Kapitel 11

 

11

 

Mrs. Carawood schien sich über die Abreise Julians zu freuen und war beim Abendessen in heiterer Stimmung. Am Nachmittag hatte sie außerdem, auf ein Pferd gesetzt und gewonnen.

 

»Wer hat dir denn den guten Rat gegeben?« fragte Marie erstaunt.

 

Mrs. Carawood lächelte.

 

»Fenner kam zu den Rennen. Er weiß auf allen Gebieten Bescheid, sogar von Pferden versteht er etwas!«

 

Am Abend gingen sie spät zu Bett. Es war fast ein Uhr, als John sein Licht ausschaltete und sich zur Ruhe legte. Während des Abends hatte sich der Himmel bewölkt, und es waren ab und zu Regenschauer niedergegangen. John hörte fernes Donnergrollen.

 

Er hatte einen leichten Schlaf, und als das Unwetter losbrach, wachte er beim ersten Donnerschlag auf. In unregelmäßigen Zwischenräumen erhellten Blitze das Zimmer. Er zog die Vorhänge zurück und schaute hinaus; der Regen fiel wolkenbruchartig. Ein blendendhelles Lichtband lief am Himmel entlang, und fast unmittelbar darauf folgte der Donner. Unwillkürlich zuckte er zurück. Es mußte in der Nähe eingeschlagen haben, denn der Donner war scharf wie ein Peitschenknall gewesen.

 

Er sah auf die Uhr: Viertel nach zwei. Trotz des offenen Fensters war die Luft im Zimmer drückend. Er öffnete die Glastür weit und hörte im selben Augenblick einen wilden Schrei dann noch einen, und zwar aus der Richtung von Maries Zimmer. Einen Augenblick zögerte er, weil er nicht wußte, was er tun sollte. Wahrscheinlich war sie durch das Unwetter aufgeweckt worden und fürchtete sich. Dann trat er auf den Gang und hörte, wie eine Klinke niedergedrückt wurde. Die Tür zu Maries Zimmer flog auf.

 

»John …! Nanny …! Wer ist da?«

 

»Ich bin es«, erwiderte Morlay. »Ist etwas nicht in Ordnung – fürchten Sie sich?«

 

»Ja!« keuchte sie atemlos. »Aber nicht vor dem Gewitter –«

 

»Was ist denn geschehen, Liebling?« hörte man jetzt die Stimme von Mrs. Carawood.

 

»Es war jemand in meinem Zimmer …«

 

John schlüpfte schnell in seinen Morgenrock und eilte zu dem Zimmer des jungen Mädchens. Als er das Licht andrehte, sah er, wie bleich sie war.

 

Der Sturm tobte draußen mit unverminderter Stärke weiter, das Rauschen des Regens klang gewaltig, aber keiner der drei achtete darauf.

 

»Ich wachte plötzlich auf«, sagte Marie, noch ganz außer sich, »und sah, daß ein Mann in meinem Zimmer war … Er stand ganz nahe an meinem Frisiertisch. Wahrscheinlich ist er über den Balkon durch die offene Glastür hereingekommen. Ich schrie, plötzlich verschwand er.«

 

»Vermissen Sie etwas?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß es nicht«, erwiderte sie und versuchte zu lächeln. »Aber sicher habe ich den Schlaf dieser Nacht, meinen Frieden und meinen Glauben an Detektive eingebüßt!«

 

Er ging in ihr Zimmer; soviel er sehen konnte, war nichts angerührt worden. Die kostbaren Bürsten und Kämme in Goldfassung waren vollzählig vorhanden. Marie folgte ihm auf dem Fuß.

 

»Der Ring!« rief sie plötzlich. »Er ist fort.«

 

Sie sah unter den Frisiertisch und dahinter, aber das kleine rote Lederetui mit dem Geschenk Julians war verschwunden.

 

»Wo haben Sie ihn denn hingelegt?«

 

»Dorthin!« Sie zeigte auf die Ecke des Frisiertisches.

 

»Wissen Sie das auch ganz genau?«

 

Sie nickte.

 

»Ja, um halb zwei lag er noch hier auf der Ecke.«

 

»Aber wir haben uns doch kurz vor zwölf getrennt, Marie.«

 

Sie sah Mrs. Carawood an und senkte den Blick.

 

»Ja, aber ich habe mich nicht sofort hingelegt.«

 

Sie war ungewöhnlich ernst. Es mußte sie wohl noch ein anderes Ereignis mitgenommen haben. Noch im Augenblick vorher hatte sie gelacht und war zum Scherzen geneigt. John Morlay verstand sie nicht ganz.

 

»Würden Sie den Mann wiedererkennen?« fragte er.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

Er trat auf den Balkon hinaus und sah, daß eine Leiter ans Geländer gelehnt war. Mrs. Carawood folgte ihm und stieß die Leiter um, so daß sie der Länge nach auf den Rasen fiel.

 

»Sie müssen schon seit langer Zeit dieses Haus beobachtet haben. Die Leiter hängt sonst an der Hinterfront; die Einbrecher wußten also gut Bescheid.«

 

Der Vorfall machte auf Mrs. Carawood noch größeren Eindruck als auf Marie. Sie ließ sich aber wenig anmerken.

 

»Gehen wir nach unten und trinken eine Tasse heißen Kaffee. Das Gewitter geht auch allmählich vorüber«, meinte sie beruhigend.

 

Aber damit hatte sie nicht recht. Die Grundfesten des Hauses erzitterten noch unter den gewaltigen Donnerschlägen, als sie zusammen in dem Speisezimmer saßen und den Kaffee tranken, den Mrs. Carawood inzwischen zubereitet hatte.

 

Marie war ernst geworden. Sie saß am Tisch und schaute auf die polierte Fläche. Nervös faltete sie die Hände und runzelte die Stirn.

 

»Ich glaube, Julian wird sich sehr aufregen, wenn er das erfährt«, meinte Mrs. Carawood. »Obwohl der Ring sicher nicht viel gekostet hat.«

 

Marie seufzte und sah dann auf.

 

»Ich werde ihn zurückbekommen. Das ist ganz gewiß.«

 

»Ich würde mich darauf nicht zu sehr verlassen«, erwiderte John. »Es ist sehr schwer, gestohlene Stücke zurückzuerhalten. – Ich möchte wissen, ob der Einbrecher heute abend auch noch in einem anderen Haus war.«

 

»Und ich werde den Ring doch zurückbekommen.« Marie nickte und lächelte wieder. »Ich habe eine bestimmte Vorahnung. Ich glaube, wenn der Einbrecher den Ring sieht und die rührende Inschrift liest, steckt er das Kästchen in einen Briefumschlag und schickt es mir per Post wieder zu. Wenn wir heute von den Rennen zurückkommen, liegt es unten in der Diele.«

 

»Sie scheinen tatsächlich das zweite Gesicht zu haben«, entgegnete John.

 

»Es wäre nicht das erste Mal, daß ich etwas vorausgeahnt hätte.«

 

Trüb dämmerte der Morgen, als sie sich wieder zur Ruhe legten. John schlief fest und traumlos, bis er dadurch geweckt wurde, daß kleine Kieselsteine auf den Boden des Zimmers fielen. Als er aufwachte, traf gerade ein Stein die Fensterscheibe. Es gab ein Loch.

 

»Ach, das tut mir leid«, hörte er eine Stimme unten im Garten.

 

Es war Marie.

 

»Seit zehn Minuten beschäftige ich mich schon damit, Steine durch Ihr Fenster zu werfen. Kommen Sie doch herunter, hier gibt es etwas für Sie zu tun.«

 

Es dauerte zwanzig Minuten, bis er unten auf dem Rasen war. Die Sonne schien strahlend, der Himmel war klar und blau, und alle Anzeichen sprachen dafür, daß es ein herrlicher Tag werden würde.

 

»Kommen Sie doch mit mir in den Obstgarten.«

 

Auf der Hinterseite des Hauses waren mehrere Morgen Land mit Apfel-, Birn- und Pflaumenbäumen bepflanzt; auch köstliches Spalierobst, wie Pfirsiche und Aprikosen, wuchs dort.

 

»Der Gärtner sagt, wir pflanzen das bloß, damit es die Wespen auffressen.«

 

Sie legte den Arm in den seinen, und so gingen sie durch das hohe Gras zwischen den Bäumen.

 

»Ich möchte, daß Sie mir einen großen Gefallen tun, John.«

 

»Ihre Bitte ist bereits gewährt!«

 

»Vergessen Sie alles, was ich gestern abend über den Ring sagte – ich meine, daß ich ihn wiedererhalten würde. Übrigens ist heute nacht auch drüben in der Villa Mirfleet eingebrochen worden, drei Häuser von uns entfernt. Dort wurde ein kostbares Perlenhalsband gestohlen, die Einbrecher haben also nicht nur meinen Ring erbeutet.«

 

»Ist die Polizei benachrichtigt worden?«

 

»Die Polizei!« sagte sie verächtlich und sah ihn mit blitzenden Augen an. »Selbstverständlich! Seit sieben Uhr heute morgen wandert eine ganze Prozession von Kriminalbeamten und Polizisten in Zivil hier über den Rasen. Das frische Gras ist vollkommen niedergetreten. Ihr Freund, Inspektor Peas, war auch dabei.«

 

»Was, der war auch hier?«

 

»Während Sie in tiefem Schlummer lagen, habe ich längere Zeit mit ihm gesprochen«, entgegnete sie feierlich. »Ich habe ihm alle Einzelheiten erzählt, und alle Beamten haben eifrig in ihre Notizbücher geschrieben. Gerade während sie sich mit mir unterhielten, wurde der Einbruch in der Villa Mirfleet entdeckt, und dann sind sie alle verschwunden. Ich habe keinen von den Herren wiedergesehen.«

 

»Wer hat denn nach der Polizei geschickt?«

 

Sie zögerte.

 

»Ich weiß es nicht, ich glaube aber, es war Mrs. Carawood. Sie ist nicht zu Bett gegangen und war schon um fünf Uhr morgens wieder hier unten. Wahrscheinlich hat sie es einem Polizeibeamten in Ascot gesagt, und der hat es sofort seinem Vorgesetzten gemeldet. Auf jeden Fall glaube ich kaum, daß es mehr Polizeibeamte in Scotland Yard gibt, als heute morgen hier auf dem Grundstück waren.«

 

Sie wurde plötzlich ernst.

 

»Ich habe den Leuten nichts davon gesagt – ich meine davon, daß ich annehme, den Ring wiederzuerhalten. Versprechen Sie mir auch, daß Sie es keinem andern sagen?«

 

Er mußte laut auflachen, als er das hörte.

 

»Aber warum denn? Das Schmuckstück kommt doch sowieso nicht von selbst zurück. Einbrecher sind nicht sentimental. Wenn der Mann, der den Ring gestohlen hat, auch nur einen Shilling dafür bekommen kann, verkauft er ihn. Und wenn Sie glauben, das Schmuckstück wiederzuerhalten, würde ich Ihnen raten, Julian nichts von dem Diebstahl zu erzählen!«

 

»Ich habe es ihm aber bereits gesagt«, entgegnete sie schnell. »Ich habe ihn angerufen. Er war außerordentlich liebenswürdig.«

 

»Haben Sie ihm auch gesagt, daß Sie glauben, das Schmuckstück zurückzubekommen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sie sind doch ein merkwürdiges Mädchen.«

 

»Nicht wahr?«

 

Sie ließ seinen Arm los, trat einen Schritt von ihm zurück, legte die Hände auf den Rücken und betrachtete ihn ernst.

 

»Sie können mir auch noch einen anderen Gefallen tun«, sagte sie nach einer Weile. »Könnten Sie Mrs. Carawood überreden, daß sie den Dienstboten sagt, mich nicht mehr Mylady zu nennen? Ich weiß, sie hat es den beiden Mädchen beigebracht, so daß ihnen nichts anderes übrigbleibt, und ich möchte sie nicht verletzen. Aber vielleicht können Sie eine Andeutung machen. Sie werden schon irgendeine Ausrede finden. Sagen Sie, daß das in Ascot nicht Mode ist oder sonst etwas. Aber eines dürfen Sie nicht sagen: daß der italienische Adel nicht zur Führung dieses Titels berechtigt ist. Sie wird sonst wild und kämpft wie eine Löwin.«

 

»Haben Sie Julian eigentlich gern?«

 

»Nein. Wenn ich sage, daß ich ihn bewundere, meine ich damit etwas anderes. Man bewundert auch Gemälde, Blumen und andere schöne Dinge, ohne daß man eine persönliche Zuneigung zu ihnen hätte. Sie sind hübsch oder interessant, und dann bewundert man sie eben.«

 

»Schätzen Sie mich eigentlich?«

 

Er stellte die Frage geradezu, kam sich selbst aber dabei sehr töricht vor.

 

Sie nickte.

 

»Sie meinen, ob ich Sie bewundere? Nein, das tue ich nicht. Dazu sind Sie viel zu natürlich.«

 

»Gut, dann will ich noch eine andere Frage an Sie stellen. Was halten Sie von einer Verbindung zwischen Mai und Dezember?«

 

Sie lachte lange und herzlich.

 

»Nein, John, so dürfen Sie nicht fragen. Aber vielleicht habe ich eine Vorliebe für eine Heirat zwischen April und Juli. Sie sollten sich selbst nicht so alt machen! Das ist eine Schrulle, und es ist auch eitel, wenn Sie immer über Ihr würdiges Alter reden. So, nun wollen wir aber frühstücken.«

 

Er hätte diese Unterhaltung gern noch weiter fortgesetzt, aber Marie war wirklich hungrig und ließ sich nicht mehr zurückhalten.

 

Nach dem Frühstück ging er in den Ort, um Inspektor Peas aufzusuchen. Nach längerer Zeit fand er ihn auch in der Kantine der Polizeibaracke, die dem großen Tribünenstand auf der Rennbahn gegenüberlag. Dreihunderteinundsechzig Tage im Jahr liegt sie einsam und verlassen, aber während des viertägigen Rennens sind hier viele Polizeibeamte aus der ganzen Gegend zusammengezogen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten und den Verkehr zu regeln.

 

Peas trank Bier und aß große Käsebrote dazu.

 

»Ich wollte eigentlich in der Offiziersmesse essen«, sagte er, »aber die einfachen Polizeibeamten sind ebenso gut für mich. Im Herzen bin ich demokratisch gesinnt. Jeder Polizeibeamte ist mein Kamerad, und sie achten mich deshalb auch besonders. Die Vorgesetzten, die sich immer über die anderen erhaben fühlen, sind bei der Mannschaft nicht beliebt.«

 

John ging einen Augenblick mit ihm auf den Hof hinaus.

 

Peas wußte nicht viel. Ein Einbruch hatte stattgefunden; ein Perlenhalsband war gestohlen worden, ebenso ein Ring.

 

»Es wundert mich nur, daß der Mann ausgerechnet in Mrs. Carawoods Haus eingestiegen ist. Diese Einbrecher unterrichten sich doch vorher meistens sehr genau darüber, was in den einzelnen Villen zu holen ist. Ich kann mir die Sache nur so erklären, daß er das Haus verwechselt hat, aber auch das ist nicht sehr wahrscheinlich.«

 

»Glauben Sie, daß derselbe Mann die beiden Einbrüche verübt hat?«

 

»Zweifellos. Wir fanden genau dieselben Fußspuren auf beiden Grundstücken. Die Erde ist ziemlich weich vom Regen, und der Mann hat Abdrücke in den Blumenbeeten hinterlassen, die vollkommen klar und deutlich sind. Sein Fuß ist fast so klein wie ein Frauenfuß. Außerdem benützt er Baumwollhandschuhe bei der Arbeit. Er ließ einen davon am Fuß der Leiter zurück. Für die Untersuchung ist das leider gar kein Anhaltspunkt. Außerdem ist noch festgestellt worden, daß er in einem Auto hergekommen ist. Wir fanden die Spuren der Räder und Öl an der Stelle, wo er geparkt hat. Es hat sich auch ein Mann gemeldet, der den Wagen dort gesehen hat. Die Nummer hat er sich leider nicht gemerkt, und wenn wir sie auch hätten, würde sie für uns doch kaum von Wert sein, da es sich wahrscheinlich um einen gestohlenen Wagen handelte.«

 

Er sah John neugierig an.

 

»Ist Mrs. Carawood heute morgen wohlauf?«

 

»Ich habe sie noch nicht gesehen. Ich sagte schon – sie war fast die ganze Nacht auf und hat sich jetzt hingelegt.«

 

Peas nickte.

 

»Hat Sie Ihnen nichts über ihren Ausflug nach Rotherhithe gesagt? Aber Sie haben natürlich auch nicht danach gefragt.«

 

»Sie sagte nichts. Übrigens muß ich feststellen, daß Sie Mrs. Carawood wirklich nicht sehr gut leiden können.«

 

»Ich schätze sie mehr als alle anderen Frauen, die ich in der langen Zeit meiner Dienstjahre gesehen und kennengelernt habe«, lautete die erstaunliche Antwort. »Ich habe sogar eine gewisse Bewunderung für diese Dame.«

 

»Bezieht sich Ihre Bewunderung darauf, daß sie eine gute Staatsbürgerin ist oder eine Verbrecherin?« fragte John leichthin.

 

Mr. Peas antwortete nicht. Er hatte seine Geheimnisse. John fühlte, daß der Inspektor ein paarmal nahe daran gewesen war, sie ihm mitzuteilen. Peas war so veranlagt, daß er nicht ohne eine Zuhörermenge leben konnte, die ihm Beifall zollte. Es mußte ihm daher ungeheuer schwerfallen, ein Geheimnis für sich zu behalten, aber in diesem Fall tat er es doch.

 

John ging mit Marie zum Rennplatz und aß dort mit ihr zu Mittag. Den ganzen Nachmittag über sahen sie den Rennen zu, für die sich auch John mehr als sonst interessierte. Ein guter Freund hatte ihm die richtigen Tips gegeben.

 

Die kleine Unterhaltung mit Marie über den Einbruchsdiebstahl hatte er längst vergessen, als sie von den Rennen zurückkehrten und in die Halle traten. Mit einem Aufschrei eilte sie zu dem Seitentisch, auf dem ein Päckchen lag.

