Bones und die drahtlose Telegrafie

 

Bones und die drahtlose Telegrafie

 

Ko-boru, der Häuptling von Bingini, rief alle seine Verwandten zu einem Familienrat zusammen.

 

Die Stämme am Unterlauf des großen Stromes spielen keine allzu erhebliche Rolle in der Politik der Territorien. Sie sitzen zu nahe an der Residenz, um Gelegenheit zu jenen heimlichen Vorbereitungen zu haben, die allen großen oder kleinen Eingeborenenkriegen vorauszugehen pflegen. Außerdem sind sie zu weit entfernt von den aufrührerischen Elementen des Nordens, so daß sie nicht von den leicht erregten Isisi, den kaltblütigen und mordlustigen Akasava oder den schnell entschlossenen äußeren N’gombi beeinflußt werden.

 

Aber auch bei ihnen gab es Krisen.

 

Alle Vornehmen des Bezirkes, die mit Ko-boru verwandt waren, kamen nach Bingini, saßen in einem großen Kreis um die Hütte des Häuptlings und sahen den alten Mann und seine neben ihm sitzende Tochter an.

 

»Alle meine Verwandten sollen dies wissen«, begann Ko-boru, nachdem Okmini, der Zauberdoktor, alle Teufel und Geister ausgeräuchert hatte, die heimtückisch alle Versammlungen umlauern. »Es ist große Schande auf jeden von uns gekommen durch Yokam-‚furi, denn dieser Mann ist wie ein Bruder zu Sandi. Er führt sein kleines Schiff den Strom hinauf und hinunter, und weil er diese große Stellung hat, gab ich ihm meine Tochter, die meine erste Frau mir geboren hat.«

 

»S’m-m!« murmelten die Verwandten zustimmend.

 

»Auch habe ich ihm eine Hütte gebaut und ihm einen Garten geschenkt, in dem seine Frau arbeiten kann, und er hat an den Familien-Palavern teilgenommen. Nun sage ich euch aber, daß Yoka-m’furi ein schlechter Mann ist, denn er hat meine Tochter verlassen und ein anderes Weib am Oberlauf des Stromes genommen. Er kommt nicht mehr zu diesem Dorfe, und meine Tochter weint den ganzen Tag. Während dreier Jahreszeiten ist er nicht mehr hier gewesen, beim nächsten Neumond werden es vier sein.« Er sagte dies mit besonderer Betonung. Das flache Gesicht seiner Tochter zuckte und verzog sich, bevor sie ihren Mund öffnete, um ihre Klage und ihr Wehgeschrei zu erheben.

 

Denn ein Mann, der seine Frau absichtlich für vier Jahreszeiten verläßt und während dieser Zeit keine vierundzwanzig Stunden – von Sonnenaufgang bis Monduntergang – bei ihr zubringt, ist dadurch geschieden und von allen Verpflichtungen befreit. So ist es Sitte bei allen Stämmen von den Ländern des großen Königs bis ans Meer.

 

»Nun hatte ich einen Traum«, fuhr Ko-boru fort, »und in diesem Traum wurde mir gesagt, daß ich euch alle zusammenrufen solle und daß ich und die ersten meiner Ratgeber zu Sandi gehen sollten, um ihm die Wahrheit zu berichten.«

 

»Mein Bruder und Onkel«, sagte Bechimi von G-lara, »ich will mit dir gehen, denn ich habe einmal mit Sandi gesprochen, und weil er ein so gutes Gedächtnis hat, wird er sich an Bechimi erinnern, der ihm seinen kleinen, schönen schwarzen Stock aufgehoben hat, als er hinfiel.«

 

Fünf Männer wurden ausgewählt, um Ko-boru zu begleiten. Sie setzten sich in ein Kanu und ruderten den kurzen Weg von fünf Meilen zur Residenz.

 

Sanders erzählte Patricia Hamilton gerade Geschichten über Eingeborenenkämpfe, als diese unerwartete Abordnung sich plötzlich vor der Veranda niederhockte. »O Ko-boru«, rief Sanders, »warum kommst du zu mir?«

 

Ko-boru hatte auf ein langes und eindrucksvolles Palaver gehofft, aber er erkannte an der Unaufmerksamkeit des Distriktsgouverneurs und an dem Ton, daß Sandi nicht dazu aufgelegt war. Deshalb kam er gleich zur Sache.

 

»O Sandi, du bist unser Vater und unsere Mutter, und wenn du sprichst und deinen großen Mund auftust, so geschehen Wunder. Auch hast du sehr schöne Freunde wie Miltini, auf dessen Wort hin sich seine schrecklichen Soldaten in Bewegung setzen und sich wie Leoparden auf die Leute stürzen und sie töten. Und du hast den jungen Tibbetti, der unschuldig und harmlos ist. So sage ich dir, Sandi, wenn du ein Wort zu Yoka sprichst, so wird er zu meiner Tochter, seinem Weibe, zurückkehren.«

 

Sanders lehnte an dem Geländer der Veranda und schaute auf den Sprecher hinunter.

 

»Ich habe merkwürdige Dinge gehört, Ko-boru«, sagte er ruhig. »Man erzählt sich Geschichten von einer Frau, die viele Liebhaber und eine böse Zunge hat. Und einst kam Yoka zu mir mit einer Wunde am Kopf, denn deine Tochter scheint sehr schnell mit der Hand zu sein, wenn sie ärgerlich ist.«

 

»O Herr«, erwiderte Ko-boru verwirrt, »solche Dinge geschehen manchmal aus Liebe.«

 

»Alle Dinge geschehen aus Liebe«, sagte Sanders und lächelte. »Vielleicht wird Yoka zurückkehren, vielleicht auch nicht – dann ist deine Tochter frei. Das Palaver ist aus.«

 

»O Herr«, bat Ko-boru, »die Frau wird nichts Böses mehr tun, lasse ihn doch von Sonnenuntergang bis Mondaufgang zu ihr kommen …«

 

»Das Palaver ist aus«, wiederholte Sanders streng.

 

Auf ihrem Rückweg nach Bingini zettelten die Verwandten Ko-borus eine Verschwörung an. Das war das erste Komplott, das seit zwanzig Jahren in der Nähe des Hauptquartiers geschmiedet wurde.

 

»Ist es indiskret, wenn ich frage, was Ihre Besucher wollten?« fragte Patricia, als die Leute niedergeschlagen über den Exerzierplatz gingen und zu ihrem Boot zurückkehrten.

 

»Es war eine Ehe-Palaver«, entgegnete Sanders und machte ein böses Gesicht. »Ich sollte einen Mann zu seiner temperamentvollen Frau zurückschicken, die ihm gerne Kochtöpfe an den Kopf wirft, wenn sie zornig ist.«

 

Sie sah ihn lachend an. »Armer Mr. Sanders!«

 

»Bemitleiden Sie mich nicht.« Sanders lächelte. »Ich bin wirklich sehr häuslich veranlagt, und außerdem bin ich an diesem Fall interessiert, weil der Mann, der hier in Betracht kommt, mein Steuermann ist – der beste, den es hier am Strom gibt. Er ist ein sehr tüchtiger Mann und weiß in allen Dingen Bescheid. Außerdem betrachte ich sie alle als meine Kinder«, fügte er ernst hinzu. »Und es ist schließlich gerecht, daß ein Mann, der selbst keine Familie hat, in anderer Weise eine Familie findet, die er betreuen kann.«

 

»Warum tun Sie das eigentlich?« fragte sie dann.

 

»Was meinen Sie – ich verstehe Sie nicht.«

 

»Dies hier ist doch ein gesundes und entzückendes Fleckchen Erde, und eine Frau könnte hier sehr glücklich werden.«

 

Ein peinliches Schweigen folgte.

 

»Ich fürchte, ich war entsetzlich unverschämt«, sagte Patricia und erhob sich schnell. »Aber eine Frau macht hinter jeden Junggesellen ein Fragezeichen, besonders wenn er hübsch ist. Und je eingefleischter er ist, desto größer wird das Fragezeichen.«

 

Sanders trat zu ihr. »Womöglich lasse ich mich nächstens noch zu einer übereilten Handlung hinreißen«, drohte er und lachte verlegen. »Sehen Sie, hier kommt Ihre kleine Familie an.«

 

Bones und Hamilton disputierten sehr hitzig über ein Thema, und Leutnant Tibbetts schien im Recht zu sein, denn er blieb häufig stehen und gestikulierte heftig.

 

»Es ist doch wirklich zu schlimm«, sagte Hamilton ärgerlich, als er die Treppe zur Veranda emporstieg.

 

Bones kam hinter ihm her, hatte aber keineswegs das Aussehen eines Delinquenten, sondern war im Gegenteil die beleidigte Unschuld selbst.

 

»Was ist denn so schlimm, mein Lieber?« fragte Patricia teilnehmend.

 

»Vor vierzehn Tagen habe ich doch diesem verdammten Esel gesagt …«

 

»Ihr lieber Bruder spricht von mir«, erklärte Bones.

 

»Wen sollte ich denn sonst meinen?« fragte Hamilton aufgeregt.

 

»Ich sagte ihm, er solle alle Kompanierechnungen bis morgen fertig machen. Sie wissen, Sir«, wandte er sich an Sanders, »daß der Zahlmeister von der Verwaltung kommt, um sie zu prüfen. Und glauben Sie mir«, er schaute wieder auf Bones, der resigniert die Augen schloß, »daß gar nichts stimmte, als ich seine Aufstellung durchsah!«

 

»Es ist ja nur eine Kleinigkeit«, sagte Bones, der plötzlich die Augen wieder auf tat, »es fehlen neununddreißig Schilling, und ich bot großmütig an, sie aus meiner Tasche zu ersetzen.« Er sah sich strahlend um, als ob er von den andern Applaus erwarte.

 

»Und um allem die Krone aufzusetzen, redete er noch davon, daß er morgen früh mit Patricia eine Picknick-Partie machen wolle«, schäumte Hamilton. »Er will zu dem Inseldorf fahren.«

 

»Sie vergessen«, erwiderte Bones, »daß ich diese alten, netten Rechnungen auf den Ausflug mitnehmen will. Seien Sie gerecht zu mir, alter Kamerad! Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich während der Fahrt eine klare und überzeugende Abrechnung machen werde.«

 

»Das ist doch zum Lachen«, rief Hamilton ärgerlich und ging ins Haus.

 

»Ist er nicht ganz niederträchtig zu mir?«

 

»Hören Sie, Bones.« Patricia drohte ihm mit dem Finger. »Ich gehe morgen nicht mit, wenn Sie nicht Ihr Versprechen halten.«

 

Bones stand stramm und grüßte militärisch. »Meine liebe, gute Freundin«, sagte er stolz, »verlassen Sie sich auf Ihren Bones!«

 

*

 

»S. M. Dampfboot Nr. 36«, wie es in den offiziellen amtlichen Listen genannt wurde, führte noch einen anderen Namen. Während der ersten Fahnen hatte sich gezeigt, daß das Schiff kopflastig gebaut war, und wegen dieses Konstruktionsfehlers wurde es »Wiggle« (Die Schwankende) genannt. Später wurde dieser Fehler durch einen Umbau behoben, aber trotzdem erhielt sich den ganzen Strom entlang diese Bezeichnung. Sogar die Eingeborenen nannten es »Komfuru«. Das heißt: »Das Boot, das nicht gerade fahren kann.«

 

Gewöhnlich stand die »Wiggle« unter dem Kommando von Leutnant Tibbetts. Bones selbst hatte dieses Recht für sich beansprucht. Er leitete es vor allem aus der Tatsache ab, daß die »Wiggle« zu gleicher Zeit mit ihm in der Residenz ankam.

 

Es war ein hübsches, kleines Dampfboot mit einem offenen Speisezimmer und zwei kleinen Kabinen mittschiffs.

 

Die »Wiggle« hatte aber auch verschiedene andere Einrichtungen, die gewöhnlich solche kleinen Dampfer nicht besitzen. Auf ihrem schmalen Vorderdeck befand sich zum Beispiel ein Maxim-Schnellfeuergeschütz, auch hatte sie eine ungewöhnlich starke Sirene, die geradezu teuflisch heulen konnte. Ferner war sie mit einem großen Motorhorn ausgestattet. Die Sirene und das Motorhorn hatte Bones selbst für sein eigenes Flaggschiff gestiftet. Das Motorhorn schien neben einer Sirene eigentlich überflüssig zu sein, aber wenn man die Sache genauer erklärt, wird es verständlich, warum dieses etwas weniger geräuschvolle Instrument vorhanden war.

 

Als Bones die Sirene zum erstenmal benutzte, fuhr er gerade durch den sogenannten »Kanal«. An dieser Stelle ist der Fluß sehr eng und tief, und die Geschwindigkeit der Strömung beträgt etwa fünf bis sieben Knoten die Stunde. Bones dampfte gerade stromauf und begegnete dem Missionsdampfer der Bolalo-Station, der die kleine blaue Schiffsflagge der »Wiggle« grüßte. Auf diese Ehrung antwortete Bones mit zweimaligem, lang anhaltendem Tuten seiner Sirene.

 

Aber nach dieser außerordentlichen Kraftanstrengung trieb die »Wiggle« wieder stromabwärts, und zwar unangenehmerweise breitseits, denn Bones hatte durch das Ziehen der Sirene die ganze Dampfreserve des kleinen Kessels verbraucht.

 

Das Schiff war auch mit drahtloser Telegrafie ausgerüstet. An Bord war eine Antenne gespannt, und ein Apparat befand sich da, den Bones aus England für den Preis von zwölf Pfund hatte kommen lassen. Er hatte eine schriftliche Garantie, daß er damit Nachrichten auf eine Entfernung von zweihundert Meilen senden und empfangen könne. Ein Buch mit Erklärungen und Instruktionen war gratis mitgeliefert worden. Bones war damals mit dem Buch in seine Hütte gegangen und hatte es gelesen. Am nächsten Morgen fand ihn sein treuer Diener Ali im Bett. Er schlief ruhig wie ein Kind, und seine Hand lag auf der zweiten Seite des Buches.

 

Sanders und Hamilton hatten sich mit großem Interesse an der Errichtung der drahtlosen Station an Bord der »Wiggle« beteiligt. Das einzige, worüber man sich einig wurde, war, daß irgendwo ein Draht gespannt werden müsse. Also hingen sie ihre Antenne zwischen Schornstein und Flaggenmast auf. Nachdem diese Frage so glänzend gelöst war, wandten sie sich der schwierigen Aufgabe zu, die Sache auch in Gang zu bringen.

 

Nachdem sie sich aber eine Woche lang vergeblich damit abgemüht hatten, gaben sie es verzweifelt auf.

 

»Da sind Sie schön hereingelegt worden, Bones«, sagte Hamilton. »Ihr Apparat arbeitet überhaupt nicht. Armer Kerl!«

 

»Ihr Mitleid ist einfach beleidigend«, erwiderte Bones steif, »und ich sollte es Ihnen eigentlich gar nicht sagen, aber ich habe die feste Überzeugung – obwohl ich es Ihnen natürlich nicht näher erklären kann –, daß diese gute Maschine sich eines Tages noch als sehr nützlich erweisen wird.«

 

Aber obwohl Bones Tag und Nacht arbeitete, sogar das Instruktionsbuch wirklich von Anfang bis zu Ende durchlas, den ganzen Apparat auseinandernahm und jedes Stück durch ein Vergrößerungsglas betrachtete, gelang es ihm nicht, eine Botschaft zu senden oder zu empfangen. Schließlich wurde der Apparat wieder schön verpackt und in einer Kabine untergebracht. Man sprach auch nicht mehr darüber, höchstens Hamilton erwähnte die peinliche Angelegenheit, wenn er auf seinen Untergebenen nicht gut zu sprechen war.

 

Bones war begeistert von der »Wiggle« und wandte ihr die größte Aufmerksamkeit zu, denn sie war ja sein Schiff. Er ließ sich von London besonderes Briefpapier schicken mit der Kopfprägung »S. M. Komfuru« – der Eingeborenenname klang noch besser als »Wiggle« und war auch viel interessanter als »Dampfboot Nr. 36«. Er baute auch kleine Dynamomaschinen ein, die – wenn sie arbeiteten – die beiden Kabinen erhellten und sogar Licht für einen Miniaturscheinwerfer lieferten. Bones ließ seinen Dampfer dunkelgrau anstreichen wie ein Kriegsschiff und hätte auch noch einen andern Schornstein errichten lassen, wenn Hamilton nicht dahintergekommen wäre und diese Verschönerung verhindert hätte.

 

Bones behauptete felsenfest, daß sein Schiff staub- und wasserdicht sei und auch von Torpedos nicht in die Luft gesprengt werden könne.

 

Am nächsten Morgen trat Bones um fünf Uhr aus seiner Hütte. Die Sterne glänzten noch am Himmel, die ganze Welt lag in tiefer Dunkelheit, der Strom rauschte, und die Brandung des Meeres tönte herüber. Bones überquerte den Exerzierplatz, schritt mit seiner Laterne zu dem Betonkai, der die Breite eines Durchschnittstisches hatte, ging an Deck der »Wiggle« und weckte den Wächter durch einen Fußtritt.

 

Ali Abid, der verschiedentlich als Maure, Ägypter, Tripolitaner oder Beduine bezeichnet wurde, war in Wirklichkeit ein Kanomann, der lange bei einem Professor der Bakteriologie gedient hatte. Durch den Umgang mit diesem Gelehrten hatte Ali Abid die elementaren Kenntnisse, die er auf der Missionsschule in Cape Coast Castle erworben hatte, erweitern und vertiefen können, und zeigte jetzt ein Betragen und eine Haltung, um die ihn mancher beneidete.

 

»Steh auf«, sagte Bones in tiefem Baß.

 

Ali erhob sich, blinzelte und zitterte, denn es war sehr kalt, und er hatte unter einem alten Mantel geschlafen, den Bones ihm geschenkt hatte.

 

»Wo ist die Schiffsmannschaft?« fragte Bones und setzte seine Laterne an Deck nieder.

 

»O Herr«, sagte Ali feierlich und langsam, »die Subjekte sind nicht zu unserer Disposition.«

 

Bones fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Verflucht!« rief er böse. »Habe ich dir nicht gesagt, daß ich die ehrenwerte Miß Hamilton zu einer Vergnügungsfahrt eingeladen habe? Habe ich dir nicht gesagt, du alter Faulpelz, daß bei Tagesanbruch alles bereit sein soll? Habe ich dir nicht ausdrücklich gesagt, welche Speisen wir mitnehmen wollen?«

 

»O Herr«, erwiderte Ali, »das haben Sie nicht getan.«

 

»Zum Donnerwetter, dann habe ich es mir wenigstens vorgenommen.«

 

»Herr, manche Subjekte leiden unter dem Einfluß eines gewissen Comas, an Delirium, an Halluzinationen und entwickeln phantastische Vorstellungen. Alle diese Krankheitserscheinungen verschwinden, wenn das Subjekt das Bewußtsein wiedererlangt. Aber es bleiben gewisse Eindrücke im Gehirn und im Unterbewußtsein zurück.«

 

Bones sah ihn argwöhnisch an. »Willst du etwa sagen, daß ich geträumt habe?«

 

»Herr, die Selbstbeherrschung zwingt zu vollkommener Ruhe bei Beurteilung Ihres Krankheitszustandes.«

 

»Du schwatzest wieder Unsinn!«

 

Bones gab ein paar allgemeine Anordnungen, wie er immer tat, und schlich sich dann zu dem großen Gebäude zurück, das noch vollständig im Dunkeln lag. Er hatte Sanders feierlich versprochen, Patricia zu wecken, ohne den Schlaf der andern zu stören.

 

Sie wollten heute den Strom hinauffahren, bis sie zu dem Inseldorf kamen, wo die Eisenarbeiter der Akasava viel interessante Dinge herstellten. Das Frühstück sollte an Bord eingenommen werden, zum Abendessen wollten sie wieder zurück sein.

