Kapitel 9

 

9

 

Andy ging in die Diele zurück.

 

»Wo sind die Dienstboten?« fragte er.

 

»Der Hausmeister beruhigt die Mädchen, Sir.«

 

»Lassen Sie ihn sofort holen«, sagte Andy kurz.

 

Der Hausmeister hatte nichts gehört. Mr. Merrivan hatte ihn und die anderen Angestellten früh zur Ruhe geschickt und gesagt, daß er selbst alle Lichter ausdrehen und das Haus abschließen werde. Er pflegte das häufiger zu tun.

 

»Hatte er heute abend irgendwelchen Besuch?«

 

Der Hausmeister zögerte.

 

»Das kann ich nicht genau sagen. Einmal hörte ich unten Stimmen. Ich ging die Treppe hinunter, um etwas zu holen, und ich glaube, ich habe ihn sprechen hören.«

 

»Mit wem hat er gesprochen?«

 

»Soweit ich es beurteilen konnte, war es eine Dame.«

 

»Haben Sie ihre Stimme erkannt?«

 

»Nein, Sir.«

 

»Wann war das?«

 

»Zwischen halb elf und elf.«

 

»Haben Sie denn keinen Schuß gehört?«

 

»Nein. Irgend etwas weckte mich auf – vielleicht war es der Knall. Die Köchin sagt, sie habe ein Geräusch gehört, als ob eine Tür laut zuschlug. Sie kam herauf und weckte mich. Sie kam aber nicht gleich, da sie sich entsetzlich fürchtete und glaubte, es seien Einbrecher im Hause. Schließlich stand sie aber doch auf und klopfte an Mr. Merrivans Tür. Und als sie keine Antwort erhielt, kam sie zu mir. Ich habe dann Mr. Merrivan tot aufgefunden.«

 

»Waren die Fenster offen oder geschlossen, als Sie eintraten?«

 

»Sie waren geschlossen.«

 

»Gibt es außer der vorderen Tür noch einen anderen Ausgang?«

 

»Ja, man kann auch durch die Küche gehen.«

 

Beide Ausgänge waren verriegelt und zugeschlossen. Andy ging in das Arbeitszimmer zurück. Das geschnitzte chinesische Schränkchen kam ihm sonderbar vor. Die Tür schien nicht ganz zu schließen – er zog daran, und sie öffnete sich. Plötzlich wurde ihm der eigentliche Sinn des Möbels klar, denn er fand im Innern einen Stahlsafe verborgen. Auch dessen Tür stand auf, und ein Schlüsselbund hing am Schloß. Der Safe war leer. Im Kamin entdeckte Andy verbrannte Papiere, die teilweise noch glimmten. Vorsichtig nahm er die unverbrannten Stückchen heraus und rettete dabei auch ein kleines, in Leder gebundenes Tagebuch, das erst halb verkohlt war. Er legte es behutsam auf ein Stück Papier.

 

»Niemand darf die Asche anrühren – verstanden, Sergeant?«

 

»Vollkommen, Sir.«

 

Andy untersuchte die vorderen Fenster, sie waren alle fest verschlossen. Von den Fenstern auf der Rückseite war, wie er erwartet hatte, eins nicht verriegelt. Der Fensterflügel war nur angelehnt.

 

»Entschuldigen Sie«, sagte der Sergeant, »haben Sie den Brief gesehen?«

 

»Welchen Brief?« fragte Andy. »Wo ist er?«

 

»Der Hausmeister fand ihn auf dem Boden neben dem Schreibtisch. Er sagte, er habe ihn aufgehoben und unter einen Stoß anderer Schriftstücke auf den Tisch gelegt. Er hat sich eben erst daran erinnert. Er glaubt, daß Mr. Merrivan den Brief gelesen haben muß, kurz bevor er getötet wurde.«

 

Andy durchsuchte die Papiere auf dem Tisch und zog unter allerlei Rechnungen einen gelben Briefbogen hervor. Die Handschrift sah verstellt aus. Er setzte sich in den Schreibtischsessel und las.

 

›Ich habe Ihnen eine Chance gegeben, aber Sie haben meine Bedingungen nicht erfüllt. Sie müssen also die Konsequenzen tragen. Wenn Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden Ihr Versprechen nicht einlösen, werden Sie es bereuen. Dies ist meine letzte Warnung. Ich habe schon zu lange Geduld gehabt.‹

 

Das Schreiben war mit A. S. unterzeichnet. A. S.! Albert Selim! Es stand noch eine Nachschrift unter dem Brief.

 

›Einer meiner Freunde, dem ich vertrauen kann, wird diesen Brief unter Ihre Türe schieben.‹

 

Andy faltete das Schreiben zusammen und legte es in seine Brieftasche. Kurze Zeit später kam Dr. Granitt und untersuchte den Toten.

 

»Eine schlimme Sache«, sagte der alte Doktor kopfschüttelnd. »Es ist wohl schon eine Stunde her, denke ich. Heben Sie ihn einmal ein wenig an, Doktor Macleod. Hier ist die Wunde. Das Geschoß hat die Hauptschlagader getroffen und dann den vierten Wirbelknochen zerschmettert.«

 

»Können Sie irgend etwas Besonderes an ihm feststellen?« »Nein«, erklärte Dr. Granitt und sah den Toten nachdenklich an.

 

»Sehen Sie sich doch einmal seine Schuhe an.«

 

Dr. Granitt folgte der Aufforderung und runzelte die Stirn.

 

»Du meine Güte – er trägt ja Stiefel wie ein Landarbeiter!«

 

Die dicken, unförmigen Stiefel waren mit getrocknetem gelbbraunem Lehm bedeckt. Der alte Arzt schaute verwundert auf.

 

»Brauchen Sie mich noch, Doktor Macleod?«

 

»Nein, ich glaube, daß Sie nicht einmal bei der Leichenschau nötig sind, wenn nicht gewünscht wird, daß Sie meine Aussagen bestätigen.«

 

»Gott sei Dank.« Granitt graute es wie allen Ärzten vor gerichtlichen Verhandlungen und dem damit verbundenen Zeitverlust. »Ich bin augenblicklich sehr stark beschäftigt, kaum eine Nacht vergeht, ohne daß ich nicht von irgendeinem überängstlichen Ehemann geweckt werde – die Bevölkerung von Beverley vermehrt sich beängstigend.«

 

Andy begleitete ihn bis zur Haustür und ging dann wieder in das Zimmer zurück, wo der Tote lag, um eine genauere Untersuchung des Tatortes vorzunehmen. Er begann mit dem Fenster, durch das der Mörder hereingekommen sein mußte. Seine Theorie bestätigte sich auch sogleich, denn er sah schmutzige Fußspuren auf einem der unter dem Fenster stehenden Diwane. Er betrachtete sie genauer, es waren zwei linke und zwei rechte Schuhabdrücke. Sie waren verhältnismäßig klein, nicht größer als die einer Frau, obgleich der Absatz breiter schien. Wahrscheinlich stammten sie von den Hausschuhen einer Frau. Der Hausmeister hatte ja auch eine weibliche Stimme gehört. Das Fenster ließ sich leicht und geräuschlos öffnen. Andy entdeckte wieder etwas, als er zum Schreibtisch kam. Es war ein großes, altes Möbelstück aus Mahagoni, das sicher echt war, denn ein Mann wie Merrivan hätte sich schwerlich mit einer Imitation begnügt. An jeder Seite des Tisches waren zwei Schubladen, von denen eine offenstand. Merrivan hatte sie vielleicht selbst geöffnet, als er im Sessel saß. Andy zog sie noch weiter heraus, und plötzlich glitzerte ihm etwas Goldenes entgegen. Es war ein Damenring – ein schmaler Reif mit fünf kleinen Smaragden.

 

Er runzelte die Stirn. Diesen Ring kannte er doch – wo hatte er ihn nur gesehen? Nun besann er sich – aber er wollte es nicht glauben. Es war Stella Nelsons Ring, den er auf dem Postamt an ihrer linken Hand bemerkt hatte! Er starrte entsetzt auf den kleinen Gegenstand und besah ihn von allen Seiten, dann ließ er ihn in seiner Westentasche verschwinden und schloß die Schublade.

 

Er setzte seine Nachforschungen auf und unter dem Schreibtisch fort. Wieder wurden seine Bemühungen belohnt. Er fand ein kleines leeres, mit Leder bezogenes Etui, wie es Juweliere benützen. Er gab sich nicht die Mühe nachzusehen, ob der Ring in die weißsamtene Füllung paßte, denn jeder Ring konnte in ein solches Kästchen gesteckt werden. Er hörte Schritte im Gang und ließ auch das Etui in seine Rocktasche gleiten.

 

Der Polizeiinspektor von Beverley trat ein, ein gewichtiger Mann, der ängstlich darauf bedacht war, überall gebührend gewürdigt zu werden.

 

Auch er sagte, daß es eine böse Geschichte sei – es war merkwürdig, daß alle Leute immer denselben Ausdruck gebrauchten.

 

»Ich werde nun hier die Leitung übernehmen, Mr. Macleod«, sagte er mit Bestimmtheit.

 

»Gewiß«, antwortete Andy. »Aber Sie müßten mir dann vorher eine schriftliche Anweisung geben, daß ich mich nicht weiter um die Sache kümmern soll.«

 

Der Polizeiinspektor zögerte.

 

»Das möchte ich nicht – wir könnten ja zusammenarbeiten. Ich werde, sobald es geht, Scotland Yard benachrichtigen.«

 

»Dann werden wir den Fall zusammen bearbeiten, wenn ich den Auftrag bekomme«, entgegnete Andy. »Ihr Name soll nicht verschwiegen werden, im Gegenteil, man wird ihn gebührend erwähnen, Inspektor. Aber überlassen Sie es mir, den Mörder aufzufinden.«

 

»Ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht zu kurz kommen lassen, Mr. Macleod. Was soll ich nun tun?«

 

Andy gab seine Anweisungen, und nach einer halben Stunde war die Leiche aus dem Zimmer entfernt. Später brachte der Polizeiinspektor neue Nachrichten.

 

»Mr. Pearson hat den Schuß gehört, er ist davon aufgewacht. Er kam gerade dazu, als der Hausmeister Mr. Merrivan fand. Der Schuß kam aus dem Obstgarten, der hinter dem Haus liegt.«

 

Andy hörte ungläubig zu.

 

»Aus dem Obstgarten? Das ist unmöglich. Mr. Merrivan ist aus nächster Nähe erschossen worden. Die Weste ist vollständig versengt und geschwärzt.«

 

»Aber eins der Dienstmädchen hat den Schuß auch gehört; sie kann vom Fenster ihres Zimmers in den Obstgarten sehen. Sie war auch wach, das Klopfen an der Tür des Hausmeisters hatte sie geweckt.«

 

»Aber der Hausmeister selbst hat den Schuß doch nicht gehört!«

 

»Er muß gerade die Treppe hinuntergegangen sein«, meinte der Beamte.

 

Andy strich nervös sein Haar zurück.

 

»Merrivan muß zu der Zeit schon tot und der Safe ausgeraubt gewesen sein. Es hat mindestens einige Minuten gedauert, bis der Mann den richtigen Schlüssel gefunden und den Geldschrank geöffnet hat. Nein, was Sie da sagen, ist unmöglich. Der Hausmeister wird irgendwelchen Lärm gemacht haben – vielleicht hat er einen Stuhl umgeworfen.«

 

»Aber das hätte Mr. Pearson doch schwerlich hören können?«

 

Andy schwieg zunächst. »Ja, da haben Sie recht«, gab er dann nach einer Weile zu.

 

Der Tag dämmerte herauf, und Andy ging durch die Küche in den Garten. Draußen herrschte eine fast feierliche Stille, und die frische Morgenluft war voll Duft und Süße.

 

Der Obstgarten lag hinter den Gemüsebeeten. Durch ein Holztor kam man auf einen mit Schlacken bestreuten Weg. Eine Reihe von Obstbäumen stand hinter der anderen, und die mit Kalk angestrichenen Stämme schimmerten weiß im Zwielicht. Der Weg endete im Gras.

 

Andy schaute nach rechts und nach links, aber er konnte nichts entdecken, bis er die erste Baumlinie passiert hatte. Auch dann sah er noch nicht gleich die Gestalt, die neben einem der Baumstämme lag, denn seine Augen mußten sich erst an das Zwielicht gewöhnen. Er beugte sich zu dem Mann hinab. Er war tot, über dem Herzen war der Einschuß.

 

Andy ging ins Haus zurück und rief den Polizeiinspektor herbei.

 

»Ich habe im Garten einen zweiten Toten gefunden, und wenn ich mich nicht täusche, kennen Sie den Erschossenen.«

 

Der Beamte begleitete ihn zu der Stelle, wo der Tote lag.

 

»Ja, ich kenne ihn. Es ist ein gewisser Sweeny, der früher in Mr. Merrivans Diensten stand. Er wurde entlassen, weil er etwas gestohlen hatte. Das war also der Mörder! Zuerst hat er Mr. Merrivan erschossen, dann ging er hierher und tötete sich selbst!«

 

»Dann müßte hier aber doch eine Waffe zu finden sein«, erwiderte Andy ruhig.

 

Der Inspektor suchte ohne Erfolg den ganzen umliegenden Boden ab. Das Gras war ganz kurz, es mußte erst kürzlich gemäht worden sein. – Andy stellte später fest, daß in der Woche gerade eine Schafherde im Obstgarten gegrast hatte.

 

»Hier hat ein Kampf stattgefunden«, sagte Andy plötzlich. »Sehen Sie doch einmal auf den Boden. Hier sind drei Spuren, als ob sich jemand mit dem Fuß abzustemmen versucht hätte. Und – holen Sie doch bitte einmal den Hausmeister her, Inspektor.«

 

Andy wartete, bis der Beamte außer Sicht war, dann ging er schnell zum nächsten Baum und hob einen Gegenstand auf. Es war ein schwarzseidener Schal – der Schal Stella Nelsons, den sie umgelegt hatte, als sie ihn damals zur Gartenpforte begleitet hatte.

 

Es stand außer jedem Zweifel: In einer Ecke sah er das roteingestickte Monogramm S. N. Das Tuch war etwas eingerissen. Er roch daran, da er wußte, daß sie ein zartes, unaufdringliches Parfüm benützte. Er konnte sich deutlich an den Duft erinnern. Ja, das Tuch gehörte Stella. Er faltete es so klein als möglich zusammen und steckte es in die Tasche. Mit Entsetzen kam ihm zum Bewußtsein, daß alle seine Anhaltspunkte Stella Nelson belasteten.

 

Und doch zweifelte er im Grunde nicht an ihr. Nicht ihre Schönheit und ihre Jugend überzeugten ihn, daß sie diese Tat unmöglich begangen haben konnte. Eine innere Stimme sagte es ihm. Vielleicht war auch er wie Scottie hellsichtig geworden. Er lächelte bei dem Gedanken. Aber plötzlich wurde ihm klar, daß ihn dieser schreckliche Druck nicht mehr quälte, der ihn die ganze Zeit verfolgt hatte. Hatte ihn der beginnende Tag davon befreit?

 

Der Polizeiinspektor kam mit dem Hausmeister zurück, und um seinen Auftrag zu rechtfertigen, fragte Andy den erregten Mann, ob er den Toten wiedererkenne.

 

»Jawohl, Sir, das ist Sweeny, den Mr. Merrivan heute morgen hier auf dem Grundstück traf – nein, es war gestern morgen.«

 

Andy hatte den kleinen Vorfall vergessen. Dieser Sweeny hatte Merrivan gehaßt. Vielleicht gab es auch noch einen anderen Grund für seine Feindschaft außer dem Widerwillen, den ein Dienstbote gegen einen Herrn empfindet, der ihn beim Diebstahl ertappt hat.

 

Als sie in das Haus zurückgegangen waren, gab er weitere Anweisungen.

 

»Niemand darf hereingelassen werden – den Zeitungsberichterstattern darf nur die Tatsache mitgeteilt werden, daß Mr. Merrivan etwa in der Zeit zwischen Mitternacht und ein Uhr ermordet wurde. Die Lage der Leiche kann den Leuten anhand einer Skizze erklärt werden, aber niemand darf das Zimmer betreten, in dem sich der Mord ereignete. Motiv der Tat: Raub. Über den Mann im Obstgarten mögen sie sich ihre eigenen Theorien bilden.«

 

Er war den Weg zum Gartentor schon halb hinuntergegangen, als Artur Wilmot plötzlich hereinstürmte. Sein Pyjama war unter dem Mantel zu sehen. Er war sehr bleich.

 

»Mr. Macleod, ist das wahr – mein Onkel? Großer Gott, das ist doch unmöglich!«

 

»Ich bin froh, Sie zu sehen«, sagte Andy langsam. »Ja, es ist leider wahr. Ihr Onkel ist tot – er ist erschossen worden!«

 

»Ermordet?«

 

Artur flüsterte dieses Wort gespannt, und Andy nickte.

 

»Aber er hatte doch keine Feinde –«

 

»Wenige Menschen werden ermordet, weil sie Feinde haben. Der einzige, der drohte, Mr. Merrivan umzubringen, waren Sie!«

 

Wilmot taumelte zurück, als ob er einen Schlag erhalten hätte.

 

»Ich?« stammelte er. »Ich soll…? Niemals!«

 

»Mr. Merrivan war schon tot, als er aufgefunden wurde, er konnte nichts mehr aussagen. Mr. Wilmot, antworten Sie mir jetzt nicht übereilt, sondern denken Sie nach. Sie brauchen meine Frage auch überhaupt nicht zu beantworten, wenn Sie nicht wollen. Hatten Sie einen Streit mit Darius Merrivan?«

 

Der junge Mann war so betroffen, daß ihm die Stimme versagte. Er schüttelte nur den Kopf und starrte den Detektiv entsetzt an.

 

»Ich will Ihnen sagen, daß ich vor einer Woche hier vor dem Haus stand und Sie sagen hörte: ›Eher will ich dich umbringen!‹«

 

Jetzt fand Wilmot seine Sprache wieder.

 

»Da muß jemand Lügen über mich verbreitet haben«, rief er erregt. »Ich kann Ihnen aber auch einige Dinge erzählen. Ich habe mit ihm gestritten – ja! Wegen eines Mädchens, das keinen Pfifferling wert ist! So, nun wissen Sie es! Er sagte damals, er wolle sie heiraten – und dabei war er schon verheiratet! Er hatte keine Ahnung, daß ich das wußte, ich erzählte es ihm niemals. Seine Frau ist ihm davongelaufen. Er hat sich aber nie von ihr scheiden lassen. Er muß irgendeinen Grund dafür gehabt haben. Und als er mir nun sagte, daß er das Mädchen heiraten wollte –«

 

»Brüllen Sie nicht so!« erwiderte Andy scharf. »Ich bin nicht taub. Außerdem interessieren mich Ihre Familienstreitigkeiten nicht besonders. Ich bin ziemlich sicher, daß Sie nichts mit dem Mord selbst zu tun haben, obwohl Sie –« er machte eine Pause, um seinen nächsten Worten mehr Nachdruck zu geben, »der Erbe des Verstorbenen sind und durch seinen Tod nur Gewinn haben, wenn Sie nicht beweisen wollen«, fügte er hinzu und sah Wilmot durchdringend an, »daß seine Frau noch am Leben ist. In dem Fall erbt seine Frau das Vermögen. Vielleicht aber existiert ein Testament.«

 

»Soviel ich weiß, hat er kein Testament gemacht«, sagte Wilmot leiser und ruhiger. »Es tut mir leid, daß ich mich so weit vergessen habe, Macleod. Aber die Sache hat mich entsetzlich mitgenommen – Sie werden das verstehen.«

 

Andy nickte schweigend.

 

Er ging mit Artur Wilmot zur Gartenpforte zurück und beobachtete ihn, bis er in seinem Haus verschwunden war. Der Mann wollte jemand anklagen – das Mädchen, ›das keinen Pfifferling wert war‹. Er dachte darüber nach. Hatten die beiden, die man in Beverley Green bereits als Verlobte betrachtete, miteinander gestritten? Wie sehr mußte Stella Wilmots Eitelkeit verletzt haben, daß er sich zu solchen Worten hinreißen ließ! Andy hatte diese Schwäche in dem Charakter des jungen Mannes bald erkannt. Langsam ging Andy den breiten Fahrweg entlang. Sollte er zu ihr gehen? Er schaute auf die Uhr. Es war sechs, sie würde noch nicht wach sein. Unentschlossen sah er zu der ruhig daliegenden Villa hinüber. Die Jalousien waren heruntergelassen. Aber plötzlich erinnerte er sich daran, daß sie gesagt hatte, sie müßte um sechs Uhr aufstehen, wenn sie keine Dienstboten habe. Trotzdem zögerte er noch. Aber wenn sie wach war, hörte sie ihn ja, und wenn sie noch schlief, schadete sein Klopfen auf keinen Fall. Er ging zur Haustür und klopfte. Gleich darauf öffnete sie sich.

 

Kapitel 28

 

28

 

Andy blieb noch da, bis Mr. Nelson zurückkam, dann ging er quer über den Rasen zum Gästehaus, wo er sein altes Zimmer wieder bezog.

 

Er war der einzige Gast, und Johnston begrüßte ihn mit großer Freude.

 

»Gott sei Dank, daß Sie wieder da sind – ich fürchtete schon, daß Sie nicht mehr wiederkommen würden.«

 

Andy sah den Mann forschend an, dessen Gesicht ganz eingefallen war.

 

»Was ist denn mit Ihnen los, Johnston? Sind Sie krank?«

 

»Ich bin sehr nervös geworden. Ich bin seit dem Mord so unruhig, daß ich fast keinen Augenblick stillsitzen kann, und vor drei Uhr morgens komme ich nicht ins Bett.«

 

»Warum denn nicht?«

 

Der Hausmeister lachte hysterisch.

