Kapitel 12

 

12

 

Es dauerte eine halbe Stunde, bis Diana zurückkam. Sie sah immer noch angegriffen aus.

 

»Hallo, Bobby! Was ist denn mit dir los?«

 

»Diana« – er sprach sehr langsam – »du hast irgendeinen Kummer –«

 

»Irgendein Kummer ist gut!« Sie warf ihren Hut rücksichtslos auf den Tisch. »Ich weiß nicht, wo ich vor Sorgen hin soll, mein Lieber!«

 

»Gordon sagte mir, daß er fünfzigtausend Dollar hier im Geldschrank habe, um einen Amerikaner auszuzahlen, der am Sonntag hierherkommen wird. Er hat mir das Schlüsselwort gesagt.«

 

Sie stellte sich vor ihn und legte die Hände auf den Rücken.

 

»Nun – und?«

 

»Das Geld ist verschwunden!«

 

Eine kleine Pause.

 

»Weißt du denn, warum es verschwunden ist?«

 

»Nein – ich bin zu Tode erschrocken – Gordon hat es doch nicht mitgenommen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe es geholt, Bobby. Dempsi lebt. Ich habe heute morgen einen Brief von ihm bekommen – dreizehn Seiten lang und in einer Sprache – es ist einfach schrecklich! Ich bin ganz außer mir.«

 

»Ich dachte, er wäre damals in den Busch gelaufen und gestorben.«

 

Sie lächelte schmerzlich und ließ sich in den Stuhl fallen, in dem Gordon die Nacht zugebracht hatte.

 

»Er wurde im Busch gefunden. Er hatte Fieber, als die Eingeborenen ihn entdeckten. Sie nahmen ihn mit in ihr Dorf.«

 

Bobby dachte lange nach.

 

»Weiß er denn, daß du nicht verheiratet bist?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Wie?«

 

»Nein«, sagte Diana ruhig. »Wir haben vorhin miteinander telefoniert. Seine erste Frage an mich lautete: ›Bist du noch frei? Wir werden morgen vor den Altar treten. Wenn du aber verheiratet bist, wirst du noch heute abend Witwe sein.‹ Ich erkannte Dempsi gleich wieder an diesen Worten.«

 

»Was hast du ihm denn geantwortet?« fragte er verwundert.

 

»Ich habe ihm selbstverständlich gesagt, daß ich verheiratet sei«, erwiderte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn fassungslos machte. »Ich konnte ihm doch nicht gut erklären, warum ich hier bin, wenn ich nicht verheiratet bin. Dann wurde er aber so heftig, daß ich ihm erzählte, ich sei Witwe. Bobby, weißt du, Lügen ist doch furchtbar leicht!«

 

Bobby war noch sprachlos.

 

»Dann setzte er mir aufs neue zu, und ich teilte ihm mit, daß ich hier bei meinem Onkel Artur wohne. Ich hatte früher einmal einen solchen Onkel Artur, das heißt, er war natürlich nur so eine Art Adoptivonkel – er starb an Delirium tremens. Es scheint, daß alle unsere Familienmitglieder nicht ganz normal sind. Ich konnte ihm doch unmöglich sagen, daß ich allein in dem großen Hause wohne. Bedenke doch, Gordon ist fort – aber es ist eigentlich gut, daß er nicht im Lande ist.«

 

Bobby ging in größter Aufregung im Zimmer auf und ab.

 

»Ja, aber was hast du denn eigentlich mit dem Geld gemacht?«

 

»Das war ich Dempsi doch schuldig. Bevor er in den Busch rannte, hatten wir einen furchtbaren Auftritt. Er wollte mich veranlassen, mit ihm durchzubrennen, und als ich ihm diesen Wunsch nicht erfüllte, Wollte er Selbstmord begehen. Er war damals vollständig verrückt. Er schrie mich an, dann weinte er wieder, küßte meine Füße und lief davon, um im Busch zu sterben. Aber nicht einmal das hat er richtig ausgeführt.«

 

»Und das Geld?«

 

»Er hat mir damals sein Vermögen vor die Füße oder vielmehr der Katze an den Kopf geworfen – ich weiß, es nicht mehr genau. Jedenfalls war ich nachher im Besitz des Geldes. Er hatte keine arideren Verwandten, und es blieb mir nichts anderes übrig, als es auf die Bank zu tragen.« Sie biß sich auf die Lippen. »Ich hatte eigentlich vor, ihm ein schönes Grabmal zu errichten.«

 

Bobby seufzte erleichtert auf.

 

»Da du ihm anscheinend das Geld geschickt hast, ist wenigstens diese Sorge erledigt. Du kannst es ja ersetzen. Die Banken schließen heute erst um eins.«

 

»Wie soll ich denn das machen?« fragte sie bitter. »Ich habe kein Geld auf der Bank, mit Ausnahme von ein paar Pfund, mit denen ich mir ein Konto eröffnete, als ich nach London kam. Ich nahm die fünfzigtausend Dollar und zahlte achttausend Pfund auf mein Konto ein. Hier ist der Rest!« Sie zog ein Paket Banknoten aus der Tasche und reichte sie ihm.

 

Bobby sah sie entsetzt an.

 

»Aber wenn nun dieser Tilmet, der Amerikaner, kommt, dann mußt du ihn doch auszahlen!«

 

»Ich dachte, du könntest mir vielleicht aushelfen«, sagte sie bittend.

 

Er schaute auf seine Uhr.

 

»Da muß ich mich aber anstrengen. Man kann achttausend Pfund in bar nicht in zwei Stunden beschaffen. Gordons Geld liegt auf deiner Bank?«

 

Sie nickte.

 

»Ich will Dempsi durch einen besonderen Boten einen Scheck schicken. Er wohnt in einem kleinen Hotel in der Edgware Road.«

 

»Hat er denn das Geld von dir verlangt?«

 

»Nein, nicht direkt. Er machte eine Bemerkung, woraus ich das schloß. Mein Gewissen hat sich geregt.« Sie nahm ihr Taschentuch und fächelte sich damit.

 

Bobby schloß die Banknoten in den Geldschrank.

 

»Ich will sehen, was ich tun kann. Darf ich mal telefonieren?«

 

Sie nickte.

 

»Du kannst alles tun, was du willst – nur bitte mich nicht, Dempsi zu heiraten«, sagte sie müde.

 

Zuerst rief er bei seiner Bank an, aber sein Gespräch war nicht sehr ermutigend. Bobby hatte in den letzten Tagen große Rechnungen bezahlt und sein Guthaben etwas überzogen. Als er dem Direktor den Vorschlag machte, noch mehr Kredit in Anspruch zu nehmen, war dieser nicht sehr erbaut davon. Nach Bobbys drittem erfolglosem Versuch kam Eleanor mit einem Telegramm herein. Diana öffnete es schnell. »Wir sind gerettet!« rief sie.

 

»Was ist denn?« Bobby nahm ihr das Formular aus der Hand.

 

Es kam aus Paris und war von dem Sekretär des Amerikaners unterzeichnet.

 

»Mr. Tilmet schwer an Grippe erkrankt, kann nicht vor vierzehn Tagen nach London kommen.«

 

»Gott sei Dank!« Bobby wischte sich den Schweiß von der Stirn.

 

»Ich will das Geld lieber mitnehmen, Diana. Ich habe so eine Ahnung, daß es hier nicht gut aufgehoben ist.« Sie antwortete ihm nicht, sondern öffnete eine Schublade des Schreibtisches und zog ihren Browning heraus.

 

»Einbrecher sind meine Spezialität«, sagte sie nur.

 

»Aber leg doch diese Mordwaffe beiseite, ich hätte niemals gedacht, daß du so blutdürstig bist!«

 

»Ja, das bin ich! Augenblicklich könnte ich tatsächlich jemand umbringen!« Sie dachte an Dempsi. »Nun, was gibt es, Eleanor?«

 

»Wollen Sie jetzt Mr. Superbus sprechen?«

 

»Ich wußte ja gar nicht, daß er hier war. Lassen Sie ihn bitte näher treten.«

 

Mr. Superbus stolzierte wie ein alter Senator ins Zimmer und wurde Bobby vorgestellt. Offenbar wollte er mit Diana allein sprechen, aber sie erklärte ihm, in welchen verwandtschaftlichen Beziehungen sie zu Bobby stehe.

 

»Es tut mir sehr leid, daß ich Mr. Selsbury nicht mehr getroffen habe. Ich habe gestern abend ganz bestimmte Nachrichten von meinem Geheimagenten über gewisse Leute erhalten.«

 

»Meinen Sie etwa den Doppelgänger?«

 

Diana lachte plötzlich, sie hatte ja im Augenblick keine Sorgen mehr.

 

»Das ist nicht zum Lachen, Miss.« Mr. Superbus schüttelte den Kopf und setzte sich dann würdevoll. »Nein, wirklich nicht, es ist sehr ernst, Madam – Miss! Wenn er jetzt hier zur Tür hereinkäme, würden Sie sicher denken, es sei Ihr Vater!«

 

Diana hob abwehrend die Hand.

 

»Kann ich Ihnen wenigstens nebenbei erklären, daß Mr. Selsbury nicht mein Vater ist?«

 

Julius gab ihr gnädig die Erlaubnis dazu.

 

»Dieser Doppelgänger ist wirklich wunderbar! Ich gab noch heute morgen meiner Frau Verhaltungsmaßregeln. Wenn sie einen Kerl sieht, der mir aufs Haar gleicht und in das Haus eindringen will, während ich fort bin, muß sie ihn zuerst das Hemd ausziehen lassen – ich habe nämlich ein Muttermal auf meiner Schulter.«

 

Diana wandte sich an Bobby.

 

»Warum sollte er denn ausgerechnet hierherkommen?« fragte Bobby, obgleich er sehr wohl wußte, daß der Inhalt des Geldschrankes einen Besuch rechtfertigen würde.

 

»Das sagen die Leute immer vorher. Aber der Doppelgänger weiß stets, warum er kommt. Meine Frau meinte auch, warum er denn gerade zu uns kommen solle – sagen Sie einmal, was ist denn in dem Geldschrank? Doch nicht etwa wertvolle Dinge?«

 

»Da ist nicht viel drin«, erklärte Diana hastig. »Erzählen Sie uns doch noch etwas mehr von diesem Menschen.«

 

Mr. Superbus lächelte selbstgefällig.

 

»Ich bin die größte lebende Autorität über ihn«, erwiderte er bescheiden. »Er ist ein sehr gerissener Junge und arbeitet immer mit einem Mädchen zusammen. Ich weiß es nicht genau, aber nehmen Sie einmal an, daß sie seine Frau ist. Sie hat die Aufgabe, vorher den Mann auszuholen, den der Doppelgänger berauben will. Verstehen Sie mich?«

 

»Ja, sie ist so eine Art Lockvogel, die das Opfer auskundschaftet.«

 

»Nur auskundschaften?! Das versteht sie bestimmt aus dem Effeff. Aber es wäre viel leichter, Ihnen das alles zu erklären, wenn Sie eine verheiratete Frau wären.«

 

»Bilden Sie sich einmal ein, ich wäre das. Sie muß ihn natürlich sehr genau kennenlernen?«

 

»Ja, sie muß mit ihm eine Freundschaft – eine Art Verhältnis anfangen.«

 

»Ist das immer der Fall?« unterbrach ihn Bobby. »Den alten Smith haben sie doch auf diese Art und Weise nicht hereingelegt? Der ist doch schon fünfundsechzig!«

 

Mr. Superbus amüsierte sich.

 

»Aber natürlich! Die Leute von fünfundsechzig an sind ja oft die allertollsten! Mit denen können die Weiber machen, was sie wollen. Sie macht sich am liebsten an Denker heran. Sie kann sich sehr gut benehmen und hat eine gebildete Sprache – Sie wissen ja, wie guterzogene Damen reden.«

 

»Gibt sie sich als verheiratet aus?« fragte Diana.

 

»Ja, es ist immer ein Gatte im Hintergrund. Manchmal lebt er außer Landes, manchmal ist er in einer Irrenanstalt, auf jeden Fall ist er zunächst einmal nicht da.«

 

Bobby schwankte und hielt sich an der Tischkante fest. Glücklicherweise bemerkte es Diana in ihrer Aufregung nicht.

 

»Und wie geht die Sache weiter?« Diana war nervös geworden.

 

»Nun, sie sorgt dafür, daß er wegkommt. Sie lockt ihn irgendwohin, man kann es gar nicht anders nennen. Und während die beiden nun fort sind, erscheint der Doppelgänger als der Abgereiste, er hat genau seine Stimme, alle Einzelheiten sind bis ins letzte kopiert. Das Mädchen hat ja wochen- oder monatelang Zeit dazu, alles zu studieren und es dem Doppelgänger mitzuteilen. Verstehen Sie mich? Das habe ich alles selbst herausgebracht.«

 

»Ja, und was macht denn das Mädchen?« fragte Diana.

 

»Die zieht sich natürlich zurück. Sie schützt vor, daß ihr Mann unerwartet aus dem Ausland zurückgekommen ist, oder so etwas Ähnliches, aber sie richtet es schon so ein, daß das Opfer nicht nach Hause zurückkehren kann. Gewöhnlich hat er seinen Bekannten gesagt, daß er etwa vierzehn Tage fortbleiben wird, und dann kann er natürlich nicht ohne weiteres zurückkehren.«

 

»Das ist aber alles furchtbar gerissen eingefädelt«, sagte Diana entsetzt.

 

»Das habe ich auch immer behauptet«, erwiderte Mr. Superbus ernst. »Wenn sich ein Mann erst so weit mit einer Dame eingelassen hat –«

 

»Aber jedenfalls brauchen wir uns in dieser Beziehung keinerlei Sorgen über Mr. Selsbury zu machen.« Diana lächelte beruhigt.

 

Aber Mr. Superbus schien nicht ganz ihrer Meinung zu sein, denn er war sehr beunruhigt. Er sah sich geheimnisvoll um.

 

»Ist Mr. Selsbury schon abgereist?«

 

Diana nickte.

 

»Wann will er denn zurückkommen?«

 

»Etwa in einer Woche.«

 

Superbus fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

 

»Ja, das ist nun eine sehr delikate Angelegenheit – ich bin ja ein verheirateter Mann, Madam – Miss. Ist er auf eine Geschäftsreise gegangen oder –«

 

»Oder?«

 

»Ich meine – hat man ihn nicht vielleicht von hier weggelockt ihn wegbugsiert?«

 

Diana lachte.

 

»Nein, da können Sie ohne Sorge sein. Mr. Selsbury läßt sich nicht wegbugsieren.« Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Wie sieht denn die Frau aus, die mit dem Doppelgänger zusammenarbeitet? Ist sie sehr schön?«

 

»Ach ja, sie wird im allgemeinen so beschrieben.«

 

»Gehst du fort, Bobby?«

 

Bobby folgte dem Detektiv aus dem Zimmer.

 

»Ja, ich habe jetzt eine wichtige Unterredung«, sagte er ein wenig zusammenhanglos. Es war immer noch Zeit, Gordon zurückzuhalten, und er hatte sich zu dieser äußersten Maßnahme entschlossen.

 

Nachdem Bobby gegangen war, klingelte Diana. Als Eleanor eintrat, saß sie am Schreibtisch und löschte gerade ein Kuvert ab.

 

»Ziehen Sie sich an, Eleanor, und geben Sie diesen Brief im Marble-Arch-Hotel ab. Nehmen Sie ein Auto.«

 

»Jawohl, Madam«, sagte Eleanor erstaunt.

 

»Fragen Sie, ob Sie Mr. Dempsi sprechen können.«

 

Diana machte den Versuch, vollständig gleichgültig zu erscheinen, es gelang ihr aber vollkommen vorbei.

 

»Wenn er den Brief küßt oder irgend etwas Derartiges tut brauchen Sie nicht erstaunt zu sein – der Herr ist sehr impulsiv es ist auch möglich, daß er Sie selbst küßt!«

 

»Wirklich?«

 

»Aber er denkt sich nichts dabei.« Diana war sehr diplomatisch und baute vor. »Er hat die Angewohnheit, alle Leute zu küssen, wenn er sie sieht. Ich wäre nicht einmal erstaunt, wenn er mich selbst küssen würde, wenn er hierherkommt. Wir sind alte Freunde – und in Australien macht man das so.«

 

»Ach, das ist aber interessant«, erwiderte Eleanor. Ihr Interesse an Australien war erwacht.

 

»Ich fürchte, daß Mr. Selsbury das nicht verstehen würde«, fuhr Diana gleichgültig fort. »Manche Männer haben einen furchtbar engen Horizont. Wenn Sie ihm das erzählten –«

 

»Ich würde mir nicht im Traume einfallen lassen, zu Mr. Selsbury darüber zu sprechen«, entgegnete Eleanor etwas beleidigt.

 

Sie kam noch einmal herein, bevor sie fortging.

 

»Entschuldigen Sie, Miss Ford, aber wenn es passieren sollte, daß mich dieser fremde Herr küßt, dürfte ich Sie dann bitten, Mr. Trenter gegenüber nichts davon zu erwähnen?«

 

»Darauf können Sie sich verlassen – wir Frauen müssen doch zusammenhalten.«

 

Sie schaute Eleanor nach, bis sie außer Sicht gekommen war, dann warf sie sich in ihren Stuhl zurück. Die Zeitungen lagen noch alle ungelesen auf dem Schreibtisch, und sie nahm eine auf, um sich zu zerstreuen. Aber es gelang ihr nicht. Plötzlich hörte sie ein Klopfen und wandte sich um. Es schien aber nicht von der Tür, sondern vom Fenster herzukommen. Man könnte einen kleinen, viereckigen Teil des unteren Fensters öffnen. Sie schaute näher hin und sah den Schatten eines Kopfes dort.

 

»Wer ist dort?« fragte sie.

 

Dann hörte sie eine Stimme, die sie bis ins Innerste traf.

 

»Erkennst du meine Stimme nicht, Geliebte?«

 

»Giuseppe Dempsi!« sagte sie atemlos. »Du darfst nicht hereinkommen! Onkel Artur ist nicht zu Hause, und ich kann dich nicht empfangen!«

 

Mit äußerster Willensanstrengung öffnete sie das Fenster und schaute in ein bärtiges Gesicht und in glänzende Augen. Mr. Dempsi trug einen breitkrempigen Hut, den er ins Gesicht geschoben hatte, und um seine Schultern hing ein langes, schwarzes Cape – er hätte direkt von einer Opernbühne entlaufen sein können.

 

»Ich – ich kann dich jetzt nicht sehen – wirklich, ich kann nicht! Kannst du nicht nächsten Mittwoch wiederkommen?«

 

Das war also Dempsi! Sie sah dunkel einige Ähnlichkeit mit dem bartlosen jungen Mann, den sie gekannt hatte. Diese wildblitzenden Augen, diese heftigen Bewegungen – das war er!

 

»Diana«, rief er leidenschaftlich, »ich bin aus dem Grabe zurückgekommen, um meine alten Rechte an dich geltend zu machen!«

 

»Ja, ja, ich weiß, aber nicht jetzt«, sagte sie ganz verzweifelt. »Geh bis drei Uhr zu deinem Grab zurück, dann werde ich dich sprechen können.«

 

Der Schatten verschwand. Wie mochte er nur dort hingekommen sein? Sie sah, wie er mit einer Behendigkeit über die Mauer kletterte, die sie bei anderer Gelegenheit sicherlich bewundert hätte. Langsam ging sie auf ihr Zimmer hinauf, schloß sich ein und setzte sich müde auf ihr Bett.

 

Früher einmal hatte ihre Tante einen Revolver geladen, um diesen Dempsi zu erschießen. Die Tränen kamen ihr in die Augen.

 

»Liebe Tante«, schluchzte sie, »du hast doch eine große Menschenkenntnis gehabt!«

 

Kapitel 13

 

13

 

Gordon zögerte noch vor dem großen Spiegel des Zimmers, das er im Hotel gemietet hatte. Er hatte das Rasiermesser in der Hand, der kleine Backenbart war eingeseift. Es gibt keinen feierlicheren Akt, als wenn Männer sich den Bart abnehmen. Es liegt so etwas Unwiderrufliches, so etwas von Selbstaufopferung darin, daß man sich wundern muß, warum so wenige große Dichter dieses Thema behandelt haben.

 

Er biß die Zähne zusammen und ging mit fester Hand zum Angriff über. Die breite Klinge blitzte im Sonnenlicht … es war geschehen.

 

Er reinigte sein Gesicht vom Seifenschaum und betrachtete dann das Resultat im Spiegel. Sein Aussehen hatte sich tatsächlich vollkommen verändert. Er betrachtete sich erstaunt – er sah zehn Jahre jünger aus.

 

»Wie ein Junge!« rief Gordon aus. Seine Gefühle hielten zwischen Freude und Verzweiflung die Mitte.

 

Bis jetzt hatte er sich seinen Anzug noch nicht besehen. Er hatte beinahe schon wieder vergessen, wie dieses moderne graue Karo mit den roten Tupfen aussah …

 

»Mein Gott!« sagte er plötzlich.

 

Er war kein Stutzer. Einmal hatte ihm Diana einen solchen Ausruf entlockt. Aber Dianas modernstes Kleid war zahm im Vergleich zu diesem Kunstwerk des Schneiders, das auf dem Bett lag.

 

Das konnte er doch unmöglich anziehen! Aber der schwarze Cut, den er jetzt trug, und der glänzende Zylinder waren für eine kurze Seereise ebenfalls unmöglich.

 

Die Zeit verging im Fluge, er mußte sich entschließen. Also zog er zunächst einmal die Beinkleider an. Er betrachtete sich im Spiegel, sie sahen eigentlich gar nicht so schlecht aus … er machte sich fertig.

 

Nun stand er in seiner vollen Größe vor dem Spiegel, staunte und bewunderte sich. Eins war sicher: Auch sein bester Freund hätte ihn so nicht wiedererkannt. Außerdem konnte er ja seinen Mantel anziehen, der verdeckte fast alles. Dieser neue Gordon Selsbury faszinierte ihn geradezu.

 

»Wie geht es Ihnen?« fragte er sein Spiegelbild freundlich. Die Gestalt in dem Spiegel machte eine höfliche Verbeugung.

 

Plötzlich erschrak Gordon – er hatte zuviel Zeit mit dem Umziehen versäumt. Er packte schnell und klingelte dann dreimal nach dem Hausdiener. Das Zimmermädchen erschien. Glücklicherweise war es ein Durchgangshotel, Gäste kamen über Nacht und verließen das Haus am Morgen wieder. Niemand erkannte jemand, es sei denn, daß Rechtsanwälte durch ihre Leute schnelle und dringende Nachfragen stellen oder das Gästebuch einsehen ließen.

 

Zehn Prozent der Hotelangestellten waren dauernd als Zeugen vor Gericht beschäftigt.

 

»Rufen Sie mir den Hausdiener!« sagte Gordon. Als dieser erschien, gab er ihm Instruktionen wegen des Handkoffers, in den er seinen Anzug verpackt hatte, und wegen der Hutschachtel. Erst jetzt fiel es ihm ein, daß man nicht im Zylinder nach Schottland reist, und er war sehr froh, daß Diana ihn nicht gesehen hatte, als er sein Haus verließ.

 

Der Würfel war nun gefallen. Er nahm den anderen Koffer, zahlte seine Hotelrechnung und trat auf die Straße. Die Uhren schlugen gerade Viertel vor elf, als er auf den Victoria-Bahnhof kam. Der Zug fuhr um elf. Er brauchte sich nicht um Plätze zu bemühen, er hatte die Platzkarten in der Tasche. Glücklicherweise war das Wetter ziemlich schlecht – Sonnenschein und Regen wechselten miteinander ab, und es wehte ein ziemlich heftiger Wind. Er konnte also getrost den Kragen seines Mantels hochschlagen. Auf dem Anschlagbrett las er: Wind Nordnordwest, See mäßig bewegt bis stürmisch, Sicht gut.

 

Er war auf jeden Fall froh, daß die Sicht gut war.

 

Dann schaute er sich nach Heloise um. Sie wollten sich erst kurz vor Abgang des Zuges treffen.