 

»Wann ist es angekommen?« fragte sie das Mädchen.

 

»Heute nachmittag.«

 

Sie riß das Papier ab und hielt ein kleines rotes Lederetui in der Hand, das sie sofort öffnete.

 

Auf weißem Plüsch lag der schöne Ring mit dem Rubin.

 

»Nun, was sagen Sie jetzt?« rief sie John triumphierend zu.

 

»Ist das der Ring?« fragte er ungläubig.

 

»Ja, das ist das Geschenk Julians.«

 

Mrs. Carawood war inzwischen eingetreten und sah erstaunt das Schmuckstück an.

 

»Der Ring ist wieder da, und hier ist auch eine kleine Notiz. Ein Zettel …«

 

»Es ist schon so, wie ich dachte.«

 

Sie las die Worte vor, die auf dem schmutzigen Papier standen:

 

»Sehr verehrte Miss, es tut mir leid, daß ich Ihr Geschenk genommen habe.«

 

Marie betrachtete den Ring, indem sie ihn von einer Seite zur anderen drehte.

 

»Willst du das Schmuckstück nicht tragen, Liebling?« fragte Mrs. Carawood, als Marie den Ring ins Etui zurücklegte.

 

»Nein, Nanny«, entgegnete das junge Mädchen ruhig. »Die Farbe paßt nicht zu meinem Kleid, und ich werde wahrscheinlich auch niemals ein Kleid anziehen, das dazu paßt. Deshalb werde ich den Ring vermutlich niemals tragen.«

 

John nahm das Etui in die Hand und sah sich den Rubin an.

 

Seiner Schätzung nach war das Schmuckstück höchstens zwanzig bis fünfundzwanzig Pfund wert. Es war eine Nachbildung eines altvenezianischen Schmucks. Die Goldarbeit war besonders gut.

 

Kapitel 1

 

1

 

Zu den Untugenden John Morlays gehörte vor allem Neugierde. Deshalb blieb er natürlich eines Morgens auch vor dem Gartentor einer kleinen Villa in Ascot stehen. In dem schmucken, aber nicht allzu großen Haus wurde eifrig gearbeitet, und das erregte seine Aufmerksamkeit. Er sah durch eine Öffnung in der gradlinigen Hecke, wie Arbeiter eben einen Schrank hineintrugen. Weiter hinten bemerkte er einen frischgemähten Rasenplatz mit einem Bassin, und jenseits erhob sich das Wohngebäude aus roten Ziegeln. Breite weiße Sandsteinquadern bildeten die Fensterumrahmungen des zierlich wirkenden Hauses. Es lag ziemlich versteckt, so daß es wohl nur Leute wie John Morlay entdecken konnten, die Zeit und Lust hatten, planlos in der Gegend umherzustreifen. Es lag auch nicht an einer richtigen Straße, sondern an einem Weg, der sich in den Wiesen verlor. In der Nähe von Ascot gibt es eine ganze Anzahl ähnlicher Landsitze.

 

Allem Anschein nach zog hier ein neuer Mieter ein – vielleicht hatte das kleine Grundstück sogar seinen Besitzer gewechselt. John folgte den Arbeitern, die mühsam schwere Möbelstücke den Kiesweg entlangschleppten. Der Weg war erst vor kurzem gesäubert worden, und das kleine Bassin, in dem sonst Wasserlilien gestanden haben mochten, war vollkommen ausgeräumt und mit klarem Wasser gefüllt. Ein Gärtner stand auf dem Rasen, lehnte sich auf den Griff seines kleinen Rasenmähers und wischte sich über die Stirn. Er grüßte John mit einer gewissen Ehrerbietung, wie es Dienstboten Fremden gegenüber tun, von denen sie nicht recht wissen, ob sie Freunde ihrer neuen Arbeitgeber sind oder nichts auf dem Grundstück zu suchen haben.

 

»Sieben Millionen Kaulquappen waren in dem Teich«, erklärte er großartig und etwas zusammenhanglos.

 

»Ich habe nur sechs Millionen gezählt«, erwiderte John vergnügt, und der Mann sah ihn verdutzt an. »Nun gut, wir wollen uns die Sache fünfzig zu fünfzig teilen. Ich will zugeben, daß es sechseinhalb waren.«

 

»Als ich herkam, stand das Gras so hoch«, versuchte der Gärtner es aufs neue und deutete mit der Hand eine Höhe zwischen Hüfte und Knie an.

 

»Das ist noch gar nichts. In meinem Garten steht es so hoch, daß ich mich darin verirren kann. Ziehen hier eigentlich neue Mieter ein?«

 

»Ach, die?« Der Gärtner wies mit dem Daumen nach der offenen Haustür. »Nein, die haben es gekauft. Die alte Lady Coulson hat viele Jahre hier gelebt. Sie hat immer grüne Hüte auf den Pferderennen von Ascot getragen. Sicher können Sie sich noch auf sie besinnen?«

 

John hatte das Gefühl, daß er mindestens ein nachdenkliches Gesicht machen müßte. »Nein«, sagte er, nachdem er sich besonnen hatte. »Wie viele grüne Hüte trug sie denn?«

 

Der Gärtner sah ihn argwöhnisch von der Seite an und sagte langsam: »Eine Gräfin hat sie jetzt.«

 

»Die Hüte? Ach so, Sie meinen die Besitzung!«

 

»Eine junge Gräfin. Ich habe sie noch nicht gesehen. Sie kommt direkt vom College hierher. Ein Zimmermädchen und eine Köchin sind schon engagiert, auch eine Aufwartefrau – ich komme nur ab und zu her.«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte John interessiert.

 

»Ich bin nur für zwei Tage in der Woche angestellt.« Er schüttelte den Kopf. »Das sollen die mir aber erst mal vormachen, hier in zwei Tagen mit allem fertig zu werden! Wenn der Garten richtig in Ordnung kommen soll, muß ein Mann die ganze Zeit hier arbeiten. Hier gibt es kein Gewächshaus – überhaupt gar nichts. Was soll denn im Winter werden? Da müssen die Pflanzen doch herausgenommen werden.«

 

Der Gärtner machte sich wieder mit seiner Grasschneidemaschine zu schaffen.

 

John Morlay ging zur Haustür und schaute in die Diele. Der Fußboden war mit einem Läufer ausgelegt, und es roch nach neuer Farbe. Ein Elektriker in weißem Arbeitskittel ließ einen Draht fallen, um den Fremden genauer zu betrachten. Morlay wandte sich um und ging langsam um das Haus herum. Es war wirklich ein herrlicher kleiner Besitz, der sich für eine junge Gräfin besonders eignete. John überlegte, welche von den vielen Gräfinnen, die er kannte, wohl die glückliche Eigentümerin wäre.

 

Als er sich umdrehte, entdeckte er noch einen anderen Mann im Garten. Der Fremde war groß, breitschultrig, nicht mehr jung und trug schäbige Kleider. Sein Gesicht hatte eine ungesunde Farbe, und der abstoßende Eindruck seiner Züge wurde noch durch den unwirschen, verbitterten Blick erhöht, mit dem der Mann das Haus musterte. Etwas Scheues lag in seinem Wesen, als ob er fürchtete, von dem Grundstück gewiesen zu werden. Aber dann faßte er Mut und kam langsam auf John Morlay zu.

 

»Können Sie mir hier eine Stelle oder Arbeit geben?«

 

Die barsche Stimme paßte zu dem unfreundlichen Wesen.

 

John Morlay betrachtete den Mann neugierig, der einen alten Soldatentornister auf dem Rücken trug. Die Schuhe waren etwas zu groß und an den Seiten aufgeplatzt, die Hosen unten ausgefranst. Das Hemd stand am Hals offen, so daß man die sonnverbrannte Brust sehen konnte. John wußte nach der äußeren Erscheinung des Fremden sofort, mit wem er es zu tun hatte.

 

»Ich habe leider keine Arbeit für Sie, mein Sohn. Wie lange sind Sie denn schon wieder heraus?«

 

Der Mann blinzelte ihn an und verzog das unrasierte Gesicht ärgerlich. »Wie?«

 

»Wie lange Sie schon wieder heraus sind?«

 

Der Fremde sah in den Garten, auf das Haus, auf den Himmel, überallhin, nur nicht auf John.

 

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

 

»Seit wann sind Sie aus dem Gefängnis entlassen?«

 

»Seit sechs Monaten«, lautete die trotzige Antwort. »Sie sind wohl von der Polente?«

 

»In gewisser Weise – ja«, erwiderte John mit einem leichten Lächeln. »Warum haben Sie denn gesessen?«

 

Der Mann sah ihn fest an.

 

»Das geht nur mich etwas an. Sie können mir nichts anhaben, ich brauche mich nirgends zu melden. Ich bin nicht auf Bewährung entlassen, ich habe meine ganze Strafe abgesessen.« Seine Stimme wurde immer rauher und lauter. »Jeden Tag und jede Stunde. Ich habe keinen Strafnachlaß bekommen; wie einen Hund haben sie mich behandelt – und das habe ich ihnen heimgezahlt. Ich lasse mich nicht unterkriegen, so bin ich!«

 

Zwei Transportarbeiter kamen an ihnen vorbei. Einer trug ein Ölgemälde. Von Johns Standpunkt aus war es schwer, die dargestellte Person und den künstlerischen Wert zu unterscheiden; er sah nur, daß es sich um das Porträt einer jungen Dame in hellblauem Kleid handelte. Ihre Haare waren goldblond, und eine Vase stand neben ihr.

 

Der frühere Sträfling trat befangen von einem Fuß auf den anderen. Es war klar, daß er möglichst bald fort wollte. Aber die jahrelange Gewohnheit, von Vorgesetzten ausgefragt zu werden, hielt ihn zurück. Morlay erkannte dies, entließ ihn mit einem Auf Wiedersehen und schaute ihm dann nach, wie er mit steifen Schritten über den Rasen auf die Straße hinausging.

 

Nach einer Weile schlenderte Morlay zum Haus zurück, und nachdem er sich genügend umgesehen hatte, wandte er sich wieder an den Gärtner.

 

»Was ist es denn für eine Gräfin?«

 

Der Mann schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe es nicht recht behalten. Es ist ein fremder Name italienisch! Mit einem F fängt er an.«

 

»Danke für die Auskunft.«

 

John schlenderte durch das Gartentor hinaus. Am Ende der kurzen Straße stand das Lastauto, das die Möbel gebracht hatte, und er ging darauf zu. Als er dort ankam, hielt gerade ein anderes Auto an, und eine ziemlich behäbige Frau von mittleren Jahren stieg aus.

 

Vielleicht war sie die neue Haushälterin. Aber John fiel ein, daß der Gärtner nichts von einer solchen Angestellten erwähnt hatte. Er kümmerte sich auch nicht weiter um sie. Was gingen ihn die Dienstboten einer jungen italienischen Gräfin an?

 

Langsam ging er auf die Hauptstraße zu und hielt Ausschau nach seinem Bekannten, dem Kriminalinspektor Peas. Schließlich entdeckte er ihn in einiger Entfernung.

 

Die Gegend hier war romantisch, und auch diese junge italienische Gräfin umgab eine gewisse Romantik. Wahrscheinlich gehörte sie zu jenen Damen der vornehmen Welt, die sich hier nur während der Rennen blicken ließen. Zu dieser Zeit würde der kleine Landsitz dann fröhliche Partys sehen, aber nachher war wieder alles vorüber; Vorhänge wurden vorgezogen, die Türen abgeschlossen. Die junge Gräfin fuhr an die Riviera oder an den Lido, bis die Saison sie wieder zu ihrer idyllisch-schönen Besitzung zurückrief, die dann von neuem von den Handwerkern hergerichtet wurde. Peas, der John mit lebhaften Schritten entgegenkam, brachte diesen aus seiner Versunkenheit zur Wirklichkeit zurück.

 

Der Polizeibeamte war auf Ersuchen der lokalen Behörde von Scotland Yard hierhergeschickt worden, um einen Einbruchdiebstahl aufzuklären, und hatte John Morlay eingeladen, ihn zu begleiten. Teils, weil er gern jemandem von seiner Tüchtigkeit erzählte, teils, weil John Morlay ein großes, elegantes Auto besaß, in dem er bequem seinen Bestimmungsort erreichen konnte.

 

In kurzer Zeit begann die Saison in Ascot, und es waren schon viele der angesehenen Familien hergekommen, darunter auch ein Graf, dessen junge Gattin sich sehr für Saphire interessierte. Sie besaß eine ganze Reihe von Schmuckstücken, die mit diesen Steinen besetzt waren: Ringe, Nadeln, Armbänder und andere Gegenstände. Sie nahm ihre Juwelen stets auf Reisen mit, obwohl dies ziemlich gefährlich war.

 

Als sie eines Abends eine Party gab, stellte ein Unbekannter eine Leiter an das Fenster ihres Schlafzimmers, brach den Safe auf, der rechts neben ihrem Bett stand, und raubte drei Kassetten mit kostbarem Schmuck. Der Einbrecher wäre unbemerkt entkommen, wenn ihn nicht das Zimmermädchen im Schlafzimmer überrascht hätte. Zuerst sah sie den Mann nicht, und obwohl sie ihn nachher bemerkte, konnte sie nicht viel über sein Aussehen berichten, da er einen schwarzen Seidenstrumpf über das Gesicht gezogen hatte. Sie wollte schon um Hilfe schreien, aber eine Hand legte sich wie eine Eisenklammer auf ihren Mund.

 

Sie las aufregende Kriminalgeschichten und wußte daher auswendig, wie es bei solchen Gelegenheiten herging. Infolgedessen fiel sie auch in Ohnmacht. »Der Mann würgte mich, bis ich die Besinnung verlor!« sagte sie aus.

 

Inspektor Peas verhörte sie. Er war ein hagerer Mann mit Sommersprossen und kaum vierzig Jahre alt. Er schien noch etwas zu jung für seinen Posten zu sein, denn das Mädchen ärgerte sich über seine Fragen und beklagte sich danach, daß er keine Manieren besäße und sie nicht über den Einbruch selbst befragt, sondern seine Zeit mit nutzlosen Erkundigungen nach ihren Privatverhältnissen vergeudet hätte. Zum Beispiel wollte er wissen, wer ihr Freund sei, welchen Beruf er habe, ob er in Ascot wohne und ob er sie schon einmal in dem Haus besucht habe.

 

»Das Mädchen hat einen absolut anständigen Charakter«, protestierte ihre Herrin ungnädig.

 

»Ich habe leider die Erfahrung gemacht, daß es kaum Menschen mit anständigem Charakter gibt«, erwiderte Peas gelangweilt. »Jedenfalls nehme ich das als Polizeibeamter zunächst an, bis das Gegenteil bewiesen ist.«

 

Er war gerade nicht in der besten Stimmung, als er Morlay traf.

 

»Es ist ein ganz gewöhnlicher Wald- und Wieseneinbruch, bei dem der Kerl eine Leiter benützt hat. Das Dienstmädchen ist ebenso dumm wie alle anderen. Die fängt gleich an zu heulen, wenn man sie fragt, ob sie einen Freund hat, mit dem sie öfter mal ausgeht. Wie soll man da vorwärtskommen? Solche Einbrüche werden doch meistens vorher richtig ausbaldowert. Wo haben Sie denn Ihr Auto?«

 

»In den königlichen Stallungen. Ich wollte es in einer gewöhnlichen Garage unterstellen, aber jemand hat Sie erkannt und mich gefragt: ›Ist Ihr Begleiter nicht der große Kriminalbeamte, Inspektor Peas? Wir können nicht zugeben, daß das Auto seines Freundes bei den Wagen gewöhnlicher Leute steht.‹«

 

»Lachen Sie, dann lacht die Welt mit Ihnen«, entgegnete Peas selbstzufrieden. »Wenn man meine Fähigkeiten bedenkt, ist es geradezu ein Verbrechen, daß man mich zur Aufklärung eines solchen Falles in die Provinz schickt.«

 

John Morlay wußte nicht recht, ob Peas alle diese Bemerkungen über seine Tüchtigkeit nur zum Scherz machte, oder ob er sie ernst meinte. Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder mochte man den Inspektor gern, oder man konnte ihn nicht ausstehen. In jedem Fall aber mußte man einen gewissen Humor besitzen, um den Mann ertragen zu können. Und John Morlay hatte diesen Humor.

 

»Der Fall liegt so einfach, daß ihn ein sechsjähriges Kind verstehen könnte«, sagte Peas verächtlich, während sie zu Morlays Wagen gingen, der in der Garage eines kleinen Hotels stand. »Er mag ja für die Polizeibeamten von Ascot seine Schwierigkeiten haben, aber nicht für einen Mann von meinem Ruf. Es handelt sich um dieselbe Bande, die schon seit Wochen hier in der Gegend die Landhäuser plündert. Es ist wohl nicht nötig, daß ich Ihnen die Sache näher erkläre, Mr. Morlay, denn Sie sind ja kein berufsmäßiger …«

 

»Übrigens sah ich in der Nachbarschaft einen früheren Sträfling«, unterbrach ihn John und berichtete dann über den Vorfall.

 

Peas hörte ihm zu und schüttelte den Kopf.

 

»Nein, den kenne ich nicht. Aber wer den Einbruch verübt hat, war sicher kein alter Mann. Ich glaube übrigens, daß der Einbrecher, der die Saphire gestohlen hat, ganz allein arbeitet.«

 

Peas kannte Ascot sehr gut, wie er seinem Bekannten auf der Rückfahrt nach London erzählte; aber da er stets behauptete, alle Menschen und alle Orte sehr gut zu kennen, nahm ihn Morlay nicht ernst.

 

»Ich kenne die ganzen alteingesessenen Familien hier«, erklärte der Inspektor, »aber es sind auch viele neue Villen in der Gegend gebaut worden. Die Leute ziehen ein und ziehen aus. Die junge Gräfin Fioli zum Beispiel kenne ich noch nicht –«

 

»Gräfin Fioli!«

 

Der Wagen geriet einen Augenblick ins Schleudern, denn Mr. Morlays innere Erregung übertrug sich auf das Steuer.