 

»Wenn ich Ihnen alles erzähle, werden Sie wahrscheinlich glauben, ich sei nicht mehr bei Verstand. Und es gibt Augenblicke, in denen ich wirklich fürchte, verrückt zu werden. Von Natur aus bin ich gar nicht nervös und war es auch früher nie. Ihnen kann ich es ja sagen, daß ich in meinen jüngeren Tagen auf allen Gütern in der Umgegend wilderte, aber …«

 

»Aber?« fragte Andy nach einem Schweigen.

 

»Ich bin zu einem gewissen Grad ein frommer Mann«, fuhr Johnston fort. »Ich gehe jeden Sonntag vor- und nachmittags in die Kirche, und ich glaube nicht an Gespenster, Spiritismus und solchen Unsinn.«

 

»Sie haben wohl Gespenster gesehen? Johnston, Sie sind gesundheitlich vollkommen herunter. Ich werde morgen Mr. Nelson aufsuchen und ihn bitten, daß er dem Komitee empfiehlt, Ihnen einen Urlaub zu bewilligen.«

 

»Vielleicht haben Sie recht, aber … ich habe in Beverley Green Dinge gesehen, die mir das Blut erstarren ließen. Es ist wirklich ein Gespenstertal, ich habe es immer gesagt – und das stimmt.

 

»Haben Sie denn ein Gespenst zu Gesicht bekommen?«

 

Johnston schluckte.

 

»Ich habe Mr. Merrivan gesehen«, sagte er schließlich.

 

Andy, der nach oben gegangen war, wandte sich plötzlich um.

 

»Was, Sie haben Mr. Merrivan gesehen – wo?«

 

»Ich habe ihn so deutlich gesehen, wie ich ihn früher Dutzende von Malen sah, als er in seinem Schlafrock an seiner Gartentür stand. Früher pflegte er immer am Morgen herauszukommen, bevor andere Leute wach waren. Er trug dann immer seinen langen gelbbraunen Schlafrock.«

 

»So?« fragte Andy freundlich. »Und Sie haben ihn nach seinem Tod beobachtet?«

 

Der Mann nickte.

 

»In der vorletzten Nacht – ich habe niemand etwas davon gesagt, aber ich habe seitdem kaum noch schlafen können, und dabei gehe ich doch immer noch spazieren, bevor ich mich zu Bett lege. Ich gehe mindestens zwanzigmal hier in den Anlagen hin und her. Vor zwei Nächten ging ich also auch auf und ab und überlegte, wer wohl das Haus kaufen würde. Mr. Wilmot hat alle Möbel herausschaffen lassen, nur noch die Vorhänge sind an den Fenstern. Ich schlenderte gerade in einiger Entfernung vorbei und dachte, daß es jetzt doch sehr verlassen aussehe, als ich plötzlich Licht im Haus bemerkte.« Seine Stimme zitterte. »Es war in dem Raum, in dem die Leiche gefunden wurde.«

 

»Was für ein Licht war es denn?«

 

»Es schien eine Kerze zu sein, es war nicht so hell wie elektrisches Licht. Mr. Wilmot hat ja auch den Zähler abnehmen lassen.«

 

»Und was geschah dann?« fragte Andy.

 

»Ich sah nur den Lichtschimmer zwischen den Jalousien und dachte zuerst, daß es Einbildung sei – aber die Jalousie wurde langsam hochgezogen –«

 

Andy wartete, bis der Mann seine Erregung etwas überwunden hatte.

 

»Ich konnte ihn nicht deutlich sehen, aber er trug einen Schlafrock und schaute in den Garten hinaus. Ich war wie gelähmt vor Entsetzen, ich stand still und konnte mich nicht bewegen. Dann ließ er die Jalousie wieder herunter, und das Licht ging aus.

 

Einige Minuten darauf war der Flur erleuchtet. Über der Haustür ist ein Glasfenster. Ich weiß nicht, wie lang ich dort stand, vielleicht zehn Minuten, vielleicht auch nur zehn Sekunden – ich kann mich nicht besinnen. Als ich mich gerade ein wenig erholt hatte, öffnete sich die Haustür. Es war nur ein schwaches Licht im Korridor zu sehen – er kam heraus.«

 

»Merrivan?«

 

Der Mann nickte.

 

»Auf alle Fälle ein Mann in einem Schlafrock?« fragte Andy.

 

»Jawohl, Sir.«

 

»Haben Sie ihn noch einmal gesehen?«

 

»In der letzten Nacht – ich zwang mich, wieder hinüberzugehen. Er stand vor der Haustür und hatte die Hände in den Taschen.«

 

»Haben Sie denn sein Gesicht gesehen?«

 

»Nein, so lange habe ich nicht gewartet – ich schlich schnell weg.«

 

»Haben Sie das Mr. Wilmot erzählt?«

 

»Nein, ich wollte es ihm nicht sagen, Mr. Merrivan war doch sein Onkel.«

 

Andy überlegte und sagte dann: »Sie leiden wahrscheinlich an Halluzinationen. Sie sind mit Ihren Nerven vollkommen fertig. Ich werde Sie morgen einmal untersuchen, Johnston.«

 

Es war elf Uhr, als Andy das Licht ausschaltete und zu Bett ging. Er fiel in einen unruhigen Schlaf.

 

Ein heiserer Angstschrei weckte ihn. Er sprang aus dem Bett und machte Licht. Eine Sekunde später hörte er eilige Schritte auf dem Gang. Er öffnete die Tür und sah Johnston vor sich, der totenbleich war und vor Entsetzen nicht mehr zusammenhängend sprechen konnte. Er zeigte nur auf das Fenster. Andy lief hin und riß es auf, konnte aber nichts sehen.

 

»Machen Sie das Licht aus, Johnston!«

 

Gleich darauf lag der Raum im Dunkeln, aber auch jetzt war draußen nichts zu erkennen.

 

»Ich habe ihn wieder gesehen!« keuchte Johnston atemlos. »Er war dort auf dem Rasen, unter meinem Fenster. Er ging in seinem Schlafrock auf und ab. Ich öffnete das Fenster und schaute hinaus, um mich zu vergewissern – und da hat er mit mir gesprochen! O mein Gott!«

 

»Was hat er denn gesagt?« Andy rüttelte den zitternden Mann an den Schultern. »So reden Sie doch endlich! Was hat er denn gesagt?«

 

»Er fragte nach dem Schlüssel«, jammerte Johnston. »Er nannte mich sogar beim Namen.«

 

Andy zog seinen Mantel an und lief ins Freie. Aber er konnte niemand entdecken. Er spähte nach allen Seiten aus, aber seine Bemühungen waren vergeblich.

 

Als er zu Johnston zurückkam, fand er ihn dem Zusammenbruch nahe. Es gelang ihm, ihn wenigstens einigermaßen zu beruhigen.

 

»Warum sollte er denn Sie nach dem Schlüssel gefragt haben?«

 

»Weil ich ihn aufbewahre, hier ist er.«

 

Er nahm den Schlüssel von einem Wandbrett in seinem Zimmer.

 

»Mr. Wilmot hat ihn mir gegeben. Ich sollte das Haus zeigen, falls Käufer kämen.«

 

»Geben Sie ihn lieber mir«, sagte Andy und steckte ihn in seine Tasche.

 

Er wußte, daß er in dieser Nacht doch nicht mehr schlafen würde, zog sich an und machte sich auf den Weg zu Merrivans Haus. Es begegnete ihm weder ein Mensch noch ein Geist, aber als er durch das Gartentor trat, packte ihn doch ein unheimliches Gefühl. Mit Hilfe seiner Taschenlampe fand er das Schlüsselloch und schloß auf.

 

Er zögerte einen Augenblick, bevor er die Tür zum Arbeitszimmer Mr. Merrivans öffnete. Die Möbel waren weg, auch der Teppich war fortgenommen worden. Einige lose herabhängende Drähte zeigten die Stelle, wo früher die Radierungen gehangen hatten.

 

Er blieb einen Augenblick stehen und betrachtete auf dem Fußboden den dunklen Flecken, wo der Eigentümer des Hauses den Tod gefunden hatte. Dann beleuchtete er das Fenster. In dem Augenblick sah er etwas und ein kalter Schauer überlief ihn. Er hatte im Schein seiner Lampe im Garten eine Gestalt gesehen. Im nächsten Moment war sie aber verschwunden. Hatte er sich getäuscht?

 

Er sprang zum Fenster und versuchte, es zu öffnen. Es war zugeschraubt, und es dauerte einige Zeit, bis er in den Garten kam und auf dem mit Asche bestreuten Weg zum Obstgarten laufen konnte. Aber es war nichts von einem Mann oder einem Geist zu sehen.

 

Andy wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn, ging zum Haus zurück, schloß die Tür ab und machte sich auf den Heimweg. Plötzlich blieb er stehen, als er zu Stellas Fenster hinaufschaute. Wieder einmal brannte Licht in ihrem Zimmer.

 

*

 

Kapitel 29

 

29

 

Diesmal wollte Andy nicht wieder bis zum Morgen auf eine Erklärung warten, die wahrscheinlich sehr einfach sein würde. Er ging auf das Haus zu. In der Eingangshalle wurde gerade Licht gemacht. Er klopfte leise an die Haustür, und Stella antwortete sofort: »Wer ist dort?« Ihre Stimme klang ängstlich.

 

»Ich bin es – Andy.«

 

»Ach, du!« Er hörte, wie sie die Sicherheitskette löste und den Riegel zurückschob. »Ach, Andy!« rief sie, als er ihr entgegentrat, und fiel ihm schluchzend in die Arme. »Ich fürchte mich so, ich bin außer mir vor Angst!«

 

»Heute nacht scheinen sich alle Leute zu fürchten und den Verstand zu verlieren.« Andy strich über ihr braunes Haar. »Was hast du denn gesehen?«

 

»Hast du denn nichts gesehen?« fragte sie und schaute ihn an.

 

Von oben hörte man die Stimme Mr. Nelsons.

 

»Es ist Andy, Vater. Willst du nicht herunterkommen?«

 

»Ist etwas nicht in Ordnung?« Nelson knöpfte seinen Schlafrock zu, als er die Treppe herabkam.

 

»Das eben will ich gerade ausfindig machen«, erwiderte Andy. »Halb Beverley Green scheint diese Nacht in Aufruhr zu sein.«

 

Mr. Nelsons Schlafrock hatte eine dunkelrote Farbe. Der Maler schien eben aufgewacht zu sein.

 

»Haben Sie vorhin geklopft? Ich könnte schwören, daß jemand geklopft hat.«

 

»Nein, Vater, das war nicht Andy«, sagte Stella zitternd.

 

»Hat denn jemand geklopft?« fragte Andy. Sie nickte.

 

»Ich habe einen sehr leichten Schlaf und habe das Klopfen sofort gehört. Ich dachte, du seiest es und öffnete das Fenster, um hinunterzusehen. Und ich sah auch jemand unten auf dem Weg stehen, er war deutlich zu sehen.«

 

»Wie war er denn gekleidet? Trug er einen Schlafrock?«

 

»Hast du ihn gesehen? Wer war es, Andy?«

 

»Erzähl doch weiter, Liebling – was geschah dann?«

 

»Ich rief hinunter: ›Wer ist dort?‹ Er antwortete zuerst nicht, aber dann fragte er mit einer tiefen Stimme: ›Haben Sie Ihren Schal bekommen?‹ Ich wußte nicht gleich, was er meinte, aber plötzlich erinnerte ich mich an den Schal, der im Obstgarten gefunden wurde. ›Ja‹, sagte ich, ›wer sind Sie denn?‹ Aber er sagte nichts mehr, und ich sah, wie er fortging. Ich saß lange im Dunkeln und überlegte, wer es gewesen sein konnte. Es war nicht deine Stimme, es war auch nicht die Stimme eines anderen Bekannten, wenn nicht – aber das ist unmöglich!«

 

»Glaubst du, es war Merrivans Stimme?« fragte Andy ruhig.

 

»Natürlich nicht, aber sie war genauso tief wie die seine, und je länger ich darüber nachdachte, desto ängstlicher wurde ich. Ja, ich dachte, es wäre Mr. Merrivans Stimme gewesen, aber ich konnte es nicht glauben. Dann drehte ich das Licht in meinem Zimmer an und ging hinunter. Ich wollte mir ein Glas Milch holen und meinen Vater wecken. Und dann kamst du, Andy.«

 

»Das ist sehr merkwürdig.« Andy erzählte ihnen, was er gesehen und gehört hatte. »Johnston ist vollkommen fertig, Sie müssen dafür sorgen, daß er Urlaub bekommt, Mr. Nelson.«

 

»Aber wer könnte denn das gewesen sein? Glauben Sie, daß uns jemand einen Schrecken einjagen wollte?«

 

»Das wäre ihm ja vollkommen gelungen«, meinte Andy.

 

»Ich nehme an«, sagte Nelson, der nie um eine Theorie verlegen war, »daß Sie beide durch den Zusammenbruch dieser geschmacklosen Frau nervös geworden sind. Ich sah sofort, wie aufgeregt Sie waren, als ich zurückkam.«

 

»Aber Johnston war doch gar nicht da, der kann doch davon nicht nervös geworden sein! Außerdem glaube ich, daß meine Nerven in bester Ordnung sind.« Er nahm den Schlüssel aus der Tasche. »Gehen Sie doch hin und sehen Sie sich Merrivans Haus einmal an«, schlug er lächelnd vor.

 

»Und wenn Sie mir tausend Pfund gäben, täte ich es nicht. Geh zu Bett, Stella, sonst bist du morgen krank.«

 

»Es ist schon Morgen geworden«, sagte sie und zog die Vorhänge beiseite. »Ich wüßte gern, ob Artur Wilmot auch wach ist.«

 

Andy war derselbe Gedanke gekommen. Nachdem Stella ihm das feierliche Versprechen gegeben hatte, sich sofort hinzulegen, verabschiedete er sich und machte sich auf den Weg zu Wilmots Häuschen.

 

Es dauerte nicht lange, bis er ihn geweckt hatte. Artur Wilmot hörte sich die Neuigkeiten mit merkwürdiger Ruhe an.

 

»Es ist sonderbar«, sagte er. »Ich war gestern noch in dem Haus. Ich bin es auch gewesen, der das hintere Fenster verriegelt hat. Es war nach dem Mord nicht wieder geschlossen worden.«

 

»Haben Sie denn nichts gesehen?« fragte Andy.

 

»Nichts. Wenn Sie eine Minute warten, bis ich mich angezogen habe, können wir zusammen hinübergehen. Es wird bis dahin hell genug sein, um Fußspuren im Garten erkennen zu können.«

 

»Damit brauchen Sie gar nicht zu rechnen. Ein mit Asche bestreuter Weg und ein asphaltierter Hof sind nicht das beste Material, um Fußabdrücke zu bewahren.«

 

Trotzdem begleitete er Artur; sie durchsuchten alle Räume und begannen beim Eingangsflur.

 

»Hier ist etwas.«

 

Wilmot zeigte auf den Boden.

 

»Tropfen von einer Kerze!« rief Andy interessiert. »War jemand mit Kerzen hier?«

 

Wilmot schüttelte den Kopf.

 

Sie fanden noch weitere Kerzenspuren in Merrivans Arbeitszimmer und entdeckten im Kamin auch einen Kerzenstumpf.

 

»Es war nicht einmal dieser Beweis nötig, um zu erkennen, daß ein Mensch von Fleisch und Blut und kein Gespenst hier sein Wesen getrieben hat«, sagte Andy. »Ohne eine Autorität auf dem Gebiet zu sein, weiß ich doch, daß sie keine Kerzen brauchen.«

 

Er wickelte den Stumpf sorgfältig in ein Stück Papier.

 

»Was wollen Sie damit anfangen?« fragte Wilmot erstaunt.

 

Andy lächelte.

 

»Für einen Mann, der mir noch eben vorschlug, mich nach Fußspuren auf dem Asphalt umzusehen, sind Sie eigentlich sehr schwerfällig, Wilmot. Dieser Kerzenstumpf ist doch mit Fingerabdrücken bedeckt. Der Mörder, ob er nun bei klarem Verstand oder wahnsinnig war, fühlte sich zu dem Ort der Tat hingezogen, wahrscheinlich war er schon häufig hier.«

 

*

 

Andy sagte Wilmot und Nelson nichts von seinen Plänen. Zuerst mußte er Mrs. Crafton-Bonsor aufsuchen. Aber sie ließ sich nicht sprechen, und als Andy die Dringlichkeit seines Besuches betonte, weigerte sie sich noch hartnäckiger, ihn zu empfangen. Scottie war ihr Bote.

 

»Das sind so Weiberlaunen«, sagte er halblaut. »Es hat keinen Zweck, Macleod, sie ist in dieser Beziehung unnachgiebig und hart wie ein neolithisches Fossil. Ich habe mein Bestes getan, aber sie will Sie nicht sehen.«

 

»Scottie, ich habe Sie immer gut behandelt, Sie müssen mir jetzt helfen. In welchen Beziehungen stand Albert Selim zu ihr?«

 

Scottie zuckte die Schultern.

 

»Man soll die Vergangenheit einer Frau nie erforschen wollen, Macleod. ›Vergangenheit ist tot, damit die Zukunft glücklich sei.‹«

 

»Die Zukunft interessiert mich nicht, aber über Mr. Crafton-Bonsors Vergangenheit möchte ich etwas erfahren«, sagte Andy unwillig. »Ich werde sie sprechen – oder ich mache Schwierigkeiten!«

 

Scottie verschwand und blieb fast eine halbe Stunde weg.

 

»Sie ist zweifellos krank, Macleod, als Arzt werden Sie das sofort sehen. Trotzdem will sie Ihnen zwei Minuten schenken. Aber bleiben Sie bitte nicht zu lange.«

 

Mrs. Bonsor lag auf einer Couch. Scottie hatte nicht übertrieben. Die Erwähnung des Mordes hatte eine schlechte Wirkung auf die Frau gehabt. Ihre vollen Wangen schienen eingesunken zu sein, die Anmaßung, die sonst in ihren blauen Augen lag, war verschwunden.

 

»Ich habe Ihnen nichts zu erzählen, Sir«, sagte sie bei Andys Eintritt scharf.

 

»Hat Scottie Ihnen nicht mitgeteilt …«, begann er.

 

»Nein«, rief sie mit schriller Stimme, »und ich sehe nicht ein, mit welchem Recht Sie hier eindringen, um mich auszuhorchen!«

 

»Waren Sie mit Albert Selim bekannt?«

 

Sie zögerte.

 

»Ja, ich kannte ihn«, erwiderte sie dann widerstrebend. »Vor vielen Jahren. Ich werde aber mit Ihnen nicht darüber sprechen. Meine Privatangelegenheiten gehen niemand etwas an. Es ist mir ganz gleich, ob Sie Polizeibeamter sind oder nicht. Ich habe nichts zu verbergen, glauben Sie mir das.«

 

Andy wartete, bis sie geendet hatte.

 

»Sie hießen früher Hilda Masters und heirateten einen John Severn in der Sankt-Pauls-Kirche in Kensington«, sagte er dann.

 

Sie starrte ihn hilflos an und begann gleich darauf zu schreien.

 

Scottie bewahrte bei diesem Zusammenbruch der verzweifelten Frau die Ruhe. Er war zugleich behutsam und bestimmt, beruhigend und ironisch. Andy ließ die beiden taktvoll eine halbe Stunde allein, dann kam Scottie zu ihm heraus.

 

»Macleod, sie wird Ihnen die Wahrheit sagen. Und da Stenographie von jeher meine Lieblingsbeschäftigung war, werde ich alles mitschreiben. Ich schrieb hundertachtzig, als ich jung war, und es gab nur wenige Stenotypisten, die mich an Schnelligkeit im Maschinenschreiben übertrafen. Mirabel spricht kein erstklassiges Englisch, und es ist besser, ich bringe alles gleich in Polizeisprache. – Sie ist sommersprossig und hat Plomben im Mund, und sie mißfiel mir, als ich sie das erstemal sah. Aber ich habe die Frau jetzt gern. Sie ist nicht mehr allzu jung, aber man nimmt es nicht mehr so genau, wenn man selbst älter wird. Sie fragen sie am besten, und ich schreibe das Wichtigste aus ihren Antworten auf.«

 

Andy war einverstanden, und aus dieser sonderbaren Zusammenarbeit ergab sich eine noch sonderbarere Geschichte.

 

Kapitel 3

 

3

 

Stella Nelson verließ das Postamt in Bestürzung und Schrecken. Obgleich sie sich nicht umsah, wußte sie doch, daß ihr der Herr mit den scharfgeschnittenen Gesichtszügen aus der Telefonzelle nachschaute. Was würde dieser Mann denken, für den wahrscheinlich schon das kleinste Zucken eines Augenlides Bedeutung hatte?

 

Sie war beinahe schwach geworden, als sie das Wort ›Detektiv ‹ hörte; er hatte auch sicher gesehen, wie sie schwankte und blaß wurde, und er mußte sich über ihr Benehmen gewundert haben.

 

Am liebsten wäre sie davongelaufen; und es bedurfte ihrer ganzen Willenskraft, ihre Schritte nicht noch mehr zu beschleunigen. Sie ging rasch den Abhang zum Bahnhof hinunter. Dort erfuhr sie, daß sie noch eine halbe Stunde bis zum Abgang des Zuges zu warten hatte. Sie war so frühzeitig von zu Hause fortgegangen, weil sie noch einige Besorgungen machen wollte. Aber konnte sie zurückkehren? Durfte sie sich seinen forschenden Blicken, die sie so erschreckt hatten, noch einmal aussetzen?

