Kapitel 22

 

22

 

Mr. Downer kam aus dem Presseklub. Er trug seinen Regenschirm unter dem Arm und hatte eine lange Zigarre im Mundwinkel.

 

Der Tag war heiß; nicht der leiseste Wind regte sich. Der Schirm schien völlig überflüssig zu sein, aber Mr. Downer wäre ebensowenig ohne seinen Regenschirm ausgegangen wie ein anderer ohne Kragen und Krawatte. Er freute sich auf das Wochenende in seinem kleinen Häuschen an der Küste.

 

Unangenehm war dagegen das Bewußtsein, einen Mißerfolg gehabt zu haben. Die Zeitungen brachten auf den hinteren Seiten nur noch ein paar Zeilen über den Verlauf der Nachforschungen. Downer wußte, daß Andrew Macleod in die Stadt zurückgekehrt war, er hatte zweimal wegen anderer Dinge mit ihm zu tun gehabt.

 

Es war bei der zuständigen Behörde darum nachgesucht worden, Artur Wilmot als Erben des Merrivanschen Nachlasses zu bestätigen, und der junge Mann hatte die Absicht geäußert, Merrivans Haus zu verkaufen, sobald er ein passendes Angebot dafür bekommen würde.

 

Downer war auf dem Weg, ein Manuskript bei der Redaktion eines Magazins abzugeben. Die Redaktion lag in einer wenig vornehmen Stadtgegend, und er kam durch viele kleine Straßen. Er machte gerade an einer Straßenecke halt, an der ein kleines Warenhaus stand, als eine junge Dame, die ein Paket unter dem Arm trug, aus der Tür trat und schnell davonging. Ihre Gestalt kam ihm bekannt vor, und anstatt weiterzugehen, folgte er ihr. Sie bog um eine andere Straßenecke, und bei dieser Gelegenheit konnte er ihr Gesicht einen Augenblick sehen. Es war Stella Nelson. Was mochte sie hier, in dieser Gegend, zu tun haben? Er ging ihr vorsichtig nach.

 

Vor der Tür eines kleinen Hauses blieb sie stehen, schloß auf und ging hinein. Es war ein sehr kleines Gebäude. Downer merkte sich die Hausnummer und schlenderte die Straße entlang, bis er eine Frau müßig an ihrer Tür stehen sah. Sie hatte die Arme verschränkt und schien nur auf jemand zu warten, der Zeit hatte, mit ihr zu klatschen.

 

»Nein, Sir, sie wohnt nicht hier«, sagte sie, als Downer fragte und einen falschen Namen nannte.

 

»Ich bin seit Jahren nicht mehr in dieser Straße gewesen«, bemerkte Downer lächelnd, »es hat sich nicht viel verändert.«

 

»Hier verändert sich überhaupt nichts«, erwiderte die Frau redselig. »In hundert Jahren wird die Gegend noch genauso aussehen.«

 

»Und nun glaube ich, die junge Dame zu kennen, die in Nummer 73 wohnt. Es ging ihr sonst immer recht gut.«

 

»Sie wohnt nicht wirklich hier; sie kommt jeden Morgen und geht abends wieder fort. Sie ist eine vornehme Dame, und doch macht sie die ganze Hausarbeit selbst. Ich habe sogar gesehen, wie sie die Straße gekehrt hat.«

 

»Wer wohnt denn dort?«

 

»Ach, ein Seemann, soviel ich weiß. Vielleicht ihr Vater.«

 

»Ein Seemann? Ein Matrose?«

 

»So etwas Ähnliches muß er sein. Manchmal ist er monatelang fort, aber sie habe ich früher nie hier gesehen.«

 

Mr. Downer sog an seiner kalten Zigarre. Er witterte einen neuen Skandal.

 

»Er ist wohl ein hübscher Kerl – groß und schlank?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Man kann nicht gerade behaupten, daß er sehr gut aussieht. Obendrein ist er jetzt krank, und ich glaube, daß sie gekommen ist, um ihn zu pflegen. Sie hat es zu etwas gebracht in der Welt, hat aber ihren alten Vater nicht vergessen. Das finde ich nett von ihr.«

 

Die Frau war nun im besten Fahrwasser und wollte einen längeren Vortrag über junge Mädchen im allgemeinen halten, doch Mr. Downer wußte genug. Er zog den Hut tiefer ins Gesicht, nahm den Schirm von einem Arm unter den anderen und ging den Weg zurück, den er gekommen war.

 

Es war bezeichnend für ihn, daß er die Frau mitten in ihrer Erzählung einfach stehenließ, ohne sich zu entschuldigen. Er hatte erfahren, was er wissen wollte, das genügte. Er gab sich zwar die größte Mühe, neue Bekanntschaften zu machen, aber er verschwendete keinen Augenblick damit, nutzlose Bekanntschaften fortzusetzen.

 

Nach seinem Besuch auf der Redaktion kam er auf seinem Weg zum Bahnhof an Scotland Yard vorbei. Er blieb ein wenig stehen und überlegte. Nachdem er einen Entschluß gefaßt hatte, ging er auf das düstere Gebäude zu.

 

»Doktor Macleod ist im Laboratorium, Mr. Downer.« Der Sergeant in der Portierloge schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß er Besuch empfängt.« Er dämpfte seine Stimme. »Er ist mit dem Giftmord beschäftigt – Sie wissen doch, die Frau, die von ihrem Mann umgebracht wurde – Fall Sweitzer. Inspektor Reeder bearbeitet die Sache. Aber der Doktor hat die ärztliche Untersuchung zu machen. Heute nachmittag hat er den berühmten Spezialisten Tensey zugezogen. Das wäre eine Geschichte für Sie.«

 

Downer nickte. Er hatte selbst schon die Absicht gehabt, diesen Fall aufzugreifen. Der ›Daily Globe Herald‹ hatte ihn dazu aufgefordert, aber diese Zeitung zahlte bekanntermaßen etwas schlecht.

 

»Sehen Sie einmal zu, ob er sich sprechen läßt, und wenn es möglich ist, geben Sie ihm meine Karte.«

 

Der Beamte verschwand. Es dauerte einige Zeit, bis er wieder erschien und mit der Visitenkarte winkte: »Kommen Sie, Mr. Downer.«

 

Andy trug noch seinen weißen Arbeitskittel. Er wusch sich gerade die Hände, als Downer eintrat.

 

»Nehmen Sie Platz. Ich kann Ihnen nicht viel über diesen Fall mitteilen. Die Obduktion der Leiche ist noch nicht beendet, aber Sie können schreiben, daß Sweitzer heute morgen verhaftet wurde, als er an Bord eines französischen Passagierdampfers ging.«

 

Andy trug Downer nichts nach. Der Mann mußte ja schließlich auch leben. Zweifellos war er sonst sehr gewissenhaft in seinen Berichten und hatte die Polizei bei ihren Nachforschungen früher wirksam unterstützt. Das würde auch in Zukunft der Fall sein.

 

»Ich bin nicht deswegen hergekommen. Die Nachricht von seiner Verhaftung wird ja sowieso in den Abendzeitungen erscheinen.« Downer warf seinen Zigarrenstummel in den Papierkorb. »Ich kam, um mit Ihnen über Miss Nelson zu sprechen.«

 

Andy hatte sich die Hände abgetrocknet und hängte das Handtuch auf.

 

»Ich dachte, Ihr Interesse an Miss Nelson hätte sich inzwischen verflüchtigt. Was haben Sie denn schon wieder entdeckt?«

 

»Sie ist hier in London.«

 

»Hier?«

 

Andys Überraschung war nicht geheuchelt.

 

»Wohnt sie hier – oder haben Sie sie nur auf der Straße gesehen?«

 

»Ich weiß nicht, wo sie wohnt, aber seit zwei Wochen besucht sie regelmäßig einen kranken Matrosen in der Castle Street Nummer 73.«

 

»Castle Street Nummer 73?«

 

Downer hatte den Eindruck, daß diese Nachricht Andy irgendwie beunruhigte.

 

»Das ist doch eine ziemlich armselige Gegend, nicht wahr?«

 

Downer nickte. »Ich dachte, es würde Sie interessieren.«

 

»Ich wüßte nicht, warum sie nicht einen kranken Matrosen pflegen sollte.«

 

»Nein, da ist nichts dabei.«

 

»Sie wissen doch wahrscheinlich, daß Miss Nelson eine ausgebildete Krankenpflegerin ist – im Krieg war sie lange in Lazaretten tätig.«

 

»Das wußte ich allerdings nicht.« Downer nahm sein Etui heraus und nahm sich eine neue Zigarre. »Vielleicht setzt sie jetzt ihre guten Werke fort.«

 

»Sehr wahrscheinlich.«

 

Downer erhob sich.

 

»Ich dachte schon daran, nächste Woche einmal wieder nach Beverley zu gehen, vielleicht kann man dort einen neuen Anhaltspunkt finden.«

 

»Auf Ihren alten Gewährsmann können Sie wohl nicht mehr rechnen«, sagte Andy lächelnd.

 

»Sie meinen Wilmot?«

 

Andy nickte.

 

»Das ist ein merkwürdiger Mensch.« Downer steckte seine Zigarre an. »Was treibt der denn eigentlich? Er muß doch irgend ein Büro hier in der Stadt haben?«

 

»Ich weiß es nicht, ich habe mich noch nie darum gekümmert.«

 

»Könnte er vielleicht mit Albert Selim identisch sein?«

 

»Der Gedanke ist mir auch schon gekommen, aber ich habe ihn nicht weiter verfolgt. Warum versuchen Sie sich nicht an dieser Aufgabe? Ich glaube, Sie würden eine glänzende Geschichte daraus machen.«

 

Kapitel 23

 

23

 

Andy atmete erleichtert auf, als Downer gegangen war, der ihm eine so überraschende Nachricht gebracht hatte. Er hatte von Stella weder etwas gesehen noch gehört, seitdem er Beverley verlassen hatte. Es war nur ein Brief von ihrem Vater gekommen, in dem er ihm mitteilte, daß sie sich einen Monat bei Verwandten aufhalten wollte. Kenneth Nelson hatte sich offenbar damit zufriedengegeben. Es wäre Andy nicht schwergefallen, die Personalien des kranken Matrosen feststellen zu lassen, aber er wollte Stella nicht nachspionieren, welches Geheimnis sie auch haben mochte. Noch mehr allerdings haßte er die Unruhe, die ihn befallen hatte, als er in die Stadt zurückgekehrt war. Das Leben hatte viel von seinem Reiz für ihn verloren, seitdem er das Mädchen nicht mehr sah. War er gekränkt? Ja, er war ein wenig verletzt, weil sie mit ihren Sorgen nicht zu ihm gekommen war. Er wünschte, er hätte Downer gefragt, ob sie noch einen Verband trug. Warum hatte sie ihm nicht alles erzählt? Er hatte es erst von anderer Seite hören müssen – und das verletzte ihn.

 

Der kranke Matrose –? Er zuckte die Schultern. Stella hatte niemandem Rechenschaft abzulegen. Wenn es ihr gefiel, ihre Zeit einem armen Kranken zu widmen, so war das ihre Sache. Und doch war er neugierig, wer dieser Kranke wohl sein mochte. Das redete er sich aber nur ein, denn in Wirklichkeit wollte er Stella wiedersehen.

 

Er setzte sich hin, um einen Brief an sie zu schreiben. Aber nach drei vergeblichen Versuchen faßte er einen anderen Entschluß. Sie kannte ihn gut genug, daß sie nicht glauben würde, er wolle sie bespitzeln oder etwas gegen sie unternehmen.

 

Er nahm seinen Hut und machte sich auf den Weg nach der Castle Street. Er wollte zu Fuß gehen. Unterwegs überlegte er, ob er in das Haus gehen solle oder nicht; aber als er vor Nr. 73 angekommen war, zögerte er keinen Augenblick zu klopfen.

 

Er hörte Stimmen flüstern und Treppen knacken. Nach kurzer Zeit öffnete sich die Tür. Stella wurde verlegen, als sie ihn sah.

 

»Ach!« Zum erstenmal sah er sie verwirrt. »Das ist aber eine Überraschung, Andrew! Wie hast du denn erfahren, daß ich hier bin? Ich machte hier nur einen Besuch.«

 

Sie war sichtlich nervös. Aber noch seltsamer war es, daß sie mitten in der Türöffnung stand und keine Anstalten machte, ihn hereinzubitten.

 

»Ich wollte mich einmal nach dir umsehen«, erwiderte Andy ruhig. »Ich habe gehört, daß du hier jemand pflegst.«

 

»Wer hat dir das gesagt? Vater weiß es doch nicht?« fragte sie schnell.

 

Sie war rot geworden. Es schien ihr entsetzlich peinlich zu sein, daß er sie in dieser Lage antraf. Niedergeschlagen wandte er sich wieder zum Gehen, aber sie hielt ihn zurück.

 

»Willst du nicht einen Augenblick warten?«

 

Sie ging den Gang entlang, trat in ein Zimmer und kam gleich wieder heraus.

 

»Komm bitte herein. Ich möchte dir meinen Patienten vorstellen.«

 

Andy zögerte einen Augenblick, dann folgte er ihr. Sie stand im Zimmer und hielt die Tür für ihn offen. Vom Gang aus konnte er nur das Fußende eines Bettes sehen.

 

»Komm nur herein«, sagte sie noch einmal.

 

Andy trat näher und wollte seinen Augen nicht trauen, als er den Kranken sah – es war Scottie.

 

»Donnerwetter!« Andys Staunen war begreiflich.

 

Scottie sah nicht sehr krank aus und war vollständig angezogen, obwohl er unter einer leichten Decke lag.

 

»Was ist denn mit Ihnen los, Scottie?«

 

»Ich habe eine böse Malaria mit allerhand Nebenerscheinungen«, erwiderte Scottie prompt.

 

»Was fehlt ihm?« wandte sich Andy an Stella.

 

Sie sah zu Scottie hinüber, dann schaute sie wieder Andy an.

 

»Ich muß es wohl sagen. Scottie hat sich verletzt und wollte zu keinem Arzt gehen. Ich bin ja Krankenpflegerin. Obwohl es eine schreckliche Wunde war, ist sie doch recht gut geheilt.«

 

Scottie nickte.

 

»Stimmt auffallend, Macleod. Bei allem Respekt vor Ihrer Kunst muß ich doch sagen, daß sie der einzige mir bekannte Mensch ist, der ein Wunder getan hat.«

 

»Sie haben sich also verletzt – doch nicht etwa an der Hand?«

 

Scottie nickte wieder.

 

»Vielleicht durch einen Schuß, den ein wütender Hausbesitzer abgab, in dessen Haus eingebrochen wurde?«

 

»Er hat schon wieder alles herausgebracht«, sagte Scottie ärgerlich. »Ich war zufällig im Park und lief ihm gerade in die Schußlinie.«

 

»Ich verstehe.« Andy war erleichtert. »Dann waren Sie es also, dessen Hand verletzt wurde. Und Miss Nelson nahm Sie mit auf ihr Zimmer, um Sie zu verbinden. Ich bemerkte aber nichts von Ihrer Verletzung, als Sie damals von Beverley fortgingen.«

 

»Ich hatte doch meine Hände in die Hosentaschen gesteckt. Ich hatte verdammte Schmerzen, das können Sie mir glauben.«

 

Stella legte ihre Hand auf seinen Arm.

 

»Mr. Scottie war schwer verletzt, und wenn er zu einem Arzt gegangen wäre, hätte das doch allerhand unangenehme Folgen gehabt. Die Polizei suchte doch gerade einen Mann mit einer verletzten Hand.«

 

»Sie also brachen in Beverley Hall ein?« Andy setzte sich. Er schaute Scottie düster an, der sich aber nicht im mindesten einschüchtern ließ. »Wozu dann all dies Gerede von Ihrer Umkehr?«

 

»Sie schreitet dauernd fort«, erwiderte Scottie vergnügt. »Ich brauche mich ja jetzt nicht länger zu verstellen. Sie sollen die Wahrheit erfahren, Macleod«, sagte er dann mit überzeugender Offenheit. »Ich hatte die Vermutung, daß der Mann, der Sie und Wilmot damals bedrohte, ein Diener von Beverley Hall war, und ich bin dort hingegangen, um Nachforschungen anzustellen. Ich wollte vor allen Dingen diesen Trauschein wieder zurückholen.«

 

»Welcher Diener soll es denn gewesen sein?«

 

»Ich wußte nichts Genaues und weiß auch heute noch nicht, welcher es gewesen ist. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, ich hätte mit Ihnen darüber gesprochen, und Sie wären mit Salter der Sache nachgegangen. Ich bin überzeugt, daß es ein Diener von Beverley Hall war. Ich habe ihn nämlich gesehen. Nachdem Sie mir erzählt hatten, was in Wilmots Wohnung passierte, bin ich heimlich aus dem Haus geschlichen und kam auf Salters Gelände. Ich dachte mir schon immer, daß Merrivans Mörder auf diesem Weg entkommen ist. Ich vermutete längst, daß es einer der Parkwächter sein müßte, und das stimmt auch ganz sicher.«

 

»Was!«

 

Scottie nickte.

 

»Sehen Sie, die Parkwächter waren die einzigen, die in der Nacht draußen waren und berechtigt sind, den Park und das Gelände von Mr. Salter zu betreten. Ich erzählte Ihnen doch schon von dem Mann, den ich damals im Obstgarten sah. Ich sagte Ihnen allerdings nicht, daß er wie ein Parkwächter gekleidet war – er trug einen braunen Manchesteranzug und Gamaschen –«

 

»Warum haben Sie mir denn das nicht gleich gesagt?«

 

»Weil ich auch einmal ein wenig Detektiv spielen wollte. Es hätte mir einen Heidenspaß gemacht, zu Ihnen zu kommen und zu sagen: ›Macleod, darf ich Ihnen den Mörder Merrivans und Sweenys vorstellen?‹ Das war natürlich verrückt, das gebe ich zu. Aber schließlich war es doch begreiflich.«

 

»Was hat sich denn in jener Nacht zugetragen?«

 

»Ich kam in den Park und ging geradenwegs auf das Haus zu. Wenn sich der Bursche, der in Wilmots Wohnung gewesen war, nicht sehr beeilte, mußte ich ihn noch einholen, wenn meine Vermutung richtig war. Und ich habe ihn tatsächlich gesehen! Ich lag hinter einem Gebüsch, als er vorbeikam. Ich hätte meine Hand ausstrecken und ihn berühren können. Aber ich tat es nicht. Er ging direkt ins Haus.«

 

»Auf welchem Weg?«

 

»Er kletterte durch ein Fenster, durch dasselbe Fenster, das ich später öffnete, obwohl es nicht so einfach war. Es war kein Licht in dem Raum, als er das Fenster hinter sich schloß. Ich dachte schon, ich hätte seine Spur verloren, aber dann wurde es drinnen hell – die kleine Lampe auf Mr. Salters Schreibtisch brannte.«

 

»War das in der Bibliothek?«

 

Scottie nickte.