 

»Ach, ich kenne sie – oberflächlich.«

 

»Trotzdem sollten Sie vernünftig fahren. Sie sind ja eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit«, erwiderte Peas vorwurfsvoll. »Mir kann so etwas nicht passieren. Ich bleibe vollkommen ruhig und kaltblütig, wenn ich am Steuer sitze. Selbst wenn ein Kerl seitlich aus den Büschen springt und mir ein Schießeisen entgegenhält, zucke ich nicht mit der Wimper –«

 

»Hören Sie doch endlich auf, nur von sich selbst zu reden, Peas. Ist die Gräfin Fioli die Inhaberin der neuen Villa dort drüben?«

 

Der Inspektor nickte.

 

»Sie kommt direkt vom Internat – geht mitten im Jahr ab, eigentlich ein schlechtes Zeichen. Schulen und Pensionate lieben das nicht. Nächste Woche kommt sie hierher. Ihr Vormund oder ihre Erzieherin hat das Haus gekauft, das ist alles, was man weiß. Wieder eine neue Gelegenheit, die sich die Diebe nicht entgehen lassen werden. Es wird nicht lange dauern, bis dort eingebrochen wird, und dann nimmt man natürlich wieder die Intelligenz von Scotland Yard in Anspruch.«

 

»Damit meinen Sie doch sich selbst?«

 

»Wen denn sonst? Nennen Sie mir drei Männer in Europa, die meinen Verstand besitzen oder mir in bezug auf kriminalistische Fähigkeiten auch nur das Wasser reichen können«, erwiderte Peas selbstzufrieden.

 

Kapitel 4

 

4

 

Joan Bray war einundzwanzig, aber sie sah viel jünger aus. Sie war schlank – Letty sagte von ihr, daß sie schrecklich mager wäre, doch das war übertrieben. Die Narth waren Leute mit vollen Gesichtern, sie hatten alle ein rundes Kinn und schöne Köpfe, waren aber ein wenig phlegmatisch. Dagegen war Joan geschmeidig an Körper und lebhaft an Geist, jede ihrer Bewegungen war bestimmt und bewußt. Wenn sie ruhig dasaß, hatte sie die Haltung einer Aristokratin (sie weiß immer, wo sie ihre Hände hintun soll, gab Letty widerwillig zu). Man merkte ihr an, daß es ihr Freude machte, sich zu bewegen. Zehn Jahre lang war sie vernachlässigt, unterdrückt und beiseitegeschoben worden, wenn man sie nicht zu sehen wünschte und sie hatte dabei weder ihren Lebensmut noch ihr Vertrauen verloren.

 

Sie stand nun mit einem schelmischen Lächeln in ihren grauen Augen im Zimmer, sah von einem zum andern und merkte, daß irgend etwas Außergewöhnliches vorgefallen war. Die Zartheit ihres Teints und ihr hübsches Aussehen konnten selbst von der etwas herausfordernden Schönheit ihrer Cousinen weder in den Schatten gestellt noch hervorgehoben werden. Sie glich einem Bilde, dessen wundervolle Feinheiten nicht durch Glanzlichter oder Schlagschatten hätten unterstrichen werden müssen.

 

»Guten Abend, Mr. Narth.« Sie redete ihn immer formell an. »Ich habe die Vierteljahresabrechnung fertiggestellt – sie ist einfach schauderhaft!«

 

Zu jeder anderen Zeit hätte Stephen diese Nachricht schwer getroffen, aber die Aussicht, ein großes Vermögen zu erben, hatte die Frage, hundert Pfund mehr oder weniger zu besitzen, für ihn vollständig gleichgültig gemacht.

 

»Nimm doch Platz, Joan«, sagte er. Verwundert nahm sie einen Stuhl und setzte sich abseits.

 

»Willst du bitte diesen Brief lesen?« Er reichte das Schreiben über den Tisch zu Letty, die es ihr gab.

 

Schweigend las sie, und als sie fertig war, kam ein Lächeln in ihre Züge.

 

»Das ist wirklich eine wundervolle Nachricht. Ich bin sehr froh«, sagte sie und blickte spöttisch von einer Cousine zur andern. »Und wer wird die glückliche Braut sein?«

 

Ihre unzerstörbare Heiterkeit war in Mabels Augen eine Beleidigung. Diese Selbstverständlichkeit, mit der Joan annahm, daß die eine oder andere von ihnen sich in eine obskure Chinesenstadt vergraben sollte, ließ sie bis in den Nacken erröten.

 

»Sei doch nicht so dumm, Joan«, sagte sie scharf. »Das ist noch eine Frage, die überlegt werden muß –«

 

»Meine Liebe« – Stephen sah ein, daß man taktvoll vorgehen mußte – »Clifford Lynne ist ein wirklich guter Mensch, einer der besten, die es gibt«, sagte er begeistert, obgleich er Clifford Lynnes Charakter, Aussehen oder Verhältnisse nicht genauer kannte als die irgendeines Arbeiters, dem er heute nachmittag mit seinem Auto begegnet war. »Dies ist das größte Glück, das uns jemals in den Weg gekommen ist. Tatsächlich«, sagte er vorsichtig, »ist dies nicht der einzige Brief, den ich von unserem alten Freund Joseph erhalten habe. Da ist nämlich noch ein anderes Schreiben, in dem er sich viel deutlicher ausdrückt.«

 

Joan sah ihn an, als ob sie nun erwarte, daß er ihr diesen mysteriösen Brief zeigen würde. Aber er tat nichts dergleichen aus dem ganz einfachen Grunde, weil dieser Brief überhaupt nicht existierte, höchstens in seiner Phantasie.

 

»Wirklich, liebe Joan, Joseph wünscht, daß du diesen Mann heiratest.«

 

Langsam stand das Mädchen auf, ihre feingezogenen Augenbrauen schoben sich in die Höhe.

 

»Er will, daß ich ihn heirate?« wiederholte sie. »Aber ich kenne doch den Mann gar nicht.«

 

»Ebensowenig wie wir«, sagte Letty ganz ruhig. »Darum handelt es sich auch gar nicht, ob man jemand kennt. Überhaupt, wie willst du irgendeinen Mann genauer kennen, den du heiraten sollst? Du siehst eben einen Mann jeden Tag einige Minuten, und du hast nicht die geringste Ahnung, was sein eigentlicher Charakter ist. Erst wenn du später verheiratet bist, kommt sein wirkliches Wesen zum Vorschein.«

 

Aber das alles machte Mr. Narth die Sache nicht leichter. Durch ein Zeichen bedeutete er Letty zu schweigen.

 

»Joan,« sagte er, »ich bin immer gut zu dir gewesen. Ich habe dir ein Heim gegeben und habe noch mehr für dich getan, wie du wohl weißt.«

 

Er sah seine Töchter an und gab ihnen ein Zeichen, sich zu entfernen. Als sich die Tür hinter Letty geschlossen hatte, begann er:

 

»Joan, ich muß mich einmal ganz frei mit dir aussprechen.« Es war nicht das erstemal, daß er offen mit ihr redete, und sie wußte, was jetzt kommen würde. Sie hatte einen Bruder gehabt, einen wilden Jungen mit leichtsinnigem Charakter, der früher bei der Firma Narth Brothers angestellt war, dann aber mit der Kasse durchbrannte – es waren einige hundert Pfund Sterling – aber er hatte diese Entgleisung mit dem Leben bezahlt, als er zu einem Hafen fliehen wollte. Man fand ihn auf einer Chaussee in Kent tot unter den Trümmern seines Autos. Dann war da noch die Geschichte mit der alten kranken Mutter Joans, die in den letzten Lebensjahren von Mr. Narth unterhalten wurde (»Es ist doch unmöglich, daß wir sie ins Armenhaus gehen lassen, Vater«, hatte Mabel gesagt. »Wenn das in die Zeitungen kommt, wird es einen bösen Skandal geben« – Mabel war eben Mabel schon mit sechzehn Jahren).

 

»Ich möchte dich nicht an alles erinnern, was ich für deine Familie getan habe«, begann Stephen und fing nun an, ihr alles ins Gedächtnis zurückzurufen. »Ich habe dich in mein Haus aufgenommen und habe dir eine gesellschaftliche Stellung gegeben, die du sonst nicht gehabt hättest. Jetzt hast du einmal Gelegenheit, mir deine Dankbarkeit dafür zu zeigen. Ich wünsche sehr, daß du diesen Mann heiratest.«

 

Sie biß auf ihre Lippe, aber sie hob den Blick nicht von dem Teppich.

 

»Hörst du, was ich sage?«

 

Sie nickte und erhob sich langsam.

 

»Wollen Sie wirklich, daß ich ihn heirate?«

 

»Ich will, daß du eine reiche Frau wirst«, sagte er mit Nachdruck. »Ich fordere von dir gar nicht, daß du irgendein Opfer bringst; ich gebe dir eine Gelegenheit glücklich zu werden. Neun von zehn Mädchen würden sich nicht einen Augenblick besinnen.«

 

Es klopfte an der Tür. Der Diener kam herein und brachte auf einem Silbertablett ein Telegramm. Mr. Narth öffnete es, las und war starr.

 

»Er ist tot«, sagte er leise. »Der alte Joe Bray ist wirklich tot!«

 

Aber schon kalkulierte er. Jetzt war der 1. Juni. Wenn er Joan in einem Monat verheiratete, konnte er den Konkurs der Firma North Brothers vermeiden. Ihre Augen trafen sich, ihr Blick war ruhig, sicher, aber fragend, der seine kalt, berechnend und gefühllos.

 

»Willst du ihn also heiraten?« fragte er.

 

Sie nickte.

 

»Ja, ich glaube«, sagte sie ruhig.

 

Der Seufzer der Erleichterung, mit dem er aufatmete, gab ihr einen Stich und ließ sie zum erstenmal die Bitterkeit des Lebens fühlen.

 

»Du bist ein sehr kluges Mädchen, und du wirst es nicht bereuen«, sagte er eifrig, als er um den Tisch herum kam und ihre kalten Hände in die seinen nahm. »Ich kann dir versichern, Joan –«

 

Er drehte sich um, denn es klopfte wieder. Der Diener trat ein:

 

»Ein Herr wünscht Sie zu sehen.«

 

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als auch schon der Besucher hinter ihm ins Zimmer trat. Er war ein großer Mann und trug einen getüpfelten, schlechtsitzenden Anzug aus rauhem Stoff. Seine Schuhe waren aus rohem Leder und schienen selbstgefertigt zu sein. Er hatte nicht einmal einen Kragen um. Ein weiches Hemd wurde am Hals sichtbar. Ein zerbeulter Hut in seiner Hand vervollständigte das Bild. Aber Joan schaute nur sein Gesicht an. Noch niemals hatte sie einen solchen Mann gesehen. Sie konnte nur staunen. Seine langen, braunen Haare waren gewellt, er trug einen langen, ungepflegten Bart, der bis aus die Brust herabreichte.

 

»Wer zum Teufel –« begann Mr. Narth erstaunt.

 

»Mein Name ist Clifford Lynne«, sagte die Erscheinung. »Soviel ich weiß, soll ich hier jemand heiraten. Wo ist sie?«

 

Sie starrten den wunderlichen Mann an und Letty, die ihm auf dem Fuß gefolgt war, lachte nervös auf.

 

»Mr. Lynne –« stotterte Stephen Narth.

 

Bevor der Mann antworten konnte, kam eine dramatische Unterbrechung. Draußen hörte man jemand leise mit dem Diener sprechen. Als Mr. Narth nachschaute, sah er eine Gestalt mit einem viereckigen Kasten.

 

»Was ist das?« fragte er scharf.

 

Der Diener streckte seine Hand aus der Tür und kam mit dem Kistchen ins Zimmer. Es war ganz nm und maß ungefähr eine Spanne im Quadrat. Es ließ sich durch einen Schiebedeckel öffnen.

 

»Mr. Lynne?« fragte der Diener verlegen wie jemand, der sich in einer Lage befindet, in der er sich nicht zu helfen weiß.

 

Der bärtige Mann drehte sich schnell herum. Alle seine Bewegungen hakten etwas Abgerissenes, wie Joan unbewußt beobachtete.

 

»Für mich?«

 

Er stellte den Kasten auf den Tisch und runzelte bedenklich die Stirn. Auf den Deckel waren fein säuberlich die Worte gemalt:

 

Clifford Lynne, Esq.
(bei seiner Ankunft zu überreichen).

 

Als er seine Hand ausstreckte, um den Schiebedeckel zu öffnen, schauderte Joan zusammen. Es kam ihr eine unerklärliche Ahnung, daß dem Mann eine schreckliche Gefahr drohe, sie wußte aber nicht welche.

 

»Was zum Teufel ist das?« fragte der erstaunte Fremde.

 

Der Kasten stand offen, aber man konnte nichts sehen als eine Masse weicher Watte … ab er sie bewegte sich in unheimlichen Windungen.

 

Plötzlich aber kam aus dem weißen Lager ein Kopf mit zwei schwarzen, perlförmigen Augen hervor, die bösartig aufglühten.

 

Im Bruchteil einer Sekunde schob sich hinter dem Kopf ein langer gewundener Körper hervor, schwankte hin und her, mit einmal zuckte er zurück und der häßliche Kopf schoß nach vorne.

 

Die Schlange hatte aber die Entfernung unterschätzt – nun lag sie lang auf dem Tisch, der Kopf hing über die Kante, der Schwanz war noch in der Watte versteckt. Nur für kurze Zeit lag sie so ausgestreckt da.

 

Während alle starr vor Schrecken standen, glitt sie geschmeidig auf den Fußboden. Wieder erhob sie ihr Haupt, ihr Körper wand sich hin und her, und dann holte sie aus zum Sprung …

 

Eine Explosion betäubte alle – durch einen Nebel von blauem Dunst sah Joan, wie sich die kopflose Schlange auf dem Boden in Todeskrämpfen wand.

 

»Verdammte Höllenbande!« sagte Clifford Lynne verwundert. »Wer warf diesen Stein?«

 

Kapitel 5

 

5

 

»Ein Chinese hat es gebracht«, stotterte der Diener.

 

»Ein Chinese!« stieß Clifford Lynne hervor.

 

Der Diener zeigte verschüchtert durch das große Fenster, das auf den Rasenplatz zuging.

 

Einen Augenblick stand Clifford Lynne wie gelähmt, plötzlich setzte er mit einem großen Sprung durch das offene Fenster und sauste wie ein Sturmwind quer über die Rasenfläche. Zwei Sekunden später war er über die hohe Staudenhecke verschwunden. Er nahm sie in wundervollem Anlauf.

 

Kaum war er verschwunden, da war der Bann gebrochen. Joan mußte sich um Letty kümmern, die mit verkrampften Händen schluchzte und lachte. Unter dem Tisch wand sich die sterbende Schlange. Der Raum war von weißem, beißendem Qualm erfüllt.

 

Auf den Knall hin kam Mabel in das Zimmer gestürzt. Sie sah die Schlange auf dem Erdboden, blickte erschreckt von ihrer Schwester zu Joan und von Joan auf ihren schreckensbleichen Vater.

 

»Dieser schreckliche Kerl – er hat versucht Letty zu töten!« Sie war furchtbar in ihrer falsch angebrachten Wut.

 

»Seid still!«

 

Stephen Narth machte mit dieser scharfen Bemerkung der hysterischen Aufregung ein Ende. Er fühlte sich mit einmal als Hausherr.

 

»Seid ganz still, alle miteinander, ihr verflixten Mädels! Keine von euch hat soviel Verstand wie Joan!«

 

Letty erhob sich taumelnd, sie blickte um sich, ob sie jemand bemitleidete.

 

»Das war eine wirkliche Schlange.«

 

Narth schaute entsetzt auf das sich windende Ding und machte dabei trotz seiner ernsten Würde eine etwas lächerliche Figur. »Ach, bringen Sie das Tier aus dem Zimmer. Aber mit der Feuerzange. Hat er es totgeschossen, Joan? Ich habe gar nicht gesehen, daß er eine Pistole gebraucht hat.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Auch ich habe nichts gesehen. Ich hörte nur den Schuß.«

 

Mr. Narth zeigte auf die Schlange. Der Diener kam mit der Feuerzange und faßte den noch zuckenden Schwanz.

 

»›Verdammte Höllenbande‹, hat er gesagt«, bemerkte Joan in tiefem Nachdenken.

 

Die beiden Mädchen sahen ihren Vater an.

 

»Wer war denn das, ein Strolch, Vater?« fragte Letty.

 

Mr. Narth schüttelte den Kopf.

 

»Clifford Lynne«, sagte er. Die beiden waren starr.

 

»Diese Vogelscheuche?« rief Letty aufs höchste entrüstet. »Der … ! Das also war der Mann, den ich – wir –«

 

Narth sah bedeutungsvoll auf Joan. Sie stand am offenen Fenster und hatte ihre Augen mit der Hand gegen die Nachmittagssonne geschützt. In diesem Augenblick kam der Diener zum Rasenplatz und hielt ein langes, strickähnliches Ding in der Feuerzange.

 

Clifford Lynne kam über die Hecke in raschem Lauf. Sein unmöglich langer Bart wehte nach allen Seiten auseinander. Als er die Schlange sah, hielt er an.

 

»Ein Gelbkopf«, sagte er nachdenklich. »Und ein gelber Bursche!«

 

Letty war still, als der merkwürdige Mann gemächlich ins Zimmer kam, die Hände in den Hosentaschen.

 

»Hat jemand hier in der Nähe einen Chinesen gesehen?« fragte er.

 

Letty und Mabel sprachen zu gleicher Zeit. Aber er wandte sich an Joan, die weder zitterte, noch sonst Furcht zeigte.

 

»Chinesen – und gleich zwei?« sagte er bedeutungsvoll. »Ich dachte es mir gleich!«

 

Er ging zum Fenster und blickte hinaus. Dann kehrte er zum Tisch zurück und nahm die Watte aus dem Kasten heraus, Lage für Lage.

 

»Tatsächlich nur eine! Was für eine Gemeinheit!«

 

Er lugte wieder in den sonnigen Garten hinaus.

