Kapitel 8

 

8

 

Lord Widdicombe, seine Gatten und Jack Danton fanden, daß Diana an dem Nachmittag ungewöhnlich still und zurückhaltend war.

 

Nachdem Barbara in ihr Zimmer gegangen war, um sich für die Reise fertigzumachen, richtete Jack eine Frage an Diana Wold.

 

Die beiden saßen allein in dem großen Wohnzimmer, von dem man einen herrlichen Ausblick in den Park hatte.

 

»Eins kann ich nicht verstehen, Miss Wold«, begann er. »Wie ist es nur möglich, daß der Dieb in Ihr Zimmer eindringen und die Tür aufschließen konnte, ohne daß Sie aufwachten? Schlafen Sie immer so fest?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Im Gegenteil, ziemlich leicht. Aber vielleicht lag es an der Tasse Schokolade, die mir Barbara May vor dem Schlafengehen brachte. Sie hatte eine außerordentlich beruhigende Wirkung.«

 

»Was sagen Sie da?« fragte Jack schnell.

 

»Barbara hat mir eine Tasse Schokolade gebracht, bevor ich einschlief«, entgegnete Diana gleichgültig. »Wir hatten vorher eine kleine Auseinandersetzung gehabt, und. das sollte wohl eine versöhnliche Geste von ihrer Seite sein.«

 

»Und was geschah später?«

 

»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Gleich darauf muß ich eingeschlafen sein, und ich schlief tief und traumlos. Ich bin während der Nacht kein einziges Mal aufgewacht und habe natürlich nicht gehört, daß jemand in mein Zimmer kam und wieder fortging.«

 

*

 

Jack Danton sprach ziemlich wenig während der Fahrt nach London. Barbara May dagegen war außerordentlich lebhaft und vergnügt.

 

Nachdem er ihr am Bahnhof noch ein Taxi besorgt hatte – die schöne Limousine, in der er sie neulich abends beobachtet hatte, schien für andere Gelegenheiten reserviert zu sein –, verabschiedete er sich und ging zu seiner Wohnung.

 

Dort zog er sich um, und schon eine halbe Stunde später saß er in einem Bus, der nach Süden fuhr. Jack war gespannt, was er dort herausbringen würde. Als der Schaffner erschien, bat er ihn um Auskunft.

 

»Ach, Sie wollen zur Bird-in-Bush Road? Ja, da sind Sie richtig eingestiegen. Sie liegt in der Nähe der Kanalbrücke und zweigt von der Old Kent Road ab. Ich sage Ihnen Bescheid, wenn wir soweit sind.«

 

Die Straße war äußerst lang und machte verschiedene Biegungen. Zu beiden Seiten standen hübsche kleine Villen. Nr. 903 lag an einer Ecke und hatte eine einfache gelbverputzte Fassade, die nicht so überladen war wie die der Nachbarhäuser.

 

Jack klingelte nicht gleich, sondern ging erst auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf und ab. Das Haus lag ruhig und verlassen da, und nichts deutete darauf hin, daß es bewohnt war. Im Garten wuchs Unkraut auf den Wegen, und auch sonst machte das Grundstück einen ziemlich vernachlässigten Eindruck. Die Fenster schienen monatelang nicht geputzt worden zu sein.

 

Allmählich wurde es dunkel. Nach einiger Zeit kam ein Taxi die Straße entlang, hielt aber ein ganzes Stück vor dem Haus. Ein junges Mädchen stieg aus dem Wagen, und Jack erkannte entsetzt, daß es Barbara war.

 

Sie bezahlte den Fahrer und kam näher. Ohne Zögern ging sie durch die Tür des Vorgartens, und Jack sah, daß sie die Treppe hinaufstieg, die zur Haustür führte. Kaum hatte sie geklingelt, als auch schon von innen geöffnet wurde.

 

Der unbekannte Bewohner des Hauses mußte also auf sie gewartet haben! Was mochte sich nun im Haus abspielen?

 

Jack ging in die Seitenstraße, die an dem Garten vorbeiführte. Von hier aus konnte er auch die andere Seite des Hauses unauffällig beobachten. Er entdeckte aber nichts Besonderes, und schließlich kehrte er wieder in die Bird-in-Bush Road zurück. Gerade rechtzeitig – denn Barbara trat eben aus der Tür. Schnell ging sie in Richtung auf die Old Kent Road davon.

 

Sollte er ihr folgen? Nach einiger Überlegung entschied er sich aber dafür, zu bleiben und sich genauer mit dem Haus und der Umgebung vertraut zu machen.

 

Zunächst wollte er feststellen, wer das Haus bewohnte. Er wartete, bis Barbara außer Sicht war, dann ging er quer über die Straße und trat in den ungepflegten Vorgarten.

 

Als er geklingelt hatte, kam niemand, so daß er aufs neue auf den Knopf drückte. Nach einiger Zeit hörte er leise Schritte im Gang. Eine Kette rasselte, die Tür wurde vorsichtig eine Handbreit geöffnet, und in dem Spalt zeigte sich ein dunkles, ziemlich unfreundliches Gesicht.

 

»Wohnt hier ein Mr. Shing?«

 

»Ja«, antwortete der Inder in fließendem Englisch. »Aber er ist augenblicklich beschäftigt.«

 

»Ich möchte ihn sprechen«, erklärte Jack ungeduldig.

 

»Ich werde es ihm ausrichten.«

 

Der Mann wollte die Tür wieder schließen, aber Jack hatte bereits den Fuß in den Spalt geschoben, so daß sie offenblieb.

 

»Sie können nicht hereinkommen«, sagte der Inder aufgebracht. »Ich werde Mr. Shing sagen, daß Sie ihn zu sprechen wünschen, aber Sie müssen draußen warten.«

 

»Ich kann auch drinnen warten«, entgegnete Jack, drückte mit der Schulter gegen die Tür und schob sie auf.

 

In dem Augenblick öffnete sich eine Tür am anderen Ende des Flurs, und ein Mann trat heraus.

 

Es war nicht, wie Jack vermutete, ein Inder, sondern ein Europäer, gut gekleidet und außergewöhnlich sympathisch.

 

»Was wünschen Sie?«

 

»Ich möchte Mr. Shing sprechen.«

 

»Das geht jetzt nicht«, erwiderte der andere abweisend.

 

»Ich möchte ihn nicht nur sprechen, sondern ich werde ihn auch sprechen«, erklärte Jack heftig.

 

Zu seinem größten Erstaunen lachte der andere laut auf.

 

»An Ihrer Stelle würde ich diesen Versuch nicht machen, Mr. Danton.«

 

Jack starrte ihn an.

 

»Woher kennen Sie mich denn?«

 

»Ich weiß, daß Sie Inspektor Danton von Scotland Yard sind«, erklärte der Mann und lächelte über die Bestürzung, die seine Worte bei Jack hervorgerufen hatten. »Und ich versichere Ihnen, daß Mr. Shing wirklich nicht in der Lage ist, Sie zu empfangen. Er ist sehr krank. Das englische Klima bekommt ihm nicht, und ich habe strenge Anweisung, aufzupassen, daß er nicht gestört wird. Außerdem haben Sie kein Recht, in dies Haus einzudringen, Mr. Danton, wenn Sie nicht ausdrücklich dazu ermächtigt worden sind.«

 

Das stimmte. Jack lenkte ein: »Ich wollte ja nur ein paar Fragen an Mr. Shing richten.«

 

»Damit müssen Sie warten bis« – der Mann überlegte »kurz –, »bis Mr. Shing wieder so weit hergestellt ist, daß er sich mit Ihnen unterhalten kann.«

 

So endete dies Abenteuer ziemlich erfolglos.

 

Jack war nicht mit sich zufrieden, als er die Straße hinunterging und später an der Bushaltestelle wartete, um in die Stadt zurückzufahren.

 

Als er vor seiner Wohnung stand und die Tür aufschließen wollte, erinnerte er sich plötzlich an die Geschichte, die Lord Widdicombe von Indien erzählt hatte. Ihm fiel der Diamant der Göttin Kali ein, und plötzlich wußte er, warum es ihn nicht erstaunt hatte, daß ihm ein Inder die Tür öffnete.

 

Aber dann sagte er sich, daß die Geschichte des Lords doch keinen Zusammenhang mit diesem Erlebnis haben könnte. Wäre der Diamant der Göttin Kali in England, so könnte er Barbaras Benehmen vielleicht verstehen. Vor allem, daß sie mit diesem Mr. Shing zusammenarbeitete.

