Kapitel 33

 

33

 

Für Mr. Stephen Narth war es ein Unglückstag gewesen. Wenn sein Egoismus auch sein Gewissen in weitestem Maß beruhigt hatte, so fühlte er doch das größte Unbehagen, daß er einem unschuldigen Mädchen solches Leid angetan hatte. Immer wieder ließ er sich von Fing-Su wiederholen, daß ihr nichts Böses geschehen sollte. Aber seine Vernunft wies diese Entschuldigungen als grobe Selbsttäuschung zurück. Aber um das Maß voll zu machen, hatte er erfahren, daß Joe Bray am Leben war. Diese Nachricht traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und die goldenen Schätze, die schon greifbar vor ihm lagen, hakten sich in Schaumgold verwandelt.

 

Joe Bray lebte!

 

Er hatte sich einen fein ausgedachten Scherz mit seinem Erben erlaubt. Der Ausweg, der sich ihm aus seinen geschäftlichen Schwierigkeiten gezeigt hatte, war nun wieder verschlossen. Seine einzige Hoffnung gründete sich nun auf sein Verhältnis zu Fing-Su.

 

Stephen Narth war zu intelligent, um zu glauben, daß dieser Chinese alle Versprechungen halten würde, die er ihm gemacht hatte. Und doch standen fünfzigtausend Pfund auf dem Spiel. War es die Absicht des Chinesen, mit seinen phantastischen Plänen dieses Geld zu verlieren, wie es doch zweifellos der Fall sein würde, wenn Stephen Narth die Beziehungen zu ihm abbräche? – Bankerott? Was war denn Bankerott anders als ein unglückseliger Zufall, der jedem begegnen konnte und manchen Besseren und Höhergestellten getroffen hatte als Stephen Narth. Und wenn er nun seinen Bankerott erklärte, dann konnte der Chinese ja sehen, wie er zu seinem Gelde kam.

 

Das war der einzige tröstliche Gedanke, den er an diesem Nachmittag hatte. Die Aussicht seiner Aufnahme in die Gesellschaft der »Freudigen Hände« machte ihn jetzt schon halb seekrank. Er war wütend, daß er sich so weit herablassen sollte, sich mit diesen spitzbübischen Gelben auf eine Stufe zu stellen.

 

Er war Mitglied zweier Geheimgesellschaften, und seine Kenntnis in diesen Dingen war eingehend genug, so daß er mit den meisten Aufnahmeformalitäten vertraut war. Für ihn war der kommende Abend ermüdend und mit einem unangenehmen Zeitverlust verbunden. Ein Ausflug nach Südlondon wäre schon zu einer anderen Tageszeit ein übles Unternehmen gewesen, aber die Gewißheit, daß er dort um Mitternacht seinen Besuch machen sollte, empörte ihn. Die Vorstellung, daß er sich dort zwei Stunden in der Gesellschaft von Chinesenkulis aufhalten sollte, machte ihn rasend.

 

Spedwell speiste mit ihm in seinem Hotel und bemühte sich, ihm die kommende Feier zu erläutern. Dieser Mann mit dem mageren Gesicht und den unbeständigen, stechenden, dunklen Augen konnte glänzend sprechen. Aber es gelang ihm nicht, Stephen Narth zu besänftigen. Narth war keineswegs wählerisch, aber die große Tradition seiner Vorfahren wirkte in ihm nach, und je mehr er über seine Lage nachdachte, desto mehr haßte er die Ereignisse dieses Tages und die kommende Nacht.

 

»Es ist nichts Ekelhaftes dabei«, sagte Spedwell schließlich und zündete sich eine große schwere Zigarre an. »Wenn sich jemand beklagen müßte, dann könnte ich es sein. Sie scheinen zu vergessen, Narth, daß ich eingeborene indische Infanterie befehligt habe. Das sind doch vornehme Leute mit europäischer Gesinnung. Bilden Sie sich etwa ein, daß es mir große Freude macht, mich mit diesen asiatischen Kulis auf eine Stufe zu stellen?«

 

»Bei Ihnen ist das etwas anderes«, fuhr ihn Stephen an. »Sie sind als Soldat ein Glücksritter und können sich allen Umständen anpassen. – Sagen Sie mir aber eins, was ist mit Joan geschehen?« fragte er gereizt.

 

»Es geht ihr gut, sie ist wohl aufgehoben. Ihretwegen brauchen Sie sich keine Sorge zu machen!« sagte Spedwell ruhig. »Ich würde nicht zugeben, daß dem Mädchen etwas geschieht, darauf können Sie sich verlassen!«

 

Für Stephen gingen die Stunden viel zu schnell vorüber. Es war nahe an Mitternacht, als sie zusammen nach Piccadilly gingen. Spedwells Wagen wartete dort, und widerwillig stieg Stephen ein. Den ganzen Weg über quälte er ihn mit Fragen über Fing-Sus Pläne. Warum war man so eifrig bemüht, Stephen Narth in den Geheimbund aufzunehmen? Welche Rolle war ihm zugedacht?…

 

Spedwell antwortete ihm geduldig, aber er war sichtlich erleichtert, als der Wagen durch eine Seitenstraße nahe der Kanalbrücke in die Old Kent Road einbog.

 

»Hier sind wir«, sagte er, und sie stiegen aus.

 

Fünf Minuten hatten sie zu gehen, bevor sie zu einer engen Gasse kamen, die an einer hohen Ziegelmauer entlang lief. Das einzige Licht, das ihnen schien, kam von einer Straßenlaterne, die genau am Eingang der Gasse stand. Sie diente scheinbar einem doppelten Zweck: einmal sollte sie den Wagenverkehr verhindern, und außerdem gab sie der langen, schmutzigen Straße eine höchst minderwertige Beleuchtung. Der Regen prasselte herunter, und Stephen Narth zog den Kragen seines Mantels stöhnend in die Höhe.

 

»Was ist das für ein Platz?« fragte er mürrisch.

 

»Unsere Fabrik – oder unser Warenhaus«, erwiderte Spedwell.

 

Er hielt vor einer Türe an, bückte sich, schloß auf und öffnete.

 

Narth hatte wieder alle möglichen Beschwerden vorzubringen.

 

»War es denn durchaus notwendig, daß ich im Frack kommen mußte?« fragte er.

 

»Selbstverständlich«, sagte Spedwell gelangweilt. »Ich werde Sie führen.«

 

Soweit er bei dem Licht sehen konnte, das die Taschenlampe seines Führers verbreitete, wurde er zu einem kleinen Schuppen gebracht, der an die Wand angebaut war. Der Raum war ganz leer, nur zwei starke Holzstühle standen darin.

 

»Auf jeden Fall ist es hier trocken«, bemerkte Spedwell, als er ringsherum leuchtete. »Sie bleiben solange hier. Ich muß Fing-Su erst Ihre Ankunft melden.«

 

Als Narth allein war, ging er in dem kleinen Raum auf und ab. Er war gespannt, ob Leggat anwesend sein würde, und ob ihm die Aufnahmefeier nicht zu grotesk sein würde, um sie bis zu Ende mitzumachen. Plötzlich wurde aufgeschlossen, und Spedwell kam wieder herein.

 

»Sie können Ihren Mantel hier lassen, wir haben nur ein kleines Stück zu gehen«, sagte er.

 

Mr. Narth hatte sich nach den Instruktionen, die ihm Spedwell früher erteilte, in Frack und weiße Binde gekleidet. Jetzt nahm er auf Aufforderung seines Führers ein Paar Glacéhandschuhe aus der Tasche und zog sie an.

 

»Jetzt werden wir gehen«, sagte Spedwell, drehte das Licht aus und führte ihn fort.

 

Sie gingen auf einem mit Kies bedeckten Weg, der an einer Treppe endete. Diese schien tief in die Erde hinabzuführen. Oben am Eingang zu den Stufen standen zwei statuengleiche, unheimliche Gestalten. Als die beiden näherkamen, rief die eine sie an. Narth verstand die Sprache nicht.

 

Spedwell senkte seine Stimme und zischte etwas. Dann faßte er Narth am Oberarm und stieg mit ihm die Treppe hinunter. Als sie an eine zweite Tür kamen, wurden sie wieder in derselben Sprache angerufen, und wieder antwortete Spedwell. Jemand klopfte an eine Tür. Vorsichtig wurde sie von innen geöffnet. Mit leiser Stimme wurde mehrmals Frage und Antwort gewechselt, dann faßte Spedwell den Arm des andern mit festem Griff und führte ihn in eine lange, phantastisch geschmückte Halle. Bildete Narth es sich nur ein, oder fühlte er tatsächlich, daß Spedwells Hand zitterte?

 

Er konnte einen langen Gang entlangsehen. Zuerst hätte er beinahe laut loslachen mögen. Auf jeder Seite des länglichen Raumes saßen viele Reihen Chinesen hintereinander, jeder in einen billigen, schlechtsitzenden Frack gekleidet. Statt der Hemden trugen sie nur Einsatzstücke. Bei einem sah er, wie das Ende des Chemisettes herausguckte und an der Seite den bloßen braunen Körper des Mannes freiließ. Jeder hatte zwei blitzende Steine als Hemdknöpfe. Man brauchte aber nichts von Theatergarderobe zu verstehen, um sie als Glasimitationen zu erkennen. Feierlich und ehrfurchtsvoll starrten ihn alle diese sonderbaren Erscheinungen in ihren schwarzen Fräcken an.

 

Er schaute mit halboffenem Munde von einer Seite zur anderen. Alle trugen weiße Halsbinden, die auf die sonderbarste Weise zusammengeschlungen waren. Jeder hatte weiße Baumwollhandschuhe an den Händen, die sie auf ihre Knie gelegt hatten. Sein erster Eindruck war, daß er schon früher etwas Ähnliches gesehen haben mußte… und mit einemmal erinnerte sich Narth… richtig, eine schwarze Sängertruppe, die feierlich in derselben Haltung dasaß… ebenfalls mit weißbehandschuhten Händen auf den Knien. Der einzige Unterschied war nur, daß diese Leute der gelben Rasse angehörten.

 

In vier großen blauen Vasen brannten chinesische Räucherstäbe. Der süßliche Rauch füllte den ganzen Raum.

 

Nun blickte er geradeaus durch das große Schiff zu dem weißen Altar. Hinter diesem saß auf einem Thron Fing-Su selbst. Über seinem Frack – zweifellos waren seine Diamanten echt – trug er ein rotseidenes Gewand. Auf seinem Haupte erhob sich eine große goldene Krone, die mit kostbaren, funkelnden Steinen besetzt war. Seine Rechte hielt einen goldenen Stab, die Linke eine glitzernde Kugel, die in dem Licht der mit opalfarbenen Glasglocken bedeckten Kandelaber aufleuchtete. Plötzlich hörte er, wie Fing-Sus Stimme das Schweigen brach.

 

»Wer ist es, der kam, um mit den ›Freudigen Händen‹ zu sprechen?«

 

Narth erblickte das vergoldete Bild der beiden Hände, die über Fing-Sus Haupt aufgehängt waren.

 

Aber bevor er dieses Bild noch ganz in sich aufnehmen konnte, antwortete Spedwell:

 

»O Sohn des Himmels, mögest du ewig leben! Dies ist einer deiner niedrigsten Sklaven, der kommt, um deinen Thron anzubeten.«

 

Nach diesen Worten begannen die Chinesen im Chor zu singen, als ob sie von einem unsichtbaren Kapellmeister dirigiert würden.

 

Ihr Gesang brach ebenso unvermittelt ab, wie er begonnen hatte.

 

»Laß ihn näherkommen«, sagte Fing-Su.

 

Spedwell war nicht mehr an seiner Seite. Narth vermutete, daß er hinter ihm stand. Er wagte nicht, sich umzusehen. Zwei dieser Leute in den merkwürdigen schwarzen Frackanzügen führten ihn langsam durch die Halle. Dunkel kam ihm zum Bewußtsein, daß der Mann zu seiner Rechten ein Paar Beinkleider trug, die ihm eine Handbreit zu kurz waren. Aber für Narth war die Sache nicht mehr komisch. Ein starkes Angstgefühl bedrückte ihn; die Vorahnung eines schrecklichen Ereignisses, das seine Phantasie sich noch nicht ausmalen konnte, quälte ihn so, daß die Lust zu lachen, die ihn zuerst befallen hatte, längst erstorben war, obwohl seine Augen die sonderlichsten Merkwürdigkeiten zu beiden Seiten wahrnehmen konnten.

 

Dann wurden seine Blicke durch den Altar mit dem von Diamanten funkelnden Rand angezogen. Die verhüllte Gestalt eines Mannes lag dort, mit einem großen weißen Tuch bedeckt. Wie betäubt schaute er hin und sah, daß ein großes rotes Herz an dem weißen Tuch befestigt war… Er gab sich die größte Mühe, seine Gedanken zu sammeln, als er mit weitaufgerissenen Augen das weiße Laken und das rote Herz anstarrte… An dem Rand der Decke war ein chinesischer Buchstabe in leuchtendroter Farbe aufgemalt.

 

»Es ist nur ein Symbol – nur eine Wachsfigur«, flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr.

 

Also Spedwell stand doch hinter ihm. Diese Gewißheit gab ihm den Mut zurück.

 

»Sprich mir Wort für Wort nach«, hörte er Fing-Sus tiefe feierliche Stimme. Sie füllte den Raum. »Ich will den ›Freudigen Händen‹ treu dienen…«

 

Wie im Traum wiederholte Narth die Worte.

 

»Ich will das Herz aller ihrer Feinde durchbohren.«

 

Auch diese Worte sprach er nach. Plötzlich kam ihm der Gedanke: wo mochte Leggat sein? Er dachte ihn hier zu finden. Seine Blicke schweiften umher, aber er konnte den starken Mann mit dem jovialen Gesicht nicht entdecken.

 

»Durch dieses Zeichen«, Fing-Su sprach weiter, »gebe ich einen Beweis meiner Treue, meiner Wahrhaftigkeit und meiner Zugehörigkeit zu dem Bunde…«

 

Jemand schob ihm unvermutet einen harten Gegenstand in die Hand. Es war ein langer, gerader Dolch, scharf wie ein Rasiermesser.

 

»Halten Sie ihn über die Figur – direkt auf das Herz«, sagte ihm eine Stimme ins Ohr. Mechanisch gehorchte Stephen Narth. Er wiederholte, ohne daß ihm der Sinn der Worte klar wurde, den Eid, den der Mann auf dem Thron ihm vorsagte.

 

»So lasse alle Feinde des Kaisers sterben!« sprach Fing-Su.

 

»Stechen Sie ins Herz!« flüsterte Spedwells Stimme. Stephen stieß mit aller Kraft zu.

 

Unter dem Messer gab etwas nach, er fühlte ein Zittern. Dann färbte sich das weiße Tuch plötzlich rot. Mit einem Schrei packte er das Tuch am Kopfende und schlug es zurück…

 

»O mein Gott!« schrie er.

 

Er sah in das Gesicht eines Toten. Es war Ferdinand Leggat!

 

Kapitel 34

 

34

 

Er hatte Leggat getötet! Mit seinen eigenen Händen hatte er ihn umgebracht! Er, der nicht einmal einem Kaninchen das Leben nehmen konnte, hatte diesen Menschen erdolcht. Der rote Fleck auf dem weißen Tuch wurde größer und größer. Seine Hände färbten sich mit diesem schrecklichen Blut, und er wandte sich mit einem irren Schrei um und wollte mit dem Teufel kämpfen, der ihm diese Worte ins Ohr geflüstert hatte.

 

Auf Spedwells Zügen malte sich blasser Schrecken. Er streckte den Arm aus, um sich zu schützen, aber die blutigen Hände griffen nach seiner Kehle und warfen ihn zu Boden. Dann erhielt Narth einen Schlag, so daß er vornübersank, zuerst auf die Knie, dann fiel er auf den mit Fließen bedeckten Boden. In wildem Wahnsinn schrie er gellend auf. Die langen Reihen der gelben Männer saßen und beobachteten diesen Vorgang, ohne sich zu rühren. Ihre falschen Diamanten glitzerten in den Vorhemden, und ihre weißbehandschuhten Hände ruhten auf den Knien.

