Kapitel 31

 

31

 

Ein dünner weißer Nebel hing über dem Park und verhüllte den verlassenen Reitweg von Rotten Row.

 

Sir John Hason, Chefkommissar der Polizei, dessen Gewohnheit es war, jeden Morgen vor dem Frühstück einen Spazierritt zu machen, erwartete weder noch wünschte irgendwelche Gesellschaft. Um so größer war daher seine Überraschung und auch sein Verdruß, als ein Reiter hinter ihm aus dem Nebel auftauchte, zu ihm heranritt und sein Pferd an Sir Johns Seite in Schritt fallen ließ.

 

»Hallo, Larry«, rief John Hason. »Wo tauchst du denn auf einmal auf; ich dachte erst, du wärest ein Geist.«

 

»Das werde ich auch bald sein. Lange wird’s nicht mehr dauern, wenn ich nicht sehr aufpasse«, sagte Larry. »Aber ich wußte, daß ich dich hier finden würde, und so habe ich mir im Tattersall einen Gaul gemietet und bin hierhergekommen. Ich habe ein bißchen frische Luft nötig und möchte mal außerhalb der verblödeten Atmosphäre deines Büros mit dir sprechen.«

 

»Gibt’s was Neues?«

 

»Ein kleiner Mordversuch wurde heute nacht probiert, aber das ist so etwas Gewöhnliches, daß es mir widersteht, dies als Neuigkeit zu rapportieren«, sagte Larry und berichtete von dem nächtlichen Besucher.

 

»Das ist der merkwürdigste Fall, der mir jemals vorgekommen ist«, sagte Sir John Hason nachdenklich. »Nicht ein einziger Tag vergeht, ohne daß sich etwas Neues ereignet. Du hältst also die Frage mit der Aufwärterin für wichtig?«

 

Larry nickte.

 

»Du kennst ja London viel besser als ich, John«, sagte er. Zwischen ihm und seinem alten Schulkameraden gab es bei solchen Gelegenheiten wie diese keine Formalitäten. »Wer ist eigentlich Judd?«

 

»Judd!« lachte der Kommissar. »Ich glaube nicht, daß du dir seinetwegen den Kopf zu zerbrechen brauchst. Er ist in der Geschäftswelt ganz gut angesehen; ich glaube aber gehört zu haben, daß sein Bruder sehr leichtsinnig gewesen sein soll. Beinahe sämtliche Aktien der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft gehören der Familie Judd. Es ist keine sehr bedeutende Gesellschaft, hat es aber fertig bekommen, jedem Versuch der Versicherungskonzerne und der großen Gesellschaften, die Greenwich-Kompanie aufzuschlucken, zu widerstehen. Das beweist Charakter und Standfestigkeit, die ich bewundern muß. Die Judds haben die Aktien von ihrem Vater geerbt und brachten die Gesellschaft, die damals als wenig sicher angesehen wurde, zu ihrer jetzigen Höhe.«

 

»Ich habe heut nacht die Aufsichtsratsliste durchgelesen«, sagte Larry. »Sie ist im Jahresbericht der Börse, und ich habe eine ganze Zeit damit verbracht, mir den Kopf zu zerbrechen. Weißt du denn, daß John Dearborn auch Direktor der Gesellschaft ist?«

 

»Dearborn, der Theaterschriftsteller?« fragte Hason schnell. »Nein, das war mir nicht bekannt. Selbstverständlich sind Direktoren in einer derartigen Gesellschaft, wie diese hier«, sagte er lächelnd, »nur von Judd vorgeschlagen und gewählt. Man hat mir erzählt, daß Judd ein ganz guter Kerl ist und eine Menge Geld für wohltätige Stiftungen spendet. Er unterhält beinahe ganz allein das Heim, in dem Dearborn der Vorsteher ist. Vielleicht hat man dem nur den Direktorposten gegeben, um das Heim auf diese Weise etwas zu unterstützen.«

 

»Daran habe ich auch schon gedacht«, nickte Larry. »Wer ist aber Walters?«

 

»Habe niemals von ihm gehört«, sagte Sir John.

 

»Er ist ein anderer Direktor der Gesellschaft. Und Cremley? Ernest John Cremley aus Wimbledon.«

 

»Der ist ganz sicher dekorative Figur«, lachte der Kommissar. »Ich kenne ihn oberflächlich. Er ist ein Mann mit sehr wenig Kopf, aber einem unstillbaren Appetit auf Karten. Warum fragst du?«

 

»Weil diese beiden gleichfalls Direktoren des Macready-Theater-Syndikates sind«, antwortete Larry bedächtig. »Judds Name ist nicht erwähnt, dafür aber ein fremder Name, unter dem wahrscheinlich ein Strohmann Judds erscheint.«

 

»Und was schließt du aus all diesem?« fragte der Chefkommissar.

 

»Was ich daraus schließe?« – Larry verhielt sein Pferd und brachte es herum, so daß er seinem Chef in das Gesicht blickte – »daß Judd das Theater, in dem Dearborns Stücke aufgeführt werden, unter seiner Kontrolle hat. Es besteht also eine Verbindung zwischen Judd und dem Leiter der Blinden-Mission in Paddington.«

 

Sir John dachte lange Zeit über diese Mitteilung nach, bevor er antwortete.

 

»Ich kann wirklich nicht sehen, daß dabei etwas zu finden sein sollte. Dearborn ist doch schließlich nur das Opfer des blinden Jake, und Judd nach allem, was du mir in deinem Rapport von gestern mitgeteilt hast, ist überhaupt nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, wenn du nicht unseren Freund Flimmer Fred mit hineinbringen willst. Ich kann sehr gut begreifen, warum der Doktor den Namen seines Bruders rein halten wollte«, fuhr er fort. »Judd vergötterte seinen jüngeren Bruder, hielt ihn für den besten und tüchtigsten Menschen in der ganzen Welt. Mir ist niemals ein Fall vorgekommen; wo ein Bruder soviel Liebe für den anderen bewies. Die ganze Woche hindurch, in der sein Bruder David Judd gestorben war, hatte der Doktor sich eingeschlossen und wollte niemand sehen. Teufel noch mal, was –!«

 

Der überraschte Ausruf des Kommissars war sehr berechtigt, denn Larry hatte plötzlich sein Pferd herumgerissen und sprengte in scharfem Galopp quer durch den Park, ohne das gefährliche Gelände zu beachten, über das er hinwegsetzte.

 

Der Mann hörte den Galopp der Hufe und rannte schnell wie ein Reh gerade auf das Parktor zu und in die Straße hinaus. Das Tor war so schmal, daß Larry nicht hindurchreiten konnte. Er sprang ab, überließ das Pferd seinem Schicksal und eilte auf die Straße. Er sah nur noch ein Auto, das von der Bordschwelle wegfuhr und sich schnell nach Westen entfernte.

 

Vergebens hielt er nach einem Taxi Ausschau, zuckte die Achseln, fand sein Pferd, stieg auf und kanterte langsam zu Sir John zurück.

 

»Was zum Teufel ist denn in dich gefahren?« fragte Sir John.

 

»Ich sah einen Herrn, den ich brennend gern treffen möchte«, war Larrys ein wenig atemlose Antwort. »Einen gewissen blinden Jake, der seinen morgendlichen Gesundheitsspaziergang im Park macht, während sein Wagen wartet, um ihn, wie es sich für einen vollkommenen Kavalier geziemt, wieder nach Haus zu fahren!«

 

Kapitel 32

 

32

 

Als er nach seiner Wohnung zurückkam, war Diana bereits aufgestanden und saß am Frühstückstisch.

 

»Ich dachte, Sie würden nicht wieder zurückkommen«, sagte sie mit einem leichten Seufzer.

 

Er erzählte ihr von seiner Jagd im Park.

 

»Das wirft eigentlich meine Annahme über den Haufen, daß der blinde Jake sich immer noch im Heim oder in der Wäscherei verborgen hält«, sagte sie, »denn das Haus ist doch wohl noch unter Beobachtung?«

 

»Auf beiden Seiten«, antwortete Larry, »aber es gibt ein Dutzend verschiedener Wege, auf denen der Kerl herauskommen kann. Die Tatsache allein, daß er einen Morgenspaziergang machen kann, daß die Leute, die hinter ihm stehen, seine Gesundheit für wichtig genug halten, um ein Auto zu seiner Verfügung zu stellen, beweist, daß er während des Tages eingeschlossen sein muß.«

 

Beide waren allein, da die Pflegerin und Anstandsdame ihre Toilette noch nicht beendet hatte.

 

»Ich weiß wirklich nicht, wie dieser Fall mal endigen wird, Diana«, sagte Larry nach kurzem Schweigen, »und es ist jetzt ein sehr prosaischer Augenblick, um Ihnen zu sagen, was ich gern … hm … was ich gern sagen möchte, aber – aber, Diana, wenn der Fall wirklich einmal abgeschlossen ist, möchte ich nicht, daß Sie weiter im Präsidium bleiben.«

 

Sie erblaßte leicht.

 

»Sie wollen damit sagen, Sie sind nicht mit mir zufrieden«, sagte sie. »Als Sekretärin?«

 

»Ich schätze Sie sehr als Sekretärin und als Mensch«, Larry gab sich die größte Mühe, in ruhigem Ton zu antworten. »Aber es gefällt mir gar nicht, daß – Sie hier arbeiten.«

 

Beide schwiegen. Endlich sagte sie ruhig:

 

»Ich denke nicht, daß ich nach Erledigung des Falles Stuart noch weiterarbeiten werde. Ich habe auch schon daran gedacht, meine Stellung aufzugeben.«

 

Diese Antwort kam ihm gänzlich unerwartet und erfüllte ihn mit tiefem Schrecken.

 

»Sie werden doch nicht weggehen?« rief er, und Diana brach in helles Gelächter aus.

 

»Sie sind wirklich die inkonsequenteste Person, die man sich denken kann. In einem Augenblick entlassen Sie mich und hoffen in dem anderen, daß ich nicht weggehe.« – Sie bewegte sich auf gefährlichem Boden und war sich dieser Tatsache völlig bewußt. – »Aber schließlich« fügte sie mutwillig hinzu, »gibt es doch noch andere Stellen, wo tüchtige, junge Mädchen verlangt werden.«

 

»Ich kenne eine Stelle, wo ein tüchtiges, junges Mädchen verlangt wird.« Larry schluckte hart. »Seine Arbeit besteht darin, sich um eine kleine Wohnung zu kümmern und das bescheidene Vermögen eines Kriminalinspektors, der eines schönes Tages auch mal was besseres wird, zu teilen.«

 

Bei diesen Worten ließ sie das Stückchen Toast fallen, das sie gerade aufgenommen hatte.

 

»Ich – ich verstehe Sie nicht«, stammelte sie.

 

»Sie verstehen mich nicht?« wiederholte Larry. »Ich möchte Sie heiraten – scheren Sie sich zum Teufel!«

 

Mit offenem Munde blickte sie auf und sah gerade noch, wie sich die Tür hinter dem schwergekränkten Sunny schloß.

 

»Entschuldigen Sie, bitte – es tut mir furchtbar leid«, stotterte Larry. »Ich habe Sie doch nicht gemeint – ich meinte natürlich –«

 

»Ich weiß, was Sie meinen«, sie legte ihre Hand auf die seinige, »Sie wollen mich haben?«

 

»Ich verlange nach Ihnen«, sagte Larry heiser. »Ich sehne mich so sehr nach Ihnen, daß ich keine Worte finden kann, um Ihnen das auszudrücken.«

 

Sie sagte nichts. Ihre Hand lag still unter seiner, aber als ihr Blick auf ihr verzerrtes Spiegelbild in der silbernen Kaffeekanne fiel, lachte sie auf, und Larry, der sehr empfindlich war, zog schnell seine Hand zurück.

 

»Ich befürchte, ich mache mich lächerlich«, sagte er ruhig. Sie hatte sich nicht gerührt.

 

»Legen Sie Ihre Hand wieder zurück«, flüsterte sie ganz leise, und Larry gehorchte. »Und jetzt erzählen Sie mir, was Sie sagen wollten. Ich mußte über mich selbst in der Kaffeekanne lachen. Ich sehe wirklich nicht aus wie jemand, dem man um halb neun Uhr morgens einen Heiratsantrag machen könnte.«

 

»Und – wollen Sie wirklich?« stammelte er, kaum fähig, ein Wort herauszubringen.

 

»Wollen? – Was denn – einen Antrag erhalten?« antwortete sie schalkhaft. »Ob ich das will! Es gefällt mir sogar sehr – liebster Larry.«

 

Und dann fand sie sich in seinen Armen, und die Welt verschwand um sie herum.

 

Sunny kam herein – sie sahen ihn nicht. Leise schlich er sich wieder hinaus, ging auf den Treppenabsatz vor der Wohnungstür und drückte auf den Klingelknopf des Fahrstuhls. Das junge Mädchen, das den Fahrstuhl bediente, war gut befreundet mit ihm und verschaffte ihm so manche wertvolle Auskünfte.

 

»Louie«, sagte er und war noch feierlicher als gewöhnlich, »können Sie mir sagen, ob ich hier in der Nähe ein möbliertes Zimmer finden kann? – Ich glaube, ich werde bald woanders schlafen müssen.«

 

»Woanders schlafen, Pat?« fragte Louie verwundert. (Er hatte ihr gnädigst die Freiheit gestattet, ihn bei seinem Vornamen anzureden.) »Will denn Ihr Herr eine Haushälterin nehmen?«

 

»Ich glaube es«, sagte Sunny mit Grabesstimme. »Ich glaube es wirklich, Louie.«

 

War er an diesem Morgen nach seinem Büro gefahren, gelaufen, vielleicht geflogen – Larry hatte keine bestimmte Erinnerung daran, alles war verschwommen, nur das eine wußte er: Diana Ward war an seiner Seite, und er war hoffnungslos, lächerlich, überwältigend glücklich in seiner Liebe zu ihr.

 

»Aber doch nicht beim Frühstück«, sagte er laut. »Du lieber Himmel, doch nicht beim Frühstück!«

 

»Nicht beim Frühstück?« wiederholte das junge Mädchen. »Ach so, du denkst an – ja, es war wirklich komisch.«

 

»Es war … wundervoll! Wundervoll! Ich fühle mich wie im Himmel.«

 

»Dann muß ich dich mal wieder ein wenig auf die Erde zurückbringen«, sagte Diana ruhig. »Ich möchte, daß du mir etwas versprichst.«

 

»Ich will dir alles versprechen, was es auch sein mag, Diana«, sagte er im Überstrom seiner Gefühle. »Verlange den obersten Ziegel des Schornsteins, verlange ein Stückchen vom Mond und –«

 

»Gar nichts so Schwieriges. Ich möchte nur – und doch wird es vielleicht noch schwieriger sein«, sagte sie ernsthaft. »Willst du mir versprechen, daß du mich unter keinen Umständen bitten wirst, unsere Verlobung aufzuheben?«

 

Er drehte sich zu ihr und wäre beinahe stehen geblieben.

