Kapitel 34

 

34

 

Trotz seiner Taschenlampe dauerte es geraume Zeit, bis er den Schalter gefunden hatte, der hoch an der Wand und sehr weit von der Tür entfernt dicht unterhalb der abfallenden Decke der Treppe angebracht hat. Ein leichtes Knacken, und der Raum lag in heller Beleuchtung. Von seinem Standpunkt aus konnte er nichts weiter als eine Messingbettstelle sehen, ohne Matratze und Bettzeug. Zwei Stufen weiter hinunter, zwei, drei Schritte durch einen engen Gang, und er befand sich in dem Keller. Fußboden, Wände und Decke waren aus Zement, und es gab noch einen zweiten kleineren Raum, der notdürftig als Badezimmer eingerichtet war. Keinerlei Fenster waren sichtbar, und Larry hatte auch nicht erwartet, solche zu finden. Eine schwere, verbrauchte Luft hing in dem Raum, augenscheinlich waren die beiden Ventilatoren dicht unterhalb der Decke geraume Zeit nicht in Tätigkeit gewesen.

 

Aber weder das Badezimmer noch die Bettstelle nahmen seine Aufmerksamkeit gefangen, sondern der große, schwere Granitblock in der Mitte des Fußbodens. In dem würfelförmigen Stein von ungefähr dreiviertel Meter Durchmesser saß ein großer Stahlhaken, an dem eine lange, dünne Kette, gleichfalls aus Stahl, hing. Die Kette lief in Abständen von je einem Meter durch drei Bleiklötze, deren Gewicht Larry auf vielleicht zehn Pfund schätzte, und endigte in einer bronzenen Fußschelle.

 

»Ja«, sagte Larry, »ich glaube, so ist es.«

 

Er nahm den Fußring auf und versuchte erst den einen, dann den anderen seiner Schlüssel in dem kleinen Schlüsselloch, das durch einen Schieber verdeckt war, und atmete erleichtert auf, als sich der Ring öffnete.

 

»Gott sei dank! Ich befürchtete schon, daß ich nicht den richtigen Schlüssel hätte.«

 

Er blickte Harvey an, dessen Gesicht ein einziges Fragezeichen war.

 

»Was soll das alles bedeuten, Mr. Holt?« fragte der Sergeant verständnislos.

 

»Der Operationssaal der ›Toten Augen‹, war Larrys kurze Antwort.

 

»Wollen Sie damit sagen, daß diese Teufel –«

 

Larry nickte. Er ging an den Wänden entlang und suchte vergeblich nach einem Platz, wo er den wasserdichten Beutel, den er in der Tasche hatte, verbergen könnte. Aber es war auch nicht ein einziger Riß in dem Mauerwerk zu sehen, und die Löcher, die in regelmäßigen Abständen in der Nähe des Fußbodens lagen, waren, wie er wußte, für diesen Zweck nicht zu gebrauchen. Dann fiel sein Auge wieder auf den Granitblock, und er stemmte sich mit allen Kräften gegen diesen. Langsam und mühevoll zog er ihn auf die Seite. Es war unnötig gewesen, einen Steinblock von solchem Gewicht in den Boden einzuzementieren.

 

»Helfen Sie mir mal, ihn umzulegen, Harvey«, sagte er, und die beiden Männer legten den Block auf die Seite.

 

Er war genau eingepaßt, und seine Auflagestelle war kaum zwei Zentimeter tiefer als der Fußboden, aber die Arbeiter hatten sich nicht die Mühe gemacht, diese zu glätten, und so hatte sich in dem Zement eine unregelmäßige, flache Vertiefung gebildet, die für Larrys Zwecke gerade groß genug war. Er nahm den wasserdichten Sack, der kaum größer als ein Schwammbeutel war, aus seiner Tasche und steckte verschiedene Gegenstände hinein.

 

»Noch einen Handschellenschlüssel, Harvey«, sagte er. »Hoffentlich haben Sie einen. Ich habe meinen im Büro vergessen.«

 

Harvey fand einen in seiner Westentasche.

 

»Und das auch noch!« Er zog etwas aus der Tasche und legte es in den Sack. Dann machte er diesen so flach wie möglich, legte ihn in die kleine Vertiefung, die er gerade ausfüllte, und schob mit Harveys Hilfe den Block an seine ursprüngliche Stelle.

 

»Darf ich fragen, was das alles bedeuten soll?« fragte Sergeant Harvey mehr und mehr erstaunt.

 

Larry lachte, und in dem fürchterlichen Raum, der nie Gelächter gehört hatte, klang sein Lachen hohl und unheimlich.

 

»Ist der Diener mit in die Geschichte verwickelt?« fragte Harvey.

 

»Sicherlich nicht. Die Bande würde niemals einem Diener trauen«, entgegnete Larry. »Nein, er kommt wahrscheinlich nur nach den Herrschaftszimmern, wenn sein Herr nach ihm klingelt. Wenn Sie sich das Haus genau betrachten, werden Sie finden, daß es für einen ganz besonderen Zweck gebaut worden ist. Der Raum hier hat zum Beispiel in der Wandtäfelung Rohranlagen, um Luft hinein- und herauspumpen zu können, ein elektrischer Fahrstuhl geht von der Küche nach oben, eine private Treppe führt zu den Schlafzimmern und der Bibliothek in der oberen Etage. Meine Annahme ist, daß der Diener und das ganze Personal tatsächlich in einem Teil des Hauses wohnen, der von diesem hier vollkommen getrennt ist. Haben Sie die Tür gegenüber dem, lassen Sie mich sagen, Maschinenraum, bemerkt? Nein? – Es war gar nicht so leicht, sie zu entdecken, denn sie paßte sich in jeder Weise der Wand an, ist aber in Wirklichkeit eine wunderbar maskierte Eisentür, führt direkt auf den Hof und von dort – vergessen Sie das nicht – in die Garage.«

 

Harvey nahm seinen Sack mit Werkzeugen auf die Schulter.

 

»Das ist ein furchtbares Haus, Mr. Holt«, sagte er schaudernd. »In meinen ganzen fünfunddreißig Dienstjahren hat mich niemals etwas so – so entsetzt, wie das Haus hier. Das kommt Ihnen vielleicht etwas lächerlich vor?«

 

»Ganz und gar nicht«, sagte Larry ruhig. »Ich selbst finde keine Worte für die Empfindungen, die mich in diesen Räumen beschleichen.«

 

»Glauben Sie wirklich, daß hier alle die Leute umgebracht worden sind?«

 

»Davon bin ich fest überzeugt. In der Kammer da unten starb Gordon Stuart eines schmählichen Todes.«

 

Sie gingen in die Vorhalle zurück. Dicht bei der Tür befand sich ein sehr schmales Fenster, das durch einen schweren seidenen Vorhang verdeckt war. Harvey schob ihn zur Seite.

 

»Da steht ein Auto vor der Tür«, rief er. »Es ist gerade vorgefahren.«

 

Larry ging zu ihm hin und blickte an seiner Seite durch das Fenster. Ein Mann war aus dem Taxi gestiegen und bezahlte den Chauffeur.

 

»Ehrwürden Mr. Dearborn«, sagte Larry. »Außerordentlich interessant.«

 

Larry zögerte nur eine Sekunde, bevor er die Tür öffnete und hinaustrat. Ehrwürden John Dearborn war von dem Wagen auf das Haus zugegangen, und seine Hand lag schon auf der Klinke des eisernen Gitters, als er plötzlich das Haupt senkte, wie jemand, der sich an etwas erinnert, und dem Chauffeur zuwinkte.

 

»Hören Sie mal, lieber Freund«, sagte er. »Ich kann Sie nicht sehen, sind Sie noch da?«

 

»Ja, Sir«, erwiderte der Mann.

 

»Es fällt mir gerade ein, daß ich noch nach dem Postamt fahren muß. Wollen Sie mich dahin bringen?«

 

Seine Hand streckte sich suchend aus, der Chauffeur ergriff sie, beugte sich zurück und öffnete die Wagentür.

 

Bevor Larry die Stufen hinunterkommen konnte, fuhr das Auto schon fort. Larry drehte sich mit einem halben Lächeln um.

 

»David Judd kann ruhig warten«, sagte er leise.

 

»David Judd!« wiederholte Harvey ungläubig.

 

»David Judd!« sagte Larry von neuem. »Wer kann behaupten, daß wir nicht in einem Zeitalter von Zeichen und Wundern leben, wo der Blinde sehen kann wie John Dearborn, wo David Judd, tot und begraben, in London in einer Autotaxe spazierenfährt!«

 

Kapitel 35

 

35

 

»Warten Sie. mal«, rief Larry – Sergeant Harvey war gerade im Begriff, dies Haus des Todes zu verlassen –. »Vielleicht bekommen wir nicht so bald wieder Gelegenheit, das Grundstück in Ruhe durchsuchen zu können. Ich möchte doch noch die Seitentür untersuchen.« Er ging voran nach der Geheimtür im Salon, schloß sie hinter sich, schritt dann die Stufen hinab und blieb an der Wand dem Maschinenraum gegenüber stehen.

 

»Ich glaube, hier muß die Tür nach dem Hof sein«, sagte er und ließ das Licht seiner Taschenlampe über die Wand streichen.

 

Das Schlüsselloch war sehr schwierig zu finden, aber endlich fand er es dicht über dem Fußboden in der rechten Ecke. Wie erwartet ging diese auf einen überdachten Weg, der von dem Hof nach der Straße lief.

 

»Verteufelt geschickt«, sagte er in ehrlicher Bewunderung.

 

Vom Hof aus betrachtete er sich Mauer und Tür, durch die sie eben gekommen waren. Nichts erinnerte an eine solche. Man sah nur eine Art Fenster, das aus vier Mattglasscheiben bestand, in der natürlichsten Art der Welt in der Wand angebracht und dessen Fensterbrett mit Blumenkästen geschmückt war.

 

»Sieht weiß Gott nicht aus wie eine Tür«, sagte Larry und fügte noch einmal hinzu: »Verwünscht geschickt gemacht!«

 

Er ging an das Gitter, das er genau untersuchte und kam dann zu Harvey zurück.

 

»Das Rätsel des geheimnisvollen, automatischen Gittertores wäre auch gelöst. Wie ich erwartet habe, ist es möglich, in das Haus und den Hof zu kommen, ohne daß die Dienstboten das geringste bemerken. Als ich das letztemal hier war, fielen mir zwei Löcher in dem Tor auf, die ungefähr fünfviertel Meter voneinander entfernt ziemlich dicht über dem Boden angebracht waren. Ist Ihnen nicht bei dem Wagen, den wir in der Wäscherei fanden, etwas aufgefallen?«

 

»Ja, Sir«, sagte Harvey. »Unterhalb der Scheinwerfer waren zwei Stahlstangen angebracht, die ziemlich weit nach vorn herausstanden.«

 

Larry nickte zustimmend und sagte:

 

»Zuerst habe ich angenommen, es wäre so eine neue Erfindung für Automobile, aber jetzt ist es mir ganz klar, wozu diese Stangen dienen. Der Wagen wird dicht an das Tor gefahren, wo die beiden Stangen in die Löcher eindringen, auf ein Schloß einwirken und so das Tor öffnen, das sich dann wieder hinter dem Wagen schließt. Auf diese Weise haben sie keinerlei Bedienung nötig und vermeiden vor allen Dingen, daß ihr Kommen und Gehen vom Personal im Hause bemerkt wird. Wir wollen uns noch die Garage ansehen und dann machen, daß wir fortkommen.«

 

Larry suchte unter seinen Schlüsseln und fand schließlich den passenden.

 

Als er ihn in das Schloß steckte und umdrehte, hörte er, wie sich in der Garage etwas bewegte.

 

»Haben Sie gehört?« flüsterte er.

 

Harvey nickte und hielt seinen Gummiknüttel bereit. Dann riß Larry schnell beide Torflügel weit auf. Er sah einen Wagen, dessen Räder noch naß waren, aber sonst war augenscheinlich niemand in der Garage.

 

»Der Wagen ist erst heute morgen draußen gewesen«, sagte Larry.

 

Nicht ein Fleckchen, wo sich auch der kleinste Mensch verbergen konnte, dachte er und – ein scharfer, schriller Schrei durchriß das Schweigen, der Schrei eines Menschen in Todesangst. Mit einem Satz war er an der Tür der großen Limousine und riß diese auf. Und dann schien es, als ob ein Tornado, ein Orkan auf ihn losgelassen war – eine gigantische, kreischende Gestalt stürzte sich auf die beiden Männer, rie sie mit ihrem enormen Gewicht zu Boden, warf sich mit ihrer ganzen Masse auf sie.

 

Einen Augenblick war Larry wie betäubt, und als er sich mühsam auf die Füße gearbeitet hatte, hörte er die Garagentür zufallen und das Schnappen des Schlosses, in dem sich der Schlüssel drehte. Beide Männer warfen sich gegen das Tor, das aber unter ihrem Anprall auch nicht einen Millimeter nachgab.

 

»Die Frau!« rief Harvey und wies auf den Wagen.

 

Auf dem Fußboden des Wagens lag zusammengebrochen die regungslose Figur einer Frau. Larry hob sie in seine Arme und trug sie unter ein schmales Dachfenster, durch das ein schwacher Lichtschein in die Garage fiel.

 

Eine Frau im Alter von fünfzig Jahren, grauhaarig und unsäglich schmutzig. Ihr Gesicht schien Wochen hindurch nicht mit Wasser und Seife in Berührung gekommen zu sein, ihre Hände waren kohlschwarz. Unter dem Schmutz sah ihr weißes Gesicht in einem erstarrten Grinsen hervor, und auf ihrem mageren Halse waren die blutroten Merkmale der Krallen des blinden Jake deutlich sichtbar.

 

»Schnell etwas Wasser, Harvey«, rief Larry. »Sie lebt noch!« Und mit leiser Stimme: »Mein Gott, die Aufwärterin!«

 

Während er sich um das arme, unglückliche Wesen bemühte, hatte Harvey die Garage durchsucht und ein Beil gefunden. In wenigen Minuten war das Schloß zertrümmert und die Tür geöffnet.

 

»Nehmen Sie den Revolver«, sagte Larry und reichte ihm seine Waffe hin. »Bis jetzt hat er mir nicht viel genutzt, aber wenn Sie den Schuft zu Gesicht bekommen, schießen Sie. Schießen Sie sofort, ohne sich mit ihm in irgendwelche Redereien einzulassen, und denken Sie nur nicht, daß Sie ihm mit Ihrem Knüttel beikommen können.«

 

Aber Jake der Blinde war – er wußte es – verschwunden. Dieser blinde Mann, dessen kostbarster Sinn zerstört war, war ihm wiederum überlegen gewesen.