 

Schließlich ging sie zurück. Ihr Selbstbewußtsein zwang sie dazu. Und sie atmete erleichtert auf, als sie sah, daß der dunkelblaue Wagen verschwunden war. Sie eilte von einem Geschäft zum anderen, um so schnell wie möglich fertig zu werden. Nach kurzem Zögern wandte sie sich wieder zum Postamt und kaufte noch einige Marken.

 

»Welchen Beruf hatte der Herr, von dem wir vorhin sprachen?« Es kostete sie einige Mühe, ruhig zu fragen.

 

»Er war Detektiv, mein Fräulein«, sagte der alte Postbeamte wichtig. »Ich weiß nicht, hinter wem er her ist.«

 

»Wohin ist er denn gegangen?« Sie fürchtete schon die Antwort.

 

»Er wollte nach Beverley Green fahren, wie er mir sagte.«

 

Der Postbeamte schien nicht das beste Gedächtnis zu haben, sonst hätte er sich darauf besinnen müssen, daß Andy eine solche Absicht nicht geäußert hatte.

 

»Nach Beverley Grenn?« wiederholte sie langsam.

 

»Er heißt Macleod!« rief er plötzlich. »Ach ja, jetzt erinnere ich mich!«

 

»Wissen Sie, ob er hier wohnt?«

 

»Nein, mein Fräulein, er ist nur auf der Durchreise. Banks, der Fleischermeister, wollte es nicht glauben, daß wir einen richtigen Detektiv in der Stadt hatten – einen Beamten von Scotland Yard. Macleod machte die entscheidende Zeugenaussage in dem Marchmont-Giftmordprozeß. Erinnern Sie sich nicht …? Das war eine aufregende Geschichte! Ein Mann vergiftete seine Frau, weil er eine andere heiraten wollte, und durch Macleods Aussage kam er an den Galgen. Für Mordprozesse habe ich ein ausgezeichnetes Gedächtnis.«

 

Sie ging jetzt langsam zum Bahnhof und löste ihre Fahrkarte. Ungewißheit, Zweifel und Furcht quälten sie. Der Gedanke, auch nur ein paar Stunden abwesend zu sein, während dieser Mann hier herumspionierte, erschien ihr unerträglich. Der Himmel mochte wissen, welche Absichten er hatte.

 

Wieder wandte sie sich der Stadt zu, aber dann hörte sie den Zug pfeifen. Kurz entschlossen ging sie zum Bahnhof zurück. Sie wollte ihren ursprünglichen Plan ausführen. Sie haßte Macleod. Sie haßte und fürchtete ihn zugleich. Sie zitterte bei der Erinnerung an seinen durchdringenden, prüfenden Blick, der so deutlich sagte: ›Du hast etwas zu fürchten.‹ Sie versuchte im Zug zu lesen, aber ihre Gedanken waren nicht bei der Zeitung, und obwohl ihre Blicke den Zeilen folgten, sah und las sie doch nichts.

 

Als sie sich ihrem Ziel näherte, wunderte sie sich, daß ihr jemals der Gedanke gekommen war umzukehren. Sie hatte doch nur noch eine Woche Zeit, um diese schreckliche Sache zu ordnen – nur noch eine Woche, und jeder Tag zählte. Vielleicht hatte sie Erfolg und kehrte am Nachmittag glücklich zurück, jauchzend vor Freude. Wie schön wäre es, wenn sie durch dieselben Felder und über dieselben Brücken mit ruhigem Gemüt nach Hause fahren könnte.

 

Mechanisch betrachtete sie durch das Fenster die Landschaft, an der sie ihr Zug vorbeiführte.

 

Ihre Träumereien waren zu Ende, als sie ausstieg. Sie eilte durch die drängende Menschenmenge. Ein Taxi kam auf ihren Wink heran.

 

»… Ashlar Building?« sagte der Chauffeur überlegend. »Ja, ich weiß, was Sie meinen, Fräulein.«

 

Ashlar Building war ein großes Bürohaus; sie hatte es noch nie gesehen und wußte auch nicht, wie sie den Mann finden sollte, den sie sprechen mußte. In der Eingangshalle sah sie jedoch die Firmentafeln, die die zwei einander gegenüberliegenden Wände bedeckten. Sie las eine nach der anderen, bis sie plötzlich anhielt.

 

»309, Albert Selim.«

 

Seine Geschäftsräume lagen im fünften Stock.

 

Es dauerte einige Zeit, bis sie das Büro gefunden hatte, denn es lag am Ende eines langen Flügels. Sie sah zwei Türen. Die eine trug die Aufschrift ›Privat‹, die andere ›Alb. Selim‹.

 

Sie klopfte an, und jemand rief: »Herein!«

 

Eine kleine Schranke trennte den eigentlichen Büroraum von dem schmalen Gang, in dem sich die Besucher im allgemeinen aufhalten durften.

 

»Nun, Miss?«

 

Der Herr, der auf sie zutrat, sprach barsch, beinahe feindselig.

 

»Ich möchte Mr. Selim sprechen«, sagte sie, aber der junge Mann schüttelte den Kopf.

 

»Das ist unmöglich, wenn Sie nicht eine Verabredung mit ihm haben. Und auch dann würde er nicht persönlich verhandeln.« Plötzlich unterbrach er sich und sah sie groß an. »Aber Sie sind doch Miss Nelson«, sagte er dann erstaunt. »Ich hatte nie erwartet, Sie hier zu sehen.«

 

Sie wurde über und über rot und versuchte vergeblich, sich zu besinnen, woher er sie kennen konnte.

 

»Sie erinnern sich sicher – Sweeny ist mein Name.«

 

Sie errötete noch mehr.

 

»Ja, natürlich – Sweeny.«

 

Sie war bestürzt und fühlte sich gedemütigt, als sie ihn erkannte.

 

»Sie haben seinerzeit Ihre Stelle bei Mr. Merrivan sehr schnell verlassen?«

 

Nun wurde es ihm ungemütlich, als das Gespräch diese Wendung nahm.

 

»Ja, das stimmt.« Er räusperte sich verlegen. »Ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit Mr. Merrivan. Ein geiziger Mensch! Und schrecklich mißtrauisch!« Er räusperte sich wieder. »Haben Sie damals nichts darüber gehört?«

 

Sie verneinte. Die Dienstboten blieben nicht lange genug im Nelsonschen Haus in Stellung und wurden nicht so vertraut mit ihrer Herrschaft, daß sie über Klatsch sprechen konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten.

 

»Nun, die Sache verhielt sich so.« Mr. Sweeny war ein wenig erleichtert, daß er Gelegenheit hatte, ihr die Geschichte zuerst von seinem Standpunkt aus zu erzählen. »Mr. Merrivan vermißte einige Stücke seines Tafelsilbers, die ich unglücklicherweise meinem Bruder geliehen hatte, der sie kopieren wollte. Er interessierte sich sehr für altes Silber, da er selbst gelernter Juwelier und Goldschmied ist. Als nun Mr. Merrivan die Stücke vermißte –« Er hustete wieder, wurde sehr verwirrt und sagte, er sei bezichtigt worden, das Silber gestohlen zu haben! Mr. Merrivan hatte ihn fristlos entlassen! »Ich hätte damals verhungern können, wenn nicht Mr. Selim von mir gehört und mir diese Stellung gegeben hätte. Sie ist nicht gerade glänzend«, fügte er entschuldigend hinzu, »aber es ist doch wenigstens etwas. Ich wünsche oft, ich wäre wieder dort in dem hübschen Tal von Beverley Green.«

 

Sie unterbrach ihn: »Wann kann ich denn Mr. Selim sprechen?«

 

Aber er schüttelte wieder energisch den Kopf.

 

»Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen, Miss Nelson. Ich habe ihn selbst auch noch nicht gesehen.«

 

»Wie?« Sie starrte ihn verwirrt an.

 

»Das ist eine Tatsache. Er ist Geldverleiher – aber das brauche ich Ihnen doch nicht zu erzählen.«

 

Er sah sie mit einem wissenden Blick an, und sie wäre am liebsten vor Scham in den Boden versunken.

 

»Er wickelt alle seine Geschäfte brieflich ab. Ich empfange hier die Besucher und bespreche mit ihnen die Angelegenheit. Damit ist aber noch nicht gesagt, daß er sich daran hält«, erklärte er. »Die Kunden füllen dann die Formulare aus – Sie verstehen mich schon –, sie geben an, welche Summe sie brauchen, welche Sicherheiten sie bieten können und dergleichen Dinge – und ich lasse dann die Schriftstücke hier im Geldschrank für Mr. Selim, bis er kommt.«

 

»Wann kommt er denn?«

 

»Das weiß Gott allein«, erwiderte Mr. Sweeny. »Auf jeden Fall kommt er hierher, denn die Briefe werden zwei- bis dreimal wöchentlich abgeholt. Er setzt sich dann schriftlich mit den Leuten in Verbindung. Ich erfahre niemals, welches Darlehen sie erhalten oder wieviel sie zurückzahlen.«

 

»Gibt er Ihnen seine Aufträge auch schriftlich?« fragte Miss Nelson, deren Neugierde im Augenblick über ihre Enttäuschung siegte.

 

»Nein, er telefoniert mit mir, ich weiß aber niemals, woher. Es ist überhaupt eine sonderbare Stellung. Ich bin nur je zwei Stunden an vier Tagen der Woche beschäftigt.«

 

»Gibt es denn wirklich keine Möglichkeit, ihn zu sprechen?« fragte sie noch einmal verzweifelt.

 

»Nein, nicht die geringste«, entgegnete Mr. Sweeny, der wieder überheblich wurde. »Es ist nur ein Weg vorhanden, mit Albert Selim geschäftlich zu. verkehren – man muß ihm schreiben.«

 

Sie dachte eine Weile nach.

 

»Geht es Mr. Nelson gut?«

 

»Danke, sehr gut«, antwortete sie hastig, »es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, sich nach meinem Vater zu erkundigen. Ich –« Es war ihr unerträglich peinlich, einen Angestellten ins Vertrauen ziehen zu müssen. »Sie sagen doch nichts davon, daß Sie mich hier gesehen haben?«

 

»Aber bestimmt nicht«, meinte Sweeny zuvorkommend. »Großer Gott, wenn Sie wüßten, welche Leute hierherkommen, Sie würden erstaunt sein. Berühmte Schauspieler und Schauspielerinnen, Leute, deren Namen ein Begriff sind. Minister, Geistliche –«

 

»Leben Sie wohl, Sweeny.«

 

Sie schloß die Tür hinter sich.

 

Ihre Knie wankten, als sie die Treppe hinunterstieg. Sie zog es vor, den Fahrstuhl nicht zu benützen. Erst jetzt wurde ihr klar, wie sehr sie sich auf eine Unterredung mit Mr. Selim verlassen hatte. Verzweifelt sah sie sich nun der unerbittlichen Wirklichkeit gegenüber. Es gab keinen Ausweg mehr. Was konnte den Untergang jetzt noch aufhalten? Nichts – nichts! Der Mann, den sie hatte sprechen wollen, der einzige, der ihr helfen konnte, war unerreichbar für sie:

 

Sie stieg um und kam um fünf Uhr nachmittags in Beverley an. Der erste, den sie sah, als sie aus dem Zug stieg, war der ruhige, kluge Detektiv mit den grauen Augen. Er hatte sie auch erkannt, und ihre Blicke trafen sich, als sie das Abteil verließ. Einen Augenblick stand ihr Herz still, dann sah sie an seiner Seite einen Mann mit Handschellen – es war der kanadische Professor! Den hatte er also verhaften wollen – den freundlichen Gelehrten, der sich mit ihr so interessant über Versteinerungen unterhalten hatte.

 

Scottie wußte sehr viel über Fossilien und Gesteinsformationen. Es war sein Steckenpferd. An Scotties anderer Seite stand ein Polizist. Der Verbrecher selbst erwiderte ihren erschrockenen Blick durch ein liebenswürdiges Lächeln. Sie vermutete, daß solche Menschen allmählich abstumpften und hart wurden.

 

Sie sah schnell zu Andy hinüber, ging an ihm vorbei und atmete dann erleichtert auf. Ihre schreckliche Befürchtung hatte sich also nicht bewahrheitet. Sie konnte getrost zurückkehren. Und sie war beinahe in froher Stimmung, als sie den mit Rosenstöcken eingesäumten Gartenweg entlangging.

 

Kapitel 30

 

30

 

»Ich heiße Mirabel Hilda Crafton-Bonsor. Ich weiß nicht sicher, ob dies der wirkliche Name meines verstorbenen Mannes war. Wahrscheinlich hieß er Michael Murphy. Er war irischer Abstammung, und als ich ihn kennenlernte, war er Unternehmer in Sacramento im Staat Kalifornien.

 

Ich wurde in dem Dorf Uckfield, Sussex, geboren, kam aber schon mit sieben Jahren nach London. Als meine Eltern starben, zog ich zu einer Tante, Mrs. Pawl, in die Bayham Street, Camden Town. Mit sechzehn Jahren nahm ich eine Stellung als Hausmädchen bei Miss Janet Severn an, 104 Manchester Square. Miss Severn hatte sonderbare Ansichten über das Heiraten.

 

Außer Miss Janet und den anderen Dienstboten wohnte noch Mr. John Severn, ihr Neffe, im Haus. Er war aber nur während der Ferien da. Er studierte in Cambridge.

 

Leider kann ich weder lesen noch schreiben, und obgleich ich später meinen Namen schreiben lernte, so daß ich Schecks ausstellen kann, habe ich es doch nicht weitergebracht. Deshalb habe ich auch von dem Mord nichts weiter gelesen. Ich wußte die Namen der Personen nicht, die es anging. Ich sah Mr. John sehr häufig, wenn er daheim war. Er hatte mich ganz gern, ich war ein hübsches Mädchen. Aber er hat nie mit mir angebändelt.

 

Während ich bei Miss Janet in Stellung war, lernte ich Mr. Selim kennen – Albert Selim. Er kam gewöhnlich einmal in der Woche an den Eingang für Dienstboten. Zuerst dachte ich, er sei ein Händler, der uns allerhand auf Kredit verkaufen wollte, später aber fand ich heraus, daß er ein Geldverleiher war, der draußen in West End viel mit Dienstboten zu tun hatte. Die Köchin war sehr hoch bei ihm verschuldet, und ein Dienstmädchen hatte auch Geld von ihm geliehen. Er sah ganz gut aus, und als er entdeckte, daß ich kein Geld von ihm leihen wollte, sondern sogar etwas auf der Bank hatte, schien ich ihm zu gefallen, und er fragte mich, ob ich nicht an meinem nächsten freien Sonntag mit ihm ausgehen wollte. Ich sagte zu, weil ich noch nie einen Schatz gehabt hatte. Am nächsten Sonntag fuhren wir zusammen nach Hampton. Selim bewirtete mich auf das beste.

 

Dann trafen wir uns häufiger, und eines schönen Tages fragte er mich, ob ich ihn nicht heiraten wollte. Er sagte aber, daß wir es geheimhalten müßten und ich noch ein oder zwei Monate in meiner Stellung bleiben müßte, da er besondere Pläne habe. Mir machte das nichts aus, denn ich fühlte mich bei Miss Janet wohl.

 

An einem Montag, an dem ich frei hatte, trafen wir uns und ließen uns auf dem Standesamt in Brixton trauen. Selim wohnte in diesem Stadtteil. Am Abend ging ich wieder nach Hause.

 

Eines Tages kam er sehr aufgeregt zu mir und fragte, ob ich nicht etwas von einem Herrn gehört hätte, dessen Namen ich aber vergessen habe. Ich sagte ihm, daß Miss Janet schon von ihm gesprochen habe. Es war ihr Schwager, mit dem sie aber nicht sehr gut stand, weil er seine Frau, ihre Schwester, schlecht behandelt hatte. Er lebte in guten Verhältnissen, doch nach allem, was ich erfuhr, hatten weder Miss Janet noch John einen Pfennig von ihm zu erwarten. Ich sagte meinem Mann alles, was ich wußte, und er schien sehr befriedigt zu sein. Er fragte, ob Mr. John mich schon einmal geküßt habe. Ich war sehr wütend darüber. Er beruhigte mich wieder und sagte, daß er vielleicht ein Vermögen verdienen könnte, wenn ich ihm helfen wollte. Er erklärte auch, er habe vor unserer Heirat keine Ahnung gehabt, daß ich nicht lesen und schreiben könne. Er meinte, daß ihm das noch Schwierigkeiten bereiten werde.

 

Aber ich könne ihm viel helfen, wenn ich herausfinden würde, wohin Mr. John abends gehe. Ich erfuhr später, daß er diese Information brauchte, um eine Begegnung mit Mr. John herbeizuführen, den er noch nicht kannte. Ich wußte, daß Mr. John Schulden hatte, denn er hatte mir erzählt, daß der Lebensunterhalt in Cambridge sehr teuer sei und er Geld habe borgen müssen. Er bat mich aber, seiner Tante nichts davon zu sagen.

 

Ich dachte natürlich, daß Albert das erfahren hatte und ein kleines Geschäft mit Mr. John machen wollte. Hätte ich gewußt, wozu ihre Zusammenkunft führen würde, hätte ich mir lieber die Zunge abgeschnitten als Albert erzählt, wo John seine Abende verbrachte. Er ging gewöhnlich in einen Klub in Soho.

 

Ungefähr eine Woche später teilte mir Selim mit, daß er Mr. John getroffen und ihm aus der Patsche geholfen habe.

 

›Sag ihm aber nie, daß du mich kennst.‹

 

Ich versprach es ihm. Miss Janet war sehr streng, und ich hätte sicher Unannehmlichkeiten bekommen, wenn sie etwas von meiner Heirat erfahren hätte. Ich wußte nicht, welches Abkommen Albert mit Mr. John getroffen hatte, aber er schien sehr zufrieden zu sein. Er kam jetzt nicht mehr selbst ins Haus, sondern schickte immer einen Angestellten.

 

Es ist merkwürdig, daß dieser Angestellte Albert nie zu Gesicht bekam. Ich kam später darauf, daß Albert nicht persönlich mit Mr. John gesprochen hatte, obwohl er das vorgab. Um diese Zeit fing er überhaupt an, sehr geheimnisvoll zu werden. Mr. John erzählte mir, daß er eine sehr gute Vereinbarung mit einem Herrn getroffen habe.

 

›Er glaubt, daß ich später einmal ein großes Vermögen erben werde, ich sagte ihm aber, daß ich nichts zu erwarten hätte. Er bestand darauf, mir alles Geld zu leihen, das ich brauchte.‹

 

Ich teilte Albert das bei unserem nächsten Zusammensein mit, er lachte nur. An den Abend erinnere ich mich noch sehr gut. Es war Sonntag, und wir hatten uns in einem Restaurant in der Nähe des King’s-Cross-Bahnhofs getroffen. Ich muß noch bemerken, daß wir uns nur in der Öffentlichkeit sahen, obgleich ich schon über einen Monat mit ihm verheiratet war. Er hat mich kein einziges Mal geküßt.

 

Es regnete heftig, und als wir aus dem Restaurant kamen, nahm er ein Taxi für mich und sagte dem Fahrer, daß er mich an der Ecke von Portman Square absetzen sollte. Es war etwa zehn Uhr, als ich dort ankam und den Fahrer bezahlte. Albert gab mir immer reichlich Geld. Ich erschrak sehr, als ich mich umwandte und beinahe Miss Janet in die Arme lief. Sie sagte kein Wort, aber als ich heimkam, ließ sie mich sofort rufen.

 

Sie sagte, sie verstehe nicht, daß ein anständiges junges Mädchen ein Taxi benütze, und fragte, woher ich das Geld hätte. Ich erwiderte, daß ich Geld gespart und daß ein Freund den Wagen für mich bezahlt habe. Sie wollte davon nichts hören, und ich wußte, daß sie mir kündigen würde.

 

›Bleiben Sie bitte auf und warten Sie auf Mr. John‹, sagte sie.

 

›Er speist heute auswärts in Gesellschaft einiger Freunde, aber er wird nicht später als elf kommen.‹

 

Ich war froh, daß sie nach oben ging. Mr. John kam erst nach zwölf, und ich sah sofort, daß er etwas zuviel getrunken hatte. Ich servierte ihm noch eine kleine Mahlzeit.

 

Er wurde zudringlich, nannte mich sein ›liebes, kleines Mädchen‹ und sagte, daß er mir eine Perlenbrosche kaufen wollte.

 

Und dann nahm er mich, bevor ich wußte, was geschah, in die Arme und küßte mich. Ich wehrte mich verzweifelt, aber er war sehr stark, und seine Lippen lagen auf den meinen, als sich die Tür öffnete und Miss Janet hereintrat.

 

Sie wies auf die Tür, und ich war froh, gehen zu dürfen. Ich erwartete bestimmt, daß ich am nächsten Morgen meine Sachen packen müßte, besonders nachdem Miss Janet mir hatte sagen lassen, daß ich nicht mehr arbeiten solle. Ungefähr um zehn Uhr ließ sie mich ins Wohnzimmer kommen.

 

Ich werde nie vergessen, wie sie in ihrem schwarzen Alpakakleid und ihrer kleinen, weißen Spitzenhaube dort saß. Ihre schönen, schlanken Hände waren im Schoß gefaltet.