 

»Nichts mehr als das?« sagte er. »Wie kannst du nur auf den Gedanken kommen, daß ich jemals den Wunsch haben sollte, diese wunderbare Verlobung aufzulö–«

 

»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach sie ihn. »Es ist genau so wundervoll für mich, und doch« – sie schüttelte den Kopf – »willst du mir versprechen, daß du niemals unsere Verlobung aufheben wirst, was auch immer vorfallen mag, wie auch immer der Ausgang des Falles Stuart sein mag, ob du Erfolg hast oder nicht, was für Enthüllungen auch kommen mögen – willst du mir das versprechen?«

 

»Das verspreche ich dir«, sagte Larry bestimmt. »Es gibt nichts auf der ganzen Welt, das mich veranlassen könnte, mein gegebenes Wort zurückzunehmen. Aber ich lebe in Todesangst, du wirst noch mal herausfinden, daß du dich an jemand weggeworfen hast, der deiner unwürdig ist. Wenn du das aber tust, schwöre ich dir, daß ich dich wegen gebrochenen Eheversprechens verklagen werde! Mit meinen Gefühlen lasse ich nicht spielen«, fügte er lachend hinzu.

 

Als sie nach dem Zimmer 47 kamen, fanden sie zwei Mann, die im Gang auf sie warteten. Einer war ein Kriminalbeamter in Zivil, und der andere ein kleiner, verschrumpelter Mann, der nachdenklich, die Hände auf den Knien, auf einer Bank saß und mit sichtlosen Augen auf den Boden starrte.

 

Bei seinem Anblick blieb Larry stehen.

 

»Was soll das bedeuten?« fragte er.

 

»Ach, bitte, sei nicht böse«, sagte das junge Mädchen bedauernd. »Das hätte ich dir ja erzählen müssen – ich habe ihn holen lassen.«

 

»Das ist doch Lew«, rief Larry überrascht, und Diana nickte.

 

»Du hast mir doch selbst gesagt, daß ich als Zeugen holen lassen könnte, wen ich nur immer wollte«, begann sie, aber er unterbrach sie freundlich:

 

»Selbstverständlich, Liebling, du kannst tun, was du willst.«

 

Er betrachtete neugierig den alten Mann, der teilnahmlos für alle äußeren Dinge in seiner dunklen, schweigenden Welt seinen eigenen Gedanken nachhing.

 

»Bringen Sie ihn ins Büro«, sagte Larry, und zu Diana: »Wie willst du es denn anfangen, ihn zum Sprechen zu bringen? Wie willst du es ihm verständlich machen, was wir von ihm wollen?« Er schüttelte mitleidig den Kopf. »Ich habe es mir vorher nie recht klar gemacht, was für ein entsetzlicher Zustand es sein muß, blind und taub zu sein. – Kannst du dich mit ihm verständigen?«

 

»Ich glaube – ja«, antwortete das Mädchen ruhig, »aber du mußt dir erst klar machen, daß Lew keine Idee hat, wo er eigentlich ist. Wie soll er das denn wissen? – Vielleicht denkt er, daß er immer noch in jenem fürchterlichen Blindenheim in der Gewalt der Leute ist, die ihn so grausam mißhandelt haben.«

 

Larry nickte beipflichtend.

 

»Ich brauche einen Revolver«, sagte das junge Mädchen, »und einen Schutzmann in Uniform.« Sie wandte sich Larry zu. »Ich muß sehen, ob ich noch nicht alles vergessen habe, was ich im Blindenheim gelernt habe«, und ergriff die Hand des alten Mannes.

 

Sie nahm seine beiden Handgelenke und hob seine Hände an ihr Gesicht.

 

»Eine Frau«, sagte Lew. Dann hielt sie die kleine Vase mit Blumen, die auf ihrem Schreibtisch stand, unter seine Nase.

 

»Rosen, nicht wahr?« fragte er. »Das ist wohl ein Hospital.«

 

Sie winkte den uniformierten Schutzmann, der an der Tür stand, zu sich heran und hob von neuem die Hände des alten Mannes hoch, führte sie leicht über den Uniformkragen des Beamten, über die Knöpfe der Tunika hinweg und ließ ihn schließlich den Helm berühren.

 

»’n Blauer!« sagte Lew und fuhr zurück.

 

Wieder ließ sie ihn an den Blumen riechen und strich von neuem mit seiner knochigen, alten Hand über ihre frische Wange.

 

»Ich bin in ‚m Hospital und ’n Schutzmann paßt auf mich auf. Sucht man mich denn für irgend was?«

 

Diana nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und schüttelte ihn von rechts nach links.

 

»Also nich? Was?« sagte er erleichtert.

 

Larry beobachtete gespannt die beiden.

 

»Bin ich vor den Schweinehunden sicher?«

 

Wieder nahm sie seinen Kopf zwischen die Hände und zwang ihn zu nicken.

 

»Ich soll wohl aussagen?«

 

Das junge Mädchen wiederholte dieselbe Bewegung, zog einen Stuhl heran und führte ihn zu diesem.

 

Der Kriminalbeamte hatte inzwischen den Revolver gebracht und reichte ihn dem jungen Mädchen. Sie nahm Lews Hand und strich leicht mit dieser über Griff und Lauf der Waffe. Er schauderte.

 

»Ja, das haben sie mit mir gemacht«, sagte er. »Sie wollen sie wohl dafür fassen, nicht wahr? – Es war furchtbar grausam für ’nen blinden Mann. Warum kneifen Sie mich denn in die linke Hand?«

 

Wieder ließ sie ihn nicken und zwickte dann seine rechte Hand und, ohne auf seine Frage zu warten, ließ sie ihn den Kopf schütteln.

 

»Ich hab’s, ich hab’s begriffen«, sagte er eifrig. »Die rechte Hand bedeutet nein und die linke ja. Ist jemand hier – ’n Oberbonze?«

 

Sie signalisierte ihm »Ja«.

 

»Wollen Sie, daß ich aussage?«

 

Wieder das »Ja«-Zeichen, und Lew begann seine Erzählung.

 

Er und der blinde Jake waren Leidensgenossen, aber er war beinahe schon von Jugend an der Sklave des riesigen Kerls gewesen und hatte unter der Herrschaft dieses Verbrechers ein ständiges Leben voller Schrecken geführt.

 

»Er hat Dinger gedreht, Sie würden zu Stein erstarren, wenn Sie se wüßten. Dinger«, sagte er kopfnickend, »hat Jake angestellt, an die ick nich gern denke – oft kann ich nachts nich schlafen.«

 

Dann war vor fünf oder sechs Jahren Lews eigener Bruder ein Mitglied dieser außergewöhnlichen Bande geworden.

 

»Und ein feiner, kräftiger Kerl war er«, sagte Lew stolz, »und sehen konnte er auch! Er lief immer auf den Jahrmärkten als Blinder herum, aber er konnte sehen wie ein Luchs, konnte sogar Zeitungen und Bücher lesen; ’n großer Kerl war er, Sir, und hatte einen langen, buschigen Backenbart. Ja, Jim war ein großer Kerl, aber ’n Gauner.«

 

Dann waren sie unter den Einfluß jener außergewöhnlichen Macht geraten, über die der blinde Jake nur in so respektvoller Weise zu sprechen pflegte. Man hatte sie gebraucht, um Tote aus dem Hause fortzuschaffen, Jake hatte dabei geholfen und Jim und Lew. Er wußte nicht, ob man sie ermordet hatte, aber er glaubte es.

 

»Das war ’ne gerissene Bande. Wissen Sie, was sie vor sechs Jahren fertigbekommen haben?« Er schien beinahe stolz auf das verbrecherische Genie dieser Schreckensmenschen zu sein. »Wir haben einen Mann in den Fluß geschmissen mit einem Gewicht an den Beinen. Denken Sie vielleicht, man hat Lunte gerochen, als der Körper gefunden wurde? Nich dran zu denken. Wo denken Sie, daß das Gewicht befestigt worden war? An einem großen Block Salz, der genau um die Beine von dem armen Deibel paßte. Als das Salz sich aufgelöst hatte, kam er fein nach oben und nischt war zu merken.«

 

»Lebte er denn noch, als er hineingeworfen wurde?« fragte Larry, und das junge Mädchen schauderte bei diesem Gedanken.

 

Der Mann konnte die Frage nicht hören, aber er antwortete, als ob er die Worte vernommen hätte.

 

»Vielleicht war er tot«, fuhr Lew fort, »ich weiß es nicht mehr, Krakehl oder so was Ähnliches hat er jedenfalls nich gemacht. Aber ich hatte keine Ahnung, daß sie ihn ins Wasser werfen würden, ich hatte bei Gott keine Ahnung davon. Wie konnte ich denn das wissen? Aber ins Wasser ging er! Na und dann verschwand Jim. Ich weiß nicht, was ihm passiert ist. Eines Tages ging er, und wir haben ihn nie wieder gesehen. Das war, wenn ich mich recht erinnere, im Mai vor vier Jahren.«

 

Lew wurde dann ängstlich, begann allmählich Gefahr für sich selbst zu fürchten und lebte nach dem geheimnisvollen Verschwinden seines Bruders in ständigem Schrecken vor Jake und seinen Drohungen.

 

Er selbst konnte nicht Braille-Schrift schreiben, aber es gab in Todds Heim einen Mann, »’n anständiger Kerl, wissen Sie«, der die Mitteilung schreiben konnte, die er in die Tasche des nächsten Opfers stecken wollte. Möglicherweise hatte er von Jake gehört, daß es in nächster Zeit »Arbeit« geben würde.

 

»Ich glaube, es ist besser, ich gehe jetzt«, sagte das junge Mädchen, das auf einmal tief erblaßt war.

 

Larry führte sie in den Gang und brachte ihr ein Glas Wasser.

 

»Es geht mir schon wieder besser«, lächelte sie tapfer. »Gehe ruhig wieder zurück und höre zu.«

 

Lew sprach noch, als er wieder in das Büro kam, und als er seine Erzählung beendet hatte, wußte Larry alles Wissenswerte über den Mord an Gordon Stuart.

 

An diesem Abend fand eine Konferenz aller Abteilungschefs des Präsidiums unter dem Vorsitz des Chefkommissars statt.

 

»Ich bezweifle, daß die Aussagen dieses Mannes als überführend betrachtet werden«, sagte Sir John bedächtig; »wenn Sie darauf bestehen, werden wir die Haftbefehle erhalten. Ich glaube aber, daß wir mit dem, was wir schon erfahren haben, die Bande vielleicht auf frischer Tat fassen können, wenn wir ihr noch ein wenig Spielraum lassen.«

 

Larry kam gerade rechtzeitig in sein Büro zurück – Diana war bereits nach Haus gegangen –, um das andauernde Läuten seines Telephons zu hören.

 

»Ist dort Mr. Holt?« fragte eine unbekannte Stimme.

 

Gewöhnlich kommt es äußerst selten vor, daß man im Präsidium von anderen Personen als Beamten oder Polizisten angerufen wird, da die Nummer der verschiedenen Abteilungen nicht in dem Telephonbuch angeführt sind.

 

»Hier Inspektor Holt«, antwortete Larry.

 

»Dr. Judd läßt fragen, ob Sie sofort nach seinem Büro kommen könnten. Er hat Ihnen etwas sehr Wichtiges mitzuteilen.«

 

Larry überlegte einen Augenblick.

 

»Schön! Ich komme sofort!«

 

Er nahm Harvey mit, und bald darauf setzte sie ein Taxi im Bloomsbury Pavement ab.

 

Larry hatte erwartet, das Haus um diese Zeit verlassen vorzufinden und war überrascht, eines der oberen Fenster und die lange, schmale Vorhalle beleuchtet zu sehen. Er ging schnell durch das Vestibül; die kleine Portierloge war leer. Am äußersten Ende der Halle befanden sich die Türen der beiden automatischen Fahrstühle, von denen einer fahrbereit unten war.

 

»Soll ich mit Ihnen hinauffahren?« fragte der Sergeant.

 

Es lag kein Grund vor, warum er das nicht tun sollte, aber doch – –

 

»Nein, warten Sie hier unten«, sagte Larry.

 

Er stieg in den Fahrstuhl, drückte auf den Knopf »Vierte Etage« und fuhr langsam nach oben. Der Aufzug hielt in der vierten Etage, Larry öffnete die Gittertür und betrat den Vorplatz. Gerade ihm gegenüber lag eine erleuchtete Glastür, auf der die Worte »Dr. Judd« deutlich sichtbar aufgemalt waren. Er drehte den Türknopf herum. Das Zimmer war leer. Er rief noch einmal und ging, als niemand antwortete, verwundert auf den Treppenabsatz zurück.

 

Jede Faser in Larrys Körper war angespannt – Dr. Judd gehörte nicht zu jenen Leuten, die einem einen Schabernack spielen wollen, oder versuchen würden, ihn an der Nase herumzuführen.

 

Dann machte er eine überraschende Entdeckung. Er war mit dem Fahrstuhl zur Linken heraufgekommen. Dieser war jetzt verschwunden, aber dafür war jetzt der rechtsseitige sichtbar, der in dem obersten Stockwerk gewesen sein mußte, während er im vierten ausstieg. Noch auffälliger aber war es, daß die Fahrstuhltür weit offen stand.

 

Wer war heraufgekommen?

 

Er spähte den Gang entlang, niemand war zu sehen.

 

»Ist oben alles in Ordnung?« kam die hohle Stimme Harveys durch den Schacht des Aufzuges nach oben.

 

»Ich komme jetzt nach unten«, rief Larry und trat durch die offene Tür in den wartenden Aufzug.

 

Sein Fuß war schon erhoben, und er war gerade im Begriff, ihn auf den Boden des Aufzugs zu setzen, als er sich blitzschnell darüber klar wurde, daß das, was er für festes Holz gehalten hatte, nichts anderes wie bemaltes Papier war. Es war unmöglich, sich zurückzuwerfen, das Gleichgewicht zu bewahren, sein ganzer Körper schoß nach vorn.