 

Zehn Minuten vor elf wurde er unruhig. Aber plötzlich sah er sie auf sich zueilen. Sie drehte sich ein paarmal ängstlich um, und es lag ein Ausdruck in ihrem Gesicht, vor dem er erschrak.

 

»Folgen Sie mir in den Wartesaal!« Sie war an ihm vorbeigehuscht und hatte ihm nur diese Worte zugeflüstert. Wie im Traum nahm Gordon seinen Koffer auf und ging ihr nach. Der große Raum war fast leer.

 

»Gordon, es ist etwas Schreckliches passiert!« Ihre Aufregung und Unruhe übertrugen sich auf ihn. »Mein Mann ist unerwartet vom Kongo zurückgekehrt. Er verfolgt mich … er ist rasend, er ist wild! Ach, Gordon, was habe ich getan!«

 

Er wurde nicht ohnmächtig, er ertrug diese Situation, ohne das Bewußtsein zu verlieren.

 

»Er sagt, ich hätte meine Neigung und Liebe einem anderen geschenkt, und er würde nicht eher ruhen, bis er diesen anderen tot zu meinen Füßen niedergestreckt hätte. Er hat gedroht, furchtbare Dinge zu tun – er ist ein Bewunderer Peters des Großen.«

 

»So, ist er das?« Gordons Frage war kaum am Platz, aber es fiel ihm im Augenblick nichts Besseres ein. Auch war er kein bißchen an Mr. van Oynnes historischen Neigungen interessiert.

 

»Gordon, Sie müssen nach Ostende fahren und dort auf mich warten«, sagte sie schnell. »Ich komme so bald wie möglich nach … o mein Lieber, Sie wissen nicht, wie ich leide!«

 

Gordon war so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß es ihm gleichgültig war, was andere Menschen fühlten.

 

»Haben Sie ihm denn nicht erzählt, daß unsere … unsere Freundschaft nur … geistiger Art ist?«

 

Sie lächelte schwach und traurig.

 

»Mein lieber Gordon … wer würde denn das glauben? Aber beeilen Sie sich jetzt – ich muß gehen.«

 

Ihre Hand lag einen kurzen Augenblick lang zitternd auf seinem Arm, dann war sie verschwunden.

 

Er nahm seinen Koffer, der ihm merkwürdig schwer vorkam, und folgte ihr in den Bahnhof. Aber sie war nirgends mehr zu sehen.

 

Ein Gepäckträger bot ihm seine Dienste an.

 

»Zug nach dem Festland, Sir? Haben Sie einen reservierten Platz?«

 

Gordon schaute auf die Uhr. Es war fünf Minuten vor elf.

 

»Der Zug nach Ostende geht um elf Uhr fünf, mein Herr.«

 

»Ich dachte um elf«, sagte Gordon verwirrt.

 

»Sie haben noch sehr viel Zeit, Sir.«

 

Gordon stand wie erstarrt da. Seine Gedanken arbeiteten plötzlich nicht mehr. Er war im Augenblick unfähig, sich zu einem Entschluß aufzuraffen oder sich zu rühren.

 

»Besorgen Sie mir ein Auto.«

 

»Jawohl, mein Herr.«

 

Der Gepäckträger nahm ihm den Koffer aus der Hand, Gordon leistete keinen Widerstand. Er folgte dem Mann ins Freie, absolut hilflos.

 

»Wohin wünschen Sie zu fahren?«

 

Der Träger stand da, hatte den Wagenschlag in der Hand und lächelte freundlich. Er hatte nämlich noch nicht sein Geld bekommen.

 

»Nach Schottland«, sagte Gordon heiser.

 

»Schottland – Sie meinen wohl Scotland Yard?«

 

Plötzlich arbeiteten die Räder in Mr. Selsburys Gehirn wieder.

 

»Nein, nicht doch, ich will ins Grovely-Hotel.« Das Trinkgeld, das er dem Träger in die ausgestreckte Hand drückte, war sehr hoch.

 

Der Wagen setzte sich in Bewegung, und der Bahnhof war bald außer Sicht.

 

Zur selben Zeit suchte Bobby Selsbury fieberhaft den ganzen Zug ab und eilte von Abteil zu Abteil, um seinen Bruder zu finden.

 

Gordon war nun ruhiger geworden, obwohl er noch keineswegs aus der Gefahrenzone war. Er überlegte. Einen eifersüchtigen, rachegierigen Ehemann, der Waffen trug und wahrscheinlich Mordabsichten hatte, konnte er nicht ganz aus seinen Gedanken verdrängen. Gordon war neugierig, ob er in seiner Bibliothek eine ungekürzte Ausgabe der Geschichte Peters des Großen finden werde.

 

Der Hotelportier war geschäftsmäßig erfreut, als er wieder zurückkehrte.

 

»Lassen Sie den Wagen warten«, sagte Gordon. Er war nicht ganz sicher, ob er ohne fremde Hilfe fähig war, sich ein anderes Auto zu besorgen.

 

Er erhielt seinen Schlüssel wieder, ging in sein Zimmer und klingelte nach dem Hausdiener. An seiner Stelle kam der Portier.

 

»Ach, Sie wollten den Hausdiener sprechen? Der ist nicht mehr im Dienst, er geht am Sonnabend schon um elf.«

 

»Wann wird er denn wieder dasein?«

 

»Erst am Montag, mein Herr. Wir haben jede zweite Woche einen ganzen Tag frei. Kann ich irgend etwas für Sie tun?«

 

Gordon schüttelte den Kopf. Er wollte nur den anderen Koffer und sein verlorenes, achtbares Aussehen wieder haben. Er legte seinen Überzieher ab und schaute in den Spiegel.

 

»Das bin ich nicht mehr«, sagte er gebrochen.

 

Sein Aussehen hatte sich vollkommen verändert, seitdem er sich zum letztenmal im Spiegel betrachtet hatte. Die Type, die er da vor sich sah, kam ihm bekannt vor – er hatte sie irgendwo in einem Film gesehen, wo jedermann hinter jedem herlief.

 

Es gab nun zwei Möglichkeiten für ihn. Er konnte hierbleiben und sich so lange als Gefangener in diesem Raum aufhalten, bis der Diener zurückkam, oder er konnte unbeobachtet nach Hause gehen und sich umziehen. Er hatte sehr viele schwarze Cuts, ganze Batterien von Zylindern und Wälder von gestreiften Beinkleidern. Dieser Gedanke hatte etwas Anziehendes. Diana würde um ein Uhr zu Mittag essen. Das Eßzimmer lag seinem Studierzimmer gegenüber auf der anderen Seite der Diele. Es wäre eine einfache Sache, nach oben zu gehen, sich umzukleiden und sich dann einer erstaunten Diana vorzustellen. Wie verwundert würde sie sein, und wie interessant und unterhaltsam wäre das für ihn selbst!

 

»Du hast wohl nicht erwartet, mich schon wieder hier zu sehen? Nun, ich erhielt im letzten Augenblick vor Abgang des Zuges ein dringendes Telegramm. Beinahe wäre der Zug auf und davon gewesen. Mein Backenbart? Ach, den habe ich abrasiert, um dir eine kleine Überraschung zu bereiten. Du findest auch, daß ich so besser aussehe?«

 

Er begeisterte sich für diesen Plan.

 

Er freute sich auch, daß er heute abend wieder in seinem eigenen Bett schlafen konnte. Und er würde wieder bei Diana sein. Bis jetzt hatte er viel zuwenig auf ihre Gesellschaft geachtet. Ihre Bedeutung für ihn wuchs, das gestand er sich selbst ein. Wenn Heloise nach Ostende fahren würde, dann wäre das allerdings sehr peinlich. Der Gedanke, daß sie seinetwegen umsonst reiste, war ihm unsympathisch, aber sie würde ja erst in ein oder zwei Tagen fahren, und er konnte inzwischen Mittel und Wege finden, sich mit ihr in Verbindung zu setzen.

 

Er schauderte, denn im Hintergrund tauchte wieder der rachsüchtige Ehemann auf, dieser große, brutale Mensch, der verrückt war, verrückt, wahnsinnig!

 

Gordon mußte noch zwei Stunden warten, bevor er seinen Plan ausführen konnte.

 

Er zog dann seinen Mantel an und fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter. Sein Wagen wartete noch, der Taxameter war allerdings inzwischen zu einer ziemlichen Höhe emporgeklettert. Er hatte überhaupt nicht mehr an das Auto gedacht. An seiner Straßenecke zahlte er den Chauffeur und ging schnell auf sein Haus zu. Er hatte den Mantelkragen hochgeschlagen. Glücklicherweise war die Straße vollkommen leer. Er rannte beinahe bis in die kleine Seitenstraße und schloß mit zitternder Hand das rückwärtige Tor auf. Wenn die Riegel nun vorgeschoben waren! Aber die Tür bewegte sich nach innen, und er sah darauf die wohlbekannten Fenster seines Studierzimmers. Er schlich sich auf Zehen zu dem kleinen hinteren Eingang und lauschte. Er konnte kein Geräusch hören. Mit größter Vorsicht schloß er auf und öffnete die Tür zuerst einen Spalt, dann ein wenig weiter, schlüpfte hinter den Vorhang, der die Tür verbarg und zog sie hinter sich zu.

 

Das Zimmer war leer, die beiden Türen zur Diele waren angelehnt. Er konnte das feierliche Ticken der Großvateruhr im Treppenhaus hören.

 

Er hatte sich überlegt, daß er sich zuerst mit Bobby in Verbindung setzen mußte. Er lauschte in die Diele hinaus und hörte ein schwaches Geklirr von Tellern. Diana war also, wie er erwartet hatte, beim Mittagessen. Er schloß leise die Stofftür, dann die Holztür, schob einen Riegel vor und ging auf Zehenspitzen durch das Zimmer. Jetzt war er Diana dankbar, daß sie das Telefon in sein Studierzimmer hatte legen lassen.

 

Bobbys Büro meldete sich. Ein Angestellter, der sich verspätet hatte, bediente das Telefon noch.

 

»Nein, Sir, Mr. Selsbury ist heute nicht im Geschäft.«

 

Gordon hängte den Hörer wieder ein, ohne seinen Namen zu nennen. Dann rief er Bobbys Wohnung an, hatte aber keinen besseren Erfolg. Er verschwendete wertvolle Zeit – Bobby konnte ja noch warten. Mit einem glücklichen Lächeln richtete er sich auf. Er war wieder zu Hause! Diana würde natürlich sehr erstaunt sein, wenn sie ihn sähe!

 

Er ging quer durch den Raum zur Diele. Seine Hand lag schon auf der Türklinke, als er sich noch einmal umschaute und plötzlich bemerkte, daß sich der Vorhang bauschte, der die Geheimtür verbarg. Er dachte daran, daß er die Tür offengelassen hatte und wollte gerade zurückkehren, um sie zu schließen, als eine Hand den Rand des Vorhangs faßte. Gordon blieb wie angewurzelt stehen. Wieder bewegte sich der Vorhang, und nun wurde eine Frau sichtbar. Es war Heloise!

 

Gordon traute seinen Augen nicht. Sicher war das eine Halluzination seiner überhitzten Phantasie und ein Symptom dafür, daß seine Nerven nicht mehr in Ordnung waren.

 

»Sie sind es doch nicht wirklich?« fragte er ganz verwirrt.

 

»Gordon!« Er sah ihre ausgestreckten Hände und den unendlich traurigen Blick ihrer Augen.

 

»Wie sind Sie denn hierhergekommen?« fragte er verzweifelt.

 

»Auf demselben Weg, den auch Sie genommen haben. Ich folgte Ihnen, Gordon. Er ist so fürchterlich, Sie müssen mich beschützen!«

 

Er starrte sie entsetzt an.

 

»Ach, Sie meinen – Peter?« Er nickte.

 

»Peter? Nein, ich meine Claude, meinen Mann… Er weiß alles!«

 

Heloise kam jetzt auf ihn zu und legte ihre beiden Hände auf seinen Arm.

 

»Ich kann doch hier in Ihrem Haus bleiben – Sie werden mich doch nicht auf die Straße werfen? Er war hinter mir her, aber ich bin seinen Verfolgungen glücklich entgangen!«

 

»Was, Sie wollen hier bleiben?« Gordon erkannte kaum seine eigene Stimme wieder. »Sind Sie verrückt – sind Sie wahnsinnig?«

 

Sie schaute ihn argwöhnisch an.

 

»Sind Sie etwa verheiratet?«

 

»Nein!« Aber plötzlich kam ihm eine Erleuchtung. »Ja!«

 

»Ja – nein«, sagte sie ungeduldig. »Was sind Sie denn – geschieden?«

 

»Nein. Sie müssen doch einsehen, daß das nicht geht, Heloise!«

 

»Sie sind mit Diana verheiratet!« rief sie anklagend.

 

Gordon nickte ganz verwirrt.

 

»Sie müssen wirklich gehen, sonst bin ich ruiniert!«

 

Sie trat einen Schritt zurück und stemmte die Arme in die Hüften.

 

»Und was erbe ich bei diesem Ruin?« fragte sie.

 

»Sie müssen zu Ihrem Mann zurückgehen!« Seine Gedanken begannen sich wieder zu sammeln. »Sie müssen ihm sagen, daß Sie einen Irrtum begangen haben!«

 

»Das vermutet er schon so«, klagte sie. Langsam legte sie ihren Mantel ab. Gordon eilte zu ihr hin und wollte sie daran hindern.

 

»Ziehen Sie ihn schnell wieder an!« sagte er, aber sie machte sich von ihm frei.

 

»Ich gehe nicht – unter keinen Umständen gehe ich fort! Gordon, Sie können mich doch nicht auf die Straße werfen, nach allem, was wir einander waren!«

 

Er schob sie nach der Hoftür zu. Er war außer sich vor Furcht und hoffte kaum noch auf eine glückliche Lösung.

 

»Schnell durch diese Tür«, zischte er ihr zu. »Ich treffe Sie in einer halben Stunde in irgendeinem Restaurant. Heloise, verstehen Sie denn nicht, mein guter Ruf hängt davon ab –«

 

Aber nun ließ sie die Maske vollkommen fallen.

 

»In einem Restaurant – wollen Sie mich wirklich den Löwen zum Fraß vorwerfen?«

 

Er sah sie erbittert an. War es möglich, daß eine Frau in einem so ernsten Augenblick noch dumme Witze machen konnte?

 

»Ihr guter Ruf kümmert mich gar nicht«, sagte sie kühl. »Deswegen würde ich nicht den kleinsten Schritt tun. Ich werde dieses Haus nicht – allein verlassen!«

 

Gordon bedeckte seinen Mund mit der Hand, obwohl er ja gar nicht sprechen, sondern nur ihr die Rede abschneiden wollte. Aber er stand zu weit von ihr entfernt, um ihr den Mund zuhalten zu können. Seine unfreiwillige Geste hatte aber wenigstens den Erfolg, daß sie schwieg. Plötzlich klopfte es an der Tür.

 

»Wer ist in dem Zimmer?« fragte Diana.

 

Gordon zeigte auf die Seitentür und suchte Heloise durch Gebärden verständlich zu machen, daß sie gehen solle, aber sie reagierte nicht darauf.

 

»Wer ist hier?« fragte Diana lauter.

 

»Schnell durch die Seitentür«, flüsterte Gordon.

 

Heloise schüttelte den Kopf, zögerte und trat dann leise hinter den Vorhang. Das war ihr einziges Zugeständnis.

 

»Wer hat die Tür abgeschlossen?«

 

Dianas Stimme war jetzt dringend und erregt. Gordon zog seinen Rock zurecht, fuhr mit der Hand über das Haar, schloß die Tür auf und öffnete sie weit.

 

»Es ist alles in Ordnung, meine liebe Diana!« Er grinste geistlos und fade. »Haha – Gordon ist wieder da! Gord, wie du ihn immer nennst. Ich komme gerade nach Hause. Hier bin ich … hier bin ich wieder wie ein falscher Pfennig!«

 

Diana war ganz starr vor Schrecken, als sie hereintrat.

 

Sein Mut sank, aber er hielt sich durch die Überzeugung aufrecht, daß sie schließlich überhaupt kein Recht hatte, sich in diesem Hause aufzuhalten. Er war doch der Hausherr, er war die höchste Autorität in seinen eigenen vier Wänden, obwohl er sich eben wie ein Dieb ins Zimmer geschlichen hatte.

 

Sie betrachtete ihn schnell von Kopf bis zu Fuß und bemerkte eine fabelhafte Ähnlichkeit mit Gordon. Aber dann sah sie ihn genauer an: Er war etwas korpulenter als ihr Vetter (der graue Sportanzug mit den roten Tupfen brachte diesen Eindruck hervor), er war auch kleiner. Außerdem hatte er einen ganz gewöhnlichen Geschmack. Anscheinend wollte er sich durch diesen Aufzug als Sportsmann legitimieren. Gordon war ein Ruderer und ging auf die Jagd, aber er hätte sich niemals in einer solchen Aufmachung blicken lassen. Sie überlegte sich das schnell, ihre Gedanken rasten. Er dachte überhaupt nicht mehr. In Dianas Augen sah er jenes Leuchten, das er nicht liebte, und als sie auf ihn zuging, wich er vor ihr zurück.

 

»Aber das ist doch nur der alte Gordon, haha!« scherzte er schwach.

 

»So, Sie sind nur der alte Gordon!« Sie nickte verstehend. »Setzen Sie sich einmal dorthin, alter Gordon!«

 

»Nun hör doch einmal zu, liebes Kind! Ich will dir alles erklären. Ich habe meinen Zug versäumt …«

 

Sie öffnete langsam eine Schublade des Schreibtisches, ließ ihn dabei aber nicht aus den Augen. Plötzlich hielt sie eine Browningpistole in der Hand.

 

Er hörte, wie sie lud und entsicherte.

 

»Aber was tust du denn da, Diana!« rief er.

 

Sie sah ihn durchbohrend und vernichtend an.

 

»Wollen Sie bitte so liebenswürdig sein, mich nicht mehr Diana zu nennen«, erwiderte sie eisig. »Sie sind also doch gekommen, sehen Sie einmal an. Und selbst ich, die gewöhnlich auf alles gefaßt ist, habe Sie nicht erwartet! Aber Sie sind zu einer glücklichen Stunde gekommen, mein Freund!«

 

»Aber begreife doch, mein liebes Mädel!«

 

»Unterlassen Sie gefälligst die Vertraulichkeiten!« Energisch wies sie wieder auf einen Stuhl, und er setzte sich gehorsam. »Und bilden Sie sich ja nicht ein, daß ich mich von Ihnen täuschen lasse – ich kenne Sie!«

 

»Du kennst mich?« fragte er heiser. Er wußte bald nicht mehr, ob er sich selbst noch kannte.

 

»Ich kenne Sie«, wiederholte sie langsam. »Sie sind der Doppelgänger!«

 

Er sprang auf, aber sie erhob sofort die Pistole. Er gestikulierte wild mit den Händen und wollte sprechen.

 

»Sie sind der Doppelgänger!« Ihre Augen blitzten unheimlich. »Ich weiß alles von Ihnen – Sie erscheinen in der Gestalt Ihrer Opfer – Sie und die Frau, mit der Sie zusammenarbeiten, locken unschuldige Männer von ihren Häusern weg, damit Sie sie ausplündern können.« Sie schaute sich um. »Wo ist denn die Frau? Ist sie nicht auf der Szene? Oder ist ihre Aufgabe zu Ende, wenn sie die Leute weggelockt hat?«

 

»Diana, ich schwöre dir, du irrst dich, ich bin dein Vetter Gordon!«

 

»Mein lieber Doppelgänger, Sie sind diesmal nicht so sorgfältig zu Werk gegangen wie früher. Lassen Sie sich aber die Tatsache, daß ich Sie eben so freundlich angeredet habe, nicht zu Kopf steigen! Sie haben Ihr augenblickliches Opfer nicht genau genug studiert. Mein Vetter Selsbury trägt einen Backenbart – wußten Sie das nicht?«

 

»Ich – ich hatte einen Unfall! In Wirklichkeit nahm ich ihn ab, um dir zu gefallen – dir zuliebe!«

 

Ihr verächtliches Lächeln erschütterte ihn vollständig.

 

»Mein Vetter Gordon gehört nicht zu den Männern, die Unfälle mit ihren Backenbärten haben«, sagte sie nachdrücklich. »Nun erzählen Sie mir einmal, wo Ihre Freundin steckt.«

 

Er versuchte von dem Vorhang fortzuschauen und starrte feierlich geradeaus, aber dann wanderten seine Augen doch unfreiwillig zu dem Ausgang nach dem Hof. Diana folgte seinen Blicken und sah plötzlich, daß sich der Vorhang leise bewegte.

 

»Kommen Sie, bitte, hervor!«

 

Es kam keine Antwort.

 

»Kommen Sie hervor – oder ich schieße sofort!«

 

Sie sah, wie sich der Vorhang bewegte. Heloise stürzte kreidebleich ins Zimmer und warf sich dem vollständig geschlagenen Gordon an die Brust.

 

»Schütze mich doch, sie darf nicht schießen! Sie darf nicht schießen!« schrie sie lös.

 

Diana nickte befriedigt.

 

»Das ist also Ihr Mann?« konstatierte sie.

 

Sie ging zur Tür und schloß sie ab.

 

»Nun hören Sie einmal zu, Herr und Frau Doppelgänger, oder welchen Namen Sie sonst führen mögen. Sie sind hierhergekommen, um einen ganz gemeinen Betrug auszuführen. Wenn ich wollte, könnte ich sofort zur Polizei schicken, um Sie dem Arm der Gerechtigkeit auszuliefern. Ich bin aber noch nicht ganz sicher, ob ich das tun werde. Im Augenblick ist Ihre Gegenwart jedenfalls wie von der Vorsehung herbeigeführt. Gordon Selsbury!« sagte sie dann verächtlich. »Glauben Sie vielleicht, daß Gordon Selsbury heimlich eine Frau in dieses Haus bringen würde? Bilden Sie sich ein, er würde wie ein drittklassiger Komödiant in einem derartigen Aufzug erscheinen? Erwähnen Sie nie wieder Mr. Selsburys Namen in meiner Gegenwart!«

 

Gordon öffnete und schloß seinen Mund, aber er brachte keinen Ton hervor.

 

»Sie werden jetzt in diesem Zimmer bleiben, bis ich Ihnen erlaube, etwas anderes zu tun! Sie haben doch einen Schlüssel zu dieser Tür gehabt, geben Sie ihn sofort her!«

 

Gordon gehorchte lammfromm und beobachtete, wie sie die Tür nach dem Hofe zweimal verschloß. Dann machte er einen letzten, verzweifelten Versuch, sich aus dieser Situation zu retten.

 

»Diana, ich kann dir doch alles erklären«, sagte er verzweifelt. »Ich bin – es ist wirklich so – ich will dir die Wahrheit erzählen. Ich war im Begriff abzureisen, und – ich bin tatsächlich Gordon, obwohl der Schein gegen mich ist. Ich gebe ja gern zu, daß ich einen ganz abscheulichen Anzug trage und daß ich auch in anderer Weise mein Aussehen verändert habe, aber das kann ich dir alles genau erklären –«

 

Es klopfte an die Tür.

 

»Warten Sie!« sagte Diana und ging zur Tür. »Wer ist dort?«

 

»Eleanor. Es ist ein Telegramm gekommen!«

 

»Schieben Sie es unter der Tür durch!«

 

Ein gelbes Formular wurde sichtbar, sie riß es auf und las.

 

»Nun, fahren Sie doch fort!« wandte sie sich an Gordon. »Sie sagen, Sie seien Gordon Selsbury? Erzählen Sie mir nur noch ein wenig mehr. Aber hören Sie vorher einmal zu, was ich Ihnen vorlese: ›Habe gerade Custon verlassen. Sei vorsichtig. Gordon.‹ Wir wollen uns nun gegenseitig nichts mehr vormachen. Beichten Sie mir alles, kleiner Bursche! Schütten Sie mir Ihr Herz aus! Wer sind Sie: Gordon Selsbury oder der Doppelgänger?«

 

»Irgend jemand«, sagte er, verzweifelt wie ein Verdammter.

 

»Gordon Selsbury oder der Doppelgänger?« fragte sie unbarmherzig.

