Vorsichtsmaßregeln

Mazarin kehrte, nachdem er Anna von Österreich verlassen hatte, nach Rueil zurück, wo sein Haus war. Er marschierte in diesen stürmischen Zeiten mit sehr starker Eskorte und zuweilen auch verkleidet.

Im Hof des alten Schlosses stieg er in seinen Wagen und erreichte die Seine in Chatou. Der Prinz hatte ihm ein Geleite von fünfzig Chevaulegers gestellt. Von Comminges scharf bewacht, zu Pferd und ohne Degen, folgte Athos dem Kardinal, ohne ein Wort zu sagen. Grimaud hatte von der Verhaftung seines Herrn vernommen, als dieser Aramis davon benachrichtigte, und begab sich auf ein Zeichen des Grafen ohne weiteres in Aramis‘ Nähe, der mit den andern Pariser Abgeordneten wieder den Weg nach der Hauptstadt einschlug, ohne sich scheinbar um Athos, der zunächst denselben Weg geführt wurde, zu kümmern.

Jedoch bei der Abzweigung der Rueiler Straße von der Pariser wandte sich Aramis um. Seine Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Mazarin zog rechts, und Aramis konnte den Gefangenen hinter den Bäumen verschwinden sehen. In demselben Augenblick schaute Athos, durch einen ähnlichen Gedanken bewogen, ebenfalls zurück. Die Freunde wechselten ein einfaches Zeichen mit dem Kopfe, und Aramis legte seinen Finger wie zum Gruße an den Hut. Athos verstand, daß ihm sein Freund anzeigte, er habe einen Gedanken.

Zehn Minuten nachher gelangte Mazarin mit seinem Gefolge in den Hof des Schlosses, das der Kardinal, sein Vorgänger, in Rueil hatte einrichten lassen.

Im Augenblick, wo er den Fuß auf die unterste Stufe der Freitreppe setzte, näherte sich ihm Comminges mit der Frage:

Monseigneur, wo beliebt es Eurer Eminenz, daß wir Herrn de la Fère einquartieren?

Im Pavillon der Orangerie, dem Pavillon gegenüber, wo sich der Posten befindet. Man soll dem Grafen de la Fère Ehre erweisen, obgleich er der Gefangene der Königin ist.

Monseigneur, bemerkte Comminges, er bittet um die Gunst, zu Herrn d’Artagnan gebracht zu werden, der nach dem Befehl Eurer Eminenz im Jagdpavillon der Orangerie gegenüber wohnt.

Mazarin dachte einen Augenblick darüber nach.

Comminges sah, daß er mit sich zu Rate ging.

Es ist ein sehr starker Posten, fügte er bei, vierzig sichere Leute, erprobte Soldaten, beinahe lauter Deutsche und folglich ohne Verbindung mit den Frondeurs.

Wenn wir diese drei Menschen zusammenbrächten, Herr von Comminges, sagte Mazarin, so müßten wir den Posten verdoppeln, und wir sind nicht reich genug an Verteidigern, um uns eine solche Verschwendung zu erlauben.

Comminges lächelte. Mazarin sah dieses Lächeln und verstand es.

Ihr kennt sie nicht, Herr von Comminges, aber ich kenne sie, einmal durch sie selbst und dann durch ihren Ruf. Ich hatte sie beauftragt, dem Könige Karl Hilfe zu bringen, und sie haben zu seiner Rettung wunderbare Dinge vollbracht. Das Schicksal mußte sich darein mischen, daß der gute König Karl nicht zu dieser Stunde in Sicherheit unter uns weilt.

Aber warum hält Ew. Eminenz sie im Gefängnis, wenn sie so gute Dienste geleistet haben?

Im Gefängnis! sprach Mazarin, seit wann ist Rueil ein Gefängnis?

Seitdem Gefangene hier sind, erwiderte Comminges.

Diese Herren sind nicht meine Gefangenen, sprach Mazarin mit seinem verschmitzten Lächeln, sie sind meine Gäste, so teure Gäste, daß ich ihre Fenster vergittern und Riegel an die Türen ihrer Zimmer machen ließ, so sehr fürchte ich, sie könnten es müde werden, mir Gesellschaft zu leisten. So viel aber ist gewiß, daß ich sie, obgleich sie Gefangene zu sein scheinen, doch sehr hochschätze; zum Beweis mag dienen, daß ich dem Herrn de la Fère einen Besuch zu machen wünsche, um unter vier Augen mit ihm zu plaudern. Damit wir bei dieser Plauderei nicht gestört werden, führt Ihr ihn, wie ich gesagt habe, in den Pavillon der Orangerie; Ihr wißt, das ist mein gewöhnlicher Spaziergang. Mache ich wieder einen Spaziergang, so trete ich bei ihm ein, und wir plaudern. Obgleich er, wie man behauptet, mein Feind ist, so habe ich doch eine Sympathie für ihn. Benimmt er sich vernünftig, so läßt sich vielleicht etwas tun.

Comminges verbeugte sich und kehrte zu Athos zurück, der mit scheinbarer Ruhe, aber mit wahrer Unruhe den Erfolg dieser Besprechung erwartete.

Nun? fragte er den Leutnant der Garden.

Mein Herr, erwiderte Comminges, es scheint, es ist unmöglich.

Herr von Comminges, sprach Athos, ich bin mein ganzes Leben hindurch Soldat gewesen; ich weiß also, was ein Befehl bedeutet; aber außerhalb dieses Befehls könntet Ihr mir einen Dienst leisten.

Von Herzen gern, mein Herr, sprach Comminges. Ich liebe Mazarin nicht mehr als Ihr, und seitdem ich weiß, wer Ihr seid und welche Dienste Ihr einst Ihrer Majestät geleistet habt, seitdem ich weiß, wie nahe Euch der junge Mensch berührt, der mir so mutig am Tag der Verhaftung des alten Schlingels von Broussel zu Hilfe gekommen ist, erkläre ich mich ganz für den Eurigen, soweit ich nicht einem Dienstbefehl zu folgen habe.

Da es nichts ausmacht, daß ich von der Anwesenheit des Herrn d’Artagnan unterrichtet bin, so kann es meiner Ansicht nach ebensowenig schaden, wenn er erfährt, daß ich mich auch hier befinde.

Ich habe in dieser Beziehung keinen Befehl erhalten.

Nun wohl, so habt die Güte, ihm tausend Grüße von mir zu sagen und ihm mitzuteilen, ich sei sein Nachbar. Sagt ihm zugleich, daß ich von Herrn von Mazarin in den Pavillon der Orangerie einquartiert worden bin, damit er mir einen Besuch machen kann, und daß ich die Ehre, die er mir erweisen will, benutzen werde, um einige Erleichterung in unserer Gefangenschaft zu erlangen.

Welche nicht lange dauern kann, fügte Comminges bei, denn der Herr Kardinal hat mir selbst gesagt, es sei hier kein Gefängnis.

Wohl aber gibt es hier Fallgruben, sprach Athos lächelnd.

Nein, nein! erwiderte Comminges, das würde der Italiener nicht wagen; die Fallgruben von Rueil sind seit zehn Jahren Sagen geworden. Bleibt also unbesorgt an diesem Ort; ich meinerseits werde Herrn d’Artagnan von Eurer Ankunft unterrichten. Werdet Ihr mir übrigens die Ehre erweisen, mit mir zu Nacht zu speisen?

Ich danke; ich bin schlechter Laune und würde Euch den Abend verderben.

Comminges führte nun den Grafen in ein Zimmer des Erdgeschosses in einem Pavillon, der noch zur Orangerie gehörte und auf gleicher Höhe mit dieser lag. Man kam dorthin durch einen mit Soldaten und Höflingen angefüllten Hof. Dieser Hof bildete ein Hufeisen; im Mittelpunkt lagen die von Herrn von Mazarin bewohnten Zimmer und an den beiden Flügeln der Jagdpavillon, in dem sich d’Artagnan befand, und der Pavillon der Orangerie, wohin man Athos einquartiert hatte. Hinter diesen Flügeln dehnte sich der Park aus.

Als Athos in das Zimmer gelangte, das er bewohnen sollte, gewahrte er durch das sorgfältig vergitterte Fenster Mauern und Dächer.

Was für ein Gebäude ist dies?

Der hintere Teil des Jagdpavillons, wo Eure Freunde gefangen gehalten werden, sprach Comminges. Leider sind die Fenster, die auf diese Seite gehen, zur Zeit des andern Kardinals verstopft worden; sonst hättet Ihr den Trost, mit Euren Freunden eine Verbindung durch Zeichen zu unterhalten.

Ihr habt da etwas schwierige Gefangene zu bewachen, Herr von Comminges, sagte Athos in der Richtung nach d’Artagnans Gefängnis weisend.

Schwierig! erwiderte Comminges lächelnd, Ihr wollt mir bange machen. Am ersten Tag seiner Gefangenschaft hat Herr d’Artagnan alle Soldaten und alle Unteroffiziere herausgefordert, ohne Zweifel, um einen Degen zu bekommen. Dies dauerte den ganzen zweiten, ja auch noch den dritten Tag; dann wurde er aber sanft und ruhig wie ein Lamm. Gegenwärtig singt er gascognische Lieder, über die wir uns beinahe zu Tode lachen.

Und Herr du Vallon? fragte Athos.

Ah, bei dem ist’s etwas anderes. Ich gestehe, das ist ein furchtbarer Mann. Am ersten Tag hat er alle Türen mit einem einzigen Druck seiner Schulter gesprengt, und ich war darauf gefaßt, daß er aus Rueil hinausgehen würde, wie Simson aus Gaza. Aber seine Laune nahm denselben Gang, wie die seines Gefährten, des Herrn d’Artagnan. Jetzt hat er sich nicht nur an seine Gefangenschaft gewöhnt, sondern er scherzt sogar darüber.

Desto besser, sprach Athos, desto besser!

Erwartetet Ihr denn etwas anderes? fragte Comminges, der, als er Mazarins Bemerkungen über seine Gefangenen mit der Äußerung des Grafen de la Fère zusammenhielt, einige Unruhe zu verspüren anfing.

Athos seinerseits überlegte, daß die verbesserte Stimmung seiner Freunde ohne Zweifel aus einem von d’Artagnan entworfenen Plane entsprang. Er wollte ihm deshalb nicht durch zu große Anpreisung schaden.

Ei? sagte er, es sind leicht entzündbare Köpfe; der eine ist ein Gascogner, der andere aus der Picardie. Beide entflammen leicht, erlöschen aber bald. Ihr habt den Beweis davon gehabt, und was Ihr mir erzähltet, dient zur Bestätigung dessen, was ich sage.

Dies war auch Comminges‘ Ansicht. Er entfernte sich ruhiger, und Athos blieb allein in dem großen Zimmer, wo er gemäß dem Befehl des Kardinals mit der einem Edelmann schuldigen Rücksicht behandelt wurde.

Der Geist und der Arm

Wenden wir uns nun von der Orangerie zum Jagdpavillon.

Im Hintergrund des Hofes, wo man durch einen von jonischen Säulen gebildeten Portikus die Hundeställe erblickte, erhob sich ein längliches Gebäude, das sich, wie ein Arm dem andern Arme, dem Pavillon der Orangerie, einem den Ehrenhof einschließenden Halbkreise, entgegenzustrecken schien.

Im Erdgeschoß dieses Pavillons waren Porthos und d’Artagnan eingesperrt, welche die für solche Temperamente höchst widerwärtige Gefangenschaft miteinander teilten.

D’Artagnan ging wie ein Tiger mit starrem Auge auf und ab und gab zuweilen ein dumpfes Knurren an den Gitterstangen eines großen Fensters von sich, das nach dem Gesindehofe ging.

Porthos verdaute in der Stille ein vortreffliches Mittagsmahl, dessen Überreste man soeben abgetragen hatte.

Der eine schien der Vernunft beraubt und sann nach, der andere schien in tiefes Nachsinnen versunken und schlief. Nur war sein Schlaf ein Alp, was sich aus der unzusammenhängenden, unterbrochenen Art und Weise seines Schnarchens entnehmen ließ.

Der Tag neigt sich, sprach d’Artagnan, es muß ungefähr vier Uhr sein. Bald sind wir hundertunddreiundachtzig Stunden eingeschlossen. – Hm, murmelte Porthos, um sich das Ansehen zu geben, als antworte er. – Hört Ihr, ewiger Schläfer? rief d’Artagnan, ungeduldig darüber, daß sich ein anderer am Tage dem Schlaf hingeben konnte, während er selbst die größte Mühe hatte, bei Nacht zu schlafen. – Was? fragte Porthos. – Was ich sage? – Was Ihr sagt? – Ich sage, versetzte d’Artagnan, wir seien bald hundertunddreiundachtzig Stunden hier. – Ihr seid selbst schuld daran, sprach Porthos. – Wieso? – Ja, ich habe Euch unsere Befreiung angeboten. – Durch das Losmachen einer Gitterstange oder durch das Sprengen einer Tür? – Allerdings. – Porthos, Leute, wie wir sind, gehen nicht so ganz einfach fort. – Meiner Treue, ich würde mit der Einfachheit gehen, die Ihr so sehr zu verachten scheint.

D’Artagnan zuckte die Achseln.

Und dann, sagte er, ist damit, daß wir dieses Zimmer verlassen, noch nicht alles getan. – Lieber Freund, sprach Porthos, Ihr scheint mir heute etwas besserer Laune zu sein, als gestern. Erklärt mir, warum mit dem Weggehen aus diesem Zimmer nicht alles getan ist. – Weil wir ohne Waffen und Parole keine fünfzig Schritte im Hof machen würden, ohne auf eine Schildwache zu stoßen. – Wohl, sprach Porthos, wir schlagen die Schildwache tot und haben Waffen. – Ja, aber ehe sie völlig totgeschlagen ist – ein Schweizer hat ein hartes, sehr hartes Leben – wird sie einen Schrei, oder wenigstens einen Seufzer ausstoßen und der Posten dadurch herausgerufen werden. Man umstellt uns, man fängt uns wie Füchse, während wir doch Löwen sind, und wirft uns in ein tiefes Kerkerloch, wo wir nicht einmal den Trost haben, den abscheulichen Himmel von Rueil zu sehen, der dem Himmel von Tarbes nicht mehr gleicht, als die Sonne dem Monde.

Als die zwei Gefangenen so weit in ihrem Gespräch gekommen waren, trat Comminges ein. Ihm gingen ein Sergeant und zwei Soldaten voran, welche das Abendessen in einem mit Schüsseln und Platten gefüllten Tischkorb trugen.

Gut, sagte Porthos, abermals Hammelfleisch. – Mein lieber Herr von Comminges, sprach d’Artagnan, Ihr müßt wissen, daß mein Freund, Herr Du Vallon, entschlossen ist, zu den äußersten, gewaltsamsten Mitteln zu greifen, wenn Herr von Mazarin hartnäckig darauf besteht, uns mit dieser Fleischsorte zu füttern. – Ich erkläre sogar, sprach Porthos, daß ich nichts anderes essen werde, wenn man das Hammelfleisch nicht wegnimmt. – Nehmt das Hammelfleisch weg, sagte Herr von Comminges. Herr Du Vallon soll um so angenehmer zu Nacht speisen, als ich ihm eine Neuigkeit mitzuteilen habe, die ihm, ich bin fest überzeugt, Appetit machen wird. – Sollte Herr von Mazarin verschieden sein? fragte Porthos. – Nein, ich bedaure sogar, Euch sagen zu müssen, daß er sich sehr wohl befindet. – Desto schlimmer, versetzte Porthos. – Und worin besteht diese Neuigkeit? fragte d’Artagnan. Eine Neuigkeit im Gefängnis ist eine so seltene Frucht, daß Ihr meine Ungeduld hoffentlich entschuldigen werdet, nicht wahr, Herr von Comminges? Um so mehr, als Ihr uns zu verstehen gegeben habt, die Kunde sei gut. – Sollte es Euch wirklich angenehm sein, zu erfahren, daß sich der Graf de la Fère wohl befindet? erwiderte Comminges.

D’Artagnans kleine Augen öffneten sich übermäßig weit.

Ob es mir angenehm wäre! rief er. Es wäre mir mehr als angenehm; es würde mich glücklich machen!

Wohl, ich bin von ihm beauftragt, Euch seine besten Komplimente zu überbringen und Euch zu sagen, er erfreue sich einer guten Gesundheit.

D’Artagnan wäre beinahe vor Freuden in die Höhe gesprungen. Ein rascher Blick überbrachte Porthos seinen Gedanken; wenn Athos weiß, wo wir sind, sagte dieser Blick, so wird er binnen kurzem handeln.

Porthos war nicht sehr geschickt im Begreifen der Blicke. Diesmal aber begriff er, weil er bei dem Namen Athos denselben Eindruck gehabt hatte.

Aber, fragte der Gascogner schüchtern, der Herr Graf de la Fère hat Euch, wie Ihr sagt, mit seinen Komplimenten an Herrn du Vallon und mich beauftragt? – Ja, mein Herr. – Ihr habt ihn also gesehen? – Allerdings. – Wo denn? – Sehr nahe von hier, antwortete Comminges lächelnd. – Sehr nahe von hier? wiederholte d’Artagnan mit funkelnden Augen. – So nahe, daß Ihr ihn, wenn die Fenster, die in die Orangerie gehen, nicht verstopft wären, von der Stelle aus, wo Ihr seid, sehen könntet. – Herr de la Fère wohnt also im Schlosse? – Ja. – Unter welchem Titel? – Unter demselben Titel, wie Ihr. – Athos ist Gefangener? – Ihr wißt wohl, versetzte Comminges lachend, daß sich in Rueil keine Gefangenen befinden, da es hier kein Gefängnis gibt.– Wir wollen nicht mit Worten spielen, mein Herr. Athos ist verhaftet worden? – Gestern in Saint-Germain, als er die Königin verließ.

D’Artagnans Arme fielen träge an seiner Seite herab. Man hätte glauben können, er wäre vom Blitz getroffen. Die Blässe lief wie eine weiße Wolke über sein gebräuntes Gesicht, verschwand aber in demselben Augenblick wieder.

Gefangen? sprach er.

Gefangen? wiederholte Porthos ganz traurig.

Plötzlich erhob d’Artagnan das Haupt, und man sah in seinen Augen einen unmerklichen Blitz glänzen. Aber dieselbe Niedergeschlagenheit, die ihm vorhergegangen war, folgte auf den flüchtigen Schimmer.

Auf, auf, sprach Comminges, verzweifelt nicht. Ich war weit entfernt, Euch eine traurige Nachricht bringen zu wollen. In diesen Kriegskünsten sind wir alle unsicher. Lacht also über den Zufall, der Euch und Herrn Du Vallon Euren Freund nahe bringt, statt darüber trostlos zu sein.

Aber diese Aufforderung hatte keinen Einfluß auf d’Artagnan, der seine düstere Miene beibehielt.

Und wie sah er aus? fragte Porthos, der, als er sah, daß d’Artagnan das Gespräch fallen ließ, dies benutzen wollte, um ein Wort anzubringen.

Sehr gut, sprach Comminges. Anfangs schien er, wie Ihr, in Verzweiflung zu geraten. Als er aber erfuhr, daß der Herr Kardinal ihm noch diesen Abend einen Besuch machen wollte …

Ah! sprach d’Artagnan, der Herr Kardinal wird dem Grafen de la Fère einen Besuch machen?

Ja, er hat ihn davon in Kenntnis setzen lassen, und als der Herr Graf de la Fère dies erfuhr, beauftragte er mich, euch zu sagen, er würde diese Gunst des Herrn Kardinals benutzen, um eure und seine Lage zu verbessern.

