Kapitel 1

 

1

 

Das Heißwerden des Kühlers traf mit dem Platzen eines Autoreifens zusammen. Und das nächste Zusammentreffen war, daß dies alles in der Nachbarschaft des Maytree-Hauses auf der Landstraße nach Horsham geschah. Das Landhaus war größer als die meisten dieser Art. Es hatte eine holzverzierte Fassade und ein Strohdach. Richard Gordon stand vor der Gartentür still, um es zu bewundern. Das Haus stammte noch aus der Elisabethanischen Epoche. Aber sein Interesse und seine Bewunderung waren nicht nur die eines Altertumsliebhabers.

 

Nein – obgleich er Blumen als ein richtiger Blumenfreund liebte und dieser weite Garten wie ein Teppich dalag, war es doch nicht der Duft der Provencerosen, der ihn gefangennahm. Es war auch nicht das Gefühl von Gemütlichkeit und Sauberkeit, das dieser Ort ausströmte, nicht dieser gescheuerte, mit roten Ziegeln bepflasterte Weg, der zum Haus führte, nicht die schneeweißen Vorhänge hinter den bleigefaßten Fensterscheiben.

 

Es war das Mädchen im rotbezogenen Korbsessel, das seinen Blick fesselte. Sie saß inmitten einer kleinen Rasenfläche, im Schatten eines Maulbeerbaumes, die wohlgeformten jungen Glieder ausgestreckt, ein Buch in der Hand, eine große Schachtel Bonbons zur Seite. Ihr Haar hatte die Farbe alten Goldes, aber eines Goldes, das Leben und Glanz bewahrt hat. Sie zog die Beine hastig an und erhob sich.

 

»Es tut mir leid, Sie zu stören«, entschuldigte sich Dick, den Hut in der Hand. »Aber ich brauche Wasser für meinen armen Wagen.«

 

»Wenn Sie mit mir hinter das Haus kommen wollen, werde ich Ihnen den Brunnen zeigen«, antwortete sie. Die Schönheit ihrer Stimme kam ihm sogleich zum Bewußtsein. Es war ein Alt, auf den alle Adjektive angewendet werden konnten, die die Wärme, Weichheit, Klangfülle und Süßigkeit einer Stimme zu kennzeichnen vermögen. Er folgte und hätte gerne gewußt, wer sie war. Sie hatte eine kleine patronisierende Färbung in der Stimme, die er wohl verstand. Es war der Ton eines erwachsenen Mädchens einem Jüngling ihres Alters gegenüber. Dick, der dreißig Jahre alt war und mit seinem glatten Knabengesicht wie achtzehn aussah, hatte diesen »Kleinen-Jungen-Ton« schon früher gehört und war immer durch ihn belustigt worden.

 

»Hier sind die Eimer, und da ist der Brunnen«, sagte sie. »Ich würde Ihnen ein Mädchen zur Hilfe schicken, aber wir haben keins, haben nie eins gehabt und werden wohl nie eins bekommen.«

 

»Da ist aber ein armes Mädchen um einen besonders guten Posten gekommen«, sagte Dick, »denn ich finde es hier entzückend.«

 

Sie schwieg, und während sie ihm beim Füllen der Eimer zusah, hatte er den Eindruck der verschlossenen Gleichgültigkeit von ihrer Seite. Aber als er die Eimer zum Auto auf der Landstraße trug, folgte sie ihm nach. Sie ging um den großen gelben Rolls Royce herum und prüfte ihn mit Neugier.

 

»Fürchten Sie sich nicht, einen so schweren Wagen allein zu fahren?« fragte sie. »Ich würde mich zu Tode fürchten. Er ist so gewaltig und so schwer zu handhaben.«

 

Dick richtete sich auf. »Angst?« rühmte er sich lachend. »Das ist ein Wort, das ich aus dem Lexikon meiner Jugend gestrichen habe.«

 

Eine Sekunde lang war sie verwirrt, dann lachte sie wie er.

 

»Sind Sie über Welford gekommen?« fragte sie. Er nickte. »Dann haben Sie vielleicht meinen Vater auf der Straße getroffen?«

 

»Ich bin nur einem trüb dreinschauenden Herrn mittleren Alters begegnet, der einen großen braunen Kasten schleppte.«

 

»Wo sind Sie ihm begegnet?« fragte sie mit Interesse.

 

»Es war zwei Meilen von hier, vielleicht noch näher.« Und dann, als ihn Zweifel überkam, fügte er hinzu: »Ich hoffe, daß ich nicht Ihren Herrn Vater beschrieben habe?«

 

»Ich glaube schon, daß er es gewesen ist«, sagte sie ohne Verstimmung. »Papa ist ein Naturforscherfotograf. Er nimmt Filme von Vögeln und anderes auf, natürlich als Amateur.«

 

Dick trug die Eimer nach dem Ort zurück, an dem er sie gefunden hatte, und verweilte noch zögernd. Er suchte nach einer Entschuldigung für sein Bleiben und glaubte, sie in dem Garten zu finden. Wie weit er jedoch dieses Gesprächsthema hätte ausschöpfen mögen, muß bloße Vermutung bleiben, denn eine Unterbrechung des Gespräches trat in Gestalt eines jungen Mannes aus dem Haustor. Er war groß, hübsch, athletisch gebaut. Dick schätzte ihn auf zwanzig Jahre.

 

»Hallo, Ella, ist Vater zurück?« fragte er.

 

»Mein Bruder«, stellte das Mädchen vor, und Dick Gordon war sich dessen bewußt, daß er die freie und leichte Art des Bekanntwerdens seinem jugendlichen Aussehen verdankte. Als unbedeutender Junge behandelt zu werden, hatte, wie es schien, seine Vorteile. »Ich habe ihm gesagt, daß man es jungen Burschen nicht erlauben sollte, so große Wagen zu lenken«, sagte Ella. »Erinnern Sie sich noch an den gräßlichen Zusammenstoß bei der Norham-Kreuzung?«

 

Ray Bennett kicherte. »Das gehört alles mit zu eurer Verschwörung. Nur damit ich kein Motorrad bekomme! Vater glaubt nämlich, daß ich damit jemanden zu Tode fahren würde, und Ella denkt, ich würde selbst dabei verunglücken.«

 

In diesem Augenblick sah Dick den Mann, dem er auf der Landstraße begegnet war, hereinkommen. Groß, mit lockeren Gliedern, grau und hager, blickte er ihm mißtrauisch entgegen.

 

»Guten Tag«, stieß er kurz hervor. »Panne gehabt?«

 

»Nein. Ich hatte nur kein Wasser, und Fräulein –«

 

»Bennett«, sagte der Mann. »Sie hat Ihnen Wasser gegeben? Nun also, guten Morgen.« Er trat beiseite, um Gordon an sich vorüber zu lassen, aber Dick öffnete von innen her das Tor und ließ den Besitzer von Maytree-Haus hereinkommen.

 

»Mein Name ist Gordon«, sagte er. »Ich danke Ihnen noch sehr für Ihre Gastfreundschaft.«

 

Mit einem Nicken ging der alte Mann, seine schwere Last tragend, ins Haus. Und Dick wendete sich, fast verzweifelt darüber, nun gehen zu sollen, an das junge Mädchen:

 

»Sie irren, wenn Sie das Steuern des Wagens für so schwierig halten, wollen Sie es versuchen? Oder vielleicht Ihr Bruder?« Das Mädchen zögerte. Aber der junge Bennett sagte eifrig:

 

»Ich würde es sehr gerne versuchen, ich habe noch nie einen starken Wagen gefahren!«

 

Daß er ihn zu fahren vermochte, wenn die Gelegenheit sich bot, zeigte er nun. Sie sahen zu, wie der Wagen um die Ecke glitt, das Mädchen mit einer kleinen Falte zwischen den Brauen, Dick alles außer dem einen vergessend, daß er noch einige Minuten in ihrer Nähe zu bleiben vermochte.

 

»Hätten Sie ihn doch nur nicht fahren lassen«, sagte das Mädchen. »Es nützt einem Jungen, der sich immer nach etwas Besserem sehnt, nichts, wenn man ihn solch ein schönes Auto steuern läßt. – Vielleicht verstehen Sie mich nicht? Ray ist sehr ehrgeizig und träumt von Millionen. So etwas bringt ihn immer ganz außer sich.«

 

Ihr Vater kam in dem Augenblick aus dem Haus, und sein Gesicht verfinsterte sich, als er die beiden am Tor stehen sah. »Sie haben ihn den Wagen fahren lassen?« sagte er grimmig. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn’s nicht geschehen wäre.«

 

»Es tut mir leid«, sagte Dick ruhig. »Da kommt er!« Der große Wagen kam auf sie zu und hielt vor dem Tor.

 

»Er ist wundervoll!« Ray Bennett sprang heraus und überflog den Rolls mit einem Blick, in dem Bedauern und Bewunderung sich mengten. »Mein Gott! Wenn der mir gehörte!«

 

»Er gehört dir aber nicht«, fiel ihm der Alte ins Wort. Doch dann, als würde er seine Heftigkeit bereuen: »Vielleicht wird dir eines Tages ein ganzer Wagenpark gehören, Ray!« Dick trat vor, um sich zu empfehlen. Da fragte der alte Bennett zu Dicks freudiger Überraschung: »Wollen Sie vielleicht bleiben und eine einfache Mahlzeit mit uns teilen? Dann werden Sie meinem unklugen Herrn Sohn auch erzählen können, daß ein großes Auto zu besitzen nicht immer die reinste der Freuden ist.« Dicks erster Eindruck war des Mädchens Erstaunen. Anscheinend wurde er ungewöhnlich geehrt, was ihm, nachdem John Bennett gegangen war, bestätigt wurde.

 

»Sie sind der erste Mensch, den Vater je zum Essen eingeladen hat, nicht wahr, Ray?« sagte das Mädchen.

 

Ray lächelte. »Vater hält nicht viel von Geselligkeit, das stimmt«, sagte er. »Ich bat ihn neulich, Philo Johnson zum Weekend einzuladen, aber er verwarf diese Idee, noch ehe sie geboren war. Dabei ist der alte Philosoph ein guter Kerl und der Privatsekretär des Chefs. – Sie haben doch von den ›Vereinigten Maitlands‹ gehört?«

 

Dick nickte. Der Marmorpalast auf dem Strand-Embankment, in dem der märchenhaft reiche Herr Maitland seine Büros aufgeschlagen hatte, war eines der Prunkgebäude Londons.

 

»Ich bin Börsenbeamter in seinem Büro«, sagte der junge Mann. »Und Philo könnte sehr viel für mich tun, wenn mein Vater mit seiner Einladung herausrücken wollte. So aber bin ich wohl verdammt, mein ganzes Leben lang ein kleiner Angestellter zu bleiben.«

 

Die Hand des Mädchens legte sich auf seine Lippen. »Es ist töricht, Papa zu tadeln. Und du wirst sicherlich eines schönen Tages sehr, sehr reich werden.«

 

Der junge Mann brummte unter ihrer Hand und sagte ein wenig bitter: »Papa hat ohnehin schon jedes ›Wie–werde–ich– reich‹–System erprobt, das Menschenverstand und Geist nur –«

 

»Nun? Und?« Die Stimme klang rauh und bebte vor Zorn. Niemand hatte John Bennetts Wiederkommen bemerkt. »Du leistest jede Arbeit mit Unwillen, aber ich – ich versuche seit zwanzig Jahren mich emporzuarbeiten. Es ist wahr, ich habe jeden dummen Plan erprobt – aber es ist um euretwillen geschehen…« Er stockte plötzlich, als er Gordons Verlegenheit bemerkte. »Ich habe Sie eingeladen, und nun wasche ich die schmutzige Wäsche des Hauses vor Ihnen«, sagte er mit reuigem Humor. Er nahm Dicks Arm und führte ihn den Gartenweg zwischen den üppig wuchernden Buschrosen hindurch. »Ich weiß nicht, warum ich Sie zum Bleiben eingeladen habe, junger Mann«, sagte er. »Vielleicht ein Impuls, vielleicht auch mein schlechtes Gewissen. Ich verschaffe den jungen Leuten zu Hause nicht all die Geselligkeit, die sie genießen sollten, und ich selbst bin kein besonders guter Gesellschafter für sie. Aber es ist doch zu töricht, daß Sie Zeuge des ersten Familienzankes sein mußten, den wir seit Jahren hatten.« Seine Stimme und seine Manieren waren die des gebildeten Mannes. Dick hätte von Herzen gern gewußt, welchen Beruf er hatte.

 

Während der Mahlzeit saß Ella Bennett Dick zur Linken. Sie sprach wenig, und wenn er sie verstohlen ansah, so hoffte er heimlich, es wäre um seinetwillen, daß sie so verwirrt und innerlich beschäftigt schien. Sie bediente selbst bei Tisch und hatte eben das Obst aufgetragen, als der Alte fragte: »Ich kann Sie doch nicht für so jung halten, wie Sie aussehen, Herr Gordon. Wie alt sind Sie wohl?«

 

»Ich bin schon furchtbar alt«, sagte Dick. »Einunddreißig.«

 

»Einunddreißig?« rief Ella erglühend, »und ich sprach mit Ihnen, als wären Sie ein Kind!«

 

»Denken Sie, ich sei im Grunde ein Kind«, sagte er ernst. »Obwohl ich ein Verfolger von Dieben und Mördern und schlechten Charakteren im allgemeinen bin. Ich bin Hilfsdirektor der Staatsanwaltschaft.«

 

Das Messer fiel klappernd aus Bennetts Hand, und sein Gesicht wurde weiß.

 

»Gordon! Richard Gordon«, sagte er hohl. Eine Sekunde lang trafen sich die Augen der beiden Männer.

 

»Ja, so heiß‘ ich«, sagte Gordon beherrscht, »und ich bin der Meinung, daß Sie und ich schon irgendeinmal zusammengetroffen sind!«

 

Die blassen Augen blinkten nicht. John Bennetts Gesicht war kalt wie eine Maske. »Nicht beruflich, hoffentlich«, sagte er, und es klang wie eine Herausforderung. Auf dem ganzen Rückweg nach London strengte Dick vergeblich sein Gedächtnis an, aber er konnte John Bennett von Horsham mit keinem Geschehnis in Zusammenhang bringen.

 

Kapitel 2

 

2

 

Die Vereinigten Maitlands waren aus einem kleinen Büro in verhältnismäßig kurzer Zeit zu ihren jetzigen palastähnlichen Proportionen herangewachsen. Maitland war ein Mann in vorgerückten Jahren, patriarchalisch im Aussehen und knapp in seiner Rede. Er war ohne jede Protektion nach London gekommen und war groß geworden, bevor London seiner Existenz noch gewahr wurde.

 

Dick Gordon sah den Spekulanten zum ersten Male, als er in dem marmorprunkenden Vestibül wartete. Ein Mann von mittlerer Größe, kräftig gebaut, mit einem Bart, der bis zur Brust reichte, und Augen, die fast unter den dichten weißen Brauen verborgen lagen. Mit schwerem Gang kam er langsam aus dem äußeren Büro, wo etwa zwanzig Beamte unter ihren grünen Lampenschirmen arbeiteten. Er sah weder nach rechts noch nach links, stieg in den Lift und verschwand.

 

»Das ist der Alte, haben Sie ihn schon jemals früher gesehen?« fragte Ray Bennett, der vor einem Augenblick herausgekommen war, um den Besucher zu begrüßen. »Er ist ein verehrungswürdiger alter Bursche, aber so dicht wie eine schallsichere Tür. Sie können aus ihm kein Geld herausziehen, und wenn Sie Dynamit verwendeten. Philo zahlt er ein Gehalt, das man einem durchschnittlichen Sekretär nicht einmal anzubieten wagen würde, aber Philo ist eine viel zu gutmütige Seele.«

 

Dick Gordon fühlte sich recht unbehaglich. Seine Gegenwart in Maitlands Haus war verwunderlich, seine Entschuldigung für diesen Besuch so schwach wie nur irgend möglich. Hätte er dem geschmeichelten jungen Mann, den er in den Geschäftsstunden aufstörte, die Wahrheit offenbart, so würde sie gelautet haben: »Ich habe mich närrisch in Ihre Schwester verliebt. Ich bin an Ihnen selbst nicht besonders interessiert, aber ich betrachte Sie als Bindeglied, das mir zu einer neuerlichen Begegnung verhelfen kann. Deshalb benütze ich meine Anwesenheit in der Nachbarschaft als Ausrede für diesen Besuch, und ich bin sogar bereit, Ihren Philo kennenzulernen, der mich sicher von Herzen langweilen wird!«

 

Statt all dem aber sagte er nur: »Warum nennen Sie ihn so?«

 

»Weil er ein alter Philosoph ist. Sein richtiger Name ist Philipp. Jeder Mann ist Philos Freund. Er gehört zu der Art von Menschen, mit denen man leicht gut Freund wird.«

 

Die Tür des Aufzuges öffnete sich in diesem Moment, und Dick Gordon wußte intuitiv, daß der kahlköpfige, in mittleren Jahren stehende Mann mit dem gutmütigen Gesicht, der nun heraustrat, soeben Gegenstand ihrer Diskussion gewesen war. Sein rundes fettes Antlitz wurde von einem gutmütigen Lächeln überstrahlt, als er Ray erkannte, und nachdem er ein Bündel von Dokumenten einem der Angestellten übergeben hatte, kam er zu ihnen herüber. »Das ist Gordon«, stellte Ray vor, »und das ist mein Freund Johnson.«

 

Philo ergriff warm die ausgestreckte Hand. Warm war ein Wort, das wie kein anderes Herrn Johnsons Wesen kennzeichnete. Sogar Dick Gordon, der nicht allzu schnell bereit war, sich fremden Einflüssen hinzugeben, unterlag dem unmittelbaren Eindruck seiner Freundlichkeit.

 

»Sie sind Herr Gordon von der Staatsanwaltschaft, Ray hat es mir erzählt«, sagte er. »Ich würde mich freuen, wenn Sie eines Tages herkämen, um den alten Maitland einzustecken. Er ist von allen Männern, denen ich je begegnet bin, sicherlich derjenige, den Sie am ehesten verfolgen sollten. – Ich muß jetzt gehen, er ist heute morgen in einer schrecklichen Laune. Man könnte glauben, die Frösche hüpften hinter ihm her.«

 

Mit fröhlichem Nicken eilte er in den Lift zurück. »Jetzt muß ich aber auch wieder hineingehen«, sagte Ray, und ein fast ängstlicher Blick aus seinen Augen traf Gordon. »Ich danke Ihnen, daß Sie Ihr Versprechen wahrgemacht und mich besucht haben. Ja – ich möchte gern einmal mit Ihnen zum Lunch gehen. Meine Schwester wird sicherlieh ebensogern mit dabeisein. Sie ist oft in der Stadt.«

 

Sein Abschied war hastig und ein wenig zerstreut, und Dick trat mit einem Gefühl der Beschämung auf die Straße.

 

Als er in sein Amt zurückkehrte, fand er einen verstört aussehenden Polizeichef vor, der auf ihn wartete und bei dessen Anblick Dick blinzelnd die Augen zusammenkniff. »Nun?« fragte er. »Was ist mit diesem Genter?«

 

Der Polizeichef machte eine Grimasse wie ein Kranker, der eine unangenehme Arznei herunterschlucken muß. »Sie sind mir entwischt«, sagte er. »Der Frosch kam im Auto an, und weg waren sie, bevor ich mir überhaupt klar wurde, was geschehen war. Ich bin nicht besorgt um ihn, denn Genter hat einen Revolver, und er ist ein zäher Bursche in schweren Unternehmungen, aber …«

 

Gordon blickte nach dem Mann und durch ihn hindurch. »Ich glaube, Sie hätten auf das Auto vorbereitet sein müssen«, sagte er. »Wenn Sie Genters Botschaft für wohlbegründet hielten und er den Fröschen auf der Spur war, wie Sie sagten, so hätten Sie das Auto erwarten müssen. Nehmen Sie Platz, Wellingdale.«

 

Der grauhaarige Mann gehorchte. »Ich versuche nicht, mich zu entschuldigen«, sagte er. »Die Frösche haben mich überrumpelt. Früher habe ich sie als einen Spaß betrachtet.«

 

»Es mag sein, daß wir klüger wären, wenn wir sie auch jetzt noch als einen Spaß betrachteten«, meinte Dick und, biß das Ende seiner Zigarre ab. »Sie mögen nichts sein als ein verrückter geheimer Verein. Schließlich dürfen sogar Stromer ihre Vereinslokale haben, ihre Losungsworte, Griffe und Zeichen.«

 

Wellingdale schüttelte den Kopf. »Sie kommen über das Fazit der letzten sieben Jahre nicht hinweg«, sagte er. »Es ist nicht nur die Tatsache, daß jeder zweite Straßenräuber, den wir einfingen, den Frosch auf das Handgelenk tätowiert hatte, das mag bloße Nachahmung sein, und auf jeden Fall haben alle Gauner von niedriger Mentalität Tätowierungszeichen. Aber in diesen sieben Jahren hatten wir eine Serie der unangenehmsten Verbrechen. Zuerst den Angriff auf den Chargé d’affaires von der Gesandtschaft der Vereinigten Staaten, den sie im Hyde-Park niederschlugen. Dann den Fall des Präsidenten der Northern Trading Co., der mit einer Keule getötet wurde, als er aus seinem Auto in Park-Lane ausstieg. Dann das große Feuer, das Rohgummi im Werte von vier Millionen Pfund in Rauch aufgehen ließ. Es war sicherlich das Werk von etwa einem Dutzend Bomben, denn die Lagerhäuser bestanden aus sechs großen Wagenschuppen, und jeder einzelne wurde gleichzeitig an beiden Enden angezündet. Wir fingen zwei Leute aus der Gummiaffäre. Beide waren Frösche, beide trugen das Totem ihres Stammes. Sie waren Ex-Sträflinge, und einer von ihnen gab zu, daß er Instruktionen gehabt hätte, um diese Arbeit auszuführen, aber er nahm seine Worte am nächsten Tag sogleich wieder zurück. Ich habe nie einen geängstigteren Mann gesehen als ihn. Ich könnte Ihnen noch Dutzende von Fällen anführen. Sie wissen, daß Genter jetzt seit zwei Jahren auf ihrer Spur ist. Aber was er in diesen zwei Jahren hat erdulden müssen, das wissen auch Sie nicht. Er hat im Lande herumvagabundiert, hat hinter Hekken geschlafen, hat sich mit jeder Art von Landstreichern befreundet und hat mit ihnen gestohlen und geraubt. Als er mir schrieb, daß er mit der Organisation in Verbindung getreten sei und eingeweiht zu werden hoffe, dachte ich, er wäre jetzt nahe daran, sie zu haben. Aber der heutige Morgen hat mich ganz krank gemacht.«

 

Dick Gordon öffnete eine Schublade seines Pultes, entnahm ihr eine Ledermappe und wendete die Blätter um, die sie enthielt. Er studierte sie sorgfältig, als sähe er sie zum ersten Male. In Wahrheit hatte er diese Gefangenenprotokolle durch Jahre hindurch fast Tag um Tag geprüft. Es waren Handgelenksfotografien vieler Männer. Er schloß nachdenklich die Ledermappe und legte sie in die Schublade zurück. Ein paar Minuten lang saß er still und trommelte mit den Fingern auf den Rand seines Schreibtisches. Ein Schatten zog über seine Stirn. »Der Frosch ist immer auf das linke Handgelenk tätowiert, immer ein wenig schief, und immer ist ein kleiner Punkt darunter gesetzt«, sagte er. »Scheint Ihnen das irgendwie bemerkenswert?« Aber der Polizeichef fand keineswegs etwas Merkwürdiges daran.

 

Kapitel 11

 

11

 

Dick Gordon und sein Assistent erreichten Wandsworth zehn Minuten, nachdem ihnen die Neuigkeit zugekommen war, und fanden das Wrack eines Polizeiautos von einer großen Menschenmenge umgeben, die von Polizei in Schach gehalten wurde.