 

»Ich dachte mir, sie würden ihre Messer gebrauchen. Diese Schlingel können ganz wunderbar mit dem Messer werfen. Es ist jetzt gerade ein Jahr her, daß so ein Chinesenschuft einen meiner Vormänner auf der Mine durch einen Messerwurf tötete – auf eine Entfernung von über hundert Meter.«

 

Er hakte sich dabei an Joan gewandt, und seine Stimme klang freundlich und zuvorkommend.

 

»Haben Sie den Täter erwischt?« fragte sie.

 

Der Mann mit dem großen Bart nickte.

 

»Nach den im Gebirge herrschenden Gesetzen haben wir ihn gefaßt und einfach aufgehängt. Ein tüchtiger Kerl in mancher Beziehung – aber zu temperamentvoll. Und die einzige Möglichkeit, mit solchen temperamentvollen Kulis umzugehen, ist, daß man sie aufhängt.«

 

Sein Blick fiel auf Letty, die seine Ansicht über Temperament ungehörig, ja beleidigend fand. Er sah, wie sich ihre rosigen Lippen lächelnd kräuselten, aber es berührte ihn nicht unangenehm.

 

»Sind Sie es?« fragte er.

 

Sie begann zu sprechen. »Nein – nein – ich – was wollen Sie damit sagen?«

 

Sic wußte ganz genau, was er meinte.

 

»Ich soll jemand heiraten.«

 

Er blickte nun auf Mabel Narth, die dunkelrot wurde. Ihre kindlich blauen Augen blickten ihn feindselig mit aller Verachtung, die sie für ihn fühlte, an.

 

»Weder meine Schwester noch ich sind so glücklich«, sagte sie mit spöttischem Unterton. »Sie müssen sich an Joan wenden …« Sie blickte sich nach Mr. Narth um. »Vater!«

 

Verlegen genug stellte er seine Nichte vor.

 

»Oh!« stieß Clifford Lynne hervor.

 

Und dieses »Oh!« konnte alles mögliche bedeuten. Es konnte ebenso Enttäuschung als auch bewunderndes Erstaunen sein.

 

»Nun gut, hier bin ich. Und ich bin bereit zum –« Er zögerte, da er im Augenblick kein Wort fand. Joan hätte schwören mögen, daß das Wort, das er wahrscheinlich gebraucht haben würde, »Opfer« heißen sollte, aber er war höflich genug und sagte »bereit zur Erfüllung der Bedingung«.

 

»Der alte Joe ist gestorben«, sagte der Fremde. »Ich vermute, daß Sie das wissen? Der arme alte Schwärmer! Für viele wäre es besser gewesen, wenn er schon sechs Monate früher gestorben wäre. Eine gute alte Seele, früher ein großer Sportsmann – aber er war immer ein wenig verrückt.«

 

Wieder wandte er sich zu Joan. Nach seinem blitzartig dramatischen Auftreten konnte sie ihn nun genauer beobachten. Er war ungefähr einhundertachtzig Zentimeter groß und selbst seine unmögliche Kleidung konnte doch seinen schönen Körperbau nicht ganz verleugnen. Sein Gesicht war stark gebräunt, sein zerzauster Bart war ebenso braun wie sein Haar und seine struppigen Augenbrauen. Alles an diesem Mann lebte; diese ungeheure Energie und Lebendigkeit war das erste, was einen starken Eindruck auf Joan machte. Sie besah sich seine unförmigen Schuhe. Während der eine mit einem Riemen zugeschnürt war, war der andere mit Bindfaden zugebunden.

 

Für Mr. Narth war der Augenblick gekommen, sich in Szene zu setzen und seine Autorität zu wahren. Die Umstände machten ihn zur gewichtigsten Persönlichkeit im Raum. Er war nicht nur der Herr dieses Hauses, sondern er war vor allem auch der Haupterbe. Und dieser Mann hier war nur der Geschäftsführer des alten Joe Bray, einer, dem man keine guten Worte zu geben brauchte, sondern nur zu befehlen hatte. Er war nur ein Angestellter – und in Zukunft der Angestellte von Mr. Narth. Denn wenn er Joes Vermögen erbte, so ging doch damit auch zweifellos all die Autorität auf ihn über, die damit verknüpft war.

 

»Hm – Mr. – Lynne, ich denke doch, daß diese Auslassungen über den Zustand meines armen Vetters ungehörig sind, und ich kann nicht zugeben, daß Sie sein ehrenvolles Ansehen schmähen.«

 

Der Fremde sah ihn etwas verwundert von der Seite an.

 

»Ah – Sie sind Narth – ich habe schon von Ihnen gehört! Sie sind also der Gentleman, der das Geld anderer Leute verspekuliert hat!«

 

Stephen Narth wurde abwechselnd rot und blaß. Für den Augenblick hatte er die Sprache verloren. Die Roheit dieser Äußerung lähmte ihn. Wäre Mr. Narth vernünftig gewesen, so hätte er diesen Punkt überhaupt nicht weiter erörtert.

 

»Diese Dinge sind ja allbekannt«, sagte Lynne, indem er sich den Bart strich. »Sie können dem Lichtkegel der öffentlichen Meinung nicht entfliehen!«

 

Jetzt bekam Stephen Narth seine Stimme wieder.

 

»Ich denke gar nicht daran, solche böswilligen Gerüchte hier zur Diskussion zu stellen«, sagte er. Dabei warf er Clifford Lynne einen Blick zu, aus dem tödlicher Haß loderte. »Es ist doch notwendig, daß ich Ihnen gegenüber im Moment feststelle, daß ich nach Mr. Brays Testament der Haupterbe bin und – der – Eigentümer –«

 

»Vielleicht in Zukunft«, murmelte Lynne. »Sie möchten, daß ich meine Stelle weiter behalten soll. Ich bin dazu bereit. Brauchen Sie mich?«

 

Er sah Joan interesselos, fast dumm an. Sie verspürte heftige Neigung zu lachen.

 

»Also«, begann er wieder zu sprechen, »bin ich hier und bereit. Gott weiß, ich habe es wirklich nicht nötig, mich mit kleinen Mädchen abzugeben, aber die Sache liegt so: Joe sagte zu mir: ›Willst du mir dein Wort geben?‹ und ich antwortete ›Ja‹.«

 

Er schaute in Gedanken noch immer zu Joan hinüber.

 

Erwartete er etwa eine Antwort von ihr?

 

Offensichtlich nicht, denn er fuhr fort:

 

»Aber die letzten Vorfälle machen die Sache kompliziert. Ich hatte keine Ahnung, daß wir die »Freudigen Hände« beunruhigen würden – aber ich habe nun einmal mein Wort gegeben und bin hergekommen, um es zu halten!«

 

Mr. Narth hielt nun den Augenblick für gekommen, ohne sich etwas zu vergeben, wieder gleichberechtigt an der Unterhaltung teilzunehmen.

 

»Die ›Freudigen Hände‹? So sagten Sie doch – was in aller Welt sind denn die ›Freudigen Hände‹«

 

Der Fremde schien die unberufene Einmischung nicht übelgenommen zu haben, und Stephen Narth hatte das deutliche Gefühl, daß die Äußerung, die der Fremde vor einigen Sekunden getan hatte, nur eine Feststellung von Tatsachen war, ohne irgendwelche beleidigenden Nebenabsichten. Clifford Lynne wußte darum, aber er schien es nicht zu verurteilen.

 

»Ich habe das kleine Haus hier in der Nähe – ›Slaters Cottage‹ heißt es doch wohl – genommen«, sagte Clifford in seiner seltsam abgerissenen Art. »Ein unheimliches Loch, aber mir sagt es zu. Zu meinem Schrecken sehe ich, daß ich Ihren Teppich beschädigt habe.«

 

Dabei sah er düster auf die Spuren der Tragödie, die sich vorhin abgespielt hatte.

 

»Immerhin, Schlangen haben gar kein Recht, auf Teppichen herumzukriechen«, sagte er erleichtert, als ob er froh wäre, eine Entschuldigung dafür zu finden, daß er hier diese Unordnung angerichtet hatte.

 

Mr. Narth machte ein langes Gesicht.

 

»Sie werden hier wohnen?« fragte er, und schon hakte er auf der Zunge, dem Fremden den Rat zu geben, bei seinen späteren Besuchen durch den Dienstboteneingang zu kommen. Aber irgend etwas hinderte ihn daran, diese unhöfliche Bemerkung auszusprechen. Einen Mann, der ein so großes Verbrechen so gleichgültig übersah, der todbringende Waffen bei sich trug, die er so schnell gebrauchen und wieder verschwinden lassen konnte, daß kein menschliches Auge eine Bewegung seiner Hand sah, durfte man nicht ungestraft beleidigen. Deshalb sagte er:

 

»›Slaters Cottage‹ ist eigentlich kein angenehmer Aufenthalt für Sie. Es ist nicht viel besser als eine Ruine. Das Anwesen wurde mir neulich für hundertzwanzig Pfund angeboten. Ich habe es aber abgelehnt –«

 

»Da haben Sie sich ein gutes Geschäft entgehen lassen«, sagte Clifford Lynne ruhig. »Da drinnen steht nämlich ein Kamin aus der Tudor-Zeit, der diese Summe zweimal wert ist.«

 

Während er sprach, hatte er fast geistesabwesend auf Joan geblickt.

 

»Ich würde gar nicht erstaunt sein, wenn ich mich in ›Slaters Cottage‹ dauernd niederließe«, fügte er fast belustigt hinzu. »Dort ist eine hübsche Spülküche, wo die Frau einem die Wäsche waschen kann, auch drei ziemlich gute Räume sind vorhanden – wenn erst einmal die Rattenlöcher zugestopft sind. Ich persönlich allerdings habe gar nichts gegen Ratten.«

 

»Und ich liebe sie direkt«, sagte Joan kühl, denn sie hatte sofort die Herausforderung gemerkt und gab sie schnell zurück.

 

Für eine Sekunde schien der leise Schimmer eines Lächelns in seinen Augen aufzublitzen.

 

»Also, ich wohne hier. Aber seien Sie nicht traurig, daß Sie deswegen Ihr Ansehen einbüßen könnten. Ich werde nur selten hier vorsprechen.« Dabei spitzte er den Mund. »Solch ein Chinesenschuft! Natürlich sah mich der Kerl hereinkommen und lieferte seine Sendung gleich ab. Er konnte es ja auch gar nicht vorher tun, sonst hätten sie die Bewegungen des Tieres in dem Kasten gehört. Oder die Schlange wäre gestorben – es waren keine Löcher in dem Deckel.«

 

Mr. Narth räusperte sich.

 

»Wollen Sie uns glauben machen, daß dieses Reptil in böser Absicht gegen Sie losgelassen wurde?«

 

Clifford Lynne betrachtete ihn belustigt.

 

»Eine lebendige Giftschlange ist meiner Meinung nach kein Geburtstagsgeschenk,« sagte er höflich, »und ich hasse Gelbköpfe – sie können tödlich verletzen!« Mit plötzlicher Energie schlug er sich auf den Oberschenkel und lachte. »Warum hat er das wohl getan? Natürlich! ›Gelbe Schlange‹! Ich bilde mir nicht ein, daß er das vergessen hat!«

 

Wieder suchten seine Augen das Mädchen.

 

»Sie werden einen netten, lustigen Mann bekommen … Ich behielt Ihren Namen nicht … Joan, nicht wahr? Ich dachte, daß die Joans alle verheiratet seien, aber vielleicht denke ich dabei an die Dorothys! Sie sind ungefähr einundzwanzig Jahre alt, nicht wahr? Alle Joans sind ungefähr einundzwanzig Jahre alt und alle Patricias ungefähr siebzehn, und die meisten Mary Anns beziehen eine Alterspension.«

 

»Und alle Cliffords spielen Theater«, gab sie zur Antwort.

 

Diesmal lachte er wirklich. Es war ein leises, angenehmes und kultiviertes Lachen, das so gar nicht im Einklang mit seinem verbotenen Äußeren stand. Ein ganz anderer, neuer Mensch schien sich unter dem abstoßenden, rauhen Gewand zu verbergen.

 

»Was fällt Ihnen ein, was sagen Sie da?« er drohte scherzend mit dem Finger. »Aber ich habe die Antwort verdient.«

 

Er langte plötzlich tief in seinen kuriosen Rock, brachte eine große Messinguhr hervor und sah nach der Zeit.

 

»Sie geht nicht«, sagte er entrüstet. Nachdem er sie energisch geschüttelt hatte, hielt er sie ans Ohr. »Wieviel Uhr ist es jetzt?«

 

»Sechs«, sagte Mr. Narth.

 

»Ich wußte, daß es nicht mittags halb eins sein könnte«, sagte der Besucher ruhig und stellte die Zeiger richtig. »Ich komme wieder. Ich will mir für den Augenblick ein Logis in London mieten. Aber ich werde morgen oder einen Tag später wieder hier sein. – Gehören Sie zur Kirche von England?«

 

Diese Frage hatte er an Joan gerichtet, die bejahend nickte.

 

»Auch ich gehöre so etwas dazu,« sagte Mr. Lynne, »aber ich schwärme auch für Weihrauch und gute Musik. Auf Wiedersehen, Dorothy!«

 

»Sie meinen Agnes«, sagte Joan. In ihren Augen war wieder ein schalkhaftes Lächeln. Sie streckte ihre Hand aus und fühlte, wie er sie kräftig schüttelte. Er würdigte keines der anderen Familienmitglieder eines solchen Grußes und verabschiedete sich mit einem Nicken, das für alle galt. Dann ging er rasch aus der Tür in die Halle. Mr. Narth dachte, daß er fort sei. Gerade wollte er anfangen zu sprechen, als der bärtige Mann wieder in der Türe erschien.

 

»Kennt einer von Ihnen einen Herrn mit Namen Grahame St. Clay?« fragte er.

 

Blitzartig erinnerte sich Mr. Narth an die Konferenz, die er heute morgen gehabt hatte. »Ach ja, ich kenne einen Herrn Grahame St. Clay. Allerdings nicht genau – aber einer meiner Direktoren ist ein Freund von ihm«, sagte er. Clifford zog die Augenbrauen hoch.

 

»So – er kennt ihn?« sagte er ruhig. »Und Sie haben ihn noch nie gesehen?«

 

Mr. Narth schüttelte den Kopf.

 

»Morgen abend können Sie mir erzählen, was Sie über ihn denken.«

 

»Aber ich werde ihn wirklich nicht treffen«, sagte Mr. Narth.

 

»Doch, Sie werden ihn sicher sehen«, sagte Clifford leise. Wieder zeigte sich ein Schein von Mißtrauen in seinen klaren, blauen Augen. »Bestimmt, Sie werden St. Clay sehen, denselben St. Clay, der die gelbe Rasse hochbringen will!«

 

Im nächsten Augenblick war er fort, indem er die Haustür hinter sich zuschlug. Er war wirklich ein Mann mit etwas heftigen Manieren, wie Mr. Narth feststellen konnte.

 

»Gott sei Dank, daß ich ihn nicht heirate«, sagte Mabel, und Letty, die sich kaum von ihrem Anfall erholt hatte, stimmte ihr zu.

 

Nur Joan sagte nichts. Sie war verwirrt, aber der fremde Mann war ihr sehr interessant, und sie fühlte nicht die geringste Furcht.

 

Kapitel 6

 

6

 

Am Ende des Fahrweges, der von der Landstraße zum Hause führte, stand Mr. Clifford Lynnes Wagen. »Wagen« ist vielleicht ein etwas zu ehrenvoller Name für die Maschine, die er einige Tage vorher für fünfunddreißig Pfund gekauft hatte. Er ließ den Motor laufen, da er aus Erfahrung wußte, daß er ohne diese Vorsichtsmaßregel eine halbe Stunde brauchte, um die Maschine wieder in Gang zu bringen. Unter Rattern und Stoßen, Quietschen und Knarren brachte er das Auto auf die Straße und fuhr mit viel Lärm etwa hundert Meter weit, dann bog er in einen Fahrweg ein, der in das Gebüsch führte.

 

Das Ende des Weges brachte ihn zu dem grauen Steingebäude Slaters Cottage. Alle Fenster waren zerbrochen. In den sechziger Jahren hatte ein Besitzer des Hauses, der hoch hinaus wollte, einen kleinen Säulenvorbau errichten lassen, der sich jetzt in der Mitte stark gesenkt hatte. Mehrere Dutzend Ziegel fehlten auf dem Dach. Das einstöckige Gebäude bot ein Bild der Vernachlässigung und Verwüstung.

 

Eine Gruppe von drei Männern stand vor der Tür. Clifford kam gerade in dem Augenblick an, als sie sich einig geworden waren. Einer der Leute ging auf ihn zu, als er aus dem ratternden Wagen sprang.

 

»Sie können mit diesem Trümmerhaufen hier nichts anfangen«, sagte er. Wie man aus dem Zollstock ersehen konnte, der aus seiner hinterm Hosentasche hervorguckte, gehörte er dem Baugewerbe an. »Die Fußböden sind verfault, das Haus muß ein neues Dach haben, und außerdem brauchen Sie eine neue Wasserleitung und Kanalisation.«

 

Ohne ein Wort zu verlieren, ging Lynne an ihm vorbei in das Gebäude. Es bestand aus zwei Räumen, einem zur Linken und einem zur Rechten vom Mittelgang aus, den er jetzt betrat. Am Ende der Halle lag eine kleine Küche, in der ein verrosteter Herd stand. An diese war eine Spülküche angeschlossen. Durch die zerbrochenen Fenster an der Rückseite sah man einen verwitterten Schuppen, der repariert war und dadurch das Glanzstück des ganzen Anwesens bildete.

 

Der Fußbodenbelag ächzte und krachte unter seinen Schritten. An einer Stelle war er ganz verfault, und ein großes Loch gähnte Lynne entgegen. Die früheren Tapeten hingen in zerrissenen, farblosen Fetzen von den Wänden, und die Decke konnte man vor Spinnweben kaum mehr erkennen.

 

Er kam wieder zu der Gruppe vor der Haustür. Er stopfte umständlich seine Pfeife aus einem großen Canvasbeutel, den er aus seiner Tasche hervorholte.

 

»Sind Sie ein Baumeister oder ein Poet?« fragte er den Mann mit dem Zollstock.

 

Der Baumeister grinste.