Ah, dieser liebe Graf! sagte d’Artagnan, aber ich glaube, Herr von Comminges täuscht sich.

Wie, ich täusche mich?

Herr von Mazarin wird nicht den Grafen de la Fère besuchen, sondern der Graf de la Fère wird zu Mazarin gerufen werden.

D’Artagnan suchte einen der Blicke von Porthos aufzufangen, um zu erfahren, ob sein Freund die Wichtigkeit dieses Besuches begriff. Aber Porthos schaute nicht einmal auf seine Seite.

Der Herr Kardinal hat also die Gewohnheit, in seiner Orangerie spazieren zu gehen? fuhr d’Artagnan fort.

Jeden Abend schließt er sich darin ein, erwiderte Comminges. Es scheint, er denkt dort über Staatsangelegenheiten nach.

Dann fange ich doch an zu glauben, daß Herr de la Fère den Besuch Seiner Eminenz empfangen wird, versetzte d’Artagnan. Übrigens wird er sich ohne Zweifel begleiten lassen?

Ja, von zwei Soldaten.

Und er wird somit vor zwei Fremden sprechen?

Die Soldaten sind Schweizer aus den kleinen Kantonen und sprechen nur Deutsch. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie auch vor der Tür warten.

D’Artagnan preßte sich die Nägel in die flache Hand, damit sein Gesicht nichts anderes ausdrücke, als was er ausdrücken wollte.

Ah, mein Herr, sprach d’Artagnan, als wollte er die ganze Unterhaltung in ein einziges Wort zusammenfassen, wenn nur Seine Eminenz sich erweichen läßt und Herrn de la Fère unsere Freiheit bewilligt.

Ich wünsche es von ganzem Herzen, sprach Comminges.

Wenn er aber diesen Besuch vergäße, würdet Ihr nichts Unpassendes darin finden, wenn man ihn daran erinnerte?

Durchaus nichts, im Gegenteil.

Ah, das beruhigt mich ein wenig.

Diese geschickte Veränderung des Gespräches hätte jedem, der in der Seele des Gascogners hätte lesen können, als ein vortreffliches Manöver erscheinen müssen.

Nur noch eine letzte Bitte, fuhr er fort, mein lieber Herr von Comminges. – Ich stehe ganz zu Diensten, mein Herr. – Ihr werdet den Herrn Grafen de la Fère wiedersehen? – Morgen früh. – Wollt Ihr ihm in unserm Namen guten Morgen wünschen und sagen, er möge für mich um dieselbe Gunst bitten, die er erhalten hat? – Ihr wünscht, daß der Herr Kardinal hierher komme? – Nein; ich kenne mich und bin nicht so anspruchsvoll. Seine Eminenz erweise mir nur die Ehre, mich zu hören. Das ist alles, was ich wünsche. – Oho, murmelte Porthos, den Kopf schüttelnd, ich hätte das nie von ihm geglaubt. Wie doch das Unglück einen Menschen niederbeugt! – Es soll geschehen, sprach Comminges. – Versichert auch dem Grafen, ich befinde mich sehr wohl, und Ihr habt mich zwar traurig, aber in mein Schicksal ergeben gesehen. – Gott befohlen, meine Herren, sprach Comminges. So gefallt ihr mir! Gute Nacht.

Comminges entfernte sich mit einer Verbeugung. D’Artagnan folgte ihm mit den Augen. Kaum aber war die Tür hinter dem Kapitän der Garden geschlossen, als er auf Porthos zustürzte und ihn mit einem unverkennbaren Ausdruck der Freude in die Arme schloß.

Oh! oh! sagte Porthos, was gibt es denn? Werdet Ihr ein Narr, mein lieber Freund?

Wir sind gerettet! rief d’Artagnan.

Das sehe ich durchaus nicht ein, sprach Porthos; ich sehe im Gegenteil, daß wir alle gefangen sind, mit Ausnahme von Aramis, und daß unsere Hoffnungen auf Befreiung sich vermindert haben, seitdem noch einer in die Mausefalle des Herrn von Mazarin gegangen ist.

Keineswegs, mein Freund; diese Mausefalle war genügend für zwei, sie wird zu schwach für drei.

Ich begreife das gar nicht.

Es ist auch nicht nötig; setzen wir uns zu Tische und sammeln wir Kräfte, wir werden ihrer für die Nacht bedürfen.

Was werden wir denn diese Nacht tun? fragte Porthos, immer neugieriger.

Wir werden ohne Zweifel reisen.

Aber …

Setzen wir uns zu Tisch, lieber Freund; die Gedanken kommen mir während des Essens. Nach dem Abendessen, wenn meine Ideen zur vollen Reife gelangt sind, werde ich sie Euch mitteilen.

Das Abendessen war still, aber nicht traurig, denn das feine Lächeln, das d’Artagnan in den Augenblicken seiner guten Laune eigentümlich war, erleuchtete sein Gesicht. Beim Nachtisch warf sich d’Artagnan auf seinem Stuhl zurück, kreuzte ein Bein über das andere und wiegte sich mit der Miene eines vollkommen selbstzufriedenen Menschen. Porthos stützte sein Kinn auf seine beiden Hände, legte seine Ellenbogen auf den Tisch und schaute d’Artagnan mit dem vertrauensvollen Blicke an, der diesem Koloß einen so bewundernswürdig gutmütigen Ausdruck verlieh.

Nun, sagte d’Artagnan zu dem seine Neugierde nur mit Mühe bezwingenden Freunde, um welche Stunde ungefähr haben wir die Schweizer Wachen gestern auf- und abgehen sehen? – Ich glaube, eine Stunde nach Einbruch der Nacht. – Wenn sie also heute kommen, wie gestern, so werden wir nicht über eine Viertelstunde auf das Vergnügen, sie zu sehen, warten müssen. – Höchstens eine Viertelstunde. – Ihr habt immer noch Euren guten Arm, nicht wahr, Porthos?

Porthos knöpfte seinen Ärmel auf, streifte das Hemd zurück und betrachtete mit Vergnügen seinen nervigen Arm, der wohl so dick war, als der Schenkel eines gewöhnlichen Mannes.

Ja, ja, sagte er, ziemlich gut. – Somit würdet Ihr, ohne Euch zu sehr anzustrengen, einen Reif aus dieser Zange und einen Pfropfenzieher aus dieser Schaufel machen? – Gewiß, erwiderte Porthos. – Laßt sehen.

Der Riese nahm die bezeichneten Gegenstände und bewerkstelligte mit der größten Leichtigkeit und ohne scheinbare Anstrengung die von seinem Freunde gewünschten Wandlungen.

Hier, sagte Porthos.

Herrlich, rief d’Artagnan; Ihr seid in der Tat reich begabt. Nun hört mich recht aufmerksam zu, mein lieber Simson. Nähert Euch dem Fenster und bedient Euch Eurer Kraft, um eine Fensterstange loszumachen! Wartet, bis ich die Lampe ausgelöscht habe.

Porthos trat ans Fenster, nahm eine Stange mit beiden Händen, klammerte sich daran, zog sie an sich und bog sie wie eine Sehne, so daß die beiden Enden aus der steinernen Lade herausgingen, in der sie seit dreißig Jahren festgekittet waren.

Seht, mein Freund, sagte d’Artagnan, das hätte der Kardinal mit all seinem Genie nie tun können.

Soll ich noch andere ausreißen? fragte Porthos.

Nein, diese wird genügen; ein Mann kann nun durchschlüpfen.

Porthos versuchte es und drang mit dem ganzen Oberleibe durch.

Ja, es geht, sagte er. – In der Tat, das ist eine ziemlich schöne Öffnung. Nun streckt Euern Arm durch. – Durch was? – Durch die Öffnung. – Warum? – Ihr werdet es sogleich erfahren, streckt ihn immerhin durch.

Porthos gehorchte, folgsam wie ein Soldat, und streckte seinen Arm durch das Gitter.

Vortrefflich, sagte d’Artagnan. – Es scheint mir, das geht. – Wie auf Röllchen. – Gut. Was soll ich nun tun? – Nichts. – Es ist also beendigt? – Noch nicht. – Ich wünschte übrigens doch zu begreifen … – Hört, lieber Freund, und mit zwei Worten werdet Ihr im klaren sein. Die Tür des Postens öffnet sich, wie Ihr seht. – Ja, ich sehe es. – Man wird die beiden Wachen, die Herrn von Mazarin nach der Orangerie begleiten, in unsern Hof schicken. – Sie kommen eben heraus. – Wenn sie nur die Tür der Wachtstube schließen! Gut, sie schließen sie. – Hernach? – Stille, sie könnten uns hören. – Ich werde also nichts erfahren? – Doch, denn während der Ausführung werdet Ihr begreifen. – Ich hätte jedoch vorgezogen … – Es wird Euch das Vergnügen der Überraschung zu teil werden. – Ah! das ist wahr. – St!

Porthos blieb stumm und unbeweglich.

Die zwei Soldaten gingen gerade auf das Fenster zu und rieben sich dabei die Hände, denn man war im Monat Februar, und es herrschte eine ziemlich scharfe Kälte.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür der Wachtstube abermals, und man rief einen Soldaten zurück.

Der Soldat verließ seinen Kameraden und ging in die Wachtstube.

Geht es immer noch? fragte Porthos. – Besser als je, antwortete d’Artagnan. Hört nun. Ich will diesen Soldaten rufen und mit ihm plaudern, wie ich es gestern getan habe, Ihr erinnert Euch? – Ja; nur habe ich nicht ein Wort von dem verstanden, was er sagte. – Er hatte allerdings einen etwas starken Accent. Aber verliert kein Wort von dem, was ich Euch sage, Porthos, alles hängt von der Ausführung ab. – Gut, die Ausführung, das ist meine Stärke.

– Ich weiß es, bei Gott, wohl und zähle auch auf Euch. – Sprecht. – Ich will also den Soldaten rufen und mit ihm plaudern. – Das habt Ihr bereits gesagt. – Ich drehe mich auf die linke Seite, so daß er im Augenblick, wo er auf die Bank steigt, auf Eurer rechten sein wird. – Aber wenn er nicht steigt? – Er wird es tun, seid unbesorgt. Im Augenblick, wo er auf die Bank steigt, streckt Ihr Euern Arm aus und ergreift ihn beim Halse. Dann hebt Ihr ihn bei den Ohren auf, wie Tobias den Fisch, und zieht ihn in unser Zimmer herein, wobei Ihr ihn jedoch so stark drücken müßt, daß er nicht schreien kann. – Ja, sprach Porthos; aber wenn ich ihn erwürge? – Am Ende ist es nur ein Schweizer, aber Ihr werdet ihn hoffentlich nicht erwürgen. Ihr setzt ihn ganz sacht hier nieder, und wir knebeln ihn und binden ihn irgendwo an. Das verschafft uns vor allem eine Uniform und ein Schwert. – Vortrefflich, sprach Porthos, indem er d’Artagnan mit tiefer Bewunderung anschaute. Doch eine Uniform und ein Schwert sind nicht genug für uns zwei. – Nun, hat er nicht seinen Kameraden? – Das ist richtig, versetzte Porthos. – Wenn ich huste, so ist es Zeit, daß Ihr Euern Arm ausstreckt. – Gut.

Die Freunde gingen jeder an seinen bezeichneten Posten. Porthos blieb gänzlich im Winkel des Fensters verborgen.

Guten Abend, Kamerad, sagte d’Artagnan mit seiner freundlichsten Stimme und mit dem ruhigsten Ton. – Guten Abend, Herr, antwortete der Soldat in seinem grausamen Schweizerdialekt. – Es ist heute eben nicht sehr warm zum Spazierengehen, sagte d’Artagnan. – Brrr! machte der Soldat. – Und ich glaube, ein Glas Wein wäre Euch nicht unangenehm. – Ein Glas Wein wäre sehr willkommen. – Der Fisch beißt an, der Fisch beißt an! flüsterte d’Artagnan Porthos zu. – Ich begreife, erwiderte Porthos. – Ich habe da eine Flasche, sagte d’Artagnan. – Eine Flasche? – Ja. – Eine volle Flasche? – Ja, ganz voll, und sie gehört Euch, wenn Ihr sie auf meine Gesundheit trinken wollt.– Recht gern, versetzte der Soldat sich nähernd. – Nehmt sie, mein Freund, sprach der Gascogner. – Sehr gern; ich glaube, es ist eine Bank hier. – Oh, ja doch, man sollte glauben, man hätte sie zu diesem Zweck hierhergestellt. Steigt herauf. So ist es gut, mein Freund.

D’Artagnan hustete.

In demselben Augenblick senkte sich Porthos‘ Arm. Seine stählerne Faust packte rasch wie ein Blitz und fest wie eine Zange den Hals des Soldaten, preßte ihn fest zusammen, zog ihn durch die Öffnung an sich, auf die Gefahr, ihn beim Durchziehen zu ersticken, und setzte ihn auf den Boden, wo ihn d’Artagnan, indem er ihm gerade nur Zeit ließ, um Atem zu holen, mit seiner Schärpe knebelte, und daraus mit unglaublicher Geschwindigkeit auszukleiden anfing.

Nun haben wir einmal ein Schwert und ein Kleid, sagte Porthos.

Ich nehme beides, sprach d’Artagnan. Wollt Ihr ein anderes Schwert und ein anderes Kleid, so müßt Ihr die Geschichte noch einmal anfangen. Aufgepaßt! Ich sehe gerade den zweiten Soldaten aus der Wachtstube hervortreten und auf uns zukommen.

Ich glaube, es wäre unklug, dasselbe Manöver zu wiederholen, sagte Porthos. Man kommt, sagen die Leute, nicht zweimal mit denselben Mitteln ans Ziel. Wenn ich ihn verfehlte, wäre alles verloren. Ich will hinaussteigen, ihn in dem Augenblick, wo er nicht darauf gefaßt sein wird, packen und wohl geknebelt Euch hereinreichen.

Das ist besser, antwortete der Gascogner.

Haltet Euch bereit, sprach Porthos und schlüpfte durch die Öffnung.

Die Sache ging planmäßig vor sich. Der Riese verbarg sich am Weg des Soldaten, und als dieser an ihm vorüberkam, faßte er ihn beim Halse, knebelte ihn, stieß ihn wie eine Mumie zwischen den Gitterstangen durch und kehrte hinter ihm zurück.

Hierauf entkleideten sie auch den zweiten Soldaten und banden ihn am Bett fest.

Das geht vortrefflich, sagte d’Artagnan; nun probiert einmal das Kleid dieses Burschen an, Porthos. Ich zweifle, daß es Euch gut paßt; doch wenn es zu eng ist, so seid deshalb unbesorgt, das Wehrgehänge und besonders der Hut mit den roten Federn werden genügen.

Da der zweite Soldat zufällig ein riesiger Schweizer war, paßte alles aufs beste.

Nachdem sich die beiden Freunde angezogen hatten, sagte d’Artagnan zu den Schweizern:

Was euch betrifft, Kameraden, so könnt ihr versichert sein, daß euch nichts widerfährt, wenn ihr euch vernünftig benehmen wollt. Rührt ihr euch aber, so seid ihr des Todes.

Die Soldaten verhielten sich ganz still; sie hatten an Porthos‘ Faust bemerkt, daß die Sache sehr ernster Natur war.

Nun steigen wir, Porthos, in den Hof hinab. – Ja. – Wir nehmen den Platz der zwei Burschen ein. – Gut. – Wir gehen auf und ab. – Das wird nicht übel sein, da ohnehin keine bedeutende Wärme herrscht. – In einem Augenblick ruft der Kammerdiener, wie gestern und vorgestern, nach den Leuten vom Dienste. – Wir antworten? – Im Gegenteil, wir antworten nicht. – Wie Ihr wollt, es liegt mir nichts am Antworten. – Wir antworten also nicht; wir drücken nur unsere Hüte in den Kopf und geleiten Seine Eminenz. – Wohin? – Wohin sie geht: zu Athos. Glaubt Ihr, es werde ihm unangenehm sein, uns zu sehen? – Oh, oh! ich begreife, rief Porthos. – Wartet noch, ehe Ihr schreit. Porthos; denn bei meinem Wort, Ihr seid noch nicht am Ende, versetzte der Gascogner mit spöttischem Ton. – Was soll denn noch geschehen? sprach Porthos. – Folgt mir, erwiderte d’Artagnan; Ihr werdet schon sehen.

Und er schlüpfte durch die Öffnung und glitt leicht in den Hof hinab. Porthos folgte ihm auf demselben Wege, obgleich mit mehr Mühe und mit weniger Eile.

Kaum hatten d’Artagnan und Porthos die Erde berührt, als eine Tür sich öffnete und ein Kammerdiener rief: Die Leute vom Dienst!

Zu gleicher Zeit öffnete sich die Wachtstube, und eine andere Stimme rief: La Bruyère und Du Barthois, vorwärts!

Es scheint, ich heiße La Bruyère, sagte d’Artagnan.

Und ich Du Barthois, versetzte Porthos.

Wo seid ihr? sagte der Kammerdiener, dessen durch das Licht geblendete Augen unsere zwei Helden nicht zu unterscheiden vermochten.

Hier, antwortete d’Artagnan. Und sich gegen Porthos umwendend, fügte er hinzu: Was sagt Ihr hierzu, Herr Du Vallon?

Meiner Treu! wenn das so fortgeht, sage ich, es ist hübsch.

Die Fallgruben des Herrn von Mazarin

Die zwei improvisierten Soldaten marschierten mit ernster Haltung hinter dem Kammerdiener. Er öffnete ihnen die Tür eines Vorplatzes, dann eine zweite, die in eine Vorhalle zu führen schien, deutete auf zwei Schemel und sagte:

Der Befehl ist ganz einfach: Ihr laßt nur eine einzige Person herein, versteht ihr, nur eine einzige, nicht mehr. Dieser Person gehorcht ihr in allem. Was die Rückkehr betrifft, so wartet ihr, bis sie euch ablösen.

Diesen Kammerdiener kannte d’Artagnan ganz genau. Es war kein anderer, als Bernouin, der ihn seit sechs bis acht Monaten wenigstens zehnmal beim Kardinal eingeführt hatte. Er begnügte sich also, statt aller Antwort so wenig als möglich gascognisch und so gut als möglich deutsch ja zu brummen.

Was Porthos betrifft, so hatte ihm d’Artagnan das Versprechen abgenommen, nichts zu sagen. Sollte er bis aufs äußerste getrieben werden, so durfte er statt jeder Antwort »der Teufel« brummen.

Bernouin entfernte sich, die Tür schließend.

Oh! oh! sagte Porthos, als er den Schlüssel drehen hörte, es scheint hier Mode zu sein, die Leute einzuschließen. Mir kommt es vor, als hätten wir nur das Gefängnis vertauscht, und ich weiß nicht, ob wir dabei gewonnen haben, daß wir jetzt in der Orangerie sind.

Porthos, mein Freund, sprach d’Artagnan ganz leise, zweifelt nicht an der Vorsehung und laßt mich nachsinnen und überlegen.

Sinnt nach und überlegt, erwiderte Porthos in sehr schlimmer Laune, als er sah, daß sich die Dinge so und nicht anders gestalteten.

Wir sind achtzig Schritte gegangen, murmelte d’Artagnan, wir sind sechs Stufen hinaufgestiegen; das ist also hier, wie soeben mein erhabener Freund Du Vallon gesagt hat, der andere Pavillon, der parallel mit dem unsern steht, und den man mit dem Namen Pavillon der Orangerie bezeichnet. Der Graf de la Fère kann folglich nicht fern von hier sein; nur sind die Türen geschlossen.

