Kapitel 17

 

17

 

An dem Nachmittag desselben Tages machte Audrey einen Spaziergang im Green Park, wo es um diese Zeit immer sehr still und leer war. Es wehte jedoch ein so eisiger Nordwind, daß sie mitten auf der Brücke plötzlich umkehrte. Als sie an dem See entlangging, kam sie auch an einer Bank vorbei, auf der eine Frau weit zurückgelehnt saß und mit hintenübergebogenem Kopf zum Himmel starrte. Ihre Stellung war so unnatürlich und sonderbar, daß Audrey unwillkürlich anhielt, als auch ein anderer Spaziergänger stehenblieb.

 

»Was mag mit der Frau sein?« fragte sie ängstlich.

 

Der Mann trat rasch auf die Bank zu, und Audrey folgte ihm.

 

Die Frau schien zwischen dreißig und vierzig Jahren alt zu sein. Ihre Augen waren halb geschlossen, Gesicht und Hände blau vor Kälte. Neben ihr lag eine kleine, silberne Reiseflasche ohne Stöpsel, aus der eine Flüssigkeit auf die Bank tropfte. Sonderbarerweise kam Audrey das Gesicht bekannt vor, aber sie konnte sich nicht darauf besinnen, wo sie die Frau schon gesehen hatte.

 

Der Mann hatte seine Zigarre weggeworfen und hob den Kopf der Unglücklichen behutsam empor. Im selben Augenblick kam auch ein Schutzmann herbei.

 

»Ist sie krank?« fragte er.

 

»Sehr krank, fürchte ich«, erwiderte der Mann ruhig. »Miß Bedford, gehen Sie lieber fort.«

 

Sie sah ihn verwundert an. Woher kannte er ihren Namen?

 

»Gegenüber von der Horseguard-Wache steht noch ein Polizist«, sagte der Beamte zu Audrey. »Würden Sie so gut sein und ihm sagen, daß er die Unfallstation anrufen und dann herkommen soll?«

 

Sie eilte davon, und erst als sie verschwunden war, erinnerte sich der Polizist an seine Vorschriften.

 

»Ich habe ganz vergessen, nach ihrem Namen zu fragen! Kennen Sie die Dame vielleicht?«

 

»Ja, es ist Miß Bedford«, erwiderte Slick Smith. »Ich kenne sie dem Aussehen nach. Wir haben eine Zeitlang im selben Büro gearbeitet.« Er griff nach dem silbernen Fläschchen, hob den Stöpsel vom Boden auf und schloß es sorgfältig. Dann überreichte er es dem Beamten.

 

»Sie werden dies brauchen«, sagte er und setzte bedeutungsvoll hinzu: »An Ihrer Stelle würde ich niemand einen Schluck daraus tun lassen, mit dem Sie es gut meinen.«

 

»Sie glauben, daß es Gift ist?« fragte der Mann erschrocken.

 

»Riechen Sie es denn nicht? Wie bittere Mandeln – die Frau ist tot.«

 

»Selbstmord?«

 

»Wer weiß! Schreiben Sie sich lieber auch meinen Namen auf: Richard James Smith, der Polizei als Slick Smith bekannt. Ich stehe in den Registern von Scotland Yard. «

 

Der andere Schutzmann erschien, und gleich darauf kam auch der Krankenwagen mit einem Arzt. Der Doktor erklärte sofort, daß die Frau durch Zyankali vergiftet und tot sei …

 

Dick Shannon hörte durch Zufall von diesem Ereignis, interessierte sich aber weiter nicht dafür, bis der mit dem Fall betraute Beamte zu ihm kam, um sich nach Slick Smith zu erkundigen.

 

»Ja, ich kenne ihn: ein amerikanischer Schwindler und Dieb«, sagte er. »Hier hat er sich aber noch nichts zuschulden kommen lassen. Wer war die Frau?«

 

»Unbekannt. Es scheint Selbstmord vorzuliegen.«

 

Abends warf Audrey einen Blick in die Zeitung und bemerkte eine kurze Notiz:

 

 

»Die Leiche einer unbekannten Frau wurde heute im Green Park gefunden. Man nimmt an, daß Selbstmord durch Gift vorliegt.«

 

 

Sie war also tot! Audrey überlief ein Schauder. Wer konnte es nur sein? Sie wußte doch genau, daß sie die Frau schon gesehen hatte …

 

Plötzlich fiel es ihr ein. Es war die Betrunkene, die neulich vor Marshalts Haustür solchen Lärm gemacht hatte …

 

Audrey stand auf, ging ans Telephon und rief Shannon an. Der freudige Ton seiner Stimme weckte ein warmes Glücksgefühl in ihrem Herzen.

 

»Wo sind Sie gewesen? Ich wartete schon dauernd auf einen Anruf von Ihnen … es ist doch nichts geschehen?«

 

»Nein, aber ich las eben von der toten Frau im Green Park. Ich war dabei, als sie gefunden wurde, und ich glaube, daß ich sie kenne.«

 

»Ich komme sofort zu Ihnen«, erwiderte Dick.

 

Kurze Zeit später saß er bei ihr, und sie berichtete ihm, was sie wußte.

 

»Sie erinnern sich doch, daß ich Ihnen von einer Frau erzählte, die an Mr. Marshalts Tür klopfte?«

 

Dick pfiff leise durch die Zähne.

 

»Ich möchte nicht haben, daß Sie bei dieser Affäre als Zeugin auftreten«, meinte er nach kurzem Nachdenken. »Das kann Smith tun – und mit Tonger werde ich heute abend sprechen. Übrigens – wann besuchen Sie Malpas?«

 

»Morgen.«

 

»Sie flunkern, meine Liebe. Sie wollen heute abend hingehen.«

 

Audrey lachte.

 

»Ja, allerdings. Ich dachte nur, Sie würden Umstände machen –«

 

»Das stimmt vermutlich. Zu wann hat er Sie bestellt?«

 

»Um acht soll ich kommen.«

 

Er sah nach der Uhr.

 

»Ich werde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen«, entgegnete er. »Jetzt gehe ich zu Marshalt, und drei Minuten vor acht erwarte ich Sie an der Nordseite des Portman Square. Bitte, keine Einwendungen. Und geben Sie mir Ihr Wort, das Haus nicht zu betreten, bevor Sie mich gesprochen haben.«

 

Sie zögerte eine Sekunde, gab ihm aber dann das Versprechen und fühlte sich wesentlich erleichtert.

 

Kapitel 15

 

15

 

Lacy Marshalt war in schlimmster Laune. Shannons Knöchel hatten rote Flecke auf seinem Gesicht hinterlassen, und er hatte eine schlaflose Nacht verbracht. Er saß noch beim Frühstück, als Tonger hereinkam und Mr. Elton anmeldete.

 

»Guten Morgen, Elton!«

 

»Guten Morgen, Marshalt!«

 

Martin legte Zylinder und Stock beiseite und begann langsam, seine Handschuhe auszuziehen. Dann zog er einen Stuhl heran.

 

»Ich schrieb Ihnen kürzlich und ersuchte Sie, meine Frau nicht wieder zu Tisch einzuladen«, sagte er ruhig. »Seit dieser Warnung ist sie trotzdem zweimal bei Ihnen gewesen. Das darf nicht wieder vorkommen.«

 

»Ihre Frau war gestern mit ihrer Schwester hier. Audrey aß bei mir, und Dora kam her, um sie abzuholen …«

 

»Aber an jenem Konzertabend war Audrey doch wohl nicht hier?« fragte Elton mit einem bitteren Lächeln.

 

Marshalt antwortete nicht.

 

»Für die Gelegenheit wird sich schwer eine Ausrede finden lassen. Sie sind ein schlauer Kerl, Marshalt – ein dunkler Kunde allerdings auch, wenn ich nicht sehr irre. Ich denke, es ist nicht erforderlich, daß ich die üblichen heroischen Redensarten vorbringe und Sie zum Beispiel darauf hinweise, daß es besser ist, ein lebendiger Millionär zu sein als – sonst etwas. Die Geschworenen würden Ihren Anverwandten vermutlich ihr Beileid aussprechen – eine Auszeichnung, die mir nicht zuteil werden dürfte. Aber es ist viel angenehmer, einen Bericht über das Ableben anderer Leute zu lesen, als die Hauptrolle bei dem eigenen zu spielen.«

 

Er erhob sich wieder und griff nach Stock und Hut.

 

»Guten Morgen, Mr. Marshalt. Sie brauchen meine Frau nicht erst anzurufen. Ich habe unseren Apparat vorsichtshalber in Unordnung gebracht, bevor ich das Haus verließ.«

 

Er nickte ihm noch einmal zu und ging.

 

An einem strahlenden Wintertag seufzte Audrey erleichtert auf, als sie gegen Mittag ihre täglichen Schreibereien erledigt und das große, schwere Kuvert in den Hotelbriefkasten gesteckt hatte.

 

Wer war nur dieser Mr. Malpas, und welche Geschäfte betrieb er? Mit Unbehagen dachte sie an die bevorstehende Unterredung, die vielleicht ein enttäuschendes Ende für sie nehmen würde. Aber noch mehr beschäftigte sie die Freundschaft, die zwischen ihrer Schwester und Marshalt zu bestehen schien. Sie war entsetzt darüber und hätte trotz aller bösen Erfahrungen dieses Verhalten nicht von Dora erwartet.

 

Als sie zum Lunch hinunterging, überreichte ihr der Portier einen Brief, der eben für sie abgegeben worden war. Sie erkannte die Handschrift auf den ersten Blick und las die Mitteilung staunend:

 

 

»Ich verbiete Ihnen, Marshalt wiederzusehen. Der Antrag, den er Ihnen heute machen wird, muß abgelehnt werden.