 

Die Frau begann jetzt allmählich einige Lebenszeichen von sich zu geben. Ihre Augenlider zuckten, öffneten sich, und mit einem Schrei fuhr sie hoch.

 

»Wo ist Miß Clarissa?« rief sie heiser.

 

»Das möchte ich gern von Ihnen wissen«, war Larrys Antwort.

 

Bald darauf kam ein Taxi, und sie trugen die Frau durch die maskierte Seitentür, die Stufen hinauf und in den prachtvollen Salon. Dort legten sie sie nieder, und Larry blickte um sich auf all diesen Komfort, all diesen Luxus, der mit den Leichen, dem Elend von, Gott weiß wie vielen, unschuldigen Seelen erkauft war.

 

Dann fielen seine Blicke auf diese elende Frau, die dort auf einem Teppich lag, der ein Vermögen wert war, die niemand etwas zuleide getan hatte und die verdammt war, sich unter der Aufsicht eines Unmenschen wie des blinden Jake verbergen zu müssen – und nur, weil sie Stuart kannte und wiedererkannt hatte.

 

Strauß, der Exsträfling und Haushofmeister, wartete mit nervös zuckenden Händen in der Vorhalle.

 

»Sie sind doch nicht bei der Geschichte hier beteiligt?« fragte Larry.

 

»Nein, Sir«, antwortete der Mann zitternd. »Als Sie kamen, dachte ich, daß mein Herr nach Ihnen geschickt hätte, weil – weil ich verschiedene Kleinigkeiten gefunden hatte.«

 

»So was wie Manschettenknöpfe aus schwarzer Emaille, nicht wahr?« fragte Larry. »Wieviel Paar solcher Knöpfe hat er denn gehabt?«

 

»Zwei Paar, Sir. Ich mußte ihm erzählen, was aus ihnen geworden ist, als er mich danach fragte, denn ich habe sie ja in Wirklichkeit gar nicht gestohlen – er hatte sie mir sozusagen geschenkt, weil drei Brillanten fehlten.«

 

»Machen Sie sich keine Kopfschmerzen, Strauß«, sagte Larry. »Er hat sie jetzt wieder, und wenn er auch in ein Leihhaus einbrechen mußte, um sie wiederzubekommen.«

 

Eine Menge Müßiggänger hatten sich auf dem Bürgersteig vor dem Hause angesammelt, um das Schauspiel zu betrachten, wie zwei Männer, augenscheinlich Angestellte einer Gasgesellschaft, ein zerlumptes altes Frauenzimmer die Stufen hinab und in den Wagen trugen.

 

Das Auto war noch nicht lange unterwegs, als sie wieder völlig zu sich kam und heftig zitternd von einem ihrer Begleiter zu dem anderen blickte.

 

»Sie sind jetzt in Sicherheit, Emma«, sagte Larry freundlich.

 

»Emma?« wiederholte sie. »Kennen Sie mich denn, Sir?«

 

»Ja, ich kenne Sie sehr gut«, war Larrys Antwort.

 

»Bin ich jetzt wirklich in Sicherheit?« fragte sie eifrig. »Oh, Gott sei gelobt! Sie haben ja keine Ahnung, was ich alles habe durchmachen müssen. Sie haben ja keine Ahnung davon!«

 

»Ich kann es mir denken.«

 

»Wo wollen Sie sie denn hinbringen?« fragte Harvey leise. »Ich habe nicht gehört, was Sie dem Chauffeur gesagt haben.«

 

»Ich nehme sie mit in meine Wohnung«, sagte Larry zu Harveys deutlich sichtbarer Überraschung. »Die Frau ist ja nicht krank. Sie ist nur todmüde und halb verhungert.«

 

»Das stimmt«, sagte Emma eifrig. »Ich weiß, ich muß furchtbar aussehen, aber ich habe niemals Gelegenheit bekommen, mich zu waschen. Ich bin nicht eine gewöhnliche Frau, Sir, wenn ich auch als Aufwärterin gegangen bin. Ich war Kindermädchen und habe ein kleines Mädchen großgezogen, Sir – die Tochter meiner Herrin. Ich habe sie erzogen wie eine feine Dame, Sir, die kleine Clarissa Stuart.«

 

»Clarissa Stuart?«

 

»Ich habe sie Clarissa genannt, Sir«, sagte Emma. »Wenn ich sie doch nur noch einmal sehen könnte.«

 

»Sie haben sie Clarissa genannt?« sagte Larry langsam. »War denn das nicht ihr eigentlicher Name?«

 

»Doch, Sir«, entgegnete die Frau. »Clarissa Diana, aber ich nannte sie gewöhnlich Clarissa.«

 

Larry fuhr zurück, als hätte ihn der Schlag getroffen.

 

»Wie heißen Sie denn?« fragte er mit heiserer Stimme.

 

»Emma Ward, Sir. Ich habe das junge Mädchen Diana Ward genannt, aber ihr wirklicher Name ist Diana Stuart, und ihr Vater ist jetzt in London.«

 

»Diana Stuart!« wiederholte Larry langsam. »Dann ist also Diana Stuart die Erbin, der Stuart sein ganzes Vermögen vermacht hat. Diana Stuart!« wiederholte er verdutzt. »Diana Stuart! Meine Diana!«

 

Kapitel 25

 

25

 

Ein unbeschreibliches Gefühl von Sicherheit und tiefem Glück durchströmte sie, als sie in Larrys Armen lag. Endlich machte sie sich langsam frei und stieß wenige hastige Worte hervor, die ein kleines Regiment von Detektiven veranlaßten, nach dem Schlafsaal und durch die Ziegelsteintür zu stürzen, die sie halb offen gelassen hatte.

 

Larry vertraute das junge Mädchen der Obhut Harveys an und eilte hinterher. Das Zimmer, in dem Diana eingeschlossen war, war leer; er hielt sich nur einen Augenblick auf, um den Strom auszuschalten, und folgte dann den anderen nach. Es stellte sich ohne jeden Zweifel heraus, daß der ganze Teil dieses Gebäudes trotz seiner anscheinenden Unbewohntheit regelmäßig benutzt worden war. Sie fanden Zimmer, die innerhalb der ursprünglichen Räume durch Errichten einer schwachen Wand gebildet wurden, die nur wenige Fuß von jedem Fenster entfernt war. So konnte das Haus bei Nacht beleuchtet werden, ohne daß irgend jemand von außen das geringste wahrnahm.

 

Jake der Blinde hatte die reine Wahrheit gesagt, als er dem jungen Mädchen von den vielen Ausgängen des Hauses sprach. Einen fanden sie im Keller, der zu einem aufgegebenen Abzugskanal von Regenwasser führte, und dort gaben sie weitere Nachforschungen auf. Keiner von ihnen allen war für eine Verfolgung durch die Dunkelheit ausgerüstet.

 

Ein zweiter Ausgang führte direkt in den Hof, wo Larry die Garage gefunden hatte, und ein dritter führte nach der Küche in Todds Heim.

 

Larry mußte sich klar machen, daß sein Wild entwischt war; und ging zu Diana zurück. Er fand sie im Büro des Vorstehers.

 

»Und jetzt, Mr. Dearborn«, begann er, »möchte ich von Ihnen einige Aufklärungen über die merkwürdigen Vorkommnisse in Ihrem Hause haben.«

 

»Ich kann nicht finden, daß sich irgend etwas Merkwürdiges und Geheimnisvolles in diesem Hause ereignet hat«, sagte Mr. Dearborn ruhig. »Sie können mich doch nicht für Verbrechen verantwortlich machen wollen, die im nächsten Hause begangen wurden. Man hat mir erzählt, daß Verbindungstüren zwischen den beiden Gebäuden gefunden wurden, aber davon hatte ich nicht die geringste Ahnung. Wenn wirklich jemand im Nebenhause gewohnt –«

 

»Sechs Menschen wohnten nebenan«, unterbrach Larry. »Wir haben ihre Betten und einige ihrer Kleidungsgegenstände gefunden. Und die Tatsache, daß wir Bücher fanden, einige noch geöffnet, beweist klar, daß die Insassen nicht blind waren.«

 

Mr. Dearborn zuckte mit den Achseln.

 

»Was kann ich denn machen?« fragte er. »Wir sind in unserem Hause gänzlich von der Zuverlässigkeit unserer Insassen abhängig. Auch wenn es zeitweise möglich ist, die Gegenwart eines Fremden an dem ungewohnten Fußtritt, der Stimme, am Husten zu erkennen, ist es gar nicht ausgeschlossen, daß diese Männer sich frei und ungehindert dieses Hauses bedienten, um ihre verbrecherischen Pläne zur Ausführung zu bringen, ohne daß wir auch nur den geringsten Verdacht haben konnten.«

 

Seine Worte waren von so unbestreitbarer Logik, daß Larry nichts darauf entgegnen konnte.

 

Ganz offen gab er auch die Berechtigung von Mr. Dearborns Worten zu.

 

»Ich muß ohne weiteres diese Möglichkeit zugeben«, sagte er. »Es ist natürlich sehr bedauernswert für Sie und auch für mich. Die Sache hätte ja noch viel schlechter ablaufen können.« Wie entsetzlich sie aber in Wirklichkeit gewesen war und hätte endigen können, erfuhr er erst, als ihm das junge Mädchen ihre Erlebnisse während der Fahrt nach Scotland Yard mitteilte.

 

»Mein armes Kind«, schauderte er. »Das ist ja furchtbar.«

 

Sie hatte ihren Regenmantel übergezogen, und an der Ecke von Edgware Road hatten sie angehalten, weil sich das junge Mädchen eine neue Bluse kaufen wollte. Sie bestand darauf, erst nach dem Präsidium zu fahren, um dort ihre Erklärung zu Protokoll zu geben.

 

»Dearborn tut mir leid«, sagte Larry. »Er ist wirklich eine ergreifende Figur. Bei Menschen, die wie er ihr ganzes Leben barmherzigen Werken gewidmet haben, muß man eben kleine schwache Anstrengungen für dramatische Effekte entschuldigen. Haben Sie bemerkt, wie eifrig er Ihnen die Hand schüttelte?«

 

Sie sah ihn scharf an.

 

»Ja, das habe ich sehr gut bemerkt«, sagte sie mit eigenartiger Betonung.

 

»Nanu, Diana«, fragte er, »was wollen Sie damit sagen?«

 

»Ach nichts«, antwortete sie leichthin. »Ich meine nur, daß er meine Hand ergriffen und sie herzlich geschüttelt hat, das ist alles.«

 

»Da ist doch nichts dabei«, lächelte Larry.

 

»Da ist sehr viel dabei«, entgegnete sie. »Viel mehr, als Sie sich selbst klarmachen.«

 

Sie eilte voraus nach Zimmer 47, und als er kurze Zeit später diskret an die Tür klopfte, hatte sie schon ihre zerrissene Bluse mit der neuen vertauscht.

 

»Was ich übrigens vergessen habe, Sie zu fragen – wo haben Sie denn eigentlich die mörderische Waffe aufgetrieben, die Sie in der Hand hielten, als Sie die Treppe herabkamen?«

 

»In der Tasche des blinden Jake! Es war fürchterlich, ihn berühren zu müssen, aber ich wollte doch irgendeine Waffe haben.«

 

»Zweifellos haben Sie jetzt schon einen großen Teil des ganzen Falles aufgedeckt«, begann er. »Wir wissen jetzt, daß der blinde Jake und der Mann namens Lew –«

 

»Haben Sie ihn denn im Heim gelassen?«

 

Er lächelte etwas bitter.

 

»In dieser ganzen Sache habe ich schon zu viele Fehler begangen, um auch noch diesen hinzufügen zu können. Nein, ich habe ihn in ein anderes Haus bringen lassen, wo er verpflegt wird. Lew und Jake waren die beiden Menschen, die mit Stuart zu tun hatten, entweder vor oder nach seiner Ermordung«, fuhr er fort. »Die Bande hatte wahrscheinlich Lew in ihrer Gewalt, und er hatte entweder den Wunsch, sich aus ihren Händen zu befreien oder sich an ihnen wegen irgendeiner Verräterei zu rächen. Aus diesem Grunde schrieb er die Botschaft, die wir aufgefunden hatten, auf ein Stück braunes Papier und natürlich in Braille Schrift. Das bringt nun unsere Nachforschungen auf einen einzigen Mann zurück, denn es gibt selbstverständlich Mittel, um Lew verständlich zu machen, daß er nun sicher und in unseren Händen ist.«

 

»Und an der wichtigsten von allen unseren Entdeckungen sind Sie vorbeigegangen«, sagte sie langsam.

 

Larry stand lachend auf und lief – eine seiner Lieblingsgewohnheiten – im Zimmer auf und ab.

 

»Sie sind ein außergewöhnliches Mädel«, sagte er. »Kaum bilde ich mir ein, den Fall etwas aufgeklärt zu haben, als Sie schon wieder irgend etwas Neues vorbringen, etwas Neues und Wichtigeres in der Form von Spuren und Entdeckungen, und meistenteils«, fügte er nachdenklich hinzu, »etwas, das alle meine mühsam aufgebauten Theorien umwirft.«

 

»Das glaube ich aber jetzt nicht«, sagte sie. »Ich meine nur die Frau ›oben‹.«

 

»Was für eine Frau ›oben‹?« fragte er erstaunt.

 

»Erinnern Sie sich denn nicht, wie ich Ihnen erzählte, daß Jake mit dem Daumen nach der Zimmerdecke wies und sagte, wenn ich ein Gesicht hätte wie sie –« Sie hielt inne.

 

»Seien Sie nicht böse«, sagte er sanft. »Ich bin wirklich ein Scheusal, und noch dazu ein gedankenloses Scheusal. Aber es hat sich heute so viel ereignet, daß ich kaum noch an den Fall Stuart gedacht habe. Und das erinnert mich, daß ich telephonieren muß.«

 

Er verlangte eine Nummer, die sie als die des Trafalgar Hospitals kannte.

 

»Bitte, das Büro der Oberschwester«, sagte er und, während sie sich noch wunderte, was dies bedeuten sollte, »Sind Sie es, Direktrice? Ja, ich bin es, Larry Holt. Wie geht es Ihnen? – Sagen Sie, haben Ihre Außenschwestern viel zu tun? – Ich meine, ob einige von ihnen frei sind. – So, das trifft sich ja sehr gut. – Ich möchte Sie bitten, mir eine nette, mütterliche Schwester nach meiner Wohnung in Regent’s Gate Gardens zu schicken. – Sie wissen doch, wo ich wohne? – Ob ich krank bin? – Nein, ganz und gar nicht, aber es wohnt jemand bei mir, der nicht ganz auf dem Posten ist – jawohl, eine Dame.«

 

Er hängte den Hörer an und sah die erstaunten Blicke des jungen Mädchens.