 

»Ich verstehe etwas vom Bauen«, sagte er, »aber ich bin kein Zauberer. Um dieses Haus in einer Woche herzurichten, brauche ich drei von Aladdins Zauberlampen.«

 

Clifford steckte seine Pfeife in den Mund und zündete sie gemächlich an.

 

»Wenn wir nun von der Möglichkeit absehen, den dienstbaren Geist aus Aladdins Lampe zu engagieren, wieviel Leute brauchen Sie dann, um die Reparaturen auszuführen?«

 

»Es ist keine Frage, wieviel Leute ich anstellen kann, es ist letzten Endes eine Geldfrage«, sagte der Baumeister. »Sicher kann in einer Woche alles fertig sein, aber das würde Sie fast tausend Pfund kosten. Und das ganze Haus ist nicht soviel wert.«

 

Clifford blies eine Rauchwolke in die Luft und beobachtete, wie sie sich zerteilte.

 

»Stellen Sie doch zweihundert Mann ein und lassen Sie sie in achtstündigen Schichten Tag und Nacht arbeiten. Noch heute abend können sie den Fußboden aufreißen. Holen Sie so viel Lastwagen als Sie brauchen, und lassen Sie alles Material als Eilgut verladen. Also, ich will Eichenfußböden haben – dann einen Baderaum – elektrisches Licht muß gelegt werden – ferner bauen Sie mir eine Warmwasserleitung in das Haus – vor die Fenster müssen eiserne Läden kommen – diesen Weg wandeln Sie in eine gute Fahrstraße um – außerdem möchte ich ein Schwimmbassin hinter dem Hause haben – – das ist alles, wie ich denke.«

 

»In sieben Tagen?« staunte der Baumeister.

 

»Besser noch in sechs«, antwortete Lynne. »Entweder nehmen Sie die Arbeit an, oder ich werde einen anderen finden.«

 

»Aber Mr. Lynne, für das Geld, das Sie diese Sache kostet, können Sie eines der schönsten Häuser in Sunningdale kaufen –«

 

»Aber mir gefällt gerade diese Wohnung hier«, sagte Clifford Lynne. »Und dann noch eins: das Haus muß sicher vor Schlangen sein.«

 

Er blickte in seinem kleinen Besitztum umher. Der Zaun, der die Grenzen bezeichnete, wurde von dem Geäst der Bäume verdeckt.

 

»Alle diese Kiefern würden besser umgehauen«, sagte er. »Ich brauche eine klare, übersichtliche Feuerzone.«

 

»Was für eine Zone?« fragte der Baumeister neugierig.

 

»Außerdem müssen die eisernen Fensterläden Schießscharten haben – ich vergaß, Ihnen das zu sagen. Geben Sie mal Ihr Buch her.«

 

Er nahm dem Architekten das Notizbuch aus der Hand und begann zu skizzieren.

 

»Solche Form sollen sie haben und ungefähr diese Abmessungen«, sagte er, indem er ihm das Buch zurückgab. »Nehmen Sie den Auftrag an?«

 

»Ich will ihn übernehmen«, sagte der Baumeister, »und ich kann Ihnen versprechen, daß das Haus in einer Woche bewohnbar sein wird. Aber es wird Sie unheimlich viel kosten.«

 

»Ich weiß, was mich die Sache kostet, wenn das Haus nicht fertig ist«, unterbrach ihn Clifford Lynne.

 

Er steckte seine Hand in die Tasche, zog ein Lederetui mit Banknoten heraus, öffnete es und entnahm ihm zehn Scheine, jeden zu hundert Pfund.

 

»Ich will mit Ihnen keinen Kontrakt machen, weil ich eben ein Geschäftsmann bin. Heute ist Mittwoch, die Möbel werden nächsten Dienstag ankommen. Lassen Sie Öfen in jedem Raum aufstellen, und heizen Sie tüchtig. Es ist möglich, daß ich Sie für eine Woche nicht sehe, aber hier gebe ich Ihnen meine Telephonnummer. – In dieser Richtung legen Sie einen Graben bis zur Hauptstraße an, ferner brauche ich eine Telephonanlage, und denken Sie daran, daß der Zuführungsdraht unterirdisch gelegt sein muß – und zwar recht tief. Schlangen können nämlich graben!« fügte er leise hinzu.

 

Ohne weiter ein Wort zu verlieren, stieg er in sein Auto und fuhr damit unter vielem Stoßen und Schaukeln die Straße entlang. Plötzlich war er den Blicken entschwunden.

 

»Ich werde in nächster Zeit nicht viel schlafen können«, sagte der Baumeister, und damit hatte er auch recht. –

 

Am nächsten Morgen regnete es, leise fielen die Tropfen. Es sah so aus, als ob es den ganzen Tag anhalten würde. Das war wenigstens die Ansicht von Mr. Narths Chauffeur, der gewohnt war, resigniert den Wechsel des englischen Klimas zu beobachten.

 

Mr. Stephen Narth dagegen rühmte sich, daß er überhaupt keine Notiz vom Wetter nehme. Aber irgend etwas lag in dem dunklen Himmel und der traurigen Landschaft, das mit seiner geistigen Verfassung übereinstimmte, so daß sich das Wetter auf ihn selbst übertrug und seine Niedergeschlagenheit noch vergrößerte.

 

Er sagte sich selbst immer wieder auf dem Wege von Sunningdale zu seinem Bureau, daß gar kein Grund vorläge, nicht guten Mutes zu sein. Sicher waren die Erlebnisse des gestrigen Tages nicht angetan, ihn aufzumuntern. Aber dann kam ihm zum Bewußtsein, daß es einen Weg gab, die Bedingung des alten Bray zu erfüllen, und die Tatsache, daß Joan sich bereit erklärt hatte, seinen Wünschen nachzukommen, war doch sicher erfreulich, und man konnte gratulieren.

 

Clifford Lynne beeinträchtigte natürlich seine Freude und war ihm ein Dorn im Auge. Merkwürdigerweise hatte das Auftauchen der Giftschlange im Wohnzimmer Mr. Narth nicht weiter beunruhigt. Sicherlich war es außergewöhnlich, ihm war aber nichts davon bekannt, daß Gelbköpfe giftig seien, auch konnte er den Zusammenhang nicht übersehen, wie der mysteriöse Kasten in sein Haus gebracht worden war. So machte er es denn wie gewöhnlich und suchte ein Problem zu vergessen, das er nicht aufklären konnte. So war es ja auch viel einfacher. Die Lösung ging ja andere Leute an.

 

Der ganze Vorfall hatte, soweit er ihn betraf, nur die Bedeutung, daß der Teppich in seinem Wohnzimmer zu einem Reinigungsinstitut gebracht werden mußte, wo man die beiden kleinen Löcher wieder stickte. Clifford Lynne nahm natürlich die ganze Sache viel zu theatralisch. Das war ein Lieblingsausdruck von Mr. Narth, mit dem er alle Ereignisse des Lebens abtat, die besonders aufregend auf ihn wirkten. Wenn nun alles gesagt und vollbracht war – und dieser Gedanke brachte ihn in besonders gute Stimmung – dann war das große Vermögen Joe Brays in seinen Händen. Die Wolken, die den Horizont am Tage vorher verdunkelt hakten, zerteilten sich. Es blieb ihm jetzt nur noch übrig, die Hochzeit möglichst zu beschleunigen, und die Reichtümer Joes in Besitz zu nehmen, sobald die Bedingung erfüllt war.

 

Er war in glücklichster Stimmung, als er durch den Privateingang in sein Bureau eintrat und konnte den beiden Leuten, die ihn dort erwarteten, ein heiteres Gesicht zeigen. Major Spedwell hatte sich über das eine Ende des Tisches gelegt, eine Zigarre zwischen den Zähnen, während Mr. Leggat am Fenster stand. Er schaute in den strömenden Regen, die Hände auf dem Rücken verschränkt.

 

»Hallo, meine Herren!« sagte Narth freundlich. »Sie sehen gerade so vergnügt aus wie Leichenbitter bei einer Beerdigung.«

 

Leggat drehte sich um.

 

»Weshalb sind Sie denn so vergnügt?« fragte er.

 

Stephen Narth hatte sich noch nicht überlegt, ob er seinen Kollegen einen vollständigen Einblick in seine Lage geben sollte. Denn mit dem Gelde, das ihm von der Brayschen Firma zukam, konnte er seine fragwürdigen Bekanntschaften abschütteln und zum Teufel jagen. Denn man kann nur mit Geld die Fehltritte der Vergangenheit abwaschen. Dann könnte er mit einem reinen Blatt und einem großen Kredit auf der Bank von vorn anfangen.

 

»Joe ist tot«, polterte er heraus, »und hat mir den größten Teil seines Vermögens vermacht.«

 

In seiner Freude war ihm diese unvorsichtige Äußerung entschlüpft, und er war schon böse über seine eigene Dummheit, bevor er diese Worte ganz ausgesprochen hatte.

 

Wenn Stephen erwartet hatte, daß diese Nachricht für die anderen eine Sensation bedeute, so war er enttäuscht.

 

»So, so«, sagte Leggat sarkastisch. »Und wann werden Sie das Geld in die Hand bekommen?«

 

»In ein oder zwei Monaten«, sagte der andere leichtfertig.

 

»Ein oder zwei Monate bedeuten einen oder zwei Monate zu spät«, sagte Major Spedwell. Dabei überzog sein dunkles Gesicht ein widriges Grinsen. »Ich habe heute morgen die Rechnungsrevisoren gesehen. Unter allen Umständen müssen die fünfzigtausend Pfund bis morgen beigebracht werden.«

 

»Tatsächlich,« unterbrach ihn Leggat, »wir sind fertig, Narth. Wir müssen das Geld in den nächsten vierundzwanzig Stunden aufbringen. Wenn keine Wenns und Abers in dem Testament enthalten sind, können Sie das Geld ja auf Grund der Dokumente leicht leihen. Ist eigentlich eine Bedingung in dem Testament?«

 

Narth runzelte die Stirn. Was wußte der andere? Aber Leggat sah ihm unentwegt in die Augen.

 

»Es ist eine Bedingung in dem Testament«, gab Narth zu. »Aber die ist praktisch schon erfüllt.«

 

Leggat schüttelte den Kopf.

 

»Damit können Sie gar nichts anfangen«, sagte er. »Ist das Testament so abgefaßt, daß Sie morgen fünfzigtausend Pfund darauf leihen können?«

 

»Nein«, sagte Narth kurz. »Ich kenne den wahren Wert des Vermögens nicht, und außerdem ist eine Bedingung –«

 

»Stimmt!« sagte Spedwell. »So ist die Lage, und die Lage ist äußerst gefährlich. Sie können nicht einen Sechser auf ein Testament bekommen, in dem eine Bedingung enthalten ist, die noch nicht erfüllt wurde, und auf ein Vermögen, dessen wahren Wert Sie nicht kennen. Ich wette, Sie haben noch nicht einmal eine Kopie dieses Testamentes.«

 

Stephen Narths Augen wurden klein.

 

»Sie reden wie ein Buch, Major«, sagte er. »Irgend jemand hat Ihnen mehr erzählt, als ich selber weiß.«

 

Major Spedwell drehte sich ungemütlich um.

 

»Jemand hat gar nichts erzählt«, sagte er bissig. »Das einzige, was mich und Leggat interessiert, ist, ob Sie bis morgen fünfzigtausend Pfund ausbringen können. Und da wir wissen, daß Sie es nicht können, haben wir Ihnen viel Unannehmlichkeiten erspart. Wir haben nämlich unseren Freund St. Clay gebeten, hierherzukommen und mit Ihnen zu sprechen.«

 

»Ihr Freund St. Clay? Ist das der Mann, den Sie gestern nannten?«

 

Plötzlich erinnerte sich Stephen Narth an die Prophezeiung Clifford Lynnes: »Sie werden ihn morgen sehen.«

 

»Hat denn Grahame St. Clay so viel Geld, daß er es wegwerfen kann?«

 

Spedwell nickte langsam.

 

»Ja, das kann er, und er ist auch bereit, es zu tun. Und wenn Sie meinen Rat annehmen, Narth, dann wirft er es sogar an Sie weg.«

 

»Aber ich kenne ihn doch nicht; wo kann ich ihn denn treffen?«

 

Spedwell ging auf die Türe zu, die nach dem Hauptbureau führte.

 

»Er wartet schon draußen, bis wir die Sache mit Ihnen besprochen haben.«

 

Stephen Narth sah ihn verwirrt an. Ein Mann, der fünfzigtausend Pfund ausleihen konnte, wartete auf die günstige Gelegenheit, sie zu verlieren?!

 

»Hier?« fragte er ungläubig.

 

Major Spedwell öffnete die Tür.

 

»Hier ist Mr. Grahame St. Clay«, sagte er.

 

Ein tadellos gekleideter Herr trat in das Bureau.

 

Narth starrte ihn mit offenem Munde an. Denn Grahame St. Clay war zweifellos ein Chinese.

 

Kapitel 7

 

7

 

»Mr. Grahame St. Clay«, stellte Spedwell den Fremden noch einmal vor. Mechanisch streckte Narth seine Hand aus.

 

Bis zu diesem Augenblick waren für Stephen Narth alle Chinesen gleich. Aber als er in die tiefbraunen Augen dieses Mannes sah, wurde ihm klar, daß er sich von allen anderen unterschied. Er konnte nur nicht genau sagen, wie. Seine Augen standen weit auseinander, seine Nase war dünn und lang, die schmalen Lippen unterschieden ihn von allen anderen seiner Landsleute, die er gewohnt war, mit dem mongolischen Typ zu bezeichnen. Vielleicht gab das volle Kinn Grahame St. Clay ein anderes Aussehen. Besonders beim Sprechen unterschied er sich stark von anderen Chinesen, die Stephen North jemals gesehen oder gehört hatte.

 

»Ist dies Mr. Narth?« fragte er. »Ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Wirklich, ich denke, daß sie mir manche Vorteile bringen wird.«

 

Seine Sprache war die eines wohlerzogenen Mannes mit einem leicht nasalen Anflug und übertrieben korrekter Aussprache, wodurch sich Leute auszeichnen, die auf einer höheren Schule erzogen sind und ihre Studien an einer größeren Universität vollendet haben.

 

»Kann ich Platz nehmen?«

 

Narth nickte schweigend, und der Ankömmling legte eine schöne Ledermappe vor sich auf den Tisch.

 

»Sie sind ein wenig bestürzt, da Sie sehen, daß ich ein Chinese bin.« Mr. St. Clay lachte leise bei diesen Worten. »›Gelbe Gefahr‹, das ist doch wohl der Ausdruck, den man gewöhnlich für uns braucht, nicht wahr? Doch ich muß sehr dagegen protestieren, daß man mich eine Gefahr nennt, da ich der gutmütigste Mensch bin, der jemals von China hierherkam«, sagte er gutgelaunt.

 

Während er dies sagte, öffnete er seine Mappe und zog ein flaches Paket daraus hervor, das mit einem roten Band verschnürt war. Äußerst sorgfältig entfernte er die Schnur, nahm die oberste Lage von steifer Pappe weg und enthüllte vor den Augen Stephen Narths ein dickes Bündel Banknoten. Narth konnte von seinem Sitz aus sehen, daß es Tausendpfundscheine waren.

 

»Fünfzig, denke ich, beträgt die Summe, die Sie benötigen«, sagte Mr. St. Clay. Mit der Geschicklichkeit eines Bankkassierers zählte er die erforderliche Zahl ab und legte das kleine Bündel auf die Seite. Behutsam verpackte er den übrigen Stoß Banknoten wieder und legte ihn in die Mappe zurück. »Wir sind doch alle Freunde hier, denke ich.« Mr. St. Clay sah von einem zum andern. »Ich kann doch hier frei sprechen.«

 

Narth nickte.

 

»Nun wohl.« Er faltete zum Erstaunen Narths die Banknoten zusammen und steckte das Geld in seine Westentasche. »Natürlich ist eine Bedingung an die Verleihung des Geldes geknüpft. Selbst ich, nur ein Chinese ohne banktechnische Ratgeber, kenne mich doch so weit in den Handelsgebräuchen aus, daß ich diese große Summe nicht ohne eine Bedingung ausleihen könnte. Frei heraus gesagt, Mr. Narth, ich verlange von Ihnen, daß Sie einer der Unseren werden.«

 

»Einer der Ihrigen?« fragte Narth langsam. »Ich verstehe nicht ganz, was Sie sagen.«

 

Spedwell vervollständigte die Information.

 

»Mr. St. Clay hat eine große Organisation in diesem Lande geschaffen. Es ist eine Art von –« Er machte eine Verlegenheitspause.

 

»Geheimgesellschaft!« vollendete Mr. St. Clay höflich. »Klingt das nicht sehr mysteriös und abschreckend? Aber in Wirklichkeit hat das nichts zu sagen. Ich habe mir ein bestimmtes Lebensziel gesetzt, und dazu brauche ich die Hilfe intelligenter Männer, denen ich vertrauen kann. Wir Chinesen haben mehr oder weniger die Eigenschaft von Kindern. Wir lieben Pomp und Geheimniskrämerei. Wir sind tatsächlich die wirklichen Exoten in der Welk, besonders spielen wir gerne mit den Dingen, und die ›Freudigen Hände‹ sind – frei heraus gesagt – meine Erfindung. Unser Ziel ist es, das chinesische Volk in die Höhe zu bringen und gleichsam Licht in der Finsternis zu verbreiten.« Er machte eine Pause und fügte dann hinzu: »Und außerdem noch allerhand ähnliche Dinge.«

 

Stephen Narth lächelte.

 

»Das scheint ein sehr lobenswertes Ziel zu sein. Ich werde mich freuen, mich Ihnen anschließen zu können.«

 

Die dunklen Augen des Chinesen hatten eine fast hypnotische Gewalt. Sie durchbohrten ihn eine Sekunde lang, so daß er das schreckenerregende Gefühl hatte, daß er augenblicklich seinen Willen einer größeren, aber wohlwollenden Macht unterstellt hatte. Denn das war das Merkwürdige an dem Chinesen, daß er eine Atmosphäre des Wohlwollens um sich verbreitete.