Das ist eine schöne Schwierigkeit, sprach Porthos, und mit einem Schulterstoß …

Um Gottes Willen, Porthos, mein Freund, sagte d’Artagnan, spart Eure Kraftstücke, oder sie haben bei vorkommender Gelegenheit nicht mehr den ganzen Wert, den sie verdienen; habt Ihr nicht gehört, daß jemand hierher kommen wird?

Allerdings.

Nun, dieser Jemand wird uns die Türen öffnen. Horch, er kommt bereits.

Man hörte im Vorsaal das Geräusch eines leichten Trittes.

Die Angeln der Tür ächzten, und es erschien ein Mann in Reitertracht, in einen braunen Mantel gehüllt, einen großen Filzhut in die Stirn gedrückt und eine Laterne in der Hand.

Porthos drückte sich an die Wand, aber er konnte sich nicht so unsichtbar machen, daß der Mann im Mantel ihn nicht bemerkt hätte. Dieser gab ihm seine Laterne und sagte: Zündet die Lampe am Plafond an. Dann sprach er zu d’Artagnan: Ihr habt den Befehl?

Ja! erwiderte der Gascogner, entschlossen, sich auf dieses Muster der deutschen Sprache zu beschränken.

Tedesco, murmelte der Mann in der Reitertracht. Va bene.

Dann wandte er sich nach der Tür, der gegenüber, durch die er eingetreten war, öffnete sie und verschwand hinter derselben, indem er sie wieder verschloß.

Und was machen wir nun? fragte Porthos.

Nun bedienen wir uns unserer Schultern, wenn diese Tür geschlossen ist, Freund Porthos. Jedes Ding hat seine Zeit, und wer zu warten weiß, findet immer den rechten Augenblick. Aber zuerst verrammeln wir die erste Tür, und dann wollen wir dem Mann folgen, der soeben weggegangen ist.

Die zwei Freunde schritten sogleich zur Arbeit und verrammelten die Tür mit allem Geräte, das sich im Saale fand, wodurch das Eindringen um so schwieriger wurde, als sich die Tür nach innen öffnete.

Hier sind wir sicher, nicht von hinten überfallen zu werden, sagte d’Artagnan; nun wollen wir weitergehen.

Sie gelangten an die Tür, durch die Mazarin verschwunden war, und fanden sie verschlossen. Vergeblich versuchte d’Artagnan, sie zu öffnen.

Hier ist Gelegenheit, Euern Schulternstoß anzubringen, sagte d’Artagnan. Stoßt zu, mein Freund Porthos, aber sacht, ohne Geräusch. Zerbrecht nichts, drückt nur die Flügel auseinander.

Porthos stützte seine kräftige Schulter gegen einen der Flügel, der sich bog, und d’Artagnan schob sodann die Spitze seines Schwertes zwischen die Feder und die Schließklappe des Schlosses. Die Feder gab nach, und die Tür öffnete sich.

Ich sage Euch, Freund Porthos, man erhält von den Frauen und von den Türen alles, wenn man sie sanft anfasse.

Ihr seid allerdings ein großer Moralist, versetzte Porthos.

Laßt uns nun eintreten, sprach d’Artagnan.

Sie traten ein. Hinter einem Fensterwerk, beim Schimmer der Laterne des Kardinals, die mitten auf dem Boden stand, sah man die Orangen- und Granatbäume des Schlosses Rueil in langen Reihen aufgestellt, eine große Allee und zwei kleine Seitenalleen bildend.

Kein Kardinal, sagte d’Artagnan, nur seine Laterne allein. Wo zum Teufel ist er denn?

Als er dann eine der Seitenalleen durchforschte, nachdem er Porthos durch ein Zeichen bedeutet hatte, dasselbe zu tun, sah er plötzlich zu seiner Linken einen aus seiner Reihe geschobenen Baumkübel und an seiner Stelle ein gähnendes Loch. Zehn Männer hätten Mühe gehabt, den Kübel von seiner Stelle zu bewegen, aber durch irgend einen Mechanismus hatte er sich mit der Platte gedreht, auf der er stand.

D’Artagnan sah, wie gesagt, ein Loch und in diesem Loch die Stufen einer Wendeltreppe.

Er winkte Porthos mit der Hand herbei, zeigte ihm das Loch und die Stufen.

Die zwei Männer schauten sich erstaunt an.

Wenn wir nichts wollten, als Gold, sprach d’Artagnan leise, so hätten wir unsere Sache gefunden und wären für immer reich.

Wie dies?

Begreift Ihr nicht, Porthos, daß am Fuße dieser Treppe aller Wahrscheinlichkeit nach der berühmte Schatz des Kardinals liegt, von dem man so viel spricht, und daß wir nur hinabzusteigen, eine Kasse zu leeren, den Kardinal einzuschließen, was wir an Gold schleppen könnten, fortzunehmen, diesen Orangenbaum wieder an seinen Platz zu stellen hätten, und daß niemand in der Welt uns fragen würde, woher unser Vermögen rührte, nicht einmal der Kardinal?

Das wäre ein schöner Streich für gemeine Leute, sagte Porthos, aber, wie mir scheint, zweier Edelleute unwürdig.

Das ist auch meine Meinung, versetzte d’Artagnan; deshalb sagte ich auch, wenn wir nur Gold wollten; aber wir wollen etwas anderes.

In demselben Augenblick und als d’Artagnan seinen Kopf gegen die Höhle hinabbeugte, um zu horchen, traf ein metallischer, dumpfer Ton, wie der eines Goldsackes, den man bewegt, an sein Ohr; er bebte. Alsbald schloß sich eine Tür, und die ersten Reflexe eines Lichtes erschienen auf der Treppe.

Mazarin hatte seine Lampe in der Orangerie gelassen, damit man glaube, er gehe spazieren; aber er hatte eine Wachskerze, mit der er seine unterirdische Kasse untersuchte.

Ha! sagte er, während er langsam, einen rundbauchigen Sack Goldrealen betrachtend, die Stufen heraufstieg, damit könnte man fünf Parlamentsräte und zwei Pariser Generäle bezahlen. Ich bin auch ein großer Feldherr; nur führe ich den Krieg auf meine Weise.

D’Artagnan und Porthos hatten sich jeder in einer Seitenallee hinter einem Kübel verborgen und warteten.

Mazarin kam auf drei Schritte an d’Artagnan vorüber und stieß an eine in der Mauer verborgene Feder. Die Platte drehte sich und der von ihr getragene Orangenbaum kam von selbst wieder an seinen Platz.

Dann löschte der Kardinal seine Kerze aus, steckte sie in seine Tasche, nahm seine Lampe und sprach: Nun wollen wir nach Herrn de la Fère sehen.

Gut! das ist unser Weg, dachte d’Artagnan, wir gehen miteinander.

Alle drei setzten sich in Marsch. Herr von Mazarin schlug die mittlere Allee ein, Porthos und d’Artagnan die gleichlaufenden an den Seiten.

Der Kardinal gelangte zu einer zweiten Glastür, ohne zu bemerken, daß man ihm folgte; denn der weiche Sand machte die Tritte seiner zwei Begleiter unhörbar.

Dann wandte er sich nach der linken Seite und schlug den Weg nach dem Korridor ein, den Porthos und d’Artagnan noch nicht bemerkt hatten; aber in dem Augenblick, wo er öffnen wollte, blieb er nachdenklich stehen.

Ah, Diavolo! sagte er, ich vergaß, was mir Comminges empfohlen hat. Ich muß die Soldaten nehmen und an diese Tür stellen, um mich nicht der Willkür dieses verdammten Teufels preiszugeben.

Und mit einer ungeduldigen Bewegung wandte er sich um, in der Absicht, auf demselben Weg zurückzugehen.

Gebt Euch nicht die Mühe, Monseigneur, sagte d’Artagnan, einen Fuß vor und den Hut in der Hand, mit freundlichem Gesichte; wir sind Eurer Eminenz gefolgt und stehen nun hier.

Ja, wir sind hier, sagte Porthos und machte dieselbe Gebärde eines freundlichen Grußes.

Mazarin schaute ganz verwirrt den einen und den andern an, erkannte beide und ließ mit einem Seufzer des Schreckens seine Laterne fallen.

D’Artagnan hob sie auf, zum Glück war sie beim Fallen nicht erloschen.

Oh! welche Unklugheit! sagte d’Artagnan. Es ist nicht gut, hier ohne Licht zu gehen; Eure Eminenz könnte sich an irgend einem Kübel stoßen oder in irgend ein Loch stürzen.

Herr d’Artagnan! murmelte Mazarin, der sich von seinem Erstaunen nicht erholen konnte.

Ja, Monseigneur, ich selbst, und ich habe die Ehre, Euch Herrn du Vallon, diesen vortrefflichen Freund, vorzustellen, für den sich Eure Eminenz einst zu interessieren die Güte gehabt hat.

Bei diesen Worten richtete d’Artagnan das Licht der Lampe nach dem heiteren Gesichte Porthos‘, der zu begreifen anfing und ganz stolz darauf war.

Ihr wart im Begriff, zu Herrn de la Fère zu gehen, fuhr d’Artagnan fort; laßt Euch nicht durch uns abhalten, Monseigneur. Habt die Güte, uns den Weg zu zeigen; wir werden Euch folgen.

Mazarin kam allmählich zur Besinnung.

Seid ihr schon lange in der Orangerie, meine Herren? fragte er mit zitternder Stimme, indem er an den Besuch dachte, den er soeben seinem Schatze gemacht hatte.

Porthos öffnete den Mund, um zu antworten. D’Artagnan machte ihm ein Zeichen, und Porthos‘ stummgebliebener Mund schloß sich wieder.

Wir kommen in diesem Augenblick, Monseigneur, sagte d’Artagnan.

Mazarin atmete auf; er fürchtete nicht mehr für seinen Schatz, er fürchtete nur noch für sich selbst.

Ein eigenes Lächeln schwebte über seine Lippen.

Vorwärts, sagte er, ihr habt mich in der Falle gefangen, und ich erkläre mich für besiegt. Ihr wollt mich um eure Freiheit bitten, nicht wahr? Ich gebe sie euch.

Oh! Monseigneur, sagte d’Artagnan, Ihr seid sehr gut; aber unsere Freiheit haben wir, und wir würden Euch lieber um etwas anderes bitten.

Ihr habt eure Freiheit? sprach Mazarin ganz erschrocken.

Allerdings, und Ihr, Monseigneur, habt im Gegenteil die Eurige nun verloren; was wollt Ihr, Monseigneur? Es geht nach dem Kriegsgesetz, Ihr müßt sie wieder erkaufen.

Mazarin fühlte einen Schauer bis in die Tiefe seines Herzens. Sein durchdringender Blick heftete sich vergebens auf das spöttische Gesicht des Gascogners und auf das seines Freundes. Beide waren im Schatten verborgen, und die Sibylle von Cumä hätte nicht darin zu lesen vermocht.

Meine Freiheit wieder erkaufen? wiederholte Mazarin.

Ja, Monseigneur.

Und wieviel wird dies kosten, Herr d’Artagnan?

Verdammt, Monseigneur, ich weiß es noch nicht. Wir werden den Grafen de la Fère darüber fragen, wenn es Eure Eminenz gütigst erlaubt. Eure Eminenz wolle daher die Gnade haben, die Tür zu öffnen, die zu ihm führt, und in zehn Minuten wird sie im klaren sein.

Mazarin bebte.

Monseigneur, sagte d’Artagnan, Eure Eminenz sieht, mit welchen Förmlichkeiten wir zu Werke gehen; darum sind wir aber auch genötigt, noch zu bemerken, daß wir keine Zeit zu verlieren haben. Öffnet also, Monseigneur, und erinnert Euch ein für allemal, daß Ihr in Anbetracht unserer ganz eigentümlichen Lage uns nicht grollen dürft, wenn wir bei der geringsten Bewegung, die Ihr macht, um zu entfliehen, bei dem kleinsten Schrei, den Ihr ausstoßt, um zu entkommen, zum Äußersten schreiten.

Seid unbesorgt, meine Herren, erwiderte Mazarin, ich werde nichts versuchen, darauf gebe ich euch mein Ehrenwort.

D’Artagnan winkte Porthos, er möge seine Wachsamkeit verdoppeln, und sprach dann, sich zu Mazarin umwendend: Wir wollen nun hineingehen, Monseigneur, wenn’s Euch beliebt.

Konferenzen

Mazarin ließ den Riegel einer Doppeltür spielen, auf deren Schwelle Athos auf Comminges‘ Rat seinen erhabenen Gast zu empfangen bereit stand.

Als er Mazarin erblickte, verbeugte er sich und sprach: Eure Eminenz hätte sich jeder Begleitung überheben können, denn die Ehre, die mir zu teil wird, ist zu groß, als daß ich sie vergessen sollte.

Mein lieber Graf, sagte d’Artagnan, Seine Eminenz wollte uns auch nicht gerade haben. Herr du Vallon und ich bestanden jedoch, vielleicht etwas unbescheiden darauf, so groß war unser Verlangen, Euch zu sehen.

Bei dieser Stimme, dem spöttischen Ton, der wohl bekannten Gebärde, die Ton und Stimme begleitete, machte Athos einen Sprung des Erstaunens.

D’Artagnan! Porthos! rief er.

In Person, lieber Freund.

In Person, wiederholte Porthos.

Was soll das bedeuten? fragte der Graf.

Das soll bedeuten, antwortete Mazarin, indem er zu lächeln versuchte und sich während des Lächelns in die Lippen biß, das soll bedeuten, daß sich die Rollen verändert haben, denn statt daß diese Herren meine Gefangenen sind, bin ich der Gefangene dieser Herren, und Ihr seht mich genötigt, hier das Gesetz zu empfangen, statt es zu machen. Aber, meine Herren, ich sage euch zum voraus, wenn ihr mich nicht erwürgt, wird euer Sieg von kurzer Dauer sein. Die Reihe ist bald wieder an mir; man wird kommen …

Ah! Monseigneur, sprach d’Artagnan, droht nicht, das gibt ein schlechtes Beispiel. Wir sind doch so sanft und so artig gegen Eure Eminenz! Setzen wir alle üble Laune beiseite, entfernen wir jeden Groll und sprechen freundlich miteinander.

Das ist mir ganz lieb, meine Herren, sagte Mazarin; aber in dem Augenblick, wo wir über mein Lösegeld verhandeln, sollt ihr eure Lage nicht für besser halten, als sie wirklich ist; indem ihr mich in der Falle finget, habt ihr euch mit mir gefangen. Wie wollt ihr von hier wegkommen? Seht die Gitter, seht die Türen, seht oder erratet vielmehr, wieviel Schildwachen diese Höfe füllen, und laßt uns dann einen Vergleich treffen. Ich will euch zeigen, daß ich loyal bin.

Gut, dachte d’Artagnan, wir wollen uns vorsehen, er gedenkt uns einen Streich zu spielen.

Ich habe euch eure Freiheit angeboten, fuhr der Minister fort, ich biete sie euch noch einmal an; wollt ihr sie? Vor einer Stunde werdet ihr entdeckt, verhaftet oder genötigt sein, mich zu töten, was ein furchtbares Verbrechen und loyaler Edelleute, wie ihr seid, ganz unwürdig wäre.

Er hat recht, dachte Athos.

Und wie alles, was in dieser nur von edlen Gedanken bewohnten Seele vorging, so spiegelte sich auch dieser Gedanke in seinen Augen ab.

D’Artagnan aber sagte, um die Hoffnung herabzustimmen, die Athos‘ stillschweigendes Beipflichten in Mazarin erregt hatte: Wir werden auch nur in der äußersten Not zur Gewalt greifen.

Wenn ihr dagegen, fuhr Mazarin fort, wenn ihr mich gehen laßt und eure Freiheit annehmt …

D’Artagnan unterbrach ihn mit den Worten:

Wie sollen wir unsere Freiheit annehmen, da Ihr sie, wie Ihr selbst sagt, fünf Minuten, nachdem Ihr sie gegeben habt, wieder nehmen könnt? Und wie ich Euch kenne, werdet Ihr sie uns wieder nehmen, Monseigneur.

Mazarin versprach hoch und teuer bei seinem Kardinals- und Ministerwort, die Freunde freizulassen. Als er damit nur den Spott des Gascogners herausforderte, versetzte er:

Wohl, ich leiste Euch auf eine untrügliche, handgreifliche Weise Sicherheit. – Ah! das ist etwas anderes, sagte Porthos. – Laßt hören, sprach Athos. – Laßt hören, wiederholte d’Artagnan. – Vor allem, nehmt ihr an? sagte der Kardinal. – Erklärt uns Euern Plan, Monseigneur, und wir werden sehen. – Zieht wohl in Betracht, daß Ihr eingeschlossen, gefangen seid. – Ihr wißt, Monseigneur, entgegnete d’Artagnan, es bleibt uns immer noch ein letztes Mittel. – Welches? – Miteinander zu sterben.

Mazarin bebte.

Hört, fuhr er fort, am Ende des Ganges ist eine Tür, wozu ich den Schlüssel habe; diese Tür führt in den Park. Geht mit dem Schlüssel, ihr seid flink, ihr seid kräftig, ihr seid bewaffnet, und in einer Entfernung von hundert Schritten, wenn ihr euch links wendet, findet ihr die Mauer des Parks; ihr steigt darüber und seid mit drei Sprüngen auf der Straße und frei. Ich kenne euch nun hinreichend, um zu wissen, daß es, wenn man euch angreift, kein Hindernis gegen eure Flucht sein wird.

Ah! bei Gott, Monseigneur, sagte d’Artagnan, das ist gut, das heiße ich sprechen. Wo ist der Schlüssel, den Ihr uns bieten wollt?

Hier.

Aber Monseigneur, fügte d’Artagnan bei, Ihr werdet uns wohl zu der Tür führen?

Sehr gern, sprach der Minister, wenn es dessen zu eurer Beruhigung bedarf.

Mazarin, der nicht so leichten Kaufes durchzukommen gehofft hatte, wandte sich ganz strahlend nach dem Gange und öffnete die Tür.

Sie ging allerdings nach dem Park, was die drei Flüchtlinge an dem Nachtwind wahrnahmen, der sich im Gange fing und ihnen den Schnee ins Gesicht trieb.

Teufel! Teufel! sagte d’Artagnan, es ist eine furchtbare Nacht, Monseigneur. Wir kennen die Örtlichkeiten nicht und werden nie unsern Weg finden. Da nun Eure Eminenz so viel getan hat, daß sie uns bis hierher führte … nur noch einige Schritte, Monseigneur, geleitet uns bis zur Mauer.

Es sei, sprach der Kardinal.

Und gerade ausgehend, schritt er mit raschem Schritte auf die Mauer zu, an deren Fuß bald alle vier waren.

Seid ihr zufrieden, meine Herren? fragte Mazarin. – Ich glaube wohl, wir müßten sonst sehr schwieriger Natur sein. Teufel, welche Ehre! Drei arme Edelleute von einem Kirchenfürsten geleitet! Doch, Monseigneur, Ihr sagtet soeben, wir wären mutig, flink und bewaffnet? – Ja. – Ihr täuscht Euch; nur ich und Herr du Vallon sind bewaffnet; der Herr Graf ist es nicht, und wenn wir irgend einer Patrouille begegneten, so könnten wir uns verteidigen müssen. – Das ist nur zu richtig. – Aber wo werden wir ein Schwert finden? – Monseigneur, sagte d’Artagnan, wird dem Grafen das seinige leihen, das ihm unnütz ist. – Sehr gern, sprach der Kardinal, ich bitte sogar den Herrn Grafen, es als Andenken von mir behalten zu wollen. – Das ist doch äußerst artig, Graf, versetzte d’Artagnan. – Ja, erwiderte Athos, ich verspreche auch, mich nie davon zu trennen. – Ein rührender Austausch! sprach d’Artagnan. Habt Ihr keine Tränen in den Augen, Porthos? – Ja, erwiderte Porthos, doch weiß ich nicht, ob dies mir die Tränen erpreßt oder der Wind. – Nun steigt hinauf, Athos, und macht geschwind.