 

Litnows Leichnam war nach dem Gefangenenhaus überführt worden, wohin man auch einen seiner Angreifer gebracht hatte, einen Mann, der von einer Abteilung von Gefängniswärtern festgenommen worden war, als sie gerade von ihrer Mittagspause zurückkehrte. Eine kurze Untersuchung des Toten sagte Dick nicht mehr, als er ohnehin wußte. Das Herz war durchschossen, und der Tod mußte sofort eingetreten sein.

 

Der neue Gefangene, der gebracht wurde, war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren und gebildeter als der Durchschnitt der Frösche. Es wurden keine Waffen bei ihm gefunden, und er beteuerte, an dem Komplott in keiner Weise beteiligt gewesen zu sein. Er behauptete, er sei ein arbeitsloser Beamter, der gerade über die Wiese schlenderte, als das Scharmützel begann. Er sei unschuldig arretiert worden, während er den Mörder verfolgte.

 

»Frosch, du bist ein toter Mann!« sagte Elk mit seiner tiefsten Grabesstimme und sah ihn über den Stahlrand seiner Brille hinweg an. »Wo hast du gewohnt, als du noch am Leben warst?« Der Gefangene gestand, daß er im Norden Londons zu Hause sei. »Nord-Londoner kommen nicht nach Wandsworth, um auf der Gemeindewiese spazierenzugehen«, sagte Elk.

 

Er hatte eine kurze Unterredung mit dem Obergefangenenaufseher und führte den Arrestanten in den Hofraum hinunter.

 

Elk blickte um sich. Der Hof war ein kleines, steingepflastertes Viereck, von hohen verblaßten Mauern umgeben. In einer Ecke stand ein kleiner Schuppen mit grauen Schiebetüren.

 

»Komm hier herein!« sagte Elk. Er nahm den Schlüssel, den der Oberaufseher ihm gegeben hatte, schloß die Türen auf und schob sie auseinander. Man sah in ein reines kahles Gelaß mit weißgestrichenen Wänden. Quer über die Decke liefen zwei starke Balken, und zwischen denselben drei stählerne Stangen hin. Der Gefangene runzelte die Stirn, als Elk zu einem langen Stahlhebel trat.

 

»Gib acht, Frosch!« sagte er und zog an dem Hebel. Die Mitte des Bodens öffnete sich mit einem Krach, und man sah in eine tiefe, mit Ziegeln ausgelegte Grube hinab.

 

»Sieh dir die Falltür an. Siehst du das T, das mit Kreide gezeichnet ist? Dort muß der Mann seine Füße hinstellen, wenn der Henker ihm die Beine zusammenbindet. Das Seil hängt von dem Balken dort herunter.«

 

Des Mannes Gesicht wurde fahl, und er schreckte zurück. »Sie können mich nicht hängen«, keuchte er. »Ich habe nichts getan!«

 

»Sie haben einen Menschen getötet«, sagte Elk, trat hinaus und versperrte die Tür hinter ihnen. »Sie sind der einzige, den wir gefangen haben, und Sie werden für die übrige Bande büßen müssen.«

 

Der Gefangene hob seine zitternde Hand zu den Lippen. »Ich werde Ihnen alles sagen, was ich weiß«, sagte er heiser.

 

Eine Stunde später fuhr Dick mit beträchtlichen Informationen bereichert in die Polizeidirektion zurück. Seine erste Tat war, nach Joshua Broad zu schicken, und der Vagabund kam fröhlich und zum Reden aufgelegt herauf.

 

»Nun, Herr Broad, lassen Sie uns Ihre Geschichte hören«, sagte Dick und hieß den andern Platz nehmen.

 

»Viel ist ja nicht zu vermelden«, meinte Broad. »Seit einer Woche bin ich mit den Fröschen näher bekannt. Ich hielt es für höchst unwahrscheinlich, daß sie sich untereinander nicht kennen sollen und blieb gleich an dem ersten hängen, den ich fand. Ich traf ihn in einem Logierhaus in Deptford. Ich hörte heute, daß ein höchst eiliger Aufruf für ein großes Unternehmen ergangen sei, und schloß mich an. Auf dem Weg nach Scotland Yard hat man mir erzählt, daß eine Gruppe beordert worden sei, Litnow, der nach Wandsworth fuhr, abzupassen.«

 

»Haben Sie einen von den Großen gesehen?« Broad schüttelte den Kopf.

 

»Sie haben alle gleich ausgesehen. Aber es waren unzweifelhaft zwei oder drei von den Hauptanführern mit im Dienst. Ich habe nie daran geglaubt, daß man Litnow retten würde. Die Frösche wußten, daß er alles gestanden hatte, und er mußte büßen. Das heißt – sie haben ihn ja wohl umgebracht?«

 

»Ja«, nickte Dick. »Aber sagen Sie mir – warum nehmen Sie selber solch ein Interesse an den Fröschen?«

 

»Bloß aus reiner Abenteuerlust«, antwortete Broad. »Ich bin ein reicher Mann, habe nichts zu tun und interessiere mich unendlich für Kriminalfälle. Vor ein paar Jahren hörte ich zum ersten Male von den Fröschen, sie reizten meine Phantasie, und damals nahm ich mir vor, ihnen auf die Spur zu kommen.«

 

»Ich möchte nur noch wissen, wieso es geschah, daß Sie ein reicher Mann wurden?« fragte Dick. »Im vorletzten Kriegsjahr sind Sie mit einem Viehtransport nach England gekommen und hatten ungefähr zwanzig Dollar in der Tasche. Sie selbst haben es Elk erzählt, daß Sie auf diese Weise ankamen, und haben damit die Wahrheit gesprochen. Ich interessiere mich fast ebenso für Sie, wie Sie sich für die Frösche interessieren. Und ich habe einige Erkundigungen eingezogen. Sie kamen 1917 nach England und verließen Ihr Schiff. Im Mai 1917 verhandelten Sie wegen des Kaufes einer alten baufälligen Bude in‘ der Nähe von Hampshire. Dort wohnten Sie, indem Sie die elende Hütte zusammenflickten, und lebten, soviel ich erforschen konnte, von den paar Dollars, die Sie mitgebracht hatten. Plötzlich waren Sie verschwunden und sind erst in Paris am Weihnachtsabend desselben Jahres wieder aufgetaucht. Sie waren es anscheinend, der eine Familie gerettet hat, die anläßlich eines Luftangriffes in ihrem Haus verschüttet wurde, und Ihr Name wurde von der Polizei notiert, damit Ihnen eine Belohnung ausgezahlt werden konnte. Der französische Polizeibericht besagt, daß Sie ziemlich ärmlich gekleidet waren. Man hielt Sie für einen Deserteur der amerikanischen Armee. Aber im Februar wohnten Sie in Monte Carlo, eine Menge Geld in der Tasche und mit exquisiter Garderobe wohl versorgt.«

 

Joshua Broad blieb während dieses Vortrages unbeweglich. Nur der Schein eines Lächelns zeigte sich in seinen unrasierten Mundwinkeln.

 

»Aber, Herr Hauptmann, in Monte Carlo muß man Geld besitzen!«

 

»Wenn man es hingebracht hat«, sagte Dick und fuhr fort: »Ich meine ja nicht, daß Sie das Geld anders als ehrlich erworben hätten. Ich stelle bloß fest, daß Ihr persönlicher Aufstieg von Armut zum Reichtum, gelinde gesagt, sehr merkwürdig war.«

 

»Das war er auch«, pflichtete der Amerikaner bei. »Und dem Anschein nach ist meine Veränderung vom Reichtum zur Armut ebenso plötzlich wie merkwürdig.«

 

»Sie meinen, daß, wenn es für Sie möglich ist, sich jetzt zu maskieren, es auch damals für Sie möglich war und Sie im Jahre 1917, obgleich anscheinend mittellos, ebensowohl ein reicher Mann gewesen sein können?«

 

»Das stimmt«, sagte Joshua Broad.

 

»Ich würde vorziehen, daß Sie das respektablere Selbst blieben. Ich liebe es nicht, einem Amerikaner sagen zu müssen, daß ich ihn des Landes verweise, denn das klingt, als ob es eine Strafe wäre, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren.«

 

Joshua Broad erhob sich. »Das, Herr Hauptmann Gordon, ist ein Wink mit einem zu dicken Zaunpfahl und eine zu liebenswürdige Drohung. Von nun an wird Joshua Broad wieder ein ehrbares Mitglied der Gesellschaft werden. Das einzige, worum ich Sie bitte, ist, daß Sie die Polizei nicht anweisen, meine Erlaubnisscheine zurückzuziehen.«

 

»Erlaubnisscheine?« fragte Dick.

 

»Ja, ich führe zwei Revolver mit mir, und die Zeit ist nahe, wo auch diese beiden nicht genügen werden«, sagte Joshua Broad.

 

Kapitel 12

 

12

 

Es fand ein Konzert in Queens Hall statt, und die Verlockung, den großen Violinspieler zu hören, war so stark, daß selbst in diesen Sommertagen der riesige Zuschauerraum überfüllt war.

 

Es fiel Dick Gordon mitten in seiner dringenden Abendarbeit ein, daß auch er längst eine Karte bestellt hatte. Er fühlte sich übermüdet, von den rätselhaften Ereignissen genarrt und fast hoffnungslos, sie zu lösen. Ein Brief von Lord Farmley, der heute angekommen war, forderte schleunige Anstalten, um den verlorenen Handelsvertrag wiederzuerlangen. Es war ein Brief, wie ihn ein schwer überarbeiteter Mann schreiben mochte, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, daß er damit seine eigene Panik auf den Empfänger übertrug, den er doch keinesfalls zu überstürzten Maßnahmen verleiten durfte. Dick entschloß sich, alle Sorgen zur Seite zu werfen und das Konzert zu besuchen. Er rief seine Garage an, ließ aber statt seines eigenen einen geschlossenen Mietwagen vorfahren und war nach zehn Minuten einer von den zweitausend Bezauberten, die dem Spiel des Meisters lauschten. In der Pause schlenderte er ins Foyer, und die erste Person, die er traf, war ein Zentralpolizeibeamter, der seinen Blick vermied. Ein zweiter Geheimdetektiv stand auf der Treppe, die zur Bar führte. Ein dritter rauchte seine Zigarette auf den Stufen vor der Halle. Das Glockenzeichen ertönte, und Dick wollte eben die halbgerauchte Zigarette fortwerfen, als eine prachtvolle Limousine vorfuhr und ein diskret livrierter Lakai absprang, um die Tür zu öffnen. Ein einzelner Herr stieg aus, und Dick erkannte ihn sogleich. Es war Ezra Maitland.

 

»Heiliger Moses!« murmelte jemand hinter ihm, und als Dick den Kopf wendete, sah er Elk in dem einzigen alten Frack, den dieser je im Leben besessen hatte, hinter sich stehen. Sie waren beide von fassungslosem Erstaunen gelähmt. Denn nicht nur, daß Herr Maitland gleich einem regierenden Monarchen vorfuhr, mit silbernen Beschlägen, mit lackiertem Kupee und livrierter Dienerschaft, der alte Mann trug auch einen vorbildlichen Frack, gebaut nach den Gesetzen der allerletzten Mode. Sein Bart war um ein paar Zoll gekürzt, und über seine fleckenlose weiße Weste spannte sich eine schwere goldene Kette. Im Revers seines Abendmantels steckte eine Kamelie, und es war der glänzendste aller Zylinder der Welt, den er trug, der eleganteste Stock aus Ebenholz und Elfenbein, auf den er sich beim Gehen stützte.

 

Die Vision des Glanzes zog an ihnen vorbei durch die Halle.

 

»Er ist verrückt geworden!« flüsterte Elk hohl. Von seinem Platz aus konnte Dick den Millionär beobachten. Er saß während des zweiten Teiles des Programms mit geschlossenen Augen da. Nach jedem Stück applaudierte er mit seinen riesigen, weißbehandschuhten Händen. Dick war dessen sicher, daß er schlief und erst das Klatschen ihn erweckte. Einmal entdeckte er, wie der alte Mann ein Gähnen unterdrückte. Es war im zweiten Satz von Elgars Violinkonzert, das durch seine wundervolle Wiedergabe alle Zuhörer im Bann hielt.

 

»Das ist der reiche Maitland!« hörte Dick einen Herrn sagen.

 

»Er hat jetzt das Haus des Prinzen von Caux in Berkeley Square gekauft.«

 

Elk kam mit noch andern Neuigkeiten zurück.

 

»Was halten Sie vom Musikverständnis des alten Maitland, Hauptmann Gordon? Nun, er hat im voraus Plätze für jedes große Konzert der nächsten Saison bestellt. Sein Sekretär kam heute nachmittag mit diesem Auftrag her. Der war auch nicht wenig verdutzt darüber, und er sollte einen Tisch für heute abend im Herons-Klub bestellen.«

 

Elks Gesicht war während seines ganzen Berichtes todernst geblieben. Er winkte einen seiner Begleiter heran.

 

»Wie viele Leute brauchen Sie, um den Herons-Klub zu besetzen?«

 

»Sechs«, war die prompte Antwort. »Zehn, um ihn auszuheben und zwanzig, wenn es schlimm zugeht.«

 

»Nehmen Sie dreißig«, sagte Elk.

 

Der Klub sah von außen völlig unscheinbar aus, aber befand man sich einmal hinter seinen geschlossenen Türen und zugezogenen Vorhängen, so vergaß man das ärmliche und düstere Aussehen. Ein luxuriöser Gang, mit dicken Teppichen bedeckt und mild erleuchtet, führte nach dem Tanzsaal und Restaurant. Dick wartete auf die Ankunft des Direktors und bewunderte, in der Tür stehend, den Reichtum des Saales. Die Tische standen in einem länglichen Viereck auf dem polierten Parkett, von einer Galerie kamen die Klänge eines Negerorchesters, und innerhalb des ausgesparten Raumes tanzte ein Dutzend Paare und bewegte sich nach dem schnellen, aufpeitschenden Rhythmus der Stakkatomelodie.

 

»Vergoldetes Laster!« brummte Elk verächtlich. »Ich möchte wissen, was man hier die Frechheit hat für ein Essen zu verlangen. Da ist ja unser Methusalem.«

 

Methusalem saß am besten Tisch des Saales. Sein kahler Schädel leuchtete im Licht des Kristallüsters, und in seinem Schatten verschmolz sein Patriarchenbart mit der schneeigen Hemdbrust, so daß Dick ihn einen Moment lang nicht erkannte. Vor ihm stand ein großes, mit Bier gefülltes Glas.

 

»Er trinkt! Er ist immerhin menschlich«, sagt Elk.

 

Hagn kam heran, freundlich lächelnd, in dem Bestreben, ihnen gefällig zu sein. »Das ist ein unerwartetes Vergnügen, Herr Hauptmann«, sagte er. »Sie wünschen, daß ich Sie hereinlasse? Aber, meine Herren, das ist doch gar nicht nötig. Jeder Polizeioffizier von Rang ist Ehrenmitglied meines Klubs.«

 

Er ging geschäftig voran, führte sie zwischen den Tischen durch und fand eine leere Loge. Es gab Zecher, deren Mienen sich bei der Ankunft der neuen Gäste umwölkten. Einer zumindest stahl sich hinaus und ward nicht wieder gesehen.

 

»Wir haben heute abend sehr feine Gäste«, sagte Hagn und rieb sich die Hände. »Hier ist Lord und Lady Belfin, dieser Herr mit dem Bart ist der reiche Maitland, und sein Sekretär ist ebenfalls hier.«

 

»Johnson?« fragte Dick überrascht. »Wo sitzt er?«

 

Da bemerkte er auch schon den rundlichen Philosophen. Er saß in einer entfernten Ecke und sah in seinem altmodischen Frack entsetzlich ungeschickt und unglücklich aus. Wie er so auf der Kante seines Sessels saß, machte er ein feierliches und erschrockenes Gesicht und hielt die Hände auf dem Tisch gefaltet.

 

»Gehen Sie hinüber und holen Sie ihn her«, flüsterte Dick Elk zu. Elk marschierte durch das Wirbeln der Tänzerpaare und erreichte Herrn Johnson, der ihn erlöst ansah und ihm so kräftig die Hand schüttelte, als hätte Elk ihn von einer verlassenen Insel errettet.

 

»Es war lieb von Ihnen, mich herüberzuholen«, sagte Johnson, als er Dick begrüßte. »Ich fühle mich hier so gar nicht am Platze. Es ist mein erster und mein letzter Besuch.« Und er blickte nach einer kleinen Gesellschaft in der gegenüberliegenden Loge. Gordon war ihrer schon beim Eintritt gewahr geworden. Da waren Ray, in seiner üppigsten Laune, Lola Bassano, herrlich und exzentrisch gekleidet, und der massive Expreisboxer Lew Brady. Johnson wies mit den Blicken nach dem alten Maitland.

 

»Ist das nicht ein Wunder?« fragte er mit Flüsterstimme. »In einem einzigen Tag hat er seine Lebensweise geändert. Kauft ein Haus in Berkeley Square, beruft eine Armee von Schneidern, schickt mich aus, um Theaterplätze zu bestellen, kauft Juwelen! Ich verstehe nicht«, gestand er kopfschüttelnd. »Besonders, weil er im Büro ganz unverändert ist. Dort ist er noch immer derselbe alte Geizhals. Er wollte, daß ich auch seine Privatunternehmungen führen sollte, aber ich schlug es aus. Was mich ängstigt, ist nur, daß er mich auch an die Luft setzen kann, wenn ich nicht einwillige. Er ist in dieser Woche recht unverdaulich gewesen. – Ob Ray ihn wohl gesehen hat?«

 

Ray hatte seinen früheren Chef noch nicht bemerkt. Er war zu sehr von der Freude erfüllt, in solch eleganter Umgebung mit Lola zusammenzusein, um ein Interesse an irgend etwas außer sich selbst und dem unmittelbaren Objekt seiner Zärtlichkeit zu nehmen.

 

»Du machst dich lächerlich, Ray, halb Scotland Yard ist hier und beobachtet dich«, warnte Lola.

 

Er blickte um sich und schien zum ersten Male zu bemerken, daß sie nicht allein waren. Ihm gegenüber saß Dick, der ihn ernsthaft betrachtete, und dieser Anblick und das Bewußtsein des Beobachtetwerdens machten ihn irrsinnig vor Zorn.

 

Er sprang auf, lief über das Parkett hin, stieß mit den tanzenden Paaren zusammen und stolperte mehrmals, bis er vor Dick stand.

 

»Suchen Sie mich?« fragte er laut. »Brauchen Sie mich vielleicht?«

 

Dick schüttelte den Kopf.

 

»Sie verfluchter Polizeispitzel, hetzen Sie Ihre Bluthunde auf mich?« tobte der Jüngling blaß vor Wut. »Johnson, was machen denn Sie bei der Bande? Sind Sie vielleicht auch Polizeispion geworden?«

 

»Aber lieber Ray«, murmelte Johnson.

 

»Lieber Ray!« spottete der andere. »Sie sind ja eifersüchtig, Sie armer Hund! Eifersüchtig, weil ich aus den Klauen Ihres Blutsaugers entkommen bin! Aber Sie . . .!« Er fuchtelte mit geballter Faust vor Dicks Gesicht umher. »Sie werden mich in Ruhe lassen, Sie! Suchen Sie sich eine andere Beschäftigung, als meiner Schwester Geschichten über mich zu erzählen!«

 

»Ich glaube, Sie sollten lieber zu Ihren Freunden zurückkehren«, sagte Dick, »oder besser noch, Sie gehen nach Hause.«

 

All dies hatte sich während einer Tanzpause abgespielt, jetzt fiel das Orchester von neuem ein. Aber die Anteilnahme des überfüllten Klubsaales verringerte sich keineswegs, obwohl Rays hohe Stimme die Trommeln nicht zu übertönen vermochte.

 

Dick war dessen sicher, daß der Direktor oder einer der Diener des Klubs sogleich intervenieren würde. Der Oberkellner kam auch sofort herbei, um Ray zurückzudrängen. An allen Tischen war man aufgestanden und sah mit langgestreckten Hälsen nach dem zornigen jungen Mann, der sich wütend gegen die beschwichtigenden Kellner wehrte.

 

So sah niemand den Fremden, der eine ganze Weile die Vorgänge beobachtet hatte, bevor er, die Zuschauer beiseite schiebend, in die Mitte des Saales kam. Der grauhaarige Mann stach in seinem abgetragenen Tweedanzug auffallend von der elegant gekleideten Menge ab. Er stand, die Hände auf dem Rücken, mit leichenblassem, ernstem Gesicht da und betrachtete Ray, der im Augenblick fast nüchtern wurde, als er seinen Vater erkannte.

 

»Ich muß dich sprechen, Ray«, sagte John Bennett einfach. Sie standen allein inmitten eines großen Zuschauerkreises, der vor ihnen zurückgewichen war. Die Musik wurde abgebrochen, als habe der Dirigent ein Zeichen empfangen.

 

»Komm mit mir nach Horsham, Junge.«

 

»Ich geh‘ nicht!« sagte Ray störrisch.

 

»Gehen Sie mit Ihrem Vater, Ray.« Johnson legte die Hand eine Sekunde lang auf des jungen Mannes Schulter. Ray schüttelte ihn ab.

 

»Ich bleibe hier!« sagte er, und seine Stimme klang laut und trotzig. »Du hast kein Recht, hierherzukommen, Vater, und mich lächerlich zu machen.« Er blitzte seinen Vater zornig an. »Du hast mich in all diesen Jahren niedergehalten und mir das Geld verweigert, um das ich dich bat. Und jetzt erlaubst du dir, darüber entsetzt zu sein, daß ich mich in einem anständigen Klub befinde und anständig gekleidet bin. Mit mir ist alles in Ordnung. Kannst du das auch von dir sagen? Und selbst wenn nicht alles bei mir in Ordnung wäre, könntest du mich dann tadeln?«

 

»Komm fort von hier.« John Bennetts Stimme klang heiser.

 

»Ich bleibe!« sagte Ray heftig. »Und.in Zukunft wirst du mich in Frieden lassen. Der Bruch hat einmal kommen müssen, und es ist gut, daß er gekommen ist.«

 

Vater und Sohn standen einander gegenüber, und in John Bennetts müden Augen lag ein Blick grenzenloser Trauer.

 

»Komm mit mir«, sagte er bittend.

 

Da sah Ray Lolas Gesicht, sah das unterdrückte Lächeln um ihre Lippen, und seine verletzte Eitelkeit machte ihn rasend.

 

Mit einem Wutschrei brach er los. Der Schlag, der den alten Bennett traf, ließ ihn wanken, aber er fiel nicht. Er sah seinen Sohn lange an, dann senkte er den Kopf und ließ sich wortlos von Dick hinwegführen.

 

Ray Bennett stand vor Schrecken gelähmt da, sprachlos.

 

Die Musik begann schmetternd, dudelnd, quietschend von neuem, und Lew Brady holte Ray an den Tisch zurück, wo er reglos, den Kopf in die Hand gestützt und vor sich hinstarrend, sitzen blieb.

 

Lola bestellte Champagner.

 

Kapitel 13

 

13

 

Während der ganzen Szene hatte Ezra Maitland vollkommen ruhig dagesessen, und es hatte den Anschein, als bringe er den Geschehnissen nicht das geringste Interesse entgegen, ja, als kämen sie seinem zerstreuten Geist gar nicht zum Bewußtsein. Endlich stand der alte Mann schwerfällig auf und verließ den Saal.

 

»Jetzt geht er und hat nicht einmal bezahlt«, flüsterte Elk.

