und nun geh nach Haus und vergiß das alles.«

 

Er hatte den Blick gesenkt. Es folgte ein tiefes Schweigen. Sie wollte ihn nicht in seinen Gedanken stören, die nicht allzu rosig zu sein schienen.

 

Aber plötzlich fuhr er auf: »Stella, es wäre besser, wenn du nicht immer derartige Redensarten gebrauchen und mich wie einen kleinen Jungen behandeln würdest, den man beruhigen muß. Du bist eine Frau, ich bin ein Mann. Ich biete dir etwas. Ich habe eine Stellung und eine Existenz, und wenn Merrivan einmal stirbt … nun, du weißt, ich bin sein einziger Verwandter. Du bist pekuniär in einer sehr bedrängten Lage, erst heute warst du wieder wegen irgendeiner Geldgeschichte in der Stadt. Ich weiß zwar nicht, um was es sich handelt, aber früher oder später werde ich es erfahren. Du kannst dich nicht länger in Beverley Green halten. Dein Vater hat so viel getrunken, daß schon zwei hohe Hypotheken auf dem Haus lasten, und es wird nicht mehr allzulange dauern, bis er auch die Möbel und die ganze Einrichtung vertrunken hat. Wenn du glaubst, es sei schön, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, so irrst du. Fünf von sieben Chefs werden versuchen, mit dir ein Verhältnis anzufangen – das sind altbekannte Geschichten. Ich wäre bereit, den armen, alten Säufer in einem Trinkerheim unterzubringen. Dort wird ihm der Alkohol entzogen. Entweder bricht er dann ganz zusammen und stirbt bald, oder er wird geheilt. Er hat es nicht anders gewollt, es mußte so kommen. Zuerst wollte ich einen anderen Weg einschlagen, aber es ging nicht. Du bist jetzt erwachsen und wirst verstehen, daß Strenge das Beste für solche Menschen ist. Stella, ich liebe dich mehr als sonst etwas auf der Welt – und ich weiß alles!«

 

Die letzten Worte hatte er mit erhobener Stimme gesprochen. Sie bewegte ihre Lippen, brachte aber kein Wort heraus.

 

»Ich weiß genau, wie schlimm es um deine Angelegenheiten steht, und ich sage dir, daß ich davon Gebrauch machen werde, um dich zu bekommen. Solltest du bei deiner Weigerung bleiben, so würde ich selbst vor einer verbotenen Handlungsweise nicht zurückschrecken.«

 

Sie verkehrten schon so lange miteinander, daß sie sich offen und ohne Zurückhaltung die Wahrheit sagten. Er war der einzige Mann, der sie mit ihrem Vornamen ansprach, und auch sie nannte ihn Artur. Für sie war er ein junger Geschäftsmann, der gut Tennis spielte, ausgezeichnet tanzte und mit mehr oder weniger großer Genugtuung von sich selbst sprach. Er besaß ein hübsches Auto und gefiel ihr unter ihren Bekannten am besten.

 

Sie war bestürzt und ärgerlich, aber sie war nicht verletzt. Sie erschrak nur darüber, daß sie einen Fehler gemacht hatte. Sie hatte das Gefühl, daß sie beim Bridgespiel unachtsam und zerstreut die falsche Karte gegeben und infolgedessen das Spiel verloren hätte. Sie empfand sogar im Augenblick den sonderbaren Wunsch, sich bei ihm zu entschuldigen, weil sie sich dermaßen in seinem Charakter getäuscht hatte. Sie war im Unrecht, nicht er. Artur hatte gerade und offen gesprochen, er war selbstbewußt und seiner Sache ›todsicher‹. Der kanadische Professor hatte diesen Ausdruck einmal in ihrer Gegenwart gebraucht. Artur Wilmot war überzeugt von sich selbst, von seiner Stellung und davon, daß er sie bekommen würde.

 

Allmählich fand sie ihre Stimmung wieder. »Du gehst jetzt besser, Artur«, sagte sie freundlich.