Athos gelangte, von Porthos unterstützt, der ihn wie eine Feder aufhob, auf den Kamm der Mauer.

Nun springt hinab, Athos.

Athos sprang und verschwand auf der andern Seite der Mauer.

Seid Ihr unten? fragte d’Artagnan. – Ja. – Ohne einen Unfall? – Ganz unversehrt. – Porthos, beobachtet den Herrn Kardinal, während ich hinaufsteige; nein, ich bedarf Euer nicht, ich werde wohl allein hinaufkommen. Beobachtet nur den Herrn Kardinal. – Ich beobachte ihn, erwiderte Porthos. – Nun? … – Ihr habt recht, es ist schwieriger, als ich glaubte. Leiht mir Euern Rücken, aber ohne von dem Herrn Kardinal abzulassen. – Ich lasse nicht von ihm ab.

Porthos bot d’Artagnan seinen Rücken, und dieser war bald mit Hilfe seiner Stütze rittlings auf dem Kamm der Mauer.

Mazarin gab sich den Anschein, als müßte er lachen.

Seid Ihr oben? fragte Porthos. – Ja, mein Freund, und nun … – Was nun? – Nun gebt mir den Herrn Kardinal herauf, und bei dem geringsten Schrei, den er ausstößt, erstickt ihn.

Mazarin wollte schreien, aber Porthos preßte ihn mit seinen Händen zusammen und hob ihn bis zu d’Artagnan hinauf, der ihn am Kragen faßte, zu sich setzte und mit drohendem Ton zu ihm sagte:

Mein Herr, springt sogleich zu dem Grafen de la Fère hinab, oder ich bringe Euch um, so wahr ich ein Edelmann bin. – Herr, Herr! rief Mazarin, Ihr brecht Euer Wort. – Ich? Wo habe ich Euch irgend etwas versprochen, Monseigneur?

Mazarin stieß einen Seufzer aus und erwiderte: Ihr seid frei durch mich, mein Herr; Eure Freiheit war mein Lösegeld.

Aber das Lösegeld für den ungeheuren, in der Galerie vergrabenen Schatz, zu dem man hinabsteigt, indem man an eine in der Mauer verborgene Feder drückt, wodurch ein Kübel fortgerückt und eine Treppe sichtbar wird? Sagt, Monseigneur, ist das nicht auch etwas wert?

Jesus, mein Gott! versetzte Mazarin, beinahe erstickt und die Hände faltend, ich bin ein verlorener Mann.

Aber ohne sich an seine Klagen zu kehren, nahm ihn d’Artagnan unter dem Arm und ließ ihn sacht in Athos‘ Hände hinabgleiten, der ruhig unten an der Mauer geblieben war.

Sodann sagte d’Artagnan zu Porthos: Nehmt meine Hand, ich halte mich an der Mauer.

Porthos machte eine Anstrengung, daß die Mauer erbebte, und gelangte ebenfalls auf die Höhe.

Ich hatte nicht ganz begriffen, sagte er, aber nun begreife ich; das ist komisch.

Findet Ihr? erwiderte d’Artagnan, desto besser? aber damit es bis zum Ende komisch bleibt, wollen wir keine Zeit verlieren.

Und er sprang von der Mauer herab.

Porthos tat dasselbe.

Begleitet den Herrn Kardinal, meine Herren, sprach d’Artagnan, ich sondiere unterdessen die Gegend.

Der Gascogner zog den Degen und marschierte in der Vorhut.

Monseigneur, sagte er, wohin müssen wir uns wenden, um die Landstraße zu erreichen? Denkt wohl nach, ehe Ihr antwortet; denn wenn sich Eure Eminenz täuschte, so könnte dies große Unannehmlichkeiten nach sich ziehen, nicht allein für uns, sondern auch für den Herrn Kardinal.

Geht an der Mauer hin, sprach Mazarin, und ihr lauft keine Gefahr, euch zu verirren.

Die drei Freunde verdoppelten ihre Schritte, aber nach einigen Augenblicken waren sie genötigt, wieder langsamer zu gehen; der Kardinal vermochte ihnen, trotz des besten Willens, nicht zu folgen.

Plötzlich stieß d’Artagnan an etwas Warmes, was eine Bewegung machte.

Halt! ein Pferd! sagte er, ich habe ein Pferd gefunden, meine Herren. – Und ich auch, sprach Athos. – Und ich ebenfalls! rief Porthos, der dem Befehle getreu den Kardinal beständig am Arme hielt. – Das nenne ich Glück, Monseigneur, sagte d’Artagnan, gerade in der Minute, wo Eure Eminenz sich beklagte, zu Fuß gehen zu müssen.

Aber in dem Augenblick, wo er diese Worte sprach, senkte sich ein Pistolenlauf auf seine Brust, und er hörte mit ernstem Tone sagen:

Rührt nicht an! – Grimaud! rief d’Artagnan, Grimaud! schickt dich der Himmel? – Nein, gnädiger Herr, antwortete der ehrliche Diener, Herr Aramis hieß mich die Pferde bewachen. – Aramis ist also hier? – Ja, gnädiger Herr, seit gestern. – Und was macht ihr? – Wir lauern. – Was! Aramis ist hier? wiederholte Athos. – An der kleinen Schloßpforte. Dort war sein Posten. Ihr seid also zahlreich? – Wir sind zu sechzig. – Laß ihm melden, daß wir hier sind. – Sogleich, gnädiger Herr.

Mazarin in Pierrefonds

Nach Verlauf von zehn Minuten erschien Aramis, den Grimaud schnell benachrichtigt hatte, mit acht bis zehn Edelleuten. Er war ganz strahlend und warf sich seinen Freunden um den Hals.

Ihr seid also frei, Brüder, frei ohne meine Hilfe? Ich habe also trotz meiner Bemühungen nichts für euch tun können?

Beruhigt Euch darüber, teurer Freund; aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Es gibt noch genug zu tun.

Meine Maßregeln waren doch so gut getroffen, sprach Aramis. Ich habe sechzig Mann vom Koadjutor bekommen; zwanzig bewachen die Mauern des Parks, zwanzig die Straße von Rueil nach Saint-Germain, zwanzig sind im Walde zerstreut. Auf diese Art und infolge meiner strategischen Anordnungen habe ich zwei Kuriere Mazarins an die Königin aufgefangen.

Mazarin horchte.

Aber Ihr habt sie doch hoffentlich ehrlicherweise an den Herrn Kardinal zurückgeschickt? fragte d’Artagnan.

Selbstverständlich hat Mazarin solche Rücksicht verdient. In einer von diesen Depeschen erklärte er der Königin, die Kassen seien leer und Ihre Majestät habe kein Geld mehr; in der andern meldet er, er werde die Gefangenen nach Melun bringen lassen, da ihm Rueil nicht sicher genug scheine. Ihr begreift, lieber Freund, daß dieser letzte Brief mir gute Hoffnung gegeben hat. Ich legte mich mit sechzig Mann in den Hinterhalt, umstellte das Schloß, ließ Handpferde bereithalten, die ich Grimaud anvertraute, und erwartete euer Erscheinen. Vor morgen früh rechnete ich nicht hierauf, und ich hoffte auch nicht, euch ohne Scharmützel zu befreien. Nun seid ihr schon heute frei. Wie habt ihr es gemacht, um diesem Knauser Mazarin zu entkommen? Ihr habt euch sicher sehr über ihn zu beklagen.

Im Gegenteil, sagte d’Artagnan; er hat sich sehr verbindlich gezeigt; wir verdanken ihm unsere Freiheit.

Ihm?

Ja; er ließ uns durch Herrn Bernouin, seinen Kammerdiener, in die Orangerie führen. Von da folgten wir ihm bis zum Grafen de la Fère. Dann bot er uns unsere Freiheit an. Wir nahmen sie an, und er trieb die Gefälligkeit so weit, daß er uns den Weg zeigte und bis zur Mauer des Parkes führte, die wir mit dem größten Glück erstiegen hatten, als wir Grimaud trafen.

Ah! gut, sagte Aramis, das söhnt mich mit ihm aus, und ich wollte, er wäre da, damit ich ihm sagen könnte, ich hätte ihn einer solchen Handlung nicht für fähig gehalten.

Monseigneur, sprach d’Artagnan, außer stande, länger an sich zu halten, erlaubt, daß ich Euch den Herrn Chevalier d’Herblay vorstelle, der Eurer Eminenz seine Ehrfurcht zu bezeugen wünscht.

Und er zog sich zurück und machte dadurch den verwirrten Kardinal für Aramis sichtbar.

Oho! rief dieser, der Kardinal! ein guter Fang! Holla! holla! Freunde! Die Pferde! die Pferde!

Einige Reiter sprengten herbei.

Bei Gott! rief Aramis, ich werde doch zu etwas nütze gewesen sein. Monseigneur, möge Eure Eminenz die Gnade haben, meine Huldigung in Empfang zu nehmen. Ich wette, das ist der heilige Christoph von einem Porthos, der diesen Schlag getan hat! Doch beinahe hätte ich vergessen …

Und er gab ganz leise einem Reiter einen Befehl.

Ich glaube, es wäre klug, wenn wir abzögen, sagte d’Artagnan.

Ja, aber ich erwarte jemand … einen Freund von Athos.

Einen Freund? sprach der Graf.

Seht, dort kommt er im Galopp durch das Gesträuch.

Herr Graf! Herr Graf! rief eine jugendliche Stimme.

Raoul! Raoul! rief der Graf de la Fère.

Einen Augenblick vergaß der junge Mann seine gewöhnliche Ehrfurcht und warf sich seinem Vater um den Hals.

Seht, Herr Kardinal, wäre es nicht schade gewesen, Leute zu trennen, die sich lieben, wie wir uns lieben? Meine Herren, fuhr Athos fort, indem er sich an die Reiter wandte, die sich jeden Augenblick in größerer Zahl einstellten, meine Herren, umgebt Seine Eminenz, um ihr die schuldige Ehre zu erweisen. Der Herr Kardinal will die Ehre haben, uns seine Gesellschaft zu gönnen. Ihr werdet ihm hoffentlich dafür dankbar sein. Porthos, verliert Seine Eminenz nicht aus dem Blicke.

Aramis ging hierauf zu d’Artagnan und Athos, die sich beratschlagten, und nahm an ihren Beratungen teil.

Vorwärts, sprach d’Artagnan nach einer Besprechung von fünf Minuten, vorwärts, Marsch!

Und wohin gehen wir? fragte Porthos.

Zu Euch, lieber Freund, nach Pierrefonds; Euer schönes Schloß ist würdig, Seiner Eminenz adlige Gastfreundschaft zu bieten. Dann ist es auch sehr gut gelegen, nicht zu nahe, nicht zu fern von Paris. Man kann von dort leicht Verbindungen mit der Hauptstadt anknüpfen. Kommt, Monseigneur, Ihr werdet in jenem Schlosse wie ein Fürst sein, was Ihr auch seid.

Ein entsetzter Fürst, sprach Mazarin kläglich.

Der Krieg hat seine Wechselfälle, Monseigneur, erwiderte Athos, aber seid versichert, wir werden keinen Mißbrauch davon machen.

Nein, aber einen Gebrauch werden wir davon machen, sprach d’Artagnan.

Sie ritten die ganze Nacht mit ihrem Gefangenen fort, Grimaud war in Aramis‘ Auftrag vorausgeritten und hatte für frische Pferde gesorgt, und so erreichten sie zur Mittagsstunde die Allee des Schlosses von Porthos.

Wir sind vier, sagte d’Artagnan zu seinen Freunden, wir lösen uns in der Bewachung Monseigneurs ab, und jeder von uns wacht drei Stunden. Athos untersucht das Schloß, das man für den Fall einer Belagerung uneinnehmbar machen muß, Porthos beaufsichtigt die Verproviantierung und Aramis das Garnisonswesen, das heißt, Athos wird Oberingenieur, Porthos Generalproviantmeister und Aramis Gouverneur des Platzes.

Mittlerweile führte man Mazarin in das schönste Zimmer des Schlosses.

Meine Herren, sagte er, als er hier etwas eingerichtet war, Ihr könnt nicht darauf rechnen, mich lange Zeit hier inkognito zu behalten. – Nein, Monseigneur, antwortete d’Artagnan, wir gedenken im Gegenteil so schnell als möglich bekannt zu machen, daß wir Euch in Händen haben. – Dann wird man Euch belagern. – Wir sind darauf gefaßt. – Und was werdet Ihr tun? – Wir werden uns verteidigen; morgen bekommt überdies die Pariser Armee Kunde, übermorgen ist sie hier. Statt daß die Schlacht in Saint-Denis oder in Charenton stattfindet, wird sie in Compiegne oder in Villers-Cotterets geschlagen. – Der Herr Prinz wird Euch besiegen, wie er stets gesiegt hat. – Das ist möglich, Monseigneur. Doch vor der Schlacht lassen wir Eure Eminenz nach einem andern Schlosse unseres Freundes du Vallon bringen, denn er hat drei, wie dieses. Wir wollen Eure Eminenz den Zufällen des Krieges nicht bloßstellen. – Wohl, sagte Mazarin, ich sehe, daß ich kapitulieren muß. – Vor der Belagerung? – Ja, die Bedingungen werden vielleicht besser sein. – Ah! Monseigneur, was die Bedingungen betrifft, sollt Ihr uns sehr billig finden. – Laßt hören. Sprecht Euch aus. – Ruht vorerst, Monseigneur, und wir wollen uns die Sache überlegen. – Ich bedarf der Ruhe nicht, meine Herren, ich will wissen, ob ich mich in Feindes oder Freundes Händen befinde. – In Freundes Händen, Monseigneur. – Nun, so sagt mir sogleich, was Ihr wollt, damit ich sehe, ob eine Übereinkunft unter uns möglich ist. Sprecht, Herr Graf de la Fère. – Monseigneur, sagte Athos, ich habe nichts für mich zu verlangen und hätte viel für Frankreich zu fordern. Ich enthalte mich also und übertrage das Wort an den Herrn Chevalier d’Herblay.

Damit verbeugte sich Athos, machte einen Schritt rückwärts und blieb als einfacher Zuschauer der Konferenz am Kamin stehen.

Sprecht doch, Herr Chevalier d’Herblay, sagte der Kardinal, was wünscht Ihr? Keine Umschweife, keine Zweideutigkeiten. Seid klar, kurz und bestimmt. – Ich, Monseigneur, ich werde ein offenes Spiel spielen. – Legt also Eure Karten auf. – Ich habe in meiner Tasche das Programm der Bedingungen, sagte Aramis, die Euch die Deputation an der ich Anteil nahm, vorgestern in Saint-Germain vorlegte. Die alten Rechte müssen vorgehen und die Forderungen, welche in dem Programm gestellt sind, bewilligt werden. – Wir waren über diese schon ziemlich einverstanden. Gehen wir also zu den besonderen Bedingungen über. – Ihr glaubt also, daß sich solche finden? versetzte Aramis lächelnd. – Ich glaube, daß Ihr nicht alle so uneigennützig seid, wie der Herr Graf de la Fère, erwiderte Mazarin, sich mit einer Verbeugung gegen Athos umwendend. – Ah! Ihr habt recht, sprach Aramis, und es macht mich glücklich, zu sehen, daß Ihr dem Grafen endlich Gerechtigkeit widerfahren laßt. – Nun, was wünscht Ihr also? – Ich wünsche, Monseigneur, daß man Frau von Longueville die Normandie verleihe, nebst voller, unbeschränkter Absolution und fünfmalhunderttausend Livres. Ich wünsche, daß Seine Majestät der König die Gnade habe, der Pate des Sohnes zu werden, den sie in den letzten Tagen geboren hat; sodann, daß Monseigneur, nachdem er der Taufe beigewohnt hat, unserm heiligen Vater, dem Papste, in Person seine Huldigung darbringe. – Das heißt, Ihr wollt, daß ich meinem Ministeramt entsage, daß ich Frankreich verlasse, daß ich mich verbanne? – Ich wünsche, daß Monseigneur bei der ersten Erledigung Papst werde, wobei ich mir vorbehalte, vollkommenen Ablaß für mich und meine Freunde von ihm zu erbitten.

Mazarin machte eine unübersetzbare Grimasse.

Und Ihr, mein Herr? fragte er d’Artagnan. – Ich, Monseigneur, sagte der Gascogner, ich bin in allen Punkten derselben Meinung, wie der Herr Chevalier d’Herblay, mit Ausnahme des letzten Artikels, in welchem ich gänzlich von ihm abweiche. Weit entfernt, zu wünschen, daß Monseigneur Frankreich verlasse, wünsche ich im Gegenteil, daß er erster Minister bleibe, denn Monseigneur ist ein großer Politiker. Ich werde mich sogar bemühen, soviel es von mir abhängt, ihm den Sieg über die ganze Fronde zu verschaffen, doch unter der Bedingung, daß er sich einigermaßen der treuen Diener des Königs erinnert und die erste Kompagnie der Musketiere einem, den ich bezeichnen werde, verleiht. Und Ihr, du Vallon? – Ja, nun ist es an Euch, mein Herr, sprecht. – Ich? erwiderte Porthos, ich wünschte, daß der Herr Kardinal, um mein Haus zu ehren, das ihm eine Zufluchtsstätte gewährte, die Gnade hätte, zum Andenken an dieses Abenteuer mein Gut zu einer Baronie zu erheben, mit der Zusage des Ordens für einen meiner Freunde bei der ersten Beförderung, die Seine Majestät vornehmen wird.

Ihr wißt, mein Herr, daß man, um den Orden zu bekommen, Proben ablegen muß. – Dieser Freund wird sie ablegen. Überdies würde Monseigneur, wenn es durchaus notwendig wäre, ihm sagen, wie man diese Förmlichkeit umgeht.

Mazarin biß sich in die Lippen. Er erwiderte ziemlich trocken: Alles das reimt sich ziemlich schlecht zusammen, wie mir scheint, meine Herren, denn wenn ich einen befriedige, mache ich notwendig die andern unzufrieden. Bleibe ich in Paris, so kann ich notwendig nicht nach Rom gehen; werde ich Papst, so kann ich nicht Minister bleiben; bin ich nicht Minister, so kann ich nicht Herrn d’Artagnan zum Kapitän und Herrn du Vallon zum Baron machen.

Das ist wahr, sagte Aramis. Da ich die Minorität bilde, so nehme ich meinen Antrag in Beziehung auf die Reise nach Rom und die Entlassung von Monseigneur zurück.

Ich bleibe also Minister? sagte Mazarin.

Ihr bleibt Minister, das ist abgemacht, sprach d’Artagnan; Frankreich bedarf Euer.

Und ich stehe von meinen Anforderungen ab, sagte Aramis. Seine Eminenz bleibt erster Minister und sogar Liebling Ihrer Majestät, wenn sie mir und meinen Freunden bewilligt, was wir für Frankreich und für uns verlangen.

Beschäftigt Euch nur mit Euch, meine Herren, und laßt Frankreich sich mit mir abfinden, wie es eben kann, sprach Mazarin.

Nein, nein! versetzte Aramis, es bedarf eines Vertrages für die Frondeurs. Eure Eminenz wird ihn abfassen, in unserer Gegenwart unterzeichnen und sich durch denselben Vertrag verbindlich machen, die Zustimmung der Königin zu erlangen.

Ich kann nur für mich stehen, sagte Mazarin, und nicht für die Königin. Und wenn Ihre Majestät sich weigert?