 

Trotz dieses Versäumnisses begleitete der Oberkellner den bejahrten Millionär zur Tür. Überrock, Zylinder und Stock wurden ihm gebracht, und er war den Blicken entschwunden, bevor die sich verbeugenden Diener sich wieder aufgerichtet hatten. Es schien, als hätte das Publikum nach der viel diskutierten Störung seine gute Laune wiedergewonnen. Es wurde allgemein getanzt, und die Heiterkeit erstieg ihren Höhepunkt. Dick sah auf die Uhr und gab Elk ein unmerkliches Zeichen. Sie erhoben sich und schlenderten ohne Hast zur Tür. Ein Kellner kam ihnen eilends nach. »Die Herren wünschen zu zahlen?«

 

»Später, in drei Minuten«, sagte Dick.

 

In dem Moment zeigten die Zeiger der Uhr auf eins. Genau drei Minuten später war der Klub in den Händen der Polizei. Um ein Uhr fünfzehn war er bis auf die diensthabenden Detektive und das Personal geleert.

 

»Wo ist Hagn?« verhörte Dick den Oberkellner.

 

»Er ist nach Hause gegangen«, sagte der Mann mürrisch. »Er geht immer zeitig nach Hause.«

 

»Das ist eine Erfindung, mein Sohn«, sagte Elk. »Führen Sie mich in sein Zimmer.«

 

Sie kamen in ein großes, fensterloses, gemütlich eingerichtetes Gemach, das im Erdgeschoß lag, in einem Teil der alten Missionshalle, den man unberührt gelassen hatte. Während die Unterbeamten die Bücher Blatt für Blatt untersuchten, durchforschte Elk das Zimmer. In einer Ecke stand ein kleiner Safe, auf den er das Polizeisiegel klebte. Auf einem Sofa lag in ziemlicher Unordnung ein Anzug, der anscheinend in aller Eile abgestreift worden war. Elk trug ihn unter das Lampenlicht und betrachtete ihn genau. Es war der Frack, den Hagn getragen hatte, als er sie zu ihren Plätzen geleitete.

 

»Führen Sie den Oberkellner her.«

 

Der Oberkellner Wollte oder konnte keine Auskunft geben.

 

»Herr Hagn wechselt immer die Kleider, bevor er nach Hause geht«, sagte er.

 

»Warum ist er fortgegangen, bevor der Klub geschlossen wurde?«

 

Der Mann zuckte die Achseln. »Ich kenne seine Privatangelegenheiten nicht«, sagte er, und Elk entließ ihn.

 

An der Wand standen ein Toilettentisch und ein Spiegel. Zu beiden Seiten des Spiegels waren kleine Lampen angebracht, die keinen Lampenschirm hatten. Elk drehte auf, und in dem grellen Licht prüfte er den Tisch. Sofort fand er zwei Haarbüschel und hielt sie an den Ärmel seines schwarzen Rockes. In der Schublade fand er eine kleine Flasche mit flüssigem Gummi und prüfte dann die Bürste sorgfältig.

 

Endlich hob er den Papierkorb auf und schüttete, dessen Inhalt auf den Tisch. Er fand ein paar zerrissene Rechnungen, Geschäftsbriefe, die Ankündigung eines Geschäftmannes, drei zerbröselte Zigarettenstummel und verschiedene Papierschnitzel. Einer davon war mit Gummi bedeckt und klebte zusammen.

 

»Ich möchte wetten, daß er damit seine Bürste abgewischt hat«, sagte Elk.

 

Mit einiger Schwierigkeit zog er den Zettel auseinander. Er war mit der Maschine geschrieben und bestand aus drei Zeilen:

 

»Dringend. Besucht Sieben in E. S. 2.

 

Kein Überfall. Versichert euch M.s Aussage.

 

Dringend! F. 1.«

 

Dick nahm das Papier aus Elks Hand und las es.

 

»Darin, daß es keinen Überfall geben wird, irrt er sich«, sagte er. »E. S. bedeutet Eldorstraße. Und 2 ist entweder die Nummer zwei oder zwei Uhr.«

 

»Aber wer ist M.?« fragte Elk stirnrunzelnd.

 

»Anscheinend Mills, der Mann, den wir in Wandsworth gefangen haben. Er hat seine Aussage schriftlich niedergelegt, nicht?«

 

»Er hat sie zumindest unterzeichnet«, sagte Elk nachdenklich.

 

Er wendete die Papiere um, und nach einer Weile fand er, wonach er gesucht hatte. Einen kleinen Briefumschlag, der in Maschinenschrift an »G. V. Hagn« adressiert war und auf der Rückseite den Stempel des Bezirks-Botendienstes trug.

 

Elk schickte nach dem Portier. »Um welche Zeit wurde dies hier abgegeben?« fragte er.

 

Der Mann war ein ausgedienter Soldat, der einzige der Verhafteten, der seine Lage zu empfinden schien.

 

»Der Brief kam ungefähr gegen neun Uhr, Herr Inspektor«, sagte er bereitwillig und brachte zur Bestätigung sein Postbuch. »Er wurde von einem Botenjungen gebracht.«

 

»Bekommt Herr Hagn viele solche Nachrichten?«

 

»Sehr wenige, Herr Inspektor«, sagte der Portier und fügte eine ängstliche Frage bei, was man mit ihm vorhabe.

 

»Sie können nach Hause gehen, aber unter Bewachung. Sie dürfen hier mit niemandem sprechen und niemandem sagen, daß ich mich nach diesem Brief erkundigt habe. Haben Sie verstanden?«

 

»Jawohl, Herr Inspektor.«

 

Elk rief die Telefonzentrale an und ließ für eine Stunde alle telefonischen Verbindungen unterbrechen. Es war jetzt drei Viertel zwei Uhr.

 

Er hieß achtzehn Detektive zurückbleiben, um den Klub zu beaufsichtigen und fuhr, von Dick und der übrigen Polizeimannschaft begleitet, mit der größtmöglichen Geschwindigkeit nach Tottenham. Etwa hundert Meter, ehe sie die Eldorstraße erreichten, hielt das Auto an und alle stiegen aus. Dick ließ seine Leute die Nebenstraßen nehmen und ging allein mit Elk weiter. An der Ecke der Eldorstraße sah Elk, daß die Vorsicht seines Chefs wohlbegründet gewesen war. Ein Mann lehnte an einem Laternenpfahl, und Elk verwickelte Dick sofort in ein lebhaftes Gespräch über einen harmlosen Gegenstand.

 

Der Mann unter dem Kandelaber zögerte einen kleinen Augenblick zu lange. Als sie neben ihm waren, wendete sich Elk an ihn.

 

»Haben Sie vielleicht Feuer?« fragte er.

 

»Nein«, brummte der andere.

 

Im nächsten Augenblick lag er auf dem Boden. Elk kniete auf seiner Brust und hielt mit seinen langen, knochigen Fingern seine Kehle umklammert.

 

»Wenn du schreist, Frosch, erdroßle ich dich«, zischte der Detektiv. Der Mann war in den Händen der herbeieilenden Detektive, er war geknebelt, gefesselt und auf dem Weg zum Polizeiauto, ehe er begriff, was für ein Tornado ihn niedergeworfen hatte. »Alles hängt jetzt davon ab, ob derjenige Gentleman, der in der Passage zwischen den Gärten patrouillieren dürfte, diese unziemliche Balgerei mit angesehen hat«, sagte Elk und staubte sich ab. »Hat er es gesehen, dann werden sich nette Dinge ereignen.« Aber anscheinend war die Wache in dem kleinen Gang selbst gewesen. Elk stand am Eingang still, lauschte und hörte sogleich gedämpfte Schritte. Er schlüpfte in den Gang und trat selbst nicht allzu leise auf.

 

»Wer ist da?« fragte der Wächter.

 

»Ich!« flüsterte Elk. »Mach nicht soviel Lärm.«

 

»Was hast du hier zu suchen?« fragte der andere in gebieterischem Ton. »Ich habe dir gesagt, daß du bei der Laterne stehenbleiben sollst.«

 

Elks Augen hatten sich bereits an das Dunkel gewöhnt, und er schätzte die Distanz ab.

 

»Es kommen zwei komische Leute die Straße herauf. Ich wollte nur, daß du sie siehst«, flüsterte er.

 

In seiner Jugend hatte Elk Fußball gespielt, und nun stieß er zu. Der Mann stürzte mit einem Anprall zu Boden, daß es ihm den Atem verschlug und er nur das unwillkürliche Keuchen ausstieß, das einem Knockout folgt. Der Niedergeschlagene war unfähig zu schreien und noch immer atemlos, als ihn schon bereitwillige Hände in den Patrouillenwagen warfen.

 

»Wir müssen durch die Hintertür, Jungens«, sagte Elk.

 

Diesmal stand das Gartentor offen. Elk zog seine Stiefel aus, und in Strümpfen schlüpfte er den finsteren Gang entlang und klinkte leise die Tür zu Maitlands Zimmer auf. Es war dunkel und leer. Elk kam in den Abstellraum zurück.

 

»Zu ebener Erde ist nichts«, sagte er. »Wir müssen oben nachschauen.«

 

Er hatte fast die Treppe erstiegen, als er Licht durch den Türspalt jenes Raumes schimmern sah, den Maitlands Wirtschafterin bewohnt hatte. Er nahm die Stufen in drei Sprüngen, flog den Treppenabsatz entlang und warf sich gegen die Tür. Sie brach erst beim dritten Anprall ein. Das Zimmer lag völlig finster.

 

»Hände hoch, jeder Mann!« schrie er ins plötzliche Dunkel.

 

Vollkommene Stille herrschte. Er duckte sich und ließ den Schimmer seiner elektrischen Lampe in dem Raum spielen. Er war leer. Seine Beamten kamen nachgestürmt, die Lampe auf dem Tisch wurde angezündet, der Glaszylinder war noch heiß. Das Zimmer wurde durchsucht, es war aber zu klein, als daß es hätte viele Menschen verbergen können. Ein Blick aus dem Fenster zeigte Elk, daß es für die Insassen unmöglich gewesen wäre, auf diese Weise zu entkommen.

 

Am anderen Ende des Zimmers stand ein Garderobenschrank, mit vielen alten Kleidungsstücken angefüllt, die an Haken hingen.

 

»Werfen Sie die Sachen hinaus!« befahl Elk. »Es muß da eine Tür ins nächste Haus führen.«

 

Die Kleider wurden auf den Boden gehäuft, und die Polizeimannschaft hieb die hölzerne Rückenwand des Schrankes ein. Dick durchsuchte hastig die Papiere, die den Tisch bedeckten.

 

»Mills‘ Geständnis«, sagte er höchst erstaunt. »Und es sind doch nur zwei Abschriften gemacht worden, von denen ich eine habe und die andere in Ihrem Büro liegt, Elk.«

 

In diesem Augenblick wurde die Rückenwand des Kleiderschrankes eingeschlagen, und die Detektive strömten durch sie hindurch in das nächste Haus.

 

Es ergab sich die höchst interessante Tatsache, daß ein Verbindungsgang durch einen Block von etwa zehn Häusern lief, und es wurde bald klar, daß in allen Häusern bis zum Ende der Straße Frösche wohnten. Da jeder von ihnen Nr. 7 sein konnte, wurden sie insgesamt arretiert. Außer jener Tür in Maitlands Haus war bei keiner der Versuch gemacht worden, die Verbindungstür zu maskieren. In den anderen Häusern gab es bloß rohe, in die Ziegelwände hineingebrochene Öffnungen.

 

»Ich zweifle daran, daß wir ihn haben«, sagte Elk, der atemlos zu Dick zurückkehrte. »Ich habe keinen einzigen gesehen, der nach ein bißchen Hirn ausschauen würde.«

 

»Ist niemand aus dem Häuserblock entkommen?«

 

Elk schüttelte den Kopf. »Meine Leute sind in der Passage und auf der Straße. Es ist auch eine Menge uniformierter Polizei hier. Haben Sie nicht die Pfeifen gehört?«

 

Elks Assistent kam, um Rapport zu erstatten. »Ein Mann ist in einem der Hinterhöfe gefunden worden. Ich habe mir erlaubt, ihn dem Schutzmann abzunehmen und ihn hierherzubringen. Wollen Sie ihn sehen?« berichtete er.

 

»Bringen Sie ihn nur herauf«, sagte Elk.

 

Wenige Minuten später wurde ein gefesselter Mann in das Zimmer gestoßen. Er war über Mittelgröße und sein Haar lang und blond. Den blonden Bart trug er spitz. Einen Moment lang sah ihn Dick an, dann rief er aus: »Das ist ja Carlo!«

 

»Ich bin sogar sicher, daß es Hagn ist!« sagte Elk. »Nimm einmal den Bart ab, du Frosch, du! Wir werden uns einmal über Zahlen unterhalten, von sieben angefangen.«

 

Selbst Dick vermochte seinen Augen kaum zu trauen. Die Perücke war so täuschend, der Bart so geschickt befestigt, daß er kaum zu glauben vermochte, daß dies wahrhaftig der Direktor vom Herons-Klub sein sollte. Aber als er die Stimme hörte, wußte er, daß Elk recht hatte. »Nummer Sieben?« näselte Hagn. »Ich glaube eher, daß Nummer Sieben durch Ihren Kordon gelangen wird, ohne im mindesten belästigt zu werden. Er steht sehr gut mit der Polizei. Wozu brauchen Sie mich, Herr Elk?«

 

»Ich brauche Sie der Rolle wegen, die Sie in der Nacht des vierzehnten Mai bei der Ermordung des Hauptinspektors Genter gespielt haben.« Hagn schürzte die Lippen.

 

»Warum fragen Sie nicht lieber Broad? Der war auch dabei. Vielleicht wird er als Zeuge für mich aussagen. Schauen Sie einmal aus dem Fenster, da unten steht er.«

 

Dick schob das Fenster hinauf und lehnte sich hinaus. Eine Menge Menschen in Tüchern und Überröcken stand unten und sah dem Abtransport der Inhaftierten zu.

 

Der Reflex eines Zylinders zog Dicks Blicke auf sich, und eine unverkennbare Stimme rief ihn an: »Guten Morgen, Hauptmann Gordon. Die Froschaktien sind wohl sehr gefallen? Apropos, haben Sie das Baby gesehen?«

 

Der Fall Stretelli

 

Der Fall Stretelli

 

Detektivinspektor John Mackenzie hatte seinen Abschied eingereicht, und die Zeitungen brachten aus diesem Anlaß viele Berichte über ihn und seine Erfolge. Seine direkten Vorgesetzten wunderten sich, welche Gründe ihn zu dem vorzeitigen Rücktritt veranlaßt haben mochten. Aber alle Vermutungen waren falsch; kein Mensch ahnte die eigentliche Ursache. Mackenzie wußte nämlich nicht mehr, wie er in dem Widerstreit zwischen Pflicht und Gerechtigkeitssinn handeln sollte, und wählte deshalb den Ausweg, sein Amt niederzulegen.

 

In diesen Konflikt war er durch die Bearbeitung des Falles Stretelli geraten, der äußerlich dadurch zum Abschluß gebracht wurde, daß man an einem kalten Dezembermorgen im Gefängnis zu Nottingham einen Verbrecher hängte.

 

Die Tatsache, daß John Mackenzie seinen Abschied einreichte, war um so unverständlicher, als seine Vorgesetzten ihm zur Aufklärung dieses Falles besonders gratuliert und eine Beförderung in Aussicht gestellt hatten. Aber gleich darauf ging er in sein Büro und schrieb kurz entschlossen sein Abschiedsgesuch.

 

In gewisser Weise war Mackenzie eben altmodisch.

 

*

 

Einige Monate bevor er den Dienst quittierte, brachte ihm ein Untergebener eine Visitenkarte mit der Aufschrift: »Dr. med. Mona Stretelli, Madrid.« Als er das las, rümpfte er die Nase.

 

Er hatte ein Vorurteil gegen Ärztinnen, obwohl dies die erste war, die ihn amtlich aufsuchte.

 

»Führen Sie die Dame in mein Büro«, sagte er und wunderte sich, was eine spanische Ärztin in Scotland Yard zu suchen hatte.

 

Noch ehe er sich versah, stand sie bereits vor ihm – lebhaft, dunkel, von durchschnittlicher Größe. Als er sie näher betrachtete, kam ihm zum Bewußtsein, daß sie sogar schön war.

 

»Es ist mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen«, begrüßte er sie höflich in französischer Sprache. »Was kann ich für Sie tun?«

 

Sie lächelte leicht über diesen etwas brüsken Empfang.

 

»Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir zehn Minuten Ihrer sonst so kostbaren Zeit schenken, würden, Mr. Mackenzie«, entgegnete sie auf englisch. »Ich habe Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen.« Dann reichte sie ihm einen Brief, der den Stempel des Innenministeriums trug. Es war ein Einführungsschreiben, das ihr ein hoher Beamter gegeben hatte. Inspektor Mackenzie wunderte sich jetzt nicht mehr, daß sie ihn aufgesucht hatte.

 

»Kennen Sie Mr. Morstels?« fragte sie.

 

Er schüttelte den Kopf.

 

Sie zögerte.

 

»In London müssen Sie aber doch – gewisse Gerüchte hören … Ich meine, von West End. Haben Sie noch nie etwas von Margaret Stretelli erfahren?«

 

Mackenzie runzelte die Stirn.

 

»Selbstverständlich, der Name kommt mir bekannt vor. Sind Sie mit der Dame verwandt?«

 

»Sie war meine Schwester«, entgegnete sie ruhig.

 

Sie nickte: wieder, und er sah, daß ihre Augen feucht wurden.

 

Als Margaret Stretelli aus London verschwand, war man in Scotland Yard darüber weder erleichtert noch betrübt, aber man vermerkte es. Margaret gehörte zu einem Kreis moderner junger Damen, die sich gewöhnlich in einem Restaurant in Soho trafen. Man wußte im Polizeipräsidium, daß sie mit allen möglichen fragwürdigen Elementen zusammenkam. Sie war in gewisser Weise am Kokainhandel beteiligt, da sie das Rauschgift selbst kaufte. Einmal hatte die Polizei eine Razzia abgehalten und sie in einer Kokainkneipe abgefaßt, so daß sie vor den Polizeirichter kam und eine Ordnungsstrafe erhielt. Ein anderes Mal hatte sie ebenfalls die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gelenkt, weil sie in ihrem Luxuswagen gegen einen Laternenpfahl gefahren war. Ihr selbst war bei den Unfall nichts geschehen.

 

In Scotland Yard interessierte man sich für die Extravaganzen dieser jungen Dame. Man wußte, daß sie über große Geldmittel verfügte, und als sie sich nicht länger in den Lokalen zeigte, in denen sie früher verkehrt hatte, erkundigte man sich nach ihrem Verbleib. Es stellte sich heraus, daß sie einen Gutsbesitzer in Mittelengland geheiratet hatte. Ein paar Wochen nach der Hochzeit brannte sie ihm jedoch durch und fuhr nach New York. Das war eine ziemlich uninteressante Geschichte, die ähnlich auch schon anderen Leuten passiert war. Es lohnte sich kaum, die, Einzelheiten zu den Akten zu nehmen. Da aber alle Verbrechen mit nichtssagenden Geschichten beginnen, wurden auch diese Daten gesammelt und notiert.

 

»Vielleicht ist es besser, wenn ich Ihnen zuerst kurz die Geschichte unserer Familie erzähle«, begann Mona Stretelli. »Mein Vater war ein bekannter Arzt in Madrid. Bei seinem Tod hinterließ er seinen beiden Töchtern, Margaret und mir, fünf Millionen Pesetas. Ich hatte den Beruf meines Vaters ergriffen und übte schon drei Jahre eine Praxis aus, als er starb.

 

Meine arme Schwester Margaret führte ein bewegtes Leben und suchte Zerstreuungen, die nach ihrem Geschmack waren. Drei Monate nach dem Tod meines Vaters ging sie nach Paris, um Musik zu studieren, und von dort nach London, wo sie in den Kreisen der Boheme verkehrte – unter anderem auch mit Leuten, die bei der Polizei unbeliebt waren. Wie sie mit Mr. Morstels bekannt wurde, habe ich niemals erfahren können. Sie hatte bereits einen großen Teil ihres Geldes verbraucht, als sie unter seinen Einfluß kam. Er machte ihr einen Heiratsantrag, und sie wurden auf dem Standesamt in Marylebone getraut. Darauf zog sie mit ihm auf sein Gut in Little Saffron.

 

Verschiedene Dorfbewohner haben sie gesehen, und soweit ich herausbringen konnte, hat sie im ganzen drei Wochen mit ihm zusammen gelebt. Wie lange sie dann noch dort wohnte, ist nicht bekannt. Es mögen drei Monate gewesen sein, vielleicht auch nur einer. Als sie verschwand, glaubte man im Dorf allgemein, daß sie ihrem Mann davongelaufen sei. Die Leute waren ja schon gewöhnt, daß Mr. Morstels mit seinen Ehen Unglück hatte.«

 

»War er schon öfter verheiratet?« fragte Mackenzie.

 

»Schon zweimal. Auch seine beiden ersten Frauen waren ihm durchgegangen, und er hatte sich scheiden lassen. Mr. Mackenzie, ich bin fest davon überzeugt, daß meine Schwester ermordet worden ist!«

 

Er richtete sich plötzlich auf.

 

»Ermordet? Aber liebes gnädiges Fräulein, es ist doch leicht möglich, daß Ihre Schwester tatsächlich davonlief.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Das ist unmöglich. Wenn sie ihn verlassen hätte, wäre sie sofort zu mir gekommen. Wir waren immer die besten Freundinnen, und obgleich sie sehr eigensinnig und dickköpfig war, wandte sie sich doch immer an mich, wenn sie in eine unangenehme Situation geriet.«

 

»Haben Sie denn Mr. Morstels kennengelernt?«

 

»Ja, ich habe ihn gesehen, und zwar gestern zum erstenmal. Und nachdem ich ihn getroffen habe, bin ich davon überzeugt, daß meine Schwester ermordet wurde.«

 

»Das ist eine schwere Anklage, die Sie erheben. Ich will allerdings glauben, daß Sie derartiges nicht sagen würden, wenn Sie nicht guten Grund dazu hätten«, entgegnete Mackenzie lächelnd. »Und da Sie Ärztin sind, lassen Sie sich wahrscheinlich nicht leicht durch Stimmungen beeinflussen und überlegen sich, was Sie sagen.«

 

Sie nickte mit dem Kopf, erhob sich und ging erregt im Büro auf und ab. »Verzeihen Sie, Mr. Mackenzie, aber ich bin so fest davon überzeugt, daß meine arme Schwester Margaret tot ist, daß ich es nicht glauben würde, wenn ich sie in diesem Augenblick ins Zimmer treten sähe.«

 

»Aber wie kommen Sie denn darauf?« fragte Mackenzie hartnäckig. »Außer der Tatsache, daß Mr. Morstels dreimal geheiratet hat, ist doch nichts gegen ihn bekannt?«

 

»Ich selbst habe Nachforschungen angestellt. Die Polizeibehörde seines Ortes hält ihn für einen ehrbaren Charakter, aber ich glaube, daß ich Ihnen Einzelheiten mitteilen kann, die Sie interessieren werden. Bevor Margaret London verließ, hat sie sechstausendfünfhundert Pfund von ihrer Bank abgehoben. Und wo blieb das Geld?«

 

»Haben Sie ihn denn nicht gefragt?«

 

»Doch. Er antwortete mir, daß meine Schwester, als sie von ihm wegging, nicht nur ihr eigenes Geld, sondern auch noch eine große Summe von ihm mitgenommen habe, so daß er im Augenblick in großer Verlegenheit sei. Ja, er hatte sogar die Unverschämtheit, mich aufzufordern, ihm Schadenersatz zu leisten!«

 

Mackenzie stützte das Kinn in die Hand und dachte nach.

 

»Die Sache scheint sich tatsächlich mehr und mehr zu einer Mordgeschichte zu entwickeln«, meinte er. »Aber ich hoffe schon um Ihretwillen, daß Sie sich irren, Miss Stretelli. Auf jeden Fall werde ich Mr. Morstels aufsuchen.«

 

*

 

An einem Wintermorgen, an dem alle Zweige und Sträucher in dem Obstgarten von Mr. Peter Morstels bereift waren, ging Detektivinspektor Mackenzie langsam von der Eisenbahnstation nach Morstels‘ Haus. Er hatte seine Pfeife angesteckt und trug den zusammengerollten Regenschirm, ohne den er niemals ausging.

