Der Arzt

 

Der Arzt

 

Zur Zeit des Hochwassers, bevor die kleinen, ungestümen Nebenflüsse des Isisi-Flusses wieder ihren gewöhnlichen Umfang angenommen hatten, kam Sanders zur Residenz zurück. Er war sehr müde, denn er hatte eine Woche oben im Lande bei den Eingeborenen zugebracht. Nach vielen Bemühungen war es ihm schließlich gelungen, diese gleichgültigen Leute davon zu überzeugen, daß die Überschwemmung und Versumpfung ihrer Dörfer weniger den bösen Geistern als der Vernachlässigung der einfachsten Vorsichtsmaßregeln zuzuschreiben war.

 

»Ich habe dir doch gesagt, Rabanini«, sagte Sanders verzweifelt, »daß du den oberen Kanal sauber und von Bäumen und Sträuchern freihalten sollst, und ich habe dir für diese Arbeit doch schon viele Säcke Salz bezahlt.«

 

»Herr, es ist so«, erwiderte Rabanini und kratzte nachdenklich an seinen langen, braunen Beinen.

 

»Habe ich dich nicht beim letzten Vollmond, bevor die Regenzeit kam, gefragt, ob der Kanal sauber und in Ordnung ist, und hast du mir nicht geantwortet, er sehe aus wie eine Dorfstraße?« fragte Sanders ärgerlich. »O Herr«, bekannte Rabanini offen, »ich habe dich angelogen, denn ich dachte, du wärest verrückt. Denn welcher andere Mann könnte mit seinen wunderbaren Augen voraussehen, daß der Regen so bald und so heftig kommen würde? Deshalb, o Herr, habe ich nicht an den oberen Kanal gedacht. Viele Bäume sind mit dem Hochwasser gekommen, haben ihn verstopft, und so ist ein kleiner Damm entstanden. Ich bin ein unwissender Mann, und meine Gedanken sind ganz erfüllt von meinem eigenen Bruder, der von weither zu mir zu Besuch kam, denn er ist sehr krank.«

 

Sanders hatte keine Zeit, an Rabaninis kranken Bruder zu denken, als die schlanke, weiße »Zaire« ihren Weg den Strom hinunter nahm. Er war selbst sehr müde und brauchte Ruhe, denn seine fürchterlichen Kopfschmerzen zeigten ihm an, daß ihn ein Malariaanfall packen werde. Er hatte ein Gefühl, als ob sein ganzes Gehirn aus Jalousien bestände, die sich schnell hintereinander öffneten und schlossen und ihn bei jedem Aufblitzen eines Lichtstrahls einen Augenblick bewußtlos werden ließen.

 

Captain Hamilton holte ihn am Kai ab. Sanders stieg an Land, schwankte ein wenig und erzählte eine merkwürdige Geschichte von Abenteuern, die er auf einem norwegischen Salmfluß erlebt hatte. Hamilton nahm ihn besorgt am Arm und führte ihn zum Hause.

 

Zehn Minuten später hatte er Sanders zu Bett gebracht, der sich nur schwach dagegen wehrte. Er gab ihm eine erstaunliche Menge Chinin und Arsen und trat dann aus dem kühlen, dunklen Bungalow in den grellen, weißen Sonnenschein, der über dem Exerzierplatz lag. Er war ernst und nachdenklich.

 

»Eine eurer Frauen soll am Bett unseres Herrn Sandi wachen«, sagte er zu dem Sergeanten Abibu. »Sie soll mich rufen, wenn es ihm schlechter geht.«

 

»Bei meinem Leben«, erwiderte Abibu und wandte sich zum Gehen.

 

»Wo ist Tibetti?« fragte Hamilton.

 

Der Sergeant kam wieder zurück und schien verlegen zu sein. »O Herr, Tibbetti ist mit der weißen Dame, deiner Schwester, fortgegangen. Sie wollten ein Palaver mit Jimbujini, dem Zauberdoktor der Akasava, abhalten. Sie sitzen im Walde in einem magischen Kreise und, o Herr, Tibbetti wird sehr weise.«

 

Hamilton fluchte. Er hatte Leutnant Tibbetts, seiner Stütze und seinem Adjutanten, den Befehl gegeben, das Einexerzieren einiger neuer Kanorekruten zu überwachen, die vor einigen Tagen hier eingetroffen waren.

 

»Gehe und sage Mr. Tibbetti, er soll zu mir kommen«, befahl er. »Aber erst schicke eine Frau zu Sandi.«

 

Leutnant Tibbetti mit dem glatten, jungenhaften Gesicht, heiß vor Aufregung, aber doch höchst befriedigt, kam eiligst herbei. »Sir«, sagte er, salutierte ernst und umständlich und sah seinen Vorgesetzten mit merkwürdiger Feierlichkeit an.

 

»Bones, wo zum Teufel, haben Sie gesteckt?«

 

Bones atmete tief. »Wissenschaft!« sagte er kurz.

 

Hamilton sah seinen Untergebenen beunruhigt an. »Verdammt noch einmal, sind Sie nicht mehr bei Verstand?«

 

Bones schüttelte heftig den Kopf. »Geheimwissenschaft, mein Herr und Kamerad. Man ist niemals zu alt zum Lernen in dieser netten, schönen Welt.«

 

»Da haben Sie recht, ich bin ganz sicher, daß Ihr Leben nicht lang genug ist, um alles zu lernen.«

 

»Ich danke Ihnen, Sir.«

 

Patricia, die weniger Gewissensbisse empfand als Bones, kehrte langsamer zur Residenz zurück.

 

»Sanders hat sich mit Fieber legen müssen«, sagte Hamilton zu ihr.

 

»Fieber?« rief sie bestürzt. »Es ist doch nicht etwa – gefährlich?«

 

Bones lächelte nachsichtig und beruhigte sie. »Es ist nichts Ansteckendes, meine liebe Miß Hamilton.«

 

»Machen Sie nicht so dumme Scherze«, sagte sie so scharf, daß Bones zurückschreckte. »Glauben Sie etwa, daß ich mich vor ansteckenden Krankheiten fürchte? Ist es gefährlich für Mr. Sanders?« fragte sie ihren Bruder wieder.

 

»Nicht gefährlicher als ein tüchtiger Schnupfen«, antwortete er scheinbar sorglos. »Mein liebes Kind, wir haben alle Fieber. Du wirst es auch noch bekommen, wenn du bei Sonnenuntergang ohne Moskitoschuhe ausgehst.«

 

Er erklärte ihr mit der Gleichgültigkeit des alten Tropenmannes, der gegen Malaria abgehärtet und abgestumpft ist, welche Rolle die Moskitos bei dieser Erkrankung spielen, daß sie besonders gern an den Hand- und Fußgelenken stechen, weil die großen Blutgefäße und Arterien an diesen Stellen mehr an der Oberfläche der Haut liegen. Aber er konnte Patricia nicht beruhigen. Sie wollte bei Sanders wachen, aber Hamilton widersprach so heftig, daß sie schließlich ihre Absicht aufgab.

 

»Er würde es mir niemals verzeihen, wenn ich das zuließe. Morgen früh wird es ihm wieder gut gehen.«

 

Sie zweifelte daran, aber zu ihrem größten Erstaunen erschien Sanders zum Frühstück, als ob nichts vorgefallen wäre. Nur seine Augen sahen müde aus, und seine Hand zitterte ein wenig, als er die Kaffeetasse zum Munde hob. Ein Wunder, dachte Patricia, und äußerte dies auch.

 

»Nicht im mindesten, meine liebe Miß«, sagte Bones, der wie stets die Verantwortung für alle ungewöhnlichen Erscheinungen, die sie lobte, für sich in Anspruch nahm, mochten sie natürlich oder unnatürlich sein. »Das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was mir einmal passiert ist. Ham, mein lieber, alter Freund, erinnern Sie sich daran, wie ich damals vom Machenombi-Strom heruntergebracht wurde? Ich sprach nur noch im Delirium – ich raste und tobte und war ganz von Sinnen. Wenn Sie mich damals gesehen hätten«, fuhr er fort und zeigte feierlich mit seinem knochigen Finger auf Patricia, »dann hätten Sie gesagt, Bones pfeift auf dem letzten Loch.«

 

»So etwas Vulgäres hätte ich nicht gesagt, Bones«, protestierte sie. »Hatten Sie denn damals auch Malaria?«

 

»Oh«, sagte Hamilton triumphierend, »ich war damals zu höflich, es zu bezweifeln. Aber wir wollen diese Frage lieber unbeantwortet lassen, Patricia.«

 

Bones zuckte die Schultern und sah seinen Vorgesetzten mit einem Blick vernichtender Verachtung an.

 

»Wenn ein tapferer Mann in der Ausübung seiner Pflicht fällt, meine teure Miß Patricia, dann ist die Größe des Geschosses nicht von Belang, das ihn auf dem Schlachtfeld getötet und seine Verwandten und Gläubiger in Trauer versetzt hat.«

 

»Nun sagen Sie doch einmal wirklich, was Ihnen gefehlt hat?«

 

»Masern«, erwiderte Hamilton brutal.

 

»Das war schlecht von Ihnen, mein alter Offizier. Trotzdem ist es richtig. Aber wenn erst mein Laboratorium fertig ist, dann werde ich glühende Kohlen auf Ihr Haupt sammeln. Miß Patricia, es wird ein vollständiger Umschwung aller Dinge hier kommen, es wird kein Fieber, keine Masern mehr geben – nur noch Gesundheit, Reichtum und Weisheit, das schwöre ich Ihnen!«

 

»Er scheint einen Sonnenstich zu haben«, sagte Hamilton. »Nehmen Sie sich doch zusammen, Bones. Sie sind hier unter guten Freunden.«

 

Aber Bones war über Spötteleien erhaben.

 

Er hatte sich eine große, viereckige Hütte an der Küste bauen lassen. Er war nächtelang aufgeblieben und hatte mit Schiene und Winkel einen komplizierten Plan gezeichnet, in dem gewisse blaue Rechtecke Fenster und große, rote Kegel Türen andeuteten. Obendrein hatte er auch noch eine Fassade in dem ernsten Stil entworfen, der zur Zeit des Königs Georg üblich war.

 

Nachdem dieser wundervolle, nach Maßstab gezeichnete Plan, auf dem Schnitte, Fassaden und Grundrisse prangten, fertig war, hatte Bones Mojeri von den unteren Isisi kommen lassen, der im ganzen Land berühmt war als Erbauer großer Häuser, und ihm die Ausführung anvertraut.

 

»Mojeri; dieses sollst du für mich bauen«, sagte Bones, der an dem Ende eines Bleistiftes kaute und entzückt auf seinen eigenen Plan sah, der vor ihm ausgebreitet lag. »Und du wirst berühmt werden in der ganzen Welt. Sieh einmal her. Dieser Raum soll zweimal so groß werden wie dieser, und du sollst einen künstlichen Gang ausdenken, daß ich von dem einen in den anderen Raum gehen kann, ohne daß jemand sieht, daß ich komme oder gehe. Dies hier soll mein Schlafzimmer werden, und in diesem großen Zimmer will ich Magie betreiben.«

 

Mojeri nahm den Plan in die Hand und sah ihn an. Er hielt ihn zuerst verkehrt, dann seitlich.

 

»O Herr«, sagte er schließlich und legte das Blatt ehrerbietig wieder fort, »ich werde mich an all diese großen Wunderdinge erinnern.«

 

»Hat er es denn auch getan?« fragte Hamilton, als Bones von dieser Unterredung berichtete.

 

Bones blinzelte und schluckte verlegen. »Ja, er ist hingegangen und hat mir eine viereckige Hütte gebaut – denken Sie nur, eine ganz einfache Hütte mit einem Raum. Dieser Mojeri ist ein großer Schwindler – ein Esel …«

 

»Lassen Sie mich doch einmal Ihren Plan sehen«, sagte Hamilton. Bones reichte ihm die Zeichnung.

 

»Hm«, meinte Hamilton, nachdem er sich alles genau betrachtet hatte. »Es ist sehr nett gezeichnet, aber wie wollten Sie denn eigentlich in ihr Zimmer kommen?«

 

»Natürlich durch die Tür, mein lieber, alter Offizier«, erwiderte Bones sarkastisch.

 

»Ich dachte, durch das Dach oder vielleicht auch durch eine Versenklappe, wie man sie auf den Bühnen findet.«

 

Plötzlich dämmerte es Bones. »Ach, ich habe doch nicht etwa die Tür vergessen?« fragte er ungläubig und sah über die Schulter seines Vorgesetzten.

 

»Natürlich! Wo führt denn eigentlich dieser Gang hin?«

 

»Direkt von meinem Schlafzimmer zu dem Raum, der mit ›L‹ bezeichnet ist.«

 

»Dann scheinen Sie ja ein Geisterkönig zu sein«, sagte Hamilton bewundernd. »Es ist nämlich gar nicht so leicht, zu dem Raum ›L‹ zu kommen, da Sie mitten in den Gang eine Querwand eingezeichnet haben –«

 

»›L‹ bedeutet Laboratorium«, erklärte der Architekt schnell. »Aber wo ist denn die Wand? Richtig, hier steht sie – aber die können wir ja nachher wieder herausbrechen – das ist eine Augenblickssache!«

 

»Großzügig gesprochen, Bones«, erwiderte Hamilton, nachdem er den Plan noch einmal betrachtet hatte. »Ich glaube, Mojeri hat ganz gut gehandelt. Sie müssen eben mit dem einen Zimmer zufrieden sein. Was wollten Sie denn eigentlich mit dem großen Haus anfangen?«

 

»Der Wissenschaft dienen und den menschlichen Geist erleuchten«, entgegnete Bones großartig.

 

»Oh, ich verstehe – Sie wollen dort Feuerwerk machen? Eine glänzende Idee.«

 

»Ich muß Sie leider eines Besseren belehren, mein lieber alter Herr«, erklärte Bones mit bewunderungswürdiger Geduld. »Ich werde nämlich meine alten medizinischen Studien wiederaufnehmen. In letzter Zeit habe ich leider viele wertvolle Stunden durch meine frivole Vergnügungssucht versäumt. Die Zeit entflieht – das Leben ist kurz –, und ich möchte noch hinzufügen –«

 

»Lassen Sie es lieber«, bat Hamilton. »Ich bekomme sonst Kopfschmerzen.«

 

Bones sah ihn interessiert an. »Darf ich Ihnen etwas verschreiben, Sir«, begann er.

 

»Nein, nein, danke, danke, ich möchte lieber die Kopfschmerzen aushalten«, sagte Hamilton schnell.

 

Es dauerte noch eine ganze Woche, bis das Laboratorium eingerichtet war. Dann veranstaltete Bones bei einem Nachmittagstee eine Einweihungsfeier.

 

Er selbst erschien dabei in einem langen weißen Operationskittel und trug eine schreckliche Leinenmaske, die an einer Schutzbrille aus Glimmer befestigt war. Durch diese betrachtete er tiefsinnig die Welt, als er Sanders, Hamilton und Patricia hereinbat. Sein Willkommensgruß wurde durch die Maske etwas unverständlich. Das Innere des Raumes war ungemütlich. Glasretorten, Reagenzgläser, Flaschen und all die wissenschaftlichen Instrumente bedeckten den großen Tisch und verschiedene Regale, ebenso die drei im Raum vorhandenen Stühle.

 

»Ich begrüße Sie in meiner kleinen wissenschaftlichen Werkstätte«, sagte Bones mit hohler Stimme hinter seiner Maske. »Ich möchte – ach, treten Sie, bitte, nicht in das eiserne Untergestell, mein lieber alter Offizier. Miß Patricia, Sie setzen sich ja in eine Schale mit Medizinalalkohol!«

 

Bones nahm seine Maske ab und sah ganz rot und aufgeregt aus.

 

»Behalten Sie das Ding nur auf, Bones«, meinte Hamilton, »Sie sehen so viel besser aus.«

 

Sanders trat an das Mikroskop, das unter einer großen Glasglocke stand. »Sie sind ja recht gut eingerichtet, Bones«, sagte er lobend. »Mit welchem Zweig der Medizin wollen Sie sich denn näher befassen?«

 

»Mit Tropenkrankheiten, Sir«, erwiderte Bones und nahm die Glasglocke von dem Mikroskop ab. »Ich hoffe, daß Sie mir gestatten, nach dem Tee eine Blutprobe von Ihnen zu nehmen.«

 

»Danke sehr«, entgegnete Sanders. »Ich glaube, Hamilton eignet sich für solche Versuche besser.«

 

»Kommen Sie mir nicht in die Nähe!« drohte Hamilton.

 

Als das Teegeschirr abgeräumt war, bot sich Patricia heldenmütig als Opfer an. »Nehmen Sie eine Blutprobe von mir«, sagte sie und streckte die Hand aus.

 

Bones nahm eine Nadel und sterilisierte sie in einer Spiritusflamme. »Ich verletze Sie nicht«, sagte er etwas nervös und näherte die Spitze ihrer weißen Haut. Aber plötzlich zog er sie schnell wieder zurück. »Also, Sie brauchen keine Angst zu haben – ich tue Ihnen wirklich nichts, meine teure, gute Miß Patricia«, wiederholte er etwas unsicher und nahm ihren Arm in seine Hand. Dann richtete er sich wieder auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Nein, ich habe nicht den Mut, es zu tun«, gestand er.

 

»Sie sind ja ein schöner Doktor«, sagte sie vorwurfsvoll, nahm ihm die Nadel aus der Hand und stach sich. »Hier!«

 

Bones nahm den kleinen roten Tropfen, preßte ihn zwischen seine Gläser, tupfte einen Öltropfen darauf und stellte das Mikroskop ein.

 

Er schaute lange durch das Okular, und als er wieder aufblickte, sah er verstört aus. »Schlafkrankheit, meine liebe, arme Miß Hamilton!« rief er atemlos. »Ihr Blut ist vollständig mit Trypanosomen verseucht! Großer Gott! Was für ein Segen für Sie, daß ich es noch rechtzeitig entdeckt habe!«

 

Sanders stieß den jungen Wissenschaftler beiseite und schaute selbst durch das Mikroskop. Als er sich umwandte, sah auch er bleich und eingefallen aus. Ein furchtbarer Schrecken befiel Patricia.

 

»Sie verrückter Mensch«, grollte Sanders böse, »das sind doch keine Trypanosomen – Sie haben das Okularglas nicht abgestaubt!«

 

»Keine Trypanosomen?« fragte Bones bestürzt.

 

»Sie scheinen ja obendrein noch enttäuscht zu sein, Bones?« sagte Hamilton.

 

»Rein menschlich bin ich natürlich überglücklich«, erwiderte Bones düster, »aber als Wissenschaftler fühle ich mich direkt blamiert.«

 

Die Einweihungsfeier war von viel kürzerer Dauer, als der Gastgeber beabsichtigt hatte. Er hatte einen kleinen wissenschaftlichen Vortrag vorbereitet und wollte am Schluß ein schönes Experiment vorführen. Damit die Sache mehr Eindruck mache, hatte Bones den Raum künstlich verdunkelt, und seine Gäste saßen nun in der heißen, stickigen Finsternis, während er seine Gerätschaften nicht finden konnte und leise fluchte. Als das Experiment endlich beginnen sollte, fielen einige Flaschen auf den Boden und zerbrachen, und es breitete sich ein pestilenzartiger Gestank aus. Das Auditorium versuchte so schnell wie möglich die Türe zu erreichen.

 

»Die Frauen und Kinder zuerst!« rief Hamilton und öffnete die Türe.

 

Sie verabschiedeten sich aus respektvoller Entfernung von Bones.

 

Hamilton ging zu den Baracken der Haussa, und Sanders kehrte mit Patricia zur Residenz zurück.

 

Sie sprachen von Bones und seinem neuesten Steckenpferd.

 

»Glauben Sie wirklich nicht, daß ich diese schrecklichen Bakterien in meinem Blut habe?«

 

Sanders schaute geradeaus. »Ich dachte es – Sie verstehen, wir wissen, die Trypanosomen sind kleine Tierchen, die die Schlafkrankheit verursachen. Jeder, der einige Zeit hier in dieser Gegend gelebt hat, kann sich damit infizieren. Bones ist natürlich viel zu oberflächlich, er macht nichts ordentlich – ich hätte gleich daran denken sollen.«

 

Sie sagte nichts, bis sie zur Veranda kam und sich ihrem Zimmer zuwandte.

 

»Es war heute nicht schön bei Bones, nicht wahr?«

 

»Es war höllisch ungemütlich«, gab Sanders zu.

 

Sie seufzte tief und lang und klopfte ihm leise auf den Arm, bevor ihr klarwurde, was sie tat.

 

Bones kam von seiner Hütte und begegnete Sanders, der über den Exerzierplatz eilte.

 

»Bones, Sie müssen zu den Isisi hinauffahren«, sagte er. »Dort oben ist eine böse Krankheit ausgebrochen. Wahrscheinlich ist diese verdammte Überschwemmung daran schuld. Dieser niederträchtige Rabanini hat seinen Fluß nicht saubergehalten. Die unteren Wälder sind völlig überflutet.«

 

»Ich danke Ihnen vielmals, Exzellenz, daß Sie meinen wissenschaftlichen Fähigkeiten soviel zutrauen –«

 

»Machen Sie sich nicht lächerlich«, erwiderte Sanders gereizt. »Ich schicke Sie hinauf, damit Sie diese faulen Schlingel an die Arbeit bringen sollen. Wenn man die Kerle sich selbst überläßt, setzen sie sich einfach ruhig hin und sterben eher, als daß sie einen Entwässerungsgraben ziehen. Sorgen Sie dafür, daß ein paar kleine Kanäle mit einem gewissen Gefälle zum Strom hin angelegt werden. Rabanini versetzen Sie von mir aus einen Fußtritt. Nehmen Sie auch noch ein paar Kilo Chinin mit und verteilen Sie es, wenn es notwendig ist.«

 

Trotzdem schmuggelte Bones eine große Anzahl seiner medizinischen Instrumente mit an Bord und kam begeistert für seine neue Aufgabe bei den unteren Isisi an.

 

Drei Wochen später saß Sanders schweigsam und in Gedanken versunken am Tisch.

 

Patricia hatte schon mehrere Male erfolglos versucht, ihn in die Unterhaltung zu ziehen, aber er hatte ihr nur einsilbig geantwortet. Zuerst war sie etwas verletzt und ärgerlich gewesen, dann aber erkannte sie, daß ihn schwere Sorgen drücken mußten. Als sie aber gelegentlich den Namen Bones erwähnte, wurde er plötzlich lebhaft.

 

»Ja, Bones hat einige medizinische Kenntnisse«, beantwortete er ihre Frage. »Er hatte sich schon zwei Jahre als Student damit befaßt, bevor er einsah, daß Chirurgie und Medizin nicht seine Stärke seien.«

 

»Finden Sie nicht auch, daß hier ein Arzt fehlt?« fragte sie.

 

Sanders lächelte.

 

»Der ist hier unnötig. Ab und zu kommt der Militärarzt vom Hauptquartier, und außerdem haben wir eine Apotheke für die Eingeborenen. Glücklicherweise sind Epidemien hier sehr selten, allerdings haben wir auch einige schwere Krankheiten, die ja augenblicklich von den medizinischen Expeditionen genau untersucht werden – Schlafkrankheit, Beriberi und so weiter. Manchmal breitet sich natürlich auch eine Epidemie aus. Hamilton, bleiben Sie, bitte, ich möchte mit Ihnen reden.«

 

Hamilton hatte sich erhoben und wollte in sein Zimmer gehen, nachdem er seiner Schwester kurz zugenickt hatte. Er wandte sich wieder um.

 

»Gehen Sie ein wenig mit mir auf und ab«, sagte Sanders, nachdem er sich bei Patricia entschuldigt hatte.

 

»Was gibt es?« fragte Hamilton, als sie nicht mehr auf der Veranda gehört werden konnten.

 

Sanders schien sehr beunruhigt zu sein. »Haben Sie schon daran gedacht, daß wir keine Nachricht von Bones haben, seitdem er uns verlassen hat?«

 

Hamilton lächelte. »Er ist ein exzentrischer Mensch. Wenn ihm wirklich etwas Schlimmes zugestoßen wäre, hätten wir schon von ihm gehört.«

 

Sanders antwortete nicht gleich. Sie gingen auf dem kiesbestreuten Weg vor dem Haus auf und ab.

 

»Von Rabaninis Dorf sind aus dem einfachen Grund keine Nachrichten mehr gekommen, weil seit Bones‘ Ankunft niemand mehr hinein- oder herauskam. Es liegt, wie Sie wissen, auf der schmalen Landzunge an dem Zusammenfluß der beiden Ströme. Kein Boot hat die Ufer verlassen, und ein Versuch, auf dem Landwege dorthinzukommen, ist durch den Einsatz von Gewalt verhindert worden.«

 

»Durch Gewalt?« fragte Hamilton verwundert.

 

Sanders nickte. »Ich habe heute morgen einen längeren Bericht darüber erhalten. Zwei Männer der Isisi aus einem anderen Dorfe fuhren dorthin, um Verwandte zu besuchen. Als sie sich dem Ufer näherten, wurde mit Pfeilen auf sie geschossen, und sie kehrten schnell wieder um. Auch der Häuptling des Dorfes, M’gomo, ist in derselben Weise empfangen worden. Mein Späher Ahmet hat auch davon gehört und versucht, selbst nach der Halbinsel zu rudern. Auf eine Entfernung von zweihundert Metern wurde mit Feuerwaffen auf ihn geschossen.«

 

»Man hat doch nicht etwa Bones überfallen?« rief Hamilton bestürzt.

 

»Im Gegenteil, Bones hat Ahmet überfallen, denn Bones war der Schütze.«

 

Die beiden gingen schweigend weiter.

 

»Entweder ist er tatsächlich verrückt geworden«, sagte Hamilton, »oder …«

 

»Oder?«

 

Hamilton lachte verlegen und hilflos.

 

»Ich kann dieses Geheimnis nicht enträtseln. Dr. McMasters kommt ja morgen hierher, um ein paar kranke Haussas zu besuchen. Am besten nehmen wir ihn mit nach oben, damit er sich Bones einmal ansieht.«

 

Bedrückt und schweigsam fuhren sie am nächsten Morgen mit der »Zaire« nach Norden. Patricia hatte sie bis zum Kai begleitet und sah dem kleinen Dampfer besorgt nach.

 

Nur Dr. McMasters war guten Mutes, denn für ihn bedeutete die Exkursion eine willkommene Unterbrechung seiner sonst so eintönigen Praxis.

 

»Es ist möglich, daß er unvorsichtigerweise in die Sonne gegangen ist«, meinte er. »Ich habe verschiedene solcher Fälle gekannt, in denen die Leute den Verstand verloren haben. Ich besinne mich auf einen Mann in Grand Bassam, der einen anderen erschossen hat …«

 

»Nun seien Sie aber ruhig, Sie verfluchter Teufel!« rief Hamilton nervös. »Wir wollen lieber über Schmetterlinge sprechen.«

 

Die »Zaire« fuhr um die Flußbiegung, hinter der Rabaninis Dorf lag; Aber kaum war sie dort in Sicht gekommen, als von drüben schon ein Schuß fiel.

 

Sanders sah, wie die Kugel vor dem Dampfer ins Wasser einschlug und wie eine kleine Fontäne aufspritzte. Er schaute durch das Glas und beobachtete das Ufer.

 

»Es ist Bones«, sagte er grimmig. »Wir wollen beidrehen, Abibu.«

 

Der Steuermann drehte das Rad.

 

Ping! Wieder fiel ein Schuß. Diesmal schlug das Geschoß rechts ein. Die drei Männer drehten sich um.

 

»Die Leute sollen alle Deckung nehmen!« befahl Sanders dann ruhig. »Wir werden an dieses Ufer gehen, selbst wenn Bones eine ganze Batterie von 75er-Geschützen dort hat!«

 

Ein Ausruf Hamiltons lenkte plötzlich seine Aufmerksamkeit ab.

 

»Er signalisiert«, sagte Hamilton.

 

Bones gab mit seinen langen Armen Flaggensignale. Es schien offenbar eine Warnung zu sein.

 

Hamilton öffnete sein Notizbuch und schrieb mit.

 

»Tut mir furchtbar leid, lieber alter Offizier«, schrieb er Buchstabe für Buchstabe hin und lächelte kopfschüttelnd über die unnötig lange Einleitung. »Muß Sie fernhalten, schwerer Ausbruch der Pocken …«

 

Sanders nickte ernst und signalisierte zum Maschinenraum: »Stoppen«.

 

»Mein Gott«, sagte Hamilton entsetzt, denn er hatte schon einmal eine solche Epidemie erlebt. Es überkam ihn eine Gänsehaut, und er schüttelte sich vor Schrecken. Große Landstrecken waren damals in kürzester Zeit verödet. Ein ganzer Volksstamm war ausgestorben, die Überreste der eingefallenen Hütten konnte man noch unter dem hohen Elefantengras des Dschungels sehen.

 

Er wischte sich die Stirne und las besorgt die folgende Botschaft, denn er dachte an seine Schwester.

 

»Hatte entsetzlich zu kämpfen, verlor zwanzig Mann, bin aber Herr der Lage. Krankheit im Abnehmen. Holen Sie mich nach drei Wochen hier ab. Mußte hierbleiben, da sonst die unvorsichtigen Leute die Epidemie verbreitet hätten.«

 

Sanders schaute auf Hamilton. Mr. McMasters lachte. »So bekomme ich doch wenigstens schnell einmal Urlaub!« sagte er und rief seinen Diener.

 

Hamilton sprang nach vorn aufs Geländer, lehnte sich gegen einen Messingpfosten und signalisierte Antwort. »Wir schicken Ihnen einen Arzt.«

 

Von drüben wurde heftig gegensignalisiert: »Sprenge Doktor in die Luft! Was bin ich denn?!«

 

»Was soll ich ihm antworten?« fragte Hamilton, als er Sanders die Botschaft übermittelt hatte.

 

»Signalisieren Sie ihm: ›Sie sind ein Held‹«, sagte Sanders heiser.

 

Bones gründet eine Dynastie

 

Bones gründet eine Dynastie

 

Patricia Hamilton, eine aufmerksame junge Dame, hatte beobachtet, daß Bones täglich zu einer gewissen Stunde von der Bildfläche verschwand.

 

»Wo ist denn Bones?« erkundigte sie sich eines Morgens, als er ungewöhnlich lange fort blieb.

 

»Bei seinem Kind«, erwiderte ihr Bruder.

 

»Nun sei doch nicht komisch, mein Lieber! Sag mir doch, wo er steckt. Ich glaube, ich sah ihn vorhin beim Schiffsarzt.«

 

Der Postdampfer war an diesem Morgen angekommen, und der Kapitän und der Schiffsarzt waren zum Frühstück Gäste der Residenz gewesen.

 

Hamilton schaute von seinem Buch auf und nahm die Pfeife aus dem Mund. »Hat Bones dir während dieser ganzen Zeit noch nichts von seinem süßen Geheimnis erzählt?« fragte er erstaunt.

 

Sie setzte sich neben ihn.

 

»Ah, bitte, erzähle mir doch. Sicherlich ist es ein Scherz. Es ist nicht das erstemal, daß ihr Bones wegen des Babys auszankt. Sogar Mr. Sanders hat das getan.«

 

Sie schaute zu dem Distriktsgouverneur hinüber und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

 

»Habe ich Bones Vorwürfe gemacht?« fragte Sanders erstaunt. »Ich dachte nicht, daß ich überhaupt fähig sei, jemandem etwas Böses zu sagen.«

 

»Es ist nichts Böses an der ganzen Sache, Patricia. Er hat ein Negerkind adoptiert.«

 

»Ein Kind?«

 

»Ja, ein Kind, das damals nur einen Monat alt war. Die Mutter war tot, und irgendein Zauberdoktor wollte es zerstückeln, als Bones dazwischenkam.«

 

Patricia lachte vergnügt und klatschte in die Hände.

 

»Ach, bitte, erzählen Sie mir doch alles.«

 

Sanders kam denn auch ihrem Wunsche nach und berichtete die ganze Geschichte von Henry Hamilton Bones, der in Gefahr war, geopfert zu werden, und von Bones gerettet wurde. Hamilton gab dann noch zum besten, wie er Bones dabei überraschte, als er den Kleinen zum erstenmal badete.

 

»Er hat ihn einfach in einen großen Kübel gesteckt und mit einem Scheuerlappen bearbeitet.«

 

Bald darauf kam Bones vom Ufer her. Er hatte die Pfeife im Munde und wirbelte mit seinem Spazierstock. Hamilton beobachtete ihn von der Veranda aus und rief nach Patricia.

 

Es war ein sorgenvoller Vormittag für Bones gewesen, und selbst Hamilton war ausnahmsweise so taktvoll, seiner Schwester gegenüber nichts von den Vorgängen zu erwähnen.

 

Draußen auf See hatte der Dampfer »Boma Queen« Anker geworfen und wartete auf die Rückkehr des Schiffsarztes und des Kapitäns. Bones hatte die beiden soeben zur Küste begleitet. Es war wirklich ein sehr wichtiger Tag, denn Henry Hamilton Bones war heute geimpft worden.

 

»Ich glaube, die Dinger gehen an«, sagte Bones ernst, als die andern ihn fragten. »Ich muß schon sagen, daß sich Henry wie ein Gentleman benommen hat.«

 

»Was sagte denn Fitz?«

 

Fitzgerald war der Doktor, der früher versprochen hatte, die kleine Operation auszuführen, und heute sein Versprechen eingelöst hatte.

 

»Fitz?« sagte Bones erregt. »Fitz ist ein böser Mensch.«

 

Hamilton grinste.

 

»Er wollte mir doch einreden, daß das kleine Kind nichts davon fühle. Und Henry hat sich doch beinahe zu Tode geschrien – es war schrecklich!«

 

Bones tupfte sich die Stirne mit einem großen buntseidenen Taschentuch und sah sich vorsichtig um.

 

»Aber Patricia dürfen Sie nichts sagen, Ham«, flüsterte er so laut, daß sie es unbedingt hören mußte.

 

»Das tut mir leid – sie weiß es schon.«

 

»Großer Gott!« rief Bones verzweifelt und wandte sich zu der jungen Dame um.

 

»O Bones!« sagte sie vorwurfsvoll, »Sie haben mir nie etwas davon gesagt!«

 

Bones zuckte die Schultern, nahm seine Pfeife aus dem Mund, wollte sprechen, schaute zu ihr hinüber, streckte dann aber abwehrend seine Hände aus und steckte die Pfeife wieder in den Mund.

 

Aus all diesen Anzeichen war zu entnehmen, daß er aufgeregt war.

 

»Meine liebe, gute Miß Hamilton«, erwiderte er schließlich mit zitternder Stimme, »ich wäre ein verruchter Missetäter, wenn ich Henry Hamilton Bones verleugnen wollte – dieser arme, kleine Kerl –, wenn ich es Ihnen niemals gesagt habe, meine liebe, gute Schwester, dann ist das – dann ist das, weil – nun, Sie würden es nie verstanden haben.«

 

Er zuckte wieder verzweifelt die Schultern.

 

»Also Bones, nun seien Sie doch nicht töricht! Warum, zum Teufel, machen Sie denn ein so schreckliches Brimborium aus dieser Sache?« fragte Hamilton. »Ich kann Ihnen das Zeugnis ausstellen, daß Sie dem Stöpsel ein sehr guter Vater sind.«

 

»Nicht Stöpsel, mein lieber alter Herr«, bat Bones, »Henry ist ein menschliches Wesen mit einem menschlichen Herzen. Der Junge kennt mich, sobald ich nur in die Hütte komme. Es ist wundervoll zu sehen, wie er sich aufrichtet und ›Da‹ sagt, meine liebe, gute Schwester Hamilton«, fuhr er dann fort, »wie er lächelt und dabei den Mund aufmacht – ein Zahn ist schon durch, und mit dem kleinen Finger können Sie einen andern fühlen. Es ist einfach großartig, meine liebe, gute Miß Hamilton. Verdammt noch mal, es ist prächtig!«

 

»Aber Bones!« rief Patricia.

 

»Der Doktor hat nun in seinen kleinen, armen, netten, lieben, fetten Arm geschnitten. Dieser Fitz ist doch ein Barbar! Erbarmungslos hat er mit dem Messer hineingestochen, direkt brutal! Und der verdammte kleine Schlingel hat nicht einmal nach der Polizei gerufen! Großer Gott, es war schrecklich!«

 

Er wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge.

 

»Es war sicher fürchterlich«, suchte sie ihn zu trösten. »Kann ich mir den kleinen Jungen nicht einmal ansehen?«

 

Bones machte eine abwehrende Geste, und obgleich die Wohnung dieses Wunderkindes sicher einige hundert Meter weit entfernt lag, sprach er doch ganz leise. »Er schläft, zwar unruhig, aber er schläft doch. Ich habe den Wärterinnen gesagt, sie sollen mich sofort holen, wenn er Fieber bekommt oder wenn es ihm schlechter geht. Nach Tisch werde ich mit dem Grammophon hingehen, falls er aufsässig werden und schreien sollte. Aber jetzt schläft er. Ich danke Ihnen für Ihre große Liebenswürdigkeit und Teilnahme in einem so schweren Augenblick, meine liebe, gute Miß.«

 

Er nahm ihre Hand und drückte sie herzlich, wollte etwas sagen, schluckte, wandte sich dann kurz um und ging ohne ein Wort von der Veranda nach seiner Hütte zu.

 

Das Mädchen lächelte, aber auch in ihren Augen standen Tränen. »Ein guter Junge!« sagte sie halb zu sich selbst.

 

Sanders nickte. »Bones hat ein gutes Herz«, stimmte er zu.

 

Sie schaute zu ihm hinüber. »Das spricht für ihn«, sagte sie ruhig.

 

»Ich schätze ihn sehr. Nur wenige Menschen können Bones wirklich verstehen. Als ich ihn zuerst sah, glaubte ich, er sei ein wenig verrückt, aber ich hatte unrecht. Dann dachte ich, er sei verweichlicht, aber ich hatte wieder nicht recht, denn er zeigte sich stets als ein braver, tapferer Mann, wenn es darauf ankam. Bones ist einer der seltenen Menschen – ein tatkräftiger Mann mit einem weichen Gemüt und einem warmen Herzen, wie es eine edle Frau haben könnte.«

 

Ihre Augen trafen die seinen, und sie schauten einander an. Dann senkte sie schnell den Blick und wurde plötzlich rot.

 

»Ich glaube, Sie haben ihn genau erkannt«, sagte sie und blätterte verlegen in ihrem Buch.

 

Am nächsten Morgen wurde Patricia eine Audienz bei Henry Hamilton Bones, dem Musterbild aller Knaben, bewilligt.

 

Er war in der größten der Haussahütten am äußersten Ende der ganzen Reihe untergebracht und wurde von zwei Eingeborenenfrauen betreut. Bones hatte feste und unumstößliche Vorschriften für seine Behandlung aufgestellt. Patricia blieb vor der Türe stehen und las diese Bestimmungen, die mit Maschine geschrieben und auf einem Anschlagbrett mit Reißnägeln befestigt waren.

 

Sie waren sowohl in englisch als auch in küstenarabisch verfaßt, das Bones meisterlich beherrschte. Patricia wunderte sich, warum sie auch in englisch geschrieben waren.

 

»Das ist absolut nötig, meine liebe, gute Freundin«, erklärte Bones ernst. »Sie haben keine Ahnung, welche Angst ich schon manchmal ausgestanden habe. Zum Beispiel ist Ihr netter Bruder zwar ein hervorragender Sportsmann, aber mit Kindern kann man nicht vorsichtig genug umgehen, und Hamilton ist einfach schrecklich gedankenlos!«

 

Der englische Teil der Vorschriften war kurz, und sie las ihn durch.

 

Henry Hamilton Bones.

 

1. Die Besucher werden gebeten, möglichst wenig Geräusch zu machen. Denken Sie daran, wie Ihnen zumute wäre, wenn Sie plötzlich rücksichtslos aus erfrischendem Schlaf gerissen würden! Seien Sie mitfühlend und versetzen Sie sich in die Lage des Kindes!

 

2. Es ist streng verboten, das Kind zu füttern. Höchstens dürfen ihm Nahrungsmittel zugeführt werden, die auf einer Liste enthalten sind, die man auf Wunsch einsehen kann. Nüsse und Schokolade dürfen ihm unter keinen Umständen gereicht werden.

 

3. Der Unterzeichnete ist nicht verantwortlich für Dinge, die von dem Kind zerbrochen werden, z. B. Taschenuhren. Wenn solche Objekte zur Belustigung des Kindes verwendet werden, so kann man sie ihm ans Ohr halten, man wird dann einen interessierten Ausdruck auf seinem Gesicht wahrnehmen. Niemals sollte man aber dem Kinde gestatten, die Taschenuhr in den Mund zu nehmen und darauf zu beißen – das Kind weiß es nicht besser –, denn das Glas und die Zeiger gefährden seine Gesundheit in hohem Maße.

 

4. Beim Aufheben des Kindes sind folgende Vorsichtsmaßregeln zu berücksichtigen: Man fasse das Kind oberhalb der Taille unter den Armen, hebe es langsam auf und achte ja darauf, daß der Kopf nicht nach hinten zurückfällt. Man halte dann das Kind dicht am eigenen Körper, nehme den linken Arm unter das Kind, den rechten darüber. Man sollte das Kind nicht ermutigen, sich aufzusetzen – obgleich es dazu schon in der Lage ist, denn es ist für ein Alter von acht Monaten weit fortgeschritten –, weil es der Erstarkung seines Rückens schaden könnte. Auf keinen Fall ist es zulässig, das Kind in die Luft zu werfen und dann wieder aufzufangen. Alle weiteren Informationen können auf Verlangen in Hütte 7 eingesehen werden.

 

(gez.) Augustus Tibbetts, Leutnant.

 

»Alle diese Vorschriften sind auf Grund persönlicher Erfahrung und Beobachtung erlassen worden«, sagte Bones begeistert. »Ich habe keine Ratschläge von anderen dabei bekommen.«

 

»Das ist ganz hervorragend, Bones!« erwiderte Patricia und meinte es ehrlich.

 

Henry Hamilton Bones saß aufrecht in einem kleinen Kinderbettchen. Er war kräftig, rund und gesund, hatte einen dicken Kopf und große Augen, lutschte an seinem Daumen und starrte auf die fremde Dame und von ihr auf Bones, den er sehr aufmerksam und interessiert betrachtete. Dann lachte er und krähte laut vor Freude.

 

»Ist das nicht – ist das nicht ganz außerordentlich?« fragte Bones entzückt. »Während Ihres ganzen langen Lebens, meine liebe Freundin und Mitarbeiterin, haben Sie doch dergleichen noch nicht gesehen? Wenn Sie einmal berücksichtigen, daß kleine Kinder die Augen erst drei Monate nach der Geburt öffnen …«

 

»Da«, sagte Henry Hamilton Bones.

 

»Da!« antwortete der Pflegevater, indem er die Stimme des Kleinen nachzuahmen versuchte.

 

»Do da«, fuhr Henry fort.

 

Das Lächeln verschwand von Bones‘ Gesicht, und er schaute nachdenklich drein. »Do da«, wiederholte er. »Wenn ich nur wüßte, was ›do da‹ bedeutet?«

 

»Do da!« brüllte Henry jetzt.

 

»Meine liebe, gute Miß Hamilton, ich weiß nicht, ob Henry trinken will oder ob er Leibschmerzen hat. Aber ich glaube, wir überlassen ihn jetzt besser den Frauen. Die wissen, was ihm nottut.«

 

Er winkte der Amme und ging hinaus.

 

Draußen hörte sie, wie Henry lustig krähte. Bones legte die Hand ans Ohr und horchte angestrengt. Dann lächelte er.

 

»Er wollte trinken! Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich muß mir das notieren.« Er nahm sein Notizbuch heraus und schrieb: »Do da bedeutet: Kind will trinken.«

 

Sie kehrten zur Residenz zurück, und Bones erzählte ihr noch viel von Henrys besonderer Mundart. Die kleinen Kinder schienen ihre eigene Sprache zu haben, und Bones erklärte, sie beinahe zu beherrschen.