 

Malpas.«

 

 

Ungehalten über diesen gebieterischen Ton steckte sie den Brief ein und ging zum Speisesaal. Sie war noch nicht mit ihrer Mahlzeit fertig, als ein Angestellter ihr auch schon das angekündigte Schreiben von Marshalt brachte. Der Mann begann mit demütigen Entschuldigungen, erklärte, daß er sich selbst sein rohes Benehmen niemals verzeihen könne, und schloß mit den Worten:

 

»Aber ich kenne Sie länger, als Sie ahnen, und ich liebe Sie heiß und aufrichtig. Wenn Sie einwilligen, meine Frau zu werden, machen Sie mich zum Glücklichsten aller Sterblichen.«

 

Ein Heiratsantrag! Empört stand sie auf, um ihre Antwort unverzüglich zu Papier zu bringen.

 

 

»Ich danke Ihnen für Ihre Zeilen, die wohl ein Kompliment für mich bedeuten sollen, aber ich bedaure, Ihren Antrag nicht in Erwägung ziehen zu können.

 

Audrey Bedford.«

 

 

»Senden Sie das durch Eilboten ab!« sagte sie zu dem Portier.

 

Sie hatte einen Entschluß gefaßt, und am Nachmittag fuhr sie zur Curzon Street. Das Dienstmädchen erkannte sie nicht wieder und meldete sie Mrs. Elton als »Miß Audrey«.

 

Wenige Minuten später standen sich die beiden Schwestern gegenüber. Dora sah die Besucherin zornglühend an.

 

»Nur ein paar Worte«, sagte Audrey.

 

»Jede Sekunde, die du in meinem Haus verbringst, ist zuviel! Was willst du?«

 

»Ich möchte dich bitten, Marshalt aufzugeben, Dora.«

 

»Um ihn dir zu überlassen?«

 

»O nein, ich verachte ihn. Ich will nicht predigen, Dora, aber Martin ist doch nun einmal dein Mann, nicht wahr?«

 

»Ja, er ist mein Mann.«

 

Das klang so verzweifelt, daß Audrey unwillkürlich Mitleid fühlte und sich ihrer Schwester näherte. Aber Dora wich mit haßerfüllten Blicken von ihr zurück.

 

»Rühr mich nicht an, du Gefängnisdirne! Du willst, daß ich Marshalt aufgebe, daß ich ihn dir überlasse? Ach, wie ich dich hasse! Von jeher hab‘ ich dich gehaßt! Marshalt aufgeben? Ich werde ihn heiraten, sobald ich Martin los – sobald es soweit ist. Hinaus mit dir, Audrey Torrington!«

 

»Torrington!« wiederholte Audrey tonlos. Dann wandte sie sich ab, ging zur Tür hinaus und die Treppe hinab.

 

Aber nun geriet Dora außer sich.

 

»Du hinterlistige Diebin!« schrie sie. »Dich will er heiraten! Aber das soll niemals geschehen – nie!« Im Nu hatte sie aus einer an der Wand befestigten Waffentrophäe einen langen Dolch herausgerissen und stieß zu. Audrey duckte sich instinktiv, und der Dolch fuhr in den Türpfosten. Dora zog ihn heraus und stieß wieder zu. In ihrer Todesangst strauchelte Audrey und fiel.

 

»Jetzt hab‘ ich dich!« kreischte Dora wie wahnsinnig und hob die Waffe.

 

Aber plötzlich packte jemand ihr Handgelenk. Sie fuhr herum und starrte in ein Paar belustigte Augen.

 

»Wenn ich eine Filmaufnahme unterbreche, tut es mir leid«, sagte Slick Smith. »Aber vor Stahl habe ich Angst – richtige Angst!«

 

 

Slick Smith führte die fassungslose junge Frau nach oben, brachte ihr ein Glas Wasser und sprach beschwichtigend auf sie ein.

 

»Daß sich die Frauen doch immer wieder über irgendeinen Mann bei den Haaren kriegen! Und dieses Mädchen scheint so nett zu sein. Sie ging doch ins Gefängnis, um Sie zu retten?«

 

Erst jetzt kam Dora zum Bewußtsein, daß er ein Fremder für sie war.

 

»Wer sind Sie?« fragte sie mit stockender Stimme.

 

»Ihr Mann kennt mich. Ich bin Smith – Slick Smith aus Boston. Verehrte Mrs. Elton – er ist es nicht wert!«

 

»Nicht wert? Von wem sprechen Sie denn?«

 

»Von Lacy Marshalt. Das ist ein ganz übler Bursche – das müssen Sie doch schon gemerkt haben. Martin mag ich leiden, und es würde mir verdammt leid tun, wenn er gerade in dem Augenblick gefaßt würde, in dem er den Revolver auf sich selbst richtete. So was kommt vor. Und vielleicht würden Sie im Gerichtssaal sitzen, und er würde Ihnen zulächeln, wenn der Richter die schwarze Kappe aufsetzte, bevor er Elton nach der Totenzelle schickte. Und Sie würden wie gelähmt sein und daran denken, welch ein elender Kerl Marshalt war, und daß Sie beide Männer ins Grab gebracht haben.«

 

»Hören Sie auf! Sie machen mich verrückt –«

 

»Sie wissen nicht, was für ein Hundsfott dieser Marshalt ist –«

 

Sie hob abwehrend die Hand.

 

»Ich weiß … bitte, gehen Sie jetzt!«

 

Als Slick Smith das Haus verließ, kam Elton gerade die Stufen herauf.

 

»Zum Teufel, was suchen Sie denn hier?« fragte er gereizt.

 

»Ich wollte Ihnen sagen, daß Sie sich in acht nehmen und nicht so leichtgläubig sein sollten. Das vortrefflich gemachte Geld, das Stanford Ihnen andrehen will, wurde auch mir angeboten. Giovanni Strepesi in Genua verfertigt es und hat schon eine Menge in Umlauf gesetzt, aber – als Nebengeschäft ist Einbruch weniger riskant, und Bakkarat eine wahre Sinekure.«

 

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden –« stammelte Martin.

 

»Und ich sage Ihnen, selbst der Schwindel von Malpas ist besser als Stanfords neue Liebhaberei!«

 

»Welchen Schwindel betreibt denn Malpas?«

 

Slick überlegte einen Augenblick.

 

»Ich weiß es nicht genau. Aber ich rate Ihnen, nie allein zu ihm ins Haus zu gehen! Ich sah ihn einmal – aber er bemerkte mich nicht. Deshalb bin ich noch am Leben, Elton.«

 

Kapitel 16

 

16

 

Am Sonnabendmorgen saß Marshalt in seinem Studierzimmer am Schreibtisch, als Tonger ihm ein Paket Briefe brachte. Der Millionär sah sie rasch durch.

 

»Wieder nichts dabei von unserem Freund aus Matjesfontein«, sagte er dann unmutig. »Seit vier Wochen hat der Kerl nichts von sich hören lassen!«

 

»Vielleicht ist er tot«, meinte Tonger.

 

»Es könnte ja auch sein, daß Torrington etwas zugestoßen wäre.«

 

»Sie sind ein Optimist, Lacy!« spottete Tonger, wurde dann aber nachdenklich. »Vielleicht kann er doch nicht schwimmen«, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.

 

Lacy blickte rasch auf.

 

»Was soll denn das heißen?«

 

»Die Kinder eines königlichen Kommissars sollten eigentlich auch schwimmen können«, fuhr Tonger fort. »Oder wenn sie es nicht können –«

 

Lacy schwang sich auf seinem Stuhl herum.

 

»Jetzt hab‘ ich aber dein Gefasel satt!« rief er ungeduldig. »Sage jetzt gefälligst, was du meinst.«

 

»Na, vor ungefähr anderthalb Jahren nahmen die Kinder von Lord Gilbury ein Segelboot und fuhren in die Tafelbai hinaus. Hinter dem Wellenbrecher kenterte das Boot, und sie wären ertrunken, wenn nicht einer der Sträflinge, die dort arbeiteten, ins Wasser gesprungen und hingeschwommen wäre. Der hat sie gerettet.«

 

Lacys Mund stand weit offen.

 

»War das Torrington?« fragte er leise.

 

Tonger zuckte die Schultern.

 

»Ein Name wurde nicht genannt. In den Zeitungen stand nur, daß der Sträfling lahm war, und daß man von einer Begnadigung spräche.«

 

Wütend sprang Lacy auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.

 

»Natürlich! So muß es sein!« stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Er ist frei, und seine Rechtsanwälte halten es geheim. Und du hast es die ganze Zeit gewußt, du Hund!«

 

»Gewußt habe ich nichts«, erwiderte Tonger gekränkt. »Vermutet habe ich es allerdings. Aber glauben Sie, Dan Torrington würde Sie in Frieden lassen, wenn er ein freier Mann wäre? Und warum sollte ich Ihnen mit solchen Gerüchten Angst machen? Ich weiß, daß ich Ihnen viel Dank schuldig bin, Lacy, und ich kenne Ihre guten und Ihre schlechten Seiten. Und ich hab‘ wahrhaftig keinen Grund, Torrington zu lieben. Wollte er nicht gerade an dem Tag, an dem Sie ihn faßten, mit meiner kleinen Elsie auf und davongehen?« Er griff in die Tasche und holte einen zerlesenen Brief hervor. »Die ganzen Jahre hab‘ ich ihn mit mir herumgetragen. Es ist der erste Brief, den sie mir aus New York schrieb. Hören Sie zu:

 

 

›Liebes Väterchen, ich möchte Dir doch sagen, daß ich ganz zufrieden bin. Ich weiß, daß Torrington verhaftet ist, und in mancher Hinsicht bin ich froh darüber, daß ich auf seinen Wunsch hin hierher vorausreiste. Väterchen, willst Du mir verzeihen und mir glauben, daß ich zufrieden bin? Ich habe hier in der Riesenstadt neue Freunde gefunden, und mit dem Geld, das mir Torrington gab, habe ich ein ganz einträgliches, kleines Geschäft gegründet. Nach Jahren, wenn alles vergessen ist, werde ich zu dir zurückkehren.‹«

 

 

Vorsichtig legte er das dünne Blatt wieder zusammen und schob es in die Tasche.