 

»Haben Sie denn eine Dame bei sich wohnen?« fragte sie erstaunt.

 

»Nein, noch nicht, aber sehr bald«, war die Antwort. »Sie gehen nur noch nach Ihrer Wohnung in der Charing Croß Road, um sich alle Sachen zusammenzusuchen, die Sie nötig haben. Und dann kommen Sie nach meiner Wohnung, wo Sie bis auf weiteres unter der Obhut einer sehr netten Schwester bleiben werden.«

 

»Aber das kann ich nicht, das ist ganz ausgeschlossen«, sagte sie mit blutrotem Gesicht. »Ich könnte niemals –«

 

»Doch, Sie könnten sehr gut«, sagte er, »und Sie werden es jetzt genau so machen, wie ich Ihnen gesagt habe. Wenn nicht, bin ich gezwungen, mich jede Nacht vor Ihre Wohnungstür zu setzen, und hole mir natürlich den Tod bei der Kälte.«

 

Endlich stimmte sie zu. Dann gingen sie beide zusammen essen, und nachher führte er sie in das Macready-Theater, wo sie sich das Stück Dearborns ansahen. Am Ende des zweiten Aktes verließen sie völlig verblüfft das Theater.

 

»Wie ist es nur möglich, daß irgend jemand einen solch schrecklichen Unsinn auf die Bühne bringen kann?« fragte das junge Mädchen auf dem Wege nach seiner Wohnung.

 

»Es ist mehr als unbegreiflich«, sagte Larry.

 

Es war schon nach elf, als sie nach seiner Wohnung kamen. Die Fahrstühle waren nur bis halb elf im Dienst, und so mußten sie die Treppen hinaufgehen.

 

»Achten Sie auf die Stufen«, sagte Larry. »Die Treppenbeleuchtung ist unter aller Würde.«

 

Er ging voraus, und sie sah ihn plötzlich auf dem zweiten Treppenabsatz stehenbleiben.

 

»Allmächtiger! Wer ist denn das?«

 

Halb zusammengebrochen und regungslos lag ein Mann gegen seine Tür gelehnt. Larry beugte sich über ihn hinweg, klingelte, und gleich darauf öffnete Sunny die Tür.

 

In dem Lichtschein, der von der Diele herausfiel, sah Larry das Gesicht des Mannes. Sein Atem ging schwer und röchelnd; Gesicht und Kopf waren mit Blut bedeckt.

 

»Sunny, ist die Krankenschwester gekommen?«

 

»Jawohl, Sir«, sagte Sunny und blickte auf den Verwundeten.«

 

»Dann wird sie uns sehr nützlich sein.«

 

»Aber wer ist denn das?« fragte Diana und lugte an ihm vorbei.

 

»Flimmer Fred«, sagte Larry leise, »und näher dem Tode als irgendwer.«

 

Kapitel 26

 

26

 

Sie trugen den Verwundeten ins Wohnzimmer und legten ihn auf einen Diwan. In der oberen Etage wohnte ein Doktor, der glücklicherweise noch nicht zu Bett gegangen war und in wenigen Augenblicken unten war.

 

»Sehr schwer verwundet«, war sein Befund. »Zwei tiefe Messerstiche, und die Kopfwunde sieht aus, als ob der Schädel gebrochen wäre.«

 

»Der Mann muß vor meiner Wohnungstür angegriffen worden sein«, sagte Larry. »In seinem Zustand konnte er doch nicht bis hierher gekommen sein.«

 

»Unmöglich«, bestätigte der Arzt. »Vielleicht hätte er noch zwei oder drei Yard laufen können, aber meiner Meinung nach ist er dort angefallen worden, wo Sie ihn gefunden haben: vor Ihrer Tür. Kennen Sie den Mann?«

 

»O ja«, war Larrys Antwort. »Er ist eine alte Bekanntschaft von mir. Schwebt er in Lebensgefahr?«

 

»In sehr großer«, antwortete der Doktor ernst. »Der Schädelbruch ist das Schlimmste. Ich würde ihn sofort in ein Hospital bringen lassen, wo er untersucht und, wenn nötig, sofort operiert werden kann.«

 

Der Krankenwagen war gekommen und wieder weggefahren, und die einzige Erinnerung an Flimmer Freds Besuch waren einige dunkle Flecken vor der Tür.

 

Die Schwerster erfüllte in jeder Weise seine telephonisch gegebenen Ansprüche. Sie war wohlbeleibt, gemütlich und sehr mütterlich, und in den ersten freien Minuten machte Larry sie mit den Gründen bekannt, die ihre Anwesenheit in seiner Wohnung verlangten.

 

»Es war nach den schrecklichen Erlebnissen, die Miß Ward heute durchmachen mußte, selbstverständlich ausgeschlossen, sie in ihre Wohnung in der Charing Croß Road zurückkehren zu lassen«, und Schwester James, ganz und gar nicht unzufrieden, einen so leichten »Fall« zu erhalten, stimmte ihm von ganzem Herzen bei.

 

Sie bewies ihre Autorität, indem sie Diana sofort ins Bett schickte, was das junge Mädchen kleinlaut genug befolgte. Aber Schlaf war unmöglich für sie. Um zwei Uhr morgens hörte Larry, der arbeitend an seinem Schreibtisch saß, das leichte Knarren einer sich öffnenden Tür, blickte auf und sah sie im Türrahmen stehen. Sie war im Morgenrock, und ihr Haar war in einem langen, goldenen Zopf geflochten.

 

»Ich kann nicht schlafen«, sagte sie nervös, beinahe schroff. Larry sah, sie war überreizt, und zog einen bequemen Sessel für sie heran.

 

Sie saß still mit gefalteten Händen in ihrem Sessel. Kein Laut ließ sich hören wie das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims und dann das Knarren von Larrys Stuhl, als er sich ihr zuwandte.

 

»Was bedrückt Sie, Diana?«

 

Sie blickte schnell zu ihm auf.

 

»Glauben Sie, daß ich bedrückt bin?«

 

Er nickte.

 

»Sie haben recht. Die Frau ›oben‹ läßt mir keine Ruhe.«

 

»Die Frau ›oben‹? – Ach, Sie meinen die Frau, von der Jake gesprochen hat? Aber Diana, ein ›oben‹ gab es ja gar nicht mehr. Sie waren ja schon in der obersten Etage des Hauses, und das Haus ist ein Stockwerk niedriger als Todds Heim.«

 

Aber Diana konnte sich nicht zufrieden geben.

 

»Arme Seele, arme Seele« murmelte das junge Mädchen und begann zu Larys Schrecken leise zu weinen. »Der Gedanke an sie läßt mir keine Ruhe, läßt mich nicht schlafen«, schluchzte sie. »Sie werden sie festhalten. Sie dürfen sie ja gar nicht freilassen.«

 

»Warum denn?« rief er mit stockendem Atem. »Wollen Sie vielleicht sagen, daß die Frau Clarissa Stuart ist?«

 

Sie blickte ihn mit tränenüberströmtem Gesicht an.

 

»Clarissa Stuart? – Nein, ich denke nicht, daß sie Clarissa Stuart ist.«

 

»Wer kann es dann sein?« fragte er. »Wer denken Sie denn überhaupt, wer sie ist?«

 

»Ich denke es nicht – ich weiß es sicher«, mit qualvoller Langsamkeit suchte sie nach den Worten. »Die Frau ist Emma. Die Aufwärterin Emma aus der Pension.«

 

Larry sprang auf die Füße und sagte dann langsam:

 

»Die Aufwärterin! – Sie haben recht!«

 

Wieder war das leise Ticken der Uhr das einzige Geräusch in dem Zimmer, als sie sich beide, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, gegenübersaßen.

 

»Sie glauben also, daß zwischen dieser furchtbaren Bande und dem Fall Stuart ein Zusammenhang besteht?«

 

Sie nickte.

 

»Auch ich glaube das«, sagte Larry, »und habe meine sehr guten Gründe dafür. Und doch kann ich nicht sehen, was sie durch den Tod Stuarts gewonnen haben, falls sie natürlich nicht mit dem Mädel, das sich Clarissa Stuart nannte, unter einer Decke stecken?«

 

Sie machte mit den Armen eine kleine hoffnungslose Bewegung und erhob sich.

 

»Ich kann den ganzen Zusammenhang erkennen«, sagte sie. »Er ist für mich ganz klar, aber – einen einzigen Menschen konnte ich in die Angelegenheit nicht hineinbringen«, fuhr sie fort, »nun haben Sie mir auch dafür eine Erklärung geliefert.«

 

»Und wer ist das?«

 

»Flimmer Fred! – Er ist weiter nicht als ein gewöhnlicher Verbrecher, der in die ganze Sache mit hineingezogen wurde, ohne selbst davon eine Ahnung zu haben.« Sie nickte nachdrücklich, als ob sie sich erst in diesem Augenblick über den Punkt völlig klar geworden wäre. »Aber die anderen? – Der blinde Jake, der für einen unbekannten Herrn arbeitet? – Die Aufwärterin, das bedauernswerteste Opfer von allen! – Armer Lew, mit seinen tauben Ohren und armen, wunden Fingern – Sie haben ja die Finger nicht gesehen. Ich wollte gerade darüber mit Ihnen sprechen, als wir von dem Doktor unterbrochen wurden.«

 

»Wunde Finger?« fragte er erstaunt. »Nein, ich habe sie nicht bemerkt.«

 

»Ich habe es gefühlt«, schauderte sie zusammen, »als er mein Gesicht berührte. Alle seine Finger waren an den Spitzen mit Blasen bedeckt, verbrannt.«

 

»Aber, mein Gott, warum denn nur?«

 

»Damit er weder Braille-Schrift schreiben noch lesen kann!« sagte sie langsam.

 

»Das ist ja unmöglich«, rief Larry entsetzt. »Eine solche Gemeinheit kann es in der Welt nicht geben! – Liebes Kind, ich bin mit einigen der schaurigsten Verbrechen in Berührung gekommen, die je in Europa begangen wurden. Ich habe die Opfer gesehen und die Täter aufgespürt, verfolgt und hängen lassen. Menschen können grausam, lasterhaft, gewissenlos, blutdürstig sein, aber sie begehen nicht kalten Blutes solche Scheußlichkeiten, wie sie Ihrer Meinung nach diesem armen, blinden Mann zugefügt wurden.«

 

Sie lächelte wieder.

 

»Ich glaube, Sie haben sich selbst noch nicht klar gemacht, wie schlecht, wie grundschlecht diese Menschen sind. Was nun Dearborn betrifft –« sie lachte auf.

 

»Diana, liebe Diana, Sie haben jetzt das Stadium erreicht, wo man gegen jeden Menschen mißtrauisch ist. Aber doch nicht mißtrauisch gegen den armen John Dearborn, der aus reinster Menschenliebe in jener Spelunke und inmitten dieser fürchterlichen Menschen arbeitet?«

 

Sie nickte.

 

»Ich gab John Dearborn die Hand, als ich dorthin kam. Ich gab ihm die Hand, als ich wegging«, sagte sie.

 

»Das macht ihn doch nicht zum Verbrecher«, lächelte er.

 

»Und als ich ihm meine Hand hinhielt, ergriff er sie. Denken Sie doch, bitte, daran, daß ich zwei Jahre lang Schwester in einem Blindenheim war … als ich meine Hand hinhielt, ergriff er sie.«

 

»Ja, aber warum denn nicht?« fragte Larry verständnislos.

 

»Weil er sie nicht sehen konnte, wenn er blind war. Und John Dearborn ist ebensowenig blind wie Sie oder ich.«

 

Kapitel 27

 

27

 

»Sagen Sie das bitte noch einmal«, rief Larry. »Sie hielten die Hand hin, und er ergriff sie.«

 

Sie nickte.

 

»Wissen Sie denn nicht, daß man immer die Hand eines Blinden ergreift, wenn man ihn begrüßen will, weil er ja doch die ausgestreckte Hand nicht sehen kann? – Aber Dearborn erhob seine Hand im gleichen Augenblick, wo ich ihm meine entgegenhielt.«

 

Larry starrte sie fassungslos an.

 

»Wenn er nicht blind ist, warum ist er dann überhaupt in dem Heim? – Auf jeden Fall ist er doch aber ein Geistlicher.«

 

»Es gibt keinen John Dearborn in der Liste der Geistlichen«, sagte das junge Mädchen ruhig. »Ich habe die ganze Liste sorgfältig durchgelesen; sein Name findet sich auch nicht auf den Listen der Independenten, Baptisten und Wesleyaner.«

 

Larry sah sie voller Bewunderung an.

 

»Sie sind wirklich ein Wunder! Haben Sie aber auch daran gedacht, daß er von Australien gekommen ist?«

 

»Auch die australischen Listen kann man hier erhalten«, antwortete sie sofort, »und der einzige John Dearborn ist ein sehr alter Herr, der in Totooma lebt und sicherlich nicht mit dem unserigen identisch ist.«

 

Sie hatte sich einen Stuhl dicht an seinen Schreibtisch gezogen und beugte sich mit verschlungenen Händen ihm zu.

 

»Larry«, sagte sie, »– außerhalb der Bürostunden werde ich Larry zu Ihnen sagen – ist es Ihnen denn nicht aufgefallen, daß John Dearbons Stücke trotz aller ständigen Durchfälle immer wieder von dem Theater angenommen werden?«

 

»Darüber habe ich schon oft nachgedacht«, gab Larry zu, und sie nickte mit dem Kopf.

 

»Ich wünschte, Sie würden sich mal über das Direktorium des Macready-Theaters informieren«, sagte sie. »Man müßte herausfinden, aus welchen Personen sich das Syndikat zusammensetzt, das das Geld für Inszenierung dieser Stücke bewilligt oder aufbringt. – Ich kann nicht vergessen, daß Mr. Stuart von diesem Theater aus verschwunden ist.«

 

»Ich auch nicht«, sagte Larry nachdrücklich. »Aber John Dearborn! Das ist nicht denkbar.«

 

»Jetzt werde ich müde«, sagte sie, sich erhebend. »Ich habe mein Herz erleichtert. – Lassen Sie –«, sie zögerte einen Augenblick, »lassen Sie die Wäscherei beobachten?«

 

»Ich habe da zwei Mann auf Posten, die jeden ein- und ausfahrenden Wagen anzuhalten und sich zu informieren haben, wer der Führer ist und was der Wagen enthält.«

 

»Dann kann ich mich ja beruhigt zu Bett legen«, lachte sie leise. Als sie an ihm vorbeiging, strich sie ihm zart mit der Hand über das Haar und sagte: »Für einige Zeit noch ist Emma nicht in direkter Lebensgefahr. Die eigentliche Gefahr für sie beginnt in dem Augenblick, wenn sie von der Wäscherei weggebracht wird.«

 

»Sie können darüber völlig beruhigt sein«, entgegnete Larry, und mit dieser Zusicherung verschwand sie in ihrem Zimmer, und er hörte, wie sich ihre Tür schloß.