 

›Hilda‹, sagte sie, ›mein Neffe hat Ihnen großes Unrecht getan. Wie weit er gegangen ist, weiß ich nicht. Ich verstehe jetzt aber, warum Sie soviel Geld haben und der Köchin vorige Woche fünf Pfund zeigten. Doch das gehört nicht zur Sache. Sie sind ein junges Mädchen in meinem Hause und stehen unter meinem Schutz. Ich habe eine große Verantwortung vor Gott und den Menschen für Sie, und ich habe angeordnet, daß mein Neffe Sie heiraten wird, um alles wieder gutzumachen.‹

 

Ich konnte nicht sprechen, ich hätte weinen mögen, als sie zu reden begann. Und dann wurde ich von ihren Worten ganz zerschmettert. Ich wollte ihr erzählen, daß ich schon verheiratet sei und ihr meinen Trauschein zeigen, um es zu beweisen. Aber die Urkunde war nicht in meinem Besitz, Albert verwahrte sie.

 

›Ich habe mit meinem Neffen gesprochen und habe meinen Rechtsanwalt beauftragt, ihm die nötigen Unterlagen zu beschaffen. Sie werden in der St.-Pauls-Kirche, Kensington, am nächsten Donnerstag getraut werden.‹

 

Ich machte mich sofort auf den Weg zu Albert. Er hatte ein kleines Büro über dem Laden des Tabakhändlers Ashlar. Ashlar ist später ein reicher Mann geworden und hat, wie ich glaube, ein großes Geschäftshaus errichtet, das seinen Namen trug. Zufällig war Albert im Büro, aber es dauerte sehr lange, bis er die Tür aufschloß und mich einließ. Er sagte, daß er Kunden nie persönlich abfertige, und er war ärgerlich, daß ich zu ihm kam. Aber als ich ihm von der peinlichen Lage erzählte, in der ich mich befand, änderte er seinen Ton. Ich sagte ihm, daß er mit Miss Janet sprechen müsse. Davon wollte er nichts wissen.

 

›Ich dachte mir schon, daß das passieren würde, Hilda. Du mußt nun verständig sein und etwas für mich tun.‹

 

Als ich erfuhr, was er von mir verlangte, wollte ich meinen Ohren nicht trauen. Ich sollte Mr. John tatsächlich heiraten!

 

›Aber das geht doch nicht – ich bin doch schon verheiratet!‹

 

›Es wird niemand etwas davon erfahren. Du bist mit mir doch in einem anderen Stadtteil getraut worden. Ich verspreche dir, daß er dich an der Kirchentür verläßt und du ihn nie wieder siehst. Tue das für mich, ich werde dir hundert Pfund geben.‹

 

Er fügte noch hinzu, daß wir beide genug für unser ganzes Leben verdienen würden, wenn ich Mr. John heiratete. Aber er gab mir keine nähere Auskunft.

 

Er konnte immer sehr überzeugend sprechen, und ich war so verwirrt, daß ich nicht mehr wußte, ob ich bei klarem Verstand war. Er konnte Schwarz zu Weiß machen, wie man so sagt, und schließlich willigte ich ein.

 

Ich habe mir später oft überlegt, ob er mich auf diese Weise loswerden wollte, aber das war es nicht; denn dann hätte er mich ja überhaupt nicht zu heiraten brauchen. Jetzt bin ich zu der Ansicht gekommen, daß er ein hübsches Mädchen im Haus haben wollte, das alle seine Wünsche erfüllen würde. Er hat wohl nie erwartet, daß mir Mr. John einen Heiratsantrag machen würde, aber er hatte vielleicht etwas viel Schlimmeres kommen sehen. Er war ein gemeiner, kaltblütiger Schuft.

 

Am Tag vor der Trauung hatte ich noch eine Unterredung mit Miss Janet.

 

›Hilda‹, sagte sie, ›morgen werden Sie also meinen Neffen heiraten. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich auf diese Heirat nicht stolz bin, und gebe Ihnen den Rat, Ihre Meinung für sich zu behalten. Was nun die Zukunft angeht, so können Sie nicht erwarten, daß ein Gentleman wie Mr. John seinen Freunden ein Mädchen Ihrer Art vorstellt. Sie sind vollständig ungebildet, und wenn auch Ihr Wesen nett und liebenswürdig ist, so ist doch Ihre Sprache unmögliche

 

Es ist merkwürdig, daß ich mich noch an jedes Wort erinnere, das Miss Janet damals sprach, obgleich inzwischen über dreißig Jahre vergangen sind. Ich war sehr empört, aber ich beherrschte mich und fragte, was sie denn mit mir vorhabe.

 

›Ich werde Sie in ein erstklassiges Institut schicken, wo Sie erst noch einiges lernen sollen. Sie werden dort bleiben, bis Sie zweiundzwanzig Jahre alt sind. Dann werden Sie imstande sein, den Platz an der Seite Ihres Gatten einzunehmen, ohne ihn oder sich zu kompromittieren.‹

 

Irgendwie paßte dieser Vorschlag ganz gut zu Alberts Versprechen. Ich glaubte sogar, daß er alles so eingerichtet hatte. Aber ich weiß jetzt, daß er einen ganz anderen Plan verfolgte und daß Miss Janet aus eigenem Willen so handelte.

 

Erst als ich am Donnerstag in der St.-Pauls-Kirche stand, sah ich Mr. John wieder. Ich weiß heute noch nicht, was zwischen ihm und seiner Tante vorgegangen war. Er sah sehr blaß aus und war zurückhaltend, aber höflich. Es waren nur vier Leute in der Kirche, und die Zeremonie ging schneller vorüber, als ich erwartet hatte. Warum mich Mr. John überhaupt geheiratet hat, weiß ich nicht. Ich kann schwören, daß nichts zwischen uns beiden vorgefallen ist. Er hatte mich nur einmal geküßt, als er zuviel getrunken hatte. Aber er heiratete mich. Es erscheint mir auch heute noch merkwürdig. Bevor ich zur Kirche ging, gab mir Miss Janet fünfzig Pfund und die Adresse. Die Schule lag in Eastbourne, Victoria Drive. Sie schrieb mir auch die Abfahrtszeiten der Züge auf.

 

Ich verabschiedete mich von Mr. John nach der Trauung und ließ ihn mit seinem Freund allein. Miss Janet war nicht erschienen. Ich habe ihn nie wiedergesehen.

 

Albert wollte mich nach der Trauung treffen und zum Essen mitnehmen. Er wartete vor dem King’s-Cross-Restaurant auf mich. Ich erzählte ihm alles, was geschehen war.

 

›Gib mir den Trauschein‹, sagte er, und ich gab ihm die Heiratsurkunde. Wir sprachen nicht mehr viel über die Eheschließung, obgleich ich ein wenig nervös war. Ich wollte nicht nach Eastbourne, ich hatte überhaupt nie die Absicht gehabt, fortzugehen. Aber ich war nun von Albert abhängig. Ich wußte, er würde irgendeinen Plan für mich haben, und er erzählte mir auch später davon. Aber er hatte nicht die Absicht, wie ich gehofft hatte, mit mir irgendwohin aufs Land zu ziehen – das hatte er mir versprochen, als ich meine Einwilligung zu der Heirat mit Mr. John gab – und unsere Ehe nun wirklich zu beginnen.

 

Als wir unser Mahl beinahe beendet hatten, zog er einen großen Briefumschlag aus der Tasche.

 

›Ich habe eine Kabine Erster Klasse für dich belegt, und wenn du den Mund hältst, wird niemand wissen, daß du ein Dienstmädchen bist. Hier in dem Kuvert sind fünfhundert Pfund in Banknoten – du wirst dir in zwei Tagen die nötigen Kleider beschaffen.‹

 

Ich war ganz verstört und wußte nicht, wovon er sprach.

 

›Du wirst nach Amerika fahren. Ich habe dir einige Einführungsbriefe von meinem Freund Mr. Merry‹ – so ähnlich war der Name, es kann auch Merrivan gewesen sein – ›verschafft.‹ Er sagte noch, daß dieser Herr ein Kunde sei.

 

›Die Leute drüben werden dir schon eine Stellung besorgen, außerdem hast du genug Geld, dir selbst weiterzuhelfen.‹

 

›Aber ich will doch gar nicht fortgehen‹, schrie ich. Ich sprach so laut, daß sich die Leute im Lokal nach uns umsahen.

 

Das machte ihn ganz wild. Ich habe nie einen Menschen getroffen, der so teuflisch aussehen konnte wie er. Ich war entsetzt und fürchtete mich vor ihm.

 

›Entweder fährst du nach Amerika, oder ich rufe einen Polizisten und lasse dich wegen Bigamie verhaften.‹

 

Ich hatte nicht die Kraft, mich ihm zu widersetzen, und so schiffte ich mich auf der ›Lucania‹ nach New York ein. Von dort kam ich nach Denver City, wohin ich einen Empfehlungsbrief hatte, und war dort ein Jahr in Stellung. Drüben heißt man nicht ›Dienstmädchen‹, sondern ›Stütze‹. Als ›Stütze‹ war ich also dreizehn Monate dort beschäftigt, dann bekam ich ein Angebot als Haushälterin zu Mr. Bonsor, einem Witwer mit einem Kind, das später starb. Als Mr. Bonsor mir nach einiger Zeit einen Heiratsantrag machte, mußte ich ihm die Wahrheit sagen. Er meinte, daß eine Heirat ihm nichts ausmache.

 

Ich habe Albert Selim nie wiedergesehen, aber ich weiß, daß er an die Leute in Denver geschrieben hatte, um zu erfahren, was aus mir geworden sei. Sie wußten es nicht. Es war sieben Jahre nach meiner Ankunft in Amerika. Ich habe auch nichts mehr von Mr. John gehört, ich weiß nur, daß Miss Janet zwei Jahre nach meiner Abreise an Lungenentzündung starb. Mr. Bonsor fand die Nachricht in einer englischen Zeitung.«

 

Kapitel 31

 

31

 

Es gab einen Mann, der diese Aussage von Hilda Masters lesen mußte, überlegte Andy. Seit einiger Zeit schon hatte er den Verdacht, daß Mr. Salter mehr über seinen Freund Severn wußte, als er vorgab.

 

Er sandte ein Telegramm nach Beverley Hall und bat um eine Unterredung. Als er nach Beverley Green zurückkam, erwartete ihn dort eine Nachricht, daß er sofort kommen möge.

 

»Ich werde dich begleiten«, sagte Stella. »Ich kann ja solange in deinem Wagen warten.«

 

Der vorsichtige Tilling schien ängstlicher denn je zu sein.

 

»Sie müssen sehr behutsam sein, Herr Doktor. Er hat schlecht geschlafen, und der Arzt sagte zu Mr. Francis – das ist unser junger Herr –, daß jeden Augenblick mit einem Zusammenbruch zu rechnen sei.«

 

»Ich danke Ihnen, ich werde es berücksichtigen.«

 

Als Andy in das Zimmer trat, fand er, daß Tilling nicht übertrieben hatte. Salters Gesicht sah grau aus, trotzdem begrüßte er den Detektiv mit einem Lächeln.

 

»Sie wollen mir sicher mitteilen, daß Sie meinen Einbrecher gefunden haben«, meinte er. »Sie können sich die Mühe sparen – es war Ihr Juwelendieb!«

 

Andy war darauf nicht vorbereitet.

 

»Ich fürchte, es ist so, aber ich glaube, daß er nicht in böser Absicht herkam. In Wirklichkeit war er hinter einem Verbrecher her, der damals in Mr. Wilmots Haus einbrach.«

 

»Hat er ihn gefunden? Es soll doch ein geheimnisvoller Parkwächter sein?«

 

»Wie haben Sie denn das herausgebracht?«

 

Salter lachte, aber dann hatte er plötzlich Schmerzen. Andy sah es, und es tat ihm leid. Mr. Salter hatte Herzbeschwerden.

 

»Ich möchte Ihnen nichts vormachen«, erwiderte Boyd Salter, der sich über die Wirkung freute, die seine Worte hervorgerufen hatten. »Scottie – das ist doch der Name dieses Menschen – verschwand am nächsten Tag, ebenso Miss Nelson. Sie verkehrte in einem Haus in der Castle Street und pflegte dort jemand. Und wer anders sollte das gewesen sein als Ihr wenig ehrenhafter Freund?«

 

Plötzlich erkannte Andy die Zusammenhänge.

 

»Das haben Sie natürlich von Downer!«

 

Salter nickte lächelnd.

 

»Aber wie kamen Sie denn auf den Parkwächter?«

 

»Das weiß ich auch von Downer und von einem gewissen Big Martin, der auch ein Verbrecher ist.«

 

Andy war zu großzügig, um Downer die Bewunderung vorzuenthalten, die ihm gebührte.

 

»Ich werde Downer die Bearbeitung des Falles übergeben«, sagte Andy. »Er ist der beste Spürhund.«

 

»Er kam«, begann Salter, »und ich mußte alle meine Parkwächter rufen. Er fragte sie aus, und einer gab zu, daß er in der Küche war – wir lassen nämlich Kakao für sie kochen, wenn sie Nachtdienst haben – und das Haus etwa um die Zeit verließ, als Scottie ihn sah. Soviel weiß ich. Aber welche Neuigkeiten bringen Sie?«

 

»Ich habe Hilda Masters gefunden.«

 

Mr. Salter schaute auf. »Hilda Masters? Wer ist denn das?«

 

»Sie besinnen sich sicher, daß in einem Geheimfach in Merrivans Schlafzimmer ein Trauschein gefunden wurde?«

 

»Ja, er wurde auch in einer Zeitung erwähnt. Es war die Heiratsurkunde eines ehemaligen Dienstboten, die später von einer geisterhaften Erscheinung gestohlen wurde, von Ihnen Selim genannt. War das der Name der Frau, auf die sich die Urkunde bezog? Und Sie haben sie gefunden, wie Sie sagen?«

 

Andy nahm eine Kopie des Protokolls aus der Tasche und legte sie vor den Friedensrichter.

 

Mr. Salter schaute lange darauf, bevor er seine Hornbrille aufsetzte und zu lesen begann.

 

Er las sehr langsam, und es kam Andy vor, als ob er jedes Wort abschätzte. Einmal blätterte er zurück und las eine Seite noch einmal. Fünf – zehn – fünfzehn Minuten verstrichen in tiefstem Schweigen. Andy wurde ungeduldig, er dachte an Stella, die draußen im Wagen wartete.

 

»Ach!« Mr. Salter legte das Manuskript wieder hin. »Der Geist, der in diesem Tal umging, ist gebannt, Doktor Macleod.«

 

Andy verstand ihn nicht sofort. Mr. Salter sah seine Verwirrung und kam ihm zu Hilfe.

 

»Ich meine Selim. Hier ist er, enthüllt in seiner ganzen Gemeinheit. Er verkaufte Seelen, brach Herzen, spielte mit dem Leben.« Er tippte auf das Manuskript.

 

Andy entdeckte einen ungewöhnlichen Glanz in seinen Augen. Salters Gesicht sah nicht mehr eingefallen aus, und die tiefen Falten waren verschwunden. Er mußte eine geheime Klingel gedrückt haben, denn Tilling kam herein.

 

»Bringen Sie mir eine Flasche Portwein.« Als der Diener sich entfernt hatte, fuhr er fort: »Sie können sich beglückwünschen – Sie haben einen größeren Sieg davongetragen, als wenn Sie Ihre Hand auf die Schulter Albert Selims gelegt hätten. Wir müssen Ihren Erfolg feiern, Doktor.«

 

»Es tut mir leid, daß ich nicht länger bleiben kann – Miss Nelson wartet draußen in meinem Wagen.«

 

Salter sprang auf, wurde blaß und setzte sich wieder.

 

»Das bedauere ich aber wirklich sehr«, sagte er atemlos. »Es ist unverantwortlich von Ihnen, mir nichts davon mitgeteilt zu haben. Bitte bringen Sie sie doch herein.«

 

Andy sagte zu Stella: »Die Nachricht, daß du im Wagen wartest, hat ihn sehr mitgenommen. Er sieht sehr elend aus.«

 

Mr. Salter hatte sich inzwischen wieder etwas erholt. Er beobachtete Tilling, wie er den kostbaren Wein in die Gläser goß.

 

»Verzeihen Sie, wenn ich nicht aufstehe«, sagte Mr. Salter lächelnd, als Stella mit Andy eintrat. »Sie also haben den Mann gepflegt, der bei mir einbrach?«

 

»Hat Andy Ihnen das erzählt?« fragte sie bestürzt.

 

»Nein, Andy hat mir nichts davon gesagt. Aber Sie werden jetzt ein Glas Portwein mit mir trinken, Miss Nelson. Nein? Das war schon alter Wein, als Ihr Vater noch ein kleines Kind war.«

 

Er hob sein Glas und trank ihr zu.

 

»Was wird nun aus Miss Masters oder Mrs. Bonsor werden?«

 

»Sie wird wohl kaum in London bleiben. Sie hat ein schweres Verbrechen eingestanden – obwohl es schon so lange zurückliegt, daß es verjährt ist. Aus gewissen Anzeichen könnte man fast schließen, daß diese vielfach verheiratete Dame sich, zum viertenmal in das Eheleben stürzen wird.«

 

Salter nickte.

 

»Die arme Frau«, meinte er. »Die arme, getäuschte Frau!«

 

Andy hatte nicht erwartet, bei Mr. Salter Sympathie für Mrs. Crafton-Bonsor zu finden.

 

»Sie ist nicht besonders arm«, erwiderte er. »Scottie, der doch ein Kenner ist, schätzt den Wert ihrer Juwelen auf mindestens hunderttausend Pfund. Außerdem hat sie große Besitzungen in den Vereinigten Staaten. Ich bin aber eigentlich gekommen, um mit Ihnen über John Severn zu sprechen. Haben Sie eine Ahnung, wo er sein könnte? Ich bin fest überzeugt, daß Albert Selim diese Eheschließung zu seinem eigenen Vorteil ausnützte!«

 

»Das tat er. Selim teilte Severn mit, daß seine Frau gestorben sei. Severn heiratete wieder und hatte, soviel ich weiß, Kinder. Selim hatte die Beweise für seine frühere Bigamie in der Hand, wodurch er große Summen von ihm erpreßte. Der Kontrakt, den Sie fanden, war Schwindel. Selim hat meinem Freund keinen Pfennig gezahlt, er hat nur eine alte Schuld getilgt. Das ist ja auch in der Aussage von Mrs. Crafton-Bonsor angedeutet. Im Lauf der Jahre fand seine Habgier immer neue Methoden, Severn zu quälen. Sie sehen, Doktor, daß ich offen bin. Ich wußte mehr über Severn, als ich Ihnen damals mitteilte.«

 

»Daran habe ich nie gezweifelt«, sagte Andy lächelnd.

 

»Und Sie, Miss Nelson, sind nun auch eine große Sorge losgeworden. Aber auch Sie haben etwas dafür gefunden.«

 

Er schaute Andy an und dann Stella. »Es wird sich alles erfüllen, wie ich hoffe.«

 

Bald darauf verabschiedeten sie sich.

 

Andy schlief den ganzen Nachmittag, und sobald es dunkel wurde, begab er sich auf seinen Wachtposten in das lange, leere Arbeitszimmer Mr. Merrivans. Die Nacht ging ohne Zwischenfall vorüber. Kurz nach Tagesanbruch sah er Stella über den Rasen kommen. Sie trug etwas in der Hand. Sie kam direkt auf das Haus zu und klopfte zu seinem größten Erstaunen an.

 

»Ich habe dir etwas Kaffee und ein paar Brötchen gebracht, Andy. Du Armer, du mußt doch entsetzlich müde sein.«

 

»Woher wußtest du denn, daß ich hier bin?«

 

»Das vermutete ich. Als du gestern abend nicht kamst, wußte ich, daß du Geisterdienst hattest.«

 

»Du kluges Mädchen! Ich hatte es dir absichtlich nicht gesagt.«

 

»Hast du nicht wieder den schlimmsten Verdacht gehabt, als du mich so früh am Morgen hierherkommen sahst?« Sie zog ihn am Ohrläppchen. »Du hast doch nichts gesehen und gehört?«

 

»Nichts.«

 

Sie schaute den düsteren Gang entlang und schüttelte den Kopf. »Ich möchte kein Detektiv sein. Andy, fürchtest du dich nicht manchmal?«

 

»O doch, oft. Wenn ich zum Beispiel daran denke, wie ich es fertigbringen soll, dir ein Heim einzurichten, das gut genug für dich ist –«

 

»Wir wollen ein wenig darüber plaudern«, sagte sie, und sie saßen zusammen, bis die Sonne durch die Fenster schien. Sie sprachen von Häusern und Wohnungen und von den hohen Kosten, die man für eine Einrichtung zahlen muß.

 

Es war Andy nichts von der schlaflosen Nacht anzusehen, als er um elf Uhr im Metropolitan-Hotel stand. Er hatte noch mehrere Punkte aufzuklären.

 

»Mrs. Crafton-Bonsor ist abgereist«, sagte der Empfangschef.

 

»Abgereist?« fragte Andy erstaunt. »Wann?«

 

»Gestern nachmittag, Sir. Sie und Professor Bellingham reisten zusammen ab.«

 

»Hat sie auch das Gepäck schon mitgenommen?«

 

»Es ist alles fort.«

 

»Wissen Sie, wohin sie gereist ist?«

 

»Ich habe nicht die geringste Ahnung – sie sagte, sie wolle für einige Tage an die See gehen.«

 

Das war eine Überraschung für Andy.

 

Er fuhr zur Castle Street, um vielleicht Scottie dort zu finden, aber er traf nur den etwas verwirrten Mr. Martin an.

 

»Nein, Doktor Macleod, Scottie war nicht hier. Er ist seit drei Tagen nicht mehr hiergewesen.«

 

»Hat er Ihnen denn keine Anweisungen hinterlassen, wie Sie diese Diebsherberge bewirtschaften sollen?«

 

»Nein, Sir.« Big Martin sagte das aber in einem Ton, daß Andy sofort wußte, er log. Es hatte keinen Zweck, ihn weiter auszufragen. Andy fuhr nach Beverley Green zurück und legte sich schlafen.