 

Sie war noch sehr jung, trotzdem waren ihre Gefühle ihm gegenüber mütterlicher Art. Er benahm sich in seiner Erregung so kindlich, daß er ihr leid tat.

 

»Ich gehe, wann ich will! Wenn du mich hinauswerfen willst, so rufe doch deinen Vater! Oder rufe die Dienstboten, die er wieder einmal aus dem Haus gewiesen hat! Denke nur nicht, daß du es mit einem dummen Jungen zu tun hast! Ich möchte dir noch einmal die Tatsache ins Gedächtnis zurückrufen, daß du vollständig allein und hilflos dastehst, nicht nur in diesem Haus, sondern auch in der Welt draußen!«

 

Sie hatte ihre Gedanken gesammelt und konnte sich verteidigen.

 

»Ja, und du bist der starke Mann. Hättest du mich nicht so gedrängt, wärst du früher oder später vielleicht ans Ziel gekommen.«

 

Sie lehnte sich an einen Sessel, ihre Hände lagen auf dem Rücken. Ihre ruhige Haltung brachte ihn aus der Fassung. Er hatte vermutet, daß sie ihn trotzig zurückweisen oder sich ergeben würde, aber er fühlte jetzt nur, daß sie ihm irgendwie überlegen war, und das machte ihn unsicher. Er ärgerte sich über sich selbst.

 

»Ich bin nicht sehr böse über … über dein lächerliches, tragikomisches Benehmen. Ich will dich nicht heiraten, Artur. Du hast selbst zugegeben, daß du nicht besonders anziehend für mich bist, denn ich muß dich ›nehmen‹, weil du in einer besseren finanziellen Lage bist. Ist das nicht protzig und aufgeblasen? Dann hast du mir mit Erpressung oder etwas Ähnlichem gedroht. Du bist der zweite Betrunkene, den ich heute gesehen habe, nur stehst du unter dem Einfluß eines noch kräftigeren Rauschmittels als mein Vater. Du bist besessen von deiner Eitelkeit, und für solche Leute ist es nicht minder schwer, wieder nüchtern zu werden.«

 

Ihre Worte hatten ihn getroffen, er war sehr verlegen geworden. Alle Gründe, die er sich so sorgfältig zurechtgelegt hatte, um sie zu besiegen, waren nun hinfällig geworden.

 

Sie ging zur Tür und öffnete sie.

 

»Ich möchte nur noch das eine sagen«, begann er.

 

Aber sie lachte: »Hast du wirklich noch etwas zu sagen?«

 

Er verließ schweigend das Zimmer, und sie verschloß die Haustür hinter ihm.

 

Ihre Hand ruhte noch eine Weile auf der Türklinke, und sie blieb nachdenklich stehen. Sie hatte den Kopf vorgebeugt, als ob sie lauschen wollte, aber sie war nur in Gedanken versunken.

 

Dann drehte sie unten alle Lichter aus und ging in ihr Zimmer hinauf. Es war eigentlich noch zu früh, sich schlafen zu legen, aber sie wußte nicht, warum sie sich unten noch hätte aufhalten sollen. Sie entkleidete sich langsam beim Licht des Mondes, das durch das Fenster hereinfiel. Ihr Zimmer lag im obersten Geschoß, wo sich auch die Räume der Dienstboten befanden. Sie hatte dieses Zimmer gewählt, weil sie von hier aus einen Rundblick hatte, der nicht von störenden Baumgruppen unterbrochen wurde.

 

Sie zog einen Morgenrock über ihren Pyjama, öffnete das Fenster, stützte sich mit den Ellbogen auf die Fensterbank und schaute hinaus. Das Mondlicht hatte draußen alle Farben verändert. Das helleuchtende Grün der Wiesen war zu einem leichten Grau geworden. Der alte Steinbruch von Beverley am bewaldeten Abhang des Hügels glich einer großen Muschelschale. Die Nacht war ruhig und friedvoll, nur der Ruf einer Eule kam von den Hügeln herüber. Aber plötzlich hörte sie, daß jemand auf dem geschotterten Weg fast im Marschtempo eines Soldaten entlangging. Wer mochte das sein? Sie kannte diesen Schritt nicht. Jetzt kam der Fremde in Sicht.