 

Er streckte seine Hände aus und ließ sie resigniert wieder fallen.

 

»Der Doppelgänger!« stöhnte er kaum vernehmlich.

 

Von den beiden Rollen erschien ihm diese als die glaubwürdigere.

 

Kapitel 14

 

14

 

Gordon hatte niemals einen Menschen gesehen, der so verwirrt und verängstigt war wie Heloise. Das war der einzige klare Eindruck, den er von diesem unangenehmen Auftritt hatte. Sie, die selbstbewußte Dame, die Frau mit der feinen Seele, die sich hoch über alle gewöhnlichen Grade der Menschheit erhob, schien unter Dianas beherrschenden Blicken vollständig zusammengebrochen zu sein. Gordon seufzte, band seine Flanellschürze ein wenig fester und hätte gern gewußt, wo Trenter das Putzpulver aufbewahrte. Es war wenigstens gut, daß der Hausmeister nicht anwesend war und nicht Zeuge der Erniedrigung seines Herrn werden konnte. Denn Diana hatte ihn in den schlechtbeleuchteten Anrichteraum gesteckt und ihm den Auftrag gegeben, das Silber zu putzen und außerdem sofort zu erscheinen, wenn er gerufen werde.

 

Gordon seufzte verzweifelt und nahm sich ein silbernes Sahnekännchen vor, aber mit dem Herzen war er nicht bei seiner Aufgabe. Seine feingepflegten Hände waren nicht für häusliche Dienstbotenarbeiten geschaffen, aber es kam ihm ebensowenig der Gedanke, sich die Kehle mit einem Obstmesser zu durchschneiden, wovon gerade ein halbes Dutzend vor ihm auf dem Tisch lag, als der befehlenden Geste Dianas nicht zu gehorchen, die ihn hier Silber putzen ließ.

 

Er träumte nicht, er schlief nicht, davon hatte er sich schon des öfteren überzeugt. Er war wirklich wach, er stand hier in Hemdsärmeln und trug eine Flanellschürze über dem graukarierten Anzug mit den roten Tupfen. Und er war zweifellos dabei, einen silbernen Sahnetopf zu putzen. Diese Tatsache stand jedenfalls fest, und sie konnte ja nun die Basis für weitere Spekulationen abgeben. Vor allem wunderte er sich darüber, warum Diana ihn überhaupt im Hause behielt, wenn sie glaubte, er sei der Doppelgänger. Warum schickte sie denn nicht sofort zur Polizei und ließ ihn zur nächsten Wache bringen? Er mußte ihr ja noch im Herzen dankbar sein, daß sie diese Maßregel nicht ergriffen hatte! Außerdem war er neugierig, wo seine übrigen Dienstboten geblieben waren. Eleanor hatte er nicht gesehen, auch die Köchin war verschwunden. Er war ja bis zu einem gewissen Grade sehr zufrieden damit – aber wo mochten sie nur geblieben sein? Er sollte es bald erfahren.

 

Diana erschien in der Tür, und er starrte sie mit offenem Mund an. Sie trug einen breiten, braunen Ledergürtel, an dem ein Pistolenfutteral hing. Aus diesem schaute der Griff einer Pistole hervor. »Können Sie Kartoffeln schälen?« fragte sie.

 

Gordon erkannte beschämt, daß er von Kartoffeln weiter nichts wußte, als daß sie eine Art Gemüse seien.

 

»Haben Sie denn noch nie Kartoffeln geschält?«

 

»Ich kann mich nicht darauf besinnen. Als ich noch zur Schule ging –«

 

»Ich interessiere mich nicht im geringsten dafür, was in der Besserungsanstalt von Borstel passierte, in der jugendliche Taugenichtse erzogen werden. Stellen Sie sofort das Milchkännchen hin, und kommen Sie mit in die Küche!«

 

Er folgte ihr gehorsam.

 

»Ich habe meinen Dienstboten über das Wochenende frei gegeben. Ich möchte nicht, daß der Name meines Vetters in irgendeinen Skandal gezogen wird. Natürlich ist es ganz unmöglich, daß ich Sie Tag und Nacht dauernd bewachen kann. Ich habe deshalb einen befreundeten Herrn gebeten, hierherzukommen und mir bei dieser schweren Aufgabe zu helfen.«

 

Ein Hoffnungsschimmer leuchtete in Gordons Augen auf.

 

»Es ist ein Detektiv – ein gewisser Mr. Superbus. Ich glaube, Sie kennen ihn dem Namen nach schon, er ist Ihnen schon seit langem auf den Fersen.«

 

»Dieser – dieser …« stotterte Gordon entrüstet.

 

»Ja, dieser!«

 

Es klingelte in der Küche, und Diana sah nach der Nummerntafel. Die kleine Klappe, die die Haustür anzeigte, war gefallen.

 

»Hier sind die Kartoffeln!«

 

Gordon salutierte. Er hatte früher in der Armee gedient, und ihr befehlshaberischer Ton rief die Erinnerung daran wach.

 

Als Diana die Küche verlassen hatte, sah er sich schnell um. Er war gut genug mit seinem eigenen Hause vertraut, um zu wissen, daß man durch die Küchentür ins Freie kommen konnte. Aber sie war fest verschlossen, und der Schlüssel war abgezogen. Die Fenster waren mit eisernen Gittern gegen Einbrecher geschützt. Gordon kehrte seufzend zu seinen Kartoffeln zurück.

 

Wieder klingelte es. Diana hörte es, als sie ihren Ledergürtel mit der Pistole abschnallte und die Waffe in eine Kommode in der Diele einschloß. Sie zögerte einen Augenblick und ließ ihre Hand auf der Türklinke liegen, aber dann zwang sie ein donnerndes Gepolter zum Handeln. Entschlossen öffnete sie die Tür. Der gefürchtete Augenblick war gekommen. Noch bevor sie den bärtigen Mann sah, wußte sie, wer es war.

 

»Drei Uhr!« rief er frohlockend und streckte die Hände aus. »Drei Uhr, das ist die wunderbare Stunde unserer Wiedervereinigung, meine Braut, meine Taube, mein Leben!«

 

»Komm herein!« sagte Diana nüchtern.

 

Er wollte sie sofort in seine Arme schließen, aber sie hielt ihn immer in einer gewissen Entfernung von sich.

 

»Die Dienstboten!« sagte sie leise und entwand sich geschickt seinen Armen. »Hier hinein!« Sie öffnete die Tür zum Studierzimmer. »Giuseppe, du mußt dich aber benehmen, das ist das mindeste, was ich von dir verlangen kann. Mein Onkel –«

 

»Dein Onkel!« Er schaute sie begeistert an. »Ist er hier?«

 

Sie nickte.

 

»In diesem Hause?«

 

Sie hätte sich eigentlich durch seinen Eifer warnen lassen sollen, aber die Zwangslage, in der sie sich augenblicklich befand, hatte sie etwas aus dem Gleichgewicht gebracht.

 

»Aber natürlich ist er hier!« Seine Stimme klang triumphierend, und er sah sie mit leuchtenden Blicken ekstatisch an. Dann schloß er die Augen und lächelte verzückt.

 

»Der Traum meines Lebens wird nun erfüllt werden. Kann ich einmal telefonieren?«

 

Er hatte den Hörer schon in der Hand, bevor sie antworten konnte. Er rief sein Hotel an.

 

»Senden Sie sofort mein Gepäck hierher nach Cheynel Gardens. Jawohl, zwei Koffer – verstehen Sie denn kein Englisch? Wohin? Ich sage Ihnen doch, nach Cheynel Gardens Nr. 61. Das Haus ist gar nicht zu verfehlen! Vergessen Sie nicht meine Pyjamas! Sie liegen unter meinem Kopfkissen!«

 

»Aber Giuseppe«, rief Diana bestürzt, »was machst du da, warte doch! Du kannst unmöglich hier wohnen!«

 

»Doch, meine schlanke Lilie, hier, zusammen mit dir unter einem Dache! Oh, das ist die höchste Wonne, das ist die wunderbarste Erfüllung meiner unendlichen Sehnsucht! O Diana, Sternenfee meiner himmlischen Träume! Wenn dein guter Onkel nicht hier wäre, hätte ich unmöglich bleiben können. Hast du auch eine Tante? Ach, die arme Mrs. Tetherby!«

 

»Giuseppe! Du kannst nicht hier wohnen, mein Onkel duldet keine fremden Leute im Haus!« Er klopfte ihr auf die Schulter.

 

»Oh, ich werde ihn schon herumkriegen. Ich werde so liebenswürdig zu ihm sein, ich werde einfach seinen Widerspruch nicht gelten lassen! Erzähle mir doch von seinen Liebhabereien, damit ich mit ihm darüber sprechen kann. Es gibt nichts unter der Sonne, worüber ich nicht reden könnte!«

 

Das glaubte sie ihm aufs Wort.

 

»Und deine liebe Tante – sie ist auch meine Tante! Bringe sie sofort her, damit ich ihr die Hand drücken und ihre Wangen küssen kann. Dianas Tante! Welch eine göttliche Verwandtschaft!«

 

Trotz ihrer Bestürzung entdeckte Diana doch, daß die impulsive Seite in Dempsis Charakter sich unerträglich entwickelt hatte. Er konnte nicht einen Augenblick den Mund halten. Jetzt stand er vor dem Kamin und betrachtete die gekreuzten Ruder.

 

»Ah, du hast rudern gelernt, meine kleine Diana? Das ist ja wundervoll! Wir werden miteinander in dem Nachen des Lebens auf dem Strom der Zeit fahren, wir werden das Wasser des Lethe trinken und die Vergangenheit vergessen –«

 

Mit zwei Schritten war er an ihrer Seite und nahm ihre Hände in die seinen.

 

»O Diana, fühlst du nicht, daß ich von dieser Stunde geträumt habe während der langen Nächte in dem Busch, in der unendlichen Öde der nördlichen Landstrecken, die ich durchzog, um Gold und Vergessenheit zu suchen? Und habe doch keins von beiden gefunden. In der Einsamkeit der Eingeborenenhütten, wenn ich in der Dunkelheit hingerissen dem Gezwitscher der kleinen Vögel und dem Seufzen des Windes lauschte, sah ich immer dein Gesicht, deine herrlichen, unvergeßlichen Züge, den Glorienschein deines goldenen Haares.«

 

Plötzlich unterbrach er seine ekstatischen Phantasien.

 

»Dein Onkel! Stelle mich ihm doch vor! Bringe ihn her!«

 

*

 

Gordon hatte gerade seine dritte Kartoffel geschält, als Diana wieder in der Küche erschien. Die Kartoffeln waren noch groß, als er sie zu bearbeiten begann, aber sie schrumpften unter seinen Händen allmählich merklich zusammen. Für ihn war es ein großes Geheimnis, wo die Schale anfing und wo sie endete. Er hatte deshalb recht tief geschnitten, um ganz sicherzugehen.

 

Bei dem Anblick ihres tragischen Gesichtsausdruckes ließ er seine Kartoffel fallen.

 

»Was gibt es denn?«

 

»Was es gibt? Alles geht drunter und drüber!« rief sie bitter.

 

»Ich gebe Ihnen jetzt eine Chance. Ihr Name gefällt mir nicht, ich gebe Ihnen deshalb einen anderen – Sie heißen jetzt Artur!«

 

»Wie?« fragte er ganz verdutzt.

 

»Sie sind von jetzt ab Artur, mein Onkel Artur!«

 

Er legte das Messer nieder, wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging langsam auf sie zu.

 

»Aber ich bin doch nicht Ihr Onkel Artur –« begann er.

 

»Nehmen Sie das jetzt ab!« Sie zeigte auf die Schürze. »Ziehen Sie sofort Ihren Rock an und kommen Sie mit nach oben. Und denken Sie immer daran, daß Sie von jetzt ab mein Onkel Artur sind! Wo steckt denn eigentlich Ihre saubere Begleiterin?«

 

»Wie zum Henker soll ich das wissen?« fragte Gordon aufsässig.

 

»Warten Sie!«

 

Diana eilte die Treppe hinauf in das Reservezimmer, wo sie den Mann und die Frau unterbringen wollte, die sie bestellt hatte. Sie fand Heloise dort mit tränenfeuchten Augen auf der Ecke des Bettes sitzen. Als die Tür aufgeschlossen wurde, sprang sie auf.

 

»Hören Sie mich doch an, Mrs. Selsbury«, begann sie in ihrer hohen, weinerlichen Stimme. »Ich kenne ja das Gesetz dieses Landes nicht, aber Sie haben kein Recht, mich einzuschließen –«

 

»Wünschen Sie, daß ich zur Polizei schicke?« fragte Diana.

 

»Sie irren sich wirklich, Mrs. Selsbury«, sagte Heloise mit tiefem Ernst. »Sie haben den größten Fehler Ihres Lebens gemacht. Dieser arme Fisch ist doch Ihr Mann!«

 

»Ich habe keinen Mann, keinen Fisch, kein Huhn und keinen Hering! Ich hatte niemals einen Mann.« Aber sie besann sich eines Besseren. »Ich bin nämlich Witwe.«

 

Heloise wußte nicht, was sie davon denken sollte.

 

»Vergessen Sie jetzt alles, was heute passiert ist«, sagte Diana plötzlich etwas zusammenhanglos. »Ich habe unerwartet Besuch bekommen, der hier in meinem Hause wohnen wird – ein alter Freund, ich war früher mit ihm verlobt, bis er im Busch starb.«

 

»Ist er hier?« fragte Heloise bestürzt.

 

»Ja«, nickte Diana. »Und er bleibt auch hier. Ich kann ihm natürlich nicht erlauben, hier zu wohnen, wenn ich nicht meine Tante oder eine Gesellschafterin habe. Sie sind also jetzt –« sie sprach jedes Wort mit großem Nachdruck aus – »Tante Lizzie.«

 

Heloise wußte auch nicht mehr, ob sie wachte oder träumte.

 

»Sie sind Tante Lizzie, und der verdammte Einbrecher, den Sie da geheiratet haben, was ich wenigstens hoffe, ist Onkel Artur. Gehen Sie jetzt in die Küche hinunter und sagen Sie ihm Bescheid.«

 

»Damit ich mich nicht irre – ich bin Tante Lizzie – Sie wollen, daß ich Ihre gute Tante Lizzie bin … und der arme Kerl in der Küche ist …?«

 

»Onkel Artur.«

 

»Ich habe die Sache noch nicht recht verstanden. Hier wird ein Film gedreht … Sie drehen selbst etwas.« Im Augenblick hatte sie vergessen, daß sie eine elegante Dame der Gesellschaft war. »Also ich bin Tante Lizzie …«

 

Sie sank vollständig zusammen unter der Last, die man ihr auferlegt hatte.

 

»Sie sind verrückt! Ich bin amerikanische Bürgerin, oder wenigstens beinahe. Ich lebe in Toronto, aber ich wohne so nahe, daß man einen Stein über die Grenze werfen könnte – und jetzt bin ich Tante Lizzie!«

 

Kapitel 15

 

15

 

Gordon spielte zerstreut mit Kartoffelschalen, als Heloise hereinkam.

 

»Sie sind jetzt Onkel Artur!« sagte sie in geziertem Ton.

 

»Wo waren Sie, Heloise?«

 

Der Anblick seiner Gefährtin im Unglück brachte ihn wieder zur Besinnung. Heloise war ein Stück Wirklichkeit, etwas, an das man sich anklammern konnte. Er vergaß seinen Widerwillen gegen sie vollständig über der Freude, jemand zu treffen, der ihn in der Überzeugung bestärkte, daß er tatsächlich Gordon Selsbury war.

 

»Sagen Sie, Gordon, diese Liese – ist das Diana?«

 

Er nickte.

 

»Ist sie Ihre Frau? Das haben Sie mir immer verschwiegen.«

 

»Sie ist nicht meine Frau … sie hat kein Recht hier … wenn ich Ihnen Veranlassung gab, zu denken, ich sei verheiratet, so tat ich es nur, weil ich Sie aus dem Hause bringen wollte. Sehen Sie nun, was Sie angerichtet haben? Sie haben mich ruiniert! Wenn Sie bloß draußen geblieben wären! Wenn ich Sie nie gesehen hätte!«

 

»Sie hat mir eben erklärt, daß sie Ihre Witwe sei!« Heloise war ganz ruhig und kleinlaut, und es kam ihm so vor, als ob sie den Verstand verloren hätte.

 

»Wenn Sie wünschen, ist sie auch meine Witwe!« sagte er begütigend. »Nehmen Sie doch Platz, ich will Ihnen ein Glas Wasser geben!«

 

»Diana!« rief Heloise erstaunt. »Das ist also Ihr kleines, australisches Mädchen … Gordon, sagen Sie einmal aufrichtig, ist sie nicht ein Polizeispitzel?«

 

»Was soll sie sein?«

 

»Ich meine so ein Frauenzimmer aus Scotland Yard – sie tritt genauso auf. Aber nun kommen Sie mit.«

 

»Wohin?«

 

»Sie will uns dabeihaben«, sagte Heloise gleichgültig. »Es hat doch keinen Zweck, hier noch Spektakel zu machen, Gordon, wir müssen uns dem Zwang der Verhältnisse unterordnen.«

 

Das war ein Lieblingsspruch von Heloise. Er hatte ihn schon öfters aus ihrem Munde gehört.

 

Fünf Minuten später schüttelte ein schlanker Mann mit braunem Gesicht Gordons Hände, und wenn er sie nicht mehr schüttelte, dann drückte er sie.

 

»Das ist ihr Onkel! Noch so jung! Und doch ist er älter als er scheint! Und das ist Tante Lizzie!«

 

Er stürzte auf sie zu und küßte die geduldige Heloise auf beide Wangen.

 

Gordon stand vollständig verwirrt dabei. Wer war denn dieser verfluchte Bursche? Diana hatte es ganz versäumt, ihn vorzustellen. Nach einer Weile holte sie es aber nach.

 

»Mein lieber Onkel Artur, dies ist Mr. Giuseppe Dempsi. Du erinnerst dich – ich habe doch des öfteren über ihn gesprochen?«

 

Ihr vernichtender Blick war unnötig. Gordon erinnerte sich tatsächlich daran.

 

»Ich dachte, er sei tot.« Ihn überkam plötzlich ein sonderbares Gefühl, so daß er im tiefsten Baß sprach. Er war selbst darüber verwundert.

 

»Aber ich lebe! Freuen Sie sich, Onkel Artur! Ihr kleiner Wopsy lebt! Ich bin von den Schatten zurückgekehrt. Der süße Zauber einer Sirene brachte mich wieder zur Welt zurück, selbst aus dem Reich der Schatten …!«

 

Er zeigte mit einer theatralischen Gebärde auf Diana.

 

»Meine Braut!« sagte er mit zitternder Stimme.

 

Gordon sah von einem zum anderen. Dempsi – Braut – Braut – Dempsi!

 

»Das ist doch wirklich lächerlich!« rief er, zuckte aber gleich unter einem zerschmetternden Blick Dianas zusammen.

 

Aber Mr. Dempsi war zu glücklich, um sich irgendwie in seiner guten Laune stören zu lassen.

 

»Mein Onkel muß jetzt gehen – er muß die Hühner füttern«, sagte Diana hastig.

 

Sie war sehr enttäuscht, als sie erkannte, wie wenig sie sich auf ihre Stützen und Helfer verlassen konnte. Sie ging gleich nach ihnen in die Küche.

 

»Sie sind beide unbrauchbar, Sie haben mich schön blamiert«, rief sie ganz verzweifelt. »Sie mögen ja ganz tüchtige Verbrecher sein, weil Sie zu nichts anderem taugen. Sie standen wie Wachspuppen aus der Schreckenskammer da und haben weder etwas gesagt noch etwas getan!«

 

»Was sollten wir denn tun?« fragte Gordon. »Wenn ich getan hätte, wonach mir der Sinn stand, hätte ich diesen zappeligen kleinen Wopsy auf die Straße geworfen! Aber Sie sind ja jetzt Herr im Hause, Sie wollen ja nicht einmal die einfachste Erklärung entgegennehmen!«

 

»Aber zu Ihrer einfachsten Erklärung paßt es schlecht, daß Sie Tante Lizzie mitgebracht haben!« unterbrach sie ihn schroff. »Sie hätten mich vielleicht täuschen können, wenn Sie hier nicht mit Ihrer Komplicin, Ihrer Frau, aufgetaucht wären. Seien Sie doch vernünftig, Mann! Ich weiß doch genau, daß Sie der Doppelgänger sind! Ich werde Sie hier irgendwie verwenden, wenn es geht – wenn es nicht geht, schicke ich sofort zur Polizei! Mr. Superbus muß in jedem Augenblick kommen – der wird Sie bewachen! Also versuchen Sie, sich so aufzuführen, wie es einem Onkel zukommt.«

 

Gordon wand sich in seelischem Schmerz.

 

»Wie kann ich mich denn wie ein Onkel benehmen, wenn Sie mir einen verteufelten Detektiv vor die Nase setzen, um mich zu bewachen?« fragte er wütend. »Es ist doch kein Verbrechen, ein Onkel zu sein, meine Liebe! Sie können doch nicht einfach sagen: ›Bewachen Sie den Mann, er ist mein Onkel Artur!‹ Von Ihrem Standpunkt aus mag ja ein Onkel an sich eine verdächtige Tatsache sein, aber in diesem Lande ist man nicht der Ansicht! Wie wollen Sie denn das dem Mann erklären?«

 

Sie sah ihn verächtlich an.

 

»Ich kann ihm ja sagen, daß Sie nicht ganz richtig im Kopf sind«, erwiderte sie kühl. »Und das werde ich tun!«

 

Gordon lehnte sich an den Tisch, um einen Halt zu haben.

 

»Ich bin aber nicht schwachsinnig!« protestierte er heftig.

 

Sie warteten, bis Dianas Schritte verhallt waren.

 

»Das kommt von einem Ausflug nach Ostende«, sagte Mr. Selsbury. Seine Stimme überschlug sich beinahe.

 

»Wenn Sie bloß nach Ostende gereist wären! Dann hätte alles nicht passieren können!« fuhr ihn Heloise wild an. »Es ist Ihnen doch klar, daß mein Mann mir folgte und daß er in diesem Augenblick wahrscheinlich auf den Treppenstufen sitzt und nur darauf wartet, Ihren armen Geist von seiner irdischen Hülle zu befreien?«

 

Gordon strich müde und verzweifelt mit der Hand über die Stirn.

 

Kapitel 3

 

3

 

Vier Wochen später saß das junge Mädchen in dem Büro des Rechtsanwalts Parsons. In einem entzückenden Kostüm und mit leuchtenden Augen hörte sie seine Erklärungen an. Für sie bedeutete das alles eine völlig neue Welt.

 

»Meiner Meinung nach ist es nötig, daß Sie das Eigentum Ihres Großvaters einmal selbst ansehen. Es ist sowieso besser, wenn Sie gleich an Ort und Stelle sind, wenn die Verträge und Urkunden unterzeichnet werden müssen.«

 

»Wer will denn die Ländereien in Kanada kaufen?«

 

»Sir John Storey. Er besitzt bereits den größten Teil der anliegenden Grundstücke. Ich weiß allerdings nicht, wozu er diese dann auch noch braucht. Er soll sowieso sehr reich sein und hätte sie eigentlich nicht nötig.«

 

»Daß sich ein englischer Baron in eine solche Einsamkeit zurückzieht und auf alle Annehmlichkeiten und allen Komfort verzichtet, kann ich nicht recht verstehen«, meinte Dorothy.

 

»Nun, er ist schon sechs Jahre dort, und es scheint ihm ausgezeichnet zu bekommen. Im übrigen kann uns das ja gleichgültig sein.«

 

Dorothy dachte einen Augenblick nach.

 

»Ich würde zu gern nach Kanada fahren, aber allein wird das nicht gut gehen.«

 

Mr. Parsons lächelte.

 

»Wenn es Ihnen recht ist, könnten mein Sohn und ich Sie ja begleiten. Sie haben meinen Sohn übrigens schon gesehen, als Sie durch das vordere Büro kamen.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich glaube nicht. Dort saßen nur der Bürovorsteher und zwei Schreiber.«

 

Mr. Parsons war unangenehm berührt.