 

Als sich Patricia abends zur Ruhe legte, war sie noch lange Zeit wach und dachte an Bones, an sein einfaches und doch so liebes Wesen. Und sie dachte auch an Sanders, diesen ernsten, zurückhaltenden, scheuen Mann … Spät in der Nacht wachte sie plötzlich auf und hörte die Stimme von Bones draußen vor dem Fenster. Sie glaubte, Henry sei etwas zugestoßen. Aber auch Sanders und ihr Bruder waren zugegen, und sie überzeugte sich davon, daß sie nicht über Henry redeten. Sie schaute auf die Uhr. – Es war drei.

 

»Ich hätte diesem Menschen nicht trauen sollen«, sagte Sanders. »Ich weiß, daß man Bosambo keinen Vorwurf machen kann, denn er hat dem Stamm der Kulumbini weiten Spielraum gelassen, obgleich sie an seiner Grenze wohnen.«

 

Dann wandte er sich in einer fremden Sprache an einen Unbekannten, und Patricia vermutete, daß über Nacht ein Späher der Regierung gekommen war.

 

»Wir werden so schnell wie möglich aufbrechen, Bones«, sagte Sanders. »Den Unterlauf des Stromes können wir auch im Dunkeln hinauffahren. Es wird Tag sein, bevor wir die seichten Stellen erreichen. Hamilton, Sie brauchen nicht mitzukommen.«

 

»Glauben Sie, daß Bones in der Lage ist, alles auszuführen, was nötig ist?« fragte Hamilton zweifelnd.

 

»Aber nehmen Sie sich doch zusammen, lieber, alter Offizier«, rief Bones mit lauter Stimme, die sich für einen Untergebenen eigentlich nicht recht schickte.

 

Die drei entfernten sich von der Veranda. Patricia fragte sich, wer der Mann sein könnte, von dem sie gesprochen hatten, und welches Unheil er angestiftet hatte, aber dann fiel sie wieder in Schlaf.

 

*

 

An einem kleinen Nebenstrom, dessen Mündung hinter der Insel der Fliegenden Hunde liegt, lag das Dorf der Kulumbini. Hohes Elefantengras verbarg die armseligen Hütten, so daß selbst die Eingeborenen, die auf der Mitte des Stromes fuhren, sie nicht sehen konnten. An dem abschüssigen Ufer gab nur ein altes, morsches Kanu aus Eichenholz davon Kunde, daß menschliche Wohnungen in der Nähe waren.

 

Bei den Stämmen, die an den Ufern des großen Stromes saßen, bei den Akasava, den Isisi und den N’gombi, ja selbst bei den duldsamen Ochori, standen die Kulumbini in Verruf. Sie waren noch unkultiviert, wild, unerhört tapfer, schrecklich im Kampf und noch schrecklicher nach ihrem Siege.

 

Das Dorf war zugleich auch der Hauptort und die am äußersten vorgeschobene Niederlassung eines ziemlich zahlreichen und bedeutenden Stammes, der die hinteren Wälder bis an das Ochoriland bewohnte. Die Kulumbini bestimmten die Grenzen ihres Gebietes je nach Laune und Willkür. Sie fühlten sich kaum als ein zusammengehöriges Volk und hatten auch keinen nationalen Ehrgeiz. Am Fluß sagte man, daß sie ihre Speere für ein paar Fische verkauften. Sie hatten nur einen merkwürdigen Hang: sie wollten nicht beaufsichtigt werden, und solange man dieser Neigung Rechnung trug, kamen sie auch niemand zu nahe.

 

Wie dieser Unabhängigkeitsdrang entstand, weiß niemand. Einmal wurden sie auch von einem König regiert, der ihren Wünschen in dieser Beziehung so weit entgegenkam, daß er sich niemals unter ihnen aufhielt, sondern an einem besonderen Platz im Walde wohnte, der noch bis heute S’furi-S’foosi genannt wird: »Die Bäume (oder die Waldlichtung) des fernen Königs«. Sie hatten sich den Eingriffen der Regierung und den Inspektionen der Beamten widersetzt. Sanders war bei seinem ersten Besuch von einem Pfeilregen empfangen worden, und als er hatte landen wollen, traten ihm die Krieger mit Lanzen und Schilden bewaffnet entgegen. Es gibt viele Arten, Widerstand zu brechen, und ein sicherer Weg war es, die zwei Bronzegeschütze, die zu beiden Seiten der Kommandobrücke der »Zaire« aufgestellt waren, in Tätigkeit zu setzen. Aber man konnte auch friedliche Überredung wählen. Sanders entschied sich damals für einen Kompromiß und ging mit einem Revolver in jeder Hand zum Ufer, um ein friedliches Palaver mit den Kulumbini abzuhalten.

 

Er war mit der Denkweise der Eingeborenen gut vertraut und wußte viele kleine, lustige Geschichten, die er in der Bogmongo-Sprache erzählte. Die meisten könnte man nicht drucken, aber bei den Leuten am Großen Strom fanden sie viel Beifall. Sanders arbeitete mit Fabeln, Märchen und Witzen, er rief Ju-jus, Geister und Teufel an, er nahm die ganze Schatzkammer des einheimischen Aberglaubens zu Hilfe, und schließlich trug er den Sieg davon. Es gelang ihm nicht nur, in Zukunft friedliche Aufnahme bei ihnen zu finden, sondern, Wunder über Wunder, er überredete sie auch dazu, an gewissen Zeiten, wenn Mond und Gezeiten in bestimmter Stellung zueinander standen, eine Abgabe zu zahlen, was im Englischen so viel heißt, daß sie alle sechs Monate eine Steuer oder Taxe zu zahlen hatten, die in Gummi, Elfenbein, Fisch oder Maniok gegeben werden konnte, je nach Möglichkeit.

 

Er besiegelte sogar einen feierlichen Vertrag, der in ein altes Wäschebuch geschrieben worden war, das auf irgendeine unverständliche Weise in den Besitz des Häuptlings gekommen war. Dann hängte Sanders Gulabala, der diesen merkwürdigen Stamm beherrschte, die Kette und die Medaille um, die den Häuptlingen von der Regierung verliehen werden.

 

Gulabala wollte auch höflich sein und bot Sanders an, sich unter allen Mädchen der Kulumbini eine Frau auszusuchen. Solche Anerbieten waren dem Distriktsgouverneur nichts Neues, und er zog sich wie gewöhnlich aus dieser etwas peinlichen Situation, indem er sich auf Zauberei ausredete. Er sagte feierlich im Flüsterton, daß ihm von einem berühmten Zauberdoktor am unteren Strom vorausgesagt worden sei, daß das nächste Weib, das er zu sich nehmen werde, an der Krankheit Mongo sterben werde.

 

»Ich liebe dein Volk zu sehr, o Häuptling«, fügte er hinzu, »um eine seiner schönen Töchter dem sicheren Tode zu überantworten.«

 

»O Sandi«, erwiderte Gulabala froh, »ich habe viele Töchter, und auf eine kommt es mir nicht an. Wäre es denn nicht eine gute Sache für sie, in deiner Hütte zu sterben?«

 

»Wir beide, du und ich, sehen die Dinge verschieden an. Nach unserer Religion sitzt der Geist einer Frau, die durch Zauberei stirbt, später immer am Fußende meines Bettes und ist schrecklich anzuschauen.«

 

So hatte Sanders diese Gefahr abgewendet, und er erhielt auch tatsächlich in bestimmten Zwischenräumen den Tribut dieses so fern wohnenden Volkes.

 

Jahrelang hatten die Kulumbini nun still und ruhig gelebt, ohne daß sich ein Zwischenfall ereignet hätte. Denn es war eine böse Sache, mit ihnen in Streit zu geraten, und selbst als Gulabala bei einigen Gelegenheiten fremdes Gebiet betreten hatte, wurden deswegen keine Klagen erhoben. Da sie sich aber eines ziemlichen Wohlstandes erfreuten, war es nur natürlich, daß sie allmählich übermütig wurden und kriegerische Gelüste entwickelten. Denn heißt es nicht am Großen Strom: »Das letzte Maß einer vollen Kornkammer ist ein Maß Blut«?

 

In einer dunklen Nacht nahm Gulabala dreihundert Krieger mit sich, überschritt die Grenze und marschierte zu dem Ochoridorf Natcka. Als er mit seiner Schar am nächsten Morgen zurückkam, waren die Klingen ihrer Speere von Blut gerötet, und er brachte zwanzig Frauen mit sich, die den Totengesang hätten singen können, weil Gulabala und seine Krieger ihre Männer erschlagen hatten.

 

Gulabala schlief den ganzen nächsten Tag, ebenso seine Leute. Und als er erwachte, fühlte er sich nicht sehr wohl, denn es dämmerte ihm die Erkenntnis, daß seine Tat böse Folgen haben würde.

 

Er rief also sein Volk zu einem Palaver zusammen.

 

»Bald wird Sandi mit seinen Soldaten kommen«, sagte er, »und wenn wir hier sind, werden sie viele von uns hängen, denn Sandi ist ein grausamer Mann. Deswegen wollen wir in einen abgelegenen Teil des Waldes gehen und alle unsere Vorräte und Schätze mitnehmen. Und wenn Sandi uns vergeben hat, wollen wir wieder zurückkehren.«

 

Das wäre auch ein sehr guter Plan gewesen, wenn nicht Bosambo, der Oberhäuptling der Ochori, am Morgen dieses schicksalsschweren Tages kaum fünfzig Meilen von ihnen entfernt gewesen wäre. Er hatte Nachricht von dem Überfall erhalten und war schnell mit seinen Kriegern herbeigekommen, um die Schandtat zu rächen. Denn Gulabala hatte nicht nur Frauen genommen, sondern auch sechzig Ziegen, und das war unverzeihlich.

 

Die Späher Gulabalas kamen mit der Nachricht zurück, daß der Weg zu der Zufluchtsstätte durch Bosambo und seine Leute versperrt sei. Der Häuptling der Ochori war den Kulumbini am meisten von allen Leuten verhaßt, denn er allein machte sich nichts daraus, ihnen bei jeder Gelegenheit auf die Finger zu sehen, und wagte es, die Kulumbini zu prügeln, die seine Grenze überschritten und auf verbotenem Gebiet jagten oder fischten.

 

»Ko«, sagte Gulabala sehr beunruhigt, »dieser Bosambo ist Sandis Hund. Wir wollen zu unserem Dorf zurückkehren und sagen, daß wir auf der Jagd waren, denn Bosambo wird nicht in unser Land kommen, weil er nicht Sandis Zorn erregen will.«

 

Sie erreichten ihr Dorf wieder und waren gerade dabei, den letzten Beweis ihres Verbrechens zu beseitigen. Denn eine Ziege sieht aus wie die andere, Frauen aber können reden, und Gulabala hatte deshalb beschlossen, sie zu töten. Er stand mit seinem gebogenen Henkermesser neben einer der Frauen, die er ermordet hatte, als Sanders die Dorfstraße herunterkam.

 

»O Gulabala«, sagte er milde, »das ist eine böse Tat.«

 

Der Häuptling sah hilflos von rechts nach links. »O Herr«, erwiderte er heiser, »Bosambo und sein Volk haben mir Schmach angetan, denn sie haben mich ausspioniert und sich über mich stellen wollen. Und wir sind ein stolzes Volk, das seine Unabhängigkeit liebt. So ist es seit erdenklichen Zeiten.«

 

Sanders runzelte die Stirn und sah Gulabala an.

 

»Ich sehe hier einen Baum, der ist so hoch, daß niemand, der dort oben hängt, sagen könnte, es stellt sich einer über ihn. Dort werde ich dich aufhängen, Gulabala, damit deine stolzen Leute dich sehen, bevor sie für ihr ganzes Leben in das Dorf der Ketten gehen, um für meinen König zu arbeiten.«

 

»O Herr«, entgegnete Gulabala mit philosophischer Ruhe, »ich habe gelebt.«

 

Zehn Minuten später hatte er die Strafe empfangen, die bösen Häuptlingen gebührt. Die Leute seines Stammes waren teilnahmslose Zuschauer dieses Schauspiels.

 

»Das ist nun schon das zehntemal, daß ich einen neuen Häuptling für dieses Gebiet wählen muß«, sagte Sanders, als er auf dem Deck der »Zaire« auf und ab ging. »Wem in aller Welt könnte ich nun diesen Posten übertragen? Offen gestanden, ich muß sagen, daß ich es selbst nicht weiß.«

 

Die Lokoli der Kulumbini riefen bereits alle Ältesten zum großen Palaver zusammen. Der Signaltrommler bearbeitete in dem rohrgedeckten Trommelhaus mit erstaunlicher Geschicklichkeit den großen, hohlen Baumstamm mit seinen flachen Stöcken aus Eichenholz. Die Nachricht wurde in Wirbeln und einzelnen abgehackten Schlägen übermittelt. Das Rollen stieg und fiel, bald waren es leichte Schläge, bald ein tiefes Donnern.

 

Bosambo erschien mit seinem großen Staatsboot, um diesem großen Palaver beizuwohnen, als Sanders gerade die »Zaire« verließ.

 

»Sage mir, Bosambo, welcher Mann des Kulumbini-Volkes könnte den Stamm in Ordnung halten?«

 

Bosambo setzte sich zu den Füßen seines Herrn nieder und stieß seinen Speerschaft in den Boden.

 

»O Herr, ich kenne keinen, denn sie sind sonderbare und schlechte Leute. Welchen König du auch immer über sie setzen wirst, sie werden ihn verachten. Sie verehren keine Götter und keine Geister, sie haben auch keinen Ju-ju oder Fetisch. Und wenn ein Mann nichts glaubt, wie soll man ihm dann glauben? O Herr, dieses sage ich dir – setze mich über die Kulumbini, ich werde ihre Herzen ändern.«

 

Aber Sanders schüttelte den Kopf. »Nein, Bosambo, das kann nicht sein.«

 

Es war ein langes und ermüdendes Palaver, denn zwölf Männer des Stammes machten ihr Anrecht auf die Herrschaft geltend. Und jeder von ihnen hatte Verwandte und Anhänger, die bereit waren, für das Oberhaupt ihrer Sippe mit der Waffe zu kämpfen.

 

Von Sonnenuntergang bis nahe an Sonnenaufgang besprachen sie die Sache miteinander. Sanders saß während der ganzen Zeit geduldig dabei und hörte zu. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit.

 

Von Bones hätte man nicht dasselbe behaupten können, obgleich er hoch und heilig versicherte, daß er nicht geschlafen, sondern die ganze Nacht mit dem Kinn in der Hand das Problem überdacht habe. Jedenfalls aber war er vollständig wach, als Sanders am Schlusse seine Meinung abgab.

 

»O ihr Leute dieses Landes«, sagte Sanders, »viele Feuer sind niedergebrannt, seit wir zusammengekommen sind, und ich habe auf alle eure Worte gelauscht. Nun wißt ihr alle, wie gut es ist, wenn ihr einen Häuptling bekommt. Aber ich kann dich, M’loomo, nicht nehmen«, wandte er sich an einen düster dreinschauenden Prätendenten, »denn wenn du hier Häuptling wirst, so wird es Krieg geben. Und wenn ich dich wähle, B’songi, werde ich bald von Mord und Totschlag hören. Ich bin deshalb zu dem Entschluß gekommen, einen König über euch zu setzen, der weder bei euch wohnen, noch euch beaufsichtigen soll.«

 

Hunderte von Augen waren auf ihn gerichtet, und er sah den Ausdruck der Befriedigung darin, daß er die altüberlieferte und besondere Eigenart des Stammes berücksichtigt hatte.

 

»Euer König soll in weiter Ferne wohnen«, fuhr er beruhigt fort, als er erkannte, daß er das Richtige getroffen hatte. »Und ihr, die zwölf Verwandten Gulabalas, sollt an seiner Stelle regieren, jeder einen Monat im Jahr. Ihr sollt auf dem Häuptlingsstuhl sitzen und das Land für euren König verwalten, der bei mir wohnen wird.«

 

Einer der in Aussicht genommenen Regenten erhob sich. »O Herr«, sagte er, »das ist ein guter Spruch, denn Sakalaba, der große König, den wir hatten, tat desgleichen. Er lebte in S’furi-S’foosi, und wir waren in jenen Zeiten sehr glücklich. Sage uns nun, wen du über uns setzen wirst.«

 

Sanders war in die Enge getrieben. Blitzschnell überdachte er die Eigenschaften all der kleinen Häuptlinge, Ältesten, Führer der Fischer und Jäger, die ihm unterstanden, aber keiner schien dieser Aufgabe gewachsen zu sein.

 

In dieser peinlichen Pause flüsterte ihm jemand etwas aufgeregt ins Ohr. Es war Bones, der sich vornüberlehnte und ihn am Ärmel packte.

 

»Herr und Exzellenz, Sie müssen nicht denken, daß ich einen Vorteil aus meiner Stellung ziehen will, aber auf eine solche Gelegenheit habe ich schon lange gewartet. Sie würden mir eine außerordentliche Gunst erweisen – Sie sehen, ich muß doch an seine Karriere, an sein späteres Leben denken –«

 

»Was, in aller Welt, wollen Sie denn?«

 

»Henry Hamilton Bones, Sir«, entgegnete Leutnant Bones mit zitternder Stimme. »Sie könnten ihn für sein ganzes Leben glücklich machen. Ich muß doch für ihn sorgen! Ich weiß, daß es nicht recht von mir ist, Sie so zu unterbrechen –«

 

Sanders befreite sich freundlich aus dem heftigen Griff und richtete seine Blicke auf die Versammelten, die verwundert diesen Zwischenfall beobachtet hatten.

 

»Nun hört, ihr Leute, dies ist der Tag, an dem ich euch einen König gebe, und ihr sollt ihn M’songuri nennen, was in eurer Sprache ›Der Junge und der Weise‹ heißt. In meiner Sprache führt er den Namen N’risu Militani Tibbetti. Er ist noch ein Kind und wird geliebt von meinem Herrn Tibbetti, der ihn wie seinen Sohn hält, von Militani und von mir, Sandi.« Er hob seine Hand auffordernd. »Wa! Wessen Leute seid ihr?« rief er.

 

»M’songuris!«

 

Die Antwort kam in einem tiefen Brausen, und die Kulumbini sprangen auf die Füße.

 

»Wa! Wer regiert dieses Land?«

 

»M’songuri!«

 

Sie verschränkten die Arme über der Brust und stampften zuerst mit dem rechten, dann mit dem linken Fuß auf den Boden. Dies war das Zeichen, daß sie die Entscheidung annahmen.

 

»Er ist euer König«, sagte Sanders. »Baut ihm eine schöne Hütte, und sein Geist wird bei euch sein. Dieses Palaver ist aus.«

 

Während der ganzen Fahrt stromabwärts sagte Bones nichts, denn er war erfüllt von seinen Gedanken. In unregelmäßigen Zwischenräumen drückte er Sanders die Hand, aber er konnte nicht sprechen.

 

Hamilton und Patricia holten die beiden am Kai ab.

 

»Sie sind schneller zurückgekommen, als ich erwartete«, meinte Hamilton. »Wie hat sich Bones benommen?«

 

»Wie ein Gentleman«, erwiderte Sanders.

 

»Bones«, unterbrach ihn Patricia eifrig, »Henry hat einen zweiten Zahn bekommen.«

 

Bones nickte ernst und erhaben.

 

»Ich werde seiner Majestät jetzt meine Aufwartung machen«, sagte er dann und wandte seine Schritte zu dem »Palast« des jungen Königs.

 

Der Tierbändiger

 

Der Tierbändiger

 

Eingeborene sind eigentlich nichts weiter als große Kinder. Wenn man ihre Schandtaten und Vergehen unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, wird man finden, daß es eben Unarten sind. Sie tun Böses, sind leidenschaftlich und haben einen Hang, alle Dinge zu zerstören, um das Geheimnis zu entdecken, das dahinter steckt. Ein Stamm, dem es sehr gut geht, ist für weniger vom Glück Begünstigte ein Geheimnis. Diese Leute kommen dann zusammen und befragen ihre Ältesten und Häuptlinge, warum ihre Rivalen soviel Erfolg haben. Die Häuptlinge können natürlich die nötige Erklärung auch nicht geben und rufen ihre Krieger zusammen, um die Frage zu lösen. Aber manchmal kommt dabei mehr heraus, als ihrem Glück und Wohlbefinden zuträglich ist.

 

Das Dorf Jumburu liegt am Rande des Buschlandes, wo die gesetzlosen Leute aller Nationen wohnen. Sie haben sich zusammengetan gegen einen gemeinsamen Feind – das Gesetz. Die Eingeborenen nennen dieses Gebiet B’wigini, das heißt: das Land, wo die Leute wohnen, die keinem Volke angehören. Die Bedeutung von Jumburu liegt darin, daß dort trotz seiner vorgeschobenen Lage noch Recht und Ordnung herrschen.

 

In Jumburu lebten zwei Brüder, O’ka und B’suru, die die Häuptlingswürde ihres Onkels, des berühmten K’sungasa, an sich gerissen hatten. Er war deshalb so berühmt, weil er seinerzeit bewundernswerte Gaben gezeigt hatte, die ihm bis zu einem gewissen Grade geblieben waren. Deshalb erfreute er sich auch noch des Lebens.

 

Er war nach allem, was man von ihm hörte, vollständig verrückt, und wenn nicht ganz besondere Umstände zu seinen Gunsten gesprochen hätten, wäre er von seinen Verwandten in die Wälder mitgenommen worden, die er so sehr liebte. Sie hätten ihm dort die Augen ausgestochen und ihn als Fraß für die wilden Tiere zurückgelassen. Denn so behandelte man Wahnsinnige und Verrückte bei einem Volk, das selbst nicht wußte, was es tat, indem es die strengsten und unerbittlichsten Maßregeln der Eugenik ausübte.

 

Hätten sie aber K’sungasa den reißenden Tieren ausgesetzt, so wäre das nichts anderes gewesen, als wenn sie ihn zu seinen liebsten Freunden gebracht hätten, denn er hatte eine merkwürdige Vorliebe für die wilden Bewohner des Waldes und sein ganzes Leben lang unter ihnen gelebt und sie geliebt.

 

Man erzählte sich, daß er durch ein Zungenschnalzen den Papagei mitten im Fluge anhalten konnte und daß sich der Vogel dann schreiend und flatternd auf seine Hand niederließ. Er konnte die kleinen Affen aus den höchsten Ästen herbeilocken, wo sie sich verborgen hielten, und selbst der wildeste Büffel wäre auf seinen Ruf zu ihm gekommen und hätte seinen braunen Arm beschnuppert.

 

Als dieser Mann den Verstand verlor, beschlossen seine Verwandten nach einem langen Palaver, in diesem Fall einmal die seit alten Zeiten geltende Regel außer acht zu lassen. Und da sie keine andere Methode für die Behandlung geistig Umnachteter kannten als die oben beschriebene, so erlaubte man ihm, mit all seinen Vögeln, Schlangen und Wildkatzen in einer großen Hütte am Ende des Dorfes zu wohnen. Die Verwaltung der Stammesangelegenheiten übernahmen seine beiden Neffen.

 

Distriktsgouverneur Sanders wußte das alles sehr wohl, aber er unternahm nichts. Er hatte das Land zu regieren, und er versuchte seine Aufgabe so zu lösen, daß sich das Land möglichst von selbst regierte. Als das Schicksal K’sungasas noch unentschieden war, sandte er den beiden Neffen des Häuptlings eine Nachricht, daß er in der Nähe sei und sie aufhängen werde, falls es ihnen einfallen sollte, den alten Mann zu blenden. Aber diese Tatsache hatte wenig Einfluß auf die Entscheidung der Verwandten gehabt, denn die beiden Neffen hatten ihnen die Botschaft gar nicht übermittelt. Ausschlaggebend für den Beschluß war nur K’sungasas Vorliebe für die wilden Tiere gewesen.

 

Es wäre auch alles gut gegangen, die Neffen hätten das Dorf regiert, ihren Tribut regelmäßig bezahlt, die Fischereirechte unter die Dorfbewohner verteilt und in kleinen und großen Dingen Recht gesprochen, wenn nicht eine Hungersnot gekommen wäre. Das Dorf hatte eine fürchterliche Mißernte, und es gab wenig Fische. Das Dorf L’bini aber, das man von Jumburu aus mit dem Boot in ein paar Stunden erreichen konnte, hatte eine so reiche Ernte, wie sie seit Menschengedenken noch nicht vorgekommen war, und in seinen Gewässern wimmelte es von Fischen.

 

So kam es denn zu dem unvermeidlichen großen Palaver und dem unvermeidlichen Beschluß. O’ka und B’suru führten zehn große Kanus gegen das Dorf L’bini, durch dessen Glück sich die Einwohner von Jumburu beleidigt fühlten, töteten ein paar Männer und brannten einige Hütten nieder. Zwei Stunden lang hallte der Wald wider von den Angstrufen der furchtsamen Frauen und dem Kriegsgeschrei der Kämpfenden, die Speere warfen und aufeinander einstachen. Aber plötzlich erschien Leutnant Tibbetts so unerwartet auf der Bildfläche, als ob er mit seinen Haussas vom Himmel herabgefallen wäre.

 

Und dann begann das große Gericht. Sanders sprach auf der Insel Recht, die mitten im Strom in der Nähe der Residenz lag. B’suru wurde auf Lebenszeit in das Dorf der Ketten geschickt, O’ka war nicht gefaßt worden, denn es war ihm gelungen, mit einem seiner Ältesten und einigen Gefolgsleuten in den Busch zu entkommen.

 

Leutnant Tibbetts, der zwei Tage im Dorfe von Jumburu zugebracht und dort viel gesehen und gelernt hatte, kam nachdenklich zur Residenz zurück.

 

»Was ist denn wieder mit Bones los?« fragte Captain Hamilton.

 

Seine Schwester lachte über ihrem Buch, sagte aber nichts.

 

»Weißt du es nicht, Patricia?«

 

Sanders schaute auch zu ihr hinüber, und es lag ein Lächeln in seinen grauen Augen. Die Beziehungen zwischen Patricia und Bones waren für ihn stets eine Quelle der Heiterkeit. Patricia hätte niemals ahnen können, daß der wortkarge und nach außen hin harte Mann sich innerlich vor Lachen manchmal ausschütten wollte, obwohl kein Muskel seines braunen Gesichtes in solchen Augenblicken zuckte und er vollständig gleichgültig aussah.

 

»Bones und ich liegen miteinander in Fehde«, erklärte sie schließlich.

 

»Hoffentlich ist Ihr Streit nicht so heftig wie der, den ich mit O’ka ausfechten muß?«

 

Sie zog die Stirn in Falten und schaute ihn ängstlich an.

 

»Aber im allgemeinen kümmern Sie sich doch nicht um die Drohungen der Leute, die Sie bestraft haben?«

 

»Leider habe ich O’ka nicht bestrafen können. Und eine Expedition in den Busch würde zu kostspielig werden. Er hat sich anscheinend zu den B’wigini-Leuten geschlagen, und wenn diese seinen Streitfall zu dem ihren machen, kann es böse Unruhen geben. Aber sagen Sie doch, warum sind Sie mit Bones böse?«

 

»Da müssen Sie ihn selbst fragen.«

 

Hamilton hatte am nächsten Tage Gelegenheit, sich nach der Ursache des Zerwürfnisses zu erkundigen, als Bones um einige Tage Urlaub bat.

 

»Aber Bones, warum wollen Sie denn Urlaub haben?« fragte Captain Hamilton ungläubig. »Zum Teufel, wozu brauchen Sie denn Urlaub?«

 

Bones stand kerzengerade wie ein Lineal vor dem Tisch in dem Büro seines Vorgesetzten und salutierte. »Eine dringende Privatangelegenheit, mein Herr«, erwiderte er in dienstlichem Ton.

 

»Aber Sie haben doch keine privaten Angelegenheiten«, widersprach Hamilton. »Ihr ganzes Leben ist ein offenes Buch – mit dieser Tatsache haben Sie doch noch gestern geprahlt.«

 

»Mein Herr und Kamerad«, erwiderte Bones fest, »eine furchtbare Krisis ist in meinem Leben ausgebrochen. Mein Wort ist in Zweifel gezogen worden, und zwar von Ihrer netten, lieben Schwester. Ich wünsche meine Ehre, meinen guten Ruf und den Glauben an meine Aufrichtigkeit wiederherzustellen.«

 

»Patricia hat Ihnen wohl ein Bein gestellt?« meinte Hamilton.

 

Aber Bones schüttelte abwehrend den Kopf. »So etwas Unfeines macht man nicht, mein Herr. Aber Ihre verehrte und liebe Verwandte – Gott segne ihr nettes altes Herz! – hat Zweifel an meinen Aussagen betreffend Leoparden und Büffel geäußert. Ich muß jetzt hingehen in die Wildnis – mitten in die größten Todesgefahren –, Hamilton, alter Kamerad, Gefahren, wie sie nur so alte, erprobte Veteranen wie Sie und ich kennen, um zu beweisen, daß ich nicht nur ein Sportsmann, sondern auch ein Gentleman bin, der absolut die Wahrheit spricht.«

 

In diesem Augenblick kam Miß Patricia Hamilton in einem hübschen weißen Kleid daher. Sie hatte den Tropenhut ein wenig schief aufgesetzt. Durch diesen Anblick wurde Bones so weit besänftigt, daß er im Augenblick nichts weiter sagte.

 

»Was hast du denn dem armen Bones getan?« fragte Hamilton.

 

»Sie sagte …«

 

»Ich sagte …«

 

Sie sprachen beide zugleich.

 

»Bones, Sie sind ein Fabulant«, erklärte sie dann vorwurfsvoll.

 

»Fahren Sie nur fort«, erwiderte er dramatisch, »schonen Sie mich nicht – ich bin ein Lügner, ein Dieb, ein Mörder –, sagen Sie es doch!«

 

»Ich habe nur bezweifelt, daß er den Leoparden geschossen hat, dessen Fell in seiner Hütte hängt!«

 

»O nein!« rief Bones ironisch, »ich habe ihn nicht geschossen!

 

Ich habe ihn zu Tode frieren lassen – ich habe ihn vergiftet!«

 

»Haben Sie ihn geschossen?«

 

»Habe ich ihn geschossen, mein lieber alter Harn?« fragte Bones ruhig.

 

»Nun haben Sie es getan?« fragte nun auch Hamilton unschuldig.

 

»Habe ich den Leoparden geschossen?« fuhr Bones pathetisch fort. »Wurde er am nächsten Morgen kalt und tot mit einem Lächeln auf seinem nichtsnutzigen Gesicht aufgefunden?«

 

Hamilton nickte, und Bones sah Patricia erwartungsvoll an.

 

»Entschuldigen Sie sich, mein Kind«, sagte er.

 

»Ich werde nichts Derartiges tun«, erklärte sie etwas hitzig. »Hat Bones den Leoparden wirklich geschossen?«

 

Hamilton schaute vom einen zum andern. »Als der Leopard gefunden wurde …« begann er.

 

»Nun hören Sie gut zu, meine liebe, gute Schwester«, murmelte Bones.

 

»Als der Leopard aufgefunden wurde, mit einem Speer in seiner Seite …«

 

»Der offenbar nach seinem Tode von irgendeinem herumwandernden Eingeborenen geschleudert wurde«, unterbrach ihn Bones hastig.

 

»Seien Sie ruhig«, befahl Patricia, und er gehorchte achselzuckend.

 

»Als der Leopard gefunden wurde, konnte man ihm nicht mehr helfen, und obgleich bei der Untersuchung keine Schußwunde gefunden wurde, hat Bones doch folgerichtig bewiesen …«

 

»Einen Augenblick, mein lieber alter Offizier!« Bones hatte eben einen großen, dicken Mann über den Exerzierplatz gehen sehen. »Gestatten Sie mir, daß ich einen wissenschaftlichen und erfahrenen Zeugen herbeirufe?«

 

Hamilton nickte ernst.

 

Bones ging zur Tür des Ordonnanzzimmers und brüllte einen Namen.

 

»Ich werde jetzt das Zeugnis eines Mannes für mich geltend machen, der das Vertrauen des berühmten alten Professors – seinen Namen habe ich vergessen – in vollstem Maße besessen hat. O Ali!«

 

Ali Abid erschien in der Tür und begrüßte die Anwesenden durch einen feierlichen Salam.

 

Nicht umsonst war er der Diener eines großen Bakteriologen gewesen, bevor er nach dessen Tod in die Dienste des Haussa-Leutnants getreten war. Sein Wortschatz war reich an wissenschaftlichen Ausdrücken, und er sprach ein reiches und ungewöhnliches Englisch.

 

»Ali, erinnerst du dich an meinen Leoparden?«

 

»O Herr«, sagte Ali kopfschüttelnd, »wer könnte das vergessen?!«

 

»Habe ich ihn getötet, Ali? Erzähle dieser Dame alles!«

 

Ali machte eine tiefe Verbeugung vor Patricia.

 

»Mein hochverehrtes Fräulein, der Leopard – Felis pardus – ein wildes Tier aus der Familie der Katzen, lebt gewöhnlich in waldigen Gegenden. Das hier in Frage kommende Subjekt – dasselbe, dessen wunderschönes Fell später in der Wohnung von Sir Bones aufgehängt wurde – war ganz besonders wild und gefährlich, er hat sein Leben infolge einer Jagd verloren, die von dem Vorhergenannten ausgeführt wurde. Es wurde mit wissenschaftlicher Genauigkeit eine Prüfung und Untersuchung des Subjekts nach dessen Tod durchgeführt, wobei sich herausstellte, daß besagter Leopard – Felis pardus – an Herzschwäche litt, was als unmittelbare Todesursache anzusehen ist. Die Diagnose hat festgestellt, daß er infolge der großen Detonation einem Herzschlag erlegen ist. Diese Detonation rührte von dem Gewehr des besagten Sir Bones her.«

 

»Was habe ich gesagt?« fragte Bones selbstzufrieden.

 

»Sie wollen mir doch nicht erzählen«, sagte sie atemlos, »daß Sie dem Leoparden so Angst gemacht haben, daß er starb?«

 

Bones streckte die Hände verzweifelt aus. »Sie haben doch soeben das einwandfreie Zeugnis gehört, liebe, gute Schwester. Ich habe meinen Worten nichts mehr hinzuzufügen.«

 

Sie warf den Kopf zurück und lachte, bis ihr die Tränen kamen. »O Bones, Sie sind ein Nichtsnutz!«

 

Bones war verletzter denn je, klemmte das Monokel ins Auge und wandte sich steif an seinen Vorgesetzten. »Darf ich unter diesen Umständen annehmen, mein Herr, daß mein Urlaub bewilligt ist?«

 

»Sieben Tage«, stimmte Hamilton zu.

 

Bones drehte sich auf dem Absatz um, warf mit der Hand Hamiltons Briefpapierständer um, stolperte über einen Stuhl und ging düsteren Blicks über den Exerzierplatz.

 

Als Patricia am nächsten Morgen erwachte, fand sie einen Zettel, der an ihr Kissen gesteckt war.

 

Wir wollen den Mantel der Nächstenliebe darüber breiten, wie es Bones gelungen war, dies zu bewerkstelligen. Bones war ein großer Geist und über so kleine Dinge wie Anstandsregeln erhaben.

 

Patricia richtete sich in ihrem Bett auf und las den Brief.

 

»Meine liebe Freundin und ungläubiger Thomas! Wenn Sie diese Zeilen lesen, werde ich weit, weit fort sein auf meiner langen, gefährlichen Reise. Es ist möglich, daß ich nicht wieder zurückkehre, nicht wieder zu Ihnen zurückkehre, denn ich und mein treuer Diener sind im Begriff, die Höhlen der wilden Tiere des Waldes aufzusuchen, in den düsteren Forsten. Ich bin fest entschlossen, die Schande auszulöschen, die Sie auf mich gehäuft haben, und ich werde nicht nur einen toten Leoparden, sondern einen lebendigen als Jagdbeute heimbringen, den ich mit meinen eigenen Händen fange. Kann sein, daß ich mein Leben bei diesem kühnen und waghalsigen Unternehmen einbüße, aber ich werde dadurch meine Ehre wiederherstellen. – Leben Sie wohl, meine liebe, gute Patricia.

 

Ihr Freund B.«

 

Hamilton lachte, als sie ihm den Brief zeigte. »Sag einmal, wie hast du ihn denn bekommen?«

 

»Er war heute an meine Tür gesteckt«, erwiderte Patricia taktvoll.

 

Bones eilte auf dem kürzesten Weg nach Jumburu und wurde dort nicht sehr begeistert empfangen. Er hatte einen neuen Häuptling eingesetzt, aber die Leute waren aufgebracht gegen ihn, und die Nähe der B’wigini-Leute machte sie noch aufsässiger. Aber diesmal kümmerte er sich nicht um den neuen Häuptling und die andern Dorfbewohner, er wollte nur K’sungasa besuchen. Bei seinem damaligen zweitägigen Aufenthalt hatte er so viel von dem alten Tierfreund erfahren, daß er den Mut fand, Patricia Hamilton dieses so kühne Versprechen zu geben.

 

Er kam in einem kritischen Augenblick, denn der hagere, knochige alte Mann mit den trüben Augen, der immer so blöde lachte, war seinem Ende nahe. Er ruhte auf einem schönen, erhöhten Lager. Eine große Wildkatze mit gelben Augen lag zu seinen Füßen, zwei Affen saßen zitternd an seiner Seite, und eine Menge kleiner Katzen spielte auf dem Boden. Die alte Katze sprang in einem plötzlichen Wutanfall auf die kleinen Tiere, als Bones in die Hütte trat.

 

»Mein Herr Tibbetti«, sagte der alte Mann krächzend, »ich sehe dich. Dies ist eine gute Zeit, denn morgen werde ich tot sein.«

 

»K’sungasa«, erwiderte Bones und setzte sich bedächtig auf einen Stuhl, nachdem er sich vorher genau vergewissert hatte, daß sich keine Schlange oder anderes Getier darum wand oder auf dem Sitz lag. »Das sind törichte Worte, denn du wirst noch manches Hochwasser sehen.«

 

»Das ist eine feine Rede für die Leute, die am Strom wohnen«, entgegnete der alte K’sungasa grinsend, »aber nicht für uns, die wir hier in den Wäldern sitzen. Wir sehen niemals die Flut und das Hochwasser, bei uns gibt es nur kleine Bäche. Nun sage ich dir, daß ich froh bin, daß ich jetzt sterbe, denn ich bin lange Zeit voll von verrückten Gedanken gewesen, aber jetzt ist mein Kopf wieder klar. Warum bist du zu mir gekommen, o Herr?«

 

Bones erklärte ihm den Zweck seiner Reise, und die Augen des Greises leuchteten auf.

 

»O Herr, wenn ich mit dir in den Wald gehen könnte, würde ich viele schöne Leoparden durch meine Zauberkraft zu dir bringen. Aber jetzt werde ich, weil ich Sandi liebe, dieses für dich tun, so daß du siehst wie klug und weise ich bin.«

 

In den Wäldern in der Nähe des Dorfes wuchs eine wilde Pflanze. Wenn man deren Samen zerstieß und in einem irdenen Gefäß kochte, erhielt man durch eine Art Destillation eine stark duftende Flüssigkeit. Ali Abid sprach in seiner gelehrten Weise von » Pimpinella anisum«, und wahrscheinlich hatte er recht. 2

 

Bones und sein Diener machten viele Exkursionen in den Wald, bevor sie die richtige Pflanze fanden. Glücklicherweise wurden um diese Zeit gerade die Früchte reif, und als er erst auf der richtigen Fährte war, hatte er bald die nötigen Mengen gesammelt und kochte sie unter der Anleitung und Aufsicht K’sungasas ab. Ein helles Feuer brannte in der Mitte der Hütte, und als die Tropfen aus dem engen Hals einer Flasche in den Kessel tropften, verbreitete sich ein schwacher, aber sehr süßer Duft im Raum. Zuerst gerieten die Katzen und dann die Affen in ungewöhnliche Erregung. Die großen und die kleinen Katzen krochen so nahe an das Feuer, wie sie nur irgend konnten, und hoben die Köpfe zu dem braunen Kessel. Dabei miauten und winselten sie. Dann kamen auch die Affen herzu, ihre Augen leuchteten, und sie waren sehr lebhaft. Der Geruch lockte die unglaublichsten Tiere aus allen Ecken und Winkeln der Hütte hervor – Ratten, Eichhörnchen, eine lange schwarze Schlange mit flachem Kopf und viereckiger Zeichnung, und kleine Buschhasen. Sogar ein junger Rehbock kam aus dem Wald und äugte furchtsam nach der Tür der Hütte. Der alte Mann auf dem Bett rief sie alle beim Namen und schnappte mit schwachen Fingern nach ihnen, aber ihre Blicke hingen an der Flasche und den kristallenen Tropfen, die zitternd aus der engen Öffnung in den Kessel fielen.

 

*

 

Als der siebentägige Urlaub zu Ende war, den Bones erhalten hatte, stand eine Gruppe sprachloser Menschen vor der Residenz und starrte staunend auf das Wunder. Bones stand da wie ein Held und hielt an einer Kette einen halbwüchsigen jungen Leoparden mit schöngezeichnetem Fell. Das Tier trug einen grobgefertigten Maulkorb und einen eisernen Ring um den Hals, an dem die Kette befestigt war.

 

»Aber wie – wie ist es Ihnen nur gelungen, das Tier zu fangen?« fragte Patricia.

 

Bones zuckte die Schultern. »Es ist nicht an mir, meine liebe, gute Freundin, Ihnen von den Nächten zu erzählen, die ich in unheimlichen Wäldern zubrachte, in denen das Gebrüll und das Geheul der wilden Tiere erscholl«, sagte er aufgeregt. »Ich werde nicht von mir selbst sprechen. Wenn Sie glauben, daß ich Ihnen erzählen werde, wie ich diesen netten alten Leoparden verfolgt habe, wie ich durch die Schrecken des Waldes bis zu seiner Höhle kam, und wie ich allein mit ihm einen Kampf ausfocht, dann werden Sie sich irren.«

 

»Haben Sie ihn wirklich bis zu seinem Lager verfolgt?« fragte Hamilton, der endlich die Sprache wiederfand.

 

»Mein lieber alter Offizier, ich bitte Sie, jetzt über andere Dinge zu sprechen«, erwiderte Bones taktvoll und entging damit der Beantwortung der peinlichen Frage. »Hier sind die verlangten Waren, von mir abgeliefert am 14. currentis.«

 

Er steckte mechanisch seine Hand in die Tasche, und der junge Leopard sah plötzlich erregt auf.

 

»Bones, das haben Sie gut gemacht«, sagte Sanders ruhig.

 

Bones verneigte sich strahlend.

 

»Und jetzt entschuldigen Sie mich, bitte, denn ich will meinen kleinen Freund zu seiner Behausung bringen.«

 

Bevor sie recht wußten, was er tat, hatte er den Leoparden von der Kette losgemacht. Sogar Sanders trat einige Schritte zurück und legte seine Hand auf die Pistole, die er stets in der Hüftentasche bei sich trug.

 

Aber auf Bones machte dies alles keinen Eindruck. Er pfiff leise und marschierte zu seiner Hütte. Das große Tier folgte ihm wie ein treues Hündchen.

 

Am selben Abend ging Bones von seiner Hütte über den Exerzierplatz zur Residenz. Er plante noch weit größere Dinge. Er wollte unter den bewundernden Augen Patricias in den Wald hinausziehen und dann wie ein richtiger Orpheus mit einem ganzen Gefolge wilder Waldbewohner zurückkehren.

 

In der Tasche trug er eine kleine Flasche, und sein Rock roch nach Anis. Sein Geheimnis wäre in dem Augenblick preisgegeben gewesen, in dem er das Speisezimmer betreten hätte. Aber zu seinem Glück ereignete sich etwas Unvorhergesehenes, so daß er seine Pläne nicht zur Ausführung bringen konnte.

 

Er war halbwegs zur Veranda gekommen, als sich eine Gestalt vom Boden erhob und eine heisere Stimme rief: »Töte ihn!«

 

Er sah eine Speerspitze im unsicheren Licht der Sterne aufblitzen und sprang zur Seite. Eine Hand packte ihn an seinem Rock, aber er riß sich los und ließ das Kleidungsstück in den Händen des Angreifers. Er hatte keine Waffe bei sich, und es blieb ihm nur übrig zu fliehen.

 

Sanders hörte seinen Ruf und sprang auf die dunkle Veranda hinaus, als Bones die Stufen hinaufeilte.