 

Der nächste Tag brachte keine neuen Entwicklungen. Die Polizei hatte noch einmal die Wäscherei durchsucht und doch noch einen Raum entdeckt, der oberhalb des Zimmers lag, in dem Diana eingeschlossen gewesen war.

 

Larry verwünschte sich selbst, daß er seine erste Durchsuchung des Grundstücks nicht sorgfältiger durchgeführt hatte. Er war aber so erleichtert gewesen, als man Diana wiedergefunden hatte, und war darum nicht so gründlich vorgegangen, wie er es hätte tun müssen.

 

Zwei Menschen wünschte er vor allen Dingen zu finden. Erstens den Mann, dem der kleine Finger der linken Hand fehlte, jene rätselhafte Person, die sich einen Tag vor ihm in Beverley Manor nach Mrs. Stuart erkundigt hatte. Und zweitens Emma, die geheimnisvolle Aufwärterin. Er fühlte in seinem Innersten, daß Emma den Schlüssel zu allen diesen unbegreiflichen Rätseln in Händen hatte.

 

»Ich werde es mir nie verzeihen«, sagte er zu Diana, »wenn dieser Frau etwas zustößt.«

 

»Sie brauchen nicht zu befürchten«, sagte sie kopfschüttelnd, »daß sie ihr ein Leid zufügen werden. Ihr Leben ist viel zu kostbar für die Bande, und ich werde ganz genau wissen, wann die eigentliche Gefahr für sie beginnt.«

 

»Sie?« rief er überrascht. »«Wirklich, Diana, manchmal sind Sie mir direkt unheimlich.«

 

Sie lachte und ließ ihre Schreibmaschine emsig klappern.

 

»Flimmer Fred ist noch nicht zur Besinnung gekommen«, erzählte er ihr, »aber die Aussichten dafür sind nicht ungünstig. Der Doktor sagt, daß kein Schädelbruch vorliegt und daß der Druck auf das Gehirn, der ihn noch besinnungslos hält, nachlassen wird.«

 

»Wo liegt er denn?«

 

»Im St. Mary-Hospital«, erwiderte Larry. »Ich habe ihn in ein Privatzimmer legen lassen mit einem Mann als Wache. Nicht, weil ich befürchte, der arme Fred könnte entwischen«, fügte er lächelnd hinzu, »sondern weil es einige Leute in London gibt, denen außerordentlich viel daran liegt, daß er entwischt, aber nur auf eine Weise, die ihnen selbst vollkommene Sicherheit garantiert –«

 

Sie brauchte nicht zu fragen, was er damit meinte. Larry legte den Federhalter weg.

 

»Es wäre keine schlechte Idee, wenn wir nach St. Mary fahren und uns an der Quelle erkundigen würden, wie es ihm geht. – Wollen Sie nicht mitkommen?«

 

Als sie sich vor dem zehn Zentimeter breiten und ebenso hohen Spiegel den Hut aufsetzte, fragte sie, ohne den Kopf nach ihm umzudrehen:

 

»Was beabsichtigen Sie mit Dearborn zu machen?«

 

Er strich nachdenklich sein Kinn.

 

»Im Augenblick weiß ich wirklich nicht, was ich machen soll. Es ist schließlich kein Verbrechen, wenn ein Mann behauptet, er wäre blind und ist es nicht. Und übrigens hat er vielleicht noch genügend Sehkraft, um Ihre Hand gesehen zu haben. Vielleicht gibt es noch ein Dutzend anderer Erklärungen. Er konnte ja seine Hand auch ganz mechanisch, instinktiv erhoben haben.«

 

Sie nickte.

 

»Es ist möglich«, versetzte sie ruhig, »aber er lächelte doch auch, als ich ihm zulächelte.«

 

»Wer würde das nicht tun?« sagte Larry verliebt.

 

In dem Büro des Chefarztes von St. Mary trafen sie den Chirurgen, der diesen Fall in Händen hatte.

 

»Sie kommen wie gerufen«, meinte er. »Ihr Schützling ist gerade wieder zur Besinnung gekommen.«

 

»Darf er sprechen?« fragte Larry eifrig.

 

»Ich denke ja, wenn die dringende Notwendigkeit dazu vorliegt. Er ist begreiflicherweise sehr schwach, und unter gewöhnlichen Umständen würde ich keine Erlaubnis geben, ihn zu – vernehmen. Ich gehe in meiner Annahme wohl nicht fehl, daß es sich um eine besondere polizeiliche Recherche handelt.«

 

»Allerdings«, sagte Larry grimmig.

 

Der Arzt führte sie nach dem Krankenzimmer, an dessen Tür das junge Mädchen zögernd stehenblieb.

 

»Soll ich mit hineinkommen?« fragte sie.

 

»Ihre Gegenwart ist sehr notwendig«, sagte Larry, »und wenn auch nur in professioneller Eigenschaft. Haben Sie Ihr Stenogrammheft bei sich?«

 

Sie nickte, und beide betraten das Zimmer, in dem Fred Grogan lag. Sein Kopf war ganz verbunden, sein Gesicht war blaß und verzerrt, aber seine Augen leuchteten auf, als er Larry erblickte.

 

»Ich hätte es niemals für möglich gehalten, mich auf Ihren Besuch zu freuen«, sagte er. »Aber vor allen Dingen, Inspektor«, seine Stimme klang sehr ernst, »müssen Sie die Frau aus dem Kesselhaus herausholen.«

 

»Die Frau im Kesselhaus?« fragte Larry schnell. »Was meinen Sie damit?«

 

»Das Kindermädchen. Die Amme von Clarissa«, war die verblüffende Antwort, »und wer Clarissa eigentlich ist, mag der Teufel wissen.«

 

»Also jetzt werde ich Ihnen mal die reine Wahrheit erzählen«, begann Fred und setzte sich im Bett zurecht. »Das beste ist, ich fange von vorne an, und ich muß mich da in ein schlechtes Licht setzen, aber Sie müssen eben eine ganze Masse, was ich Ihnen hier erzähle, vergessen, weil ich sonst in den Verdacht kommen könnte, nicht ganz ehrlich zu sein.«

 

»Der Gedanke, daß sich eine derartige Meinung über Sie verbreiten könnte, wäre mir unerträglich«, sagte Larry, aber ohne zu lächeln, »und ich kann Ihnen die Zusicherung geben, daß sämtliche Einzelheiten, die sich nicht direkt auf den Mord Gordon Stuarts beziehen, in diskretester Weise vergessen werden.«

 

»Famos!« sagte Fred sichtlich erleichtert. »Also los. Die ganze Geschichte beginnt vor ungefähr vier oder fünf Jahren in Montpellier. Kennen Sie vielleicht Montpellier?«

 

»Sehr gut«, sagte Larry. »Sie können also alle topographischen Einzelheiten auslassen. Ich kenne die Stadt vom Coq d’Or bis zum Palais.«

 

Kapitel 28

 

28

 

»Ich war gerade in Montpellier«, begann Fred, »sah mir die Gegend an und amüsierte mich ein bißchen, bis ich so langsam in einen Spielklub hineinkam, der still und leise von einem Mann namens Floquart geleitet wurde. Gespielt wurde Bakkarat, und ich habe immer viel Glück beim Bakkarat, namentlich wenn ich gut Freund mit dem Geber bin. Diesmal aber war ich mit dem Geber nur ›oberflächlich bekannt‹, wie Sie vielleicht sagen würden, und drei ganze Tage lang habe ich kein anderes Geld wie mein eigenes in die Hände bekommen. Und jeden Tag war von meinem eigenen Gelde immer weniger zu sehen. Na und dann haben sie mich in einer Nacht fein säuberlich ausgenommen, und als ich von Floquart wegging, hatte ich gerade Geld genug, um nach Hause zu kommen, wenn ich zu Fuß ging.

 

»Ich kam gerade aus der Rue Narbonne, als ich einen Schuß hörte, und sah auf der anderen Seite des Platzes einen Mann an der Erde liegen und einen anderen auffallend schnell weggehen. Nirgendwo war ein Schutzmann zu sehen. Der Kerl, der so schnell abmarschierte, mußte wohl gedacht haben, daß er glücklich entwischt war, als ich plötzlich auf ihn zukam. Es war Morgendämmerung und gerade hell genug, daß ich sein Gesicht sehen konnte. Er sah sehr gut aus, hatte einen großen, gelben Bart und war, glaube ich, zu Tode erschrocken, als ich plötzlich auftauchte und ihn in Beschlag nahm. Privatangelegenheiten gingen mich ja schließlich nichts an, aber Sie müssen nicht vergessen, daß ich völlig – hm – ausgemistet war. Dann dachte ich auch, hier wäre die Gelegenheit, einem Mitmenschen in Not zu helfen und ihn von etwaigen Geldsummen, die ihn vielleicht verdächtig machen könnten, zu befreien. Er erzählte mir eine lange Geschichte, daß der Mann, den er erschossen hatte, ihm eine große Gemeinheit zugefügt hätte – in Gegenwart der jungen Dame möchte ich nicht näher darüber sprechen –, und dann steckte er mir ungefähr sechzehntausend Franken in die Hände, und dann ließ ich ihn seiner Wege gehen; er tat mir so leid.«

 

Er blickte verschmitzt zu Larry auf und grinste.

 

»Weiter. – Als ich sah, daß sich kein Schutzmann blicken ließ, ging ich über den Platz und sah mir den Erschossenen an, obwohl ich wußte, daß ich großes Risiko lief, in der Nähe einer halben oder ganzen Leiche gesehen zu werden. Man hat später gesagt, er wäre sofort durch den Schuß getötet worden, das stimmt aber nicht, denn er lebte noch, als ich zu ihm kam und mich nach dem armen Teufel bückte, um zu sehen, ob ich noch etwas für ihn tun könnte. Ich fragte ihn, wer auf ihn geschossen hätte, und er sagte« – Fred machte eine nachdrückliche Pause – »David Judd.«

 

Larry zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe.

 

»David Judd?« fragte er. »Ist er mit dem Doktor Judd verwandt?«

 

»Sein Bruder«, sagte Fred. »Und auf diese Weise habe ich den Doktor kennengelernt. Ich habe Judd immer gesagt, daß ich ihn in der Straße wiedererkannt hätte, in Wirklichkeit aber war es der arme Teufel auf dem Platz in Montpellier, der ihn verraten hat. Ich versuchte immer noch herauszubekommen, warum man ihn angefallen hatte, als er unter meinen Händen starb. Ich wußte natürlich sehr gut, daß ich nichts dabei gewinnen konnte, bei einem ermordeten Menschen gefunden zu werden, obwohl ich glücklicherweise keinen Revolver bei mir hatte und auch nachweisen konnte, wo ich gewesen war. Dann hörte ich den schweren Fußtritt von einem Polizisten in der Nebenstraße, und machte, daß ich so schnell wie möglich fortkam. Aber der Schweinehund hatte mich doch gesehen, und ich mußte vor dem Untersuchungsrichter erscheinen und nachweisen, daß ich mit dem Mord gar nichts zu tun hatte und daß ich auf die Suche nach einem Arzt ging, als ich gesehen wurde. Ich hatte nämlich den vernünftigen Einfall«, fügte er hinzu, »sofort nach einem Arzt zu laufen, als es mir klar war, daß die Polente mich gesehen hatte.«

 

Er machte eine Pause, weil er selbst es ziemlich schwierig fand, für seine nachfolgenden Handlungen Worte zu finden, die ihn in ein nicht zu schlechtes Licht stellen würden.

 

»Als ich nach London zurückkam, hielt ich es für meine Pflicht, Mr. David Judd aufzusuchen«, sagte er. »Er war nicht in seinem Büro – er hatte damals einen Privatraum in der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft –, aber ich sprach mit seinem Bruder und schüttete ihm mein Herz aus.«

 

»Mit Herz ausschütten meinen Sie natürlich, Sie wollten herausbekommen, wieviel er zahlen würde, damit Sie Ihren Mund hielten. Ist es nicht so?«

 

»Stimmt ganz genau, Mr. Holt. Was Sie für ’n Kopf haben!« sagte Fred bewundernd. »Er war furchtbar aufgeregt, Doktor Judd meine ich, und sagte, er würde mit seinem Bruder sprechen, sobald er von seiner Reise zurückgekommen sein würde. Und dann passierte was, das zuerst so aussah, als ob es alle meine schönen Aussichten ruinieren wollte. Doktor David starb. Auf seiner Rückreise von Schottland erkältete er sich und starb innerhalb vierundzwanzig Stunden. Ich bin beim Begräbnis gewesen«, sagte Fred, »als Leidtragender, und ich wette, daß keiner mehr Kummer gehabt hat als ich. Trotzdem muß ich aber sagen, daß Doktor Judd sich mir gegenüber als Kavalier gezeigt hat. Nach dem Begräbnis seines Bruders ließ er mich zu sich kommen, sagte, daß er das Gedächtnis seines Bruders von jeder schlechten Nachrede frei halten wollte und bot mir eine regelmäßige jährliche Summe an, falls ich meinen Mund halten würde.«

 

»Der Mann, der erschossen worden war, war doch ein Bürobeamter?« fragte Larry.

 

»Er war Angestellter«, sagte Fred sehr langsam, »und zwar Angestellter der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft, der gegen David Judd Erpressungen versuchte.«

 

Larry stieß einen leisen Pfiff aus.

 

»Der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft«, wiederholte er; »Erpressungen gegen David! – »Was für ein Verbrechen hatte denn David begangen?«

 

Fred schüttelte den Kopf.

 

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Mr. Holt. Wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen sofort erzählen. Aber es muß eine ziemlich faule Sache gewesen sein. Doktor Judd sagte aber, daß sein Angestellter eine ganze Masse Geld unterschlagen hätte, und da muß auch was Wahres dran gewesen sein, denn ich erinnere mich, daß er bei Floquart viel und sehr hoch gespielt hat.