 

*

 

Eine Stunde später kam Major Spedwell in den großen, prachtvoll eingerichteten Raum, der für Fing-Su bei seinen häufigen Besuchen in der Fabrik reserviert war. Der Chinese sah von seinem Buch auf und streifte seine Zigarettenasche in eine silberne Schale.

 

»Nun, was macht unser ängstlicher Freund?« fragte er.

 

Spedwell schüttelte den Kopf. Er sah zehn Jahre älter aus. Noch konnte man den Abdruck der blutigen Hand auf seinem weißen Frackhemd sehen.

 

»Wahnsinnig!« sagte er kurz. »Ich glaube bestimmt, daß er den Verstand verloren hat.«

 

Fing-Su lehnte sich mit einer ungeduldigen Geste in seinen gepolsterten Stuhl zurück.

 

»Das war nicht beabsichtigt«, sagte er mit leichtem Verdruß. »Wer konnte sich auch denken, daß ein erwachsener Mann sich so aufführen würde? Dieser Kerl ist eben ein gemeiner Feigling und paßt nicht zu solchen Dingen.« Spedwell antwortete nicht. Vielleicht dachte er darüber nach, ob bald der Tag kommen würde, an dem er aus Gründen der Zweckmäßigkeit selbst betäubt auf dem Marmoraltar läge, und ein Novize den verhängnisvollen Dolch auf sein Herz richten würde.

 

»Die Idee war doch sicher glänzend und hätte besser enden sollen!« sagte Fing-Su. »Leggat war doch ein Feigling und Verräter, er verdiente seinen Tod. Möglicherweise wird unser Freund Narth später anders darüber denken, wenn er wieder zu sich kommt und sich bewußt wird, daß er sich kompromittiert hat.«

 

Spedwell behielt den anderen stets im Auge.

 

»Sie sagten mir vorher, daß der Yünnan-Mann, der in Lynnes Hände fiel, geopfert werden sollte. Ich war mit dem Plan durchaus nicht einverstanden, aber schließlich habe ich unvernünftigerweise zugestimmt. Mein Gott, als ich Leggats Gesicht sah –«

 

Er trocknete seine schweißbedeckte Stirn, und sein Atem ging schnell.

 

Fing-Su sagte nichts und wartete.

 

»Wie haben Sie denn Leggat in Ihre Gewalt bekommen?« fragte Spedwell endlich.

 

»Er kam von selbst – wir gaben ihm einen Trank – er hat nichts gemerkt«, sagte Fing-Su ungewiß. »Er hat uns verraten, das wissen Sie ja. Jetzt ist er tot, und es ist mit ihm vorbei. Was nun Narth betrifft – auch sein Leben ist in unserer Hand.«

 

Spedwell, der in einen Klubsessel gesunken war, schaute plötzlich auf.

 

»Dann würde er wirklich und für immer verrückt sein, wenn er das selbst glaubte«, sagte Spedwell. »Wie ich Ihnen schon früher sagte, Fing-Su, unser Leben ist in seiner Hand – nicht umgekehrt!«

 

Fing-Su entfernte sorgfältig die Reste seiner Zigarette aus der Ebenholzspitze, steckte eine andere hinein und zündete sie an, bevor er antwortete.

 

»Wo haben Sie Narth hingebracht?«

 

»In den Steinschuppen. Er wird nicht mehr schreien, ich habe ihm Morphium gegeben. Wir müssen ihn so schnell wie möglich außer Landes schaffen. Die ›Umveli‹ verläßt den Hafen heute nacht, nehmen Sie ihn an Bord –«

 

»Zusammen mit dem Mädchen?«

 

Spedwell kniff die Augen zusammen.

 

»Was meinen Sie mit dem Mädchen?« fragte er. »Sie halten Joan Bray hier in London gefangen, bis Clifford Lynne Ihnen die Aktien gibt, die Sie brauchen.«

 

Der Chinese blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. Falten zeigten sich auf seiner niedrigen Stirn.

 

»Das war ursprünglich meine Absicht«, gab er zu. »Aber in den letzten paar Stunden hat sich viel ereignet… ich möchte meinen Plan ändern. Wir könnten sie zur chinesischen Küste und auf einem der Ströme oben ins Land bringen, ohne Aufsehen zu erregen.« Er blies die Rauchwolken zur Decke hinauf und sah zu, wie sie in Nichts zerrannen. »Sie ist wirklich schön«, sagte er.

 

Major Spedwell erhob sich und ging bedachtsam auf den Tisch zu. Er stand vor Fing-Su und legte seine Hände auf die Tischplatte.

 

»Sie wird in England bleiben, Fing-Su!« sagte er langsam und mit großem Nachdruck.

 

Für einen Augenblick trafen sich die Augen der beiden Männer. Der Chinese lächelte.

 

»Mein lieber Major Spedwell,« sagte er, »in einer solchen Organisation kann es nur einen Meister geben. Und dieser Meister, das möchte ich scharf betonen, bin ich. Wenn ich wünsche, daß sie in England bleibt, bleibt sie da. Und wenn es mein Wunsch ist, daß sie zur Küste Chinas mitkommt, kommt sie mit. Ist das klar?«

 

Spedwells Hand bewegte sich so schnell, daß Fing-Su nichts anderes als eine große rosa Fläche sah. Im Bruchteil einer Sekunde hatte Spedwell etwas in der Hand. Die schwarze Mündung zeigte auf Fing-Sus weiße Weste.

 

»Sie bleibt!« sagte Spedwell energisch. Jeder Muskel seines Gesichts war angespannt.

 

Einen Augenblick lang verzerrte sich das Gesicht des Chinesen. Seine Züge verrieten solche Furcht, wie es der Major früher nie gesehen hatte. Aber sofort hatte sich Fing-Su wieder in der Gewalt und zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Wenn Sie wollen, mag sie auch hierbleiben! Durch Streit wird nichts gewonnen. Wo ist sie jetzt? In der Fabrik? Gehen Sie, und holen Sie sie hierher.«

 

Spedwell war über diesen unerwarteten Wunsch erstaunt.

 

»Ich dachte, Sie wollten sie nicht wissen lassen, daß Sie Ihre Hand im Spiele haben?« sagte er.

 

»Das macht mir jetzt nichts mehr aus«, sagte der andere. »Gehen Sie bitte, und bringen Sie das Mädchen her.«

 

Spedwell hatte die Tür eben erreicht, als er hörte, wie leise eine Schublade aufgezogen wurde. Mit blitzartiger Geschwindigkeit drehte er sich um. Ein Geschoß verletzte sein Gesicht und zersplitterte die Holzverkleidung der Tür. Als er seine Pistole hob, sah er, wie Fing-Su sich auf die Erde warf. Einen Augenblick zögerte er, dann drehte er sich um und floh in den großen Raum, der vor dem Privatbureau des »Kaisers« lag.

 

Es war ein Warenlager, das bis oben mit Stückgütern gefüllt war. Drei schmale Wege führten zu den großen Toren am Ende. Er hatte nur eine Möglichkeit zu entkommen. Am hinteren Ende des Lagers sah er das Schaltbrett, durch das die Lichtversorgung in diesem Flügel der Fabrik geregelt wurde. Der Schuß war gehört worden, das große Tor hinten wurde ausgerissen, und eine Schar Chinesen strömte in den Lagerraum. Er hob seine Pistole und feuerte zweimal rasch hintereinander nach dem Schaltbrett. Sofort ging das Licht aus, und Marmor- und Glassplitter flogen umher.

 

Schnell schwang er sich auf einen Ballen, eilte über die aufgestapelten Waren hinweg, indem er von Kiste zu Kiste sprang, bis er nahe an die offene Tür gekommen war. Einige unentschlossene Kulis standen in der Öffnung. Mit einem gewaltigen Satz war er mitten unter ihnen. Der Lauf seiner Pistole blitzte, und sie hatten sich von ihrem Erstaunen noch nicht erholt, als er schon über den dunklen Hof lief, das Dach des Schuppens erkletterte und so den Rand der Mauer erreichte. Es war derselbe Schuppen, den Clifford Lynne in jener Nacht sah, als er seinen unangemeldeten Besuch in Peckham machte. Bevor die Verfolger ihn einholen konnten, war er über die Mauer auf den schmutzigen Weg gesprungen und entfloh dem Kanalufer entlang.

 

Kapitel 35

 

35

 

»Hier ist noch eine Tür«, sagte Inspektor Willing plötzlich.

 

Er untersuchte die Wand der inneren Kabine mit Hilfe seiner Taschenlampe und zeigte auf eine viereckige Öffnung, die offenbar von der anderen Seite aus geschlossen war.

 

»Das ist ganz nutzlos für uns«, sagte Clifford Lynne nach kurzer Besichtigung. »Wir müssen warten, bis jemand hereinkommt, um das Bett zu richten. Wenn meine Vermutung richtig ist, wird die ›Umveli‹ in ein oder zwei Stunden den Fluß hinunterfahren. Ich habe gerade kurz vorher noch festgestellt, daß alle Lichter auf dem anderen Schiff gelöscht sind. Sie werden jetzt wohl gerade dabei sein, die Buchstaben zu ändern.«

 

»Auf was warten sie denn noch?« murrte Joe. »Ich dachte immer, sie brauchten Hochwasser, um auszufahren, und die Flut ist doch jetzt auf ihrem höchsten Punkt. Bei diesem Regen ist es doch wahrhaftig dunkel genug, um selbst einen Dreadnought zu verstecken!«

 

In der Tür, hinter der sie gefangen saßen, war eine Anzahl von Luftlöchern angebracht. Das gab Lynne die Möglichkeit, den größeren Raum zu beobachten. Die Leute hatten die Wandlichter brennen lassen. Durch eine schmale Türöffnung, die ihm an der entgegengesetzten Wand des großen Raumes gegenüberlag, konnte er undeutlich ein gerade nicht sehr helles Licht sehen, das sich hin und her bewegte und schließlich auf dem Wellendeck verschwand. Von unten her kam das Geräusch einer Dynamomaschine, und während sie lauschten, hörten sie das durchdringende Tuten der Schiffssirene.

 

»Die Kessel haben nun genügend Dampf«, sagte Willing. »Es sieht ganz so aus, als ob Ihre Theorie richtig ist, Lynne, und wir allerhand erleben werden.«

 

Auch aus anderen Anzeichen konnten sie merken, daß eine rege Tätigkeit an Bord herrschte. Über ihren Köpfen hörten sie ein beständiges Fußgetrappel und das taktmäßige Singen der Matrosen, die ein Boot einholten und nach innen schwangen.

 

Um viertel vor drei hörten sie das Geräusch der Ankerwinde, und fast gleichzeitig vernahm Lynne eine wohlbekannte Stimme. Die Tür der äußeren Kabine wurde geöffnet, und Fing-Su stieg majestätisch in das Zimmer. Er war in einen langen, pelzgefütterten Mantel gehüllt.

 

»Hier ist Ihr Zimmer, mein Fräulein, hier werden Sie wohnen. Wenn Sie Lärm oder sonstige Unruhe verursachen, oder wenn Sie sogar schreien sollten, werde ich eine besser möblierte Kabine für Sie ausfindig machen!«

 

Es bedurfte aller Energie, daß Clifford Lynne den Schrei unterdrückte, der sich auf seine Lippen drängte. Hinter Fing-Su kam ein bleiches Mädchen in die Kabine. Sie war ohne Hut und vom Regen durchnäßt, aber sie hielt den Kopf hoch, und Entschlossenheit lag in ihren Augen. Er stöhnte im Innersten seiner Seele, als er Joan Bray erkannte.

 

Kapitel 36

 

36

 

Joan war aus einem unruhigen Schlaf emporgeschreckt. Harte Schläge fielen gegen die Tür, die bald darauf in Trümmer sank. Fing-Su stand im Hintergrund und gab seine Befehle. Er war verwundert und konnte sich nicht erklären, mit welcher Ruhe sie sich in ihr Schicksal ergab und sich in den draußen wartenden Wagen tragen ließ. Die Nacht war für einen solchen Transport günstig. Die Straßen lagen leer, und die beiden geschlossenen Wagen fuhren in höchster Geschwindigkeit nach Rotherhithe. Sie erregen nicht den geringsten Verdacht. Erst als sie auf der trostlos verlassenen Werft ausstieg, bemerkte sie, daß sie einen Leidensgefährten hatte, einen Mann, um dessen Kopf ein weißes Tuch geschlagen war. Jetzt erst hörte sie sein Stöhnen und Wimmern. Sie stieg eine gebrechliche Treppe zum Wasser hinunter und wurde von kräftigen Armen in das Boot gehoben. Auf die Fahrt vom Ufer bis zum Schiff konnte sie sich nicht mehr besinnen. Sie hatte nur noch eine ganz vage Vorstellung, daß jemand sie eine steile Leiter in die Höhe trug, dann wurde sie auf ein nasses und schlüpfriges Deck niedergesetzt. Sie nahm all ihre Kräfte zusammen und richtete sich in die Höhe. Jetzt entdeckte sie im Regen Fing-Su, der sie keinen Augenblick aus den Augen ließ. Dann brachte man sie durch eine Tür in eine spärlich möblierte Kabine. – –

 

Fing-Su ging zur Türe und rief einen Namen, der ihrer Meinung nach wie »Mammy« klang. Sogleich watschelte eine fette Chinesin herein. Sie wischte ihre Hände an einer schmutzigen Schürze ab.

 

»Das ist Ihr Schlafzimmer!« sagte Fing-Su, indem er sich an Joan wandte.

 

Er drückte die Klinke herunter, und die Tür öffnete sich handbreit.

 

»Höre zu, Amah!« Er sprach zu der Chinesin im Honan-Dialekt. »Du wirst bei diesem Mädchen bleiben und sie nicht außer acht lassen. Wenn sie schreit, hast du dafür zu sorgen, daß sie ruhig ist, und wenn du das nicht tust –« Er hob seinen Spazierstock drohend. Die alte Frau fuhr erschrocken zurück.

 

Das Schiff war jetzt in Fahrt. Das Heulen der Sirenen durchbrach die finstere Nacht. Joan stand am Tisch, hörte das Raffeln des Maschinentelegraphen und gleich darauf die dumpfen, regelmäßigen Töne der Schiffsschraube, die den ganzen Dampfer leicht erzittern ließen. Das alles war doch nur ein böser, gespenstischer Traum, es konnte nicht wahr sein. Und doch spielte sich alles in Wirklichkeit ab. Sie war an Bord eines Schiffes, das die Themse zum Meer hinabfuhr – sie zitterte.

 

Was würde das Ende dieser Reise bringen?

 

Dann rief sie sich die Worte des Majors ins Gedächtnis zurück und wußte, daß er Wort gehalten hatte. Der Umstand, daß die Chinesen die Tür einschlagen mußten, bewies deutlich, daß er an dieser Schurkerei keinen Anteil hatte. Wo mochte er selbst sein? dachte sie verwundert. Wie ein greller Blitz durchzuckte sie der Gedanke an den wimmernden Mann mit dem weiß verhüllten Kopf. Das war er sicher gewesen. Aber nur einen Augenblick dachte sie daran. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß dieser Mann mit dem steinharten Gesicht um Gnade flehen würde.

 

»Sie hier wohnen, Missie«, sagte die dicke Amah, die durch Fing-Sus Drohung noch ganz aus der Fassung gebracht war. Sie sprach in gebrochenem Englisch. »Ich gehen machen Bett von Missie –«

 

Sie öffnete die Tür weiter und ging nach innen. Joan glaubte einen Augenblick ein sonderbares Fußscharren zu hören, aber sie achtete nicht darauf, bis sie plötzlich eine Stimme vernahm:

 

»Kannst du das Licht ausmachen?«

 

Beinahe wäre sie ohnmächtig geworden, denn sie erkannte Clifford Lynnes Stimme!

 

Es dauerte einige Zeit, bevor sie den Lichtschalter suchen konnte – dann fand sie ihn neben der Tür. Lange zitterten ihre Finger so, daß sie den Hebel nicht umdrehen konnte. In dem Augenblick, als das Licht ausgedreht wurde, kam jemand schnell an ihre Seite. Ein starker Arm umfaßte ihre Schultern, und ihre Spannung löste sich in einem krampfhaften Schluchzen, als sie ihren Kopf an seiner Brust barg. Ein langes, tiefes Schweigen folgte, das nur ihr leiser werdendes Weinen unterbrach. Dann sprach jemand ängstlich:

 

»Ich bin ihr einziger Verwandter –« Es war Joe Brays Stimme. »Es ist natürlich und passend für ein junges Paar –«

 

»Halt den Mund!« zischte Lynne. Der Humor, der in der außergewöhnlichen Situation lag, daß der alte Joe Clifford ablösen wollte, um das Mädchen zu trösten, kam in diesem Augenblick nicht zur Geltung.