 

Patricia hatte Bones am Abend noch einmal ausdrücklich das Fenster ihres Zimmers gezeigt, und Hamilton hatte sich bereit erklärt, der Sicherheit halber ein Kreuz mit Kreide daran zu machen.

 

»Wenn Sie mich vor Sonnenaufgang wecken, dann soll es Ihnen schlecht ergehen!« warnte Hamilton Bones. »Und wenn Sie zurückkommen, ohne die Kompanie-Abrechnungen in Ordnung zu haben, dann wird es Ihnen noch schlechter gehen!«

 

Bones dachte an diese Verheißungen, als er sich zur Veranda emporstahl. Um doppelt sicher zu sein, zog er seine Schuhe aus und ließ sie dann mit großem Gepolter fallen.

 

»Pst, Bones, nicht soviel Lärm«, sagte er laut. »Pst, du verrückter alter Esel.«

 

Er schlich sich an der Holzwand entlang und suchte sich zu orientieren. Hinter dem mittleren Fenster schlief Hamilton, hinter dem linken Sanders und hinter dem rechten Patricia. Er ging also leise an das rechte Fenster und klopfte. Es kam keine Antwort. Er klopfte noch einmal, aber es rührte sich nichts. Nun klopfte er ganz laut mit der Faust.

 

»Sind Sie das, Bones?« brummte Sanders.

 

Bones war starr vor Schrecken. »Tut mir entsetzlich leid, Sir!« entschuldigte er sich flüsternd. »Das war wirklich ein unverzeihlicher Irrtum.« Er schlich auf Zehenspitzen zum linken Fenster, klopfte leise, pfiff und klopfte dann wieder.

 

Er hörte eine Bettstelle im Zimmer knarren und wandte sittsam den Kopf beiseite. »Hier ist Bones, meine liebe gute Schwester«, flüsterte er, so laut er konnte. »Erheben Sie sich von Ihrem Lager, die Morgensonne wartet, und ihre Strahlen…«

 

Hamiltons wütende Stimme unterbrach ihn.

 

»Ich dachte mir doch gleich, daß Sie es waren, Sie …«

 

»Mein lieber alter Offizier, tut mir entsetzlich leid – schlafen Sie nur ruhig weiter – Gute Nacht!«

 

»Scheren Sie sich zum Teufel!«

 

Bones ging nun auf das mittlere Fenster los, er konnte ja jetzt nicht mehr fehlgehen. Er klopfte energisch.

 

»Stehen Sie auf, mein Fräulein«, sagte er, »die Zeit eilt auf ihren Fittichen dahin.«

 

Das Fenster öffnete sich plötzlich, und Bones stand dem wütenden Hamilton gegenüber.

 

»Aber Sir, wie zum Teufel, kommen Sie denn in dieses Zimmer?« fragte Bones aufgeregt.

 

»Wissen Sie denn nicht, daß mein Zimmer zwei Fenster hat? Ich habe es Ihnen doch gestern abend noch gesagt, Sie Quadratesel! Patricias Zimmer liegt am andern Ende des Gebäudes! Sie haben ein Gedächtnis wie ein Sieb!«

 

»Ich bin Ihnen für Ihre Informationen sehr zu Dank verbunden, Sir!« sagte Bones korrekt. »Ich will Sie jetzt nicht länger aufhalten.«

 

Hamilton griff zu seiner Haarbürste.

 

»Legen Sie sich wieder nieder, Sir, und vergessen Sie Ihr Abendgebet nicht.«

 

Bones suchte nach dem richtigen Fenster in dem andern Flügel des Hauses, als Patricia, die längst aufgestanden und schon seit einer Viertelstunde fertig war, sich leise hinter ihm herschlich und ihm plötzlich auf die Schulter klopfte.

 

»Oh!« rief Bones. »Mein Gott, liebe, gute Dame, haben Sie mich erschreckt! Nun, dann können wir ja gehen. Gott sei Dank haben wir sonst niemand gestört!«

 

Als er nun zum Boot ging, folgten ihm die Verwünschungen zweier Gestalten, die in Pyjamas auf der Veranda standen und beobachteten, wie seine große Gestalt im Dunkel verschwand.

 

»Schicken Sie uns eine drahtlose Nachricht, wenn Sie zurückkommen!« brüllte Hamilton ihm nach.

 

»Dieser Mensch kann sich doch nie benehmen!« sagte Bones leise vor sich hin.

 

In der Zwischenzeit war Ali Abid nicht untätig gewesen. Er hatte Yoka, den Steuermann, und Boosobi, den Heizer, geweckt. Diese beiden waren dem unerwarteten Ruf auch mit der Schnelligkeit gefolgt, wie sie nur Eingeborene bei solchen Gelegenheiten zeigen. Man möchte fast annehmen, sie wußten im voraus, daß man sie brauchte und warteten nur darauf.

 

In einer der kleinen Kabinen hatte Ali die vielfach erwähnten Kompanie-Abrechnungen für seinen Herrn auf den Tisch gelegt, und es schien ein schöner, interessanter Tag zu werden, als Yoka den Maschinentelegrafen auf »Vorwärts« stellte. Die »Wiggle« fuhr mitten auf dem Strom.

 

Im Osten graute der Himmel, an den Ufern und in den Wäldern regte es sich, das Zwitschern eines Vogels ertönte, der Rauch verbrannten Kiefernholzes kam von den Fischerdörfern herüber, wo die Frauen an den Ufern die Feuer bedienten.

 

Am Großen Flusse ist der Übergang von Dunkelheit zu hellem Tageslicht nur kurz. Die Sterne verlieren plötzlich ihren Glanz, und der schwarze Himmel ändert seine Farbe in ein strahlendes Blau. Die Schatten verschwinden immer mehr im Walde, und die Umrisse der starken Stämme treten deutlich hervor. Das Zwielicht dauert nur kurze Zeit. Dann brechen helle Sonnenstrahlen durch die Blätter der Baumkronen, die grauen Schleier, die die Inseln als formlose Gebilde erscheinen lassen, lösen sich in ein Nichts auf, und das schöne saftige Grün der Inseln leuchtet aus den goldüberglänzten Fluten.

 

»Sonnenaufgang!« sagte Bones mit einer Armbewegung nach Osten, als ob er selbst für dieses Wunder verantwortlich sei.

 

Patricia saß in einem tiefen geflochtenen Stuhl und atmete die frische, würzige Morgenluft ein. Die Natur um sie herum leuchtete in den herrlichsten Farben. Am jenseitigen Ufer zog ein Schwärm farbiger Papageien vorüber, die fröhlich schrien. Die Sonne spielte auf ihren schillernden Federn.

 

»Ist das nicht wundervoll?« fragte sie leise.

 

Bones sah zu den Vögeln hinüber und beschattete die Augen. »Es sieht aus wie eine bunte Flickendecke. Es ist doch wirklich schade, daß sie nicht sprechen können, bevor man sie dazu abrichtet. Sie schmecken auch scheußlich, obgleich manche Leute sagen, daß man sie mit Curry gut machen kann.«

 

»Ach, sehen Sie doch dort!«

 

Die »Wiggle« näherte sich dem südlichen Ufer des Stromes, wo zwei prachtvolle Flamingos ruhig im seichten Wasser standen.

 

»Die schmecken auch entsetzlich«, sagte Bones. »Ihr Fleisch erinnert mich zu sehr an Fisch, und außerdem ist es zu fett. Dasselbe trifft für die Reiher zu.«

 

»Bones, haben Sie denn überhaupt keine Seele?« fragte sie ernst.

 

»Eine Seele, meine liebe, gute Schwester?« fragte Bones erstaunt. »Das ist doch meine größte Spezialität.«

 

Es war ein herrlicher Morgen für Patricia, denn Bones hatte sich endlich auf ihre dringende Vorstellung hin in seine Kabine zu den Rechnungen zurückgezogen. Sie genoß die Schönheit des Tropentages. Sie sah, wie die Wellen des rostroten Stromes am Bug der »Wiggle« hoch aufschäumten, sie fühlte die kühle Brise, die ihr von den fernen nördlichen Gebirgen entgegenwehte, und sie freute sich, daß sie sich jetzt nicht mit Bones unterhalten mußte.

 

Bones verbrachte keinen weniger angenehmen Morgen, denn Ali Abid war ein methodischer Mann, der wohl zu rechnen und zu schreiben verstand und den Fehler bald gefunden hatte.

 

»Gott sei Dank!« rief Bones erleichtert. »Du bist ein netter alter Zahlmeister, Ali. Ich hätte das niemals aufgespürt.«

 

»Herr, manche Subjekte vergessen bei ihren heftigen Anstrengungen die verschlungenen Schwierigkeiten der Einzelheiten. Das kommt meistens daher, daß sich die Subjekte nicht konzentrieren können.«

 

»Schon gut!« sagte Bones. »Aber mach alles fertig, daß ich es nachher abschreiben kann.«

 

Er weckte Patricia aus tiefer Träumerei. Sie dachte gerade an schüchterne und doch so tüchtige Junggesellen, die ganze Völker mörderischer Kinder väterlich betreuten.

 

Bones erteilte laut Befehle, die aber niemand ausführte. Er hatte ein großes Fernglas, mit dem er abwechselnd ängstlich zum Himmel emporschaute oder kritisch das Fahrwasser prüfte. Er ging von einer Seite zur andern und trug dabei immer das Fernglas unter dem Arm. Er mußte dauernd über Patricias Füße steigen, und da ihm das manchmal nicht gelang, ohne anzustoßen, machte sie schließlich seinen nautischen Wanderungen auf der »Kommandobrücke« ein Ende.

 

»Bones, Sie machen mich schwindlig. Und ist das nicht die Insel, die wir besuchen wollten?«

 

In den frühen Nachmittagsstunden gingen sie wieder an Bord. Der Häuptling des Dorfes kam ans Ufer, um sich von ihnen zu verabschieden.

 

Sie hatten eine ganze Sammlung von Speerklingen, grausamen Hinrichtungswaffen, Dolchen, Messern, Elefantenschwertern und zauberkräftigen Eisenfiguren erworben.

 

»Bones, dieser Ausflug war einfach großartig«, sagte Patricia auf der Rückfahrt. »Sie können wirklich manchmal sehr vernünftig und geschickt sein.«

 

»Meine liebe, gute Miß Hamilton, Sie haben mich heute so gesehen, wie ich wirklich bin. Die Maske war gefallen, und der eigentliche Bones kam zum Vorschein, freundlich, vernünftig, überlegt und – wenn ich dieses Wort gebrauchen darf, ohne daß Sie sich große Hoffnungen machen – zärtlich. Sie sahen mich frei von Sorgen, gewandt, stets auf dem Posten …«

 

»Nun seien Sie ein guter Junge und machen Sie Ihre Rechnungen fertig. Ich werde ein wenig schlafen.«

 

Und das tat sie auch, denn es war warm, und sie fühlte sich müde. Die »Wiggle« fuhr schnell und glatt mit dem Strom. Bones gähnte und schrieb Alis detaillierte und sorgfältige Aufstellung ab, während Ali selbstzufrieden an Deck lag und ebenfalls schlummerte. Selbst der Heizer hatte die Augen geschlossen. Nur der Steuermann Yoka war wach und aufmerksam, und seine dunklen Augen waren stets auf das Fahrwasser gerichtet, unter dessen Oberfläche sich Untiefen, Sandbänke, Steine und Baumwurzeln verbargen.

 

Zwei Meilen von der Residenz entfernt liegen drei Inseln mitten im Strom, bevor er breiter wird und sich in das Meer ergießt. Die Durchfahrt zwischen ihnen ist nur schmal und eng, und um diese Jahreszeit ist nur die mittlere sicher befahrbar, die den Namen »Durchfahrt des Baumes« führt. Denn alle Boote, selbst die »Zaire«, müssen hier so dicht unter den überhängenden Ästen eines großen Zitronenbaumes durchfahren, daß die Zweige den Schornstein berühren. Glücklicherweise ist die Strömung hier niemals sehr stark.

 

Yoka merkte, daß der Kiel des Bootes eine seichte Stelle streifte, und steuerte das Boot näher zum Ufer der Insel. Er war gerade unter dem großen Baum angekommen, als eine Schlinge über ihn fiel und sich um seine Arme legte. Er konnte gerade noch das Steuer feststellen, bevor er aus dem Boot gezogen wurde und nun zwischen dem Laub der Bäume und dem Wasser in der Luft schwebte.

 

»O Yoka«, hörte er eine spöttische Stimme aus den Ästen über sich, »von Sonnenaufgang bis Monduntergang ist keine lange Zeit für einen Mann, der zu seiner Frau geht.«

 

Bones war mit seinen Rechnungen fertig und dachte tief nach. Dazu mußte er aber den Kopf auf die Hände legen und die Augen schließen. Später stand auch sein Mund offen, und seine Gedanken wurden von wunderbaren Geräuschen begleitet.

 

Patricia weilte auch im Traumland, ebenso war der Heizer Boosoobi eingenickt. Manchmal wachte er auf und blinzelte zu dem Manometer hinüber, manchmal warf er ein Stück Holz ins Feuer, aber zwischendurch hörte er nur das melodische, einschläfernde Geräusch seiner gutgeölten Maschine.

 

Bones gähnte laut, streckte und reckte sich und kam dann an Deck. Die Sonne war nahe am Untergehen.

 

»Zum Donnerwetter«, sagte Bones und starrte um sich. Die »Wiggle« war aus der Strommündung in das offene Meer hinausgefahren, und weit und breit war kein Land zu sehen.

 

Bones legte die Hand auf die Schulter der schlafenden Patricia, und sie fuhr erschrocken auf.

 

»Meine liebe, gute Schiffsgenossin«, sagte er mit zitternder Stimme, »jetzt sind wir allein auf dem netten, alten Ozean! Wir haben den Steuermann verloren!«

 

Sie überschaute den Ernst der Lage sofort. Auch der Heizer wurde sofort wach, als Bones ihn rief. Die Nachricht von dem Verschwinden des Steuermannes machte keinen großen Eindruck auf ihn.

 

»Wir müssen umkehren«, erklärte Bones und drehte das Steuerrad. »Ich glaube nicht, daß ich mich irre, wenn ich behaupte, daß Westen gerade entgegengesetzt von Osten liegt. Wenn das wahr ist, sind wir zum Abendessen zu Hause.«

 

»Master«, sagte Boosoobi, der es als Bewohner der Küste vorzog, englisch zu sprechen, »Holz is nix.«

 

»Was?« fragte Bones atemlos und wurde bleich.

 

»Dem Holz is nix, ich nix sehen, ich suchen, nix finden!«

 

Bones hielt sich an der Reling an.

 

»Was sagt er?« fragte Patricia ängstlich.

 

»Er sagt, daß kein Feuerholz mehr da ist«, erklärte er ihr. »Die verdammten alten Bunker sind leer, und wir sind nun der Unbill des Sturmes ausgeliefert!«

 

»O Bones!« schrie sie bestürzt auf.

 

Aber er hatte seine Fassung wiedergewonnen. »Wie wäre es, wenn wir zurückschwimmen? Vielleicht mit Korkgürteln, es können doch nicht mehr als zehn Meilen bis zum Ufer sein?«

 

Ali Abid erhob Einspruch gegen diesen Vorschlag. »Herr«, sagte er, »das Subjekt sollte bei solchen Gelegenheiten mit Ruhe und Besonnenheit, mit größter Zurückhaltung handeln. Die Nähe des Landes läßt Rettung vermuten. Das Subjekt sollte die Rettung nicht durch ungeeignete Handlungen verzögern, es sollte leicht und gleichmäßig atmen und im allgemeinen eine normale Temperatur behalten.«

 

»Was soviel heißt, meine liebe, gute Miß Hamilton, daß Sie Ihre Kleider anbehalten können«, erklärte Bones.

 

Was noch alles hätte geschehen können, läßt sich kaum ausdenken, aber in diesem Augenblick sah Bones am Horizont den Dampfer »Paretta«.

 

Es war noch Dampf im Kessel der »Wiggle«.

 

Bones wußte nicht recht, was er tun sollte, aber wieder kam ihm Ali zur Hilfe.

 

»Herr«, sagte er, »um SOS-Rufe auszusenden, befindet sich an Bord ein gewisser wissenschaftlicher Apparat, der aber vermutlich nicht geht.«

 

»Die drahtlose Anlage!« rief Bones. »Großer Gott, die habe ich ganz vergessen.«

 

Dreiviertel Stunden später legte die »Wiggle« am Fallreep des Dampfers »Paretta« an. Eine halbe Stunde später kam die »Zaire« in Sicht.

 

Der Dampfer hatte Anker geworfen, als Sanders mit der »Zaire« erschien.

 

Sanders sah die kleine »Wiggle«, die in den Wellen an der Seite des großen Schiffes schaukelte. Sie war anzusehen wie ein kleiner Kolibri neben einem großen Strauß. Sanders schickte ein Dankgebet zum Himmel. »Sie sind in Sicherheit«, wandte er sich an Hamilton. Dann: »O Yoka, lenke die ›Zaire‹ auf die andere Seite des mächtigen Schiffes.«

 

»Herr, werden wir heute abend noch zurückfahren und Koboru aufsuchen?« fragte Yoka, der einige Beulen und Schrammen bei seinem Abenteuer davongetragen hatte. Er war den Leuten, die ihn gefangengenommen hatten, entwischt und mit dem Strom zur Residenz geschwommen.

 

»Morgen ist auch ein Tag!« erwiderte Sanders begütigend.

 

Hamilton war als erster an Deck der »Paretta« und fand seine Schwester neben dem fröhlich dreinschauenden und mit sich selbst sehr zufriedenen Bones. Es stand noch ein Offizier bei ihnen, den Hamilton sofort erkannte.

 

»Kompanieabrechnung vollständig in Ordnung!« meldete Bones grüßend. »Soeben geprüft und richtig befunden von diesem netten Zahlmeister« – er wandte sich an den andern Offizier, den er ebenfalls militärisch grüßte. »Hierdurch sind alle Ihre mürrischen und niederträchtigen Vorwürfe erledigt!«

 

Hamilton ergriff seine Hand, drückte sie und lachte.

 

»Bones war wirklich wundervoll!« sagte Patricia. »Man hätte uns wahrscheinlich vom Dampfer aus nicht gesehen, wenn er nicht eine gute Idee gehabt hätte.«

 

»Gerettet durch drahtlose Telegrafie!« erklärte er triumphierend. »Es war eigentlich weiter nichts als ein genialer Gedanke.«

 

»Was – Sie haben den Apparat in Ordnung gebracht?« fragte Hamilton ungläubig.

 

»Nein, aber ich brauchte noch ein wenig mehr Dampf, um näher an das nette alte Schiff heranzukommen, und da habe ich das verfluchte Ding verbrannt. Sehen Sie, ich wußte doch, daß es früher oder später noch einmal in Aktion treten würde!«

 

Kapitel 6

 

6

 

Welchem Ziele trieb Luke Maddison entgegen? In seinen rosigen Träumen sah er nur den glatten, geraden Weg seines Lebens vor sich liegen. Für ihn kamen in angenehmer Regelmäßigkeit Jahre, verbracht im Strudel des Vergnügens, in Ascot, in Deauville, auf dem Lido. Er würde von St. Moritz nach Cannes wandern, von Cannes nach London; er würde so tun, als ob er sich mit seinen Geschäften befaßte, aber die Bank würde unter der Leitung Mr. Steeles weitergehen, ob er da war oder nicht.

 

Er hatte schon vorher die gleichen Wege durchwandert – aber allein. Jetzt sollte seines Herzens sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen. Der Gedanke schien ihm beinahe unfaßbar, daß sie bei ihm sein sollte – alle Zeit, in all den Plätzen, überall. Margaret Leferre war für ihn die Frau aller Frauen, die Erfüllung seiner Träume. Sie war nicht die schwache Frau, die so oft von den Dichtern besungen wurde. Nein, sie war mehr für ihn als nur die Frau. Hier war ein Kamerad, dem er vertrauen konnte. Ihr gegenüber empfand er eine Zärtlichkeit, die durch den Schatten von Kummer und Gram, der auf ihr lag, nur noch verstärkt wurde. Sie war jetzt endlich unter seinem Schutz.