 

»Nein, ich habe keinen Grund, Torrington zu lieben«, sagte er, »aber viel Grund, ihn zu hassen.«

 

»Haß ist Furcht«, murmelte Lacy. »Du fürchtest ihn auch.«

 

Unruhig ging er im Zimmer auf und ab.

 

»Mrs. Elton sagt, sie hätte einen hinkenden Mann gesehen –«

 

»Ach was! Solche Damen sind immer nervös und sehen alles mögliche –« Er unterbrach sich plötzlich, denn es klopfte dreimal gedämpft, aber deutlich an die Wand.

 

Lacy blieb stehen und wurde totenbleich.

 

»Was – was ist das?« flüsterte er mit zitternden Lippen.

 

»Ach, irgendein Gehämmer. Vielleicht hängt der alte Mann Bilder auf.«

 

Lacy feuchtete seine trockenen Lippen mit der Zunge an und riß sich zusammen.

 

»Du kannst gehen. Heute nachmittag mußt du aber nach Paris fahren.«

 

»Nach Paris? Was soll ich in Paris – ich kann doch kein Wort Französisch, und Seefahrten bekommen mir nicht. Schicken Sie doch jemand anders!«

 

»Es muß ein Mann sein, auf den ich mich verlassen kann. Ich werde Croydon anrufen, damit sie ein Flugzeug bereithalten. Dann kannst du noch vor Einbruch der Nacht zurück sein.«

 

»Flugzeuge sind auch nicht mein Geschmack! Wann komme ich denn zurück – wenn der Fall überhaupt eintritt?«

 

»Um zwölf fliegst du ab, um zwei bist du in Paris, gibst den Brief ab, und um drei bist du schon wieder auf der Rückreise.«

 

»Na, wenn es sein muß –« knurrte Tonger. »Wo haben Sie den Brief?«

 

»In einer Stunde kannst du ihn dir holen.«

 

Als Lacy allein war, meldete er erst ein Gespräch nach Paris an, ließ sich dann mit Stormers Detektivagentur verbinden und ersuchte, Mr. Willitt sofort zu ihm zu schicken. Darauf setzte er sich an den Schreibtisch und hatte seinen Brief gerade geschrieben und zugesiegelt, als Mr. Willitt auch schon gemeldet wurde.

 

»Wenn ich nicht irre, sind Sie der Chef der Agentur?« begann Lacy sofort und deutete auf einen Stuhl.

 

Willitt schüttelte den Kopf.

 

»Nur Stellvertreter. Mr. Stormer verbringt seine Zeit meistens bei unserer New Yorker Zweigagentur. In Amerika nehmen wir eine viel bedeutendere Stellung ein und werden oft mit Regierungsaufträgen betraut. Hier in England –«

 

»Ich habe einen Auftrag für Sie«, fiel ihm Lacy ins Wort. »Haben Sie schon einmal von einem gewissen Malpas gehört?«

 

»Von dem alten Mann, der nebenan wohnt? O ja! Wir wurden bereits ersucht, seine Persönlichkeit festzustellen – unsere Auftraggeber möchten eine Photographie von ihm haben.«

 

»Wer sind die Leute?«

 

»Das kann ich Ihnen leider nicht mitteilen.«

 

Lacy holte ein Bündel Banknoten heraus, wählte zwei aus und schob sie dem Detektiv hin.

 

»Hm.« Der Mann lächelte verlegen. »Vielleicht kann ich dieses eine Mal eine Ausnahme machen. Es handelt sich um einen gewissen Laker, der vor einiger Zeit verschwand.«

 

»Laker? Den kenne ich nicht. Sind Sie denn an den alten Mann herangekommen?«

 

»Nein, der lebt wie eine Auster.«

 

Lacy überlegte eine Weile.

 

»Ich wünsche, daß Sie ihn unausgesetzt bewachen. Beobachten Sie das Haus Tag und Nacht von allen Seiten. Stellen Sie auch einen Mann oben auf dem Dach meines Hauses auf.«

 

»Dazu würde ich sechs Leute brauchen«, meinte Willitt und zog sein Notizbuch hervor. »Und was sollen sie tun?«

 

»Ihm folgen und feststellen, wer er ist. Und wenn möglich, mir eine Photographie von ihm verschaffen.«

 

»Von wann ab?«

 

»Sofort. Ich werde veranlassen, daß der Mann, den Sie aufs Dach beordern, eingelassen wird. Mein Diener Tonger wird dafür sorgen, daß es ihm an nichts fehlt.«

 

Der Detektiv empfahl sich, als sich das Pariser Telephonamt meldete, und Lacy Marshalt gab in geläufigem Französisch eine Reihe von Anordnungen.

 

Kapitel 11

 

11

 

 

Dick Shannon klopfte heftig an die Glasscheibe seiner Autodroschke, riß das Fenster auf und beugte sich vor.

 

»Wenden Sie und fahren Sie an der anderen Seite entlang«, sagte er. »Ich möchte mit der Dame dort sprechen.«

 

Wenige Augenblicke später stand er Audrey gegenüber und zog lachend den Hut.

 

»Miß Bedford! Das ist aber eine großartige Überraschung!«

 

Und es war wirklich eine Überraschung, und zwar in mehr als einer Beziehung. Audrey war keine Bettelprinzessin mehr, sie war tadellos gekleidet und sah so jung und schön aus, daß sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog.

 

»Ich habe Sie schon wie eine Stecknadel gesucht! Als Sie Holloway verließen, kam ich drei Minuten zu spät, und nachher bildete ich mir unbegreiflicherweise ein, daß Sie sich bei der Polizei melden müßten.«

 

»Nein, das blieb mir erspart. Aber ich sah Sie ein paarmal in Holloway, als Sie dort zu tun hatten.«

 

Sie wußte nicht, daß er nur um ihretwillen hingekommen war, und daß sie ihm die Versetzung aus der Waschküche in die Bibliothek verdankte.

 

»Ich werde jetzt einmal ganz offen und ehrlich mit Ihnen sprechen«, sagte er, als sie zum Hannover Square kamen. »Dora Elton ist doch Ihre Schwester?«

 

»Eigentlich nicht – wenn ich es auch annahm. Wir haben nichts mehr miteinander zu tun. Ein Mädchen mit meiner Vergangenheit ist kein Umgang für Dora. So, nun aber genug von diesem Thema!«

 

»Was machen Sie denn jetzt?«

 

»Ich kopiere Briefe für einen garstig aussehenden alten Herrn und werde ungebührlich gut dafür bezahlt«, erwiderte sie etwas verlegen.

 

»Wir wollen ein wenig in den Park fahren«, meinte er und winkte einen Chauffeur heran. »Dort können wir uns ungestört unterhalten.«

 

In dem menschenleeren Park fanden sie zwei abseits stehende Stühle und ließen sich nieder.

 

»Nun erzählen Sie mir einmal etwas Näheres über diesen garstig aussehenden alten Herrn«, begann Dick.

 

Sie berichtete ihm über ihre Erfahrungen mit Mr. Malpas.

 

»Sie werden es gewiß verächtlich von mir finden, daß ich das Geld überhaupt angenommen habe. Aber wenn man sehr hungrig ist und friert, hat man keine Zeit, über moralische Grundsätze nachzudenken. Als ich mich aber gemütlich im Palace-Hotel eingerichtet hatte, stiegen doch Bedenken in mir auf, und ich wollte gerade in ablehnendem Sinn an Mr. Malpas schreiben, als er mir etwa zehn bis zwölf flüchtig mit Bleistift gekritzelte Briefe sandte und mich ersuchte, sie abzuschreiben und wieder an ihn zurückzuschicken.«

 

»Was für Briefe waren es denn?« fragte er neugierig.

 

»Meistens Ablehnungen von allerlei Einladungen. Er machte zur Bedingung, daß ich sie auf dem Briefpapier des Hotels und nicht mit Maschine schreiben müßte.«

 

»Die Sache gefällt mir nicht«, meinte Dick nachdenklich.

 

»Kennen Sie den Mann?«

 

»Ich weiß allerhand von ihm. Wieviel Gehalt beziehen Sie?«

 

»Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Er gab mir eine runde Summe und ersuchte mich, nach acht Tagen wiederzukommen. Seitdem habe ich alle Tage abgeschrieben, was mir mit der Morgenpost zuging. Es war ein Briefwechsel zwischen dem Gouverneur von Bermuda und dem Britischen Kolonialamt dabei, der gedruckt und wohl aus einem Blaubuch herausgerissen war. Was soll ich nun tun, Mr. Shannon?«

 

»Ja, wenn ich das wüßte! Eins dürfen Sie jedenfalls nicht tun: nächsten Sonnabend wieder allein in dieses sonderbare Haus gehen. Ich werde Sie auf dem Portman Square erwarten und mit Ihnen hineinschlüpfen.« Er sah, daß sie erschrak, und lächelte. »Sie brauchen keine Bedenken wegen etwaiger hinterlistiger Polizeiabsichten meinerseits zu haben. Wir haben nichts weiter gegen Mr. Malpas, als daß er ›geheimnisvoll‹ ist. Ich bleibe nur unten in der Halle in Rufweite. Waren übrigens auch Briefe an Mr. Lacy Marshalt unter den Papieren?«

 

»Nein. Das ist doch der afrikanische Millionär, der neben Malpas wohnt?« Sie erzählte ihm von dem kleinen Zwischenfall, der sich vor Marshalts Haus abgespielt hatte.