 

»Er kehrte mir den Rücken zu und beugte sich über den Tisch, als ob er etwas betrachtete.«

 

»War es ein Parkwächter?«

 

»Ja. Aber welcher, hätte ich nicht sagen können. Ich war früher noch nie auf dem Gut, obwohl ich ein paar Kollegen kenne, die schon dort waren.«

 

Andy starrte ihn an.

 

»Sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher?«

 

»Vollkommen. Ich sah ihn nur ein paar Sekunden, er zog eine Schublade auf, dann noch eine andere, und dann drehte er plötzlich das Licht wieder aus. Zuerst verstand ich nicht warum, aber später wurde es mir klar. Ich hatte kaum Zeit, mich zu bücken, als er zum Fenster trat und die Jalousie herunterließ. Gleich darauf brannte das Licht wieder, und es blieb vier bis fünf Minuten hell. Dann wurde es aufs neue dunkel, und ich wartete lange, bevor ich mich rührte. Ich dachte nämlich, daß er aus der Vordertür herauskommen würde. Aber ich irrte mich. Erst nach einer Stunde sah ich, wie er den hinteren Ausgang benützte. Ich schlich Jim das Haus herum und überlegte, was ich nun tun sollte, als sich eine Tür nach dem Hof zu öffnete und ein Mann heraustrat. Aus seiner Kleidung schloß ich, daß es derselbe war wie vorher. Ich beobachtete ihn, bis er außer Sicht kam.«

 

»Haben Sie denn sein Gesicht nicht gesehen?«

 

»Dazu war es zu dunkel. Es war aber ein Parkwächter und bestimmt derjenige, den ich vorher schon gesehen hatte – darauf könnte ich schwören. Nachdem er verschwunden war, ging ich wieder zur Hauptfront und versuchte das Fenster zu öffnen, wo er eingestiegen war. Aber er hatte den Riegel von innen vorgeschoben, und es dauerte eine Viertelstunde, bis ich es öffnen konnte. Ich kletterte dann in die Bibliothek. Ich gebe zu, daß ich dort etwas Unordnung gemacht habe, aber ich schwöre Ihnen, Macleod, daß ich keine Wertsachen stehlen wollte. Es ist nicht meine Gewohnheit, in ein Haus einzubrechen, ohne zu wissen, wo die Wertsachen liegen.«

 

»Das dachte ich mir auch, Scottie, aber ich verstehe nicht, warum Sie in der Bibliothek alles durchwühlt haben?«

 

»Ich weiß es selbst nicht. Ich habe nur die Vorstellung gehabt, daß der Parkwächter eingebrochen war, um Privatpapiere zu lesen, und ich hätte zu gern herausgebracht, wonach er gesucht hatte.«

 

»Haben Sie etwas verbrannt?«

 

»Verbrannt?« fragte Scottie erstaunt. »Nein – wie kommen Sie denn darauf?«

 

»Erzählen Sie nur weiter.«

 

»Es ist nicht mehr viel zu erzählen. Ich war töricht genug, im Haus herumzulaufen, und geriet dabei in Salters Schlafzimmer. Ich wünschte, ich hätte die Dummheit nicht begangen«, sagte Scottie reuevoll und betrachtete seine verbundene Hand.

 

Stella hatte keinen Blick von Andy gewandt. Sie hatte diese Geschichte wieder und wieder gehört und ergänzte nun Scotties Mitteilungen.

 

»Als Scottie zurückkam und mir alles erzählte, war ich sehr bestürzt. Zuerst dachte ich, er habe selbst eingebrochen, aber als er mir dann erklärte, daß er auf der Spur des Mörders gewesen war, tat ich alles, was in meinen Kräften stand, um ihm zu helfen. Er meinte, man würde ihn verhaften, da sicher alle Ärzte der Umgegend benachrichtigt würden, auf einen Mann mit einer Schußwunde in der Hand zu achten. Mr. Scottie erzählte, daß er ein kleines Haus in London habe, und ich versprach ihm, jeden Tag zu kommen und seine Hand zu verbinden.«

 

Andy atmete erleichtert auf.

 

»Nach meiner beruflichen Erfahrung müßte ich Scottie eigentlich für einen Lügner halten, aber ein Gefühl sagt mir, daß er die Wahrheit spricht. Sie beide machen mir fast ebenso viele Schwierigkeiten wie Albert Selim. Können Sie Ihre Hand noch gebrauchen, Scottie?«

 

»O ja«, entgegnete Scottie mit Genugtuung, »es tut mir leid, daß ich Sie enttäuschen muß, Macleod, aber meine Hand ist vollständig in Ordnung. Ich bin beinahe wiederhergestellt. Wenn Sie heute nicht gekommen wären, hätten Sie mich nicht mehr gesehen. Und ich wünschte wirklich, Sie hätten von der ganzen Geschichte nichts erfahren.«

 

»Ich mußte aber kommen«, sagte Andy langsam. »Downer hat Sie hier aufgestöbert, das heißt, er war auf der Spur von Miss Nelson. Wer wohnt übrigens oben?«

 

Scottie sah einen Augenblick schuldbewußt aus.

 

»Ein alter Freund von mir«, erwiderte er dann möglichst gleichgültig. »Ein ehemaliger Kollege.«

 

»Haben Sie ihn in Dartmoor kennengelernt?« fragte Andy ironisch. Scottie lächelte nachsichtig.

 

»Er ist wirklich nur ein alter Freund von mir. Sie kennen ihn nicht, lassen wir ihn in Ruhe«, fügte er hastig hinzu, »er ist so scheu.«

 

Andy war taktvoll und fragte nicht weiter.

 

Kapitel 24

 

24

 

Andy wartete, während Stella Scottie beschwor, seine Hand mindestens zweimal am Tag zu verbinden, und ihn in der Anwendung der verschiedenen Salben und Puder unterwies.

 

Andy begleitete sie. Er war unendlich glücklich, sie wiederzusehen, selbst unter diesen etwas sonderbaren Umständen. Und weil er so glücklich war, schwieg er. Aber sie dachte, er sei böse auf sie.

 

»Andrew, ich tat es nur, weil ich dachte, es sei in deinem Sinn.« Es waren ihre ersten Worte, seit sie das Haus verlassen hatten.

 

»Wovon sprichst du?« fragte er schnell und fuhr aus seinen Gedanken auf. »Daß du dich um Scottie gekümmert hast? Das war sehr lieb von dir. Es ist doch eigentlich eine Schwäche von mir, alles zu glauben, was Scottie sagt. In neunundneunzig von hundert Fällen wäre die Geschichte von dem Parkwächter auch Unsinn gewesen. Aber ich bin überzeugt, daß er hier die Wahrheit sagt. Ich werde wieder nach Beverley Green gehen. Dieser Parkwächter gibt mir einen Grund.«

 

»Brauchst du denn überhaupt einen Grund«, fragte sie. »Komm doch gleich heute abend.«

 

»Ich habe auch schon daran gedacht, aber … es würde besser aussehen …«

 

Sie wurde rot. »Du meinst, die Leute würden reden, wenn wir zusammen zurückkommen, nachdem wir am gleichen Tag verschwunden sind?« fragte sie ruhig. »Es ist doch merkwürdig, daß solche Dinge den Männern eher auffallen als uns Frauen. Jetzt mußt du aber warten, bis ich meinen Koffer gepackt habe. Du kannst ihn nachher tragen.«

 

Er ging vor dem kleinen Haus, in dem sie ein Zimmer gemietet hatte, auf und ab. Er war mit sich und der Welt zufrieden und so glücklich wie noch nie.

 

In derselben Stimmung war auch Stella, als sie eilig ihren Koffer fertig machte, da sie fürchtete, ihn zu lange aufzuhalten. Sie mußte aber noch ihre Miete bezahlen und stand wie auf Kohlen, während die Wirtin fortging, um Geld zu wechseln. Erst nach fünf Minuten kam sie wieder. Stella nahm das Geld, griff nach ihrem Koffer und trat schnell aus dem Haus.

 

Enttäuscht schaute sie die Straße hinauf und hinunter. Andy war verschwunden. Sie wartete noch zehn Minuten, bevor sie einen kleinen Jungen nach einem Auto schickte. Als der Wagen kam und sie einstieg, hätte sie weinen mögen.

 

Andy war so in Gedanken vertieft, daß er kaum auf seine Umgebung achtete. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße erhob sich eine hohe Mauer, hinter der sich das Glasdach einer Werkstatt zeigte. Offensichtlich gehörte diese zu einem der großen Läden in der High Street, deren Rückfront er von hier aus sehen konnte. In der Mauer war eine kleine Tür. Er sah gerade zerstreut hin, als sich diese öffnete und ein Mann heraustrat, dem eine elegant gekleidete Frau ohne Hut folgte. Sie sprachen einen Augenblick miteinander, dann verabschiedete sie sich mit einem Nicken und ging wieder hinein. Der Herr ging mit schnellen Schritten der Hauptstraße zu.

 

*

 

Andys Interesse an dem Vorgang war gering, erst als der Herr an der Straßenecke angekommen war und sich umwandte, um einem Auto zu winken, wurde er aufmerksam. Es war Artur Wilmot! Andy hatte den jungen Mann noch nie in der Stadt gesehen, und obwohl er Nachforschungen hatte anstellen lassen, war er doch nicht hinter seinen geheimnisvollen Beruf gekommen. Er schaute sich um und hoffte, Stella aus der Tür kommen zu sehen, dann wurde ihm klar, daß sie mit dem Packen noch nicht fertig sein konnte. Aber diese Gelegenheit durfte er sich nicht entgehen lassen, und obwohl es eine Ungehörigkeit sondergleichen war, ging er, wenn auch widerstrebend, doch rasch über die Straße, als Wilmot in das Auto stieg. Stella würde es verstehen, er konnte ihr ja morgen alles erklären. Diese Chance würde sich ihm wahrscheinlich nicht wieder bieten, dachte er. Trotzdem verwünschte er Artur Wilmot und hätte ihn am liebsten am Ende der Welt gewußt.

 

Er rief ein vorüberfahrendes Taxi an.

 

»Folgen Sie dem Wagen dort«, sagte er dem Chauffeur.

 

*

 

Trotz der Enttäuschung war Stella froh, wieder nach Beverley Green zu kommen, und ebenso freute sich Kenneth Nelson über ihre Rückkehr. Er nahm sie mit in das Atelier und zeigte ihr dort ein neues Gemälde und erzählte ihr, wie sparsam die neue Köchin sei. Trotzdem war sie sehr niedergeschlagen. Gleichgültig las sie einen Brief von Artur Wilmot, ohne zunächst zu wissen, wer der Schreiber war.

 

*

 

»Nun erzähle einmal, was du inzwischen alles getan und erlebt hast«, sagte ihr Vater strahlend. »Die Leute haben viel nach dir gefragt, ich sagte ihnen, du hättest noch einen Spezialkursus in Krankenpflege genommen, wie du mir ja auch geschrieben hast. Wie bist du denn eigentlich darauf gekommen, Liebling? Ich kann mir ja denken, daß die Ereignisse dich von hier fortgetrieben haben, ich wundere mich nicht darüber. Hast du unseren Freund Macleod einmal wiedergesehen?«

 

»Ja, ich habe ihn kurz gesprochen.«

 

»Die Leute reden jetzt nicht mehr über den armen Merrivan«, fuhr Nelson fort. »Und ich muß sagen, man ist ordentlich erlöst. Artur Wilmot will das Haus verkaufen – denke dir, man hat kein Testament gefunden. Ein merkwürdiger Mensch, dieser Wilmot! Er starrt mich immer an, als ob er beleidigt sei. Dabei hat er Glück gehabt, daß ich ihn an jenem Abend nicht getroffen habe, nachdem ich den Artikel dieses verdammten Zeitungsreporters gelesen hatte.«

 

Sie hörte kaum zu. Beverley Green ohne Andy hatte keinen Reiz mehr für sie. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß sie ohne ihn hier leben sollte, und doch hatte sie schon drei Jahre da gewohnt, bevor sie ihn kennenlernte. Freilich war sie damals noch ein halbes Kind gewesen.

 

Ob Andy je zurückkommen würde? Sicher hatte er sich alles überlegt, während sie ihre Sachen packte, und sich entschlossen, die Freundschaft mit ihr abzubrechen. Es war grausam von ihm, sie ohne ein Wort des Abschieds zu verlassen – außerdem war es feige.

 

»Ich gehe jetzt zu Sheppards zu einer Bridge-Partie. Willst du mitkommen? Sie würden sich bestimmt freuen.«

 

»Nein, danke Vater, bitte geh ohne mich.«

 

Sie war froh, daß sie allein sein konnte. Natürlich hatte Andy Scotties Erzählung nicht geglaubt. Schon während er auf der Straße so liebenswürdig mit ihr sprach, war er im geheimen böse auf sie und hatte nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, davonlaufen zu können. Sie wünschte, sie hätte Andy wieder hassen können. Sie hatte Scottie doch nur geholfen, weil sie dachte, damit ihm zu helfen! Ihre Freundschaft konnte doch nicht so enden! Sie würde ihm schreiben.

 

Sie hatte eben ›Lieber Doktor Macleod‹ geschrieben, als sie das Mädchen die Haustür öffnen hörte. Sie war in Gedanken so mit dem Brief beschäftigt, daß sie das schwache Klingeln nicht gehört hatte, und als sie nun aufschaute, sah sie in das lächelnde Gesicht Andys. Ohne darauf zu achten, daß das Mädchen dabeistand, lief sie ihm entgegen und ergriff seine Hände.

 

»Bist du doch gekommen? Das war aber nicht nett von dir, Andy! Warum hast du mich im Stich gelassen?«

 

»Ja, es war recht unhöflich. Aber ich werde dir jetzt auch die lustigste Geschichte erzählen – du wirst lachen, Stella.«

 

Sie schien ihn selbst köstlich zu amüsieren, denn er lachte laut auf.

 

»Ich will aber gar nicht lachen«, erwiderte sie eigensinnig. »Ich wollte dir eben einen schrecklich bösen Brief schreiben. Nein, du darfst ihn nicht sehen!«

 

Aber er hatte den Bogen schon genommen.

 

»Lieber Doktor Macleod!« Er lächelte vergnügt. »Ich würde noch etwas förmlicher geschrieben haben.«

 

»Nun erzähl deine amüsante Geschichte. Ich bin ja so froh, daß du wieder da bist. Warum bist du denn fortgelaufen, Andy?«

 

»Weil ich gerade Artur Wilmot die Straße entlangkommen sah. Er war so geheimnisvoll. Ich wollte seinen Beruf ergründen. Kennst du die Firma Flora?«

 

»Flora?« fragte sie erstaunt.

 

»Hast du nie etwas von Flora gehört? Ich dachte, dieser Name wäre allen Frauen geläufig.«

 

»Ich kenne ein Hutgeschäft Flora.«

 

Er nickte.

 

»Flora, die berühmte Modistin, ist Artur Wilmot!« sagte er feierlich.

 

Sie war sprachlos.

 

»Artur Wilmot! Aber das ist doch lächerlich! Artur versteht doch gar nichts von Hüten.«

 

»Im Gegenteil, er ist eine Autorität auf diesem Gebiet«, erwiderte Andy lachend. »Als ich vor einiger Zeit zu ihm kam, sah ich einen halbfertigen Damenhut auf dem Tisch liegen. Ich habe damals recht böse Schlüsse daraus gezogen. Das also ist Arturs Geheimnis. Er ist Damenhutfabrikant! Und er ist wirklich die berühmte Flora. Er besitzt drei Geschäfte in der Stadt, ich bin ihm von einem zum anderen gefolgt. Anscheinend fährt er immer abends herum, um die Geldeingänge in Empfang zu nehmen. Aber warum sollte er denn auch kein Hutmacher sein?«

 

»Warte einmal.« Sie ging zu ihrem Schreibtisch und kam mit einem Brief zurück.

 

»Dieses Schreiben fand ich vor, als ich zurückkam.«

 

Es war eine formelle, kurze Nachricht, in der Mr. Artur Wilmot Miss Stella Nelson bat, seinem Rechtsanwalt alle Einzelheiten über ihre Finanzgeschäfte mit dem verstorbenen Mr. Darius Merrivan mitzuteilen.

 

Andy las das Schreiben durch.

 

Sie begegneten Artur Wilmot am nächsten Morgen im Golfklub. Er grüßte sehr kühl mit einer kleinen Verbeugung.

 

»Guten Morgen, Artur«, sagte Stella liebenswürdig. »Ich habe Ihren Brief erhalten.«

 

Er wurde rot.

 

»Vielleicht besprechen Sie die Angelegenheit mit Mr. Vetch«, erwiderte er etwas hochmütig und ging zur Abschlagstelle.

 

»O Flora«, sagte sie halblaut, aber Artur Wilmot hatte es doch gehört. Er war an dem Tag ein schlechter Golfspieler.

 

Kapitel 25

 

25

 

Downer kam auf dem Weg zu seinem Haus an der Polizeistation in Sea Beach vorbei und wurde auf ein Plakat aufmerksam, das draußen angeschlagen war.