 

Schritte näherten sich dem Fenster.

 

»Warum hast du das Licht ausgemacht?« hörte man Fing-Su fragen.

 

»Junge Frau zieht sich aus«, sagte Cliff, indem er im Honan-Dialekt die Stimme der dicken Chinesin genau nachahmte.

 

Er hörte die murrenden Worte Fing-Sus:

 

»Warum entkleidet sie sich nicht im Schlafzimmer?«

 

Aber scheinbar war er beruhigt und ging wieder fort.

 

Clifford konnte durch das Fenster sehen, daß das Schiff in der Mitte der Fahrrinne stromabwärts fuhr. Die Maschinen arbeiteten nur mit halber Kraft. Er war erstaunt, daß Fing-Su das Mädchen in einem so exponierten Teil des Schiffes untergebracht hatte. In Gravesend mußten doch sicher Beamte der Londoner Hafenpolizei hier vorbeikommen, ebenso der Lotse, der das Schiff in die See hinaussteuern sollte. In einer Stunde würde die Morgendämmerung einsetzen, und das steigerte doch die Gefahr der Entdeckung noch mehr. Draußen hörte er die Kulis eifrig arbeiten, und nach einiger Zeit verdunkelte sich die eine Fensterluke. Er konnte sehen, daß sie draußen vor der äußeren Wand der Kabine Warenballen auftürmten.

 

Ihre Lage begann gefährlich zu werden.

 

»Wir hätten Fing-Su sofort hier anhalten sollen, als er die Tür öffnete«, sagte Inspektor Willing. Aber Clifford schüttelte den Kopf.

 

»Das klingt sehr einfach, war aber nicht durchführbar – übrigens habe ich das bestimmte Gefühl, daß er es nicht wagen wird, die Kabine zu betreten, bevor das Schiff auf hoher See ist«, sagte er ernst. »Wir werden noch schlimme Erfahrungen machen. Gibt es denn keine Möglichkeit, die Tür zu öffnen?«

 

Willing drückte mit aller Gewalt dagegen, schüttelte dann aber den Kopf.

 

»Man könnte leicht die Luken eindrücken«, meinte er.

 

Trotz der ernsten Situation mußte Clifford lächeln.

 

»Aber selbst Sie könnten doch nicht durch eine so kleine Luke ins Freie kommen, Inspektor!« sagte er trocken.

 

»Wir könnten aber die Aufmerksamkeit der Hafenpolizei auf uns lenken.«

 

»Zwei unbewaffnete Beamte würden uns sehr wenig nützen. Bevor sie Hilfe herbeirufen könnten, wären wir längst tot – dabei immer noch vorausgesetzt, daß Fing-Su die Leute überhaupt erst von Bord kommen ließe. Früher oder später müssen sie doch die Tür öffnen, und in dem Augenblick, in dem Fing-Su diese Kabine betritt, wird es uns nicht mehr schlecht gehen – höchstens ihm!«

 

Der Morgen brach an, aber sie sahen wenig von dem hellen Tageslicht, denn Ballen auf Ballen türmte sich vor dem Deckhaus, bis die kleinen Luken vollständig verdunkelt waren. Dadurch wurde auch die Zufuhr von frischer Luft ganz abgeschnitten, die Atmosphäre wurde dumpf und das Atmen beschwerlich. Diese Folgen schien Fing-Su übersehen zu haben. Sie waren gezwungen, sich in den hinteren Raum zurückzuziehen, wo die Luft frisch war. Hier saßen sie nun Stunde um Stunde und lauschten. Die Schiffsmaschinen standen still, und die »Umveli« hielt fast eine Stunde lang mitten im Strom. Ihr Mut sank mehr und mehr, als sie wieder dumpfes Dröhnen hörten. Nach einiger Zeit begann das Schiff leicht zu rollen – sie waren auf offenem Meer.

 

Augenscheinlich waren die Ballen nur vor die Fenster und Türen der äußeren Kabine gelegt, um sie den Blicken zu entziehen. Clifford hatte ganz richtig vermutet. Denn kaum waren sie auf freier See, als das Tageslicht wieder hereinkam. Zu gleicher Zeit drang auch wieder frische Luft in die Kabine.

 

Das Frühstück mußte bald hereingebracht werden, und sie warteten gespannt, daß die Tür sich öffnen sollte. Die alte Amah hatte aufgehört zu weinen und zu lamentieren. In ihr Schicksal ergeben saß sie nun mürrisch in einer Ecke der engen Kabine. Trotzdem schien sie sich nicht mit ihrer Gefangenschaft aussöhnen zu können. Ihre Zähne schlugen zusammen. Sie hätten besser auf sie achtgegeben, wenn sie geahnt hätten, daß sie ihre Pläne durchkreuzen würde. Clifford Lynne erfuhr erst später, daß der Koch, der das Frühstück hereinbringen sollte, ihr Sohn war, und daß sie aus Angst um sein Leben einen gellenden Schrei ausstieß, als sie hörte, daß die Tür aufgeschlossen wurde. Bevor man sie zurückhalten konnte, war sie aus der hinteren Kabine hervorgekommen und schrie dauernd weiter. Der alte Joe Bray war hinter ihr her, faßte sie rund um die Taille und hielt ihr mit der Hand den Mund zu. Aber es war schon zu spät. Jemand sah durch eins der kleinen Fenster. Es war Fing-Su. Clifford konnte feststellen, daß er ihn erkannt hatte. Kurz entschlossen zog er seine Pistole und feuerte zweimal. Das Glas der Luke splitterte durch den Raum.

 

»Das ist nun leider geschehen«, brummte der Detektiv.

 

Sie hörten draußen einen schrillen Pfiff, und als Clifford einen kurzen Blick durch eine der Fensterluken warf, sah er, wie ein Schwarm bewaffneter Chinesenkulis vom Vorderdeck herkam. Einige schnallten sich erst noch ihre Revolvergürtel um. Er hatte gerade noch Zeit, vom Fenster zurückzutreten. Ein Schuß zersplitterte das zweite Fenster. Ein umherfliegender Glassplitter ritzte seine Backe. Gleich darauf ging auch das dritte Fenster in Trümmer, und drei Gewehrläufe erschienen in den leeren Öffnungen. Sie warfen sich auf den Fußboden und suchten Deckung dicht an der Außenwand des Deckhauses. Als die Schüsse krachten, hatte Clifford mit raschem Griff einen Gewehrlauf erfaßt und riß die Waffe nach innen. Mit seiner freien Hand griff er nach Joan und zog sie zu sich.

 

»Bleibe ruhig hier liegen!« sagte er. »Du bist hier ganz sicher –«

 

In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und mit einem Schrei lief die alte Amah ins Freie. Alle waren erfreut darüber. Gleich darauf erschien ein dunkler Gegenstand an der Ecke des Eingangs. Clifford hatte schon seine Waffe entsichert, um zu feuern – da merkte er, daß es nur ein Besen mit einem Scheuertuch war.

 

»Nicht feuern, Cliff«, warnte Joe Bray. Er hatte in jeder Hand eine Pistole, aber bis jetzt hatte er noch keine Patrone vergeudet. »Sie wollen uns nur zu nutzlosem Schießen verleiten. Wir haben keine andere Munition als die paar Rahmen in unseren Revolvern.«

 

Clifford schüttelte den Kopf. Draußen hörte man Fing-Sus nervös-hastige Befehle, dazwischen tönte eine tiefe, ruhigere Kommandostimme. Clifford vermutete mit Recht, daß es der Kapitän des Schiffes sei. Wie er sich durch einen vorsichtigen Blick aus der Luke überzeugen konnte, war er ein Neger.

 

Plötzlich verschwanden die Gewehrläufe, und sie hörten, wie etwas auf dem Deckboden entlang gezogen wurde. Die Zugangstür wurde zugeschlagen und verkeilt.

 

»Gehen Sie alle in die hintere Kabine«, rief Willing. Clifford schob Joan vor sich her und erreichte den Raum in demselben Augenblick, als die Messingöffnung eines großen Wasserschlauches durch eines der zerbrochenen Fenster gelegt wurde.

 

Gleich darauf rauschte Wasser in den Raum. Clifford sah sich schnell um. Es konnte nicht schnell genug abfließen. Die Ventilatoren konnten solche Massen nicht hinauslassen. Ein zweiter Schlauch erschien, und das Wasser stand schon eine halbe Handbreit hoch. Es lief bereits über die erhöhte Bordschwelle der inneren Kabine. Jetzt wurden noch zwei weitere Schläuche in Tätigkeit gesetzt.

 

Clifford stellte schnell eine Berechnung an und grinste. Lange bevor das Wasser die Höhe der Fensteröffnung erreicht hatte, mußte sich etwas ereignen, das Fing-Su nicht bedacht hatte. Soviel hatte er noch von seiner Schulmathematik behalten, um zu wissen, daß sich durch diese Wassermassen der Schwerpunkt des Schiffes verlegen mußte.

 

Höher und höher stieg das Wasser, nur wenig lief durch die Ventilationsöffnungen und die Türspalten ab. Es war nur noch eine Frage kurzer Zeit, daß Fing-Su für sein eigenes Leben zu fürchten hatte.

 

»Lynne!« rief Fing-Su. »Übergeben Sie Ihre Waffen. Ich will Sie gut behandeln und werde Sie alle zur Küste bringen.«

 

Clifford Lynne antwortete nicht. Er hatte nur den Wunsch, einen Augenblick das Gesicht dieses Schurken zu sehen, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Plötzlich legte sich die »Umveli« in einem Wellental nach rechts über. Das Wasser spritzte und gurgelte. Es stieg Joe Bray bis an den Hals, er stand an der Steuerbordseite. Lange hing das Schiff nach der Seite über und richtete sich nur allmählich wieder auf. Das Übergewicht von sechzig Tonnen Wasser in solcher Höhe machte sich fühlbar. Die blinde Wut Fing-Sus rächte sich an ihm selber.

 

Draußen hörte man erregtes Stimmengewirr. Die Schläuche wurden nach und nach alle zurückgezogen. Mit kräftigen Hammerschlägen wurden die Bolzen von der Türe weggeschlagen. Unter dem Gewicht des Wassers sprang die Tür krachend auf. Das Wasser ergoß sich in reißendem Strom über das Deck.

 

»Ich sah voraus, daß es so kommen würde«, sagte Lynne. »Die Kapitäne müssen stets genau auf so etwas achten.«

 

Es zeigte sich, daß er recht hatte, denn die Schläuche erschienen nicht wieder. Man hörte Fing-Sus Stimme.

 

»Lassen Sie Mr. Bray herauskommen – ich will mit ihm sprechen. Aber er muß ohne Waffen kommen!«

 

Nach einer kurzen Beratung gab Joe die Pistolen seinem Freund und ging auf das nasse Deck hinaus. Fing-Su stand hinter einem großen Ballen Manchesterware, einen Revolver in der Hand.

 

»Wollen Sie sofort Ihren Revolver hinlegen, Sie Chinesenhund!« knurrte er. »Hören Sie endlich auf, Theater zu spielen, Sie armer Tropf!«

 

Fing-Su ließ die Pistole in die Ledertasche gleiten, die er an seinem Gurt trug.

 

»Mr. Bray,« begann er, »Beschuldigungen und Zank haben im Moment keinen Zweck –«

 

»Wollen Sie wohl Ihre verflucht gebildete Sprache beiseite lassen, Sie verdammter Kuli«, rief der alte Mann. »Lassen Sie sofort das Schiff wenden, sonst werden Sie wahrscheinlich in Ihrer gelben Speckschwarte am Galgen zappeln müssen!«

 

Fing-Su lächelte.

 

»Unglücklicherweise ist das nicht möglich«, sagte er. »Wirklich und buchstäblich –«

 

»Immer noch spricht dieser Strauchdieb wie ein Universitätsdoktor«, brüllte Joe. Dann fing er an, chinesisch zu schimpfen, und diese Sprache ist so recht dazu geschaffen, um einem andern die schlimmsten Gemeinheiten an den Kopf zu werfen.

 

Fing-Su hörte dem Wortschwall zu, ohne sich dadurch im mindesten aus der Fassung bringen zu lassen. Als Joe endlich atemlos schwieg, sagte er:

 

»Wir vergeuden nur Zeit, Mr. Bray. Überreden Sie Ihre Freunde, die Waffen zu strecken – und es wird ihnen nichts Böses geschehen. Andernfalls werde ich sie aushungern. Ich habe durchaus nicht die Absicht, Joan etwas zuleide zu tun.«

 

»Für Sie ist sie immer noch Miß Bray«, wütete Joe. Sein Gesicht war rot vor Zorn. Chinesische Kulis kamen in großer Anzahl herbei und hörten Joe zu. Sie gruppierten sich um Fing-Su, und da sie die Sprache ja verstanden, hörten sie schaudernd die Schmeicheleien, die für ihren Herrn bestimmt waren. Denn Joe Bray suchte natürlich die delikatesten Komplimente für den Chinesen aus.

 

Fing-Su hatte einen Anzug, der der Seefahrt Rechnung trug: weißleinene Beinkleider, eine blaue Marineoffiziersjacke mit unzähligen goldenen Streifen um die Ärmelaufschläge und eine große Offiziersmütze, um die ein breites, goldenes Band lief.

 

»Sie sind ein verrückter, gewöhnlicher Mensch«, sagte er ruhig. »Aber ich habe es nicht nötig, Ihnen mit gleicher Münze zu erwidern. Gehen Sie zu Ihren Freunden und bringen Sie ihnen meine Botschaft.«

 

Eine Sekunde lang sah es so aus, als ob Joe noch eine persönliche Mitteilung ihm ins Gesicht schreiben wollte, aber Fing-Sus Revolver hielt ihn davon ab. Nachdem er seinem Herzen noch mit einigen kräftigen Worten Luft gemacht hatte, ging er verärgert zu seinen Gefährten zurück.

 

»Er hat ungefähr ein Dutzend bewaffneter Leute bei sich,« berichtete er, »und er hat die Absicht, uns auszuhungern, Cliff. Wenn ich daran denke, wie leicht ich diesen Burschen beruhigen konnte, als er noch ein Kind war –«

 

»Hat Fing-Su das Kommando über das Schiff?«

 

»Außer ihm ist auch noch ein Kapitän da«, sagte Joe. »Der ist herausgeputzt wie einer von der Dark-Town-Kapelle. Jeder Fetzen seiner Kleidung ist mit Goldlitzen verziert. Aber der hat nichts zu sagen, den großen Mund hat Fing-Su.«

 

»Mr. Bray, wer mag der Mann sein, der mit mir zusammen auf das Schiff gebracht wurde?« fragte Joan. Dadurch erfuhren sie, daß noch ein anderer Gefangener an Bord der »Umveli« sein mußte.

 

Clifford war auch der Meinung, daß es nicht Spedwell sein konnte – er hatte seinen eigenen Verdacht. Aber der war unbegründet, denn Ferdinand Leggat lag in einer tiefen Grube, die bei flackerndem Laternenlicht in dieser Nacht bis tief zu den Fundamenten der Fabrik ausgehoben worden war.

 

Kapitel 27

 

27

 

Fing-Su saß mit untergeschlagenen Beinen auf einem Diwan in seinem mit übertriebener Eleganz eingerichteten Bureau. Aufdringliche orientalische Düfte stiegen aus großen Räucherbecken auf. Die Uhren der Kirchtürme von London zeigten vier Uhr. Dächer und Türme der großen Stadt hoben sich als dunkler Schattenriß gegen die frühe Morgendämmerung ab.

 

Um diese Stunde gaben die Großen in China ihre Audienzen. Fing-Su saß da in einem mit reicher Stickerei überladenen Gewande, in seidenen Beinkleidern und Schuhen, deren Sohlen mit weichem Filz gepolstert waren. Aus seinem Kopfe trug er die Zeichen eines Ranges und Titels, die ihm nicht zustanden.