 

Zwischen den Ästen zweier Bäume sah sie einen Mann und wußte, wer er war, noch ehe er den Blick zu ihrem Fenster erhob.

 

Es war der Detektiv mit den grauen Augen – Andrew Macleod!

 

Sie preßte die Lippen zusammen, um einen Schrei zu unterdrücken, trat hastig zurück und schloß das Fenster behutsam. Ihr Herz schlug wild, sie fühlte den Puls in ihren Halsadern und an den Schläfen.

 

Was mochte er wollen? Sie schlich sich leise wieder zum Fenster und spähte hinaus. Nach einer Weile öffnete sie es wieder. Sie hörte nicht, daß sich seine Schritte entfernten, aber gleich darauf sah sie ihn wieder. Er ging über den Rasen und verschwand bald. Nach einiger Zeit hörte sie das Geräusch eines Motors, das langsam wieder erstarb.

 

Sie taumelte zu ihrem Bett und setzte sich nieder.

 

Auch Artur Wilmot quälten zu dieser Stunde unruhige Gedanken. Was mochte sie von ihm denken? Aber er hätte sich die schlaflose Nacht ersparen können, denn Stella Nelson hatte vollkommen vergessen, daß ein Mensch wie Artur Wilmot überhaupt existierte.

 

Kapitel 5

 

5

 

Scottie wurde plötzlich mitteilsam, ja geradezu beredt, als er und Andy auf dem Bahnsteig auf den Zug warteten.

 

»Sie glauben, daß Sie die Kehrseite des Lebens, all den Schmutz und all das Elend kennen, Macleod, weil Sie mit den Spelunken der großen Stadt vertraut sind? Mit den chinesischen Opiumhöhlen und den Freudenhäusern mit den seidenen Vorhängen und den weichen Diwans? Ich weiß, daß Sie nicht so sehr von sich überzeugt sind wie all diese anderen Mißgeburten, die sich Detektive nennen. Ihr Beruf als Arzt hat Sie mehr in die Tiefe schauen lassen. Sie kennen das Leben gründlicher als diese Leute, aber alles wissen Sie auch nicht.«

 

»Nein, ich weiß nicht alles«, gab Andy zu.

 

»In diesem Punkt irren sich die meisten Polizeileute – Sie nicht, aber viele andere. Verbrecherkneipen und Lokale, wo sich der Abschaum und die Hefe des Volkes herumtreibt, wo die kleinen Gauner und Verbrecher verkehren, die sich wie Rothschild vorkommen, wenn sie einmal fünf Pfund in der Hand haben – das sind die schlimmsten Plätze nicht.« Er schaute sich um. Der Polizist aus Beverley, der ihn zur Stadt eskortieren sollte, sah gedankenlos drein und hörte nicht zu. »Wenn Sie die wirkliche Hölle finden wollen, dann müssen Sie nach Beverley Green gehen!«

 

Andy sah ihn erstaunt an, unwillkürlich überlief ihn ein Schauder.

 

»Wieso denn? Haben Sie irgend etwas Besonderes gehört?«

 

Scottie schüttelte den Kopf und zog die Lippen zusammen.

 