 

»Einer der beiden ist mein Sohn Reginald – Sie haben ihn wohl nicht so genau angesehen.«

 

Dorothy entschuldigte sich kurz. Mr. Parsons war auch von der Wichtigkeit seines Vorhabens zu sehr überzeugt, als daß ihn solche Kleinigkeiten hätten verletzen können.

 

»Also, wir werden Sie begleiten, damit Sie sicher zu Sir John Storey kommen.«

 

»Wieso denn zu Sir John Storey? Ich kann doch auch in der nächsten Stadt bleiben.«

 

»Leider ist keine Stadt in der Nähe, wo Sie bleiben könnten – im Gegenteil, wir werden etwa drei Tage reiten müssen, ehe wir den Landsitz des Barons erreichen. Außerdem habe ich gerade heute einen Brief von Sir John erhalten, in dem er Sie und mich sowie meinen Sohn herzlich zu sich einlädt, bis die Formalitäten zur Abtretung der Ländereien erledigt sind.«

 

»Ach, das ist ja herrlich!« rief Dorothy begeistert. »Schon immer habe ich mir gewünscht, reisen und etwas von der Welt sehen zu können.«

 

So kam es, daß Dorothy, Mr. Parsons und sein Sohn an einem kühlen Oktobermorgen mit dem Dampfer ›Nelson‹ in Little Beach eintrafen.

 

Der Ort war ziemlich klein: Er bestand nur aus wenigen Häusern.

 

Dorothy war begeistert von der herrlichen Gebirgslandschaft. Von weitem sah sie den riesigen Gipfel des Mount Mac Gregor, und es erschien ihr alles zauberhaft schön. Die hohen, schneebedeckten Bergriesen machten einen überwältigenden Eindruck auf sie. Schon auf der Fahrt hatten sich immer neue Wunder der großartigen kanadischen Landschaft vor ihr aufgetan. Tief atmete sie die köstlich frische Bergluft ein.

 

»Es ist verdammt kalt hier«, sagte Mr. Parsons ärgerlich, »und ich fürchte, daß wir auch kaum etwas Ordentliches zu essen bekommen.«

 

Er sah sich nach allen Seiten um und bemerkte an der Tür eines Hauses eine Anzahl von Männern. Einer von ihnen, in einem langen Mantel und schweren Stiefeln, kam auf sie zu. Der Rechtsanwalt ging ihm entgegen.

 

»Ihr Vater hat doch wohl dafür gesorgt, daß wir hier abgeholt werden, Mr. Parsons?« fragte Dorothy den jungen Mann.

 

»Sagen Sie doch bitte Reggie zu mir. Warum sollen wir uns nicht beim Vornamen nennen, Dorothy?« bat er.

 

»Weil ich nicht möchte, daß Sie mich mit Dorothy anreden«, entgegnete sie kurz.

 

*

 

Die Reise war herrlich, aber die ständige Gegenwart des jungen Parsons fiel ihr allmählich auf die Nerven. Die Anwesenheit des Rechtsanwalts machte ihr nicht viel aus, aber dieser vorlaute junge Mann, der ihr bei jeder Gelegenheit den Hof machte, war ihr lästig.

 

»Ich wünschte, Sie wären nicht so unliebenswürdig zu mir«, erwiderte er vorwurfsvoll. »Ich hatte keine Ahnung, daß Sie mir so gut gefallen würden, als ich meinem Vater versprach, diese Reise mitzumachen. Am liebsten würde ich dauernd mit Ihnen zusammen sein.«

 

»Sagen Sie, ist das der Mann, der uns durch die Berge begleiten soll?«

 

»Ja, ich nehme an. Mein Vater sagte, er wäre der Sheriff oder so etwas Ähnliches.«

 

»Reiten wir gleich ab?« fragte sie interessiert weiter.

 

»Ich hoffe«, brummte Reginald und starrte ärgerlich auf den Mann in dem groben Mantel und den Reitstiefeln. »Je eher wir aus diesem schrecklichen Nest fortkommen, desto besser ist es.«

 

Mr. Parsons kam mit dem Mann auf die beiden zu.

 

»Ich möchte Ihnen Sheriff Henesey vorstellen«, sagte er. »Er wird uns bis zu Sir John Storeys Landsitz begleiten.«

 

Der Fremde war ein gutaussehender stattlicher Mann von etwa fünfzig Jahren. Er schüttelte Dorothy und Reginald kräftig die Hand.

 

»Ihre Pferde und der Wagen stehen bereit – Sie wissen doch, daß wir etwa drei Tage unterwegs sein werden?«

 

»Kommen wir durch eine schöne Gegend?« erkundigte sich Dorothy. »Aber diese Frage ist wohl überflüssig, denn hier scheint es überall wunderbar zu sein«, fügte sie begeistert hinzu.

 

»Ich kenne Ihren Geschmack nicht«, entgegnete der Sheriff vorsichtig. »Interessant ist die Gegend sicher. Jedenfalls ist es nicht leicht, den Weg zu Sir John Storeys Landsitz zu finden, wenn man ihn nicht genau kennt. Keiner der Leute hier im Ort ist je dort gewesen, auch ich nicht – Sie hatten doch hoffentlich damit gerechnet, daß wir einen Führer brauchen?«

 

Die letzte Frage war an Mr. Parsons gerichtet, und der Anwalt nickte.

 

»Ja, ich glaube, das wollte ein gewisser Harvey übernehmen.«

 

Der Sheriff runzelte die Stirn.

 

»Joe Harvey? Ich fürchte, da muß ich Sie enttäuschen – er hat sich vor einer Woche ein Bein gebrochen und ist mit dem Dampfer nach Norden geschickt worden. Aber ich werde schon jemand auftreiben, wenn auch die Einheimischen sich nicht leicht überreden lassen werden und die Strecke leider auch nicht richtig oder nur teilweise kennen.« Henesey ging zu dem Haus zurück, von dem er gekommen war. Die Gruppe der Neugierigen bestand nur aus etwa sechs bis acht Männern. Der Sheriff verhandelte mit ihnen. Nach einer Weile kam er wieder.

 

*

 

»Also, von denen dort will es keiner tun, aber gestern abend ist ein Mann hierhergekommen, der es eventuell übernehmen würde, hieß es. Er kennt die Gegend gut, aber ich weiß nicht, ob Sie ihn zum Führer nehmen wollen.«

 

»Wer ist es denn?« fragte Mr. Parsons.

 

»Wir nennen ihn hier ›Harry mit den Handschuhen‹. Er muß Jäger sein, aber viel Mühe scheint er sich wohl nicht damit zu geben, denn bis jetzt hat er noch keine Felle zum Verkauf hergebracht. Regelmäßig alle sechs Wochen taucht er hier auf. Manche halten ihn für einen zweifelhaften Charakter, aber ich habe nie feststellen können, daß er sich etwas hätte zuschulden kommen lassen.«

 

Der Anwalt zögerte.

 

»Warum heißt er denn ›Harry mit den Handschuhen‹?«

 

»Weil er immer Lederhandschuhe trägt«, erwiderte der Sheriff ungeduldig. »Er sieht zwar nicht besonders vertrauenswürdig aus, aber man könnte ja mal mit ihm sprechen.«

 

Henesey pfiff und rief der Gruppe von Männern etwas zu. Einer von ihnen verschwand im Haus – offensichtlich der Gasthof – und kam nach einer Weile mit einem Mann wieder heraus, der wohl drinnen bei einem Bier gesessen hatte.

 

Henesey hatte nicht zuviel behauptet, wenn er meinte, ›Harry mit den Handschuhen‹ sähe nicht besonders vertrauenswürdig aus. Der Mann hatte einen struppigen Bart, und auch sein Haar hätte einen Friseur vertragen können. Sein linkes Auge war durch eine schmutzige Binde verdeckt. Sein Anzug war staubig und die Stiefel grau von Schmutzspritzern. Den Rucksack hatte er mit einem Strick über die Schulter gehängt. Der finstere Eindruck wurde noch verstärkt durch eine doppelläufige Büchse, die er in der Hand hielt, und einen Revolver, der in einem Futteral an seinem Gürtel hing. Er sagte kein Wort. Ruhig stand er vor den Ankömmlingen und musterte sie auf eine Weise, die dem Rechtsanwalt nicht besonders angenehm war.

 

»Kennt er den Weg auch wirklich?« fragte Mr. Parsons zweifelnd. Er hatte keine große Lust, mit diesem Individuum in eine so einsame Gegend zu gehen.

 

Der Fremde nickte.

 

Dorothy betrachtete ihn interessiert. Er paßte jedenfalls besser in diese wilde Gegend als ihre anderen Begleiter. Neugierig sah sie auf seine Hände, und tatsächlich trug er Handschuhe, die früher einmal eine helle Farbe gehabt haben mußten. Noch jetzt konnte man erkennen, daß das Leder außergewöhnlich fein und weich war.

 

»Also Sie sind unser Führer, Harry«, sagte der Rechtsanwalt.

 

Ohne ein Wort zu verlieren, wandte Harry der Gesellschaft den Rücken und ging fort.

 

»Unter keinen Umständen wird es Ihnen gelingen, ihn zum Sprechen zu bringen. In manchen Holzfällerlagern nennt man ihn deshalb den ›Stummen‹. Er hält sich immer abseits von den andern und sagt nur das Notwendigste.«

 

»Allem Anschein nach rasiert er sich auch nicht. Könnten wir ihn vom Friseur nicht ein wenig in Ordnung bringen lassen?«

 

Der Sheriff biß das Ende seiner Zigarre ab und steckte sie an.

 

»Der einzige Friseur in Little Pine Beach hat vor einer Woche das Delirium tremens bekommen.«

 

»Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als den Mann so zu nehmen, wie er ist«, meinte der Rechtsanwalt resignierend.

 

Dorothy konnte den Führer nicht so abstoßend finden. Irgendwie empfand sie einen gewissen Respekt vor seiner Wortkargheit und ruhigen Bestimmtheit. Als sich die Gesellschaft in Bewegung setzte, ritt sie darum auch hinter ihm, und sie grübelte die ganze Zeit darüber nach, was für ein Leben dieser Mann wohl führte. Für sie war es, als ob eine Gestalt aus einem Abenteuerroman lebendig geworden wäre. Fast ehrfürchtig betrachtete sie den Revolver – ob Harry damit wohl schon einen Menschen niedergeschossen hatte? Sicher kam man in einem solchen Leben nicht ohne Gewalt und Kampf aus.

 

Wahrscheinlich hatte er sich auf ähnliche Weise auch die Verletzung an seinem Auge zugezogen.

 

Je höher sie kamen, desto herrlicher wurde die Aussicht, die sie von Berghängen oder über Schluchten hinweg hatten. Sie ritten zunächst zum Dead-Horse-Paß. Gegen Abend sattelten sie ab, und man schlug Zelte für die Nacht auf. Henesey verhandelte eine Weile mit dem Führer, dann kam er zu den anderen zurück und schüttelte den Kopf.

 

»Wir müssen selbst unser Essen machen«, berichtete er. »Er will nur für die junge Dame etwas kochen – für niemand sonst.«

 

»Sagen Sie ihm doch, daß wir auch allein für die junge Dame sorgen können«, fuhr Parsons auf.

 

»Bestellen Sie ihm bitte, Mr. Henesey, daß ich sehr gerne probieren möchte, was er gekocht hat«, warf Dorothy ruhig ein.

 

Der Rechtsanwalt machte keinen Einwand«, warf aber seinem Sohn einen schnellen Blick zu.

 

Harry mochte der schlimmste Landstreicher in ganz Kanada sein – aber er konnte kochen. Er bot Dorothy eine ausgezeichnete dicke Gemüsesuppe mit Fleischeinlage an und hinterher eine Tasse Kaffee, wie sie ihn überhaupt noch nie geschmeckt hatte.

 

Mr. Parsons, der viel für gutes Essen übrig hatte, betrachtete melancholisch seine eigene Mahlzeit.

 

Am nächsten Morgen brachen sie früh auf. Der Weg war jetzt breiter, so daß Dorothy neben dem schweigsamen Mann reiten konnte, der ihre Gedanken immer stärker beschäftigte.

 

»Was macht denn Ihr Auge? Ist es sehr schlimm?«

 

»Nein«, entgegnete er brummig.

 

Sie hätte ihn zu gerne gefragt, wie er zu der Verletzung gekommen wäre, aber sie traute sich nicht, ihn nochmals anzureden.

 

Als ob er ihre Gedanken erraten hätte, sagte er plötzlich: »Es kam durch einen Jagdunfall – als ich einen Luchs schoß.«

 

Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her. Dann wandte sich Dorothy wieder an ihn.

 

»Diese Gegend ist herrlich. Es ist für mich Stadtkind wie eine Offenbarung. Aber Sie leben ja hier; für Sie ist das natürlich nichts Neues.«

 

Er antwortete nicht darauf.

 

»Warum reiten Sie eigentlich zu Storey?« fragte er nach einer Weile.

 

Sie erzählte ihm alles ganz offen, und er hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen. Während sie sprach, fiel ihr auf, daß in seinem Haar und Bart schon einzelne graue Haare zu sehen waren. Trotzdem hätte sie sein Alter nicht schätzen können, denn die braune Hautfarbe ließ ihn jünger aussehen, als er war.

 

Plötzlich sah er sie an.

 

»Sie hätten doch nicht in diese rauhe Gegend zu kommen brauchen«, sagte er mit seiner tiefen Stimme. »Die Anwälte hätten die Verträge allein fertigmachen können.«

 

»Mr. Parsons sagte aber, es wäre nötig, daß ich käme.«

 

Auf einmal kam ihr ein Gedanke, und sie war so erstaunt, daß sie ihn laut aussprach.

 

»Morgen ist mein Geburtstag – ich werde dreiundzwanzig. Es wäre sehr schlimm für mich, wenn es schon der vierundzwanzigste wäre.«

 

Er kümmerte sich nicht um ihre Worte, und das ärgerte sie. Wieder ritten sie eine Weile schweigend nebeneinander her. »Warum wollen Sie denn nicht vierundzwanzig werden?« fragte er dann unerwartet.

 

»Ach, es ist nicht wichtig«, entgegnete sie kühl.

 

Er drang auch nicht weiter in sie, und das ärgerte sie noch mehr.

 

*

 

An diesem Abend war Reginald besonders aufmerksam zu ihr. Sein Vater schien ihn auch absichtlich mit ihr allein zu lassen. Schlimm wurde es aber, als Mr. Parsons den Sheriff mitnahm, um ihm vom Abhang einen wunderbaren Ausblick zu zeigen.

 

Dorothy hatte ihre Abendmahlzeit beendet und wollte gerade aufstehen, als Reggie auf sie zukam und sie am Arm festhielt.

 

»Gehen Sie bitte nicht weg, ich muß Ihnen was sagen, Dorothy«, sagte er und räusperte sich.

 

Sein Ton war so sonderbar, daß sie ihn erstaunt anblickte.

 

»Dorothy, ich liebe Sie«, erklärte er heiser. »Ich liebe Sie – ich habe Sie wirklich verdammt gern!«

 

»Ich will aber nicht, daß man mich ›verdammt‹ gern hat«, sagte sie kühl, obwohl sie innerlich vor Ärger über seine Hartnäckigkeit kochte.

 

Reginald wußte nicht, was er nun tun sollte. »Nimm die Festung im Sturm«, hatte ihm sein Vater am Nachmittag geraten.

 

»Dorothy«, begann Reginald wieder und ergriff ihre Hand, »ich bin Ihrer nicht wert.«

 

»Gott sei Dank, daß wir wenigstens einmal in unseren Ansichten übereinstimmen«, entgegnete sie. Aber bevor sie wußte, was geschah, hatte er sie in die Arme geschlossen und drückte seine Lippen auf die ihren.

 

Sie versuchte verzweifelt, sich frei zu machen, aber plötzlich packte jemand Reggie am Kragen und zog ihn zurück. Der junge Mann ließ sie los und schaute sich wütend um.

 

»Verdammt, was fällt Ihnen ein?« rief er außer sich. Er wollte sich losreißen, aber Harry hielt ihn eisern fest.

 

Schließlich ließ er los, gab ihm aber dabei einen solchen Stoß, daß er fast gefallen wäre. Fluchend zog Reginald seinen Revolver.

 

»Stecken Sie das Schießeisen ruhig wieder weg«, sagte Harry, und widerwillig gehorchte der junge Mann. Harry sah ihn so verächtlich an, daß ihm das Blut zu Kopf stieg.

 

»Was ist denn hier los?« fragte der Anwalt, der aufmerksam geworden war und eilig herbeikam.

 

Dorothy, die ein paar Schritte weitergegangen war, hörte, was Reginald seinem Vater erzählte. Zu ihrem größten Erstaunen wurde der Anwalt nicht ärgerlich über die Frechheit seines Sohnes, sondern wandte sich mit einem verbindlichen Lächeln an das junge Mädchen.

 

»Das ist allerdings sehr unangenehm, Miss Trent, besonders, weil ich am Tag der Abreise das Testament noch einmal genau durchgelesen habe. Dabei mußte ich leider feststellen, daß ich das Testament nicht genau genug geprüft habe. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß Sie vor Ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag heiraten müssen nicht vor Ihrem vierundzwanzigsten.«

 

Sie sah ihn erschrocken an.

 

»Was – bevor ich dreiundzwanzig werde?« Sie glaubte, nicht richtig gehört zu haben. »Sicher irren Sie sich.«

 

»Ich bedaure den Irrtum außerordentlich, aber in dem Testament steht ausdrücklich der dreiundzwanzigste Geburtstag, Es tut mir leid, daß ich Ihnen das Testament nicht gezeigt habe.«

 

Dorothy überlegte blitzschnell.

 

»Das heißt, daß ich neun Zehntel des Vermögens verliere, wenn ich nicht heute abend noch heirate?«

 

Parsons nickte zustimmend.

 

Harry, der noch immer dabeistand, sah, daß ihr das Blut in die Wangen stieg.

 

»Das Ganze ist ein abgekartetes Spiel!« rief Dorothy mit zitternder Stimme. »Deshalb also wollten Sie so dringend, daß ich in diese einsame Gegend reiste. Es wäre überhaupt nicht nötig gewesen, daß ich herkam. Sie haben es aber extra so eingerichtet, daß ich am Vorabend meines dreiundzwanzigsten Geburtstags hier von aller Welt verlassen und auf Sie angewiesen bin, weil Sie mich mit Reginald verkuppeln wollten!«

 

Wer konnte ihr nur hier helfen? Sie überlegte fieberhaft, ob es nicht noch einen Ausweg gäbe. Dann fiel ihr ein: »Sie sind natürlich der Beamte«, sagte sie zu Henesey, »der mich mit Reginald trauen sollte, nicht wahr?«

 

»Ja, deshalb habe ich die Gesellschaft begleitet – das war der Sinn meines Mitkommens«, erklärte der Sheriff, wandte sich ab und spuckte aus. »Mir wurde gesagt, Sie seien romantisch und hätten die Absicht, hier in den Bergen zu heiraten.«

 

Dorothy wußte plötzlich, was sie tun mußte. Sie trat zu Harry, der ihr trotz seines verbundenen Auges, seines wilden Bartes, seines abgerissenen Aussehens von Anfang an Vertrauen eingeflößt hatte.

 

»Kann ich Sie einen Augenblick allein sprechen?« fragte sie. Sie war rot geworden, sprach aber entschlossen weiter, nachdem sie sich von den anderen entfernt hatten.

 

»Sind Sie verheiratet?« fragte sie schnell.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Ich gebe Ihnen zehntausend – nein, hunderttausend Dollar, wenn Sie mich jetzt heiraten. Aber Sie müssen mir versprechen, daß Sie mich verlassen, sobald wir wieder in Little Pine Beach sind.«

 

Er überlegte eine Weile.

 

»Ja«, erwiderte er dann. »Ich werde Sie verlassen, wenn Sie wieder in Little Pine Beach sind und es wünschen, daß ich Sie verlassen soll.«

 

Sie sah ihn prüfend an, aber er zuckte mit keiner Wimper.

 

»Also, wollen Sie mich heiraten?«

 

Er nickte.

 

»Ich sehe nicht ein, warum ich es nicht tun sollte. Ich habe heute abend sowieso nichts Besonderes vor.«

 

Dorothy ging zum Lagerfeuer zurück.

 

»Sheriff Henesey, können Sie mich jetzt trauen?«

 

»Selbstverständlich!«

 

»Mit oder ohne Papiere?«

 

»Eine Heiratsbewilligung brauchen wir hier draußen nicht.«

 

»Das ist ja wunderbar.« Sie nahm Harrys Hand. »Trauen Sie uns.«

 

Rechtsanwalt Parsons sprang auf.

 

»Nein! Das dürfen Sie nicht tun!« rief er laut.

 

»Sie können nichts daran ändern, seien Sie also still!« sagte Harry ruhig. »Mr. Henesey, fangen Sie doch bitte mit der Trauung an.«

 

In der Nacht schlief Dorothy im Zelt ihres Mannes. Er selbst wickelte sich in seine Decken und übernachtete draußen vor dem Zelt.

 

Am nächsten Morgen setzten sie den Ritt fort. Keiner von ihnen sagte ein Wort, und es herrschte allgemein eine gedrückte Stimmung.

 

Nur einmal brach Mr. Parsons das Schweigen.

 

»Wie heißt denn der Kerl eigentlich?« fragte er den Sheriff.

 

»Ich glaube Torker – oder Morley oder so ähnlich. Ich habe den Namen nicht genau verstanden. Aber er muß ihn mir ja sagen, wenn ich den endgültigen Trauschein ausstelle.«

 

Dorothy ritt mit ihrem Mann voraus, aber auch die beiden waren verhältnismäßig schweigsam.

 

Schließlich kamen sie am Nachmittag auf dem Gut Sir John Storeys an.

 

»Sind Sie dem Baron schon einmal begegnet?« fragte Dorothy ihren Mann.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

Sie stellte noch ein paar Fragen, und er nickte nur, ohne etwas zu sagen.

 

»Gesprächiger sind Sie ja nicht geworden!« rief sie ärgerlich aus.

 

»Nein, ich sage selten, was ich denke.«

 

Bestürzt sah sie ihn an.

 

Er fuhr fort: »Vermutlich wollen Sie mich nicht mehr sehen, wenn wir zum Haus kommen. Es wird Ihnen nicht passen, in meiner Gesellschaft gesehen zu werden.«

 

»Sie haben versprochen, mich nach Little Pine Beach zurückzubringen. Außerdem müssen Sie mir doch noch Ihre Adresse sagen, damit ich Ihnen das Geld schicken kann.«

 

»Ich will kein Geld.«

 

»Aber Sie haben es doch versprochen!« rief sie ganz verzweifelt über solchen Starrsinn aus.

 

Er antwortete nicht darauf.

 

Das Haus des Barons war eine große Überraschung für Dorothy. Sie hatte in dieser Umgebung eigentlich Blockhäuser oder ähnliches erwartet. Was sie aber vorfanden, war ein wahrhaft fürstlicher Landsitz. Diener in Livree kamen aus dem Gebäude, halfen ihr beim Absteigen und brachten sie in die große Eingangshalle, die mit Geweihen und anderen Jagdtrophäen geschmückt war.

 

Auch ein Butler erschien, der ebensogut auf ein englisches Schloß hätte gehören können.

 

Dorothy sah sich nach ihrem Mann um, aber er war inzwischen verschwunden.

 

Reginald hatte sie beobachtet.

 

»Nun, wo ist denn der Herr Gemahl geblieben, Mrs …, den Namen habe ich nicht verstanden?« erkundigte er sich spöttisch.

 

Dorothy wurde rot und wandte sich an den Butler.

 

»Ach, würden Sie Mr. – Mr. – sehen Sie doch bitte nach, ob mein Mann draußen ist«, führ sie dann energisch fort. Sie ärgerte sich nicht nur über die Taktlosigkeit des jungen Mannes, sondern schämte sich auch, daß sie ihren eigenen Namen nicht wußte.

 

Der Butler kam gleich darauf zurück.

 

»Er läßt sich entschuldigen – er käme später«, sagte er höflich.

 

»Ist denn Sir John zu Hause?« fragte der Rechtsanwalt.