 

Er sah zwei Männer, die Bones dicht auf den Fersen waren, und feuerte zweimal. Der eine fiel, der andere verschwand in der Finsternis.

 

Die Haussa-Schildwache auf der andern Seite des Exerzierplatzes schoß auch. Wieder sah Sanders einen Mann über den Platz laufen und feuerte, aber er verfehlte auch diesmal sein Ziel.

 

In der Dunkelheit tauchte plötzlich Ali Abid auf.

 

»Herr«, rief er atemlos und verstört, »das wilde Tier – Felis pardus – hat sich losgemacht, seinen Maulkorb abgerissen und jagt verschiedene Subjekte in schrecklicher Wut.«

 

Während er noch sprach, rannte ein Mann über den Platz vor der Residenz, diesmal so nahe, daß sie das Bündel sehen konnten, das er unter dem Arm trug.

 

»Mein Rock!« brüllte Bones. »Haltet ihn! Großer Gott!«

 

Dem Flüchtling war ein großes, gelbes Tier dicht auf den Fersen.

 

Ob O’ka von Jumburu dem Leoparden entkam oder ob der Leopard O’ka zerriß, ist nicht bekannt. Aber Bones durfte sein Quartier des Nachts erst wieder verlassen, als die Regenzeit kam und den Anisduft fortwusch. Denn vorher kamen die wilden Tiere zu seiner Wohnung, sogen den Duft ein, saßen erwartungsvoll vor seiner Tür und heulten fürchterlich.

 

    1. Beide Sorten, Anis und Sternanis ( Illicium anisatum) findet man in den Gebieten am Großen Strom. Es gibt auch eine kleine Pflanze, die alle Eigenschaften von Pimpinella anisum, sogar in verstärktem Maße, besitzt. Um diese Pflanze handelt es sich wahrscheinlich. E. W.

 

 

Das Söldnerheer

 

Das Söldnerheer

 

In Sanders‘ Arbeitszimmer stand ein großer brauner Schreibtisch, dessen Ecken von dem beständigen Reiben schon gelb geworden waren. Es herrschte peinliche Ordnung auf diesem Schreibtisch. Rechts und links stand je eine Reihe Bücher, die von Messingstangen gehalten wurden. Drei Körbe für Telegramme und Briefe waren übereinander aufgebaut, ein großer Bogen weißen Löschpapiers prangte in der Mitte vor dem Sessel, und ein silbernes Schreibzeug mit vier Federhaltern vervollständigte das Inventar. In letzter Zeit war allerdings noch eine Glasvase dazugekommen, die jeden Tag mit frischen Blumen gefüllt wurde.

 

Nur bei gewissen feierlichen Gelegenheiten durfte dieses Heiligtum von andern betreten werden. Die Ankunft Patricia Hamiltons brachte allerdings eine Änderung, denn diese junge Dame erhielt die Erlaubnis, den Raum zu benützen, wann sie wollte. Und sie war es auch, die den Blumenschmuck eingeführt hatte.

 

Aber in Captain Hamilton, ihrem Bruder, und Bones, ihrem Diener und Sklaven, lebte die alte Tradition weiter, und sie wagten niemals, in das Arbeitszimmer einzudringen, selbst wenn sie Patricia suchten. Und wenn sie zufällig an die Tür kamen und mit ihr sprachen, taten sie es ehrerbietig mit leiser Stimme.

 

An einem Sommermorgen saß Hamilton düster und ernst an dem Schreibtisch, und Bones saß in einiger Entfernung vor ihm auf der Kante eines Stuhls. Er war sehr verwirrt und schwitzte vor Aufregung.

 

Es war ein sehr feierlicher Anlaß, denn Bones sollte seine Prüfung in den Gegenständen X und Y ablegen, um seine Qualifikation als Captain zu erlangen. Heute stand Kartenlesen und Skizzieren auf dem Programm, und Captain Hamilton begnügte sich damit, ihn mündlich zu prüfen.

 

»Leutnant Tibbetts«, sagte er mit der nötigen Würde, »bitte, erklären Sie mir, was eine Standlinie bedeutet.«

 

Bones strich sich die Haare aus der Stirn und verzog das Gesicht, zum Zeichen, daß er tief nachdachte.

 

»Eine Standlinie, mein lieber, guter alter Offizier?« wiederholte er. »Ja, eine Standlinie, mein lieber, guter alter Harn …«

 

»Sparen Sie sich Ausreden. Sie bekommen dafür doch keine besondere Zensur.«

 

»Eine Standlinie?« sagte Bones zum drittenmal. »Ja, jetzt habe ich es! Gott sei Dank! Ich fürchtete schon, daß ich die Sache verpfuschen würde. Also eine Standlinie«, fuhr er laut fort, »ist der Unterschied zwischen zwei benachbarten Höhenkurven! Was sagen Sie nun, mein hoher Examinator?«

 

»Falsch! Was Sie da beschreiben, ist doch der Höhenunterschied.«

 

Bones starrte ihn entsetzt an. »Sind Sie Ihrer Sache auch ganz gewiß, mein alter Kamerad?« fragte er vorwurfsvoll. »Sehen Sie erst einmal in Ihrem Buch nach, lieber Freund. Vielleicht haben Ihre guten alten Augen Sie im Stich gelassen.«

 

»Leutnant Tibbetts«, erwiderte Hamilton abweisend, »Sie benehmen sich sehr schlecht.«

 

»Also nun sehen Sie einmal her, mein lieber alter Harn«, rief Bones aufgeregt, »können Sie denn nicht wenigstens annehmen, daß Sie gefragt haben, was der Höhenunterschied ist?«

 

Hamilton sah sich nach einem Gegenstand um, den er Bones an den Kopf werfen könnte, aber dann besann er sich darauf, daß sie beide in Sanders‘ heiligem Arbeitszimmer waren.

 

»Bones, Sie sind ein Verbrecher!« stöhnte er hilflos. »Wir wollen die Prüfung jetzt fortsetzen. Was sind ›Hachures‹?«

 

»Hachures?« Bones schloß die Augen. »Hachures? Oh, jetzt weiß ich, was das ist. Viele Leute würden glauben, daß es eine Hühnerart sei, aber ich weiß es … es ist eine Art von Linien … wenn Sie so einen netten alten Berg oder Hügel zeichnen wollen … dann machen Sie solche Wickel-Wackel-Linien – Sie wissen doch, was ich meine … eine Art von …« Bones gestikulierte wild. »Schatten … Wasser … mein lieber, alter Freund.«

 

»Werden Sie ohnmächtig?« fragte Hamilton bestürzt und sprang auf.

 

»Nein, Schattierungen … die Richtung vom Wasser – ich habe bestimmt recht.«

 

»Ich bin zwar kein Gedankenleser und kann auch nicht recht verstehen, was Sie sich da in Ihrem verdrehten Verstandskasten vorstellen«, sagte Hamilton, »aber Hachures bedeutet Bergschraffur, das ist die gewöhnliche Art, eine Hügelkette oder ein Gebirge darzustellen, indem man mit vertikalen Linien schraffiert und damit anzeigt, nach welcher Richtung die Berge abfallen und das Wasser abfließt. Ich vermute, daß Sie eine ungefähre Idee davon haben, was Sie eigentlich hätten antworten sollen.«

 

»Ich danke Ihnen für diese großzügige Anerkennung meiner Kenntnisse in den militärischen Wissenschaften. Nun lassen Sie die nächste Folter auf mich los. Was wird es sein, Streckleiter oder Daumenschrauben?«

 

»Lassen Sie doch endlich Ihre Selbstgespräche«, brummte Hamilton. »Sagen Sie mir lieber, was man unter ›eine Karte orientieren‹ versteht.«

 

»Man dreht sie nach Osten«, erwiderte Bones prompt. »Nächste Frage, mein Herr.«

 

»Was bedeutet es, eine Karte zu orientieren?« fragte Hamilton geduldig.

 

»Die Antwort habe ich Ihnen doch schon gegeben!« erklärte Bones herausfordernd.

 

»Eine Karte orientieren heißt – wie ich Ihnen nun schon tausendmal gesagt habe – eine Karte so zu legen, daß die Nordlinie genau nach Norden zeigt.«

 

»In diesem Fall«, bemerkte Bones, der sich nicht verblüffen ließ, »würde doch die Ostlinie genau nach Osten zeigen, und ich behaupte; daß ich diese Frage zu Ihrer vollsten Zufriedenheit beantwortet habe!«

 

»Behaupten Sie nur ruhig weiter, wenn es Ihnen Spaß macht. Ich werde Ihnen eine Vier für diese Frage geben.«

 

»Machen Sie eine Eins«, bat Bones. »Seien Sie doch nett, mein lieber alter Ham, ich habe auch einen schönen neuen Fischteich gefunden.«

 

Hamilton zögerte. »Es sind zwar niemals Fische in den Teichen, die Sie finden«, sagte er zweifelnd, »aber immerhin werde ich mit meiner Entscheidung warten, bis ich zweimal meine Angel in Ihren Fischteich geworfen habe.«

 

Gleich darauf wurde zu Tisch gerufen.

 

»Nun, wie ist es mit der Prüfung gegangen, Bones?« fragte Patricia.

 

»Fein!« entgegnete Bones begeistert. »Ich habe alle Fragen, die mir Ihr lieber alter Bruder gestellt hat, spielend gelöst!«

 

»Ich muß gestehen«, verbesserte Hamilton, »daß mir Ihre Ansichten über gewisse Dinge so neu waren, daß ich Zweifel hege, ob die Militärakademie Ihre Auffassung teilt.«

 

»Aber das ist doch dasselbe«, sagte Bones.

 

»Ich glaube, Sie müßten ihn mal in der Geschichte der Kriegskunst prüfen«, meinte Sanders in seiner nüchternen Art. »Ich habe soeben von Bosambo gehört …«

 

Bones hustete und wurde rot. »Teure Exzellenz«, gestand er, »ich habe mich mit Bosambo eingeübt und vorbereitet. Sie wissen es vielleicht nicht, aber ich höre mich selbst gerne sprechen.«

 

»Aber Bones, Sie tun sich ja selbst unrecht«, sagte Hamilton belustigt.

 

»Ich meine das ganz anders, Sir!« erklärte Bones würdevoll. »Wenn ich jemand einen Vortrag über einen Gegenstand halte, dann kann ich selbst alles viel besser behalten.«

 

»Dabei ist aber Voraussetzung, daß Sie auch verstanden haben, was Sie sagen. Immerhin« – Sanders lächelte – »ist Bosambo nach dem Vortrag von Bones von dem sehnlichsten Wunsch erfüllt, Napoleon nachzueifern, und hat mich mit allen möglichen Fragen gequält, was man tun muß, um eine Garde aufzustellen oder ein Söldnerheer unter die Fahne zu rufen.«

 

»Ich schmeichle mir …«, begann Bones.

 

»Warum auch nicht?« fragte Hamilton und erhob sich. »Das ist die einzige Möglichkeit für Sie, etwas Angenehmes über sich zu hören.«

 

»Ich glaube Ihnen, Bones«, sagte Patricia lächelnd. »Ich glaube, Sie haben Ihre Sache ganz gut gemacht, mein Bruder ist ein böser Mensch.«

 

»Ich werde Ihnen niemals widersprechen, meine teure Miß Patricia. Und wenn erst der nette, gute alte Distriktsgouverneur weggefahren ist …«

 

»Sie werden doch nicht fortgehen?« fragte sie und wandte sich an Sanders. »Sie sind doch eben erst aus dem Innern zurückgekehrt.«

 

Sanders sah die Bestürzung in ihren Blicken, und es überkam ihn ein wundervolles Gefühl, das er bisher noch nicht gekannt hatte.

 

»Ja, ich muß ins Innere. Im Morjaba-Land werde ich das merkwürdigste Palaver abhalten, das mir jemals untergekommen ist.«

 

Und er hatte recht.

 

An den Grenzen des Akasava-Landes, abgeschlossen von allen andern Gebieten, lag das Reich der Morjaba hinter einer Kette von Wäldern, die sich an dieser Seite in einer Länge von siebzig Meilen hinzogen. Dieses Volk lebte ganz für sich und abgeschnitten von den übrigen Stämmen. Sanders kam nur einmal im Jahr zu ihnen, denn sie waren schwer zu erreichen. Es war aber nicht notwendig, daß er sich weiter um sie kümmerte, denn sie zahlten regelmäßig ihre Abgaben, gehorchten den Gesetzen und hatten mit keinem der Stämme Schwierigkeiten oder Fehden. Die Wälder, die die Grenze ihres Gebietes bildeten, waren nur an einer Stelle passierbar, ansonsten undurchdringlich, und es ging die Sage, daß dort böse Geister hausten. Im Norden waren sie durch einen hohen Gebirgszug und im Westen durch weite Sumpfgebiete geschützt.

 

Die leidenschaftlichen Ausbrüche des Neides und Hasses, die sich in Kriegen äußerten und Tausende von Speerleuten am Großen Strom zu blutigen Kämpfen gegeneinander aufstachelten, fanden kaum Widerhall in diesem geschützten Lande. Die plündernden Heerhaufen des Großen Königs, der nördlich von ihrem Gebiete regierte, kamen niemals über die Grenzgebirge. Und das feindliche Volk, das im Lande jenseits der großen Sümpfe wohnte, hielt sich scheu zurück, denn cala-cala, das heißt vor langer Zeit, sollte einmal eine ganze Armee in den Sümpfen umgekommen sein.

 

So blieben die Morjaba unbehelligt und wurden mächtig und reich. Die Natur hatte ihr Land reich gesegnet, und das Wort »Hunger« gab es in ihrer Sprache überhaupt nicht. 3

 

Aber trotzdem stellten sich auch bei ihnen Krisen ein.

 

S’kobi, der wohlbeleibte Häuptling dieses Gebietes, hielt großartig Hof, und in seiner Hauptstadt, die zehntausend Einwohner zählte, sollte nun der Streit zwischen den zwei Kasten seines Stammes, den M’gimis und den M’joros, entschieden werden, der sich schon über fünfzig Jahre hinzog.

 

Die M’gimis waren Krieger nach alter Tradition. Sie trugen Waffen, und wie schon ihr Name andeutet (»Die Stolzblickenden«), waren sie hochmütig und exklusiv. Denn jeder, der ihnen angehörte, mußte der Sohn eines Häuptlings sein, und es war für einen Fisch leichter, auf dem Lande zu gehen, als für einen Mann der M’joros (der »Grabenden«), in den Verband der M’gimis aufgenommen zu werden.

 

Drei horizontale Stichnarben auf jeder Backe waren das Kennzeichen der M’gimis. Sie stammten von den Wunden her, die man den Kriegern mit den rasiermesserscharfen Klingen der Schlachtspeere bei der Aufnahme beigebracht hatte. Sie lebten getrennt von dem andern Volk, den M’joros, in drei Lagern. Ihre Zahl betrug sechstausend, und sie mußten ein Gelübde ablegen, fünf Jahre lang, von der Stunde ihrer Aufnahme an gerechnet, nicht zu heiraten oder sich eine Frau zu nehmen. Die M’gimis wandten den Frauen den Rücken zu und duldeten nicht, daß ein weibliches Wesen in ihr Lager kam. Geschah es aber doch einmal, daß ein M’gimi gegen diese strenge Regel verstieß, dann wurde er zu einem bestimmten Baum geführt und dort gerädert. Arme und Beine wurden ihm gebrochen, und er wurde dann an den untersten Ästen in die Höhe gewunden. Die Leute der Kriegerschar, der er angehörte, saßen unter dem Baum und aßen, tranken und schliefen nicht, bis er gestorben war, was manchmal tagelang dauerte. Auch die Frau, mit der er sich vergangen hatte, mußte dabei zugegen sein.

 

So hielten die M’gimis auf alte Überlieferungen und strenge Zucht. Sie waren berühmt als guttrainierte Krieger und konnten weit gehen und vorzüglich springen. Sie trugen schwere Speere und fochten Kämpfe mit großen Steinen aus. Sie übten sich dauernd und stählten ihre Körper, aber niemals taten sie andere Arbeit.

 

Und das war der Grund zu den Klagen der andern Angehörigen des Stammes, die nun schließlich von dem Häuptling entschieden werden sollte.

 

S’gono, der Sprecher der M’joros, war ein Häuptling aus dem Innern und eiferte sehr gegen die M’gimis. Aber er war nicht vorurteilsfrei, denn sein eigener Sohn war von den Führern der M’gimis als unwürdig zurückgewiesen worden.

 

»Sollen wir andern Männer graben und säen für solche Leute?« fragte er. »O König, gib jetzt ein gerechtes Urteil. Bedenke, daß wir jeden Monat das Beste, was unsere Felder an Früchten hervorbringen, und die größten und besten Fische, viele Ziegen und viel Salz herbeitragen müssen, damit diese Nichtstuer es aufessen.«

 

»Wenn ich nun aber die Krieger fortschicke«, erwiderte S’kobi, »wer soll dann dieses Land gegen die Akasava und die bösen Leute verteidigen, die jenseits der Sümpfe wohnen? Denke auch daran, daß die Ochori nur vier Tagemärsche von uns entfernt wohnen und daß es leicht für sie ist, zu uns zu kommen. Die Wege sind gut.«

 

»Mein Herr und König«, sagte S’gono, »es leben aber noch viele M’gimis unter uns, die aus der Kaste ausgeschieden sind und nun Frauen und Kinder haben. Die können doch wieder die Speere schwingen – und sind denn die M’joros nicht auch Männer? Bei meinem Leben, ich will Krieger sammeln und ihnen Führer geben – das kann ich in einer Zeit von vier Wochen, und niemand darf sagen, daß du nicht geschützt wirst, denn auch wir sind tapfere und kühne Männer.«

 

Der König sah wohl, daß die Kriegerkaste in der Minderzahl war. Außerdem hegte er selbst wenig Sympathie für sie, denn er stammte aus niederen Verhältnissen, und zwei seiner Söhne hatten vergeblich versucht, in die Kriegerkaste aufgenommen zu werden.

 

»S’gonos Vorschlag soll ausgeführt werden«, entschied der König, und die Beifallrufe, die den kleinen Hügel umtosten, belohnten ihn für diesen Urteilsspruch.

 

Sanders, der sofort Nachricht von diesen Vorgängen erhielt, kam in größter Eile herbei, indem er durch das Gebiet der unteren Akasava marschierte. Er benutzte diesen kürzeren Weg selbst auf die Gefahr hin, daß sich ein paar befreundete Häuptlinge dadurch verletzt fühlten, die einen Anspruch darauf erhoben, bei seinen Reisen persönlich und feierlich von ihm begrüßt zu werden. Aber die Zeit drängte, sonst wäre er nicht auf dem Nobolama gefahren, ein nur zeitweise fließendes kleines Gewässer.

 

Er hatte Glück, daß der Fluß Hochwasser hatte, so daß er mit der »Wiggle« in die Nähe des Landes der Morjaba kommen konnte. Zwei Tagesmärsche durch den Wald brachten ihn dann zu der großen Stadt. In dem ganzen Gebiet, das er verwaltete, gab es nicht ihresgleichen, denn sie dehnte sich mehrere Kilometer weit aus und war eine der volkreichsten Städte im Umkreis von fünfhundert Meilen.

 

S’kobi kam eilig die große Straße entlanggewackelt, um Distriktsgouverneur Sanders mit Salz und Reis zu begrüßen, den er eilig im Vorbeilaufen aus den Gärten gepflückt hatte. Das Salz hatte er bei der ersten Nachricht von Sanders‘ Ankunft in aller Eile von zu Hause in seinen dicken Händen mitgenommen. Keuchend erschien er vor Sanders und reichte ihm die gebräuchlichen Gaben als Zeichen seiner Unterwürfigkeit.

 

»O Herr«, sagte er ganz außer Atem. »Ich habe erst jetzt Botschaft von der großen Ehre erhalten, daß du unser Land besuchst, sonst würden meine jungen Leute dir entgegengegangen sein, und die Töchter meines Volkes hätten im Tanzschritt den Weg glattgetreten, damit du angenehmer und leichter gehen konntest.«

 

Sanders nahm die Gaben mit beiden Händen und überreichte sie feierlich der hinter ihm wartenden Ordonnanz.

 

»O S’kobi, ich kam schnell zu deinem Land, um geheimes Palaver mit dir abzuhalten, und ich habe nicht viel Zeit.«

 

»O Herr, ich bin dein Mann«, erwiderte S’kobi und winkte seinen Räten und Ältesten, sich zu entfernen.

 

Es fiel Sanders schwer, einen Anfang zu finden.

 

»S’kobi, du weißt, daß ich dich und dein Volk liebe wie meine Kinder, denn ihr seid gute Leute und der Regierung treu ergeben. Auch tut ihr niemandem etwas zuleide.«

 

»Wa!«

 

»Auch weißt du, daß ich Krieger und Speerleute nicht liebe, denn Speere bedeuten Krieg, und Krieger lieben den Kampf.«

 

»O Herr, du sprichst die Wahrheit!« sagte der Häuptling und nickte bejahend. »Deshalb werde ich in meinem Lande ein Gesetz erlassen, daß es keine Speere mehr geben soll außer jenen, die ich im Schatten meiner Hütte aufbewahre. Nun verstehe ich auch, warum du zu mir gekommen bist und dieses Palaver abgehalten hast. Denn du hast mit deinen schönen langen Ohren gehört, daß ich meine Krieger fortgeschickt habe.«

 

Sanders nickte. »So ist es, mein Freund.«

 

S’kobi strahlte. »Sechstausend Krieger hatte ich, o Herr, aber aus Speeren wächst kein Korn. Im Gegenteil, diese Leute sind furchtbare Esser. Ich habe sie jetzt zu ihren Dörfern zurückgeschickt, und im nächsten Monat hätten sie ihre schönen Kriegsmesser verbrennen sollen, aber dazu ist es nicht gekommen. Wir Morjaba haben keine Feinde, wir sind gegen alle unsere Nachbarn gut und gerecht. Außerdem leben, wie du wohl weißt, o Herr, viele Isisi, Akasava und N’gombi unter uns, auch Leute aus dem Lande des Großen Königs und aus dem Gebiet jenseits der Sümpfe. Wer sollte uns deshalb angreifen, da wir doch mit allen verschwägert und verwandt sind?«

 

Sanders sah den friedlichen König mit einem traurigen Lächeln an. »Habe nicht auch ich allen Gutes getan?« fragte er. »Habe ich nicht das Land so regiert, daß diejenigen, die gegen das Gesetz sprachen, schnelle Strafe ereilte? Und greifen nicht trotzdem die Akasava, die Isisi, die N’gombi und die Leute an den Ufern des Stromes zu den Waffen und kämpfen gegen mich? Nun will ich dir eine Weisheit sagen, die ich herausgefunden habe. Bei allen Tieren, den großen und den kleinen, gibt es Weibchen, die Junge haben, und Männchen, die kämpfen, damit niemand ihre Weibchen und Jungen schädigt.«

 

»O Herr, so ist das Leben.«

 

»Und so ist es auch bei den Menschen. Denn die Frauen gebären Kinder, und die Männer halten die Speere bereit, um alle zu bekämpfen, die ihre Frauen und Kinder bedrohen. Und solange Menschen auf Erden leben, S’kobi, werden die Frauen gebären, und die Männer werden sie beschützen. Das liegt in der Natur begründet. Und du sollst den Männern nicht den Wunsch nehmen zu töten, bevor du nicht aus den Herzen der Frauen die Sehnsucht nach Kindern entfernt hast.«

 

»O Herr«, erwiderte S’kobi verwirrt, »was soll ich auf dieses seltsame Rätsel antworten, das du mir eben gestellt hast.«

 

»Ich will es dir sagen. Ich möchte, daß Frieden in diesem Lande herrscht. Aber zwischen dem Leoparden, der Zähne und Krallen hat, und dem Hasen, der diese Waffen nicht besitzt, kann es keinen Frieden geben. Aber ich frage dich: Kämpft der Leopard gegen den Löwen oder der Löwe gegen den Leoparden? Sie leben in Frieden, denn jeder von ihnen ist schrecklich auf seine Weise, und einer fürchtet den andern. Und ich sage dir dies: Du lebst in Frieden und Freundschaft mit deinen Nachbarn, nicht weil du gut und freundlich zu ihnen bist, sondern weil du Krieger hast. Rufe deine Speerleute wieder zu deiner Stadt zurück, S’kobi.«

 

Der Häuptling runzelte die Stirn. »O Herr«, sagte er, »das kann nicht geschehen, denn diese Leute sind fortgegangen aus meinem Lande. Sie suchen ein Volk, das sie nährt, denn sie sind zu stolz, das Land umzugraben.«

 

»Verdammt!« sagte Sanders verzweifelt und kehrte wieder heim, denn er wußte im Augenblick auch keine Hilfe.

 

Die Irrfahrten der entlassenen Krieger von Morjaba könnten einen Band füllen. Sie zogen friedlich aus, aber sie fanden die Grenzen der Akasava und die Flußufer der Isisi versperrt. Sie wandten sich nach Norden, um Dienste bei dem Großen König zu nehmen, aber auch hier wurden sie trotz ihrer friedlichen Absichten mit Gewalt zurückgetrieben. Dann schlugen die M’gimis ein Lager auf, das einen Tag weit von der Grenze der Ochori entfernt war. Und es bestand die Gefahr, daß sie meuterten und das Land verheerten, als Bosambo, der Häuptling der Ochori, bei ihnen auftauchte, der durch seine Späher von allen ihren Schicksalen Kenntnis erhalten hatte.

 

Bosambo war der geborene Diplomat. Er verstand es, eine günstige Gelegenheit für sich auszunutzen, und hatte ein gewisses Gefühl für vorteilhafte und aussichtsreiche Möglichkeiten, ohne genau zu wissen, wie die Sache ausgehen würde. Das ist eine Begabung, die sonst nur Dichtern und hervorragenden Staatsmännern eigen ist.

 

Bones, der das Land der Ochori besuchte, fand eine neue Stadt, die in den Wäldern in der Nähe des Hauptortes entstanden war. Es entging ihm auch nicht, daß Bosambos Untertanen unzufrieden waren, denn man hatte von ihnen verlangt, für sechstausend Krieger, die zu stolz zur Arbeit waren, Nahrung herbeizuschaffen.

 

»O Herr«, sagte Bosambo, »ich habe mir schon oft eine Armee wie diese gewünscht, denn ich habe nur wenig Krieger unter den Ochori. Mit diesen vielen Speerleuten kann ich das Gebiet am oberen Strom für deinen König und für Sandi halten, und niemand wird es wagen, ein Wort gegen ihn zu sprechen. Das würde auch N’poloyani getan haben, dein großer Freund.«

 

»Aber wer soll denn diese vielen Menschen ernähren?«

 

»Alle Dinge geschehen nach Gottes Willen«, entgegnete Bosambo ruhig.

 

Bones berichtete über alle diese Dinge bei seiner Rückkehr.

 

»Hm«, sagte Sanders, als Bones zu Ende war, »wenn es nicht Bosambo wäre … dann würden Sie noch ein ganzes Bataillon Haussas brauchen, Hamilton.«

 

»Was hat Bosambo getan?« fragte Patricia, die zu den allgemeinen Beratungen zugelassen war.

 

»Er spielt jetzt Napoleon«, erwiderte Sanders und warf Bones, dieser jugendlichen Autorität auf dem Gebiet der Kriegsgeschichte, einen Blick zu.

 

Bones fühlte sich sehr unbehaglich und rutschte auf seinem Stuhl hin und her.

 

»Wir werden ja sehen, wie die Sache ausgeht. Wer soll denn die vielen Krieger unterhalten?« fragte Sanders.

 

»Das habe ich Bosambo auch gefragt, hochverehrte Exzellenz«, entgegnete Bones triumphierend. »Warum, du verdammter alter Esel …«

 

»Ich möchte mir es aber doch ausbitten …« rief Sanders aufgebracht.

 

»Das habe ich doch zu Bosambo gesagt«, erklärte Bones hastig. »Ich sagte also: ›Du verrückter alter Esel, wie willst du denn das Essen für die Kerle herbeibringen?‹ – ›O Herr‹, antwortete er mir darauf, ›darüber denke ich ja gerade nach.‹«

 

Wie Bosambo dieses Problem löste, konnte man nur vermuten.

 

»Man spricht von einem Aufstand der Akasava«, sagte Sanders eines Morgens beim Frühstück. »Ich wüßte keinen Grund dafür – nach allen Informationen, die ich erhalten habe, sind die Akasava jetzt ganz friedlich.«

 

»Woher kommt diese Neuigkeit?« fragte Hamilton.

 

»Vom König der Isisi. Der Kerl ist ein großer Angstmeier und hat Bosambo gebeten, ihm zu Hilfe zu kommen.«

 

Tatsächlich schickte Bosambo ihm auch Hilfe, und zwar seine ganze neue Armee, die vor der Isisi-Stadt lagerte und es sich dort einen Monat gut gehen ließ. Als diese Zeit verflossen war, kamen die Isisi zu ihrem König und machten ihm Vorstellungen. Sie sagten, sie würden lieber in den Krieg ziehen, als diesen Frieden noch länger ertragen, der ihnen nur erlaubte, die Hälfte von dem zu essen, was sie gewohnt waren, damit zehntausend andere stolze Krieger in Hülle und Fülle leben konnten.

 

Daraufhin marschierten die M’gimi-Krieger wieder zu der Ochori-Stadt zurück, aber jeder von ihnen trug für einen ganzen Monat Vorrat an Mais und Salz mit sich, den sie den widerstrebenden Isisi abgenommen hatten.

 

Drei Wochen später schickte Bosambo einen geheimen Boten an den König der Akasava.

 

»O Gubara, lasse niemand etwas von dieser Botschaft wissen, damit es nicht Sandi zu Ohren kommt und damit du, der doch vollständig unschuldig ist, nicht fälschlicherweise getadelt wirst«, sagte der Bote feierlich. »Dieses spricht Bosambo: Es ist mir zu Ohren gekommen, daß die N’gombi sich heimlich rüsten und sehr bald einen ganzen Wald von Speeren gegen die Akasava aussenden werden. Sage dies dem Häuptling Gubara. Weil ich hierüber Trauer in meinem Bauch fühle, so werde ich ihm helfen. Denn ich bin sehr stark und mächtig. Der große weiße Mann Bonesi ist mein Freund, ebenso sein Vetter N’poloyani, der mit der Tante von Bonesi verheiratet ist. Ich habe eine große, unüberwindliche Armee, die ich in das Land der Akasava senden will. Wenn die N’gombi davon hören, werden sie ihre Krieger wieder nach Hause schicken, und es wird Friede sein.«

 

Der Häuptling der Akasava, der etwas nervös war und an all die Unannehmlichkeiten dachte, die ein Krieg zwischen zwei so mächtigen Stämmen hervorrufen würde, stimmte gern und freudig diesem Vorschlag zu. Zwei Monate lang saßen die M’gimi wie ein Heuschreckenschwarm im Lande der Akasava und aßen alles auf, so daß beinahe eine Hungersnot entstanden wäre.

 

Und danach marschierten sie in das Land der N’gombi. Es war nämlich Nachricht durch Bosambos Botschafter dorthin gekommen, daß der Große König die Absicht habe, das Gebirge im Westen mit einem großen, schrecklichen Heer zu überschreiten und das N’gombi-Land mit Krieg zu überziehen.

 

Wie lange Bosambo diese Methode, seine Armee auf Kosten anderer zu unterhalten, noch fortgesetzt hätte, läßt sich nur vermuten, denn inzwischen trat ein großes Ereignis im Lande der Morjaba ein. Dem fetten Häuptling war der Abmarsch seiner Krieger eine Erleichterung gewesen. Außerdem hatte er sich, nach Art der Eingeborenen, darüber gefreut, daß er Sanders dadurch in Verlegenheit gebracht hatte. Aber als der Distriktsgouverneur gegangen war, dachte er über alles nach, was dieser ihm gesagt hatte, und große Zweifel befielen seine Seele. Drei Tage lang saß er in sich zusammengesunken auf dem großen, schöngeschnitzten Staatsstuhl vor seinem Hause, und nach dieser Zeit rief er S’gono, den M’joro, zu sich.

 

»O S’gono«, sagte er, »ich habe Kummer in meinem Bauch über gewisse Dinge, die mir unser Herr Sandi gesagt hat.«

 

Und er erzählte seinem Ratgeber alles, was er von dem Distriktsgouverneur gehört hatte.

 

»Und nun sind meine M’gimis bei Bosambo, und er verkauft sie allen Stämmen, damit sie sie ernähren müssen, und er hat viel Vorteil davon.«

 

»O Herr«, erwiderte S’gono, »ist denn mein Wort nichts? Habe ich es dir nicht gesagt, daß ich herrlichere Krieger als die M’gimis versammeln würde? Gib mir Urlaub, o König, und du wirst eine Armee finden, die über Nacht aus der Erde gestampft wurde. Ich, S’gono, der Sohn des Mochorlabili Yoka, sage dir dieses!«

 

Es eilten also Boten zu allen Dörfern der Morjaba und riefen die jungen Männer zum Hause des Königs. Drei Wochen später stand eine großartige Heerschar auf einer Ebene in der Nähe des Palaverhauses.

 

»Laß sie über die Ebene marschieren und den Kriegstanz aufführen«, sagte der König befriedigt.

 

Aber S’gono zögerte. »O mein Herr und König«, bat er, »dies sind neue Soldaten, sie sind noch nicht so weise wie die alten Krieger. Auch wollen sie nicht den Führern gehorchen, die ich über sie gesetzt habe, sondern sie haben ihre eigenen Leute gewählt, so daß jeder Heerhaufen zwei Führer hat, die Übles voneinander sprechen.«

 

S’kobi riß die runden Augen weit auf. »Die M’gimis haben so etwas nie gemacht«, sagte er zweifelnd. »Wenn ihre Anführer ein Wort sagten, so sprangen sie erst mit dem einen Bein hoch, dann mit dem andern. Und das war sehr schön anzusehen und sehr schrecklich für unsere Feinde.«

 

»O Herr«, erwiderte S’gono aufgeregt, »gib mir noch einen Monat Zeit, dann werden sie mit beiden Beinen zu gleicher Zeit springen und sehr schöne Kriegstänze tanzen.«

 

Ein Späher berichtete dieses Versprechen einem gewissen mächtigen Häuptling des Großen Königs, der viertausend Speerleute unter sich hatte und auf den Abhängen des Gebirges wohnte, das die Grenze gegen das Land der Morjaba bildete. Er hatte schon seit langem auf einen günstigen Augenblick gewartet, um den Fluß zu überschreiten, und er hörte diese Neuigkeit mit großem Interesse.

 

»Wenn ich komme, werden sie auch ohne Köpfe tanzen«, sagte er, »denn die M’gimi-Krieger sind fort, und ohne sie sind die Morjaba kleine Kinder. Zwanzig Jahre lang haben wir gewartet, jetzt aber kommt die herrliche Nacht. Gehe du, B’furo, zu dem Häuptling des Stammes jenseits der Sümpfe und sage ihm, daß er den Sumpf überschreiten soll, wenn er drei Feuer auf diesem Berge sieht. Er soll auf dem Wege kommen, den nur er allein kennt.«

 

Es war ein wohlvorbereiteter Überfall, den die Feldherren des Großen Königs und der Häuptling jenseits der Sümpfe verabredet hatten. Seitdem die Kriegerkaste abmarschiert war, hatten die Feinde der Morjaba schnell gehandelt. Der Weg durch die Sümpfe war schon seit Jahren bekannt, aber die M’gimis hatten eins ihrer Lager so angelegt, daß kein Feind auf dieser Seite das Land überfallen konnte, und ihre Anordnungen so getroffen, daß auch die nördliche Grenze stets geschützt gewesen war.

 

S’gono war ein Ackerbauer, der Mais baute und Ziegen zog. Er stellte seine neue Armee ungefähr in der Art auf, wie er etwa einen Garten angelegt hätte. Er glaubte, je näher das Heer der Stadt sei, um so leichter könne man es unterhalten. Infolgedessen wurde die Furt über den Fluß nicht geschützt, und eine Armee von zweitausend Kriegern hatte die Sumpfländereien überschritten, bevor der neue Kriegsminister auch nur eine Ahnung hatte, daß von dort Gefahr drohte.

 

Er warf seine Truppen gegen die Hauptführer des Großen Königs, und in verzweifelter Gegenwehr machten sie den Versuch, diesen schrecklichen Eindringling zurückzuhalten. Zu gleicher Zeit schlug er mehr durch Glück als Verstand und gute Führung die bösen Leute von jenseits der Sümpfe zurück und zwang sie, wieder in ihr Land zurückzukehren.

 

In einer zweitätigen Schlacht fochten die Morjaba tapfer, aber des Kampfes unkundig gegen die erprobten Truppen des Großen Königs, während Boten nach Osten und Süden eilten, um Hilfe herbeizuholen.

 

Es war möglich, daß Bosambos Nachrichtendienst so gut arbeitete, daß er von dem Plan, der gegen den Frieden und die Sicherheit des Morjaba-Volkes angezettelt war, wußte. Aber es mag auch sein, daß er sich zu den Morjaba aufgemacht hatte, wie Sanders vermutete, um ihnen ein Ammenmärchen aufzubinden, daß ihr Land in großer Gefahr schwebe. Wie dem auch sein mag, jedenfalls befand er sich schon an der Grenze, als der Bote des Königs kam. Eilig kehrte Bosambo mit dem Mann zurück, um persönlich zu handeln.

 

»Ich werde dir fünftausend Traglasten Korn geben, Bosambo«, sagte der König, »hundert Säcke Salz und zweihundert schöne, dicke Frauen, die dir in deinem Hause dienen sollen.«

 

Bosambo feilschte erst noch eine Weile, um soviel als möglich für sich herauszuschlagen, denn die Frauen brauchte er nicht und hätte lieber Ziegen dafür gehabt. Schließlich wurden sie einig, und die Krieger Bosambos marschierten in ihr altes Heimatland. Und die Einwohner der Stadt fielen ihnen buchstäblich um den Hals, als sie zurückkehrten.

 

Der Feind hatte die gegen ihn ausgesandten Truppen geschlagen und war nun schon halbwegs zur Hauptstadt gekommen, als die M’gimi-Krieger ihm in die Flanken fielen.

 

Der gewaltige Häuptling der Armee des Großen Königs sah, wie die geordneten Reihen gegen ihn anstürmten, und sandte nach einem seiner Unterführer.

 

»Eile schnell zu unserem Herrn, dem König, und sag ihm, daß ich ein toter Mann bin.«

 

Und er sagte die Wahrheit, denn er fiel in Bosambos Hand, der sich hierfür eine Extraprämie zahlen ließ und infolgedessen noch einige Ziegen mehr aus der Herde S’kobis fortführte. Für den größeren Teil eines Monats war Bosambo ein willkommener Gast, dann traf er Anstalten zur Abreise.

 

Träger und Hirten trugen und trieben seine Schätze zum Land der Ochori und marschierten eine Tagereise vor dem Hauptheer ab.

 

Bosambo hatte den Befehl gegeben, daß sich die M’gimi-Krieger in der Dämmerung des nächsten Tages versammeln sollten, aber zur Zeit des Aufbruchs fand sich Bosambo allein auf dem großen Platz. Nur die Häuptlinge der Ochori, die ihn auf diesem Zug begleitet hatten, waren zur Stelle.

 

»O Herr«, sagte S’kobi, »meine feinen Soldaten gehen nicht wieder mit dir, denn ich habe gesehen, wie weise Sandi gesprochen hat, der mein Vater und meine Mutter ist.«

 

Bosambo wäre beinahe vor Wut erstickt. Wie gewöhnlich nahm er in solchen Augenblicken höchster Erregung seine Zuflucht zur englischen Sprache.

 

»O Herr«, erwiderte der König, der ihn nicht verstand. »Ich sehe, daß du Sandi gleichst, denn du sprichst in seiner Sprache. Er sagt auch ›Verdammt!‹ sehr laut, und ich glaube, dieses Wort sagen alle weisen Leute, wenn sie sich sehr freuen.«

 

Auf seinem Rückmarsch traf Bosambo Bones. Bones war den Strom hinaufgeeilt, als die Nachricht von dem großen Kampf die Residenz erreichte.

 

Bosambo beklagte sich bitter bei ihm und erzählte ihm alles. »O Herr«, sagte er zum Schluß, »was soll ich tun? Du hast mir nichts darüber gesagt, was der große N’poloyani tat, wenn man ihm ein Heer stahl. Sag mir jetzt, Tibbetti, was er unter Umständen getan hätte.«

 

Aber Bones schüttelte ernst den Kopf. »Das kann ich nicht tun, Bosambo, denn du sagst es doch nur den andern weiter – und das würde mir mein Herr N’poloyani nie verzeihen.«

 

    1. Ebenso ist es eine merkwürdige Tatsache, daß die meisten Völker in Afrika kein Wort haben, das unserem »Danke« entspricht. E.W.

 

 

Das Wasser der Verrücktheit

 

Das Wasser der Verrücktheit

 

Unerwartete Vorfälle ereigneten sich häufig in dem Gebiet, das Distriktsgouverneur Sanders verwaltete. So ging Bones eines Tages ans Ufer, um die »Post abzuholen«. Das geschah gewöhnlich in der Weise, daß er den Postsack in Empfang nahm, der in weitem Bogen aus einem auf den Wellen tanzenden Boot ans Land geworfen wurde. Diesmal war er erstaunt, als er sah, daß das Boot zum Ufer fuhr und nicht nur die Post, sondern auch einen Fremden samt seinem Gepäck absetzte.

 

Er war glattrasiert, untersetzt, trug einen tadellosen weißen Anzug und begrüßte Bones mit einem freundlichen Nicken.

 

»Morgen«, sagte er, »ich habe Ihnen die Post mitgebracht.«

 

Bones streckte die Hand aus und nahm den Postbeutel ohne Anzeichen großer Begeisterung entgegen.

 

»Ist Sanders in der Residenz?«

 

»Mr. Sanders ist nicht anwesend«, erwiderte Bones reserviert.

 

Der andere lachte. »Zeigen Sie mir den Weg«, sagte er barsch. Bones betrachtete ihn von oben bis unten. »Entschuldigen Sie, mein netter alter Herr, habe ich die Ehre, mit dem Herrn Kriegsminister zu sprechen?«

 

»Nein«, erwiderte der Fremde überrascht. »Wie kommen Sie auf diese Idee?«

 

»Weil er der einzige Mensch ist, der nicht das kleine Wörtchen ›bitte‹ seinen Aufforderungen mir gegenüber hinzuzufügen brauchte«, sagte Bones mit steigendem Ärger.

 

Der Mann wollte sich vor Lachen ausschütten.

 

»Entschuldigen Sie. Bitte, zeigen Sie mir den Weg.«

 

»Folgen Sie mir, Sir.«

 

Sanders war nicht in der Residenz. Er inspizierte gerade die von eingeborenen Schmieden reparierte Kesselanlage der »Zaire«.

 

Der Fremde nahm sich ohne Einladung oder Aufforderung einen Stuhl auf der Veranda, setzte sich und schaute sich dreist um. Patricia Hamilton saß am andern Ende und las ein Buch. Sie hatte nur einen Augenblick aufgesehen und sich über den neuen Ankömmling gewundert.

 

»Ein verflucht hübsches Mädel«, sagte der Fremde und steckte sich eine Zigarette an.

 

»Wie meinen Sie?« fragte Bones.

 

»Ein verflucht hübsches Mädel!«

 

»Und Sie sind ein verflucht ruppiger Mensch! Ich habe bis jetzt nur zu dieser Tatsache geschwiegen.«

 

Der Mann blickte schnell auf. »Was sind Sie eigentlich hier?« fragte er. »Ein Schreiber oder so etwas Ähnliches?«

 

Bones blieb ganz ruhig. »O nein«, sagte er mit der liebenswürdigsten Stimme. »Ich bin ein Offizier der König-Haussa hier, Rang: Leutnant. Meine Aufgabe ist es, die Eingeborenen hier an Ordnung und Gesetz zu gewöhnen und die zivilisierten Schweine mit hervorragender Musik zu unterhalten. Wollen Sie ein Stück auf dem Grammophon hören?«

 

Der Fremde runzelte die Stirn. Aber in diesem Augenblick erschien Sanders.