 

Fast die ganze Nacht lag er schlaflos im Bett und grübelte darüber nach, wie er eine Erklärung für diese seltsamen Dinge finden könnte, die Barbara entlasten würden. Er bekam Kopfschmerzen, ohne eine richtige Lösung zu finden. Unruhig schlief er doch ein.

 

Kapitel 9

 

9

 

»Lesen Sie das«, sagte der Chefinspektor am nächsten Morgen, als sich Jack bei ihm zum Bericht meldete.

 

Jack nahm den Brief und warf einen Blick darauf. Das graue Papier kam ihm merkwürdig bekannt vor.

 

›Sehr geehrter Herr,

 

ich halte es für wichtig, Ihnen folgendes über Inspektor Jack Danton mitzuteilen: Er arbeitet mit einer Juwelendiebin zusammen, die vor kurzer Zeit die Brillantnadel von Miss Diana Wold gestohlen hat. Er unterstützt sie nicht nur, er ist auch in sie verliebt. Die Dame heißt Barbara May und war als Gast bei Lord Widdicombe, und zwar in derselben Nacht, wo die Brillantnadel entwendet wurde.

 

Wenn Sie sich die Mühe machen wollen, weiter nachzuforschen, werden Sie feststellen können, daß die Dame sich jedesmal dann als. Gast in einem Haus befand, wenn dort Schmuckstücke mit Brillanten abhanden kamen.

 

Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung

 

Ein aufrichtiger Freund‹

 

»Der Brief ist in London aufgegeben worden«, erklärte der Chefinspektor. »Nun, was haben Sie dazu zu sagen, Danton?«

 

Jack wurde erst rot, dann blaß. »Das ist eine ganz abscheuliche Geschichte!« rief er erregt.

 

»Sehr liebenswürdig ist das Schreiben nicht abgefaßt«, meinte der Chefinspektor trocken. »Kennen Sie übrigens Miss May?«

 

»Ja, ich kenne sie sehr gut«, entgegnete Jack offen. »Aber diese Verdächtigung ist unerhört!«

 

»Warum ärgern Sie sich darüber? Was finden Sie daran denn so besonders niederträchtig? Etwa die Behauptung, daß Sie sich in Miss May verliebt haben?« fragte der Chefinspektor grinsend.

 

»Das ganze Schreiben ist eine abscheuliche Verleumdung«, murmelte Jack aufgebracht.

 

Der Chefinspektor nickte.

 

»Davon bin ich überzeugt. Sie haben ja den Auftrag, den anonymen Brief Schreiber zu entlarven. Übrigens hat Diana Wold auch ein anonymes Schreiben erhalten. Sie hat mich vor kurzem angerufen und es mir mitgeteilt.«

 

Jack betrachtete den Brief genauer. Die Handschrift war natürlich verstellt, aber zweifellos hatte ein gebildeter Mensch den Brief verfaßt.

 

»Sie waren doch auf dem Landsitz von Lord Widdicombe, als die Brillantnadel gestohlen wurde«, fuhr der Chef Inspektor fort. »Haben Sie dort irgendeinen Anhaltspunkt gefunden, der uns weiterhelfen könnte?«

 

Jack schüttelte den Kopf.

 

»Nein«, log er und versuchte seinen Vorgesetzten ruhig anzusehen.

 

»Hm. Nun, wenigstens haben Sie mit dem Diebstahl nichts zu tun. Und dann noch eins: Auf keinen Fall dürfen diese Diebstähle in der Öffentlichkeit bekannt werden. Sie dürfen nicht über die Sache sprechen.«

 

Obwohl« Jack nicht mit der Aufklärung der Juwelendiebstähle beauftragt war, interessierte er sich doch für den Fall mehr als für die Sache mit den anonymen Briefen, und als er Scotland Yard verließ, ging er zu der bekannten Juwelierfirma Streetley. Sofort wurde er in das Büro des Besitzers geführt und sah sich einem älteren, düster aussehenden Herrn gegenüber, der ihn ziemlich kühl empfing.

 

»Ich muß zugeben, Mr. Streetley«, begann Jack, »daß ich offiziell nichts mit der Sache zu tun habe. Aber ich interessiere mich persönlich dafür, da Lord Widdicombe ein Freund von mir ist. Ich kenne auch Miss Diana Wold, der vor kurzer Zeit ihre Brillantnadel gestohlen wurde. – Was mich zu Ihnen führt: Es ist allgemein bekannt, daß die in letzter Zeit gestohlenen Schmuckstücke sämtlich während der vergangenen Monate in Ihrem Geschäft gekauft wurden.«

 

Mr. Streetley nickte.

 

»Das stimmt. Wir sind das größte Juweliergeschäft in London, und wir verkaufen und kaufen geschliffene Diamanten. Wir haben die wertvollste Sammlung von kostbaren Steinen in ganz Europa.«

 

»Haben Sie eine Erklärung dafür, daß all diese Brillantnadeln in letzter Zeit gestohlen wurden? Kennen Sie jemand, der etwas gegen Sie hat?«

 

Der alte Streetley lächelte.

 

»Selbst wenn das der Fall wäre, könnte ich nicht einsehen, warum die Leute Schmuckstücke stehlen, die wir längst verkauft haben. Das wäre eine etwas sonderbare Rache.«

 

»Dann können Sie mir also keine Erklärung dafür geben?«

 

»Nein, leider nicht.«

 

Mr. Streetley war offensichtlich sehr erleichtert, daß sich sein Besucher mit dieser Antwort zufriedengab und sich kurz danach verabschiedete.

 

Ais Jack durch die Verkaufsräume ging, sah er sich nach dem Geschäftsführer um, den er vor kurzem festgenommen und zur Polizeiwache gebracht hatte. Aber er konnte ihn nicht entdecken.

 

*

 

Jack war mit seinem Besuch nicht zufrieden. Er erinnerte sich, daß ihm einer seiner Freunde, ein reicher Börsenmakler, vor ein oder zwei Monaten erzählt hatte, er hätte seiner Frau bei Streetley eine Brillantnadel gekauft. Wahrscheinlich würde sie die nächste sein, zu der dieser geheimnisvolle Juwelendieb käme.

 

Er rief seinen Bekannten an, mußte aber zu seinem Bedauern feststellen, daß sich der Mann nicht in seinem Büro aufhielt. Ein zweiter Anruf hatte mehr Erfolg. Mr. Bordle war in seinem Haus in der Park Lane, und Jack machte sich auf den Weg, ihn aufzusuchen.

 

»Kommen Sie ruhig herein, Danton«, begrüßte ihn der Makler herzlich. »Meine Frau ist beim Friseur. Ich spüre wieder einmal meinen Rheumatismus und muß zu Hause bleiben. Sie können sich denken, daß ich mich hier zu Tode langweile.«

 

»Und ich fürchte, daß Ihnen das, was ich Ihnen sagen muß, auch nicht gerade angenehm sein wird«, erwiderte Jack lächelnd. »Vor einiger Zeit haben Sie mir doch erzählt, daß Sie Ihrer Frau eine Brillantnadel geschenkt haben, die Sie bei Streetley besorgten. Können Sie sich noch daran erinnern?«

 

Mr. Bordle nickte.

 

»Das stimmt. Ich habe sogar zwei gekauft: eine für meine Frau, eine für meine Schwester zur Hochzeit. Aber wenn ich das nächstemal wieder ein Schmuckstück kaufe«, fügte er hinzu, »gehe ich nicht wieder zu Streetley. Darauf können Sie Gift nehmen.«

 

»Aber warum denn nicht?« fragte Jack gespannt.

 

»Weil die Leute mir zu neugierig sind«, erwiderte Bordle. »Stellen Sie sich vor: Kaum hatten wir die Brillantnadel einen Monat, als auch schon ein Mann von der Firma kam und uns bat, sie ihm noch einmal mitzugeben, da allem Anschein nach ein Irrtum beim Fassen der Steine unterlaufen sein müßte. Die Firma wollte die Reparatur kostenlos übernehmen. Soweit ich entdecken konnte, war aber die Fassung vollkommen in Ordnung. Meine Frau wollte zuerst nichts davon wissen, die Brillantnadel wieder herzugeben. Und meine Schwester weigerte sich anfangs auch, es zu tun.«

 

»Hat Streetley denn von ihr auch die Rückgabe des Schmuckes verlangt?« erkundigte sich Jack erstaunt.