 

Es war gut sichtbar unter anderen Bekanntmachungen über unaufgeklärte Leichenfunde, durchgebrannte Kassierer und steckbrieflich gesuchte Personen angebracht. Er hatte aber kaum die ersten Worte gelesen, als ihm einfiel, daß er diesen Anschlag schon in der Stadt gesehen hatte.

 

›Es werden genaue Angaben gesucht über Albert Selim (mit anderem Namen Jos. Wentworth). Der Betreffende wird gesucht in Verbindung mit den Morden an Darius Merrivan und John Albert Sweeny, die in der Nacht zum 24. Juni begangen wurden.

 

Selim ist ein Geldverleiher im Alter von etwa fünfundfünfzig Jahren. Er geht etwas gebückt, trägt eine goldgeränderte Brille und ist glattrasiert. Er wird wahrscheinlich versuchen, Schecks mit der Unterschrift »Jos. Wentworth« einzuwechseln. Vermutlich ist er im Besitz großer Barsummen. Jede Angabe, die zu seiner Ergreifung führt, wird belohnt. Alle Informationen sind zu richten an Dr. A. Macleod, Scotland Yard, oder an die nächste Polizeistation.‹

 

Downer war ärgerlich. Alles, was ihn an Beverley Green erinnerte, verstimmte ihn. Er hatte zuversichtlich geglaubt, die Lösung gefunden zu haben, als Artur Wilmot ihm damals im Vertrauen mitgeteilt hatte, daß Stella Nelson in der Mondnacht bei Merrivan gewesen war.

 

Wenn sich die Dinge so entwickelt hätten, wie Downer gehofft hatte, so wäre er restlos glücklich gewesen, soweit ihm das überhaupt möglich war. Er stand Stella nicht feindselig gegenüber, in gewisser Hinsicht bewunderte er sie sogar. Er wußte ebensogut, was man an Frauen wie an Architektur zu schätzen hatte. Es hätte ihm auch keinerlei persönliche Genugtuung bereitet, Andrew Macleod zu ruinieren, denn er achtete ihn wirklich. Nur kannte er in beruflichen Dingen keine Freunde. Wenn Downers Braut – vorausgesetzt, er hätte eine gehabt, von seinem besten Freund ermordet worden wäre, hätte er zuerst den Nachrichtenwert dieses Ereignisses abgeschätzt. Er wäre zwar sehr unglücklich gewesen, aber er hätte dennoch das Begräbnis des Opfers und die Hinrichtung des Mörders wirkungsvoll schildern können. Er war der ideale Berichterstatter und ein Vorbild für alle jüngeren Kollegen.

 

Sein Häuschen lag an der Küste und bestand aus einem Wohnzimmer, einem Schlafzimmer, Bad und Küche. Er hatte noch eine große Holzveranda mit Haken für eine Hängematte und einen winzigen ›Garten‹, in dem im Herbst wilde Chrysanthemen wuchsen.

 

Wenigstens wurde ihm so erzählt. Er selbst kam nur im Sommer her, also wußte er es nicht. Er öffnete die Fenster und entzündete eine Gasflamme unter einem Wasserkessel. Die Zimmer waren einfach und behaglich möbliert. Zweimal in der Woche kam die Witwe eines Fischers und brachte die Wohnung in Ordnung.

 

Mr. Downer nahm Papiere aus seiner Tasche, unter denen sich auch Fahnenabzüge befanden. Er war gerade dabei, sein neues Buch zu vollenden. ›Einige theoretische Lösungen unaufgeklärter Kriminalfälle‹ hatte er es genannt. Sein Verleger, der eine große Familie hatte und natürlich ängstlich darauf bedacht war, aus dem Buch Geld zu schlagen, hatte aber den Titel geändert in ›Enthüllung geheimnisvoller Morde‹.

 

Bei dem Manuskript lag ein Brief des Verlegers, den Downer am Morgen erhalten hatte.

 

›Wenn Sie die Beverley-Morde in Ihrem Buch noch behandeln könnten, würde es einen ungeheuren Erfolg haben. Wir brauchen etwas Sensationelles, Zugkräftiges. Das Publikum würde eine Stellungnahme zu diesen Verbrechen geradezu verschlingen.‹

 

»Diese verdammten Beverley-Morde!« brummte Downer ärgerlich.

 

Aber wenn er auch ärgerlich davon sprach, konnte er doch nicht verhindern, daß sich sein Geist fortwährend mit diesem Verbrechen beschäftigte. Wenn er auf seinem geflochtenen Stuhl saß und auf das Meer schaute, wenn er an der Küste entlangging und die Spitze seines Schirms bei jedem zweiten Schritt in den Boden bohrte, oder wenn er im Bett lag und auf den Spruch über der Tür starrte, den sein Vorgänger dort angebracht hatte, so durchbrach der Gedanke an die Morde in Beverley Green immer wieder alle anderen Betrachtungen.

 

Zwei Männer waren ermordet worden. Wahrscheinlich war Albert Selim der Täter, über den man so gut wie nichts wußte. Albert oder X – man konnte ihn nur als eine unbekannte Größe bezeichnen – konnte nicht gefunden werden, weil er praktisch nicht existierte. Downer hatte alle Gedanken an Stellas Schuld fahrenlassen. Er erkannte, daß der Verdacht nur auf sie gefallen war, weil Andy sie beschützen wollte.

 

Und hier war er nun und dachte wieder über diesen verteufelten Fall nach. Er legte sich auf die andere Seite, um noch eine Stunde zu schlafen, obwohl die Sonne schon am Himmel stand und die Wand mit leuchtenden Streifen vergoldete, die größer oder kleiner wurden, wenn die Brise die Jalousien bewegte. Schließlich erhob er sich, ging in die Küche und machte sich daran, sein Frühstück vorzubereiten. Nachdem er ein Bad genommen hatte, brodelte das Wasser, und der Schinken war knusperig geworden.

 

Er betrat das Wohnzimmer und zog die Jalousien hoch.

 

»Großer Gott!« entfuhr es Downer.

 

Im Korbstuhl auf der Veranda saß ein Mann, der ihm dem Rücken zukehrte. Er war gut gekleidet. Der eine Schuh, den Downer sehen konnte, war von einer weißen Gamasche bedeckt, eine behandschuhte Hand lag auf dem goldenen Knopf eines Malakkastocks. Downer zog den Riegel zurück, schloß die Tür auf und ging hinaus. Er hatte ziemlich strenge Begriffe über Eigentum und über widerrechtliches Betreten fremden Grund und Bodens.

 

»Entschuldigen Sie«, sagte er in einem Ton, der keinen Zweifel darüber zuließ, wer sich zu entschuldigen hatte. »Sie haben sich wohl geirrt … aber das ist ja Mr. Salter!«

 

Salter erhob sich mit liebenswürdigem Lächeln und streckte ihm die Hand hin.

 

»Werden Sie mir diesen Überfall vergeben, Mr. Downer? Er ist unverzeihlich, ich weiß. Aber ich erinnere mich, daß Sie mir bei Ihrem Besuch in Beverley Hall erzählten, Sie hätten ein Häuschen in Sea Beach. Ich fürchte, ich ließ Sie damals lange warten, aber es war einer meiner schlechten Tage.« Er folgte Downer ins Haus.

 

»Sie wissen nicht, wie ich mich freue, Sie zu sehen«, erwiderte der Journalist herzlich. »Ich muß mich nur wegen meiner Kleidung entschuldigen. Ich bin eben erst aufgestanden.«

 

»Aber ich bitte Sie!« Mr. Salter hob abwehrend die Hand. »Ich habe mich zu entschuldigen. Ihr grüner Pyjama harmoniert vollkommen mit diesem entzückenden kleinen Zimmer. Ich fürchtete, daß ich zu früh kommen würde, aber – es ist elf Uhr, und Sea Beach liegt nur eine Stunde von Beverley entfernt.«

 

Während sich Downer anzog, sah sich sein Gast im Raum um.

 

»Erst gestern dachte ich«, sagte Mr. Downer durch die halbgeöffnete Tür seines Schlafzimmers, »wie schade es sei, daß ich keinen Vorwand hatte, Sie noch einmal aufzusuchen. In meinem Beruf lerne ich viele Menschen kennen, aber nur wenige machen Eindruck auf mich. Das klingt, als ob ich Ihnen ein Kompliment machen möchte. Aber ich wäre nicht so töricht, einem Mann wie Ihnen, und, wenn ich so sagen darf, von Ihrem Alter, Schmeicheleien zu sagen.«

 

»Und ich versichere Ihnen, daß ich Sie in Ihrem reizenden Heim nicht gestört hätte …«

 

»Es ist ja eigentlich nur ein Kaninchenstall«, meinte Downer bescheiden. »Aber ich bin ein Freund des einfachen Lebensstils.«

 

»Ich wäre wirklich nicht gekommen, wenn mir nicht Ihre liebenswürdige Art bekannt wäre, Mr. Downer.«

 

Downer hatte in seinem Leben selten Schmeicheleien gehört. Das war etwas ganz Neues für ihn. Sein Beruf war es, in möglichst ausdrucksvollen Worten die Taten anderer zu beschreiben. Es war ihm fremd, daß sich nun jemand gewissermaßen um seine Gunst bewarb, und er war um so mehr interessiert, als dieser Besuch einen geschäftlichen Hintergrund hatte. Mr. Salter war trotz all seiner Liebenswürdigkeit nicht der Mann, der so früh am Tag nur zu seinem Vergnügen einen Besuch machte, um sich mit ihm unterhalten zu können.

 

»Sie sind sicher gespannt, warum ich gekommen bin?«

 

Mr. Downer nickte.

 

»In gewisser Weise ja. Hoffentlich kann ich Ihnen einen kleinen Dienst erweisen. Wenn das der Fall sein sollte, sind Sie mir doppelt willkommen.«

 

»Es ist kein Dienst, um den ich Sie bitten möchte, im Gegenteil. Ich fürchte nur, meine Bitte könnte Sie beleidigen.«

 

Mr. Downer lächelte verbindlich.

 

»Es dürfte Ihnen schwerfallen, mich zu kränken.«

 

Boyd Salter lehnte sich in den Stuhl zurück.

 

»Es handelt sich um folgendes«, sagte er schließlich. »Ich möchte Sie fragen, ob Sie einen Auftrag übernehmen würden, den man eigentlich einer Detektivagentur übertragen müßte. Nun habe ich Sie aber doch verletzt.«

 

»Nein, das haben Sie nicht. Bedenken Sie doch, daß meine berufliche Arbeit der Tätigkeit eines Privatdetektivs sehr ähnlich ist. Er berichtet seinem Auftraggeber, und ich berichte, vielleicht in etwas besserem Englisch und mit etwas mehr Ausführlichkeit der breiten Öffentlichkeit.«

 

»Und mit größerer Genauigkeit, möchte ich noch hinzufügen. Und deswegen habe ich Sie einem dieser vielen Detektive vorgezogen. Auch Sie waren seinerzeit damit beschäftigt, die Morde in Beverley Green aufzuklären. Aus beruflichen Gründen haben Sie Ihre Arbeit abgebrochen, als sich die Sache in die Länge zog. Wahrscheinlich hat sie sich nicht mehr genügend bezahlt gemacht. Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen derartig materielle Motive unterschiebe. Sie leben von Ihrer Arbeit, und ich nehme an, daß sich Ihr Aufenthalt und Ihre Tätigkeit nach den jeweiligen Wünschen Ihrer Auftraggeber richten.«

 

Mr. Downer nickte.

 

»Was würden Sie dazu sagen, wenn ich Sie bäte, wieder nach Beverley Green zu kommen und Ihre Nachforschungen fortzusetzen? Ich möchte gerne mehr erfahren, als ich augenblicklich weiß. Besonders möchte ich entdecken, was hinter dem Einbruch in Beverley Hall steckt. Was wollte der Mann in meinem Haus? War unser Freund, Doktor Macleod, eingeweiht in … in dieses … Verbrechen? Und was weiß Doktor Macleod? Hat er Anhaltspunkte über Albert Selim, die er seiner vorgesetzten Behörde noch nicht mitgeteilt hat? Wo ist Miss Stella Nelson geblieben?«

 

»Ich glaube, ich kann mit den Antworten gleich beginnen.«

 

Mr. Downer erzählte ihm von dem Haus in der Castle Street und von Stellas geheimnisvollem Besuch dort.

 

»Wer ist denn der Kranke?« fragte Boyd Salter, aber hierüber konnte Downer auch keine Auskunft geben.

 

»Ich glaube, Sie werden entdecken, daß es der Mann ist, der bei mir einbrach.«

 

Downer sah ihn erstaunt an.

 

»Natürlich! Warum habe ich nicht gleich daran gedacht?«

 

»Stellen Sie fest, ob es sich wirklich so verhält. Meine Vermutung könnte ja auch falsch sein, aber bei derlei Dingen habe ich gewöhnlich recht, Mr. Downer. Ich weiß, daß Miss Nelson und der Mann – ich glaube, er heißt Scottie – am selben Tag aus Beverley Green verschwanden. Wahrscheinlich ist Scottie der Einbrecher. Sollte er es gewesen sein, so ist er verwundet worden. Aber bitte, denken Sie daran: Doktor Macleod soll unter keinen Umständen erfahren, daß Sie Ihre Nachforschungen wieder aufgenommen haben. Ich weiß nicht, wie Sie das einrichten können, und ich kann Ihnen in dieser Beziehung auch keine Vorschläge machen.«

 

»Verlassen Sie sich da nur auf mich.«

 

Boyd Salter nahm eine Banknote aus der Brieftasche und legte sie auf den Tisch. Es war eine beträchtliche Summe.

 

»Sie werden Ausgaben haben. Bitte betrachten Sie das als eine Anzahlung.«

 

Mr. Downer stand auf seiner Veranda und beobachtete, wie sein Besucher den Wagen bestieg, der draußen auf ihn gewartet hatte. Dann ging er schmunzelnd in sein Zimmer zurück.

 

Ich werde sofort in die Stadt zurückfahren, dachte er und schaltete das Bügeleisen ein. Er bügelte sich seine Hosen immer selbst auf.

 

Kapitel 26

 

26

 

»Mit dem Handwerk mache ich Schluß!« sagte Scottie entschieden.

 

»Du bist doch nicht etwa plötzlich fromm geworden?« fragte Big Martin ängstlich.

 

Scottie saß auf seinem Bett in dem kleinen Haus in der Castle Street. Big Martin war derselbe, der damals nach oben geeilt war, als Andy an die Haustür geklopft hatte.

 

Er hieß Big Martin, weil er ungewöhnlich klein war. Es hatte eine Zeit gegeben, in der in ganz London kein geeigneterer Mann zu finden war, wenn es galt, durch ein unglaublich kleines Kellerfenster zu schlüpfen.

 

Aber später hatte er zu gut gelebt, immer mehr zugenommen und war nun durchaus nicht mehr in der Lage, seinen Spezialberuf irgendwie auszuüben.

 

Scottie war er schon in vielfacher Hinsicht nützlich gewesen. Er war ein unermüdlicher Zeitungsleser, wußte alles und ersetzte ihm ein ganzes Auskunftsbüro. Er hatte eine unglaubliche Fertigkeit, ein Haus auszukundschaften. Scottie hatte während seines abwechslungsreichen Daseins noch keinen Mann kennengelernt, der dazu geeigneter gewesen wäre.

 

Gewöhnlich erschien Big Martin als Hausierer an Küchentüren, unterhielt sich mit den Dienstboten und wußte ihnen so interessante Geschichten zu erzählen, daß er immer gern gesehen war. Auf diese Weise konnte er sich viele Informationen verschaffen, die für seine Auftraggeber wertvoll waren.

 

Scottie war über eine solche Tätigkeit erhaben. Sein Spezialgebiet waren Juwelen, denn um hier auf der Höhe zu sein, mußte man mehr Verstand und Erfahrung besitzen als Big Martin. Trotzdem war ihm der Kleine von großem Nutzen. Er hielt das Haus in der Castle Street während seiner Abwesenheit in Ordnung, erledigte kleine Aufträge, machte die Betten und konnte zur Not auch ein einfaches Essen kochen.

 

»Nein, fromm bin ich nicht geworden, aber vorsichtig«, brummte Scottie, hauchte seine Brillengläser an und wischte sie mit einem Bettuchzipfel ab. »Hast du schon einmal etwas von dem Wasserkrug und dem Brunnen gehört?«

 

»Nein«, sagte Big Martin argwöhnisch. »Was ist denn los?«

 

»Ich habe jetzt genug Geld gemacht, um ein anständiges Leben führen zu können.«

 

Big Martin legte die Stirn nachdenklich in Falten.

 

»Wenn du das Ding nicht drehen willst, macht es ein anderer. Sie fordert es ja direkt heraus, sie läuft herum wie ein geschmückter Christbaum.«

 

Es ist mein Schicksal, dachte Scottie. »Du brauchst mir nichts von ihr zu erzählen«, unterbrach er sein Nachrichtenbüro. »Ich habe sie bereits kennengelernt. Sie heißt Mrs. Crafton-Bonsor, ist aus Amerika und wohnt jetzt in Zimmer 907 im ›Great Metropolitan Hotel‹.«

 

»Eine Bank hätte nicht genug Geld, um ihre Perlen zu kaufen«, drängte Big Martin. »Sie sind so groß« – er zeigte die Größe mit Daumen und Zeigefinger. »Und Brillanten! So etwas hast du noch nie gesehen.«

 

»Ich weiß, aber sie hat sie im Hotel-Safe einschließen lassen«, meinte Scottie.

 

»Nein«, sagte Big Martin, »das hat sie nicht getan. Meine Kusine ist dort in der Küche beschäftigt, die weiß es. Sie schält dort nämlich Kartoffeln.«

 

»Wer? Mrs. Bonsor?«

 

»Nein, meine Kusine.«

 

Scottie war nachdenklich geworden. Er trommelte mit den Fingern einen Marsch auf seinen Knien und schaute abwesend ins Leere.

 

»Nein, ich glaube, es geht nicht, Martin«, sagte er schließlich. »Macleod würde doch gleich wissen, daß ich es war, und außerdem…« Er vollendete den Satz nicht.