 

»Nein, er ist augenblicklich nicht anwesend, aber ich werde ihm Ihre Ankunft melden, wenn er zurückkommt. – Ich habe Ihr Gepäck auf die Zimmer bringen lassen, meine Herren. Wollen Sie sich zum Abendessen umkleiden? Sir John tut es immer.«

 

Rechtsanwalt Parsons und sein Sohn hatten selbstverständlich Abendanzüge mitgenommen. Sheriff Henesey war schon wieder fortgeritten. Er hatte die Trauungsurkunde ausgefertigt und befand sich bereits auf dem Weg nach Little Pine Beach.

 

Dorothy sah ihren Mann an diesem Nachmittag nicht mehr. Nur einmal entdeckte sie ihn von weitem, Er hatte den Sheriff ein Stück begleitet und betrat das Haus von der Rückseite durch den Eingang für das Personal.

 

*

 

Mit größter Sorgfalt zog sich Dorothy zum Abendessen an. Es war das erstemal, daß sie in dieser Gegend ein richtiges Abendkleid anlegen konnte. Wie mochte wohl der Baron aussehen, schoß es ihr durch den Kopf. Ob sie ihm gefallen würde? Aber sie verscheuchte diesen Gedanken sofort. Was würde Harry sagen, wenn er sie in diesem Kleid sehen, könnte? Wahrscheinlich dachte er doch an nichts anderes, als möglichst bald in die nächste Stadt zu kommen und das Geld zu vertrinken, das er von ihr erhalten würde und das er bis jetzt so großspurig zurückgewiesen hatte. Trotzdem war sie gespannt, wann sie ihn wiedersehen würde – ihren Mann!

 

Strahlend trat sie ins Speisezimmer, das von vielen Lampen erleuchtet wurde, denn der Baron hatte einen nahegelegenen Wasserfall zu einem Kraftwerk ausbauen lassen.

 

Reggie betrachtete sie spöttisch.

 

»Nun, wissen Sie jetzt, wo Ihr Mann ist?« fragte er.

 

Dorothy ging auf den Butler zu, der respektvoll am Ende des Tisches stand.

 

»Würden Sie so freundlich sein und meinem Mann sagen, daß das Essen angerichtet ist?« bat sie ein wenig verlegen.

 

Sie wollte diese Rolle zu Ende spielen und sich vor allem in Gegenwart der beiden Parsons keine Blöße geben.

 

»Sie meint ›Harry mit den Handschuhen‹«, erklärte Reginald bereitwillig.

 

Der Butler verbeugte sich und verließ das Zimmer. Ein paar Minuten später erschien er wieder, öffnete die Tür weit und trat dann zur Seite.

 

»›Harry mit den Handschuhen‹«, sagte er dann laut.

 

Als der Rechtsanwalt erkannte, wer da hereinkam, fuhr er sich mit der Hand an den Kopf und wurde blaß vor Schreck. Dorothy aber hatte sich voller Staunen erhoben, sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen.

 

Harry hatte sich rasiert und den Verband abgenommen. Seine beiden Augen waren gesund und leuchteten zum erstenmal, seit sie ihn kannte, gutgelaunt und fast belustigt. Der Frack stand ihm tadellos, und das weiße Frackhemd unterstrich sehr vorteilhaft seine braune Hautfarbe.

 

Lächelnd verbeugte er sich, dann ging er zum Platz des Hausherrn. Er kümmerte sich überhaupt nicht um die beiden Parsons, sondern wandte sich lächelnd an Dorothy.

 

»Hoffentlich habe ich Sie nicht zu sehr überrascht«, erklärte er liebenswürdig, »aber Sie müssen bedenken, daß ich sechs Monate lang auf der Jagd war und während der Zeit keine Gelegenheit zum Haarschneiden oder Rasieren hatte.«

 

Er sah zum Butler hinüber.

 

»Tibbins, fangen Sie bitte mit dem Servieren bei Mylady an.«

 

Inzwischen war auch Mr. Parsons zu sich gekommen.

 

»Sie sind also Sir John Storey?« fragte er verlegen.

 

»Ja, das ist mein Name.«

 

»Aber in Little Pine Beach kannte Sie doch niemand?«

 

»Wenn ich dort hingehe, bin ich niemals anders angezogen«, sagte Sir John. »Ich bin leidenschaftlicher Jäger und jage hauptsächlich in jener Gegend. Am Tag vor Ihrer Ankunft traf ich ziemlich abgerissen dort ein. – Zu Ihrer Information, Lady Storey, ich bin in Little Pine Beach als ›Harry mit den Handschuhen‹ bekannt.

 

»Weil Sie immer Handschuhe tragen«, bemerkte Reginald sehr treffend.

 

»Ja, das tue ich, um meine Hände zu schonen.«

 

*

 

Als sich die Parsons zurückgezogen hatten, ging Sir John mit Dorothy auf die weite Terrasse, die einen überwältigenden Ausblick auf die von Mondlicht übergossenen Berge und Wälder bot.

 

»Es ist einzigartig schön hier«, sagte sie ergriffen. »Ich wundere mich jetzt nicht mehr, daß Sie sich hierher zurückgezogen haben. Aber ist es Ihnen manchmal nicht doch etwas einsam?«

 

Er streifte die Asche seiner Zigarette ab, bevor er mit seiner tiefen Stimme antwortete.

 

»Sie haben recht, manchmal ist es ziemlich einsam hier.«

 

Sie schwiegen beide verlegen.

 

»Und es wird noch viel einsamer werden, wenn Sie wieder nach Hause zurückkehren.«

 

Sie lachte und lehnte sich über das Geländer.

 

»Sie sind wirklich ein seltsamer Mann. Aber wenn Sie mich nach Little Pine Beach bringen…«

 

»Ja, was dann?«

 

Sie antwortete nicht gleich.

 

»Ich habe Ihnen versprochen, Sie dorthin zurückzubringen«, erklärte er, »und ich muß mein Wort halten.«

 

»Sie haben aber hinzugefügt, falls ich es wünschte«, erwiderte sie leise.

 

»Und – wünschen Sie es?«

 

Sie spielte mit einer Ranke, die sich um einen Pfeiler wand, und als sie sprach, war es so leise, daß er ihre Worte kaum verstehen konnte. Da nahm er sie einfach in die Arme und küßte sie, und sie wehrte sich durchaus nicht dagegen.

 

Ende

 

Zehn Minuten bevor Snub Reilly seinen Ankleideraum verließ, um in den Ring zu klettern, wurde ihm ein Brief überbracht. Sein Trainer und sein Manager wollten nicht zulassen, daß er ihn öffnete und las. Sie befürchteten einen nachteiligen Einfluß auf den Boxer, in diesem Augenblick, vor dem großen Titelkampf. Snub Reilly sollte gegen Curly Boyd antreten, einen gefährlichen Gegner, der jetzt den Weltmeisterschaftstitel im Mittelgewicht erobern wollte. Vier Boxer hatte Boyd schon k.o. geschlagen, und nun hatte er Snub Reilly herausgefordert. Der Kampf stand unmittelbar bevor.

 

»Geben Sie mir das Schreiben – ich will es lesen!« sagte Snub energisch. Er war ein Mann, der keinen Widerspruch duldete. Rasch überflog er den Brief, der mit der Schreibmaschine geschrieben und von zwei in der Sportwelt bekannten Leuten unterzeichnet war.

 

»Eine Herausforderung«, sagte er kurz. »Einsatz zehntausend Pfund.«

 

»Was ist denn das für ein Kerl?« fragte der Manager.

 

»Hier wird er der ›Unbekannte‹ genannt. Er fordert den Gewinner des heutigen Kampfes heraus. Schicken Sie ihm sofort eine telegrafische Zusage – ich werde gegen den ›Unbekannten‹ kämpfen.«

 

»Wir wollen lieber bis nach dem Kampf warten«, meinte der Manager, den die Zuversicht seines Schützlings beunruhigte.

 

»Nein, schicken Sie das Telegramm sofort ab«, erklärte Snub, zog seinen Frottiermantel an und verließ gleich darauf den Ankleideraum.

 

Der Manager gab das Telegramm auf, aber es war ihm selbst nicht ganz geheuer dabei. Die vierte Runde brachte jedoch schon die Entscheidung zugunsten Snub Reillys.

 

Für Snub war dies ein ungeheurer Erfolg, denn die ganze Welt hatte den Ausgang dieses Kampfes mit Ungeduld und Spannung erwartet. Noch bevor Snub seinen Umkleideraum wieder erreicht hatte, war die Nachricht von seinem Sieg schon in alle Teile der Welt gefunkt worden.

 

Er legte den Frottiermantel ab, ließ die Prozedur des Massierens über sich ergehen, und bereits zehn Minuten nach Beendigung des Kampfes verließ er das Gebäude durch eine Seitentür.

 

Snub Reilly war ein bescheidener Mann.

 

Das Echo dieses großen Erfolges hallte noch tagelang in der Presse wider. Snub wurde wie ein Nationalheld gefeiert. Doch umgab ihn ein Geheimnis. Niemals ließ er sich von Sportreportern oder anderen Zeitungsleuten interviewen und war überhaupt schweigsam und zurückhaltend. Aber gerade diese Eigenschaft ließ ihn dem Publikum als einen außergewöhnlichen Mann erscheinen und schuf ihm einen Nimbus, wie ihn kein anderer Weltmeister vor ihm besessen hatte.

 

*

 

Selbst in dem kleinen und verschlafenen Rindle hallte die Begeisterung für Snub Reilly nach. Der Ort war bekannt für sein gutes Internat, in dem die Söhne der besten Familien der Gegend erzogen wurden.

 

Beim Frühstück las der Direktor des Gymnasiums den Bericht über den Kampf. Er selbst war ein Bewunderer Snub Reillys, und mit Staunen las er von dem blitzschnellen Schlag, der Curly Boyd den Rest gegeben hatte.

 

Seine hübsche neunzehnjährige Tochter Vera saß ihm gegenüber. Auch sie hatte eine Zeitung auf den Knien und las heimlich den Sportbericht.

 

Draußen im Hof stand eine Gruppe von Schülern, die sich auf dem Weg zur Morgenandacht in der Aula befanden. Sie drängten sich um einen ihrer Kameraden, der entgegen aller Schulvorschriften so kühn gewesen war, sich eine Zeitung zu besorgen. Alle hörten zu, wie er ihnen von dem Sieg des angeschwärmten Snub Reilly vorlas.

 

Der Mathematiklehrer Barry Tearle saß inzwischen im Lehrerzimmer und korrigierte die Aufgabenhefte der Schüler. Aber plötzlich lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und dachte an den Boxkampf. Ihn, der gleichzeitig Turnlehrer des Internats war, interessierten natürlich alle Ereignisse des Sportlebens ganz besonders.

 

Da läutete es: Die Morgenandacht sollte beginnen. Tearle erhob sich. Er eilte die Treppe hinunter und über den großen Schulhof. Als er durch den Torbogen kam, dachte er wie immer daran, daß Vera eines der Zimmer darüber bewohnte. Plötzlich hörte er seinen Namen und drehte sich um.

 

Vera Shaw, an die er soeben noch gedacht hatte, stand vor ihm.

 

»Ich habe Sie gesehen, als Sie heute früh heimkamen«, sagte sie und lachte verschmitzt.

 

Barry Tearle wurde verlegen.

 

»Ach – haben Sie mich gesehen? – Ich hatte in der Nähe von Northwood eine Panne. Hoffentlich habe ich Sie nicht gestört.«

 

Vera lachte über sein schuldbewußtes Gesicht. In diesem Augenblick sah sie so bezaubernd aus, daß Tearle sie hingerissen anstarrte.

 

»Nein, Sie haben mich nicht gestört. Ich konnte nicht schlafen, saß am Fenster und schaute in die schöne Mondlandschaft hinaus, als Sie über den Schulhof schlichen wie der Dieb in der Nacht. Anders kann man es nicht nennen. – Haben Sie übrigens den Boxkampf gesehen?« fragte sie plötzlich.

 

»Nein«, entgegnete er schnell, »ich habe ihn nicht gesehen, und ich bin erstaunt, daß Snub Reilly…«

 

»Ach, tun Sie doch nicht so!« unterbrach sie ihn. »Sagen Sie mir lieber, wer dieser Unbekannte ist, von dem es heißt, daß er Snub Reilly herausgefordert hat! – Aber jetzt müssen Sie gehen, sonst kommen Sie zu spät zur Morgenandacht.«

 

*

 

Als Barry Tearle nach der Andacht wieder auf den Schulhof kam, stand Vera noch an derselben Stelle, aber diesmal war Mr. Selby bei ihr, und Tearle vergaß bei diesem Anblick sofort alle frommen Gedanken.

 

John Selby wohnte auch in Rindle. Seine Vorfahren hatten die berühmte Schule gegründet, und er tat nun so, als ob er der Schutzheilige des Internats sei. Er war schlank und mindestens fünfzehn Zentimeter größer als Barry. Man sah ihm auch an, daß er reich war. Er machte Vera Shaw in aller Form den Hof und ließ keinen Zweifel darüber, daß er hoffte, sie eines Tages heiraten zu können.

 

»Guten Morgen, Mr. Tearle«, sagte er zu dem Mathematiklehrer. »Haben Sie gestern den Boxkampf gesehen?«

 

»Nein«, erwiderte Barry ärgerlich. »Sie meinen wohl, ich hätte nichts Besseres zu tun? – Aber waren Sie dort?« fragte er plötzlich.

 

»Ja. Ich habe eben Vera genau geschildert, wie der Kampf verlief. Dieser Reilly ist wirklich toll! Er ist nicht größer als – ich möchte fast sagen, er ist noch kleiner als Sie.«

 

»Nicht möglich!« erwiderte Barry und tat erstaunt. »Haben Sie ihn denn nicht genau angesehen?«

 

»Werden Sie nur nicht ironisch. Natürlich habe ich ihn genau gesehen – aber ich saß nicht gerade in der ersten Reihe. – Das kann ich Ihnen jedoch sagen: Dieser Reilly ist wirklich großartig!«

 

»Das behaupten die Zeitungen auch«, meinte Barry gelangweilt.

 

»Und dieser Idiot von einem Unbekannten, der ihn herausforderte –«

 

»Sie entschuldigen mich wohl«, sagte Barry, lüftete den Hut und ging davon.

 

»Na, dieser Tearle ist aber eine komische Marke!« Mr. Selby schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was in den gefahren ist, Vera.«

 

»Mr. Selby«, sagte das Mädchen ruhig, »bitte nennen Sie mich nicht beim Vornamen.«

 

Er war erstaunt und verletzt.

 

»Aber mein liebes Kind –«

 

»Ich bin auch nicht Ihr ›liebes Kind‹«, sagte sie kühl. »Ich bin überhaupt kein Kind mehr.«

 

Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Schließlich war er ein Selby aus Rindle, und die Selbys aus Rindle richteten sich immer zu ihrer vollen Größe auf, wenn ihnen etwas nicht paßte.

 

»Natürlich – wenn Sie es wünschen, Miss Shaw. Es tut mir leid, daß ich Ihnen zu nahegetreten bin.«

 

Selbstverständlich war das nur eine Redensart, denn es tat ihm durchaus nicht leid. Aber es war eine Antwort, wie man es von einem Vertreter einer der ältesten Familien des Landes erwarten konnte.

 

»Zu nahegetreten sind Sie mir nicht. Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich manche Dinge nicht hören mag. – Warum halten Sie übrigens Mr. Tearle für so merkwürdig?«

 

»Nun, ein junger Lehrer hat gerade kein hohes Gehalt, und doch lebt dieser Tearle auf großem Fuß, hat ein Auto und ist immer erstklassig angezogen.«

 

Sie sah ihn ruhig und ein wenig mitleidig an – etwas, das ihn aus der Fassung bringen konnte.

 

»Nun, daran ist doch nichts merkwürdiges! Oder halten Sie es für merkwürdig, daß Sie nicht alles Geld auf der Welt haben?«

 

Er sagte spöttisch: »Es sieht Ihnen ähnlich, daß Sie ihn verteidigen. – Ich wünschte nur …«

 

»Ja, was wünschten Sie?«

 

»Daß andere Verfügungen getroffen würden in bezug auf … Es ist eine große Summe gesammelt worden für den Erweiterungsbau der Schule. Und es ist doch eigentlich gefährlich, daß ein schlechtbezahlter Lehrer, soviel Geld verwaltet.«

 

Schon bevor er zu Ende gesprochen hatte, wußte er, daß er einen Fehler gemacht hatte, denn Veras Gesicht war erst dunkelrot und dann blaß geworden.

 

»Wollen Sie damit sagen –« fragte sie atemlos, und ihre Stimme klang ihr selbst fremd –, »wollen Sie damit sagen daß – Mr. Tearle das Geld – zum Kauf seines Autos … Ach nein, der Gedanke ist ja absurd! Wie können Sie etwas Ähnliches nur andeuten!«

 

Er sah sie überrascht an. Früher hatte er sie immer für ein liebenswürdiges, zartes junges Mädchen gehalten. Aber jetzt sah er eine Vera, die er noch nie erlebt hatte. Ihre graublauen Augen blitzten.

 

»Aber liebe Vera …«, begann er verlegen.

 

»Sie müssen selbst einen ganz gemeinen Charakter haben, wenn Sie sich so etwas ausdenken können«, rief sie erregt. »Ich hasse Sie!«

 

Er stand noch verblüfft an derselben Stelle, als sie schon im Haus verschwunden war. Dann zuckte er die Achseln, schlug den Mantelkragen hoch und trat durch den Torbogen hinaus auf die Straße.

 

»Sehr vorteilhaft sah sie gerade nicht aus«, sagte er halblaut vor sich hin. »Sie benimmt sich eigentlich nicht wie eine Dame. Wie kann man sich nur über Kleinigkeiten so aufregen!«

 

*

 

Veras Vater kam zehn Minuten früher zum Essen, als sie erwartet hatte, und brachte Selby mit. Darüber ärgerte sie sich im stillen.

 

Wenn Selby nur ein bißchen Feingefühl besessen hätte, wäre er nicht mitgekommen! Aber er hatte ein dickes Fell und lächelte Vera verbindlich zu – wie ein Mann von Welt, der nichts nachträgt.

 

Vera war froh, daß sie bei Tisch nicht viel zu sagen brauchte, denn die Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um die am Nachmittag stattfindende Sitzung des Schulausschusses, dessen Vorsitzender Mr. Selby war. Der Erweiterungsbau war ein unerschöpfliches Thema. Vera wartete nur darauf, daß Mr. Selby etwas Abfälliges über Barry Tearle sagen würde, aber er war gewarnt und vermied klugerweise das Thema. Dafür, erwähnte der Direktor Tearles Namen.

 

»Heute morgen gab es einen unangenehmen Zwischenfall in der Stadt«, sagte er. Die Lehrer und der Direktor bezeichneten mit ›Stadt‹ alles, was nicht zur Schule und zum Internat gehörte. »Ich weiß nicht, wie die Sache anfing, aber ich bin fest davon überzeugt, daß unser Schüler im Recht war. – Du erinnerst dich doch sicher noch an diesen Crickley, Vera«, wandte er sich an seine Tochter.

 

»Ja, dieser stadtbekannte Grobian, der voriges Jahr wegen Trunkenheit am Steuer im Gefängnis gesessen hat. Aber gebessert hat er sich nicht.«

 

»Heute morgen muß er wieder betrunken gewesen sein, denn als er mit seiner Frau durch die Stadt ging, stritt er sich mit ihr. Er hob den Stock und schlug auf sie ein. Er kann sie nicht schwer getroffen haben, aber einer unserer Schüler aus der Untersekunda – du weißt schon, der junge Tilling –, der zufällig vorbeikam, mischte sich ein. Dieser Crickley wollte ihn daraufhin auch verprügeln, da kam aber gerade Tearle dazu. Soviel ich hörte, hat er den Mann höflich aufgefordert, den Jungen loszulassen. Das tat Crickley auch, wandte sich aber jetzt gegen Tearle.«

 

»Hat er ihn geschlagen? Ist Tearle verletzt?« fragte Vera schnell.

 

»Nein, ich glaube nicht.« Der Direktor lachte leise und wandte sich an Selby. »Sie kennen doch Tearle? Er ist unser Turnlehrer und ein vorzüglicher Boxer.«

 

»Hat Tearle denn den Mann niedergeschlagen? Gab es einen Auftritt auf offener Straße?« fragte Selby, bereit, sich darüber zu entrüsten. »Ich weiß nicht, ob das den guten Ruf der Schule von Rindle fördert«, meinte er und fühlte sich wieder ganz als Schutzpatron.

 

»Ach, das ist doch Unsinn!« entgegnete der Direktor, und Vera warf ihrem Vater einen dankbaren Blick zu. »Dem Grobian tut das mal ganz gut, und für unsere Schüler gab Tearle ein gutes Beispiel.«

 

Der Direktor schwieg eine Weile. Dann sagte er nachdenklich: »Ich weiß nicht, Vera, ich hatte so ein komisches Gefühl, als ich danach mit ihm sprach. Heute morgen stand in der Zeitung eine Notiz, die du nicht gelesen haben wirst – im Sportteil nämlich –, daß ein Unbekannter Snub Reilly herausgefordert hat.«

 

»Aber Vater, du meinst doch nicht etwa, daß Tearle der Unbekannte ist?« fragte sie verblüfft.

 

»Ja. Unwillkürlich hatte ich den Eindruck, daß es kein anderer sein kann. Ich sprach mit ihm über den glänzenden Kampf gestern und erwähnte auch die Herausforderung. Es war ein harmloses Gespräch, aber er wurde rot wie ein Krebs.«

 

Selby lachte laut.

 

»Das ist doch unmöglich!« sagte er verächtlich. »Ich gebe ja zu, daß er ein ganz guter Boxer sein mag, aber vergessen Sie nicht, Snub Reilly ist Weltmeister seiner Klasse.«

 

Der Direktor zuckte die Achseln.

 

»Mir ist ja selbst klar, daß es lächerlich klingt.«

 

»Außerdem muß der Herausforderer zehntausend Pfund einzahlen, bevor der Kampf ausgetragen werden kann, und zehntausend Pfund sind eine ganz schöne Stange Geld.«

 

Vera schaute zu Selby hinüber. Sie wußte wohl, was er mit diesen Worten sagen wollte. Auch er sah sie an.

 

Als Selby für kurze Zeit das Zimmer verließ, um zu telefonieren, fragte sie ihren Vater: »Wie stehst du eigentlich zu Mr. Selby?«

 

Er sah sie über seine Brille hinweg an.

 

»Ich kann ihn nicht ausstehen. Wenn ich offen sein soll – halte ich ihn für einen dummen, eingebildeten Trottel. Aber er ist nun einmal Vorsitzender des Komitees, und so muß ich eben mit ihm verkehren.«

 

Vera atmete erleichtert auf.

 

»Jetzt sollst du aber etwas zu hören bekommen, was dieser Kerl heute morgen zu mir gesagt hat. Stell dir vor, er machte eine Andeutung, daß Mr. Tearle Geld aus dem Baufonds entwendet haben müßte.«

 

Mr. Shaw sprang auf.

 

»Unerhört! Das ist eine unglaubliche Beleidigung! Ich werde ihn sofort deswegen zur Rede stellen!«

 

»Nein, Vater, das wirst du nicht tun«, fiel Vera ihm ins Wort. »Welchen Zweck hat es denn, wenn ich dir etwas im Vertrauen sage, und du posaunst es sofort aus? Ich habe dir das nur erzählt, damit du Bescheid weißt.«

 

Mr. Shaw setzte sich wieder.

 

»Da hört sich aber doch alles auf!« schimpfte er. »Wie kann dieser Selby nur so dummes Zeug reden! Natürlich hat Tearle die Verwaltung des Geldes, er ist ja Schatzmeister.«

 

»Liegt der Baufonds in barem Geld in einer Stahlkassette? Ich meine, könnte Tearle hingehen und sich soundsoviel Geld in die Tasche stecken?«

 

Der Direktor mußte lachen.