»Nein, gehört habe ich nichts, aber ich habe es gefühlt. Ich bin sehr empfänglich für – zum Teufel, wie heißt doch gleich das Wort – für die Atmosphäre. Sie werden vielleicht darüber lachen, aber Sie werden nicht mehr lachen, wenn Sie mein Alibi zu Gesicht bekommen. Schon oft hat mich mein Gefühl vor langen Gefängnisstrafen bewahrt. Es ist etwas ganz Seltsames. Ich werde Ihnen einen Fall erzählen. Ich war in einem Gefängnis, als man einen Mann dort hinbrachte, der gehenkt werden sollte. Niemand wußte, daß er dort war. Man hatte ihn am Tage vor seiner Hinrichtung plötzlich dorthin überführt, weil der Fußboden des Exekutionsgebäudes Feuer fing. Das ist eine Tatsache! Und ich wußte, daß er im Gefängnis war, ich fühlte es sofort, als er das Haus betrat. Und ein ähnliches Gefühl habe ich von Beverley Green. Da ist irgendein Unheil im Gange. Sie sind erstaunt, Macleod? Ich möchte fast sagen, daß einen die Geister und Gespenster berühren, wenn man dort geht. Ich sage Ihnen, es ist unheimlich. Deshalb habe ich die ganze Gegend das Geistertal genannt. Ich werde Ihnen etwas erzählen, was sehr zu meinen Ungunsten spricht, wenn Sie es vor Gericht vorbringen. Aber ich traue Ihnen, Macleod – Sie sind nicht wie die anderen. Sie waren immer ein Gentleman. Ich hatte eine Pistole. Ich besaß stets eine Waffe, ich nahm sie bloß nie mit. Aber in Beverley Green konnte ich mir nicht helfen, ich steckte sie ein, wenn ich dort herumging. Ich trug sie auch bei mir, als Sie mich verhafteten. Als wir nach Beverley hineinfuhren, habe ich sie fortgeworfen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen wo, denn Sie haben es doch nicht gemerkt.«

 

»Ich habe es genau gesehen – Sie taten es, als wir zu der großen Kurve vor der Stadt kamen. Aber wir wollen uns nicht darüber streiten; ich werde sogar meinen Auftrag widerrufen, die Abhänge neben der Eisenbahn zu durchsuchen. Warum haben Sie das getan, Scottie? Sie fürchten sich doch sonst nicht so leicht?«

 

Scottie machte ein düsteres Gesicht und war sehr ernst.

 

»Ich weiß es selbst nicht. Ich bin nicht nervös und war es auch noch nie. Vor einem Menschen aus Fleisch und Blut habe ich keine Angst. Aber ich hatte ein ganz unerklärliches, unheimliches Gefühl – wissen Sie, wenn ich Sternschnuppen sehe, geht es mir auch so. Es war reine Furcht. Ich habe gestern noch mit Merrivan darüber gesprochen. Sie kennen ihn doch, er schwatzt über alles, was in der Gemeinde vorgeht –«

 

Andy mußte lachen, als er an diesen Reklamechef und Fremdenführer von Beverley Green dachte.

 

»Er ist kein schlechter Kerl, aber er hat das Zuhören verlernt. Das kommt von der Korpulenz. Das bestätigte er mir selbst, nachdem ich es ihm gesagt hatte. Er hat mir in allem beigepflichtet. Vielleicht macht er das bei jedem Menschen so, er paßt sich an. Macleod, gehen Sie hin und bleiben Sie einen oder zwei Tage in Beverley Green, dann werden Sie dasselbe Gefühl haben. Es brütet etwas in der Luft, es ist wie die Stille, bevor der Blitz in Ihr Haus einschlägt – aber hier kommt der Zug. Und wenn Sie vor Gericht als Zeuge gegen mich auftreten müssen, machen Sie mich nicht zu schlecht.«

 

»Habe ich schon einmal etwas gegen Sie gesagt, Scottie?« fragte Andy. »Also viel Glück mit Ihrem Alibi!«

 

Scottie blinzelte.

 

In diesem Augenblick hielt der Zug an, und Stella Nelson stieg aus dem Abteil, das vor ihnen hielt. Andys Blicke folgten ihr, bis sie außer Sicht war.