 

»Ja. Und schließlich haben wir auch nachgegeben und die Sachen zurückgeschickt. Sie haben die Brillantnadeln verdammt lange behalten. Es dauerte einen Monat, bevor wir sie wiederbekamen, und soweit ich es beurteilen kann, ist nichts daran geändert worden. – Übrigens haben sie einem Bekannten von mir dasselbe zugemutet.«

 

»Ach, sollte er auch seine Nadel zurückgeben?« wollte Jack wissen. »Wie viele solcher Nadeln mag Streetley wohl im Laufe eines Jahres verkaufen?«

 

»Sicher hunderte. Es ist das beste Juweliergeschäft Londons! Deshalb haben sie auch einen großen Kundenkreis. Aber warum interessieren Sie sich so lebhaft für die Geschichte?«

 

»Ich werde Ihnen den Zusammenhang erklären, aber Sie dürfen nicht darüber sprechen«, erwiderte Jack. »Bisher ist in der Öffentlichkeit noch nichts davon bekannt.«

 

Nun erzählte er, daß mehrere der Brillantnadeln, die bei Streetley gekauft worden waren, gestohlen wurden.

 

»Meine Nadel bekommt der Dieb bestimmt nicht«, sagte Bordle und lachte schallend. »Sie befindet sich in einem Safe meiner Bank, aber meine Schwester werde ich sicherheitshalber warnen.«

 

Kapitel 10

 

10

 

Am nächsten Tag stand ein interessanter Artikel im ›Daily Telephone‹, den viele Leute aufmerksam/lasen.

 

›Es ist ein offenes Geheimnis, daß die vornehme Gesellschaft durch einen anonymen Briefschreiber beunruhigt wird, der mit ›Ein aufrichtiger Freund‹ unterschreibt. Diese anonymen Briefe werden schon seit einem ganzen Jahr geschrieben, und niemand ist vor der Unverschämtheit dieses Verbrechers sicher. Die frechen Anspielungen sind bereits der Anlaß zu ein paar Scheidungen gewesen; auch einen Selbstmord kann man darauf zurückführen. Es macht die Angelegenheit nicht besser, daß der Briefschreiber selbst zur Gesellschaft zu gehören scheint, mit seinen Opfern offensichtlich gut bekannt und über ihre Verhältnisse ausgezeichnet informiert ist. Die Polizei macht die größten Anstrengungen, den Verbrecher zu entlarven.‹

 

*

 

Am Nachmittag trat Mason, ein Berichterstatter des ›Daily Telephone‹ ins Büro seines Chefs und schloß die Tür sorgfältig hinter sich.

 

Der Redakteur sah von seiner Arbeit auf.

 

»Ich habe eine tolle Sache entdeckt«, kündigte Mason an. »Durch reinen Zufall bin ich dahintergekommen. Wußten Sie, daß seit einiger Zeit – es mögen etwa drei Monate sein – eine ganze Reihe von Juwelendiebstählen verübt worden ist? Der Wert der Beute beläuft sich mittlerweile auf achtzigtausend Pfund. Auf den verschiedensten Landsitzen ist der Einbrecher bisher gewesen.«

 

Der Redakteur zog die Augenbrauen hoch.

 

»Nein, davon habe ich noch nichts gehört. In den Polizeiberichten habe ich auch nichts darüber gelesen –«

 

»Das war auch nicht möglich, denn aus einem bestimmten Grund würden diese Diebstähle bisher geheimgehalten. Meiner Meinung nach vermuten die Bestohlenen, daß der Täter ihren eigenen Kreisen angehört.«

 

»Hat denn die Polizei die Beschreibung der gestohlenen Gegenstände noch nicht freigegeben?«

 

Mason schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe es von einem Mann gehört, der Nachforschungen im Landhaus von Lord Widdicombe anstellte. Es handelt sich dabei aber um eine ganz andere Sache. Jemand vom Personal erzählte ihm etwas von der Geschichte, bat ihn aber zugleich, nicht darüber zu sprechen. Allem Anschein nach darf das Personal nichts ausplaudern.«

 

»Das klingt allerdings merkwürdig«, meinte der Redakteur und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Das gäbe einen guten Bericht. Haben Sie schon Einzelheiten von anderen Diebstählen erfahren?«

 

»In drei Fällen ist es mir gelungen, etwas herauszubekommen«, gab Mason zur Antwort. »Ich habe drei unserer Leute losgeschickt, um anderweitig Nachforschungen anzustellen, und wenn wir dann auch noch eine amtliche Bestätigung erhalten, könnte das wirklich einen ausgezeichneten Artikel geben.«

 

Im Laufe des Nachmittags erhielt Mason wie erwartet noch weitere Meldungen und schrieb daraufhin einen Artikel, von dem er glaubte, daß er großes Aufsehen bei seinen Lesern erregen würde. Nur von Scotland Yard konnte er keine näheren Informationen bekommen. Offensichtlich hatten die Beamten dort keine Lust, Einzelheiten über einen Fall freizugeben, der gerade bearbeitet wurde.

 

Um sechs Uhr meldete sich Mason mit dem fertigen Artikel bei seinem Vorgesetzten.

 

»Es wird ein durchschlagender Erfolg werden!« verkündete er überzeugt. »Schon allein die Tatsache, daß gewisse Leute in Schutz genommen werden und daß Scotland Yard die gestohlenen Schmuckstücke nicht veröffentlicht und die Juweliere vor dem Ankauf von Brillantnadeln gewarnt hat, beweist, daß viel mehr dahintersteckt, als ich anfänglich annahm.«

 

*

 

Am Abend sah der Redakteur, als er in seinem Klub speiste, Jack Danton, der zerstreut und mißmutig im Rauchsalon auf und ab schlenderte. Er sprach ihn an, in der Hoffnung, doch noch etwas von amtlicher Seite herauszubekommen.

 

»Danton, auf Sie habe ich gerade gewartet. Ihretwegen bin ich extra hergekommen.«

 

»Um Himmels willen«, entgegnete Jack schlecht gelaunt. »Wollen Sie etwa von mir wissen, wer der anonyme Briefschreiber ist?«

 

»Nein, es handelt sich um etwas Wichtigeres. Wir haben eine fabelhafte Geschichte, die wir in unserer Zeitung veröffentlichen wollen, und ich möchte von Ihnen nur eine Bestätigung erhalten, bevor wir sie in Satz geben.«

 

Natürlich stimmte das nur teilweise. Der Artikel würde im ›Daily Telephone‹ erscheinen, ob Scotland Yard die Sache nun bestätigte oder nicht. Das Geheimnis, das diese Diebstähle umgab, war an sich schon Grund genug, sie für die Leser interessant zu machen.

 

»Wie steht es eigentlich mit diesen Juwelendiebstählen?« erkundigte sich der Redakteur so nebenbei und beobachtete den Inspektor scharf.

 

Jack machte ein harmloses Gesicht. Er roch den Braten und würde nichts Wesentliches verraten, zumal der Chefinspektor ihm eingeschärft hatte, ja nichts über die Sache zu sagen.

 

»Was für Diebstähle sollen das sein?« fragte er scheinbar erstaunt. »Meinen Sie den Einbruch bei dem Juweliergeschäft Carter and Smith in der Regent Street?«

 

»Mein lieber Freund, mir machen Sie nichts vor. Sie wissen ganz genau, daß ich etwas anderes meine – ich spreche von den merkwürdigen Diebstählen in verschiedenen Landhäusern, Schlössern und so weiter. In der letzten Zeit sind eine Reihe von Brillantnadeln gestohlen worden – wahrscheinlich jedesmal von jemand, der zur Zeit des Diebstahls Gast in dem betreffenden Haus war.«

 

»Davon habe ich wirklich nichts gehört«, erwiderte Jack kopfschüttelnd. »Ihr seid doch tüchtige Leute bei der Zeitung – grabt Geschichten aus, von denen Scotland Yard noch gar nichts weiß. Offen gestanden glaube ich, daß ihr selbst von Zeit zu Zeit einen kleinen Einbruch inszeniert, nur damit ihr später als erste einen aufsehenerregenden Artikel darüber liefern könnt.« Der Redakteur, ein alter Freund von Jack, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

 

»Erzählen Sie doch keine Märchen«, brummte er. »Indirekt haben Sie mir jetzt doch die Bestätigung gegeben, die ich von Ihnen wollte. Der Artikel kommt morgen in die Frühausgabe.«

 

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, meinte Jack müde. »Ich kann Sie nicht daran hindern. Aber bilden Sie sich nicht ein, daß ich den Quatsch lese.«

 

Der Redakteur lachte, trank seine Tasse aus und kehrte zufrieden in sein Büro zurück.