 

Um neun Uhr abends ging er wieder in Merrivans Haus. Johnston hatte einen bequemen Lehnsessel in das Arbeitszimmer gebracht. Er war so weich, daß Andy mehrmals einschlief.

 

Das hat keinen Zweck, sagte er sich schließlich und ging zu dem vorderen Fenster, öffnete es und ließ die frische Nachtluft hereinströmen.

 

Die Kirchturmuhr in Beverley schlug eins, und es war nichts von dem nächtlichen Besucher zu sehen.

 

Er hatte den Riegel von dem hinteren Fenster zurückgezogen. Er war sicher, daß der Fremde auf diesem Weg ins Haus gekommen war, als Johnston ihn gesehen hatte.

 

Andy wartete. Jetzt schlug es zwei Uhr. Er saß wieder im Lehnsessel, und sein Kinn war auf die Brust gesunken. Er träumte von Stella und Mrs. Crafton-Bonsor.

 

Aber dann hörte er plötzlich ein Geräusch und war sofort ganz wach. Er schaute nach dem hinteren Fenster und sah, wie sich draußen eine dunkle Gestalt abhob. Die elektrische Leitung war auf seine Bitte hin wieder in Ordnung gebracht worden, und er schlich sich leise zum Schalter. Der Mann öffnete langsam das Fenster und gleich darauf hörte Andy Schritte im Zimmer. Aber er drehte das Licht noch nicht an, er wartete noch. Plötzlich ertönte eine merkwürdige Stimme.

 

»Komm heraus, Albert Selim, du verfluchter Hund!«

 

Die Stimme klang unheimlich hohl in dem leeren Raum.

 

»Komm heraus!«

 

Andy drehte das Licht an.

 

Ein Mann in einem gelben Schlafrock stand, den Rücken dem offenen Fenster zugekehrt, im Zimmer. In seiner ausgestreckten Hand hielt er eine lange Pistole, die er gegen einen unsichtbaren Feind gerichtet hatte.

 

Es war Salter! Boyd Salter!

 

Andy stockte der Atem. Dann war also Boyd Salter der kühle, gewandte Mann, der ihn so lange und so geschickt getäuscht und der seine Rolle so sicher gespielt hatte!

 

Seine Augen waren weit geöffnet und blickten starr ins Leere.

 

Er war nicht bei sich. Andrew hatte es gleich bemerkt, als er seine undeutliche, mißtönende Stimme gehört hatte.

 

»Das ist für dich, du verdammter Schuft!«

 

Salter zischte diese Worte durch die Zähne, und Andy hörte, wie die Pistole knackte. Dann sah er, wie Salter sich niederbeugte – zu der Stelle, wo sie Merrivan gefunden hatten. Dann kniete er langsam nieder und seine Hände befühlten einen Körper, den er zu sehen meinte. Er sprach dauernd mit sich selbst.

 

Salter durchlebte das Verbrechen noch einmal. Nacht für Nacht war er hergekommen. Es war unheimlich zu sehen, wie er das Pult absuchte, das nicht dastand, wie er den Schrank aufschloß, der längst entfernt war. Andrew beobachtete ihn genau. Jetzt steckte der Mann ein Streichholz an und glaubte die Papiere zu entzünden, die er seiner Meinung nach in den Kamin gelegt hatte. Dann blieb er an der Stelle stehen, wo man den Brief gefunden hatte.

 

»Du wirst keine Briefe mehr schreiben, Merrivan, du verdammter Kerl! Du wirst keine Briefe mehr unter meine Tür stecken – der war wieder für mich bestimmt – wie?« Er wandte sich wieder dorthin, wo die Leiche gelegen hatte. »Für mich?«‘ Seine Blicke schweiften umher, und er schien etwas aufzuheben. »Ich muß den Schal des Mädchens mitnehmen«, sagte er dann leise. »Arme Stella! Dieser Teufel wird sie nicht mehr quälen. Ich will ihn mitnehmen.« Er steckte seine Hand in die Tasche, als ob er etwas hineinstecken wollte. »Wenn sie ihn finden, denken sie, daß sie hier war, als ich ihn niederschoß.«

 

Andrew folgte atemlos allen Bewegungen und Worten.

 

Nun war ihm plötzlich alles klar. Albert Selim und Merrivan waren ein und dieselbe Person, und der Drohbrief, der allem Anschein nach an Merrivan gerichtet war, stammte von diesem selbst. So war es! Merrivan wollte in der Nacht den Brief nach Beverley Hall bringen. Er hatte ihn geschrieben und zusammengefaltet, aber er hatte keine Zeit mehr gehabt, einen Umschlag zu adressieren, bevor ihn sein Schicksal ereilte.

 

Salter ging langsam durch den Raum und war ein paar Sekunden später durch das Fenster verschwunden. Er schloß es hinter sich. Gleich darauf war auch Andy im Garten und folgte dem Schlafwandler, der durch den Obstgarten ging. Plötzlich hörte er ihn wieder sprechen.

 

»Geh aus dem Weg, du verdammter Hund!«

 

Und wieder knackte der Pistolenhahn.

 

So war also Sweeny ums Leben gekommen! Sweeny war dort gewesen. Er hatte wahrscheinlich auch die Identität Selims mit Merrivan entdeckt und das Haus in jener Nacht beobachtet. Es war jetzt alles so einfach. Merrivan hatte Salter erpreßt. Aber wer mochte Severn sein – Severn, der Mann von Hilda Masters?

 

Er folgte Salter durch den Obstgarten, durch ein Tor in der Hecke. Salter war nun auf seinem eigenen Grund und Boden und bewegte sich weiter in jener merkwürdig behutsamen Art, die Schlafwandlern eigen ist. Andrew ließ ihn nicht aus dem Auge. Salter hielt sich auf einem Pfad nach Spring Covert, bog plötzlich unvermittelt nach links ab und überquerte die Wiese vor Beverley Hall.

 

Kaum war er hier ein Dutzend Schritte gegangen, als plötzlich ein heller Lichtschein aus dem Gras aufblitzte und eine Explosion folgte. Salter taumelte vornüber und fiel zu Boden.

 

Andy war sofort an seiner Seite. Salter lag bewegungslos.

 

Andy machte seine Taschenlampe an und rief um Hilfe. Gleich darauf antwortete ihm aus einiger Entfernung der Parkwächter Madding, den er schon von früher her kannte.

 

»Was ist geschehen, Sir? Sie müssen sich in einem Draht verfangen und einen Alarmschuß ausgelöst haben. Wir haben verschiedene ausgelegt, um die Wilddiebe zu fangen … Mein Gott«, rief er plötzlich erschrocken, »das ist ja Mr. Salter!«

 

Sie legten ihn auf den Rücken. Andy öffnete seine Pyjamajacke und legte das Ohr auf seine Brust.

 

»Ich fürchte, er ist tot.«

 

»Tot?« fragte der Parkwächter erschrocken. »Es war aber doch keine scharfe Patrone in dem Selbstschuß!«

 

»Er ist durch die Explosion erwacht, und der Schreck hat ihn sicher getötet. Und es ist wohl gut, daß er auf diese Weise starb.«

 

*

 

Andy ließ sich müde auf einen Sessel in Nelsons Wohnzimmer nieder.

 

Stella setzte sich neben ihn und legte ihre Hand auf seine Schulter. Andy nahm einen Zeitungsausschnitt aus seiner Tasche.

 

»Das fand ich in Salters Geldschrank. Sein Sohn hatte es ruhig aufgenommen. Man erwartete ja ein solches Ende. Er wußte, daß sein Vater Schlafwandler war, er hatte den Schmutz an seinem Pyjama entdeckt und hielt infolgedessen die Tür bewacht. Aber das alte Haus hat ein halbes Dutzend geheimer Wendeltreppen, und er ist jedesmal entkommen. Was hältst du davon?«

 

Sie las den Zeitungsausschnitt. Er war aus der ›Times‹.

 

*

 

›In Übereinstimmung mit den Anordnungen des Testaments des verstorbenen Mr. Philipp Boyd Salter wird sein Neffe, Mr. John Severn, der einzige Erbe seines Onkel, den Namen und Titel John Boyd Salter führen. Eine diesbezügliche gerichtliche Erklärung erscheint in den amtlichen Bekanntmachungen dieser Nummer auf Seite 8.<

 

»Hier haben wir also die Aufklärung. Severn und Boyd Salter waren ein und dieselbe Person. Wenn ich so vernünftig gewesen wäre, das Testament des Onkels nachzusehen, hätte ich das schon vor einem Monat wissen können. Er ist als ein glücklicher Mann gestorben. Seit Jahren hatte er unter dem Druck seiner Schuld und der Erpressungen Selims gelebt. Durch Merrivans Verrat hätte sein Sohn den Titel und das Vermögen verloren, die nur an einen rechtmäßigen Erben übergehen können. Aus der Aussage von Hilda Masters – sie hat übrigens vor ihrer Abreise Scottie tatsächlich geheiratet – ging ja die Rechtmäßigkeit seiner Ehe mit der Mutter seines Sohnes deutlich hervor. Merrivan war der größte Schrecken für seine Mitmenschen. Um die Zukunft seines Sohnes sicherzustellen, tötete ihn Salter. Aus demselben Grund drang er, als Parkwächter verkleidet, in Wilmots Haus ein, stahl den Trauschein und verbrannte ihn.«

 

»Woher wußte er, daß das Dokument dort zu finden war?«

 

»Downer verriet doch die Sache in dem Artikel, den er über uns schrieb.«

 

»Und was wird nun. aus Selims großem Vermögen? Fällt es an Artur Wilmot?«

 

»Nein, an Mrs. Bellingham. Es ist beinahe tragisch.«

 

Sie lachte und legte ihren Arm um seinen Nacken.

 

»Scottie ist doch eigentlich sehr geschickt«, meinte sie.

 

»Ja, aber wie kommst du gerade jetzt darauf?«

 

»Denk doch daran, wie schnell er sich – die Heiratspapiere beschafft hat –«

 

Eine Woche später erfuhr Mr. Downer eine Neuigkeit. Er war weder betrübt noch erfreut darüber, denn er war in erster Linie Geschäftsmann, und Hochzeiten und Morde hatten für ihn denselben Wert. Er rief sofort das ›Megaphone‹ an und sprach mit dem Chefredakteur.

 

»Haben Sie schon gehört, daß Macleod Miss Nelson geheiratet hat? Ich könnte Ihnen darüber eine Spalte schreiben und die ganze interessante Vorgeschichte dieser Ehe berichten – ja, ein Bild von ihr kann ich auch beschaffen. Wie? Zwei Spalten? Geht in Ordnung!«

 

Kapitel 4

 

4

 

Wenn man in Nelsons Haus eintrat, kam man in eine große Eingangshalle, die auf drei Seiten von einer Galerie umgeben war, zu der man auf einer breiten Treppe emporsteigen konnte.

 

Nelson stand an einer Staffelei und betrachtete ein Gemälde, sein Gesicht war nicht zu sehen. Aber Stella brauchte es auch nicht zu sehen, seine Haltung sagte ihr schon genug. Er wandte sich jetzt um und betrachtete seine Tochter mit einem gewissen Unmut. Er hatte ein schmales Gesicht und war ziemlich kahlköpfig. Seine Nase war fein und aristokratisch, Mund und Kinn waren ohne Energie. Ein dünner, brauner Schnurrbart, der grau zu werden begann, gab ihm ein fast militärisches Aussehen, das augenblicklich auch zu seiner kriegerischen Stimmung paßte.

 

»Nun, endlich zurück?«

 

Er kam langsam auf sie zu. Seine Hände lagen auf dem Rücken, die Schultern waren zurückgezogen.

 

»Weißt du auch, daß ich kein Mittagessen hatte?« fragte er düster.

 

»Ich sagte dir doch heute morgen, daß ich in die Stadt fahren würde. Warum hast du nicht Mary gefragt?«

 

Sie fürchtete schon seine Antwort.

 

»Mary habe ich entlassen«, erklärte er hochfahrend.

 

Stella seufzte.

 

»Du hast doch nicht etwa auch die Köchin fortgeschickt?«

 

»Die habe ich auch hinausgeworfen.«

 

»Hast du ihnen denn auch ihren Lohn gegeben?« fragte sie zornig. »Vater, warum machst du immer so schreckliche Geschichten?«

 

»Ich habe sie entlassen müssen, weil sie unverschämt wurden«, entgegnete Mr. Nelson würdevoll. »Das genügt doch wohl. Ich bin Herr in meinem eigenen Hause.«

 

»Ich wünschte, du wärst etwas mehr Herr deiner selbst«, sagte sie müde, ging zum Kamin, nahm eine dort stehende Flasche und hielt sie gegen das Licht. »Immer wirfst du die Dienstboten hinaus, wenn du betrunken bist!«

 

»Betrunken?« fragte er beleidigt.

 

Sie nickte. In solchen Augenblicken sagte sie ihre Meinung frei heraus. »Morgen wirst du mir wieder erzählen, daß du dich an nichts erinnern kannst, und dann tut dir alles leid. Ich muß aber wieder nach Beverley und zwei neue Dienstboten auftreiben. Sie werden sehr schwer zu finden sein.«

 

Nelson hob die Augenbrauen. »Wie, du hältst mich für betrunken?!« rief er vorwurfsvoll.

 

Aber sie achtete nicht weiter auf ihn, ging in die Küche und machte sich daran, etwas zu kochen. Sie hörte, wie er die Treppe hinaufstieg und immer wieder vor sich hinsagte: »Betrunken?« Dann lachte er höhnisch.

 

Sie saß am Küchentisch, trank eine Tasse Kakao und aß eine Schnitte Brot mit Butter. Sie sah sich auch nach einem Stückchen Käse um, aber sie wußte im voraus, daß nichts dasein würde. Mr. Nelson hatte eine Vorliebe für Käse, wenn er trank. Hätte er doch nur etwas gearbeitet! Sie ging in das Atelier, das auf der Rückseite des Hauses lag. Die Leinwand, die sie ihm am Morgen aufgespannt hatte, war unberührt, kein Kohlestrich war darauf zu sehen.

 

Stella seufzte.

 

»Es hat ja doch alles keinen Zweck«, sagte sie traurig und betrachtete wehmütig die vielen halbvollendeten Studien, die an der Wand hingen.

 

Sie ließ sich an einem kleinen Schreibtisch in der Ecke des Ateliers nieder und machte Eintragungen in ihr Wirtschaftsbuch, als die Hausglocke läutete. Sie stand auf und ging in die Halle. Draußen dämmerte es schon. Der Herr, der geklingelt hatte, war einige Schritte von der Tür zurückgetreten, so daß sie ihn zuerst nicht erkennen konnte.

 

»Ach, du bist es, Artur? Komm bitte herein. Vater ist schon nach oben gegangen.«

 

»Das habe ich vermutet.«

 

Mr. Artur Wilmot wartete, bis sie das Licht im Wohnzimmer eingeschaltet hatte, bevor er nähertrat.

 

»Du warst heute in der Stadt?«

 

»Hast du mich gesehen?« fragte sie schnell.

 

»Nein, jemand hat es mir erzählt – ich glaube, es war Merrivan. Hast du schon die Geschichte von dem kanadischen Professor gehört? Er ist in Wirklichkeit ein so bekannter Einbrecher, daß sich ein Mann wie Andrew Macleod mit ihm beschäftigt. Macleod ist eigentlich ein Arzt.«

 

Sie wußte sofort, daß er von dem Mann mit den grauen Augen sprach, aber sie wollte Gewißheit haben.

 

»Wer ist Andrew Macleod?«

 

»Ein Detektiv, aber eigentlich ist er Arzt. Man vertraut ihm alle schwierigen, wichtigen Fälle an, und unser Professor ist ein Muster von einem Einbrecher. Er hat den Spitznamen Scottie, wenigstens hat ihn Mr. Macleod so angeredet.«

 

»Ich muß ihn auf dem Bahnhof gesehen haben, Ein hübscher Mensch mit eigentümlichen Augen.«

 

»Ich würde Scottie kaum als einen hübschen Mann bezeichnen«, erwiderte Wilmot.

 

Sie war so verwirrt, daß sie seinen Irrtum nicht korrigierte.

 

»Ich kann dich leider nicht bitten, heute abend länger zu bleiben; wir haben kein Personal im Hause.«

 

»Schon wieder einmal kein Personal?« fragte er erstaunt. »Das ist aber doch zu schlimm! Dein Vater benimmt sich wirklich unmöglich! Nun mußt du wieder Köchin und Dienstmädchen spielen, bis du neue Leute gefunden hast.«

 

»Und mein zerknirschter Vater will mir dabei helfen und steht mir dabei dauernd im Wege. Es ist eine Not mit ihm, und dabei ist Vater doch ein so guter, liebenswürdiger Charakter, wenn –«

 

Der junge Mann hatte schon die Frage auf der Zunge, wann Mr. Nelson überhaupt einmal nüchtern sei. Er war aber so klug, sie damit nicht zu ärgern. In anderer Weise jedoch war er nicht klug genug, wie sich später herausstellte.

 

»Was hast du denn in der Stadt gemacht?«

 

»Warum willst du das wissen?« Sie schaute ihn an.

 

»Wenn ich geahnt hätte, daß du in der Stadt warst, hätten wir zusammen zu Mittag essen können.«

 

»Ich denke nicht an Essen, wenn ich nach London gehe. Aber was treibst du eigentlich immer dort? Ich habe dich schon oft nach deiner Beschäftigung gefragt. Erlaube, daß ich einmal indiskret bin und gerne wissen möchte, womit du deinen Lebensunterhalt verdienst.«

 

Er schwieg zunächst. »Ich habe eben meinen Beruf«, erwiderte er dann unbestimmt.

 

»Hast du ein Büro?«

 

»Ja, ich habe auch ein Büro.«

 

»Wo liegt es denn?«

 

»Ich benütze meistens andere Büros – ich habe viele Freunde und mein –« Er stockte wieder. »Ich besuche meine Kunden möglichst in ihren Wohnungen.«

 

»Du bist weder Rechtsanwalt noch Arzt. Du bist auch kein Börsenagent – ich muß sagen, Artur, daß du fast ebenso geheimnisvoll bist wie – wie Scottie, wie du ihn nennst. Ich meine unseren armen Professor. Aber nun gehst du besser nach Hause«, sagte sie dann unvermittelt. »Ich bin nicht peinlich in bezug auf Anstandsregeln« – von oben kam ein Poltern und sie schaute zur Decke hinauf – »aber wenn mein Vater zu Bett gegangen ist ich glaube, er hat eben seine Stiefel ausgezogen –, dann kannst du nicht mehr bleiben.«

 

»Du hast wohl nicht mehr nachgedacht über –«, begann er zögernd. »Ich möchte dich nicht drängen oder Vorteil aus … aus der jetzigen Lage ziehen…«

 

Sie sah ihn freundlich an. Er hatte ein großes Gesicht, gepflegtes Haar und einen kleinen, schwarzen Schnurrbart. Stella hatte manchmal die Vorstellung, daß sich eine schwarze Raupe auf seine Oberlippe verirrt hätte, und zuweilen kam ihr seine ganze Erscheinung ein wenig lächerlich vor. Aber heute abend empfand sie nur Mitgefühl mit ihm.

 

»Ich habe über alles nachgedacht, Artur – es ist ganz unmöglich. Ich möchte überhaupt nie heiraten. Und nun geh nach Haus und vergiß das alles.«

 

Er hatte den Blick gesenkt. Es folgte ein tiefes Schweigen. Sie wollte ihn nicht in seinen Gedanken stören, die nicht allzu rosig zu sein schienen.

 

Aber plötzlich fuhr er auf: »Stella, es wäre besser, wenn du nicht immer derartige Redensarten gebrauchen und mich wie einen kleinen Jungen behandeln würdest, den man beruhigen muß. Du bist eine Frau, ich bin ein Mann. Ich biete dir etwas. Ich habe eine Stellung und eine Existenz, und wenn Merrivan einmal stirbt … nun, du weißt, ich bin sein einziger Verwandter. Du bist pekuniär in einer sehr bedrängten Lage, erst heute warst du wieder wegen irgendeiner Geldgeschichte in der Stadt. Ich weiß zwar nicht, um was es sich handelt, aber früher oder später werde ich es erfahren. Du kannst dich nicht länger in Beverley Green halten. Dein Vater hat so viel getrunken, daß schon zwei hohe Hypotheken auf dem Haus lasten, und es wird nicht mehr allzulange dauern, bis er auch die Möbel und die ganze Einrichtung vertrunken hat. Wenn du glaubst, es sei schön, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, so irrst du. Fünf von sieben Chefs werden versuchen, mit dir ein Verhältnis anzufangen – das sind altbekannte Geschichten. Ich wäre bereit, den armen, alten Säufer in einem Trinkerheim unterzubringen. Dort wird ihm der Alkohol entzogen. Entweder bricht er dann ganz zusammen und stirbt bald, oder er wird geheilt. Er hat es nicht anders gewollt, es mußte so kommen. Zuerst wollte ich einen anderen Weg einschlagen, aber es ging nicht. Du bist jetzt erwachsen und wirst verstehen, daß Strenge das Beste für solche Menschen ist. Stella, ich liebe dich mehr als sonst etwas auf der Welt – und ich weiß alles!«

 

Die letzten Worte hatte er mit erhobener Stimme gesprochen. Sie bewegte ihre Lippen, brachte aber kein Wort heraus.