 

Als er das Haus auf dem Hügel sah, blieb er stehen und betrachtete das Gebäude – einen häßlichen Betonneubau – eingehend. Es stand am Abhang, und man mußte von dort eine prachtvolle Aussicht haben.

 

Fünf Minuten später war er bei dem Gebäude selbst angekommen – irgendwie machte es ihm keinen günstigen Eindruck. Er klopfte an die Tür, und ein großer breitschultriger Mann öffnete ihm.

 

Sein nicht allzu volles Haar zeigte eine rötlichblonde Färbung, und er hatte ein rotes gesundes Gesicht. Mit argwöhnischen Blicken maß er den Detektiv.

 

»Guten Morgen, Mr. Morstels. Ich bin Inspektor Mackenzie von Scotland Yard.«

 

Kein Muskel in dem Gesicht des Mannes rührte sich. Er zuckte mit keiner Wimper, während er ihn mit seinen großen, blauen Augen fest ansah.

 

»Freut mich – bitte treten Sie näher.«

 

Morstels führte den Inspektor in eine mit Steinfliesen ausgelegte Küche, die niedrig, aber sehr sauber war.

 

»Hat Miss Stretelli Sie hergeschickt?« fragte er. »Nach allem, was ich von ihr weiß, muß ich das annehmen. Als ob ich nicht schon gerade genug Sorgen und Kummer mit ihrer Schwester gehabt hätte!«

 

»Wo ist denn Ihre frühere Frau?« fragte Mackenzie geradezu.

 

»Die muß sich irgendwo in Amerika aufhalten. Selbstverständlich hat sie mir nicht die Stadt genannt, in die sie ziehen wollte. Ich habe ihren letzten Brief oben.«

 

Nach ein paar Minuten kehrte er mit einem grauen Briefbogen zurück, der weder Anschrift noch Adresse trug.

 

 

Ich verlasse Dich, weil ich das ruhige Landleben nicht vertragen kann. Diesen Brief schreibe ich an Bord der Teutonic. Bitte reiche die Scheidungsklage gegen mich ein. Ich möchte Dir nur noch kurz mitteilen, daß ich nicht unter meinem eigenen Namen reise.

 

 

Mackenzie betrachtete das Schreiben von allen Seiten.

 

»Ich möchte nur wissen, warum sie nicht die Briefbogen genommen hat, die man umsonst an Bord bekommen kann?« fragte er freundlich. »Eine Frau, die in aller Eile abreist, packt doch gewöhnlich kein Briefpapier in ihren Koffer. Sie haben sie doch sicher in der Passagierliste gefunden? – Ach so, ich verstehe, das konnten Sie ja nicht, weil sie unter einem anderen Namen reiste. Wie mag sie nur mit den Paßschwierigkeiten fertig geworden sein?«

 

Der Inspektor sagte das alles leichthin, betrachtete aber dauernd den Mann, der vor ihm stand. Wenn er aber glaubte, daß er Peter Morstels irgendwie beeinflussen konnte, irrte er sich.

 

»Wie sie mit ihrem Paß fertig geworden ist, geht mich doch nichts an. Darum soll sie sich allein kümmern«, entgegnete der Mann ruhig. »Sie hat mich nicht ins Vertrauen gezogen. Ihre Schwester ist ja ganz darauf versessen, daß ich sie umgebracht haben soll«, sagte er dann und lachte. »Glücklicherweise war ich allein im Haus, als sie neulich herkam. Es hätte ja einen hübschen Spektakel im Dorf gegeben, wenn meine Dienerschaft alles gehört hätte, was sie mir an den Kopf warf.«

 

Auch Morstels sah den Inspektor dauernd an.

 

»Ich vermute, daß sie Ihnen auch all den Unsinn erzählt hat. Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen gern die Erlaubnis, das ganze Haus vom Keller bis zum Dach zu durchsuchen. Mehr kann ich wahrhaftig nicht tun. Das einzige, was noch von ihr hier ist, sind ein paar Kleider. Wollen Sie die vielleicht sehen?«

 

Mackenzie folgte ihm die Treppe hinauf zum großen gemeinsamen Schlafzimmer, das nach vorn heraus lag. In einem eingebauten Schrank fand er einen braunen Pelzmantel, drei Kleider und ein halbes Dutzend Paar Schuhe. Diese betrachtete er und entdeckte ein Paar, das noch nicht getragen war. Mackenzie, der die Frauen kannte, zog seine Schlußfolgerungen aus dieser Tatsache.

 

Eine Untersuchung des Gartens und des Grundstücks brachte ihn der Lösung auch nicht näher. Er konnte sich nicht erklären, wie die Frau verschwunden sein mochte.

 

»Was bauen Sie denn da?« fragte Mackenzie und wies auf einen halbvollendeten Betonanbau.

 

Morstels lächelte.

 

»Ich wollte einen Anbau fertigstellen. Darin sollte auch ein Schlafzimmer und ein Bad für meine Frau eingerichtet werden. Dieses Haus war ihr nicht gut genug. Der untere Teil war zu einem Wohnzimmer bestimmt, das sie gleichzeitig als Boudoir benutzen wollte. Ich bin kein vermögender Mann, Mr. Mackenzie, aber ich hätte mein letztes Geld für diese Frau hergegeben! Sie war sehr reich, sie hatte Tausende, aber ich habe davon nichts bekommen. Und ich wollte auch gar nichts davon!«

 

Mackenzie holte tief Atem.

 

»Dann haben Sie allerdings viel Unglück in Ihren Ehen gehabt«, meinte er, und Morstels brummte etwas, das wohl eine Bestätigung sein sollte.

 

*

 

Nachdenklich reiste Mackenzie nach London zurück, und als er in Scotland Yard ankam, wartete Mona Stretelli bereits in seinem Büro auf ihn.

 

»Ich kann es Ihnen schon ansehen, daß Sie nichts erreicht haben«, sagte sie.

 

»Dann müssen Sie ja eine Gedankenleserin sein«, entgegnete er lächelnd. »Es steht bei mir fest – aber das sage ich Ihnen nur inoffiziell –, daß Morstels ein Lügner ist. Er mag ja auch ein Mörder sein, aber das ist noch nicht ganz erwiesen!«

 

»Glauben Sie, daß Sie etwas finden würden, wenn Sie einen Haussuchungsbefehl hätten?«

 

Mackenzie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das glaube ich nicht«, erwiderte er bedauernd. »Dieser Mann ist mehr als ein gewöhnlicher Verbrecher. Wenn er diese unglückliche Frau ermordet haben sollte –«

 

Er sah, daß sie bleich wurde und schwankte, und eilte zu ihr, um sie zu stützen.

 

»Es ist nichts«, sagte sie, aber ihr Gesicht nahm einen leidenschaftlichen Ausdruck an, und ihre Augen blitzten so, daß er erschrak. »Und ich schwöre Ihnen«, rief sie heftig, »daß dieser Mann nicht entkommen Soll. Er wird für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden –«

 

Plötzlich brach sie ab, preßte die Lippen zusammen und reichte ihm die Hand.

 

»Ich werde Sie nicht wiedersehen.«

 

Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von ihm. Am Nachmittag berichtete Mackenzie seinem Chef über den Fall, aber der hatte wenig Hoffnung, die Sache aufzuklären.

 

»Ich fürchte, wir können nichts tun. Natürlich begreife ich, daß die spanische Dame über den Verlust ihrer Schwester sehr aufgeregt ist. Aber häufig verschwinden Personen, besonders wenn sie – der Boheme angehören. Vielleicht taucht sie in kurzer Zeit in Monte Carlo auf.«

 

Mackenzie war nicht der Ansicht.

 

Vierzehn Tage lang sah er Mona Stretelli nicht, aber er las von ihr in der Zeitung. Es waren kostbare Juwelen versteigert worden, die einem Marquis gehörten, und sie hatte einen berühmten Ring mit einer Gemme gekauft, der früher im Besitz von Marie Antoinette gewesen war. In der Zeitung war besonders vermerkt, daß sie zweihundert Pfund dafür gezahlt hatte. In einer illustrierten Zeitschrift erschien sogar eine Abbildung des Ringes, und daraus ging hervor, daß er ein ganz besonderes Aussehen hatte und mit keinem anderen verwechselt werden konnte. Es wurde in den Blättern ausdrücklich erwähnt, daß der Ring eine außergewöhnliche Größe habe und sich wohl kaum als Schmuckstück für eine Frau eigne. Mackenzie wunderte sich, daß Mona Stretelli ihren Schmerz so schnell vergessen hatte und sich mit solchen Dingen tröstete.

 

Aber dann ereignete sich etwas Unvorhergesehenes. Sie kam nach Scotland Yard, ohne sich vorher anzumelden, und suchte Mr. Mackenzie im Büro auf. Er hoffte, daß sie ihm etwas Neues über den Fall mitteilen würde, aber er war entsetzt und sprachlos, als er den Grund ihres Besuches erfuhr.

 

»Mr. Mackenzie«, sagte sie, »ich habe Ihnen gegenüber Mr. Morstels verdächtigt. Das war nicht recht von mir. Mein Argwohn hat sich nicht bestätigt.«

 

Bestürzt sah er sie an.

 

»Haben Sie ihn denn kürzlich gesehen?«

 

Sie nickte, und das Blut stieg ihr in die Wangen.

 

»Ich werde ihn noch diese Woche heiraten«, erwiderte sie mit etwas unsicherer Stimme.

 

Ungläubiges Erstaunen drückte sich in seinen Zügen aus.

 

»Sie wollen ihn heiraten?« fragte er atemlos.» Aber Sie wissen doch, mit wem Sie es zu tun haben –«

 

»Ich fürchte, daß wir beide ein Vorurteil gegen ihn gefaßt haben«, entgegnete sie ruhiger. »Ich täuschte mich jedenfalls. Als ich ihn nachher näher kennenlernte, fand ich, daß er ein liebenswürdiger, faszinierender Charakter ist.«

 

»Das muß wohl der Fall sein«, sagte der Inspektor grimmig. »Aber sind Sie sich auch über das klar, was Sie tun?«

 

Sie nickte.

 

»Ja, ich werde ihn heiraten – wenn seine Scheidung bei Gericht erledigt ist. Ich besuche ihn jetzt für eine Woche. Seine Tante kommt auch, so daß noch eine ältere Dame im Haus ist. Ich sagte Ihnen ja, daß ich Sie nicht wiedersehen würde, und diesmal meine ich es wirklich.«

 

Dann verabschiedete sie sich kurz und ging. Gerade als sie sich der Tür zuwandte, fiel ihre Tasche zu Boden. Eilig hob Mona Stretelli sie wieder auf und ging hinaus. Beim Fallen hatte sich aber die Tasche geöffnet, und eine längliche, seidene Börse war herausgefallen. Inspektor Mackenzie entdeckte sie erst, als die Dame bereits gegangen war. Sofort öffnete er sie, da er glaubte, er würde eine Karte mit ihrer Pariser Adresse finden, aber er entdeckte nur eine Quittung, die ihn außerordentlich interessierte.

 

Ein paar Sekunden später wurde sie ihm wieder gemeldet. Allem Anschein nach hatte sie inzwischen ihren Verlust bemerkt.

 

»Ich weiß, warum Sie gekommen sind«, sagte Mackenzie, als sie mit feuerrotem Gesicht vor ihm stand. »Hier – ich fand die Börse vor ein paar Sekunden auf dem Boden.«

 

»Ich danke Ihnen vielmals«, erwiderte sie atemlos, und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sie sich kurz um und ging rasch hinaus.

 

*

 

Am nächsten Morgen erhielt Mackenzie ein Telegramm von ihr, in dem sie ihm mitteilte, daß sie aufs Land ginge. Mackenzie hatte seine eigenen Gedanken über den Fall, aber vor allem beschäftigte ihn die Frage, was wohl Peter Morstels zu dem Ring von Marie Antoinette sagen würde.

 

Am zweiten Morgen nach der Abreise Mona Stretellis ging er zum Waterloo-Bahnhof, um die Leute genauer zu beobachten, die mit dem Zug nach Southampton reisten. Gerade an dem Tag fuhr ein großer transatlantischer Dampfer ab, für den viele Passagiere gebucht hatten. Deshalb war der Zug so überfüllt, daß die Eisenbahndirektion noch einen zweiten Zug folgen ließ.

 

»Ist doch merkwürdig, wieviel die Amerikaner reisen«, meinte der Stationsvorsteher, als er Inspektor Mackenzie erkannte. »Sehen Sie doch nur die alte Dame dort drüben.« Er zeigte auf eine gebeugte Gestalt in tiefer Trauer, die sich mühsam an zwei Krücken den Bahnsteig entlangschleppte. »Es gehört doch allerhand dazu, daß eine Frau in so vorgerücktem Alter noch eine so lange Reise unternehmen will.«

 

»Ja, das ist wirklich außerordentlich«, antwortete Mackenzie leise.

 

Als er am Nachmittag in sein Büro kam, fand er einen befleckten, schmutzigen Briefumschlag vor. Die Adresse war mit Bleistift geschrieben.

 

Als er ihn öffnete, entdeckte er eine Visitenkarte von Mona Stretelli. Auf der Rückseite standen nur die wenigen Worte:

 

 

»Um Himmels willen, kommen Sie und retten Sie mich!«

 

 

Mackenzie ging mit dieser Nachricht zu seinem Chef und erstattete Bericht. Und von diesem Augenblick an wollte er nichts mehr mit der Sache selbst zu tun haben. Aber trotzdem wurde ihm der Erfolg zugeschrieben, den die Polizei später hatte.

 

»Aber Mackenzie, Sie müssen die Leitung des Falles übernehmen«, drängte der Chef.

 

Mackenzie ließ sich jedoch nicht erweichen, und so wurde schließlich Inspektor Jordan mit der ganzen weiteren Bearbeitung betraut.

 

*

 

Gegen Mitternacht kam Jordan zu dem Haus von Morstels. Er war bewaffnet und hatte sich einige Begleiter mitgebracht; der Chef hatte das angeordnet. Peter Morstels war nur halb angekleidet, als er die Haustür öffnete, und er wurde ein wenig bleich, als er sah, wer sein Besucher war.

 

»Wo ist Mona Stretelli?« fragte Jordan kurz.

 

»Sie hat das Haus verlassen«, sagte Peter. »Sie ist gleich am selben Abend wieder fortgegangen. Meine Tante konnte nicht herkommen, und Miss Stretelli wollte sich nicht kompromittieren.«

 

»Sie lügen«, entgegnete der Detektiv kurz. »Ich werde Sie verhaften und dann das Haus genau durchsuchen.«

 

Die Durchsuchung ergab nichts, aber am Morgen verhörte Jordan die einzelnen Leute im Dorf und erfuhr verschiedenes, was die Lage Morstels‘ sehr gefährdete. Zwei Bauern waren von einem benachbarten Dorf zurückgekehrt und hatten dabei einen Weg benützt, der sie in der Nähe seines Hauses vorbeiführte. Und sie hatten den unheimlichen Schrei einer Frau gehört. Es mochte etwa neun Uhr gewesen sein, als dies passierte. Der Schrei kam deutlich aus der Richtung des Hauses. Sonst hörten sie nichts. Die Bauern kümmerten sich wenig um die Sache. Als Morstels später darüber ausgefragt wurde, gab er ohne weiteres zu, daß Mona Stretelli aus keinem besonderen Grunde plötzlich angefangen hatte, furchtbar zu schreien.

 

»Sie benahm sich wie eine Wahnsinnige. Man konnte sie kaum halten. Aber Sie können mich doch nicht verhaften, weil eine Frau hier geschrien hat? Ich ließ ihr eine Stunde Zeit, sich zu beruhigen. Dann ging ich zu ihrem Zimmer, klopfte an die Tür, erhielt aber keine Antwort. Als ich öffnete, war sie fort. Wahrscheinlich war sie durch das Fenster gesprungen, denn von dort aus konnte sie leicht die Straße erreichen.«

 

»Die Geschichte macht aber einen ganz faulen Eindruck«, sagte Jordan. »Ich bringe Sie jetzt zur Polizeiwache, während Ihr Anwesen durchsucht wird.«

 

Man wühlte den Garten um, und am dritten Tag machte man eine große Entdeckung. In einer Tiefe von nicht ganz anderthalb Metern fand man einen Haufen halbverbrannter Knochen. Was den Fund für Morstels so gefährlich machte, war die Tatsache, daß man den halb verkohlten und zusammengeschmolzenen Ring Marie Antoinettes entdeckte!

 

Jordan kehrte nach London zurück und teilte Mackenzie sofort die Neuigkeit mit.

 

»Jetzt ist ja alles klar. Er hat wahrscheinlich die Leichen seiner ermordeten Frauen verbrannt. Ich habe auch einen großen Herd in der Küche entdeckt. Bei der Abgelegenheit des Hauses muß es ihm leichtgefallen sein, das zu tun, ohne daß andere Leute es merkten. Übrigens habe ich durch unseren Mediziner bereits feststellen lassen, daß es sich um Menschenknochen handelt.«

 

»Es müssen deshalb aber noch nicht die Knochen Mona Stretellis sein«, warnte ihn Mackenzie.

 

»Aber wir haben doch auch die Überbleibsel dieses sonderbaren Ringes gefunden. Das genügt doch wohl als Beweis!«

 

Während des langen Prozesses, der nun folgte, zeigte Morstels eine Kaltblütigkeit, die ihresgleichen suchte. Erst als das Todesurteil ausgesprochen wurde, brach er zusammen, aber er faßte sich bald wieder.

 

*

 

Am Morgen vor der Hinrichtung fuhr Mackenzie nach dem Gefängnis von Nottingham, um den Verurteilten noch einmal zu sprechen. Morstels hatte es selbst so gewünscht. Als der Inspektor in die Zelle kam, rauchte der Gefangene eine Zigarette und plauderte mit einem Wärter. Er nickte Mackenzie zu.

 

»Sie haben mir Unglück gebracht, aber ich werde Ihnen wenigstens noch ein Geständnis machen. Ich habe verschiedene Frauen umgebracht, im ganzen drei.« Er zuckte gleichgültig die Schultern. »Ich habe sie alle in Beton eingemauert, und zwar in dem Fundament zu dem Anbau meines Hauses«, fuhr er dann lachend fort. »Mona Stretelli habe ich aber nicht ermordet, darauf kann ich jeden Eid leisten. Es ist tatsächlich etwas hart für mich, Mackenzie, daß ich wegen eines Mordes gehängt werden soll, den ich gar nicht begangen habe.«

 

Er dachte eine Minute nach.

 

»Ich möchte diese Mona Stretelli doch noch einmal wiedersehen und ihr gratulieren.«

 

Mackenzie antwortete nicht. Er hatte an jenem Tag in Monas Tasche eine Quittung für eine Schiffspassage nach den Vereinigten Staaten gesehen, und um sich zu vergewissern, war er dann zum Waterloo-Bahnhof gegangen und hatte sie trotz ihrer guten Verkleidung erkannt. Sie war die alte Frau auf Krücken gewesen.

 

Am Abend nach ihrer vermeintlichen Ermordung befand sie sich an Bord eines Ozeandampfers und fuhr einer neuen Heimat entgegen. Sie hatte sich die halbverbrannten Menschenknochen in einem anatomischen Institut besorgt und auf Morstels‘ Grunde stück zusammen mit dem Ring Antoinettes vergraben. Mackenzie hatte es gewußt, aber nichts davon gesagt und auch nichts getan, um die Sache aufzuklären. Sein Pflichtbewußtsein und sein Gerechtigkeitssinn waren in schweren Konflikt geraten, aber im ganzen war er über den Ausgang des Falles Stretelli höchst befriedigt.

 

Das Diamantenklavier

 

Das Diamantenklavier

 

 

»Auf schwarzdunklem Moor oder felswildem Strand

Leg‘ ich mich nieder, wegmüd und krank.

Kalt wölbt sich der Himmel von West nach Ost,

Weder Mantel noch Decke schützt mich vor Frost.

Nur kaltfunkelnde Sterne halten still Wacht –

Wer weiß, wo ich ruhn werde in dieser Nacht!«

 

 

Wenn dies nicht Poggys Lieblingsballade gewesen wäre, würde Ferdie auch den Mund gehalten und nichts gesagt haben. Aber sooft sich Letty an den schönen Flügel setzte, mit ihren schlanken, weißen Händen über die Tasten fuhr, die Noten vornahm und sagte: »Ach, das mag ich nicht«, oder: »Das ist herrlich, aber ich kann es leider noch nicht richtig zum Ausdruck bringen«, und schließlich den »Zigeunersang« spielte, konnte Ferdie einfach wütend werden. Er biß dann die Zähne zusammen, lehnte sich in seinem Sessel zurück und sagte das große Einmaleins vor- und rückwärts her, bis sie mit dem Stück fertig war. Natürlich hatte Poggy den »Zigeunersang« gedichtet und komponiert. Sein Name, E. Poglam Bannett, stand in großen Buchstaben quer auf der Vorderseite, und Poggy erhielt unglaublich hohe Summen als Tantiemen für diese Komposition. Zu den Ungläubigen gehörte auch Ferdie.

 

»Das ist doch einfach ein blödsinniges Gedudel«, sagte Ferdie. »Dabei kann man sich doch überhaupt nichts Vernünftiges denken. Wie kann man nur so etwas sagen: ›Wer weiß, wo ich ruhn werde in dieser Nacht!‹ Einen solchen Quatsch brauchst du doch nicht zu singen. Du weißt doch sehr gut, wo dein Zimmer ist!«

 

Letty ließ die Hand in den Schoß sinken. Am liebsten hätte sie ihm eine Ohrfeige gegeben.

 

Aber statt dessen nahm sie ein Buch, ging zum Bibliothekstisch hinüber, den ihr Vater im Wohnzimmer aufgestellt hatte, und setzte sich. Dann unterhielten sich die beiden miteinander. Aber es kam in den nächsten zehn Minuten zu einer scharfen Auseinandersetzung.

 

»Hoffentlich ist dir bewußt«, erklärte Ferdie mit stockender Stimme, »daß du mein ganzes Leben zerstört hast.«

 

Lettice Revel dachte darüber nach, dann runzelte sie die Stirn, verzog den Mund und überlegte sich, was sie ihm antworten sollte.

 

»Du spielst also auch den sehnsüchtigen Spanier?« fragte sie schließlich.

 

Ferdie kannte die letzten Operetten nicht und wußte daher auch nichts von dem Schlager »Der sehnsüchtige Spanier«. Aber die Spanier waren im allgemeinen ein romantisches und melancholisches Volk, deshalb hatte er nichts gegen die Bezeichnung einzuwenden.

 

»Ja, ich glaube, daß die Spanier auch zu solchen Stimmungen neigen. Ich sage dir, Letty, wie ein dürrer, kahler Fels steht mein zerstörtes Leben in der Brandung des Weltalls. Du hast mich einfach vernichtet. Es ist, als ob ich von den rasiermesserscharfen Rädern des Schicksals zermalmt würde!«

 

»Ach, du meinst zu einer Art Frikassee? Das erinnert mich an Irish Stew«, erwiderte sie interessiert. »Weißt du, wir hatten eine greuliche Lehrerin für Kochen im Pensionat. Wir haben sie die ›Zähe Dora‹ getauft, weil sie immer –«

 

»Aber ein Mann darf doch mit Recht verlangen, daß eine Frau nicht mit nägelbeschlagenen Schuhen auf seinen heiligsten Gefühlen herumtrampeln wird, wenn sie seinen Ring angenommen und auf seine Frage erwidert hat, daß sie ihn liebt. Wenn ein Mann noch Prinzipien hat und es deshalb ablehnen muß, zu einer Gesellschaft zu gehen, in der sich ein schrecklich fetter kleiner Musiker mit schwarzen öligen Locken und Hundeaugen breitmacht, dann ist er vollkommen in seinem Recht. Dieser blöde Hammel von einem Komponisten will sich bloß interessant machen und denkt, er ist gescheit, wenn er dumme Witze erzählt, die er sich doch nur aus einer Zeitung ausgeschnitten hat … Ja, da staunst du! Aber ich habe sie deutlich in seiner Brieftasche gesehen. Nein, dahin gehe ich nicht, und ich will auch nicht, daß du hingehst. Siehst du denn das nicht ein, Letty?«

 

Sie fuhr mit der Hand über die Stirn, die von schönen goldenen Locken umrahmt war, und lehnte sich resigniert zurück.