 

»Also, um die Geschichte kurz zu machen, ich habe dann vier Jahre lang ein ganz gutes Einkommen von Doktor Judd bezogen. Ich will mich gar nicht entschuldigen oder versuchen, Ihnen zu beweisen, daß ich wie ein kleiner Kavalier gehandelt habe – das würde Sie ja auch gar nicht interessieren. Vor ein paar Tagen traf ich den Doktor bei einer Hochzeit. Er war eingeladen, aber ich nicht«, erklärte Fred schamlos, »aber das war ja auch das wenigste: ich ging jedenfalls hin. Er lud mich dann ein, gestern abend in seinem Hause in Chelsea mit ihm zu essen. Doktor Judd hat da ein pikfeines Haus, bis oben ran voll mit Gemälden und Schmucksachen. Und da er mir eine schöne runde Summe angeboten hatte, um mich ein für allemal loszuwerden, entschloß ich mich denn auch hinzugehen.

 

»Da ist ein Kerl beim Doktor«, fuhr er nach kurzer Überlegung fort, »so ’ne Art Kammerdiener. Ich will ja keinen verraten, Mr. Holt, aber er ist ein alter Sträfling und hat in Portland in der Zelle neben mir gesessen.«

 

»Er heißt Strauß«, sagte Larry, »hat eine Vorliebe für ›Koks‹ und ist dreimal verurteilt.«

 

»Ach, das wissen Sie schon?« sagte Fred überrascht. »Ich kenne ihn also auch und traf ihn neulich ganz zufällig im Piccadilly. Er wollte gerade ein paar Kleinigkeiten unterbringen, die er seinem Herrn gemaust hatte, und da blieb ihm nichts anderes übrig, als auch mir etwas von seinem Überfluß abzugeben: ein Paar Manschettenknöpfe –«

 

Larry fuhr hoch.

 

»Da kamen sie also her? – Sie gehörten Doktor Judd?«

 

»Ich bin nicht ganz sicher, ob sie wirklich Doktor Judd gehörten«, sagte Fred. »Wie ich von Strauß gehört habe, waren oft Wochenendgäste da, und vielleicht hat er die Knöpfe einem von diesen geklaut. Jedenfalls«, sagte er zögernd – er fand es schwierig, seine Pläne in Worte zu bringen, ohne sich selbst in einem zu schlechten Lichte erscheinen zu lassen – »hatte ich so die Idee, mir ein paar kleine Andenken mitzunehmen, bevor ich abreiste, und ich hatte mich mit Strauß verabredet, daß ich mir nur mal das Haus ansehen und einige Kleinigkeiten aussuchen wollte, die mich an meinen guten, alten Freund erinnern sollten. Als ich nun zum Essen eingeladen wurde, griff ich natürlich mit beiden Händen zu. Damit will ich nun nicht sagen, daß ich allein zu dem Diner gegangen wäre, denn so große Busenfreunde sind der Doktor und ich nun doch noch nicht; aber er erzählte mir, es würden noch eine Menge anderer Gäste kommen, und so ging ich dann hin. Ich war ja eigentlich um acht eingeladen, um die Zeit ist es schon stockdunkel, aber ich ging schon um sieben, und auch nicht direkt nach seinem Hause, sondern gegenüber nach der anderen Seite der Straße. Ich wollte nämlich lieber erst mal Doktor Judds Gäste ankommen sehen, bevor ich selbst auf der Bildfläche erschien. Ich wartete bis acht Uhr. Niemand kam. Ich wartete bis halb neun, und dann sah ich den Doktor herauskommen und die Straße auf- und abblicken. So hungrig war ich mittlerweile geworden, daß ich beinahe zu ihm hinübergegangen wäre, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich allein, verstehen Sie, ganz allein mit einem Menschen speiste, den ich beschwindelt hatte. So wartete ich weiter und wartete und wartete, bis auf einmal ein Auto ankam und direkt auf das Einfahrtstor an der Seite des Hauses losfuhr. Ich dachte schon, das Auto würde die Tore eindrücken, als sie sich im Augenblick, wo die Scheinwerfer sie zu berühren schienen, öffneten. Das ist aber komisch, sagte ich mir, ging über die Straße und sah mir mal die Geschichte über das Tor hinweg an. Das bedeutete natürlich ein bißchen Klettern für mich, aber das ging ganz leicht und ohne alles Geräusch. Und wissen Sie, was ich sah? Der erste Mensch, der aus dem Wagen stieg, war das dicke Riesenvieh, der in der Jermyn Street versucht hatte, mir die Luft abzudrehen.«

 

»Der blinde Jake?« warf Larry ein.

 

»Ich bin ihm niemals vorgestellt worden«, sagte der andere bitter. »Jedenfalls sah ich ihn ganz deutlich, als er vor den Scheinwerfern vorbeiging; dann gingen die Lichter aus, und ich konnte nichts mehr sehen. Um zehn Uhr öffneten sich die Tore wieder – es war wie Zauberei, denn niemand war in der Nähe – und der Wagen fuhr heraus. Als er langsam an mir vorbeifuhr, rannte ich hinterher und sprang auf den Gepäckträger, der glücklicherweise heruntergeklappt war. In der Kings Road in Chelsea sprang ich ab, weil es da zu hell ist und ich von einem Polizisten gesehen werden konnte. Aber es gab ’ne Masse Taxis, ich nahm eine und sagte dem Chauffeur, er sollte hinter dem anderen Wagen herfahren. Ich wollte herausbekommen, wo der blinde Jake, so heißt er doch wohl? wohnte, und es machte keine große Schwierigkeit, dem Wagen zu folgen. Wir fuhren am Viktoria-Bahnhof vorbei, dann durch Grosvenor Place nach Park Lane zu. Ich befürchtete, das Auto würde in den Park einbiegen, und dann hätte ich es verloren, denn die Parkwege sind ja nur für Privatwagen offen, aber nicht für Taxis. Aber glücklicherweise oder leider, wie man’s nehmen will, fuhr der Wagen nicht durch den Park, sondern durch die Edgware Road, und bog dann auf einmal in eine Seitenstraße ein«, fuhr Larry fort, »und ich riskierte es, meinen Kutscher zu bezahlen und ihnen zu Fuß nachzufolgen. Das Viertel war mir sehr gut bekannt, und ich hatte noch nicht mal zehn Minuten zu suchen, bis ich den Wagen vor einem Torweg in einer hohen Mauer anhalten sah. Der Fahrer mußte sich jedenfalls verfahren haben, denn ich war beinahe in demselben Augenblick da wie der Doktor.«

 

»Dr. Judd? – War der auch da?«

 

Fred nickte und bedauerte unendlich, seinen schmerzenden Kopf bewegt zu haben; es vergingen einige Augenblicke, bis er wieder fähig war, zu sprechen.

 

»Wenn ich meinen dämlichen Schädel nicht stillhalte«, sagte er, sich selbst verspottend, »werde ich ihn noch verlieren. Ja, der Doktor war auch da. Ich war ganz dicht in ihrer Nähe – als sie alle drei ausstiegen, stand ich schon hinter dem Wagen. Der blinde Jake, ein anderer Kerl, den ich nicht kannte, und dann der Doktor. Einer hatte eine Tasche in der Hand und schien in schlechter Laune zu sein.

 

»›Ich protestiere, zu so später Stunde auf eine solche Weise geholt zu werden‹, sagte er.

 

»Der Doktor, nicht der blinde Jake, sagte etwas mit leiser Stimme, was ich nicht verstehen konnte.

 

»Warum konnten Sie denn nicht einen anderen Arzt rufen? Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie mich gezwungen haben, hierherzukommen, und ich komme nur unter Protest. Wo ist denn die Frau?‹ Und ich glaube, die Antwort war nicht für meine Ohren bestimmt, denn als der blinde Jake sagte ›Im Kesselhaus‹, und lachte, fuhr der andere mit einem Fluch auf ihn los und sagte, er sollte das Maul halten.

 

»Sie gingen durch das Tor, und dann fuhr der Wagen an. Ich glaube, er mußte umdrehen, und die Straße war nicht breit genug. Das Tor war verschlossen und frisch gestrichen, aber ich konnte noch die Aufschrift ›Wäscherei‹ unter der neuen schwarzen Farbe erkennen.«

 

»Haben Sie vielleicht den Namen der Straße gelesen?« fragte Larry.

 

»Reville Street«, sagte er zu Larrys Überraschung.

 

»Das ist ja die Straße, die mit Lissom Lane parallel läuft«, meinte er. »Man weiter, Fred.«

 

»Ich mußte mich schleunigst dünne machen, weil man mich sonst gesehen hätte. Ich ging also um den Häuserblock herum und tauchte gerade wieder auf, als der Doktor herauskam. Diesmal waren es aber nur zwei Personen; der große blinde Mann war verschwunden. Was sie sich erzählten, konnte ich nicht hören, aber schließlich sagte der Doktor ›Gute Nacht‹, und der Wagen fuhr ab. Der andere sah hinter ihm her, und es blieb mir nichts anderes übrig, als bei ihm vorbeizuschlendern, als ob ich die Straße heraufgekommen wäre. Wenn es eine schlechte Angewohnheit gibt, dann ist es die, im Wachen oder im Schlafen Selbstgespräche zu führen«, sagte Fred nachdenklich. »Aber es gibt Leute, die können nichts dagegen machen. Also der Kerl, der da hinter dem Wagen herblickte, gehörte zu dieser Sorte. So ’ne Art Grübler. Und wie ich ihm gerade gegenüber war – er stand bewegungslos mit den Händen auf den Rücken und sah nach dem verschwindenden Schlußlicht des Autos –, hörte ich ihn was murmeln. Und die Worte waren, ich erinnere mich noch ganz genau: ›Clarissas Amme‹. Zweimal hat er das gesagt. Ich ging meiner Wege und dachte nicht im Traum daran, daß ich ihnen verdächtig vorgekommen war, dachte vielmehr: Das Beste, was du nun unternehmen kannst, mein lieber Fred, ist: sofort zu Mr. Holt und ihm erzählen, was du gesehen und gehört hast.«

 

Larry nickte.

 

»Ich war nur noch ein paar hundert Yard von Ihrem Hause entfernt, da hatte ich so ein unangenehmes Gefühl, als ob man mir nachfolgte. Sehen konnte ich niemand, aber ich hatte die ekelhafte Empfindung, die man bekommt, wenn die Polente hinter einem her ist und man sie nicht loswerden kann. Jetzt war ich in Ihrer Straße und sah mich nach Ihrem Hause um, war schon einmal daran vorbeigegangen, bis man mich wieder zurückschickte. Ich glaube, die Leute, die mir nachgegangen waren, müssen sich in das Haus geschlichen und oben auf mich gewartet haben. Ich erinnere mich noch, daß ich die Hand nach dem Türklopfer an Ihrer Wohnung hochhob und dann weiß ich nichts mehr.«

 

Das junge Mädchen hatte eifrig mitgeschrieben und schloß nun ihr Buch.

 

»Ich glaube, das ist so ziemlich alles«, sagte Fred mit schwacher Stimme. »Ich möchte gern mal trinken.«

 

Zehn Minuten später flogen zwei Motorwagen mit Polizisten in Zivil nach West zu, und die Bewohner der kleinen Straße an der Rückseite der Wäscherei waren interessierte Beobachter einer zweiten Razzia.

 

»Was ist das für eine Mauer?« fragte Larry einen seiner Beamten.

 

»Die Mauer der eigentlichen Wäscherei«, antwortete Sergeant Harvey. »Ich habe sie schon sehr genau durchsucht, aber nichts gefunden.«

 

»Haben Sie das Kesselhaus gesehen?«

 

»Jawohl, Sir, es ist ein ganz gewöhnlicher Kesselraum mit einem großen Kessel und einer Dampfmaschine.«

 

»Lassen Sie das Tor öffnen«, befahl Larry. »Sie haben doch Leute in Lissom Lane, die den anderen Ausgang bewachen?«

 

»Ja, Sir« berichtete der Sergeant, und hatte in wenigen Augenblicken das Tor geöffnet.

 

Der Raum, in den sie direkt von der Straße aus hineinkamen, lag in tiefer Finsternis. Als man Beleuchtung erhalten hatte, sah man eine lange Halle aus Ziegelsteinen mit Zementfußboden. Durch die Mitte liefen vier Reihen Tischgestelle, an denen früher die Angestellten der Wäscherei gearbeitet hatten. Eine Reihe Stufen, mit Geländer versehen, führten nach unten, und Larry ging den anderen voran nach dem Kesselhause.

 

Kapitel 29

 

29

 

»Sie sollten sich was schämen«, sagte Jake der Blinde und schüttelte langsam seinen riesigen Kopf.

 

Er saß zusammengekauert auf der einen Seite eines röhrenförmigen Raumes, und seine Worte waren an eine erbärmlich aussehende Frau gerichtet, die mit mutlos gesenktem Kopfe ihm gegenüber saß und die Arme um die Knie geschlungen hatte. Sie war äußerst ärmlich gekleidet, graue Strähnen zogen sich durch ihre wild herabhängenden Haare, und Gesicht und Hände waren mit Schmutz bedeckt.

 

Der Raum selbst konnte kaum als solcher bezeichnet werden. Er glich mehr einem vergrößerten Hauptrohr der Wasserleitung. Der Boden war mit Geröll und Zementstücken bedeckt. Am einen Ende war eine Eisentür, kaum groß genug, um einen normalen Menschen hindurchzulassen, am anderen Ende war ein unregelmäßiges Loch in der Eisenwandung, durch das man in eine dahinterliegende, schwarze Höhlung blicken konnte, deren Boden gleichfalls mit Geröll bedeckt war.

 

»Du solltest dich vor dir selbst schämen«, tadelte der blinde Jake. »Sie tun alles, was sie bloß für dich machen können, du häßliche, olle Hexe, und du sitzt hier und wimmerst und heulst. Genau wie ’n junger Hund, dem man den Schwanz abgeschnitten hat.«

 

Die Frau stöhnte und murmelte vor sich hin.

 

»Wenn ich könnte, wie ich wollte, dann würdest du schon Grund haben, zu jammern«, sagte Jake. »Geben wir dir nich zu fressen? Haben wir dir nich ’n schönes Bett gegeben, wo de drauf liegen konntest, bis der verfluchte Hund seine Nase hier ‚reinstecken mußte?«

 

»Ich möchte weg von hier«, sagte die Frau. »Sie bringen mich ja um.«

 

»Noch nicht«, kicherte Jake. »Vielleicht wollen Sie, daß du um de Ecke gebracht wirst – na, denn wirste eben umgebracht.«

 

»Ich will fort von hier«, rief die Frau schluchzend. »Warum halten Sie mich in dem fürchterlichen Loch eingeschlossen?«

 

»Willste lieber da unten bei de Ratten sein?« brummte Jake der Blinde. »Haste nich geschrien und gekreischt, als die kleenen Kerle dich anquiekten? Und nun sitzt de gesund und sicher hier, wo keene Ratte an dich ‚ran kann, und von morgen ab kannste in einem feinen Haus wohnen mit schöne, weiße Decken auf de Betten. Du undankbarer, alter Deibel!«

 

Sie erhob ihr kummervolles Gesicht und blickte den Mann neugierig an.