 

Big Martin hätte es doch nicht verstanden, wenn er ihm erzählt hätte, daß er es Stella Nelsons wegen nicht tun könnte. Es wäre nicht richtig gewesen zu sagen, daß Scottie sich gebessert hätte und ein ganz neuer Mensch geworden wäre oder daß er seine früheren Missetaten bereut hätte. Der einzige Beweggrund, sich zu ändern, lag in seiner persönlichen Sicherheit. Er hatte auch wirklich keinen Grund mehr, seine Haut weiter zu Markte zu tragen. Es ging ihm gut; die große Beute aus der Regent Street hatte er gut untergebracht – einer der Käufer war obendrein ein Zeuge, der ihm bei seinem Alibi geholfen hatte. Außerdem hatte er noch größere Reserven versteckt, so daß er verhältnismäßig gut und bequem bis an sein Ende leben konnte.

 

»Ich werde Mrs. Bonsor einmal besuchen«, sagte er. Big Martin rieb sich vergnügt die Hände. »Ich glaube nicht, daß sie so dumm ist, wie du sie dir vorstellst. Sie kommt aus Santa Barbara – vielleicht kennt sie einige meiner Freunde an der Westküste. Da wir gerade von Freunden reden, Martin, ich habe dich gestern abend mit einem fein gekleideten Herrn aus Finnagins Lokal herauskommen sehen.«

 

Big Martin machte ein dummes Gesicht.

 

»Es war ein Zeitungsmensch.«

 

»Welch eine Neuigkeit«, sagte Scottie ironisch. »Als ob ich nicht wüßte, wer es war. Was wollte er denn von dir?«

 

»Er fragte mich über eine Sache aus, die schon vier Jahre zurückliegt«, erwiderte Big Martin. »Ich bekam damals achtzehn Monate, du weißt doch – die Geschichte mit Harry Weston.«

 

»Wenn er sich nicht mehr darauf besinnen konnte, hätte er es doch leicht herausbringen können. Jeder Polizist hätte es gewußt.«

 

»Er war sehr nett und wollte wissen, was aus Harry geworden ist.«

 

Scottie runzelte die Stirn.

 

»Als ob er das nicht wüßte, daß Harry seine sieben Jahre in Parkhurst absitzt! Na, du altes Klatschweib, was hast du denn wieder ausposaunt?«

 

Big Martin wurde unruhig. Was hatte er eigentlich alles gesagt?

 

»Und wenn ich auf der Stelle sterben sollte, ich habe nichts von dir erzählt. Er wußte, daß du hier bist und fragte, wie es deiner Hand ginge.« Scottie brummte böse. »Aber ich habe es ihm nicht gesagt. Er mag dich gut leiden, Scottie. Er sagte, wenn du jemals in der Patsche säßest, so sollten wir nur nach ihm schicken. Das hat er wirklich gesagt – genau mit den Worten!«

 

»Du hast ihm doch nicht etwa erzählt, daß Macleod von der Sache weiß?«

 

»Das brauchte ich gar nicht, das wußte er schon«; erwiderte Big Martin mit Genugtuung.

 

»Du kannst aber auch nichts für dich behalten«, sagte Scottie resigniert.

 

Er zog sich sorgfältig an, nahm aus einem Kästchen ein Päckchen Visitenkarten heraus, wählte eine davon aus und steckte sie in seine Brieftasche. Die Karte nannte ihn Professor Bellingham und als Adresse war Pantagalla, Alberta, angegeben. Eine solche Stadt gab es natürlich auf der Landkarte nicht, aber er hatte früher einmal in einer Vorstadt in einer kleinen Pension gewohnt, die diesen Namen führte. Er hatte ihm sehr kanadisch geklungen.

 

Im ›Great Metropolitan Hotel‹ erfuhr er, daß Mrs. Crafton-Bonsor auf ihrem Zimmer sei, und ein Boy brachte ihr seine Karte. Während Scottie es sich in einem Klubsessel in der Halle bequem machte und scheinbar in Gedanken vertieft war, beobachtete er genau alle Leute, die durch das Vestibül kamen. Den Hoteldetektiv hatte er sofort erkannt.

 

Der Boy kam zurück und führte ihn zu einer Flucht komfortabler Räume im dritten Stock. Scottie wußte, daß diese Wohnung täglich ein kleines Vermögen kostete.

 

Die Dame am Fenster drehte sich um, als Scottie eintrat.

 

»Guten Morgen«, sagte sie kurz, »Mr. …«

 

»Professor Bellingham«, erwiderte Scottie. »Ich hatte bereits das Vergnügen –. Sie entsinnen sich?«

 

»Gewiß – ich konnte nur Ihre Karte nicht lesen, weil ich meine Brille nicht zur Hand hatte. Nehmen Sie bitte Platz, Professor. Es ist sehr freundlich von Ihnen, mich zu besuchen.«

 

Scottie hatte die Erfahrung gemacht, daß die Menschen sich im allgemeinen bei einer zweiten Begegnung von einer anderen Seite zeigten als bei der ersten, und er war auf einen so liebenswürdigen Empfang nicht vorbereitet. Mrs. Crafton-Bonsor trug noch kostbareren Schmuck als damals. Diese Steine waren wirklich herrlich. Wenn sie die Hand hob, glitzerte es wie im Schaufenster eines Juwelierladens. Sie hatte an jedem Finger mindestens einen Ring und an jedem Handgelenk drei Brillantarmbänder, die allein ein Vermögen wert waren.

 

Scotties Instinkte erwachten wieder. Es war eine Schande, daß diese Frau all die wunderbaren Dinge besitzen sollte, während er sich verhältnismäßig mühselig durchs Leben schlagen mußte.

 

»Es ist mir ein Vergnügen, Sie zu besuchen. Ich bin aus Pantagalla, und da Sie aus Santa Barbara sind, dachte ich, es sei doch nett, einmal vorbeizukommen …«

 

»Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Professor …«

 

»Bellingham«, ergänzte er.

 

»Es ist zu dumm, das Mädchen hat meine Brille verlegt, und ich kann absolut nichts lesen ohne sie. London ist eine trostlose Stadt. Ich war vor einigen Jahren schon hier, aber jetzt ist alles neu und fremd, und ich bin froh, wenn ich wieder nach Hause komme.«

 

»Halten Sie sich schon lange hier auf?«

 

»Vierzehn Tage. Aber ich habe noch keinen einzigen netten Menschen getroffen. Die Leute hier sind so hochmütig. Und dabei haben sie vermutlich trotz ihrer hochtrabenden Titel keinen Pfennig Geld. Ich besuchte eine Dame, die ich in San Franzisko kennengelernt hatte. Mein Mann, der Senator, war damals wirklich sehr liebenswürdig zu ihr. Und jetzt hat sie mich nicht einmal zum Tee eingeladen.«

 

Sie unterhielten sich über Santa Barbara und über Leute in San Franzisko, deren Namen Scottie glücklicherweise kannte, dann kehrte Mrs. Crafton-Bonsor wieder zu ihrem Lieblingsthema zurück, sprach über den ungastlichen und unfreundlichen Charakter der Menschen in fremden Ländern und klagte über die Dienstboten, die in der letzten Zeit so unzuverlässig geworden seien.

 

»In diesen Zimmern hätte doch zum Beispiel heute morgen abgestaubt werden müssen«, sagte sie und nahm ein Stäubchen von dem Stuhl, auf dem sie saß. »Sehen Sie her – nicht einmal einen Staublappen haben die Leute hier in Bewegung gesetzt!«

 

Scottie schwieg. Mrs. Crafton-Bonsor konnte seine Karte nicht lesen, weil sie ihre Brille nicht zur Hand hatte, aber sie konnte ohne Mühe ein winziges Stäubchen entdecken? Ein merkwürdiges Augenübel! Aber er dachte nicht weiter darüber nach.

 

Scottie zeigte sich als ein so angenehmer Gesellschafter, daß sie ihn zum Abendessen einlud.

 

»Ich speise gewöhnlich auf meinem Zimmer. Was in den Hotels gekocht wird, ist gerade gut genug für meine Katze.«

 

Als er, äußerst zufrieden mit dem Resultat seines ersten Besuches, das Hotel wieder verlassen wollte, klopfte ihm jemand auf den Arm, und er schaute in ein ihm bekanntes Gesicht.

 

»Andy würde Sie gern einmal sprechen«, sagte der Detektiv. »Ich soll Ihnen bestellen, daß Sie ihn im Büro aufsuchen möchten.«

 

Scottie war unangenehm berührt, nickte aber nur.

 

*

 

»Hallo, Scottie! Geht es Ihnen besser? Nehmen Sie Platz. Einer meiner Leute sagte, daß Sie Mrs. Crafton-Bonsor besuchten, die reiche Amerikanerin im ›Great Metropolitan Hotel‹. Was haben Sie denn da wieder vor?«

 

»Darf man sich denn nicht auch einmal ein wenig zerstreuen?« fragte Scottie gekränkt.

 

»Soviel Sie wollen«, erwiderte Andy vergnügt, »aber ich handle in Ihrem eigensten Interesse, wenn ich Sie ein wenig im Zaum halte. Diese Frau ist eine wandelnde Kimberley-Diamantmine. Und ich sehe es nicht gerne, daß Sie wieder in Versuchung geraten. Ich bin eben aus Beverley Green zurückgekommen«, fügte er scheinbar gleichgültig hinzu. »Miss Nelson hat sich sehr nach Ihnen erkundigt.«

 

Scottie schluckte.

 

»Das ist sehr liebenswürdig von Miss Nelson«, entgegnete er langsam. »Ich habe wirklich keine bösen Absichten mit den Brillanten dieser Frau, Macleod. Wenn Sie wüßten, was es für mich bedeutet, auch einmal mit so reichen Leuten zu verkehren, würden Sie mir diese kleine Abwechslung gönnen.«

 

»Ich gönne sie Ihnen ja. Wir haben diese Dame beobachtet, seit sie in London ist, und wir haben auch schon zwei Ihrer ehemaligen Freunde gewarnt, Harry Murton und John Dutch. Und es wäre nicht fair, wenn ich Ihnen nicht mitteilte, daß Ihre Schritte sozusagen von Schutzengeln überwacht werden.«

 

»Soll das heißen, daß ich sie nicht wieder besuchen darf?«

 

»Sie können die Dame besuchen, sooft Sie wollen. Aber wenn sie hierherkommt und sich darüber beklagt, daß ihr Brillantdiadem auf geheimnisvolle Weise verschwunden ist, das Sie einige Minuten vorher so sehr bewundert hatten, dann geht es Ihnen schlecht, Scottie!«

 

Scottie lächelte.

 

»Hat Ihnen denn nicht jemand gesagt, daß ich mit meinem früheren Leben gebrochen habe?« fragte er mit einem unschuldigen Grinsen.

 

»Ich habe davon gehört«, antwortete Andy lachend. »Aber, Scottie, ich meine es ernst. Ich möchte nicht, daß Sie wieder in Unannehmlichkeiten geraten, und ich glaube, daß diese Mrs. Bonsor eine gefährliche Bekanntschaft für Sie ist. Ich tue es doch nur Ihretwegen. Sicher, Sie können sie sehen, aber es ist doch etwas riskant, nicht wahr? Nehmen wir einmal an, ein anderer macht sich auch an sie heran, und plötzlich vermißt sie etwas von ihrem Schmuck …«

 

»Ich danke Ihnen, Macleod.« Scottie nahm seinen Hut und erhob sich. »Ich glaube, daß ich trotzdem wieder hingehen werde. Sie interessiert mich wirklich sehr, ganz abgesehen von ihren Brillanten. Kennen Sie sie schon?«

 

»Nein, ich habe nichts damit zu tun. Ich vertrete Steel nur, weil er augenblicklich auf Urlaub ist. Das ist ein Glück für Sie, denn Steel wäre Ihnen gegenüber nicht so rücksichtsvoll gewesen.«

 

»Also besten Dank. Wissen Sie übrigens, Macleod, daß dieser Downer wieder an der Arbeit ist?«

 

Das war keine Neuigkeit für Andy.

 

»Ja, er ist wieder in Beverley oder vielmehr in einem Dorf, das ein oder zwei Meilen davon entfernt liegt. Ist er hinter Ihnen hergewesen?«

 

Scottie nickte.

 

»Er hat einen meiner Freunde ausgeholt. Er wußte übrigens, daß Miss Nelson mich in der Castle Street besucht hatte. Auf Wiedersehen!«

 

Am Abend ging er wieder ins ›Great Metropolitan Hotel‹, obwohl er wußte, daß er beobachtet wurde. Es wurde ein vergnügter Abend, denn Mrs. Bonsor hatte sich vorgenommen, ihren Professor gut zu bewirten. Nebenbei erfuhr er, daß ihr verstorbener Mann, der ›Senator‹, überhaupt kein Senator gewesen war. Wahrscheinlich hatten ihm Mitbürger diesen Spitznamen gegeben. Nach diesem Geständnis verstanden sich die beiden noch viel besser. Scottie hatte sich auch schon gewundert, daß ein gebildeter Mann in so hoher Stellung eine solche Frau geheiratet haben sollte. Sie sprach von ihrem palastartigen Heim in Santa Barbara, von ihren Autos, ihren Dienstboten, ihren Gesellschaften. Und bei jeder Bewegung funkelte sie in allen Regenbogenfarben.

 

*

 

»Scottie hat diese Mrs. Bonsor nun schon zum drittenmal besucht«, berichtete ein Detektiv. »Er speist jeden Abend mit ihr, und heute nachmittag hat er sie auf einem Ausflug begleitet.«

 

»Lassen Sie auch Big Martin beobachten, damit wir herausbringen, ob die beiden tatsächlich etwas planen.«

 

Er hatte Scottie persönlich gern, aber als Beamter durfte er ihm nicht trauen. Eines Nachmittags erhielt Mrs. Bonsor Besuch von einem Polizeibeamten, und als Scottie im Glanz eines neuen Fracks zum Abendessen erschien, war sie sehr kühl und ablehnend gegen ihn.

 

»Ich hätte Sie beinahe überhaupt nicht heraufkommen lassen, mein Herr«, sagte sie. Diese Anrede war schon von böser Vorbedeutung. »Aber ich dachte, ich müßte Ihnen doch eine Erklärung geben. Die Polizei ist hinter Ihnen her.«

 

»Hinter mir?«

 

Er war verstimmt, aber nicht gekränkt. Es war ja die Pflicht dieser Leute, Mrs. Bonsor vor ihm zu warnen. Und er hatte sich schon gewundert, daß Andy ihn so lange frei gewähren ließ, ohne einzugreifen.

 

»Man hat mir mitgeteilt, daß Sie ein Verbrecher, ein gewisser Scottie sind.« Sie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. »Ich kann Ihnen nur sagen, daß mich das sehr getroffen hat.«

 

»Warum?« fragte Scottie ruhig. »Ich habe Ihnen doch nichts gestohlen, und ich würde nicht einmal eine Haarnadel von Ihrem schönen Kopf nehmen.« Scottie meinte es ehrlich. »Ich gebe zu, daß ich Scottie genannt werde. Ich heiße eigentlich nicht so, aber unter diesem Namen kennt man mich in zwei oder drei verschiedenen Ländern. Ich gebe auch zu, daß meine Vergangenheit nicht ganz einwandfrei ist, aber wissen Sie, Mrs. Crafton-Bonsor« – seine Stimme zitterte ein wenig – »was es für einen Mann wie mich bedeutet, eine Frau wie Sie zu treffen, eine Dame von Welt, gleichsam in der Blüte ihrer Jahre, die Interesse an einem Abenteurer nimmt? Nicht Ihr Geld und Ihre Juwelen haben mich fasziniert. Ich hätte sie schon bei meinem ersten Besuch stehlen können«, fuhr er rücksichtslos fort. »Ich kam damals, um mir Ihre Steine genauer anzusehen, von denen alle Welt sprach. Und ich bin tatsächlich ein Spezialist in Juwelen. Aber als ich Sie gesehen und mit Ihnen gesprochen hatte – erschien mir alles wie ein Traum. Ein Mann in meiner Stellung trifft nicht oft eine Dame wie Sie.«

 

»Sie übertreiben«, warf Mrs. Crafton-Bonsor ein. Sie unterbrach nicht gern Scotties Redestrom, der so viele Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien enthielt, aber sie hatte doch das Gefühl, daß sie aus Bescheidenheit jetzt in irgendeiner Form etwas dagegen einwenden mußte.

 

»Ich hatte nicht vermutet, daß Sie Amerikanerin sind, als ich das erstemal mit Ihnen sprach. Leute mit einem gütigen Charakter wie Sie sind drüben sehr selten. Und als ich Sie erst einmal besucht hatte, wußte ich, daß ich Sie wiedersehen müßte. Ich machte mir wegen meiner Torheit Vorwürfe, aber jeden Tag bezauberten Sie mich aufs neue.«

 

»Das war nicht meine Absicht«, murmelte sie.

 

»Es wird mir sehr schwer werden, die Besuche bei Ihnen aufzugeben«, sagte Scottie traurig, als er sich erhob und ihr die Hand reichte. »Leben Sie wohl, Mrs. Bonsor – es war für mich wie ein Leben in einer anderen Welt.«

 

Sie nahm seine Hand, und es tat ihr eigentlich leid, daß diese Bekanntschaft, die ihr so angenehm gewesen war, schon enden sollte.

 

»Leben Sie wohl, Mr. Scottie. Ich würde mich freuen, Sie wiederzusehen, aber –«

 

»Ich verstehe vollkommen«, erwiderte Scottie höflich. »Was würde man von Ihnen denken, – was würden all diese feingeschniegelten Leute im Hotel dazu sagen.«

 

Mrs. Crafton-Bonsor warf den Kopf zurück.

 

»Wenn Sie glauben, daß ich mich im mindesten um die Meinung anderer Menschen kümmere«, entgegnete sie empört, »sind Sie im Irrtum. Sie kommen morgen zum Abendessen wieder zu mir.«

 

Ihre Worte klangen wie ein Befehl, und ihre Miene war ein wenig hoheitsvoll. Scottie sagte nichts, er verabschiedete sich nur durch eine Verbeugung und entfernte sich schnell. Am Ende hätte sie ihre Absicht wieder geändert, wenn er noch geblieben wäre.