 

»Hm! Das ist vielleicht eine kleine nachbarliche Bosheit des Alten. Ich muß einmal mit Marshalt sprechen und ihn fragen, was es eigentlich mit dieser Feindschaft auf sich hat. Aber hier ist es kalt. Kommen Sie mit, wir wollen eine Tasse Kaffee trinken.«

 

 

Tonger schien anfangs nicht geneigt, Shannon zu melden, als er dem Beamten öffnete.

 

»Sie können Mr. Marshalt nur auf Verabredung hin sehen, wenigstens solange ich in der Nähe bin. Hat er Sie für diese Zeit bestellt?«

 

Shannon hatte den Eindruck, daß Tonger hier im Haus noch eine andere Stellung als die eines Kammerdieners einnahm.

 

»Vielleicht bringen Sie ihm meine Karte?« fragte er lächelnd.

 

»Vielleicht – aber wahrscheinlich nicht. Alle möglichen sonderbaren Menschen kommen hierher und wollen Mr. Lacy Marshalt sprechen, weil er freigebig und großzügig ist.« Er griff nach Dicks Karte und las sie. »Ach, Sie sind ein Detektiv? Na, dann kommen Sie herein, Captain. Wollen Sie denn jemand verhaften?«

 

»Wo denken Sie hin! In diesem wunderschön geordneten Haushalt, wo selbst die Bedienten so höflich sind, daß man sie kaum belästigen mag!«

 

Tonger kicherte.

 

»Ich bin kein Bedienter.«

 

»Der Sohn des Hauses?« scherzte Dick. »Oder gar am Ende Mr. Marshalt selbst?«

 

»Gott behüte! Ich möchte sein Geld und seine Verantwortung nicht haben. Bitte, diesen Weg!«

 

Er führte Dick zu einem Salon und folgte ihm.

 

»Es ist doch nichts Ernsthaftes?« fragte er besorgt.

 

»Nicht daß ich wüßte. Dies ist ein freundschaftlicher Besuch.«

 

»Nun gut, ich werde Mr. Marshalt Bescheid sagen.«

 

Er verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit Lacy Marshalt zurück. Als er Miene machte, zu bleiben, deutete der Millionär stumm auf die Tür.

 

»Hoffentlich hat sich Tonger keine Freiheiten herausgenommen«, sagte er, als er mit Dick allein war. »Er ist mit mir zusammen aufgewachsen und stellt meine Geduld manchmal auf harte Proben. Sie kommen von Scotland Yard, Captain Shannon? Was kann ich für Sie tun?«

 

»Vor allem möchte ich wissen, ob Sie Ihren Nachbar, Mr. Malpas, kennen?«

 

»Nein. Ich habe mich nur über das ewige Geklopfe nebenan beschwert –«

 

»Das habe ich gehört. Die Sache ist wohl durch die Distriktspolizei erledigt worden. Sie kennen ihn also nicht?«

 

»Ich habe ihn noch nie gesehen und kann Ihnen deshalb auch nichts Näheres über ihn sagen.«

 

»Wissen Sie auch nicht vom Hörensagen, wie er aussieht, so daß Sie ihn vielleicht als einen Bekannten aus Südafrika identifizieren könnten?«

 

»Nein, ich habe ihn auch nie beschreiben hören. Feinde hat man ja natürlich immer, wenn man es in der Welt zu etwas bringt.«

 

»Ja, man könnte den Eindruck haben, daß Malpas Sie schikanieren will. Und zwar benützt er dazu immer andere Leute. Ich möchte zum Beispiel glauben, daß die betrunkene Frau, die neulich herkam –«

 

»Eine betrunkene Frau?« Marshalts Stirne verdüsterte sich. Er stand auf und klingelte, worauf Tonger eilfertig erschien.

 

Aber auf die ärgerliche Frage seines Herrn hatte er nur eine gleichmütige Antwort.

 

»Ja, die war ordentlich eingeseift! Fiel ins Haus und auch gleich wieder hinaus. Sie sagte, sie wäre Mrs. Lidderley von Fourteen Streams –«

 

Dick Shannon sah den Hausherrn an, während der Diener sprach und bemerkte, daß Marshalts Gesicht leichenblaß wurde.

 

»Mrs. Lidderley?« wiederholte der Millionär langsam. »Wie sah sie denn aus?«

 

»Ach, ein kleines Ding – aber Kräfte hatte sie!«

 

»Klein? Dann hat sie geschwindelt!« Marshalts Stimme klang merklich erleichtert. »Vielleicht kennt sie die Lidderleys. Vor kurzem hörte ich aus Südafrika, daß Mrs. Lidderley schwer krank läge. Hast du sie nach ihrer Adresse gefragt?«

 

»Ich sollte nach der Adresse eines betrunkenen Frauenzimmers fragen? Aber, Lacy –«

 

»Zum Teufel, ich bin Mr. Marshalt für dich!« schrie ihn der Hausherr an. »Wie oft soll ich dir das noch sagen?«

 

»Ach, es fuhr mir eben so heraus!«

 

»Mach, daß du hinauskommst!« Marshalt schlug die Tür hinter seinem respektlosen Diener zu.

 

»Der Mensch macht mich manchmal wirklich nervös«, entschuldigte er sich dann bei Dick. »Als Jungens haben wir uns natürlich Lacy und Jim genannt, und es wird mir jetzt schwer, auf einer passenderen Anrede zu bestehen, aber man muß die äußere Form doch wenigstens bis zu einem gewissen Grade wahren. – Verzeihen Sie die Störung. Um auf Malpas zurückzukommen, so weiß ich tatsächlich nichts über ihn. Es mag allerdings jemand sein, dem ich vor Zeiten einmal auf den Fuß getreten habe … wissen Sie eigentlich, wie er aussieht?«

 

»Alt und furchtbar häßlich, wie ich gehört habe. Außerdem hat er eine Kabarettsängerin beauftragt, Sie zu belästigen, was ja an sich nicht viel auf sich gehabt hätte. Aber Sie haben zufällig eine Abneigung gegen solche Damen.«

 

»Könnten Sie nicht einmal den Mann besuchen?« fragte Marshalt nach einer kurzen Überlegung. »Das klingt natürlich wie eine Zumutung. Aber mir liegt wirklich daran, die Persönlichkeit von Malpas festzustellen.«

 

Dick hatte ohnehin schon beschlossen, sich den geheimnisvollen Mann anzusehen, so daß dieser Vorschlag überflüssig war. Als Tonger die Haustür hinter Shannon geschlossen hatte, schlenderte der Detektiv zu dem Nachbargebäude und blickte zu den öden Fenstern hinauf. Er war schon oft hier gewesen, aber um eine Unterredung hatte er Mr. Malpas noch nicht gebeten. Er suchte nach einer Klingel, fand keine und klopfte schließlich an die Tür. Als alles still blieb, pochte er kräftiger, schrak aber gleich darauf zusammen.

 

»Wer ist da?« fragte eine Stimme, scheinbar dicht an seinem Ohr.

 

Bestürzt sah er sich um, entdeckte aber sofort die Lösung des Rätsels, als er in dem steinernen Türpfeiler ein kleines Gitter bemerkte. Dahinter befand sich ein lautsprechendes Telephon.

 

»Ich bin Captain Shannon von Scotland Yard und möchte Mr. Malpas sprechen«, sagte er.

 

»Sie können Mr. Malpas nicht sprechen«, knurrte die Stimme, und Dick vernahm ein leises Knacken. Obwohl er noch mehrmals klopfte, erhielt er keine Antwort mehr.

 

Kapitel 12

 

12

 

Nur wenige Dienstboten genossen so viel Freiheit und Behaglichkeit wie Tonger, der das ganze oberste Stockwerk des Hauses bewohnte. Marshalt hatte ihm dort ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und ein Bad eingerichtet, und Tonger verbrachte den größten Teil seiner Abende in seinen eigenen Räumen, wo er mit Hilfe eines kleinen Roulettespiels endlose mathematische Berechnungen anstellte. Es war sein Ehrgeiz, die Kasinodirektion von Monte Carlo durch ein von ihm erfundenes unfehlbares System in Schrecken und Verzweiflung zu bringen.

 

An diesem Abend war er jedoch anderweitig beschäftigt, als die Klingel über seiner Tür ertönte, und er machte sie sorgsam hinter sich zu, bevor er zu Lacy hinunterging, der bereits ungeduldig wurde.

 

»Erwarte Mrs. Elton um sieben Uhr fünfundvierzig an der Hintertür«, befahl er ihm, »und laß sie herein. Dann bringst du das Auto zur Albert Hall und parkst bei den anderen, bis das Konzert vorbei ist. Nachher kommst du wieder an die Hintertür zurück.«

 

»Ist das nicht ein bißchen gefährlich nach dem Brief, den Sie von Elton erhalten haben?«

 

»Was weißt du denn von dem Brief? Ich hatte ihn doch eingeschlossen!«

 

»Ach, das ist doch gleichgültig. Ich habe ihn jedenfalls gelesen, und ich sage Ihnen, daß es gefährlich ist. In einem Scheidungsprozeß möchten Sie doch wohl nicht auftreten?«

 

»Mit dir als Zeuge!« höhnte Marshalt.

 

»Sie wissen sehr gut, daß ich nie gegen Sie aussagen würde«, erwiderte Tonger gelassen. »Das liegt mir nicht. Aber wenn ein Kerl wie Elton mir schriebe, er würde mich niederschießen, wenn er mich noch einmal mit seiner Frau zusammensähe, würde ich mir die Sache doch sehr überlegen.«

 

»Mrs. Elton hat geschäftliche Angelegenheiten mit mir zu besprechen«, sagte Marshalt kalt. »Tu das, was ich dir sage.«

 

»Das Auto vor der Albert Hall soll beweisen, daß Mrs. Elton das Konzert mit angehört hat!« kicherte Tonger. »Was wollte denn der Detektiv? Kam der auch wegen Mrs. Elton?«

 

»Unsinn! Er wollte sich nur nach dem verrückten Kerl nebenan erkundigen. So, das ist alles. Morgen abend esse ich zu Hause, und wenn ich Glück habe, mit einem sehr interessanten Gast.«

 

»Haben Sie das Mädchen gefunden, hinter dem der Privatdetektiv her war?« fragte Tonger lebhaft.