 

Nur einen Bruchteil einer Sekunde zur Überlegung – dann nahm er alle seine Kräfte zusammen und stieß sich mit aller Gewalt ab, die sein linker Fuß, der noch auf der festen Schwelle ruhte, aufbringen konnte, sprang vorwärts und klammerte sich an eine der Leisten an der Täfelung der Hinterseite des Aufzugs fest. Die Leiste war noch nicht anderthalb Zentimeter breit, aber mit der ganz außergewöhnlichen Kraft seiner Hände gelang es ihm, sich festzuhalten, selbst als seine Füße durch den Papierboden brachen und das ganze Gewicht seines Körpers nur an den Fingerspitzen hing. So hing er, jede Muskel seines Körpers aufs höchste angespannt, in der Höhe des Schachtes fünfundzwanzig Meter hoch über dem Steinboden unter ihm.

 

»Schnell heraufkommen!« rief er. »Vierte Etage. Schnell. Ich sitze in der Falle.«

 

Er hörte das Geräusch des anderen Aufzuges, das Summen des Motors und hörte zu gleicher Zeit über sich ein anderes Geräusch. Er blickte nach oben und sah aus der Öffnung der fünften Etage ein Gesicht auf sich herabblicken.

 

Dann sauste etwas an ihm vorbei und schlug mit einem Krach gegen die Seitenwand des Aufzuges. Beinahe hätte er für einen Augenblick den Halt verloren. Er fühlte, wie der ganze Fahrstuhl schwankte und dann – zu seinem Entsetzen – glitt der andere an ihm vorbei.

 

»Halt! Hier!« schrie er.

 

Das Gesicht über ihm schien allmählich zu verschwimmen, aber wieder sah er, wie sich eine Hand vorstreckte, fühlte, wie etwas Schweres sein Schulter streifte. Seine Finger glitten ab und er fiel.

 

Kapitel 25

 

25

 

Ein unbeschreibliches Gefühl von Sicherheit und tiefem Glück durchströmte sie, als sie in Larrys Armen lag. Endlich machte sie sich langsam frei und stieß wenige hastige Worte hervor, die ein kleines Regiment von Detektiven veranlaßten, nach dem Schlafsaal und durch die Ziegelsteintür zu stürzen, die sie halb offen gelassen hatte.

 

Larry vertraute das junge Mädchen der Obhut Harveys an und eilte hinterher. Das Zimmer, in dem Diana eingeschlossen war, war leer; er hielt sich nur einen Augenblick auf, um den Strom auszuschalten, und folgte dann den anderen nach. Es stellte sich ohne jeden Zweifel heraus, daß der ganze Teil dieses Gebäudes trotz seiner anscheinenden Unbewohntheit regelmäßig benutzt worden war. Sie fanden Zimmer, die innerhalb der ursprünglichen Räume durch Errichten einer schwachen Wand gebildet wurden, die nur wenige Fuß von jedem Fenster entfernt war. So konnte das Haus bei Nacht beleuchtet werden, ohne daß irgend jemand von außen das geringste wahrnahm.

 

Jake der Blinde hatte die reine Wahrheit gesagt, als er dem jungen Mädchen von den vielen Ausgängen des Hauses sprach. Einen fanden sie im Keller, der zu einem aufgegebenen Abzugskanal von Regenwasser führte, und dort gaben sie weitere Nachforschungen auf. Keiner von ihnen allen war für eine Verfolgung durch die Dunkelheit ausgerüstet.

 

Ein zweiter Ausgang führte direkt in den Hof, wo Larry die Garage gefunden hatte, und ein dritter führte nach der Küche in Todds Heim.

 

Larry mußte sich klar machen, daß sein Wild entwischt war; und ging zu Diana zurück. Er fand sie im Büro des Vorstehers.

 

»Und jetzt, Mr. Dearborn«, begann er, »möchte ich von Ihnen einige Aufklärungen über die merkwürdigen Vorkommnisse in Ihrem Hause haben.«

 

»Ich kann nicht finden, daß sich irgend etwas Merkwürdiges und Geheimnisvolles in diesem Hause ereignet hat«, sagte Mr. Dearborn ruhig. »Sie können mich doch nicht für Verbrechen verantwortlich machen wollen, die im nächsten Hause begangen wurden. Man hat mir erzählt, daß Verbindungstüren zwischen den beiden Gebäuden gefunden wurden, aber davon hatte ich nicht die geringste Ahnung. Wenn wirklich jemand im Nebenhause gewohnt –«

 

»Sechs Menschen wohnten nebenan«, unterbrach Larry. »Wir haben ihre Betten und einige ihrer Kleidungsgegenstände gefunden. Und die Tatsache, daß wir Bücher fanden, einige noch geöffnet, beweist klar, daß die Insassen nicht blind waren.«

 

Mr. Dearborn zuckte mit den Achseln.

 

»Was kann ich denn machen?« fragte er. »Wir sind in unserem Hause gänzlich von der Zuverlässigkeit unserer Insassen abhängig. Auch wenn es zeitweise möglich ist, die Gegenwart eines Fremden an dem ungewohnten Fußtritt, der Stimme, am Husten zu erkennen, ist es gar nicht ausgeschlossen, daß diese Männer sich frei und ungehindert dieses Hauses bedienten, um ihre verbrecherischen Pläne zur Ausführung zu bringen, ohne daß wir auch nur den geringsten Verdacht haben konnten.«

 

Seine Worte waren von so unbestreitbarer Logik, daß Larry nichts darauf entgegnen konnte.

 

Ganz offen gab er auch die Berechtigung von Mr. Dearborns Worten zu.

 

»Ich muß ohne weiteres diese Möglichkeit zugeben«, sagte er. »Es ist natürlich sehr bedauernswert für Sie und auch für mich. Die Sache hätte ja noch viel schlechter ablaufen können.« Wie entsetzlich sie aber in Wirklichkeit gewesen war und hätte endigen können, erfuhr er erst, als ihm das junge Mädchen ihre Erlebnisse während der Fahrt nach Scotland Yard mitteilte.

 

»Mein armes Kind«, schauderte er. »Das ist ja furchtbar.«

 

Sie hatte ihren Regenmantel übergezogen, und an der Ecke von Edgware Road hatten sie angehalten, weil sich das junge Mädchen eine neue Bluse kaufen wollte. Sie bestand darauf, erst nach dem Präsidium zu fahren, um dort ihre Erklärung zu Protokoll zu geben.

 

»Dearborn tut mir leid«, sagte Larry. »Er ist wirklich eine ergreifende Figur. Bei Menschen, die wie er ihr ganzes Leben barmherzigen Werken gewidmet haben, muß man eben kleine schwache Anstrengungen für dramatische Effekte entschuldigen. Haben Sie bemerkt, wie eifrig er Ihnen die Hand schüttelte?«

 

Sie sah ihn scharf an.

 

»Ja, das habe ich sehr gut bemerkt«, sagte sie mit eigenartiger Betonung.

 

»Nanu, Diana«, fragte er, »was wollen Sie damit sagen?«

 

»Ach nichts«, antwortete sie leichthin. »Ich meine nur, daß er meine Hand ergriffen und sie herzlich geschüttelt hat, das ist alles.«

 

»Da ist doch nichts dabei«, lächelte Larry.

 

»Da ist sehr viel dabei«, entgegnete sie. »Viel mehr, als Sie sich selbst klarmachen.«

 

Sie eilte voraus nach Zimmer 47, und als er kurze Zeit später diskret an die Tür klopfte, hatte sie schon ihre zerrissene Bluse mit der neuen vertauscht.

 

»Was ich übrigens vergessen habe, Sie zu fragen – wo haben Sie denn eigentlich die mörderische Waffe aufgetrieben, die Sie in der Hand hielten, als Sie die Treppe herabkamen?«

 

»In der Tasche des blinden Jake! Es war fürchterlich, ihn berühren zu müssen, aber ich wollte doch irgendeine Waffe haben.«

 

»Zweifellos haben Sie jetzt schon einen großen Teil des ganzen Falles aufgedeckt«, begann er. »Wir wissen jetzt, daß der blinde Jake und der Mann namens Lew –«

 

»Haben Sie ihn denn im Heim gelassen?«

 

Er lächelte etwas bitter.

 

»In dieser ganzen Sache habe ich schon zu viele Fehler begangen, um auch noch diesen hinzufügen zu können. Nein, ich habe ihn in ein anderes Haus bringen lassen, wo er verpflegt wird. Lew und Jake waren die beiden Menschen, die mit Stuart zu tun hatten, entweder vor oder nach seiner Ermordung«, fuhr er fort. »Die Bande hatte wahrscheinlich Lew in ihrer Gewalt, und er hatte entweder den Wunsch, sich aus ihren Händen zu befreien oder sich an ihnen wegen irgendeiner Verräterei zu rächen. Aus diesem Grunde schrieb er die Botschaft, die wir aufgefunden hatten, auf ein Stück braunes Papier und natürlich in Braille Schrift. Das bringt nun unsere Nachforschungen auf einen einzigen Mann zurück, denn es gibt selbstverständlich Mittel, um Lew verständlich zu machen, daß er nun sicher und in unseren Händen ist.«

 

»Und an der wichtigsten von allen unseren Entdeckungen sind Sie vorbeigegangen«, sagte sie langsam.

 

Larry stand lachend auf und lief – eine seiner Lieblingsgewohnheiten – im Zimmer auf und ab.

 

»Sie sind ein außergewöhnliches Mädel«, sagte er. »Kaum bilde ich mir ein, den Fall etwas aufgeklärt zu haben, als Sie schon wieder irgend etwas Neues vorbringen, etwas Neues und Wichtigeres in der Form von Spuren und Entdeckungen, und meistenteils«, fügte er nachdenklich hinzu, »etwas, das alle meine mühsam aufgebauten Theorien umwirft.«

 

»Das glaube ich aber jetzt nicht«, sagte sie. »Ich meine nur die Frau ›oben‹.«

 

»Was für eine Frau ›oben‹?« fragte er erstaunt.

 

»Erinnern Sie sich denn nicht, wie ich Ihnen erzählte, daß Jake mit dem Daumen nach der Zimmerdecke wies und sagte, wenn ich ein Gesicht hätte wie sie –« Sie hielt inne.

 

»Seien Sie nicht böse«, sagte er sanft. »Ich bin wirklich ein Scheusal, und noch dazu ein gedankenloses Scheusal. Aber es hat sich heute so viel ereignet, daß ich kaum noch an den Fall Stuart gedacht habe. Und das erinnert mich, daß ich telephonieren muß.«

 

Er verlangte eine Nummer, die sie als die des Trafalgar Hospitals kannte.

 

»Bitte, das Büro der Oberschwester«, sagte er und, während sie sich noch wunderte, was dies bedeuten sollte, »Sind Sie es, Direktrice? Ja, ich bin es, Larry Holt. Wie geht es Ihnen? – Sagen Sie, haben Ihre Außenschwestern viel zu tun? – Ich meine, ob einige von ihnen frei sind. – So, das trifft sich ja sehr gut. – Ich möchte Sie bitten, mir eine nette, mütterliche Schwester nach meiner Wohnung in Regent’s Gate Gardens zu schicken. – Sie wissen doch, wo ich wohne? – Ob ich krank bin? – Nein, ganz und gar nicht, aber es wohnt jemand bei mir, der nicht ganz auf dem Posten ist – jawohl, eine Dame.«

 

Er hängte den Hörer an und sah die erstaunten Blicke des jungen Mädchens.

 

»Haben Sie denn eine Dame bei sich wohnen?« fragte sie erstaunt.

 

»Nein, noch nicht, aber sehr bald«, war die Antwort. »Sie gehen nur noch nach Ihrer Wohnung in der Charing Croß Road, um sich alle Sachen zusammenzusuchen, die Sie nötig haben. Und dann kommen Sie nach meiner Wohnung, wo Sie bis auf weiteres unter der Obhut einer sehr netten Schwester bleiben werden.«

 

»Aber das kann ich nicht, das ist ganz ausgeschlossen«, sagte sie mit blutrotem Gesicht. »Ich könnte niemals –«

 

»Doch, Sie könnten sehr gut«, sagte er, »und Sie werden es jetzt genau so machen, wie ich Ihnen gesagt habe. Wenn nicht, bin ich gezwungen, mich jede Nacht vor Ihre Wohnungstür zu setzen, und hole mir natürlich den Tod bei der Kälte.«

 

Endlich stimmte sie zu. Dann gingen sie beide zusammen essen, und nachher führte er sie in das Macready-Theater, wo sie sich das Stück Dearborns ansahen. Am Ende des zweiten Aktes verließen sie völlig verblüfft das Theater.

 

»Wie ist es nur möglich, daß irgend jemand einen solch schrecklichen Unsinn auf die Bühne bringen kann?« fragte das junge Mädchen auf dem Wege nach seiner Wohnung.

 

»Es ist mehr als unbegreiflich«, sagte Larry.

 

Es war schon nach elf, als sie nach seiner Wohnung kamen. Die Fahrstühle waren nur bis halb elf im Dienst, und so mußten sie die Treppen hinaufgehen.

 

»Achten Sie auf die Stufen«, sagte Larry. »Die Treppenbeleuchtung ist unter aller Würde.«

 

Er ging voraus, und sie sah ihn plötzlich auf dem zweiten Treppenabsatz stehenbleiben.

 

»Allmächtiger! Wer ist denn das?«

 

Halb zusammengebrochen und regungslos lag ein Mann gegen seine Tür gelehnt. Larry beugte sich über ihn hinweg, klingelte, und gleich darauf öffnete Sunny die Tür.

 

In dem Lichtschein, der von der Diele herausfiel, sah Larry das Gesicht des Mannes. Sein Atem ging schwer und röchelnd; Gesicht und Kopf waren mit Blut bedeckt.

 

»Sunny, ist die Krankenschwester gekommen?«

 

»Jawohl, Sir«, sagte Sunny und blickte auf den Verwundeten.«

 

»Dann wird sie uns sehr nützlich sein.«

 

»Aber wer ist denn das?« fragte Diana und lugte an ihm vorbei.

 

»Flimmer Fred«, sagte Larry leise, »und näher dem Tode als irgendwer.«

 

Kapitel 26

 

26

 

Sie trugen den Verwundeten ins Wohnzimmer und legten ihn auf einen Diwan. In der oberen Etage wohnte ein Doktor, der glücklicherweise noch nicht zu Bett gegangen war und in wenigen Augenblicken unten war.