O! rief d’Artagnan, Monseigneur weiß wohl, daß Ihre Majestät ihm nichts zu verweigern vermag.

Seht, Monseigneur, sagte Aramis, hier ist der von der Deputation der Frondeurs vorgeschlagene Vertrag; Eure Eminenz beliebe ihn zu lesen und zu prüfen.

Ich kenne ihn, sprach Mazarin.

So unterzeichnet.

Wenn ich mich aber weigere?

Ah, Monseigneur, erwiderte d’Artagnan, dann hat Eure Eminenz die Folgen ihrer Weigerung nur sich selbst zur Last zu legen.

Würdet Ihr es wagen, die Hand an einen Kardinal zu legen?

Monseigneur, Ihr habt sie an Musketiere Ihrer Majestät gelegt.

Die Königin wird mich rächen, meine Herren.

Ich glaube es nicht. Aber wir gehen mit Eurer Eminenz nach Paris, und die Pariser werden uns zu verteidigen wissen.

Das ist abscheulich! murmelte Mazarin.

Unterzeichnet also den Vertrag, Monseigneur, sagte Aramis.

Aber wenn ich unterzeichne und die Königin sich weigert, ihn zu genehmigen?

Ich übernehme es, mich zu der Königin zu begeben und ihre Unterschrift zu erlangen, entgegnete d’Artagnan.

Nehmt Euch in acht, daß Euch in Saint Germain nicht der Empfang zuteil wird, den Ihr zu erwarten berechtigt seid, versetzte Mazarin.

Ah, bah! erwiderte d’Artagnan, die Sache soll so eingerichtet werden, daß ich willkommen bin, denn ich weiß ein Mittel.

Welches?

Ich bringe Ihrer Majestät den Brief, in dem ihr Monseigneur die gänzliche Erschöpfung der Finanzen meldet.

Hernach? sprach Mazarin erbleichend.

Hernach, wenn ich Ihre Majestät in der größten Verlegenheit sehe, führe ich sie nach Rueil, lasse sie in die Orangerie eintreten und zeige ihr eine gewisse Feder, welche einen Kasten in Bewegung setzt.

Genug, mein Herr, murmelte der Kardinal, genug. Wo ist der Vertrag?

Hier, antwortete Aramis.

Ihr seht, daß wir großmütig sind, sprach d’Artagnan, denn ein solches Geheimnis konnte viel einbringen.

Unterzeichnet also, sagte Aramis und reichte ihm eine Feder.

Mazarin stand auf und ging einige Augenblicke, mehr träumerisch als niedergeschlagen, auf und ab. Dann blieb er plötzlich stehen und unterzeichnete.

Nun aber, Herr d’Artagnan, fügte er bei, haltet Euch bereit, abzureisen und einen Brief von mir an die Königin zu überbringen.

D’Artagnan findet einen Plan

Bei Einbruch der Nacht gelangte man nach Tirsk. Die vier Freunde schienen vollkommen gleichgültig gegen die Vorsichtsmaßregeln, die man nahm, um der Person des Königs versichert zu sein. Sie zogen sich in ein Privathaus zurück, und da sie jeden Augenblick für sich selbst zu fürchten hatten, so richteten sie sich in einem einzigen Zimmer ein, wobei sie sich für den Fall eines Angriffs einen Ausgang offen hielten. Die Bedienten wurden auf verschiedene Posten verteilt. Grimaud schlief vor der Tür auf einem Bund Stroh. Am andern Morgen war d’Artagnan zuerst auf den Beinen. Er hatte bereits den Stall und die Pferde untersucht und die nötigen Befehle für den Tag gegeben, als Aramis und Athos nicht einmal aufgestanden waren und Porthos noch schnarchte.

Um acht Uhr morgens setzte man sich in derselben Ordnung in Marsch, wie am Tage zuvor. Nur ließ d’Artagnan seine Freunde allein reiten und suchte mit Groslow, der etwas Französisch sprach, die bei dem Mittagsmahl Tags vorher angeknüpfte Bekanntschaft weiter fortzuspinnen.

In der Tat, mein Herr, sagte d’Artagnan zu ihm, ich bin glücklich, einen Mann zu finden, mit dem ich mich in meiner eigenen Sprache unterhalten kann. Herr du Vallon, mein Freund, ist von äußerst schwermütigem Charakter, so daß man oft den ganzen Tag kaum vier Worte aus ihm herausbringen kann; was unsere Gefangenen betrifft, so begreift Ihr, daß sie keine große Lust haben, sich in ein Gespräch einzulassen. – Es sind wütende Royalisten, versetzte Groslow. – Deshalb grollen sie uns auch so sehr, daß wir den Stuart gefangen genommen haben, dem Ihr hoffentlich ohne weiteres den Prozeß machen werdet? – Gott verdamme mich, erwiderte Groslow, wir führen ihn aus diesem Grunde nach London. – Und ich denke, Ihr werdet ihn nicht aus dem Gesicht verlieren. – Den Teufel! ich glaube wohl, Ihr seht, fügte der Offizier lachend bei, er hat eine wahrhaft königliche Eskorte. – Oh! bei Tag ist keine Gefahr, daß er entkommen könnte, aber bei Nacht… – Bei Nacht werden die Vorsichtsmaßregeln verdoppelt. – – Auf welche Art laßt Ihr ihn bewachen? – Acht Mann bleiben beständig in seinem Zimmer. – Teufel! rief d’Artagnan, er ist gut bewacht, aber neben diesen acht Mann stellt Ihr ohne Zweifel auch außen eine Wache auf? Man kann bei einem solchen Gefangenen nicht behutsam genug sein. – Oh! nein. Bedenkt doch, was können zwei unbewaffnete Menschen gegen acht bewaffnete Männer machen? – Wie, zwei Menschen? – Ja, der König und sein Kammerdiener. – Man hat also dem Kammerdiener erlaubt, bei ihm zu bleiben? – Ja, Stuart hat um diese Vergünstigung gebeten, und der Oberst Harrison willigte ein. Unter dem Vorwand, daß er ein König ist, scheint er sich weder allein ankleiden noch auskleiden zu können. – Aber, sagte d’Artagnan, macht Ihr’s Euch auch kurzweilig bei der Wache? Macht Ihr ein Spielchen, wie wir es in Paris bei solchen Gelegenheiten tun? – Nie, sprach der Engländer. – Dann müßt Ihr viel Langeweile haben, und ich beklage Euch. – Ich sehe allerdings mit einem gewissen Schrecken die Reihe an mich kommen. Es währt verdammt lange, wenn man eine ganze Nacht wachen muß. – Ja, wenn man allein oder mit albernen Soldaten wacht; wacht man aber mit einem lustigen Gesellen und läßt das Gold und die Würfel über den Tisch hinrollen, so geht die Nacht wie ein Traum vorüber. Ihr liebt also das Spiel nicht? – Im Gegenteil. – Lanzknecht, zum Beispiel. – Ich liebe es wahnsinnig und spielte es beinahe jeden Abend, als ich in Frankreich war, wohin mich mein Vater auf drei Jahre geschickt hatte. – Und seitdem Ihr in England seid? – Habe ich weder einen Würfelbecher noch eine Karte in der Hand gehabt. – Ich beklage Euch, sprach d’Artagnan mit einer Miene tiefen Mitleids. – Hört! versetzte der Engländer, Ihr könntet etwas tun. – Was? – Morgen bin ich auf der Wache. – Bei Stuart? – Ja, bringt die Nacht bei mir zu. – Unmöglich. – Unmöglich? – Rein unmöglich. – Warum? – Jede Nacht mache ich eine Partie mit Herrn du Vallon; zuweilen gehen wir nicht zu Bette… so spielten wir diesen Morgen noch, als es bereits Tag war. – Nun? – Er würde sich zu sehr langweilen, wenn ich nicht eine Partie mit ihm machte. – Ist er ein guter Spieler? – Ich habe ihn zweitausend Pistolen verlieren und dabei lachen sehen, daß ihm die Tränen kamen. – Bringt ihn mit. – Wie kann ich dies? Unsere Gefangenen? – Ah! Teufel, das ist wahr, sprach der Offizier. Doch laßt sie durch Eure Lakaien bewachen. – Ja, damit sie entfliehen! versetzte d’Artagnan. Ich werde mich wohl hüten. – Es sind also Leute von Stand, daß Euch so viel daran gelegen ist? – Teufel! der eine ist ein reicher Herr aus der Touraine, der andere ein Malteser Ritter aus vornehmem Hause. Wir haben ihr Lösegeld zu 2000 Pfund Sterling für jeden bei der Ankunft in Frankreich festgesetzt und wollen Leute, von denen unsere Lakaien wissen, daß es Millionäre sind, nicht einen Augenblick verlassen. – Ah! ah! rief Groslow. – Ihr begreift also nun, was mich nötigt, Eure höfliche Einladung auszuschlagen, die ich um so mehr zu schätzen weiß, als es im höchsten Grade langweilig ist, immer mit derselben Person zu spielen. – Ah! entgegnete Groslow mit einem Seufzer, es gibt etwas noch Langweiligeres – gar nicht zu spielen. Ich begreife das. – Aber sprecht, sind Eure Gefangenen gefährliche Menschen? – In welcher Beziehung? – Sind sie fähig, ein keckes Wagnis zu unternehmen?

D’Artagnan brach in ein Gelächter aus.

Herr Jesus! rief er, der eine zittert vor Fieberfrost, denn er kann sich nicht an Euer reizendes Land gewöhnen; der andere ist ein Malteser Ritter, so schüchtern wie ein junges Mädchen, und zu größerer Sicherheit haben wir ihnen sogar ihre Messer und Taschenscheren weggenommen. – Gut, so bringt sie mit, sagte Groslow. – Wie? Ihr wollt? – Ja, ich habe acht Mann, vier bewachen Eure Gefangenen, vier bewachen den König. – So läßt sich die Sache allerdings machen, versetzte d’Artagnan, obgleich ich Euch dadurch sehr beschwerlich fallen muß. – Bah! kommt immerhin, Ihr sollt sehen, wie ich das ordne. – Oh! darüber beunruhige ich mich nicht; einem Manne, wie Ihr seid, überlasse ich mich mit geschlossenen Augen. Aber, wenn ich bedenke, fuhr er fort, was hindert uns, schon diesen Abend zu beginnen? – Was? – Unsere Partie. – Nichts in der Welt, erwiderte Groslow.

Sie verabredeten also, daß Groslow an diesem Abend zu den Freunden kommen und diese ihm am nächsten Abend bei seiner Wache Gesellschaft leisten sollten, worauf sie sich voneinander verabschiedeten und d’Artagnan zu seinen Gefährten zurückkehrte.

Was zum Teufel hattet Ihr mit dieser Bulldogge zu verhandeln? fragte Porthos.

Mein Lieber, sprecht nicht in diesem Tone von Herrn Groslow, er ist einer meiner vertrautesten Freunde.

Einer Eurer Freunde! rief Porthos, dieser Bauernschinder?

Still, mein lieber Porthos. Jawohl, es ist wahr, Herr Groslow ist etwas lebhaft, aber ich habe doch zwei gute Eigenschaften bei ihm entdeckt; er ist dumm und stolz.

Porthos riß seine Augen voll Verwunderung auf. Athos und Aramis schauten sich lächelnd an; sie kannten d’Artagnan und wußten, daß er nichts absichtslos tat.

Nun, Ihr sollt ihn selbst beurteilen, sagte d’Artagnan. – Wieso? – Ich stelle ihn Euch diesen Abend vor; er kommt, um mit uns zu spielen. – Oh! oh! rief Porthos, dessen Augen sich bei diesem Wort entflammten, er ist reich? – Er ist der Sohn eines der bedeutendsten Kaufleute in London. – Und er kann Lanzknecht? – Gut, sprach Porthos, wir werden eine angenehme Nacht zubringen. – Eine um so angenehmere, als sie uns eine noch viel bessere Nacht verspricht. – Wieso? – Wir geben ihm diesen Abend eine Spielpartie, er gibt uns morgen eine. – Wo dies? – Ich werde es Euch sagen. Wir haben uns jetzt nur damit zu beschäftigen, daß wir die Ehre, die uns Herr Groslow erzeigt, würdig ausnehmen. Wir halten diesen Abend in Derby an; Mousqueton reitet voraus, und findet sich eine einzige Flasche Wein in der ganzen Stadt, so kauft er sie. Es wäre auch nicht übel, wenn er Vorkehrungen zu einem guten Abendessen träfe, woran Ihr nicht teilnehmt, Athos, weil Ihr das Fieber habt, und Ihr, Aramis, ebenfalls nicht, weil Ihr Malteser Ritter seid und die Späße von Kriegsknechten Euch erröten machen. Hört Ihr wohl? – Ja, erwiderte Porthos, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich es begreife. – Porthos, mein Freund, Ihr wißt, daß ich von väterlicher Seite von den Propheten und von mütterlicher von den Sibyllen abstamme, daß ich nur in Gleichnissen und Rätseln spreche; wer Ohren hat zu hören, der höre; wer Augen hat zu sehen, der sehe. Ich kann für den Augenblick nicht mehr sagen.

Gegen fünf Uhr abends ließ man, wie dies verabredet war, Mousqueton vorausreiten, der eine passende Herberge aussuchte.

Den ganzen Tag hatten sich die vier Freunde, aus Furcht, Verdacht zu erregen, dem König nicht genähert, und statt an der Tafel des Obersten Harrison zu speisen, wie sie dies den Tag zuvor getan, speisten sie unter sich zu Mittag.

Zur bestimmten Stunde erschien Groslow. D’Artagnan empfing ihn, wie einen zwanzigjährigen Freund. Porthos maß ihn vom Scheitel bis zu den Zehen und lächelte, als er erkannte, daß er bei weitem kein Mann von seiner Stärke war. Athos und Aramis taten, was in ihren Kräften lag, um den Ekel zu verbergen, den ihnen diese rohe, plumpe Natur einflößte.

Groslow schien mit dem Empfang zufrieden.

Athos und Aramis verhielten sich ihren Rollen gemäß. Um Mitternacht zogen sie sich in ihr Zimmer zurück, dessen Tür man unter dem Vorwand der Bewachung offen ließ. D’Artagnan begleitete sie überdies und ließ Porthos im Kampfe mit Groslow zurück.

Porthos gewann fünfzig Pistolen von Groslow und fand, als dieser sich entfernt hatte, seine Gesellschaft sei doch angenehmer, als er anfangs geglaubt.

Groslow gedachte sich am andern Tag bei d’Artagnan für den Verlust zu entschädigen, den er bei Porthos erlitten hatte, und erinnerte den Gascogner, als er ihn verließ, an das Rendezvous bei seiner Wache.

Der nächste Tag ging wie gewöhnlich vorüber; d’Artagnan ritt vom Kapitän Groslow zum Obersten Harrison und vom Obersten Harrison zu seinen Freunden. Für jeden, der ihn nicht kannte, schien d’Artagnan in seiner gewöhnlichen Gemütsverfassung zu sein; für seine Freunde, nämlich für Athos und Aramis, war seine Heiterkeit Fieber.

Was kann er vorhaben? sagte Aramis.

Wir wollen warten, antwortete Athos.

Porthos sprach nichts, er zählte nur mit zufriedener Miene die fünfzig Pistolen, die er Groslow abgenommen hatte, in seiner Tasche.

Als man abends in Ryston ankam, versammelte d’Artagnan seine Freunde. Sein Gesicht hatte den Charakter sorgloser Heiterkeit verloren, den es den ganzen Tag hindurch als Maske trug. Athos drückte Aramis die Hand und sagte: Der Augenblick naht.

Ja, sprach d’Artagnan, der es gehört hatte, ja, der Augenblick naht; diese Nacht, meine Herren, retten wir den König. Athos bebte, seine Augen entflammten sich.

D’Artagnan, sagte er zweifelnd, nachdem er gehofft hatte, nicht wahr, es ist kein Scherz? Es würde mir allzu wehe tun.

Es ist seltsam, Athos, daß Ihr an mir zweifelt, sprach d’Artagnan. Wann und wo habt Ihr mich mit dem Herzen eines Freundes und dem Leben eines Königs scherzen sehen? Ich habe Euch gesagt und wiederhole es, daß wir heute nacht Karl I. das Leben retten.

Porthos schaute d’Artagnan mit einem Ausdruck hoher Bewunderung an. Aramis lächelte wie ein Hoffender. Athos war bleich wie der Tod und zitterte an allen Gliedern.

Sprecht, sagte Athos.

Wir sind eingeladen, die Nacht bei Herrn Groslow zuzubringen, ihr wißt dies? – Ja, erwiderte Porthos, er hat uns das Versprechen abgenommen, ihm Revanche zu geben. – Wohl. Aber wißt ihr, wo er uns Revanche geben wird? – Nein. – Bei dem König. – Bei dem König! rief Athos. – Ja, meine Herren, bei dem König. Herr Groslow hat diesen Abend die Wache bei Seiner Majestät, und um sich dabei etwas zu zerstreuen, ladet er uns ein, ihm Gesellschaft zu leisten. – Alle vier? sprach Athos. – Gewiß, bei Gott! alle vier; verlassen wir denn unsere Gefangenen? – Ah! ah! rief Aramis. – Laßt hören, sagte Athos zitternd. – Wir begeben uns also zu Groslow, wir mit unseren Degen, ihr mit euern Dolchen; wir vier überwältigen diese acht Dummköpfe und ihren einfältigen Anführer. Herr Porthos, was sagt Ihr dazu? – Ich sage, das ist nicht schwer, erwiderte Porthos. – Wir kleiden den König als Groslow; Mousqueton, Grimaud und Blaisois halten unsere Pferde an der Wendung der ersten Straße, wir schwingen uns auf, und vor Tag sind wir zwanzig Stunden von hier. Nun, wie ist das angesponnen, Athos?

Athos legte d’Artagnan seine Hände auf die Schultern, schaute ihn mit seinem ruhigen, sanften Lächeln an und sprach: Ich erkläre, Freund, daß es kein Geschöpf unter dem Himmel gibt, das Euch an Edelsinn und Mut nahe kommt. Ich wiederhole dir also, d’Artagnan, du bist der Beste von uns, und ich segne und liebe dich, mein teurer Sohn.

Daß ich es nicht gefunden habe! sagte Porthos und schlug sich dabei vor die Stirne; es ist doch ganz einfach.

Doch wenn ich recht begriffen habe, werden wir alle töten, nicht wahr? fragte Aramis.

Athos bebte und wurde sehr bleich.

Gottes Tod! rief d’Artagnan, es wird wohl sein müssen. Ich habe lange über ein Mittel nachgedacht, wie man das vermeiden könnte, aber ich gestehe, daß ich keines finden konnte.

Es handelt sich nicht darum, mit der Lage der Dinge zu feilschen, versetzte Aramis; wie gehen wir zu Werke?

Ich habe einen doppelten Plan entworfen, sagte d’Artagnan.

Laßt den ersten hören, versetzte Aramis.

Sind wir alle vier vereinigt, so stößt jeder von euch auf mein Signal, dieses Signal ist das Wort Endlich, dem zunächst stehenden Soldaten einen Dolch ins Herz; wir unsererseits tun dasselbe. Dann sind einmal vier Mann tot; die Partie wird also gleich, denn wir sind vier gegen fünf; diese fünf ergeben sich, und wir knebeln sie, oder sie verteidigen sich, und man tötet sie. Sollte zufällig unser Bewirter seine Ansicht ändern und bei seiner Partie nur Porthos und mich zulassen, so muß man bei Gott zu den großen Mitteln greifen und doppelt schlagen, das wird etwas lange und stürmisch werden. Ihr haltet euch außen mit Dolchen und eilt auf den Lärm herbei.