 

»Sie sprechen von denen, als ob sie Engel wären«, sagte sie. »Einer dieser Tage werden Sie doch von Ihnen verraten –«

 

»Halt’s Maul!« fuhr der Mann bissig auf. »Du kennst Sie ja gar nich. Was haben Sie alles für mich getan? Wem verdanke ich denn mein feines Leben, so viel Geld, wie ich bloß haben will, Essen un Trinken? ’n hübsche, junge Frau haben Sie mir ooch gegeben«, er kicherte, aber sein Kichern endete in einer scheußlichen Grimasse. »Ich wer se noch kriegen; sie hat mich beinah umgebracht, das gemeine Frauenzimmer.«

 

»Wer war sie denn?« fragte die Frau.

 

»Geht dich gar nischt an. Du kennst se doch nich«, sagte Jake, schien aber nicht abgeneigt, weiter über diese Angelegenheit zu sprechen, »’n junges, flinkes Mächen war se. Aber sie gehört ooch zur Polente, und darum wollten Sie se ooch haben.«

 

Sie antwortete nichts, und ihr Schweigen dauerte so lange an, daß er sich zu ihr beugte und sie mit seiner großen Hand anstieß.

 

»Du wirst doch keenen Anfall kriegen?« fragte er ängstlich. »Doch nich so ’n Anfall wir das letztemal? Wir können nich immer ’n Doktor holen. Das nächste Mal wer ich dich zu Verstand bringen«, sagte er drohend. »Ich wer dich schon wach kriegen«, und er schüttelte sie wild.

 

»Ich bin ja doch wach, ich bin ganz wach«, rief sie angstvoll. »Bitte, lassen Sie mich doch los; Sie brechen mir ja den Arm.«

 

»’s gut, aber betrage dicht vernünftig«, brummte er und kroch dann langsam nach dem anderen Ende dieses röhrenförmigen Raumes, in dem nicht einmal die Frau, die nichts weniger als groß war, aufrecht stehen konnte. Es war bewundernswert, wie ein so riesenhafter Mann sich durch die zackige Öffnung in der Eisenwand hindurchwinden und in die dahinterliegende Höhlung kriechen konnte. Sie hörte, wie er Steine beiseite schaffte, um die Höhlung, an der er schon den ganzen Tag gearbeitet hatte, zu erweitern. Sie wunderte sich, wo sie sich eigentlich befand, denn sie war krank und besinnungslos gewesen, als man sie in diese schreckliche Kammer geschleppt hatte, und hatte keine Erinnerung, wie sie dorthin gekommen war. Sie wußte nur, daß man sie suchte, daß aber die fürchterlichen Leute, die sie hier gefangen hielten, alles taten, um ihre Entdeckung zu vereiteln.

 

Als Jake zurück kam, sagte sie zu ihm:

 

»Mr. Stuart würde Ihnen eine Menge Geld geben, wenn Sie mich zu ihm brächten.«

 

Er kicherte.

 

Das haste mir schon hundertmal erzählt, olle Närrin. Wenn Sie mich zu Mr. Stuart brächten, würde er Ihnen eine Menge Geld geben«, äffte er ihr nach. »Der wird mir sicher ’ne Masse Geld geben!«

 

»Ich habe doch seine Kinder gepflegt«, jammerte sie, »und seine arme Frau. Und als ich mich verheiratete, hat er mir einen wunderschönen Trauring geschenkt.«

 

»Halt endlich mal ’s Maul«, fauchte der Mann sie an. »Kannste denn über gar nischt anderes reden? Hunderttausendmal hast de mir nu schon von seinen Kindern und dem verwünschten Trauring erzählt!«

 

»Und als ich ihm von Clarissa erzählte«, flüsterte die Frau, »hat er mir tausend Pfund versprochen. Als ich ihn sah, bin ich vor Überraschung beinah umgefallen!«

 

Der blinde Jake beachtete sie nicht weiter. Er hatte diese Geschichte schon so oft gehört, daß sie jedes Interesse für ihn verloren hatte.

 

»Er hat ja niemals gewußt, daß er Zwillinge hatte, und dachte, sein Kind wäre gestorben.«

 

»Wenn de nich geklaut und gesoffen hättest, hättste ihm ja erzählen können, wo sie war. Aber mach‘ dir man darüber keene Kopfschmerzen. Sie haben det Mädel gefunden, ’ne feine Dame is se und hat viel Geld. Ich habe gehört, wie Sie gesagt haben, daß sie ’ne feine Dame is und viel Geld hat«, fügte er einfältig hinzu.

 

Sein Glauben und sein Vertrauen in seine geheimnisvollen Gebieter kannte keine Grenzen.

 

»Ich trank ganz gern mal einen guten Tropfen«, gestand die nicht ganz zurechnungsfähige Frau ein, »und sie haben mich für rein gar nichts ins Gefängnis geschickt. Und die Anstalt war fürchterlich!«

 

Plötzlich schoß er auf sie zu und legte seine Hände auf ihre Schultern. Sie öffnete den Mund, um zu schreien, aber bevor sie noch einen Ton hervorbringen konnte, zischte er ihr dicht ins Gesicht:

 

»Einen einzigen Laut und de bist tot! Sei still!«

 

Seine feinfühligen Ohren hatten das Geräusch von Fußtritten auf dem Fußboden über ihnen vernommen. Nur ein Blinder konnte diese schwachen Geräusche durch die trennenden Mauern hindurch gehört haben. Er kroch ganz dicht an sie heran, legte einen Riesenarm um ihre Schulter und hielt den anderen dicht vor ihr Gesicht.

 

»Nur einen Laut und de bist tot!« flüsterte er noch einmal, und dann hörte man, wie jemand an die kleine eiserne Tür am anderen Ende anklopfte und Larry Holts Stimme ertönte:

 

»Ist hier jemand?«

 

Kapitel 3

 

3

 

Zimmer Nr. 47 lag eine Etage höher als das Büro von Sir John. Larry trug die Schale in einer Hand, öffnete mit der anderen die Tür und stand auf der Schwelle eines behaglichen kleinen Zimmers.

 

»Hallo!« sagte er überrascht. »Bin ich denn falsch gegangen?«

 

Das Mädchen, das sich vom Schreibtisch erhoben hatte, war jung und außergewöhnlich hübsch. Dichtes dunkelblondes Haar, das über ihre Stirn herabfiel, stand in überraschendem Kontrast mit ihren klaren, grauen Augen, die ihn verwundert betrachteten. Sie war von schlanker, gefälliger Figur, und als sie lächelte, hatte Larry die Empfindung, noch niemals in seinem Leben ein so graziöses und liebenswürdiges weibliches Wesen gesehen zu haben.

 

»Das ist das Büro von Inspektor Holt«, sagte sie.

 

»Allmächtiger!« sagte Larry, kam langsam in das Büro und schloß die Tür hinter sich. Er ging zu dem anderen Schreibtisch und setzte die Schale nieder.

 

»Das ist Inspektor Holt’s Büro«, wiederholte das junge Mädchen erstaunt. »Sind die Sachen für ihn?«

 

Larry nickte und sah das junge Mädchen nachdenklich an.

 

»Was ist das?« fragte er plötzlich und zeigte auf ein Glas und eine Kanne, die auf einem weiß gedeckten Seitentischchen standen.

 

»Das? – Das ist für Inspektor Holt«, antwortete sie.

 

Larry blickte in die Kanne.

 

»Milch?« fragte er erstaunt.

 

»Ja«, entgegnete sie. »Wissen Sie, Inspektor Holt ist ein ziemlich alter Herr, und als ich den Kommissar fragte, ob Mr. Holt nach seiner langen Reise vielleicht eine Erfrischung nötig hätte, hat er etwas Krankenkost und Milch vorgeschlagen. Krankenkost kann ich ja leider hier nicht machen und –«

 

Sie hielt inne und starrte Larry verwundert an, der in schallendes Gelächter ausbrach.

 

»Ich bin Inspektor Holt«, sagte er und trocknete seine Augen.

 

»Sie?« stammelte sie.

 

»Ja, ich bin der alte, kranke Mensch«, sagte er vergnügt. »John, der Kommissar, hat Ihnen einen Streich gespielt, Miß – ich kenne Ihren Namen nicht. Würden Sie vielleicht jetzt so freundlich sein und die bejahrte Miß Ward bitten, zu mir zu kommen?«

 

Ein Lächeln zitterte um ihre Lippen.

 

»Ich bin Miß Ward«, sagte sie, und jetzt starrte Larry sie entgeistert an. Dann streckte er lächelnd seine Hand aus.

 

»Miß Ward, wir sind beide Leidensgefährten. Jeder von uns ist das Opfer eines niederträchtigen Polizeikommissars geworden. Ich bin außerordentlich erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen – und erleichtert.«

 

»Ich bin auch etwas erleichtert«, lächelte das junge Mädchen, als sie nach ihrem Tisch zurückging.

 

»Sir John hat mir gesagt, Sie wären ungefähr sechzig Jahre alt und asthmatisch, und bat mich, darauf zu achten, daß es im Büro nicht zieht. Ich habe diesen Nachmittag extra Fensterschoner anbringen lassen.«

 

Larry dachte einige Augenblicke nach.

 

»Es ist vielleicht ganz gut, daß ich nicht nach Monte Carlo gefahren bin«, sagte er und setzte sich an seinen Schreibtisch. »Nun wollen wir uns mal an die Arbeit machen. Meinen Sie nicht auch?«

 

Sie öffnete ihr Stenogrammbuch und nahm einen Bleistift zur Hand, während Larry die Schmuckgegenstände untersuchte, die in der Schale lagen.

 

»Schreiben Sie, bitte«, begann er. »Uhr von Gildman, Toronto, goldene Kapseluhr, auf Steinen laufend, Nr. A. 778 432. Keine Kratzer auf dem Innendeckel.«

 

»Handelt es sich um den Fall Stuart?« fragte sie.

 

»Ja«, entgegnete Larry, »ist Ihnen irgend etwas darüber bekannt?«

 

»Nur, was mir der Kommissar erzählt hat«, entgegnete sie. »Der Ärmste! Aber ich habe mich schon so an die Schrecken hier gewöhnt, daß ich beinahe abgehärtet bin. Ich glaube, als Student der Medizin wird man auch so. Ich bin zwei Jahre lang Krankenschwester in einer Blindenanstalt gewesen«, fügte sie hinzu, »und das hilft auch, einen hart zu machen. Glauben Sie nicht auch?« Sie lächelte.

 

»Sehr leicht möglich«, sagte Larry nachdenklich und überlegte, wie jung sie wohl gewesen sein mußte, als sie anfing, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Er schätzte ihr Alter auf einundzwanzig Jahre, glaubte aber, damit reichlich hoch gegangen zu sein. »Gefällt Ihnen die Arbeit hier?«

 

Sie nickte.

 

»Sehr gut«, antwortete sie.

 

Er nahm seine Untersuchung wieder auf.

 

»Kette aus Platin und Gold, achtundzwanzig Zentimeter lang, Sperring an einem Ende mit goldener Bleistifthülse – ich nehme wenigstens an, es ist Gold«, diktierte er weiter. »Der Bleistift ist nicht gefunden worden?«

 

»Nein«, sagte sie. »Ich habe den Sergeanten, der die Sachen gebracht hat, noch ganz besonders gefragt, ob man keinen Bleistift gefunden hätte.«

 

Larry sah sie überrascht an. »Haben Sie denn das bemerkt?«

 

»Natürlich ist mir das aufgefallen«, sagte sie ruhig. »Das Messer ist ja auch verschwunden.«

 

»Was für ein Messer?«

 

»Ich nahm an, es war ein Messer«, sagte sie. »Der Sperrring war zu groß, um nur allein einen Bleistift zu halten. Wenn Sie genau hinsehen, finden Sie noch einen kleinen Ring; er war offen, als die Sachen hierhergebracht wurden, aber ich habe die Enden zusammengebogen. Es sah aus, als ob jemand das Messer mit Gewalt abgerissen hätte. Ich nehme an, es war ein Messer, weil Herren doch sehr oft ein kleines, goldenes Taschenmesserchen an der Uhrkette tragen.«

 

Er nahm die Uhrkette wieder auf, bemerkte den anderen Ring und wunderte sich, daß er diesen nicht selbst gesehen hatte.

 

»Ich glaube, Sie haben recht«, sagte er nach längerer Untersuchung. »Der Ring ist viel größer – er war übrigens die Kette hinaufgeglitten –, und man kann ganz deutlich die Kratzer sehen, wo das Messer abgedreht wurde. Hm.« Er legte die Kette in die Schale und blickte auf seine eigene Uhr. »Haben Sie die anderen Gegenstände auch untersucht?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nur die Uhr und die Kette.«

 

Er blickte im Zimmer herum und sah einen eingemauerten Wandschrank.

 

»Ist der leer?« und, als sie nickte: »Wir wollen die weitere Untersuchung lassen, bis ich zurückkomme. Ich muß jemand aufsuchen.«

 

Er stellte die Schale in den Schrank, schloß die Tür ab und gab den Schlüssel an das junge Mädchen.

 

»Sie werden jedenfalls nicht mehr hier sein, wenn ich zurückkehre? Sie haben doch sicherlich so etwas wie Bürostunden?«

 

»Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, nie länger als bis zwei Uhr morgens hierzubleiben«, sagte sie ernsthaft.

 

»Ich glaube, ich habe noch niemals ein Mädel kennengelernt wie Sie«, sagte er langsam und wie in Gedanken.

 

Sie errötete und senkte die Augen. Dann lachte sie leise auf und sah ihn von neuem an.

 

»Vielleicht haben wir beide noch niemals jemand gefunden, wie wir einander erscheinen.«

 

Larry verließ Scotland Yard und war sich bewußt, daß ein neuer und sehr wichtiger Faktor in sein Leben getreten war.

 

Kapitel 21

 

21

 

Larry traute seinen Augen nicht. Er hielt die Quittung dem jungen Mädchen hin, aber sie hatte schon über seine Schulter hinweg die Unterschrift gelesen.