 

Der Ankömmling zog die Brieftasche heraus und entnahm ihr ein Schreiben und eine Karte.

 

»Guten Morgen, Mr. Sanders. Mein Name ist Corklan – P.T. Corklan von der Firma Corklan, Besset & Lyon.«

 

»So?« erwiderte Sanders.

 

»Ich habe einen Brief für Sie.«

 

Sanders nahm ihn in Empfang, öffnete und las ihn. Er trug die saubere Unterschrift eines Unterstaatssekretärs, zeigte den schön geprägten Briefkopf des Auswärtigen Amtes und empfahl Mr. P.T. Corklan dem Distriktsgouverneur Sanders mit der Bitte, den Überbringer ohne Behinderung durch die Gebiete am Großen Strom reisen und ihm jegliche Unterstützung zukommen zu lassen, die mit dem Dienst zu vereinbaren war, damit er seine Studien über Zuckergewinnung aus der süßen Kartoffel fördern könne.

 

»Das hätten Sie zur Zentralverwaltung mitnehmen sollen. Es muß die Unterschrift des Gouverneurs tragen.«

 

»Diesen Brief habe ich«, entgegnete der Mann kurz.

 

»Und wenn Ihnen die Unterschrift eines Staatssekretärs nicht genügt, dann werde ich sofort nach England zurückfahren und mich persönlich an ihn wenden.«

 

»Meinetwegen können Sie sich auch an den Teufel persönlich wenden! Sie reisen jedenfalls nicht eher in das Innere, bis ich von meinem Vorgesetzten telegrafisch Anweisung dazu erhalten habe. Bones, nehmen Sie den Herrn mit zu Ihrem Quartier. Ihre Leute sollen für ihn tun, was in ihren Kräften steht.«

 

Damit drehte er sich kurz um und ging ins Haus.

 

»Sie werden noch darüber hören«, sagte Mr. Corklan.

 

»Hier hinaus, mein lieber alter Pilgersmann!«

 

»Wer trägt mein Gepäck?«

 

»Ihr Name ist mir entfallen, aber wenn Sie einmal auf Ihrer Visitenkarte nachschauen, dann finden Sie den netten Namen des Gepäckträgers dort sehr deutlich verzeichnet.«

 

Sanders berichtete über den Vorfall in seinem knappen, energischen Stil und sandte ein Telegramm von hundert Worten an die Zentralverwaltung.

 

Zufällig war der Gouverneur auf einem kurzen Jagdausflug, deshalb antwortete sein Sekretär.

 

Zentralverwaltung an Sanders – Duplikat des Empfehlungsschreibens hier. Lassen Sie Corklan auf eigene Gefahr reisen. Warnen Sie vor Gefahren.

 

»Sie können es ihm mitteilen«, sagte Sanders zu Bones. »Er kann sofort losziehen, je eher, desto besser.«

 

Bones überbrachte die Botschaft Mr. Corklan, der auf dem Bett seines Gastgebers saß. Der ganze Boden war mit Zigarettenasche bedeckt. Aber das Schlimmste war in Bones‘ Augen die große Flasche Whisky, die der Mann aus einem seiner Koffer genommen hatte. Obendrein hatte er sich selbst aus Bones‘ Schrank ein Glas geholt.

 

»Dann kann ich also heute abend schon fort? Die Sache wäre also in Ordnung. Wie komme ich denn am besten ins Innere?«

 

Bones war schon in das Stadium gekommen, in dem er sich nicht über die Menschen ärgerte, sondern sich sogar für die Situation interessierte.

 

»Wie denken Sie sich denn Ihre Reise?« fragte er neugierig.

 

»Haben Sie denn keinen Dampfer für mich? Hat Sanders kein Regierungsboot?«

 

»Verzeihen Sie, wenn mir etwas schwach wird!« Bones ließ sich in einen Stuhl fallen.

 

»Nun, wie kann ich denn fortkommen?«

 

»Können Sie gut schwimmen?« fragte Bones unschuldig.

 

»Hören Sie doch einmal zu. Sie sind doch ein netter Kerl – ich mag Sie.«

 

»Das tut mir aber leid.«

 

»Ich mag Sie wirklich«, wiederholte Mr. Corklan. »Sie könnten mir doch ein wenig helfen.«

 

»Das werde ich wahrscheinlich nicht tun«, sagte Bones.

 

»Aber erklären Sie mir nur ruhig die Sache, mein lieber alter Abenteurer.«

 

»Da haben Sie recht, das bin ich.« Corklan biß das Ende einer neuen Zigarre ab und steckte sie mit dem glühenden Rest der alten in Brand. »Ich bin überall in der Welt herumgekommen und habe mich mit verschiedenen Dingen befaßt. Ich habe nun die Möglichkeit, ein Vermögen zu gewinnen. In diesem Lande gibt es einen Stamm, den man die N’gombi nennt. Sie leben in einem wunderbaren Gebiet, in dem viel Gummi wächst. Und ich habe gehört, daß sie unheimliche Mengen von Elfenbein und geheime Gummivorräte vergraben haben.«

 

Es war eine Tatsache – Bones war überrascht, daß der Fremde davon wußte –, daß die N’gombi sehr sparsame, vorsichtige und geizige Leute waren und ihre wohlverborgenen Schätze von Elefantenzähnen hüteten. Seit Hunderten von Jahren trieben sie mit Elfenbein und Gummi Handel, und jedes einzelne Dorf besaß seine geheime Vorratskammer. Die Regierung hatte seit langem versucht, die N’gombi zu überreden, ihren Reichtum in staatlichen Gewahrsam zu geben, denn derart kostbare Vorräte bedeuten früher oder später Krieg. Der Stamm lebte im Innern der großen Wälder – das Wort N’gombi heißt soviel wie »innen«. In ihren Wäldern gab es viele Elefanten und Gummibäume.

 

»Sie sind ja das reinste Informationsbüro«, sagte Bones bewundernd. »Aber was hat denn dies mit Ihren wissenschaftlichen Untersuchungen der süßen Kartoffel zu tun?«

 

Der Mann rauchte eine Weile schweigend, dann nahm er eine große Karte aus seiner Tasche. Bones war wieder erstaunt, denn es war die amtliche Geheimkarte.

 

Mr. Corklan verfolgte den großen Strom mit seinem dicken Zeigefinger.

 

»Von hier erstreckt sich das N’gombi-Land, von dem östlichen Ufer des Isisi-Flusses ab. Dies ist alles Wald, und ungefähr alle zehn Quadratmeter findet man einen Gummibaum.«

 

»Ich habe sie noch nicht gezählt, aber ich will Ihre Angabe gelten lassen.«

 

»Was hat aber dies hier zu bedeuten?« Mr. Corklan zeigte auf eine gewundene Linie von Strichen und Pünktchen, die an dem Einfluß des Isisi in den Großen Strom begann und sich in vielen kleinen Windungen fünfhundert Meilen hinzog, bis sie den Sigifluß traf, der durch spanisches Gebiet floß. »Was ist das?«

 

»Das scheinen die Fußspuren des großen Vogels Roch zu sein, der mit den Augen bellt und nur von Buttertoast und Eisenzeug lebt.«

 

»Ich will Ihnen sagen, was es ist.« Mr. Corklan schaute Bones vielsagend an. »Dies ist einer jener geheimen Ströme, die man immer in diesen ›nassen‹ Ländern antrifft. Die Eingeborenen können einem viel davon erzählen. Aber man findet sie niemals. Es sind Flüsse, die in vielen Jahren nur einmal mit Wasser gefüllt sind, wenn der Große Strom Hochwasser hat und es andauernd heftig regnet. Nun hat man mir in dem spanischen Gebiet erzählt, daß die Mündung des geheimen Stromes Wasser führt.« Er stieß Bones nachdrücklich ans Knie.

 

»In dem spanischen Gebiet erzählt man allerhand Märchen«, erwiderte Bones höflich. »Dort sagen Ihnen die Leute alles, was Ihnen angenehm sein kann, wenn Sie ihnen nur das nötige Silbergeld in die Hand drücken.«

 

»Wie steht es denn mit dem Teil des geheimen Stromes, der auf Ihrem Gebiet liegt?« fragte Mr. Corklan, der Bones‘ Abneigung, über diesen Gegenstand zu sprechen, ganz übersah.

 

»Das werden Sie ja selbst herausbekommen – ich möchte Sie nicht gern vorher schon entmutigen.«

 

»Wie komme ich denn nun aber ins Innere?« fragte Mr. Corklan nach einer Pause.

 

»Sie können ein Kanu mieten und im Lande leben, wenn Sie sich nicht Konserven und Nahrungsmittel mitgebracht haben.«

 

Der Mann lachte. »Selbstverständlich habe ich keine Vorräte mitgebracht. Ich will Ihnen einmal etwas zeigen. Sie sind ein netter Kerl.«

 

Er öffnete seinen Koffer und zog ein dickes Paket heraus. Es schienen dünne Häute zu sein, mindestens zwei- bis dreihundert Stück. »Das ist meine Spezialität.« Er löste das Band, das sie zusammenhielt, nahm ein Stück heraus und blies es auf. Die Haut blähte sich wie ein Kinderballon. »Wissen Sie, was das ist?«

 

»Nein, das kann ich Ihnen nicht sagen.«

 

»Sie haben doch sicher einmal von Soemmerings Methode gehört?«

 

Bones schüttelte den Kopf.

 

Mr. Corklan lachte, legte die Häute wieder in seinen Koffer zurück und schloß ihn ab.

 

»Das ist mein kleiner Scherz. Alle meine Freunde haben mir gesagt, daß ich eines Tages dabei mein Leben riskieren werde. Aber ich liebe es, den Leuten Rätsel aufzugeben.« Er lächelte liebenswürdig und selbstbewußt. »Ich sage ihnen gern die Wahrheit in einer Form, die sie nicht verstehen. Wenn sie sie verständen, würde es einen schrecklichen Aufruhr geben.«

 

»Sie sind ein kluger Kerl, aber ich kann Ihr Gesicht nicht leiden. Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen das ganz unumwunden sage, mein lieber alter Freund.«

 

»Auf das Gesicht kommt es weniger an als auf das Geld, das man hat«, erwiderte Mr. Corklan selbstzufrieden. »Und ich sage Ihnen nur eines: Wenn ich wieder aus diesem Lande gehe, dann habe ich ein Vermögen gemacht.«

 

»Es tut mir für Sie leid«, meinte Bones kopfschüttelnd, »Ich sehe nicht gern Leute, die sich falschen Hoffnungen hingeben.«

 

Bones berichtete alles dem Distriktsgouverneur, der darüber sehr beunruhigt war.

 

»Wenn ich nur wüßte, was er vorhat. Am liebsten möchte ich ihn überhaupt nicht ins Land gehen lassen, aber angesichts der Anweisung der Zentralverwaltung kann ich ihn nicht gut zurückschicken. Aus den N’gombi wird er nichts herausholen. Ich habe schon alle Methoden angewandt, gute und böse, um diese Kerle zu veranlassen, ihre Ersparnisse der Regierung zur Verwahrung zu übergeben, und bis jetzt keinen Erfolg gehabt.«

 

»Er muß ja unter allen Umständen hierher zurückkommen. Ich glaube nicht, daß er viel Unheil anrichten kann«, sagte Hamilton.

 

»Was hat er denn eigentlich für Gepäck?«

 

»Eine Kiste mit Dingen, die wie gebogene Kupferplatten aussehen«, berichtete Bones. »Es ist sehr dünnes Kupfer, aber es ist Kupfer. Auch habe ich mehrere Kupferröhren in seinem Gepäck gesehen. Das ist so ungefähr seine ganze Ausrüstung.«

 

Mr. Corklan war anscheinend an der Küste kein Fremder. Bones beobachtete, wie das Kanu des Mannes am andern Tag geladen wurde, und hörte, wie er in der Eingeborenensprache über die Trägheit seiner Ruderer schimpfte. Bones entnahm daraus, daß Mr. Corklans Bekanntschaft mit Zentralafrika schon ziemlich eingehend sein mußte, denn er konnte in Suaheli und portugiesisch fluchen, und seine Ausdrücke waren deftig und roh.

 

»Nun werde ich abfahren«, sagte er schließlich. »Ich will sehen, daß ich heute abend noch zu einem Fischerdorf komme. In einer Woche hoffe ich mein Reiseziel erreicht zu haben. Ich werde Sie nicht wiedersehen, deswegen will ich mich gleich verabschieden.«

 

»Wie wollen Sie denn wieder außer Landes kommen?« fragte Bones neugierig.

 

Mr. Corklan lachte. »Auf Wiedersehen!«

 

»Einen Augenblick, mein lieber alter Entdecker. Ich muß noch eine kleine Formalität erledigen – öffnen Sie noch einmal Ihre Koffer.«

 

Ein argwöhnischer Zug erschien auf Mr. Corklans Gesicht.

 

»Warum soll ich das?«

 

»Nur eine kleine Formalität, mein netter alter Held.«

 

»Warum haben Sie das nicht früher gesagt?« brummte der andere und ließ seine beiden Koffer wieder an Land bringen. »Vermutlich wissen Sie, daß Sie damit Ihre Amtsbefugnisse bei weitem überschreiten.«

 

»Nein, das wußte ich nicht – ich danke Ihnen für die Mitteilung. Ich bin nämlich hier der Zollbeamte, mein Herr und Landsmann.«

 

Mr. Corklan öffnete seine Koffer, und Bones durchsuchte sie. Er fand drei Flaschen Whisky und nahm sie heraus.

 

»Was soll das bedeuten?« fragte Mr. Corklan.

 

Bones antwortete nicht, sondern nahm die Flaschen und zerschmetterte sie am nächsten Stein.

 

»Aber, was zum Teufel …«

 

»Der Wein ist ein Betrüger, und scharfe Getränke bringen die Leute in Wut – dies ist hier sozusagen ein Land, in dem die Prohibition gilt. Ich könnte Ihnen auch noch fünfhundert Pfund abnehmen. Das ist die höchste Strafe dafür, daß Sie den Versuch machten, Alkohol in unser unschuldiges Land einzuführen.«

 

Bones erwartete einen Wutanfall Mr. Corklans, aber der Mann kicherte nur.

 

»Sie sind verrückt!«

 

»Das sagen meine Freunde auch«, gab Bones zu, »aber wegen dieser Getränke kann man nicht von Verrücktheit sprechen. Da Sie das Land kennen und mit der Denkungsart der Eingeborenen vertraut sind, mein lieber Herr, werden Sie die Begierde dieser Leute nach berauschenden Getränken verstehen. Selbst wenn wir Europäer trinken, tun wir es nur auf Kosten unseres Verstandes. Im übrigen wünsche ich Ihnen eine gute Reise.«

 

»Also auf Wiedersehen!« sagte Mr. Corklan.

 

Bones ging zur Residenz zurück, machte seinen Bericht, und damit endete diese Episode vorläufig.

 

Es war nicht ungewöhnlich, daß Wissenschaftler, Fabrikanten und Vertreter von Schiffsgesellschaften mit Empfehlungsbriefen ankamen und ins Innere reisen wollten. Glücklicherweise waren solche Besuche nicht allzu häufig und fanden in verhältnismäßig großen Zwischenräumen statt. Diesmal war Sanders ganz besonders mißtrauisch und sandte einen seiner geheimen Späher aus, um dem Abenteuerer zu folgen. Er hatte ihm den Auftrag gegeben, jedes außergewöhnliche Ereignis zu melden. Diese Maßregel war notwendig, denn die N’gombi, und besonders die inneren N’gombi, sind ein geheimnisvolles Volk, und es ist schwer, ja fast unmöglich, Nachrichten von ihnen zu erhalten.

 

»Ich wäre gar nicht erstaunt, wenn ich erführe, daß bei den N’gombi seit zwei Monaten ein Krieg im Gange ist, ohne daß ich auch nur ein Wort davon zu hören bekommen hätte.«

 

»Wenn sie untereinander Krieg führen – dann ist das selbstverständlich«, sagte Captain Hamilton. »Wenn sie aber gegen Fremde Krieg führen, dann werden wir schon davon hören, denn das geht nicht ohne Geschrei und Lärm ab. Warum senden Sie denn nicht Bones ins Land, um die Zuckerexperimente dieses Mannes zu beaufsichtigen?«

 

»Wir wollen über etwas Angenehmeres sprechen«, entgegnete Bones hastig.

 

Aber nach drei Monaten unternahm er doch die Reise.

 

»Fahren Sie mit der ›Zaire‹ bis zur Flußbiegung bei den Isisi«, sagte Sanders eines Morgens beim Frühstück zu ihm, »und suchen Sie herauszubekommen, was Ali Kano macht – der nachlässige Kerl hätte längst Berichte schicken sollen.«

 

»Sind Nachrichten von den N’gombi gekommen?« fragte Hamilton.

 

»Ich habe nur Allgemeines über sie erfahren. Sie sollen mit einem Male sehr fleißig geworden sein. Anscheinend macht der Zuckerkaufmann große Experimente. Das halbe Volk gräbt nach Wurzeln für ihn.«

 

»Wird es eine gefährliche Fahrt werden?« fragte Patricia ängstlich.

 

»Nein. Warum fragen Sie?« lächelte Sanders.

 

»Weil ich gerne mitfahren würde. Ach, bitte, schauen Sie doch nicht so düster drein. Bones ist immer sehr nett zu mir.«

 

»Hm!« Sanders schüttelte den Kopf.

 

Patricia wandte sich an Hamilton.

 

»Ich würde nichts gegen deine Reise haben – es handelt sich nur um Bones.«

 

»Aber …«, sagte Bones vorwurfsvoll.

 

»Wenn du so gern mitfahren möchtest, kannst du es natürlich tun – wenn du eine Anstandsdame hast.«

 

»Anstandsdame!« Bones war außer sich. »Großer Himmel, Hamilton, nehmen Sie sich doch zusammen. Patricia, öffnen Sie mal schnell das Fenster, damit er frische Luft bekommt! So – fühlen Sie sich jetzt besser?«

 

»Anstandsdame!« rief auch Patricia entrüstet. »Ich bin alt genug, um Bones‘ Mutter zu sein! Ich bin beinahe einundzwanzig – auf jeden Fall älter als Bones, und ich kann auf mich selbst aufpassen.«

 

Schließlich fuhr sie mit Bones ab und nahm ihr Kanomädchen mit, das sie bediente, und Abibus Frau, die für sie kochen sollte. Nach zwei Tagen kamen sie zu der großen Biegung des Flusses. Bones forschte nach dem vermißten Späher, hatte aber keinen Erfolg.

 

»Aber das sage ich dir, Herr«, erklärte ihm der kleine Häuptling, der ein Agent von Sanders war, »im Lande der N’gombi geschehen merkwürdige Dinge. Alle Leute sind dort verrückt geworden und graben ihre Elefantenzähne aus, um sie zu einem weißen Mann zu bringen.«

 

»Das muß Sandi erfahren«, erwiderte Bones, dem die Wichtigkeit dieser Nachricht sofort klarwurde. Noch am selben Abend fuhr er mit der »Zaire« wieder stromabwärts.

 

*

 

Wafa, ein Mischling, halb Araber und halb N’gombi, der die Schlauheit und Verschlagenheit beider Stämme in sich vereinigte, sprach zu seinen Begleitern:

 

»Wir werden bald das Dampfboot der Regierung sehen, wenn es den gewundenen Fluß herunterkommt. Und ich will hinausfahren und mit unserem Herrn Tibbetti sprechen, der ein einfacher Mann ist und ein Herz wie ein Kind hat.«

 

»O Wafa«, sagte einer der bewaffneten Leute, die fröstelnd und zitternd in den kalten Morgenstunden am Ufer standen. »Wenn die Sache nur gut ausgeht – ich weiß nicht, ob dies ein gutes Palaver wird. Mein Bauch ist von Furcht erfüllt. Wir wollen alle vorher dieses Zauberwasser trinken, denn das gibt uns Mut.«

 

»Das werdet ihr tun, wenn ihr alle Befehle unseres Herrn genau ausgeführt habt«, erwiderte Wafa. »Habt keine Furcht, denn bald werdet ihr große Wunderdinge sehen.«

 

Sie hörten das tiefe Tuten einer Sirene, das einen einsamen Fischer mahnte, die schmale Fahrrinne zu verlassen, und plötzlich sahen sie den Regierungsdampfer um die Flußbiegung herumfahren. Das Boot sah glänzend weiß aus, die Schornsteine spien einen Feuerregen von Funken aus, und zwei graue Rauchwolken zogen hinter dem Dampfer her.

 

Wafa sprang in ein Kanu, und als er sah, daß die andern sich anschickten, ihm zu folgen, ruderte er schnell und kam in die Fahrrinne, aus der sich der erschrockene Fischer eben entfernt hatte.

 

»Gehe nicht dahin, o Fremder!« schrie der Isisimann, »Denn es ist unser Herr Sandi, und sein Dampfboot hat schon schrecklich gebrüllt.«

 

»Stirb, du unverschämter Schreihals«, brüllte Wafa, »du sollst ertrinken und auf dem Boden des Flusses liegen, du Sohn eines Fisches, du Vater einer giftigen Schlange!«

 

»Du fremder Frosch«, kam die schrille Antwort, »du armer Mann mit den Frauen zweier anderer Männer! Du hergelaufener Bursche, der keine Ziegen hat …«

 

Aber Wafa war zu begierig, seinen Plan auszuführen, um noch weiter auf die Schimpferei des andern zu achten. Er schlug das Wasser kräftig mit seinen breiten Rudern und erreichte die Mitte der Fahrrinne.

 

Bones stand auf der Kommandobrücke und zog persönlich die Leine zur Dampfsirene.

 

Zwei langgezogene, tiefe Rufe ertönten.

 

»Dieser verdammte Kerl!« sagte Bones vorwurfsvoll. »Wir werden ihn noch in Grund und Boden fahren.«

 

Patricia war gerade damit beschäftigt, in Bones‘ Kabine Staub zu fegen, und schaute heraus.

 

»Was ist denn los?« fragte sie.

 

Bones antwortete nicht. Er stellte den Maschinentelegrafen gerade in dem Augenblick auf rückwärts, als Yoka, der Steuermann, das Rad zurückdrehte.

 

Der Dampfer verlangsamte seine Fahrt und stand dann plötzlich still. Patricia kam besorgt auf die Brücke. Die »Zaire« war auf eine Sandbank aufgefahren und saß mit dem Vorderteil im Trockenen.

 

»Bringt den Mann an Bord«, befahl Bones wütend.

 

Gleich darauf stand Wafa vor ihm.

 

»O Mann«, sagte Bones und sah den Bösewicht durch sein Monokel an. »Welcher böse Geist hat dich geschickt, daß du hier mein feines Schiff anhältst?«

 

Er redete in der Isisisprache und war sehr erstaunt, eine Antwort in Küstenarabisch zu erhalten.

 

»Herr«, sagte der Mann, der sich anscheinend wenig um den Zorn seines Herrn kümmerte, »ich bin gekommen, um ein großes Palaver über Geister und Teufel mit dir zu halten, denn ich habe einen ganz großen Zauber gefunden.«

 

Bones grinste. Er hatte jenen Sinn für Humor, der über alle Aufregungen hinweghilft.

 

»Also, dann versuche einmal deinen großen Zauber, mein Lieber, und bringe dieses Schiff wieder ins tiefe Fahrwasser!«

 

Wafa war nicht im mindesten verlegen.

 

»Herr, es ist ein viel größerer Zauber. Es handelt sich dabei um Menschen. Ich kann dadurch die Toten wieder zum Leben zurückbringen, denn in diesem Walde gibt es einen wunderbaren Baum. Sieh, Herr!«

 

Er zog aus einem lose gerollten Gürtel ein Stück Holz. Bones nahm es in die Hand. Es hatte die Größe und Gestalt eines Maiskolbens, und man sah, daß es eben erst abgeschnitten worden war, denn es war noch feucht vom Saft. Bones roch daran. Es duftete schwach nach Rosinen und Kampfer. Patricia Hamilton lächelte. Das sah Bones wieder so ganz ähnlich, sich durch solche Kleinigkeiten von seiner großen Aufgabe abbringen zu lassen.

 

»Wo ist denn nun aber das Wunder, daß du es wagen darfst, mir in den Weg zu fahren, so daß mein schönes Schiff auf eine Sandbank gerät? Und was sind das für Leute?« Er zeigte auf sechs bemannte Kanus, die sich der »Zaire« näherten.

 

Der Mann antwortete nicht, nahm das Holz wieder aus Bones‘ Hand, zog ein Messer aus seinem Gürtel und strich damit über seinen bloßen Arm, als ob er es wetzen wollte.

 

»Hier ist ein feiner Zauber, o Herr. Mit diesem Holz kann ich viele Wunder tun. Ich kann kranke Leute stark und gesund machen und starke Leute schwach.«

 

Bones hörte, wie die Kanus an der Seite des Dampfers anstießen, aber er war im Augenblick zu neugierig, um darauf zu achten.

 

»So vollbringe ich meinen Zauber, Tibetti«, sprach Wafa mit eintöniger Stimme.

 

Er hielt den Griff des großen, scharfen Messers in seiner rechten Hand, das Holz in der Linken. Die Spitze des Messers war gerade auf das Herz des weißen Mannes gerichtet.

 

»Bones!« schrie Patricia.

 

Bones wich zur Seite und schlug mit der Rechten einen kräftigen Schwinger in das Gesicht des Mannes, der auf ihn zusprang. Er traf Wafa mit der Faust gerade unter das Kinn, so daß dieser nach rückwärts taumelte und zu Boden stürzte. Vom unteren Deck her erschollen Schreie, dann fiel ein Schuß.

 

Bones schob Patricia rasch in die Kabine und schloß die Tür hinter ihr. Im nächsten Augenblick zog er seine beiden Revolver aus dem Gürtel, vergewisserte sich mit einem Blick, daß sie geladen waren, und sprang vorwärts. Das Brückendeck war leer, und er raste die Leiter zu dem Vorderdeck hinunter. Zwei Haussas und ein halbes Dutzend Eingeborene lagen hier tot oder in den letzten Zügen. Die übrigen Soldaten kämpften verzweifelt mit irgendwelchen Waffen, die sie gefunden hatten, denn mit bezeichnender Sorglosigkeit hatten sie ihre Gewehre in Öl gelegt, damit sie in der feuchten Luft an Bord nicht rosteten. Nur die Schildwache hatte ihr Gewehr, und dieses wanderte von Hand zu Hand.

 

»O ihr Hunde!« brüllte Bones.

 

Die Angreifer wandten sich um und sahen sich den Mündungen der beiden Pistolen gegenüber. Damit war der Kampf zu Ende.

 

Später wurde Wafa in Ketten zur Brücke zurückgebracht, und seine Begleiter, die sich mit ihm auf dieses wahnsinnige Abenteuer eingelassen hatten, hockten vorn auf dem unteren Deck und waren mit den Beinen aneinander gebunden. Mit philosophischer Ruhe lauschten sie den Worten der Haussa-Wache, die ihnen in den buntesten Farben ihr kommendes Schicksal schilderte.

 

Bones saß in einem tiefen, bequemen Sessel, und Wafa kauerte vor ihm.

 

»Du sollst deinem Herrn Sandi sagen, warum du diese schlechte Tat getan hast, Wafa. Welche bösen Gedanken waren denn in deinem Herzen?«

 

»O Herr«, erwiderte der Gefangene, der sich nicht im mindesten fürchtete. »Welchen Vorteil habe ich, wenn ich spreche und dir antworte?«

 

Das Betragen dieses Mannes kam Bones sonderbar vor. Er wurde argwöhnisch, stand auf und trat nahe an ihn heran.

 

»Aha!« sagte er dann und biß sich auf die Lippen. »Das Palaver ist aus.«

 

Sie führten Wafa fort.

 

»Was ist los, Bones?« fragte Patricia ängstlich, die die Szene mitverfolgt hatte.

 

Bones schüttelte den Kopf. »Alles, was Sanders so mühsam aufgebaut hat, scheint zusammenzubrechen«, sagte er bitter.

 

Der düstere Ernst dieses sonst so fröhlichen jungen Menschen machte einen tieferen Eindruck auf Patricia als die Kriegsgeschreie der kämpfenden N’gombi, denn Sanders nahm eine große Stellung in ihrem Leben ein.

 

Nach einer Stunde war die »Zaire« wieder flott und fuhr mit Volldampf stromabwärts.

 

*

 

Sanders hielt die Gerichtssitzung in dem strohgedeckten Palaverhaus ab, das zwischen der Wache und dem kleinen, mit einem Palisadenzaun umgebenen Gefängnis in der Nähe des Flusses lag. Das Gefängnis selbst war durch blühende Sträucher und schöne, hohe Akazienbäume verdeckt, so daß man es von der Residenz aus nicht sehen konnte.

 

Wafa war der erste, der verhört wurde.

 

»O Herr«, sagte er, ohne im mindesten eingeschüchtert zu sein, »ich sage dir, daß ich nicht von den großen Wundern sprechen werde, die in meinem Herzen verborgen sind, wenn du mir nicht ein Buch 4 gibst, daß ich freigelassen werde.«

 

Sanders lächelte bitter. »Beim Propheten, ich sage die Wahrheit«, begann er ernst, und Wafa wand sich bei dem Eide, denn er wußte, daß er jetzt die Wahrheit hören würde – eine schreckliche Wahrheit. »In diesem Lande herrsche ich über Millionen von Männern«, sagte Sanders bedeutsam, »ich und zwei weise Herren. Ich regiere durch Furcht, Wafa, denn diese einfachen Männer kennen keine Liebe, es sei denn, daß sie sich selbst oder ihre eigenen Bäuche lieben.«

 

»O Herr, du sprichst die Wahrheit!«

 

»Wenn du nun den Herrn Tibbetti ermorden und diese böse Tat aus geheimen Gründen tun wolltest, so muß ich entdecken, welches Geheimnis dahinter steckt, damit ich das Land, das ich regiere, in der Hand behalte.«

 

»O Herr, das ist wahr.«

 

»Denn was bedeutet ein Leben mehr oder weniger oder ein größeres oder kleineres Leid für einen einzelnen Menschen, wenn das Wohl und Wehe von Millionen davon abhängt?«

 

»O Herr, du bist so weise wie Suleiman«, sagte Wafa, »laß mich deshalb gehen – denn es kommt ja nicht darauf an.«

 

Aber Sanders lachte grimmig. »Du könntest ja lügen, und wenn ich dich gehen lasse, habe ich weder die Wahrheit noch deinen Körper. Nein, Wafa, du sollst sprechen.« Sanders erhob sich von seinem Stuhl. »Heute noch wirst du in das Dorf der Ketten gebracht, und morgen werde ich zu dir kommen. Und wenn du dann nicht sprechen willst, werde ich ein kleines Feuer auf deiner Brust anzünden, und das Feuer wird nicht ausgehen, bis du stirbst. Das Palaver ist aus.«

 

So brachten die Haussa-Soldaten Wafa in das Dorf der Ketten, wo die Verbrecher für ihre Missetaten arbeiten. Am nächsten Morgen kam Sanders.

 

»Sprich jetzt!« sagte er.

 

Wafa starrte ihn mißtrauisch an, aber sein Gesicht zuckte, als er sah, daß die Soldaten Holzpfähle in den Boden trieben, an die er gefesselt werden sollte.

 

»Ich will die Wahrheit sprechen!« erwiderte er.

 

Er wurde in eine Hütte geführt. Sanders blieb wohl eine halbe Stunde allein mit ihm, und als er zurückkam, sah sein Gesicht eingefallen und grau aus. Er winkte Hamilton zu sich.

 

»Wir werden sofort zur Residenz zurückkehren«, sagte er kurz.

 

Zwei Stunden später waren sie dort.

 

Sanders saß in dem kleinen Telegrafenbüro, und der Morse-Apparat rasselte eine halbe Stunde lang. Zu gleicher Zeit summten und klapperten auch andere Apparate in andern Büros. Ein Unterstaatssekretär wurde aus dem Parlament gerufen, um Auskunft über gewisse Dinge zu geben.

 

Am selben Nachmittag um vier Uhr kam die Antwort, die Sanders erwartet hatte.

 

London sagt, Passierschein für Corklan gefälscht. Verhaften. Äußerste Maßnahmen ergreifen. Sofort rücksichtslos und durchgreifend vorgehen. Drei Kompanien afrikanischer Schützen, eine Gebirgsbatterie stehen zur Unterstützung bereit. Guten. Erfolg. Zentralverwaltung.

 

Sanders kam aus dem Büro und traf auf Bones.

 

»Alle Mann an Bord, mein Herr«, berichtete Bones. »Wir wollen sofort abfahren.«

 

Auf dem Wege zum Kai begegnete er Patricia.

 

»Ich weiß, daß die Lage sehr ernst ist«, sagte sie ruhig. »Ich werde an Sie denken.«

 

Sie reichte ihm beide Hände, und er drückte sie. Dann verließ er sie ohne ein weiteres Wort.

 

*

 

Mr. P. T. Corklan saß vor seiner neuen Hütte in dem Dorfe Fimini. Es war die größte Hütte, die die N’gombi jemals gesehen hatten. Hunderte von Paketen waren darin aufgestapelt, alle sauber verpackt und in Eingeborenentuch eingenäht.

 

Er rauchte keine Zigarre, denn seine Vorräte wurden knapp. Dafür kaute er einen Zahnstocher, denn diese sind billig, und man kann sie im Walde umsonst haben. Er rief seinen Vormann. »Wo ist Wafa?« fragte er.

 

»O Herr, er wird kommen, denn er ist sehr gewandt und schlau.«

 

Mr. Corklan fluchte. Er ging zum Ende des Dorfes, wo sich der Boden bis zu einem Streifen grüner Binsen niedersenkte.

 

»Sage mir, wie lange wird dieser Fluß noch Wasser führen?« fragte er.

 

»Herr, noch einen Monat.«

 

Corklan nickte. Solange der geheime Fluß Wasser hatte, konnte er entkommen, denn dieser sich in vielen Windungen hinschlängelnde Strom brachte ihn und seine reiche Fracht in spanisches Gebiet, wo er tiefes Wasser haben würde.

 

Sein Vormann wartete, als ob er ihm noch etwas zu sagen hätte. »O Herr«, begann er schließlich, »der Häuptling des N’coro-Dorfes schickt heute abend zehn große Zähne und ein Gefäß.«

 

»Wenn wir noch hier sind, werden wir sie in Empfang nehmen. Ich hoffe, daß wir schon fort sind.«

 

Aber dann nahte sich das unerwartete Verhängnis. Ein Mann, ganz in Weiß gekleidet, trat aus den Bäumen hervor und ging auf ihn zu, hinter ihm erschien noch ein weißer Mann und ein ganzer Zug eingeborener Soldaten.

 

»Schlimm!« sagte Corklan zu sich selbst. Er hielt den Augenblick für geeignet, sich eine der letzten Zigarren anzustecken.

 

»Guten Morgen, Mr. Sanders«, sagte er in anscheinend bester Laune.

 

Sanders sah ihn schweigend an.

 

»Das ist ein ganz unerwartetes Vergnügen«, fuhr Corklan fort.

 

»Wo haben Sie Ihre Schnapsbrennerei?« fragte Sanders.

 

Der dicke Mann lachte. »Die finden Sie da hinten im Wald dazu noch einen so großen Vorrat an süßen Kartoffeln, daß man fünfzig Gallonen Alkohol daraus destillieren kann, alles nach Soemmerings Methode. Qualität ebensogut wie in England.«

 

Sanders nickte. »Ich besinne mich jetzt – Sie sind der Mann, der damals auch die Brennerei im Aschanti-Land betrieben hat. Damals gelang es Ihnen, zu entkommen.«

 

»Jawohl, das war ich«, entgegnete der andere selbstzufrieden. »P. T. Corklan – ich arbeite niemals unter einem angenommenen Namen.«

 

»Ich kam durch Dörfer, in denen alle Männer und die meisten Frauen betrunken waren – ich kam durch verwüstete Ortschaften, in denen Männer und Frauen erschlagen waren, denn diese Leute sind nicht daran gewöhnt Alkohol zu trinken. Ich habe ein Jahr harter Arbeit vor mir, um diese traurigen Zustände wieder zu ändern. Sie haben eine ganze Provinz in kürzester Zeit verdorben, und soweit ich es beurteilen kann, wollten Sie ein Regierungsboot stehlen und auf neutrales Gebiet entfliehen mit den Schätzen, die Sie durch Ihr …«

 

»Unternehmen verdient haben«, fuhr Mr. Corklan verbindlich fort. »Sie haben das, was Sie da vom Schiff sagen, zu beweisen. Ich bin bereit, mich jeder Untersuchung zu unterwerfen. Es gibt kein Gesetz, das die Einfuhr von Alkohol verbietet. Diese Vorschrift haben Sie selbst erlassen. Ich habe die Gerätschaften für die Brennerei ins Land gebracht, das ist wahr – sie waren in Teile zerlegt, und ich habe sie nachher zusammengesetzt. Ich habe auch Alkohol hergestellt – das gebe ich alles zu.«

 

»Ich habe auf meinem Weg hierher auch einen treuen Angestellten der Regierung, einen gewissen Ali Kano, gefunden«, sagte Sanders leise. »Er lag am Ufer dieses geheimen Stromes, und ich sah die zwei tödlichen Schußwunden, die Sie ihm beigebracht haben.«

 

»Der Nigger spürte hinter mir her, deshalb habe ich ihn niedergeknallt«, erklärte Corklan.

 

»Das weiß ich. Ich lasse Ihnen die Wahl zwischen Erhängen und Erschießen«, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.

 

Mr. Corklan ließ die Zigarre fallen. »Wie?« fragte er heiser. »Das – können Sie doch nicht tun – weil ich ein bißchen Alkohol für – Nigger fabriziert habe!«

 

»Sie haben einen Beamten ermordet«, erwiderte Sanders kurz. »Aber wenn es Sie trösten kann, so will ich Ihnen sagen, daß ich Sie auf alle Fälle zum Tode verurteilt hätte.«

 

Es dauerte eine Stunde, bis Mr. Corklan seine Gedanken so weit sammeln konnte, daß er sich für das Erschießen entschied.

 

Noch heute zeigen die N’gombi einen Hügel in der Nähe des Dorfes Fimini, den sie »Das Wasser der Verrücktheit« nennen, und sie glauben, daß an dieser Stelle böse Teufel ihr Wesen treiben.

 

    1. Ein schriftliches Versprechen

 

 

Bones, Sanders und noch jemand

 

Bones, Sanders und noch jemand

 

Nach Isongo, dem Hauptort des gleichnamigen Distriktes, kam eine Frau der Isisi, die ihren Mann verloren hatte. Durch eine Vorsehung des Schicksals war er von einem Baum erschlagen worden. Ich sage »durch eine Vorsehung des Schicksals«, denn es war allgemein bekannt, daß er einen bösen Charakter gehabt hatte. Er war ein Trinker und ein Freund schlechter Menschen gewesen. Auch hatte er Zauberei im Walde ausgeübt, und es ging das Gerücht, daß er ein Vertrauter Baschunbis, des Bruders des großen Teufels M’shimba-M’shamba, gewesen war. Er schlug seine Frauen, und einmal steckte er aus reiner Bosheit seine Hütte in Brand.

 

Als er nun auf einer aus Gras geflochtenen Totenbahre zum Dorf zurückgetragen wurde und die Frauen seines Hauses sich mit grünen Blättern bedeckten und Arm in Arm die Dorfstraße entlang den Totentanz tanzten, klang ihr Gesang nicht sehr traurig, und ihr Schritt war fröhlicher und lustiger, als er bei dieser Gelegenheit hätte sein sollen.

 

D’wiri, ein alter Mann, der alle Tanzschritte genau kannte, sah es von seiner Hütte aus und sagte entrüstet, daß die Frauen schamlos seien. Aber er war alt und fürchtete außerdem, daß bei seinem eigenen Tode die guten Sitten außer acht gelassen werden könnten, wenn man derartigen Ausschreitungen nicht beizeiten entgegenträte.

 

Als M’lama, das Weib des G’mami, sah, daß ihr Herr und Gebieter in einem Boot zu den Inseln in der Mitte des Stromes gerudert wurde, wo er begraben werden sollte, klagte sie noch während der vorgeschriebenen Zeit um ihn, dann wusch sie am Flußufer den Staub von ihrem Körper und ging in ihre Hütte zurück. Und alle Trauer um den Toten war mit dem Staub und der Asche weggewaschen worden.

 

Viele Monde wechselten am Himmel, ehe M’lama ihre außerordentlichen Gaben zeigte. Man sagte, daß ihre Kräfte sich zum ersten Male in einer Nacht nach einem großen Sturm kundtaten, als die Blitze wie Schloßen auf den Strom niederfuhren. Selbst der alte D’wiri konnte sich nicht an ein ähnliches Unwetter erinnern. In dieser Nacht brachte die Frau eines Jägers ihr sterbendes Kind in die Hütte der Witwe. Es hatte eine Fischgräte verschluckt, die ihm im Halse steckengeblieben war, und es war schon beinahe erstickt. M’lama streckte ihre Hand aus, legte sie auf den Kopf des Kindes, und sofort flog die große Gräte heraus.

 

»Dabei erscholl ein Schrei, der so schrecklich und furchtbar war wie das Geschrei eines Leoparden, der in den Wäldern von Geistern verfolgt wird.« (Nach dem Bericht Ahmets.)

 

Eine Woche später fiel ein kleines Kind in Krämpfe. M’lama legte ihre Hand auf seine Stirn, und siehe, die Krämpfe wichen, es wurde ruhig und schlief ein.

 

Ahmet, der Hauptspäher der Regierung, hörte von diesen Dingen und kam während einer dreitägigen Reise auf dem Strom zu dem Orte Isongo.

 

»Was sind das alles für Wundergeschichten?« fragte er.

 

»Capita«, sagte der Häuptling, indem er die ehrende Anrede gebrauchte, die in dem belgischen Kongogebiet üblich ist, »dieses Weib M’lama ist wirklich eine Hexe, sie hat übernatürliche Gaben, denn durch die Berührung ihrer Hand weckt sie die Toten auf. Das habe ich selbst mit meinen eigenen Augen gesehen. Auch sagt man, daß sie Ugomis schwere Wunden heilte, als er beim Holzfällen sich mit der Axt in den Fuß schlug.«

 

»Ich will M’lama sehen«, erwiderte Ahmet ernst.

 

Er fand sie in ihrer Hütte. Sie warf müßig vier Ziegenknochen auf den Boden, und jedesmal fielen sie anders. »O Ahmet«, sagte sie, als er eintrat, »du hast ein krankes Weib, und dein erstgeborener Sohn kann nicht sprechen, obgleich er sechs Jahre alt ist.«

 

Ahmet setzte sich an ihrer Seite nieder. »Weib, sage mir etwas, worüber nicht am ganzen Fluß geredet wird, und ich werde deinen Zauber glauben.«

 

»Morgen wird dein Herr, der große Sandi, dir ein Buch (Brief) senden, worüber du sehr glücklich sein wirst.«

 

»Mein Herr schickt mir jeden Tag ein Buch«, entgegnete Ahmet zweifelnd, »und jedesmal bin ich glücklich, wenn ich es empfange. Auch weiß man am Fluß, daß um diese Zeit Boten kommen mit Beuteln voll Silber und Säcken voll Salz, um die Leute nach ihrem Verdienst zu bezahlen.«

 

Sie ließ sich nicht verblüffen. »Du hast einen kranken Finger, den niemand gerade machen kann – aber sieh her!«

 

Bei diesen Worten nahm sie seine Hand in die ihre und drückte auf das aus dem Gelenk gesprungene Glied. Ahmet fühlte einen heftigen Schmerz im ganzen Arm und stöhnte. Als er aber seine Hand wieder zurückzog, war sein Finger wieder in Ordnung, denn er konnte ihn biegen. Der Militärarzt an der Küste hatte vergeblich versucht, ihn wieder einzurenken.

 

»Ich sehe, du bist wirklich eine Zauberin«, sagte er bewundernd, denn die Eingeborenen haben eine Abscheu gegen Krankheit und Mißbildung jeder Art.

 

Ahmet sandte einen langen Bericht an Sanders über alles, was er gesehen und gehört hatte.

 

Distriktsgouverneur Sanders saß in der schönen Residenz an der Küste und erhielt auch viele andere Nachrichten. Manche von ihnen erfreuten ihn, andere verursachten ihm Sorge und Kummer. Die überseeische Post war gerade von einem schnellen Dampfboot zur Küste gebracht worden.