 

»Sie ist auch irgendwie in das Unheil verwickelt«, flüsterte Scottie ihm ins Ohr. »Also auf Wiedersehen, Macleod!«

 

Scottie fuhr nach London und wurde vor Gericht gestellt. Aber es ging ihm nicht so schlecht, wie er gefürchtet hatte, da sein Alibi gut und einwandfrei war und die Aussage von vier anscheinend ehrenhaften Personen genügte. Sie hatten mit ihm Karten gespielt, als das Verbrechen begangen wurde. Auch die klug aufgebaute Anklage des Staatsanwaltes und das geschickte Kreuzverhör des skeptischen Richters konnten nichts daran ändern.

 

Andy hatte sich eigentlich vorgenommen, eine schöne Mondscheinfahrt über Land nach seinem Feriensitz zu machen, von dem man ihn so plötzlich weggeholt hatte. Alle Formalitäten des Verhörs von Scottie wurden ja von dem Polizeiinspektor, der den Fall leitete, erledigt. Wenn die Untersuchung oder die Gerichtsverhandlung seine Anwesenheit notwendig machten, konnte er für einen Tag nach London fahren.

 

Aber Scotties Bemerkung über Beverley Green hatte auf ihn gewirkt wie ätzende Säure auf eine Kupferplatte. Als er zu dem Gasthaus zurückging, wo sein Wagen untergestellt war, hatte er sich entschlossen, in Beverley zu bleiben. Er wunderte sich, daß bereits alle Leute wußten, wer er war. Auf der Straße, wo sie hier und dort in Gruppen herumstanden, wandten sie sich nach, ihm um, als er vorbeiging.

 

Wenn er schon nicht die Absicht hatte, Beverley in dieser Nacht zu verlassen, so dachte er doch nicht daran, Beverley Green zu besuchen. In seinem Unterbewußtsein mochte dieser Plan allerdings bestanden haben, doch folgte er nur einem augenblicklichen Impuls, als er plötzlich nach dem Abendessen seinen Wagen aus der Garage holte und zu der schönen Villenkolonie fuhr. Er kam zum Gästehaus, stellte den Motor ab und schaltete die Scheinwerfer aus. Es war Vollmond, und die magische Wirkung des weißen Lichtes beeinflußte auch ihn.

 

Er stand lange und betrachtete die herrliche Landschaft, dann ging er über den grünen Rasen und wandte sich zum Haus Mr. Nelsons. Er beobachtete, wie sich die Haustür öffnete und ein Lichtschein herausfiel. Er trat in den Schatten eines der Rhododendronbüsche, die in den Anlagen neben der Straße standen.

 

Es kam ein Mann heraus, dessen Gang sofort seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

 

Andy hatte sich eingehend mit dem Studium der Menschen befaßt. Er kannte die Sprache der Hände, er konnte aus der Art und Weise, wie sich jemand an den Tisch setzte und seine Serviette entfaltete, viele Schlüsse auf seinen Charakter oder seine augenblickliche Gemütsverfassung ziehen.

 

Dort geht jemand, der in sehr schlechter Stimmung ist, dachte er und schaute Artur Wilmot nach, der niedergeschlagen den geschotterten Weg entlangging. Der junge Mann öffnete die Gartentür zu seinem eigenen Grundstück, blieb dann aber stehen, als ob ihm ein anderer Gedanke gekommen wäre, trat wieder auf die Straße und ging in ein Haus, das dort an der Ecke der Landstraße stand. Es war Mr. Merrivans Anwesen. Andy erinnerte sich, daß Wilmot Merrivans Neffe war.

 

Der Detektiv ging weiter, hielt sich aber immer im Schatten der Büsche und Bäume. Etwas wie Furcht hatte auch ihn plötzlich gepackt. Er hatte ein feines Gefühl, das sich jedoch mehr auf praktische Dinge bezog. Sicherlich war er nicht so empfindlich für gewisse Einflüsse, wie Scottie es zu sein behauptete. Er hatte über dessen Erzählung nachgedacht, aber trotz aller Übertreibungen war doch immer noch eine gewisse Aufrichtigkeit dieses Mannes in Betracht zu ziehen, Auch Scotties Furcht hatte er für Übertreibung gehalten, und jetzt beschlich ihn selbst ein unheimliches Gefühl. Ihm war, als ob ein drohender Schatten auf ihn fiel.