 

»Sehr schwer verwundet«, war sein Befund. »Zwei tiefe Messerstiche, und die Kopfwunde sieht aus, als ob der Schädel gebrochen wäre.«

 

»Der Mann muß vor meiner Wohnungstür angegriffen worden sein«, sagte Larry. »In seinem Zustand konnte er doch nicht bis hierher gekommen sein.«

 

»Unmöglich«, bestätigte der Arzt. »Vielleicht hätte er noch zwei oder drei Yard laufen können, aber meiner Meinung nach ist er dort angefallen worden, wo Sie ihn gefunden haben: vor Ihrer Tür. Kennen Sie den Mann?«

 

»O ja«, war Larrys Antwort. »Er ist eine alte Bekanntschaft von mir. Schwebt er in Lebensgefahr?«

 

»In sehr großer«, antwortete der Doktor ernst. »Der Schädelbruch ist das Schlimmste. Ich würde ihn sofort in ein Hospital bringen lassen, wo er untersucht und, wenn nötig, sofort operiert werden kann.«

 

Der Krankenwagen war gekommen und wieder weggefahren, und die einzige Erinnerung an Flimmer Freds Besuch waren einige dunkle Flecken vor der Tür.

 

Die Schwerster erfüllte in jeder Weise seine telephonisch gegebenen Ansprüche. Sie war wohlbeleibt, gemütlich und sehr mütterlich, und in den ersten freien Minuten machte Larry sie mit den Gründen bekannt, die ihre Anwesenheit in seiner Wohnung verlangten.

 

»Es war nach den schrecklichen Erlebnissen, die Miß Ward heute durchmachen mußte, selbstverständlich ausgeschlossen, sie in ihre Wohnung in der Charing Croß Road zurückkehren zu lassen«, und Schwester James, ganz und gar nicht unzufrieden, einen so leichten »Fall« zu erhalten, stimmte ihm von ganzem Herzen bei.

 

Sie bewies ihre Autorität, indem sie Diana sofort ins Bett schickte, was das junge Mädchen kleinlaut genug befolgte. Aber Schlaf war unmöglich für sie. Um zwei Uhr morgens hörte Larry, der arbeitend an seinem Schreibtisch saß, das leichte Knarren einer sich öffnenden Tür, blickte auf und sah sie im Türrahmen stehen. Sie war im Morgenrock, und ihr Haar war in einem langen, goldenen Zopf geflochten.

 

»Ich kann nicht schlafen«, sagte sie nervös, beinahe schroff. Larry sah, sie war überreizt, und zog einen bequemen Sessel für sie heran.

 

Sie saß still mit gefalteten Händen in ihrem Sessel. Kein Laut ließ sich hören wie das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims und dann das Knarren von Larrys Stuhl, als er sich ihr zuwandte.

 

»Was bedrückt Sie, Diana?«

 

Sie blickte schnell zu ihm auf.

 

»Glauben Sie, daß ich bedrückt bin?«

 

Er nickte.

 

»Sie haben recht. Die Frau ›oben‹ läßt mir keine Ruhe.«

 

»Die Frau ›oben‹? – Ach, Sie meinen die Frau, von der Jake gesprochen hat? Aber Diana, ein ›oben‹ gab es ja gar nicht mehr. Sie waren ja schon in der obersten Etage des Hauses, und das Haus ist ein Stockwerk niedriger als Todds Heim.«

 

Aber Diana konnte sich nicht zufrieden geben.

 

»Arme Seele, arme Seele« murmelte das junge Mädchen und begann zu Larys Schrecken leise zu weinen. »Der Gedanke an sie läßt mir keine Ruhe, läßt mich nicht schlafen«, schluchzte sie. »Sie werden sie festhalten. Sie dürfen sie ja gar nicht freilassen.«

 

»Warum denn?« rief er mit stockendem Atem. »Wollen Sie vielleicht sagen, daß die Frau Clarissa Stuart ist?«

 

Sie blickte ihn mit tränenüberströmtem Gesicht an.

 

»Clarissa Stuart? – Nein, ich denke nicht, daß sie Clarissa Stuart ist.«

 

»Wer kann es dann sein?« fragte er. »Wer denken Sie denn überhaupt, wer sie ist?«

 

»Ich denke es nicht – ich weiß es sicher«, mit qualvoller Langsamkeit suchte sie nach den Worten. »Die Frau ist Emma. Die Aufwärterin Emma aus der Pension.«

 

Larry sprang auf die Füße und sagte dann langsam:

 

»Die Aufwärterin! – Sie haben recht!«

 

Wieder war das leise Ticken der Uhr das einzige Geräusch in dem Zimmer, als sie sich beide, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, gegenübersaßen.

 

»Sie glauben also, daß zwischen dieser furchtbaren Bande und dem Fall Stuart ein Zusammenhang besteht?«

 

Sie nickte.

 

»Auch ich glaube das«, sagte Larry, »und habe meine sehr guten Gründe dafür. Und doch kann ich nicht sehen, was sie durch den Tod Stuarts gewonnen haben, falls sie natürlich nicht mit dem Mädel, das sich Clarissa Stuart nannte, unter einer Decke stecken?«

 

Sie machte mit den Armen eine kleine hoffnungslose Bewegung und erhob sich.

 

»Ich kann den ganzen Zusammenhang erkennen«, sagte sie. »Er ist für mich ganz klar, aber – einen einzigen Menschen konnte ich in die Angelegenheit nicht hineinbringen«, fuhr sie fort, »nun haben Sie mir auch dafür eine Erklärung geliefert.«

 

»Und wer ist das?«

 

»Flimmer Fred! – Er ist weiter nicht als ein gewöhnlicher Verbrecher, der in die ganze Sache mit hineingezogen wurde, ohne selbst davon eine Ahnung zu haben.« Sie nickte nachdrücklich, als ob sie sich erst in diesem Augenblick über den Punkt völlig klar geworden wäre. »Aber die anderen? – Der blinde Jake, der für einen unbekannten Herrn arbeitet? – Die Aufwärterin, das bedauernswerteste Opfer von allen! – Armer Lew, mit seinen tauben Ohren und armen, wunden Fingern – Sie haben ja die Finger nicht gesehen. Ich wollte gerade darüber mit Ihnen sprechen, als wir von dem Doktor unterbrochen wurden.«

 

»Wunde Finger?« fragte er erstaunt. »Nein, ich habe sie nicht bemerkt.«

 

»Ich habe es gefühlt«, schauderte sie zusammen, »als er mein Gesicht berührte. Alle seine Finger waren an den Spitzen mit Blasen bedeckt, verbrannt.«

 

»Aber, mein Gott, warum denn nur?«

 

»Damit er weder Braille-Schrift schreiben noch lesen kann!« sagte sie langsam.

 

»Das ist ja unmöglich«, rief Larry entsetzt. »Eine solche Gemeinheit kann es in der Welt nicht geben! – Liebes Kind, ich bin mit einigen der schaurigsten Verbrechen in Berührung gekommen, die je in Europa begangen wurden. Ich habe die Opfer gesehen und die Täter aufgespürt, verfolgt und hängen lassen. Menschen können grausam, lasterhaft, gewissenlos, blutdürstig sein, aber sie begehen nicht kalten Blutes solche Scheußlichkeiten, wie sie Ihrer Meinung nach diesem armen, blinden Mann zugefügt wurden.«

 

Sie lächelte wieder.

 

»Ich glaube, Sie haben sich selbst noch nicht klar gemacht, wie schlecht, wie grundschlecht diese Menschen sind. Was nun Dearborn betrifft –« sie lachte auf.

 

»Diana, liebe Diana, Sie haben jetzt das Stadium erreicht, wo man gegen jeden Menschen mißtrauisch ist. Aber doch nicht mißtrauisch gegen den armen John Dearborn, der aus reinster Menschenliebe in jener Spelunke und inmitten dieser fürchterlichen Menschen arbeitet?«

 

Sie nickte.

 

»Ich gab John Dearborn die Hand, als ich dorthin kam. Ich gab ihm die Hand, als ich wegging«, sagte sie.

 

»Das macht ihn doch nicht zum Verbrecher«, lächelte er.

 

»Und als ich ihm meine Hand hinhielt, ergriff er sie. Denken Sie doch, bitte, daran, daß ich zwei Jahre lang Schwester in einem Blindenheim war … als ich meine Hand hinhielt, ergriff er sie.«

 

»Ja, aber warum denn nicht?« fragte Larry verständnislos.

 

»Weil er sie nicht sehen konnte, wenn er blind war. Und John Dearborn ist ebensowenig blind wie Sie oder ich.«

 

Kapitel 27

 

27

 

»Sagen Sie das bitte noch einmal«, rief Larry. »Sie hielten die Hand hin, und er ergriff sie.«

 

Sie nickte.

 

»Wissen Sie denn nicht, daß man immer die Hand eines Blinden ergreift, wenn man ihn begrüßen will, weil er ja doch die ausgestreckte Hand nicht sehen kann? – Aber Dearborn erhob seine Hand im gleichen Augenblick, wo ich ihm meine entgegenhielt.«

 

Larry starrte sie fassungslos an.

 

»Wenn er nicht blind ist, warum ist er dann überhaupt in dem Heim? – Auf jeden Fall ist er doch aber ein Geistlicher.«

 

»Es gibt keinen John Dearborn in der Liste der Geistlichen«, sagte das junge Mädchen ruhig. »Ich habe die ganze Liste sorgfältig durchgelesen; sein Name findet sich auch nicht auf den Listen der Independenten, Baptisten und Wesleyaner.«

 

Larry sah sie voller Bewunderung an.

 

»Sie sind wirklich ein Wunder! Haben Sie aber auch daran gedacht, daß er von Australien gekommen ist?«

 

»Auch die australischen Listen kann man hier erhalten«, antwortete sie sofort, »und der einzige John Dearborn ist ein sehr alter Herr, der in Totooma lebt und sicherlich nicht mit dem unserigen identisch ist.«

 

Sie hatte sich einen Stuhl dicht an seinen Schreibtisch gezogen und beugte sich mit verschlungenen Händen ihm zu.

 

»Larry«, sagte sie, »– außerhalb der Bürostunden werde ich Larry zu Ihnen sagen – ist es Ihnen denn nicht aufgefallen, daß John Dearbons Stücke trotz aller ständigen Durchfälle immer wieder von dem Theater angenommen werden?«

 

»Darüber habe ich schon oft nachgedacht«, gab Larry zu, und sie nickte mit dem Kopf.

 

»Ich wünschte, Sie würden sich mal über das Direktorium des Macready-Theaters informieren«, sagte sie. »Man müßte herausfinden, aus welchen Personen sich das Syndikat zusammensetzt, das das Geld für Inszenierung dieser Stücke bewilligt oder aufbringt. – Ich kann nicht vergessen, daß Mr. Stuart von diesem Theater aus verschwunden ist.«

 

»Ich auch nicht«, sagte Larry nachdrücklich. »Aber John Dearborn! Das ist nicht denkbar.«

 

»Jetzt werde ich müde«, sagte sie, sich erhebend. »Ich habe mein Herz erleichtert. – Lassen Sie –«, sie zögerte einen Augenblick, »lassen Sie die Wäscherei beobachten?«

 

»Ich habe da zwei Mann auf Posten, die jeden ein- und ausfahrenden Wagen anzuhalten und sich zu informieren haben, wer der Führer ist und was der Wagen enthält.«

 

»Dann kann ich mich ja beruhigt zu Bett legen«, lachte sie leise. Als sie an ihm vorbeiging, strich sie ihm zart mit der Hand über das Haar und sagte: »Für einige Zeit noch ist Emma nicht in direkter Lebensgefahr. Die eigentliche Gefahr für sie beginnt in dem Augenblick, wenn sie von der Wäscherei weggebracht wird.«

 

»Sie können darüber völlig beruhigt sein«, entgegnete Larry, und mit dieser Zusicherung verschwand sie in ihrem Zimmer, und er hörte, wie sich ihre Tür schloß.

 

Der nächste Tag brachte keine neuen Entwicklungen. Die Polizei hatte noch einmal die Wäscherei durchsucht und doch noch einen Raum entdeckt, der oberhalb des Zimmers lag, in dem Diana eingeschlossen gewesen war.

 

Larry verwünschte sich selbst, daß er seine erste Durchsuchung des Grundstücks nicht sorgfältiger durchgeführt hatte. Er war aber so erleichtert gewesen, als man Diana wiedergefunden hatte, und war darum nicht so gründlich vorgegangen, wie er es hätte tun müssen.

 

Zwei Menschen wünschte er vor allen Dingen zu finden. Erstens den Mann, dem der kleine Finger der linken Hand fehlte, jene rätselhafte Person, die sich einen Tag vor ihm in Beverley Manor nach Mrs. Stuart erkundigt hatte. Und zweitens Emma, die geheimnisvolle Aufwärterin. Er fühlte in seinem Innersten, daß Emma den Schlüssel zu allen diesen unbegreiflichen Rätseln in Händen hatte.

 

»Ich werde es mir nie verzeihen«, sagte er zu Diana, »wenn dieser Frau etwas zustößt.«

 

»Sie brauchen nicht zu befürchten«, sagte sie kopfschüttelnd, »daß sie ihr ein Leid zufügen werden. Ihr Leben ist viel zu kostbar für die Bande, und ich werde ganz genau wissen, wann die eigentliche Gefahr für sie beginnt.«

 

»Sie?« rief er überrascht. »«Wirklich, Diana, manchmal sind Sie mir direkt unheimlich.«

 

Sie lachte und ließ ihre Schreibmaschine emsig klappern.

 

»Flimmer Fred ist noch nicht zur Besinnung gekommen«, erzählte er ihr, »aber die Aussichten dafür sind nicht ungünstig. Der Doktor sagt, daß kein Schädelbruch vorliegt und daß der Druck auf das Gehirn, der ihn noch besinnungslos hält, nachlassen wird.«

 

»Wo liegt er denn?«

 

»Im St. Mary-Hospital«, erwiderte Larry. »Ich habe ihn in ein Privatzimmer legen lassen mit einem Mann als Wache. Nicht, weil ich befürchte, der arme Fred könnte entwischen«, fügte er lächelnd hinzu, »sondern weil es einige Leute in London gibt, denen außerordentlich viel daran liegt, daß er entwischt, aber nur auf eine Weise, die ihnen selbst vollkommene Sicherheit garantiert –«

 

Sie brauchte nicht zu fragen, was er damit meinte. Larry legte den Federhalter weg.

 

»Es wäre keine schlechte Idee, wenn wir nach St. Mary fahren und uns an der Quelle erkundigen würden, wie es ihm geht. – Wollen Sie nicht mitkommen?«

 

Als sie sich vor dem zehn Zentimeter breiten und ebenso hohen Spiegel den Hut aufsetzte, fragte sie, ohne den Kopf nach ihm umzudrehen:

 

»Was beabsichtigen Sie mit Dearborn zu machen?«

 

Er strich nachdenklich sein Kinn.