 

»Woher weißt du denn nun das schon wieder?! Ja, ich hoffe, daß sie kommt. Übrigens brauchst du dabei nicht in Erscheinung zu treten. Das Hausmädchen kann bei Tisch aufwarten.«

 

»Um törichten Jungfrauen Vertrauen einzuflößen«, bemerkte Tonger und verließ das Zimmer …

 

Gegen halb zwölf hielt er wieder mit dem Auto an der Hintertür von Nr.551, nachdem er Marshalts Anweisungen genau befolgt hatte. Dora kam heraus und nahm seinen Platz am Steuer ein.

 

»Haben Sie jemand gesehen?« fragte sie leise.

 

Er dachte an den Mann, der an der Ecke des Portman Square gestanden und so geduldig gewartet hatte.

 

»Nein«, sagte er aber. »An Ihrer Stelle würde ich jedoch ein solches Abenteuer nicht nochmal riskieren.«

 

»Machen Sie den Schlag zu«, erwiderte sie schroff, und gleich darauf fuhr sie ab.

 

Als sie nach Hause kam, fand sie Martin schon im Wohnzimmer vor.

 

»Na, ist die Unterredung befriedigend verlaufen?« fragte sie vergnügt.

 

Er hatte sich auf dem Diwan ausgestreckt und schüttelte mißmutig den Kopf.

 

»Nein, wir werden das Etablissement wohl schließen müssen. Klein verlangt zuviel Prozente und droht mit der Polizei, um sie durchzudrücken. Das macht mir nun zwar keine Sorge, aber die Säle in der Pont Street bringen viel und regelmäßig Geld ein, so daß ich sie ungern schließen würde. Jetzt erwarte ich Stanford. – Übrigens habe ich Audrey heute abend gesehen.«

 

»Wo denn?« fragte sie verwundert.

 

»Im Carlton Grill. Sie aß mit Shannon.«

 

Dora, die sich eben eine Zigarette anstecken wollte, hielt inne.

 

»Mit Shannon?«

 

»Ja. Sie schienen höchst fidel zu sein. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Zur Angeberin eignet sich Audrey nicht. Es war mir noch nie klar geworden, wie schön sie eigentlich ist. Und dabei tadellos angezogen. Shannon hat sie ordentlich verliebt betrachtet.«

 

»Na, du scheinst ja auch in sie verschossen zu sein! Das Konzert war übrigens ein großer Genuß für mich, Bunny! Kessler war hervorragend. Eigentlich mache ich mir ja nicht viel aus Geigenspiel, aber –«

 

»Kessler trat doch gar nicht auf«, erwiderte er und blies eine Rauchwolke in die Luft. »Er war indisponiert und ließ absagen. Hast du es denn nicht in der Zeitung gelesen?«

 

»Ach, ich kann diese Leute nicht voneinander unterscheiden«, erklärte sie nach einer kaum merklichen Pause gleichmütig. »Jedenfalls spielte der Mann, der ihn vertrat, glänzend.«

 

»Wahrscheinlich war es Manz.« Er nickte.

 

Zu ihrer Erleichterung klingelte es an der Haustür, und gleich darauf erschien Big Bill Stanford, todmüde von der langen Rückfahrt von Rom. Ohne große Vorrede begann er zu berichten.

 

»Die Contessa trifft am Dienstagabend ein. Ich habe Photos von der Tiara und der Perlenkette. Die Imitation wird sich in fünf bis sechs Tagen herstellen lassen, und das weitere ist dann ja Kinderspiel. Stigman hat sich mit der Zofe angefreundet –«

 

»Ich dachte, mit solchen Geschichten würden wir uns nicht wieder abgeben?« unterbrach ihn Dora unwillig.

 

»Geschieht auch nicht«, murmelte Martin. »Daß du mir nichts von dem Kram ins Haus bringst, Bill!«

 

»Hältst du mich für verrückt? Ich habe von der letzten Affäre noch genug!«

 

»Können wir denn das nicht ganz aufstecken, Bunny?« wandte sich Dora an Elton.

 

»Gewiß, warum nicht? Was bedeuten denn auch zehntausend Pfund für uns? Wir können ja auch ohne sie leben!«

 

»Ich kann es jedenfalls«, entgegnete sie.

 

»Willst du uns vielleicht mit Nähen ernähren oder Klavierstunden geben? Oder wieder zur Bühne gehen? Drei bis vier Pfund die Woche hast du ja wohl verdient, bis ich dich kennenlernte. Rede keinen Unsinn, Dora! Ich habe dich erst zu einer wohlhabenden Frau gemacht. Sogar dein Trauring stammt von einem Diebstahl her. Überlege dir das gefälligst!«

 

Sie stand wortlos auf und verließ das Zimmer.

 

Kapitel 1

 

1

 

Graue Nebelschleier lagen über London, als in den Abendstunden ein Mann mit unsicheren Schritten in den Portman Square einbog und nach einigem Suchen vor Nr. 551 anhielt. Während er zu den dunklen Fenstern hinaufstarrte, verzog sich sein Mund zu einem widerwärtigen Grinsen.

 

Diesem alten Teufel wollte er schon beibringen, daß man nicht ungestraft Leute ausplündern konnte! Warum sollte Malpas ein üppiges Leben führen, während sich sein bester Agent elend und kümmerlich durchschlagen mußte? So oft Laker betrunken war, legte er sich diese Frage vor.

 

Seine äußere Erscheinung, die in dieser vornehmen Gegend höchst sonderbar wirkte, verriet allerdings deutlich genug, daß es ihm schlecht ging. Er trug einen schäbigen Anzug, und sein Gesicht, das von der Backe bis zum Kinn von einer häßlichen Narbe entstellt wurde, sah verkommen und unrasiert aus.

 

Nachdem er noch einen kurzen Blick auf seine abgenützten Schuhe geworfen hatte, stieg er die Stufen zur Haustür hinauf und klopfte.

 

»Wer ist da?« fragte sofort eine Stimme von innen.

 

»Laker!« erwiderte er laut.

 

Geräuschlos öffnete sich die Tür. Er trat in die kahle Halle, ging die Treppe hinauf und stand gleich darauf in einem verdunkelten Zimmer. Nur vor dem Mann am Schreibtisch brannte eine schwache Lampe. Laker hatte kaum die Schwelle überschritten, als sich die Tür wieder hinter ihm schloß.

 

»Setzen Sie sich«, sagte der Alte am anderen Ende des Zimmers.

 

Grinsend ließ sich Laker drei Schritte entfernt auf einem Stuhl nieder.

 

»Wann sind Sie gekommen?«

 

»Heute morgen, mit der ›Buluwayo‹. Ich brauche Geld, und zwar schnell, Malpas.«

 

»Legen Sie auf den Tisch, was Sie mitgebracht haben«, entgegnete der alte Mann barsch. »Kommen Sie in einer Viertelstunde wieder, dann können Sie sich das Geld holen.«

 

»Ich will es aber jetzt haben!« rief der Betrunkene trotzig.

 

Malpas wandte ihm sein grauenerregendes Gesicht zu.

 

»Hier gilt nur mein Wille! Sie sind wieder einmal betrunken und benehmen sich danach. Blöder Narr!«

 

»Ich bin nicht so ein blöder Narr, daß ich noch länger diese Gefahren auf mich nehme! Ihnen bekommt die Sache sicher auch bald schlecht. Sie wissen nicht, wer nebenan wohnt.«

 

Malpas zog den Schlafrock enger zusammen und kicherte.

 

»Ich weiß, daß Lacy Marshalt mein Nachbar ist, Sie Dummkopf! Würde ich sonst vielleicht hier wohnen?«

 

Laker starrte ihn mit offenem Munde an.

 

»Was? Aber er gehört doch zu den Leuten, die Sie ausplündern – wenn er auch ein Verbrecher ist, Sie bestehlen ihn! Warum wollen Sie denn neben ihm wohnen?«

 

»Das geht Sie nichts an. Legen Sie jetzt den Kram hin, und machen Sie, daß Sie fortkommen!«

 

»Ich lege nichts hin, und ich gehe auch nicht fort, bis ich alles weiß, Malpas«, erwiderte Laker und stand auf. »Für nichts und wieder nichts sitzen Sie nicht an dem einen Ende dieser dunklen Stube und lassen mich immer am anderen warten. Ich werde Sie jetzt einmal genau betrachten, mein Lieber. Sie sind nicht der, für den Sie sich ausgeben! Rühren Sie sich nicht – Sie können den Revolver in meiner Hand nicht sehen, aber er ist da, verlassen Sie sich darauf!«

 

Er machte zwei Schritte vorwärts, prallte dann aber zurück. Ein in Brusthöhe quer durch das Zimmer gespannter Draht, der im Dunkeln nicht zu sehen war, hielt ihn auf. Im selben Augenblick ging das Licht aus. Wütend bückte er sich, um unter dem Hindernis wegzukommen, verhakte sich aber gleich darauf mit dem Fuß in einem zweiten Draht, der dicht über den Boden gezogen, war, und fiel hin.

 

»Machen Sie Licht, Sie alter Halunke!« schrie er außer sich, als er wieder auf die Beine kam. »Sie nützen mich nur aus – seit Jahren leben Sie von mir, Sie Schurke! Heraus mit dem Geld, oder ich verpfeife Sie bei der Polizei!«

 

»Das ist das drittemal, daß Sie mir drohen!«

 

Die Stimme ertönte hinter Laker. Rasend fuhr er herum und feuerte. Die mit Stoff bespannten Wände dämpften den Knall, aber beim Aufflammen des Mündungsfeuers sah er die Gestalt, die auf die Tür zuschlich, und drückte noch einmal ab.