 

»Wer ist denn eigentlich der Mann, von dem du da immer redest? Dieser dicke, schwarzlockige Mann?«

 

»Selbstverständlich Poggy«, entgegnete er empört.

 

»Aha!« sagte Letty ruhig und seufzte.

 

Sie sah Ferdie jetzt ernst an. Jede Linie ihres Gesichtes zeigte, daß sie sich der Wichtigkeit des Augenblicks wohl bewußt war. Sie hatte ihren Verlobungsring mit dem großen Brillanten vom Finger gezogen und neben sich auf den Tisch gelegt. Ferdie sah beunruhigt auf den Ring, dann auf sie.

 

»Es hat keinen Zweck, daß wir diese peinliche Unterhaltung noch fortsetzen«, erklärte sie entschieden. »Ich mußte eben erleben, daß meine Ideale zusammenbrachen …«

 

»Was soll das heißen? Zusammenbruch deiner Ideale? Das klingt fast wie ein Kinodrama von Liebe und Aufopferung.«

 

»Sei ruhig – wir wollen uns trennen, ohne noch eine große Szene zu machen«, erwiderte sie und reichte ihm die Hand. »Ich werde dich niemals vergessen, Reggie.«

 

Er machte ein verzweifeltes Gesicht.

 

»Es hat gar keinen Zweck, dir noch zu sagen, daß ich Ferdinand heiße. Du hast dich schon genügend blamiert.«

 

Wütend nahm er den Ring.

 

»Untersteh dich nur nicht, ihn ins Feuer zu werfen«, warnte sie ihn, als er ihn anklagend hochhob.

 

»Da täuschst du dich aber sehr. Das Stück kostet hundertfünfundzwanzig Pfund. Abzüglich der zehn Prozent Nachlaß, die ich erhalten habe, weil ich den Direktor der Firma persönlich gut kenne. Meinst du, ich bin so blöde, daß ich ein solches Vermögen zum Fenster hinauswerfe? Ich wollte nur sehen, ob du den Ring verbogen hast! Aber du hast ihn wenigstens einigermaßen sorgfältig behandelt. Also, leb wohl, Letty.«

 

Sie sah ihn so sonderbar an, daß er stehenblieb.

 

»Sag mal, willst du jetzt auf die Löwenjagd gehen?« fragte sie ironisch.

 

Er schaute sie stumm und verzweifelt an.

 

»Oder willst du dir ein Haus mitten in einer Fiebergegend von Zentralafrika bauen? Wenn du mir früher solche Geschichten erzähltest, habe ich sie geglaubt, Ferdie. Ja, ich habe sogar einmal einen großen Aufruf in die Zeitung gesetzt und an verschiedene Blätter geschickt, die in Zentralafrika gelesen werden, aber am selben Abend sah ich dich dann bei Chiro, wo du Molly Fettingham den neuesten Tango beibrachtest. Ferdie, bedenke, daß du hier zu einer Frau sprichst, die schwer gelitten hat.«

 

»Das darfst du mir nicht vorwerfen. Ich versäumte damals den Dampfer.«

 

»Natürlich. Du hattest ja genug damit zu tun, Mollys weit ausgeschnittenen Rücken zu bewundern. Ich kenne dich zur Genüge. Du gehst doch nicht fort, vor allem nicht nach Afrika. Morgen kniest du wieder hier zu meinen Füßen.«

 

Sie zeigte auf die Teppichstelle vor sich, und Ferdie sah sich das Muster genau an.

 

Durch das offene Fenster kamen die sanften Klänge; der Kirchenglocken und der Weihnachtslieder. Eine Kapelle der Heilsarmee spielte an der nächsten Straßenecke. Ferdie erkannte sie an dem verstimmten hohen E der Ersten Trompete.

 

»Das ist also der Weihnachtsabend«, sagte er bitter.

 

»Ja, heute ist der Vierundzwanzigste – wußtest du das denn nicht?«

 

»Und morgen ist der erste Weihnachtsfeiertag. Da hast du natürlich diesen Jüngling mit den Schweineschmalzlocken – deinen Poggy – hier. Dann kannst du ihm ja vorsingen: ›Wer weiß, wo ich ruhn werde in dieser Nacht!‹, und du kannst dir die Seiten halten vor Lachen, wenn er seine kindlichen Witze erzählt, die nicht einmal auf seinem eigenen Mistbeet gewachsen sind. Leider geht heute abend kein Dampfer nach Asien, aber vielleicht denkst du später einmal daran, wenn ich fort bin, daß ich einsam in einer Kneipe sitze und mein Elend in Bier ertränke – ganz allein!«

 

»Sicher brauchst du niemand zur Unterstützung, wenn du Bier trinken mußt«, entgegnete sie eisig. »Ferdie, ich wünsche dir ein fröhliches Fest. Es liegt ja kein Grund vor, warum wir nicht auch fernerhin gute Freunde bleiben sollen. Ich habe leider schon seit einiger Zeit erkannt und mich zu der Überzeugung durchgerungen, daß wir unserem Temperament nach nicht zusammenpassen. Und heutzutage haben sich die Zeiten geändert, eine Frau hat mindestens auch das Recht, sich ihre Freunde auszuwählen.«

 

»Eine Frau!« sagte er und geriet wieder in Harnisch. »Weißt du noch, daß ich vor einem Jahr in den Weihnachtsferien jeden Tag hergekommen bin und mir die größte Mühe gegeben habe, dir Mathematik einzubleuen, damit du ein anständiges Schulzeugnis bekommst? Wer hat denn die halben Nächte hier gesessen, nur um dir gefällig zu sein und dir zu helfen?«

 

»Die Vergangenheit ist für mich tot«, sagte sie würdevoll.

 

»Natürlich … Was bist du doch für eine elegante, große Dame von Welt!«

 

Bisher hatte sie sich beherrscht und war ruhig geblieben, aber jetzt sprang sie auf. Sie hätte die große Dame von Welt weiterspielen können, aber die letzten Worte hatten sie doch zu sehr geärgert.

 

»Ferdie, jetzt machst du, daß du hinauskommst! Oder soll ich dem Butler klingeln, daß er dich hinauswirft?«

 

Ferdinand machte eine stumme Verbeugung. Diesen Zornesausbruch hatte er nicht erwartet, und für den Augenblick jedenfalls war er geschlagen.

 

»Ich will nur sagen –«, begann er.

 

Sie ging zum Kamin, legte einen Finger auf die elektrische Klingel und sah ihn düster und doch zugleich neugierig an, denn sie war gespannt, was er jetzt tun würde.

 

Mr. Ferdinand Stevington trat auf die Straße hinaus und schlug den Kragen seines Mantels hoch. Es regnete ein wenig, und es wehte ein warmer Westwind.

 

Und nun stand Ferdie an dem schönen, schmiedeeisernen Zaun, der das Trottoir von dem Vorgarten trennte, und sah mit trüben Augen nach dem hellerleuchteten Fenster, hinter dem sie weilte. Er fühlte sich so unendlich einsam und verlassen, und er war wütend und aufgebracht über all die Leute, die es besser hatten als er, die nicht bei Wind und Wetter von Haus und Hof vertrieben wurden und ihm nicht einmal die Brotkrumen gönnten, die von ihren reichbesetzten Tafeln fielen.

 

Sein Chauffeur Nobbins brachte den eleganten Rolls-Royce geräuschlos und geschickt an die Bordschwelle des Gehsteigs.

 

»Nein, ich danke Ihnen, Nobbins; ich werde zu Fuß gehen«, sagte Ferdie mit zitternder Stimme.

 

»Es regnet aber.«

 

»Das habe ich noch gar nicht gemerkt«, erwiderte Ferdie und fluchte, als ihm im selben Augenblick ein Regentropfen ins Auge fiel. »Ich werde trotzdem gehen«, beharrte er.

 

Er trug elegante, schwarze Lackschuhe, und auf der Straße war es naß und schmutzig. Schon oft hatten sich selbst gesunde Leute eine tödliche Krankheit durch nasse Füße zugezogen; der Tod hatte sie hinweggerafft, und an ihrer Bahre knieten dann Frauen mit rotgeweinten Augen. Aber auch die bitterste Klage konnte Tote nicht auferwecken. Ferdie biß die Zähne zusammen und ging am Rinnstein entlang.

 

Die Kapelle der Heilsarmee an der Ecke der Duke Street spielte den schönen Choral: »Christen, erwacht!« Das war allerdings etwas überflüssig, denn die meisten Christen in der Duke Street waren schon seit Stunden wach. Viele von ihnen tanzten nach den Klängen des Radios, und die Christen, die nach einem guten Abendessen und nach einem oder mehreren Likören in den Klubsesseln eingeschlafen waren, durften eigentlich nur vom Oberkellner oder vom Klubdiener aufgeweckt werden.

 

Aber in dieser feierlichen Stimmung zögerten selbst die Oberkellner, dieser Aufforderung der Heilsarmee nachzukommen.

 

Mit düsterem Ausdruck ging Ferdie weiter, und als die schöne Adjutantin der Heilsarmee ihm zaghaft die Sammelbüchse hinhielt, zuckte er nur wild die Schultern. Aber nach ein paar Schritten bereute er sein Verhalten, drehte sich um und gab reichlich. Dann kam ihm plötzlich ein Gedanke.

 

»Ach, würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, mit Ihrer Kapelle nach dem Haus Nr. 74 zu gehen? Spielen Sie: ›Wo wandert mein Herzliebster heut nacht.‹ Ist das möglich?«

 

Sie sprach mit dem Trompeter, und die Sache wurde sofort arrangiert.

 

Mit leichterem Herzen setzte Ferdie seinen Weg fort. Seine Wohnung in der Devonshire Street kam ihm einsam und verlassen vor. Auf dem Tisch lag ein kleines Päckchen, das in Silberpapier eingepackt und mit einem blauen Seidenband zugebunden war. Als er es sah, sank seine Stimmung sofort wieder unter Null. Auf dem Kamin stand die Fotografie eines schönen Mädchens, aber er drehte ihr ostentativ den Rücken zu.

 

»Nobbins ist hier.«

 

Der Diener wagte bescheiden, diese Äußerung zu tun.

 

»So, er ist hier? Dann lassen sie ihn nach Hause gehen und in den Schoß seiner Familie zurückkehren. Es ist heute Weihnachten – gehen Sie auch zu Ihrer Frau und zu Ihren Kindern!«

 

»Ich bin nicht verheiratet.«

 

Ferdie wandte sich müde nach ihm um.

 

»Haben Sie keine Familie?«

 

Stephen war ein sehr ordentlicher, frommer Mann, und sein höchster Ehrgeiz bestand darin, eines guten Tages einen Posten bei der Inneren Mission zu erhalten. Er hatte doch seinem Herrn gesagt, daß er nicht verheiratet war. Wie konnte er da Kinder haben! Er sah ihn vorwurfsvoll an. »Wie könnte ich denn eine Familie haben?« sagte er sanft, aber doch entrüstet.

 

Ferdie setzte sich tief in einen Sessel.

 

»Stephen, was haben Sie morgen vor?«

 

Der Diener räusperte sich.

 

»Wenn Sie es gestatten, wollte ich gern den Morgengottesdienst im Heim für Findelkinder mitmachen. Am Nachmittag gehe ich mit verschiedenen Freunden zum Marylebone-Arbeitshaus und spiele dort den armen Leuten ein wenig vor. Ich bin nämlich sehr musikalisch.«

 

»Ach, spielen Sie Harfe?«

 

»Nein, Saxophon. Das ist recht schwierig.«

 

»Dann gehen Sie hin und spielen Sie. Tragen Sie etwas von der Festfreude auch zu diesen armen, vereinsamten Menschen.«

 

Plötzlich richtete sich Ferdie auf.

 

»Sagen Sie, können Sie auch das Lied spielen: ›Wo wandert mein Herzallerliebster heut nacht‹?«

 

»Nein.«

 

Ferdie zeigte nach der Tür.

 

Stephen verneigte sich und ging hinaus.

 

Morgen war Weihnachtsfeiertag. Alle Einladungen bis auf eine hatte er abgelehnt. Und diese eine … Er lachte wild auf, so laut, daß man es draußen in der Dienstbotenstube hören konnte, wo Stephen und Nobbins Zigarettenbilder austauschten.

 

»Man muß an einem Weihnachtsabend vieles entschuldigen, Nobbins«, sagte Stephen, während christliche Nächstenliebe aus seinen Augen leuchtete. Sie waren beide Mitglieder einer frommen Gemeinschaft, aber Stephen war der frömmere von beiden. »Sagen Sie, kommen Sie morgen in das Arbeitshaus von St. Marylebone?«

 

»Bin ich etwa auch besoffen?« fragte der Chauffeur vorwurfsvoll.

 

Aber Ferdie war durchaus nicht besoffen, er war nicht einmal angeheitert. Er litt nur an gebrochenem Herzen. Es war vollständig zu Ende mit ihm. Sein Leben war zerstört, was sollte er noch damit anfangen? Ein Kind aus dem Feuer retten, wobei er sein Leben aufs Spiel setzte? Das Feuer mußte aber gerade in dem Haus ausbrechen, das Nr. 74 gegenüberlag. Rasieren brauchte er sich heute auch nicht mehr. Dann würde er einen Vollbart bekommen, zur See gehen, in weite Ferne, und später zurückkehren, schwarzbraun gebrannt von der Tropensonne. Ungewohnt des Verkehrs in der Großstadt würde er von einem Auto überfahren werden, nämlich von Lettys Zweisitzer. Und dann würden sie ihn aufheben und sterbend in das Haus Nr. 74 tragen. Wie würde Letty dann weinen! Er hörte schon ihren schrillen Aufschrei: »Ach, das ist ja Ferdie – was habe ich getan!«

 

Und wenn er dann als Seemann zurückkam, würde er immer tiefer und tiefer sinken, das heißt, sein in guten Aktien angelegtes Vermögen würde immer noch zehn bis zwölf Prozent bringen, das wurde nicht weiter davon betroffen. Davon konnte er ja im Augenblick absehen. Also, er würde immer tiefer und tiefer sinken, bis er schließlich im Armenhaus landete. Aber Stephen sank dann auch immer tiefer, bis er schließlich im Armenhaus im Zimmer nebenan wohnte! Dann konnte er ihm wenigstens morgens den Tee bringen und das Rasierwasser – nein, rasieren brauchte er sich ja nicht mehr, und dann würde er tagsüber auf den Straßen umherschleichen und Schnürsenkel und Streichhölzer verkaufen. Und eines Tages würde Letty des Weges kommen, auch etwas von ihm kaufen und ihn bestürzt ansehen. Bleich würde sie werden und mit ersterbender Stimme ausrufen: »Ach, Ferdie, habe ich das getan? Oh, welches Unrecht von mir!«

 

Ferdie klingelte.

 

»Bringen Sie mir ein Glas Milch«, sagte er, als Stephen kam.

 

»Warm oder kalt?«

 

Ferdie zuckte die Schultern.

 

»Das ist mir ganz gleich«, sagte er und stöhnte. Er war in einer gefährlichen Stimmung.

 

Und heute war Heiliger Abend! Er erinnerte sich an eine Weihnachtsgeschichte, die er einmal gelesen hatte. Irgend jemand hatte sie geschrieben – ach, Dickens hieß er. Ferdie nickte. Er erinnerte sich genau, daß es Dickens war. Welch ein fabelhaftes Gedächtnis für Namen hatte er doch! Die Geschichte handelte von einem alten Filz, einem Menschenfeind, einem Kerl, der das Weihnachtsfest haßte, der mit Verachtung an den Schaufenstern und ganzen Reihen herrlicher Christstollen vorbeiging und nur höhnisch grinste, wenn er rotbackige Äpfel und Nüsse vor sich sah. Ein Mann, der sich nichts aus Plumpudding machte und den Tannenbaum verachtete. Ferdie gab ihm ganz recht. Was für einen Zweck hatte auch das alberne Getue? Wie hieß der Mann doch gleich? Gooch oder Groodge … Scrooge! Jetzt wußte er es wieder. Ferdie konnte das Weihnachtsfest auch nicht mehr leiden. Er haßte alles, was irgendwie fröhlich oder heiter war.

 

Mühsam erhob er sich und drehte die Heizung ab, um die Temperatur im Zimmer herunterzubringen, so daß sie in Einklang mit seiner Stimmung kam. Stephen klopfte an die Tür, um sich zu verabschieden. »Frohe Weihnachten.«

 

»Frohe Weihnachten«, erwiderte Ferdie ironisch durch die Nase. Das hatte er früher nie getan, aber Scrooge sprach doch auch durch die Nase.

 

»Oh, haben Sie sich erkältet?« Stephen konnte sehr fürsorglich und väterlich sein.

 

»Nein, ich habe mich nicht erkältet! – Weihnachten! Löschen Sie das Feuer aus! Schließen Sie Brot und Butter fort! Tun Sie es ja, Stephen. Und wenn ein Bettler kommt, soll er nichts erhalten. Ihr Gehalt werde ich heruntersetzen – ich brauche Sie übrigens gar nicht mehr, nächste Woche können Sie gehen!«

 

Es schmerzte Ferdie, durch die Nase zu lachen; es war so, als ob es ihm nach Champagner aufstieße und sich die Luftblasen auf dem falschen Weg entfernen wollten, aber trotzdem lachte er.

 

Stephen ging zu dem Dienstbotenraum zurück.

 

»Nobbins«, sagte er ernst, »wir wollen zusammen für unseren Herrn beten.«

 

»Ja, wenn es nicht zu lange dauert.«

 

Und so saß Ferdie in dumpfer Verzweiflung, während Stunde um Stunde verging. Um Mitternacht riß er das kleine Päckchen in dem Silberpapier an sich, zog die Schleife auf und wurde dann nachdenklich. Sorgsam glättete er das Silberpapier und drückte auf den Knopf des kleinen Etuis. Glitzernd und glänzend lag ein großer Diamant an einer Platinkette vor ihm auf dem blauen Plüsch. Das Ding hatte viel Geld gekostet. Und was würde Letty ihm auch schon dafür geschenkt haben? Höchstens eine Zigarettenspitze, einen Spazierstock oder einen Manikürkasten. Nun, das konnte sie jetzt Poggy schenken! Er biß die Zähne aufeinander, daß sie knirschten. Letty würde auch enttäuscht sein, wenn sie kein Geschenk bekäme. Aber nein, so durfte er nicht denken. Er mußte größer sein, erhaben über Kleinlichkeiten. Er mußte ihr das Geschenk noch zusenden und dann gehen. – Leise fortgehen! Wohin, wußte er selbst noch nicht. In irgendeine fremde, ferne Stadt, wo ihn niemand vermutete.

 

Aber wer würde sich dann noch um ihn kümmern? Er runzelte die Stirn. Stephen würde ihn sicher vergessen und bald einen neuen Herrn finden. Der Steuereinnehmer würde ihn schließlich auch vermissen, und das Finanzamt würde dann an seinen Rechtsanwalt schreiben. Und Letty …? Die würde kaltherzig durchs Leben gehen. Sie wußte nicht, was sie an ihm verloren hatte. Ja, sie würde sich die Seiten vor Lachen halten, wenn ihr dieser Komponist, dieser Musiker, dieser gemeine Poggy einen abgedroschenen Witz erzählte, dieser blöde Kerl mit dem Affengesicht!

 

Stephen klopfte wieder an die Tür.

 

»Wann wünschen Sie morgen den Tee?«

 

Ferdie biß sich auf die Lippen.

 

»Es ist möglich, daß ich morgen früh gar keinen Tee trinken mag, Stephen. Ich weiß noch nicht, was ich tun werde. Vielleicht reise ich weit fort. Kümmern Sie sich nicht um mich. Hüten Sie die Wohnung. Mein Rechtsanwalt wird Ihnen das Gehalt weiterzahlen.«

 

»Darf ich Ihnen die Post nachschicken?«

 

Ferdie seufzte vor Ungeduld.

 

»Ich bin wahrscheinlich längst tot, wenn die mich erreicht!«

 

»Sehr wohl. Gute Nacht, und ein frohes … Gute Nacht.«

 

Auf den Mann hatte er wenigstens Eindruck gemacht, das mußte Ferdie feststellen. Aber auf andere Leute würde er auch Eindruck machen. Er nahm das Kursbuch aus dem Bücherschrank und sah nach, wann der erste Zug nach Bournemouth fuhr.

 

Aber vor allem, er mußte das Päckchen für Letty noch zurechtmachen. Er mußte ihr auch etwas schreiben, nur ganz kurz selbstverständlich, aber sehr höflich – aber nicht zu höflich, nein, wegzuwerfen brauchte er sich nicht. »In treuer Freundschaft, Ferdinand Stevington.« Oder: »Indem ich ein frohes Weihnachtsfest wünsche« – nein, das wäre doch zu kalt.

 

Er griff nach einem Briefbogen und seinem Füllfederhalter.

 

»Meine liebe Letty«, begann er, aber dann nahm er schon ein neues Blatt, da er zu schlecht geschrieben hatte. »Meine liebe, gute Letty«, begann er wieder. Weg damit!

 

»Meine teure Freundin! Diese Kleinigkeit« – ursprünglich hatte er schreiben wollen »diese teure Kleinigkeit«, aber das ging doch nicht gut – »sende ich Dir mit meinen besten Wünschen …«

 

Er durfte sie unter keinen Umständen fühlen lassen, daß sie an allem schuld war. Ritterlich mußte er sein.

 

»Ich fürchte, ich hübe mich Dir gegenüber sehr grob benommen – verzeih mir!! Ich mache eine weite Reise, und es wäre möglich, daß wir uns nicht wieder treffen –«

 

Er hielt inne und überlegte sich, ob er schreiben sollte »für einige Tage«. Aber dann kam er zu dem Schluß, daß es besser wäre, nichts Genaues über die Reise mitzuteilen. Es wäre auch zu grausam gewesen, falsche Hoffnungen zu erwecken.

 

»Ich habe Deinen Ring in einem versiegelten Umschlag in meiner Wohnung im Schreibtisch zurückgelassen. Er wird dann später mit all den anderen kleinen Andenken gefunden werden … Schließlich war mein Leben doch nicht ganz umsonst. Wer weiß, wo ich ruhn werde in dieser Nacht?«

 

Sorgsam löschte er die Karte ab und las noch einmal jede Zeile aufmerksam durch. Wie würde ihr das Herz weh tun, wenn sie diese Worte sah! Zögernd legte er den Brief unter das länglich flache Etui und wickelte sorglich das Silberpapier und das blaue Seidenband darum. Dann steckte er alles in ein längliches Kuvert, schlich sich heimlich und leise zu Lettys Haus, öffnete die Klappe des Briefeinwurfs und ließ den Brief hineinfallen. Die Adresse war ganz schlicht gehalten: »An Letty von F.S.«

 

Er richtete sich auf und holte tief Atem. Er hatte etwas Großzügiges getan. Es war wirklich ein edler Akt der Selbstlosigkeit, das Geschenk war ebenso wertvoll wie der Schenkende. Ferdie wußte, daß er sich nicht falsch beurteilt hatte. Und doch …

 

Ferdie saß wieder zu Hause in seinem Lehnsessel.

 

Und doch …?