 

»Im Augenblick weiß ich wirklich nicht, was ich machen soll. Es ist schließlich kein Verbrechen, wenn ein Mann behauptet, er wäre blind und ist es nicht. Und übrigens hat er vielleicht noch genügend Sehkraft, um Ihre Hand gesehen zu haben. Vielleicht gibt es noch ein Dutzend anderer Erklärungen. Er konnte ja seine Hand auch ganz mechanisch, instinktiv erhoben haben.«

 

Sie nickte.

 

»Es ist möglich«, versetzte sie ruhig, »aber er lächelte doch auch, als ich ihm zulächelte.«

 

»Wer würde das nicht tun?« sagte Larry verliebt.

 

In dem Büro des Chefarztes von St. Mary trafen sie den Chirurgen, der diesen Fall in Händen hatte.

 

»Sie kommen wie gerufen«, meinte er. »Ihr Schützling ist gerade wieder zur Besinnung gekommen.«

 

»Darf er sprechen?« fragte Larry eifrig.

 

»Ich denke ja, wenn die dringende Notwendigkeit dazu vorliegt. Er ist begreiflicherweise sehr schwach, und unter gewöhnlichen Umständen würde ich keine Erlaubnis geben, ihn zu – vernehmen. Ich gehe in meiner Annahme wohl nicht fehl, daß es sich um eine besondere polizeiliche Recherche handelt.«

 

»Allerdings«, sagte Larry grimmig.

 

Der Arzt führte sie nach dem Krankenzimmer, an dessen Tür das junge Mädchen zögernd stehenblieb.

 

»Soll ich mit hineinkommen?« fragte sie.

 

»Ihre Gegenwart ist sehr notwendig«, sagte Larry, »und wenn auch nur in professioneller Eigenschaft. Haben Sie Ihr Stenogrammheft bei sich?«

 

Sie nickte, und beide betraten das Zimmer, in dem Fred Grogan lag. Sein Kopf war ganz verbunden, sein Gesicht war blaß und verzerrt, aber seine Augen leuchteten auf, als er Larry erblickte.

 

»Ich hätte es niemals für möglich gehalten, mich auf Ihren Besuch zu freuen«, sagte er. »Aber vor allen Dingen, Inspektor«, seine Stimme klang sehr ernst, »müssen Sie die Frau aus dem Kesselhaus herausholen.«

 

»Die Frau im Kesselhaus?« fragte Larry schnell. »Was meinen Sie damit?«

 

»Das Kindermädchen. Die Amme von Clarissa«, war die verblüffende Antwort, »und wer Clarissa eigentlich ist, mag der Teufel wissen.«

 

»Also jetzt werde ich Ihnen mal die reine Wahrheit erzählen«, begann Fred und setzte sich im Bett zurecht. »Das beste ist, ich fange von vorne an, und ich muß mich da in ein schlechtes Licht setzen, aber Sie müssen eben eine ganze Masse, was ich Ihnen hier erzähle, vergessen, weil ich sonst in den Verdacht kommen könnte, nicht ganz ehrlich zu sein.«

 

»Der Gedanke, daß sich eine derartige Meinung über Sie verbreiten könnte, wäre mir unerträglich«, sagte Larry, aber ohne zu lächeln, »und ich kann Ihnen die Zusicherung geben, daß sämtliche Einzelheiten, die sich nicht direkt auf den Mord Gordon Stuarts beziehen, in diskretester Weise vergessen werden.«

 

»Famos!« sagte Fred sichtlich erleichtert. »Also los. Die ganze Geschichte beginnt vor ungefähr vier oder fünf Jahren in Montpellier. Kennen Sie vielleicht Montpellier?«

 

»Sehr gut«, sagte Larry. »Sie können also alle topographischen Einzelheiten auslassen. Ich kenne die Stadt vom Coq d’Or bis zum Palais.«

 

Kapitel 28

 

28

 

»Ich war gerade in Montpellier«, begann Fred, »sah mir die Gegend an und amüsierte mich ein bißchen, bis ich so langsam in einen Spielklub hineinkam, der still und leise von einem Mann namens Floquart geleitet wurde. Gespielt wurde Bakkarat, und ich habe immer viel Glück beim Bakkarat, namentlich wenn ich gut Freund mit dem Geber bin. Diesmal aber war ich mit dem Geber nur ›oberflächlich bekannt‹, wie Sie vielleicht sagen würden, und drei ganze Tage lang habe ich kein anderes Geld wie mein eigenes in die Hände bekommen. Und jeden Tag war von meinem eigenen Gelde immer weniger zu sehen. Na und dann haben sie mich in einer Nacht fein säuberlich ausgenommen, und als ich von Floquart wegging, hatte ich gerade Geld genug, um nach Hause zu kommen, wenn ich zu Fuß ging.

 

»Ich kam gerade aus der Rue Narbonne, als ich einen Schuß hörte, und sah auf der anderen Seite des Platzes einen Mann an der Erde liegen und einen anderen auffallend schnell weggehen. Nirgendwo war ein Schutzmann zu sehen. Der Kerl, der so schnell abmarschierte, mußte wohl gedacht haben, daß er glücklich entwischt war, als ich plötzlich auf ihn zukam. Es war Morgendämmerung und gerade hell genug, daß ich sein Gesicht sehen konnte. Er sah sehr gut aus, hatte einen großen, gelben Bart und war, glaube ich, zu Tode erschrocken, als ich plötzlich auftauchte und ihn in Beschlag nahm. Privatangelegenheiten gingen mich ja schließlich nichts an, aber Sie müssen nicht vergessen, daß ich völlig – hm – ausgemistet war. Dann dachte ich auch, hier wäre die Gelegenheit, einem Mitmenschen in Not zu helfen und ihn von etwaigen Geldsummen, die ihn vielleicht verdächtig machen könnten, zu befreien. Er erzählte mir eine lange Geschichte, daß der Mann, den er erschossen hatte, ihm eine große Gemeinheit zugefügt hätte – in Gegenwart der jungen Dame möchte ich nicht näher darüber sprechen –, und dann steckte er mir ungefähr sechzehntausend Franken in die Hände, und dann ließ ich ihn seiner Wege gehen; er tat mir so leid.«

 

Er blickte verschmitzt zu Larry auf und grinste.

 

»Weiter. – Als ich sah, daß sich kein Schutzmann blicken ließ, ging ich über den Platz und sah mir den Erschossenen an, obwohl ich wußte, daß ich großes Risiko lief, in der Nähe einer halben oder ganzen Leiche gesehen zu werden. Man hat später gesagt, er wäre sofort durch den Schuß getötet worden, das stimmt aber nicht, denn er lebte noch, als ich zu ihm kam und mich nach dem armen Teufel bückte, um zu sehen, ob ich noch etwas für ihn tun könnte. Ich fragte ihn, wer auf ihn geschossen hätte, und er sagte« – Fred machte eine nachdrückliche Pause – »David Judd.«

 

Larry zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe.

 

»David Judd?« fragte er. »Ist er mit dem Doktor Judd verwandt?«

 

»Sein Bruder«, sagte Fred. »Und auf diese Weise habe ich den Doktor kennengelernt. Ich habe Judd immer gesagt, daß ich ihn in der Straße wiedererkannt hätte, in Wirklichkeit aber war es der arme Teufel auf dem Platz in Montpellier, der ihn verraten hat. Ich versuchte immer noch herauszubekommen, warum man ihn angefallen hatte, als er unter meinen Händen starb. Ich wußte natürlich sehr gut, daß ich nichts dabei gewinnen konnte, bei einem ermordeten Menschen gefunden zu werden, obwohl ich glücklicherweise keinen Revolver bei mir hatte und auch nachweisen konnte, wo ich gewesen war. Dann hörte ich den schweren Fußtritt von einem Polizisten in der Nebenstraße, und machte, daß ich so schnell wie möglich fortkam. Aber der Schweinehund hatte mich doch gesehen, und ich mußte vor dem Untersuchungsrichter erscheinen und nachweisen, daß ich mit dem Mord gar nichts zu tun hatte und daß ich auf die Suche nach einem Arzt ging, als ich gesehen wurde. Ich hatte nämlich den vernünftigen Einfall«, fügte er hinzu, »sofort nach einem Arzt zu laufen, als es mir klar war, daß die Polente mich gesehen hatte.«

 

Er machte eine Pause, weil er selbst es ziemlich schwierig fand, für seine nachfolgenden Handlungen Worte zu finden, die ihn in ein nicht zu schlechtes Licht stellen würden.

 

»Als ich nach London zurückkam, hielt ich es für meine Pflicht, Mr. David Judd aufzusuchen«, sagte er. »Er war nicht in seinem Büro – er hatte damals einen Privatraum in der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft –, aber ich sprach mit seinem Bruder und schüttete ihm mein Herz aus.«

 

»Mit Herz ausschütten meinen Sie natürlich, Sie wollten herausbekommen, wieviel er zahlen würde, damit Sie Ihren Mund hielten. Ist es nicht so?«

 

»Stimmt ganz genau, Mr. Holt. Was Sie für ’n Kopf haben!« sagte Fred bewundernd. »Er war furchtbar aufgeregt, Doktor Judd meine ich, und sagte, er würde mit seinem Bruder sprechen, sobald er von seiner Reise zurückgekommen sein würde. Und dann passierte was, das zuerst so aussah, als ob es alle meine schönen Aussichten ruinieren wollte. Doktor David starb. Auf seiner Rückreise von Schottland erkältete er sich und starb innerhalb vierundzwanzig Stunden. Ich bin beim Begräbnis gewesen«, sagte Fred, »als Leidtragender, und ich wette, daß keiner mehr Kummer gehabt hat als ich. Trotzdem muß ich aber sagen, daß Doktor Judd sich mir gegenüber als Kavalier gezeigt hat. Nach dem Begräbnis seines Bruders ließ er mich zu sich kommen, sagte, daß er das Gedächtnis seines Bruders von jeder schlechten Nachrede frei halten wollte und bot mir eine regelmäßige jährliche Summe an, falls ich meinen Mund halten würde.«

 

»Der Mann, der erschossen worden war, war doch ein Bürobeamter?« fragte Larry.

 

»Er war Angestellter«, sagte Fred sehr langsam, »und zwar Angestellter der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft, der gegen David Judd Erpressungen versuchte.«

 

Larry stieß einen leisen Pfiff aus.

 

»Der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft«, wiederholte er; »Erpressungen gegen David! – »Was für ein Verbrechen hatte denn David begangen?«

 

Fred schüttelte den Kopf.

 

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Mr. Holt. Wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen sofort erzählen. Aber es muß eine ziemlich faule Sache gewesen sein. Doktor Judd sagte aber, daß sein Angestellter eine ganze Masse Geld unterschlagen hätte, und da muß auch was Wahres dran gewesen sein, denn ich erinnere mich, daß er bei Floquart viel und sehr hoch gespielt hat.

 

»Also, um die Geschichte kurz zu machen, ich habe dann vier Jahre lang ein ganz gutes Einkommen von Doktor Judd bezogen. Ich will mich gar nicht entschuldigen oder versuchen, Ihnen zu beweisen, daß ich wie ein kleiner Kavalier gehandelt habe – das würde Sie ja auch gar nicht interessieren. Vor ein paar Tagen traf ich den Doktor bei einer Hochzeit. Er war eingeladen, aber ich nicht«, erklärte Fred schamlos, »aber das war ja auch das wenigste: ich ging jedenfalls hin. Er lud mich dann ein, gestern abend in seinem Hause in Chelsea mit ihm zu essen. Doktor Judd hat da ein pikfeines Haus, bis oben ran voll mit Gemälden und Schmucksachen. Und da er mir eine schöne runde Summe angeboten hatte, um mich ein für allemal loszuwerden, entschloß ich mich denn auch hinzugehen.

 

»Da ist ein Kerl beim Doktor«, fuhr er nach kurzer Überlegung fort, »so ’ne Art Kammerdiener. Ich will ja keinen verraten, Mr. Holt, aber er ist ein alter Sträfling und hat in Portland in der Zelle neben mir gesessen.«

 

»Er heißt Strauß«, sagte Larry, »hat eine Vorliebe für ›Koks‹ und ist dreimal verurteilt.«

 

»Ach, das wissen Sie schon?« sagte Fred überrascht. »Ich kenne ihn also auch und traf ihn neulich ganz zufällig im Piccadilly. Er wollte gerade ein paar Kleinigkeiten unterbringen, die er seinem Herrn gemaust hatte, und da blieb ihm nichts anderes übrig, als auch mir etwas von seinem Überfluß abzugeben: ein Paar Manschettenknöpfe –«

 

Larry fuhr hoch.

 

»Da kamen sie also her? – Sie gehörten Doktor Judd?«

 

»Ich bin nicht ganz sicher, ob sie wirklich Doktor Judd gehörten«, sagte Fred. »Wie ich von Strauß gehört habe, waren oft Wochenendgäste da, und vielleicht hat er die Knöpfe einem von diesen geklaut. Jedenfalls«, sagte er zögernd – er fand es schwierig, seine Pläne in Worte zu bringen, ohne sich selbst in einem zu schlechten Lichte erscheinen zu lassen – »hatte ich so die Idee, mir ein paar kleine Andenken mitzunehmen, bevor ich abreiste, und ich hatte mich mit Strauß verabredet, daß ich mir nur mal das Haus ansehen und einige Kleinigkeiten aussuchen wollte, die mich an meinen guten, alten Freund erinnern sollten. Als ich nun zum Essen eingeladen wurde, griff ich natürlich mit beiden Händen zu. Damit will ich nun nicht sagen, daß ich allein zu dem Diner gegangen wäre, denn so große Busenfreunde sind der Doktor und ich nun doch noch nicht; aber er erzählte mir, es würden noch eine Menge anderer Gäste kommen, und so ging ich dann hin. Ich war ja eigentlich um acht eingeladen, um die Zeit ist es schon stockdunkel, aber ich ging schon um sieben, und auch nicht direkt nach seinem Hause, sondern gegenüber nach der anderen Seite der Straße. Ich wollte nämlich lieber erst mal Doktor Judds Gäste ankommen sehen, bevor ich selbst auf der Bildfläche erschien. Ich wartete bis acht Uhr. Niemand kam. Ich wartete bis halb neun, und dann sah ich den Doktor herauskommen und die Straße auf- und abblicken. So hungrig war ich mittlerweile geworden, daß ich beinahe zu ihm hinübergegangen wäre, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich allein, verstehen Sie, ganz allein mit einem Menschen speiste, den ich beschwindelt hatte. So wartete ich weiter und wartete und wartete, bis auf einmal ein Auto ankam und direkt auf das Einfahrtstor an der Seite des Hauses losfuhr. Ich dachte schon, das Auto würde die Tore eindrücken, als sie sich im Augenblick, wo die Scheinwerfer sie zu berühren schienen, öffneten. Das ist aber komisch, sagte ich mir, ging über die Straße und sah mir mal die Geschichte über das Tor hinweg an. Das bedeutete natürlich ein bißchen Klettern für mich, aber das ging ganz leicht und ohne alles Geräusch. Und wissen Sie, was ich sah? Der erste Mensch, der aus dem Wagen stieg, war das dicke Riesenvieh, der in der Jermyn Street versucht hatte, mir die Luft abzudrehen.«

 

»Der blinde Jake?« warf Larry ein.