 

»Machen Sie Licht!« brüllte er wieder, aber schon öffnete sich die Tür, und die Gestalt schlüpfte hinaus. Wenige Sekunden später stand auch Laker auf dem Treppenpodest, aber der alte Mann war verschwunden. Der Betrunkene sah eine andere Tür, warf sich dagegen und rief wild nach Malpas. Er erhielt keine Antwort. Plötzlich sah er etwas auf dem Boden liegen und hob es auf. Es war ein hervorragend gut modelliertes und gefärbtes Wachskinn mit zwei Gummibändern, von denen eins zerrissen war.

 

Laker lachte laut auf.

 

»Malpas, ich habe Ihr halbes Gesicht hier! Kommen Sie heraus, sonst trage ich es zur Polizei. Die Leute holen sich dann vielleicht den anderen Teil!«

 

Als alles stumm blieb, ging er schließlich die Treppe hinunter und versuchte, die Haustür zu öffnen. Aber sie hatte keinen Griff, und das Schlüsselloch war so winzig, daß man nicht hindurchsehen konnte. Fluchend rannte er wieder die Stufen hinauf und hatte fast den ersten Absatz erreicht, als etwas herabfiel. Er schaute nach oben und blickte in das verhaßte Gesicht. Auch das schwarze Gewicht sah er noch und versuchte, ihm auszuweichen. Aber eine Sekunde später glitt er wie ein schwerfälliger Klotz die Treppe hinab.

 

Kapitel 2

 

2

 

In der amerikanischen Botschaft fand ein Ball statt, und schon seit einer Stunde brachten zahllose elegante Limousinen die vornehmen Gäste herbei. Aus einem der letzten Wagen stieg ein etwas untersetzter Herr mit jovialem Gesicht aus. Er nickte dem Polizisten freundlich zu, der den Eingang von neugierigen Zuschauern freihielt, und betrat gleich darauf die große Halle.

 

»Colonel James Bothwell«, sagte er zu dem Diener und ging auf die Empfangsräume zu.

 

»Verzeihung.«

 

Ein hübscher Herr in tadellosem Frack nahm seinen Arm und führte ihn in ein kleines Vorzimmer.

 

Colonel Bothwell zog die Augenbrauen hoch. Er war etwas erstaunt über diese Vertraulichkeit.

 

»Sie irren sich wohl«, sagte er. »Ich glaube nicht –«

 

Die grauen Augen des anderen lächelten ihn freundlich an.

 

»Mein lieber amerikanischer Freund«, begann der Colonel wieder, »Sie täuschen sich bestimmt.«

 

Der Fremde schüttelte sanft den Kopf.

 

»Ich irre mich nie, und ich bin, wie Sie sehr gut wissen, Engländer – ebenso wie Sie. Es tut mir leid, mein armer, alter Slick!«

 

Slick Smith seufzte.

 

»Sehen Sie her, Captain, ich habe eine Einladung. Und wenn mich mein Botschafter zu sehen wünscht, so geht Sie das vermutlich nichts an.«

 

Captain Dick Shannon lächelte.

 

»Er wünscht Sie ja gar nicht zu sehen. Im Gegenteil, es wäre ihm höchst unangenehm, einen so gewandten englischen Dieb in der Nähe von einer Million Dollars in Diamanten zu wissen. Colonel Bothwell vom vierundneunzigsten Kavallerieregiment würde er gewiß gern die Hand drücken, wenn dieser Mann zu Besuch nach London käme, aber den Juwelendieb Slick Smith kann er wirklich nicht gebrauchen!«

 

»Schade! Den Halsschmuck der Königin von Griechenland hätte ich mir doch zu gern angesehen. Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit. Zu meinem Unglück bin ich nämlich mit einem Detektivinstinkt begabt, und Sie dürfen mir glauben, daß die Diamantenkette bereits vorgemerkt ist! Eine sehr geschickte Bande ist dahinter her – Namen nenne ich natürlich nicht.«

 

»Sind die Leute hier?« fragte Dick schnell.

 

»Ich weiß es nicht. Das wollte ich ja selbst feststellen. Ich bin in solchen Dingen wie ein Arzt – sehe gern bei Operationen zu. Man lernt dabei immer etwas Neues, was einem nie einfiele, wenn man immer nur seine eigene Arbeit studierte.«

 

Dick Shannon überlegte einen Augenblick.

 

»Warten Sie hier, und lassen Sie das Silber in Frieden«, sagte er dann und ließ Slick allein, der ihm entrüstet nachschaute.

 

Er drängte sich in den überfüllten Räumen durch die Gäste, bis er von einer freien Stelle aus den Botschafter beobachten konnte. Der Amerikaner sprach mit einer hochgewachsenen, müde aussehenden Dame, zu deren Schutz Dick Shannon in die Gesandtschaft beordert worden war.

 

An ihrem Hals glänzte eine Kette, die auch bei der leisesten Bewegung strahlend aufblitzte. Der Detektiv sah sich um und winkte unauffällig einen jungen Mann zu sich, der mit einem der Legationssekretäre sprach.

 

»Steel, Slick Smith ist hier«, flüsterte er ihm zu. »Und er behauptet, daß man versuchen würde, den Schmuck der Königin zu rauben. Sie dürfen sie keine Sekunde aus den Augen lassen. Und sagen Sie irgendeinem Beamten, daß er die Liste der Gäste nachkontrollieren soll. Wenn sich ein Unbefugter findet, bringen Sie ihn zu mir.«

 

Dann kehrte er zu Slick zurück.

 

»Warum sind Sie eigentlich gekommen, wenn Sie von diesem Plan wissen?« fragte er. »Auch wenn Sie nichts damit zu tun haben, werden Sie doch verdächtigt.«

 

»Das dachte ich mir auch schon. Daher kommt ja auch die Unruhe, die mich seit einer Woche plagt.«

 

Die Tür nach der Halle stand offen, und die beiden konnten die Nachzügler beobachten, die verspätet eintrafen. Eben kam ein stattlicher Herr von mittleren Jahren vorüber, der von einer auffallend schönen Frau begleitet wurde. Sie waren schon außer Sicht, bevor Dick sie näher betrachten konnte.

 

»Sieht ganz gut aus«, meinte Slick. »Martin Elton ist übrigens nicht hier. Seine Frau läuft viel mit diesem Lacy herum.«

 

»Lacy?«

 

»Ja, der Honourable Lacy Marshalt. Er ist Millionär und ein gerissener, zäher Kerl. Kennen Sie die Dame, Captain?«

 

Dick nickte. Dora Elton war eine bekannte Persönlichkeit, die bei keiner Veranstaltung der ultramondänen Welt fehlte. Lacy Marshalt kannte er nur dem Namen nach. Er brachte Slick Smith zur Haustür und wartete, bis dieser mit einem Mietauto davongefahren war. Dann kehrte er in den Ballsaal zurück.

 

Um ein Uhr brach zu seiner größten Erleichterung die Königin auf und fuhr zu ihrem Hotel am Buckingham Gate zurück, wo sie inkognito abgestiegen war. Neben dem Chauffeur saß ein bewaffneter Detektiv, und Dick zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie ungefährdet ihr Ziel erreichen würde.

 

Nachdem er sich von dem dankbaren Botschafter verabschiedet hatte, kehrte er nach Scotland Yard zurück. Aber der überaus dichte Nebel ließ nur ein Schneckentempo zu. Als er seinen Wagen nach allerhand Zwischenfällen schließlich in den Hof gesteuert hatte, gab er Auftrag, ihn in die Garage zu bringen.

 

»Ich gehe lieber zu Fuß nach Hause«, sagte er zu dem diensttuenden Beamten. »Das ist sicherer.«

 

»Der Inspektor hat nach Ihnen gefragt«, erwiderte der Mann. »Er ist zum Embankment hinuntergegangen. Sie suchen dort nach der Leiche eines Mannes, der heute abend in den Fluß geworfen wurde.«

 

»Geworfen?« wiederholte Dick bestürzt. »Sie meinen wohl, er ist hineingesprungen?«

 

»Nein. Eine Patrouille der Strompolizei ruderte an der Embankmentmauer entlang, als der Nebel noch nicht so dicht war wie jetzt, und dabei sahen die Leute, wie der Mann aufgehoben und übers Geländer geworfen wurde. Der Sergeant pfiff sofort, aber es war gerade keiner von uns in der Nähe, und so ist der Kerl, der es getan hat, entkommen. Sie suchen jetzt nach der Leiche. Ich sollte es Ihnen mitteilen, wenn Sie kämen, meinte der Inspektor.«

 

Shannon zögerte keinen Augenblick und machte sich sofort wieder auf den Weg. Mühsam tastete er sich durch den Nebel, bis er mit dem Inspektor zusammenstieß.

 

»Ein Mord«, sagte der Beamte. »Eben haben sie die Leiche gefunden. Der Mann ist totgeschlagen und dann ins Wasser geworfen worden. Wenn Sie die Stufen herunterkommen, können Sie ihn sehen.«

 

»Wann ist es denn geschehen?«

 

»Heute – oder vielmehr gestern abend gegen neun. Jetzt haben wir gleich zwei.«

 

Shannon ging hinunter und beugte sich über die dunkle Gestalt, die ein Polizist mit seiner Taschenlampe beleuchtete.

 

»Er hat nichts bei sich«, meldete der Sergeant, »aber seine Persönlichkeit wird sich leicht feststellen lassen. Er hat eine große Narbe im Gesicht.«

 

Als Dick mit dem Inspektor nach Scotland Yard zurückkam, herrschte dort fieberhafte Tätigkeit, denn während ihrer Abwesenheit war eine Nachricht eingelaufen, die auch den letzten Reservedetektiv aus dem Bett jagte.