 

»Also, es ist gut«, sagte Mr. St. Clay einfach, zog das Paket Banknoten aus seiner Tasche und legte es höflich auf den Tisch. Dabei wehrte er ab. »Nein, nein – ich brauche keine Quittung. Zwischen Gentlemen ist das vollkommen unnötig. Haben Sie etwa einen Grad in Oxford oder Cambridge erreicht? – Ach, das ist schade. Ich ziehe es vor, mit Leuten zu verkehren, die durch dieses Band gewissermaßen mit mir verknüpft sind. Aber es genügt mir, daß Sie ein Gentleman sind.«

 

Er stand plötzlich auf.

 

»Ich denke, das ist alles. In drei Tagen werden Sie mehr von mir hören, und ich muß Sie bitten, daß Sie sich von irgendwelchen Verabredungen und Geschäften zu irgendeiner Tages- oder Nachtzeit im Laufe der nächsten Woche frei halten. Ich hoffe, diese Bedingung ist nicht zu beschwerlich?«

 

Lächelnd stellte er diese Frage.

 

»Durchaus nicht«, sagte Stephen Narth und nahm mit zitternden Händen das Geld an sich. Es war ihm unmöglich, den Grund seiner Erregung anzugeben.

 

»Mr. St. Clay, ich muß Ihnen meinen tiefgefühlten Dank aussprechen. Sie haben mich aus einer sehr verzweifelten Lage befreit. Wie verzweifelt sie eigentlich war, können Sie gar nicht wissen.«

 

»Ich weiß alles«, sagte der Chinese ruhig.

 

Plötzlich erinnerte sich Stephen an etwas.

 

»Warum nannte er Sie denn ›Gelbe Schlange‹?«

 

Der Chinese starrte ihn mit großen Augen an und dachte, daß er nicht recht gehört habe, so daß Stephen seine Frage wiederholen mußte.

 

»Mr. Clifford Lynne nannte mich so«, sagte St. Clay langsam.

 

Nur einen kurzen Augenblick zeigte das unergründliche Gesicht dieses Mannes, daß der unbewußt gegen ihn gerichtete Pfeil ihn schwer verwundet hatte.

 

»Gelbe Schlange … wie gemein! Wie ähnlich sieht das Clifford Lynne!«

 

Sofort nahm er sich wieder zusammen, und mit einem tiefen, wohllautenden Lachen griff er nach seiner Mappe.

 

»Sie werden von mir hören –« begann er.

 

»Noch einen Augenblick, Mr. St. Clay«, sagte Narth. »Sie sprachen von dem Ziel Ihres Bundes. Was ist denn dieses Ziel eigentlich?«

 

Der Chinese sah ihn einen Augenblick gedankenvoll an. »Die Herrschaft der Welt!« sagte er einfach. Mit einem Kopfnicken wandte er sich und ging.

 

Auf diese Weise trat Grahame St. Clay, Bachelor of Arts, in das Leben Stephen Narths ein, und von diesem Augenblick an war sein Geschick mit Stahlklammern an den Willen eines Mannes gebunden, der ihn zuerst beherrschte und dann zugrunde richtete.

 

Kapitel 8

 

8

 

Joan Bray war gewöhnt, früh aufzustehen, und bei ihrer Stellung im Narthschen Haushalt war das auch notwendig. Mr. Narth hatte keinen Hausmeister angestellt. Seiner Meinung nach war das eine unnötige Ausgabe, solange Joan die Arbeit versehen konnte. Nach und nach hatte sie alle die Pflichten auf sich genommen, die einem Hausmeister zustanden, ohne auch nur den geringsten Entgelt dafür zu erhalten. Sie vermittelte zwischen der Dienerschaft und der Familie. Sie regelte die großen monatlichen Abrechnungen mit den Kaufleuten und hatte dafür die heftigsten Auseinandersetzungen mit Mr. Narth auszuhalten, der jede Ausgabe für den Haushalt als eine unnötige Geldverschwendung ansah.

 

Ihr Tag war ganz mit Tätigkeit ausgefüllt. Sie hatte sich angewöhnt, um sechs Uhr aufzustehen, um morgens eine Stunde in der frischen Luft zuzubringen, bevor die Pflichten des Haushaltes sie ganz in Anspruch nahmen. Der gestrige Regen hatte den Boden aufgeweicht, und die Luft war abgekühlt. Aber es war ein herrlicher Morgen, der zum Spazierengehen einlud. Ein azurblauer Himmel wölbte sich über die Landschaft, er war mit weißen Spitzenwolken behängt.

 

Ihr Morgenspaziergang hatte heute ein ganz besonderes Ziel. Das große Ereignis in Slaters Cottage war das Tagesgespräch in Sunningdale. Sie hatte von ihrem Fenster aus gestern abend gesehen, wie beladene Lastwagen heranfuhren und im Gehölz verschwanden. In der Nacht erlebte sie ein seltsames und anregendes Schauspiel. Ihre Wohnung war nahe genug an Slaters Cottage, daß sie den Klang der Hämmer und Spitzhacken hören konnte. Die schwarzen Schatten der Baumgruppen hoben sich phantastisch von dem unheimlich rötlichen Licht der qualmenden Naphthalampen ab.

 

Mr. Narth war über diese außerordentliche Geschäftigkeit in seiner nahen Nachbarschaft sehr ungehalten. Gestern abend spät hatte er noch einen Gang nach Slaters Cottage unternommen und einmal nachgesehen, wie weit Clifford Lynne seine Verrücktheit treiben wollte. Bis jetzt wußte Joan nur vom Hörensagen, was in dem Landsitz vorging, und nun hatte sie Gelegenheit, sich persönlich nach dem Stand der Dinge umzusehen. Sie bog von der Landstraße ab und nahm den Weg nach Slaters Cottage. Aber weit kam sie nicht. Eine Gruppe von Männern war damit beschäftigt, den frisch angelegten Weg mit einer Teerlösung zu bestreichen. Drei schwerbeladene Lastwagen sperrten den Zugang zum Wohnhaus, das von Leuten wimmelte und sie an einen aufgestörten Ameisenhausen erinnerte. Der Baumeister des Ortes, den sie persönlich gut kannte, kam lächelnd auf sie zu.

 

»Miß Joan, was denken Sie von all diesen Dingen? Es ist doch ein Unsinn, wenn man ein kleines Landhaus, das kaum hundert Pfund wert ist, für tausend Pfund repariert?«

 

Sie konnte nur staunen. Während der Nacht waren das Dach und die Sparren abgedeckt worden, so daß nur das reine Skelett des Hauses übrigblieb.

 

»Wir haben die Fußböden herausgenommen, die Rohrleitung ist heute morgen um vier Uhr fertig geworden«, sagte der Baumeister stolz. »Im Umkreis von zwanzig Meilen habe ich jeden verfügbaren Arbeiter angestellt.«

 

»Aber warum in aller Welt macht Mr. Lynne das?« fragte sie.

 

»Ach, Sie kennen ihn?« fragte der Mann erstaunt, während sie errötete. Sie konnte ihm doch unmöglich erklären, daß Slaters Cottage später einmal ihr Heim werden sollte (wie sie sich augenblicklich einbildete), und daß dieser exzentrische Bauherr ihr späterer Gatte sei.

 

»Ja, ich kenne ihn«, sagte sie verlegen. »Er ist – ein Freund von mir.«

 

»Oh!«

 

Sichtlich nahm diese Entdeckung einen großen Teil der Zutraulichkeit des Baumeisters. Aber Joan konnte sich schon denken, was er hätte sagen wollen.

 

Sie mußte herzlich lachen, als sie auf die Straße zurückkam. Dieser launenhafte Wiederaufbau von Slaters Cottage in einer solchen Geschwindigkeit war gerade das, was sie von Clifford Lynne erwartet hatte. Warum sie das tat, wußte sie selbst nicht. Aber es schien, als ob er gerade ihr sein innerstes Wesen gezeigt hätte, und sie die einzige in der Familie war, die ihn verstand.

 

Sie hörte ein Trappeln von Pferdehufen hinter sich und bog seitlich aus.

 

»Guten Morgen, Joan!« hörte sie seine tiefe, wohllautende Stimme.

 

Erstaunt drehte sie sich um. Sie sah den Mann vor sich, mit dem sich ihre Gedanken eben so sehr beschäftigt hatten. Er ritt auf einem alten, zottigen Pony mit schläfrigen Augen. Das Pferd sah genau so zerzaust aus wie er selbst.

 

»Wieviel Mühe muß es Sie gekostet haben, ein Pferd zu finden, das so gut zu Ihnen paßt! Auch habe ich Ihr Auto gesehen, das Ihrem sonstigen Stil so gut entspricht.«

 

Clifford Lynne kniff die Augen zusammen, als ob er lachen wollte, aber man hörte keinen Laut. Sie hätte allerdings darauf geschworen, daß er sich innerlich vor Lachen schüttelte.

 

»Sie sind gerade nicht sehr höflich«, sagte er, als er vom Pferde absprang, »und obendrein aggressiv! Aber wir wollen keinen Streit anfangen, bevor wir verheiratet sind. Wo haben Sie eigentlich mein Auto gesehen?«

 

Auf diese Frage antwortete sie ihm nicht.

 

»Warum mühen Sie sich ab, dieses schreckliche; alte Landhaus neu aufzubauen. Mr. Carter, der Baumeister, sagte, es würde Sie Tausende kosten.«

 

Eine Weile sah er sie an, ohne zu sprechen, indem er mit seinem Barte spielte.

 

»Ich habe mir das so schön ausgedacht«, sagte er. »Ich bin nämlich etwas exzentrisch veranlagt. Wenn man so lange in einem heißen Klima lebt, ist es leicht möglich, daß der Verstand etwas darunter leidet. Ich habe eine Menge solcher Menschen kennengelernt. Auch finde ich es recht romantisch«, sagte er belustigt. »Ich habe mir gedacht, man müßte auch einige Kletterrosen und Geißblatt ans Haus pflanzen und dann einen schönen Gemüsegarten anlegen! Hühner gehörten auch hierher – ach, sagen Sie mir doch, haben Sie Hühner gerne?« fragte er so unschuldig wie möglich. »Wissen Sie, schwarze Dorkings oder weiße Wyandottes oder irgendeine andere Sorte. Oder mögen Sie Enten lieber?«

 

Sie hatten das Ende der Straße erreicht. Das zottige Pony war gehorsam gefolgt.

 

»Der alte Bray war so darauf versessen, daß Sie eine aus unserer Familie heiraten sollten, stimmt das?«

 

Diese Frage kam ihm so plötzlich und unerwartet, daß er einen Augenblick ganz verdutzt war.

 

»Warum fragen Sie eigentlich? Wenn Sie es durchaus wissen wollen – ja«, sagte er.

 

»Und Sie hatten Mr. Bray sehr gerne?«

 

Er nickte.

 

»Sehen Sie, ich lebte so lange mit ihm zusammen, und er war wirklich ein zu netter, alter Kerl. Wie ich die Cholera hatte, pflegte er mich persönlich, und hätte ich ihn damals nicht gehabt, so wäre ich abgekratzt, wie man so zu sagen pflegt. Ich hatte ihn wirklich gern.«

 

»Sie hatten ihn so gern,« sagte sie herausfordernd, »daß, als er Sie darum bat, nach England zu gehen und eine seiner Verwandten zu heiraten, Sie ihm das feierlich versprachen –«

 

»Das habe ich nicht direkt getan«, unterbrach er sie. »Ich habe kein Versprechen für lange Zeit auf mich genommen. Aber, um Ihnen einmal die Wahrheit zu sagen, ich dachte, er wäre verrückt.«

 

»Aber Sie haben es ihm doch versprochen«, sagte sie hartnäckig. »Und soll ich Ihnen sagen, was Sie ihm noch dazu versprochen haben?«

 

Er schwieg.

 

»Sie verpflichteten sich dem armen Joe Bray gegenüber, daß Sie nichts sagen würden, was die junge Dame, die Sie heiraten sollten, abstoßen und seine Pläne durchkreuzen könnte!«

 

Für einen kurzen Augenblick war der Mann mit dem langen Bart vollständig verwirrt.

 

»Hellseherei habe ich nie gern gehabt, das sieht der Hexerei zu ähnlich. Ich kenne nämlich eine alte Frau oben im Lande in der Nähe von Kung-chang-fu, die –«

 

»Weichen Sie mir nicht aus, Mr. Lynne. Also Sie versprachen Mr. Bray, daß, wenn sich in der Verwandtschaft eine junge Dame finden würde, die Sie heiraten könnten, Sie nichts sagen würden, um sie abzustoßen, und keine Abneigung gegen diese Heirat zeigen würden.«

 

Er kraute sich den Bart.

 

»Schon gut, es ist ja möglich, daß Sie recht haben«, gestand er. »Aber ich habe nichts gesagt«, fügte er schnell hinzu. »Habe ich Ihnen vielleicht gesagt, daß ich ein Hagestolz bin und die Ehe nicht leiden kann? Habe ich Ihnen etwa erzählt, daß der alte Joe Bray mir damit mein Leben verdorben hat? Bin ich etwa vor Ihnen auf die Knie gefallen und habe Sie gebeten, mir einen Korb zu geben? Sagen Sie doch selbst, Joan Bray!«

 

Sie schüttelte den Kopf, und das Lachen in ihren Augen teilte sich ihren Lippen mit.

 

»Also Sie haben mir gar nichts gesagt! Aber Sie haben sich selbst zu einem Popanz herausstaffiert –«

 

»Und entsetzlich abstoßend gemacht?« fragte er hoffnungsfreudig.

 

Aber sie schüttelte wieder den Kopf.

 

»Oh, doch nicht so ganz. Ich werde Sie heiraten. Ich vermute, daß Sie das verstanden haben?«

 

Die Erregung prägte sich so deutlich in seinen Gesichtszügen aus, daß sie es sehen konnte.

 

»In der Tat, ich habe es nicht nötig, Sie zu heiraten,« sagte sie mürrisch, »aber da sind – ich habe meine Gründe –«

 

»Der alte Narth hat Sie dazu gezwungen!« sagte er vorwurfsvoll.

 

»Genau so wie der alte Bray Sie dazu gezwungen hat!« antwortete sie schlagfertig. »Es ist eine merkwürdige Situation, und es könnte tragisch werden, wenn man nicht so darüber lachen müßte! Ich weiß nicht, was geschehen wird, aber ich hätte einen großen Wunsch, den Sie mir erfüllen könnten.«

 

»Und das wäre?«

 

»Gehen Sie doch zum Barbier und lassen Sie sich Ihren lächerlich großen Bart abrasieren. Ich möchte mich gern einmal davon überzeugen, wie Sie wirklich aussehen.«

 

Er seufzte schwer.

 

»In dem Fall bin ich gefangen«, sagte er. »Denn wenn Sie erst einmal mein Gesicht gesehen haben, werden Sie mich nie wieder freigeben. Ich war nämlich einer der hübschesten Männer in China.«

 

Er streckte ihr seine Hand entgegen.

 

»Dann kann man Ihnen ja gratulieren«, sagte sie einfach und brach in ein herzhaftes Lachen aus. Und sie war noch am Lachen, als sie den Weg zu ihrem Haus einbog und Mr. Narth in die Arme lief, der die Stirne runzelte.

 

Kapitel 9

 

9

 

»Worüber freust du dich so?« fragte Stephen, der im Augenblick allen Grund hatte, nicht sehr erfreut zu sein.

 

»Ich habe gerade mit meinem Bräutigam gesprochen«, sagte sie.

 

Bei diesen Worten klärte sich Stephens Gesicht auf.

 

»Ach so, den wilden Mann!« antwortete er.

 

Er trug einen Brief in seiner Hand. Die Morgenpost wurde in Sunningdale früh bestellt.

 

»Joan, ich möchte, daß du heute zur Stadt kommst und mit mir zu Mittag speist.«

 

Diese Einladung war eine große Überraschung für sie. Gewöhnlich nahm sie ihre Mahlzeiten allein ein, wenn sie zur Stadt kam.

 

»So ein nettes, kleines Essen in meinem Bureau. Ich möchte, daß du dabei einen meiner Freunde kennenlernst. Hm – ein äußerst feiner Mensch, der in Oxford sein Examen gemacht hat, dazu hat er noch eine Menge anderer Dinge gelernt.«

 

Das Benehmen von Mr. Narth fiel ihr noch mehr auf als seine Worte. Er sah so schlecht aus, daß sie sich wunderte, warum er so verstört war.

 

»Ist Letty auch dabei?« fragte sie.

 

»Nein, nein«, sagte er schnell. »Nur du – und ich – und außer meinem Teilhaber Mr. Spedwell noch – hm – mein Freund. Ich nehme an, daß du nicht diese dummen Vorurteile gegen – Fremde hast –«.

 

»Fremde? Warum? Nein! Sie wollen wohl sagen, daß er nicht Europäer ist?«

 

»Ja, das wollte ich«, sagte Mr. Narth und hustete. »Er ist Asiate – um es genau zu sagen, Chinese. Aber er ist eine außerordentlich einflußreiche Persönlichkeit in seinem Lande. Er ist ein Mandarin oder Gouverneur einer Provinz oder sonst etwas Hohes. Aber abgesehen davon ist er ein vollkommener Gentleman. Ich würde dich nicht bitten, mit jemand zusammenzukommen, wenn ich nicht selbst mit ihm verkehrte.«

 

»Aber warum, Mr. Narth. Wenn Sie doch wünschen –«

 

»Er heißt Grahame St. Clay und hat große Handelsbeziehungen sowohl in unserem Lande als auch über See.«

 

»Grahame St. Clay?«

 

Wo hatte sie doch diesen Namen gehört? Sie konnte sich im Augenblick nicht erinnern. Sie fragte noch, wann sie in der Stadt sein sollte, dann ging sie in das Haus und wunderte sich sehr, weshalb gerade sie als Gast von Mr. Narth geladen war, und warum er so ängstlich besorgt war, daß sie seinen neuen Freund treffen sollte. Sie hatte den Namen früher nicht gehört, bis –

 

Sie versuchte, sich darüber klar zu werden, aber sie konnte sich nicht mehr darauf besinnen, wann ihr dieser Name genannt worden war.