 

Zwischen den Lippen hielt er eine lange, starke Pfeife mit einem mikroskopisch kleinen Kopf. Aber er rauchte kein Opium, sondern Tabak. Ein kleines Chinesenmädchen mit dicken, schweren Augenlidern saß in einer Ecke des Raumes auf den Fersen. Sie bediente ihn, in jedem Augenblick gewärtig, seine Pfeife zu stopfen, oder seine Teetasse zu füllen, die neben ihm stand. Ein ungesund aussehender Chinese saß in kauernder Haltung zu seinen Füßen. Er trug europäische Kleider, und ein steifer Filzhut lag neben ihm auf dem Fußboden. Fing-Su hob die henkellose Tasse von dem niedrigen Tisch an seiner Seite und schlürfte geräuschvoll Tee.

 

»Von allen Leuten in diesem üblen Lande habe ich dich ausgesucht, Li Fu«, sagte er, indem er seine Tasse niedersetzte. »Ich will dich gut bezahlen, und wenn die Sache gelingt, bekommst du noch eine große Belohnung obendrein. Dein Name wurde mir genannt wegen deiner Kühnheit, und weil du diese Stadt soviel besser kennst als ich, der ich so viele Jahre auf der Universität zugebracht habe.«

 

Wenn Li Fu sich bei diesem Vorschlag nicht wohl fühlte, so war in seinem pockennarbigen Gesicht doch nichts davon zu entdecken.

 

»Es gibt ein Gesetz in diesem Lande, das sehr hart gegen Fremde ist«, sagte er. »Nach diesem Gesetz kann man mich gefangennehmen, auf ein Schiff setzen und nach China zurückbringen. Ich war schon drei Monate in einem Gefängnis, wo keiner den andern sprechen kann. Und bedenke, Fing-Su, in China bin ich ein toter Mann. Der Tuchun von Lanchow hat einen Eid geschworen, meinen Kopf in einem Korb über dem Stadttor aufzuhängen.«

 

Fing-Su rauchte mit großem Genuß und sandte dicke blaue Ringe zu der dunkelroten Decke.

 

»Lanchow ist nicht ganz China«, sagte er. »Auch wird sich in nächster Zeit vieles ändern. Und wer weiß, ob du nicht selbst eines Tages Tuchun sein wirst? Meine Freunde werden reich belohnt werden. Du wirst Geld bekommen, aber nicht Messing-Cash, Kupfermünzen oder mexikanische Dollars, sondern Gold. Ich weiß einen Ort, wo eine Statue aus purem Golde steht…«

 

Er sprach von Urga, dem mongolischen Mekka, wo Reliquienschreine und eine große goldene Buddhafigur aus purem Golde stehen, und wo in den Kellern des »Lebenden Buddha« ein Schatz aufbewahrt wird, der so groß ist, daß man ihn nicht in einer Geldsumme ausdrücken kann.

 

Li Fu hörte zu, ohne daß man merkte, daß die Worte Fing-Sus Eindruck auf ihn gemacht hätten. Der Entschluß wurde ihm schwer. Auf der einen Seite drohten die dunklen Tore des Pentonville-Gefängnisses, auf der anderen Seite lockte die reiche Belohnung, die ihm soeben angeboten worden war. Er war kein armer Mann, wie die Chinesen in London es gewöhnlich sind, aber sein Landsmann hatte ihm ein großes Vermögen in Aussicht gestellt, das er sofort erwerben konnte.

 

»Du hast den Vorteil, daß du eine weiße Frau hast«, fuhr Fing-Su in seiner dünnen Stimme fort. »Unter diesen Umständen würde es für dich doch eine einfache Sache sein. Niemand würde es herausbringe«.«

 

Li Fu blickte auf.

 

»Warum gibst du mir diesen Auftrag? Ich bin keiner von deiner Sippe. Du hast doch Hunderte von Leuten, die dir wie Sklaven gehorchen.«

 

Fing-Su klopfte die Asche seiner Pfeife ab. Durch eine Handbewegung gab er zu erkennen, daß er sie nicht wieder gefüllt haben wollte. Dann lehnte er sich in seine seidenen Kissen zurück.

 

»Der Weise hat gesagt:›Man muß dem Sklaven Befehle erteilen, und des Herrn Wille wird ausgeführt werden‹,« zitierte er. »Ich kann nicht hinter jedem meiner Leute stehen und sagen: ›Tue dies‹. Wenn ich sagen würde ›Li Fu hat mich beleidigt, laßt ihn sterben‹, dann würdest du sterben, weil es leicht ist, jemanden das Leben zu nehmen. Aber diesmal muß derjenige, der meine Befehle ausführen soll, klug und schlau sein, sonst verliere ich mein Gesicht.«

 

Li Fu überlegte sich die Sache, er drehte seine Daumen gleichmäßig umeinander. Sein flinker Geist war beschäftigt. Hier bot sich ihm ein Verdienst, der viel einträglicher war als sein Kokainschmuggel. Aus diesem Wege konnte er schneller zu Vermögen kommen als durch das Zusammenraffen von Kupfermünzen bei einem verbotenen Glücksspiel. Seine Frau, die nicht ganz weiß war, aber weiß genug, um die Rolle zu spielen, die Fing-Su ihr zudachte, hatte in der Tat schon die Räume gemietet, die ein schlimmeres Geschäft maskieren sollten als einen Putzladen.

 

Fing-Su wußte, daß Li Fu ein solches Ausstellungszimmer in Fitzroy Square einrichten wollte. Er kannte auch Li Fus Verbindungen, denn die Geheimnisse und das unterirdische Treiben der Chinesenkolonie wurden ihm durch den Klatsch zugetragen.

 

»Du wirst zuerst zahlen«, sagte Li Fu. Dann folgte wie stets ein höfliches Feilschen, denn zwei Chinesen schließen niemals ein Geschäft zu dem erstgenannten Preise ab.

 

Schließlich wurde Li Fu entlassen.

 

Der Mann, der nun aus dem kleinen Vorzimmer hereinkam, war gewöhnt, daß ihn sein Chef warten ließ. Aber die vorherige Unterredung hatte denn doch länger gedauert, als er erwartete. Major Spedwell war deshalb ermüdet und nicht in bester Stimmung.

 

»Nun wohl, haben Sie die Sache arrangiert?« fragte er kurz.

 

Fing-Su betrachtete ihn durch seine halbgeschlossenen Augenlider.

 

»Ja, es war unvermeidlich!« sagte er.

 

»Ich glaube nicht, daß Sie die junge Dame ohne großes Aufsehen in Ihre Gewalt bekommen. Wirklich nicht.« Spedwell ließ sich in einen Sessel sinken und zündete sich eine Zigarre an. »Sie spielen hier mit dem Feuer, und ich bin nicht sicher, daß wir nicht in den nächsten Stunden einen großen Skandal erleben werden«, sagte er. »Lynne war in Scotland Yard –«

 

»Scotland Yard –« murmelte der andere mit einem spöttischen Lächeln.

 

»Da gibt es nichts zu grinsen«, sagte Spedwell rasch. »Diese Hunde schnappen schnell zu, wenn sie erst einmal auf die Spur gesetzt sind! Und ich bin schon die ganzen Tage beobachtet worden.«

 

Fing-Su richtete sich plötzlich aus.

 

»Sie?«

 

Spedwell nickte.

 

»Ich dachte, daß Sie Interesse an dieser Mitteilung hätten. Und ich will Ihnen noch mehr erzählen. Miß Bray wird ebenso sicher bewacht. Leggat hat viel mehr geschadet, als wir wissen – was werden Sie mit ihm anfangen?« fragte er plötzlich.

 

Fing-Su zuckte seine seidenen Schultern.

 

»Lassen Sie ihn laufen«, sagte er gleichgültig.

 

Spedwell kaute an seiner Zigarre und blickte auf die weiß gestrichenen Fensterrahmen.

 

»Scotland Yard ist alarmiert und bereits in Tätigkeit«, sagte er mit Nachdruck. »Glauben Sie nicht, wenn wir Lynne gefangensetzen, daß er nachher alles ausplaudert?–«

 

»Das ist schon möglich.« Ungeduld und Ermüdung konnte man aus Fing-Sus Stimme heraushören. »Trotzdem habe ich bestimmt, daß man so mit ihm verfahren soll, wie Sie es ja wissen. Dieses Land hemmt mich in jeder Weise!« Er erhob sich und begann in dem Räume auf und ab zu gehen. »So viele Dinge würden in China viel einfacher sein! Lynne – – wo würde er sein? Man würde eines Tages einen kopflosen Körper in einer verlassenen Gegend finden – oder in eine Soldatenuniform gesteckt, würde er in irgendeinem Festungsgraben modern. – Diese Frau interessiert mich.«

 

Er stand still und nagte an seiner dünnen Lippe.

 

»Miß Bray?«

 

»Ja … Sie ist, wie ich vermute, hübsch, ja, sehr hübsch.« Er nickte. »Ich würde sie gern einmal in der Kleidung unserer Frauen sehen. Das würde schrecklich für Lynne sein, wenn er wüßte, daß sie irgendwo in China – in einem unzugänglichen Platze sich aufhielte – meine Armeen zwischen ihm und ihr –«

 

Spedwell erhob sich langsam. Ein häßlicher Blick war in seinem Gesicht.

 

»Diesen hübschen, netten Traum, den Sie sich da ausgedacht haben, können Sie ein für allemal aus Ihrem Gedächtnis streichen«, sagte er kühl. »Der jungen Dame darf nichts geschehen – nichts Derartiges!«

 

Fing-Su lächelte.

 

»Mein lieber Spedwell, wie amüsant! Was für einen sonderbar übertriebenen Wert legt ihr Engländer euren Frauen bei, daß ihr deshalb große Vermögen aufs Spiel setzt – aber ich machte ja nur Scherz. Sie gilt mir nichts. Ich würde lieber alle Frauen der Welt im Stich lassen, als Ihre Hilfe und Freundschaft verlieren.«

 

Aber Spedwells Argwohn war nicht so leicht zerstreut. Er wußte genau, wann und warum seine Dienste überflüssig werden würden, denn der Augenblick war nahe, wo sich Fing-Su durch einen rücksichtslosen Schritt von all diesen hindernden Einflüssen, die ihn umklammerten und nicht vorwärtskommen ließen, befreien wollte. Und er wußte genau, daß alles dazu vorbereitet war.

 

»Wie entwickeln sich die Dinge in China?« fragte er, um abzulenken.

 

»Die Stunde der Entscheidung ist nahe«, sagte der Chinese mit leiser Stimme. »Die Befehlshaber der beiden Armeen haben sich verständigt. Wei-pa-fu will von Harbin abmarschieren, und Chi-sa-lo hat seine Kräfte in unmittelbarer Nähe von Peking konzentriert. Jetzt ist es nur noch eine Geldfrage. Die Geschütze sind gelandet worden, aber ich hätte sie nicht zu senden brauchen. Munition und Ausrüstung ist alles, was Wei-pa-fu notwendig hat. Wenn ich erst einmal die Verfügung über die Reservefonds der Yünnan-Gesellschaft habe, kann ich alles sehr leicht arrangieren. Aber natürlich wollen die Generäle ihre Belohnung haben – vier Millionen würden mich zum Kaiser von China machen.«

 

Spedwell drehte gedankenvoll an seinem kleinen Schnurrbart.

 

»Und wieviel würde es kosten, daß Sie Kaiser blieben?«

 

Aber Fing-Su ließ sich durch diese Frage nicht beirren.

 

»Wenn ich erst einmal zur Macht gekommen bin, würde es schwierig sein, mich beiseite zu stoßen«, sagte er. »Wenn ich den europäischen Mächten Konzessionen garantiere, läuft ihr Interesse mit dem meinigen parallel.«

 

Spedwell hörte mit Verwunderung, mit welch ruhigem Vertrauen dieser Kaufmannssohn einen Thron mit Gold bezahlen wollte, den die Mings und Mandschus nur durch ihre persönliche Tüchtigkeit erworben hatten. Und während Fing-Su immer weiter sprach, wurde draußen die Welt immer lichter, und die finsteren Umrißlinien des Towers, in dem soviel aufstrebender Ehrgeiz hatte sterben müssen, verloren ihre Schrecken in der sich ausbreitenden Helligkeit des Tages.

 

Kapitel 28

 

28

 

Mr. Stephen North war durch die Umstände gezwungen worden, die ganze Nacht in der Stadt zuzubringen, und in diesem einen Falle schwang sich seine Tochter zu einer Selbstlosigkeit auf.

 

»Es hat gar keinen Zweck, Vater zu beunruhigen«, sagte sie zu ihrer nervösen Schwester. »Außerdem hat Mr. Joseph gesagt, daß gegen mich nichts Böses beabsichtigt war – diese Kerle haben mich mit Joan verwechselt.«

 

»Joseph – ist er ein Jude?« fragte Letty. Die Neugierde überwand im Augenblick ihre Bestürzung.

 

»Er steht nicht so aus«, war die vorsichtige Antwort.

 

Clifford sah seine Braut weder an diesem ereignisreichen Abend noch am folgenden Morgen. Er wußte nur zu gut, daß Mabel mit ihrer entfernten Cousine verwechselt worden war. Eine immer größere Sorge bemächtigte sich seiner. Nach seiner Ankunft in der Stadt galt sein erster Besuch Scotland Yard. Hier erhielt er die befriedigende Nachricht, daß eine Anzahl von Beamten entsandt war, um Sunni Lodge zu bewachen.

 

»Sie brauchen nun aber auch jemand, der sich um Sie bekümmert«, sagte der Offizier lächelnd, als Clifford Lynne ihm von dem Ammoniakattentat erzählte. »Beiläufig bemerkt – diese Ammoniakspritze im Hut ist ein alter Trick!«

 

Clifford nickte.

 

»Ich bin mit mir selbst nicht sehr zufrieden, daß ich mich so übertölpeln ließ«, sagte er.

 

»Was nun Miß Bray angeht, so habe ich bereits einen Mann nach Sunningdale geschickt mit dem Auftrag, ihr auf Schritt und Tritt zu folgen«, bemerkte der Inspektor. »Gerade im Augenblick hat er die telephonische Meldung durchgegeben, daß das Auto von Mr. Narth nicht in Ordnung ist, so daß es ihm nicht allzu schwer sein wird, sie stets im Auge zu behalten.«

 

»Gott sei Dank«, sagte Clifford erleichtert.

 

Dann ging er zu seiner Wohnung zurück, um alle Einzelheiten für die Streife vorzubereiten, die er in der nächsten Nacht unternehmen wollte.

 

Um fünf Uhr nachmittags telephonierte er nach Slaters Cottage. Joe antwortete.

 

»Ich hatte gerade eine Unterredung mit Joan«, sagte Joe. »Denke dir, das Mädchen hat einen hellen Verstand! Ich fragte sie, für wie alt sie mich hielte, und was glaubst du, was sie gesagt hat –«

 

»Das will ich nicht wissen!« sagte Clifford. »Es wäre mir unerträglich, zu denken, daß sie aus Höflichkeit die Unwahrheit gesagt hätte. Nun höre aber zu: du mußt um elf Uhr hier bei mir sein. Ungefähr um neun Uhr kommen zwei oder drei Herren, sie sind Detektive von Scotland Yard und haben die Aufgabe, Sunni Lodge zu beobachten. Sobald sie angekommen sind, fährst du ab – hast du mich verstanden?«

 

»Also sie sagte mir,« fuhr Joe unbeirrt fort, und man hörte deutlich, wie seine Stimme vor Rührung zitterte, »Mabel scheint Sie gerne zu haben. Das waren genau ihre Worte: sie scheint Sie gerne zu haben.«

 

»Dabei wird sie keine Rivalin finden«, sagte Clifford rauh und unhöflich. »Hast du nun gehört, was ich dir gesagt habe, du verrücktes altes Huhn?«

 

»Ich habe es wohl gehört«, sagte Joe ganz ruhig. »Nun hör‘ mal zu, Cliff, sie sagte – ich meine Joan – ›ich habe noch niemals gesehen, daß Mabel sich so für jemand interessiert hat‹ –«

 

»Also um elf Uhr«, sagte Clifford hartnäckig.