 

Dennoch blieb er in der Nähe von Mr. Merrivans Haus stehen. Er wußte selbst nicht, warum er es tat. Immerhin setzte er das gute Einvernehmen mit den Bewohnern von Beverley Green aufs Spiel. Artur Wilmot hatte die Gartentür offenstehen lassen. Andy überquerte die Straße und trat in den Garten. Er hütete sich aber, den Kiesweg zu benützen, und ging auf dem angrenzenden Rasenstreifen.

 

Als er die Bäume hinter sich hatte, die die Fassade teilweise verdeckten, sah er, daß das Haus viele Fenster hatte. Die Rahmen waren weiß gestrichen, und der Mond spiegelte sich in den Scheiben, so daß sie wie Silber glänzten. Aus keinem der Fenster drang Licht nach außen. Er folgte dem Weg, bis er dicht unter einem Fenster in der Nähe des Eingangs stand. Hier hörte er plötzlich mit merkwürdiger Deutlichkeit eine Stimme.

 

»Das wirst du nicht tun – bei Gott, das darfst du nicht tun! Eher will ich dich umbringen!«

 

Es war nicht Merrivan, der sprach, und Andy vermutete, daß es Wilmot sein mußte. Gleich darauf vernahm er ein Geräusch. Das obere Fenster wurde etwas geöffnet. Die beiden Männer befanden sich wahrscheinlich in diesem Zimmer. Jetzt konnte er Merrivans Stimme deutlich unterscheiden.

 

»Mach dich doch nicht so lächerlich – was du da redest, ist Unsinn, mein Lieber. Vor deinen Drohungen fürchte ich mich durchaus nicht. Und jetzt werde ich dir etwas sagen – das wird dich in Erstaunen setzen! Ich kenne deine geheimnisvolle Beschäftigung in der Stadt.«

 

Die Stimmen wurden leiser, und obgleich Andy sich die größte Mühe gab, konnte er nichts mehr verstehen. Er hörte nur noch ein schnelles, dringendes Sprechen, und einmal lachte Mr. Merrivan laut auf.

 

Dann wurde ein Stuhl gerückt. Andy eilte aus dem Garten und verbarg sich in den gegenüberliegenden Büschen, bis Artur Wilmot herauskam und langsam seinem eigenen Haus zuschritt.

 

Familienstreitigkeiten erscheinen meistens schwerwiegender, als sie in Wirklichkeit sind. Aber hier handelte es sich doch um eine ungewöhnliche Auseinandersetzung. Welcher Art war wohl die geheimnisvolle Beschäftigung Artur Wilmots, die Mr. Merrivan nur zu erwähnen brauchte, um ihn ganz zahm zu machen? Vorher hatte er geschrien und seinen Onkel mit Mord bedroht, dann war er plötzlich ruhig geworden und hatte normal, fast bittend, gesprochen.

 

Andy wartete, bis Wilmot seine Haustür geschlossen hatte, dann trat er wieder auf den Weg und ging langsam zurück. Als er in die Nähe von Nelsons Haus kam, blieb er stehen und schaute hinauf. Sein Herz schlug ein wenig schneller. Er konnte das Mädchen oben am Fenster deutlich erkennen. Das Mondlicht ließ ihre Züge noch schöner erscheinen. Sie zog sich zurück, und das Fenster schloß sich langsam. Er wußte, daß sie ihn gesehen hatte. War sie erschrocken? Fürchtete sie sich vor ihm?

 

Sonderbar, dachte er, als er nach Beverley zurückfuhr, und das Merkwürdigste von allem war, daß er sich wieder wohler fühlte und das Gefühl der Bedrohung ihn verließ, sobald er wieder in die Hauptstraße einbog. Wenn es wirklich Teufel und Gespenster in Beverley Green gab, so mußten sie wirklich sehr mächtig sein, denn sogar Andrew Macleod hatte kurze Zeit unter ihrem Einfluß gestanden.