 

Mr. Narth fühlte sich etwas erleichtert, ging zu der Bibliothek zurück und las den Brief noch einmal. Das war nun die erste Folge seiner Anleihe, und schon bedauerte er, es getan zu haben, da er dadurch dem Chinesen das Recht gab, ihn mit »Lieber Narth« anzureden. Der Brief enthielt nur ein Dutzend Zeilen in tadelloser Handschrift.

 

»Nachdem ich Sie heute getroffen hatte, hörte ich, daß Ihre hübsche Nichte, Miß Joan Bray, sich mit Clifford Lynne verlobt hat, den ich oberflächlich kenne. Ich würde mich sehr freuen, die Bekanntschaft dieser jungen Dame zu machen. Würden Sie so liebenswürdig sein, mit ihr zum Mittagessen zu Albemarle zu kommen oder, wenn es Ihnen besser paßt, in ein anderes Lokal in der City. Wählen Sie selbst Zeit und Ort. Arrangieren Sie bitte diese kleine Sache, und geben Sie mir durchs Telephon Antwort, sobald Sie in Ihr Bureau kommen.«

 

Es war ein Eilbrief, der gestern abend in London aufgegeben war. Der Ton, den St. Clay ihm gegenüber anschlug, war einem Manne wie Narth sehr zuwider. Um seinem Charakter voll gerecht zu werden, muß man zugeben, daß es ihm keine großen Gewissensbisse verursachte, Joan mit diesem Manne zusammenzubringen. In diesem Punkt war er großzügig und skrupellos. Hätte es sich um Letty oder Mabel gehandelt, wäre es etwas anderes gewesen. Aber es war ja nur Joan.

 

Trotzdem er sich durchaus nicht scheute, in der Öffentlichkeit mit einem Orientalen zu speisen, hatte er sich doch dafür entschieden, das Essen in dem Sitzungszimmer seines Geschäfts abzuhalten, wo er seinen Bekannten schon manches kleine Mahl gegeben hatte.

 

Als er an diesem Morgen ins Bureau kam, fand er dort Major Spedwell, der auf ihn wartete, und zu seinem Erstaunen war der alte Militär weniger mürrisch als sonst.

 

»Soeben habe ich St. Clay gesehen«, sagte er. »Haben Sie das Essen für ihn arrangiert? Er legt großen Wert darauf.«

 

»Warum?« fragte Narth.

 

Spedwell zuckte die Achseln. »Der Himmel mag es wissen – St. Clay ist ein sonderbarer Vogel. Er ist freigebig wie ein Fürst – vergessen Sie das nicht, Narth. Er kann für Sie sehr nützlich werden.«

 

»Womit beschäftigt er sich eigentlich?« fragte Narth.

 

»Sie meinen, welche Geschäfte er betreibt? Alle möglichen. Er hat eine Fabrik in Peckham, aber er hat auch noch viele andere Geschäftshäuser und Firmen, aus denen er sein Einkommen bezieht. Sie haben Glück, Narth, daß er Sie gerne mag.«

 

»Oh!« stöhnte der andere. Er war durchaus nicht begeistert von dieser Mitteilung.

 

Spedwell sah ihn mit einem seltsam trockenen Lächeln auf seinem abstoßenden Gesicht an.

 

»Sie haben bis jetzt doch ein ganz ruhiges Leben geführt, Narth – ich meine, das Leben eines durchschnittlichen Geschäftsmannes aus der City. Sie haben sich doch noch nie mit abenteuerlichen Unternehmungen befaßt, wobei Blut vergossen wurde, oder starke Dinge passierten?«

 

»Beim Himmel, nein«, sagte Stephen Narth, indem er ihn anstarrte. »Warum?«

 

»Ich fragte nur so«, sagte der andere gleichgültig. »Nur können Sie nicht erwarten, daß Sie Ihr ganzes Leben lang eine so friedliche Kruke bleiben werden.«

 

»›Kruke‹ ist ein Wort, das ich durchaus nicht liebe«, sagte Stephen scharf.

 

»Das dachte ich mir gleich«, gab der andere zu. »Ich möchte nur feststellen, daß man unmöglich alle geschäftlichen Schwierigkeiten dadurch überwinden kann, daß man sich in einen gepolsterten Sessel setzt und neue Schwindeleien ausheckt. Darüber brauchen Sie nicht gleich in die Luft zu gehen, Narth. Wir kennen doch die Welt und wissen ganz genau, daß die Firma Narth Brothers in den letzten zehn Jahren nur von Schwindel und Betrug lebte. Entweder kommt eine so friedliche Kruke wie Sie dabei langsam zu Vermögen – oder sie kommt ins Gefängnis – und Sie sind dabei eben niemals zu Vermögen gekommen und werden auch nie dazu kommen.«

 

Stephen Narth sah ihm gerade ins Gesicht.

 

»Was ist denn eigentlich der Sinn von all diesem Gerede?« fragte er.

 

Der Major drehte gedankenvoll an seinem kleinen Schnurrbart.

 

»Ich will Sie nur warnen, das ist alles«, sagte er. »Selbst für jeden Baumpfropfer kommt einmal der Moment, wo er etwas anderes tut als Bäume pfropfen – wenigstens versucht er es einmal – verstehen Sie, was ich damit sagen will?«

 

»Ihre Worte sind heute wirklich recht unklar«, sagte Narth sarkastisch. »Zuerst haben Sie mich eine Kruke und dann einen Baumpfropfer genannt! Mir wäre es lieber, wenn Sie etwas liebenswürdiger und deutlicher sprechen würden!«

 

Der Major nahm einen Stuhl und stellte ihn auf die andere Seite des Schreibtischs. Dann setzte er sich und kreuzte die Arme auf der Tischplatte.

 

»St. Clay stellt Sie auf die Probe«, sagte er. »Und wenn er sieht, daß Sie am selben Strang mit ihm ziehen, [Zeilenende fehlt im Buch. Re.]

 

Narth sah ihn an.

 

»Eine Million Pfund ist leicht gesagt – aber es ist eine ungeheuer große Summe«, sagte er.

 

»Mehr als eine Million!« antwortete Spedwell entschieden. »Das ist das größte Geschäft, in das Sie jemals hineingeraten sind, mein Freund!«

 

Narth war verwirrt. Eine Million – selbst wenn man sie noch nicht verdient hatte – war eine entsetzlich große Summe. Aber wozu all diese Überlegungen? War er denn nicht der Erbe von Joe Brays großem Vermögen?

 

»Ich weiß gar nicht, warum ich mich mit Ihnen über solche Dinge unterhalte«, sagte er. »Joe Bray war doch wirklich kein armer Mann.«

 

Sekundenlang spielte ein Lächeln auf dem mürrischen Gesicht des andern.

 

»Wieviel glauben Sie denn aus der Erbschaft zu bekommen?« fragte er, fügte dann aber schnell hinzu: »Es ist schon möglich, daß Sie ein dickes Paket erhalten werden – aber wenn Sie mit St. Clay zusammen spielen, können Sie bedeutend mehr machen.«

 

Als der Major wegging, ließ er Stephen Narth unruhig und verwirrt zurück. Seitdem er die Nachricht von der Erbschaft Joe Brays erhalten hatte, legte er sich zum erstenmal die Frage vor, ob denn seine siegessichere Stimmung auch ganz berechtigt sei. Aber Joe war ein reicher Mann gewesen, der Inhaber äußerst wertvoller Konzessionen, ein Bankier, der mit seinem Gelde die ganze Regierung finanzierte – und wenn alles wahr war, was man sich in der City über ihn erzählte, mußte der alte Joe ein ungeheures Vermögen besessen haben, und das war doch ein beglückender Gedanke für ihn.

 

Ein Viertel vor eins kam Grahame St. Clay, tadellos gekleidet, in grauem Cut und spiegelblankem Zylinder. Narth hatte nun Zeit, ihn etwas näher zu betrachten. Er war ein wenig zu elegant gekleidet, die Diamantnadel in seiner Krawatte war etwas zu groß. Dabei hatte er sich stark parfümiert, und wenn er sein seidenes Taschentuch zog, verbreitete sich eine intensive Duftwolke, die Mr. Narth unangenehm auf die Nerven fiel.

 

»Haben Sie meinen Brief erhalten?« Der andere sprach wie der Vorgesetzte zu seinem Angestellten.

 

Mr. Narth ärgerte sich. Das Benehmen dieses Mannes hatte etwas aufreizend Beleidigendes für ihn. Der Chinese sah unverfroren Mr. Narth über die Schulter und las den Brief, den er soeben geschrieben hatte. Ohne Aufforderung nahm er sich einen Stuhl und setzte sich.

 

»Kommt dieses Mädchen?«

 

»Miß Bray wird mit uns speisen«, sagte Narth ein wenig steif und mit einem gewissen Unterton in seiner Stimme, der St. Clay warnte, nicht zu weit zu gehen. Er lachte.

 

»Mein lieber Freund, Sie schöpfen Verdacht gegen mich! Seien Sie doch friedlich! So kommen wir nicht weiter, besonders da wir uns eben kennengelernt haben! Sehen Sie, Narth, in meinem Vaterland bin ich eine Persönlichkeit von großem Einfluß, und ich habe die Gewohnheiten eines großen Herrn. Sie müssen das nicht so genau nehmen!«

 

Jemand klopfte an der Tür. Perkins, der Sekretär, kam herein und sah lautlos auf Stephen.

 

»Ist Miß Bray gekommen?«

 

»Jawohl«, sagte Perkins. »Soll ich ihr sagen, daß sie warten soll?«

 

»Lassen Sie sie hereinkommen!«

 

Zum erstenmal in seinem Leben wurde es Stephen Narth klar, daß Joan ein sehr hübsches Mädchen war. Sicher hatte sie noch nie so hübsch ausgesehen wie heute morgen. Sie trug ein blaues Tailormade und einen roten Hut. Das Kostüm stand ihr ausgezeichnet und hob ihren zarten Teint und ihre tiefblauen Augen.

 

Offensichtlich machte sie Eindruck auf St. Clay. Er sah sie mit großen Augen an, so daß sie errötete.

 

»Darf ich dir Mr. St. Clay vorstellen?« sagte Narth.

 

Sie wollte ihm eben die Hand geben, als die Tür zum Privatbureau plötzlich aufsprang und ein junger Mann hereinkam. Er war sehr gut gekleidet – das war der erste Eindruck, den Joan von dem Ankömmling hatte. Seine Kleider konnten nur in Sackville Street angefertigt sein. Er war noch jung an Jahren, aber doch kein Kind mehr. Ein leichtes Grau färbte seine Schläfen, und dünne Falten zeigten sich an seinen Augen. Mit einer faltigen Toga bekleidet, hätte man ihn mit seiner Adlernase und seinem beherrschenden Gesichtsausdruck für einen Tribunen des alten Rom halten können.

 

Er stand an der Tür und blickte bald St. Clay, bald Narth an – aber mit keinem Blick streifte er die junge Dame. Einen Augenblick lang war Narth bei dem plötzlichen Einbruch in sein Privatkontor wie vom Donner gerührt.

 

»Was wünschen Sie?« fragte er. »Sie müssen sich irren, dies ist ein Privatbureau –«

 

»Ich irre mich durchaus nicht«, sagte der Fremde. Bei dem Klang dieser Stimme wandte sich das Mädchen um und sah ihn mit großem Erstaunen an. »Der Irrtum ist auf Ihrer Seite, Narth, und noch nie haben Sie einen größeren Fehler gemacht, als wie Sie die Kühnheit besaßen, meine zukünftige Frau an einen Tisch mit diesem verdammten Mordbuben einzuladen! Fing-Su!«

 

Mr. St. Clay, B. A., bedeckte mechanisch seine Hände und verneigte sich.

 

»Exzellenz!« sagte er in der Mandarinensprache.

 

Joan seufzte verwirrt. Der schönste Mann Chinas hatte seine Wirkung auf sie nicht verfehlt – denn der Fremde in der Tür war Clifford Lynne!

 

Kapitel 33

 

33

 

Für Mr. Stephen Narth war es ein Unglückstag gewesen. Wenn sein Egoismus auch sein Gewissen in weitestem Maß beruhigt hatte, so fühlte er doch das größte Unbehagen, daß er einem unschuldigen Mädchen solches Leid angetan hatte. Immer wieder ließ er sich von Fing-Su wiederholen, daß ihr nichts Böses geschehen sollte. Aber seine Vernunft wies diese Entschuldigungen als grobe Selbsttäuschung zurück. Aber um das Maß voll zu machen, hatte er erfahren, daß Joe Bray am Leben war. Diese Nachricht traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und die goldenen Schätze, die schon greifbar vor ihm lagen, hakten sich in Schaumgold verwandelt.

 

Joe Bray lebte!

 

Er hatte sich einen fein ausgedachten Scherz mit seinem Erben erlaubt. Der Ausweg, der sich ihm aus seinen geschäftlichen Schwierigkeiten gezeigt hatte, war nun wieder verschlossen. Seine einzige Hoffnung gründete sich nun auf sein Verhältnis zu Fing-Su.

 

Stephen Narth war zu intelligent, um zu glauben, daß dieser Chinese alle Versprechungen halten würde, die er ihm gemacht hatte. Und doch standen fünfzigtausend Pfund auf dem Spiel. War es die Absicht des Chinesen, mit seinen phantastischen Plänen dieses Geld zu verlieren, wie es doch zweifellos der Fall sein würde, wenn Stephen Narth die Beziehungen zu ihm abbräche? – Bankerott? Was war denn Bankerott anders als ein unglückseliger Zufall, der jedem begegnen konnte und manchen Besseren und Höhergestellten getroffen hatte als Stephen Narth. Und wenn er nun seinen Bankerott erklärte, dann konnte der Chinese ja sehen, wie er zu seinem Gelde kam.

 

Das war der einzige tröstliche Gedanke, den er an diesem Nachmittag hatte. Die Aussicht seiner Aufnahme in die Gesellschaft der »Freudigen Hände« machte ihn jetzt schon halb seekrank. Er war wütend, daß er sich so weit herablassen sollte, sich mit diesen spitzbübischen Gelben auf eine Stufe zu stellen.

 

Er war Mitglied zweier Geheimgesellschaften, und seine Kenntnis in diesen Dingen war eingehend genug, so daß er mit den meisten Aufnahmeformalitäten vertraut war. Für ihn war der kommende Abend ermüdend und mit einem unangenehmen Zeitverlust verbunden. Ein Ausflug nach Südlondon wäre schon zu einer anderen Tageszeit ein übles Unternehmen gewesen, aber die Gewißheit, daß er dort um Mitternacht seinen Besuch machen sollte, empörte ihn. Die Vorstellung, daß er sich dort zwei Stunden in der Gesellschaft von Chinesenkulis aufhalten sollte, machte ihn rasend.

 

Spedwell speiste mit ihm in seinem Hotel und bemühte sich, ihm die kommende Feier zu erläutern. Dieser Mann mit dem mageren Gesicht und den unbeständigen, stechenden, dunklen Augen konnte glänzend sprechen. Aber es gelang ihm nicht, Stephen Narth zu besänftigen. Narth war keineswegs wählerisch, aber die große Tradition seiner Vorfahren wirkte in ihm nach, und je mehr er über seine Lage nachdachte, desto mehr haßte er die Ereignisse dieses Tages und die kommende Nacht.

 

»Es ist nichts Ekelhaftes dabei«, sagte Spedwell schließlich und zündete sich eine große schwere Zigarre an. »Wenn sich jemand beklagen müßte, dann könnte ich es sein. Sie scheinen zu vergessen, Narth, daß ich eingeborene indische Infanterie befehligt habe. Das sind doch vornehme Leute mit europäischer Gesinnung. Bilden Sie sich etwa ein, daß es mir große Freude macht, mich mit diesen asiatischen Kulis auf eine Stufe zu stellen?«

 

»Bei Ihnen ist das etwas anderes«, fuhr ihn Stephen an. »Sie sind als Soldat ein Glücksritter und können sich allen Umständen anpassen. – Sagen Sie mir aber eins, was ist mit Joan geschehen?« fragte er gereizt.

 

»Es geht ihr gut, sie ist wohl aufgehoben. Ihretwegen brauchen Sie sich keine Sorge zu machen!« sagte Spedwell ruhig. »Ich würde nicht zugeben, daß dem Mädchen etwas geschieht, darauf können Sie sich verlassen!«

 

Für Stephen gingen die Stunden viel zu schnell vorüber. Es war nahe an Mitternacht, als sie zusammen nach Piccadilly gingen. Spedwells Wagen wartete dort, und widerwillig stieg Stephen ein. Den ganzen Weg über quälte er ihn mit Fragen über Fing-Sus Pläne. Warum war man so eifrig bemüht, Stephen Narth in den Geheimbund aufzunehmen? Welche Rolle war ihm zugedacht?…

 

Spedwell antwortete ihm geduldig, aber er war sichtlich erleichtert, als der Wagen durch eine Seitenstraße nahe der Kanalbrücke in die Old Kent Road einbog.

 

»Hier sind wir«, sagte er, und sie stiegen aus.

 

Fünf Minuten hatten sie zu gehen, bevor sie zu einer engen Gasse kamen, die an einer hohen Ziegelmauer entlang lief. Das einzige Licht, das ihnen schien, kam von einer Straßenlaterne, die genau am Eingang der Gasse stand. Sie diente scheinbar einem doppelten Zweck: einmal sollte sie den Wagenverkehr verhindern, und außerdem gab sie der langen, schmutzigen Straße eine höchst minderwertige Beleuchtung. Der Regen prasselte herunter, und Stephen Narth zog den Kragen seines Mantels stöhnend in die Höhe.

 

»Was ist das für ein Platz?« fragte er mürrisch.

 

»Unsere Fabrik – oder unser Warenhaus«, erwiderte Spedwell.

 

Er hielt vor einer Türe an, bückte sich, schloß auf und öffnete.

 

Narth hatte wieder alle möglichen Beschwerden vorzubringen.

 

»War es denn durchaus notwendig, daß ich im Frack kommen mußte?« fragte er.