 

Hatte er sich in ihren Augen nicht zu sehr erniedrigt? War das nicht eine vollkommene Aufgabe seiner Persönlichkeit? War er nicht dauernd im Recht gewesen? Was hatte sie gesagt? Morgen würde er wieder auf dem bunten Teppich vor ihr knien? Er erinnerte sich noch genau an das Muster. Nein, das gab es nicht! Hätte er nicht besser nur eine einfache Weihnachtskarte geschickt? Dort stand noch eine auf dem Kamin. Seine Amme hatte sie ihm gesandt und nur eine gedruckte Visitenkarte zugefügt. Er nahm sie in die Hand und betrachtete sie genauer. Es war eine blaue Landschaft mit einem blauen Häuschen und einem weißen Mond. Boden und Dach waren mit weißem Flitter bestreut, der in dem Schein der Lampe glitzerte und leuchtete.

 

Aber dann biß sich Ferdie auf die Oberlippe. Am Ende würde sie ihn auslachen und bemitleiden, diesen armen Jungen, der sich so töricht benahm. Nein, so schnell durfte er nicht zu Kreuze kriechen!

 

Ferdie erhob sich und streifte die Pantoffeln ab.

 

Natürlich würde sie Poggy das alles erzählen …

 

Schnell nahm er die Karte vom Kamin und schrieb darunter: »Frohe Weihnachten. F.« Dann steckte er sie in ein Kuvert.

 

Irgendwo im Büfett mußte doch eine silberne Eiszange liegen, damit konnte man das Päckchen wieder aus dem Briefkasten herausfischen. Er war wirklich umsichtig, das Zeugnis mußte er sich selbst ausstellen, als er die lange Silberzange in die Manteltasche steckte.

 

»Wenn es darauf ankäme, würde ich ein gefährlicher Verbrecher werden«, sagte er müde und mit einem bitteren Lächeln.

 

Draußen hielt er ein Taxi an und fuhr nach Langham Place. Dort entließ er den Chauffeur und ging zu Lettys Wohnung. Es regnete immer noch, aber inzwischen war der Regen feiner geworden, und ein leichter Nebel hatte sich hinzugesellt. Um Weihnachten herrscht meistens solches Wetter in England.

 

Aus den Häusern tönte jetzt lustige Tanzmusik. Ohne es recht zu wissen, ging Ferdie im Takt den Bürgersteig entlang.

 

Eine nahe Turmuhr schlug zwei.

 

Das Haus Nr. 74 war vollkommen dunkel, als er an die Tür herantrat. Im nächsten Augenblick faßte er mit der Eiszange in den Briefkasten, zog ein Päckchen heraus, das ihm bekannt vorkam, und steckte es schnell in die Tasche.

 

»Hallo, was machen Sie denn hier?«

 

In seiner Aufregung ließ Ferdie die silberne Zange fallen, so daß sie klirrend aufs Pflaster fiel.

 

»Ach, ich bitte um Verzeihung«, sagte er. »Vergnügte Weihnachten.« Etwas anderes fiel ihm im Augenblick nicht ein.

 

»Ja, und auch ein vergnügtes neues Jahr«, erwiderte der große Polizist, der geräuschlos auf ihn zutrat. »Sie kommen jetzt mit mir nach der Marylebone Lane.«

 

»Wenn Sie sich einbilden, daß ich um diese Zeit einen großen Spaziergang mache, dann haben Sie sich aber geschnitten! Im Sommer, bei Sonnenschein und Blütenduft;, blauem Himmel und weißen Wolken, ist das etwas anderes …«

 

»Also, kommen Sie jetzt in aller Ruhe mit?«

 

Die Worte klangen drohend, und Ferdie wurde es nun doch seltsam zumute. Er hielt sich an dem eisernen Geländer fest.

 

»Sind Sie ein Polizist?«

 

»Ja, Sergeant M’Neill. Vorwärts, mein Junge, ich habe Sie schon eine ganze Weile beobachtet.«

 

Er packte Ferdie am Arm, und sie gingen beide die Straße entlang.

 

»Na, wo ist denn Ihr Spezel Lew?« fragte der Beamte. Ferdie wußte nicht recht, was der Mann meinte.

 

Auf der Polizeistation sah er sich einem ärgerlichen Sergeanten gegenüber, der seinen Federhalter niederlegte und den Gefangenen erst einmal von Kopf bis Fuß musterte.

 

»Name?«

 

»Mein Name … Smith?«

 

»So heißen alle Vögel, die hierherkommen. Vorname ist natürlich John oder William?«

 

Ferdie dachte angestrengt nach.

 

»Caractacus«, sagte er dann.

 

Der Sergeant sah ihn ironisch an.

 

»Adresse?«

 

»Buckingham Palace. Haha!« Ferdie lachte ärgerlich.

 

Der Sergeant kannte solche Witze.

 

»Weigert sich, seine Adresse anzugeben – nun, wie lautet die Anklage?«

 

»Er hat einen Briefkasten bestohlen. Ich habe ihn auf frischer Tat ertappt, als er sich am Haus Nr. 74 mit Diebswerkzeug an dem Briefkasten zu schaffen machte.«

 

Der Polizist legte die Eiszange auf das Pult.

 

»Hat er etwas gestohlen?«

 

Nun kam auch noch das Päckchen auf den Tisch, und Ferdie kratzte sich das Kinn. Er hatte sein Geschenk doch in ein langes Kuvert gesteckt. Das war aber gar nicht sein Kuvert, und außerdem war es mit einem zinnoberroten Band zusammengehalten.

 

»Von Poggy für Letty«, las der Detektiv.

 

Ferdie taumelte zur Tür, aber der Polizist hielt ihn fest.

 

»Ein Diamentschmuckstück mit Smaragden in Form eines Klaviers«, sagte der Beamte hinter dem Pult.

 

»Ein ganz blöder Geschmack!« rief Ferdie empört.

 

»Sollen wir jemand benachrichtigen, daß Sie verhaftet worden sind? Sie werden wahrscheinlich drei Tage hierbleiben müssen.«

 

»Ein Wort einer Frau könnte mich retten«, erwiderte Ferdie gebrochen. »Aber ich bin viel zu stolz, als daß ich sie darum bitte.«

 

Der Gefangenenwärter erschien in der Tür.

 

Ferdies Taschen wurden durchsucht; es kamen eine Brieftasche mit vielen Banknoten, ein goldenes Zigarettenetui und verschiedene andere Kleinigkeiten aus Gold oder Silber zum Vorschein.

 

»Na, da haben Sie ja heute einen guten Tag gehabt. Wo haben Sie denn all das Zeug zusammengeklaut?« fragte der Sergeant. »Zelle 6, Wilkins …«

 

Die Tür fiel nicht dröhnend zu – sie quietschte nur.

 

*

 

In der Familie Revel war es Sitte, daß am ersten Feiertag nach dem Abendessen die Geschenke verteilt wurden. Dann waren alle Geber zugegen, so daß man ihnen danken konnte, enthusiastisch – oder nur einfach und schlicht. Der Hausherr, George Palliter Revel, war Mitglied des Parlaments. Er zahlte für alles, und er würdigte auch alles. Lettice Giovanna Revel war seine Tochter; sie gab nur die Anordnungen und sagte, wer zum Abendessen eingeladen werden sollte und wer nicht. Allgemein war sie beliebt; es gab sogar junge Leute, die sie andichteten, auch wenn sie das Dichten nicht verstanden. Sie hatte einen schnellen und eleganten Sportwagen, einen Foxterrier und außerdem eine Fotografie von Douglas Fairbanks mit eigenhändiger Unterschrift. Die hatte sie in Gold rahmen lassen, denn sie liebte die starken Männer, die Charakter hatten und nicht zuviel sprachen, Helden, die junge Damen auf ihre kräftigen Arme nahmen und mit ihnen durch hochgewölbte Buchenwälder schritten. Ferdie hatte sie zwar noch niemals so getragen, höchstens in übertragenem Sinn. Sie liebte ihn, wie eine Mutter ihr hilfloses Kind liebt.

 

Beim Abendessen sagte sie das auch.

 

»Ferdie ist nicht hier, Papa, weil ich ihm gesagt habe, er möchte nicht kommen.«

 

»Aber, mein Liebling, ich dachte, daß ihr beide …«

 

Sie lächelte nachsichtig.

 

»Es war nur eine Jugendfreundschaft.«

 

Mr. Revel rieb sich das linke Ohr.

 

»Wie alt bist du jetzt, Letty?«

 

»Etwas über neunzehn und eine erwachsene junge Dame. Manchmal vergißt du das, Papa. Meine Zuneigung zu Ferdie ist rein mütterlich.«

 

»Ach so«, erwiderte Mr. Revel milde.

 

Er hatte sogar einmal einen Ministerposten bekleidet, weil alle Leute ihn für freundlich und gut hielten.

 

»Ja, und nun die Geschenke«, sagte Mr. Revel dann.

 

Poggy Bannett wurde melancholisch und traurig.

 

»Letty, Sie wissen ja, warum mein Geschenk nicht hier ist. Dieser verdammte Einbrecher hat es doch gestohlen. Ich war schon den halben Tag auf der Polizeistation, um den gestohlenen Gegenstand zu identifizieren, aber sie haben nicht gestattet, daß ich ihn herbringen konnte.«

 

»Ach, Poggy, das war wirklich nett von Ihnen, aber es wäre mir viel lieber gewesen, wenn Sie mir eine Ihrer herrlichen Kompositionen mit einer persönlichen Widmung überreicht hätten. Ich kann eigentlich diese kostbaren Weihnachtsgeschenke nicht leiden, sie sind so … Nun, Sie verstehen mich schon.«

 

Poggy nickte. Er hatte ein hageres Gesicht und eine scharfe Adlernase.

 

»Von Ferdie kann man natürlich nichts erwarten, der dürfte es auch gar nicht wagen –«

 

Dann fiel ihr Blick auf seinen Briefumschlag, und sie runzelte die Stirn.

 

»Wenn er mir die Pfeife zurückgeschickt hat, die ich ihm zum letzten Weihnachtsfest schenkte, dann soll er etwas erleben!« Sie riß das Papier auf und holte tief Atem. »Ach, wie wundervoll! Aber das hätte er doch nicht tun sollen! Das sieht ihm wieder ganz ähnlich, Papa. Er hat einen so feinen Geschmack!«

 

Mr. Revel sah auf das kleine Preisschildchen, das Ferdie nicht abgenommen hatte, und rechnete dann schnell aus, wieviel zehn Prozent von fünfundneunzig Pfund ausmachten.

 

»Um Himmels willen!«

 

Poggy sah, daß ihre Lippen bleich wurden. Ohne noch ein Wort zu sagen, schob sie ihm den Brief zu.

 

»Ach, das ist doch alles Blödsinn«, sagte Poggy brutal. »Der hat sich doch nur, dem geht es gut. Denken Sie nur ja nicht … Ach, das ist ja zum Lachen! Solche Witze hat er früher auch schon gemacht.«

 

»Wenn Ferdie sagt, daß er etwas tun will, dann tut er es auch«, erklärte sie bestimmt.

 

»Was sagst du, mein Liebling?«

 

Mr. Revel setzte den Klemmer gerade auf.

 

»Ferdie hat vielleicht Selbstmord verübt!« sagte sie atemlos.

 

»Aber das wäre ja furchtbar«, entgegnete Mr. Revel und nahm den Klemmer wieder ab. Er fragte nicht weiter; schon den ganzen Tag hatte er das Gefühl gehabt, daß es einen interessanten Abend geben würde.

 

»Ach, Quatsch!« rief Poggy erregt. »Und was fällt dem Jungen ein, meine Verse abzuschreiben! Wo werde ich ruhn in dieser Nacht! Das ist ja direkt ein Plagiat!«

 

Letty holte tief Atem. Ja, es gab noch ritterliche Charaktere!

 

»Wo mag er jetzt nur sein?«

 

Der Autor von »Wo werde ich ruhn in dieser Nacht?« lächelte verächtlich.

 

»Ich weiß einen neuen Witz«, begann er dann. »Ein Südamerikaner fragt einmal einen Iren –«

 

»Ach, lassen Sie doch Ihre dummen Witze, die Sie aus Ulkblättern ausschneiden«, erwiderte sie eisig. »Ich habe sie etwas ganz anderes gefragt.«

 

»Sie haben mich gefragt, wo er ist«, entgegnete der Komponist etwas beleidigt. »Das kann ich Ihnen leicht sagen. Der sitzt in seiner Wohnung und spielt die gekränkte Leberwurst. Ich gehe die höchste Wette darauf ein. Es ist eigentlich ein Skandal, daß er alle Leute so in Aufregung bringt.«

 

Erregt erhob er sich.

 

»Ich gehe hin und hole ihn! Mit meinen bloßen Händen werde ich ihn aus seinem Versteck herauszerren! Mir kann er nichts vormachen. Mein Freund Cruthers hat eine Wohnung in derselben Etage. Warten Sie nur, ich werde bald mit ihm zurückkommen.«

 

Damit eilte er aus dem Zimmer. Mr. Revel hatte nicht recht zugehört und fuhr aus seinen Träumen auf.

 

»Ja, und dann wird noch eine Totenschau abgehalten werden müssen«, sagte er und schaute zur Decke hinauf. »Nur ein Glück, daß ich nicht als Zeuge auftreten muß.«

 

Sie sah ihren Vater schmerzlich an.

 

»Aber Papa, wie kannst du so etwas sagen! Ferdie war so bescheiden, niemand hat er sich aufgedrängt. Der würde doch niemals zugeben, daß man dich mit dergleichen belästigt!«

 

*

 

Mr. Cruthers, Poggys guter Freund und Schulkamerad, kleidete sich gerade zum Abendessen um, als ihm Poggy gemeldet wurde. Für gewöhnlich stand er früh auf, aber heute war kein Rennen, und es erschienen auch keine Zeitungen. Infolgedessen gab es auch keinen Skandal in der Welt, und Mr. Cruthers hatte ruhig und bequem bis sieben Uhr abends durchgeschlafen.

 

»Nein, Ferdie habe ich nicht gesehen. Sein Diener sagte mir, daß er verreist sei. Seit gestern abend hat man ihn nicht mehr gesehen.«

 

»Und das glaubst du? Der sitzt doch nur zu Hause und brummt. Seine einzige Beschäftigung ist ja, daß er übelnimmt. Ich habe an seine Tür geklopft, aber er hat nicht einmal geantwortet. Selbstverständlich wird er sich hüten, mir die Wohnungstür aufzumachen, aber ich werde dir etwas sagen. Ich steige aus deinem Fenster, klettere die Feuerleiter entlang und überzeuge mich einmal persönlich.«

 

»Also, mach das Fenster jetzt nicht auf, das zieht – und ich ziehe mir gerade die Unterhosen an. Du wirst doch wohl so lange warten können. Ich erkälte mich sonst.«

 

Poggy setzte sich mit verschränkten Armen auf einen Stuhl und machte ein Gesicht wie Napoleon in der Schlacht bei Austerlitz.

 

»Ich kann natürlich warten«, erklärte er stolz.

 

Erst als sein Freund beinahe angekleidet war, öffnete er das Fenster und kletterte an der Feuerleiter entlang. Das Fenster zu Ferdies Schlafzimmer stand oben offen. Schnell stieg er auf die äußerste Fensterbank, faßte mit dem Arm hindurch und öffnete den unteren Flügel von innen.

 

»Ferdie, mein Junge!« rief er. »Mit deinem Trotzkopf kommst du bei uns nicht durch. Also komm, mein Liebling. Mach keine faulen Witze!«

 

Tiefes Schweigen herrschte in der Wohnung. Er drehte das Licht an und fand das Schlafzimmer in Ordnung. Er öffnete die Schränke, aber auch hier hatte sich Ferdie nicht versteckt.

 

Das Speisezimmer war aufgeräumt. Ferdies Pantoffeln standen vor dem Kamin, auf dem Tisch lag ein ganzer Stapel von Briefschaften aufgehäuft, wie das zu Weihnachten üblich ist. Poggy ging ins Arbeitszimmer, wo Ferdie immer die Sportberichte las. Auch im Bad war er nicht – nun blieben nur noch der Hängeboden, das Dienerzimmer und die Speisekammer übrig, aber die waren ebenso leer wie die Küche.

 

Auf dem Kamin im Speisezimmer stand die Fotografie einer Dame von etwas über neunzehn Jahren und darunter eine Widmung geschrieben. Poggy las sie, und die Haare standen ihm zu Berge, denn die Widmung war durchaus nicht mütterlich. Und nun fühlte er sich getäuscht und verraten, denn eine junge Dame, die auf eine Fotografie schreibt: »Dein für ewig, mein Liebster«, hatte sonderbare Ansichten über mütterliche Liebe. Böse packte er das Bild. Er wollte es mitnehmen und es ihr direkt unter die Nase halten. Auf keinen Fall durfte es Ferdie behalten, der war dieses Geschenks nicht würdig. Außerdem war die Ewigkeit auf dem Bild doch jetzt ausgeträumt.

 

Er drehte das Licht sorgfältig überall wieder aus, öffnete das Fenster und kletterte hinaus. Als er an Mr. Cruthers‘ Fenster kam, war das Licht dort auch gelöscht und das Fenster fest geschlossen. Sein Freund hatte wahrscheinlich angenommen, daß Poggy Ferdies Räume durch die Wohnungstür verlassen würde.

 

Einen Augenblick überlegte Poggy. Schließlich konnte er die Feuerleiter gebrauchen. Kurz entschlossen kletterte er hinunter und sprang dann die letzten beiden Meter auf den Hof. Ein interessierter Zuschauer trat aus der Dunkelheit.

 

»Frohes Fest«, sagte der Fremde. »Wollen Sie einen kleinen Spaziergang mit mir machen?«

 

»Nein, fällt mir gar nicht ein. Ich kenne Sie nicht, und ich will Sie auch nicht kennenlernen. Guten Abend.«

 

Der Mann packte ihn am Arm.

 

»Ich bin Sergeant M’Neill von Scotland Yard und verhafte Sie wegen Einbruchs und unbefugten Eindringens in fremde Wohnungen.«

 

Geistesgegenwärtig zog Poggy die gerahmte Fotografie aus der Tasche und ließ sie auf den Boden fallen.

 

»Danke«, sagte M’Neill. »Da haben wir ja den Beweis.« Er bückte sich und hob das Bild vom Boden auf. »Sie sammeln wohl Kunstschätze? Ich habe Sie schon zwei Stunden lang beobachtet. Wo ist denn Ihr Freund Ike? Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen.«

 

Auf der Station wieder dasselbe Verhör:

 

»Smith«, sagte Poggy etwas bleich, aber entschlossen. Die Sache mit der Fotografie war allerdings fatal, hatte aber ein Gutes. Sergeant M’Neill, der ihn den ganzen Vormittag dadurch geärgert hatte, daß er die Diamant- und Smaragdbrosche mit dem Klavier identifizieren sollte, hatte ihn glücklicherweise nicht erkannt. Und der Sergeant vom Dienst war inzwischen abgelöst worden.

 

»Vorname John oder William?«

 

»Haydn«, erwiderte Poggy, denn er war musikalisch.

 

Der Gefängniswärter untersuchte seine Taschen und zählte Stück für Stück auf, was er bei ihm fand. Poggy riß sich zusammen.

 

»Schließlich können Sie es ruhig wissen«, sagte er dann. »Mein Name ist Bannett, und ich bin der Komponist des herrlichen Liedes ›Wer weiß, wo ich ruhn werde in dieser Nacht‹.«

 

»Zelle sechs!« erklärte der Stationssergeant.

 

Ferdie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte. Dann öffnete sich die Tür.

 

Interessiert richtete er sich auf, und Poggy sackte zusammen, als er ihn sah.

 

»Ferdie …! Sie hier!«

 

Ferdie war nicht weiter erstaunt.

 

»Setzen Sie sich ruhig hin, Poggy. Das ist ja zum Totlachen. Warum sind Sie denn verhaftet worden? Haben Sie jemand umgebracht?«

 

*

 

»Das ist heute der zweite Fall«, sagte der Richter erregt und ärgerlich. »Und auch diesmal ist der Bestohlene seiner Pflicht nicht nachgekommen und vor Gericht erschienen, um sein Eigentum zu identifizieren. Weder Mr. Stevington noch Mr. Bannett haben es für nötig gehalten, das Gesetz und die Polizei zu unterstützen. Den anderen habe ich auf ein Monat ins Gefängnis geschickt, und Sie bekommen auch einen Monat. Und ich warne Sie …«

 

Einen Monat später wurden beide am selben Morgen aus dem Gefängnis von Pentonville entlassen. Ferdie kam zuerst heraus, und im Laufschritt eilte er zu dem einzigen Auto, das weit und breit zu sehen war. Und als sich Poggy später bei Letty melden ließ, erhielt er die Antwort, daß sie im Augenblick nicht zu sprechen sei. Über eine Stunde wartete er im Vorsaal, und sie war immer noch nicht zu sprechen. Der Diener sagte mitleidig, es würde wohl auch noch eine ganze Weile dauern, er solle sich noch etwas gedulden.

 

Inzwischen ruhte Lettys goldener Lockenkopf an Ferdies Schulter.

 

»Erzähle doch weiter, es ist so interessant«, flüsterte sie und sah gespannt zu ihm auf.

 

»Und zwei Abend später kam ich in Konstantinopel an. Die Welt war grau, und die Verzweiflung zerriß mir das Herz. Ich wußte, daß ich die verloren hatte; Sonne und Licht meines Lebens waren erloschen. Das Dasein hatte keinen Zweck und keinen Sinn mehr für mich. Sollte ich nun in die Wüste eilen und dort unter den sengenden Strahlen der unbarmherzigen Sonne in Durstesqualen sterben?«

 

»Hättest du mir doch nur ein Telegramm geschickt!« erwiderte sie atemlos. »Als Poggy nicht zurückkam, wußte ich, daß er es nicht wagte, dir unter die Augen zu treten. Ach, mein guter Junge, bist du wirklich in die Wüste gegangen? Ich habe ja nicht im Traum daran gedacht, daß du dir tatsächlich das Leben nehmen wolltest. Aber nun gib mir ein Versprechen. Du darfst nie wieder fortgehen, ich könnte es nicht ertragen. Woher kommst du denn jetzt?«

 

»Aus Pentonvillia – das ist eine Vorstadt von Rom«, entgegnete Ferdie. »Ja, wie ich sagte, in meiner Verzweiflung wollte ich unter die Derwische gehen …«

 

*

 

»Glauben Sie, daß es noch Zweck hat?« fragte Poggy den Diener.

 

Der Diener meinte es ehrlich und schüttelte den Kopf.

 

Die Rücklehne des Sofas im Wohnzimmer befand sich gerade dem Schlüsselloch gegenüber.

 

Kapitel 6

 

6

 

Meistens vergaß Gordon, daß vor dem Namen der angebeteten Heloise van Oynne das kleine Wörtchen Mrs. stand. Er war zu diskret veranlagt, um auch nur auf indirekte Weise festzustellen, wie ihre Ehe beschaffen war. Er stellte sich Mr. van Oynne als einen großen, phantasielosen und brutalen Geschäftsmann ohne Seele vor, und er ahnte den Kampf zwischen dieser feinsinnigen Frau und diesem materiellen, rücksichtslosen Mann: Ärger und verhaltene Wut oder vollständige Interessenlosigkeit auf seiner Seite, resigniertes Leiden und stete Unruhe auf ihrer Seite, bis sie der anderen Hälfte ihres geistigen Wesens begegnete. Und das war eben Gordon.

 

Er schaute wieder aus dem Fenster.

 

Mr. Julius Superbus hatte einen Tabakbeutel aus Wildleder aus der Tasche gezogen und war gerade damit beschäftigt, seine kurze schwarze Pfeife zu stopfen. Er schien ein Mann zu sein, der selbst die gemeinsten Methoden anwandte, um zu seinem Ziel zu kommen. Ein gewöhnlicher, brutaler Mensch, der sich nichts dabei dachte, seinem Auftraggeber Berichte zu schicken, die eine Frau mit einer feinen, ästhetischen Seele stark kompromittierten. Ein Detektiv! Verzweifelt wandte er sich an Diana. »Würdest du etwas dagegen haben, wenn ich einmal das Studierzimmer einen Augenblick für mich allein haben könnte? Ich muß einen Herrn sprechen.«

 

Sie winkte ihm einen freundlichen Abschied zu, als sie durch die Tür verschwand.