 

Dort angekommen, ließ er Mason rufen.

 

»Haben Sie noch irgend etwas über die Diebstähle herausbekommen?« fragte er.

 

»Ich habe noch genug Material für einen zweiten Artikel. Mrs. Crewe-Sanders wurde vor einer Woche bestohlen und Diana Wold in den letzten Tagen.«

 

Der Redakteur stimmte mit Mason darin überein, daß jetzt vor allem einmal der erste Artikel in Satz gehen müsse. Nichts schien mehr dem Erscheinen dieses sensationellen Berichts im Wege zu stehen, als plötzlich zwei Beamte von Scotland Yard gemeldet wurden. Einer davon war der Chefinspektor persönlich. Sie wurden sofort in die Redaktion geführt.

 

»Wir haben erfahren, daß Sie noch heute abend einen Artikel drucken wollen, an dem wir besonders interessiert sind. Es soll sich dabei um einen Bericht über gestohlenen Brillantschmuck handeln.«

 

»Sie haben ganz recht«, gab der Redakteur zu. »Wollen Sie uns nicht noch einiges darüber erzählen?«

 

»Nein, um Himmels willen, nein«, erwiderte der Chefinspektor. »Im Gegenteil, ich möchte Sie bitten, den Artikel auf keinen Fall zu bringen.«

 

»Warum denn nicht?«

 

»Aus verschiedenen Gründen. Vor allem ist es im Interesse der Aufklärung dieser Fälle von höchster Bedeutung, daß nichts darüber in die Öffentlichkeit dringt. Sie werden also einsehen, daß ich auf meiner Forderung bestehen muß.«

 

So kam es, daß der Artikel, zum verständlichen Ärger des Redakteurs, vorerst doch nicht im ›Daily Telephone‹ erschien.

 

*

 

Noch ein weiterer Umstand steigerte das allgemeine Rätselraten um die ganze Angelegenheit. Diana hatte nämlich am Tag nach dem Diebstahl versucht, in einem Telegramm ihre Freundin in Cannes von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen. Zwei Stunden, nachdem sie es aufgegeben hatte, kam das Formular zurück mit dem amtlichen Vermerk: ›Von der Beförderung ausgeschlossen.‹

 

Empört hängte sie sich ans Telefon, um herauszubekommen, wer dies veranlaßt hatte. Schließlich erfuhr sie von einem Beamten des Londoner Telegrafenamtes, daß hier leider eine Anordnung der Polizei zugrunde läge, die darum ersucht hätte, keine Telegramme zu befördern, in denen von bestimmten Diebstählen die Rede sei.

 

»Die Polizei ist dem Täter auf der Spur«, erklärte der Beamte ihr, »und je weniger über die Sache gesprochen und geschrieben wird, desto besser.«

 

Diana legte auf und zerbrach sich den Kopf, was das alles zu bedeuten hatte.

 

Kapitel 17

 

17

 

»Ich weiß nicht, wie ich dir das alles erklären soll, Jack«, begann Barbara, während sie sich erschöpft auf das Sofa fallen ließ und ihn an ihre Seite zog. »Es hängt alles mit dem Diamanten der Göttin Kali zusammen.«

 

»Wie kommt denn der hierher?« erkundigte er sich erstaunt. »Ist das nicht der Diamant, von dem Lord Widdicombe neulich sprach?«

 

Sie nickte ernst.

 

»Der Stein ist aufs neue entwendet worden. Du kannst dir ja vorstellen, welche Anziehungskraft er für viele Leute hat. Einige Zeit wurde der Diebstahl nicht entdeckt, aber schließlich kam ein Oberpriester des Heiligtums dahinter und setzte sich sofort mit der Kriminalpolizei in Verbindung. Er wußte, welche Unruhen es geben würde, wenn der Stein an dem Feiertag nicht ausgestellt werden konnte. Als man den Dieb endlich faßte, hatte er den Stein schon verkauft. Mit verschiedenen anderen Brillanten hatte ihn ein Zwischenhändler nach Europa verschachert.

 

Wir bekamen schließlich heraus, daß der Diamant in London gelandet war. Nun bekam ich den Auftrag, ihn dort zu suchen, denn ich bin seit drei Jahren beim Geheimdienst des Auswärtigen Amtes beschäftigt.«

 

Sie lächelte belustigt, als sie sah, welche Überraschung diese Worte für Jack bedeuteten.

 

»Was, beim Geheimdienst bist du? Dann bist du …«

 

»Etwas Ähnliches wie du. Aber erst laß mich dir schnell fertig erzählen«, unterbrach sie ihn und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Alle Steine wurden an die Juwelierfirma Streetley verkauft. Niemand hatte hier eine Ahnung, daß sich der berühmte Diamant der Göttin Kali darunter befand, denn die seltsame Inschrift war ja kaum zu erkennen. Nun wurde von Indien ein Beamter der Kriminalpolizei hergeschickt, der diesen Mr. Shing mitbrachte. Der ist nicht nur Anhänger der Kali-Sekte, der der Stein gehört, sondern auch ein hervorragender Juwelier. Er weiß genau, wie der Diamant aussieht.«

 

»Dann hatte also dieser Inder das Haus in der Birdin-Bush Road gemietet?« warf Jack ein.

 

»Ja, er wohnte dort, und ihm wurden alle gestohlenen Brillantnadeln gebracht.«

 

»Aber warum wurden denn die Nadeln gestohlen?«

 

»Wir haben sie nicht alle gestohlen«, setzte ihm Barbara auseinander. »Streetley hatte die Brillanten, die er von einem Inder kaufte, dazu benützt, die herrlichsten Brillantnadeln anzufertigen. Die Steine waren groß und schön und paßten vorzüglich in die von ihm entworfenen Fassungen. Als nun die Polizei bei ihm nach dem Verbleib der Steine forschte, stellte es sich heraus, daß wohl auch der Diamant der Göttin Kali in solch eine Nadel gearbeitet worden war. Die Firma wandte sich daher an alle Kunden, denen sie eine solche Nadel verkauft hatte, und versuchte, unter irgendeinem Vorwand die Nadeln zurückzubekommen. Meistens erklärten sich die Kunden einverstanden, aber in einigen Fällen weigerten sich die Eigentümer. Manche glaubten, daß man ihnen irrtümlicherweise einen teureren Stein verkauft hätte, den man ihnen nun wieder abnehmen wollte.

 

In solchen Fällen gab es nur einen Weg, die Brillantnadeln wiederzubekommen – man mußte sie stehlen, und ich erhielt diesen ehrenvollen aber wenig angenehmen Auftrag. Leider hatte ich Pech und mußte bis zur letzten Möglichkeit weitersuchen; erst seit dem Fest bei Lord Widdicombe wußte ich, daß er nur noch in Dianas zweiter Brillantnadel stecken konnte.«

 

»Also hatte Diana doch recht, als sie behauptete, die gestohlenen Schmuckstücke unter deinem Kopfkissen gefunden zu haben?«

 

Barbara nickte vergnügt.

 

»Der Chefinspektor wußte natürlich Bescheid! Als er hörte, daß Diana hinter meine Schliche gekommen war, setzte er sich sofort mit Mr. Smith in Verbindung. Der fuhr gleich in meine Wohnung, nahm die Juwelen an sich und hinterließ den Zettel mit dem schadenfrohen Gruß.«

 

Jack begriff nun, warum ihm sein Vorgesetzter nicht den Auftrag gegeben hatte, auch den Juwelendiebstahl zu klären.

 

Er zog Barbara an sich.

 

Kapitel 18

 

18

 

Am folgenden Nachmittag saß Diana in ihrem Wohnzimmer, als ihr Barbara gemeldet wurde.

 

»Ich habe meine Brillantnadel zurückbekommen, Barbara«, sagte sie zur Begrüßung. »Ich nehme an, daß die Polizei das Schmuckstück gefunden hat. Jack ist wirklich ein großartiger Kriminalbeamter – na, er wußte ja auch, wo er zu suchen hatte!«

 

»Und wo war die Nadel?« erkundigte sich Barbara zuckersüß.

 

»In Ihrer Wohnung, meine Liebe«, entgegnete Diana boshaft. »Und diesmal kann Jack die Sache nicht vertuschen. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß ich an alle unsere Freunde und Bekannten geschrieben und ihnen die näheren Umstände auseinandergesetzt habe.«

 

»Ach, Sie haben geschrieben, daß ich die Juwelendiebin bin?« erwiderte Barbara ruhig.