 

»Zu jeder Zeit – sagte Joan –«

 

»Und rufe Joan nicht wieder an. Einer von den Dienstboten oder Narth oder, was das Schlimmste wäre, eine der beiden Töchter könnte entdecken, wer du bist«, sagte Clifford. »Das würde dann bedeuten, daß du Mabel nicht wieder zu sehen bekommst!«

 

»Ich kann sie ja gar nicht mehr anrufen: sie ist zur Stadt gegangen. Und höre zu, Clifford, sie sagte –«

 

»Zur Stadt gegangen?« Von dieser Nachricht war er sehr betroffen, aber bevor er eine Frage an Joe stellen konnte, fuhr dieser fort:

 

»Sie ist in die Stadt gegangen, um sich Kleider zu kaufen. Dieser Narth kann doch nicht so schlecht sein, Cliff. Er sagte ihr, sie brauche sich dabei nicht einzuschränken. Er ist kein so schlechter Bursche, der alte Stephen!«

 

Clifford hing den Hörer gedankenvoll an. Freigebigkeit und Stephen Narth waren zwei so verschiedene Dinge, daß sein Argwohn in hohem Grade geweckt wurde.

 

*

 

Als Joan Bray in das Privatbureau ihres Verwandten eintrat, war sie neugierig, unter welchen Bedingungen Stephen Narth so großzügig sein würde. Natürlich hatte sie den Wunsch, eine Ausstattung in die Ehe mitzubringen. Selbst das Bettelmädchen kam ja nicht mit leeren Händen zu Cophetua, sondern hatte ihre Tage dazu benützt, um sich ein paar einfache Kleidungsstücke zu erarbeiten, die sie gegen ihre Lumpen austauschte. Und Joan fehlte es ganz besonders an Kleidern. Mr. Narth war gerade nicht freigebig, und so hatte sie in den letzten drei Jahren zwei Abendkleider bekommen.

 

Mr. Stephen Narth saß an seinem Pult und stützte den Kopf in die Hände. Er fuhr auf und starrte sie an, als sie den Raum betrat. In dieser Woche war eine außerordentliche Wandlung mit ihm vorgegangen. Er sah verstört aus, war nervös und schrak bei dem geringsten Laut zusammen. Er war selbst in seiner besten Zeit leicht gereizt, aber als jetzt das Geräusch der Türklinke ihre Ankunft anzeigte, schien es Joan, als hätte er Mühe, einen Angstschrei zu unterdrücken.

 

»Ach du bist es, Joan«, sagte er atemlos. »Nimm bitte Platz.« Er versuchte zweimal, ein Fach seines Pultes aufzuziehen – seine Hände zitterten aber so, daß er das Schlüsselloch nicht finden konnte. Endlich gelang es ihm, und er brachte einen schwarzen Geldkasten zum Vorschein.

 

»Wir müssen alles in der richtigen Weise ordnen, Joan.« Seine Stimme klang schrill. Sie sah, daß er an der Grenze seiner Kraft war. »Wenn du dich verheiratest, muß es in einer Weise geschehen, wie der alte Joe es gern haben würde. Du hast doch den Mädchen nicht gesagt, weshalb du in die Stadt gefahren bist?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Das ist recht so. Sonst wären sie mitgekommen und wollten auch Kleider kaufen. Und das kann ich jetzt im Moment nicht bezahlen.«

 

Er zog ein Paket Banknoten aus dem Kasten und legte sie vor sie hin, ohne sie zu zählen.«

 

»Kaufe dir alles, was du nötig hast, meine Liebe, aber nur das Beste. Ich möchte dich nur um eins bitten.« Er sah krampfhaft zum Fenster hinaus und konnte ihr nicht in die Augen blicken. »Du weißt, Joan, ich habe mich in verschiedene sonderbare Spekulationen eingelassen. Ich finanziere dieses und jenes und habe meine Hände in mehr Dingen, als die Leute ahnen.« Er fuhr nervös mit der Hand über sein Gesicht. Sein Blick war noch immer zum Fenster gerichtet, und sie war gespannt, was jetzt kommen würde. »Ich habe eine ziemlich große Summe in einem Modesalon angelegt – bei Madame Ferroni, 704 Fitzroy Square.« Seine Stimme wurde plötzlich heiser. »Es ist gerade kein vornehmer Platz, mehrere Räume im dritten Stock. Aber es wäre mir sehr angenehm, wenn du einige deiner Kleider von Madame Ferroni kaufen würdest.«

 

»Gerne, Mr. Narth«, sagte sie verwundert und belustigt.

 

»Am besten wäre es, wenn du zuerst dahin gingest«, sagte er, indem er noch immer an ihr vorbeischaute. »Wenn sie nicht das hat, was du haben willst, brauchst du nicht bei ihr zu kaufen. Ich habe es ihr halb versprochen, daß ich dich zu ihr schicke, und es würde auch für mich gut sein, obgleich das Geschäft flott geht.«

 

Er schrieb die Adresse auf eine Karte und reichte sie ihr über den Tisch.

 

»Denke nicht, weil der Platz einfach aussieht, daß sie nicht die Kleider hat, die du brauchst«, fuhr er fort. »Und noch eins, Joan – ich habe meine Eigenheiten in kleinen Dingen – ich möchte dir noch sagen, laß die Wagen nicht warten. Sie kosten eine Menge Geld, und in den Modesalons wirst du lange aufgehalten. Zahle den Chauffeur jedesmal, wenn du in ein Geschäft gehst, Joan. Du kannst immer leicht einen anderen Wagen bekommen. – Nein, zähle das Geld nicht, das macht nichts. Wenn du mehr brauchst, mußt du mich darum fragen. Ich will dir gerne mehr geben. Also auf Wiedersehen!«

 

Sein Gesicht war totenbleich, in seinen Augen sah sie einen Ausdruck von Furcht, so daß sie beinahe erschrak. Sie nahm seine kalte, feuchte Hand und drückte sie. Aber er lehnte den Dank schroff ab.

 

»Gehe zuerst zu Madame Ferroni. Ich versprach ihr, daß du kommst.«

 

Die Tür schloß sich hinter ihr. Er wartete, bis sie das Haus verlassen hatte, dann ging er zur Tür und schloß sie ab. Kaum war er zu seinem Sitz zurückgekehrt, da öffnete sich die zweite Tür, die in den Sitzungssaal führte, langsam, und Fing-Su trat ein. Stephen Narth drehte sich um und sah ihn haßerfüllt an.

 

»Ich habe es getan!« stieß er hervor. »Wenn aber dem Mädchen irgend etwas passiert, Fing-Su –«

 

Der Chinese lächelte und tat, als ob er etwas von seinem gutsitzenden Anzug abwischte.

 

»Es wird ihr nichts geschehen, mein Lieber«, sagte er in seiner sanften, begütigenden Art. »Es ist nur ein Schachzug in dem großen Spiel. Vom taktischen Gesichtspunkt aus mußte das geschehen, damit der ganze strategische Plan zu dem beabsichtigten Erfolg führt.«

 

North machte sich am Telephon zu tun.

 

»Ich hätte fast Lust, sie anzuhalten«, sagte er heiser. »Ich könnte Lynne anrufen, und er würde vor ihr dort sein –«

 

Fing-Su lächelte wieder, aber er ließ das Telephon und die nervösen Hände, die mit dem Hörer spielten, nicht außer acht.

 

»Das dürfte eine Katastrophe für Sie werden, Mr. Narth«, sagte er. »Sie schulden uns fünfzigtausend Pfund, die Sie uns nie zurückzahlen können –«

 

»Nie zurückzahlen können?« brummte der andere. »Sie scheinen zu vergessen, daß ich der Erbe von Joe Bray bin!«

 

Der Chinese zeigte seine weißen Zähne, als er vergnügt grinste.

 

»Eine Erbschaft hat erst Wert, wenn der Erblasser gestorben ist«, sagte er.

 

»Aber Joe Bray ist tot!« keuchte Narth.

 

»Joe Bray«, sagte Fing-Su kalt, als er eine Zigarette auf einer goldenen Dose ausklopfte, die er aus seiner Westentasche gezogen hatte, »ist sehr lebendig. Gestern abend habe ich mit meinen eigenen Ohren seine Stimme gehört!«

 

Kapitel 29

 

29

 

Joan dachte noch kurz über den Wechsel in Narths Aussehen und Benehmen nach. Bald aber hatte sie ihren Argwohn vergessen. Die Besorgungen, die sie vorhatte, würden jeder Frau Freude gemacht haben und waren ihr unter den gegebenen Verhältnissen besonders angenehm. Sie zählte das Geld, als sie im Auto saß: es waren dreihundertzwanzig Pfund – eine ungeheure Summe für sie, die nie mehr als zehn Pfund auf einmal in ihrem Leben besessen hatte.

 

Madame Ferronis Adresse hatte sie dem Chauffeur gegeben, und in den nächsten zehn Minuten beobachtete sie mit Interesse, mit welcher Gewandtheit er seinen Weg durch den dichtesten Verkehr nahm, wie er sich an jeder belebten Straßenkreuzung durch die Masse der Wagen hindurcharbeitete, bis er auf der Easton Road freie Bahn erreichte.

 

Fitzroy Square hat seinen besonderen Charakter. Da er in der Nähe der westlichen Handelszentren lag, war er dem traurigen Los entgangen, dem so mancher unbekannte Londoner Häuserblock verfallen war. Die schönen alten Häuser aus der Zeit der Queen Anne hatten sich fast überall in häßliche Mietswohnungen verwandelt. Die Gebäude am Fitzroy Square dagegen dienten anderen Zwecken, da lagen ein bekanntes, großes Restaurant, ein oder zwei Tanzklubs und zahlreiche Bureaus.

 

Die Türfüllung des Hauses Nr. 704 war ganz mit Messingschildern bedeckt, die die verschiedensten Gewerbe und Handelsfirmen anzeigten, die in diesem Hause betrieben wurden. Ganz oben waren die Worte aufgemalt: Madame Ferroni, Modistin, 3. Stock, Rückseite. Joan konnte sehen, daß die Farbe noch feucht war.

 

Den Chauffeur hatte sie entlassen, um Mr. Narths Wunsch zu erfüllen. Als sie die Treppe hinaufstieg, kam sie schließlich etwas außer Atem zu einer Tür, auf der ebenfalls der Name der Modistin angebracht war. Aber sie war in gehobener Stimmung, wie es die erfreuliche Art ihres Besuches mit sich brachte. Auch die Farbe der zweiten Aufschrift war noch frisch. Sie klopfte und wurde sofort eingelassen. Die Frau, die ihr die Tür öffnete, hatte ein dunkles Gesicht und ein ziemlich abstoßendes Äußere. Sie trug ein schwarzes Kleid, das ihre gelbe Gesichtsfarbe nur noch mehr betonte, die von dem gewöhnlichen dunklen Teint der Europäer sehr verschieden war. Schwache blaue Schalten lagen unter ihren Augen, ihre Lippen waren dick und ihre Nase ein wenig breitgedrückt. Fraglos war sie eine Halbe. Die geschlitzten Augen, der gelbliche Ton ihrer Haut hätten sie jedem Ethnologen als Halbchinesin gekennzeichnet – aber Joan war keine Ethnologin.

 

Es hätte sie nichts beunruhigt, wenn nicht der Raum, in den sie eintrat, vollständig leer gewesen und wenn die Türe nicht sofort hinter ihr abgeschlossen worden wäre. Auch die innere dicke Portiere zog die Frau gleich zu.

 

Joan sah sich in dem Raum um, in dem außer einem großen Kleiderschrank nur noch ein Sessel und ein gedeckter Teetisch stand. Der Teekessel dampfte. Kleider waren nicht zu sehen, vielleicht hingen sie in dem großen Schrank, der an der Wand befestigt war.

 

»Erschrecken Sie bitte nicht, Miß Bray«, sagte die gelbe Frau und gab sich Mühe, liebenswürdig zu erscheinen. Das machte ihr glattes Gesicht nur noch unangenehmer. »Meine Kleider sind nicht hier. Ich empfange hier nur meine Kunden.«

 

»Warum haben Sie denn die Tür zugeschlossen?« fragte das Mädchen. Obwohl sie ihren ganzen Mut zusammennahm, fühlte sie doch, wie das Blut aus ihren Wangen wich.

 

Madame Ferroni verbeugte sich zweimal in dem ängstlichen Bemühen, das Vertrauen ihres Besuches nicht zu erschüttern.

 

»Ich liebe keine Störung, wenn ich eine wichtige Kundin hier habe, Miß Bray«, sagte sie. »Sie sehen, daß Ihr Onkel, Mr. Narth, all sein Geld in dieses Geschäft gesteckt hat, und ich möchte ihn zufriedenstellen. Es ist ja natürlich! Ich habe die Kleider in meinem Geschäft in der Savoy Street, und wir werden nachher gleich dahin gehen. Sie können sich dort alles aussuchen, was Sie wünschen. Wer erst möchte ich gern ein wenig mit Ihnen sprechen, um Ihre Wünsche zu erfahren.«

 

Es schien, als hätte sie die Sätze, die sie sprach, auswendig gelernt.

 

»Sie müssen eine Tasse Tee mit mir trinken«, fuhr sie fort. »Es ist eine Gewohnheit, die mir lieb geworden ist, seitdem ich in diesem Lande lebe.«

 

Joan kümmerte sich wenig um Gewohnheiten. Sie konnte sich nicht darüber beruhigen, daß die Tür abgeschlossen war und auch dauernd abgeschlossen blieb.

 

»Madame Ferroni, ich bedaure, jetzt nicht bleiben zu können. Ich werde später wiederkommen.«

 

Joan zog den grünen Vorhang auf, aber sie konnte nicht öffnen, denn der Schlüssel der äußeren Tür war abgezogen.

 

»Sicher, wenn Sie es so wünschen.« Madame Ferroni zuckte die Achseln. »Aber Sie müssen wissen, daß ich Gefahr laufe, meine Stelle zu verlieren, wenn ich Sie nicht bedienen kann.«

 

Mit der Geschicklichkeit einer Chinesin bereitete sie den Tee und goß dann die starke, goldgelbe Flüssigkeit in die Tasse ein, gab sehr viel Milch dazu und überreichte sie Joan. Sie brauchte eine Erfrischung, hätte aber lieber ein Glas Wasser genommen, denn ihr Mund war trocken, und das Sprechen fiel ihr schwer.

 

Joan beherrschte der Gedanke, daß sie der Frau nicht merken lassen dürfe, daß sie sich fürchtete, und daß sie argwöhnisch geworden war durch die ungewöhnliche Art, wie sie ihre Kunden empfing. Sie rührte den Tee um und trank ihn gierig, als die Frau den Schlüssel vom Tisch nahm, zur Türe ging, ihn in das Schlüsselloch steckte und umdrehte. Sie drehte ihn zweimal herum, einmal schloß sie auf und ein zweites Mal wieder zu. Aber das bemerkte Joan nicht.

 

»Jetzt werde ich meinen Hut aufsetzen, und wir gehen«, sagte Madame Ferroni. Bei diesen Worten nahm sie einen großen, schwarzen Hut von dem Haken an der Wand. »Fitzroy Square gefällt mir nicht, es ist hier so langweilig. Als ich Mr. Narth sagte, daß die Kundinnen nicht gern drei Treppen hoch steigen, um hübsche Kleider anzuprobieren …«

 

Die Tasse fiel aus Joans Hand und brach in Scherben. Mit der Behendigkeit eines Tigers sprang Madame Ferroni quer durch das Zimmer, fing das bewußtlose Mädchen auf, als es schwankte, und legte es dann sanft auf den Boden.

 

Kaum hatte sie das getan, als ein lautes Pochen an der äußeren Tür erscholl. Madame Ferronis Gesicht verfärbte sich.

 

»Ist jemand hier drinnen?«

 

Die Stimme klang befehlend, und die Frau zitterte. Ihre Hand faßte den Schlüssel.

 

Es wurde wieder geklopft.

 

»Offnen Sie die Tür, ich kann den Schlüssel innen sehen!« sagte die Stimme.