 

»Nein, so werden die Gelder nicht verwaltet. Wir haben sie in Wertpapieren und Aktien angelegt. Tearle kennt sich darin aus. – Aber daß dieser Idiot zu behaupten wagt …«

 

*

 

Mr. Selby war tief in Gedanken versunken, als er an dem Abend nach Hause fuhr. Bis zwei Uhr in der Nacht saß er in seinem Arbeitszimmer und schrieb Briefe an seine Freunde. Darunter befand sich auch der Herausgeber einer Sportzeitung. Von ihm erfuhr Selby Einzelheiten über die Herausforderung. Die zehntausend Pfund mußten bis zum 5. des nächsten Monats eingezahlt werden.

 

Woher mochte Tearle nur diese zehntausend Pfund haben? Wie konnte er eine solche Summe aufbringen?

 

Selby war fest davon überzeugt, daß kein anderer als Tearle der unbekannte Herausforderer war. Eine Bestätigung dafür erhielt er, als er eines Tages in einer Komiteesitzung sah, wie der Mathematiklehrer einige Papiere aus der Tasche holte. Darunter erkannte Selby auch ein grünes Blatt, das, wie er wußte, das Programm des Kampfes Reilly gegen Boyd war. Tearle hatte sich also doch den Boxkampf angesehen, obwohl er es so heftig abgestritten hatte. Außerdem trainierte Tearle hart. Als Selby eines Morgens in aller Frühe zufällig aus dem Fenster seines Schlafzimmers sah, bemerkte er einen Mann im Trainingsanzug, der am Gartenzaun seines Landhauses entlanglief. Als er näher hinsah, erkannte er Barry Tearle.

 

In den folgenden Wochen stellte Selby eingehende Nachforschungen an. Bei einer Sitzung des Schulausschusses frage er nach einer Liste der Wertpapiere, in denen der Baufonds angelegt worden war. Tearle gab sie ihm sofort, und nun hatte Selby, was er brauchte.

 

Um diese Zeit besuchte ihn auch ein Detektiv, der sich in letzter Zeit ständig im Dorf herumtrieb, sich nach allem möglichen erkundigte, mit allen Leuten Bekanntschaft schloß und seine Nase in alles steckte.

 

»Mr. Selby«, sagte der Mann zufrieden, »ich habe ein paar Nachrichten für Sie, die Sie interessieren werden.«

 

Er zog ein Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin.

 

»Gestern nachmittag hat Tearle einen eingeschriebenen Brief abgeschickt. Fragen Sie mich nicht, wie ich es herausbekommen habe, aber ich kann Ihnen sagen, daß darin Aktien der Rochester-Eisenbahn-Gesellschaft, des Landsyndikats und der Newport-Dock-Gesellschaft waren.«

 

»Einen Augenblick«, sagte Selby und ging schnell zu seinem Schreibtisch, wo er eine Schublade aufzog und eine Liste herausnahm.

 

»Lesen Sie mir die Namen der Aktien noch einmal vor, aber langsam.«

 

Der Detektiv tat es.

 

»Ja, es stimmt«, rief Selby befriedigt. »Tearle hat das Geld der Baukommission in diesen Aktien angelegt.«

 

Der Detektiv sah ihn gespannt an.

 

»Was werden Sie mit ihm machen? Wollen Sie ihn verhaften lassen?«

 

Aber Mr. Selby lächelte nur.

 

»Nein«, entgegnete er, »das werde ich nicht tun. Im Gegenteil, es ist besser, wenn er noch einige Zeit in Freiheit bleibt.«

 

Er wanderte im Zimmer auf und ab.

 

»Ich will Ihnen sagen, was ich tun werde: Ich werde alle Lehrer der Schule morgen zum Abendessen einladen. Das ist eine Gepflogenheit der Selbys seit Gründung der Schule. Sie wissen doch, daß das Internat von den Selbys gegründet wurde?«

 

Der Detektiv wußte es nicht, aber er lächelte höflich.

 

»Tearle wohnt bei der alten Mrs. Gold in der High Street«, fuhr Selby fort. »Die ist stocktaub, und soviel ich weiß, geht sie jeden Abend um neun ins Bett. Sie wird nichts merken, wenn Sie in Tearles Zimmer einsteigen.«

 

»Was meinen Sie damit?«

 

»Während ich die Lehrer und auch Mr. Tearle hier bei mir zu Gast habe, werden Sie Tearles Wohnung durchsuchen, vor allem seine Papiere.«

 

Der Detektiv nickte.

 

»Ich verstehe. Aber wie soll ich denn ins Haus kommen?«

 

»Die Haustür ist nicht abgeschlossen, wenn Tearle ausgeht. Er hat dem Direktor neulich in meiner Gegenwart gesagt, daß er niemals einen Hausschlüssel mitnimmt. Es gibt keine Verbrechen in Rindle. Wir leben hier in paradiesischen Verhältnissen.«

 

»Dann sind höchstens wir die Bösewichter«, meinte der Detektiv und lachte.

 

Mr. Selby verzog keine Miene.

 

»Nein, das dürfen Sie nicht sagen. Ich begehe kein Verbrechen, sondern handle im Interesse des Baukomitees, dessen Vorsitzender ich bin.«

 

*

 

Das große Essen, zu dem Selby die Lehrer eingeladen hatte, war für mindestens zwei der Gäste furchtbar langweilig. Der Gastgeber hatte es extra so eingerichtet, daß Vera Shaw an der einen Seite des Tisches neben ihm saß, während Tearle an die andere Seite rechts von Direktor Shaw placiert worden war.

 

Selby wollte an diesem Abend ungestört mit Vera sprechen. Er beabsichtigte, ihr einen Vorschlag zu machen, den er reiflich überlegt hatte.

 

Das Essen war halb vorüber, als er davon anfing.

 

»Miss Vera«, sagte er, »ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen: Wie wäre es, wenn Sie sich den Boxkampf ansehen würden?«

 

»Meinen Sie, ich sollte selbst hingehen – zu dem Kampf zwischen Snub Reilly und dem unbekannten Herausforderer?« Sie dachte einen Augenblick nach. »Ich glaube nicht, daß ich ihn ansehen möchte.«

 

»Auch nicht, wenn der große Unbekannte ein Freund von Ihnen ist?«

 

Sie errötete.

 

»Aber wie sollte das möglich sein? Sie denken doch nicht, daß Mr. Tearle –«

 

»Ich weiß es! Aber versprechen Sie mir, daß Sie es Tearle nicht weitersagen. Er würde sich nur darüber aufregen, daß Sie es wissen, und dadurch könnte die Sache vor der Zeit bekanntwerden.«

 

»Aber das ist doch ausgeschlossen«, sagte Vera ratlos. »Wie könnte denn Mr. Tearle die zehntausend Pfund –« Sie biß sich auf die Lippen.

 

»Vielleicht hat er gute Freunde, die das Geld für ihn auslegen«, bemerkte Mr. Selby anzüglich.

 

Eine Weile schwiegen beide.

 

»Warum möchten Sie eigentlich, daß ich mir den Kampf ansehe?« fragte sie plötzlich.

 

»Weil ich davon überzeugt bin, daß Tearle gewinnt. Außerdem habe ich das Gefühl, daß er Sie verehrt.«

 

Es kostete Mr. Selby einige Anstrengung, das herauszubringen, aber er wollte Vera unter allen Umständen überreden, sich den Kampf anzusehen.

 

»Ich will Ihre Einladung unter einer Bedingung annehmen«, sagte sie langsam. »Ich glaube, daß ich es einrichten kann. Ich muß sowieso in die Stadt, und meine Tante hat mich schon lange eingeladen, die Nacht über bei ihr zu wohnen. Ich kann ihr sagen, daß ich ins Theater gehe. Aber mit wem soll ich denn zu dem Boxkampf gehen?«

 

»Natürlich werde ich Sie begleiten«, erklärte Mr. Selby höflich. »Und welche Bedingung stellen Sie?«

 

»Wenn Sie herausfinden, daß Ihre Vermutung nicht stimmt und daß der Herausforderer nicht Mr. Tearle ist, bringen Sie mich sofort wieder nach Hause.«

 

»Aber selbstverständlich! Das verspreche ich Ihnen sehr gern. Bitte erzählen Sie aber auf keinen Fall Mr. Tearle, daß Sie sich den Kampf ansehen werden. Es soll doch eine große Überraschung werden.«

 

Auf dem Heimweg zerbrach sich Barry Tearle verzweifelt den Kopf, warum Vera nicht mit ihm gesprochen hatte und was sie so intensiv mit Mr. Selby verhandelt haben mochte. Ob die beiden sein Geheimnis kannten? Er bekam Herzklopfen bei dem bloßen Gedanken daran.

 

Als die letzten Gäste das Haus verlassen hatten, kam der Detektiv in Selbys Bibliothek, und der Hausherr sah auf den ersten Blick, daß er Erfolg gehabt hatte.

 

»Jetzt haben wir ihn!« sagte der Detektiv triumphierend. »Sehen Sie, was ich gefunden habe.« Er legte ein Blatt Papier auf den Tisch. »Ich habe das von einem Brief abgeschrieben, den ich bei Mr. Tearle fand.«

 

Mr. Selby nahm das Papier in die Hand und las. Es war eine Quittung der Stadtbank über den Empfang von zehntausend Pfund, die auf Barry Tearles Konto eingezahlt worden waren. Aus einer zweiten Mitteilung ging hervor, daß die zehntausend Pfund dem Komitee überwiesen worden waren, das den Kampf arrangierte.

 

Mr. Selby lächelte zufrieden.

 

»Das haben Sie glänzend gemacht, mein Lieber^ Was wollen wir jetzt unternehmen?«

 

Aber er wartete die Antwort des Detektivs gar nicht ab, denn er hatte schon einen Plan, wie er Tearle und Vera am wirkungsvollsten treffen konnte. Vor allem wollte er sehen und es Vera auch zeigen, wie Tearle bei dem Kampf geschlagen wurde. Erst wenn alles vorüber war, wollte er eingreifen. Falls dann das Geld verloren war, beziehungsweise das Komitee es nicht mehr herausrücken wollte, so war er ja in der glücklichen Lage, dem Baufonds die Summe zu ersetzen, die Tearle gestohlen hatte.

 

*

 

Vera fuhr an dem Tag, an dem der Kampf stattfinden sollte, nach London, und als Tearle hörte, daß sie fortgefahren war, ohne mit ihm zu sprechen, war er tief enttäuscht.

 

Eine Stunde vor seiner Abfahrt nach London ließ ihn der Direktor zu sich kommen. Tearle war das nicht ganz geheuer, aber er ging doch sofort zu ihm.

 

»Sie wollten mich sprechen?« fragte er, als er dem Direktor gegenüberstand.

 

Der Direktor hob den Kopf.

 

»Ja, Mr. Tearle«, entgegnete er. Ihm war auch nicht wohl in seiner Haut. »Nehmen Sie doch bitte Platz. Ich wollte Ihnen sagen, daß ich Ihnen Glück wünsche.« Er reichte dem Mathematiklehrer die Hand. »Mr. Tearle, ich bin ein bißchen nervös wegen dieser Angelegenheit«, fuhr er dann fort, »und mir scheint, daß Sie wenig Aussichten haben.«

 

»Was wollen Sie damit sagen?«

 

»Nun, ich glaube, daß Sie der Unbekannte sind, der den Weltmeister Snub Reilly herausgefordert hat, und das ist mir eigentlich nicht ganz recht. Es könnte bei der Schulbehörde Schwierigkeiten geben, wenn das herauskommt. Aber das werden wir schließlich wieder einrenken können. Ich fürchte nur, daß Sie Ihr eigenes Vermögen dabei aufs Spiel setzen …« Shaw zögerte eine Sekunde, »… wenn natürlich nicht Ihre Freunde für Sie eingesprungen« sind und Ihnen geholfen haben.«

 

»Das braucht Sie nicht zu beunruhigen«, erwiderte Tearle und blickte den Direktor offen an. »Es ist mein eigenes Geld.«

 

»Dann kann ich nur wünschen, daß. Sie gewinnen.« Direktor Shaw drückte ihm noch einmal herzlich die Hand. »Ich habe Sie immer gern gehabt, Mr. Tearle, und ich hoffe aufrichtig, daß es Ihnen gelingen wird. Ich bin sicher, daß sich meine Tochter, wenn sie etwas davon wüßte, meinen Wünschen anschließen würde. Aber sie, hat ja keine Ahnung, daß Sie an dem Kampf teilnehmen.«

 

Barry Tearle machte schweigend eine Verbeugung und verließ das Zimmer.

 

Es war ein großes Erlebnis für Vera. Den ganzen Tag dachte sie an nichts anderes. Sie schwankte zwischen Furcht und Hoffnung, und manchmal wünschte sie, daß sie gar nicht hinzugehen brauchte.

 

Mr. Selby holte sie pünktlich um neun Uhr abends ab. Er war in der besten Stimmung, und er hatte auch allen Grund dazu. Kurz zuvor hatte er sich nämlich von zwei Kriminalbeamten getrennt, nachdem er ihnen ein paar Hinweise gegeben hatte.

 

Er hatte es so eingerichtet, daß er mit Vera den Sportpalast erst kurz vor dem Kampf betrat. Im letzten Augenblick Wurde er jedoch von einem Freund angesprochen, und er entschuldigte sich für einen Augenblick bei Vera.

 

Kaum hatte Vera Zeit zum Überlegen, als ihr auch schon Zweifel kamen: Würde ihre Gegenwart Tearle nicht verwirren? Hätte sie überhaupt kommen sollen? Sie wünschte doch so dringend seinen Sieg!

 

»Sie können später noch mit mir sprechen, Johnson«, hörte, sie Selby sagen. »Ich gehe jetzt hinein.«

 

Gleich darauf nahm er Veras Arm und führte sie in die große Halle.

 

Sie sah sich erschreckt um. Noch, nie hatte sie so viele Menschen auf einmal gesehen. Was würden all diese Leute tun, wenn Barry unterlag? Würden sie pfeifen? Das konnte sie nicht ertragen. Sie blieb stehen.

 

»Ich möchte nicht hierbleiben«, sagte sie leise. »Ich glaube, ich halte es nicht aus.«

 

»Kommen Sie nur«, beruhigte er sie und brachte sie zu einem der vordersten Plätze.

 

Das war ihr besonders unangenehm! Am liebsten hätte sie den Kampf von weiter hinten angesehen, so daß sie die beiden Kämpfer nicht genau unterscheiden konnte. Aber sie mußte bleiben.

 

Dann wurde durch Lautsprecher bekanntgegeben, daß Snub Reilly noch nicht angekommen war. Aber er hatte angerufen, daß er sich auf dem Weg in den Sportpalast befände. Wäre diese Wartezeit nicht gewesen, so hätte Selby bis zum Ende geschwiegen. Nun aber konnte er es sich nicht verkneifen, ihr von seinen Nachforschungen zu erzählen. Sie hörte starr vor Entsetzen zu, fand aber nicht die Kraft, zu widersprechen.

 

Dann kam das Schlimmste. Vera klammerte sich krampfhaft an die Lehnen ihres Sessels, denn ihr wurde plötzlich schlecht.

 

Der Mann, mit dem Selby im Vestibül gesprochen hatte, stand auf einmal neben Selby und sagte ihm, daß Snub Reilly angekommen sei.

 

»Ist der Unbekannte auch da?« fragte Selby und lächelte in der Vorfreude auf seinen Sieg. »Es warten ein paar Kriminalbeamte, die ihn festnehmen werden.«

 

»Ach, tun Sie das nicht – nein, das dürfen Sie nicht tun«, bat Vera verzweifelt.

 

»Sie haben also schon die Kriminalpolizei verständigt?« erkundigte sich der Mann. »Das finde ich aber nicht fair von Ihnen, Mr. Selby. Der Mann saß doch schon einmal im Gefängnis. Warum wollen Sie so hart gegen ihn vorgehen? Kennen Sie ihn denn persönlich?«

 

»Ich kenne ihn sehr gut«, antwortete Selby, »aber ich wußte nicht, daß er schon eine Vorstrafe hat.«

 

»Er ist zwei Jahre im Gefängnis gewesen, und zwar in Australien – wegen Betrugs. Früher war er einer der besten Mittelgewichtler, die wir hier in England hatten. Ich habe, dem Komitee von Anfang an gesagt, daß man seinen Namen nicht verheimlichen sollte. Es hätte gleich eine Sensation gegeben, wenn bekannt geworden wäre, daß Kid Mackey der Herausforderer ist. Aber die Leute, die den Kampf veranstalten, bestanden darauf, ihn als den großen Unbekannten einzuführen.«

 

Vera wurde plötzlich wieder besser.

 

»Wie heißt er?« fragte sie leise.

 

»Kid Mackey«, antwortete Selbys Bekannter. »Einer der besten Boxer, die wir vor drei Jahren hier hatten.«

 

»Dann ist es also nicht Tearle?« fragte Selby entsetzt.

 

Vera hätte am liebsten laut gelacht, als sie seine Enttäuschung sah. Dann fiel ihr plötzlich ein, unter welcher Bedingung sie mitgekommen war.

 

»Jetzt müssen Sie mich nach Hause bringen – das haben Sie versprochen …«

 

Plötzlich erhob sich ein ohrenbetäubender Lärm.

 

Ein Mann in einem feuerroten Frottiermantel kam den Gang entlang, erschien auf der Plattform und winkte dem Publikum zu. Viele erkannten in ihm den früheren Meister im Mittelgewicht.

 

Aber gleich darauf brach noch ein größerer Begeisterungssturm los.

 

»Snub Reilly – Snub Reilly!« rief man von allen Seiten.

 

»Snub Reilly!« stieß Mr. Selby hervor.

 

Reilly drehte sich um, und Vera erhob sich von ihrem Sitz, denn der Weltmeister, der jetzt auf dem Podium stand und zu ihr niedersah – war Barry Tearle!

 

Mr. Selby saß wie versteinert. Vera kam sich wie im Traum vor. Sie sah die letzten Vorbereitungen zum Kampf, dann begann die erste Runde. Unverwandt schaute sie auf Barry, der vorwärts und rückwärts sprang, sich deckte und angriff.

 

Bei Beginn der zweiten Runde legte sich Kid Mackey stärker ins Zeug, obgleich ihm seine Trainer geraten hatten, er solle bis zur letzten Runde in der Verteidigung bleiben. Snub Reillys Linke schoß vor – der Unbekannte schien schwer getroffen zu sein und taumelte. Ein zweiter Haken von Snub Reilly …

 

Der Kampf war vorüber. Für Vera war die Aufregung zu groß gewesen. Wenn Barry Tearle, der plötzlich neben ihr auftauchte, sie nicht aufgefangen hätte, sie wäre bewußtlos umgesunken …

 

*

 

Am nächsten Morgen saß Barry Tearle im Zimmer des Direktors und berichtete. Von den Anstrengungen des vergangenen Abends war ihm nichts anzumerken.

 

»Mein Vater war Berufsboxer. Er reiste überall im Land umher und veranstaltete Schaukämpfe; jeden Schilling, den er verdiente, steckte er in meine Erziehung. Aber nicht nur das. Er gab mir auch Unterricht im Boxen, und von ihm lernte ich Tricks, die kaum ein anderer kennt. Er starb, während ich noch auf der Universität war, und es sah so aus, als ob ich mein Studium nicht fortsetzen könnte. Ich liebte meinen zukünftigen Beruf und wollte durchaus mein Examen machen, aber ich hatte kein Geld. Einflußreiche Freunde besaß ich nicht.

 

Da las ich eines Morgens in der Sportzeitung die Herausforderung eines Boxers, den ich schon öfters bei Kämpfen gesehen hatte. Ich war davon überzeugt, daß ich ihn schlagen konnte und machte alles zu Geld, was ich besaß, um die notwendige Summe zu. hinterlegen. Unter dem Namen Snub Reilly trat ich auf und gewann gleich diesen ersten öffentlichen Kampf. Ich habe dann in allen Ferien drei Jahre lang geboxt, auch nachdem ich die Anstellung hier erhalten hatte. – Aber dies ist mein letzter Kampf gewesen«, setzte er abschließend hinzu und warf einen liebevollen Blick auf Vera.

 

Der Direktor räusperte sich.

 

»Vera hat mir erzählt, daß Selby Sie verdächtigt hat, Aktien verkauft zu haben.«

 

Barry nickte.

 

»Ja, meine eigenen Papiere. Ich mußte zehntausend Pfund hinterlegen. Die Aktien waren von derselben Sorte, in der ich großenteils die Gelder des Baufonds angelegt habe.«

 

»Ich verstehe.« Direktor Shaw nickte. »Sie haben natürlich nur die besten und sichersten Papiere angeschafft, sowohl für sich als auch für die Schule.«

 

Nachdenklich sah er auf die Schreibunterlage, die vor ihm auf dem Tisch lag.

 

»Und nun sagen Sie, es wäre Ihr letzter Kampf gewesen?«

 

Barry nickte. »Ja, von jetzt ab wird Snub Reilly nicht mehr auftreten. Ich habe ein schönes Vermögen zusammengebracht. Das genügt mir.«

 

»Und hier im Internat und in Rindle weiß auch niemand, daß Sie Snub Reilly sind?«

 

»Nur Mr. Selby«, erwiderte Vera.

 

»Ich glaube nicht, daß er darüber sprechen wird«, meinte ihr Vater. »Er hatte eine sehr klägliche Rolle bei der ganzen Sache gespielt.«

 

Dann reichte er Barry die Hand.

 

»Ich wünschte, ich hätte den Kampf selbst auch gesehen. Du nicht auch, Vera?«

 

Sie schüttelte sich und verneinte heftig.

 

»Natürlich. Wie konnte ich nur eine solche Frage stellen!« sagte ihr Vater beruhigend und legte ihr die Hand auf die Schulter.

 

Mr. Tearle und Vera Shaw verließen das alte Schulhaus schweigend.

 

»Jetzt muß ich aber wieder ins Haus gehen, Barry«, sagte sie nach einiger Zeit. »Ach, ich war ja so glücklich, als du gewannst!« Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter. »Und ich habe dir auch die kleine Lüge verziehen.«

 

»Welche Lüge?« fragte er erstaunt.

 

»Du sagtest doch damals, daß du den Boxkampf nicht gesehen hättest.«

 

Er lächelte.

 

»Ich habe ihn auch nicht gesehen – ich konnte es ja gar nicht, weil ich selbst daran teilgenommen habe.«

 

Ende

 

Kapitel 4

 

4

 

»In unsern Kreisen wird man noch eher den Diebstahl der Schmuckstücke verzeihen als diese gemeinen Verleumdungen«, sagte Lady Widdicombe ernst.

 

Diana mußte über diese Worte lachen.

 

»Daran sieht man wieder einmal, wie inkonsequent und unmoralisch die Gesellschaft im Grunde ist«, entgegnete sie leichthin. Sie stütze den Kopf auf die Hand und schaute auf das Parkett, wo zahlreiche Paare tanzten.

 

Die Tanzabende von Lady Widdicombe während der Kricketwoche waren bekannt und beliebt, und wer zu den oberen Zehntausend gehörte, war dort zu finden. Eine lange Reihe von Autos hielt dann vor dem großen Parktor.

 

»Ich habe eben mit Mrs. Crewe-Sanders gesprochen«, erklärte Diana, während sie die tanzenden Paare weiter beobachtete. »Sie ist der Meinung, daß niemand in Schloß Morply eindringen kann, der nicht mit der Lage der Räume genau vertraut ist.«

 

»Sie hat natürlich den größten Verlust erlitten«, meinte Lady Widdicombe.

 

Wieder lachte Diana.

 

»Die arme Frau steckt sich aber auch all ihren Schmuck an. Ich wundere mich nur, daß sie den Verlust überhaupt gemerkt hat. Sonderbar ist nur, daß ausgerechnet ihr die Nadel gestohlen wurde, da doch so viele andere Gäste im Haus waren, die ebenfalls eine Menge Schmuck besaßen. – Hallo, Barbara«, erwiderte sie den Gruß einer jungen Dame, die die Galerie entlangkam. »Tanzen Sie denn nicht?«

 

Barbara sah in ihrem cremefarbenen Abendkleid noch schöner aus als sonst. Mit strahlenden Augen blickte sie Diana an. Plötzlich trat ein fragender Ausdruck in ihr Gesicht.