 

»Ich bin ihm niemals vorgestellt worden«, sagte der andere bitter. »Jedenfalls sah ich ihn ganz deutlich, als er vor den Scheinwerfern vorbeiging; dann gingen die Lichter aus, und ich konnte nichts mehr sehen. Um zehn Uhr öffneten sich die Tore wieder – es war wie Zauberei, denn niemand war in der Nähe – und der Wagen fuhr heraus. Als er langsam an mir vorbeifuhr, rannte ich hinterher und sprang auf den Gepäckträger, der glücklicherweise heruntergeklappt war. In der Kings Road in Chelsea sprang ich ab, weil es da zu hell ist und ich von einem Polizisten gesehen werden konnte. Aber es gab ’ne Masse Taxis, ich nahm eine und sagte dem Chauffeur, er sollte hinter dem anderen Wagen herfahren. Ich wollte herausbekommen, wo der blinde Jake, so heißt er doch wohl? wohnte, und es machte keine große Schwierigkeit, dem Wagen zu folgen. Wir fuhren am Viktoria-Bahnhof vorbei, dann durch Grosvenor Place nach Park Lane zu. Ich befürchtete, das Auto würde in den Park einbiegen, und dann hätte ich es verloren, denn die Parkwege sind ja nur für Privatwagen offen, aber nicht für Taxis. Aber glücklicherweise oder leider, wie man’s nehmen will, fuhr der Wagen nicht durch den Park, sondern durch die Edgware Road, und bog dann auf einmal in eine Seitenstraße ein«, fuhr Larry fort, »und ich riskierte es, meinen Kutscher zu bezahlen und ihnen zu Fuß nachzufolgen. Das Viertel war mir sehr gut bekannt, und ich hatte noch nicht mal zehn Minuten zu suchen, bis ich den Wagen vor einem Torweg in einer hohen Mauer anhalten sah. Der Fahrer mußte sich jedenfalls verfahren haben, denn ich war beinahe in demselben Augenblick da wie der Doktor.«

 

»Dr. Judd? – War der auch da?«

 

Fred nickte und bedauerte unendlich, seinen schmerzenden Kopf bewegt zu haben; es vergingen einige Augenblicke, bis er wieder fähig war, zu sprechen.

 

»Wenn ich meinen dämlichen Schädel nicht stillhalte«, sagte er, sich selbst verspottend, »werde ich ihn noch verlieren. Ja, der Doktor war auch da. Ich war ganz dicht in ihrer Nähe – als sie alle drei ausstiegen, stand ich schon hinter dem Wagen. Der blinde Jake, ein anderer Kerl, den ich nicht kannte, und dann der Doktor. Einer hatte eine Tasche in der Hand und schien in schlechter Laune zu sein.

 

»›Ich protestiere, zu so später Stunde auf eine solche Weise geholt zu werden‹, sagte er.

 

»Der Doktor, nicht der blinde Jake, sagte etwas mit leiser Stimme, was ich nicht verstehen konnte.

 

»Warum konnten Sie denn nicht einen anderen Arzt rufen? Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie mich gezwungen haben, hierherzukommen, und ich komme nur unter Protest. Wo ist denn die Frau?‹ Und ich glaube, die Antwort war nicht für meine Ohren bestimmt, denn als der blinde Jake sagte ›Im Kesselhaus‹, und lachte, fuhr der andere mit einem Fluch auf ihn los und sagte, er sollte das Maul halten.

 

»Sie gingen durch das Tor, und dann fuhr der Wagen an. Ich glaube, er mußte umdrehen, und die Straße war nicht breit genug. Das Tor war verschlossen und frisch gestrichen, aber ich konnte noch die Aufschrift ›Wäscherei‹ unter der neuen schwarzen Farbe erkennen.«

 

»Haben Sie vielleicht den Namen der Straße gelesen?« fragte Larry.

 

»Reville Street«, sagte er zu Larrys Überraschung.

 

»Das ist ja die Straße, die mit Lissom Lane parallel läuft«, meinte er. »Man weiter, Fred.«

 

»Ich mußte mich schleunigst dünne machen, weil man mich sonst gesehen hätte. Ich ging also um den Häuserblock herum und tauchte gerade wieder auf, als der Doktor herauskam. Diesmal waren es aber nur zwei Personen; der große blinde Mann war verschwunden. Was sie sich erzählten, konnte ich nicht hören, aber schließlich sagte der Doktor ›Gute Nacht‹, und der Wagen fuhr ab. Der andere sah hinter ihm her, und es blieb mir nichts anderes übrig, als bei ihm vorbeizuschlendern, als ob ich die Straße heraufgekommen wäre. Wenn es eine schlechte Angewohnheit gibt, dann ist es die, im Wachen oder im Schlafen Selbstgespräche zu führen«, sagte Fred nachdenklich. »Aber es gibt Leute, die können nichts dagegen machen. Also der Kerl, der da hinter dem Wagen herblickte, gehörte zu dieser Sorte. So ’ne Art Grübler. Und wie ich ihm gerade gegenüber war – er stand bewegungslos mit den Händen auf den Rücken und sah nach dem verschwindenden Schlußlicht des Autos –, hörte ich ihn was murmeln. Und die Worte waren, ich erinnere mich noch ganz genau: ›Clarissas Amme‹. Zweimal hat er das gesagt. Ich ging meiner Wege und dachte nicht im Traum daran, daß ich ihnen verdächtig vorgekommen war, dachte vielmehr: Das Beste, was du nun unternehmen kannst, mein lieber Fred, ist: sofort zu Mr. Holt und ihm erzählen, was du gesehen und gehört hast.«

 

Larry nickte.

 

»Ich war nur noch ein paar hundert Yard von Ihrem Hause entfernt, da hatte ich so ein unangenehmes Gefühl, als ob man mir nachfolgte. Sehen konnte ich niemand, aber ich hatte die ekelhafte Empfindung, die man bekommt, wenn die Polente hinter einem her ist und man sie nicht loswerden kann. Jetzt war ich in Ihrer Straße und sah mich nach Ihrem Hause um, war schon einmal daran vorbeigegangen, bis man mich wieder zurückschickte. Ich glaube, die Leute, die mir nachgegangen waren, müssen sich in das Haus geschlichen und oben auf mich gewartet haben. Ich erinnere mich noch, daß ich die Hand nach dem Türklopfer an Ihrer Wohnung hochhob und dann weiß ich nichts mehr.«

 

Das junge Mädchen hatte eifrig mitgeschrieben und schloß nun ihr Buch.

 

»Ich glaube, das ist so ziemlich alles«, sagte Fred mit schwacher Stimme. »Ich möchte gern mal trinken.«

 

Zehn Minuten später flogen zwei Motorwagen mit Polizisten in Zivil nach West zu, und die Bewohner der kleinen Straße an der Rückseite der Wäscherei waren interessierte Beobachter einer zweiten Razzia.

 

»Was ist das für eine Mauer?« fragte Larry einen seiner Beamten.

 

»Die Mauer der eigentlichen Wäscherei«, antwortete Sergeant Harvey. »Ich habe sie schon sehr genau durchsucht, aber nichts gefunden.«

 

»Haben Sie das Kesselhaus gesehen?«

 

»Jawohl, Sir, es ist ein ganz gewöhnlicher Kesselraum mit einem großen Kessel und einer Dampfmaschine.«

 

»Lassen Sie das Tor öffnen«, befahl Larry. »Sie haben doch Leute in Lissom Lane, die den anderen Ausgang bewachen?«

 

»Ja, Sir« berichtete der Sergeant, und hatte in wenigen Augenblicken das Tor geöffnet.

 

Der Raum, in den sie direkt von der Straße aus hineinkamen, lag in tiefer Finsternis. Als man Beleuchtung erhalten hatte, sah man eine lange Halle aus Ziegelsteinen mit Zementfußboden. Durch die Mitte liefen vier Reihen Tischgestelle, an denen früher die Angestellten der Wäscherei gearbeitet hatten. Eine Reihe Stufen, mit Geländer versehen, führten nach unten, und Larry ging den anderen voran nach dem Kesselhause.

 

Kapitel 29

 

29

 

»Sie sollten sich was schämen«, sagte Jake der Blinde und schüttelte langsam seinen riesigen Kopf.

 

Er saß zusammengekauert auf der einen Seite eines röhrenförmigen Raumes, und seine Worte waren an eine erbärmlich aussehende Frau gerichtet, die mit mutlos gesenktem Kopfe ihm gegenüber saß und die Arme um die Knie geschlungen hatte. Sie war äußerst ärmlich gekleidet, graue Strähnen zogen sich durch ihre wild herabhängenden Haare, und Gesicht und Hände waren mit Schmutz bedeckt.

 

Der Raum selbst konnte kaum als solcher bezeichnet werden. Er glich mehr einem vergrößerten Hauptrohr der Wasserleitung. Der Boden war mit Geröll und Zementstücken bedeckt. Am einen Ende war eine Eisentür, kaum groß genug, um einen normalen Menschen hindurchzulassen, am anderen Ende war ein unregelmäßiges Loch in der Eisenwandung, durch das man in eine dahinterliegende, schwarze Höhlung blicken konnte, deren Boden gleichfalls mit Geröll bedeckt war.

 

»Du solltest dich vor dir selbst schämen«, tadelte der blinde Jake. »Sie tun alles, was sie bloß für dich machen können, du häßliche, olle Hexe, und du sitzt hier und wimmerst und heulst. Genau wie ’n junger Hund, dem man den Schwanz abgeschnitten hat.«

 

Die Frau stöhnte und murmelte vor sich hin.

 

»Wenn ich könnte, wie ich wollte, dann würdest du schon Grund haben, zu jammern«, sagte Jake. »Geben wir dir nich zu fressen? Haben wir dir nich ’n schönes Bett gegeben, wo de drauf liegen konntest, bis der verfluchte Hund seine Nase hier ‚reinstecken mußte?«

 

»Ich möchte weg von hier«, sagte die Frau. »Sie bringen mich ja um.«

 

»Noch nicht«, kicherte Jake. »Vielleicht wollen Sie, daß du um de Ecke gebracht wirst – na, denn wirste eben umgebracht.«

 

»Ich will fort von hier«, rief die Frau schluchzend. »Warum halten Sie mich in dem fürchterlichen Loch eingeschlossen?«

 

»Willste lieber da unten bei de Ratten sein?« brummte Jake der Blinde. »Haste nich geschrien und gekreischt, als die kleenen Kerle dich anquiekten? Und nun sitzt de gesund und sicher hier, wo keene Ratte an dich ‚ran kann, und von morgen ab kannste in einem feinen Haus wohnen mit schöne, weiße Decken auf de Betten. Du undankbarer, alter Deibel!«

 

Sie erhob ihr kummervolles Gesicht und blickte den Mann neugierig an.

 

»Sie sprechen von denen, als ob sie Engel wären«, sagte sie. »Einer dieser Tage werden Sie doch von Ihnen verraten –«

 

»Halt’s Maul!« fuhr der Mann bissig auf. »Du kennst Sie ja gar nich. Was haben Sie alles für mich getan? Wem verdanke ich denn mein feines Leben, so viel Geld, wie ich bloß haben will, Essen un Trinken? ’n hübsche, junge Frau haben Sie mir ooch gegeben«, er kicherte, aber sein Kichern endete in einer scheußlichen Grimasse. »Ich wer se noch kriegen; sie hat mich beinah umgebracht, das gemeine Frauenzimmer.«

 

»Wer war sie denn?« fragte die Frau.

 

»Geht dich gar nischt an. Du kennst se doch nich«, sagte Jake, schien aber nicht abgeneigt, weiter über diese Angelegenheit zu sprechen, »’n junges, flinkes Mächen war se. Aber sie gehört ooch zur Polente, und darum wollten Sie se ooch haben.«

 

Sie antwortete nichts, und ihr Schweigen dauerte so lange an, daß er sich zu ihr beugte und sie mit seiner großen Hand anstieß.

 

»Du wirst doch keenen Anfall kriegen?« fragte er ängstlich. »Doch nich so ’n Anfall wir das letztemal? Wir können nich immer ’n Doktor holen. Das nächste Mal wer ich dich zu Verstand bringen«, sagte er drohend. »Ich wer dich schon wach kriegen«, und er schüttelte sie wild.

 

»Ich bin ja doch wach, ich bin ganz wach«, rief sie angstvoll. »Bitte, lassen Sie mich doch los; Sie brechen mir ja den Arm.«

 

»’s gut, aber betrage dicht vernünftig«, brummte er und kroch dann langsam nach dem anderen Ende dieses röhrenförmigen Raumes, in dem nicht einmal die Frau, die nichts weniger als groß war, aufrecht stehen konnte. Es war bewundernswert, wie ein so riesenhafter Mann sich durch die zackige Öffnung in der Eisenwand hindurchwinden und in die dahinterliegende Höhlung kriechen konnte. Sie hörte, wie er Steine beiseite schaffte, um die Höhlung, an der er schon den ganzen Tag gearbeitet hatte, zu erweitern. Sie wunderte sich, wo sie sich eigentlich befand, denn sie war krank und besinnungslos gewesen, als man sie in diese schreckliche Kammer geschleppt hatte, und hatte keine Erinnerung, wie sie dorthin gekommen war. Sie wußte nur, daß man sie suchte, daß aber die fürchterlichen Leute, die sie hier gefangen hielten, alles taten, um ihre Entdeckung zu vereiteln.

 

Als Jake zurück kam, sagte sie zu ihm:

 

»Mr. Stuart würde Ihnen eine Menge Geld geben, wenn Sie mich zu ihm brächten.«

 

Er kicherte.