 

Captain Hamilton, der die Haussa befehligte, hatte einen dicken Brief bekommen, der von einer Frauenhand geschrieben war, und brachte Sanders, wie er dachte, frohe Nachricht. Der Distriktsgouverneur war allerdings im Zweifel, ob diese Nachricht gut oder böse sei.

 

»Es wird Ihr sicher in diesem Lande gefallen«, meinte er, »besonders in dieser Gegend – aber was wird Bones dazu sagen?«

 

»Bones!« wiederholte Captain Hamilton ein wenig verächtlich. »Kommt es darauf an, was Bones dazu sagt?« Trotzdem ging er zum Ende der Veranda, die dem Meere zu lag und rief mit lauter Stimme, so daß er die Brandung übertönte. »Bones!«

 

Aber es kam keine Antwort, was auch seinen guten Grund hatte.

 

Sanders trat aus dem Hause. Er hatte den Tropenhelm in den Nacken geschoben und rauchte eine große Zigarre.

 

»Wo ist er denn?«

 

Hamilton wandte sich um. »Ich gab ihm den Auftrag – das heißt, er bot sich eigentlich freiwillig dazu an –, einen Schützengraben auszuheben.«

 

»Erwarten Sie denn einen Angriff?«

 

Hamilton grinste. »Bones erwartet ihn. Er ist ganz begeistert von der Idee und hat mir schon erzählt, wie der Schützengraben ausgehoben werden müsse. Er fühlt sich sehr niedergeschlagen … Sie wissen, was ich meine. Sein Regiment war bei Mons dabei.«

 

Sanders nickte. »Ja, das verstehe ich«, sagte er ruhig. »Und Sie … Sie sind auch ein alter Soldat, Hamilton – wie ertragen Sie es denn?«

 

Hamilton zuckte die Schultern. »Man hätte mich beinahe den Truppen in Kamerun zugeteilt, aber jemand muß doch hierbleiben«, erwiderte er resigniert. »Es ist nun einmal mein Los, hier auszuhalten und die Pflicht zu tun, die mir das Schicksal auferlegt hat. Meine Aufgabe … ist hier …«

 

Sanders legte ihm die Hand auf die Schulter. »Das ist recht«, sagte er und sah ihn so sanft und mild wie eine Mutter an. »Hier haben wir keinen Krieg … wir sind hier die Hüter des Friedens.«

 

»Es ist schrecklich schwer …«

 

»Ich weiß es, ich fühle es selbst. Wir haben keinen Teil an dem Ruhm, an den Möglichkeiten … an dem Schicksal. Aber nicht wir allein müssen aushalten. Denken Sie an die Leute in Indien, die sich vor Gram verzehren … die auf Befehl warten, der sie aus einem schönen Leben in Elend und Tod schickt… sie aber auch an dem Glanz und Ruhm des Krieges teilhaben läßt.«

 

Er seufzte und schaute sinnend auf das blaue Meer hinaus.

 

Hamilton winkte einen Haussa-Korporal heran, der gerade durch den Garten der Residenz ging. »Hallo, Mustaf«, sagte er in dem eigentümlichen Küstenarabisch, »wo kann ich meinen Herrn Tibbetti finden?«

 

Der Mann wandte sich um und zeigte auf das Gehölz, das hinter dem Gebäude lag und sich dreihundert Meilen weit ohne Unterbrechung hinzog. »Herr, er ging dorthin und nahm viele seltsame Dinge mit sich – auch sein Diener Ali Abid war bei ihm.«

 

Hamilton reichte mit seinem Spazierstock durch das offene Fenster und angelte seinen Tropenhelm vom Tisch. »Wir werden Bones aufsuchen«, sagte er grimmig. »Er ist schon drei Stunden fort, und er hat Zeit genug gehabt, die ganzen Schützengräben von Verdun auszuheben.«

 

Es dauerte einige Zeit, bis sie die Arbeitskolonne entdeckten.

 

Bones lag in einem bequemen Klappstuhl im Schatten einer großen Isisi-Palme. Er hatte seinen Tropenhelm über das Gesicht gestülpt, so daß der vordere Schirmrand auf der Nasenspitze ruhte. Seine dünnen braunen Arme waren auf der Brust verschränkt, und seine regelmäßigen Atemzüge deuteten an, daß er sanft eingeschlafen war. Nur zwei Pfähle waren in die Erde geschlagen, und zwischen ihnen hing eine Schnur, die sich traurig im Winde hin und her bewegte.

 

Unter einem nahen Gebüsch lag zusammengerollt vermutlich Ali Abid. Man muß sagen vermutlich, denn es war weiter nichts zu sehen als ein Stück seidigglänzender, brauner Haut, das zwischen dem Hosengurt und einer enganliegenden Segeltuchjacke hervorlugte.

 

Sanders und Hamilton schauten lange Zeit schweigend auf den schlafenden Bones.

 

»Was wird er wohl sagen, wenn ich ihn durch einen Stoß aufwecke?« fragte Hamilton. »Was vermuten Sie?«

 

Sanders runzelte nachdenklich die Stirn. »Er wird erklären, daß er ein neues Schützengrabensystem ausgedacht hat«, meinte er. »Er hat mich neulich fast zum Sterben gelangweilt, als er mir immer wieder von Schützengräben und ähnlichen albernen Dingen erzählte.«

 

Hamilton schüttelte den Kopf. »Diese Lüge wird er Ihnen nicht auftischen. Meiner Ansicht nach wird er als Entschuldigung vorbringen, daß er letzte Nacht so lange aufbleiben mußte, weil ich ihm die Besoldungslisten zur Ausarbeitung gegeben habe, und daß er deshalb heute nicht wachbleiben kann.«

 

Bones schlief ruhig weiter.

 

»Vielleicht erklärt er auch, daß der Kaffee nach dem Essen eine einschläfernde Wirkung auf ihn hat«, sagte Sanders nach einer Weile. »Neulich behauptete er, daß Kaffee ihn müde mache.«

 

»Er sagte sogar ohnmächtig«, verbesserte ihn Hamilton. »Aber ich glaube nicht, daß er jetzt so etwas vorbringt. Höchstens führt er an, daß er die unregelmäßigen Verben der Bomongo-Sprache wiederholt. Bones!« Keine Antwort.

 

Hamilton bückte sich, brach einen langen Grashalm ab und kitzelte Leutnant Tibbetts damit am Ohr. Bones schlug im Schlaf mit der Hand danach, aber er öffnete die Augen nicht.

 

»Bones«, rief Hamilton laut und stieß ihn heftig mit dem Fuß an. »Stehen Sie auf, Sie fauler Teufel – der Feind greift an!«

 

Bones sprang auf, schwankte ein wenig hin und her, blinzelte seinen Vorgesetzten an, riß sich dann zusammen und grüßte stramm militärisch. »Feindlicher Angriff von der linken Flanke her«, meldete er. »Werden wir jetzt zum Abendbrot gehen oder ein Auto nehmen?«

 

»Wachen Sie auf, Napoleon«, rief Hamilton. »Sie sind hier mitten in der Schlacht von Waterloo!«

 

Bones fand allmählich zur Wirklichkeit zurück.

 

»Ich fürchte, ich lag bewußtlos da, mein lieber guter Offizier«, bekannte er. »Tatsächlich …«

 

»Passen Sie auf, was jetzt kommt!« sagte Hamilton zu Sanders.

 

»Tatsächlich bin ich eingeschlafen«, erklärte Bones mit Würde. »Dieser niederträchtige Kaffee, den ich nach Tisch getrunken habe! Außerdem war ich übermüdet, denn ich saß die halbe Nacht bei den Soldlisten. Ich dachte gerade dieses hervorragende Schützengrabensystem aus – es sind nämlich Verbindungsgräben, in denen man nicht naß wird, wenn es regnet –, als ich ohnmächtig wurde.«

 

Hamilton sah ihn enttäuscht an. »Hatten Sie denn nicht die Bomongo-Verben vor?«

 

Bones Augen leuchteten auf. »Aber natürlich!« rief er froh. »Natürlich – ich habe die ganzen unregelmäßigen Verben für mich wiederholt …«

 

»Wecken Sie Ihren Diener auf und kommen Sie mit nach Hause«, unterbrach ihn Hamilton. »Es gibt Arbeit für Sie, mein Junge.«

 

Bones ging zu dem Busch hinüber und weckte den Schläfer durch einen sanften Fußtritt.

 

Ali Abid fuhr in die Höhe.

 

Er hatte ein viereckiges Gesicht, einen großen Mund und braune, unschuldige Augen. Außerdem war er ungeheuer dick. Obgleich er sich den arabischen Namen »Ali« zugelegt hatte, war er seiner Abstammung nach doch ein Küstenneger, was ihm deutlich anzusehen war. Er stand langsam auf, grüßte erst seinen Herrn, dann Sanders und Hamilton.

 

Bones hatte ihn einst auf einer Erholungsreise in Cape Coast Castle gefunden. Ali Abid war der richtige Diener für ihn, er schien ihm vom Himmel gesandt zu sein. Sanders graute es sonst vor Eingeborenen, die englisch sprachen, aber Ali beherrschte diese Sprache vollkommen, denn er war fünf Jahre lang der Diener des Professor Garrileigh gewesen, der ein bedeutender Bakteriologe war und dessen Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der tropischen Medizin acht starke Bände füllten.

 

Sie gingen zusammen zur Residenz zurück. Ali Abid bildete die Nachhut.

 

»Sie müssen nach Isongo gehen, Bones«, sagte Sanders. »Es ist möglich, daß es Unruhen gibt – eine Frau tut dort Wunder. Gehen Sie taktvoll vor, kommen Sie aber vor dem Siebzehnten zu unserem Fest zurück.«

 

»Wie?« fragte Bones.

 

Bones hatte die merkwürdige Gewohnheit, etwas nicht verstehen zu wollen, was er sehr wohl gehört hatte. Er neigte dann den Kopf mit fragendem Gesichtsausdruck vor, legte die Stirn in Falten, die Hand ans Ohr und wartete auf eine Wiederholung.

 

»Sie haben doch gehört, was der Distriktsgouverneur gesagt hat«, brummte Hamilton. »Fest – F-E-S-T.«

 

»Mein Geburtstag ist erst im April, Exzellenz«, erklärte Bones.

 

»Es handelt sich nicht um ein Geburtstagsfest, sondern um eine kleine Empfangsfeier für Miß Hamilton«, erwiderte Sanders.

 

Bones staunte und sah seinen Vorgesetzten ungläubig an.

 

»Was, Sie haben eine Schwester, mein lieber alter Offizier?« fragte er.

 

»Warum, zum Teufel, soll ich keine Schwester haben?«

 

Bones zuckte die Schultern. »Das ist eine ganz einfache, logische Schlußfolgerung. Augenscheinlich hatten Sie in Ihrer Jugend keine begütigende und liebevolle Behandlung. Ich schließe das aus Ihrer Hartherzigkeit und Ihrem Hang, dauernd zu nörgeln, und aus Ihrem rauhen und unliebenswürdigen Charakter – eine Schwester, großer Gott!«

 

»Trotzdem kommt sie hierher«, entgegnete Hamilton. »Und sie ist sehr erpicht, Sie kennenzulernen. Ich habe ihr schon sehr viel von Ihnen berichtet.«

 

Bones lächelte. »Natürlich haben Sie übertrieben – Frauen wollen nicht gern enttäuscht sein. Wissen Sie, was Sie eigentlich hätten tun müssen? Sie hätten mich als einen dummen Esel beschreiben müssen, zwar begabt und so, aber doch als einen ganz gewöhnlichen, dummen Kerl.«

 

»Genau das habe ich auch getan, Bones. Ich habe ihr mitgeteilt, wie Bosambo Sie um zwanzig Pfund betrog; wie Sie hereinfielen und sich hinters Licht führen ließen, als Sie vergrabene Schätze heben wollten; wie die Isisi versuchten, Ihnen ein fliegendes Krokodil zu verkaufen und es Ihnen auch tatsächlich verkauft hätten, wenn ich nicht rechtzeitig dazugekommen wäre. Dann habe ich ihr noch …«

 

»Ich denke, das ist schon genug, Sir!« Bones war rot geworden. »Es sei ferne von mir, mich auf Ihre gemeinen Verleumdungen einzulassen«, erwiderte er hochmütig. »Miß Hamilton wird ja nicht viel von mir zu sehen bekommen. Ein unerschütterliches Pflichtgefühl wird mich von den frivolen Zirkeln menschlicher Gesellschaft fernhalten. Stets tätig und ohne zu schlafen …«

 

»Schützengräben«, sagte Hamilton nur.

 

Bones seufzte, sah seinen Vorgesetzten einen Augenblick schmerzlich an, grüßte dann, machte kurzum kehrt und ging fort. Ali Abid folgte ihm.

 

Am nächsten Morgen brach er auf, und sowohl Sanders als auch Hamilton kamen zu dem festen Betonkai, um bei der Abfahrt der »Zaire« zugegen zu sein. Sanders gab ihm letzte Instruktionen:

 

»Wenn die Frau das Volk aufrührerisch macht, verhaften Sie sie; wenn sie einen zu großen Anhang hat, verhaften Sie sie; wenn sie aber harmlos ist und nur den Leuten hilft, lassen Sie sie gehen und kommen zurück.«

 

»Und vergessen Sie nicht den Siebzehnten«, fügte Hamilton hinzu.

 

»Ich werde wahrscheinlich nicht zu diesem Zeitpunkt zurückkehren können«, erwiderte Bones ernst. »Ich möchte nicht der steinerne Gast auf Ihrem netten Fest sein, mein alter Sportsmann und Vorgesetzter. Sie werden wohl schon so liebenswürdig sein und meine Abwesenheit Miß Hamilton gegenüber entschuldigen. Ich werde wahrscheinlich Kopfschmerzen oder so etwas Ähnliches haben.«

 

Er winkte traurig zum Abschied, als die »Zaire« in weitem Bogen zur Mitte des Stromes fuhr, und stand melancholisch und in schwermütige Gedanken versunken da, solange Sanders und Hamilton ihn noch sehen konnten.

 

Aber kaum war er außer Sicht, so war er wieder der alte, lustige Bones.

 

»Leutnant Ali«, sagte er, »gehen Sie und holen Sie mein Logbuch. Bringen Sie es in die Kabine des alten Sanders. Dann machen Sie mir eine Tasse Tee und steuern Sie das Schiff nach Ost-Nord-Ost.«

 

»Jawohl, Sir«, entgegnete Ali in fließendem Englisch.

 

Das Logbuch, das Bones führte, war ein Geheimdokument, das seinen Vorgesetzten niemals zu Gesicht kam. Darin standen etwa folgende Eintragungen:

 

Wind NNW. See ruhig. Feindliches Fahrzeug gesichtet an Backbord um 10.31 vormittags. Hauptquartier durch Funkspruch benachrichtigt um 10.32. Kapitän des feindlichen Schiffes angerufen und ihn gewarnt, nicht im Fahrwasser zu fischen. 12.17 kommt Cape M’Gooboori in Sicht. Anker geworfen, um Mittag zu essen und Feuerholz einzunehmen.

 

Cape M’Gooboori war ein Dorf gleichen Namens, und die »ruhige See« war weiter nichts als der Strom. Das »feindliche Schiff« war ein armseliges Kanu, in dem ein alter Isisi-Mann saß, der Fische speerte. Bones umgab alle Dinge mit seiner Phantasie, denn seinem nach Abenteuer lechzenden jugendlichen Gemüt war die graue Wirklichkeit viel zu dürftig.

 

Bei Sonnenuntergang fuhr die »Zaire« langsam zwischen den Sandbänken durch, die vor dem Ufer von Isongo liegen. Bones ging an Land, um seine Nachforschungen anzustellen.

 

Zufällig hatte die Hexe M’lama gerade diesen Abend gewählt, um einige wunderbare Handlungen vorzuführen, und das ganze Dorf lag fast verlassen da.

 

An einer Waldlichtung saß M’lama unter hohen Bäumen und warf Ziegenknochen in die Luft. Männer und Frauen hockten im Kreise vor ihr oder gingen ängstlich und vorsichtig auf Zehenspitzen um sie herum. Sie ließen ihr einen weiteren Spielraum. Ein helles, großes Feuer brannte zu ihrer Seite, von Zeit zu Zeit hielt sie kleine, roh zusammengeflochtene Stäbchen hinein, zog sie brennend heraus, blies die Flamme aus und betrachtete die übriggebliebene Asche.

 

»Hört mich an, ihr Leute«, sagte sie, »und schweiget, damit nicht mein großer Ju-ju euch schlägt, daß ihr sterbt. Wer hat mir dies gegeben?«

 

»Ich war es, M’lama«, sagte eine hagere Frau, deren Gesicht vor Erregung zuckte, als sie ihre braune Hand aufhielt.

 

Die Hexe schaute auf die Sprecherin.

 

»O F’sela«, sagte die Zauberin in singendem Tonfall, »dir wird ein männliches Kind geboren, das größer sein wird als Häuptlinge, aber dann wird dich eine Krankheit befallen, so daß du wahnsinnig wirst.«

 

»O ko!«

 

Die Frau war teils entsetzt über das Geschick, das ihr drohte, teils vor Freude außer sich über die glänzende Zukunft ihres noch ungeborenen Sohnes. Sie starrte ungläubig und furchtsam auf M’lama.

 

Wieder wurde ein geflochtenes Strohstöckchen ins Feuer gehalten, herausgezogen und ausgeblasen, und wieder prophezeite M’lama.

 

Manchmal waren es Ehren und Reichtümer, die sie verhieß, viel öfter aber sah sie Tod und Unglück voraus.

 

Mitten unter diese zitternde Gruppe von Menschen trat plötzlich Bones. Er trug eine tadellos weiße Uniform, aber er war müde, denn die Nacht war nahe und er hatte einen langen und mühseligen Marsch hinter sich.

 

Die Leute, die umhergesessen hatten, sprangen plötzlich auf und hielten die Handknöchel an die Zähne. Sie waren erschrocken und verwirrt.

 

»O M’lama«, sagte Bones liebenswürdig in dem weichen Dialekt der Isisi, die am Strome wohnen, »weissage auch mir!«

 

Sie sah traurig aus, denn sie fürchtete Unannehmlichkeiten für sich selbst.

 

»O Herr«, entgegnete sie mit geheimem Groll und versteckter Tücke, »du wirst sehr krank im Herzen werden – du wirst in ferne Gegenden gehen und dort sterben, und niemand wird dich vermissen.«

 

Bones wurde dunkelrot und drohte der Prophetin mit dem Finger. »Du bist eine unnütze alte Märchenerzählerin«, erwiderte er etwas verwirrt. »Deine Reden drücken das Volk nieder, du nichtsnutziges Frauenzimmer. Ich hasse dich!«

 

Da er englisch sprach, machte es keinen Eindruck auf sie.

 

»Du gehst im Lande umher und hältst die Leute von ihrer Beschäftigung ab«, rief er wütend, »erzählst ihnen dumme Geschichten – verdammt noch einmal, ich werde sehr strenge mit dir sein!«

 

Und er war wirklich strenge, denn er verhaftete sie zur Erleichterung der Zuhörer, die lange warteten, ob nicht ihr Ju-ju ihn totschlagen würde. Als dieses Ereignis nicht eintrat, zerstreuten sie sich allmählich.

 

Dicht vor dem Landungssteg der »Zaire« überredete sie einen der Haussa, die sie festhielten, sie freizulassen. Ihre Überredungskunst war sehr einfach, denn sie biß ihn einfach in den Arm und stürzte davon.

 

Sie ergriffen sie wieder und brachten sie an Bord. Aber sie war halb wahnsinnig vor Schrecken und Furcht vor ihrem kommenden Schicksal.

 

Bones, der zu nahe an die kämpfende Gruppe herankam und aufgeregt zusah, erhielt eine ehrenhafte Verwundung, da seine Nase von einer der wild umherschlagenden Fäuste getroffen wurde.

 

»Sperrt sie in die Vorratskammer ein«, befahl er zornig. »Was ist das doch für eine schlechte Frau!«

 

Am nächsten Morgen war die »Zaire« in voller Fahrt, als Ali mit einer betrübenden Meldung zu Bones kam. »Euer Exzellenz wird sehr traurig sein zu erfahren, daß der weibliche Gefangene seine Kleider vernichtet hat.«

 

»Vernichtet …?« wiederholte der erstaunte Bones und strich vorsichtig mit der Hand über das Pflaster auf seiner Nase.

 

»Während der Nacht hat dieses Subjekt Symptome von Wahnsinn gezeigt. Sie hat sich völlig ihrer Kleider begeben, das heißt, sie hat sie zerrissen.«

 

»Sie hat ihre Kleider zerrissen?« fragte Bones atemlos. Sein Haar sträubte sich.

 

Ali nickte.

 

Die Kleidung der Eingeborenenfrauen variiert je nach dem Grade, den der Einfluß der Missionare auf sie erreicht hat. Isongo lag dicht bei der Missionsstation am Fluß, deshalb bestand M’lamas Kostüm aus einem Stück bedruckten Kattun, das sie eng um den Körper geschlungen hatte. Es sah aus wie ein Rock und hüllte sie von den Achselhöhlen bis zu den Füßen ein.

 

Bones trat an das offene Schiebefenster der Gefängniszelle, schaute aber nicht hinein.

 

»M’lama!«

 

Es kam keine Antwort. Er rief noch einmal.

 

»M’lama, was wird Sandi sagen, wenn du so böse Dinge tust?« Er sprach freundlich zu ihr in der Eingeborenensprache.

 

Es war nur ein seufzender Schmerzenslaut zu hören.

 

»Oh, ai!« schluchzte sie.

 

»M’lama, wir werden bald an die Missionsstation kommen, wo die Gottesmänner wohnen. Dort werde ich dir ein Kleid besorgen, und das wirst du anziehen.«

 

Bones starrte immer noch an dem Fenster vorbei auf das Wasser hinaus, das durch die Schiffsschrauben aufgewühlt wurde. »Denn wenn mein Herr Sandi dich sieht, wie ich dich sehe – das heißt, wie ich dich nicht sehe, du unverschämte Weibsperson«, verbesserte er sich schnell in englisch – »wenn mein Herr Sandi dich sieht, dann würde er große Scham empfinden, ebenso«, fügte er hinzu, als ihm plötzlich ein schrecklicher Gedanke kam und es ihm kalt über den Nacken lief, »wird sich die Dame für dich schämen, die zu meinem Herrn Militini zu Besuch kommt …«

 

Glücklicherweise war eine Jesuitenniederlassung in der Nähe. Bones hielt dort an und besuchte den untersetzten, gutmütigen Pater, der die Station leitete.

 

»Es ist merkwürdig, daß sie alle dasselbe tun«, meinte der Pater nachdenklich, als er mit Bones zu dem Vorratshaus ging. »Ich habe erlebt, daß Frauen in den Polizeigefängnissen im Osten Londons ihre Kleider zerrissen – Frauen unserer eigenen Rasse.«

 

Er kramte in einer großen Schachtel herum und holte verschiedene Kleidungsstücke hervor. »Das ist meine letzte Sendung, die ich von einer wohlmeinenden Londoner Gesellschaft erhalten habe«, sagte er lächelnd und legte einen Haufen Kleider, Hüte, Schuhe und Strümpfe auf den Tisch. »Eine oder zwei Rollen bedruckten Kattun hätte ich sehr gut brauchen können, aber die letzten Pariser Modelle lassen sich nicht recht in Einklang mit strengen religiösen Überzeugungen bringen.«

 

Bones wurde rot, fühlte sich unbehaglich, packte einen Armvoll Kleider und bedankte sich unter vielen Entschuldigungen bei dem liebenswürdigen Pater.

 

Er eilte mit seinen Kleidern zur »Zaire« zurück.

 

»Sieh, M’lama«, sagte er und schob das ganze Paket durch das kleine Guckfenster in der Tür der Zelle. »Hier sind viele schöne, gute Dinge, wie sie die großen Damen tragen, nun wirst du vor meinem Herrn Sandi erscheinen und schön aussehen.«

 

Er trug die Ereignisse in seiner blumenreichen Sprache in das Logbuch ein und war gerade mitten in dieser literarischen Übung, als der kleine Dampfer auf eine Sandbank auflief, bevor der Gang der Maschinen verlangsamt oder Rücklauf eingestellt werden konnte. Das Schiff hatte sich festgefahren.

 

Bones ging an Deck, überschaute wehmütig die Situation, kehrte dann wieder in seine Kabine zurück und trug in das Logbuch ein:

 

12.19 auf em Felsenriff in der B’lidi Bay aufgelaufen. Fürchte, Schiff vollständig verloren. Alle Boote klar zum Niederlassen.

 

In Wirklichkeit gab es überhaupt keine Rettungsboote an Bord der »Zaire«. Auch war nicht die geringste Notwendigkeit vorhanden, sie niederzulassen, denn die ganze Schiffsbesatzung war schon in den Strom gesprungen, stand bis zu den Hüften im Wasser und versuchte mit allen Kräften, die »Zaire« wieder in Fahrt zu bringen.

 

Aber alle Versuche mißlangen. Erst sechsunddreißig Stunden später schwoll der Fluß an, weil im Gebiet der Ochori schwerer Regen niedergegangen war, und bei dem höheren Wasserstand wurde die »Zaire« wieder flott.

 

Bones freute sich, daß er eine schöne Geschichte über seine glückliche Rettung in das Logbuch eintragen konnte.

 

M’lama hatte sich in der letzten Zeit sehr gut betragen, und Bones erlaubte ihr infolgedessen, an Deck zu gehen. Sie konnte sich dort frei bewegen, und außer einem heftigen Wortwechsel mit dem Korporal, den sie in den Arm gebissen hatte, gab es keine Rückfälle. Sie trug einen weißen Rock und eine weiße Bluse, auf ihrem Kopf balancierte sie geschickt einen wunderschönen gelben Strohhut mit lang herabfallenden heliotropfarbenen Samtbändern, die sie abwechselnd vorne oder hinten herunterhängen ließ.

 

»Ein schrecklicher Anblick«, sagte Bones und schüttelte sich vor Mißbehagen, als er sie zum erstenmal in diesem Aufzug sah.

 

Der Rest der Reise verlief ohne Zwischenfall, bis die »Zaire« die äußerste Nordgrenze des Gebietes erreicht hatte, das für die Residenz vorbehalten war.

 

Sanders hatte vier Quadratmeilen Land der kleinen Halbinsel, auf der die Gebäude standen, abholzen und trockenlegen lassen. Durch einen Zaun, der eng mit Stacheldraht umwunden war, und durch einen tiefen Graben waren die Regierungsgebäude von den wilden Wäldern im Norden abgetrennt.

 

An dieser Stelle zeigt der Fluß in der Mitte viele Sandbänke, und es gibt nur zwei tiefe Fahrrinnen, die dicht am östlichen und westlichen Ufer entlanglaufen.

 

Bones hatte sein Logbuch weggeschlossen und stand nun auf der Brücke. Er wiederholte im Geist noch einmal die Geschichte, mit der er seinem Vorgesetzten imponieren und seine Tätigkeit ins rechte Licht setzen wollte. Nebenbei würde er sich dadurch auch bei der neu angekommenen Dame von der besten Seite zeigen.

 

Er hatte auf der Reise ab und zu an Hamiltons Schwester gedacht.

 

Die »Zaire« fuhr dicht am westlichen Ufer, und zwar so nahe, daß eine kühne und gewandte Person an Land springen konnte.

 

Und die Hexe M’lama war kühn und sehr gewandt.

 

Bones wandte sich erstaunt um und sah irgend etwas Weibliches in einem weißen Gewand von Deck springen. Zwei heliotropfarbene Seidenbänder wehten lustig im Winde.

 

»Zum Donnerwetter! Was machst du denn? Das ist garstig – das ist unartig!« schrie Bones entsetzt.

 

Aber sie war im Unterholz verschwunden, bevor das große Schaufelrad der »Zaire« sich rückwärts drehte.

 

Bones bewies größte Geistesgegenwart. Ein gewöhnlicher Mann wäre natürlich sofort über Bord gesprungen, um den Flüchtling zu verfolgen, aber Bones war eben kein gewöhnlicher Mann. Er erinnerte sich in diesem kurzen kritischen Augenblick an die Neigung der Gefangenen, ihre Kleider zu vernichten. Mit ein paar Schritten war er in der Kabine, riß den Bezug des Deckbettes ab, sprang dann kurz entschlossen an Land und rannte in der Richtung vorwärts, in der M’lama entflohen war.

 

Einige Zeit konnte er sie nicht sehen, aber dann sah er durch die Zweige ein weißes Kleid leuchten und stürzte mit einem Schrei darauf zu.

 

Die Gestalt blieb einen Augenblick stehen und wandte sich dann zur Flucht. Aber er hatte sie eingeholt, bevor sie auch nur zwanzig Meter weit laufen konnte. Im Nu hatte er den Bettbezug über sie geworfen. Obwohl sie sich heftig wehrte und unterdrückte Schreie ausstieß, hob er sie auf und schwankte mit seiner Last an Bord zurück. Die »Zaire« hatte angehalten, und man hatte einen Landungssteg ans Ufer gelegt.

 

»Schließe die Fenster, öffne die Tür – so, du altes, nichtsnutziges Weibsbild!«

 

Er zog sie in die verdunkelte Zelle. Der Bettüberzug hüllte sie vollkommen ein, und sie taumelte hilflos zu Boden. Bones warf die Tür krachend ins Schloß, lehnte erschöpft und schweratmend an der Wand und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

Alles dies trug sich in der Nähe des Landungskais zu, auf dem Sanders und Hamilton warteten, Bones kam sich ungeheuer wichtig vor und grüßte strahlend.

 

»Alles in bester Ordnung«, meldete er und stand stramm und gerade wie ein General. »Keine feindlichen Zwischenfälle – außer der Verwundung an meiner Nase, die ich in meinem Rapport noch erwähnen werde – einen weiblichen Gefangenen gemacht nach anstrengender Verfolgung. Ich hoffe, daß Sie meinen Diensteifer und meinen Erfolg Ihrer vorgesetzten Behörde melden werden …«

 

»Schwätzen Sie nicht so viel, Bones«, sagte Hamilton. »Kommen Sie lieber an Land, damit ich Sie meiner Schwester vorstellen kann. Hallo, was ist denn das?«

 

Zwei eingeborene Polizisten kamen auf sie zu und führten die widerstrebende M’lama zwischen sich. Sie war beschmutzt, ihre Kleider saßen verkehrt, und der schöne Hut hing in einem schiefen Winkel vom Kopf nach hinten.

 

»Um Himmelswillen!« rief Bones. »Wer sitzt dann in der Zelle? … Das ist mein Gefangener, mein guter, alter Vorgesetzter.«

 

Hamilton zog die Stirn in Falten. »Ich hoffe, daß Patricia nicht erschrocken ist, sie ging gerade dort am Ufer spazieren.«

 

Bones wurde nicht ohnmächtig, aber die Knie wankten unter ihm. Er nahm sich jedoch sofort wieder zusammen und stützte sich auf den Arm seines treuen Ali. »Mein lieber, alter Freund«, stammelte er gebrochen, »schreckliche Ereignisse … ein Justizirrtum … die größte Tragödie meines Lebens …«

 

»Was ist denn mit Ihnen los?« fragte Sanders erschrocken, denn Bones war kreidebleich geworden.

 

Leutnant Tibbetts antwortete nicht, sondern eilte mit unsicheren Schritten zu der Gefangenenzelle und schloß sie auf.

 

Eine wütende und etwas in Unordnung geratene junge Dame trat heraus. Bones hatte noch nie eine so schöne und graziöse Gestalt gesehen.

 

Sie sah von ihrem verstörten Bruder auf Sanders und von Sanders auf ihren Gefängniswärter, der sich sehr elend fühlte.

 

»Aber was in aller Welt …«, begann Hamilton.

 

Plötzlich zuckten ihre Lippen, und sie brach in ein fröhliches Lachen aus.

 

»Wenn ich Sie in meinem Übereifer verwechselte«, sagte Bones heiser, »in der Dämmerung, Sie werden verstehen, gnädige Frau … das weiße Kleid …« Er streckte die Arme mit verzweifelter Gebärde aus. »Ich kann als Gentleman nicht anders handeln … ich habe einen geladenen Revolver in meiner Kabine … leben Sie wohl!«

 

Er machte eine tiefe Verbeugung vor der jungen Dame, grüßte seinen bestürzten Vorgesetzten militärisch, machte linksum kehrt und wäre über einen Eimer gefallen, wenn ihn Hamilton nicht gepackt hätte.

 

»Sie sind wirklich ein Esel«, rief Hamilton, indem er seine Empörung unterdrückte. »Patricia, darf ich dir Leutnant Tibbetts vorstellen, von dem ich dir schon so viel geschrieben habe?« Sie schaute Bones mit lachenden Augen an. »Ich habe mir gleich gedacht, daß er es war.«

 

Von Auge zu Auge

 

Von Auge zu Auge

 

»Bones«, sagte Captain Hamilton verzweifelt, »Sie werden niemals ein Napoleon werden!«

 

»Lieber alter Herr und Kamerad, Sie sind ein schrecklicher Pessimist.«

 

Bones wurde nämlich gerade in den Gegenständen C und D geprüft, um seine Qualifikation zur Beförderung zum Captain nachzuweisen. Da niemand anders zugegen war, leitete Hamilton das Examen. Nach allen Regeln und Gesetzen, die für militärische Prüfungen gelten, war Bones nicht nur durchgefallen, sondern hatte eigentlich auch sein Offizierspatent als Leutnant aufs Spiel gesetzt – aber glücklicherweise wurde es in den Kolonien nicht so genau genommen.

 

»Nun will ich Ihnen noch einen Fall vorlegen«, sagte Hamilton. »Angenommen, Sie hätten eine Kompanie Soldaten und Sie würden von drei Seiten angegriffen. Hinter Ihnen auf der vierten Seite

 

!34 würde ein Fluß liegen und Sie müßten erkennen, daß Sie sich nicht mehr lange halten können – was würden Sie dann tun?«

 

»Mein lieber alter Herr«, erwiderte Bones nachdenklich und legte die Stirn in Falten bei der unerhörten Anstrengung, die richtige Antwort zu geben. »Ich würde ans Ufer eilen, mir den Kopf mit Wasser kühlen, dann mit mir zu Rate gehen und einen Entschluß fassen.«

 

»Dann wären Sie verloren«, seufzte Hamilton, »Sie sind doch der letzte in der Welt, den Sie um Rat fragen könnten, Bones. Nun hören Sie einmal zu«, Hamilton machte einen letzten verzweifelten Versuch, einen Schimmer militärischen Verständnisses bei seinem Leutnant zu erwecken. »Nehmen Sie einmal an, Sie zögen mit hundert Schützen durch den Wald, und Sie fänden Ihren Weg durch eine Armee von tausend Bewaffneten versperrt – was würden Sie tun?«

 

»Ich würde zurückgehen – und zwar sehr schnell.«

 

»Zurückgehen? Zu welchem Zweck wollen Sie denn zurückgehen?« fragte Hamilton erstaunt.

 

»Das ist doch ganz einfach«, erklärte Bones. »Ich würde umkehren, um mein Testament zu machen und schnell noch ein paar Briefe an meine lieben alten Freunde in der Heimat zu schreiben. Sie müssen nämlich wissen, ich habe Freunde, Ham«, sagte er mit Würde, »wirklich liebe, nette Freunde, die auf jeden meiner Fußtritte achten und denen meine Stimme Musik bedeutet.«

 

»An welchen Geistesstörungen leiden denn diese Herrschaften sonst noch?« fragte Hamilton etwas beleidigend und schlug sein Buch mit einem Knall zu. »Nun werden Sie sehr traurig sein, daß ich Sie nicht für die Beförderung zum Captain in Vorschlag bringen kann.«

 

»Das ist doch nicht Ihr Ernst?« fragte Bones heiser.

 

»O ja, das ist mein Ernst.«

 

»Ich dachte, wenn mich ein Kamerad prüfte, würde ich das Examen mit fliegenden Fahnen bestehen.«

 

»Dann bin ich eben nicht Ihr Kamerad. Sie wollen mir doch nicht etwa zumuten, daß ich die Öffentlichkeit betrüge und Ihnen Fähigkeiten zuschreibe, die Sie gar nicht besitzen?«

 

»O doch, dieser Meinung bin ich!« Bones nickte heftig. »Tun Sie es doch um meinet – und um meines Kindes willen.« Mit dem »Kind« meinte er den schwarzen, kleinen Buben, den er gerettet und adoptiert hatte. »Nicht einmal um des Kindes willen – Sie sind durchgefallen!«

 

Bones sagte nichts, und Hamilton las die Papiere, Formulare und all die andern Dinge zusammen, die zu einem Examen notwendig sind.

 

Er schaute plötzlich auf und entdeckte, daß Bones ihn anstarrte, jedoch nicht in der Art, wie er es gewöhnlich tat. Es lag diesmal etwas Unheimliches in seinem Blick.

 

»Zum Teufel, was glotzen Sie mich so an?«

 

Bones sprach nicht, nur seine runden, großen Augen waren unbeweglich auf seinen Vorgesetzten gerichtet.

 

»Wenn ich gesagt habe, daß Sie das Examen nicht bestanden haben«, meinte Hamilton freundlich, »dann sollte das natürlich heißen …«

 

»Daß ich es bestanden habe«, rief Bones aufgeregt.

 

»Sagen Sie es doch, sagen Sie es: ›Bones, ich gratuliere Ihnen, alter Kamerad‹ …«

 

»Es sollte heißen«, erklärte Hamilton kühl, »daß Sie nach vier Wochen wieder eine Chance haben.«

 

Leutnant Tibbetts‘ Gesicht zuckte, und er sah sehr traurig aus.

 

»Es hat nicht geklappt«, sagte er bitter und verließ das Zimmer.

 

»Ein verrückter Kerl«, sagte Hamilton und lächelte.

 

»Fällt dir an Bones nicht etwas auf?« fragte Patricia ihren Bruder am nächsten Morgen.

 

Hamilton schaute über die Zeitung zu ihr hinüber. »An Bones fällt einem eigentlich nur Bones auf. An diese Tatsache werde ich täglich erinnert.«

 

Sie schaute zu Sanders hin, der auf der Veranda auf und ab ging.

 

»Haben Sie nicht etwas an ihm bemerkt, Mr. Sanders?«

 

»Ich habe nur beobachtet, daß er jetzt immer in Gedanken versunken ist und einen anstarrt«, sagte er nach einer Pause.

 

»Das meine ich ja gerade«, erwiderte Patricia. »Er starrt einen so entsetzlich an – das tut er nun schon eine Woche lang –, glauben Sie, daß ihm irgend etwas fehlt – daß er krank ist?«

 

»In der letzten Woche hat er sich ganz still in seiner Hütte gehalten«, meinte Hamilton nachdenklich. »Ich dachte allerdings, daß er für sein Examen büffelt. Aber jetzt entsinne ich mich, daß er auch mich so merkwürdig angesehen hat.«

 

Der Gegenstand ihrer Unterhaltung erschien plötzlich am andern Ende des Exerzierplatzes. Sie sahen alle zu ihm hinüber. Zuerst ging Bones langsam zu der Haussa-Schildwache hinüber, die das Gewehr schulterte.

 

Bones blieb vor dem Soldaten stehen und schaute ihn groß und fest an. Jedenfalls wußten die Beobachter auf der Veranda, daß er das tat, es war aus seiner ganzen Haltung zu schließen. Dann hob sich plötzlich die Hand des Soldaten, und er präsentierte, ohne daß irgendein Wort gesprochen wurde.

 

»Was macht denn der Mann?« fragte Hamilton aufgebracht. »Schildwachen präsentieren doch nicht vor Subaltern-Offizieren!«

 

Bones ging weiter, blieb vor einer der Hütten stehen, in denen die verheirateten Haussas wohnten, und sah zu dem Weib des Sergeanten Abibu hinüber. Er starrte lange und ernst auf die Frau. Sie kicherte zuerst, rückte dann unruhig hin und her, während sie seine Blicke erwiderte und plötzlich begann sie zu tanzen.

 

»Um Himmelswillen …«, sagte Sanders atemlos, als Bones weiterging.

 

»Bones!« rief Hamilton laut.

 

Leutnant Tibbetts wandte sich nach der Veranda um und kam langsam auf das Haus zu.

 

»Was ist denn mit Ihnen los?« fragte Hamilton.

 

Bones sah rot und erregt aus, und seine Augen blitzten. Obgleich er sich den Anschein der Gleichgültigkeit geben wollte, war ihm doch anzusehen, wie er triumphierte und mit sich zufrieden war.

 

»Was gibt es, mein lieber alter Offizier?« fragte er möglichst unschuldig und fixierte Hamilton.

 

»Warum verdrehen Sie denn Ihre Augen so? Und erklären Sie mir einmal, warum Sie der Schildwache gesagt haben, daß sie vor Ihnen präsentieren soll?«

 

»Das habe ich dem Mann nicht gesagt, mein lieber alter Kommandeur und Vorgesetzter«, antwortete Bones. Er sah Hamilton fest und eindringlich, beinahe drohend an.

 

»Sagen Sie mal, ist Ihnen nicht ganz wohl, daß Sie so blöd dreinschauen?«

 

Bones blinzelte. »Ich fühle mich sehr wohl, mein Herr und Kamerad«, erwiderte er ernst. »Verzeihen Sie eine Frage – hatten Sie nicht die merkwürdige und unerklärliche Neigung, Ihre rechte Hand zu erheben und mich zu grüßen?«

 

»Was – was?« fragte sein Vorgesetzter erstaunt.

 

»Ich meine, ob Sie nicht eben ein Zucken im rechten Arm gefühlt haben, eine unwiderstehliche Neigung, Ihre Mütze zu berühren?«

 

Hamilton holte tief Atem. »Ich fühlte eine unüberwindliche Neigung, meinen Fuß zu erheben«, sagte er bedeutungsvoll.

 

»Sehen Sie mich einmal an«, bat Bones. »Sehen Sie mir genau ins Auge und denken Sie an gar nichts. So, nun schließen Sie Ihre Augen. Und nun sage ich Ihnen, daß Sie Ihre Augen nicht wieder öffnen können.«

 

»Aber natürlich kann ich sie wieder öffnen! Sind Sie eigentlich betrunken, Bones?«

 

Plötzlich lachte Patricia laut auf. »Jetzt weiß ich, was er will!« rief sie und klatschte in die Hände. »Bones will dich hypnotisieren!«

 

Bones verriet sich durch sein rotes Gesicht. »Das ist die Kraft des menschlichen Auges, mein lieber alter Hamilton«, sagte er schnell. »Manche Leute haben das – es ist eine Gabe. Ich habe sie neulich an mir entdeckt, nachdem ich einen Artikel in der neuen Zeitschrift für Naturheilwesen gelesen hatte.«

 

»Ach so!« Hamilton pfiff. »Darauf ist all Ihr Glotzen und Starren in der letzten Zeit zurückzuführen! Ich kann mich jetzt auch auf verschiedenes besinnen. Neulich während der Prüfung haben Sie mich auch so angeguckt – da wollten Sie mich wohl auch hypnotisieren?«

 

»Lassen wir Vergangenes vergessen sein, mein lieber alter Freund.«

 

»Und als ich Ihnen befahl, die Soldlisten für die Kompanie abzuliefern, die Sie natürlich wieder einmal nicht in Ordnung gebracht hatten, haben Sie mich auch so angesehen.«

 

»Es ist eine Gabe«, sagte Bones leise.

 

»Bones, Bones«, rief Patricia, »mich haben Sie auch mit Ihren Blicken durchbohrt, als ich Ihre Einladung zum Picknick am Ufer nicht annehmen wollte.«

 

»In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt!« sagte Bones sorglos. »Es ist eine wundervolle Gabe.«

 

»Haben Sie denn überhaupt schon einmal jemand hypnotisiert?« fragte Hamilton neugierig.

 

Bones strahlte. »Aber selbstverständlich, mein lieber alter Herr! Meinen Sekretär, den netten alten Ali Abid. Wenn ich den nur von der Seite ansehe, fällt er sofort in Trance. Tatsache, alter Ham!«

 

Hamilton klatschte in die Hände, und die Ordonnanz, die im Schatten der Veranda geschlafen hatte, sprang auf.