 

Als er die Treppe hinunterging, versuchte er, sich die ganze Unterhaltung mit allen Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen.

 

Er kannte viele Bücher, die man Gefangenen zum Lesen gab und die geschrieben waren, um sie wieder einem besseren Leben zugänglich zu machen. In diesen Bänden wurde jedesmal davon erzählt, daß der ehemalige Sträfling der Dame, deren wohlwollender Einfluß ihn bekehrt hatte, eine Art Dankrede hielt. Also ging er in die nächste Buchhandlung.

 

»Haben Sie nicht irgendein Buch mit dem Titel ›Gerettet durch ein Kind‹ oder ›Nur ein Verbrecher‹?«

 

»Nein«, sagte der junge Mann, »wir führen keine Kinderbücher.«

 

»Das ist das richtige Wort«, erwiderte ›Vieraugen-Scottie‹.

 

Kapitel 27

 

27

 

Andy erzählte Stella bei seinem nächsten Besuch, was er mit Scottie und Mrs. Crafton-Bonsor erlebt hatte.

 

Er hatte seine Pflicht getan, Mrs. Crafton-Bonsor konnte jetzt nicht mehr im Zweifel, über den wahren Charakter ihres Freundes sein. Aber diese Warnung schien eine unerwartete Wirkung auf die Dame gehabt zu haben.

 

»Vielleicht versucht sie, ihn zu bekehren«, meinte Stella und zwinkerte mit den Augen. »Schlechte Leute haben immer eine unwiderstehliche Anziehungskraft für romantische Damen. Ich will damit nicht sagen, daß Scottie ein schlechter Mensch oder Mrs. Bonsor besonders phantasievoll ist. Ich kann mich an sie erinnern. Sie kam mit ihrem großen Wagen und fuhr hier zwei schöne Fliederbüsche um. Scottie hat mir später ihren Namen genannt. Es ist doch schließlich auch nichts dabei, wenn er einmal mit ihr zusammen speist.«

 

»Er ist mittags, zum Tee und zum Abendessen bei ihr«, protestierte Andy. »Soviel ich weiß, frühstückt er auch dort! Ich kümmere mich nicht um Scotties Abenteuer. Die Dame ist gewarnt, und damit ist meine Verantwortung zu Ende. Aber trotzdem …«

 

»Vielleicht liebt er sie«, sagte sie lächelnd. »Sei nicht böse, aber Scottie ist mir schon immer ein wenig romantisch vorgekommen.«

 

»Das kann ich nicht leugnen. Wenn ich nur an sein Alibi denke –«

 

»Aber Andy! Übrigens wirst du mit der Dame zusammenkommen.«

 

»Ich werde mit ihr zusammenkommen?« fragte Andy überrascht.

 

Stella nickte feierlich.

 

»Scottie hat mir geschrieben und angefragt, ob er sie einmal zum Essen mitbringen dürfe, und ich habe zugestimmt. Ich beschrieb sie meinem Vater, und er schüttelte sich vor Entsetzen. Ich glaube, er wird heute abend irgendeine Verabredung vorschützen. Deshalb ist es um so wichtiger, daß du hier bist.«

 

»Soll das heißen, daß Scottie die Frechheit hatte, sich mit seiner Juwelendame hier zum Abendessen einzuladen?« fragte er entsetzt.

 

Es mußte wohl so sein, denn am Abend machte Andrew Macleod die Bekanntschaft der Frau, die er vor Scottie hatte warnen lassen.

 

Mrs. Crafton-Bonsor trug ein enganliegendes, pflaumenfarbenes Samtkleid, das gefährlich tief ausgeschnitten war. Andy war sehr erstaunt bei ihrem Anblick.

 

Noch nie hatte er so viel kostbaren Schmuck an einer einzigen Frau gesehen. Von dem Diadem in ihren roten Haaren bis zu den Agraffen ihrer Schuhe war sie einfach überwältigend. Wenn ein Radscha in seiner vollen Staatskleidung mit all seinen Juwelen neben ihr gestanden hätte, wäre er von ihr ohne Schwierigkeiten in den Schatten gestellt worden.

 

Scottie war sehr guter Laune. Sein Stolz war so aufrichtig und echt, daß Andy lächeln mußte.

 

»Darf ich Sie meiner Freundin, Mrs. Crafton-Bonsor, vorstellen? Dies ist Doktor Macleod, Mirabel.« – ›Mirabel!‹ wiederholte Andy für sich. Er war sprachlos. – »Doktor Macleod und ich haben manchen Streit, ich möchte fast sagen – Kampf, miteinander ausgefochten. Auf seine Veranlassung hin wurden Sie vor mir gewarnt. Das war ja auch ganz in der Ordnung.«

 

Er nahm Andys Hand und schüttelte sie kräftig.

 

Mrs. Bonsor aber sah Andy nur kühl an.

 

»Darf ich Sie auch mit Miss Nelson bekannt machen, Mirabel?«

 

»Sehr erfreut«, sagte Mrs. Bonsor ohne große Begeisterung. »Jeder Freund des Professors ist auch mein Freund.« Dabei schaute sie Andy an.

 

Es war ein etwas steifer und förmlicher Anfang, und Stella hatte doch gehofft, daß es ein vergnügter Abend werden würde. Während des Essens kam ihr plötzlich zum Bewußtsein, daß Mrs. Crafton-Bonsor eifersüchtig auf sie war. Inzwischen hatte diese Dame ihren früheren Argwohn und Widerwillen gegen Andy überwunden und plauderte liebenswürdig mit ihm. Dadurch wiederum wurde Scottie von Eifersucht geplagt. Der sonst so nüchterne Mann, dessen Bescheidenheit sein größter Vorzug war, trug heute zwei große Brillantringe. Andy sah nicht zu genau hin, er wußte, daß Scottie keine gestohlenen Juwelen trug, die in der Presse genau beschrieben worden waren.

 

»Jawohl, nächste Woche werde ich wieder in meine Heimat zurückfahren«, sagte Mrs. Crafton-Bonsor und sah dabei Scottie an. »Es war netter, als ich vermuten konnte, aber ich muß mich doch auch einmal wieder in meinem Heim in Santa Barbara umsehen. Die Rasenflächen sind allein so groß wie der ganze Ort hier. Ich habe dem Professor eine Fotografie gezeigt, er war ganz begeistert davon. Wenn man ein so herrliches Besitztum hat, muß man es natürlich auch ausnützen.« Wieder schaute sie Scottie an, doch der betrachtete das Tischtuch und sah in dem Augenblick so bescheiden aus, daß Andy beinahe laut aufgelacht hätte.

 

»Ich hoffe, daß Ihnen die Reise nicht zu einsam wird«, meinte Andy. »Sie werden unseren Freund, den Professor, sicher sehr vermissen?«

 

»O ja.« Mrs. Bonsor räusperte sich.

 

Scottie sah auf.

 

»Ich habe eigentlich daran gedacht, auch einmal wieder nach Amerika zu gehen und mich dort umzusehen«, sagte er, und diesmal schaute Mrs. Bonsor bescheiden lächelnd vor sich hin.

 

»Stanhope und ich …« begann sie.

 

»Stanhope – wer ist denn Stanhope?« fragte Andy erstaunt. Aber es war nicht mehr nötig, auf Antwort zu warten, er begegnete den bittenden Blicken Scotties.

 

»Stanhope und ich sind sehr gute Freunde geworden. Ich dachte, Sie hätten den Ring schon gesehen.«

 

Bei diesen Worten hielt sie ihre dicke Hand hoch.

 

Andy zählte ungefähr zehn verschiedene Ringe daran.

 

»Darf ich Ihnen meine besten Glückwünsche aussprechen? Das ist eine große Überraschung, Mrs. Crafton-Bonsor.«

 

»Niemand war mehr überrascht als ich selbst«, erwiderte sie glücklich, »aber Sie werden eine Frau in meiner Lage verstehen. Außerdem soll Stanhope ein neues Leben beginnen. Es gibt eine Gegend in der Nähe, wo er … wie heißt doch gleich das Wort, Stan?«

 

»Geologie treiben kann«, murmelte Scottie.

 

»Ja, das meine ich.«

 

»Sie werden uns also verlassen?« fragte Andy lächelnd. »Und vermutlich haben Sie in einem Monat ganz Beverley Green und Wilmot und diesen fürchterlichen Albert Selim vergessen und –«

 

Plötzlich sank Mrs. Crafton-Bonsor ohnmächtig vom Stuhl.

 

*

 

»Es war die Hitze hier im Zimmer«, sagte sie matt, als sie wieder zu sich kam. Ihre Frisur war in Unordnung geraten, und ihre Brosche saß schief. »Ich glaube, es ist das Beste, daß ich jetzt zurückfahre. Stanhope« – es war rührend, zu sehen, wie sehr sie sich auf ihn verließ –, »würdest du bitte den Wagen bestellen?«

 

Sie sah alt aus, und ihre geschminkten Lippen bildeten einen sonderbaren Gegensatz zu ihrem Gesicht, Andy erwartete jeden Augenblick, daß sie wieder zusammenbrechen würde. Er war erleichtert, als sie sich mehr und mehr erholte, so daß sie mit seiner und Scotties Hilfe zum Wagen gehen konnte.

 

»Die Fahrt wird mir guttun«, meinte sie und sah sich mit einem nervösen Lachen um. »Es tut mir sehr leid, daß ich Sie so in Aufregung versetzte. Ich hätte ja gern noch etwas über den Mord erfahren. Wer wurde denn eigentlich getötet? Albert Selim?«

 

»Nein, ein gewisser Merrivan. Ich hätte diese schreckliche Geschichte überhaupt nicht erwähnen sollen!« sagte Andy.

 

»Ach, es hat mir nichts ausgemacht. Gute Nacht.«

 

Andy ging mit Stella ins Haus zurück.

 

»Albert Selim«, sagte er in Gedanken vor sich hin.

 

Sie sah ihn nachdenklich an.

 

»Glaubst du, daß die Erwähnung seines Namens an ihrer Ohnmacht schuld war?«

 

»Ich zweifle nicht im mindesten daran. Aber warum sollte der Name von Merrivans Mörder eine solche Wirkung auf sie haben?«

 

Er starrte, in Gedanken versunken, lange vor sich hin, und Stella störte ihn nicht.

 

»Ich werde Mrs. Crafton-Bonsor aufsuchen und mit ihr sprechen müssen. Wenn ich mich nicht sehr täusche, kann sie uns über den Mord und seine Vorgeschichte mehr erzählen, als der Mörder selbst.«

 

Kapitel 16

 

16

 

»Eine gute Tat«, sagte Scottie, »trägt ihre Belohnung in sich selbst. Und ich fühle, daß ich ganz so handle, wie es in diesen schönen Geschichten steht, die von gebesserten Sträflingen handeln. Als ich zum letztenmal im Gefängnis war, habe ich dort eine ganze Bibliothek von Büchern über die guten Taten ehemaliger Sträflinge gefunden. Oft wurden sie durch das Lächeln eines Kindes von weiterer Schande gerettet. Manchmal war es die Tochter des Gefängnisdirektors, manchmal die Schwester des Geistlichen. Ihr Alter schwankte zwischen neun und neunzehn Jahren. Und die Erinnerung an ihre blauen Augen bewog jeden, seine Verbrecherlaufbahn aufzugeben. Das war das Ende!«

 

»Sie reden nur soviel, damit ich nicht weinen muß«, sagte Stella leise.

 

Im Kamin rauchte wieder ein Haufen verbrannter Papiere.

 

»Die Stecknadel hätten Sie nicht verbrennen sollen,« Scottie hob sie sorgfältig auf, so heiß sie auch war, und steckte sie unter seinen Rockaufschlag. »Verbranntes Papier ist verbranntes Papier, aber nehmen Sie einmal an, Artur Wilmot rennt wirklich zur Polizei und erzählt die Geschichte von den beiden Wechseln, die mit einer Stecknadel zusammengeheftet waren, und man findet dann die Asche der Papiere und eine angebrannte Stecknadel? Das würde doch seine Aussagen bestätigen, und das wäre mir sehr peinlich.«

 

»Sie haben alles gehört?« fragte sie und trocknete ihre Augen.

 

»Das meiste«, gestand Scottie. »Ich stand gerade im Garten, als er mit Ihnen an der Haustür sprach. Die Tür blieb offen, und ich konnte fast alles hören. Der Mann ist noch lange kein richtiger Erpresser. Der müßte erst noch fünf Jahre in die Lehre gehen, bis er so etwas ordentlich anfängt. Er ist zu nervös, außerdem schwatzt er zuviel. Aber diese Eigenheit besitzen alle Bewohner von Beverley Green. Sie sehen mich so zweifelnd an, Miss Nelson – vielleicht denken Sie, daß ich auch zuviel rede? Das stimmt, aber was ich sage, hat Hand und Fuß. Ich weiß Bescheid. Wenn man, wie ich, die ganze Welt gesehen hat, durch Kanada, die Vereinigten Staaten, Australien, Südafrika und diese Inseln gekommen ist, erweitert man seine Kenntnisse. Und ein gelegentlicher Aufenthalt im Gefängnis vertieft das Wissen.«

 

»Ich gehe jetzt in mein Zimmer, Mr. – Scottie. Ich kann Ihnen nicht genug danken. Ich werde es Mr. Macleod sagen.«

 

Scottie schüttelte heftig den Kopf.

 

»Das dürfen Sie unter keinen Umständen tun, das bringt ihn nur in große Verlegenheit. Meine lange Erfahrung mit Polizeibeamten hat mich zwei Dinge gelehrt – ich weiß, was sie wissen wollen und was sie nicht wissen wollen. Und es ist ein Fehler, wenn man ihnen etwas erzählt, das sie nicht wissen wollen.«

 

Sicher hatte er recht. Sie war auch nicht in der Verfassung, mit ihm darüber zu streiten. Diese letzte Aufregung hatte sie vollständig die Nerven gekostet, und sie mußte jetzt allein sein, um sich zu beruhigen. An Artur Wilmot dachte sie gar nicht mehr. Er bedeutete für sie nicht mehr als die Asche, die dort im Kamin lag.

 

»Gute Nacht – und noch vielen herzlichen Dank.«

 

»Träumen Sie etwas Schönes«, sagte Scottie und schaute nicht eher von seinem Buch auf, als bis sie gegangen war.

 

Dann nahm er sorgfältig die ganze Asche aus dem Kamin, trug sie in die Küche und vermischte sie dort in einem Glas mit Wasser. Dieses goß er aus, wusch das Glas wieder ab und trocknete es.

 

*

 

Am nächsten Morgen kam ein klug aussehender Journalist mittleren Alters nach Beverley Green. Er war bei keiner bestimmten Zeitung angestellt, aber alle Blätter nahmen seine Artikel gerne, denn er war einer der tüchtigsten Reporter. Er war sehr gewissenhaft. Für ihn hatte sich alles der Wahrheit unterzuordnen. Wer auch immer beleidigt oder verletzt sein mochte und wessen Interessen gefährdet wurden, war ihm gleichgültig. Seine Methoden waren unnachsichtig und erbarmungslos. Er scheute vor nichts zurück, um die volle Wahrheit herauszubringen. Er brach jedes Versprechen mit derselben Leichtigkeit, mit der er sich ein Frühstück bestellte. Feierliche Gelöbnisse, die Quelle nicht zu verraten oder über gewisse Dinge nicht zu sprechen, gehörten bei ihm zum Handwerk. Die Mehrzahl seiner Kollegen, die in diesen Dingen ehrenhafter waren, verachteten ihn, und sie machten auch kein Geheimnis daraus. Aber sie mußten zugeben, daß er immer großen Erfolg hatte, und sie wünschten manchmal insgeheim, daß sie ebenso gewissenlos handeln könnten wie er.

 

Er war ein untersetzter Mann mit etwas derben Gesichtszügen, trug eine große Brille und rauchte von morgens bis abends Zigarren. Gewöhnlich sah er etwas verdrießlich und unzufrieden aus. Aber er konnte von bezaubernder Liebenswürdigkeit sein, wenn er jemanden aushorchen wollte. Darin lag seine Macht und für sein Opfer die große Gefahr.

 

Es ist eine Tatsache, daß er mit dem Bischof von Grinstead drei Stunden lang, ohne einen Fehler zu machen, über theologische Spitzfindigkeiten sprach, bis ihm der Bischof, um eine seiner Ansichten zu belegen, die bis dahin streng geheimgehaltene Geschichte des Geistlichen Stoner Jelph erzählte, der sich das Leben genommen hatte. Natürlich hatte der Bischof keinen Namen erwähnt, er nannte den Mann nur Mr. X. Aber Downer – so hieß nämlich dieser Journalist – hatte die Geschichte herausbekommen und veröffentlicht. Er nannte in seinem Bericht auch keinen Namen, aber jeder wußte, um wen es sich handelte.

 

Andy war der erste, der Downer in Beverley Green ankommen sah. Er hatte ihn schon seit dem Tag des Mordes erwartet. Der Zeitungsmann wandte sich direkt an ihn.

 

»Guten Morgen, Macleod. Ich hielt es für das beste, Sie aufzusuchen, bevor ich meine eigenen Nachforschungen anstelle. Ich finde immer, daß es nicht fair ist, den betreffenden Beamten nicht davon zu informieren, daß man sich selbst um die Aufdeckung des Verbrechens bemüht. Ein Berichterstatter kann auf diese Weise viel Schaden anrichten. Ich glaube, die wichtigsten Tatsachen weiß ich. Ist in den letzten Tagen noch irgend etwas Neues dazugekommen?«

 

Andy bot ihm eine Zigarre an.