 

»Ich weiß genau, wie schlimm es um deine Angelegenheiten steht, und ich sage dir, daß ich davon Gebrauch machen werde, um dich zu bekommen. Solltest du bei deiner Weigerung bleiben, so würde ich selbst vor einer verbotenen Handlungsweise nicht zurückschrecken.«

 

Sie verkehrten schon so lange miteinander, daß sie sich offen und ohne Zurückhaltung die Wahrheit sagten. Er war der einzige Mann, der sie mit ihrem Vornamen ansprach, und auch sie nannte ihn Artur. Für sie war er ein junger Geschäftsmann, der gut Tennis spielte, ausgezeichnet tanzte und mit mehr oder weniger großer Genugtuung von sich selbst sprach. Er besaß ein hübsches Auto und gefiel ihr unter ihren Bekannten am besten.

 

Sie war bestürzt und ärgerlich, aber sie war nicht verletzt. Sie erschrak nur darüber, daß sie einen Fehler gemacht hatte. Sie hatte das Gefühl, daß sie beim Bridgespiel unachtsam und zerstreut die falsche Karte gegeben und infolgedessen das Spiel verloren hätte. Sie empfand sogar im Augenblick den sonderbaren Wunsch, sich bei ihm zu entschuldigen, weil sie sich dermaßen in seinem Charakter getäuscht hatte. Sie war im Unrecht, nicht er. Artur hatte gerade und offen gesprochen, er war selbstbewußt und seiner Sache ›todsicher‹. Der kanadische Professor hatte diesen Ausdruck einmal in ihrer Gegenwart gebraucht. Artur Wilmot war überzeugt von sich selbst, von seiner Stellung und davon, daß er sie bekommen würde.

 

Allmählich fand sie ihre Stimmung wieder. »Du gehst jetzt besser, Artur«, sagte sie freundlich.

 

Sie war noch sehr jung, trotzdem waren ihre Gefühle ihm gegenüber mütterlicher Art. Er benahm sich in seiner Erregung so kindlich, daß er ihr leid tat.

 

»Ich gehe, wann ich will! Wenn du mich hinauswerfen willst, so rufe doch deinen Vater! Oder rufe die Dienstboten, die er wieder einmal aus dem Haus gewiesen hat! Denke nur nicht, daß du es mit einem dummen Jungen zu tun hast! Ich möchte dir noch einmal die Tatsache ins Gedächtnis zurückrufen, daß du vollständig allein und hilflos dastehst, nicht nur in diesem Haus, sondern auch in der Welt draußen!«

 

Sie hatte ihre Gedanken gesammelt und konnte sich verteidigen.

 

»Ja, und du bist der starke Mann. Hättest du mich nicht so gedrängt, wärst du früher oder später vielleicht ans Ziel gekommen.«

 

Sie lehnte sich an einen Sessel, ihre Hände lagen auf dem Rücken. Ihre ruhige Haltung brachte ihn aus der Fassung. Er hatte vermutet, daß sie ihn trotzig zurückweisen oder sich ergeben würde, aber er fühlte jetzt nur, daß sie ihm irgendwie überlegen war, und das machte ihn unsicher. Er ärgerte sich über sich selbst.

 

»Ich bin nicht sehr böse über … über dein lächerliches, tragikomisches Benehmen. Ich will dich nicht heiraten, Artur. Du hast selbst zugegeben, daß du nicht besonders anziehend für mich bist, denn ich muß dich ›nehmen‹, weil du in einer besseren finanziellen Lage bist. Ist das nicht protzig und aufgeblasen? Dann hast du mir mit Erpressung oder etwas Ähnlichem gedroht. Du bist der zweite Betrunkene, den ich heute gesehen habe, nur stehst du unter dem Einfluß eines noch kräftigeren Rauschmittels als mein Vater. Du bist besessen von deiner Eitelkeit, und für solche Leute ist es nicht minder schwer, wieder nüchtern zu werden.«

 

Ihre Worte hatten ihn getroffen, er war sehr verlegen geworden. Alle Gründe, die er sich so sorgfältig zurechtgelegt hatte, um sie zu besiegen, waren nun hinfällig geworden.

 

Sie ging zur Tür und öffnete sie.

 

»Ich möchte nur noch das eine sagen«, begann er.

 

Aber sie lachte: »Hast du wirklich noch etwas zu sagen?«

 

Er verließ schweigend das Zimmer, und sie verschloß die Haustür hinter ihm.

 

Ihre Hand ruhte noch eine Weile auf der Türklinke, und sie blieb nachdenklich stehen. Sie hatte den Kopf vorgebeugt, als ob sie lauschen wollte, aber sie war nur in Gedanken versunken.

 

Dann drehte sie unten alle Lichter aus und ging in ihr Zimmer hinauf. Es war eigentlich noch zu früh, sich schlafen zu legen, aber sie wußte nicht, warum sie sich unten noch hätte aufhalten sollen. Sie entkleidete sich langsam beim Licht des Mondes, das durch das Fenster hereinfiel. Ihr Zimmer lag im obersten Geschoß, wo sich auch die Räume der Dienstboten befanden. Sie hatte dieses Zimmer gewählt, weil sie von hier aus einen Rundblick hatte, der nicht von störenden Baumgruppen unterbrochen wurde.

 

Sie zog einen Morgenrock über ihren Pyjama, öffnete das Fenster, stützte sich mit den Ellbogen auf die Fensterbank und schaute hinaus. Das Mondlicht hatte draußen alle Farben verändert. Das helleuchtende Grün der Wiesen war zu einem leichten Grau geworden. Der alte Steinbruch von Beverley am bewaldeten Abhang des Hügels glich einer großen Muschelschale. Die Nacht war ruhig und friedvoll, nur der Ruf einer Eule kam von den Hügeln herüber. Aber plötzlich hörte sie, daß jemand auf dem geschotterten Weg fast im Marschtempo eines Soldaten entlangging. Wer mochte das sein? Sie kannte diesen Schritt nicht. Jetzt kam der Fremde in Sicht.

 

Zwischen den Ästen zweier Bäume sah sie einen Mann und wußte, wer er war, noch ehe er den Blick zu ihrem Fenster erhob.

 

Es war der Detektiv mit den grauen Augen – Andrew Macleod!

 

Sie preßte die Lippen zusammen, um einen Schrei zu unterdrücken, trat hastig zurück und schloß das Fenster behutsam. Ihr Herz schlug wild, sie fühlte den Puls in ihren Halsadern und an den Schläfen.

 

Was mochte er wollen? Sie schlich sich leise wieder zum Fenster und spähte hinaus. Nach einer Weile öffnete sie es wieder. Sie hörte nicht, daß sich seine Schritte entfernten, aber gleich darauf sah sie ihn wieder. Er ging über den Rasen und verschwand bald. Nach einiger Zeit hörte sie das Geräusch eines Motors, das langsam wieder erstarb.

 

Sie taumelte zu ihrem Bett und setzte sich nieder.

 

Auch Artur Wilmot quälten zu dieser Stunde unruhige Gedanken. Was mochte sie von ihm denken? Aber er hätte sich die schlaflose Nacht ersparen können, denn Stella Nelson hatte vollkommen vergessen, daß ein Mensch wie Artur Wilmot überhaupt existierte.

 

Kapitel 5

 

5

 

Scottie wurde plötzlich mitteilsam, ja geradezu beredt, als er und Andy auf dem Bahnsteig auf den Zug warteten.

 

»Sie glauben, daß Sie die Kehrseite des Lebens, all den Schmutz und all das Elend kennen, Macleod, weil Sie mit den Spelunken der großen Stadt vertraut sind? Mit den chinesischen Opiumhöhlen und den Freudenhäusern mit den seidenen Vorhängen und den weichen Diwans? Ich weiß, daß Sie nicht so sehr von sich überzeugt sind wie all diese anderen Mißgeburten, die sich Detektive nennen. Ihr Beruf als Arzt hat Sie mehr in die Tiefe schauen lassen. Sie kennen das Leben gründlicher als diese Leute, aber alles wissen Sie auch nicht.«

 

»Nein, ich weiß nicht alles«, gab Andy zu.

 

»In diesem Punkt irren sich die meisten Polizeileute – Sie nicht, aber viele andere. Verbrecherkneipen und Lokale, wo sich der Abschaum und die Hefe des Volkes herumtreibt, wo die kleinen Gauner und Verbrecher verkehren, die sich wie Rothschild vorkommen, wenn sie einmal fünf Pfund in der Hand haben – das sind die schlimmsten Plätze nicht.« Er schaute sich um. Der Polizist aus Beverley, der ihn zur Stadt eskortieren sollte, sah gedankenlos drein und hörte nicht zu. »Wenn Sie die wirkliche Hölle finden wollen, dann müssen Sie nach Beverley Green gehen!«

 

Andy sah ihn erstaunt an, unwillkürlich überlief ihn ein Schauder.

 

»Wieso denn? Haben Sie irgend etwas Besonderes gehört?«

 

Scottie schüttelte den Kopf und zog die Lippen zusammen.

 

»Nein, gehört habe ich nichts, aber ich habe es gefühlt. Ich bin sehr empfänglich für – zum Teufel, wie heißt doch gleich das Wort – für die Atmosphäre. Sie werden vielleicht darüber lachen, aber Sie werden nicht mehr lachen, wenn Sie mein Alibi zu Gesicht bekommen. Schon oft hat mich mein Gefühl vor langen Gefängnisstrafen bewahrt. Es ist etwas ganz Seltsames. Ich werde Ihnen einen Fall erzählen. Ich war in einem Gefängnis, als man einen Mann dort hinbrachte, der gehenkt werden sollte. Niemand wußte, daß er dort war. Man hatte ihn am Tage vor seiner Hinrichtung plötzlich dorthin überführt, weil der Fußboden des Exekutionsgebäudes Feuer fing. Das ist eine Tatsache! Und ich wußte, daß er im Gefängnis war, ich fühlte es sofort, als er das Haus betrat. Und ein ähnliches Gefühl habe ich von Beverley Green. Da ist irgendein Unheil im Gange. Sie sind erstaunt, Macleod? Ich möchte fast sagen, daß einen die Geister und Gespenster berühren, wenn man dort geht. Ich sage Ihnen, es ist unheimlich. Deshalb habe ich die ganze Gegend das Geistertal genannt. Ich werde Ihnen etwas erzählen, was sehr zu meinen Ungunsten spricht, wenn Sie es vor Gericht vorbringen. Aber ich traue Ihnen, Macleod – Sie sind nicht wie die anderen. Sie waren immer ein Gentleman. Ich hatte eine Pistole. Ich besaß stets eine Waffe, ich nahm sie bloß nie mit. Aber in Beverley Green konnte ich mir nicht helfen, ich steckte sie ein, wenn ich dort herumging. Ich trug sie auch bei mir, als Sie mich verhafteten. Als wir nach Beverley hineinfuhren, habe ich sie fortgeworfen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen wo, denn Sie haben es doch nicht gemerkt.«

 

»Ich habe es genau gesehen – Sie taten es, als wir zu der großen Kurve vor der Stadt kamen. Aber wir wollen uns nicht darüber streiten; ich werde sogar meinen Auftrag widerrufen, die Abhänge neben der Eisenbahn zu durchsuchen. Warum haben Sie das getan, Scottie? Sie fürchten sich doch sonst nicht so leicht?«

 

Scottie machte ein düsteres Gesicht und war sehr ernst.

 

»Ich weiß es selbst nicht. Ich bin nicht nervös und war es auch noch nie. Vor einem Menschen aus Fleisch und Blut habe ich keine Angst. Aber ich hatte ein ganz unerklärliches, unheimliches Gefühl – wissen Sie, wenn ich Sternschnuppen sehe, geht es mir auch so. Es war reine Furcht. Ich habe gestern noch mit Merrivan darüber gesprochen. Sie kennen ihn doch, er schwatzt über alles, was in der Gemeinde vorgeht –«

 

Andy mußte lachen, als er an diesen Reklamechef und Fremdenführer von Beverley Green dachte.

 

»Er ist kein schlechter Kerl, aber er hat das Zuhören verlernt. Das kommt von der Korpulenz. Das bestätigte er mir selbst, nachdem ich es ihm gesagt hatte. Er hat mir in allem beigepflichtet. Vielleicht macht er das bei jedem Menschen so, er paßt sich an. Macleod, gehen Sie hin und bleiben Sie einen oder zwei Tage in Beverley Green, dann werden Sie dasselbe Gefühl haben. Es brütet etwas in der Luft, es ist wie die Stille, bevor der Blitz in Ihr Haus einschlägt – aber hier kommt der Zug. Und wenn Sie vor Gericht als Zeuge gegen mich auftreten müssen, machen Sie mich nicht zu schlecht.«

 

»Habe ich schon einmal etwas gegen Sie gesagt, Scottie?« fragte Andy. »Also viel Glück mit Ihrem Alibi!«

 

Scottie blinzelte.

 

In diesem Augenblick hielt der Zug an, und Stella Nelson stieg aus dem Abteil, das vor ihnen hielt. Andys Blicke folgten ihr, bis sie außer Sicht war.

 

»Sie ist auch irgendwie in das Unheil verwickelt«, flüsterte Scottie ihm ins Ohr. »Also auf Wiedersehen, Macleod!«

 

Scottie fuhr nach London und wurde vor Gericht gestellt. Aber es ging ihm nicht so schlecht, wie er gefürchtet hatte, da sein Alibi gut und einwandfrei war und die Aussage von vier anscheinend ehrenhaften Personen genügte. Sie hatten mit ihm Karten gespielt, als das Verbrechen begangen wurde. Auch die klug aufgebaute Anklage des Staatsanwaltes und das geschickte Kreuzverhör des skeptischen Richters konnten nichts daran ändern.

 

Andy hatte sich eigentlich vorgenommen, eine schöne Mondscheinfahrt über Land nach seinem Feriensitz zu machen, von dem man ihn so plötzlich weggeholt hatte. Alle Formalitäten des Verhörs von Scottie wurden ja von dem Polizeiinspektor, der den Fall leitete, erledigt. Wenn die Untersuchung oder die Gerichtsverhandlung seine Anwesenheit notwendig machten, konnte er für einen Tag nach London fahren.

 

Aber Scotties Bemerkung über Beverley Green hatte auf ihn gewirkt wie ätzende Säure auf eine Kupferplatte. Als er zu dem Gasthaus zurückging, wo sein Wagen untergestellt war, hatte er sich entschlossen, in Beverley zu bleiben. Er wunderte sich, daß bereits alle Leute wußten, wer er war. Auf der Straße, wo sie hier und dort in Gruppen herumstanden, wandten sie sich nach, ihm um, als er vorbeiging.

 

Wenn er schon nicht die Absicht hatte, Beverley in dieser Nacht zu verlassen, so dachte er doch nicht daran, Beverley Green zu besuchen. In seinem Unterbewußtsein mochte dieser Plan allerdings bestanden haben, doch folgte er nur einem augenblicklichen Impuls, als er plötzlich nach dem Abendessen seinen Wagen aus der Garage holte und zu der schönen Villenkolonie fuhr. Er kam zum Gästehaus, stellte den Motor ab und schaltete die Scheinwerfer aus. Es war Vollmond, und die magische Wirkung des weißen Lichtes beeinflußte auch ihn.

 

Er stand lange und betrachtete die herrliche Landschaft, dann ging er über den grünen Rasen und wandte sich zum Haus Mr. Nelsons. Er beobachtete, wie sich die Haustür öffnete und ein Lichtschein herausfiel. Er trat in den Schatten eines der Rhododendronbüsche, die in den Anlagen neben der Straße standen.

 

Es kam ein Mann heraus, dessen Gang sofort seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

 

Andy hatte sich eingehend mit dem Studium der Menschen befaßt. Er kannte die Sprache der Hände, er konnte aus der Art und Weise, wie sich jemand an den Tisch setzte und seine Serviette entfaltete, viele Schlüsse auf seinen Charakter oder seine augenblickliche Gemütsverfassung ziehen.

 

Dort geht jemand, der in sehr schlechter Stimmung ist, dachte er und schaute Artur Wilmot nach, der niedergeschlagen den geschotterten Weg entlangging. Der junge Mann öffnete die Gartentür zu seinem eigenen Grundstück, blieb dann aber stehen, als ob ihm ein anderer Gedanke gekommen wäre, trat wieder auf die Straße und ging in ein Haus, das dort an der Ecke der Landstraße stand. Es war Mr. Merrivans Anwesen. Andy erinnerte sich, daß Wilmot Merrivans Neffe war.

 

Der Detektiv ging weiter, hielt sich aber immer im Schatten der Büsche und Bäume. Etwas wie Furcht hatte auch ihn plötzlich gepackt. Er hatte ein feines Gefühl, das sich jedoch mehr auf praktische Dinge bezog. Sicherlich war er nicht so empfindlich für gewisse Einflüsse, wie Scottie es zu sein behauptete. Er hatte über dessen Erzählung nachgedacht, aber trotz aller Übertreibungen war doch immer noch eine gewisse Aufrichtigkeit dieses Mannes in Betracht zu ziehen, Auch Scotties Furcht hatte er für Übertreibung gehalten, und jetzt beschlich ihn selbst ein unheimliches Gefühl. Ihm war, als ob ein drohender Schatten auf ihn fiel.

 

Dennoch blieb er in der Nähe von Mr. Merrivans Haus stehen. Er wußte selbst nicht, warum er es tat. Immerhin setzte er das gute Einvernehmen mit den Bewohnern von Beverley Green aufs Spiel. Artur Wilmot hatte die Gartentür offenstehen lassen. Andy überquerte die Straße und trat in den Garten. Er hütete sich aber, den Kiesweg zu benützen, und ging auf dem angrenzenden Rasenstreifen.

 

Als er die Bäume hinter sich hatte, die die Fassade teilweise verdeckten, sah er, daß das Haus viele Fenster hatte. Die Rahmen waren weiß gestrichen, und der Mond spiegelte sich in den Scheiben, so daß sie wie Silber glänzten. Aus keinem der Fenster drang Licht nach außen. Er folgte dem Weg, bis er dicht unter einem Fenster in der Nähe des Eingangs stand. Hier hörte er plötzlich mit merkwürdiger Deutlichkeit eine Stimme.

 

»Das wirst du nicht tun – bei Gott, das darfst du nicht tun! Eher will ich dich umbringen!«

 

Es war nicht Merrivan, der sprach, und Andy vermutete, daß es Wilmot sein mußte. Gleich darauf vernahm er ein Geräusch. Das obere Fenster wurde etwas geöffnet. Die beiden Männer befanden sich wahrscheinlich in diesem Zimmer. Jetzt konnte er Merrivans Stimme deutlich unterscheiden.

 

»Mach dich doch nicht so lächerlich – was du da redest, ist Unsinn, mein Lieber. Vor deinen Drohungen fürchte ich mich durchaus nicht. Und jetzt werde ich dir etwas sagen – das wird dich in Erstaunen setzen! Ich kenne deine geheimnisvolle Beschäftigung in der Stadt.«

 

Die Stimmen wurden leiser, und obgleich Andy sich die größte Mühe gab, konnte er nichts mehr verstehen. Er hörte nur noch ein schnelles, dringendes Sprechen, und einmal lachte Mr. Merrivan laut auf.

 

Dann wurde ein Stuhl gerückt. Andy eilte aus dem Garten und verbarg sich in den gegenüberliegenden Büschen, bis Artur Wilmot herauskam und langsam seinem eigenen Haus zuschritt.

 

Familienstreitigkeiten erscheinen meistens schwerwiegender, als sie in Wirklichkeit sind. Aber hier handelte es sich doch um eine ungewöhnliche Auseinandersetzung. Welcher Art war wohl die geheimnisvolle Beschäftigung Artur Wilmots, die Mr. Merrivan nur zu erwähnen brauchte, um ihn ganz zahm zu machen? Vorher hatte er geschrien und seinen Onkel mit Mord bedroht, dann war er plötzlich ruhig geworden und hatte normal, fast bittend, gesprochen.

 

Andy wartete, bis Wilmot seine Haustür geschlossen hatte, dann trat er wieder auf den Weg und ging langsam zurück. Als er in die Nähe von Nelsons Haus kam, blieb er stehen und schaute hinauf. Sein Herz schlug ein wenig schneller. Er konnte das Mädchen oben am Fenster deutlich erkennen. Das Mondlicht ließ ihre Züge noch schöner erscheinen. Sie zog sich zurück, und das Fenster schloß sich langsam. Er wußte, daß sie ihn gesehen hatte. War sie erschrocken? Fürchtete sie sich vor ihm?

 

Sonderbar, dachte er, als er nach Beverley zurückfuhr, und das Merkwürdigste von allem war, daß er sich wieder wohler fühlte und das Gefühl der Bedrohung ihn verließ, sobald er wieder in die Hauptstraße einbog. Wenn es wirklich Teufel und Gespenster in Beverley Green gab, so mußten sie wirklich sehr mächtig sein, denn sogar Andrew Macleod hatte kurze Zeit unter ihrem Einfluß gestanden.

 

Kapitel 6

 

6

 

Stella Nelson saß beim Frühstück, als ihr Vater herunterkam. Er war nicht mehr so anmaßend. Er schämte sich, und in seiner ganzen Haltung drückte sich die Bitte um Verzeihung aus.

 

Früher hatte sich Stella durch seine Reue täuschen lassen, sie hatte geglaubt, daß doch noch etwas Gutes an einem Mann sein müsse und er sich bessern könne, wenn er seine Fehler einsah. Aber diese Illusion war zerronnen wie so viele andere. »Guten Morgen, mein Liebling. Ich wage kaum, dir ins Gesicht zu sehen«, sagte er, als er sich niedersetzte und mit unsicheren Händen seine Serviette entfaltete. »Ich bin ein Unmensch, ich habe mich aufgeführt wie ein Tier!«

 

Sie schenkte ihm Tee ein und kümmerte sich wenig um seine Worte.