 

»Clarissa Stuart?« sagte er langsam. »Kennen Sie die Dame?«

 

»Habe niemals von ihr gehört«, antwortete der Doktor lebhaft, »aber das war die Person, die bevollmächtigt war, die Versicherungssumme in Empfang zu nehmen.«

 

»Wie sieht sie denn aus?« fragte Larry nach kurzer Pause.

 

Dr. Judd steckte sich an dem Ende seiner Zigarette eine frische an und warf den Rest in den Kamin, bevor er antwortete.

 

»Jung, hübsch, elegant angezogen«, sagte er kurz.

 

»Machte sie denn einen – niedergeschlagenen Eindruck?«

 

»Ganz und gar nicht«, entgegnete der Doktor. »Sie war im Gegenteil ganz vergnügt.«

 

Diana Ward und Larry Holt blickten einander mit ungeheucheltem Erstaunen an.

 

»Hat die junge Dame eine Adresse hinterlassen?«

 

»Nein, das war auch nicht nötig«, war Dr. Judds Antwort. »Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich ihr einen offenen Scheck gegeben hatte. Das schien ihr nicht ganz recht zu sein, und sie sagte, sie wollte keinen Scheck haben. Ich habe dann jemand nach der Bank geschickt und das Geld einkassieren lassen und es dann an sie ausgezahlt.«

 

»Es war also bares Geld?«

 

»Die ganze Summe ist in bar ausgezahlt worden«, wiederholte der Doktor.

 

»Und Sie haben sie niemals vorher gesehen?« fragte Larry noch einmal.

 

»Niemals«, sagte der Doktor kopfschüttelnd. »Sie war zweifellos die Tochter Mr. Stuarts, wenigstens erzählte sie mir so, und ich hatte keinerlei Veranlassung, ihren Worten zu mißtrauen.«

 

Larry und Diana waren schon in der Straße, bevor er ein Wort an sie richtete.

 

»Es ist unglaublich!« – und zu dem Kutscher, der auf ihn wartete: »Nottingham Place 304.«

 

»Wohin fahren wir jetzt?« fragte Diana überrascht.

 

»Nach Stuarts früherer Wohnung«, erwiderte Larry. »Ich habe die Recherchen dort Sergeant Harvey anvertraut, der ja ganz besonders sorgfältig vorgeht, aber vielleicht hat er doch etwas übersehen. Wenn Stuart erst am Tage seines Todes herausgefunden hat, daß er noch eine andere Tochter hatte, muß er doch irgendeinen Besucher gehabt haben.«

 

»Glauben Sie, daß das junge Mädchen, Clarissa meine ich, bei ihm war?« fragte Diana schnell.

 

»Das ist vielleicht möglich, und das müssen wir versuchen herauszufinden.«

 

Nottingham Place 304 war ein großes, gut aussehendes Gebäude. Larry und seine Begleiterin wurden in einen eleganten Salon genötigt, und wenige Augenblicke später erschien eine kleine, alte Dame mit weißem Haar.

 

»Mrs. Portland, nicht wahr?« sagte Larry. »Mein Name ist Holt. Inspektor Holt von Scotland Yard.«

 

Ihr Gesicht drückte peinliche Bestürzung aus.

 

»Du liebe Güte, schon wieder! Ich hatte gehofft, die Polizei wäre nun endlich mit mir fertig. Mein Haus bekommt durch solche Besuche einen so schlechten Ruf, und ich habe schon Unannehmlichkeiten gehabt. – Der arme Herr hat Selbstmord begangen, nicht wahr? Warum er das nur getan hat?« sagte sie kopfschüttelnd. »Ich kann das nicht begreifen. In der ganzen Zeit, wo er hier wohnte, habe ich ihn nie so vergnügt gesehen wie an dem Abend, wo er ins Theater ging. Gewöhnlich war er immer so finster und niedergeschlagen, daß es mich bedrückte, wenn ich ihn sah.«

 

»Er war vergnügt, bevor er ins Theater ging? Ungewöhnlich vergnügt?« fragte Larry schnell.

 

Sie nickte.

 

»Hat er denn am Nachmittag irgendeinen Besuch gehabt?«

 

»Nein, Sir«, sagte die alte Dame zu Larrys Enttäuschung. »Es ist niemand bei ihm gewesen. Ich habe ja dem Detektiv, den Sie hierhergeschickt haben, erzählt, daß Mr. Stuart niemals Besuch hatte. Er war am Nachmittag aus gewesen und kam etwas früher zurück, wie wir ihn eigentlich erwarteten. Ich hatte eine Reinemachefrau hier, und sie räumte gerade sein Zimmer auf. Ich merkte das aber überhaupt erst, als ich an seinem Zimmer vorbeikam und ihn mit jemand sprechen hörte. Das war so ungewöhnlich bei ihm, daß ich es meinem Zimmermädchen gegenüber erwähnte.«

 

»Wer war denn der ›jemand‹?« fragte Larry.

 

»Die Reinemachefrau«, sagte sie. »Eine Frau, die ich ab und zu für Extraarbeit annehme. Das fiel mir ganz besonders auf, weil er sonst mit niemand sprach.«

 

»Wie lange war denn die Frau in seinem Zimmer?«

 

»Beinah eine Stunde«, war die überraschende Antwort.

 

»Eine Stunde? – Was hatte er denn eine ganze Stunde lang mit einer Aufwartefrau zu verhandeln?«

 

»Ich habe keine Ahnung«, sagte sie kopfschüttelnd. »Die Sache ist mir noch sehr gut im Gedächtnis, weil die Frau weggegangen ist, ohne sich ihren Lohn auszahlen zu lassen. Sie muß direkt fortgegangen sein, als sie aus Mr. Stuarts Zimmer kam – und sie hat sich nie wieder sehen lassen.«

 

Larry zog die Brauen zusammen.

 

»Das scheint mir wichtig zu sein«, sagte er. »Haben Sie mit Sergeant Harvey darüber gesprochen?«

 

»Nein, Sir«, antwortete sie überrascht. »Ich dachte nicht, es wäre nötig, eine so kleine Haushaltssache zu berichten. Er hat mich nur gefragt, ob Mr. Stuart Besuch gehabt hat, und ich habe ihm wahrheitsgemäß geantwortet, daß niemand dagewesen ist.«

 

»Wie hieß denn die Aufwärterin?«

 

»Das weiß ich auch nicht«, antwortete die Wirtin. »Wir haben sie immer Emma genannt. Ich habe mich gewundert, daß sie nicht zurückgekommen ist, denn sie hat ihren Trauring hier liegen lassen. Sie zog ihn immer ab, bevor sie anfing aufzuwischen. Für eine Frau ihres Standes war das ein ganz eigenartiger Ring, halb Gold, halb Platin und – halten Sie die junge Dame fest, Sir!« rief sie plötzlich.

 

Larry fuhr herum und fing das ohnmächtige Mädchen in seinen Armen auf.

 

Er legte sie auf das Sofa, und nach kurzer Zeit schlug Diana die Augen auf.

 

»Ich bin ein schrecklicher Idiot«, sagte sie und versuchte, sich aufzurichten, aber Larry legte seine Hand auf ihre Schulter.

 

»Sie müssen noch einen Augenblick ruhen – was hatten Sie denn?«

 

»Ich glaube, die Luft im Zimmer ist etwas drückend«, antwortete sie.

 

Das Zimmer war wirklich überwarm und schlecht gelüftet. Das war Larry auch aufgefallen, und die Wirtin entschuldigte sich, als sie das Fenster öffnete.

 

»Immer sage ich den Mädchen, sie sollen das Zimmer lüften«, beklagte sie sich, »und niemals tun sie’s. Es ist hier wirklich wie in einem Ofen. – Es tut mir sehr leid.«

 

»So was Dummes ist mir noch nie passiert«, sagte Diana, als sie sich langsam aufrichtete.

 

»Es ist besser, Sie fahren jetzt direkt nach Haus«, sagte Larry besorgt.

 

Sie war noch immer sehr blaß, und die Tasse Tee, die ihr die Wirtin brachte, war ihr äußerst willkommen.

 

»Ich denke nicht daran, nach Haus zu gehen«, entgegnete sie bestimmt. »Ich fahre mit Ihnen nach Todds Heim. Sie haben es mir versprochen, und sobald ich in die frische Luft komme, bin ich wieder ganz auf dem Posten. Wenn Sie mit mir durch den Regent Park fahren würden – er ist ja ganz in der Nähe – bin ich wieder so frisch wie vorher.«

 

Langsam fuhren sie um den Park herum, und die Farbe kehrte in ihre Wangen zurück.

 

»Ich bin aber nicht der Ansicht«, bemerkte Larry, »daß ein Besuch in Todds Heim die angenehmste Weise ist, den Nachmittag zu verbringen. Es riecht da nicht sehr gut, und was man zu sehen bekommt, ist wenig angenehm.«

 

»Das macht mir nichts aus«, sagte sie ruhig, »bitte, bitte, lassen Sie mich doch mitgehen.«

 

Er ergriff leise ihre Hand, und sie leistete keinen Widerstand.

 

»Sie können gehen, wohin Sie wollen, Diana, und tun, was Sie nur immer wollen«, sagte er leise.

 

Langsam hatte er sich nun auch von seinem Schrecken beruhigt, und es fiel ihm ein, daß er in der Aufregung vergessen hatte, sich den Trauring der Reinemachefrau zeigen zu lassen und noch weitere notwendige Fragen an die Wirtin zu richten.

 

Sie fuhren nach Piccadilly zurück, wo sie frühstückten, und dann nach dem Büro in Scotland Yard. Vom Restaurant aus hatte Larry an Harvey telephoniert, der daraufhin Mrs. Portland durch seinen Besuch in erneute Verzweiflung gestürzt hatte. Er wartete in Zimmer 47 auf sie.

 

»Ich habe Emmas Spur gefunden«, sagte er in so ernsthaftem Ton, daß Larry wußte, seine Ansicht über die Wichtigkeit der Unterhaltung, die Stuart mit der Frau gehabt hatte, war richtig gewesen. »Sie wohnt, oder vielmehr sie wohnte in Camden Town«, sagte Sergeant Harvey, »bei einem pensionierten Soldaten und seiner Frau.«

 

»Haben Sie sie gesehen?«

 

»Nein, Sir. Sie wohnt nicht mehr da. Seit der Nacht nach Stuarts Ermordung ist sie nicht mehr nach Hause gekommen.«

 

Larry verzog das Gesicht.

 

»Hier ist die Erklärung, der eigentliche Grund für den Mord zu finden«, sagte er. »Die Aufwärterin Emma wird uns sehr viele und wichtige Enthüllungen machen müssen! Hat sie ihre Sachen aus dem Zimmer mitgenommen?«

 

»Nein, Sir. Und das ist das Merkwürdige. Die Frau hat ihren Freunden gegenüber kein Wort erwähnt, daß sie fortgehen wollte, und hat auch nicht ein einziges Stück ihrer Garderobe mitgenommen.«

 

»Setzen Sie ihren Namen auf die Liste und benachrichtigen Sie sämtliche Polizeibüros. Nichts Neues vom blinden Jake?«

 

»Nein, Sir.«

 

»Auch nicht von Fred?«

 

»Nein, Sir.«

 

»Die Wachsamkeit der städtischen Polizei ist ja an und für sich schon sehr in Anspruch genommen – arme Teufel –«, sagte Larry lächelnd, »aber wir müssen ihr doch noch den Namen Clarissa Stuart empfehlen. Jung, hübsch, elegant angezogen, wohnt wahrscheinlich in einem erstklassigen Hotel. Recherchieren Sie überall, wo eine reiche, junge Frau sich aller Wahrscheinlichkeit nach aufhalten könnte, und erstatten Sie dann Bericht.«

 

Harvey grüßte und ging hinaus. Larry stand an seinem Schreibtisch und blickte eine Zeitlang mißmutig vor sich hin.

 

»Nun, Miß Ward«, begann er, »jetzt können Sie zu all den anderen Rätseln ein neues hinzufügen. Emma ist genau so plötzlich und unerwartet verschwunden wie Flimmer Fred oder Stuart, und der Mann, der es fertigbekommen hat, Emma von der Bildfläche verschwinden zu lassen, ist derselbe, der beinahe Mrs. Weldon ermordet hätte.«

 

»Der blinde Jake?« fragte Diana.

 

»Das ist unser Mann«, erwiderte er. »Eine schreckenerregende Figur in diesem Drama. Wenn ich an ihn denke, läuft es mir kalt über den Rücken.«

 

»Was für ein Eingeständnis für einen Detektiv!« neckte sie ihn. »Er ist doch schließlich auch nur ein Mensch.«

 

»Und noch dazu ein verwundeter«, sagte Larry lächelnd. »Flimmer Fred konnte schon seinerzeit sehr gut mit einem Messer umgehen, als ich ihm wegen einer Messerstecherei mit seinem Rivalen Leroux auf den Fersen war.«

 

»Glauben Sie, sie haben ihn gefangen?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Fred hält sich still. Er ist verschwunden, weil er fürchtet, sie fassen ihn doch noch.«

 

»Dann gehört er also nicht zu der Bande?«

 

»Fred?« Er lachte. »Fred – ausgeschlossen. Fred ist ein Wolf, der nicht mit dem Rudel läuft. Er jagt allein. Er plündert Gerechte und Ungerechte in gleicher Weise aus. Neben anderen Dingen ist er vor allem stolz darauf, daß er niemals Mitglied irgendeiner Bande gewesen ist, und ich möchte beinah behaupten, dies ist der Grund, daß er verhältnismäßig selten die Konsequenzen seiner Gaunerstreiche zu tragen hatte. Er ist in London«, brummte er vor sich hin, »und ich habe so eine Idee, als ob wir ihn sehr bald zu sehen bekommen.«

 

Er arbeitete über eine Stunde und schien Dianas Anwesenheit völlig vergessen zu haben, schien auch nicht die Blicke zu bemerken, die sie ihm von Zeit zu Zeit zuwarf und die ihn an den geplanten Besuch in Todd’s Heim erinnern sollten.

 

Bogen nach Bogen schrieb er voll. Er hatte die Gewohnheit, seine verschiedenen Fälle in erzählender Form zu Papier zu bringen und die einzelnen Ergebnisse in abgeschlossenen Absätzen niederzulegen. Endlich war er mit seiner Arbeit zu Ende und legte die Bogen in ein Schubfach. Dann stand er auf, streckte sich, ging an das Fenster und sah hinaus. Es war spät am Nachmittag.

 

Dann kratzte er in höchst unromantischer Weise seine Nase und blickte das junge Mädchen zweifelnd an.

 

»Wenn Sie wirklich noch nach Todds Heim wollen, werde ich Sie hinbringen. Die Stunde ist da, für die ich mir selbst das Vergnügen dieses Besuches versprochen habe«, sagte er feierlich.