 

»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind, Downer, aber Sie kommen etwas spät. Neues kann ich Ihnen leider nicht mitteilen.«

 

»Haben Sie wirklich gar keine neuen Anhaltspunkte? Wer ist eigentlich dieser geheimnisvolle Albert Selim, hinter dem Sie her sind? Mir kommt der Name bekannt vor, ich weiß nur nicht, wo ich ihn unterbringen soll.«

 

»Das wäre eigentlich eine Geschichte für Sie, Downer.« Andy blies dicke Rauchwolken von sich und sah den Journalisten unter gesenkten Lidern hervor an. »Keiner der anderen Reporter hat die Wichtigkeit seiner Person erkannt. Es ist noch nicht geglückt, Selim zu fassen.«

 

»Gut, Macleod, Sie können sich auf mich verlassen. Ich werde Ihnen nicht in die Arbeit pfuschen.«

 

Es wäre falsch gewesen zu sagen, daß Downer sich vor Andy gefürchtet hätte. Er hatte vor nichts Angst. Er achtete Andy, aber wenn es möglich war, ging er ihm aus dem Weg. Macleod war der einzige Detektiv, der fähig und willens war, sich an ihm zu rächen, wenn er etwas gegen ihn unternahm. Downer respektierte diese Tatsache.

 

»Sie haben ›Vieraugen-Scottie‹ hier, wie ich erfahren habe? Er hat doch neulich ein Alibi gehabt und ist freigesprochen worden?«

 

»Ja, er ist hier in Beverley Green. Freunde von mir haben ihn aufgenommen.«

 

»Sie glauben, daß er etwas von der Geschichte weiß?« fragte Downer. »Das wäre möglich. Er ist ein verflucht gerissener Bursche. Ich will ihn in meinem Bericht nicht weiter erwähnen.«

 

Andy beobachtete ihn, wie er später langsam und scheinbar ziellos auf Merrivans Haus zuging. Er hatte ihm alles gesagt, was Scottie betraf, weil er wußte, daß Downer es früher oder später doch herausbekommen würde. Darin hatte er auch klug gehandelt, denn Downer war schon am vorigen Abend in Beverley Green gewesen, hatte Scottie gesehen und war ihm bis zu seiner Wohnung gefolgt.

 

Am Nachmittag war die Leichenschau. Der kleine Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Mr. Boyd Salter, der in der Nähe des Coroners saß, winkte Andy zu sich heran.

 

»Ich habe meinen Parkwächter mitgebracht. Vielleicht ist seine Aussage für die genaue Zeitbestimmung des Mordes wertvoll. Außerdem habe ich versucht, weitere Einzelheiten über Albert Selim ausfindig zu machen. Es scheint, daß er vor etwa fünfunddreißig Jahren mit seiner geschäftlichen Tätigkeit begonnen hat. Ein alter Freund von mir, der natürlich nicht genannt sein will, hatte einmal mit ihm zu tun, als er noch Student war. Er hat Selim aber nie gesehen und kannte auch niemand, der den Geldverleiher persönlich getroffen hätte. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren ist er dann wohl nach London gekommen und hat glänzende Verbindungen zwischen Reedern, Exporteuren und Schiffsagenten angeknüpft, über deren finanzielle Lage er ungewöhnlich gut informiert war.«

 

Andy dankte ihm und ging zu seinem Platz zurück.

 

Reeder und Schiffsagenten! Er war doch neulich einmal in einem solchen Büro gewesen! Plötzlich erinnerte er sich an die Firma – Wentworth & Wentworth, deren Geschäfte nicht mehr gutgingen und deren Räume gleich neben denen Selims lagen. Es mochte Zufall sein, aber man konnte sich noch einmal nach diesen Leuten umsehen.

 

Als er diesen Entschluß gefaßt hatte, wurde er aufgerufen, um den Eid zu leisten.

 

Er machte seine Zeugenaussage nach Artur Wilmot, der angegeben hatte, daß der Tote, Mr. Darius Merrivan, sein Onkel sei, und daß er ihn am Abend vor der Tat noch gesehen habe.

 

Dann folgte der Hausmeister. Er erzählte seine Geschichte, die er schon mindestens einem Dutzend Zeitungsleuten berichtet hatte. Andy kannte sie schon auswendig.

 

Andy war gespannt, ob Artur Wilmot noch einmal zurückgerufen werden würde, um die Namen der Freundinnen seines Onkels zu nennen. Er war darüber nicht befragt worden, als er seine Aussage machte. Der Coroner, der die Leichenschau leitete, berührte die Tatsache nicht, daß man die Stimme einer Frau im Arbeitszimmer Mr. Merrivans gehört hatte. Er schien sich weit mehr für den aufgefundenen Drohbrief zu interessieren. Der Hausmeister zeigte an Hand einer Skizze genau die Stelle, wo er den Brief gefunden hatte.

 

»War der Brief zusammengefaltet, oder lag er offen da?«

 

Der Hausmeister war sich darüber nicht klar. Er glaubte, daß er halb offen war, als er ihn aufhob.

 

»Hat man einen Briefumschlag gefunden?«

 

Andy wurde zur Beantwortung dieser Frage wieder in den Zeugenstand gerufen, er konnte aber auch nur angeben, daß man nach einer sehr eingehenden und genauen Untersuchung keinen Briefumschlag entdeckt hatte. Das war Andy selbst schon recht sonderbar erschienen. Der Brief wies kein Datum auf und konnte auch schon früher am Tage Merrivan übergeben worden sein.

 

»Haben Sie einen Anhaltspunkt gefunden, der zu der Annahme führen könnte, Merrivan habe für sein Leben gefürchtet?«

 

»Ich fand einen geladenen Revolver«, antwortete Andy. »Er lag in einem Schrank hinter dem Schreibtisch, und Mr. Merrivan hätte ihn leicht mit der Hand erreichen können. Keine der Patronen war abgeschossen worden.«

 

Es wurden noch viele Zeugen vernommen, zunächst der Polizist, der den Toten zuerst gesehen hatte, dann Mr. Vetch, der Rechtsanwalt des Toten, der Parkwächter Madding, Merrivans Köchin und das hysterische Dienstmädchen, das wieder zu weinen begann und aus dem Gerichtssaal geführt werden mußte. Als letzter wurde Polizeiinspektor Dane aufgerufen. Die Verhandlung schien schon zu Ende zu sein, als der Coroner, ein nervöser, alter Herr, plötzlich noch einmal Dr. Macleod aufrief.

 

»Es muß noch die Sache mit der Frau geklärt werden, deren Stimme der Hausmeister hörte.«

 

Andy ging ruhig zum Zeugenstuhl.

 

»Ich habe hier einen Zeitungsbericht, der besagt, daß Sie um elf Uhr eine Frau Mr. Merrivans Haus verlassen sahen. Sie ging unter Ihrem Fenster am Gästehaus vorbei, scheinbar auf dem Weg nach Beverley. Im allgemeinen kümmere ich mich wenig um Zeitungsberichte, aber das hier ist ausdrücklich in einem Interview festgelegt, das Sie einem der Berichterstatter gewährten, und ich besinne mich nicht darauf, daß dieser Punkt während der Verhandlung erwähnt wurde.«

 

Kapitel 17

 

17

 

Es war neu für Andrew Macleod, vor einem Gericht zu stehen und mit vollem Bewußtsein einen Meineid zu leisten. Er konnte kaum glauben, daß er es selbst war, der so ruhig sprach.

 

»Ja«, sagte er, »es stimmt. Ich sah, wie sich die Tür von Merrivans Haus öffnete und kurz darauf eine Frau über den Rasen kam.«

 

»Wann war das?«

 

»Um elf Uhr. Die Kirchenuhr von Beverley schlug gerade, als sie vorüberging.«

 

»Haben Sie ihr Gesicht nicht erkennen können?«

 

»Nein – der Mond war durch Wolken verdeckt.«

 

Hiermit war die Verhandlung zu Ende, und die Geschworenen zogen sich zurück. Eine halbe Stunde später erschienen sie wieder, und ihr Spruch lautete auf Anklage gegen Albert Selim wegen vorsätzlichen Mordes.

 

Downer war nicht erschienen, Andy hatte sich vergeblich nach ihm umgesehen, der Journalist saß weder bei den Berichterstattern, noch war er unter den Zuschauern zu sehen.

 

Andy blieb noch einen Augenblick stehen, um sich mit Mr. Salter und einem Vertreter der Staatsanwaltschaft zu unterhalten, dann ging er zurück. Er ging so langsam, daß Mr. Vetch, der Rechtsanwalt Mr. Merrivans, ihn überholte.

 

»Es ist reiner Unsinn, daß Mr. Merrivan in den Klauen eines Geldverleihers gewesen sein soll«, erklärte er. »Ich weiß, daß er sehr vermögend war.«

 

»Hinterließ er ein Testament? Sie haben das in Ihrer Zeugenaussage leider nicht erwähnt«, entgegnete Andy.

 

»Bis jetzt hat man nichts finden können.« Mr. Vetch schüttelte den Kopf. »Das ganze Vermögen wird in den Besitz Mr. Wilmots übergehen, wenn sich kein näherer Verwandter meldet.«

 

Andy hätte zu gern erfahren, ob Merrivan wirklich verheiratet gewesen war. Man hatte die Trauungsregister durchsucht, aber man konnte keine Spur davon finden, daß er jemals eine Ehe geschlossen hatte.

 

»Sie haben Mr. Merrivan einen Kaufmann genannt. Welcher Art waren denn seine Geschäfte?«

 

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Über seine geschäftlichen Angelegenheiten sprach er nie. Ich habe seine Vertretung auch erst übernommen, nachdem er sich schon zurückgezogen hatte. Ich glaube aber, daß er früher im Teehandel tätig war.«

 

»Wie kommen Sie darauf?« fragte Andy schnell.

 

»Er kannte sich in Teesorten sehr gut aus. Das war wohl das einzige, wofür er sich in seinem Haushalt interessierte. Wenn ich ihn besuchte und mit ihm Tee trank, fragte er mich öfters, wie mir diese oder jene Sorte schmeckte. Er sprach darüber wie ein Weinkenner, der Sie nach Ihrer Meinung über einen alten Wein fragt.«

 

Sie waren in die Straße nach Beverley Green eingebogen, als sie einen Mann sahen, der in derselben Richtung wie sie ging.

 

»Ist das nicht der Zeitungsberichterstatter – ein gewisser Downer? Ich sah ihn heute morgen. Ein sehr kluger Kopf«, bemerkte Vetch. »Ich sprach mit ihm über das letzte Urteil des obersten Berufungsgerichtes. Er scheint in juristischen Dingen sehr beschlagen zu sein.«

 

»Er ist in allen Dingen beschlagen«, erwiderte Andy grimmig. »Hat er Sie nicht über Mr. Merrivans Privatangelegenheiten ausgefragt?«

 

»Er hätte keine Antwort bekommen. Dazu bin ich denn doch ein zu alter, ausgepichter Rechtsanwalt, um mit solchen Leuten über die Angelegenheiten meiner Klienten zu reden! Unser Thema war vollständig harmlos – wir sprachen davon, was heute ein Haushalt kostet.«

 

»Wie kamen Sie denn darauf?« fragte Andy neugierig.

 

»Er sagte, es müßte Merrivan doch viel Geld gekostet haben, das große Haus zu unterhalten. Bis jetzt hatte ich seine monatlichen Ausgaben nicht zusammengestellt, und ich machte mir nur eine kurze Aufstellung. Die Rechnungen habe ich ihm natürlich nicht gezeigt.«

 

»Es genügte, wenn sie auf dem Tisch lagen. War nicht vielleicht irgendeine ganz besondere Rechnung darunter, eine außergewöhnliche Ausgabe?«

 

»Ja, über hundertdreißig Pfund. Es war keine Rechnung, sondern nur eine Notiz Merrivans, die er selbst geschrieben hatte. ›Stelling Bros, hundertdreißig Pfund‹. Ich selbst weiß nicht, was für eine Ausgabe das gewesen sein kann. Kennen Sie eine Firma Stelling?« Andy klärte ihn darüber nicht auf.

 

Stelling war die größte Juwelierfirma in London, und die kurze Notiz, die der gewissenhafte Mr. Merrivan aufgeschrieben hatte, weil ihm wahrscheinlich die Rechnung verlorengegangen war, gab den Preis des großen Brillantringes an. Merrivan hatte ihn gekauft, weil er seiner Sache mit Stella schon sicher war.

 

Sie waren jetzt in Hörweite von Mr. Downer angekommen, und Andy wechselte deshalb das Thema der Unterhaltung.

 

»Ich bin nicht zur Leichenschau gegangen«, erklärte Downer. »Solche Verhandlungen langweilen mich. Ich hatte außerdem noch einiges zu erledigen. Es ist doch nichts Besonderes mehr zur Sprache gekommen?«

 

»Nichts, was nicht schon bekannt wäre«, entgegnete Andy.

 

Der Rechtsanwalt verabschiedete sich.

 

»Ist bei der Verhandlung etwas über einen Brillantring gesagt worden, den Merrivan vier oder fünf Tage vor seinem Tod gekauft hat?« fragte Downer, indem er mit einer Gerte ins Gras schlug und sich für nichts anderes als die Vernichtung von Gänseblümchen zu interessieren schien. »Das ist wahrscheinlich derselbe Ring, der auf dem Rasen gefunden wurde. Es ist doch merkwürdig, daß der alte Merrivan einen solchen Ring kauft und ihn dann fortwirft. Es scheint fast, daß er ihn einer Frau schenkte, die aber den alten Merrivan so haßte, daß sie ihn sofort wegwarf, als sie sein Haus verließ – wir wollen einmal sagen – um elf Uhr nachts. Sie zog ihn vom Finger und schleuderte ihn fort, so weit sie nur konnte.«

 

»Der Gedanke ist mir auch schon gekommen«, erwiderte Andy. »Die Frau, die unter meinem Fenster vorbeikam, könnte das getan haben.«

 

Ein Schweigen folgte.

 

»Aber es war doch ein Streifenbeamter am Ende der Beverley High Street«, meinte Downer nach einer Weile. »Er stand dort vor einem Haus. Ein Dienstmädchen hatte ihm eine Tasse Kaffee gebracht, und er plauderte gerade zwischen elf und halb zwölf mit ihr. Während dieser Zeit ist niemand vorbeigekommen.«

 

Er schlug noch immer mit der Gerte nach den Blumen und schaute Andy nicht an.

 

»Es ist ja möglich, da sie einen anderen Weg gegangen ist es gibt doch eine Abzweigung von der Straße.«

 

Wieder folgte eine Pause.

 

»Eine Fahrradstreife der Polizei fuhr zehn Minuten vor elf von Hylton Gross Road ab«, begann Downer wieder in seiner monotonen Art. »Das ist das andere Ende des Weges – sie fuhr nach Beverley. Sie hat niemand gesehen, bis sie zu dem Polizisten kam, der mit dem Dienstmädchen sprach.«

 

»Die ganze Sache ist sehr merkwürdig«, gab Andy zu. »Vielleicht ist sie auch wieder umgekehrt. Ich war gleich darauf zu Bett gegangen.«

 

»Sie glauben, sie sei wieder zu Merrivan zurückgegangen?« Downer sah ihm jetzt voll ins Gesicht. »Nachdem sie erst den Ring weggeworfen hatte?«

 

»Sie kann ihn doch auch verloren haben. Sie kann noch einmal die Straße abgegangen sein, um ihn zu suchen.«

 

»Der Ring wurde aber dicht neben der Straße gefunden«, erwiderte Downer hartnäckig. »Entweder hat sie ihn fortgeworfen, oder sie ist nicht quer über den Rasen gegangen, wie Sie gesagt haben. Der Mittelpunkt der Rasenfläche liegt ungefähr achtzig Meter von dem Platz entfernt, wo der Ring gefunden wurde.«

 

»Nein, einundachtzig Meter«, sagte Andy ernst, und Downer lachte.

 

»Ich gebe ja zu, daß an der ganzen Geschichte mit der Frau nicht viel ist. Diese älteren Herren haben gewöhnlich allerhand merkwürdige Freundschaften. Wahrscheinlich war es irgendein Frauenzimmer aus Beverley.«

 

Er sah den Detektiv scharf an, aber Andy zuckte nicht mit der Wimper. Dieser Mann wußte alles. Andy gab sich nicht die Mühe, darüber nachzudenken, woher er es wußte.

 

»Ich glaube nicht, daß wir schlecht über Mr. Merrivan sprechen sollten. Der Mann lebte sehr vernünftig, soweit man weiß.«

 

»Die Frau beging den Mord jedenfalls nicht«, sagte Downer überzeugt, »aber die Angelegenheit muß schließlich aufgeklärt werden. Ist Scottie wieder an der Arbeit?« fragte er plötzlich unvermittelt.

 

Andy mußte lachen.

 

»Ja, er ist sehr aktiv. Aber augenblicklich hat er sich gebessert. Soviel ich weiß, sitzt er Mr. Nelson zu einem Bild.«

 

»Ich habe auch so etwas gehört, daß Scottie sich bessern will, ich habe einige Erkundigungen darüber eingezogen. Diese Miss Nelson ist ein charmantes Mädchen.«

 

»O ja, sie ist wirklich entzückend.«

 

Downer nickte.

 

»Der Mord ist ihr sicher sehr nahegegangen. Sie war doch eine Freundin Mr. Merrivans? Er lieh ihr vor etwa neun Monaten dreihundert Pfund. Aber das geht uns natürlich nichts an. Es ist ja kein Unrecht, wenn eine Dame von einem Herrn Geld borgt, der dem Alter nach ohne weiteres ihr Vater sein könnte.«

 

Das war nun etwas Neues für Andy; er war überzeugt, daß Downer es nicht aufs Geratewohl sagte.

 

»Wie haben Sie das erfahren?«

 

»Ich habe vergessen, wer es mir erzählte«, erklärte Downer gähnend. »Also auf Wiedersehen, ich komme später einmal bei Ihnen vorbei.«

 

*

 

Ein Beamter von Scotland Yard war nach Beverley Green gekommen, um Andy bei der Abfassung eines Berichtes über das Verbrechen zu helfen. Diesem Mann gab er einen dringenden Auftrag.

 

»Gehen Sie nach Beverley und versuchen Sie herauszubringen, ob Downer gestern schon hier war und mit wem er gesprochen hat. Wahrscheinlich ist er im Beverley-Hotel abgestiegen.«

 

Andys Vermutung kam der Wirklichkeit sehr nahe. Mr. Downer war mit dem Abendzug angekommen, und er hatte sich zum Abendessen einen Angestellten der Michan Farmer’s Bank eingeladen.