Aber, wenn man Euch selbst schlüge? sprach Athos.

Unmöglich, erwiderte d’Artagnan; diese Biertrinker sind zu plump und ungeschickt; übrigens schlagt Ihr an die Gurgel, Porthos, das tötet ebenso schnell und hindert die Leute zu schreien.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und es erschien ein Soldat.

Der Herr Kapitän Groslow, sagte er in schlechtem Französisch, läßt Herrn d’Artagnan und Herrn du Vallon benachrichtigen, daß er sie erwartet.

Wo?

In dem Zimmer des englischen Nebukadnezars, antwortete der Soldat, ein eingefleischter Puritaner.

Es ist gut, erwiderte in vortrefflichem Englisch Athos, dem bei dieser Beleidigung der königlichen Majestät die Röte ins Gesicht gestiegen war; es ist gut, sagt dem Kapitän Groslow, wir kommen.

Als der Puritaner weggegangen war, wurde den Lakaien Befehl gegeben, acht Pferde zu satteln und, ohne daß einer sich von dem andern trennen oder absteigen dürfe, an der Ecke einer Straße zu warten, die ungefähr zwanzig Schritte von dem Hause lag, wo der König einquartiert war.

Die Straße nach der Picardie

Vollkommen sicher in Paris, verhehlten sich Athos und Aramis doch nicht, daß sie große Gefahr liefen, sobald sie den Fuß aus der Stadt setzten; aber man weiß, welche Bedeutung für solche Männer die Gefahr hatte. Überdies ließ sie der Gedanke an ihre Freunde nicht ruhen.

Übrigens war Paris selbst nicht ruhig. Die Lebensmittel begannen zu fehlen, und jenachdem einer von den Generälen des Prinzen von Conti seinen Einfluß wiedergewinnen zu müssen glaubte, veranlaßte er eine kleine Meuterei, die er beschwichtigte, und die ihm für einen Augenblick den Vorrang vor seinen Kollegen verlieh.

Bei einer dieser Meutereien ließ Herr von Beaufort das Haus und die Bibliothek des Herrn von Mazarin plündern, um, wie er sagte, dem armen Volk etwas zu nagen zu geben.

Athos und Aramis verließen Paris nach diesem Staatsstreich, der an dem Abend des Tages stattfand, an dem die Pariser in Charenton geschlagen wurden.

Von Furcht erschüttert, von Parteiungen zerrissen, war Paris, als sie sich entfernten, bereits in größter Not und der Hungersnot nahe. Pariser und Frondeurs, glaubten sie, dasselbe Elend, dieselbe Furcht, dieselben Intriguen im feindlichen Lager zu finden. Ihr Erstaunen war daher groß, als sie, durch Saint-Denis reitend, erfuhren, in Saint-Denis lache und singe man und führe ein lustiges Leben.

Die Edelleute wählten Umwege, anfangs um nicht in die Hände der in der Isle de France zerstreuten Mazariner zu fallen, sodann aber um den Frondeurs zu entgehen, welche die Normandie besetzt hielten und nicht verfehlt haben würden, sie zu Herrn von Longueville zu führen, damit er in ihnen Freunde oder Feinde erkenne. Sobald sie diesen Gefahren entgangen waren, zogen sie auf dem Weg von Boulogne nach Abbeville und folgten ihm Schritt für Schritt, Spur für Spur.

Ihr Suchen war jedoch eine Zeit lang vergebens. Zwei bis drei Herbergen waren bereits besucht worden, zwei bis drei Wirte hatte man bereits befragt, ohne daß irgend eine Andeutung ihre Zweifel erleuchtete oder ihre Nachforschungen leitete, als Athos in Montreuil auf dem Tische, den seine zarten Finger berührten, etwas Rauhes fühlte. Er hob das Tischtuch auf und las auf dem Holz folgende mit einer Messerklinge tief eingegrabene Hieroglyphen:

Porth. – d’Art. – den 2ten Februar.

Vortrefflich, sagte Athos, indem er Aramis die Inschrift zeigte, wir wollten hier über Nacht bleiben; aber es ist unnötig, reiten wir weiter.

Sie stiegen wieder zu Pferd und erreichten Abbeville. Hier hielten sie an, waren aber sehr in Verlegenheit wegen der großen Menge von Gasthöfen. Man konnte nicht in allen einkehren; wie sollte man aber erraten, in welchem ihre Freunde gewohnt hatten?

Glaubt mir, Athos, sagte Aramis, wir dürfen nicht daran denken, in Abbeville etwas zu finden. Sind wir in Verlegenheit, so waren es unsere Freunde auch. Handelte es sich nur um Porthos, – er hätte den prachtvollsten Gasthof gewählt. Aber d’Artagnan hat keine solche Schwäche. Porthos mochte ihm immerhin bemerken, er sterbe vor Hunger, d’Artagnan setzte seinen Weg fort, unerbittlich wie das Geschick, und wir müssen ihn anderswo suchen.

Sie ritten also weiter, aber nichts bot sich ihnen dar. Die Freunde hatten sich eine äußerst schwierige und peinliche Aufgabe gestellt, und ohne den auf ihr Herz wirkenden dreifachen Hebel der Ehre, der Freundschaft und der Dankbarkeit würden die zwei Reisenden hundertmal darauf Verzicht geleistet haben, den Sand zu durchwühlen, die Vorübergehenden zu befragen, die Zeichen zu deuten und die Gesichter zu erforschen.

So kamen sie bis Peronne.

Athos fing an zu verzweifeln. Er machte sich den Vorwurf, nicht sorglich genug geforscht zu haben. Schon waren sie bereit, auf ihrem Wege wieder umzukehren, als Athos in der Vorstadt, die zu den Toren der Stadt führte, an einer weißen Mauer, welche die Ecke einer um den Wall laufenden Straße bildete, eine außerordentlich naive Zeichnung mit Kohle erblickte, die zwei Reiter darstellte, welche wie wahnsinnig galoppierten. Der eine von diesen Reitern hielt in der Hand einen Zettel, worauf in spanischer Sprache die Worte geschrieben waren:

Man folgt uns.

Oho! sagte Athos, das ist klar wie der Tag. Obgleich verfolgt, hat d’Artagnan fünf Minuten hier angehalten. Dies beweist übrigens, daß ihm seine Verfolger nicht sehr nahe waren, und es ist ihm vielleicht gelungen, ihnen zu entkommen.

Aramis schüttelte den Kopf.

Wäre er entkommen, so würden wir ihn gesehen oder etwas von ihm gehört haben.

Ihr habt recht, Aramis, wir wollen weiterreiten.

Es ist nicht möglich, die Unruhe und Ungeduld der zwei Edelleute zu schildern. Sie galoppierten drei bis vier Stunden mit demselben Ungestüm, wie die Reiter an der Wand. Plötzlich sahen sie an einer engen, zwischen zwei Böschungen eingeschlossenen Schlucht die Straße halb durch einen ungeheuren Stein versperrt. Sein ursprünglicher Platz war auf einer Seite der Böschungen angedeutet, und die Höhlung, die er zurückgelassen hatte, bewies, daß er nicht allein hatte rollen können, während seine Schwere anzeigte, daß es der Arme eines Goliath bedurft hatte, um ihn in Bewegung zu setzen.

Aramis hielt an.

Oho! sagte er, den Stein anschauend, hier ist Ajax von Telamon oder Porthos an der Arbeit gewesen. Steigen wir ab, Graf, und untersuchen wir diesen Felsen.

Beide stiegen ab. Der Stein war in der offenbaren Absicht herbeigewälzt worden, Reitern den Weg zu versperren. Man hatte ihn daher querüber gelegt. Aber die Reiter hatten dieses Hindernis gefunden und waren abgestiegen, um es zu beseitigen.

Die Freunde untersuchten den Stein von allen Seiten, die dem Licht ausgesetzt waren, er bot nichts Außerordentliches. Sie riefen nun Blaisois und Grimaud, und allen vieren gemeinschaftlich gelang es, den Felsen umzudrehen. Auf der Seite, welche die Erde berührte, war geschrieben: Acht Chevaulegers verfolgen uns. Gelangen wir bis Compiegne, so kehren wir im Bekränzten Pfauen ein. Der Wirt ist ein Freund von uns.

Das ist etwas Bestimmtes, sagte Athos, und wir werden jedenfalls erfahren, woran wir sind. Gehen wir also.

Ja, sprach Aramis! aber wenn wir dahin gelangen wollen, müssen wir unsern Pferden einige Rast gönnen; denn sie sind fast hin.

Aramis sprach die Wahrheit. Man hielt bei der ersten Schenke an, ließ jedes Pferd ein doppeltes Maß mit Wein befeuchteten Hafer fressen, gönnte den Tieren drei Stunden Ruhe und setzte sich wieder in Marsch. Die Männer selbst waren vor Müdigkeit gelähmt, aber die Hoffnung hielt sie aufrecht.

Sechs Stunden nachher erreichten Athos und Aramis Compiegne und erkundigten sich nach dem Bekränzten Pfauen.

Man zeigte ihnen ein Schild, das den Gott Pan mit einem Kranz auf dem Haupte darstellte.

Die Freunde stiegen ab und fragten den Wirt, einen braven Mann, dickbauchig und kahlköpfig, ob nicht vor mehr oder minder langer Zeit zwei von Chevaulegers verfolgte Edelleute hier gewohnt hätten. Der Wirt holte, ohne zu antworten, aus einer Truhe die Hälfte einer Degenklinge.

Kennt Ihr das? sagte er.

Athos warf nur einen Blick auf die Klinge und sprach:

Das ist der Degen d’Artagnans. – Des Großen oder des Kleinen? fragte der Wirt. – Des Kleinen, antwortete Athos. – Ich sehe, daß Ihr Freunde dieser Herren seid. – Nun, was ist ihnen begegnet? – Sie sind mit verschlagenen Pferden in meinem Hof angekommen, und ehe sie Zeit hatten, das große Tor zu verschließen, erschienen acht Chevaulegers, welche sie verfolgten, hinter ihnen. – Acht, sprach Aramis. Ich wundere mich sehr, daß d’Artagnan und Porthos, zwei Tapfere dieser Art, sich von acht Mann haben verhaften lassen.

Ei, mein Herr, die acht Mann wären auch nicht zu ihrem Ziel gekommen, hätten sie nicht in der Stadt etwa zwanzig Soldaten vom Regiment Royal-Italien, das hier in Garnison liegt, mitgebracht, so daß Eure Freunde buchstäblich durch die Zahl überwältigt worden sind. – Verhaftet also, sagte Athos; weiß man warum? – Nein, mein Herr, man hat sie sogleich weggeführt, und sie hatten nicht einmal Zeit, mir etwas zuzuflüstern. Nur fand ich, als sie abgegangen waren, dieses Stück von einem Degen auf dem Schlachtfeld, als ich zwei Tote und fünf bis sechs Verwundete wegbringen half. – Und ihnen ist nichts widerfahren? fragte Aramis. Ich glaube nicht. – Das ist noch ein Trost. – Wißt Ihr, wohin man sie geführt hat? fragte Athos. – Man hat sie in der Richtung von Louvres weggeführt. – Wir wollen Blaisois und Grimaud hier lassen, sagte Athos; sie sollen morgen mit den Pferden, die uns nicht mehr weiter bringen können, nach Paris zurückkehren. Wir aber nehmen die Post. – Nehmen wir die Post, versetzte Aramis.

Man schickte nach Pferden.

Während dieser Zeit speisten die Freunde in Eile zu Mittag. Sie wollten, wenn sie in Louvres irgend welche Auskunft fänden, ihren Weg sogleich fortsetzen.

Sie erreichten Louvres. Dort gab es keine Herberge. Man trank aber in einer Wirtschaft einen Likör, der durch den Ort schon damals berühmt war.

Wir wollen hier absteigen, sagte Athos; d’Artagnan wird diese Gelegenheit nicht versäumt haben, nicht um ein Glas Likör zu trinken, sondern um uns eine Andeutung zu hinterlassen.

Sie traten ein und verlangten zwei Gläser Likör am Schenktisch, wie d’Artagnan und Porthos sie verlangt haben mußten. Der Schenktisch, auf dem man gewöhnlich trank, war mit einer Zinnplatte bedeckt. Auf diese Platte hatte man mit der Spitze einer dicken Nadel geschrieben:

Rueil, D.

Sie sind in Rueil, sagte Aramis, der diese Inschrift zuerst wahrnahm.

Gehen wir also nach Rueil, sprach Athos.

Das heißt uns in den Rachen des Wolfes stürzen, versetzte Aramis.

Wäre ich der Freund von Jonas gewesen, wie ich der Freund d’Artagnans bin, so würde ich ihm in den Bauch des Walfisches gefolgt sein. Und Ihr hättet dasselbe getan, wie ich, Aramis.

Wahrhaftig, mein lieber Graf, ich glaube, Ihr macht mich besser, als ich bin. Wäre ich allein, so weiß ich nicht, ob ich mich ohne große Vorsichtsmaßregeln nach Rueil begeben würde; aber wohin Ihr geht, gehe ich auch.

Sie nahmen Pferde und ritten nach Rueil.

Athos hatte, ohne es zu ahnen, Aramis den besten Rat gegeben, der sich befolgen ließ. Die Abgeordneten des Parlaments waren soeben in Rueil zu den berüchtigten Konferenzen angelangt, die drei Wochen dauern und den hinkenden Frieden herbeiführen sollten, infolgedessen der Prinz verhaftet wurde. Rueil war voll von Pariser Advokaten, voll Präsidenten, Räten und Rechtsverdrehern aller Art. Der Hof hatte Edelleute, Offiziere und Garden geschickt, und inmitten dieser bunten Gesellschaft war es leicht; so unbekannt zu bleiben, als man nur immer wollte. Überdies hatten die Konferenzen einen Waffenstillstand herbeigeführt, und eine Verhaftung von Edelleuten hätte man in diesem Augenblick, wären sie auch Frondeurs ersten Ranges gewesen, als eine Verletzung des Völkerrechts betrachtet.

Die zwei Freunde wähnten, alle seien mit dem Gedanken beschäftigt, der sie quälte. Sie mischten sich unter die Gruppen, in der Hoffnung, sie würden etwas von d’Artagnan und Porthos hören; aber niemand hatte für anderes Sinn als für Artikel und Amendements. Athos war der Meinung, man müsse geradeswegs zum Minister gehen.

Mein Freund, warf Aramis ein, was Ihr da sagt, ist sehr schön; aber nehmt Euch wohl in acht! Unsere Sicherheit rührt von unserer Verborgenheit her. Wenn wir uns auf irgend eine Weise zu erkennen geben, so werden wir unmittelbar zu unseren Freunden in ein Kerkerloch geworfen, aus dem uns der Teufel nicht mehr herausziehen wird. Überlassen wir nichts dem Zufall, sondern überlegen wir alles recht wohl. In Compiegne verhaftet, wurden sie nach Rueil gebracht, hierüber haben wir in Louvres Gewißheit erlangt; in Rueil sind sie von dem Kardinal verhört worden, der sie nach dem Verhör bei sich behalten oder nach Saint-Germain geschickt hat. In der Bastille sind sie nicht, denn die Bastille ist in den Händen der Frondeurs, und der Sohn Broussels befehligt daselbst. Tot sind sie auch nicht, denn d’Artagnans Tod hätte Lärm gemacht. Was Porthos betrifft, so halte ich ihn für ewig, wie Gott, obgleich er minder geduldig ist. Wir wollen also nicht verzweifeln, sondern warten und in Rueil bleiben, denn ich bin fest überzeugt, sie sind noch in Rueil. Aber was habt Ihr denn? Ihr erbleicht!

Da fällt mir ein, sprach Athos mit beinahe zitternder Stimme, da fällt mir ein, daß Herr von Richelieu im Schlosse von Rueil eine abscheuliche Fallgrube hat anlegen lassen.

Oh! seid unbesorgt, sagte Aramis; Herr von Richelieu war ein Edelmann. Er konnte wie ein König die Größten unter uns am Kopf berühren und durch diese Berührung den Kopf auf den Schultern zum Wanken bringen. Herr von Mazarin aber ist ein Knauser, der uns höchstens am Kragen packen kann. Beruhigt Euch, mein Freund; ich bleibe bei meiner Behauptung: d’Artagnan und Porthos sind ganz gewiß noch am Leben und befinden sich in Rueil.

Gleichviel, sagte Athos, wir sollten vom Koadjutor die Erlaubnis auswirken, den Konferenzen beiwohnen zu dürfen.

Mit all diesen abscheulichen Rechtsverdrehern! Ist das wirklich Euer Gedanke, mein Lieber? Glaubt Ihr, es werde auch nur mit einem Worte von der Freiheit oder der Gefangenschaft d’Artagnans oder Porthos‘ die Rede sein? Nein, meiner Ansicht nach müssen wir ein anderes Mittel suchen.

Ich komme auf meinen ersten Gedanken zurück, versetzte Athos, ich kenne kein anderes Mittel, als das, offen und gerade zu handeln. Ich werde nicht Mazarin, sondern die Königin aufsuchen und ihr sagen: Madame, gebt uns Eure Diener und unsere Freunde zurück.

Aramis schüttelte den Kopf.

Das ist ein letztes Mittel, dessen Anwendung Euch immer noch frei steht, Athos; aber glaubt mir, bedient Euch seiner nur im äußersten Fall; es wird immer noch Zeit sein, seine Zuflucht dazu zu nehmen. Mittlerweile setzen wir unsere Nachforschungen fort!

Sie fuhren also fort zu suchen, zogen so viele Erkundigungen ein, brachten so viele Menschen unter allen erdenkbaren Vorwänden zum Plaudern, bis sie endlich einen Chevauleger fanden, der ihnen gestand, er sei bei der Eskorte gewesen, die d’Artagnan und Porthos von Compiegne nach Rueil gebracht habe. Ohne diesen Chevauleger hätte man nicht einmal etwas von ihrer Ankunft erfahren.

Athos kam immer wieder auf seinen Gedanken zurück, sich zu der Königin zu begeben.

Um zu der Königin zu gehen, sagte Aramis, muß man zuvor zu dem Kardinal gehen; erinnert Euch aber, was ich Euch gesagt habe, wir hätten den Kardinal nicht so bald gesehen, so würden wir auch mit unseren Freunden vereinigt, aber nicht in der Art, wie wir wünschen. Diese Art von Wiedervereinigung hat ganz und gar nichts Verlockendes für mich, das muß ich gestehen. Wir wollen in Freiheit handeln, um gut und rasch handeln zu können. – Ich werde die Königin aufsuchen, sprach Athos. – Wohl, mein Freund, seid Ihr entschlossen, diese Torheit zu begehen, so benachrichtigt mich gefälligst einen Tag zuvor davon. – Warum dies? – Weil ich diesen Umstand benutzen werde, um einen Besuch in Paris zu machen. – Bei wem? – Was weiß ich? Vielleicht bei Frau von Longueville. Sie ist dort allmächtig und wird mich unterstützen. Laßt es mir nur durch irgend jemand sagen, wenn Ihr verhaftet seid. – Warum wollt Ihr die Verhaftung nicht mit mir wagen, Aramis? – Nein, ich danke. – Alle vier verhaftet und vereinigt, sind wir, glaube ich, keiner Gefahr ausgesetzt. Nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden haben wir alle wieder die Freiheit erlangt. – Mein Lieber, seitdem ich Herrn von Chatillon, den Liebling der Damen von Saint-Germain, getötet habe, ist zu viel Glanz um meine Person verbreitet, als daß ich das Gefängnis nicht doppelt fürchten sollte. Die Königin wäre imstande, den Rat Mazarins bei dieser Gelegenheit zu befolgen, und Mazarin würde ihr raten, mich richten zu lassen. – Glaubt Ihr denn, Aramis, sie liebe diesen Italiener so, wie man sagt? – Sie hat auch einen Engländer geliebt. – Ei, mein Lieber, sie ist Frau! – Nein, Ihr täuscht Euch, Athos, sie ist Königin! – Teurer Freund, ich opfere mich auf und verlange eine Audienz bei der Königin. – Gott befohlen, Athos; ich sammle ein Heer. – Wozu? – Um zurückzukehren und Rueil zu belagern. – Wo finden wir uns wieder? – Unter dem Galgen des Kardinals.