 

Madame Ferroni eilte schnell zu dem Kleiderschrank an der Wand und hob den losen Boden heraus. Zwischen dem Flur und dem Schrankboden war ein Zwischenraum von mehr als einer Spanne. Sie nahm Joan auf, legte sie in den staubigen Hohlraum, deckte das Brett über sie, machte die Schranktür zu und schloß sie ab. Dann ergriff sie schnell die Scherben der Teetasse und den Teller, öffnete das Fenster und warf sie auf den kleinen Hinterhof. Sie schaute sich noch rasch im Zimmer um, ob alles in Ordnung sei, ging dann zur Türe, drehte den Schlüssel um und öffnete.

 

Ein Mann stand auf dem Podest. Madame Ferroni kannte die Polizei aus der Praxis. Sie wußte sofort, daß dies ein Mann von Scotland Yard war. Sie war mit einem Chinesen verheiratet, der einmal von solch einem Menschen verhaftet wurde. Sie erkannte ihn halb und halb wieder, als er mit ihr sprach, aber sie konnte sich nicht aus seinen Namen besinnen.

 

»Hallo,« fragte er, »wo ist Miß Bray?«

 

»Miß –« Madame Ferroni zog die Stirne kraus, als ob sie den Namen nicht richtig gehört hätte.

 

»Miß Bray. Sie kam vor fünf Minuten hierher.«

 

Madame Ferroni lächelte und schüttelte den Kopf.

 

»Sie irren sich,« sagte sie, »außer mir ist niemand hier.«

 

Der Detektiv ging in das Zimmer und sah sich um. Er betrachtete den Tisch und die einsam dastehende Teetasse.

 

»Was ist in dem Schrank?«

 

»Nichts. Wollen Sie einen Blick hineinwerfen?« fragte Madame Ferroni und fügte noch hinzu: »Darf ich wissen, wer Sie sind?«

 

»Ich bin Detektiv Sergeant Long von Scotland Yard«, sagte der andere. »Sie wissen ganz genau, wer ich bin. Vor zwei Jahren habe ich bei Ihnen Haussuchung gehalten und den Chinesen, der mit Ihnen verheiratet ist, ein wenig in Verlegenheit gebracht, weil er mit verbotenen Rauschgiften hausierte. Öffnen Sie den Schrank!«

 

Madame Ferroni zuckte die Achseln und machte die Schranktür weit auf. Das Bodenbrett lag wieder an seiner alten Stelle. Dem Detektiv kam nicht einen Augenblick lang der Gedanke, einmal nachzusehen, was zwischen dem Schrankboden und dem Zimmerflur sein könnte.

 

»War sie hier und ist später weggegangen?« fragte er. »Wollten Sie das eben sagen?«

 

»Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen.«

 

Er zog eine kleine Karte aus seiner Tasche, auf die Mr. Narth die Adresse der Madame Ferroni geschrieben hatte. Er hatte das Auto nach Fitzroy Square verfolgt, den Chauffeur angehalten und sich die Karte von ihm geben lassen.

 

»Sie nennen sich jetzt Madame Ferroni?«

 

Sie nickte. Plötzlich kam ihr ein guter Gedanke.

 

»Hier wohnt noch eine andere Madame Ferroni im obersten Geschoß«, sagte sie. »Es ist sehr unangenehm, wenn zwei Leute gleichen Namens im selben Hause wohnen. Deswegen will ich auch wieder fortziehen.«

 

Der Detektiv sah sie scharf an und zögerte.

 

»Ich will das obere Stockwerk untersuchen«, sagte er. »Sie warten hier, und wenn ich oben nichts finde, dann werden Sie ein wenig mit mir gehen.«

 

Sie schloß die Türe hinter ihm. Ein kleiner Telephonapparat war in der Ecke des Raumes angebracht. Sie hob den Hörer ab, drückte auf den Knopf und begann in einem leisen, eindringlichen Ton zu sprechen.

 

In der Zwischenzeit hatte der Detektiv das obere Ende der Treppe erreicht. Er sah eine Tür, die gerade vor ihm lag. Er trat näher und klopfte.

 

Innen rief eine schrille Männerstimme: »Herein!«

 

Ohne Verdacht zu schöpfen, stieß er die Tür auf und ging in den Raum.

 

Der dicke Filzhut, den er trug, rettete ihm das Leben. Denn der schwere Knüppel, der auf seinen Kopf niedersauste, hätte ihn sonst getötet. Er taumelte unter dem Schlag. Jemand schlug ihm dann noch mit einer Flasche gegen die Schläfe, und er fiel auf den Boden wie ein Stück Holz.

 

Kapitel 3

 

3

 

Stephen Narth verließ sein Bureau in der Old Broad Street gewöhnlich um vier Uhr. Um diese Zeit wartete seine Limousine, um ihn nach seiner schönen Villa in Sunningdale zu bringen. Aber an diesem Abend zögerte er, aufzubrechen, nicht weil noch ein besonderes Geschäft zu erledigen war oder weil er etwas Zeit brauchte, um über seine mißliche Lage nachzudenken, sondern weil die Post aus China mit der Fünfuhrbestellung kommen mußte. Er erwartete heute seinen monatlichen Scheck.

 

Joseph Bray war ein Vetter zweiten Grades von ihm. Als damals die Narths Handelsfürsten waren und die Brays ihre ärmsten Verwandten, wurden die Unternehmungen Joe Brays in der großen Familie kaum beachtet. Erst vor zehn Jahren erfuhr man davon, als Mr. Narth einen Brief von seinem Vetter erhielt, in dem dieser wieder Anschluß an seine alten Verwandten suchte. Niemand hatte gewußt, daß ein Mann namens Joe Bray existierte, und als Mr. Stephen Narth den schlecht geschriebenen Brief las, war er nahe daran, ihn zu zerreißen und in den Papierkorb zu werfen. Er hatte gerade genug mit sich allein zu tun und konnte sich nicht um das Geschick entfernter Verwandter bekümmern. Doch kurz bevor er den Brief zu Ende gelesen hatte, entdeckte er, daß der Schreiber dieses Briefes der berühmte Bray war, dessen Name auf allen Börsen der Welt Klang und Geltung hatte – der berühmte Bray von der Yünnan-Gesellschaft. Und so wurde Joseph Bray wieder wichtig für ihn.

 

Sie hatten sich noch nie gesehen. Wohl war ihm eine Photographie des alten Mannes zu Gesicht gekommen, auf der er grimmig und hart dreinschaute. Wahrscheinlich hatte auch der Eindruck, den dieses Bild auf ihn machte, ihn davon abgehalten, seinen Verwandten um weitere Hilfe zu bitten, die er doch so dringend brauchte.

 

Perkins, sein Sekretär, kam kurz nach fünf mit einem Brief ins Bureau.

 

»Miß Joan kam heute nachmittag hierher, während Sie in der Sitzung waren.«

 

»Ach so!« entgegnete Stephen Narth gleichgültig.

 

Sie war eine Bray, eines der beiden Mitglieder des jüngeren Zweiges der Familie, die er schon kannte, bevor damals der wichtige Brief von Joe Bray kam. Sie war eine entfernte Cousine und war in seinem Hause aufgewachsen, hatte die gute, aber wenig kostspielige Erziehung genossen, wie man sie eben einer armen Verwandten angedeihen ließ. Ihre Stellung in seinem Haushalt hätte man kaum beschreiben können. Joan war wirklich sehr brauchbar: sie konnte das Haus versehen, wenn seine Töchter abwesend waren, sie konnte die Bücher führen und einen Hausverwalter ersetzen oder auch ein Dienstmädchen. Obgleich sie etwas jünger als Letty und viel jünger als Mabel war, verstand sie es ausgezeichnet, beide zu bemuttern.

 

Manchmal nahm sie an den Theaterbesuchen der beiden Mädchen teil, und gelegentlich kam sie auch zu einem Tanzvergnügen, wenn gerade eine Dame fehlte. Aber für gewöhnlich blieb Joan im Hintergrund. Manchmal empfand man es sogar unangenehm, daß sie bei Einladungen mit an der Tafel sitzen sollte. Dann mußte sie in ihrer großen Dachstube essen, und, um die Wahrheit zu sagen, sie war gar nicht böse darüber.

 

»Was wollte sie denn?« fragte Mr. Narth, als er den Umschlag des wichtigen Briefes aufschnitt.

 

»Sie wollte wissen, ob sie etwas nach Sunningdale mitnehmen sollte. Sie war in die Stadt gekommen, um mit Miß Letty einige Einkäufe zu machen«, sagte der alte Schreiber und fuhr fort: »Sie fragte mich, ob eine der beiden jungen Damen wegen der Chinesen telephoniert hätte.«

 

»Chinesen?«

 

Perkins erklärte. An dem Morgen waren in der Gegend von Sunni Lodge zwei gelbe Kerle aufgetaucht, beide ziemlich unbekleidet. Letty hatte sie im langen Grase liegen sehen, in der Nähe der großen Wiese. Zwei kräftig aussehende Leute, die aber, sobald sie das Mädchen sahen, aufsprangen und in der Richtung auf die kleine Pflanzung davonliefen, die zwischen dem Landgut von Lord Knowesley und der kleineren, weniger anspruchsvollen Besitzung des Mr. Narth lag.

 

Letty, die an nervösen Anfällen litt, war zweifellos erschreckt worden.

 

»Miß Joan glaubte, daß die Leute zu einer Zirkustruppe gehörten, die heute morgen durch Sunningdale zog«, sagte Perkins.

 

Mr. Narth fand nichts Besonderes dabei und weit davon entfernt, die Sache der Ortspolizei anzuzeigen, suchte er die Geschichte mit den Chinesen möglichst bald zu vergessen.

 

Langsam zog er den Inhalt des wichtigen Briefes aus dem Umschlag. Der Scheck lag darin und außerdem ein ungewöhnlich langer Brief. Joe Bray sandte im allgemeinen keine langen Episteln. Meist lag nur ein Bogen Papier bei mit der Aufschrift »Besten Gruß«. Er faltete die rote Tratte zusammen und steckte sie in seine Tasche.

 

Dann begann er den Brief zu lesen und war ganz erstaunt, weshalb sein Vetter plötzlich so mitteilsam geworden war. Der Brief war in der kritzligen Handschrift Joe Brays geschrieben. Fast jedes vierte Work war falsch.

 

»Lieber Mr. Narth« (Joe nannte ihn niemals anders), »ich glaube, daß Sie sich wundern werden, wenn ich Ihnen einen so langen Brief schreibe. Nun wohl, lieber Mr. Narth, ich muß Ihnen mitteilen, daß ich einen bösen Anfall hatte und mich nur ganz langsam erhole. Der Doktor sagt, er kann nicht sicher sagen, wie lange ich noch zu leben habe. Deshalb kam ich zu dem Entschluß, mein Testament zu machen, das ich durch den Rechtsanwalt Mr. Albert van Rys habe aufsetzen lassen. Lieber Narth, ich muß gestehen, daß ich für Ihre Familie große Bewunderung hege, wie Sie ja wohl wissen. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich Ihnen und Ihren Angehörigen helfen könnte. Dabei bin ich zu folgendem Entschluß gekommen. Mein Geschäftsführer, Clifford Lynne, der seit seiner frühesten Kindheit in meinem Hause lebt, wurde mein Teilhaber, als ich diese Goldminen entdeckte. Er ist wirklich ein guter Junge, und ich habe beschlossen, daß er jemand aus meiner Familie heiraten soll, um die Linie fortzuführen. Wie ich weiß, haben Sie mehrere Mädchen in Ihrer Familie, zwei Töchter und eine Cousine, und ich wünsche, daß Clifford eine von diesen heiratet. Er hat seine Einwilligung dazu gegeben. Er ist nun auf der Reise und muß in einigen Tagen bei Ihnen ankommen. Mein letzter Wille ist nun der: ich vererbe Ihnen zwei Drittel meines Anteils an der Goldmine und ein Drittel an Clifford unter der Bedingung, daß eines der drei Mädchen ihn heiratet. Sollte keines der Mädchen ihn mögen, so erhält Clifford alles. Die Hochzeit muß aber vor dem 31. Dezember dieses Jahres geschlossen sein. Lieber Mr. Narth, wenn dies nicht annehmbar für Sie sein sollte, so werden Sie im Falle meines Todes nichts erhalten.

 

Ihr aufrichtiger

Joseph Bray.«

 

Stephen Narth las den Brief mit offenem Munde und seine Gedanken wirbelten durcheinander. Die Rettung kam von einer Seite, an die er am allerwenigsten gedacht hatte. Er klingelte, um seinen Sekretär herbeizurufen und gab ihm in großer Eile einige Instruktionen. Da er den Fahrstuhl nicht erwarten mochte, rannte er die Treppe hinunter und sprang in sein Auto. Den ganzen Weg bis nach Sunningdale mußte er an den Brief und den ungewöhnlichen Vorschlag denken.

 

Natürlich mußte Mabel ihn heiraten! Sie war ja die älteste. Oder Letty – das Geld war schon so gut wie in seiner Tasche …

 

Als der Wagen durch die blühenden Rhododendronbüsche vorfuhr, war er sehr vergnügt und sprang mit einem strahlenden Lächeln aus de Auto. Die wachsame Mabel sah vom Rasenplatz aus, daß irgend etwas Außergewöhnliches sich zugetragen haben mußte. Sie lief herbei. Auch Letty trat in demselben Augenblick aus der Haustür. Es waren hübsche Mädchen, nur ein wenig stärker, als er hätte wünschen können. Die ältere neigte dazu, das Leben von der traurigen, bitteren Seite zu nehmen und das führte gelegentlich zu Unannehmlichkeiten.

 

»… Hast du von den schrecklichen Chinesen gehört?« Mabel sprang ihm mit dieser Frage entgegen, als er von dein Wagen kam. »Die arme Letty hatte beinahe einen Anfall!«

 

Sonst hätte er sie zum Schweigen gebracht, denn er war ein Mann, der sich nicht durch alltägliche Dinge aus der Fassung bringen ließ. Das ungewöhnliche Erscheinen eines oder zwei Gelben auf seinem Grund und Boden interessierte ihn wenig. Aber heute brachte er es sogar fertig, nachsichtig zu lächeln und machte sogar einen Witz über die Alarmnachricht seiner Tochter.

 

»Mein Liebling – es ist doch gar nichts dabei, um darüber zu erschrecken. Perkins hak mir alles erzählt. Die beiden armen Kerle waren wahrscheinlich ebenso erschrocken wie Letty selbst! Kommt einmal mit mir ins Wohnzimmer, ich habe etwas sehr Wichtiges mit euch zu besprechen!«

 

Er nahm die beiden mit sich in den schöngelegenen Raum, schloß die Tür und berichtete dann seine aufsehenerregenden Neuigkeiten, die aber zu seiner nicht geringen Verwunderung schweigend aufgenommen wurden. Mabel steckte ihre unvermeidliche Zigarette in Brand, klopfte die Asche auf den Teppich und begann, nachdem sie einen Blick mit ihrer Schwester gewechselt hatte:

 

»Für dich, Vater, ist das alles ja sehr gut, aber was haben wir denn von der ganzen Geschichte?«

 

»Was ihr davon habt?« fragte der Vater erstaunt. »Das ist doch ganz klar, welchen Vorteil ihr davon habt. Dieser Mann bekommt doch den dritten Teil des großen Vermögens –«

 

»Aber wieviel von diesem Drittel bekommen denn wir?« fragte Letty, die Jüngere. »Und ganz abgesehen davon – wer ist denn dieser Geschäftsführer? Mit all dem Geld, Vater, können wir eine ganz andere Partie machen, als ausgerechnet den Geschäftsführer einer Mine heiraten.«

 

Das tödliche Schweigen wurde von Mabel unterbrochen.

 

»Immerhin müssen wir die Sache mit dir auf die eine oder andere Weise beraten und in Ordnung bringen«, sagte sie. »Dieser alte Herr scheint sich einzubilden, daß es für ein Mädchen nur darauf ankommt, daß ihr Mann reich ist. Aber mir genügt das noch lange nicht.«

 

Stephen Narth lief es kalt den Rücken herunter. Ihm war es im Traum nicht eingefallen, auf dieser Seite so heftigen Widerstand zu finden.