 

Am Morgen der Hochzeit ging er auf die dringende Bitte seines Prokuristen nach dem Büro, wo verschiedene Angelegenheiten von ihm persönlich erledigt werden mußten. Sein Anwalt war schon vorher bei ihm gewesen und hatte noch einmal vergeblich – vergeblich, denn der Kontrakt war schon am vorhergehenden Tage unterzeichnet worden – gegen diesen Heiratsvertrag protestiert.

 

»Luke, ich muß annehmen, daß du der größte Narr bist, den ich jemals in meiner ganzen geschäftlichen Tätigkeit gesehen habe … ja, ja, ich weiß, daß Margaret das liebste, beste Mädel in der ganzen Welt ist, daß sie das vertrauenswerteste ist. Alle die guten Eigenschaften der Leferre-Familie scheinen sich bei ihr vereinigt zu haben – aber ist es dir denn nicht klar, was für eine unglaubliche Torheit du begangen hast? Angenommen, sie stirbt ohne Testament – ja, ich weiß, es ist eine erschreckende Annahme – aber nimm doch mal an …«

 

»Ich will nicht so etwas Furchtbares annehmen, Jack!« unterbrach Luke hitzig. Sie waren Freunde von Jugend auf, er und der kluge junge Rechtsanwalt, der Lukes geschäftliche und private Angelegenheiten in Händen hatte.

 

»Ich bin der Meinung, daß die Frau einen Anteil am Vermögen ihres Mannes haben müßte –«

 

»Einen Anteil!« schnarrte Jack Hulbert. »Du verdammter Narr. Sie hat doch alles bekommen!«

 

Und es fehlte nicht viel, daß sie sich beide zum ersten Male ernstlich gezankt hätten.

 

Luke war sehr gereizt, und der Pessimismus seines Mr. Steele trug nicht dazu bei, ihn in bessere Laune zu bringen.

 

»Wir können unsere Verluste tragen, aber das wird Sie eine Masse Geld kosten«, sagte dieser sorgenvoll; »und dann, Mr. Maddison, hoffe ich, daß Sie Spekulationen aus dem Wege gehen. Das ist ganz gut für –«

 

»Ich weiß schon!« Lukes Geduld war beinah erschöpft. »Ich stimme völlig mit Ihnen überein, daß wir nicht spekulieren sollten – um die Wahrheit zu sagen, war ich ganz gegen meinen Willen gezwungen worden, die Aktien zu übernehmen.«

 

Er konnte und wollte nicht zugeben, daß dieser Fehler, den er begangen hatte, direkt durch Rex Leferres Schuld entstanden war. Mr. Steele würde kaum geglaubt haben, daß sein so erfahrener junger Chef sich durch einen jungen Menschen zu Geschäften hätte verleiten lassen, die mit der Bank gar nichts zu tun hatten. Und doch war dies die reine Wahrheit.

 

»Wie hoch belaufen sich unsere Verluste?« fragte Luke. Mr. Steele gab ihm die genaue Zahl an.

 

»Neunundsiebzigtausendsechshundertvierzig Pfund«, sagte er nachdrücklich, aber Luke lächelte.

 

»Zufällig weiß ich, daß ich einen großen Teil mehr wert bin als diese Summe.« Er lachte. »Tatsächlich, Steele, ich bin ja viel reicher, als ich überhaupt angenommen habe.«

 

Er wußte dies ›zufällig‹, weil es nötig gewesen war, für den Vertrag eine genaue Aufstellung seiner sämtlichen Guthaben zu machen.

 

»Es ist gut – lassen Sie einen Scheck ausschreiben, und ich will ihn gleich unterzeichnen.«

 

Mr. Steele ging hinaus, und Luke durchflog die Papiere, die noch unterschrieben werden mußten.

 

Er sollte Margaret um zwei Uhr im Standesamt treffen. Danty war gleichfalls dort – der Gedanke an diesen Mann war ihm unangenehm, aber er hatte nichts dagegen geäußert. Danty hatte es auf eine besondere Weise verstanden, Margarets Vertrauen zu erwerben; vielleicht, so dachte Luke, war es die enge Freundschaft mit Rex, die dies nicht nur ermöglicht, sondern vielleicht sogar unvermeidlich gemacht hatte.

 

Der zweite Zeuge sollte Mr. Steele sein.

 

Er war im Begriff, seinen Prokuristen zu rufen, um ihn noch einmal an diese wichtige Funktion zu erinnern, als dieser schon das Zimmer betrat.

 

»Wollen Sie einen Mann namens Lewing sprechen?«

 

»Lewing? Wer ist das?«

 

Mr. Steeles Gesichtsausdruck sagte ihm deutlich, daß Lewing nichts Besonderes sein konnte.

 

»Ein merkwürdiger Kerl«, sagte Steele. »Ich würde ihn schon weggeschickt haben, wenn er nicht gesagt hätte, er käme von Gunner, der Sie ja zu kennen scheint.«

 

Einen Augenblick war Luke unschlüssig. »Gunner?« Er kannte einen Mann, der bei der Artillerie gestanden hatte…

 

Dann plötzlich erinnerte er sich an Gunner Haynes. Er hatte alles vergessen, was mit dem unglücklichen Hoteldieb zusammenhing, den er zu retten versucht hatte – hatte nicht einmal in der Zeitung gelesen, was mit ihm geschehen war.

 

»Lassen Sie ihn hereinkommen.«

 

Der Mann, der hinter Steele das Zimmer betrat, war lang und mager. Seine tiefliegenden Augen hatten in ihrer Unruhe beinahe etwas Tierisches. Er blickte schnell in dem Zimmer umher, und es schien Luke, als ob er jeden Gegenstand abschätzte – in Hinsicht aus einen eventuellen, nächtlichen Besuch, bei dem er die wertvollsten Gegenstände davontragen könnte.

 

»Morgen, Sir.« Er hielt seinen Kopf gesenkt und blickte unter seinen dichten, struppigen Augenbrauen hervor auf Luke.

 

»Möchte Sie gern privatim sprechen, Sir«, sagte er mit heiserer Stimme.

 

Luke gab dem Prokuristen einen Wink, das Zimmer zu verlassen, dem dieser mit großem Widerstreben folgte.

 

»Wollen Sie nicht Platz nehmen?«

 

Ohne seine Augen von Luke zu lassen, streckte der Besucher seine Hand aus und zog sich einen Stuhl heran.

 

»Nun?«

 

Der Besucher setzte sich.

 

»Der Gunner hat drei Monate gekriegt«, begann er.

 

»Der Spatz hat sich für ihn verwendet, aber der Richter hat ihm doch drei Monate gegeben. Der Gunner hat Einspruch erhoben.«

 

Luke nickte. »Er ist zu drei Monaten Zuchthaus verurteilt worden und hat Revision beantragt. Ich hoffe, er kommt damit durch. Hat er Sie zu mir geschickt?«

 

Lewing nickte langsam. Er erweckte den Anschein eines Mannes, der log und erwartete, daß man ihn durchschaute.

 

»Ja. Ein paar Pfund würden ihm viel Gutes tun. Er braucht nämlich einen Rechtsanwalt. Der Spatz sagt, er würde mit durchkommen – und der Spatz weiß Bescheid.«

 

»Wer ist denn eigentlich der Spatz?«

 

Ein langsames Lächeln verbreitete sich über Mr. Lewings Gesicht.

 

»Er ist ’n Greifer – ein Detektiv. Bird heißt er –«

 

Luke nickte. Er erinnerte sich Mr. Spatz‘, dessen Tätigkeit sich augenscheinlich nicht nur auf Untersuchungen beschränkte.

 

»Ich habe selbst gesessen – wegen Einbruch«, vertraute ihm Lewing an. »Aber man konnte mir nichts beweisen, und so bin ich wieder losgekommen. Aber ich und der Gunner sind wie Brüder. Er saß in Brixton in der nächsten Zelle und sagte mir, ich sollte mal vorbeikommen und mit Ihnen sprechen – ein paar Pfund würden ihm sehr viel helfen.«

 

Luke war unschlüssig. Seine Bekanntschaft mit dem Mann, der sich selbst Haynes nannte, war recht oberflächlich, aber während der kurzen Unterhaltung im Ritz Carlton war es ihm aufgefallen, daß der »Gunner« die Manieren und ganz sicher die Ausdrucksweise eines gebildeten Mannes hatte. Dieser Mensch hier, dieser verächtliche Dieb, der ihn von der anderen Seite des Tisches aus so hinterlistig betrachtete, gehörte wohl kaum zu der Art Menschen, die von dem Gunner mit Aufträgen betraut werden dürften.

 

Luke faßte in seine Tasche und zog ein paar Pfundnoten heraus.

 

»Ich nehme an, Sie kennen Mr. Bird sehr gut«, fragte er, als er das Geld zählte.

 

Der Mann grinste.

 

»Den Spatz? Und ob! Er spricht immer nur über die Kinder der Armen – aber er ist immer hinter ihnen her! Er behauptet, es gibt eine Masse armer Leute, die nur leiden, weil es Leute gibt wie –« er war im Begriff; »mich« zu sagen, aber verbesserte sich schnell – »weil es Gauner gibt. Das ist Unsinn, wenn man nicht arbeiten kann, muß man doch irgendwas tun: man kann doch nicht verhungern. Das letztemal, als der Spatz anfing, mit mir darüber zu reden, habe ich gesagt: ›Passen Sie mal auf, Mr. Bird, warum sind Sie nicht mal hinter den Kindern der Reichen her und lassen die mal was von ihrem Überfluß an die Kinder der Armen abgeben?‹ Er konnte mir keine Antwort geben. Er war einfach platt. Wenn es sich um Beweisführung handelt, schlage ich alle Leute.«

 

Er schien ziemlich stolz auf diese Fähigkeit zu sein, auch wenn seine Triumphe meistens erlogen waren.

 

»Hier sind zehn Pfund, geben Sie das Ihrem Freunde … ich kann nicht mehr für ihn tun. Ich würde aber ganz gern wissen, wie es ihm geht; er kann mir hierher schreiben.«

 

Eine schmutzige Hand, wie eine Geierkralle, schoß über den Tisch hinweg und packte das Geld.

 

»Wenn Sie Dicky sehen, sagen Sie nicht, daß ich hier war … den Spatz meine ich. Manche nennen ihn so und manche wieder anders. Und, Sir, wenn Sie jemals was von unserem Leben sehen wollen, Sie oder andere feine Leute, kommen Sie mal eine Nacht ‚runter nach Rotherhithe. Fragen Sie mal nach Harry Sibler – warten Sie, ich muß irgendwo meine Adresse haben.«

 

Er suchte in seiner Westentasche und brachte eine schmutzige Karte hervor. Luke nahm sie und las belustigt:

 

Harry Sibler

neben »The Cap and Bells«

 

und darunter war geschrieben:

 

Höchste Preise für Alteisen.

 

Lewing starrte ihn an und zeigte seine Zähne in einem breiten Grinsen.

 

»Altes Eisen!« kicherte er heiser. »Nicht schlecht, was? Wenn Sie wirklich einmal die Kinder der Armen sehen wollen – das ist der Platz, wo Sie hingehen müssen!«

 

Er stand auf und verschwand mit einem Kopfnicken durch die halbgeöffnete Tür. Er verschwand aus seinem Leben, so dachte Luke, aber hierin sollte er sich irren.

 

Kapitel 7

 

7

 

Der Morgen fand Margaret Leferre ratlos und verzweifelt. Dreimal war sie an das Telephon gegangen, um Luke anzurufen; dreimal hatte sie den Hörer wieder niedergelegt. Und dann kam Mr. Danty Morell. Zuerst wollte sie ihn nicht empfangen. In dem Wirbel ihrer Gedanken ließ sein Erscheinen die grauenhafte Wirklichkeit noch abstoßender erscheinen, eine Wirklichkeit, die sie am liebsten von sich abgewehrt hätte.

 

Der Tag graute, nach einer Nacht voller Träume, entsetzlicher Träume, in denen der tote Rex, Luke und Anwälte sich in wildem Reigen über die Abfassung des Heiratsvertrages stritten. Und aus all diesen Traumgestalten hatte sich eine Tatsache klar hervorgehoben: sie haßte Luke – haßte ihn mit einem Nachdruck, der alle Vernunftsgründe erstickte. Sie versuchte, die Zeit zurückzurufen, in der er alles in der Welt für sie bedeutete, die Zeit, wo ihr Herz bei dem Ton seiner Stimme schneller schlug, die Zeit, wo ein Tag ohne seine Gegenwart ihr dunkel erschienen war. Verzweiflungsvoll kämpfte ihr eigener, schwindender Selbstrespekt, verzweifelt suchte sie die Stunden zurückzurufen, wo er Alles für sie bedeutete. Sie versuchte, Entschuldigungen für ihn zu finden – und der Versuch schürte die Flamme des Hasses noch mehr. Sie begann sich selbst zu hassen – wegen des unerhörten Verrates, den sie vorhatte. Und daß sie mit einem Mann ein Komplott eingegangen war, der noch wenige Monate vorher ihr völlig fremd war, machte die Sachlage nur noch schwieriger für sie.

 

In dieser Stimmung fand Danton Margaret Leferre. Er war in düsterem Schwarz, und selbst in seiner Kopfbedeckung lag mehr eine Anspielung auf eine Trauerfeierlichkeit als auf eine Hochzeit.

 

Ohne irgendwelche Vorrede – sie hatte sich schon so weit mit ihm eingelassen, daß Verstellung unnötig war – begann sie:

 

»Ich kann es nicht durchführen, Danton –« niemals hatte sie sich an das familiäre ›Danty‹ gewöhnen können – »ich habe mich entschlossen, Luke anzurufen und ihm alles zu erzählen. Es ist furchtbar – ich kann es nicht.«

 

Er war viel zu geschickt, um gegen ihren Entschluß anzukämpfen, hatte auch in der elften Stunde etwas Derartiges erwartet.

 

»Um genau zu sein, was ist denn eigentlich furchtbar?« fragte er. »Es gibt verschiedene furchtbare Seiten dieser ganzen Angelegenheit, die mir sehr zu Herzen gehen. Aber… ich kann über diese nicht mit Ihnen sprechen – selbstverständlich, es ist mehr als furchtbar, daß Sie ihn hassen und sich doch selbst zum Opfer bringen müssen. Als Luke mir erzählte, daß er seine Flitterwochen in Paris verbringen wollte … angenehm war mir der Gedanke wirklich nicht. Warum Sie überhaupt auf eine Hochzeitsreise gehen müssen, ist mir völlig unverständlich. – Erinnern Sie sich an das junge Mädchen, ich glaube eine Miß Fletcher, die ihr Bein brach, als sie in den Wagen stieg … selbstverständlich ist es abscheulich, derartige Dinge vorzuschlagen, aber – ich kenne einen Doktor, der Ihnen ohne weiteres ein Attest über einen verrenkten Knöchel ausstellen…«

 

Sie schüttelte den Kopf, dachte aber augenscheinlich über diesen Vorschlag nach. Sie mußte den Höhepunkt des Dramas sofort zu erreichen versuchen. Mußte vor der Tür des Standesamts die ganze Wahrheit erzählen – oder die Heirat durfte überhaupt nicht stattfinden. Die Tinte auf dem Heiratskontrakt war noch frisch, und sie mußte ihm erzählen, daß sie vorsätzlich darauf ausgegangen war, ihn zu ruinieren. Sie durfte nicht mehr zaudern. Ein schnelles Ende, solange der Haß noch in ihr loderte, bevor vielleicht eine sentimentale Regung, ein Gefühl von Mitleid in ihr aufkam und sie an einen Mann fesselte, den sie im Innersten verabscheute.

 

Danty sah, wie sie schwankte. Jetzt war der Moment gekommen, ihren Widerwillen gegen Luke zu verstärken. Eine Waffe hatte er in der Hand, und diese hatte er sorgfältig bis zum letzten Augenblick aufbewahrt.

 

»Ich nehme an, Sie wundern sich, warum ich gegen Maddison bin?« sagte er.

 

Es lag kein Grund für diese Frage vor. Er hatte ihr keinen Zweifel gelassen, daß er Luke aus mehr Gründen haßte, als sie sich denken konnte, aber Danton war ein viel zu guter Taktiker, um den Gedanken in ihr aufkommen zu lassen, er betrachtete Luke Maddison als einen Rivalen. Das würde ihn aus der Atmosphäre der uneigennützigen Freundschaft herausgebracht haben, würde jede Handlung, jedes Wort in einem anderen Licht erscheinen lassen. Und doch, mit jedem Tag, der vorüberging, fand er es schwieriger und immer schwieriger, seine Leidenschaft für sie zu verbergen. Sie war so ganz anders als all die Frauen, die er gekannt hatte, so unendlich verschieden von der Art der Millie Haynes … eine Dame, eine große Dame … eine Angehörige der Klasse, gegen die er unaufhörlich gekämpft hatte. Er mußte sich im Zaum halten, um nicht aus der Rolle des platonischen Freundes zu fallen. Ein einziger falscher Schachzug, und er war verloren.

 

»Ich hasse ihn, weil ich Rex gern hatte, ihn liebte – und er wird Rex niemals in Ruhe lassen. Der arme Junge ist kaum unter der Erde, und schon erhebt er eine der unglaublichsten Anklagen gegen ihn –«

 

»Was?« fuhr sie hoch.

 

»Fälschung! Sie würden es nicht für möglich halten, aber Luke erzählte mir wenige Tage nach Rex‘ Tode im Vertrauen, daß der arme Junge einen Scheck über achtzehntausend Pfund gefälscht hätte. Eine törichte Anklage, wie ich ihm auch sagte – denn ich war ja mit Rex zusammen, als Luke Maddison ihm den Scheck aushändigte.«

 

Sie saß bewegungslos, mit zusammengepreßten Lippen, und ihre Augen funkelten empört.

 

»Das hat er gesagt?«

 

Sie sprach so leise, daß man kaum ihre Worte verstehen konnte. »Daß Rex gefälscht hat … aber so etwas kann er nicht getan haben … wie gemein!«

 

Morell sah, wie ihre Lippen zuckten, wußte, sein Augenblick war gekommen. Er beugte sich zu ihr und sprach … sprach … schnell, nachdrücklich. Er sprach von Dingen, die zu anderer Zeit ihre Empörung entfacht hätten – sie lauschte unbewegt – Wut, Empörung kämpften allein in ihr – aber noch sprach in ihrem Innern eine schwache, protestierende Stimme, sagte ihr, daß sie nicht lauschen dürfte, aber diese Stimme wurde schwächer und schwächer und verlosch.

 

Um zwei Uhr stieg sie vor der Tür des Standesamtes in Marylebone aus dem Wagen, und Luke, der sie in dem Vorraum erwartete, begrüßte die blasseste Braut, die jemals dieses Tor durchschritten hatte.

 

Sie sprach kein Wort, beantwortete nur die Fragen, die an sie gerichtet wurden. Schaudernd fühlte sie den Ehering auf ihren Finger gleiten …

 

Alles war so schnell vorübergegangen, daß sie kaum glauben konnte, der erste Akt ihrer Rache war vorüber. Man reichte ihr einen Federhalter, ein dicker Zeigefinger wies ihr die Stelle, wo sie ihren Namen hinzusetzen hatte. Lange Zeit hielt sie regungslos den Halter in der Hand, und als sie schließlich schrieb, schwankte er in ihren Fingern, und die gekritzelte Unterschrift starrte ihr fremd und unbekannt entgegen.

 

Und am gleichen Abend noch die Abreise nach Paris… war es Hotel Meurice oder war es das Bristol? Ihre Gedanken konnten sich über diese Einzelheiten nicht klar werden … was kam auch darauf an, wenn nur ihr Mut sie nicht verließ. Froh war sie, daß die Trauung um zwei Uhr stattgefunden hatte, sie konnte nach Haus zurückfahren – Luke kam zum Diner, und dann würden sie sofort abreisen, um das Nachtboot in Southampton zu erreichen.