 

»Gehe hin und bringe Ali Abid her!« befahl Hamilton. Und als sich der Mann entfernt hatte, fuhr er fort: »Sie bilden sich wohl auch ein, daß Sie durch die Kraft Ihres Blickes der Schildwache suggeriert haben, zu präsentieren, und daß Sie die Frau beeinflußt haben, zu tanzen?«

 

»Sie haben es doch selbst gesehen«, erwiderte Bones selbstzufrieden. »Ich kann nur immer wiederholen, es ist eine wunderbare Gabe. Sobald ich den Artikel gelesen hatte, versuchte ich mich an Ali, und ich hatte gleich beim ersten Versuch Erfolg!«

 

Patricia konnte ihr Lachen nicht unterdrücken, auch Sanders zwinkerte lustig mit den Augen.

 

»Ich erinnere mich jetzt, daß Sie sich auch an mir erproben wollten, als Sie mich baten, Ihnen Urlaub für einen kleinen Jagdausflug zu den N’gombi zu geben.«

 

»Ja, das stimmt, Exzellenz«, gab Bones kleinlaut zu.

 

»Und ich sage Ihnen, daß es nicht ratsam sei; weil Sie mir da oben zuviel Spektakel mit Ihrer Schießerei machen.«

 

»Jawohl, Exzellenz«, pflichtete Bones bei.

 

»Und daraufhin haben Sie mich angestarrt.«

 

»Habe ich das wirklich getan – wirklich?«

 

Als Ali auf der Veranda erschien, atmete Bones erleichtert auf. Er war wieder selbstbewußt und von sich überzeugt.

 

»Miß Patricia, meine Damen und Herren!« begann er in dem Tone eines Vortragsredners. »Sie sehen hier Ali Abid vor sich, meinen vertrauten Diener und Anhänger des Propheten. Ich werde Ihnen nun an ihm die Macht des menschlichen Auges demonstrieren.«

 

Er sah den schläfrigen Ali an. Er starrte ihn schrecklich und drohend an, und Ali, der seinen Herrn befriedigen wollte, erwiderte seinen Blick.

 

»Schließe deine Augen«, befahl Bones. »So, du kannst sie jetzt nicht wieder öffnen. Sage, stimmt das?«

 

»Mein Herr, die optischen Instrumente des menschlichen Gesichtes sind hermetisch versiegelt.«

 

»Ich werde ihn jetzt in Trancezustand versetzen!« erklärte Bones und bewegte geheimnisvoll seine Hände in der Luft hin und her. Ali schwankte und wäre umgefallen, wenn Bones ihn nicht gestützt hätte. »Er ist jetzt in tiefster Trance und unempfindlich gegen jeden Schmerz!«

 

»Leihe mir doch schnell einmal eine Nadel, Patricia!« rief Hamilton.

 

»Und jetzt, meine Herrschaften«, fuhr Bones hastig fort, »erwecke ich ihn wieder zu vollem, klarem Bewußtsein.« Er schnappte mit den Fingern.

 

Ali erhob sich, öffnete die Augen und nahm Haltung an.

 

»Ich danke dir, Ali, du kannst jetzt gehen!« Bones wandte sich zu den andern, um ihre Glückwünsche entgegenzunehmen.

 

»Glauben Sie wirklich, daß Sie ihn hypnotisiert haben?«

 

Bones richtete sich zu voller Größe auf. »Mein Herr und Vorgesetzter«, erwiderte er steif, »wollen Sie etwa damit sagen, daß ich ein netter alter Betrüger bin? Sie haben doch die Schildwache gesehen und die Frau!«

 

»Und ich habe Ali gesehen!« Hamilton nickte. »Und ich möchte wetten, daß Ali der Schildwache und der Frau etwas gegeben hat, damit sie sich von Ihnen zum Narren halten lassen!«

 

Bones machte eine kurze, korrekte Verbeugung. »Über meine persönlichen Gaben, mein Herr, kann ich nicht sprechen. Auch Sie wissen, daß es Dinge gibt, die so zart und delikat sind, daß man nicht darüber diskutieren kann, es sei denn mit Leuten, die einem freundlich und sympathisch gegenübertreten. Ich werde meine Studien der psychischen Geheimnisse unentwegt fortsetzen, unbekümmert um den kalten, eisigen Hauch der Kritik und des Zweifels.«

 

Er grüßte jeden einzelnen, drehte sich um und verschwand hocherhobenen Hauptes, ein Bild beleidigten Stolzes.

 

Am Abend lag Sanders in seinem Bett und hatte sich gerade auf die rechte Seite gelegt. Er befand sich im dritten Stadium des Wohlbefindens, das aus dem gewöhnlichen Leben hinüber in die Gefilde des Schlafes und des Traumes führt. Halbwach hörte er noch den Regen vom Dach der Veranda hinuntertropfen und nahm sich vor, am nächsten Morgen Abibu einmal ins Gebet zu nehmen. Er sollte ihm erklären, warum die Regenröhre wieder verstopft war, denn Abibu hatte beim Bart des Propheten einen feierlichen Eid geleistet, daß die Dachrinnen und Abfallrohre der Residenz von allen Vogelnestern und allem Unrat gereinigt seien.

 

Der Regen tropfte, und Sanders versank in das Nichts der Nacht.

 

Aber plötzlich öffnete er die Augen wieder, denn von draußen klopfte es an die Fensterläden. Er stand auf, schlüpfte in seine leichten Schuhe, zog den seidenen Schlafrock an und machte Licht. Dann ging er in das Speisezimmer, in dem über Nacht die Stühle zusammengestellt waren. Die große Wanduhr tickte. Er zögerte einen Augenblick, bevor er den Schalter andrehte, ging zur Tür und öffnete.

 

»Komm herein«, sagte er auf arabisch.

 

Ein schlanker, fast unbekleideter Mann trat ein. Er trug nur einen Fez auf dem Kopf und ein kleines Tuch um die Hüften. Er war platschnaß, und unter seinen Füßen bildeten sich zwei kleine Wasserlachen auf der weißen Matte. Aber er hatte diese merkwürdig stolze Haltung, die die Mohammedaner von allen andern Eingeborenen auszeichnet.

 

»Friede sei mit diesem Hause!« sagte der Mann und hob seine Hand.

 

»Sprich, Ahmet!« Sanders setzte sich in einen großen Stuhl und lehnte sich zurück. Er faltete die Hände hinter dem Kopf und sah den Mann ernst an, denn er wußte genau, daß keiner seiner Späher nachts ans Fenster klopfen würde, wenn er nicht eine dringende Nachricht zu überbringen hatte.

 

»Herr, es ist schamvoll, daß ich dich aus deinen schönen Träumen geweckt habe, aber ich kam mit dem Strom.« 5 Er schaute auf seinen Herrn nieder und sprach dann in der Art der Kanoleute weiter, die über eine gewisse Beredsamkeit verfügen. »O Herr, es steht geschrieben in der Sure des Ya-Sin ›Es ist der Sonne nicht gegeben, den Mond auf seiner Bahn zu überholen‹ …«

 

»Noch der Nacht, den Tag zu übertreffen, sondern jedes Gestirn wandert den Weg, der ihm vorgeschrieben ist«, beendete Sanders ungeduldig den Koranspruch. »Und so beginnt die Sure der Höhle: ›Preis sei Gott, dem Erhabenen, der seinem Knechte das Buch gesandt hat, in dem kein Falsch steht.‹ Deshalb, Ahmet, sprich vernünftig und verständlich zu mir und spare deine guten Sprüche.«

 

Ahmet kauerte sich nieder.

 

»Herr«, sagte er dann, »von der Biegung des Stromes, wo der Isisifluß das Land in das Gebiet der N’gombi und das des Guten Häuptlings teilt, kam ich. Ich reiste Tag und Nacht, denn es sind viele merkwürdige Dinge geschehen, die zu wunderbar für mich sind. Dieser Häuptling Busesi, den alle Menschen gut nennen, hat eine Tochter von seinem zweiten Weibe. In dem Jahre, als die große Ernte war, wurde sie an einen Fremden verheiratet, der im Walde wohnt. Er heißt Gufuri-Bululu, und er nahm sie mit sich in seine Hütte.«

 

Sanders hörte interessiert zu. »Sprich weiter.«

 

»Und nun, o Herr, ist sie zurückgekehrt und vollführt jetzt wunderbare Zauber. Durch das Wunder ihrer Augen kann sie Tote zum Leben erwecken und Lebende sterben lassen, und alle Leute sind sehr in Furcht. Auch lebte dort ein blinder weiser Mann in dem Walde, der von seiner Tochter geführt wurde. Und weil er so klug war und diese Frau D’rona Gufuri alle haßt, die ihr den Rang streitig machen, hat sie gewisse Leute dazu angestiftet, das Mädchen zu fangen und sie so lange unter Wasser zu halten, bis sie starb.«

 

»Das ist ein böses Palaver. Aber erkläre mir, was du mit dem ›Wunder ihrer Augen‹ sagen willst.«

 

»Herr, sie sieht die Männer an, und dann müssen sie nach ihrem Willen handeln. Nun ist es jetzt ihr Wille, beim nächsten Neumond ein großes Tanzfest aufzuführen, und danach will sie die Krieger des Volkes von Busesi ausschicken, damit sie gegen die N’gombi ziehen sollen. Der Häuptling, ihr Vater, ist alt und etwas verrückt, und aus diesem Grunde wird er gut genannt.«

 

Sanders preßte nachdenklich die Lippen aufeinander. »Durch das Wunder ihrer Augen!«

 

»Herr, ich selbst habe es gesehen. Sie hat Männer durch ihre Blicke zu Boden gestreckt, andere hat sie wild und verrückt gemacht.«

 

Sanders wandte sich um, als er ein Geräusch hörte. Hamilton erschien und blinzelte schlaftrunken ins Licht.

 

»Ich hörte sie sprechen«, entschuldigte er sich. »Was gibt es denn?«

 

Sanders wiederholte kurz die Geschichte, die Ahmet ihm berichtet hatte.

 

»Das trifft sich ja gut«, meinte Hamilton, der gegen alles Erwarten erfreut zu sein schien.

 

»Wieso denn?«

 

»Bones!« rief Hamilton. »Bones eignet sich doch vorzüglich für diese Aufgabe. Er soll die Frau durch seine Blicke bändigen. Ich werde in sein Quartier gehen und ihn holen.«

 

Hamilton zog sich schnell an, schlüpfte in seinen Regenmantel und ging über den großen, dunklen, viereckigen Platz zu der Wohnung von Tibbetts.

 

Als er die Tür geöffnet hatte, drehte er seine elektrische Taschenlampe an und beleuchtete den Schläfer. Bones lag schnarchend auf dem Rücken, sein Mund stand weit offen, und ein langes, sehniges Bein schaute weit unter der Bettdecke hervor.

 

Hamilton fand die Petroleumlampe und steckte sie an. Dann machte er sich an die schwierige Aufgabe, seinen Untergebenen zu wecken. »Stehen Sie auf, Sie schläfriger Teufel!« rief er Bones an und schüttelte ihn heftig an den Schultern.

 

Bones öffnete die Augen und sah ihn schnell an.

 

»Auf das Wort Eins«, sagte er heiser, »setzt man den linken Fuß etwa eine Spanne weit nach links, gleichzeitig bringt man das Gewehr rechts in eine horizontale Lage – Eins!«

 

»Wachen Sie auf, wachen Sie auf, Bones!«

 

Bones stieß einen unterdrückten Schrei aus, etwa wie ein Pantherweibchen, das zum Lager zurückkehrt und entdeckt, daß die Jungen von wilden Schweinen gefressen worden sind. Und dann legte er sich auf die rechte Seite.

 

Hamilton hob Bones in die Höhe und ließ ihn wieder auf das Bett fallen.

 

»Meine Herren Geschworenen«, sagte Bones, »ich stehe vor Ihnen als ein ruinierter Mann. Der Trunk hat mich so heruntergebracht, wie der gute alte Richter schon sagte. Ich habe Wilfred Morgan umgebracht, aber ich bitte um Ihre Gnade.« Er grüßte steif, sank auf sein Kissen und fiel gleich darauf wieder in tiefen Schlaf.

 

Hamilton seufzte. Er hatte Bones schon manchmal geweckt, aber es war niemals so schwierig gewesen wie diesmal. Er nahm eine Selterwasserflasche, öffnete sie und hielt ihm die Öffnung vor das Gesicht.

 

Bones fuhr mit Gebrüll in die Höhe.

 

»Hallo, Harn, mein lieber alter Offizier, das ist das Ende! Sie bleiben bei dem Rettungsboot stehen und schießen jeden erbarmungslos nieder, wenn er auch nur den Versuch macht, das Schiff zu verlassen, bevor die Torpedos in Sicherheit sind. Ich gehe indessen nach unten und sehe nach den Frauen und Kindern.« Er machte kurzum kehrt und war im Begriff, in die regnerische Nacht hinauszuwandern, als Hamilton ihn am Arm ergriff.

 

»Halt! Ziehen Sie sich erst an! Sanders muß Sie sprechen!«

 

Bones nickte.

 

»Ich werde gleich hinüberkommen und ihn aufsuchen«, sagte er, kroch ins Bett zurück und schlief im nächsten Augenblick wieder.

 

Hamilton machte das Licht aus und ging zu der Residenz zurück.

 

»Ich hatte nicht das Herz, ihm das Ohr abzuschneiden«, erklärte er bedauernd. »Ich fürchte, wir werden nicht vor morgen früh in der Lage sein, ihn zu Rate zu ziehen.«

 

»Es ist ja schließlich auch Zeit bis morgen. Ich habe Abibu schon Befehl gegeben, Vorräte und Feuerholz an Bord zu bringen und die Kessel der ›Zaire‹ zu heizen. Wir wollen uns jetzt wieder hinlegen und es ebenso machen wie Bones.«

 

»Das soll der Himmel verhüten!«

 

Bones erschien in bester Stimmung zum Frühstück. Er hörte die Nachrichten von den unangenehmen Vorgängen bei den N’gombi und setzte die ernste Miene auf, über die sich Hamilton gewöhnlich ärgerte.

 

»Es wäre besser gewesen, wenn Sie mich in der Nacht geweckt hätten«, sagte er gewichtig. »Das wären Sie mir schuldig gewesen, mein lieber alter Offizier.«

 

»Was, wir hätten Sie wecken sollen?« brach Hamilton los.

 

»Wir haben den Versuch gemacht, Bones, aber wir hatten keinen Erfolg«, begütigte Sanders.

 

Staunen und Verwunderung zeigten sich auf den jugendlichen Zügen des Leutnants Tibbetts.

 

»Wie, Sie haben mich geweckt?« fragte er ungläubig.

 

»Jawohl! Ich habe Sie nicht nur gerufen, ich habe Sie auch geschüttelt, gestoßen – ich habe Ihnen Wasser ins Gesicht gegossen!«

 

Ein schwaches, verzweifeltes Lächeln ging über Bones‘ Gesicht.

 

»Sind Sie denn auch wirklich sicher, daß ich das war, mein lieber, alter Offizier?«

 

Hamilton erstickte beinahe vor Wut.

 

»Ich frage Sie ja nur!« Bones wandte sich liebenswürdig an Patricia. »Ich bin nämlich, wie alle wissen, ein leichter Schläfer. Das leiseste Geräusch weckt mich auf, und ich bin sofort bei Bewußtsein. Bosambo nennt mich ›Das Auge, das sich nimmer schließt‹ …«

 

»Bosambo macht sich bekanntlich gern einen Spaß mit dummen Leuten!« unterbrach ihn Hamilton. »Tatsächlich, Bones.«

 

»Wenn ich draußen im Walde kampierte und in einen tiefen Schlaf fiel, meine liebe Schwester, wie das meine Jugend und mein gutes Gewissen mit sich bringen, wurde ich sofort von dem kleinsten Geräusch geweckt und sprang sofort auf die Füße. Gleich darauf hatte ich die Pistole zur Hand. – Und was war es?«

 

»Wahrscheinlich ist Ihnen eine Elefantenherde über die Hühneraugen getrampelt!« meinte Hamilton.

 

»Was war es, meine liebe, gute Patricia?« fragte Bones noch einmal. »In einer Entfernung von hundert Metern hatte ein Fußgänger einen kleinen Zweig zertreten.«

 

»Großartig!« höhnte Hamilton, indem er seinen Kaffee umrührte.

 

»Bones, Sie müssen in das Land hinauf und die wunderbare Kraft Ihrer Augen an D’rona Gufuri erproben«, sagte Sanders.

 

Patricia fühlte sich immer besonders von Sanders angezogen, wenn er so liebenswürdig und geduldig war.

 

Bones lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sprach pathetisch und mit großem Nachdruck, denn er war davon überzeugt, daß nur er allein die Schwierigkeiten seiner Vorgesetzten lösen könne.

 

»Wenn die Kraft des menschlichen Auges von einem wirklichen Wissenschaftler einem Eingeborenen gegenüber angewandt wird, ist sie unwiderstehlich. Sie können bestimmt damit rechnen, daß ich nach vier Tagen mit der Gefangenen wieder hier eintreffe.«

 

»Sie macht Ihnen vielleicht mehr Schwierigkeiten, als Sie erwarten«, erwiderte Sanders ernst. »Je länger man mit diesen Eingeborenen zusammen lebt, desto weniger Selbstvertrauen hat man. Es sind schon sonderbare Fälle in dieser Beziehung vorgekommen. Manchmal besaßen schon Männer die Gabe dieser Frau …«

 

»Vergessen Sie nicht, daß auch ich über diese wunderbare Kraft verfüge, Exzellenz!« unterbrach ihn Bones.

 

»Fürchten Sie nichts, verlassen Sie sich nur auf Ihren alten Bones!«

 

*

 

Sechsunddreißig Stunden später stand Bones vor D’rona Gufuri.

 

»Herr«, sagte die Frau, »die Leute sprechen Böses über mich zu Sandi, und du bist gekommen, um mich in das Dorf der Ketten mitzunehmen!«

 

»Du hast recht, D’rona«, entgegnete Bones und schaute ihr starr in die Augen.

 

»Herr«, sprach die Frau langsam weiter, »du sollst zu Sandi zurückgehen und ihm sagen: ›Ich habe dieses Weib D’rona nicht gesehen ‹ – denn ist dies nicht wahr?«

 

»Iwa! Iwa!« flüsterte Bones heiser.

 

»Du kannst mich nicht sehen, Tibbetti, ich bin nicht hier.« Die Frau sprach vor den versammelten Dorfbewohnern, die mit ihren Fingerknöcheln die Zähne berührten und entsetzt und furchtsam zusahen.

 

»Ich kann dich nicht sehen«, sagte Bones schlaftrunken.

 

»Und jetzt kannst du mich auch nicht mehr hören, Herr.«

 

Bones antwortete nicht mehr.

 

Die Frau nahm ihn am Arm und führte ihn durch die Sträucher, die am Fluß standen und das Dorf vom Ufer trennen. Keiner folgte ihnen, selbst die beiden Haussas, die Leutnant Tibbetts als Bedeckung gefolgt waren, standen wie angewurzelt.

 

Die Frau hatte ihre Hand nur leicht auf seinen Arm gelegt, und Bones tat alles, was sie wollte. Er trat in den Schatten der Bäume, als sich plötzlich vom Boden eine hagere Gestalt erhob und D’rona eine knochige Hand an ihrer Kehle fühlte. Aber sie lachte.

 

»O Mann, wer du auch immer sein magst, sieh mir ins Auge, und deine Kraft wird dahinschwinden.«

 

Sie wandte sich schnell um und wollte das Gesicht des Mannes sehen, der sie angefallen hatte.

 

Sie schrie laut auf, denn er war blind.

 

Bones stand regungslos daneben, ohne etwas zu sehen oder zu hören, als der blinde Zauberdoktor D’rona Gufuri erwürgte, die seine Tochter umgebracht hatte.

 

*

 

»Natürlich denken Sie«, erklärte Bones, »daß sie mich hypnotisiert hat, aber andererseits ist es doch möglich, daß sie überhaupt unter meinem Einfluß gehandelt hat. Die Sache ist zumindest strittig, Exzellenz, durchaus strittig!«

 

    1. Das heißt: Ich kam so schnell als möglich.

 

 

Der verhüllte König

 

Der verhüllte König

 

In jenen Tagen, als Colhemos Kolonialminister war, regierte in Portugiesisch-Guinea ein gewisser Gouverneur, der nur ein geringes offizielles Einkommen, aber eine sehr vergnügungssüchtige Frau hatte. Diese vornehme Dame hatte eine Villa in Cintra, eine Loge im Theater in Sao Carlos, ein Auto, und sie gab für die Stadt- und Landaristokratie der ganzen Gegend Fünfuhrtees im Hotel Nunes.

 

Da das Gehalt ihres Mannes sich nur auf 66,50 Dollar wöchentlich belief, die Unterhaltung der Villa aber allein das Doppelte dieser Summe kostete, kann man leicht verstehen, daß Senor Bonaventura ein bemerkenswerter Mann war.

 

Eines Tages kam Kolonialminister Colhemos in das Auswärtige Amt und ließ Dr. Sarabesta rufen. Dieser Mann war sowohl ein Republikaner als auch ein Intrigant. Er besaß großen Ehrgeiz oder er hatte vielleicht auch idealistische Pläne. Aber das sind gefährliche Eigenschaften für einen Politiker, denn sie führen fast immer zu Revolutionen.

 

»Colhemos«, sagte Dr. Sarabesta dramatisch, »Sie ruinieren mich! Sie ziehen mich in den Staub hinunter und setzen mich dem Haß und der Verachtung der Mächte aus!«

 

Er verschränkte seine Arme und erhob sich von dem Stuhl. Seine Barthaare sträubten sich, und seine tiefliegenden Augen glänzten unheimlich.

 

»Was gibt es denn, Baptisa?« fragte Colhemos.

 

»Wir stehen vor dem Untergang!« rief Dr. Sarabesta aufgeregt und öffnete seine Ledermappe, die auf dem Tisch lag. Er nahm ein Aktenstück heraus. »Lesen Sie!« sagte er und sank wieder in seinen Armstuhl zurück.

 

Die Bogen trugen oben das englische Wappen. Colhemos hielt sich nicht damit auf, die vielen schönen heraldischen Tiere zu bewundern, sondern las das in französischer Sprache abgefaßte Schriftstück, das von den verwahrlosten Zuständen in Portugiesisch-Zentralafrika handelte, die eine dauernde und schwere Gefahr für die englischen Kolonien bedeuteten. Es wurde angedeutet, daß der Sklavenhandel in der portugiesischen Kolonie floriere und daß die Regierung Sr. Majestät des Königs von England Nachrichten erhalten habe, daß Kopfjagden von dem portugiesischen Gebiet aus in das englische unternommen würden, die sich wenig von Sklavenjagden unterschieden.

 

Dieses Schriftstück gründete sich auf eingehende Berichte des Distriktsgouverneurs Sanders, der die Territorien am Großen Strom verwaltete.

 

Colhemos las den Bericht von Anfang bis Ende durch und legte ihn dann nachdenklich wieder auf den Schreibtisch.

 

»Pinto hat die Sache wieder etwas übertrieben«, gab er zu. »Ich werde an ihn schreiben.«

 

»Was Sie an Pinto schreiben, mag ja sehr interessant sein, wenn man es gedruckt in der Zeitung liest«, sagte Dr. Sarabesta heftig. »Aber was soll ich denn nach London schreiben? Dieser Sanders ist ein glaubwürdiger Mann, und die englische Regierung wird auf Grund seiner Berichte handeln.«

 

Colhemos, der wirklich ein großzügiger Mann war – sein Vaterland erlitt einen Verlust, als er in den Revolutionstagen des Jahres 1910 bei den Straßenkämpfen umkam –, legte den Federhalter an die Nase. »Schreiben Sie, daß wir einen besonderen Kommissar nach dem M’fusi-Gebiet schicken werden, um über die Zustände zu berichten, und daß er dauernd dort bleiben wird, um den gesetzlosen Sklavenhandel zu unterdrücken.«

 

Dr. Sarabesta sah verwundert auf. »Pinto wird das sehr unangenehm sein. Außerdem sind die M’fusi sehr schwer zu behandeln. Als wir das letztemal eine Strafexpedition dorthin schickten, kostete das – Heilige Mutter Gottes! Und wieviel Soldaten sind bei der Sache gefallen …«

 

Colhemos nickte. »Der Herzog von Sargosta«, sagte der Minister langsam, »ist ein begeisterter junger Mann. Er gehört zu den Royalisten und ist mit Dr. Ceillo verwandt, dem bekannten freisinnigen Abgeordneten. Ferner ist er ein Freund der Engländer, obwohl seine Mutter eine Amerikanerin war. Den werden wir als Kommissar dorthin schicken, mein lieber Baptisa.«

 

Der liebe Baptisa richtete sich empört auf. »Einen Royalisten!« rief er atemlos. »Wollen Sie denn Portugal in eine neue Revolution stürzen?«

 

»Es gäbe Augenblicke, wo ich Ihre Frage glatt bejahen würde, aber im Moment wird es kein Feuerwerk geben. Es wird alles ruhig bleiben, wenn wir den jungen Mann in die Kolonien schicken. Einerseits wird die Linke im Parlament beruhigt, der Kirche wird damit ein Gefallen getan – außerdem ist es ein Zeichen von Großzügigkeit und liberaler Anschauung. Der junge Mann wird entweder umgebracht werden, oder er wird auch ein Opfer dieser unheimlichen, korrupten Zustände, die nun einmal in unserem Kolonialdienst eingerissen sind.«

 

So wurde denn Manuel Herzog von Sargosta nahegelegt, einen Besuch im Ministerium zu machen. Er kam spornstreichs herbei und eilte die Treppe hinauf, indem er immer zwei Stufen auf einmal nahm. Als er in das Büro des Ministers trat, war er außer Atem. »Sie werden verstehen, mein Herr«, sagte Colhemos, »daß ich mich mit ihrer Ernennung zum Kommissar sehr unpopulär mache. Aber darum kümmere ich mich nicht! Ich denke nur an das Wohl meines Vaterlandes, an die Ehre und den Ruhm unserer Flagge. Möglicherweise werden Sie später einmal Minister an meiner Stelle im Kabinett sein, und es ist sehr gut, wenn Sie dann genügend praktische Erfahrungen sammeln und für Ihre spätere Laufbahn mitbringen.«

 

Dann sprachen sie noch weiter und gestikulierten in der ausgiebigsten Weise.

 

Colhemos begleitete den jungen Mann selbst an den portugiesischen Dampfer, der zur afrikanischen Küste abfuhr.

 

»Ich nehme an, daß die Regierung nichts dagegen hat, wenn ich auf der Hinreise einen britischen Hafen anlaufe? Ich habe nämlich einen Freund in der englischen Armee – wir waren zusammen in Cliffton …«

 

»Mein Freund«, erwiderte Colhemos und drückte die Hand des jungen Mannes, »Sie müssen England stets als einen möglichen Verbündeten betrachten. Lassen Sie keine Gelegenheit außer acht, unseren englischen Freunden den Eindruck zu geben, daß hinter England unentwegt, ungebrochen und mit steter Bundestreue die bewaffnete Macht Portugals steht. Mögen die Heiligen Sie auf Ihren Wegen beschützen!«

 

Dann umarmte er ihn und küßte ihn auf beide Wangen.

 

*

 

Bones drillte gerade Rekruten auf dem Exerzierplatz, als Hamilton ihn von der Ecke der Veranda aus anrief. »Einer Ihrer Freunde ist hier angekommen, um Ihnen einen Besuch zu machen, Bones!«

 

Bones ging ruhig zu ihm hin und legte die Hand an den Helm. »Sir!«

 

»Einer Ihrer Freunde ist eben mit dem portugiesischen Dampfer angekommen.«

 

Bones wußte nicht, wer das sein könnte. Als er zur Veranda hinaufkam, fand er dort einen tadellos gekleideten jungen Mann, der sich mit Patricia Hamilton und Sanders unterhielt. Sanders sah sehr nachdenklich drein.

 

Der Herzog von Sargosta sprang auf, als er Bones sah. »Hallo, Conk!« rief er vergnügt.

 

Bones starrte ihn zuerst an. »Donnerwetter!« stammelte er dann, »das ist ja Mug!«

 

Die beiden schüttelten sich heftig die Hände, stellten einander viele Fragen, die nicht beantwortet wurden, und lachten herzlich. Jeder klopfte dem andern auf den Rücken und beschuldigte ihn, daß er dick geworden sei.

 

Sanders beobachtete die beiden jungen Leute mit großer Teilnahme.

 

»Das hier ist der alte Hamilton!« rief Bones. »Sie müssen vor allen Dingen Ham kennenlernen. Captain Hamilton, Sir, dies ist mein Freund, der Herzog von Sargosta – aber Sie können ihn ruhig ›Mug‹ nennen –, Miß Hamilton, dies ist Mug.«

 

»Wir sind einander bereits vorgestellt worden«, sagte sie lachend. »Aber warum gestatten Sie ihm denn, Sie ›Mug‹ zu nennen?«

 

»Oh, ich liebe diesen Namen. Er erinnert mich an frohe Tage, die ich einst in England verlebte.«

 

Er wurde zum Mittagessen eingeladen, denn der portugiesische Dampfer ankerte bis zum Nachmittag auf der Reede. Bones nahm seinen Freund mit zu seinem Quartier.

 

»Ein fröhliches Paar«, meinte Hamilton fast neidisch. »Gott, wenn ich doch auch noch einmal so jung sein könnte!«

 

Sanders schüttelte den Kopf.

 

»Haben Sie nicht auch diesen Wunsch?« fragte Patricia.

 

»Daran dachte ich eben nicht – ich dachte nur an den liebenswürdigen jungen Mann. Die Zustände im M’fusi-Gebiet sind keineswegs erfreulich, und ich kann mir gar nicht denken, warum die portugiesische Regierung ihn hierhergeschickt hat. Ihr Gebiet grenzt an das Land der Akasava, und deren Häuptling ist einer der größten Schufte auf Gottes Erdboden.«

 

»Aber er sagte doch, daß er mit dem ausdrücklichen Auftrag hierhergeschickt wurde, Reformen durchzuführen?« meinte Patricia.

 

Sanders lächelte. »Ich würde mich nicht scheuen, diese Aufgabe zu übernehmen – und doch…«

 

»Und doch …?«

 

»Ich könnte die Leute reformieren – auch Bones könnte es tun. Aber wenn diese schlimmen Verhältnisse bei den M’fusi tatsächlich geändert werden sollten, so würde das Bonaventura das Genick brechen, denn er kann sich hauptsächlich nur durch die Niedertracht ihres Häuptlings halten.«

 

Beim Mittagessen war Sanders ungewöhnlich still. Aber nur Patricia bemerkte es. Bones und sein Freund brauchten keine weitere Anregung, sie unterhielten sich laut und fröhlich. Als die Abfahrtszeit herbeigekommen war, begleiteten alle den jungen Herzog zum Strand, um ihm Lebewohl zu sagen.

 

»Also, laß es dir gut gehen, alter Mug!« brüllte Bones, als das Boot abfuhr. »Hollahio!«

 

»Sie machen ja einen teuflischen Lärm!« sagte Hamilton bewundernd.

 

Bones schwenkte noch lange seinen Helm.

 

Am Abend hatte er einen unerwarteten Besuch in seiner Wohnung. Denn als er sich gerade zum Essen ankleidete, kam Sanders zu ihm. Das war ein ganz außergewöhnliches Ereignis.

 

Was Sanders mit ihm zu besprechen hatte, soll nicht besonders erzählt werden, denn es war ganz inoffiziell. Aber während des Abendessens verhielt sich Bones so ruhig und reserviert und zeigte einen so ernsten Gesichtsausdruck, daß Hamilton wirklich den Eindruck hatte, er sei krank.

 

Der Herzog setzte seine Reise fort und kam bald zu einem Hafen, der nur aus einem kleinen Küstenstrich, einem Landungsplatz, einem großen weißen Haus und dem Ende der Straße nach Moanda bestand. Moanda selbst erreichte er mit der schlechtesten Eisenbahn, die es überhaupt auf der Welt gibt – er war nicht weniger als vier Tage unterwegs –, und begab sich sofort zum Gouverneur.

 

Dieser Mann war bereits auf die Ankunft und die Mission des jungen Mannes vorbereitet, denn die Post war durch einen Eilboten einen Tag früher als der Herzog angekommen, und Pinto Bonaventura hatte Zeit genug gehabt, sich alles zu überlegen.

 

»Ich werde Ihnen jede mögliche Unterstützung angedeihen lassen«, sagte er, als sie beim Frühstück saßen. »Aber ich kann natürlich nicht für Ihre persönliche Sicherheit auf diesem exponierten Posten garantieren.«

 

»Persönliche Sicherheit?« fragte der Herzog erstaunt.

 

Senor Bonaventura nickte ernst. »Nichts widerstrebt mir mehr als der Sklavenhandel, höchstens noch das Laster des Trunks. Wenn ich diese beiden Übel in der Kolonie beseitigen könnte, würde ich es lieber heute als morgen tun, glauben Sie mir das. Aber ich kann auch keine Wunder wirken, und die Regierung gibt mir nicht genügend Truppen, um diese schrecklichen Laster zu unterdrücken, die wir beide aufs tiefste verabscheuen.«

 

»Aber ich soll doch zu dem Distrikt der M’fusi gehen, um dort die nötigen Reformen durchzuführen«, widersprach der Herzog ein wenig beunruhigt.

 

Der Gouverneur verschluckte sich beim Kaffee und entschuldigte sich. Er lachte nicht, sein langer Aufenthalt in Zentralafrika hatte ihm das abgewöhnt. Er besaß viel Selbstkontrolle in allen Dingen, nur trank er zu viel Marsala. »Bitte, fahren Sie nur fort«, sagte er und zeigte ein vollkommen gelassenes Gesicht.

 

»Es liegt doch im Interesse Portugals ebenso wie in dem Ihren«, sagte der junge Mann ernst und lehnte sich über den Tisch, »wenn ich durch meine Tätigkeit dort die Bedingungen zu Frieden, Wohlfahrt und Nüchternheit schaffen und in diesem verwilderten Gebiet dem portugiesischen Gesetz wieder zu Ansehen verhelfen kann.«

 

»Zweifellos«, gab der ältere Mann mit wichtiger Miene zu.

 

Im Gegensatz zu den Worten des Herzogs muß aber gesagt werden, daß eine Reform der M’fusi keineswegs im Interesse des Gouverneurs lag. Denn er erhielt acht Schillinge für jeden Mann, der ›zur Arbeit ausgehoben‹ wurde, ebenso bekam er von denselben interessierten Syndikaten, die kräftige Arbeiter exportierten, eine Provision von sechs Schilling für jede Kiste mit viereckigen Kognakflaschen und eine noch größere Summe für jedes Faß Rum, das ins Land eingeführt wurde.

 

Wenn die Trunksucht in der Kolonie unterdrückt und dem Gesetz Achtung verschafft worden wäre, dann hätte das die Liebhabereien der eleganten Dame beeinträchtigt, die eine schöne Villa in Cintra bewohnte. Auch das Bankguthaben des Senor Bonaventura auf der Bank von Brasilien hätte sich dann bedeutend vermindert. Ebenso wären gewisse portugiesische Minister betroffen worden, die ihren teuren Pinto nur insoweit kontrollierten, als sie von ihm Zahlungen an die Parteikasse erwarteten. In Wirklichkeit floß dieses Geld natürlich in ihre eigenen Taschen.

 

Aber der Herzog von Sargosta begab sich mit den besten Absichten in die wilden Gegenden. Er war für seine Mission begeistert, er wollte für den Fortschritt und die Zivilisation eintreten und hatte einen vollkommenen Glauben an sich und seine Vorgesetzten. Er nahm wirklich an, daß er die ganze moralische und physische Unterstützung des hochherzigen und patriotischen Gouverneurs genieße. Dieser Mann aber sah der Karawane seines neuen Assistenten nach, als sie in den Wäldern verschwand, die Moanda umgeben. Er gab in seiner blumenreichen Sprache und in vielen Verwünschungen seiner glühenden Hoffnung Ausdruck, daß der Schmutz, die Sümpfe, die Wälder und die Wildnis des M’fusi-Landes diesen jungen Mann für immer verschlingen möchten. Amen. Die Unbeliebtheit des neuen Kommissars war besiegelt, als der Gouverneur von seinem Besuch bei Sanders erfuhr, denn der Name des englischen Distriktsgouverneurs genügte, um bei Pinto Bonaventura einen Wutanfall hervorzurufen.

 

Der Vorgänger des Herzogs von Sargosta war gestorben. Sein Grab lag in dem Garten vor seiner Wohnung und war ganz mit Gras und Unkraut bewachsen. Der neue Ankömmling fand die Korrespondenz des Büros in vollkommener Ordnung, wie ihm ein gelblicher eingeborener Schreiber nachwies. Er entdeckte hundertdrei leere Kognakflaschen hinter dem Hause und verstand nun auch, daß dieses Grab in dem Garten lag. Er stellte fest, daß die letzte Indexnummer der Korrespondenz 951 war.

 

Es war bemerkenswert, daß der Mann, dessen Nachfolger er war, 951 Veranlassungen zum Schreiben gehabt hatte, aber diese Tatsache blieb bestehen. Wahrscheinlich hatten neunhundert Briefe mit dem schrecklichen Zustand der Residenz in Uango-Bozeri zu tun. Das Dach leckte, die Fundamente hatten sich gesenkt, und man konnte nicht eine einzige Tür im Hause schließen.

 

Am Tage seiner Ankunft fand der Herzog eine Mambaschlange in seinem Armsessel, die es sich dort bequem gemacht hatte. Diese Entdeckung ließ vermuten, daß eine ganze Kolonie dieser giftigen Tiere in der Nähe war. (Der Biß der Mambaschlange tötet in genau neunzig Sekunden.)

 

Die andern fünfzig Schreiben hatten wahrscheinlich mit dem ausgebliebenen Gehalt des Kommissars zu tun, denn Portugal befand sich in jener Zeit gerade wieder einmal in Unruhen, und die Minister wechselten in Lissabon so schnell, daß ein Scheck, der vom Auswärtigen Amt zur Bank gebracht wurde, unterwegs schon wieder ungültig wurde, weil inzwischen eine neue Regierung eingesetzt war.

 

Uango-Bozeri lag zweihundertzwanzig Meilen weit von der Küste entfernt und war das Zentrum des unschuldigen Volkes der M’fusi. Hier wohnte der Herzog als Regent über zweitausend Quadratmeilen Land und als Herrscher über einige Millionen Menschen, die noch Kannibalen waren und eine Leidenschaft für das feurige Getränk hatten, das die Händler als Rum bezeichneten. In Wirklichkeit war es etwas anderes, aber für den etwas rauhen Geschmack dieser Leute konnte es ja als Rum gelten.

 

Das ist alles, was von dem Herzog von Sargosta zu berichten ist. Die Häuptlinge beschwindelten ihn, seine Soldaten, mit denen er die Ordnung in dem Gebiet aufrechterhalten sollte, waren gewissenlose Eingeborene, die in seinem Namen plünderten und raubten, ohne daß er etwas davon wußte. Und sein Vorgesetzter, der Gouverneur in Moanda, war ein Schuft, der alle Regierungsgelder unterschlug, die in seinen Machtbereich kamen.

 

Der Herzog erfuhr nach einiger Zeit, daß das Leben auch bitter und demütigend sein kann.

 

In jenen Tagen, als es schon so weit gekommen war, daß er sich manchmal auf das Grab seines Vorgängers setzte, um Gesellschaft zu haben, überschritt eine kleine Gesellschaft vom englischen Territorium her die Grenze, um auf Abenteuer auszugehen.

 

Das Gebiet an der Grenze wurde von dem Häuptling der großen M’fusi beherrscht, der ein Kannibale und Trinker war und zwei Regimenter befehligte.

 

Der Herzog hatte Anweisung erhalten, sich nicht in die Angelegenheiten dieses Mannes zu mischen, und nachdem er einmal einen unangenehmen Fehlschlag in dieser Beziehung erlebt hatte, folgte er dem Rat seiner Vorgesetzten und war mit der gesandten Hüttentaxe zufrieden, obgleich sie im Verhältnis zu dem großen Gebiet lächerlich klein war.

 

Kein weißer Mann reist ohne Einladung des Häuptlings nach der Stadt der M’fusi, und da Karata niemals eine Einladung ergehen ließ, so war das Gebiet der Großen M’fusi eine Terra incognita, selbst für Seine Exzellenz den Generalgouverneur der mittleren und westlichen Provinzen.

 

Karata war durch sein vieles Trinken schon fast um den Verstand gekommen. Er hatte ganz merkwürdige Launen. Wochenlang war es seine Schrulle gewesen, eine Ziegenmaske zu tragen, ein andermal hatte er sich zum Zeichen, daß er an Teufel glaubte, hinter einem geflochtenen Strohpanzer verborgen, der ihn von Kopf bis zu Fuß bedeckte. Er hatte auch noch andere Lebensgewohnheiten, die hier nicht geschildert werden können, aber vor allem hielt er daran fest, niemals Fremde zu empfangen.

 

Unglücklicherweise führte nun die Straße von den englischen Gebieten durch eine Talsenke der M’fusi. Eines Tages kam ein keuchender Bote in den Kral des Häuptlings und warf sich zu dessen Füßen nieder.

 

»O König«, sagte er, »ein weißer Mann ist auf dem Wege hierher, und mit ihm kommt ein gewisser Häuptling mit seinen Leuten.«

 

»Nehmt den Mann gefangen und bringt ihn mit all seinen Leuten gebunden hierher«, befahl Karata, der den Boten mit glasigen Augen anschaute und dem die Zunge schon schwer wurde, denn er hatte eben die zweite Flasche ausgetrunken.

 

Der Bote kehrte zurück und traf die Gesellschaft auf dem Wege. Wie er sich ihr gegenüber verhielt, läßt sich nicht sagen. Vielleicht wurde er beleidigend und anmaßend, da er sich als Vertreter eines so großen Königs sicher fühlte. Es mag auch sein, daß er sich auf einen Kampf einließ in der falschen Ansicht, daß die sechs Krieger, die ihm beigegeben waren, genügten, um den Willen Karatas durchzusetzen. Sicher ist nur, daß er niemals zurückkehrte.

 

An seiner Stelle kam eine kleine, aber furchtbare Schar unter Führung eines weißen Mannes in den Kral des Königs. Und sie kamen im richtigen Augenblick, denn auf dem Boden vor der großen Hütte standen viele viereckige Flaschen, und der große Raum vor dem »Palast« war voll von unglücklichen Leuten, die eiserne Ringe um den Hals trugen und mit Ketten aneinandergefesselt waren. Sie sollten nach der Küste gebracht und in die Sklaverei verkauft werden.

 

Der weiße Mann schob seinen Tropenhelm in den Nacken. »Zum Donnerwetter!« rief er, »das ist ja schrecklich, Bosambo. Das verstößt gegen jedes Gesetz.«

 

Der Häuptling der Ochori schaute sich um. »Diesen Kerl, verdammter Hund!« sagte er auf englisch.

 

Bones schritt gemächlich zu dem schattigen Baldachin, unter dem der König saß und böse auf diese unerwartete Erscheinung schaute.

 

»O König«, sagte Bones in der Akasava-Sprache, die man von Dacca bis zum Kongo spricht, »das ist etwas entsetzlich Böses, was du da tust! Das verstößt gegen jedes Gesetz!«

 

Karata antwortete nicht, sondern starrte ihn nur mit offenem Munde an.

 

In dem Kral waren viele Menschen, Gefangene, Krieger, Ratgeber und Tanzmädchen. Aber als Bones gesprochen hatte, herrschte Totenstille.

 

Alle hörten diese Worte in der ihnen geläufigen Sprache und wunderten sich, daß ein weißer Mann so reden konnte. Bones trug einen Stock und zielte in aller Ruhe. Nachdem er zweimal ausgeholt hatte, schlug er zu.

 

Eine viereckige Flasche splitterte in tausend Stücke, und die dicke heiße Luft wurde von dem Geruch schlechten Alkohols durchtränkt. König Karata, der nicht ohne Grund »Der Schreckliche« hieß, saß verdutzt, schweigend und bewegungslos da und beobachtete, wie Bones eine Flasche nach der anderen zertrümmerte.