 

»Du darfst mir glauben, Stella, es war das letzte Mal – wirklich, das allerletzte Mal. Ich habe heute morgen, als ich mich anzog, den festen Vorsatz gefaßt, nie wieder zu trinken. War ich wieder so unausstehlich? Habe ich wieder die Dienstboten hinausgeworfen?«

 

»Sie sind gegangen.«

 

Er seufzte.

 

»Vielleicht kann ich sie aufsuchen. Es wäre doch möglich, daß ich mit Mary die Sache wieder in Ordnung bringe. Sie ist eigentlich ein tüchtiges Mädchen, obwohl sie meine goldenen Manschettenknöpfe verloren hat. Ich will ihr alles erklären. Zu Mittag sind sie alle wieder da, Liebling. Ich kann nicht dulden, daß du die ganze Hausarbeit allein tust.«

 

»Mary hat heute morgen ihre Sachen abgeholt«, sagte Stella in sachlichem Ton. »Ich habe ihr auch den Vorschlag gemacht zu bleiben, aber sie erklärte, sie würde nicht wieder hierherkommen, selbst wenn ich ihr eine Million pro Jahr zahlte. Das habe ich ihr dann auch nicht angeboten.«

 

»Habe ich sie beschimpft – habe ich ihr allerhand Namen gegeben?« fragte er schuldbewußt.

 

Sie nickte und schob ihm die Marmelade hin. »Hast du etwas Geld – ich möchte einkaufen gehen.«

 

Er rückte unruhig hin und her: »Ich fürchte, ich kann dir nichts geben, ich bin gestern morgen nach Beverley gegangen, als du fort warst, und habe ein paar Besorgungen gemacht –«

 

»Das weiß ich«, unterbrach ihn Stella ruhig. »Du hast noch eine halbe Flasche mit Whisky stehenlassen, den ich weggeschüttet habe.«

 

»Das hättest du nicht tun sollen, mein Liebling«, erwiderte er kleinlaut. »Ich weiß wohl, er ist sehr schädlich, aber es ist doch gut, wenn für plötzliche Krankheitsfälle etwas im Haus ist.« Kenneth Nelson machte bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich die Andeutung, daß irgendeine schreckliche Krankheit ausbrechen könne, die nur durch reichlichen Genuß von Whisky zu heilen sei.

 

»Wenn jemand krank wird, wollen wir lieber Doktor Granitt holen«, sagte sie. »Hast du wirklich kein Geld für mich, Vater?«

 

»Ich habe nur ein paar Schilling.« Er zog eine Handvoll Silbergeld aus der Tasche. »Die brauche ich selbst«, fügte er hastig hinzu. »Ich bekomme aber heute meinen Scheck von dem Kunsthändler. Ich kann gar nicht begreifen, warum, er heute morgen mit der Post noch nicht gekommen ist. Diese Leute sind doch zu unzuverlässige Menschen.«

 

»Der Scheck kam schon vorige Woche«, entgegnete Stella ruhig. »Du hast dem Mädchen den Brief gleich draußen abgenommen und ihr gesagt, sie möchte mir nichts davon erzählen. Das hat sie mir gestern unter vielen anderen Dingen auch mitgeteilt.«

 

Er seufzte wieder.

 

»Ich bin ein Verschwender, ich bin ganz und gar verkommen«, klagte er sich an. »Ich bin schuld an dem Tod deiner armen Mutter, ich habe sie ins Grab gebracht – du weißt, daß ich daran schuld bin, Stella.«

 

In solchen Augenblicken fand er ein wahres Vergnügen darin, sich selbst zu beschuldigen. Daß seine Tochter sich dadurch verletzt fühlen könnte, kam ihm gar nicht zum Bewußtsein. Er empfand eine solche Befriedigung dabei, daß er sich unmöglich vorstellen konnte, andere seien unfähig, dieses Vergnügen zu teilen.

 

»Sage doch das nicht«, sagte sie beinahe schroff. Sie kam aber sofort wieder auf die Geldfrage zurück. »Vater, ich brauche Geld. Die Mädchen wollen den restlichen Lohn, ich habe versprochen, ihnen das Geld in die Stadt zu schicken.«

 

Er hatte sich in seinem Sessel zusammengekauert und brütete vor sich hin.

 

»Ich werde heute mit dem Bild anfangen – mit dem Pygmalion. Es wird allerdings einige Zeit dauern, bis ich damit fertig bin und das Geld dafür bekomme. Diese verfluchten Händler –«

 

Schon vor drei Jahren hatte er den Pygmalion zu malen begonnen, aber seitdem war er nicht wieder in Stimmung gekommen. Stella hatte es aufgegeben, Modelle für ihn zu engagieren. Sie nahm das Versprechen, das große Bild beenden zu wollen, mit derselben Gleichgültigkeit hin, die sie bei seiner Reue gezeigt hatte.

 

Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke. Er lehnte sich zu ihr über den Tisch hinüber.

 

»Stella«, sagte er leise, »könntest du nicht etwas Geld bekommen – erinnerst du dich an die Summe, die du damals aufgetrieben hast, als mich dieser üble Marmeladenfabrikant wegen der Anzahlung verklagte, die er auf das Porträt gemacht hatte? Diese dummen Spießer glauben immer, man könnte ein Bild auf Befehl malen. Ich bin nie ein Kaufmann gewesen. Ich will ja die Kunst nicht in den Himmel heben, aber Kunst ist der Inhalt des Lebens, für mich wenigstens.«

 

Er schaute sie erwartungsvoll, beinahe bittend an, aber sie schüttelte entschlossen den Kopf.

 

»Auf diese Weise kann ich kein Geld mehr beschaffen. Lieber würde ich sterben. Wir wollen nicht mehr darüber sprechen, Vater.«

 

Plötzlich erhob sie sich, ging verzweifelt im Zimmer auf und ab und blieb schließlich vor ihrem eigenen, halbvollendeten Porträt stehen, das er begonnen hatte, als sie drei Jahre jünger war.

 

»Das wäre eigentlich ein Bild, das man fertigmachen sollte«, sagte er. »Ich bin jetzt gerade in der Stimmung dazu, ich könnte mich auf die Arbeit konzentrieren.«

 

Als sie aber später in das Atelier kam, sah sie, wie er andere angefangene Bilder betrachtete.

 

»Ein paar Wochen Arbeit an diesem Bild, Stella, und bei Gott, es könnte etwas daraus werden. Durch ein solches Bild bin ich damals in die Akademie aufgenommen worden!«

 

»Warum fängst du denn nicht einmal wirklich an, Vater? Zieh deinen Arbeitskittel an und beginne gleich.«

 

»Ach, das eilt doch nicht so sehr! Wir haben noch viel Zeit«, erwiderte er leichtfertig. »Ich will einmal sehen, ob ich nicht den Trainer finde. Eine Runde Golf würde mich jetzt richtig auf die Höhe bringen.«

 

Später sah sie, wie er mit dem Trainer zum Golfplatz ging; ein Junge trug ihnen die Geräte nach. Nelson schien alle Sorgen vergessen zu haben, weder an morgen zu denken, noch sein Betragen von gestern zu bedauern.

 

Als er zu Tisch zurückkam, war er in glänzender Stimmung, und sie wußte, daß alle guten Vorsätze längst vergessen waren.

 

»Es ist immer von Nutzen, wenn man weiß, wann man aufhören muß, Stella. Das ist eben der Unterschied zwischen einem Mann und einem Narren. Ich weiß immer, wann ich genug habe. Ich bin ein Künstler, und daher kommen all die Unannehmlichkeiten. Meine Phantasie schwelgt in rosigen Träumen, dann trinke ich rein mechanisch, ohne überhaupt zu wissen, daß ich etwas zu mir nehme.« Er lachte vergnügt und kniff sie in die Wange. »Mache dir nur keine Sorge, in einer Woche ist der Pygmalion fertig. Du denkst natürlich wieder, daß es nur ein leeres Versprechen ist, aber ich kann dir nur sagen, mein Liebling, als ich ein junger Mann war und das große Gemälde schuf, dem ich meinen Namen verdanke – Sokrates, den Schierlingsbecher trinkend –, da habe ich am Sonntagmorgen angefangen und am Dienstagabend war das riesengroße Bild fertig. Ich habe allerdings später noch einige Lichter aufgesetzt.«

 

»Hast du im Klub etwas getrunken, Vater?«

 

Der Klub war ein kleines Gebäude am Ende der Straße. Es war wohl der Golfklub mit der geringsten Mitgliederzahl der Welt.

 

»Ach, nur einen Whisky Soda«, erwiderte er leichthin.

 

Kenneth Nelson hatte, wie viele Neurotiker, die Gewohnheit, alle Gedanken zu unterdrücken, die ihm nicht angenehm waren. Er konnte alles aus seinem Denken ausschalten, was ihm mißfiel, alle Erinnerungen, deren er sich schämen mußte. Er betrachtete das als eine große Begabung. Er liebte es, weise Aussprüche zu gebrauchen, und er brachte sie stets so vor, als ob sie von ihm selbst stammten.

 

»Nebenbei bemerkt, Stella, wir haben Besuch im Gästehaus. Das ist die ausgleichende Gerechtigkeit!« Er lachte. »Bellingham war ein Dieb, ein Einbrecher! Bei Gott, ich hätte nicht ruhig schlafen können, wenn ich das gewußt hätte.«

 

Stella überlegte, was Scottie wohl zu einem Einbruch in dieses Haus hätte veranlassen sollen, wenn er nicht unvollendete Bilder stehlen wollte.

 

Noch bevor ihr Vater weitersprach, wußte sie, was er sagen würde.

 

»Der Detektiv wohnt dort?« fragte sie schnell.

 

»Ja, er hält sich ein paar Tage hier auf – ein sehr interessanter Mann, äußerst liebenswürdig. Er ist gewissermaßen ein Gast Mr. Merrivans. Du weißt doch, daß der immer die sonderbarsten Leute aufgreift, gewöhnlich sind es ganz unmögliche Menschen. Aber diesmal hat er Glück gehabt. Dieser Detektiv – Andrew wie zum Teufel heißt er doch sonst noch – es ist ein schottischer Name – ich kann all diese Macs nicht auseinderhalten.«

 

»Macleod.«

 

»Ja, Andrew Macleod, so heißt er. Das ist derselbe, der hierhergeschickt wurde, um den Einbrecher zu verhaften. Das hat er auch tatsächlich sehr fein gemacht. Er ist ein ausgezeichneter Beamter. Es ist ungewöhnlich, einen Detektiv zu finden, der zugleich auch Gentleman ist. Würdest du nicht auch gern seine Bekanntschaft machen? Er würde dich sicher interessieren.«

 

»Nein«, sagte sie so schnell, daß er sie überrascht anschaute. »Ich interessiere mich wirklich nicht für ihn, und außerdem habe ich ihn ja schon gestern auf dem Postamt gesehen – er gefällt mir nicht.«

 

Mr. Nelson gähnte und schaute auf die Uhr.

 

»Ich muß jetzt gehen, ich habe Pearson versprochen, zu einer Bridgepartie zu kommen. Würdest du nicht zum Tee nachkommen?«

 

Sie ärgerte ihn nicht mehr durch unangenehme Fragen nach dem unvollendeten Pygmalion. Vor drei Jahren, als sie aus dem Pensionat gekommen war, wäre sie erstaunt gewesen, daß er seine guten Absichten so schnell vergessen konnte. Sie hätte ihm dann zugeredet, den Nachmittag im Atelier zu bleiben, und er hätte ihr geantwortet, daß er am nächsten Morgen ganz früh aufstehen werde, um einen guten Anfang zu machen. Und wenn sie ihn heute gebeten hätte, zu Hause zu arbeiten, hätte sie wahrscheinlich dieselbe Antwort bekommen. Also ließ sie den Dingen ihren Lauf. Ihr krampfhaftes Bemühen, dem Schicksal zu entkommen, war nutzlos – es ließ sich nicht mehr aufhalten.

 

Stella hatte an diesem Morgen einen Brief von Artur Wilmot vorgefunden und ihn ungelesen zerrissen und in den Papierkorb geworfen. Der Gedanke an ihn bedrückte sie am wenigsten.

 

Auch in dem Erscheinen des Detektivs lag etwas Schicksalhaftes. Er mußte ja seine Pflicht tun. Sie war auf das Schlimmste vorbereitet. Auch er würde in all das Unglück verkettet sein, das über sie hereinbrechen mußte.

 

Am Nachmittag bekam sie über eine Stellenvermittlung zwei ungeschulte Dienstboten. Es waren ungeschliffene Landmädchen, die sie anstarrten und lachten, als sie ihnen zeigte, wie sie alles anfassen mußten. Es wäre vergebene Mühe gewesen, sich nach gelernten Leuten umzusehen, denn die hatten alle von Kenneth Nelson und seinen Verrücktheiten gehört.

 

Stellas kleine, geheimgehaltene Reservesumme, die immer mehr und mehr zusammenschmolz, ermöglichte es ihr, die Löhne der entlassenen Dienstboten zu zahlen.

 

Sie hatte eben versucht, der neuen Köchin beizubringen, wie man guten Tee aufgießt, als Mr. Merrivan sich dem Hause näherte. Sie hatte ihn schon durch das Fenster gesehen und öffnete selbst die Haustür.

 

Sein Besuch war ihr unangenehm, obwohl sie ihn ganz gut leiden konnte. Aber auch er gehörte nun einmal zu den Unvermeidlichkeiten des Schicksals, und dieser Gedanke machte sie ruhiger.

 

»Ich komme in einer sehr heiklen Angelegenheit, Miss Nelson«, begann er und schüttelte den Kopf, als ob er durchaus schon ausdrücken wollte, daß er sich zur Lösung seiner Aufgabe nicht fähig fühle. »Wirklich, eine sehr heikle Angelegenheit. Ich weiß kaum, wie ich anfangen soll –«

 

Sie wartete und fürchtete schon, daß er sie an eine frühere Schuld erinnern würde, die sie ihm aber glücklicherweise hatte zurückzahlen können. Sie atmete erleichtert auf, als sich herausstellte, daß er gekommen war, um das brutale Auftreten seines Neffen zu entschuldigen.

 

»Ich kann nur vermuten, was er zu Ihnen gesagt hat. Gestatten Sie, daß ich Platz nehme?«

 

Sie schob ihm einen Sessel hin. Er setzte sich langsam und dankte umständlich.

 

»Er hat Sie so schwer beleidigt, daß Sie ihm eigentlich nicht verzeihen können«, begann er, aber sie unterbrach ihn sofort.

 

»Wir wollen nicht mehr darüber sprechen, Mr. Merrivan. Artur ist noch sehr jung und weiß nicht, wie man mit Frauen umgeht.«

 

»Meinen Sie?« fragte er. »Es tut mir leid, daß ich Ihnen darin widersprechen muß. Er weiß genug über Damen, um seine Pflichten Ihnen gegenüber zu kennen.«

 

»Hat er Ihnen denn alles erzählt?« Sie war erstaunt, daß Merrivan von dem Vorfall unterrichtet war.

 

»Ja, er hat es mir gebeichtet, und er bat mich, meinen Einfluß bei Ihnen geltend zu machen.« Er räusperte sich. »Ich habe ihm aber geantwortet«, sagte er dann langsam und nachdrücklich, »daß er sich keine Hoffnungen zu machen brauchte. Ich würde den Heiratsantrag eines andern nicht unterstützen.«

 

Es trat eine Pause ein, und sie dachte über seine Worte nach.

 

»Eines anderen?« wiederholte sie dann. »Sie wollen doch nicht etwa sagen, ach nein – das können Sie doch nicht meinen –«

 

»Doch, ich meine mich selbst«, entgegnete Mr. Merrivan ruhig. »Aber der Altersunterschied zwischen uns ist vielleicht ein unüberwindliches Hindernis für unser Glück, Miss Nelson.«

 

»Nein, Ihr Alter hat damit nichts zu tun, Mr. Merrivan«, erwiderte sie hastig. »Ich werde überhaupt nicht heiraten. Aber das ist doch nicht Ihr Ernst? Sie wollen mich ja gar nicht heiraten.«

 

»Ich meine es wirklich im Ernst«, erklärte Darius Merrivan feierlich. »Ich habe diesen Schritt lange bedacht, Miss Nelson. Und mit jedem Tag wurde es mir klarer, daß Sie die einzige Frau auf der Welt sind, mit der ich glücklich werden könnte.«

 

Stella lachte: »Ich hätte es mir nie auch nur im Traum einfallen lassen, daß Sie – es ist mir natürlich eine große Ehre, Mr. Merrivan. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich das zu schätzen weiß – Sie waren immer so gut zu mir.«

 

Er hob abwehrend die Hand. »Wir wollen nicht davon sprechen. Ich kann Ihnen –«

 

»Moment!« unterbrach sie ihn schnell. »Ich werde unter keinen Umständen heiraten, das ist die reine Wahrheit. Ich bin noch sehr jung und habe keine bestimmten Vorstellungen von der Ehe. Ich habe weder gegen Sie etwas, Mr. Merrivan, noch gegen Artur. Der einzige Grund meiner Ablehnung ist mein Entschluß, wenigstens jetzt noch nicht zu heiraten.«

 

Er nahm ihre Antwort so ruhig auf, als ob er keinen anderen Bescheid erwartet hätte, und war nicht im geringsten gekränkt.

 

»Es hat ja noch Zeit. Ich kann auch nicht erwarten, daß Sie sich auf der Stelle entscheiden – aber ich werde die Hoffnung nicht aufgeben.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube, es ist besser, Sie hoffen nicht mehr. Ich habe Sie gern, und Sie sind mir immer sehr freundlich entgegengekommen, aber ich will sie ebensowenig heiraten wie Ihren Neffen. Es ist eine ganz unwiderrufliche Antwort.«

 

Er machte keine Anstalten, sich zu erheben. Er saß ruhig da, strich seine dicken Backen und schaute an ihr vorbei.

 

»Sind Ihre Verhältnisse jetzt besser und geregelter, Miss Nelson?«

 

»Ja, es geht uns jetzt sehr gut«, erwiderte sie strahlend.

 

»Haben Sie gar keine Sorgen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich möchte noch etwas mit Ihnen besprechen – ich bin ein reicher Mann und ohne Verwandte. Wenn Ihnen zweitausend Pfund über diese schlechten Zeiten hinweghelfen können, so brauchen Sie es mir nur zu sagen:«

 

»Nein, Mr. Merrivan. Es ist sehr großzügig und liebenswürdig von Ihnen. Ich habe ein einziges Mal Ihre Güte in Anspruch genommen, und es war eine böse Erfahrung für mich. Sie waren sehr entgegenkommend, aber ich kann von Ihnen nichts mehr annehmen.«

 

Er erhob sich, wischte ein Stäubchen von seinem Ärmel und nahm seinen Hut.

 

»Artur weiß es«, sagte er. »Ich habe es ihm gesagt.«

 

»Was haben Sie ihm gesagt?« fragte sie verwirrt.

 

»Daß ich die Absicht hatte, Sie um Ihre Hand zu bitten. Er war sehr heftig, Miss Nelson, und er drohte – ich glaube, er drohte, mich umzubringen.« An der Tür wandte er sich noch einmal um. »Hat er Ihnen übrigens etwas davon gesagt, daß er Ihr Geheimnis kennt?«

 

»Hat er Ihnen auch das gesagt?«

 

»Nein, das habe ich nur vermutet. Er wußte, daß Sie Geld von mir geliehen hatten. Woher er es wußte, ist mir unbegreiflich. Aber vielleicht kann ich Sie doch dazu bewegen, Ihre Ansicht zu ändern –«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

Er stand in der Tür und schaute in den Garten hinaus. Seine Hand lag auf der Klinke.

 

»Wann haben wir eigentlich den Vierundzwanzigsten?« fragte er, ohne sie anzusehen.

 

Es verging einige Zeit, bevor sie antwortete.

 

»Am nächsten Montag«, sagte sie dann schwer atmend und blieb regungslos stehen, als er die Tür hinter sich schloß.

 

So wußte er es also. Er wußte es wirklich. Und der Detektiv war nur hierhergekommen, um Merrivan zu unterstützen.

 

Kapitel 26

 

26

 

»Mit dem Handwerk mache ich Schluß!« sagte Scottie entschieden.

 

»Du bist doch nicht etwa plötzlich fromm geworden?« fragte Big Martin ängstlich.

 

Scottie saß auf seinem Bett in dem kleinen Haus in der Castle Street. Big Martin war derselbe, der damals nach oben geeilt war, als Andy an die Haustür geklopft hatte.

 

Er hieß Big Martin, weil er ungewöhnlich klein war. Es hatte eine Zeit gegeben, in der in ganz London kein geeigneterer Mann zu finden war, wenn es galt, durch ein unglaublich kleines Kellerfenster zu schlüpfen.

 

Aber später hatte er zu gut gelebt, immer mehr zugenommen und war nun durchaus nicht mehr in der Lage, seinen Spezialberuf irgendwie auszuüben.

 

Scottie war er schon in vielfacher Hinsicht nützlich gewesen. Er war ein unermüdlicher Zeitungsleser, wußte alles und ersetzte ihm ein ganzes Auskunftsbüro. Er hatte eine unglaubliche Fertigkeit, ein Haus auszukundschaften. Scottie hatte während seines abwechslungsreichen Daseins noch keinen Mann kennengelernt, der dazu geeigneter gewesen wäre.

 

Gewöhnlich erschien Big Martin als Hausierer an Küchentüren, unterhielt sich mit den Dienstboten und wußte ihnen so interessante Geschichten zu erzählen, daß er immer gern gesehen war. Auf diese Weise konnte er sich viele Informationen verschaffen, die für seine Auftraggeber wertvoll waren.