 

»Ja – Sie sind die Diebin! Es ist zwar ein häßliches Wort, aber – ich glaube, es entspricht doch den Tatsachen, nicht wahr?«

 

»Dann wäre also das erste Geheimnis aufgeklärt«, meinte Barbara. »Ich freue mich, daß alles vorüber ist und daß die Leute jetzt Bescheid wissen. Gleichzeitig können sie dann auch das zweite erfahren.«

 

»Das zweite …?« fragte Diana mißtrauisch.

 

»Die Öffentlichkeit wird erfahren, wer der anonyme Brief Schreiber ist.« – Barbara machte eine wirkungsvolle Pause. »Als ich Ihnen das Schlafmittel gab, fand ich nicht nur die Brillantnadel in Ihrer Schmuckkassette, sondern auch noch ein Bündel Briefe, die Sie geschrieben hatten und am nächsten Tag abschicken wollten.«

 

Ein peinliches Schweigen wurde schließlich durch Dianas kühle Feststellung unterbrochen: »Sie sind verrückt!«

 

»Meinen Sie? Die Briefe waren an die verschiedensten Leute gerichtet, und alle waren mit ›Ein aufrichtiger Freund‹ unterschrieben. Sie enthielten die frechsten und gefährlichsten Denunziationen über die besten Freunde der Empfänger.«

 

»Das ist eine unerhörte Lüge! Das können Sie nie beweisen!« rief Diana erregt aus.

 

»Als ich in Lord Widdicombes Haus zu Gast war, befand ich mich dort in meiner Eigenschaft als Beamtin des Geheimdienstes. Das wußten Sie wohl nicht?«

 

Barbara erklärte ihr ruhig und mit einer gewissen Genugtuung den Auftrag, der sie zuletzt beschäftigt hatte. Sie schloß: »Mir war bereits ziemlich klar, daß Sie die anonymen Briefe schrieben, als ich bei Lord Widdicombe weilte, und ich hatte mir schon vorgenommen, in Ihrem Zimmer danach zu suchen. Ich nahm sie dann mit.«

 

»Das ist auch wieder so eine Lüge!« rief Diana entrüstet, aber man merkte jetzt deutlich, daß sie am Ende ihrer Kräfte – und ihrer Weisheit war. »Es ist aus meiner Kassette nichts weiter gestohlen worden als die Brillantnadel.«

 

»Die Briefe habe ich später in der Nacht wieder zurückgebracht, nachdem ich sie fotografiert hatte. Ich hatte einen Spezialapparat mitgebracht und arbeitete fast die ganze Nacht daran. Und wenn Sie tatsächlich allen Beteiligten geschrieben haben, daß ich die Diebin der Juwelen bin, so muß ich jetzt leider die Konsequenzen daraus ziehen und den gleichen Leuten Fotokopien dieser Briefe schicken und erklären, wer sie verfaßt hat.«

 

Wieder folgte ein langes Schweigen.

 

»Sie brauchen es nicht zu tun, Barbara«, sagte Diana schließlich tonlos. »Ich habe die Briefe, in denen ich es allen mitteilen wollte, daß Sie die Diebin seien, noch nicht abgeschickt.«

 

»Nun, dann ist es wohl besser, wenn Sie sie jetzt vernichten.« Barbara nahm ihren Mantel und ging zur Tür. »Vielleicht finden Sie doch noch eine bessere Beschäftigung als Briefschreiben, Diana«, sagte sie schon im Hinausgehen. »Warum heiraten Sie eigentlich nicht? Als neugebackene Ehefrau kann ich Ihnen nur den Rat geben, es zu tun. Es gibt nichts Angenehmeres.«

 

»Was soll das heißen?« fragte Diana fassungslos. »Sie sind verheiratet?«

 

»Ja. Ich habe, mich heute morgen mit Jack standesamtlich trauen lassen … Aber Sie brauchen mir kein Hochzeitsgeschenk zu machen!«

 

Ende

 

Kapitel 1.

 

1.

 

Mr. John Parsons hielt im Schreiben inne. Sein Bürovorsteher betrat das Zimmer.

 

»Ich bin gerade dabei, an Miss Trent wegen ihrer Erbschaft zu schreiben«, sagte Mr. Parsons.

 

»Soll ich den Brief dann abtippen lassen, damit eine Kopie vorhanden ist?«

 

»Nein, danke, das ist nicht notwendig. Ich will ihr nur zu der Erbschaft gratulieren und ihr die nötigsten Informationen bezüglich des Testamentes geben.«

 

»Das ist doch ein glückliches Mädchen«, meinte der Bürovorsteher. »Mit einem Schlag verfügt sie über eine halbe Million Pfund. Der alte Glenmere hat Landbesitz in Kanada hinterlassen.«

 

»Jaja«, erwiderte Parsons ungeduldig. »Es ist schon gut, Jackson. Ich möchte jetzt den Brief fertigschreiben. Bitte schicken Sie meinen Sohn herein.«

 

Mr. Parsons war ein gerissener Rechtsanwalt und hatte ein untrügliches Gefühl dafür, was er tun durfte und was er lieber unterlassen sollte. Trotz vieler Versuchungen blieb er stets innerhalb der Grenzen des Erlaubten. Einmal machte er allerdings einen Fehler, und das kostete ihn fast sein ganzes Vermögen. Er hatte falsch spekuliert, war aber nicht vollkommen ruiniert und konnte seinen Beruf weiter ausüben. Nur mußte er seinen Sohn von der Militärakademie nehmen und ihm klarmachen, daß er sofort in die Firma eintreten müsse.

 

Kurz darauf starb der alte Glenmere und setzte Parsons als Testamentsvollstrecker ein. Es war ein sonderbares Testament. Einen ganzen Vormittag brachte der Anwalt damit zu, den Wortlaut genau zu studieren. Als er schließlich alle Möglichkeiten sorgfältig durchdacht hatte, ließ er sich an seinem Schreibtisch nieder und verfaßte einen zweiten Brief an Miss Dorothy Trent.

 

Währenddessen war sein Sohn eingetreten. Reginald sah äußerst gelangweilt und mißmutig aus. Er ließ sich seinem Vater gegenüber auf einen Stuhl fallen.

 

»Nun, wie geht es dir, mein Junge?« fragte Mr. Parsons gutgelaunt und schloß dabei den Briefumschlag, der das Schreiben an Miss Trent enthielt.

 

»Ach, es ist entsetzlich! Ich kann dieses Büro nicht ausstehen«, brummte der junge Mann. »Wirklich, Vater, es fällt mir sehr schwer. Ich habe gar nicht geahnt, daß es dir finanziell so schlecht geht.«

 

»Meine letzte Börsenspekulation ist ja leider gescheitert, wie du weißt – aber ich hoffe, daß du noch einmal zufrieden sein wirst, Reggie. Ich habe einen Plan, und wenn der klappt, wird es dir sehr gut gehen. Du kannst dann ein großes Vermögen und eine hübsche Frau bekommen würde dir das nicht gefallen?«

 

Reginald verzog das Gesicht.

 

»So was gibt’s ja nur im Roman«, entgegnete er ärgerlich.

 

»Nein, es kommt auch im lieben vor, du kannst es mir glauben.« Der Vater nickte zur Bekräftigung. »Aber nun bringe mir bitte den Brief zum Kasten.«

 

Reginald nahm den Brief und warf einen Blick auf die Anschrift.

 

»Wer ist denn das?« fragte er.

 

»Ein junges Mädchen – sie erbt das Vermögen des alten Glenmere. Eine halbe Million Pfund!« sagte der Alte mit besonderer Betonung.

 

Reginald warf ihm einen Blick zu.

 

»Ach, das ist wohl die junge Dame, die du für mich im Auge hast?«

 

Parsons nickte.

 

»Na, welche Aussichten hätte denn ich da?« rief der junge Mann spöttisch. »Sie als große Erbin wird natürlich gerade auf mich warten – von so vielen Männern umschwärmt, wie sie es jetzt sein wird. Und natürlich fällt sie auf den ersten Mann herein, der ihr einen Antrag und schöne Augen macht. Sie braucht ja nicht auf Geld zu sehen bei ihrer Heirat.«

 

Mr. Parsons lächelte.

 

»Reggie, verlaß dich auf deinen Vater. Geh jetzt lieber zum Briefkasten und wirf den Brief ein.«

 

Kapitel 2

 

2

 

Der ruhige Haushalt, den Dorothy Trent mit ihrer Mutter in Newhaven führte, war schon auf die Sensation vorbereitet. Sie wußten, daß ihnen Großvater Trent, obwohl er seine Verwandten zu Lebzeiten nicht gerade verwöhnt hatte, eine große Summe hinterlassen hatte.