 

Das haste mir schon hundertmal erzählt, olle Närrin. Wenn Sie mich zu Mr. Stuart brächten, würde er Ihnen eine Menge Geld geben«, äffte er ihr nach. »Der wird mir sicher ’ne Masse Geld geben!«

 

»Ich habe doch seine Kinder gepflegt«, jammerte sie, »und seine arme Frau. Und als ich mich verheiratete, hat er mir einen wunderschönen Trauring geschenkt.«

 

»Halt endlich mal ’s Maul«, fauchte der Mann sie an. »Kannste denn über gar nischt anderes reden? Hunderttausendmal hast de mir nu schon von seinen Kindern und dem verwünschten Trauring erzählt!«

 

»Und als ich ihm von Clarissa erzählte«, flüsterte die Frau, »hat er mir tausend Pfund versprochen. Als ich ihn sah, bin ich vor Überraschung beinah umgefallen!«

 

Der blinde Jake beachtete sie nicht weiter. Er hatte diese Geschichte schon so oft gehört, daß sie jedes Interesse für ihn verloren hatte.

 

»Er hat ja niemals gewußt, daß er Zwillinge hatte, und dachte, sein Kind wäre gestorben.«

 

»Wenn de nich geklaut und gesoffen hättest, hättste ihm ja erzählen können, wo sie war. Aber mach‘ dir man darüber keene Kopfschmerzen. Sie haben det Mädel gefunden, ’ne feine Dame is se und hat viel Geld. Ich habe gehört, wie Sie gesagt haben, daß sie ’ne feine Dame is und viel Geld hat«, fügte er einfältig hinzu.

 

Sein Glauben und sein Vertrauen in seine geheimnisvollen Gebieter kannte keine Grenzen.

 

»Ich trank ganz gern mal einen guten Tropfen«, gestand die nicht ganz zurechnungsfähige Frau ein, »und sie haben mich für rein gar nichts ins Gefängnis geschickt. Und die Anstalt war fürchterlich!«

 

Plötzlich schoß er auf sie zu und legte seine Hände auf ihre Schultern. Sie öffnete den Mund, um zu schreien, aber bevor sie noch einen Ton hervorbringen konnte, zischte er ihr dicht ins Gesicht:

 

»Einen einzigen Laut und de bist tot! Sei still!«

 

Seine feinfühligen Ohren hatten das Geräusch von Fußtritten auf dem Fußboden über ihnen vernommen. Nur ein Blinder konnte diese schwachen Geräusche durch die trennenden Mauern hindurch gehört haben. Er kroch ganz dicht an sie heran, legte einen Riesenarm um ihre Schulter und hielt den anderen dicht vor ihr Gesicht.

 

»Nur einen Laut und de bist tot!« flüsterte er noch einmal, und dann hörte man, wie jemand an die kleine eiserne Tür am anderen Ende anklopfte und Larry Holts Stimme ertönte:

 

»Ist hier jemand?«

 

Kapitel 3

 

3

 

Zimmer Nr. 47 lag eine Etage höher als das Büro von Sir John. Larry trug die Schale in einer Hand, öffnete mit der anderen die Tür und stand auf der Schwelle eines behaglichen kleinen Zimmers.

 

»Hallo!« sagte er überrascht. »Bin ich denn falsch gegangen?«

 

Das Mädchen, das sich vom Schreibtisch erhoben hatte, war jung und außergewöhnlich hübsch. Dichtes dunkelblondes Haar, das über ihre Stirn herabfiel, stand in überraschendem Kontrast mit ihren klaren, grauen Augen, die ihn verwundert betrachteten. Sie war von schlanker, gefälliger Figur, und als sie lächelte, hatte Larry die Empfindung, noch niemals in seinem Leben ein so graziöses und liebenswürdiges weibliches Wesen gesehen zu haben.

 

»Das ist das Büro von Inspektor Holt«, sagte sie.

 

»Allmächtiger!« sagte Larry, kam langsam in das Büro und schloß die Tür hinter sich. Er ging zu dem anderen Schreibtisch und setzte die Schale nieder.

 

»Das ist Inspektor Holt’s Büro«, wiederholte das junge Mädchen erstaunt. »Sind die Sachen für ihn?«

 

Larry nickte und sah das junge Mädchen nachdenklich an.

 

»Was ist das?« fragte er plötzlich und zeigte auf ein Glas und eine Kanne, die auf einem weiß gedeckten Seitentischchen standen.

 

»Das? – Das ist für Inspektor Holt«, antwortete sie.

 

Larry blickte in die Kanne.

 

»Milch?« fragte er erstaunt.

 

»Ja«, entgegnete sie. »Wissen Sie, Inspektor Holt ist ein ziemlich alter Herr, und als ich den Kommissar fragte, ob Mr. Holt nach seiner langen Reise vielleicht eine Erfrischung nötig hätte, hat er etwas Krankenkost und Milch vorgeschlagen. Krankenkost kann ich ja leider hier nicht machen und –«

 

Sie hielt inne und starrte Larry verwundert an, der in schallendes Gelächter ausbrach.

 

»Ich bin Inspektor Holt«, sagte er und trocknete seine Augen.

 

»Sie?« stammelte sie.

 

»Ja, ich bin der alte, kranke Mensch«, sagte er vergnügt. »John, der Kommissar, hat Ihnen einen Streich gespielt, Miß – ich kenne Ihren Namen nicht. Würden Sie vielleicht jetzt so freundlich sein und die bejahrte Miß Ward bitten, zu mir zu kommen?«

 

Ein Lächeln zitterte um ihre Lippen.

 

»Ich bin Miß Ward«, sagte sie, und jetzt starrte Larry sie entgeistert an. Dann streckte er lächelnd seine Hand aus.

 

»Miß Ward, wir sind beide Leidensgefährten. Jeder von uns ist das Opfer eines niederträchtigen Polizeikommissars geworden. Ich bin außerordentlich erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen – und erleichtert.«

 

»Ich bin auch etwas erleichtert«, lächelte das junge Mädchen, als sie nach ihrem Tisch zurückging.

 

»Sir John hat mir gesagt, Sie wären ungefähr sechzig Jahre alt und asthmatisch, und bat mich, darauf zu achten, daß es im Büro nicht zieht. Ich habe diesen Nachmittag extra Fensterschoner anbringen lassen.«

 

Larry dachte einige Augenblicke nach.

 

»Es ist vielleicht ganz gut, daß ich nicht nach Monte Carlo gefahren bin«, sagte er und setzte sich an seinen Schreibtisch. »Nun wollen wir uns mal an die Arbeit machen. Meinen Sie nicht auch?«

 

Sie öffnete ihr Stenogrammbuch und nahm einen Bleistift zur Hand, während Larry die Schmuckgegenstände untersuchte, die in der Schale lagen.

 

»Schreiben Sie, bitte«, begann er. »Uhr von Gildman, Toronto, goldene Kapseluhr, auf Steinen laufend, Nr. A. 778 432. Keine Kratzer auf dem Innendeckel.«

 

»Handelt es sich um den Fall Stuart?« fragte sie.

 

»Ja«, entgegnete Larry, »ist Ihnen irgend etwas darüber bekannt?«

 

»Nur, was mir der Kommissar erzählt hat«, entgegnete sie. »Der Ärmste! Aber ich habe mich schon so an die Schrecken hier gewöhnt, daß ich beinahe abgehärtet bin. Ich glaube, als Student der Medizin wird man auch so. Ich bin zwei Jahre lang Krankenschwester in einer Blindenanstalt gewesen«, fügte sie hinzu, »und das hilft auch, einen hart zu machen. Glauben Sie nicht auch?« Sie lächelte.

 

»Sehr leicht möglich«, sagte Larry nachdenklich und überlegte, wie jung sie wohl gewesen sein mußte, als sie anfing, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Er schätzte ihr Alter auf einundzwanzig Jahre, glaubte aber, damit reichlich hoch gegangen zu sein. »Gefällt Ihnen die Arbeit hier?«

 

Sie nickte.

 

»Sehr gut«, antwortete sie.

 

Er nahm seine Untersuchung wieder auf.

 

»Kette aus Platin und Gold, achtundzwanzig Zentimeter lang, Sperring an einem Ende mit goldener Bleistifthülse – ich nehme wenigstens an, es ist Gold«, diktierte er weiter. »Der Bleistift ist nicht gefunden worden?«

 

»Nein«, sagte sie. »Ich habe den Sergeanten, der die Sachen gebracht hat, noch ganz besonders gefragt, ob man keinen Bleistift gefunden hätte.«

 

Larry sah sie überrascht an. »Haben Sie denn das bemerkt?«

 

»Natürlich ist mir das aufgefallen«, sagte sie ruhig. »Das Messer ist ja auch verschwunden.«

 

»Was für ein Messer?«

 

»Ich nahm an, es war ein Messer«, sagte sie. »Der Sperrring war zu groß, um nur allein einen Bleistift zu halten. Wenn Sie genau hinsehen, finden Sie noch einen kleinen Ring; er war offen, als die Sachen hierhergebracht wurden, aber ich habe die Enden zusammengebogen. Es sah aus, als ob jemand das Messer mit Gewalt abgerissen hätte. Ich nehme an, es war ein Messer, weil Herren doch sehr oft ein kleines, goldenes Taschenmesserchen an der Uhrkette tragen.«

 

Er nahm die Uhrkette wieder auf, bemerkte den anderen Ring und wunderte sich, daß er diesen nicht selbst gesehen hatte.

 

»Ich glaube, Sie haben recht«, sagte er nach längerer Untersuchung. »Der Ring ist viel größer – er war übrigens die Kette hinaufgeglitten –, und man kann ganz deutlich die Kratzer sehen, wo das Messer abgedreht wurde. Hm.« Er legte die Kette in die Schale und blickte auf seine eigene Uhr. »Haben Sie die anderen Gegenstände auch untersucht?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nur die Uhr und die Kette.«

 

Er blickte im Zimmer herum und sah einen eingemauerten Wandschrank.

 

»Ist der leer?« und, als sie nickte: »Wir wollen die weitere Untersuchung lassen, bis ich zurückkomme. Ich muß jemand aufsuchen.«

 

Er stellte die Schale in den Schrank, schloß die Tür ab und gab den Schlüssel an das junge Mädchen.

 

»Sie werden jedenfalls nicht mehr hier sein, wenn ich zurückkehre? Sie haben doch sicherlich so etwas wie Bürostunden?«

 

»Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, nie länger als bis zwei Uhr morgens hierzubleiben«, sagte sie ernsthaft.

 

»Ich glaube, ich habe noch niemals ein Mädel kennengelernt wie Sie«, sagte er langsam und wie in Gedanken.

 

Sie errötete und senkte die Augen. Dann lachte sie leise auf und sah ihn von neuem an.

 

»Vielleicht haben wir beide noch niemals jemand gefunden, wie wir einander erscheinen.«

 

Larry verließ Scotland Yard und war sich bewußt, daß ein neuer und sehr wichtiger Faktor in sein Leben getreten war.

 

Kapitel 19

 

19

 

Nach der Entdeckung des Einbruches in das Leihhaus ging Larry nach dem Polizeibüro zurück, wo ihm noch etwas Neues mitgeteilt wurde. Flimmer Fred war nicht in seiner Wohnung zu finden.

 

»Ich wünschte, Sie würden mitkommen und sich mal seine Wohnung ansehen, Sir«, sagte der Beamte, der Fred hatte vorführen sollen. »Ich glaube, da muß was ganz Merkwürdiges vorgefallen sein.«

 

»Wenn es in dem ganzen Fall Stuart irgend etwas gibt, was nicht merkwürdig ist, dann möchte ich gern wissen, was das sein könnte«, entgegnete Larry heftig.

 

Flimmer Fred lebte in Modley House, Jermyn Street, und der Portier des großen Mietshauses hatte eine sonderbare Geschichte zu erzählen.

 

»Mr. Grogan kam gegen elf Uhr heut abend nach Haus und fuhr direkt nach oben. Ich brachte ihm noch Sodawasser, das er bestellt hatte, und wünschte ihm gute Nacht. Dann machte ich meine Runde und ging dann in meine Loge, wo ich Abendbrot aß und in die Abendzeitung blickte. So gegen halb zwölf glaubte ich so was wie eine Art Schuß und eine schreiende Männerstimme zu hören. Ich ging in die Halle und lauschte. Ich hörte Lärmen und ging bis zu der zweiten Etage hinauf, von wo das Geräusch kam. In Mr. Grogans Wohnung war Licht, das konnte ich durch das Oberfenster über der Tür sehen. Ich klopfte an, und nach einer Weile kam Mr. Grogan an die Tür, und ich kann Ihnen sagen, er konnte einem einen Schreck einjagen, so wild sah er aus. Er hatte ein großes Messer in der Hand, und sein ganzer Anzug war mit Blut beschmiert. ›Ach, Sie sind’s‹, sagte er. ›Kommen Sie mal ‚rein!‹

 

»Ich kam ins Wohnzimmer, und Sie können sich keinen Begriff machen, wie das aussah. Die Stühle lagen am Boden, der Tisch war umgeworfen, und zerbrochene Gläser und Flaschen waren durch das ganze Zimmer verstreut. An der Außenseite von Mr. Grogans Fenster läuft die Feuerleiter vorbei, und das Fenster stand offen.

 

»›Was ist denn passiert, Sir?‹ fragte ich.

 

›Nichts Besonderes‹, sagte er. ›Nur ein Einbrecher! Das ist alles! Holen Sie mir mal einen Whisky und Soda!‹

 

»Er zitterte am ganzen Körper und war furchtbar aufgeregt. Immerzu sprach er mit sich selbst, aber ich konnte nicht verstehen, was er sagte. Als ich mit dem Whisky und Soda kam, hatte er das Messer sauber gemacht und war etwas ruhiger geworden. Er stand an dem offenen Fenster und blickte in den Hof nach dem Fuß der Feuerleiter hinunter, und dann bemerkte ich, daß das Glas von einem der Bilder an der Wand durch eine Kugel zerschmettert war. Ich sagte ihm, daß er ernsthafte Unannehmlichkeiten haben könnte, wenn sich die anderen Mieter über den Lärm beschweren würden, aber er sagte, ich sollte mir darüber keine Kopfschmerzen machen, gab mir fünfzig Pfund für Miete und eventuelle Unkosten und bat mich, die Wohnung für ihn in Ordnung zu halten, bis er zurückkehrte. Er sagte, er verreiste nach dem Ausland.«

 

»Na, und dann?« fragte Larry, als der Mann eine Pause machte.

 

»Dann kam er mit einem Handkoffer herunter, Sir, stieg in ein Taxi und fuhr weg. Und das ist das letzte, was ich von ihm gesehen habe.«

 

Larry untersuchte das Zimmer und fand, daß die Erzählung des Portiers auf Wahrheit beruhte. Der Raum war durch eine Hängelampe mit drei Birnen erleuchtet, die mit einem Schirm bedeckt war und in der Mitte des Zimmers von der Decke herabhing. Eine der Birnen war zersplittert, und der Inspektor machte den Portier darauf aufmerksam.