 

Scottie war über eine solche Tätigkeit erhaben. Sein Spezialgebiet waren Juwelen, denn um hier auf der Höhe zu sein, mußte man mehr Verstand und Erfahrung besitzen als Big Martin. Trotzdem war ihm der Kleine von großem Nutzen. Er hielt das Haus in der Castle Street während seiner Abwesenheit in Ordnung, erledigte kleine Aufträge, machte die Betten und konnte zur Not auch ein einfaches Essen kochen.

 

»Nein, fromm bin ich nicht geworden, aber vorsichtig«, brummte Scottie, hauchte seine Brillengläser an und wischte sie mit einem Bettuchzipfel ab. »Hast du schon einmal etwas von dem Wasserkrug und dem Brunnen gehört?«

 

»Nein«, sagte Big Martin argwöhnisch. »Was ist denn los?«

 

»Ich habe jetzt genug Geld gemacht, um ein anständiges Leben führen zu können.«

 

Big Martin legte die Stirn nachdenklich in Falten.

 

»Wenn du das Ding nicht drehen willst, macht es ein anderer. Sie fordert es ja direkt heraus, sie läuft herum wie ein geschmückter Christbaum.«

 

Es ist mein Schicksal, dachte Scottie. »Du brauchst mir nichts von ihr zu erzählen«, unterbrach er sein Nachrichtenbüro. »Ich habe sie bereits kennengelernt. Sie heißt Mrs. Crafton-Bonsor, ist aus Amerika und wohnt jetzt in Zimmer 907 im ›Great Metropolitan Hotel‹.«

 

»Eine Bank hätte nicht genug Geld, um ihre Perlen zu kaufen«, drängte Big Martin. »Sie sind so groß« – er zeigte die Größe mit Daumen und Zeigefinger. »Und Brillanten! So etwas hast du noch nie gesehen.«

 

»Ich weiß, aber sie hat sie im Hotel-Safe einschließen lassen«, meinte Scottie.

 

»Nein«, sagte Big Martin, »das hat sie nicht getan. Meine Kusine ist dort in der Küche beschäftigt, die weiß es. Sie schält dort nämlich Kartoffeln.«

 

»Wer? Mrs. Bonsor?«

 

»Nein, meine Kusine.«

 

Scottie war nachdenklich geworden. Er trommelte mit den Fingern einen Marsch auf seinen Knien und schaute abwesend ins Leere.

 

»Nein, ich glaube, es geht nicht, Martin«, sagte er schließlich. »Macleod würde doch gleich wissen, daß ich es war, und außerdem…« Er vollendete den Satz nicht.

 

Big Martin hätte es doch nicht verstanden, wenn er ihm erzählt hätte, daß er es Stella Nelsons wegen nicht tun könnte. Es wäre nicht richtig gewesen zu sagen, daß Scottie sich gebessert hätte und ein ganz neuer Mensch geworden wäre oder daß er seine früheren Missetaten bereut hätte. Der einzige Beweggrund, sich zu ändern, lag in seiner persönlichen Sicherheit. Er hatte auch wirklich keinen Grund mehr, seine Haut weiter zu Markte zu tragen. Es ging ihm gut; die große Beute aus der Regent Street hatte er gut untergebracht – einer der Käufer war obendrein ein Zeuge, der ihm bei seinem Alibi geholfen hatte. Außerdem hatte er noch größere Reserven versteckt, so daß er verhältnismäßig gut und bequem bis an sein Ende leben konnte.

 

»Ich werde Mrs. Bonsor einmal besuchen«, sagte er. Big Martin rieb sich vergnügt die Hände. »Ich glaube nicht, daß sie so dumm ist, wie du sie dir vorstellst. Sie kommt aus Santa Barbara – vielleicht kennt sie einige meiner Freunde an der Westküste. Da wir gerade von Freunden reden, Martin, ich habe dich gestern abend mit einem fein gekleideten Herrn aus Finnagins Lokal herauskommen sehen.«

 

Big Martin machte ein dummes Gesicht.

 

»Es war ein Zeitungsmensch.«

 

»Welch eine Neuigkeit«, sagte Scottie ironisch. »Als ob ich nicht wüßte, wer es war. Was wollte er denn von dir?«

 

»Er fragte mich über eine Sache aus, die schon vier Jahre zurückliegt«, erwiderte Big Martin. »Ich bekam damals achtzehn Monate, du weißt doch – die Geschichte mit Harry Weston.«

 

»Wenn er sich nicht mehr darauf besinnen konnte, hätte er es doch leicht herausbringen können. Jeder Polizist hätte es gewußt.«

 

»Er war sehr nett und wollte wissen, was aus Harry geworden ist.«

 

Scottie runzelte die Stirn.

 

»Als ob er das nicht wüßte, daß Harry seine sieben Jahre in Parkhurst absitzt! Na, du altes Klatschweib, was hast du denn wieder ausposaunt?«

 

Big Martin wurde unruhig. Was hatte er eigentlich alles gesagt?

 

»Und wenn ich auf der Stelle sterben sollte, ich habe nichts von dir erzählt. Er wußte, daß du hier bist und fragte, wie es deiner Hand ginge.« Scottie brummte böse. »Aber ich habe es ihm nicht gesagt. Er mag dich gut leiden, Scottie. Er sagte, wenn du jemals in der Patsche säßest, so sollten wir nur nach ihm schicken. Das hat er wirklich gesagt – genau mit den Worten!«

 

»Du hast ihm doch nicht etwa erzählt, daß Macleod von der Sache weiß?«

 

»Das brauchte ich gar nicht, das wußte er schon«; erwiderte Big Martin mit Genugtuung.

 

»Du kannst aber auch nichts für dich behalten«, sagte Scottie resigniert.

 

Er zog sich sorgfältig an, nahm aus einem Kästchen ein Päckchen Visitenkarten heraus, wählte eine davon aus und steckte sie in seine Brieftasche. Die Karte nannte ihn Professor Bellingham und als Adresse war Pantagalla, Alberta, angegeben. Eine solche Stadt gab es natürlich auf der Landkarte nicht, aber er hatte früher einmal in einer Vorstadt in einer kleinen Pension gewohnt, die diesen Namen führte. Er hatte ihm sehr kanadisch geklungen.

 

Im ›Great Metropolitan Hotel‹ erfuhr er, daß Mrs. Crafton-Bonsor auf ihrem Zimmer sei, und ein Boy brachte ihr seine Karte. Während Scottie es sich in einem Klubsessel in der Halle bequem machte und scheinbar in Gedanken vertieft war, beobachtete er genau alle Leute, die durch das Vestibül kamen. Den Hoteldetektiv hatte er sofort erkannt.

 

Der Boy kam zurück und führte ihn zu einer Flucht komfortabler Räume im dritten Stock. Scottie wußte, daß diese Wohnung täglich ein kleines Vermögen kostete.

 

Die Dame am Fenster drehte sich um, als Scottie eintrat.

 

»Guten Morgen«, sagte sie kurz, »Mr. …«

 

»Professor Bellingham«, erwiderte Scottie. »Ich hatte bereits das Vergnügen –. Sie entsinnen sich?«

 

»Gewiß – ich konnte nur Ihre Karte nicht lesen, weil ich meine Brille nicht zur Hand hatte. Nehmen Sie bitte Platz, Professor. Es ist sehr freundlich von Ihnen, mich zu besuchen.«

 

Scottie hatte die Erfahrung gemacht, daß die Menschen sich im allgemeinen bei einer zweiten Begegnung von einer anderen Seite zeigten als bei der ersten, und er war auf einen so liebenswürdigen Empfang nicht vorbereitet. Mrs. Crafton-Bonsor trug noch kostbareren Schmuck als damals. Diese Steine waren wirklich herrlich. Wenn sie die Hand hob, glitzerte es wie im Schaufenster eines Juwelierladens. Sie hatte an jedem Finger mindestens einen Ring und an jedem Handgelenk drei Brillantarmbänder, die allein ein Vermögen wert waren.

 

Scotties Instinkte erwachten wieder. Es war eine Schande, daß diese Frau all die wunderbaren Dinge besitzen sollte, während er sich verhältnismäßig mühselig durchs Leben schlagen mußte.

 

»Es ist mir ein Vergnügen, Sie zu besuchen. Ich bin aus Pantagalla, und da Sie aus Santa Barbara sind, dachte ich, es sei doch nett, einmal vorbeizukommen …«

 

»Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Professor …«

 

»Bellingham«, ergänzte er.

 

»Es ist zu dumm, das Mädchen hat meine Brille verlegt, und ich kann absolut nichts lesen ohne sie. London ist eine trostlose Stadt. Ich war vor einigen Jahren schon hier, aber jetzt ist alles neu und fremd, und ich bin froh, wenn ich wieder nach Hause komme.«

 

»Halten Sie sich schon lange hier auf?«

 

»Vierzehn Tage. Aber ich habe noch keinen einzigen netten Menschen getroffen. Die Leute hier sind so hochmütig. Und dabei haben sie vermutlich trotz ihrer hochtrabenden Titel keinen Pfennig Geld. Ich besuchte eine Dame, die ich in San Franzisko kennengelernt hatte. Mein Mann, der Senator, war damals wirklich sehr liebenswürdig zu ihr. Und jetzt hat sie mich nicht einmal zum Tee eingeladen.«

 

Sie unterhielten sich über Santa Barbara und über Leute in San Franzisko, deren Namen Scottie glücklicherweise kannte, dann kehrte Mrs. Crafton-Bonsor wieder zu ihrem Lieblingsthema zurück, sprach über den ungastlichen und unfreundlichen Charakter der Menschen in fremden Ländern und klagte über die Dienstboten, die in der letzten Zeit so unzuverlässig geworden seien.

 

»In diesen Zimmern hätte doch zum Beispiel heute morgen abgestaubt werden müssen«, sagte sie und nahm ein Stäubchen von dem Stuhl, auf dem sie saß. »Sehen Sie her – nicht einmal einen Staublappen haben die Leute hier in Bewegung gesetzt!«

 

Scottie schwieg. Mrs. Crafton-Bonsor konnte seine Karte nicht lesen, weil sie ihre Brille nicht zur Hand hatte, aber sie konnte ohne Mühe ein winziges Stäubchen entdecken? Ein merkwürdiges Augenübel! Aber er dachte nicht weiter darüber nach.

 

Scottie zeigte sich als ein so angenehmer Gesellschafter, daß sie ihn zum Abendessen einlud.

 

»Ich speise gewöhnlich auf meinem Zimmer. Was in den Hotels gekocht wird, ist gerade gut genug für meine Katze.«

 

Als er, äußerst zufrieden mit dem Resultat seines ersten Besuches, das Hotel wieder verlassen wollte, klopfte ihm jemand auf den Arm, und er schaute in ein ihm bekanntes Gesicht.

 

»Andy würde Sie gern einmal sprechen«, sagte der Detektiv. »Ich soll Ihnen bestellen, daß Sie ihn im Büro aufsuchen möchten.«

 

Scottie war unangenehm berührt, nickte aber nur.

 

*

 

»Hallo, Scottie! Geht es Ihnen besser? Nehmen Sie Platz. Einer meiner Leute sagte, daß Sie Mrs. Crafton-Bonsor besuchten, die reiche Amerikanerin im ›Great Metropolitan Hotel‹. Was haben Sie denn da wieder vor?«

 

»Darf man sich denn nicht auch einmal ein wenig zerstreuen?« fragte Scottie gekränkt.

 

»Soviel Sie wollen«, erwiderte Andy vergnügt, »aber ich handle in Ihrem eigensten Interesse, wenn ich Sie ein wenig im Zaum halte. Diese Frau ist eine wandelnde Kimberley-Diamantmine. Und ich sehe es nicht gerne, daß Sie wieder in Versuchung geraten. Ich bin eben aus Beverley Green zurückgekommen«, fügte er scheinbar gleichgültig hinzu. »Miss Nelson hat sich sehr nach Ihnen erkundigt.«

 

Scottie schluckte.

 

»Das ist sehr liebenswürdig von Miss Nelson«, entgegnete er langsam. »Ich habe wirklich keine bösen Absichten mit den Brillanten dieser Frau, Macleod. Wenn Sie wüßten, was es für mich bedeutet, auch einmal mit so reichen Leuten zu verkehren, würden Sie mir diese kleine Abwechslung gönnen.«

 

»Ich gönne sie Ihnen ja. Wir haben diese Dame beobachtet, seit sie in London ist, und wir haben auch schon zwei Ihrer ehemaligen Freunde gewarnt, Harry Murton und John Dutch. Und es wäre nicht fair, wenn ich Ihnen nicht mitteilte, daß Ihre Schritte sozusagen von Schutzengeln überwacht werden.«

 

»Soll das heißen, daß ich sie nicht wieder besuchen darf?«

 

»Sie können die Dame besuchen, sooft Sie wollen. Aber wenn sie hierherkommt und sich darüber beklagt, daß ihr Brillantdiadem auf geheimnisvolle Weise verschwunden ist, das Sie einige Minuten vorher so sehr bewundert hatten, dann geht es Ihnen schlecht, Scottie!«

 

Scottie lächelte.

 

»Hat Ihnen denn nicht jemand gesagt, daß ich mit meinem früheren Leben gebrochen habe?« fragte er mit einem unschuldigen Grinsen.

 

»Ich habe davon gehört«, antwortete Andy lachend. »Aber, Scottie, ich meine es ernst. Ich möchte nicht, daß Sie wieder in Unannehmlichkeiten geraten, und ich glaube, daß diese Mrs. Bonsor eine gefährliche Bekanntschaft für Sie ist. Ich tue es doch nur Ihretwegen. Sicher, Sie können sie sehen, aber es ist doch etwas riskant, nicht wahr? Nehmen wir einmal an, ein anderer macht sich auch an sie heran, und plötzlich vermißt sie etwas von ihrem Schmuck …«

 

»Ich danke Ihnen, Macleod.« Scottie nahm seinen Hut und erhob sich. »Ich glaube, daß ich trotzdem wieder hingehen werde. Sie interessiert mich wirklich sehr, ganz abgesehen von ihren Brillanten. Kennen Sie sie schon?«

 

»Nein, ich habe nichts damit zu tun. Ich vertrete Steel nur, weil er augenblicklich auf Urlaub ist. Das ist ein Glück für Sie, denn Steel wäre Ihnen gegenüber nicht so rücksichtsvoll gewesen.«

 

»Also besten Dank. Wissen Sie übrigens, Macleod, daß dieser Downer wieder an der Arbeit ist?«

 

Das war keine Neuigkeit für Andy.

 

»Ja, er ist wieder in Beverley oder vielmehr in einem Dorf, das ein oder zwei Meilen davon entfernt liegt. Ist er hinter Ihnen hergewesen?«

 

Scottie nickte.

 

»Er hat einen meiner Freunde ausgeholt. Er wußte übrigens, daß Miss Nelson mich in der Castle Street besucht hatte. Auf Wiedersehen!«

 

Am Abend ging er wieder ins ›Great Metropolitan Hotel‹, obwohl er wußte, daß er beobachtet wurde. Es wurde ein vergnügter Abend, denn Mrs. Bonsor hatte sich vorgenommen, ihren Professor gut zu bewirten. Nebenbei erfuhr er, daß ihr verstorbener Mann, der ›Senator‹, überhaupt kein Senator gewesen war. Wahrscheinlich hatten ihm Mitbürger diesen Spitznamen gegeben. Nach diesem Geständnis verstanden sich die beiden noch viel besser. Scottie hatte sich auch schon gewundert, daß ein gebildeter Mann in so hoher Stellung eine solche Frau geheiratet haben sollte. Sie sprach von ihrem palastartigen Heim in Santa Barbara, von ihren Autos, ihren Dienstboten, ihren Gesellschaften. Und bei jeder Bewegung funkelte sie in allen Regenbogenfarben.

 

*

 

»Scottie hat diese Mrs. Bonsor nun schon zum drittenmal besucht«, berichtete ein Detektiv. »Er speist jeden Abend mit ihr, und heute nachmittag hat er sie auf einem Ausflug begleitet.«

 

»Lassen Sie auch Big Martin beobachten, damit wir herausbringen, ob die beiden tatsächlich etwas planen.«

 

Er hatte Scottie persönlich gern, aber als Beamter durfte er ihm nicht trauen. Eines Nachmittags erhielt Mrs. Bonsor Besuch von einem Polizeibeamten, und als Scottie im Glanz eines neuen Fracks zum Abendessen erschien, war sie sehr kühl und ablehnend gegen ihn.

 

»Ich hätte Sie beinahe überhaupt nicht heraufkommen lassen, mein Herr«, sagte sie. Diese Anrede war schon von böser Vorbedeutung. »Aber ich dachte, ich müßte Ihnen doch eine Erklärung geben. Die Polizei ist hinter Ihnen her.«

 

»Hinter mir?«

 

Er war verstimmt, aber nicht gekränkt. Es war ja die Pflicht dieser Leute, Mrs. Bonsor vor ihm zu warnen. Und er hatte sich schon gewundert, daß Andy ihn so lange frei gewähren ließ, ohne einzugreifen.

 

»Man hat mir mitgeteilt, daß Sie ein Verbrecher, ein gewisser Scottie sind.« Sie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Ich kann Ihnen nur sagen, daß mich das sehr getroffen hat.«

 

»Warum?« fragte Scottie ruhig. »Ich habe Ihnen doch nichts gestohlen, und ich würde nicht einmal eine Haarnadel von Ihrem schönen Kopf nehmen.« Scottie meinte es ehrlich. »Ich gebe zu, daß ich Scottie genannt werde. Ich heiße eigentlich nicht so, aber unter diesem Namen kennt man mich in zwei oder drei verschiedenen Ländern. Ich gebe auch zu, daß meine Vergangenheit nicht ganz einwandfrei ist, aber wissen Sie, Mrs. Crafton-Bonsor« – seine Stimme zitterte ein wenig – »was es für einen Mann wie mich bedeutet, eine Frau wie Sie zu treffen, eine Dame von Welt, gleichsam in der Blüte ihrer Jahre, die Interesse an einem Abenteurer nimmt? Nicht Ihr Geld und Ihre Juwelen haben mich fasziniert. Ich hätte sie schon bei meinem ersten Besuch stehlen können«, fuhr er rücksichtslos fort. »Ich kam damals, um mir Ihre Steine genauer anzusehen, von denen alle Welt sprach. Und ich bin tatsächlich ein Spezialist in Juwelen. Aber als ich Sie gesehen und mit Ihnen gesprochen hatte – erschien mir alles wie ein Traum. Ein Mann in meiner Stellung trifft nicht oft eine Dame wie Sie.«

 

»Sie übertreiben«, warf Mrs. Crafton-Bonsor ein. Sie unterbrach nicht gern Scotties Redestrom, der so viele Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien enthielt, aber sie hatte doch das Gefühl, daß sie aus Bescheidenheit jetzt in irgendeiner Form etwas dagegen einwenden mußte.

 

»Ich hatte nicht vermutet, daß Sie Amerikanerin sind, als ich das erstemal mit Ihnen sprach. Leute mit einem gütigen Charakter wie Sie sind drüben sehr selten. Und als ich Sie erst einmal besucht hatte, wußte ich, daß ich Sie wiedersehen müßte. Ich machte mir wegen meiner Torheit Vorwürfe, aber jeden Tag bezauberten Sie mich aufs neue.«

 

»Das war nicht meine Absicht«, murmelte sie.

 

»Es wird mir sehr schwer werden, die Besuche bei Ihnen aufzugeben«, sagte Scottie traurig, als er sich erhob und ihr die Hand reichte. »Leben Sie wohl, Mrs. Bonsor – es war für mich wie ein Leben in einer anderen Welt.«

 

Sie nahm seine Hand, und es tat ihr eigentlich leid, daß diese Bekanntschaft, die ihr so angenehm gewesen war, schon enden sollte.

 

»Leben Sie wohl, Mr. Scottie. Ich würde mich freuen, Sie wiederzusehen, aber –«

 

»Ich verstehe vollkommen«, erwiderte Scottie höflich. »Was würde man von Ihnen denken, – was würden all diese feingeschniegelten Leute im Hotel dazu sagen.«

 

Mrs. Crafton-Bonsor warf den Kopf zurück.

 

»Wenn Sie glauben, daß ich mich im mindesten um die Meinung anderer Menschen kümmere«, entgegnete sie empört, »sind Sie im Irrtum. Sie kommen morgen zum Abendessen wieder zu mir.«

 

Ihre Worte klangen wie ein Befehl, und ihre Miene war ein wenig hoheitsvoll. Scottie sagte nichts, er verabschiedete sich nur durch eine Verbeugung und entfernte sich schnell. Am Ende hätte sie ihre Absicht wieder geändert, wenn er noch geblieben wäre.

 

Als er die Treppe hinunterging, versuchte er, sich die ganze Unterhaltung mit allen Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen.

 

Er kannte viele Bücher, die man Gefangenen zum Lesen gab und die geschrieben waren, um sie wieder einem besseren Leben zugänglich zu machen. In diesen Bänden wurde jedesmal davon erzählt, daß der ehemalige Sträfling der Dame, deren wohlwollender Einfluß ihn bekehrt hatte, eine Art Dankrede hielt. Also ging er in die nächste Buchhandlung.

 

»Haben Sie nicht irgendein Buch mit dem Titel ›Gerettet durch ein Kind‹ oder ›Nur ein Verbrecher‹?«

 

»Nein«, sagte der junge Mann, »wir führen keine Kinderbücher.«

 

»Das ist das richtige Wort«, erwiderte ›Vieraugen-Scottie‹.