 

»Er ist ein entfernter Verwandter von Downer«, berichtete der Beamte durch das Telefon. »Der junge Mann ist erst kurze Zeit in Beverley.«

 

»Und er wird auch nicht mehr lange dort bleiben«, sagte Andy.

 

Dieser Angestellte war offenbar Downers Informationsquelle. Die Tatsache, daß sein Verwandter seine Stellung verlieren würde, wenn er Bankgeheimnisse ausplauderte, bedeutete Mr. Downer nicht mehr, als ob es seinen schlimmsten Feind getroffen hätte.

 

*

 

Am Nachmittag unterhielt man sich bei Nelson über Geldangelegenheiten. Der Maler kam in seinem langen, weißen Arbeitskittel aus dem Atelier. Er war schon den ganzen Morgen auffallend ruhig gewesen, hatte beim Mittagessen kaum ein Wort gesprochen, und Stella war etwas beunruhigt, denn diese Anzeichen bedeuteten nichts Gutes.

 

Er schloß die Tür sorgfältig und vergewisserte sich, daß sie auch wirklich geschlossen war.

 

»Stella, ich bin heute morgen sehr früh aufgewacht und habe über allerhand nachdenken müssen. Erinnerst du dich noch an das Geld, das wir von dem armen Merrivan borgten, oder vielmehr, das du borgtest?«

 

Sie nickte.

 

»Haben wir das eigentlich zurückbezahlt?«

 

Sie nickte wieder.

 

»Woher hast du denn das Geld dafür genommen? Ich erinnere mich, daß ich damals in der größten Verlegenheit war, als ich dich bat, es zu besorgen.«

 

Sie antwortete nicht.

 

»Es waren doch dreihundert Pfund?«

 

»Ja, dreihundert«, erwiderte sie ruhig.

 

»Woher in aller Welt haben wir denn dreihundert Pfund genommen, um sie ihm zurückzugeben? Bist du auch sicher, daß du sie wirklich zurückgezahlt hast?«

 

»Ja, Vater, ich habe die Quittung.«

 

Er ließ sich am Tisch nieder und schien nachzudenken.

 

»Ich habe allerdings nur noch eine ganz unbestimmte Vorstellung von der Sache, ich besinne mich nur dunkel darauf – wie auf einen bösen Traum. Aber hast du das Geld damals« – er zögerte – »während jener schrecklichen Woche zurückgegeben?«

 

Er war während dieser schrecklichen Woche nicht einmal nüchtern nach Hause gekommen.

 

»Ich hatte doch damals eine Menge Geld – woher hatte ich das nur?«

 

»Ich weiß es nicht.«

 

Er trommelte nervös mit den Fingern auf die Tischplatte.

 

»Es ist doch zu merkwürdig. In dieser Zeit muß irgend etwas Schreckliches vorgefallen sein. Aber ich kann nicht sagen, was es war. Du kannst dich wirklich an nichts erinnern?« Er sah sie scharf an. »Ich hatte sogar damals Augenblicke der Zerknirschung und Reue, und wenn ich etwas getan hätte, würde ich es sicher gesagt haben. Ich möchte nur wissen, woher in aller Welt ich das Geld bekommen habe.«

 

Sie half ihm nicht, sie hatte die Folgen seines Vergehens tragen müssen und war fast darunter zusammengebrochen. Sie wollte ihm nicht auch noch diese Gewissenslast aufbürden.

 

In der Dämmerung goß Stella ein Blumenbeet, das bei der Hecke lag, die den vorderen Garten von der Straße trennte. Zwei Herren gingen vorbei, und sie hörte einen Teil ihrer Unterhaltung, die allerdings recht einseitig war, denn der eine gab dem anderen nur wenig Gelegenheit, auch einmal ein Wort einzuwerfen.

 

»Als ich Sie zum erstenmal sah, Mr. Wilmot, dachte ich, daß es schwer sei, Sie näher kennenzulernen. Ruhige, tief veranlagte Naturen wie Sie bleiben uns Zeitungsleuten immer ein Rätsel.«

 

Mr. Downer sprach mit Mr. Wilmot über ein Thema, das diesen sehr interessierte, nämlich Mr. Wilmot.

 

Kapitel 18

 

18

 

Andy Macleod hatte alle Morgenzeitungen abonniert, und sie wurden ihm schon gebracht, während er noch im Bett lag. Er griff zuerst nach dem ›Megaphone‹, denn er hatte erfahren, daß Downer im Auftrag dieser Zeitung nach Beverley gekommen war.

 

Er öffnete das Blatt mit einem unangenehmen Gefühl. Es hatte ihn nicht getäuscht. Im allgemeinen ist das ›Megaphone‹ kein Sensationsblatt. Es hat eine neutrale Einstellung und bringt ausgezeichnete Nachrichten aus dem Ausland, außerdem hat es ein recht gutes Feuilleton. Berichte über Verbrechen erschienen gewöhnlich nur auf den hinteren Seiten. Aber diesmal hatte das ›Megaphone‹ eine Ausnahme gemacht und dem Gerichtsbericht das erste Blatt eingeräumt.

 

Andy betrachtete die Überschrift.

 

›Die mitternächtliche Frau‹

 

Aber erst als er die zweite Zeile las, sprang er mit einem Fluch aus dem Bett.

 

›Die Beziehungen Miss Nelsons zu dem verstorbenen Mr. Merrivan.‹

 

Er konnte den Artikel nicht gleich lesen, er war zu wütend. Er legte die Zeitung wieder aus der Hand. Bestürzt dachte er daran, was Stella durchmachen mußte, wenn sie diese Überschrift sah. Dieser Downer! Andy hatte bisher noch keinen Zeitungsmenschen umgebracht, aber er war jetzt davon überzeugt, daß eine solche Tat unter gewissen Umständen ein besonderes Vergnügen bereiten konnte.

 

Schließlich nahm er die Zeitung auf. Er las:

 

›Die Leichenschau in Beverley, die wegen der beiden unter ungewöhnlichen Umständen ermordeten Männer stattfand, war nur eine reine Formalität, wie unser Sonderkorrespondent berichtet. Es kamen dabei keine Tatsachen ans Licht, die die Öffentlichkeit nicht schon vorher gewußt hätte. Auch brachte uns die Verhandlung der Aufklärung des Geheimnisses um keinen Schritt näher.

 

Aus irgendeinem geheimnisvollen Grund behauptet die Polizei, daß der Name der Frau nicht bekannt sei, die Mr. Merrivans Haus um halb elf aufsuchte und um elf wieder verlassen haben soll. Doktor Andrew Macleod, der nicht nur ein bedeutender Pathologe, sondern auch ein hervorragender Detektiv und der Schrecken aller Übeltäter ist, bestätigte durch seine Zeugenaussage, daß er eine Frau gesehen habe, die das Haus um elf Uhr verließ. Die Nacht aber war sehr dunkel und der Mond hinter Wolken verborgen, so daß es Doktor Macleod unmöglich gewesen sein muß, die Frau über den Rasen gehen zu sehen. Daß eine Frau um diese Zeit in Beverley Green über die Straße ging, konnte festgestellt werden. Es war ein Dienstmädchen, das zum Briefkasten am Ende der Straße ging, um einen Brief einzuwerfen. Der Kasten steht an der Verbindung der Haupt- mit der Seitenstraße. Das war bestimmt die Frau, die Doktor Macleod gesehen hat, und nicht die Frau, die Mr. Merrivans Hausmeister hörte. Diese hatte mit dem Ermordeten einen Streit. Wer war sie? Es ist in Beverley bekannt, daß es Miss Stella Nelson war, die Tochter des bekannten Malers Kenneth, Nelson, der in Beverley Green wohnt.

 

Es ist kein Geheimnis, daß Mr. Merrivan vor dieser Dame die größte Hochachtung empfand. Ich darf auch hinzufügen, daß er ihr mehr als freundschaftlich zugetan war. Er hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht, und sein Angebot scheint nicht ungünstig aufgenommen worden zu sein, denn drei Tage vor seiner Ermordung kaufte er einen Verlobungsring bei der Firma Stelling in London. Am Tag nach dem Mord wurde der Ring ungefähr fünfzig Meter vom Gartentor des Nelsonschen Hauses entfernt auf dem Rasen gefunden. Es ist ferner bekannt, daß Miss Nelson vor einiger Zeit in finanziellen Schwierigkeiten war und von Mr. Merrivan ein Darlehen von dreihundert Pfund erhielt. Dieses Darlehen wurde zurückgezahlt mit einer Summe, die durch zwei Wechsel gedeckt wurde. Albert Selim hat ihr das Geld beschafft – der Mann, der als Mörder Mr. Merrivans gilt.

 

Diese Wechsel, die sich noch am Tage vor der Tat im Haus des Ermordeten befanden, sind verschwunden. Wie lernte die junge Dame den berüchtigten Albert Selim kennen? Wie wurde sie so gut mit ihm bekannt, daß er ihr eine große Summe vorstreckte, ohne die geringste Sicherheit in der Hand zu haben? Dieser Punkt muß aufgeklärt werden. Es steht aber außer allem Zweifel, daß der Name von Darius Merrivan als Akzeptant auf den Wechseln stand. Die Neuigkeit, daß diese Scheine tatsächlich in den Besitz des Verstorbenen übergegangen waren, kam wie ein Donnerschlag. Man kann sich dies nur dadurch erklären, daß die Unterschriften des Akzeptanten gefälscht waren. Ich will hiermit nicht sagen, daß Miss Nelson dies wußte oder daß sie in irgendeiner Weise an dem Betrug beteiligt war, der wahrscheinlich mit diesen Scheinen vorgenommen wurde. Eine Woche vor der Mordtat hat Mr. Merrivan seinem Neffen, Mr. Artur Wilmot, die Wechsel gezeigt. Er verwahrte sie zusammen mit der Heiratsurkunde eines früheren Dienstboten, die er wahrscheinlich als Erinnerung aufhob, und mit verschiedenen anderen Dokumenten in dem Raum, in dem Mr. Merrivan die letzte Unterredung mit Miss Nelson hatte und wo er ermordet wurde.

 

Auch diese Dokumente sind verschwunden. Als die Polizei das Haus durchsuchte, fand man im Kamin des Mordzimmers einen Haufen verbrannten Papiers. Es ist klar, daß der Mörder den kleinen Geldschrank im Zimmer plünderte und durchsuchte, um in den Besitz dieser Papiere zu kommen, und sie dann verbrannte, bevor er floh. Wer hätte schon Interesse an ihnen gehabt haben können? Offensichtlich doch nur die Person, die die Unterschrift Mr. Merrivans fälschte!

 

Was nun den Aufenthalt Miss Nelsons am Abend des Verbrechens angeht, so ist ein Zeuge vorhanden, der sie das Haus Mr. Merrivans betreten sah. Auf der anderen Seite ist es eine untrügliche Tatsache, daß niemand sie wieder herauskommen sah. Doktor Macleods Aussage kann als ein entschuldbarer Irrtum übergangen werden. Er sah eben eine Frau unter seinem Fenster vorbeikommen und bildete sich ein, daß sie aus Mr. Merrivans Haus gekommen sei. Der Schreiber dieser Zeilen ist inzwischen in dem Zimmer gewesen, das Doktor Macleod bewohnte, und von dessen Fenster aus er die Wahrnehmung gemacht haben will. Er hat selbst feststellen können, daß es absolut unmöglich ist, von dort aus die Haustür Mr. Merrivans zu sehen. Doktor Macleods Irrtum hat dazu beigetragen, die Untersuchungen noch zu erschweren.

 

Die bemerkenswerteste Tatsache ist aber die außerordentliche Vorsicht, mit welcher er diesen Damenbesuch kommentierte. Er sagte zu einem Berichterstatter, es sei wahrscheinlich eine Nachbarin gewesen. Diese Angabe steht in direktem Widerspruch zu seiner Aussage, daß die Frau unter seinem Fenster vorüberging. Einem zweiten Berichterstatter erzählte er noch eine andere Version. Die Entdeckung des Ringes behandelte er als nebensächlich. Nur in einer Beziehung war er konsequent: Er versuchte mit allen Mitteln, den Namen Miss Nelsons aus der Diskussion des Falles herauszuhalten. Er stellte sich zwischen sie und alle, die – wie er selbst – sich bemühten, den Mörder von Darius Merrivan zu entdecken.‹

 

Andy las den Artikel noch einmal. Er war in seiner Art ein Meisterstück: Die Wahrheit war so boshaft mit Verfälschungen gemischt, daß nur ein Eingeweihter wissen konnte, wo sich die wirklichen Tatsachen von den Entstellungen schieden. Es waren natürlich Artur Wilmots Aussagen, die dieser Downer so glänzend verwertet hatte.

 

Andy zog sich schnell an und eilte zu Stella. Sobald er sie sah, wußte er, daß sie den Artikel gelesen hatte.

 

»Mr. Scottie hat ihn zuerst gesehen. Er hat meinen Vater auf einen Spaziergang mitgenommen, damit er draußen skizzieren solle. Glücklicherweise hatten sie das schon vor mehreren Tagen verabredet.«

 

»Dein Vater hat also den Artikel nicht gelesen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

Er war erstaunt über ihre Selbstbeherrschung. Er hatte erwartet, sie vor einem Nervenzusammenbruch zu finden.

 

»Artur hat es Downer erzählt«, erklärte sie, »Nun weißt du die Wahrheit, Andrew.«

 

»Ich wußte sie schon lange. Nur daß du Geld geliehen hattest, war mir neu. Du hast es natürlich für deinen Vater besorgt?«

 

»Ja«, sagte sie ohne Zögern. »Es hat jetzt keinen Zweck mehr, es zu verheimlichen.«

 

In ihrem Blick lag ein sonderbares Leuchten, wie er es noch nie an ihr bemerkt hatte.

 

»Du hast mich beschützt, aber was wird jetzt geschehen?«

 

»Ich will dir sagen, was Downer erwartet – er glaubt, daß ich noch heute meinen Abschied einreiche«, erwiderte er in sachlichem Ton.

 

Sie erschrak.

 

»Dann hat diese Sache also deine Karriere ruiniert, Andy?«

 

»Ich gebe zu, daß ich mir darüber keine falschen Vorstellungen mache. Aber ich habe meine Pflicht nur insoweit vernachlässigt, als ich mich weigerte, eine Spur aufzunehmen, die mich doch zu keinem positiven Ergebnis geführt hätte. Ich weiß, daß du den Mord nicht begangen hast. Wenn ich meinen Abschied einreiche, dann muß ich die Redaktion des ›Megaphone‹ wegen Verleumdung verklagen, und du würdest zu einem gleichen Schritt gezwungen. Aber wir wollen die Sache nicht vors Gericht bringen, Stella, ich weiß noch einen besseren Weg. Diese verfluchte Frau unter dem Fenster! Ich habe natürlich niemand gesehen«, sagte er ganz offen, »ich wollte nur ein Alibi für dich schaffen. Es war wirklich ein glücklicher Zufall, daß Sheppards Dienstmädchen noch um diese Zeit ausging, damit sie Downer meine Aussage erklären konnte.«

 

»Ist das Mädchen tatsächlich ausgegangen?«

 

Er nickte.

 

»Downer ist in solchen Dingen zuverlässig. Wenn er sagt, daß sie um elf Uhr ausging, dann kannst du dein ganzes Vermögen darauf wetten, daß er recht hat. Wilmot gab ihm die Informationen, er ist natürlich unrechtmäßig in den Besitz der Schriftstücke gekommen. Du hast doch die Wechsel selbst hierhergebracht?«

 

Sie schwieg eine Weile.

 

»Andy, ich muß dir ein Geständnis machen«, sagte sie dann. »Ich hätte es dir gleich sagen sollen, aber Scottie riet mir dringend, es nicht zu tun.«

 

Sie erzählte ihm von dem Besuch Artur Wilmots, wie er ihr die richtigen Wechsel zeigte und wie Scottie sie ihm abgenommen hatte. Andy hörte interessiert zu, und plötzlich wurde ihm alles klar.

 

»Nun verstehe ich. Dieser erpresserische Schurke! Durch das Ausplaudern suchte er sich auf billige Weise an dir zu rächen. Niemand kann beweisen, daß sein Onkel ihm die Wechsel nicht eine Woche vor seinem Tod gezeigt hat, und ihr Verschwinden sieht natürlich sehr verdächtig aus, wenn man bedenkt, daß in Merrivans Kamin tatsächlich Asche von verbranntem Papier gefunden wurde. Was sollen wir nun tun, Stella?« Er war im Zimmer auf und ab gegangen. »Ich habe Wilmot die Erlaubnis gegeben, das Haus zu betreten, und dabei hat er diese Dinge gefunden. Was war es doch? Die Heiratsurkunde eines früheren Dienstboten, einige wichtige Dokumente und die Wechsel. Warte einen Moment!«

 

Er eilte mit großen Schritten davon.

 

Kapitel 19

 

19

 

Andy hatte Glück, den Sergeanten gleich zu treffen, der zugegen gewesen war, als Artur Wilmot das Haus betreten hatte.

 

»Nein, Sir, ich glaube, er war fast die ganze Zeit im Schlafzimmer. Er war überhaupt nicht lange hier«, erwiderte der Beamte auf seine Frage.

 

Andy lief die Treppe hinauf, jedesmal zwei Stufen zugleich nehmend. Er hatte Merrivans Schlafzimmer schon drei- oder viermal durchsucht. Rein gefühlsmäßig wußte er, daß das Geheimfach irgendwo in der Nähe des Bettes sein mußte. Das Wappen und die Tudor-Rose zogen seine Aufmerksamkeit auf sich, da er bemerkte, daß das eine flache Ende des Blumenblattes geradestand und mit dem Bettpfosten einen rechten Winkel bildete, während es an dem anderen Pfosten nach der Seite gedreht war. Er zog an der Rose, und als das nichts half, versuchte er, sie zu drehen. Plötzlich knackte es, und eine Schublade öffnete sich.