 

Ein Wagen brachte sie an das Ende von Lissom Grove, und dann bogen sie in die Sackgasse Lissom Lane hinein. Zwei Beamte in Zivil erwarteten sie, und gemeinsam gingen sie die Straße hinunter, bis sie zu dem Heim kamen, das auf der anderen Seite der Straße ihnen gegenüberlag.

 

»Was ist denn da nebenan für ein Haus?« fragte Larry und blickte nach einem unansehnlichen Hause mit geschlossenen Fenstern hinüber.

 

»Das war früher mal eine Wäscherei«, sagte der eine Polizist. »Hinter dem Hause ist ein Hof und eine Art Scheune.«

 

»Wäscherei?« sagte das junge Mädchen nachdenklich. »Erinnern Sie sich, daß an dem Abend, wo man mich entführen wollte, ein Wäschelieferauto vor meiner Tür stand?«

 

»Alle Wetter, rief Larry, »das stimmt!«

 

»Diese Wäscherei konnte es aber nicht gewesen sein, Miß«, sagte der Beamte. »Sie liegt schon seit zwölf Monaten still. Die Firma machte bankerott, und irgendeiner hat das Geschäft gekauft, scheint aber noch nicht zu arbeiten.«

 

»Das Tor da führt direkt auf den Hof, wie ich annehme.«

 

»Ja, Sir. Ich habe aber noch keinen Lieferwagen herauskommen sehen, und ich weiß nicht einmal, ob sie überhaupt einen haben«, sagte der Detektiv. »Heutzutage gibt es so viele Motorwagen, daß man sie unmöglich alle kennen kann.«

 

Larry ging die Stufen hinauf und klopfte. Derselbe kleine, alte Mann öffnete die Tür.

 

»Vier Menschen!!« kreischte er. »Und lauter Fremde! Was wollen Sie denn?«

 

»Ich möchte Mr. Dearborn sprechen«, antwortete Larry.

 

»Ach ja, Sir, Sie sind ja der Herr, der am Sonntag früh um sechs Uhr hier war«, sagte der kleine Mann und trippelte voraus durch den langen Gang. »Kommen Sie man alle mit!« brüllte er. »Vier Mann zu Besuch, Sir!«

 

Ehrw. John Dearborn kam ihnen aus seinem Büro entgegen und nötigte sie in das Zimmer.

 

»Mr. Holt? – Ich glaubte doch Ihre Stimme zu erkennen«, sagte er. Sein Diktaphon war in Gang, und ein dickes Manuskript in Maschinenschrift lag auf dem Tisch. Er strich liebkosend mit der Hand darüber hinweg, als er sich auf seinen Stuhl setzte.

 

»Jeden Abend kommt ein Herr, der mir dies vorliest«, sagte er wie in Antwort auf Larrys Gedanken. »Und was ist nun die Veranlassung zu Ihrem heutigen Abendbesuche? – Haben Sie Ihren blinden Jake gefunden?«

 

»Getroffen habe ich ihn, aber leider nicht gefunden«, sagte Larry grimmig. »Ich möchte nur noch einmal das Haus sehen. Ich habe eine Dame bei mir.«

 

»Sehr angenehm«, sagte Ehrw. John Dearborn und erhob sich.

 

Unwillkürlich streckte das junge Mädchen die Hand aus, die der Mann ergriff.

 

»Es wird mir ein großes Vergnügen sein, Sie herumzuführen. – Sie haben noch einige Bekannte bei sich?«

 

Larry stellte vor, und John Dearborn führte die kleine Gesellschaft die Treppe hinauf.

 

»Wir wollen diesmal von oben beginnen«, sagte er scherzend. »Unser Freund Lew liegt immer noch in seiner Zelle.«

 

»Ist es nicht etwas unsicher für Sie, einen Mann im Hause zu haben, der nicht ganz bei Verstand ist?«

 

»Er ist sehr schwach«, entgegnete John Dearborn, »und ich bringe es nicht über mein Herz, ihn in ein Hospital zu schicken. Früher oder später, befürchte ich, werde ich es ja doch tun müssen.«

 

Larry stand auf dem Treppenabsatz neben dem jungen Mädchen und fragte sie leise:

 

»Wollen Sie vielleicht den alten Mann sehen? Er ist gerade nicht sehr –« Er beendigte den Satz nicht.

 

»Ja, ich möchte ihn sehr gern einen Augenblick sehen. Vergessen Sie doch nicht, daß ich Pflegerin in einer Blindenanstalt gewesen bin.«

 

Dearborn führte sie nach dem kleinen Raum. Kein Licht brannte, obwohl auf jedem Treppenabsatz Lampen waren. Blinde brauchen ja kein Licht, dachte Larry.

 

Der alte Mann in der Zelle lag ruhig mit gefalteten Händen auf seinem Bett. Er schwatzte nicht mehr und war viel ruhiger wie an dem Tage, wo Larry ihn zuerst gesehen hatte.

 

»Wie geht es Ihnen denn heute?« fragte Larry.

 

Der Mann gab keine Antwort. Das junge Mädchen legte ihm ihre Hand auf die Schulter, und der Mann fuhr herum.

 

»Geht es Ihnen besser?« fragte sie.

 

»Wer ist da? Bist du’s, Jim? Bringst du mein Essen?«

 

»Geht es Ihnen besser?« fragte Diana noch einmal.

 

»Bring mir auch ’n Topf Tee, willste?« sagte Lew und legte sich wieder auf den Rücken. Derselbe Ausdruck ergebener Entsagung, den sie schon bei ihrem Eintreten bemerkt hatten, erschien in seinem Gesicht.

 

Das junge Mädchen beugte sich nieder und sah den alten Mann genau an. Er schien ihre Gegenwart zu fühlen, streckte eine Hand aus und berührte ihr Gesicht.

 

»Das ist doch eine Dame?« sagte er.

 

Und dann trat John Dearborn dazwischen und nahm die Hand des Alten zwischen seine beiden Hände.

 

»Geht es Ihnen besser, Lew?« fragte er. Der Mann zwinkerte.

 

»Is schon richtig, Sir. Es geht mir fein. Danke schön.« Diana verließ die Zelle, und blickte gedankenvoll vor sich hin, als Larry zu ihr trat.

 

»Was gibt’s denn?« fragte er leise.

 

»Der Mann ist tot« flüsterte sie.

 

»Tot?« wiederholte er verblüfft. »Unsinn. Der Mann ist nicht tot.«

 

Sie nickte nachdrücklich mit dem Kopf.

 

»Ich verstehe Sie nicht, Diana«, sagte Larry.

 

»Tot«, wiederholte sie so leidenschaftlich, daß er sie sprachlos anstarrte. »Genau so tot, als ob er kalt und leblos auf jenem Bette liegen würde. Oh, es ist grausam, bestialisch grausam.«

 

John Dearborn und die beiden Detektive waren noch in dem Raum und sprachen über den Kranken.

 

»Aber was meinen Sie denn, Diana?« fragte Larry.

 

»Haben Sie es denn nicht bemerkt? – Ich habe es früher schon einmal zu sehen bekommen«, sagte sie mit leiser, schwankender Stimme. »Haben Sie denn nicht die kleinen schwarzen Punkte an den Ohren des Mannes gesehen? Das sind die Pulvermale. Der Mann ist taub gemacht worden.«

 

»Taub?« wiederholte er, ohne noch die ganze Bedeutung dieser Entdeckung fassen zu können.

 

»Sie haben mir verschiedenes von dem erzählt, was der Mann am Sonntag gesagt hat, als Sie ihn sahen.« Sie sprach hastig und in Flüsterton. »Und jetzt verstehe ich, was vorgegangen ist. Ein Schuß ist ganz dicht bei seinen Ohren abgefeuert worden, und nun ist er tot.«

 

»Aber ich verstehe immer noch nicht.«

 

»Haben Sie es sich klar gemacht«, sagte sie jetzt sehr langsam, »was es bedeutet, blind und taub zu sein?«

 

»Allmächtiger Gott!« stöhnte er.

 

»Und das ist es, was dem Mann widerfahren ist, den sie Lew nennen. Jemand, der aus persönlichen Gründen sein Leben schonen will, hat es dem Bedauernswerten unmöglich gemacht, Zeugnis gegen ihn abzulegen.«

 

»Was meinen Sie damit?«

 

»Was ich meine? – Das ist der Mann, der die Brailleschrift geschrieben hat, die in Stuarts Tasche gefunden wurde.«

 

Kapitel 22

 

22

 

War es Vermutung? War es reine Schlußfolgerung? War es Wissen? – Diese drei Fragen schossen Larry durch den Kopf, aber bevor er noch weitere Fragen an sie richten konnte, kam Jahn Dearborn aus dem Zimmer des Kranken und fühlte seinen Weg die Treppe hinab.

 

Auf dem nächsten Treppenabsatz öffnete er die Tür des Schlafraumes, den Larry schon früher gesehen hatte. Er bestand aus drei Zimmern, die vor längerer Zeit zu einem einzigen vereinigt worden waren.

 

Auf Larrys Instruktion hin schlossen sich die beiden Detektive ihnen nicht an. Der eine schlenderte die Treppe hinunter und stellte sich auf dem unteren Treppenabsatz auf, der andere setzte sich auf die Stufen, die zu den oberen, kleineren Räumen führten, und wartete.

 

»Ist es noch hell?« fragte Dearborn, als er in den Schlafraum voranging.

 

»Noch ganz hell«, antwortete Larry.

 

»Man hat mir gesagt, daß man von dem Fenster dort eine sehr hübsche Aussicht hat«, sagte der Vorsteher und wies, ohne sich zu irren, in die Richtung des Fensters, von dem aus die Aussicht nichts weniger als malerisch war.

 

Larry antwortete nicht. Möglicherweise war es eine fromme Lüge, daß man von den Fenstern des Heims einen wunderschönen Ausblick hatte, und er wünschte auch nicht im geringsten die Gefühle eines Mannes zu verletzen, der so stolz von einem Blick auf sechs Dächer und einige hundert Schornsteine sprach.

 

»Ich glaube, das Fenster ist geschlossen?« fragte Ehrw. John Dearborn. »Würden Sie es bitte für mich öffnen?«

 

Larry schob das untere Fenster geräuschvoll in die Höhe, und ein Strom frischer, klarer Luft drang in den dumpfigen Schlafraum.

 

»Danke verbindlichst« sagte Mr. Dearborn. »Vielleicht sieht sich die junge Dame …«

 

Larry blickte sich um. Das junge Mädchen war nirgends zu sehen. Er ging schnell nach der Tür, und der Beamte, der vor dieser auf den Stufen gesessen hatte, erhob sich.

 

»Wo ist Miß Ward hingegangen?«

 

»Sie ist gar nicht herausgekommen, Sir«, sagte der Mann verblüfft. »Sie ist doch mit Ihnen in den Schlafraum gegangen.«

 

Lary starrte ihn an.

 

»Nicht herausgekommen?« wiederholte er stotternd. »Sind Sie sicher?«

 

»Absolut sicher.«

 

Er rief zu dem Mann auf dem unteren Treppenabsatz: »Haben Sie Miß Ward gesehen?«

 

»Nein, Sir. Sie ist nicht aus der Tür herausgekommen. Ich habe die Tür die ganze Zeit hindurch unter Augen gehabt.«

 

Larry ging in den Schlafsaal zurück. Er war leer – mit Ausnahme von einem halben Dutzend einfacher, eiserner Bettstellen und einem Schrank, der an der Wand, dem Kamin gegenüber, stand. Nirgendswo ein Platz, wo man sich verbergen könnte. Ein panischer Schrecken hatte sich seiner bemächtigt, und sein Herz schlug wild; keine Gefahr, die ihn selbst bedrohte, hätte ihn mehr erschüttern können.

 

Er riß die Schranktür auf. Einige alte Kleidungsgegenstände hingen an den Haken, sonst war er leer. Er warf diese heraus und schlug gegen die hintere Schrankwand. Sie war fest und unbeweglich.

 

»Haben Sie die junge Dame gefunden?« fragte jetzt John Dearborn.

 

»Nein, noch nicht«, sagte Larry schnell. »Gibt es außer der Tür noch eine andere Möglichkeit, aus dem Zimmer herauszukommen?«

 

Der Geistliche schüttelte verwundert den Kopf.

 

»Nein. Warum fragen Sie? – Ach so, Sie nehmen wohl an, wir hätten hier einen Notausgang, falls es brennen sollte. Wir haben schon mal daran gedacht …«

 

Larry war schneeweiß und zitterte vor Aufregung. Er rief einen der beiden Beamten zu sich.

 

»Sie bleiben hier im Zimmer, bis Sie abgelöst werden«, sagte er und wandte sich dann zu dem anderen: »Sie rufen in meinem Namen Scotland Yard an und lassen sofort zwanzig Mann hierherschicken. An der Ecke von Lissom Grove steht ein Schutzmann auf Posten. Holen Sie ihn und sagen Sie ihm, er soll vor der Haustür stehenbleiben.«

 

»Was ist denn vorgefallen?« fragte Ehrw. John Dearborn ängstlich. »Das ist einer der wenigen Fälle, wo mein Gebrechen mich zur Verzweiflung bringt, weil ich fühle, daß ich nicht helfen kann.«

 

»Vielleicht wäre es besser, Sie gingen in Ihr Büro«, sagte Larry sanft. »Ich befürchte, hier ist unter unseren Augen ein Verbrechen begangen worden.«

 

Aber wie sollte das möglich gewesen sein? Nicht einen Laut hatte er vernommen. Er hatte gedacht, das junge Mädchen stand hinter ihm. Er wußte, sie war mit in das Zimmer gekommen, denn er hatte sie vor sich hergehen lassen. Er erinnerte sich ganz genau daran. Er erinnerte sich ebenso deutlich, daß sie sich nach der linken Seite des Zimmers gewandt hatte, während er nach dem Fenster ging, um es zu öffnen – in diesem Augenblick mußte es passiert sein.

 

Das Aufschieben des Fensters war sehr geräuschvoll gewesen und würde jeden Laut am anderen Ende des Saales erstickt haben. Aber das alles hatte sich doch so schnell abgespielt – und sie hatte das Zimmer nicht verlassen.

 

Systematisch klopfte er die Wände ab, suchte nach versteckten Türen. Die Kokosmatte auf dem Fußboden wurde aufgerollt – nichts zu finden. Diana Ward war spurlos verschwunden, als ob ein Erdbeben sie verschlungen hätte, als ob sie sich in winzige Atome aufgelöst hätte und zum Fenster hinausgeschwebt wäre.