 

»Nanu – haben Sie keine Angst, Ihren kostbaren Schmuck zu tragen?« fragte sie, ohne auf Dianas Worte einzugehen, und deutete auf die glänzende Brillantnadel, die Diana an ihrem weißseidenen Kleid trug.

 

»Wie Sie sehen – nein. Ich glaube nicht, daß der berüchtigte Dieb hierherkommen wird.«

 

»Wollten Sie mich sprechen?« wandte sich Lady Widdicombe an Barbara.

 

»Ja, ich möchte Ihnen nur sagen, daß ich mein Zimmer gewechselt habe.«

 

»Ach, das ist aber sehr freundlich von Ihnen«,.erwiderte die Dame des Hauses dankbar. »Macht es Ihnen auch wirklich nichts aus?«

 

»Nicht im mindesten«, antwortete Barbara lachend.

 

»Eine der vielen Kusinen meines Mannes ist nämlich krank geworden«, erklärte Lady Widdicombe, »und Barbara war so liebenswürdig, mir sofort anzubieten, daß sie das Zimmer mit ihr tauschen würde.« Sie sah Barbara bewundernd nach, als das Mädchen weiterging. »Übrigens hat Barbara mir gesagt«, fuhr sie dann fort, »daß dieser anonyme Briefschreiber einem ihrer Verwandten etwas Abscheuliches über sie geschrieben hat.«

 

»Sie scheint sich aber nicht viel daraus zu machen«, meinte Diana kühl.

 

»Die Geschichte mit den Verleumdungen ist wirklich zu schlimm!« rief Lady Widdicombe aus, die sich nicht so leicht damit abfand.

 

Auch unten in der weiträumigen Bibliothek, die an diesem Abend als Rauchzimmer für die Herren diente, sprach man über den Juwelendiebstahl auf Schloß Morply und über die anonymen Briefe des ›aufrichtigen Freundes‹.

 

Der Hausherr stand im Kreis seiner Gäste am Kamin. Er war groß und stattlich, und trotz eines chronischen Magenleidens hatte er viel Sinn für Humor. Aber auch er verurteilte das verantwortungslose Tun des anonymen Briefschreibers, der bereits drei Familientragödien auf dem Gewissen hatte – man sprach sogar schon von einer vierten, die sich auf einem benachbarten Schloß anbahnte.

 

Lord Widdicombe konnte sehr interessant erzählen, und als sich das Gespräch den Juwelendiebstählen zuwandte, kam er auf Erfahrungen zu sprechen, die er in Indien gesammelt hatte.

 

»Meiner Meinung nach hat sich dieser Einbrecher deswegen auf Brillantnadeln spezialisiert, weil man sie verhältnismäßig leicht zu Geld machen kann. Als ich seinerzeit Gouverneur von Bombay war, kam man einer Bande auf die Spur, die einen umfangreichen Diamantendiebstahl geplant hatte. Wäre er ihr gelungen, so hätte die englische Regierung dadurch in eine verteufelte Lage kommen können. – Haben Sie schon einmal von dem Diamanten der Göttin Kali gehört? – Ich glaube nicht«, fuhr er lächelnd fort. »In Indien ist das ein sehr bekannter Stein. Er ist nicht besonders groß, und sein Wert wird noch nicht einmal auf tausend Pfund geschätzt, aber der Stein ist so berühmt, daß man ihn nicht für eine Million Pfund kaufen könnte. In einer Beziehung ist er auch wirklich einzig in seiner Art, denn auf einer seiner Flächen ist ein ganzer Vers der heiligen Schriften eingraviert. Nur die Inder mit ihrer unendlichen Geduld sind zu derartigen Dingen fähig. Sie können sich vorstellen, daß die Buchstaben winzig klein sind und daß man schon ein starkes Vergrößerungsglas nehmen muß, um sie überhaupt lesen zu können. Die Inder glauben nun, daß diese Worte nicht von Menschen eingraviert, sondern durch das Wunder einer Gottheit entstanden sind.

 

Es waren früher schon Versuche gemacht worden, den Stein zu stehlen, und schließlich hatte sich die englische Regierung darum gekümmert, denn man wußte wohl, daß es Unruhen geben würde, wenn diese Kostbarkeit abhanden käme. Die Regierung nahm den Diamanten daher in Verwahrung. Bei einem bestimmten heiligen Fest wird er öffentlich ausgestellt – übrigens findet es gerade in diesem Monat wieder statt. Selbstverständlich wurde dieser einzigartige Stein mit der größten Sorgfalt gehütet. Trotzdem gelang es einer Bande indischer Diebe, in das Gewölbe einzubrechen, wo der Stein aufbewahrt wurde, und ihn zu rauben. Das geschah zwei Wochen vor dem großen Fest, und alle Regierungsbeamten waren entsetzt über den Diebstahl. Zum Glück konnten wir uns mit den Räubern in Verbindung setzen, aber wir mußten immerhin hunderttausend Pfund Lösegeld zahlen.«

 

»Dazu mußten Sie wohl überall bekanntmachen, daß der Stein gestohlen worden war?«

 

»Um Himmels willen, das wäre ausgeschlossen gewesen«, erwiderte der Lord, entsetzt über eine derartige Zumutung. »Was meinen Sie, was das Volk getan hätte, wenn es erfahren hätte, daß der heilige Stein Räubern in die Hände gefallen ist? – Nein, wir haben die Sache so geheim wie möglich gehalten. Es durfte kein Wort darüber gesagt werden, denn solche Nachrichten verbreiten sich in Indien mit Windeseile.«

 

Inzwischen war Barbara May in die Bibliothek gekommen. Nun trat sie hinter einen jungen Mann und berührte ihn mit der Hand an der Schulter.

 

Danton erschrak und drehte sich schnell um.

 

»Es tut mir sehr leid«, entschuldigte er sich, »aber ich hörte gerade eine interessante Geschichte.«

 

Er führte sie in den Ballsaal, und ein paar Augenblicke‘ später tanzten sie.

 

Kapitel 5

 

5

 

»Mr. Danton, ich hab viel über Sie nachgedacht«, sagte Barbara May, als die Kapelle eine Pause machte.

 

Sie trat mit Jack auf die Terrasse hinaus.

 

»Es tut mir leid, daß ich die Ursache so angestrengten Nachdenkens war.«

 

»Ich habe mir überlegt, welchen Beruf Sie haben könnten. Alle Leute wissen, daß Sie irgend etwas Geheimnisvolles tun. – Nun, ich habe es herausbekommen.«

 

»Na, da bin ich aber sehr gespannt«, erwiderte er kühl und ließ sich neben ihr nieder. »Welchen Beruf habe ich also?«

 

»Sie sind Kriminalbeamter.«

 

Er sah sie so bestürzt an, daß sie laut lachen mußte.

 

»Sehe ich denn tatsächlich so aus, als ob ich zur Polizei gehörte?«

 

»Nein, Sie machen nicht den Eindruck eines gewöhnlichen Polizisten, aber in den letzten Jahren sind doch viele tüchtige höhere Offiziere bei Scotland Yard eingetreten.«

 

»Wenn ich wirklich Kriminalbeamter wäre«, sagte er, um Zeit zu gewinnen, »dann hätte ich mich aber sehr schlecht bewährt.«

 

»Aber Sie sind doch von der Polizei – habe ich denn nicht recht?« fragte sie beharrlich.

 

»Eigentlich sollte ich mich darüber ärgern, daß man es herausgebracht hat, aber Ihnen kann ich ja doch nicht böse sein, Miss May.«

 

»Die Frage ist nur«, erwiderte sie und hob die Augenbrauen, wobei sie ihn prüfend ansah, »wollen Sie den anonymen Briefschreiber zur Strecke bringen, oder sind Sie hinter dem Juwelendieb her?«

 

»Meinen Sie, Scotland Yard würde etwas in der Sache der anonymen Briefe unternehmen, ohne daß ordnungsgemäß Anzeige erstattet worden wäre?«

 

»Sie haben recht. Dann sind Sie also hinter dem Juwelendieb her, der kürzlich auch Schloß Morply beehrte?«

 

»Das kann ich nicht behaupten.«

 

»Ich wünschte eher, daß Sie den anonymen Briefschreiber suchten. Wer mag diese Frau nur sein?«

 

»Sie sind also überzeugt, daß es sich um eine Frau handelt?«

 

»Was bleibt einem denn anderes übrig?« Barbara May raffte die weichen Falten ihres Abendkleides zusammen und trat an die Balustrade. Ohne Jack Danton anzusehen, fuhr sie fort: »So gehässig kann nur eine Frau sein. Die Briefe sind ja von einer ausgesuchten Gemeinheit. Sie wissen doch, daß die Flatterleys sich schon getrennt haben? Tom Fowler hat die Scheidungsklage gegen seine Frau eingereicht, und Mrs. Slee ist jetzt nach Übersee gegangen. Ihre Muter grämt sich darüber zu Tode.«

 

Er nickte ernst.

 

»Diese Art von Verbrechen ist entsetzlich. Ich kann schließlich einem Dieb verzeihen, aber solche Menschen kann ich nicht verstehen.«

 

*

 

Als Barbara May an dem Abend auf ihr Zimmer ging, sah sie, daß Jack in ein Gespräch mit Lord Widdicombe vertieft war, und sie lächelte vor sich hin.

 

»Was belustigt Sie denn so sehr, Barbara?« fragte Diana, die hinter ihr die Treppe hinaufging.

 

»Ach, ich dachte nur an Verschiedenes«, entgegnete Barbara May ausweichend.

 

»Sie haben es gut, daß Sie noch lachen können. Mich langweilt so ein Tanzabend furchtbar.«

 

Barbara wandte sich um und sah ihr voll ins Gesicht.

 

»Warum kommen Sie dann überhaupt zu solchen Veranstaltungen?«

 

Diana zuckte die Schultern. »Man muß doch irgend etwas tun, um die Zeit totzuschlagen.«

 

»Aber warum arbeiten Sie denn nicht?«

 

Diana starrte Barbara an. Wie hätte sie, die Erbin eines der größten Vermögen in England, arbeiten können? Das mußte Barbara doch berücksichtigen!

 

Hätte Lady Widdicombe die Mädchen in diesem Augenblick auf der Treppe gesehen, so hätte sie festgestellt, daß die Abneigung der beiden auf Gegenseitigkeit beruhte.

 

»Was meinen Sie denn mit ›arbeiten‹?« erwiderte Diana von oben herab. »Soll ich etwa als Säuglingsschwester tätig sein oder Stenotypistin im Außenministerium werden oder etwas Ähnliches unternehmen?«

 

»Ja. – Ich habe so etwas getan«, entgegnete Barbara. »Das ist eine gute Ablenkung. Wenn man tagsüber nichts tut, kann man nur nachts nicht schlafen.«

 

»Aber Barbara!« Diana lachte gezwungen. »Ich habe das Gefühl, daß Sie das eigentlich nichts angeht. Sie betonen anscheinend gerne Ihre Tüchtigkeit.«

 

»Lassen Sie ruhig meine Tüchtigkeit aus dem Spiel«, antwortete Barbara kühl und ging in ihr Zimmer.

 

Selbst wenn Jack Danton diese Szene belauscht hätte, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, daß Barbara sich dieses Gespräch vorher genau überlegt hatte. Sie hatte extra auf Diana gewartet und war kurz vor ihr die Treppe hinaufgegangen. Sie wollte sie ärgern, um sich nachher bei ihr entschuldigen zu können.

 

Während sich Diana von ihrer Kammerzofe beim Auskleiden helfen ließ, klopfte es an die Tür des Schlafzimmers, und Barbara kam herein.

 

»Verzeihen Sie, Diana, ich war vorhin gereizt; ich wollte Sie nicht kränken«, begann sie liebenswürdig.

 

»Ach, das hat weiter nichts zu sagen«, entgegnete Diana und lächelte. »Es war ja schließlich auch meine Schuld. Wenn man so lange aufbleiben muß, wird man leicht müde und überempfindlich.«

 

»Was haben Sie aber für ein hübsches Zimmer!« rief Barbara begeistert. »Und dann diese prachtvollen Bürsten!« Sie bewunderte die Toilettengegenstände, die auf der Glasplatte des Frisiertisches lagen. »Nur die Decke ist etwas niedrig«, fuhr sie fort.

 

»Ich schlafe immer bei offenem Fenster, also macht mir das weiter nichts aus«, erwiderte Diana, der es sonderbar vorkam, daß Barbara sich für so nebensächliche Dinge interessierte.

 

»Was, Sie schlafen bei offenem Fenster, obwohl in letzter Zeit so viele Diebstähle verübt wurden?«

 

»Aber Sie glauben doch selbst nicht, daß hier die geringste Gefahr besteht.«

 

Barbara trat ans Fenster und schaute hinaus.

 

»Der Sims ist allerdings so schmal, daß kaum ein Mann darauf entlangklettern könnte. Und das Fenster liegt auch reichlich zehn Meter über dem Garten.«

 

Sie sagte Diana gute Nacht und wollte das Zimmer verlassen. Aber an der Tür drehte sie sich noch einmal um.

 

»Würden Sie gern noch eine Tasse Schokolade trinken?« fragte sie unvermittelt. Sie wußte, daß Diana Schokolade über alles liebte. »Ich koche gerade welche in meinem Zimmer – ich habe einen elektrischen Kocher bei mir.«

 

Diana hatte sie zuerst erstaunt angesehen, als sie aber nichts Außergewöhnliches an diesem Vorschlag feststellen konnte, nahm sie gerne an.

 

»In drei Minuten ist sie fertig«, versicherte Barbara. »Aber haben Sie mir auch wirklich verziehen?«

 

»Wenn ich die Sache nicht schon vorher vergessen hätte, würde ich Ihnen noch dazu vor Dankbarkeit um den Hals fallen.« Diana wandte sich an ihre Zofe. »Eileen, Sie werden dann gleich die Schokolade für mich aus Miss Mays Zimmer holen.«

 

Das warme Getränk schmeckte ausgezeichnet. Diana saß in ihrem Bett, als sie es zu sich nahm. Sie war Barbara wirklich dankbar, soweit das bei ihrem Charakter möglich war. Als sie fertig getrunken hatte, reichte sie sie der Zofe.

 

»Sie können jetzt gehen, Eileen. Ich mache das Licht später selber aus und schließe ab. Gute Nacht. Ich glaube, ich werde gut schlafen.«

 

*

 

Auch Barbara May hoffte, daß Diana tief und fest schlafen würde. Sie verkorkte die kleine Flasche, die noch halb mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt war, und steckte sie in ein Geheimfach ihres Koffers. Dann warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr.

 

Mehrmals ging sie im Zimmer auf und ab, trat schließlich ans Fenster und öffnete es. Ihr Zimmer befand sich im selben Stockwerk wie der Raum, in dem Diana schlief, und war von ihm nur durch ein leeres Zimmer getrennt. Sie zog die Vorhänge zu und entkleidete sich. Aus dem Schrank nahm sie ein Paar Reithosen und zog sie an, ebenso ein Paar dicke, wollene Strümpfe. Ein Sportjackett aus grobem Tweed vervollständigte ihre eigenartige Verkleidung. Als sie fertig war, drehte sie das Licht aus, legte sich aufs Sofa und wartete.

 

Von der Kirchturmuhr schlug es zwei. Nun erhob sie sich leise und zog geräuschlos die Vorhänge zurück. Vorsichtig stieg sie aus dem Fenster und stand nun auf dem äußeren vorspringenden Sims, der kaum dreißig Zentimeter breit war. Aber sie hatte gute Nerven und tastete sich ruhig und sicher auf dem schmalen Vorsprung entlang.

 

Ein Fehltritt – und sie mußte abstürzen, ein Schwanken – und sie würde zerschmettert dort unten liegen. Aber sie zögerte nicht eine Sekunde. Bald darauf hatte sie Dianas Fenster erreicht und kletterte ins Zimmer.

 

Diana schlief tief und ruhig, trotzdem wartete Barbara und lauschte. Doch Diana atmete tief und gleichmäßig und rührte sich auch nicht, als Barbara ihr die Hand leise auf die Schulter legte. Das Schlafmittel in der Schokolade hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Barbara hätte auch ohne Gefahr das Licht andrehen können. Aber dadurch hätte sie vielleicht die Aufmerksamkeit anderer Leute auf sich gezogen, die zufällig den Gang entlangkamen und den Lichtschein im Innern des Zimmers bemerkten.

 

Sie nahm also eine Taschenlampe und einen kleinen Schlüsselbund aus der Tasche. Natürlich hatte sie sich gut gemerkt, wo Dianas Schmuckkasten stand.

 

Schon beim dritten Versuch gelang es ihr, die Stahlkassette zu öffnen. Sie nahm die Brillantnadel heraus, die Diana noch kurz zuvor auf dem Ball getragen hatte.

 

Aber damit gab sie sich nicht zufrieden. Sie suchte noch weiter und fand schließlich auch das Gewünschte. Als sie fertig war, zögerte sie noch einen Augenblick. Behutsam schloß sie die Tür auf und warf einen Blick auf den Gang. Nur am hinteren Ende brannte ein schwaches Licht.

 

Dürfte sie es wagen? Lord Widdicombe hatte einen Nachtwächter im Haus, aber sie hörte, daß sich dieser unten in der Halle räusperte.

 

Sie schloß Dianas Tür hinter sich und ging mit schnellen Schritten den Gang entlang, bis sie zu ihrem eigenen Zimmer kam. Aber als sie gerade die Hand auf den Griff legen wollte, hörte sie unten auf der mit Teppich belegten Treppe leise Schritte. Rasch drückte sie die Klinke herunter, erschrak aber heftig, denn sie hatte die Tür abgeschlossen, bevor sie aus dem Fenster gestiegen war. Wie hatte sie nur einen so schweren Fehler machen können! Jetzt blieb ihr nur noch ein Ausweg – sie mußte in das leere Zimmer flüchten. Hoffentlich war die Tür nicht verschlossen! Sie huschte darauf zu, obwohl diese Tür der Treppe näher lag.

 

Erleichtert atmete sie auf, als die Klinke nachgab – es war aber auch höchste Zeit. Als sie noch einen Blick den Gang hinunterwarf, sah sie den Kopf eines Mannes. Er kam die Treppe herauf. Jetzt hatte er den vorletzten Absatz erreicht. Sie fuhr zusammen: Es war niemand anders als Jack Danton.

 

Leise schloß sie die Tür und schlich zu dem Fenster, das glücklicherweise offenstand. Sie war reichlich nervös. Das merkte sie, als sie jetzt den gefährlichen Weg über das Sims zurücklegte. Jedoch erreichte sie ihr Fenster ohne Unfall und kletterte erleichtert ins Zimmer.

 

Aus ihrem Koffer holte sie eine viereckige schwarze Kassette und legte sie auf den Tisch. Dann trug sie noch verschiedene andere Gegenstände herbei. Die Kassette besaß eine Schnur, an deren Ende sich ein Stecker befand. Sie verband ihn mit der Lichtleitung, schaltete ein und arbeitete zwei Stunden angestrengt. Als der Himmel im Osten langsam blasser wurde, kletterte Barbara wieder aus dem Fenster. Entschlossen tastete sie sich zu Dianas Fenster und stieg wieder ein.

 

Fünf Minuten später kehrte sie in ihr Zimmer zurück, schloß ihre verschiedenen Gerätschaften weg und packte die Brillantnadel in einen kleinen Pappkarton, den sie unter ihr Kissen legte.

 

Kapitel 6

 

6

 

Barbara war eine der ersten, die am nächsten Morgen erschienen. Trotz der anstrengenden Nacht sah sie wohl und ausgeruht aus; das hellgrüne Kleid, das sie trug, vertiefte sehr vorteilhaft das leichte Braun ihrer Haut.

 

Jack hatte bereits einen Spaziergang im Park gemacht und kam eben zurück. Die beiden waren die einzigen Gäste, die zu so früher Stunde aufgestanden waren.

 

»Guten Morgen, Miss May! Sie sind ja schon auf«, begrüßte er sie. »Es kann ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein, wenn man früh aufsteht. Der Käfer, der schon früh am Baum entlangkriecht, wird vom hungrigen Vogel geschnappt. Hätte er länger geschlafen, so wäre er mit dem Leben davongekommen.«

 

Sie gingen bis ans Ende des Parkes und genossen die herrliche Aussicht über die Wiesen, die sich bis zum Fluß hinzogen, und über die dunklen Eichenwälder, die die sanftgeschwungenen Höhenzüge bedeckten.

 

»Ist es nicht wunderbar hier?« rief Barbara.

 

»Ich fürchte, ich muß zur Post gehen.«

 

»Nun, ich würde Sie gerne begleiten. Warten Sie nur, bis ich meinen Hut geholt habe.«

 

Zusammen gingen sie den Fahrweg entlang, kamen an das Parktor und schlenderten dann die ruhige Dorfstraße hinunter. Jack trug das Päckchen, das er fortschicken wollte.

 

Wahrscheinlich ein Bericht an seinen Vorgesetzten, dachte Barbara.

 

Als sie später wieder auf der Straße standen, machte Barbara plötzlich halt.

 

»Eben fällt mir ein, daß ich noch Briefmarken haben muß«, sagte sie und drehte sich um. »Nein, Sie brauchen nicht mitzukommen, ich bin im Augenblick wieder da.«

 

Sie ging zurück ins Postamt und zog hastig einen Doppelbrief aus der Tasche ihres Kleides.

 

»Ein Eilbrief«, sagte sie. »Ich habe ihn bereits gewogen und richtig frankiert.«

 

Der Beamte betrachtete die Adresse, dann warf er ihn in den Postsack.

 

»Ich habe es mir doch anders überlegt«, erklärte Barbara, als sie wieder bei Jack war. »Ich fürchtete, Sie würden lang warten müssen, denn der Beamte ist sehr umständlich. Bis der die Mappe mit den Marken herausgeholt hat, vergeht eine kleine Ewigkeit. Und da wir noch nicht gefrühstückt haben, wollen wir schnell zum Schloß zurückgehen.«

 

»Wann fahren Sie wieder nach London?« fragte er nach einer Weile.

 

»Ich denke, heute nachmittag. Ich wäre schon heute morgen abgereist, aber es würde doch zu verdächtig aussehen, wenn ich jetzt in aller Eile das Schloß verließe. Es könnte zum Beispiel in der vergangenen Nacht ein Einbrecher im Haus gewesen sein … Das kann man natürlich erst feststellen, wenn all diese faulen Leute aufgestanden sind und einen Blick in ihre Schmuckschatullen geworfen haben.«

 

Er lächelte. »Ich glaube nicht, daß in der letzten Nacht ein Einbrecher im Haus war«, erklärte er vergnügt.

 

Als sie ins Frühstückszimmer traten, fanden sie dort Lord Widdicombe und seine Frau vor, die bereits aufgestanden waren. Kurz darauf erschienen auch noch drei andere Gäste.

 

»Was macht denn Diana?« fragte der Lord und nahm sich von dem Rührei.

 

»Wir werden sie wohl kaum vor zwölf Uhr zu Gesicht bekommen«, meinte Lady Widdicombe. »Du weißt doch, daß sie gern lange schläft.«

 

»Ich wünschte nur, daß sie ein wenig munterer wäre«, seufzte der Lord. Er konnte das junge Mädchen nicht recht leiden, obwohl sie seine Nichte und er ihr Vormund war.

 

Diana wachte auch tatsächlich erst um ein Uhr auf. Sie fühlte sich außerordentlich wohl und stellte fest, daß sie selten so ruhig und tief geschlafen hatte.

 

Ich muß doch Barbara bitten, mir das Rezept für die Schokolade zu geben, dachte sie, als sie ihren Morgentee trank.

 

»Ist Post gekommen, Eileen?« fragte sie ihre Zofe, die gerade das Bad vorbereitete. Das Mädchen brachte ihr mehrere Briefe, und Diana sah sie rasch durch.

 

Eine halbe Stunde später war sie angezogen. Als Schmuck wollte sie eine Perlenkette und einen Ring tragen. Sie schloß die Stahlkassette auf, um beides herauszunehmen. Aber sie stieß einen spitzen Schrei aus, als sie hineinblickte.

 

»Eileen, kommen Sie schnell!« rief sie. »Wo ist meine Brillantnadel?«

 

»Sie haben sie gestern abend hineingelegt – ich habe es selbst gesehen.«

 

»Täuschen Sie sich auch nicht?«

 

»Nein, bestimmt nicht«, sagte die Zofe aufgeregt.