 

Das Auto der Königin war an der dunkelsten Stelle der Mall überfallen, der Detektiv erschossen und die Diamantkette geraubt worden.

 

Kapitel 7

 

7

 

Lacy Marshalt saß in seinem Frühstückszimmer und verglich ein Foto mit der Momentaufnahme eines unternehmenden Pressefotografen, die in einer Zeitung wiedergegeben war: ein junges Mädchen, das in Begleitung eines Polizisten und einer Gefängniswärterin ein Auto verließ.

 

Tonger kam hereingeschlüpft.

 

»Haben Sie geklingelt, Lacy?«

 

»Ja, vor zehn Minuten. Und nun ein für allemal: ich verbitte mir diese Anrede!«

 

Der kleine Mann rieb sich vergnügt die Hände.

 

»Ich hab‘ einen Brief von meinem Mädel bekommen«, sagte er. »Sie ist in Amerika und gut bei Kasse – wohnt in den ersten Hotels. Ein schlaues Kind!«

 

Lacy faltete die Zeitung zusammen und legte sie beiseite.

 

»Mrs. Elton wird gleich hier sein. Sie kommt durch die Hintertür. Erwarte sie dort und führe sie durch den Wintergarten in die Bibliothek. Wenn ich klingle, bringst du sie auf demselben Weg wieder zurück.«

 

Als Dora kaum fünf Minuten später in der Bibliothek erschien, stand Lacy vor dem Kaminfeuer.

 

»Ich habe meine liebe Not gehabt, um herzukommen«, sagte sie. »Konnte es denn nicht nachmittags sein? Ich mußte Martin allerlei vorlügen. Gibt es denn nicht wenigstens einen Kuß?«

 

Er neigte sich zu ihr und streifte ihre Wange mit den Lippen.

 

»Was für ein Kuß!« spottete sie. »Nun, und –?«

 

»Dieser Juwelenraub! Die Polizei scheint anzunehmen, daß das angeklagte junge Mädchen deine Schwester ist?«

 

Sie schwieg.

 

»Ich weiß natürlich, daß du eine Diebin bist. Ich kenne Stanford von Südafrika her, und er gehört zu deiner Bande. Aber dieses Mädchen – ist sie auch daran beteiligt?«

 

»Du weißt, wie weit sie beteiligt ist«, erwiderte sie unmutig. Sie war schließlich nicht unter soviel Gefahren hierhergekommen, um über Audrey zu sprechen. »Übrigens stand hinten ein Mann und beobachtete das Haus, als ich herkam. Er sah aus wie ein Gentleman, hager und vornehm, und er hinkte –«

 

»Was?« Lacy packte sie am Arm. Er war bleich geworden. »Du belügst mich!«

 

Sie riß sich erschrocken los.

 

»Was soll denn das heißen?«

 

»Ach, es sind die Nerven! Sie ist also deine Schwester?«

 

»Meine Stiefschwester«, murmelte sie.

 

»Ihr hattet verschiedene Väter?«

 

Sie nickte.

 

Er schwieg eine Weile und lachte dann unheimlich auf.

 

»Und sie geht ins Gefängnis – um dich zu retten? – Nun, mir kann es recht sein. Ich habe Zeit.«

 

Kapitel 8

 

8

 

Audrey war fest geblieben, hatte ihre Schwester nicht verraten und war zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt worden. An einem trüben Dezembermorgen wurde sie wieder aus dem Holloway-Gefängnis entlassen. Sie ging in der Richtung nach Camden Town davon, stieg in eine Straßenbahn und fuhr zum Euston- Bahnhof.

 

Ihr Gesicht war ein wenig schmaler geworden, und die Augen blickten ernster, aber es war die alte Audrey, die sich in einem Restaurant eine große Portion gebratener Nieren mit Ei bringen ließ. Neun Monate lang hatte das monotone Leben im Gefängnis sie zermürbt. Zweiundsiebzig Stunden in der Woche hatte sie mit dem Abschaum der Unterwelt verbracht, ohne auf das Niveau dieser Leute herabzusinken, und ohne sich ihnen maßlos überlegen zu fühlen. In bitteren Nächten hatte sie verzweifeln wollen, weil man ihr solches Unrecht angetan hatte.

 

Trotzdem kam ihr Doras Handlungsweise nicht unnatürlich vor. Sie war immer rücksichtslos und egoistisch gewesen. Nur daß ihre Schwester im Charakter soviel Ähnlichkeit mit ihrer Mutter hatte, schmerzte Audrey.

 

Mit einem Seufzer stand sie auf und ging nach der Kasse, um zu bezahlen.

 

Wohin sollte sie sich nun wenden? Zuerst zu Dora, um sich zu vergewissern, ob sie ihr auch nicht mit ihren Gedanken unrecht getan hatte. Aber bei Tag wäre ein Besuch nicht angebracht gewesen. So machte sie sich denn auf die Wohnungssuche, mietete schließlich ein hochgelegenes Hinterzimmer und machte sich bei Einbruch der Dunkelheit auf den Weg.

 

In der Curzon Street wurde sie von demselben Mädchen empfangen, das ihr bei ihrem ersten Besuch geöffnet hatte.

 

»Mrs. Elton ist nicht zu sprechen«, erklärte sie schnippisch.

 

Aber Audrey trat ruhig ein.

 

»Gehen Sie nach oben und sagen Sie Ihrer Herrin, daß ich hier bin.«

 

Das Mädchen eilte hinauf, und Audrey folgte ihr. In der Wohnzimmertür kam ihr Dora in großem Abendkleid entgegen.

 

»Wie kannst du dich unterstehen, hierherzukommen?« fragte sie wütend.

 

Audrey trat ins Zimmer und schloß die Tür.

 

»Ich wollte mir deinen Dank holen«, sagte sie schlicht. »Ich habe etwas Törichtes – etwas Wahnsinniges getan, weil ich Mutter vergelten wollte, was ich ihr schuldig war.«

 

»Ich verstehe nicht, wovon du sprichst.«

 

Martin mischte sich ins Gespräch.

 

»Daß Sie die Stirn haben, hierherzukommen! Sie versuchten, uns ins Verderben zu ziehen. Sie haben Ihre – haben Mrs. Elton mit Schande bedeckt und erscheinen nun hier ganz einfach im Haus. Verdammt unverfroren!«

 

»Wenn du Geld brauchst, so schreibe!« rief Dora und stieß die Tür auf. »Solltest du dich noch einmal hier zeigen, so lasse ich einen Polizisten rufen.«

 

»Das kannst du jetzt schon tun«, entgegnete Audrey kühl. »Ich bin zu gut bekannt mit Polizisten und Gefängniswärtern, um mich durch solche Drohungen einschüchtern zu lassen, liebe Schwester.«

 

Dora machte die Tür rasch wieder zu.

 

»Wenn du es denn durchaus wissen willst – wir sind keine Schwestern«, sagte sie leise und tückisch. »Du bist nicht einmal Engländerin! Dein Vater war Mutters zweiter Mann – ein Amerikaner! Und er sitzt lebenslänglich verurteilt in Kapstadt!«

 

Audrey tastete nach einer Stuhllehne.

 

»Das ist nicht wahr!«

 

»Es ist wahr!« zischte Dora. »Mutter erzählte es mir, und Mr. Stanford kennt die ganze Geschichte. Dein Vater kaufte Diamanten und erschoß den Mann, der ihn verriet. In Südafrika ist der Ankauf von Diamanten ein Kapitalverbrechen, und er brachte Schande über Mutter. Sie nahm einen anderen Namen an und kehrte nach England zurück. Du hast nicht einmal ein Recht auf den Namen Bedford! Sie haßte den Mann so, daß sie alles änderte.«

 

Audrey nickte.

 

»Und Mutter verließ ihn natürlich«, sagte sie halb zu sich selbst. »Sie blieb nicht in seiner Nähe, um ihn zu trösten und sein schweres Los zu erleichtern. Sie verließ ihn einfach. Wie ihr das ähnlich sieht!«

 

Ihre Worte klangen weder boshaft noch erbittert, denn sie hatte die Gabe, Tatsachen objektiv und leidenschaftslos zu betrachten. Langsam hob sie den Blick, bis sie Doras Augen begegnete.

 

»Ich hätte nicht ins Gefängnis gehen sollen. Du bist es nicht wert. Und Mutter ebensowenig. «

 

»Du unterstehst dich, so von unserer Mutter zu sprechen!« schrie Dora wütend.

 

»Ja, sie war auch meine Mutter. Aber sie steht nun jenseits meiner Kritik und deiner Verteidigung. Wie heiße ich denn dann in Wirklichkeit?«

 

»Das kannst du selbst herausbringen!« höhnte Dora.

 

Kapitel 9

 

9

 

Dick Shannon bewohnte ein Stockwerk am Haymarket, und am Tag nach Audreys Entlassung aus dem Gefängnis waren Inspektor Lane, Steel und er selbst dort versammelt.

 

»Sie haben sie verfehlt?« fragte der Inspektor.

 

Dick seufzte und nickte.

 

»Aber da sie vorzeitig entlassen wurde, muß sie sich melden, und das wird man mir sofort berichten. Lassen wir das einstweilen. Wie steht es denn mit Malpas?«

 

»Er bleibt nach wie vor ein Rätsel«, erwiderte Lane. »Und sein Haus ist ein noch größeres Geheimnis als er. Er bewohnt es ununterbrochen seit Januar 1917, und kein Mensch hat ihn gesehen. Seine Rechnungen bezahlt er prompt, und gleich nach seinem Einzug hat er viel Geld für allerlei neue Anlagen ausgegeben: elektrische Leitungen, Alarmapparate und dergleichen Finessen. Eine große Turiner Firma hat das Haus ausgestattet.«

 

»Hat er keine Dienstboten?«

 

»Nein. Das ist das Seltsamste an der Geschichte. Nahrungsmittel kommen nicht ins Haus, woraus hervorgeht, daß er entweder verhungern oder ausgehen muß. Ich habe es von vorn und von hinten beobachten lassen, aber keiner meiner Leute hat den Mann zu sehen bekommen, obwohl sie sonst verschiedene sonderbare Dinge bemerkten.«

 

»Bringen Sie jetzt das Mädchen herein, Steel«, sagte Shannon, und gleich darauf schob sein Assistent eine stark gepuderte junge Dame ins Zimmer, die sich mißmutig auf einem Stuhl niederließ.