Und so trennten sich die zwei Freunde: Aramis, um nach Paris zurückzukehren, Athos, um sich durch einige vorbereitende Schritte einen Weg bis zu der Königin zu bahnen.

Die Dankbarkeit Annas von Österreich

Athos fand viel weniger Schwierigkeiten, als er erwartet hatte, um zu Anna von Österreich zu dringen. Beim ersten Schritt ebnete sich im Gegenteil alles, und die von ihm gewünschte Audienz wurde aus den andern Tag nach dem Lever, dem er durch seine Geburt beizuwohnen berechtigt war, bewilligt.

Eine Menge von Menschen füllte die Gemächer von Saint-Germain. Nie hatte Anna von Österreich im Louvre oder im Palais Royal eine größere Anzahl von Höflingen gehabt, wenn sich auch der vornehmste Adel Frankreichs aus der andern Seite befand.

Aber mitten unter dieser allgemeinen Heiterkeit und dem scheinbaren Leichtsinn verbarg sich eine große Unruhe. Würde Mazarin Minister und Liebling bleiben, oder sollte er, der gleich einer Wolke aus dem Süden gekommen war, von dem Winde, der ihn gebracht, wieder fortgetragen werden? Jeder hoffte, jeder wünschte das letztere, und der Minister fühlte, daß all die Huldigungen, all die höfischen Kriechereien um ihn her einen unter der Furcht und dem Interesse schlecht verborgenen Bodensatz von Haß bedeckte. Es war ihm nicht wohl dabei, denn er wußte nicht, worauf er rechnen, auf wen er sich stützen konnte, denn selbst der Prinz ließ ihn öfters seine innere Abneigung und Verachtung fühlen, ja seine einzige Stütze, die Königin, schien manchmal zu wanken.

Als die Stunde der Audienz gekommen war, meldete man dem Grafen de la Fère, sie werde stattfinden, aber er müsse einige Augenblicke warten, da die Minister mit der Königin Rat zu pflegen hätten.

Es war dies die Wahrheit. Paris hatte soeben eine neue Deputation abgeschickt, die bemüht sein sollte, den Angelegenheiten irgend eine Wendung zu geben, und die Königin beriet sich mit Mazarin über den Empfang, den man den Abgeordneten bereiten sollte. Athos konnte also keinen schlimmern Augenblick wählen, um von seinen Freunden zu sprechen.

Aber er war ein unbeugsamer Mann, der mit seinem einmal gefaßten Entschluß nicht feilschte, wenn ihm dieser Entschluß aus seinem Gewissen hervorgegangen und von seiner Pflicht diktiert schien. Er bestand darauf, eingeführt zu werden, indem er äußerte, wenn er auch weder ein Abgeordneter des Herrn von Conti, noch des Herrn von Beaufort, noch des Herrn von Bouillon, noch des Herrn von Elboeuf, noch des Koadjutors, noch der Frau von Longueville, noch des Herrn Broussel, noch des Parlaments sei und auf eigene Rechnung komme, so habe er darum nichtsdestoweniger Ihrer Majestät wichtige Dinge mitzuteilen.

Sobald die Konferenz vorüber war, ließ ihn die Königin in ihr Kabinett rufen.

Athos wurde eingeführt und nannte sich. Es war ein Name, der zu oft in den Ohren Ihrer Majestät geklungen, zu oft in ihrem Herzen vibriert hatte, als daß ihn Anna von Österreich nicht hätte wiedererkennen sollen. Sie blieb indessen unempfindlich und begnügte sich, den Edelmann mit festem, königlichem Blick anzuschauen.

Ihr erbietet Euch also, uns einen Dienst zu leisten, Graf? fragte Anna von Österreich nach kurzem Stillschweigen.

Ja, Madame, abermals einen Dienst, sprach Athos, ärgerlich darüber, daß ihn die Königin nicht zu erkennen schien.

Anna runzelte die Stirn. Mazarin, der, an einem Tische sitzend, in Papieren blätterte, schaute empor.

Sprecht, sagte die Königin.

Madame, versetzte Athos, zwei meiner Freunde, zwei der unerschrockensten Diener Eurer Majestät, Herr d’Artagnan und Herr du Vallon, von dem Kardinal nach England abgeschickt, sind plötzlich in dem Augenblick verschwunden, wo sie den Fuß wieder auf den Boden Frankreichs setzten, und man weiß nicht, was aus ihnen geworden ist.

Nun? sprach die Königin.

Nun, erwiderte Athos, ich wende mich an das Wohlwollen Eurer Majestät, um das Schicksal dieser zwei Edelleute zu erfahren, wobei ich mir vorbehalte, mich später nötigenfalls an Ihre Gerechtigkeit zu wenden.

Mein Herr, antwortete Anna von Österreich mit jenem Hochmut, der gewissen Menschen gegenüber zur Impertinenz wurde, darum stört Ihr uns mitten unter großen Geschäften, die uns ganz und gar in Anspruch nehmen! Eine Polizei-Angelegenheit! Ei, mein Herr, Ihr müßt wohl wissen, daß wir keine Polizei mehr haben, seitdem wir nicht mehr in Paris sind.

Ich glaube, sprach Athos, sich mit kalter Achtung verbeugend, Eure Majestät hätte nicht nötig, sich bei der Polizei zu erkundigen, um zu erfahren, was aus den Herren d’Artagnan und du Vallon geworden ist. Wenn sie den Herrn Kardinal in Betreff dieser zwei Edelleute befragen wollte, so könnte ihr der Herr Kardinal antworten, ohne etwas anderes, als seine eigenen Erinnerungen ins Verhör zu nehmen.

Aber Gott vergebe mir, versetzte Anna von Österreich mit der ihr eigentümlichen verächtlichen Bewegung der Lippen, ich glaube, Ihr verhört selbst.

Ja, Madame, ich habe beinahe das Recht dazu; denn es handelt sich um Herrn d’Artagnan, hört Ihr wohl, Madame, um Herrn d’Artagnan, sagte er auf eine solche Weise, daß sich unter den Erinnerungen der Frau die Stirn der Königin beugen mußte.

Mazarin begriff, daß es Zeit war, Anna von Österreich zu Hilfe zu kommen.

Mein Herr Graf, sagte er, ich will Euch wohl etwas mitteilen, was Ihre Majestät nicht weiß, ich will Euch mitteilen, was aus diesen zwei Edelleuten geworden ist. Sie sind ungehorsam gewesen und befinden sich im Arrest.

Ich bitte also Eure Majestät, sprach Athos gleich ruhig und ohne Mazarin zu antworten, ich bitte Eure Majestät, diesen Arrest zu Gunsten der Herren d’Artagnan und du Vallon aufzuheben.

Was Ihr von mir verlangt, ist eine Disziplin-Angelegenheit und geht mich nicht an, mein Herr, erwiderte die Königin.

Herr d’Artagnan hat dies nie geantwortet, wenn es sich um den Dienst Eurer Majestät handelte, sprach Athos mit einer würdevollen Verbeugung.

Und er machte zwei Schritte rückwärts, um die Tür wieder zu erreichen. Mazarin hielt ihn auf.

Ihr kommt auch von England? sagte er mit einem Zeichen gegen die Königin, die sichtbar erbleichte und einen heftigen Befehl zu geben im Begriff war.

Und ich habe den letzten Augenblicken des Königs Karl beigewohnt, sprach Athos. Armer König! höchstens der Schwäche schuldig, wurde er von seinen Untertanen so streng bestraft; denn die Throne sind zu dieser Stunde gewaltig erschüttert, und für aufopfernde Herzen ist es nicht gut, wenn sie den Interessen der Fürsten dienen. Es war das zweite Mal, daß Herr d’Artagnan nach England ging; das erste Mal geschah es für die Ehre einer großen Königin, das zweite Mal für das Leben eines großen Königs.

Mein Herr, sprach Anna von Österreich zu Mazarin, mit einem Ton, dessen wahren Ausdruck sie trotz ihrer Verstellungsgabe nicht zu verbergen vermochte, seht, ob sich etwas für diese Edelleute tun läßt.

Madame, erwiderte Mazarin, ich werde alles tun, was Eurer Majestät beliebt.

Tut, was der Herr Graf de la Fère verlangt. Nicht wahr, so heißt Ihr, mein Herr?

Ich habe noch einen andern Namen, Madame, ich nenne mich Athos.

Madame, versetzte Mazarin mit einem Lächeln, das andeutete, daß er auch ein halbes Wort mit größter Leichtigkeit auffaßte, Ihr könnt ruhig sein, Eure Wünsche sollen erfüllt werden.

Ihr habt gehört, mein Herr? sagte die Königin.

Ja, Madame, und ich erwartete nichts anderes von der Gerechtigkeit Eurer Majestät. Ich werde also meine Freunde wiedersehen, nicht wahr, Madame? So versteht es doch Eure Majestät?

Ihr werdet sie wiedersehen, ja, mein Herr. Doch sagt, Ihr gehört zur Fronde?

Madame, ich diene dem König.

Ja, auf Eure Weise.

Meine Weise ist die aller wahren Edelleute, antwortete Athos stolz.

Geht, mein Herr, sprach die Königin, Athos mit einer Gebärde entlassend; Ihr sollt erhalten, was Ihr zu erhalten wünschtet, und wir wissen, was wir zu wissen wünschten.

Dann sich zu Mazarin wendend, nachdem der Türvorhang wieder hinter Athos herabgefallen war, sprach sie:

Kardinal, laßt diesen frechen Menschen verhaften, ehe er den Hof verlassen hat.

Ich dachte bereits daran, sagte Mazarin, und bin glücklich, von Eurer Majestät einen Befehl zu erhalten, den ich mir erbitten wollte. Diese Klopffechter, welche die Überlieferungen aus einer andern Regierung in unsere Zeit herüberbringen, belästigen uns mächtig, und da bereits zwei festgenommen sind, so wollen wir nun auch den dritten hinzufügen.

Athos hatte sich nicht ganz von der Königin betören lassen. Es fiel ihm in ihrem Tone etwas auf, was ihn trotz ihres Versprechens zu bedrohen schien. Aber er war nicht der Mann, sich auf einen einfachen Verdacht zu entfernen, besonders, da man ihm deutlich gesagt hatte, er solle seine Freunde wiedersehen. Er erwartete also in einem der Zimmer, die an das Kabinett stießen, worin er Audienz gehabt hatte, daß man d’Artagnan und Porthos dorthin bringen oder ihn selbst zu ihnen führen werde.

In dieser Erwartung näherte er sich dem Fenster und schaute mechanisch in den Hof. Er sah die Deputation der Pariser hereinkommen, welche erschien, um den bestimmten Ort für die Konferenzen festzusetzen und die Königin zu begrüßen. Es waren dabei Räte vom Parlament, Präsidenten, Advokaten und auch ein paar Männer vom Schwerte. Ein imposantes Geleite harrte ihrer vor dem Gitter.

Athos schaute aufmerksamer, denn mitten unter dieser Menge glaubte er jemand zu erkennen, als er fühlte, daß man leicht seine Schultern berührte.

Er wandte sich um.

Ah! Herr von Comminges, sagte er. – Ja, Herr Graf, und zwar mit einer Sendung beauftragt, wegen deren ich meine Entschuldigung anzunehmen bitte. – Was ist Euer Auftrag? fragte Athos. – Wollt mir Euren Degen geben, Herr Graf. – Athos lächelte, öffnete das Fenster und rief: Aramis!

Ein Edelmann wandte sich um; es war Aramis. Er grüßte den Grafen freundschaftlich.

Aramis, sprach Athos, man verhaftet mich.

Gut, antwortete Aramis phlegmatisch.

Mein Herr, sagte Athos, sich gegen Comminges umwendend und mit aller Höflichkeit seinen Degen überreichend, hier ist mein Degen. Habt die Güte, ihn sorgfältig zu bewahren und mir ihn zurückzugeben, wenn ich das Gefängnis verlasse. Ich halte große Stücke darauf; Franz I. hat ihn meinem Großvater geschenkt. Jetzt sagt, wohin führt Ihr mich?

Zuerst in mein Zimmer, sprach Comminges, die Königin wird sodann Eure Wohnung bestimmen.

Athos folgte, ohne ein Wort beizufügen.

Das Königtum des Herrn von Mazarin

Athos‘ Verhaftung hatte kein Aufsehen erregt und war sogar beinahe unbekannt geblieben. Sie hatte also in keiner Beziehung den Gang der Ereignisse gehemmt, und die von der Stadt Paris abgesandte Deputation wurde feierlich benachrichtigt, sie solle vor der Königin erscheinen.

Die Königin empfing sie stumm und stolz wie immer. Sie hörte die Beschwerden und Bitten der Deputierten; als sie aber ihre Reden geendigt hatten, hätte niemand sagen können, ob sie von ihr gehört worden waren, so gleichgültig war ihr Gesicht geblieben.

Dagegen hörte Mazarin, welcher der Audienz beiwohnte, jedenfalls sehr gut, was die Deputierten verlangten: es war einfach und deutlich in klaren Worten seine Entlassung.

Als die Königin, nachdem die Reden gehalten waren, immer noch stumm blieb, sagte Mazarin: Meine Herren, ich werde mich mit euren Bitten vereinigen, um die Königin zu veranlassen, den Leiden ihrer Untertanen ein Ende zu machen. Ich habe zu ihrer Linderung alles getan, was ich vermochte, und dennoch sagt Ihr, es herrsche allgemein die Ansicht, sie rührten von mir her, dem armen Fremdling, dem es nicht gelungen ist, den Franzosen zu gefallen. Ach, man hat mich nicht begriffen, und das war natürlich. Ich folgte auf den erhabensten Mann, der je dem Szepter der Könige von Frankreich als Stütze gedient hat. Da ich nicht so ehrgeizig bin, ihm gleichkommen zu wollen, so erkläre ich mich für besiegt und werde tun, was das Volk von Paris verlangt. Es steht mir, dem einfachen Privatmann, nicht zu, mir eine solche Wichtigkeit beizulegen, daß ich eine Königin mit ihrem Reich veruneinige. Ihr verlangt, daß ich mich zurückziehe; nun wohl, ich werde mich zurückziehen.

Herr Kanzler, sagte die Königin, sich gegen Seguier umwendend, Ihr werdet die Konferenzen eröffnen; sie finden in Rueil statt. Der Herr Kardinal hat Dinge gesprochen, die mich sehr bewegen mußten; deshalb antworte ich euch nicht ausführlicher. Was das Bleiben oder Gehen betrifft, so bin ich dem Herrn Kardinal zu allzugroßem Dank verpflichtet, um ihm nicht in jeder Beziehung Freiheit in seinen Handlungen zu lassen. Der Herr Kardinal wird tun, was ihm beliebt.

Eine flüchtige Blässe zog sich über das geistreiche Gesicht des ersten Ministers hin. Er schaute die Königin unruhig an. Ihr Gesicht war so unempfindlich, daß man unmöglich darin lesen konnte, was in ihrem Herzen vorging.

Aber, fügte die Königin bei, bis Herr von Mazarin seinen Entschluß kundgegeben hat, sei, ich bitte Euch, nur von dem König die Rede.

Die Abgeordneten verbeugten sich und traten ab.

Wie! rief die Königin, als der letzte von ihnen das Zimmer verlassen hatte, Ihr wolltet diesen Rechtsverdrehern nachgeben?

Madame, sprach Mazarin, sein durchdringendes Auge auf die Königin heftend, es gibt kein Opfer, das ich nicht für das Glück Eurer Majestät mir aufzuerlegen bereit wäre.

Anna neigte das Haupt und versank in eine jener Träumereien, welche bei ihr so gewöhnlich waren. Die Erinnerung an Athos kehrte in ihren Geist zurück. Die kühne Haltung des Edelmannes, seine festen und zugleich so würdigen Worte, die Geister, die er heraufbeschworen hatte, riefen eine Vergangenheit von berauschender Poesie in ihr zurück; die Schönheit, die Jugend, der Glanz einer Liebe mit zwanzig Jahren und die harten Kämpfe ihrer Bundesgenossen, das blutige Ende Buckinghams, des einzigen Mannes, den sie wirklich geliebt hatte, der Heldenmut ihrer ruhmlosen Verteidiger, die sie vor dem doppelten Hasse Richelieus und des Königs gerettet hatten, alles dies tauchte vor ihr auf.

Mazarin schaute sie an, und jetzt, da sie sich allein glaubte und nicht mehr eine ganze Welt von spähenden Feinden um sich hatte, vermochte er ihren Gedanken aus ihrem Gesicht zu folgen, wie man auf den durchsichtigen Seen die Wolken hinziehen sieht.

Man müßte also, murmelte die Königin, dem Sturm weichen, den Frieden erkaufen, geduldig und andächtig auf bessere Zeiten warten?

Mazarin lächelte bitter bei diesen Worten, aus denen er sah, daß sie den Vorschlag des Ministers ernstlich genommen hatte.

Anna hielt den Kopf gesenkt und gewahrte dieses Lächeln nicht. Als sie aber sah, daß sie keine Antwort auf ihre Frage erhielt, schaute sie empor.

Nun, Kardinal, Ihr antwortet mir nicht, was denkt Ihr?

Ich denke, Madame, daß der freche Edelmann, der auf unsern Befehl durch Comminges verhaftet worden ist, auf Herrn von Buckingham, dessen Ermordung Ihr nicht hindertet, auf Frau von Chevreuse, die Ihr in die Verbannung schicken ließt, und auf Herrn von Beaufort anspielte, der auf Euer Geheiß eingekerkert wurde. Spielte er auf mich an, so geschah dies nur, weil er nicht weiß, was ich für Euch bin.

Anna bebte, wie sie dies tat, wenn man sie in ihrem Stolz verletzte; sie errötete und drückte, um nicht zu antworten, ihre spitzen Nägel in ihre schönen Hände.

Er ist ein Mann von gutem Rat, von Ehre und Geist und dabei auch ein Mann von Entschlossenheit, fuhr Mazarin fort. Ihr wißt etwas davon, nicht wahr, Madame? Ich will ihm also sagen, und das ist eine persönliche Gnade, die ich ihm erweise, worin er sich in Beziehung auf mich getäuscht hat. Das, was man mir nämlich vorschlägt, ist in der Tat so gut wie eine Abdankung, und eine Abdankung verdient, daß man darüber nachdenkt.

Eine Abdankung? sprach Anna, ich glaubte, nur die Könige könnten abdanken.

Wohl versetzte Mazarin, bin ich nicht so gut wie König, und sogar König von Frankreich? Am Fuße eines königlichen Bettes, Madame, gleicht mein Ministergewand bei Nacht täuschend einem Königsmantel.

Das war eine Demütigung, wie er sie ihr häufig auferlegte. Nur Elisabeth und Katharina II. blieben zugleich Geliebte und Königinnen für ihre Liebhaber.

Anna von Österreich schaute daher erschreckt auf das drohende Gesicht des Kardinals und sagte: Habt Ihr nicht gehört, daß ich diesen Leuten sagte, Ihr würdet tun, was Euch beliebte?