 

»Rufen Sie ihn herein!«

 

»Ich soll ihn hierherbringen, Sir?« Trenter traute seinen Ohren nicht.

 

Gordon mußte seinen Auftrag wiederholen.

 

»Er ist aber kein Gentleman«, warnte Trenter, der sich schon im voraus wegen seines Bekannten entschuldigen wollte.

 

Das stimmte auch. Mr. Superbus war wirklich kein feiner Mann. Gordon hatte sich zwar auch keinen falschen Illusionen darüber hingegeben. Trenter war gespannt, was bei der Zusammenkunft herauskommen würde. Er wußte ja, daß sein Freund ihm bei nächster Gelegenheit alles erzählen würde.

 

Er brachte Mr. Superbus in das Studierzimmer und zog sich dann diskret zurück.

 

Nichts an der Erscheinung dieses Mannes erinnerte an die römische Kultur während ihrer Glanzzeit.

 

Er war sehr klein und korpulent und watschelte mehr als er ging. Er hatte einen großen Kopf, ein rotes Gesicht und einen kleinen, struppigen schwarzen Schnurrbart, den er offensichtlich färbte. Auf seinem sonst kahlen Schädel wuchsen noch siebenundzwanzig Haare, dreizehn auf der einen und vierzehn auf der anderen Seite. Er pflegte sie des öfteren zu zählen.

 

So stand er vor Gordon, atmete hörbar und drehte seinen Hut in seinen blau angelaufenen Händen.

 

»Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Superbus«, sagte Gordon verlegen. »Trenter erzählte mir, daß Sie – ich meine, daß Sie Römer sind.«

 

Mr. Superbus verneigte sich, bevor er sich setzte, als ob er sich überzeugen wolle, daß seine Füße auch noch zur Stelle seien.

 

»Jawohl, Sir«, sagte er mit einer tiefen Stimme. »Ich kann wohl sagen, daß ich das bin. Wir Superbusse« – er betonte dieses Wort so, daß man annehmen konnte, er meine Autobusse von besonderer Größe – »stammen aus einer alten, viele Generationen zählenden Familie. Es sind nur noch vier von uns übriggeblieben. Erstens, meine Wenigkeit, dann mein Bruder Augustus, der ein junges Mädchen in Coventry heiratete, weiter meine Schwester Agrippa, die jetzt sehr gut mit ihrem dritten Mann lebt. Und dann ist noch Scipius da, der ist auf der Bühne.«

 

»Wirklich? Ist er Schauspieler?« Gordon war einen Augenblick verdutzt über diesen Aufmarsch einer ganzen römischen Kohorte.

 

In der Nähe von Caesaromagnus liegt die Universität von Cambridge, und einige sarkastische Antiquare dieser Stadt erzählten, daß die so illustre Familie Superbus ihren Ursprung der grillenhaften Laune einiger Studenten verdankt, die vor mehr als hundert Jahren dort lebten. Sie hatten in ihrem Übermut die Familie eines armen Fuhrmannes mit Namen Sooper aufgegriffen und sie auf diesen lateinischen Namen getauft. Mr. Superbus hatte auch von diesen Gerüchten gehört, aber er hatte sie mit Verachtung von sich gewiesen.

 

»Wo unsere Familie eigentlich herstammt, kann ich Ihnen nicht sagen.« Er sprach jetzt über sein Lieblingsthema. »Aber Sie wissen ja, wie Frauen sind, wenn echte Römer auftreten!«

 

Gordon gab sich nicht die Mühe, dies auch nur zu vermuten.

 

»Nun, Mr. Superbus, Sie haben eine – hm, sehr wichtige Position – Sie sind Detektiv, soviel ich weiß?«

 

Mr. Superbus nickte ernst.

 

»Es ist doch ein sehr interessanter Beruf, die Leute zu beobachten, vor Gericht aufzutreten und Zeugnis über ihre verschiedenen Missetaten und Verbrechen abzulegen?«

 

»Da sind Sie falsch unterrichtet – ich trete niemals vor Gericht als Zeuge auf. Ich bin sozusagen mehr kaufmännisch tätig. Natürlich erscheine ich auch vor Gericht bei einem besonderen Kuhp zum Beispiel –«

 

»Kuhp? Was meinen Sie denn mit Kuhp?« fragte Gordon erstaunt.

 

»Nun, ich meine – Sie verstehen doch, was ich sagen will wenn ich eine ganz große, geschäftliche Sache mache –«

 

»Ach, Sie sprechen von einem Coup!«

 

»Ich nenne das immer Kuhp«, erwiderte Mr. Superbus liebenswürdig. »Augenblicklich habe ich einen ganz großen Kuhp vor.« Er sprach ganz leise und beugte sich so weit wie möglich zu Gordon vor. »Ich bin nämlich hinter dem Doppelgänger her«, flüsterte er heiser.

 

Ein schwerer Stein fiel Gordon vom Herzen. Die Sache hatte also nichts mit Mrs. van Oynne und nichts mit ihrem großen, brutalen Ehemann zu tun, der sich mehr mit seinen Hunden und Pferden als mit seiner feinsinnigen, intellektuellen und schönen Frau beschäftigte.

 

»Ich kann mich auf den Namen besinnen – der Doppelgänger ist doch ein Verbrecher? Ist das nicht der Mann, der in der Rolle seiner Opfer auftritt?«

 

»Ja, das ist er, Sir«, entgegnete Mr. Superbus. »Er ahmt sie nicht nur nach, er ist dann wirklich der Betreffende selbst. Nehmen Sie doch nur den Fall von Mr. Smith –«

 

Gordon erinnerte sich daran.

 

»Sie können sich doch kaum vorstellen, daß ihn jemand nachmachen könne, obwohl es nicht so schwer war, da er einen weißen Backenbart trägt und nicht verheiratet ist. Der Doppelgänger hat den Alten um achttausend Pfund erleichtert. Das hat er wieder einmal gekonnt! Erst hat er den wirklichen Smith weggelockt, dann erschien er plötzlich im Privatbüro und schickte einen neuen Angestellten mit einem Scheck zur Bank. Deswegen hat sich doch Smith jetzt aufs Land zurückgezogen. Er hat sich schwer blamiert und kann sich in Gesellschaft nicht recht sehen lassen.«

 

»Ach so, jetzt verstehe ich«, sagte Gordon langsam. »Sie handeln im Auftrag –«

 

»Der Vereinigung der Versicherungsgesellschaften. Der Mann sucht seine Opfer nämlich meistens unter Direktoren und Generalvertretern dieser Branche aus.«

 

Gordon lachte vergnügt, was er selten tat.

 

»Und Sie sind mir gefolgt, um mich zu beschützen?«

 

»Das gerade nicht«, sagte Mr. Superbus mit der Zurückhaltung, die ihm sein Beruf auferlegte. »Ich wollte Sie nur kennenlernen, damit ich später im Bilde bin, wenn der Doppelgänger versucht, in Ihrer Rolle aufzutreten.«

 

»Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?«

 

Mr. Superbus nahm sie gnädig an und sagte dann, er werde sie zu Hause rauchen, als er sie einsteckte.

 

»Meine Frau liebt nämlich den Rauch einer guten Zigarre so sehr. Außerdem kommen die Motten dann nicht in die Vorhänge. Denken Sie, mein Herr, ich bin jetzt dreiundzwanzig Jahre glücklich verheiratet. Es gibt keine bessere Frau auf der Erde als die meine.«

 

»Ist sie auch Römerin?«

 

»Nein, sie stammt aus Devonshire.«

 

*

 

Als Diana eine halbe Stunde später wieder in das Zimmer trat, stand Gordon an den Kamin gelehnt. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt, den Kopf leicht geneigt und schien ganz in Gedanken versunken zu sein.

 

»Wer war denn dieser kleine merkwürdige Mann?« fragte sie.

 

»Er heißt Superbus«, erwiderte er, plötzlich aus seinen Träumen gerissen. »Er hat einige Nachforschungen angestellt. Er will einem Verbrecher auf die Spur kommen, der einen anderen Geschäftsfreund um achttausend Pfund betrogen hat.«

 

»Ach!« sagte Diana und setzte sich schnell nieder, denn die Erinnerung an den verstorbenen Mr. Dempsi wurde plötzlich sehr lebendig in ihr.

 

Kapitel 7

 

7

 

Diana hatte Bobby Selsbury sofort gern, als sie ihn zum erstenmal sah. Er war die etwas kleinere Ausgabe seines älteren Bruders, ein offenherziger junger Mann, der mehr Neigung für Revuetheater und modernen Tanz hatte als Gordon. Er war mit einer jungen Kanadierin verlobt und interessierte sich daher weniger für andere Frauen. Er war Diana um so lieber, weil er nicht dieses innere Seelenfeuer hatte, unter dem sein Bruder so häufig litt.

 

Bobby war schon zweimal zum Abendessen gekommen, und beim zweitenmal glaubte Gordon, daß sein Bruder nun schon genügend Bekanntschaft mit dem ungebetenen Gast geschlossen habe, um einmal offen über Dianas unschickliches Benehmen sprechen zu können.

 

»Ich sehe gar nicht ein, wozu sie eine Gesellschaftsdame braucht, wenn sie mit einem so alten Herrn wie du zusammenlebt«, sagte Bobby-. »Außerdem seid ihr doch Vetter und Base, und seitdem Diana hier wohnt, ist Cheynel Gardens wenigstens einen Besuch wert. Früher war es furchtbar trist und öde hier.«

 

»Aber was werden denn die Leute sagen?« protestierte Gordon.

 

»Du hast mir doch neulich selbst gesagt, daß du dich über die Meinung der Leute hinwegsetzen kannst«, erwiderte der Verräter Bobby. »Du erzähltest mir, daß die Ansichten der hoi polloi, der großen Masse, auf dich nicht den geringsten Eindruck machen. Du sprachst davon, daß ein Mann sich nicht um das Urteil der Öffentlichkeit zu kümmern brauche. Ferner –«

 

»Was ich damals sagte«, fuhr Gordon aufgeregt dazwischen, »läßt sich nur auf gewisse philosophische Schulen im allgemeinen anwenden, aber niemals auf Fragen des guten Tons und der Wohlanständigkeit!«

 

»Diana ist nun einmal hier, und du kannst doch ein verflucht glücklicher Teufel sein, daß du jemand hast, der dir deine Socken stopft. – Zahlt er dir denn eigentlich etwas dafür?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich lebe von meinem kleinen Kapital«, sagte sie fast wehmütig.

 

Gordon fühlte sich schuldbeladen, aber er griff dieses Thema erst am nächsten Morgen wieder auf.

 

»Ich fürchte, daß ich sehr gedankenlos war, Diana. Kaufe dir bitte alles, was du nötig hast, und sage es mir, wenn du Geld brauchst.«

 

Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte leise.

 

»Du bist doch tatsächlich darauf hereingefallen! Ich brauche doch überhaupt kein Geld, ich bin sehr reich.«

 

»Aber warum hast du denn Bobby gesagt –«

 

»Mitgefühl tut mir so wohl«, erwiderte sie ruhig. »Und in diesem Hause bringt mir mit Ausnahme Eleanors niemand Sympathie entgegen. Sie ist wirklich ein hübsches, gutes Mädchen. Meinst du nicht auch?«

 

»Es ist mir noch niemals aufgefallen.«

 

»Das wußte ich, als ich entdeckte, daß du sie noch nie geküßt hast.«

 

Gordon hatte gerade einen großen Bissen Schinken im Mund und konnte nicht gleich protestieren.

 

»Nein, du mußt nicht annehmen, daß ich solche Fragen an die Dienstboten stelle. Aber eine Frau hat feine Instinkte und findet immer einen Weg, um solche Dinge herauszubekommen. Gordon, du bist nicht belastet«, fügte sie mit einer großzügigen Geste hinzu.

 

»Deine Philosophie ist verwirrend«, sagte er, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. »Wie bist du nur auf den Gedanken gekommen, daß ich sie hätte küssen sollen?«

 

»Das ist doch sehr einfach. Sie ist hübsch, und alle Männer küssen gern hübsche Mädchen, wenigstens wenn sie normal sind. Viele Leute haben mich schon küssen wollen.«

 

Gordon zog die Augenbrauen hoch, ohne aufzuschauen.

 

»Du fragst mich ja gar nicht, ob ich ihnen auch erlaubte, mich zu küssen«, fragte sie nach einer Weile.

 

»Das interessiert mich nicht«, sagte Gordon kühl.

 

»Nicht ein ganz klein wenig?«

 

Ihre Stimme klang fast ängstlich, aber er ließ sich nicht täuschen. Er hatte durch harte Erfahrung lernen müssen, daß Diana sich vor Lachen gewöhnlich innerlich ausschütten wollte, wenn sie so war. – Ein schreckliches Mädchen! »Ich habe nur zwei Liebesaffären gehabt«, fuhr sie fort und kümmerte sich gar nicht darum, daß er anscheinend nichts davon hören wollte. »Zuerst mit Dempsi – und dann mit Dingo.«

 

»Wer war denn Dingo?« Er hatte sich also doch wieder fangen lassen.

 

»Er hieß in Wirklichkeit nicht Dingo, sondern Mr. Theophilus Shawn. Später stellte sich heraus, daß er ein verheirateter Mann mit fünf Kindern war.«

 

»Großer Gott!«

 

»Er hat mich aber niemals küssen dürfen. Seine Frau kam und holte ihn weg, als ich mich gerade an den Gewürznelkenduft gewöhnt hatte. Er knabberte nämlich immer solches Zeug. Er wohnte bei meiner Tante. Sie hatte ihn bei einem Vortrag über Sonnenflecken kennengelernt, aber sie wußte nicht, daß er verheiratet war, bis ihn seine Frau bei uns abholte. Sie war äußerst nett und dankte mir, daß ich mich um ihn gekümmert habe. Diese Frau hat sich für ihren Mann sehr interessiert. Die Frauen sollten eigentlich ihre Männer gründlich kennenlernen, bevor sie heiraten. Meinst du nicht auch, Gordon?«

 

Mr. Selsbury seufzte.

 

»Ich glaube, du redest da einen großen Unsinn, und ich wünsche beim Himmel, daß du deinen Mann kennenlernst!«

 

Sie lächelte, aber sie antwortete nicht. Sie fühlte, daß sie ihn für heute genügend geärgert hatte. Er war im Begriff, vom Frühstückstisch aufzustehen, als sie sich auf eine Frage besann, die sie ihm vorlegen wollte.

 

»Gordon, gestern kam doch ein Mann mit einem griechischen Namen hierher –«

 

»Du meinst mit einem lateinischen – es war Mr. Superbus.« Sie nickte.

 

»Was wollte der eigentlich? Wen suchte er?«

 

»Er war hinter einem Verbrecher her, einem Mann, der allgemein als der ›Doppelgänger‹ bekannt ist. Er ist ein ganz gemeiner Schwindler.«

 

»Ach so«, sagte Diana und schaute auf das Tischtuch. »Gehst du jetzt fort, Gordon? Wann wirst du wieder nach Hause kommen?«

 

»Wenn es meine Geschäfte gestatten«, sagte er würdevoll. »Weißt du, Diana, daß noch niemals jemand diese Frage an mich gerichtet hat?«

 

»Aber ich frage dich doch täglich danach!« sagte sie erstaunt.

 

»Ich meine natürlich, niemand außer dir. Mein Kommen und Gehen ist noch nie kontrolliert worden. Und ich sehe auch gar nicht ein, warum das nötig ist.«

 

»Aber ich frage doch nur ganz bescheiden. Ich will doch nur wissen, wann das Abendbrot fertig sein muß.«

 

»Es ist möglich, daß ich heute abend nicht zu Tisch komme«, sagte Gordon kurz. Er ging fort, um sich in seine Tätigkeit zu stürzen, denn sein Geschäft war in letzter Zeit sehr aufgeblüht, und er war gerade damit beschäftigt, einen neuen Versicherungszweig zu organisieren. Er war fest entschlossen, die Frage, die ihn in seinen Gedanken und Überlegungen störte, für die Stunden seiner Arbeitszeit auszuschalten. Erst beim Mittagessen dachte er wieder an die beabsichtigte Reise nach Ostende mit der Seelenfreundin. Er wünschte, daß Heloise van Oynne einen anderen Platz als gerade Ostende ausgesucht hätte. Dieser weltbekannte Badeort paßte ihm nicht, man verband mit ihm gewöhnlich den Begriff von zügelloser und luxuriöser Lebensführung. Er fühlte auch, daß er wahrscheinlich Diana gegenüber viel mehr Festigkeit und Rückgrat zeigen könnte, wenn er nicht selbst auf verbotenen Wegen ginge, oder zum mindesten beabsichtigte, die althergebrachte Sitte zu durchbrechen.

 

Der Plan der Ostender Reise war wirklich verrückt, und er fragte sich, von wem er eigentlich ausgegangen sei. Aber schließlich brauchte er ja gar nicht erkannt zu werden, wenn er nicht gerade immer am Landungssteg spazierenging, wo die Dampfer vom Kontinent anlegten. Im Notfall konnte er auch sein Aussehen ein wenig verändern … Es wurde ihm heiß und kalt bei dem Gedanken. Diana hatte sich doch schon immer über seinen kleinen Backenbart lustig gemacht. Auch sein Friseur machte immer Bemerkungen über diese kleinen Bartansätze. Er hatte auch selbst schon ganz ernsthaft an ihre Entfernung gedacht, besonders seitdem sich Heloise darüber gewundert hatte. Sie meinte, daß sie ihn viel älter machten, als er in Wirklichkeit sei, und es würde natürlich ein liebenswürdiges Kompliment ihr gegenüber bedeuten, wenn er ihr an dem Tag ihrer Reise glattrasiert gegenüberträte. Andererseits ging man aber auch nicht in Cut und Zylinder nach Ostende. Er könnte vielleicht einen Sportanzug tragen – aber er hatte einen Schneider, der ihn beraten konnte, und er sprach auf seinem Heimweg bei diesem Mann vor, der natürlich sogleich im Bilde war und aufmerksam zuhörte.

 

»Wenn Sie an die belgische Küste gehen, würde ich Ihnen den Vorschlag machen, sich ein paar leichte Sommeranzüge anfertigen zu lassen. Graukariert ist augenblicklich Mode – graue Karos mit einer roten Betonung in der Mitte. Aber nein, Sir, o nein! Lord Furnisham hat erst im letzten Monat einen solchen Anzug bestellt, und wie Sie wissen, ist er ein Mann von feinem Geschmack, der immer nach der letzten Mode gekleidet geht.«

 

Gordon sah die Muster durch und war bestürzt über ihre Farbenfreudigkeit. Aber vielleicht wäre es ganz gut – wer würde Gordon Selsbury denn in einem modernen, flotten Anzug aus graukariertem Stoff mit lebhaften roten Punkten erkennen?

 

»Ist das Muster nicht doch etwas grell?« protestierte er.

 

Der Schneider lächelte nur nachsichtig, als Gordon meinte, es wäre doch wohl besser, wenn er sich den Anzug aus dunkelblauer Seide machen ließe.

 

Schließlich ließ sich Gordon überreden und bestellte den graukarierten Anzug. Er tröstete sich damit, daß er die Reise ja nicht auszuführen brauche. Fest verpflichtet war er unter keinen Umständen. Wenn er aber doch reisen würde, hatte er wenigstens beizeiten schon für die Ausrüstung gesorgt, und dieser Gedanke war in gewisser Weise auch beruhigend.

 

Doch ein Gedanke beschäftigte ihn stark. Er mußte doch irgendwie erreichbar sein, wenn unerwartete, geschäftliche Ereignisse sein persönliches Eingreifen erforderten.

 

Dies war in Wirklichkeit der Hauptgrund seiner Abneigung gegen diese Fahrt. Er konnte dieses Abenteuer ja nur unternehmen, wenn er noch einen Dritten ins Vertrauen zog. Diana war natürlich für diesen Posten unmöglich. Gordon kniff die Lippen zusammen und wiederholte in Gedanken die Ausdrücke, in denen er seinem Stellvertreter den Charakter seiner Reise erklären wollte. Aber sooft er auch versuchte, diese so merkwürdige und unglaublich klingende Geschichte in Worte zu fassen, war er ärgerlich und unzufrieden mit sich selbst. Er ließ alle in Frage kommenden Menschen an seinem Geist vorüberziehen und kam dabei immer wieder auf seinen Bruder Bobby zurück.

 

*

 

Robert G. Selsbury hatte ein Büro an der Mark Lane, wo er mit beträchtlichem Gewinn von zehn Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags Tee, Kaffee und Zucker kaufte und verkaufte.

 

Als Gordon gemeldet wurde, prüfte Bobby gerade eine neue Teeprobe, die eben aus China eingetroffen war.

 

»Wie, Mr. Gordon Selsbury?« fragte Bobby ungläubig. »Bitten Sie ihn herein«, sagte er, als die Stenotypistin es bestätigte. »Nun, was ist denn los?«

 

Gordon nahm etwas steif auf einem Sessel Platz, setzte seinen funkelnden, tadellosen Zylinder auf den Tisch und zog langsam die Handschuhe aus.

 

»Robert, ich bin in einer unangenehmen Lage – und ich möchte dich um deine Hilfe bitten.«

 

»Geld kann es doch nicht sein – also hast du eine Liebesaffäre. Wer ist es denn?«

 

»Es handelt sich weder um Geld noch um Liebe«, widersprach Gordon etwas gereizt. »Es ist – nun ja, es ist eine sehr delikate Angelegenheit.«

 

Bobby pfiff, und Pfeifen kann unter Umständen sehr beleidigend wirken.

 

»Ich will dir die näheren Umstände erklären.« Aber er mußte erst mit sich selbst kämpfen und war schon nahe daran, eine Entschuldigung für seinen Besuch zu finden und sich wieder zu verabschieden.

 

»Kommst du wegen Diana?«

 

»Nein, nein, Diana hat mit der ganzen Sache nichts zu tun. Es handelt sich um folgendes, alter Junge …«

 

Der »alte Junge« gab Bobby zu denken. Das zeigte, daß sein Bruder nicht mehr ganz normal war. So hörte er denn gut zu, ohne ihn zu unterbrechen. Aber die Geschichte, die Gordon vorbrachte, war die lahmste, die Bobby jemals gehört hatte, das war die durchsichtigste Schwindelei, die jemals einer zweifelnden Mitwelt unterbreitet wurde.

 

»Wer ist denn eigentlich diese Mrs. van Oynne?« fragte er schließlich.

 

»Sie ist … nun, ja, ich möchte nicht über sie sprechen. Ich habe sie früher bei einem Diskussionsabend kennengelernt … sie ist einfach wundervoll!«

 

»Ja, das möchte ich auch sagen«, entgegnete Bobby trocken. »Du wirst natürlich nicht mit ihr verreisen?«

 

Es bedurfte nur dieser Frage, um Gordons Widerspruchsgeist zu entfesseln.

 

»Aber selbstverständlich werde ich das tun«, sagte er entschieden. »Ich brauche diesen Wechsel, ich muß einmal eine seelische Erholung haben.«

 

»Aber warum geht ihr denn nach Ostende, um über Seelenharmonie zu diskutieren? Wie wäre es denn mit Battersea-Park? Ich habe noch nie eine so verrückte Idee gehört! Wenn du dir in Ostende deinen guten Namen verderben willst, kannst du dich in Zukunft ebensogut Hochwohlgeboren Herr Wüstling nennen. Ich nehme ja an, daß du mir die Wahrheit sagst. Wenn mir das ein anderer erzählte, würde ich niemals im Zweifel sein, was ich darüber zu denken hätte – ich würde wissen, daß es eine dicke Lüge ist. Hast du eigentlich schon an Diana gedacht?«

 

Das war allerdings eine verwirrende Frage. Gordon erschrak.