 

Diana sah schnell den Inhalt der Kassette durch. Außer der Nadel fehlte nichts, obwohl ein Smaragdring darin lag, der allein ein Vermögen wert war. Nur die Brillantnadel war gestohlen worden.

 

Diana klingelte, aber dann fiel ihr ein, daß sie bereits angekleidet war. Sie stürzte die Treppe hinunter und traf Lord Widdicombe in der Eingangshalle.

 

»Onkel Willie«, rief sie ihm zu, »jemand hat meine Brillantnadel gestohlen!«

 

»Verdammt«, stieß er hervor und winkte Danton heran, der sich eifrig mit Barbara May unterhielt.

 

Der Inspektor kam sofort und erkundigte sich, was es gäbe.

 

»Diana vermißt ihre Brillantnadel«, erklärte der Lord leise. »Bitte sprechen Sie mit ihr, und durchsuchen Sie unauffällig alle Räume.«

 

Aber Jack hatte keinen Erfolg. So sehr er sich auch bemühte, die Brillantnadel war und blieb verschwunden. Äußerst beunruhigt kam er in die Bibliothek, um Lord Widdicombe das Ergebnis seiner Nachforschungen mitzuteilen. »Ich kann die Geschichte nicht verstehen«, sagte er. »Miss Wold äußerte mir gegenüber, daß sie abends immer die Tür ihres Zimmers abschließt und den Schlüssel an der Innenseite steckenläßt. Heute morgen war aber die Tür nicht verschlossen.«

 

»Wäre es möglich, daß sie mit Gewalt von außen geöffnet wurde?«

 

»Das habe ich auch schon vermutet, aber es sind keinerlei Spuren zu erkennen.«

 

»Zum Teufel, wie kann denn das nur geschehen sein?« rief der Lord verärgert. »Hat denn Diana nichts gehört? Man sollte doch annehmen, daß sie aufwacht, wenn jemand im Zimmer ist.«

 

»Sie hat nicht das mindeste gemerkt. Übrigens wäre es auch möglich, daß einer der Gäste, der auf demselben Flur schläft, auf dem Sims an der Mauer entlanggegangen ist.«

 

»Das ist nicht anzunehmen – dazu gehörte wirklich außergewöhnlicher Mut. Der Dieb mußte geradezu die Nerven eines Seiltänzers haben.«

 

»Nun, der Mann, der dieses Schmuckstück gestohlen hat, besitzt sicher eiserne Nerven«, erwiderte Jack. »Rufen Sie Ihre Gäste zusammen und erklären Sie ihnen, was vorgefallen ist. Es ist schließlich möglich, daß jemand von dem mitgebrachten Personal die Nadel entwendet und in dem Zimmer seiner Herrschaft versteckt hat. Unter diesen Umständen wird man nichts dagegen haben, wenn die Gästezimmer durchsucht werden.«

 

»Das ist ein guter Gedanke.« Der Lord nickte erleichtert und befolgte Dantons Vorschlag. Auch die Gäste hatten nichts dagegen einzuwenden.

 

Nach außen hin hatte es den Anschein, als ob Lord Widdicombe die Untersuchung vornähme, aber in Wirklichkeit war es Jack, der sich dazu erboten hatte. Man fand jedoch nichts, und alle hatten Mitleid mit Diana.

 

Sie empfand es als wohltuend, so im Mittelpunkt des Interesses zu stehen, tat aber so, als ob sie der Diebstahl wenig kümmere.

 

»Der Verlust der Nadel ist weiter nicht gefährlich«, meinte sie gleichgültig, »denn sie ist versichert. Es war allerdings ein schönes Stück, und zuerst war ich begreiflicherweise aufgeregt. Ich hatte es erst vor einem Monat bei Streetley gekauft.«

 

»Das ist aber merkwürdig«, bemerkte ihr Onkel stirnrunzelnd.

 

Seine Frau sah ihn erstaunt an.

 

»Wie meinst du denn das?«

 

»Nun, Mrs. Crewe-Sanders, der ebenfalls eine Brillantnadel gestohlen wurde, hatte sie doch auch erst vor einem Monat in demselben Geschäft erstanden.«

 

»Aber daran ist doch nichts Besonderes«, warf einer der Gäste ein.

 

Die Gesellschaft saß am Nachmittag im großen Wohnzimmer zusammen, und man unterhielt sich natürlich über den neuen Diebstahl.

 

»Streetley ist das größte und modernste Juweliergeschäft, das wir in London haben. Viele Damen kaufen dort mit Vorliebe ihren Schmuck.«

 

»Es ist mir nur unangenehm«, erklärte Diana, »daß dieser Einbrecher in mein Zimmer eingedrungen ist, während ich schlief.«

 

»Ja, ich wundere mich auch, daß er das gewagt hat«, erwiderte der Lord ironisch, aber dann fuhr er ernst fort: »Es tut mir entsetzlich leid, daß das geschehen ist. Ich hoffte, die Kricketwoche würde vorübergehen, ohne daß wir auf diese Art belästigt würden.«

 

Kapitel 7

 

7

 

Jack untersuchte die Umgebung des Hauses eingehend, besonders die Stelle, an der Dianas Zimmer lag. Unter ihrem Fenster sah er sich nach Spuren um, aber er konnte nicht das mindeste finden.

 

Er war auch davon überzeugt, daß dieser Diebstahl vom Innern des Hauses begangen worden war. Aber auf wen konnte er als Täter tippen?

 

Merkwürdigerweise hatte er bereits die Möglichkeit ausgeschlossen, daß jemand vom Personal dafür in Frage kam. Die meisten Damen hatten ihre eigenen Zofen mitgebracht, aber diese wohnten in einem anderen Flügel des Schlosses, und es war fast unmöglich, daß sie mitten in der Nacht zu Dianas Zimmer kommen konnten.

 

Nachdenklich und bedrückt suchte er den Lord wieder auf. Widdicombe ging in der Bibliothek auf und ab, als Danton eintrat.

 

»Nun, haben Sie etwas entdeckt?«

 

Jack schüttelte den Kopf. »Nichts – gar nichts.«

 

»Ich wünschte nur, daß das nicht in meinem Haus geschehen wäre. Diana macht es zwar nicht viel aus, offensichtlich. Selbst wenn sie nicht versichert wäre, könnte sie den Verlust leicht tragen, denn sie ist sehr reich. Nur ist mir der Gedanke unerträglich, daß jemand in diesem Haus, womöglich einer der Gäste, den Diebstahl begangen haben könnte. – Wann fahren Sie übrigens wieder in die Stadt zurück?«

 

»Heute. Ich will den gleichen Zug benützen, den auch Miss May nimmt.«

 

Der Lord runzelte die Stirn. »So? Wollen Sie mit Barbara May zusammen fahren? Sie ist wirklich ein sehr nettes junges Mädchen, aber sie hat leider auch außerordentliches Pech«, fügte er mit besonderer Betonung hinzu.

 

»Wie meinen Sie das?« fragte Jack, der sofort bereit war, sie zu verteidigen, obwohl gar kein Grund dafür vorlag.

 

»Unglücklicherweise war sie jedesmal in dem Haus zu Gast, wo einer dieser Juwelendiebstähle verübt wurde mit anderen Worten, Danton: Sooft der geheimnisvolle Dieb auf der Bildfläche erschien, war auch Barbara May anwesend. – Warten Sie einen Augenblick«, fügte er hinzu, als er sah, daß Jack Danton etwas erwidern wollte, und hob abwehrend die Hand. »Ich will damit durchaus nicht behaupten, daß sie etwas mit diesen Verbrechen zu tun hat. Das wäre eine zu gewagte Vermutung. Aber die Tatsache an sich bleibt bestehen. Diana hat mir das schon mehrmals gesagt, und auch Sie sollten es nicht übersehen.«

 

Jack zuckte die Schultern.

 

»Demgegenüber könnte man geltend machen, daß Miss Wold ebenfalls jedesmal zugegen war, wenn ein Schmuckstück entwendet wurde.«

 

»Das ist allerdings merkwürdig«, räumte der Lord ein und schwieg einen Augenblick nachdenklich. »Es stimmt. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Aber wir wollen uns nicht länger darüber den Kopf zerbrechen, denn weder Diana noch Barbara kommen als Täterinnen in Frage. Aber mir fällt bei der Sache eines auf – und ich betone, ich bin kein Detektiv oder Kriminalbeamter –: Wenn der Dieb ein Gast dieses Hauses sein sollte, dann muß doch die Nadel noch hier sein. Höchstens …«

 

»Ja, was wollten Sie sagen?« fragte Jack, als der Lord zögerte.

 

»Es wäre möglich, daß es ihm gelungen ist, das Schmuckstück bereits fortzuschaffen.«

 

»Das setzt aber einen Komplicen voraus, und ich bin eigentlich eher der Meinung, daß der Dieb allein arbeitet.«

 

»Es muß nicht unbedingt ein Komplice sein. Vielleicht wurde die Nadel mit der Post weggeschickt.«

 

Jack lachte. »Dann muß der Betreffende aber sehr früh aufgestanden sein! Der einzige Ihrer Gäste, der heute morgen zur Post ging, war ich.«

 

Plötzlich kam ihm ein unangenehmer Gedanke. Barbara hatte ihn doch zur Post begleitet …

 

»Ist sonst niemand ins Dorf gegangen, um Briefe aufzugeben?« fragte der Lord neugierig.

 

»Nein, niemand«, log Jack.

 

So bald wie möglich zog er sich zurück. Er mußte sich über diesen schrecklichen Verdacht klarwerden, der ihn seit langem beunruhigte. Vor allem mußte die Sache mit dem Postamt überprüft werden.

 

Noch einmal ging er ins Dorf. Der Postbeamte machte gerade Eintragungen in ein Buch.

 

»Mr. Villers, Sie sind Beamter, und Sie werden verstehen, daß das, was ich Ihnen jetzt sage, unter uns bleiben muß. Sie dürfen nicht über das sprechen, was Sie jetzt von mir hören.«

 

Er legte seinen Dienstausweis auf den Tisch, und der alte Mann rückte seine Brille zurecht. Als er gelesen hatte, sah er erstaunt auf.

 

»Ich hatte keine Ahnung, daß Sie von der Polizei sind. Ich habe nämlich einen Neffen …«

 

Jack unterbrach ihn sofort.

 

»Mr. Villers, sagen Sie mir bitte, wie viele Eilbriefe heute von hier abgegangen sind.«

 

»Einer«, erklärte der Beamte sofort.

 

»Wer hat ihn denn abgeschickt?« fragte Jack schnell.

 

»Eine junge Dame – Miss May heißt sie, soviel ich weiß.«

 

Jack war verzweifelt.

 

»Stimmt das auch wirklich?«

 

»Aber sicher! Sie war doch heute früh mit Ihnen zusammen hier. Später kam sie noch einmal herein und sagte, sie wolle den Brief aufgeben.«

 

Jack erinnerte sich nun auch daran, daß Barbara noch einmal zurückgegangen war, um einige Briefmarken zu kaufen.

 

»Was für ein Brief war es denn?« fragte er niedergeschlagen.

 

»Er war ziemlich dick und nicht leicht – ein Doppelbrief.«

 

»An wen war er adressiert? Wissen Sie das vielleicht auch noch?«

 

»Ja, ich habe es mir gemerkt, denn es kommt nur selten vor, daß von hier aus ein Eilbrief abgesandt wird. Die Adresse war: Mr. Shing, Bird-in-Bush Road Nr. 903, Peckam, London. Mir fiel der Name der Straße auf. Ich hatte keine Ahnung, daß es derartig merkwürdige Straßennamen in London gibt.«

 

Mechanisch notierte Jack, was er soeben gehört hatte. Shing! Ein indischer Name! Jack runzelte die Stirn, denn ihm kam das sonderbar vor. Hatte er nicht erst kürzlich etwas von Indien gehört? Auf jeden Fall mußte er die Sache untersuchen. Diesen Entschluß faßte er, als er langsam zum Schloß zurückging. Sowohl um Barbaras als um seinetwillen mußte er es tun.

 

Jetzt kam ihm deutlich zum Bewußtsein, was sie ihm bedeutete. Welche Hoffnungen hatte sie in ihm geweckt! Er konnte auch jetzt noch nicht glauben, daß sie eine Diebin sein sollte, obwohl mehr als ein Umstand darauf hinwies. Zuerst hatte er sie mit diesem merkwürdigen Mr. Smith gesehen, der eine Brillantnadel bei sich trug, die große Ähnlichkeit mit dem von Mrs. Crewe-Sanders vermißten Schmuckstück besaß. Und nun waren auf der Post seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden.

 

*

 

Diana nahm den Verlust ihrer Brillantnadel ziemlich leicht. Sie ging in Barbaras Zimmer und sah zu, wie diese ihre Koffer packte.

 

»Alle Leute haben Mitleid mit mir und sorgen sich um mich«, erklärte sie. »Dieses Mitgefühl ist allein schon soviel wert wie die Nadel.«

 

»Das glaube ich nicht recht«, meinte Barbara und lächelte.

 

»Aber ich bin erstaunt, daß Sie soviel Gepäck haben«, sagte Diana interessiert. »Diesen Schrankkoffer und noch zwei Ledertaschen! Es sieht fast so aus, als wollten Sie eine Reise um die Welt machen.«

 

»Ja, ich habe nun einmal die schlechte Angewohnheit, viel Gepäck mit mir herumzuschleppen«, antwortete Barbara und lachte verschmitzt.

 

Diana schwieg, denn sie hatte plötzlich einen sonderbaren Geruch in Barbaras Zimmer bemerkt. Er war nicht sehr stark, sie erkannte aber, daß er von einem besonderen Parfüm herrührte – von einer Duftmischung, die Diana ausschließlich für sich herstellen ließ, die also sonst niemand besitzen konnte.

 

»Was ist denn das hier für ein Geruch, Barbara?«

 

»Ein Geruch?« wiederholte Barbara erstaunt. »Ach ja, ich habe ihn auch schon bemerkt. Von mir kann er nicht stammen, ich benütze nur Lavendelwasser.«

 

Diana wechselte das Thema. Kurz darauf verabschiedete sie sich, ging in ihr Zimmer und klingelte ihrer Zofe.

 

»Eileen, wo ist mein Parfüm?«

 

»Sie haben es doch in Ihre Schmuckschatulle gelegt.«

 

Diana schloß die Stahlkassette auf und nahm einen viereckig geschliffenen Flakon heraus. Sie sah, daß der Verschluß aufgegangen war, und als sie den Boden der Kassette abtastete, war dieser feucht.

 

»Ja, jetzt besinne ich mich«, sagte sie nachdenklich. »Ich habe die Flasche gestern sehr eilig weggestellt, und dabei muß etwas ausgelaufen sein. Es ist gut, Eileen. Sie können wieder gehen.«

 

Diana setzte sich auf die Bettkante und dachte nach. Barbara May hatte also in die Kassette gefaßt. Barbara May hatte … Plötzlich überlief es Diana heiß und. kalt. Hastig schloß sie die Kassette wieder auf, nahm einige Papiere heraus und betrachtete sie genau. Es fehlte nichts davon.

 

Erleichtert atmete sie auf. Sie rochen stark nach dem Parfüm, in dem sie gelegen hatten. Sie nahm sie auf, warf sie in den Kamin und zündete sie mit einem Streichholz an. Lange stand sie davor und beobachtete, wie sich die Blätter in den Flammen rollten. Im ganzen Zimmer verbreitete sich nun der Duft des Parfüms. Barbara May war also eine Diebin!

 

Kapitel 8

 

8

 

Lord Widdicombe, seine Gatten und Jack Danton fanden, daß Diana an dem Nachmittag ungewöhnlich still und zurückhaltend war.

 

Nachdem Barbara in ihr Zimmer gegangen war, um sich für die Reise fertigzumachen, richtete Jack eine Frage an Diana Wold.

 

Die beiden saßen allein in dem großen Wohnzimmer, von dem man einen herrlichen Ausblick in den Park hatte.

 

»Eins kann ich nicht verstehen, Miss Wold«, begann er. »Wie ist es nur möglich, daß der Dieb in Ihr Zimmer eindringen und die Tür aufschließen konnte, ohne daß Sie aufwachten? Schlafen Sie immer so fest?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Im Gegenteil, ziemlich leicht. Aber vielleicht lag es an der Tasse Schokolade, die mir Barbara May vor dem Schlafengehen brachte. Sie hatte eine außerordentlich beruhigende Wirkung.«

 

»Was sagen Sie da?« fragte Jack schnell.

 

»Barbara hat mir eine Tasse Schokolade gebracht, bevor ich einschlief«, entgegnete Diana gleichgültig. »Wir hatten vorher eine kleine Auseinandersetzung gehabt, und. das sollte wohl eine versöhnliche Geste von ihrer Seite sein.«

 

»Und was geschah später?«

 

»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Gleich darauf muß ich eingeschlafen sein, und ich schlief tief und traumlos. Ich bin während der Nacht kein einziges Mal aufgewacht und habe natürlich nicht gehört, daß jemand in mein Zimmer kam und wieder fortging.«

 

*

 

Jack Danton sprach ziemlich wenig während der Fahrt nach London. Barbara May dagegen war außerordentlich lebhaft und vergnügt.

 

Nachdem er ihr am Bahnhof noch ein Taxi besorgt hatte – die schöne Limousine, in der er sie neulich abends beobachtet hatte, schien für andere Gelegenheiten reserviert zu sein –, verabschiedete er sich und ging zu seiner Wohnung.

 

Dort zog er sich um, und schon eine halbe Stunde später saß er in einem Bus, der nach Süden fuhr. Jack war gespannt, was er dort herausbringen würde. Als der Schaffner erschien, bat er ihn um Auskunft.

 

»Ach, Sie wollen zur Bird-in-Bush Road? Ja, da sind Sie richtig eingestiegen. Sie liegt in der Nähe der Kanalbrücke und zweigt von der Old Kent Road ab. Ich sage Ihnen Bescheid, wenn wir soweit sind.«

 

Die Straße war äußerst lang und machte verschiedene Biegungen. Zu beiden Seiten standen hübsche kleine Villen. Nr. 903 lag an einer Ecke und hatte eine einfache gelbverputzte Fassade, die nicht so überladen war wie die der Nachbarhäuser.

 

Jack klingelte nicht gleich, sondern ging erst auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf und ab. Das Haus lag ruhig und verlassen da, und nichts deutete darauf hin, daß es bewohnt war. Im Garten wuchs Unkraut auf den Wegen, und auch sonst machte das Grundstück einen ziemlich vernachlässigten Eindruck. Die Fenster schienen monatelang nicht geputzt worden zu sein.

 

Allmählich wurde es dunkel. Nach einiger Zeit kam ein Taxi die Straße entlang, hielt aber ein ganzes Stück vor dem Haus. Ein junges Mädchen stieg aus dem Wagen, und Jack erkannte entsetzt, daß es Barbara war.

 

Sie bezahlte den Fahrer und kam näher. Ohne Zögern ging sie durch die Tür des Vorgartens, und Jack sah, daß sie die Treppe hinaufstieg, die zur Haustür führte. Kaum hatte sie geklingelt, als auch schon von innen geöffnet wurde.

 

Der unbekannte Bewohner des Hauses mußte also auf sie gewartet haben! Was mochte sich nun im Haus abspielen?

 

Jack ging in die Seitenstraße, die an dem Garten vorbeiführte. Von hier aus konnte er auch die andere Seite des Hauses unauffällig beobachten. Er entdeckte aber nichts Besonderes, und schließlich kehrte er wieder in die Bird-in-Bush Road zurück. Gerade rechtzeitig – denn Barbara trat eben aus der Tür. Schnell ging sie in Richtung auf die Old Kent Road davon.

 

Sollte er ihr folgen? Nach einiger Überlegung entschied er sich aber dafür, zu bleiben und sich genauer mit dem Haus und der Umgebung vertraut zu machen.

 

Zunächst wollte er feststellen, wer das Haus bewohnte. Er wartete, bis Barbara außer Sicht war, dann ging er quer über die Straße und trat in den ungepflegten Vorgarten.

 

Als er geklingelt hatte, kam niemand, so daß er aufs neue auf den Knopf drückte. Nach einiger Zeit hörte er leise Schritte im Gang. Eine Kette rasselte, die Tür wurde vorsichtig eine Handbreit geöffnet, und in dem Spalt zeigte sich ein dunkles, ziemlich unfreundliches Gesicht.

 

»Wohnt hier ein Mr. Shing?«

 

»Ja«, antwortete der Inder in fließendem Englisch. »Aber er ist augenblicklich beschäftigt.«

 

»Ich möchte ihn sprechen«, erklärte Jack ungeduldig.

 

»Ich werde es ihm ausrichten.«

 

Der Mann wollte die Tür wieder schließen, aber Jack hatte bereits den Fuß in den Spalt geschoben, so daß sie offenblieb.

 

»Sie können nicht hereinkommen«, sagte der Inder aufgebracht. »Ich werde Mr. Shing sagen, daß Sie ihn zu sprechen wünschen, aber Sie müssen draußen warten.«

 

»Ich kann auch drinnen warten«, entgegnete Jack, drückte mit der Schulter gegen die Tür und schob sie auf.

 

In dem Augenblick öffnete sich eine Tür am anderen Ende des Flurs, und ein Mann trat heraus.

 

Es war nicht, wie Jack vermutete, ein Inder, sondern ein Europäer, gut gekleidet und außergewöhnlich sympathisch.

 

»Was wünschen Sie?«

 

»Ich möchte Mr. Shing sprechen.«

 

»Das geht jetzt nicht«, erwiderte der andere abweisend.

 

»Ich möchte ihn nicht nur sprechen, sondern ich werde ihn auch sprechen«, erklärte Jack heftig.

 

Zu seinem größten Erstaunen lachte der andere laut auf.

 

»An Ihrer Stelle würde ich diesen Versuch nicht machen, Mr. Danton.«

 

Jack starrte ihn an.

 

»Woher kennen Sie mich denn?«

 

»Ich weiß, daß Sie Inspektor Danton von Scotland Yard sind«, erklärte der Mann und lächelte über die Bestürzung, die seine Worte bei Jack hervorgerufen hatten. »Und ich versichere Ihnen, daß Mr. Shing wirklich nicht in der Lage ist, Sie zu empfangen. Er ist sehr krank. Das englische Klima bekommt ihm nicht, und ich habe strenge Anweisung, aufzupassen, daß er nicht gestört wird. Außerdem haben Sie kein Recht, in dies Haus einzudringen, Mr. Danton, wenn Sie nicht ausdrücklich dazu ermächtigt worden sind.«

 

Das stimmte. Jack lenkte ein: »Ich wollte ja nur ein paar Fragen an Mr. Shing richten.«

 

»Damit müssen Sie warten bis« – der Mann überlegte »kurz –, »bis Mr. Shing wieder so weit hergestellt ist, daß er sich mit Ihnen unterhalten kann.«

 

So endete dies Abenteuer ziemlich erfolglos.

 

Jack war nicht mit sich zufrieden, als er die Straße hinunterging und später an der Bushaltestelle wartete, um in die Stadt zurückzufahren.

 

Als er vor seiner Wohnung stand und die Tür aufschließen wollte, erinnerte er sich plötzlich an die Geschichte, die Lord Widdicombe von Indien erzählt hatte. Ihm fiel der Diamant der Göttin Kali ein, und plötzlich wußte er, warum es ihn nicht erstaunt hatte, daß ihm ein Inder die Tür öffnete.

 

Aber dann sagte er sich, daß die Geschichte des Lords doch keinen Zusammenhang mit diesem Erlebnis haben könnte. Wäre der Diamant der Göttin Kali in England, so könnte er Barbaras Benehmen vielleicht verstehen. Vor allem, daß sie mit diesem Mr. Shing zusammenarbeitete.

 

Fast die ganze Nacht lag er schlaflos im Bett und grübelte darüber nach, wie er eine Erklärung für diese seltsamen Dinge finden könnte, die Barbara entlasten würden. Er bekam Kopfschmerzen, ohne eine richtige Lösung zu finden. Unruhig schlief er doch ein.