 

Aber plötzlich wurde ihm in seinem umnebelten Hirn klar, daß das eine tiefe Verletzung seiner Würde sei. Er erhob sich und brüllte wie ein wildes Tier. Bones wandte sich schnell nach ihm um. Aber Bosambo war noch schneller, mit einigen Schritten war er an der Seite des Königs.

 

»Setze dich sofort nieder, du Hund!« fuhr er ihn an. »Karata, du bist der mit bunten Farben gezierten Hütte sehr nahe, in der die toten Könige liegen.«

 

Karata setzte sich wieder und sah von einem zum anderen. Sein Instinkt sagte ihm, daß er in großer Gefahr schwebte. Er fürchtete den Tod, der in dem erbarmungslosen Lächeln dieses weißen Mannes lag, und er fühlte sich von der Nähe dieses großen Eingeborenen bedroht, der die Affenschwänze als Zeichen seiner Häuptlingswürde trug. Wären diese Leute nur außer seiner Reichweite gewesen, so hätte ein kurzer Ruf, ein Befehl genügt, um sie blutend zur Erde sinken zu lassen, durchbohrt von den scharfen Speeren seiner Krieger. Ihre Leiber hätten noch krampfhaft gezuckt, während ihr Blut bereits die Erde tränkte.

 

Aber sie standen zu nahe bei ihm, und ein solcher Befehl hätte seinen eigenen Tod bedeutet.

 

»O weißer Mann«, begann er.

 

»Du sollst mich ›Herr‹ nennen«, sagte Bones zu Karata.

 

»Herr«, sagte der König düster, »das ist eine merkwürdige Sache – denn ich sehe, daß du ein Engländer bist, und wir sind die Diener eines anderen Königs. Es ist auch verboten, daß ein Weißer – daß irgendein Herr in meinen Kral kommt, ohne mein Wort zu haben, und ich habe selbst Igselensi fortgetrieben.«

 

»Das ist ein törichtes Geschwätz, Karata«, erwiderte Bones, »aber das ist eine gute Rede: Soll Karata leben oder soll er sterben? Auf diese Frage sollst du mir antworten. Wenn du die Leute fortschickst, und wenn du ihnen sagst, daß wir im Schatten deiner Königshütte wohnen werden, dann sollst du leben. Wenn er aber etwas anderes sagt, Bosambo, dann töte ihn schnell.«

 

Der König sah wieder von einem zum anderen. Bones hatte seine Hand in die Uniformtasche vergraben, und Bosambo balancierte seinen kurzen Wurfspeer in der Hand. Der Häuptling schielte zu ihm hinüber und sah sofort, daß die Spitze haarscharf war.

 

Dann wandte er sich zu den Umstehenden, die vor Bones zurückgewichen waren, als er zuerst zum König sprach.

 

»Dieses Palaver ist aus, und der weiße Herr wird in meiner Hütte für diese Nacht wohnen.«

 

»Gott sei Dank!« sagte Bones, als sich die Menge allmählich zerstreute.

 

Senor Bonaventura hörte von der Ankunft eines Weißen im Kral des Königs der M’fusi. Aber er legte der Nachricht keine weitere Bedeutung bei, denn es gab gewisse bevorzugte Händler, die von Zeit zu Zeit Karata besuchten. Er war nur besorgt, weil eine Sendung von achthundert Arbeitern, die ihm Karata versprochen hatte, noch nicht in Moanda eingetroffen war. Aber plötzlich kam panischer Schrecken über ihn, als ein Brief seines Kommissars eintraf, der über das ungewöhnliche Verhalten Karatas berichtete.

 

Das Schreiben des Herzogs lautete:

 

Exzellenz,

 

ich freue mich, von der Besserung des Königs Karata berichten zu können. Ich habe Nachricht erhalten, daß er eine Anzahl Besucher empfing, deren Besuch keinen offiziellen Charakter hatte. Und obwohl ich, wie ich schon in meinem früheren Brief erwähnte, die unangenehmsten Erfahrungen machte, als ich die Stadt der Großen M’fusi betreten wollte, hielt ich es doch für ratsam, dorthin zu gehen und mich einmal persönlich umzusehen.

 

Ich stellte fest, daß tatsächlich Fremde dorthin gekommen waren, daß sie aber gerade an dem Morgen meiner Ankunft wieder abgereist waren. Sie mußten einen ihrer Leute mit sich forttragen, weil er krank war. Bei der Expedition befand sich auch ein Weißer. Das merkwürdigste an der ganzen Sache aber war, daß der König um Mitternacht ein Palaver der Ratgeber und Ersten seines Volkes einberief und ihnen erklärte, daß er von dem Fremden so traurige Nachrichten erhalten hätte, daß es für vier Wochen verboten sein solle, sein Gesicht zu sehen. Am Ende dieser Zeit wolle er von der Erde verschwinden und als Gott unter die Sterne versetzt werden. Bei diesen Worten nahm der König zögernd aus der Hand eines Fremden einen Sack, in den zwei Löcher geschnitten waren, zog ihn über den Kopf und ging so in seine Hütte zurück.

 

Seitdem hat er manche merkwürdigen Dinge ausgeführt. Er hat die Einfuhr von alkoholischen Getränken verboten, hat alle Hörigen und Sklaven befreit und zu ihren Hütten zurückgeschickt und Zifingini, einen der ältesten Häuptlinge der M’fusi, dazu bestimmt, an seiner Stelle König zu sein, wenn er gegangen sei. Außerdem hat er ein neues Regiment von Kriegern aufgestellt.

 

Er hat seine Lebensgewohnheiten völlig geändert. Und obwohl die M’fusi sein Gesicht nicht sehen können und er alle Weiber, Verwandten und Ratgeber in ein entferntes Dorf verbannt hat, ist er doch bei seinen Leuten beliebter als je zuvor.

 

Erhabene Exzellenz, ich sehe, daß die alten Zustände sich nun ändern und daß das Volk der M’fusi bald einer glücklicheren Zeit entgegengehen wird.

 

Genehmigen Sie, erhabene Exzellenz, den Ausdruck meiner außerordentlichen Verehrung.

 

*

 

Der Gouverneur wurde dunkelrot, dann kreidebleich. »Heilige Muttergottes!« stieß er hervor, beinahe vom Schlage gerührt. »Das ist unser Untergang.«

 

Mit zitternder Hand schrieb er ein Telegramm. In gewöhnlicher Sprache übersetzt hatte es folgenden Sinn:

 

*

 

›Sofort de Sargosta abberufen oder kein Geld am nächsten Zahltag.‹

 

*

 

Er überwachte persönlich die Absendung der Depesche, dann ging er in sein Büro zurück, nahm den Brief des Herzogs in die Hand und las ihn noch einmal durch. Plötzlich entdeckte er auf der anderen Seite des Schreibens noch eine Nachschrift.

 

*

 

P. S. I. – Mit Bezug auf die Fremden, die den König besuchten, muß noch erwähnt werden, daß der Mann, den sie in der Sänfte forttrugen, nach allen Berichten der Holzfäller, die die Expedition beobachteten, sehr krank gewesen sein muß, denn er brüllte den ganzen Weg furchtbar, aber der weiße Mann sang noch lauter.«

 

*

 

P. S. II. – Ich höre soeben, Exzellenz, daß »Der verhüllte König«, wie sein Volk ihn jetzt nennt, alle seine Schätze und Reichtümer und noch viele andere Dinge, die er aus den Hütten seiner verbannten Verwandten genommen hat, einem gewissen Bosambo, der Häuptling der Ochori ist, geschickt hat. Er regiert in der benachbarten englischen Kolonie und ist weitläufig mit Senor Sanders verwandt, dem Distriktsgouverneur des englischen Gebietes.«

 

Bones ändert seine Religion

 

Bones ändert seine Religion

 

Captain Hamilton mußte sich in seinem Leben um zwei Menschen kümmern: um seine Schwester und um seinen Untergebenen.

 

Seine Schwester hieß Patricia Agatha, sein Untergebener führte den Familiennamen Tibbetts und den Vornamen Augustus, aber Hamilton hatte ihn in seiner willkürlichen Art »Bones« getauft.

 

Solange Patricia noch in Bradlesham Thorpe in der Grafschaft Hampshire weilte und Bones etwa dreitausend Meilen davon entfernt an der Westküste Afrikas lebte, empfand Captain Hamilton seine Verantwortlichkeit nicht als eine große Last.

 

Als Patricia Hamilton den Entschluß faßte, ihrem Bruder einen Besuch zu machen, geschah es mit seiner vollen Zustimmung, denn er wußte nicht, daß das Zusammentreffen seiner beiden Sorgenkinder Veranlassung zu Schwierigkeiten geben könnte.

 

Patricia war an einem glühendheißen Tropenmorgen angekommen und herzlich von ihrem Bruder empfangen worden. Die Haussa standen in ihren Alltagsuniformen am Ufer und schauten feierlich zu, wie Militini seine Schwester begrüßte.

 

Distriktsgouverneur Sanders, Ritter des Michael- und Georg-Ordens, war ihr etwas formeller gegenübergetreten, denn er hatte eine gewisse Scheu vor Frauen. Und Bones war damals, wie wir ja wissen, nicht zugegen – was in mehr als einer Beziehung unangenehm war.

 

Auch die Tatsache, daß Miß Hamilton außerordentlich hübsch war, machte die Lage für den unglücklichen Bones nicht leichter. Männer, die unter Eingeborenen leben und außer schönen Gestalten, die aber nicht auf europäische Art gekleidet sind, nichts sehen, sind geneigt, jede weiße Frau, die ihnen nach langer Zeit zu Gesicht kommt, für eine Schönheit zu halten. Aber es bedurfte weder des Kontrastes noch des Vergleichs mit den Eingeborenen, um Patricia zu bewundern.

 

Sie war von keltischem Typus und etwas über mittelgroß. Ihre Haltung war aufrecht, und sie hatte einen wunderbaren Gang. Ihr Gesicht bildete ein vollkommenes Oval, ihre schöne, glatte Haut war leicht gebräunt.

 

Ihre Augen strahlten, und sie war immer zum Lachen bereit. Trotzdem war sie ein ernster Charakter, und aus ihren Blicken und Zügen sprachen angeborene Güte und Zartheit. Drei Menschen verehrten sie an der Küste.

 

Ihr Bruder bewunderte sie natürlich, sah sie aber etwas kritisch an; Sanders bewunderte sie und fürchtete sie ein wenig; Leutnant Tibbetts bewunderte sie und hielt sich von ihr fern.

 

Nach jener peinlichen Entdeckung warf Bones die Tür seiner Hütte hinter sich zu und lehnte standhaft alle Nahrung ab. Er hatte sich selbst aus dem Kreis seiner Landsleute ausgeschlossen.

 

Am nächsten Morgen traf er Hamilton bei den Exerzierübungen. Er sah hohläugig aus (wie er hoffte), denn er hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Aber seine Haltung zeigte nichts von der tiefen Hochachtung und Verehrung seinem Vorgesetzten gegenüber, wie sie eigentlich die Paragraphen der Dienstvorschriften forderten.

 

»Wie geht es eigentlich Ihrem Kopf, Bones?« fragte Hamilton, nachdem er die Soldaten hatte wegtreten lassen.

 

»Ich danke Ihnen, Sir«, sagte Bones bitter, obwohl gar kein Grund vorhanden war, über diese freundliche Nachfrage beleidigt zu sein. »Ich danke Ihnen, es ist immer dasselbe. Meine Temperatur ist oder war etwa vierzig Grad Fieber, ich lag im Delirium, und ich kann auch gerade nicht behaupten, daß ich im Moment frei von Wahnvorstellungen bin.«

 

»Kommen Sie mit zum Mittagessen«, lud ihn Hamilton ein.

 

Bones salutierte – das war das sichere Vorzeichen, daß er eine größere, dramatische Rede halten würde.

 

»Sir«, sagte er fest, »Sie sind immer ein netter, alter Offizier mir gegenüber gewesen, bevor dieses schreckliche Ereignis mein junges Leben vernichtete – aber ich werde niemals wieder derselbe werden, der ich früher war.«

 

»Seien Sie doch kein Esel, Bones!«

 

»Schmähen Sie mich nicht!« rief Bones entrüstet. »Geben Sie mir lieber einen gefährlichen Auftrag! Einen abenteuerlichen Auftrag, bei dem ein Mann wie ich sein Leben in die eine und den Revolver in die andere Hand nimmt. Aber fragen Sie mich nicht …«

 

»Meine Schwester möchte Sie gerne sehen«, unterbrach Hamilton den Strom seiner Beredsamkeit.

 

»Haha«, lachte Bones hohl und schritt zu seiner Hütte.

 

»Der Himmel mag wissen, was ich mit ihm anfangen soll«, seufzte Hamilton bei Tisch. »Deine Ankunft hat ihn völlig durcheinander gebracht, Patricia!«

 

Sie faltete die Serviette zusammen, trat ans Fenster und schaute über den gelben Exerzierplatz hin, der jetzt verlassen dalag.

 

»Ich werde ihn einmal besuchen«, erklärte sie plötzlich.

 

»Armer Bones«, murmelte Sanders.

 

»Das ist recht herzlos von Ihnen!« Sie nahm ihren Tropenhut vom Regal neben der Tür, setzte ihn sorgfältig auf, ging dann durch die offene Tür und pfiff vergnügt.

 

»Ich hoffe, Sie nehmen das Pfeifen nicht übel«, entschuldigte Hamilton seine Schwester. »Wir haben es Ihr niemals abgewöhnen können.«

 

Sanders lachte.

 

»Es wäre ungewöhnlich, wenn sie nicht pfeifen würde«, meinte er geheimnisvoll.

 

Bones lag auf dem Rücken, hatte die Hände unter dem Kopf verschränkt und dachte nach. Eine halbleere Keksdose und die Überbleibsel einer Pralinenpackung ließen erkennen, daß der Einsiedler nicht die Absicht hatte zu verhungern.

 

An seinem Geist zog eine lange Folge trauriger, melancholischer Bilder vorüber. Vielleicht würde er fortgehen, weit, weit fort in das Innere. Sogar in das Gebiet des großen Königs, wo das Leben eines Mannes nicht mehr wert war als fünf Pfennige. Wenn dann Tag um Tag dahinging, ohne daß Nachricht von ihm eintraf – wie sollte das auch möglich sein, wenn er unter einem Steinhügel ruhte –, dann würden sie ängstlich werden und sich um ihn sorgen. Und dann würden Boten kommen, die ihr die paar Wertstücke überbrachten, die er ihr vermacht hatte – eine Armbanduhr, einen zerbrochenen Säbel und ein silbernes Zigarettenetui, das die Eindruckstelle des Pfeiles zeigte, der ihn durchbohrt hatte. Und sie würde um ihn trauern und ihn in der Einsamkeit ihres Zimmers beweinen.

 

Vielleicht auch würde seine Kraft noch reichen, ihr ein paar Worte zu schreiben und sie um Verzeihung zu bitten. Dann würden Tränen in ihre schönen grauen Augen kommen – wie sie jetzt in seinen eigenen Augen standen, als er sich dieses Bild ausmalte. Und sie würde alles wissen und ihm verzeihen.

 

Draußen pfiff jemand.

 

Oder er würde von einem schweren Fieber heimgesucht werden und todkrank auf seinem Lager liegen, dann würde sie kommen und ihn pflegen wollen, aber er würde es ablehnen. »Sag ihr, Ali«, würde er mit schwacher, ersterbender, aber tapferer Stimme flüstern, »sag ihr … ich bitte sie nur um Verzeihung.«

 

Wieder wurde gepfiffen.

 

Bones hörte es wohl. Der Pfiff kam von dem offenen Fenster unmittelbar über seinem Kopf. Singvögel waren in diesem Teil des Landes selten, aber er war zu träge und zu sehr in seine traurigen Phantasien vertieft, um aufzustehen.

 

Aber vielleicht würde sie ihn nie wiedersehen, und vielleicht würde sie niemals die tiefe Ungerechtigkeit …

 

Jetzt pfiff man aber sehr laut und sehr lange. Bones hörte es genau und deutlich, wandte den Kopf halb um und schaute nach oben –

 

Im nächsten Augenblick sprang er auf und wischte sich mit der Hand die feuchte Stirn ab. Sie, bei der alle seine Gedanken weilten, lehnte mit gespitzten Lippen an der Fensterbank.

 

Patricia schaute ihm fest in die Augen. »Kommen Sie heraus, Sie Unglücksrabe.«

 

Bones schaute sie bestürzt an, aber er gehorchte.

 

»Was soll das heißen, daß Sie hier in Ihrer häßlichen, kleinen Hütte Trübsal blasen, während Sie doch auf Händen und Füßen herbeikriechen müßten, um mich um Verzeihung zu bitten?«

 

Er erwiderte nichts.

 

»Bones«, fuhr das energische Mädchen fort und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, »Sie verdienen eine gehörige Tracht Prügel!«

 

Bones hielt sein knochiges Handgelenk hin. »Schlagen Sie mich nur«, trotzte er.

 

Aber kaum hatte er das gesagt, als ihre fest kleine Hand ihm auf die Finger klopfte. Bones stöhnte.

 

»Aber Haltung, meine liebe, gute Miß Hamilton«, sagte er und rieb sein Handgelenk.

 

»Ja, Haltung, mein lieber, alter Bones«, ahmte sie ihn nach, »Sie sollten sich wirklich schämen …«

 

»Lassen Sie die Vergangenheit vergessen sein, meine liebe, gute Miß Hamilton«, bat Bones jetzt großzügig. »Ich sehe, daß Sie eine tüchtige junge Sportsdame sind – geben Sie mir Ihre Hand, selbst wenn sie eine Tonne schwer ist.«

 

Er streckte seine sehnige Hand aus und schüttelte die ihre, daß Patricia ihr Gesicht verzog.

 

Fünf Minuten später ging er neben ihr her, zeigte ihr die Quartiere der verheirateten Haussa-Soldaten und erzählte ihr die Geschichte seiner ersten Liebe. Sie verstand es ausgezeichnet, zuzuhören, und unterbrach ihn nur durch ein paar Fragen, ob irgendwie Verrücktheit in seiner Familie erblich oder ob die junge Dame kurzsichtig gewesen sei. Es hätte Hamilton selber sein können, der Bones so hänselte.

 

»Was reden die beiden nur so viel miteinander?« wunderte sich Sanders, der sie von seinem tiefen, bequemen Segeltuchstuhl aus beobachtete.

 

»Bones erzählt ihr sicher seine Lebensgeschichte«, meinte Hamilton gleichgültig, »und wie er diese Kolonie vor einem Aufstand bewahrt hat. Er bittet sie natürlich auch, weder Ihnen noch mir ein Wort davon zu sagen, denn er fürchtet, daß wir dadurch verletzt sein könnten.«

 

In demselben Augenblick erzählte Bones tatsächlich recht unbescheiden von seinen Verdiensten und machte am Schluß eine kleine Randbemerkung.

 

»Natürlich möchte ich nicht haben, meine liebe, gute Miß Hamilton«, sagte er leise, »daß Sie hiervon ein Wort zu Ihrem netten Bruder sagen. Er ist ein sehr feiner Mensch, aber im Vergleich mit einem so tüchtigen und umsichtigen Manne wie mir, der die Seele der Eingeborenen so gut versteht …«

 

»Warum schreiben Sie eigentlich nicht ein Buch über Ihre Abenteuer? Das würde sich doch wie warme Semmeln verkaufen.«

 

Bones war hingerissen vor Dankbarkeit.

 

»Das ist ganz meine Meinung! Was für ein klares Urteil haben Sie doch! Es ist wirklich schade, daß dieser gerechte Sinn nicht in Ihrer ganzen Familie vertreten ist! Ich will Ihnen einmal ein Geheimnis verraten, aber Sie dürfen niemand etwas davon sagen – auf Ehre!«

 

»Auf Ehre!«

 

Bones schaute sich um.

 

»Das Manuskript liegt schon fertig für den Verleger da«, flüsterte er und trat einen Schritt zurück, um den Eindruck seiner Worte auf Patricia zu beobachten.

 

In ihren Augen lag Bewunderung, und Bones erkannte, daß er endlich eine mitfühlende Seele gefunden hatte.

 

»Es muß schrecklich interessant sein, Bücher zu schreiben«, sagte sie seufzend. »Ich habe es auch versucht – aber ich kann keine Geschichten erfinden.«

 

»Natürlich – aber in meinem Fall …«

 

»Ich nehme an, Sie setzen sich mit der Feder in der Hand hin und denken sich allerhand aus«, fuhr sie belustigt fort. Dann lenkte sie ihre Schritte wieder zur Residenz.

 

»Dies ist die Geschichte meines Lebens«, erklärte Bones ernst, »das sind keine Erfindungen und keine Phantasien … diese Abenteuer haben sich wirklich zugetragen.«

 

»Wer hat sie denn erlebt?«

 

»Selbstverständlich ich«, rief Bones lauter als nötig.

 

»Oh!« erwiderte sie nur.

 

»Sagen Sie bloß nicht ›Oh‹!« entgegnete Bones etwas gereizt. »Wenn wir beide gute Freunde sein wollen, meine liebe, gute Miß Hamilton, dann dürfen Sie meine Worte nicht in Zweifel ziehen.«

 

»Nun renommieren Sie doch nicht so stark, Bones«, wandte sie sich so energisch an ihn, daß er kleinlaut wurde.

 

Sie führte ihn als Gefangenen zur Veranda und setzte ihn dort in den bequemsten und weichsten Stuhl, den sie finden konnte.

 

Von diesem Tage an war er ihr Sklave, nur in einem Punkte behauptete er sich selbst.

 

Bei Tisch drehte sich die Unterhaltung um die Mission, und Miß Hamilton erwähnte, daß sie zur Hochkirche gehöre.

 

Bones bekannte, daß er Wesleyaner sei.

 

»Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie ein Dissident sind?« fragte sie ungläubig.

 

»Ja, doch, das ist meine nette, feine Religion, meine gute Miß Hamilton«, erklärte er. »Ich hätte selbst die geistliche Laufbahn eingeschlagen, aber ich hatte nicht genug – nicht genug …«

 

»Verstand«, sagte Hamilton.

 

»Nein, ich fühlte mich nicht davon durchdrungen, zum Wort Gottes berufen zu sein.«

 

Patricia hielt ein langes Verhör mit ihm ab, um festzustellen, wie weit seine religiösen Überzeugungen gingen.

 

Bones verteidigte sich bis aufs Äußerste. Er hatte nur eine sehr schwache Vorstellung von der Lehre, die er verfocht, und lehnte in Bausch und Bogen verschiedene Glaubenssätze ab, die Miß Hamilton sehr teuer waren.

 

»Aber Bones«, rief sie im Eifer, »Wenn ich Sie nun bäte, Ihren Glauben zu wechseln …«

 

Bones schüttelte den Kopf. »Meine liebe, gute Freundin«, sagte er feierlich, »es gibt zwei Dinge auf der Welt, die ich niemals tun werde. Ich ändere meinen Glauben nicht, zu dem ich mich seit meiner glücklichen und ach so fernen Jugend bekenne, und ich höre nicht auf irgendwelche Worte, die Sie, meine liebste, beste Schwester, irgendwie heruntersetzen könnten …«

 

»Ich verstehe, Bones«, sagte sie etwas reserviert. »Ich sehe, daß Sie mich nicht so gern haben, wie ich dachte – was meinen Sie, Mr. Sanders?«

 

Der Distriktsgouverneur lächelte. »Ich kann kaum darüber urteilen«, entschuldigte er sich, »ich bin nämlich selbst Wesleyaner.«

 

»Oh!« sagte Patricia und verließ die Veranda verwirrt.

 

Bones erhob sich schweigend, ging zu seinem Vorgesetzten hinüber und streckte seine Hand aus.

 

»Bruder«, sagte er mit gebrochener Stimme.

 

»Was, zum Teufel, machen Sie da?« fuhr ihn Sanders an.

 

»Sie haben gesprochen wie ein treuer Christ, meine liebe, alte Exzellenz. Wir werden unser Bestes tun, Patricia wieder zur rechten Herde zurückzuführen.«

 

Am Abend hatte Sanders eine freudige Nachricht zu verkünden.

 

Bones war unter Anleitung Patricias damit beschäftigt, die Strickkunst zu erlernen. Aber Sanders unterbrach dessen künstlerische Tätigkeit.

 

Was würden Sie zu einer Erholungsfahrt den Strom hinauf in das Land der Isisi sagen?«

 

Hamilton sprang auf. »Erholungsfahrt?« fragte er bestürzt.

 

Sanders nickte. »Wir fahren morgen dorthin, um ein Religionspalaver abzuhalten – Bucongo, der Häuptling der unteren Isisi, ist ein etwas zu begeisterter Christ geworden. Ahmet hat mir verschiedene Berichte über ihn geschickt. Ich habe das Palaver schon seit Wochen immer verschoben, aber die Zentralverwaltung hat mir mitgeteilt, daß sie nichts dagegen hat, wenn ich einmal eine Erholungsreise ins Innere mache. So paßt es ganz gut, wir können alle zusammen fahren.«

 

»Bravo!« rief Hamilton. »Bones, lassen Sie sofort die Strickerei und ordnen Sie das Packen der Vorräte an.«

 

Bones kniete auf dem Stuhl, stützte die Ellbogen auf den Tisch und schaute seinen Vorgesetzten unwillig an.

 

»Wie der gute alte Francis Drake sagte, als die spanische Armada …«

 

»Machen Sie, daß Sie in den Vorratsraum kommen, Sie ungehorsamer Mensch!« befahl Hamilton, und Bones machte, daß er fortkam.

 

Der Raum auf der »Zaire« war beschränkt. Aber zusätzlich war noch das kleine Dampfboot da, das außer zur Einziehung des Tributs in den verschiedenen Dörfern selten benützt wurde.

 

»Ich könnte Bones mit der ›Wiggle‹ fahren lassen«, sagte Sanders. »Ich fürchte nur, er läßt sie dann irgendwie auf eine Sandbank auflaufen. Miß Hamilton wird in meiner Kabine wohnen, und wir beide nehmen die kleineren Kabinen.«

 

Bones wurde das alles mitgeteilt. Er sprang auf vor Freude, daß er sein eigenes Schiff haben sollte, und widerlegte sofort alle Einwände. Ja, er hatte sie schon alle beantwortet, bevor sie überhaupt ausgesprochen wurden.

 

Patricia war entzückt über die bevorstehende Fahrt. »Wird es auch Kämpfe geben?« fragte sie atemlos. »Wird man uns angreifen?«

 

Sanders schüttelte lächelnd den Kopf.

 

»Halten Sie sich nur an mich«, sagte Bones zuversichtlich. »Vertrauen Sie nur Ihrem alten Bones. Wenn Sie in der Schlacht mein Banner sehen, dann wissen Sie, wohin Sie sich zu wenden haben.«

 

»Du mußt dich aber erst vergewissern, ob es auch wirklich ein Banner ist«, unterbrach ihn Hamilton. »Du mußt gut aufpassen, daß du es nicht mit seinen großen Füßen verwechselst, mit denen er in der Luft umherstrampelt. Als wir das letztemal einen Zusammenstoß hatten …« Und er erzählte eine Geschichte, die für Bones nicht gerade sehr ehrenvoll war. Aber Bones widersprach dauernd.

 

Es war kurz vor der Abfahrt, als Hamilton seinen Untergebenen beiseite nahm.

 

»Bones«, sagte er freundlich, »ich weiß, Sie sind ein großer Navigator, und meine Schwester, die viel Sinn für Humor hat, würde Sie ja sehr gern am Steuer der ›Wiggle‹ sehen. Da der Distriktsgouverneur aber eine Vergnügungsfahrt machen will, wäre es das beste, wenn Sie einen der Leute steuern ließen.«

 

Bones richtete sich beleidigt zu voller Größe auf. »Mein lieber, alter Offizier«, erwiderte er ernst, »ich kann nicht annehmen, daß Sie abfällig von meiner Intelligenz und meinen Fähigkeiten sprechen wollen …«

 

»Schlagen Sie sich bloß diesen dummen Gedanken aus dem Kopf«, sagte Hamilton, »deswegen rede ich doch gerade mit Ihnen.«

 

»Ich stehe unter Ihrem Befehl«, entgegnete Bones mit dem Gesicht eines christlichen Märtyrers, »und gemäß Paragraph 156 der Dienstvorschriften …«

 

»Nun hören Sie doch mit dem Unsinn auf! Ich gebe Ihnen im Augenblick gar keine Befehle, ich wollte Ihnen nur einen vernünftigen Rat erteilen. Wenn Sie natürlich selbst einen Hanswurst aus sich machen …«

 

»Ich habe nicht die leiseste Absicht, das zu tun, mein lieber Vorgesetzter – und ich lasse mich auch nicht durch meine Umgebung beeinflussen.«

 

Er stand stramm, grüßte militärisch und ging dann zu den Baracken.

 

Bones hatte Schwierigkeiten, die Vorräte zu packen. In Wirklichkeit war schon alles gepackt, als er zur »Wiggle« kam, und ein anderer wäre sehr zufrieden darüber gewesen. Aber Bones ließ alles wieder ausladen und packte dann nach seiner eigenen Weise. Als er damit fertig war, konnte auch der Dümmste erkennen, daß das Dampfboot nach der einen Seite überhing und große Gefahr bestand, daß es umschlug, bevor es überhaupt die Fahrt antrat. Alle Vorräte mußten also wieder ausgeladen werden. Hamilton übernahm nun selbst die Aufsicht über die Arbeiten und fluchte heftig auf seinen Untergebenen.

 

Als alle zur Abfahrt fertig waren, erinnerte sich Bones daran, daß er sein Logbuch vergessen hatte, und es gab eine neuerliche Verzögerung.

 

»Haben Sie jetzt alles?« Sanders lehnte sich müde und ärgerlich über die Reling.

 

»Es ist alles in Ordnung«, entgegnete Bones und grüßte seinen Vorgesetzten militärisch, lachte dabei aber Patricia an.

 

»Haben Sie auch Ihre Heißwasserflasche und Ihre Lockenwickel nicht vergessen?« fragte Hamilton ironisch.

 

Bones würdigte ihn keines Blickes, gab seinem Ingenieur ein Zeichen, und die »Wiggle« fuhr, wie es auch sonst ihre Gewohnheit war, im großen Bogen vom Kai ab. Bones war aber nicht darauf gefaßt gewesen, er stolperte und wäre beinahe ins Wasser gefallen, wenn er sich nicht an den heißen Schornstein geklammert hätte. Mit einer eleganten Bewegung fand er seine Balance gerade noch zur rechten Zeit, um die kleine Flagge der »Zaire« zu grüßen, als er an ihr vorbeifuhr. Unter den Augen Hamiltons nahm er mit der größten Seelenruhe das Steuer in die Hand und lenkte die »Wiggle«, bis sie am Ufer festsaß.

 

Dies ereignete sich alles in dem kurzen Zeitraum von drei Minuten.

 

»Wenn Sie sich bloß Ihren verrückten Schädel dabei eingeschlagen hätten«, fuhr ihn Hamilton an, der nicht zu Unrecht sehr böse war, »dann hätte der Unfall doch wenigstens einen gewissen Wert gehabt.«

 

Es dauerte eine halbe Stunde, bis die »Wiggle« wieder flott war, denn um das zu erreichen, mußten alle Vorräte ausgepackt, zum Betonkai getragen und nachher aufs neue zum Schiff gebracht werden.

 

»Sind Sie jetzt fertig?« fragte Sanders.

 

»Jawohl, zu Befehl, Sir!« antwortete Bones kleinlaut.

 

*

 

Bucongo, der Häuptling der unteren Isisi, hatte einen Streit mit seinem Schwager über eine gewisse Sache, die seine Ehre verletzte. Er brachte sein Leben in Gefahr, denn eines Morgens fand man seinen Verwandten tot auf, von einem Speer durchbohrt. Dies entdeckte Sanders aber erst nach der großen Untersuchung, die den Ereignissen folgte, die hier erzählt werden sollen.

 

Der Schwager hatte boshaft geschworen, daß Bucongo in Verbindung mit Teufeln stehe. Bucongo war in seiner frühen Jugend von katholischen Missionaren aufgegriffen worden und hatte lange Zeit in der Station zugebracht, um geheimnisvolle Riten und Zeremonien zu erlernen. Er selbst hatte sich dabei nie recht wohl gefühlt. Sein Schwager war in einer andern Missionsstation aufgezogen worden, und man hatte ihn gelehrt, daß Gott im Strom lebe und daß es notwendig sei, in die Fluten des Stromes einzutauchen, um seines Ju-jus ganz teilhaftig zu werden.

 

Zwischen den Wassergott-Leuten und den Kreuzgott-Leuten gab es immer Streitigkeiten. Sie sprachen verächtlich voneinander, obwohl keiner von ihnen seinen Glauben richtig verstand. Die zu dem katholischen Glauben Bekehrten waren allerdings im Vorteil, denn sie hatten von den Geistlichen eine Zinnmedaille erhalten, auf der Herzen und sonnenähnliche Strahlen zu sehen waren. (Diese Medaillen waren das beste Heilmittel gegen Zahn- und Leibschmerzen.) Die Protestanten hatten ihren Anhängern nur ein geheimnisvolles Etwas mit auf den Weg gegeben, das in der Eingeborenensprache als A’lamo bezeichnet wurde – was Gnade bedeutet.

 

Als sie nun aber von ihren mit den Medaillen prunkenden Rivalen aufgefordert wurden, diese Gnade zu zeigen, waren sie sehr niedergeschlagen und beschämt, denn sie mußten zugeben, daß A’lamo ein unsichtbarer Zauber war, der aber trotzdem nach ihren Angaben ein wirksamer Zauber war, denn er schützte vor dem Ertrinken und heilte Warzen und Furunkel.

 

Bucongo, der einflußreichste und stärkste Anhänger der Kreuzgott-Leute, der sogar ein neues Ritual erfunden hatte, vergnügte sich daran, den Missionaren der Baptisten zuzusehen, die knietief im Wasser standen und damit beschäftigt waren, die Seelen der Bekehrten reinzuwaschen.

 

Er war sogar gegen den jungen Ferguson unverschämt geworden, der der Leiter der amerikanischen Baptisten-Mission war. Aber zu seiner größten Verwirrung hatte ihn dieser mit einem linken Schwinger zu Boden gestreckt, denn Ferguson war früher ein guter Boxer im Mittelgewicht gewesen, als er noch auf der Harvard-Universität studierte.

 

Er brachte seine Beschwerde vor Sanders, der an der Vereinigung der Isisi- und N’gombi-Stromes angekommen war und dort sein Palaver abhielt. Bucongo war mit verbundenem Gesicht vor dem Distriktsgouverneur erschienen und sehr unfreundlich empfangen worden.

 

»Gehe und verehre deinen Gott in Frieden und lasse alle andern Leute auch ihre Götter verehren. Sage den weißen Leuten keine schlechten Worte, denn sie sind sehr schnell, wenn sie ärgerlich werden. Auch ist es ungehörig, daß ein schwarzer Mann zornig zu seinen Herren spricht.«

 

»O Herr«, erwiderte Bucongo, »im Himmel sind alle Menschen gleich, die weißen und die schwarzen.«

 

»Wir sind aber nicht im Himmel, und hier am großen Strom hat jeder seinen Rang und seine Stellung nach seinem eigenen Verdienst. Morgen werde ich in dein Dorf kommen und mich nach gewissen geheimen Feiern und Festen erkundigen, die du abhältst und von denen die Gottesmänner nichts wissen – das Palaver ist aus.«

 

Nun war Bucongo in gewisser Beziehung mehr als ein gewöhnlicher Bekehrter. Er war ein Mann von hervorragender Intelligenz und hatte überraschend originelle Einfälle. In der römischen Kirche war er Laien-Missionar gewesen und hatte viele Leute zu einer merkwürdigen Religion bekehrt, deren Ritual den guten Jesuitenpatres allerdings nur halb enthüllt wurde. Es wurde ein großes Palaver abgehalten, wobei er seine ganze Gemeinde vorstellen mußte. Der Gottesdienst fand auch statt, wurde aber von einem Ziegenopfer, einer Zauberprozession und einem Beschwörungstanz unterbrochen. Die Vertreter der katholischen Mission waren sprachlos. Bucongo wurde vor eine Missionskonferenz berufen und erhielt einen energischen Verweis.

 

Er entschuldigte sich und tat Buße, aber die Sache hatte damit ein Ende. Es fanden sich auch genügend Beweise, daß dieser begeisterte Christ gründlich zu Werke gegangen war und auf eigene Faust eine neue Religion gegründet hatte.

 

Die Lage war schwierig, und andere Religionsgemeinschaften hätten wahrscheinlich gezögert, eine Reform in Angriff zu nehmen, durch die sie eine große Anzahl von Anhängern verloren.

 

Das Schicksal der Bucongo-Gemeinde war besiegelt, als er in seinem Ärger eine halbe Tagesreise in seinem Boot den Strom entlangfuhr und zu der Hauptmissionsstation kam. Pater Carpentier, ein Mann mit langem, wallendem Bart, gutmütigem roten Gesicht und braunen Armen, hörte ihm im Schatten seiner Hütte zu und rauchte dabei nachdenklich eine lange Pfeife.

 

»Und Pentini«, schloß Bucongo, »selbst Sanders tut mir Schande an, weil ich ein Kreuzgott-Mann bin. Er ist, soweit ich weiß, ein Anhänger des Wassergottes.«

 

Der Pater betrachtete sinnend dieses verirrte Schaf seiner Herde. »O Bucongo«, sagte er liebenswürdig, »in den Ländern am Strom leben viele wilde Tiere. Einige fliegen und einige schwimmen, einige laufen schnell und einige verbergen sich in der Erde. Sage mir, welche von ihnen tun das Richtige?«

 

»O Herr, sie tun auf verschiedene Weise alle das Richtige.«

 

Pater Carpentier nickte. »Auch gibt es in den Wäldern zwei Arten von Ameisen – die einen leben in Nestern auf dem Baum, die andern graben ihren Bau tief in die Erde. Sie sind von derselben Gattung und nähren sich in gleicher Weise. Aber Gott hat ihnen in ihre kleinen Köpfe gegeben, daß die einen auf die Bäume klettern und die andern in die Erde graben sollen. Sie haben beide recht. Wenn sich aber die Baumameisen und die Erdameisen treffen und einander bekämpfen, dann haben beide unrecht.«

 

Bucongo, der vor dem Pater auf der Erde gehockt hatte, erhob sich traurig. »O Herr, diese Geheimnisse sind zu hoch für einen armen Mann. Ich kenne einen besseren Ju-ju, und zu dem werde ich gehen.«

 

»Da hast du keine weite Reise, Häuptling«, sagte der Pater streng. »Ich habe Geschichten von Geistertänzen im Walde gehört und von einem gewissen Bucongo, der dabei der Anführer ist – auch spricht man von einem Menschenopfer, das stattfand, und von Bekehrten, denen ein Kreuz mit einem glühenden Eisen eingebrannt wird.«

 

Der Häuptling sah seinen früheren Lehrer wütend an, wandte sich um und ging, ohne ein Wort zu verlieren, zu seinem Boot zurück.

 

Am nächsten Morgen schickte Pater Carpentier durch einen Boten einen dringlichen Brief an Sanders. Der Distriktsgouverneur las das Schreiben und runzelte die Stirn. Er ließ den Brief sinken und kam an Deck, wo Hamilton mit seiner Angelrute saß.

 

»Was gibt es?« fragte dieser schnell, als er sich nach Sanders umschaute.

 

»Bucongo von den unteren Isisi macht Dummheiten. Ich habe von seinen religiösen Versammlungen gehört und bin ein wenig beunruhigt. Das wird ein großes Ju-ju-Palaver geben, wenn ich mich nicht sehr täusche. Wo ist Bones?«

 

»Er ist mit meiner Schwester zu der Bucht gegangen – er sagt, daß dort viele kleine weiße Reiher nisten, und ich glaube, er hat recht.«

 

Sanders wurde unruhig.

 

»Schicken Sie sofort ein Kanu aus, um die beiden zurückzuholen. Das ist Bucongos Gebiet, und ich traue diesem Teufel nicht.«

 

»Wem? Bones oder Bucongo?« fragte Hamilton unschuldig.

 

Aber Sanders war nicht zum Scherzen aufgelegt.

 

*

 

Zur selben Zeit saß Bones vor der phantastischsten religiösen Versammlung, an der jemals ein Geistlicher oder ein Laie teilgenommen hatte.

 

Das Schicksal und Bones hatten Patricia durch eine schöne Waldlichtung geführt – sie hatten die »Wiggle« eine halbe Meile weiter unten am Strom verlassen, weil dort viele Untiefen waren, so daß sie nicht weiterfahren konnten, und Bucongo in einem großen Augenblick getroffen.

 

Bones glaubte auf eine der üblichen Versammlungen zu stoßen, die dieser bekehrungstüchtige Häuptling der unteren Isisi so häufig abhielt. Er stand an der äußeren Peripherie des großen Zuhörerkreises. Die Leute beobachteten schweigend, wie ein junges Mädchen ganz gegen ihren Willen mit Bucongos Gott bekannt gemacht werden sollte.

 

Sie lag vor dem großen Steinaltar, auf dem ein schrecklicher Götze stand, der mit einem Auge auf die Andächtigen herniederschaute. An Händen und Füßen war sie an Pfähle gebunden, die in den Grund getrieben waren.

 

Vor dem Altar selbst loderte ein Holzfeuer, in dem zwei Eisen glühend gemacht wurden.

 

Bones sah dies nicht, denn er starrte mit offenem Munde auf Bucongo. Auf dem Kopf des Häuptlings saß zweifellos eine Mitra, aber es war eine geflochtene Schnur aus Lederriemen darum gebunden, von der ein Kranz von Affenschwänzen herabhing. Als Chorrock trug er ein Leopardenfell. Sein Gesicht war mit roter Camholzfarbe bestrichen, und um seine Augen hatte er zwei weiße Kreise gemalt.

 

Bucongo war gerade dabei, eine aufreizende Ansprache zu halten, als die beiden weißen Menschen auf der Bildfläche erschienen. Seine Hand war schon ausgestreckt, um das eine glühende Eisen zu ergreifen, als Patricia außer sich vor Schrecken plötzlich in den Kreis lief und Bucongo das Marterwerkzeug aus der Hand riß. Sie warf es in weitem Bogen mitten unter die Zuschauer, die auseinanderstoben.

 

»Wie darfst du das tun! Das ist ja unmenschlich!« rief sie atemlos. »Du schrecklicher Kerl!«

 

Bucongo starrte sie an, sagte aber nichts, sondern wandte sich an Bones.

 

Er hatte in diesem Augenblick einen großen Entschluß zu fassen und mußte mit den Gewohnheiten seines ganzen Landes brechen. Seine Erziehung veranlaßte ihn, halb die Hand zum Gruß vor dem weißen Mann zu erheben, aber plötzlich kochte und siedete etwas in seinem wahnsinnigen Gehirn und stachelte ihn auf. Ein wilder, unvernünftiger, brutaler Trieb, den er von seinen Vorfahren geerbt hatte, zwang ihn zu einem andern Handeln. Bones hatte seinen Revolver erst halb gezogen, als ihn der Schaft des Häuptlingsspeers zwischen die Augen traf.

 

So kam es, daß er bald darauf mit Patricia vor Bucongo saß. Seine Füße und seine Hände waren mit Grasstricken zusammengebunden, und das Mädchen an seiner Seite war in keiner besseren Lage als er.

 

Sie war sehr erschrocken, aber sie zeigte es nicht. Sie war auch unfähig, den Wortwechsel zu verstehen.