 

»Mein Weib! Es ist wundervoll – unfaßbar!«

 

Lukes Stimme zitterte. Sie saßen allein in ihrem hübschen, kleinen Salon, er an ihrer Seite, sein Arm um ihre Schultern gelegt. Sehr still und gerade saß sie, aber er glaubte sie zu verstehen.

 

Luke war außer sich vor freudiger Erregung – wie ein Schuljunge, der ein neues und wundervolles Geschenk erhalten hat.

 

»Hast du übrigens den merkwürdigen Menschen gesehen, der auf dem Bürgersteig stand, als wir herauskamen? Er heißt Lewing – ein Dieb oder irgend so ein Gauner. Ich möchte wissen, ob er auf Taschendiebstahl aus war? Wetten, daß er aus diesem Grunde da war … hat mich sogar gegrüßt, als ich herauskam …«, erzählte er belustigt.

 

Sie hörte nicht zu, und als er sie verlassen hatte, konnte sie sich nur an einige Worte erinnern, die er über Rex gesprochen hatte. Wie hatte er nur den armen Jungen erwähnen können! Danty klingelte an, aber sie wollte ihn nicht sehen, nicht sprechen. Sie war jetzt auf sich allein angewiesen, mußte ohne fremde Hilfe durchkommen. Sie erwartete Luke um sieben Uhr. Gegen sechs rief sie ihn an und hatte einen Augenblick panischer Furcht, weil sie glaubte, er hätte schon seine Wohnung verlassen und wäre nicht zu erreichen. Dann hörte sie seine Stimme.

 

»Liebling … ist es nicht merkwürdig? Ich kann es immer noch nicht glauben – ich komme mir immer noch wie ein vertrockneter, alter Junggeselle vor und …«

 

»Luke, ich möchte dich um etwas bitten«, endlich fand sie ihre Stimme. »Nein … nein, bitte, unterbrich mich nicht… es ist so viel, was ich verlange. Ich möchte heute abend nicht abreisen … nicht morgen oder übermorgen … ich möchte allein sein. Möchte niemand sehen … auch dich nicht. Meine Nerven versagen … Ich befürchte, ich breche zusammen.«

 

Und sie fuhr fort, zusammenhangslos, zögernd, und er lauschte mit einem ständig größer werdenden Gefühl von Besorgnis und Enttäuschung. Und doch dachte er nicht an sich.

 

»Ich bin ein großer Egoist gewesen. Selbstverständlich, mein Liebling … ich kann alles begreifen.«

 

Die ganze Unterhaltung nahm kaum fünf Minuten in Anspruch; er konnte sich kaum darüber klarwerden, was eigentlich vorgegangen war, wozu er seine Zustimmung gegeben hatte, als er an seinem Schreibtisch saß und mit leeren Augen auf die Telegrammformulare starrte, die so viele geplante, verlockende Abmachungen aufheben sollten.

 

Danty stand an der Barriere des Waterloo-Bahnhofs und sah die Reisenden, die den Dampferzug benutzen wollten, an sich vorbeigehen. Er sah, wie der Zug sich in Bewegung setzte, wie das rote Schlußlicht in der Dunkelheit verschwand, und ging langsam nach Haus. Er summte ein kleines Liedchen vor sich hin. Mr. und Mrs. Luke Maddison waren nicht unter den Reisenden gewesen.

 

Kapitel 8

 

8

 

Der Direktor und Prokurist von Maddisons Bank gehörte nicht zu den Menschen, die leicht überrascht werden konnten. Er hatte jene fatalistischen Eigenschaften, die man fast bei allen Menschen findet, die mit Finanzgeschäften zu tun haben. Die Schwankungen der Börse, die Bankraten, das Auf und Nieder des Handels ließen ihn – äußerlich wenigstens – unberührt. Einmal war er von einem bewaffneten Räuber angehalten worden und hatte nicht einen Augenblick seine Ruhe verloren. Und doch starrte er mit größter Verwunderung, unfähig zu sprechen, als er Luke Maddison durch das äußere Büro nach seinem Privatzimmer gehen sah.

 

»’s ist schon gut, Steele«, lächelte dieser. »Es ist kein Geist.«

 

Mr. Steele fand endlich seine Sprache wieder und:

 

»Ich dachte … hm …«

 

»Sie dachten, ich wäre auf der Hochzeitsreise, aber wie Sie sehen, stimmt das nicht«, sagte Luke, als er dem Prokuristen voran in sein Büro ging.

 

Bei dem Anblick der enormen Gestalt, die in einem der bequemsten Sessel lag, blieb er auf der Türschwelle stehen. »Mr. Bird kam heut morgen, und ich glaubte … hm… ich dachte, Sie würden nichts dagegen haben, wenn ich mit ihm in Ihrem Zimmer verhandelte.«

 

Luke Maddison schüttelte schon die Hände seines Besuchers.

 

»Dachte ich mir’s doch, daß Sie kommen würden«, sagte der Spatz vergnügt. »Ich habe gewußt, daß Sie nicht mit dem Flitterwochenexpreß gefahren sind.«

 

Luke lachte.

 

»Sie waren am Bahnhof, wie ich annehme?«

 

»Ich und ungefähr vierzehn verschiedene Hochstapler«, war die Antwort des Detektivs, »aber nur zwei von ihnen hatten in diesem Dampferzug für uns ein besonderes Interesse. Alle übrigen waren ganz gewöhnliche Gepäckdiebe und die hielten es dann nicht lange auf dem Bahnhof aus. Ich und ›er‹ warteten, bis der Pariser Zug abfuhr.«

 

»Wer war denn ›er‹?« fragte Luke, erhielt aber keine Aufklärung.

 

»Doch nichts Ernsthaftes, Mr. Maddison? Ja, ich weiß natürlich, daß Ihre junge Frau sich nicht besonders gut befindet, hoffentlich ist es nichts Schlimmes?«

 

Es kam ihm noch so fremd vor, daß man von Margaret als »seiner jungen Frau« sprach, und Luke lachte leise und glücklich vor sich hin.

 

»Ich wollte Sie mal wegen eines kleinen Gauners sprechen«, erklärte der Spatz, »falls Sie damit nicht das Vertrauen eines Verbrechers zu täuschen glauben. Ich möchte nämlich gern wissen, was Lewing gestern bei Ihnen wollte?«

 

Luke zögerte; es war ihm unangenehm, etwas zu sagen, das den Mann oder dessen Auftraggeber in Unannehmlichkeiten bringen könnte.

 

»Kam er vielleicht um Geld – für den Gunner?« Mr. Bird beobachtete ihn genau. »Aha, das dachte ich mir. Der Gunner hat Berufung eingelegt, das stimmt, und ich glaube, er wird damit durchkommen. Ich habe die Angelegenheit mit ihm im Hofe des Brixton-Gefängnisses besprochen, und Lewing muß in der Nähe gewesen sein und gehört haben, was ich sagte. Was haben Sie ihm denn gegeben?«

 

So genau wie möglich teilte Luke ihm den Inhalt der Unterhaltung mit Lewing mit. Der Spatz grinste.

 

»Der Gunner würde nicht einmal mit einem Mann wie Lewing sprechen. Haynes gehört zu der, wie die Zeitungsschreiber so schön sagen, Aristokratie der Verbrechergesellschaft. Wenn Sie Antrag stellen wollen, werde ich mir Lewing langen.«

 

Aber Luke wollte nicht damit belästigt werden.

 

»Es ist gut – lassen Sie ihn laufen. Er wird es so weiter treiben, wird den Kindern der Armen das Letzte nehmen, bis er eines Tages fällt, und dann werde ich höchstwahrscheinlich auf ihm drauf liegen.«

 

Diese Phrase erregte Lukes Aufmerksamkeit, und er stellte eine Frage. Der Spatz blies durch seine dicken Lippen.

 

»Menschen wie Sie, Mr. Maddison, können so etwas nicht verstehen. Sehen Sie mal aus dem Fenster« – er wies auf die Straße und Luke blickte hinunter. »Sehen Sie das junge Mädchen – Typistin oder so was Ähnliches. Zwei Pfund die Woche. Sie kommt aus einer Familie von ungefähr sechs Menschen (stimmt das nicht bei der, so sicher bei einer der vielen anderen, die da vorbeilaufen) und wohnt ganz weit draußen in Bermundsey. Ein jeder ist gegen sie! Sie glauben das nicht! – Man versucht, sie zu bestehlen, man liegt immer im Hinterhalt für ein solches Wild wie diese da. An den Haltestellen, in den Autobussen, überall sind die Gauner und versuchen, ihr die Börse mit den wenigen Schillingen zu stehlen. Vielleicht kommt so ein nett aussehender Kerl, ladet sie ein zum Kino – und dann … an irgendeinem Abend wird sie mit ihm in ein Nachtlokal gehen … und … geht unter. Sehen Sie den Mann da, den alten Kerl? Der erhält seine Familie mit beinahe nichts. Zimmermann … nach seiner Arbeitstasche. Wissen Sie, was ihm eines Tages passieren wird? Man wird ihn an einer stillen Ecke zu Boden schlagen, seine Werkzeuge wegnehmen und die Taschen leeren. Ich könnte Ihnen noch viel davon erzählen. – Darum verdiene ich ja soundso viel pro Woche, weil ich ›die Kinder der Armen‹ schützen muß… soweit ich kann. Begreifen Sie das nun?«

 

»Aber ich dachte, die Gauner sind nur hinter reichen Leuten her?« fragte Luke.

 

Mr. Bird lachte laut heraus.

 

»Hinter den Reichen? Die haben ihr Geld auf der Bank, im Geldschrank. Die haben Dienerschaft und Telephon… und haben das Gesetz auf ihrer Seite, Gesetz und Unterstützung. Ein Gauner würde viel lieber einem armen Teufel das letzte wegnehmen. Der ist ja hilflos, der kann sich nicht wehren, denn auch … Gerechtigkeit kostet Geld. Ich sage Ihnen, Mr. Maddison, Sie können sich keinen Begriff machen, wie arm die Armen in Wirklichkeit sind, wie sie leben, und noch weniger von den Gaunern, die von den Ärmsten der Armen existieren. Ich könnte Sie in ein Viertel in Süd-London bringen, wo sie in ganzen Herden zusammenleben – all diese kleinen, verkommenen, gemeinen Diebe – genau so, wie man es manchmal in Büchern liest. Leben zusammen in Kellern und alten verlassenen Speichern. Die halten Ihren Kopf in den Schlamm des Flusses, bis Sie tot sind – und wenn das nur wenige Pfund für jeden von ihnen einbringt.«

 

Luke schauderte.

 

»Es erscheint einem fast unmöglich.«

 

Mr. Bird lächelte halb amüsiert, halb traurig.

 

»Ich hoffe, Sie werden niemals kennenlernen, wie möglich, wie sehr möglich das leider ist – also, was soll mit Lewing geschehen?«

 

Luke schüttelte abweisend den Kopf, und der Spatz, der sich mit Mühe aus seinem Sessel emporhißte, grunzte seine Unzufriedenheit über eine solche Milde.

 

»Er gehört zu den Schlechtesten. Einbruch, hat er Ihnen erzählt? Er hat nicht so viel Mut wie ein … wie ein Regenwurm. Er gehört zu den Flußdieben – später werde ich Ihnen mal mehr davon erzählen.«

 

Während der Unterhaltung war Steele schon zweimal auf der Türschwelle erschienen. Er schien in Unruhe zu sein, blickte bedeutungsvoll zu Bird und gab Luke mit allen Mitteln zu verstehen, daß er ihn möglichst bald zu sprechen wünschte. Der Detektiv hatte kaum das Büro verlassen, als Steele hereinkam.

 

»Der Scheck über neunundsiebzigtausend Pfund, den Sie mir gestern gaben – der Direktor der Bank läßt Ihnen sagen, daß er Sie dringend sprechen müßte. Er wollte mir nicht erzählen, um was es sich handelte, allerdings erst, nachdem ich ihm gesagt hatte, Sie wären noch nicht abgereist.«

 

»Aber das ist doch mein Privatguthaben«, sagte Luke stirnrunzelnd.

 

»Genau dasselbe habe ich ihm auch gesagt, habe ihm auseinandergesetzt, daß Sie diesen Betrag von Ihrem Guthaben auf das Konto der Bank überwiesen hätten, aber er sagt, er müßte Sie sprechen.«

 

Die Bank war nicht weit entfernt, und kaum zehn Minuten später saß Luke im Büro des Direktors. Zuerst nahm er dessen Glückwünsche entgegen und gab dann eine kurze Erklärung für den Aufschub seiner Hochzeitsreise. Margaret befand sich besser – er hatte am frühen Morgen bei ihr angerufen und befriedigende Auskunft erhalten.

 

»Und jetzt wegen des Schecks, Mr. Maddison.«

 

Der Direktor wurde plötzlich kühler Geschäftsmann. »Es ist Ihnen doch klar, daß er nicht ausgezahlt werden kann?«

 

»Was?« Luke blickte ihn ungläubig an, und der Bankier lachte.

 

»Klingt lächerlich, nicht wahr? Ganz besonders für mich, wenn ich mir überlege, daß ich zu dem Haupt von Maddisons Bank spreche. Aber es ist wirklich so. Es ist nur eine Formalität, aber Sie als Bankier sind sich selbstverständlich darüber klar, daß das ganze Bankgeschäft auf Formalitäten –«

 

»Wollen Sie mir nicht, bitte, sagen, was Sie eigentlich meinen?« unterbrach Luke ungeduldig. »Ich habe sechshunderttausend –«

 

»Sie hatten«, lächelte der Direktor, »aber Sie scheinen Vergessen zu haben, Mr. Maddison, daß Sie Ihr ganzes Geld, all Ihre Wertpapiere, mit einem Wort, Ihr ganzes Vermögen Ihrer Frau verschrieben haben!«

 

Und jetzt wurde sich Luke Maddison bewußt, daß er pfenniglos war. Er lächelte erst, und brach dann in ein schallendes Gelächter aus, in das der Bankdirektor mit einstimmte.

 

»Das ist der beste Witz, den ich jemals gehört habe.« Luke trocknete sich die Augen. »Das hatte ich ja ganz vergessen. Werde sofort Mrs. Maddison aufsuchen« – er zog die Worte lang – »und sie ersuchen, mir einen Scheck über diesen Betrag aushändigen zu wollen.«

 

»Aber bald«, riet der Bankier, »Sie wissen, daß ich den Scheck zurücksenden muß, falls ich nicht von Ihrer Frau autorisiert werde, ihn auszuzahlen.«

 

Luke lächelte ein wenig verächtlich, hielt es aber nicht einmal der Mühe für wert, Margaret sofort aufzusuchen. Kurz vor dem Lunch fiel ihm die Angelegenheit ein und er telefonierte.

 

»Ich möchte dich sprechen, mein Liebling.«

 

»Weswegen?« Es wurde ihr schwer, den Verdacht, den sie fühlte, zu verbergen.

 

»Ich möchte deine Unterschrift unter ein kleines Dokument haben«, erwiderte er vergnügt.

 

Das war es also! Danty hatte sie gewarnt. Nur hätte sie niemals gedacht, daß die Bitte, das ihr verschriebene Vermögen wieder herauszugeben, so schnell kommen würde.

 

»Ein Dokument?«

 

»Ich möchte dich bitten, etwas Geld auf mein Konto zu überweisen«, sagte er. »Es ist nur eine reine Formalität – ich habe herausgefunden, daß ich weniger Geld habe, als ich brauche.«

 

Sie dachte rasend schnell.

 

»Gut, komm um drei Uhr zu mir.«

 

Er dachte nicht daran, daß die Bank um halb vier Uhr schloß, und stimmte zu. Schließlich war es ja auch nicht von großer Bedeutung, wenn der Scheck zurückgesandt wurde. Es handelte sich ja nur um einen einfachen Übertrag von seinem persönlichen Guthaben auf die Bank. Er kam – wie üblich – fünf Minuten zu spät und wurde in ihren kleinen Salon geführt. Was ihm zuallererst auffiel, war, daß sie völlig angezogen war. Er hatte sich vorgestellt, daß sie ruhte, ihn vielleicht im bequemen Negligé empfangen würde. Ihr Gesicht war nicht mehr so blaß wie am Tage vorher. Als er auf sie zuging, um sie in seine Arme zu schließen, erlebte er die erste Überraschung.

 

»Küsse mich nicht – bitte!«

 

Es war keine Bitte: es war ein klarer Befehl.

 

»Warum – was gibt’s denn, Liebling?«

 

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf.

 

»Bitte, sage mir, was du willst.«

 

Der Ton ihrer Stimme berührte ihn fremd. Er war hart, beinahe feindlich. Luke glaubte kaum, seinen Ohren trauen zu können.

 

Stammelnd wie ein Schuljunge erzählte er ihr in zusammenhangslosen Sätzen die Sachlage. Sie lauschte, ohne ihn mit einem Wort zu unterbrechen.

 

»Neunundsiebzigtausend Pfund«, sagte sie. »Ein Zehntel davon würde Rex gerettet haben.«

 

Er konnte sie nur verständnislos anstarren.

 

»Es ist wirklich abstoßend, sehen zu müssen, wie ein Mann das Gold zu seinem Gott erhebt, und zu wissen, Luke, daß er für dieses Gold ohne Zögern ein so junges Leben opfern konnte wie …«

 

Margarets Stimme klang in seinen Ohren wie dröhnender Glockenschall; und ihr schien es unfaßbar, daß sie es war, die diese Worte sprach.

 

»Und dann den armen toten Jungen der Fälschung beschuldigen – zu einer Niedertracht noch eine größere hinzufügen!«

 

»Ich … sprichst du von mir?« sagte er kaum hörbar.

 

Sie nickte.

 

»Von dir! Ich wußte, du würdest kommen, um dein Geld zurückzuhaben – das ist der Grund, warum ich nicht mit dir nach Frankreich abreiste. Ich wollte, daß die Entscheidung hier fiel. Hier, wo ich Bekannte, wo ich Freunde habe und mit dir mit gleichen Waffen kämpfen kann.«

 

Eine Pause, und dann:

 

»Luke … ich gebe dir kein Geld. Du hast es mir gegeben – es ist mein. Nicht einen Pfennig wirst du von mir erhalten … nicht einen einzigen Pfennig!«

 

Sie wünschte, er würde das Schweigen, das nun folgte, unterbrechen. Sie wünschte, er würde rasen, toben, sie verfluchen, alles das tun, wie sie es sich vorgestellt hatte. Aber er sagte kein Wort. Er blickte sie nicht einmal an, sondern schien das Muster des Teppichs zu studieren, auf dem ihre Füße ruhten. Endlich warf er den Kopf hoch.

 

»Lebewohl«, sagte er und verließ das Zimmer.

 

Sie hörte, wie sich die Tür hinter ihm schloß, und jetzt kam ihr zum Bewußtsein, was sie beinahe wahnsinnig werden ließ: sie liebte ihn!

 

Kapitel 9

 

9

 

Luke Maddison betrat sein Büro so ruhig, daß Steele, der ihn vorbeigehen sah, nicht im entferntesten ahnen konnte, welch eine Katastrophe das Leben seines jungen Herrn zerstört hatte. Steele blickte auf die Uhr und knurrte zufrieden. Augenscheinlich war die Angelegenheit mit dem Scheck in befriedigender Weise erledigt. Der Apparat auf seinem Tisch läutete, und er nahm den Hörer ab.

 

»Wollen Sie, bitte, zu mir kommen?« Lukes Stimme war fest wie immer und verriet auch nicht durch das geringste Schwanken, was in ihm vorging.

 

Er war selbst über seine eigene, eisige Ruhe überrascht, und es verging geraume Zeit, bis er den Grund für diesen unnatürlichen Gleichmut gefunden hatte: er lebte gänzlich in der Gegenwart, wagte es nicht, zurückzublicken, war gleichgültig dem gegenüber, was ihn am anderen Morgen erwartete.