 

Rechtsanwalt Parsons teilte ihnen nun in einem Brief mit, daß jedoch mit der Erbschaft gewisse Bedingungen verknüpft seien.

 

»Natürlich wirst du tun, was der Großvater in seinem Testament bestimmt«, sagte Mrs. Trent.

 

»Das hängt ganz davon ab, wie die Bedingungen lauten«, entgegnete die Tochter ruhig. »Wenn sie womöglich besagen, daß ich das Adoptivkind seines Kutschers heiraten soll, dann kannst du dich darauf verlassen, daß ich das Geld nicht annehme. Das Vermögen kann dann meinetwegen irgendeiner Stiftung zufallen.«

 

»Du kannst sicher sein, daß Großvater so etwas nicht ins Testament geschrieben hat«, sagte die Mutter lächelnd.

 

Dorothy lachte.

 

»Ach Mutter, heutzutage kann man sich auf nichts verlassen. Ich warte erst einmal die weiteren Erklärungen des Rechtsanwaltes ab. Inzwischen will ich aber nicht mehr ins Büro gehen, denn mir ist so, als würde etwas aus dieser Erbschaft.«

 

Die Trents wohnten in einem kleinen Haus am Rand der Stadt. Dorothy hatte eine Stelle als Stenotypistin im größten Geschäft von Newhaven, aber sie hatte den brennenden Wunsch, noch etwas zu lernen – und vor allem mit der großen Welt in Berührung zu kommen. Sie wollte Reisen machen, und wenn die Bedingungen ihres Großvaters nicht zu hart waren, wollte sie sie gern erfüllen.

 

»Mutter«, sagte sie plötzlich, »wenn wir dieses Geld nun nicht erben, wäre das eine sehr große Enttäuschung für dich?«

 

Mrs. Trent lächelte. Nach einem kurzen Zögern sagte sie: »Ja, es würde mir sehr viel ausmachen. Man hat doch jetzt immer das Gefühl, ständig sparen zu müssen.«

 

Dorothy wartete, denn sie wußte, daß ihre Mutter noch etwas sagen wollte.

 

»Denk auch daran, was für eine große Erleichterung es für dich bedeuten würde! Du brauchst nicht mehr so schwer zu arbeiten und könntest dir dein Leben schön einrichten.«

 

»Auf mich kommt es dabei nicht an. Ich denke nur an dich. Würde es dir eine große Enttäuschung sein?«

 

»Ja, das kann ich wohl sagen«, meinte Mrs. Trent. Sie schien selbst überrascht, daß sie eine so entschiedene Meinung äußerte. »Ich wäre enttäuscht. Aber schließlich kommt das doch gar nicht in Frage, daß du die Erbschaft nicht ausgezahlt erhältst!«

 

»Ich mache mir nur Sorgen wegen der Bedingung, die daran geknüpft ist.«

 

Das Gartentor fiel ins Schloß. Dorothy drehte sich um und erblickte den Briefträger.

 

»Ein Eilbrief!« sagte der Mann.

 

»Scheint von Rechtsanwalt Parsons zu kommen«, meinte Dorothy.

 

Sie nahm den Brief in Empfang, und ein Blick auf den Absender bestätigte ihre Vermutung. Langsam ging sie ins Wohnzimmer und setzte sich an den Tisch. Gewissenhaft las sie den ganzen Brief, und als sie damit fertig war, fing sie noch einmal von vorne an.

 

»Hm, also das ist die Bedingung«, murmelte sie vor sich hin.

 

»Worum handelt es sich denn, Liebling?« fragte Mrs. Trent.

 

»Ach, es ist eigentlich gar nicht so schlimm – soll ich dir den Brief vorlesen?«

 

Mrs. Trent nickte.

 

»Sehr geehrte Miss Trent«, las Dorothy, »ich habe Ihnen bereits mitgeteilt, daß Ihr Großvater, James Trent, verstorben ist und in seinem Testament bestimmt hat, daß ich der einzige Testamentsvollstrecker sein soll. Sie erben sein gesamtes Vermögen mit Ausnahme einer kleinen Summe, die er mir, seinem Anwalt, als Zeichen seiner Zuneigung und seines Vertrauens vermacht hat. Ihr Großvater hat sehr spät geheiratet und das nachher bereut. Er wurde deshalb ein Gegner von spätgeschlossenen Ehen, und er wünscht, daß Sie heiraten sollen …«

 

Mrs. Trent richtete sich auf.

 

»Wen sollst du denn heiraten?«

 

»Das Testament schreibt mir keinen besonderen Mann vor«, erklärte Dorothy ruhig, ohne aufzuschauen, »… und zwar frühzeitig«, las sie weiter. »Ihr Großvater bestimmt, daß Sie ein Zehntel des Vermögens sofort erhalten, die anderen neun Zehntel an ihrem Hochzeitstag. Eine besondere Bedingung ist, daß Sie vor Ihrem vierundzwanzigsten Geburtstag heiraten müssen, andernfalls fällt der Rest des Vermögens an eine Vereinigung zur Unterstützung begabter, aber mittelloser junger Künstler. Ich hoffe, bald von Ihnen zu hören, und verbleibe mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung …«

 

Dorothy faltete den Brief zusammen, legte die Hände in den Schoß und sah erwartungsvoll ihre Mutter an. Aber dann brach sie gleich selbst das Schweigen und fuhr fort: »Mit der Bedingung kann man eigentlich einverstanden sein. Das bedeutet noch etwa« – sie rechnete schnell nach –, »etwa ein Jahr persönliche Freiheit.«

 

»Und während der Zeit findest du hoffentlich jemand, dem du dich anvertrauen kannst und den du lieben lernst.«

 

»Hoffen wir es«, meinte Dorothy.

 

Kapitel 16

 

16

 

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Jack heiser.

 

Der große Mann schaute erschrocken auf.

 

»Rühren Sie sich nicht von der Stelle – und nehmen Sie die Hände hoch!« befahl er nach einer Sekunde des Zögerns.

 

Plötzlich hielt er eine Pistole in der Hand und richtete sie auf den Inspektor.

 

Jack kam der Aufforderung nach.

 

»Smith, legen Sie ihm Handfesseln an.«

 

Bevor Jack wußte, wie ihm geschah, waren seine Hände gefesselt.

 

»Setzen Sie sich dort auf den Stuhl, und verhalten Sie sich ruhig. – Und glauben Sie mir, daß mir dieser Zirkus peinlicher ist als Ihnen, Mr. Danton«, fügte der Mann aus dem Haus des Inders noch hinzu.

 

Barbara war nicht ins Zimmer gekommen. Jack glaubte zu hören, daß sie im Flur leise schluchzte.

 

Nachdem die drei ihn gefesselt hatten, kümmerten sie sich nicht weiter um ihn.

 

»Sind Sie Ihrer Sache sicher?« fragte Smith.

 

»Es kann kein Irrtum mehr bestehen«, antwortete der kleine Inder und betrachtete fasziniert den großen Diamanten, den er in der Hand hielt. Sein Feuer strahlte bis zu Jack. Der große Mann sah auf die Uhr.

 

»Es ist ein Uhr, Jim. Bitte rufen Sie sofort im Flughafen an, daß man eine Maschine für uns bereitstellt. Um halb fünf werden wir abfliegen. – Wann sind wir dann in Kalkutta?«

 

»Übermorgen – wenn alles klappt.«

 

Jack hörte erstaunt zu.

 

»Es geht hart auf hart«, meinte der große Mann skeptisch. »Also, Mr. Shing, sehen Sie zu, daß Sie die Brillantnadel wieder in Ordnung bringen, damit wir fertig werden.«

 

Smith zog ein langes Etui aus der Tasche und öffnete es. Jack sah, daß es eine Anzahl von losen Brillanten enthielt.

 

»Hier ist ein Stein, der passen könnte. Er ist nur ein wenig größer als der andere. Können Sie den in die Fassung einsetzen?«

 

Er reichte dem Inder den Brillanten, der ihn mit einer Pinzette packte und an der Stelle des vorigen einpaßte. Schweigend beobachteten die anderen ihn bei seiner Arbeit. Der Inder war sehr geschickt und hatte schon nach wenigen Griffen die Brillantnadel repariert. Er gab sie dem großen Mann, der sie kurz betrachtete und dann Smith weiterreichte.