 

»O Tibbetti«, sagte Bucongo, »du siehst mich als einen Gott vor dir stehen – ich habe jetzt mit allen weißen Leuten Schluß gemacht.«

 

»Es wird nicht lange dauern, bis wir mit dir Schluß machen, Bucongo.«

 

»Ich kann nicht sterben, Tibbetti«, erwiderte der Häuptling zuversichtlich, »das ist etwas Wunderbares.«

 

»Auch andere Leute haben das gesagt, und ihre Witwen sind wieder Frauen geworden und haben vergessen, daß sie Witwen waren.«

 

»Dies ist ein neuer Ju-ju, Tibbetti.« Bucongo zeigte auf den Götzen, und seine Augen leuchteten seltsam auf. »Ich bin der größte von allen Kreuzgott-Männern, und es ist mir enthüllt worden, daß ich viele Nachfolger haben werde. Und ihr, du und die Frau, werdet die ersten von allen weißen Leuten sein, die das Zeichen des gesegneten Bucongo tragen werden. Und in zukünftigen Tagen werdet ihr eure Brust entblößen und sagen: Dies tat Bucongo, der Gnadenreiche und Wundervolle, mit seinen herrlichen Händen.«

 

Bones trat der kalte Schweiß auf die Stirn, und sein Mund war trocken. Er wagte kaum, Patricia anzusehen.

 

»Was sagt er?« fragte sie leise.

 

Bones zögerte, aber dann übersetzte er ihr die Drohung des Schwarzen.

 

Sie nickte.

 

»O Bucongo«, sagte Bones, dem plötzlich ein Gedanke kam. »Obgleich du Böses tust, ich will es doch ertragen, aber dann sollst du wenigstens diesen meinen Wunsch erfüllen. Brenne mich allein auf der Brust, denn wenn jeder von uns gebrannt wird, dann sind wir für Lebenszeit aneinander gebunden, und du siehst doch, wie häßlich diese Frau ist mit ihrer dünnen Nase und ihren blassen Augen. Auch hat sie lange Haare wie das Gras, aus dem die Webervögel ihre Nester bauen.«

 

Er sprach laut und eindringlich, und seine Worte schienen überzeugend zu sein, denn Bucongo zögerte und sah Patricia an. Sicherlich war die Frau in jeder Hinsicht häßlich. Ihr Gesicht war weiß, sie hatte dünne Lippen und war so mager, als ob sie nicht genügend zu essen bekommen hätte.

 

»Das sollst du für mich tun, Bucongo«, sagte Bones drängend, »denn Götter tun keine bösen Dinge, und es wäre eine schlechte Tat, wenn du mich mit dieser häßlichen Frau verheiraten würdest, die nur schmale Hüften und eine böse Zunge hat.«

 

Bucongo war unentschlossen. »Ein Gott tut nichts Böses«, erwiderte er dann, »aber ich kenne die Gedanken der weißen Männer nicht. Wenn es wahr ist, werde ich dich zweimal brennen, Tibbetti. Du sollst dann mein Anhänger für immer sein, und ich will die Frau nicht anrühren.«

 

»Es ist gut so«, sagte Bones.

 

»Was meint er? Will er uns gehen lassen?« fragte Patricia.

 

»Ich erklärte ihm, daß es eine böse Strafexpedition geben wird«, log Bones, »und er entgegnete, daß er nicht daran denke, ein so hübsches Mädchen wie Sie anzurühren. Schließen Sie die Augen, meine liebe, gute Miß Hamilton.«

 

Sie tat es schnell, halb ohnmächtig vor Entsetzen, denn Bucongo kam mit einem glühenden Eisen in der Hand auf sie zu. Auf seinen Zügen lag ein wohlwollendes Lächeln.

 

»Dies soll ein immerwährender Segen für dich sein, Tibbetti«, sagte er väterlich.

 

Das Eisen versengte schon Bones‘ seidenes Hemd, als der Oberpriester des neuen Kultes plötzlich angerufen wurde.

 

»O Bucongo«, sagte eine Stimme.

 

Der Häuptling wandte sich mit furchtverzerrtem Gesicht um und wich vor der Mündung eines Revolvers zurück.

 

»Sage mir jetzt«, sprach Sanders in ruhigem Ton, »können Leute wie du sterben? Denke schnell nach, Bucongo!«

 

»O Herr«, erwiderte Bucongo heiser. »Ich glaube, ich kann sterben.«

 

»Wir werden es sehen«, sagte Sanders.

 

Erst nach dem Abendessen hatte sich Patricia wieder so weit erholt, daß sie über die aufregenden Vorgänge am Morgen sprechen konnte.

 

»Es war sehr schlecht von dir«, sagte sie zu ihrem Bruder, der sich wenig um ihren Vorwurf kümmerte, »daß du in der Nähe unter den Bäumen standest, alles hörtest und sähest, und erst im allerletzten Augenblick kamst.«

 

»Das war mein Fehler«, unterbrach sie Sanders, »ich wollte sehen, wie weit dieser Bucongo gehen würde.«

 

»Verdammt gedankenlos«, brummte Bones halblaut, aber doch hörbar.

 

Sie sah ihn ernst an, dann wandte sie sich wieder an Hamilton.

 

»Ich muß wissen, was Bones gesagt hat, als er zu diesem schrecklichen Mann sprach. Hast du gesehen, daß Bones mich ansah, als ob ich … ich weiß kaum, wie ich es ausdrücken soll. Was hat er denn über mich gesagt?«

 

Hamilton sah zur Decke, dann räusperte er sich.

 

»Also, mein lieber, alter Kamerad, benehmen Sie sich!« stieß Bones heiser hervor.

 

»Ja, er sagte …« begann Hamilton.

 

»Leben und leben lassen«, bat Bones erregt. »Corpsgeist und Diskretion, mein lieber Captain!«

 

Hamilton sah ihn fest an.

 

»Er sagte zu dem Häuptling, daß er zweimal gebrannt werden wolle, damit dir nichts geschähe.«

 

Patricia starrte Bones groß an, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

 

»O Bones«, sagte sie mit unterdrücktem Schluchzen. »Sie sind … wirklich ein feiner Kerl.«

 

»Sprechen Sie nur weiter«, erwiderte Bones zusammenhanglos und zerdrückte selbst eine Träne in diesem großen Augenblick.

 

Der mächtige Ju-ju

 

Der mächtige Ju-ju

 

Jedermann weiß, daß das Wasser des Stromes schlecht ist, denn die Flüsse sind die Wege des Todes in den Nächten. Wenn der schmale, silberklare Neumond am Himmel steht und mit zwei hellen Sternen ein Dreieck bildet, dessen Spitze auf die Erde zeigt, kommen die Toten aus ihren Gräbern hervor, singen Totengesänge und steigen zu dem unteren Stern auf, der die Quelle aller Wasser ist. Wenn du – was Gott verhüten möge – auf einer dieser einsamen Inseln, auf denen die Eingeborenen ihre Toten begraben, in einer solchen Nacht weilst, dann wirst du dort seltsame Dinge sehen.

 

Die zerbrochenen Kochtöpfe, die verstreut auf den Grabhügeln liegen, und die zerrissenen Leinen, die über die Gräber flattern, werden wieder ganz und neu. Die Töpfe werden rot und heiß, als ob sie gerade vom Feuer kämen, und die armseligen Kleider bekommen ein frisches Aussehen und falten sich von selbst als Gewänder um unsichtbare Körper. Denn niemand kann die Toten erblicken, obwohl man sagt, daß die kleinen Kinder zu sehen seien.

 

Weise Leute haben die Kleinen beobachtet, die am Ufer saßen, in ihrer Art miteinander sprachen und sich unterhielten und mit unsicheren Schritten und ausgebreiteten Armen auf dem abschüssigen Ufer einherschritten, um das Gleichgewicht zu bewahren. In solchen Nächten, wenn M’sa die Toten zu der Quelle der Wasser ruft, sind die Inseln im Strom von kleinen Kindern belebt – den Kindern, die seit Tausenden von Jahren gestorben sind. Ihre Geister steigen aus den unergründlichen Tiefen des großen Stromes und beklagen ihren frühen Tod.

 

»Wie kann man nur die Wasser des Stromes trinken?« fragten die zitternden N’gombi-Mütter.

 

Deshalb sammeln die N’gombi auch das Regenwasser in merkwürdigen großen Behältern, die aus Weidenruten und Zweigen geflochten sind und die innen mit den undurchlässigen Blättern einer bestimmten Pflanze abgedichtet werden. Ja, sie nehmen sogar ihr Trinkwasser in Bambusröhren mit sich, wenn sie zum Fluß hinuntersteigen.

 

An einen gewissen Monat in jenem Jahre werden sich alle erinnern, die den Kasai-Wald durchqueren wollten, um in den Süden des N’gombi-Landes zu gelangen. Denn die Teiche und kleinen Bäche trockneten plötzlich aus – so plötzlich, daß sogar die Krokodile, die einen feinen Instinkt für kommende Wassernot haben, unerwartet auf dem Trockenen saßen. Die Sonne stieg an einem wolkenlosen Himmel auf, und nachts strahlte der Sternenhimmel so leuchtend und in so drohend klarer und beängstigender Nähe, daß die Menschen verrückt wurden.

 

Am Ende dieses Monats, als der Vollmond klar und weiß schien und anzeigte, daß die Trockenheit und Dürre anhalten würden, rief der Häuptling Muchini einen Rat seiner alten Männer zusammen. Sie schlichen sich herbei mit ausgetrockneten Kehlen und mit Todesfurcht im Herzen.

 

»Alle wissen«, sagte Muchini, »welcher Kummer über uns gekommen ist. Es ist ein mächtiger Ju-ju im Lande, der stärker ist als irgendeiner, auf den ich mich besinnen kann. Er hat M’shimba-M’shamba in Furcht versetzt, so daß er das Land verlassen hat und nicht mehr mit seinen furchtbaren Blitzen durch den Wald wandert. Ebenso ist K’li, der Vater der Teiche, mit seinen vielen kleinen Kindern in der Erde verschwunden, und wir werden sterben, es wird keiner von uns übrigbleiben.«

 

Ein alter, runzeliger Mann, dessen Haut wie vertrocknetes Ziegenleder aussah, erhob sich. »O Muchini«, erwiderte er, »als ich jung war, gab es ein Mittel, um M’shimba-M’shamba, den Wundervollen, wieder ins Land zu bringen. Damals nahmen wir ein junges Mädchen und hängten es an einen Baum.«

 

»Ja, das war ein guter und wirksamer Brauch«, unterbrach ihn Muchini, »aber, M’bonio, das können wir nicht mehr tun. Wir dürfen M’shimba-M’shamba nicht mehr in der alten Weise versöhnen, seit Sandi hergekommen ist. Er ist ein grausamer Mann, er hat den Bruder meiner eigenen Mutter erhängt, weil er diese lobenswerte Sitte befolgte. Aber wir können nicht hier sitzen und sterben, weil der Steinbrecher (gemeint ist die Regierung des Kongo-Staates) einen Zauber gegen uns gemacht hat.«

 

In jenen Tagen war Bula Matadi (der Steinbrecher) der Todfeind der N’gombi. Ihm schrieben sie all ihr Unglück zu. Bula Matadi war ihrer Meinung nach dauernd bemüht, irgend etwas Böses gegen sie zu unternehmen. Bula Matadi hatte die Leoparden dazu angestachelt, einsame Wanderer zu überfallen, ja man glaubte sogar, daß Bula Matadi die Jahreszeiten ändern könne, damit die N’gombi-Gärten vertrockneten.

 

»Es ist von dem einen Ende der Erde bis zum andern bekannt, daß ich ein sehr kluger Mann bin«, fuhr Muchini fort. Er schlug auf die Muskeln seiner Arme und war mit sich selbst sehr zufrieden. »Während sogar die Alten schliefen, bin ich, Muchini, der Sohn des schrecklichen G’sombo und der Bruder des Eleni-N’gombi, mit meinen weisen Männern und meinen Spähern außer Landes gegangen, um Teufel und Geister an Orten aufzusuchen, wo selbst die tapfersten Leute noch nie gewesen sind.« Er sprach jetzt ganz leise in einem heiseren Flüsterton. »Ich ging zu Ewa-Ewa-Mongo, dem Wohnsitz des Todes.«

 

Er war befriedigt, als er die Furcht sah, die in den Blicken seiner Zuhörer lag. Jetzt schien ihm der Augenblick gekommen; sein Geheimnis preiszugeben, um ihre Ehrfurcht vor ihm noch mehr zu steigern.

 

»Seht her!« schrie er.

 

An seiner Seite stand ein Gegenstand, der mit einem Stück Eingeborenentuch bedeckt war. Mit blitzenden Augen riß er die Hülle fort, unter der sich ein kleiner gelber Kasten zeigte.

 

Es war keine einheimische Arbeit, denn die Ecken waren mit Messingblech eingefaßt, und das Holz war schön und glänzend poliert.

 

Die Ratgeber saßen im Kreis und beobachteten ihren Häuptling, als er den Deckel öffnete.

 

In dem Kasten waren zwanzig kleine Fächer, und jedes Fach enthielt ein dünnes Glasröhrchen, das verkorkt, wohlversiegelt und mit einem kleinen weißen Etikett versehen war, auf dem Teufelszeichen standen.

 

Muchini wartete stolz, bis diese Sensation ihre volle Wirkung erreicht hatte.

 

»Am großen Strome, der nach Allamdani 1 fließt«, sagte er langsam und gewichtig, »waren weiße Männer, die von Bula Matadi ausgeschickt wurden, um Geister zu fangen, denn ich und meine klugen Leute haben sie gesehen in den Nächten, wenn der Mond die Geister der Toten ruft. Sie saßen am Fluß beisammen mit kleinen Netzen und Flaschen und haben das Wasser gefangen. Auch haben sie kleine Fliegen und andere närrische Dinge gesammelt und in ihre Zelte gebracht. Dann habe ich mit meinen Männern gewartet, und als alle fort waren, gingen wir zu ihren Zelten und fanden diesen Zauberkasten, darin sind viele Teufel von großer Gewalt – Ro!«

 

Er sprang auf, und seine Augen glänzten, denn hinten am Horizont leuchtete ein Blitz auf.

 

Die Blätter zitterten unruhig, und es ging ein Flüstern durch den Wald, als ob die Natur plötzlich aus dem Schlaf erwache.

 

Dann kam ein eisigkalter Windhauch, und als sie aufwärts schauten, sahen sie, wie sich die Sterne am westlichen Himmel verdunkelten und hinter großen, schweren Wolkenmassen verschwanden.

 

»M’shimba-M’shamba lebt!« brüllte der Häuptling, und das Krachen der Donner im Walde antwortete ihm.

 

Bosambo, der Häuptling der Ochori, befand sich in der äußersten Ecke dieses großen Waldes, denn er folgte einer Neigung seiner einfachen Natur und jagte im Lande, in dem er kein Recht hatte, sich aufzuhalten. Er fluchte auf diesen Sturm, der mit aller Macht über sein Lager hereinbrach, denn er hatte keine Furcht vor Flüssen und Wasser und glaubte nicht an Geister. Zwei Abende später saß er vor der roten Hütte, die seine Leute für ihn gebaut hatten und unterhielt sich mit ihnen über die Eigentümlichkeit der Antilope und ihre Lebensart, als er plötzlich mitten im Sprechen anhielt und lauschte. Dann neigte er den Kopf, bis sein Ohr beinahe den Erdboden berührte.

 

Er konnte deutlich das Rasseln der entfernten Lokoli hören (Trommeln, mit denen Botschaften von Dorf zu Dorf und von Stamm zu Stamm gesandt wurden).

 

»O Secundi«, sagte Bosambo ernst, »ich habe diesen Ruf seit vielen Monden nicht gehört – es ist der Kriegsruf der N’gombi.«

 

»O Herr, das ist nicht der Kriegsruf«, erwiderte der alte Mann und streckte seine Füße bequem und faul aus, »aber es ist ein Ruf, der leicht Krieg bedeuten kann, denn er ruft die Speerleute zu einem Tanz. Und das ist merkwürdig, denn die N’gombi haben keine Feinde.«

 

»Alle Männer sind die Feinde der N’gombi.« Bosambo zitierte ein altes Sprichwort.

 

Er horchte wieder, dann erhob er sich.

 

»Geh und hebe in den nächsten Dörfern eine Mannschaft von Speerleuten aus – und bringe sie in das Grenzland, in die Nähe der Straße, die über den Fluß führt«, sagte er.

 

»Bei meinem Leben«, erwiderte der andere.

 

Muchini, der Häuptling der N’gombi, war ein hochfahrender, aufgeblasener Mann, der viel mit Geistern verkehrte und dadurch großen Zauber bewirken konnte. Er versammelte seine Krieger zu irgendeinem Zweck – denn nach zwei Tagen traf ihn Bosambo an der Grenze seines Landes. Die beiden Häuptlinge grüßten einander zwischen zwei kleinen Heeren.

 

»Wohin willst du gehen, Muchini?« fragte Bosambo.

 

Zwischen Muchini und dem Häuptling der Ochori bestand eine alte Feindschaft, die noch aus dem Kriege herrührte, in dem Bosambo den früheren Häuptling der N’gombi mit seinen eigenen Händen erschlagen hatte.

 

»Ich gehe zum Strom, um ein Palaver aller freien Männer einzuberufen«, erklärte Muchini, »denn ich sage dir, Bosambo, daß ich einen großen Zauber gefunden habe, der uns größer machen wird als Sandi. Und es ist prophezeit worden, daß ich ein König werde über tausend mal tausend Speere, denn ich habe einen mächtigen Ju-ju in einem kleinen Kasten, durch dessen Kräfte ich selbst M’shimba-M’shamba zwingen kann.«

 

Bosambo, der einen Kopf größer war als Muchini und breitere Schultern besaß, zeigte mit der Hand nach dem Waldweg, der zu der Ochori-Stadt führte.

 

»Hier ist eine gute Gelegenheit für dich, Muchini. Du kannst deinen großen Zauber an mir und meinen Kriegern versuchen, denn ich sage dir, du wirst diesen Weg hier nicht weitergehen, weder du noch einer von deinen Kriegern. Denn ich bin der Diener Sandis und seines Königs, er hat mich hierhergesetzt, daß ich den Frieden hüte. Geh zu deinem Dorf zurück, denn hier ist der Weg des Todes.«

 

Muchini starrte auf seinen Feind. »Aber ich gehe diesen Weg doch, Bosambo«, sagte er heiser und sah sich über die Schulter nach seinen Kriegern um.

 

Bosambo schwang blitzschnell seinen Speer. Muchini riß seinen geflochtenen Schild in die Höhe und wollte seine Waffe ebenfalls erheben, aber es war zu spät, und er sank tot um.

 

So endete dieses Treffen, und das N’gombi-Volk zog nach Hause. Die Leute wagten nicht, ihre Speere und Schwerter für den gelben Kasten zu erheben, den Bosambo für sich als persönliche Beute in Anspruch nahm.

 

*

 

Distriktsgouverneur Sanders saß zu jener Zeit ahnungslos auf der Veranda des großen, schönen Residenzgebäudes. Er wußte glücklicherweise nichts von all den Vorgängen, die eben berichtet wurden. Die Gegenwart Patricia Hamiltons hatte eine große Änderung in dem ganzen dort hervorgerufen, denn niemals vorher hatte eine weiße Frau in dem Hause gewohnt.

 

Manchmal kam man ihretwegen in Verlegenheit.

 

Als Fubini, der Zauberdoktor der Akasava, Sandis böses Herz besänftigen wollte, sandte er zu diesem Zwecke fünf hübsche junge Mädchen. Sanders hatte nämlich Fubini auf sechs Monate in das Dorf der Ketten geschickt, weil er verbotenen Zauber lehrte. Die fünf jungen Mädchen kamen an und waren »verteufelt ungezogen«, wie Bones sich ausdrückte. Patricia war Hals über Kopf von der Veranda geflohen.

 

Und manchmal kam man ihretwegen sehr in Sorge, wie früher erzählt wurde. Aber sie war niemals lästig. Sie brachte in die Residenz des kleinen Territoriums einen Hauch des englischen Frühlings und einen reinen Duft, der Sanders und ihren Bruder erfrischte, aber auf Bones wenig Eindruck machte.

 

Dieser junge Offizier rief eines Morgens nach ihr, und Hamilton, der auf einem großen, bequemen Kanevasstuhl in dem schattigen Teil der Veranda saß, wo die leichte Brise von der See her am schönsten wehte, beobachtete, daß Bones einen hölzernen Kasten, ein Zeichenbrett, Papier, zwei Bleifedern hinter dem Ohr und obendrein noch eine Wasserflasche trug.

 

»Nun, Mr. Bones«, fragte Hamilton nachlässig, »was können wir heute für Sie tun?«

 

Bones bedeckte seine Augen mit der Hand und schaute in die kühle Ecke hinüber.

 

»Sie sprechen wohl im Schlaf, mein lieber, alter Kommandeur«, sagte er liebenswürdig, »und träumen von den alten Tagen, die vorüber sind und nicht wiederkehren?«

 

Er begann zu singen.

 

Patricia trat erschreckt auf die Veranda. »Ach, bitte, macht doch nicht solchen Lärm«, bat sie ihren Bruder, »ich schreibe gerade.«

 

»Laß dich nicht verblüffen«, sagte Hamilton, »es war nur Bones, der eben sang. Singen Sie noch einmal, Bones, meine Schwester hat Sie nicht gehört.«

 

Bones stand stramm und legte die Hand grüßend an seinen weißen Helm. »Kommen Sie mit, meine Dame«, sagte er.

 

»Ich komme im Augenblick, Bones.« Sie verschwand wieder im Hause.

 

»Was haben Sie denn vor?« fragte Hamilton, der mit verzeihlicher Neugierde den Kasten und das Zeichenbrett betrachtete.

 

»Ich werde meine militärischen Kenntnisse mit der gütigen Unterstützung Miß Hamiltons in die Höhe bringen – Botanik und angewandte Wissenschaft, mein Herr«, erwiderte Bones dienstlich. »Feldbefestigungen, Entfernungschätzen, Strategie, Bomongogrammatik, Feldküche und tropische Medizin.«

 

»Wie steht es denn mit den Abschlüssen der Kompanie-Rechnungen?«

 

Bones wurde rot. »Mein lieber, alter Vorgesetzter, ich werde die kleine Sache schon in Ordnung bringen, sobald ich wieder zurückkomme. Ich habe versucht, heute morgen daran zu arbeiten, es fehlen vier Schilling – die Rechnungen der Regimentskasse stimmen nicht. Die Leute zahlen ein und nehmen sich Geld, wenn sie es brauchen, und ich kann natürlich nicht wissen, wo es geblieben ist.«

 

»Da ich der einzige bin, der den Schlüssel zu der Regimentskasse hat, meinen Sie wohl mich damit …«

 

Bones hob abwehrend die Hand. »Ich will niemanden beschuldigen, lieber, alter Kamerad – es ist eine peinliche Sache. Wir alle haben ja Augenblicke, in denen wir versucht werden. Aber ich werde die Rechnungen heute abend schon in Ordnung bringen. Sie müssen mir verzeihen, wenn mein Temperament manchmal mit mir durchgeht, ich bin nicht so gefühllos wie Sie alter Holzklotz …«

 

»Halten Sie Ihren unverschämten Mund!« rief Hamilton ärgerlich. »Solange Sie etwas studieren und lernen, habe ich nichts dagegen.«

 

»Bones, haben Sie auch an die Butterbrote gedacht?« fragte Patricia, die in diesem Augenblick wieder erschien.

 

Bones verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, um anzudeuten, daß sie davon schweigen solle.

 

»Haben Sie auch das Brett, um das Tischtuch darauf zu legen, und die nötigen Papiere, Schokolade und kalten Tee mitgenommen?«

 

Bones runzelte die Stirn, schüttelte verzweifelt den Kopf und blinzelte sie mit den Augen an.

 

»Wir wollen jetzt gehen«, sagte Patricia, die nicht wußte, daß sie Leutnant Tibbets verraten hatte. »Lebe wohl.«

 

»Warum sagen Sie denn so feierlich Lebewohl, meine liebe kleine, gute Hamilton-Schwester?« fragte Bones.

 

Sie sah ihn böse an und ging voraus.

 

»Vergessen Sie aber ja nicht die Feldbefestigungen!« rief Hamilton hinter ihm her. »Die kann man auch zum Frühstück verzehren – es macht sich auch schön, wenn man beim Picknick über Strategie spricht!«

 

Die Sonne warf lange Schatten nach Osten, als sie zurückkehrten. Sie hatten keinen weiten Weg, denn die Stelle, die sie sich zu ihrem Picknick ausgesucht hatten, lag noch innerhalb der Ländereien der Residenz. Aber Bones hatte ihr auf dem Rückweg von einer seiner persönlichen Gaben erzählt. Er konnte nämlich aus aufsässigen und schuldigen Eingeborenen alle Geständnisse herausholen. Und jedesmal, wenn er etwas besonders betonen wollte, hielt er an, stellte das ganze Gepäck auf den Boden und besäte die Landschaft mit dem Picknickkasten, dem Zeichenbrett, den Skizzenbüchern und vielem anderen. Auch einen Strauß wilder Blumen legte er nieder, den er auf Patricias Wunsch gepflückt hatte, und suchte seinen Worten durch heftiges Gestikulieren mehr Nachdruck zu verschaffen.

 

Zum letztenmal hielt er an der Ecke des Exerzierplatzes an, um Zweifel zu beseitigen, die Patricia an seinen Erzählungen hegte.

 

*

 

»In der Beziehung haben Sie eine ganz falsche Vorstellung von mir, meine liebe, gute Schwester«, sagte er zu ihr. »Bei den Eingeborenen stromauf und stromab heiße ich nur ›der Mann, den man nicht täuscht‹. Fahren Sie zu den Bomongo, gehen Sie zu den Isisi, fragen Sie die Akasava – alle werden Ihnen antworten: ›Nein, den netten alten Bones kann man nicht hinters Licht führen – nicht um Ihr Leben, Patricia!‹«

 

»Das würde sehr unverschämt von den Kerlen sein«, erwiderte sie lächelnd.

 

»Fragen Sie Sanders, fragen Sie Hamilton«, fuhr er begeistert fort.

 

»Sagen Sie mal, Bones, wollen Sie hier Ihre Zelte aufschlagen oder wollen Sie wieder mit zur Residenz kommen?«

 

Bones sammelte seine Gepäckstücke wieder auf, aber sein Redestrom war noch nicht zu Ende.

 

»Leute wie ich, meine liebe junge Freundin, gründen eigentlich das Reich – sie malen den ganzen Globus rot, weiß und blau an, aber das tun sie still und schweigend, ihrer Pflicht gehorchend, ungeehrt und unbesungen. ›Das sind die Jungens von der Marine‹!« Er sang den Refrain eines bekannten Liedes.

 

»Aber Bones, Sie haben mir doch hoch und heilig versprochen, nicht zu singen«, sagte sie vorwurfsvoll. »Außerdem sind Sie doch nicht von der Marine!«

 

»Das gehört ja auch gar nicht zur Sache«, protestierte er und war wieder dabei, sein ganzes Gepäck hinzustellen, um ihr eine neue Rede zu halten. Sie ließ ihn aber stehen und ging auf Sanders zu, der ihnen über den Exerzierplatz entgegenkam.

 

Bones bückte sich schnell, um alles wieder aufzuheben, und stolzierte ihr dann nach.

 

»Ich habe gerade Miß Hamilton gesagt, Exzellenz, daß niemand geheime Dinge so schnell herausbringen kann wie der gute alte Bones – Sie erinnern sich doch daran, daß das Beinkleid Ihres Pyjamas verlorengegangen war – wer hat es gefunden?«

 

»Sie«, erwiderte Sanders. »Sie hatten es doch mit Ihrer Wäsche fortgeschickt. Aber da Sie gerade darüber sprechen, Dinge herauszufinden, so lesen Sie einmal dies.« Er reichte ihm ein Telegramm.

 

Bones starrte auf das Papier und hielt es so nahe an die Augen, daß er beinahe mit der Nase darauf stieß.

 

Sehr dringend. Alle Linien frei machen. Zentralverwaltung. An Sanders, Distriktsgouverneur des Stromgebietes. Botschaft beginnt. Regierung des belgischen Kongo berichtet von Leopoldville: Träger der bakteriologischen Expedition an der Grenze Ihres Gebietes durch die inneren N’gombi überfallen. Alle Vorräte geplündert. Einen Kasten mit zwanzig Tuben gestohlen. Alle Tuben enthalten Reinkulturen von Bakterien ansteckender Krankheiten. Impfen Sie die inneren N’gombi, bis Kasten mit Tuben unverletzt entdeckt ist. Ende der Mitteilung.

 

Bones las das Telegramm zweimal, und sein Gesichtsausdruck ließ auf Unruhe und Gedankenleere schließen. Er beabsichtigte allerdings, so auszusehen, als ob er schnell und tief nachdächte.

 

»Ich verstehe – Sie wollen mich zu der netten alten Kongo-Regierung schicken, damit ich uns entschuldige – ich werde in zehn Minuten zur Abfahrt fertig sein.«

 

»Ich hatte etwas anderes vor«, sagte Sanders geduldig. »Fahren Sie mit der ›Wiggle‹ den Strom hinauf und suchen Sie den Kasten.«

 

»Ich verstehe vollkommen, Sir«, erwiderte Bones und nickte mit dem Kopf. »Heute ist der Achte, morgen der Neunte, der Kasten wird am Fünfzehnten um halb acht Uhr in Ihren Händen sein.«

 

Er grüßte militärisch und schaute Patricia unglücklich an.

 

»Das ist leider eiserne Pflicht, Miß Hamilton. Vergeben Sie dem alten Bones, daß er plötzlich die Maske des Dolcefarniente fallen läßt – ich gehe!«

 

Er grüßte wieder, schlug die Hacken zusammen, ging zu seinem Quartier und sah so vornehm und diensteifrig aus, wie es eine leere Frühstückskiste, eine herunterhängende Wasserflasche und all sein anderes Gepäck zuließen.

 

Am nächsten Morgen war sich Bones der Wichtigkeit seiner Aufgabe voll bewußt, als er nach der Ochoristadt abdampfte. Er hatte gewissermaßen den Befehl erhalten, die rechte Flanke des N’gombi-Landes zu besetzen, um es strategisch auszudrücken.

 

»Sie werden sehr vorsichtig vorgehen müssen«, sagte Sanders bei der Abfahrt. »Und halten Sie die Augen offen! Wenn Sie nur die leiseste Vermutung haben und die geringsten Anzeichen dafür spüren, daß der Kasten in der Nähe ist, dann packen Sie ihn.«

 

»Ich denke, Exzellenz, daß ich schon Aufgaben gelöst habe, die ebenso schwierig waren wie diese. Beobachtungsgabe liegt in unserer Familie.«

 

»Um so auffälliger, daß manche Mitglieder Ihrer Familie nicht damit bedacht sind«, brummte Hamilton.

 

Bones erwiderte nichts, grüßte nur militärisch und sah seinen Vorgesetzten von oben herab an. Er war durch diese Bemerkung im Innersten beleidigt.

 

Freudestrahlend dampfte er nach Norden und machte Pläne. Bei jedem Dorf hielt er an, stellte Nachforschungen an und versetzte die Bewohner in beträchtliche Unruhe, denn er bestand auf einer Durchsuchung aller Orte von Hütte zu Hütte. Schließlich kam er, etwas ermüdet durch seinen eigenen Übereifer, bei den Ochori an.

 

Häuptling Bosambo hörte von seinem Kommen und rief seine Ratgeber zusammen.

 

»Sicherlich hat mein Herr Sandi hundert Ohren«, sagte er und fühlte sich unbehaglich. »Er hat anscheinend gehört, daß ich Muchini niedergeschlagen habe. Alle Männer, die mir treu ergeben sind, werden also dem Herrn Tibbetti schwören, daß wir nichts von einem Mord-Palaver wissen. Auch sagt ihr, daß wir das Land nicht verlassen haben, sondern immer hier im Dorf geblieben sind. Dies werdet ihr natürlich sagen, weil ihr mich so sehr liebt. Wenn jemand etwas anderes sagen sollte, dann werde ich ihn verprügeln, bis er krank ist.«

 

Bones wurde von dem Häuptling begrüßt – Bosambo ließ sich dazu in seiner Sänfte ans Ufer tragen.

 

»O Herr«, sagte er mit schwacher Stimme, »schon der Anblick deines Gesichtes wird mich wieder gesund machen, denn ich habe mein Bett nicht verlassen können, seitdem der große Regen kam, und meine Hände und meine Füße haben keine Kraft mehr.«

 

»Armer, alter Kerl«, meinte Bones mitleidig, »du hast sicher Zug bekommen.«

 

»Dies aber sage ich dir, Tibbetti«, fuhr Bosambo fort, der doch nicht recht wußte, welche Stellung sein Vorgesetzter einnehmen würde, da Bones in diesem kritischen Moment englisch gesprochen hatte. »Seit dem letzten Neumond habe ich ganz still in meiner Hütte gelegen, konnte mich nicht rechts und nicht links bewegen, habe nichts gesehen und nichts gehört. Ich lag wie ein toter Mann – alle meine Ältesten und Ratgeber werden dir das bezeugen.«

 

Bones machte ein langes Gesicht, denn er hatte sehr gehofft, hier eine Nachricht über den verschwundenen Kasten zu erhalten.

 

Bosambo beobachtete Bones scharf durch zusammengekniffene Augen und sah die Enttäuschung, die seine Worte hervorriefen. Da er auch sonst keine Anzeichen von Wut und Ärger bemerkte, kam er zu dem Schluß, daß Bones nicht hierhergekommen war, um den Ochori oder ihrem Häuptling wegen irgendwelcher Missetaten Vorwürfe zu machen.

 

»O Bosambo«, sagte Bones in der Eingeborenensprache, »das ist eine traurige Nachricht, denn ich hoffte, daß du mir gewisse Dinge sagen könntest, für die dir Sandi Salz und Ruten geschenkt hätte …«

 

Der Ochori-Häuptling richtet sich in seiner Tragsänfte auf und stellte einen Fuß auf die Erde.

 

»O Herr«, erwiderte er herzlich, »der Klang deiner lieblichen Stimme richtet mich vom Grabe auf und gibt mir Stärke. Frage, o Bonesi, denn du bist mir so wert wie mein Vater und meine Mutter, und obwohl ich nichts gesehen und nichts gehört habe, so hatte ich während meiner Krankheit wunderbare Träume und Visionen, so daß ich alles erkennen konnte, was außerhalb meiner Hütte und um die Ochoristadt vorging. Das erkläre ich dir hier feierlich, Bonesi, vor allen diesen Leuten.«

 

»Nenne mich nicht immer Bonesi«, sagte Bones ärgerlich.

 

»O Herr«, entgegnete Bosambo unterwürfig, »obwohl ich diese Ochori regiere, bin ich doch ein Fremder in diesem Land. In der Sprache meines Volkes heißt Bonesi ›der Mann mit dem vornehmen Gesicht, der gerechtes Gericht hält‹!«

 

»Das klingt schon besser.« Bones war wieder beruhigt. »Du mußt mir hierin helfen – es handelt sich um die inneren N’gombi …«

 

Bosambo fiel wieder vollkommen kraftlos zusammen und rollte die Augen, als ob er die größten Schmerzen hätte. »Das tut mir furchtbar leid, Bo – Tibbetti«, stöhnte er mit schwacher Stimme. »Ich bin ein todkranker Mann.«

 

»Ich suche nach einem hölzernen Kasten, der voll von schlimmen Giften ist …«

 

Bones erklärte Bosambo, so gut er konnte, die Eigentümlichkeiten von Bakterienkulturen.

 

»O ko«, sagte Bosambo nur, schloß die Augen und war allem Anschein nach so krank, daß jede menschliche Hilfe vergebens war.

 

*

 

»O Herr«, erklärte Bosambo, als Bones wieder zur ›Wiggle‹ zurückkehrte, »du hast mich neu zum Leben erweckt, und jeder Mann dieses Stammes soll wissen, daß du der große Heiler der Menschen bist. Zu allen entfernten und stillen Plätzen des Waldes werde ich meine jungen Leute schicken, und sie werden überall ausrufen, daß du ein wunderbarer Arzt bist.«

 

»Aber das bin ich doch nicht«, meinte Bones bescheiden

 

»Master«, sprach Bosambo weiter, diesmal auf englisch. Er war in bezug auf Sprachen überhaupt nicht zu übertreffen, denn er war in einer großen Missionsschule in Monrovia erzogen worden. »Master, du sein feiner Kerl, du aussehen hübscher Kerl, du nicht finden Kasten, du gleich sein Moses und Judi Ischarioth, große, feine Kerle.«

 

Bones hatte sich sehr um seinen Patienten gekümmert, ihn mehrmals am Tage besucht, ihm den Puls gefühlt und eine Medizin verschrieben, die er aus Kognak und Milch herstellte. Aber während der Nacht war Bosambo sehr tätig.

 

»Secundi«, sagte er zu seinem Hauptmann, »bleibe du hier an der Türe stehen und schicke einen von den Leuten ans Ufer, damit ich gewarnt werde, wenn mein Herr Tibbetti kommt, denn ich habe eine wichtige Arbeit zu tun. Es scheint, daß dieser mächtige Ju-ju, der Erreger des Sturmes, besser in Sandis Besitz ist als in meinem.«

 

»Tibbetti ist ein Narr«, erwiderte Secundi.

 

Bosambo, der neben verschiedenen Farbtöpfen auf einer rohen Matte kniete und mit einem einheimischen Meißel an einem Holzkästchen schnitzte, schaute auf.

 

»Ich habe schon ältere Leute um geringerer Ursachen willen mit einem Stock geschlagen, bis sie schrien. Hüte dich! Dies ist eine reine Wahrheit, Secundi: Ein Kind kann kein Narr sein, aber ein alter Mann kann eine Schande sein. Das ist das Wort des erhabenen Propheten. Tibbetti hat ein reines und liebevolles Herz.«

 

Mit einemmal flüsterte ihm der Hauptmann etwas durch die Türe zu.

 

Der Kasten und alle Werkzeuge wurden schnell unter ein Fell versteckt, und Bosambo sank wieder ganz erschöpft auf sein Lager hin.

 

Am nächsten Morgen verabschiedete sich Bosambo, und Bones lauschte mit offensichtlichem Vergnügen und Wohlwollen auf alle Lobsprüche, die sein Patient auf ihn ausschüttete.

 

»Und dies sage ich dir, o Tibetti«, erklärte Bosambo, der bis zu den Hüften neben dem Dampfboot im Wasser stand. »Ich wußte, daß du ein weiser Mann bist, der Gelehrsamkeit in sich angehäuft hat, und ich habe zu den äußersten Enden und Grenzen meines Landes geschickt, um ein seltenes und schönes Ding aufzutreiben, das du mit dir fortnehmen sollst.«

 

Er gab einem Mann am Ufer ein Zeichen, und dieser brachte einen merkwürdigen Gegenstand herbei.

 

Es war, wie Bones sah, ein viereckiger Kasten, offensichtlich eine Eingeborenenarbeit, denn er war in der phantastischsten Art geschnitzt und bemalt. Bones sah gräßliche Köpfe und schreckenerregende Gestalten, die weder zu Wasser noch zu Lande vorkamen. Die farbenfrohe Bemalung schillerte in Rot, Gelb und Grün. »Dies ist uralt und ist von gewissen Waldleuten zu meinem Lande gebracht worden. Dieser Kasten ist ein Sturmerreger und ein übermächtiger Ju-ju, der Gewalt über gute und böse Teufel besitzt.«

 

Bones, der eine Sammlung von Eingeborenenarbeiten besaß, war hocherfreut. Diese Gabe tröstete ihn über den Fehlschlag seiner Sendung hinweg.

 

Er kehrte zum Hauptquartier zurück, ohne seine Aufgabe gelöst zu haben, und saß inmitten einer Gruppe, die ihn mit Ausnahme Patricias nicht gerade wohlwollend betrachtete. Er aber war bestrebt, nach Art mancher erfolgreichen Advokaten seinen Mißerfolg durch einen Redestrom gewandt zu bemänteln.

 

Er erzählte gerade, wie er den todkranken Bosambo getroffen habe. Aber niemand war von seinen Worten besonders berührt, nur Sanders kniff die Augen ein wenig zusammen und lauschte interessierter.

 

»Der gute, alte Bosambo lag vollständig kraftlos danieder, es war ganz und gar aus mit ihm – glücklicherweise habe ich nicht den Mut verloren, ich weiß, was ich in solchen kritischen Fällen zu tun habe. Mein lieber, alter Offizier, Sie wissen doch, wie ich mich in Augenblicken der größten Gefahr verhalte?«

 

»O, ich kann mir schon vorstellen, daß Sie sich wie ein tanzender Derwisch benommen haben«, sagte Hamilton grimmig.

 

»Aber bitte fahren Sie doch fort, Bones«, bat Patricia.

 

»Ich eilte spornstreichs an Bord der ›Wiggle‹ zurück«, sagte Bones atemlos, »und suchte nach meinem Medizinkasten – aber ich fand ihn nicht – nicht ein einziges englisches Pflaster war zu entdecken. Was hätten Sie da getan, meine liebe gute Miß Hamilton?« fragte er dramatisch.

 

»Sage es ihm nicht, Patricia, er wird es schon allein gewußt haben.«

 

»Was sollte ich tun? In meiner Not nahm ich eine Flasche Kognak«, rief er strahlend, »ich stürzte ins Dorf zurück, eilte zu Bosambo, der in den letzten Zügen lag, und goß ein Glas …«

 

»Das ist ja alles ganz gut und schön«, sagte Sanders ungeduldig, »aber was geschah denn nun nach allem Eilen und Stürzen?«

 

Bones stand auf und streckte die Hand aus. »Bosambo lebt!« erklärte er schlicht und einfach, »und lobt und preist Bones als den größten Arzt aller Zeiten. Das sage ich aber, ohne mich im mindesten rühmen zu wollen. Sehen Sie einmal her!«

 

Er hob ein Paket vom Boden auf, das mit einem Stück Eingeborenentuch umwickelt war, packte es umständlich aus und enthüllte das geschnitzte und bemalte Werk eines Künstlers, der anscheinend nicht genau gewußt hatte, ob die Augen einer Figur in der Mitte der Nase sitzen oder mehr ein Attribut der Ohren sind. »Dies ist eins der schönsten und interessantesten Kunstwerke der Eingeborenen, das ich jemals gesehen habe«, erklärte Bones bedeutsam. »Es ist ein Geschenk, das mir Bosambo verehrte, als er seinem alten, lieben Arzt dankte, der ihn von den Schatten des Todes zum Leben zurückrief.«

 

Bones machte eine dramatische Pause.

 

Sanders bückte sich über den Kasten, nahm ein Taschenmesser und kratzte die Farbe auf einer flachen Stelle in der Mitte des Deckels ab.

 

Mit Ausnahme von Bones, der erst noch von seinen weiteren wunderbaren Abenteuern berichten mußte, sahen alle, daß eine Messingplatte zum Vorschein kam, als die Farbe ganz abgekratzt war. Darauf stand:

 

›Staatliches Sanitäts-Department Kongostaat‹.

 

Sanders und Hamilton starrten erstaunt und sprachlos auf das kleine Schild.

 

»Ich habe schon immer geahnt, daß ich ein großer Arzt bin«, sagte Bones gerade, »Sie sehen …«

 

»Einen Augenblick, Bones«, unterbrach ihn Sanders, »haben Sie den Kasten eigentlich geöffnet?«

 

»Nein, Sir!«

 

»Was, Sie haben nicht einmal nachgesehen, was drin ist?«

 

»Nein, Exzellenz«, erklärte Bones entschieden. »Das ist ja das interessanteste an dem Kasten, es sind Zauberdinge drin – und Sie wissen doch selbst, daß alles nur alter Plunder ist.«

 

Sanders klemmte sein Taschenmesser zwischen den Deckel und den Kasten und hatte ihn bald geöffnet. Er prüfte rasch den Inhalt und fand, daß alle Glasröhren noch wohl versiegelt waren. Er atmete erleichtert auf.

 

»Bones, haben Sie denn wirklich nichts von den verschwundenen Bakterienkulturen gefunden?« fragte er milde.

 

Bones schüttelte den Kopf, zuckte die Schultern und sah seinen Vorgesetzten verzweifelt an.

 

»Sie denken wohl, ich lasse mich durch diesen Mißerfolg entmutigen? Aber nein, Sir, ich habe die Hoffnung nicht verloren«, sagte er entschlossen. »Wenn Sie mir gestatten, in das Innere zu gehen, natürlich in Verkleidung, vielleicht als dummer, törichter Eingeborener, so habe ich das Gefühl …«

 

»Sie haben es wirklich nicht mehr nötig, sich noch zu verkleiden!« sagte Hamilton.

 

    1. Offensichtlich der Sanga-Fluß