 

Steele, der ihn schon von klein auf kannte, sah etwas in seinen Gesichtszügen, das er nie zuvor dort gesehen hatte, und war betroffen.

 

»Etwas vorgefallen, Sir?« fragte er besorgt.

 

Luke spitzte die Lippen, als ob er pfeifen wollte.

 

»Ich weiß es nicht … ich bin mir noch nicht über die ganze Sachlage klargeworden. Nehmen Sie Platz, Steele.«

 

Er spitzte wieder die Lippen, starrte an seinem Prokuristen vorbei und begann dann in gleichmäßigem, ruhigem Ton zu erzählen, was geschehen war. Es war nicht der gegebene Moment, etwas zurückzuhalten, er fühlte auch nicht die Notwendigkeit, Margaret zu decken oder ihre Handlung zu entschuldigen. Er hatte mit reinen, nackten Tatsachen zu tun, und er setzte diese mit einer kaltblütigen Genauigkeit auseinander, als ob es sich um Werte eines Bankprospektes handelte. Steele hörte, war aber unfähig, den Umfang des Unheils sofort zu übersehen. Endlich stöhnte er laut auf, und dies schien einen verborgenen Sinn für Humor in Luke Maddison zu wecken. Er lächelte.

 

»Sie müssen es machen, so gut Sie können, Steele. Ich nehme an, Sie haben Freunde in der City, die Ihnen vielleicht behilflich sein werden. Aber ich habe keine Lust, mich an diese zu wenden, kein Vertrauen – habe zu nichts mehr Vertrauen … nein, ich bin nicht betäubt, ich bin erledigt. Aber ich jammere nicht um mich selbst, es tut mir nicht leid um mich… ich wünschte, es wäre so … das würde mich wenigstens etwas in die Wirklichkeit zurückbringen.«

 

»Aber was wollen Sie denn anfangen?« Steele flüsterte beinahe unverständlich. Luke Maddison schüttelte den Kopf.

 

»Das kann ich wirklich nicht sagen. Was tut man eigentlich in einem solchen Fall? Nach Afrika gehen und Löwen schießen! Ist das nicht der gebräuchliche Weg für Leute, deren Herz gebrochen ist? Ich weiß es wirklich nicht.«

 

Steele sah auf seine Uhr und stand auf.

 

»Ich gehe jetzt nach der Bank«, sagte er mit bemerkenswerter Energie. »Ich glaube, wir können unsere Kunstseideaktien als Sicherheit für die neunundsiebzigtausend Pfund hinterlegen.«

 

Luke antwortete nicht. Er hörte, wie Steele in abgehackten Worten seine Anweisung gab – wenn der alte Mann erregt war, sprach er ständig in dieser Weise – dann wurde er sich bewußt, daß Steele gegangen war, und schloß die Tür. Zehn Minuten lang saß er an seinem Tisch, blickte starr vor sich hin und versuchte, sich wieder in sein Leben zurechtzufinden. Schließlich stand er auf, ergriff seinen Hut, zog sich mechanisch die Handschuhe an und verließ das Haus durch den Privateingang. Als er die Tür seiner Wohnung öffnete, hörte er das Telephon läuten und hatte gerade noch Zeit, den Diener aufzuhalten, der an den Apparat gehen wollte.

 

»Lassen Sie es klingeln«, sagte er. Der Apparat befand sich in seinem eigenen, kleinen Arbeitszimmer, das neben dem Schlafzimmer lag. Er nahm den Hörer ab, legte ihn auf den Tisch. Dann schloß er die Tür und begann sich umzuziehen. Er nahm, was ihm unter die Hände kam, und bemerkte erst, als er völlig angekleidet war, daß Rock und Beinkleid nicht zueinander paßten. Er zählte sein Geld und fand etwas mehr als fünfzig Pfund in seinen Taschen. Er dachte nach. War das sein Geld oder gehörte es ihr? Ein lächerliches Rätsel, und doch grübelte er lange Zeit darüber. Aber die Wirklichkeit kam ihm noch immer nicht zum Bewußtsein. Er konnte nur an Margaret als A denken, an sich selbst als B, dann gab es noch ein C, das bedeutete: Geld – gehörte nun zu C zu A oder zu B?

 

Luke warf die Banknoten auf den Tisch, behielt das Silber und ging in die Vorhalle. Er nahm gerade seinen leichten Überzieher, als der Diener an seiner Seite erschien und die unvermeidliche Frage an ihn richtete.

 

»Nein, nein. Ich esse heute abend außerhalb.« Und dann, mit der Hand auf der Klinke der offenen Tür, fiel ihm etwas ein. »Auf meinem Schreibtisch liegt Geld, nehmen Sie die Hälfte für sich und die Hälfte für die Köchin – von der nächsten Woche ab habe ich Sie beide nicht mehr nötig.«

 

Wie erstarrt blickte der Mann hinter ihm her.

 

Warum und wie er schließlich nach dem Embankment gekommen war, konnte er niemals sagen; es schien ganz selbstverständlich für ihn gewesen zu sein. Er dachte nicht an Selbstmord, hatte nicht die geringste Absicht, auf diesem Wege Vergessenheit zu finden. Langsam ging er an dem Gitter entlang, blieb vor Scotland Yard stehen und betrachtete gleichgültig das große, graue Gebäude. Der dicke Detektiv war doch dort, der Spatz … der Spatz, der schon manches Unrecht gutgemacht hatte, würde wohl kaum das Problem lösen können, das Luke Maddisons Gehirn quälte. Die Kinder der Armen … er lächelte bitter. Er gehörte jetzt auch zu den Kindern der Armen, stand jetzt auch unter dem Schutze des dicken Mannes. Beschützt die Kinder der Armen und bestraft die Übeltäter! Wer hatte hier unrecht getan? Margaret? Er versuchte, sie anzuklagen, sie zu hassen … Er schüttelte den Kopf und ging langsam nach Blackfriars zurück.

 

Gegenüber der Tempelstation blieb er von neuem stehen. Dort lief doch eine schmale Straße nach dem Strand hinauf – war es nicht Norfolk Street? Sein Anwalt wohnte dort. Warum nicht hinaufgehen und ihm erzählen, was vorgefallen war? Das wäre doch das einzig Vernünftige. Aber dann fiel es Luke Maddison ein, daß er ja nicht vernünftig war. Er war das verrückteste Wesen in der verrücktesten aller Welten. Er ging weiter in der Richtung nach Blackfriars und blieb an einer der Haltestellen der Straßenbahn stehen. Eine lange Reihe von Menschen wartete auf die Wagen, die leer ankamen und dann überfüllt das Embankment entlangrollten. Vielleicht Männer mit ihren Frauen, vielleicht junge Leute, auf dem Wege zu einem zärtlichen Stelldichein, vielleicht junge Mädchen, die Vertrauen zu irgendeinem Mann hatten und bereit waren, jedes Opfer für den Mann ihres Herzens zu bringen. Für Luke Maddison erschien jeder Wagen, der davonfuhr, voll von glücklichen Menschen, die ihr schweres Tagewerk hinter sich hatten, Erholung und Vergnügen des Abends vor sich. Alte Leute, junge Männer, junge Mädchen, so nett und sauber in ihrer einfachen Kleidung, Arbeiter mit der Pfeife zwischen den Zähnen, eine Zeitung unter dem Arm, bebrillte Studenten … wie hypnotisiert starrte er auf die großen erleuchteten Straßenbahnen. Er beobachtete Männer und Frauen, versuchte durch die Glasscheiben hindurch sich ein Bild von ihrem Beruf, ihrem Stand zu machen. Er lehnte mit dem Rücken gegen das Gitter und hatte beide Ellbogen aufgestützt.

 

»Warten Sie auf jemand?«

 

Die Stimme war voller Autorität, klang aber freundlich. Er blickte auf und begegnete dem forschenden Blick eines Schutzmannes. Die Polizei liebt es nicht, Leute am Ufer des Stromes zu sehen, eine Hand auf dem Gitter, der rauschende schwarze Fluß tief unten – vor allen Dingen nicht Leute mit schneeweißem Gesicht und verzerrten Zügen, aus deren Augen Verzweiflung starrt.

 

»N–nein«, stammelte Luke, »ich – ich sehe mir das nur an.« Der Schutzmann betrachtete ihn neugierig, als ob er versuchte, sich an sein Gesicht zu erinnern.

 

»Ich muß Sie schon mal gesehen haben, stimmt’s nicht?«

 

»Schon möglich«, erwiderte Luke und drehte sich schroff um. Er lief in der großen Masse, die ihren verschiedenen Heimen zuflutete, über die Blackfriars-Brücke. Es war dunkel und kalt, und er zog den Mantel an, den er bis jetzt über dem Arm getragen hatte. Später erinnerte er sich, in jener Gegend ein kleines Café betreten zu haben, in dem es nach ranzigem Fett roch.

 

Gegen elf Uhr begann es zu regnen, ein feiner, aber durchdringender Regen, der bald seinen leichten Überzieher durchnäßt hatte. Ziellos wanderte er durch die York Road in der Richtung nach Westminster. Vor ihm schlich ein Mann entlang, zusammengesunken, die Hände in den Taschen und den Kragen hochgeschlagen. Luke trug Schuhe mit Gummisohlen und war schon neben dem Manne, bevor sich dieser seiner Gegenwart bewußt war. Er sah, wie der nächtliche Wanderer mit einem unterdrückten Fluch zur Seite sprang, sich nach vorn beugte, als ob er rennen wollte, bis schließlich etwas in Lukes Gesicht und Erscheinung ihn zögern ließ.

 

»Hallo!« sagte er heiser. »Dachte schon, Sie wären ein Greifer.« Luke erkannte ihn.

 

»Sie sind doch Lewing?«

 

Der Mann starrte ihm ins Gesicht.

 

»Allmächtiger, ist das nicht Mr…. wie heißen Sie doch gleich? … ach so, Maddison! Was machen Sie denn hier? Sie hätten zu mir nach Hause kommen sollen. An der Tooley-Street, das hier ist nicht mein Strich.«

 

Unruhig blickte er rechts und links um sich.

 

»Sie dachten, ich wäre ein Detektiv?«

 

Die dünnen Lippen des Mannes zuckten.

 

»Das habe ich gesagt, aber eigentlich dachte ich, Sie wären einer von Connors Bande; die haben mich heute nacht aus Rotherhithe verjagt … haben gesagt, ich schnüffelte ihnen nach; darum bin ich ja jetzt hier. Connors Leute glauben immer, daß man ihnen nachgeschnüffelt hat, wenn einer von der Bande gefaßt wird.«

 

»Schnüffeln? Sie meinen spionieren?«

 

»Sie der Polizei verraten«, erklärte Mr. Lewing. »Connors Bruder ist letzte Nacht gefaßt worden, und in der Tooley-Street hat man gesagt, daß ich dahinter stecke.«

 

Luke begann allmählich zu begreifen.

 

»Kommen Sie hier lang.« Die klauenähnlichen Hände Lewings packten ihn und zerrten ihn in eine enge, schlecht beleuchtete Straße hinein.

 

»Ich bin heute abend nervös«, sagte er und sprach damit die Wahrheit, denn seine Stimme zitterte heftig. »Sie sind doch ein Kavalier, Mr. Maddison. Sie würden doch einem armen Kerl aus der Klemme helfen. Sie wissen doch, wie Connor ist … ein Messerstich für ’n Penny … erledigen nennt er das … er ist Amerikaner; er ist wenigstens in Sing Song gewesen … ach nee, Sing Sing! Ist ja egal, ’s ist auf jeden Fall ’n Kittchen. Ein paar Pfund würden mir ‚raus aus London helfen.«

 

»Ich habe kein Geld bei mir«, antwortete Luke. Er war schon seines Begleiters müde geworden, und nur seine augenblickliche Verfassung war der Grund, daß er sich in diese schmutzige, kleine Straße hatte ziehen lassen.

 

»Kann ich nicht morgen früh in ihr Büro kommen?« Lewings Stimme verriet deutlich seine Angst, und dann, als er sich erinnerte: »Die zehn Pfund habe ich übrigens dem Gunner gegeben und –«

 

»Dem Gunner haben Sie nichts gegeben«, sagte Luke kalt. »Mr. Bird hat mir alles Nötige von Ihnen erzählt.«

 

Ein verlegenes Schweigen.

 

»Auf jeden Fall möchte ich gerne, daß Sie bei mir bleiben, Sir«, begann der Mann von neuem. »Ich habe Sie einen Greifer genannt, und Sie sehen wirklich aus wie einer. Wenn einer von den Connor-Leuten mich zusammen mit einem Greifer steht, werden sie –«

 

Sie waren gerade in eine vielleicht noch engere Straße eingebogen, als Lewing plötzlich stehenblieb. Vier dunkle Schatten, zwei auf dem Bürgersteig, zwei auf dem Damm, standen ihnen gegenüber. Luke betrachtete sie neugierig. Alle hatten sie ihre Mützen tief in die Augen gezogen, jeder Mann hatte beide Hände in den Taschen.

 

»Hör mal, was soll das bedeuten, Joe?« Lewings Stimme klang weinerlich. »Der Herr hier bringt mich nach –«

 

Der Anführer der vier lachte roh.

 

»Du scheinst wahrhaftig einen Greifer nötig zu haben, stimmt’s nicht?« sagte er. »Du bist noch nicht mal zufrieden, daß du uns Connors nachschnüffelst, sondern mußt sogar noch Scotland Yard an deinem Arm mit herumschleppen. Das ist für dich, Lewing!«

 

Für Luke hatte es nur den Anschein, als ob der Mann mit diesen Worten ein wenig näher an Lewing herangetreten war. Lewing hustete und fiel schwankend gegen Luke…

 

»Und jetzt den Greifer«, sagte eine schnarrende Stimme.

 

Luke warf sich zurück, aber nicht rechtzeitig genug. Er sah etwas aufblitzen, fühlte etwas, wie ein heißes Eisen seine Brust berühren; dann überkam ihn eine eigenartige Schwäche, er lehnte sich mit dem Rücken an die Mauer und sank langsam in sich zusammen … Sein letzter bewußter Eindruck war das Geräusch von laufenden Füßen, vier schwarze Schatten tauchten in noch größerer Dunkelheit unter. Er blieb allein zurück, sein Blut verbreitete sich langsam auf dem Bürgersteig, seine leeren Augen starrten auf das flackernde Licht der Straßenlaternen.

 

Kapitel 33

 

33

 

Es war beinah elf Uhr, als Margarets Wagen vorfuhr und Lukes Koffer hineingestellt wurde. Ihre Absicht war, nach dem entfernteren Ende der Villiers Street zu fahren und ihren Chauffeur mit dem Koffer nach der Gepäckaufbewahrungsstelle zu schicken. Im Strand hatte der Wagen Mühe, sich seinen Weg durch den lebhaften Verkehr – die Theater waren gerade zu Ende – zu bahnen und bog in die steile Straße hinein, die nach dem Embankment hinunterführt, als Margaret das Zeichen zum Halten gab.

 

Es regnete stark, nur wenige Fußgänger waren zu sehen, und diese beeilten sich, den Schutz der Untergrundstation zu erreichen. Sie versuchte die Tür zu offnen, um dem Chauffeur das Herausnehmen des Koffers zu erleichtern, als aus der Dunkelheit eine schäbige Gestalt auftauchte. Der Mann schien ihre Absicht erraten zu haben, denn er öffnete die Tür, bevor der Chauffeur von seinem Sitze steigen konnte.

 

»Danke bestens«, sagte Margaret und gab ihm das Geldstück, das sie schon für Ausgabe des Koffers bereit in der Hand hielt, und schaltete das Licht ein. Nur einen Augenblick blickte sie in das unrasierte Gesicht, auf das verkommene Äußere des Mannes.

 

»Luke!« stammelte sie kaum hörbar.

 

Er starrte sie an. Sprachlos vor Erstaunen, keiner Bewegung fähig.

 

»Luke!« sagte sie wieder.

 

Dann schreckte er zurück, aber ihre Hand schoß vorwärts, packte ihn am Rock.

 

»Steig ein, um’s Himmels willen!« stieß sie atemlos heraus und zog ihn hinein.

 

In diesem Augenblick erschien der Chauffeur an der Wagentür.

 

»Fahren Sie weiter. Der Herr ist – ein Bekannter von mir.«

 

Sie hoffte inständig, daß ihr Diener die Vogelscheuche an ihrer Seite nicht genau sehen könnte.

 

»Wohin, gnädige Frau?«

 

»Nach – nach Haus!«

 

Als der Chauffeur seinen Sitz wieder eingenommen hatte, erschien eine dritte Person aus der Bildfläche. Ein Mann kam in größter Eile die Straße hinuntergelaufen, griff nach der Türklinke und sprang auf das Trittbrett des fahrenden Wagens. Erst dachte sie, es wäre ein Schutzmann, dann aber erkannte sie im Schein einer Straßenlaterne das dunkle Gesicht Gunner Haynes‘.

 

»Machen Sie kein Aufsehen«, sagte er, als er sich in das Innere schwang und die Tür hinter sich schloß. »Ich bin schon von Haymarket hinter Ihnen her. Wer ist denn das?«

 

Er beugte sich vor, und sie hörte ihn leise durch die Zähne pfeifen.

 

»Ist das Mr. Maddison?«

 

»Ja, ich bin es.« Luke sprach zum ersten Male.

 

Seine Stimme klang erbarmenswert schwach. Am frühen Nachmittag war er aus dem Polizeirevier entlassen worden, seit dem Morgen hatte er nichts gegessen. Er machte keinen Versuch, ihnen seinen Zustand zu erklären, war so müde, so zerschlagen, daß ihm alles gleichgültig war. Die behaglichen, gepolsterten Sitze, das sanfte Wiegen des Autos … er schlief schon halb, bevor noch der Wagen das Embankment erreicht hatte.

 

»Schon gut. Wecken Sie ihn nicht auf«, sagte Gunner Haynes leise. »Er war heute morgen verhaftet worden; ich hab‘ das erst vor ein paar Stunden herausbekommen; einer meiner … Freunde hat’s mir erzählt. Dann haben sie ihn wieder freigelassen. Aber jetzt ist die ganze Polizei auf der Suche nach ihm. Jemand hat dem Spatz ein Telegramm geschickt – ich glaube unser Freund Danty. Wo wollen Sie ihn jetzt hinbringen?«

 

»Nach Haus!« sagte sie einfach.

 

Sie legte eine Decke um die zusammengesunkene Figur in der Ecke.

 

»Da wird schon ein Schutzmann vor der Tür warten. Nein, wir bringen ihn nach Elford. – Was ist denn das?«

 

Er stieß mit dem Fuß gegen den Koffer. Sie erzählte, was sie beabsichtigt hatte, und hörte ihn kichern.

 

»Sie müssen wirklich Gedankenleserin sein. Das ist gerade das, was er braucht. Heute nacht nicht mehr, aber morgen früh. Wir fahren jetzt nach Elford. Kennen Sie den Flugplatz da? Wir fahren vielleicht dreiviertel Stunden, und wenn wir Glück haben, fassen wir eine der größten Ratten, die jemals aus dem Themseschlamm gekrochen sind.«

 

Sie beugte sich aus dem Fenster und gab dem Chauffeur die nötigen Anweisungen.

 

»Könnten wir denn nicht direkt nach Dover fahren und an Bord eines Kanalbootes gehen?«

 

Der Gunner schüttelte den Kopf.

 

»Ausgeschlossen. Der Spatz ist ein netter Kerl, aber er würde, wenn’s nötig ist, seine eigene Mutter verhaften. Und wenn, wie ich annehme, unser Mr. Morell, oder wie er sich jetzt gerade nennt, ihn verpfiffen – ich meine, wenn er die Geschichte von Taffanny erzählt hat, dann ist jeder Zug, jedes Boot bewacht. Und übrigens fährt vor morgen früh kein Boot ab. Es gibt nur noch eine Möglichkeit: Mr. Maddison muß in Spanien auftauchen, wo er ja auch sein soll, wie behauptet wird. Ich glaube, das werden wir fertig bekommen, falls nicht Mr. Danty Morell uns zuvorkommt.«

 

Er beugte sich wieder vor.