 

»Aber versteht ihr denn nicht, daß wir gar nichts bekommen, wenn keine von euch diesen Mann heiratet? Natürlich würde ich mir an eurer Stelle die Sache auch überlegen, aber ich würde eine so glänzende Partie nicht ausschlagen.«

 

»Wieviel hinterläßt er denn eigentlich?« fragte die praktische Mabel. »Das ist doch der Angelpunkt der ganzen Frage. Ich sage ganz offen, ich habe nicht die Absicht, eine Katze im Sack zu kaufen, und dann – was werden wir für eine gesellschaftliche Stellung haben? Wahrscheinlich müßten wir doch nach China gehen und in irgendeiner erbärmlichen Hütte wohnen.«

 

Sie saß auf der Ecke des großen Tisches im Wohnzimmer, hatte ein Knie über das andere gelegt und wippte mit den Fußspitzen. Stephen Narth erinnerte sie in dieser Stellung an eine Bardame, die er in seiner frühen Jugend einmal gekannt hatte. Irgend etwas stimmte in Mabels Erscheinung nicht und das wurde auch nicht ausgeglichen durch ihre kurzen Röckchen und ihren wirklich hübschen Bubikopf.

 

»Ich habe gerade genug Sparen und Einschränken mitgemacht«, fuhr sie fort. »Ich kann nur sagen, daß bei dieser Heirat mit einem unbekannten Mann ich von vornherein ausscheide.«

 

»Und ich auch«, sagte Letty bestimmt. »Es ist ganz richtig, was Mabel sagt. Als Frau dieses Menschen würden wir eine erbärmliche Rolle spielen.«

 

»Ich kann nur sagen, daß er euch gut behandeln würde«, sagte Narth schwach. Er wurde ganz von seinen beiden Töchtern beherrscht.

 

Plötzlich sprang Mabel vom Tisch auf den Fußboden. Ihre Augen glänzten.

 

»Ich weiß einen Ausweg! – Das Aschenbrödel!«

 

»Das Aschenbrödel?« fragte er mit gerunzelter Stirn.

 

»Natürlich – Joan, du großes Kind, lies doch den Brief genau!«

 

Alle drei durchflogen atemlos das Schreiben und als sie es fast zu Ende gelesen hatten, quietschte Letty vor Vergnügen.

 

»Natürlich, Joan!« rief sie. »Warum sollte den Ivan nicht heiraten? Das ist doch eine große Sache für sie – ihre Aussichten auf Heirat sind doch gleich Null, und sie würde doch hier überflüssig sein, wenn du sehr reich wärest. Weiß der Himmel, was wir mit ihr anfangen sollten.«

 

»Joan!« rief er und dabei streichelte er sein Kinn in Gedanken. An Joan hatte er nicht gedacht. Zum viertenmal las er den Brief Wort für Wort. Die Mädchen hatten recht, Joan erfüllte alle Ansprüche Joe Brays. Sie war doch ein Mitglied der Familie. Ihre Mutter war eine geborene Narth. Bevor er den Brief wieder auf den Tisch legen konnte, hatte Letty schon geklingelt, und der Diener kam herein.

 

»Sagen Sie doch Miß Bray, daß sie herkommen möchte, Palmer.«

 

Drei Minuten später trat das Mädchen in das Wohnzimmer, das Opfer, mit dem die Familie Narth die Schicksalsgötter besänftigen wollte.

 

Kapitel 30

 

30

 

Als Joan Bray wieder zu sich kam, fühlte sie ein schmerzhaftes Hämmern in ihrem Kopf. Bei jedem Schlag zuckte sie zusammen. Es dauerte lange, bevor es ihr klar wurde, daß sie allein war.

 

In der einen Ecke des Raumes befand sich ein irdener Abguß. An den Wänden gab es keine Fenster, nur in der Decke war eine verglaste Öffnung, durch die das trübe Licht eines unfreundlichen Regentages hereinfiel. Ihre Blicke schweiften umher und fielen auf den Abguß. Lange schaute sie auf den schmutzigen Messinghahn, von dem beständig das Wasser herabtropfte.

 

Sie stand auf, schwankte, und da sie sich nur schwer im Gleichgewicht halten konnte, stützte sie sich gegen die Wand. Mit größter Anstrengung ging sie vorwärts, bei jedem Schritt schmerzte ihr Kopf. Endlich erreichte sie den Wasserhahn, drehte ihn auf, fing das Wasser mit ihren Händen auf und löschte ihren brennenden Durst. Dann tat sie etwas, wozu die meisten Frauen sich wahrscheinlich schwer entschlossen hätten: sie hielt ihren Kopf unter den kalten Wasserstrahl und war froh, daß sie der Mode gefolgt war und die Haare kurz trug. Sie richtete sich auf, nachdem sie das Wasser aus ihrem Haar gepreßt hatte. Ihre Kopfschmerzen hatten sich gebessert. Joan sah sich nach einem Handtuch um und fand ein ganz neues, sauberes, das über einer Rollvorrichtung befestigt war. Sie hatte die dunkle Vorstellung, daß es besonders zu ihrem Gebrauch hingehängt war. Als sie sich oberflächlich abgetrocknet hatte, wurde sie in ihren Gedanken allmählich klarer. Jetzt war sie davon überzeugt, daß dieser Raum für sie hergerichtet worden war. Neben dem alten Feldbett, auf dem sie vorhin gelegen hatte, stand ein Stuhl, und auf diesen hatte man ein gedecktes Tablett mit Kaffee und Brötchen gesetzt.

 

Wieviel Uhr mochte es sein? Sie sah nach ihrer Armbanduhr: es war halb fünf. Als sie den verhängnisvollen Gang zu Madame Ferroni machte, war es drei gewesen. Eine und eine halbe Stunde waren also seitdem vergangen – und wohin hatte man sie in dieser Zeit gebracht?

 

Sie setzte sich auf die Bettkante und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen und einen Überblick über ihre Lage zu gewinnen. Unter dem Bett schaute ein Stück schmutzige, grüne Sackleinwand hervor. Sie konnte drei Buchstaben lesen: »Maj«. Entschlossen zog sie den Sack hervor und las die verblaßte Inschrift: »Major Spedwell, S. & M. Puna.« Wer war Major Spedwell? Sie überlegte. Sie hatte ihn irgendwo getroffen… natürlich, er war der dritte Mann bei jenem Essen im Bureau von Mr. Narth, das Clifford Lynne so plötzlich unterbrochen hatte. War sie noch in Fitzroy Square? Und wenn sie nicht mehr da war, wo befand sie sich jetzt, und wie war sie hierhergekommen?… Das Deckenfenster war aus mattem Glas, aber sie konnte sehen, wie der Regen in kleinen Bächen daran niederfloß und konnte das Rauschen des Windes hören.

 

Sie machte sich keine Illusionen darüber, in wessen Gewalt sie gefallen war. Unwillkürlich brachte sie das dunkle Gesicht der Madame Ferroni mit den geschlitzten Augen und dem entsetzten Gesichtsausdruck des gelben Mannes in Verbindung, den sie in dem grellen Licht der aufblitzenden Magnesiumflamme gesehen hatte. Sie wurde von Fing-Su bewacht! Ein stechender Schmerz durchzuckte sie bei diesem Gedanken. Und Stephen Narth hatte sie zu diesem schrecklichen Ort geschickt … Diese Erkenntnis tat ihr weh, denn obgleich sie ihn nicht liebte, hatte sie ihn doch niemals einer solchen Gemeinheit für fähig gehalten.

 

Sie stand schnell auf, als die Tür sich öffnete. Sie erkannte sofort den Mann wieder, hinter dem sich die Tür schloß.

 

»Sie sind Major Spedwell?« sagte sie und erschrak selbst über ihre heisere Stimme.

 

Er war einen Augenblick verblüfft.

 

»Jawohl, ich bin Major Spedwell – Sie haben ein sehr gutes Gedächtnis.«

 

»Wo bin ich?« fragte sie.

 

»An einem sicheren Ort. Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen. Es wird Ihnen nichts geschehen. Ich habe zwar viel auf dem Gewissen« – er zögerte einen Augenblick – »vom Betrug bis zum Totschlag – aber ich bin doch noch nicht so heruntergekommen, daß ich es zulassen würde, daß Fing-Su Ihnen etwas zuleide täte. Sie sind hier nur als Gast.«

 

»Warum?« fragte sie.

 

»Das ist eben Sache des Schicksals.« Sein Lächeln war gerade nicht humorvoll. »Sie wissen doch alles – Fing-Su braucht eine bestimmte Aktie von Clifford Lynne – ich vermute, daß er bereits mit Ihnen darüber gesprochen hat. Sie wissen auch, daß dieses Papier eine äußerst wichtige Sache für uns ist.«

 

»Und glauben Sie denn, daß Mr. Lynne es geben wird als Lösegeld für mich?«

 

»Das ist doch der Sinn der ganzen Sache«, sagte Spedwell mit einem verwunderten Blick auf ihr nasses Haar. »Wir machen es ein wenig wie die Banditen: wir halten Sie hier fest, um ein Lösegeld herauszuschlagen.«

 

Ihre Lippen kräuselten sich.

 

»Ihr Freund hat scheinbar eine hohe Meinung von der Ritterlichkeit Lynnes.«

 

»Oder von seiner Liebe!« antwortete Spedwell mit großer Ruhe. »Fing-Su ist der Meinung, daß Clifford Lynne Sie über alles liebt und die Aktie herausgeben wird, ohne viel Schwierigkeiten zu machen.«

 

»Dann kann ich mich nur mit dem Gedanken trösten, daß Fing-Su eine schwere Enttäuschung erleben wird«, sagte sie. »Mr. Lynne und ich lieben einander nicht, und was nun gar die Heirat angeht, so ist sie nicht mehr nötig, denn –«

 

Aber bevor sie die Rückkehr Joe Brays verriet, hielt sie erschreckt inne.

 

»Die Hochzeit ist nicht mehr nötig, weil dieser alte Joe lebt, was? Ich kenne die Zusammenhänge ganz genau«, antwortete er und lächelte dabei sarkastisch. Sein Gesichtsausdruck wechselte manchmal mit unglaublicher Schnelligkeit. »Wir sind über alles genau informiert und gerade deshalb sage ich, daß Clifford Lynne stark in Sie verliebt ist. Da gebe ich Fing-Su vollkommen recht!«

 

Es war nutzlos, dieses Thema noch weiter zu verfolgen. Sie stellte noch einmal die Frage, wo sie jetzt sei.

 

»In Peckham. Ich wüßte nicht, warum Sie es nicht wissen sollten. Wenn es Ihnen gelingen wird, von hier fortzukommen, wird Ihnen das jeder Polizist ohne weiteres sagen. Dies hier ist einer der Umkleideräume von den Mädchen, die im Kriege die Granaten füllten. Er ist gerade nicht sehr behaglich eingerichtet, aber wir konnten im Augenblick nichts Besseres für Sie finden. Glauben Sie mir, Miß Bray, Sie haben nichts zu fürchten. Ich allem habe den Schlüssel zu diesem Gebäude, und Sie sind genau so sicher, als ob Sie in Ihrem Zimmer in Sunni Lodge wären.«

 

»Sie werden mich doch nicht hier lassen, Major?« Sie nannte ihn absichtlich bei seinem Titel, und er war nicht unangenehm berührt durch die Erinnerung an seine ehrenvolle Vergangenheit. Trotzdem erriet er ihre Absicht.

 

»Ich hoffe, Sie sind vernünftig«, sagte er. »Wenn Sie an meine Ritterlichkeit und all dergleichen appellieren und mich daran erinnern, daß ich in den Diensten des Königs stand, so können Sie sich diese Mühe sparen. Ich habe ein sehr dickes Fell. Früher wurde ich wegen Betrugs aus der Armee gestoßen, und ich bin jetzt so weit gekommen, daß ich mich nicht einmal mehr vor mir selber schäme.«

 

»Das ist ein langer Weg, Major!« sagte sie ruhig.

 

»Ja, ein langer Weg –« gab er zu. »Das einzige, was ich Ihnen versprechen kann, ist, daß Ihnen kein Leid zugefügt wird – solange ich lebe«, fügte er hinzu, und trotz allem glaubte sie ihm.

 

Er schloß die Türe zu und verließ das Gebäude auf der Rückseite, wo sein Wagen wartete.

 

Fing-Su war in seinem Bureau in Tower Hill, als Spedwell ankam. Unruhig ging er auf und ab, die Ungewißheit quälte ihn. Er hatte noch keine Nachricht bekommen, daß es geglückt war, Miß Bray ohne Zwischenfall nach Peckham zu bringen. Es war doch ein etwas waghalsiges Unternehmen am hellichten Tage.

 

»Jawohl,« sagte Spedwell verdrießlich, »sie ist dort gut untergebracht.« Er nahm eine Zigarre aus der offenen Kiste auf dem Tisch, biß das Ende ab und steckte sie in Brand.

 

»Wie lange wollen Sie sie gefangen halten?«

 

Fing-Su spreizte seine lange, dünne Hand aus.

 

»Wie lange wird Clifford Lynne mich warten lassen?« fragte er. »Und dann« – fügte er hinzu, »was macht der Detektiv?«

 

»Nahezu tot«, war die lakonische Antwort. »Aber es ist möglich, daß er sich wieder erholt. Allein wegen dieser Sache hing es an einem seidenen Faden, daß man uns beide hängte, Fing-Su.«

 

Das Gesicht des Chinesen wurde aschgrau.

 

»Tot?« sagte er heiser. »Ich habe ihnen doch gesagt, daß –«

 

»Sie haben ihnen den Auftrag gegeben, daß sie ihn niederschlagen sollten. Und das haben sie so gründlich besorgt, daß er um ein Haar gestorben wäre«, sagte der andere in seiner kurzen, direkten Art. »Ein Detektiv-Sergeant ist gerade keine besondere Persönlichkeit, aber wenn man ihn totschlägt, so ist das ein kleines Versehen, das ganz Scotland Yard auf die Beine bringt. Sobald gemeldet wird, daß man ihn vermißt, geht die Hölle los. Dann werden sie sowohl mich wie Sie um Aufklärung bitten.

 

»Welche Aufgabe hatte denn der Detektiv?« fragte der andere.

 

»Er wollte Miß Bray bewachen – ich habe Sie ja schon vorher gewarnt. Das einzige, was uns jetzt noch übrigbleibt; ist, daß wir ihn auf das Schiff bringen. Unglücklicherweise können wir ihn jetzt nicht transportieren, vielleicht ist es aber später möglich. Sie könnten ihn dann zu einem Ihrer sicheren Plätze bringen, bis die ganze Angelegenheit vorüber ist.«

 

Spedwell nahm einen Briefbeschwerer vom Tisch, und seine Aufmerksamkeit schien ganz durch das vielfältig geschliffene Kristall gefesselt zu sein.

 

»Werden Sie noch andere Passagiere haben?«

 

»Vielleicht fahre ich selbst mit«, sagte Fung-Su. »Und in diesem Fall machen Sie natürlich die Reise auch mit.«

 

»Müssen Sie denn nicht auf Clifford Lynnes Aktie warten?«

 

Der Chinese zuckte die Achseln.

 

»Die wird morgen schon in den Händen meines Agenten sein«, sagte er zuversichtlich. »Natürlich darf ich bei der Sache nicht in Erscheinung treten. Wenn ich erst auf hoher See bin, kann man mich nicht mehr damit in Zusammenhang bringen.«

 

Major Spedwell lachte rauh.

 

»Wird Sie Miß Bray oder Stephen Narth nicht belasten?«

 

Fing-Su schüttelte den Kopf.

 

»Nicht mehr nach heute abend«, sagte er mit leiser Stimme. Spedwell biß sich auf die Lippe, er hatte seine eigenen Gedanken.

 

»Nach heute abend nicht mehr?« Wie würde denn seine eigene Lage ›nach heute abend‹ sein? Er kannte den Mann, der ihm gegenübersaß, genau. Fing-Su zahlte gut, das war aber auch alles. In der letzten Zeit hatte er an gewissen Anzeichen bemerkt, daß er nicht mehr in Gunst bei seinem Chef stand – so gewisse Untertöne in der Stimme, ein zufälliger Blick zwischen Fing-Su und seinen gelben Assistenten, den er aufgefangen hatte – Major Spedwell war ein schlauer, scharfsichtiger Mann, der ein feines Gefühl für unausgesprochene Dinge hatte.

 

»Und was wird aus Leggat?« fragte er.