 

»Selbstverständlich«, sagte Spedwell gelangweilt. »Ich werde Sie führen.«

 

Soweit er bei dem Licht sehen konnte, das die Taschenlampe seines Führers verbreitete, wurde er zu einem kleinen Schuppen gebracht, der an die Wand angebaut war. Der Raum war ganz leer, nur zwei starke Holzstühle standen darin.

 

»Auf jeden Fall ist es hier trocken«, bemerkte Spedwell, als er ringsherum leuchtete. »Sie bleiben solange hier. Ich muß Fing-Su erst Ihre Ankunft melden.«

 

Als Narth allein war, ging er in dem kleinen Raum auf und ab. Er war gespannt, ob Leggat anwesend sein würde, und ob ihm die Aufnahmefeier nicht zu grotesk sein würde, um sie bis zu Ende mitzumachen. Plötzlich wurde aufgeschlossen, und Spedwell kam wieder herein.

 

»Sie können Ihren Mantel hier lassen, wir haben nur ein kleines Stück zu gehen«, sagte er.

 

Mr. Narth hatte sich nach den Instruktionen, die ihm Spedwell früher erteilte, in Frack und weiße Binde gekleidet. Jetzt nahm er auf Aufforderung seines Führers ein Paar Glacéhandschuhe aus der Tasche und zog sie an.

 

»Jetzt werden wir gehen«, sagte Spedwell, drehte das Licht aus und führte ihn fort.

 

Sie gingen auf einem mit Kies bedeckten Weg, der an einer Treppe endete. Diese schien tief in die Erde hinabzuführen. Oben am Eingang zu den Stufen standen zwei statuengleiche, unheimliche Gestalten. Als die beiden näherkamen, rief die eine sie an. Narth verstand die Sprache nicht.

 

Spedwell senkte seine Stimme und zischte etwas. Dann faßte er Narth am Oberarm und stieg mit ihm die Treppe hinunter. Als sie an eine zweite Tür kamen, wurden sie wieder in derselben Sprache angerufen, und wieder antwortete Spedwell. Jemand klopfte an eine Tür. Vorsichtig wurde sie von innen geöffnet. Mit leiser Stimme wurde mehrmals Frage und Antwort gewechselt, dann faßte Spedwell den Arm des andern mit festem Griff und führte ihn in eine lange, phantastisch geschmückte Halle. Bildete Narth es sich nur ein, oder fühlte er tatsächlich, daß Spedwells Hand zitterte?

 

Er konnte einen langen Gang entlangsehen. Zuerst hätte er beinahe laut loslachen mögen. Auf jeder Seite des länglichen Raumes saßen viele Reihen Chinesen hintereinander, jeder in einen billigen, schlechtsitzenden Frack gekleidet. Statt der Hemden trugen sie nur Einsatzstücke. Bei einem sah er, wie das Ende des Chemisettes herausguckte und an der Seite den bloßen braunen Körper des Mannes freiließ. Jeder hatte zwei blitzende Steine als Hemdknöpfe. Man brauchte aber nichts von Theatergarderobe zu verstehen, um sie als Glasimitationen zu erkennen. Feierlich und ehrfurchtsvoll starrten ihn alle diese sonderbaren Erscheinungen in ihren schwarzen Fräcken an.

 

Er schaute mit halboffenem Munde von einer Seite zur anderen. Alle trugen weiße Halsbinden, die auf die sonderbarste Weise zusammengeschlungen waren. Jeder hatte weiße Baumwollhandschuhe an den Händen, die sie auf ihre Knie gelegt hatten. Sein erster Eindruck war, daß er schon früher etwas Ähnliches gesehen haben mußte… und mit einemmal erinnerte sich Narth… richtig, eine schwarze Sängertruppe, die feierlich in derselben Haltung dasaß… ebenfalls mit weißbehandschuhten Händen auf den Knien. Der einzige Unterschied war nur, daß diese Leute der gelben Rasse angehörten.

 

In vier großen blauen Vasen brannten chinesische Räucherstäbe. Der süßliche Rauch füllte den ganzen Raum.

 

Nun blickte er geradeaus durch das große Schiff zu dem weißen Altar. Hinter diesem saß auf einem Thron Fing-Su selbst. Über seinem Frack – zweifellos waren seine Diamanten echt – trug er ein rotseidenes Gewand. Auf seinem Haupte erhob sich eine große goldene Krone, die mit kostbaren, funkelnden Steinen besetzt war. Seine Rechte hielt einen goldenen Stab, die Linke eine glitzernde Kugel, die in dem Licht der mit opalfarbenen Glasglocken bedeckten Kandelaber aufleuchtete. Plötzlich hörte er, wie Fing-Sus Stimme das Schweigen brach.

 

»Wer ist es, der kam, um mit den ›Freudigen Händen‹ zu sprechen?«

 

Narth erblickte das vergoldete Bild der beiden Hände, die über Fing-Sus Haupt aufgehängt waren.

 

Aber bevor er dieses Bild noch ganz in sich aufnehmen konnte, antwortete Spedwell:

 

»O Sohn des Himmels, mögest du ewig leben! Dies ist einer deiner niedrigsten Sklaven, der kommt, um deinen Thron anzubeten.«

 

Nach diesen Worten begannen die Chinesen im Chor zu singen, als ob sie von einem unsichtbaren Kapellmeister dirigiert würden.

 

Ihr Gesang brach ebenso unvermittelt ab, wie er begonnen hatte.

 

»Laß ihn näherkommen«, sagte Fing-Su.

 

Spedwell war nicht mehr an seiner Seite. Narth vermutete, daß er hinter ihm stand. Er wagte nicht, sich umzusehen. Zwei dieser Leute in den merkwürdigen schwarzen Frackanzügen führten ihn langsam durch die Halle. Dunkel kam ihm zum Bewußtsein, daß der Mann zu seiner Rechten ein Paar Beinkleider trug, die ihm eine Handbreit zu kurz waren. Aber für Narth war die Sache nicht mehr komisch. Ein starkes Angstgefühl bedrückte ihn; die Vorahnung eines schrecklichen Ereignisses, das seine Phantasie sich noch nicht ausmalen konnte, quälte ihn so, daß die Lust zu lachen, die ihn zuerst befallen hatte, längst erstorben war, obwohl seine Augen die sonderlichsten Merkwürdigkeiten zu beiden Seiten wahrnehmen konnten.

 

Dann wurden seine Blicke durch den Altar mit dem von Diamanten funkelnden Rand angezogen. Die verhüllte Gestalt eines Mannes lag dort, mit einem großen weißen Tuch bedeckt. Wie betäubt schaute er hin und sah, daß ein großes rotes Herz an dem weißen Tuch befestigt war… Er gab sich die größte Mühe, seine Gedanken zu sammeln, als er mit weitaufgerissenen Augen das weiße Laken und das rote Herz anstarrte… An dem Rand der Decke war ein chinesischer Buchstabe in leuchtendroter Farbe aufgemalt.

 

»Es ist nur ein Symbol – nur eine Wachsfigur«, flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr.

 

Also Spedwell stand doch hinter ihm. Diese Gewißheit gab ihm den Mut zurück.

 

»Sprich mir Wort für Wort nach«, hörte er Fing-Sus tiefe feierliche Stimme. Sie füllte den Raum. »Ich will den ›Freudigen Händen‹ treu dienen…«

 

Wie im Traum wiederholte Narth die Worte.

 

»Ich will das Herz aller ihrer Feinde durchbohren.«

 

Auch diese Worte sprach er nach. Plötzlich kam ihm der Gedanke: wo mochte Leggat sein? Er dachte ihn hier zu finden. Seine Blicke schweiften umher, aber er konnte den starken Mann mit dem jovialen Gesicht nicht entdecken.

 

»Durch dieses Zeichen«, Fing-Su sprach weiter, »gebe ich einen Beweis meiner Treue, meiner Wahrhaftigkeit und meiner Zugehörigkeit zu dem Bunde…«

 

Jemand schob ihm unvermutet einen harten Gegenstand in die Hand. Es war ein langer, gerader Dolch, scharf wie ein Rasiermesser.

 

»Halten Sie ihn über die Figur – direkt auf das Herz«, sagte ihm eine Stimme ins Ohr. Mechanisch gehorchte Stephen Narth. Er wiederholte, ohne daß ihm der Sinn der Worte klar wurde, den Eid, den der Mann auf dem Thron ihm vorsagte.

 

»So lasse alle Feinde des Kaisers sterben!« sprach Fing-Su.

 

»Stechen Sie ins Herz!« flüsterte Spedwells Stimme. Stephen stieß mit aller Kraft zu.

 

Unter dem Messer gab etwas nach, er fühlte ein Zittern. Dann färbte sich das weiße Tuch plötzlich rot. Mit einem Schrei packte er das Tuch am Kopfende und schlug es zurück…

 

»O mein Gott!« schrie er.

 

Er sah in das Gesicht eines Toten. Es war Ferdinand Leggat!

 

Kapitel 34

 

34

 

Er hatte Leggat getötet! Mit seinen eigenen Händen hatte er ihn umgebracht! Er, der nicht einmal einem Kaninchen das Leben nehmen konnte, hatte diesen Menschen erdolcht. Der rote Fleck auf dem weißen Tuch wurde größer und größer. Seine Hände färbten sich mit diesem schrecklichen Blut, und er wandte sich mit einem irren Schrei um und wollte mit dem Teufel kämpfen, der ihm diese Worte ins Ohr geflüstert hatte.

 

Auf Spedwells Zügen malte sich blasser Schrecken. Er streckte den Arm aus, um sich zu schützen, aber die blutigen Hände griffen nach seiner Kehle und warfen ihn zu Boden. Dann erhielt Narth einen Schlag, so daß er vornübersank, zuerst auf die Knie, dann fiel er auf den mit Fließen bedeckten Boden. In wildem Wahnsinn schrie er gellend auf. Die langen Reihen der gelben Männer saßen und beobachteten diesen Vorgang, ohne sich zu rühren. Ihre falschen Diamanten glitzerten in den Vorhemden, und ihre weißbehandschuhten Hände ruhten auf den Knien.

 

*

 

Eine Stunde später kam Major Spedwell in den großen, prachtvoll eingerichteten Raum, der für Fing-Su bei seinen häufigen Besuchen in der Fabrik reserviert war. Der Chinese sah von seinem Buch auf und streifte seine Zigarettenasche in eine silberne Schale.

 

»Nun, was macht unser ängstlicher Freund?« fragte er.

 

Spedwell schüttelte den Kopf. Er sah zehn Jahre älter aus. Noch konnte man den Abdruck der blutigen Hand auf seinem weißen Frackhemd sehen.

 

»Wahnsinnig!« sagte er kurz. »Ich glaube bestimmt, daß er den Verstand verloren hat.«

 

Fing-Su lehnte sich mit einer ungeduldigen Geste in seinen gepolsterten Stuhl zurück.

 

»Das war nicht beabsichtigt«, sagte er mit leichtem Verdruß. »Wer konnte sich auch denken, daß ein erwachsener Mann sich so aufführen würde? Dieser Kerl ist eben ein gemeiner Feigling und paßt nicht zu solchen Dingen.« Spedwell antwortete nicht. Vielleicht dachte er darüber nach, ob bald der Tag kommen würde, an dem er aus Gründen der Zweckmäßigkeit selbst betäubt auf dem Marmoraltar läge, und ein Novize den verhängnisvollen Dolch auf sein Herz richten würde.

 

»Die Idee war doch sicher glänzend und hätte besser enden sollen!« sagte Fing-Su. »Leggat war doch ein Feigling und Verräter, er verdiente seinen Tod. Möglicherweise wird unser Freund Narth später anders darüber denken, wenn er wieder zu sich kommt und sich bewußt wird, daß er sich kompromittiert hat.«

 

Spedwell behielt den anderen stets im Auge.

 

»Sie sagten mir vorher, daß der Yünnan-Mann, der in Lynnes Hände fiel, geopfert werden sollte. Ich war mit dem Plan durchaus nicht einverstanden, aber schließlich habe ich unvernünftigerweise zugestimmt. Mein Gott, als ich Leggats Gesicht sah –«

 

Er trocknete seine schweißbedeckte Stirn, und sein Atem ging schnell.

 

Fing-Su sagte nichts und wartete.

 

»Wie haben Sie denn Leggat in Ihre Gewalt bekommen?« fragte Spedwell endlich.

 

»Er kam von selbst – wir gaben ihm einen Trank – er hat nichts gemerkt«, sagte Fing-Su ungewiß. »Er hat uns verraten, das wissen Sie ja. Jetzt ist er tot, und es ist mit ihm vorbei. Was nun Narth betrifft – auch sein Leben ist in unserer Hand.«

 

Spedwell, der in einen Klubsessel gesunken war, schaute plötzlich auf.

 

»Dann würde er wirklich und für immer verrückt sein, wenn er das selbst glaubte«, sagte Spedwell. »Wie ich Ihnen schon früher sagte, Fing-Su, unser Leben ist in seiner Hand – nicht umgekehrt!«

 

Fing-Su entfernte sorgfältig die Reste seiner Zigarette aus der Ebenholzspitze, steckte eine andere hinein und zündete sie an, bevor er antwortete.

 

»Wo haben Sie Narth hingebracht?«

 

»In den Steinschuppen. Er wird nicht mehr schreien, ich habe ihm Morphium gegeben. Wir müssen ihn so schnell wie möglich außer Landes schaffen. Die ›Umveli‹ verläßt den Hafen heute nacht, nehmen Sie ihn an Bord –«

 

»Zusammen mit dem Mädchen?«

 

Spedwell kniff die Augen zusammen.

 

»Was meinen Sie mit dem Mädchen?« fragte er. »Sie halten Joan Bray hier in London gefangen, bis Clifford Lynne Ihnen die Aktien gibt, die Sie brauchen.«

 

Der Chinese blies den Rauch gedankenvoll vor sich hin. Falten zeigten sich auf seiner niedrigen Stirn.

 

»Das war ursprünglich meine Absicht«, gab er zu. »Aber in den letzten paar Stunden hat sich viel ereignet… ich möchte meinen Plan ändern. Wir könnten sie zur chinesischen Küste und auf einem der Ströme oben ins Land bringen, ohne Aufsehen zu erregen.« Er blies die Rauchwolken zur Decke hinauf und sah zu, wie sie in Nichts zerrannen. »Sie ist wirklich schön«, sagte er.

 

Major Spedwell erhob sich und ging bedachtsam auf den Tisch zu. Er stand vor Fing-Su und legte seine Hände auf die Tischplatte.

 

»Sie wird in England bleiben, Fing-Su!« sagte er langsam und mit großem Nachdruck.

 

Für einen Augenblick trafen sich die Augen der beiden Männer. Der Chinese lächelte.

 

»Mein lieber Major Spedwell,« sagte er, »in einer solchen Organisation kann es nur einen Meister geben. Und dieser Meister, das möchte ich scharf betonen, bin ich. Wenn ich wünsche, daß sie in England bleibt, bleibt sie da. Und wenn es mein Wunsch ist, daß sie zur Küste Chinas mitkommt, kommt sie mit. Ist das klar?«

 

Spedwells Hand bewegte sich so schnell, daß Fing-Su nichts anderes als eine große rosa Fläche sah. Im Bruchteil einer Sekunde hatte Spedwell etwas in der Hand. Die schwarze Mündung zeigte auf Fing-Sus weiße Weste.

 

»Sie bleibt!« sagte Spedwell energisch. Jeder Muskel seines Gesichts war angespannt.

 

Einen Augenblick lang verzerrte sich das Gesicht des Chinesen. Seine Züge verrieten solche Furcht, wie es der Major früher nie gesehen hatte. Aber sofort hatte sich Fing-Su wieder in der Gewalt und zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Wenn Sie wollen, mag sie auch hierbleiben! Durch Streit wird nichts gewonnen. Wo ist sie jetzt? In der Fabrik? Gehen Sie, und holen Sie sie hierher.«

 

Spedwell war über diesen unerwarteten Wunsch erstaunt.

 

»Ich dachte, Sie wollten sie nicht wissen lassen, daß Sie Ihre Hand im Spiele haben?« sagte er.

 

»Das macht mir jetzt nichts mehr aus«, sagte der andere. »Gehen Sie bitte, und bringen Sie das Mädchen her.«

 

Spedwell hatte die Tür eben erreicht, als er hörte, wie leise eine Schublade aufgezogen wurde. Mit blitzartiger Geschwindigkeit drehte er sich um. Ein Geschoß verletzte sein Gesicht und zersplitterte die Holzverkleidung der Tür. Als er seine Pistole hob, sah er, wie Fing-Su sich auf die Erde warf. Einen Augenblick zögerte er, dann drehte er sich um und floh in den großen Raum, der vor dem Privatbureau des »Kaisers« lag.

 

Es war ein Warenlager, das bis oben mit Stückgütern gefüllt war. Drei schmale Wege führten zu den großen Toren am Ende. Er hatte nur eine Möglichkeit zu entkommen. Am hinteren Ende des Lagers sah er das Schaltbrett, durch das die Lichtversorgung in diesem Flügel der Fabrik geregelt wurde. Der Schuß war gehört worden, das große Tor hinten wurde ausgerissen, und eine Schar Chinesen strömte in den Lagerraum. Er hob seine Pistole und feuerte zweimal rasch hintereinander nach dem Schaltbrett. Sofort ging das Licht aus, und Marmor- und Glassplitter flogen umher.

 

Schnell schwang er sich auf einen Ballen, eilte über die aufgestapelten Waren hinweg, indem er von Kiste zu Kiste sprang, bis er nahe an die offene Tür gekommen war. Einige unentschlossene Kulis standen in der Öffnung. Mit einem gewaltigen Satz war er mitten unter ihnen. Der Lauf seiner Pistole blitzte, und sie hatten sich von ihrem Erstaunen noch nicht erholt, als er schon über den dunklen Hof lief, das Dach des Schuppens erkletterte und so den Rand der Mauer erreichte. Es war derselbe Schuppen, den Clifford Lynne in jener Nacht sah, als er seinen unangemeldeten Besuch in Peckham machte. Bevor die Verfolger ihn einholen konnten, war er über die Mauer auf den schmutzigen Weg gesprungen und entfloh dem Kanalufer entlang.