 

»Was haben Sie denn an – einen Pelzmantel? Das ist gut. Den können Sie Ihrem Mann borgen. Es wird ziemlich verrückt aussehen, aber das macht nichts. In der Dunkelheit sieht man ihn ja kaum.«

 

»Was haben Sie vor?« fragte sie.

 

»Ich will einen Nachtflug machen, und er kommt mit«, war seine Antwort. »Was Sie tun müssen, Mrs. Maddison, ist sehr einfach. Sie fahren nach London zurück. Sie müssen ein bißchen lügen – hoffentlich wird Ihnen das nicht zu schwer – und morgen reisen Sie nach Spanien ab. Wenn ich ihn nicht dorthin bringen kann – habe ich ihn erst mal in Frankreich –, dann bin ich ein Dummkopf.«

 

Ein kurzes Schweigen, und dann sagte sie:

 

»Ich weiß noch etwas Besseres. Ich gehe mit ihm!«

 

Zu ihrer Überraschung widersetzte sich der Gunner diesem Vorschlage nicht.

 

»Vielleicht das Richtigste!« war alles, was er sagte.

 

Endlich erreichten sie eine dunkle, holprige Straße, und Haynes ließ den Wagen halten.

 

»Fahren Sie den Wagen unter die Bäume«, er wies in die Dunkelheit, »und schalten Sie alle Lampen aus.« Sie stiegen aus, der Wagen wurde mit Mühe an der Seite des Weges verborgen und der Motor abgestellt.

 

»Wir haben Glück«, sagte er zu der jungen Frau. »Danty ist ein vorsichtiger Mann, ich konnte darauf wetten; aber wir sind doch noch vor ihm hier. Da hinten kommt er.«

 

In der Richtung von London erschienen Lichter. Ein Motorwagen hielt einige hundert Meter von ihrem Standplatz entfernt an und drehte dann um.

 

»Sie gehen das letzte Ende lieber zu Fuß«, murmelte der Gunner in grimmiger Zufriedenheit. »Warten Sie hier.«

 

Er ging bis zu dem Eingang des kleinen Aerodroms und zog etwas aus der Tasche. Lange hatte er nicht zu warten: Danty und Connor kamen auf ihn zu.

 

»Sind Sie es, Higgins?« rief Danty. »Ist der Pilot da –«

 

»Sind alle da, mich eingeschlossen!« sagte der Gunner. »Mach keine Dummheiten, Connor! Du bist fein in der Schußlinie, mein Liebling, und ich habe einen Schalldämpfer an meinem Schießeisen. ›Puff!‹, das ist alles, was du hörst, und das kannst du dann deinen guten Freunden in der Hölle erzählen.«

 

Danty sagte kein Wort. Haynes konnte beinahe seine Zähne vor Angst klappern hören.

 

»Na und?« fragte Connor.

 

»Und? … Ein kleiner Spaziergang zurück nach der nächsten Ortschaft, falls ihr nicht intelligent genug gewesen seid, euren Wagen warten zu lassen. Wenn ihr klug seid, beeilt ihr euch – aber ich fürchte, ihr habt kein Glück mehr«, er sah das Schlußlicht des Autos hinter einer Krümmung des Weges verschwinden. »Die Polizei bewacht den Flugplatz hier, und ihr habt vielleicht noch eine ganz kleine Chance, davonzukommen.«

 

»Sie sind wirklich ein lieber Kerl! Und wie nett Sie uns helfen wollen!« spottete Connor. »Sie müssen uns wirklich für verdammt dämlich halten.«

 

»Schwatzt nicht, lauft lieber … aber schnell! Ich bin heut abend nicht in bester Laune. Leider habe ich versprochen, euch nicht umzubringen, aber es gehört nicht viel dazu, daß ich meine Meinung doch noch ändere.«

 

»Ist schon gut, Gunner. Wir gehen.« Danty hatte seine Stimme wiedergefunden, aber sie verriet die Angst in seinem Innern. »Kommen Sie, Connor. Der Gunner wird uns schon nicht –«

 

»Ich habe die Briefe gefunden, Danty«, sagte Haynes leise. »Du weißt doch, daß der Tod an deiner Seite steht? Ist dir das klar?«

 

Danty antwortete nichts, sondern packte den Arm seines Begleiters und zerrte ihn den Weg zurück. Nach ungefähr hundert Metern blieb Connor stehen:

 

»Wenn du denkst, daß ich mir das von dem Kerl bieten –«

 

»Laufen, aber schnell!« erklang eine Stimme hinter ihnen, und sie gehorchten.

 

Als er sich überzeugt hatte, daß sie sich wirklich auf den Weg gemacht hatten, eilte der Gunner nach dem Wagen zurück. Luke war wach; sie sprachen leise miteinander, er und seine junge Frau. Haynes hielt es für rücksichtsvoll, sie allein zu lassen und machte sich auf die Suche nach dem Flugzeugführer.

 

Die Maschine war startbereit. Zwei müde Mechaniker hatten gerade ihre Arbeit beendet, und der Flugzeugführer stand ungeduldig daneben. Gunner Haynes gab ihm seine Instruktionen, und da er seine Worte mit überzeugenden Argumenten begleitete, fand er einen willigen Zuhörer, der die knisternden Scheine schmunzelnd in der Tasche verschwinden ließ.

 

»Ich kann drei oder mehr Personen mitnehmen. Macht gar keine Schwierigkeiten. Ich habe den Nachtflug schon Hunderte von Malen gemacht.«

 

Befriedigt ging der Gunner nach dem Wagen zurück, wo er sich entschließen mußte, eine sehr vertraute Unterhaltung der beiden zu stören.

 

»Ich habe ein Stückchen Papier für Sie, Mrs. Maddison. Lesen Sie es, wenn es hell genug ist. Es betrifft den Tod Ihres Bruders – es tut mir leid, wenn ich alte Wunden aufreißen muß, aber ich meine; Sie müssen erfahren, daß der Mann, der ihn ins Verderben stürzte – Danton Morell war und –«

 

»Ich vermutete es«, sagte sie leise.

 

Es fiel immer noch ein seiner Regen, und die Wolken hingen tief, aber keiner der drei Passagiere empfand die leiseste Besorgnis, als der große Eindecker unter dem Gebrüll der Motoren durch die schweren Wolken strich, höher, immer höher, bis sie mit dem Mond in einem klaren Himmel über dem weißen Wolkenmeere schwammen.

 

*

 

Kaum eine Woche später speisten drei Menschen im Café Ritz in Madrid. Es war das Abschiedsessen für Gunner Haynes, der nach Neapel fuhr, um den Postdampfer nach Australien zu erreichen.

 

»Ich werde mich nicht eher richtig behaglich fühlen«, sagte er, »als bis ich im Barcelona-Expreß sitze. Ich habe schon manches erlebt, aber es ist das erstemal, daß ich als Dritter eine Hochzeitsreise mitmachen mußte.«

 

*

 

Ende

 

Kapitel 4

 

4

 

Luke sah einen Augenblick nachdenklich vor sich hin. »Warten Sie einen Augenblick, bitte.«

 

Er stand auf und öffnete die Tür, die nach dem Gang führte.

 

»Wegen dieses Schecks möchte ich noch einmal mit Ihnen sprechen, Mr. Morell«, sagte er.

 

»Warum nicht gleich jetzt?« Es war eine Herausforderung, deren Unaufrichtigkeit Luke Maddison deutlich fühlte.

 

»Mr. Bird kommt in einer ganz anderen Angelegenheit zu mir«, sagte er. »Zu gegebener Zeit werden wir beide über dies Thema mit Ihnen verhandeln.«

 

Er schloß die Tür hinter seinem Besucher, als der Spatz durch einen anderen Eingang sein Büro betrat. Mr. Bird kam schwerfällig hinein, und seine Blicke schweiften schnell durch das ganze Zimmer. Er schien enttäuscht zu sein – als ob er erwartet hätte, jemand zu finden, der nicht anwesend war.

 

»Hatten Sie nicht eben einen Besucher, Mr. Maddison? Ich glaubte doch, jemand hineingehen zu sehen, als ich draußen auf der Straße wartete.«

 

Luke nickte kurz.

 

»Mr. Danton Morell«, antwortete er. »Kennen Sie ihn?«

 

Der Spatz lächelte.

 

»Wie man den Bürgermeister kennt – von weitem. Ich bin ja nur ein ganz einfacher Mensch. Sie werden niemals finden, daß ich mich in die seine Gesellschaft dränge. Ich habe einen Gesellschaftsanzug, seit siebzehn Jahren denselben, und trage ihn zweimal im Jahre: einmal für das Diner der Polizeibeamten und das andere Mal, damit die Motten sich tüchtig erkälten.«

 

»Wissen Sie etwas Genaueres über ihn?«

 

Das breite Lächeln auf Mr. Birds Gesicht wurde noch breiter.

 

»Seinen Namen und Adresse – und das ist das, was jeder Schutzmann von jedem Menschen wissen will … Peinliche Sache, die Angelegenheit des jungen Leferre. Sie möchten doch nicht in diese verwickelt werden?«

 

Luke blickte ihn überrascht an. »Ich? Was zum Teufel soll ich denn damit zu tun haben?«

 

Mr. Bird hustete.

 

»Das ist nicht so einfach zu sagen«, begann er. »Ich hatte nämlich den Toten und dann auch das Zimmer durchsucht und habe drei Blankoschecks auf die Northern & Southern Bank gefunden – da haben Sie doch Ihr Privatdepot? – Und dann noch das –«

 

Er zog eine dicke, abgenutzte Brieftasche hervor, legte sie auf den Tisch und begann ihren Inhalt zu durchstöbern. Nach kurzer Zeit fand er, was er suchte – zwei zusammengefaltete Bogen Papier, augenscheinlich aus einem Schulheft herausgerissen. Er legte diese auf den Tisch, und Luke sah eine ganze Reihe von Unterschriften, eine unter der anderen, vor sich … Luke Maddison … Luke Maddison…

 

»Es sieht beinahe so aus, als ob Sie in Gedanken Ihren Namen gemalt hätten.« Die klugen Augen des Detektivs lagen fest auf dem jungen Bankier. »Aber trotzdem konnte ich mir eigentlich nicht denken, daß ein Geschäftsmann wie Sie etwas so Törichtes tun könnte. Entschuldigen Sie, bitte, die Bemerkung. Ich bin gestern nachmittag in der Northern & Southern Bank gewesen, aber dort war man außerordentlich zurückhaltend – zurückhaltend ist ein gutes Wort – und hat mich an Sie verwiesen. Durch einen hinterlistigen und recht verachtungswerten Trick habe ich aber herausgefunden, daß der junge Mr. Leferre kürzlich einen Scheck über achtzehntausend Pfund einkassiert hat.«

 

Luke fiel ihm ins Wort.

 

»Ja, ja – ich hatte ihm einen Scheck über diesen Betrag gegeben.«

 

Der Spatz sah ihn ungläubig an.

 

»Haben Sie wirklich? Würden Sie vielleicht so freundlich sein, mir den Coupon in Ihrem Scheckbuch zu zeigen?«

 

Für einen Moment wußte Luke nicht, was tun.

 

»Wenn irgendein Grund dafür vorliegen sollte«, sagte er kühl, »könnte ich das ja machen, aber ich sehe die Notwendigkeit dazu nicht ein.«

 

Mr. Bird war nicht aus der Fassung gebracht; er legte beide Arme auf den Tisch, und seine Stimme war sehr ernst.

 

»Ich habe kein Recht, Sie zu fragen – und ich bin auch nicht der Mensch, der versuchen würde, einen Mann wie Sie zu bluffen. Ich will mit offenen Karten spielen. Der Scheck ist in Banknoten ausgezahlt worden, und ich will wissen, wohin die Noten gegangen sind. Es gibt in London einen netten Vogel, und den möchte ich gerne fangen. Ich habe einen der hübschesten kleinen Käfige, die jemals gebaut worden sind, für ihn bereit, und solange der noch leer bleibt, ist mein Herz auch leer. Wenn der Scheck eine Fälschung war, würde dies für den Toten ein schlechter Nachruf sein, das verstehe ich sehr gut. Andererseits aber würde es mir dann außerordentlich leicht sein, einen gewissen Mann zu fassen, der – ich will Ihnen die Wahrheit erzählen, Mr. Maddison: ich möchte die Fingerabdrücke dieses Mannes so außerordentlich gern haben, daß ich mich eigentlich wundere, warum ich ihn nicht auf der Straße zu Boden schlage und sie mir so nehme!«

 

Luke blickte vor sich hin; dann sagte er:

 

»Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen. Der Scheck war von mir unterzeichnet.«

 

Mr. Bird stand mit einem tiefen Seufzer auf.

 

»Sie haben zuviel Nachsicht mit der Verbrecherklasse, Mr. Maddison. Kein Wunder, daß Gunner Haynes Sie für einen netten Menschen hält – sechs Monate hat er gestern gekriegt. Das ist ein Kerl. Als ich versuchte, etwas von ihm über Ihren Freund herauszubekommen, wollte er nicht einmal zugeben, daß er ihn kannte.«

 

»Morell?« fragte Luke unbedacht, und der Spatz grinste.

 

»Das ist der Name, ja. Was hat es für einen Zweck, wie die Katze um den heißen Brei herumzugehen? Er ist der –«

 

»Ich weiß nichts von Morell«, sagte Luke nachdrücklich. »Er war ein Freund von Rex – von Mr. Leferre, meine ich. Ich möchte lieber nicht über ihn sprechen.«

 

Der Spatz seufzte von neuem, nahm die Papiere zusammen, auf denen der bedauernswerte Rex sich in Unterschriften versucht hatte, und steckte sie in seine Brieftasche.

 

»Niemand ist der Polizei behilflich«, sagte er kläglich. »Alle sind gegen die natürlichen Wächter der Kinder der Armen und der … ich will machen, daß ich wegkomme.«

 

Er drückte Luke lässig die Hand und ging schwerfällig hinaus. Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als das Telephon läutete, und zum ersten Male seit dem fürchterlichen Ereignis hörte Luke die Stimme der Frau, die er liebte.

 

»Willst du morgen zu mir kommen, Luke?« Ihre Stimme war sehr leise.

 

»Sofort, wenn ich darf, Liebling! Kann ich nicht gleich kommen?«

 

Aber ihre müde Stimme verneinte.

 

»Morgen – wenn alles erledigt ist. Luke, sag mal, schuldete Rex dir Geld?«

 

Das Unerwartete dieser Frage brachte Luke aus dem Gleichgewicht, und wenn Luke Maddison erregt war, sprach er unweigerlich zusammenhanglos – er dachte zu schnell, und seine Worte konnten nicht folgen.

 

»Ja – aber es ist nicht der Mühe werk, darüber zu reden … er war in der Lebensversicherung hoch versichert … du weißt ja, und ich glaube nicht, daß die Gesellschaft … eh … Schwierigkeiten machen wird …«

 

Er hörte ihr schnelles Atmen und wurde noch aufgeregter. »Ich dachte an dich … eh … du brauchst dir über seine Angelegenheiten keine Sorgen zu machen … in Wirklichkeit schuldet er mir eigentlich gar nichts.«

 

»Willst du also morgen zu mir kommen?«

 

Bevor er antworten konnte, hörte er, wie die Verbindung abgebrochen wurde.

 

Kapitel 5

 

5

 

»Ich sehe gar keinen Grund, Luke, warum die Hochzeit aufgeschoben werden sollte.«

 

Die für alle Beteiligten so schmerzliche Sitzung der Totenschaukommission lag hinter ihnen. Es war festgestellt worden, daß sich die geschäftlichen Angelegenheiten des jungen Mannes in großer Verwirrung befanden, aber weitere Einzelheiten warm nicht verlangt worden.

 

Margaret Leferre verstand sich selbst nicht mehr; ihre eigene Ruhe überraschte sie. Hatte sie eigentlich den Mann geliebt, der vor ihr stand, von dem sie anscheinend glaubte, daß er der beste Freund ihres Bruders gewesen war? Zuweilen befürchtete sie, daß er in ihren Augen lesen könnte, wie sie ihn verabscheute. Sie war erstaunt, als sie sich selbst mit größter Ruhe und in traurigem, aber freundlichem Tone sagen hörte, daß ihrer Meinung nach kein Grund zum Aufschub der Hochzeit vorläge.

 

»Mein armer Liebling!«

 

Er nahm sie in seine Arme, und sie leistete keinen Widerstand. Sie bot ihm ihre kalten Lippen und haßte sich selbst dafür. Aber der Judaskuß kam von ihm und nicht von ihr, und das war eine kleine Genugtuung für sie.

 

»Es gibt nichts in der Welt, was ich nicht tun könnte, um das Leben für dich ein wenig angenehmer zu machen«, sagte er. »Wenn Geld dir Glück verschaffen könnte, würde ich gern zum Bettler werden.«

 

Sie lächelte schwach. Hier war ein Mann, der seine eigenen Götter verleugnete.

 

Er hatte Rex ruiniert; er hakte ihn immer gehaßt. Halb vergessene Worte kamen ihr ins Gedächtnis, kurze, gereizte Urteile über Rex‘ Nachlässigkeit in Geldangelegenheiten. Seine Hände lagen auf ihren Schultern, und er blickte sie forschend an. Die Blässe ihres Gesichtes und die schwachen Schatten unter ihren Augen verliehen ihr eine beinahe überirdische Schönheit.

 

»Selbstverständlich habe ich mich sehr gesorgt … was für ein Narr ich war, dir am Telephon von Versicherungen zu sprechen – das war direkt unpassend – ich wußte im Augenblick wirklich nicht, was ich redete –«

 

»Luke, bist du wirklich sehr reich?«

 

Sie überraschte ihn ständig mit derartigen unvermuteten Fragen.

 

»Reich? Ich glaube, ja. Die Bank hat zwar in der letzten Zeit nicht besonders gute Geschäfte gemacht, aber ich habe ein Privatvermögen von mindestens einer halben Million. Ich dachte, du wüßtest das –«

 

Sie lächelte gezwungen.

 

»Ich habe dich niemals gefragt. Nur habe ich Angst vor der – Armut. Wir sind so unglaublich arm gewesen. Mein Vater hat uns nichts hinterlassen – es muß wunderschön sein, soviel Geld zu haben, reich zu sein – sich niemals über Rechnungen Sorgen zu machen, niemals das Gefühl zu haben, man muß hinaus und seinen Lebensunterhalt verdienen.«

 

Er blickte sie mit ungeheucheltem Erstaunen an.

 

»Aber davon hatte ich ja gar keine Ahnung, Kleine. Das ist ja entsetzlich. Ich dachte, du hättest deine regelmäßigen Zinsen?«

 

Sie schüttelte den Kopf, und diesmal verstellte sie sich nicht.

 

»Wenn dir Geld das Gefühl von Sicherheit verschaffen kann, dann will ich dir geben, was du willst … Du kannst über jeden Pfennig, den ich besitze, verfügen –«

 

Er sah ihr ungläubiges Lächeln und ärgerte sich über sich selbst, als ob auch er in seinem eigenen großmütigen Anerbieten eine Spur von Unaufrichtigkeit fühlte.

 

»Warum nicht? Tausende von Männern schreiben ihr ganzes Vermögen auf den Namen der Frau. Übrigens eine ganz vernünftige Sache … das hält den Mann auf dem richtigen Wege … und macht uns beide auch in geschäftlicher Beziehung zu richtigen Kompagnons. Warte mal.«

 

Er stand schon am Telephon – eifrig und enthusiastisch wie ein Junge, der eine neue und entzückende Idee verfolgt.

 

»Luke … rufst du deinen Rechtsanwalt an?«

 

Ihr Gewissen sprach, und eine plötzliche Furcht packte sie; zum erstenmal kam ihr das Ungeheuerliche ihres Verrates zum Bewußtsein.