 

Sie schien leer zu sein. Als er aber genauer hinschaute, sah er ein Stück Papier, auf dem drei verschiedene Geldbeträge notiert waren. Die erste Zahl war 6700 Pfund, sie war durchgestrichen. Die zweite 6500 Pfund, aber auch dieser Betrag war gestrichen und darunter geschrieben: 6370 Pfund. Die Differenz zwischen den beiden letzten Summen betrug 130 Pfund. Das war der Preis des Brillantringes. Andrew war nun klar, daß in dieser Schublade auch die Wechsel und die Heiratsurkunde jenes ehemaligen Dienstboten verborgen gewesen sein mußten und außerdem bestimmt noch diese 6370 Pfund!

 

Merrivan war doch ein gewissenhafter Mann gewesen. Er hatte genau Buch geführt über das Geld, das im Geheimfach aufbewahrt wurde. Wenn er etwas davon genommen hatte, strich er die alte Summe aus und schrieb den Betrag darunter, der übrigblieb.

 

Andy ging zu Stella zurück, er war jetzt viel zuversichtlicher. Sie saß noch genauso da, wie er sie verlassen hatte.

 

»Andy, du wirst doch nicht wirklich deinen Abschied einreichen?« sagte sie, als er wieder in das Zimmer trat. »Ich werde den ganzen Sachverhalt wahrheitsgetreu aufschreiben und dir dieses Schriftstück übergeben.«

 

»Wie willst du denn Scotties Eingreifen erklären?«

 

Sie senkte den Kopf.

 

»Daran habe ich nicht gedacht.«

 

»Nein, meine Liebe, wir sind das beste Beispiel für das nette, alte Sprichwort von den Betrügern, die sich in ihren eigenen Netzen fangen. Wir sind so miteinander verkettet, daß keiner von uns ohne den anderen herauskommen kann. Aber ich werde meinen Abschied trotzdem nicht nehmen. Wir wollen die Sache auf sich beruhen lassen, bis ich höre, wie man in Scotland Yard darüber denkt.«

 

Zwischen dem Yard und der Redaktion des ›Megaphone‹ herrschte eine alte Spannung. Andy erhielt also lediglich eine Aufforderung, persönlich zum Yard zu kommen. Er sprach dort eine Stunde mit seinem unmittelbaren Vorgesetzten. Das Ergebnis dieser Unterredung war, daß er sich nicht nur vollständig rechtfertigen, sondern sogar seine Stellung festigen konnte. Und als er nach Beverley Green zurückkehrte, fand er ein Schreiben von Downer vor, in dem sich dieser halb und halb entschuldigte. Das war sonst nicht seine Art.

 

Mr. Nelson hatte inzwischen auch den Artikel gelesen. Er tobte. Glücklicherweise traf er weder Downer noch Artur Wilmot. Scottie versuchte, ihn zu besänftigen.

 

»Es ist einfach ungeheuerlich, Macleod«, rief er wütend. »Ich werde diese Kerle wegen Verleumdung verklagen. Am besten wäre es, diesen Schuften den Schädel einzuschlagen!«

 

»Bezüglich der Klage können Sie natürlich tun, was Sie wollen«, erwiderte Andy. »Immerhin würden Sie mich in eine sehr schwierige Lage bringen, wenn Sie sich jetzt in die Sache einmischen wollten. Ich werde schon etwas unternehmen, um Downers Ausführungen zu entkräften. Er hat wahrscheinlich schon einen neuen, scharfen Artikel für morgen zurechtgebaut, aber wenn ich mich nicht sehr irre, wird er nicht gedruckt werden. Man kann einen Berichterstatter in derselben Weise angreifen wie einen Staatsanwalt. Man muß nur die Glaubwürdigkeit ihrer Zeugen erschüttern. Und ich werde jetzt Artur Wilmot einen Schrecken einjagen, an den er sein Leben lang denken soll.«

 

Wilmot hatte in Downer einen klugen und urteilsfähigen Menschen gefunden. Er versicherte dem Journalisten verschiedene Male, daß er keine schnellen Freundschaften schließe. Downer behauptete natürlich, er habe diesen Eindruck auch gehabt. Sie speisten zusammen im Beverley-Hotel zu Abend.

 

»Ihr Artikel war ein wenig scharf, Mr. Downer.«

 

»Nein, ich glaube nicht«, sagte Downer gleichgültig, »Er bringt allerdings die junge Dame in eine unangenehme Lage, aber wir haben doch zunächst einmal unsere Pflichten als Staatsbürger. Und obgleich ich nicht annehme und niemals angenommen habe, daß sie etwas von dem Mord weiß, hat sie sich doch recht sonderbar benommen.«

 

»Das ist auch meine Meinung. Ich möchte nur betonen, daß ich unter keinen Umständen als derjenige erscheinen möchte, der Ihnen diese Informationen gegeben hat. Als ich Ihnen sagte, daß ich sie in das Haus gehen sah, versprachen Sie mir hoch und heilig, meinen Namen nicht zu erwähnen.«

 

»In Verbindung mit dieser Tatsache«, verbesserte Downer. »Sie können versichert sein, daß ich nicht ein Wort über Sie schreibe, das Sie auch nur im leisesten kompromittieren könnte. Sie haben mir eigentlich noch nichts von Ihren Privatangelegenheiten erzählt, Mr. Wilmot. Ich verstehe das; Sie sind eben einer dieser zurückhaltenden Menschen, die ihr Herz nicht auf der Zunge tragen, aber ich vermute, daß diese junge Dame Sie nicht gerade sehr gut behandelt hat.«

 

»Das ist richtig«, erwiderte Wilmot kurz. »Aber wir wollen nicht darüber sprechen. Ich habe durchaus nichts gegen sie, und wie Sie vorhin schon bemerkten, haben wir gewisse Pflichten als Bürger dieses Landes.«

 

»Ganz gewiß.«

 

Sie gingen langsam nach Beverley Green zurück und benützten den Weg, der am weitesten von Nelsons Haus entfernt war. Downer wurde ein wenig ungeduldig. Er hatte eine ganze Anzahl von Tatsachen gesammelt, aber gerade dieses eine Mal brauchte er Wilmots Erlaubnis, sie zu veröffentlichen, bevor er seinen Artikel abschicken konnte. Später, wenn er erst alle Fäden in der Hand hatte, würde er sich nicht mehr um seine Genehmigung oder Zustimmung zu kümmern brauchen.

 

Es war schon spät, aber er nahm Artur Wilmots Einladung an, noch auf ein paar Minuten zu ihm hinaufzukommen. Er wurde in denselben Raum gebeten, in dem Andy den halbfertigen Damenhut auf dem Tisch gesehen hatte.

 

Es war ein schönes Eckzimmer mit harmonischen Proportionen. Zwei bunte Glasfenster waren in tiefe Nischen eingelassen und von dunkelblauen Samtvorhängen verdeckt. Wilmot hatte die Wahrheit gesagt, als er Andy erklärte, daß kein Dienstbote den Raum betreten durfte, denn er mußte die Tür erst aufschließen, bevor sie hineingehen konnten.

 

»Nehmen Sie bitte Platz«, sagte Artur und drehte das Licht an. »Der Stuhl drüben ist bequemer. Trinken Sie etwas?«

 

»Nein, danke. Ich habe noch viel vor. Nun erzählen Sie mir mal etwas von der jungen Dame. Ich muß die Fortsetzung meines Artikels von gestern bringen. Haben Sie begründete Ursache zu der Annahme, daß Macleod in das Mädchen verliebt ist?«

 

»Einen Augenblick«, erwiderte Wilmot, stand auf, ging zu den zugezogenen Vorhängen am anderen Ende des Raumes und schob sie beiseite. »Ich wußte es doch, ich habe einen Luftzug gefühlt – das Fenster steht auf! Der Himmel mag wissen, wer es aufgemacht hat.« Er schloß es, zog die Vorhänge wieder zu und setzte sich. »Das ist nun gerade die Sache, die ich Sie bitten möchte, nicht zu berühren. Das Mädchen ist eben in dem Alter, in dem man leicht zu beeinflussen ist, und er hat wahrscheinlich großen Eindruck auf sie gemacht.«

 

»Also bestehen zwischen den beiden doch Beziehungen?« fragte Downer schnell.

 

»Ja, es ist eine Art von« – Wilmot zögerte – »ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrücken soll. Er ist bedeutend älter als sie, und er hat alle Tricks gebraucht, um …«

 

»Nein, ich glaube kaum, daß man es so bezeichnen kann«, entgegnete Mr. Downer. »Sollen wir nicht lieber sagen, daß sich eine Freundschaft zwischen ihnen entwickelt hat? Die Leser verstehen schon, was ich damit sagen will. Ich möchte nämlich die Vorstellung hervorrufen, daß er sich mit dem Mädchen eingelassen hat.«

 

Es klopfte leise an die Tür, und ein Dienstmädchen trat ein.

 

»Mr. Macleod möchte Sie sprechen.«

 

Die beiden wechselten einen schnellen Blick, und Downer nickte.

 

»Bitten Sie ihn herein«, sagte Wilmot, dem es plötzlich sehr unbehaglich wurde.

 

»Guten Abend, Downer – guten Abend, Mr. Wilmot.«

 

Andy blieb an der Tür stehen und betrachtete sie.

 

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?« fragte Wilmot nervös. »Sie kennen Mr. Downer?«

 

»Sehr gut sogar«, erwiderte Andy gelassen.

 

»Sie sind doch nicht etwa über meinen Artikel ärgerlich?« fragte Downer mit gutgeheucheltem Erstaunen. »Sie sind schon zu lange im Fach, um sich darum zu kümmern, was die Zeitungen sagen.«

 

»Dieser Herr ist also die Quelle Ihrer Informationen?« Andy wies mit dem Kopf zu Wilmot hinüber.

 

»Das möchte ich nicht behaupten.«

 

»Downer, Sie halten sich in Ihren Artikeln gewöhnlich so eng wie möglich an die Wahrheit. Aber diesmal haben Sie einen Bericht losgelassen, der dazu bestimmt war« – Downer lächelte – »die Ziele der Justiz zu durchkreuzen. Unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe Ihnen so etwas noch nie sagen müssen, und ich hoffe, daß ich es nicht wieder tun muß. Miss Nelson mag eine Klage gegen Ihre Zeitung erheben, oder nicht, das steht in ihrem Ermessen. Wenn sie es aber tut, dann wird es Ihre Zeitung zwanzigtausend Pfund kosten.«

 

»Mein Bericht geht auf eine zuverlässige Quelle zurück.«

 

»Sie meinen damit doch nicht etwa diesen Mann?« Andy zeigte auf den düster dreinschauenden Wilmot. »Ich werde Ihnen gleich zeigen, wie sehr Sie sich auf ihn verlassen können.« Er trat auf Arthur Wilmot zu und schaute verächtlich auf ihn hinunter. »Ich bin gekommen, um mich nach dem Verbleib einer Summe von 6370 Pfund zu erkundigen, die aus einem Geheimfach in Mr. Merrivans Bett entwendet wurden.«

 

Wilmot sprang auf, als ob er einen Schlag bekommen hätte.

 

»Was – was?« stammelte er.

 

»Außerdem sind noch verschiedene Dokumente von Ihnen gestohlen worden!«

 

»Gestohlen?« wiederholte Wilmot mit schriller Stimme. »Wie dürfen Sie das sagen? Ich bin der Erbe meines Onkels!«

 

»Sie wurden von Ihnen gestohlen, ich sage es noch einmal mit allem Nachdruck. Ob Sie der Erbe Ihres Onkels sind, wird das Gericht entscheiden. Es lag eine gewisse Heiratsurkunde dabei« – er schaute Wilmot scharf an, als er sprach, und er bemerkte seine Verwirrung. »Ich glaube, daß Sie noch in ernste Schwierigkeiten kommen werden. Was haben Sie mir darüber mitzuteilen?«

 

Artur Wilmot atmete schwer, er war unfähig zu sprechen.

 

Andy wandte sich an den Journalisten.

 

»Wird es Ihnen nun klar, daß dieser Mann unter einem schweren Verdacht steht und daß auch Sie eine Anzeige zu gewärtigen haben, da Sie mit ihm unter einer Decke stecken, um eine unschuldige Frau zu verdächtigen?«

 

»Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun«, antwortete Downer. »Ich berichte nur die Tatsachen, die ich vorfinde.«

 

»Sie erfinden aber noch ein wenig dazu, Sie sind weit davon entfernt, objektiv zu sein, Downer. Im Gegenteil, Sie nehmen Partei. Ich muß hieraus den Schluß ziehen, daß Sie von dem Diebstahl wußten.«

 

»Ich würde mich doch an Ihrer Stelle hüten, von einem Diebstahl zu reden«, unterbrach ihn Mr. Wilmot, der seine Fassung wiedergefunden hatte. »Ich gebe zu, daß ich verschiedene Dinge aus jener Schublade genommen habe, aber das war der Wunsch meines Onkels.«

 

»Haben Sie denn die Sache seinem Rechtsanwalt gemeldet?« fragte Andy trocken.

 

»Das war nicht nötig.«

 

»Das war sehr nötig«, verbesserte Andy.

 

»Ich nahm diese Dinge, weil ich fürchtete, sie könnten in die Hände der Dienstboten fallen.«

 

»Was lag denn noch in der Schublade?«

 

»Wenn Sie früher gekommen wären, hätte ich Ihnen alles übergeben«, lenkte Wilmot ein.

 

»Ich möchte wissen, was Sie genommen haben.«

 

»Einen Trauschein, eine Geldsumme – es kann der Betrag gewesen sein, den Sie nannten, obgleich ich ihn nicht nachgezählt habe –, dann noch eine Liste von Sicherheiten und –«, er machte eine Pause und sprach dann mit besonderem Nachdruck weiter – »zwei gefälschte Wechsel von Mr. Nelson zugunsten Albert Selims, die von meinem Onkel akzeptiert waren. Aber die Unterschriften Mr. Merrivans waren gefälscht. Diese Wechsel sind mir von einem Verbrecher gestohlen worden, der in Ihren Diensten steht. Wahrscheinlich sind sie vernichtet worden.«

 

»Wann war das?« fragte Andy.

 

»Vor zwei Tagen.«

 

»Haben Sie die Sache angezeigt?«

 

»Nein, Sie wissen sehr gut, daß ich das nicht getan habe.«

 

»Warum denn nicht?« fragte Andy kühl. »Das Gesetz schützt Sie ebensogut wie jeden anderen. Sie erwarten doch nicht etwa, daß ich Ihnen glaube, Sie hätten sich ruhig zwei wertvolle Dokumente stehlen lassen und kein Wort davon gesagt, obwohl der ganze Ort von Polizeibeamten wimmelt?«

 

Wilmot schwieg.

 

»Auf alle Fälle will ich die Sachen jetzt sehen. Wo sind sie?«

 

»Dort im Wandschrank«, sagte Wilmot mürrisch.

 

Er nahm einen Schlüsselbund aus der Tasche und begann daran zu suchen.

 

»Wo zum Teufel ist denn der Schlüssel zum Safe?«

 

Wilmots Bestürzung war echt. Hastig ließ er einen Schlüssel nach dem anderen durch die Finger gleiten.

 

»Der Schlüssel war heute nachmittag noch an dem Bund, als ich zum Baden ging. Ich habe ihn nur einen Augenblick aus der Hand gelegt.«

 

Er schob das Paneel beiseite, das den Geldschrank verdeckte.

 

»Die Tür ist ja gar nicht geschlossen«, sagte Andy.

 

Mit einem überraschten Ausruf öffnete Wilmot die Tür ganz und faßte hinein.

 

»Großer Gott!« rief er erleichtert. »Ich dachte, jemand habe sie gestohlen!«

 

Er warf die Brieftasche auf den Tisch.

 

»Und die anderen Dokumente?«

 

»Hier ist die Liste der Sicherheiten und hier …« er suchte und tastete noch einmal. Andy sah, daß er verstört war. »Aber ich kann einen Eid darauf leisten, daß ich ihn hierhergelegt habe.«

 

»Was denn?«

 

»Der Trauschein ist verschwunden!«

 

Andys Blick fiel in diesem Moment zufällig auf die Tür. Zwischen dem Türrahmen und den dunkelblauen Samtvorhängen, welche da ein Fenster verdeckten, war der Lichtschalter angebracht. Andy sah, wie eine Hand hinter dem Vorhang hervorkam und sich zum Schalter hinbewegte. Er war starr vor Erstaunen. Plötzlich hörte man ein Knacken, und der Raum lag vollkommen im Dunkeln. Im nächsten Augenblick blitzte eine Taschenlampe auf.

 

»Rühren Sie sich nicht von der Stelle!« rief eine heisere Stimme. »Wenn Sie es tun, schieße ich Sie sofort nieder, wer es auch gerade sein mag!«

 

»Wer sind Sie?« fragte Andy.

 

»Mein Name ist Albert Selim.«

 

Schon hatte sich die Tür geöffnet und wieder geschlossen. Sie hörten, wie der Schlüssel umgedreht und gleich darauf die Haustür zugeschlagen wurde.

 

Andy sprang zu dem Fenster, das nach der Straße zu lag, und riß den Vorhang beiseite. Aber durch die bunten Glasfenster hätte man auch am hellen Tag nichts erkennen können. Er riß das Fenster auf und sah hinaus. Von dem Einbrecher war nichts mehr zu sehen.

 

»Das ist wieder so ein Abenteuer Ihres Freundes Scottie«, sagte Wilmot zähneknirschend.

 

Andy wandte sich ihm zu.

 

»Mein Freund Scottie, wie Sie ihn zu nennen belieben, hätte kaum sechstausend Pfund in Ihrem Geldschrank gelassen. Außerdem hat er nicht so gepflegte Hände wie der Mann, der das Licht ausschaltete.«

 

Auf Andys schrillen Pfiff stürzte ein Polizist herbei.

 

»Schicken Sie den Sergeanten zu mir und rufen Sie Ihre Station an, daß alle Leute zu einer Durchsuchung des Geländes ausgeschickt werden. Sehen Sie zu, daß Sie jede mögliche Unterstützung bekommen – aber machen Sie schnell!«