 

»Miß Neilsen, Berufstänzerin ohne Anstellung?« fragte Dick.

 

»Ja.«

 

»Erzählen Sie uns von Ihrem Besuch in Portman Square Nr. 551.«

 

»Hätte ich gewußt, daß ich gestern nacht, als ich so mitteilsam war, mit einem Detektiv sprach, dann hätte ich nicht soviel gesagt«, entgegnete sie unwillig. »Der alte Mann verlangte von mir, daß ich nebenan bei Mr. Marshalt Spektakel machen und schreien sollte, daß Marshalt ein Schuft wäre. Dann sollte ich ein Fenster einschlagen und mich verhaften lassen.«

 

»Einen Grund dafür gab er nicht an?«

 

»Nein. Die Sache paßte mir nicht, und ich war heilfroh, als ich wieder draußen war. War das ein scheußlicher Kerl! Und das Zimmer ganz dunkel! Ein richtiges Gespensterhaus! Türen, die von selbst aufgehen – Stimmen, die von nirgendwoher kommen – ich dankte meinem Schöpfer, als ich wieder auf der Straße stand.«

 

»Woher kannten Sie denn den Mann?« fragte Dick mißtrauisch.

 

»Er hatte meinen Namen in den Inseraten gelesen – bei den Stellengesuchen.«

 

Da weitere Fragen ergebnislos blieben, wurde sie wieder entlassen, und nun berichtete Lane weiter.

 

»Der Steuerbeamte beschwerte sich, daß er Mr. Malpas nicht zu sehen bekäme. Man glaubte, daß er zu wenig Einkommensteuer zahlte. Als er aber vorgeladen wurde, kam er nicht selbst, sondern sandte statt dessen einen Erlaubnisschein zur Einsicht in sein Bankkonto. Es war das einfachste Konto von der Welt: fünfzehnhundert Pfund jährlich bar eingezahlt und fünfzehnhundert Pfund im Jahr ausgezahlt. Keine Geschäftsquittungen. Nichts weiter als Abgaben, Grundsteuer und größere Summen für laufende Ausgaben.«

 

»Und Besuch kommt nie ins Haus?«

 

»Nur zweimal im Monat, gewöhnlich an einem Sonnabend. Wie es scheint, ist es jedesmal ein anderer Mann. Die Leute kommen immer erst nach Einbruch der Dunkelheit und bleiben nie länger als eine halbe Stunde. Einmal war es ein Neger, und einer meiner Leute machte sich an ihn heran, konnte aber nichts aus ihm herausbringen.«

 

»Malpas muß schärfer beobachtet werden«, befahl Dick, und der Inspektor machte sich eine Notiz. »Nehmen Sie einen dieser Besucher unter irgendeinem Vorwand fest und durchsuchen Sie ihn. Vielleicht stellt sich dabei heraus, daß Malpas nur Almosen verteilt – oder auch nicht!«

 

 

Audreys kleiner Geldvorrat schwand dahin, und es war ihr noch nicht gelungen, eine Anstellung zu erhalten. Am ersten Weihnachtstag bestand ihr Frühstück nur aus einer trockenen Brotscheibe und kaltem Wasser.

 

Am folgenden Dienstag erhielt sie jedoch zu ihrer größten Überraschung einen Brief, der nur aus zwei mit Bleistift geschriebenen Zeilen bestand:

 

»Kommen Sie heute nachmittag um fünf zu mir. Ich habe Arbeit für Sie. Malpas, Portman Square Nr. 551.«

 

Sie runzelte die Stirne und starrte auf den Zettel. Wer war Malpas, und wie hatte er von ihr erfahren?

 

Aber Not kennt kein Gebot, und zur angegebenen Zeit stand Audrey, durchnäßt vom Regen, vor dem Haus und klopfte leise mit den Fingern an, da sie keinen Klopfer fand.

 

»Wer ist da?«

 

Die Stimme schien aus dem Türrahmen zu kommen.

 

»Miß Bedford.«

 

Nach einer kurzen Pause öffnete sich die Türe langsam.

 

»Kommen Sie herauf – das Zimmer im ersten Stock«, sagte die Stimme.

 

Die Haustür schloß sich wieder hinter Audrey. Von unerklärlichem Grauen gepackt, wollte sie entfliehen und suchte nach dem Türgriff, aber sie entdeckte keinen. Schließlich bekämpfte sie ihre Angst und stieg die Stufen hinauf. Im ersten Stock bemerkte sie nur eine Tür und klopfte nach einem kleinen Zögern dort an.

 

»Herein!« Diesmal kam die Stimme von oben.

 

Einen Augenblick brauchte Audrey noch, um Mut zu sammeln, dann trat sie durch die nur angelehnte Tür ein.

 

Die Wände des großen Raums waren so dicht mit schwarzem Samt verkleidet, daß man nicht sehen konnte, wo sich die Fenster befanden, und wo die Decke anfing. Der dicke Teppich verschlang jedes Geräusch ihrer Schritte.

 

Am entfernten Ende des Zimmers saß an dem Schreibtisch eine merkwürdig widerwärtige Gestalt. Das Licht einer Stehlampe, die von einem grünen Schirm bedeckt war, warf einen fahlen Schein auf sie. Der Kopf war kahl, das bartlose Gesicht von tausend Falten bedeckt, die Nase dick. Und das lange, spitze Kinn bewegte sich fortwährend, als ob der Mann mit sich selbst spräche.

 

»Setzen Sie sich auf diesen Stuhl«, gebot die dumpfe Stimme.

 

Audreys Augen hatten sich an das Dunkel gewöhnt, und sie nahm zitternd hinter dem kleinen Tisch Platz.

 

»Ich habe Sie kommen lassen, um Ihr Glück zu machen«, murmelte die Stimme. »Schon viele haben auf dem Stuhl dort gesessen und sind als reiche Leute fortgegangen. Sehen Sie, was auf dem Tisch liegt?«

 

Er mußte wohl auf einen Knopf gedrückt haben, denn plötzlich flammte über ihrem Kopf ein strahlend helles Licht auf, und sie sah ein Bündel Banknoten auf dem Tisch.

 

»Nehmen Sie es!« sagte der Mann.

 

Sie streckte zitternd die Hand aus und ergriff das Paket und einen Schlüssel. Das Licht erlosch langsam wieder.

 

»Ihr Name ist Audrey Bedford, nicht wahr? Nach neunmonatlicher Haft, die Sie wegen Mitschuld an einem Juwelenraub verbüßt haben, sind Sie vor drei Wochen aus dem Gefängnis entlassen worden?«

 

»Ja, ich mache kein Hehl daraus. Ich hätte es Ihnen auf jeden Fall gesagt.«

 

»Sie waren natürlich unschuldig?«

 

»Ja.«

 

»Sie sind schlecht angezogen … das verletzt mein Schönheitsgefühl. Kaufen Sie sich gute Kleider, und kommen Sie nächste Woche zur selben Zeit wieder. Der Schlüssel öffnet alle Türen, wenn die Sperrvorrichtung ausgeschaltet ist.«

 

Endlich erholte sich Audrey von ihrem Staunen.

 

»Ich muß aber wissen, welche Pflichten ich zu übernehmen habe«, sagte sie. »Es ist sehr großmütig von Ihnen, mir so viel Geld anzuvertrauen, aber Sie werden einsehen, daß ich es unmöglich annehmen kann, ohne zu wissen, was Sie von mir verlangen.«

 

»Ihre Aufgabe besteht darin, einem Mann das Herz zu brechen!« lautete die Antwort. »Gute Nacht!«

 

Sie fühlte einen kühlen Luftzug und drehte sich um.

 

Die Tür stand offen, und Audrey wußte, daß sie entlassen war.

 

Hastig eilte sie die Treppe hinunter. Als sie den Schlüssel in das winzige Loch stecken wollte, entglitt er ihren zitternden Fingern und fiel zu Boden. Sie suchte danach und fand dicht daneben einen nußgroßen Kieselstein, an dem ein Klümpchen roten Siegellacks mit dem deutlichen Abdruck eines Petschafts klebte. Sie nahm sich vor, den sonderbaren Gegenstand nächste Woche wieder mitzubringen, und steckte ihn in ihre Handtasche. Gleich darauf stand sie wieder auf der Straße.

 

Ein Mietauto kam vorbei und hielt auf ihren Wink hin am Bordstein an. Schon wollte sie einsteigen, als sie plötzlich eine Frau in durchnäßtem Pelzmantel bemerkte, die sich taumelnd bemühte, den Klopfer des Nachbarhauses in Bewegung zu setzen. Trotz ihres Abscheus vor betrunkenen Frauen erregte diese Jammergestalt doch Audreys Mitleid, und sie wollte auf sie zugehen, um ihr behilflich zu sein. Aber im gleichen Moment wurde die Haustür aufgestoßen.

 

»Was soll denn das heißen?« rief ein ältlicher Mann. »Wer macht hier einen solchen Spektakel vor dem Haus eines Gentlemans? Gehen Sie weg oder ich hole einen Polizisten!«

 

Es war Tonger. Die Betrunkene schwankte auf ihn zu und brach zusammen. Er schleuderte sie ins Haus und schlug die Tür zu.

 

»Das ist Mr. Marshalts Haus«, meinte der Chauffeur. »Er ist der afrikanische Millionär. Wohin soll ich Sie bringen?«