 

»Ja, Hilton – hier ist Luke Maddison … Sie haben doch den Heiratskontrakt aufgesetzt? – Gut, dann schließen Sie alles ein! Haben Sie die Liste meiner Wertpapiere? – Ja, alle. – Und das Konto in der Bank – jeden Pfennig – meinen Anteil an Maddisons – jawohl, alles mit übertragen – nein – ich bin nicht wähnsinnig!«

 

»Du bist wahnsinnig!«

 

Sie stand jetzt neben ihm, ihr Gesicht leichenblaß. Und ihre Worte kamen zögernd, schwankend:

 

»Du bist wahnsinnig, Luke – ich meinte es doch nicht so …«

 

Er lächelte und küßte sie zärtlich, aber in seinen Augen lag ein Ausdruck, der sie zurückschrecken ließ – ein gewisser Ausdruck, der ihr die Worte Danton Morells ins Gedächtnis rief:

 

»Im Augenblick sind Sie für ihn das Begehrenswerteste!« Sie stand neben ihm, ihre Hände warm ineinandergekrampft, und ihr Atem ging stoßweise, als sie hörte, wie er den Widerspruch, der von der anderen Seite des Drahtes kam, niederschlug, dann hing er den Hörer an und drehte sich ihr zu. Ein triumphierendes Lächeln lag auf seinem geröteten Gesicht.

 

»Du bist jetzt Maddisons!« sagte er feierlich. »Dir gehört alles, vom Keller bis zum Boden, mein Liebling – und ich bin jetzt, was der alte Bird so hübsch mit dem Namen ›ein Kind der Armen‹ bezeichnet.«

 

Und nicht einmal sie konnte wissen, wie prophetisch er gesprochen hatte.

 

31

31


Kein Mensch liebte es weniger, seine Zeit und Kraft zu vergeuden, als Gunner Haynes. Er war überzeugt, daß Connor den Bankier in die Hände bekommen hatte, aber er irrte sich, als er Danty Morell mit der Entführung in Verbindung brachte.


Er wollte Connor aufsuchen, aber er erfuhr, daß er die Stadt verlassen hätte. Er versuchte nicht, eine Unterredung mit Danty Morell herbeizuführen, ging aber nach der Half Moon Street und beobachtete das Haus, bis er zuerst Danty und dann Pi Coles herauskommen sah. An Dantys Wohnung zu gelangen, war sehr einfach – eine Schlüsselform, ein Abdruck und eine Stunde in Green Park mit dem Feilen des weichen Metalls verbracht verschafften ihm den Eintritt.


Der Gedanke, daß Danty zurückkommen könnte, störte ihn nicht. Sein Haß gegen Morell war in gewissem Sinne unlogisch. Sie waren doch einstmals Freunde gewesen, hatten zusammen gearbeitet, und dann hatte er ihn aus den Augen verloren, die Genossenschaft hatte sich aufgelöst. Gunner Haynes hatte seine leichtfertige, kleine Frau geliebt, und als sie verschwand und nichts weiter als die Erinnerung blieb, war ein bedeutendes Stück seines Lebens verloren. Er mochte Danty in Verdacht haben, die Ursache seines Unglücks zu sein, aber er hatte keinen Beweis.


Danty hatte gesagt, daß die junge Frau verschwunden wäre, und daß er ebensowenig wie ihr Mann wüßte, wohin. Dennoch verstärkte sich der Verdacht in Gunner Haynes beinahe zur Gewißheit. Er war jedoch ein zu gerecht denkender Mann; solange der Beweis fehlte, würde Danty nichts geschehen.


Er unterzog die beiden Zimmer einer schnellen, aber genauen Untersuchung. Es gab Briefe durchzusehen, Taschenbücher zu untersuchen, Schubfächer zu öffnen und zu durchstöbern, aber nirgends fand er den geringsten Aufschluß über den Ort, wo Luke Madison gefangen saß. Er fand dm Zettel, auf den Connor die Adresse Lukes gekritzelt hatte, aber sonst nichts. Es blieb nur noch der Geldschrank, der nur ein einfacher Stahlschrank mit Sicherheitsschloß war – von der Art, wie sie in so vielen Geschäften zu finden ist. Diesen aufzumachen, war das Werk von fünf Minuten.


Er enthielt vier Fächer, und jedes war gefüllt mit Briefen, Rechnungen und all den Andenken, die Danty gesammelt hatte und die unordentlich durcheinander lagen. Im dritten Fach fand er einen Kasten, dessen Schloß er erbrach. Papiere, Briefe, ganze Bündel Briefe, die mit Schuhbändern, mit Bindfaden zusammengebunden waren – romantisch war Danty nicht.


Das erste Bündel interessierte ihn nicht, aber sein Gesicht wurde fahl, als er eine bekannte Handschrift in dem zweiten sah. Er trug den Kasten ins Speisezimmer, setzte sich an den Tisch und las drei von den Briefen, überflog die anderen, und dann band er sie langsam und behutsam wieder zusammen und legte sie in den Kasten zurück. Während er das tat, fiel sein Blick auf einen Zettel, der dieselbe Form und Größe hatte wie Rex Leferres letzte Botschaft. Er nahm ihn auf … Ja, es war die gleiche Handschrift! Doch die Worte waren unverständlich, sie lauteten:


»Danty Morell Der Mann ist ein ganz gemeiner Schwindler Ich bin vor ihm gewarnt worden von«


Wie war doch der Wortlaut auf den beiden kleinen Streifen Papier, die ihm Margaret gezeigt hatte? Sein ausgezeichnetes Gedächtnis ließ ihn nicht im Stich:


»Margaret, mein Liebling, ich bin verloren. Monatelang habe ich spekuliert und heute einen verzweifelten Schritt gewagt auf den Rat von«


und das andere Blatt:


»Luke Maddison. Er hat mich ruiniert – Geld ist sein Gott Ich bitte Dich um alles in der Welt, trau ihm nicht. Er hat mich von einer Torheit in die andere getrieben.

Gott segne Dich.                            Rex.«


Und blitzschnell wurde ihm alles klar. Danty hatte sofort gesehen, daß der erste und dritte der kleinen Zettelchen eine vollkommene Botschaft ergaben, die Luke Maddison für immer bei Margaret unmöglich machen würde; den zweiten hatte er in seine Tasche gesteckt. Man sah, daß er zusammengeknüllt worden war.


Las man die drei Zettel des kleinen Notizblocks, die die letzten Worte des bedauernswerten jungen Mannes trugen, in der richtigen Reihenfolge, so hatte man die furchtbare Anklage gegen Dankon Morell:


»Margaret, mein Liebling, ich bin verloren. Monatelang habe ich spekuliert und heute einen verzweifelten Schritt gewagt auf den Rat von


Danty Morell Der Mann ist ein ganz gemeiner Schwindler Ich bin vor ihm gewarnt worden von


Luke Maddison. Er hat mich ruiniert – Geld ist sein Gott. Ich bitte Dich um alles in der Welt traue ihm nicht. Er hat mich von einer Torheit in die andere getrieben. Gott segne Dich. Rex.«


Es dauerte eine geraume Zeit, bis der sonst so kaltblütige Mann seine Ruhe wiederfand. Sein Kopf war vom Lesen der Briefe wie benommen; Haß und Abscheu hatten ihn fast sinnlos gemacht. Mechanisch steckte er den bedeutungsvollen Zettel in sein Taschenbuch. Die Briefe seiner Frau mußten verbrannt werden. Er öffnete den Kasten noch einmal, nahm sie heraus und warf sie in das Kaminfeuer. Sah die Flammen aufflackern, sah die Briefe langsam zu Asche werden. Dann stellte er den Kasten in den Schrank zurück und verschloß diesen.


Für den Augenblick waren Luke Maddison und dessen Sicherheit für ihn nebensächliche Dinge. Danty war die Hauptsache! Die Qual und der jämmerliche Hilferuf in jenen Briefen! Gunner Haynes erblickte sein Gesicht im Spiegel über dem Kamin und war entsetzt. Er war plötzlich alt geworden.


Danty kam nicht – er war froh darüber. Er schaltete das Licht aus, schloß die Tür hinter sich und ging hinunter. Als er gerade die Straße überschritten hatte, fuhr ein Wagen vor dem Hause vor, und ein Mann stieg heraus. Es war Danty.


Gunner beobachtete ihn, machte aber keine Anstalten, ihn aufzuhalten. Das würde später kommen – die große Abrechnung.


Wie ein Träumender schlenderte er die Straße entlang und hörte zweimal seinen Namen, ehe er sich umdrehte und in Mary Bolfords hübsches Gesicht blickte.


»Ich wußte erst nicht genau, ob Sie es wären, und dann dachte ich, Sie heckten vielleicht neue ruchlose Pläne aus … aber das ist hoch nicht so?«


Der Gunner atmete tief auf.


»Um die Wahrheit zu sagen, Miß Bolford, das habe ich wirklich getan«, sagte er höflich. »Leider hatte ich in der vergangenen Woche nicht das Glück, Sie treffen zu können.« Sie schüttelte den Kopf.


»Ich war sehr beschäftigt, ich habe eine Anstellung bei einer australischen Zeitung angenommen und verlasse London in der nächsten Woche.«


Ihr Ton war munter, aber er konnte einen Klang in ihrer Stimme entdecken, der für ihn schmeichelhaft war.


»So?! Na, ich habe Ihnen Stoff genug zum Schreiben gegeben, denke ich.«


Sie seufzte. »Ja …« Und nach einer kleinen Pause: »Ich werde Sie sehr vermissen. Ich glaube, wenn ich das Mr. Bird erzählte, würde er sich ärgern.«


»Wütend!« sagte Gunner mit einem leisen Lächeln, das den schmerzlichen Ausdruck, den sie in seinen Augen bemerkt hatte, verwischte.


»Sie werden wohl nie nach Australien kommen? – Ich gehe auf sieben Jahre hin.«


»Mit welchem Schiffe reisen Sie?« fragte er, und als sie ihm geantwortet hatte: »Es gibt noch ein anderes, ungefähr eine Woche später. Fahren Sie von London ab?«


Sie nickte.


»Ich sollte erst in Neapel an Bord gehen – wir legen da an; aber ich habe die Seereise nötig. Ich hab’s ein bißchen mit der Lunge zu tun, nicht schlimm. Darum habe ich die Arbeit in Australien angenommen.«


Sie tranken zusammen Kaffee, und in diesen flüchtigen Minuten dachte er weder an Luke Maddison noch an Danty oder an die Briefe, die zu Asche geworden waren. Als sie sich gegen elf Uhr trennen wollten, sagte er:


»Wenn ich meine Angelegenheiten hier erledigen kann, könnte ich Ihr Schiff in Neapel erreichen.« O


Sie sah ihn sehr ernst an.


»Meinen Sie das wirklich?« sagte sie. »Und ist Australien der Platz für Ihre nächste – – –« Sie suchte nach einem Wort, aber er kam ihr zuvor.


»Ich bin im Begriff, eines der seltensten Wunder zu werden: Ein gebesserter – Gauner!«


Sie schwieg.


»Könnte Ihnen jemand dabei helfen?« fragte sie, und Haynes nickte.


Er sprach nicht aus, was in seinen und ihren Gedanken war, aber sie verstand. Dann schenkte er ihr zum ersten Male sein Vertrauen, und sie lauschte mit großen Augen und voller Staunen auf die wahre Geschichte von Luke Maddison.


»Ich habe den ganzen Tag nach ihm gesucht und habe nicht den kleinsten Anhaltspunkt gefunden.«


»Er ist doch nicht tot?«


Haynes schüttelte den Kopf.


»Das ist unwahrscheinlich«, sagte er. »Das Schlimme ist, daß die Polizei nicht benachrichtigt werden darf – ich denke, die Presse lieber auch nicht«, er lächelte, »aber die Dinge liegen jetzt anders, nicht wahr?«


»Haben Sie den Zettel, den Sie in Morells Wohnung gefunden haben?« (Er hatte bei seiner Erzählung nichts ausgelassen.)


Er reichte ihn ihr über den Tisch. Sie las und nickte.


»Was stand auf dem anderen?«


Er wiederholte die ganze Botschaft fast Wort für Wort.


»Ich habe Rex gesehen – ich weiß tatsächlich eine ganze Menge von ihm«, sagte sie. »Mr. Bird vertraute mir und erzählte mir von dem Betrug. Ich hätte ihm auch vieles mitteilen können, denn ich stand am Eingang der Bank, gerade an dem Tage, als der gefälschte Scheck bezahlt wurde. An dem Tage gab mir Mr. Maddison hundert Pfund – ich habe sie noch.«


Sie sprachen noch vom Spatz, als sie das Restaurant verließen, und an der Ecke der Bury Street trafen sie ihn selbst. Er blickte mißbilligend auf Gunner Haynes und mit finsteren Augen auf das Mädchen.


»Eine neue Verbrechergeschichte? Was treiben Sie, Gunner? Sind Sie Zeuge vor einer auserlesenen Kommission?« fragte er höhnisch.


Gunner Haynes kicherte. Kürzlich hatte sich ein Polizeiskandal ereignet; jemand war eingesteckt worden, der nichts verbrochen hatte; die unvermeidliche Kritik der Zeitungen über das Verhalten der Polizei war die Folge gewesen.


»Wir sind heutzutage gezwungen, so vorsichtig vorzugehen, daß ich selbst nicht mal einen Mann, der seiner Frau die Gurgel durchschneidet, verhaften würde, ohne Untersuchung anzustellen«, sagte der Spatz. »Ich will Ihnen erzählen, wie schlimm das geworden ist. Gerade hat man einen Landstreicher aus einer Polizeistation herausgelassen, der wegen Bettelns verhaftet wurde; es war aber nur ein Zeuge da – ein Polizist! Darum ließen sie ihn laufen. Wenn wir dahin kommen, daß wir auf die Gefühle eines Landstreichers Rücksicht nehmen müssen, dann kann man ebensogut Scotland Yard in ein Heim für verlaufene Hunde umwandeln. Ich nehme den Landstreicher als Beispiel, weil ich gerade auf das Revier kam, als man ihn ‚rausgesetzt hatte. Ich glaube, in ganz London geht’s so zu. Sie gehen nach Australien, hörte ich, Miß Bolford?«


Seine scharfen Augen durchforschten das Gesicht des Gunners.


»Sie doch nicht auch, Gunner? Sie werden die Plauderstündchen am Teetisch vermissen, nicht wahr?«


Mary Bolford wurde rot. Sie hatte sich nicht träumen lassen, daß jene unregelmäßigen und harmlosen Zusammenkünfte mit Gunner Haynes von dem dicken Mann bemerkt worden waren.


»Sie beide müssen gewarnt werden«, sagte der Spatz gelassen, »und ich warne Sie! Es gab noch nie einen Gauner, der jemals etwas anderes sein konnte als ein Gauner. Es war noch niemals ein Mädchen, das einen Mann heiratete, um ihn zu bessern, das nicht schließlich mit einem besseren davonging.«


»Sie sind heute abend prophetischer Laune, Mr. Bird«, sagte der Gunner kühl. »Sagen Sie uns doch, wer wird das Derby gewinnen?«


Der Spatz brummte und ging mit kurzem Nicken davon. Haynes und das junge Mädchen gingen Piccadilly entlang, bis in die Nähe des Zirkus, und hier trennten sie sich.


Während sie noch zögerten, ihre Hand in der seinen, sagte er:


»Sie haben heute abend einem Manne das Leben gerettet, Mary«, und klugerweise fragte sie ihn nichts weiter.


Kapitel 32

 

32

 

Margaret liebte, und diese Erkenntnis hatte sich ihr so plötzlich aufgedrängt, daß sie sich wie betäubt fühlte. Wie vollständig hatten sich ihre Gefühle dem Mann gegenüber geändert, mit dem sie als Kind gespielt hatte, den sie als junges Mädchen gern sah, dem sie schließlich in einer Art stiller Neigung zugetan war. Der Aufruhr der Gefühle, den der Tod ihres Bruders in ihr entfachte, hatte alles getötet, alles hinweggefegt und nur bitteren Haß zurückgelassen.

 

Und jetzt liebte Margaret – liebte zum erstenmal in ihrem Leben – nicht mit den unklaren Gefühlen des jungen Mädchens, nein, mit der Erkenntnis der Frau, mit dem vollen Bewußtsein ihrer Rechte, ihrer Pflichten. Sie konnte es sich nicht erlauben, ihre Zeit mit Reue über die unverständlichen Torheiten und bösen Irrungen der Vergangenheit zu verbringen. Ihre Tage waren ausgefüllt mit Plänen, immer neuen Plänen, wie sie ihrem Mann aus dem Sumpf heraushelfen konnte, in dem er verzweifelt kämpfte.

 

Kein Lebenszeichen von Gunner Haynes. Bis zwei Uhr morgens hatte sie in ihrem Schlafzimmer gesessen und vergeblich auf das Läuten des Telephons gewartet, das ihr Nachrichten bringen sollte. Auch am nächsten Tage nichts! Als Danty bei ihr vorsprach, war sie ausgegangen. Sie brauchte ihr Scheckbuch nicht, und der Diebstahl der Scheine blieb unentdeckt.

 

Der nächste Morgen brachte ihr den Spatz – er kam in amtlicher Eigenschaft.

 

»Haben Sie Anweisung gegeben, daß kein Scheck von Ihrem Mann, der über mehr als tausend Pfund lautet, ausgezahlt wird?«

 

Sie nickte.

 

»Ein junger Mensch hat heute morgen einen über zweitausend Pfund vorgelegt. Dummerweise hat Mr. Steele unterlassen, mich sofort zu benachrichtigen, und als ich endlich ankam, war der Vogel schon davongeflogen.«

 

»War es denn Lukes Handschrift?« fragte sie eifrig. »Wo ist er denn?«

 

Der Spatz konnte ihr keine Auskunft geben.

 

»Ich denke, er ist im Ausland? – Ist es eigentlich eine Gewohnheit Ihres Mannes, andere Leute nach der Bank zu schicken und Geld für sich einkassieren zu lassen? – Kommt mir etwas sonderbar vor!«

 

»Das Geld ist doch nicht ausgezahlt worden?«

 

»Nein – Steele sagte, wenn es eintausend Pfund gewesen wären, hätte er gezahlt.«

 

Sie verhielt sich mit Absicht ausweichend, rief aber, als der Detektiv gegangen war, Steele an. Er hatte wenig hinzuzufügen.

 

»Der Mann, der den Scheck brachte, machte einen ganz anständigen Eindruck.«

 

»Aber haben Sie ihn denn nicht gefragt, von wem er den Scheck erhalten hätte? Aber, Mr. Steele, Sie haben ihn doch nicht so ohne weiteres gehen lassen?«

 

»Warum denn nicht? – Nach dem, was Sie mir gesagt hatten, nahm ich an, Sie erwarteten, Ihr Mann würde verschiedene Schecks einsenden.«

 

Margaret hatte bisher nicht gewußt, wie begriffsstutzig dieser alte Mann manchmal sein konnte.

 

Als das Gespräch beendet war, setzte sie sich hin, um in Ruhe nachzudenken. Luke war in seine Wohnung eingedrungen, um sich Paß und Kleider zu holen. Der Paß war jetzt in Gunners Besitz; sie mußte zunächst dafür sorgen, daß er einen Anzug fand, falls er unerwartet kommen sollte. Sie fuhr nach seiner Wohnung, traf eine sorgfältige Auswahl und packte die nötigen Toilettengegenstände zusammen, vergaß nicht einmal Rasierzeug und ließ alles in ihren Wagen bringen. Es war das erstemal, daß sie eine solche frauliche Pflicht erfüllte, und diese Arbeit erweckte ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit Luke in ihr, das sie bisher nicht kennengelernt hatte, das ihr aber auch die ständige Sorge und Angst um das Geschick ihres Mannes schärfer und schmerzhafter zum Bewußtsein brachte.