 

»Bringen Sie das noch heute zu Miss Wold. Sie können ihr ja sagen, daß wir den Dieb gefaßt hätten«, fügte er lächelnd hinzu.

 

»Es tut mir sehr leid, daß ich Sie so behandeln mußte«, wandte er sich dann an Jack. Er stand auf, trat an dessen Stuhl und begann, die Handschellen aufzuschließen. »Ich hoffe, es wird Ihnen eine kleine Beruhigung sein zu hören, daß ich der indischen Kriminalpolizei angehöre.«

 

»Jetzt habe ich es aber satt! Zu allem Überfluß auch noch faustdicke Lügen!« rief Jack wütend.

 

»Mr. Danton, glauben Sie mir, die letzten Monate waren die aufregendsten meines Lebens. Lassen Sie sich von Miss May erzählen, wie alles zusammenhängt. Ich muß jetzt gehen.«

 

»Dann hat sie also doch die Brillantnadeln entwendet?« fragte Jack entsetzt.

 

»Ja, das hat sie getan. Sie ist die gerissenste und erfolgreichste Diebin von ganz London – und auch die schönste.« Lächelnd ging er aus dem Zimmer.

 

Kapitel 11

 

11

 

Während der nächsten vier Tage gelang es Jack nicht, Barbara zu treffen, obwohl er jeden Morgen in den Hyde Park ging, um sie vielleicht beim Reiten zu sehen. Er ärgerte sich über sich selbst, daß er das tat und daß er jedesmal enttäuscht war, wenn er ihr nicht begegnete. Schließlich konnte er es nicht länger ertragen. Er mußte sie sehen und versuchen, den Verdacht zu entkräften, den er bis jetzt noch nicht hatte abschütteln können. Wenn sich aber seine schlimmsten Befürchtungen als berechtigt herausstellen sollten, konnte er ihr vielleicht helfen, den Folgen ihres gefährlichen, Tuns zu entgehen. Er war fest davon überzeugt, daß sie das Opfer einer Verbrecherbande geworden war und für andere die Kastanien aus dem Feuer holen mußte.

 

Zuerst hatte er vorgehabt, sie in ihrer kleinen Wohnung anzurufen und ihr anzukündigen, daß er sie besuchen würde, aber er fürchtete, daß sie sich dann vielleicht weigern würde, ihn zu empfangen.

 

So machte er sich selbst auf den Weg zu ihrer Wohnung, Als er den Flur des Mietshauses betrat, kam gerade der Fahrstuhl von oben herunter. Er wich ein paar Schritte hinter einen Vorsprung in der Wand zurück und hatte so Gelegenheit, unbemerkt die zwei Männer zu mustern, die den Fahrstuhl verließen. Der erste war der Herr, den Jack in dem Haus in der Bird-in-Bush Road gesehen hatte, der zweite der Geschäftsführer von Streetley. Sie sprachen leise miteinander.

 

Was konnte das nur bedeuten? Zu gerne hätte er sich eingehender mit dieser neuen Beobachtung beschäftigt, aber eine gewisse Scheu hielt ihn davor zurück, Barbara in irgendeiner Weise nachzuspionieren. Er hatte sich schon mehr als genug mit ihrem Privatleben beschäftigt.

 

Im dritten Stock öffnete ihm ein hübsches Hausmädchen die Wohnungstür und führte ihn gleich in das kleine, aber gut eingerichtete Wohnzimmer.

 

Ein paar Minuten später erschien Barbara May.

 

»Das ist aber eine große Überraschung, Mr. Danton«, sagte sie. »Ich freue mich sehr, Sie zu sehen. – Ist etwas passiert?« fügte sie hinzu, als sie sein bedrücktes Gesicht sah.

 

»Ja, die Sache ist ziemlich ernst«, erklärte er. Nach kurzem Zögern fuhr er fort: »Ich habe gesehen, daß zwei Herrn aus dem Fahrstuhl kamen. Waren das Bekannte von Ihnen?«

 

Sie errötete leicht. »Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen. Zwei Herren waren allerdings gerade bei mir – in geschäftlichen Angelegenheiten.«

 

»Ich meine Mr. Smith, den Geschäftsführer der Juwelierfirma Streetley. Er war in Begleitung eines anderen Herren, der in der Bird-in-Bush Road wohnt«, antwortete Jack kühl. Barbaras Erröten war ihm nicht entgangen.

 

»Das klingt alles sehr geheimnisvoll, Mr. Danton«, erwiderte Barbara nach einer Pause. Sie sprach ruhig und sah ihn offen an. »Wollen Sie mir nicht etwas mehr darüber sagen? Bitte erklären Sie es mir doch.«

 

»Nun gut«, stimmte Jack ebenso ruhig zu. »Jedesmal, wenn einer dieser geheimnisvollen Juwelendiebstähle verübt wurde, waren Sie in dem betreffenden Haus anwesend. Ich selbst habe erlebt, wie Sie am Morgen nach dem Diebstahl in Lord Widdicombes Schloß mit mir zur Post gingen, um einen Eilbrief aufzugeben, von dem Sie mir aber nichts sagten. Im Gegenteil, Sie benutzten einen Vorwand, um noch einmal ins Postamt zurückzugehen. Wie ich nachher erfuhr, war der Brief an eine Adresse in London gerichtet, nämlich an das Haus in der Bird-in-Bush Road, in das ich Sie nach unserer Rückkehr nach London gehen sah. Wie ich dann feststellte, wohnt dort ein Inder.«

 

Barbara schwieg, und Jack fühlte, daß er ihr eine Erklärung für sein Vorgehen schuldig war.

 

»Ich mache mir die größten Sorgen wegen dieser Sache. Bitte glauben Sie mir, daß ich nicht als Beamter von Scotland Yard zu Ihnen gekommen bin, sondern nur als – Ihr Freund, der verhindern möchte, daß Sie noch tiefer in Dinge verwickelt werden, die für Sie kein gutes Ende nehmen können.«

 

Sie warf ihm einen warmen Blick zu und legte impulsiv ihre Hand auf die seine.

 

»Das ist sehr lieb von Ihnen, Jack, aber ich glaube, Sie sorgen sich umsonst.«

 

Wieder trat eine Pause ein. Dann fügte sie hinzu: »Auf keinen Fall dürfen Sie sich meinetwegen in Ungelegenheiten bringen.«

 

»Aber wollen Sie mir denn nicht sagen, was das alles zu bedeuten hat? Barbara, haben Sie Dianas Diamantnadel an sich genommen?«

 

Sie antwortete nicht.

 

»Sagen Sie mir doch … Um Himmels willen, sprechen Sie offen mit mir. Diese Sache treibt mich zur Verzweiflung!«

 

Plötzlich erhob sie sich, und er sah, daß sie blaß geworden war.

 

»Ich kann Ihnen nichts erklären, Jack. Wenn Sie glauben, daß ich das Schmuckstück gestohlen habe und wenn Sie mich für eine Diebin halten – ich kann im Augenblick nichts daran ändern, sondern muß Sie bei Ihrem Glauben lassen. – Denken Sie vielleicht auch, daß ich die anonyme Briefschreiberin bin?« fragte sie dann und lächelte leicht.

 

»Nein, nein, das können Sie nicht getan haben! Barbara, sind Sie irgendwie Verbrechern in die Hände gefallen? Benützt man Sie als Werkzeug? Kann ich Ihnen nicht helfen?«

 

Er war so aufgeregt, daß er kaum noch klar denken konnte.

 

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Sie können mir nicht helfen … Nur« – sie sprach die nächsten Worte ganz leise, so daß er sie kaum verstand –, »vertrauen Sie mir. – Und jetzt werde ich Tee bringen lassen, und Sie dürfen keine weiteren Fragen stellen.«

 

»Barbara«, beharrte er, »hängt dieses Geheimnis mit dem Diamanten der Göttin Kali zusammen?«

 

Sie wurde noch blasser und sah ihn fast furchtsam an.

 

»Was sagen Sie?« fragte sie hastig. »Was hat das alles mit dem Diamanten der Göttin Kali zu tun? Ich – ich verstehe Sie nicht, Jack.« Dann verließ sie schnell das Zimmer. Ein paar Minuten später kam ihr Mädchen herein.

 

»Miss May hat Kopfschmerzen und. läßt sich entschuldigen. – Soll ich Ihnen den Tee bringen?«

 

»Nein, danke vielmals«, entgegnete Jack und erhob sich unsicher. Seine Gedanken wirbelten durcheinander, als er auf die Straße hinaustrat. Wie im Traum ging er weiter.

 

Barbara May war eine Diebin!