Dann glaube ich, daß es mir belieben muß, hier zu bleiben; es ist dies nicht allein mein Interesse, sondern, ich wage dies zu behaupten, es gereicht auch zu Eurem Heil.

Bleibt also, mein Herr, ich verlange nichts anderes; aber dann laßt mich nicht beleidigen.

Ihr sprecht von den Anmaßungen der Meuterer und von dem Tone, in dem sie sich ausdrückten? Nur Geduld! Sie haben ein Terrain gewählt, auf dem ich ein geschickterer General bin, als sie: die Konferenzen. Wir werden sie schon durch bloßes Hinhalten bezwingen. Sie haben Hunger; in acht Tagen wird es noch schlimmer stehen.

Ei, mein Gott, ja, ich weiß, daß wir hierdurch zum Ziele gelangen werden; aber es handelt sich nicht um sie allein, nicht sie allein erlauben sich die verletzendsten Beleidigungen gegen mich.

Ah! ich begreife Euch. Ihr meint die Erinnerungen, die diese drei oder vier Edelleute beständig zurückrufen. Aber wir halten sie gefangen, und sie sind schuldig genug, daß wir sie so lange, als es uns zusagt, in Gefangenschaft lassen. Ein einziger ist noch nicht in unserer Gewalt und trotzt uns. Aber den Teufel! es wird uns bald gelingen, ihn seinen Gefährten beizugesellen. Es scheint mir, wir haben schwierigere Dinge vollbracht, als dies. Ich habe vor allem und aus Vorsicht in Rueil, das heißt, in meiner Nähe, unter meinen Augen, im Bereich meiner Hand, die zwei Störrigsten einsperren lassen. Noch heute kommt der dritte dort zu ihnen.

Solange sie Gefangene sind, mag es gut sein, sprach Anna von Österreich; aber sie werden eines Tages herauskommen.

Ja, wenn Eure Majestät sie in Freiheit setzt.

Ah! fuhr Anna von Österreich, ihre eigenen Gedanken beantwortend, fort, in solchen Fällen sehnt man sich nach Paris zurück.

Warum dies?

Nach der Bastille, mein Herr, die so stark und so verschwiegen ist.

Madame, mit den Konferenzen haben wir den Frieden; mit dem Frieden haben wir Paris; mit Paris haben wir die Bastille! Unsere vier Prahler werden darin verfaulen.

Anna von Österreich runzelte leicht die Stirn, während Mazarin zum Abschied ihre Hand küßte.

Mazarin entfernte sich nach diesem halb untertänigen, halb galanten Akte. Anna von Österreich folgte ihm mit dem Blick, und je mehr er sich entfernte, desto deutlicher konnte man ein verächtliches Lächeln auf ihren Lippen hervortreten sehen.

Ich habe, murmelte sie, die Liebe eines Kardinals verachtet, der niemals sagte: Ich werde tun! sondern: Ich habe getan! Dieser kannte sicherere Gewahrsame, als Rueil, düsterere, als die Bastille … Oh! die entartete Welt! …

Die Gesandten

Die zwei Freunde begaben sich sogleich auf den Weg und bemerkten bald zu ihrem großen Erstaunen, daß die Straßen von Paris in Flüsse und die Plätze in Seen verwandelt waren. Infolge der großen Regen, die im Monat Januar stattgefunden hatten, war die Seine ausgetreten, und der Strom hatte zuletzt die halbe Stadt überschwemmt.

Athos und Aramis drangen mutig mit ihren Pferden in das Gewässer. Bald aber ging es den armen Tieren bis an die Brust, und die zwei Edelleute mußten sich entschließen, sie zu verlassen und eine Barke zu nehmen, nachdem sie den Lakaien Befehl gegeben hatten, sie in den Hallen zu erwarten.

Sie gelangten also zu Schiff an den Louvre. Es war finstere Nacht. So beim Schimmer einiger bleichen, zitternden Laternen gesehen, mit seinen Barken, die von Patrouillen mit glänzenden Waffen besetzt waren, mit dem Geschrei der Wachen, die sich in der Finsternis an den Toren anriefen, bot Paris einen Anblick, von dem Aramis bei seiner großen Empfänglichkeit für kriegerische Empfindungen geblendet wurde.

Bei der Königin mußten sie im Vorzimmer warten, da Ihre Majestät in diesem Augenblick Edelleuten, die Nachrichten von England brachten, Audienz erteilte.

Auch wir, sagte Athos zu dem Diener, der ihm diese Antwort gab, wir bringen nicht nur Nachrichten von England, sondern wir kommen gerade daher.

Wie heißt ihr denn? fragte der Diener.

Der Herr Graf de la Fère und der Chevalier d’Herblay, erwiderte Aramis.

Ah, dann, meine Herren, versetzte der Diener, als er diese Namen hörte, welche die Königin so oft in ihrer Hoffnung ausgesprochen hatte, dann ist es etwas anderes, und ich glaube, Ihre Majestät würde mir nie vergeben, wenn ich euch nur einen Augenblick hätte warten lassen. Folgt mir also, ich bitte euch.

Und er ging Athos und Aramis voran.

Als man zu dem Zimmer gelangte, in dem sich die Königin aushielt, bedeutete er ihnen durch ein Zeichen, sie möchten warten. Dann öffnete er die Tür und sprach: Madame, ich hoffe, Eure Majestät wird mir vergeben, daß ich gegen ihre Befehle ungehorsam gewesen bin, wenn sie erfährt, daß die, welche ich zu melden habe, der Graf de la Fère und der Chevalier d’Herblay sind.

Bei diesen Namen stieß die Königin einen Freudenschrei aus, den die Edelleute auf der Stelle, wo sie standen, hören konnten.

Arme Königin! murmelte Athos.

Sie mögen hereinkommen! rief die junge Prinzessin, nach der Tür eilend.

Das arme Kind verließ seine Mutter nie und suchte sie durch seine kindliche Sorge für die Abwesenheit seiner zwei Brüder und seiner Schwester zu entschädigen.

Tretet ein, tretet ein, meine Herren, sprach die Prinzessin, selbst die Tür öffnend.

Athos und Aramis erschienen. Die Königin saß in einem Lehnstuhl, und vor ihr standen zwei von den drei Edelleuten, die sie in der Wachtstube getroffen hatten.

Es waren die Herren von Flamarens und Gaspard von Coligny, Herzog von Chatillon, Bruder dessen, der sieben oder acht Jahre vorher in einem Duell, das wegen Frau von Longueville stattfand, auf der Place Royale getötet worden.

Als man die zwei Freunde meldete, traten sie einen Schritt zurück und wechselten mit sichtbarer Unruhe leise ein paar Worte.

Nun, meine Herren, rief die Königin von England, als sie Athos und Aramis erblickte, endlich seid ihr hier, treue Freunde! Aber die Staatskuriere gehen noch schneller, als ihr. Der Hof war von den Londoner Ereignissen in dem Augenblick unterrichtet, wo ihr die Tore von Paris erreichtet. Und hier sind die Herren von Flamarens und Chatillon, die mir im Auftrag Ihrer Majestät der Königin Anna von Österreich die neuesten Nachrichten bringen.

Aramis und Athos schauten sich an. Die Ruhe, ja die Freude, die in den Augen der Königin glänzte, versetzte sie in Erstaunen.

Habt die Güte fortzufahren, sprach sie, sich an die Herren Flamarens und Chatillon wendend. Ihr sagtet also, man habe Seine Majestät Karl I., meinen Gemahl, trotz der Wünsche der Mehrzahl seiner Untertanen zum Tode verurteilt?

Ja, Madame, stammelte Chatillon.

Athos und Aramis schauten sich immer erstaunter an.

Und auf das Schafott geführt? fuhr die Königin fort, auf das Schafott! Oh, mein Herr! Oh mein König! … Und vom Schafott sei er von dem entrüsteten Volke gerettet worden?

Ja, Madame, antwortete Chatillon, aber mit so leiser Stimme, daß die beiden Edelleute die Bestätigung kaum hören konnten.

Die Königin faltete die Hände mit edler Dankbarkeit, während ihre Tochter einen Arm um den Hals ihrer Mutter schlang und sie, die Augen in Freudentränen gebadet, küßte.

Nun haben wir nur noch Eurer Majestät unsern untertänigen Respekt zu bezeigen, sprach Chatillon, der, wie es schien, von dieser Rolle gepeinigt wurde und unter dem festen, durchdringenden Blicke Athos‘ sichtbar errötete.

Noch einen Augenblick, meine Herren, erwiderte die Königin, sie mit einem Zeichen zurückhaltend, einen Augenblick, ich bitte; denn hier sind die Herren de la Fère und d’Herblay, die, wie ihr gehört habt, von London ankommen und euch vielleicht als Augenzeugen einzelne Umstände angeben werden, die euch nicht bekannt sind. Ihr meldet diese Umstände der Königin, meiner guten Muhme. Sprecht, meine Herren, sprecht, ich höre. Verbergt mir nichts, verschweigt nichts. Da Seine Majestät noch lebt und die königliche Ehre gerettet ist, erscheint mir alles übrige als gleichgültig.

Athos erbleichte und legte eine Hand auf sein Herz.

Nun, sprach die Königin, als sie diese Bewegung und seine Blässe wahrnahm, sprecht doch, mein Herr, da ich Euch darum bitte.

Verzeiht, Madame, sprach Athos, ich will der Erzählung dieser Herren nichts beifügen, ehe sie selbst bekennen, daß sie sich vielleicht getäuscht haben.

Getäuscht! rief die Königin voll Schrecken. Oh! mein Gott, was ist denn geschehen?

Meine Herren, sprach Herr von Flamarens, haben wir uns getäuscht, so kommt der Irrtum von seiten der Königin, und Ihr werdet wohl nicht die Absicht haben, ihn zu berichtigen, denn das hieße Ihre Majestät Lügen strafen.

Von der Königin, mein Herr? versetzte Athos mit seiner ruhigen, klangvollen Stimme.

Ja, murmelte Flamarens, die Augen niederschlagend.

Athos seufzte traurig.

Sollte dieser Irrtum nicht vielmehr von seiten dessen kommen, den wir mit euch in der Wachtstube der Barriere du Roule gesehen haben? sprach Aramis mit seiner verletzenden Höflichkeit; denn wenn wir uns nicht täuschten, so waret ihr zu drei, als ihr nach Paris kämet.

Chatillon und Flamarens bebten.

Ei, so erklärt euch doch! rief die Königin, deren Angst von Augenblick zu Augenblick zunahm. Auf eurer Stirn lese ich Entsetzliches. Euer Mund zögert, mir eine traurige Nachricht mitzuteilen, Eure Hände beben. Oh! mein Gott, mein Gott, was ist denn vorgefallen?

Herr Gott, habe Mitleiden mit uns, sprach die junge Prinzessin und fiel neben ihrer Mutter auf die Knie.

Mein Herr, sagte Chatillon, überbringt Ihr eine traurige Nachricht, so ist es grausam von Euch, sie der Königin zu melden.

Aramis trat so nahe zu Chatillon, daß er ihn beinahe berührte, und sprach mit funkelndem Blick: Mein Herr, ich denke, Ihr werdet nicht so anmaßend sein, den Herrn Grafen de la Fère und mich belehren zu wollen, was wir hier zu sagen haben.

Während dieses kurzen Schrittes hatte sich Athos, immer noch die Hand auf dem Herzen und den Kopf gesenkt, der Königin genähert und sprach zu ihr:

Madame, die Fürsten, die über die anderen Menschen gestellt sind, haben vom Himmel auch ein größeres, widerstandsfähigeres Herz empfangen. Man darf also, wie mir scheint, gegen eine große Königin, wie Eure Majestät, nicht auf dieselbe Weise zu Werke gehen, wie gegen eine Frau von unserem Stande. Königin, die Ihr bestimmt seid zu jeglichem Märtyrertum aus Erden, hört den Erfolg der Sendung, mit der Ihr uns beehrt habt.

Und Athos kniete vor der in Eis verwandelten Königin nieder, zog aus seinem Busen den Orden in Diamanten, den sie Lord Winter vor seiner Abreise zugestellt, und den Ehering, den König Karl vor seinem Tode Aramis übergeben hatte. Seitdem er sie empfangen, hatten diese beiden Gegenstände Athos nicht mehr verlassen. Er überreichte sie der Königin mit stummem, tiefem Schmerz.

Die Königin ergriff den Ring, drückte ihn krampfhaft an ihre Lippen, und ohne einen Seufzer auszustoßen, ohne ein Schluchzen von sich geben zu können, streckte sie die Arme aus, erbleichte und fiel bewußtlos in die Arme ihrer Frauen und ihrer Tochter.

Athos küßte den Saum des Kleides der unglücklichen Witwe und sprach, sich mit einer Majestät erhebend, die einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden hervorbrachte:

Ich, Graf de la Fère, Edelmann, der nie gelogen hat, schwöre vor Gott zuerst und dann vor dieser armen Königin, daß wir alles, was zur Rettung des Königs zu tun möglich war, auf dem Boden Englands getan haben. Nun, Chevalier, fügte er, sich gegen d’Herblay wendend, bei, nun laßt uns gehen, unsere Pflicht ist erfüllt.

Noch nicht, erwiderte Aramis, wir haben noch ein Wort mit diesen Herren zu sprechen.

Und er wandte sich gegen Chatillon und sagte: Mein Herr, wäre es Euch nicht gefällig, auf einen Augenblick hinauszukommen, um ein Wort zu hören, das ich vor der Königin nicht aussprechen kann?

Chatillon verbeugte sich zum Zeichen der Einwilligung. Athos und Aramis gingen zuerst hinaus, Flamarens und Chatillon folgten ihnen. Sie durchschritten, ohne ein Wort zu sprechen, die Vorhalle. Als sie aber zu einer Terrasse gelangt waren, welche gleiche Höhe mit einem Fenster hatte, trat Aramis auf diese ganz einsame Terrasse, blieb jedoch am Fenster stehen und sagte, sich gegen den Herzog von Chatillon umwendend:

Mein Herr, Ihr habt Euch soeben, wie mir scheint, herausgenommen, uns auf eine sehr hochmütige Weise zu behandeln. Das war in keinem Fall schicklich, am wenigsten aber von Leuten, die der Königin eine lügenhafte Botschaft überbracht haben.

Mein Herr! rief Chatillon.

Was habt Ihr denn mit Herrn von Bruy gemacht? fragte Aramis ironisch. Sollte er zufällig sein Gesicht gewechselt haben, das große Ähnlichkeit mit dem von Mazarin hatte? Es sind bekanntlich im Palais-Royal viele italienische Masken vorrätig, vom Arlequin bis zum Pantalon.

Es scheint, Ihr fordert uns heraus? sagte Flamarens.

Ah! es scheint euch nur, meine Herren?

Chevalier, Chevalier! sagte Athos.

Ei, laßt mich doch machen, erwiderte Aramis. Ihr wißt Wohl, daß ich es nicht liebe, die Dinge halb zu tun.

Vollendet also, mein Herr, versetzte Chatillon mit einem Stolz, der in keiner Beziehung dem von Aramis nachgab.

Aramis verbeugte sich und erwiderte:

Meine Herren, ein anderer als ich oder der Graf de la Fère würde euch verhaften lassen, denn wir haben einige Freunde in Paris. Aber wir bieten euch ein Mittel, abzugehen, ohne beunruhigt zu werden. Plaudert mit uns fünf Minuten lang, den Degen in der Hand, auf dieser einsamen Terrasse.

Gern, sprach Chatillon.

Einen Augenblick, meine Herren! rief Flamarens, ich weiß wohl, daß der Vorschlag lockend ist; aber zu dieser Stunde ist es uns unmöglich, ihn anzunehmen.

Und warum? versetzte Aramis mit seinem spöttischen Tone, macht Euch die Nähe Mazarins so klug?

Oh! Ihr begreift, Flamarens, sprach Chatillon, wenn ich nicht annähme, so wäre dies ein Flecken für meinen Namen und meine Ehre.

Das ist auch meine Ansicht, sagte Aramis mit kaltem Tone.

Ihr dürft dennoch nicht annehmen, und diese Herren werden, ich bin überzeugt, sogleich meiner Meinung sein.

Herzog, sprach Flamarens, vergeßt Ihr, daß Ihr morgen eine Expedition von der höchsten Wichtigkeit befehligt, und daß Ihr, von den Prinzen dazu ausersehen, von der Königin bestätigt, nicht Euch gehört? – Es sei. Übermorgen also, sprach Aramis. – Übermorgen, erwiderte Chatillon, das ist sehr lange, mein Herr. – Nicht ich, entgegnete Aramis, habe diese Frist festgestellt, diesen Verzug gefordert; zumal da man sich, wie mir scheint, gerade bei der Expedition finden könnte. – Ja, mein Herr, Ihr habt recht, rief Chatillon, mit großem Vergnügen, wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, bis zu den Toren von Charenton zu kommen. – Ei, mein Herr, um die Ehre zu haben, Euch zu begegnen, gehe ich bis ans Ende der Welt. – Morgen also. – Ich zähle darauf. Begebt euch nun wieder zu eurem Kardinal. Zuvor aber schwört uns bei eurer Ehre, daß ihr ihn nicht von unserer Rückkehr in Kenntnis setzen werdet. – Bedingungen? – Warum nicht? – Weil nur Sieger solche machen. – Dann sogleich den Degen gezogen. Uns ist das gleichgültig, denn wir haben die Expedition von morgen nicht anzuführen.

Chatillon und Flamarens schauten sich an. Es lag so viel Ironie in Aramis‘ Worten und in seiner Gebärde, daß Chatillon besonders große Mühe hatte, seinen Zorn im Zaum zu halten. Aber auf ein Wort von Flamarens hielt er an sich.

Nun wohl, es sei, sprach er. Unser Gefährte, wer es auch sein mag, soll nichts von dem Vorfall erfahren. Aber Ihr versprecht uns, mein Herr, Euch morgen gewiß in Charenton einzufinden?

Die vier Edelleute begrüßten sich; doch diesmal gingen Chatillon und Flamarens voran, als sie den Louvre verließen, und Athos und Aramis folgten ihnen.

Laßt uns auch gehen, Athos, sagte Aramis. – Wohin? – Zu Herrn von Beaufort oder zu Herrn von Bouillon; wir werden ihnen sagen, wie sich die Sache verhält und daß Mazarin in Paris ist. – Ja, aber unter der Bedingung, daß wir zuerst beim Koadjutor anfragen. Er ist ein Priester, er versteht sich auf Gewissensfälle, und wir werden ihm den unsern vorlegen. – Ah! sagte Aramis, er wird alles verderben, alles sich zueignen; gehen wir lieber zuletzt als zuerst zu ihm.

Athos lächelte. Man sah, daß sich in seinem Innern ein Gedanke regte, den er nicht aussprach.

Gut, es sei, sagte er; bei welchem fangen wir an? – Bei Herrn von Bouillon, wenn Ihr wollt; ihn finden wir zuerst auf unserem Wege. – Nur erlaubt Ihr mir eines, nicht wahr? – Was? – Daß ich einen Augenblick im Gasthof zum Grand-Empereur-Charlemagne anhalte, um Raoul zu umarmen. – Ich gehe mit Euch, wir umarmen ihn zusammen.

Die Freunde nahmen das Schiff wieder, das sie gebracht hatte, und ließen sich nach den Hallen führen. Hier fanden sie Grimaud und Blaisois, welche ihre Pferde hielten, und alle vier wanderten nach der Rue Guenegaud.

Aber Raoul war nicht im Gasthof zum Grand-Charlemagne; er hatte am Tag eine Botschaft vom Prinzen erhalten und hatte sich mit Olivain sogleich nach Empfang derselben entfernt.