 

»Aber ich sehe gar nicht ein, was Diana überhaupt damit zu tun hat! Was zum Teufel geht sie denn diese Sache an?«

 

»Sie wohnt doch bei dir und ist doch deine Hausgenossin«, sagte Bobby ernst. »Jeder Schatten, der deinen guten Namen trifft, fällt auch auf sie.«

 

»Sie kann doch fortgehen – ich wünschte sogar, sie würde fortgehen!« rief Gordon böse. »Du bildest dir doch nicht etwa ein, daß ich auch nur die Möglichkeit zugebe, daß sie meinen Plänen irgendwie im Wege steht? Sie ist ein Eindringling – in gewisser Weise verachte ich sie. Manchmal ist sie mir direkt verhaßt. Willst du mir nun helfen oder nicht?«

 

Dieses Ultimatum schleuderte er seinem Bruder über den Tisch entgegen. Aber Bobby war friedlich gestimmt, er wollte keinen Krieg.

 

»Ich nehme an, daß ich dir nicht zu viel zu telegrafieren habe. Es wird sich ja wohl nichts in deiner Abwesenheit ereignen. Aber welchen Bären willst du denn nun Diana aufbinden?«

 

Mr. Gordon Selsbury schloß müde die Augen.

 

»Ist es denn nicht gleichgültig, was ich ihr erzähle?«

 

Das war eine tapfere Antwort, aber er wußte ganz genau, daß er doch eine Geschichte erfinden mußte, und zwar eine glaubwürdige.

 

»Ich bin nicht zum Lügen geboren – kannst du nicht etwas ausdenken?«

 

Bobby nahm das Taschentuch, um sein Lachen zu verbergen.

 

»Ich danke dir auf den Knien für das Kompliment, daß ich ein so geschickter Lügner bin.« Aber die Ironie verfing bei Gordon nicht. »Vielleicht erzählst du ihr, daß du nach Schottland auf die Jagd gehst?«

 

»Es widerstrebt mir, unwahre Behauptungen aufzustellen«, sagte Gordon und verzog das Gesicht. »Warum muß ich ihr denn überhaupt etwas sagen? Wann fängt denn eigentlich die Jagd in Schottland an?«

 

»Sie hat bereits begonnen. Du gehst schon am besten nach Schottland, das liegt weit weg. Dort triffst du wahrscheinlich auch keine Bekannten, denn du bist ja überhaupt nicht da.«

 

Gordon war eigentlich die ganze Unterhaltung zuwider.

 

»Es ist mir widerwärtig, daß ich unwahre Geschichten erzählen soll. Warum soll ich mich wegen meines Kommens und Gehens verantworten? Das ist einfach abgeschmackt! Aber es ist wohl besser, wenn ich Aberdeen als das Ziel meiner Reise angebe!«

 

Diana! Von allen Gründen, die gegen die Ostender Reise sprachen, war die Rücksicht auf sie die geringfügigste.

 

Gordon ging jetzt schon bei der Erwähnung ihres Namens hoch. Als er seine Wohnung in Cheynel Gardens erreicht hatte, war die Reise nach Ostende eine festbeschlossene Sache, die unwiderruflich war.

 

Zu Hause fand er ein Telegramm seines Agenten in New York vor, der ihn benachrichtigte, daß Mr. Tilmet ihn am nächsten Freitag persönlich in London besuchen werde. Zu seinem größten Schrecken entdeckte Gordon, daß er über den Überlegungen und Vorbereitungen für die Ostender Reise ein wichtiges Geschäft vollständig vergessen hatte. Sein Agent hatte in seinem Auftrag die Firma Tilmet & Voight gekauft, und Mr. Tilmet hatte den Wunsch geäußert, die Kaufsumme, fünfzigtausend Dollar, bar in London ausgezahlt zu erhalten, das er im Laufe einer Europareise besuchen werde. Die Kaufverträge waren schon mit einer früheren Post angekommen, und Gordon war davon verständigt worden, daß die Ankunftszeit Tilmets noch nicht genau festliege, daß er wahrscheinlich erst einige andere Länder aufsuchen, aber bestimmt seinen Besuch in Cheynel Gardens machen werde, um dieses Geschäft endgültig abzuschließen.

 

Gordon sah sofort die Schiffsliste der »Times« durch und stellte fest, daß die »Mauretania« um zwölf Uhr des gestrigen Tages fünfhundert Meilen westlich von Kap Lizard gemeldet worden war. Er überlegte schnell, er mußte also morgen die Summe im Hause haben, obgleich er gewöhnlich aus Prinzip keine geschäftlichen Handlungen außerhalb seines Büros vornahm. Aber diesmal waren ungewöhnliche Umstände im Spiel, und das Geschäft war außerordentlich vorteilhaft für ihn. Er notierte sich die Sache in sein Taschenbuch, machte eine zweite Eintragung auf den Umschlag seines Scheckbuches und ging dann nach oben, um sich umzuziehen. Er wollte heute mit Heloise zu Abend speisen und ihr persönlich die Nachricht überbringen, daß er sich entschlossen habe, den Plan auszuführen, den sie doch eigentlich ersonnen hatte. Sie hatte nach seinen letzten Mitteilungen ja schon ein Recht zu der Annahme, daß nicht mehr die geringsten Zweifel darüber bestanden.

 

Als er die Treppe wieder herunterkam, sah er Diana unten stehen. Sie trug ein elegantes Abendkleid aus elfenbeinfarbener Seide. Zwei Perlenketten waren um ihren Hals geschlungen. Er folgte ihr in das Studierzimmer und schaute sie erstaunt an, als sie sich jetzt umwandte. Das war eine ganz andere Diana. Es lag etwas Ätherisches, fast Überirdisches in ihrer Lieblichkeit.

 

»Diana, du siehst heute abend wundervoll aus«, sagte er.

 

Da er jetzt nach Ostende fuhr, war er großzügig.

 

»Danke«, sagte sie gleichgültig. »Mich kleidet diese Farbe immer sehr gut. Du wirst auch auswärts speisen, wie ich sehe? Wo gehst du denn hin?«

 

»Ich werde im Ritz-Carlton-Hotel essen. Und du?«

 

»Ich gehe zur australischen Gesandtschaft. Mr. Collings ist in geschäftlichen Angelegenheiten gekommen. Er hat heute nachmittag hier seinen Besuch gemacht. Er ist mein Rechtsanwalt und ein netter Mensch.«

 

Gordon murmelte irgend etwas, das eine Liebenswürdigkeit sein sollte. Er war froh, denn Diana beschwerte nun auf keinen Fall heute abend sein Gewissen, und diese Sicherheit war wohltuend.

 

Sie sonnte sich in seiner unausgesprochenen Bewunderung und freute sich über den glänzenden Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte. Aber sie verwischte ihn zu seinem großen Ärger sofort wieder, indem sie eine Schublade seines heiligen Schreibtisches aufschloß.

 

»Wer hat dir denn den Schlüssel dazu gegeben?« fragte er entrüstet.

 

»Es paßte einer von meinen eigenen dazu«, sagte sie, ohne im mindesten verlegen zu sein. »Die Schublade war leer, es lagen nur ein paar deutsche philosophische Bücher darin. Die habe ich einfach herausgenommen und das Schloß ändern lassen. Ich muß doch irgendeinen Platz haben, wo ich meine Sachen verwahren kann.«

 

Er schluckte seinen Ärger hinunter.

 

»Was mußt du denn verwahren?«

 

»Meinen Schmuckkasten.«

 

»Der wäre aber doch viel sicherer in meinem Geldschrank aufgehoben.«

 

»Wie heißt denn das Kennwort?«

 

»Alma«, sagte er, bevor ihm klar wurde, welche Dummheit er gemacht hatte. Niemand außer ihm hatte bisher dieses Geheimnis gewußt.

 

Aber ehe er explodieren konnte, hatte sie einen kleinen schwarzen Gegenstand aus der Schublade genommen und auf die Tischplatte gelegt. Gordon wich bei dem Anblick etwas zurück.

 

»Aber, Diana, du solltest doch keine Schußwaffe im Haus halten«, sagte er nervös. »Wenn du mit einem solchen Ding spielst, könntest du dir Schaden tun – du könntest dich verletzen!«

 

»Ich kenne den Revolver in- und auswendig. Ich kann dieses Schlüsselloch treffen – ich wette, dreimal mit fünf Schüssen.« Sie zeigte auf die Tür.

 

»Aber um Gottes willen! Die Waffe ist doch nicht etwa geladen?«

 

»Aber natürlich ist sie geladen.« Sie nahm die Pistole zärtlich in die Hand. »Im Lauf ist keine Patrone, aber es steckt ein voller Rahmen im Magazin. Soll ich dir den Mechanismus zeigen?«

 

»Nein, leg das schreckliche Ding doch weg!«

 

Diana gehorchte, schloß die Schublade zu und steckte den Schlüssel in die Handtasche.

 

»Alma – das Wort muß ich mir merken«, sagte sie erfreut.

 

»Vergiß es lieber so schnell wie möglich! Ich hatte wirklich nicht die Absicht, dir oder sonst jemand das Kennwort zu meinem Geldschrank zu verraten. Es ist eigentlich nicht recht, daß du es weißt – du könntest vielleicht aus Versehen –«

 

»Merke dir, daß ich niemals etwas aus Versehen tue. Aus Niedertracht oder aus Schadenfreude tue ich manchmal etwas, aber dann geschieht es mit voller Überlegung und Absicht. Du könntest mich übrigens bei der Gesandtschaft absetzen«, sagte sie, als Eleanor ihr in den Mantel half.

 

»Sie liegt ja ganz in der Nähe des Ritz-Hotels. Wenn du allerdings vorher noch jemand abholen willst …«

 

Gordon wollte tatsächlich jemand abholen und hatte gar nicht die Absicht, zum Ritz-Carlton zu fahren, sondern zum Buckingham Gate. Infolge der veränderten Fahrtroute kam er fünf Minuten zu spät. Die Zurückhaltung, die Mrs. van Oynne zeigte, war direkt heroisch. Er entschuldigte sich vielmals und erklärte ihr seine Verspätung.

 

»Also schon wieder Diana«, sagte sie vorwurfsvoll. »Ich hasse dieses Mädchen mit der Zeit!«

 

»Meinen Sie Diana?«

 

»Ja«, sagte Heloise schnell. »Aber Gordon, Sie glauben gar nicht, wie sehr ich mich auf den nächsten Sonnabend freue.«

 

»Es ist mir allerdings eingefallen, daß am Sonnabend viel Verkehr ist. Die Züge werden von Leuten überfüllt sein, die zum Wochenende fortfahren.« Sie seufzte.

 

»Wir brauchen ja nicht zusammen zu reisen«, sagte sie resigniert. »Wie vorsichtig und schüchtern Sie doch sind!«

 

»O nein, ich bin durchaus nicht schüchtern!« protestierte Gordon verletzt. »Ich bin nur Ihretwegen besorgt – das ist mein einziger Grund. Übrigens habe ich Robert ins Vertrauen gezogen und ihm alles erzählt.«

 

»Das ist Ihr Bruder, nicht wahr? Was hat er denn gesagt?« Sie war neugierig.

 

»Robert ist ein Geschäftsmann, der wenig Phantasie hat. Zuerst dachte er – nun ja, Sie wissen ja selbst, was gewisse Leute immer denken werden, meine teure Heloise.«

 

»Könnten wir nicht eigentlich schon am Freitag fahren?«

 

»Das ist unmöglich. Am Freitag besucht mich ein Geschäftsfreund.« Er erzählte ihr von Mr. Tilmet.

 

Während des Essens beobachtete sie, daß er etwas zerstreut war. Sie nahm an, daß er sich wegen der bevorstehenden Reise Gewissensbisse mache. Aber damit hatte sie nicht recht, denn Gordon dachte im Augenblick an Diana. Er wunderte sich, wie es möglich war, daß er erst heute auf ihren wunderbaren Teint und ihre Figur aufmerksam geworden war. In gewisser Weise hatte er sich daran gewöhnt, Diana zu ertragen und ein grimmiges Vergnügen zu empfinden, wenn sie ihm das Leben schwer machte. Aber er mußte zugeben, daß sie seinen Haushalt glänzend führte, denn sie hatte die Ausgaben bedeutend eingeschränkt. Sie war wirklich eine vorzügliche Hausfrau.

 

»Warum lächeln Sie denn?« fragte Heloise.

 

»Ach, habe ich gelächelt?« meinte er verlegen und beinahe entschuldigend. »Ich wußte es gar nicht, ich dachte an etwas – hm an etwas, das in meinem Büro passierte.«

 

Selbst in seinen kühnsten Träumen hätte er nie geglaubt, daß er sich jemals wegen Diana herauslügen müßte.

 

Kapitel 8

 

8

 

Als Diana nach Hause kam, war Gordon schon zurück. Er war nachdenklich und außerordentlich verlegen. Es war auch ganz ungewöhnlich, daß er noch auf war, im allgemeinen legte er sich sofort zur Ruhe, wenn er von einem Essen oder vom Theater nach Hause kam und ließ sich unter keinen Umständen um diese Zeit noch in große Unterhaltungen ein.

 

»Hast du dich gut amüsiert?« fragte er.

 

»Prächtig! Die Spitzen des Kolonialamtes waren da, es war eine auserlesene Gesellschaft. Du bist natürlich zu spät zur Verabredung gekommen – war sie sehr ärgerlich?«

 

Unter anderen Umständen hätte er eine solche Frage einfach unbeantwortet gelassen.

 

»Ich kam etwa fünf Minuten zu spät – die Dame war natürlich –«

 

»Verstimmt?« ergänzte sie. »Siehst du, es war doch eine Dame! Gordon, kann ich sie nicht einmal sehen?«

 

Er lächelte.

 

»Ich glaube nicht, daß du dich für sie interessieren würdest. Sie ist eine durchaus geistige Frau.«

 

Diana zeigte sich nicht beleidigt.

 

»Wovon hast du denn mit der Dame gesprochen? Über den freien Willen oder über Doppelwährung?«

 

Er war in guter Stimmung und sogar mitteilsam.

 

»Wir sprachen über Bücher und Menschen«, sagte er leichthin. »Und worüber hast du dich unterhalten?«

 

Sie legte ihr Cape über eine Stuhllehne, zog den Sessel nahe an den Kamin und setzte sich, um ihre Knie zu wärmen. Gordon, der sehr diskret war, setzte sich so, daß er es nicht sehen konnte.

 

»Wir haben über Handel im allgemeinen, über die Güte des australischen Rindfleisches, über die Schwierigkeit, gute Dienstboten zu bekommen, und über die Affäre von Mrs. Carter-Corrillio gesprochen. Es ist doch wirklich unglaublich, was diese Frau getan hat – sie ist mit dem Sekretär der montenegrinischen Gesandtschaft nach Frankreich gereist. Sie war nur drei Tage dort, aber wie Lady Penford betonte, hat jeder Tag vierundzwanzig Stunden. Manche Frauen sind doch nicht gescheit, und die meisten Männer sind in solchen Fällen verrückt. Seine Karriere ist natürlich ruiniert, obgleich er einen Eid darauf leistet, daß sie die Reise nur wegen der Gräberfunde von Abbeville unternommen haben. Sie sind beide interessiert an Archäologie.«

 

»Und warum sollte denn das nicht die richtige Erklärung für ihre Reise sein?« fragte Gordon trotzig. Dieser für Archäologie interessierte Gesandtschaftssekretär war ihm sehr sympathisch. »Warum sollen denn Männer und Frauen nicht auch einmal durch wissenschaftliche Interessen verbunden sein?«

 

»Wir können ja abwarten, was der Richter dazu sagt. Mr. Carter-Corrillio hat die Scheidungsklage eingereicht.«

 

»Was hat er denn als Grund angegeben? Gegenseitige Unverträglichkeit in archäologischen Fragen?«

 

»Sei doch nicht so verrückt. Die Konvention ist nun einmal das Gesetz der Gesellschaft, und wer dieses überschreitet, scheut wahrscheinlich auch nicht davor zurück, das wirkliche Gesetz zu verletzen.«

 

Er starrte sie verblüfft an, als sie diese inkonsequente Ansicht äußerte.

 

»Aber, Diana, du selbst wohnst hier ohne Anstandsdame im Hause eines Junggesellen –«

 

»Das ist etwas ganz anderes, wir sind doch miteinander verwandt«, erwiderte sie prompt. »Niemand sagt etwas davon, daß der Gesandtschaftssekretär der Vetter von Mrs. Carter-Corrillio ist. Das ist doch ein Unterschied. Außerdem weiß jedermann, wie unsympathisch ich dir bin.«

 

»Das stimmt zwar nicht, aber wenn du davon überzeugt bist, warum bleibst du denn noch hier?«

 

»Ich habe eine Mission hier«, erklärte sie so entschieden, daß er nichts mehr erwiderte. Er verschob die Mitteilung seiner bevorstehenden Abreise auf den nächsten Morgen.

 

»Ich habe die Absicht, nach Schottland zu fahren und dort auf die Hühnerjagd zu gehen«, sagte er beim Frühstück. Er hatte aber ein schlechtes Gewissen, als er ihr das vorlog.

 

»Was haben dir denn die Hühner getan?« fragte sie. Ihre großen, graublauen Augen sahen ihn vorwurfsvoll an.

 

»Nichts – aber man schießt sie doch in dieser Jahreszeit. Ihr habt doch vermutlich auch Schonzeiten in Australien?«

 

»Das weiß ich nicht, ich habe Känguruhs, Dingos, Kaninchen und andere Tiere geschossen, aber niemals Vögel. Nach Schottland? Das ist aber sehr weit weg, Gordon. Da werde ich mir Sorge um dich machen. Ich habe noch heute morgen von einem Eisenbahnunglück in der Zeitung gelesen. Wirst du mir auch telegrafieren, wenn du angekommen bist?«

 

»Von jeder Station«, sagte er sarkastisch. Er schämte sich aber, als sie seine Worte ernst nahm und ihm herzlich für sein Versprechen dankte.

 

»Darüber bin ich sehr froh. Ich habe immer Angst, daß Leute, die ich gern habe, bei Eisenbahnunglücken zu Schaden kommen könnten. Aber es ist gar nicht nötig, daß du mir telegrafierst, ich kann das ja auch tun. Ich kann ja an den Stationsvorsteher oder an das Hotel depeschieren, in dem du logierst.«

 

Gordon wurde es plötzlich klar, welch eine große Dummheit er wieder begangen hatte. Die an und für sich schon schwierige Situation war nun noch bedeutend verwickelter geworden. Jetzt konnte er ihr nicht mehr mit einer einfachen Entschuldigung kommen oder über ihre Ängstlichkeit lachen, mochte sie nun wirklich vorhanden oder nur vorgetäuscht sein. Er dachte an eine Lösung, aber er verwarf sie sofort wieder. Aber dann kam er doch wieder darauf zurück, weil sie unter den gegebenen Umständen der einzige Ausweg war. Aber er konnte diesen Plan nur auf Kosten seiner Selbstachtung durchführen. Beinahe fluchte er schon auf Heloise und den Idioten, der diese verrückte Reise vorgeschlagen hatte.

 

Trenter legte gerade den Anzug seines Herrn zurecht, den er am Abend tragen wollte, als Gordon in den Ankleideraum trat.

 

»Bleiben Sie hier, Trenter. Wann hatten Sie Ihren letzten Urlaub?«

 

»Im April, Sir.«

 

Gordon überlegte.

 

»Kennen Sie Schottland?«

 

»Jawohl, ich bin öfters mit den Familien, bei denen ich diente, im September dort auf der Jagd gewesen.«

 

»Nun, das ist gut. Trenter, ich muß in einer bestimmten Angelegenheit eine Reise machen, die ich selbst vor meinen besten Freunden geheimhalte. Ich habe sehr wichtige Gründe dafür, heimlich an einen bestimmten Platz zu fahren, während man mich woanders vermutet. Aber damit will ich Sie nicht beschweren, Sie würden es auch nicht verstehen.«

 

Trenter hatte wenig Anhaltspunkte für seine Vermutungen, aber er traf mit seiner ersten Anspielung gleich das Richtige.

 

»Handelt es sich um eine Dame, Sir?« fragte er diskret.

 

»Nein!«

 

Gordons Gesicht verdunkelte sich, er war sehr ärgerlich.

 

»Natürlich nicht. Es ist eine, rein geschäftliche Angelegenheit, die gar nichts mit einer Dame zu tun hat!«

 

»Es tut mir furchtbar leid«, sagte Trenter verlegen.

 

»Wir wollen über den Zweck meiner Reise nicht weiter sprechen. Ich wollte Ihnen nur folgendes sagen. Miss Ford ist etwas nervös und ängstlich und hat mich gebeten, ihr in kurzen Zwischenräumen von meiner Reise zu telegrafieren.«

 

»Und Sie wollen mich nun nach Schottland schicken, um die Telegramme abzusenden« fragte Trenter strahlend.

 

Gordon staunte über die schnelle Auffassungsgabe seines Butlers.

 

»Ja, das sollen Sie tun. Sie ersparen mir dadurch viele Unannehmlichkeiten. Wenn die Telegramme schließlich in andere Hände fallen sollten, so könnten sie dazu beitragen, noch jemand anders zu täuschen!«

 

Trenter nickte verständnisvoll. Er konnte nicht ahnen, wer mit dieser letzten Bemerkung gemeint sein sollte. Selbst Gordon kannte den Mann ja nicht. Aber er gewann allmählich mehr Sicherheit im Lügen – er war schon ganz rücksichtslos geworden.

 

»Aber daß Sie der Dienerschaft nichts davon erzählen«, warnte er.

 

Trenter lächelte. Gordon hatte ihn früher niemals lächeln sehen. Es war ein ungewohnter Anblick.

 

»Nein, Sir. Ich werde sagen, daß meine Tante in Bristol krank ist – das stimmt nämlich auch – und daß Sie mir Urlaub gegeben haben, sie zu besuchen. Wie lange soll ich fortbleiben, Sir?«

 

»Ungefähr eine Woche.«

 

Mr. Trenter ging sofort nach hinten in die Dienerstube.

 

»Der Chef hat mir eine Woche freigegeben, daß ich meine Tante besuchen kann. Ich werde morgen schon abreisen«, sagte er selbstbewußt und wichtig.

 

Eleanor war schon von Natur aus argwöhnisch.

 

»Das kommt etwas plötzlich. Der Herr fährt morgen auch ab, ihr Männer seid eigentlich recht unzuverlässige Teufel. Wir Frauen wissen niemals, wie wir mit euch daran sind.«

 

Trenter lächelte geheimnisvoll. Es schmeichelte ihm ungemein, daß man ihn wegen irgendwelcher Abenteuer in Verdacht hatte.

 

»Wir werden ja sehen«, meinte er.

 

»Verreist Miss Diana auch?« fragte die Köchin.

 

»Meinen Sie mit mir oder mit ihm?« fragte Trenter unverschämt. »Sie geht nicht mit ihm, und ich mache ihm deshalb auch keinen Vorwurf. Sie ist keine Dame – das ist meine feste Überzeugung.«

 

»Behalten Sie Ihre Weisheit nur für sich«, erwiderte Eleanor böse. »Ich dulde nicht, daß etwas Böses über Miss Diana gesagt wird.«

 

»Ihr Frauensleute steckt doch immer unter einer Decke!«

 

»Und ihr Männer haltet euch an gar nichts!« Eleanor war ein wenig inkonsequent. »Miss Diana ist viel zu gut für ihn. Ich vermute, daß ihr beide irgendwelche galanten Abenteuer vorhabt. Soweit ich in Betracht komme, können Sie ja schließlich machen, was Sie wollen. Für mich waren Sie eben nur eine Erfahrung. Jedes Mädchen muß seine Erfahrungen machen – bis zu einem gewissen Grade.«