 

»Leggat mag zum Teufel gehen – ich bin mit ihm fertig. Ich habe immer gewußt, daß er unzuverlässig war. Nachher hatten wir ja noch viel Mühe, den Beweis dafür beizubringen.«

 

»Haben Sie ihn aufgefordert, heute abend zur Loge zu kommen?« fragte Spedwell.

 

»Nein«, antwortete Fing-Su kurz.

 

Dann aber, als ob er eingesehen hätte, daß seine brüske Antwort den Verdacht des anderen wachrufen könnte, fügte er freundlich hinzu:

 

»Wir können Leggat nicht länger brauchen – er ist ein Trinker und deshalb sehr gefährlich. Sie aber, lieber Major, sind mir unentbehrlich. Ich wüßte nicht, was ich ohne Sie anfangen sollte. Haben Sie die Konstruktion der Landmine schon beendet?«

 

Er hatte versucht, äußerst liebenswürdig zu sein, aber der Major ließ sich nicht täuschen.

 

»Was für eine geniale Erfindung!« sagte Fing-Su. Dabei sah er ihn mit seinen dunklen Augen bewundernd an. »Sie sind ein Genie! Ich kann Ihre Dienste unmöglich entbehren!«

 

Spedwell wußte nur zu genau, daß nichts Geniales an seiner Landmine war – es war eine einfache Zeitbombe in großem Maßstabe. Sie kam zur Explosion, wenn sich eine Säure zur Bleikammer durchfraß und sich dort mit einer anderen vermischte. Es war ein Kriegsmittel, wie es jeder Militäringenieur genau kannte. Aber Fing-Sus Schmeichelei ließ ihn nachdenklich werden.

 

Major Spedwell hatte ein kleines Anwesen in Bloomsbury. Seiner Erziehung und seinem Studium nach war er Ingenieur, später wurde er Artillerist. Aber seine größten Erfolge verdankte er seiner Klugheit und seiner instinktiv klaren Beurteilung jedweder Lage. Unstreitig war er ein großer Stratege. Jetzt fühlte er, daß Gefahr im Anzuge war. Er wußte, daß ein gewaltiger Umschwung in seinem Leben bevorstand, und er hatte sich damit abgefunden, daß es nicht zum Besseren sein würde.

 

In den paar Stunden, die ihm noch blieben, bevor er sich umkleiden mußte, um Stephen Narth zu treffen, nahm er Bleistift und Papier und schrieb systematisch alle Möglichkeiten auf, die sich aus dieser Lage entwickeln konnten. Dann suchte er eine Lösung. Allmählich sah er klarer und fand einen Ausweg, der zwar nicht alles wieder gutmachen konnte, aber doch die Möglichkeit bot, eine Person aus dieser Katastrophe zu retten, vielleicht auch zwei – dabei war er natürlich eingeschlossen.

 

Er verbrannte sofort das Papier an dem Kamin und ging in den keinen anstoßenden Raum, der ihm als Werkstatt diente. Dort arbeitete er eine Stunde lang fieberhaft. Um halb sieben trug er eine rechteckige Kiste auf die Straße und einen schweren Rucksack, setzte beides sehr vorsichtig in seinen Wagen und fuhr nach Ratcliff Highway. Indem er sich durch die engen Gassen wand, die zum Fluß führten, kam er zum Ufer. Glücklicherweise fand er sofort einen Bootsmann, der ihn gegen Entschädigung zu einem der schwarzen Dampfer ruderte, die im Pool vor Anker lagen. Ein Chinese mit undurchdringlichem Gesicht grüßte ihn vom Fallreep. Er bot sich an, die Pakete für ihn an Bord zu tragen, aber der Major lehnte ab.

 

Auf dem Schiff war ein schwarzer Kapitän und ein schwarzer Zahlmeister. Der letztere war ein gutmütiger Mann, dem Spedwell früher einmal das Leben gerettet hatte. Damals hinderte er Fing-Su daran, seinen Zorn an dem schwarzen Offizier auszulassen, und dadurch wurde viel Blutvergießen vermieden. Denn die Kru-Neger halten untereinander stark zusammen. Als Spedwell nun an Bord kam, ließ er den Zahlmeister rufen.

 

»Sie brauchen Fing-Su nicht zu sagen, daß ich an Deck gewesen bin«, sagte er. »Ich habe hier etwas, das ich zur Küste mitnehmen will.«

 

»Fahren Sie auch mit, Herr Major?« fragte der Zahlmeister.

 

»Es ist leicht möglich, daß ich auch mitkomme«, antwortete er. »Ich weiß es noch nicht genau. Die Hauptsache ist aber, daß niemand erfährt, daß ich diese Sachen an Bord gebracht habe.«

 

Der Zahlmeister nahm ihn mit sich zu einer großen Kabine auf dem vorderen Wellendeck.

 

»Wie lange ist denn dieser Raum schon für Passagiere benutzt worden?« fragte der Major mit einem Stirnrunzeln.

 

»Er ist noch nie benutzt worden«, antwortete der schwarze Offizier, »aber Fing-Su hat Auftrag gegeben, daß er für einen Passagier hergerichtet werden soll.«

 

»Nicht für ihn selbst – denn er hat die Kapitänskabine. Wer soll denn diese Fahrt mitmachen?«

 

Aber das wußte der Zahlmeister auch nicht. Er gab Spedwell einen Platz an, wo er die Gepäckstücke, die er mitgebracht hatte, unterbringen konnte. In der Kabine war eine verhältnismäßig kleine schwarze Truhe mit zwei Krampen für Vorhängeschlösser an der Wand befestigt. Spedwell setzte sein Gepäck vorsichtig auf dem Boden der Kabine nieder.

 

»Ich will die Vorhängeschlösser für Sie holen«, sagte der Offizier und verschwand.

 

Seine Abwesenheit war Spedwell sehr erwünscht, denn er mußte noch gewisse heikle Justierungen vornehmen, bei denen der Zahlmeister nicht zusehen sollte. Als das erledigt war, füllte er die Truhe mit quadratischen braunen Kuchen, die er aus seinem Rucksack nahm. Sie waren in dem zur Verfügung stehenden Raum kaum alle unterzubringen. Aber er hatte seine Arbeit gerade vollendet und die Truhe eben geschlossen, als der schwarze Offizier zurückkehrte.

 

Spedwell richtete sich auf und klopfte den Staub von seinen Knien.

 

»Nun hören Sie gut zu, Haki. Wer bedient Ihre drahtlose Station?«

 

»Entweder ich oder einer meiner Chinesenboys. Die Anlage befindet sich in meiner Kabine. Warum fragen Sie?«

 

Spedwell gab ihm den Schlüssel für die Truhe zurück.

 

»Stecken Sie ihn ein, und lassen Sie ihn niemals herumliegen. Wenn Sie ein Radiotelegramm von mir bekommen, das lautet: ›Alles in Ordnung‹, dann nehmen Sie den ganzen Inhalt aus der Kiste heraus und werfen ihn über Bord. Wahrscheinlich werden Sie meine Botschaft erhalten, bevor Sie den Kanal verlassen. Haben Sie alles richtig verstanden?«

 

Haki nickte und machte vor Verwunderung große Augen.

 

»Ich verstehe den Zusammenhang zwar nicht, aber ich werde das tun, was Sie mir gesagt haben, Herr Major. Wollen Sie etwas herausschmuggeln?«

 

Aber Spedwell gab keine weitere Auskunft. Er sagte Haki nicht, daß er unter gewissen Umständen ein anderes Radiotelegramm erhalten würde. Dazu war noch Zeit genug, wenn die Krisis wirklich kommen sollte.

 

»Aber angenommen, Sie reisen mit uns?« fragte der Neger hartnäckig.

 

»In dem Fall«, sagte Spedwell mit einem schlauen Lächeln, »würde ich Ihnen die Botschaft ins Ohr sagen können, wenn ich mitreise – und am Leben bin.«

 

Kapitel 31

 

31

 

Joe Bray kam kurz nach zehn in Clarges Street an. Die Regenwolken hatten es zeitig dunkel werden lassen, und so war es ihm möglich, früher von Sunningdale fortzukommen. Er war aufs äußerste gespannt und erregt, denn die Nacht versprach ein Abenteuer. Und Abenteuer liebte Joe über alles.

 

»Es war eine gute Idee von dir, Cliff, mich von der Rückseite in deine Wohnung kommen zu lassen. Niemand hat mich gesehen«, sagte er.

 

»Ich hätte dir diese Mühe sparen können«, meinte Clifford. »Fing-Su weiß, daß du lebst.«

 

Joe Brays Gesicht wurde lang. Diese Nachricht raubte ihm die halbe Freude an dem Abenteuer.

 

»Ich habe einen Mann in Narths Office für mich gewonnen«, erzählte Clifford. »Er heißt Perkins, es hat mich mehr Zeit als Geld gekostet, um ihn auf meine Seite zu bringen, denn er gehört noch zu den guten, ehrlichen Leuten. Sind die Detektive auf ihren Posten?«

 

Joe nickte.

 

»Ich war etwas enttäuscht, Cliff, als ich sie sah«, sagte er fast vorwurfsvoll. »Sie sehen genau so aus wie gewöhnliche Leute, wie du und ich. Keiner würde sie für Detektive halten.«

 

»Das scheint mir doch ein großer Vorteil zu sein«, lachte Clifford. Nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, fragte er: »Hattest du noch einmal mit Joan Verbindung?«

 

»Nein. Du hast es mir doch verboten!« sagte er selbstzufrieden.

 

»Weißt du wenigstens, ob sie zurückgekommen ist?« Clifford seufzte. »Ihretwegen habe ich keine große Sorge, denn Scotland Yard hat einen Mann speziell damit beauftragt, sie zu bewachen. Er wird wahrscheinlich später seinen Bericht durchgeben.«

 

»Wie hast du es eigentlich fertiggebracht, Cliff, daß Scotland Yard mittut?« fragte Joe neugierig. »Und wenn sie uns helfen, warum wird denn Fing-Su nicht festgenommen?«

 

»Weil sie nicht genügend Beweismaterial in Händen haben, überhaupt jemand in dieser Angelegenheit festzusetzen«, entgegnete Cliff kurz.

 

Die ganze Schwierigkeit der Lage kam ihm zum Bewußtsein, und er fühlte, wie heftig der Kampf mit Fing-Sus unsichtbaren Streitkräften entbrannt war.

 

»Deine Neugierde wegen Scotland Yard kann bald gestillt werden. Im übrigen ist der Platz ganz und gar nicht romantisch. Inspektor Willing kommt heute abend zu mir und wird mit uns den Strom hinunterfahren. Kannst du auch schwimmen, Joe?«

 

»Natürlich! Ich kann alles, was von einem tüchtigen Mann verlangt wird«, sagte er pathetisch. »Du mußt dir ein für allemal den Gedanken aus dem Kopf schlagen, Cliff, daß ich zu nichts zu gebrauchen sei. Ein Mann im Alter von fünfzig Jahren steht auf der Höhe seines Lebens, wie ich dir ja schon immer gesagt habe.«

 

Gleich darauf kam Inspektor Willing – ein dünner, ausgemergelter Mann mit beißendem Humor und einer sehr geringen Meinung von den Menschen. In mancher Beziehung glich er mehr der Vorstellung, die sich Joe von einem Detektiv gemacht hatte, als die drei Leute, die er heute abend in Sunningdale kennengelernt hatte. Es imponierte ihm sehr, daß der Inspektor äußerst wenig sprach. Er machte auf ihn den Eindruck, daß er unfehlbar sei und sich in nichts irren könne.

 

»Sie wissen, daß wir die ›Umgeni‹ heute morgen durchsucht haben? Sie wird diese Nacht abfahren.«

 

Clifford nickte.

 

»Wir haben nichts gefunden, was nach Konterbande ausgesehen hätte. Vermutlich werden sie es später mit der ›Umveli‹ senden – das ist das Schwesterschiff. Sie liegen Seite an Seite im Pool verankert. Aber die ›Umveli‹ wird erst in einem Monat abfahren und läuft vorher Newcastle an. Haben Sie etwas von Long gehört? Das ist der Mann, den ich auf die Spur von Miß Bray geschickt habe.« Und als Clifford den Kopf schüttele, fuhr er fort: »Ich dachte, daß er direkt an Sie berichtet hätte. Wahrscheinlich ist er mit ihr nach Sunningdale zurückgekehrt. – Nun, Mr. Lynne, was ist Ihrer Meinung nach das Endziel der Pläne dieses Chinesen?«

 

»Sie meinen Fing-Su? Soviel ich vermute, hat er die Absicht, eine neue Dynastie in China zu gründen. Bevor er das aber zustande bringen kann, müßte er nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge erst die Söldnergeneräle niederkämpfen, die das ganze Land unter sich aufgeteilt haben. Aber ich glaube, er hat einen leichteren Weg gefunden. Jeder General in China hat seinen Preis – man muß sich immer vergegenwärtigen, daß die Chinesen nicht patriotisch sind. Sie kennen das Gefühl nicht, das wir Vaterlandsliebe nennen. Sie betreiben ihre Politik von einem egoistischen Standpunkt aus. Es fehlt ihnen der weite Horizont. Viele von ihnen merken überhaupt nicht, daß die Mongolei inzwischen eine russische Provinz geworden ist. Die Generäle sind Räuber in ganz großem Maßstab. Die Entscheidung der Schlachten hängt davon ab, wieviel Soldaten auf jeder Seite desertieren. Unter Strategie versteht man in China, den höchsten Preis für den eigenen Verrat herauszuschlagen und die eigenen Absichten bis zum letzten Augenblick zu verschleiern.«

 

»Und Narth – er ist mir ein Rätsel«, sagte Willing. »Ich kann nicht sehen, welchen Wert er für Fing-Su und seine Leute haben könnte. Der Mann ist nie ein Genie gewesen, und er ist auch kein Haudegen.«

 

»Narth ist für die Leute sehr brauchbar, irren Sie sich darin nicht. Obgleich er geschäftlich vor dem Bankerott steht, hat er doch die besten Beziehungen zur City – damit will ich sagen, daß es keinen besseren Mann in London gibt als Stephen Narth, wenn es sich darum handelt, Menschenleben gegen Dollars einzuhandeln. Er steht in persönlicher Fühlung mit den Chefs der großen Bankgruppen und hat gerade die Kenntnis, die Fing-Su bei der Durchführung größerer finanzieller Transaktionen fehlen. Sollte Fing-Su Erfolg haben, dann werden verschiedene wertvolle Konzessionen zu haben sein, und Narth wird Fing-Sus Agent sein! Augenblicklich ist er eine zweifelhafte Existenz, und Fing-Su weiß das auch sehr genau. Durch das Geld, das er ihm lieh, hat er ihn aber nicht so völlig in die Hand bekommen, wie er es sich einbildet. Trotzdem wird Stephen Narth bald an die Gesellschaft der ›Freudigen Hände‹ mit eisernen Ketten gebunden sein. Möglicherweise könnte das Brimborium der Aufnahmezeremonie ihn abstoßen – aber auch das bezweifle ich.«

 

Er sah nach seiner Uhr.

 

»Es wird Zeit, daß wir aufbrechen«, sagte er. »Ich habe ein elektrisches Motorboot bestellt, das uns in Wapping erwartet. Haben Sie eine Schußwaffe bei sich?«

 

»Die brauche ich nicht!« sagte der Inspektor heiter. »Ich habe einen Spazierstock, der hat es buchstäblich in sich – und er macht auch keinen Lärm. Aber soviel ich sehe, wird es ein verlorener Abend. Wir haben die ›Umgeni‹ doch durchsucht –«

 

»Ich fahre nicht aus, um die ›Umgeni‹ zu sehen«, sagte Cliff. »Ihr Schwesterschiff liegt Bord an Bord mit ihr –«

 

»Aber die fährt doch erst in einem Monat ab.«

 

»Im Gegenteil – sie fährt heute abend«, sagte Cliff.

 

Der Inspektor lachte.

 

»Sie scheinen sehr wenig mit Schiffen vertraut zu sein«, sagte er. »Sie wird an der Mündung des Flusses aufgehalten, und man wird ihre Papiere genau prüfen. Wenn sie nicht in Ordnung sind, kommt sie aus der Themse nicht heraus.«

 

»Und ich sage Ihnen, die Papiere werden in Ordnung sein«, bemerkte Clifford geheimnisvoll.