 

Kapitel 12

 

12

 

Diana Wold besaß ein großes Vermögen. Es gehörte ihr außerdem ein prachtvolles Stadthaus in London, sie hatte ein Landgut in Norfolk, eine Villa in Cannes und ein kleines Chateau an einem Ufer des Comer Sees. Der Verlust der Brillantnadel machte ihr keine Kopfschmerzen. Im Gegenteil: Sie empfand eine gewisse Befriedigung über die Aufregung, die der Einbruch hervorgerufen hatte, und das Mitleid, das man ihr allgemein zollte. Sie langweilte sich und wußte nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollte. Deshalb war sie für eine derartige Abwechslung fast dankbar.

 

Viele Männer hatten schon um Dianas Hand angehalten, aber allen gegenüber war sie gleichgültig und unzugänglich geblieben. Männer interessierten sie nur wenig. Zweifellos war sie sehr schön, und sie wußte das auch, aber niemals hatte sie den Wunsch gehabt, Eindruck auf Männer zu machen – bis sie mit Jack Danton zusammentraf, dessen gerades Wesen eine besondere Anziehung auf sie ausübte. Außerdem war er der einzige gutaussehende junge Mann ihres Bekanntenkreises, der ihr gegenüber nicht blasiert und eingebildet auftrat. Er hatte ihr nicht den Hof gemacht und ihr niemals geschmeichelt, und wenn er sie – wie sie glaubte – mit Absicht vernachlässigte, so hatte das für sie den Reiz der Neuheit.

 

Sie kannte ihn von früher her, als er noch beim Militär diente. Schon früher hatte er sich wenig um sie gekümmert. Damals hatte sie sich nichts daraus gemacht, aber nun hatte sie es plötzlich satt.

 

»Jack Danton behandelt mich, als ob ich irgendein elegantes, aber nutzloses Möbelstück wäre«, sagte sie zu Lord Widdicombe, als sie mit ihm in die Stadt fuhr. »Ich habe den begreiflichen Wunsch, als lebendes Wesen angesehen zu werden.«

 

»Das heißt bei dir so viel, daß er dir den Hof machen soll«, erwiderte der Lord kurz, »aber sein Verhalten kann dir doch höchstens angenehm sein. Jack Danton ist eben klug genug, sich eine Menge Enttäuschungen zu ersparen.«

 

Sie lachte spöttisch.

 

»Ich glaube nicht, daß er überhaupt imstande ist, eine Frau anzuhimmeln.«

 

Eigentlich hatte sie erwartet, daß Jack ihr einen Besuch machen würde, nachdem sie nun auch nach London zurückgekehrt war, aber er ließ sich nicht sehen. Schließlich schrieb sie ihm ein paar Zeilen und lud ihn zum Tee ein.

 

Er kam pünktlich auf die Sekunde, und schon diese Korrektheit ärgerte sie. Zu deutlich gab er zu erkennen, daß es sich, was ihn anging, hier nur um eine Formalität handelte.

 

»Jack«, sagte sie, nachdem sich die Unterhaltung eine Weile mühsam dahingezogen hatte, »man sollte meinen, daß Sie in einem Buch mit Anstandsregeln gelesen haben, wie man höflich, aber belanglos Konversation macht. Ich hatte gehofft, Sie würden mir interessante Neuigkeiten berichten. Können Sie mir nicht einmal einen kleinen Einblick in Ihre Tätigkeit geben? Sie haben doch Morde aufzuklären und kommen mit echten Verbrechern zusammen. Es muß ein aufregendes Leben sein, das Sie führen.«

 

Er sah sie so bestürzt an, daß sie lachen mußte.

 

»Aber Jack, Sie glauben doch nicht etwa, es hätte niemand eine Ahnung davon, daß Sie bei der Polizei sind? Wir wissen alle sehr gut, daß Sie für Scotland Yard arbeiten. Deshalb ist die Bekanntschaft mit Ihnen doch so faszinierend.«

 

Er lachte verlegen.

 

»Es tut mir leid, wenn ich Sie in dieser Beziehung enttäuschen muß, denn ich hatte bisher noch keine großen Fälle zu bearbeiten. Außerdem ist das Leben bei der Kriminalpolizei nicht so romantisch, wie Sie vielleicht denken. Wir arbeiten nach modernen und wissenschaftlichen Methoden, und im allgemeinen ist. die Sache nicht besonders anziehend oder unterhaltsam. Aufsehenerregende Verbrechen kommen nur hin und wieder vor.«

 

»Warum heiraten Sie eigentlich nicht?« fragte sie unvermittelt.

 

»Warum sollte ich denn heiraten?« erwiderte er erstaunt. »Aber meine liebe Miss Wold –«

 

»Bitte sagen Sie doch nicht immer Miss Wold zu mir. Früher haben Sie mich mit dem Vornamen angeredet, und wenn Sie das jetzt nicht mehr tun wollen, kann ich Sie auch nicht länger Jack nennen.«

 

»Dem kann abgeholfen werden, Diana«, gab Jack lächelnd nach. »Sie wollen also erfahren, warum ich noch nicht geheiratet habe? – Ja, das mag der Himmel wissen. Zunächst bin ich arm und habe nicht genug Geld, um eine Frau unterhalten zu können. Und zweitens …«

 

»Ja – und zweitens?« wiederholte sie, als er zögerte.

 

»… gibt es niemand, der mich heiraten will.«

 

»Haben Sie denn keine Frau gern?«

 

»Nein«, antwortete er kurz.

 

Sie sah auf das Taschentuch, das sie in der Hand hielt.

 

»Meiner Meinung nach sollte doch aber die Geldfrage entscheidend sein, wenn es sich um eine Heirat handelt. Warum wählen Sie nicht ein reiches Mädchen? Es gibt doch so viele.«

 

»Ich wüßte keine, die ich so liebte, daß ich sie heiraten möchte«, erklärte er lächelnd. »Außerdem würde ich es nicht ertragen, von dem Geld meiner Frau zu leben.«

 

»Darin irren Sie sich aber. Da sieht man wieder einmal Ihren unglaublichen Hochmut. Wenn Sie ein reicher Mann wären, würden Sie es sich doch keinen Augenblick überlegen, ein armes Mädchen zu heiraten, und ihr würde es auch nichts ausmachen. Sie würden sich dann wahrscheinlich wie ein Wohltäter vorkommen.«

 

Aber Jack schüttelte den Kopf.

 

»In der Beziehung bin ich anderer Meinung. Ich eigne mich nicht zum Almosenempfänger.«

 

Diana ärgerte sich über diese Antwort. Sie hatte zwar keine Lust, Jack zu heiraten – sie wollte überhaupt nicht heiraten, wenn sie ehrlich war –, aber sie hätte es gern gesehen, daß Jack ihr einen Antrag machte, damit sie wieder einmal das Gefühl hatte, im Mittelpunkt zu stehen und jemand ihre Macht spüren lassen zu können. Aber Jack schien überhaupt nicht an dergleichen zu denken, und sie fing an, ihn deshalb zu hassen.

 

»Lieben Sie Barbara May?«

 

Jack zuckte zusammen.

 

»Gerade das hat der anonyme Brief Schreiber meinem Vorgesetzten mitgeteilt.«

 

»Ach, erzählen Sie mir doch etwas davon! Wissen Sie, wer diese unverschämten Briefe verfaßt?« fiel sie eifrig ein. »Glauben Sie, daß es ein Mann ist oder eine Frau? Also haben auch Sie sein Interesse auf sich gezogen. Und er behauptet, daß Sie in Barbara verliebt seien? Das finde ich gar nicht dumm von ihm.«

 

»Nun, mir kam es nicht besonders klug vor, und eines Tages werde ich den ›aufrichtigen Freund‹ festnehmen, und er wird nichts zu lachen haben, wenn er vor Gericht steht.«

 

Also – es stimmte: Jack liebte Barbara! Diana hatte sich nicht getäuscht. Sie hatte ihn durchschaut, und trotzdem ärgerte sie sich über diese Gewißheit. Sie konnte Barbara nicht leiden, und sie wußte, daß das auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie hatte Barbara im Verdacht, die Diebin zu sein. Weiche Sensation würde es geben, wenn sich dieser Verdacht bestätigen sollte! Jack Danton würde als Beamter von Scotland Yard die Frau verhaften müssen, die er liebt. Der Gedanke gefiel ihr.

 

Nachdem Jack gegangen war, überlegte sie, was sie als nächstes tun müßte, um den Stein ins Rollen zu bringen.