 

Wenn sie wüßte, wo Gunner Haynes zu erreichen wäre, würde sie ihn aufsuchen, würde sogar Danty Morell willkommen heißen. Sein Besuch fiel ihr ein, als sie sich an ihren Schreibtisch setzte, um Schecks für den Haushalt auszuschreiben. Versehentlich nahm sie das unrichtige Scheckbuch heraus und bemerkte sofort, daß einige Blätter fehlten. Sie ließ sich mit der Bank verbinden und erfuhr, daß der vorgelegte Scheck einer von diesen war. Danton Morell war also auch dabei beteiligt!

 

Ihr erster Gedanke war, nach Inspektor Bird zu schicken. Aber die Polizei durfte um keinen Preis hinzugezogen werden. Sie suchte die Nummer Dantons im Telephonbuche, doch als sie schon im Begriff war, bei ihm anzuklingeln, entschloß sie sich plötzlich, ihn selbst aufzusuchen.

 

Sie wartete nicht auf ihren Wagen, sondern ließ ein Taxi holen, gab ihrem Diener gewisse, sehr bestimmte Anweisungen und fuhr nach der Half Moon Street. Pi Coles, der ihr die Tür öffnete, starrte diese unerwartete Erscheinung voller Verwunderung an.

 

»Kommen Sie herein, Miß«, sagte er verlegen, »der Herr ist drinnen.«

 

Danton hörte ihre Stimme und kam ihr auf dem Vorplatz entgegen.

 

»Das ist ein unerwartetes Vergnügen, Margaret«, sagte er. »Ist etwas vorgefallen?«

 

Sie antwortete erst, als sie im Zimmer war.

 

»Bevor ich Ihnen sage, warum ich komme«, begann sie, »halte ich es für angebracht, Ihnen mitzuteilen, daß mein Diener, falls ich nicht in drei Viertelstunden zurück sein sollte, Mr. Bild anrufen und ihm mitteilen wird, wohin ich gegangen bin.«

 

Er runzelte die Stirn.

 

»Was soll das heißen?« fragte er rauh. »Das ist ein sonderbares Benehmen – warum, zum Teufel, sollten Sie nicht in drei Viertelstunden zurück sein?«

 

»Wo sind die übrigen Schecks, die Sie aus meinem Scheckbuche gestohlen haben, als Sie gestern bei mir waren?« fragte sie.

 

Sie sah, wie sein Gesicht rot wurde.

 

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, sagte er laut. »Ich soll Schecks gestohlen haben? Was für Unsinn reden Sie da?«

 

»Sie kamen in mein Haus, und Sie waren lange genug in meinem Wohnzimmer, um zehn Schecks zu entwenden. Einer davon ist heute in der Bank vorgelegt worden, auf Lukes Namen ausgestellt und von ihm unterzeichnet. Nach meiner Anordnung wurde er nicht ausbezahlt.«

 

Aus seinem Gesicht wich die Farbe.

 

»Nicht ausbezahlt …« stammelte er, und seine Bestürzung verriet seine Mitschuld.

 

»Die Schecks haben weniger Interesse für mich als mein Mann«, sagte sie ruhig. »Wo ist er?«

 

Er bemühte sich vergeblich, seine Selbstbeherrschung zurückzugewinnen und zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Wirklich, meine liebe Margaret …« begann er.

 

»Sie werden mich mit Mrs. Maddison anreden, wenn Sie mir etwas zu sagen haben«, sagte sie. »Ich wünsche, daß Sie die Schecks zurückgeben, und ich will auch, daß Sie mir genau sagen, wo Luke ist.«

 

»Soviel ich weiß, ist er bei einem entlassenen Sträfling namens Haynes«, antwortete er grob, und zu seinem Erstaunen nickte sie.

 

»Ich glaubte das auch und ging hin, um mit ihm zu sprechen – aber er war fort. Mr. Haynes schien darüber überrascht zu sein, und jetzt weiß ich, daß Luke nicht freiwillig fortging. Dann dachte ich noch, er wäre seiner Wege gegangen, um von Mr. Haynes loszukommen. Aber der Scheck sagt viel. Wo ist Luke?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß es nicht.«

 

»Dann werde ich das tun, was ich gern vermieden hätte«, sagte sie. »Ich gehe zur Polizei und werde Sie anklagen, die Blankoschecks gestohlen zu haben, und es dann Mr. Bird überlassen, ob er Sie mit Lukes Verschwinden in Zusammenhang bringen will oder nicht.«

 

Sie wendete sich zur Tür, aber er erfaßte ihren Arm.

 

»Um Gottes willen, Margaret, bedenken Sie, was Sie tun!«

 

Sie sah, er war in Unruhe; seine Stimme zitterte vor Angst und Schreck.

 

»Ich schwöre Ihnen, ich weiß nicht, wo Luke ist. Er war auf einem Flußschiffe, wo Connor ihn festhielt. Der Hund hat mir nicht gesagt, daß Maddison einen Scheck unterzeichnet hat, nur daß er in den Fluß sprang und entkommen oder ertrunken ist. Das ist die Wahrheit. Ich wußte nichts davon, bis Connor ihn gefunden hatte. Ich schwöre Ihnen, das ist die reine Wahrheit!«

 

»Wo ist Connor?« fragte sie.

 

»Ich weiß es nicht. Er war heute morgen hier und erzählte mir, daß es Luke gelungen war, auszureißen. Ich glaubte ihm nicht, wahrscheinlich hat er mich angelogen. Das ist alles, was ich weiß.«

 

Danty sah, sie war unentschlossen, und er suchte sie von ihrer Absicht abzubringen. Er zweifelte nicht, daß sie schließlich tun würde, was sie ihm angedroht hatte.

 

Sie wußte nicht, was sie tun sollte.

 

»Können Sie Haynes aufsuchen?«

 

»Haynes aufsuchen?« schrie er fast. »Bilden Sie sich vielleicht ein, daß ich mit dem Kerl zusammenkommen möchte! Er ist ein gefährlicher Mensch, Margaret – –«

 

»Mrs. Maddison«, sagte sie kalt.

 

»Er ist gefährlich – Sie sollten nichts mit ihm zu tun haben.«

 

Er versuchte nicht mehr, den Diebstahl der Schecks zu leugnen.

 

»Sie wissen also nicht, wo Mr. Maddison ist?«

 

»Nein, Mrs. Maddison –« er hatte ihre Zurechtweisung beherzigt – »ich habe keine Ahnung, Connor hat die ganze Nacht nach ihm gesucht.«

 

Als sie nach Hause kam, fand sie den Spatz vor der Tür auf sie warten. Sie wunderte sich über die große Handtasche, sagte aber kein Wort, auch nicht, als er in dem kleinen Arbeitszimmer den Inhalt der Tasche auf den Tisch legte. Sie erkannte die zerdrückten Sachen nicht.

 

»Diese Kleider wurden im Besitz eines Flußdiebes gefunden, der sie heut morgen verkaufen wollte«, erklärte der Spatz. »Der Mann wußte nicht, daß der Name Ihres Gatten in die innere Tasche eingenäht war.«

 

»Der Name meines Mannes?« wiederholte sie atemlos und erblaßte. »Wo hat er die Sachen her?«

 

»Das möchte ich auch gern wissen. Er hat uns erzählt, daß er gestern abend einen Mann, völlig durchnäßt, am Rande des Flusses auflas und ihn mit zu sich nach Haus nahm. Wir haben seitdem festgestellt, daß es sich trotz der in manchen Einzelheiten übereinstimmenden Beschreibung nicht um Mr. Maddison handeln kann, der ja doch, wie ich annehme, im Ausland ist.«

 

Klang nicht seine Stimme etwas sarkastisch? Sie glaubte, einen Unterton von Ironie mitschwingen zu hören … und antwortete klugerweise nicht.

 

»Der Mann sagte, die Kleider wären ihm geschenkt worden, aber das ist natürlich die übliche, abgedroschene Geschichte. Ich glaube, der Anzug ist gestohlen worden, während der Besitzer im Bett lag. Können Sie vielleicht eine Aufklärung darüber geben?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

Es war ein erbärmliches Geständnis, aber sie wußte, sie war nicht einmal imstande, einen alten Anzug ihres Mannes wiederzuerkennen. Es handelte sich um den Anzug, den er angezogen hatte, als er in seine Wohnung eingebrochen war.

 

»Kennen Sie ihn nicht wieder?«

 

Sie schüttelte hilflos den Kopf.

 

»Es kann auch nicht ein alter Anzug gewesen sein, den, Ihr Mann vielleicht weggegeben hat, denn das Lieferdatum stand unter Mr. Maddisons Namen. Der Anzug war kaum einen Monat alt.«

 

Er sah sie scharf an.

 

»Die Angelegenheit mit Ihrem Mann erscheint mir in vielen Dingen rätselhaft, und ich glaube, Mrs. Maddison, Sie sind in irgendwelche Schwierigkeiten geraten. Ich würde Ihnen gern helfen, wenn ich nur könnte.«

 

Sie wollte etwas sagen, aber er kam ihr zuvor.

 

»Erzählen Sie mir nichts, bevor Sie nicht gehört haben, was ich weiß. Vier, fünf verschiedene, ganz interessante Einzelheiten –« und er zählte sie an seinen Fingern ab – »Ich weiß, daß Ihr Mann am Tage nach der Trauung verschwand. Ich weiß, daß in seiner Wohnung eingebrochen wurde. Ich weiß, daß man in dem Einbrecher denselben Mann wiedererkannte, der am Nachmittag bei der Taffanny-Sache mitgeholfen hatte. Ich weiß, daß aus seiner Wohnung neben anderen Dingen sein Paß gestohlen wurde. Ich hatte später mit seinem Diener gesprochen, der mir erzählte, daß sich in einer Schublade des Schreibtisches ein Paß befunden hätte. Sollte es nun eine Möglichkeit geben – wissen Sie, das ist eine der phantastischen Theorien, mit denen die Schriftsteller mächtig viel Geld verdienen –, sollte es nun eine Möglichkeit geben, sagte ich mir, daß dieser Mann vielleicht Mr. Maddison ist, dann sind die einzigen Menschen, die ihm helfen können–wir von der Polizei. Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, daß er nicht der Mann ist, Taffanny zu berauben. Sollte es sich vielleicht um eine Art von … hm … Doppelgänger handeln, können wir Ihnen, glauben Sie mir das, Mrs. Maddison, mehr als nützlich sein.«

 

Sie schwieg. Mit bedauerndem Kopfschütteln verabschiedete sich der Detektiv; den Anzug nahm er wieder mit und – eine Überzeugung, die nicht mehr zu erschüttern war.

 

Ein merkwürdiger Zufall, daß er die zerdrückten Sachen in das Haus brachte, wo im Schlafzimmer ein sorgfältig gepackter Koffer stand, der für Luke einen anderen Anzug enthielt.

 

Sie überlegte unruhig, wo sie den Koffer möglichst leicht erreichbar und unauffällig unterbringen konnte, und entschied sich schließlich, ihn in der Handgepäckabgabe eines Bahnhofes abzugeben. Sobald man Lukes Aufenthalt entdeckt hätte, konnte man ihm den Schein zukommen lassen; sie wartete aber bis zum Einbruch der Dunkelheit, um ihren Plan zur Ausführung zu bringen.

 

Der Abend sah auch Danton Morell in großen Sorgen. Am Nachmittag, kurz nachdem ihn Margaret Maddison verlassen hatte, machte er eine Entdeckung, die ihn vor Angst fast von Sinnen brachte. Seine Macht über Margaret hatte er verloren; sie konnte jeden Augenblick zur Polizei gehen, und gerade jetzt war er ängstlich bemüht, seine Bekanntschaft mit Scotland Yard nicht zu erneuern. Es stand sehr schlecht mit ihm; er schuldete eine große Summe, die er am nächsten Tage in der City bezahlen mußte. Seine Lage war jetzt, wo auch noch die Möglichkeit hinzukam, mit der Polizei in Konflikt zu kommen, äußerst gefährlich.

 

Danton Morell war in vieler Hinsicht ein vorsichtiger Mann. So verschwenderisch er auch war, hatte er sich doch eine bedeutende Summe beiseite gelegt, die er trotz aller Versuchung nie angerührt hatte. Dies Geld, das in zwei, drei Banken unter falschem Namen in Depot gegeben war, hatte er am Morgen abgehoben. Er hatte nichts weiter zu tun, als seinen sorgfältig ausgearbeiteten Fluchtplan zur Ausführung zu bringen. In der Nähe Londons lag ein kleiner Flugplatz, auf dem dann und wann Schauflüge stattfanden, und Danty hatte in weiser Voraussicht die Gesellschaft finanziert, der die Flugzeuge gehörten. Er rief dort an und ließ sich eine Maschine reservieren, einen großen mehrsitzigen Eindecker, den die Gesellschaft kürzlich erworben hatte. Er gab die notwendigen Anweisungen für Tanken und sorgfältiges Überholen der Maschine. Sein erstes Ziel sollte die Schweiz sein. Danty hatte nicht die geringste Absicht, einen Begleiter mitzunehmen, aber es sollte sich herausstellen, daß er nicht der einzige angstgepeitschte Mann an jenem Tage in London war.

 

Danty suchte in aller Eile die Papiere heraus, deren Zurücklassen böse Folgen für ihn haben könnte, und richtete seine Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Kassette, die den gefährlichsten Teil seiner Korrespondenz enthielt. Das Schloß war aufgebrochen! Entsetzt riß er den Deckel auf, schüttelte den Inhalt auf den Tisch … Das Paket Briefe, das er wahnsinnig genug gewesen war aufzubewahren, war verschwunden! Und der kleine Zettel mit Rex‘ Worten gleichfalls.

 

Seine Hände zitterten derartig, daß er kaum die Papiere halten konnte, die er durchflog. Unnötig, sich den Kopf zu zerbrechen, wer wohl der Täter gewesen war, wer die Kassette aufgebrochen hatte! Der Gunner war in der Nachbarschaft gesehen worden. Pi Coles hakte es ihm erzählt. Der Gunner war es, der seine Wohnung durchsucht, der die Papiere entwendet hatte. Danty Morell sah den Tod mit grinsendem Gesicht vor seinen Augen, war wie gelähmt, unfähig, einen Gedanken zu fassen. Als an die Wohnungstür geklopft wurde, sprang er von seinem Stuhl auf, die zitternde Ruine eines Mannes, und wagte nicht zu öffnen.

 

Es klopfte von neuem, und er zwang sich zur Ruhe, ging zur Tür und fragte, wer da wäre. Als er Connors Stimme erkannte, hätte er vor Freude aufschreien können.

 

»Was ist los mit Ihnen?« fragte Connor, als sie im Zimmer waren.

 

»Ich habe einen verdammt unangenehmen Schreck gehabt und fühle mich nicht besonders wohl. Wissen Sie, daß man hinter den Blankoscheinen her ist?«

 

Auch Conny sah nicht übermäßig glücklich aus.

 

»Weiß schon. Ein Scheck, den ich nach der Bank geschickt habe, ist nicht ausbezahlt worden, und jetzt ist fast ganz Scotland Yard auf der Suche nach dem Boten. Sie wissen nämlich, wer es gewesen ist, und das ist das Schlimmste dabei. Sie sind da auch mit drin, Danty!«

 

»Wir beide, glaube ich«, knurrte der andere. »Ich mach‘ mich dünn heute abend!«

 

»Sie haben doch keine Möglichkeit, aus London ‚rauszukommen.« Connor lachte roh. »Wie wollen Sie’s denn machen?«

 

Es lag Danty auf der Zunge, ihm etwas vorzuschwindeln, aber gerade jetzt hakte er Connors Hilfe nötig. Connor scheute nicht davor zurück, in dringenden Fällen einen Revolver zu gebrauchen und – haßte Gunner Haynes.

 

»Mit Flugzeug von Elford«, sagte er. »Wir müssen uns beim Gunner bedanken. Er hat uns verpfiffen.«

 

»Er hat ja niemals was anderes gemacht«, sagte Connor, ohne sich weiter zu ereifern. »Wohin geht’s denn?«

 

»Schweiz«, war Dantys kurze Antwort.

 

»Paßt mir sehr gut!«

 

Connor blickte aus die Papiere, die auf dem Tisch lagen.

 

»Großes Reinemachen, was?« fragte er bedeutungsvoll. »Wieviel Geld haben Sie?«

 

Danty log. Wenn es sich um Geld handelte, brachte er es nicht fertig, die Wahrheit zu sagen.

 

Die Besprechung war von kurzer Dauer. Sie kamen überein, sich sofort auf den Weg nach dem Flugplatz zu machen und dort die letzten Vorbereitungen für ihre Reise zu treffen.

 

Die Fahrt durch die Vorstädte Londons wurde schweigend zurückgelegt. Von Zeit zu Zeit hob Danty die Gardine an dem kleinen Fenster in der Rückwand des gemieteten Autos und spähte auf die dunkle Straße hinaus.

 

»Was haben Sie denn?« knurrte Connor.

 

»Ein Wagen, ein Zweisitzer, ist hinter uns!«

 

»Ja, und?« fragte der andere ironisch. »Wollen Sie die Straße für sich allein haben?«

 

Als Danty einige Minuten später wieder hinausblickte, war der Wagen verschwunden.

 

Die Vorbereitungen für den nächtlichen Flug hatten nicht so schnell gemacht werden können. Man hatte sich erst jetzt mit dem Piloten, der auf Urlaub in Midland war, in Verbindung setzen können.

 

»Es ist gut, daß wir selbst hierhergekommen sind, sonst hätte die Sache vielleicht nicht geklappt«, sagte Connor, als sie zurückfuhren. »Wann, sagten Sie, wollen Sie wieder hier sein?«

 

»Gegen Mitternacht.«

 

»Wonach gucken Sie denn?« fragte Connor einige Minuten später. »Wieder der kleine Wagen?«

 

Er schob seinen Begleiter beiseite und sah selbst hinaus. »Ein Lastkraftwagen … hat der vielleicht was mit uns zu tun?«

 

Danty schwieg. Niemand konnte sich die Angst vorstellen, die ihn gepackt hielt. Hinter ihm schritt der grausige Schatten der Vergeltung, und in jedem Augenblick erwartete er, Gunner Haynes‘ Raubvogelgesicht in der Dunkelheit auftauchen zu sehen.

 

Er kehrte nicht mehr in seine Wohnung zurück. Ein telephonischer Anruf brachte Pi Coles mit einem Mantel und warmem Schal – das war sein einziges Gepäck – in den Park. Er lohnte ihn freigebig ab. Nichts war mehr zu tun, als die letzten Stunden zu verbringen, bevor er England für immer verließ.

 

Er rief noch einmal den Flugplatz an. Befriedigt hörte er, daß der Pilot eingetroffen sei. Gern hätte er den Stark einige Stunden früher festgesetzt, aber einmal mußte er sein Wort halten. Er wußte, Connor war ein gefährlicher Mann, und es war nicht im geringsten sein Wunsch, statt eines Feindes zwei hinter sich zu wissen.

 

Mehrere Male, als er durch die weniger belebten Straßen Pimlicos schlenderte, hatte er das Gefühl, als ob man ihm folgte; als er sich aber einmal in verzweifeltem Bravado umdrehte und einen Mann zur Rede stellte, der hinter ihm ging, handelte es sich nur um einen harmlosen Passanten, der versuchte, eine Hausnummer zu finden.

 

Er hatte noch etwas zu tun – Rache zu nehmen! In einer Teestube schrieb er ein Telegramm, erreichte auf einem weiten Umwege die Hauptpost und gab es auf. Die Adresse lautete: Inspektor Bird. Scotland Yard, und der Inhalt war:

 

»Der Mann, der am Taffanny-Einbruch beteiligt war, ist Luke Maddison. Er versucht, heute nacht aus London zu entkommen. Seine Frau und Gunner Haynes sind über sein Doppelleben informiert.«

 

Und er unterschrieb mit seinem vollen Namen.

 

Er wußte, das Telegramm würde trotz der späten Stunde ausgetragen werden. Jetzt machte er sich auf den Weg, um seinen Kumpan zu treffen, und fühlte sich zufriedener, als er es den ganzen Tag über gewesen war.