 

»Ja, Sir. Die Lampen haben sogenannte Hotelschaltung: Man kann nach Wunsch eine, zwei oder auch alle drei Lampen einschalten. Gewöhnlich brennt Mr. Grogan nur eine.«

 

Larry nickte.

 

»Ich weiß nur zu gut, was hier passiert ist.«

 

Er konnte sich die Szene sehr gut vorstellen: Der Eindringling, der durch das Fenster kam, Flimmer Fred, der ihn mit seinem Revolver in Schach hielt, und wie dann der große Mann langsam vorwärts ging, bis seine erhobenen Hände mit der Hängelampe in Berührung kamen und seine riesenhafte Tatze die Glühbirne zerdrückte. Und dann hatte Fred gefeuert, und der Mann hatte sich auf ihn gestürzt, aber Fred war glatt wie ein Aal. Fred war gerissener als er. Diese internationalen Hochstapler, die immer Kopf und Kragen riskieren, verlassen sich weniger auf Schußwaffen als auf ihre Messer, und zu der größten Überraschung des blinden Jake – denn es mußte der blinde Jake gewesen sein – hatte Grogan den Ansturm und die erstickende Umarmung dieses Tiermenschen mit einem scharfen Stahl pariert. Jake mußte ihn losgelassen haben und dann durch das offene Fenster entflohen sein. Wo aber war Fred? In diesem Augenblick fühlte Larry so etwas wie Sympathie für den Hochstapler. Also auch Fred war, sei es durch Zufall oder absichtlich, auf den Mörder Stuarts gestoßen!

 

Was war das für eine Spur? Er mußte Flimmer Fred finden, mußte ihn sofort finden, denn in seinen Händen lag vielleicht die Lösung des Rätsels.

 

Er fuhr nach Haus, nahm ein heißes Bad und legte sich zu Bett. Larry schlief genau vier Stunden, als ihm Sunny, der ebenso wie sein Herr auf Schlaf verzichten zu können schien, Tee und geröstetes Brot brachte.

 

»Wie spät ist es?« fragte Larry blinzelnd.

 

»Neun Uhr, Sir. Der Briefträger ist schon dagewesen, und die Morgenzeitungen sind gekommen.«

 

»Geben Sie mir meine Briefe!« Larry sprang aus dem Bett.

 

Ein Brief war augenscheinlich abgegeben worden, denn er war ohne Poststempel.

 

»Wann ist denn der gekommen?« fragte er den Diener, als dieser wieder in das Zimmer kam.

 

»Er war schon in dem Briefkasten, als ich aufstand, Sir«, sagte Sunny.

 

Larry riß das Kuvert auf und zog ein Blatt Papier heraus. Ohne besondere Höflichkeitsfloskeln begann es:

 

»Es ist besser, Sie beschäftigen sich mit einem anderen Fall, Mr. Holt. Sie werden sich ernsthafte Unannehmlichkeiten zuziehen, wenn Sie diese Warnung nicht beherzigen.«

 

»Wird gemacht«, sagte Larry und klingelte.

 

»Sunny«, sagte er, »bringen Sie mir mein Jackett und die Papiere, die in der inneren Brusttasche sind.«

 

Larry suchte und fand die Einladung, die Flimmer Fred erhalten hatte, um sechs Uhr morgens und ohne Aufsehen zu erregen nach Todds Heim zu kommen.

 

Diesen und den erhaltenen Drohbrief legte er nebeneinander und verglich die beiden. Beide Briefe waren in der gleichen Handschrift geschrieben.

 

Kapitel 2

 

2

 

Flimmer Fred, der eigentlich Grogan hieß, hatte einen berechtigten Grund, sich zu beschweren: Ein angesehener Justizbeamter hatte ihm feierlichst versichert, er hätte die Absicht, nach Monte Carlo zu reisen, und nun mußte er ihn auf dem Pariser Dampferzug wiederfinden.

 

Fred verließ den Viktoria-Bahnhof in außerordentlicher Eile und war sich noch gar nicht sicher, ob Larrys plötzliche Geschäfte in London nicht vielleicht doch mit seinen (Freds) eigenen Geschäften zusammenhingen. Larry sah gerade noch den Hochstapler in der Menge verschwinden und lächelte zum erstenmal seit seiner Abreise von Paris.

 

»Bringen Sie meine Sachen nach Haus«, sagte er zu Sunny. »Ich fahre direkt nach Scotland Yard. Vielleicht komme ich heut abend, vielleicht auch erst morgen zurück.«

 

»Soll ich den Gesellschaftsanzug bereitlegen?« fragte Sunny. Was ihm in erster Linie am Herzen lag, war das elegante Äußere seines Herrn. Für Sunny war der Tag in drei Teile geteilt – Straßenanzug, Gesellschaftsanzug und Pyjama.

 

»Nein – ja – machen Sie, was Sie wollen.«

 

»Ja, Sir«, sagte Sunny entgegenkommend.

 

Larry fuhr sofort nach dem Polizeipräsidium und trat in das große Büro Sir John Hason’s, der sich von seinem Schreibtisch erhob und ihm mit ausgestreckter Hand entgegenkam.

 

»Mein lieber Larry«, sagte er, »es ist zu nett von dir, auf deine Ferien zu verzichten. Du bist wirklich ein famoser Kerl! Ich habe übrigens gar nicht an deinem Kommen gezweifelt und dir Zimmer 47 einrichten lassen. Außerdem habe ich dir den feinsten Sekretär zur Verfügung gestellt, den ich jemals im Präsidium gehabt habe.«

 

John Hason und Larry Holt waren alte Freunde und Schulkollegen, und zwischen den beiden bestand aufrichtige Zuneigung und ein Vertrauen, wie man es eigentlich selten zwischen zwei Leuten des gleichen Berufes findet.

 

»Nummer 47 ist mir unbekannt«, sagte Larry lächelnd und legte seinen Mantel ab, »aber ich werde mich außerordentlich freuen, die Bekanntschaft des feinsten Sekretärs von Scotland Yard zu machen. Wie heißt er denn?«

 

»Es ist kein ›er‹, es ist ’ne ›sie‹«, lächelte Hason. »Miß Diana Ward. Sie hat sechs Monate hindurch bei mir gearbeitet und ist wirklich das geschickteste und vertrauenswürdigste Mädchen, das ich jemals in meinem Büro gehabt habe.«

 

»Allmächtiger! Ein weiblicher Sekretär!« sagte Larry gedrückt, fügte aber gleich lebhafter hinzu: »Selbstverständlich bleibt’s, wie du es angeordnet hast, John, und selbst dieses Muster aller Tugenden soll mir keine Angst einjagen. Höchstwahrscheinlich hat sie ’ne Stimme wie eine Raspel und kaut Gummi?«

 

»Ihr Äußeres ist nun gerade nicht besonders einnehmend, aber das ist doch schließlich nicht die Hauptsache«, antwortete Sir John trocken. »Setz‘ dich hin, alter Freund, ich habe viel mit dir zu besprechen. Es handelt sich um den Fall Stuart«, begann er und reichte Larry sein Zigarettenetui. »Erst gestern haben wir herausgefunden, daß Stuart ein sehr reicher Mann gewesen ist. Seit neun Monaten ist er in England und hat die ganze Zeit über in einer Pension auf dem Nottingham Place – Marlybone – gewohnt. Er war ein rätselhaftes Individuum, ging nirgendwohin, hatte fast gar keine Freunde und war außerordentlich zurückhaltend. Es war natürlich bekannt, daß er vermögend war, und nur seine Londoner Bankiers, die uns seinen Namen mitteilten, als sie herausgefunden hatten, daß er der unbekannte Tote war, waren von ihm ins Vertrauen gezogen. Mit ›ins Vertrauen ziehen‹ meine ich nur, daß ihnen sein Name und seine Vermögensverhältnisse bekannt waren.«

 

»Was meinst du damit, wenn du sagst, er ging nirgendwohin? War er denn die ganze Zeit über in seiner Wohnung in der Pension?«

 

»Darauf komme ich jetzt«, sagte Sir John. »Er ging aus, aber kein Mensch weiß, warum. Jeden Nachmittag ohne Ausnahme machte er eine Autofahrt und hatte unweigerlich dasselbe Ziel – ein kleines Dorf in Kent, ungefähr fünfundzwanzig Meilen von hier. Er ließ den Wagen an einem Ende des Dorfes warten, ging durch das Nest hindurch und war für einige Stunden verschwunden. Unsere Nachforschungen ergaben, daß er sich lange Zeit in der Kirche aufhielt. Genau nach zwei Stunden, pünktlich wie ein Uhrwerk, kam er zurück, stieg in den Wagen – er hatte ihn gemietet – und fuhr nach Nottingham Place zurück.«

 

»Wie heißt das Dorf?«

 

»Beverley Manor«, sagte der Oberkommissar. »Also weiter. Am Mittwoch abend brach er zum erstenmal mit seinen Gewohnheiten und nahm die Einladung eines gewissen Doktor Stephan Judd zur Uraufführung einer neuen Revue im Macready-Theater an. Doktor Stephan Judd ist der leitende Direktor der Greenwich-Versicherungsgesellschaft, eine kleine Gesellschaft – so eine Art Familienkonzern –, hat aber in der City einen sehr guten Ruf. Mr. Judd ist Kunstliebhaber und Besitzer eines sehr schönen Hauses in Chelsea. Judd hatte für die Erstaufführung eine Loge – nach den Zeitungen zu urteilen, war, nebenbei gesagt, das Stück einfach fürchterlich –, und zwar die Loge A. Stuart kam und war, wie Judd aussagte, auffallend unruhig. In der Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt verschwand er unbemerkt aus dem Theater, kam nicht zurück und wurde erst wiedergesehen, als man seinen Leichnam an dem Themse Embankment fand.«

 

»Wie war denn das Wetter in der Nacht?« fragte Larry.

 

»Im Anfang klar, dann aber dunstig mit Neigung zum Nebel«, antwortete Sir John.

 

Larry nickte. »Besteht vielleicht die Möglichkeit, daß er im Nebel seinen Weg verfehlt hat und in den Fluß gefallen ist?«

 

»Gänzlich ausgeschlossen«, sagte Sir John nachdrücklich. »Von der Zeit seines Verschwindens bis halb drei Uhr morgens war das Embankment frei von Nebel.«

 

»Und jetzt kommt noch ein merkwürdiger Umstand«, fuhr der Kommissar fort. »Als er gefunden wurde, lag er auf den Stufen, nur die Füße hingen im Wasser – und«, fügte er langsam hinzu, »die Flut war noch im Steigen.«

 

Larry sah ihn erstaunt an.

 

»Willst du damit vielleicht sagen, daß er nicht von der Ebbe dort angeschwemmt worden ist?« fragte er ungläubig. »Wie sollte er denn sonst dorthin gekommen sein, mit den Füßen im Wasser, noch dazu, wenn das Wasser stieg? Und doch muß es Ebbe gewesen sein, wie hätte er sonst auf die Stufen kommen können?«

 

»Das sage ich ja auch«, nickte Sir John. »Wenn er nicht unmittelbar nach Verlassen des Theaters ertrunken ist, als die Flut am höchsten stand und anfing zu fallen, scheint es mir beinahe unmöglich, daß er bei Tagesanbruch, als die Flut erst wieder begann, auf den Stufen angeschwemmt werden konnte.«

 

»Das sieht verdächtig aus«, sagte Larry. »Es besteht kein Zweifel, daß er ertrunken ist?«

 

»Nicht der geringste«, erwiderte der Kommissar, zog ein Schubfach auf und nahm eine kleine Schale heraus, in der verschiedene Gegenstände lagen. »Das haben wir in seinen Taschen gefunden. Uhr und Kette, ein Zigarettenetui und dies Stückchen zusammengerolltes, braunes Papier.«

 

Larry nahm den letzten Gegenstand auf. Er war vielleicht drei Zentimeter lang und noch feucht.

 

»Es ist nichts darauf geschrieben«, sagte Sir John. »Als man mir die Sachen gebracht hat, habe ich das Papier aufgewickelt, habe es aber für besser gehalten, es gleich wieder zusammenzurollen, um es für eine genauere Untersuchung trocknen zu lassen.«

 

Larry betrachtete die Uhr, eine einfache, goldene Uhr mit Sprungdeckel.

 

»Nichts«, sagte er und schnappte den Deckel zu, »ausgenommen, daß sie zwanzig Minuten nach zwölf stehengeblieben ist – höchstwahrscheinlich die Stunde des Todes.«

 

Sir John nickte.

 

»Die Kette ich Gold und Platin«, brummte Larry nachdenklich, »und am Ende ist – na, was ist das?«

 

Am Ende der Kette hing ein kleines, ungefähr vier Zentimeter langes goldenes Röhrchen.

 

»Aha, die Hülse von einem goldenen Bleistift«, sagte Larry. »Hat man den dazugehörigen Bleistift nicht gefunden?« Sir John schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das ist alles, was gefunden wurde. Anscheinend hatte Stuart auch nicht die Gewohnheit, Ringe zu tragen. Ich lasse alles in dein Büro schicken. Du wirst doch den Fall übernehmen?«

 

»Was ist denn aber an diesem Fall so besonders?« fragte Larry langsam. »Hältst du die Sache für verdächtig?«

 

Einen Augenblick war der Kommissar schweigsam.

 

»Ja und nein«, sagte er. »Ich habe die Empfindung, daß hier Anzeichen für ein Verbrechen vorliegen. Nur allein die Tatsache, daß er bei steigender Flut aufgefunden wurde, während er doch zweifellos zur Zeit der Ebbe seinen Tod fand, veranlaßt mich, die Sache nicht als einen gewöhnlichen Todesfall durch Ertrinken zu betrachten.«

 

»Ich kann doch die Sachen gleich mit in mein Büro nehmen?« fragte Larry.

 

»Selbstverständlich«, erwiderte der Kommissar. »Willst du dir nicht erst den Toten ansehen?«

 

Larry zögerte.

 

»Nein, ich danke. Ich will erst mal Doktor Judd aufsuchen. Kannst du mir seine Adresse geben?«

 

Sir John blickte nach der Uhr auf dem Kaminsims.

 

»Er wird noch in seinem Büro sein. Er gehört zu den unermüdlichen Personen, die bis spät in die Nacht hinein arbeiten. Nummer 17, Bloomsbury Pavement; du kannst das Haus nicht verfehlen.«

 

Larry nahm die Schale und ging nach der Tür.

 

»Und jetzt wollen wir uns mal den so anziehenden Sekretär ansehen«, sagte er, und Sir John lächelte.